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des 



Vereins für hessische Geschichte 

und Landeskunde. 



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Neue Folge. Fünfzehnter Band. 

(Der ganzen Folge XXV. Band.) 




15^^-^S^^^^-^'- 



da 



Kassel. 

Im Comniissionsvcrlage von A. Fieyschmidt, 

Uof-Buchhandlung . 

1890. 



',25 



Pruck von L. Doli in Kassel. 



31 n ö a I t 



Seite 
I. Zur Geschichte des Gerichts Viermünden und seiner 

Geschlechter. I. Die Vögte von Keseberg. Mit einer 

Stamm- und Siegeltafel. Von August Held mann, 

Pfarrer in Michelbach 1 

II. Die Schanzen in Hessen. Von Oscar Vug in Halben- 
dorf bei Grottkau in Schlesien. Mit einer Karte. . . 55 

Hl. Zur Geschichte des dreissigjähi'igen Krieges, insbeson- 
dere des Jahres 1631. Von Hugo Brunner. . . . 13Ö 

IV. Aufzeichnungen des Pfarrers Johann Christoph Cuntz 
zu Kirchditmold aus der Zeit des siebenjährigen Krieges 
(1757 bis 1762) herausgegeben von Hugo Brunn er. 
Mit einer Karte 145 

V. Das Damenstift Wallenstein zu Homberg unter Jerome. 

Von Arthur Kleinschmidt. ....... 269 



"^■^"^^^ 



1 

Zur Geschichte 

des Gerichts Tiermttnden nnd seiner 
Geschlechter. 

I. Die Vögte von Keseberg 

mit einer Stamm- und Siegeltafel. 



tn den verdienstvollen Veröffentlichungen des seligen 
Dr. Landau haben die Geschlechter des Kreises 
Frankenberg mit Einschliiss der von Bicken keine be- 
sondere Behandlung, sondern nur beiläufige Erwähnung 
gefunden, obwohl die urkundlichen Quellen reichlicher, 
als über andere hessische Geschlechter, fliessen; sind 
doch über die Vögte von Keseberg mehr als 60 
Urkunden, fast sämtlich im Königl. Staats- Archive zu 
Marburg, über die von Hohenfels fast 400, meistens 
zu Marburg und Wiesbaden, etliche zu Darmstadt, über 



die von Viermund und Dersch gar mehr als 1200 Ur- 
kunden vorhanden, die letzteren in fast allen öffentlichen 
westdeutschen Archiven zerstreut, vorwiegend zu Marburg, 
aber auch zu Wiesbaden, wo sich 13 Aktenbände über 
das Gericht Viermünden und die sogen, viermundische 
Succession vorfinden, zu Wetzlar 39 Prozessakten, sodann 
zu Wien, Düsseldorf, Münster, Arolsen, Wittgenstein 
und Berleburg und in dem Privatarchive des Herrn 
Canisiiis auf Haus Nordenbeck bei Corbach, in dessen 
Besitz sich namentlich das Eoiulnm documeniomm 
transsumptmmm, eine als Anlage zu einer reichskammer- 
gerichtlichen Prozessakte, 1581 angefertigte, 698 Num- 
mern enthaltende notarielle Copie der viermundischen 
Stammbriefe von 1314 — 1562, befindet. Selbst da, 
wo diese Geschlechter in den bisherigen Veröffent- 
lichungö» erwähnt werden, ist manches unsicher und 
unrichtig, z. B. die Medebacher Pfandschaft der Vier- 
munds und Schenk von Schweinsberg (Landau, R. B. 
1, S. 257) , das Verhältnis der Linie Viermund zu 
Nersen, welche Bommel (V, S. 389) bereits 1588, dem 
Geburtsjahre Johanns von Viermund, welcher unter 
Tilly eine hervorragende Stellung bekleidete, aussterben 
lässt. Auch an historischer Bedeutung kommen die 
Geschlechter der Eddergegend, welche während des 
Mittelalters die erst durch die Truchsessischen Religions- 
wirren unterbrochenen Beziehungen zwischen Hessen 
und den westphälischen Nachbargebieten vermittelt haben, 
anderen oberhessischen Geschlechtern, von Hatzfeld, 
Dernbach und anderen gleich ; war es doch ein Viermund, 
des obigen Johann Enkel, welcher den denkwürdigen 
Frieden von Passaro witz 1718 abschloss und als Gross- 
botschafter ausführte, den glücklichsten von allen, welche 
je das deutsche Reich und das Erzhaus Oesterreich mit 
den Türken abgeschlossen, und dadurch bereits für 
Oesterreich die Machtstellung erwarb, welche dasselbe in 



der Gegenwart thatsächlich auf der Balkanhalbinsel ein- 
nimmt. Die nachfolgenden Zeilen wollen daher eine 
kleine Lücke in den bisherigen Veröffentlichungen über 
hessische Geschlechter ausfüllen. 

Allen Herrn Beamten der obengenannten Archive, 
sowie allen sonstigen Freunden der vaterländischen Ge- 
schichte, welche mich bei dieser Arbeit mit Rath und 
That freundlichst unterstützt haben, sage ich hierfür 
meinen verbindlichsten Dank. 



* 



Der Keseberg, von welchem das Geschlecht der 
Vögte von Keseberg seinen Namen trägt, ist eine 
waldgekrönte Bergkuppe auf dem rechten Ufer der Edder, 
dem Dorfe Edderbrinkhausen östlich gegenüber, von 
deren ehemaliger Befestigung nur noch ein Wall sichtbar 
ist. Eine weitere jüngere Burg lag auf dem östlichen 
steileren und den Keseberg um etwas überragenden 
Berge, welcher die Burg heisst, und noch einiges Mauer- 
werk und Gräben zeigt, welche von der in neuerer Zeit 
von Frankenberg nach Schmittlotheim (1875 — 1878) der 
Edder entlang gebauten Strasse aus sichtbar sind. Der 
Keseberg heisst in Urkunden zuweilen der alte Keseberg. 
Es war eine Doppelburg, wie sie auch sonst vorkommen, 
z. B. Hohenfels und Kellerkopf, Itterburg und Steuerburg. 
Auf diese doppelte Befestigung weist schon eine Urkunde 
Landgraf Heinrichs L (1277) hin, wodurch er montem 
castri sui in Keseberg ei in superiore et in inferiore parte, 
sowie die anliegende Wüstung Altenstadt, einen nach 
Schmittlotheim hin liegenden Felddistrikt, und all sein 
Recht an diesem Berge dem Kloster Haina gibt. Auch 
die Vögte von Keseberg gehörten zu denjenigen Land- 
sassen, welche, gestützt auf ihre Oberlehnsherrn, fast 
ein Jahrhundert die Landeshoheit der hessischen Land- 
grafen anzuerkennen sich gesträubt und deren Burgen 
deshalb schon von Landgraf Heinrich I. zerstört wurden. 



Jedoch erbauten die* Landgrafen schon um 1342 
in unmittelbarer Nähe auf dem südUch gelegenen Sylberg 
das Schloss Hessenstein, dessen Bau die Edelherrn 
Heinemann DI. und Adolf von Itter, welche denselben 
ihrem Gerichte Eimelrode zu nahe erachteten und wäh- 
rend des Baues von des Landgrafen Dienern mancherlei 
Schaden erlitten, zu hindern suchten, jedoch schliess- 
lich geschehen lassen mussten, und sich (1347) mit 
Landgraf Heinrich H. und dessen Sohn Otto dahin ver- 
trugen, dass ihnen die Landgrafen ihr neuerbautes Haus 
zu Eimelrode schlossmässig einrichten halfen und die 
Brüder von Itter ihnen dasselbe zum offenen Hause auf- 
trugen gegen jedermann, ausgenommen ihre Schwäger, 
die Edelherrn von Grafschaft, ihre Ganerben, und ihre 
Neffen Widekind und Graft von Hohenfels*). Im 14. 
Jahrhundert führen die Vögte von Keseberg auch zu- 
weilen den Namen Vogte to7z 6eismaf% wohin sie ihren 
Wohnsitz in ihren dasigen Hof verlegt hatten, sind 
aber zu unterscheiden von dem Ministerialgeschlecht von 
Geismar, welches sich von Geismar bei Fritzlar benennt 
und einen aufrechten Hirsch im Wappen führt. 

Die vögtische Herrschaft umfasste die nordöst- 
liche Spitze Oberhessens, welche sich durch eine Linie 
vom Eintritt des Nuhneflusses ins Hessische unterhalb der 
Stadt Sachsenberg südlich nach der Stadt Frankenberg 
und von dieser ostwärts bis zur waldeckischen Grenze 
bei Hüttenrodt ergibt. Sie begriff die heutigen Pfarreien 
Geismar mit den Wüstungen Berngersdorf, Bonland^ 
Eikshausen, Alten-Hemmenhausen oder Heimershausen 
(jetzt Louisendorf), Hustene (jetzt noch die Hüstenmühle), 
Langelenhain, Niederndorf, Ronighausen, Obersuinphe, Sil- 
l)ach und Westhofen, sodann die Altstadt Fr ankenberg, 

*) Urkunde vom 11. November 1847. Kopp, Hist. Nachr. 
von den Herrn von Itfer S. 249. Seibertx, Dynasten S. 12ö. 
Landau f wüste Ort seh. S. 235. 



welche auf kesebergischem Grunde erbaut ist und deren 
Kirche daher auch von der Kirche St. Martini zu Geismar 
bis zum Jahre 1254 dependierte, nebst ihren Marken 
Gernshausen, Ibenhausen, Stedebach und Wickersdorf, 
ferner die Pfarrei Frankenau mit den Wüstungen Hof 
Elchershausen (jetzt Mengershausen), Eldinghausen, Vol- 
prechtshausen, Wesende (jetzt noch Wesenmühle), ferner 
Löhlbach mit den Wüstungen Aulesburg, von wo das 
1144 gestiftetete Kloster 1214 in das Thal nach Haina 
verlegt wurde, Singenthai, Geilingen, Königshausen, end- 
lich Vier münden mit den Wüstungen Albirshausen, 
den Höfen Breidenhain, Elbernshausen, Elgirshausen, 
Ermelsberg (Hermannsberg), Lindenhain, den Dörfern 
Butzebach (jetzt noch Butzmühle), Gunthershausen *) 
und Niederschreufa. Die Vögte besassen ausserdem nicht 
unbeträchtliche Güter und Zehnten in der Herrschaft 
Itter, namentlich zu Schmittlotheim nebst den wüsten 
Höfen Eschebruch und Eyselbach. Dir Gebiet schloss 
gegen die Herrschaft Itter ungefähr mit dem von Frankenau 
nordwärts fliessenden Lorfebach ab. Von der heutigen 
Grafschaft Waldeck gehörte etwa die Hälfte der Stadt- 
marke von Sachsenberg dazu**). 

Der vieldeutige NameVogt, advocatus,' findet sich 
von den Keseberg nachweisbar seit 1220, später auch 
anderorten in der Nähe vielfach vor: 1254 Reinbodo, 
advocatus de Boppendorf***), 1264 Sifridus, quondam 
advocatus de Lotheim mit seinem Bruder Giseler von 



*) Dieses Gunthershausen ist jedoch verschieden von dem 
in westphälischen Urkunden vorkommenden Guntherdinchusen bei 
Hallenberg, mit dem es auch Landau a. a. 0. indentifiziert. 

**) Der südliche, halbe Zehnten zu Sachsenberg war nassau- 
isches Lehen der Kesebergs, der nördliche zum Amte Lichtenfels 
gehörige corveyisches Lehen der Nymmes und Dalwigk, seit 1410 
der von Viermund. Nordenbeckisches Transsumpt.-Buch v. 158 X 
(Mscpt) Nr. 93. 100. 276. 

*♦*) Anal. hass. 9, 161. 



Bidenfeld *), 1264 Ludwig, 1295 Guntram, Vögte von 
Marburg aus den Schenken**), 1290 Johann Rietesel, 
1294 Tammo, advocatus terrae Hassiae***), 1314 Dietrich, 
advocatus de Gudensberg und sein Bruder Heimrad von 
Eiben f). Diese letztgenannten Vögte aus den Biden- 
feld, Schenken und Eiben waren landes fürstliche Beamte, 
die Vögte von Keseberg hatten eine erblich-dynastische 
Stellung und zählen wie die in ihrer Nähe begüterten 
Grafen von Schauenburg bei Cassel, mit welchen sie 
wiederholt zusammen als Zeugen in Urkunden, sowie 
auch in Rechtsgeschäften erscheinen, zu der Classe der 
üntergrafen, welche das Gericht über mehrere Centen 
hatten ff). Sie führen daher den Beinamen: iiobilis ad- 
vocatus^ die Kinder nobiles pueri ; die weiter vorkommende 
Amabilia nennt sich Edelfrau und die Wittwen Voydinne, 
advocatissae. 

Es ist die Frage nach dem Geschlechte der Vögte 
von Keseberg und die Vermutung aufgeworfen worden, 
dass dieselben dem Hohenfelsischen Geschlechte angehört 
hättenfff), weil mancherlei darauf hinweist: die Namen 

*) Baur, Hess. Urkunden 1, 91. 
**) LandaUy Ritterburgen 1, 241. 
***) Kopp, Nachricht von den geistl. etc. Gerichten 1, §. 208. 

t) Anal. hass. 9, 185. 
tf) Landau, R. B. 2, 207. Die Grafen von Schauenburg be- 
sassen die Vogtei zu Battenhausen, welche (1253) die Brüder Ludwig 
und Orthwin von Linsingen von ihnen zu Lehen trugen, aber zu 
Gunsten des Klosters Haina daiauf verzichteten, Urkunde vom 31. 
October 1253. Am Ende des 12. Jahrhunderts haben die Grafen 
von Schauenburg Anteil am Ku'chenpatronat zu Geismar. Wenck, 
U. B. 2, 128. Dieses rätselhafte Mitpationat der Schauenburgs 
ist wohl nicht aus einer kesebergischen Erbtochter {Landau, Hess. 
R. B. 2, 272), sondern, da der betr. Zehnten zu Obersuinphe (cf. S. 11) 
ein ziegenhainisches Lehen w^ar, aus der von Hen'n Archivdirektor 
Dr. von Schenck zu Darmstadt evident gemachten Heirat einer 
ziegenhainischen Tochter an die von Schauenbui'g (Hess. Zeitschr. 
N. F. B. 6, S. 309) zu erklären. 

ttt) Hofrath Wagners Mscpt. im Archiv zu Dai'mstadt. 



sind in beiden Geschlechtern ungefähr dieselben (Gerlach 
und Widekind), einer der letzten Vögte Widekind hat 
seinen Schwiegersohn Volpert Hosekin von Hohenfels 
um 1325 adoptiert, ein Nachkomme des letzteren, Johann 
von Hohenfels, nennt 1412 die Vögte Widekind und 
Gerlach seine Eltern und Voreltern und endlich Vogt 
Gerlach verzichtet am 11. September 1265 auf die Civil- 
gerichtsbarkeit zu Löhlbach und Aulesburg und bestätigt 
diese Urkunde auf einem Tage zu Schloss Hohenfels 
bei Biedenkopf, nachdem diese Sache in der dasigen 
Capelle sorgfältig behandelt war, wobei fünf Hohenfel- 
sische Glieder Zeugen und Siegler sind*). Indessen ist 
die Annahme doch unrichtig. Die Namen sind in der 
älteren Zeit verschieden, z. B. ßeinold, Walter, Sigfrid, 
Otto finden sich bei den Hohenfels gar nicht und infolge 
der Adoption Volperts von Hohenfels durch Widekind 
waren die Vögte von Keseberg auch die Vorfahren des 
Hosekinschen Stammes von Hohenfels im weiteren Sinne. 
Widekind von Hohenfels, Johanns Vater, war Volperts, 
Vogt von Keseberg, Sohn. Die Urkunde von 1412 
nennt aber die Vögte von Keseberg ausdrücklich nur 
des Ausstellers Johann und seiner Eltern Ganerben**). 
Entscheidend ist das Siegel. Die verschiedenen Stämme 
des Hohenfelsischen Geschlechts; Hohenfels, Hosekin, 
Rump, sowie die Cornigel, siegeln mit einem ausgebrei- 
teten hängenden Adlerflügel, über dessen Spannung seit 
1364 sich teilweise, im 15. Jahrhundert fast ständig 
ein kleiner Stern befindet; die Vögte von Keseberg 
siegeln mit zwei übereinander bald links (1254), bald 
rechts (1305. 1340) schreitenden Löwen mit über den 
Rücken aufgerichteten Schweifen***). Bei der Ver- 

*) Wenck, U. B. 2, 200. Kl. Hainaisches Cop. B. Nr. 8. 
**) Wenck, U. B. 2, 474. 

***) Ebenso die Grafen von Nassau-Dietz und das Geschlecht 
von Bruneck. Hess. Archiv 1, 411. 



8 

handlung in der Capelle zu Hohenfels (1265) handelte 
es sich um eine schon 1245 durch Schiedsfreunde ent- 
schiedene Streitfrage, um die Exemtion der Dörfer 
Löhlbach und Aulisburg von der Vogteigericht«barkeit, 
welche 1265 abermals durch Schiedsfreunde geistlichen 
und weltlichen Standes verhandelt wurde. Aber auch 
die genannte Amabilia, Volperts von Hohenfels Frau, 
war nicht eine leibliche, sondern Adoptivtochter Vogts 
Widekind; auch sie siegelt (1345) weder mit den zwei 
kesebergischen Löwen, noch mit dem hohenfelsischen 
Flügel, sondern mit dem rechtsum aufgerichteten ge- 
krönten Löwen der Edelherrn von Itter*), in deren 
Familie dieser Name öfter begegnet. Schon dass diese 
Frau wiederholt selbst siegelt**) und nicht wie andere 
Frauen, Männer für sich siegeln lässt, zeigt, dass sie 
eine eigenartige Stellung einnimmt. Wäre dieselbe eine 
leibliche Tochter Widekinds oder die Vögte hohenfel- 
sischen Geschlechts gewesen, so würde es einer Adoption 
nicht bedurft haben. Dazu kommt, dass Heinemann ID. 
von Itter in der obigen Urkunde von 1347 über die 
Oeffnung der Burg Eimelrode Amabilias Söhne Wide- 
kind und Graft von Hohenfels seine Neffen nennt; sie 
wäre hiernach eine Tochter Tilemanns I. von Itter ge- 
wesen. Indessen wird diese Amabilia nicht unter Tile- 
manns I. vielen Kindern genannt. Es war aber eine 
Jutta von Itter, Tochter Reinhards II., um 1306 mit 
einem Vogt Widekind von Keseberg vermählt, deren 
Bruder Heinemann IL Rat des Landgrafen Heinrich I. 
(1272-1319) war***). Da der Reinhardische Zweig 
der Herrn von Itter um 1320 erlosch, so liegt es nahe, 
anzunehmen, dass diese Amabilia als die letzte dieses 

*) Wyss, Hess. Urk. B. 11, 778. 

**) Urk. 28. Juni 1341. Nordenbeck, Ti'anssuraptbuch v. 
1581, Nr. 316. 

*♦*) Wenck, Hess. L. G. 2, S. 1115. 



9 

Zweigs von Widekind von Keseberg adoptiert worden 
sei, indem anderenfalls eine Adoption eines der Söhne 
Tilemanns natürlicher gewesen wäre. 

Eine unklare Persönlichkeit ist ein in einer Urkunde 
des Grafen Hermann von Battenberg (1220) genannter 
Ritter Hermann Cuele von Keseberg, durch dessen Tod 
ihm, dem Grafen, ein gewisser Teil der Comitia, nämlich 
dortiinümn stiper qtiosdam liberos, welches dieser Cuele 
vom Grafen gehabt, heimgefallen, und dann die betr. 
Güter zu Ellershausen durch Vergleich an das Kloster 
Haina kamen *). Dieser Cuele gehört nicht zum Geschlecht 
der Vögte, sondern war nur ein Burgmann auf Keseberg 
und als solcher mit Ministerialgütern belehnt. Er ver- 
zichtet auch auf Güter zu Haubern und einen Teil des 
Zehnten zu Gellershausen, welche er an Sifrid von 
Arfeld verpfändet hatte, gegen das Kloster Haina auf 
einem Tage zu Keseberg und Geismar. Sein Bruder 
Volcmar Cuele trat in das Kloster Haina, dem er nach 
Hermanns Tod einen Hof zu Lotheim, sowie später 
drei Höfe zu Brinkhausen zuwandte, und ist (1252) 
Zeuge, als Heinrich Cuele Güter zu Wesende, welche 
dieser von Reinhard von Itter zu Lehen trug, an das 
Kloster verkauft; ebenso verkaufen (1271) die Brüder 
Conrad und Heinrich Cuele ihren Anteil am Walde 
Habichtscheit bei Haubern an dasselbe. Auch später 
werden noch Burgmänner dieses Namens: Gerhard Cuele 
zu Alsfeld (1303) und Dietrich Cuele (1308) erwähnt**). 

Die Vogteigewalt hat der Stammesälteste. Die 
Güter werden local und erblich geteilt. Ausser der 



*) Koppt Nachr. von dor geistl. Ger. 1, Beil. 69, hält diesen 
Cuele für einen Vogt, findet aber deshalb den Heim fall auffallend, 
da die Vögte noch nicht erloschen waren. 

♦*) Klostor Hainaisches Cop. B. Nr. 321 und 354. Hess. 
Zeitschr. 3, S. 46. 73. 80. Wyss, Hess. II. B. H, 48. Hess. 
Zeitschr. N. F. 2, S. 54. 



10 

Gerichtsbarkeit besassen die Vögte*) die Kirchlehen zu 
Geismar, zu Ostheim bei Hofgeismar, zu Simmershausen 
bei Cassel, den Zehnten zu Gernhausen (f zwischen 
Frankenberg und Dörnholzhausen), drei Teile des Zehnten 
zu Haubern, den ganzen Zehnten zu Humbrachtshausen 
(Hammershausen), zu Eldinghausen (f bei Frankenau), 
Bejtersberg (f Birkenbrinkhausen gegenüber), Bennig- 
hausen (f im Battenberg), den halben Zehnten zu Sach- 
senberg, den Zehnten zu Butzbach (f bei Viermünden), 
Atzelhain (f südöstlich von Frankenberg), sowie die 
beiden Zehnten zu Ockershausen bei Marburg und zu 
Freiengossfelden (= Bringsfelden , f zwischen Sterz- 
hausen und Wetter), welche die Grafen von Nassau 
von weiland Johann, Herrn von Griffenstein gekauft**). 
In den späteren Hohenfelsischen Lehnserneuerungen 
werden noch folgende Lehnsstücke genannt***) : Zehnten 
und Hüben zu Brunstadt (f im Amt Battenberg), ein 
Hof zu Röddenau, ein weiterer Hof daselbst am Kirch- 

*) Lehübr. vom 30. Juli 1409, wodurch Johann von Hoheu- 
fels mit den Gütern Heinrichs, Vogt von Keseborg, in denen er 
„als ein rechter Ganerbe mit Heinrich von Keseberg gesessen'' 
vom Grafen Johann von Nassau belehnt wird. 

**) Die Dynasten von Griffenstein im Solms-Braunsfelsischen 
waren in der ersten Hälfte des 14. Jahrh. im Mannesstamme er- 
loschen. Amoldi, Miscell. S. 269. Zweifelhaft ist, ob diese beiden 
griffensteinischen Zehnten erst 1409 für die Hohenfels zugefügt 
wurden, oder schon früher im Besitz der Vögte von Koseberg waren. 
Südlich vom Burgwalde haben die letzteren keinesfalls weiteren 
Besitz gehabt, wie sie denn auch in den Marburgor Deutsch-Ordens- 
Urkunden nicht begegnen. 

***) Nassauische Lehnbr. vom 30. Mai 1430 und 4. Dezember 
1481 für Widekind von Hohenfels, den letzten des Hosekinschen 
Stammes, und vom 7. April 1507 für Hartmann von Hohenfels zu 
Niederasphe. Die Vermehrung seit 1430 beruht auf einer Zu- 
sammenfassung der 1409 erhaltenen kesebergischen Lehnsstücke 
mit den schon seit 1325 aus der Adoption Volpeits von Hohenfels 
besessenen kesebergischen Güter, über welche 1420, 8. Oct. der 
letzte Lehnbrief erteilt war. 



11 

hofe, der Zehnten über dem Gossberge bei Frankenberg, 
über dem Himmelsreichsholz bei Frankenau, zu West- 
heim (f bei Hofgeismar), zu Ageshausen (= Eikshausen, 
f im Kirchspiel Geismar), ein Hof zu Rengershausen, 
genannt der Kaldenhof, eine Mühle daselbst, ein Hof zu 
Neukirchen (in Waldeck), ein Hof zu Elberkusen (f bei 
Viermünden), das ganze Dorf Radehusen bei dem Fürsten- 
berg (t in Waldeck), ein Hof zu Wonstorf (?), desgleichen 
„was Johann von Schachten hat zu Schachten bei Cassel", 
ein Hof zu EUershausen, der Baumgartenerhof zu Vier- 
münden, eine Hufe zu EUertshausen (f Altershausen im 
Amte Battenberg), ein Gut zu Oberaliendorf (f im Amte 
Battenberg), 24 Mesten Land zu Ibenhausen (f) und 2 
Wiesen im Bernbach bei Frankenberg, der ganze Zehnten 
zu Volprechtshausen, gelegen bei Allendorf im Gerichte 
Geismar, sowie zu Irmerhausen (f in der Marke von 
Röddenau), zu Iberhausen (f) bei Frankenberg, zu 
Oberschreufa und zu Lindenhain bei Schreufa. Andere 
Güter hatten die Vögte schon früher an die Klöster 
Haina und Georgenberg bei Frankenberg veräussert: die 
Zehnten zu Bonland (f bei Geismar), Beltersdorf (f), 
Güter zu Berngersdorf (f), Wesende (f ), die Gerichts- 
gefälle von den Wüstungen Ronighausen, Langelenhain 
und Sylbach, die Mühle zu Butzbach, sowie einen Hof 
zu Geismar und zu Orke. Diese Güter waren sämtlich 
nassauisch-dillenburgische Lehen. Ziegenhainische Lehen 
waren die Zehnten zu Löhlbach und Suinphe, welche die 
von Siegern (Schleyer) zu Afterlehen hatten, jedoch dem 
Kloster Haina bei dem Eintritt der Brüder Conrad und 
Wigand Siegern in dasselbe (1277) teils übertrugen, 
teils gegen fein Gut zu Eckensdorf (f bei Gemünden) 
vertauschten, welches die beiden anderen Brüder Ludwig 
und Helwig den Vögten auftrugen*). 

*) Hess. Zeitschr. 3, 59. Urk. vom 25. Mai 1277. Wenck, 
U. B. 2, 211. Kloster Hain. Cop. B. Nr. 12. 



12 

Von allgemeinerer Bedeutung ist die Frage, zu 
welcher Grafschaft in älterer Zeit die keseber- 
glsche Vogtei gehört habe. Die Landgrafen von Thü- 
ringen haben im Kreise Frankenberg ursprünglich gar 
keine Besitzungen gehabt. Derselbe gehörte, wie der 
grössere Theil der Herrschaft Itter, zum Oberlahngau, 
kirchlich zum Bistum Mainz. Die Scheidung zwischen 
sächsischer und fränkischer Bevölkerung bildet auch die 
Scheide zwischen den Diözesen Mainz einerseits und Cöln 
und Paderborn andererseits; zur ersten gehörten noch 
Sachsenberg und Thalitter, zum Cölnischen Dekanat Mede- 
bach: Münden und Neukirchen, zu Paderborn: Obernburg 
und Höringhausen. Die älteste Nachricht über diese Ge- 
gend enthält eine Urk. vom J. 850, durch welche Gozmar 
all sein Eigentum, welches er in dem Gau, welchen die 
Hessen bewohnen, in den Orten und Dörfern AffaÜra^ 
Gilihha, Buockela, Fiemienni et Savitffi^ Mehüina (Af- 
foldern, Gleichen, Buhlen, Viermünden, Schreufa und 
Mehler) dem hl. Bonifazius zu Fulda schenkt*). Gozmar 
war der Sohn des Grafen Berndag und Bruder des 
Grafen Esico, ein Enkel des Grafen Gerhao aus dem 
Geschlechte der Grafen von Ziegenhain, in welchem 
der Name Gozmar noch bis ins 13. Jahrh. vorkommt 
und mehrfache fuldische Lehen mit der Schirmvogtei 
über die fuldische Kirche vereinigt waren. In der Stiftungs- 
ürkunde des Klosters Aulisburg vom Jahre 1144 gibt 
Graf Boppo von Richenbach für dasselbe auch ein Gut 
zu Verminne und Hadelogenhusen. In der Stiftungs- 
Urkunde des Klosters Haina vom Jahre 1214 wird Reinold 



*) Schannaty Tiad. Fuld. p. 191, n. 462. Falke, Cod. Trad. 
Corb. S. 385, 391. Wmcky L. G. 2, 411. 

Gerhao f 810 

Berndag 

Esico Gerolt Gozmar 

Grftf. Priester. 850. 



13 

von Keseberg neben Gottfried von Hatzfeld und Heinrich 
von Altershausen als nobüiores niilites seiner Grafschaft 
genannt, mit welchen Graf Heinrich von Ziegenhain sub 
habitu penitentiali zu dem in Cisterzium versammelten 
Capitel gereist sei, um demselben das Kloster zu über- 
geben und auf alles Eigenthums- und Vogteirecht zu 
verzichten {mnni pletmrie jtiri proprietatis et advocatie 
abrenuneiantes). Die Vögte von Keseberg zählten dem- 
nach zu dem höheren Adel der Grafschaft Ziegenhain, 
und letztere erstreckte sich über das Wohrathal und 
hainaische Gebirge über die Edder bis zum Ittergau 
und der corveyischen Grafschaft Lichtenfels; auch das 
Gericht Viermünden gehörte zu derselben*). Der Ritter 
Ludwig Kalp ist vom Grafen Gottfried V. von Ziegen- 
hain mit Gütern zu Schreufa belehnt, welche der letz- 
tere auf seine Bitte (1294) dem deutschen Orden zu 
Marburg übergibt**). 1280 haben die Grafen von Ziegen- 
hain die Vogtei über Güter zu Schmittlotheim und be- 
ziehen noch 1333 Vogteiwaizen daselbst***), und 1313 
Geldrenten aus Gütern zu Viermünden, auf welche Graf 
Johann und seine Frau Lucardis gegen das Kloster 
Georgenberg verzichten f). Ebenso war das Geschlecht 
von Virmyn (Virmund) ein ziegenhainisches Ministerial- 
geschlecht: 1298 übergibt Volpert von Viermund zu 
seinem und seiner Eltern Seelenheil einen Wald zu 
Dodenhausen, gen. das Frischholz, dem Kloster Hainaff). 
Luitgard, eine ziegenhainische Erbtochter des Grafen 
Gozmar H, hatte sich ums Jahr 1186 mit Landgraf 
Ludwigs II, des Eisernen, von Thüringen Sohn Friedrich 

*) Anal. hass. 4, 342. 348. 11, 122. 125. Ouden. Cod. 
dipl. I, 4. 

*♦) Urk. vom 7. Juni 1294. Wyss, Hess. U. B. I, 578. 
Weneky Hess. L. G. 2, 237. Hess, Archiv IV, Yll 7. 
***) Hess. Archiv I, 150. 

t) ürk. 1314, 9. Juli. Mbg. St. A. KJ. Georgenberg, 
tt) Kl. Hain. Cop. B. Nr. 236. 



14 

(1186 — 1229), welcher zuvor geistlich und Probst zu 
Fritzlar gewesen, vermählt. Hierdurch gelangten ver- 
schiedene ziegenhainische Besitzungen an das Haus 
Thüringen-Hessen. Aus dieser Ehe des Grafen Friedrich 
von Wildungen stammten drei Kinder, von welchen zwei, 
Ludwig und Jutta, Gräfin von Brene, früh starben, 
Sophie, vermählt mit dem Burggrafen Burkard von 
Magdeburg, die Erbin von Wildungen und Keseberg 
und anderen Gütern in Hessen war*). Burkard hatte 
diese Schlösser an Landgraf Ludwig von Thüringen 
verkauft und dieser dieselben in Besitz genommen, 
Sophie jedoch bei diesem Verkauf angeblich nicht mit- 
gewirkt und demselben widersprochen. Der über diese 
Erbschaft entstandene Streit wurde durch Vergleich vom 
25. November 1235 zwischen Landgraf Conrad von 
Thüringen und den Grafen Gottfried und Berthold von 
Ziegenhain dahin beigelegt, dass letztere dem Thüringer 
die Schlösser Reichenbach und Keseberg gegen Verzicht 
des Landgrafen auf Staufenberg und Treysa abtraten**). 
Keseberg war daher bis da eine ziegenhainische Feste 
gewesen. Um einen weiteren Rechtstitel zur Erweiterung 
der Macht des Erzstifts Mainz in Hessen zu erlangen, 
Hess sich Erzbischof Siegfrid III. alsbald nach Er- 
löschen des thüringischen Mannesstammes von Burkards 
Wittwe, weil sie angeblich bei den Verträgen ihres 
Gemals nicht mitgewirkt und sich zur Durchführung 
ihrer Ansprüche ausser Stand sah, ihre Rechte an den 
Schlössern Wildungen und Keseberg und allen anderen 
Burgen und Städten in Hessen, die ihr nach dem 
Erbrechte gehörten, durch Urkunde vom 2. April 1247 
abtreten***). Diese Formalität einer Cession wurde die 



*) Jiommely Hess. Gösch. 2, A. S. 136. 

**) Wetwk, U. B. 2, 151. Anal. hass. 2, 344. Hess. Archiv 
III, 5. 

***) Gude^i. Cod. dipl. I, 600. Hess. Zeitschr. N. F. 10, 252. 



15 

Ursache eines länger als 100jährigen Streites zwischen 
Hessen und dem Erzstift. Letzteres hatte auch noch 
von einer anderen Seite her Rechte in und an der kese- 
bergischen Vogtei zu erlangen gewusst, durch die Ver- 
träge mit den Grafen von Battenberg*). 

Schon Erzbischof Conrad I. (1183—1200) hatte 
mit dem Grafen Werner I. von Battenberg einen Lehns- 
auftrag des Schlosses Wittgenstein an das Erzstift ver- 
abredet, war aber einen Theil des versprochenen Geldes 
schuldig geblieben und daher der Vertrag nicht perfect 
geworden. Sein Nachfolger Siegfried IL nahm die Ver- 
handlungen mit Werners Söhnen, Werner 11., Widekind 
und Hermann, wieder auf. Das Ergebnis war ein Ver- 
trag vom 2. September 1223, wodurch die Grafen ihr 
Schloss Wittgenstein dem Erzstift auftrugen, es zu Lehen 
wieder nahmen und gegen 100 Mark imd ein Prachtpferd 
für sich und 5 Mark für ihre beiden Räthe auf ihre 
Forderung von 5 Karren Wein, welche ihnen geraubt 
waren, verzichteten**). Graf Werner ü. .trat in den 
deutschen Orden. Seine Brüder Widekind und Hermann 
aber trugen (25. März 1227) gegen 200 Mark ihr Schloss 
Kellerberg dem Landgrafen Heinrich Raspe von Thüringen 
auf und empfingen es gleichzeitig mit einem Burglehen 
von 10 Mark zu Marburg als Lehen zurück unter Verzicht 
auf ihre Ansprüche auf eine ihnen von Landgraf Hermann 
bestellte Pfandschaft an Wetter***). Erzbischof Siegfried 
in. wusste es jedoch zu erreichen, dass ihm die Grafen 
Widekind und Werner (9. April 1234) die Hälfte der 
Stadt und Schlösser Battenberg und Kellerberg und der 
zu demselben gehörigen Comitie {comide atlinentis eisdem 

*) Die deshalbigen vier Urk. bei Ouden. Cod. dipl. haben 
infolge der teilweise verderbten Schreibweise der Ortsnamen ver- 
scliiedene Auslegung gefunden. In Note Seite 16 etc. ist deren 
Berichtigung vei-sucht. 

**) Otulen. Cod. dipl. I, 486. 

*) Kuchenbecker, p]rbhofämter Beil. Lit. C. 



♦♦♦i 



lÖ 

cast7is\ welche ihr Bruder Hennann besessen, abtraten*). 
In zwei weiteren Urkunden vom 20. und 21. Juli 1238 
wird dann festgesetzt, dass das Kaufgeld von 600 Mark 
für diese an das Erzstift abgetretene Hälfte dieser 
Schlösser und Stadt und zugehörigen „Grafschaft Stift" 
(Wetter), welche vom Schloss Battenberg abwärts liegt 
{deorsum jacentis)^ d. h. östlich und südlich, an den 
Grafen Siegfried von Battenberg und seine Brüder in 
drei Terminen von 16 Wochen Zwischenzeit bezahlt 
werden soll und die Grafen freie Vasallen des Erzstifts 
sein wollen. Als zu dieser Grafschaft gehörige Centen 
werden aufgeführt: Hartenfeld, Ruttene, Hentreff, Treyse, 
wo das Recht des Grafen ganz frei sei ; ferner : Geismar 
und Fromelskirchen (Bromskirchen), wo erbliche Cent- 
grafen und das Recht des Grafen ganz frei sei (in istis 
diiahus svnt Centgravn residentes et jus Comitis liherwn 
est 07nnmo)j endlich die Centen: Lixfeld, Dudusse, 
Wetter, Lasphe, wo der Landgraf die Gerichtsbarkeit 
an sich ziehe (in Ulis tätimis La7idgravius tollit omnem 
jitstitiam violenter**). Hier kommt in Betracht, dass die 

*) Wenck, U. B. 2, 151. 

**) Guden. Ck)d. dipl. 1, 547—549. II, 54. Kopp, Nachr. von 
den geistl. Ger. 1, S. 243. Hess. Zeitschr. N. F. 10, 224. Harten- 
feld ist nicht in Arfeld ( Wenck Hess. L. G. 2, 453), welches ober- • 
halb Battenberg liegt, sondern Batienfeld zu berichtigen, ebenso 
Hentreff in Benireff^ das alte Kirchdorf von Rosenthal, Dudusse 
in Ihiduffe (Dautpho), Ruttene ist Röddenau. In Treyse sieht Wenck 
Troysa bei Ziegenhain, Bommel vermutet Treisbach im Amte 
AVetter, ereterer nimmt dann an, es habe sich die Grafschaft bis 
Alsfeld erstreckt und es sei in der Urkunde nur die an Mainz ver- 
kaufte Hälfte derselben aufgefühi-t, während Rommel zwar die ganze 
Grafschaft darin erkennt, jedoch das Gericht Münchhausen vermisst. 
Es ist in der Urkunde die ganze Grafschaft aufgeführt und statt 
Treysa ist Leysa^ der alte locus Liesi, bei dem (778) die Sachsen 
geschlagen worden, zu lesen. So hat man auch wenigstens einen 
Teil des christenberger Dekanats, welches ein einheitliches Gericht 
überhaupt nicht gebildet zu haben scheint, wenigstens befindet sich 
das Gericht des dazu gehörigen Kirchspiels Frohnhausen in der 



Cent Geismar zur battenbergischen Grafschaft Wetter 
zählte und wie Bromskirchen erbliche Centgrafen hatte. 
Centgrafen zu Geismar waren die Vögte von Keseberg, 
zu Bromskirchen die Herrn von Beltershausen, welche 
1329 die Hälfte ihrer Vogtei und Gericht an die Brüder 
Conrad und Gottfried von Diedenshausen verkauften, 
welche dann von Tilemann EI. und Johann HI. von 
Itter damit belehnt wurden *). 



Mitte des 14. Jahrh. in Händen der von Dersch bis 1718. Dass 
die ganze Grafschaft aufgezählt ist, geht aus einer weiteren Ur- 
kunde vom 30. September 1291 (Ouden. Cod. dipl. I, 854) hervor, 
worin Graf Hermann beurkundet, dass er bisher Stadt und Schlösser 
Battenberg und Kellerberg und deren Zubehöiningen mit dem Erz- 
stift pro indiviso besessen, aber nun getheilt habe, so dass das Erz- 
stift nun das Schloss und Stadt Battenberg mit den Gerichten 
in Lyse und Battenfeld, er aber Kellerberg mit den Gerichten 
in Aldendorf, Rudcne und Fromeldeskirchen für sich be- 
halten solle. Ausserdem soll der Erzbischof das Gericht in Mün ch- 
hausen so lange in Besitz haben, bis Graf Hermann erwiesen, 
dass es ihm als Mainzisches Lehen zukomme. Die wirkliche Teilung 
der Grafschaft, sowie eine Teilung des Gerichts Battenfeld in 
Battenfeld und Allendorf erfolgte also erst 1291, indem jeder 
Teil drei Centen eihält. Von den südlichen Centen im Kreise Bieden- 
kopf ist keine Rede mehr, sie waren bereits den Landgi*afen zu- 
gefallen, ebenso die östliche Geismar dui'ch den Langsdorfer Ver- 
trag (1263). Thatsächlich hatten die Grafen von Battenbeig seit 
1259 wieder die ganze Grafschaft in Besitz gehabt, bezw. von Erz- 
bischof Werner erhalten als Lohn eines 1252 zwischen Widekind 
von Battenberg und Erzbischof Gerhard I. von Mainz geschlossenen 
und 1259 erneuerten Schutz- und Trutzbündnisses, indem für ver- 
sprochene 200 Mark, wovon nui* die Hälfte bezahlt war, die Main- 
zischen Einkünfte der Grafschaft dem Grafen TVidekind überwiesen 
wurden. Qiiden. Cod. dipl. I, 669. Hermann H., der letzte Graf 
von Battenberg, verkaufte (1297) auch die ihm verbliebene Hälfte 
der Grafschaft nebst dem Schlosse Kellerberg an das Erzstift für 
* 2000 fl. Graf Siegfried von Wittgenstein trat (1322) diesem Ver- 
ti'age bei. 

*) Von den von Diedenshausen gelangte das Gericht Broms- 
kirchen teils durch Ganerbschaft (1336) teils durch Heirat (1385) 

■ N. F. Bd. XV. 2 



18 

Diese battenbergischen Verträge wurden eben wohl 
die Ursache eines mehr als 200jährigen Streits zwischen 
Hesseil und dem Erzstift, der erst 1464 dadurch bei- 
gelegt wurde, dass letzteres, dem dieser vorgeschobene 
Besitz nur den Werth eines Verpfändungsobjekts gehabt, 
die battenbergischen Schlösser und Aemter (Rosenthal, 
Wetter, Mellnau) für 40,000 fl. dem Landgrafen Hein- 
rich ni. pfandweise einräumte*). Die Vogtei der Kese- 
bergs gehörte also in ihrem nordöstlichen Teile (Löhl- 
bach, Frankenau, Viermünden) zur Grafschaft Ziegenhain, 
in ihrem südwestlichen (Geismar) zur Grafschaft Batten- 
berg und als Schirm- und Gerichtsherrn dieses durch 
die Feste Keseberg beherrschten nordwestlichen Gebiets 
der Grafschaft Ziegenhain führen ihre Besitzer den 
Namen Vögte **). Der battenbergische Teil gelangte 
durch den zwischen Erzbischof Werner von Mainz und 
Landgraf Heinrich L im Felde bei Langsdorf (1263) 
geschlossenen Vertrag als Zubehör des damals von Mainz 
abgetretenen Schlosses und Stadt Frankenberg als main- 
zisches Lehen an das brabantische Haus, welches damit 
der Rechtsnachfolger der thüringischen Landgrafen im 
Vertrage von 1233 wurde ***). In den Kämpfen zwischen 
Hessen und dem Erzstift stehen die Vögte gleich wie 
die von Schauenburg und Wallenstein auf Seiten der 
Erzbischöfe Siegfried HL, Werner und Gerlach. 



und Kauf (139.5) an die von Viermund, welche Landgraf Philipp 
(1539) zum Verkauf für 500 fl. nötigte. Urkunde vom Montag nach 
Visit. Mariae (7. Juli) 1539. 

*) Wende, U.-B. IL 488. 

**) Diese Mittelstellung der Vögte zwischen den Grafen von 
Ziegenhain und Battenbei-g weist auf einen älteren grösseren Comi- 
tat in dieser Gegend und auf eine Stammeseinheit beider Grafen- 
geschlechter hin und bestätigt Rommels Widerlegung der Wendcsohen 
Annahmen. Wenck, L. G. 3, § IX. Bommel, Hess. Gesch. 2, Anm. 
160 ff. 

***) Ouden. Cod. dipl. I, 702-708. 



lö 

Das urkundliche Material über die Vögte von Kese- 
berg und ihr Gebiet umfasst ungefähr 64 Urkunden. 
Davon handelt die Hälfte über Verhältnisse und Erwer- 
bungen des Kloster Haina, 10 über solche des Klosters 
St. Georgenberg zu Frankenberg*). 

1144 bezeugen die Brüder Henrich und Walter 
von Keseberg vor den Rheingrafen in einer Urkunde 
des Erzbischofs Heinrich von Mainz zu Fritzlar die 
durch den Grafen Boppo von Reichenbach geschehene 
Stiftung des Klosters Aulisburg, wozu der Graf, wie 
oben bemerkt, Güter zu Halgehausen, Haina und Vier- 
minne zufügt**). 

Im folgenden Jahre 1145 erscheinen die von Kese- 
berg, Schartenberg u. a. vom Adel als Bundesgenossen 
im Solde der vom Abte Henrich von Corvey und Grafen 
Volkwin von Schwalenberg belagerten Feste Eresburg. 
Doch noch ehe sie dieselbe entsetzen konnten, erstieg 
sie der Graf ohne Vorwissen des Abts, der sie wieder 
aufgebaut hatte und zu erhalten wünschte, und brannte 
sie nach einem schrecklichen Blutbade nieder***). In 
der Stammreihe fehlt dann ein Glied, vermuthlich Wide- 
kind. Erst 1196 erteilt ein anderer Heinrich von 
Keseberg mit dem Grafen Arnold von Schauenburg 
Consens zu einem Zehntenverkauf zu Obersuinphe an 
das Kloster Haina f). In den Stiftungsurkunden des 
letzteren 1214 und 1215, welches ausserhalb der vög- 
tischen Herrschaft gelegen war, erscheint R e i n o 1 d Von 
Keseberg unter den Gefährten des Grafen Heinrich II. 



*} Obwohl die Güter der Kescbergs meistens nassauische 
Lehen waren, finden sieh doch im Kgl. Staatsarchiv zu Wiesbaden 
gar keine Urkunden. 

**) Anal. hass. 4, 342. 

***) Schafen, Ann. Paderb. I, 762. Falke, Trad. Corb. 221 
Landau, Hess. R.-B. I, 362. 

t) Wmck, Urk.-B. II, 128. 

2* 



2Ö 

von Ziegenhain auf der Reise nach Cisterzium, um dort 
das Kloster zu übergeben, in welches Reinold ebenso 
wie Graf Heinrich selbst eintrat*). 

lieber die Gerichtsbarkeit in den zur kesebergischen 
Vogtei gehörigen, von dem Grafen von Ziegenhain dem 
Kloster geschenkten und eximirten Dörfern Löhlbach 
und Aulisburg währte ein mehr als lOOjähriger Streit, 
der mit dem Verzicht des jedesmaligen Vogtes endigt. 
Diese Verzichte geben einen Anhalt für die Genealogie 
und Folge der Stammältesten. Schon Henrichs H. Söhne 
Widekind H. und Otto beanspruchten (1240) als 
Centgrafen {pv eo, quod adjaceniis vicinie ceniiiriones 
essent ordinarii) die Gerichtsbarkeit in diesen Orten, 
verzichteten jedoch darauf zu Gunsten des Klosters für 
sich und ihre ganze Nachkommenschaft, ausgenommen 
im Falle des Todschlags, wofür dem Richter 1 Malter 
Hafer, dem Blutschreier die Hälfte jährlich gegeben 
werden solle**). Widekind H. starb um 1244. Nach 
ihm hat zunächst sein Bruder Otto die Herrschaft und 
verzichtet auf Rechte an Gütern zu Haubern (Howih-e), 
welche Gerlach von Arfeld dem Kloster verkauft hatte ***). 
Nach seinem Tod um 1248 kommen Widekinds H. Söhne 
Heinrich HI. (1245—1253), Widekind HI. (1253- 
1264), Gerlach I. (1264—1277), Widekind IV. (1277 
— 1292) nach einander zur Herrschaft. Gegen ihre An- 
sprüche auf die Civilgerichtsbarkeit zu Löhlbach entschied 
(1245) ein Schiedsgericht, bestehend aus Reinhard von 
Itter und Werner von Bischofshausen auf einem Tage zu 
Geismar zu Gunsten des Klosters, welches für die künf- 
tige Exemtion überhaupt den Vögten eine Abfindung von 



*j Oiidm. Cod. dipl. 1,432. Anal. hass. 11, 122— 125. Hess. 
Zeitschr. 3, 48. 

**) Koppy Nachr. von den geistlichen etc. Gerichten I, Beil. 
70-72. 

'^**) Hess. Zeitschr. .3, 80. 



21 

1 Mark zahljte*). 1249 verkauft ihre Mutter AlheidivS 
eine Hufe zu Geismar dem Kloster St. Georgenberg und 
lässt diesen Verkauf durch ihre Söhne auf Verlangen 
des Pfarrers zu Geismar bei dem Edderfluss zwischen 
der St^adt Frankenberg und der Brücke genehmigen **). 
Widekind III. tritt demselben Kloster durch Urkunde 
vom 1. Juni 1254 das Patronat über die Kirche zu 
Frankenberg ab ***). Dagegen dem Kloster Haina gegen- 
über sucht er die Gerichtsbarkeit zu Löhlbach und 
Aulisburg mit Gewalt zu behaupten und schreitet bis 
zu Brandschaden vor, muss aber in einem durch die 
Landgräfin Sophie vermittelten Vertrag (7. Januar 1260) 
aufs neue verzichten und zur Busse für den zugefügten 
Brandschaden den Einwohnern zu Löhlbach die Frucht- 
abgabe für 5 Jahre erlassen f ). Dieser Widekind nebst 
seinen Söhnen Ger lach und Heinrich verkauft auch 
Güter zu Viermünden und cediert die Mühle bei Butz- 
bach dem Kloster St. Georgenberg ff). Es geht daraus 
hervor, dass die Vögte auch im Gericht Viermünden 
mit Gütern, welche Pertinenzien der Gerichtsbarkeit zu 
bilden pflegten, begütert waren. Nach seinem Tode 
beginnt sein Bruder Gerlach I., welcher 1264 einen 
Zehntenverkauf des Arnold Huhn zu Ellershausen an 
das Kloster Haina bezeugtfff), den Streit aufs neue 



*) Kopp, Itter, S. 48;BeU. S.198. Kopp, Geistl. etc. Ger. 1. 
S. 303 fP. 

**) Urkunde vom 11. Oktober (die Justi et Archemii niart.) 
1249. Kloster Hain. Urkk. Kopp, geistl. Ger. I, 71. 
***) Kopp, a. a. 0. Beil. Nr. 72. 
t) KI. Hain. Urkk. Cop.-Buch Nr. 8. Wmck, Urk.-B. II, 
200. Kopp, a. a. 0. I, S. 304. 

tt) Urkunde von 1261; die andere Urkunde (1260— 1264) ist 
undatiert. Kl. Hain. Urkk. 

tft) Die Huhn zu Ellershausen, welche neben den von 
Viermynue und Cülo das bedeutendste Geschlecht innerhalb der 
kesebergischeu Vogtei bildeten, und mit einem rechtsschi-eitenden 



22 

welcher, wie oben bemerkt, 1265 durch Schiedsfreunde, 
Geistliche und Weltliche^ darunter Conrad von Michel- 
bach, Canönikus zu Wetter und Fritzlar, Conrad, Pfarrer 
zu Biedenkopf, Eckhard, Pfarrer zu Buchenau und dessen 
Brüder Conrad und Eckhard von Hohenfels, Gumpert 
von Hohenfels, Volpert Hosekin, Graft und Peter, Brüder, 
von Buchenau und Gerlach von Breidenbach, nach einer 
Verhandlung zu Schloss Hohenfels zu Gunsten des 
Klosters entschieden wird*). Seitdem ist die Herrschaft 
der Vögte der fürstlichen Gewalt gegenüber im Sinken, 
namentlich nachdem (1263) Stadt und Schloss Franken- 
berg und deren Zubehör als mainzisches Lehen an 
Landgraf Heinrich L überlassen war. Letzterer über- 
gab 1277 den ganzen Schlossberg dem Kloster Haina**). 
Der Verzicht auf die Gerichtsbarkeit und Zehnten zu 
Löhlbach und in den wüsten Orten Geilingen, Königs- 



silbernen Huhn in rotem Felde siegeln, jedoch verschieden von 
den Hüne (Haune) im Stifte Fulda, starben 1587 mit Caspar Huhn 
aus. Sie besassen innerhalb der kese bergischen Vogtei als nassau* 
ische Lehen: 3 Teile des Zehnton zu Geismar, V* des Zehnten 
zu Niederschreufa, den Zehnten zu Solenhart (f bei Ellershausen), 
den Zehnten und Medum an der Hart, den halben Zehnten zu 
Dainrode, */4 des Zehnten zu Ellershausen, den Zehnten zu Alden- 
hemmenhusen (jetzt Luisendorfj, den halben Zehnten zu Bonland, 
„den Berg zu dem Sporim berge''. Ihre Güter kamen durch Caspars 
Huhn Schwester Elisabeth (f 1629), verheiratet mit Georg von 
Dersch, an die von Dersch zu Viermünden, von diesen an die 
von Drach. Bei it*fw?we/, 2, 322 sind beide Ges(;hlechter von Huhn 
zu Ellershausen und im Stifte Fulda verwechselt. Am meisten 
bekannt geworden ist Herman Huhn, hess. Hofmeistor unter Land- 
graf Heinrich HL und Wilhelm IIL, der auch Inhaber und Amt- 
mann von Schön stein und Derisberg war. 

*) Urkunde vom IL Se])t. und 8. Nov. 1265 (dat. in die 
Proti et Hyacinthi und dominica ante lest. Martini). Kl. Hain. 
Cop.-Buch Nr. 8. Wenck, IJrk.-B. H, 200. 

**) Wenck, Urk.-B. H. 211. Guden. Cod. dipl. I, 702—708. 
Hess. Zeitschr. N- F. 10, 347. 



23 

hausen und Singenthai wird von Gerlachs I. Bruder 
Widekind IV., seiner Frau Lucardis und ihren Kindern 
Siegfried, Agnes, Adelheid, Ida und Irmgard 
(27. September 1278) in einer vom Grafen Widekind von 
Battenberg und den Städten Battenberg und Franken- 
berg besiegelten Urkunde erneuert, wobei die batten- 
bergischen Burgmänner Conrad von Eppe, Gerlach von 
Diedenshausen, Heinrich von Ders, sowie die Centgrafen 
(centuriones) Henrich und Siegfried von Viermünden 
Zeugen sind. Letztere, welche kesebergische Namen 
führen, legen sich denselben Titel centuriones bei, wie 
die Keseberg in der Urkunde von 1240*). Die alten 
Beziehungen der Vögte zu den Grafen von Battenberg 
wurden demnach noch unterhalten. Dass die Urkunde 
ein Jahr nach der Uebergabe des Keseberger Burgbergs 
an das Kloster Haina zu Battenberg ausgestellt 'und 
der Verzicht in einer 1280 zu Hallenberg ausgestellten 
Urkunde wiederholt wird, lässt annehmen, dass die Zer- 
störung der Burg 1277 erfolgt und Widekind IV. damals 
in den benachbarten mainzischen und kölnischen Festen 
eine Zuflucht gefunden habe**). 

Auf Widekind IV. folgt sein Neffe Gerlach IH., 
ein Sohn Gerlachs I. (1293 — 1331), der sich Vogt von 
Geismar nennt, und 1293 mit seiner Mutter Hedwig 
und seinen Schwestern Alheid und Sophie und der 

*) Das Wort centurio wird auch sonst mit advocatus gleich- 
bedeutend gebraucht. Centurio, qui advocatus noster est. Trad. 
Fuld. 2, 45. 

**) Damit stimmen auch der Frankenberger Chronist Gersten- 
berger u. -a., welche den Beginn der Fehde zwischen Landgraf 
Heinrich I. und Erzbischof Werner von Mainz in dieses Jahr 
setzen, in welcher auf des letzteren Seite die Grafen Gottfried von 
Ziegenhain und "Widekind von Battenberg standen, während die 
Chronika der Landgrafen von Thüringen und Hessen bei dem Jahre 
1293 summarisch alle vom Landgrafen Heinrich I. zerstörten 
Schlösser, darunter Keseberg, aufzählt. Anal. hass. V, 178. W, 
Dilich^ hess. Chron. S. 173. 



24 

ersteren Gemahl Conrad von Thucilenberg (Thodelen- 
berg) zu AllrafF dem Kloster Haina alle seine Güter zu 
Schmittlotheim mit den Höfen Eschebruch und Eysel- 
bach verkauft*). Derselbe resigniert (1299 und 1321) 
zu Gunsten des Klosters St. Georgenberg den Grafen 
Henrich und Emicho von Nassau den Zehnten zu Belters- 
dorf (f unter Röddenau), übergibt denselben (1305) dem 
Kloster zu 5 Achtel und verkauft (1315) 8 Malter Hafer, 
welche ihm als Gerichtsherrn von den Wüstungen Ro- 
nichhausen, Langeinhain und Silbach fielen, dem Kloster 
Haina **). Von ihm ist kein Verzicht auf die Gerichts- 
barkeit zu Löhlbach vorhanden ; ebenso fehlt ein solcher 
von dem auf ihn folgenden Siegfried IL, Widekinds IV. 
Sohn, welcher sich 1304 von Niederndorf, dem wüsten 
ünterdorfe von Geismar, 1306 aber von Geismar be- 
nennt, wo er beidemale Güter in den geismarischen 
Wüstungen Bonland, Hermannsgrube und Berngersdorf 
an das Kloster Haina verkauft***). 1322 nach Ger- 
lachs HL Tod verrichtet er die Belehnung der Brüder 
Hartmund und Siegfried von Hachen, bezw. des ersteren 
Frau mit Gütern zu Gernhausen und Holzhausen und 
ebenso erteilt er 1326 gemeinschaftlich mit Volpert 
von Hohenfels als Lehnsherrn dem Goswin Scharre 
Consens, den 4. Theil des Zehnten zu Haubern dem 
Kloster Haina zu übergeben. Von jetzt an kommen nicht 
die Söhne Gerlachs IIL, G umbracht, Wetzel und 
Widekind, sondern Volpert von Hohenfels, der Adoptiv- 
sohn Vogts Widekind, zur Herrschaft und verrichtet 



♦) Baur, Hess. Urkk. 1, 201. 

**) Urkk. vom 26. Dez. 1299, 13. Februar 1321 und 24. Nov. 
1305 (dat. fer. IV. ante fest. b. Catherine). Marbg. Staats-Archiv. 
Kloster Georgenberg. Urkunde vom 7. März 1315. Kloster Haina. 
Cop.-B. Nr. 329. 

♦♦♦) Urkk. vom 19. März 1304, 18. Januar 1305, 30. Mai 1306, 
1308. Marbg. Staats- Arch. Kl. Hain. Urkk. 



25 

allein die Belehnungen mit den ihm durch die Adop- 
tion zugefallenen Gütern zu Wesende {jure adoptionts 
ad nos a domino WideMndo, advocaio de Keseberg, devo- 
luia) und verzichtet nebst seiner Frau Amabilia, »Tochter 
weiland Vogt Widekinds von Keseberg«, auf die Ge- 
richtsbarkeit zu Löhlbach*). Also einmal verrichtet er 
Lehnsakte mit Siegfried IL zusammen, dann solche 
allein. Siegfried IL hatte nur Töchter. 

Die Adoption Volperts von Hohenfels durch Vogt 
Widekind (um 1324) ist eine auffallende und ohne Con- 
sens der Lehnsherrn undenkbare Massregel. Der Kese- 
bergische Stamm war noch nicht im Aussterben; es 
waren noch Siegfried IL, sowie Gerlachs III. Söhne 
Gumbracht, Wetzel und Widekind vorhanden; Gum- 
bracht lebt noch 1355, sein Bruder Widekind noch 1360 
und Gumbrachts 5 Söhne noch teilweise bis 1409. Von 
allen bisher genannten Widekinds kann keiner der 
Adoptivvater gewesen sein. Diese waren um 1324 längst 
todt. Keiner derselben hat einen gleichnamigen Sohn 
gehabt, da ihre Kinder genannt werden, auch findet 
sich keine Amabilia darunter. Die Adoption lässt sich 
nur durch eine Teilung der Vogtei unter das Geschlecht 
erklären, wobei der eine Teil das Gericht Viermünden, 
der andere Geismar erhalten hat. Es fragt sich näm- 
lich, ob das sog. Gericht Viermünden von Alters her 
in Händen der von Hohenfels oder der von Keseberg 
gewesen, und erst durch die Adoption Volperts von 
Hohenfels an die von Hohenfels gekommen, in deren 
Besitz es sich bis 1501 befindet. Ein direkter Urkunden- 
beweis lässt sich weder für das eine, noch für das 
andere führen, wohl aber der Erwerb dieses Gerichts 
durch die Adoption Volperts von Hohenfels folgern. Es 



*) Kopp^ Lehn proben 2, 301 und 355. Urk. vom 12. Dez. 
1326. Marbg. Staats-Arch. Kl. Hain. Urkk. und Cop.-B. Nr. 621. 



26 

müsste auifallen, wenn die von Hohenfels, welche ihren 
Stammsitz an der oberen Lahn hatten und dort Inhaber 
der Cent Dautphe bis 1249 waren, in einer so weiten 
Ferne an der Edder und daz^u in einer teilweise anderen 
Grafschaft die Jurisdiction gehabt haben sollten. Sie 
würden dieselbe 1249, als sie ihre dynastische Stelking 
verloren und mit dem Lehnsauftrag ihrer Schlösser, an 
die Landgräfin Sophie der Gerichtsbarkeit in der Cent 
Dautphe entsagen n^ussten, denselben Verzicht für Vier- 
münden haben leisten müssen. Sodann weisen die 
älteren hohenfelsischen Urkunden, deren mehr als 60 
vor 1341 vorhanden sind, sämmtlich auf die Gegend 
der oberen Lahn und das Hinterland bis nach Giessen 
hin, dagegen erscheint in den zu Frankenberg und Um- 
gegend ausgestellten Urkunden auch nicht einmal ein 
Hohenfels als Zeuge. Volpert von Hohenfels ist 1316 
Schultheiss zu Grünberg, 1318 in derselben Stellung in 
Frankenberg und heisst in einer Urkunde (um 1320) 
offidatiis des Landgrafen im Oberfürstenthum {in par- 
tibus supermribua*). Die erste Urkunde, durch welche 
die hohenfelsische Jurisdiction zu Viermünden bezeugt 
wird, ist vom Tage Petri und Pauli 1341, wo Volperts 
Wittwe und ihre Söhne Widekind und Graft die Hälfte 
ihrer Gerichtsbarkeit zu Viermünden dem Ritter Conrad 
von Vierminne, dessen Frau Cunegunde und Schwieger- 
vater Ambrosius von Nordenbeck versetzen **). Ferner 
sind die Lehnbriefe über die hohenfelsischen Lehen im 
Hinterlande und zwar sowohl die nassauischen, wie die 
hessischen (über den Zehnten zu Biedenkopf) auf die 
drei hohenfelsischen Stämme, dagegen die über die 
Lehen in der Eddergegend und über das Gericht Vier- 
münden seit dessen Lehnsauftrag (1393) nur auf Volperts 

*) Baury Arnsb. Urkk. 308. 309. 484. Kopp, Nachr. von 
den geistlichen Gerichten I, Nr. 64 und § 20ü. 

**) Nordenbeckisches Transsumptbuch von 1581, Nr. 316. 



27 

Nachkommen, den Hosekinschen Stamm, ausgestellt*). 
Diese letzten Lehen sind also erst später an die von 
Hohenfels gekommen, als die Lehen im Hinterlande; 
und nach dem Erlöschen des hosekinschen Stammes 
wurde Hartmann von Hohenfels zu Niederasphe (1507) 
von Nassau mit den „heimgefallenen'' Lehen des hose- 
kinschen Stammes belehnt ; es war also eine Belehnung 
ex nova gratia**). Endlich als die von Dersch als an- 
gebliche Erben und Rechtsnachfolger der Hosekin und 
ebenso die beiden übrigen Stämme der Hohenfels die 
den von Viermünden 1341 verpfändete Hälfte der Juris- 
diction zu Viermünden einlösen wollten, haben ihnen 
die von Viermünden dieses Recht bestritten, weil „Grafts 
von Hohenfels Geschlecht, von welchem sie diese Hälfte 



*) Das hohenfelsische Geschlecht teilt sich schoQ im 13. 
Jahrhundert in 3 Stämme ; 1249 werden genannt die Brüder Gura* 
peit, Conrad und Eckhard von Hohenfels, sodann Volpert Hosekin, 
der Grossvater des adoptierten Volpert, und Sifrid Slimph. lieber 
den letzteren meint Schmirlt^ Hess. Gesch. 2, 20, es müsse Rumph 
zu lesen sein, weil es kein Geschlecht Slimph gebe, Rumph aber 
der Beiname eines hohenfelsischen Zweigs sei. Indessen wird 
dieser Zweig, welcher erst seit 1350—1430 nachweisbar im 
Breidenbacher Grunde existierte, nicht Rumph sondern Rump ge- 
schrieben, jedoch unterschieden von den westphälischen Rump von 
der Wenne im Amt Balve, welche mit einem silbernen Sparren 
in rotem Felde siegeln und aus welchen Hermann Rump (1499—1501) 
hessischer Amtmann zu Frankenberg war. Statt Slimph istSumph 
zu schreiben. Der erste Strich des u ist zu 1 verlängert. Die 
Sumph, von Sumphe, de palude, waren ein hohenfelsischer Stamm, 
der zu Caldern, Warzenbach, Asphe in nächster Nähe der hohen- 
felsischen Burgen angesessen war und noch bis in die erste Hälfte 
des 14. Jahrhunderts in hohenfelsischen Uikk. (1301, 1308. 1324) 
vorkommt. — In den folgenden Jahrhunderten sind die von Hohen- 
fels wieder in 3 Stämme geteilt: 1. einen hinterländischen zu 
Eckeishausen - Biedenkopf, 2. einen vorderländischen zu Amönau 
und Niederasphe, 3. den hosekinischcn zn Viermünden und Dexbach. 

**) Nassauischer Lehnbr. vom 7. April 1507 (dat. Mittwochen 
p. Pascha), Marb. Staats-Arch. 



!i 

"': 

I 

II 



28 



in Versatz erhalten, todt und diese Ludwig und H art- 
mann von Hohenfels nicht Grafts von Hohenfels Erben 
seien." Den Gegenbeweis haben beide Stämme von 
Hohenfels und die von Dersch nicht zu erbringen ver- 
mocht*). 

Bezüglich der Zugehörigkeit des Gerichts Vier- 
münden zur kesebergischen Vogtei ist bemerkenswert: 
1538 wird von fürstlichen Abgeordneten mit Rath und 
Gemeinde zu Frankenberg festgestellt, dass die Junker 
von Viermund und von Dersch das Recht eines jähr- 
lichen Fischzugs auf der Edder haben von der Goss- 
brücke bei Frankenberg bis hinab ins Dorf Viermünden. 
Dabei findet sich die Randbemerkung: dieser Fischzug 
„heisse Gerichtszug"; er war also «ein Pertinenzstück 
der Gerichtsbarkeit**). Es hat aber auch das Kloster 
Haina schon im 13. Jahrhundert das Recht eines solchen 
Fischzugs auf der Edder von derselben Brücke an hinab 
bei Viermünden und weiter am Keseberg bis zum Ein- 
fluss des Itterbachs in die Edder zu Herzhausen. Das 
Kloster kann dieses Recht nur aus der Hand erhalten 
haben, welche in älterer Zeit diesen ganzen Land- und 
Wasserstrich besass, d. h. von den Vögten von Kese- 
berg, welche, wie oben bemerkt, auch die Mühle und 
Zehnten zu Butzebach und andere Güter zu Viermünden, 
zu Elbirghausen, Oberschreufa und Lindenhain, alles in 
demselben Gerichte gelegen, sowie den halben Zehnten 
j zu Sachsenberg besassen. Widekind IIL hatte, als er 

J (1260 — 1263) dem Kloster Georgenberg die erstgenannten 

! 

*) Casseler Cauzlei Verhandlung von 1530—1532 im Staats- 
Arch. zu Marburg. Promemoria Hermanns von Viermunden vom 
11. Juli 1543 im Nordenbeck. Traussumpt.-B. Nr. 326 u. 327. 

; **) Frankonberger Stadtarchiv. Auch noch bis in die Gegen- 

; ,. wart bildet die Fischerei im Gericht Viermünden ein Zubehör des 

I jk dasigen landgräfl. Hofguts, unterhalb desselben ist dieselbe fis- 

I 1 kaiisch. 



Güter (die, Mühle und Zehnten zu Butzebaeh und ein 
Gut zu Viermünden) zuwandte, zwei mündige Söhne Ger- 
lach und Heinrich und 1278 werden dann Heinrich 
und Siegfried ah ceniuriones von Viermünden genannt*). 
Es ist daher anzunehmen, dass der Adoptivvater Wide- 
kind V., welcher um 1324 starb, ein Enkel Widekinds 
ni. gewesen, die Teilung der Vogtei vor 1260 statt- 
gefunden und durch Widekind V. das von ihm besessene 
Gericht Viermünden dem hosekin'schen Stamm von 
Hohenfels durch die Adoption zugewandt worden sei**). 
So reiht sich der Adoptivvater Widekind in die Stamm- 
und Zeitreihe ein. 

Innerhalb der kesebergischen Vogtei hat es daher 
mehrere Gerichte und Malstätten gegeben: Geis mar, 
Frankenberg, wo auch, wie schon der Chronist Geilsten- 
berger bemerkt, die zur Grafschaft Waldeck, aber noch 
zum Dekanate Geismar gehörige Stadt Sachsenberg ihr 
Landgericht hatte ***), Viermünden, Löhlbach und 
Hof E 1 ch e r s h a u s e n. Das Vorhandensein eines Gerichts 
zu Viermünden wird schon 1016 durch Burghard, Bischof 



*) cf. S. 21 Note tt ^^- ^- 23 Note *. 
**) Ein von dem wittgensteinischen Rath W. George zu 
Laasphe dem kaiserlichen Feld marscli all und Gouverneur von 
Siebenbürgen und Wallachei Grafen D a m i a n H u g o v o n V i r jn o n t 
nach dessen Rückkehr von der Grossbotschaft zu Constantinopel am 
18. Februar 1721 zur "Wiedererlangung der viermundischen Lehen 
in Hessen erstattetes Eechtsgutachten im Archive zu Wittgenstein 
nimmt in seiner historischen Deduction ebenwohl an, dass das 
Gericht Viermünden erst im Anfange des 14. Jahrhunderts in die 
Hände der von Hohenfels gelangt sei. Selbstverständlich konnten 
die von Hohenfels, in welchen ein anderes Geschlecht und zwar 
nur über einen Teil der alten Vogtei zur Herrschaft kam und, 
nachdem um 1330 selbst im übrigen Teile das Vogteirecht d. h. 
die Gerichtsbarkeit an die Landesfüi-sten gelangt war, nicht mehr 
den Namen ,. Vögte" führen. Der Geiichtsbarkeit adhärirte und 
folgte die Fischerei, wie S. 28 N. ** bemerkt ist. 
**♦) Anal. hass. 5, 157. 



30 

von Worms bezeugt, welcher dem Kloster St. Marien 
zu Worms alles, was er zu Fiormanni. Dreisbahc, 
Schreufin, Huomersliuson und Orcana in Hessen besass, 
gibt mit der Bestimmung, dass die geschenkten Leib- 
eigenen jähriich zwei Gerichte (placita legitima) zu 
Fiormanni besuchen sollen*). Wenn sonst die alten 
Centen mit der kirchlichen Dekanatseinteilung zu- 
sammengefallen sind, wie auch im 16. Jahrhundert die 
Classeneintheilung sich an die damals bestehenden hes- 
sischen Aemter angeschlossen hat**), so ergeben sich 
für die zwei Dekanate der kesebergischen Vogtei Geis- 
mar und Frankenau 5 Gerichte, was eine Aehnlichkeit 
mit dem benachbarten Westphalen, wo das Land mit 
Freistühlen bedeckt war, darbietet***). 

Volpert von Hohenfels, welcher in seiner ansehn- 
Uchen Stellung vielfach in den Urkunden der Land- 



*) Batir, Hess. ürkk. 1, 1275. 

*♦) TVenel: Hess. L. G. 2, 359 ff. 

***) In der kleinen benachbarten Grafschaft Zusehen mit den 
Orten W'interberg, Heslwrn, Liesen nnd den Wüstungen Ober- 
liesen. Schmiddiughausen, Harfeide, Wernsdorf und Fredelinghausen 
gab es deren nicht weniger als 3, zu Medeliach 1, in der Graf- 
schaft Münden 3, davon 2 an den Ausgängen des Dorfs Neukirchen, 
femer 1 unter der Linde zu Schloss Lichtenfels, 1 zu Fürstenberg, 
in der Herrschaft Itter 3, nämlich 1 zu VöliL 1 an der Brücke zu 
Itter, 1 auf der Höhe Os.senbühI diesseits der Edder bei Kirchlot- 
heim, letzter ein I^hen der Grafen von Battenberg. Da die Frei- 
stuhlgerichte zur Erhaltung der Kirche unter dem sächsischen 
Stamm und zur Verfolgung von solchen Verbrechen vornehmlich 
dienen sollten, welche den Bestand der Kirche gefjihrdetcn : Apo- 
stasie. Gotteslästening, Kii-chenraub. Inccst etc., so ist auch die 
grossere Zahl von Gerichtsstätten in der schon teilweise von 
sachsischer Bevölkerung bewohnten Eddergc*gond, sowie auch das 
Vorkommen von Freistühlen erklärlich, von welchen die zu Lich- 
tenfels und Fürstenl»erg von den I«indgrafen, bezw. den Grafen 
von W'aldeck dependierend galten, während alle übrigen Freistühle 
dem Kurfürsten von Cöln untei*stellt waren. 



grafen, sowie der Grafen von Waldeck, der Edelherm 
von Grafschaft und des deutschen Ordens erschemt, 
starb 1335. Nach ihm kommt Gumb rächt von Kese- 
berg und nach diesem (f um 1359) sein Bruder Wide- 
kind zur Herrschaft, während ihr Bruder Wetze] in 
den geistlichen Stand trat und (1340) die fast immer 
in Händen des Adels befindliche Pfarrei zu Geismar 
erhielt*). Diese drei Brüder wiederholen (1335) den 
Verzicht auf die Rechte zu Löhlbach**). Sie bemühen 
sich, den wüsten Hof Elchershusen bei Frankenau (1340) 
durch die Cisterzienser zu Haina wieder urbar zu machen 
und machen dem Kloster Haina deshalbige Anerbie- 
tungen, namentlich, dass sie das Gericht nicht von dort 
wegnehmen wollen***). Gleichwohl geht es mit dem Wohl- 
stande der Vögte rasch abwärts. Wie Amabilia, Volperts 
von Hohenfels Wittwe, die Hälfte des Gerichts Vier- 
münden (1341), sowie den Zehnten zu Ibenhausen (f)1345 
verpfändete, so Gumbracht von Keseberg um dieselbe Zeit 
zuerst ein Viertel, dann die Hälfte der Gerichtsbarkeit 
zu Geismar an den Landgrafen Heinrich H. und seinen 
Sohn Otto. Nach Gumbrachts Tod verpfänden seine 
Wittwe, seine 5 Söhne und sein Bruder Widekind VI., 
welcher unvermählt gewesen zu sein scheint, 1369 die 
andere Hälfte des Gerichts Geismar „um leiblicher Noth 
willen" unter Vorbehalt ihres Hofes, des Kirchsatzes 
zu Geismar und ihrer Eigenbehörigen in demselben 
Gericht an Erzbischof Gerlach von Mainz für 1080 fl. 
und 8 Tornussef). 

Indessen auch in den Händen der Landgrafen und 
des Erzbischofs hielt sich der erstrebte und erworbene 



*) 1321 ist Volport von Borkon, 1355 Johann von Inimig- 
hausen Pfarrer. 

*♦) Urkunde vom 24. August l3Zb. Kl. Hain. Cop.-B. 15. 
***) Urk. vom 4. April 1340. Marbg. St.-A. Kl. Hain. Urkk. 
t) ürk. vom 24. April 13()0 (am Tage p. St. Georgii mart.) 
Würdtwein^ nova subsidia VU, 320. 



32 

kesebergisehe Besitz nicht lange. Schon 1348 ver- 
pfändet Landgraf Heinrich IL das von Gumbracht von 
Keseberg erworbene Vierteil des Gerichts Geismar 
nebst seinem eben erbauten Schloss Hessenstein dem 
Kloster Haina unter Vorbehalt des Oeffnungsrechtes für 
sich für 1882 Pfund Heller und mit der Pflicht für das 
Kloster, eine Kemnade darauf zu bauen *), und weil der 
Erzbischof das Kaufgeld für seine 1360 erkaufte Hälfte 
nicht aufbringen kann, verpfändet er dieselbe schon 
1362 wieder für 1094 fl. seinem Amtmann Hermann 
von Falkenberg zu Rosenthal**). Ueber den main- 
zischen Kauf entstanden abermals Streitigkeiten, über 
deren Beilegung 1365 ein Schiedsgericht, bestehend aus 
dem Probst Niklas zu St. Victor zu Mainz und dem 
Pfarrer Stephan zu Alsfeld, vergeblich verhandelte. 
Ersterer sprach für den Erzbischof und beschwert sich, 
dass der Landgraf die Neustadt Frankenberg auf main- 
zisch-batteribergischem Grund und Eigen erbaut, während 
Pfarrer Stephan dem Landgrafen als Ganerben der 
Vögte von Keseberg das Vorkaufsrecht der von Mainz 
erworbenen Hälfte der Jurisdiction zusprach. Auf Klage 
des Erzbischofs wird die Sache sogar bis an den Kaiser 
Carl IV. gebracht, der den Landgrafen vorladen Hess, 
hernach (1360) die Sache durch Abgesandte entscheiden 
lassen wollte***). Nachdem sich beide Teile (1368) 
g(^gen die Grafen von Waldeck verbunden, verpfänden 
Landgraf Heinrich H. und Hermann (1372) das Schloss 
und Stadt Frankenberg und ihr Theil des Gerichts 
Geismar an Hermann von Treffurt für Lebenszeit 
und 1382 Landgraf Hermann seinen Teil dieses Gerichts, 
sowie die Amfmannstelle zu Frankenberg dem Johann 



*) We7iefc, U.-B. 2, 368 und Ui-k. vom 26. Mai 1355 (fer. 
HI. p. Urbani) Marbg. St.-Arch. Geismar. 
**) ürk. vom 18. Mai 1362. 
') Wenck, Ü.-B. 2, 425 u. 426. 435. 



*+*^ 



33 

von Helfenberg und Johann von Treistjach für 
300 Schillinge*). Mainz behielt seine Hälfte bis zur 
definitiven Beilegung der Streitigkeiten mit Hessen. 

Die Vögte von Keseberg waren mit dem Verkauf 
der Jurisdiktion in den Stand des niederen Landadels 
herabgesunken und kommen von 1360 bis zu ihrem 
Erlöschen im Jahre 1409 kaum noch urkundlich vor. 
Ihre Güter im Stift Paderborn waren an westfälische 
Kirchen und Klöster (Vesperthe und Gokirchen) über- 
gegangen, andere in Hessen ans Kloster Haina, die 
Lehen gingen auf ihre Ganerben, die von Hohenfels 
zu Viermünden, über. Auf die Kirchlehen in Nieder- 
hessen (Simmershausen und Ostheim), . welche ebenwohl 
nassauische Lehen waren, verzichtet Johann von Hohen- 
fels gegen Landgraf Hermann und lässt ihm dieselben 
(1412) als angeblich hessische Lehen der Vögte auf, 
gleichwie ei' auch das angeblich allodiale Gericht Vier- 
münden 1393 dem Landgrafen aufgetragen und als 
Mannlehen zurückempfangen hatte, während mit der 
anderen Hälfte dieses Gerichts, „Grafts von Hohenfels 
Teil", auf Grafts von Hohenfels Bitte Brosecke von 
Viermynne, Conrads Sohn, 1385 vom Grafen Johann 
von Nassau belehnt worden war**). 



E. e g e s t e n 

über die Vögte von Keseberg. 

1. 850. Schenkung des Grafen Gozmar an die Kirche 
St. Bonifacii zu Fulda. Ego in cki nomine Gox- 



*) Wenck, U.-B. 2, 444. Landau, R-B. 3, 17. 
**) Wench^ U.-B. 2, 474. 464. Auflassungsschreiben Grafts 
von Hohenfels vom 15. Mai 1385 (fer. IT. p. ascens. dorn.) und 
Lehnbrief für Brosecke von Vieimyn vom 28. Mai 1385 (dorn, p, 
Pentecostes). Wiesbadener St,-A. DiJlenburger Lehnbuch. 

N. F. XV. Bd. 3 



34 

mar trado et dono S, Bcmifado quidquid praprie- 
taiis habeo in provinda^ quam Hessi inhabitant in 
locis et villis, quae vocantur Äffaltray Oilihha, 
Buochela, Fierrnenni et Serotiffiy Mehilina. Sckannat, 
Trad. Fuld. 191. 

2. 1016, Juni 29. Burkard I., Bischof von Worms, 
schenkt ein Gut, gelegen im Lande Hessen zu 
Gerbrachteshuson, und alles was er hat zu Fior- 
mannin, Ratvereshuson, Dreisbahc, Skroufin, Adel- 
hereshuson, Wincthereshuson, Huomereshuson und 
Orcana und alle eigenen Leute dem Kloster S. 
Marien zu Worms. Die geschenkten Leibeigenen 
sollen zu den jährlichen zwei Gerichten in Firaian- 
nin kommen {bis in anno ad duo legitima pladta 
in Firrnayinin veniant). Anno dom. incarn. mille- 
simo XVL m. Kai. Juhi. Baur, Urkk. I, Nr. 1275. 

3. 1144. Heinrich de Caseberg und sein Bruder W^alter 
sind Zeugen: Erzbischof Heinrich I. von Mainz 
beurkundet zu Fritzlar die durch Graf Boppo von 
Richenbach geschehene Stiftung des Klosters Aulis- 
burg. Ausserdem sind Zeugen : Boppo de Hollenlia 
und sein Bruder Graf Gottfried von Wegebach und 
Sigebodo von Scowenburch. Anal. hass. IV,340 — 344. 

4 a. 1145. Die von Keseberg und Schartenberg u. a. 
sind Bundesgenossen und im Solde der vom Abte 
Henrich von Corvey belagerten Feste Eresburg. 
Schoten^ Ann. Paderb. I, 762. 

4b. 1191. Henrich von Cheseberg vergleicht sich mit 
Leinfrid Hesso über dessen Ansprüche an Geysmar 
nebst Zubehör und tritt sein Erbantheil dem ersteren 
ab, worin 1192 vom Erzb. Conrad gewilHgt wird. 
Mainzer Archiv. 

5. 1196. Henricus de Cheseberg und Graf Arnold 
von Schauenburg, als Patrone der Kirche zu Geis- 
mar, erteilen Einwilligung, als der Pastor Dithmar 



35 

daselbst einen Zehnten zu Suinephe superior dem 
Kl. Aulisburg verkauft und Erzb. Conrad I. von 
Mainz diesen Verkauf bestätigt. Unter den Zeugen 
befindet sich Landgraf Hermann von Thüringen, 
Godebertus de Diedenshusen u.a. Wenck, U.-B. 2,128. 

6. 1214, Mai 11. Graf Henrich von Ziegenhain beur- 
kundet aufs neue die von seinen Vorfahren ge- 
schehene Stiftung des Klosters Aulisburg und dass 
er mit einigen Adligen des Landes, Gottfried von 
Hatzfeld, Reinold von Kesenberg und Henrich von 
Aldershausen in eigener Person sub habitu peni- 
tentiali zu dem in Cisterzium versammelten Capitel 
gereist und das Gut Aulisburg dem Orden über- 
geben habe unter Verzicht auf alles Eigentums- 
und Vogteirecht {omni plomrie jun proprietatis ei 
advocaiie abrenundantes). Anal. hass. XL 122. 

7. 1215, Juni 3. u. 10. Erzb. Siegfried IL von Mainz 
beurkundet in einer bei Fritzlar (3. Juni) ausge- 
stellten und bei Würzburg (10. Juni) vollendeten 
Urkunde die durch den Grafen Henrich von Ziegen- 
hain geschehene Stiftung des Kl. Aulisburg, welches 
zur Zeit des Erzb. Heinrich vom Graf Boppo von 
Reichenbach und ux. Hertha dem Cisterzienser Orden 
übergeben und jetzt deren Enkel, Graf Henrich von 
Ziegenhain, der cum quibusdam nobilioribus sue 
provincie militibus Godfried von Hatzfeld, Reinold 
von Keseberch und Henrich von Aldershusen 
sub habitu penitentis nach Cisterzium gereist und 
dem versammelten Generalkapitel den Ort ab omni 
liberum exactione übergeben und später bei dem 
Schlosse Wildenberg vor dem Abte Wilhelm und 
zweien Mönchen Wigand, dem Prior, und Dietrich, 
sowie vor seinen Ministerialen nebst seiner Frau 
und Kindern auf alles Eigentums- und Vogteirecht 

verzichtet habe. Die dazu gestifteten Güter sind: 

3* 



36 

der Berg Hadenberg, der Wald Breidenbach, die 
villa Lovelbach mit ihren Zubehömngen Vohelin, 
Holzhaosen, Holzheim, der Wald Bemscheit, sodann 
Hadelogehnsen mit Hagen und dessen Zehnten, 
Oberhegene mit dem Zehnten, Vierminne, Ober- 
suinphe mit dem Zehnten, Geismar, die Allodien 
zn Obersuinphe, Cuningshusen mit dem Zehnten, 
ünterhegene und Einvirst (Quemst), ein Gut in 
Monhusen, eins zu Riederin, Ronde, Rambsbach, 
Rengershausen, Flandrin mit dem Zehnten, Sengel- 
scheit mit dem Zehnten, Huwele (Haubern) mit 
dem Zehnten und den Hain-, Langel-, Wag-, Linden- 
und Guntershäuser Mühlen. Anal. hass. IV, 347 — 355. 
XI, 124—130. Gilden, Cod. dipl. I, 432. 

8. 1215. Reinold, weil. Vogt von Keseberg, übergibt 
dem Kl. Haina bei seinem Eintritt in dasselbe einen 
Hof zu Adikeshusen (Eikshausen). Hess. Zeitschr. 3,48. 

9. 1220. Graf Hermann von Battenberg bestätigt den 
Verkauf einiger Güter zu Ellershausen an das Kl. 
Haina, welche der Ritter Hermann Cuele von Kaese- 
berg vom Grafen zu Lehen gehabt, (quaedam pars 
comicie, nämlich dominium stiper quosdam liberos) 
nun aber durch dessen Tod heimgefallen waren. 
(Da unter diesen Leuten zwei ihr Patrimonium zu 
E. hätten, so habe das Kloster dem einen Rudolf 
seinen Anteil mit 3^2 Mk. abgekauft, der andere 
Hartrad sei ins Kloster getreten, dem Grafen aber 
für seine Zustimmung 3 Pfd. Silbers bezahlt.) Kopp^ 
Nachr. von den geistl. etc. Gerichten I, Beil. 69. 

9a. 1231. Der Abt Wigand von Haina beurkundet, dass 
vor ihm der edle Widekind, Vogt von Keseberg auf 
das Obereigentum an einigen Erbgütern zu Gisdorf, 
w^elche sein Lehnsmann Ulrich von Westheim dem 
Kl. Bredelar für 100 Mk verkauft, zu Gunsten des 
Klosters verzichtet habe. Zeugen: die Ritter An- 



37 

dreas von Durslo, Alrad mit dem Fusse, Anton von 
Goddelsheim, Ulrich von Westheim. WilmmiSy westf. 
Ü.-B. 4, 210. 

10. 1233, Nov. 25. Landgraf Conrad von Thüringen 
vergleicht sich mit den Grafen Gottfried und Ber- 
told von Ziegenhain; letztere treten die Schlösser 
Reichenbach und Keseberg an ersteren gegen 
dessen Verzicht auf Staufenberg und Treisa ab. 
Wemk, U.-B. 2, 151. 

11. 1234, April 9. Graf Werner von Wittgenstein tritt 
dem Erzb. Siegfried von Mainz die Hälfte der Stadt 
und Schlösser Battenberg und Kellerberg und der 
zugehörigen Grafschaft ab und verspricht seines 
Bruders Hermann Wittwe und Töchter zu gleichem 
Verzicht zu bewegen. Bürgen : S. von Bietenveit 
und G. fratres de Dietenshusen. We)wk, Ü.-B. 2, 151. 

IIa. 1234. Widekind, Vogt, Otto und Conrad, 
Brüder von Keseberch, treten dem Pfarrer zu Ves- 
perthe (f bei Marsberg) das Obereigentum eines 
von ihnen lehnrührigen Gutes ab, welches dieser 
vom Lehnsträger gekauft. Siegler: die Verkäufer, 
Abt Wigand von Haina, Dekan G. von Kesterburg ; 
Zeugen : Hermann, Prior zu Haina, Hermann, Propst 
zu Berich, die Pfarrer Ekbert zu Geismar, Job. 
von Eieren, Herdegeverus (!), Vogt zu Röddenau, 
Ritter Gerhard von Orke. WümattSj U.-B. 4, 233. 

IIb. 1237. Abt Hermann von Hasungen beurkundet, 
dass Vogt Widekind und sein Bruder Otto, Edle 
von Keseberg, nebst ihren Miterben Dietrich Wolf 
von Gudenberg und dessen Söhnen Dietrich, Her- 
mann und Conrad, sowie seinem Schwiegersohn 
Albert von Schartenberg auf ein Gut zu Vespertlie 
vor ihm, dem Pfarrer Ekbert zu Geismar u. a. zu 
Gunsten des Kl. Gokirchen verzichtet habe. Zeugen : 
Conrad und Gumpert, Brüder von Honfels, Joh. 



38 

von Helfenberg, Sybodo von Lilienberg. D. Scharten- 
berg, 1237. Wihmm, U.-B. 4, 262. 

12. 1238, Juli 20. Das Erzstift Mainz (Siegfried) ver- 
pflichtet sich dem Grafen Siegfried von Battenberg 
nnd seinen Brüdern Widekind II. und Werner II. 
das Kaufgeld für die Hälfte der Stadt und Schlösser 
Battenberg und Kellerberg und der zugehörigen 
Grafschaft Stift in drei Raten in 16 wöchentlichen 
Zwischenräumen mit je 200 Mk. zu zahlen und 
stellt Bürgen. Zu dieser Grafschaft gehören die 
Centen Hartenfeld, Ruttene, Hentreffe, Treysa. Iste 
cenie qicatuor sunt omnino libere, ferner die Centen: 
Geismar und Fromelskirch, in welchen erbliche 
Centgrafen und das Recht des Grafen ganz frei sei; 
endlich die Centen: Lixfeld, Dudusse, Wetter und 
Lasphe: in Ulis ultimis Lantgravitis tollit otnnem 
jnstiiiam riolenter. Gleichzeitig werden die freien 
Leute zu Wanegelhusen zur Hälfte dem Erzbischof 
zu Teil. Gilden. Cod. dipl. I, 547 ff. Kopp, Nachr. 
von den geistl. etc. Ger. I, S. 243. 

13. 1238, Juli 21. Graf Sifrid von Widegenstein und 
seine obigen Brüder beurkunden, dass sie die Hälfte 
ihrer Schlösser Battenberg und Keseberg und der 
dazwischen liegenden Stadt und der Grafschaft 
Stift, welche vom Schloss Battenberg abwärts liegt 
{deorsiim jacenUs\ mit ihren Zubehörungen dem 
Erzb. Siegfried III. und Stift Mainz für 600 Mk. 
verkauft, deren Zahlungstermin, sowie die Grenzen 
der Grafschaft in anderen Urkk. bestimmt sind. 
Die Grafen wollen freie Vasallen des Erzstifts sein 
und demselben gegen jedermann, das Reich aus- 
genommen, dienen. Gnden. Cod. d. II, 54. 

14. 1240. Erzb. Siegfried III. von Mainz beurkundet zu 
Geismar, dass die Edlen von Reichenbach die Dörfer 
Aulisburg und Löhlbach von Anfang an von jeder 



39 

Gerichtsbarkeit der umliegenden Grafschaft freige- 
halten, ausser dem Falle eines Todschlags, welchen 
der ordentliche Richter behandeln sollte {iudex Or- 
dinarius illam traciare deberet\ dass aber nach- 
gehends Widekind und Otto, Gebrüder, von Kese- 
berg, genannt Vögte, welche diese Orte vor ihr 
Gericht hätten ziehen wollen, pro eo qiiod adjacentis 
vicinie cenhiriones essent ordifiariiy nach deshalbiger 
Widerlegung ihrer Ansprüche sich der beanspruchten 
Civilgerichtsbarkeit für sich und ihre ganze Nach- 
kommenschaft {tota eonim successio) begeben hätten. 
Für den Fall des Todschlags soll dem Richter 
jährlich 1 Malter Hafer und dem Gerichtsschreier 
die Hälfte gegeben werden. Zeugen: Conrad und 
Hermann, Gebrüder, von Itter, Henrich von Otters- 
hausen, Werner von Bischofshausen, Eckhard Zwei- 
fleisch, Anton von Goddelsheim, Anton von Erben- 
hausen, Ritter. Kopp^ a. a. 0. Beil. 70. 

15. 1240. Widekind und Otto, Brüder, Vögte von Kese- 
berg verzichten auf den von den Grafen von Ziegen- 
hain lehnrührigen und den Brüdern Ludwig, Hel- 
wig, Conrad und Wigand von Siegern verafter- 
lehnten Zehnten zu Löhlbach und Suinphe zu 
Gunsten des Kl. Haina zu Fritzlar bei der Wasser- 
brücke, nachdem Conrad und Wigand ins Kloster 
getreten und ihre Hälfte dieses Zehntens nebst 
allem Eigentum der Ku'che übertragen, und die 
beiden anderen Brüder für ihre Hälfte eine Geld- 
summe und tauschweise ein Gut in Eckensdorf er- 
halten und darauf vor den Vögten verzichtet und 
letztere 3 Mk. vom Kloster erhalten und die Brüder 
ihnen dieses Gut aufgetragen. Hess. Zeitschr. 3, 
59. Undatiert. 

16. 1240 — 1245. Otto, Vogt von Keseberg und seines 
Bruders Widekind Söhne widersprechen, als Gerlach 



40 

von Arfeld seine Güter zu Howilre (Haubern) dem 
Kl. Haina verkauft, weil Gerlachs Vater Dietmar 
diese Güter dem Herrn Henrich, dem alten Vogte 
von Keseberg, Ottos Vater, zum Eigentum wegen 
eines Schadens gegeben und sie zum Lehen wieder 
empfangen hatte. Doch verhandelte Gerlach mit 
Otto und dessen Neffen, bis sie endlich auf ihr 
Recht verzichteten. Hess. Zeitschr. 3, 80. Undatiert. 

17. 1245. Reinhard von Itter und Werner von Bischofs- 
hausen beurkunden, dass sie als Schiedsrichter 
gegen die Ansprüche des Vogts Henrich von Kese- 
berg auf die Civilgerichtsbarkeit zu Aulisburg und 
Löhlbach auf einem Tage zu Geismar entschieden 
haben, dass diese Dörfer von der Gerichtsbarkeit 
der umliegenden Comitie eximiert sein sollen, ausser 
im Falle des Todschlags, wofür dem Gerichtsherrn 
jährlich 1 Malter Hafer, dem Gerichtsdiener die 
Hälfte gegeben werden soll, wie es gegen seinen 
sei. Vater, Herrn Widekind und dessen Bruder Otto 
festgesetzt worden. Abt und Convent zahlten nach 
dem Rate der Schiedsrichter den Klägern Heinrich, 
Widekind, Gerlach und Widekind für die künftige 
Freilassung überhaupt 1 Mk., dass sie der Kirche 
die Freiheit in diesen Orten bewahrten. Kopp^ hist. 
Nachr. von den Herrn von Itter, Beil. 21. cf. Urkk. 
von 1260. 1265. 1278. 1280. 1326. 1335. 

18a. 1247. April 2. Sophie, Tochter des Grafen Fried- 
rich von Wildungen und Wittwe ,'des Burggrafen 
Burkard von Magdeburg, tritt die ihr durch Erb- 
recht zugefallenen Rechte auf die Schlösser Wil- 
dungen und Keseberg und alle anderen Burgen und 
Städte nebst Zubehör in Hessen und Umgegend, 
welche ihr verstorbener Gemal g^^^n ihre Zu- 
stimmung {de facto^ cum de jure non posset) dem 
Landgraf Ludwig von Thüringen verkauft und dessen 



41 

Brüder nach ihm trotz Sophiens Widerspruch in 
Besitz genommen und zurückzugeben verweigert 
hätten, weil sie sich zur Durchführung ihrer Rechte 
ausser Stande sieht, dem Erzstift Mainz ab. Gitdeii. 
Cod. d. I, 600. 
18b. 1247, Nov. 21. Graf Widekind von Battenberg 
und Reinhard, Herr zu Itter, vergleichen die Vögte 
Heinrich, Widekind und Gerlach von Cheseberg mit 
Heinrich Hessen von DifFenbach und dessen Söhnen 
wegen der Ansprüche an Gütern, welche Leinfried 
Diffenbach zu Brachta, Eilikenhusen und Mengeris- 
husen besessen. Dat. Geismarie in vig. S. Cecilie 
1247. Gnipen, Beitr. 49. 

19. 1249, Okt. 11. Alheydis, gen. Vögtin von Kese- 
berg {dicia advocatissa de Keseberg) verkauft cum 
plenario consens^i puerorum suorum Hobüimn, näm- 
lich Heinrichs, Widekinds, Gerlachs, Widekinds ein 
Gut (mansus) in Geismar, am Ende des Dorfs gegen 
Westen gelegen, dem Kl. Georgenberg bei Franken- 
berg für 7 Mk. und lässt auf Verlangen des Pastors 
S. zu Geismar ihre Söhne diesen Verkauf und 
üebertragung bei dem Edderflusse zwischen der 
Stadt Frankenberg und der Brücke genehmigen. 
Acta sunt a. d. m** cc° xlix** die Justi et Archemii 
martyrum. Zeugen: Godfrid, Graf von Richenbach, 
Rudolf von Helfenberg, Johannes von Hergorshusen, 
Reinbodo, advocatus (von Bottendorf), Volpert von 
Beringersdorf, Gerlach von Arevelde, Gerlach Ba- 
schard, Henrich Kirchwedel, Henrich Sledere, Sifrid 
Rephane. Siegel: Stadt Frankenberg. Mbg. St.-A. 
Kl. Hain. Ürkk. Kopp, geistl. Ger. Beil. 71. 

20. 1254, Juni 1. Widekind, Vogt von Keseberg, ver- 
zichtet als Patron der Kirche zu Geismar auf seine 
Rechte an die davon abhängige Kapelle zu Franken- 
berg zu Gunsten des Kl. Georgenberg (in honorem 



42 

S. Georgii martyris). Ziöugen: Rudolf von Helfen- 
berg, G. de Bidenveld, Ritter, Henrich Soys, H. 
Friling, SchefFen. Dat. a. d. m^ cc° liiii^ Kai. Junii. 
Das Siegel Widekinds dreieckig mit der Um- 
schrift: S. WIDEKINDI ADVOCATI DE KESEBERC 
hat zwei linksschreitende Löwen übereinander mit 
aufgerichteten Schweifen. Mbg. St.-A. Kl. Georgen- 
berg. Kopp, geistl. etc. Ger. Beil. 72. 

21. 1260, Januar 7. Widekind von K. verzichtet in 
einem durch die Landgräfin Sophie aufgerichteten 
Vergleich gegen das Kl. Haina auf den Zehnten zu 
Eschebruch und Hittelendorf und auf seine An- 
sprüche gegen Reinbold van Dodenhausen, verspricht 
für den dem Dorfe Löhlbach zugefügten Brand- 
schaden Zeit Lebens das Beste des Kl. Haina zu 
fördern und erlässt für 5 Jahre den geschädigten 
Leuten zu Löhlbach die Hafer, welche er jährlich, 
1 Fritzlarer Malter, zu erheben hat. Marbg. St.-A. 
Kl. Hain. Urkk. Im Hain. Cop.-Buch falsch datiert. 
Kopp, a. a. 0. S. 304 ff. 

22. 1261. Widekind, Vogt von Ceseberc, verzichtet 
gegen das Kl. Georgenberg auf seine Rechte an 
der Mühle zu Bucebach gelegen und überträgt die- 
selbe gänzlich dem Kloster. Zeugen: Rudolf von 
Helfenberc, S. von Bidenveld, Ritter, H. Friling, 
H. gen. Sledere, H. Soys, Scheffen. Datum apud 
Frankenberc a. dom. m° cc" Ixi** Das Siegel ist 
das der ürk. von 1254. Mbg. St.-A. Kl. Georgenberg. 

23. 1263. Widekind, Vogt von Geseberg, verkauft mit Zu- 
stimmung seiner Söhne Gerlach und Heinrich, Güter 
zu Vierminnen dem Kl. Georgenberg für 14 Talente 
Pfennige. Zeugen: R. (Rudolf) von Helfenberg, 
Sifrid von Bidenveld, Volpert von Bern . . . (ingers- 
dorf). Gleichzeitig übergibt Sifrid von Lotheim 
(d. i. S. von Bidenfeld) seinen Zehnten zu Albers- 



43 

hausen. Zeugen: Wigand und Sifrid, Brüder, Ba- 
schard, Ditmar Hucke *), Ritter, und der Pleban zu 
Bozebach. Die Urkunde ist ohne Jahrzahl, das 
Siegel abgefallen. Mbg. St.-A. Kl. Georgenberg. 

24. 1263, Sept. 11. Vertrag von Langsdorf zwischen 
Landgr. Heinrich I. und Erzb. Werner von Mainz. 
Letzterer tritt die Städte und Schlösser Grünberg 
und Frankenberg mit ihren Zubehörungen an Landgr. 
Heinrich als mainzische Lehen mit Vorbehalt des 
Heimfalls ans Erzstift bei kinderlosem Sterbfall ab. 
Guden, Cod. d. I, 702—708. 

25. 1264, März 13. Gerlach, Vogt von Keseberg, ist 
neben Gerlach von Bidenfeld Zeuge: Arnold Huhn 
verkauft seinen Zehntanteil zu Schmittlotheim an 
das Kl. Haina. Act. Franckenberg in domo Ludo- 
vici de Versa, a. d. m° cc° lxiiii° crast. Greg, pap, 
Baur, hess. ürkk. 1, 88. Kl. Hain. Cop.-B. 447. 

26. 1265, Sept. 11. Gerlach, Vogt von Keseberg, ver- 
zichtet auf die Gerichtsbarkeit zu Löhlbach und 
Aulisburg, doch vorbehaltlich der peinlichen Gerichts- 
barkeit, zu Gunsten des Kl. Haina und bestätigt 
diese Urkunde am 8. Nov. 1265 auf einem Tage 
zu Schloss Hohenfels, nachdem diese Sache in der 
dasigen Capelle sorgfältig erwogen war ;Und sich 
ergeben hat, dass das Kloster seit seiner Gründung 
von der Gerichtsbarkeit der umliegenden Comitie 
befreit gewesen. Siegler sind: Gumpert von Hohen- 
fels, Volpert Hosekin, Henrich Hucke; Zeugen: 
Conrad, Pfarrer zu Biedenkopf, Eckhard Pfarrer zu 
Buchenau und seine Brüder Conrad und Eckhard 
von Hohenfels, Graft und Peter, Brüder von Buche- 
nau, Gerlach von Breidenbach, Conrad von Michel- 
bach, Canonikus zu Wetter und Fritzlar. Datum 

*) Die Hucke waren ein zu Adorf in Waldeck angesessenes 
Geschlecht. Hans Hucke, Vater und Sohn, 1394—1468. 



44 

in die Proti et Hyacinthi und dominica ante fest. 
Martini. Mbg. St.-A. Kl. Hain. Urkk. u. Cop.-B. 
8. Weiick, U.-B. 2, 200. 

27. 1275. Dez. 1. Gerlach, Vogt von Keseberg, ist 
nebst 11 anderen Rittern, darunter Gerlach und 
Volpert von Viermynne etc. Schiedsrichter in einem 
Streite des Kl. Haina mit den Brüdern Roding von 
Bottendorf über den Zehnten zu Bringhausen. Kl. 
Hain. Cop.-B. 412. 

28. 1277, Juni 29. Landgr. Heinrich I. übergibt dem 
Kl. Haina montein castri sid in Keseberg in supe- 
riore et inferiore parte, nee tion terminos antiqua' 
rimi civitatum ibidem adjacentiiim et qiddquid juris 
in illo monte Imbuerat, Dat. in Castro Grunetiberg 
in die Apostolontm Petri et Pauli. Wenck^ U.-B. 
2, 211. 

29. 1278, Sept. 27. Widekind, Vogt, genannt von Kese- 
berg und seine Frau Lucardis und ihre Kinder Si- 
frid, Agnes, Adelheid, Ida und Ermgardt verzichten 
gegen das Kl. Haina auf das Gericht zu Löhlbach 
und Aulisburg, auf die Zehnten zu Löhlbach, Königs- 
hausen, Geilingen und Eschebruch und die Mühle 
zu Lotheim und empfangen dagegen tauschweise 
eine Mühle im Wog, IV2 Mk. im Dorfe Orke, V2 
Mk. in Gütern in Allendorf, ^'2 Mk. in Westhofen 

. und Hustene, 5 Schill, in Iberhausen, ehemals von 
seiner Mutter geschenkte Güter in Walchen. Es 
siegeln: Widekind von Keseberg, Widekind, Graf 
von Battenberg, die Städte Battenberg und Franken- 
berg. Zeugen sind: Henricus et Sifridus, centu- 
riones de Virmynne, Gerlach von Diedenshusen, 
Henrich von Ders, Volpert von Berckhove, Ritter, 
Conrad von Gerhartinchusen, Henrich von Linden- 
bornen, Conr. von Eppe, Edelknechte und Burg- 
männer. Dat. Battenberg in die Cosmae et Da- 



45 

miani. Kl. Hain. Urkk. u. Cop.-B. 9. Wenck, 
U.-B. 2, 211. 

30. 1280, Sept. 13. Widekind, Vogt von Keseberg und 
seine obengenannten Kinder bestätigen und wieder- 
holen den vorigen Verzicht und Tausch in einer zu 
Hallenberg ausgestellten, von den Städten Hallen- 
berg und Frankenberg besiegelten und vom Probst 
Gebhard zu Frankenberg und Richter Herbord be- 
zeugten Urkunde in vigilia crucis exalt. Marbg. 
St.-A. Kl. Hain. Urkk. u. Cop.-B. 10. 

31. 1279, Febr. 15. Widekind, Vogt von Keseberg und 
seine Frau Lucardis und alle ihre Kinder verzichten 
gegen das Kl. Haina auf 4 Schillinge Einkünfte zu 
Hustene und erhalten dafür 8 Schillinge zu Brun- 
stadt. Datum Aschermittwoch. Marbg. St.-A. Kl. 
Hain. Urkk. u. Cop.-B. 334. 

32. 1293, Jan. 31. Hedwig, Wittwe des Vogt Gerlach 
von Keseberg, ihr Sohn Gerlach und Töchter Al- 
heyd und Sophie und Alheids Mann Conrad von 
Thucilenberg (Thodelenberg) verkaufen dem Kl. 
Haina alle ihre Güter zu Schmittlotheim mit Höfen 
nämlich Eschebruch und Eyselbach. Kl. Hain. Cop.- 
B. 453. Baur, Urkk. 1, 201. 

33. 1299. Dez. 26. Henrich und Emycho, Grafen von 
Nassau, Brüder, geben den Zehnten, gelegen zu 
Beltersdorf, welchen Gerlach, Vogt von K., von ihnen 
zu Lehen gehabt und ihnen resigniert hat, dem Kl. 
Georgenberg. Zeugen: Widekind und Wernher, 
Brüder, Grafen von W^ittgenstein, Henrich, Herr von 
Itter,Eckhard von Helfenberg, Heidenreich Schönholz, 
Ritter,^ Conrad und Gerhard, Brüder von Bicken, 
Knappen. Datum 1300 VH. Kai. Januarii. Marb. 
St.-A. Kl. Georgenberg. 

Von diesem Zehnten handeln noch folgende vier 
Urkunden : 



46 

S4. 1305, Nov. 24. Gerlach, Knappe, Vogt von Kese- 
berg, verzichtet auf sein Recht an die 5 Teile des 
Zehnten zu Beltersdorf gegen das Kl. Georgenberg. 
Zeugen: Herr Heinemann von Itter, Eckhard von 
Helfenberg, Ritter, Ospert, Eckehard Wigand von 
Munichusen, Henr. Dulcis (Süss). Gerlach von Kese- 
berg siegelt mit zwei rechts schreitenden Löwen, 
umgekehrt wie Urk. 1254. Dat. feria quarta ante 
fest, beate Katrine. 

35. 1305, Nov. 24. Aebtissin und Convent des Kl. 
Georgenberg bekennen, dass sie den Vogt Gerlach 
von Keseberg an den 3 Teilen des Zehnten zu 
Beltersdorf in keiner Weise hindern wollen. 

36. 1305, Nov. 26. Volpert, gen. von Engere, Wappener, 
und ux. Aba verkaufen dem Kl. Georgenberg erblich 
ihren 8. Teil des Zehnten zu Beltersdorf. Zeugen: 
Ludw. von Monichusen, proconsul, Klinkhardt, Joh. 
Soyz. Siegler: Stadt Frankenberg. Dat. in cra- 
stino beate Katrine. 

37. 1321, Febr. 13. Gerlach, Vogt von Keseberg, Ritter, 
und ux. Gertrudis und alle ihre Kinder und Erben 
verzichten auf alles Recht am Zehnten zu Belters- 
dorf, welchen er bisher zu Lehen gehabt, gegen die 
Grafen Henrich und Emycho von Nassau zu Gunsten 
des Klosters. Zeugen: Conrad von Linne, Ritter, 
Volpert von Borkene, Pleban zu Geismar, Syfrid 
von Hachen, Renherus Nymes, Volpert von Linden- 
burne. Wappener, Ludwig, Ospert, Eckhard, gen. 
von Munichhusen. Siegler: Stadt Frankenberg. 
Dat. a. d. m° ccc*^ xxi** idus februarii. Das Kese- 
bergische Siegel ist das von 1305. ibid. — 

38. 1305, Jan. 18. Sifrid de Nyderndorf und seine Frau 
und Kinder verkaufen dem Kl. Haina alle ihre 
Güter zu Berngersdorf mit Höfen und allem Zu- 
behör nebsi; der Wüstung Hermannsgrube. Zeugen: 



47 

Herr Volpert von Borken, Pleban zu Geismar, Thile- 
man puUus (Huhn), Knappe, Ludwig von Munichusen, 
Bürgermeister zu Frankenberg, Ditmar genannt 
Bezeberc, Job. Soyz, Eberhard von Munichusen. 
Henrich von Rudene, Scheffen, Volpert von Brunig- 
husen, Hermann von Leysen, Bürger daselbst. 
Siegler: Stadt Frankenberg. Dat. a. d. m** ccc** 
quinto XV. Kai. Febr. Mbg. St.-A. Kl. Hain. Urkk. 

39. 1305. März 19. Sifrid de Nydemdorf und seine 
Frau Elisabeth und ihre Töchter Cunegunde, Isen- 
trud, Mechtilde, Gertrude, Elisabeth und Jutta und 
Elisabeths Mann Ludolf von Odorf (Adorf oder Udorf) 
verkaufen dem Kl. Haina 8 Acker zu Berngersdorf. 
Zeugen : Ludwig von Munichusen, Bürgermeister zu 
Frankenberg, Joh. Syz, Eberhard und Hospert von 
Munichusen, Scheffen, Henrich von Itter, Bürger zu 
Frankenberg. Dat. a. dorn. m° ccc° quinto. XIIIL Kai. 
Aprilis. Mbg. St.-A. Kl. Hain. Urkk. u. Cop.-B. 329. 

40. 1306, Mai 30. Henrich von Lilienberg, Knappe, 
erteilt Consens, dass der Knappe Sifried von Geis- 
mar die Hälfte und den 8. Teil des Zehnten zu 
Bonland, den derselbe von ihm zu Lehen trägt, 
dem Kl. Haina verkauft. Dat. fer. IL p. ürbani, 
Kl. Hain. Cop.-B. 347 u. 348. Kopp, Lehnproben 
2, 360. Itter Beil. Nr. 42. 

41. 1308. Im August. Henrich, Graf von Nassau, ge- 
nehmigt als Oberlehnsherr den vorstehenden Verkauf 
des Knappen Syfrid von Geismar, der von Henrich 
von Lilienberg zu Afterlehn habenden Lehnsstücke. 
Mit einem Reitersiegel des Grafen. Dat. a. d. m** ccc 
octavo. Mbg. St.-A. Kl. Hain. Urkk. 

42. 1315, März 7. Gerlach, Vogt von Geismar, mili- 
taris, und ux. Gertrudis verkaufen dem Kl. Haina 
8 Malter Hafer, welche ihnen als Gerichtsherren 
(nomine judidi nostri) von den Wüstungen Ronic- 



48 

husen, Langelenhayn und Sylbach fallen, und ent- 
sagen den Ansprüchen auf 6 von Ronichusen fal- 
lende Hühner zu Gunsten des Klosters. Dat. nonas 
Martii. Kl. Hain. Cop.-B. 329. 
Ueber die Güter dieser wüsten Orte liegt noch 
folgende Urkunde vor: 

43. 1298, April 13. Johann, Stiefsohn des Ritters Jo- 
hann von Ryn, verzichtet gegen des Kl. Haina auf 
Ansprüche auf den Zehnten zu Elgershusen, Ro- 
nichusen, Lengelenhain, Espehe und Silbach und 
auf etliche Güter zu Ronichusen, welche vordem dem 
Arnold Munch gehört, sowie auf die Güter des 
Arnold Rephane. Zeugen : die Pfarrer Gerhard zu 
Sachsenberg und Sifrid zu Viermünden, ferner Eber- 
hard von Viermynne, Wernicho von Forstenberg, 
Ludolf und Heinemann, Brüder, von Dorfeide, Elrich 
und Riwin, Brüder, von Ense, Henrich und Die- 
trich, Brüder, von Eppehe, Gottfried von Luterbach. 
Siegler: Henrich von Itter, die Städte Sachsenberg 
und Frankenberg. Anal. hass. 11, 171. 

44. 1322, 23. Juli. Syfrid von Keseberg, nobilis advo- 
catus, belehnt mit Gütern und Zehnten zu Gernde- 
husen und Holzhusen, welche Hartmud und Sifrid 
Brüder, von Hachen zu Lehen getragen, mit deren 
Zustimmung des ersteren Frau Ermentrud. Zeuge: 
Conrad von Treisbach, Ritter. Mbg. St.-A. Cell. 
299 a. 

45. 1325, 15. März. Volpert von Hohenfels und seine 
Erben, welche von Wydekind, Vogt von Keseberg, 
adoptiert worden, belehnen mit den dadurch er- 
haltenen Lehen zu Wesende {jure adopiionis ad, 
nos a dmnino WydekindOj advocaio de Keseberg, 
devohäa) die Irmentrud, Wittwe des Dietmar von 
Hondesdorf, sowie die Kinder ihrer verstorbenen 
Tochter Hedwig, nämlich Dietmar, Mechtilde, Irmen- 



49 

trade und Kunegunde. Kopp, Lehnproben 2, 301 
und 355. 

49. 1324—1326. Goswin Scharre und ux. Mechthildis 
übergeben zum Heile ihrer Seelen mit Zustimmung 
Sifrids, Vogt von Keseberg, und Volperts von Hohen- 
fels als Lehnsherrn ihren vierten Teil des Zehnten 
zu Haubern dem Kl. Haina. Die Urkunde ist ohne 
Jahr und Datum. Kl. Hain. Cop.-B. 357. 

50. 1326, 12. Dez. Volpert von Hohenfels, Ritter, und 
ux. Manilia, Tochter weiland Widekinds, Vogt von 
Keseberg, Ritters, verzichten gegen das Kl. Haina 
auf die Gerichtsbarkeit und Zehnten zu Löhlbach 
und Zubehör, nämlich Küningshusen, Singenthai, 
Geilingen, Hof Elchershusen, den Zehnten zu Esche- 
bruch und die Mühle zu Lotheim unter Kraftlos- 
erklärung etwaiger gegenteiliger Briefe zwischen 
dem Kloster und Widekind. Zeugen : Helwig, vor- 
dem Pfarrer zu Wohra, Graft von Hohenfels, Knappe. 
Siegler: Volpert von Hohenfels und die Stadt 
Frankenberg. Dat. a. dom. m** ccc** xxvi** H. idus 
decemb. Mbg. St.-A. Kl. Hain. Urkk. Cop.-B. 621. 

51. 1335, 24. Aug. Gumpertus, Wessolus und Wide- 
kind, Brüder, Söhne des weiland Ritters Gerlach, 
genannt Vogt von Geismar, beurkunden, dass sie 
keine Gerichtsbarkeit zu Löhlbach mehr haben, zu 
Gunsten des Kl. Haina. Kl. Hain. Cop.-B. 15. 

52. 1340, April 4. Gumprath, Vogt, Ritter, und Wide- 
1 kind, Gebrüder, und Gertrudis, Gumbrachts ehel. 

Wirtin, versprechen dem Kl. Haina, dass, wenn 
dasselbe den in ihrem "Gerichte gelegenen Hof 
Elchershusen, welcher eigentlich der Herren von 
Haina ist, zu einem Dorfe machen würde, sie das 
dasige Gericht nicht von dort verlegen wollten. 
Die neuen Ansiedler sollen von jedem Pflug mit 4 
Pferden jährlich 9 Schillinge und 1 Scheffel Hafer, 

N. F. XV. Bd. 4 



50 

die Köthner 2 Schill, und 1 Simmer Hafer geben 
und „drei ungebotene Ding" zu Geismar besuchen, 
es wäre denn dass die Besitzer ein Verbrechen be- 
gehen würden. Zeugen: Herr Wetzel, Pfarrer zu 
Geismar, Heinr. Ospratb, Bürgermeister zu Franken- 
berg, Sifrid Vriling und seine Söhne Johann und 
Wicher, Hermann von Kassele, Henrich von Monic- 
husen, Henrich Soyz. Dat. a. dom. m** ccc** xl° feria 
III. proxima post Judica. Mbg. St.-A. Kl. Hain. ürkk. 

53. 1340, Mai 3. Gumpertus, advocatus, Ritter, dictus 
de Keseberg, besiegelt eine Urkunde des Henrich 
von Munichusen, Sohn weil. Osperts, und ux. Al- 
heydis und Henrichs von Munichusen, Sohn Wigands, 
welche dem Kl. Haina das zur Mühle im Woge 
gehörige Waldrecht übergeben. Dat. a. d. mille- 
simo trecentesimo quadragesimo circa inventionem 
sancte crucis. Siegel Gumperts von Keseberg : zwei 
rechtsschreitende Löwen. Die von Monichusen 
siegeln mit einem langbärtigen links gerichteten 
Mönchskopf in Kutte, ibid. 

54. 1340, Dez. 21. Gumpracht, Ritter, genannt von 
Keseberg, Vogt zu Geysmar und Volpracht Ruding, 
Wappener, nehmen Elisabeth, Conrad Nynnzes, ihres 
Neffen, eheliche Hausfrau, und Fygen (Sophie), 
deren Tochter, in die ihnen von ihrer Muhme von 
Netze zugestorbenen Lehen an Bruder und m Bruder 
Statt an und soll dieselbe diese Lehen mit ihnen 
ruhig besitzen. Zeugen: Joh. von Bydenfeld, Otte 
Winter, Fratz, Conrad von Aldendorf, Burgmänner 
zu Rosenthal. Datam in die beati thome apostoli. 
Volp. Ruding siegelt mit einem quergeteilten Schild, 
in dessen unterem Teil sich 3 Morgensterne (2.1) 
befinden. Mbg. St.-A. 

55. 1341, Juni 28. Widekind und Graft von Hohenfels, 
Brüder und Knappen, verkaufen, mit Zustimmung 



51 

• 

ihrer Mutter Amabilia und Widekinds Frau Catha- 
rina, dem Ritter Conrad von Virmynne und seiner 
Frau (uxori desponsatae „betruweten Frowe") Cune- 
gunde und dem Knappen Ambrosius von Norden- 
beck das halbe Gericht Viermünden {medietatefn 
jurisdiciionis vel judieii) mit allen seinen Zube- 
hörungen auf einen Wiederkauf für sich oder ihre 
Erben für 30 Mk. corbach. Pfennige. Zeugen: 
Conrad von Diedenshausen, und Hermann von Ryen, 
Ritter; Siegler: Widekind und Craft von Hohenfels, 
Brüder, deren Mutter Amabilia, Conrad von Diedens- 
hausen, sawie Craft von Hohenfels, Vaters Bruder 
(patruus) der Verkäufer. Dat. in Vigilia beatorum 
Apost. Petri et Pauli. Nur in Copien. Norden- 
beckisches Transsumptbuch von 1581 Nr. 316 (lat.). 
Wiesbadener St.-A. (deutsch.) 

56a. 1345, Jan. 21. Amabilia, Edelfrau von Hoinfels, 
und ihre Söhne Wydekind und Craft, verkaufen 
ihren Zehnten zu Ybinhusen (Iberhausen) für 220 
Mk. köln. Pfge. dem Bürger Rud. Wypracht zu 
Frankenberg zu rechtem Lehen. Alle drei, sowie 
ihr Vetter Craft von Hoinfels, Ritter, siegeln, die 
drei Hohenfels mit Adlerflügeln, Amabilia mitkleinem 
nindem Siegel, in dessen dreieckigem Schild sich 
ein rechtsum aufgerichteter gekrönter Löwe be- 
findet, der Rand mit Umschrift ist teilweise zer- 
bröckelt und unleserlich. Wyss^ U.-B. 2, 778. 

56b. 1347, Nov. 11. Vergleich zwischen Heynemann von 
Itter und seinem Bruder Adolf einerseits und dem 
Landgr. Heinrich II. und dessen Sohn Otto anderer- 
seits über die Erbauung des Schlosses Hessenstein. 
Kopp, bist. Nachr. von den Herrn von Itter, Beil. 
Nr. 85. Seibertx, Dynasten, S. 126. 

57. 1348, Mai 30. Landgr. Heinrich II. und sein Sohn 

verkaufen dem Kl. Haina ihr Haus Hessenstein mit 

4* 



52 

seiner Zubehörung, namentlich dem Vierteil (Jes 
Gerichts Geismar für 1882 Pfd. Heller. Das Kloster 
soll darauf eine Kemenade bauen, auch seinen Hof 
Elchershausen (cf. Urk. 1340) dabei verlegen dürfen 
und derselbe, wie bisher, frei bleiben. Vorbehalten 
wird auch für Herrn Gumpracht, Voydt, und seine 
Erben das Recht der Wieder lösung dieses Teils am 
Gerichte zu Geismar*), sowie das Oeifnungsrecbt 
für den Landgrafen gegen jedermann ausser das 
Stift Mainz und die Grafen von Ziegenhain und 
Waldeck. Wenck, Ü.-B. 2, 368. 

58. 1355, Mai 26. Gertrudis, Herrn Gumprachts, Voideg, 
ehel. W^irtin, verzichtet auf das Teil ihres Leibge- 
dinges und Wittums an dem halben Teil des Ge- 
richts Geismar, welches ihr Herr, der Landgraf, 
erkauft hat und will weder sie, noch jemand von 
ihren Brüdern darauf Anspruch machen. Zeugen: 
Johann, der Sänger von Sanct Johann zu Mainz, 
Wldekind von Hohenfels, Johann von Immichusen, 
der Pastor, Henrich Osperth, Henrich von Ymmic- 
husen, Henrich von Battenberg, Johann von Alden- 
dorf, der Jung6, Hermann von Kassele, der Junge, 
Ernst, gen. Suyz. Gertrudis siegelt mit dem Siegel 
ihres Gemahls (1340), dessen Bruder Widekind mit 
einem kleinen runden Siegel, dessen Bild verwischt 
ist. Dat. a. d. m° ccc** \w^ feria tertia proxima post 
Urbani. Mbg. St.-A. Geismar. 

59. 1356, April 25. Hermann und Ludwig Schenk zu 
Schweinsberg vergleichen dia Brüder Gumpracht 
uiid Widekind von Geismar wegen deren Holz- 
gerechtigkeiten an den Hainaischen Waldungen und 
anderer Streitigkeiten mit dem Kl. Haina. D. fer. sec. 
prox. fest, post pasce. Mbg. St.-A. Kl. Hain. Urkk. 

*) Der Landgraf hatte dieses Teil um 1330 gekauft. Gersten- 
berger^ Chronik. Aual. hass. 5, 191; eine Urkunde ist nicht vorhanden . 



53 

60. 1359, April 4. In einem Weistum über die Güter 
des KI. Haina in der Herrschaft Itter gehört dem- 
selben „der alte Keseberg, der Silbach und der Berg, 
der da geheissen war Silburg, da nxx der Hessen- 
stein uff liget." Kl. Hain. Cop.-B. 461. 

61. 1359, April 24. Widekindt, Void von Keseberg, 
Bruder weiland Gumbrachts und des letzteren Haus- 
frau Gese und Söhne Henrich, Gerlaeh, Johann, 
Wetzel und Widekind verkaufen um leiblicher Not- 
durft willen dem Erzbischof Gerlach von Maina für 
1080 fl. und 8 Turnosse das halbe Teil des Gerichts, 
das da heisst Geismarer Gericht, gelegen zwischen 
Frankenberg und Haina, welches sie und ihre Eltern 
vom Erzstifte zu Lehen hatten mit allen Freiheiten, 
Zubehörungen, Rechten, Gütern, Gülten, Leuten, 
Renten, Holz, ausgenommen ihren Hof und Kirch- 
satz zu Geismar und ihre eigenen Leute in dem- 
selben Gericht. Wiirdtwem, nova subsidia VII, 320. 

62a. 1359, Sept. 21. Gumpracht, Vogt, Ritter, genannt 
von Geismar, und seine Frau Gese und ihre Söhne 
Henrich, Gerlach und Johann, sowie Gumbrachts 
Bruder Widekind verzichten gegen das Kl. Haina 
auf alle Rechte an den in ihrem Gerichte gelegenen 
Waldungen zu Elgirshusen, Rumekusen, Silnbach, 
Langenlenhain und um den Hessenstein, an dem 
Hofe zu Espe und an der Wüstung Eschebruch, 
und versprechen alle Bedrängnis an der Wiese zu 
Espe abzuthun. Siegler: Gumbracht, Widekind, 
Hermann von Falkenberg, Amtmann zu Rosenthal, 
Volprachtund Ludwig, Burgmänner daselbst. Zeugen : 
Dietmar von Lindenborn, Burgmann zu Gemünden, 
Otto Winter, Burgmann zu Rosenthal. D. ipso die 
b. Mathei ap. Mbg. St.-A. Kl. Hain. Urkk. 

62b. 1362, Mai 18. Erzb. Gerlach von Mainz versetzt 
das erst kürzlich von den von Keseberg erkaufte 



54 

halbe Gericht Geismar an Hermann von Falken- 
berg für 1094 fl., um das Kaufgeld zu bezahlen. 

62c. 1365,Mai 24/28. Schiedsgerichtsverhandlung zwischen 
Erzb. Gerlach von Mainz und Landgr. Heinrich H. 
über den mainzischen Ankauf der Hälfte de^ Ge- 
richts Geismar. Wenek, U.-B. 2, 425. 426. 435. 

62 d. 1372, Juni 20. Versatabrief über das Schloss und 
Städte Frankenberg und Gericht Geismar für Her- 
mann von Drevorte. Wenck, U.-B. 2, 444. 

62 e. 1382. Landgr. Hermann versetzt den Hessischen 
Teil des Gerichts Geismar, den Zoll zu Franken- 
berg und die Amtmannschaft über die Alt- und 
Neustadt Frankenberg an Johann von Helfenberg 
und Johann von Treisbach für 300 Schillinge. 

63. 1409, Juli 30. Johann, Graf von Nassau, belehnt 
mit den Gütern, welche Henrich, Vogt von Kese- 
berg weiland gehabt, den Johann von Hohenfels, 
der als ein rechter Ganerbe mit Heinrich von Kese- 
berg darin gesessen. Dat. fer. HI ante diem Petri 
ad vincula. Revers Johanns von Hohenfels von 
demselben Tage. Wiesbadener Si-A. Copie. 

64. 1412, Mai 31. Johann von Hohenfels verzichtet 
gegen Landgr. Hermann auf die geistlichen Lehen 
zu Ostheim und Simmershausen, die seine Voreltern 
und Eltern, Widekind und Gerlach, Vögte von 
Keseberg, Heinrich, Vogt von Keseberg, ihre und 
seine Gan erben, von Hessen zu Lehen getragen 
haben und er dem Landgrafen Hermann aufgetragen 
und aufgelassen habe. Wenck^ Ü.-B. 2, 474. 

Als Annierkunig ist zu Urk. 20 S. 41 hinzuzufügen: 
1302. 23. Febr. verpflichtet sich die Aebtissin zu Georgenberg die 
Präsentation des Propstes zu Frankenberg in Gemeinschaft mit 
Bürgermeister, SchefFen und vornehmsten Bürgern der Stadt 
auszuüben und an den Landgrafen zu richten, damit dieser er- 
kenne, ob der Präsentirte tüchtig sei. Eator^ orig. jur. pubi. 

Hass. p. 300. 

— — — ■>«<? ' 



55 



IL 

Die Schanzen in Hessen. 

Von 

O scar Vug 
in Halbendorf boi Grottkau, Schlesien. 

ür die deutsche Geschiclitsforschung haben unsere 
^0 Gelehrten mit bewunderswerthem biönenhaften Fleiss 

alles zu erreichende Material zusammengetragen, 
aber die praktische Forschung, welche die Schriftzeichen 
aufsucht und enträthselt, die sich auf dem Leibe unsrer 
Muttererde befinden, hat damit nicht überall gleichen 
Schritt gehalten und doch kann, wie ich annehme, die 
beiderseitige Mühe nur dann Erfolg bringen, wenn die 
Herren der Wissenschaft und die Männer des werk- 
thätigen Lebens in gleichem Streben Hand in Hand 
gehend sich gegenseitig ergänzen. 

Die praktische Forschung hat vor Allem 
die Lebensbedürfnisse der Vorzeit ins Auge 
zu fassen, ihren Spuren nachzugehen und 
nach ihnen die wirklichen Verhältnisse zu 
ermitteln. 

Manche lieb gewordene Ansicht wird dabei fallen; 
auch der bequeme Standpunkt in jedem Aschen- 



56 

häufchen eine Opferstätte zu erblicken, wird 
aufgegeben werden müssen. 

Die alten Ringwälle sind nicht nur einzeln für 
sich, sondern in ihrem Zusammenhange mit 
grösseren Schanzengruppen zu beurtheilen. 

Haben wir so die Schichten frei gelegt, auf denen 
die Grundmauern unseres deutschen Vaterhauses stehen, 
dann wird auch die gelehrte Forschung im Stande sein, 
das gewonnene Material wissenschaftlich zu benutzen, 
und aus dem beiderseitigen Zusammenwirken wird sich 
ein wahrheitsgetreueres Bild unserer Vorzeit ergeben, 
als es aus den Schilderungen alter fremder Autoren, die 
in ihrem nationalen Interesse oder aus Unkenntniss die 
Zustände einseitig schilderten, gewonnen werden kann. 

Diese Gesichtspunkte waren es, die mich ver- 
anlassten, in Schlesien die Spuren einer sehr fernen Zeit 
zu suchen, und als ich einen Schanzengürtel, der ein 
Gebiet von etwa 60 D Meilen umschhesst, freigelegt, 
da drängte sich* die weitere Ueberzeugung auf, dass da, 
wo einst der Väter Pulsschlag rascher schlug, wo unser 
Volk in blut'gem Kampfe rang, sich auf dem Leibe 
unsrer Muttererde noch Spuren dieses Ringens finden 
müssten ! 

So lenkte ich meinen Schritt nach Hessen und 
zwar zuerst an die Werra, weil sie gleichzeitig den 
ältesten Handelsartikel der Welt umschliesst, ohne den 
kein Volk bestehen kann, das Salz. Möge das, was ich 
hier fand, geeignet sein, der wissenschaftlichen For- 
schung als Baustein zu dienen. 

Halbendorf bei Grottkau in Schlesien im October 1888. 

Oscar Vug. 



57 
Die Schanze auf dem Liebenberge. 

Südöstlich von Witzenhausen auf der Feldmark 
Werleshausen steigt als äusserste Kuppe des Höhenzuges, 
welcher nach Südost das Werrathal schliesst, der Lieben- 
berg etwa 100 m. über der Werra empor. Von hier 
aus ist eine freie Aussicht über das schöne Thal, durch 
das sich die Werra schlängelt, bis über Witzenhausen 
hinunter. 

Von hier stromaufwärts rücken die Berge nahe 
an die Ufer der Werra und sie ist genöthigt sich öfters 
um sie herum zu winden. Dassefbe gilt von der alten 
wie von der gegenwärtigen Strasse. 

Der Liebenberg beherrschte somit den Eingang zum 
oberen Werragebiet in der Richtung nach Sooden. Diesem 
Zwecke diente ersichtlich die auf ihm befindliche Schanze, 

Die Kuppe des Berges hat eine unregelmässige 
Form und fällt nach W. etwa l'/'sj m. tiefer schräg ab. 

Um diese Kuppe zieht sich von Süd nach Nord 
ein am südlichen Anfang 12 m. breiter, 27 m. langer 
Graben, der dann nach Osten im rechten Winkel herum- 
schwenkt und auf eine Länge von 35 m. allmählich 
flacher werdend, die Kuppe von Nord nach Süd herum 
umschliesst. An der Ost- und Südseite fällt der Berg 
steil ab ; hier erübrigte sich W^all und Graben und ge- 
nügte zum Schutz wahrscheinlich eine Pfahlwand. Der 
innere freie Raum misst von Nordost nach Südwest 
33 m. und von Nordwest nach Südost 16 m. 

Im westlichen Winkel befindet sich eine 10 m. 
lange, 8 m. breite und gegen 1 m. tiefe Grube, der 
Boden ist wild herum aufgeworfen und lässt vermuthen, 
dass hier einst nach Schätzen gesucht wurde. In dieser 
Grube haben nun neuerdings zwei Alterthumsfreunde 
noch ein tieferes Loch gemacht und dabei Asche etc. 
zu Tage gefördert. Die Ansicht des Einen dieser Herren 
ging nun dahin, hier müsse eine Opferstätte gewesen 



58 

sein. Ich habe mir das von ihnen offen gelassene Loch 
genau angesehen und finde nicht nur Kohle und Asche, 
sondern auch Stücke gebrannten Lehmes, in welchem 
die ehemals eingekneteten Strohfäden noch deutlich 
sichtbar sind und die bekunden, dass der Lehm einer 
Klebewand und somit einem Gebäude angehörte, das 
durch Feuer zerstört wurde, wobei der Lehm roth 
brannte und das Stroh in ihm verglühte. Soweit ich 
mit dem Stock reichte, fand ich losen Brandschutt, 
auch der Klang des Bodens ist dementsprechend hohl. 

Ich kann daher ^ur schliessen, dass hier auf dieser 
Stelle ein Bau von Holz und Lehm stand, dass sich 
unter ihm ein in den Fels gehauener Keller befand und 
beim Brande stürzte der Schutt in ihn hinein und füllte 
den Raum aus, wie es bei dem »alten Schloss« zu Willme 
beschrieben ist*). Wenn sich daher irgend Jemand findet, 
der diesen ganzen Raum regelrecht ausschachtet und 
den Boden siebt, so ist es wahrscheinlich, dass sich 
unter dem Brandschutt noch mancher Zeuge der Vorzeit 
findet. Das Ganze war nichts anderes, als was die 
schlesischen »alten Schlösser« etc. sind, ein Schanzen- 
werk zum Schutz der Strasse. Mit einem Opferplatz 
ist es gleich von vornherein nichts. 

Am anderen Ufer der Werra liegt der Ludwigs- 
stein, wenn ich auch annehme, dass sich hier ehemals 
nur eine Erdschanze befand, denn auf seiner Nordost- 
seite deutet eine hohl klingende Stelle auf Brandschutt, 
so schliesse ich ihn ebenso wie den Hanenstein (Hanstein) 
von der Besprechung aus, da beide feste Punkte Mauer- 
werk tragen. 

Ahrenberg. 

Ein anderer fester Punkt musste ehemals am Dorfe 
Ahrenberg liegen, der hohe Ahrenberg schloss den 

*) Der Druck dieser Arbeit über schlesische SchaDzen hat sich 
des immer mehr gesammelten Materials halber bis jetzt verzögeii;. 



59 

Thalkessel, in welchem die Soodener Salzquellen liegen , 
nach Norden ab und nur da, wo jetzt das Dörfchen liegt, 
war der Zugang möglich. Wenn nun auch heute noch 
ein bis 12 m. tiefer Graben nördlich und östlich den 
ehemaligen Hof, denn als solcher wird Ahrenberg ge- 
schichtlich nur erwähnt, umschliesst, so genügt mir 
dessen Vorhandensein allein nicht zu weiterer Annahme^ 
denn er kann auch durch Bergwässer gegraben sein. 

In der kleinen Bevölkerung lebt nur die Sage, 
dass hier einst ein Kloster gestanden habe, ferner wird 
erzählt, dass früher alljährlich die Leiter des Soodener 
Salzwerkes einen Nachmittag auf dem hohen Ahrenberge 
zugebracht, auch die jungen Leute da hinauf zum Tanz 
gezogen seien und dass sich südlich von dej Kuppe 
Reste von runden Dämmen befunden hätten. Ich war 
zweimal auf der Kuppe und jedesmal begann es zu 
regnen, so dass in dem dichten Strauchholz eine Unter- 
suchung unmöglich wurde. Kommt man von Sooden 
so zweigt von der am Soolgraben entlang führenden 
Strasse ein Weg ab, der auf einem geschütteten Damm 
weiter läuft, neuerdings mit Bäumen bepflanzt wurde 
und ganz den Eindruck einer Strasse macht, plötzlich 
aber ist Damm und Weg zu ende. Auf einer tiefer 
gelegenen Hutung stehen mehrere Reihen Pappeln und 
auf meine Frage, zu welchem Zweck bis hierher ein 
Damm geschüttet sei, da der Feldweg auch ohne diesen 
bis hierher führen könne, konnte mir keiner der an- 
grenzenden Besitzer einen Bescheid geben. Etwa 300 m. 
weiter nördlich erscheint ein geschütteter Damm, auf 
dem der Dohrenbach weiter geleitet wird und dahinter 
kommt ein anderer Damm, der bis an den Fuss des 
Ahrenbergs führt und sich an die Spuren eines alten 
Weges schliesst, er ist sicherlich die Fortsetzung des 
südlichen Dammes, was aber bedeutet dann die lange 
tiefe Stelle? Nach langem Mühen erfuhr ich, dass der 



60 

Sage nach an dieser Stelle in einer sehr fernen Zeit, 
ehe der jetzige Flecken Sooden bestand, die Salz- 
quellen von Sooden gelegen haben sollten. Dadurch 
würden sich die Dämme erklären; den hohen Ahrenberg 
hinauf zog sich noch bis in die neuere Zeit von hier 
ein Weg nach den vier Besitzungen, die an Stelle des 
ehemaligen Hofes jetzt das Dörfchen bilden, in neuerer 
Zeit soll der alte Weg jedoch als lebensgefährlich kassirt 
worden sein. 

Das ist, was ich über diese Stelle ermitteln konnte, 
vielleicht dient es einem späteren Forscher als Anhalt. 

Die Westerburg bei Sooden an der Werra. 

Westlich von dem Flecken Sooden befinden sich 
auf einem etwa 40 m. hohen Felsen die Reste einer 
ehemaligen Ringschanze, von welcher nur noch geringe 
Wall- und Grabenreste vorhanden sind. Mauerwerk ist 
nirgend vorhanden, ein etwa 4 m. hoher Felskegel steigt 
über die Bergkuppe empor und hat ehedem eine Breite 
von 10 und eine Länge von etwa 20 m. gehabt; als 
aber vor zwei Jahren mit der Errichtung ejner Schenke 
und eines Aussichtsthurmes begonnen wurde, musste 
ein Theil der Felsen gesprengt und abgetragen werden. 
Es gelang mir die beim Bau beschäftigten Arbeiter zu 
ermitteln und war diesen nicht bekannt, dass irgend 
welche Mauerreste bei Sprengung der Felsen vorhanden 
gewesen oder irgend welche Funde gemacht worden 
wären, aber der Sage nach soll sich in dem einige Meter 
tiefer liegenden runden Felsen, welcher östlich nur durch 
einen Graben von der Kuppe getrennt wird, ein hohler 
Raum befinden, der aber bis jetzt nicht nachgesucht 
wurde. 

Die Westseite der Bergkuppe wird durch einen 
7 m. breiten und bis 4 m. tiefen Graben umzogen, an 
den sich ehemals ein bis 3 m. hoher, geschütteter Erd- 



61 

wall schloss, der jetzt nur noch auf eine Länge Von 
18 m. vorhanden ist. Um Raum für einige Bänke zu 
gewinnen, wird gegenwärtig an seiner Abtragung ge- 
arbeitet, wie denn überhaupt der ganze Hügel zur Her- 
richtung von Sitzplätzen seine ehemalige Form stark 
verändert hat und noch weiter ändert. Nur an der 
Nordseite sind die Spuren eines ehemals dreifachen Erd- 
walles noch deutlich kenntlich und ebenso die vier- 
eckige Form. 

Dass die Erbauung der Burg in die vorgeschicht- 
liche Zeit fällt und dass sie ursprünglich nichts anderes 
war als alle alten Ringwälle, das beweisen die vorhan- 
denen Spuren. Dass sie bis in die geschichtliche Zeit 
hinein gedauert haben kann, ist nicht unwahrscheinlich, 
da sich auch an andern Orten in den Ringwällen Holz- 
und Lehmbauten noch in einer Zeit erhielten, als der 
ursprüngliche Zweck ihrer Anlage längst verloren ge- 
gangen war. Ursprünglich war die Westerburg nur ein 
Glied in dem Schanzengürtel, der Sood^n umschloss. 
Sie beherrschte die nach Westen führenden alten Pfade, 
nach dieser Seite muss auch ihre grösste Stärke gelegen 
haben, wie die Spuren zeigen. Selbst in ihren so stark 
zerrissenen Wallresten zeigt sie grosse Aehnlichkeit mit 
der Bauart des »Burgschlosses« bei Steinseifersdorf im 
Eulengebirge. 

Auf der Seite nach Sooden sind Reste einer ehe- 
maligen Ümwallung nicht ersichtlich, nur ein in den Fels 
gehauener Graben trennt die höhere Kuppe von dem 
bereits erwähnten, 5 m. im oberen Durchmesser hal- 
tenden runden Kegel. Auf diesem werden alljährlich 
am dritten Ostertag Feuer angebrannt, zu denen sich 
die Bevölkerung aus nah und fern einfindet und ohne 
jede künstliche Deutung einem alten Brauch huldigt, 
wie sie ihn von den Vorfahren überkommen hat. Auch 
an andern Orten Hessens w^erden zu Ostern Feuer an- 



6ä 

gebrannt, z. B. »auf demStein« zwischen Wolfterode 
und Frankershausen. Die Bevölkerung folgt auch hier 
dem alten Brauch Freudenfeuer über das Erwachen der 
Natur anzuzünden, ebenso wie wir heute noch an er- 
eignissreichen Tagen auf unseren Bergen .die Flammen 
hochauf steigen lassen, ohne dabei auch nur im Ent- 
ferntesten an ein Opfer zu denken. 

Sooden an der Werra. 

Seine ursprüngliche Form zeigt das abgerundete 
Viereck. Ein starker Erdwall, der auf der Südseite 
noch gut erhalten ist und jetzt als Strasse dient, um- 
schloss den Ort gleichzeitig mit einem 25 m. breiten 
Wallgraben, eine Ringmauer hat er nie gehabt. 

Die Benützung der Soolquellen ist uralt, sicheres 
ist darüber nicht zu ermitteln, aber ein Allendorfer 
Pfarrer Rheinlandt (Rhenanus), der den Soodener Salz- 
werken vom 14. Januar 1559 bis zum Mai 1589 vor- 
stand, sucht zu beweisen, dass die Quellen schon vor 
Christi Geburt in Betrieb gewesen sein müssten. Da 
Herr Rheinlandt nicht nur ein Gelehrter, sondern auch 
ein Mann des praktischen Lebens war, der hier auch 
zuerst die Gradirwerke (Leckwerke) zur Einführung 
brachte, so wird wohl die Forschung seinen Ausfüh- 
rungen Beachtung schenken müssen, jedenfalls hatte er 
für seine Annahme praktische Gründe. 

Sooden wird das erstemal in einer Schenkungs- 
urkunde Kaiser Otto's IL als Tutinsoda genannt*). Eine 
zweite Nennung erfolgt 1093 unter dem Kloster Hers- 
feld übergebenen Gütern: Sothen (res salinas**). 



*) Ich folge hier: Beitrag zur Geschichte des Salzweiks in den 
Sooden von A. F. Kopp. Marburg 1788 S. 36 u. w. 

**) Zeitschrift des Vereins für hess. Gesch. u. lidskde. Bd. VllI 
S. 380, wo KuchenbeckeTy die hessischen Erbhofämter Beil. D. als 
Quelle genannt ist. 



63 

Ursprünglich waren die Salzquellen im Betrieb 
einer freien Gewerksgenossejischaft, die den vielfach 
gedeuteten Namen »Geburen«, »Gebaurn«, »Baurschaft«, 
führte. Ich nehme an, dass, wie wir heute den In- 
begriff aller menschlichen Thätigkeit vom Tagelöhner 
bis zu dem Gelehrten nyt dem Wort »Arbeit« bezeichnen 
und es sich sogar ein Geheimer Rath zur Ehre rechnet, 
als »Hülfsarbeiter« in das Ministerium berufen zu werden, 
so war die ursprüngliche Bezeichnung »Bauen«, gleich- 
viel ob sie die Thätigkeit im Bergbau, im Häuser- oder 
im Brunnenbau bezeichnete, von derselben Bedeutung. 
Dass sich jede Baugenossenschaft in besondere Stände 
abschloss und besondere Rechte wahrte, ist heute ganz 
ebenso der Fall. 

Die ursprünglich als auf altem Herkommen be- 
zeichnete Abgabe betrug 5 Mark Geschoss Allendorf er 
Währung für jede der 42 Pfannen, ferner zwei Pfannen 
Salz, die an das Hoflager zu liefern und die ebenfalls 
alljährlich an den Schultheissen zu Allendorf zu zah- 
lenden Herrengelder *). Nun traten aber die Land- 
grafen eigenmächtig mit Forderungen auf und verfügten, 
dass die Pfänner alljährlich noch 200 Gulden an sie 
bezahlen sollten, behielten sich auch für die Folge bei 
der jedesmaligen Bestätigung vor, die bestehenden Be- 
stimmungen zu ändern **), davon machten sie auch bald 
Gebrauch und schon 1488 bei der Bestätigung mussten 
die Pfänner fünftausend Gulden rheinischer Währung 
zahlen. Es zeigt sich hier dasselbe Bild wie bei den 
schlesischen Herzogen, sie bestätigten alle Rechte und 
Freiheiten, sie flössen in grossem Wortgepränge über, 
häuften aber immer eine neue Last auf die andere. 

Bis dahin hatten die Pfänner alljährlich ihre altei^ 
Rechte öffentlich verkündigen lassen ; eines derselben 



*) Kopp, a. a. 0. — **) ebeiidort. 



64 

besagte, dass, wer in Sooden einen oder mehrere todt- 
schlüge, solle auf 100 Jahr und 1 Tag aus Sooden ver- 
wiesen sein, sollte aber die Verwundung nur gliedlang 
und nageltief sein, so solle die Verbannung nur 1 Jahr 
und 1 Tag betragen. Es ist auffällig, dass hier nicht 
die bei den deutschen Stämmen^ sonst übliche Geldbusse 
für Verwundung und Tödtung, sondern die Verbannung 
gesetzt ist. Von welchem deutschen Stamme waren 
demnach die Geburen? 

Trotzdem nun den Pfännern ihre Rechte auch 
darüber bestätigt wurden, dass Niemand ein Anrecht an 
die Quellen haben solle, der nicht Pfännei* von Geburt 
oder durch Verheirathung sei, so zogen sie doch vor, 
die Werke lieber an den Landesherrn zu verpachten, 
da überhaupt die neuere Technik Mittel erforderte, die 
sie nicht mehr aufbringen konnten. Aus einer dreissig- 
jährigen Pacht wurde 1586 eine solche für ewige Zeiten, 
denn der Landesherr behielt sich zwar ein Kündigungs- 
recht vor, nicht aber die Pfänner. 

Die jetzt in aller Welt zerstreuten Nachkommen 
dieser Geburen beziehen selbst über dem Weltmeer die 
auf sie entfallende Rente. 

Ich habe mich auf das Nöthigste beschränkt, um 
zu zeigen, dass die Salzsieder ursprünglich frei waren; 
*sie können auch zur Zeit der Ringwälle zu diesen nur 
in einem Schutzverhältniss gestanden haben, sonst wären 
ihre Leistungen auf die späteren Nachfolger in der 
Macht übergegangen. 

Ich wende mich nun wieder dem eigentlichen Zweck 
meiner Arbeit zu, die Spuren der vorgeschichtlichen 
Zeit zu ermitteln. 

Es befinden sich hier noch die Reste einer alten 
Vertheidigungslinie. die jetzt, wo der Ort sich vergrössert, 
wohl bald ganz verschwunden sein werden. Nördlich 
der Kirche befand sich noch vor etwa 40 Jahren ein 



65 

hoher Wall, der abgetragen wurde und von dem sich 
nur noch die Spur des dazu gehörigen Grabens steil 
zum Hegeberg hinaufzieht und im Wuchs des Buchen- 
waldes auch dem fern stehenden Beschauer sichtbar 
wird. Etwa 80 m. davon südlich zieht sich ein zweiter 
solcher Graben von 6 m. Breite und noch kennbaren 
Wallresten aus dem Garten des Besitzers Wicke eben- 
falls zum Hegeberg hinauf und zeichnet sich auch im 
Wuchs der Buchen ab. Diese beiden Wälle und Gräben 
heissen noch jetzt »die Volks-Marschbahn« und der 
Ueberlieferung nach erfolgte hier hinauf der Auszug der 
Streiter, wenn der Feind nahte. (Der Feind kam also 
aus Westen.) 

Etwa 150 m. weiter südlich am Sängerplatz zeigen 
sich wiederum Reste eines 6 m. breiten Walles und 
Grabens und ziehen sich vom Hegeberg durch den 
Garten des Justizraths Dr. Renner hinab nach Sooden, 
wo sie sich ehemals direkt an den südlichen Aussen- 
wall des Ortes schlössen; der vom Berge herab kom- 
mende Wall heisst noch heute »die Willkommsbahn.« 
Der Sage nach zogen auf ihr die Sieger wieder ein. 
Hier liegt ein Stoff, der der Phantasie eines Malers 
weiten Spielraum lässt und seinem Talent ein dankbares 
Gebiet eröffnet, die örtliche Lage kann nicht schöner 
gedacht werden, aber er muss sich beeilen, ehe auch 
diese Stelle bebaut wird und dann für immer ver- 
schwindet. 

Das Römerlager auf dem Hirsberge. 

Hirschenberg bezeichnen die Karten den Bergzug, 
welcher sich an den Ihringsberg lehnt, dann querüber 
das Werrathal im Süden schliesst, wie es der Ahrenberg 
im Norden thut. Die Felsmassen reichten ehemals bis 
in die Werra, da, wo sich heute Strasse und Eisenbahn 
am Dörfchen Weiden, am »letzten Heller«, bis hinter den 

N.F. XV. Bd. 5 



66 

«dicken Stein« und bis Albungen am Fussö des Berges 
herumwinden. Die einheimische Bevölkerung sagt Hirs- 
berg und auf seinem Rücken soll in noch gar nicht 
zu ferner Zeit viel Hirse gebaut worden sein, wahr- 
scheinlich verdankt jetzt der Berg die »Hirsche« einem 
Geometer, der der Volkssprache nicht mächtig war, auch 
die am rechten Ufer der Werra befindliche höchste Spitze 
des Gebirges heisst auf den Karten Hartekuppe, wäh- 
rend sie unter diesem Namen Niemand kennt und sie 
Jeder nur »Hernekuppe mit dem Kober« nennt; der- 
artige unrichtige Namen können dem Strategen sehr 
verhängnissvoll werden. 

Die Strategen der Vorzeit wählten nun zum Schutze 
des Thaies einen Theil des Hirsberges, der von zwei 
Seiten von einer Thalmulde begrenzt wird und nur nach 
Süden direkt mit dem Berge zusammenhängt. Hier an 
einer nach Norden abschrägenden Stelle legten sie ihren 
Ringwall an, aus dem sie einen freien Ueberblick des 
ganzen Soodener Thaies hatten. Gegenwärtig besteht das 
unter dem Namen Römerlager bekannte Schanzenwerk 
aus einem Wallrest, der im Süden bis VI2 m. über die 
Innenfläche aufsteigt und von aussen durch zwei bis 
6 m. tiefe Gräben gedeckt wird. Rechts und links 
schwenken noch Reste bis 15 m. lang herum, dann 
fehlen sie; ersichtlich ist ihre Fortsetzung zur Verfüllung 
des Wallgrabens und zur Herstellung einer Abfuhr für 
Forstzwecke geebnet. Ein Wallgraben von 7 m. Breite 
und bis 3 m. Tiefe umschliesst den Platz, aber an der 
Nordwest-Seite ist er auf eine Länge von 25 m. eben- 
falls zur Holzabfuhr verfüllt. 

Die Hauptstärke des Platzes lag ersichtlich nach 
Südwest. Von Osten zieht sich aus der Tlialmulde ein 
bis 8 m. tiefer Graben herauf, dessen Aufwurf theil- 
weise noch vorhanden ist; wo er sich an die Schanze 
schliesst, beschreibt er einen Bogen und bildet dadurch 



67 

einen zweiten Ringplatz von 12 m. Breite und 24 m. 
Länge, eine Vorburg. Ich nehme an, dieser Graben 
diente gleichzeitig als gedeckter Gang. Meiner Auf- 
fassung nach war der noch vorhandene Rest des Haupt- 
walles kasemattirt , seine vielen Unebenheiten deuten 
darauf hin. 

Der freie innere Ringplatz hat jetzt von Graben- 
zu Grabenkante eine Länge von 87 m., rechne ich auf 
jeder Seite 10 m. für den ehemaligen Wall ab, so bleiben 

67 m. innere lichte Länge. Die innere Breite vom Fuss 
des Wallrestes bis zur nördlichen Grabenkante beträgt 

68 m., rechne ich auch hier 10 m. für den fehlenden 
Wall ab, so bleiben 58 m. 

Ueber sonstige Verhältnisse der 'Schanze konnte 
ich bei Niemand etwas ermitteln, auch bei dem in der 
Alterthumskunde seiner Heimatli recht bewanderten 
Blechschmiedemeister Herrn Steinfeld in Allendorf nicht. 
Wenn aber, wie die Sage annimmt, die Römer hier 
lagerten, so thaten sie es nicht als Erbauer, sondern 
als Zerstörer der Schanze. 

Nur eine Sage wurde mir mitgetheilt. Nördlich 
von Allendorf am rechten Ufer der Werra unweit des 
Dorfes Wahlhausen hefindet sich eine Wiese und Aecker 
mit dem Namen das finstere Thal, ein dort ent- 
springender Quell führt den Namen Mordbach. Nun 
berichtete die Sage, Hermunduren und Chatten hätten 
sich feindlich gegenüber gestanden und die Chatten 
hätten beschlossen , alle Gefangenen den Göttern zu 
opfern, was wohl nichts anderes heisst, als wenn 1813 
einzelne Truppen beschlossen, keinen Pardon zu geben 
oder zu nehmen. Nun fiel aber der Kampf für die 
Chatten ungünstig aus, sie wurden gefangen und unter 
der Schanze »das Römerlager« in die westlich gelegene 
Thalmulde gebracht und dortselbst den Göttern geopfert, 

d. h. niedergemacht. Dass die Sage nicht etwa erst in 

5* 



68 

neuerer Zeit entstand, ergiebt sich daraus, dass sie dem 
genannten Pfarrer Rheinfandi schon im Jahre 1589 bei 
Abfassung seiner Salzbibel bekannt war. Im Jahre 
1681 wurde sie bei einer topographischen Beschreibung 
Hessens ebenfalls erwähnt und auch der Mordbach 
genannt *). In Tadiits Ann. XIII, 57 wird eines Kampfes 
gedacht, der im Jahre 59 zwischen Chatten und Her- 
munduren um die heiligen Salzquellen geführt wurde, 
ohne dass jedoch der Ort namentlich bezeichnet würde. 
Die mündliche Ueberlieferung weiss ihrerseits nichts von 
Tacitus, bezeichnet aber die zwischen Allendorf und 
Wahlhausen liegende Ebene, die gegen 2000 Schritt lang 
und bis 1500 Schritt breit ist, und in ihr die Stelle, 
welche »das finstere Thal« heisst und von dem 
Quell »der Mordbach« durchflössen wird, als den Ort 
des Kampfes. Die Oertlichkeit ist zu einem Kampfe 
wohl geeignet, aber für den schwächeren Theil von 
vornherein verhängnissvoll. 

Südlich sperrt Allendorf das Thal, von Süd nach 
Nord steigen östlich die steilen Höhen empor und um- 
schliessen das Thal im Halbkreis derart, dass zwischen 
ihnen und der Werra am Dorfe Wahlhausen ein nur 
etwa 400 Schritt breiter Ausgang bleibt, den aber das 
Dorf schliesst. Westlich war Sumpf und das Wasser 
der Werra. Konnte sich der stärkere Theil auf Allen- 
dorf oder Wahlhausen oder auf beide Orte stützen, so 
war der Ort eine Falle, in welcher dem Gegner nur 
Untergang oder Gefangenschaft blieb. 

Die »Schlachtekammer«, nach welcher der 
Sage nach die Gefangenen gebracht wurden, liegt 2000 
Schritt von Sooden und gegen 4000 Schritt vom Orte 
des Kampfes, sie ist eine enge, steil ansteigende Thal- 
schlucht; eingeklemmt zwischen den Bergen, nördlich 
von einem ehemals grossen Sumpf, dem jetzigen Bruch, 

*) Kopp, Salzwerk Sooden. 1788. Seite 17 und 14 Satz 4. 



69 

umschlossen, östlich über sich die Schanze »Römerlager«, 
bildet sie einen Ort, in welchem kein Kampf möglich 
war, aber um so sicherer ein grausames Morden ; denn 
hier war kein Entrinnen möglich. 

Unsere Geschichtschreiber setzen den von Tacitus 
erwähnten Kampf an verschiedene Orte ; vielleicht nehmen 
sie die durch die Sage bezeichneten hiesigen Orte in 
Augenschein und in den Ki*eis ihrer Erwägung. 

Nach dieser Sage müssen die Hermunduren das 
Gebiet von Sooden - Allendorf entweder schon vorher 
besessen oder im Kampfe erstritten haben. Auf dem 
Leibe unserer Muttererde aber ist hier noch ein Wahr- 
zeichen eingeritzt, das sich als die Grenze zweier Volks- 
stämme erkennen lässt, es ist 

der Land-Wehrgraben. 

Oestlich von Eschwege, an dem Orte Aue, treten 
die Spuren des Wehrgrabens auf, der jetzt schon viel- 
fach geebnet ist und ziehen sich in grader Linie östlich 
von Niederhohne am Dorf Grebendorf südlich vorüber 
direkt nach der Werra. Nun treten zwar westlich der- 
selben in der Richtung nach dem Mönchswinkel bei 
Jestädt weitere Spuren auf, es gelang mir jedoch nicht 
einen Namen zu ermitteln. Weiter leitet die Spur zum 
Burggraben auf dem Ebersberg und verschwindet. 

Südöstlich vom Ebersberg trägt die Ebene am 
linken Ufer der Werra den Namen »Strahlhausen«, nord- 
östlich heisst das Ackerstück am Eingange zum Höllen- 
thal, gegenüber dem Heihgen Stein »die alte Stadt«. 
Näheres über sie konnte ich nicht ermitteln. 

Jetzt beginnt am linken Ufer der W>rra ein Be- 
festigungsgürtel, der noch eingehender beschrieben wird, 
die Spuren der Grenze aber treten erst nordöstlich der 
Dohlsmühle wieder auf und ziehen sich nun ganz klar 
und unter der richtigen Benennung »Landwehrgraben« 
nordöstlich vom Hirschenberge herab. Ich folge jetzt 



70 

den Weisungen des Herrn Steinfeld, der seine Mitthei- 
lungeu den U eberlief er ungen der ältesten Leute ver- 
dankte. Der bis 7 m. breite Graben, welcher nord- 
östlich vom Hirsclienbergo (Hirsberge) herabkommt, 
führt unter der Eisenbahn und unter der Chausseebrücke 
hinab zur Werra. Am anderen Ufer 800 Schritt östlich 
tritt er wieder auf, steigt hinauf zum Klausberg und 
schon öfters unterbrochen nach dem alten Hain, dem 
Sickenberg, auf die Haier, hinab zum Königsgrund und 
hier nur noch in Spuren kenntlich nach Wahlhausen. 
Westlich von Wahlhausen erscheint seine Spur als 
»Heergraben«. Die weitere Richtung zu verfolgen muss 
ich der hi^ssischen Forschung überlassen. An dieser, 
gegen 3 Meilen langen Grenze ist jedoch das Stück 
von da ab, wo der Landwehrgraben südlich Jestädt in 
die Werra mündet, bis ungefähr an die Dohlsmühle 
nicht genügend erkenntlich ; ich muss annehmen, dass 
von hier ab die Werra selbst die Grenze bildete und 
dass zum Grenzschutz sowohl rechts wie links von ihr 
Grenzschanzen errichtet wurden. 

Ein solcher Punkt ist wohl auch das schon früh 
erwähnte alte Dorf, die jetzige Stadt Allendorf, ge- 
wesen. Ich schliesse wohl nicht fehl, wenn ich annehme, 
dass da, wo jetzt das als Oberförsterei benutzte alte 
Schloss steht und bis über den Marktplatz herunter sich 
ehemals eine Ringschanze befand, aus welcher sich 
später der Ort entwickelte. Die schräge Lage am Ab- 
hang des Berges und die Form dieses Stadttheils sprechen 
dafür. 

Die Salzquellen von AUendorf-Sooden waren nun 
zwar ringsum von Befestigungen, Gräben und unweg- 
samen Bergen geschützt, aber nach Südosten blieb doch 
noch eine schutzlose Stelle, an welcher bei Dürre oder 
starkem Frost der Feind durch die Werra oder über 
^a,s Eis bis zu den Salzquellen vordringen konnte. Hier 



71 

musHte noch eine Schutzwehr liegen und diese suchte 
ich. Auf dem Wege dahin traf ich da, wo der Landwehr- 
graben die Strasse nach Allendorf schneidet, junge 
Burschen beim Kirschenpflücken (beiläufig gesagt soll die 
hiesige schöne schwarze Kirsche, gemeinhin Kesper 
genannt, durch die Römer hierher gebracht worden sein), 
ich fragte sie meiner Gewohnheit nach auch nach dem 
Namen dieses Grabens, sie nannten ihn >Lampert'schen 
Graben«. Das war mir neu, ich wartete daher, bis 
zwei des Weges kommende alte Frauen herankamen 
und fragte sie wieder und sie nannten ihn richtig hoch- 
deutsch »Landwehrgraben«, jetzt erklärten auch die 
jungen Leute, dass ihre Benennung dasselbe bedeute. 

Die Burgstätte auf dem Rothenstein. 

Südlich von Allendorf, etwa 400() Schritt entfernt, 
steigt 441 m. über der Werra der rothe Stein keilförmig 
auf. Am Fusse des Berges schliessen Reste eines ehe- 
maligen Walles die Strasse. Ein in das Gestein gehauener 
7 m. breiter Graben, der eine Tiefe bis 2 m. hat, dient 
gleichzeitig als Waldweg und leitet auf dem schmalen 
Kamme zur Höhe des Berges hinauf und biegt dann 
östlich ab. Der Pfad zur Kuppe wird steiler und etwa 
nach 150 m. langem Aufstieg findet sich links eine Ein- 
ebnung, 12 m. lang und 6 m. breit. Einen eben solchen 
Einschnitt fand ich unter der Hirschkuppe bei Alten 
Gros in Oestr. Schlesien und ich schliesse, dass sich 
auch hier einst eine Vorburg befand, denn nur 15 m. 
weiter gelange ich an den in den Fels gehauenen Graben 
der Hauptburg, derselbe hat eine obere Breite bis 8 m., 
ist auf der Sohle 1 m. breit und 4 m. tief. Er führt 
20 m. lang in gerader Linie und schwenkt dann auf 
beiden Seiten im stumpfen Winkel herum, östlich ver- 
mittelt eine gerade Linie von 30 m. Länge den Anschluss 
an die grade Hauptlinie von 95 m. Länge, die sich an 



72 

die Form des Berges schmiegend eine schwache Ein- 
buchtung nach innen erleidet, dann vermitteln von 30 
bis 33 m. lange Linien, die südwestlich auf 20 m. fallen, 
die ümschli essung des Berges. Westlich fehlt ein Stück 
und lässt sich bei der Dichtigkeit des Gesträuches nicht 
bestimmen, ob dieser Theil geebnet wurde, oder, da hier 
der Berg steil abfällt, ob er nie vorhanden war. 

Oestlich zeigen sich 22 m. abwärts des Haupt- 
walles Spuren einer ehemaligen zweiten Umwallung, die 
jetzt als Weg dient. Der Hauptgraben wechselt in seiner 
Sohlenbreite, der Form des Berges folgend, von 1 bis 
4 m. Der Aussenwall steigt von 1 bis 3,50 m. und der 
innere Burgraum steigt bis zur Höhe von 5 m. aus 
dem Graben steil herauf. 

Die Schanze gehört dem abgerundeten Viereck an, 
die Länge des freien Innenraumes, der von Süd nach 
Nord aufsteigt, beträgt 184 m., die Breite, Vielehe durch 
die Form des Felsens bedingt wird, wechselt von 12 bis 
zu 23 m. Anscheinend zerfiel das Schanzenwerk in 
zwei Abtheilungen, in den nördlich gelegenen 23 m. 
breiten und gegen 93 m. langen höchsten Punkt und 
in den 91 m. langen, bis 20 m. breiten, nach Süden 
flach abfallenden Raum, an dessen südlichem Ende sich 
eine in den Fels gehauene 4 m. im D haltende, noch 
1 m. tiefe Grube befindet, die wohl einst tiefer war 
und zur Aufsammlung des Regenwassers gedient haben 
mag. Von Mauerwerk ist keine Spur vorhanden. Wie 
nun diese alte Erdschanze geheissen hat, weiss Niemand, 
der Volksmund nennt sie »Burgstätte«. 

Zur Zeit, als hier der Grenzwall geschaffen wurde, 
kann der Ringwall auf der Burgstätte noch nicht be- 
standen haben, er liegt ausserhalb desselben östlich, sein 
Zugang ist von Nordwest aus der Richtung des Grenz- 
walles, seine Vertheidigungslinie, sein Hauptwall, liegt 
nach Osten, während er in der Richtung nach Sooden 



73 

offen ist. Er konnte erst geschaffen werden, nachdem 
der Stamm, der die Salzquellen besass, das Vorland 
mit dem Rothen Stein auf irgend eine Weise in Besitz 
genommen hatte, dann aber waren mit seiner Errichtung 
die Quellen auch von dieser Seite geschützt. Sollte 
hier der Zankapfel zwischen Chatten und Hermunduren 
gelegen haben? 

Das Verständniss für Alterthumskunde ist hier noch 
geringer als in Schlesien. Als ich z. B., ehe ich den 
Berg bestieg, dicht vor ihm einige bejahrtere Frauen, 
die seine Kuppe beim Holzsammeln schon oft bestiegen 
hatten, nach etwaigen Resten von alten Dämmen, Wällen 
oder Gräben frug, sagten sie mir: Da gehen Sie nicht 
erst hinauf, da können wir Sie versichern, dass Sie von 
dem, was Sie suchen, dort nichts finden. Diese Frauen 
waren sonst recht verständig, absichtlich haben sie mir 
keine Unwahrheit gesagt, aber es fehlt ihnen das Ver- 
ständniss, sie sehen einen Graben oder Wall von 4 oder 
5 m. Höhe oder Tiefe nur als etwas natürliches an. 

Anders verhält es sich bei ihnen mit der Sage, 
das ist hier wie in Schlesien der Frauen eigenstes Ge- 
biet und zwar quillt hier dieser Born noch frischer als 
in Schlesien, denn hier sind die Spinnstuben noch im 
Gange und der gestrenge Herr Gensdarm gestattet doch 
wenigstens noch, dass 4 Personen beisammen sein dürfen, 
in Schlesien sind diese Stätten der Sage, der alten 
Volkslieder und des Frohsinns grösstentheils zerstört, 
und an ihre Stelle sind die Zeitungen getreten, — aber 
die billigsten und nicht immer die besten. Hier in Hessen 
setzen die Frauen noch einen Stolz darein, die von 
den Voreltern ererbten Sagen wortgetreu den Kindern 
zu überliefern. 

Als ich am Fuss des Rothensteins eine junge auf 
dem Felde arbeitende Frau fragte, ob ihr keine Sage 
über den Berg bekannt sei, erzählte sie mir dieselbe, 



?4 

als sie aber hinzu setzte, sie sei einige Meilen von hier 
zu Hause, zog ich das Gespräch hin, bis zwei alte 
LandfrE^uen, die von Fern kamen, herangekommen waren, 
und da mir diese sagten, sie seien hier geboren und 
gezogen, bat ich sie um Mittheilung der Sage. • Sie er- 
zählten dieselbe so wie es die junge Frau gethan hatte 
Und diese tief jetzt stolz: »Sehen Sie, dass es genau 
so ist, wie ich Ihnen gesagt habe!« Als ich ihr darauf 
erwiederte : Nun sorgen Sie aber auch, dass die Sage 
nicht verloren geht oder verdorben wird, rief sie: »Ach, 
meine Kinder sind noch klein, aber die Sage wissen 
sie schon, die hab' ich ihnen genau ebenso gelehrt!« 
Die Sage, die an der Burgstätte haftet, ist folgende : 
In Allendorf wohnte ein armer Fischer Namens Martin. 
Seine Frau war mit dem sechsten Kinde darnieder ge- 
kommen und die Noth war gross bei ihm. Er fuhr 
nun gegen Abend mit seinem Kahn die Werra hinauf 
bis gegenüber dem Rothenstein, um zu fischen; da rief 
am rechten Ufer eine Stimme: Hol über! Er fuhr hin- 
über und sah ein kleines schwarzes Männchen, das 
sprach: Komm, folge mir, deine Noth soll ein Ende 
haben. Es führte ihn nun hinauf zur Burgstätte, gab 
ihm eine Springwurzel und eine eiserne Thür im Berge 
sprang auf. Der Kleine führte ihn hinein, sagte ihm, 
dass er die Springwurzel stets bei sich tragen müsse 
und zeigte ihm im Innern des Berges grosse Schätze. 
Nimm, sprach er wiederholt, so viel du, willst, aber 
vergiss das Beste nicht! Martin legte die Wurzel auf 
einen Tisch, band sich unten seine weiten Schifferhosen 
zu und füllte sie mit Gold und als der Kleine wieder 
rief: Vergiss das Beste nicht, Hess er Kupfer- und Silber- 
geld liegen und nahm nur Gold, was er für »das Beste« 
hielt. Als sie nun wieder hinaus gingen, mahnte der 
Kleine nochmals: »Vergiss das Beste nicht!« Aber 
Martin meinte das Beste zu haben und liess die Springs 



76 

Wurzel liegen. Vor dem Kleinen öffnete sich die eiserne 
Thtir, Martin schritt dicht hinter ihm, aber die Thür 
schlug plötzlich und so heftig zu, dass sie ihm die 
Ferse des einen Fusses abschlug*). Mühsam schleppte 
er sich unter grossen Schmerzen mit seiner Last über 
die Spennäcker zu seinem Kahn, seinen Weg tiberzog 
er mit einer langen Blutspur und gelangte endlich zum 
Tode ermattet an sein Haus. Dort öffnete er die Thür, 
warf das Gold in die Stube und rief zu seiner im Bett 
befindlichen Frau: Ihr seid gerettet, mit mir aber ist 
es aus! Die Frau starb vor Schreck. Martin konnte 
noch seinen Nachbarn die Begebenheit mittheilen und 
seinen letztern Willen äussern, dann starb er. Die Aecker 
am Fuss des Berges, die er mit seinem Blut gedüngt, 
wurden angekauft, sie heissen noch heute die Blut- 
äcker ; auf dieselben wurde die Verpflichtung über- 
tragen, alljährlich an die Armen an einem Tage im 
Juli Brot und Speck zu vertheilen. Dies geschieht 
noch heute. Ein Jahr soll die Austheilung unterblieben 
sein, da sei das Blut in den Ackerfurchen geflossen, 
daraufhin sei die Vertheilung wieder aufgenommen 
worden. So die Sage. 

Ihr erster Theil. so weit er von den Schätzen 
und der Springwurzel handelt, findet sich auch im 
Zobtenberge in Schlesien ; ob dort noch irgendwo eine 
Vertheilung von Brot und Speck üblich ist, bleibt zu 
ermitteln. Hier in Hessen finde ich diese Brod- und 
Speckvertheilung noch an einer anderen Stelle, wo ich 
sie anführen werde. 

An die Oertüchkeit will ich hier noch zwei Mit- 
theilungen schliessen, die vielleicht noch irgendwie von 



*) In der älteren Edda sagt Brünhilde, nachdem sie dafür 
gesorgt hat, dass die Leiche Siegfrieds mit einer Anzahl Diener 
verbrannt werde: „So wird ihm des Götterthores goldberingter 
Flügel nicht auf die Ferse fallen — — ". 



76 

JCutzen sein können. Oestlich des Rothenstein ziehen 
sich die hohen Berge herum und bilden gleichsam einen 
Kessel. Nach der Mittheilung eines früheren Salinen- 
Direktors solle auf seinem Grunde hinter, also östlich 
des Rothensteins, in einer sehr fernen Zeit enne Salz- 
quelle gewesen sein. Worauf der Herr sich bei dieser Mit- 
theilung gestützt hat, habe ich nicht ermitteln können. 
Die zweite durch Herrn Stein feM erhaltene Mit- 
theilung geht dahin, dass vor 20 oder 25 Jahren 
Flösser genöthigt waren, südlich von Allendorf in der 
Werra mit ihrem Floss zu lagern. Sie benutzten eine 
dicht am Flussbett liegende Quelle zum Kochen ihrer 
Speisen, die sie dann nicht geniessen konnten, da sie 
durch Salz ungeniessbaf waren und eine Probe des 
Quellwassers ergab einen sehr starken Salzgehalt. Als 
sie bei ihrer Ankunft in Allendorf diese Thatsache mit- 
theilten, hat Niemand für nöthig gehalten den Ort 
gleich zu ermitteln; da aber nachträglich am Ufer der 
Werra eine solche Quelle nicht zu finden war, so möchte 
ich schliessen, dass die starke Salzquelle in der Werra 
selbst und nur bei ganz niedrigem Wasserstande ausser- 
halb des Strombettes liegt, ein solcher Wasserstand 
wird wohl auch die Flösser genöthigt haben, dort liegen 
zu bleiben. Vielleicht richten diejenigen, die sich für 
ihre engere Heimath interessiren, auf diese Angelegen- 
heit ihr Augenmerk *). 

*) Die ganze Angelegenheit erhält aber grössere Bedeutung 
durch Tacitits^ der in der angezogenen Stelle vom Kampf um die 
Salzquellen diese als im Fluss gelegen bezeichnet. Eine Be- 
sichtigung der Oertlichkeit führt zu der Annahme, dass in der 
Vorzeit die Werra von den Weidenhöfen bis zum Rothonstein in 
grösserer Breite tloss und der noch erhaltene Name Seerain deutet 
dort auf stehendes Wasser. Auch das Bruch am Römerlagor 
scheint in einem Arm von ihr bespült worden zu sein. Eifahrungs- 
mässig bilden alle Flüsse, die in mehreren Armen verlaufen, zwischen 
diesen ti'ockene Stellen, die nur zeitweise übertluthet werden. 



ri 



Der Mönchehof. 

Ungefähr 5 Kilometer nordwestlich von Sooden 
und östlich etwa 2 Kilometer von Kammerbach befinden 
sieh auf einsamem Bergrücken, der sich wie ein Sattel 
an höher gelegene Berge schliesst, die Reste eines 
grösseren Schanzenwerkes im abgerundeten Viereck. 
Der freie Ringplatz hat eine lichte Länge von 150 m 
und eine Breite von 125 m und fällt nach Südosten 
schräg ab. An der Südseite ist der Wall abgefahren 
und verackert, aber seine ehemalige Grundfläche markirt 
sich noch auf eine Breite von 10 m. Auch auf dem 
Wall der Westseite hat der Pflug in dem schweren 
rothen Lehmboden seine Furchen gezogen, ohne indess 
seine Form gänzlich zu verwischen; an der Nord- und 
Ostseite ist er noch gut erhalten, zeigt eine Höhe bis 
2 m und auch der Graben, der sich noch rings um 
das Ganze zieht, hat bei einer Kronenbreite von 6 m 
eine Tiefe bis 2 m. Nördlich zieht sich hinter dem 
Wall das Probstbüschel den Berg hinauf. Ich konnte 
nicht gleich erfassen, welchen Zweck wohl diese grosse 
Schanze hier auf einsamer Höhe, fern von der Strasse 
gehabt habe. Von Hirten und Ackersleuten konnte ich 
nur erfahren, dass der Sage nach einst in dieser Schanze 
ein grosses aus Holz geschrotetes Haus gestanden habe, 
dass man das Wass(»r durch Esel aus einem Brunnen 



An einer solchen Stelle müssten die von Tacitus envähnten Quellen 
gelegen haben. Später änderte der Fluss seinen Lauf und die 
Quelle verschwand, um nur noch zeitweise zum Voi*scheiu zu 
kommen ; so würde der Bericht der Fiösser sich mit Tacitus decken 
Letzterer zeigt sich überall da, wo es sich um Oertlichkeiten 
Grenzen etc. liandelt und wo er anscheinend aus dem damaligen 
Kriegsministerium schöpfte, gut unterrichtet; wo er hingegen seine 
Schilderungen über Sitten und Gebräuche von Anderen empfing, 
leiden sie nach der Autfassung seiner Oewälii'smänner an Wider- 
sprüchen. 



^8 

am Eichberge in der Richtung nach Frankenhain über 
eine viertel Meile weit herauf geschafft und dass der 
bis zum Fuss der Schanze führende Grund noch heute 
der Eselsgrund heisse. Ich musste mich zunächst in 
eine sehr ferne Zeit zurück versetzen, musste erforschen, 
wie zu jener Zeit hier die örtlichen Verhältnisse waren, 
dann erst konnte ich weiter schliessen. Ich fand zu- 
nächst von hier die Mönchhofwiese (Melcherwiese), das 
Mönchsfeld (Melchersfeld), an ihm eine Quelle mit gutem 
Wasser, das ehemals wahrscheinlich reichlicher floss 
als jetzt; warum schleppte man also das Wasser aus 
weiter Ferne herauf, wenn Trinkwasser nicht weit von 
hier zu finden war? Ich musste weiter schweifen. 
Wo ging ehemals die Strasse? Von Sooden aus führte 
an der Westerburg vorüber und durch diese gedeckt 
ein, theilweise in den Fels gehauener Fusspfad, der 
seiner Enge und Steilheit halber nur für Fussgänger 
benutzbar war, ehemals wie heute, man gelangte auf 
ihm nach Franker shausen. Nördlich der Westerburg, 
da, wo jetzt die Strasse geht, bildeten die Felsen eine 
zusammenhängende Masse, das ist klar ersichtlich; wo 
war der Weg, auf dem das Salz westwärts geführt 
wurde? Ich schweife zurück, ein Fusspfad von der 
Schanze führt nördlich, ich gelange auf ihm an den 
Bergen herum unterhalb Ahrenberg, südlich, da, wo 

a 

die ursprüngliche Salzquelle gewesen sein soll, finde 
aber auch noch oben auf der Höhe eine rechtsgehende 
Abzweigung, sie führt durch das »Neue Thal«, durch 
seine 1*® und 2*® Höhlung, die ersichtlich von Menschen- 
hand gefertigte Einschnitte für einen Treiberpfad bilden, 
und gelange direkt an die heutigen Soodener Salzwerke. 
Jetzt schweife ich von der Schanze den Eselsgrund 
entlang, ich gelange zwischen Frankershausen urtd 
Frankenhain zur verschollenen »alten Stadt«, weiter 
finde ich den Strassen-Knotenpunkt, »die Bärenburg«, 



immer weiter folge ich dem alten Pfad d^n Meissner 
hinauf, vom Schwalbenthai westlich hinab, hier treffe 
ich seinen alten Namen »alter Sälzerweg« und da, wo 
wieder eine Quelle sprudelt, befanden sich noch .vor 
30 Jahren die Spuren eines alten Ringwalles am Hauser- 
wege. Jetzt ist das Räthsel gelöst, hier ist der alte 
Saumpfad, auf ihm trugen die Lastthiere das Soodener 
oder Allendorfer Salz gen Westen. 

Der Mönchehof war der letzte auf der Höhe liegende 
Herbergsort, das Wasser auf ihm selbst fehlte ; für den 
eigenen Bedarf wurde es am Molkenborn an der Melchers- 
wiese geholt, da die aus Westen kommenden Lastthiere 
aber leer vom Thale heraufzogen, so brachten sie in 
Schläuchen oder Gefässen ihren eigenen Wasserbedarf 
mit und wenn sie am anderen Tage durch das neue 
Thal wieder mit Salz beladen heraufstiegen und hier 
die erste Rast hielten, da fanden sie das erforderliche 
Wasser vor. Die leeren Schläuche etc. nahmen sie den 
Berg hinab wieder mit bis zum Brunnen, wo die nächste 
Karawane sie wieder gefüllt zurück trug. Als ich, mit 
dieser Lösung beschäftigt, meine Messungen fortsetzte, 
erschien ein kräftiger Herr und stellte sich als der 
Bürgermeister von Kammerbach vor, ich theille ihm 
den Zweck meiner Arbeit mit ; über die Schanze oder 
ihre Bedeutung konnte er keine weitere Auskunft geben, 
als ich ihm aber meinen Gedankengang entwickelte, 
erklärte er hoch erfreut ihn für richtig und er war 
mit mir der Ansicht, dass sich für diesen Zweck kein 
günstiger gelegener Ort finden lasse. Jetzt eröffnete 
er mir auch, dass er mich von fern beobachtet und 
für einen französischen Spion gehalten habe und freue 
sich nun des Gegentheils. Im weiteren Gespräch theilte 
er mir zur Begründung meiner Ansicht noch mit, dass 
selbst noch inTieuerer Zeit, ungefähr bis zum Jahr 1829, 
der Transport des Salzes durch Lastthiere erfolgte, 



80 

denen sich Leute mit Radwem oder Rückenlasten an- 
schlössen, ihre Rast hielten sie in Frankershaasen. 

Zwischen dem Mönchehof und dem Ort, wo die 
heutige Chaussee den Wald in der Richtung nach 
Sooden verlässt, fand ich noch Spuren eines alten 
Weges mit Wallaufwurf; ich schliesse daraus, dass 
auch später noch, als die jetzige Strasse schon durch 
den Felsen gebrochen war, der Mönchehof nach alter 
Gewohnheit noch als sichere Herberge benutzt wurde, 
bis dann andere Verhältnisse gestatteten, unter ihm 
vorüber zu ziehen und den Rastort nach Frankers- 
haasen zu verlegen. 

Dass bei Einführung des Christenthums die Mönche 
bestrebt gewesen sein werden, diesen so einflussreichen 
Ort in ihre Hand zu bekommen, bedarf keines Beweises 
und dass es ihnen gelang, bekundet der erhaltene Name. 
Um nun festzustellen, ob dieselben Verkehrs- und 
Schutzverhältnisse auch auf der Südseite von Sooden 
vorhanden waren, kehre ich nach der auf dem nörd- 
lichen Abhänge des Hirsberges befindlichen Schanze, 
dem Römerlager, zurück. 

Zwischen Sooden und dem Hirsberge befindet sich 
eine grosse Hutung, das Bruch genannt. Noch jetzt 
besitzt sie ungangbare Stellen; vor Anlage des Abfluss- 
grabens war sie Sumpf. Von Sooden zieht sich noch 
jetzt ein höher gelegener Feldweg an den Bergen herum, 
am Balzerborn, der Sooden mit Trinkwasser versorgt, 
vorüber nach der westlich der Schanze eindringenden 
Thalmulde, der schon genannten Schlachtekammer. Oest- 
lich der Schanze schneidet eine andere Thalmulde in 
den Hirsberg ein und zu ihr führt ein gegen 240 m 
langer, 6 m breiter bis 1 V2 m hoher geschütteter Damm, 
derselbe scheint ursprünglich eine andere Fortsetzung 
in der Richtung nach Allendorf oder Sooden gehabt zu 
haben, jetzt schliesst sich an ihn ein schmälerer Feld- 



8l . 

weg und es konnte mir Niemand sagen, zu welchem 
Zweck eigentlich dieser Damm bis an den Hirsberg 
geschüttet sei. Ich vermuthe in ihm den Rest einer 
alten Strasse von der Schanze nach Allendorf, oder 
den ehemaligen Zugang an eine Salzquelle. Die Ver- 
hältnisse liegen hier insofern anders, als am Mönchehof, 
als von hier der Verkehr nicht direkt in die Schanze 
hinein geleitet werden konnte ; der Schanzenberg steigt 
hier so steil an, dass ich z. B. beim Herabgehen, um 
mich vor dem Fallen zu schützen, erst immer den einen 
Strauch fahren liess, wenn ich den anderen erfasst hatte. 
Man war daher genöthigt, rechts und links des Berges 
in den Thalmulden den Verkehr an der Schanze vor- 
über den Berg hinauf zu leiten. 

Ein bereits erwähnter, auf der Ostseite gelegener 
Graben, der jetzt wohl durch die Jahrhunderte lange 
Auswaschung vom Regen tiefer geworden sein mag, 
dessen Wallaufwurf aber noch seine künstliche Anlage 
bekundet, kann seiner Steilheit halber nur von Menschen 
mit Traglasten, aber wohl kaum von Lastthieren be- 
nutzt worden sein ; durch ihn gelangte man in die Vor- 
burg und in die Schanze. Die rechts und links zu 
benutzenden Hohlwege aber liefen höher hinauf, hinter 
die Schanze, auf die dortige Hochebene. 

Nun komme ich zu einem Punkt, der dem hes- 
sischen Geschichtsverein, wie mir durch Herrn Steinfeldt 
mitgetheilt wird, schon aus eigener Anschauung be- 
kannt ist, es sind dies die sogenannten 

Hünengräber. 

Ungefähr 300 m. südlich vom »Römerlager« und 
am Auslauf des westlich aus der Schlachtkammer herauf- 
kommenden Lastpfades finde ich einen 3 m. hohen 
Erdkegel von 10 m. oberer Länge und 8 m. Breite. 
Eine Nachgrabung, die den Erdkegel bis zur Sohle im 

N. F. XV. Bd. 6 



82 

rechten Winkel durchschnitt, hat seine Form etwas 
verwischt, doch ist genau zu unterscheiden, dass sie 
nicht viereckig, sondern rund war. Schwache Spuren 
einer ehemaligen Umwallung lassen sich noch erkennen. 
Soviel ich erfahren konnte, wurden in dem Hügel nur 
einige Knochen und ein Hufeisen, angeblich von einem 
Esel, gefunden. Ich muss gestehen, ich finde in dem 
Hügel weder etwas Hünenhaftes noch etwas Grab- 
mässiges. Es ist ein langrunder Erdkörper, wie er mir 
in dieser Form und Grösse in Schlesien unter den ver- 
schiedensten Namen: »altes Schloss«, »versunkenes 
Schloss«, »Kubitzkeberg«, »Meilbergel«, »Schweden- 
schanze«, »Kretscham« etc. entgegen trat und ich halte 
auch diesen Hügel für nichts anderes als was er den 
obwaltenden Verhältnissen nach sein musste: eine be- 
festigte Herberge. Sie musste an dieser Stelle vor- 
handen sein, sollte der Zug der Lastthiere zur erforder- 
lichen Unterkunft nicht wieder rückwärts hinab in 
die Schanze getrieben werden *). 

Nun liegen aber gegen 60 m. südöstlich noch drei 
andere ähnliche, nur kleinere Hügel, ein mittlerer, gegen 
3 m. hoher hatte ursprünglich einen oberen Durch- 
messer von 7 m., irgend wer hat jedoch auf ihm nach- 
gesucht, den Boden südwestlich abgeworfen und liegen 
lassen, so dass die Kuppe jetzt 9 m lang und 7 bis 
8 m. breit ist. 

Rechts und links, ehemals in gleichen Abständen 
von 5 m., jetzt sind diese Abstände durch Zerwühlungen 
verschoben, befinden sich je ein anderer Hügel von 
nur 1,50 m. und 1,80 m. Höhe und 4 und 5 m. oberer 
Breite. 



*) Dass in derartigen Hügeln auch Urnen beigesetzt wurden, 
hat gai* nichts aufialliges, auch die späteren Ritter bestatteten ihre 
Vorfahren in den Gewölben ihrer Burg, ohne dass die Gruft der 
Hauptzweck der Errichtung des Baues war. 



83 

In einer Entfernung von 30 m. südlich, dicht an 
dem alten Wege, befinden sich weitere Reste eines 
grösseren Hügels und Spuren von einem kleineren. 

Diese Hügel decken sich mit dem von Allendorf 
auf dem bereits erwähnten Damm in der Thalmulde 
östlich der Schanze »Römerlager« herauflführenden alten 
Pfad. Auch hier war für die den beschwerlichen Weg 
heraufkommenden beladenen Lastthiere, sowie für die, 
welche aus dem Thal vom Dohlsbach heraufstiegen, um 
nach Sooden und Allendorf zu gelangen, ein Rastort, 
wo sie Schutz und Unterkunft fanden, ausserhalb der 
Schanze erforderlich. 

Das, was man also hier Hünengräber nennt, halte 
ich für nichts anderes als für eine ehemals durch den 
Verkehr gebotene Ansiedelung. Die grossen Erdkegel 
trugen die Wohnungen der Menschen und die kleineren 
die Ställe für das Vieh; Räume von 4 m. Breite und 
5 m. Länge gaben sehr hübsche Ställe nicht nur für 
Esel und Maulthiere, sondern sogar für grössere Pferde- 
ra9en. 

Was unsere Eisenbahnen und ihre Bahnhöfe heute 
sind, das waren damals die Lastpfade und so wie sich 
heute ausserhalb der Bahnhöfe Wirthshäuser gründen, 
die auch dem verspätet eintreffenden Reisenden noch 
eine Unterkunft gewähren, so war es damals schon an 
den alten Bahnhöfen, den Schanzen. 

Der hiesige Boden erscheint trotz seiner hohen 
Lage wenig durchlässig, ich fand im August Wasser- 
lachen in der Nähe der grossen und der kleinen Hügel. 

Wenn mir nun die Aufgabe würde, hier auf einem 
frisch geschütteten Hügel einen Bau zu errichten, sei 
es, dass entweder Pfahl an Pfahl als Pallisaden an 
seiner Oberkante rund herum eingegraben und durch 
ein Dach verbunden würde, oder dass darauf ein Haus 
aus geschroteten Stämmen, oder ein Fachwerksbau von 

6* 



84 

Holz und Lehm errichtet würde, so müsste meme erste 
Sorge sein, den geschütteten Kegel derart zu befestigen, 
dass er bei nassem Wetter nicht ins Weichen käme, 
ich würde also seinen Fuss durch eine Steinpackung 
schützen und genau dasselbe finde ich, thaten die Alten, 
die diese Hügel schütteten ; die hoch aufgesetzten Steine 
treten an dem grossen Hügel, wo er angegraben ist, 
klar zu Tage. 

So viel ich auch über die aufgefundenen Werke 
der Vorzeit nachdenke, das Eine tritt mir überall vor 
Augen : die Erbauer Hessen sich mit bewundemswerthem 
Scharfblick bei ihrem Thun nur von praktischen Zielen 
leiten, sie litten an keinerlei romantischen Ideen und 
wussten genau, was sie wollten. 

Für diejenigen Lastführer, welche nun hier von 
den Hünengräbern zum Dohlsbach hinab trieben und 
südlich über die Werra wollten, wird sich an den »Höfe 
Weiden« ein Aufenthalt an der üeberfahr geboten haben, 
vielleicht stammte das Wirthshaus »zum letzten Heller«, 
das bis zum Bau der Eisenbahn dort am Bergabhang 
vorhanden war, noch aus der Urzeit; merkwürdiger 
Weise findet sich an der Strasse westlich Breslaus eine 
uralte Herberge gleichen Namens. 

Diejenigen Lastführer, welche westlich weiter 
wollten, fanden da, wo sich heute Chaussee und Eisen- 
bahn in den Felsen eingeschnitten haben, den »dicken 
Stein« bis in die Werra reichend. Sie mussten also 
wiederum bergauf und wenn ich ihren Pfaden folge, so 
treffe ich nach beschwerlichem Gang am Beghm der 
Hochebene die Reste der 

Bömerschanze auf dem Weidschekopf. 

Im dichtesten Gesträuch, nur 150 Schritt westlich 
des alten nach Hitzerode führenden Weges befindet sich 
ein bis 10 m. breiter Graben, von dessen Sohle ein 



85 

4 m. hoher Wall aufsteigt, in einer graden Linie 40 m. 
weiter führt, südlich auf eine Länge von 15 m. und 
nördlich noch 25 m. lang im stumpfen Winkel herum- 
schwenkt und die Form des abgerundeten Vierecks 
zeigt, dessen volle Ausdehnung sich nicht mehr be- 
stimmen lässt. Hier fanden die Lastführer Schutz und 
Unterkunft; von hier aus eröffnete sich auch dem Blick 
eine freie Aussicht über das Werrathal und seine Um- 
gebung. Etwa 600 Schritt nordöstlich der Schanze 
befindet sich in dem nach der Werra steil abfallenden 
Felsen ein etwa 2 m. langes, 4 m. breites Loch: »das 
Stein- oder Heidengrab.« Es ist mir jedoch nicht 
gelungen darüber etwas Näheres zu ermitteln. 

Weiter führte der Pfad in der Richtung nach 
Hitzerode, von dort theilte er sich in drei Linien. Die- 
jenigen, welche nach der alten Stadt am Heiligenstein 
und von da weiter in der Richtung nach dem heutigen 
Eschwege wollten, zogen zur Schnepfen- oder Schnecken- 
burg, ich möchte letzteren Namen der Schneckenwindung 
des alten Pfades halber für richtig halten. 

Die Schnepfen- oder Schneckenburg. 

Ehemals von einer dreifachen Wall- und Graben- 
wehr umschlossen, steigt der Hügel steil aus dem Thal- 
grund des Kupferbachs auf. Das System, nach dem 
die Anlage ausgeführt war, ist dasselbe wie auf dem 
Burgschloss zu Steinseifersdorf am Eulengebirge, nur, 
dass die örtlichen Verhältnisse dabei von Einfluss waren. 
Der obere freie Ringplatz hat nur eine Breite von 18 m. 
und zieht sich nach Süden abfallend auf eine Länge 
von 50 m. zu den Teufelsklippen, welche ihren Namen 
wohl von ihrem gefährlichen schroffen Abfall haben 
mögen. 

Nördlich im Ringplatz findet sich im Felsen ein 
bis 3 m. tiefes Loch, das anscheinend durch Menschen- 



86 

hand gebrochen wurde. Vom letzten Wallgraben bis 
zu dem 4 m. höher liegenden Ringplatz wuchern die 
Dornen so stark, dass ich mir nur mit abgebrochenen 
dürren Baumästen einen Weg bahnen konnte, bei dem 
Hände und Kleider übel weg kamen. Die Märchen 
unserer Kindheit, in denen die verwünschten Schlösser 
mit undurchdringlichen Dornhecken umgeben sind, haben 
einen reellen Untergrund. Nachdem ich mich hindurch- 
gearbeitet, bemerke ich zu meinem Aerger, dass die 
Forstverwaltung von der neu angelegten Strasse aus 
eine Lichtung bis zu der Kuppe des Berges durchge- 
hauen hat, so gehts, wenn man nur alten Spuren folgt. 
Lagen nun die Verhältnisse bei der Schanze auf 
dem Weidschekopf so, dass dort für die von den Hünen- 
gräbern mit ihrer Last herab- und dann wieder herauf- 
gestiegenen Lastführer Schutz imd Unterkunft vor- 
handen sein musste und dadurch die räumliche Aus- 
dehnung der Schanze bedingt wurde, so war das hier, 
wo man von der Hochebene zum Thal hinab stieg, 
nicht nöthig. Die Schanze fällt daher ihrer Lage und 
räumlichen Ausdehnung nach nur unter die Beobachtungs- 
posten, was nicht ausschliesst, dass an ihrem Fuss, da 
wo der alte Weg von Hitzerode an sie führt, auch 
Unterkunftsräume vorhanden sein konnten. 

Folge ich nun dem alten Pfad am Abhang der 
Berge, der in neuerer Zeit durch die Forstverwaltung 
in dankenswerther Weise verbreitert und verbessert 
worden ist, so gelange ich nach etwa 15 Minuten an 
ein Sclianzenwerk, das ebenfalls den Namen Römer- 
schanze führt und das ich der Unterscheidung halber 
bezeichne als 

die Römerschanze über dem HöUenthaL 

Für diejenigen Lastenführer und Reisenden, welche 
nicht an der Schnepfenburg zur »alten Stadt« am 



87 

heiligen Stein hinab gestiegen waren, führte der Pfad 
hier oben in der Richtung nach Abterode weiter. 

Die Schanze ist ganz nach der Bauart der vorigen 
angelegt, sie hatte eine dreifache Umwallung, wovon 
zwei noch gut erhalten sind. Die Gräben sind fast 
senkrecht und bis 15 m. tief. Der obere freie Ring- 
platz, der gleichfalls mit Domen sehr stark verwachsen 
ist, gehört dem abgerundeten Viereck, er ist nur 15 m. 
breit und 20 m. lang; seine Lage ist derart, dass er 
das Höllenthal und die Strasse nach Wellingerode direkt 
vor sich hat. Ein Grabenrest greift ausserhalb der 
Hauptumwallung südlich den Berg herum und deutet 
an, dass sich hier eine Vorburg zur Aufnahme von Vieh 
und Menschen befunden hat. 

Folge ich nun dem Pfade weiter, so gelange ich 
nach etwa 8 Minuten an eine Stelle, wo sich ein alter 
Pfad nach der jetzigen Höllenmühle hinab zog und 
dann in der Richtung nach Wellingerode weiter ging. 
Bleiben wir jedoch oben, so gelangen wir nach wenigen 
Minuten an einen Punkt, wo der jetzige Pfad einen 
ehemaligen Wallgang schneidet. Dieser letztere führt 
ebenfalls abwärts nach dem Pfade zur Höllenmühle, ist 
aber so dicht verwachsen, dass ich ihm nicht folgen 
kann, aber aufwärts kann ich es. Der Wallaufwurf 
hat eine Höhe bis 3 m., während der Graben eine Tiefe 
bis 4 m. hat*). Folge ich ihm, so gelange ich, etwa 
200 m. westlich steigend, an eine Stelle, wo sich 60 m. 
aufwärts ein altes Schanzenwerk befindet, das keinen 
Namen hat, sondern nur »Auf der Schanze« bezeich- 
net wird. 

Etwa 100 m. tiefer liegen die Trümmer der Veste 
Bilstein. Die hoch gelegene alte Erdschanze, zu der 

*) Dieser Wallgang düi-fte wohl mit dem in einer Bilstein- 
sage erwähnten unterirdischen Gange von der Höllmühle nach der 
Burg identisch sein. 



88 

der Wallgang fährt, zeigt das abgerundete Viereck, sie 
hat 14 m. innere lichte Breite und 24 m. lichte Länge. 
Durch diesen Innenraum führt ein bis 7 m. breiter und 
bis 3 m. tiefer Graben in der Form eines T. Seine 
Anlage hat mit der ehemaligen Schanze nichts zu thun, 
ich glaube vielmehr, dass hier einmal von irgend wem 
eine planmässige Nachgrabung stattgefunden hat. Zu 
bedauern bleibt es in diesem Fall, dass sich der wissen- 
schaftliche Forscher nicht von dem Schatzgräber unter- 
scheidet ; ich mein6, wer dergleichen Denkmale der Vor- 
zeit untersucht, deren Werth doch nur in ihrer 
Form besteht, der sollte auch soviel Rücksicht üben, 
die Form wieder herzustellen wie er sie fand ; es kommen 
nach ihm noch andere Leute, welche nicht blos nach 
einem Stück Knochen oder dergleichen suchen und 
denen daran liegt, dass die Form auch der Nachwelt 
möglichst erhalten bleibt. 

Dicht an dieser Schanze, nur durch einen Graben 
getrennt, aber 2 m. höher, liegt noch eine zweite 
kleinere Schanze mit nur 8 m. breitem und 12 m. 
langem, freien Ringplatz, in der Ausführung wie die 
erste, nur die Ostseite, die steil abfällt, ist offen. Es 
sind Schanzen wie zu Johnsbach und Gierichswalde 
bei Wartha in Schlesien. Ihre Anwesenheit erscheint 
zuerst befremdlich; um ihren Zweck zu ergründen, muss 
ich c^ie Umgegend untersuchen und da finde ich, dass 
unter der jetzigen Ruine Bilstein der Felsen bis in das 
Wasser der Berka * gereicht hat ; es war eine Strasse 
entlang des Baches, wie sie heute besteht, nicht möglich, 
es mussten desshalb alle diejenigen, welche von Sooden 
nach Wellingerode wollten, an dem vorhin beschriebenen 
Pfade zur Höllenmühle herab und alle die, welche von 
der alten Stadt am heiligen Stein in der Richtung zur 
alten Stadt bei Frankershausen wollten, mussten diesen 
Pfad heraufsteigen, wo sie in dem Wallgang zu den 



89 

Schatazen gelangten und da war die Anlage beider 
Werke, von denen das eine wohl als Herberge diente, 
nöthig und wird erklärlich. 

Später, als der Mauerbau aufkam, brach man auch 
die Felsen, die an zwei Stellen das Thal sperrten; nun 
vollzog sich aber auch unten im Thal der Verkehr 
und die hochgelegenen Schanzen wurden zwecklos. Da 
schuf man einen Mauerbau direkt über der neuen 
Strasse, die Veste Bilstein. 

Als sich diese Wandlung vollzog, muss die Gegend 
schon gut angebaut gewesen sein, ich schliesse dies 
daraus, dass sich in dem Trümmerrest der ehemaligen 
Hauptmauer der Ruine Bilstein schon Scherben von 
gut gebrannten welligen Dachziegeln vorfinden; man 
verzwickte mit ihnen die Steine, welche nicht genau 
lagerten. Grafen von Bilstein werden schon im 9. Jahr- 
hundert genannt, die Zerstörung der Burg wird schon 
in das Ende des 13. oder Anfang des 14. Jahrhunderts 
verlegt. Diesen Mauerbau hier besonders zu behandeln, 
liegt jedoch ausserhalb des Zweckes meiner Arbeit. 

Auf dem Höhenzuge vom Römerlager am Hirschen- 
berge aus zeigt sich das Bestreben jeden Zugang von 
der Werra herauf nach dem Hochplateau durch eine 
Schanze zu decken ; halte ich diesen ausgeprägten Grund- 
satz im Auge, so fehlt hier an dem Pfade, welcher von 
Hitzerode ins Thal zur Schmelzhütte herabführt, noch 
eine Schanze. 

Es gelingt mir nur am Weinberg etwa 100 m. vom 
Buchenstein einen ehemaligen in den Fels gehauenen 
Brunnen von etwa noch 4 m. Tiefe zu ermitteln, dessen 
verschütteter Quell zeitweise noch^ an der Berglehne 
durchsickert. In seiner Umgebung muss die fehlende 
Schanze gelegen haben. 

Zur Sicherung des Weges, welcher wie bereits 
beschrieben vom Wallgange östlich von der Schanze 



90 

auf dem Bilstein hinab in das Thal zur Höllmühle* und 
nach Wellingerode weiter führte, diente 

die Schanze bei Wellingerode. 

Nordöstlich etwa 600 Schritt vom Dorfe befand 
sich bis vor kurzem der Rest einer Schanze, etwa 100 
Schritte westlich der Strasse, jetzt ist sie geebnet. Die 
an den Enden umbiegenden Flügel umfassten einen Wall 
von etwa 54 m. Länge. Hier zeigt sich das erste 
grössere Schanzenwerk in der Ebene, hier im Thale 
konnte sich der Verkehr, welcher sich über die ver- 
schiedenen Bergpfade leitete, sammeln. 

Die Weinberge 

waren mir unzertrennliche Begleiter der schlesischen 
Schanzen, ich finde sie auch hier in Hessen. Schon 
unweit der ersten Schanze auf dem Liebeberge finden 
sie sich am rechten Werraufer nördlich von Witzenhausen. 
Sie erscheinen südlich vom Mönchehof bei Orpherode, 
sind ferner bei Allendorf in der Erdbeschreibung der 
hessischen Lande von Engelhard Cassel 1778 Seite 258 
noch als „etwas Weinwachs" erwähnt, ein Weinberg 
liegt dicht an den Schanzen über dem Bilstein, ein 
anderer bei Abterode, ein solcher nordwestlich von Je- 
städt südlich vom Fürstenstein. Hier berichtet die Sage, 
da^ in seiner Kuppe noch grosse Weinvorräthe ver- 
borgen liegen, gegenwärtig wird auf dem Berge wieder 
Wein gebaut. So begegnen mir überall als Begleiter 
der Schanzen die Weinberge. Dass es für aussergewöhn- 
liche Anstrengungen der erregenden Genussmittel ehe- 
mals ebenso bedurfte wie heute bedarf keines Beweises. 
Branntwein gab es nicht, er kam erst nach dem 30jährigen 
Kriege allgemeiner in Gebrauch, das Bier ist dahin nicht 
immer zu rechnen, kann auch nicht überall hin mit- 
genommen werden, es blieb also nur der Wein. Reift 



91 

doch heute noch auf dem Forsthaus Hunnsrück, das 
etwa 300 m. über der Werra liegt, in gewöhnlichen 
Jahren die Traube. Als ich dies Jahr am 15. September 
den Rhein verliess, waren dort die Weinbeeren noch 
sauer und hart und man setzte die Hoffnung auf noch 
einige sonnige Tage und kalte Nächte, in meinem Garten 
in Schlesien aber fand ich von den Trauben nicht mehr 
viel vor, die besten Sachkenner, die Sperlinge, hatten 
sie schon gefressen. 

Die Annahme, dass sich der Name »Weinberg« 
aus Wineberg = Wiesenberg gebildet habe, finde ich 
bei meinen Wanderungen nicht bestätigt. Der grösste 
Theil der schlesischen Weinberge sind in sonniger Lage 
mit Kiefern- oder Birkenwald bewachsene Sandhügel, an 
denen sich selten eine Wiese befindet. 

Eine solche sprachliche Umbildung wäre doch 
überhaupt nur möglich, soweit die deutsche Zunge 
klingt, wo aber die polnische herrscht, ist sie gänzlich 
ausgeschlossen, denn die polnischen Bezeichnungen für 
Weingarten . (Winniogrod), Weindamm (Winniagrobla), 
Weingasse (Winnaulica), Weinberg (Winnica), lassen 
sich durch die polnische Wiese (Lazka) oder den Berg 
an der Wiese (Gora za Lazka) weder in der Schrift noch 
in der Aussprache ineinander umbilden. 

Nun ist aber auch in dem polnischen Theil Ober- 
schlesiens die Benennung Weinberg, Weinland, Wein- 
garten u. s. w. grade so reichlich vorhanden wie im 
deutschen, wo an zahlreichen Stellen die Weinberge 
vorkommen. Ja, wo die deutsche Ortsbenennung eine 
Verstümmelung erfahren hat, wie bei der Stadt Winzig, 
ist auf den ältesten polnischen Karten der Name noch 
richtig als Winnica (Weinberg) angegeben. Diese Stadt 
führte schon in ihrem ältesten Stadtwappen eine Wein- 
rebe, auch Oberglogau führt eine Weihtraube und ein 
Weinmesser im Wappen und in ihrer Umgegend sind die 



92 

auf den Wein lautenden Feldbenennungen zahlreich. 
Stellenweise hatte sich zwar der Weinbau noch in 
geschichtlicher Zeit erhalten, so erwähnt Schämvälder 
in seiner Chronik von Brieg, dass noch im Jahre 1302 
Wein in Michelau gebaut wurde, sonst aber ist wenig 
davon bekannt und der Chronist von Oberglogau sagt 
in seiner Chronik Seite 12 und 13, dass schon in vor- 
polnischer Zeit der Weinbau dort von den Quaden 
getrieben worden sein müsse. 

Als Erregungsmittel für das praktische Leben 
verlor der Wein seine Bedeutung mit dem Aufkommen 
des Branntweines. Noch heute begegnet es mir, dass, 
wenn ich in einer Weingegend dem Arbeiter die Wahl 
lasse zwischen Wein und Branntwein, er den letzteren 
wählt und frage ich warum? so sagt er: »Er greift 
besser.« Für den feineren Geschmack aber übte der 
schlesische Wein keinen Reiz, denn die Kunst seiner 
Behandlung war verloren gegangen. 

Eine Sage in der Winziger Gegend nennt den 
Wein > Mordwein« und behauptet: Einst seien Füchse 
in die Weinberge gekommen, einer habe von den Trauben 
gefressen und sei sofort verendet; als die anderen das 
gesehen, seien sie ausgerissen und nie mehr wieder 
gekommen, ja so lange man in der Winziger Gegend 
Wein gebaut, habe man keines Galgens bedurft, man 
habe dem Verbrecher einen Schluck Wein gegeben und 
da sei er sofort verschieden. Ein Schriftsteller des 16. 
Jahrhunderts, Curäus^ der den schlesischen Wein noch 
getrunken hat, bezeichnet ihn als »etwas unmild aber 
doch gesund und bequem.« (Chronik von Winzig, 
Abschnitt I, Satz 29.) 

Ich kann auf Grund der örtlichen Betrachtung 
nur schliessen, dass die überall neben den alten Ring- 
wällen herlaufenden Weinberge einst wirklich solche 
waren und dass das Volk, welches die Ringwälle schuf. 



03 

auch die Rebe gebaut habe. »Saner macht lustig« 
sagt ein altes Sprücbwort und sie nahmen es entweder 
mit dem Gesclmiack nicht so genau oder besassen gute 
Reben und gute Kenntniss der Behandlung. Dass sich 
hier oder da auch einmal eine Benennung Weinberg 
aus Wineberg = Wiesenberg gebildet habe, ist dess- 
halb nicht ausgeschlossen, darüber kann nur in jedem 
einzelnes Fall an Ort und Stelle geurtheilt werden. 

In Hessen reichen die Benennungen auf Wein 
z. B. bis znm Meissner hinauf, allerdings sagt dort 
schon der Zusatz Busch und Keller, dass es keine 
Pflanzstatten waren; ich nehme vielmehr an, dass sich 
zur Zeit, als der älteste Handelsweg über den Meissner 
führte, dort der grossen Volksfeste halber ein W^ein- 
vorrath in einem Keller befunden haben wird, und auch 
in Kriegszeiten kann hier unter anderer Habe auch 
W^ein geborgen worden sein. 

Es liegt nun nicht im Zweck meiner Arbeit, den 
Spuren der Vorzeit Schritt für Schritt so weiter nach- 
zugehen, wie ich es in Schlesien und zum Theil hier 
in Hessen gethan habe. Es stehen mir nur meine 
geringen Privatmittel zu Gebote ; in meinem Alter wird 
eine derartige Forschung nicht nur sehr beschwerlich, 
sondern sie wirkt aufreibend, es werden grössere Ruhe- 
pausen und dadurch grössere Ausgaben nöthig, ich 
mnss mich daher im Weiteren auf die, immerhin auch 
kostspielige Ermittelung vorhandener Schanzen be- 
schranken, aas ihrer Zahl hier oder da eine, der wie 
ich glaube am wenigsten bekannten herausgreifen, ihre 
Lage und Bauart prüfen und es dann der hessischen 
Alterthumsforschung überlassen, den Zusammenhang 
aller Schanzen zu ermittein und das von ihnen um- 
schlossene Gebiet, sowie ihre Verbindung mit dem nach- 
barlichen Schanzengebiet festzustellen. Ich will daher 
im Weiteren nur andeutimgs weise verfahren. 



94 

Einen wichtigen Punkt in strategischer wie kauf- 
männischer Beziehung muss schon in der Vorzeit 

Witzenhausen 
gebildet haben. Durch seine Lage beherrschte es die 
Werra und das Thal. 

Den ersten befestigten Ort, den am rechten Ufer 
belegenen Liebeberg, habe ich bereits oben beschrieben. 
Noch zu erforschen bleiben die am linken Werraufer 
östlich der Stadt gelegenen alten Schanzen auf dem 
Johannisberge. Einen wichtigen Punkt bildeten 
auch die weit hinaus ins Land lugenden Warteberge. 
Unterhalb des dritten Warteberges, am sog. Kämmers- 
liethekopf, deutet die Grabenspur auf eine Landwehr. 
Die kleinen Gräben auf den mit älteren Lärchen und 
Kiefern bestandenen Gipfeln der Berge sind nach ge- 
fälliger Mittheilung des Stadtförsters Herrn Kerslen 
vor etwa 50 Jahren zum Schutz der angelegten Pflanz- 
ungen gezogen worden. 

Folge ich nun der Strasse weiter südlich, so ist 
das nächste grossere Schanzenwerk die dreifach um- 
wallte Geisterburg südlich von Trenkendorf. Ihre 
genaue Besichtigung und Messung wurde mir durch 
anhaltenden Regen vereitelt. Da nun in Hessen die 
Entfernung der einzelnen Schanzen je nach der Oert- 
lichkeit noch unter 3 Kilometer herab geht, so sind 
zwischen hier und Witzenhausen noch mindestens zwei 
Schanzen zu suchen. 

So wie nun in Schlesien der Zobtenberg allen in 
das Land einbrechenden Horden als Wegweiser und 
den Bewohnern als Zuflucht und zur Gottesverehrung 
diente, so war es in Hessen mit dem 

Meissner 
der Fall. Dass man zu ihm floh, darauf deuten die auf 
ihm vorhandenen Reste ehemaliger Schanzen, die in 
ihrem Zusammenhang noch zu erforschen bleiben. 



95 

Dass es auch hier hiess, wie die ältere Edda sagt: 

^Hoch ^eh ich liegen ein heiliges Land, 
den Äsen näher nnd Alben*^, 

dass man auch hier hinaufzog »allsommerlich zur ge- 
segneten Stätte«, wie sie weiter sagt. Dass man hier 
hinaufflehte zum alten guten deutschen Gott: »Zu enden 
das Uebel so überkommt der Menschen Kinder«, dass 
man hier die Flamme hoch auflodern liess und sich 
bei ihrem Schein eins fühlte mit allem umherwohnendem 
Volk in der Anbetung des unerforschlichen Gottes! Ja, 
das glaube, das erfasse und begreife ich, da ziehe ich 
auch mit hinauf, aber dass unsere Väter jemals solche 
Narren gewesen wären, überall Opferstätten zu gründen, 
um ihr mühsam erworbenes Hab und Gut zu verbrennen, 
das glaube ich niemals. 

In der ganzen älteren Edda kommt nicht einmal 
das Wort Priester vor, nur an einer Stelle wird gesagt, 
dass der Hüter der Heiligthümer manchen guten Trunk 
Methes trinkt, aber nicht etwa hier! Nein droben in 
Walhalla. — Was die Römer deutsche Priester nannten, 
waren wohl durch Ansehn und Begabung hervorragende 
Leute, Heilkünstler etc. Diese Annahme findet in der 
älteren Edda einen Beleg. Als Gudruns Kammerjungfer 
Magd Heike geschwatzt, dass Dietrich bei der Königin 
nächtige, erbot sich diese zum Eide beim geweihten 
weissen Stein. Es wurde nun die ganze Verwandtschaft 
zusammengerufen, 700 Krieger versammelten sich in 
der Halle und nun heisst es: 

„ruf auch der südlichen Sachsen Fürsten, 
der den wallenden Kessel weihen kann^. [ — ] 

Es war also kein Priester, der das geheimnissvolle 
Kunststück vollführte, das trefflich gelang, denn Gudrun 
hob unversehrt die hellen Steine aus dem wallenden 
Kessel, während die darnach hineingreifende Magd sich 
die Arme verbrühte. Es scheint eine Art Brausepulver 



96 

schon damals bekannt gewesen zu sein, für die Magd 
war wohl ein zweiter Kessel, in dem das Wasser nicht 
blos „wallte", sondern wirklich kochte. Wären wirkliche 
Priester vorhanden gewesen, so hätten diese gewiss in 
einer so wichtigen Sache die Weihe selbst vollzogen. 

Wenn Strabo berichtet, bei den Cimbem hätten 
sich auch weiss gekleidete Priesterinnen befunden, so 
ist das wohl ein leicht erklärlicher Irrthum. Wir lieben 
es noch heute bei aussergewöhnlichen religiösen und 
bürgerlichen Festen weiss gekleidete Jungfrauen voran- 
zustellen, kehren die Sieger heim, so werden sie von 
ihnen festlich empfangen ; weiht ein Gesangverein seine 
friedliche Fahne, so halten weissgekleidete Jungfrauen 
die Fahnenbänder und das Fahnentuch, während eine 
Auserwählte den Weihespruch vollzieht; muss da nicht 
ein Fremder, der unsere Sitten nicht genügend kennt, 
auch heute noch zu der Annahme gelangen, dass unsere 
Jungfrauen eines priesterlichen Amtes walten? 

Wenn Diodor berichtet, dass die Priester Menschen- 
opfer vollziehen und aufmerksam die zuckenden Glieder 
betrachten u. s. w., so giebt es wohl keinen grösseren 
Gegensatz, als Menschen zerstückelnde Priester und 
weissgekleidete Priesterinnen. Ich glaube, auch hier ist 
die Wahrheit nur verschleiert. Unsere heutigen Priester 
der Gerechtigkeit bringen auch noch alljährlich viele 
Menschenopfer und nachdem der Scharfrichter seines 
Amtes gewaltet, kommen andere Priester und zergliedern 
den geopferten Körper um ihr Wissen zu bereichern. 

Ein Volk wie das deutsche, das jeden Augenblick 
bereit war Wunden zu schlagen und zu empfangen, 
musste auch die Männer besitzen, die befähigt waren, 
solche zu heilen und dazu gehörte eine genaue Kennt- 
niss des menschlichen Körpers, eine andere Bedeutung 
hatten wohl die Beobachtungen an den Leibern der Ge- 
opferten nicht. 



97 

Der Sonntag nach Pfingsten heisst noch heute in 
Hessen der goldene Sonntag, an ihm zogen bis in die 
Neuzeit Vornehme und Geringe hinauf zum Meissner 
und waren fröhlich, tanzten im Saal und auf dem Rasen 
und noch vor etwa 40 Jahren war diese Sitte so fest 
gewurzelt, dass das Gesinde beim Miethsvertrage sich 
den Besuch des Meissners am goldenen Sonntag bedang. 
Diejenigen, denen der Meissner zu entfernt war, feierten 
den goldenen Sonntag auf dem Baals, einem Hochpla- 
teau auf dem Hirschberge beim Dorfe St. Ottilien. 

Der alte Pfad, den ich an der Schmelzhütte verliess, 
zieht sich aus dem Höllenthal herüber zur Bärenburg, 
die ich schon im Zusammenhang mit dem Sälzerweg einen 
Strassenknotenpunkt nannte. An ihrer Stelle liegt jetzt 
ein Gehölz von etwa 40 Morgen; es wird mitgetheilt, 
dass von der Burg nichts als der Name vorhanden sei 
die Spuren werden sich aber wohl ebenso finden wie 
anderen Ortes. Der Pfad führt über den Meissner, wie 
der Berg amtlich geschrieben wird. Die Bevölkerung 
nennt ihn je nach ihrer Mundart Wiehssner, Wissner, 
Weissner und frage ich: Warum sagt ihr Wiehssner, 
Wissner etc., so lautet die Antwort: Na wul je us bis 
Pingste de wisse Seit zeuigt. Also weil er bis Pfingsten 
die weisse, schneeige Seite zeigt. Der Name ist erst 
in neuerer Zeit in Meissner verderbt wordfen. 

Ich finde hier dieselbe Mundart wie im unteren 
Elsass und theilweise an der Mosel, brun statt braun, 
min statt mein, Huis statt Haus, krischen statt kreischen, 
schimpfen, sich ärgern. Wodurch die Glieder eines 
und desselben Stammes soweit auseinander kamen, fand 
ich erst in Amold^s Ansiedlungen und Wanderungen 
begründet. 

Aber ich halte Hessen und Westphalen für den 
Pendel an der deutschen Uhr; so oft und so vielfach 
sein Scliwingungskreis auch beengt wurde, ganz zum 

N. F. XV. Bd. 7 



98 

Stillstand ist er nicht gekommen, er schwingt noch 
durch dieselbe Kraft, die von Ewigkeit her dem deutschen 
Volke hier seinen Platz anwias und an dem es sich, 
vielfach trotz Armuth, Mühe und Noth mit frohem 
Sinne bis heute noch befindet. 

Mochte der Völker Wogenschlag nach rechts oder 
links gehen, mochte ein grosses deutsches Reich von 
der Wolga bis Burgund schon bestanden haben oder 
zerfallen sein, als die Römer seine Trümmer fanden, 
hier in diesen Bergen blieb ein Urvolk, ebenso wie in 
den schlesischen Gebirgen, wo die Völkerwanderung 
keinen Wechsel der Bewohner verursacht hat. Die 
spätere Forschung wird meine Behauptung rechtfertigen. 

Ja wem daran gelegen ist, deutsche Trachten zu 
sehen, wie sie Tadius beschreibt, der gehe in die kleinen 
Karpathen, dort findet er die Frauen im Sommer in 
weisse Leinwand von Fuss bis Kopf gekleidet, die 
Taille unter den Armen. Im Winter tragen sie lang- 
schäftige Stiefeln, schöne lange weisse Schafpelze, aussen 
mit schwarzem Krimmer verbrämt und über die Schultern 
ein wirkliches Thierfell, fein ausgearbeitet hängt das 
schwarze Lammfell über den Rücken hinab, während 
die Vorderbeine zierlich um den Hals geschlungen 
werden und diese Damen tragen dasselbe mit ebenso 
viel Anstand und Würde, wie unsere Frauen ihren Boa, 
ihre Pelzpellerine oder Pelzkragen. Ihre Sprache aber 
ist nicht mehr deutsch. 

Anders verhält es sich in Hessen. W^enn auch 
hier am Main und Rhein die lange römische Berührung 
nicht ohne Einfluss blieb, so blieb doch die Mutter 
deutsch und lehrte dem Kinde ihre Sprache. 

Das Volk aber, das sich in dem rauhen harten 
Boden der Berge müht, hat seinen Sitz von Ewigkeit 
hier. Ich weiss es, dass ich hiermit auf den stärksten 
Widerspruch stossen werde, aber ich kann nicht anders. 



99 

In unserem rauhen harten Klima liegt zwar die Quelle 
von Noth und Armuth, aber auch gleichzeitig die Trieb- 
feder zu fleissigera Schaffen, zu kühnem Wagen und 
Wandern und so wie heute noch jährlich gegen 200,000 
Menschen unser Vaterland verlassen, ebenso muss es 
früher geschehen sein, und nicht aus Indien wanderte 
ruhelos ein grosses Volk hierher nach kälteren Gefilden, 
nein die Kälte als die Triebfeder des Fleisses veran- 
lasste sie auch nach den gesegneteren Gefilden Indiens 
zu ziehen. Ich muss hierbei doch die Frage erörtern 
warum wandert denn der Deutsche? Steckt denn etwa 
wie bei dem Zigeuner ein unbändiger Wandertrieb in 
seinem Blut? Nein, das Umgekehrte ist der Fall, aus 
Liebe zur Sesshaftigkeit greift der Deutsche zum Wander- 
stabe; den eigenen Herd, den er bei unserer starken 
Vermehrung in der Heimath nicht gründen kann, sucht 
er in der Ferne. 

Schon bei der ersten Berührung unserer Vorfahren 
mit den Römern im Jahre 113 v. Chr. in den Gebirgen 
von Steiermark wünschten sie nichts anderes als Land 
um sich anzubauen. Und solche Leute bezeichnen selbst 
vaterländische Schriftsteller als > Barbaren«. — Nicht 
die Liebe zum Wandern, sondern zur sesshaften Arbeit 
sie treibt unser Volk nach aussen. Als der Führer der 
Ansibarier im Jahre 59 n. Chr. den zwischen Bhein und 
Issel gelegenen Landstrich in Besitz nehmen wollten, 
den die Römer wüst liegen Hessen und ihnen der römische 
Feldherr dies wehrte, sprach der Führer Bojocal die 
sehr bezeichnenden Worte: »Es kann uns eine 
Scholle Land fehlen zum Leben, aber nie- 
mals um darauf zu sterben.«*) 

So war es von Anbeginn, und so wird es bleiben, 
so lange wir bestehen. 



*) V. Peucker, das deutscjhe Kriegsweseu der Urzeiten. 



t* 



ioo 

Bei Beurtheilung der vorgeschichtlichen Verhält- 
nisse komme ich auch zum deutschen Trunk. Unsere 
Dichter und Sänger erlaben sich ja so gern an ihm. 
Hier in Hessen wird derselbe von sorgenden Haus- 
frauen noch ganz nach alter Weise, wie es die Ur- 
mütter thaten, hergestellt; ich ermangele nicht seine 
Bereitungsweise allen der Labung bedürftigen Sängern 
und Poeten getreulich mit^utlieilen, sein Name ist Co- 
vent. Eine Metze Gerste wird dreimal 24 Stunden 
gewässert. Nach erfolgter Keimung wird sie gedörrt 
und geschroten, wozu eine Kaffeemühle genügt, in der 
Regel aber wird ein grösseres Maass, ein Scheffel oder 
Sack voll zubereitet und aufbewahrt und nur eine Metze 
Malz von ihm entnommen. Zu dieser Metze Malz setzt 
man V2 Metze Weizenkleie, giesst Wasser in einen 
breiten Topf und rührt in ihm das Ganze zu einem 
Brei. Darauf wird der Topf in den heissen Backofen 
geschoben und von Abends bis früh darin stehen ge- 
lassen. Während dieser Zeit ist alles Wasser durch 
Kochen verdunstet und Gerstenmalz und Weizenkleie 
ist zu einer harten braunen Masse gebacken. Diese 
wird jetzt in kleine Stücken zerbröckelt und mit etwa 
40 bis 50 Liter Wasser in einen Kübel geschüttet und 
geweicht, darauf kommt die Flüssigkeit in einen Kessel, 
wo sie unter Zusatz von einer Hand voll Hopfen oder 
auch Waldmeister gekocht wird. Man lässt aber auch 
eines oder auch beide Kräuter weg, es richtet sich dies 
lediglich nach der Geschmacksrichtung der Trinker oder 
den vorhandenen Mitteln. Nach der Kochung wird die 
Masse wieder in den Kübel, Bottich oder Tonne gefüllt 
und durch Zusatz von etwas Hefe der Gärung unter- 
worfen. Nachdem diese beendet, wird die Flüssigkeit 
durch ein Tuch oder eine Schwinge geseiht und nachdem 
sie 24 Stunden in dem neuen Gefäss geklärt hat, wird 
sie abgelassen und getrunken. Es ist ein sehr dünnes 



101 

Bier. Soll die Bereitung schneller geschehen, oder will 
man die Umständlichkeit der Anmeldung bei der Steuer- 
behörde vermeiden, so erfolgt keine Kochung, die ge- 
backene Breimasse wird mit lauem Wasser verdünnt, 
Hopfen und Waldmeister wird zugesetzt oder weggelassen, 
die Mischung der Gärung unterworfen und im weiteren 
verfahren, wie obeji beschrieben. 

Ein solcher alt hergebrachter Haustrunk wird vor 
allem zur Erntezeit als Erfrischung gereicht. Ich kostete 
ihn, er schmeckte ungefähr so, als wenn eine unge- 
salzene Brotsuppe kalt geworden ist, sich gesetzt hat 
und das Wasser oben schwimmt, oder auch wie schwach 
gesäuertes Wasser. Die Soldaten, die zum Manöver ins 
Quartier kamen, griffen lieber nach einem Seidel Lager- 
bier. Ob der Trunk unseren Sängern und Poeten 
munden wird, müssen sie versuchen. 

Der im Schweisse seines Angesichtes aber vom 
Felde kommende Besitzer begrüsste ihn als ein Labsal, 
und ein solch' genügsames Volk, das sich in unserer 
im Genuss so verwöhnten Zeit noch mit einer so dürf- 
tigen Erquickung begnügt, trotzdem ihm seine Mittel 
etwas besseres gestatten, das hat niemals Schlemmer 
und Prasser geboren, wie sie Tacitus schildert; wer das 
glauben kann, der kennt sein eigenes Volk nicht Reiche 
Thoren, welche römischen Gästen zu liebe ihr Hab 
und Gut verprassten, darf man nicht mit der grossen, 
Arbeit und Sparsamkeit gewohnten Masse des Volkes 
vermengen, damals ebensowenig als heute. — 

Mir sind alle deutschen Stämme durch eigene An- 
schauung bekannt, aber auch nur Anklänge an jenes 
deutsche Schlaraffenland, wo die Männer nichts thaten, 
als trinken, spielen, jagen, bis in den Tag hinein schlafen, 
dann gleich warm baden etc., die habe ich nicht finden 
können. Es ist gar nicht so leicht, sein eigenes Vater- 
land genau zu kennen und viel schwerer ist es fremde 



102 

Zustände ohne Voreingenommenheit zu schildern. Als 
1870/71 die französchen Gefangenen unsere friedlichen 
Fluren aus dem Eisenbahnwagen mustei-ten, sahen sie 
überall Frauen und Mädchen den Pflug führen und den 
Acker bestellen, wie zur Zeit Tacitus, als die Männer 
auch im Kriege waren, und wenn französische Beob- 
achter unsere von der Wacht ermüdeten Landwehrleute 
in Frankreich am Tage in der Sonne auf dem Rasen 
liegen und schlafen sahen, äusserten sie sich abfällig 
über die faulen Barbaren und erschraken, wenn das 
Signal diese Männer plötzlich zur Pflicht rief. — Ein 
Mann, der sich daheim um nichts kümmert und die 
Arbeit der Frau überlässt, ist in Deutschland noch 
niemals geachtet worden. 

* 
Richte ich nun meinen Blick hier vom Meissner 

die Werra aufwärts, so finde ich am linken Ufer den 
Burgberg bei Harmuthsachsen, die Schatzgrube und 
den Wehrberg bei W^aldkappel, die Vogelsburg bei 
Ober-Dünzebach, die Graburg, die Schäferburg bei Netra 
und den Heldrastein als Orte, von denen nur der Name 
noch ' vorhanden ist und deren Vergangenheit der Er- 
forschung harrt. 

Der Burgberg bei Herleshausen, sowie die Boyne- 
burg bei Röhrda liegen als Steinbauten des Mittelalters 
ausser dem Zweck meiner Arbeit, wenn es auch scheint, 
als ob sie in ehemaligen Ring wällen errichtet wurden. 
Die Boyneburg enthält jedoch eine Sage, welche aus 
der grauen Vorzeit herüberzuragen scheint und ich 
will sie hier anführen, wie ich sie an verschiedenen 
Orten von den ältesten Leuten ermittelte. 

Die Frau des Beherrschers der Boyneburg befand 
sich in Kindesnöthen, zur selben Zeit zog ein schweres 
Gewitter herauf und ein alter Bettler betrat die Burg. 
Als er an der Unruhe der Leute sah, dass hier etwas 



lös 

aussergewöhnliches vorgehe, fragte er uin die Ursache 
und als er sie erfuhr, ersuchte er ihm die Wehmutter 
(Hebamme) zu rufen ; diese fragte er, ob sie die Ent- 
bindung nicht solange zurückdrängen könne, bis das 
Gewitter vorüber sei und da diese dies verneinte, sagte 
er: Heute über achtzehn Jahr genau zur selben Stunde 
wird das Kind, das jetzt geboren wird, vom Blitze er- 
schlagen werden, darauf entfernte er sich. Ein Mäd- 
chen kam zur Welt, es wuchs heran zur blühenden 
Jungfrau und hätte sich schon früh vermählen können, 
aber die Eltern zögerten, sie fürchteten den 18. Geburts- 
tag. Es waren nach ihr noch zwei Schwestern geboren 
worden, die mit inniger Liebe an ihrer älteren Schwester 
hingen. Der Vater hatte um sein Kind zu schützen, 
einen tiefen Keller anlegen und auch das zum vorüber- 
gehenden Aufenthalt nöthige Möbel hinein bringen lassen. 
Der achtzehnte Geburtstag kam heran, da zog drei 
Tage vorher ein schweres Gewitter herauf und wich 
nicht von der Burg. Um ihre ältere Schwester zu 
schützen, stellten sich die beiden jüngeren Schwestern 
abwechselnd vor die Thür der Burg, aber die Blitze 
zuckten an ihnen vorüber; als aber die Stunde der 
Geburt gekommen war, erschütterte ein Schlag die ganze 
Burg und das Mädch(jn lag im Keller in ihrem Stuhl 
als Leiche. Sie hatte an das unabwendbare Schicksal 
geglaubt und vorher die Bestimmung getroffen, dass nach 
ihrem Tode von ihrem Vermögen alljährlich auf der Burg 
ein Gottesdienst stattfinden, für den der Pfarrer einen 
Hinterschinken und der Küster einen Vorderschinken 
erhalten solle, ausserdem sollen die Armen aller der 
Dörfer, die man vom Burgberg aus sehen könne, Brot 
und Speck erhalten. 

Dieser Bestimmung gemäss findet alljährlich am 
Gründonnerstage in den Trümmern der Burg unter 
freiem Himmel ein Gottesdienst statt und jeder, der da 



104 

kommt, erhält ein Brot und etwa V4 Pfd. Speck. Es 
werden zwei Wagenladungen Brot durch Herrn von 
Boyneburg vertheilt, auch die Bemittelten lassen sich 
betheilen, weil der Glaube herrscht, dass in dem Hause, 
wo sich ein solches Brot befinde, der Blitz nicht ein- 
schlage. E'mmal soll die Austheilung unterblieben sein 
und da hat sich das Wasser in den Brunnen der Dörfer 
in Blut verwandelt, seit der Zeit erfolgt die Austheilung 
bis auf den heutigen Tag wie ehemals. 

Richte ich den Blick vom Meissner am rechten 
Ufer der Werra hinauf und schliesse am Rothenstein, 
den ich beschrieb, an die Burgstätte an, dann linden 
sich die ersten Spuren der Vorzeit am Wetigenstein bei 
Klein-Vach, auf demselben sollen der Sage nach zwei 
kleine Dörfer nach einander gestanden haben und zu 
Grunde gegangen sein. 

Am westlichen Abhang desselben steht die An- 
dreaskirche und liegt der Kirchhof von Klein-Vach, hier 
wurde vor einigen Jahren bei Anfertigung eines Grabes 
ein Thongefäss mit vielen dünnen, nur auf einer Seite 
geprägten Silbermünzen der verschiedensten Grösse ge- 
funden, von denen eine vollständige Sammlung aller 
Typen des Fundorts in das Museum nach Cassel ge- 
kommen ist. 

Dann ziehen sich am Ufer aufwärts der Fürsten- 
stein, der Greifenstein, der Hülfensberg, der Schlossberg 
bei Lengenfeld, der Burgberg bei Faulungen (Spinnilgs- 
burg), die Adolfsburg, der Normannsstein u. s. w. Wie 
weit nun diese, theils nur noch dem Namen nach er- 
haltenen, theils mit mittelalterlichen Bauwerken oder 
ihren Trümmern gekrönten Vesten der Vorzeit ange- 
hören, das zu untersuchen ist noch eine lohnende Auf- 
gabe. Ich greife am linken Ufer die Graburg oder Cra- 
burg heraus, von der nichts weiter bekannt ist, als dass 
auf ihr wie auf dem jetzigen Forsthaus Hunnsrück (die 



105 

amtliche Schreibart hat glücklich schon Hundsrück dar- 
aus gemacht) Räuber gehaust haben sollen. 

Da der alte Pfad aus der Richtung Mühlhausen 
durch die Fürth bei Grossenburschla hier vorüber nach 
Eschwege führte, dem später die alte Mühlhauser Strasse 
am Fuss des Berges folgte, so ist es nicht unwahr- 
scheinlich, dass sich an der Stelle, wo jetzt das Forst- 
haus • Hunnsrück steht, ehemals ein Ringwall befand, 
ein hinter dem Hofraum herumführender Einschnitt wird 
von den Bewohnern für einen ehemaligen Hohlweg ge- 
halten, was einige Wahrscheinlichkeit für sich hat. Am 
Hunnsrück finden sich mehrere wallartige Aufschüttungen, 
sie enthalten aber nur Holzkohlenasche und stammen 
von den Rückständen der Kohlenmeiler. Beim Abstieg 
vom Hunnsrück fand ich nordöstlich des Dorfes Röhr da, 
dicht am Wege, einen 0,60 m. hohen Stein, auf dem 
sich folgende Zeichen befinden: Ein schräg liegendes 
Kreuz, ein Gegenstand, den ich nicht kenne, ein Nagel- 
hammer, ein hölzerner Schlegel und ein Strich, der 
vielleicht einen Meissel darstellen soll. Auf der Rück- 
seite des Steines befinden sich zwei lange Striche, die 
ein schräger Querstrich theilt. Die ältesten Leute konnten 
mir keine Auskunft über die Bedeutung des Steines 
geben, die Jüngeren aber betrachteten ihn wie einen 
Rebus und deuteten alle möglichen Mordgeschichten 
daraus. 

Die Graburg. 

Nördlich ^,'4 Stunden von Netra befindet sich eine 
dicht bewaldete Hochebene von 1600 m. Länge und 
800 m. Breite, die obigen Namen führt. Südlich hängt 
dieselbe mit den höher gelegenen Vorbergen zusammen, 
dann aber fällt sie ringsum steil, stellenweis senkrecht 
ab. Der höchste westliche Punkt, welcher etwa 240 m. 
höher liegt als die umliegenden Ortschaften, führt den 



106 

Namen Rabenkuppe, dann fällt die Fläche nördlich ab, 
bis an der nördlichsten Spitze ein Wallaufwurf aufsteigt. 
Von ihm aus, etwa 10 m. tiefer gelangt man in einen 
3 m. breiten, 2 m. tiefen in den Fels gehauenen Graben 
und aus diesem erhebt sich ein 22 m. langer und nur 
noch bis 4 m. breiter Fels, der ringsum steil abfällt. 
Gegenwärtig ist er mit einer Bank versehen und bildet 
einen hübschen Aussichts- und Ruhepunkt. Welcher 
Art nun ehemals der Bau war, der sich an dieser Stelle 
befand, darüber fehlt jede Spur. Etwa 25 m. tiefer 
befindet sich ein zweiter, fast eben so grosser Fels, der 
ersichtlich mit dem zuerst genannten in Verbindung 
stand, nach drei Seiten fällt er senkrecht ab, auch hier 
ist nichts vorhanden, was auf die Beschaffenheit des 
ehemaligen Baues einen sicheren Schluss gestattet. Am 
Fusse des Berges zieht sich der Weg nach Röhrda und 
der alte Pfad zum Forsthaus Hunnsrück und weiter 
nach Reichensachsen und Eschwege. Sowie nun der 
nördliche Theil dieser Hochebene durch einen in den 
Kalkfelsen gehauenen Graben und eine dadurch isolirte 
Felskuppe gedeckt wird, so ist es auch im Osten der 
Fall, ein etwa 5 m. tiefer Graben trennt den Felsen 
vom natürlichen Zusammenhange, der sich als etwa 
3 m. breiter Felsgrat bis 500 m. lang hinunter ins 
Königenthal zieht. Dieser gefährliche Felsgrat, dessen 
Wände senkrecht gegen 200 m. tief abfallen, führt den 
Namen Kanzel, das ihm gegenüberliegende Ende der 
Hochebene aber heisst die Schäferburg. Irgend 
welche sonstige Spuren ehemaliger Bauwerke sind nicht 
vorhanden. Nun begegnete mir aber schon vorher die 
Sage, dass hier an diesem Theil eine Höhle vorhanden 
gewesen sein soll, in welcher die ehemalige Wohnstätte 
gewesen sei. Die am ersten Tage mit dem Kgl. Förster, 
Herrn Hoppe^ veranstaltete Nachsuchung war ohne Erfolg ; 
jmAi einigen Tagen aber erhielt ich von dem genannten 



Herrn die Mittheiliing, dass er den Eingang gefunden 
und auch schon in der Höhle gewesen sei. Darauf 
nahm ich mit ihm die weitere üntersuchuag vor. 

Vom östlichsten Ende der Hochebene, da wo der 
Graben die »Schäferburg« von der »Kanzel« trennt, 
führt südlich ein Abstieg in eine 1 m. breite, 4 m. tiefe 
Felsspalte; dringt man in dieser gegen 18 m. weiter, so 
zeigt sich der Ausgang verfallen, ist dieses Hinderniss 
überstiegen, so gelangt man in einen 2 m. tiefen Graben, 
dessen Wallauf wurf südlich liegt, gegen 20 m. weiter 
gähnt etwa 4 m. tiefer ein enges finsteres Loch herauf, 
es ist der Abstieg in die Höhle. Nachdem die erforder- 
lichen Vorsichtsmassregeln getroffen waren, stieg ich in 
die Höhle hinab, mir folgte der Herr Förster und nach- 
dem die Fackeln den Raum genügend erleuchtet folgte 
auch noch die Frau Försterin. Die Höhle ist ein in 
den Kalkfelsen gebrochener Raum von 5 m. Tiefe, 
10 m. Länge und 3 m. Breite. Es ist ersichtlich, dass 
nach Südwest noch ein zweiter Eingang war, derselbe 
ist verschüttet worden, wodurch Erde und Steine sich 
mengten. Auch der östliche Eingang, durch den wir 
uns zwängten, ist anscheinend verschüttet gewesen und 
im Laufe der Zeit hat sich da» Steingeröll soweit ge- 
senkt, dass der Zugang wieder möglich wurde. Dass 
die Höhle von Menschenhand nutzbar gemacht wurde, 
ist ersichtlich, aber von den Bewohnern ist kein Zeichen 
hinterlassen worden, was seinen Grund wohl darin hat, 
dass sich das Steingeröll mindestens 2 m. hoch über 
den ehemaligen Fussboden lagert. Ich schrieb Jahres- 
zahl und Namen mit weisser Oelfarbe an einen Fels- 
block der Decke und lies den Farbentopf zurück, ich 
führe dies desshalb an, damit sich ein späterer Besucher 
über diesen Fund beruhigt. Von Aussen fand ich an 
der Südwestseite, dass der ehemalige zweite Eingang 
durch einen Felsblock verschlossen worden ist, die 



108 

Spuren des Grabens ziehen sich noch weiter, 300 m. 
von hier führt der alte Pfad vorüber, der aus der Gegend 
von Herleshausen heraufkommt und nach Eschwege 
weiter geht. Die Sage berichtet nur, dass hier, des- 
gleichen auf dem Heldrastein und über der Werra auf dem 
Normannstein Räuber gehaust, die sich durch Sprach- 
rohre verständigten. Der Heldrastein liegt in der Luft- 
linie 5000 m. von hier, wenn die Bewohner sich durch 
Signale auf so weite Entfernungen unterhielten, dann 
mussten sie den Boden sehr sicher unter den Füssen 
fühlen. Wahrscheinlich greift die Sage in die Zeit des 
Ritterthums, die geschütteten Erd wälle und der rohe 
Zustand der Höhle aber deuten auf eine fernere Zeit. 
Auf dem Heldrastein soll sich ebenfalls eine Höhle im 
Felsen befinden, die aufzusuchen ich ausserhalb des 
Zweckes meiner Arbeit betrachte. Auf der Graburg 
aber, deren Ost- und Nordseite von Aussenwerken ge- 
deckt wird, muss sich ein Hauptwerk auf der Südseite 
befunden haben, dessen Spuren noch zu suchen sind*). 

Die Steinmilz. 

Südlich etwa 1200 Schritt von Netra erhebt sich 
ein von der Natur geschaffener Wall, die sogenannte 
Steinmilz. Vor etwa 10 Jahren wurde auf ihm beim 
Roden eines wilden Birnbaumes ein Steingrab blosgelegt, 
in welchem sich die Knochen von zwei Personen fanden, 
dabei broncene Armspangen, Helm Verzierungen und 
dgl. Der Finder sagte mir, die Sachen wären in das 
Museum nach Kassel gekommen. Nach meiner Annahme 
muss sich an dieser Stelle eine ehemalige Strassenschanze 
befunden haben, trotz meiner Mühe ist es mir aber 



*) Nachträglich erhalte ich aus Netra die Mittheilung, dass 
auf der Südseite der Eingang zu einer zweiten Höhle ermittelt ist, 
aber er ist nur auf einer Leiter zu erreichen und das Gestein so 
bröckiich, da&s Niemand die weitere Untersuchung unternommen hat. 



109 

nicht gelungen eine Spur zu ermitteln, die Belaubulig 
des dichten Gesträuches ist zu stark, und doch weist 
grade dieser Umstand immer auf einen starken Aschen- 
gehalt des Bodens, gleichviel ob er durch verbrannte 
Gebäude oder durch Leichname erzeugt wurde. 

Die Schanzen bei Hersfeld. 

Einen wichtigen Strassenknotenpunkt muss nach 
meiner Annahme schon in frühester Zeit die Stelle gebildet 
haben, wo sich heute Hersfeld befindet und ich lenkte 
meine Schritte dorthin. Nordöstlich von Hersfeld am 
Dorfe Kathus treffe ich die Bezeichnung »alte Strasse«. 
Ob sie sich über das verschwundene Gosseindorf oder 
das ehemalige Crumbach nordöstlich weiter zog, konnte 
ich nicht sicher ermitteln, der »Eselsgraben« deutet auf 
ihre Richtung, anscheinend war sie nur ein Treiber- 
pfad und kam von Bebra-Eisenach herüber. , Sie durch- 
schneidet den Solz-Fluss nördlich der Sölzerhöfe und 
führt nach dem heutigen Hersfeld. 

lieber die Bedeutung des Namens Sölzerhöfe gehen 
die Ansichten auseinander, ich vermuthe, dass hier ehe- 
mals eine Herberge für Salzführer war, auf die Schreib- 
art Sölz statt Salz lege ich geringeres Gewicht, da es 
nur zu bekannt, wie stark hierin amtliche Schreiber 
sündigten. So hat z. B. die Stadt Grottkau in 600 
Jahren 11 mal die Schreibart gewechselt, bis aus dem 
polnischen Grod-gau ein völlig sinnentstelltes Grottkau 
geworden ist. Vielleicht führt der Eselsgraben auf die 
richtige Fährte und schliesst sich an den Sälzerweg, 
wie er es am Mönchehof thut. Ich muss hierin das 
Weitere der Ermittelung der hessischen Geschichts- 
forschung überlassen *). 



• ♦) Ich finde hier ein sonderbares Wechselspiel, südlich der 
Sölzerhöfe erscheint ein Dorf Sorga, dieser alt polnische Name 
kommt in- Schlesien oft vor und bedeutet ein frisch umgegrabenes 



HO 

Von Hersfeld theilte sich der Pfad nach vei'schie- 
denen Richtungen, es mussten daher zu seinem Schutz 
und zur Unterkunft auch mehrere Schanzen vorhanden 
sein. Die Spuren des einen Weges führen am Wehne- 
und Wendeberg vorüber in der Richtung Homberg- 
Fritzlar und hier befand sich auch am südlichen Ab- 
hänge des Wendelbergs bis in die neuere Zeit der Rest 
einer jetzt geebneten Schanze, Ein zweiter Pfad zog 
sich westUch von Hersfeld am nördlichen Abhänge des 
Tageberges vorüber in der Richtung Reckerode-Marburg 
und hier befand sich ^ine Schanze von etwa 20 m. 
innerer Breite*und 45 m. Länge, die Ostseite anscheinend 
offen. Ein dritter Pfad führte südlich am Tageberge 
und nördlich am Galgengraben vorüber, in der Richtung 
Giessen und dort lag auch eine Schanze von etwa 10 
m. innerer Breite und 20 m. Länge, ebenfalls nach 
Osten offen, die Form ist die des Vierecks und die 
Lage entspricht der aller anderer Schanzen. Ein anderer 
Weg führte in der Richtung Fulda und da lag zu seiner 
Deckung nur 2 km. südlich der Eichhof, seine ganze 
Lage spricht dafür, dass er ursprünglich nur ein Ring- 
wall war und der Mauerbau erst später in ihm entstand. 

Wieweit nun am rechten Ufer der Fulda die Spuren 
der Vorzeit reichen, würde mich zu weit führen, wenn 



Land, ein Neu- oder Rodeland. Nördlich von ihnen erscheint ein 
Kathus. Umgekehrt finde ich bei Altgrottkau in Schlesien, eine 
Colonie Sorg an mit einem Kathanusteich. Ist das Zufall oder 
Beziehung? Ebenso finde ich dort an einer vorzeitlichen Eisen- 
schmelze einen Balzerteich und bei Sooden einen Balzerborn. 
Femer südwestlich von den Sölzershöfen eischeint eine Volmei-s- 
bui'g, besteht eine Beziehung zwischen ihr, den hessischen Volkers, 
Volkmai"sen, Folmarsrode und der Volksmai*schbahn (Volmersbahn) 
bei Sooden und \viederum mit dem schlesisohen Follmai*schdoif 
(Volkmai'sdorf?). Besteht ein Zusammenhang zwischen den hes- 
sischen Lampers, Lamberts, Landwehrgraben und dem schlesischen 
Lampersdorf etc.? 



111 

ich ihnen folgen wollte, aber Namen wie: Altes Ding, 
Volmersburg, Warte, Alte Keller, Altes Gehege u. s. w. 
fordern zur Forschung auf. 

Wenn nun Bonifatius gerade diesen alten Strassen- 
knotenpunkt zur Anlage eines Klosters wählte, so macht 
das seinem Scharfblick alle Ehre, mit dem Augenblick 
aber, wo hier ein fester Klosterbau vollendet war, ging 
auch die Bedeutung der auf den nahen Höhen gelegenen 
Schanzen zu Grunde. Dass die Sicherheit der Strassen 
schon in vorchristlicher Zeit in Deutschland vorhanden 
war, ergibt sich aus folgender Thatsache*). Bonifatius 
sandte in die zu bekehrenden Gegenden seinen Reise- 
begleiter Sturm als Forscher voraus. Als dieser eines 
Abends damit beschäftigt war, sich in einem Walde in 
der Nähe des heutigen Fulda ein Nachtlager zurecht 
zu machen, wurde er durch ein Geräusch erschreckt. 
Es erschien ein Mann mit einem Pferde und auf Be- 
fragen sagte er: »Ich komme aus der Wetterau und 
führe das Pferd meines Herrn Ortes.« Nun meine ich 
wenn ein Herr es wagen konnte, seinen Diener mit 
einem Pferde eine so weite Strecke, die er in einem 
Tage, wenn er von Friedberg heraufkam, gar nicht 
zurücklegen konnte, allein zu schicken und dieser es 
gerathen fand am Abend das Pferd durch den Wald zu 
führen, so mussten beide wissen, dass die Strassen 
sicher waren. 

Die Schwedenschanze bei Gersfeld. 

Die Umgegend von Gersfeld besitzt mehrere alte 
Schanzenreste, denen zu folgen ich mir versagen muss, 
auch der Name Otterstein taucht hier auf. (Eine alte 
Cultusstätte im Eulengebirge, hoch oben auf dem Kamme 
trägt denselben Namen.) Etwa ^/2 Meile südöstlich von 
Gersfeld befindet sich an der alten, über Weissenbrunn 



^) Friedberger Chronik. 



112 

und Frankenheim nach Würzburg und Bamberg führen- 
den Strasse, etwa 100 m. über derselben auf dem 
Dammersfekle ein altes Schanzenwerk, das den Namen 
Schwedenschanze führt. Es ist ein Stern mit 6 Strahlen, 
die eine Länge bis je 24 m. haben, während der freie 
Innenraum bis 45 m. beträgt. Alle Erfordernisse einer 
Schanze für Feuerwaffen sind vorhanden: Gräben, Brust- 
wehren, Geschützlucken etc. ; es lässt sich dieses Schan- 
zenwerk mit einem alten Ringwall niemals verwechseln. 
Für mich hat diese Schanze nur in sofern Werth, als 
sie zeigt, dass der den alten Ringwällen beigelegte 
Name Schwedenschanze unzutreffend ist. 

Die Buriaburg*). 

Um zu erfahren, in welcher Form die Deutschen 
ihre Wallburgen bauten, ist es erforderlich eines ihrer 
Bauwerke zu ermitteln. Nun wird in Ann. Lauriss. bei 
Pmix 152 einer Buriaburg gedacht, welche dem Berge, 
auf welchem die Donner-Eiche stand, die Bonifatius 
fällte, gegenüber lag. Gelang es Reste von dieser noch 
im Jahre 772 erwähnten Ringschanze zu finden und 
ihre Form zu ermitteln, dann war auch der Beweis 
erbracht, welche Bauart den Deutschen eigen war, denn 
diese Buriaburg ist doch weiter nichts als eine Bauerur 
bürg, die der Bevölkerung bei feindlichen Einfällen zur 
Zuflucht diente. Von einer Buriaburg wusste in der 
Umgegend von Fritzlar Niemand etwas. Endlich gelang 



*) In Ostpreussen und Kurland, wo ähnliche Wälle so be- 
nannt werden, bedeutet der Name eine Bauernburg. Buria be- 
zeichnet aber die Wohnung, das Haus, die Bezeichnung müsste 
also Häuserburg lauten, da jedoch eine Burg ohne Häuser nicht 
denkbar ist, so kann der ursprüngliche Sinn nur dahin gehcn^ dass 
die Burg mehr Häuser enthielt als sonst üblich, also ein be- 
festigter Ort, Stadt oder Dorf, was wieder mit dem Sinn der ersten 
Benennung zusammenfällt. 



113 

es mir zu erfahren, dass ein Berg Namens Büraberg 
gegenüber der Donnereiche liege, der gewöhnlich nur 
Birberg genannt werde. Auf ihm stehe eine Kapelle, 
in welcher allsommerhch an 10 Freitagen sehr früh 
ein Gottesdienst gehalten werde, zu dem die Bevölke- 
rung der ganzen Umgegend nach alter Gewohnheit sich 
einfinde. Von Wallspuren war niemand etwas bekannt. 
Am östlichen Abhang des Berges fand ich, eine vier- 
fache Wall- und Grabenspur mit Resten bis 7 m. hoher 
Dämme und bis 12 m. breiter Gräben, sie ziehen sich 
vom Fuss des Berges hinauf, soweit die Sträucher reichen ; 
ihre Anlage ist wie auf dem Zobten, dem Rummelsberge, 
im Türkengarten bei Langenbielau etc. 

Am Fuss des Berges sollen Mauerreste noch im 
Erdreich vorhanden sein, ich habe sie jedoch nicht ge- 
funden. Die Kuppe des Berges liegt etwa 100 m. höhar 
als die an seinem Fuss herumfliessende Edder, wo das 
Gebüsch endet, tritt das Ackerland auf. Südöstlich 
und nordwestlich schneidet eine steile Schlucht in den 
Berg und trennt ihn von seinen Nachbarn, während er 
südwestlich mit diesen zusammenhängt. 

In der südöstlichen Schlucht haben bis zu Anfang 
dieses Jahrhunderts Zigeuner aus alter Zeit ihr Lager 
gehabt, bis sie sich im Dorfe Ungedanken ansiedelten. 
Die Kuppe des Berges umfasst eine Fläche von 257 m. 
in der Länge und 162 m. in der Breite. Fast in der 
Mitte befindet sich ein Kirchhof und eine Kirche. Die 
hier ackernden Landleute wussten nichts von Wall oder 
Grabenresten und ich begann es doch für gewagt zu 
empfinden, nach einem Ort zu suchen, von dem man 
nichts anderes weiss, als dass er vor 1100 Jahren ein- 
mal vorhanden war. Als ich jedoch mir die Hecke, 
welche den Kirchhof umschliesst, genauer ansehe, finde 
ich, dass sie die Reste eines Ringwalles in sorgende 
Obhut genommen und gut verwahrt hat. Wo die Hecke 

N. F. XV. Bd. 8 



114 

aus Dornen besteht, ist der Wall bis 7 m. breit und 
1 m. hoch gut erhalten, wo sie aber von Haselgesträuch 
gebildet wird, da hat die Schippe und Hacke des Land- 
mannes eingegriffen und den Wall soweit als möglich 
hinweg genommen, so dass die ausserhalb der Eingangs- 
pforte stehende Linde nur noch einen Erdkegel besitzt, 
der ihr gerade darauf zu stehen gestattet, da sie aber 
dieselbe Stärke besitzt, wie die 6 anderen Linden 
innerhalb des Kirchhofes, deren stärkste einen Meter 
über der Erde einen Stammumfang von 3,28 m. hat, 
so schliesse ich, dass die Abfuhr des Walles erst erfolgt 
ist, nachdem die Linde ihr Wachsthum beendet hatte, 
also erst in neuerer Zeit. 

Die Form des Walles ist das abgerundete Viereck, 
das an seiner nordwestlichen Seite durch die erwähnten 
Eingriffe eine verjüngte Gestalt erhalten hat. In der 
südwestlichen Ecke befindet sich eine gegen 4 m. im 
Durchmesser haltende und gegen 2 m. tiefe Grube. 
Wenn ich nun auch überzeugt war, dass hier, wo 
jetzt die Bewohner der Umgegend ihre Ruhestätte 
finden, ehemals die Hauptburg war, so war dieser Ort, 
den sein Name als Bauernburg bezeichnet, doch viel 
zu klein, um die Bewohner der Umgegend aufzunehmen, 
dazu gehörte eine grosse Vorburg. Ich schritt nun 
südwestlich zum dichtesten Gebüsch und fand 95 m. 
weiter die theilweise noch gut erhaltenen Reste einer 
dreifachen Umwallung. Jetzt sagten mir die Ackers- 
leute: Ja die haben wir auch gewusst, aber nicht ge- 
dacht, dass sie etwas bedeuten. 

Die Wallreste beginnen südöstlich an dem Wege 
und haben ehemals bis an die Schlucht gereicht, sie 
ziehen sich bis an die nordwestliche Schlucht, wo eine 
undurchdringliche Dornenhecke die weitere Untersuchung 
hindert. Ihre Länge beträgt 230 m.; wie weit sie sich 
nach Osten noch markiren, kann nur bei entlaubten 



115 

Sträuchern und beseitigten Dornen erkannt werden. So- 
viel sich erkennen lässt, erfolgte die Führung der Wälle 
in möglichst graden Linien, soweit dies bei Umschliessung 
eines runden Berges möglich ist. Der unterste Wall 
und Graben ist im Laufe der Zeit stark verflacht. Von 
ihm steigt eine 6 m. hohe Böschung aufwärts, die in 
einem an der Krone 2 m. breiten und nach innen 2 m. 
tief abfallenden Wall endet, der einen bis 7 m. breiten 
Graben umschliesst. Dann steigt die Böschung wiederum 
12,50 m. 1 : 1 aufwärts, wo sich ein gleicher Wall um 
einen 8,50 m. breiten Graben schlingt, dessen Böschung 
sich 3,50 m. höher an die Kante der schräg nach der 
Hauptburg laufenden J95 m. breiten Ackerfläche zieht. 

Diese dreifache Umwallung umschloss einen Raum 
von über 15 preuss. Morgen, hier hatte die Bevölkerung 
der ganzen Umgegend Platz und der Name Bauernburg 
konnte dieser Yeste mit Recht ertheilt werden. Von 
diesem grossen Vorraum durch einen nochmaligen Wall 
getrennt, lag dann die Hauptburg. Nun wird es er- 
klärlich, warum man später hier hinein das christliche 
Heiligthum, die Kirche, setzte und nach alter Gewohn- 
heit allsommerlich an 10 Freitagen sehr früh herauf 
zog, um an der Stätte, zu der in der Noth die Väter 
flüchteten, den alten Gott in neuer Form zu ehren und 
es wird erklärlich, warum die Todten noch heute den 
beschwerlichen Weg hier herauf zur Ruhe gebracht und 
sicher gebettet werden. Um diesen Ort musste aber 
damals das ganze Leben pulsiren, er bedeutete für jene 
ferne Zeit, was heute dem Landmann eine grosse Stadt 
oder Festung bedeutet; hierher mussten auch die alten 
Strassen leiten und unter dem Schutz dieser Veste 
musste sich auch der Uebergang über die Edder voll- 
ziehen. Kann man den Spuren der Vorzeit Schritt für 
Schritt folgen, so ist es ja nicht so schwer den Zu- 
sammenhang zu erkennen, schwieriger ist es, ^n einem 

8* 



116 

mitten herausgegriffenen Ort denselben zu finden, aber 
ich finde ihn. 

Freut man sich im gewöhnhchen Leben alte Be- 
kannte zu begrüssen, in weiter Ferne ist die Freude 
noch grösser, da erblicke ich zuerst meinen alten Freund 
vom Mönchehof her, er kommt frisch und fröhlich an- 
geschritten, in seinem Rücken liegt der Meissner, es ist 
der alte Sälzerweg. Er schliesst an der Diebesecke an 
die Strasse, die am Fuss des Burgbergs herum führt 
und marschirt weiter in der Richtung nach Köln, denn 
am anderen Ufer erscheint an der Spicke-Mühle ein 
alter Rasenweg, der den Namen Kölnische Strasse führt 
und wohl an den Burgweg schloss, folge ich diesen 
Spuren rückwärts eine Meile nördlich, so erscheint auch 
wieder ein Mönchehof und ein Brunnen, der den Namen 
Melchers- oder Molkersbrunnen trägt, ganz wie am An- 
fang bei Sooden. 

Kehre ich zur Buriaburg zurück, so erblicke ich 
einen anderen Bekannten, er schreitet von Ober-Möllrich 
herüber über das Landwehrfeld (Lampertsfeld), es ist 
der Land- Wehrgraben (Lampertschegraben) ; er schliesst 
sich an die alte Strasse, den Burgweg, der durch das 
verschwundene Holzheim direkt zum Wege unter der 
Burg und theils über die Eder an die Kölnische Strasse 
oder nach Wildungen weiter geht, wohin wohl die 
Kölnische Strasse führte, wenn sie nicht etwa hinter 
dem Mönchehof westlich heruiiigeschwenkt hat. Ob 
nun diese alte Strasse, dieser Burg weg sich rückwärts 
südöstlich nach Bebra verfolgen lässt, das muss ich zu 
erforschen jüngeren Beinen überlassen^ wenn dies aber 
der Fall ist, wie ich aus seiner Richtung schliesse, so 
hätten wir hier die Fortsetzung des Strassenzuges vor 
uns, der von Oppeln, sowie vom Ritscheberg (Brieg) 
über Striegau, Görlitz, Bautzen, Leipzig bis Eisenach 
nachweisbar ist und der sich dann bis Frankfurt und 



117 

Köln ermitteln Hesse*). Die jetzige Strasse von Cassel 
nach Frankfurt führt nur 2V2 km. entfernt am Birberg 
vorüber, aus ihrer alten Richtung aber ist ersichtlich, 
dass sie in einer Zeit, wo Fritzlar noch nicht bestand, 
den üebergang über die Edder an der Buriaburg voll- 
zog und dann dem Burgweg nach Südost folgend etwa 
800 Schritt hinter dem verschwundenen Dorf Holzheim 
in ihrer heutigen Richtung an der Stelle weiter zog, 
wo sie jetzt einen grossen Bogen beschreibt, um von 
pder nach Fritzlar zu gelangen, ebenso wie sie nördlich 
einen grossen Bogen bildet, um nach Fritzlar aus- oder 
einzumünden. Von deni Tage ab, wo sich in Fritzlar 
der Mauerbau bildete, dort ein sicherer Stützpunkt ent- 
stand und der üebergang über die Edder vollzog, war 
die Buriaburg bedeutungslos. 

Ich wage nicht zu viel, wenn ich sage : Bonifatius 
fällte nicht nur die Donnereiche, nein der Schlag, den 
er den damaligen Gewalthabern durch die Anlage der 
Klöster und Ableitung der Strassen versetzte, war für 
sie vernichtend. Sowie heute, wenn ein Bahnhof nach 



*) König Wladislaus bestimmt 1503, dass die Laudstrasso 
von Polen her nach Sachsen wie vor Alters gehen soll „von 
Liegnitz uach Haynau, Bunzlau, Naumburg oder von Loewenberg 
gen Lauban.'^ 

Kaiser Rudolf IL verordnet im Jahr 1580: „Wir gebieten, 
dass sich all und jede Handels- und Fuhrleute mit allen Kaufmann- 
schaften, als Salz, Vieh u. a. Waaren, welche aus Polen oder 
Schlesien durch Brieg, Breslau heikommen und nach Sachsen, 
Meissen, Thüringen führen oder treiben, wollen keine andere 
Strasse, als auf Liegnitz, Haynau, Bunzlau, Naumburg, Lauban, 
Görlitz, Buddissin etc. nehmen.'^ (Abgedruckt in der Hainauer 
Chronik S. 29). Das war also die vor Alters übliche Strasse, 
die dann von Leipzig herüber fast denselben Weg verfolgte, den 
heute über Eisenach die Eisenbahn nimmt. Eine Verbindung von 
Eisenach her nach Köln hat den Spuren nach zu schliessen über 
Fritzlar, oder richtiger die Buriaburg geführt. 



118 

einem andern Stadttheil verlegt wird, die ganze bis- 
herige dortige Thätigkeit, der Geschäftsverkehr aufhört 
und der Ort verödet, so war es damals durch Ablenkung 
der Strasse an ein Kloster, er bedeutete für die Gewalt- 
haber nichts anderes als : fügt euch oder ihr verhungert. 
Die Anlage der Klöster, Mönchehöfe etc. erhält 
von diesem Gesichtspunkt eine viel einschneidendere 
Bedeutung, als es auf den ersten Blick erscheint. 

Die Donnereiche. 

Obgleich dieselbe mit meiner Forschung nicht 
direkt im Zusammenhange steht, will ich, da ich ein- 
mal hier bin, mich doch einen Augenblick mit ihr be- 
schäftigen. Ich glaube, sie erhielt ihren Werth erst 
durch ihre urkundliche Erwähnung und Verbindung mit 
den Handlungen eines hervorragenden Mannes. Dass 
Bonifatius nur ihrethalben hierher gekommen sei, nehme 
ich nicht an. Sie war wohl nichts anderes als einer 
jener alten herrlichen Riesenbäume, wie wir sie in 
Deutschland noch vielfach besitzen und die reich mit 
religiösen Zeichen geschmückt, noch heute ebenso Stätten 
der Andacht bilden, wie ehemals. Nur ihrethalben wird 
Bonifatius nicht hierher gekommen sein, aber es gab 
hier einen triftigeren Grund. Alle politischen und reli- 
giösen Bewegungen haben nur dann Aussicht auf Er- 
folg, wenn sicli ihnen Theile aus den höher stehenden 
Schichten des Volkes anschliessen, die durch ihren Ein- 
fluss und ihr Beispiel die tiefer stehenden mit fortreissen 
und in gewissem Sinn die Führung übernehmen. 

Ein solcher einflussreicher Punkt war die Bui'ia- 
burg und dass es Bonifacius gelang, hier Einfluss zu 
erlangen, beweisen die Nachrichten von seinem hiesigen 
Aufenthalt. Hier unter dem Schutze der Burg, die 
wohl nichts anderes war als auch Erpheresfurth (Erfurt), 
das Bonifatius in seinem Briefe an Papst Zacharias als 



119 

eine seit alten Zeiten bestehende Stadt heid- 
nischer Bauern bezeichnet*). Ein solch einflussreicher 
Ort war auch die Buriaburg**); unter ihrem Schutz 
konnte Bonifatius das Evangelium des Friedens predigen 
und Einfluss in der Umgegend zu gewinnen suchen, 
aber er konnte nicht gleich als Störenfried auftreten 
und durch Vernichtung des der Verehrung geweihten 
Baumes unnöthige Aufregung schaffen. Wollte man 
annehmen, er habe den Deutschen zeigen wollen, dass 
ihr Gott ohnmächtig sei, so würde man diesen Mann 
unterschätzen. Unsere Vorfahren waren aus etwas 
knorrigem Holz geschnitzt und wenn sie nach seinem 
Beispiel an seinen Heiligthümern die Gegenprobe machten 
(was sie später ja oft thaten) und sie sahen, dass sein 
Gott auch nicht Feuer vom Himmel fallen Hesse, so 
wäre es mit seinem Ansehn sofort vorbei gewesen. Er 
hatte aber vorerst wichtigeres zu thun. Er hatte einen 
Ort zu ermitteln, der zur Anlage eines Bisthums die 
erforderlichen Eigenschaften besass, es mussten sich 
in ihn alle Strassen leiten lassen, er musste sich leicht 
zur Vertheidigung herrichten lassen und auch Raum 
genug zur Entwicklung gewähren; diese Vortheile be- 
sass die Buriaburg nicht in richtigem Maasse, sie lag zu 
hoch, war räumlich zu klein und zu beschwerlich zu 
erreichen und so schwer ihm die Gründung auf grünem 
Rasen fallen mochte, musste er doch den geschützten 

*) Landau^ Territorien S. 275. 

**) Wenn Tacitus sagt, dass die Deutschen keine Städte 
hätten, so ist das mit römischen Augen betrachtet richtig, gemauerte 
Orte waien es nicht, aber derselbe Zweck wurde im grossen Ring- 
wall erreicht. Selbst der faule Neger kann nicht ohne grössere 
Vereinigungspunkte bestehen, vielweniger ein Volk, dessen Klima 
einen umfangreichen Handel mit verschiedeneu Bedürfnissen, wie 
Leder, Wolle, Pelzwerk aller Ai*t, Waffen, Ackergeräth u. s. w. 
zur Noth wendigkeit machte, wo anders sollten die Niederlagen sein 
als in den grossen Ringwällen. 



120 

Ort aufgeben, und nach dem er in der Stelle des heu- 
tigen Fritzlar den geeigneten Punkt fand, konnte er 
dort mit einem Nothkirchlein einfachster Art den An- 
fang der Gründung machen. 

Befand sich nun zufällig an diesem Ort auch die 
Donnereiche, dann gab es für ihn nichts einfacheres, 
als sein Kirch lein in ihren Schatten zu stellep und so 
den alten Glauben in den neuen ohne jede Störung 
langsam hinüber zu leiten, ein Fällen der Eiche war 
also unnöthig. 

Ganz anders aber liegen die Dinge, wenn man 
annimmt, die Eiche stand nicht hier, Bonifacius hatte 
an dem zweckmässigsten Ort sein Kirchlein erbaut, aber 
die Bevölkerung der Umgegend kam nicht hinein, sondern 
ging offen oder insgeheim, nach wie vor zur geheiligten 
Eiche, da gabs für ihn keine Rücksicht mehr, die Eiche 
musste fallen. Ob sie nun, wie mir gesagt wurde, auf 
dem Johanniskirchenkopf stand oder nicht, ist dabei 
gleichgültig*). Dass das erste Kirchlein nur ein Noth- 
behelf war, beweist der 9 Jahre später im Jahre 732 
erfolgte Neubau und bei diesem werden dann die mäch- 
tigen Klötze der Donnereiche Verwendung gefunden 
haben, nicht aber im ersten Nothbau. 

Nach dieser Abschweifung von meinem eigentlichen 
Pfade kehre ich zu diesem zurück, kann ich ihm auch 
nicht wie ich möchte persönlich folgen, so will ich 
wenigstens nach den vorgenommenen Ermittelungen die 
Richtung zeigen, in welcher ein Anderer seine Schritte 
mit sicherem Erfolge lenken kann. 

*) Nachdem ich die Arbeit bereits beendet, erhalte ich auf 
eine nachträgliche Anfrage bei dem Herrn Bürgermeister Klein- 
schmidt in Geismar noch die Antwort, dass in Geismar in der Be- 
völkerung nur der Johanniskirchenkopf als der von der Sage be- 
zeichnete Ort gilt, an dem die Donneroiche gestanden hat, es sind 
dort auch vor mehi*eren Jahien eine Anzahl Urnen zu Tage ge- 
fördert worden. 



121 

Ueberschreiten wir die Edder, so ist dem Lauf der 
alten Kölnischen Strasse folgend der erste Stützpunkt 
Geismar. Ich habe an allen grösseren Wasserläufen 
gefunden, dass an jedem Ufer des Flusses an der Ueber- 
gangsstelle ein Ringwall war, die Spuren sind hier noch 
zu suchen*). Folgen wir südöstlich zunächst 2500 
Schritt dem Gudensberger Pfade und biegen dann nord- 
östlich in die alte Strassenspur nach Wehren ein, so 
gelangen wir eine halbe Meile weiter etwa 750 Schritt 
an der zweiten Strassenschanze vorüber, die hier mitten 
zwischen zwei ,'alten Wegen hegt, zu der Forken- 
burg, einem grösseren Ringwall dessen Süd Westseite offen 
ist; ziehen wir an ihr vorüber wiederum 3V2 Kim. 
weiter, so gelangen wir an den Wartbergbei Kirch- 
berg, dessen Gipfel einst eines jener alten Bauwerke 
trug, wie ich sie wiederholt beschrieb. Wir sind jetzt 
aber, seit wir früh auf der Büraburg aufbrachen, trotz 
Ueberfähr und schlechtem Wege schon 1 Va Meilen 
weiter gelangt, das ist unser halbes Tagewerk, hier am 
Fusse des Wartberges, der uns vor Ueberraschungen 
sichert, wollen wir in seinen Herbergsräumen Rast 
halten, wie man es lange vor uns that. Vorgänger von 
uns fanden schon seit 1818 die Spuren, die unsere ür- 
vorläufer hinterliessen, vom Knochen bis zur Goldmünze, 
vom Steinbeil bis zum Panzerhemd**). Nachdem wir 
unsere Lastthiere gefüttert und zu unserer eigenen 
Stärkung uns selbst ein Opfer gebracht haben, folgen 
wir der alten Heerstrasse und gelangen 3 Kim. weiter 
direkt nach Metze. — Hier hat die hessische Forschung 
das Weitere ja schon gefunden, kehren wir daher um. 

*) Auf nachträgliche Anfrage erhalte ich von dem Bürger- 
meister Herm Kleinschmidt in Geismar die Antwort, dass die um 
Geismar herumführenden Dorfstrassen eine auffallend tiefe Lage 
haben und auf ehemalige Ausgrabungen schliessen lassen. 

**) Zeitschrift für hess. Geschichte und Landeskunde, Jahrg. 
1860, Bd. VIII., Seite 100; Jahrg. 1888, Bd. XXIU., S, 228-233. 



122 

Verfolgen wir jetzt einen Augenblick die südliche 
Richtung von der Buriaburg, so leitet ein alter Pfad 
nach dem 3 Kim. entfernten Rothhelmshausen, von 
hier gegen 5 Kim. weiter führt derselbe nach der 
Hundsburg, von ihr hinab zum Dorf Kerstenhausen 
und von hier wiederum 4 Kim. weiter nach der Alten- 
burg. Von da leitet der Pfad in die alte Strasse durch 
Römersberg in der Richtung nach Ziegenhain. Wir 
finden also hier ganz dieselben Verhältnisse wie. in 
nordöstlicher Richtung, ja es wiederholt sich hier sogar, 
was in Schlesien und der Lausitz hervortritt, dass die 
umwohnenden Dörfer, welche 'einst in diesen Vesten 
ihre Zuflucht fanden, auch später noch ihr gemeinsames 
Recht dadurch wahrten, dass sie die Flur- oder Kreis- 
grenze mitten durch sie zogen, das ist auch bei der 
Altenburg der Fall. Der beschriebene Pfad war aber 
urs'prtinglich wohl nur Saumpfad und die Karrenwege 
müssen östHch und westlich des Gebirgsstockes herum- 
geführt und alle 3 bis 4 Kim. ihre Schutzwehren, ihre be- 
festigten Herbergen gehabt haben, diese nun zu ermitteln 
ist eine dankbare Aufgabe der dortigen Lokalforschung. 
Hierbei möchte ich bemerken, dass sich in Schlesien um 
diese Punkte die Dörfer bildeten, oft waren es nur Erd- 
haufen von b oder 10 bis 15 m. oberem Durchmesser 
und nur 1 bis 5 m. Höhe, auf denen ein leichter Bau 
stand. In Süddeutschland bezeichnet man alle diese 
Hügel als Hünengräber, wo man in Schlesien sie als 
Tartaren-, Schweden- u. s. w. Schanzen bezeichnet, die 
slavische Einwanderung aber, welche die vorhandene 
Kultur verfallen liess und diese Strassenschanzen wahr- 
scheinlich schon zerstört vorfand und für ihren Zweck 
kein Verständniss hatte, nannte sie einfach kopiec (Erd- 
haufen) und die spätere deutsche Einwanderung des 12. 
und 13. Jahrhunderts, die den ursprünglichen Zweck 
auch nicht kannte, wandelte das kopiec in Kuppitze 



123 

um, mit welchem Namen auch jeder kleine Erd- und 
Grenzhaufen bezeichnet wird. Auffälliger Weise geht 
die Richtung aller alten Pfade und Strassen von Süd- 
west nach Nordost. 

Wenn Tacitiis in seiner Germ. 17 sagt, dass der 
deutsche Handel sich nur auf Pelzwerk erstreckt habe, 
so müssen wohl doch auch noch einige andere Artikel 
dabei gewesen sein, sonst würde sich die grosse Masse 
der nach Nordost führenden Pfade nicht erklären lassen, 
so läuft z. B. östlich von hier etwa 3 Meilen entfernt 
ein zweiter Strassenzug mit der hiesigen alten Frank- 
furter Strasse parallel. Es sind die Reste eines Saum- 
pfades, die aus der Richtung Melsungen herunter leiten 
über Elfershausen, Ostheim, Homberg, Sondheim nach 
Ziegenhain und wahrscheinlich Giessen, und die hier 
zunächst durch die verschwundene Krachenburg, die 
Sauerburg, die verschwundene Drachenburg, Homberg, 
Herzberg u. s. w. gedeckt werden. Ich habe diese Linie 
nicht persönlich verfolgt, die Angaben beruhen auf 
vorangegangenen Ermittelungen und muss ich das Wei- 
tere der hessischen Forschung überlassen. Ich lenke 
jetzt meine Schritte weiter westlich, da ich annehme, 
dass da, wo sich Jahrhunderte lang zwei gewaltige Völker 
ins Auge sahen, dass da neben den Verschanzungen der 
Römer doch auch solche des Gegners vorhanden sein 
müssen. Die Römer werden ihren Grenzwall nicht ohne 
Grund plötzlich bei Grüningen kurz herum geschwenkt 
haben und die Deutschen können nach dem, was wir 
bis hierher von ihnen gesehen haben, unmöglich solche 
Thoren gewesen sein, sich den römischen Verschanzungen 
gegenüber schutzlos hinzustellen, wenn dies die Römer 
im national römischen Interesse auch verschweigen. 
Ist bis jetzt über das Vorhandensein solcher deutscher 
Grenzwehren nichts bekannt, nun so ist es doch das 
Allereinfachste, man sieht sich die örtliche Lage an und 



124 

sucht sie da, wo sie nach Berücksichtigung der örtlichen 
Verhältnisse gelegen haben müssten. 

Einen solchen zur Vertheidigung von der Natur 
geschaffenen Punkt bildet der 

Dinsberg nordwestlich von Giessen. 

Die amtliche Schreibart ist Dünstberg ; wodurch die 
Dünste erzeugt wurden, weiss ich nicht, die Bevölkerung 
spricht nur Dinsberg, so wie wii; Dinstag sagen. Dieser 
Berg enthält das ausgedehnteste Schanzenwerk, das ich 
auf meiner Wanderung hier und in Schlesien fand, zu 
seiner Errichtung müssen nicht blos die Bewohner der 
Umgegend gearbeitet, hier müssen weit grössere, aus 
der Ferne herangezogene Kräfte gewaltet haben. Eine 
dreifache ümwallung umschliesst den etwa 300 m. höher 
als die Lahn und Dill gelegenen Berg. Die Anlage der 
Wälle und Gräben ist wie an anderen Orten, ein 1,50 bis 
2 m. hoher steiler Wall umschliesst einen Graben, dessen 
Sohlenbreite bis 7 m. beträgt. Indem sich die Wälle 
an die Form des Berges schliessen, waltete doch das 
Bestreben vor, möglichst lange grade Linien zu erzielen 
und die Form dem Viereck nahe zu bringen. Die beiden 
inneren Umwallungen liegen in Entfernungen bis zu 
266 und 104 m. vom unteren ersten Wall entfernt. 
Auf der Kuppe des Berges befindet sich ein nur 1 m. 
erhöhter geebneter Raum von 17 m. Breite und 28 m. 
Länge ; jedoch möchte ich nach der theilweis zu gut 
erhaltenen achteckigen Form schliessen, dass hier einmal 
in neuerer Zeit eine schaffende Hand gewaltet hat. 
Nachträglich erfahre ich, dass hier im Jahre 1759 Be- 
festigungen angelegt wurden. Hier auf der Kuppe 
kann in der Vorzeit nur ein verhältnissmässig kleiner 
Bau gestanden haben, die Idee der Anlage ist wie in 
Steinseifersdorf in Schlesien. Der erste Wall umschliesst 
den Berg in einem Umfang von rund 2600 m. 



125 

Wenn man beim Aufstieg von N.-O. von der Strasse 
nach Frankenbach herauf, eine sehr steile Höhe von 
etwa 100 m. hoch erklommen, und die erste Windung 
des zur Kuppe führenden Weges erreicht hat, befindet 
sich 12 m. über diesem eine grabenartige Vertiefung 
von 7 m. Breite, weitere 30 m. flach ansteigend ist 
ein weiterer 5 m. breiter, flacher Einschnitt vorhanden, 
wiederum 55 m. schräg hinauf liegt abermals ein 5 m. 
breites Banket und nun steigt 15 m. die steile Böschung 
des ersten Walles empor. Diese zuerst beschriebenen 
3 Einschnitte, welche sich theils schwächer theils stärker 
auftretend um den Berg herum verfolgen lassen, müssen 
ihre eigene Bedeutung haben. Gegenwärtig sind durch 
die Alllage eines Fahrweges bis zur Kuppe nicht nur 
diese Spuren vielfach verwischt, sondern auch die Wälle 
und Gräben selbst sind durchbrochen, ohne indess die 
Gesammtwirkung dieses gewaltigen Schanzenwerkes auf- 
zuheben. Hier hinter diesen weit auseinander liegenden 
Wällen konnte sich eine damalige ganze Armee sammeln, 
die breiten Gräben boten Raum für alle Habe und zur 
Vertheidigung und ich schliesse, dass an den, ausserhalb 
des ersten Walles vorhandenen flachen Bahnen sich die 
Wohnungen für Menschen -und Stallungen für ihr Vieh 
befanden, gleichviel ob es richtige Häuser oder Hütten 
waren. Im Falle der Noth zogen sie sich hinter den 
ersten Wall zurück, während diejenigen, die das Ganze 
leiteten, ihre Wohnung wohl immer in dem Kernwerk 
auf der Kuppe des Berges hatten. 

Die Anlage des grossen ersten Walles ist derart 
ausgeführt, dass er sich nach Südost zum Fuss des 
Berges herabsenkt und in seinem 7 m. breiten Graben 
eine breite Strasse zum Abstieg bei erfolgtem Auszug, 
sowie einen bequemen Aufstieg bei der Rückkehr ge- 
währte. Folge ich nun im Geist dem Auszug der hier 
gesammelten Schaaren und blicke mit meinem leiblichen 



126 

Auge der südöstlichen Richtung folgend in die Ferne, 
so finde ich 2V2 Meilen von hier den römischen Grenz- 
wall, welcher sich im scharfen Bogen nach Südost her- 
umzieht. Der Dinsberg selbst wird rechts und links 
gedeckt durch steil nach Südost abfallende Berge und 
Schluchten; ein Angriff von vorn dürfte wenig Erfolg 
versprechen, eine Umgehung oder ein seitlicher Angriff 
wird durch die in ganz Hessen vorwaltende Abwechse- 
lung schmaler Hochebenen mit tiefen steil abfallenden 
Thälern ebenfalls sehr erschwert. 

Die Lahn und die Dill umschliessen ihn südwest- 
lich im rechten Winkel, folge ich aber den beiden 
ältesten Wegspuren, welche südwestlich und südösthch 
auslaufen, so gelange ich nach Wetzlar und Giessen, 
diese beiden Orte müssen einst die Brückenköpfe ge- 
wesen sein, um die ein beständiges Ringen gewaltet 
haben mag. Durch das Vorhandensein der grossen Veste 
Dinsberg, die von der Natur und Kunst zur schwer 
bezwinglichen Ausfallpforte geschaffen war, erklärt sich, 
warum die Römer ihren Grenzwall nicht weiter östlich 
führten, sondern kurz herum, in der Richtung nach 
Hanau schwenkten. Eine von mir nach der Landes- 
aufnahme von 1875 gefertigte Skizze veranschaulicht 
die beiderseitige Lage. Die volle Bedeutung des Dins- 
berges in strategischer Beziehung zu schildern, muss 
ich den Herrn Militärs überlassen. 

In der Bevölkerung gelang es mir nicht, irgend 
eine mündliche Ueberlieferung zu ermitteln, die Urbe- 
wohner wurden wohl im Kampf vernichtet, vielleicht 
auch später durch andere Ansiedler in den Sachsen- 
kriegen ersetzt, wodurch die Sage verloren ging, aber 
Namen von Bergen, wie der nordwestlich am Fusse des 
Dinsberges belegene »Todtmahl«, der an ihn grenzende 
>Geisterküppel« und das dahinter liegende »Helfholz« 
deuten an, dass hier ein Verbrennungsplatz war, an 



127 

dem den aus der Ferne gekommenen Leidtragenden ein 
Mahl verabreicht wurde, wie dies in ländUchen Häusern 
heute eben noch geschieht und dass neben dem Be- 
stattungsort auch eine Opferstätte gewesen ist, an der 
man Hilfe erflehte. Ausserdem werden mir eine grosse 
Menge Hügel als Hünengräber genannt, ich habe sie je- 
doch nicht gesehen und enthalte mich daher jeden Urtheils. 

Den Funden wurde erst in neuerer Zeit durch 
Herrn Freiherrn von der Hoop auf Schmitte bei Rod- 
heim an der Bieber Beachtung geschenkt, dessen gütiger 
Mittheilung ich die weiteren Nachrichten verdanke. Bei 
Holzfällungen im Gemeindewald Rodheim fanden sich 
fast unter jedem alten Baum Waffen, Hufeisen, Ringe 
und dergl., es ging damit aber, wie es überall geht, 
die Holzmacher zerschlugen die Gegenstände, Hessen 
sie unbeachtet liegen, nahmen sie den Kindern zum 
Spielen mit nach Hause u. s. w. Dem Herrn Baron 
gelang es zwar sie theilweis wieder zu ermitteln, aber 
gerade auf der Hauptfundstelle, dem sogenannten »Ge- 
brannten«, war leider der Holzschlag schon beendet, als 
er von den Funden Kenntniss erhielt. Die Funde be- 
standen : Auf der Kuppe des Berges aus einem halben 
Handmühlstein, am untersten Wall aus vielen Topf- 
scherben, Hufeisen, Waffenresten, an verschiedenen Stellen 
aus Ringen von Eisen, Streitäxten, Lanzenspitzen zum 
Aufstecken auf die Holzstange, Pfeilspitzen und einem 
breiten zweischneidigen Schwert, ferner einem Bronce- 
ring, einem Pferdezaum, einer Ptiugschaar und beim 
Ackern aus einer kleinen Geldmünze in Form einer 
Schüssel. Von einer anderen Seite wird noch der Fund 
von schön polirten Steinhämmern berichtet. Alle diese 
Gegenstände sandte der Herr Baron dem historischen 
Verein zu Giessen. 

Woher der Name stamme oder was er bedeute, 
darüber gehen die Ansichten sehr weit auseinander. 



128 

Die amtliche Schreibart Dunst führte Jacob Orimm zu 
der Annahme, das Wort stamme vom keltischen Dun, 
das in Düne (am Meer) noch enthalten ist. Die Aus- 
sprache der Bevölkerung Dinsberg führte andere zu 
anderen Schlüssen, so Professor Wippermann zu »Dings- 
berg« (Gerichtsstätte). Andere zur Ableitung von Tyrs- 
berg, der dem Kriegsgott Tyr, Zio, Ziu geweihte Berg, 
damit wären wir eigentlich dem Vater Odin sehr nahe 
gekommen, aber von Seiten der wissenschaftlichen 
Sprachforschung wird mir erklärt, dass eine solche 
doppelte Umbildung, nach welcher neben dem W. bei 
Wodan auch noch das im Anlaut verschwände, selbst 
im nordischen nicht denkbar sei. Indess unsere Land- 
bevölkerung besitzt eine staunenswerthe Fertigkeit, un- 
glaubliches möglich zu machen, sobald ihr erst der Sinn, 
die Bedeutung des Namens entschwand *) und was ihr 
nicht gelingt, das bekamen auch in Hessen die amt- 
lichen Schreiber frisch fertig. Sachlich wäre es richtig, 
wenn diesem gewaltigen Schutzwall der Name des 
höchsten Gottes beigelegt wurde; ob es sprachlich mög- 
lich ist, das zu beurtheilen überlasse ich denen, die das 
besser verstehen als ich. 

Durch Herrn Freiherrn von der Hoop erhalte ich 
weitere Mittheilungen des Herrn Professor Bivchnet^ in 
Giessen, wonach J. Wolf in seinen hessischen Sagen 
berichtet, dass unter den Wällen des Dinsberges grosse 
Schätze verborgen seien, die zu bestimmten Tagen im 
Jahr zugänglich werden. (Dieselbe Sage erscheint auf 
dem Zobtenberge in Schlesien.) 



*) Den Vornamen Josef verwandelt unsere Landbevölkerung 
in Seffe. Nepoinuck wird mit Weglassung der Silbe Ne und Aen- 
derung des p in b als bomeccn, in einigen Orten sogar nur als 
cen gesprochen, also in einer Silbe, die in dem Namen gar nicht 
vorkommt. Ottiiie wird in tilka, und sogar in gebildeten Kreisen 
Gabriele in jella verwandelt. 



129 

Weitere Mittheilungen desselben Herrn besagen. 
>dass zur Römerzeit das Lahn- und Wieseckthal bei 
Giessen ein weiter unergründücher menschenleerer Sumpf 
gewesen sei, in welchem von Befestigungen nichts be- 
kannt ist.« 

Dergleichen natürliche Hilfsmittel wie Sümpfe 
verstanden die Schanzenbauer vortrefflich zur Yerthei- 
digung zu benutzen, auch hier machte das die Stellung 
am Dinsberg um so sicherer. Aber aus diesem Sumpf 
erhoben sich auch Punkte, die sich an beiden Seiten 
zur Stütze eigneten, so liegt beispielsweise der jetzige" 
Bahnhof Giessen 9 m. höher als die Lahn, es musste 
sich in der Gegend des heutigen Giessen ein üebergang 
über den Sumpf befinden, wenn die Bewohner des Dins- 
berg nicht den Zusammenhang mit der Wehrlinie ver- 
lieren wollten, die sich der Richtung des Römerwalles 
folgend etwa 2 bis 3 Meilen von ihm entfernt in beiden 
Richtungen gezogen haben muss. 

Noch theilt Herr Professor Buchner mit, dass sich 
in der Nähe Giessens ein Dorf Selters befand, das etwa 
1530 — 1533 von Philipp dem Grossmüthigen zerstört 
wurde und bereits in einer Lorcher Urkunde von 775 er- 
wähnt werde. Da nun auch ein Steig unter dem Namen 
Sälzerweg oder Selters weg in der Nähe des Dinsberges 
vorkommt, so drängt sich die Frage auf, welcher Zu- 
sammenhang besteht zwischen beiden? Haben wir es 
hier mit dem Sälzerweg zu thun, der vom Weissner 
lierabkommt an der Büraburg vorüber und der als 
ältester Verkehrsweg, als Saumpfad nach Frankfurt und 
Coblenz weiter ging, dann war das Dorf Selters wohl 
der erste Handelsplatz, als Salzniederlage, der Vorläufer 
Giessens. Ob das richtig ist, muss ich der hessischen 
Forschung zu ermitteln überlassen, ihr wird es nicht 
schwer fallen, den alten Pfaden zu folgen. Hatte Selters 
die vermuthete Bedeutung, dann dürften an der Stelle, 

N. F XV. Bd. 9 



130 

wo es stand, vielleiebt noch Spuren der ehemaligen 
Umwallui^ zn finden sein. 

Auf einen anderen Punkt möchte ich die Herren 
hessischen Forscher aufmerksam machen. Wo die 
Schanzenbauer Dammstrassen durch Sümpfe zogen, 
schützten sie diese Anlagen durch Befestigungen, die 
sich an den Enden oder auch in der Mitte des Dammes 
befanden, sie gaben zu diesem Zweck dem Damm ein 
doppeltes Knie ; auf einem Hügel, nicht grösser als das 
grosse Hünengrab bei Sooden, war ein Bau aus Holz 
und Lehm errichtet, der den Damm beherrschte. Viel- 
leicht finden sich derartige Reste vor. 

Kehre ich nun nochmals zum Dinsberg zurück. 
Dass ein heftiger Kampf um ihn getobt, zeigen die 
Funde der weithin verstreuten Waffen; wie er geendet, 
zeigt der Gang der Geschichte. 

Da es mir nicht möglich ist, den Spuren der 
deutschen Grenzwehr weiter zu folgen, so will ich kurz 
die Punkte bezeichnen, die ich als zu ihr gehörig er- 
mittelte. Sie leiten vom Dinsberg über die Bieler Burg, 
die Leuner Burg, in südwestlicher Richtung weiter über 
den Hausberg 2 km. südwestlich von Hausen bei Butz- 
bach, dann weiter über den Altkönig, den Kellerskopf, 
Rennpfad, Wirzburg, Schleiferskopf und den Raben 
zum Rhein. 

Nachdem es den Römern gelungen war, diese 
Wehrlinie zu durchbrechen und zu nehmen, setzten sie 
ihre Mauerburgen auf die Nordseite des Taunus. Die 
alte deutsche Wehrlinie und die neue römische scheinen 
sich in der Gegend von Wehren zu kreuzen. Die er- 
wähnten deutschen Wälle sind, soviel ich darüber er- 



♦) lieber den Hausberg bei Hausen liegen mir zwei be- 
stimmte Nachrichten vor, eine amtlich, eine privat, dass er noch 
Wälle enthalte, aber auf den Generalstabs-Karten und preuss. 
Messtischblättern ist keine Andeutung dafür enthalten. 



131 

fuhr, nach gleichen Grundsätzen in Bezug auf ihre ört- 
liche Lage und Ausführung errichtet, wie alle die, welche 
von Schlesien bis zum Rhein vorhanden sind. Wir 
wissen, dass unsere Väter es waren, die in ihnen am 
Rhein und in Hessen mit den Römern Jahrhunderte 
blutig rangen und damit ist auch die Frage gelöst, wer 
alle diese Schanzenwerke der vorgeschichtlichen Zeit 
erbaut und benützt habe. Wendet man mir ein: Ein 
solches planmässsig durch ganz Deutschland und weit 
darüber hinaus geschaffenes einheitliches Werk kann 
nicht von den Deutschen vollbracht sein, denn die waren 
ja stets ein zerrissenes, in viele kleine Stämme ge- 
spaltenes Volk, das sich selbst befehdete, so erwidere 
ich: Ja es ist wahr, wir waren zerrissen, jeder Stamm 
schloss sich gegen den anderen ab, aber wir waren 
doch trotzdem stets ein grosses Volk, das in räumlichem 
Zusammenhange wohnte. Stamm an Stamm gelehnt und 
nicht nur vereint durch gemeinsame Sprache 
und Sitte, sondern vor allem durch das unzer- 
trennliche Band einer alle Stämme umschlin- 
genden nationalen Religion! Wenn daher auch 
die einzelnen Glieder dieser grossen deutschen Volks- 
familie sich gegenseitig befehdeten und sich bei ihren 
Grenzstreitigkeiten nach damahger Sitte die Prozess- 
akten mit Blut und Eisen auf den Rücken schrieben, 
wir thaten es ja vor kurzem noch uqd welches grosse 
Volk hätte das nicht gethan. So hörten sie doch des- 
halb nicht auf Glieder eines und desselben Volkes zu 
sein und sich als zusammengehörig zu erkennen. 

Wäre das Bewusstsein der inneren Zusammenge- 
hörigkeit nicht von Anbeginn bis heute im Volke leben- 
dig gewesen, dann hätte Armin niemals die Stämme 
vereinen und die Römer schlagen können. Dann wäre 
auch der Kampf zwischen Hermann und Marbod ganz 

anders ausgefallen, wo sich doch eigentlich die Heere 

9* 



132 

iiur im Kreise schwenkten ; dann wäre es uns auch 
nach dem 30jährigen Kriege nie mehr möglich geworden 
wieder als grosse Nation zu erstehen. Ja, ohne das 
klare Bewusstsein der Zusammengehörigkeit hätten es 
die sächsischen und süddeutschen Regimenter nicht 
vollbracht, im Jahre 1813 auf dem Schlachtfeld von 
Leipzig gegen den Willen ihrer Führer zu den Preussen 
überzugehen, mit denen sie sich noch kufz vorher so tapfer 
geschlagen hatten. — Man vergesse doch nicht, nicht 
das Volk, nein seine Führer waren es, die vor zwei- 
tausend Jahren die Zerrissenheit schufen und unter- 
hielten. 

Wenn ich aber finde, wie tief noch überall der 
Name des alten Vater Wodan wurzelt, dann bin ich 
geneigt anzunehmen, dass schon einmal eine gewaltige 
Hand alle Stämme führte, ehe es römischem , Golde 
möglich war, durch selbstsüchtige Streber Unfrieden zu 
schaffen und die Zerrissenheit herbei zu führen. 

Es bleiben nun noch einige Fragen zu beantworten. 
In Schlesien und Hessen finden sich viele Schanzen, die 
an einer Seite offen sind und augenscheinlich dort auch 
nie einen Wall hatten, welche Bewandniss hat es mit 
ihnen? Wir finden einen Nachklang dieser Bauform in 
unseren heutigen Soldatenhäusern, den Kasernen. Eine 
hohe Mauer umschliesst den Hof, an sie lehnen sich 
verschiedene Wirthschafksgebäude und die eine Seite 
schliesst das Haupt-Gebäude. Denken wir uns statt 
der Mauer einen Erdwall, der Graben entstand bei seiner 
Schüttung von selbst, denken wir die Wirthschafts- 
räume in dem hohlen Wall und die eine Seite wird von 
einem Gebäude aus Holz und Lehm geschlossen, so 
haben wir das Bild eines offenen Ringwalles, dann wird 
die ganze Anlage durch Feuer zerstört, so erhält der 
Wall auf der Innenseite durch den Zusammensturz der 
Hohlräume zwar Unebenheiten, aber nach aussep bleibt 



133 

seine Fläche meist wie sie war. Von dem Gebäude^ 
aber bleibt nichts als ein Häufchen Asche und mehr 
oder weniger hart gebrannter Lehm, dessen Vorkommen 
schon verschiedene Forscher zu der Annahme verleitet 
hat, die Deutschen hätten die Lehmwände ihrer Häuser 
im Feuer gebrannt, man wisse aber nicht wie. Wind 
und Regen fegten im Laufe der Zeit die Asche und 
den erweichten Lehm hinweg und nur noch in der Erde 
finden sich Spuren, aber der Wall ist offen. 

In der Regel setzte man das Gebäude an eine 
solche Stelle, die steil abfiel und wo der Boden zum 
Wall hätte angefahren werden müssen, man sparte also 
Mühe und Arbeit. Die grossen Schanzen erfüllten den 
Zweck, den die Forts der Amerikaner in den Indianer- 
gebieten heute noch erfüllen. In gefahrvollen oder 
freudig erregten Zeiten wurden die Zugänge durch unter- 
haltene Feuer gesperrt und die hervorragendsten Punkte 
des Ringwalles durch dieselben erleuchtet. Es ergiebt 
sich dies aus vielen Stellen der älteren Edda, deren 
Haupthandlung sich ja in Deutschland vollzieht. Leider 
trugen die Ueberlieferer ihre Mittheilungen in poetischer 
Form vor und neuere Deuter wurden dadurch versucht 
aus ihnen alles mögliche zu deuten, vom Abendroth bis 
zur Götterdämmerung, sogar aus den durch Schmelzung 
des Sandes durch diese Feuer erzeugten Schlacken er- 
fand man die Bezeichnung der Glasburgen. — 

Welchen Werth hatten denn nun alle die kleinen 
und mittleren Schanzen im Falle eines feindlichen Ein- 
bruchs? Sie hatten in erster Linie die Strassen zu 
sperren, die umliegende Bevölkerung zur Flucht und 
zur Vertheidigung aufzurufen und den Feind möglichst 
lange aufzuhalten. In Schlesien führten die alten Strassen 
meist über Teich dämme, an denen eine kleine oder 
mittlere Schanze lag. Der hereinbrechende Feind be- 
stand meist aus Reiterhorden, sahen sich die Schanzen- 



134 

leute dem Anprall nicht gewachsen, so stachen sie den 
Damm durch, das Wasser besorgte die weitere Zer- 
störung und wenn nach einigen Stunden der Teich ab- 
gelaufen war konnte doch noch niemand durch den 
Schlamm reiten. Die Zeit genügte also für die Bevölkerung 
zur Flucht nach den grossen Schanzen, die rechts oder 
links meist in 1 oder höchstens 2 Stunden zu erreichen 
waren. Die Schanzenleute aber, die gewiss ihre Behausung 
selbst anbrannten, um sie dem Feinde zu entziehen, trieben 
nun in den vorhandenen Laufgräben die Bevölkerung vor 
sich her und deckten gleichzeitig ihren Rückzug, was 
um so leichter geschah, als die Rückzugsgräben von 
beiden Seiten stark mit Dornen bepflanzt waren und 
theilweise heute noch damit bestanden sind. Es erklärt 
sich aus obigem, warum in einer viel späteren Zeit die 
polnischen Einbrecher es vorzogen in Schlesien im 
Winter einzufallen, wenn die Teiche gefroren waren. 

Theilweise müssen die Strassenschanzen noch im 
13. Jahrhundert in Betrieb gewesen sein, denn die ge- 
fürchteten Tataren legten die 223 km. lange Strecke 
von Ratibor bis Wahlstadt in etwa 23 Tagen zurück, 
machten also täglich nur etwa Vk Meilen. In Hessen, 
wo die Anlage von Teichsperren nicht angänglich war, 
wählte man für die mittleren und kleinen Schanzen 
meist schwer zugängliche Orte und schützte sie so wie 
im schlesischen Gebirge durch dreifache Wälle. Auch 
hier liegen die grossen Schanzen immer so dicht, dass 
sie von der Bevölkerung schnell zu erreichen waren 
und am Löwensteinergrunde lässt sich heute sogar aus 
den alten Pfaden noch schliessen, welche Dörfer auf 
die Hunds- oder auf die Altenburg zu ziehen hatten. 
Dort konnten sie alle Massnahmen treffen und waren 
vom Feinde sicherlich unbehelligt. Nach der grossen 
Sorgfalt aber, die sich überall in der Anlage dieser 
Volksburgen und der zu ihnen führenden Rückzugslinien 



135 

offenbart, kann ich nur schliessen, dass dort oben auch 
im Frieden schon alles das vorhanden war, was man 
im Kriege bedurfte, Wohnungen, Lebensmittel, Stall- 
ungen, Futter und auch Vertheidigungsmittel aller Art. 
Nun ist es aber undenklich, dass alle diese grossen und 
kleinen Plätze im Frieden ohne Bewachung, ohne Schutz 
und somit ohne eine Waffen- und Kriegs-geübte Be- 
satzung gewesen wären, die den Platz gegen einen 
feindlichen Handstreich sicherte und im Kampf die 
Führung übernahm und den Stamm bildete, um den 
sich die Ungeübten schlössen. Mochte ihre Zalit so 
gering sein wie sie wollte, aber sie mussten vorhanden 
sein. Für Hessen ist das durch Tacihis in seiner Ger- 
mania Kap. 29. 30 und vor Allem am Schluss des 31. 
Kapitels klar und unzweifelhaft nachgewiesen. Die 
verschiedenen Abstufungen soldatischer Kraft und Grösse, 
aber auch ihr Verfall bis herab zum abgenützten Vete- 
ranen zeigen ein Bild, das auch heute noch mit der 
Wirklichkeit übereinstimmt. Wenn er aber sagt: 
> Keiner hat Haus noch Acker, noch einige Beschäf- 
tigung; wo sie hinkommen, leben sie von Andern, Ver- 
schwender fremden Guts, Verächter des Eigenthums, 
bis endlich kraftloses Alter sie der so rauhen Tapfer- 
keit unfähig macht«, — so wird doch Niemand be- 
haupten wollen, das sei eine Schilderung des hessischen 
Volkes; ein solches Volk könnte niemals bestehen, es 
ist dies nichts weiter als ein Bild hessischer Be- 
rufssoldaten. Wenn Tacitus im 32. Kapitel die be- 
rühmte Reiterei der Tenkterer erwähnt, so gehört doch 
vor allem zu ihrer Ausbildung ein geübter Stamm, 
wenn er aber im 35. Kapitel ausdrücklich von den 
Chauken erklärt: >Schlagfertig ist jedoch Alles und 
im Nothfall ein Heer in Bereitschaft etc.«, so bedarf es 
weiter keines Beweises für das Vorhandensein einer ge- 
übten Stammtruppe. Diese Angaben des Tacitus stimmen 



136 

mit dem überein, was ich in den Spuren der Vorzeit 
finde. Das Bild der Zustände unseres Volkes wird aber 
dadurch ein anderes, als es vor Allem in den Kreisen 
unserer Künstler so gern zur Darstellung gebracht wird. 
Um nun ein klares Bild über die Verhältnisse der 
Vorzeit zu erhalten, wird es nöthig sein, die zwischen 
den Schanzengürteln, in ihnen selbst und an den alten 
Strassenzügen noch vorhandenen Lücken zu füllen. 
Jetzt ist das noch vielfach möglich, vor Allem in 
Hessen, wo die Zusammenlegung der bäuerlichen Grund- 
stücke noch nicht überall erfolgt ist und es auf Bergen 
und Triften zur Hutung noch viel wüfetes Land giebt. 
Jetzt liegen dort die alten Ringwälle noch so dicht, 
dass es nicht schwer hält, ihren Zusammenhang zu er- 
mitteln und dem alten Pfad zu folgen. Man wird da- 
raus nicht nur ersehen, dass es in Deutschland schon 
einmal eine Zeit gab, wo das Land mit Ausschluss der 
Städte, wenn auch nicht so dicht bevölkert, aber fast 
ebenso dicht besiedelt war als heute, sondern man wird 
erkennen, dass die Bewohner auf einer höheren Stufe 
der Kultur standen, als nach römischen Berichten, die 
in ihrem nationalen Interesse die Wahrheit verschwiegen, 
angenommen wird*). Die deutschen Ringwälle reichen 
über den römischen Grenzwall nach Westen hinaus, 
wenn nun die Römer die thatkräftigsten deutschen 
Stämme nach Osten drängten, so musste das bei der 



*) WenQ z. B. die Römer schrieben, das letzte Glied der 
deutschea Streiter sei nur mit spitzgebrannten Staugen bewaffnet, 
so erkannten sie entweder den Ernst ihrer Lage nicht, oder wollten 
ihn abschwächen, denn eine derartige Bewaffnung beweist doch 
nur, dass sie hier dem vollen Volksaufgebot gegenüber standen, 
für das sich der Waffen vorrath ebenso unzureichend erwies wie 
1813, als unsere Väter einen gleichen Verzweiflungskampf fühi-teu 
und Jünglinge und Greise nur theilweise mit Piken bewaffnet die 
Franzosen so vor sich herjagten wie die Urväter mit gespitzten 
Stangen die Römer, 



137 

Dichtigkeit der Bevölkerung eine Spannung erzeugen, 
die eine Volks-Fluthwelle wieder nach Westen, weit 
über die ursprünglichen Ufer hinaus zurückwarf, nicht 
nur die Römer hinweg fegte, sondern auch von Osten 
her andere Volkswellen nach sich zog, die beim aber- 
maligen Rückschlag auch die bisherigen deutschen 
Grenzen veränderten. 

Unsere Aufgabe wird es nun sein, soweit als mög- 
lich noch zu ermitteln, wie weit sich nach Osten und 
Süden die alten Marken unseres Volkes zogen, wie 
weit die Ringwälle unserer Väter reichen. Welchen 
Nutzen unsere Nachkommen dann aus unserer Arbeit 
ziehen werden, das wollen wir ihnen getrost überlassen. 

Wir können die weitere Forschung als eine na- 
tionale That betrachten. 

Von dem Wahn der Schweden- und Tataren- 
schanzen sind wir befreit, frischer schreitet die For- 
schung ihrem klaren Ziel entgegen und ich scheide mit 
dem alten deutschen, in Hessen statt des wälschen 
Adieu noch überall gebräuchlichen Abschiedsgruss : 

»Machts god!« 

* * 

* 

Anmerkung zu vorstehender Abhandlung. 

Die obige Abhandlung des HeiTn Vug enthält zweifellos 
reiches, durch den Augenschein gewonnenes Material und manchen 
beachtcnswerthen Wink für die Ijokalfoi*schung. Auch wo die Aus- 
führungen des Herrn Verfassers Widenspruch envecken müssen, sincj 
sie doch geeignet, zu weiterem Forschen anzuregen. Schon aus 
diesen Gesichtspunkten durfte der fleissigen Arbeit die Aufoahme 
in die Zeitschrift nicht versagt werden. Die Ergebnisse, zu denen 
der Herr Verfasser an der Hand seiner Nachfoi-schungen gelangt, 
vor der Kritik zu vertreten, müssen wir natürlich ihm selbst über- 
lassen. 

Der RedactimiS'Atisschuss der Zeitschrift 

des Vereins für hessische Geschichte und Latideskunde. 




138 



III. 

Znr Greschichte des dreissigjährigen 

Krieges, 

insbesondere des Jahres 1631. 

Von 
Hugo Brunner. 

Bie Ständische Landesbibliothek zu Kassel erwarb 
mit andern Archivalien auch zwei Originalschrift- 
stücke Landgraf Wilhelms V. von Hessen (sign. Mss. 
Hass. Fol. 293), die wohl geeignet sind, hier Mit- 
teilung zu finden, zumal besonders das eine derselben 
das Verhalten des Landgrafen im Jahre 1Q31 in einem 
neuen Lichte erscheinen lässt und eine bisher geltende 
Annahme berichtigt. Zum bessern Verständnis der 
beiden Schriftstücke sei kurz folgendes voraus geschickt. 
Bekanntermassen hatten die katholischen Stände 
des Reiches, den Kaiser an der Spitze, für den Monat 
August des genannten Jahres die evangelischen behufs 
Ausgleichung der obschwebenden Streitfragen zu einem 
sogenannten Compositionstage nach Frankfurt a. M. 
eingeladen *). 



*) [Stumpf,] Diplomat. Geschichte der deutschen Liga, S. 285 ff 



139 

Teils um für diesen Tag die notwendigen Verein- 
barungen zu treffen, teils um unter den Protestanten 
selbst grössere Einigkeit herbeizuführen, lud Kurfürst 
Johann Georg von Sachsen die evangelischen Fürsten 
und Stände für den Februar des Jahres 1631 nach 
Leipzig ein. Hier erschien auch am 3. März L. Wilhelm 
von Hessen*) ; und da die Beschickung des Frankfurter 
Tages in Leipzig beschlossen und dem Kaiser alle 
Förderung des Einigungswerkes verheissen wurde **), so 
ist es befremdlich, dass das Theatrum Europaeum, 
Bd. n, S. 434 ff., wo die Theilnehmer an den Yer- 
gleichsverhandlungen in Frankfurt aufgezählt sind, keinen 
Vertreter Hessen - Kassels namhaft macht. Daraufbin 
nehmen sowohl Bommel, Geschichte von Hessen, 
Bd. Vni, S. 169. Anm. 218, als auch Rekm, Hand- 
buch der Geschichte beider Hessen, Bd. H, S. 333, 
übereinstimmend an, dass L. Wilhelm in Frank- 
furt überhaupt nicht vertreten gewesen sei, 
bezw. (wie Rehm sagt) den Compositionstag nicht be- 
schickt habe. 

Das heisst in andern Worten: der Landgraf sei 
dem Leipziger Schlüsse nicht nachgekommen. Dass 
dies doch der Fall war, beweist nun das erstere der 
beiden von mir mitzuteilenden' Schriftstücke. Bevoll- 
mächtigter L. Wilhelms war der Frankfurter Advocat 
und Syndicus Dr. Maximilian Faust von Aschaffen- 
burg, und die für dessen Person ausgestellte Vollmacht 
lautet folgendermassen : 

Leipzig. 1631, April 6. 

Demnach bey dero zu Leiptzig vorgangener, der 
Evangelischen Chur-Fürsten vnd Stände höchstansehn- 
lichen Versamblung insgemein beschloßen, daß in jedem 



*) Grosse^ Geschichte der Stadt Leipzig, Bd. U, S. 212. 
**) Theatrum Europaeum^ Bd, IT, S, 310, 



140 

Craip die Evangelische Stände sich in eine gegen die 
Rom. Keys. Mt. etc. verantwortliche defensions Verfafung 
begeben solten vnd möchten; Vndt dan hierbey Vns 
Wilhelmen, von Gottes genaden Landgraven zu Hepen, 
Graven zu Catzenelnbogen, Diez, Ziegenhain vnd Nidda 
etc. der Rheinische Craip (darinnen wihr selbst mit be- 
griffen seint) recommendirt worden; Gleichwie wihr 
vns dan deßelben Craipes Wohlfahrt billich treweifferig 
angelegen sein lapen: Alpo thuen wihr hiermit den 
Edlen vnd Hochgelahrten Maximilian Fausten von 
Aschaffenburg, dero Rechten Doctorn vnd der freyen 
Reichs Stadt Franckfurth am Mayn Syndico, vnserm 
lieben Besondern, vollkommene Macht vnd Gewalt auf- 
tragen, nicht allein vor sich selbst dasjenige in allem 
deme, was zu besagten CraiPes Wohlfart vnd deme zu 
Leiptzig gemachten algemeinen Evangelischen Schlup 
dienlich ist, aufs fleißigste zu wahren vnd in acht zu 
nehmen. Sondern auch, ob Er Doctor Faust selbst 
einfallender Reisen oder anderer Verhinderungen halben 
solches zu thuen nicht vermöchte, andere darzu seines 
beliebens zu substituiren. 

Und wihr geloben vnd versprechen hiermit, dap 
alles dasjenige, was ermelter Doctor Maximilian Faust 
oder sein Substitutus hierinnen handien, thuen oder 
lapen wirt, dap wihr das alles stet, vest vnd genehm, 
Ihnen vnd seinen Substitutum auch in allem schadlop 
halten sollen vnd wollen. 

In Vhrkund dessen haben wihr diepes mit eigenen 
banden vnderschrieben vnd vnser fürstlich Secret dar- 
under trücken lapen. So geschehen zu Leiptzig am 
6ten Aprilis anno 1631. 

Wilhelm L. m. p. L. S. 

Die Spuren der Faltung sind an dem Papier noch 
zu erkennen, und dass die Vollmacht wirklich in den 
Händen des Dr. Faust gewesen ist, werden wir am 



141 

Schlüsse beweisen. Zuvor wollen wir das zweite Schrift- 
stück betrachten. 

Die protestantischen Fürsten hatten in Leipzig 
ausser dem schon erwähnten noch einen weiteren Be- 
schluss gefasst. Der barbarischen Kriegsführung der 
kaiserlichen und ligistischen Truppen müde, wurden sie 
dahin einig, deren Einlagerungen und Bedrückungen 
nicht länger zu dulden, ihnen die Quartiere zu kündigen 
und wenn nöthig, diese Massregel mit gewaffneter Hand 
unter gegenseitigem Beistand durchzuführen. 

In Gemässheit dieses Beschlusses gab Landgraf 
Wilhelm als ausschreibender Fürst des oberrheinischen 
Kreises noch von Leipzig aus dem Obersten von 
Schiammersdorf in Nürnberg den Befehl, das von ihm 
für den Kreis geworbene Contingent an die hessische 
Grenze zu führen *). Noch weitere Rüstungen ins Werk 
zu setzen, trat er nach seiner Rückkehr in Kassel 
wiederum mit Dr. Faust in Verbindung, um durch seine 
Vermittelung ein Anlehen bei dem Rat von Frankfurt 
aufzunehmen behufs Anwerbung einer Cömpagnie Reiter. 
Das betr. Schreiben lautet: 

Kassel. 1631, April 20. 

Vonn Gottes genaden Wilhelm Landgrave zu 
HeI3en, Grave zue Catzenelnbogen, Dietz, Ziegenhain 
vnnd Nidda etc. 

Vnsern genedigen grues zu vohr etc. Hochge- 
lahrter lieber Besonder. Wihr mögen Euch hiermit vn- 
verhalten, welcher gestalt deme bey dem jungsthin ge- 
haltenem Evangelischen Convent vnd gemachten Ver- 
gleich nach zu des Rheinischen Creil>es und unserer 
Lande bestem von vns gegenwertiger der Veste und 
Manhaffte Hanp Adamb von vnd zu Garben zu einem 
Ritmeister vber eine Compagnj zu Roß bestelt vnd 



*) Rehm, Handb. der Gesch. beider Hessen. Bd. 11, S. 33^. 



142 

angenommen ist, derogestalt vnd also, daß innerhalb 
weniger Zeit Er dieselbige werben vnd aufbringen, ajich 
fürters vns zuführen solle ; Wan wihr aber wegen vnsers 
wechseis, so von bewustem ort forderlich auf Franck- 
fark gerichtet werden wirt, vnd durch solchen geringen 
Verzug leichthch viel Zeit verspielet vnd also gedachten 
ßitmeisters aufkommen gehindert werden kan : So 
haben wihr nicht vnderlaßen, Ewr Persohn hiermit ge- 
nedig zu ersuchen, daß Ihr vns sofern willfärig Euch 
bezeigen vnd bwaciühet an hand gehen wollet, damit 
etwa bey dem Rath zu Franckfurt oder aber sonjstet 
einigerley Weise sobalt Eiatausent Reichsthaler auf- 
bracht vnd gegen die zurückgebende Quittung mehr 
besagtem vnserm Ritmeister vnsertwegen mögen aus- 
gehandigt werden, wollen wihr dero vns dahero ent- 
stehenden Schuldigkeit nach auf dieses vnser schreiben, 
welches loco obligationis firmissimae sein vnd stehen 
soll, sodan gegen gedachte quittung bey vnser, gönts 
Gott, kurtz instehender ankunfft des orts*), alles sonder 
einige gefehrde, zur gebühr wieder vergenügen. Mit 
nachmahliger bit, Ihr wollet vnser starcken zu Euch 
tragenden Zuversicht nach zu beforderung dieser hoch- 
angelegenen Sachen vns diesen gefallen zuerweisen vn- 
beschwehrt sein; Vnd wihr seint Euch mit gnedigem 
Willen wohl bey gethan, nachrichtlicher antwort ehistes 
erwartent. 

Datum Caßel am 20ten Aprilis Ao. 1631. 

E. wohlgewogener 

Wilhelm L. m. p. 
[Eigenhändige Nachschrift des Landgrafen:] 
Ich bitte zum höesten als ich kan, der Herr ver- 
lasse mich itzo nicht, stehet in alle fürfallende wege 
doppel zu erwidern. 



*) Am 5. Mai begab L. Wilhelm sich persönlich nach Frank- 
fuirt. ReJim^ a. a. 0. 



143 

Aufschrift: 

Dexa Hochgelahrten, des Heil. Rom. Reichs Stact 
Franckfurt am Mayn besteltem Syndico vnd vnserm 
lieben BesondernMaximilian Fausten von Asefaf^hsr 
bürg, der Rechten Doctorn. 

ps. d. 26. April 1631. 

Dieses zweite Schreiben betreffend, ist gar kein 
Zweifel möglich, dass es sich in den Händen des Syn- 
dicus Faust befunden hat, denn es ist ein regelrecht 
adressirter, geöffneter und mit dem > Präsentatum« ver- 
sehener Brief. Eine andere Hand als die des Schreibers, 
jedoch der nämlichen Zeit angehörig, hat aussen auf 
der Rückseite bemerkt : »H. Landgraffs Schreiben an 
Maximil. Faust wegen Vorstreckung 1000 ^ zu Wer- 
bung einer Compagnie zu Pferdt.« 

Von derselben Hand aber findet sich noch auf einem 
dritten, mit den vorigen beiden zusammen auf der 
Kasseler Landesbibliothek aufbewahrten Schriftstück 
die rückseitige Bemerkung: >Fr. Landgräffin Schreiben 
an Maximil. Faust betr. ein presens wegen Überschickung 
der Concilia pro Aerario.« Es ist dies nämlich ein 
Brief der Landgräfin Amelie Elisabeth vom 4. 
April 1644 an ebendenselben Dr. Faust. Die Land- 
gräfin dankt ihm darin für die Uebersendung eines 
von ihm verfassten, Consilia pro 'Aerario etc. be- 
titelten Werkes, (Frankf. 1641), entschuldigt sich, dass 
er noch keinen »Recompens« dafür erhalten habe, und 
stellt ihm einen solchen für die bevorstehende Frank- 
furter Messe in Aussicht 

Ob die aussen angebrachten Bemerkungen nun 
von der Hand des Eriipfängers, — wie ich annehme, — 
herrühren oder nicht, ist gleichgiltig. Da aber ganz 
die nämliche Hand auch auf die Rückseite der Voll- 
macht die Worte gesetzt hat: »H. Landgraffens zu 
Hepen an Maximil. Faust v. A. erlaßene vollmacht 



144 

tleligions- etc. Sachen bey vorseyendem Compositions- 
tag in Franckfui*th betreffendt«, so ist damit erwiesen, 
dass alle drei Schriftstücke aus dem Nachlass des Dr. 
Faust herrühren, und dass er speciell die Vollmacht in 
Händen gehabt hat. 

Eine andere Frage ist die, ob der Empfänger 
seine Vollmacht geltend gemacht hat, oder nicht. Das 
Theatrum Europaeum a. a. 0. führt den Dr. Faust neben 
Hectör Wilheliü von Güntherode und Dr. Christoph 
Dreudel nur als Vertreter der Stadt Frankfurt auf. 

Darnach sind drei Möglichkeiten denkbar. Ent- 
weder es liegt hier ein Versehen vor, und Faust hat 
sich als Vertreter Hessen-Cassels wirklich legitimirt. 
Dann würde er aber nicht im Besitze seiner Vollmacht 
geblieben, diese vielmehr zu den Acten des Compositions- 
tages genommen worden sein. — Oder die Vollmacht 
wurde später von L. Wilhelm widerrufen. Auch dies 
ist kaum anzunehmen, da sie dann zurückverlangt oder 
sonst cassirt und für ungiltig erklärt sein würde. — 
Es bleibt also nur die dritte Möglichkeit übrig, d i e, dass 
Dr. Faust die hessische Vollmacht für seine 
Person geltend zu machen unterlassen hat. 

Da am Tage nach der Eröffnung der Frankfurter 
Ausgleichsverhandlungen, den 11. August 1631, L. 
Wilhelm mit Gustav Adolf den Vertrag von Werben 
abschloss und dadurch in ein festes Bundesverhältnis 
zu Schweden trat, so war es in der That überflüssig, 
ihn auf dem fraglichen Tage zu vertreten. Denn der 
Landgraf bewies durch jene Massregel, dass er sich 
keinen Erfolg von den Verhandlungen versprach. Immer- 
hin aber müssen wir seine Absicht anerkennen, auch 
für seine Person dem Leipziger Schlüsse nachzukommen, 
bezw. in Frankfurt vertreten zu sein. 




145 



IV. 

Aufzeichnungen des Pfarrers 
Johann Christoph Cuntz zu Eirchditmold 

aus der Zeit des siebenjährigen Krieges 

(1757—1762) 

herausgegeben von 

Hugo Brunner. 

[Mit einer Karte.] 

Vorbemerkung. 

^jm Archive der Pfarrei zu Kirchditmold bei Kassel 
^befinden sich eine Anzahl Concepte von Briefen mit 
Berichten über die Ereignisse des siebenjährigen Krieges 
aus den Jahren 1757 — 62, welche der damalige Pfarrer 
des Ortes Johann Christoph Cuntz an verschiedene 
Personen (u. a. an seinen Patron, den Herrn von Dal- 
wigk) richtete. Der gegenwärtige Amtsnachfolger des 
Genannten, Herr Pfarrer von Lorentz zu Kirchdit- 
mold, hatte die Güte, mir diese Aufzeichnungen mitzu- 
teilen, die ich so gut es ging geordnet habe und nun 
im Nachfolgenden der Oeffentlichkeit übergebe. Zu- 
gleich sage ich hier Herrn Pfarrer von Lorentz meinen 
Dank! 

Mit dem Jahre 1761 werden die Berichte leider etwas 
lückenhaft. Immerhin aber sind sie für die Ereignisse in 

N. P. XV. Bd. 10 



146 

und um Kassel von besonderer Wichtigkeit, und geben 
zugleich ein klares Bild der wechselnden Hoffnungen 
und Befürchtungen und der allmählichen Steigerung 
der Leiden und Drangsale des am Kriege nur passiv 
beteiligten Volkes. 

üeber den Schreiber der Aufzeichnungen selbst 
sei kurz Folgendes gesagt*). Johann Christoph 
Cuntz (zum Unterschiede von seinem gleichnamigen 
Bruder der ältere genannt) wurde am 31. März 1718 
in Kirchhain in Oberhessen geboren als Sohn des 
Pfarrers Johannes Cuntz, welcher i. J. 1722 nach Möllen- 
beck, in der Grafschaft Schaumburg, versetzt wurde **). 

1745 wird Joh. Christoph Cuntz Prediger in 
Grebenau an der Fulda, 1752 in Kirchditmold bei Kassel, 
wo er am 17. Juli 1804 hochbetagt stirbt. Seit 1799 
wird er im Staatshandbuch als Senior der Classe Bauna 
aufgeführt. 

Der Hauptsache nach erscheinen die Aufzeich- 
nungen hier zum ersten Male. Nur ein geringer Bruch- 
teil des Originals, nämlich ein kurzer Auszug aus der 
Schilderung der Ereignisse vom Jahre 1758, wurde ver- 
öffentlicht in der Zeitschrift »Hessenland« Jahrg. 
1887, S. 213 ff. Die Auswahl geschah jedoch, wie es 
scheint, ohne besonderen Plan. 

Die Orthographie des Originals betreffend, habe 
ich dieselbe in soweit der heutigen genähert, als es ohne 
Verletzung der sprachlichen Formen geschehen konnte. 

Zum besseren Verständnis des Ganges der Ereig- 
nisse ist am Schlüsse eine Karte der Umgegend von 

Kirchditmold beigefügt. 

Dr. Brunner. 

*) Nach Strieder'« Grundlage einer hessischen Gelehrten- 
Geschichte (fortges. von K. W. Justi) Bd. XVIII. 

**) Daher erklärt es sich auch, dass unser Gewährsmann 
mit den Hannoveranern zu deren Verwunderung plattdeutsch zu 
reden versteht. 



147 



Aufzeichnungen des Pfarrers Job. Christoph Cuntz 
in Kirchditmold zum Jahre 1757*). 

Hochgeschätzter Patron! 

Im Juli 1757 waren die hess. Husaren in unser 
Dorf einquartirt. Sie exercirten auf dem Lindenberge 
und hieben im vollen Galop nach einer von Stroh ge- 
machten Menschenmaschine, die einen Hut mit einer 
weissen Garde**) trug. Niemand dachte diese Tage an 
Feind. Noch an demselben Tag erhob sich ein Lärm 
unter unsem Husaren. Ein jeder rief: »Die Franzosen 
sind da; da hinter dem Winterkasten sind sie.« Die 
Husaren bekamen schleunig Ordre, ein jeder lud sein 
Gewehr mit Schrecken und Eifer. Einige von den Re- 
cruten hatten noch keine Husaren-Zubehör. Sie wollten 
sich die Haare bei allem höllischen Fluchen ausraufen 
mit lautem Geschrei: »Camerad, hol mich; die Fran- 
zosen fangen mich«. 

Endlich ritt das Commando zum Recognosciren 
gerade nach dem Winterkasten. Der Commandant hielt 
vor dem Abmarsch eine kriegerische Heldenrede, davon 
dies die letzten Worte sollen gewesen sein: »Meine 
Kinder! Werdet Ihr mich zuerst retiriren sehen, so 
schiesset mich auf den Pelz ; und das hat ein jeder von 
mir zu erwai-ten, der nicht wie ein ehrlicher Hesse sich 
aufführet! Und damit Gott befohlen. Marsch!« 

Das 'war der traurige erste Augenblick, welchen 
unser Dorf empfunden, wovon der schreckenhafte falsche 
Ruf bis in die Residenz drang, als wären schon in Kirch- 
ditmold die französischen Husaren. Hierzu kam noch, 
dass von dem eben abgegangenen Commando ein Husar 
zu rapportiren retour durch unser Dorf galoppirte, der 

*) Die Einleitung des Briefes, welche oline gesehichtlichoa 
Wort ist, blieb foii;. 

''•) Schirm. Schutzwehr V 

10* 



148 

aus Frevel, eine Lust an unserm Schrecken zu haben, 
ausrief: »Ja, unser sind hier zu wenig; zu Zierenberg 
sind die Franzosen. Bruder, heute noch hier. Was 
Henker! wir dorfen keinen Schuss nach ihnen [thun.]« 

Nun gieng vor der Zeit das Commentiren an. 
Truppweise standen die armen Kinder mit heissen 
Thränen und gefalteten Händen vor ihren Häusern und 
riefen: »Ach Vater wo sollen wir hin? die Franzosen!« 
— Ein jeder betrachtete die kommenden Feinde als 
Mörder und Diebe. In der üblen Meinung sammlete ein 
jeder Hausvatter seine Bündel und seine Sonntagskleider 
zusammen. Einer half dem anderen, es war alles ein 
Herz und eine Seele .... 

Was that ich in dieser Angst? Ich sattelte 
mein Pferd und ritt zuerst in meine Dörfer. Meisten- 
teils fand ich sie vor den Thüren versammlet in der 
grössten Schüchternheit und trostlosestem Zustand. Ich 
antwortete mit Thränen und tröstete, so gut ich konnte ; 
und obwohl einige Ansehnliche in meiner Gemeinde 
ihre Habseligkeiten schon nach Kassel abfuhren, meine 
Frau ebenwohl mit Todesängsten alles einpackete 
und stehenden Fusses flüchten wollte, so dachte ich 
doch, es sei zu frühzeitig und untröstlich vor meine 
Gemeinde, wenn ich zuerst durch solch Exempel ohne 
augenscheinliche Gefahr den Schrecken vergrösserte. 
Ich Hess packen aber noch nichts abfahren. Indessen 
geriete ich auf Thorheit. Ich nahm meine Pistolen zum 
Sattel, spickte meine Taschen mit Kraut und Lot und 
ritt gerades Weges nach dem Wald, um selbst zu re- 
cognosciren. Da ich nun keine zulängliche Nachricht 
vom Anmarsch der Franzosen haben konnte, so stieg 
ich ab, gab mein Pferd einem guten Freund, einem 
Jäger des Ortes, bat ihn inständigst, nach Zierenberg 
zu reiten und nicht eher zurück zu kehren, bis er die 
Stellung der Feinde gesehen hätte. 



149 

Indessen ging ich zu Fuss nach Weissenstein, um 
meine Patrouille daselbst zu erwarten, schickte aber 
einen Botten an meine Frau mit vielen guten Nachrichten 
und Tröstungen. Aber alles umsonst! Die Lüge [?], 
welcher [!] im Kriege herrschet, hatte meine schönsten 
Nachrichten umgedrehet. Meine Frau vermeinet mich 
schon samt Pferd verloren zu haben. Ich kam des 
Nachts samt Pferd zurück, fand mein Dorf und meine 
Frau in der grössten Thränenflut. Ich nahm bei meiner 
guten Meinung die Verweise an, dass ich sie und das 
ganze Dorf verlassen hätte. Nachdem tröstete ich alles, 
was furchtsam war, wie dass die Franzosen nicht 
als Feinde kommen würden. Davon wurden wir be- 
stärkt durch das zurückkommende Observations-Com- 
mando, welches ungefähr 8 Tage an der Grenze von 
Hessen stand und nun allmählich mit allem dem was 
kriegerisch war, sich nach der teutschen Observations- 
arm^e zurückzog, mithin das ledig Land vor dies Jahr 
den Hrn. Franzosen an Schwertstrich und ohne Pistolen- 
schuss übergeben wurde. 

Unser teurer, weiser Wilhelm, Hochsei. Landes- 
vater, verliess zu unserm Kummer seine Residenz, gieng 
wie bekannt, auf Hamburg. Cassel wurde darauf dem 
französischen Corps, welches Contades von der Seite 
von Obervilmar anführte, gutwillig übergeben, und 
solchergestalt wurde es, wie auf den angeschlagenen 
Mandaten zu sehen, ein erobertes Land. 

Alsbald wurde von unsrer Obrigkeit befohlen, 
denen Feinden mit gutem Willen nach aller Möglich- 
keit zu begegnen. 

Indessen nahmen die Franzosen bei Ober-Vilmar 
eine Fouragirung vor die Hand, welches den Schrecken 
sehr vermehrte; mir aber klopfte man in derselben 
Nacht, da das Lager zu Vilmar aufgeschlagen wurde, 
mit Ungestüm ans Fenster, und der Grebe kündigte 



150 

mir in meinem Schlafe an, dass ich noch die Nacht 2 
Hammel gegen dereinstige (Vergütung) hergeben sollte. 
Ob nun zwar der Grebe und andere selbst Schafe hatten, 
so wurde der Anfang mit dieser Kleinigkeit bei mir 
gemacht als ein Vorbote von bevorstehender vorzüg- 
licher Unterdrückung, die noch in der Geburt war. Ich 
gab dieses Bagatell herzlich gerne. Unsere Präsente 
wurden nebst der Sammlung anderer Dörfer nach dem 
Lager abgeschickt, aber nichts angenommen, sondern 
wer kein Geld haben wollte, der brachte seine Schafe 
und Rinder zurück; wie denn ebenwohl unser Förster 
auf hohe Ordre mit Wildpret zum Präsent abgeschicket 
wurde, welches die Generale nicht anders als käuflich 
behalten wollten. 

Die Armee schlug von Vilmar ihre Lager auf dem 
Forst, und ging der Marsch der Truppen durch Kassel 
so still, so höflich und ordnungsmässig, dass alle üble 
Furcht vor diesmal auf einmal verschwunden war. 

Indessen kam die Reihe auch an uns, um die erste 
Einquartirung anzunehmen. Die falschen Relationen 
erhielten in uns Furcht und Hoffnung. Der Tag kam, 
da die franz. Gens d'armes einrückten. Mein getreuer 
Dolmetscher, Herr Schii-a aus Kassel, war mein einziger 
Trost. Der empfing sie ungemein artig. Ich dagegen 
stand daneben wie ein armer Sünder und bot alle meine 
Hühner und Gänse zum Verkauf und zum Geschenke 
dar, Wildpret, frische Lämmer, Tauben, alles wurde von 
mir zur guten Mahlzeit ovdinirt, denn es war Kasselische 
Ordre, die Feinde wohl zu bewirten. Ich musste aber 
erstaunen, als ich die Freundlichkeit wahrnahm, womit 
man mir begegnete. »Nichts als vor Geld!« war die 
Antwort von meinem Commandanten ; »und nicht einer 
Haar breit soll Ihnen, Herr Pfarr, entzogen werden. 
Wo ist denn das Logis? Hier sind die Standarten und 
Bauken, die müssen wohl bewahret werden.« Die franz. 



151 

Gensd'armerie war also die erste, welche mein Haus und 
Stube einnahmen; und von dieser Stunde wurde mein 
Haus durch den ganzen Krieg (?) vor den Commandanten 
der Truppen angeleget, all wo mehr denn 80 Prinzen, 
Grafen und Marquis logiret haben. Der Commandant 
und vier Marschalle de logis war bei der Entree die 
erste Portion, welche mir der Grebe zugeteilet. Nach- 
dem ich dieselben anhalten[d] zue meiner bereiteten Tafel 
bat, so Hessen sie sich endlich persuadiren. Ich trac- 
tirte sie 3 ganzer Tage, es kostete auch wohl 40 Rhtlr. 
Bei dem Abmarsch beehrte man mich bei aller möglichen 
Contradiction mit einer Musik von Trompeten und Bauken, 
mit der Versicherung, dass ihnen noch nie so begegnet 
worden wäre. Und es waren in der That die ersten und 
letzten, welche so formidabel bewirtet wurden. Dann 
kein grosser fr. Oberofficier hat die Art, dass er von 
seinem Wirt etwas forderte, ausser die Bedienten for- 
derten vor dies erste Jahr etwas Zugemüse und ver- 
sprachen Geld, und wer es haben wollte, bekam richtige 
Zahlung. Meine Lösung ist aber sehr gering im Kriege 
gewesen. Einmal 1 Batzen ; einmal 1 Kreuzer von einem 
Officier vor einen Trunk, den ich ihm zum Fenster am 
Marsch reichen musste und 1 halben Gulden vor ein 
Gebund Heu vom Grafen Waldner, dies ist alle meine 
5jährige aufgebürderte Losung. Doch noch eine An- 
merkung nicht zu vergessen, so habe ich von einem 
Bedienten gegen Darreichung eines kleinen Stück Brots, 
welches ich ihm im Vorbeireiten bringen musste, 3 Kreuzer 
gelöset, die ich mit Ernst zu nehmen weigerte, aber 
mit diesen Worten zuwarf: »Da, nehme er Geld! Will 
er nichts, so gebe er es den Armen.« Ich gab es vor 
seinen Augen einem armen Kinde ; mithin verglich sich 
die Einnahme mit der Ausgabe. 

Übrigens war bei gedachter erster Einquartierung 
der Gensd'armerie die strengste Ordre gegeben und ge- 



162 

halten: auf Anzeige nnser Förster, dass einige Grens- 
d'armes sich in die hiesige Jagd geschlichen hätten, 
wurde Lärm geblasen^ als sollte afles abmarschiren ; 
hierdurch wurden bei Ansstellong der Posten die Thater 
arretirt Dies gab ans den besten Trost. Sie marschirten 
ab und andere kamen wieder. Niemand aber war mehr 
mit noch ertraglicher Last beschwert als ich. 20 — 24 
Pferde war das wenigste, welche ich stets nebst ihrer 
Portion Rationen erhalten mnsste. Nach verschiedenen 
Sommerquartieren gieng es auf Winterquartiere los. Ein 
einziger Capitan als Commandant von den Carabiniers 
mit 40 Mann bekam seine Anweisung in das Dorf. Un- 
geachtet nun viele schöne Gelegenheiten zum Logis 
vor diese wenige waren, und ich uberdem mehr als 60 
Kinder zur Confirmation in der Religion im Hause täglich 
unterricht-en musste, so teilete mir der Dorfgrebe, dem 
ich in diesem Kriege als einer grossen Obrigkeit unter- 
thänig gemacht worden, diesen Offizier einzig und allein 
zu. Ich wollte mich in diesen noch glücklichen Zeiten 
etwas sperren: der Offizier lernte mich zum Anfang, 
was Krieg war. Er griff mich auf der Strasse bei meinem 
Schlafrock mit Befehl vor ihm herzugehen und ihm den 
Greben selbst zu schaffen. Nachdem ich durch Dick 
und Dünn mit fort\\'allete und ihm den Greben anwies 
und mich empfehlen wollte, so ergriff er mich nochmals 
mit Ungestüm, zog den Degen, — doch nicht ganz, — 
befahl mir, wie ich mit ihm Haus vor Haus gehen sollte, 
um ihm auf lateinisch zu dolmetschen. Wir kamen 
an das schöne Försterhaus und Hof. Er musste mit 
Gewalt aufmachen. Der Hausherr, mein bester Nachbar, 
empfing mich sehr übel. Die Stuben wurden besehen, 
die Excusen gemacht. Ich sollte dolmetschen, was 
nimmer Wahrheit gewesen war. Ich musste sagen, diese, 
jene Stube, jenes Bett sei eine Stube und Logis des 
Hm. Landgrafens. Der Hr. Förster, der Capitän, beide 



163 

attentirten auf meine Worte und Mienen. Um Unglück 
und Feindschaft zu vermeiden, so dolmetschte ich redlich. 
Dadurch respectirte der Offfzier dies Försterhaus. Ledige 
Stallungen, Scheuern ohne Fourage, und die bequemsten 
Losimenter waren daselbst parat Aber weil der Grebe, 
meine Obrigkeit, den Förster wegen des nötigen Holzes 
mehr liebte, so wurde an keine Einquartirung vor den 
in der ersten Zeit gedacht. Der Capitain wählte mein 
Haus. Bei dem Abtritt der Visitation dieses Förster- 
hauses wurde mir ein teutscher Fluch nachgeschickt. 
Ich musste selbst hören, dass den der Donner erschlagen 
sollte, welcher ihm Einquartirung machen wollte. Der 
Herr Grebe gab das Echo: »Da sehen Sie Ihre gute 
Freunde, welche Ihnen die Einquartirung machen wollen. 
Herr Förster, ich bin unschuldig.« — Eben diese Greben- 
Worte gebrauchte ich gegen den erzörnten Nachbar, er 
werde ja glauben, wie ich ihm beim Eintritt gesagt, 
dass ich hierzu mit dem Degen forciii worden. — • Nun 
ging der Auftritt in meinem Hause vor: der Herr Capitän 
wollte alle Zimmer aufgeschlossen wissen. Mit 5 Losi- 
menter, 2 der besten Stuben, 3 Kammern, Küche und 
Keller wollt' er nicht zufrieden sein. Der Pferdestall 
wurde nicht bequemlich acceptiret. Meine Köhe mussten 
unter freiem Himmel in Schnee und bitterste Kälte ge- 
stellet werden. Ich war also ersten der vornehmste in 
der Plage, und Sie werden mich auch als den letzten sehen. 
Ein jeder Bauer und Tagelöhner hatte sein Vieh in guter 
Ruhe. Ledige Stallung in ansehnlichen Häusern stand 
offen, ohne Gebrauch davon zu machen. Meine Kinder 
musste ich, weil die Information im Hause nicht mög- 
lich, auch nicht schicklich, täglich in die kalte Kirche 
führen und solchergestalt dabei in der bekannten bit- 
tersten Kälte 3 Monate zubringen. 

Ob nun zwar auf Anhalten endlich eine Remedur 
meines Viehes gefunden worden, so hatte 4 bis 5 Mo- 



154 

nate die vorzügliche Last, dass ich täglich die Feurung 
auf dem Herd, 2 Stuben nebst Ofen-Kammern von meiner 
eigenen Holzung feuren musste, — wovon kein Exempel 
im Dorfe war. Ob zwar, wie in Städten gewöhnlich, 
auch hier eine Holzlieferung verordnet war, so blieb 
die erste böse Auslage an mir und ich erhielte hier- 
nächst vor den Verlust meines ganzen 4 Klafter Be- 
soldungs-Holzes aus Gnaden nur 1 Klafter, die ich von 
neuem mit schweren Kosten anschaffen musste. Die Er- 
setzung des Holzes bestund also in 18 alb. geschenkt, 
welche doch aber nebst mehrerm von, unserm Feinde 
wieder aufgezehret wurden. 80 Gebund Stroh und etwas 
Heu wurde mir durch einen heimlichen Einbruch aus 
meiner Scheuer zur Fütterung der Pferde genommen. 
Dies kam mir anfänglich so hart vor, als ob ich das 
Hessenland verlaufen musste. Ich lief mit Ungestüm 
nach Kassel um Rettung. So gehets Leuten, die keinen 
Verlust noch nie erlitten. Wollte Gott, es wäre das 
andere Jahr bei 1000 Gebund Stroh oder nur bei Ver- 
lust 1000 Rthlr. geblieben, welches Sie, 1. Fr., am Ende 
sehen werden. 

Indessen (war) mein Capitain wieder nach einem 
kleinen Zank mir ungemein gnädig. Ich hatte die Er- 
laubnis, die heftigsten und gefährlichsten Contradictoria 
wegen des Krieges zu führen. Die Gesellschaft wurde 
Hugenscheins [?J stärker; es bekam der Förster und Herr 
Gärtner Weitz, die bisher verschont gewesen, auf ihre 
schöne Vorwerke ebenwohl Einquartirung, welche zum 
öftern bei mir ohne grosse Kosten Visite machten. Dabei 
war ein kleiner Verdruss von einem Bedienten, welcher 
von Geburt ein Casconier (Gascogner) war und ohnauf- 
hörlich im Hause mit Rufen und Singen tobete und 
entweder meine steile Treppe hinabsprang, sang oder 
hinab (fiel. Anfänglich meinte ich, der Kerle wollte 
mich damit im Studiren ärgern. Aber nachgehends 



165 

fand ich, dass er auch im Schlaf einen Triller schlug : 
solcher gestalt wurde ich wieder besänftiget. 

Meine Einquartirung brach zur Winter-Campagnie 
(Campagne) nach Zelle ab. Die Truppen kamen wechsels- 
weise bis nur auf etliche zur Einquartirung zurück, 
bis endlich der grosse Ferdinand durch solche schöne 
Wendungen, besonders durch die erste Eroberung von 
pr. Münden (Minden) die Feinde nach Wesel zurück 
wies. Der Marsch der Kassel[er] Truppen gieng gerade 
durch das Dorf nach Durrenberg (Dörnberg), von da auf 
Corbach ins Kölnische Sauerland. Mithin war die ßrste 
Visite der H. Franzosen vor dies 1757^ (Jahr) gehalten 
und die meisten Unwissenden hielten die so leidliche 
Invasion vor so ein grossen Jammer, den Hessenland 
ferner nicht ertragen kont. In der That hatten in 
diesem Jahre viele Unterthanen durch den Verkauf der 
Fourage und Lebensmittel grössern Vortheil als Schaden. 
Mit einem Wort: keinen völligen Krieg konnte man 
daraus kennen. Denn mein Verlust war kaum vor 
dieses Jahr mit allen quasi willkürlichen Tractamenten 
— — 60 Rthlr. Da kein Kasseler Bürger — compa- 
rative des Gewinns keinen Heller verloren hat*). 

Wir freueten uns auf die Befreiung unseres Vater- 
landes und gedachten, nun wären die Franzosen über 
alle Berge hin. Wir erhielten unsern allerliebsten 
theuren Landesvatter Wilhelm wieder in Kassel. Gott 
weiss mit [was] vor Freudenthränen unter dem Getön 
aller Glocken und Knallen der Kanonen dieser Landes- 
fürst empfangen wurde. Die Unterthanen von den an- 
grenzenden Dörfern der Residenz drangen sich in der 
Stadt, um den Wagen dieses holdseligen Herrn zu sehen. 
Über das Leben bei seinen freudigen 'Unterthanen rol- 
leten diesem Fürsten die Thr änen . . . und lächelten 



^) Der letzte Satz ist durchgesWchen. 



156 

[seine] Mienen *). Aber leider unsere Reihen und Froh- 
locken wurden wieder über Sangershausen, auf der Stelle, 
wo unser Fürst in Empfang genommen wurde, durch 
eine verlorene Batailk in Traurigkeit verändert**). 

Das 1758. wurde desto betrübter, da fieng man 
allmählich an zu lernen, was Krieg war, u. s. w. 

Die Ers^hlung vom Jahre 1758^ 

aus einem damals abgefassten Briefe, welcher mit einem 
schlechten und lächerlichen Abriss von hiesigen An- 
höhen begleitet war. Er lautet von Wort zu Wort, 

wie folget. 

Hochedelgeborener 
Vest- und Hochgelahrter Herr Ambtmann, 
Mein insonders hochzuehrender Herr und hoch- 
geschätzter Freund! ***). 

Was däucht Ihnen, liebster Freund! Ich schicke 
Ihnen zum ewigen Andenken von Hessen ein Gemälde, 
das ich nimmer mehr gewünschet hätte im Original 
gesehen zu haben. Es ist meine erste Mal- und Riss- 
arbeit in meinem ganzen Leben. Die Ingenieurs mögen 
es tadeb und ausbessern. Ich bin dabei versichert, 
Sie, liebster Freund! werden dereinst die unglückliche 
Gestalt hiesiger verwandelten Gegend erfahren, welche 
Sie wol unter vielem Mitleiden gewünscht gesehen zu 
haben. Ich hoffe keinem Teil hierinnen praejudicir- 
Hch zu sein, wenn ich meiner Einbildungskraft Raum 
gegeben und nach geendigtem, trübseligem Feldzug die 
hiesigen Affairen Ihnen, meinem Freunde, abmale und 
nebst der Beschreibung meinen dabei geführten Lebens- 

*) Sehr unleserlich. 

**) Einiges "Weitere ist unlesbar, aber, wie es scheint, auch 
unwesentlich. 

***) Die Anrede ist aus einer vorhandenen zweiten Fassung 
des obigen Berichtes entnommen« 



lauf untermenge. Sie kennen mein Temperament; wird 
Ihnen die Sache zu weitläufig, haben Sie Geduld! Lesen 
Sie täglich ein Blatt. Sie werden Sich zuweilen betrüben, 
aber auch wieder erfreuen, Abwechselungen müssen sein. 

Mein und unsrer Hessen Schicksal ist in diesem 
Jahre recht wunderlich, Glück und Unglück fängt sich 
vom 26. September an und schliesset sich mit dem 
23. November, da wir unsre Feinde wieder los wurden. 

Hören Sie recht zu! Nachdem der grosse und 
tapfere Prinz Isenbourg mit seinem Corps ä 5 — 6000 
Mann sich aus Oberhessen zurückzog und auf den An- 
höhen hinter Sangershausen, nahe Cassel, an dem Weg 
nach Münden, sich gegen einen doppelt starken Feind 
setzte, so kam es zu unserm grossen, unvermuteten 
Schröcken zu einer kleinen, aber herzhaften, blutigen 
Bataille. Ich lief unter Angst und Thränen eine halbe 
Stunde näher, stellte mich auf die Anhöhe von Roden- 
ditmoll (allwo ich eben zugleich ein Kind taufen sollte). 
Ich nahm das Perspectif und sähe sehr genau die Macht 
und heftige Attaque der Feinde. Ich konnte mit offenen 
Augen sehen, wie der kleine Haufe die Menge der 
Feinde zum Weichen brachte, aber sogleich nach er- 
haltenem Succurs die ünsrigen wieder zurücktrieb. 
Ich hatte keine Ruhe. Ich lief zurück nach den Mei- 
nigen, ich fand sie in einer traurigen Gesellschaft von 
Weibern, die sich nicht wollten trösten lassen, weil sie 
den Tod ihrer Männer bei dem glücklichen und un- 
glückliehen Ausschlag vermuteten. Sogar kamen et- 
liche Weiber mit ihren Säuglingen an der Brust vom 
Ort der Bataille gelaufen, welche eben ihre Männer in 
kleiner Ruhe gedachten zu sprechen, nunmehro aber 
schon im Tode sahen. Der Anblick von der ganzen 
Affaire, da die Schlacht bis gegen den Abend ohne 
Entscheidung daurete, wurde uns Zuschauern unerträg- 
lich. Endlich sähe ich auf dem Thurme ganz genau 



158 

alle Unordnung und die völlige Flucht der ünsrigen. 
Die hessischen Jäger, welche an der Fulda gegen Wolfs- 
anger stunden und durch ihre Tapferkeit Blut genug 
vergossen und sich recht respectabel gemacht hatten, 
feureten noch beständig fort. Obwohl die Armee schon 
völlig reteriret war, so kamen dieselbe im Unglück 
noch glücklich davon. Ich merkte also im Dunkeln an 
den einzelnen Schüssen, wie dieser und Jener sich noch 
besonders wehren wollte. Nach diesem Trauerspiel, 
von Thränen und Seufzen ermüdet, legten wir uns zur 
Ruhe um unsere Schicksal am künftigen Tage abzu- 
warten. Der Morgen brach an. Der erste Anblick 
waren blutige Wagen und etliche blessirte Franzosen. 
Ich bekam den blessirten Prinzen von Usingen zu lo- 
giren und sein ganzes Regiment schwerer Cavällerie 
wurde im Dorfe einquartiret. Vor dem Einzug dieses 
Regiments, melde ich Ihnen, mein liebster Freund, eine 
neue, doch vergebliche Angst. Ich weiss nicht, wer 
der erste böse Mensch war, welcher das Geschrei machte, 
die einrückende Reuterei wollte alles aus Rache massa- 
kriren; die Schüsse geschähen auf Jung und Alt. Ich 
hörte schiessen, ich hörte rufen, ich hörte ängstiglich 
schreien. Ich lief auf den Boden, ich sähe viele Menschen 
mit weissen Bündeln auf dem Rücken nach dem Walde 
laufen. Ich wurde stumm in meinen Gedanken. Meine 
bei sich habende Freunde weiblichen Geschlechtes ver- 
krochen sich bald auf den Boden, bald in den Keller 
hinter die Fässer. Ich aber lief nach den Hausthüren, 
um die .Ankunft der Truppen zu sehen. Ich sähe 12 
Mann mit grossen Bärenkappen. Getrost ging ich auf 
sie zu und fand meine alte Mutter nebst einer Magd, 
die ganz trostlos weinete, vor dem verschlossenen Hof- 
thor. Der Offizier, ein Graf, rief: »Was weinet ihr 
Leute?« — »Mein Herr, ich habe gehört, als wollten 
Sie mit Unschuldigen sehr hart verfahren.« — »Ach 



159 

was! was! wir sind Menschen, Ihr seid unsere Feinde 
nicht«, war die liebliche Antwort. Darauf drangen der 
ganze Trupp zuerst auf meinen Hof und Haus. 

Nachdem nun meine Familie die Todesängste aus- 
gestanden, so krochen sie mit Thränen aus dem Keller 
hervor und fanden in diesem Trupp die besten Leute, 
welche ich mit meinem Wein, den ich zur Brunnencur 
angefangen zu brauchen hatte, bewillkomte. Die Ur- 
sach dieses bösen Rufs war entstanden, da etliche 
Reuter ihr Gewehr losgebrannt hatten und nur aus 
Lust und Frevel auf einige vorhergehende kleine Kinder 
gehalten, welche aus Schröcken, bloss vom Knall auf 
der Strasse niederfallen und in der Ferne von denen 
Einwohnern gesehen worden. Genug, der Schröcken 
lag in unsern Gebeinen. Der Trupp, der nun bei mir 
eingekehrt war und die Anstalt zur ordentlichen Ein- 
quartirung vor gedachten Prinzen und sein Regiment 
verfügten, machten mich sogleich zum Dorfschulzen. 
Ich musste ohne alle Complimente dahin sitzen und auf 
Ordre des Herrn Grafens die Einquartirung einteilen. 
Wohlan! Ich machte Billets und sorgte für Fourage. 
Mein Amt wechselte ab. Bald wurde ich Dorfkiiecht: 
ich lief ins Dorf und citirte die Männer; bald Oberrent- 
meister: ich beschrieb Wagen. Grebe, Landbereiter, 
Oberrentmeister, Pfarr und Wirt blieb ich in stän- 
diger Einquartirung und Abwechselung. Endlich, da 
ich durch meine Billet so viel Schmähworte von denen 
Unverständigen ausstehen musste, so gelang es mir, das 
Ambt abzugeben, und der Dorfschulze oder Grebe musste 
es übernehmen. Von dieser Stunde an musste ich den- 
selben vor meine strengste Obrigkeit erkennen. Wie 
denn in diesem ganzen Kriege alle Prediger über die 
Strenge der Greben zu klagen haben. Meine Obrig- 
keit, (so muss ich den Greben nennen), legte mir jeder- 
zeit die Commandanten nebst Menge von Pferden und 



160 

Knechten in mein Haus, und sollte nur ein einziger 
Offizier mit einem Commando durchmarschiren, so musste 
er bei Tage und Nacht bei mir einkehren. Doch wenn 
in der Nähe Lager stehen, so ist es allerdings ein Glück 
wenn ein Dorf Einquartirung hat. Kaum, dass ich und 
meine Nachbaren seit der Bataille von Sangershausen 
2 Tage ohne Einquartirung waren, mussten wir folgenden 
ersten Schröcken von denen Würtenbergern ausstehen. 
Eine Viertelstunde hinter meinem Dorfe campirte ein 
kleines Corps der Soubiseschen Armee. Ihr rechter Flügel 
dehnte sich nach Niederzwehren, der linke reichte bis 
an den Wald in der sogenannten Dünche. Die Front 
wurde auf mein KirchditmoU gemacht. Besonders waren 
die Würtenberger, ein Corps der Angabe nach ä 6000, 
unsere nächste Nachbaren und Vorposten von der Armee. 
Wir versehen uns alles Gutes voji diesen Leuten. Sie 
wurden zwar durch den Trommenschlag privilegirt, 
unsre Gartengemüse zu nehmen und die Fouragirung 
sähe man als eine Notwendigkeit an. Es ging auch 
leidlich! Bei denen Franzosen hatte man noch von 
keiner Plünderung gehöret. Was geschah? Den 20. Au- 
gust nachmittags kamen auf meine Thüren gesprungen 
12 Mann mit weissen Kitteln, mit runden Hüten, die 
Augen verhüllet, grosse dicke Stäbe in den Händen. 
Sie drangen in mein Haus. Anfänglich hielten wir die 
Thüren zu, aber auf einmal fassten wir Mut und liefen 
aus der Stube ihnen entgegen mit der Frage: was 
wollt ihr? Keiner wollte antworten, sondern schlugen 
mit ihren Knüppeln nach Hühnern, Gänsen und be- 
sonders nach Schweinen. Ich merkte an denen, die 
auf mein Haus fielen, einen Schröcken über einen ge- 
wissen wohlgekleideten Herrn, welcher bei mir zum 
Besuch war. Ich überredete denselben, sich in der 
Not vor einen Kriegsmann auszugeben. Aber ach nein ! 
er wollte nicht und nahm seinen Engelander und ritt 



161 

auf Cassel zu. Ich lief ins Dorf und fand einen Wür- 
tenberger Offizier. Ich bat ihn um Rettung, er wollte 
auch helfen. Aber es geschähe nicht eher, bis seine 
Truppen ä 200 Mann, 80 Schweine, 60 Gänse und 45 
Hühner in Zeit von 10 Minuten totgeschlagen hätten. 
Der Grebe wurde an Kleider geplündert, ich aber ver- 
lor nebst etwas Vieh eine vortreffliche Kaffeekanne. 
Die Truppen wurden verklagt, und musste der Offizier 
alles mit baarem Gelde bezahlen. Sie versuchten zwar 
des andern Tages die Klage uns einzutränken und waren 
im Werk, uns rechtschaffen zu plündern. 8 grosse 
Schweine bekamen sie glücklich, wobei der Offizier gegen 
meiner Stallung selbsten rief: „Ist hier noch etwas 
zu fischen?" Mitten in der Angst, da ein jeder sich 
versteckt hatte, hörten wir Bauken und Trompeten. 
Es war die Gensd'armerie, welche bei uns Einquartirung 
haben sollte. Niemals ist mir eine Einquartirung an- 
genehmer gewesen, als diese. Alles, was Würtenberger 
hiess, musste die Flucht ergreifen, und wir waren wiederum 
eine Zeit lang getrost in unsern Elende. Die guten Wür- 
tenberger waren mithin die ersten, welche die Plün- 
derung in Hessen, besonders in diesem Dorf eingeführt 
haben ; wie sie denn hiernächst, da es zum Recht wurde, 
in Harleshausen, zu meiner Kirche gehöriges Dorf, 300 
Schweine gefressen haben. Indessen so behielten wir 
die Einquartirung der Gensd'armerie, 6 Escadrons stark, 
fast einen Monat bei uns. Mein Commandant, Comte 
de Fottville, ein alter reicher Offizier, thät so brav an mir, 
dass er mir die bevorstehende Weizenfouragirung nicht 
allein kund thät, sondern seine Leute, Wagen und Pferde 
hergab, dass wir in der Nachtzeit alles schneiden, binden 
und nach Haus fahren mussten. Er reiste ab, und ich 
bekam noch bessere Herren, welche meine wenige aus- 
gedroschenen Früchte in Sicherheit brachten, auch so- 
gar selbst arbeiteten und sich Mühe gaben vor mich 

N. F. XV. Bd 11 



162 

Heu zu verbergen, ohne dass man sehen konnte, dass 
in nachkommenden Monaten ein so grosses Unglück 
unserm Dorf bevorstünde. Aber unser Unglück kam 
näher. Niemand hörte und sähe eine Armee. Ich hatte 
eine ganz leidliche Einquartirung. Von einem Piquet, 
30 Mann, hatte mir der Grebe, meine damalige strenge 
Obrigkeit, ohne Erbarmung den einzigen Offizier, der 
wohl im Dorf logiren hätte können, in mein Haus 
gelegt. 

Doch es war ein ehrlicher Schweizer-Lieutenant 
von des Hrn. Grafen Waltner Regiment, ein Protestant, 
eigentlich reformirt, und hatte ohne Entgel d bei mir die 
freie Kost. Ich kam den 25. September von Cassel and 
hatte daselbst gehöret, unsere tapfere, grosse Oberg 
wäre zu Hofgeismar und morgen als den 26ten wollte 
er Cassel retten. Keine Armee war in der Gegend von 
französischer Seite zu sehen. Es war alles wohl glaublich 
und möglich. Mit Furcht und Zweifel kam ich nach 
Haus und gab meinem redlichen Lieutenant rätsel- 
mässig zu verstehen, dass er bald in die verlangte 
Winterquartiere kommen würde. Kaum, dass ich das 
letzte Wort führte, und mein Lieutenant so vergnügt 
bei dem Abendessen sass, so fiel ein Kanonschuss auf 
der Schanze vor Cassel, auf disseit nach dem' Wein- 
bergerthor. Mein Lieutenant erschrak, sprang behende 
nach seiner Montur und Gewehr, das ganze Piquet ä 
30 Mann musste sogleich ausrücken. Es fiel noch ein 
Kanonschuss, darauf wurde der Schröcken verdoppelt, 
der Lieutenant, dick und rot im Gesichte mit diesen 
Worten: »Mein Gott, der Feind so nahe! Viel- 
leicht retiriren wir uns diese Nacht aus Cassel.« 
Denn so viel hatte ich gemerket, der dritte Schuss war 
die völlige Retirade aller Truppen aus Cassel. In dem 
Augenblick, gegen 10 — 11 Uhr des 25. September kam 
ein Capitain von Fischer Corps in meine Stube, fragte 



163 

mit vieler Höflichkeit nach dem Piquets-Lieutenant. Ich 
holte ihn vom Posten. Er kam. Darauf wurde die 
Ordre, welche der Capitain in Händen hatte, in meiner 
Gegenwart verlesen. Ein Freund aus Cassel, welcher 
der Sprache mächtig war, vernahm ohne Vermuten 
ohngefähr wie mir bedeutet worden, folgende Relation 
und Ordre. 

»Wir sind bei Zierenberg mit unser General 
Waltner Brigade schon zum Teil vom General Oberg 
auf dem Wege von Warburg nach Cassel abgeschnitten. 
Man wird mit vieler Mühe suchen, durch Umwege auf 
Kirchditmoll nach Cassel zu kommen. Sogleich sollen, 
um den Feind abzuschröcken, sowohl zu Harleshausen 
als hier in Kirchditmoll mehr dann 30 Feuer auf dem 
Lindenberge bis an die Lindenhütte gemacht werden. 
Morgen früh gegen 2 Uhr wird die Brigade erscheinen.« 
Wir legten uns zur Ruh, mit was vor ängstlichen 
Vorstellungen können libster Freund schon denken» 
Wir schliefen in Gottes Namen ein. Kaum bei dem 
ersten härtesten Schlaf pochete man mit Ungestüm an 
meine Kammer: »Esstürmet auf der Kirche ! Ach Gott, 
es stürmet, das Dorf brennet!« — »Wo! Wo!« Ich er- 
schrak dergestalt, dass ich bei brennendem Lichte meine 
Kammerthüre nicht finden konnte. Mein erstes Vermuten 
bei so ganz ungewöhnlichen Stürmen, sogar mit 2 
Glocken zu läuten, ging dahin ganz unbedächtlich, als 
ob etliche Dörfer gegen den Feind in dieser vorhandenen 
Ruptur angehen wollten. Aber ich irrete, es brannte 
ein Haus in Kirchditmoll, welches von dem Piquet 
niedergerissen und zum Glück gelöschet wurde. In 
dieser Erholung brach der Tag an. Man sähe noch 
kein Freund und Feind. Ich war besorgt und suchete 
Soldaten zu Arbeiter, welche mir gegen Lohn Kar- 
tuffeln ausgraben sollten. Gegen 8 Uhr scherzten die 

Fransen mit mir in diesen Worten: »Vielleicht kommen 

11* 



164 

noch heute Hanovriens und schiessen uns hinter den 
Kartuffeln tot. Doch es gilt uns gleich viel, .wo wir 
sterben.« Indem ich die Leute warnete, mit dem Tode 
nicht zu spotten, so hörten wir deutlich aus der 
Gegend von Obervilmar einen Schuss, als ob es Ka- 
nonen wären. Meine Arbeiter wurden anderen Sinnes, 
forderten 24 Batzen und liefen in vollen Gallopp nach 
Weiheiden zu ihren Standquartieren. Mithin musste 
ich meine 9 Säcke und ein gross Wagentuch samt 
Kartuffeln stehen lassen. Dann in diesem Moment sähe 
ich die Schweizerbrigade mit Cavallerie auf der Dörren- 
berger Strasse am Ende des Waldes gegen Harles- 
hausen Halt machen. Die Cavallerie defilirte durch 
KirchditmoU nach der Frankfurter Strasse ins ange- 
wiesene Quartier zur Altenbaune, und vor den General 
Waltner und sein Regiment wurde KirchditmoU desti- 
niret. Das Gepäcke wurde in meinem Hause abgeladen. 
Eine nötige Anmerkung und Beweis, dass heute am 
26. September der Oberg nicht so nahe erwartet wurde, 
noch weniger, dass dies Dorf in dieser bevorstehenden 
Nacht zum Wehr- und Waffenplatz sollte gemacht werden, 
massen die Cavallerie schon nach Kirchbauna war, und 
vor des Herrn General Waltners Infanterie war eben- 
wohl Ordre zum weitern Marsch. Aber das Systema 
wurde zwischen 9 und 10 Uhr durch die unglückliche 
Anrückung des Obergs geändert. Die Schüsse von der 
Seite von Obervilmar verdoppelten sich. Noch näher 
in der Gegend von dem Dannenwald auf der Strassen 
über Rodenditmoll wurde ich auf einmal gewahr, dass 
ungemein viele einzele jagende Personen nach Roden- 
ditmoll flüchteten und zuweilen einige mit Pferde die 
Berge herabstürzeten. Hinter denselben kamen über die 
Anhöhen von Obervilmar gerades Weges durchs Feld 
ein Schwärm fr. Truppen. Hier merkte ich, dass es die 
Arrieregarde der Franzosen von gedachter Brigade waren. 



165 

Ihr Zug schien zwischen Rodenditmoll und Harles- 
hausen gerades Weges auf Kirchditmoll gerichtet zu sein. 
Dabei nahm das Schiessen überhand. Die Luckners 
Husaren schwärmten wie die Bienen um das kleine 
Corps Franzosen. Einige schössen von hinten, einige 
in die Flanken, und andere ritten vor die Fronte der 
fr. Arrieregarde und knallten ihnen in's Angesicht ; wobei 
das Fischer'sche Corps die Hauptbedeckung der regu- 
lären Fransen waren. Die alliirten Vortruppen hielten 
gleichsam die retirirten Fransen in ihren Armen und 
begleiteten solche mit Furcht und Schröcken bis vor 
unser Dorf. Hier auf diesseit Harleshausen conjungirten 
sich die von Dörrenberg ankommende Schweizer, welche, 
wie oben gedacht, in Kirchditmoll zum Teil schon ein- 
quartiret waren, aber von neuem Halt machen mussten. 
Die guten Schweizer suchten Kirchditmoll zu ver- 
teidigen und den flüchtigen Fischercorps zu Hülfe zueilen, 
welches sich aber nicht en fronte stellen wollte, sondern 
sich seitwärts schwenkete und ihren geschwinden Zug 
geradesweges nach dem Kratzenberger Wäldchen nahmen. 
Kaum suchete die Schweizer Brigade noch einmal in der 
Ebene unter dem Dorfe Kirchditmoll nach der Gegend 
[von] Harleshausen eine wehrhafte Stellung zu formiren, 
so erschien des Obergs Corps der Armee wie ein dicker, 
schwarzer Wald gerade auf den Anhöhen hinter Harles- 
hausen, eine Viertelstunde Weges ausser meinem Dorfe. 
Darauf kamen die Luckner-Husaren durch Harleshausen 
gesprengt, gerad auf unser Dorf Kirchditmoll, um die 
Schweizer zu delogiren, und unser tapferes Leibregiment 
zu Pferd stach geradesweges durch das Feld nach dem 
Kratzenberge, nach der Gegend, wo die Fischer sich hin- 
gezogen hatten. Hier war ich sehr besorgt und voll von 
Schröcken, da ich von meinem Thurne wahrnahm, dass ein 
Bataillon Fischer sich zwischen die Hecken des Feldes 
hinter den Kartuffelstauden in tiefen Graben eingelegt 



166 

hatten. Sie gaben bei näherer Anrückung auf unser 
schönes Regiment eine ganze Generalsalve ; doch zu früh 
und zu weit, dass zum Glück kein Mann fiel. Worauf ein 
Rumor und ein Getöse von diesem Regiment gemacht 
wurde, dass man aus der Stellung wohl wahrnahm, dass 
dies Regiment absolutement eindringen und attaquiren 
wollte, wobei die Offiziere die grösste Mühe sollen ge- 
habt haben, nicht ohne Ordre weiter avanciren zu lassen, 
die Leute abzuhalten. Wie ich dann hiernächst ein 
gewissen Reiter wegen ihres Zauderns einen Verweis 
geben wollte, mir auf seine Art der Sprache auf gut 
hessisch antwortete: »Das Herz pochete mee im Leibe, 
ach Gott, es wolle me aus meiner Brost sprengen, dass 
me nit einhauen dörften. Me sollen und dörften nit. 
Hat hee Geduld, der lebe Gott werd uns helfen. Bei 
Crefeld gings anders her!« 

Indessen machte dies' Regiment ein Schussweit 
von Kirchditmoll Halt, nach der Seite von Rodendit- 
moU gerade gegen dem Kratzenberge über, um wahrzu- 
nehmen, wie das Fischercorps sich unter dem Kratzen- 
berge formirte. Dies ging auf rechter Hand am Kratzen- 
berge vor. Mittlerweile, da unser Regiment nicht avan- 
cirte, gewannen die Schweizer linker Hand nach meinem 
Dorfe die beste Zeit, sich in bester Ordnung durch das- 
selbe nach dem Kratzenberge ebenwohl zu ziehen. Mit- 
hin näherten sich gezwungenerweise die feindlichen 
Truppen nach der Gegend [von] Cassel. 

Darauf kamen von der Seite durch Harleshausen 
einige Trupps Husaren, und sprengten etliche davon 
nebst einem hessischen Reuter vom Leibregiment in 
unser Dorf Kirchditmoll. Sie machten sogleich einige 
Pferde vom Generalgepäcke Beute, wobei mir unwissend 
eins davon eingestallet, aber auch wieder abgeholet wurde. 
Das erste Wort dieser braven Husaren war: »Wo hat der 
Teufel die Franzosen?« Wir hielten sie der Kleidung 



167 

nach vor fr. Fischer und konnten vor Schröcken und 
Furcht nicht wohl antworten, bis gedachter hess. Reuter 
mit seinem grossen Schnurrbart und Säbel in der Hand 
mit vielem Trost zuredete und dabei versicherte, noch 
eine grosse Beute zu machen. In voller Wut jagte er 
durch und stracklings nach dem Dorfe Wahlershausen, 
welches noch mit etwas Gensd'armerie besetzt war, aber 
dabei im Packen und Retiriren begriffen waren. Ein 
gewisser junger Mensch wollte mich versichern, dass 
sobald der Reuter in Wahlershausen angekommen und 
von seiner Freundschaft verwarnet worden, wie hinter 
dem Hause noch 20 Mann Cavallerie halte, so sei er wie 
rasend mit einem Schuss, der wohl geraten war, auf 
solche eingedrungen, etliche Hiebe gethan und nachdem er 
etliche Pistolenschüsse und Hiebe wiederum ausgehalten, 
glücklich wieder nach seinen ankommenden Husaren 
entrunnen. Die Gensd'armerie aber reterirte sich und 
Hessen ihr schönes Gepäcke und viele Wagen mit Mon- 
tirungsstücken vor 4 bis 6 Husaren zur Beute. 

Da dieses hinter mir in Wahlershausen vorging, 
so wollte ich auf den Berg nach meinem Kirchhof 
gehen, uiri diese ausgeschrieene Retirade anzusehen. 
Hier musste ich die 2te Lebensgefahr ganz ohnverdient 
aushalten. Drei Luckner Husaren fragten einen Trupp 
Weiber und Kinder, welche vor meinem Hause stunden, 
nach der Equipage des Fransen-Generals Waltners, auch 
nach dem Wege auf Cassel. Sie wurden beschieden. 
2 davon* ritten gerade fort, der 3te nahm den Weg 
bergauf nach dem Kirchhof. Darauf rief eine Weibes- 
person: »Husar, nicht dahinauf, hier strack nach dem 
Brunnen ist der Weg.« Darauf versetzte ich auf dem 
Berge vor der Kirchhof sthüre : »Man lasse sie reiten, 
wo sie hin wollen«, in Meinung, dass beide Wege gut 
wären. Aber mein Husar machte mir folgendes Com- 
pliment: »Du Sacra: Canaille! Ich will dich zusammen- 



168 

hauen — du sollt . . .«, hier wich das Pferd vor 
meinem schwarzen Rock zurück, und er konnte be- 
sonders wegen des Berges seinen Hieb nicht ausführen. 
Meine schröckensvolle Antwort war diese: »Ihr Leute 
seid toll und rasend etc. reitet fort, reitet fort! ich bin 
der — — , ich werde euch keinen Tort thun.« Dar- 
auf verlässt er mich mit seinen Flüchen und verfolgt 
seinen Weg bis an den Fuss des Kratzenberges, wo sich 
der Weg nach Wehlheiden lenket. 

Hier geschahen an diesem offenbaren Glückstage 
die letzten Husarenschüsse, und einer von unsern hess. 
Reutern wurde durch einen Hieb blessirt und geriet in 
fr. Hände. Alles was von den Fransosen einen leben- 
digen Othem hatte, versteckte sich in den Kratzenberg 
und richteten ihre Fronte nach der in Ordnung stehen- 
den Armee des Oberg^s auf den Höhen hinter Harles- 
hausen. Die aliirten gedachten Husaren Hessen sich nicht 
irre machen, ritten ganz dreiste hinter der Fronte des 
fr. Corps geradesweges nach Wehlheiden zu und setzten 
sich auf die Anhöhen des sogenannten Sandküppels und 
beschaueten das Gepäcke und schwere Artillerie von der 
ganzen Soubisischen Armee, welche im Grunde hinter 
Wehlheiden auf flachen Felde stund und kaum von 150 
Mann Infanterie bedecket war, davon ich gewiss nach- 
hero versichert worden, dass keine Gegenwehr wegen 
der Bestürzung und anrückender Menge wäre vorge- 
nommen worden. Ich wollte wünschen, meine Gemälde- 
Carta könnte die ganze Stellung deutlicher machen. 
Stellen Sie sich, liebster Freund, die Gegend recht 
lebendig vor. Ohngefähr 4 höchstens 5000 Mann samt 
der Garnison aus Würtenb. Truppen hatten im Ange- 
sichte der teutschen Armee den 26. September gegen 
1 Uhr die Länge des Kratzenberges bis an die^ Gegend 
einer Schanze vor Cassel besetzt. 6 Kanonen ausser 
der Stadt war auf gedachter Schanze die ganze Defen- 



169 

sion, deren Mündung über die Tiefe vorwärts nach 
Rodenditmoll und nach den Höhen von Harleshausen 
gerichtet war. Hinter sich, vor sich und in der Flanke 
nach Kirchditmoll hatten sie gar keine Bedeckung 
und waren ohne Cavallerie, nur einzele Husaren sprengten 
um die Gegend. 

Mittler weilen rückten mehrere alliirten Husaren 
nach Wahlershausen und reinigten dies Dorf gänzlich 
vom Feinde ; ein einziger Husar verdrieb 14 Mann von 
Gensd'armerie, welche das Gepäck in Wahlershausen 
bedecken sollten und erschoss einen Kerle und erbeutete 
einen Wagen mit -der köstlichen Staatsmontur der Gens- 
d'armerie. Noch andere erbeuteten in der Gegend [von] 
Weissenstein 172 Ochsen, welche mir auch für 60 -»tf 
Gras und Omaden*) gefressen hatten, so dass es das 
schöne Ansehen hatte, als sollten die Franzosen an 
diesem Tage gänzlich umringet werden. Aber die Zeit 
verweilete sich. Die oben gedachte Cavallerie, welche 
des Morgens nach der Kirchbaune zum Quartier ab- 
marschieret war und sich daselbsten zur Ruhe gegeben, 
alles abgesattelt hatte, kam auf einmal durch Nordshausen 
zurück. Nach langen Scharmutziren in der Fläche hinter 
Wahlershausen nahmen dieselben die Ochsenbeute wieder 
ab. Indessen so hatten die Teutschen den Winterkasten, 
Weissenstein, Kirchditmoll, den Rameisberg, Wahlers- 
hausen, den Strutküppel ohne Verlust mit 80 Mann 
erobert und mehr dann 3000 Mann aus den besten Vor- 
teilen vertrieben, Vorteile nunmehro vor die Teutschen, 
die dem Trauerspiele das grösste Ansehen gaben, Vor- 
teile, wodurch man ganz sicher hinter den Höhen ab- 
marschieren und dem Feinde in den Rücken ohne 
Gegenwehr kommen konnte. Ich sage, Vorteile nach 
meiner Einsicht, welche an diesem 26. September eine 

*) Omaden =: ahd. äraäd, d. i. der zweite Schnitt des Grases, 
Grummet. 



170 

Million vor Hessen wert waren. Man erwartete also 
stündlich die nähere Anrückung unserer überlegenen 
Armee, welche über Harleshausen in Schlachtordnung 
stund und welche in einer Stunde das Glück von Hessen 
machen konnten. Eine mittelmässige Anstalt, halbe 
Courage und die Hälfte des Obergs Truppen waren im 
Stande, die auf dem Kratzenberg stehende Truppen 
bei einer kühnen Gegenwehr gefangen zu nehmen. Ich 
rede aus dem Munde der Franzosen. Selbst alte, hohe 
und niedrige fr. Officiere waren bei diesen so offenbaren 
Vorteilen so offenherzig und gaben sich gänzlich ver- 
loren. Wenigsten die meinste Artollorie, gänzliche grosse 
Equibage von der ganzen Armee, nebst so vielen Kisten 
Geld, welches in Wehlheiden stund, wartete nur in 
Empfang genommen zu werden. Man sagte mir, die 
Ordre wäre gewiss gegeben, bei näherer Anrückung 
sollte man nur seine Retirade nach Cassel eiligst machen. 
Man hätte Ehre genug, wann man gegen solche Ueber- 
macht nur die Truppen zurückzöge und die in der be- 
vorstehende Nacht ankommende Soubisischen Armee 
rettete. Warlich 1000 Mann von RodenditmoU, 1000 
Mann durch Kirchditmoll in die Flanke und etwa 2000 
nebst Cavallerie hinter Wahlershausen herunter in den 
Rücken nach Wehlheiden und von Wehlheiden über den 
Berg nach der Schanze auf dem Kratzenberge hätten 
entweder gegen 3 Uhr nachmittags die auf dem Kratzen- 
berge stehende 4000 Mann samt der Garnison gefangen, 
in so ferne sie so tollkühn waren und sich wehren wollten ; 
oder sie hätten durch solchen natürlichen Angriff* die 
grosse Equibage erbeutet, welche die Franzosen ihnen 
gerne zum Preise geben wollten; dann alles zugleich, 
Truppen, die Stadt und Equibage [undj Artollerie konnte 
an diesem Tage mit 4000 Mann nicht gerettet werden. 
Der tapfere Luckner sähe diese Vorteile gar zu wohl ein 
und wollte die Affaire, wie man mir gesagt hat, mit 1200 



171 

durchsetzen. Der verständige Oberg wollte dismal nicht, 
mit der gegebenen Antwort: was er mit der Handvoll 
Franzosen sollte anfangen? Er wollte sie zusammen 
kommen lassen ; sie würden ohnehin nicht lange warten 
und von selbst Cassel verlassen müssen. — Ich kenne den 
Menschen, welchem er diese Antwort gegeben haben 
soll. Alles musste auf dessen hohe Ordre retour gehen. 
Das Lager wurde hinter Harleshausen aufgeschlagen, 
der linke Flügel stiess an Obervilmar und der rechte 
lehnete sich an Harleshausen, welches mit Jägern und 
1200 Grenadier besetzt wurde. Vor sich hatte er ver- 
schiedene tiefe Graben, hinter sich den Dannenwald. 
Nun waren alle glückliche Thaten gemacht. Unser 
Glück nahm von uns Abschied. Die Luckner-Husaren 
mussten die vorteilhafte Anhöhen mit allen eingenom- 
menen Dörfern abgeben ; unser Leibregiment musste 
zurück ins Lager und seine Stelle beziehen. Nun waren 
die Voi teile dahin und so viel verloren, dass man ohne 
Verlust ä 2 bis 3000 Mann den 28. und 29. September 
diese Stellung, die man hiernächst gerne gehabt hätte, 
nicht wohl wieder einnehmen konnte. 

Jedoch die Franzosen sahen das aufgeschlagene 
Lager vor eine Kriegslist an und erwarteten gegen Abend 
noch einen Angriff.. Sie traueten den Flanken, als 
Weissenstein, dem Winterkasten und dem Walde nicht ; 
blieben derowegen in Schlachtordnung stehen, dehneten 
ihre Regimenter so weit auseinander, dass alle schöne 
Bewegungen und Züge über die Anhöhen das Ansehen 
hatten, als wären sie in einer Stunde verdoppelt worden. 

Darauf, da kein Ernst werden wollte, so rückten 
sie vorwärts nach der Flanke ihres linken Flügels, be- 
setzten von neuem mein Dorf Kirchditmoll mit 1000 
Mann; gegen .4 Uhr nachmittags mit dem Regiment 
Bentheim den Rameisberg unter Weissenstein. Gegen 
6 Uhr kam das Fischer-Corps durch unser Dorf und 



172 

besetzten den Winterkasten. Nun war an diesem Tage 
alle Hoffnung der Errettung verloren. Die traurige 
Nacht des 27. September überflügelte uns zum ewigen 
Andenken mit lauter Franzosen. Die ganze Soubisi- 
sche Armee kam in dieser Nacht in grosser Furcht von 
jenseit über die Fulde und rückte in unser Kirchspiel. 
Fast die ganze Armee schanzete sich nur allein in einer 
Nacht dergestalt hinter die Anhöhen, dass es einer 
monatlichen Arbeit ähnlich war. KirchditmoU wurde 
in einer Nacht gegen die Fronte der Alliirten mit einer 
Eedouten versehen, und oberhalb dem Dorfe wurde eine 
Schanze an die andere gelegt, der Rameisberg mit 
einer verdeckten Batterie, welche die vordere Linien 
defendiren mussten. 12 Kanonen stunden linkter Hand 
auf der Höhe am Dorfe, womit [man], wann man wollte, 
Ha rieshausen beschiessen konnte. Mehr dann 50 Ka- 
nonen bedeckten die ganze Gegend von KirchditmoU 
bis Cassel. KirchditmoU war das Centrum der fran- 
zösischen Armee. Dahero ein 70jähriger alter General 
den 27. Septbr. zu mir sagte: »Ist zwischen heut 
und morgen dieses Dorf verloren, so haben 
wir Hessen verloren, und ihr braucht keinen 
Verstand vom Kriege zu haben, so könnt ihr 
kühne auf mein Wort behaupten, dass binnen 
3 Tagen mit 4000 Mann kein vorteilhafter 
Angriff vor die Teutschen möglich ist. Aljer 
gestern und am 2611^ hatten sie uns ohne Ver- 
lust [von] 200 Mann gefangen und die Soubisi- 
sehe Armee war jenseit verloren. Kein Regi- 
ment konnte wieder nach Frankreich kommen. 
Wann wir Zeit zum Succurs bekommen, so 
schlagen wir euch und verlassen Hessen land. 
Ohne Schlagen kann hier keine Armee ent- 
rinnen. Aneuer teutschen Seiten ist heute und 
morgen noch das Glück möglich zu erhalten.« 



1^3 

So stund nun unser kluge Oberg und sähe die 
klugen Franzosen Tag und Nacht arbeiten. Der wahre, 
berühmte und tapfere Prinz Isenburg stiess den 27!?? 
Septbr. an den linken Flügel des Obergs und lehnete 
sich mit seinem rechten nach Frommershausen. 

Es war die höchste Zeit, dass dieser Prinz anrückte, 
anders bestund der Herzog Broglio darauf, diesen Tag 
den sichern Oberg anzugreifen. Aber Prinz Soubise 
wollte noch nicht willigen. Als man aber den Held 
Isenbourg sähe ankommen, so verging den Herrn Generalen 
die Lust zum Angriff. Man vergnügte sich mit Schar- 
mutziren. Besonders geschähe es gewissen ansehnlichem 
Frauenzimmer aus Cassel zu Ehren, welches hier in 
diesem Dorf mit Gesellschaft einiger Herren Officiere 
ein Besuch abstattete und Zuschauer abgaben, worauf 
sogleich zum Scharmutziren Anstalt gemacht wurde, 
auch so heftig getrieben, dass sogar mit 6 — 7 Kanonen 
aus unserm Dorf auf die unserigen gefeuret wurde, 
wovon ich ein wahrer Augenzeuge gewesen bin, aber 
das Frauenzimmer bei aller Mühe nicht erkennen konnte. 

Je stärker nun die alliirte Armee den Feinden vor- 
kam, desto gefährlicher stund es vor Hessen und noch 
trauriger vor unsere Dorf. Unsere Garten über dem 
Dorfe wurden zu Schanzen gemacht, die Obstbäume 
abgehauen und die Flanken der Redouten damit be- 
deckt ; die geringe Stallungen im Dorfe aus Not ver- 
brannt, das Dorf so verzäunet und vermauret, mit 
Wagen, mit Bauholz wie eine kleine Festung zugeleget, 
dass, wer nur gedachte sich zu retten und anderwärts 
zu flüchten, auch nur aus seinem Garten Gemüse holen 
wollte, der wurde wie ein Spion mit Ketten beleget. 
Unser Vieh, was auf die Strasse kam, wurde ertappet, 
geschlachtet und unsere Güter an Früchten und Fou- 
rage verzehret und mit nichts als mit Blündern und 
Brennen gedrohet. 



174 

Der 28. Septbr. wurde so mit Rumor in meinem 
Dorfe zugebracht. Mein Schäfer sass geschlossen als 
ein Spion, meine Schafe stunden im Pfirch zwischen 
beiden Armeen. Eine hessische Schildwacht hatte den 
Posten bei den eingestalleten Schafen. Auf vieles An- 
suchen wurde mir erlaubt, durch eine Magd mit Beglei- 
tung einiger Granadier meine Schafe abzuholen. In- 
soferne die Magd zu den Teutschen übergehen wollte, 
so würde sie erschossen und ich in grosses Malheur 
gesetzt werden. Ich war so weit glücklich: 15 Stück 
waren nur durch unsere Allirten verloren gangen, und 
auf meinem Hof, worinnen ich die erhaltene Schafe 
einsperren wolte, durfte mir nichts wegen beigestellter 
Schildwachten geraubet werden, und da jedennoch sich 
einer Gewalt anmassete, so wurde derselbe ertappet, 
geschlossen und hernachmals gehenkt. Ich verkaufte 
augenblicklich 60 Stück ä 60 fl. und hatte mithin 
jedes Stück 1 fl., und hatte V2 Pistole davor gegeben. 
Die Kühe erböte mich vor 6 tcf zu verkaufen, konnte 
aber nur 2 Stück k 10 ^cf käuflich los werden. Ich 
erhielte einen Pass, sowohl unser sämtliches Hornvieh 
aus dem ganzen Dorfe, als auch meine Schafe nach 
Fritzlar abzutreiben. Ich geriet unter die Fischer und 
verlor 40 Stück, dagegen sollten die Kühe, wie ich ver- 
sprochen hatte, nur ausser den Lägern gehütet werden 
und wieder gegen Abend zurückkommen. Aber ich 
hatte andere Ordre gestellet. Es kam kein Stück re- 
tour, so dass ich Gefahr lief, in Arrest gezogen zu 
werden. Ich rettete mich mit gründlichen Entschuldi- 
gungen. Mein letzter Bescheid war: »Geht mir strack- 
lings vor den Augen weg ! « — Ein gewisser kluger Bauer 
wollte seine Kuh nicht mittreiben, er steckte sie in 
den Keller. Aber es wurde eingebrochen, sie wurde 
darinnen geschlachtet. 

Ein anderer trauriger Zufall begegnete an diesem 



175 

28ten Septbr. dem Heinrich Dippel, der meine Pfarr- 
güter als Meier besass. Derselbe flüchtet mit seinen 
Pferden zum Wald ; er wird von französischen Husaren 
der Fischer angehalten, sie geben sich vor Teutsche 
aus. Er soll ihnen die Armee weisen und Anschläge 
geben. Er thut es herzlich gerne, es war ein witziger 
Kopf und hatte nach seiner Natur ein hitziges Tem- 
perament nebst jähen Zorn. Auf einmal geben sie sich 
zu erkennen. Sie brachten ihn in mein Haus zum 
Verhör geschleppt. Nachdem der Commandant ihn be- 
fraget, so wollte er ihn zum Soubise schicken. Er 
rief mir halbtot zu: »Herr Pfarrer, im Brauhaus! Er 
versteht mich wohl, meine Frau wird es Ihm sagen. 
Sorge Er vor meine arme Kinder. Die Franzosen 
hanken mich.« — Seine Frau und 5 Kinder liefen und 
schrieen um ihn herum. Er verdoppelt sein Wort zu 
mir: »Sorge Er vor meine Kinder!* Ich tröstete und 
wollte reden, ich wurde zurückgestossen. Der gute 
Mann entsprang der Wachte und ersäufete sich vor 
unsern Augen durch einen Sprung in den Teich am 
Wege. Die schwangere Frau und Kinder nahmen die 
Zuflucht in mein Haus. Keiner konnte und dorfte des 
andern Retter sein. Ich lief dabei grosse Gefahr, weil 
es mein Meier war. 

Nun brach der für mich unglückliche 29. Sep- 
tember an. In der Dämmerung griff alles zum Gewehr. 
Mehr als 5000 Mann rückten ins Dorf und besetzten 
den Kirchhof. Die Kanonen flohen durchs Dorf, alles 
schiene sich zur Bataille zu rüsten. 

Ohngeachtet mein guter Graf und General Waltner 
mir verheissen hatte, die Stunde meiner Flucht anzu- 
d(mten, so konnte ich jedoch nichts erfahren. Darauf 
brach ich in diese Worte aus: »Mein gerechter und 
barmherziger Gott, soll die Schlacht angehen,« — so 
rief dieser General: »Wie — Pfarrer, wollen mich die 



176 

Hessen attaquiren?« — Er sprang eilend zu mir, ergriff 
mich an der Hand. > Lassen sie uns in die Redoute 
gehen!« Ich ging mit ihm auf die Batterie. Er fragte: 
»Was rapportiren Sie, Herr Major?« welcher mit 400 
Mann recognosciret hatte. — »Die erste Colonne der 
Hessen rücket seitwärts im Walde vorwärts 
nebst vieler Cavallerie an.« Sogleich war die 
Antwort an mich gegeben: »Mein Herr, so retiriren Sie 
sich und retten Dero Familie und retten nichts 
als das nackte Leben. Ohne Zeitverlust fliehen 
Sie! das unglückliche Dorf ! « Ein gewisser Graf 
schrieb auf Befehl vor mich und meine Familie einen 
Pass auf Cassel und auch aus Cassel zu passiren, 
worauf es im Fall der Not ankam. So geschwind sich 
die Generalen zu Pferde setzten, so geschwind war 
ich zu meinem Marsche auch fertig. Mein ganzer 
Reich thum, den ich zu retten gedacht^, waren 5 Ober- 
hempter auf der Haut und mein bestes Kleid, welches 
ich über die Hembter gepresset hatte, nebst 6 Schild- 
Louisd'or in den Stiefeln unter den Füssen. 

Ich nahm meine Frau wie ein Pilgrim und des 
Förster Tochter in Gottes Namen an die Hand, Hess 
alles im Stich, auch die besten Effecten, welche ein- 
gemauret waren. Ehe wir abtraten, kam vom General 
nochmals ein Laufer an mich mit dem Befehl, sich 
eiligst zu retten, weil bei fernerer Anrückung die Ka- 
nonen losgebrannt würden, und wir vor der Mündung 
der Kanonen mit Todesgefahr passiren müssten. üeber- 
dem wurden mir tages vorher 4 grosse Kanonen und 
Mörser gezeiget, welche bei dem Angriff mein Haus in 
Brand schiessen sollten, welches allerdings von keinem 
Teil konnte verschonet bleiben. Ohngeachtet dieser 
Trübsal ging ich unter dem Beistand Gottes fort. Ehe 
ich aber gänzlich aus dem Dorfe abtrat, so resolvirte 
ich mich auf einmal, zurück zu kehren und meine Frau 



111 

ganz allein in Sicherheit bringen zu lassen, da ohnedem 
meine Zuhörer mit ihren Sonntagskleidern und Gepäcke 
auf den Schultern gebunden bereit stunden, das Dorf 
zu verlassen, welches ihnen doch nicht erlaubt sein 
sollte. Ein jeder verstummete und führte seine un- 
mündige Kinder an der Hand unter den bittersten 
Thränen hin und her. In Betrachtung dieses Trauerspiels 
nahm ich Abschied von meiner Frauen und wollte die 
Bataille und die Ansteckung des Dorfs erwarten, als- 
dann wollte ich vermittelst eines angebottenes Pferdes 
mein Leben zu retten suchen. Ich kehrete zum Glück 
in mein Haus, welches schon mit Freund und, Feind 
so berennt war, dass ich kaum durchbrachen konnte. 
2 Feldprediger waren meine Erretter. 

Denken Sie, libster Patron, mit was vor Ge- 
mütsgestalt ich in mein Haus zurücktreten konnte. 
Meine ganze Familie, Bruder, Mutter, Frau, Kind, Knechte, 
Mägde waren fort. Meine Frau hatte zum Unglück 
nichts als das schlechteste Kleid angezogen. Vor nichts 
sorgete ich als vor Nahrung in Cassel. 2 Kotzen voll 
Brot und eine Kötze voll Hammelbraten war die ganze 
Versorgung. Doch Gott kann unvermutet trösten. 
Der General schickte mir einen Laufer mit der fröhlichen 
Versicherung, dass keine Bataille entstehen würde. Die 
Hessen hätten nur das Lager und die hiesige Stellung 
recognosciret ; ich möchte getrost sein, er wolle sogleich 
wieder Besitz vom Hause nehmen. Er kam nebst 3 
andere Generale, disputirte mit mir über einige un- 
glückliche Massregeln eines gewissen teutschen Hauses. 
Er schloss den Discours mit vieler Leutseligkeit und 
offerirte sogleich den Lauf er an meine Frau nebst 
einem Billet der Umstände zu übersenden. Ohngeachtet' 
diese Herren nur bei dem traurigen Abschied meine 
Frau kennen lernten, so wurden sie doch über unsern 
Zustand mit Thränen gerühret. Der Laufer kam zurück 

N F. XV. Bd. 12 



178 

und brachte mir von meiner Frau die gehörigen 
Schlüssel zur Haushaltung und kehre te zurück nach 
seinem Herren auf Cassel. 

Nun ging allmählich ein neuer Auftritt in meinem 
Hause vor. Meinen guten General hatte ich diesen 29. 
September verloren, ein anderer übernahm das Com- 
mando. Jedoch recommendirte er mich an die ganze 
Generalität, welche in meinem Hause einkehrte. Dahero 
geschähe es, dass besonders der General Donner fei d vor 
die Rettung meiner Möblen sorgete. Damit die Domesti- 
quen keine obstacula machen konnten, so wurde vor 
ein Trinkgeld ä 30 '»tf 2 Wagen voll auf Cassel ge- 
bracht, wobei ich diesen Umstand nur anmerke, dass 
aus dem ganzen Dorfe ein jeder seinen Beutel in 
meinem Keller zur Sicherheit gebracht hatte. Insofern 
ich mich in meinem Keller mit Auspacken und Einpacken 
alleine quälete, solcher gestalt, dass ich binnen 3 Tagen 
s. V. keinen trockenen Faden teils aus Angst, teils wegen 
der ständigen Geschäfte und Abmattung an meinem Leibe 
trug und mit übertriebenen Kräften einige Packen zum 
Aufladen an meine Nachbarn überreichte, so fand ich 
nach der Abführe des Wagens meine Güter wiederum 
anderwärts versteckt, und jene hatten vor sich selbst ge- 
sorget, alles mögliche auf den Wagen gekget, dass 
wann zu Cassel abgeladen wurde, mehr vor andere als 
vor mich in Sicherheit gebracht wurde. Überdem, da 
die Not zu gross war, dass man ständig einer Batäille 
gewärtiget sein musste, so sprachen mich so viele mit 
heissen Thränen an, nur etwas weniges mitzunehmen. 
Ich konnte es nicht abschlagen, und die Vorsehung 
Gottes wachete so lange über uns, bis wir das 
mehreste mit schwerer Mühe in Sicherheit gebracht 
hatten. 

Dagegen wurde mein innerer Haushalt verschlimmert, 
SBumalen da ich nichts mehr hatte, guten Willen bei 



179 

denen Domestiquen zu machen. Ich hatte einen General, 
der zwar gute Mannszucht zu halten bemühet war, aber 
durchaus böse Domestiquen bei sich führete. Brand, 
Blündem, Ketzer, Pfaffe waren täglich meine Ehrentitul. 
Ich war in einer Art von Betäubung und Unempfind- 
lichkeit, so vergass ich meinen Caracteur und begegnete 
fast trotzig. Vernunft, Bitten, Flehen gilt nur bei 
braven Soldaten, aber bei diesen tollen Domestiquen 
galt nichts. Ich gestehe, dass einige noch sehr artig 
waren; dann sie konnten sich verstellen. Die anderen 
waren die possirlichsten Fransosen, sie schrien stets 
und forderten Käse, Butter, Milch, Speck, Wein, 
Branndewein, ohngeachtet weder Kuh, weder Ziege, noch 
Huhn noch Hahn im Dorfe war, auch niemanden 
erlaubet wurde, etwas ausser dem Dorfe zu holen ; und 
dennoch sollte geschaffet werden. Aus der Ursach, weil 
der Oberg gekommen wäre, und sie ohnedem hätten 
gehen wollen, so mussten wir Ketzer fühlen, sie wollten 
so lange bleiben, bis alles aufgezehret wäre. Ich als 
Pfarrer hatte über das Meinige nichts mehr zu sagen. 
Früchte u. s. w., Gemüse gehöre ihnen alleine zu. Ich sollte 
mich nicht ferner unterstehen, dem General Donnerfeld 
in Cassel Fourage zu geben. Ich unterwarf mich diesen 
Vorstellungen und versicherte, dass ich blos aus Un- 
wissenheit bis dahin gesündiget hätte. Ich wollte, ohnge- 
achtet er nur ein Knecht wäre, seinem Befehl künftig 
gehorchen. Noch ein anderer Befehl mit fürchterlichen 
Drohungen, ohne Verzug vor seinen Herren den Coffe 
zu verfertigen ; nach verschiedenen Wortwechslungen, 
da er mir das Nötige an die Hand gab, machte ich 
denselben fertig. Sobald der Rest in der Küche 
von der Tafel erschien, so forderte ich als Domestique 
absolutement mitzutrinken. Wir disputirten eine Zeit- 
lang, jedoch ich behielte auf Vorbitte der Köchin 

die Oberhand. Ich teilete allerdings die überbliebene 

12* 



ISO 

Stocke Zncker und verschenkte vor deren Angra ^b 
Stocke an meine bei mir logirente Feldprediger. 
Dagegen schhig ich denen artigen Domestiqoen. wekhe 
mich vorhero zo ihrem eigenen CoiFe baten, diese 
Höflichkeit ab, wekrhes den übrigen zor Yerwondemog 
meines Temperaments dienete. Meine 2 Feldprediger, 
katholisch ond reformirt, galten weniger als ich in den 
Aogen dieser Domestiqoen. Sie mossten oft in der Kochen 
rofen hören : >Die Pfaffen o. s. w. gehören ins Lager!« 

Heine Lebensart worde täglich wonderlicher. Ich 
kochete selbst, das Töpfen stellte ich mitten onter 
meine Gäste^ ond der eiserne Löffel war onser Deller und 
Schüssel zogleich. Wer nor noch ein Compliment madien 
wollte, bekam zur Strafe nichts. Der Förster, meia 
Nachbar, ond die 2 Feldprediger waren meine Gaste. 
Commissbrod ond Wasser war onsere beste Nahnmg, 
zoweilen aoch ein Hohn, welches etwa von denen gate» 
Domestiqoen aoswärts erbeutet ond mir zom Kochen vor 
ons allgemein geschenkt worde. Ich kochete Reis ond 
Hohn so lange, bis kein Teil mehr konnte erkannt 
werden. 

Mein Lager war Stroh ond eine schwere Baoren- 
decke zom Oberbett, welches ich in Verwahrong ge- 
nommen hatte ond so schwer war, dass man damnter 
ersticken sollte. Der Herr Förster war mein getreoer 
Schlafkamrad. Unser Schlafhabit war lächerlich: in 
Stiefeln ond alten zerrissenen Camisölem, woran mehr 
weisse als schwarze Lappen hingen, legten wir ons in 
die furchtbare Rohe. Ein blaoer, alter Rockärmel war 
die Mütze, welche einem Hosarenhabit ähnlich sähe, 
vor den Herrn Förster. Ein jeder Trommelschlag 
däocbte ons Generalmarsch zo sein, wobei der Förster 
stets zoerst hervorsprang ond gemeiniglich dreimal über 
das grosse Loch im Fossboden meiner Kammer hin- 
stolperte, ehe er zo stehen kam, ond allemal fragte: 



181 

»Schildwacht! War das Generalmarsch zur Bataille?« 
»Nein!« So legten wir uns wieder zur Ruhe. In dieser 
Stellung brachten wir vier Tage zu, und meine reisefertige 
Rüstung in 5 Hembter und Zubehör blieb Tag und 
Nacht an mir, massen wir der Retirade nach Cassel 
nicht völlig traueten. Endlich, nachdem beide Armeen 
sich 8 Tage lang betrachtet hatten und unsere Alliirten 
wahrnahmen, dass das französische Lager durch unsers 
Dorf Befestigung von allen Seiten, täglich unüberwind- 
licher wurde, so brachen unsere Hessen den 3. Oktober ihre 
Lager im Angesichte der Franzosen gänzlich ab und 
richteten ihren Zug auf Wünterbüren ; von da setzten sie 
über die Fulda. Sogleich fielen die Franzosen in unsere 
Arriere-Garde. Wie eine Furie hatten die Feinde ihre 
Kanonen durch Harleshausen und feureten vom Bannen- 
wald durch Obervilmar auf den Nachtrab unserer Armee. 
Bei dieser Gelegenheit wurde daselbst der Pfarrer 
Schachten in seinem Hause attaquiret, mit Pistolen auf 
die Brust gestossen, seines Geldes beraubt. Durch einen 
Sprung aus dem Fenster nahm mein College die Flucht 
nach der Seite der alliirten Armee. Sein rachgieriger 
Fischer schreckete ihn mit einem Schuss. Er kam 
glücklich durch die streifende Kanonkugeln. Er 
verlor seine meiste Güter an Frucht und Fourage 
und rettete auf der Kirche einige versteckte Bette, 
nebst 3 Coffren guter Effecten, welche mit schweren 
Kosten nach Göttingen geflüchtet wurden. 

Bei diesem erzählten Aufbruch der alliirten Armee 
wollte ich frische Luft schöpfen, teils um von der ferne 
das Avancement der Feinde zu sehen, teils auch um 
meine Frau in Cassel zu besuchen und eine Relation von 
meiner Haushalt abzustatten. Ich fand sie nebst meiner 
Familie in Freudenthränen und bedeutete ihnen, wie dass 
gegenwärtige Kanonade, wo sie voll von Schröcken waren, 
der Abzug der Alliirten aus unser Gegend bedeutete, 



182 

und wir vor diesmal erlöset wären. Ich schloss sie in 
meine Armen und blieb über Nacht daselbst. Des 
andern Tages, als den 4. October, da ich nach meiner 
Haushalt wieder abreisete, wurde ich gewahr, wie 
unsere AUiirten die Franzosen durch Sangershausen ver- 
folgten und mit Kanonen über Sangershausen hin- 
feureten. Dies daurete bis gegen Abend. Die Franzosen 
retirirten sich bis in und vor Cassel, steckten aber aus 
Rache zum Schröcken der Stadt verschiedene Garten- 
häuser in den Brand vor der sogenannten alte Neustadt, 
und unsere AUiirten schlugen ihre Lager auf den blutigen 
Platz der gehaltenen Bataille über Sangershausen und 
warteten abermal 8 Tage, bis endlich den 8. October 
Sonntag nachmittags der Sächsische Schevert mit 
20,000 Mann (dem Angeben nach) zwischen Nordshausen 
und Weisenstein heranrückte. Dieser Succurs, den man 
so stark zu sein nicht in Cassel glauben wollte, schlug 
diesen Tag das Lager zwischen Weiheiden und Ober- 
zwehren, zogen sich aber Montags den 9^ durch und 
um Cassel über die Fulda. Ihre Lager lehnete sich bis 
an die Fulda und erstreckte sich bis nach Ochshausen 
und Volmershausen. Die Fronte war nach Sangershausen. 
Beiderseitige Armeen stunden an diesem Tage in Schlacht- 
ordnung. Aber die Elemente machten ein solch fürchter- 
liches Getöse in der Luft, und ein Wirbelwind machte 
mit seinem Staube ganz dunkel um die CavallerieJ 
augenscheinlich war dieser Tag besonders uns entgegen, 
dass keine glückliche Schlacht zu erwarten stund. 
Dahero gewonnen die Feinde die beste Zeit, sich einer 
kleinen Ruhe zu bedienen, um ihren Streich auf den 
IC^en 25U verschieben. Den Dinstags Morgen in der Früh- 
stunde, da ich den Marsch der Truppen noch nicht 
entscheiden konnte, merkte ich doch, dass die ganze 
Macht in 3 Colonnen den Zug anfing. Eine zog sich 
rechter Hand nach Kaufungen, um in den Rücken oder 



1S3 

Flanke zu kommen, die andere linker Hand nach der 
Seite der Fulda und die dritte gerade fort nach Sangers- 
hausen und Heiligenrode. Dagegen hatte sich unsre 
Armee zurückgezogen und den Kampfplatz ausgesuchet. 

Gegen 4 Uhr nachmittags sähe ich über Langwem- 
hagen vermittelst eines Perspektivs das Feuer aus 
den Kanonen angehen. Es war so heftig, dass die Affaire 
an dieser Seite, \vas ich sehen konnte, in einer kleinen 
Stunde zu Ende lief. Meine ganze Gesellschaft war be- 
trübt. Ich sähe mit weinenden Augen die Retirade, die 
Unordnung und das Eindringen der feindlichen Cavallerie. 
Man hörte in der Ferne noch etliche Kanonschüsse, aber 
das alles konnte mich nicht trösten. Ich sähe, was ich 
vermutet hatte : die Bataille war verloren ; der Oberg 
hat Schläge und Stösse bekommen, doch im Unglück 
noch Glück genung indem der Prinz Soubise, wie 
man mir gesagt hat, zur Verfolgung keine Ordre geben 
wollen, ohngeachtet derselbe von einigen Generalen in- 
ständigst zu verschiedenen Malen deswegen ersuchet 
worden, nur mit diesen Worten die Herren abgefertiget: 
»Die Cavallerie zeige sich dem Feinde und weiter 
nichts». 

So war die Comödie mit einer Tragödie be- 
schlossen und ein Andenken vor Hessen angerichtet, 
welches Kinder, so noch geboren werden, nicht vergessen 
können. Der Name Oberg bleibt ohnauslöschlich. 

Nach dieser traurigen Bataille ging ich den Uten 
October wieder nach Kirchditmoll. Kaum war ich bei 
der ersten Schanze vor der Stadt auf der sogenannten 
hohen Bünne über der holländischen Bleiche, so fielen 
mich 6 Kerlen, Domestiquen, mit einem aus dem 
Busen hervorholenden Buffer oder Pistole mit diesen 
Worten an: 

»Du verfluchter Prädicant, du musst hier 
sterben, du verdammter Ketzer!« u. s. w. Hiermit 



184 

griff man mich mit Ungestüm an den rechten Rockärmel 
und ich hörte noch vor Schröcken den aufgezogenen 
Hahnen knacken. Indem es gelten sollte, so schenkte mir 
Gott unter diesen Mördern einen Schutzengel, der mich 
rettete. Indem nun unter ihnen einen fluchenter Zank über 
mein Tod und Leben entstund, so entwich ich unter 
Seufzen mit verzagten Schritten und erv^artete noch alle 
Augenblicke den Schuss in dem Rücken. Ich kam glücklich 
durch. Ich strich durch die kleinen Lager und Piquetten, 
hielt noch acht Tage allein Haus, Hess endlich meine 
Frau wiederkommen, welche ebenfalls auf dem Stroh, 
doch etwas besser logiren musste, indem wir eine ziem- 
liche Oberdecke von Cassel kommen Hessen. Unterstund 
ich mich, nur etwas von Betten kommen zu lassen, 
so musste ich sofort solche an die Einquartirung her- 
geben. Ich habe also vom 26. September, von der 
Ankunft des unglücklichen Obergs, bis auf den 23. 
November, als am Tage des [Abzugs] der Franzosen, auf 
dem Stroh schlafen müssen, besonders die letzte Nacht, 
wegen der gänzlichen Besetzung meines Hauses, in meiner 
ordinären, einzigen Stube, unter 12 Mann Knechten, 
Bauren, Grenadiers auf der Streue celebriren müssen. 

Wobei meine Mutter, Frau und Mägde in meiner 
Kammer kochen und auf der blatten Erde, ohne Stuhl, 
auf morgenländische Art essen und schlafen müssen. 
In den obersten Zimmer war diese letzte Nacht der 
Herr Graf Diesbach logiret. Das ganze Dorf hatte 
3000 Mann Schweizer zur Einquartirung und waren die 
Arrieregarde der fr. Armee, welcher dieser Herr comman- 
dirte und von mir den freundlichsten Abschied nahm ; 
auch solche Ordre gab und hielte, dass niemand ge- 
kränket wurde. Die Truppen selbst hatten das tiefste 
Mitleiden mit uns. Und der Herr Graf patrolirte auf 
mein Ansuchen im Dorfe hin und her und blieb in 
hoher Person bis zuletzt im Dorfe, versicherte mich 



185 

aller Gnade und bezeugte, wie die Hannoveraner binnen 
2 Stunden das Dorf besetzen würden. Er ging zu Fusse 
aus dem Dorfe, stellte im Felde seine Leute in Ordnung 
und blieb mit einer kleinen Bedeckung im Nachtrab 
seiner Arrieregarde. In solcher Wendung sähe ich den 
Feinden vor dies Jahr auf den Rücken. Dies war der 
23. November, da diese frohe Abzug von Hessen Cassel 
Abschied nahm. 

Darauf rückten, wie gesagt, einzele Husaren von 
unser Seite in hiesige Gegend. Den 24. November 
bekamen wir 800 Mann Hannoveraner ins ledige, un- 
glückliche Dorf. Sogleich Hess der Commendant bei 
mir durch seine Leute auf gut blattdeutsch das Essen 
bestellen. Ich bedeutete sie sehr höflich, aber keine 
Raison wurde angenommen. Es kam mir ungemein 
spansch vor. Ich weiss nicht, ob der Herr Schuld 
hatte. Sie blieben blatt, so war meine grobe Antwort 
nach platter Art: »Seeget juem Obristlieutenant, wann 
hee freten und suppen wolle, so schoel hee Freten und 
Soupen mee bringen, ek woll metfräten und soupen.« 
Der Knecht ging ganz trostlos und erschrocken fort. 
Der Obristlieutenant blieb zurück. 

Ich bekam dagegen 2 andere gute Offizier. Ich 
zeigte meinen guten Willen, so gut ich konnte. Wir 
behielten sie 8 Tage lang. Seit dieser Zeit sind wir, 
Gott sei Dank, ruhig und haben heute keine Ein- 
quartirung. 

Ach Gott bewahre Ihnen und ihre gänzliche Fa- 
milie vor Krieg führenten Parteien, vor Fransosen 
und Hannoveranern, das wünschet nebst allen erdenk- 
lichen Segen in tiefster Hochachtung 

Ew. Wohlgeboren 

ganz ergebenster Diener 
f/. Chr, Ounix. 



186 

P. S. Mein disjähriger Verlust belauft sich 
nach übergebener Schadenstabelle, tausentachtundsechsig 
Thaler, sage 1088 Rtblr. 



Erzählungen von hiesigen Begebenheiten im 
Kriege vom Jahre 1759^ vom Monat März bis zum 

18. August. 

Libster Freund ! 

Wer hätte gedacht, dass die Franzosen dies Jahr 
würden wiederkommen? gar nicht! Über den Rhein 
sollten sie getrieben werden, und unsere Truppen wollten 
sich bei Strassburg toll und voll in Wein trinken. Ich 
wartete mit Verlangen auf die frühjährige Eröffnung 
der Campagne. Ich freuete mich auf nichts mehr als 
auf die Sieger mit ihren schönen Pferden. 

Im März kamen sie in unser Dorf ganz unver- 
mutet, und zwar die blaue Garde zu Pferde. 15 Menn 
machten Quartier. Ich hatte also die erste Ehre und 
Unkosten. Die Sammlung war vor meinem Hause. Mit 
voller Verwunderung sähe ich die grossen, schönen 
Leute an. Sie verlangten zu essen: von Herzen gerne! 
Meine Frau war nach Frankenberg verreiset. Ich war 
auch ohne Magd. Eier, Wurst, Speck, und alles was ich 
unter dem Herzen hatte, brachte ich auf Feuer. Ich 
präparirte Klose mit sauerem Kohl und Kalbfleisch. Der 
Kohl wurde verachtet, aber die Klose waren gut aufge- 
nommen. Die ersten 4 Quartiermeister waren satt, so 
kamen andere und forderten gegen Bezahlung ebenwohl 
gute Aufwartung: auch diese wurden gesättigt, davon 
einige sich ad interim bei mir im Hause logirten ; dann 
des Morgens sollte der Commandant ankommen und 
von meinem Hause Besitz nehmen. — Es geschähe; 



187 

meine ersten Gäste gingen ab. Einer davon bedankte 
sich anstatt der angebottenen Bezahlung. Darauf kam 
das ganze Regiment. Der Major von dieser blauen 
Garde führte diesmal das Obercommando. Ich empfing 
ihn höflich und begleitete ihn zu seinem Logis. So- 
gleich befahl er mir etliche Kleinigkeiten, Papier, Tinte, 
herzuschaffen. Ich brachte alles selbst, um durch 
meine Aufwartung Gunst und Liebe zu gewinnen. Aber 
ich war nicht so glücklich. 

Merken Sie wohl: der Koch wollte mit Victualien 
gegen Bezahlung aufgewartet haben. Ich verstünde 
nun etwas die Art der Verheissungen. Ich präsentirte 
einen Botten, der musste Geld fordern, um das Verlangte 
von Cassel einzuholen. Der gute Koch resolvirte sich 
aber anders und packte seinen Kasten aus und fand 
verschiedenes, was er gesucht hatte: der Botte musste 
zurückbleiben. 

Darauf erschien der Herr Major in meiner Wohn- 
stube nebst Dolmetscher mit Befehl, dass ich sogleich 
der sämtlichen Gemeinde ansagen musste, dass ein jeder 
Wirt seinen einquartirten Reutern gegen Bezahlung 
Fleisch, Wein und Brandewein anschaffen sollte. Ich 
versetzte, dass diese Ordre eigentlich dem Greben zu- 
kommen musste, indessen auch von mir ausgeführt 
werden sollte. Aber der Befehl könnte die Absicht des 
Hrn. Majors nicht erreichen, es wäre dann, dass ein 
jeder Reuter seinem armen Wirt zuvor das Geld in die 
Hand gäbe; alsdann sollten die Leute laufen und 
rennen, alles herbei zu kaufen, — indem 20 Mann bei 
einem Tagelöhner logirten, welcher keine 6 Batzen im Ver- 
mögen hatte, und die übrigen Einwohner hatten 3 Monat 
von guten Nachbarn ihre Nahrung erbettelt und gesteuret 
bekommen. Der Krieg hätte das Dorf in der letzten 
Affaire von General Oberg durch eine erlittene Blocade 
stärker als andere mitgenommen. Ich bäte um Gnade. 



188 

Darüber wurde dieser Commandant des Corps ent- 
rüstet; dem Dolmetscher liefen vor Angst die Schweiss- 
tropfen über das Gesicht und [er] deutete mir an, dass 
kein Engelländer eine Contradiction leiden könnte. Ich 
sollte Anstalt machen, dass der Wirt den Vorschuss 
thäte. — Es war aber lächerlich, weil es unmöglich 
war. Der Commandant voller Zorn versicherte mich 
seiner Ungnade und deutete mir an, dass er mich so- 
gleich bei dem Herzog verklagen wollte. Zu seiner 
Besänftigung versprach ich Grebens Dienste zu thnn 
und den Bauren die Ordre stracklings zu geben. Ich 
war also der erste im Dorfe, welcher die Ungnade sich 
unschuldig zu Halse gezogen hatte. 

Mein erstes Tractament war umsonst. Die mehre-^ 
sten Domestiquen ausser ein Teutscher waren nun 
gegen mich aufgebracht. Der Koch forderte Butter, 
Milch — etc. alles gegen Bezahlung, aber nur ver- 
sprochen und nicht gehalten. Ich glaube, die Domes- 
tiquen streichen das Geld zu sich und machen denen 
Herrn die beste Rechnung. Doch ich habe auch ein 
Beweis, dass die Herren selbst mit Vorsatz umsonst 
in Freundesland tractiren lassen. Einige Offizier logiren 
bei einem Pfarrer: sie bitten ihn, Wein und Victualien 
vor sich und ihre Bediente zu tractiren vorschussweise 
aus Kassel holen zu lassen. Der Pfarr lasset vor 10 
Rthlr. erborgen und tractirete seine ganze Einquar- 
tirung mit Fleisch etc. aufs beste. Bei dem Abzug fragen 
die Herren nach der Rechnung. Der Pfarrer verlangt 
nichts als den Wein bezahlt. Sie scheinen willig und 
bitten noch um eine Milchsuppe vor sich und ihre Suite ; 
alsdann sollte alles bezahlet werden. Der gute Mann 
wird gewahr, dass sich einer nach dem andern zu 
Pferde setzt, auch sogar sein Dolmetscher. Jedennoch 
ein Engländer hält stand und setzt sich zu Tische. 
Auf einmal: Adieu! Der Pfarr verständigt ihn zu be- 



189 

zahlen, aber umsonst. »Ick kan nit verstan!« damit 
reiset er ab. Das war der erste Auszug der Engländer, 
wornach wir so lang geseufzet hatten. 

Doch einen Umstand von meinem ungnädigen Major 
muss ich Ihnen eben wohl erzählen. Einige gute Freunde 
ansehnlichaten Standes von der Regierung aus Kassel 
kamen nach Kirchditmoll gelaufen, um ihr Verlangen zu 
sättigen, die englischen schönen Truppenpferde zu sehen. 
Sie traten in mein Haus und baten durch mich den 
Domestiquen, ob erlaubt sei, des H^: Majors berühmte 
Pferde im Stalle zu betrachten. Der Bediente war 
wilig; wir stellten uns sämtlich vor den Stall und 
sahen durch die ausgeschlagene Wände die so be- 
rühmte, teure englische Pferde. Wie eine Furie kam 
der Herr Major mit einem Prügel, machte sich unge- 
stüme und behende Öffnung nach seinem Bedienten 
[und] schlug denselben barbarisch. Die umstehen- 
den Regierungsrat, Assessor und Secr. und Regist. 
machten eine tiefe Beugung und hatten daneben aus 
Freude und Respect ihre besten Westen angezogen ; aber 
es war niemand, der dieser ansehnlichen Gesellschaft 
danken wollte, und wir wurden alle froh, dass wir ohne 
Schläge davon kamen. Ein jeder ging an seinen Ort. 

Ich aber musste mich mehrenteils in der Küche 
aufhalten, um dem Koch die Aufwartung zu machen 
und sein Verlangen zu stillen, den Tisch mit gehörigem 
Weisszeug zu besorgen. In Ermangelung meiner Frauen 
kam mir diesmal die Bedienung sehr hart an, und bei 
aller meiner Willigkeit konnte ich nicht das Glück 
haben, meinen Herrn bei dem Abzug zu sprechen. 
Mein Schmand, Butter unä Milch wäre doch eine 
Danksagung wert gewesen. Doch diese Kleinigkeit war 
zu ertragen. 

Es sollte auch noch meinem Pferde gelten. Der 
Abzug geschähe schleunig. Es war der Marsch nach 



1^- 



190 

Frankfurt und Bergen angestellet. Sonntag morgens 
marschirte das Regiment ab; einige einzelne Dragoner 
blieben zurück, um die Equipage zu besorgen. Es ge- 
brach an Pferden. Die Bauren hatten alles versteckt. 
Der Grebe, mein Gewaltiger, gab unredlich an, niemand 
als ich hätte noch Pferde und fohrete (führte?) mir 
den Korporal in meinen verschlossenen Stall. In dem 
Augenblick, da es in die Kirche läutete, wurde ich den 
Greben samt dem Reuter im Stalle gewahr. Der 
Grebe entwich. Ich eilete und raisonnirte solange un- 
verständlich mit diesem Engeländer, bis ich durch 
folgenden Einfall ihn bewegte, mir meine Pferde zu 
lassen : mit Figuren und Worten bedeutete ich ihn, 
dass ich dieses Pferd von unserer engelischen Hoheit 
aus Gnaden hätte geschenkt bekommen. In gewisser 
Absicht hatte es Grund, denn ich hatte würklich ein 
Gnadenpräsent erhalten. Darauf liess sich der Enge- 
länder bedeuten und wurde ungemein freundlich; es 
wollte ihn aber ungemein verdriessen, dass ich ihm ein 
Präsent an Geld anbot. Er bekam hiernächst Pferde im 
Dorfe, und ich ging nach dieser Gemütsveränderung in 
die Kirche, um zu predigen; und hielt in der That eine 
Feldzugspredigt mit Segenswünschung zur Eröffnung 
der Campagne aus dem XX. Psalm V. 2 : Der Name 
des Gottes Jakobs erhöre dich; er sende die Hülfe 
vom Heiligtum und stärke dich aus Zion. 

Unsere ganze Armee zog demnach auf die Fran- 
zosen los, um sie zu überraschen. Aber Bergen, Bergen 
war der Ort noch nicht, wo wir Meister über unsere 
Feinde werden sollten. Den 15. April auf Ostern be- 
kamen wir die erste traurige Nachricht von unserem 
bei Bergen erlittenen Verlust; und den 20. April be- 
kamen wir unsere bekannten Engeländer, die blaue 
Garde, zur Einquartirung. Diesmal hatte der Oberst 
selbst das Commando und hatte das Logis bei mir, aber 



191 

der Major bei dem Förster. Es daurete diese Einquar- 
tirung fast einen ganzen Monat und kostete mich nur 86 
Mass Milch und alle Morgen ein — IV2 Schale Schmand, 
der absolut für den gnädigen H. Obersten geschafft 
werden musste. Übrigens musste ich abends 10 Leuchter 
im Brand halten. Doch in Ansehung des gewöhnlichen 
grossen Verlustes wurde es unter der Bagatelle gerechnet. 
Aber unsere teure ausgesäte, im Mai ankommende 
Früchte wurden von Offiziers-Pferden abgehütet, und so- 
bald nur der Bauersmann sich darüber beschwerte und 
vorrücken wollte, wie ein jeder die richtige Fourage 
bekäme, so war seine Resolutionen lauter Prügel: wie 
dann der Major dieses Regiments mich einstmalen in 
meinem Hause ungestüm angriff mit der Frage, ob ich 
sein Regiment verklagt hätte? Ich schwor in Angst, 
dass ich von dergleichen mich gänzlich loszählen könnte. 
Darauf versprach er mir, meine Pferde in der Scheuer 
stehen zu lassen, welche ich sonst ebenwohl räumen 
sollte. Dann aus meinem Pferdestall hatte man mich 
schon längst vertrieben; und wann ich geklagt hätte, 
sollte ich mich aus meinem ganzen Hof packen. 

Doch die Gewalt im Kriege musste ich auch von 
einigen meiner Bauren erfahren. Meine Gemeinde war 
schuldig, gegen Bezahlung Fourage aus Kassel anzu- 
fahren. Jene (die Bauern) brachen eigenmächtig vor 
Tagesanbruch in den Stall, nahmen mir meine Pferde 
und spannten sie ganz nüchtern an ihre Wagen. Gegen 
Nachmittag wurde ich diesen Umstand gewahr; an- 
fänglich vermeinte ich, es wären meine Pferde gestohlen. 
Ich fragte meinen Knecht; dieser gab die trotzige, 
kriegerische Antwort, er könnte nicht stets die Pferde 
im Stalle hüten. Ich musste die Bauern verklagen. 
Sie bekamen Befehl, mich gänzlich zu verschonen, 
weilen sie gedachte Fouragefuhren bezahlt bekämen. 
Aber diese Befehle waren meinem Greben nicht respec- 



192 

tabel genug. Bei erster Forderung, Fourage zu fahren, 
griffen die Bauern abermal nach meinen Pferden, 
warfen im freien Felde den Knecht davon und spannten 
sie vor wie nach an den Wagen. 

Was däucht Ihnen, liebster Freund? Alle ausge- 
würkten Befehle waren ohne Würkung. Ich würde 
sogar den grössten Schimpf- und Schmähworten aus- 
setzt sein ; hätte ich ferner klagen wollen, so wäre 
ich unter die Termine und neue Kosten geraten. Ich 
war auf bessere Mittel bedacht, mich zu retten. Ich 
hielt mich an die Domestiquen meines Obersten, bat 
um Schutz gegen die Bauern. Ich entdeckte ihnen das 
Unglück unser Prediger, welche im Kriege unter die 
Gewalt der Greben und Dorfknechte gemischet waren; 
diese beiden commandirten ohne Barmherzigkeit, wer 
nicht wollte, bekam gleich Execution. Ein Grebe im 
Kriege, das war ein ander Mann wie ein Regierungs-Rat. 
Dadurch erweckte ich die Domestiquen zu meinem Schutz. 

Indessen musste ich wegen meiner Pferde in steter 
Flucht und Furcht leben. Er, der Grebe, hatte mir 
gedrohet, wann die Engeländer abmarschiren würden, 
so wollte er gewis davor Befehl geben, meine zuerst 
vor die Equipage zu spannen: denn ein Pfarrer könnte 
keine Freiheit prätendiren; aber ein Grebe sei frei, der 
hätte mehr zu thun wie ein Pfarrer. 

Aber meine gute Domestiquen gaben mir frühzeitig 
den Abmarsch zu verstehen. Ich Hess sogleich 2 Sattel 
ins Feld an den Acker tragen, nahm eilends meinen 
Bruder, den Stud. Medicinse, bei mich, setzten uns 
beide zu Pferde und flüchteten nach Ober-Vilmar zum 
Pfarr. Kaum waren wir sämtlich 1000 Schritt geritten, so 
kam ein Bauer aus meiner Gemeinde mit vollen Galopp 
hinter uns her rief mit vollen Halse: »Herr Pfarr, halt!« 
— Ich war dergestalt consterniret, in grosser Angst, von 
demselben . . . [unleserlich] fangen zu werden ; dass ich 



193 

meinem Bruder in Zorn ganz ungebührliche Ordre gab, 
sich gegen den Bauren zu sistiren und allenfalls ihn 
dergestalt zu bewillkommnen, dass ihm 6m Lust mich 
einzuholen, vergehen sollte. Im Notfall wollte ich schon 
nach Holland reisen. 

Ich galoppirte voraus, mein Bruder zog votti tedär 
und erwartete den Bauren. Der Bauer rief ötets hoch 
meinen Namen. Aber der Schröcken ' minderte sich. 
Seine Anrede war: »H. Pfarrer, lehnen Sie mir nur das 
alte, zurück gelassene Pferd. Dann, sagte er, ich 
soll meinen Gaul, der eben ein Füllen bekam, an- 
spannen ; der geht verloren. Von diesen, welche Sie 
reiten, verlange ich keinen. Sie thun wohl, dass Sie 
flüchten. Lehnen Sie mir den alten Gaul. Dann wann 
ich den bewussten Gaul, der gestern ein Füllen be- 
kommen hat, anspanne, so gehet er verloren.« 

Wer war freudiger wie ich, dass der Mann nur 
meinen alten Gaul haben wollte, welchen ich gar nicht 
zu retten gedachte. Ob nun zwar der Kerle unter 
meine Feinde gehörte, so willfahrte ich ihm und wurde 
froh, dass mein fürchterliches Concept geändert werden 
konnte. Ich kam sicher nach Ober-Vilmar. Kaum war ich 
ankommen, so kam ein ander Botte von meiner Frauen 
nachgejagt, der mich mitten in meiner Erholung er- 
schrack und weiter keine Neuigkeit mitbrachte, als 
dass ich eilends retour kommen sollte, um eine Not- 
taufe zu verrichten. Übrigens wären meine Pferde 
schon vom Greben gesucht worden. 

Mein College, der Pfarr, muss diese Ambtsverrich- 
tung in finster Nacht über, sich nehmen, weil weder 
Leben noch Kraft in meinen Gebeinen vor der Nach- 
stellung des Grebens war. 

Ich verfügte mich den andern Tag nach dem 
Abzug der Engeländer nach Haus und hörte, dass mein 

N. F. XV. Bd. ji 3 



194 

Oberster vor meine 80 Mass Milch weder Geld noch 
eine freundliche Miene von sich blicken lassen. 

Nach deren Abzug näherte sich das Unglück. 
Die zwischen Marburg und Kassel stehenden alliirten 
Corps wurden vom Feinde auf Kassel zurück getrieben; 
hierüber gerieten wir in unserer Gegend in grossen 
Schröcken. Alle unsere beste Habe, welche wir von der 
ersten Flucht nach Kassel mit schweresten Kosten gerettet 
und in Hoffnung eines Schutzes wieder aus Kassel in 
unsere Verwahrung genommen, mussten wieder retour zum 
2ten Mal nach Kassel geführet werden. Keine Hülfe 
war vor mich übrig, weil ein jeder das Seinige selbst 
schleunig retten wollte. Mehr als 400 Menschen unter 
Seufzen und Thränen hatten ihre Sonntagskleider auf 
den Rücken gebunden und liefen ganz odem[los?] nach 
der Stadt. Die gefährliche, verkehrte Nachrichten, als ob 
die Feinde diesmal durchgängig plünderten, verdoppelten 
die Angst. Meine Zuhörer, welche mir unter ihrer Last 
der Habseligkeiten auf der Flucht nach Kassel begeg- 
neten, wollten mit mir reden, aber die Thränen über- 
mannten uns, dass wir vor wartender Dinge verstummet 
mit Thränen von einander Abschied nahmen. 

• Das letzte vorwärts gestandene Corps unserer 
Truppen kam würklich den ßten J^ni retour und suchte 
Posto in den Schanzen auf dem Kratzenberge zu fassen. 
Kaum dass die Kanonen angefahren und das Lager ab- 
gesteckt [war], so kam Ordre aufzubrechen und hinter 
Kassel bei Ober-Vilmar das Lager aufzuschlagen, wor- 
über unsere Truppen, welche 14 Stunden schon mar- 
schirt waren, dergestalt desperat wurden, dass einige 
in folgenden grausamen Fluch ausbrachen: wenn sie 
weiter marschiren und die Stadt verlassen sollten, so 
wollte er, sprach er, dass Himmel und Hölle 
diesen Tag noch zusammen fielen! 



195 

Sie marschirten ab. Des Abends am 9ten Juni 
wurde jedennoch auf dem Kratzenberge ein Lager von 
etlichen hannoverschen Regimentern zur Bedeckung 
der Stadt aufgeschlagen. Den IQten näherten sich die 
Franzosen und scharmutzirten oberhalb Nieder-Z wehren, 
welches Dorf vom Trumbachi sehen Corps noch 
besetzt gehalten wurde. 

Gegen Abend wurde das Dorf von [den] Franzosen 
gestürmt, das Trumpachische Detachement delogiret, der 
Rest bis vor das Weinberger Thor verfolgt. Das ent- 
setzliche Infanterie-Feuer, welches wir mit Augen an- 
sahen und durch den Wind uns gar zu nahe vorkam, 
setzte uns dergestalt in Schröcken, dass wir gleichen 
Sturm augenblicklich vermuteten. Die ganze Gemeinde 
mit ihren Kindern versammlete sich die Nacht ah einen 
gewissen Ort, und wir wurden zu unserer Betrübnis 
gewahr, dass unser vermeinter Schutz auf dem Kratzen- 
berge uns verlassen wollte, wie dann die letzte Pa- 
trouille ganz verzagt sich verlauten Hessen: »Gott 
helfe euch armen Leuten! Unser sind zuwenig 
und der Franzosen zu viel.« 

Ich bestrafte den Reuter und erwartete die Attaque. 
In dieser Erwartung war ich bedacht, abermal meine 
Pferde zu retten. In dieser [?] verliess mich der Knecht 
aus Angst, dass er mit auf Kriegsfuhren würde ge- 
braucht werden. Gott fügte es, dass ein Fremdling im 
Augenblick sich meiner annahm. Dieser musste in 
der Nacht samt meinem Bruder flüchten und -die Pferde 
in die Grafschaft Lippe 12 Meilen zu einem guten 
Freunde in Sicherheit bringen. Um Reisegeld augen- 
blicklich zu haben, so musste einer sogleich in der 
Nacht vor 10 Rthlr. verkauft werden. 

Unter dieser Besorgung brach der Tag vom ll^eg 

Juni an, und mit demselben brachen auch die Frei- 

Partien der Franzosen ins Dorf: um 3 Uhr Schweizer 

13* 



196 

um 5 Uhr Volontaires de Flaiidre, um 6 Uhr ein Misch- 
masch von Truppen. 

Ich war der erste, der den seh röckhaften Besuch 
bekam: »Allons, ministre, fournir 30 Laibe Brot, 
Brandewein!« — Ein Offizier rettete mich, da eben der 
Kerle mit seinem Bayonette mich forciren wollte. Ich 
gab Brot und Brandewein — und verschloss die Thüren 
vor nachkommendem Sturm. Darauf kamen andere zu 
Pferde und wollten die Thüren erbrechen. Indem 
meine Magd durch Vorwitz sich blicken Hesse, so musste 
ich die Thür öffnen. 

»Du Sacra: Canille, war mein erstes Compliment, 
warum machst du das Haus zu? Sind wir Spitzbuben? 
Schaff Bier, Brot, Fleisch und Brandewein, du Hund!« — 
Ich excusirte mich, dass ich geschlafen hätte, und dass 
die Mägde aus Dummheit und unzeitiger Furcht die 
Thüren verschlossen hätten. Ich wischte dahero die 
Augen aus und sagte: »Meine Herren, ich kenne Sie 
ja nicht. Sind Sie dann voriges Jahr noch nicht hier 
gewesen? Sie müssen unsere Umstände nicht wissen?« — 
Aber die List wollte nicht helfen. »Schaff geschwind, 
du Ketzer!« — Darauf kam der Säbel geflogen. Ich 
gab Brot, Brandewein, Geld und ein Huhn aus dem 
Topf, welches mir eben selbst geschenkt war. Ich war 
desto williger, weil es ein ersticktes Huhn war und in 
Meinung [es] vor dem Feinde zu verbergen, im Sack 
crepirt war. Indoss zogen sie mit dem mageren Huhn 
fröhlich ab. 

Um 10 Uhr rückte die alte Broglio'sche Arm6e 
bei mir ins alte, feste Lager. 

Sie stiess mit dem linken Flügel an den Teich 
vor Kirchditmoll, mit dem rechten aber über die Höhen 
des Kratzenberges bis an die Neustadt. Ich aber be- 
kam einige bekannte Grafen und Commendanten von 
dem Regiment Piemont ins Quartier. 



197 

Bei dessen Eintritt, wurden wir insoweit wieder 
froh, dass wir von den Volontaires gerettet waren. 
Die Köche [und] Domestiquen suchte ich zu gewinnen, 
wollte ihnen junge Tauben, Milch und Brandewein 
präsentiren. Aber sie waren so höflich und wollten 
nicht das Geringste annehmen, sondern bedaureten mit 
vieler Wehmut, dass sie uns arme Menschen abermal 
incommodiren müssten. 

Gegen Nachmittags kamen verschiedene hohe und 
andere Offiziere und persuadirten mich, durch ihre 
Wagen etwas von besten Möblen nach Kassel zu 
fahren. 

Gegen Abend wurde uns ein herrliches Tractament 
in meine Wohnstube vor mich und meine Frau darge- 
stellt. Aber wir konnten vor erlittenem Schröcken 
nichts zu uns nehmen; besonders meine Frau, welche 
sich wegen des angesehenen Sturms in Niederzwehren 
so erschrocken hatte, geriet in ein hitziges Fieber. 
Darauf musste ich vor meine Küche selbst Siorgen. 

Nachdem das Lager 8 Tage bei uns gestanden 
hatte, und [wir] nur eine geringe Fouragirung an grünen 
Korn zum Schlafen in den Zeltern erlitten hatten, so 
marschirte die Armee auf die Diemel und nach Corbach 
mit 2 Colonnen ab. Bei dessen Abzug kam ein Gross- 
Major*) express aus dem Lager und schenkte mir das 
Holz von seiner ganzen Brigade mit Befehl, es augen- 
blicklich in mein Haus tragen zu lassen. Ich bedanke 
mich auf französisch: »Je suis oblige.« Er verstünde 
mich contraire in Meinung, dass ich das Holz nicht 

*) Littre^ Dict. de la langue fran^^aiso, s. v. major sagt: 
Officier supcriour qui dirigo radniinistration et la comptabilite d'un 
rcgiment . . . On dit quelquefois gros major. In Hessen 
ist der „ Grossmajor'' zur sprüchwörtlichen Bezeichnung eines auf- 
gcblaseiieu, dickthucnden Menschen geworden, — ein Beweis, 
welche Rolle einst der französische „gros mjgor'' hier in den Kriegs- 
xeiten gespielt hat. 



198 

haben wollte, wurde desfalls mit einem französischen. 
Fluch sehr ungnädig. Ich kannte den Herrn gar nicht. 
Ich wusste, dass ich dieses Holz nicht würde behalten, 
und dass meine Kosten umsonst wären, weil bei 
jeder Einquartirung alles bei mir gesucht würde. 
Jedennoch um die Gunst des Herrn zu erhalten, Hess 
ich etwas mit Kosten herbei tragen; es gieng auch 
nachher wieder verloren. 

Denn ob zwar die Hauptarmee uns verlassen hatte, 
so wurden wir stets mit kleinen Corps vom Treng 
(Train) und von der Bäckerei incömmodirt, sodass vom 11. 
Juni bis in den August mein Haus nicht ledig wurde. 

Sobald wir einige Luft bekamen, und die beider- 
seitige Armeen in der Gegend [von] Preuss. Minden 
campirten, so sähe ich mich genötiget, meine Pferde 
aus dortiger Gefahr wieder abholen zu lassen und 
dachte wieder in Hessen sicher zu sein. Mein ausge- 
santer Botte geriet mit samt Pferden unter die Bataille 
bei Minden, alwo die Franzosen den Iteja August so 
consterniret geschlagen wurden. Und da mein Botte al- 
dorten glücklich entronnen und bei mir sicher vermeinte 
zu sein, so fand er die Husaren-Offiziere von der Ba- 
taille schon bei mir. In dem Augenblicke, dass die 
Offiziers nach diesen meinen Pferden fragten, woher? so 
musste sich mein Bruder aufsetzen und mit den Pferden 
[von?] Gudensberg zu Rida flüchten, alwo er abermal 
Franzosen in die Hände fiel, welchen er [eine?] Pistole 
gab und seine Sicherheit erhielt. 

Mittlerweile kamen den 5t?^, Sonntags morgens, die 
flüchtigen Turpinischen Husaren. Indem ich in die Kirche 
treten wollte, so rief ein Offizier: »Allons, Pastor, nicht 
in die Kirche; hieher und Quartier gemacht vor die 
Truppen! Lass er singen wer da will.« — Der Gottes- 
dienst musste eingestellet werden, um dem Unglück der 
flüchtigen französischen Armee sich aufzuopfern. 



199 

Ich machte also statt einer Predigt Billete, fand 
gute Offizier. Mein Commendant hiess v. Bosse, ein 
guter Teutscher, welcher mir die erlittene Fatalität er- 
zählte, wie er unter dem Duc de Prysac (Brissac) in 
der Gegend [von] Flotho bei Pr. Minden vom Prinzen 
von Braunschweig total geschlagen sei und der Marechal 
Contades von Herzog Ferdinand dergestalt meister- 
mässig ruiniret, dass er glaube, sie würden in 8 Tagen 
zu Frankfurt [sein]. 

Nun wurde der Anfang von der Fouragirung gemacht. 
Die Bauern mussten selbst abmähen und die grünen 
Früchte herbei führen. Hier fielen sämtliche Gemeinden 
erstlich auf meiije Früchte, weilen es die schönsten 
waren. Meinem Commendanten wurde nichts geliefert. 
Ich wurde doppelt vorzüglich heimgesucht: im Hause 
verlor ich mein Heu ganz allein, und im Felde meine 
Früchte. Mein Commendante wurde es gewahr. Noch 
in der Nacht wollte er seine Domestiquen ermorden und 
den Greben das Dorf jämmerlich tractiren lassen, indem 
der Grebe mir sagen Hesse, wann ich grüne Fourage 
haben wollte, so sollte ich sie selbst herbeitragen. 

Das Glück vor den Greben war seine Flucht und 
der Abmarsch des Offiziers, an dessen Stelle mit dem 
Regiment Nassauische Husaren besetzet wurde. Ihr 
Aufenthalt war eine Nacht, und Obrister von Schwartz 
erwies mir alle Höflichkeit und zog den 9^ August 
ab. Darauf erschien des Nachmittags die ganze fran- 
zösische Armee ä 80000 Mann, welche hinter mein 
Dorf in 2 Linien zu campiren anfieng, der rechte Flügel 
an der Fulda, der linke an Weissenstein dergestalt, 
dass mein Dorf nebst Wahlershausen vor der Fronte zu 
lagen, und zwar so gar ohne Einquartirung, welches 
unsere Not verdoppelte. 

Der 9*2. August schien eine traurige Nacht vor 
unser Dorf zu werden. Des Tages kamen erstlich 2 



200 

Offizier, gaben sieh vor ausgesante Beschützer an, 
wollten dagegen Fourage und Wein haben. Ich hatte 
noch ein Schoppen Legaten-Wein vor arme Kranke des 
Kirchspiels. Der Offizier begehrte auch dies wenige und 
bat sich zum Mittagsmahl. Ich erzählte ihm, dass eine 
Salve *) erwartete und wie ich besonder Gnade bei ver- 
schiedenen Prinzen und Commendanten gehabt hätte. Er 
hielt sich nicht mehr sicher zu sein, Hess sein Essen stehen, 
versprach, bald retour zu kommen. Aber er blieb aus. 

Mittlerweile brachen mehr als 500 Soldaten aus 
dem Lager auf unser Dorf los, um zum Campement 
Stroh und Früchte zu holen. Sie drangen in die 
Häuser und fiengen zu plündern an. Die erste Party, 
welche mich besuchete, fertigte ich mit einem alten 
Salvegardebrief ab, die 2te Party mit Geld. — Es 
wurde Nacht. Endlich machte ich Anstalten, als ob 
grosse Offiziers bei mir logiret wären. Meine und euer 
alte französch Carosse Hess ich auf den Hof führen. 
Dabei resolvirte [ich] mich, einen Offlfzier zu agiren. 
Ich legte einen blauen Rock an, eine weisse Schlaf- 
mütze auf den Kopf, verband mir den Kopf mit 
einer roten Binde und Hess zugleich verschiedene Lichter 
vor die Fenster zum Anzünden parat stellen. 

Alsobald drangen 2 Franzosen auf den Hof: »Voilä 
une carosse!* Darauf legte ich [mich] mit aller meiner ängst- 
lichen Courage ins Fenster mit der Frage: »Vous plets 
(vous plait), Monsieur?« — »Une botte [de] baille (paille) 
Ms., pour nous.« — Darauf fing ich mein gebrechliches 
Französches an zuproduciren: »Sacritie pour vous ! Ce non 
botte baille (paille). Ici logis pour moi. « — Sie versetzten]: 
»Pardonn[ez] — moi, Monsieur«, — und marschirten ab. 

Darauf kam die 3t© Partie; ich brachte meine 
selbige Form an. Aber diese war nicht zufrieden und 
wollten mit mir mehr parliren. Aber leider ich kont kein 

♦) Sauvegarde. 



201 

Wort französisch mehr. Meine Frau, die ewig so wenig 
gelernet hatte, wollte mich noch einige Brocken lernen. 
Aber in voller Angst sagte ich: »Nun Frau, was Rats? 
Wollen wir in den Keller oder auf den Boden retiriren?« 
— Indessen resolvirte ich noch einmal durch das Fenster 
zu rufen: »Attende en peu (Attendez ün peul)« Darauf 
stunden die Soldaten in der Einbildung, ich würde mit 
dem Säbel kommen und ergriffen die Flucht, doch ich 
vielmehr schon in der Flucht begriffen war. 

Kaum war diese Angst überstanden, so kam ein 
teutscher Husar zu Fuss, pochete mit Ungestüm, das 
Thor aufzumachen. Ich opponirte, wie er sich besinnen 
möchte, wo er wäre, indem ein Gross-Offizier hier 
logirte, welcher nach Kassel wäre und stündlich retour- 
niren würde. Er excusirte sich und fragte nach seinem 
Regiment. Ich wies ihm alle Plätze von logirten 
Husaren: Zigenhaen, Fritzlar und Calden, und nannte 
ihm alle Namen der Commendanten. Darauf marschirte 
er ab. Ich stellte meine Lichter im ganzen Hause. 
Meine Frau wollte mich endlich auf der Commendanten- 
stube mit saurer Milch tractiren, aber meine Brust war 
so voll Angst, dass mir Essen und Trinken vergieng, 
und ich diese Anmerkung [machte] : »Ach, wäre allen 
französischen Offizieren so angst wie mir heute ist, so 
liefen sie ohne gejagt noch diesen Abend über den Rhein.« 

Die ganze Nacht brachten wir wachend in Angst zu. 
Das Geschrei im Dorfe war ohnerhört, bald in diesem bald 
in jenem Hause. Sobald der Tag anbrach, berichtete ich 
diesen Vorfall an einen gewissen Grafen General-Lieute- 
nant und bat den Duc de Br oglio um schleunige Rettung 
von Wacht und Salvegarden. Die Salvegarde erschien 
in dem Augenblick, da man mich aus dem Lager wegen 
meiner angemasseten Frechheit abstrafen wollte. Ich 
wurde vor dem Unglück gerettet und bekam den guten 
Obrist Paravicini, Commendant von einem Schweizer- 



ä02 

regiment. Meine Fourage musste vor mehr als 40 
Pferde herhalten. 

Das Regiment zog den IQten August ab. Darauf 
suchte ich den Rest meines Heues zu verbergen, aber 
leider ! ich geriet unter die strengste Ordre unsers Ober- 
rentmeisters Halberstadt, wie ich sogleich 9 Centner 
Htu ins Lager vor [dem] MtiUerthor schaffen sollte. 

Ich excusirte mich, wie ich der einzige wäre, 
welcher vor anderen Einwohnern heute dato und in 4 
Tagen 40 Viertel Hafers, 20 Viertel Ger[ste] nebst 8 Wagen 
voll Heu verloren hätte, bat um Verschonung. Aber die 
Execution sollte uhnfehlbar folgen. Ich musste mit 30 
Menschen das Heu auf den Kopf nach dem Müllerthor 
hintragen lassen. 

Quod bene notandum : Ich war diesmal der einzige 
Mann, welcher in diesem 1759^g Jahre liefern musste. 
Alli^ meine Bauren im Kirchspiel waren frei. Zwar ihre 
Früchte im Felde wurden hiernächst fouragiret, aber 
das Heu hatten sie mehrenteils gerettet und löseteri 
hiernächst viel Geld. Es ist etwas Hartes, wenn ein 
Prediger allein liefern muss und seine Gemeinden frei sind. 
Es scheinet dieser Vorfall unglaublich; aber ohne ein 
Argument zu verbergen, so stehe ich vor diese Wahr- 
heit in den Riss, und fehlet nicht viel, man wollte mir 
hiernächst die Lieferung negiren, wann ich nicht die 
Quittung in Händen gehabt hätte. Verzeihen Sie es, 
libster Freund, dass ich mich über diesen Zufall so 
weit aufhalte: das Liefern gieng mir zu Herzen. Es 
war wie Krieg. 

Doch um unsere französche Armee nicht zu 
vergessen, welche vom Qten bis zum 18ten August an 
meinem Dorfe stund, brach [sie] den ISten vor Tagesan- 
bruch das Lager ab. Ein Sergeant vom Regiment le 
Roy forderte meine Salvegarde ab und kündigte mir die 
Freude an, dass die Armee ganz Hessen verlassen 



i^ 



203 

würde. Gegen 6 Uhr sähe man nichts als Dampf in 
den Lagern. Die ganze Armee marschirte in 3 Co- 
lonnen über Ober- und Nieder-Zwehren und Nords- 
hausen ab. 

In diesem fröhlichen Anblick versammleten wir 
uns mit allen Nachbaren auf ein[em] Hügel im 
Dorfe; der eine weinete, der andre lachete; wir alle 
erwarteten unsere Truppen. Im Augenblick erhub sich 
ein Geschrei : statt dass wir die Unseren von Wilhelms- 
thal erwarteten, so erblickten wir das französische 
Fischer - Corps von diesem Wege, welche von Ober- 
Vilmar die Arrieregarde machten und das Wegge- 
nommene nebst den Bauren vor sich hertrieben, 

»Ach, Herr Jesu, nun kommen noch die Fischer. 
Wir Unglücks-Menschen!« — Ich versteckte augen-^ 
blicklich den Rest meiner Habseligkeiten und flüchteten 
mit 3 Personen nach dem Kirchenturm. Ich, meine 
Frau und Ihr Schwierin [ihre Schwiegermutter?], ein 
jeder wollte in der Geschwinde noch etwas retten und 
mit in den Turn nehmen. Ich ergriff etwas Zinn und 
[eine] Coffekanne. Meine Frau einen Topf mit Butter; 
und meine Schwiegerin rief nur: »Ach, mein Reifrock! 
Meinen Reifrock habe ich vergessen ! « — Sie ergriff 
ihn, und damit flüchteten wir in die Kirche auf den 
Turm und erwarteten der Fischer. Aber Gottlob! sie 
marschirten neben dem Dorfe weg in der allerbesten 
Ordnung und machten den Beschluss von der franzö- 
sischen Armee. 

Wir rückten also mit Freuden aus der Kirche in 
unser Haus und trafen vor der Thüre ein französisches 
Weib an, welches mich auf eine feine Art noch zu 
hintergehen trachtete. Sie brachte ein Compliment vom 
Prinzen von Holstein, welcher die französische Arriere- 
garde commandirte, und begehrte vor denselben Wein, 
Butter und Brot. Der Prinz wusste meine Umstände 



204 

besser als das Weib, dahero machte ich derselben ein 
verkehrtes Gegencompliment dergestalt, dass sie so 
schleunig als möglich davon lief. 

Mittlerweile kamen der Herr Graf von Gör tz mit 
einer kleinen Patrouille hesscher Husaren, welcher die 
Gegend recognoscirte und sogleich in die französische 
Oberneustadt eindrang und den Commendant in der 
Festung zur Übergabe aufforderte. Der Commendant 
wollte nicht und stellte sich an, als wollte er das 
Schloss verteidigen, Hess die Schlossbrücke abbrechen 
und zog die vornehmsten Standespersonen von der Re- 
gierung mit sich in das Schloss. 

Indessen fassten die hessischen Husaren in unserm 
Dorfe Posto, und von der anderen Seite rückten des 
Nachts vom 18tea bis zum 19*?? die hannoverschen und 
hessischen Jäger an die Stadt. 

Der Sonntag Morgen erschien. Ich hatte eine 
Leiche und wollte mit frohen Herzen eine Dankpredigt 
halten. Indem dass ich mit Gesang in Begleitung einer 
Leiche [?] zur Kirche gehen wollte, so wurden wir ge- 
wahr, dass oberhalb Nieder-Zwehren auf der Marburger 
Strasse ein Scharmützel vorfiel. Die ünserigen ü 400 
Mann Caval[lerie] retirirten, und eben so viel vom Feinde 
avancirten in geschlossener Ordnung. Der Staub von 
beiden Parteien schiene in unsern ängstlichen Augen 
Dampf zu sein; vor dem Gesang und vor dem Getön 
der Glocken konnten wir das Schiessen nicht wahr- 
nehmen. Zwischen Furcht und Hoffnung giengen wir 
in die Kirche. Ich wurde in Zweifel gesetzt, ob ich 
meine Dankpredigt halten sollte. Wie? dachte ich, 
wann die Feinde wieder zur Defension der Stadt Kassel 
zurück marschirten! Ich trat auf die Kanzel und 
wurde gewahr, dass unsere Hessen - Husaren in der 
Kirche waren, das machte mir Mut. Aber auf einmal 
liefen sie mit ungestüm aus der Kirche. In dem 



205 

Augenblick hörte ich zu unserm allgemeinen Schröcken 
einen französischen Marsch im Dorfe. Von meiner Ge- 
meinde liefen in Thränen verschiedene eben wohl aus der 
Kirche. Ich suchte sie zwar zu besänftigen, aber es 
wollte nicht helfen. Indem so kam ein Mann retour, 
trat vor meine Kanzel mit den Worten: »Herr Pfarrer, 
es sind unse Leide (Leute); sie hon en Tambour ge- 
fangen, und unse Husaren schlon [schlagen] selbst 
französischen Marsch.« — Ich tröstete mein Volk und 
endigte meine Dankpredigt mit Freudenthränen. 

Binnen einer Stunde so vernahmen wir die [Nach- 
richt], dass Kassel erobert und nur einige Kanonen- 
schüsse an dem einen Thore den Commendanten auf 
solche Gedanken gebracht hatten, dass er sich mit 
2000 Mann zu Kriegsgefangenen ergeben musste. 

Mithin wurden wir den Ifflen August aus unserer 
Angst vor diesmal gerettet, unsere Armee rückte vorwärt» 
bis nach der Gegend [von] Marburg und blieben einige 
Monat ohne Eroberung stehen, bis endlich der tapfere 
Prinz von Braunschweig im November einen glücklichen 
Coup in der Gegend [von] Fulda an den W^ürtembergern 
ausführete. Er brachte 1500 Würtemberger gefangen 
nach Kassel. 

Es fehlete nicht viel, so hätte man den Herzog 
von Würtemberg, welcher zu Kassel die Winterquartiere 
im Dezember zu beziehen sich berühmet hatte, in der 
Tat als Gefangenen nach Kassel gebracht. Die grosse 
beiderseitige Hauptarmeen blieben zu Crofdorf oberhalb 
Marburg gegen einander in der bittersten Kälte stehen ; 
und der Graf von Bückeburg eroberte indes Münster, 
wovon wir würklich jeden Schuss von den dasigen 
Batterien alhier genau zählen [könnten]. Eine Strecke 
von 18 teutsche Meilen. 

Wir schienen nun in unserer Gegend Ruhe zu 
haben. Ich trug Sorge vor meine Ökonomie, wie ich 



206 

durch die Gnade unsers durchlauchtigsten Landgrafen 
Wilhelms könnte erhalten werden. Ich reisete nach 
Rinteln, hatte viele Gnade ; erhielt ein Rescript an Korn 
und Hafer vorschussweise, wodurch von neuem meine 
Ökonomie zu betreihen anfieng. 

Mitlerweile, da ich zu Rinteln war, musste meine 
Frau die gewöhnliche Strenge des hiesigen Greben als 
meine jetzige kriegerische Obrigkeit erfahren. 

Vierzig hannoversche Knechte mit Pferden wurden 
in unser Dorf quartiret. Der Grebe suchte sogleich 
den sogenannten Schaffer, welcher die Knechte comman- 
dirte, als Commendant in mein Haus zu legen. 

Meine Frau bittet den Greben in Betracht meiner 
Abwesenheit um Verschonung um so mehr, da Häuser 
genug übrig waren, alwo der Schaffner konnte logiret 
werden. Aber umsonst. Sie musste sogar einen Befehl 
vom Landgericht auswürken. Auch dieser war umsonst. 
»Ja, gibt er ihr zur Antwort, das verstehen die 
Herren zu Kassel nicht. Sie sollen die Einquar- 
tirung behalten.« — Meine Frau bedrohet ihn, dass 
ich mich zu Rinteln beim Landgrafen beschweren würde, 
-r- »Ja, spricht er, der Herr Landgraf hat anjetzo nichts 
zu befehlen. Der Herzog Ferdinand befiehlt. Sie 
müssen den Schaffner behalten.« 

Doch da der Schaffner die viele verursachte Un- 
ruhe empfindet, so wird derselbe so bescheiden und 
sucht sich im Dorfe ein ander Quartier. Dies war die 
letzte Bedrückung, welche ich vom Greben in diesem 
Jahr ausstehen musste. Wir schlössen das Jahr mit 
der Hoffnung einer gänzlichen Erlösung. Ein jeder be- 
gehrte und bat um Fourage und Gemüse in den be- 
nachbarten Gemeinden. Greben au, alwo ich ehedem 
als Pfarr gestanden, that mir gross Beistand, aber ich 
musste mir gefallen lassen, in Person vor jede Hausthüre 
zu treten und um Stroh bitten: dann vor Geld war 



207 

nichts zu haben. Ich kann also zur Ueberzeugung unsers 
Elendes nichts besser thun, als wann ich sage, dass 
ich dies Jahr von 130 Acker Land iy2 Sack in Summa 
geärntet habe. Wie beifügende Specification meines Ver- 
lustes zeiget, wie teuer mich die Bataille zu Minden 
durch das hiesige Campement zu stehen gekommen*). 
Überlegen Sie meinen Verlust und vergleichen mich 
mit den andern meiner Mitbrüder, welche nur mit dem 
Durchmarsch incommodiret worden. Leben Sie, libster 
Freund, bitten Sie vor uns, dass wir unser Elend ge- 
duldig tragen mögen. Ich bin dero 

m. w. Freundes 
gaiix ergebenster Diener, 



Erzählung von 1760 aller Begebenheiten, welche 

sich im Kriege in dieser Gegend zugetragen haben 

besonders in Ansehung meiner Person. 

Sie wissen, libster Freund, dass dies Jahr die 
Campagne unserseits sehr früh eröffnet wurde. Schon 
um den 10^ Maji rückten unsere Truppen aus 
den Winterquartieren. Den löten Maji bekam ich die 
erste Einquartirung vom Bückeburgischen Regiment. Die 
Bedienten von dem Commendanten waren bei dem Ein- 
tritt mit der Bequemlichkeit meiner Stallung, wo sonsten 
die feindlichen Prinzen und Grafen ihre Pferde willig ein- 
gestellet hatten, nicht zufrieden. Den Augen [blick sollte] 
ich meine Kühe auf dero Befehl unter freiem Himmel, 
quod bene notandum, des Nachts, jagen ; wo nicht, — 
so droheten sie mir die Pferde in die Stube zu stellen. 

Da wir mittlerweile desfalls disputirten, so über- 
brachte einer meiner besten Freunde von [der] Univer- 
sität Rinteln, der Major Funk, die Fahnen vom Re- 
giment in das Logis vor meinen Obristen. Dieser, 

*) Die Specification ist nicht vorhanden. 



208 

welcher mich unvermuten kennen lernte, machte der 
Sache ein ander Ansehen und erwarb mir zugleich die 
Gunst des Herrn Obristen. Ich suchte dahero so gut 
als möglich mit einer Suppe aufzuwarten; doch so 
freundschaftlich diese Einquartirung war, so hatte ich 
von einigen Musquetiers die Fatalität, dass sie meine 
ä 3 Jahre angelegten Sparges (Spargeln) aus Unverstand 
samt den Wurzeln aus der Erde rissen, war ein Schaden 
an 10 ßthlr. Auslagen: das war der erste Schade, der 
mir bei der Entree vorzüglich gemacht wurde. 

Die Truppen marschirten nach achttägiger Einquar- 
tirung den 22t£5 Maji vorwärts ins Lager bei Fritzlar. 
Nachdem sie bis in den Julium daselbst gestanden 
hatten, so rückten sie mit einem Corps bis Homburg 
an der Ohm vor. Aber ein ohnversehener Vorfall 
nötigte unsere Armee rechter Hand nach der Seite von 
Waldeek siehe zu reteriren und sich in der Gegend [von] 
Corbach dem Feinde zu widersetzen. 

Da nun beide Armeen, um die dasige Anhöhen zu 
gewinnen, in die Wette liefen, so kam es besonders mit 
einem Corps unter dem Prinzen von Braunschweig den 
16. Juli zu einer Bataille. Die Unserigen mussten sich 
mit einem doppelt starken feindlichen Corps herum- 
schlagen. Anfänglich schiene das Glück auf unser 
Seite zu sein: allerdings das Getöne und Gebrause 
vom Infanteriefeuer kündigte nach der Lage lauter 
Avancement. 

Aber gegen 4 — 5 Uhr höreten wir am näher kom- 
menden Feuer, dass die Unserigen oder die Franzosen 
uns näher kamen: beides waren keine gute Aspecten. 
Ich behaubtete gegen alle meine Nachbarn den Verlust 
unseres Corps. Indessen hörte man von allen Seiten 
durch die ankommende Courier, dass die Unserigen 
einen völligen Sieg sollten erfochten haben. Ich war 
so ungläubig, dass ich drei Betten nacheinander ab- 



209 

schickte. Ein jeder brachte eine gute Nachricht. Selbst 
in Kassel war die Freude so gross, dass die mehrsten 
Bürger bei den Vivat den Gastwirten eine grosse Lö- 
sung gaben. Unser Grebe und Vorsteher samt allen 
klügsten Männern liefen zusammen und frohlokten 
überlaut. Ich stimmte endlich das Freudenlied auch an 
und resolvirte, mit einem meiner CoUegen des Morgens 
früh nach dem Kampfplatz zu reiten, um nach Be- 
schaffenheit der Umstände Pferde zu unser fort .... 
[unleserlich] Ökonomie anzukaufen. 

Da wir des Morgens in Freuden erwachten und 
uns zum Abmarsch anschickten, kamen unsere hes- 
sischen Patrouillen von Zierenberg zurück und bezeugten 
durch ihre traurigen Physiognomien, dass keine gute 
Aspecten zu hoffen wären. Sie erschraken uns mit 
den Worten: »Die Bataille haben unsere Leute ver- 
loren, indessen stehet unsere Armee noch auf ihrem 
Kampfplatz.« — Ewiger Gott, was wurde ich er- 
schrocken. Kein Bein wollte mich mehr tragen. Ich 
kann Ihnen, libster Freund, meine Betrübnis nicht aus- 
sprechen. Ich sähe nun ganz klar vor Augen, dass mit 
dieser verlorenen Bataille am 16. Juli zugleich meine 
Auslage und ganze Pfarrbesoldung und Brot zum dritten 
Mal verloren war. 

Meine Betrübnis wurde sogleich durch folgenden 
Vorfall vermehret: 

Ohngefähr 40 reconvalescirte Hannoveraner logirten 
im Dorf und wollten nach Zierenberg zur Armee. Mein 
Grebe und die Bauren merkten, dass diese erholten 
Soldaten einen Wagen zur Nachfahrung ihrer Säcke 
oder Ranzen begehren würden. Sie flüchteten dahero 
mit ihren sämtlichen Pferden, mich aber bestellten sie zu 
herrschaftlichen Dienstfuhren auf Weissenstein, welches 
ich zu thuD schuldig war. Auf diese Weise geriet 
mein Wagen auf die Strassen. Wie ein Habicht auf 

N. F. XV. Bd. 14 



210 

den Raub fällt, so fielen die gesund gewordenen Han- 
noveraner auf meinen Knecht und stiessen ihm unbarm- 
herzig mit den Flintenkolben in die Rippen, um augen- 
blicklich ihre Ranzen auf den Wagen zu laden. Mein 
Knecht schrie überlaut: »Ach, ihr Herren, ich fahre schon 
auf Ordre im herrschaftlichen Dienst und will auch 
Fourage nach Kassel fahren!« — »Nein, du Hund, du 
musst uns fahren!« war die Antwort, und darauf versetzte 
man ihm einen Schlag und Stoss um den andern. Ich 
eilete an meine Pforte, um den Kerle vor dem Tode zu 
retten. Aber die Unteroffiziere und Gemeinen drangen 
auf mich mit den entsetzlichen Lästerworten: »Die 
Pfaffen hat uns der Teufel zugeschickt. Wir brauchen 
der schwarzen Kerle keine. Und, Pape, wann du nicht 
gehest, so solt du Schläge saat haben.« 

Mein Knecht musste also fahren, und sähe [ich] 
mich genötiget, die artigen Herren Soldaten noch zu 
bitten, meine Pferde zu Zierenberg wieder los zu lassen : 
abermals ein Beweis, wie ich vor andern durch Ver- 
anstaltung des Grebens und durch die Flucht der 
Bauren gedrückt wurde. 

Hierzu kamen die täglich zunehmende Angst von 
der nun bald retirirten alliirten Armee nach meinen 
Kratzenberge, zumalen da wir täglich nach der Seite 
[von| Zierenberg ungemein starke Kanonade iind Klein- 
gewehrbrausen hörten, wobei die Unsrigen mitten in 
ihrer Retirade grosse Vorteile mehrenteils erreichten. 

Endlich erschienen den 27tep Juli die hanno- 
verschen Stockhausenschen Jäger, welche sich von 
Wildungen nebst dem Trumpacher Corps tapfer mit 
dem Feinde herum geschlagen hatten. Sie waren un- 
gemein böse und klagten über die schlechte Bevrirtung 
in Kassel, also sie die ganze [Nacht] auf der Strasse 
liegen müssen, und die Bürger keinen Offizier aufnehmen 
wollen. 



211 

Sie machten die Billet zum Logis in grossem Zorn ; 
ob zwar ebenwohl die Bedienten ihre Unart bei dem 
Eintritt gegen mich zeigten, so war deren Herr unver- 
mutet einer meiner besten Freunde, indem wir beide 
an einem Ort erzogen waren. Meine Freude war un- 
gemein, einen solchen Freund zu logiren: Aber noch 
in der ersten Stunde mussten diese ermüdeten Truppen 
aufbrechen und die Vorposten tu Dörrenberg, IVs 
Stunden von hier, behaupten helfen. 

Wir bekamen dagegen das Trumpachische Corps. 
Der Hl^ Trumbach selbst war den 26ten JuU bei Wil- 
dungen hart blessiret und gefangen. Die HHl Offizier 
begegneten mir ungemein artig. — Sie besetzten den 
Winterkasten und das Kielemanekische (Kielmanseggische) 
Corps kam den 28ten von der Seite [von] Dörrenberg, defi- 
liite durchs Dorf und besetzte den Kratzenberg. Noch 
den 28igg. abends kam ebenwohl die ganze alliirte Armee 
in 2 Colonnen über den Winterkasten und über unsern 
Lindenberg accurat über meine 5 Acker Erbsen, und 
richteten ihren Zug zwischen Harleshausen und Roden- 
ditmoll nach den Anhöhen vor den Dannenwald, allwo 
sie den 29. Juli campirten, dergestalt, dass die Haubt- 
armee von Harleshausen nach Obervilmar bis nach 
Hohenkirchen sich erstreckte; auch noch ein besonderes 
Corps über Heckershausen campirte, welches die Flanke 
zu bedecken schiene. 

Indessen da die englische Cavallerie die Arriere- 
garde ausmachte, so wurden meine 5 Acker Erbsen 
richtig ausgerauft, im Feld herum getragen, und hatten 
in der That wenig davon verzehret, weil die Erbsen 
noch in der Blüte waren. 24 Thlr. bare Auslagen 
waren wieder verloren; doch dieser Verlust war nicht 
so empfindlich, als das Betragen einiger Regimenter 
Hannoveraner von Kilmaekischen (Kielmanseggischen) 
Corps, welche vom Kratzenberg unter ihrem Marsch 



212 

Dorf unsere ganzen Garten in der Blüte der Gemüse 
mit Schelten und Schmähen spoliirten, dagegen unser 
hessisches Regiment von Pr. Calra (soll wohl heissen : 
Prinz Carl im) Dorfe kein Blatt anrühren, mussten dahero 
mit Verdruss und Hunger zusehen, wie die Hannoveraner 
allein die kleinen Kartoffeln in ihren Bot hatten (wörtlich 
so !). Von 50 Stauden Kartoffeln, wovon im September 
50 Mann einen ganzen Tag Nahrung genug gehabt hätten, 
konnte hier ein einziger Hannoveraner in einer Stunde 
verzehren. Die Trümpacher Volontaires, welche das Recht 
vor anderen haben, dem Eigentumsherrn die Gemüse zu 
nehmen, weil es Krieg ist, machten endlich mit unserm 
gänzlichen Gemüse reine Bahn. Damit ich von 30 Säcken, 
welche ich zu ärnten hoffte und mit 20 Rthlr. Unkosten 
gepflanzt hatte, nur einen Geschmack bekommen möchte, 
so bat ich in meiner Küche einen Domestiquen vom 
Trimbacher Corps, dass er mich mit etlichen Kartoffeln 
aus seinem Topf tractiren möchte. Das waren die ein- 
zigen, welche ich von den meinigen geschmecket hatte. 
Ein Verdruss reichete dem andern die Hand. Den 
29ten kamen vom Kratzenberge etliche hannoversche 
Musquetiere, um Holz zu holen. Sie fielen stracks auf 
meinen Hof und fassten mein ganz Gehölze an. loh 
sprang herzu, bat mit vieler Höflichkeit um Verschonung, 
in der Betrachtung, weilen ich ein Commando vom 
Trimpachischen Corps in meinem Hause hätte, welchen 
ich mit Holz fourniren müsse. Überdem konnten sie 
wie andere Soldaten nach dem Walde zu Holz gehen. — 
»Du verfluchter Pfaffe, war die erste Antwort; euer 
Volck haben uns in Hannover die Häuser abgerissen, 
Ihr Canaillen wollt uns ordentlich Holz verwehren? 
Wann ich Unteroffizier wäre, der das Commando 
zum Holz hätte, so wollte ich dem Pfaffen das 
kurz Gewehr in die Rippen stossen ; oder wann 
ich dich vor dem Dorfe hätte, ich wollte anders mit 



213 

dir spraken.< — Ich fragte, ob sie Ordre hätten, so 
wollte ich mich nicht opponiren, und was von einem 
Regiment sie wären. Darauf nannte ein gewisser das 
Regiment, ein anderer reprehendirte jenen und gab ein 
ander Regiment an. Endlich sprang einer mit einer Axt 
auf mich zu und drohete mir den Tod. Meine Frau fasste 
mich in Thränen am Arm, um mich ins Haus zu ziehen. 
Indessen da ich in äusserster Betrübnis und Not war, so 
kam mein einlogirter Offizier, zog vom Leder und er- 
rettete mich aus der Gewalt dieser Tyrannen. Ein hanno- 
viischer Offizier kam ebenwohl herzu, persuadirte mich, 
das Holz gutwillig abfolgen zu lassen, weil es endlich 
doch würde verloren gehen. Ich antwortete diesmal mit 
Thränen, um nur mit mir anzufangen, was sie wollten. 
Eilete stündlich alsobald nach Kassel, um Anstalten 
zu machen, etwas Heu gegen Bezahlung an H. Uker- 
mann oder an die Truppen zu liefern und um bei be- 
wandten Umständen unserer Truppen Haus und Hoff 
stehen zu lassen. Aber ich war nicht so glücklich. 400 
Rationes lieferte ich an unsere Granadier, aber ich habe 
noch nie einen Heller gesehen, noch weniger vor die 
Rationes, welche ich auf Befehl unseres Landgerichts 
ujiter Verhoffung der schleunigen Bezahlung an hanno- 
versches Magazin nach Kassel liefeni musste. 

Indessen machte ich Anstalten zur Flucht, wozu 
mich mein Offizier vom Trümpacher Corps selbst per- 
suadirte. Den SPten Juli des Nachts gegen 11 Uhr 
entstünde Lärmen. Ein jeder meinte, die Feinde würden 
uns überfallen. In äusserser Angst packte ich meinen 
Wagen mit etwas Möbeln und Victualien, Hess auf 
Kassel abfahren. Aber mein Freund, der es mir aufzu- 
nehmen versprochen hatte, wurde ganz erzürnet, dass 
er dafür aus seinem Schlaf aufgewecket worden, und 
über dies reprehendirte meine Leute, dass sie auf einen 
Sonntag flüchteten. 



214 

In der That wussten wir vor Schreck nicht, ob es 
Sonntag sei, sondern wir waren nur bedacht, dass uns 
die Feinde nicht in der Nacht in unserm Hause aus Un- 
erkenntniss nebst den Trumpachern massacriren oder 
turbiren möchten. Wir versteckten uns hin und wieder 
in kleine Häuser im Dorfe, und niemand unterstunde 
sich, ein laut Wort zu reden und [wir] gingen so 
behutsam und leise, um nur zu hören, wo Feinde 
wären. 

Der Tag vom Sonntag brach hervor ; alle meine 
Zuhörer dachten wegen der schweren Dienstbarkeit an 
keinen Gottesdienst, denn es dorfte überdem keine 
Glocke gerührt werden. Nun hatte ich in diesen Um- 
ständen noch mehrer von Möblen retten wollen, aber 
meinen Wagen und Pferde wollten unsere Truppen zu 
ihren Gebrauch haben. Ich versteckte sie so lange zu 
Kassel, bis ich eine Wacht von H. Obersten Nölters (?) 
erhielte. Aber es war zu spät : der Überfall und mein 
grössers Unglück nahm den Anfang. 

Den 30. Juli merkte ich aus allen Figuren unsrer 
Armee, dass die Feinde zuerst auf unser Dorf anprellen 
würden. Ich legte mich nebst meiner Frau ganz an- 
gekleidet s. V. ins Bett, und was wir zur Flucht ii^ 
der Hand oder Tasche nehmen konnten, legten wir 
neben uns. 

Den Feldprediger vom Trürapachschen [Corps], 
welcher ebenwohl bei mir logirte, warnte ich vor 
Sicherheit und entdeckte ihm, sobald ich die franzö- 
sischen Kanonen vom Winterkasten hören würde, so 
würde ich meine Flucht anfangen, denn ein Sturm auf 
[unser] Dorf wäre ohnfehlbar. Er verlachte meiner, 
weil der Winterkasten noch von den Unsrigen besetzt 
war, und wir folglich die Unsrigen eher als die 
Feinde zu erwarten hatten, Aber die Folge zeigte seinen 
Irrtum. 



215 

Des Morgens am 31. Juli vor Sonnenaufgang 
weckte mich die französische Kanonade vom Winter- 
kasten. Ich sprang bei dem ersten Schuss aus dem s. v. 
Bette, und sogleich nahm ich meine Frau an die Hand, 
Hessen alle übrige Mobilien im Stich. Meine herzhafte 
Magd, weil ihre Verwandten in meiner Nachbarschaft 
Sassen, sollte Possession vom Haus behalten. 

Wir nahmen vom Feldprediger Adieu und liefen 
nach dem Kratzenberg auf Kassel zu. — Kaum dass 
wir die Spitze erreichet hatten, so sahen wir fran- 
zösische Husaren uns nachsetzen und neben uns ver- 
schiedene Schüsse fallen, desfalls ich meine Frau zu 
persuadiren suchte, die Geldtaschen in einen Busch zu 
werfen; aber sie wollte nicht. Mittlerweile wurden wir 
hinter dem Rücken gewahr, dass der Feldpfarr hinter uns 
her flüchtete und die übrigen, Offiziere, Pferde und 
Domestiquen in meinem Hause schon in feindliche Hände 
geraten waren. Wir eilten und kamen unsern anrücken- 
den Vorwachten auf dem Wege nach Kassel entgegen. 
Hier begegnete mu* mein Wagen, um die übrigen Mobi- 
lien noch in Sicherheit zu bringen, aber es war zu 
spät. Ich übergab den Knecht samt Pferden dem reichen 
ükermann mit dem Accord, mir solche nach dem Rumor 
retour zu schicken. Ich aber suchte vor meine Person 
meine Sicherheit in der Stadt. 

Darauf entdeckte sich das Schrecklichste vor mein 
Dorf. Ersthch mein Nachbar der Förster versäumete 
sich in der Flucht. Die französischen Volontaires und 
sächsischen Truppen rissen ihm seine Kleider von 
dem Leibe, die übrige Kleidung in seinem Hause musste 
er nebst Victualien selbst einpacken und dem Feinde 
auf sein Pferd laden : ein Beweis, [dass] wer zu Hause 
bUeb, so wohl geplündert wurde, als wer da geflüchtet 
war. Der Schwiegersohn des H. Försters musste eben- 
wohl eine kleine Plünderung erfahren und sich 30 



216 

Reichsthaler bares Geld aus der Tasche nebst dem 
Seitgewehr nehmen lassen. Seine ühre, welche er 
unter einen Dornstrauch gerettet hatte, ging eben- 
wohl verloren: ohnstreitig musste es ein Nachbar ab- 
gesehen haben. 

Nun kam die Reihe an mein Haus ! Und grausam 
genug: »Wo ist der Ketzer, der Pfaff?« — war die 
erste Anrede vor meiner Thüre gewesen. Darauf werden 
die Fenster eingeschlagen, abgestiegen, ins Haus ge- 
drungen, die Magd mit dem Säbel übel tractiret, ihre 
Kleider am Leibe zerhauen und der Säbel flach um 
den Hals geschlagen, stets mit der Frage : >Wo ist der 
Pastor? der Pfaff?!« — 

Nachdem dieselben merkten, dass ich das Haus 
verlassen hatte, wurde alles durchgesucht, die Thüren 
und alle Kleiderschränke aufgeschlagen, die Repositur 
des Kirchenkasten aufgeschlagen und etliche Schubladen 
nebst etwas Geld und Schriften entwendet. Ein Kleider- 
schrank mit allerlei Linnen und Hausrat aufgeschlagen 
und geplündert. Die s. v, drei völlige Bette aufge- 
schnitten, die Federn ausgeschüttet und die Überzüge 
mitgenommen, übrigens als Theegeschirr, Küchengeräte, 
versteckte Gewehr allerlei Art nebst einer Pandullen 
Uhre von der Wand genommen, allerdings verschiedene 
Bücher ins Dorf verkauft; in Summa: was nur im 
Hause zu finden war, musste rein mitgenommen werden, 
allerdings meine schwarze Kleidung nebst einem alten 
schwarzen Mantel. 

Nach dieser kleinen Plünderung, die einzig und 
allein an mir und dem Förster vollzogen war, verlangten 
die Herren Sachsen auch zu essen. Der Grebe im 
Dorfe wusste bald Rat in meinem Stall. Der gute Mann 
weiset ihnen meinen Stall, und meine allerbeste, statt- 
liche, frische Kuh musste herhalten, welche in 6 Ge- 
meinden ihres Gleichen nicht hatte. Endlich musste 



217 

ich. auch etliche Schweine hergeben; das übrige Vieh wird 
durch die Thränen meiner Magd gerettet. 

Nun ging es an die Fourage in meiner Scheure. 
1400 Wagen voll Heu*), welche ich mit Angst und 
schweren Sorgen gemacht war (so!), hatte ich zu mei- 
nem Unglück in rationes binden lassen, um es an unsere 
Hessen-Regimenter abzuliefern. Aber sobald die fran- 
zösischen Truppen Fourage fordern, so ruft eine gewisse 
Frau : »Im Pfarrhaus ist das hannoverische Magazin.« — 
Darauf muss das ganze Dorf vor jeden Reuter in 
meinem Hause Fourage holen. Dies war eine gute 
Sache vor die Bauren, welche sich dadurch nicht allein 
frei machten, sondern noch bereicherten. Dann keine 
200 Pferde waren eine Nacht einquartiret, und mehr 
als 2800 rationes Heu wurden verloren. 

Mitten unter diesem Rumor, da mein Haus diesen 
30ten Juli in allen Stücken geplündert wurde, so wurde 
es auch zugleich von den Hannoveranern vom Kratzen- 
berge von der Seite 3 Stunden lang canonirt, wobei einige 
Kanonkugeln durch mein Haus flogen. Sie hatten die 
Absicht, die Sachsen daraus zu delogiren, aber es wollte 
nicht gehen. Ich stände neben der Batterie und sähe 
selbst mein Haus canoniren. 

Unter diesen betrübten Zufällen wird eine alte 
Frau in meinem Dorfe commandiret, Wasser vor die 
durstigen Truppen anzutragen. Da nun etliche Kugeln 
neben sie hinfallen, so meint die gute Frau, die Sachsen 
wollten sie spotten und mit Steinen werfen. Darauf 
spricht sie : > Was soll das Werfen sein ? Ich will ja gerne 
Wasser herbeitragen. ^ Endlich merkt sie, dass es Kugeln 
waren. — Jedennoch mussten die gänzlichen Einwohnere 



*) Die ursprünglich vor der 4 steheade Zahl 2 ist senkrecht 
durchstrichen, so dass es zweifelhaft ist, ob 400 oder 1400 ge- 
meint ist. 



218 

mitten in der Gefahr stets Wasser zum Trinken herbei- 
tragen lind bis in die Nacht anhalten. 

Der 31te^ Juli brach an. Unsere Armee über Hohen- 
kirchen war nach der Seite [vonj Warburg retiriret. Da- 
rauf wurde von Prinz X aver und von Duc de Broglio 
Kassel von der Seite meines Dorfes attaquiret ; die ersten 
französischen Kanonen wurden an den Broeskischen Gar- 
ten gepflanzet und damit die Hannoveraner vor Kassel 
nach der Seite vom Winterkasten vom Kratzenberge de- 
logirt. Darauf wurde der Kratzenberg mit Force atta- 
quirt und eingenommen, dergestalt dass die Franzosen 
binnen IV2 Stunden Meister von Kassel waren. Nur 
etliche Kanonkugeln hatten die Oberneustadt berührt, 
und eine hatte in die Brtiderkirche eingeschlagen. 

Hundert Mann AUiirte wurden gefangen, das übrige 
Corps mit Kilmanseg machte die beste Retirade nach 
dem Sangertshauser Berge auf dem Wege nach Han- 
növersch-Münden, alwo sie mit etlichen Kanonen die 
französische Avantgarde ziemlich zurück hielten. 

Indem nun der Duc de Broglio nach der Eroberung 
seinen frohen Einzug hielte, so überbrachten die 
Couriere demselben die betrübte Nachricht, dass unser 
grosse Ferdinand eine Bataille bei Warburg contra Ritter 
de M y (Muy) erfochten und über 3000 Mann [gefangen?] 
gemacht hatte. 

Doch unsere hiesigen Trübsale nicht zu vergessen, 
so habe ich die Ehre Ihnen zu sagen, dass alles was 
nur bei der Attaque auf Kassel feindlicherseits blessirt 
wurde, musste in mein Pfarrhaus und grosse Scheure 
eingepackt werden, sodass meine Stube, Kammer und 
mein eigen Bett mit dem Blut der Sterbenden besudelt 
wurde. Auch hatte ich die Fatalität, dass neben den 
blessirten und sterbenden Franzosen in meiner Scheure 
zugleich mein Pferd in Gesellschaft mit crepirt war. 
Ich hatte es vor 14 Tagen a 50 Rthlr. an Gold ange- 



219 

kauft uud in meiner Retirade, weil es kränklich war, 
in der Scheure an dem Heu stehen lassen. Es wurde 
hiernächst, weil es kein Nachbar wegschleifen wollte, 
gegen meinem Hause in dem Dorfe abgedeckt, dergestalt 
dass ich davon bis zum Krankwerden incommodirt wurde. 

Sehen Sie, liebster Freund, wer hatte nun aber- 
mal im Dorfe die grösste Angst [und] Verlust ausge- 
standen als ich allein? Meine Mobilien, meine Fourage, 
meine Kühe, meine • Schweine und hiernächst meine 
Früchte ä 100 Viertel waren verloren, — ein Schaden 
von mehr als 1400 Rthlr. in einer Nacht. Jedennoch 
erforderten meine Umstände, meinen zerstörten Haus- 
halt wieder zu beziehen. Den SO^en Juli war meine 
Flucht nach Kassel, und den 4ten August Sonntags 
besuchte ich mein Haus, fand es in dem grossen 
Spectacul, alle Schränke zerschlagen, alle meine Schriften 
und elaborirte Predigten, woran ich 15 Jahre gearbeitet, 
lagen vor den Hausthüren und in den Losimentern mit 
Federn, Stroh \xnd Zubehör von Bett-Medratzen mehret. 
Blutige, zerschossene Kleider lagen hin und her in 
meinen Stuben bis in die Scheure; dabei ein solcher 
Geruch, als ob eine ganze Apotheke zerquetscht sei. 
Meine Magd, welche freiwillig ausgehalten hatte, war 
mir fast unkennbar, das Angesicht von anhaltenden 
Thränen ganz verschwollen. Reden und Trösten konnte 
ich gar nicht, Predigen war mir gar unmöglich. Ein 
Candidat musste vor diesmal meine Stelle vertreten, der 
Sonntags den ll^eji predigte. Ich hatte viele Bekümmer- 
nisse, aber Deine Tröstungen erquickten meine Seele. 

Ich suchte demnach mein Haus wieder zu säubern 
und die rückständige Ernte zu veiranstalten. Meine 
Pferde samt Wagen und Knecht, welche, wie oben ge- 
sagt, ich in der Not an den reichen ükermann, um 
solche zu retten, geliehen hatte, um demselben sein Geld 
auf Hameln abzufahren, sollten mir vermöge Abrede 



220 

binnen 14 Tagen wieder auf mein Schreiben zurück 
geschicket werden. Aber ich konnte weder Antwort 
noch Pferde bei allen Bittschriften wieder erhalten. Ich 
schickte Expressen ab und adressirte die Briefe richtig 
in des Ukermans Hände; aber es war keine Antwort 
zu erhalten. Meinen Rest von Ernte musste ich mit 
unerschwinglichen Kosten erzwingen. Endlich da ich 
gar keine Antwort erhalten konnte, schlug ich 2 
conditiones vor: entweder meinen •Wagen, Pferde und 
Knecht sogleich überschicken, oder dieselben ä 250 
Rtlilr. behalten. Etliche Referenten versicherten mich 
des Letzteren, und mein eigener Knecht kam nach 6 
Monaten ledig zurück, eröffnete mir mündlich, dass er 
vom Hausmeister gehöret, dass ich meine Pferde richtig 
hätte bezahlt bekommen. Aber nicht desto .weniger ich 
schrieb 18 Briefe und konnte^ weder Geld noch Pferde 
erhalten. Ich musste dahero meine Felder im Herbst 
unbesamt liegen lassen, verlor darüber die folgende 
Kornernte, welche diesmal meine Nachbarn gerettet 
hatten. Dagegen ging die Sommerernte völlig verloren. 
Nach Verlauf [vonj 19 Monaten stellte ich eine Reise 
nach Bremen um den Hj; . Ukerman zu sprechen. Seine 
Antwort war, er wüsste von keiner versprochener 
Bezahlung. Er hätte solche aus Mitleiden mitgenom- 
men und sollte sie noch bezahlen? Sie hätten ihn 
genugsam an Fourage gekostet. — Da ich nun den- 
selben überführte, warum er mir solche nicht hätte 
ausfolgen lassen, so hatte er an diese Kleinigkeit nicht 
denken können; doch um seine grosse Gütigkeit gegen 
mich zu offenbaren, so Hess er sich durch den hessi- 
schen Agenten Grober man in Bremen bereden, mir 
100 Rthlr. auszahlen zu lassen. Wohl zu merken, 7 
Wochen im Februar und März hatte ich mit der Reise 
nach diesen 100 Rthlrn. zugebracht *). 

*) Randbemerkung: gehöret in 1762. — In dem Entwarf 



221 

Sehen Sie, libster Freund, das war das Ende von 
meinen Pferden, welche ich so oft retten wollte. Der 
Ukerman war es also nicht, wo ich mein Glück in der 
Not finden sollte. Dieser ist der erste im Kriege, über 
welchen ich Thränen zu Gott geschickt habe. 

Nehmen Sie es mir nicht übel, libster Freund, 
dass ich mich hierüber so lange aufgehalten habe. Es 
war ein Hauptschlag, welchen ich bekam. Hören Sie 
nun den Erfolg meiner Tragödie in meiner Haushalt. 

Ich hatte vom 4ten August nach erlittener Plün- 
derung 8 ganzer Tage Ruhe und war ohne Einquar- 
tirung. Aber leider nicht lange. Denn wie oben ge- 
meldet, so war am Tage der französischen Eroberung 
Ms. de My (Muy) von unserm grossen Ferdinand so 
heftig geschlagen, dass ich der nähern Umstände noch 
mehr gedenken darf. 15 Canonen waren nebst andern 
Ehrenzeichen erbeutet, 3000 Tote und blessirte und 3000 
Gefangene hatte der Feind eingebüsset. Die Zeitung 
wollte von 10000 Mann Verlust sagen. Wenigstens die 
guten Fischer waren stark im Gedränge gewesen. Ich 
habe sie, die gefangenen Fischer, nebst 2 Regimenter 
Schweizer selbst durch Kassel passiren sehen. 

Dieser glückliche Ferdinands-Schlag brachte mir 
und uns Casselanern das Unglück wieder retour. Die 
feindliche Armee, welche (bis) rechter Hand bis Hannov. 
Münden vorgerücket und linker Hand nach Warburg, 8 
Stunden von Kassel, sich ausgebreitet, zog sich zurück 
und setzte sich 2 — 3 Stunden von Kassel auf die An- 
höhen von Hohenkirchen und seitwärts bis nach Heckers- 
hausen. Die französischen Vortruppen standen gegen 
Hofgeismar und Zierenberg, die Unserigen aber jenseit 
an der Diemel von Liebenau bis nach Eberschütz. 

eines Briefes an seinen Patron, der noch vorhanden ist, dankt Ciintz 
diesem für die auf der Reise bei ihm genossene Gastfreundschaft 
und erzählt von den Beschwerlichkeiten der Winterreise und einer 
dadurch bekommenen Krankheit. 



222 

Während dieses Campement hatten wir die zer- 
störten Sammlungen [von] allerlei Cavallerie von der 
verlorenen Bataille von Warburg, welche zuweilen in 
der grössten, blinden Furcht stunden, in unserm Dorf 
über den Winterkasten überfallen zu werden, wobei 
wir dergestalt in nächtliche Unruhe gesetzet wurden, 
dass wir zu verschiedenen Malen des Nachts nach dem 
Turm an der Kirche flüchteten, wozu der Vorfall von 
Zierenberg 2 Stunden von hier Gelegenheit gab. Da- 
selbst hatten die französischen Vorposten, Volontaires de 
Clermont, das Unglück, vom Erbprinzen von Braun- 
schweig würklich überfallen zu werden, wobei den Fran- 
zosen über 400 Mann in einer Massacre, ohne einen 
Schuss zu tun, verloren gingen, wobei der Rentmeister 
Doctor Heppe bald das Unglück gehabt hätte, von den 
Engländern ermordet zu werden und mit einem Bayo- 
nette einen Stich in die Nase bekommen haben soll, in 
dessen Hause der französische Commendant Viominy 
|Viomenil] einen Engländer auf der Treppe tot gehauen 
und sich dadurch salviret hatte. 

Jener Umstand hatte Würkung bis in unser Dorf, 
sodass die schon einmal im Gedränge gewesene Ca- 
vallerie täglich unsern Schröcken vermehrte. N. b. 
das Altartuch wurde bei folgender Einquartirung ge- 
stohlen. 

Die um uns her liegenden Lager von Heckershausen 
als dem Haubtquartier fouragirten unsere Sommerfelder 
total. Doch hatte ich etwas Winterfrucht, ohngefähr 
von 50 Viertel wohl 10 bereits vermittelst einen guten 
bei mir logirten Commendanten gerettet. Ich stellte 
ihm unser gänzliches Unglück vom Dorfe vor Augen, 
küssete ihm die Hände und bat inständigst, dass die 
grosse Fouragirung durch seine Vermittelung nach 
andern Gegenden angewiesen würde. Er strich dahero in 
der Liste das Dorf gänzlich aus, als ob kein Korn mehr 



223 

J 

ZU finden wäre, gab mir seine Pferde und Leute, liess 
meine wenigen Früchte ausdreschen und nach Kassel in 
meine Sicherheit fahren. 

Darauf erschienen 6000 Fourageurs; sie mar- 
schirten glücklich durchs Dorf, wir sperrten unsre 
Scheuren gänzlich auf, also blieben wir diesmal im Rest 
verschont. 

Aber unser grösseres Unglück blühete noch. Am 
Ende August verliess die französische Armee ihr Cam- 
pement in der Gegend [von] Hohenkirchen und rückten 
mit 80000 Mann in hiesige Gegend. Die Vortruppen, 
welche Lagerstroh holen wollten, fielen meine Person an. 
Ein teutscher Mousquetier wollte mich mit seinem Bayo- 
nette erzwingen, dass ich und meine Frau Stroh ins 
Lager tragen sollten. Ich machte diese List und rief 
in meinem Hause überlaut: *Herr Major, kommen Sie 
geschwind ! < " — Darauf retirirte sich der Mousquetier. 

Die französische Macht bezog das gewöhnliche 
Lager auf dem Kratzenberg dergestalt, dass der rechte 
Flügel an die Neustadt, der linke an den Winterkasten 
stiess. Mein Dorf geriet in die erste Linie an Fronte. 
— Die 2te Linie stunde hinter meinem Dorfe von 
Wahlershausen bis an die Fulda. In Wahlershausen 
war das Hauptquartier vom geschlagenen Ritter de My 
(Muy), zu Kassel der Marschall Broglio. Die Flanken 
bedecken die leichten Truppen im Winterkasten, und 
unter dem Winterkasten oberhalb Wahlershausen etliche 
Regimenter Schweizer von Jenner und Castella. 

Bei dieser Stellung wurden unsere Dörfer aus 
dem Grunde fouragiret und alles mögliche Stroh zum 
Lager sogar in den Schlafkammern aus den Betten ge- 
sucht. Indem nun ordentlich Haus vor Haus vorge- 
nommen wurde, so traf mich zuerst die Reihe. Die 
Scheure wurde völlig leer gemacht. Nun kam es an 
mein Wohnhaus, alwo mein letzter Blutstropfen ver- 



224 

borgen und von den Nachbarn verraten worden wax. 
Ein gewisser Offizier vom Regiment de (du) Roy kam 
und forderte die Schlüssel zu meinen Kammern, um 
Stroh zu holen, das ich noch versteckt hatte. Ich 
war willig. Indem er mit seiner Schar ä 150 Mann 
die Treppen ersteigen wollte, kam der General von 
G losen vom Zweibrückischen Regiment an meine Thüre 
geritten. Alle mögliche Fatalitäten stellte ich mir vor, 
welche ich an diesem Herrn erleben würde, weil ich 
seine Domestiquen zu Feinden hatte, auch selbst seine 
Ungnade anno 1758 mir zu Halse gezogen. Anjetzo 
war er mein Glück und herrlichster Schutz. Er rief dem 
Offizier: »Wohin?« — »Mein Herr, das Stroh will ich 
zum Lager abholen.« — »Nicht eine Handvoll sollen 
Sie dem Pfarr nehmen!« — Er wollte contradiciren, 
aber der General zeigte, dass er sein commandirter Ge- 
neral wäre und bei mir logiren wollte. 

Der Herr war diesmal ungemein gegen mich 
gnädig. Ich offerirte dahero demselben noch etwas 
Heu, welches ich unter dem Flachs verborgen hatte. 

Nach etlichen Tagen wurde das Logis verändert. 
Ich bekam den Brigadier von B i 1 o u und den Herrn 
Grafen von Löwen ho Im von Regiment Suedois. Um 
mein Stroh zu behüten, so suchte ich Schutz bei dem 
damaligen Herrn Grafen von Ketler, kaiserlichen Ge- 
neral-Lieutenant, welcher sich zu Kassel aufhielt und mir 
ein Vorwort bei dem Marschall Broglio einlegte. Der 
Marschall war mir ungemein gnädig, welcher ohnehin 
von meinen häuslichen Umständen weit besser wie ein 
Kasselaner Kenntnüss hatte. 

Ich erhielte demnach diesmal den Rest von Stroh, 
wozu mir die Generale vor ihrem letzten Abzug diese 
Gnade bewiesen, dass sie durch ihre Pferde mir aus- 
wärts Gemüse, welches ich hin und her geschenkt be- 
kommen hatte, nebst Fourage herbeifahren Hessen. 



225 

N. B. Nicht allein an mir, sondern an meinem ganzen 
Dorf erwies ein gewisser Offizier v. B. grosse Gnade. 
Er gab 200 Rthlr. an mich zur Austeilung vor die Armen 
meines Kirchspiels mit Vorbehalt, dass seine Person 
und Name sollte verschwiegen bleiben. — überall herr- 
schete grosse Barmherzigkeit bei den französischen Offi- 
zieren gegen unsere arme Einwohner, wie aus folgendem 
Vorfall erweislich ist. Als einstmalen ein Knecht einer 
armen Wittib das vor ihre Ziege ersparte Heu fouragirt^, 
setzte die Frau sich mit einem starken Holz zur Wehre 
mit den Worten: »Habt ihr mir das Heu vor die Ziege 
genommen, so könnt ihr mir auch das Leben nehmen.« 
— worauf der Kerle mit einem Stock auf die arme Frau 
einschlug, die Frau aber demselben einen harten Schlag an- 
brachte, worauf ein Offizier zur Rettung eilete und die 
Wittib verteidigte, das Heu derselben, ohngefähr 30 
Pfund, mit 3 Rthlrn. vergütete, wie dann überall viele 
Barmherzigkeit uns zuteil wurde. Sogar als ein gewisser 
General die Nachricht bekam, als ob Wesel in unsern 
Händen wäre, so machte er sogleich den Antrag, meine 
ganzen Länder zu ackern, allermassen sie durch den 
Schlag von Wesel ganz Hessen verlassen und über den 
Rhein müssten. Aber die Nachricht war ungegründet, 
meine Länder blieben liegen. 

Der Erbprinz von Braunschweig wurde den 16^ 
November bei Rheinbergen geschlagen, das Rühmlichste 
war die glückliche Retour über den Rhein. Wir 
mussten zu unserer Betrübnüss die Anstalten zum 
Victorien-Schiessen anhören. Ich geschweige der Dis- 
curse, welche darüber geführt wurden, nur zu gedenken 
der einfaltigen Domestiquen, welche diesen Sieg über 
den Prinzen von Braunschweig vor eine Ausrottung der 
Protestanten ansahen. Nun, sagten [sie] nach ihrem 
wunderlichen Teuischen , nun hätten die Fische die 
ganzen Protestanten bekommen. Die übrigen wollten 

N. F. XV^ Bd. 15 



226 

sie nnn auf ein gross Feuer l^en und verbramen. 
Und diese Freude machten sie mir mit vielen frc/bok 
Mienen und Geschrei den ersten Morgen bekannt, da sie 
meinten, die ganze' Armee wäre verloren und kein Mann 
über den Rhein gekommen. So gross die Freude, so 
gross war die Betrnbnös^ als sie ans den öffentUchen 
Blättern den Verlast ihrer eigenen R^imenter gewahr 
wurden, and die Unserigen nar die Hälfte Verlast er- 
litten und eine gate Retirade gemacht hatten. 

Indessen darch den Schlag, welchen der Erbprinz 
bekommen hatte, behielten wir die Haaptarmee von 
70000 Manu 14 ganzer Wochen bei ans stehen. Die 
Kälte wollte überhand nehmen, so masste die ganze 
Armee, welche von Weissenstein bis an Kassel durch 
mein Dorf in 2 Linien stand, sich in die £rde graben. 

Sie machten unsre Felder zu einer wahren Wüste 
und dreheten den innersten Grund oberwärts. Sie 
machten die so genannte Braken (Baracken), dass die 
ganze 80000 Mann in der Erde völlig logirten und fast 
kein Zelt mehr zu sehen war, sondern nicht als kleine 
Häuser, die so mit einander gebauet waren, dass das 
Lager einer Stadt völlig ähnlich sähe. 

Die sogenannte Braken wurden auf folgende Art 
gemacht. Es wurde vor eine Gesellschaft von 8 oder 
weniger Personen ein Quadratloch in die Erde 10 
Schuhe tief und 15, auch 20 Schuhe lang gegraben, in 
die 4 Ecken starke Säulen gesetzet, and oben und unten 
in die Mitten 2 längere Pfeiler gestellet, welche eine 
Zwissel oder Stütze haben mussten *), worauf man eine 
lange, starke Stange legen konnte, welche zur Schärfe des 

*) Am Rande ist bemerkt: an diese Stütze wurde eine dicke 
Stange geleget, welche die Länge des Häuschen ausmachte und 
den sogenannten Strich formii*te. Auf diesen Strich wurden nun 
von beiden Seiten geringe Stangen schreim angeleget, davon das 
eine Stück in der Erde, das ander Teil oben an den Strich ge- 
bunden ward. 



227 

Daches dienen musste. Nun wurden von den beiden 
Seiten Stangen schreim*) angestellet, davon das eine 
Stück in der Erde und [das] andere oben auf die lange 
Stange, welche in Stützen lag, angebunden wurde, und 
dies gab also zu dem Häuschen die Sperre. Oben [und] 
unten wurde eine Gibbeiwand von lauter Frassen**) 1^/2 
Schuh dick aufgeführet und seitwärts auf die hölzerne 
Sperre, welche ganz dicht aneinander gesetzet waren, 
wurden anstatt der Ziegeln lauter schöne, blotte, grüne 
Frassen angeleget. Mithin war ein viereckigtes, 10 
Schuh tief gegraben Loch von allen Seiten mit einem 
Dach überbauet. Damit man nun einen Eingang finden 
und doch das Obergebäude nicht lädiren mögte, so 
wurde 3 Schritt davon eine Treppe gegraben, welche 
entweder geradezu oder wie eine Windeltreppe in das 
Erdloch den Eingang machte und zugleich verhinderte, 
dass keine Luft und Wind in die Tiefe streichen 
konnte. Damit nun auch ein Feuer ohne Rauch in 
der Tiefe des Losiment gehalten werden konnte, so 
wurde ebenfalls auf der andern Seite von blatten Land 
schreim in die Erde ein viereckigtes, IV« Schuh breites 
Loch gegraben, welches bis auf den Grund der inwen- 
digen Wohnung sich endigte, folglich das Kamin und 
den Schornstein vorstellen musste. Damit nun niemand 
unversehens in einen solchen Schornstein fallen mögte, 
weil es mit [dem] Lande gleich war, so musste um 
jedes Loch ein Quadrat von Rasen 4 — 5 Schuh hoch 
geleget werden; folglich war in solcher Erdkammer schon 
zu logiren. 

Um nun die Menge Holz zu haben, so wurden 
erstlich in unseren Feldern und Garten alle Eichbäume, 
Asschen, Erlen und [eine] Menge Weidenbäume abge- 

*) Schreim = schräge ; bair. s ch rä m (s. S ch m e 1 1 e r, Bayer. Wb. 
II, 601) gehört zum Subst. Schräge, kreuzweis eingefügte Pfiihle. 
**) Frasse = Hasen aus Wrase; oberd. Wasen. 

15* 



228 

hauen und Stützen und Latten davon gemacht ; wie ich 
dann vor meine Person 580 Stämme [von] allerlei 
Bäumen, auch starke Obstbäume dadurch verloren habe. 
Ich will behaupten, dass sämtliche Gemeinden mehr als 
zehntausend Weidenstämme und dergleichen dabei einge- 
büsset haben. Doch dieser Betrag wollte wenig helfen • 
der angrenzende herrschaftliche Wald musste das beste 
und mehrste Holz darzu hergeben, auch viele unsere 
Einwohner ihr Hausgeräte, Tische, Stühle Leitern und 
Rüstholz aus den Scheuren. Das AUerbetrübteste war, 
dass unsere Acker an vielen Orten dadurch ewig un- 
brauchbar gemacht und der inwendige Kalkstein über 
die gute Erde hingeschlagen wurden, so dass vor die 
Renovirungskosten ein besserer Acker zu erkaufen 
stehet. 

Da nun unsere Acker verdorben und wir von 
unseren Bäumen des Nutzen zeitlebens beraubt waren, 
so mussten wir doch erleben dass, weil so viel herr- 
schaftliches Holz unter das Unserige gemenget war, wir 
dadurch das Unserige verlieren mussten. Die Burger- 
schaft in Kassel hatte nach dem Abzug der Armee auf 
unsern Ackern die Bracken ä 10000 Rthlr. an sich ge- 
kauft, und bei Leib- und Lebensstrafe dorfte der 
Eigentumsherr kein Stück von seinem Weidenholz an- 
rühren, noch weniger sein eigenes Hausgeräte, als Rüst- 
holz, Leitern, Thüren, Stühle von den Bracken zurück- 
nehmen ; wie dann Johannes in Kichditmoll, welcher 
sich etwas in sein Haus versteckt hatte, desfalls visitiret 
wurde und wegen seiner anzüglichen Reden dadurch 
in Verhaft genommen wurde, doch mit der Flucht sich 
salvirte, endlich aber noch Thurnstrafe aushalten musste. 

Ich aber war so glücklich, dass ich per Rescript 2 
Klafter Holz auf meinem Acker gratis erhielt. In der 
That war es mein eigenes W^eidenholz, welches mir vom 
hiesigen Förster angewiesen worden. 



229 

In der That ist der Verlust der Bäume und abge- 
stochenen Wiesen vor hiesige Dorfschaft ein ansehn- 
licher Verlust, worin der Vorzug unseres Elends vor 
anderen bestehet, wie ich dann ein zeitiger Pfarr 
auf 9 Jahr 8 Acker Wiesen verliere und auf Zeit 
Lebens jährlich 4 Fuder Beholzung von sen [?] Bäumen. 
Und wo die vielen Verschanzungen angeleget sind, ist 
es platterdings ohnmöglich, die Ländereien brauchbar zu 
machen. 

Denken Sie nun, libster Freund, was vor Last 
und Hitze unsere Dörfer durch die schwereste Einquar- 
tirung ausgestanden haben: eine Armee von 50000 
Mann stehet 15 Wochen an einem Platz bis an den 
lOten December. 

In Wahlershausen, 400 Schritt von unserm Dorfe, 
war das Hauptquartier von Ritter de My [Muy] mit 20 
Generallieutenants nebst Cavallerie und hiernächst 
2000 Mann Infanterie, welche die Wohnungen dergestalt 
angefüUet hatten, dass die Einwohner in 14 Wochen in 
der grimmigsten Kälte nicht in ihre warmen Stuben 
kommen durften. Die mehresten mussten in den 
Schweineställen nächtlich ihre Schlafstätten suchen und 
bei Tage zur ägyptischen Dienstbarkeit unter Schlag 
und Stoessen parat stehen; und wann nur der Küchen- 
junge und Stallknecht einen Botten haben wollte, so 
musste der beste und reichste Einwohner laufen, und 
wann er und seine Kinder in 24 Stunden kein Brot 
oder Bettelbrot geschmeckt hatten, so musste er fort. 

Die schwangeren Weiber hatten die traurigsten 
Schicksale ; wie ich dann eine Frau antraf, welche 2 
Kinder zur Welt gebracht hatte und auf dem Boden 
wo Schnee und Regen sie getroffen, sich nicht er- 
wärmen konnte, deren Kind vor Kälte würklich um- 
kommen musste. Die Kindbetterin suchte ich durch 
meinen Vorschlag zu retten und trugen etliche Kohlen 



230 

heran, um sie zu erwärmen. Aber diese erweckten noch 
mehr Ohnmächten. 

Die Auslagen an Ol waren ganz entsetzlich. Der 
Nachbar konnte sich nicht anders [helfen ?], er suchte et- 
was Holz, nahm es auf seinen Hals, trug es nach Kassel 
und brachte seinen Compagnie-Soldaten Fett und Salz. 
Sogar mussten die armen Einwohner in Wahlershausen, 
ich weiss nicht, durch wessen Veranstaltung, die 
Truppen ä 1400 Mann Volontaires auf dem Schlosse 
Weissenstein in Ol 14 Wochen erhalten; sobald sie 
vorwendeten, dass sie ihre eigene Einquartirung be- 
sorgen müssten, so bekamen [sie] Schläge und Execution. 
Wilhelm Zigeler aus Wahlerhausen, ein Vorsteher, hat 
mir diese Relation überbracht. 

Nun überlegen sie, libster Freund, auch die Last 
vor unser Dorf: das Regiment Suedois nebst Granodier 
[Grenadier] und Chasseur vom Regiment Depont [Deux- 
ponts?] hatten wir zu unserer 14wöchigen, ständigen 
Einquartirung. Das Dorf hält 50 Häuser, davon hatten 
die Offizier 12 Häuser zu ihrer Commodität, dazu kamen 
etliche Grafen aus dem Lager, unter andern der Graf 
vom Regiment Navarra, welcher anfänglich bei mir 
logirte, ein Herr, wo täglich 36 Persones die freie Tafel 
haben. 

Mein zugeteiltes Quantum war folgendes : 

1) In meiner Wohnstube auf dem Stroh ein refor- 
mirter Feldprediger vom Regiment Jenner. 

2) Gegenüber eine Stube und Kammer; logirten 
die Schuster vom Regiment, welche sich von meiner 
Schoesse [Chaise] das Leder zu Nutze machten, und ich 
dorfte nicht sagen, dass sie es abgeschnitten hätten. 

3) Auf der l^en^ Etage, auf dem grossen, gemach- 
lichen Gang etliche Sattler vom Regiment. 

4) In der besten (Commendanten-) Stube der 
Brigadier von Bilou. 



231 

5) Daneben in 2 Kammern ein Directer [Directeur?], 
welcher unsern Wald abhauen und Verbacke macben 
musste. 

6) Auf der 2ten Etage den Grafen Loewentbal, 
einen Obersten nebst einem Hauptmann. 

7) In übrigen Kammern Kammerdiener und Köche. 

8) Auf dem Boden, wo der Wind recht durch- 
streichen konnte, in dem Stroh meine Kind und Magd. 

9) Nun kommt es an mich; ich logirte in einer 
Kammer nebst meiner Frau auf dem blossen Stroh 
ohne die geringste Federdecken unter oder über mir, 
dann da mir bei der Einnahme etliche genommen 
wurden, und ich solange Betten hergeben musste, so 
lange ich selbst noch etliche unter mir hatte, so that 
ich wohl, dass ich jedem mein Lager wies, so hatte ich 
Ruh vor dem Hergeben. Doch wir sind mit meinem 
Quanto von Logis noch nicht fertig. 

10) In meinem Back- und Brauhaus die Bäckerei 
und 20 Mann tägliche Wachten, und 

11) 40 Pferde in meinen Stallungen nebst 20 
Mann Cavallerie Volontaires de Clermont in meiner 
Scheure. 

Von allen diesen Quartirten hatte ich wenig Ver- 
druss, ausser von Volontaires, welche die Scheure aus- 
haueten und des Nachts in der Scheure starke Feurung 
hielten und verschiedene Balken und Wände ausschlugen 
und verbrannten, meinen Kühen des Nachts die Milch 
ausmolken, übrigens nichts als meine Ziege schlachteten. 
Und damit [sie] nicht auch mein Kalb bekamen, so 
logirte ich solches in den tiefsten Keller. 

N. b. Eben diese Clermont spoliirten die Kirche, 
Altartuch und Klingelbeutel. 

Diese summarische 14wöchige Last nebst dem 
vorhergehenden Elend hielte ich bis an den 10^^^ De- 
cember aus. Die Armee ging an diesem Tage in die 



232 

Winterquartiere, wobei die Generale mir eine Salvegarde 
so lange [gaben], bis die Volontaires de Clermont ab-' 
marschirt waren. Diese, welche mir noch Drohungen 
gethan, wurden nach Oberzwehren, eine Stunde von 
uns einquartiret. 

Darauf kamen die Einwohner wiederum zur Ruhe 
in ihre Häuser, aber auch zugleich zur würcklichen 
Ruhe des Todes. Den mehresten Menschen waren die 
Gebeine bis an den Leib geschwollen, sie bekamen an- 
steckende Seuchen, sodass 9 Personen auf einen Tag 
begraben wurden. Die Summa der sterbenden von 2V2 
Monat [betrug] 190 Personen. Da ich 9 Familien in 
einem Tage besuchte, so überfiel [mich] bei der letzten 
eine Ohnmacht. Ich wurde krank ... [2 Worte 
unleserlich]. 

Die obgedachte Clermontschen, welche eine Stunde 
von uns cantonnirten, machten die Patrouillen durch 
unser Dorf nach Wilhelmsthal. Die mehreste Zeit 
hatten wir Unruhe ; sonderlich des Nachts pocheten sie 
mit Gewalt und wollten die Thüren erbrechen, um 
allerlei Victualien zu erpressen. Was wollte ich thun? 
Ich musste accordiren und Geld und Brot zu dem 
Fenster hinausreichen, bei welcher Gelegenheit mir ge- 
drohet wurde, mich über den Haufen zu schiessen, 
welches mir manche Angst und Schröcken ausge- 
presset hat. 

Den 28ten December wollten sie bei Tage die 
Thtire erbrechen ; aber sobald ich nur rief, an die 
Glocken zu schlagen, ohngeachtet niemand zur Erlösung 
bei der Hand war, so suchten die Herren dennoch 
schleunig die Flucht. Alsdann ging es auf den Greben 
los. Dieser musste zwar ebenwohl Branndewein und 
Victualien u. dgl. schaffen, aber es ging auf der Ge- 
meinde Unkosten, worauf sie alsdann mit freundlichsten 
Mienen in ihre Quartiere nach Zwehren zurückzogen. 



233 

Indem * ich nun dergleichen Begegnungen täglich 
und nächtlich zu erwarten hatte, so suchte [ich] aus 
Furcht eines Einhruchs meine wenige Baarschaften zu 
bergen. Ich versteckte meinen Rest von 16 Stück 
grosse Thaler in meiner Schlafkammer unter eine Diele 
in den Fussboden, welche an verschiedenen Orten aus- 
getretene Löcher hatte. Ich reiste . samt meiner Frau 
nach Kassel, um eine einzige Nacht erlöst auszuschlafen. 
Wir erholten uns durch eine gute Suppe, aber die ge- 
nossene Tractamente wurden uns teuer genug. Dann 
bei meiner Retour war mein erster Blick auf meine 
versteckte 16 grosse Thaler. Ich bemerkte, dass die 
Diele an meinem Loch so rein ausgekehrt war. 
Niemand als ein Kind von neun Jahren, meine Magd und 
Magd Schwester, welche letztere 14tägigen Besuch bei 
uns abgestattet hatte, war in meiner Kammer gewesen. 
Beide waren im Begriff, ihren Dienst aufzugeben. Kaum 
waren sie abmarschirt, so bemerkte ich, dass mein Geld 
auch marschirt war. Enfin: mein Geld war gestohlen. 
Die gedachten Mägdgens und ein Kind ä 9 Jahren 
hätten notwendig den Process ausstehen müssen. 
Ich fand meine Magd unschuldig. Auf die Schwester 
fielen viele Praesumtionen, allein um meine Magd, 
welche mir so treue Dienste geleistet, trug ich Be- 
denken, die Sache anhängig zu machen, da mir sogleich 
gesagt wurde, dass beide Mägde müssten gesetzt werden, 
und sowohl der Schuldige als der Unschuldige um der 
Wichtigkeit willen ein ganz Jahr lang in der Unter- 
suchung sitzen müssten. So verschmerzte ich bis dato 
meine 16 grosse Thaler und war nur zufrieden, wenn 
mich keine nächtliche Patrouillen attaquirten. 

Nach verschiedenen Lamenten wurden wir würk- 
lich auf höchste Ordre des H. Broglio von gedachten 
Patrouillen in Sicherheit gesetzet; so dass in letzten 8 
Tagen des Jahres die beste Ordre gehalten wurde. 



234 

Sobald Desordres vorfielen, musste der Commendant der 
Truppen davor haften, wie dann Ms. Vilomini, Commen- 
dant der Volontaiies de Clermont, der Gemeinde vor 
einige Schweine, welche seine Patrouillen genommen, mit 
100 Rthlr. bezahlen musste. 

Indessen so schloss sich das Jahr mit schweren 
fortdauernden Frokndiensten. Jeder Gemeinde wurden 
eine gewisse Anzahl Faschinen zum Festungsbau herbei- 
zuschaffen zugeteilet. Hatte man keinen Wagen, so 
musste der Kopf herhalten. Ein jeder Hausvatter nahm 
seine Faschinen auf den Kopf und trug sie redlich an 
den Ort, wovor hernach sein Kind desto füglicher 
vom Feinde konnte erschossen [werden]. In dieser be- 
trübten Erwartung begegnete mir in Ober-Vilmer ein 
kleiner Wagen von Dörrenberg, mit 48 Stück Faschinen 
beladen, und [der] 3 Stunden bis an Kassel zu fahren 
hatte. Der Grossvatter, Mutter, Schwiegerin und 2 
Kinder hatten sich davor gespannet und zogen ihren 
Wagen mit der grössten Contenance. Dem armen, 60- 
jährigen Mann rollten die Schweisstropfen über die 
Stirne. Ich wollte ihn bedauern, fragte tröstlich: 
>Warum fahret Ihr selbst?« — »Ach Herr, sprach der 
arme Mann, es muss ja sein. Wir werden dies wohl 
verdienet haben. Meine Ochsen haben mir die ün- 
serigen genommen; tragen kann ich nicht mehr, ich 
will sehen, ob das Ziehen besser geht.« — Mit voller 
Wehmut verliess ich den geplagten und getrösteten 
Mann, reichete ihm zum Labsal nach meinem Vermögen 
eine Steuer und machte zwischen jenem und meinem 
Umstand einige Vergleichung. Ich vergrösserte mein 
Glück im Unglück. Selbst Faschinen zu fahren, kam 
mir unerträglich und so grausam vor: ich konnte es 
ohne Rührung meiner Eingeweide nicht ansehen. 

Indessen überlegen Sie nun, libster Freund, was 
diese Gegend abermal vor ein trauriges Schicksal ge- 



235 

habt. Vom IPten Mai bis den IQten December Einquar- 
tirung, ein Campement von 80000 Mann 14 Wochen, 
meine angetretene Flucht und ausgestandene Plün- 
derung. Mein Verlust ä 130 [Acker] Auslagen kaum 5 
Acker zu ernten; im Haus 9 Wochen auf dem Stroh 
gelegen, Angst von Truppen, Plage vom Greben genug, 
kein Gemüse, wenig Brot und natürlich Sorgen aufs 
künftige Jahr; kein Acker Winterkorn ausgesäet: dies 
alles, däucht mich, sei wohl ein ziemlicher Beweis von 
meinem vorzüglichen Elende. Beiliegende wahrhafte 
Specification des Verlust kann es deutlicher machen *)• 
Leben Sie wohl, untersuchen Sie meine Relation 
und bestrafen mich herzhaft, wann das Geringste tiber- 
trieben oder gar die Unwahrheit wäre. Sind dieselben 
aber überzeugt, so bedauren sie uns nicht allein, 
sondern tragen per Discours alles Mögliche bei, wo- 
durch wir Geplagte getröstet und erquicket werden. 
Gott bewahre uns nur vor grösseren Plagen im ange- 
tretenen Jahre und erfreue uns mit dem in der Zeitung 
ausgesprengten, teuern Frieden. Dies und alles, was 
Frieden heissen kann, wünschet Ihnen 

dero noch immerhin 
d. llten^ Jan. 1761. geplagt ergebmier Diener. 



Erzählungen kriegerischer Begebenheiten hiesiger 

Gegend von 1761. 

Libster Freund! Anstatt dass wir beim Anfang 
dieses Jahr[es] aus der Unterhandlung Engellands mit 
Frankreich uns mit einem angenehmen Frieden zu er- 
quicken gedachten, so musste vielmehr unser gute Hessen- 
land mit mehrerer Bitterkeit erfahren, was Krieg war. 



^) Eine solche findet sich nicht vor. 



236 

Alles vergangene ausgestandene Elend war nur 
Verlust der Landgüter, und die Einwohner der Dörfer 
um Kassel hatten allein die grössten Ängste auszu- 
stehen und bis hieher doch noch in denen Städten 
Trost und Mitleiden gefunden. Aber ach, leider in 
diesem Jahre gingen unsere Güter, unsere Stadt und 
das Gefühl der Mitleidigen samt der Liebe des Nächsten 
verloren; ein jeder sähe nur auf das, was seiner war. 

Man wusste wenigstens bei vielen in der Stadt 
K. nicht recht gewiss, ob wir noch zu bedauren würdig 
wären ; man hörte uns mit kalten Blute gewöhnlich 
lamentiren, man dachte und sprach: »Ach, mit den 
Bauren stehet es so schlecht nicht; sie machen ein 
gross Geschrei, die Leute sind noch in ihren Häusern, 
sind noch nicht so hungrig; sie sind noch stark und 
ziemlich gekleidet.« Dies trostlose Lied habe ich leider 
von vielen ganz unvermutet anstimmen hören. 

Diese traurige Gemütsgestalt verschiedener Städte 
und deren Einwohner mache ich meinem libsten 
Freunde beim Eingang meiner Relationen um deswegen 
bekannt, damit dieselben natürlicherweise denken können, 
wie gross unser Plage dieses Jahr zugenommen habe. 
Dann eben der grosse Begriff von dem Rest unsers 
Vermögens brachte die feindliche und sogar unser eigene 
Armee beim Eintritt in Hessen dahin, dass man in 
guter Hoffnung auf ein Dorf, um darinnen ernährt zu 
werden, gerade wohl los marschirte und bei dem ersten 
erscheinenden Mangel Erpressungen und Grausamkeiten 
ausübete. Noch folgende Erzählung diesjähriger er- 
littener Plagen werden Ew. Hochedlen näher überzeugen. 

Ich mache also den Anfang von der Lage beider 
Armeen*). 

*) Das Nächstfolgende entnehme ich einem gleichzeitigen 
andern Berichte des Pf. Cuutz, der sonst im Wesentlichen mit dem 
vorliegenden übereinstimmt. Wie man sehen wird, habe ich den 
einen durch den andern zu ergiinzen versucht. 



23'? 

Die feindliche Armee, welche den lO^en^ December 
die Winterquartiere bezog, legte starke Besatzungen in 
Göttingen, Münden, Kassel; in Ziegenhain wurde ohn- 
gemeine Artillerie verwahret. Übrigens hatten wir in 
Unterhessen auf dem Lande, weil wir nichts mehr zu 
verzehren hatten, keine Winterquartiere. Aber die Seite 
von Sachsen, als Hersfeld, Fulda, wurde ziemlich besetzt. 
Die mehresten französischen Regimenter zogen sich 
nach Frankfurt, sogar einige nach Frankreich, wenig- 
sten die mehresten Generale suchten in Paris ihre 
Ruhe zu nehmen. Der commandirende Herzog Broglio 
lag in Kassel, sein Bruder, der weniger französische 
Leutseligkeit an sich hatte, wurde von seinem König 
zum Gouverneur von Kassel und ganz Hessen erkläret. 

Bei dieser Gestalt lag in Kassel eine Garnison 
von 8000 Mann Infanterie und ohngefähr 80 Ca- 
valleristen von den Volontaires de Clermont, welche als 
Patrouillen unterhalb Kassel bis an die Diemel machen 
mussten. 

Unsere teutsche Armee, so wie ich vernommen 
habe, lag jenseit der Diemel im Paderbomischen bis 
in das Münsterland und längst an der Weser in den so- 
genannten Winter- oder Cantonnirungsquartieren in einem 
Umfang von 40 Meilen; ihre Vorposten lagen in der 
Gegend [von] Warburg, 6 bis 8 Stunde von Kassel 
solchergestalt, dass ihre beiderseitigen Patrouillen sich 
öfters sprechen konnten. 

[Erster Bericht:] Sie wollen sich gütigst erinnern, 
dass wir in p. a. am 10. December von der fran- 
zösischen Hauptarmee befreiet wurden, mithin wohl zu 
denken, dass durch ein von 60000 Mann 14wöchiges 
Lager [solj wohl alles aufgezehret war, und in unsern 
Dorf keine Einquartirung mehr stattfinden konnte. So 
waren also am Ende und anfangs des Jahres die franzö- 
sischen Patrouillen von Zwehren auf Wilhelmsthal unsere 



238 

ständige Gäste, hielten die allerbeste Ordre und trieben 
unter der [Zeit] nichts als Faschinen zum Festungsbau. 

[Aus dem zweiten Berichte:] Beiderseitige Armeen 
schienen also der Ruhe zu geniessen, wenigsten der 
Januarius war ganz stille. Indessen suchten die Fran- 
zosen in Kassel sich immer fester zu machen. Die 
ägyptische Frohndienste durch Herbeitragen der Faschinen 
nahm überhand. Davon hören Sie folgendes Exempel 
von dem ersten Januario, welches mir ein unzeitigen 
Schröcken unter der Haltung meiner Neujahrpredigi 
verursachet hat. 

Anfänglich schiene mir der erste Januar ganz 
ruhig zu sein. Weilen es der erste Sonntag, darinnen 
unsere Kirche in 3 Jahren Frist vom Feinde gesäubert 
war, wollte ich mir darob recht was zu gute thun, 
studirte heftig, um alles Mögliche meiner Gemeinde und 
unserm ganzen Kriegsheer anzuwünschen. Ich predigte 
mit gutem Mut (1. Sam. VII. V. 12: Bis hiehin hat 
der Herr geholfen.). Zuletzt wünschte vom grossen Mo- 
narchen bis zum geringsten Bettler lauter Siege, aber 
keine blutigen, sondern Siege über sich selbst. Und 
da ich mich in der Kirche genau umschauete und sie 
von feindlichen Überbleibseln ganz gereiniget fand, so 
wollte ich auch unserem Kriegsheer einen Seufzer nach- 
schicken. Ich nannte dahero mit der G[emeinde den] 
Namen unsers grossen Ferdinands und rief aus: >Der 
Herr vermehre seine Siege und sei eine feurige Mauer 
um ihn und sein ganzes Heer!« Alsobald kam ein fran- 
zösischer Husar zu Pferde in die Kirchthüre geritten, 
winkete mit den Worten: »Lass den Kerlen heraus- 
kommen!« — Ich erschrak bis zum Tode. Allerdings 
vermutete ich, dass es auf meine Person gemünzet wäre. 
Aber diesmal galt es meinem Greben, der unter der 
Kanzel seinen Sitz hatte. Er ging nach der Thür. 
Meine Gemeinde erschrak ebenwohl, in Meinung, dass 



239 

eine Einquartierung unter währendem Gottesdienst in den 
ledigen Häusern vorgenommen würde. Viele eileten mit 
weinenden Augen nach der Kirchthüre. Ich aber ver- 
lor dadurch immer mehr meine Lebensgeister, dass 
meine Gebeine mich nicht mehr tragen wollten. Nach 
verschiedenen Bewegungen des Husaren vor der Kirch- 
thüre, da er dem Greben etliche Schläge mit dem 
Säbel über den Rücken gab, so accordirte der Grebe 
und kam wieder in die Kirche an seine Stelle. Ich 
bemerkte aus seiner Ruhe, dass es nicht viel zu sagen 
hätte. Ich erholte mich ein wenig, bat die Gemeinde 
sehr zärtlich vor mich um Kraft bei Gott zu erbitten. 
Ich bemerkte an den Thränen, dass ich erhört war. 
Kaum dass ich den Vortrag fortsetzte, kam von 
neuem ein Jüngling von 16 Jahren in die Kirche gelaufen, 
lief vor die Männer-Bänke unter meiner Kanzel und bat 
sehr laut, dass Greben und Vorsteher und einige Männer 
abermal geschwind möchten herauskommen. Es ge- 
schähe mit vielem Gepolter. Ich machte abermal einen 
kleinen Halt, Hess die Kirche verschliessen. Ich bekam 
auch auf der Kanzel noch einige Rapport mit Bitte, 
die vorgenommene Communion eiligst zu befördern, 
weil die sämtliche Gemeinde noch heute an diesem 
Feste Faschinen nach Kassel tragen sollten. Ich 
predigte bei verschlossenen Thüren ruhig fort. Kaum 
dass ich mich zum zweiten Male erholet hatte, so 
pochete jemand mit Gewalt an die Kirchthüre. Aber- 
mal ein Todesschrecken und zwar ohne Not. Die 
Thüre wurde aufgemacht, ich wurde zu meinem Tröste 
gewahr, dass es einer meiner Collegen, Pfarr Schachten 
von Ober-Vilmar war, welcher ohne mein Wissen sich 
über mich erbarmet und eine Stunde Weges mar- 
scliirt hatte, um mir in meiner ihm bewussten Schwäch- 
lichkeit beizustehen und die Communion verrichten zu 
helfen. An seiner Miene bei dem Eintritt bekam ich 



240 

neue Lebenskraft. Ich sähe augenscheinlich, dass in 
meinem Hause und der Gemeinde ziemliche gute Ruhe 
sein musste. Ich wünschete und betete zu Ende und 
fand bei dem Abtritt von der Kanzel alles, was ich 
Gutes gehoffet hatte. Ich hatte 400 Communicanten. 
Ich vergass bei dieser Hülfe des Collegen alle meine 
Schrecken, und der Grebe seine in dieser Stunde be- 
kommene Säbelhiebe. Er hatte dem Husaren 2 Gulden 
gegeben, darauf konnte er wieder in die Kirche gehen. 
Er communicirte also vor wie nach mit andern Com- 
municanten. 

Nach geendigtem Gottesdienst commandirte der 
Grebe, und ein jeder Zuhörer nahm seine Faschinen 
auf den Hals und trug sie nach Kassel. Sehen Sie, 
libster Freund, das war der erste Tag im Jahre, den 
ich des Morgens vor den besten, ruhigsten Tag in drei 
Jahren gehalten hatte. 

[Aus dem zweiten Berichte:] Mit dieser Tragödie 
wollen wir den ganzen Januar vorbei gehen lassen und 
weiter keine Anmerkungen machen, als dass alles, was 
in meiner Gemeinde gesund war, Faschinen und Palis- 
saden auf den Köpfen nach Kassel, jedoch gegen bare 
Bezahlung, tragen mussten, und dass ganze Familien in 
einer ansteckenden Seuche lagen und kein Haus ohne 
Tote davon kam, daher der falsche Ruf entstand, als 
ob die Pest den Garaus machen wollte, und darüber 
eine Visitation von den Doctoren musste vorgenommen 
werden. Bei Friedenszeiten hielt der Tod bei meiner 
Gemeinde diese Proportion, dass er monatlich von 100 
— 4 Prozent nahm, aber in diesem Krieg war er mit 
30 Procent kaum zufrieden. 

Ich komme also zu dem merkwürdigen Februar. 

Den ß ten Februar erscholl die Zeitung, als ob 
unsere Armee in den Winterquartieren allerlei bedenk- 
liche Anstalten machten. Alsobald mussten verschiedene 



241 

Truppen aus Kassel rücken, teils vorwärts nach Hohen- 
kirchen, teils hier auf unser Dorf, um auf der Seite 
von Winterkasten auf guter Hut zu sein*). 

Den S teil Februar bekamen wir 400 Mann Volon- 
taires de Clennont Infanterie**). Diese mussten rings 
ums Dorf Wacht halten ; bei der grimmigen Kälte wurde 
keine Einquartirung dem Soldaten gestattet. Die Leute be- 
kamen die strengste Ordre und mussten sie auch halten. 

[Erster Bericht:] Ein einziger Clermontscher 
Cavallerist hatte meinem Nachbar Yiehman einen kleinen 
Beutel mit welschen Bohnen, ohngefähr 2 Pfund, ent- 
wendet. Der Offizier wurde es per accidens gewahr, 
ohngeachtet der Vorbitten des Wirts, dem er sie ent- 
wendet hatte, musste seine Compagnie unter das Ge- 
wehr gehen, alle Packen und Banzen mussten geöffnet 
werden, die Bohnen und etwa andere Kleinigkeiten 
fanden sich, kaum Va Gulden wert. Der Offizier gab 
dem Bauren die Bohnen und einen kleinen Thaler, liess 
den Soldaten austreten, stiess [ihn] ins Angesicht, 
wollte ihn erstechen, liess ihn binden und als Arrestant 
nach Kassel schicken. — Was deucht Ihnen? Haben 
Sie von andern Truppen auch so schöne Ordre in 
Feindesland gehört? Die Clermonter thaten uns wohl; 
jeder Zeit bei der Ablösung brachten sie etwas franzö- 
sisches Commisbrot und verschenkten es an die Ein- 
wohner. Eine einzige fatale und lächerliche Verspottung 
unser Leichenbegangnusse muss ich Ihnen von diesen 
Truppen erzählen. 

Ich begleitete eine Leiche nach meinem Kirchhof. 
Die Schüler voran, der Küster, darauf meine Person ; 
und alsdann hinter mir die Leiche. Bei dieser lang- 

*) Die Fi-anzosen, heisst es in dem ersten Bericht, legten . . . 
nach ihrer Behutsamkeit mehrere Defensionen-Werk um Kassel an. 
**) Nach dem ersten Bericht noch ausserdem Nassau-Cavallcrie 
und Infanterie. 

N. F. XV. Bd. 16 



242^ 

Samen Procession trug es sich zu, dass 2 Volontaires de 
Clermont eine halbe geschlachte Kuh auf einer langen 
Stange durchs Dorf trugen. Sie nahmen das Tempo 
in Acht, blieben zwischen uns in bester Ordnung, 
Hessen vor sich her singen durch die Strassen bis 
durch die Kirchhofsthüre. Stellen Sie sich vor einen 
Marsch von 300 Schritt mit folgender Procession : Erstlich 
gingen 40 Schüler paarweise, die überlaut ihr gewöhn- 
liches Leichenlied sungen, und dann folgten die Fran- 
zosen mit der halben blutigen Kuh ganz ernsthaft 
Schritt vor Schritt. Hinter der Kuh mein Schul- 
meister als Vorsänger, darauf folgte meine Person und 
hinter mir die schwarze Lade mit Trägern, welche bald 
traurig, bald lachend aussehen. Mit diesem Zug mar- 
schirten wir durch die Kirchhofsthüre, hier nahmen die 
frembten Herrn ihren Abschied, und ich defilirte in die 
Kirche und predigte. Die Franzosen kamen nach ab- 
gegebener Kuh auch in die Kirche und waren sehr an- 
dächtig. Überhaupt kann ich ausser diesem Fall von 
keiner Verachtung unsers Gottesdienstes das Geringste 
von ihnen erzählen ; und so hart auch diese Volontaires 
anfänglich gegen unsere Einwohner waren, so weich- 
herzig wurden sie und beklagten unser Schicksal, das 
wir bald auszustehen hätten. 

[Aus dem zweiten Bericht.] Die Volontaires [de] 
Clermont bewacheten unser Dorf von 6 ten bis den Uten 
Februar. Gegen 6 Uhr marschirten sie auf Kassel und ver- 
sicherten uns ganz gewiss, dass [die] AUiirten im Anmarsch 
wären. Wir würden einen harten Stand bekommen. 

Ich hielt diese Relation vor französische Listen. 
Aber die Wahrheit bestätigte sich noch denselben Abend. 
Den 12te£ Februar nach Abzug der Feinde hörten wir, 
dass unsere ganze teutsche Armee von allen Seiten im 
Anmarsch wäre. Wir sahen [die] avancirte Vorposten in 
der Ferne auf dem Winterkasten. Das Schloss Weissen- 



243 

stein wurde denselben Abend mit einigen | Hanno veränel^ri 
von den Stockhausischen Jägern besetzt, welche 
nach dem bösen Ruf sich in der That seltsam im Schloss 
aufführten. Der Hunger war das erste, was von ihnen 
gesagt wurde, welchen sie von jedermann, der selbst 
nicht hatte, mit ihren Geld forcirend stillen wollten. 
Man hat mir von deren Aufführung im herrschaftlichen 
Schloss wunderliche Dinge erzählet mit der Versicherung, 
dass 1200 französische Volontaires, ein Extract aus der 
französischen Armee, welche 14 Wochen daselbst ein- 
quartiret gewesen, in der ganzen Zeit nicht so gehauset, 
als diese hannoverschen Jäger in einer einzigen Nacht 
gethan hatten. Die Überzüge von den Stühlen, die 
Decken von den Tischen waren von ihnen spoliirt 
worden, und die Losimenter im Schloss, um nicht auf 
den Abtritt zu gehen, wären s. v. gänzlich verunreiniget 
worden. Doch die besten Soldaten mussten bei der 
schlechten Versorgung an Lebensmitteln und bei der 
entsetzlichen Strapaze zur Desperation gebracht werden. 

In so betrübten Umständen unsere Truppen unter 
dem Mangel an Lebensmitteln ankamen, so konnte man 
doch in ihrer Schuldigkeit nicht die allergeringste Träg- 
heit merken. Ihre Mut und Standhaftigkeit bei der 
elendesten Witterung, da jedermann bis an die Kniee 
am Winterkasten baden musste, war ohnerhört anzu- 
sehen, wovon der 13^^ Februar eine ewige Ehre vor 
unsere Truppen ist. 

Dieser merkliche Tag vor die Stadt Kassel stehet 
mir bis an meinen Tod vor Augen. Hören. Sie die Um- 
stände nur mit Geduld. 

Den 13ten Febr. um 7 Uhr kam(en) ein Husar in 

blauer Montirung, klopfte an mein Fenster mit den 

Worten: »Wo sind die Franzosen? Wie viel haben 

gestern Abend den Posten hier gehabt? — Weil nun die 

ganze vorige Zeit nichts als gelbe französische Montur^ 

16* 



244 

die sogenannten Blechkappen, bei uns erschienen, so 
konnte ich nicht anders denken, als wäre der blaue 
Husar von den Unserigen. In voller Freude wollte ihn 
bescheiden, so zog mich meine Frau von hinten am 
Kleide und rief mir ganz leise: »Es ist ein Franzos!« weil 
sie seitwärts die gelbe Blechkappen sehen konnte. Ich 
fragte also ganz unerschrocken den Franzosen, von was 
Truppen er wäre? — »Von Bauer«, war die Antwort. 
— »Ach, lieber Freund, Ihr wisset besser, wie viel 
Franzosen gestern hier gewesen. Führen Sie mich in 
keine Versuchung!« — Im Augenblick rief der an der 
Seite verborgen stehende Offizier : »Komm her, Camerad. 
Die Sache gehet nicht.« Ein bekannter französischer 
Offizier rückte näher mit den Worten: »Nun, Herr 
Pfarr, Ihre Leute sind zu Weissenstein. Wir wollen sie 
jetzt aufheben. Adieu!« *) 

[Erster Bericht:] Ich ging in voller Angst auf 
meinen Boden, um dem Trauerspiel ein Zeuge zu sein. 

Mehr als 800 Feinde, Cavallerie und Infanterie, 
marschirten geradeswegs durch Wahlershausen auf 
Weissenstein; in meinem Dorfe wurde durch allerlei 



*) Der etwas abweichende Bericht der ersten Fassung lautet 
folgendergestalt: Der 13te. Februar bi-ach an. Ein blauer Husar 
klopfete vor mein Fenster. Er fragte : „Wie lange sind gestern die 
Franzosen noch hier gewesen, und wie viel waren der Canaillen?*' 
— Ich hielte ilin aus Freude vor einen Teutschen und wollte 
freundschaftlich mit ihm umgehen. Aber meine Frau, die auf der 
Seite weisse französische Husaren gewahr wird, J*uft mir ängstlich 
ins Ohr: „Ach lieber Mann, es ist ein Franzos!" Ich aber wider- 
sprach heftig und fragte: „Von welchem Corps der Alliirten seid 
Ihr, Husar?" — ^„Ich bin von Nassau, nein, ich bin von Bauer- 
Husaren."" — Ti^un, Ihr wisset, wann die Franzosen gestern ab- 
gegangen seind", war meine ängstliche Antwoii;. Darauf rückte 
ein französischer Offizier etwas näher vor. „„Ach Bmder, komm ! 
Es ist der Pfänder, der kennet uns. — Nun, Pfarrer, Eure Hanno- 
veraner sind auf dem Weissenstein. Wir sind im Begi'iff, sie allda 
abzuholen. Wollen Sie den Spass ansehen?"" — „Ja!" — 



245 

Freiwillige die Flanke und der Rücken dieser 800 ge- 
decket. Als nun die mehresten Truppen dem Schloss 
auf einen Flintenschuss sich genähert hatten, so erwartete 
ich das hannoverische Musketenfeuer aus allen Fenstern 
und Ecken des Schlosses, aber zu meiner äusserster 
Verwunderung hatten sich die Alliirten aus dem Schloss 
in den Wald unter dem Winterkasten versteckt. Die 
Franzosen, welche nun vermeineten, dass die Alliirten 
in voller Flucht nach dem Winterkasten sich gewendet 
hätten, näherten sich mit mehrerer Geschwindigkeit als 
vorhero dem dasigen Walde und setzten die ganzen 
Truppen in einen mutigen Marsch. Aber [zweiter Be- 
richt :] zum äussersten Schröcken der Franzosen brelleteh 
sie vor etliche kleine in den Büschen versteckte Kanonen, 
worauf die hannoverische Stockhausische wenige Jäger 
an Cavallerie und Infanterie von allen Seiten mit Ge- 
walt unter einem starken Feuer auf die Franzosen los- 
drangen. Die Franzosen thaten einige Gegenschüsse 
und reterirten sich in einer Art von einer Flucht. Die 
sogenannten Blanker [Plänkler] kamen also in dem 
tiefen Schnee unter dem Schloss Weissenstein mit 
grosser Courage an einander. Unsere Infanterie kam en 
fronte aus dem Walde anmarschiret, stellete [sich] recht 
blank in die Augen der Feinde. Ich musste erstaunen, 
dass die, welche viermal stärker als die Unserige waren, 
unsern kleinen Trupp nicht attaquirten. So wie nur 
10 — 20 Mann der Unserigen vorrückten so reterirten alle- 
mal 50 und 100 Mann Franzosen, und 1, 2, 3 Blanker, 
welche mit erschröcklichen Rufen den Feind zur Courage 
aufforderten, konnten jedesmal 5 bis 8 zurückjagen, 
und etliche Wagehälse thäten, als ob sie [den] Krieg 
vor ihre Personen entscheiden wollten, rückten bis 12 
Schritt gegen einander, thaten mehr als 6 Schüsse ohne 
Effect, alsdann fragte einer den andern, ob er sich er- 
geben wollte. 



246 

Mittlerweile dass beide Vortruppen 1^/2 Stunden 
scharmutzirten, so bekamen [die Unsrigen] einen starken 
Succurs braunschweigischer Husaren von der rechten 
Seite meines Dorf[es], welche, wenn ihnen die Umstände 
der Attaque und meines Dorf[es] wären bekannt gewesen, 
so hätte es nicht fehlen können, die hier gedachten aus- 
gerückten Franzosen wären unvermutet von Kassel ab- 
geschnitten und gefangen gewesen; wie dann derjenige 
französische Offizier, welcher mir vor 2 Stunden zurief: 
»Wir wollen Ihre Leute abholen«, mit seiner ganzen 
Seiten-Patrouille in äusserster Gefahr war, sodass ein 
braunschweigischer Husar galoppirend einen Hieb nach 
dem andern ihm hoffte zu versetzen und nach seinem 
fliegenden Mantel griff. Aber den Offizier rettete sein 
Pferd und die Kundschaft von den Wegen, welche er 
im Schnee besser als der Husar zu finden wusste. 

[Erster Bericht:] Übrigens fehlete [es] überhaupt 
den aus der Flanke ankommenden Alliirten an genauer 
Nachricht und Kenntnis ihrer eigenen Kameraden, sonst 
wären bei der Centre [?] die ganzen 800 von der Stadt 
abgeschnitten gewesen. 

Diesem nach so wurde von beiden Seiten der An- 
fang zum Scharmutziren gemacht. Die sogenannten 
Blanker von Husaren ritten im tiefsten Schnee in den 
gefährlichsten Graben auf einander wie grimmige Mörder 
los, forderten einer den andern zur Courage, machten 
aber auf einmal einen kleinen Waffenstillstand, fragten 
nach einen und andern umständen ihrer desertirten 
Kameraden, bocheten auf beiden Seiten auf ihre Macht, 
und die Alliirten rieten den Franzosen, sich in der 
Stadt zu übergeben. — »Nicht wahr! Ich bekomme 
heute oder morgen dich und dein Pferd!« 

Beiderseitige Offiziere eileten herzu und gaben 
Ordre zur ernsthaften Attaque, um mein Dorf in Besitz 
zu nehmen und die 800 Mann Franzosen, welche sich 



247 

200 Schritt gegen meinem Hause über fest zu setzen 
schienen, zu delogiren und in die Stadt zu treiben. 

Das Mürmelen und Schelten und Schmähen [der] 
beiderseitigen Truppen und stete harte Knallen der 
scharmutzirenden Vortruppen hinter meinem Hause bei 
so rauher Witterung und die vielen gemachten Löcher 
upd Bracken (Baraquen), worin die Franzosen campirt 
hatten, welche mit Schnee 2 Schuh hoch ordineremant 
bedecket waren, worin die Alliirten versanken, machte 
mir einen solchen Schauder in meinem Gemüte, dass ich 
mich mit vieler Demut des Herzens an meinem Bodenloch 
auf die Kniee betend kraftlos niederwarf. Ich kann es 
ohnmöglich bergen, und will vor dem Licht der Wahr- 
heit beteuren, dass ich in meinem ganzen Leben noch 
nie ein solch betendes Herz und Rührung des Geistes 
in mir wahrgenommen. 

Mit heissen Thränen bat ich vor das Wohl un- 
sers Landes und unserer bewundernswürdigen, tapfern 
Alliirten. 

Ich wollte mein armes Vermögen, worunter schon 
gesteuret erhaltenes Brot gemenget war, gerne zur Er- 
lösung aufopfern; als Engel wollte ich die Alliirten^ 
welche hier tibermenschlich ausstanden, aufnehmen. 

Mitten unter meinen Thränen sähe ich mit Ver- 
gnügen der Flucht der Franzosen zu, wie mein Dorf 
gereiniget [wurde] und meine Alliirten ins Dorf drangen. 
Ein Husar schiene auf mein Haus zu tentiren; ich lief 
per Galopp zur Treppe herunter, um ihn [in] mein Haus 
zu nötigen. 

Aber seine Ansprache erschrak mich. — »Mach' 
auf, Bauer!« — Ich machte auf mit den Worten: »Hier 
ist kein Bauren-Haus, mein Freund. Gott Lob, dass 
ihr uns erlösen wollt. Ich bin der Pfarrer.« — »Ach, 
ich hab den Teufel davon. Wir haben Pfarrer und 
Schulmeister zu Spionen. Gib Speck, Branndewein !« — 



248 

Ich lief und reichete Brandewein mit medicinischen 
Tropfen, auch sogleich das Brot. — »Was, Du Pfaffe, 
will du mir trocken Brot bieten?« — und zog den 
Säbel hervor, um mich über die Rippen zu schlagen. 
Ich entwich ihm und versetzte, dass alles versteckt wäre; 
er sollte Geduld haben und absteigen. 

Mittlerweile verging mir beim Anblick dieser 
Entree mein betendes Herz. Zu meiner Beruhigung 
kam der Rittmeister Schory als Commendant von diesen 
Braunschweigiscjien Husaren. Ich verbarg ihm das Be- 
tragen seines Husaren, bat ihn zur Suppe, präsentirte 
dieselbe nebst anderem, was ich dem Husaren geboten, 
und er war besser als jener zufrieden. Die Gesellschaft 
wollte sich vermehren : 12 bis 15 seiner Mannen^ welche 
nass, kalt und todblass aussahen, traten ins Haus und 
forderten zu essen. Der Offizier wiese sie ab. Ich aber 
befahl meiner Frau, diese Husaren, welche auf dem Hoff 
Posto gefasst, wieder herbei zu rufen und ihnen ganz 
schleunig und heimlich eine warme Suppe in der Küche 
zu präsentiren. 

Mittlerweile fragte der Offizier nach meinen er- 
littenen Drangsalen, und bei gewisser Gelegenheit er- 
zählte ich den Verlust der 200 Stück Schafe, wovon der 
Rest in 2 tragbaren Schafen bestünde, die ich nun 
durch die vorhandene Erlösung wohl behalten würde. 
Ich hätte oftmals viele Nachreden von alliirten Husaren 
gehöret. Ich wollte die Sicherheit vor alle mein Vieh 
von ihnen hoffen. — Er beteuerte, dass ich allen 
Schutz zu erwarten hätte und flattirte mir mit meiner 
Contenance und guten Willen, wie ich um dieselben 
allein wert wäre, ferner beschützt zu werden. 

Indessen dass die hungrige Husaren in der Küche 
soupirten und ungemein freundlich gegen uns thaten, 
so wagten die Franzosen einen neuen Anfall auf das 
Dorf, sodass die Kugeln auf die Ziegeln hin und hey 



24d 

schlugen. Alles musste seinen LöfiFel aus der Hand 
werfen und den Säbel ergreifen. Ich bedaurete, die guten 
Leute, ohne satt zu essen, von mir gehen zu sehen. 
Aber sie hatten sich besser versorgt als ich geglaubet 
hatte. Ich kam in meine Stallungen und fand den 
Rest meiner Herde, als 2 Stück Schafe, geschlachtet, 
Kopf und Fell lag auf der Stelle, und 2 lebendige 
Lämmer, welche sie aus dem Leibe geschnitten, spartelten*) 
auf dem geschlachteten Felle. Denn beide Stück Schafe 
waren im Lammen begriffen,* aber ohne Ekel konnten 
sie die braunschweigischen Husaren schlachten. 

Ich klagte es dem Hg^ Rittmeister, wie es möglich 
wäre, bei meiner willigen Aufwartung mir so lieblos zu 
begegnen. — »So! So! Ich habe nicht Zeit, mein 
Herr Pfarrer. Ich rouss mich empfehlen!« das war 
Resolution und Bezahlung. 

Diese und dergleichen wunderbare Aufführung unsrer 
Freunde verminderte allmählich die Liebe zu den Truppen 
und wie man sogar armen Kindern, welche von 4 Stunden 
Weges Brot erbettelt hatten, auf öffentlichen Strassen 
angriff und alles wegnahm. Das alles machte mich so 
trostlos und kleinmütig, dass mir von Stund an alles 
kräftige Beten verging. Ich betete wohl, aber ohne 
Empfindung. 

Noch den 13^ Februar wurde unser Dorf samt 
den übrigen Dörfern vor dem Möllerthor auf diesseit 
der Fulda gänzlich vom Feinde gereiniget. Es rückten 
einige Regimenter Hessen und Hannoveraner in Ober-Vil* 
mar, Nieder-Vilraar, Harleshausen und Wahlerhausen und 



*) Spartelen (niederdeutsch) = zappelen; s. Schüler und 
Lübben^ Mndd. Wb. bei spertelen. Engl, to sprawl und (mund- 
aitl.) sprottle. Die hochd. Form ist sperzen, spirzen (ahd. spra- 
zaion), s. Schmeller^ Bair. Wb. II, 685. Doch soll an der mittleren 
Edder auch spratteln vorkommen, s. den Nachti'ag zu Vilmar'^ 
Hess. Idiotikon, 



260 

stellten ihre Posten kanonenschussweit in einem Halben 
um die Stadt, mithin wurde Kassel eingeschlossen. In 
meinem Dorfe wurde der Rittmeister Schory, der es 
anfänglich gereiniget, von einem Leutnant von eben 
denselben braunschweigischen Truppen abgelöset. Ein 
Leutnant, von Geburt ein Ungar, sehr martialisch im 
Gesichte, wohl 50 Jahr, bekam das Commando, ein 
Mann, den ich ungemein hoch estimire. Ich kann es 
nicht lassen, ich muss diesen Mann recht beschreiben. 

Dieser 50jährige Mann hat ein zigeunerbraunes 
Angesicht mit gelben Augen, als einer, der die Gelb- 
sucht im höchsten Grade hat, eisgrauen Augenbraunen 
und ebenso einen von acht Tagen her gewachsenen 
Bart; nur der Knebelbart war bechschwarz wie auch 
sein Kopfhaar, welches ihm um den ganzen Kopf ohn- 
gebunden herumflog und bis auf die Schultern stiess 
und mehrenteils nach dem Mund bis an den Knebel- 
bart zu fladerte. Auf dem Kopf trug er nur eine 
graue, rauhe Kapfe, die ihn bis an die Augenbrauen 
bedeckte. 

Unter dieser Kappe sähe er ganz martialisch hervor. 
Sein erstes Commando an die Bauren im Dorfe war 
mit heftiger Stimme: > Feuer in den Weg!« — Es 
musste also hin und her im Dorfe Feuer angeleget 
werden, und da er seine Hauptwacht gegen meiner 
Hausthür anlegen wollte, ich aber demselben treuherzig 
zu verstehen gab, wie er unvermerkt wegen der Lage 
überfallen werden konnte, und das Feuer und Wacht 
auf einer Höhe am Dorfe zu seiner Defension besser 
konnte angeleget werden, wovon er attaquiren und wohl 
observiren konnte, dadurch gewann ich an seiner bar* 
barischen Miene viele Liebe. 

In seiner 48stündigen Wacht sass er stets zu 
Pferd, ritt auf alle Höhen des Dorfes hin und her, und 
sowie er nur mit seinen gelben, funkelten Augen, 



251 

welche im Reiten und Discuriren starr nach dem 
Kratzenberg sahen, einen einzigen Franzosen recognos- 
cirten [und] von weitem erblickten, rief er seine Wacht 
zu Pferd. Alles musste mit Gewalt zu Pferde und 
nacheinander ausjagen und schiessen, wo noch nichts 
zu treffen war. Ein ungerischer Wachtmeister, dem 
die Courage ebenwohl aus den Augen blitzte, that 
seinem Leutnant grosse Dienste. Zehnmal, zwanzig«* 
mal in einer Stunde auf und abgesessen, war vor das 
Commando des Leutnants etwas weniges. 

Ich mochte ihn zum Essen nötigen, wie ich wollte, 
ich konnte ihn nicht zum Absitzen persuadiren; ich 
trug ihm derowegen Thee, Koffee und Butter und Brot 
in meiner Taschen zu und gab es ihm, wo ich ihn auf 
der Strassen antraf. Meine Frau wollte es ihm übel 
nehmen, dass er sich nicht im geringsten beim Abschied 
gemeldet und eine dankbare Miene gemacht hatte ; aber 
ich halte ewig seine Person in Ehren, denn dieser 
Mann war der einzige, welcher mit 30 Mann unser 
Dorf so wacker verteidigte und die Franzosen der- 
gestalt im Respect hielte, dass sie bei der angefangenen 
Blocade glauben mussten, das Dorf wäre voll Husaren 
und die umliegenden Dörfer voll Infanterie. Das Beste 
und Künstliche war die strenge Ordre, die Wege nach 
Kassel ungemein rein zu halten, mithin konnten die 
Franzosen nichts gewahr werden. 

Es war wohl ein rechtes Meisterstück von dieser 
Überrumpelung von Kassel: kaum lV2tausend Mann 
Infanterie Alliirte nebst 500 Pferden jagen alle Vor- 
posten in die Stadt, vom ISten Februar bis 16^^ derge- 
stalt in Respect, dass 10000 Mann Franzosen sich nicht 
unterstehen, heraus zu gucken, wozu unser Kirchdit- 
mollische Posten, als der die Flanken bedecken sollte, 
am meisten beitrug. Kaum hatten wir den tapfern 
schwarzen Leutnant verloren, so bekamen \vir zwar 



252 

stärkere Wachten, aber bei dem ersten Scharmützel, da 
man mit 2 gegen 2, oder 3 gegen 5 Mann anfing zu 
hazeliren und dem Feinde Gelegenheit Hess, das Dorf 
durch Perspective zu besehen, so gelang es den Fran- 
zosen, schon näher an [das] Dorf zu kommen. Alsobald 
wurden sie die geringe Besatzung gewahr, prelleten mit 
Gewalt auf unsere Vorposten, trieben sie zurück bis 
vor mein Haus, allwo es zu meinem grossen Schröcken 
zum Handgemenge mit dem Säbel kam. unser gute 
commandirte Offizier eilete herzu , behielt die Ober- 
hand, trieb die Franzosen 'naus bis in die Kasseler 
Schanzen; indessen so hatten wir dies davon, dass die 
Feinde nun die Stärke des besetzten Dorfes wussten, 
mithin täglich zu attaquiren wägeten, auch die schönste 
Gelegenheit bekamen, sich mit unsern Bauren in 
Discours zu geben. Auch wussten sie sich so weich- 
herzig gegen unsere armen Bauren zu stellen, dass sie 
deren Herz bald gestohlen hatten, wovon folgender 
Vorfall zum Beweis dienet. 

Den 18t?n Februar verliessen die Aliirten unser 
Dorf und fassten hinter dem Dorfe Posto, so dass wir 
zwischen Freund und Feind zu stehen kamen. Jeder- 
mann furchte sich sehr vor dem Feinde, aber das 
Gegenteil sähe man. Bei der ersten Hausthüre des 
Dorfes, während der Zeit die übrigen Franzosen durchs 
Dorf vorwärts rücketen, auch in- und oberhalb des 
Dorfes scharmutzirten, fragte der französische Offizier: 
*Wie stehen euch eure Freunde an? Haben sie euch 
Brot genommen?« — Der Bauer erzählet verschiedene 
Vorfälle, unter andern wie ich der erste gewesen sei, 
der sie tractiret, aber davor die 2 bewussten Schafe 
mitgenommen hätten. Sie bedauren die ganze Ge- 
meinde; der Offizier gab ihnen Gold und sagt, sie sollten 
an den äussersten Posten bei das Palissadenthor 
kommen, so wollten sie ihnen auch Brot reichen, 



253 

welches ist auch in der That geschehen. Dann der 
Mangel der Lebensmittel nahm auf unsern Dörfern 
überhand, welche bishero die Unterhaltung vom Freund 
und Feind aus Kassel gehabt hatten. Denn Kassel wurde 
vom 13teB, Februar verschlossen, und die langsame 
und unordentliche Versorgung unser Alliirten verur- 
sachte unter den Truppen den grössten Hunger solcher- 
gestalt, dass der Soldat gezwungen wurde, seinem Wirt 
das Brot aus dem Munde zu nehmen, es mochte er- 
bettelt oder erkauft sein. »Mich hungert«, rief der 
Soldat. »Bauer, schaff! Ich habe in so viel Tagen 
nichts über meine Zunge gebracht« Konnte der Bauer 
nichts hergeben, so hiess es: »Du Hund, du lebst ja 
noch, so musst du noch haben! Hast du die 
Franzosen können erhalten, warum wilt du deinem 
eigenen Volk nichts geben?« 

So wuchs die Bosheit und Mistrauen in unser[n] 
Truppen gegen den hiesigen Unterthan. Es ist bis 
zum Erstaunen, dass Hohe und Niedrige unter unser 
Armee bei die Blocade nicht glauben konnten, dass 
wir ausser der erlittenen Fouragirung und Lieferung 
kein Stück Brot an den französichen Soldaten, noch 
weniger an einen Offizier zu geben angewiesien worden, 
vielmehr aus deren Armee zuletzt mitgelebet hätten. 

Der undeutliche Begriff von unser verarmten 
Gegend verursachete nun unter unseren anrückenden 
Truppen, welche Kassel blockiren wollten, die betrübteste 
Folgen. Der Bauer hatte nichts, bekam Schläge und 
hiess boshaftig: »Du Hund, du Spion!« 

Die Brotwagen der Alliirten blieben wegen un- 
erhörter Witterung im Schnee und Dreck mit zer- 
brochenen Rädern stecken ; die schönsten Zugpferde der 
Hannoveraner, welche sich in unser[en] verarmten 
Dörfern satt zu fressen gedachten, mussten schändlich 
crepiren, oder der unvernünftige Knecht schlug sein 



254 

Pferd bei anmöglichem Fortkommen vor dem Wagen 
barbarisch zu Tode. Nun stunden unsere Reuter und 
Soldaten ohne Zelt in Schnee, Regen und Kälte bis 
an die Waden und mussten mit einem hungeiigen 
Magen Schanzen und Batterien machen, um sein [!] 
mattes Leben zu verteidigen. Was half es ihn, dass 
er einen Tag ordnungsmässig sein Brot und in dreien 
Tagen wieder nichts bekam. Ich muss es gestehen, 
dass, obgleich der Soldat noch, so grausam auf Stadt 
und Land schmähte und unser[e] Bauren wie Knechte 
und Hunde estimirte, so konnte ich aus Erbarmen ihm 
nicht böse werden. Mich hat dergestalt die angefangene 
Blocade (vor) gejammert, dass ich vor Herzeleid nicht 
schlafen konnte und öffentlich vor die attaquirenten 
alliirte Truppen ins Kirchengebet eine besondere Formul 
einrückte, dass sie Gott in der Tapferkeit ihres Gemüts 
stärken und vor Verzweifelung behüten und dieselbe 
endlich mit einen frohen Sieg erfreuen möchte. Gott 
hat in der That bei fliesen Völkern Wunder genug ge- 
than. Dann so beschwerlich und gebrechlich es beim 
Anfang der Blocade vor Kassel schien, da es an Lebens- 
mitteln gebrach, so war doch bewundem[s] würdiger 
Mut in den Truppen. Wie 10 Mann 50 wegjagen 
konnten, die Willen und Mut haben, mitten im Regen 
mit fast schon erstarrten Gliedern auf den Feind, der 
doppelt stärker war, mit Gewalt aufzudringen, habe ich 
nicht einmal sondern mehr als zwanzigmal mit meinen 
eigenen Augen angesehen. Dann ganzer 20 aufeinander 
folgende Tage vom IS^gn Februar habe ich in und vor 
dem Dorfe die heftige Scharmützel zu unsern grossen 
Schrecken ansehen müssen und manche kleine Kugeln 
bald an mein oder mein Nachbarhaus pfeifen und an- 
schlagen hören. 

Nähere Umstände von wunderlichen Vorfällen 
werde ich hier nicht noch melden. Die Abwechselung 



25B 

der scharmutzirenden Truppen, wobei ich in einer 
Stunde dreimal Hannoveraner und dreimal Franzosen 
hatte, auch ein jeder mit drohenden Säbeln allerlei 
Prätensionen an mir machte, wobei Stuben und 
Kammern eine gäntzliche Visitation aushalten mussten, 
diese wunderliche Figuren bewogen mich, meine wenige 
Mollen- und Esswaaren in mehrere Verwahrung zu 
bringen, auch mich noch im Notfall dabei verbergen 
zu können. Ich vermaurete und verplasterte an linker 
Hand in meiner Küche die Eingänge zum Keller, und 
den an der rechten Hand liess ich zum Gebrauch oflfen 
stehen. Darauf brach ich in meiner Schlafkammer durch 
die Diele in das Gewölbe, um vermittelst einer Leiter 
in den Keller steigen zu können, verdeckte das Loch 
mit einer passigten Fallthüre, und auf die Stelle schob 
ich einen grossen offenen Kasten. 

[Hier hört das Manuscript des Jahres 1761 plötz- 
lich auf; der weitere Bericht scheint abhanden ge- 
kommen zu sein.] 



Das Jahr 1762. 

Zwei Briefe liegen noch vor aus diesem Jahre. 
Der erste, vom 20. October 1762, lautet folgender- 
massen : 

Hochedelgeborener ... Herr Doctor! 
Mein insonders hochgeschätzter Freund! 

Soeben vernehme ich durch die aus Kassel ge- 
flüchtete Mademoiselle Schmer fei den, dass Ew. 
Hochedelgeb. samt übrigen guten Freunden nunmehro zu 
Ollendorf*) das hessische Hospital aufgeschlagen hätten. 
Ich stehe also im Zweifel, ob mein abgesantetes [so] 
Baquet Briefe, welches auf Bremen an meinen Hochge- 

*; Hessisch-Oldendorf bei Rioteln ist jedenfalls gemeint. 



256 

schätzten adressiret war, würklich angekommen ist;. An 
meinen getreuen Herr CoUegam habe ich auch geschrieben. 
Auf Antwort habe ich nicht gewartet, denn die h^ge 
der Correspondenz ist bedenklich. Entweder ich hßi^ 
französische^Vorposten gegen die Alliirten oder die Alli- 
irten gegen die Franzosen, und so lebe ich vom 24^ Jvm 
bis heute den 20ten Octobris in lauter Angst und Eilend. 

Indessen da nunmehro die würkliche Belagerung 
den Anfang genommen hat, so können die Briefe an 
mich sicherer als sonsten anlangen. • . . 

Der Anschein mit dem Ruin von Kassel ist vor der 
Thür. Ich hoffe auch dass, wann dieser Stein des An- 
stosses wird gehoben sein, die allgemeine Sache einen 
bessern Schwung bekommen wird, und wir alle, eine 
Erlösung von unsern Banden werden zu gewarten haben. 

Die Hungersnot in Kassel ist unerhört. Viele 
Menschen sollen taumelnd auf der Strassen ohne Mit- 
leiden ihrer Mitbrüder dahin sinken. Die grössten 
Herren müssen mit Baumöl kochen und listiger Weise 
einige Lebensmittel durch die Bauren meines Kirchspiels 
erhalten. Ich selbst habe, da ich einen Actum bei 
Kassel halten wollte, in der Tasche etliche Pfund Butter 
bis in die Gegend der Thore getragen, die ein gewisser 
von mir erbeten hatte. Es ist wunderbar, dass die- 
jenigen Herren, welche wir sonsten durch Vorsprache 
auf der untersten Treppe anfleheten und ohnerhört 
zurückgewiesen worden, dass dieselben den geringsten 
Bauren auf dem Lande mit Bittschriften um Lebens- 
mittel besuchen müssen. 

Denken Sie, libster Patron, der Herr Oberförster 
Schrader muss auch wegen gewisser erhaltener 
Commission die Bitterkeit der Stadt Kassel bis auf die 
Hefen austrinken helfen. Ich habe ihm ebenwohl etliche 
Mal gerettet, aber der letzte überbrachte Hammelsbraten, 
den ich bis vor das Thor trug, ist bei der besten 



2&7 

Bestellung in eines anderen Freundes Hand geraten. 
So gerne ich denselben als meinen besten Freund vom 
Hunger retten wollen, so ist es nunmehro nicht mehr 
möglich. 

Ich habe 15 Tage selbst kein Fleisch' gessen, 
und einen ganzen erkauften Hammel , um meinen 
Freunden zu helfen, nach Kassel geschickt; aber leider 
ist das Fleisch in der Husaren Hände geraten. Ich 
habe deswegen dem Hn. Oberförster noch vor 3 Tagen 
zur Flucht [zu] persuadiren suchen und mein Haus zur 
Wohnung angebotten, aber keine Antwort erhalten 
können. Dann die Stadt ist zu enge eingeschlossen, 
und wer will die strenge Ordre übertretten, 'zumalen 
da wir Unglückliche, die bis dahin vom französischen 
Commisbrot leben, in den Verdacht geraten sind, als 
ob wir arme Menschen Brot dem Feinde nach Kassel 
vortrügen. So gross ist der Verdacht, dass Ordre aus- 
gestellet worden, der Gemeinde Weiheiden und Roden- 
ditmoll nicht allein den Ausgang ihrer Wohnung zu 
versagen, sondern denenselben die noch übrige Lebens- 
mittel gänzlich zu plündern. Ich machte mich zwar 
auf den Weg, um supplicando bei dem Prinzen 
Friderich*) eine Erbarmung zu erbitten, zeigete den 
Ungrund aller Beschuldigungen, sogar die Unmöglich- 
keit, weil diese Dörfer keine Hand voll Frucht geärntet 
hatten und ihnen ihre Kühe von [den] Franzosen ge- 
nommen wären: so hätten sie nichts als Obst nach 
Kassel verkaufen müssen, weil man den Weg zu den 
Alliirten versperrt hatte. Ich zeigte sogar von Eicheln 
gebackenes, elendes Brot, — aber leider Gottes! der 
Herr Brigademajor von Schulenburg achte es nicht 
der Mühe wert anzuhören : er machte von dieser Rarität 



*) Fr. Friedrich von Braunschweig leitete die Be- 
lagerung von Kassel im Jahre 1762. 

N. F. XV Bd. 17 



258 

gar nichts. Es blieb mir die Ordre ins Angesicht: die 
Gemeinden sollen nichts kaufen, auch nicht säen, und 
was sie haben, soll ihnen noch heute genommen werden. 
Sie können die Wohnungen in einer Stunde verlassen 
und hinter die Fronte gehen. 

Diese Ordre betraf sogar den 14ten dieses iauch 
mein Dorf, welches doch in den Händen der Alliirten 
war. Des Abends kam ein Offizier, bedeutete uns, dass 
wir binnen einer Stunde Kühe, Schweine, alle mögliche 
Lebensmittel noch hinter die Fronte bringen sollten; 
in so ferne (sie) ^',2 Pfund Brot bei uns gefunden 
würde, so sollte es von ihnen genommen werden. 

Ich brachte in der Angst alle das Meinige in den 
Keller und schickte die Nacht ins Hauptquartier. Wir 
hörten zum Trost den Misverstand von unsem Dorf. 
Indessen hatte die schreckhafte Verbergung einen 
Nutzen. Wir wurden vom Franzosen im Tagesanbruch 
den 16tgg dieses attaquirt, die Vorposten wurden zurück- 
geschlagen, die Retirade ging nach meinem verschanzten 
Kirchhof, alwo ein hannoverscher Offizier mit 100 Mann 
stunde. Aber sobald das herzhafte Türkencorps zurück- 
kam und bei den Hannoveranern Schutz suchen wollte, 
so marschirte der Offizier mit seinen Truppen ab, um 
die Sicherheit am Lager zu haben und etwa Succurs 
an sich zu ziehen. Es stunden . . . [damit bricht das 
Schreiben ab.] 



Das zweite Schreiben ist, wie aus dem Inhalt 
desselben hervorgeht, vom 27ten October und ausführ- 
licher als das vorige. Es hat folgenden Wortlaut*): 



*) Gerichtet ist es ao den Patroo des Pfarrers Cuntz, den 
ßegierungsrat von Dalwigk. 



259 

Wohlgeborner, Vest- und Hochgelahrter! 
Insonders Hochgebietender Herr Regierungs-Rat! 

Ew. Hochwohlgeboren wollen mit besonderer 
Gütigkeit mir verzeihen, dass ich bei der Retour von 
Bremen meine schuldige Aufwartung versäumen [!]habe*). 
Die notwendige Eilfer[tig]keit zu meinem Ambt und 
Haushaltung wollte mir keine Stunde mehr gönnen, 
Ehre und Glück in Rinteln zu gemessen. Ich nehme 
dahero die Freiheit, Ew. Hochwohlgeboren mit ver- 
schiedenen Neuigkeiten schriftlich aufzuwarten. Es 
sind aber lauter betrübte Begebenheiten von unser 
Gegend, wahre Nachrichten, die ich täglich vor Augen 
sehe u. s. w. 

Vom 16ten_17ten [October] ist der Anfang mit 
den Trancheen von Kassel gemacht, die Parallel-Linie 
fängt auf dem Rodenberge über RodenditmoU an und 
erstrecket sich mit verschiedenen krummen Haken bis 
nach Wolfsanger, auf jenseits der Fulde zwischen Betten- 
hausen und den neuen Häusern. 

Die grossen Anfangs-Batterien sind retour über 
RodenditmoU und beschiessen die Reissberger Schanze, 
die andern sind unter D. Dyrose Garten**), die 3te 
und 4^ auf den Höhen gegen dem Müncheberge 
und kommen vor Wolfsanger nach dem Fasan-Hof zu ; 
auf jenseit der Fulda eine starke Batterie über Betten- 
hausen. 

Den 17tcD morgens wurde diese allzu nahe Arbeit 
attaquirt; dem Rufe nach wurden uns[er] s[eits] an Ge- 

*) Über diese Keise vgl. o. S. 220. 

**) Du Rosey's Garten an der Stelle des jetzigen neuen 
Totenhofes. — Die diesen Aufzeichnungen beigegebene Karte zeigt 
die Belageiungswerke um Kassel v. J. 1762 an, vde sie sich in 
dem Werke: Histoire militaire de Mgr. le Prince Ferdinand, . . . 
composee sur les Memoires de S. A. S. par M. W, 'Enrichie dos 
cai tes & plans necessaircs par M. le Colone! de Bat4^r. A la Haye, 
1764 fol. vorfinden. 

17* 



260 

fangenen verloren 88 Mann und 50 Tote und Blessirte, 
dahero die Werke besser retour gelegt sind. 

Den 18ten wurde an den Trancheen fortgefahren 
und so weit gebracht, dass schon einige Kanonen 
konnten zur Bedeckung der Arbeiter abgebrannt werden. 

Den 19ten fingen die Feinde eine der heftigsten 
Kanonaden an auf alle angefangene Batterien und 
Werke. Ich habe in einer Stunde 500 Kanonschüsse 
gezählet, und diese Kanonade daurete mit gleicher Be- 
ständigkeit von 10 bis abend 7 Uhr. Unserseits wurde 
nur mit der 20. Kugel geantwortet. 

Den 20ten brachten die Unsrige über RodenditmoU 
ihre Batterie soweit schon fertig, dass mit 4 Kanonen 
und 2 Bomben auf die Reissberger Schanze konnte 
gespielet werden. Die erste Bombe sähe ich an das 
kleine Häuschen unten am Berge fallen, welches an 
einen Garten gebauet und Ew. Hochwohlgeboren sich 
vielleicht besinnen werden. Die zweite fiel 50 Schritt 
näher und die dritte vortrefflich mitten in die Schanze. 
Hier bekam ich die erste kleine Freude über unsre 
Feinde, und die Balisaden flogen ziemlich bunt den 
H^- Franzosen um die Köpfe. Aber es wollte mir 
doch nicht recht gefallen, da hiernächst mehr als 100 
Kugeln nur in die Mitte an den Berg unter die Reiss- 
berger Schanze fielen. Die Franzosen feureten dagegen 
nur mit 2 Kanonen aus dieser kleinen Festung. 

Den 21tfn wurde heftig mit Kanonen an unsrer 
Seite fortgefahren, und es schienen die Kanonen der 
Feinde etwas zum Schweigen gebracht zu sein ; täglich 
und nächtlich wurde mit Bomben geworfen (foiige- 
fahren), auch von jener Seite zwischen Durosey's 
Garten und Wolfsanger sähe man harte kanoniren, die 
Franzosen antworteten dreidoppelt, doch mehr rechter 
Hand als nach der Seite [von] RodenditmoU. 



261 

Den 22te£ wurde unserseits den ganzen Tag das 
Feuren stärker und mir besonders erfreulich. Aber leider 
Gottes war der Abend desto trauriger! Um 5 Uhr 
thaten die Franzosen einen allgemeinen Ausfall, nach 
der Seite [von] Wolfanger stärker als linker Hand. 

Das stärkste Feuer fing sich auf der sogenannten 
Mombach an, allwo die Unserigen die zweite Parallel 
angefangen haben. 

Es war das Feuer der Sangershauser Bataille 
ähnlich, aber es dauerte nur in der Mombach 10 bis 15 
Minuten, so waren die Feinde Meister von diesen an- 
gefangenen Werken und drungen rechter Hand aus alle 
Batterien, vernagelten 4 grosse Kanonen; man will 
sagen, es wären auch 2 verloren gangen. 

Indessen kanonirte die Batterie von Rodenditmoll 
die Franzosen entsetzlich in die Flanke, so dass die 
Sache einen guten Ausgang gewann. Der Sucur 
[Succurs] eilete herzu, und die Franzosen wurden mit 
einem starken Feuer bis zu den Thoren begleitet. Da- 
gegen wurden in der Gegend [von] Bettenhausen Vorteile 
erreicht, 80 Gefangene gemacht, auch 2 Kanonen von 
uns erbeutet. Relata refero. 

Von dieser traurigen Affair e hörten wir des 
Morgens verschiedene Meinung von unsern Verlust: 
etliche Soldaten, die als blessirt zurück kamen, sagten mir, 
wir hätten 400, andere 300, noch andere nur 150 Mann 
verloren. Nach (dem) meinem Gesichte und der Anzahl 
der Gewehre, welche von unserseits feureten und vor 
meinen Augen zu Grunde gingen, däucht mich, e§ 
wären wohl 200 Mann, davon einige ohne Zweifel dem 
Tode entronnen sind, verloren gangen. 

Den 23t£o war es ziemlich ruhig, und die Fran- 
zosen feureten wenig. Ich observirte mit meinem 
grossen Perspectiv, dass nunmehr unsere Trancheen 
über der Monbach zimlich avanciret waren und in die 



262 

Tiefe nach RodenditmoU abliefen. Es wurde wenig 
kanoniii, nur auf die Reissberg-Schanze wurde das 
Haubtwerk geriechtet; sie scliiene demontii*t zu sein, 
wenigstens die Kanonen schwiegen von daher ganz 
stille. — Aber die Nacht auf den Sonntag als 

den 24ten war desto hitziger. Die Unserigen 
wagten einen Haubtsturm mit etlichen Regimentern 
und attaquirten von allen Seiten diese Reissberg*Schanze. 
Aber leider! sie wurden mit Verlust zurückgeschlagen. 
Der Lieutenant Knobell von [unleserlich]*) Regiment 
hatte mit den Seinigen an der steil esten Anhöhe duieh 
alle Baiissaden gekrochen und das Obirste ganz erstiegen, 
so dass seine Leute mit Bayonetten gegen Bayonette 
agirten. Da aber auf der andern Seite bei dem Eingang 
der Schanze nicht recht avanciret wurde, auch derselbe 
von hinten her keinen nahen Succurs bekam, so musste 
dieser tapfere Offizier seine Eroberung fahren lassen 
und mit grossen Verlust bergab retiriren. 

Die Toten liegen noch heute nackend an dem 
Berge. Vor einer Stunde schiene die Begräbnus vor- 
zugehen. Der Verlust wird abermal verschieden an- 
gegeben; einige sagen 200 Mann. Wenigstens vom 
Regiment Alefeld sollen 50 Mann geblieben sein, auch 
6 Offizier. Von der Wahrheit lasset sich nicht Gewisses 
sagen, nur wir wurden geschlagen, das ist gewiss, — 
doch auch gewiss, dass am Fortgang der Trancheen 
nichts gehindert worden und einen solchen Fortgang 
gewann, dass ich heute 

den 25ten wahrgenommen, wie dieselbe Von der 
Monbach in der Tiefe nach RodenditmoU, von dar über 



*) Im Text stellt au dieser Stelle Battel, was aber uu- 
möglich der Name eines Regiments sein kann. Ich weiss nichts 
mit dem "Worte anzufangen. Den Bestand des Belagerungscorps 
s. in der Geschichte der Feldzüge des Herz. Ferdinand, von F. 0. 
*W. H. von Westphalen, Bd. VI. S. 917. 



263 

den Weg, der von Rodenditmoll nach Kassel gehet, 
sich bergauf lenket solchergestalt, dass die Arbeiter nur 
noch 200 Schritt von der Reissberger Schanze im 
Graben stehen, dass es das Ansehen hat, als wollten 
sie solche vom übrigen Festungswerke abschneiden; 
deswegen die Batterie über Rodenditjpoll diese Nacht 
auf den 

26*65 ungemein auf die Reissberger Schanze ge- 
feuret und die neue eingesetzte Baiissaden abermal 
zerstreuet, auch übrigens das ganze Werk in unbrauch- 
baren Stand gesetzt, dass ich gewiss glaube, diese 
fatale Schanze hat ihre Kraft verloren, und die AUiirten 
werden ruhiger von dieser ihre Arbeit bis an den Giss- 
berg führen. 

Heute den 27^ habe ich wegen Nebel und Dampf 
nichts observiren können. Nur in vergangener Nacht 
gegen 12 Uhr schiene es mir nicht zum besten zu sein, 
die Franzosen beunruhigten die Arbeiter sehr stark. 
Das Feuer wollte einem Ausfall gleichen; es nahm auf 
einmal beiderseits ein Ende. 

Mein Trost war dieser, dass ich kein avancirentes 
Feuer contra uns wahrnahm, und dass die RodenditmoUer 
Batterie mit Bomben grausam um sich warf und fünf 
Kanonen auf einmal losbrennete. Diesen Morgen sehe 
ich die Arbeiter an ihrem Graben, der diese Nacht 
zimlich breit und hoch gemacht worden. 

Ich habe nunmehro Hoffnung, dass wir Kassel vor 
Ende November aus der Hungersnot gerettet sehen. 
Das himmelschreiende Elend ist in Kassel unbeschreib- 
lich. Die ansehnlichsten und reichsten Familien leiden 
an allem Mangel und müssen mit Ol schmelzen. Für 
ein Viertel Korn sind 100 Rthlr. gebotten; 20 Eier 
3 Rthlr.; 2 Gulden vor ein Pfund Butter. Ich habe 
einigen mit grosser Gefahr in meiner Tasche Butter 
und Fleisch nach Weiheiden getragen, um meinen 



26* 

guten Patron vonWilkenitz mit etwas zu regaliren, 
und verschiedene gute Freunde geholfen. Die Vor- 
sehung Gottes spielet wunderbar. Die Grossen müssen 
anjetzo bei den geringsten Bauren Bittschriften wegen 
Lebensmittel einlegen, dass mit List durch die Vor- 
posten etwas getragen wird. Wir flüchteten sonst in 
die Stadt, anjetzo flüchtet alles nach uns. Mehr als 
tausend Familien sind aus Kassel gewichen. Gestern 
wollte ein Bürger seine Rettung aus Kassel suchen; 
der Vorposten bedeutete ihn, dass er Ordre habe, Feuer 
zu geben, und niemand ohne Pass sich nähern dörfte. 
Er war es zufrieden und wollte sich erschiessen, weil 
er doch Hungers sterben sollte. 

Unser Elend ist wohl das betrübteste, das in 
Geschichten der Welt selten zu finden ist. Roden- 
ditmoU und Weiheiden bekamen neulich die Ordre, 
>dass sie nicht allein kein Brot mehr an un8er[n] Vor- 
posten kaufen, noch weniger ihre Felder besamen 
sollten; sondern sogar sollte ihnen der geringe Rest 
von Lebensmitteln] samt den Vieh noch genommen 
[werden], um sie zu zwingen, die Wohnungen zu ver- 
lassen«. Sie sämtlich sollten hinter die Fronte, weil 
sie in den unschuldigen Verdacht geraten [waren], als 
ob sie Brot den Feinden vorgetragen hätten, — da 
doch die armen Leute von Eicheln Brot backen, wovon 
ich ein Stück im Haubtquartier nej)st einer Supplik 
übergab, aber obige Antwort erhielt/ 

Noch den 14*^ des Abends kam aus Mis verstand 
die Ordre durch einen Offizier an unser Dorf, welches 
doch mit alliirten Türken besetzt war : in einer Stunde 
sollten wir Kühe, Schweine, in Summa alle mögliche 
Lebens[mittel] hinter die Fronte tragen, bei der Wei- 
gerung morgens früh daran völlig auszublündern. Eine 
schröckhafte, französische Attaque auf unser Dorf 
rettete uns, und wir gewannen Zeit, andere Ordre 



265 

wenigstens vor unser Dorf einzuholen; und des Nach- 
mittags wurde der Schauplatz geändert, die Türken 
abgelöset, und ein neuer Succur[s] von Hessen, welche 
über Zwehren bis nach der Tünche*) zu stehen kam, 
war gnädiger vor uns, dass bis dahin in Weiheiden 
keine Plünderung vorgenommen und die Umstände 
etwas leidlicher wurden. 

Dieses Lager stehet nunmehro und ist nach er- 
littenem Ausfall über Wahlershausen zu stehen ge- 
kommen. Das andere Lager gehet von Harleshausen 
bis an und über die Fulda, so dass es gerade über 
Sangershausen am Berge bis nach dem Messingshamer 
sich erstreckt, welche die Attaque auf die Altstadt vor- 
nehmen [so!], wovon ich keinen Augenzeugen abgeben 
kann, wohl aber vernehme, dass die Werke von Rod«n- 
ditmoU glücklich und näher an die Stadt gebracht 
worden sind. 

Drei Attaquen werden also das Garaus machen : 
erstens auf den Gissberg; die andere auf das Ahna- 
berger und Müllerthor; die dritte auf die [!] Alte-Neu- 
städterthor. 

Was nun mein Leiden in diesem Elend anbelangt, 
so ist es zu weitläufig, Ew. Wohlgeboren damit zu be- 
lästigen. Vom 11*22 April bis heute habe [ich] in den 
Vorposten gestanden, entweder unter den Franzosen 
oder unter den Alliirten gegen die Franzosen. Wir 
sind nun vom Jamer und Not und Unterdrückung ganz 
domig**) und liegen in [einer] Art von Betäubung. Ich 
erwarte abermal von . . . [unleserlich] Gnadenbrot zu 
essen, und ich will gerne zufrieden sein, wann ich hur 
bei dem Verlust meiner Auslage auf meine erwarte[te] 
Besoldung nur das trockene Brot könnte geschenkt 



*) Die Dönohe, ein Wald zwischen Wilhelmshöhe und 
Zwehren. 

**) Domig = dömig, dämlich? 



266 

bekommen, b^lz Viertel habe ich gelehnet und kann 
sie nicht als durch erhoffte Gnade bezahlen. 

Wollen Ew. Wohlgeboren ein Werk der Barm- 
herzigkeit thun und bei aller Gelegenheit mein Patron 
sein, dass durch gütige Vorsprache meine Not an den 
Tag kommt, da ich vor allen meinen Nachbarn keine 
Metze Korn geärndet habe, so will ich Gott bitten, dass 
er Ew. u. s. w. in seinen heiligen Schutz nehme u. s. w. 



Damit endigen die Briefe des Pfarrers Johann 
Christoph Cuntz, soweit sie die Kriegsbegebenheiten, 
die er erlebte, betreffen. 

Zum Schluss geben wir noch eine Bittschrift wieder, 
welche er am 5. Januar 1763, also nach Beendigung des 
Krieges, an seinen Landesherrn richtete. Nachdem er ein* 
gangs derselben hervorgehoben, dass er bereits im Jahre 
zuvor mit einer milden Beisteuer begnadigt und »in Mut 
gesetzt worden sei«, von frischem das Kriegsfeuer aus- 
zuhalten, bittet er um neue Gnade und berichtet: 

»Acht Monat anhaltend, vom 11. April p. a., hat 
das Kriegsfeuer bei mir gewütet. Die erste Plage war 
die vom Feind erzwungene Bestellung der Felder unter der 
versprochenen und nicht völlig geleisteten Aussaat. Der 
erste Stoss war der Verlust ä 200 Rthlr., darauf folgete 
die härteste Einquartirung des Monetischen Freicorps 
vom 11. April bis zum 20. Juni, da die französische 
Armee das Campement allhier aufschlug, wobei die 
Quartiere so enge wurden, dass bei mir allein der Duc 
de Mally; de Dyras et Duc de Fronsac logiren mussten. 
Deren Abzug war den 22. Juni, und den 24. waren sie 
schon alle wieder da und bezogen mit Rumoren unter 
fürchterlichen Bedrohungen den hiesigen Kampfplatz. 
Der köstliche Johannistag kostete mich also mein gänz- 
liches JBrot und Gemüse, auch grossenteils meine 



267 

Gesundheit. Das unvermutene Ansinnen der franzö- 
sischen Offizier, bald Wasser bald Fourage unter dro- 
henden Stössen persönlich in die Schanzen zu tragen, 
brachte mich aus meiner Contenance und zu einem 
Stickfluss, welcher samt dem meinigen zur langwierigen 
Krankheit ausschlug, welche mir desto schmerzhafter 
war, indem die vor dem Dorfe errichteten feindlichen 
Linien mit Kanonen und Bomben unserm Dorfe ganzef 
4 Wochen lang, besonders den 11. Juli bei Vorrückung 
eines Corps a 15000 Mann Alliirten den Untergang mit 
Brand droheten ; welchem Unglück ich allein unter kläg- 
lichem Geschrei durch die unmögliche Retirade, welche 
mir der franz. Commendant auf meinem s. v. Kranken- 
bette ankündigte, ausgesetzet war, mithin die zwar ver- 
gebliche, doch offenbare Angst aushalten musste. Bis 
auf den Tag der Eroberung des Kratzenberges, den 23. 
Junii, haben wir 3 Wochen lang in Hungersnot und in 
grosser Angst zwischen Freund und Feind liegen müssen. 
Ob zwar durch den erfolgten Abzug der feind- 
lichen Armee vom 15. August allen anderen Gegenden 
eine erfreuliche Linderung war, so blieben wir in unsren 
Thränen und gerieten von neuem ins Unglück an der 
Spitze der alliirten Blocade von Kassel, und zugleich 
unter Türken von Br[aunschweiger] Corps, welche 
unsren letzten Blutstropfen verzehrten, den Kirchhof 
verschanzten und 8 ganzer Wochen von daraus nach 
dem Kratzenberge scharmutzirten, dass kein Tag und 
Nacht vorbei eilete, worinnen nicht Kugeln ins Dorf 
und an mein Haus flogen, wobei ich bei scharfen 
Attaquen besonders des Nachts dem Schröcken und 
Verlust vor andern blosgestellet war; dergestalt, dass 
unsere eigene aufgebrachte Truppen, welche meine 
wenige Amte und Gemüse schon einmal verzehret 
hatten, auch wieder das gesteuerte und erkaufte Brot 
prätendirten und bei augenscheinlicher Unmöglichkeit 



268 

mit Schimpf- und Spottreden mich anfielen, welches 
mich bei der Aufopferung aller meiner Habe fast bis 
an den Rand der Verzweiflung brachte. 

Mein erlittener Schaden, welcher die schärfste 
Untersuchung aushält, belauft sich ohne Plünderung an 
Fourage in Sa: 62860 Rationen. Von 170 Acker Land 
und Wiesen habe ich keine Hand voll einer Art von 
Früchten geärntet, ausgenommen 2 Wagen voll Omaden ; 
mein Feld ist eine Wüstenei, und von 100 nur 4 Acker 
mit Korn besamet sind u. s. f.« 

Einem anderen etwas späteren Bittgesuche an den 
Landgrafen zufolge habe er, Pfarrer Cuntz, nicht nur 
6 Jahre lang sein in der Amte von 4 Hufen = 125 
Ackern bestehendes Salarium verloren, sondern auch sein 
Inventar mit 900 Rthlrn. wieder herstellen müssen. 

In wie weit dem schwer geschädigten Manne ge- 
holfen wurde, ist leider nicht bekannt. Wer indessen 
wie er alle Widerwärtigkeiten des Kriegs mit passiver 
Zähigkeit überdauert; wer sogar die Gabe besitzt, solche 
unverblümt, oft mit einem gewissen Humor, bis ins 
Einzelnste dem Papiere anzuvertrauen, der ist von einer 
unverwüstlichen Lebenskraft. Ein paar Jahre später 
sehen wir den trefflichen Mann denn auch wiederum im 
alten Geleise. Wie natürlich, ist ihm der Ackerbau als 
die Hauptquelle seiner Einnahmen auch ein Hauptmittel- 
punkt seiner Beschäftigung. Als daher am 21. Oct. 1765 
in der Casselischen Policey- und Commercien-Zeitung die 
Errichtung einer Ackerbau - Gesellschaft angekündigt 
und jedermann zur Einlief erung von Schriften über den 
Landbau eingeladen wurde, da griff auch Pfr. Cuntz 
zur Feder und brachte seine Beobachtungen zu Papier, 
und dies ist das letzte der von ihm erhaltenen Schrift- 
stücke. Es zeigt uns den einst so vielgeplagten Dulder 
als denkenden und rührigen Landwirt und gewährt 
somit einen versöhnenden Abschluss. — 

^3& 



269 




V. 

Das Damenstift Wallenstein zn Homberg 

unter J^r^me 

von 
Arthur Kleinschmidt. 

üdöstlich von Wabern liegt das Städtchen Homberg, 
(in dessen Nordosten sich auf steilem Berg die 
Trümmer des schon 1065 erwähnten festen Schlosses 
gleichen Namens erheben. Dasselbe befand sich 1304 
im Besitze der nach 1312 erloschenen Familie von 
Hombergk (Homberg) und fiel dann an den Landesherrn 
heim; 1370 im Besitze der Familie Riedesel von Eisen- 
bach, kam es dann wieder an den Landesherrn, den 
Landgrafen von Hessen. 1472 erhielt es der Sohn des 
Landgrafen Ludwig H., der Kurfürst-Erzbischof Her- 
mann IV. von Köln, zu »lebenslänglicher Leibzucht« 
und begann 1504 den Neubau des Schlosses, starb aber 
kurz nach dessen Vollendung am 27. September 1508 
und das Schloss fiel an den Landgrafen zurück. In 
dem Städtchen, das 1234 zuerst erscheint, fand im 
Oktober 1526 die Synode statt, infolge deren die 
Reformation in Hessen eingeführt wurde. Mit grossen 
Kosten erneuerte Landgraf Moritz 1605 die verfallenen 
Gebäude des Schlosses und verlieh ihm starke Wälle, 
während drunten in Homberg sich viel Adel niederliess. 



270 

Im dreissigj ährigen Kriege wurde das feste Schloss vom 
hessischen Oberstwachtmeister Engelhard Breul aufs 
tapferste gegen den kaiserlichen Feldmarschall Grafen 
Johann Götz vertheidigt, aber doch 31. Juli 1636 zur 
Capitulation gezwungen; eine zweite Belagerung bestand 
es 1647 unter dem Obersten Jacques Gerhard, einem 
Niederländer, der es für den Kaiser wacker verthei- 
digte, bis ihn die Hessen unter dem Generalmajor von 
Rabenhaupt im Januar 1648 zur Capitulation nöthigten. 
Landgraf Karl gab den Plan, das zerstörte Schloss 
wieder aufzubauen, auf und es liegt seit 1648 in 
Ruinen. Unweit von Homberg hausten die Herren von 
Wallenstein zu Neuenstein, die Nachkommen eines alten 
mächtigen Grafenhauses im Knüllgebirge, zwischen 
Hersfeld und Schwarzenborn lag das Stammschloss ; 
früher Grafen (Graf Könrad starb vor 1317), führten 
die Wallenstein von Kohrad ab nur den Freiherrntitel, 
stellten den Landgrafen von Hessen eine Reihe an- 
gesehener Staats- und Hofbeamten und starben 18. Nov. 
1745 im Freilierrn August Gottfried, landgräflichem 
Geheimen Regierungsrathe zu Marburg und Sohn den 
Oberamtmanns zu Homberg und Borken, Christian 
Wilhelm, im Mannesstamm aus, worauf ihre Lehen an 
Hessen heimfielen. Das sehr bedetitende Familien- 
vermögen aber wurde von der Erbtochter des Geschlechts, 
seiner Schwester Marie Amalie, der Gattin des Geheimen 
Kriegsraths von Schlitz, zur Gründung eines Fräulein- 
stifts in der Neustadt zu Homberg verwendet, in dem 
nur Damen mit sechzehn Ahnen aufgenommen werden 
durften; ihre Zahl war auf dreizehn begrenzt. Marie 
Amalie starb zu Frankfurt am Main am 31. December 
1762 und ruht in der dortigen Weissfrauenkirche. Bald 
brach ein Sturm über ihr Stift herein. Homberg hielt 
innigst an dem angestammten Herrscherhause Brabant 
und litt darum schwer unter der Fremdherrschaft, die 



271 

mit 1806 begann. Zu Ende dieses Jahres bereits 
rührte es sich dort gegen die neue Regierung, am 22. 
Deeember lag auf dem Markte ein Aufruf »an die 
braven Hessen« , sie sollten die Waffen »gegen die 
schändlichen Franzosen« ergreifen, die sie »in Sklaverei 
nach Frankreich führen und dorten allmälig ermorden« 
wollten; und am 29. Deeember war in Homberg alles 
auf den Beinen, was Soldat oder Bauer hiess, schrie 
»Vivat der Kurfürst !«, konnte aber natürlich den Gang 
der Ereignisse nicht hemmen. J^rome wurde 1807 
König von Westphalen, Homberg dem Distrikte Marburg 
des Werra-Departements zugewiesen. Die Gesinnung 
blieb althessisch, franzosenfeindlich, und ihren Mittel- 
punkt fanden die Unzufriedenen in dem Wallensteinschen 
Stifte. Hier wohnten eben nur drei Damen, die Äbtissin 
Charlotte Christiane Wilhelmine von und zu Gilsa, die 
Dechantin Marianne vom und zum Stein und die 
Canonissin Erdmuthe Wilhelmine von Metzsch. Im 
Städtchen hingegen lebte, wie schon erwähnt, seit 
Alters viel Adel, und diese Edelleute vom Lande, die 
dem leichtlebigen Casseler Hofe unter Jerome's Scepter 
beharrlich fern blieben, standen im engsten Verkehr 
mit dem Stifte. Wir finden damals in Homberg 
Sophie, die Schwester des 1808 verstorbenen Staats- 
ministers von Baumbach, mit ihrer Nichte Karoline und 
die Freifrau Wolff von Gudenberg, deren Bruder Georg 
von Dalwigk zu den Führern der Dörnberg'schen Insurrek- 
tion gehörte. Brüder, Vettern, Freunde von auswärts be- 
suchten häufig das Stift und jene drei Damen, und um 
das lauernde Auge der westphälischen Polizei zu täuschen, 
wurden die Besuche durch Festlichkeiten aller Art 
erklärt; thatsächlich aber dienten sie Beredungen des 
kühnen Freiherrn von Dömberg und seiner Casseler 
Gesinnungsgenossen mit den Althessen in und um 
Homberg. Zu letztern gehörten auch der Forstinspector 



272 

(in Homberg), Freiherr Wilhelm von Buttlar, während 
seine Schwester Elisabeth und ihr Gatte, Freiherr Karl 
Ludwig von und zu Gilsa, der Bruder der Äbtissin, am 
Hofe J^rome's in Ansehen standen, Gilsa das Amt des 
hessischen Oberstallmeisters und Kammerherrn mit dem 
des Obersthofmeisters der Königin Katharina vertauscht 
hatte und in ihrer Correspondenz mehrfach rühmend 
erwähnt wird. Besonders rührig für die einzuleitende 
Erhebung waren einige Bürgerliche, voran der Sous- 
inspecteur und Bureauchef der Domänen- und Forst- 
direktion, Karl Wilhelm Ernst Berner in Homberg, der 
greise Metropolitan daselbst Martin und sein Sohn, der 
Friedensrichter zu Frielendorf bei Homberg, Sigismund 
Peter Martin. Dieser Martin stand in regem Verkehr 
und gefährlichem Briefwechsel mit Professor Henrik 
Steffens, dem grossen Patrioten in Halle, den er einst 
in Hamburg kennen gelernt hatte, war ein brauchbarer 
Alliirter, aber kein makelloser Charakter, und mit 
richtigem Instinkte versagten ihm die althessiscjien 
Offiziere ihr Vertrauen ; sein Schwiegervater, der Provisor 
Rommel, der Tuchmacher Philipp Ehrenfeld u. a. Hom- 
berger traten ebenfalls zu der Verschwörung, für die 
der Friedensrichter Martin und Berner die Dorfgemeinden 
im Schwalmgebiete und am Habichtswalde zu bearbeiten 
wussten; auch lebten in der Gegend alte Soldaten und 
verabschiedete Offiziere genug, die gleiche Gesinnung 
hegten, das Pfarrhaus in Felsberg sah häufig Patrioten 
in seinen gastlichen Räumen, der freundliche Pfarrer 
Karl Christian von Gehren und der Hauslehrer seiner 
Kinder, Böttger, verstanden es, ihnen die Nothwendigkeit 
einer Erhebung darzulegen. 

Während die Äbtissin von Gilsa wenig in den 
Vordergrund trat, spielte die Dech antin des Wallen- 
stein'schen Stifts in der Verschwörung, die sich immer 
enger um Dörnberg gruppirte, eine leitende Rolle. 



273 

Marianne (Maria Anna) vom und zum Stein war eine 
Schwester unseres genialen Staatsmanns, des stolzen 
Reichsfreiherrn Karl, an dem sie um so mehr in be- 
geisterter Liebe hing, weil sie ihm auffallend ähnlich 
war: dasselbe lebhafte, klare, blaue Auge, dieselben 
entschlossenen geisterfüllten Züge, dieselbe bestimmte, 
kernige, lebendige Redeweise; wenn sie auch alt und 
verwachsen war, so vergass man es um ihrer Feuer- 
seele, ihrer Klugheit, ihres kühtien Gedankenflugs willen. 
Wenn der Gatte ihrer Nichte Louise, der sächsische 
Minister Graf Friedrich von SenfFt-Pilsach, sie in seinen 
Memoiren (Leipzig 1863) ungünstiger beurtheilt, sie als 
sehr exaltirt und bizarr schildert, 60 liegt dies an seiner 
französischen Parteilichkeit; trotzdem gesteht auch er 
ein, sie sei von bedeutendem Geiste gewesen und habe 
bei grosser Schlichtheit des Charakters auf ihre Um- 
gebung den Einfluss einer überlegenen Natur ausgeübt, 
wie sie auch später als Äbtissin ihr Stift voll Geschick 
und Erfolg geleitet habe. Fräulein vom Stein feuerte 
die Damen in Homberg und die zum Stifte kommenden 
Patrioten immer wieder an und mit Schwärmerei 
lauschte Karoline von Baumbach ihren Worten, während 
sie in das roth-weisse Hessen-Banner den Spruch stickte : 
»Sieg oder Tod im Kampfe für das Vaterland!« Stein 
stand mit seiner Schwester lebenslang in eifrigem Brief- 
wechsel und erschloss ihr die Tiefen seines Herzens, 
Hess sie hineinblicken, wenn es trübe und bekümmert 
darin aussah. 

Das Ungestüm des Friedensrichters Martin, dem 
die Volksmassen gehorchten und der sich gern »Oberst« 
tituliren hörte, nöthigte Dörnberg, voreilig loszuschlagen, 
den 22. April 1809 zum Losbruche zu bestimmen. 
Schon am frühen Morgen rief die Sturmglocke an der 
Schwalm und Diemel das Volk gegen die Fremdherr- 
schaft zusammen, Landleute und verabschiedete Soldaten 

N F XV Bd. 18 



2U 

eilten Homberg zu, zeigten aber nicht eine Spur von 
Disciplin; nichts lag ihnen ferner als dem »Oberst« 
Martin gehorchen zu wollen, nach wenigen Stunden 
war das Strohfeuer des Enthusiasmus verraucht und 
Martin erkannte die Unthunlichkeit, eine tausende von 
Köpfen zählende ungeschulte und regellose Masse zu 
lenken. Auf dem Markte standen beide Schwadronen 
des ersten Cuirassierregiments, das im März 1809 nach 
Homberg und Melsungen verlegt worden und in dem 
Dörnberg's Bruder und andere Offiziere für die Ver- 
schwörung arbeiteten ; beide Schwadronschefs aber fehlten, 
statt ihrer kommandirten Rittmeister von Weissen und 
Lieutenant von Girsewald. Ersterer stellte in einer An- 
sprache seiner Mannschaft frei, sich der Bewegung an- 
zuschliessen oder vorerst neutral zu bleiben. Kleine 
Detachements der Cuirassiere begünstigten den Losbruch 
in Felsberg, Ziegenhain und Wolfhagen ; von den Leuten 
in Homberg hingegen ritten mehrere, ihres Fahneneides 
an Jerome eingedenk, nach Melsungen ab und bestürmten 
im Vereine mit den dortigen Stabsoffizieren den Regi- 
mentskommandeur Oberst von Marschall, er möge nach 
Homberg vorrücken und ihre Kameraden zum Gehorsam 
zurückbringen, worauf er mit einem D^tachement auf 
Homberg los ritt. In Cassel hatte man frühzeitig von 
dem Ausbruche der Erhebung Kenntniss erhalten, ohne 
Dörnberg's Betheiligung zu ahnen; er aber glaubte an 
Verrath und eilte, um nicht verhaftet zu werden, nach 
Homberg ; er gedachte, mit dem Bauernheere Cassel 
anzugreifen. In Seh weiss gebadet, traf er gegen 5 
Uhr des Nachmittags in Homberg ein, wurde mit 
donnerndem Jubelrufe begrüsst und ging direkt in das 
Stift, wo er der von allen Seiten nachdrängenden Menge 
die Entdeckung des Vorhabens und die in Cassel be- 
ginnenden Strafm ausnahmen verkündete und grosse 
Muthlosigkeit erzeugte. Die Cuirassiere unter Marschall 



2^5 

kamen aus Melsungen heran, es gelang aber Dörnberg's 
Ueberredung, den Oberst bis zum folgenden Morgen zut 
Neutralität zu bewegen, und anstatt Dörnberg zu verhaften, 
ritten die Cuirassiere nach Melsungen zurück. In Hom- 
berg war keine Rede von Unterordnung, Martin lief als 
Oberst in Uniform umher, fast nur die Forstleute 
hatten Schiesswaffen, die Andern begnügten sich mit 
Knütteln, Mistgabeln und Sensen. Die Stadt verab- 
reichte Wein und Branntwein, was die Köpfe bedenklich 
erhitzte; der letzte Rest von Ernst und Ruhe ging 
darauf, man schwur zwar den Franzosen Tod und Ver- 
derben und Hess mit heiserer Stimme den Kurfürsten 
hochleben, aber je mehr es Abend wurde, um so ent- 
muthigter schlichen Viele davon. Im Stifte hingegen be- 
wahrten die um die Dechantin und um Dörnberg ver- 
sammelten Führer ihre Zuversicht, der Zug auf Cassel 
wurde wiederum beschlossen, am Abend marschirten die 
Insurgenten auf dem Markte von Homberg auf, die Offi- 
ziere erschienen vor der Front, Karoline von Baumbach 
überreichte, von den Strahlen der sinkenden Sonne ver- 
klärt, Dörnberg das Banner Hessens, er nahm es ent- 
blössten Hauptes an und rief dröhnend »Ja, Sieg oder 
Tod ! « die Anfangsworte des Bannerspruchs ; von allen 
Lippen flog ihm das Echo zu: »Sieg oder Tod ! „Ehren- 
feld trug das Banner den Scharen voran, als sie um 
8 Uhr Abends von Homberg abmarschirten, um am 
23. April bei der Knallhütte, anderthalb Stunden von 
Cassel, eine totale Niederlage zu erleiden. Dörnberg 
selbst blieb nichts übrig, als »Rette sich wer kann!« 
zu rufen; mit dem Forstinspektor von Buttlar eilte er 
nach Homberg, Hess hier seine Uniform, entlieh von 
ihm einen alten Ueberrock und von der Aebtissin 20 
Friedrichsd'or und flüchtete über Fulda nach Böhmen. 
Die westphälischen Gerichte hatten überviel mit den 

Insurgenten zu thun ; uns interessirt hier nur das Ge- 

18* 



276 

schick, welches äher das Stift in Homberg nnd die 
dortigen Verschworenen heraufzog. Am Abend des 
26. April erschien, von einem Militärdetachement her 
gleitet, ein Polizeibeamter in Homberg, verhaftete die 
drei Stiftsdamen, Frau von Wolff, Sophie und Karoline 
von Baumbach, Franziska Martin und ihren Vater, den 
Metropolitan Rommel, den Postmeister Humburg und 
viele Andere, führte sie in das Castell nach Cassel und 
da dies öberfüllt war, in das öffentliche Gefängniss. 
Dasselbe Loos traf den Pfarrer von Gehren, Wilhelm 
von Buttlar und zahlreiche Leidensgefährten. Die 
Schuldigen wurden in verschiedene Kategorien getheilt, 
denen mit verschiedenem Masse gemessen wurde ; Buttlar 
und Dalwigk wurden zwar gleich Dörnberg und von der 
Malsburg durch königliches Dekret vom 29. April ab 
Verräther am Vaterland und am König zum Tode yer- 
urtheilt, doch befand sich nur Buttlar in Händen seiner 
Verfolger; Gilsa und seine Gattin erflehten und er- 
langten von Jeröme seine Begnadigung, und die Weg- 
führung nach Metz war seine einzige Strafe; der hol- 
ländische Gesandte Ritter Huygens meint in seinem 
Berichte an den Minister des Aeussern, Ritter RoeU 
(Reichsarchiv im Haag) 4. Mai, es sei wegen des Eän- 
flusses der weitverbreiteten Familie Gilsa geschahen, 
während die Aebtissin nach einem Berichte des fran- 
zösischen Gesandten Baron Reinhard das Anerbieten 
Jerome's ablehnte, bei ihrem Bruder zu leben. Als es 
in Homberg noch einmal unruhig zu. werden begann, 
stellte ein Detachement französischer Jäger rasch die 
Ruhe her (Depesche Huygens an Roell, 11. Mai). 

Die Stiftsdamen hatten den besonderen Grimm 
Jerome's und seiner Regierung erweckt; sie wurden 
beschuldigt, sie hätten die Fahnen und Schärpen für 
die Führer der Insurrektion genäht und gestickt und 
letztere mit 3000 Thalern unterstützt. Ihre Papiere 



277 

wurden beschlagnahmt, doch ergab sich aus denselben 
gegen sie nicht das mindeste. Ihre Verhaftung machte 
überall ungeheures Aufsehen, sie war aber nur die Ein- 
leitung zu weiteren Gewaltakten. Am 80. April ver- 
fügte ein königliches Dekret die Beschlagnahme und 
Sequestrirung des Vermögens des freiadligen Damen- 
stifts Wallenstein und am 4. Mai ernannte Staatsrath 
Freiherr von Coninx, der Generaldirektor der Domainen- 
und geistlichen Güter, den Generalsekretär Criamer in 
Gassei zum Beschlagnahmekommissär. Gramer ging 
nach Homberg, theilte den ihm gewordenen* Auftrag 
dem Syndikus und Administrator Stiftsrath Lichten- 
berger mit und gab die Erklärung ab, laut königlicher 
Verfügung seien wegen Theilnahme am Aufstande die 
Aebtissin von Gilsa, die Dechantin vom Stein und die 
Stiftsdame von Metzsch ihrer Präbenden verlustig, das 
Beschlagnahme- und Sequestrationsverfahren betreife 
das gesammte Stiftsvermögen im In- und Ausland und 
Coninx sei dazu berufen, dies Vermögen selbst zu 
sequestriren. In Gegenwart des Stiftspersonals nahm 
Coninx Namens der Regierung vom ganzen Stiftsver^ 
mögen in aller Form Besitz, untersagte Lichtenberger 
jede weitere Disposition darüber und über die Stiffcs- 
einkünfte, beliess ihn in seinen Aemtern, verpflichtete 
ihn aber am 17. Mai durch Handschlag als Diener der 
Krone Westphalens ; den Direktor des Stifts hingegen, den 
Generalfeldmarschall-Lieutenant Freiherrn von Secfcen- 
dorflf, enthob J^rome des Amts, setzte ihn auf Halb- 
sold, pensionirte ihn förmlich 16. Sept. d. J. und .er- 
setzte ihn durch den bisherigen Inspektor von Ha^en 
(am 1. Febr. 1811 folgte diesem als Stiftsdirektor Schön- 
hals^ bisher Administrator der Ordenskasse). Mit Hülfe 
des Homberger Cantonsmaire inventarisirte Gramer vom 
5. — 17. Mai das Stiftsvermögen, dann führte er alle 
Dokumente, Werthpapiere und Coupons nach Cassel 



278 

über, dazu die Stiftsinsignien im Werthe von 10000 
Thalern, die nach einem Schreiben von Coninx am 
19. December 1809 dem Könige ausgeliefert wurde»," 
das Stiftssiegel, den Kassenbaarbestand von 300 Thalem 
20 Groschen und das Silbergeräthe im Werthe von 
6000 Thalern ; letzteres wurde für 987 Thaler 21 Groschen 
zur Einschmelzung an die königliche Münze in Caasel 
abgegeben oder vom Notar Diede am 28. Juni 1809 in 
Cassel für 1032 Thaler 16 Groschen öffentlich ver- 
steigert. Die aus diesem Geräthe erlösten Gelder wurden 
bei der Kasse des Kronschatzes eingeschrieben, flössen 
aber in den Gratifikationsfonds für das Militär. Das 
wenige Silbergeräthe, welches in Homberg geblieben, 
wurde später auf Anordnung von Schönhals nach Cassel 
geschafft und sein Geschick blieb unbekannt, doch 
spricht die Wahrscheinlichkeit dafür, dass es ebenfalls 
versteigert wurde, ein Brief von Schönhals vom 9. Juni 
1813 sonderlich lässt darauf schliessen. Auch ein Stück- 
fass Rheinwein lagerte im Stiftskeller und während eine 
Stiftsdame, Gräfin zu Sayn- Wittgenstein, vergebens 
darauf Anspruch erhob, wurde es nach Cassel gescha£Ffc, 
für 446 Thaler 14 Groschen verkauft und diese Summe 
gleichfalls dem Gratifikationsfonds für das Militär über- 
wiesen. Die am 18. Okt. 1870 in Fulda vom Stifts- 
syndikus Kuhlmann für die preussische Regierung ver- 
fasste »Ermittelung und Feststellung der unter der 
Gewaltherrschaft des Königs von Westphalen dem frei- 
adeligen Stift Wallenstein früher zu Homberg jetzt zu 
Fulda entrissenen Vermögens-Objekte«, welche mir durch 
die Güte der gegenwärtigen Dechantin, Ihrer Erlaucht 
der Gräfin Amalie zu Ysenburg-Büdingen-Philippseich, 
übermittelt und von mir zu dieser Darstellung ver- 
wendet worden ist, bietet noch manchen weiteren 'Auf- 
schluss. Wir ersehen, dass sobald einer der Stifts- 
direktoren genug Geld aus dem Stiftssäckel flüssig 



279 

gemacht hatte, ein anderer daran kam, sich bereicherte 
und neue Abzugskanäle grub, um die Stiftsgelder für 
das Königreich Westphalen mobil zu machen. Nach 
der Bewältigung des Dörnberg'schen Aufstands hatte 
Jerome der Garde, den Cuirassieren und den Jägern 
einen Monatssold als Gratifikation verwilligt, d. h. 
94000 Frs., aber er hatte das Geld nicht, und so nego- 
ciirte er am 17. Juni 1809 bei dem Hofbanquier Jordis 
in Cassel ein Darlehen von 41986 Frs. 47 Centimes, 
für die er als Faustpfand die dem Wallensteiner Stifte 
gehörigen österreichischen Obligationen von 46000 Gulden 
Wiener Courant Nominalwerth ansetzte, wobei er zu- 
gleich bestimmte, es sollten die gesammten Gratifi- 
kationsgelder nur aus den Stiftsrevenuen gedeckt werden. 
Da letztere in keinerlei Verhältniss zur Höhe der Grati- 
fikationsgelder standen, so genehmigte der Finanz- 
minister am 31. Juli d. J. die Kündigung und Ver- 
wendung der b^i dem Grafen von Bentinck für das 
Stift auf Hypothek ausstehenden 20000 Thaler Gold 
und anderer Schulden, zusammen von 26000 Thaler 
Gold, von Hagen, damals noch Generalinspektor der 
Domänen und Administrator der Ordensgüter, erhielt 
letztere Summe, gab davon 4500 dem Hofmarschalle 
von Boucheporn und 3000 dem Grafen Keller in Stedten 
auf Hypothek und der Rest wurde zum Nutzen der 
Ordenskasse, wahrscheinlich auch zu Gratifikationen an 
das Militär verwendet; Graf Keller trug seine Anleihe 
allmälig ab, von dem an Bouchporn Geliehenen rettete 
das Stift schliesslich im Jahre 1835 nur 5000 Frs. 
Uebrigens hatte das Stift schon einmal für Jerome 
einen Aderlass erlitten ; bei der durch Dekret vom 
19. Okt. 1808 ausgeschriebenen Zwangsanleihe von 
20 Millionen Frs. hatte man es mit 42160 Frs. betheiligt, 
die es theils baar, theils in soliden Papieren einzahlte ; 
am 21. Februar 1811 wurde ihm vom Cantonmaire in 



280 

Homberg eine neue Aufforderung überreicht, die aber 
nicht zur Ausführung gelangte. 

Als Jerom am 1. Dec. 1810 alle Stifter, Kapitel, 
Abteien, Priorate etc. aufhob, beliess er das Stift Wallen- 
stein, das er laut Dekret vom 31. Jan. d. J. der Auf- 
sicht des Grosskanzlers des Ordens der westphälischen 
Krone unterstellt hatte, laut Verfügung aber des Gross- 
kanzlers vom 15. März 1811 mussten alle Ueberschüsse 
an den Stiftseinkünften in die Ordenskasse abgeführt 
werden. Dies interpretirte die Sequestrationsbehörde 
zum Nachtheil des Stifts dahin, dass unter den Ein- 
künften die eingegangenen Gelder, unter Überschüssen 
diejenigen gemeint seien, die nach Abzug der nothwen- 
digsten Ausgaben als Bestand verblieben; da nun gar 
keine Kapitalien ausgethan wurden, so flössen nicht 
nur. die Revenuen, sondern auch die heimgezahlten 
Hypothekenkapitalien u. s. w. als sogenannte Über- 
schüsse in die königliche Ordenskasse. - In jeder Weise 
wurde das Stift Wallenstein geschädigt, seine Kapitalien 
erlitten Schmälerungen, Obst- und Lustgärten Ver- 
wüstungen, Oekonomiegebäude wurden abgerissen und 
dadurch ein Schaden von 5760 Thalern erzeugt. Ex- 
clusive der Zinsen belief sich das unter Jerome dem 
Stifte gewaltsam entrissene Gut auf 450612 Frs. 69 Gen- 
times. Das ganze Stiftsvermögen wurde auf 451000 
Thaler geschätzt, die Stiftsdamen wurden fiir ihr be- 
deutendes Einlagekapital sehr dürftig abgeftinden. 

Die Äbtissin von Gilsa war gar nicht verhört worden, 
hingegen fand am 18. Mai 1809 ein Verhör der Damen 
von Stein und Metzöch in Cassel statt; dasselbe ergab 
nichts, sie stellten jeden Briefwechsel mit dem Freiherrn 
vom Stein seit seinem Wiedereintritte in das preussische 
Ministerium (1807) in Abrede und Marianne zeigte eine 
heroische, unverzagte Haltung; nach Reinhard's Bericht 
vom 3. Mai »provocirte sie ihre Strafe«. Ihre harte 



281 

Behandlung erklärte sich aus dem gefürchteten Namen, 
den sie trug; auch Friedrich Wilhelm III. sah in ihrer 
Verhaftung lediglich eine Rancune und glaubte nicht 
an ein Einverständniss mit ihrem Bruder (Chiffrirte 
Depeschen des Königs an seinen Geschäftsträger in 
Cassel, von Küster, 5. Mai, und des preussischen Ge- 
schäftsträgers in Dresden, Lautier, an den König, 11. 
Mai, im Geheimen Staatsarchive in Berlin). Am Abende 
des 20. Mai verkündete ein Gensdarm den drei Stifts- 
damen, sie müssten binnen Vh Stunden reisefertig sein, 
und trotz Sturm und Regen packte man sie, nachdem 
Gilsa der Äbtissin etwas Geld vorgeschossen, mit einer 
Lehrerin vornehmer Damen um 10 Uhr Abends in 
einen Wagen, ein Gensdarm stieg mit ein, ein anderer 
auf den Bock, und so ging es nach Mainz, wo sie am 
23. anlangten und einstweilen in einem Privathaus 
Unterkunft erhielten, um aber bald auf die Citadelle 
geführt zu werden, wo sie den Pfarrer von Gehren und 
zahlreiche Leidensgefährten fanden ; Frau von Gilsa und 
Fräulein von Metzsch blieben unter der Bewachung 
des Militärgouverneurs auf der Citadelk, bis sie auf 
Verwendung des Landkomthurs von Seckendorflf bei 
Jerome in der letzten Hälfte des August 1809 freige- 
geben wurden und nach Homberg heimkehren durften ; 
hierher entliess man Anfang November auch die übrigen 
Hornberger Verhafteten. Erdmuthe Wilhelmine von 
Metzsch starb 20. Dec. 1812, die Äbtissin von Gilsa 7. 
April 1822 in Homberg. Schon am 25. Mai 1809 war 
Marianne vom Stein von den anderen Stiftsdamen ge- 
trennt und ohne jede Rücksicht auf ihre körperlichen 
Leiden von Gensdarmes nach Paris eskortirt worden; 
am 6. Juni hier angelangt, fand sie Gelegenheit ihre 
Nichte durch zwei Briefe von ihrer Lage zu unterrichten ; 
deren Gemahl, Graf Senfft-Pilsach, war sächsischer Ge- 
sandter in Paris. Senfft eilte spornstreichs ?um Polizei- 



282 

minister Fouch^, Herzog von Otranto, und bat um die 
Erlaubniss, Marianne, für die er einstehen wollte und 
die man auf der Polizeipräfectur internirt hatte, in sein 
Haus aufnehmen zu dürfen. Pouche war bereit, sich 
bei Napoleon für sie zu verwenden, erleichterte ihre 
Haft, gab zu, dass Senfft ihr eine Dienerin verschaffe, 
und bewahrte sie vor der ihr drohenden Einsperrung 
in die Salpetriere. Nach 40 Tagen siedelte Marianne 
in eine polizeilicher Aufsicht unterstellte maison de 
sante in Chaillot über, erst nach dringenden Vorstel- 
lungen SenflFt's erlangte sie die Vergünstigung, auszu- 
fahren, um frische Luft zu geniessen, und schliesslich 
durfte er sie in sein Hotel unter der Bedingung auf- 
nehmen, dass sie in strengster Abgeschlossenheit nur 
in der Familie lebe; auch Hess Senfft der westphälischen 
Polizei heimlich Geld zufliessen, damit sie ein Auge 
zudrücke. Als Senfft im Frühjahre 1810 von Paris 
schied, begleitete ihn Marianne nach Sachsen und zog 
nach Leipzig zu ihrer Schwester, der Gräfin Louise von 
Werthern; nach deren Tod 1811 begab sie sich mit 
der Äbtissin von Gilsa nach Diez und kehrte nach 
Jeromes Sturz nach Homberg zurück, wo sie von 
neuem als Dechantin waltete. E. M. Arndt gedenkt 
ihrer 1814 in seinen »Wanderungen mit dem Freiherrn 
vom Stein« : »im kleinen Duodezformat an Leib und Geist 
ein echtestes Ebenbild des Bruders. Aber sie war ein 
Weib, Alles in ihr besonnener und milder, in der Rede 
dieselbe Kürze und Geschwindigkeit, derselbe unbe- 
wusste schlagende Witz, ihr Wuchs klein, und auch 
darin Verkürzung und Verkleinerung, der Kopf schon mit 
dem Schnee des Alters bedeckt, aber daraus leuchteten 
ein paar prächtige, wie Sterne funkelnde Augen. Sie 
war eine gelehrte Dechantin, die mit ihren Fräulein 
wohl hätte Schule halten und Examinatorium und 
Disputatorium über die alte Reichsverfassung hätte an- 



^8S 

stellen gekonnt. Sie kannte die alten deutschen Ord- 
nungen nnd Verfassungen nicht blos auf den Nagel, 
sondern trug sie im lebendigsten Herzen. Rühr^ncl 
stand sie neben dem Bruder, dessen gewaltige Leben* 
digkeit vor ihr oft in stilleren ufern dahinfloss. . . Er 
hing auch mit einer Art Verehrung an ihr, und ich 
hörte ihn, wenn er wohl mal über seine Feurigkeit und 
seinen zu reizbaren Jähzorn klagte, sagen: Ohne 
meine fromme Mutter und meine ebenso fromme und 
gute Schwester Marianne hätte ein Erzbösewicht aus 
mir werden können.« Die Schuldenlast, in die Graf 
und Gräfin Senfft-Pilsach geriethen, trübte den Lebens- 
abend von Bruder und Schwester, letztere half nach 
besten Kräften, besonders auch um Senfft*s Tochter 
Louise willen. Bis zum Tode blieben Bruder und 
Schwester in dem innigsten Verkehre, Marianne be- 
suchte ihn manchmal auf Burg Stein und war seine 
Berichterstatterin über die unerquicklichen Verhältnisse 
im restaurirten Kurhessen. Dass ihr erlauchtes Ge- 
schlecht in ihm im Mannsstamme erlosch, schnitt ihr 
ins Herz; ihn zu überleben, war ihr herbster Kummer. 
Nach dem Tode der Frau von Gilsa wurde sie 16. 
Aug. 1823 Äbtissin des Stifts Wallenstein, regierte 
musterhaft und starb in Homberg 7. Nov. 1831. 

Den andern Damen in Homberg, die man nach Mainz 
geschleppt hatte, waren ebenfalls harte Prüfungen be- 
schieden. Dalwigk's Schwester, der Gattin des Schwa- 
dronschef Wolf von Gudenberg, fiel nichts zur Schuld 
als die Übersendung eines rothen Bändchens, des Ab- 
zeichens der Insurgenten, an ihren Gatten; ihrer Kränk- 
lichkeit wegen kam sie bald frei. Gegen Sophie von 
Baumbach lag gar nichts vor, sie aber weigerte sich 
beharrlich, ihre Nichte Karoline, die Heldin der Insur- 
rection, zu verlassen, theilte ihr Gefängniss, erlag schon 
am 8. Mai 1809 den Sorgen und wurde in der Kirche 



284 

zu Sontra, dem Baumbach'schen Gute, beerdigt. Lange 
wandte sich Karoline vergebens an das Herz Jerömes, erst 
im Juni 1809 gelang es Vater und Oheim, sie für 12,000 
Francs auszulösen. Kurfürst Wilhelm I. erwies der 
Märtyrin nach seiner Restauration besondere Ehren, 
doch starb sie schon im Februar 1814 am Typhus, 
den sie sich bei der Pflege verwundeter preussbcher 
Soldaten in dem ihnen errichteten Lazarethe zu Sontra 
zugezogen hatte. Franziska Martin wurde bald ent- 
lassen, den Pfarrer von Felsberg sprach das Kriegsge- 
richt frei. Martin wurde nach langen Verhandlungen 
von Jerome in August 1811 begnadigt und Notar in 
Eschwege, die Brüder Wolff von Gudenberg stellten 
sich freiwillig und wurden im Aug. 1810 von einer 
Jury freigesprochen. Dalwigk und Ehrenfeld gelangten 
unter allerhand Abenteuern nach Prag zum Kurfürsten. 
Bei Wilhelm's I. Restauration 1813 lebte das 
Damenstift Wallenstein in Homberg von neuem auf, die 
Stiftsdamen kehrten in die alten Räume zurück; 1832 
in das stattliche Gebäude am Bonifaciusplatze zu Fulda 
verlegt, steht das freiadelige Stift heute unter der Leitung 
der Äbtissin Ida Freiin von Hammerstein. 

Anhang. 

Einiges über Martin. 

Von dem unglücklichen Treffen an der Knallhütte 
war Martin 1809 über Grossenritte und Immenhausen 
nach Halle geflüchtet und der patriotische Professor 
Henrik Steffens erzählt uns in »Was ich erlebte«, wie 
er ihn trotz Steckbriefen und trotz der auf seine Unter- 
stützung gesetzten Todesstrafe verborgen gehalten habe. 
Martin ging nach Berlin und schob im Oktober d. J. 
in seinen »Historischen Nachrichten über die hessische 
Insurrection« die Schuld daran, dass der Aufstand ge^ 



285 

scheitert sei, in gehässigster Weise auf den edlen Pörn- 
berg. Ihm lag alles an der Erlaubniss, nach H^s^en 
zurückkehren zu dürfen; deshalb schrieb er bereits am 
2. Sept. 1809 anonym an den westphälischen Gesandten 
in Berlin, Freiherrn von Linden: 

»Der, welcher an Sie diesen Brief zu richten die 
Ehre hat, war einer der Hauptarheber der am 22. April 
im Fulda- und Werra- Departement stattgehabten. Wirren. 
Seine Principien, nicht Habgier oder Ehrsucht, be- 
stimmten ihn, damals an Projekten theilzunehmen, die 
er für seinem Vaterlande nützlich hielt. Gezwungen, 
mein Vaterland zu verlassen, fuhr ich fort gegen die 
bestehende Ordnung zu kämpfen und mich an ver- 
schiedenen dagegen gerichteten Plänen zu betheiligen. 

Meine Erfahrungen, die seitdem gemachten Beob- 
achtungen, die mich über die Handlungsweise der dem 
französischen System entgegenstehenden Cabinete be- 
lehrten, rissen mir die Binde weg und - überzeugte» 
mich absolut, dass meine früheren Projekte nur dßn 
Ruin der Lande herbeiführen könnten und dass man 
bei dem gegenwärtigen Stand der Dinge deren Fortdauer 
für Deutschland wünschen muss. 

Mein Gesichtspunkt hat sich ebenso verändert wie 
meine Grundsätze, und da ich gewohnt bin, nach 
meiner Überzeugung zu handeln, so wünsche ich gegen- 
wärtig, Sr. Majestät dem König und meinem Vater- 
lande nützlich zu sein und nach besten Kräften dazu 
beizutragen, um es gegen die Leiden dex Insurrektion 
zu wahren. 

Ich darf wohl erwarten, dass Seine Majestät 
meinen Gesinnungen misstraut, bis ich Beweise ihrer 
Änderung geliefert habe. Glücklicher Weise erachte 
ich mich einigermassen dazu befähigt; meine Lage hat 
mich au fait verschiedener Beziehungen gesetzt, deren 
Kenntnissnahme für die Regierung von Interesse sein 



286 

kann, und ich kann vielleicht auch in Zukunft Dienste 
leisten. 

Will Eure Excellenz mir eine Audienz gewähren, 
so werde ich bemüht sein, mehr Details zu geben; in 
diesem Falle bitte ich, mir dazu die Erlaubniss in einem 
versiegelten Billete unter der Adresse des Sekretairs 
Reinbold zu ertheilen, welches ich in Ihrem Hotel ab- 
holen lasse. 

Ich kann Eure Excellenz versichern, dass nicht 
Habsucht meine Handlungen leitet, und bin wahrheits- 
liebend genug, Ihnen zu sagen: wäre ich noch von 
meinen ehemaligen Grundsätzen beseelt, so könnte 
nichts mich ihnen abtrünnig machen; eine totale 
Änderung meiner Überzeugung veranlasst mich, so zu 
handeln. 

Ich hoffe, in der Folge meine Ergebenheit an den 
König zu beweisen, das Vertrauen der Regierung wieder 
zu gewinnen, und Seine Majestät wird sich überzeugen, 
dass sie grössere Dienste von einem Mann erwarten 
kann, der alles, Vermögen und Familienbeziehungen 
seiner Überzeugung geopfert hat, der aber bei der 
Änderung seines Gesichtspunkts und seiner Grundsätze 
sich seinem Könige ganz hingibt, als von jenen Feig- 
lingen, die ihm von Anfang an Weihrauch streuten, 
um Stellen zu bekommen, und die sich ohne weiteres 
zu jeder Veränderung hergeben würden.« 

Nach Enthüllungen begierig, Hess Linden den 
Bittsteller sofort kommen; Martin trat ein, bat um 
Amnestie für die Vergangenheit und um Erlaubniss zur 
Heimkehr; Linden berichtet an den Minister-Staats- 
sekretair Grafen Fürstenstein in Cassel: »Martin er- 
klärte mir ohne Rückhalt, er habe mehr als ein Zweiter 
den Plan einer Revolution verfolgt und habe, vereint 
mit Dörnberg, gehofft, die Truppen könnten gewonnen 
werden: da dies Projekt total gescheitert sei, habe er 



ä87 

sich nach Böhmen geflüchtet, von wo er als Capitain 
im Generalstabe von Braunschweig-Oels nach Sachsen 
gekommen sei. Da er aber aus der Nähe sah, wie 
schlecht die Ressourcen der Feinde Frankreichs ver- 
wendet würden, und sich von der Unmöglichkeit völlig 
überzeugt hätte, auf diesem Wege zum Heile seines 
Vaterlandes beizutragen, so habe er den Dienst des 
Herzogs von Oels verlassen, sei einige Zeit in Schlesien 
umhergeirrt und seit drei Tagen unter falschem Namen 
in Berlin. Er wiederholte mir, das Vertrauen, das er bei 
seinen Landsleuten und mehreren auswärtigen Personen 
geniesse, erlaube ihm zu versprechen, er könne viel zur 
Erhaltung der Ruhe des Distrikts beitragen, in dem zu 
leben ihm gestattet würde, falls Seine Majestät ihm 
Verzeihung für seine Fehler gewähre und ihm Hoffnung 
auf eine zu seinem Unterhalte nöthige Stellung lasse. 
Er fügte noch hinzu, keine Erwägung hätte ihn zu 
dieser Sprache vermögen können, wenn nicht seine Ge- 
fühle sich wahrhaftig total verändert hätten.« 

Ich glaubte, dass es mir an demselben Tage, an 
dem es mir unmöglich gewesen, in Bezug auf ihn die 
Befehle meiner Regierung einzuholen, erlaubt sei, ihm 
eine Art Bedingung zu stellen, um zu irgend einem 
wichtigen Geheimnisse zu gelangen. Ich Hess ihn sehen, 
er müsse wohl fühlen, dass sein Benehmen die Ver- 
zeihung sehr erschwere und ich es nicht auf mich zu 
nehmen wage, seine Bitte zu Füssen des Thrones nieder- 
zulegen, wenn er mir nicht interessante Aufschlüsse 
liefere, so dass ich zum mindesten hinzufügen könnte, 
er habe thatsächlich versucht, einen Theil des von ihm 
verursachten Bösen wieder gut zu machen. Alles, was 
er mir sagte, um mich zufrieden zu stellen, war mir 
theils bekannt und wird es Eurer Excellenz ganz sein. 
Hier das Resultat: Der Plan war, das Flachland zu in- 
surgiren, sich Cassel zu nähern und derart Dörnberg 



288 

den Plan zu erleichtern, die Soldaten zur Meuterei zu 
bringen; man hoffte, sich der Hauptstadt und der Re- 
gierung zu bemächtigen; eine provisorische Regierung 
sollte errichtet werden; man wollte ein Heer schaffen 
und sowohl mit Gewalt wie auf dem Wege der üeber- 
redung die Nachbarstaaten revolutioniren. Als ich ihn 
über die Einverständnisse des ehemaligen Kurfürsten 
von Hessen befrug, versicherte er mir, derselbe unter- 
halte keine ; es habe selbst in jener Zeit kein Verkehr 
mit ihm bestanden, und der grösste Theil der Verschwo- 
renen niemals seine Rückkehr gewünscht. Er versicherte, 
Dörnberg habe nicht verstanden, den Soldatengeist zu 
bearbeiten, und erzählte, ein Versuch, der gemacht 
worden sei, um den Major Langenschwartz zu gewinnen, 
sei durch dessen dabei bewiesene Gesinnungen total 
missglückt. Dörnberg soll schon in Sachsen das Corps 
des Herzogs von Oels verlassen haben, um nach England 
zu gehen und eine Landung zu verabreden. Jetzt — 
sagt Martin — existire kein Gedanke mehr an eine 
Verbindung in Westphalen, und gebe es Individuen, 
die eine andere Ordnung der Dinge wünschen, so arbeite 
doch niemand dafür. Er versicherte mir, dass in Preussen 
die Association des Tugendbundes, zu der Schill und 
Dörnberg gehört, vernichtet sei und dass die Feinde 
der bestehenden Ordnung nichts mehr von Volksbe- 
wegungen erwarteten. Jedoch versicherte er, die durch 
die Leidenschaften erhitzten Gemüther hätten darum 
nicht auf ihre Projekte verzichtet; noch vor 14 Tagen 
habe der Kriegsminister Scharnhorst geschrieben, man 
könne jetzt hoffen, den König für den Krieg zu be- 
stimmen, falls letzterer wieder mit esterreich beginne ; 
zufolge dieses Briefs solle ein Offizier der Berliner Gar- 
nison nach Königsberg deputirt worden sein, um Scharn- 
horst zu versichern, nach wie vor sei der Ruf der 
Armee »Krieg und Rache«, die letzten Briefe aus Königs- 



289 

berg aber hätten diese Hoffnungen zerstört,, ob wähl 
König und Hof ebenso sehr wie das Heer deu Krieg 
wünschten. Im weiteren Verlaufe der Unterredung ver- 
sicherte Martin dem Gesandten: sobald Friedrich Wil- 
helm im Falle des Wiederbeginnes des oesterreichischien 
Krieges nicht zu den Waffen greife, würden njehrere 
Offiziere es sicherlich wie Schill machen; auch berichtete 
er, ein eben in Berlin befindlicher oesterneichischer Major 
Schepler (derselbe ging nach einer Depesche .Lind^ene 
vom 28. Okt. nach England) habe ihm vorgeschlagen, 
er solle seine Beziehungen in Hessen wieder anknüpfen 
und an Dörnbergs Stelle treten. Nochmals wiederholte 
Martin, es existire in Westphalen weder eine Waffen- 
niederlage noch Verbrüderung oder Correspondenz. Linden 
versprach, er wolle Martins Gesuch Fürstenstein mit- 
theilen, machte ihm aber keinerlei Verheissungen wegen 
Jerömes Entschliessung. Als Martin frug, ob Linden 
die Verhaftung solcher Verschworenen verlangen würde, 
deren Namen er erfahre, bejahte dies Linden, nahm aber 
die aus, die sich wie Martin selbst anzeigten; er ver- 
muthete, Martin habe weniger aus Furcht seinetwegen 
gefragt, als wegen anderer in Berlin Verborgener; ȟbri- 
gens«, setzt Linden hinzu, »wäre es sehr schwer. Jemanden 
verhaften zu lassen, denn man würde gewiss Mittel finden, 
selbst eine zugestandene Verhaftung zu vereiteln.« Am 
Schlüsse seines Berichts betonte Linden, die« Individuum 
könne nicht mehr gefährlich sein, es kehre wahrschein- 
lich nur aus Noth zur Pflicht zurück, könne aber, wenn 
der Krieg wieder beginne, von Nutzen werden, um die 
Projekte der Revolutionäre in Westphalen auszukund- 
schaften; überdies werfe der einem solchen Individuum 
gewährte Pardon immer Misstrauen in die ganze Faktion 
und jeder fürchte fortan im Mitverschworenen einen 
Spion. (Geheimes Staatsarchiv in Berlin. Rep. 71» Nr. 14. 
Bd. 2, Depesche Linden's an Fürstenstein, Berlin 4. 

N. F. XV. Bd 19 



290 

Sept. 1809.) Bereits am 12. Sept. meldete Linden 
Fürstenstein (ebenda) : Martin habe ihn wieder besucht 
und ihm verrathen, der Staaisrath Johannes von Müller 
und der Erbprinz Friedrich von Anhalt-Dessau hätten 
von den Absichten der Verschworenen gewusst. Aus 
Cassel fiel die Antwort für Martin sehr ungünstig aus ; 
er aber versprach Linden, er werde gelegentlich seinen 
Gesinnungswechsel schlagend bekunden, und erzählte: 
vor 3 Wochen habe man ihm vorgeschlagen, er solle 
im Falle des Wiederbeginns des Kriegs eine den frü- 
heren Insurrektionsplänen förderliche Reise in die Um- 
gebung von Frankfurt machen; und Linden drang in 
ihn, er möge sich doch mit dieser Aufgabe betrauen 
lassen, um so wichtige Entdeckungen zu machen, muthete 
ihm somit mit nackten Worten zu, als Spion zu dienen. 
(Depesche an Fürstenstein, 10. Oct. 1809, ebenda.) Die 
Verbannung drückte furchtbar auf Martin, der weit 
unentschlosseneren Charakters als seine Frau, Amalie, 
war; auf Linden's Rath stellte er sich selbst in Cassel, 
um seine Reue zu bezeugen, und da Linden an letztere 
glaubte, so empfahl er ihn Fürstenstein unter Beilegung 
eines herzzerreissenden Briefs von Amalie Martin vom 
8. März 1810 (ebenda Bd. 3). Martin wurde dem Cri- 
minalgericht des Fulda-Departements überwiesen, ent- 
hüllte diesem die ganze Verschwörung, nannte seine Mit- 
schuldigen und wurde trotzdem zum Tode verurtheilt, 
welche Entscheidung der Staatsrath bestätigte. Linden 
aber hatte ohne königliches Vorwissen Martin des Königs 
Verzeihung in Aussicht gestellt. Jerome durfte Martin 
nicht milder behandeln als die andern Führer der Er- 
hebung, kam darum durch Linden's Eigenmächtigkeit 
in grossen Conflikt und berief ihn an den Hof, um sich 
zu rechtfertigen ; der glatte Höfling entschuldigte sich 
damit, er habe als Privatmann etwas versprechen können, 
was ihm nicht möglich gewesen sei, als Minister zu thun, 



291 

und Jerome gab sich zufrieden. Bereits war Befehl 
zur Hinrichtung ertheilt, als am 23. Juli 1810 der 
Metropolitan, Martin's Tljähriger Vater, zwei seiner 
Töchter und der nahe verwandte Pfarrer Schnackenberg 
sich auf Napoleonshöhe Jerome zu Füssen warfen; da 
benutzte er den Anlass zu einem guten Effectes sicheren 
napoleonischen Grossmuthsakte und begnadigte Martin 
zu unbestimmter Gefängnisshaft. (Chiifrirte Depesche 
des preussischen bevollmächtigten Ministers von Küster 
an Friedrich Wilhelm III. vom 26. Juli 1810, Geheimes 
Staatsarchiv in Berlin. Hessen. Rep. I. Nr. 7.) Am 
Tage, da Madame-Mere Lätitia in Cassel einzog, 27. 
Aug. 1811, verwandelte Jdrome die Strafe Martinas in 
einjährige Haft. (Depesche des preussischen Gesandten 
Baron Senfft-Pilsach an seinen König, 2. Sept. 1811. 
Rep. I. Nr. 9, Bd. 2. Ebenda.) Als Notar in Eschwege 
von Jerome angestellt, erklärte Martin nach dem Eiu' 
zuge der verbündeten Truppen in Cassel am 1, Nov, 
1813 in öffentlichen Blättern, er widerrufe alles, was 
er in seinen »Historischen Nachrichten« gegen Dörnberg 
geäussert, und bedauere diese Publikation, zu der ihn 
Missverständnisse und falsche Ansichten verleitet hätten ; 
bald darauf erneuerte er in rücksichtsloser Weise seine 
Angriffe auf die hessischen Offiziere, die Jerome gedient 
hatten. 



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