(navigation image)
Home American Libraries | Canadian Libraries | Universal Library | Community Texts | Project Gutenberg | Children's Library | Biodiversity Heritage Library | Additional Collections
Search: Advanced Search
Anonymous User (login or join us)
Upload
See other formats

Full text of "Zeitschrift"

Google 



This is a digital copy of a book that was prcscrvod for gcncrations on library shclvcs bcforc it was carcfully scannod by Google as pari of a projcct 

to make the world's books discoverablc online. 

It has survived long enough for the Copyright to expire and the book to enter the public domain. A public domain book is one that was never subject 

to Copyright or whose legal Copyright term has expired. Whether a book is in the public domain may vary country to country. Public domain books 

are our gateways to the past, representing a wealth of history, cultuie and knowledge that's often difficult to discover. 

Marks, notations and other maiginalia present in the original volume will appear in this flle - a reminder of this book's long journcy from the 

publisher to a library and finally to you. 

Usage guidelines 

Google is proud to partner with libraries to digitize public domain materials and make them widely accessible. Public domain books belong to the 
public and we are merely their custodians. Nevertheless, this work is expensive, so in order to keep providing this resource, we have taken Steps to 
prcvcnt abuse by commcrcial parties, including placing technical restrictions on automatcd qucrying. 
We also ask that you: 

+ Make non-commercial use ofthefiles We designed Google Book Search for use by individuals, and we request that you use these files for 
personal, non-commercial purposes. 

+ Refrain from automated querying Do not send aulomated queries of any sort to Google's System: If you are conducting research on machinc 
translation, optical character recognition or other areas where access to a laige amount of text is helpful, please contact us. We encouragc the 
use of public domain materials for these purposes and may be able to help. 

+ Maintain attributionTht GoogX'S "watermark" you see on each flle is essential for informingpcoplcabout this projcct andhclping them lind 
additional materials through Google Book Search. Please do not remove it. 

+ Keep it legal Whatever your use, remember that you are lesponsible for ensuring that what you are doing is legal. Do not assume that just 
because we believe a book is in the public domain for users in the United States, that the work is also in the public domain for users in other 
countries. Whether a book is still in Copyright varies from country to country, and we can'l offer guidance on whether any speciflc use of 
any speciflc book is allowed. Please do not assume that a book's appearance in Google Book Search mcans it can bc used in any manner 
anywhere in the world. Copyright infringement liabili^ can be quite severe. 

Äbout Google Book Search 

Google's mission is to organizc the world's Information and to make it univcrsally accessible and uscful. Google Book Search hclps rcadcrs 
discover the world's books while hclping authors and publishers reach new audiences. You can search through the füll icxi of ihis book on the web 

at |http : //books . google . com/| 



Google 



IJber dieses Buch 

Dies ist ein digitales Exemplar eines Buches, das seit Generationen in den Realen der Bibliotheken aufbewahrt wurde, bevor es von Google im 
Rahmen eines Projekts, mit dem die Bücher dieser Welt online verfugbar gemacht werden sollen, sorgfältig gescannt wurde. 
Das Buch hat das Urheberrecht überdauert und kann nun öffentlich zugänglich gemacht werden. Ein öffentlich zugängliches Buch ist ein Buch, 
das niemals Urheberrechten unterlag oder bei dem die Schutzfrist des Urheberrechts abgelaufen ist. Ob ein Buch öffentlich zugänglich ist, kann 
von Land zu Land unterschiedlich sein. Öffentlich zugängliche Bücher sind unser Tor zur Vergangenheit und stellen ein geschichtliches, kulturelles 
und wissenschaftliches Vermögen dar, das häufig nur schwierig zu entdecken ist. 

Gebrauchsspuren, Anmerkungen und andere Randbemerkungen, die im Originalband enthalten sind, finden sich auch in dieser Datei - eine Erin- 
nerung an die lange Reise, die das Buch vom Verleger zu einer Bibliothek und weiter zu Ihnen hinter sich gebracht hat. 

Nu tzungsrichtlinien 

Google ist stolz, mit Bibliotheken in partnerschaftlicher Zusammenarbeit öffentlich zugängliches Material zu digitalisieren und einer breiten Masse 
zugänglich zu machen. Öffentlich zugängliche Bücher gehören der Öffentlichkeit, und wir sind nur ihre Hüter. Nie htsdesto trotz ist diese 
Arbeit kostspielig. Um diese Ressource weiterhin zur Verfügung stellen zu können, haben wir Schritte unternommen, um den Missbrauch durch 
kommerzielle Parteien zu veihindem. Dazu gehören technische Einschränkungen für automatisierte Abfragen. 
Wir bitten Sie um Einhaltung folgender Richtlinien: 

+ Nutzung der Dateien zu nichtkommerziellen Zwecken Wir haben Google Buchsuche für Endanwender konzipiert und möchten, dass Sie diese 
Dateien nur für persönliche, nichtkommerzielle Zwecke verwenden. 

+ Keine automatisierten Abfragen Senden Sie keine automatisierten Abfragen irgendwelcher Art an das Google-System. Wenn Sie Recherchen 
über maschinelle Übersetzung, optische Zeichenerkennung oder andere Bereiche durchführen, in denen der Zugang zu Text in großen Mengen 
nützlich ist, wenden Sie sich bitte an uns. Wir fördern die Nutzung des öffentlich zugänglichen Materials für diese Zwecke und können Ihnen 
unter Umständen helfen. 

+ Beibehaltung von Google-MarkenelementenDas "Wasserzeichen" von Google, das Sie in jeder Datei finden, ist wichtig zur Information über 
dieses Projekt und hilft den Anwendern weiteres Material über Google Buchsuche zu finden. Bitte entfernen Sie das Wasserzeichen nicht. 

+ Bewegen Sie sich innerhalb der Legalität Unabhängig von Ihrem Verwendungszweck müssen Sie sich Ihrer Verantwortung bewusst sein, 
sicherzustellen, dass Ihre Nutzung legal ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass ein Buch, das nach unserem Dafürhalten für Nutzer in den USA 
öffentlich zugänglich ist, auch fiir Nutzer in anderen Ländern öffentlich zugänglich ist. Ob ein Buch noch dem Urheberrecht unterliegt, ist 
von Land zu Land verschieden. Wir können keine Beratung leisten, ob eine bestimmte Nutzung eines bestimmten Buches gesetzlich zulässig 
ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass das Erscheinen eines Buchs in Google Buchsuche bedeutet, dass es in jeder Form und überall auf der 
Welt verwendet werden kann. Eine Urheberrechtsverletzung kann schwerwiegende Folgen haben. 

Über Google Buchsuche 

Das Ziel von Google besteht darin, die weltweiten Informationen zu organisieren und allgemein nutzbar und zugänglich zu machen. Google 
Buchsuche hilft Lesern dabei, die Bücher dieser We lt zu entdecken, und unterstützt Au toren und Verleger dabei, neue Zielgruppcn zu erreichen. 
Den gesamten Buchtext können Sie im Internet unter |http: //books . google .corül durchsuchen. 



3- 
/3 



UJ 



ZEITSCHRIFT 
ALLGEMEINE ERDKUNDE. 



MIT UNTERSTÜTZUNG ':: 
DER GESELLSCHAFT FÜR ERDKÜNDE Zu BERLIN 

DHD ONTEB BESONDEREB HITWIEKDNG 

H. BAUTE, H. W. IK)TX, 0. 0. EEBXNBESG, H. ZIEFEST, 
K. NEÜKAHH a bbbi^ ubd J. E. WAPPÄUS ih GömMesH 

HERAUSGEGEBEN 

Fro£ Dr. W. EOKER. 

NEUE FOLGE. DBEIZEHNTBR BAND. 
HIT V KAKTBN. 



BERLIN. 

TfiBLÄG TON DIETRICH BEIHER. 
1862. 



■ • . 



bkkm; 



\ 



I 



Inhalt des dreizehnten Bandes. 



L BsilDes Reise dmcli das eentnle Ansta&en. Voa Dr. Meinieke in 
PrenxiMi 1 

n. Dr. Angosk Petammn's ▼cmieiBlttche fläiranrettaie Da ChaaMs. 

V«L De. H. Barth 27 

HL Deber die Lsge Ton Baenppo in HiBiMwii* Baetica. V<m Dr. B. 

Hfibner in Berün 35 

IV. Bnef des Heim Moritz t. Benrmann an Hemi Dr. H. Baräi 44 

V. Faiagnaj. Von W. Koner. (ßierzo. eine Karte, Tal L) . • . 51 

VL Brief Dr. Darid LiTingfitone's an Dr. H. Bartik ..... 65 

YJL Bdse dnrdi die nördfidien Provinzen der Insel Lnzon. Von Dr. 

Carl Semper in Ifanila 81 

VllL Topographie nnd Statislak der persischen Tnrkmanen. Von Dr. 

med. et pluL J. C. Häntzsche in Dresden 97 

DL Die Entwicldnng der dänischen Handelsdistrikte in Südgronland in 
statistischer, administrativer und Knlturberiehnng. Nach Original- 
IGttheilimgen znsammengestellt von Anton von EtzeL (Schlols.) 104 

X. Beiseskizzen ans Neu -Granada. Von Pro£ H. Karsten. (Hierzu 

eine Karte, Ta£. H.) 123 

XI. Die Mnndnxiigen des Mississippi. Von J. G. Kohl 161 

Xn. Ueber die Beisen des fraBzösischen Archäologen W. H. Wadding- 
ton in Syrien, wiOirend der Jahre 1861 nnd 1862. MHgetheüt von 
Herrn Dr. Wetzstein 209 

XQL Znr Karte von Montenegro. Von W. Koner. (Hierzu eine Karte, 

Talin.) 217 

XIV. Land und Leute im russischen Amerika. Von H. Bitter . . . 241 

XV. Die Nordwesikuste von Neu- Guinea. Von Dr. Friedmann. • . 270 

XVI Die Gxasregetstion Bauens. Von Dr. Carl Bolle ....... 283 



401316 



IT Inhalt 

Bdte 

Srvn. Beisebriefe Carl Bitter's. Herausgegeben von W. Koner . . 304 

XVin. Dr. August Petermann nnd die Sehneeberge. Von Dr. H. Barth 342 

XIX. Brief des Herrn Morits v. Bear mann an Herrn Dr. EL Barth. 

(Hierzu eine Karte, Taf. IV.) 347 

XX. Einige Bemerkungen von Dr. H. Barth su Herrn y. Beurmann's 

Kartenskissen aus Fezsan und Barka. (Taf. IV.) 352 

XXI. Einige Bemerkungen über den gegenwärtigen Zustand der Neger- 

Bepnblik Liberia. Von Dr. H. Barth 393 

XXn. Neueste Vorfälle im indischen Archipel. Von Dr. Friedmann . 400 

XXm. lieber die Gröfse der Erdoberfläche. Vom Prof. J. Ph. Wolfers 413 

XXIV. Bir. Landsborough's Expedition vom Carpentaria-Gk>lf nach dem 
Darling-Biver in Australien. Von Dr. med. W. Both 415 

XXV. Zusammenstellung der in Indien vorkonmienden heifsen Quellen« Von 
Bob» ?. Schlagintweit •.»,•..... 419 

XXVJ. Brief 4es. Herrn Dr. JSteudner an Herrn Dr. H. Barth. ... 423 

XXVn. Genentl- Bericht ubor den Stand der mitteleuropäischen Gikdmes- 
sung xom Ende des Jahres 1862.. Vom Ge&.-Lieut z. D. J. J. 
Baeyer 429 



Miscellen und Literatur. 

Europa. 

Die Ueberreste der im Alterthum begonnenen Canalisirung des Isthmus 

Yon Korinth. Nebst Nachtrag 70. 379 

Die ehemaligen Verbindungen der Ostsee mit der Nordsee und dem 
Eismeere nach v. Maack, v. Bär, Lov^nu. A. Ueberbleibsel 
arktischer Arten lebend in den schwedischen Binnenseen . . . 149 
J. Hey berge r's topographische Specialkarte der Alpen Bayerns und 
Nordtyrols von der Zugspitze bis zum Kaisergebirge; und: An- 
sicht der Alpenkette auf der bayerischen Hochebene in München 
aufgenommen und gezeichnet von Q. v. Bezold, in Stahl gesto- 
chen von GullkurB. München 1862 150 

Ueber die Forschungen der Mitglieder der £coU fran^aise zu Athen 

im nördlichen Griechenland 230 

Bevölkerung der Schweiz nach der Zählung vom 10. December 1860 232 

Bevölkerungsstatistik von Tosoana vom Jahre 1861 235 

Alexander Ziegler, Der Rennsteig des Thüringer Waldes • . . 238 
n. Berlopsoh, Neuestes Reisebuch ftlr die Schweiz. Hüdburghau- 

•«n 1862 ^^^ 



I IH PW I , < W > Bi H |M 



Der Zvitaad des Fuchfirasea in Bu&laiid. Vcm Heim ▼. 01b erg • 360 

Statistik der christfiehen Berolkenuig Bosaiens 370 

Die BevÖIkemngsrerhiUiiisse der südUchen Proyinzen des EGnigreicl» 

Italien nach der Zililmig Tom 31. Deeember 18S9 372 

T. de Panly» DAeription eümographiqut de» ptMplu de Ja Buuk, 

St P^tersbonig 1862 381 

Theodor Fonrnier, Born nnd die Campagna. Neuer Fahrer für 

Bdsende. Leipng 1862 386 

PUmta iopogrqfica deUa dUa di Roma. Edix. IL Leipzig 1862 . . 450 

Boll, MeUenbnrgisGhe Landeskunde. Wismar 1862 447 

EntdeckoQg der Ruinen der Stadt Troesmis 441 

Afrika. 

Ans einem Briefe des Herrn Prot Mnnzinger In Bern an Herrn Dr. 

Barth, Tom 27. Juni 1862 69 

Nene Nachrichten über S. Vogel's Schicksal 140 

W. B. Baikie's Nachforschungen über die Kiristenx des Einhoraa • • 227 

Afrikanische lüscellen ron Herrn Dr. H. Barth 439 

Berölkemngsstatistik der Gap^Veidisehen Inseln in Jahre 1860 • • 442 



Asien. 

Die Eisenbahnen in British -Indien 223 

Der Ssungari-Fluls nach den Berichten des Herrn Mazimowies . 355 

Zustand des Unterrichtswesens in Persien • • 365 

Der Beisende Herr Dr. Bernstein 369 

Die neuesten Mönsen nnd liaaise China's • • 376 

Notis fiber nen anfgefondase assyrische Stadtcndnen. Von Prof. EL 

Petermann 380 

Hakodade aaf der insd Je«> 380 

Australien. 

Die Walder Australiens 147 

New South Wales 228 

Die dritte Durchkreuzung des australischen Festlandes durch ITKinlay 440^ 

Amerika. 

Zahl der Lenchtfeaer im Antillen -Meer und im Qcü ron Mexico . . 73 

Die Schwefelbäder nnd der Vnlcan von Ohillan ia Chile 368 



IT Inhalt 

Boit« 

XVn. Beisebriefe Carl Bitter*8. Herausgegeben von W. Eoner . . 304 

XVHI. Dr. August Petermann und die Schneeberge. Von Dr. H. Barth 342 

XK. Brief des Herrn Moritz v. Beurmann an Herrn Dr. H. Barth. 

(Hierzu eine Karte, Taf. IV.) 347 

XX. Einige Bemerkungen von Dr. H. Barth zu Herrn v. Beurmann's 

Kartenskizzen aus Fezzan und Barka. (Taf. IV.) 352 

XXI. Einige Bemerkungen über den gegenwärtigen Zustand der Neger- 

Bepublik Liberia. Von Dr. H. Barth 393 

XXn. Neueste Vorfalle im indischen Archipel. Von Dr. Friedmann . 400 

XXm. üeber die Gröfse der Erdoberfläche. Vom Prof! j. Ph. Wolfers 413 

XXIV. Mr. Landsborough's Expedition vom Carpentaria-Golf nach dem 
Darling-River in Australien. Von Dr. med. W. Both 415 

XXV. Zusammenstellung der in Indien vorkonmienden heifsen Quellen. Von 
Bob> V. Schlagintweit . ^ ........... , 419 

XXVJ. Brief 4es. Herrn Dr. JSteudner jm Herrn Dr. H. Barths . . . 423 

XXVn. Qeaeifil- Bericht über den Stand der mitteleuropäisich«i Ghidmes- 
sung Yom Ende des Jahres 1862.. Vom Gen.-Lieut z. D. J. J. 
Baeyer . •...,..,; 429 



Miscellen und Literatur. 



Europa. 



Die Ueberreste der im Alterthum begonnenen Canalisirung des Isthmus 

von Korinth. Nebst Nachtrag . 70. 379 

Die ehemaligen Verbindungen der Ostsee mit der Nordsee und dem 
Eismeere nach v. Maack, v. Bär, Lov^n u. A. Ueberbleibsel 
arktischer Alten lebend in den schwedischen Binnenseen . • . 149 

J. Hey berge r's topographische Specialkarte der Alpen Bayerns und 
Nordtyrols von der Zugspitze bis zum Kaisergebirge; und: An- 
sicht der Alpenkette auf der bayerischen Hochebene in München 
aufgenommen und gezeichnet von G. v. Bezold, in Stahl gesto- 
chen von Gnllkurz. München 1862 150 

Ueber die Forschungen der Mitglieder der £cok frangaise zu Athen 

im nördlichen Griechenland 230 

Bevölkerung der Schweiz nach der Zahlung vom 10. December 1860 232 

Bevölkerungsstatistik von Toscana vom Jahre I66I 235 

Alexander Ziegler, Der Rennsteig des Thüringer Waldes • . . 238 
H. Berlepsch, Neuestes Beisebuch für die Schweiz. Hildburghau- 

sön 1862 239 



Inlialt f 

8«lt9 

I Der Ziutand des Fbehfanges in BTiTsland. Von Herrn t. Olberg • 360 

Statistik der christlichen Bevölkernng Bosniens 370 

Die BevölkerangsTerhältnisse der südlichen Proyinsen des KSmigreiehs 

Italien nach der Zählung Tom 31. December 1859 372 

T. de Panlj, DAcription ethnographiq^u des peupks de la Bume, 

St P^ersbonrg 1862 381 

Theodor Fonrnier, Rom nnd die Campagna. Neuer Führer für 

Beisende. Leipzig 1862 386 

Planta topogrqfica deUa cUta di Roma, Edis. IL Leipsig 1862 . . 460 

Boll, Meklenbnrgische Landeskunde. Wismar 1862 447 

Entdeckung der Ruinen der Stadt Troesmis 441 

Afrika. 

Aus einem Briefe des Herrn Prot Munzinger in Bern an Herrn Dr. 

Barth, yom 27. Juni 1862 68 

Neue Nachrichten über £. Vogel's Schicksal 140 

W. B. Baikie's Nachforschungen über die Ezisteni des Einhorns • • 227 

I Afrik a ni sche Miscellen von Herrn Dr. H. Barth 439 

Bevölkerungsststistik der Cap*VerdUchMi Inseln im Jahre 1860 • . 442 

I 

Asien. 

Die Eisenbahnen in British -Indien 223 

Der Ssungari-FIufs nach den Berichten des Herrn Maximowies . 355 

Zustand des Unterrichtswesens in Persien 365 

Der Beisende Herr Dr. Bernstein 369 

Die neuesten Münsen nnd Maafse China's ; • . • • 376 

Notiz über nen aufgeftmdose assyrische StiUlteruinen. Von Prof. H. 

Petermann 380 

Hakodade aaf der insd Jezo • • . 380 

Australien. 

. Die Wälder Australiens 147 

New South Wales 228 

Die dritte Durchkreuzung des aostralischen Festlandes durch M'Eialaj 440- 

Amerika. 

• Zahl der Leuchtfeuer im Antillen -Meer und im Golf ron Mexico . . 73 

Die Schwefelbäder und der Vulcan von Chillan in Chile 368 



tl Inhalt 

Salzquellen in den Thälem des AUeghany and Eeskeminetas . . . 371 

Max Moritz' Wel 8 hofer, Die Repablik Mexico. Historische nnd 
• • sociale Betrachtungen übet das Land tind seine Bewohner. ' Leip- 

rig 1862 388 

Zur Karte des Staates Fuebla. Von W. Kon er . . . . . '. . 435 

Miscellön und Literatur alTgemeineren Inhalts. 

Lehrbuch der Geographie für höhere Lehranstalten; insbesondere Mili- 
tärschulen, wie zur Selbstbelehrung denkender Freunde der Erd- 
kunde von Dr. Moritz V. Kalkstein. Berlin 1862 .... 73 

Erster Jahresbericht des Vereins von Freunden für Erdkunde zu Leipzig 449 

Geographische Preisfrage 'gestellt vom Verein von Freunden der Erd- 
kunde zu Leipzig 446 

Die Amazonen 444 



« • 



tJeberdSchl der voAi Juli bis zum Dezember' 1862 iaüf dem Gebiete der 
' Geographie erschienenen Werke , Aufisätse, Karten und Pläne. Von 
: - W. Koner .......;««...»...«.. 453 



* * k 



Sittang der geographischen GeseDsebaft m Bertin vom 14^ Juni 1862 • 76 

5. Juli - . 78 

2. August - . 158 

4. October - • 389 

" :...".. . " . . ■ - - 15. Novbr. - . 391 

*-'-.*- ' . ' ' - - -13. Decbr. - - 451 



Karten» 

Tftf« I.. Der .Staat Pangaay mit Angabe der neueren Niederlassungen nnd Grenz- 
erweiterangen vonugUch nach Alfred dn Gratj, aatographirt . von H. 
K>epei:t. 

Talllt Anfhahmen im. Hochlande von NeufGcanada nach Zeichnungen von A. 
Codazzi. Mitgetheilt von H. Karsten. 

Taf. in. Das Fürstenthum Zmagora oder Montenegro, gezeichnet von H. Kle 
pert Maafsstab 1 : 500,000. 

Taf. IV. Skizzen aus Fezzan und Barka eingesandt von Herrn v. Beurmann, 
'• mltgethöilt voÄ H. Barth. 

1*af. V. D6r Mexicanische Staat Pu'ebla. Vollständige Reduction der Onginal- 
Aufnahme vom Baron Ferdinand von Heldreich. Bedigirt von H. Kie- 
pert Maafsstab 1 : 500,000. 



m 



I ■ . . - ... I 



I. 

Burkes Reise durch das centrale Australien. 

Von Herrn Dr. Meinicke in Prenzlaa. 



jfjLls ich im yergangenen Jahr in dieser Zeitschrift *) zasammenstellte, 
■was über den ersten Theil der Unternehmung des unerschrockenen 
B. H. Burke, der es sich vorgesetzt hatte, den australischen Conti- 
nent bis zur Nordküste zu durchneiden, bis zu seinem Aufbruch von 
dem Depot am untern Barku bekannt geworden war, mufste ich damit 
schliefsen, dafs, nachdem sein Gefahrte Brahe in dem Depot seine 
Rückkehr ohne Erfolg abgewartet hatte bis er selbst sich zurückzu- 
ziehen genöthigt sah, es nicht zu bezweifeln sei, dafs Burke im In- 
nern umgekommen sein werde, dafs er aber auch bis in weite Fernen 
vorgedrungen sein müsse'). Höchstens konnte man hoffen, dafs in 
Zukunft ein glücklicher Zufall seine Gebeine, wie vielleicht noch ein- 
mal die des nun schon seit 14 Jahren verschollenen Leichhardt, 
zum Vorschein bringen werde. Um so überraschender ist die Kunde 
gekommen, dafs man schon nach einem Jahre über das Schicksal 
dieser Unternehmung zuverlässige Berichte erhalten, die Leichen der 
unglücklichen Entdecker aufgefunden hat. 

Wie ich bereits früher erwähnt habe '), war gleich nach Eingang 
der letzten Nachrichten über Burkes Aufbruch vom Barku gegen den 
Norden von Melbourne aus eine neue Expedition beschlossen, um den 
Spuren des Reisenden zu folgen; sie war unter Howitts Leitung im 
Juli des vei^angenen Jahrs auf demselben Wege aufgebrochen, den 
auch Burke eingeschlagen hatte. 



») Zeitschr. f. aUgem. Erdk. N. F. Tbl. XI. S. 280 ff. 
») Ztschr. f. allg. Erdk. N. F. Tbl. XI. S. 284. 
«) Ztschr. f. allgem. Erdk. N. F. Thl. XI. S. 284. 

Zeitschr. f. allg. Erdk. Nene Folge. Bd. XIII. 



2 Meinicke: 

Schon im October kam Howitts erster Beriebt in Melbomne an, 
der alles bier in Erstaunen und Bestürzung versetzte; Burke hatte 
seinen Pl^n, den Continent zu durchschneiden, ausgeführt und die 
Nordküste am Karpentariagolf erreicht, er war darauf zu dem Depot 
am Barku zurückgekehrt, dann aber in Folge von Mifsverstandnissen 
und unglückseligen Zufälligkeiten einem traurigen Geschick erlegen, 
auf die jammervollste Weise mit fast allen seinen Genossen umge- 
kommen I Howitt war seinem Berichte zafolge ohne Schwierigkeiten 
bis Menindie am Darling gelangt, einer Station, die, wie man jetzt 
weifs, an demselben Punkte liegt, wo auch Sturt das Thal des Dar- 
ling verlassen hatte '), um gegen Norden vorzudringen; von da war 
er, durch feuchtes Wetter begünstigt, ohne grofse Hindemisse fast auf 
demselben Wege, den Burke so glücklich wie er zurückgelegt hatte, 
während Wright etwa 6 Monate später auf ihm mit den Seinen wegen 
Mangels an Wasser und Futter fast umgekommen war, bis zum Flusse 
Poria ') gekommen, der, wie es scheint, niemals versiegendes Wasser 
hat und selbst jetzt unter günstigen Umständen bis zu dem 180 Meilen 
fernen Bach Nuntherungee (bei Wright Nandaninge) der einzige Punkt 
war, der den Beisenden zuverlässig Wasser darbot; von da hatte er 
sich auf geradem Wege zum unteren Barku begeben. Hier stiefs er 
gleich nach seiner Ankunft im September auf Eingeborne, deren Ge^ 
berden seine Aufmerksamkeit erregten; in ihrer Gesellschaft fand er 
einen gewissen King, den einzigen von Burkes Gefährten, der dem 
Verderben entgangen, aber trotz der Sorge der Ureinwohner für ihn 
im Zustande der äufsersten Schwäche war, und durch diesen wurde er 
später dahin gefuhrt, wo die Leichen von Burke und Wills (der 
vierte der Reisenden, Gray, war schon kurz vor ihrer Bückkehr am 
untern Barku gestorben), unberührt von den Schwarzen lagen. Nach- 
dem diese bestattet und die Eingebornen für die King bewiesene 
Freundlichkeit durch Geschenke belohnt waren, kehrte Howitt zum 
Poria zurück, von wo aus er jenen Bericht durch seinen Gefährten 
Brahe nach Melbourne voraussandte. 

Aus den Aussagen dieses King lernen wir nun die traurigen Er- 
eignisse kennen, die den Untergang Burkes und seiner Gefährten her- 
beigeführt haben. Burke hatte, nachdem er sich von Brahe im De- 
zember 1860 getrennt hatte, seinen Plan glücklich ausgeführt und war 
bis an die Ufer des Karpentariagolfs vorgedrungen; von da kehrte er 



*) Bei Randal (Journal of the Geogr, Soc. of London j Vol. XXXI, p. 146) 
heifst sie Minindeche. 

*) Dieser Flufs (Purria bei Wright) ist ohne Zweifel derselbe, dessen Namen 
Burke, der ihn höher entdeckt und überschritten hat, Bulla nennt. 



Burke's Reise darefa das centrale Australien. 3 

auf demselben Wege zurück und erreichte am 21. April 1861 gegen 
Abend mit zwei Eameelen, den einzigen, die auf der Reise erbalten 
geblieben waren, und fast ohne Lebensmittel das Depot, in wel- 
chem er Brahe zu finden hoffte. Es ist ein wahrhaft tragisches Yer- 
hangnifs, dafs dieser an demselben Morgen das Depot yerlassen hatte! 
Die Reisenden waren allerdings darch die entsetzlichen Beschwerden, 
die sie ausgestanden hatten, wie durch den Mangel namentlich an ve- 
getabilen Speisen sehr angegriffen'); allein sie erholten sich durch 
die Ton Brahe zurückgelassenen Nahrungsmittel schnell, und Wills und 
King waren der Ansicht, nun den Abgezogenen zu folgen, eine Maafs- 
regel, wodurch Sie vielleicht gerettet worden wären. Aber Burke 
schlug ihnen vor, lieber am Barku abwärts zu gehen — und auf dem. 
bereits von Gregory erforschten Wege die Hirtenstationen von Sud- 
australien zu erreichen, deren nächste am Mount Hopelefs höchstens 
150 Meilen entfernt sein könne, und es gelang ihm, sie zu bereden, 
ihm zu seinem und ihrem Verderben zu folgen. 

Nachdem sie sich einige Tage erholt hatten, brachen sie auf; an 
Stelle der von Brahe vergrabenen Lebensmittel liefs Burke einen Brief 
zurück, in welchem er von seinen Plänen Kunde gab; aber gleich als 
ob die Unglücklichen dem Yerderben nicht hätten entgehen sollen, 
imterüefsen es Brahe und Wright, als sie vor der Rückkehr nach 
Menindie noch einmal das Depot besuchten '), das Vergrabene nach- 
zusehen, und blieben so ohne alle Kunde von der Rückkehr ihres Füh- 
rers und über den von ihm eingeschlagenen Weg. 

Vom Depot ging dieser nun in sehr kurzen Tagemärschen (zu 
4 bis 5 Meilen) das Thal des Barku abwärts, von Eingebomen, denen 
er begegnete, mit Fischen beschenkt, bis der Umstand, dafs das eine 
der Kameele in einen Sumpf versank, die Reisenden zu einem Auf- 
enthalt nöthigte; denn da sie sich zu schwach fühlten, das Thier 
herauszuziehen, mufsten sie es tödten und trockneten von dem Fleisch, 
soviel sie konnten, als Vorrath für die fernere Reise, für die sie ihr 
letztes Kameel beluden, und jeder übernahm dazu selbst noch eine 
Last von 25 Pfund. — Noch viel schlimmer aber erwies es sich, 
daüs sie in dem Theile des FluTsbettes, wo es sich vor seiner Mün- 
dung in das Bett des Torrenssees gegen Süden wendet, den Haupt- 



') Wills Bagt in seinem Tagebuch: ihre Beine seien bei der Ankunft am Barku 
80 gelähmt (paralyzed) gewesen, dafs sie kaum einige Ellen weit gehen konnten; 
die Anstrengung, selbst ohne Last einige Schritte weit aufwärts zu steigen, habe 
ihnen ein unbeschreibliches Gefühl der Schwäche und Hülflosigkeit verursacht und 
die gänzliche Ermattung sie zu allem unfähig gemacht. 

2) S. diese Zeitschrift N. F. Th. XI, S. 284. 



4 Meinickie: 

kanal des Flasses verloren und in die von ihm ausgehenden Arme 
geriethen, die ausgetrocknet sich in Ebenen verloren, wo sich ihr 
Wasser nach anhaltendem Regen ohne Bett über den Boden verbreitet. 
Da sich der eigentliche Kanal itotz allen Suchens nicht w^iederfand, 
das Kameel aber ganz erschöpft war, beschlossen sie ihm einige Tage 
lang Erholung zu gönnen, um einen neuen Versuch zu machen, gegen 
Süden vorzudringen ; diese Zeit benutzte Burke, um einen in der Nähe 
lagernden Stamm von Eingebornen aufzusuchen und von ihm zu er- 
fahren, welches die Pflanze sei, aus deren Samen sie eine Art Mehl 
bereiten, das sie Nardu nennen*). 

Die freundlichen Eingeborenen schenkten ihm Fische und Nardu- 
kuchen, soviel er wollte, allein seine Forderungen ihnen deutlich zu 
machen, scheint ihm nicht gelungen zu sein. Bei seiner Bückkehr 
fiand er das letzte Kameel in einem Zustande, dafs nichts übrig blieb, 
als CS ebenfalls zu tödten und das Fleisch so gut als möglich zu 
ihrer eigenen Erhaltung zu benutzen. Statt nun aber sogleich, da sie 
noch nicht ganz entkräftet waren, die Reise fortzusetzen, hielten sie 
sich leider noch eine Reihe von Tagen in der Gegend auf, ohne Er- 
folg bemüht, die indessen längst fortgezogenen Eingebomen wieder 
aufzufinden ; erst als sie merkten, dafs sie darüber ihre letzten Lebens- 
mittel nutzlos aufzehrten, brachen sie, jeder mit 30 Pfund Lebens- 
mitteln, Munition u. s.w. und einigem Wasser beladen, gegen Süden 
auf. Dafs sie bald darauf in einer Niederung zufällig die Nardu- 
pflanze entdeckten, steigerte ihre Hoffnungen, allein sie hatten doch 
die Ünwirthlichkeit der Einöden, in welche ihr Weg sie führte, nicht 
gekannt oder ihre Kräfte überschätzt. Nach drei Tagen stiefsen sie 
auf ein trocknes Wasserbett, das sie für einen Arm des Barku hielten'), 
das sich aber gleich den früheren in einer Ebene verlor; vor ihnen 
lagen wasserlose Sandhügel, in denen sie einen ganzen Tag lang fort- 
zogen, ohne einen Tropfen Wasser zu finden; sie beschlossen nun 
noch einen Tag die Reise fortzusetzen, als sich aber auch da noch 
kein Wasser fand, nöthigte sie dies, obschon sie nach Wills Ansicht 
bereits 45 Meilen zurückgelegt, nachdem sie den Barku verlassen, zur 
Rückkehr, und erst nach zwei langen und angestrengten Tagemärschen 
stiefsen sie auf Wasser. Ein weiterer Tagemarsch brachte sie zum 
Barku selbst, der dort schönes Wasser hatte, und hier beabsichtigten 
sie sich zu erholen, die von ihnen für den Nothfall vergrabenen Le- 
bensmittel herbeizuschaffen und möglichst viel Nardu zu einem neuen 



*) Es ist eine Art Marsilea. 

') King sagt: a Watercourse Coming south (?) from Cooperscreek. 



Barke's Reise durch das centrale Anstralien. 5 

Versuch zu. sammeln, um Mount Hopelefs zu erreichen. Zugleich sandte 
Burke seinen Glefahrten WiUs nach dem Depot, nm ein nenes Schreiben, 
in dem er den etwa dahinkommenden Europäern davon Kunde gab, 
dafs er noch immer im Thale des Flusses sich befinde, zugleich mit 
den Tagebüchern der Reisenden dort zu vergraben. In acht Tagen 
hoffte Wills zurückgekehrt zu sein. 

Wenige Tage darauf stellten sich bei den beiden Zurückgeblie- 
benen, die ihren Aufenthalt in einigen verlassenen Hütten genommen 
hatten, Eingeborne ein, um in den Wasserlochern zu fischen, und 
zeigten sich anfangs äufserst freundlich und gefällig, indem sie die 
Fremden mit Fischen versorgten. Aber die Hülflosigkeit derselben 
machte sie bald kühn und zudringlich, es kam zu Diebstählen, und 
Burke sah sich genöthigt, sie durch seine Waffen im Zaum zu halten 
und zu verscheuchen. Bald danach kehrte Wills zurück ; er hatte auf 
dem Hin- und Herwege bei einem ganz in ihrer Nähe lagernden 
Stamme eine sehr freundliche und gastfreie Aufnahme gefunden; dies 
bewog ihn, sie zu besuchen und bis zu ihrem Abzüge das Flufsthal 
aufwärts bestand mit ihnen das beste Vernehmen. Da nun zugleich 
ein Brand die Hütten, in denen sie lebten, und damit bis auf die 
Feuergewehre alle ihre Sachen vernichtet hatte, so drang Wills Vor- 
schlag durch, den Versuch, nach Süden vorzudringen, ganz aufzugeben, 
den freundlichen Eingebornen zu folgen und bei ihnen und durch ihre 
Unterstützung so lange zu leben , bis Hülfe käme. — Allein sie fan- 
den sie an dem Orte nicht, wo sie es gehofft hatten ; dies nöthigte sie, 
einstweilen an einem Platze zu verweilen , der soviel Nardu darbot^ 
dafs sie davon sich erhalten konnten. 

Indessen schwanden ihre Kräfte schnell dahin ; in Kurzem wurde 
WiUs unfähig, sich zu bewegen, auch Burke war bald aufser Stande, 
die Nardufrüchte zu zerstofsen; nur King allein blieb noch kräftig 
genug, für alle zu sorgen; da sich aber voraussehen liefs, dafs auch 
das aufhören, und sie dann dem Hungertode verfallen sein würden, 
beschlossen sie eine letzte Anstrengung zu versuchen, die Eingebornen 
wieder aufzufinden. 

Nachdem Burke und King nun möglichst viel Nardu gesammelt 
hatten, liefsen sie für Wills, der ihnen zu folgen aufser Stande war, 
einen hinreichenden Vorrath davon für acht Tage mit Wasser und 
Brennholz zurück und zogen das Flufsthal aufwärts den Eingebomen 
nach. Aber es zeigte sich bald, dafs Burke seine Kräfte überschätzt 
hatte; schon am zweiten Tage fühlte er sich aufser Stande weiter zu 
gehen, King bereitete ihre Nahrung und ein Lager; am Morgen darauf 
starb er, wahrscheinlich im Juni oder Juli an Schwäche und Er- 
schöpfung. Nach dem letzten Wunsche, den er seinem Gefährten mit- 



ß Meinicket 

getheilt hatte, blieb er nnbegraben, eine Pistole*) ia der Reehtea, 
liegen; Bp&ter bedeckten die Eingebornen, als King sie hingefKlirt 
katte, die Leiche mit Zweigen. 

King folgte nan dem Flafsthal aufwärts die Eingebornen sa 
Buchen. Er traf sie nicht, allein zwei Tage später in einer Hütte 
einen von ihnen zurückgelassenen Sack mit Nardu, von dem er sich 
sowie von erlegten Krähen ernährte. Nachdem er sich hier einige Tage 
erholt hatte, kehrte er zu Wills zurück , den er todt in der Hütte lie- 
gend fand| die Eingebornen waren schon vor ihm da gewesen und 
hatten manches ihm Gehörige mit fortgenommen. Ihrer Spur folgte 
nun King das Flufsthal abwärts und wurde gastfrei von ihnen aufge- 
nommen; sie lieferten ihm Fische und Nardu und bereiteten die von 
ihm erlegten Vögel zu. Freilich wurde seine Anwesenheit ihnen bald 
lästig, allein dennoch verliefs er sie nicht und wufste durch seine Be- 
reitwilligkeit, Vögel für sie zu schiefsen, und durch die glücklich ge* 
lungene Heilung einer Frau sie endlich so zu gewinnen, dafs sie ihn 
mit einer Freundlichkeit und Herzlichkeit behandelten, wie man sie 
von einem so rohen, argwöhnischen und unstäten Volksstamm kaum 
erwarten sollte. In dieser Lage befand sich King, als ihn Howitt 
im September auffand. 

Dies ist die Kunde von dem Untergange Burkes und seines Ge- 
fährten Wills, wie sie sich aus dem einfachen und kunstlosen Be<- 
richte Kings ergiebt. Sie hat in den australischen Colonien tiefen Ein- 
druck gemacht, und die öffentliche Meinung, welche früher sich keines<» 
wegs günstig für Burke zeigte, hat sich ganz geändert, sein tragisehee 
Geschick hat versöhnend gewirkt und ihm die liebe seiner Mitbürger ge* 
Wonnen ; ein Denkmal soll ihm in Melbourne errichtet werden. Dagegen 
sprechen sich die Zeitungen der Colonieen jetzt sehr bitter und tadelnd 
über Brahe und Wright aus und schreiben dem übereilten und zu früh 
angetretenen Rückzage dieser Männer zu, dafs Burke umgekommen 
ist, indem sie freilich, wie es mir scheint, aus den Erfolgen die Schuld 
entnehmen und ebensowenig gerecht und unbefangen über diese Män- 
ner, wie früher über Burke, urtheilen. 

Wenden wir uns nun zu der Unternehmung, welche Burke vom 
December 1860 bis zum April 1861 ausgeführt hat, und die für die 
Wissenschaft bei weitem der wichtigste und interessanteste Theil seiner 
ganzen Reise ist Leider sind wir aber darüber nicht so gut unter-r 
richtet, als es zu wünschen wäre. 

Wie ich schon erwähnte, hat Burke die Tagebücher durch Wllla 



') In dem Bericht bei Herrn Petermann wie in anderen dentsehen Zeitschriften, 
di9 von diesen Ereignissen handeln, ist die Pistole eh einem RoYolver geworden. 



Borke's Beise dtmdi das eentnJe Anstralieii. 7 

bei dem Depot vergraben lassen; das mnfs niebt ganz volbsogen Sem, 
denn als er kurz top seinem Tode die Eingebornen anfznsaeben be- 
schlofs, vergrab er bei der Hütte, in der er den sterbenden Wills za- 
rfickliefs, den Rest derselben. Howitt hat natürlich die gröfste Mühe 
angewandt, alles, was davon erhalten war, zu retten, und so sind 
diese werthvoUsten Beweise der Thätigkeit und Ausdauer der Ent- 
decker nach Melbourne an den Erforschungsausschafs (^Exploration 
Commttee) der Königlichen Societat gelangt, welche sie entziffern und 
in einer öffentlichen Sitzung am 6. November hat vortragen lassen; 
sie sind darauf als Beilagen zu dem Protokoll über diese Sitzung in 
den grofsen australischen Zeitungen abgedruckt und liegen mir in der 
Nummer des Adelaide Observer vom 16. November vor. 

Diese Ueberreste bestehen zunächst aus einer seitdem von de Cruchy 
und Leigh in Melbourne herausgegebenen Eiartenskizze, die sich ohne 
Zweifel unter den von Howitt aufgefundenen Materialien befunden 
hat*), und die bereits in dem zweiten Heft des diesjährigen Bandes 
der Mittheilungen über wichtige neue Erforschungen auf dem Gebiet 
der Geographie von Herrn Petermann mitgetheilt ist, bei welcher Ge- 
legenheit der Herausgeber dieser Zeitschrift seine gegründeten Be- 
denken gegen die Richtigkeit der Darstellung nicht verhehlt hat*), 
nächstdem aus den von Howitt aufgefundenen Bruchstüchen der Tage- 
bücher von Wills und Burke. Herr Petermann hat diese letzten 
Actenstücke (und zugleich mit ihnen Kings Bericht) in den erwähnten 
Aufsatz der Mittheilungen ') vollständig aufgenommen;, er hat sie einer 
Uebersetzung entlehnt, die sich in der deutschen Zeitschrift Germania, 
welche in Australien erscheint, findet; es ist aber sehr zu bedauern, 
dafs das weniger eine Uebersetzung als vielmehr ein Auszug ist, in 
dem nicht eben selten das Wichtigste übergangen ist, und der noch 
obendrein von Fehlem wimmelt. 

Die erhaltenen Tagebücher sind von Wills und Burke abgefafst 
und von dem Erforschungsausschufs das erste dem Dr. Fr. Müller, dem 
bekannten Botaniker, das andere einem gewissen Archer zur Entziffe- 
rung übergeben. Der erste bemerkt ausdrücklich, er habe alles ab- 
geschrieben, was sich vorgefunden, und nur selten zufällig ausgelassene 
Wörter und botanische Namen in Ellammem beigefügt; es sei nichts 



') Denn der Zusatz auf dem Titel: compiUd from tkeir (Burke and Wills) 
Diaries ist eine grandlose Behauptung. 

') Ebendaselbst Seite 6G. Sie lassen sich übrigens noch sehr vermehren 
durch die Vergleichung mit Wills Tagebuch, das nicht selten ganz von der Karte 
abweicht. 

3) Seite 73 ff. 



8 Meinicke: 

weiter gerettet mit Aasschlufs von einigen meteorologischen Noten, 
denen noch einige allgemeine Bemerkungen über das durchreiste Land 
beigefugt seien. — Was von Burke's Tagebuch erhalten ist, besteht 
aus wenigen sehr dürftigen und nnzusammenhängenden Bemerkungen, 
die schwer lesbar in einem gewohnlichen, in sehr verstümmeltem Zu- 
stande sich befindenden Notizbuche stehen. Das bei weitem Wich- 
tigste ist Wüls ausführliche Darstellung der Unternehmung; um so 
mehr ist es zu beklagen, dafs sich nur Ueberreste davon vorgefunden 
haben, denn es ist nichts weiter erhalten als der Bericht über die 
Tage vom 16, bis 26., vom 30. December 1860, vom 5. bis 13., vom 
19., 27. und 30. Januar und von einem Sonntag (ohne Zweifel dem 
20.) des Februars, endlich ein oberflächlicher Bericht über die ganze 
Rückreise vom 19. Februar bis zum 21. April. 

Ich will im Folgenden versuchen, aus diesen Bruchstücken und 
der Kartenskizze eine Uebersicht über die ganze Unternehmung zu 
geben, die mindestens zu einigen interessanten Resultaten führen wird. 

Am 16. December 1860 verliefs Burke mit seinen drei Begleitern, 
sechs Eameelen und einem Pferde das Depot am Barku, in welchem 
Brahe zurückblieb, und das ungefähr in 26*» 36' Breite und 141« 3' 
östl. Länge liegt, um den von Sturt 1845 im Nordwesten davon ent- 
deckten Eyrecreek aufzusuchen. Der Weg führte sie im Thal des 
Barku abwärts, sie lagerten da, wo dieser Flufs zwischen den sein 
Thal umschliefsenden Sandsteinketten in eine offene Ebene hinaus- 
tritt; bis dahin sind die Ufer rauh und steinig, der fruchtbare Boden 
der Niederung jedoch nicht arm an Gras. Ein grofser Stamm der 
Eingebomen folgte den Reisenden auffallend zudringUch und lästig, 
allein, obschon körperlich wohl gebildet, doch feig und unkriegerisch; 
sie führten wenig Waffen aufser denen, die sie zum Erlegen der Thiere 
brauchen. Am folgenden Tage folgte Burke dem Barku durch die of- 
fene Ebene, sein Lauf war hier sehr gekrümmt, das Bett grölsten- 
theils trocken, doch enthielt es häufig grofse, schöne, mit Wasser- 
vögeln aller Art bedeckte Teiche. Der Boden der das Bett begrän- 
zenden Ebene war leicht, doch anscheinend nicht unfruchtbar, mit 
Gras und dünnstehenden Bäumen bedeckt, dabei weniger zerklüftet, 
als höher am Flusse, das Reisen daher bequemer. Wie aber die Karte 
zeigt, hatten die Reisenden hier bereits das Thal des Barku verlassen, 
dessen Hauptkanal sich in dieser Gegend nach Süden auf den Tor- 
renssee zuwendet, und waren (ganz wie es in derselben Gegend Sturt 
ergangen war), ohne es zu ahnen, in das Thal eines Armes gekommen, 
der hier in den Flufs mündet, und an dem sie lagerten. Dem san- 
digen Bett desselben folgten sie am folgenden Tage (dem 18. Decem- 
ber) zuerst gegen Westnordwest 12 Meilen lang, dann gegen Nord- 



Bnrke's Reise durch das centrale Australien. 9 

Westen; um Mittag, als sie das letzte Wasserloch passirt hatten, kamen 
sie in eine grofse, mit Folygonum') und hohen dichten Bäumen be- 
deckte Ebene, welche der Bach zu durchschneiden schien, aber sie 
fanden, nachdem sie die Ebene durchzogen hatten, nichts weiter von 
einem Flufsbett und kehrten daher zu dem letzten, sehr breiten, allein 
seichten Teiche zurück, bei dem sie das Lager aufschlugen. Das 
Wasser des Teiches war natürlich überaus warm, es besafs an be- 
schatteten Stellen eine Temperatur von 97,4® F. (29* R.)» allein in 
Schläuche gefüllt, wurde es bald kühler, selbst sehr angenehm zu trin- 
ken, ob es gleich immer noch eine Temperatur von 78* F. (20,4* R.) 
besafs; als gegen Abend ein kühler starker Südwind sich erhob, der 
sie bis auf 72* F. (17,8® R.) herabdrückte, erschien das Wasser den 
Trinkenden f5rmlich kalt. 

Am 19. December verliefs Burke das Lager an dem Bache, den 
er für das Ende des Barku hielt; er glaubte nämlich, dafs der Flufs 
sich hier gleich anderen australischen Flüssen in kleine Arme auf- 
löse, die gegen Nord und Nordnordwest gingen und in den zu Zeiten 
unter Wasser stehenden Ebenen sich yerlören. Er wandte sich zuerst 
nach West etwas Nord, um die Ebene, in welcher der zuletzt ver- 
folgte Arm mündet, zu umgehen, und um zugleich zu sehen ^ ob die 
von Sturt 1 845 wenig östlicher durchs6hnittenen Bachthäler dem Barku 
sich zuwendeten und vielleicht Wasser enthielten. Dabei gerietb er 
bald an eine Reihe von sandigen, gegen Nordnordwesten sich hin- 
ziehenden Rücken, die mit schönem Grase bedeckt sind und zwischen 
sich Thäler mit Wasserlöchern enthalten, in denen sich freilich kein 
Wasser fand, obschon zu Zeiten diese mit Polygonum und der Euka- 
lyptenart, welche die Golonisten Buchsbaum nennen, bedeckten Nie- 
derungen überschwemmt sind. Nach 10 Meilen stiefsen die Reisenden 
auf eine weite Ebene voll zerstreut stehender Eukalypten, in deren 
Mitte ein grofses Bachbett sich fand; das Reisen war hier wegen der 
vielen Spalten im Boden und der zahllosen Ganäle, die der Bach bil- 
dete, sehr beschwerlich. Jenseit desselben folgten wieder schöne 
Thäler mit festem Boden, den eine sehr anmutbige, grüne Vegetation 
bedeckte; nachdem sie zusammen 15 Meilen zurückgelegt hatte, hielten 
sie an einem Platze, wo zwei grofse Ebenen sich vereinigten, und 
Tauben, Krähen und rothbrüstige Kakadus ' ) auf die Nähe von Trink- 
wasser schliefsen zu lassen schienen; allein da sich keines fand, be- 
schlofs Burke noch am Abend den Weg nach Nordwest bei Nord die 



*) Nach Müller Polygonum Cunninghamif die in den wüsten Ebenen des nörd- 
lichen Südanstraliens auf öfter überschwemmtem Boäen so weit verbreitete Art. 

2) FsUtactu Eos. 



10 Meinieke: 

Nacht über fortzusetzen, stiefs aber schon nach einer nnd einer halben 
Meile anf ein Bachbett, in welchem er bald darauf einige Wasser^ 
löcher mit gutem, obschon milchigen Wasser antraf'). Hier schlug 
er das Lager auf und verfolgte dann am folgenden Tage den Weg 
nach Nordwest bei Nord durch ein anmuthiges Land mit dünnstehen- 
den Bäumen und schönem Grase, anfangs in gleicher Richtung mit 
dem Bett des Baches, an dem er die Nacht zugebracht hatte, bis 
dieses nach fünf Meilen sich plötzlich nach Südwesten wandte. Nach 
weiteren zwei Meilen kam er an das südliche Ufer eines grofsen Land« 
sees und lagerte drei Meilen weiter da, wo ein Bach, anscheinend 
derselbe, an dem sie zuletzt gelagert hatten, in den See sich ergofs; 
er hatte nahe an seiner Mündung schöne, 5 bis 6 Fufs tiefe Wasser- 
löcher in dem sandigen Bett. Der See war grofs und enthielt viel 
Wasser, obschon er nur seicht war; Schaaren von Wasservögeln be- 
deckten ihn, und seine Ufer bildeten, zumal bei der ungewöhnlichen 
Frische der Vegetation, ein überaus anmuthiges Waldland. In der Nähe 
des Lagers war ein Stamm der Eingebornen gelagert, welcher die Rei- 
senden freundlich mit Fischen beschenkte, die den sonst in den Ge- 
wässern der Gegend gefangenen ähnlich, 9 bis 10 Zoll lang und sehr 
fett waren. Es glang jedoch nicht, einige dieser Eingebomen zu be- 
wegen, die Europäer zu begleiten. 

Am 21. December stiefs Burke schon nach 3 Meilen auf einen 
anderen schönen See und zugleich auf den Bach, der auch in ihn 
mündet (wahrscheinlich der Abflufs des letzten Sees), und der so viel 
Wasser hatte, dafs er erst eine Meile lang an ihm heraufziehen mufste, 
ehe er ihn passiren konnte. An seinen Ufern zeigten sich zwei Wills 
unbekannte Pflanzen mit Melonen oder Gurken ähnlichen Früchten, 
deren eine, von der Form einer kleinen Wassermelone und mit einem 
Kern von erstaunlich beifsendem Geschmack, er auch schon zwei Tage 
früher gesehen hatte'). 8 bis 9 Meilen nach dem Uebergange über 
den Bach erreichten die Reisenden darauf einen See, der zwei Meilen 
zur Linken blieb, und bald danach einen andern, der in gleicher Ent- 
fernung rechts lag; sie nahmen aber den Weg auf das Thal eines Ba- 
ches zu, der aus dem ersten dieser Seen abflofs und den Weg nach 
einigen Meilen durchschnitt. Nach 4 bis 5 Meilen war er erreicht. 



') In seinen Notizen sagt Burke davon: we made small creekj supposed to be 
Otta Era, Das letzte Wort hat Archer nicht lesen können; es soll ohne Zweifel 
Ohalloran heifsen, welchen Namen Start einem nur wenig westlicher liegenden Bache 
gegeben hatte. 

*) Nach Muller wahrscheinlich : Muckia micranthaf von einem neuen, noch un- 
beschriebenen Geschlecht der Cucurbitaceen. 



Bnrke's Reise durdi das centrale Australien. H 

und hier flohlng Burke bei einem prfichdgen, anscheinend nie versie- 
genden Waaserloch das Lager auf. Der Bach flieist von hier gegen 
Norden darch eine grofse dünn bewaldete Niederung, in welcher sein 
Bett sich vielfach theilt, und die trocken und mit Gras und Salsolar 
zeen bedeckt ist. Das ganze an diesem Tage durchschnittene Land 
ist reich an schönem Grase, nur xweimal Stiels man auf sandige 
Rücken, die mit der ihnen eigenthümüchen Triodia pungens^) bedeckt 
waren. Am folgenden Tage verliefs Burke dies Lager, eines der an- 
muthigsten, das er auf der ganzen Reise gehabt hat, und zog weiter 
gegen Nordwest bei Nord über einige hohe Rücken von losem Sande, 
die zum Theil Triodia trugen; das Reisen wurde hier sehr beschwer- 
lich, denn die Abhänge der Rücken sind gegen Osten erstaunlich steil, 
gegen Westen zwar sanfter, allein allenthalben mit Löchern von 
Ratten ') durchsetzt. Nach etwa 6 Meilen erreichte man welliges 
Land mit einem Buchsbaumwald, der ungewöhnlich frisch und grün 
aussah und viel Gras enthielt; eine Menge Vögel, besonders Tauben, 
zeigten die Nähe von Wasser an, allein Burke hielt sich nicht damit 
auf, es zu suchen. Auf den Buchsbaumwald folgten wieder sandige 
Rücken, in denen nach 6 Meilen das trockene Bett eines Salzsees er«- 
reicht wurde, in dessen Nähe die Rücken in Form und Richtung un- 
regelmäfsiger waren und kleine Ealksteinkonkretionen enthielten; die 
Niederungen dazwischen waren zum Theil mit einer Salzkruste be- 
deckt. Acht Meilen hinter dem Salzsee wurde endlich der Rand der 
sogenannten , steinigen Wüste erreicht und am Fufse eines in ihr 
beginnenden Sandrückens gelagert; Krähen, die aus Ostnordost her- 
beiflogen, zeigten, dafs dort Wasser sich finde, wahrscheinlich in dem 
Bach, der den früher zwischen den Sandrücken durchschnittenen Buch»« 
baumwald durchfliefst. 

Die grofse steinige Wüste, ein von Sturt entdeckter und zwei« 
mal östlicher und westlicher durchschnittener, ebener, mit nackten 
Steinen gleich dem Strande des Meeres bedeckter Landstrich, den auch 
Sturt wie Burke im Süden von einer Zone sandiger Rücken mit Triodia 
begränzt fand, ein Landstrich über dessen Zusammenhang mit den 
übrigen Eigenthümlichkeiten dieses Tieflandes wir noch nicht unter- 



'} Dies Gras, das bekannte Spirifex der Colonisten, scheint in Melbourne den 
sehr characteristischen Namen Stachelschweingras (^porcupinegra/s) zn fUhren, mit 
dem es Wills stets bezeichnet. 

*) Herr Petermann hält in den „Mittheilungen 1862 S. 68. "< dies Thier ftlr 
J>^m8 Mitehellii, das allerdings in den Wüsten am unteren Darling und Murray sehr 
häufig ist. Das ist vielleicht richtig, allein Brahe nennt die Ratte bestimmt ein 
Bentelthier, und bekanntlich gehört jener Dipus (eigentlich Gray» HapaloUs) nicht 
zu den Marsupialien. 



12 Meinicke: 

richtet sind, and den Arrowsmitb noch bis auf diesen Tag*) in eine 
unmotivirte Verbindung mit dem Becken des Torrenssees bringt, 
machte auf die Reisenden keinen so abschreckenden Bindruck, wie 
auf den ersten Entdecker. Sie schien ihnen anfangs anderen früher 
schon berührten steinigen Höhen ähnlich, zeigte sich jedoch später als 
ein überwiegend mit Steinen bedecktes Land, das im Ganzen ebener 
ist als ähnliche Landstriebe. Burke drang in diese Wüste am 23. De- 
cember ein, erst gegen Westnordwest, nach vier und einer halben 
Meile von einem sandigen Rücken an gegen Nordwest bei Nord; er 
fand den Weg nicht so beschwerlich als über die Rücken zwischen 
den Flüssen Bulla und Barku '), und sogar zwischen den Steinen Gras 
genug, dafs seiner Ansicht nach diese Wüste für die Schafzucht nicht 
gerade ungeeignet sein dürfte. Nach 15 Meilen wurde ein sandiger 
Rücken erreicht, um den auf mehrere Meilen viel Gras wächst; jen- 
seit desselben kam man auf eine Ebene mit tieferem Boden und 
Büschen von Polygonum, die von vielen mit Buchsbäumen eingefafsten 
Wasserläufen durchschnitten war, doch fand sich trotz der vielen Tau- 
benschwärme nirgends Wasser; ein Loch mulste erst kürzlich ausge- 
trocknet sein, da einige Hütten der Eingebornen und Haufen von 
Gras umherlagen, aus denen sie den Samen ausgeschlagen hatten^). 
Daher beschlofs Barke die heifse Zeit des Tages über zu rasten und 
zog am Abend, den Taubenflügen nach Nord hin folgend, weiter, 
aberstieg nach sechs Meilen einen sandigen Rücken und kam dann 
in eine sandige Ebene, die zu Zeiten weit überschwemmt wird, und 
deren Boden anfangs hart und fest ist, nach 1 Meile aber weich und 
tief und nach allen Seiten hin von zahllosen kleinen Bächen durch- 
schnitten wird. Drei Meilen von dem letzten Rücken stiegen die Rei- 
senden hier auf das von Polygonumbüschen eingefafste Bett eines von 
Ost nach West gehenden Baches, der den Namen Gray erhielt, und 
fanden gegen 2 Meilen westlicher in ihm am Abhänge eines sandigen 
Rückens eine breite Wasserfläche von über 1 Meile Länge und 2 bis 
3 Fufs Tiefe. Hier lagerten sie den 24. December; am folgenden Tage 
brachen sie auf in der Richtung auf den Eyrecreek zu und durch- 



^) Man sehe die Kartenskizze zu Stuarts Reisen in dem so eben erschienenen 
31. Bande des Journal of the Royal Geographical Society of London, 

2) S. diese Zeitschrift N. F. Thl. XI. S. 286. Herr Petermann hätte (Mittheilun- 
gen 1862 Seite 73.) nicht sagen sollen, dafs Howitt die steinigen Hügel zwischen 
diesen Flüssen Stokesranges benannt hat; denn der Name rührt bereits von Sturt her. 

3) Es war wahrscheinlich das von Mitchell am Darling entdeckte Panicum lae- 
vinodey dessen Samen, wie es scheint, im ganzen östlichen Australien von den £in~ 
gebomen zur Bereitung einer Art Brot benutzt wird. Man vergl. darüber: Zuchold, 
Dr. L. Leichhardt. Eine biographische Skizze. Leipzig 1856. S» 98. 



Bnrke's Reise durch das centrale Australien. 13 

schnitten weiche Ebenen voll Löcher, die für die Kameele sehr be- 
schwerlich waren, aber doch viele Pflanzen (besonders viele Chrysan- 
themum) tragen; nach 9 Meilen erreichten sie eine Baumreihe, die sie 
schon von dem Rücken am letzten Lager erblickt hatten. Dahinter 
fanden sie mehrere kleine nach Nord und Nordnordwest gehende 
Wasserläafe und nach einer und einer halben Meile an einem mit 
dichten Bäumen besetzten Sandhugel das Bett eines kleinen nach 
Nordnordost gehenden Baches, der die andern aufnimmt und zahl- 
reiche Wasserlöcher mit sehr klarem , leicht brakischem Wasser ent- 
hielt. Hier stiefsen sie auf Eingeborne, die sich scheu und furcht- 
sam zeigten. Die Fortsetzung der Reise gegen Nordwest bei Nord 
führte aber nicht, wie Burke gehofft hatte, zu dem überschrittenen 
Bach, eine Aenderung des Kurses nach Nord halb West hatte diesen 
Erfolg auch nicht, es schien, als wenn jener Bach sich mehr nach 
Osten wendete, daher ging Burke in dem letzten Kurse auf einen 
hohen Sandrücken zu, von dem er eine Aussicht hoffte, und stiefs an 
seinem FuTse auf einen wasserreichen Bach von einer Bedeutung, wie 
er ihn in dieser Gegend niemals vermuthet hatte. 

Ehe wir den Reisenden weiter gegen Norden folgen, ist es räth- 
lieh, über die bis jetzt durchschnittene Gegend ein Gesammturtheil 
sich zu bilden. Dafs das Land zwischen dem Barku und der stei- 
nigen Wüste Burke und Wills in günstigem Lichte erschien, ist wohl 
begreiflich; sie sind der Meinung, dafs es bei dem Reichthum an Gras 
und dem vielen, anscheinend dauernden Wasser zur Schaafzucht sich 
sehr gut eignen würde, dafs es für Kulturzwecke also wohl brauchbar 
wäre. Aber 15 Jahre früher hat Sturt dasselbe Land besucht; er hat 
den Barku an derselben Stelle wie Burke verlassen, und sein Weg 
liegt dem seines Nachfolgers parallel, nur wenige Meilen östlicher; 
als er am 20. October 1845 den Rückweg einschlug, befand er sich 
einige Meilen nördlich von Burkes Lager am 25. December ganz nahe 
am Ufer des zuletzt von diesem erreichten grofsen Baches. Vergleicht 
man seine Schilderung mit der von Burke, so wird man staunen. Er 
fand ein Land, in dem Ebenen voll dürren Grases mit steinigen 
Wüsten, Hügeln von losem Sande voll Triodia und Becken von Seen, 
die gar kein oder salziges und stinkendes Wasser hatten, abwechselten ; 
Trinkwasser war so selten, dafs die Reisenden auf der Hinreise 
Brunnen gruben, um sich die Möglichkeit der Rückkehr zu erhalten, 
und dennoch auf dieser untergegangen sein würden, wenn nicht eine 
einzelne Taube sie zu einem unter dem Grase verborgenen Wasserloch 
geführt und so gerettet hätte. Und doch würde man Unrecht thun, 
wenn man einem der beiden Berichterstatter der Uebertreibung zeihen 
wollte; wer den wunderbaren Einflufs kennt, den die klimatischen 



J4 Meinieke; 

Yerbfiltnisse anf diese australischen Tieflandflächen im üben pflegen, So 
dafs dasselbe Land bald als ein mit Wasser übersättigtes und deshalb 
undurchdringliches, mit üppiger Vegetation bedecktes Sumpfland, bald 
als eine dürre, ausgetrocknete, zerborstene Ebene, auf der alle Pflan- 
zen versengt sind, erscheint, der yrird die Verschiedenheiten in Starts 
und Burkes Berichten zu verstehen und sie auch auf das richtige Maafs 
zurückzuführen wissen. 

Die weitere Fortsetzung der Reise kann ich bei der Dürftigkeit 
der darüber auf uns gekommenen Berichte in Wills Tagebuch nicht 
in gleicher Weise schildern. Der grofse Bach, den Bürke am 25. De- 
cembef erreichte, und an dem er an diesem Tage noch 5 Meilen auf- 
wärts zog, ehe er lagerte, scheint anfangs von ihm für Starts Eyre- 
creek gehalten zu sein, und führt auf der Kartenskizze diesen Namen; 
allein das ist ein Irrthum, denn das Thal des Eyre liegt um fast einen 
Grad westlicher, und auch Wills bezweifelte bereits die Identität beider 
Bäche, die sich allerdings tiefer vereinigen und dort in das Bett des 
Torrens oder eines andern der vor Kurzem nördlich von diesem ent- 
deckten Seebecken eintreten mögen. Er gewährte einen Anblick, wie, 
seitdem sie den Barku verlassen, kein anderer Bach; er war voll 
Wasser und anscheinend tief, daher hier nicht zu passiren, und kam, 
wo sie ihn erreichten, von Nordnordwest, höher mehr von Nord. Die 
Ufer waren 20 bis 30 Fufs hoch^ sehr steil, doch mit Pflanzen bedeckt 
und am oberen Rande mit einem Gürtel von Buchsbäumen und Sträa- 
chem eingefaTst; am linken Ufer lag ein hoher Rücken von rothem 
Sande dahinter, am rechten eine ausgedehnte Ebene mit zahlreichen 
Wasserläufen, durch welche sich bei Schwellen das Wasser über die 
Umgegend ausbreitet, jetzt ganz kahl, doch mit trockenem Grase be- 
deckt; zu dieser Ebene senkt sich das Land vom Ufer her manchmal 
selbst ganz sichtlich herab. 

Am folgenden Tage ging der Weg den Flufs aufwärts; seine Rich- 
tung war zuerst Nord bei West, nach 6 Meilen, wo der sandige Rücken 
ganz nahe an das rechte Ufer tritt, auf eine halbe Meile Nordnordost, 
dann plötzlich Nordwest; hierauf wurde der bis dahin ununterbrochene 
Ganal auf Kalksteinboden erst sehr breit, zuletzt das Bett auf eine 
kurze Strecke trocken, jenseit der ein neues Wasserloch beginnt, und 
der Lauf sich zugleich mehr nach Norden wendet. Sie gingen hierauf 
auf das linke Ufer hinüber und dann gerade nach Norden durch die 
grasige Ebene, da sie in der Ferne schon die das Bett einschliefsenden 
Bäume sich den Sandhügeln nähern sahen, welche bis dahin sich weit, 
an manchen Stellen bis über 3 Meilen vom Flusse entfernen. Diesen 
erreichten sie nach 7 bis 8 Meilen und schlugen das Lager auf, wo 
die steil sich senkenden Sandhügel wieder an sein Bett traten; von 



Borke's Reise diureh das oenftrale Australien. 15 

ihrer Hohe eahen »e, dafe er 2 Meilen oberhalb des Punktes, wo sie das 
Bett überschritten hatten, einen bedeutenden ZuAufs aufnimmt, und dafo 
dem Lager gegenüber ein Strich Waldland von seinem Ufer zu einem 
Bachsbaumwalde führte, während der Flufs selbst sich nördlicher in 
einen Bolchen verlor; sein Bett ist hier zum Theil sehr breit, der Boden 
Sand mit bis 2 FuTs langen Kalkkonkretionen. Wasser war darin 
allenthalben nicht selten, bei der RSckkehr am Ende des Sommers 
fand es sich freilich etwas sparsamer vor und war dazu grofsentheils 
brakisch und schlecht trinkbar. 

In den folgenden Tagen zogen die Reisenden vom 27. bis zum 
29. December bestandig im Thale dieses Flusses fort, der sich schon am 
27. December nach Nordost wandte, und zwei Tage später sogar aus 
Südosten kam. Da diese Richtung den Zwecken Burkes nicht entsprach, 
beschlofs er, ihn zu verlassen, und brach am 30. December aus seinem 
Thale gegen Nordost bei Nord auf, um die gegen Norden vom Flusse 
sichtbaren, anscheinend steinigen Höhen zu übersteigen. Sieben Meilen 
lang kam man über alluviale Ebenen mit festem Boden und dürftiger Ye* 
getation ; man hatte zur Vorsicht aus dem Flusse einen Wasservorrath 
auf zehn Tage mitgenommen. Am Abend des 30. December schlug man 
nördlich von den erwähnten Höhen das Lager auf und zog von da, wie 
mindestens die Karte es zeigt, fortwährend einen Weg, der fast schnur- 
gerade gegen Nord auf dem Meridian des 140. Längengrades bis zum 
mittleren Laufe des Cloncurry führte. Auf dem ersten Tagemarsch 
durchschnitt man einige Flächen, die von zahllosen Wasserläufen durch- 
setzt und hier und da mit Pflanzen bedeckt sind, unter denen Malven 
und zum ersten Mal der Portulak (^Portulaca oleracea) erwähnt wer- 
den, der für die Reisenden deshalb so wichtig wurde, weil er später, 
als ihnen die Lebensmittel immer mehr ausgingen und sie auf das 
getrocknete Fleisch der getödteten Lastthiere angewiesen waren, das 
Gemüse ersetzte, so dafs Wills sogar der Meinung war, dals es ihnen 
ohne diese bis zum Küstenlande von Karpentaria überall häufige Pflanze 
nicht gelungen sein würde, den Barku zu erreichen. Das Lager des 
folgenden Tages (des 1. Januar 1861) lag an einem nach Südwest 
gehenden Bache, den Burke Kings er eek nannte, und dessen Bett 
durch eine erdige und thonige Ebene ohne Wasser mit sparsamer Ve- 
getation und wenig Gras ging ; an ihm traf er zuerst wieder mit £in- 
gebornen zusammen, die sich feindselig benahmen. Nördlicher führte 
der Weg vier Tagereisen durch eine überaus trockene und wasaer- 
und pflanzenarme Ebene, am Ende des dritten Tages (am 4. Januar) 
fanden sich zwei Löcher in der Ebene mit Regenwasser, und einiges 
aufspriefsende Gras verdankte diese dürre Ebene augenscheinlich dem- 
selben Regen. Von diesem Lager z<^ Burke am 5. Januar zwei Meilen 



16 Meinicke: 

nach Nordnordost und stiefs hier auf einen Bach mit einem langen und 
and breiten, aber seichten Wasserloche, nm welches Sparen der Ein- 
gebornen, ihre Fufssteige, Hänfen von Muschelschaalen u. s. w. sehr 
zahlreich waren, und an dem man eine halbe Meile höher lagerte. 
Der Bach erhielt den Namen Will sc reek'), seine Umgebung besteht 
aus steinigen Höhen und Sandracken. Am folgenden Tage folgten 
die Reisenden dem Bache gegen Norden; das Wasser nahm allmShüch 
immer mehr ab, bis sich nach zwei und einer halben Meile das Bett 
in eine Menge kleiner trockner Wasserläufe auflöste. Hier fanden sie 
am oberen Ende des Bettes eine Vorrichtung der Eingebomen, die 
zom Fischfang bestimmt zu sein schien, ein kleiner ovaler Damm von 
Erde, 12 Fufs hoch und 8 Fufs breit, der 9 Zoll über dem Wasser 
hervorragte und oben mit Gras bedeckt war, das am Jtande noch 
einige Zoll breit darüber fortragte. Vom Ende des Baches wandte 
sich Buike nach Nordwest bei Nord auf eine lange Reihe von Bäumen 
zu, die sich nach Südwesten dem WiUscreek parallel hinzog, und durch- 
schnitt die Ebene, die hier wie gewöhnlich harten Thonboden hatte; 
einzelne auffallend grüne Stellen, die anfangs für Sümpfe gehalten 
wurden, ergaben sich als leichter Boden, auf dem eine schöne Decke 
von jungem Grase und Portulak durch einen kürzlich gefallenen star- 
ken Regen hervorgerufen schien, während der harte Thon der Ebene 
keine Spur mehr davon zeigte. In dieser Ebene traf Burke unter den 
Bäumen nach 3 Meilen auf einen schönen Bach von 2 Ketten Breite 
und in der Mitte mindestens 15 Fufs Tiefe, und mit sandigen, sanft 
sich senkenden und mit einzelnen Buchsbäumen und Sträuchern be- 
setzten Ufern, auf denen zwei Reiher (Grus australasiand), die ersten, 
die Wills nördlich von Darling erblickt hatte, ihre Nahrung suchten. 
Hier schlugen sie das Lager auf und zogen am 7. Januar weiter, 
ohne, wie sonst, Wasser mitzunehmen. Allein der Waldrand um das 
Bett des Baches wurde allmählig immer schmaler, nach 3 Meilen hatte 
das Bett nur noch einige Teiche; dann verliefsen sie es und zogen 
gerade gegen Norden, wobei sie öfter auf Wasserläufe trafen, die der 
Regen gefüllt hatte, die aber schnell austrockneten. In der Nähe 
zeigte eine dichte Baummasse die Fortsetzung des soeben verlassenen 
Baches an, der von Ost und Nord kam. Nach 13 Meilen wandten 
sie sich auf eine Reihe schöner Bäume nach Nordnordwest zu und 
fanden darunter ein bedeutendes Bachbett, das aber nur 2 bis 3 kleine 
Teiche hatte; hier schlugen sie das Lager auf, obschon sich wenig 
Futter für die Thiere fand. Ein heftiger Sturm Abends hinderte Wills 



1) In Beinen Notizen sagt Barke: Wills or Kings Creek. 



Borke's Reise durch das O0&trale Australien. 17 

an astronomischen Beobachtangen ; das Lager schien ihm nntet dem 
Wendekreise zu liegen, die Karte setzt es einige Minuten nördlich 
von ihm. 

Am B. Januar zog Burke, der Vorsicht halber mit einer Ladung 
Wasser, weiter durch eine offene, an mehreren Stellen ganz kahle und 
pflanzeolose £bene mit einem Thonboden von solcher Härte und Festig- 
keit, dafs der Regen darauf keinen Eindruck gemacht hatte; sie wird 
von mehreren kleinen, von Buchsbänmen und Sträachern eingefafsten 
Bächen in der Richtung von Ostnordost nach Westsüdwest darch- 
schnitten und zu Zeiten überschwemmt. In dieser Ebene stiefs er 
zuerst nach einer und einer halben Meile in einem Bachbett auf Wasser, 
1 Meile weiter fand es sich in der offenen Ebetie an zwei bis drei Stel- 
len. Nach 10 Meilen erreichte er ein verhältnilsmäfsig bedeutendes und 
tiefes Bachbett, dafs zwar trocken war, allein, da sich rothbrostige 
Kakadus und andere Papageien dort fanden, wohl in der Nähe Wasser 
enthielt; die Richtung des Bettes war gegen West, wo sich am Rande 
der Ebene Sandhögel zeigten; auf der Rückreise fanden sie etwas 
westlicher, dafs sich das Bett in mehrere kleine Wasserläufe aufgelöst 
hatte, die in Lochern meistens Wasser von milchiger Farbe enthielten. 
Am Nordufer dieses Baches veränderte aber das Land sich plötzlich 
vollständig. Auf eine kurze Strecke weichen, den Ueberschwemmungen 
ausgesetzten Landes am Ufer des Baches folgte statt des früheren 
harten Thoobodens Sand mit einzelnen steinigen Flecken, an denen 
sich das Regenwasser sammelt; das Land wird leicht wellig und ist 
mit dünnem Walde und herrlichem Grase bedeckt und von kleinen 
Bac^betten durchschnitten, deren mehrere unter dem Schutz des hohen 
Grases und der Gebüsche Wasser enthielten. Sie passirten eine bis 
zwei kleine Höhen von Sand und Kieseln, auf denen ein Wills ganz 
unbekannter Baum sich zeigte, in Form und Wachs, allein nicht in 
der Fruchtbildung einer Kasuarine ähnlich und mit herabhängenden, 
den einer Fichte gleichenden Nadeln. Je weiter sie kamen, wurde 
das Land immer besser und schöner, alles war frisch und grün, mit 
üppiger Vegetation bedeckt, grofse Flüge von Taaben flogen nach 
Osten. Hier lagerten sie an einer steinigen Stelle, die eine Menge 
Wass^ enthielt, nnd von so vielem und schönem Grase umgeben war, 
wie wohl selten in Australien. Noch schöner und anziehender er- 
schien ihnen das Land hier auf der Rückreise, wo lange heftige Re- 
gengüsse, die allerdings den Boden ungangbar machten, die Vegetation 
erfrischt und alle Wasserläufe mit Wasser gefallt hatten. Dafs ein 
ganz anderes Land erreicht war, bewies auch die lange Bergkette, 
die sie (auf der Rückreise) hier in grofser Ferne gegen Osten sahen. 
Am 9. Januar brachen die Reisenden auf, ohne Wasser mitza- 

Zeitachr. f. sllg. Erdk. N«ae Folg«. Bd. XIII. 2 



lg Meinicke: 

nehmen, da ein von Regen begleitetes Gewitter wfibrend der Nacht 
diese Vorsicht annöthig zu noachen schien. Sechs Meilen lang fßhrte der 
Weg durch wellige Ebenen mit einer Vegetation, die noch reicher war 
als die frühere ; Gräser waren viele und mehrere derselben Wills nnbe- 
kannt, allein auch andere Pflanzen zeigten sich eben so üppig als man- 
nigfaltig * X d^ frische und gesunde Ansehn der StrSucher und Bfiome 
selbst auf den offenen Ebenen schien den Beweis zu liefern, dafs diese 
Beschaffenheit der Vegetation nicht blofs die Folge von vorübergehen- 
den Begengüssen und Gewittern sei. Mehrere kleine Bäche durch- 
schnitten die Ebene, und Enten und Flüge von Tauben zeigten sich 
allenthalben. — Nach 7 Meilen vom Lager stiefs man auf einen leichten 
Wald, der ebenfalls viel Gras enthielt, allein nicht in solcher Ueppig- 
keit, wie die offene Ebene, auch hatte sich der Regen nicht bis hierher 
verbreitet. Auf den Wald folgten bald wieder offene Ebenen , mit 
thonigem Boden und weniger frischer Vegetation, als südlicher; hier 
jagten sie eine Trappe auf, wie »e deren schon eine am letzten Lager- 
plätze gesehen hatten. Endlich erreichten sie um Mittag das von grofsen 
Eukalypten*) eingefafste Bett eines von Ostnordost nach Westsüdwest 
gehenden Baches, dessen loser Sand allerdings wenig Wasser enthielt, 
der aber doch jedenfalls bedeutender ist als alle bisher überschrittenen ; 
es ist wahrscheinlich derselbe Flufs, den Wills in dem Bericht über 
die Bückreise Burke nennt, und der damals nach anhaltenden Re- 
gengüssen ein fliefsender Strom war. Obschon der Tagemarsch nur 
kurz gewesen war, schlugen sie anwsteinem Ufer das Lager auf, fanden 
aber die Menge von Cikaden und namentlich von Moskiten sehr nn- 
angen^m. Im Osten davon sahen sie drei kenntliche kegelartige 
Berge. Am folgenden Tage setzten sie, mit einem Vorrath von 
Wasser versehen, den Weg gegen Norden fort und stiefsen, nachdem 
sie eine grasreiche Ebene zwei Meilen lang durchschnitten hatten, auf 
einen Gürtel von Bäumen, der einen breiten und tiefen Bach ein- 
schlofs, so dafs sie ihm eine Meile nach Nordosten folgen mufsten, 
ehe sie hinübergehen konnten; hier war es ein kleiner Bach, dessen 
klares, krystallhelles Wasser über Sand und Kiesboden zwischen Me- 
laleuken und Eukalypten in dem tiefen, ziemlich schmalen Bett sehr 
gewunden dahinflofs. Dann wandten sie sich wieder gegen Nord und 
trafen nach 1 Meile drei von Eukalypten eingefafste Bache in einer 
grasreichen Niederung mit gutem rothen Lehmboden. Auf d^a letzten 
Bach folgte eine grofse Ebene mit an einigen Stellen sehr schwerem 
Boden, im Osten von einer niedrigen steinigen Höhe begränzt, die 



') Wills nennt Portulak, SalsoUceen, mehrere Arten ^mrunu vetckes. 
^) White Gums (Eucal^ttu mannifera). 



Bnrke's Reise dvreh dal centrale Australien. 19 

«am Theil ans anstdieiidem Gestein (zerfressenem Qaanfels), znm 
Tlieii ans Eüeseln und anderen alluvialen Ablagerungen bestand. 
Nachdem sie diese Eibene 2 Meilen lang durchschnitten hatten, kamen 
sie zu einer Reihe kleiner Bfidie mit tiefen Wasserlochem, deren Ufer 
mit der Ebene ganz gleich und nur hier und da durch kleine Bäame 
oder hohes überhangendes Qras bezeichnet waren, so dafs sie ojft nur 
ganz in der Nähe zu ericennen sind. Noch 2 Meilen weiter erreichten 
sie endlidi den Hauptbach dieser Niederung, den Burke Pattens- 
creek nannte, und der am Fufse einer steinigen Höhe entlang flofs; 
an ihm mufsten sie fast eine Meile nach Nordnordost hinaufziehen'), 
ehe sie ihn passiren konnten. Allein nach kaum zwei Meilen stiefsen 
sie wieder auf ihn und gingen an einer steinigen Stelle gerade unter- 
halb eines grofsen Teiches zum zweiten Mal hinüber, dann setzten sie 
den Weg nach Nord fort durch grofse, an mehreren Stellen sehr stei- 
nige Ebenen, deren Gras weniger gut als südlicher war, und trafen 
hier 8 Meilen vom Pattenscreek auf einen anderen Bach, dessen reich- 
liches Wasser dodi augenscheinlich die Folge von Regengüssen war, 
und an dessen Ufern viel Gras, aber auch wenig Holz wuchs*). 
Hier lagerten sie und zogen am 11. Januar weiter gegen Norden darch 
ein Land, dessen Beschaffenheit sich mit jeder Meile besserte ; die Ve- 
getation war auffallend frisch, Wasser fand sich überall, alle B&che, 
die sie überschritten, gingen nach Ost bei Süd. Augenscheinlich war 
hier, wie auch südlicher, in der letzten Zeit viel Regen gefallen ; allein 
selbst davon abgesehen, erschien das Land Wille so, dafs, wenn die 
Regelm&fsigkeit der Jahreszeiten es anders gestattet, der Anbau man- 
cher dieser Niederungen wohl möglich sein dürfte. 

Am 12. Januar wurde der Weg möglichst gegen Norden fortgesetzt 
und führte erst 8 Meilen durch eine herrliche Niederung mit mehreren 
schönen wasserreichen, von weifsen Eukalypten eingefafsten Bfichen: 
hierauf folgte eine Reihe niedriger schiefriger Sandsteinketten, zwischen 
denen grasreiche Niederungen mit vielem Wasser lagen, allein die stei- 
nigen Höhen bedeckte Triodia, hier und da Akaziengestrüpp'), die 
charakteristischen Pflanzenformen der Sandsteinrücken in Australien. 
Allenthalben waren grofse, bis 4 Fufs hohe Termitenhügel häufig. Es 
war unverkennbar, dafs diese Rücken nach Norden zu immer hoher 
aufsteigen, und von dem börsten, den sie nach 7 Meilen erreichten, 



') So sa^WiUs ausdrilcklicli; also iQüefst der Bach gegen Sttdwesten, wahrend 
die Karte ihn nach Nordosten gehen Ittfst. 

3) BeiWills steht, er fliefse von Südwest nach Stidost; die Karte IftTst anch 
ihn nach Nordost fliersen. 

») Bei Wills: Malli. 

2* 



20 Meinicke: 

bot sich eine weite AoBsicht nach Norden dar auf ein vor den Rei- 
senden liegendes Gebirge, dem Barke (der Karte zufolge) den Namen 
Standiskette beigelegt hat. Man sah gerade im Norden eine lange, 
anscheinend granitische Kette, deren östliches Ende gerade unter dem 
magnetischen Nordpol (also etwa Nord 6 bis 8^ Ost), das westliche, 
ein einzelner kegelartiger, gerade noch sichtbarer Pik, im Nordnord- 
westen lag *). Weiter im Westen zeigten sich noch einige zerrissene, 
wie es schien, aus Sandstein bestehende Ketten, im Osten einige 
fernere Spitzen von wahrscheinlich höheren Bergketten; das bis zum 
Fufs dieser Bergzuge sich ausbreitende Land bestand abwechselnd ans 
schönen Thälem und steinigen, den durchschnittenen ahnlichen Ketten. 
Von dieser Höhe stiegen die Reisenden darauf abwärts, erreichten 
nach 2 Meilen einen g^en Norden fliefsenden Bach (vielleicht ist es 
der, welchen WiUs in dem Bericht über die Röckkehr Scratchley- 
creek nennt), und folgten ihm 1 Meile lang, bis er sich gegen Sud- 
ost wandte, um sich mit einem andern, nach Nord gehenden zu ver- 
binden; sie wandten sich hier gegen Nord bei West und lagerten am 
Westufer des letzten Baches, dessen breites Sandbett grofse, doch 
seichte Teiche enthielt und von schönen weifsen Eukalypten und von 
dichten Gesträuchen eingefalst war; die ganze Gegend ist sehr reich 
an Gras. Die Sparen der Eingebomen waren hier zahlreich, desto 
auffallender war es aber, dafs sie seit dem Kingscreek keinen gesehen 
hatten; an den Bäumen sah man, dafs sie hier wie im sudoatlichen 
Australien von den Wilden erklettert werden, um ein dem Opossum 
ähnliches, in den hohlen Bäumen lebendes Thier, das Wills nicht zu 
Gesicht bekam, zu fangen. Am folgenden Tage gingen sie erst über 
den Bach, dann in grader Linie gegen Norden» bis sie nach 6 Meilen 
die schon am vorigen Tage erblickte Kette wieder vor sich sahen ; sie 
wandten sich nun nach Nord halb Ost, um sie im Osten zu umgehen, 
fanden hier den Boden zwar sandiger als früher, allein zum Theil 
selbst nochreicher an Gras, und lagerten endlich an der Vereinigung 
von drei Bächen, deren Betten aus losem Sande bestanden, und in 
denen sich viel Wasser fand. 

Für die nächsten Tage (vom 14. bis 18. Januar) fehlt uns Wills 
Tagebuch; auch die Karte läfst uns im Stich, denn sie zieht den Weg 
der Reisenden, ohne die Tagemärsche zu trennen, an der Westseite 
der in der Richtung von Nord gegen Süd gezeichneten Standiskette, was 
unmöglich richtig sein kann. Die Reisenden haben in diesen Tagen die 
Ketten dieses Berglandes überstiegen. Am Abend des 18. Januar lagerten 



') Es ist hiernach schwer zu begreifen, wie die Karte di« Richtung dieser 
Rette von Nord nach SUd angeben kann. 



Barke's Reise durch das eentnüe Anstralien. 21 

aie westlich von dem bedeutendsten Gipfel des Gebirges, den Bari^e 
Moant Forbes nannte, und z<^en am 19. an seiner Westseite durch 
eine schöne grasreiche Ebene nach Nord bei Ost; diese wurde nach 
3 Meilen sehr steinig und war ganz mit Qnarzkieseln bedeckt; bald 
darauf folgten niedrige Quarzrficken, deren höhere Theile Triodia trugen, 
wahrend die Thfiler dazwischen eine gute und reiche Vegetation hatten. 
Nach 5 Meilen stiefsen sie auf einen Bach mit sandigem Bett, den 
Burke Greenscreek genannt hat, und in dessen Thal sie Einge- 
borne eaben; von ihm zogen sie gerade gegen Nord über sehr rauhe 
Ketten von Quarz, der goldhaltig zu sein schien, auch lag reiches 
Eisenerz in Stucken h&ufig auf einigen Bergen umher. Zwischen die- 
sen Hohen stiefsen sie zufallig im Thal eines kleinen Baches auf einige 
Ureinwohner, die auf das fiufserste erschreckt, die Flucht ergriffen; 
demselben Bach folgten sie bis zu seiner Quelle und trafen auf der 
Nordseite der Kette eine Schlucht, die abwfirts zu einem Bach führte, 
in dem sich Wasser fond, zugleich auch zum ersten Mal eine eigen- 
thümliche, von den übrigen Eukalyptusarten ganz abweichende Art. 
Der Bach führte sie jedoch zu weit gegen Osten, daher verliefsen sie 
ihn, gingen nach Norden und stiefsen bald auf einen andern schönen, 
gegen Südsüdost fliefsenden Bach, dem sie eine und eine halbe Meile 
folgten und an einem schönen Teiche mit felsigem Boden lagerten. 
Auch diesen Bach müssen sie gleich wieder verlassen haben, viel- 
mehr dnrchsdmitten sie (nach einer Notiz in Burkes Tagebuch) am 
20. Januar die Kette auf einem für die Kameele sehr beschwerlichen 
und angreifenden Wege, fanden nach ihrer Uebersteigung einen groIlBen 
Bach mit Wasser, den Burke Turne rscreek nannte, und lagerten 
an seinem Nordufer; der folgende Tagemarsch (der 21. Januar) aber 
führte zu der Quelle eines Flusses, der das erste bestimmt zum Kar- 
pentariagolf führende Wasser enthielt, und dem Burke unnöthiger Weise 
den Namen Gloncurry gegeben hat; denn es ist der obere Lauf 
desselben Flusses, den Stokes 1841 entdeckte und Flinders be- 
nannte, und den, wie Leichhardt auf seiner Landreise bemerkt zu 
haben glaubt, die Ureinwohner mit dem Namen Yappar bezeichnen '). 
Dem Bette desselben folgte Burke mit seinen Lasttbieren vom 



') S. Leichhardts Tagebuch (in der Uebersetzung von Zuchold) Seite 276. 
Ich vermuthe, dafs das Wort eigentlich Wasser bedeutet. Die Behauptung, welche 
anfangs In der Kolonie Victoria aufgestellt wurde, der Cloncnny sei nicht der obere 
Flinders, wie es die Karte zeigt, sondern der obere Albert, ist durchaus unbegründet. 
Die Richtigkeit der Zeichnung der Karte bestätigt die Darstellung Wills Über die 
Milndung des von Ost und Südost kommenden Billy in der Cloncnrry, wenn man 
sie mit der Schilderung Gregorys vergleicht, der, nachdem er den Flinders passirt 
hatte, dem Billy eine Zeit lang aufwärts gefolgt ist. 



22 Meinicke: 

22. Januar bis zum 9. Febraar; es fthrte anfangs gerade gegen Norden, 
später gegen Nordosten^ zaletst ^eder nach Norden. Von Wills Ta- 
gebuch sind ans dieser Zeit nur die Theile über den 27. und 30. Januar 
erhalten. Am 26. Januar brachen sie von dem Lager auf, das Wills 
Palmtreecamp nennt und unter 20* 21' 40* S. Breite liegt Am 27. 
zogen sie den sehr gewundenen FluTs, dessen Blditung hier im Ganzen 
nach Nordost war, abwärts; nach 5 Meilen änderte er sich plötzlich 
ganz, aus dem breiten Sandbett, das durch die mit Eukalypten bedeckte 
Niederung sich binwindet, wurde ein gerader schmaler, gegen Nord- 
nordost gehender Bach mit senkrechten Erdufem. Aber nach 3 — 4 Meilen 
wandte er sich an einer Stelle, wo das Bett sich zu einmn schönen 
Teich erweiterte, gegen Westen und nahm nun wieder seinen früheren 
Charakter an, hatte auch tiefer unten an mehreren Stellen Wasser; dies 
rührte, wenn nicht von Quellen, wahrscheinlich von dem Regen her, der 
in dieser Gegend kürzlich gefallen zu sein schien, und dem die Vege- 
tation das lebhafte frische Grün verdankte, allein ein fortlaufend strö- 
mender Flufs scheint dieser Theil des Laufs lange Zeit nicht gewesen 
zu sein. Palmbäume mit kleinen runden Nüssen (Wills nennt sie Dat- 
teln), welche der Gegend etwas überaus Pittoreskes und Anmuthiges 
gaben, waren im^Thal des Flusses häufig*). Zwei Tage später (am 
30. Januar) sahen die Reisenden sich genöthigt, eines ihrer Kameele 
bis zur Rückkehr zurückzulassen ; hier wurden sie von den EHngebomen 
beobachtet. Auf der Rückkehr längs des Flusses gingen sie 5 Tage 
nach dem Aufbruch aus dem Lager des 9. Februar über den Flufs auf 
das linke Ufer über, während sie auf der Hinreise stets dem rechten 
gefolgt waren. Sie hielten sich dann eine Zeitlang an einem der häu- 
figen Seitenarme, die sich an den das Thal des Flinders begränzenden 
Höhenzügen hinziehen. In manchem dieser Arme, wie in dem Bett 
des Hauptflusses fand sich Wasser, allein trotz der starken Regengüsse 
nicht eben viel; die YegetatioA nahm, je höher man kam, an Schönheit 
und Reichthum zu, die Palmenfrüchte waren fast reif. An Thieren 
bemerkte Wills als besonders auffallend einen Vogel, der im Gefieder 
dem Fasan ^ im übrigen eher einer Elster oder Krähe glich, und eine 
Schlange von über 8 Fufs Länge; Moskiten und Ameisen zeigten sich 
höchst lästig. 



^) In der von Herrn Petermann mitgetheilten üebersetzong wird die Vermathiing 
aufgestellt, diese Palme sei eine Liyistona. Müller sagt davon nichts, und Leicb*. 
hardt, der die botanischen Erscheinungen so sorgfältig beobachtet hat, erwähnt am 
Karpentariagolf blofs der Coiypha, die an allen FlUssen sehr häufig ist; die schlanke 
Livistona inermiSf die Flinders allerdingi» auf den Pellewinseln, Macgillivray auf 
den Inseln der Nordkttste Australiens fand, hat er erst auf der Halbinsel Koburg 
gesehen. 



Barke's Reise dmch d«8 centrale Australien. 23 

Am 9. Febraar endlich gelangte Barke, den Lauf desFlinders alh* 
w£rta folgend, in die Nahe seiner Mündung in den Karpentariagolf; 
aber da das flache, häufig überschwemmte Sumpf land, sumal jetst nach 
starkem Regen für seine schweren Lastthiere unpassirbar war, liefs er sie 
mit zwei seiner Begleiter in dem Lager surück, das WiUs Boochas- 
camp nennt, und setzte am 10. Febraar mit WiUs und dem einen 
Pferde, das er bei Aek hatte, den Weg weiter am Flosse fort Einige 
hundert Tards unter dem Lager stiefs er auf das Bett des Zuflusses 
des Flinders, den schon, wie eben gezeigt ist, Gregory entdeckt hatte, 
und dem Burke den Namen Billyscreek beilegte; nachdem er ihn 
nicht ohne Beschwerde und Mühe überschritten hatte, folgte er dem 
Hauptflufs, der noch immer im Ganzen gegen Norden flofs , aber das 
Pferd konnte in dem weichen Boden an seinen Ufern kaum fort, bis 
die Beiaenden, nachdem sie 5 Meilen unter dem Billy einen kleinen 
Bach überschritten bitten, auf eine Stelle stiefsen, wo der Sandstein- 
fels zu Tage tritt und das Reisen erleichterte. Da bald darauf der 
Flufs sich plötzlich gegen Westen wandte, Ycrliefsen sie ihn, gingen 
gerade nach Nord und erreichten bald höheres Tafelland mit seichtem, 
kiesigem Boden voll Buchsbaum und Sumpfeukalypten'), der gut 
passirbar, nur an einigen Stellen sehr schlammig war. Hierauf folgte 
eine Ebene, auf deren zähem Thonboden Wasser stand, und durch 
die sie einige Meilen mit grofsen Beschwerden vordrangen, bis sie auf 
einen Fufssteig der Eingeborenen trafen; diesem folgend fanden sie 
einen viel besseren Weg und gelangten nach 1 Meile in einen von 
einem hübschen Wasserlauf durchschnittenen Wald, in welchem auf 
kleinen Höhen zahlreiche Feuerplätze der Eingebomen sich fanden, 
sowie in sandigen Gegenden in der Nähe in grofser Menge Yamspflan- 
zen, deren Knollen von ihnen ausgegraben waren und auch den Rei- 
senden eine angenehme Nahrung lieferten*). Bald danach trafen sie 
am nördlichen Ende des Waldes unvermuthet auf eine Familie der 
Eingebornen, die schnell entfloh; dabei stand eine Hütte, die im Bau- 
stil ganz den am Barku ähnlich, doch viel grofser und besser gebaut 
war. Auf den Wald folgte ein ausgedehnter, zu Zeiten vom Meerwas- 
ser überschwemmter Sumpf, der zwar von Gänsen, Regenpfeifern und 
Pelikanen belebt war, allein in den Wasserläufen nur brakisches, un- 



') Bei Wille Swampgum. 

') Müller bemerkt zu dieser Pflanze Dioacorea of Carpmtaria; natürlich meint 
er damit, die daselbst wachsende Art dieses Pflanzengeschlechts, die er auf Gre- 
gory's Beise sicher kennen gelernt hat. Die von Herrn Petermann mitgetheilte 
Uebereetzung hat dafür Dioecorea Garpentaria! Uebrigens wird diese Art wohl die 
am Kap York und auf den Inseln der NordostkUste wachsende Dioacorea bulbi- 
fera sein. 



24 Meinioke: 

geniefsbares Wasser, trinkbares blofe in einigen von dem Bache, der 
den Wald dnrohfiielist , gefaUten Löchern hatte. In diesem Snmpf 
stiefsen sie später auf einen Kanal, darch den das Seewasser hinein- 
tritt; in seiner Nähe fanden sie Mngebome, die, statt zu fliehen, den 
Beisenden freundlich den Weg zeigten. — Nach 8 Meilen lagerten sie 
and setzten am folgenden Tag den Weg noch etwas weiter an dem 
zuletzt erwähnten Bach fort, der wahrscheinlich Stoke's Bynoe inlet 
war, in dessen Nähe auch Leichhardt freundliche und gefällige Ein- 
wohner angetroffen hatte, ohne jedoch das Meer zu erreichen. Nach 
einer in den Burke'schen Notizen enthaltenen Bemerkung haben sie 
trotz aller Muhe das offene Meer nicht übersehen können. 

Ueber die Rückkehr ist wenig zu sagen. Die für die Kenntnifs 
des durchschnittenen Landes interessanten Bemerkungen sind in Obi- 
gem bereits beigefügt, soweit sie sich nach der dürftigen Beschaffen- 
heit von Wills Tagebuch verstehen lassen. Dafs, wie es nach der 
Kartenskizze scheinen dürfte, der Rückweg genau derselbe gewesen 
ist, wie auf der Hinreise, wird durch das Tagebuch hinreichend wider- 
legt; bis zu den Südabhängen der Standiskette scheinen sich die Rei- 
senden etwas östlicher, von da etwas westlicher als auf dem Hinwege 
gehalten zu haben. 

Es bleibt uns jetzt noch übrig, die Resultate zu betrachten, die 
sich für die Kenntnifs des inneren Australiens aus dieser interessanten 
Unternehmung ergeben. Dafs am Nordufer des Darling ein wüstes 
und ödes Tiefland sich ausbreitet, allerdings hier und da, wie ganz 
besonders zwischen dem unteren Barku und Darling von isolirten Berg- 
zügen unterbrochen, ist eine Thatsache. Dafs das Land nördlich vom 
Barku bis an den grofsen Bach, den Burke anfangs für den Eyre 
hielt, trotz der so günstigen Schilderung, welche die Reisenden davon 
entwarfen und die augenscheinlich nur die Folge ungewöhnlicher Re- 
gengüsse gewesen ist, diesem Tief lande zugerechnet werden mufs, 
1 läfst sich nicht bezweifeln. Von da, wo Burke den letzten Bach ver- 

liefs (25* 30' Breite) bis über den Wendekreis (23* Breite) schildert 
er das Land im Ganzen wenig günstig, eine Wüste mit hartem, pflan- 
zenarmen, auf weite Strecken ganz kahlem Thonboden, auf den selbst 
starke Regen geringen Eindruck zu machen scheinen. Das wüste Tief- 
land des südöstlichen Australiens dehnt sich also von den Ufern des 
Oceans im Osten der Mündung des Murray bis 23^ Breite oder der 
Parallele der westlicheren Macdonnelkette aus. Ganz anders ist es 
im Norden vom 23* Breite. Auf die trockenen dürren Ebenen folgt 
ein Land mit steinigen Hügeln und sandigen Thälern, allenthalben 
mit guter Vegetation bedeckt, verhältnifsmäfsig reich bewässert, im 
fernen Osten schon erscheinen Berge und Bergzüge. Einen Grad 



Bnrke's Rote doreh das centrale Australien. 25 

weiter gegen Norjlen treten Bieken von Bandisleinbergen aaf, die sich 
übereinander erheben; hinter ihnen li^ ndrdlieher das Oebirgftiand, 
das den Namen der Standis kette empfiragen hat, nnd anf dieses 
folgt weiter im Norden die flache Küstenebene des Karpentariagolfs, 
wie im Westen vor ihr das öde wasseiiose Tiefland Hegen wird, das 
wir durch Stnart's Reisen kennen gelernt haben. Allerdings sind wir 
jetzt noeh nicht im Stande, über den Zusammenhang dieses Berg« 
landes mit den übrigen australischen ein bestimmtes Urtheil zu MIen, 
allein es scheint doch fast, als hfttte Burke hier den westlichsten Theil 
des nordöstlichen australischen Berglandes erreicht; ist das richtig, so 
würde es die wesentlichen Vorzüge sehr erhöhen, welche das noniÖst* 
liehe Australien vor allen übrigen Theilen dieses Continents auszeich- 
nen, und die schon, als nur noch der Rüstensanm des Landes aus der 
Ferne gesehen und kaum an zwei bis drei Orten von Buropfiern be* 
treten war, so entschieden hervortraten ' ). 

Was die klimatischen Verhältnisse der von Burke durchschnittenen 
Gegenden betrifft, so zeigt der Tbeil von Wills Tagebuch, der die 
Rückreise behandelt, dafs auch in den Gegenden südlich vom Karpen- 
tariagolf in 140* L&nge die Sommerhülfte des Jahrs wie auf der Nord- 
und Nordwestkuste des Continents die Regenzeit ist. Starke Gewitter 
und heftige Regengüsse begleiteten die Reisenden im Februar und 
März von den Ufern des Golfs an, bis sie den Wendekreis über- 
schritten hatten; sie sicherten ihnen stets hinreichenden Vorrath an 
Trinkwasser, allein sie erschwerten auch das Reisen ungemein'). 
Südlich vom Wendekreise wird anf der Rückreise nur ein einziger 
Regentag erwähnt. Höchst interessant ist der Bericht über einen 
Wind, den die Reisenden unter dem Wendekreise am nördlichen Rande 
des Tieflandes fehlten, und der durchaus den Charakter der bekannten 
heifsen australischen Winde hatte, hier aber von Süden kam, ein un- 
widerleglicher Beweis, dafs die heifsen dürren Ebenen des Tieflandes 
der Grund dieser klimatischen Eigenthümlichkeit Australiens sind. 

In demselben Augenblick, als Burke's Schicksal den Bewohnern 
der australischen Colonien bekannt wurde, kam in Adelaide eine Nach- 
richt an, die daselbst nicht verfehlt hat, Aufmerksamkeit zu erregen. 
Die Regierung von Südaustralien hatte auf die Kunde, welche ein 
Eingeborner aus der Gegend des Torrenssees gebracht hatte, dafs 
am Barku Europäer im äufsersten Elend lebten'), eine Kunde, die 



*) S. Meinicke, Festland Australien Th. 1. S. 219. 

') Burke brauchte zu der Strecke Nord vom Wendekreise auf der Hinreise 38, 
anf der Rückreise 88 Tage. 

'J S. diese Zeitschrift N. F. Th. XI. Seite 370. 



26 Meinicke: BoAq*» Beise dnreh das oentrale Autralien. 

keinen GlMiben £mkI, die Absendung «ilner Ezpedxlion unter der An« 
führaog Mackin lay'g beschloaeen, um Borke womögKdi aofsosnchen« 
Dieser Reisende hal nun einen Auszog aus seinem Tagebuch einge- 
sandt, wonach er unter Leitung eines Eingebornen im Oetober 1861 
an einem im Norden des Torrenssees gelegenen See mit sofiiem Wasser, 
d^ er Massacre genannt hat, während der einheimische Name Kall* 
hibien ist, Spuren von Soropäem fand, die nach Angabe seines 
Führers von dem in dieser Gegend lebenden Stamme überfallen, alle 
getodtet und 20m Theil gefressen worden war^i. Wirklich fanden sich 
in den Hütten der Eingebornen noch Qeräthe der Europier und der* 
gleichen vor, selbst Feuergewehre sollten noch- erhalten sein, und die 
lebhafte Phantasie des Beisenden liefe ihn Spuren nicht blofs von Pferden, 
sondern auch selbst von Eameelen finden. Endlich hat er zwei Graber 
entdeckt, und in dem einen Knochen eines Bekleideten, anseheinend 
mit Spuren von Verletzungen gefunden, die allerdings jene Erzählung 
des Eingebomen zu bestätigen schienen. Es war ganz natürlich, dafs 
Mackinlay hier die Spuren von Buike's Untergang entdeckt zu haben 
glaubte. Aber er ist nicht blofs durch seinen Führer getäuscht wor- 
den; der begraben gefundene Europäer kann unmöglich, wie er es 
glaubt, von Eingebornen bestattet sein, das Grab müssen ihm Euro- 
päer gegraben haben. 

Natürlich ist sogleidi die Frage in Südaustralien aufgeworfen, von 
wem diese Ueberreste, die mit Burke in keinem Zusammenhang stehen, 
in einer Gegend, in welche noch niemals Europäer vorgedrungen sind, 
herrühren« Die Vermuthung liegt nahe, dafs man hier unerwartet auf 
Spuren von dem seit 1848 verschollenen Le ich bar dt gestofisen ist. 
Dieser war am Barku herabgezogen, die letzten Spuren von ihm hat 
Gregory bekanntlich am Mittelläufe dieses Flusses entdeckt, da er die 
Absicht hatte, nach Westaustralien zu gehen, so ist es gar wohl mög- 
lich, dafs er bei der Fortsetzung seiner Reise auch in die Gegenden 
nördlich vom Torrenssee gekommen ist. 

Es würde daher eine genaue Durchforschung der von Mackinlay 
aufgefundenen Lokalität sehr wünschenswerth sein. 



27 



n. 

Dr. August Petermann's vermeintliche Ehrenrettung 

Du ChaiUu's. 

Von Herrn Dr. H. Barth. 



Unseren dem zehnten Bande dieser Zeitschrift eingereihten ana- 
lytischen Aufsatz über Du Ghailln's Reisewerk in dem Aequatorial* 
gebiet der Afrikanischen Westküste schlössen wir mit folgendem Satze 
(S. 454) ^Der Herr Du Chaillu bat es sich selbst zuzusdireiben, wenn 
wir in Folge dieser Betrachtung sein ganzes Material, soweit es die 
Geogn^phie betrifft, vorläufig nicht benutzen können und auf 
sich beruhen lassen müssen; hätte er, was er wirklich gesehen, als das 
gegeben und nach bebten Kräften, was er sonst yon den Eingeborenen 
erfahren, wiederum als eine solche Zuthat dazugefugt, so wären wir 
ihm sehr dankbar gewesen und würden Alles in seiner Weise 
haben benutzen können. Dagegen hat sein ganzes Buch, ehe 
nicht für jedes Einzelne anilersiro eine Bestätigung ge- 
wonnen wird, allen geographischen Werth für uns verloren.^ 

Dieser Zeitpunkt ist jetzt in gewisser Be&ehung eingetreten. Herr 
Dr« A. Petermann hat, indem er ,)die Entfernungen von Rembo^, wie 
sie Einer der Haupl^egner Du C^iailltt's P. L. Simmonds in n. 1786 
des diesjährigen Athenaeums im Einzelnen nach eigenen Erfahrun- 
gen specialisirt hat, eben um die Unrichtigkeit von Du ChaiUu's An- 
gaben darzttthun, „als iiiafls9el>«iid angenommen^ (Heft Y der 
Mittheilungen S. 181, b. Note 1), des Letzteren Reise nach der Land- 
schaft Asira oder AsMra annähernd construirt und mit fernerer Be- 
nutzung der Yon den Offizieren der französischen Marine gemachten 
Erforschung des Hinterlandes des Gabun, die wir in unsrer Untersu- 
chung wiederholt in Aussicht gestellt haben, eine Karte geliefert, auf 
der die Reisen des Herrn Du Chaillu in den Grenzen der Wahrschein- 
lichkeit eingetragen sind. 

Dies ist sehr dankenswerth von Herrn Petermann; es ist aber 
verkehrt, bei solcher Construction fast ausschliefslich auf Grund 
fremden Materials einen prinzipieUen Gegensatz unserer Auffas- 
sung geg^Qiüber aufzustellen; im Gegentheil bestätigt Herr Dr. Peter^ 
mann Wort far Wort was ich gesagt habe. Denn es wäre in der 
That ein trauriges Faktum, wenn Reisende Länder erforschten, damit 
ihr Material erst nach Jahr und Tag mit Hülfe fremder Angaben um 
die Hälfte bis ein Drittel reducirt irgend nutzbringend darge- 



28 H. Barth: 

legt werden könnte. Denn so Ferhfilt sich des Herrn Dr. Petermann Ein- 
tragung zu den von Da Chailla selbst gegebenen Angaben seiner Reisen ; 
und, wenn nun Herr Petermann sagt, dafs man die Karte Du Ghaillu^s 
gar nicht berücksichtigen müsse, sondern nur das Buch, das viel rich- 
tigere Daten enthalte, so ist das unwahr; denn das Buch gibt selbst 
diejenigen Reisen, die Herr Dr. P. völlig fortschneidet, nicht allein 
nach allgemeinen Tagemärschen, sondern sogar nach Entfernung von 
Meilen, in die sich das ganze Terrain einrahmen mufs. So z. B. ver- 
hält sich Du Chailln's angebliche Reise von den Quellen des Muni 
bis zu den Oscheba an Längenentwickelung nach seinen Distanzangaben 
genau wie die Strecke von der Küste bis zu jenen Quellen, während 
Herr Dr. P. die erstere Strecke auf etwa ein Zehntel reducirt , und 
wenn er nun trotz dieser ungeheuren Verkürzung den Reisenden den- 
noch die Bergkette übersteigen und ihn so auf die andere Seite oder, 
wenn es ein blofser Gebirgsabfall ist, ihn auf das Hochplateau ge- 
langen läfst, so widerspricht das auf das AUerentschiedenste Du Chaillu's 
dgenen Angaben in dem ersten Bericht über seine Reise, wo ausdrück- 
lich gesagt wird, dafs er die Bergkette nicht passirt habe. Siehe 
meine Analyse S. 433. Auch liegt ein fast sicherer Beweis dafür, dafs 
Du Ghailln den Stamm der Oscheba nicht selbst besucht hat, in dem 
Umstand, dafs er den Namen des jenseit desselben wohnenden Volks- 
Stammes nicht erfahren konnte und diesen hätte er von den Oscheba 
unzweifelhaft erfahren können, während er von den westliehen Nach- 
baren der Oscheba eben nur den Namen der Letzteren lernte. 

Was nun Du Chaillu's Reise nach dem Anengue See betrifft, so habe 
ich eine solche keineswegs in Abrede gestellt, sondern habe, da er nicht 
eine einmalige, sondern eine doppelte Fahrt dabin beschreibt, aus 
guten Gründen nur die erste entschieden in Abrede gestellt. So sagte 
ich S; 439 „genug, ich scheue mich nicht, nach allen Anzeichen mit 
voller Gewi fsheit auszusagen, dafs diese erste Reise nach dem 
Anengue erdichtet ist% während ich S. 440, b von der zweiten 
Folgendes sage „Diese Erzählung mag einige Begründung haben und 
nach S. 226 [von Du Chaillu's Reisewerk] seheint es, als wenn er von 
dem damaligen Stande des Sees auf den früheren zurück- 
geschlossen. Gewifs aber ist keineswegs, dafs er auch nur bis in 
den Anengue gekommen ist* Denn alle Beschreibungen sind von der 
allgemeinsten Art.^ Und hat nun Herr Dr. P. dies irgendwie zur 
Gewüsheit erhoben, oder hat er etwas zur Erklj&rung der von mir 
angegebenen Widersprüche vorgebracht? Gar nichts; die Sache steht 
also genau, wie ich sie damals darlegte. Jedoch füge ich noch folgen- 
den Umstand jetzt hinzu. Anengue kann nicht wohl der eigentliche 
Name eines Sees sein, da der Name ^Inseln^ bedeutet, aber es mag 



Dr. A. Petermann's vermeintliche Ehrenrettung Du Chailla's. 29 

eine mit loBeln angefüllte seeartige Erweitening des Flusses sein. 
Jedoch, was nützt uns überhaupt Du Cbailla*s Fahrt hierher, auch wenn 
sie wirklich gemacht ist; auch gar nichts, da sie uns über den Haupt- 
cbarakter der Landschaft völlig im Dunkeln läfst. 

Ich komme nun 2U dem ruhmwfirdigsten Abschnitt von Du ChaUlu's 
Reisen, zu seiner endlichen Erreichung des grofsen mysteriösen Flusses, 
aber dessen Lauf und dessen Charakter ein jeder Wifsbegierige gern 
Aufschluts haben möchte, zu seiner Beschiffung desselben und der Ver- 
folgung des grofsen viele bundert BUen breiten Armes. Was macbt 
nun Herr Dr. Petermann mit dieser Reise? Mit Hülfe der erwähnten 
Angaben des Herrn Simmonds im Athenäum leitet er sie glücklich in 
das Land Aschira und läfst den Herrn Du Chaillu da sitzen, ohne 
auch nur jenen grofoen Flufs gehört oder gesehn zu haben. Denn 
Herr Dr. Fetermann sagt „für die Weiterreise von Aschira nach Apingi 
und nach Ascbongo sind im Buche so wenig Details beigebracht, dafe 
man berechtigt ist, schon defshalb gegen die Ausführung der letzten 
Strecke, wie sie auf der ungeschickten Karte angegeben ist, einen 
ganz bestimten Zweifel zu hegen.^ Diese von dem Ehrenretter 
Du Chaillu's preisgegebene kleine Strecke, von fast eben so grofser 
Langenentwicklnng als alle anderen Reisen des Herrn zusammenge- 
kommen, ist aber nicht allein auf jener unglücklichen Elarte angegeben, 
die jetzt alle Schuld tragen soll, sondern ist nach ihren ^nzelnen Ent- 
fernungen wenigstens im Buche auf das bestimmteste nach Meilen be- 
schrieben, wenn auch, wie ich das sdion in meiner Analyse andeutete 
(S. 451, b)» hier „dem explorer der Stoff ausgegangen ist, diese neue 
luftige Reise mit Gegenständen auszufüllen.^ Nimmt also Herr Dr. Pe- 
termann diese so bestimmt beschriebene Reise als erdichtet an, so 
bietet der Reisebericht des Herrn Du Chaillu selbst überhaupt keinen 
Halt, eine Grenze zwischen der wirklich gemachten und der erdichteten 
Reise zu ziehn. Denn, wie wild und unwahrscheinlich das Einzelne 
auch in jenem anderen Abschnitt durcheinander geht, habe ich am Orte 
dargethan. Bestimmter gefalst, liegt auch nicht der geringste innere 
Beweis vor, dafs Du Chaillu die Reise nach Aschira wirklich selbst 
gemacht hat. Die Wahrscheinlichkeit aber, dafs die allgemeinen 
Züge des Landes bis dahin ziemlich treu geschildert seien, habe ich 
ausdrücklidi anerkannt, indem ich S. 442 sagte ,)dieser Häuptling Quen- 
geza ist unzweifelhaft seine Hanptquelle für alle Nachricbten über 
diese Gegenden und wir können also eine ganz allgemeine Rich- 
tigkeit seiner Angaben annehmen.^ Es ist also wohl nur ein 
Sdireib- oder Gedankenfehler des Herrn Dr. Petermann, wenn er sagt 
8. 181, a „während Herr Dr. Barth wenigstens •§• des ganzen Flnfs- 
1 auf es als erdichtet annimmt.^ Ich habe nicht den Flufslouf, aon- 



30 H. Barth: 

dem die Reise des Herrn Du Chaillu auf demselben als erdichtet, aber 
auf genaue Erkundigangen baairt, angenommen. 

Die Entscheidung darüber, ob Da Chaillu neben solchen Fictionen 
nach, ihm von den Eingeborenen an die Hand gegebenen, Daten sich 
auch Umstellungen von, die eine Landschaft charakterisirenden , nach 
der anderen, Zügen erlaubt hat, wie er das mit den Fundorten der 
von ihm zurückgebrachten Sammlungen, die erst recht zur Charakteristik 
des Landes gehören, erwiesener Mafsen gethan hat, will ich späteren 
Erforschungen dieser Landschaften überlassen. Andeuten will ich nur 
meinen Argwohn, dafs dies mit dem hohen Berg Nkumu Nabuäli ge- 
schehn ist, den ich mit dem von dem französischen Offizier Braouezec 
in ganz anderer Gegend als höchste Bergkuppe erblickten Congoe für 
identisch halten mödite; Congoe nämlich ist nur eine andere Form 
für Nkumu und Nbuäli (Mpila) heifst „Berg" überhaupt, und von eben 
jenem von Braouezec wirklich erblickten Berg leite ich nicht allein 
den Namen, sondern auch die Quellzuflüsse des Komo, des nördlichen 
Zuflusses des Gabun ab, und nicht aus nördlicherer Richtung. Denn 
der C^zier konnte diesen Flufs bei weitem nicht bis zu seiner Quelle 
verfolgen, sondern mufste ihn da verlassen, wo er, noch schiffbar, sei- 
nen Lauf zwischen den Bergen nimmt, ou je n'at pas pu aller^ wre 
er sagt, cur la pogition de eapitaine de bdtimeni ne permet pas de faire 
ee que Von %eut (BuUeiin de la Soc. de Gdogr. de Paris. V»« S4r. I p. 357). 
Solche Entschuldigung seiner nicht weiter geführten Untersuchung 
würde er nicht nötbig befunden haben, wenn der höhere Lauf des 
Flusses nicht noch eine ansehnliche Entwic^elnng wahrscheinlich ge- 
macht hätte. Während er nun also diesen Lauf des Komo aus N. N. O. 
vom Ningo Mpala (Berg) herleitet, halte ich es für viel wahrscheinli- 
cher, dafs er von S. 0., eben von jener aus der Ferne gepeilten Kuppe 
Congoe, Nkunge oder Nkumu herkommt und eben daher seinen Namen 
hat. Die Bestätigung oder Widerlegung dieser Yermuthung also und 
die nähere Bestimmung des Nkumu Npuäli Du Chaillu's überlasse ich 
dem Aufschlufs künftiger Reisen in jene Gegenden und wende mich 
zu einer anderen von Herrn Dr. Fetermann angeregten Frage. 

Er sagt nämlich S. 181, a, 3 des erwähnten Aufsatzes „Die um- 
fangreichen Aufiiahmen und Arbeiten der Franzosen bis zum Jahr 1861 
haben, wie wir dies auch schon in der oben citirten Besprechung an- 
deuteten ^ die Richtigkeit von Du Chaillu's Angaben im Allgemeinen, 
and zwar in den widitigsten Punkten bestätigt. Gewichtige Stimmen 
hatten z. B. es für unmöglich ausgesprochen, dafs der Gabun, wie ihn 
Da Chaillu angab, eine Mündung, aber nur unbedeutende Zuflüsse 
haben könne. Die französischen Offiziere haben Du Chaillu*s 
Angaben vollkommen bestätigt.^ Diese Darstellung des Herrn 



Dr. A. Petennann*8 TermeiRlUolie fihrenrettang Da Chailla's. 31 

Dr. Petermann ist in jeder Betiehvng anrichtig. Gewifs giebt es viele 
Aeetaarien, die kein entsprechendes Netz von Strombildnngen im Hin- 
terlande weder snr Zeit besitzen, noch je gehabt haben; dann aber 
liegen sie an solchen Kasten, wer das Meer eine gewaltige Kraft anf 
die Kastenbildang aosübt, wie «. B. am Canal la Manche, and an 
der Brasilien gegenüber weit in den Atlantischen Ocean vortretenden 
Küste Senegambiens. Das scheint aber hier bei dem Gabun nicht der 
Fall za sein , and bin ich noch diesen Augenblick der festen Ueber- 
aengang^ dafs dieses grofse Aestuar entweder noch jetzt, wie wahr- 
scheinlidi, mit dem Ogobai zusammenhängt oder jedenfalls nachweisbar 
in früheren Zeiten die wirkliche Mundang jenes Flasses gebildet hat. 
S. 431 meines Aufsatzes habe ich nan als solchen noch jetzt bestehen- 
den, wahrscheinlichen Yerbindangsarm zwischen jenem ungeheuren 
Aestuar and dem dahinter fliefsenden Ogobai den RemboS oder RamboS 
bezeichnet, einen von S. her in jenes Aestuar einmündenden Flaüs, der 
den generellen Namen Rembo „Flufs^ unzweifelhaft eben deshalb 
trägt, weil er als Hauptarm anzusehn ist. 

leb tadelte also den Herrn DnChaiUu, dafs er, anstatt uns Aufschlufs 
zu geben über die interessanten Fragen, die mit jenem so lange mit Auf- 
merksamkeit und Neo^erde betrachteten Aestuar in Verbindung stehen, 
das Gebiet des Gabun mit vornehmer Verachtung „als ein 
zu breit getretenes Feld^ ganz bei Seite setzend, die angeb- 
liche Erforschung abgelegener Gegenden sich zum Zwecke gesetzt hätte. 
So weit ist Du Chaillu davon entfernt, wie man nach Herrn Dr. P.'s 
Ausdruck schliefsen sollte, uns überhaupt Angaben über die Natur des 
Gabun zu machen, die die französischen Offiziere bestätigen konnten; 
denn die Zeichnung desselben aaf seiner Karte ist nicht auf seine eigenen 
Arbeiten basirt Und was haben nun jene Offiziere über den Charakter 
gerade jenes so bestimmt von mir gekennzeichneten Rembo erforscht 
und ausgesagt? Haben sie bewiesen, dafs meine Vermuthung falsch sei 
und dafs dieser Rembo mit dem Ogobai nicht in Verbindung stehe? 
Keineswegs haben sie das. Dagegen hat die seitdem erfolgte Erfor- 
schung dieses Rembo durch den Marineoffizier Serval wenigstens schon 
so viel gezeigt, dafs Du Chailla's Reisestrafse auch in jener Landschaft 
völlig unrichtig ist und wohlweifslich läfst der Vertheidiger dessel- 
ben diese Route ans seiner Skizze ganz fort. 

Nun erforschte der französische Offizier Serval den Rembo keines- 
wegs bis zu seinen Quellen, sondern nur bis zu einem Punkte, wo 
der Flufs bei einer geraden Entfernnng von nur etwa 5 d. Ml. vom 
mathmafsUchen Laufe des Ogobai noch 20 Meter (also 60 fr. Fufs) 
Breite and 1—1^ Meter (also 3-*4|') Tiefe hatte, ein Thatbestand, der 
also aud^ nieitt im Entferntesten eine noch heutiges Tages bestehend^ 



32 H. Barth: 

Yerbindang dieses Flusses oder Creek's mit dem Ogobai aosschlielBt 
und zwar kehrte Serval hier um, nicht, weil sein Fahrzeug ^le Fionnier*^ 
nicht mehr Fahrwasser hatte, sondern weil, wie er ausdrücklich sagt, 
der Flufs mit Baumstfimmen so sehr angefüllt war, was die Gefähr- 
lichkeit der gelegentlich eintretenden seichten Stellen, an denen es 
keinem FloTse fehlt, bedeutend erhöhen mufste. 

Im Gegentheil macht ServaFs ganze Beschreibung dieses Flusses 
eine solche Annahme mehr als wahrscheinlich. So drüd^t er gleich 
im Anfang seiner leider nur in ganz allgemeinen Umrissen gegebenen 
Beschreibung der Flufsfahrt S. 218 seine Ueberzeugung aus, dafs eben 
dieser Rhamboe, wie er ihn nennt, bestimmt sei, eine bedeutungsvolle 
Rolle in der zukünftigen Entwickelung der französischen Kolonie am 
Gabun zu spielen (la riciäre Rhamboe semble desHnSe ä jouer un röle 
impOTtatU dans les desUnees futures de notre colonie du Gabon) und 
hält diesen Flufs nur wegen des zur Zeit unter den anwohnenden 
Stämmen herrschenden Ejriegszustandes für weniger empfehlenswertfa 
für den Verkehr. Dann giebt er im Einzelnen die treffendsten Be- 
weise der besonderen Natur gerade dieses Gewässers im Gegen- 
satz zu derjenigen des Eomo, indem er es als einen in flacher Gegend 
sich hinschlängelnden Verliin4laiiff«iiriii gröfserer Gewässer auf 
das Entschiedenste charakterisirt. Denn nur der Komo ist, wie er 
ausdrücklich sagt, ein Gebirgsstrom, d. h. ein FIuüb mit lebendigen 
Quellen im Gebirge. Schon den Bogoe, den südlichen Nach- 
bararm des Komo, . bezeichnet der verdiente und auch am Se- 
negal erprobte Braouezec (BuUeHn Y^^ S4r. L p, 358) als einen blolsen 
crique d. h. ein solches Hinterwasser oder Yerbindungsgewässer; 
und nun lese man mit Aufmerksamkeit folgende, absichtlich im Ori- 
ginal gegebene Stelle, in der sich der andere Ofüzier Serval, anknüp- 
fend an die nach den Angaben der Eingeborenen bestehende Verbin- 
dung zwischen den beiden Armen Bogoe und Lobie über den Ge- 
sammtcharakter dieser Ströme im S. des Bogoe ausspricht, les ^ens 
du pays disent que les rit>iäres Lobte et Bogoä communiqueui enire 
ellesy ce ne peui itre que par quelque crique^ pareeque fai remoniä le 
cours de ces deux riviäres aussi hin que possible ei que je n^ai pas 
decoueert le point d^intersecHon, Du reste le pays est entiäre- 
ment couvert «i'tcs« trS9emtis Ae riviwe9 eofnfnscsti- 
Qwsms%i jißre9^we ia%is€e9 es%ire efM# j»€ir ä^9 csri^we» 
(^ein vollständiges Netz von Flüssen, die fast insge- 
sammt vermittelst Nebenarmen mit einander in Verbin- 
dung stehen^); elles prSsenteni les plus sdrieuses dtfßcuUäs ä fuse 
reconnaissance exacte. Wir haben hier also ein vollständiges Delta- 
und Mündungslahd eines grofsen Stromes vor uns, und wer kann 



Ür. A. Petonnann's yermeinfliclie Bhrenrettang Du Chailla's. 33 

Strom anders sein als der Ogobai, wenn er auch znr Zeit die 
Haiqitraasse seiner Wasser, ja fast die ganze Masse, mehr sudlich wirft 
and sich ein neues Deltaland bei dem Kap Lopez gebildet hat. Diese 
allgemeine Charakteristik der Landschaft erklärt auch ein sonst bei 
der ungenügenden Angabe des Details unverständlich bleibendes Phä- 
nomen des besagten Rembo, nämlich die schnelle Zunahme der Wasser- 
menge in so flacher Gegend. Während nämlich der Flufs bei Sam- 
benda, ein Paar Meilen unterhalb des Punktes, wo der Pionnier um- 
k^rte, bei einer Breite von 35 Meter nur 1^ Meter tief war, hatte er 
schon bei Sambuan in einer Entfernug in gerader Richtung von nicht 
2 D. Ml. eine Tiefe von 10 Meter bei 50 Meter Breite. Auf dieser 
Strecke müssen also unzweifelhaft recht bedeutende Seitenarme sich 
mit dem Hauptarm verbinden, wenn solche auf dem Croquis des Offi- 
ziers auch nicht angegeben sind, und, bevor wir nicht eine vollständige 
Erforschung dieser Nebenarme haben, können wir über einen noch 
jetzt bestehenden Zusammenhang des Rembo mit dem Ogobai kein end- 
gültiges Urtheil fällen. Denn ich behaupte keineswegs, dafs noch ge- 
genwärtig gerade derjenige Arm des Rhamboe, den der Pionnier hin- 
auffuhr, mit dem Ogobai in Verbindung stehe; ein solcher Zusammen- 
hang, von einiger Bedeutung wenigstens, wird dadurch unwahrschein- 
lich, weil nach Angabe Serval's die Eingeborenen nie über die, etwas 
oberhalb Sembenda einmündenden, bei ihm Diagaia und Boomie ge- 
nannten. Arme, hinausgehen, sondern vermittelst eben dieser genann- 
ten criques fast ganz zu Wasser sich in den unteren Theil des Ogobai 
begeben. Allerdings könnte freilich ein solches temporäres Absperren 
des obersten Theiles dieses Flufslaufes schon allein durch den oben 
erwähnten Kriegszustand bedingt sein. Am wahrscheinlichsten aber 
ist der Zusammenhang des Rembo oder Rbamboe noch heutigen Tages 
mit den bei Braouezec Banga genannten westlichen Hinterwassern 
des Ogobai zu verfolgen und .hoffe ich, dafs uns die nächsten Jahre 
hierüber Aufschlufs geben werden. Die ansehnlich starke Strömung, 
die dieses Gewässer trotz seiner Natur eines crique oder Hinterwassers 
bat {vgl. Serval's Ausdruck p. 219 des precautions d'auiant plus grandes 
gue le eourani est plus fori)^ scheint deutlich anzuzeigen, dafs 
es noch heut zu Tage mit einem lebendigen Flufs von bedeutender 
Strömung und Wassermenge, wie der Ogobai, in Verbindung steht. 

Eine solche Annahme wird nun fast zur Gewifsheit erhoben durch 
die Angaben des Englisdien Reisenden Bowdich, der nach seiner Mis- 
sion nach Asehanti sich einige Zeit am Gabun aufhielt und hier sehr 
gründliche Forschungen machte, auf die wir schon bei unserer ersten 
Besprechung von Du Ghaillu's Reisen in dieser Zeitschrift (Th. VH! 
S. 326 ff.) uns berufen haben. Bowdich nämlich leitet einen entschie«* 

ZalUehr. f. allg. Brdk. Neue Folge. Bd. XII. 3 



34 H. Barth: 

denen Arm vom Ogowai oder vom Assasee, wie er den Strom anteilialb 
der Vereinigang der beiden grofsen Arme nennt, nadi dem Aestiuunam 
des Gabun und eben genau an derselben Stelle und in derselben Rich- 
tung wie der Rhamboe nach den Aufnahmen SerVaPs fliefst; aber nicht 
allein das, sondern Bowdich läfst auch an der Nord -Ostseite dieses 
Gewässers ein ausgedehntes, die ganise Strecke zwischen dem 
Ogowai und dem Gabun einnehmendes Sumpfland sich hin- 
ziehen in der vollsten und stillschweigend überzeugendsten Ueberein- 
Stimmung mit dem bestimmt angedeuteten »•SmemM dte riw>%^w^e9 
Serval's. Denn man denke sich in dieser eigentlichsten Tropengegend 
gerade unter dem Aequator den gewaltigen Unterschied, den solche 
Landschaft in der trockenen und in der Regenzeit darbieten mufs. 
Und nun kommt dazu, dafs dieses Sumpf land Bowdich's sich gerade 
zwischen dem Rhamboe und den criques Yambi und Bonde bei Serval 
hinzieht, welche Letzterer nicht untersucht hat und nur allgemein von 
einer Verbindung des zuletzt erwähnten Hinterwassers mit dem Como 
hörte, die ich bezweifle. Aber selbst der Name, den Bowdich diesem 
Sumpf lande giebt, nämlich Woonyoivaduga, scheint mir keines- 
wegs ohne Bedeutung zu sein, sondern erinnert auf das lebhafteste 
eben an den Namen des mit ihm aller Wahrscheinlichkeit nach zusam*- 
menhangenden Ogowai. 

Trotz aller dieser für jene, im Einzelnen noch so ungenügend er- 
forschte Landschaft so überaus charakteristischen Züge hat nun Du 
GhaiUu nicht allein auch den BogoS aus der Gebirgskette der Sierra 
Cristal kommen lassen, die er gerade südlich entlang zieht, sondern 
er hat auch den Rembo zu einem ganz unbedeutenden crique des 
Aestuar's des Gabun herabgedrückt, dessen in das Innere sich hinein- 
ziehenden Lauf sein Marsch von Sharkcreek in das Shekiani* Gebiet, 
wenn wirklich, wie beschrieben, gemacht, unmöglich machen würde. 
Er hat also, anstatt, wie das zu wünschen war, über diese wegen 
einer Verbindung mit, und einem leichten Zugänge zu dem Binnen- 
lande so bedeutenden Charakterzüge des Gabun das von seinen Vor- 
gängern Geleistete zu vervollkommnen und endgültigen Auüschlufs zn 
geben, das schon von Bowdich Geleistete nach Kräften 
wieder verfuscht. Und leider ist ihm das weiter gelungen, als man 
erwarten sollte, indem seine hier vorgezogene Gebirgskette selbst auf 
einen so ausgezeichneten Chartographen, wie Herr Dr. A. Petermann ist, 
einen solchen Einflufs geübt hat, dafs auch er gleich Du Chaillu den 
Bogoe aus dem Gebirge kommen läfst und diesen vermeintlichen Ge- 
birgszug südlich dermafsen vor dem Rembo hinzieht, dafs er ihm fak- 
tisch jede Verbindung mit dem Ogowai unmöglich macht. Die Ver-» 
kehrtheit dieser Darstellungsweise wird hoffentlich recht bald klar an's 



Dr. A. Petermann^B vermeintliclie Ehrenrettang Da Chailla's. 35 

lioht gestellt werden. Denn, wie eben die von Braonezec gepeilte 
Lage des oben erwS^nten Berges Gongoe anzeigt, zieht sich die Ge- 
birgskette von dem Enotenpankt des Ningo Mpäla aus nicht nach 
Süden, sondern nach Sfid- Osten. 

Indem ich diese kurze Untersachung beschliefse, unterschreibe ich 
mit Freuden und mit voller Ueberzeugung den Schlufssatz der Recht- 
fertigung des Herrn Dr. Petermann. ,)Mag er (Du Chailln) auch 
im schlimmsten Falle von dem, was sein Buch und seine Karte 
enthält, im Ganzen nur wenig selbst beobachtet und ge- 
sehen, dagegen Vieles erkundigt, irieles Andere ersen» 
neu liaben^ immer bleibt noch so viel übrig, dafs sein Werk eine 
grofee Epoche in der Kunde der Aequatorial-Länder Afrika's bezeichnen 
wird.^ Eben von demselb^i Gesichtspunkte aus habe ich in der 
Schlufsbetrachtung meines eigenen Aufsatzes (S. 466) das Buch einem 
Jeden empfohlen, der sich in unterhaltender Weise über die allgemeinen 
Züge jener bisher so wenig gekannten Landschaften in Natur und 
Bevölkerung unterrichten will, aber habe den Geographen wie Natur- 
forscher davor gewarnt, irgend einen der das mehr als 60 Engl. Ml. 
von der Küste entlegene Binnenland betreffenden allgemeinen Züge 
in Du Cbaillu's Buch als ohne weitere Bestätigung feststehende That- 
sache anzusehn. Wie vnchtig diese Warnung ist, zeigt die ans den 
völlig falschen Daten geschlossene Annahme einer von W. nach 
0. ziehenden Equatorialkette. 



m. 

Ueber die Lage von Baesippo in Hispania Baetica. 



Von Herrn Dr. E. Hübner in Berlin. 



Zu den schwierigsten Theilen der alten Geographie von Spanien 
gehört die Feststellung der antiken Städte an der Südküste, und zwar 
ans leicht zu erkennenden Gründen. Die gerade hier besonders zahl- 
reichen und uralten phonikischen Niederlassungen haben bis auf we- 
nige Ausnahmen wahrscheinlich schon in vorromischer Zeit dem An- 
dringen der einheimischen Stamme von Norden h^r nicht Stand ge- 
halten und erscheinen daher in der romischen Zeit entweder gar nicht 
mehr oder als ganz unbedeutende Orte. Neukarthago aber, Abdera, 
Malaca, Carteia und Gades, deren Glanz mehr als Nachrichten und 

3» 



36 Hübner: 

Indchriften zahlreiche daselbst geprägte phönikische und romischd 
Münzen bezeugen, sind auch in der römischen Zeit bedeutende Städte 
gewesen und daher, mit einziger Ausnahme von Carteia, bis heute 
sogar in ihren alten Namen erhalten. Die beträchtliche Anzahl klei- 
nerer Eüstenplätze zwischen diesen Städten und von Gades weiter 
westlich bis zum Cap St. Vincent, von denen die geographischen Schrift- 
steller und zum Theil seltnere phönikische Münzen Nachricht geben, 
sind aber zumeist kaum annähernd der Lage nach zu bestimmen. Nur 
von zweien oder dreien haben sich einige sehr unerhebliche römische 
oder christliche Inschriften erhalten, nicht eine einzige phönikische; 
vielleicht von einer der mehr nach dem Inneren gelegenen Städte eine 
oder zwei kurze Inschriften in dem jenen südlichsten Stämmen eigenen 
noch unerklärten Alphabet. Besonders unsicher ist von der ganzen 
Südküste wiederum die eigentliche Strafse des Herkules, das Stuck 
zwischen Carteia und Gades. Nur diese beiden Punkte sind sicher: 
Carteia lag unzweifelhaft nicht weit von dem heutigen Gibraltar und 
Gades entspricht wie allbekannt dem heutigen Cadiz. Die Städte, 
welche zwischen beiden lagen, zählen die Quellen mit mehr oder we- 
niger Vollständigkeit, aber in den Hauptsachen vollständig überein- 
stimmend auf. Es fehlt also hier unzweifelhaft nur an sorgfältiger 
Untersuchung an Ort und Stelle, die freilich mit allerlei Schwierigkeiten 
verbunden ist, um, was überhaupt noch erkannt werden kann, end- 
gültig festzustellen ; zumal, wie das Itinerar und der Ravcnnat lehren, 
eine römische Strafse die sämmtlichen Küstenplätze verband. Die ara- 
bischen Schriftsteller und mittelalterliche Zeugnisse seit der christlichen 
Wiedereroberung lehren nichts, was man nicht schon aus den Alten 
wüfste ' ). Die ungemein geringe Zahl der von dieser Strecke bisher 
bekannt gewordenen Inschriften bestimmten mich, nicht von Carteia 
nach Gades an der Küste entlang zu reiten, um die Zeit für andere 
ergiebigere Gegenden nicht zu verlieren. Um so erwünschter ist es 
daher, wenn diese Lücke durch Berichte von Beisenden ergänzt wird, 
welche wenigstens den einen oder den anderen jener Plätze besuchen 
konnten. Der thätige Correspondent des römischen archäologischen In- 
stituts in Cadiz, Herr Manuel Ruiz Llull, hat mich durch seine Berichte 
(mir liegen eine Reihe von Briefen von ihm vor) in den Stand gesetzt, 
die Lage wenigstens von einer der hier in Betracht kommenden an- 
tiken Städte mit ziemlicher Sicherheit zu bestimmen. Bisher war man 



') Za dem ältesten der Art gehört eine kurze Beschreibnng der Kflste von 
zwei norwegischen Seefahrern, aus dem Jahr 1279, handschriftltch auf der Bibliothek 
in Stokholm. Ich verdanke ihre Mittheilung Herrn Pascual de Gayangos in Madrid. 
Allein sie giebt die arabischen Namen der Städte meist in so verdorbener Form, dafs 
man kaum die bekanntesten wiedererkennt* 



Ueber die Lage von Baesippo in Hispania Baetica. 37 

fSr diese gaose Strecke allein angewiesen auf die Berichte eines Lo- 
cidantiquars ans dem Anfang des 17. Jahrhunderts, des Macario Fa- 
rinas del CorraP): denn alles was die späteren spanischen Autoren 
darüber vorbringen, geht ohne Ausnahme auf ihn zurück. Er hat 
sorgßiltig registriert und nicht gefSlscht, — für einen spanischen Local- 
antiquar schon so ziemlidi das hödiste Lob, das ertheilt werden kaan. 
Von kritischer Benutzung der Quellen und wirklicher Einsicht ist aber 
auch bei ihm keine Spur zu finden. — In der Nfihe des elenden Fischer- 
ortes Barbate, am Ausflufs eines ebenso genannten kleinen Flufses» 
etwa ii spanische Legoen östlich vom Cap Trafalgar sind n&mlich 
schon dem Farinas beträchtliche Ruinen bekannt gewesen. Der Name 
Barbate findet sich bei den arabischen Schriftstellern'): die Araber 
fanden ihn schon vor* Um den alten Namen der Stadt zu finden, 
welche dort gelegen hat, müssen in aller Kfirze die Berichte der sechs 
geographischen Quellen über Spanien, die wir haben, verglichen wer- 
den. Strabo, die älteste Quelle, nennt zwischen Carteia und Gades 
nur eine Stadt Mellaria. Mela, der im Alter auf ihn folgt, nennt, von 
Osten nach Westen vorschreitend, vier Städte: Tingentera, woher er 
setbst geburtig war (und daher ist sein Zeugnifs hier sehr werthvoll), 
Mellaria, Baelo (auf ziemlich alten Münzen Bailo, später Baelo Claudia) 
und Baesippo (wie Irippo, Orippo, Ostippo). Plinius läfst von diesen 
die eine, Tingentera, fort; Ptolemäos nennt statt Tingentera Trans- 
ducta. Eine Stadt Julia Transducta ist aus zahlreichen Münzen be- 
kannt: sie war eine römische Colonie, die ihren Beinamen erhielt (ur- 
sprünglich hiefs sie Joza), weil sie Ansiedlern aus den gegenüber- 
liegenden libyschen Städten Tingis und Zelis zum Wohnsitz ange- 
wiesen wurde '). Das Itinerar nennt zwischen Carteia und Mellaria 
noch den Portus Albus und zwischen Baesippo und Gades Mercablum. 
Damit stimmt der Kavennat, bis auf die ihm eigenthümlichen Verdre- 
hungen der einzelnen Namen, welche aus der Rückübersetzung des grie- 
chischen Originals ins Lateinische hervorgegangen sind« Nur nennt er 
zwischen Transducta und Mellaria noch einen sonsther nicht bekannten 
Ort Cetraria. Alle sechs Berichte, welche der Zeit nach das ganze 
Kaiserreich von August bis Theoderich umfafsten, stimmen in den drei 
Städten Mellaria, Baelo und Baesippo vollständig überein; auch in 
der Reihenfolge, in welcher sie sie anführen. Diese drei sind also 



') Vgl. Mnfioz dieeionario bihliograßco dt liu provindatf eiudades etc. de 
Espana (Madrid 186S) N. 16, 3 p. 327. 

') Gayaagos Mohammedan dynattita 1, 338. 

') Ob Melas Vaterstadt Tingentera, wi« man nach jeuer Notiz angenommen 
hat wegen der tingitanischen Ansiedler identisch war mit Joza, genannt colonia 
Jnlia Transducta, Iftfst sich nicht Erweisen. 



38 Häbner: 

unzweifelhaft als die bedeatendaten Städte j^ier Stredce attzasehn. 
Nieht in Betracht kommt von ihnen für die Ruinen roa Barbate die 
erste, Mellaria; weil sie gleich nach Carteia angeführt wird, abo ziem- 
lich weit östlich gelegen haben mufs, während Barbate weitet* west- 
lich, Gades näher, liegt. Also handelt es sich nur um Bälo und Bä- 
sippo. An sich könnte ja freilich auch an die nur von einigen Quellen 
genannten Städte Tränsducta, Tingentera, Oetraria oder Mercablum 
gedacht werden. Aber diese alle schliefst ebenfalls die Lage der Rui- 
nen von Barbate aus. Die ersten drei liegen zwischen Garteia und 
Mellaria, also noch östlicher als MeUaria; und Mercablum zwischen 
Baesippo und Gades, also wieder zu weit westlich. Eine Inschrift 
mit dem Namen der Stadt, die zwischen Baelo und Baesippo ent- 
schiede, hat sich nicht gefanden; es sind im Ganzen nur zwei dorther 
bekannt geworden. Also ist man allein auf Wahrscheinlichkeitsgründe 
angewiesen. Die im Itinerar angegebenen Entfernungen stimmen nur 
annähernd, weil die Strafsenreste noch nicht untersucht sind. Mellaria 
mufs danach wenig östlich von der jetzt in jener Gegend beträcht- 
lichsten Stadt Tarifa gelegen haben. Westlich davon ist der öde Platz 
einer alten Stadt, den die Bewohner jetzt Villavieja, die alte Stadt, 
nennen; früher soll er Bolonia geheifsen haben. Bolonia wäre eine 
nicht unmögliche Verdrehung von Baelo und Baelona, wie Barcelona 
von Barcino ■ ). Farinas beschreibt die beträchtlichen Ruinen , seit- 
dem hat sie niemand wieder besucht; Inschriften sind nie dorther ver- 
zeichnet worden. Von der anderen, der. westlichen Seite, das ist von 
Gades ausgehend, entspricht Mercablum der Entfernung nach ungei%hr 
dem heutigen Conil, wo ein Meilenstein des Traian gefunden worden 
sein soll (Cean sumario de anHgüedades^ Madrid 1832 S. 235) '). Zwi- 
schen Conil und Tarifa nun liegt Barbate: folglich werden seine Ruinen 
wahrscheinlich dem portvs Baesippo entsprechen, wie ihn Plinius nennt; 
nicht aber Baelo, wie die neueren spanischen Antiquare sämmtlich an- 
nehmen. Für Baelo passen die erwähnten Ruinen von Bolonia bei Ta- 
rifa wie dem Namen so auch der Lage nach ganz gut. Ausgeschlossen 
ist zwar nicht die Möglichkeit, dafs Barbate weder Baelo noch Baesippo 
entspricht, sondern irgend einem in keiner Quelle verzeichneten Grte, 
deren es in Spanien ja manche gab. Aber wahrscheinlich ist das auf 



') Der bei den Arabischen Schriftstellern vorkommende Name Al-balüni wird 
von Gayangos (Mohammedan dynatties 1, 494) auf Bolonia bezogen. 

') Aufserdem ist in Conil im J. 1822 ein Stein mit zwei Köpfen im Profil, einer 
sanzenspitze und einer Torques, wie es scheint, alles in Relief höchst roh darge- 
Ltellt, gefunden und 1884 fUr etwa 180 Thlr. nach England verkauft worden an 
einen Herrn A. H. Poklinton (Bericht des D. Jos^ Gomez de la Cortina an die Aka- 
demie in Madrid vom J. 1829, in deren Bibliothek Estonto 18, 65, mit DurchMichnang). 



Ueber die Lage Ton Baeaippo in Hispania Baetica. 39 

der Terh&itmfaiiifilirig kanen Strecke nicht, mag sie auch damals sehr 

viel fruchtbarer gewesen sein als jetzt, wo die Brandung und der fast 

unaui^setzt vom Ocean her wehende Westwind den Sand der Dfine 

weit ins Land hinein ausgedehnt hat Farinas kennt aus Barbate nur 

eine im Jahre 1643 daselbst gefundene Inschrift*): 

M •VAUERIO* ROMVLO 
TIMOTHEO • VINVLLIANO 
VINVLEIO • GALLO 
HOMfNI- BONO 
FILIO • PtENTlSSIMO 

Die Polyonymie weist auf ein vornehmes Oeschlecht, etwa aus 
dem Ende des zweiten oder Anfang des dritten Jahrhunderts. Diese 
Inschrift ist nach dem nicht sehr fernen etwas gröfseren Ort im Innern, 
Vej^r de la Miel, gekommen, zu dessen Erbauung durch Araber* und 
Christen wahrscheinlich die Steine der antiken Küstenstfidte gedient 
haben. Bei Yejer sind auch einige christliche Inschriften gefunden 
worden, die eine derselben auf der Rückseite eines römischen Grab- 
steins. Es ist sehr möglich, dafs auch sie aus Barbate stammen. Von 
den Ruinen von Barbate giebt Farinas nur eine ganz oberflächliche 
Beschreibung. Vor einigen Jahren nun führte der Zufall zur Auffin- 
dung einer ganzen Reihe von Gräbern und anderen Ueberresten. Der 
Pfarrer von Barbate, Padre Guerrero, schrieb einige Artikel darüber 
in Localblättem. Diese bekam Herr Hemandez in Tarragona zu 
sehn; in seiner, besonders wo es sich um vermeinte phönikische Dinge 
handelt, leicht erregten Phantasie erstand sofort Baelo, wie er fälsch- 
lich mieinte, als rein phönikische Stadt aus dem leichten Sand der 
Küste, der es bedeckt. Er schrieb darüber in Madrider Zeitungen: 
die Lokalantiquare, auch Herr Llull, acceptirten natürlich sofort seine 
Meinung in maioretn gloriam patriae, Herr Llull, ein Enthusiast, aber 
keineswegs ein Gelehrter (er ist Inspector des optischen Marinetele- 
graphen in Gadiz), war im Mai 1861 in Barbate und hat mir über 
das, was er daselbst gesehn, theils seine eigenen Berichte geschickt, 
theils die des genannten Pfarrers von Barbate. 

Schon auf dem Wege von Conil her, so berichtet er, seien zahl- 
reiche Ruinen nur von dem Sand des Strandes bedeckt; also ähnlich 
wie bei' den nordafrikanischen alten Städten, wie sich denn überhaupt 
die europäische und die afrikanische Küste dort in jeder Beziehung 
Sfanlich sind. Die vermuthlich Baesippo bezeichnenden Ruinen con- 
centrieren sich um das zerstörte kleine Castell von Santiago bei Bar- 
bate, in unmittelbarster Nähe des Meeres; zum Theil werden sie von 



*) Am ihm hat sie der P. Concepcion Cadi» emporio M orbe (AraBterdam 
1690 fol.) S. 681. 



40 Hübner: 

der Fluth bedeckt, und treten nur während der Ebbe za Tage. Daza 
stimmt recht wohl, dafs Baesippo von Plinius ausdrücklich als porius 
bezeichnet wird. Von Resten einzelner Gebäude werden unterschifeden 
ein Tempel, ein in den Fels gehauenes Halbrund, von einigen ffir 
ein Theater erklärt^ Pökelanstalten für das Einsalzen der Fische, eine 
Reihe von Wohnhäusern, und zahllose Gräber. 

Von dem sogenannten Tempel wird ungefähr folgende Beschrei- 
bung gemacht, leider fehlt dabei jede Angabe der Maafse. Der ganze 
Bau besteht, wie alle übrigen in Barbate oder Baesippo, aus einem ce- 
mentartigen Stuck, der sich im Wasser löse; die Spanier neanen diese 
von den Araber zu hoher Vollkommenheit gebrachte und noch jetzt 
in den steinarmen Niederungen vielfach angewandte Construdionsart 
obra de derretidOy Schmekwerk. Die oblonge Cella geht auf der einen 
schmalen Seite in eine Nische aus: ihre Wände stehn an manchen 
Stellen noch in der Höhe von mehr als einem Meter. Umgeben ist 
sie von Säulen, deren Zahl und Stellung wiederum nicht angegeben 
wird. Die Säulenstümpfe, zum Theil ungefähr einen halben Meter 
hoch, bestehen ebenfalls aus Stuck, sind aufserdem auffallender Weise 
hohl, und haben keine Basen; einige Capitäle, dieeinzejba erhalten 
sind, zeigen Spuren korinthischen Blätterscbmucks. Die Säulen scheinen 
zum Theil so zerstört zu sein, dafs sie weder cylindrisch noch vier- 
eckig erschienen: Herr LluU glaubte darin Spuren von Faltenwurf zu 
erkennen und hält sie demzufolge für JCaryatiden; er erinnert dabei 
an den Tempel des spanischen Abdera auf den phönikisehen Münzen 
dieser Stadt, dessen Säulen aufrecbtstebende Thunfische bilden und 
schliefst aufserdem aus der Hohlheit der Säulen, dafs sie nichts getra- 
gen haben könnten, und dafs der Tempel folglich (II) hypäthral ge- 
wesen sei. Eher möchte man dabei an die hohlen Pfeiler römischer 
Hypocausta denken. Nach dieser, wenn auch höchst oberfiächlichen 
Beschreibung, liegt es ziemlich nahe, in dem Gebäude nicht sowohl 
einen antiken Tempel, als eine christliche Basilika zu vermuthen. Gar 
an phönikisehen Bau mit den spanischen Antiquaren zu denken, ist 
nicht der geringste Grund vorhanden. Die phönikisehen Tempel- 
bauten verschiedener Orte und Zeiten, von denen war durch Beschrei- 
bungen oder Ruinen uns eine ziemliche Vorstellung machen können *), 
zeigen einen durchaus verschiedenen Charakter. 

Von dem in den Felsen gehauenen Halbrund fehlt bis jetzt eine 
genauere Beschreibung. Der Fels ist ein bröckelnder, zum Bau nicht 
wohl geeigneter weicher Sandstein. In der Mitte des Halbrundes, 



') Man sehe darüber Gerhard's Aufsatz: die Kunst der PhönÜM/r ia den „Ab- 
handlungen der Berliner Akademie von 1846 S. 679 ff.** 



Ueber die Lage von Baeaippo in Hispania Baetica. 41 

es^ sei ein Sita aas dem Felsen gehauen. Diefs ist das einsige 
Denkmal, welches allenfalls an ein phönikisches, den Steinkreis von 
IfaralhoSy erinnern könnte *). Allein niemand wird leugnen, dafs es 
ebensowohl der römischen Zeit angehören kann. 

Wohl mit Recht bat man in den hart am Strande befindlichen 
ausgemauerten Tiereckigen Behältern Anstalt^i zam Einsalzen der 
Ersehe erkannt, Sie existierten wahrseheinlich in allen phönikischen 
Stfidten an. den spanischen Küsten. Ihr ausgebreiteter Handel mit ge- 
salzenem Fisch ist ja vielfältig bezengt, w&hrend jetzt gerade umge- 
kehrt aller Stockfisch, der in Ungeheuern Massen oonsnmiert wird, aas 
dem Norden nach Spanien kommt. Der Name Malaca z. B. bedeutet 
«a^fj^ei« Pökelanstalt; der Thunfisch ist das gewöhnlichste Symbol auf 
den Minzen von Gades, Sex! und anderen phönikischen Stfidten. In 
den Puinen bei Setubal in Portugal, welche vielleicht dem alten Gae- 
tobriga entsprechen'), sind solcher Behälter zum Einsalzen noch eine 
gaace Reihe erhalten ; an dem festen Mörtel ihrer Wände erkennt man 
Bocli die Streifen, in denen sich das Salz abgelagert hat. 

Von den Resten der Wohnhäuser wixd nur gesagt, man unter- 
scheide ihre Gränzen und die einzelnen Zimmer. 

Genauer Verden die zähll*eichen Gr&ber beschrieben. Sie waren 
säoimtlich in Sargform aus Ziegelh gemauert und mit einigen grofsen 
flachen Ziegeln geded^t; die daraus genommenen Steine reichten aus, 
einen neuen Begräbnifsplatz för Barbate von 70 Fufs im Quadrat zu er- 
bauen. Charakteristisch für diese Gräberist, dafs sich weder Inschriften 
noch Zeichen irgend welcher Art in oder an ihnen gefunden haben. 
Aller Wahrscheinlichkeit nach gehören diese Art Gräber ebenfalls 
keineswegs in die phönikische Epoche, sondern zum kleineren Theil in 
die späteste römische^ zum grofseren in die christlich-gothische. Was 
wir von phönikischen Gräbern kennen, gehört zwar einer unter griechi- 
iichem und römischem Einflufs stehenden Zeit an, welche nur noch 
einzelne ursprüngliche Elemente bewahrt hat'): allein selbst in diesen 
späten Gräbern ist der altorientalische Brauch der in den natürlichen 
Fels gearbeiteten haus- und tempelartigen Grabgemächer bewahrt wor- 
den, von dem sich die gemauerten. Sarcophage ihrem Princip nach 
auf das deutlichste . scheiden. Solche Gräber wie in Barbate haben sich 
fast in allen südspanischen antiken Städten gefunden; besonders häufig 
sind sie erbalten in den Niederungen des Guadalquivir. In Sevilla 
z. B. wurden während meiner Anwesenheit eine ganze Reihe solcher 



■) Vgl. Bank in der arclittol. ZeRung Von 1848 S. 827. 

') Vgl. Monatsberichte der Berliner Akademie von 1861 S. 744. 

») Vgl. KogUüß Oeechichte 4er BanknoBt 1., 1866 8. 182 bis 134. 



42 Hfibner: 

Qräber in dem am Flafs gelegenen QMten de0 Beniogs von* Mont* 
pensier entdeckt Darin fand man sehr wenige Mfinzmi spfiter Kaiger, 
aber eine Reihe von Thon - and Glasgefafsen, die freilich ganc antike 
Formen zeigen. Man glaabte den Orfibem danach ein siemlichee Alter 
Euschreiben zu müssen, besonders deshalb, weil der erlauchte Finder 
darin etwas recht altes und werthvolles zu besitzen wOaBchte. AJl^a 
der Correspondent des römischen Instituts in Sevilla, der Architekt 
Herr Demetrio de la Rios, welchen der Herzog mit einer genauen 
Publication dieses Fundes beauftragt hat, die in nächster Zeit au er- 
warten steht, wird den Beweis für ihre späte Zeit liefern. £r gründet 
sieh hauptsächlich darauf, dafs in ziemlicher Anzahl Gräber von genau 
derselben Form und Construction gefunden worden sind, deren da- 
tierte Inschriften, meist auf einer der schmaleh Seiteniläehen ange- 
bracht, sämmtlich in das sechste und siebente Jahrhundert gehören. 
Der Mangel jeglicher Bezeichnung erklärt sich zum Theil wohl daraus, 
dafs in die gemauerten Oräber bleierne Särge gesetzt zu w^ea 
pflegten (an Blei hat es ja Spanien niemals gefehlt), auf denen dann 
die Inschrift oder einige chr»tliohe Symbole, das Ghrisma, Palmzweige 
oder ähnliches angebracht waren. Solcher Bleisfirge sind nur noch 
sehr wenige in einigen Sammlungen erhalten: aus leicht begreiflichen 
Gründen, weil das Blei jedes Mal sofort eingeschmölMti und ver^ 
kauft worden ist Auch haben sich bei ander^i «olcher Gräber auf den 
gebrannten Deckziegeln christliche Zeichen und Inschriften ziemlich 
häufig gefunden. In Frankreich, wo solche Gräber ebenfrils in grolben 
Massen gefunden worden sind, im Süden wie im Norden, so dafs fast 
jede Nummer der antiquarischen Journale, z. B. des Caumontsofaen 
BuUelin monumental^ dergleichen bringt, hat man sich längst ziemlich 
einstimmig für ihre späte Zeit entschieden *). Auch am Rhein haben 
sich solche Gräber gefunden, z. B. neuerdings bei Bingen'). Die 
Gräber bei Bingen gehören zum Theil römischen Soldaten etwa aus 
dem dritten Jahrhundert an. Wo die Natur des Gesteins es gestattete, 
finden sich solche Gräber in Spanien auch sehr häufig in den Fels 
gearbeitet, wie z. B. bei Osuna in Andalusien"). An einigen Punkten 
hat man schräge Felsabhänge dazu gewählt und den Gräbern eine 
der Mumienform nahe kommende Gestalt gegeben. So an mehreren 
Stellen der Sierra Morena bei Andiijar, an den Ufern des castilisi^en 



') Besonders der fleifsige Abb^ Cochet in Dieppe hat n^h, in Tersokied«nen 
seiner Bücher, der Normandie souterraine (1855), den sepulUires gauloiset (1857) 
und dem tombeau de Childeric (1859) in diesem Sinne ausgesprochen. 

^) Nach dem Bericht in den Jahrbttehem des rhein. A.y. Haft 29. ftO. 1860. 
S. 204 und 28 S. 82. 

>) Vgl; Monatsberichte der Berliner Akademie von 1841 8. 108, 



lieber die Lage ron Baerippo in Hispania Baetica. 43 

Caiuils ia der Nähe ron YalladolM ^} and in d^i Bergen v6n Yillafranca 
delPanades bei Barcelona, nahe dem Kloster San Miguel d' Olerdola*). 
Neuerdings sind ganz ilinliche Felsengräber bef Badalona, dem alten 
Baetnlo, nordlich von Barcelona geitinden und von Herrn Hemandez 
beschrieben worden '). Bei den spanischen Antiquaren gih es fSr ans- 
gemachty data diese Gr&ber s&mmtlich phönikisch seien; so sehr, dafs 
im übrigen verständige Leute blofs auf das Vorhandensein dieser Gräber 
gestützt bei San Miguel d' Olerdola das allein bei Ptolemäos (2, 6, 64) 
erwähnte KaQx^^oiv naXaia^ Altkarthago im Gebiet der Ilercavonen 
(also um die Ebromündung), ansetzten. Was es mit diesem sonst nir- 
gends vorkommenden Altkarthago in Spanien für eine Bewandtnifs hat, 
weifs ich nicht*). Sicher ist, dafs es durchaus keinen Grund giebt, 
weder die den Mumienkasten ähnlichen Gräber von Andüjar und San 
Miguel d* Olerdola, noch die einfachen Särge von Sevilla und Barbate 
far phönikisch zu erklären. 

Femer werden noch über 500 Münzen, römisches Silber und Kupfer 
aller Zeiten, als in Barbate gefunden angeführt Ob die Münzen in 
den Gräbern selbst oder sonst wo gefunden worden sind, wird nicht 
angegeben. Endlich sah Herr LluU im Besitz eines Privatmannes in 
Barbate einen kleinen marmornen Bacchuskopf (wie er sagt), von guter 
Erhaltung aber schlechter Arbeit. — Der neueste Fund ist der der 
folgenden kleinen Inschrift: 

L • STAT0RIV8 

tVOVMDILLVS 

IHITI 

H- 8- E- 8 T- T- L 

Das einzige auffallende in ihr ist das Zeichen hlTll, wahrscheinlich eine 
ungewöhnliche Abkürzung für den Sevirat der Augnstalen, jenes Liber- 
tinencoUegiums für den Cultus der göttlichen Kaiser, welches in keiner 
römisdien Provinzialstadt gefehlt zu haben scheint 

Der Eindruck, den wir von diesen Berichten gewinnen, unter- 
scheidet sich in nichts wesentlichem von dem, welchen die Ueberreste 



*) Nach Aussagen des Bibliothekars der Universität in Valladolid. 

') Dies sind die einzigen bisher abgebildeten Gräber dieser Art in Laborde's 
Voyage pitioresque I Tafel 41, 1. Steinerne Särge und Grabsteine froher Christen 
sind auch bei Elörrio in Guipvzcoa in den baskischen Provinz^ gefunden worden. 
Sie gleichen in mancher Hinsicht den Denkmälern derselben Zeit, welche sich in 
Wales in England finden. Zeichnungen jener baskischen Gräber verdanke ich Herrn 
Zobel in Kadrid. 

^) In verscj&iedenen Zeitungen, z. B. in der Correspondencia de Espana des 
vorigen Jahres. 

•) Vielleicht beruht dais ganze nur auf einem Irrthum des Ptolemäos ; jedoch 
zweifelt Movers Phönizier 2, 2 S. S. 635 nicht daran. 



44 Hübaor: Ueber die Lage von Baesippo in Hispania Baetica« 

der allenneisten römischen Städte in Spanien machen. Obgl^ch daher 
der EnthasiaemuB der spanischen Berichterstatter, welche darin eine 
phönikische Stadt zu haben glauben, bedeutend ober das Ziel hinans- 
schiefst, so ist doch die Bereicherung unserer Kenntnifs durch die der 
Lage einer alten Stadt mehr, nämlich des portüs Buesippo^ wie ich 
glaube, immerhin beträchtlich genug, um mit Dank registriert zn werden. 



IV. 

Brief des Herrn Moritz von Beurmann 

an Herrn Dr. H. Barth. 



Murzak, den 27. April 1862. 

Sehr geehrter Herr! 

Nadi meiner glucklichen Ankunft in der Hauptistadt Fezzan's be- 
eile ich mich, Ihnen Nachricht von dem Stande der Angelegenheiten 
zu geben und Sie von den Schritten in Kenntnifs za setzen, die iah 
behufs Durchfuhrung der mir gestellten Aufgabe gethan habe. 

Eine direkte Reise nach Wadäi wnrde mir von allen Seiten wi- 
derratben, da selbst die Araber sich jetzt nicht in dieses Land wagen 
dürfen, eine Folge der vielen von hier aus verübten Räubereien. Ich 
beschlofis deshalb zunächst einen Brief mit Geschenken im Werth von 
200 Thlr. und unterstützt durch eine Empfehlung vom Pascha von 
Tripoli nach Wara zu schicken und um einen Firman nachzusuchen. 
Doch habe ich vor einigen Tagen erfahren, dafs auf Veranlassung 
Hassan Pascha's Geschenke vom Hofe von Stambul an Borna und 
Wadäi geschickt werden sollten, die jetzt bereits seit 4 Jahren hier 
in Murzuk liegen, ohne befordert worden zu sein, theils in Folge der 
Unsicherheit der Strafse, theils in Ermangelung einer zuverlässigen 
Persönlichkeit, da man hier furchtet, dafs, wenn man Geschenke von 
solchem Werth einem Araber oder Türken in die Hände gebe, der- 
selbe sich damit auf und davon machen möchte. Dem sei nun wie 
ihm woUe, kurz die Geschenke sind hier und man hat beim Regie- 
rungsantritt des neuen Sultans die Nachricht davon nach Constanti- 
nopel geschickt mit der Angabe, dafs der Weg nach dem Süden jetzt 
sicher wäre, erwartet also jeden Tag einen Befehl zur Absendung 
dieser Sachen. 



V. Benrmann: Reise von Ben^izi nach Udjila. 45 

Doch habe ich Tom hiesigen Pascha das Versprechen erlangt, 
dafs er die Absendang dieser Geschenke mir zu Gefallen nßthigenfalls 
um 3 Monate verschieben wolle, damit die nötbigen Schritte gesdiehen 
konnten, um mich znm Ueberbringer dieser Geschenke zu machen, 
die nicht allein mir die sichere Reise dahin garantiren, sondern die 
es mir auch ermöglichen würden, einen anderen Europäer sicher hin 
und aurück zu geleiten 

Um indefs meine Zeit nicht unnütz zu verlieren, trete ich morgen 
eine Reise nach Tibesti zu den Tibbu Tibbuschi, wie die Wadjanga- 
leute sagen, an, werde mich von da über Wadjanga und Gebäbo nach 
Bengäzi und Tripolis zurückbegeben, woselbst ich hoffe Neuigkeiten 
aus Europa zu finden. Da ich das ganze Gepäck hier in Mnrznk 
lasse und nur mit Meheri's reise, denke ich in drei Monaten die Küste 
erreicht zu haben. Ich werde dann wenigstens etwas gethan haben, 
um dais Vertrauen zu rechtfertigen, das man mir in Europa geschenkt 
hat. Anfangs hoffte ich, Ihren alten Diener Mohammed el äatroni 
engagiren zu können, doch hält der treue Bursche sich noch für ge- 
bunden, da er Duveyrier versprochen hat, ihn zu begleiten und jetzt 
die Eameele desselben hütet. Da ich gehört habe, dafs sie mit ihm 
in Correspondenz stehen, möchte ich mir erlauben, im Interesse Ihres 
alten Dieners Sie zu bitten, gelegentlich Duveyrier zu erinnern, dafs 
er die nöthigen Geldmittel zur Erhaltung seiner Thiere und Diener 
stellt, um so mehr, da er Geld hier hat, also nur einen Brief mit 
einer Anweisung darauf zu senden hat. Duveyrier hat für 3 Monate 
das Geld zurückgelassen und ist jetzt 10 Monate abwesend, ohne et- 
was geschickt oder Nachricht von sich gegeben zu haben, so dafs ich 
die Leute desselben hier in der gröfsten Verlegenheit fand. Moham- 
med unterstützte ich durch ein kleines Geschenk und den andern 
Diener desselben, Soliman, nahm ich auf seinen Wunsch in meine 
Dienste und schofs ihm sowiel Gage vor, dafs er flott wurde. Er- 
sterer läfst Sie natürlich auch bestens grüfsen. Es ist ihm hier nicht 
sonderlich gegangen; denn Alles, was Sie ihm gegeben, haben die 
Araber ihm in kurzer Zeit abgenommen, so dafs er sich seinen Unter- 
halt damit verdienen mufste, dafs er für zwei Piaster täglich in den 
Gärten das Wasser zog, bis Duveyrier ihn zum Hüter seiner Kameele 
machte. Ein Dr. Francesco, der gestern von Tripoli hierher zurück- 
gekommen ist, brachte die Nachricht mit, Duveyrier läge krank in 
Algier, doch weifs ich nicht, ob es wahr ist'). 



*) Herr Duveyrier, dem wir hierauf sogleich geschrieben haben, theilt uns unter 
dem 28. Juni aus Paris mit, dafs er in Folge seiner schweren Krankeit ganz ver- 
geasen hatte, dafs er überhaupt noch Kameele in Munsuk besitee, aber sogleich alle« 



46 ▼• Beurmasin: 

Wie Sie aus den Petennannschen Haften ersehen werden, sind 
während meines Aufenthalts in Zella die Öäzi von einem weiten 
Streifzuge über Kauär [das Langsthal der Tebn bei Bilma] durch die 
Tuärekländer bis in die Gegend von Zinder und von dort durch Ea* 
nem, Borgu und Tibesti zurückgekehrt und brachten die Nachricht 
von dem Tode des Ihnen personlich bekannten Schech Rhet der Uelid 
Slimän. Ein Sohn desselben, nur 5 Jahre alt, war in die Hände der 
Tuärek gefallen, die diesem Stamme in den letzten Jahren hart zu- 
gesetzt zn haben scheinen, doch ist er durch die &äzi befr^t worden 
und befindet sich jetzt in Sicherheit bei seinem Stamme in Borgn, 
wo ich iu wenig Monaten die Ehre haben werde, seine Bekanntschaft 
zu machen. Mohammed Ali, auch Mohammed Tamtallak genannt, (da 
seine Mutter aus Tamma gebürtig ist), der Sultan von Wadai hat den 
Ueläd Sliman Frieden angeboten und die Oefangenen beschenkt ent« 
lassen, ob aber aus politischen Gründen oder aus wirklicher Friedens- 
liebe, lasse ich dahingestellt*). 

Mit der Bitte Dr. Hartmann bestens von mir zu grü&en, zeichne 
ich mit grölster Hochachtung als 

Ihr ergebenfiter 

V. Bearmann» 

Diesem Brief, der leider von der von Udjila biß Murzuk zurück- 
gelegten Reise selbst nichts mittheilt, lassen wir nun einige kurze Iti- 
nerarien folgen, denen wir nur die Bemerkung vorausschicken, dafs 
Herr von Beurmann offenbar nicht die von Hornemann zurückgelegte 
Reisestrafse verfolgte, sondern, nachdem er bis zur Oase Maräde die- 
selbe Richtung eingehalten hatte, sich auf nördlicherem Wege hielt und 
die im Arabischen Mittelalter als Handelsplatz und äufserste Grenz- 
stadt des grofsen Kanem- und Bornureiches sehr bedeutende Stadt 
Zella in 17» 18' 30" d. B. und 38» 32' 7" d. Br. dann den als noch ge- 
genwärtiger Sitz eines Berberidioms wichtigen Ort Fug-ha oder Fuk-ha 
in 27« 52' 15" d. Br. und weiterhin Temissa in 15« 23' 30" d. L. 26« 
23' 48" d. Br. und Zella passirte. H. B. 



ordnen wolle. So kaxm also der sehr tüchtige und kindlich treue Mohammed doch 
noch vielleicht dem Herrn von Beurmann auf seinen ferneren Untem,ehmungen von 
Nutzen sein, da Duveyrier, der jetzt fast ganz wiederhergestellt ist, wohl kaum in 
diese Ssliicbe Gegend zurückkehren wird, sondern, wie es scheint, sich nach Tauät, 
dem früheren Ziel seiner Reise, wenden wird. v. Beurmanns Orthographie lasse ich 
gewöhnlich unverändert. H. B. 

') Früher allerdings stand dieser Araberstamm dem Herrscher von Wadai stets 
feindlich gegenüber, da aber gegenwärtig auch Bomn, mit dem er eng verbrüdert 
war, Friede mit Wadäi gemacht hat, so ist es möglich, dafs anoh die Delad Slinaa 
mit letsterem Keiche Friede haben — so lange es dauert« H. B. 



Reise Ton Benfisi naeh ücyila. 47 

Itinerare. 
Yoa Fu^ha» nach Marzuk. 

Fughaa; Sigian; Seminn; Temenhint Haggiar; Sebha; Gidid; 
Godwa; Marzuk. 

Von Zella nach Sokna. 

I.Tag. Man passirt. naeh drei Stunden eine mit schwarzem 
Boden bedeckte Ebene, Sodaja genannt. Darauf folgt eine Einsen- 
kung des Wadi el Hat, dann eine weite Ebene Namens Maamir. Mit 
Sonnenuntergang erreicht man Wadi Leben, wo man die erste Nacht 
mfairingt, 

2. Tag. Wadi Alidjana; El Öanni Ebir und el Öanni s^ir; bleibt 
Abends im Wadi Ageb. 

3. Tag. Haufrie; Wadi Shech el Abid bildet ein Doppelthal, also 
wahrscheinlich zwei parallel laufende Thäler, die, da sie dicht beisam- 
men liegen, unter einem Namen zusammengefafst werden ; Djebel Mu- 
nisch rechts vom Wege. SdiUlft Abends im Wadi Tafa. 

4. Tag. Wadi Aledjan; WadiBuDreta; Ghur en*nachl; Sauani 
(Gfirten zu Wadan gehörig); Wadan. 

Von Zella nach Bengäzi. 

1. Tag. Tirse; Gatarr (Wadi). 

2. Tag. Negässe sgair; Wadi Lattl [el ta];l]. 

3. Tag. Wadi Damarän; Ghur el Hoira wird überstiegen, so 
dafe seine beiden Gipfel rechts und links liegen bleiben. Wadi Gajahäb. 

4. Tag. Lemoggef, eine steinige Ebene; Ghur el Kelb wird pas- 
sirt. Temmut el chäib; hier findet sich in einer Felssenknng in und 
nach dem Winter -Wasser. 

5. Tag. Abu Gre, eine bergige Erhebung. 

6. Tag. Bir Akeria mit schlechtem salzigen Wasser. 

7. Tag. Argu Beschil, eine bewachsene hügelige Ebene, wo sich 
Futter für die Thiere findet. Abends Besdbilr am Meere gelegen. Von 
hier braucht man noch 4 — 5 Tage, um nach Bengizi zu kommen. 

Eine andere Strafse, die etwas weiter ist, führt auf dem bekannten 
W^e über MarSde nach Ben^i. 

Von Zella eine Linie gerade gegen Norden bis zum Meer 

( den Weideplätzen der Weläd Harres). 

1. Tag. Tacrift Oase mit Wasser und Dattelbäunien und den 
Ruinen einer alten Ortschaft. 

2. T ag. Zu Mittag Suscha tläbit> ein grofser Berg; Abends Baathran. 



48 ^* Beiumafm: 

3. Tag. Djifa. 

4. Tag. Ouerat Oazal und Gaerat Retem. 

5. Tag. £1 Agger, 2 Standen von der Küste. 

Von Fughaa nach Sokna. 

1. Tag. Man schläft in 6a Erema (ein kleines Thal). 

2. Tag. - - - Seher Temat, einem grofsen Wadi. 

3. Tag. - - - Wadi SakimL 

4. Tag. Sokna. 

Von Faghaa nach Zi^en. 

Man überschreitet zunächst eine weite Ebene Kirkeri'), kommt 
dann nach el ^anni, schläft am Abend des zweiten Tages am Bir mu- 
gatta. Am dritten Tag über Um el abid nach Zi^en* 

Fezzan wird in 6 Mudirien eingetheilt und zwar: 

I. Wadi Scberki. . 

ü. Wadi Öarbi und Wadi Utba. 

lU. Zuüa. 

IV. Schati. 

V. Scharkie und Hofra. 

VI. Sokna. 



Bemerkungen von Herrn Geh. Rath Ehrenberg 

über die in letzter Sendung von Herrn v. Beurmann eingesandten 

Pflanzen und Erdproben. 

Die von Herrn v. Beurmann aus Maräde, der Oase westlich von 
Udjila, eingesandten Pflanzenproben sind 1) erstlich eine Art Statice, 
2) eine Art Ephedra, 3) eine Ohara aas dem Quell -Wasser. 

Eine Probe des weifsen Mergels, welcher zwischen Ain Sidl Mo- 
hammed und Zella unter der Oberfläche Lager bildet, hat salzigen 
Geschmack und braust mit Säure. Im Mikroskop erscheint die Masse 
als vorherrschend aus ^i-^'" grofsen, rundlichen oder cabischen Kör- 
nern bestehend, deren einige feinem Salz, andere Kalkspath ange^ 
hören; dazwischen eingestreut ist eine geringe Menge von quarzigen, 
gröberen Sandkörnern, ohne organische Beimischung. 



Dieser Name ist nicht ohne einiges gbographisches Interesse, da er an den 
gleichen Namen einer von dem berühmten Reisenden £bn Batuta im N. von Agadea 
erwähnten Landschaft erinnert. H. B. 



B^se von BeBJSsi nach U^jUa. 49 

Eine andere Brdprobe ist als Schlamm ans dem Qaellbecken von 
Maräde bezeichnet. Dieser Schlamm ist vorherrschend ein quarziger, 
glimmerhaltiger, granbranner Triebsand, dessen Körner gerollt erschei- 
nen. Sfiure bewirkt lebhaftes Brausen ohne das Volumen sehr zu yer- 
mindem. Nach dem Abschlemmen der feineren Zwischenmasse fan- 
den sich in 10 Analysen 1 Navicula, 34 Phytolitharien, 2 bestimmbare 
Polythalamien und 6 unterscheidbare unorganische Formen. 

Die sehr zerbröckelt angekommene Ohara gehört zu den gestreif- 
ten Arten und ist in allen Theilen mit kleinen Ealkdrnsen, die oft 
unter der Oberhaut liegen, überzogen, üeberdiefs wird noch ein dich- 
ter Ueberzug derselben durch meist senkrecht abstehende sehr kleine 
Formen eines Qomphonema gebildet, welches beim Aufweichen sich 
leicht absondert und dann jenen Formen gleicht, welche Eützing Sphe- 
Hella genannt hat Hier und da dazwischen befindliche, doppelt so 
grofse Formen sdiliefsen sich an Gomphonema gracile an, far dessen Brut 
dann die Hauptmasse zu halten sein mag. Noch seltener finden sich 
dazwischen Synedra- oder Fragilaria-artige, an beiden Enden ablaufende 
Stäbchen, die nur einzeln vorkommen und keine sichere Benennung 
erlauben. 



Gesammt-Verzeichnifs. 

„ , „ LUhostülidium curtatutn 

Polygastern: 3. denticulatum 

Gomphonema gracile (Ohara) Emblema 

Navicula — ? irreguläre 

Fragilaria? Synedra? (Ohara) laeve 

obliquum 

Phytolitharien: 33. Pes 

Amphidiscus truncaius? quadratum 

Lithasieriscus tuberculains? Rhombus 

bUhodoninim Bursa rüde 

Cupula n. sp, Securis 

curvaium Serra 

nasuium serpentinum 

LUhomesites omaius spinulosum 

LiihosiyUdium Amphiodon spiriferum 

angulatum Spathula 

auritum Subula 

biconcacum Trabecula 

clavatum Triceros 

crenulaium vexilligerum n. sp, 

Zeitochr. f. allg. Brdk. Neu« Folge. Bd. XIII. 4 



50 V. B 6 arm an a: BeisQ von BeatÜsi üocli Udjila. 

PoljthÄlamien: 2, WdM OrysttaUCntiea^ knUag 

Miliola — ? , - . aaladg 

Spiroloctdina Saharae. Quarziger Truoiinersaiid 

RoUsaiKl 

Unorganisches: 6. Glimmer, 

Grüne Crystallprinnen 

Ergebnifs. 

Die eingesandten Oberfläcbenverhältnisse zeigen keine Verwandt- 
schaft mit dem rothen oder pimxatfarbenen Passatstaube« Die orga- 
nischen Beimischungen fehlen der weifsen Erde ganz, dieselbe kann 
daher nicht der Bodensatz eines ehemaligen offenen Wasserbasains 
sein. Die organischen Beimischungen des Quellscfalammes sind auffal- 
lend arm an Bacillarien, nur eine unklare kleine Navicula fand sich, ihre 
Formen gehören den Fhytolitharien überwiegend an, welche Grastheile 
sind. Unter ihnen sind einige besondere Lokalformen, Yfelche im Pas* 
satstaube noch nicht erkannt sind. Die Polythalamien bilden mit cu- 
bischen Crystallen den Kalkgehalt Die Spiraloculina ist häufig, MUioia 
selten. 

Aus der Oase Fezzan waren bisher 49, aus Libyen 122 Formen- 
Arten des kleinsten Lebens bekannt, welche in der Mikrogeologie 1854 
p. 198 verzeichnet wurden* Ans Udjila war keine bekannt Die 44 
hier verzeichneten Formen aus Udjila vermehren die Kenntnifs der 
Lebens -Formen Libyens um 8 Arten: Gomphonema gracile] Lithodon- 
ium Cupula, Litkostylidium serpentinum, Spathfilay Subula^ Triceros^ 
eexilligerum; Miliola — ? 

Wäre in Maräde bei Udjila das Fallen des rothen Pasaatstaubes 
häufig, so würden offene Wasserlachen und der feuchte Boden um 
diese, solchen Staub massenhaft fesseln, da nur der troekene Staub 
leicht verweht wird. 

Es ist wünschenswerth, dafs die höchst anzuerkennende Thätigteit 
des Reisenden, besonders zwischen Fezzan und Wadai, alle Wasser- 
lachen einer Prüfung ebenso zugänglich machen möge, wie die in 
Udjila und dafs derselbe sich brieflich darüber aussprechen möge, ob 
er irgendwo Oberflächen von unfühlbar feinem ;wimtfarbenen^ d. i. 
rothgelbem Staube gefunden habe "). 

') Diesen Wunsch des Herrn Geh. Rath Ghrenberg hubft. Ich dem Reisenden 
schon roitgetheilt. H. B. 



51 



V. 

Paraguay. 

Von W. Eoner. 
(Hierzu eine Karte» Taf. I.) 



Acht Jahre sind verfloBsen, seitdem unsere Zeitschrift: (N. F. II« 
S. 1) eine treffliche Schilderung Paraguaj^s aus der Feder der Herren 
Ker8t und Gumprecht brachte. Inzwischen ist dieses Land mehr 
und mehr aus seiner starren Abgeschlossenheit gegen aufsen herausge- 
treten, die inneren Verhältnisse begannen sich zu consolidiren, Freund- 
schafts- und Schifffahrtsverträge wurden zur Verwerthung der reichen 
Hülfsquellen mit den Nachbarstaaten, mit Nordamerika, mit Frank- 
reich, Belgien, England und Sardinien angeknüpft, die mächtigen Strome 
dem Handelsverkehr eröffnet, und das Land ist so in jenen £ntwicke- 
lungsprocefs getreten, in dem gegenwärtig die Republiken Südamerika's 
begriffen sind, den es aber vielleicht rascher und unblutiger als diese 
durchmachen dürfte, da es durch die Abgeschlossenheit seiner Lage 
weniger den unmittelbaren Einflüssen Earopa's ausgesetzt ist 

Nachdem mit dem Tode Francia's (23. Sept. 1840) der Zauberbann^ 
welcher Paraguay hermetisch gegen den Fremdenverkehr abschlofs, 
gelost durch die Schlacht bei Monte Gaceros (3. Februar 1852) das 
blutige Regiment Rosa's gestürzt war, und Paraguay sich die An«^ 
erkennung als unabhängiger Staat von Seiten der Argentiniscben Gon- 
föderation errungen hatte (15. Juni 1852), wurde aber auch der bis 
dalun nur auf die Werke Azara's, Rengger's und einiger anderer Rei^ 
senden gestützten Durchforschung dieses interessanten Ländergebietes 
eine neue Bahn gebrochen. Wir erwähnen hier mit Uebergehung meh- 
rerer unbedeutenderen Arbeiten, nur der wissenschaftlichen Untersu- 
chungen des Lieutenant Page, weldber auf dem nordamerikanischen 
Dampfer Waterwitch den Lauf des Paraguay bis zum 19^ S. B. auf- 
nahm und die Resultate seiner Forschungen auf einer in 16 Blättern 
erschienenen Karte des Paraguay niedergelegt hat. Diese Aufnahme 
wurde von Herrn Kiepert nach dem Original -Mafsstabe von 1 :100,000 
auf 1 : 1,000,000 reducirt und im 5. Bande der N. F. unserer Zeitschrift 
(Taf. IV. u. S. 273) publicirt. Mehr über die physikalische Kenntnifs 
des ganzen Landes sich ausbreitend war die von Alfred Demersay 
veröffentliche ^Histoire physique^ economique et statisiique du Paraguay^ 
(Paris 1860), von welcher jedoch bis jetzt nur der erste Band erschie- 

4» 



1 



52 W. Koner: 

nen ist. Demersaj's nur kurzer Aufenthalt in Paraguay fiel in eine 
Zeit, wo das Land, kaum aus den Fesseln Francia's erlöst, noch unter 
Rosa's Blutherrschaft seufzte. Bei seiner nur unvollkommenen Kennt- 
nifs des Landes sah er sich mithin genöthigt, für die Beschreibung 
der physikalischen Verhältnisse hauptsächlich das Werk Azara's zu 
Grunde legen, und konnte er demselben nur wenige neue Daten hin- 
zufügen, während der zweite noch nicht erschienene Band, welcher ge- 
rade die an die naturliche Beschaffenheit des Landes sich anknüpfen- 
den industriellen und commerciellen Verhältnisse enthalten soll, ein für 
die Gegenwart wohl total veraltetes und deshalb unbrauchbares Mate- 
rial bringen würde. Weit gründlicher und umfassender aber ist das 
vor wenigen Monaten von Alfred M. du Graty veröffentlichte Werk 
y^La räpublique du Paraguay, '^ Bruxelles 1862. Der Verfasser hat eine 
Reihe von Jahren in den La Plata -Staaten und in Paraguay sich auf- 
gehalten, dieses grofse Lftndergebiet in allen Richtungen kennen ge- 
lernt und mit grofsem Fleifs das zerstreute Material zu einem nach 
dem Mafsstabe unserer gegenwärtigen Eenntnifs jener Gegenden ab- 
gerundeten Gesammtbilde zusammengestellt. Trotz der mannigfachen 
Lücken, deren Ausfallung die Aufgabe späterer Untersuchungen sein 
wird, trotz der mitunter allzugrofsen Partheilichkeit, mit welcher der 
VerfSasser die vermeintlichen Ansprüche Paraguay's auf die streitigen 
Grenzgebiete vertheidigt (das Buch ist dem Präsidenten Lopez dedicirt), 
begrfifsen wir dieses Werk als eine wesentliche Bereicherung unserer 
geographischen Kenntnisse von Südamerika. 

Gleichzeitig mit diesen Buche ist uns durch die Güte des Königl. 
Preufs. Geschäfl»träger8 für die Plata-Staaten Herrn v. Gülich hand- 
schrifüich eine kleine Arbeit des Grafen Alfred de Brossard über 
die mittleren Gegenden Paraguay's unter dem Titel j^Notice sur la parüe 
cenirale du Paraguay enire PAssompHon et ViÜa Rica^ zugestellt wor- 
den, begleitet von einer sauber ausgeführten Spedalkarte der Umge- 
gend der Hauptstadt. Herr Kiepert hat die Freundlichkeit gehabt, 
die zum Werke Du Ghraly's gehörende Generalkarte von Paraguay auf 
\ der ursprünglichen Gröfse (M. 1 : 2,000,000) für unsere Zeitschrift 
zu verkleinern und die von Du Graty auf S. 193 ff. gegebenen Itinera- 
rien einzuzeichnen. Die oben erwähnte Karte des Grafen Brossard 
von der Gegend zwischen Asuncion und Villa Rica ist als Carton 
beigefügt '). Beide Karten, sowie die Schilderungen beider Verfasser 
legen wir der nachfolgenden Beschreibung Paraguay's zum Grunde, 



') Wir verweisen auf die in dieser Zeitschrift N. F. VIT. Taf. VII von Kie- 
pert entworfene Karte von Paraguay und dem nordlichen Theile der Argentinischen 
Bepublik. 



Paraguay. 53 

-werden aber in derselben nur auf diejenigen Punkte näher eingehen, 
welche in den obengedacbten Anfsätzen in dieser Zeitschrift noch nicht 
berührt worden sind* 

Der erste Punkt, auf welchen wir die Aufmerksamkeit lenken 
wollen, betrifft die noch unerledigte Grenzfrage zwischen Paraguay 
und Brasilien einerseits, andererseits zwischen der Argentinischen Con- 
foderation und Paraguay, welche zwar seit einer geraumen Reihe von 
Jahren angeregt, deren Losung aber bis jetzt um keinen Schritt vor- 
wärts geruckt ist. 

In Bezug auf die Grenzregulirung zwischen Pan^ay und der 
Argentinischen Gonfoderation handelt es sich um zwei Punkte, erstens 
um den Besitz des Territoriums der alten Missionen auf dem linken 
Ufer des Paranä, welches einen Theil des Argentinischen Departe- 
ments von Gandelaria bildet ; zweitens um das nördlich vom Rio Ver- 
mejo gelegene Gebiet von Gran Chaco. In dem Tractat vom 15. Juli 
1852, welcher die Handelsbeziehungen zwischen beiden Staaten regelte, 
waren auch Bestimmungen über Feststellung der Grenzen getroffen 
worden. Der Argentinische Congrefs versagte aber, weil er sich uber- 
vortheilt glaubte, dem Vertrage seine Zustimmung. Nach § i desselben 
sollte nehmlich der Parana von der brasilianischen Grenze bis zu einem 
zwei Leguas oberhalb der Insel Atajo (einer an der Mündung des Para- 
guay in den Parand durch den Rio Atajo gebildeten Insel) gelegenen 
Punkte die Grenze gegen die Provinz Corrientes bilden, und wurde da- 
durch der Argentinischen Republik das Gebiet von Gandelaria zuerkannt. 
Ferner sollte nach § 4 und 5 der Paraguay auf beiden Ufern bis zu 
seiner Mündung in den Parana in Besitz der Republik Paraguay ver- 
bleiben, die Schifffahrt auf dem Rio Yermejo jedoch beiden Staaten 
gemeinsam zustehen. Da aber ein neuer Tractat vom 7. Juni 1856 
die definitive Grenzregulirung abermals hinausschob, so blieb einstwei- 
len das Departement Gandelaria, sowie das Gebiet nördlich vom Rio 
Vermejo in Besitz von Paraguay. Die Ansprüche auf beide Gebiete 
leitet die Republik Paraguay aus der Zeit der spanischen Herrschaft 
her. Das Gebiet von Gran Ghaco zwischen den Flüssen Paraguay 
und Vermejo wurde nehmlich durch die spanischen Gonquistadoren Pa- 
raguays erobert, welche zum Schutz gegen die Einfälle der Guaicu- 
rues- Indianer eine Reihe von festen Punkten am linken Ufer des Ver- 
mejo anlegten; so wurde u. a. im Jahre 1585 die Stadt Goncepcion 
del Vermejo im Gebiet der Matara- Indianer gegründet, welche jedoch 
im Jahre 1631 von den Indianern wieder zerstört wurde. Als sich 
im Jahre 1620 Buenos Ayres von Paraguay trennte, behielt letzterer 
Staat alle Ländertheüe, welche nicht an Buenos Ayres gefallen waren, 
und geschah bei dieser Trennung des von Paraguay eroberten Theils 



54 W. Koner: 

von Qran Ghaco meht einmal Erwähnung; derselbe verblieb daher, da 
länger als drei Jahrhunderte hindurch kein Einspruch erhoben wurde, 
in rechtmäfsigem Besitz seiner ursprunglichen Eroberer. 

Was die Missionen am Parana betrifft, so fielen bei der Trennung 
Buenos Ayres von Paraguay im Jahre 1620 von den dro&ig die Mis- 
sionen bewohnenden Indianerstämmen siebzehn an Paraguay '). Spa- 
ter entstanden jedoch zwischen der bürgerlichen und geistlichen Ver- 
waltung Streitigkeiten über die Grenzen und Befugnisse der Gerichts- 
barkeit. Durch eine Verordnung des Königs von Spanien vom 1 1 . Fe- 
bruar 1724 mufsten sich die Bischöfe beider Diocesen einem Schieds- 
gericht unterwerfen, welches zur Schlichtung der Streitigkeiten in Gan- 
delaria zusammentrat und dahin entschied, dafs die auf dem linken 
Ufer des Parana gelegenen Ortschaften des Departement von Gande- 
laria (Provinz Gorrientes), nehmlich San-Gosme, Santa- Ana, Nuestra 
Senora de Loreto, San-Ignacio und Gorpus mit Paraguay vereinigt 
werden sollten. So blieb die Sachlage fast ein Jahrhundert hindurch, 
bis im Jahre 1803 durch ein Handschreiben des Königs von Spanien 
vom 17. Mai das Oesammtgebiet der Missionen als ein von beiden Staa- 
ten vollständig unabhängiges Land erklärt und Bernardo de Velazco 
als Gouverneur der neuen Provinz eingesetzt wurde. Drei Jahre spa- 
ter (1806) wurde Velazco gleichzeitig zum Gouverneur von Paraguay 
ernannt, und fand dadurch wiederum eine Vereinigung des ganzen 
Gebiets der Missionen mit Paraguay statt. Als aber nach der unbla- 
tigen Revolution vom 14. und 15. Mai 1811 sich Paraguay für immer 
von der spanischen Herrschaft befreite, und bereits am 12. October 
1811 die Unabhängigkeits -Anerkennung Seitens Buenos Ayres erfolgte, 
wurde gleichzeitig das ganze Gebiet der Missionen als integrirender 
Theil Paraguay's anerkannt. Paraguay beschränkt aber heut zu Tage 
de facto seine Jurisdiction nur über diejenigen Theile des Departements 
Gandelaria, welche ihm nach dem schiedsrichterlichen Ausspruch von 
1724 zugesprochen worden waren. 

Die Grenzregulirung zwischen Paraguay und Brasilien betrifiBt 
gleichfalls zwei Paukte, nehmlich die Demarcationslinie im Norden von 
Gran Ghaco, sodann das zwischen dem Rio Blanco, welcher auf unse- 
ren Karten als Grenzflufs bezeichnet ist, und dem Rio Apa gelegene 
Gebiet. Der erste Punkt hat eigentlich nie zu Streiti^eiten Anlafs 
gegeben, indem man übereingekommen war, dafs im Norden von Ghaco 
der Rio Negro oder Bahia die Grenze bilden sollte, wie diese Bestim- 
mung auch in die ProtocoUe des Grenztractats vom 12. Februar 1858 
übergegangen ist Auf gröfsere Schwierigkeiten hingegen stofst die 



1) VergL die Beflohroibung der Mission in dieser Zeitschrift N. F. VII. £k 4dO ff. 



Ofensr^aliTaiig avisehen dem Rio Blaneo ond Apa. Die Portugie- 
sen hatten nehmlidi auf dem reehten Ufer des Paraguay die Nieder- 
JassuDgen Oommba und Albuquerqae (1778) und unter 19* 55" 43'" 
S. Br. das Fort Coimbra angelegt, die Spanier hingegen im Jiüire 1792 
das Fort Bourbon, heute Olirapo genannt (21* Ol' 39'' S. Br.), um 
das Yordiingen der Portu^esen gegen Säden zn hemmen. Südlich 
von dem etwa eine Legua unterhalb des Fort Olimpo in den Paraguay 
mfindenden Bio Blaneo besafsen die Portugiesen niemals eine Niederlas- 
sung *). In neuester Zeit jedoch geht das Bestreben der brasilianischen 
Re^erang dahin, ganz gegen den Tractat Tom 6. April 1856, Colonien 
nöt^lich Tom Rio Apä zo grdnden und es ist klar, dafs dieses Vorgehen 
der Brasilianer mehr politischer Art ist, als dafs es aus dem Bestreben 
hervorginge, das grofse Kaiserreich durch einen noch dazu zum grofsen 
Thetl unfruchtbaren Landstrich zu vergröfsem; denn das ganze Gebiet 
ist ohne Minen, ohne bedeutende Waldungen, nur mit Buschwerk und 
wehigen Palmen bestanden, die Bevölkerung ziemlich dünn ges&t und 
nur in den hoher gelegenen Theilen wohnen wilde Indianerstämme, 
welche ymi den Portugiesen den Gebrauch der Feuerwaffen bereits 
jcennen gelernt haben. Die Paraguayoe haben sich bis jetzt auf die^ 
sem streitigen Gebiete dem Vordringen der Brasilianer energisdi wider^ 
setBt; so verjagten sie im Jahre 1850 eine Brasilianische Colonne, 
welche sich auf dem südHeh von der Mundung des Rio Blaneo gele- 
genen Pan de Azuear festsetzen wollte und in gleicher Weise vertrie- 
ben siiß eine Sdbaar Brasilianer, welche sich im Jahre 1855 in Salinas 
auf dem rechten Ufer des Paraguay befanfe der Salzauabeute angesie- 
delt hatte, ohse daOs jedoch diese feindseligen Schritte der Regierung 
voa Paraguay von brasilianischer Seite als ein casus belli angesehen 
wurde. Wahrscheinlich werden, wenn die Grenzregulirung, welche 
nach einer Qansel in der Convention vom 6. April 1856 im Laufe der 
nichsten sechs Jahre vor sich gehen soll, zum endlichen Austrage 
kommt, die natürlichen Grenzen, wie dieselben schon gegenwärtig auf 
unsere Karten niedergelegt sind, als mafsgebend angenommen werden, 
nehmlidb im Osten der Parana von der Mündung des Rio Grande de 
Cntutiba bis zur Mündung des Yvineyma, dann nach Nordost der Yvi- 



') Die südlichste Niederlassimg, welcher die Brasilianer seit zwanzig Jahren 
einige Wichtiglseit beilegen, ist der unter 19<> 28' S. Br. am Mbotetü oder Mbote- 
tui, einem Nebenflufs des Paraguay, gelegene Ort Miranda; hier wurde im Jahre 1580 
von den Spaniern eine Stadt mit Namen Santiago de Jeres gegründet, dieselbe aber 
▼on den Mbsyas- Indianern mit filüfs der Portugiesen im Jahre 1678 zerstört. Im 
Jahre 1778 nahmen die Portugiesen von dieser Niederlassung alleinigen Besitz und 
gründeten an Stelle der zerstörten Stadt eine neue, die Botetim oder Imbotetim ge- 
tauft wurde und die, seitdem daselbst eine Strafcolonie eingerichtet wurde (1797), 
den Namen liiraada erhielt. 



56 W. Koner: 

neyma in Beinem ganisen Laufe undim.Nordea die Beif^kelte 
den Quellen dieses Flusses und denen des Bio Blanco im Gebirge Na- 
bilequ^y endlich der Rio Blanco in seinem ganien Laufe bis su seiner 
Mündung in den Paraguay. 

Demgemäls würde Paraguay ein Terrain von 29,470 OLegnas 
umfassen, von denen li>113 östlich, 16,537 westlich von Paraguay lie- 
gen, wozu die Missionen mit einem Flächengebiet von 1820 OLegnaa 
kommen würden. Von diesem ganzen Ländergebiet sind jedoch nur 
2500 QLeguas bewohnt, bebaut oder als Weideland benutzt. 

Was die Bodengestaltung betrifft, so lassen, weil genaue Aufhah* 
men noch überall fehlen, unsere Karten selbst in den Hauptpunkten 
noch viel zu wünschen übrig. Eine grofse Bergkette zieht sich von 
Norden nach Süden vom 20 bis 24^ 8. Br. durch das Land, die Cor- 
dillere vonAmanbay oder Maracayü. Dieselbe wendet sich unter 
dem 24. Breitengrade gegen Osten nach Brasilien, wird bei den gro(s- 
artigen Wasserfällen von Guayara durch den Parana durchbrochen 
und streicht auf brasilianischem Gebiet in südöstlicher Richtung, hier 
die Wasserscheide zwischen den Zuflüssen des Rio Grande de Gumtiba 
und den nördlicher in den Parana mündenden Flüssen bildend. Aus- 
läufer der Gordillere von Amanbay ziehen sich westlich bis zu den 
Ufern des Paraguay, deren nördlichster im Pan de Azuoar südlich von 
der Mündung des Rio Blanco endet, dann der Itapucü guazu, die Cer- 
ros Morados und der Itapucii mi, alle drei südlich von der Mündung 
des Rio Apa bis zum 22® 75' S. Br. gelegen. Nordwärts verlängert 
sich die Amanbay Gordillere nach Brasilien hinein, während ein öst- 
licher Zweig bis an den Parana läuft und, die Wasserseheide zwischen 
den beiden in diesen mündenden Nebenflüssen, dem Tvineyma und 
Amanbay, bildet. 

Da, wo im Süden die Amanbay Gordillere sich unter dem 24* 
S. Br. gegen Osten wendet, schliefst sich die GaÄguazu Gordillere an, 
eigentlich nur eine südliche Fortsetzung der ersteren. Letztere streicht 
in hauptsächlich südlicher Richtung bis zu der Stelle des Parana, wo 
dieser nach Westen sich krümmend, die Grenze zwischen der Argentini- 
schen Republik und Paraguay bildet, und setzt sich auf dem linken Ufer 
des Parana unter der Bezeichnung Gordillere der Missionen fort 
Diese bildet die Wasserscheide zwischen dem Parana und dem Uruguay. 

Die ganze Gegend zwischen dem Hauptstock der beiden Gordil- 
leren und dem Paraguay ist ihrem Gharakter nach flach und nur durch 
einzelne Höhenzüge unterbrochen, in deren Thäler die Flüsse dem Pa- 
raguay zueilen. Von diesen Höhenzügen nennen wir zunächst die 
Gordillera, welche von dem Punkt, wo die Guaguazü Gordillere 
sich gegen Osten schwingt, in westlicher Richtung bis zum Flecken Pa- 



Pwagsay. 57 

ragoary (radoetlich vob Asaacion) sieh zieht and von hier in drei Hagel* 
ketten anel&aft, deren nördliche bis zum linken Ufer des Mandnvira 
(25* S. Br.) streicht; dtie mitdere, Los AI tos genannt, geht bis zum 
Paraguay, and zwischen beiden befindet sich das Fiulsthal des Peri* 
bebui and Gapiata; die dritte nnd sudlichste Hügelreihe endlich zieht 
sich bis nach Asoncion, mit der mittleren ein langgestrecktes dreiecki- 
ges Thal bildend, in dem die Lagana Ypacarai mit ihrem Abflafs, dem 
Rio Salado, liegen. Aafser diesen senkt sich von der Gordillera aus ein 
vierter Höhenzug, La Cordilleriia in südwestlicher Richtung l&ngs 
des Ufers des kleinen Rio Tebicnari (mini) bis zum Fiafsthal des gro- 
fsen Tebicuari (guazü) herab. 

Nordwärts von dem obengenannten Mandavira bis zum Rio Jeguy 
erstreckt sich eine grofse Tiefebene, zum grofsen Theil bedeckt von 
dem Sumpf Aguaracati. In dieser Ebene, sowie in der noch weiter 
nördlich bis zum Rio Aquidaban (23* S. Br.) sich hinziehenden, be- 
finden sich nur unbedeutende, theils isolirt liegende Hügel, theils mit 
den Ausläufern der Cordillere Amanbay in Verbindung stehende Hö- 
henzüge. Nördlich vom Rio Aquidaban ändert sich jedoch der Cha- 
racter der Gegend, indem ein Zweig der Amanbay Cordillere seine 
Aeste längs der beiden Ufer des Rio Apa entsendet. Der das linke Ufer 
dieses Flusses begrenzende, im Ganzen nur niedrige Höhenzug, endet 
am Paraguay in dem Itapucü mi, während die das rechte Ufer des 
Rio Apa begleitende Bergkette . höher ist, den Paraguay jedoch nicht 
erreicht, sondern nur in den sumpfigen Niederungen . durch isolirt dar- 
stehende Hügelgruppen, wie z. B. den Pan de Azucar sich markirt. 

Auf dem rechten Ufer des Paraguay in Gran Chaco setzt die 
obengedachte Hügelkette Los Altos, bei Villa Occidental über den Flufs 
and steht in nordwestlicher Richtung mit den Bergen Bolivia's in Ver- 
bindung. Mit Ausnahme dieser Hügelkette bietet das linke Flufsufer 
des Paraguay das Bild einer völligen Tiefebene dar und nur einzelne 
Hügel, wahrscheinlich Fortsetzungen der auf dem linken Ufer heran- 
tretenden Höhenzüge, finden sich hart am rechten Ufer des Flusses. 
Es sind die Cerros Galvan und Cerro Guana gegenüber den Ger- 
ros Morados; ferner Las Siete Puntas, eine Gruppe konischer Hü- 
gel, sodann Cerro Occidental oder Fechos de Morros zur Gruppe 
des Pan de Azucar gehörend, endlich die Cerros d'Olimpo '). 

Leider fehlen bis jetzt genügende Höhenmessungen, namentlich 



') Die Cerros d'Olimpo bestehen ans sechs Gipfeln, von denen die drei höch- 
sten den Namen Las Tres Hermanas fuhren; ihnen schliefsen sich zwei niedrigere 
Berge an, deren einer durch das Fort OHmpo gekrönt ist; der sechste Berg, Cerro 
del Norte genannt, ist von den anderen durch eine Bucht des Flusses getrennt. 



58 



W. Kanejr: 



for den Hauptsiamm der C<H?dUlereB, wenigattoft Temisfl^i \9ir in I>a 
Oraty'B Werk Angaben darüber. Nur ffir die in die- Ebene des Para*- 
gnay sich herabsenkende Höheasüge haben wir eine Anzahl MedMui- 
gen, aus denen herrorgebt, dafs die höchsten Erhebungen in denselben 
nur etwa 1500 Fofs betragen. Wir entnehmen dieseiben theils dem 
Buche Du Ghraty's (S. 144 f.) 9 theils den obengedachten haadachrifUi- 
chen Notizen des Grafen Brossard, der mehrere Messungen selbst an- 
gestellt hat; andere sind Vom lieut. Monrez (?), Gomnundanten des 
Aviso 'Dampfers ^Le Bisson'^, von dem Ingenieur der Eisenbahn naefa 
Villa Rica, Mr. Paddisson, und von Mr. Page ausgeführt. 



Name des Orts. 



Absolute Höhe 
in Mdtres. 



Relative Hohe 

über Asun- 

cioD in Metres. 



Asuncion 



Pülar 

ConcepcioQ ^ . 

Divino Salvador 

Cerro de Cartimb^ (am Rio Äpa) . . 
Cenro de Lambar^ (südöstl. y. Asunoioii) 

Yaguaron (Dorf südöstl. von Asuncion) 

Cerro de Yaguaron 

Paraguarj (Dorf) 

Cerro de Paraguary 

Cerro de S. Tomas (Gipfel) .... 

(Grotte) .... 
Santa Maria de Fde (Wohnung Bon- 

plands) 

Cerro de Santa Maria de F^e . . . 

Vüla Rica . 

Ugey (Cordillere von S. Jos^) . . . 
Pan de Azucar (Spitze) 



Olimpo (Festung) 

Ibitnruzü (Cordillere von Villa Rica) 
nach der Schätzung dea Grafen Rros- 
sard 

Pic d'Acay (Cordillere von Villa Rica) 
nach der Schätzung des Grafen Bros- 
sard 

Pic dTbicay, nach der Schätzung des 
Grafen Brossard 



77 

82 

66 

89 
HO 
111 
137 
157 
173 
173 
214 
150 
342 
402 
209 

114 

266 

1&2 

164 

493 
(nach t)u Gtraty 
ISdOFufsttber 
dem Paraguay) 

122 



600 

500 
400 



60 

80 

91 

96 

137 

73 

265 

325 

132 

37 

189 

76 

87 

412 



Was den geologischen Bau der Berge Paraguays betrifft, so stellen 
sich die meisten derselben, sowohl die innerhalb der Bei^ketten liegen- 



Paraguay. 59 

den, als die ifiolirt oder in kleinea Orappen in dem Tiefebene sich er* 
hebenden als konisch geformt dar. Meistentbeils in ihren Abh&ngen 
aus rothem Sandstein bestehend, sind ihre Spitsen von Basalt, Tra* 
chyten, granitisehem Oestein, oder von Sandstein, Puddingen und qua«> 
zigem Gonglomeraten gebildet Die isolirt oder in kleinen Gruppen 
aus der £bene emporsteigenden Erhebungen sind fast durchgängig aus 
ersteren Felsarten zusammengesetzt. Die Gentralmasse der Amanbay- 
und Caaguazu-Cordilleren besteht in ihrer ganzen Ausdehnung aus 
Trappgestein, dessen, in Folge der Einwirkung von Sonne und Was- 
ser erfolgte Zersetzung deutlich die kugelförmige Gestalt des Steines 
erkennen l&fst. Dieses Trappgestein des Ccntralgebirges tritt zwischen 
den metamorphischen und Schichtgesteinen hervor; Sandstein und Thon 
bilden die Unterlage letzterer. Ausnahmsweise begegnet man kalkigen 
Gesteinen, und zwar bestehen diese zum grofsen Theil aus thonig- kal- 
kigen Schiefem oder aus Kalken mit Dolomit. 

Der nördliche Zweig der Amanbay-Cordillere, wacher, wie oben 
erwShnt, önen Ausläufer Ifings des linken Ufers des Bio Apa entsen- 
det, besteht meist ans Sandstein; ab und zu stöTst man auf laystalli*- 
niscbe und kalkige Gesteine verschiedener Art. Dieser Ausläufer endet 
am Ufer des Paraguay mit einem machtigen Auftreten dichter und 
Magnesia haltiger Kalke im Itapucumi und Itapucuguazu, sowie thoniger 
Kalke in der Pena Hermosa; zwischen, diesen beiden erheben sieh die 
aus röthlich thonigem Schiefer bestehenden Oerros Morados. — Fast 
von gleicher Beschaffenheit ist der das rechte Ufer des Bu> Apa be- 
gleitende Höhenzug; derselbe endet am Paraguay in der von Eruptiv- 
gestein, unter dem der Syenit vorherrschend ist, gebildeten Gruppe des 
Pan de Azucar. 

Characteristisch für den geologischen Bau des Landes ist der Reich- 
tbom an Eisen, welches sich als Brauneisenstein bald oben auf Jenen 
kleinen kegelförmigen Anhöhen, die aus den Höhenzügen heraustreten, 
bald in den Thälern findet, wo es grofse Absätze bildet. Brauneisen- 
stein kommt fast überall, hauptsächlich aber zwischen den Flüssen Apa 
und Aquidaban vor; Rotheisen findet man zu Qniqui und Caapucü und 
in den Puddingen des Berges Santo Tomas bei Paraguari. Der Berg- 
zug von San -Miguel enthält Magneteisenstein. — Mangan als Braun- 
stein kommt in der Cordillerita, und Kupfer in der Form von Lazur 
ebenfalls bei Encamacion häufig vor. Quecksilber soll nach Page zu 
San Miguel, Zink nach Demersay in der Cordillerita vorkommen, so^ 
wie das Vorhandensein von Gold und Silber sogar behauptet wird. 
Du Graty bestreitet jedoch das Vorkommen dieser Metalle, wenigstens 
hat er darüber nichts in Erfahrung bringen können. 

Die oberste Bodenschicht des Landes besteht aus mehr oder we- 



60 W. KoDer: 

niger mit röthlichem Thon and Hmnus gemischtem Sande. Derselbe 
ist an einigen Stellen weifs, an anderen ist Thon vorherrschend and 
in den tiefer gelegenen Gegenden sind diese Sand- oder Thonschichten 
mit Erde oder schwarzem Schlamm bedeckt. Diese obersten Schich- 
ten rohen öfter anf hartem, verschiedenartig gefärbtem Thon, an an- 
deren Stellen anmittelbar anf dem Sandstein, welcher häafig in sehr 
bedeatender Mächtigkeit auftritt, so u. a. bei Asnncion, wo in einer 
Schlacht von mehr als fanfzig Meter Tiefe, die fast senkrechten Wände 
eine Ablagerung eines feinen Sandsteins zeigen, dessen Beschaffenheit 
in seiner ganzen Mächtigkeit dieselbe bleibt. Mitunter lagert, wie bei 
Ihn, oberhalb des Sandsteins eine Schicht sehr thonigen Sandes von 
verschieden gefärbten Streifen; der unterste roth, der mittlere gelb, 
der oberste weifs. An anderen Stellen ruht die Vegetation sdecke un- 
mittelbar auf dem rothen und gelben Sande. Der feine rothe Sand- 
stein, aus welchem die Üferbank besteht, auf der Asuncion erbaut ist, 
schliefst Trümmer eruptiven und metamorphischen in Zersetzung be- 
griffenen Gesteins ein; man findet daselbst Bruchstacke von Feldspath 
und krystalüner Kalke. 

Ueber das Flufiseystem von Paraguay ist bereits in dem obenerwähn- 
ten Aufsatze unserer Zeitschrift (N. F. II. S. 9 ff.) das Wichtigste mitge- 
theilt worden. Wir werden deshalb hier nur noch einiges über die gro- 
fsen Wasserbecken, welche an jener Stelle nicht berücksichtigt worden 
sind, hinzuzufügen haben. Die bedeutendsten Seen sind der Ypoa, Ipa- 
caray, Aguaräcaty und Nembucu, sämmtlich von grofser Aus- 
dehnung, aber nur von geringer Tiefe und deshalb auf den Karten 
theilweise nur als Esteros (schilfumkränzte Wasserflächen inmitten aus- 
gedehnter und unzugänglicher Sümpfe >)) bezeichnet. Das sudlichste 
grofse Wasserbecken ist der Ester o Nembucu auf dem nördlichen Ufer 
des Parana, von der am Paraguay gelegenen Stadt Pilar bis zur Insel 
Apipe im Parana sich ausdehnend; seine Abflüsse in den Parana bil- 
den der Piraguazu und Yaberiri, in den Paraguay der Nembucu und 
der Burrico Gane. — Nördlich davon auf dem linken Ufer des Tebicuari 
liegt die Laguna Ypoa, nach der Karte eigentlich nur das mittlere 
Wasserbecken eines ausgedehnten Estero, dessen südlicher Theil mit 
dem Namen Estero Bellaco bezeichnet wird, während er in seiner nörd- 
lichen Ausdehnung bis zum Rio Canabe den Namen Estero Ypecaa 
fuhrt. Diese Laguna erhält ihre Zuflüsse durch die von den Bergen 
von Ibitimi, Acay und Paraguary herabkommenden Gewässer und er- 
.giefst sich in den Tebicuari. — Der See Ypacaray liegt, wie bereits 



') Yergl. die Beschreibung der Correntinischen Lagunen in dieser Zeitschrift: 
N. F. YII. S. 464. 



Paiagnay. 61 

bemerkt, in der von den Los Altos gebildeten Thaleenkang ond wird 
durch die von diesem Höhenzage herabkommendcn Oewässer gespeist; 
er fiiefst durch den Bio Salado in den Paraguay ab. — Der Estero 
Aguaracati bedeckt das ganze Gebiet sswischen dem Manduvira und 
Cuorepoti; eine Sumpfniedernng zieht sich zwischen ihm nnd dem Pa- 
raguay hin, aus welcher sich folgende Bäche und Flüfschen in diesen 
Strom ergiefsen: der Guaycuru, Ybirayn, Casinguacue, Ip&ä Mini, Ipita 
Guazu und der Caapiipobo. Gespeist wird der Estero Aguaricaty 
durch die von den westlichen Abhängen der Cordilleren Amanbay und 
Caagoazd herabkommenden Flüsse. 

Die Bepublik Paraguay wird in 25 Departements getheilt, von de- 
nen 23 zwischen dem Parana und Paraguay, das 24. in Gran Chaco 
und das 25. in den Missionen auf dem linken Ufer des Parana liegen. 
Nach dem Census vom Jahre 1857 betrug die Gesammtbevolkeruog 
1,337,439 Seelen, welche sich folgendermafsen vertheilte: 

Departement. Seelenzahl. 

1) Central -Depart mit 16 Milizdistricten. 398,628 

2) Acay 41,314 

3) CordiUerita 26,709 

4) Coidillera 110,807 

5) Caipucd 31,859 

6) Villa Bica 109,776 

7} Caazl^>a 80,908 

8) Yuti 10,205 

9) Bobi 12,401 

10) Missionen . 180,304 

11) YiUa de la Encamacion 9,376 

12) Santo-Tomas 601 

13) Villa de Oliva 8,208 

14) Vüla Franca 10,704 

15) ViUa del Püar 160,411 

16) San -Estanisiao 12,540 

i7) San-Joaquin 14,105 

18) Vüla de San-Isidoro de Guruguati . . 22,768 

19) Vüla de Ygatimi 6,700 

20) Villa del Bosario 18,912 

21) Vüla de San -Pedro 24,119 

22) Villa de Concepcion 31,562 

23) Vüla del Divido Salvador 10,127 

24) ViUa Occidental und Pilcomayo . . . 4,125 

25) Candelaria 270 



62 W. Kotier: 

Die Hanptstadt Asoneioii gewAfart dnroh ihre breiten, regelmfifsi* 
gen Strafsen, sowie dnrdb ihre schöne Lage auf den Uferbänken des 
Paraguay inmitten ein^ im Sohmneke einer reichen tropischen Vegeta- 
tion prangenden, stark bevölkerten Gegend einen herrlichen Anblick. 
Ein geränmiger Marktplatz nimmt den Mittelpunkt der gegenwärtig 
circa 48,000 Einwohner zählenden Stadt ein , nnd zahlrdche meistens 
der Nenzeit angehörige Banwerke, wie die Gathedrale, die Kirchen San 
Rocqne und Encamacion, der Regierangspalast, die Caseme San Fran* 
zisco, die Cavallerie-Oaeeme, das Militärhospital, das Bahnhofsgebäude, 
endlich das im Bau begriffene Theater gereichen dem Ort zur Zierde. 
Asuncion ist der Hauptstapelplatz des ganzen Landes, und biet mün- 
den die grofsen Hauptstrafsen, auf Welchen sich der Verkehr aus den 
nordlichen und iimern Landestheilen bewegt. Nach dem schwachbe- 
völkerten Norden zieht sich eine Strafse auf dem Ostufer des Para- 
guay über Rosario, San Pedro, Belen, Concepeion nach den Ufern des 
Rio Apa, während eine zweite gleichfalls nach Norden gehende sich 
um den Estero von Aguaracaty herumzieht, und von S. Estanisiao aus 
einen Arm westwärts durch die Sumpfniederungen nach Rosario ent- 
sendet, während ein zweiter in NON. Richtung die Amanbay-Cordil- 
lere übersteigt und sich in das Thal des Yvinbeima nach der brasilia- 
nischen Orenze zu- herabsenkt. Der Hauptverkehr findet jedoch mit 
den starkbevölkerten südöstlich von der Hauptstadt gelegenen Departe- 
ments von Acay, Gordillerita, Oordillera, Gaampucu, Villa Rica und 
Caazapä (vergl. auf S. 61 die Uebersicht der Bevölkerung) statt. Drei 
ziemlich gleich lange Strafsen fahren von Asuncion nach Villa Rica, 
als dem Hauptpunkt des Verkehrs. Die südlichste zieht sich von Asun- 
cion über Luque, dann über die Abhänge der westlich von dem See Ipa- 
racay gelegenen Los Altos durch die Ebene von Pirayu und übersteigt 
die Sierra de Cabanas und die Cordillere bei Cruzo Cerra. Die zweite 
und besuchteste Strafse geht über San Lorenzo, Ita, Yaguaron nach 
Paraguary, zieht sich über einen Höhenzug der Cordillere nach Ibi- 
tiny und senkt sich sodann in das Thal des Tebicuari mini hinab. 
Die dritte Strafse endlich zieht sich* von Asuncion über San Lorenzo, 
Capiata und Itägua und • vereinigt sich bei Peribebui mit. der ersteren. 
Der gesteigerte Verkehr mit Villa Rica hat jedoch den Bau einer Ei- 
senbahn veraulafst,' welche im- Jahre 1859 durch den englisdien Inge- 
nieur Padisson in Angriff genotnmen, gegenwärtig bis Paraguary auf 
einer Strecke von 72 Eüom. beendet ist. Der Bau dieser Bahn erfor- 
derte eine groise Anzahl- Brückenbauten, um den bei den heftigen tro- 
pischen Regen von- den Bergabhängen herabstürzenden Wassermassen 
einen Durchgang zu gewähren. Sie fährt über die Dörfer Trinidad, 
Luque, Areguä, Itaugua und Pirayu und scheint, nach der Original- 



Paragvay* 63 

karte Dn Graty's za seUiefsen, eise Zweigbahn nach Oapiata za ent- 
seDden, waraber jedoch alle n&hereii Angaben, sowohl bei Da Graty, 
als in dem Bericht des Grafen Brossard fehlen. 

Nur diejenigen aus. früherer. Zeit stammoiden Strafsen, welche 
auf den Höhenzügen geführt sind, zeigen sich als brauchbar nnd be- 
dürfen, wegen der Trockenheit des Bodens, selten der Reparaturen, 
während die in den Thalsenkungen und im Tieflande oft in weiten 
Umwegen durch den Sumpfboden sich hinschlängelnden Wege durch 
Ueberschwemmungen für den Verkehr nicht selten vollkommen un- 
brauchbar werden. Die Distancebestimmungen sind deshalb sehr un- 
zuverlässig^ Wie Graf Brossard schreibt, waren zur Zeit der spani- 
schen Herrschaft die Legaas durch Kreuze bezeichne; nur wenige der- 
selben haben sich jedoch noch erhalten, die meisten sind umgestürzt 
oder verschwunden« Jetzt jechnen die Paraguayos, die mit den Di- 
Btanceangaben es eben nicht sehr genau nehmen, bald nach den Ent- 
fernungen von. einer Kirche zur andern, wobei es denn vorkommt, dafs 
selbst alte Entfernungsangaben bei Ortschaften, die verlegt worden 
sind (z. B. San Jose de los Arroyos), für den neuen Ort adoptirt wor- 
den sind, bald.nac^ der Entfernung der Districtsgrenzen. Am häu- 
figsten aber ist der Irrt&um, dais, während die Paraguayos nach spa- 
nischen L^gaas (5000 Varas oder 4I92,8& M^tres) zu rechn^i vermei«- 
neu, sie in der That nach Seemeilen rechnen (P «si 20 SeemeUen » 
26^ Legnas). D^e^e YerwimiBg in den Entfemungsangaben hat Herr 
Du Graty theilweiae durdi Aufstellung einer Anzaiil Itinerarien mit 
genauer Angabe d^r Entfernungen der einzelnen Orte von einander 
in iieguas geloßt, und tet diese Aufnahme durch Herrn Kiepert in der 
beigefugten Ejirte medeqfäegt worden. Dia von Du Graty gegebenen 
Wegestrßcken sind folgende: 

Von Asuncion nach Rosario H7,8 L^nas. 

- Rosario nach SatU Pedro ...... 10,9 

- San Pedro bis Concepcion 2d,7 

- Concepeion bis zur Estancia Observacion 19,& 

- der Estancifv Obaervacion bis zu den Yer«» 

, balen von Tacurupita (südliche Straise) 96 

- der Estaneia Observaoion bis zu den Yer- 

baien von Taoorupita (nördliche Strafse 
über Cawpo Beliavista und Oliva).. • 40,5 

- Rosado über San-Efitanüslao nach San 

Joaquim . . . . , • . . . . • 34,7 

- San Joaquim nach Gaaguazii . « » .. • 14,i 
• Caaguazu bis Mbeveara • • 4 .. . . . 6 

- CWagivkzd nach Villa Rica 1& - 



64 W. Koner: 

Von Villa Rica nach Asoncion ober Ttap^, 

Ybitimiy Paragnarj, Pirayu 36,4 Legaas 

- Villa Rica nach San.->Batanialao aber AjoB 29 

- Villa Rica bis Yaca Gaazü 6 

- - - Gaasapa« • 12 

- - Yati 25 

- - Encamacioa 50 

" Ybicay bis zu den Eiseniverken 6,9 

- den Eisenwerken bis cu den Minen von 

San-Migael 18 

- den Eisenwerken bis sa den Minen von 

Qainquio ...• 8 

- den Eisenwerken bis zu den Minen von 

Caapucd 12 

- Ybicoy nach Acay •.•...•. 3,7 

- Acay nach Paragaary 7 

- Paragaary nach Asnncion über Ci^iata .16,6 

Sind wir so im Stande ein ziemlich klares Bald desjenigen Theils 
des Landes zn entwerfen, welches sich von den Ufern des Paraguay 
bis zum Hanptstock der Cordilleren Amanbay and Caägaazü erstreckt, 
so fehlen doch bis jetzt noch alle genaueren Angaben über die ost- 
wärts von den Gordilleren bis sum ParanÄ liegenden Ölenden. So 
viel steht fest, dafs dieselben bei weitem hoher Hegen als diejenigen 
westlich von den Gordilleren, was sich schon aus dem bedeutenden Ni- 
veau-Unterschied des Parandl oberhalb seiner WasserfiiUe und dem 
unterhalb derselben erklären Ifiüst Nur di^enige Strafse beschreibt 
Du Oraty sehr ausfohrlich, welche, bei San- Joaquim die Gordillere Gad- 
guaza überschreitend, die zahlreichen Quellfiüsse des dem Parani za- 
eilenden Rio Acaray und Rio Monday schneidet und über das Dorf 
Gaagazii wieder zurück über die Gordillere nach Villa Rica fuhrt. Die 
ganze Gegend wird als treffliches Weide- und Ackerland, hier und da 
mit Yerbalen bedeckt, geschildert. Bis jetzt freilich können die wenigen 
in diesem Landstrich gelegenen Dörfer wegen der grofsen Entfernungen 
und der schlechten Verbindungsstrafsen mit dem Westen ihre Prodncte 
nicht verwerthen. Es steht aber zu erwarten, daA bei der Anlage 
neuer Ortschaften die. zahlreichen dem Parani zueilenden schiffbaren 
Flüsse als die bequemsten Verkehrsstraüsen dereinst benutzt werden 
können. 

Was schliefslich> das westlich vom Paraguay und nördlich vom 
Rio Vermejo liegende. Gebiet von Gran Ghaco betrifft, so ist dasselbe 
für uns bis jetzt noch eine terra incognita. Von einer Anzahl India- 



Paraguay. 65 

nentfinuneii, den Onanas, Lengaas, Machicays, Enimagas, Gnentns^s, 
Tobas, Pitalugas mit den Agniloted bewolmt, besitzt Paraguay in die- 
sem Gebiet nur das Asnncion gegenüberliegende Departement Villa 
Occidental und Pikomayo zwischen dem Oberlauf des R. Pilcomayo 
nnd dem R. Arroyo gelegen. Dasselbe enthält die beiden Dorfer Villa 
Occidental and Pilcomayo, ersteres im Jahre 1855 von französischen 
Colonisten gegründet, daraaf wieder von diesen verlassen nnd in der 
neuesten Zeit durch Paraguayos colonisirt. Anfserdem wird dieser Di- 
strict durch eine Kette von Militärposten gegen die BinföUe der räuberi- 
schen Indianer vertheidigt. 



VI- 

Brief Dr. David Livingstone's 

an Dr. H. Barth. 



Am Bord des Pioneer, im Fln& Zambezi) 18. Febr. 1863. 

Mein lieber Dr. Barth! 

Ihr sehr willkommener Brief vom Juli 1861 kam mir in demsel- 
ben Augenblick zu Händen, wo ein für den Nyassa bestimmtes Dampf- 
boot mir zu Hülfe kam und, da wir nun jetzt beschäftigt sind, letz- 
teres nach dem Orte seiner Bestimmung zu schaffen, benutze ich ein 
Paar freier Augenblicke, um Ihnen meinen Dank auszusprechen für die 
Erinnerung, die Sie einem Kollegen im Brforschungswerke Afnka's 
bewahren. 

Es wird uns zum wenigsten ein ganzes Jahr in Anspruch neh- 
men, die Stücke, aus denen das Dampf boot besteht, über die Kata- 
rakten hinaus zu schaffen. Letztere erstrecken sich über 35 engl. Mei- 
len Breite und der Fall des Flusses innerhalb jenes Raumes beträgt 
1200 Fofs. Da wir nun aber das Fahrzeug, lange bevor wir zu den 
Katarakten kommen, verlassen müssen, so wird der Raum, über den 
wir das Dampfboot über Land zu transportiren haben, nicht weniger 
als 70 — 80 Meilen betragen. 

Der Schire oberhalb der Katarakten ist ganz ohne Hemnmifs und 
von gehöriger Tiefe. Im letzten August haben wir ein Ruderboot hin- 

Zeltsobr. f. atlg. Brdk. Neae Folge. Bd. XIII. 5 



66 H. Barth: 

an^eaduifln;, und als wir es oberhalb der boefasten Katarakte Yon 8ta* 
pel liefsen, befanden wir uns so gut wie auf dem See selbst; denn 
am 2. September segelten wir mit Leichtigkeit in den Njassa em. 

Der Nyassa ist ein sehr tiefer See und da er auf allen Seiten 
von Bergen und Hochebenen umgeben ist, so ist die Folge, dafs er 
plötzlichen und gefährlichen Stürmen ausgesetzt ist. So reichte unsere 
Mefskette bei einer Länge von nur 35 Klaftern oder 210 Fufs in einer 
Entfernung von 2 Meilen vom Ufer nur selten bis auf den Grund und 
im nordlichen Theile des Sees hatten wir keinen Grund mit einer 
Fischschnur von 690 Fufs Lange. 

Wir hielten uns längs des westlichen Ufers und fanden die Länge 
des Sees über 200 engl. Meilen. Sein südliches Ende ist in 14* 25' S. Br., 
während er sich nach Norden bis zur südlichen Grenzlinie des zehn- 
ten Grades S. Br. erstreckt. Seine Gestalt gleicht einigermafsen der 
Stiefelform der appenninischen Halbinsel mit aufgespaltener Zehe und 
in umgekehrter Lage. Der Knöchel ist die schmälste Stelle, 18 — 20 
Meilen breit, aber der nördliche Theil hat 50 — 60 Meilen Breite. 

Uebrigens gelang es uns nicht den Hauptzweck, der uns geleitet 
hatte, zu erreichen, nämlich über den Charakter des Flusses Rowüma 
Gewilsheit zu erlangen, ob er nämlich eine Yerbindangsstrafse [mit 
dem See] abgeben kann. Es war trübselig, aber in dieser Beziehung 
kehrten wir eben so weise zurück, wie wir gekommen waren. So ver- 
sicherte d^ Eine, dafs wir aus dem See hinaus in den Flufs hinein 
segeln könnten, ein Anderer, dafs wir das Boot ein Paar Schritt weit 
tragen müfsten und ein Dritter meinte, dafs das über Land Tragen wohl 
50 Meilen weit betragen und einen ganzen Monat in Anspruch neh- 
men mochte; so wagten wir es denn nicht, auf eigene Hand den Ver* 
such zu machen und auf die andere, die Ostseite des Sees^ hinüber zu 
gehn. Denn drei von den vier Stürmen, die wir erlebten, würden 
unser kleines Boot bei der Ueberfahrt vensenkt haben. Allerdings 
hätten wir am nördlichen Ende des Sees längs der Ufer uns hinum* 
wenden können, wie die Anwohner uns mittheilten, dafs sie tbäten; 
aber leider hatte Krieg das Land nördlich von 11* 40' S. Breite ■) ent- 
völkert und Lebensmittel waren in Folge davon um keinen Preis zu 
haben. So zwang uns der Hunger zum Rückzug und es blieb uns 
nichts Anderes übrig, als unser kleines Boot an den Zweigen eines 
hohen, schattigen Baumes oberhalb der obersten Ej^tarakte auCzuh&n- 
gen und uns nach Süden zurück zu wenden. So erreichten wir unser 
Schiff (auf dem Schire) nach dreimonatlicher Abwesenbeit wieder. 

Der See hat mehrere kleine felsige Inseln von abgerundeter. Ge- 



■ I 

*) Bis zu diesem Punkt ist Liviugstone also, selbst gekoipmen. 



Brief Dr. Da?id Liyingstone'i. 68 

stalt; alle eind aabewofant mit Ansnahme einer einsigen. Der See 
steigt und £&lit je nach der nassen oder trockenen Jahresseit um 3 FaTs« 
Das Wasser ist frisch, kahl und sehr fischreich. Seine Ufer werden 
von einer gahlreicheren ßevolkerang hewohnt, als ich anderswo gefan- 
den habe. Aber Sklaven sind der einzige hier bekannte Handelsartikel 
und ein arabisches Boot oder dhow [wie sie an der Küste von Mo- 
zambiqae und in Zanzibar üblich sind] ist vor Kurzem an seinem Ufer 
gebaut worden, um Sklaven hinüber zu führen. Zwei Mal machte es 
sich bei unserer Annäherung davdn. Ungefähr 19,000 Sklaven passi- 
ren alljährlich das Zollhaus in Zanzibar und der grofsere Tbeil der- 
selben kommt eben vom Nyassa und dem Thale des Shire. Ich hege 
den eifrigen Wunsch, dafs ich so lange leben möge, um noch etwas 
Entschiedenes zur Beseitigung dieses gigantischen Uebels zu thun. 
Wenn wir mit unsrem neuen Dampfboot der „Lady Nyassa^ oder, 
wie ich sie lieber nennen mochte, ihe Lady of the Lake^ einmal auf 
dem See sein werden, werden wir leichten Zutritt zu einer Baumwolle 
producirenden Landschaft von über 300 Meilen Ausdehnung haben [und 
also durch Entwickelang gesetzmfibigen Handels die Wurzeln des Skla- 
venhandels abschneiden]. 

Ein Priester der freien schottischen Kirche ist augenblicklich in 
unserer Oesellschaft, am Erkundigungen einzuziehen in Betreff der Er- 
richtung einer christlichen Mission an dem Ufer des Sees oder auf den 
benachbarten Hochebenen, und ich habe ihm den Rath ertheilt, mit 
uns hinau£sngehn und mit seinen eigenen Augen zu sehn. Die An- 
wohner schienen uns freundlich und zuvorkommend — keine Passage- 
gelder wurden erhoben, noch Abgaben verlangt und ich hege keinen 
Zweifel, dafs ausharrende und arbeitsame Missionare im Verlaufe einer 
Anzahl von Jahren Früchte von ihren Bemühungen sehn werden. 

Sie werden gehört haben, dafs wir auf dem Manganja-Hocbplateau 
ostlich der Murchison's Katarakten eine Mission der anglicanischen 
Kirche haben. Ich ging mit dem Bischof dahinauf, um ihn den Leu- 
ten vorzustellen und um ihm eine gesunde Stätte zu zeigen. Da fan- 
den wir denn, dafs die Portugiesen ein ausgedehntes System von Skla- 
venjagd eingerichtet haben. Die erste Gesellschaft, der wir begegne- 
ten, hatte 84 Frauen und Eander zusammengebunden. Während wir 
unter diesen UnglückUchen Nachforschungen anstellten, entflohen die 
' Abentheurer in den Wald und liefsen ihre ganze Beute in meinen Hän- 
den. So dachte ich denn, das Beste, was ich mit ihnen thun könnte, 
würde sein, jene ganze Truppe gemeinsam mit einigen Anderen dem 
Bischof zu übergeben, um mit ihnen eine Schule anzufangen. Die 
Sklavenjäger hatten einen anderen Stamm Namens Adjaua benutzt, 
um die Mangandja- Dörfer anzugreifen, die Männer zu tödten und die 

5» 



68 H. Barth: Brief Dr. David Livingstone's. 

Frauen nnd Kinder ihnen zn verkaufen. Nachdem wir also die für 
die Mission bestimmte Oerdichkeit besehen, machten wir den Versuch, 
die Adjaua zu bewegen, dem Blntvergiefsen Einhalt zu thun und tra- 
fen sie gerade, als sie dabei waren, drei Dörfer mit Feuer zu zerstö- 
ren. Da wurden wir denn mit Feuergewehren und vergifteten Pfeilen 
angegriffen, das erste Mal, dafs ich in Africa ein wirklich feindliches 
Zusammentreffen gehabt habe, obgleich ich oft nahe genug daran ge- 
wesen bin und es thut mir leid, dafs es stattfand. Wir trieben sie 
mit Gewalt zurück. Hätte ich aber nur die geringste Ahnung davon 
gehabt, dafs etwas der Art geschehen würde, so würde ich von vorn- 
herein, ehe ich zn ihnen ging, von Geschenken und guten Worten Ge- 
brauch gemacht haben. So ging es nun einmal nicht anders, aber 
wir handelten ganz ausschliefslich im Wege der Selbstvertheidigung. 
Dagegen aber ergriffen, während wir auf dem Nyassa waren ( ? whih 
we were a t Nyassd) der Bischof und die Missionäre die Offensive nnd 
trieben einen -Stamm der Adjaua aus ihren Sitzen. Dafs sie diesen 
Weg einschlugen, thut mir äufserst leid ; denn, wenn auch ein Verthei- 
digungskrieg von Seiten eines Bischofs gesetzlich sein mag, kann ein 
Angriffskrieg sich doch nicht rechtfertigen lassen. Aber es ist das 
erste Mal, dafs diese Herren sich mit Bekehrung beschäftigen; auch 
müssen Sie wissen, dafs sie den Namen j^High church^ fuhren und 
war es mir von Herzen recht, dafs sie hierher kamen und bin ich noch 
der Ansicht, dafs sie nützlich sein werden ; denn y^High churchism^ kann 
nur in der Absonderung gedeihen, und wenn gute Leute die Laufbahn 
thätigen Wohlthuns betreten, mufs die bigotte Richtung der Kam- 
mer und des Klosters aufhören. — Der Bischof ist ein sehr guter Mann 
und dasselbe gilt auch von den meisten seiner Genossen , so dafs wir 
uns der Hoffnung hingeben können, dafs trotz dieses falschen Schrittes 
Erfolg ihre Bemühungen begleiten wird '). 

Sie werden die Kürze obiger Mittheilung entschuldigen, da ich 
augenblicklich nicht mehr geben kann; und, da ich nun meine Frau 
bei mir habe [also ihr nicht zu schreiben brauche], so soll nun auch 
Niemand ein Wort von mir hören, bis die j^Lady of the Lake^ wirk- 
lich auf dem See schwimmt. 

aufrichtigst der Ihrige 
— David Livingstone. 

') Diese HofFnung Livingstone's hat sich, nicht erfUUt, indem jüngere Berichte 
melden, dafs der Bischof von den Eingeborenen getödtet sei. — In einem hier fort« 
gelassenen Passus, wo Livingstone mich einen bartherzigen Menschen nennt, weil ich 
so viele Bücher schreiben kann, gebraucht er von sich die Worte, die ich hier im Ori- 
ginal gebe, weil sie charakteristisch für den Mann sind: f,8ir Roderick MvrcKison sei 
m« to write onee and I did not like to be beuten , but he may as well teil me ia 
etand on my headj as write another booTc,*^ 



69 



Miscellen. 

Aus einem Briefe des Herrn Prof. Munzbger in Bern 

an Herrn Dr. Barth, 
vom 27. Juni 1862. 

«Ich zweifle nicht, dafs Sie schon Kenntnifs haben von dem Briefe meines 
Brnden an das Comit^, am 2. April aas Chartnm geschrieben. Laut demselben 
waren an diesem Tage die Büstnngen vollendet und die Reisenden gedachten am 
4. April — tn schä Allah — den weiden Nil zu übersetzen. »»Wir sind ungeduldig, 
bald an die entscheidende Grenze zu kommen und doch ein Mal das türkische 
Land hinter uns zu haben. Wir machen die ganze Beise per Kameel, da der 
Wind einer Nilfahrt wenig günstig ist. Wir hoffen Mitte Monats in Obeid zu 
sein, wo mir *Ali Bey, der Mudir von Kassala her, vortheühafb bekannt ist. 
Der hiesige österreichische Konsul Herr Dr. Natterer wird uns Empfehlungsbriefe 
an den Gouverneur und die Sultane von Darfur und Wadäi mitgeben. Bei der 
Redaktion war die Frage, als was wir reisten. Es wäre das Naheliegendste und 
scheinbar Beste gewesen, uns als Aufsucher Dr. Vogers auszugeben, da, einen 
verlornen Bruder aufzusuchen, selbst dem Wilden vernünftig scheint. Doch da 
Dr. Vogel wenigstens nach den bisherigen Nachrichten durch Menschenhand um- 
gekommen ist und der Schuldige den Bluträcher fürchtet, da überdiefs die Er- 
kondigungen über sein Schicksal von allen Seiten eingezogen werden, so halten 
wir nicht iur geeignet, das schon so grofse Mifstrauen zu vergröfsem. So ge- 
denken wir einfach als Reisende uns den schwarzen Sultanen vorzustellen, die 
seit langen Jahren herumfahren, um die Wunder der Welt sich zu besehen und 
denen nur noch der Sudan und seine Sultane zu besuchen übrig bleibt In 
diesem Sinne hat der Schreiber des Herrn Konsuls, der ein geistreicher Redak- 
teur ist, die Empfehlungsbriefe abgefafst. 

Ich habe mit Verwunderung in Wagner's Buch über Vogel gelesen, dafs 
der in Kairo befragte Schingeti der gleiche ist, der auch uns hier viele Auf- 
schlüsse über den Sudan gegeben hat. Es ist merkwürdigerweise die einzige 
Person hier, die unseren Plan für ausführbar hält. Er rieth mir orientalische 
Kleidung anzunehmen, aber nie zu versuchen, Religion undHerkunft 
zu Verkappen [gewifs das allein Richtige], da nur der Pöbel damit getäuscht 
werden könne. Er legte grofsen Werth auf Fermane besonders der heiligen Pforte. 
Herr v. Heuglin hat aber von Konstanstinopel keinen solchen mit- 
gebracht, und der Brief von STaid Pascha an den Sultan von Für war nur 
auf seinen Namen ausgestellt und befindet sich auch noch in seinen Händen. 
Wir müssen uns also auf unsere eigene Diplomatie verlassen. Wir hoffen, der 
Sultan von Für sei etwas traktabler geworden, da die Gesandten S'aid Pascha's, 
die ihnen reiche Geschenke überbrachten, die Erlaubnifs zur Rückkehr bekamen, 
was früher schwierig war. Femer denken wir, er werde uns ohne Mifstrauen 
entlassen, wenn wir als unser Ziel das unschädliche Wadai erklären, während 
eine Rückkehr nach Kordofan gerechtes MiOstranen erregen würde. — Als Mis- 



70 Miscellen: 

Celle fuge ich bei, dafs sich unter den erwähnten Geschenken ein prachtYoUes 
Zelt befand ; doch wagte Sultan Hast ein nicht es in betreten und ließ) das soge- 
nannte Zauberwerk sogleich verbrennen. 

Wir kommen mit unserer Reise in die heifseste Jahreszeit und die Regenzeit 
ist nicht fem; doch hoffen wir bis Jnli reisen zu kömien, wenn uns Diurfbr's 
Eifersucht nicht aufhält Die Verspätung ist freilieh nicht unsere Schuld, da wir 
die Ersten auf dem Platz waren und im Ramadan kann man auch nicht schnel- 
ler fertig werden. Doch wird uns diefs nicht hindern, wenn uns Gott, dessen 
Schutz wir so nöihig haben, Gesundheit verleiht.** 

«So schreibt mein Bruder vom 2. April. — Da mnfs sich seine Gesundheit 
seit dem 16. März schon gebessert haben. Denn nach dem Briefe von diesem 
Datum war er noch so schwach, dafs er sich kaum auf den Füfsen halten konnte. 
Br klagt, vom Fieber, an dem er in Kässala 6 Wochen krank gelegen, korper- 
ich und geistig aufserordendich geschwächt zu sein. 

Mit Künzelbach scheint er sehr gut zu stehn; er schreibt: „^^ sollten wir auch 
zu den Opfern unseres Unternehmens gehören, so befinden wir uns doch in gu- 
ter Gesellschaft.** 

Nun noch eine Frage im Vertrauen an Sie: Ist man in Gotha vorsichtig ge- 
nug, auch an die Zukunft zu denken? Wie stehfs mit den Finanzen? Würtet 
man zu, bis dann der Ruf nach Hülfe kommt, so ist es bei der grofsen Entfer- 
nung zu spät. 

Mit ausgezeichneter Hochachtung 

Ihr ergebenster 

Dr. W. Munzinger, Prof. 



Die Ueberreste der im Alterthum begonnenen Canalisirung 

des Isthmus von Eorinth. 

Es ist bekannt, dafs das Alterthum sich vielfach mit dem Gedanken beschäf- 
tigte, "die Veriheidigungslinie, welche der Isthmus von Eorinth schon durch seine 
natürliche Beschaffenheit darbietet, durch eine künstliche zu verstärken. Eine 
solche bestand einmal in der Anlage einer Mauer, welche quer über den IsUimus 
an seiner schmälsten Stelle aufgeführt wurde, dann in dem mehrfach anfgenomr 
menen Project eines Durchstichs der Landenge, wobei man, auüser der Errich- 
tung einer verstärkten Veriheidigungslinie, auch das Interesse einer, kürzeren und 
gefahrloseren Seeverbindung zwischen Italien und Asien im Auge hatte. Was 
jene erstgenannte Vertheidigungslinie betrifft j so haben sich die Ueberreste der 
aus Quadern aufgeführten Mauer noch bis auf den heutigen Tag erhalten, deren 
eigentliche Entstehungszeit jedoch nicht genau zu ermitteln ist. Die altere zur 
Zeit der Perserkriege in Eile aufführte Isthmusmauer war verfallen und erat 
in späterer Zeit wurde dieselbe zum Schute gegen die von Norden her drohen* 
den Einfälle mehrfach erneuert und verstärkt und noch bis in die späteste by- 



Die Ueberreste der CaiiAllsinuig des IsthmuB von Korinth. 71 

laatiiiisGke Zeit «Is eia HaiiptboUweik des Pelcf onnes angesehen (vergl. Cartias 
Noponnesos. L p. 14 f.). 

Eine Canalisimng des Islhmos ist hingegen im Altertbam nie vollständig ra 
Sunde gekommen« Peiiender soll der erete gewesen sein, von dem das Project 
ao einem solchen Dnrchstich ausging» nnd wurde dasselbe von Demetrios Polior« 
ketes, Julius Caesar, Caligula nnd Herodes Atticus zwar wieder aufgetiommen, ohne 
dafs es jedoch cur Ausführung kam; wahrscheinlich liefs man sich dnrdi die Be- 
lidite der mit dem Nivellement der liSndenge vom Demetrios Potiorketes beauf- 
tragten Architecten abschreeken, nach welchen das Niveau des korinthischen Meer- 
busens bedeutend höher als das des saronischen liegen sollte, so dafs bei einer 
Durehstechung des felsigen Landrückens, dessen höchster Punkt sich bis auf 
246 Fnfs erhebt, die Insel Aegina, sowie die umliegenden Inseln der Gefahr einer 
Ueberfluthung ausgesetzt waren. Nero endlich nahm das Project wieder auf. Mit 
grofsem Pomp that er in eigener Person die ersten Spatenstiche für den beab- 
sichtagten Kanal, aber Erscheinungen drohender Art, aus dem Innern der Erde 
herauftönendes Aechzen und Stöhnen, und aus dem Boden hervorquellendes Blut 
schreckten, nach der Erzählung des Dio Cassins (65,16), die Arbeiter zurück, so 
data das kaum begonnene Werk liegcu blieb. 

In neuester Zeit hat nun Mr. Grimaud de Cauz der Pariser Akademie 
der Wissenschaften {CompU» rmdus kebdom* des »Dances de fAcad. d. Sciences, 
T. UV. 1862. p. 929) die Resultate seiner an Ort nnd Stelle angestellten Un- 
tersuchungen über die Ausdehnung des von Nero begonnenen Durchstichs des 
Isthmus vorgelegt, aus denen hervorgeht, dafs die Vorarbeiten cur Canalisirung 
keineswegs so unbedeutender Natur gewesen zu sein scheinen, als man aus den 
alten Anthoren schliefisen möchte. — Mr. de Caux begann seine Untersuchungen 
auf der Seite des saronischen Meerbusens. Seine Aufmerksamkeit wurde zunächst 
durch eine natürliche, vom Meere ans landeinwärts fährende Schlucht erregt, 
welche überall gleichmäfsig 2 Kilometer breit ist und an einem zerklüfteten Kalk- 
steinfelsen endet. Aus dem Umstände, dafs, dieser parallel, mehrere kürzere 
Schluchten sich vom Strande aufwärts ziehen, folgert er, dafs man die erstere 
für den beabsichtigten Durchstich benutzt habe. Ebenso war von der korin- 
thischen Seite her die Canalisimng gleichzeitig in Angriff genommen worden, und 
zwar auf der Ostseite, der saronischen, auf 2180 Meter, auf der Westseite, der 
korinthischen, auf 1156 Meter, so dafs bei einer Gesammtbreite der Landenge 
von 5900 Meter nur 2664 Meter an der Vollendung des Durchstichs gefehlt ha- 
ben würden, mithin gerade die Stelle, wo die höchste Erhebung des die Land- 
enge durchsetzenden Bergrückens lag. Zwischen den inneren Endpunkten der bei- 
den begonnenen Durchstiche fand man eine Beihe von vierzehn Bohrlöchern oder 
Versuchsschachten in den Felsen getrieben, von denen fünf viereckig, die ande- 
ren rund odei oval sind. Der eine dieser Schachte mifst 2"',80 im Quadrat und 
geht in seiner Mündung durch eine Kalksteinschicht von 0"',90 Mächtigkeit, welche 
auf einer Lage von Sand und Erde ruht '). Darunter liegt wieder ein Kalkstein- 



') Fiedler sagt in seiner Reise durch Griechenland, I. S. 288 über den geo- 
logischen Bau des Isthmus : Der bisherige Weg fUr Reit- und Packpferde geht durch 
eine enge Schlacht auf der Oberfläche des Isthmus und dann südwestlich nach Ko- 



72 MiAceUen: 

feken tob 2*,10 Mächtigkeit Weiter« Untemichiuigen über die Beflcbaff^nheit 
des Bodens hat wohl Herr de Gaux ans dem Gnmde nicht anstellen können, da 
die Schachte bis eu einer gewissen Tiefe yerschdttet waren. Auf der saronischen 
Seite hören die Arbeiten auf einem wenig ron der höehsten Stelle des Isthmns 
entfernten Punkte auf. Hier ist der Felsen in einer graden Richtong ron 60 Me- 
ter durchbrochen. Die Höhe der durch diesen ersten Durchschnitt gebildete 
Stufe betragt 2 M. und führt auf einen Absats von gleicher Breite und einer 
Länge von 200 Schritten. Dieser ersten Stufe folgen tieferliegende zwar gleich 
breite, aber nicht so hohe Stufen und Absätze. Die letzte Stufe führt zu der 
mit dem Meere in gleicher Höhe liegenden Ebene, deren Breite circa 800 M. 
beträgt Die unterste etwa nur 40 M. breite Stufe geht durch eme Muscheibank 
von 10 M. Mächtigkeit ~ 

Auf der korinthischen Seite zeigen sich nicht minder die Spuren der begon- 
nenen Canalisimng. Vom Meere aus schreitet man auf eine Strecke von 792 M. 
über eine mit dem Meere in gleicher Höhe liegenden Ebene. Der Durchstich 
gdit hier gerade auf den Felsen zu, schneidet ihn auf einer Länge von 300 M. 
mit einer Normalbreite von 40 M. 

Interessant ist es, dafs sich jene obenerwähnte Sage von dem Hervorquellen 
des Blutes aus dem Erdreiche bei dem Beginn der Durchstechung noch bis jetzt, 
wenn auch mit einigen Anachronismen erhalten hat Herr de Caux berichtet 
nehmlich, dafs zu dem mit dem Nivellement beschäftigten Ingenieur Herrn v. Doub- 
nitz sich ein alter griechischer Landmann gesellt, und ihm erzählt habe, wie er 
von seinem Vater, der in einem Alter von 92 Jahren gestorben sei, gehört habe, 
dafs die Venetianer einen Durchstich des Isthmus von der korinthischen Seite 
her versucht hätten. Als sie nun mit der Sprengung der Felsen begonnen, wäre 
ihnen Blut aus dem Boden entgegengeqoollen. Darüber erschreckt hätten sie 
ihre Werkzeuge in Stich gelassen und auf der Seite von Ealamaki die Sprengung 
begonnen. Doch auch hier habe sich das Phänomen wiederholt, und so seien 
fernere Versuche unterblieben. — r. 



rinth. Bei dieser Schlucht zeigt sich zu Unterst erdiger gelblichweiflser Kalkmergel, 
der von hier bis Korinth und von dort noch einige Stunden weiter sttdlich abge- 
lagert ist; er füllt die Thäler aus und hebt sich an den Abhängen, dort steht er 
unbedeckt zu Tage, hier ist grober Kalk- Glomerat 8— 10 Lr. hoch aufgelagert, was 
weiter westlich den Isthmus nur etwa 2 Lr. mächtig bedeckt und auch bei Korinth 
nicht stärker ist; auf dem Isthmus liegen aber unter ihm Gerolle mit Erde gemengt, 
nicht Ealkmergel. Der Isthmus ist eine der jttngsten tertiären Bildungen. — 
Und auf S. 236 heifst es von dem Conglomerat, dafs dasselbe aus Faust grofsen Ge- 
rollen mit kalkigthonigem Cement verbunden bestehe ; es bildet an der Westseite des 
Isthmus eine etwa 2 Lr. mächtige Bank, in welcher zu oberst weiter nördlich viele 
calcinirte grofse Austerachalen, Ostrea, Pecten etc. liegen, welche den noch lebenden 
Conchylien ganz ähnlich sind. 



Zahl der Lettchtfeuer im AntiUen-Meer nnd im Golf von Mexico. 73 

Zahl der Leuchtfeuer im Antillen -Meer und im Golf 

von Mexico. 

Nach der von dem Ciq[>t. Le Gras herausgegebenen tmd bis zum April 1862 
Terbesserten Uebersicht der Leachtfeuer im Antillen -Meer nnd im Golf von 
Mexico (Phares de la Mer des Antilles et du Golfe du Mexique. Paris 1862), 
beträgt die Zahl der in diesen Gegenden errichteten Leuchtthfirme 164. Von 
diesen Uegen auf BartMidos 2, Tobago 2, Trinidad 1, Saint -Vincent 1, Santa Lu- 
<aa 1, Martinique 1, Gonadelonpe 6, Dominica 1, Antigua 1, Mont Serrat 1, St. 
Christophe 1, Sombrero 1, St Thomas 1, St Croix 2,' Porto Rico 1, St Do- 
mingo 1, Jamaica 3, Cnba 18, Bahama -Inseln 17, aaf der Küste von Guiana 6, 
Cajenne 1, Surinam 2, Mündung des Berbice 1 , Demerara 2, von den Mündun- 
gen des Orenoko längs der Küste von Venesuela und Neu Granada bis Tampico 
19, an der Küste von Texas 15, an den Mündungen des Mississippi und auf der 
Küste von Louisiana 28 (Blississippi- Delta 5), auf der Küste von Alabama 18, 
auf der Küste des Golfs von Florida 13. — r. 



Nenere Literatur. 

Lehrbuch der Geographie für höhere Lehranstalten, insbesondere Militär- 
schulen, wie zur Selbstbelehrung denkender Freunde der Erdkunde von 
Dr. Moritz V. Kalkstein. Zweite verbesserte und erweiterte Auflage. Ber- 
lin (Heymann) 1862. 8. 

Die erste Auflage dieses Werkes erschien im Jahre 1850. Vornehmlich wa- 
ren darin berücksichtigt die oreographischen und hydrographischen Verhältnisse 
der Erde. 

Als daher derselbe Verfasser im Jahre 1856 eine zweite Auflage seiner „Grund- 
linien einer physikalischen Erdbeschreibung' herausgab, konnten dieselben gleich- 
sam als eine Ergänzung des eben genannten Werkes angesehen werden. 

Dieses ist damals von der Öffentlichen Kritik günstig aufgenommen worden. 
Wir dürfen also wohl hoffen, dafs auch diese neue Auflage in gleicher Weise 
ihren Zweck erfüllen werde, um so mehr, als der Verfasser in dieser Zeit Gele- 
genheit gehabt und sie sich zu Nutzen gemacht haben wird, sich besonders klar 
zu machen und anzueignen, was für die vorzugsweise Verwendbarkeit seines Bu- 
ches für gewisse, engere Kreise von Wichtigkeit ist 

Seit den mehr als zehn Jahren, welche seit dem Erscheinen der ersten Auf- 
lage verflossen sind, hat die Geographie bedeutende Fortschritte gemacht, für 
welche ja auch die uneimüdlichen Deutschen manches Opfer an Geld und Kraft, 
sogar an Leben gebracht haben. 



74 Nentre LitanUnr: 

Diese BestrebonipeB sind yornehmlich auf Afrika geridbitet geweaen, und Pe- 
temaiin's IfittlnitiiDgeii, •owie diese SSeitsdaift, ivelche 4er¥erfaaMrali'QileUe 
■einer Nachtrüge besonden nambaft macht, jnnd reich an Nachrichten daräber, 
■o dafs wir in dieser .erweiterten' Aasgabe einen besonderen Abschnitt aber 
das Centralplatean v<m Südafrika nach den Besnitatea der neoesien Sbiaohimgen, 
sowie einen anderen über die Expedition nnter Bichardson, Barth, OYor«- 
weg nnd Vogel nach dem Tsadsee nnd den aogrensenden Sodaalandsohaften 
in den Jahren 1850 bis 1855 finden. 

Für Asien ist die Wichtigkeit des Amnr hervorgehoben. Dooh dürfte es 
wohl passend gewesen sein, die neaeren, wichtigeren Forsehnngen wenigstens aa- 
sodenten, wie es ja bei Afrika geschehen ist, nnd Namen, wie Badde, Sse- 
menow, Sohlagintweit, y. Bär n. s. w., eine Stelle sn geben. 

Behn Lesen der Schildemng des Lanfes der Wolga drangt sich die Bemer- 
knng anf, dafs es einem Buche, wie dem yorliegenden, wohl angestanden hatte, 
der schon vielfach gemachten Beobachtung an gedenken, dafs die mehr oder 
minder steile Böschung des einen oder des anderen Ufers der FlüBse mit der 
Richtung der letzteren und deren Zosammenfidlen oder Neigang gegen den Mo» 
ridian in Zusammenhang zu stehen scheinet eine Eigenthümlichkeit, welche schon 
Pallas an den russischen Flüssen auffiel, and über welche unlängst y. Bär eine 
tikngere Abhandlung geliefert hat; ein Verhalten, welches auch in der französi- 
schen Akademie zu verschiedenen Zeiten in dem einen oder dem anderen Sinne 
besprochen worden ist 

Ebenso hätte bei Besprechung der hydrographischen Verhältnisse Rufslands 
wohl darauf hingewiesen werden könnon, dals man durch Finnland hindurch geo- 
logische Spuren einer ehemaligen Verbindung der Ostsee mit dem arktischen 
Meere aufgefunden habe, um so mehr, als noch in geschichtlicher Zeit eine solche 
wirklich bestanden haben soll; gleichwie die ausdrückliche Bemerkung, dafs Mä- 
lar, Hjelmar, Wettern und Wenem von Küste zu Küste ziehen, und dafs durch 
Flufslänfe und Kanallinien eine Verbindung der entgegengesetzten Gestade mög- 
lich gemacht worden sei, die Veranlassung hätte geben können, anzudeuten, dafs 
man hier eine ältere Verbindung der Ostsee mit der Nordsee suchen dürfe, wie 
ja noch unlängst ein Aufsatz in dieser Zeitschrift die ehemaligen Verbindungen 
der Ostsee mit andern Meeren berührt hat. — Auch der Zusammenhang des ear 
spischen Meeres mit dem schwarzen Meere durch die Niederung des Manytsch 
hat neuerdings die Aufmerksamkeit beschäftigt. 

Eine allgemeinere Bemerkung über die Bildung tiefer Seen durch die Ein- 
wirkung ehemals vorhanden gewesener Gletscher, wie in Norwegen, in der Schweiz 
und am Südabhange der Alpen würde dem Buche in Berücksichtigang über die- 
sen Gegenstand vorhandener Arbeiten zur Zierde gereicht haben, denn, wenn da- 
mit auch in die Vorzeit zurückgegriffen wird, so hat die Hydrographie hier eine 
etwa ähnliche Berechtigung, als wenn in den ethnographischen Anführangen des 
verwandtschaftlichen Zusammenhanges der Völkerstämme Erwähnung geschieht 
Auch bilden ja nächst der Betrachtung der allgemeinen Configorationsyerhaltnisse 
der Länder Hydrographie und Oreographie — es ist erstaunlich, wie es. neuer- 
dings eingerissen ist, Orograpbie statt Oreographie zu sagen und zu schreiben, — 
die Hauptgegenstände der Behandlung in vorliegendem Werke. 



M. V. Kalkstein: Lehrbuch derOeogn^hie für höhere Lehranstalten. 75 

Untttr den idSiidisehen Vnloanen wird, wie fpewebnlicli, der Hekla besonders 
hervorgehoben, obgleich derselbe bei Weitem nicht der forchtbarste ist, iadev 
z. B. der Myidals JÖlnl viel gefährlicher ist and durch seine Ausbräche die furcht- 
barsten Verheerungen, Hungersnoth bei Menschen und Vieh hervorgehufen hat^ 
oft weniger durch eigentliche Laraströme, als durch plötzliehea Schmdsen der 
auflagernden Schnee- und Eismassen in Folge der Zunahme der innem Glutfa, 
wodurch die olmehin spärfichen Weideländereien mit Eis- und Schuttmassen fiber- 
deckt wurden. Auch durfte der im Jahre 894 stattgehabte Ausbrach aus dem 
Schhmde Kötlngja am Mjrrdals Jökul überhaupt der erste auf Island sein, über 
welchen geschichtliche Nachrichten aufbewahrt sind. Ebenso der Skaptar Jö- 
kul u. a. OL. 

Wie auf Island durch den Vulcamsmns die Mitte der Insel schildförmig ge- 
hoben ist, so sehen wir anderer Seits in Italien zwei vulcanische Reihen in ein- 
ander schneiden, ebenso in Südamerika sehen wir vielfache Reihen von Vulcanen, 
sehen wir überhaupt die Gebirgshebungen so ausgezeichnet in linearen Systemen: 
Bemerkungen, denen — neben den »Grundlinien der physikalischen Erdbeschrei- 
bungen" — ein bescheidener Platz hätte gegönnt werden müssen. 

Das Yorliegende Buch ist hauptsächlich mit für den Zweck des Unterrichts 
junger Aspirnnten der militärischen Laufbahn geschrieben, denen es häufig an 
gründlicher Vorbildung fehlt Für solche und viele andere Leser dürfte es eine 
Quelle des Irrthams werden, wenn sie einige Sachen nur in der Weise auffas- 
sen, wie sie der Verfasser nicht ganz glücklich hingestellt hat 

So sind in der geologischen Wissenschaft die Verhältnisse des Innern der Erde 
noch gar nicht in allgemein anerkannter Weise aufgefafst; der Plutonismus der 
alten Schule mit den furchtbaren, durch ihn verursachten „Revolutionen'', welche 
nebst den Sündfluthen »all sündhaft Vieh und Menschenkind'' vernichteten, welcher 
Gebirge auf« und niedertauchen liefs, als wenn im Puppenspiele der Zaube- 
rer spricht: »Spazier Sie heraus — spazier Sie hinein*', den Göthe so heftig von 
sich wies: er hat viel von seinem alten Ansehen verloren. Im Volke aber leben 
noch die furchtbarsten Vorstellungen, immer wieder aufgewärmt durch »popu- 
läre" Schriften, welche die Unterwelt mit den leibhaftigsten flammen gefallt ab- 
malen und nur noch den Teufel hineinznsetzen brauchten. 

Es ist daher geeignet, falsche Vorstellungen hervorzurafen , wenn der Ver- 
fasser (S. 3) schreibt: »Es rechtfertigt sich demnach die sdion durch das Phä- 
nomen vulcanischer Eruptionen bestätigte Annahme, dafs mit zunehmender Tiefe 
die zurückgebliebene Warme des Erdinnem, als deren (?) erkaltete Schale die 
Oberfläche unseres Planeten zu betrachten ist, ebenfalls progressiv zunimmt. »Die- 
ser Ausdruck »progressiv" ist ein ganz unbestimmter, welcher zu den ungeheuer- 
lichsten Vorstellungen fuhren könnte. Denn, dächte sich ein mathematisirendes 
Gemüth die Erdwärme nach Aehnlichkeit mit dem Gesetze der Schwere mit der 
Entfernung vom Mittelpuncte der Erde abnehmen oder, umgekehrt, nach diesem 
hin von aaDsen zunehmen: so würde — bei einer Zunahme um 1° bei 100 Fnfs 
Abstand, wie ungefähr es an der Oberfläche der Fall ist, und bei einem Halb- 
messer von 19,608,954 pariser Fufs — die Temperatur im Erdmittelpunkte über 
fünfundsiebzig Trillionen Grade betragen. Aber auch die Annahme einer ein- 
fach arithmetischen Progression würde auf eine überschwengliche Zahl von Gra- 



76 Sitmogaberichi der Beriiaer geographkohen Gesellschaft. 

den führen, wtUurend VerlultDisse genug Toriiegen, welche dergleichen Ansschrei- 
tangen verhindern dorUten. 

Auch Herr v. Kalckstein huldigt noch dem feurigsten Plutonismos, weldier 
bei allen Erscheinungen des Metamorphismus »natürlich" intensive W&rme ins 
Spiel bringt und «weit yerbreitete ErdrcTolutionen' den Untergang ron Organis- 
men, das Auftreten neuer bezeichnen läfst Es wäre auch wohl besser gewesen, 
die Biammuths nicht zu einer Gattung 11 Fufs langer Faulthiere zu machen, son- 
dern sie bei den ihnen zugestellten Elephanten zu belassen. 

Doch genug. Trotz mancher Ausstellungen und Wunsche mag dies £nch 
immerhin der Beachtung empfohlen sein, zumal, wenn dadurch dem „ununter- 
brochen seit dem Erscheinen der ersten Auflage vorzugweise in engem Kreisen 
sich kundgebenden Bedürfnisse" abgeholfen wird. S— g. 



Sitzung der geographischen Gesellschaft zu Berlin 

vom 14. Juni 1862. 

Die Versammlung leitete Herr Barth. Die Reihe der Mittheilungen eröflf- 
nete ein Vortrag des Herrn Wetzstein über seine Forschungen in der syrischen 
Wüste. Vier, 1850 und in den nächstfolgenden Jahren dort unternommene Bei- 
sen, in Verbindung mit den von einheimischen Schechs eingezogenen Erkundigun- 
gen und einer von der Hand eines solchen Häuptlings entworfenen Kartenskizze 
der Wüste, haben dem Vortragenden ein ausführliches Bild von der Bodenbil- 
dung der transjordanischen Wüste geliefert, welches er in seiner Darstellung ent- 
wickelte. Da jeder Auszug dem Verständnlfs des Vortrages Eintrag thun würde, 
so genüge hier die Bemerkung, dafs nach des Redners Ansicht das Niveau der 
Oase Ruhbe (vergl. Zeitschrift für allgem. Erdkunde. N. F. VH. Heft 2 und 3 
und die dazu gegebene Karte von Kiepert) ebenfalls tiefer liegt als das des Mit- 
telmeeres. 

Demnächst legte Herr Barth die eingelaufenen Geschenke vor und beglei- 
tete sie mit einer kurzen Angabe ihres Inhalts. Derselbe theilte darauf das We- 
sentlichste aus einem Briefe mit, welcher von Herrn v. Beurmann d. d. Mur- 
zuk, den 27. April d. J. eingegangen war. Der Reisende war an demselben Tage 
von Murzuk aufgebrochen, um das Land der Tibbu Tibbuschi und Wadjanga zu 
besuchen, von wo er, nach Erforschung dieser von Europäern früher noch nicht 
betretenen Landschaft, um neue Hülfsmittel und Wdsnngen aus Europa an sich 
zu ziehen, erst nach Bengäsi und Tripolis zurückkehren will. Dann holft er, die 
in Murzuk seit 2 Jahren für den Sultan von Wadai bereitliegenden Oeschenke 
des Grofsherm dem genannten Herrscher in Person zu überbringen und sich da- 
durch Eingang in Wadai zu verschaffen, wo er mittlerweile schon Verbindungen 
anzuknüpfen sucht Ein Plan von Ben^äzi und Umgegend, sowie ein Itinerar 
von dieser Stadt bis Udjila waren dem Briefe beigelegt. 



Siteangsbericht der Berliaer geographischen Gesellschaft. 77 

Ein anderes Schreiben an Herrn Barth >Krar von Herrn y. Decken dnge- 
lattfen. Der Beisende spricht darin die Absicht ans, für das Erste nach den Ko- 
moren EU gehen und die dortigen Vnlcane zn nntersachen. 

Herr v. Olberg besprach das russische Werk; betitelt: »Untersuchnngen 
über den Znstand des Fischfanges in Rufs Und. St Petersburg 1860."* Die 
von dem K. mss. Ministerium veranlafste Untersuchung dieses Gegenstandes, de- 
ren Resultate in der vorgenannten Schrift von dem Akademiker v. Baer zusam- 
mengestellt sind, bezog sich auf den Peipus-See, auf das baltische und kaspische 
Meer. Hiemach nimmt der Fischfang in Folge der unzweckmäfsigen Netze, so 
wie auch dadurch, dafs man sich mit dem Fischen an keine Jahres- und Tages- 
zeit bindet, auffallend ab. Namentlich geht aus den Berichten über das kaspische 
Meer hervor, dafs sich manche Fischarten seit einigen Jahren um das 20, 30 
und 40fache vermindert haben. Das Werk ist daneben auch in ethnographischer 
Beziehung wichtig. 

Herr Dove sprach nach eigener Anschauung über die auf Geographie und 
verwandte Wissenschaften bezüglichen Gegenstände der gegenwärtigen Londoner 
Ausstellung. 

Schliefslich sprach Herr Barth über die durch den Botaniker Gustav Mann 
ausgeführte Besteigung des über 10,000 Fufs hohen Clarence Peak auf Fer- 
nando Po. Der Reisende sammelte bei dieser Gelegenheit 45 Pflanzengenera, 
von denen viele mit den gleichnamigen abessynischen identisch sind. Den aus 
dieser Thatsache gezogenen Schlnfs, dafs von Abessjnien aus eine Gebirgskette 
quer durch den Erdtheil sich hinziehe, bezeichnete der Vortragende aber als un- 
begründet. 

An Gkschenken gingen ein: 

1) Mimoires de la Soci€t€ Imp&iale des sciences naturelles de Cherhourg. T.VIH. 
Paris, Cherbourg 1861. — 2) Straufs, Friedr. Ad., und Otto, Die Länder und 
Statten der Heiligen Schrift. In ausgewählten Bildern mit erläuterndem Texte. 
Stuttgart und München 1861. — 3) Phares de la mer des Äntilles et du Golfe 
du Mexique. Paris 1862. — 4) Tahhaux de population, de culture, de commerce 
et de navigation, formant, pour Vann€e 1859 la suite des tableaux ins^^s dans les 
notes statistiques sur les cohnies frangaises. Paris 1862. — 5) Annual Report of 
the Geological Survey of India. 1860— iB&l., Calcutta 1861. _ 6) A. Zieg- 
ler, Deutsche National -Unternehmungen^' I>Mden 1862. — 7) Giov. Miani, 
Le mie spediztoni alle origine del Nilo (ans ilti^ ''Rivista Italiana), — 8) Beiträge 
zur Statistik Mecklenburgs. Vom Grofsherzoghchen statistischen Bureau zn Schwe- 
rin. Bd. n. Heft 2. 3. Schwerin 1861. — 9) Preufsische Statistik. Herausge- 
gebenen in zwanglosen Heften vom Eönigl. statistischen Bureau in Berlin. Heft U. 
Berlin 1862. — 10) Zeitschrift fUr allgemeine Erdkunde. N. F. Bd. XU. Heft 5. 
Berlin 1862. — 11) Petermann's Mittheilungen. 1862. Heft 5. Gotha. -- 12) No- 
tizblatt des Vereins für Erdkunde in Darmstadt. 1862. No. 2. — 13) Compte 
rendu de la Soci^ti imp&iale g€ographique de Russie pour Vann^e 1861. St. P^- 
tersbourg 1862. — 14) Bulletin de la Sodm de Geographie. V* S^r. T. HI. 
Mars, Avril. Paris 1862. — 15) Annales hfdrograpUques. 1*' trimestre de 1862. 
Paris 1862. — 16) Revue maritime et coloniale, T. IV. Avril. T. V. Ma«, 
Juin. Paris 1862. — 17) Jahrbuch des natnrhistorisohen Landesmnsenms von 



78 ffitrangsbericht der Beriiner geograplkiBelieii GMeÜBehaft. 

Kimleii« 5. Heft. Klag«nfiirt 186t. — 18) Buwtj^ lfitäiefl«iigeB dei Oentral- 
Inititato für Acdimatiatttioa in DeatBchUnid. 1862. N. 4—6. B^n. ^19) Prea- 
fsisches Handelsarchiy. No. 18«- 23. Berlin 1862. — 20) Unser Vaterland. 

Bd. n. lief. 5. 6. Berlin 1862 21) Carte de la Oamle eoue k proconsuht de 

CitoTy dress^ ä Faide de» doeuments giographiquM et toipogr<xphique» du D4p6t 
de la Guerre par la commiesion spiciale inetitu^e au Ministere de rinstrttetion pu* 
bliquee et des cultes daprks lea ordres de S. M, VEmp&ewr» Parifi 1861. — 
22) Da Oraty, Carte de la frontihre du Gran Chaco s. l. & a. 



Sitzung der geographischen Gesellschaft zu Berlin 

vom 5. Juli 1862. 

Herr Dove eröfinete die Sitzung mit üeberreichnng der eingegangenen Ge- 
schenke und knüpfte daran einige BemerkTingen. 

Herr Barth sprach sodann über die Mittel, welche dem Herrn ▼. Benrmann 
■nr Fortsetsnng seiner Reise in neuester Zeit zor Disposition gestellt worden sind; 
das Oomit^ in Gotha habe 1000 Thhr., er selbst 1350 Thlr. (200 Pfd. St.) an 
ihn abgehen lassen; yon der letzteren Summe sei die Hälfte von dem Vater des 
Reisenden, Herrn Ober- Präsidenten a. D. v. Beannann, 100 Thlr. von der Deutsch- 
Morgenländischen Gesellschaft, 50 Thlr. von der Zweigsttftung der Carl Ritter- 
Stiftung in Leipzig beigesteuert; 500 Thlr. seien noch ungedeckt und Herr Barth 
drückte die Hoffnung aus, dafs auch die hiesige Ritter -Stiftung ihre diesjährigen 
Zinsen dem Unternehmen widmen und Private zur Förderung desselben mitwirken 
würden. 

Hierauf las Herr Barth einen Brief des Herrn v. Richthofen, d. d. 28. April 
1862 Calcutta, vor. Der Reisende hat die Ueberlandsreise von Bangkok bis Maul- 
main, theils auf dem Flusse, theils durch unwegsame Wildnisse, und stets von den 
Angriffen wilder Thiere bedroht, unter mancherlei Beschwerden in 43 Tagen auf Ele- 
phanten ausgeführt Er schildert den Wanderstamm der weifsenKarians oder 
Kariens, unter dem er sich vier Wochen lang aufgehalten hat, im Gegensatz zu 
den wegen ihrer Räubereien geftirchteten rothen Karians, als gntmüthig und 
friedliebend. In neuester Zeit hat das von amerikanischen Missionären unter 
ihnen verbreitete Ghristenthnm einen günstigen Boden gefunden, indem uralte 
einheimische Traditionen als Anknüpfungspunkte fUr die neue Lehre dienen. 

Herr Kiepert legte die so eben hier erschienene Karte: Map qf Äderbei'' 
Jan b^ N, Khaniko/f dravm and engraved under Geftetai Directum offf, Kiepert, 
Berlin (D. Reimer) 1862, vor. Herr Khaaikof hat während seines neui\|ährigen 
Aufenthalts in Aderbe^an diese Provinz nach allen Richtungen hin durchforscht 
nnd die Aufnahme mit Hülfe russischer Astronomen beweil^stelligt — Hierauf 
überrttchte der Vortragende eine von ihm anf Gnmd der österreichischen Gtone- 



SßtmngBbeficht der Beriiner geographisekeii Oesellschaft. 79 

nbtabflmeMiingen entwoTftne Karte ron Montenegro und legte schliefsUch die 
fon Heyberger herausgegebene »Specialkarie der Alpen Bayerns nnd Nordtyrob* 
Yor, welche er als eine für Beisende sehr brauchbare Karte bezeichnete. 

Herr Ehrenberg übergab mit einigen Erläuterungen die in den Monats- 
berichten der Akademie der Wissenschaften im April d. J. veröffentlichte Karte 
über das Dunkelmeer, die Fassatstaub- nnd die Blntregensone der Erde. Er 
bemerkte, dafs das Dunkelmeer als gegen Westen sich im Ocean yerdickende 
Lafl von der ältesten Geschichte berührt sei, der Name aber seit 1160 von 
Edrisi genannt sei. Die im Jahre 1847 in den Druckschriften der Akademie ge- 
druckte ausführliche Abhandlung enthält das historische Material, worauf die 
Zahlen der Karte beruhen, und erläutern dieselben den Zusammenhang des Dun- 
kehneers mit dem Passatwinde und dem Blutregen. Auch in der Mikrogeologie 
seien die organischen Mischungen des Passatstaubes (1854) in üebersicht gebracht 
Die Karte bezwecke die Erfahrungen der Vertheilnng dieses wunderbaren rothen 
Stanbes auf der gesammten Erde anschaulich zn machen und dadurch die wei- 
teren Beobachtungen zu erleichtem. 

Herr Barth theilte einen Brief Livingstone's mit d. d. am Bord des Pioneer, 
Flnfs Zambesi 18. Februar 1862. Der Reisende stand in Begriff, ein für die Beschif- 
fang des Nyassa bestimmtes, auseinander genommenes Dampfboot bis zu einen 
70—80 Miles entfernten , oberhalb der höchsten Cataracten des Schire gelegenen 
PoQkt transportiren zu lassen, wozu eine geraume Zeit nothwendig sein dürfte. Im 
August Torigen Jahres hatte er ein Ruderboot bis zu demselben Punkt hinanfschaffen 
lassen und von hier aus den über 200 Miles langen Nyaasa längs seiner westli- 
chen Ufers befahren. Ueber den Character des Flusses Bownma Gewifsheit zu 
erlangen, was als ein Hauptzweck dieser Expedition galt, gelang jedoch nicht 
Die Rückfahrt wurde auf demselben Wege bewerkstelligt, da das Ostufer nörd- 
Uch von 10' 40' S. Br. durch Krieg entvölkert war und Lebensmittel nicht zu 
beschaffen waren. Der Reisende hofft, dafs, wenn das Dampfboot erst den See 
befahren werde, es gelingen werde, dem hier in voller Blüthe stehenden Sklaven 
handel Einhalt zu ihun, sowie der christlichen Lehre Eingang zu verschaffen. 

Hierauf theilte Herr Barth aus einem von dem Prof. Herrn Munzinger in 
Bern an ihn gerichteten Brief mit, dafs der afrikanische Beisende Herr Werner 
Munzinger am 4. April beabsichtigte , mit seinem Reisegefährten von Chartüm 
aufzubrechen und über el Obed die Reise nach Därfür anzutreten. Um kein 
MiTstrauen zu erwecken, wollten die Reisenden nicht als Aufsucher VogeFs, son- 
dern einfach als Reisende auftreten, und sei in diesem Sinne auch der von dem 
österreichischen Consol Herrn Dr. Natterer ausgefertigte Empfehlungsbrief an den 
Sultan von D&rfür abgefalst worden. 

Hierauf besprach Herr Dove die klimatischen Verhältnisse von Schottland. 
Dafs die milden Winter der Nordwestküsten von Europa hauptsächlich in einer 
jene Küsten treffenden Verzweigung des Golfstroms ihren Entstehungsgrund haben, 
ist durch die Gestalt der Monats -Isothermen wahrscheinlich geworden. Die durch 
die schottische meteorologische Gesellschaft veranlafsten Beobachtungen der Mee- 
reswärme bestätigen dies. Die Meereswärme 5* .2 R^um. im Winter übertrifft 
die Luftwärme 2^.4 um 2^.8, sinkt hingegen unter dieselbe um 1^.2 im Sommer. 
Noch deutlicher tritt dies für die einzelnen Stationen hervor. Auf den Shetlands- 



gO Sitzungsbericht der Berliner geograplÜBdien Geeellsöhaft. 

inseln ist die Meereawaime im Jtnnar 6*^.8, bei den Orkneys 3'.7y bei den He« 
briden 5*^.2, aof den nördlichen der Wirkung des Stromes freier aosgesetsten In- 
seln die Warme daher gröfser als auf den südlichen. 

Derselbe knüpfte daran einige Bemerkungen über die diesjährige Regenzeit. 
Während im Winter das Innere Europas erheblich kälter als die Westküsten ist, 
erwärmt sich jenes im Frühling schneller als diese. Die nun kältere Luft des nord- 
aüantischen Oceans fällt dann als Nordwest in die aufgelockerte warme des Con* 
tinents ein, und bewirkt unsere den Juni und Juli hauptsächlich bezeichnende Re- 
genzeit. Je wärmer in einem bestimmten Jahre der Mai, desto intensiver die 
Reaction im Juni. So war es in diesem Jahre. Vom 20. April an bis Ende 
Mai standen alle fünftägigen Mittel zu hoch. Anfang Mai in Thüringen, West- 
phalen und am Rhein um mehr als 7 Grad, daher bei starker Abkühlnng im. 
Jnni (vom 20. bis 24. Jnni über 4 Grad) die heftigsten Regen. Trat der warme 
Strom auch nur vorübergehend auf kurze Zeit hervor, so brach sogleich der kalte 
Nordwest herein, wobei er den Wasserdampf jenes massenhaft zu Regen verdich- 
tete. — Zuletzt besprach derselbe die neuem Ansichten von Thomson über die Er- 
kaltung der Wärme der Sonne. 

An Geschenken gingen ein: 

l)Qnetelet, ObservaHons des ph^nomknes pModiques, (Extr, du T, XXXIII 
d. Mim» de VAcad» Roy, de Belgique,) — 2) Bulletins des Siances de la Glosse 
des Seienees de VAcad^ie Roy, de Belgique, Annie 1861. Bruxelles 1861. — 
3) Annuaire de VAccuiämie Roy, des Sciences etc, de Belyique. Bruxelles 1862. 
— 4) Bhrenberg, Erläuterungen eines neuen wirklichen Passatstaubes aus dem 
atlantischen Dnnkelmeere vom 29. Octob. 1860. (Monatsber. der K. Akademie 
der Wissensch. zu Berlin, 10. April 1862.) — 5) Ofßdal Caiahgue of the Mining 
and Metaüurgical Products; Ckus I, in the Zollverein Department of the Inter- 
national Exhihition, Berlin 1862. — 6) Sturz, Der Fischfang auf hoher See 
und rationell betriebener Küstenfischfang als einer der Hauptnahrnngszweige des 
Deutschen Volkes und Grundbedingung einer Deutschen Flotte. Berlin 1862. — 

7) Zeitschrift ftir allgemeine Erdkunde. N. F. XII. Heft 6. Berlin 1862. — 

8) Petermann's Mittheilungen. 1862. Heft 6. Gotha. — 9) Petermann's Mitthei- 
longen. Er^nzungsheft No. 8. Gotha. — 10) Jahrbuch der E. E. geologischen 
Reichsanstalt. 1861 u. 1862. Bd. XII. Wien. — 11) Archiv für wissenschaft- 
liche Kunde von Rufsland. Bd. XXI. Heft 3. Berlin 1862. — 12) Zeitschrift für 
das Berg-, Hütten- und Salinenwesen in dem Prenfsischen Staat. Bd.X. Lief. 1. 
Beriin 1862. — 13) Bulletin de la Soci€t€ de Geographie. V* S^r. T. HI. Mai. 
Paris 1862. — 14) Bulletin de la Soci€t€ Imp&iale des Naturalistes de Moscou. 

1861. No. IV. Moscou. — 15) Neunter Bericht der Oberhessischen Gesellschaft 
für Natur- und Heilkunde. Giefsen 1862. — 16) Preufsisches Handelsarchiv. 

1862. No. 24—26. Berlin. — 17) Mittheilungen des Central -Instituts ftir Accli- 
matisation in Deutschland zu Berlin 1862. No. 4—6. — 18) Map of Aderbeijan 
by N, Khanikof, draum and engraved under general direetion of H, Kiepert. 
M. 1 : 800,000. Berlin 1862. 



T^ 



5C. 
]u 
11 



r. 

'S 



vn. 

Reise durch die nördlichen Provinzen der Insel 

Luzon 0- 

Von Herrn Dr. Carl Semper in Manila. 



Mancayan, im September 1861. 

Von S. Nicolas (Provinz N. Ecija) aus, dem letzten cbristlichen 
Dorfe in der Ebene gegen die unter dem Namen des Caraballo Sur 
bekannten Berge zu, wandte icb micb nordwestlich in ein Bergland, 
welches dem Stromgebiete des Rio Aguo grande, eines der drei gröfs- 
ten Flüsse Luzons zugehört. Die erste Rancheria der Ygorrotes — 
80 heifsen die heidnischen Stämme der Berge — liegt am östlichen 
Ufer des Aguo, in etwa 1 700 par. Fufs Meereshöhe, die Ebene Luzon's 
mit ihren 5 isolirten vulcanischen Erhebungen, unter denen der Arayat als 
der bedeutendste (3200 Fufs), dominirend. Hier traf ich die erste Fichte, 
eine ungewohnte Erscheinung meinem Auge, das seit Jahren nur die 
üppigen und eleganten tropischen Bäume erblickt hatte; Späne der 
Fichte dienen den Ygorrotes als Lichter und als Feuerholz. Dann 
überschritt ich den Aguo und ging am westlichen Ufer auf äufserst 
beschwerlichem Wege nach der Rancheria Döskal (2200 Fufs). Hier 
war die Grenze der tropischen Vegetation; hart an üppige Gebüsche 
von Bambusen stiefsen mächtige, knorrige Fichten, und weiter hinauf 
waren die Berge von dichtem gelbgrünem Gras oder dem dunkleren 
gleichmäfsigen Grün der Fichtenwälder bedeckt, deren tiefste Grenze 
frischen Gedeihens gegen Ost und Süd bei 2000 Fufs eintritt, während 
am westlichen Abhänge gegen die Provinzen Pangasinan und La Union 
zu die ersten wirklichen Fichtenwaldungen erst bei 3500 Fufs auftre- 
ten. Einzelne Fichten gehen dort bis zu 3000 Fufs hinunter. Die 

') Vergl. diese Zeitschrift. N. F. X. S. 249. 
Z«Utcbr. f. allg. Brdk. Neue Folge. Bd. XIII. 6 



g2 Semper: 

obere Orenze Bcheint nach einer Messung des Mte. Datta hier bei Man- 
cäjan etwa bei 7000 Fufs zn sein. 

Mit dem Auftreten der Fichten nimmt die Gegend einen fast nor- 
dischen Character an. Die tropische Vegetation zieht sich nur in der 
Tiefe der Schluchten empor ^ aus denen hier und da eine mächtige 
Baumfarre mit 20 — 25 Fufs hohem Stamme den niedrigsten Aesten der 
Fichten entgegenstrebt. Wo sich diese zu gröfseren Waldungen ver- 
einigen, was aber nur selten geschieht, da eine frühere starke Bevöl- 
kerung dieser Berge meilenweite Strecken gelichtet hat, da empfangen 
den Reisenden harzige Düfte. Die gleichmäfsige Oberfläche der Wal- 
dung von frischem Winde bewegt säuselte mir heimische Melodieen 
zu. Zwischen den einzelnen Stämmen hindurch über die niedrigen 
Gräser und Farrenkräuter hinweg öfFnet sich dem Auge mit jedem 
Schritt ein neuer Blick bald in das Thal des Aguo, bald auf die Küste 
und die südliche Ebene, ein seltener Genufs auf diesen Inseln, deren 
sprüchwörtlich gewordene üppige. Jungfräuliche Vegetation fast immer 
den freien 'Ueberblick hindert. Arm wie die Flora ist auch die Fauna. 
Das Crocodil (Cr. biporcatus), sonst überall bis weit hinein in's Land 
dem Laufe der Flüsse folgend, steigt nicht in diese Höheo. Die grofse 
Menge der in den Flüssen der Ebene lebenden Fische verschwindet 
hier bis auf einen kleinen Gobius und einen Aal, der aber oft eine 
Länge von mehr denn 3 Fufs erreicht. Unter den Reptilien verschwin- 
den die Hemidactyli gänzlich; nur 2 oder 3 Coluberarten und einige 
Species aus der Familie der Lacertinen leben hier. Auffallend war 
mir der gänzliche Mangel aller Neritinen im ganzen Fufsgebiet des 
Aguo, wie in den kleinen Bächen am westlichen schroffen Abhänge 
dieses Gebirgslandes , während neben mehreren Arten Melanien, Lym- 
näen, Paladinen und Ptanorbis- Arten leben. Noch schärfer tritt diese 
Armuth an Species in der Insectenwelt hervor, die zugleich einen mehr 
nordischen Character annimmt: neben einigen wenigen Arten grofoer 
schöngefärbter echt tropischer Lepidopteren eine Anzahl Vanessa -Ar- 
ten, darunter der bekannte Vanessa cardui^ eine Argynnis, Colias- und 
Pontia- Arten. Unter den Coleopteren sind es die flügellosen für die 
Philippinen characteristischen Rüsselkäfer, welche hier, wie es scheint, 
das gröfste Maximum üppigen Gedeihens haben ; das Thal von Benguet 
mit seinen Nebenthälern lieferte mir allein an 18 — 20 Species. Der 
Gesang der tropischen hoch in den Bäumen lebenden Gicaden ver- 
stummt hier ; eine kleine nur schwach zirpende Art lebt im Grase und 
antwortet und folgt dem lockenden Schnalzen der Ygorrotes, die darin 
ein Zeichen des Herannahens der Essensstunde sehen. Schwärme 
einer kleinen Fringilla-Art lassen sich in Wiesen und Feldern nieder, 
das Gekrächze des Raben vertritt das einförmige Geheul der Calaos 



BelBe durch die nördlichen PröTinsen der Imd Lnson. ^3 

(Bueeros\ aber ober den Gipfeln der Berge wiegt idch der grfifste Adler 
dieser Inseln, der Falco pondicerumus. 

Mein Weg führte mich mehrere Tage lang, bald tief im Thale des 
Agoo, bald auf den Kämmen der Berge entlang in 4 — 5000 Fnfs Höhe 
dorch verschiedene unbedeutende Rancherias nach Acupan. Dieser Ort 
liegt am westlicfaen Ufer des hier sehr breiten Thalgebiets des Agno 
in 5070 Fufs Höhe auf dem Rücken eines Bergkammes, welcher sich 
vom Mte Alan oder Alut fast nördlich zieht. Gegen W. und NW. über^ 
sieht man dort ein weites hügeliges Land, dessen mittlere Höhe etwa 
4—4500 Fnfs beträgt und gegen WSW. an den fast 7000 Fufs hohen 
Mte Sto. Tomas oder Tanglac anstöist. Das schro£fe Aufsteigen die- 
ses Berges ans der Ebene von Pangasinan, seine Gestalt und Erhebung, 
sowie seine geographische Lage lassen vermuthen, daCs dies der Vul- 
can ist, welcher auf der Karte von Darwin „über die geographische 
Yertheilung der Yulcane^ noch als lebend bezeichnet wird und wohl 
derselbe ist, von welchem in dem Werke des Padre Buseta ein Aus- 
bruch im Jahre 1635 gemeldet wird. Jetzt ist er gänzlich erloschen 
und bis auf den höchsten Gipfel — 6948 Fufs nach Messung des jetzi- 
gen Gapitan de Fregata D. Claudio Mantero — von dichter Fich- 
tenwaldung bedeckt In Aringay und den übrigen Dörfern der Pro- 
vinz La Union konnte ich nichts, weder über den Ausbruch von 1635, 
noch über spatere dieses oder eines anderen Vulcans erfahren. Das 
einzige etwa auf frühere vulcanische Thätigl^it desselben hindeutende 
Phänomen ist das Ausbrechen heüser Gaae am Fufse des Tanglac; 
aber das Austreten derselben ans einem entschieden sedimentären Con- 
glomerat ohne die mindeste Spur eruptiver Gesteine oder von Laven, 
verbunden mit dem Vorkommen verschiedener Steinkohlenlager in der 
Gegend von Aringay, in welchen D. Jose de Santos, ein intelligenter 
und kenntnüsreicher Ingenieur, periodische Selbstverbrennung bemerkt 
^at, lassen vermuthen, dafs auch jene Gase ihre Entstehung einem in 
Brand gerathenen Kohlenlager verdanken. Leider verhinderten mich 
Mangel an Lebensmitteln und die schon sehr vorgerückte Jahreszeit, 
den Mte Tanglac zu besteigen, auf dessen Gipfel ich mich nur schlecht 
gegen die jetzt taglich fallenden heftigen Regenschauer hätte schützen 
können. 

Acupan selbst hat, unter den Ygorrotes wie unter den Christen, einen 
weiten aber unverdienten Ruf wegen seiner unbedeutenden Goldminen. 
Ich hatte die Absicht diese zu besuchen, ahnte aber nicht, dafs ich 5 Tage 
lang so zu sagen fast auf den Minen gelebt hatte und erst als ich in 
Benguet ankam erfuhr ich zu grofsem Aerger, dafs der Ort, welchen 
die Ygorrotes mir als den Platz reicher Minen nannten, wohin sie mich 
ftber nie hatten führen wollen, an dem nordöstlichen Abhänge d^s 

6* 



04 Semper: 

V 

Bergkamines lag, auf dessen Höhe ich mich 5 Tage aufhielt, ohne das 
Gluck zn hahen, meine entomologischen Excnrsionen nach jener Gegend 
hin zn richten. Aehnliches unerklärliches MiOstranen fahrte mich noch 
mehrere Male irre. Drei Tage nach meinem Ahinarsch aus Acnpan 
traf ich in Benguet ein. 

Benguet ist der Sitz des Chefs des gleichnamigen kleinen Districts, 
welcher mit dem gröfseren Theile seines Territoriums dem Quellbezirk 
des Rio Agno angehört; doch macht grade das Thal von Benguet hie- 
von eine Ausnahme. Es ist ein fast kreisrundes Thal von reichlich 
I geogr. Meile Durchmesser, rings umschlossen von einem zwischen 
500 und 700 par. Fufs hohen kahlen Wall, dessen Rücken fast im 
ganzen Umkreise des Beckens eine völlige Horizontalität zeigt. Nach 
mehreren Seiten hin sind schroffe Thore in diesen Wall hineingeschnit- 
ten, die bis auf das Niveau der fast söhligen, schwach gegen Nord 
geneigten Thalfläche gehen; durch zwei derselben fliefst ein Bach, dem 
sich ein kleinerer anschliefst, der seinen Ursprung aus einem sumpfi- 
gen See am Südwestende des Thals nimmt. Die Neigung des innem 
Abfalls des Ringwalls ist zwischen 25^ und 35*. Die mittlere Höhe 
der Thalfläche beträgt 4150 par. Fufs. Hier wie überall seit meinem 
Eintreten in die westlichen Berge wird die oberste Lage des Bodens 
von einer sehr verschieden mächtigen Schicht brandrother thoniger Erde 
gebildet, die, obgleich an vielen Stellen und so namentlich hier in Man- 
cäyan ihre Entstehung durch Verwitterung eines stark eisenhaltigen 
Granits äufserst deutlich erkennbar ist, doch sicherlich an manchen 
Stellen Meeressediment und wahrscheinlich neuen Ursprungs ist. Dies 
wird durch die Ueberlagerung auf einem dichten Korallenkalk und das 
Vorkommen von Meerespetrefacten im Thal von Benguet bewiesen. 
Leider waren diese letzteren schlecht erhalten, die Schalen der Con- 
chylien waren gänzlich verschwunden, und nur mit gröfster Sorgfalt 
konnte ich einige Stücke aus dem bröckeligen Thon loslösen, auf wel- 
chen sich die Abdrücke einiger Conchylien erkennen liefsen. Frag- 
mente von Korallen stücken , die ich in demselben Kessel fand, waren 
etwas besser erhalten. Diesem rothen Thon ist oft eine Menge bald 
feineren bald gröberen Sandes beigemengt und geht dann gern über 
in einen ziemlich festen groben Sandstein. Dieser bildet den ganzen 
westlichen Abhang der Cordillere auf dem Wege gegen Aringay zu 
und ist jedenfalls in seinen oberen Schichten völlig versteinerungsleer. 
Hier im Thale von Benguet war der rothe Thon unterlagert von einem 
dichten äufserst harten Korallenkalk, der mit dem Hammer Funken 
gab und nur an den wenigsten Stellen deutliche Spuren seiner Ent- 
stehung zeigte. Hier und da steigt er in kleinen schroffen, senkrecht 
abstürzenden Felsen hervor, den rothen Thon durchbrechend, und die 



Beise durch die nördlichen Frovinzen der Insel Lozon. S5 

HorisostelUfit des Bückens 4e0 Smg^Fidles wird .durch die Oberfläche 
düeees KDrallriffes bedingt, auf detoa »ich sp&ter der rothe Tbon abge- 
gelagert bat Von unten geeeben erscheint dieser Rücken i^öllig an* 
imterbrochen, in der Tbat aber ze^ er eine Zerrissenheit, die das 
Besteigen beschwerlich und. gefÜLbrlich macht. Dort oben findet man 
ein. tseffMches Abbild der steilen mit Korallenriffen bedeckten dstlidieo 
SLüste von Luzon, mächtige Thore durch die Gewalt der Brandung und 
der Ströme in den Kalkfelsen eingeschnitten, 30 und mehr Fufs tiefe 
Locher von 3 — 4 Fufs Durchmesser, in deren Grunde noch der Roll- 
stein liegt, der sie aushöhlte, jeder kleine Felsblock mit tausend Kan- 
ten und Spitzen, die meine ledernen Schdbe zerschnitten. 

Ganz dasselbe zerrissene Ansehen bieten ähnliche Kalkfelaea in 
der Provinz Batangas (Luzon), an der Ost- und Nordküste von Lu- 
zon und der Ostküste von Camiguin (Babuyanes). Auf letzterer Insel 
hatten diese Felsen nur äufiserst geringe Erhebung über dem Meere, 
welches ihren Fufs bespült, und in der geringen Höhendifferenz von 
10 — ^15 Fufs über und 2 — 3 Fuis unter dem Meere konnte ich den diree- 
ten Zusammenhang mit den noch jetzt lebenden Korallen und die all- 
malige Versteinerung der letzteren leicht verfolgen. Hier wie üborail, 
wo ich diesen Korallenkalk, nahe am Meere oder weit entfernt und 
in grofser Erhebung vorfand, .zeigt er eine äulserst dichte, meist kör- 
nige, selten muschelige Structur; schon in solchen nur 1 Fufs über den^ 
Meere erhabenen Felsen ist oft alle Korallenstructnr versebwunden, so 
<iafs nur das Verfolgen derselben in die noch lebenden Theile Au^ 
schlafe über ihre Entstehung giebt; aber die eig^nthümlich zackige und 
zugleich abgeschliffene Oberfläche jedes noch so kleinen zu Tage tre- 
tenden Blockes dieses Korallenkalkes giebt ihm ein so characteristir 
sches Ansehen, dafs es unmöglich ist, sich über die Natur desselben 
zu täuschen, mag man ihn nahe am Meere oder wöiter landeinwärts 
and in gro&er Bodenerhebung vorfinden. Diese so rasche Umwand- 
lung des lebenden Korallenfelsens in dichtem Kalkstein mufs äufserst 
▼oirsichtig machen bei Beurtheilung des Alters sö hoch über dem Meere 
erhobener Korallenriffe, wie das von Benguet, wo der Mangel jeglicher 
gut bestimmbarer Petrefaeten, die grofse Härte und dichte Structur 
leicht verleiten könnte, ihm ein höheres Alter zuzuschreiben, als er 
wahrscheinlich besitzt. Ich erwähnte oben nur beiläufig der tiefen Ein- 
schnitte in dem* Wall dieses kreisförmigen Riffes. Hier ist bis auf 
den Grund der Schlucht derselbe dichte Korallenkalk entblö&t, so dafe 
dadiarch die Tiefe der Lagune, welche bei ihrem Abfliefsen den jetzi- 
gen horizontalen Kessel zurücklieis , zu durchschnittlieh 600 Fufs be- 
stimmt wird. Gegen WNW. hin ist der Wall durch eine breitere 
Sdilucht, oder besser gesagt, durch eine Reihe niedriger Hügel unter- 



§0 Seuper: 

broch^D, die ganz aus rothem Ttion bestehen mid nur selten dnrdi den 
onterlageniden Korallenkalk durchbrochen werden. Dies ist die letete 
Bpur eines froheren Canals, der aus dem umgebenden Meere in das 
Innere des Riffes oder Atolls führte,* denn hier war an einigen Stellen 
deutlich die Spar der Brandung zu erkennen, welche fast bis an die 
innere Seite des Riffes hin einen Wall von Rollsteinen aufgeworfen 
hatte, groftontheils gerollte Eorallenfragmente, unter denen sich aber 
noch einige vielleicht selbst in der Species zu bestimmende Stöcke vor- 
&nden. Alle noch so kleinen Fragmente zeigten aber deutlich eine ko*> 
ratlinische Structur. Woher kommt dieser Unterschied rascherer oder 
langsamerer Verwandlung der Korallen, jenachdem diese sich im Zu- 
sammenhange aus dem Meere erheben, oder von der Brandung in nie- 
drigen WiUlen eben über der Fluthlinie aufgethfirmt werden? Dies 
ist eine Frage, die sich mir schon lange aufgedr&ngt hat. In Cami- 
guin findet sich der völlig umgewandelte Korallenkalk in 2 — 3 Fuls 
Höhe fiber dem Meere, von den Wellen bespült, und weiter in's Land 
hinein, uneireichbar von der jetzigen höchsten Brandung ein Wall auf- 
geworfenen Sandes, vermischt mit einer Unzahl Korallenfragmente, die 
aber nicht die mindeste Umwandlung erlitten hatten. Im Oberläufe 
des Aguo, in der Meereshöhe von etwa 4000 Fufs traf ich eingebacken 
in ein porphyrisches Gestein, dessen Hauptbestandtheile bald gröfsere 
bald kleinere granitische und trachjtische Rollsteine waren, 3 oder 4 
Stücke von Korallen ebenfalls stark gerollt, die aber trotz bedeutender 
Umwandlung ihre Structur noch recht deutlich erkennen liefsen. In 
Rollsteinen sowohl wie im festen Korallenkalk ist immer die Umwand- 
lung am stärksten in der Mitte ; ich besitze Stucke, welche innen kaum 
eine Spur korallinischer Structur zeigen, während auf der Oberfläche 
die einzelnen Korallenröhren etwas über die Masse des Gesteins her- 
austreten und mit aller Schärfe selbst die Breite und Länge der ein- 
zelnen Septa messen lassen. Aehnliche Korallenriffe, wie der hier be- 
schriebene Atoll von Benguet, finden sich noch mehrfach in dem Qoell- 
bezirk des Aguo, doch sind sie von geringerer Ausdehnung und nicht 
so deutlich und rein in ihrer ursprünglichen Form erhalten. 

Von Benguet aus machte ich in der letzten Hälfte des Juni einen 
kleinen Abstecher nach Aringaj und S. Fernando, wo mich der Gou- 
verneur der Provinz D. Gomersindo Rajo mit der gewohnten Gast- 
freundlichkeit der Spanier aufnahm. Nach fünftägigem Aufenüialte ging 
ich denselben Weg nach Benguet zurück, mit der Absicht, ^eich meine 
Reise am Obeiiaufe des Aguo entlang fortzusetzen ; aber ein nur 2 Tage 
nach meiner Ankunft eintretendes lang anhaltendes Unwetter hielt mich 
dort bis zürn 15. Juli zurück. 

Vor nicht gor langer Zeit war dieses Bergland den Spaniam noch 



9 

Reise durch die nordlidten FroTinsen der Insel Lnson. 87 

eine terra incognita. In den zwanziger Jahren existirte neben den 
Chefs der Provi<i2en Pangasinan und Tlocos eine sogenannte Ck)inan- 
danda generai de Tgorrotes, deren Sitz in einem der christlichen Dör- 
fer der Kfiste war and deren ganze Hifitigkeit fast sich daranf be- 
BchrSnkte, den geringen Tribut oder das sogenannte y^reeonocmiento^ 
derjenigen heidnischen Stämme einzuziehen, welche die Oberherrschaft 
der spanischen Regierung anerkannten, sowie in der Verfolgung der 
damals sehr eifrig betriebenen Tabacksschmuggelei. Die notorische ün* 
föhigkeit des Resguardo — einer Art Oensdarmerie mit Bestimmung 
der Verfolgung der Schmnggler — diese Art des Handels zu unter- 
drtt<^en, tausenderlei Mifsbrfiuche, welche sich mit jenem Zweige der 
Verwaltung verbanden, h&tten wohl nie diesem der Hacienda äufserst 
unangenehmen Handel ein Ende geschafft, wenn nicht durch die un- 
ternehmende Thfitigkeit des D. Tom&s Galvey, welcher gegen Bnde 
der zwanziger Jahre Gomandante generai der Ygorrotes war, ein Re- 
snltat erreidit worden w&re, welches mit dem Uebel zugleich die Quelle 
desselben gfinzlich vertilgte. Damals umhüllte noch diese Regionen 
ein mystischer Nebel. Der natürliche Hang aller malaiischen Stfimme 
zu bildlicher, phantastischer Sprache, zur abentheuerlichen VergrÖfse- 
rang des Gesehenen, wie er allen rohen und ungebildeten Völkern 
eigen ist, liefs von unermefsKchen Reichthümern sowohl an Gold und 
andern Erzen, wie an jeglichen Früchten des Landes fabeln. Das 
abentheuerliche Dunkel erregte wohl meh^ die Neugierde dieses Man- 
nes, als der getriebene Mifsbrauch sein Pflichtgefühl reizte. Ohne Kennt- 
nisse und Bildung, von kr&ftigem Körperbau und einem natürlichen 
Hang zu Abentheuem, mit grofsen Anlagen zur Erlernung der Dia- 
lecte des Landes und von einer damals gewifs seltenen Wifsbegierde 
und Beobachtungsgabe, von der seine Tagebücher mehrfach Zeugnifs ab- 
legen — wufste er die Regierung für seinen Plan, diese Gegenden 
zu besuchen, so zu interessiren, dafs ihm rasch die ausgedehntesten 
Mittel zur Ausführung desselben bewilligt wurden. Im Jahre 1829 
machte er seine erste Expedition und von da bis ins Jahr 1838 oder 
1839 fast jährlich eine oder zwei; zweimal überstieg er die sogenannte 
Cordillera central und trat von Westen aus ein in die Provinz N. Viz- 
caya. Durch ihn wurde so das Quellgebiet des Aguo und der mehr 
westliche Theil des Berglandes dem Verkehr geöffnet — wenn man 
billiger Weise von einem solchen sprechen kann, wo die einzigen Be- 
sucher Soldaten sind, deren Zweck oft ein feindlicher ist. Jedenfalls 
aber erreichte er dadurch, dafs schon im Anfang der vierziger Jahre 
einzelne Europfier ohne weitere Begleitung, als die ihrer Diener, un- 
gehindert und sicher das Land besuchen konnten. Während früher 
^t jede Raneheria in beständiger Fehde selbst oft mit den nächsten 



6g filemper: 

KiM^bAni getobt halte, fingen sie. jetst aUmäUg an, sich an ^ne fried- 
lichere Lebensweise za gewohnen» zu der sie ziuerst seilest mit den 
Waffen in der Hand gezwungen werden mnfsten» Während so die 
imternehmende Tbfitigkeit dieses Mannes auf der einen Seite eine ge*- 
wisse Civüisation einführte, die der jetzigen degenerirten Qasse der 
Pfaffen einen leichteren .Pfad zur Bekehrang. der Heiden öffnete, als 
ihn ihre von wirklich bewandemswerthem Eifer getriebenen Vorgän- 
ger, die Begleiter der Magalhaenes und Legaspi, fanden, zerstörte sein 
zu weit getriebener Eifer eine Cultur, die weit über die mancher ihrer 
christlichen Nachbaren hinausreichte. So wenig zu verkennen ist« dafs 
epidemische Krankheiten, ganz besonders die Blattern hier eine widbi- 
tige Rolle bei der Verminderung gewisser Stämme mitgespielt haben, 
so ist andererseits oft der Einflufs übersehen oder geleugnet worden, 
welchen das Verbrennen der Saaten und Dörfer, das Vertreiben der 
Einwohner aus ihren Hütten und die rohe Behandlung einer Sol- 
dateska, die aufser durch ihre Waffen und die Kleidung sich durch 
nichts, am wenigsten aber in der Rohheit ihrer Sitten von ihren Fein- 
den unterschieden, auf die Verminderung der Bevölkerung gehabt ha- 
ben. Unzertrennlich sind mit solchen militärischen Excursionea, an 
denen oft 4-r-^OO Soldaten und sogenannte „polistas^ Theil nahmen, 
eine Menge Gewaltthaten v^knüpft, deren Schuld nicht immer dem 
spanischen Führer zur Last gelegt werden kann. Die eigenen Tage- 
bücher des D. Tomas Galvej erwähnen oft das Verbrennen der Dör- 
fer als das Ende seiner Expeditionen ; und durch sein systematisch be- 
triebenes Verbrennen des Tabacks ist diese Pflanze, deren Bau in frü- 
heren Zeiten im Territorium des jetzigen Districts Benguet eifrig be- 
trieben gewesen zu sein scheint, gänzlich ausgerottet worden. Dadurch 
wurde der Zweck der Hadenda allerdings erreicht, aber sicherlich trug 
auch dies jahrelange Verfolgen nicht wenig zur Verminderung der Be- 
T^erung bei. Ueberall findet man die Spuren einer früheren starken 
Bevölkerung und einer höheren Cultur, als sie die jetzigen den Unter- 
lauf des Aguo und das Thal von Benguet mit seinen Nebenthälern be- 
wohnenden Ygorrotes besitzen, In der Tiefe der Thäler Sparen der 
zerstörten Rancherias, deren SteinwäUe, mit welchen sie die einzelnen 
Häuser zu umgeben pflegen, noch deutlich erhalten sind, an den Ab- 
hängen terrassenförmig und durch Steinwälle gestützte, jetzt von hohem 
Grase überwudierte Felder, hier und da noch die Spuren früherer Ca- 
näle zur Berieselung derselben, die Abtheilung aller Berge und Thaler 
in gröfsere Districte durch Erdwälle und Gräben — alles dies sind deut^ 
liehe Spuren einer früheren, höheren Cultur. Jetzt dagegen tragen die 
meisten ihrer Dörfer den Stempel des Elends und der Verkommenheit, 
ihre Felder sind schlecht gehalten, die Steinwälle um ihre Häoser ver^ 



Reise durch die nördlichen Frorinsen der Insel Lnson. S§ 

faUeA». die groften BanGberiaa, .die noch &a Galvey's Zeilen exiatiliteD| 
sind verlaaaeny statt dessen sind die Hinser einzeln in- den Tiefen der 
Schlachten versteckt oder >aaf die höchsten Gipfel gelegt E^st weiter 
hinauf gegen die Qnellen des Rio Aguo zn vergröfsern sich die fian> 
cherias und vermehrt sich die Cultor. 

Das Volk, welches diesen District bewohnt , ist eine Mischlings- 
race zwischen dem eingewanderten malaiischen Stamm und den spä- 
ter hinzugekommenen Chinesen oder JapiMiesen, über deren früheren 
Verkehr mit den Einwphnern des Landes man leider auch nicht die 
geringste Nachricht in den Schriften der PfafiFen findet Weniger aus- 
gesprochen ist dieser Mischlingstypus in dem mehr südlichen Theile 
des Districts, aber jemehr man sich nördli<di wendet , um so schärfer 
tritt der mongolische Character hervor. Hier in Maneäjan hatte ich 
neuli<(^ ein. auffallendes Beispiel, wie viel die Kleidung und der Schnitt 
4es Haares dazu beitragen, den einen oder andern Character mehr her- 
vorzuheben. Von den Chinesen des Etablissements, die vor 4 Jahren 
hierher gebracht wurden, waren vor einiger 2^it mehrere entflohen. 
Vor einigen Ti^n brachten die befreundeten Ygorrotes einen dieser 
Unglücklichen zurück, der naebrere Monate lang unter feindlichen Ygor- 
rotes als Sclave hatte das Feld bebaaen müssen. Sie hatten ihm alle 
Kleider genommen, den Zopf geschoren und das Haar nach ihrer Sitte 
lang wachsen lassen. Dies hatte ihn dergestalt verändert, dab man 
erst bei genauerer Besichtigung den wahren Chinesen erkannte. Einer 
der Ygorrotes, welche ihn brachten, besafs einen so auffallend chine- 
sischen Typus, dafs er nur hätte die Kleider zu wechseln brauchen, 
um für einen wahren Chinesen zu gelten. Die Maafse von 81 Männern 
und 1 5 Weibern hier in Mancäyan ergaben für die ersteren eine Höhe 
von 4' 8" 2"'par., Extreme 5' 0" 3'" und 4' 4^' 3"; für die letzteren 
eine Höhe von 4' 5" 4% Extreme 4' 7" 6'" und 4' 3" 0'". Auffal- 
lenderweise zeigen nur die grölsten Männer einen entschieden chinesi- 
schen Typus, die kleinen dagegen haben fast immer das mehr runde 
Gesicht der hiesigen malaiischen Stämme. Die autochthone Bace der 
Negritos ist in diesen westlichen Bergen gänzlich verdrängt. 

Die Kleidung der Männer besteht aus dem gewöhnlichen Lenden- 
gürtel (bagaque) und einer grofsen, fast immer blau und weifs gestreif- 
ten monl/i, die lang genug ist, um sich dc^pelt darin einhüllen zu kön- 
nen, und die sie von den Yloconos, welche sie weben, gegen Goldstaub 
eintauschen; um den Kopf winden sie oft ein Tuch, gewöhnlich aber 
gqhen sie unbededit Manche tragen auch den salocot. Die Weiber 
trsgen «eine Schürze, die eben bis über die Knie reicht und ^e Art 
Jacke mit langen Aermeln, die offen vor der Brust ist, beide fast im- 
meir bJlaa «nd weifs gieetreiftt Ihre Zierrathen sind Einge aus 6ks- 



90 Semper: 

peHe'i^, aa&^ Medsingdraith od^ aus Pftansensteogeln gefloehten, ^e sie 
an Artäen unA Beinen tragen; in den Ohren befestigen sie grofse mehr- 
fadi in ^and^r genestelte Ringe, nnd die Zfihne bedecken sie oft mit 
einem breiten Goldblech. Um den Hals hfingen sie Schnüre ans Glas- 
perlen und Steinen. 

Ihre tifiuser sind gewöhnlich niedrig and elend und namentlich 
am untern Aguo von der primitivsten Construetion, aber immer ans 
DiMen von Fichtenholz gezimmert. Der Plan des Hauses ist ein einfa^ 
ches Viereck ohne jegliche Abtheiltmg oder Anbau, der Heerd bald in 
der Mitte bald an der Seite und nur selten in einem etwas abgeson- 
derten niedrigeren Raum. Dasselbe Zimmer dient ihnen und ihren 
Htinden 2nm ScbMgemach und der Raum von etwa 4 Fuüs Höhe an 
bis zvLt Höhe des Daches bildet die Vorrathskammer, in der sie ihren 
Reis bewähren. Ein entsetzlicher Schmutz herrscht in diesen Hütten, 
Alles ist bedeckt von Rufs und Asche; der Kälte wegen lagern sich 
Nachts sämmtliche Bewohner des Hauses vereint mit ihren Hunden nm 
«nd auf den Heerd, wobei die Ernste von Schmutz, die ihren Korper 
überideht, sie gegen die Stiche der Milliarden von Flöhen schützt, die 
ihre unzertrennlichen Hausgenossen sind und die mich oft aus einer 
Riincheria forttrieben, in der ich mich sonst gern noch länger anfge- 
halten hätte. Das Dach ist immer scharfkantig und mit Gras gedeckt, 
der Dafchstuhl wird unten gestützt durch vier Pfeiler, welche von den 
Vier Ecken des Hauses schräg nach aufsen und etwas in die Höhe 
gehen , - mit denen hin und wieder eine rund um das Haus laufende 
Gallerie verbunden ist. Die Wände sind fast immer ohne Fenster. 
Das einzige Dorf Caboyan hatte etwas bessere Häuser, namentlich zwei 
unter diesen zeichneten sich durch ihre GrÖfse und gute Construetion, 
sowie durch Reinlichkeit aus; doch hatte der Eigenthümer derselben 
offenbar «ein Vorbild in der Ebene geholt, wo er schon öfter Gelejgen- 
heit gehabt, die bessern Häuser der dortigen Bewohner zu sehen. Je- 
des Haus liegt abgesondert von dem andern durch einen viereckigen 
Hofraum, den sie mit einem oft mannshohen aus roh behauenen Stei- 
nen aufgebauten Wall umgeben; einzelne vorspringende Steine dienen 
ihnen als Treppen. Die Wege im Dorfe fuhren auf der Höhe dieser 
oft sehr breiten Wälle entlang. 

Ihr Körper ist wohlgebaut und die Musculatnr, besonders der Beine 
nnd des Rüdcens, gut entwickelt. Die Hautfarbe ist so ziemlich die 
der weniger gemischten christlichen Stämme, ein nicht s^r dankles 
01ivenl)raun , das nur selten in das Gelb der Mestizen übergeht. Ihr 
Gesicht ist länglicher und die Stirne mehr gebogen und zurüdctretend 
als bei den Tagftlen, der äufsere Augenwinkel ziemlich spitz nnd etwas 
sdhräg nach oben; das Uebrige zeigt wenig Abweichendes. Die Wei- 



Be»e durch die nSrdlielien Provinsen der Insel Lusoii. 91 

ber iiftheni sieb im Aügenieinen mehr dem malaiischen Typos. Ihr 
Haar ist schwarz und glatt, aber ohne Olans. Sie tragen es, Mfitoner 
nnd Weiber, vom gradHnig über der Slim and za beiden 8eitc(n des 
Gesichts abgeschnitten, so dafs es fast die ganze Stirn bis znr Nasen- 
wurzel, sowie die Ohren bedeckt; am Hinterkopf lassen sie es oft lang 
wachsen nnd binden es dann ohne weitere Knnst in einen dicken Wulst 
zDsammen ; sie schdnen sich nie za k&mmen, es sei denn mit den Fin* 
gern ; wenigstens habe ich nie einen Kamm gesehen. Selten sieht man 
bfirtige Mfinner; dies hat aber seinen Grand in einer Sitte, die aaf 
diesen Inseln ganz allgemein gewesen ist. Sie ziehen sich nftmlich 
sowohl am Gesichte, wie an den Geschlechtstheilen nnd der Bmst die 
Haare einzeln mit einer kupfernen Zange aus ; diese sowi^ einen Löffel 
znm Reinigen der Ohren fähren Viele an einer Perlenkette best&ndig 
mit sich. In früheren Zeiten ist die Sitte des Tättowirens ganz allge- 
mein gewesen, jetzt hat sie sich in manchen Rancherias schon tagt 
ganz verloren. Die Verzierungen, die sie anbringen, sind die einfachen 
Gombinationen gerader und krummer Linien. Auf der RückenflSche 
der Hand findet sich bei allen ohne Ausnahme eine Art Zeichnung, 
die sieh mit einiger Phantasie wohl als ein rohes Abbild der Sonne 
deuten liefse; ob sie dies aber damit wirklich beabsichtigen, habe ich 
bis jetzt nicht erfahren können. In Lessei, einer Rancheria des Districts 
Lepanto, 2 Standen nördlich von hier, sah ich das erste Beispiel einet 
Nacbahmang nach der Natur: ein Mann trug auf seinem Oberarm das 
sehr verzerrte Bild eines Knaben, der einen Hund am Bande illhrt. 

Sie sind wesentlich Ackerbauer und ihre Felder sind gut gehal- 
ten, namentlich jeweiter nmn gegen Norden gebt. Mit Vorliebe die 
höchsten Gipfel der Berge suchend oder zurückgezogen in die fernsten 
Winkel der kleineren Thäler, haben sie die schroffsten Abhfinge in 
ein System terrassenförmiger Felder verwandelt, auf welche sie von 
allen Seiten her BAche zur Berieselung fQhren. Alljährlich nach der 
Ernte, die gewöhnlich im August beendigt wird, setzen sie die Felder 
unter Wasser und das so aufgeweichte lockere nnd völlig steinfreie 
Terrain wird dann einige Male leicht umgearbeitet mit einer Art Harke, 
die ein Stier zieht und ein hinterhergebender Mann lenkt. Dies ist 
ihr einziges Ackerinstrument; statt den Reis zu schneiden, reiHsen sie 
eineein die Halme ab. Ihre wichtigsten Producte sind Reis, camöte 
(eontokoius batatas) und gäbe. Zu Ende der vierziger Jahre vertheilte 
der jetzige Commandant des Districts, D. Blas de Baüos, eine Anzahl 
Kartoffdn unter die Ygorrotes, welche so gut für die Oultur derselben 
Sorge trugen, dafs einige Jahre später bereits die Kartoffel von Ben- 
guet in Manila zum Verkaaf ausgeboten werden konnte. Doch ist sie 
nicht so geschätzt, wie die Kartoffel von China oder Australien. Die 



98 Seipper: 

Aififnhr dos fieis ist absolut N«U; die gröfste lAeoga desselb^i ver- 
brauchen sie zur Bereitung eines saurem Weiaes,' den sie hucUmg nen- 
nen und dem sie leidenschaftlich ergeben «bod» Als ich in Buguias^ 
einer Rancheria im Oberlaufe des Aguo ankam, hatten die Leute be- 
reits b Tage und Nächte diesmi budang getrunken und so . lange ich 
dert bUeb, 3 Tage, dauerte, die allgemeine Trunkenheit fort. Aufeer- 
dem bauen sie hier und da ein wenig Zuckerrohn In mandien Dor- 
fern findet man Mangobäume und Apfelsinen, sowie Bananen, die aber 
des schlechten Terrains wegen nur wenige Utad geschmacklose Frfiohte 
geben. Die Zeit der Reife der Mangas ist hier wie in der Ebene vom 
Mai bis Juli. 

Das Dorf Baguias ist weniger dem Landbau ergeben, TieUeicbt 
des in weitem Umkreise von salzigen Wasser durchdrungenen Bodens 
wegen. Seine Bewohner sind durchweg Erzgiefser und haben weitiiin 
bis an die Ebene von S. Nicolas groisen Buf als geschickte Keesel- 
und Waffenschmiede. Leider gelang es mir nicht, ihr Mifatrauen zu 
besiegen, sie läugneten hartnäckig und behaupteten, nur in Mancäyan 
gäbe es Erzarbeiter. Ich suchte vergebens nach ihren Schmieden; 
aber dies erklärte sich mir, als ich nachher in Mancäyan erfuhr, dals 
auch hier die Schmieden nie beim Dorfe, sondern weit entfernt in der 
Tiefe der Schluchten liegen. Ehe noch die hiesigen Minen von Spa^ 
niern in Besitz genommen waren, hatten bereits lange Zeit die Ygor- 
rotes diese Minen ausgebeutet, und der gröfste Theil des gewonnenen 
und an Ort und Stelle gereinigten Kupfers ging nach Buguias, wo sie 
Kochtöpfe in den verschiedensten Dimensionen daraus verfertigten. Diese 
sind die einzigen Kochgeräthe der Ygorroies poch heutzutage. Aufsei^ 
dem fabriciren sie daraus eine Art kleiner Pfeifen und Ketten. Aehn- 
liche Pfeifen machen sie auch aus einem feinen plastischen Tone, der 
sich namentlich in Buguias in ziemlicher Menge findet. Fast im gan- 
zen Laufe des Aguo, namentlich aber in seinem mittleren Theile fin- 
den sich zahlreiche Gk>ldwäschereien, aaiserdem an einzelnen Stellen, 
so in Acupan, Apayao und hier in Sajuc wirkliche Minen, die sie sy- 
stematisch ausbeuten. Ehe sie das gewonnene Gold in die Ebene zum 
Verkauf tragen, legiren sie es bald mit Silber bald mit Kupfer; sel- 
ten nur gelingt es reines Gold zu erhalten. Ich versuchte vergebens 
einigermafsen die Quantität festzustellen, welche alljährlich im Unter- 
laufe des Aguo gewonnen wird, bie erhält man auf solche Fragen reine 
Antworten von den Ygorrotes. Auch D. Jose de Sentos, welcher die 
Production der Goldminen von Sujuc feststellen wollte, mu&te seine 
Versuche als unnütz aufgeben. 

Ihr hauptsächlichster Reichthum besteht in ihren Thieren, Büffeln 
und Schweinen; seltner sieht man Ochsen und Kühe« Man fabelte 



Reise durch die nÖrdUchen FjrOTincen der Insel Lnzon. 03 

Mher viel' r<m grofeen Refehthümetn, welebe sie unter ihren Häusern 
vergraben haben sollten, dodi ist dies- entschieden ein Irrthnm. Ueberall 
anf meinen Wegen von der Bbene ins Oel»rge begegnete idi zahlreidien 
Ygorrotes, welche meist Schweine, oft auch Bfiffel, am Bande führten, 
die sie von d^n Christen der Ebene gekauft hatten. So sucht ein jeder 
alljähriich eine Anzahl von Thieren zu vereinigen, die dann bei ihren 
Festen und nach der -Ernte verzehrt werden. Hierin suchen sie ihren 
Ehrgeiz, und es giebt manche Familien, welche, um sich eine gewisse 
angestammte Superioritfit zu wahren, jährlich wohl nahe an i 000 Dol- 
lars bei diesen Festen verausgaben. Eine Art Trommel von der Form 
einer Kanone mit einem Stück Stierleder überzogen, sendet weithin 
einen dumpfen Ton in gemessenem Rfa3rthmus, das Zeichen zum Be- 
ginn des Festes, zu welchem nur die Ersten des Dorfes besonders ein- 
geladen werden. In der Mitte des freien Platzes vor dem Hause stel- 
len sie einige der grofsen runden Krüge auf, die von den Christen fabri- 
cirt und Ainajas genannt werden und die bei ihnen sehr grofsen "Werth 
haben; in ihnen wird der hudang aufbewahrt. Ehe sie zu trinken anfan- 
gen, weihen sie ihn durch eine Art pantomimischen Tanzes, der gewöhn- 
lich nur von 4 — 5 Personen getanzt wird, einem Weibe und 3 — 4 Män<r 
nem. Das Weib dreht sich, die Arme bald weit ausstreckend, bald 
sie über der Brust kreuzend, wobei sie sich tief gegen die Krüge ver- 
ndgt, nach einer Seite im Kreise um diese herum; in entgegengesetzter 
Richtung bewegen sich die Männer, deren Anfuhrer ein breites buntfarbi- 
ges Tuch über Brust und Schultern trägt und lebhaft mit den Armen gesti- 
culirt. Die hinter ihm Folgenden tragen der Erste ein Gong, hier batiting 
genannt — die Andern Stücke von Holz oder Metall, mit denen sie heftig 
gegen einander schlagen, begleitet von dem ewig sich wiederholenden 
einfachen Rhythmus der Trommel. Das Schlachten der Büffel und 
Kühe geschieht ohne weitere Ceremonie; die Schweine dagegen wer- 
den nie geschlachtet, ohne vorher vom ^mambtmung^, ihrem Priester, 
eingeweiht zu werden, wobei sie ihren Göttern immer einen Theil der- 
selben zum Opfer bringen. Bei diesen Festen entschädigen sie sich 
dann reichlich für die lange Enthaltsamkeit. In Buguias wohnte ich 
einem solchen Feste bei, leider zu meinem grofsen Nachtheil, denn das 
widerliche Schauspiel, das sich mir dort bot, erfüllte mich mit solchem 
Ekel, dafs ich zwei Tage lang kein Fleisch essen konnte. Um die 
Homer des Stiers wurde ein Tau geschlungen, das sie unter einem 
mächtigen Holzklotz durchzogen, um den Kopf des Thieres auf die 
Erde zu beugen; einer der Ygorrotes suchte mit einer schmalen Axt 
die Stelle im Nacken zu treffen, wo ein sicherer Schlag genügt, das 
Thier zu fSllen; aber er schlug fehl. Wenig fehlte, so hätte sich der 
rasend gewordene Büffel losgerissen; aber nach einer halben Stunde 



94 S^vnpen 

entsetilicheii Wirrwarrs, in welchem diese Wilden vSüig nAckt» voq 
Blut beepritzt ond Messer und Aezte schwingend om das wüthende 
Thier heramsprangen, gelang es ihnen durdi sahireiche Azthiebe auf 
den Racken endlich dasselbe au tödten. Nun sturste Alles, GroCs und 
E^lein darauf zu und in wenig«: als 5 Minuten war das mächtige Thier 
in hundert kleine Stücke zerschnitten. Nichts ekelte sie an; die Haut 
zerschnitten sie in lange Streifen und schwach gerostet, noch von Blut 
triefend, würgten sie diese in sich hinein; Viele waren so gierig, dafs 
sie es vorzogen, das rohe Fleisch zu fressen und darüber druckten sie 
die Fäces aus dem Darm aus, deren Saft ihnen eine äufserst schmack- 
hafte Sauce zu sein schien. Das Einzige, was übrig bleibt, sind die 
Schädel der geschlachteten Thiere, die sie in und um das Haus unter 
dem Dache aufhängen. 

Ihre Religion ist wesentlich dieselbe, wie ich sie voriges Jahr un* 
ter den Irayas fand. Die Sonne ist ihnen heilig, aber sie weihen ihr 
keinen besonderen Dienst. Kinder der Sonne sind magsil und caspok ; 
diese werden im Unterlaufe des Aguo an eigenen Plätzen in Krank* 
heitsfällen und bei den eigentlichen Festen verehrt; aber weiter hinauf 
habe ich keine Spur eines ähnlichen Gottesdienstes gefunden. Die 
eigentlichen Götter, denen sie mehr einen activen und ganz allgemei- 
nen Cultus weihen, sind die unsterblichen Seelen ihrer Vorfahren» hier 
ani • ani genannt. Nur in den entlegensten Dörfern, so in Carao, fin- 
den sich noch eigene allgemeine Opferplätze; wirkliche Tempel, wie 
sie unter den Irayas sich finden und wie sie auch die Ybüaos am Ga- 
raballo Sur haben sollen, sind nicht mehr vorhanden; ebenfalls sind 
bereits alle Götzenbilder verschwunden. In allen Dörfern findet sich 
ein Priester, mambunung, der aber allein im Besitz der Gebetformeln 
ist, die er nur kurz vor seinem Tode seinem Nachfolger mittheilt. Ich 
versuchte mehrfach diese Leute durch Versprechen hoher Bezahlung zu 
bewegen, mir allein diese Gebete herzusagen, aber nichts konnte sie 
dazu bewegen, und ihre beständige Entgegnung war, dafs. sie sterben 
müfsten, sowie sie die Gebete einem Lebenden mittheilten. Sie stehen 
in gar keinem besonderen Ansehen und sind gewöhnlich die Aermsten 
des Dorfes. Sie sind zugleich die Aerzte. Wird Jemand krank, so 
giebt dieser mambuimng sein Gutachten darüber ab, wie viele Hühner, 
ob ein Hund oder ein Schwein geschlachtet werden soUe^ und mit dem 
Blut des geschlachteten Thieres wird dann dem Kranken das Gesicht 
beschmiert. Dies ist ihre einzige Medizin. Für ihre Dienste erhalten 
sie etwas Gold und den Löwenantheil am geschlachteten Thiere. Im 
Allgemeinen scheint das Land sehr gesund zu sein; im Dorfe Cabayan 
von etwa 1000 Einwohnern war in den letzten drei Jahren kein^ To- 
desfall vorgekommen. Von Zeit zu Zeit jedodi treten bei ihnen die 



Reite durch die nördlichen Provinzen dert Insel LnfOA' ^ 95 

Blattera auf, die dani^ unter iem völlig hfijf loaefi Yolba eiitaet^liche 
Verheerungen anrichten. 

So lange ich mich nun schon unter den Ygorrotes aufgehalteui 
hatte ich doch nur ein einziges Mal und fast mit Gewalt ein fichweii^ 
kaufen können, für das ich einen höheren Preis bezahlen mufst^, als 
selbst in Manila; auch Hühner gaben sie mir nur piit dem ^öfsten 
Widerwillen. £in Zufall führte mich auf den Grund davon. Das 
Schwein, sowie Huhn und Hund sind ihnen in gewissem Sinne heilige 
Thiere, nie wird eins derselben geschlachtet, ohne den mambunuaff zu 
rufen; Ochsen und Büffel dagegen schlachten sie ohne weitei^^ pere- 
monie und das Fleisch dieser letzteren dient nie als Mediein oder zum 
Opfer. 

Der lange Verkehr mit den christlichen Bewohnern der Küstei 
welcher besonders dadurch bewiesen wird, dafs die meisten Ygorrotes 
selbst in den weit entlegenen Thälem, wie Carao, aufser ilirem eige- 
nen Dialect sehr gut den der Ylacanos sprechen, hat ohne Zwei£e^ 
manche ihrer religiösen Gebräuche vermischt. Auffallend zeigt sich 
dieser Einflufs in der Bestattung ihrer Todten. Fast überall begraben 
sie diese unter oder neben ihren Häusern, kurz nach dem Tode und 
in rohen Särgen ohne sie einzubalsamiren, wie es früher allgemeine 
Sitte auf diesen Inseln gewesen zu sein scheint. Im Thal von Ben- 
guet findet sich eine Höhle in den Kalkfelsen hineingearbeitet^ welche 
auch menschliche Knochenreste enthält, aber die Aeltesten des Dorfes 
wissen nur durch Tradition, dafs ihre Vorfahren ihre Todten dort be- 
statteten. Dies scheint allgemeiner Gebrauch in den Philippinen ge- 
wesen zu sein. Die Manguianes in Mindoro tragen noch jetzt ihre 
Todten in eine grofse Höhle an der Ostküste; in Bajol finden sich 
zahlreiche Höhlen mit Skeletten und Mumien darin, und Herr Jagor 
theilte mir mit, dafs er in Samar ähnliche Höhlen mit Särgen und 
Mumien darin gefunden habe. In Cabayan, einem der grö&ten Dör- 
fer des Aguo ist dieser Gebrauch noch in seiner ursprünglichen Rein- 
heit erhalten. Ist Jemand gestorben, so wird er die Hände über der 
Brust und den Oberkörper auf die Knie geneigt, auf einer Leiter fest- 
gebunden, dann flössen sie ihm durch den Mund eine Menge Salz ein 
und setzen den Leichnam dem Feuer aus. Dies thun sie mindestens so 
lange, bis derselben völlig ausgetrocknet ist; die Reichen lassen ihn aber 
oft noch viel länger am Heerde stehen. So lange der Todte im Hause 
ist dauern die Festlichkeiten. In dieser sitzenden Stellung wird er 
dann in eine Eliste gethan, in welche gewöhnlich 4 — 5 Cadaver hinein- 
gehen. Die Grabstätte ist immer versteckt in den Winkeln der Ne- 
benthaler oder hoch an steilen Felswänden an möglichst unzugänglichen 
Stellen. Eine jede Familie hat ihren bestimmten Platz; ich besuchte 



96 Semper: Reise dtvch die nördlichen Provinzen der Insel Lnzon. 

dort das Orab der Familie meines Wirthes. In einem schroffen Ne- 
benthal des Aguo lag ein vierkantiger mficbtiger Serpentinblock von 
etwa 20 — ^25 Fnfs Höbe, und an 3 Seiten waren mebrere Locher durch 
Feuer hineingearbeitet worden, in welchen die Särge standen. Die mei- 
sten dieser waren ohne alle Verzierungen, roh aus Fichtenholzbrettern 
gemacht, nur in einigen wenigen waren ein Anzahl grad - und krumm- 
liniger Muster ausgeschnitten. Ich liefs einen dieser Särge herausneh- 
men und öffnen, er enthielt 2 Cadaver, aber von beiden war das Fleisch 
völlig verschwunden, ein Beweis, dafs sie ihre Absicht, ihre Todten zu 
conserviren, nicht durch jene Behandlung mit Salz und Austrocknen 
erreichen. Ich versuchte vergebens, die Leute zu bewegen, mir eins 
dieser Skelette mit dem Sarg zu verkaufen; so mufste ich mich mit 
einem Paar schlecht erhaltener Schädel begnügen, die im Grase neben 
dem Gräberstein lagen. 

Die Richtung des Thaies des Aguo ist fast genau Süd und Nord. 
Dicht hinter Buguias theilt sich derselbe in 2 Arme; der eine kleinere 
geht grade nach Nord und endigt am Südfufse eines mächtigen 6e- 
birgsstockes, des Mte Datta, eines erloschenen und eingestürzten Vul- 
cans, welcher die Wasserscheide bildet zwischen dem Flufssystem des 
Agao und des Abra. Der östlich sich abbiegende Arm des Aguo zieht 
sich später wieder gegen Norden, läuft an der östlichen Seite des Datta 
vorbei und sendet einen kleinen Arm westlich an die Nordostseite des 
Mte Dattä, dessen östliche Hälfte somit dem Aguo seine Bäche zusen- 
det. Die eigentlichen Quellen des Aguo müssen sich noch weiter nord- 
wärts finden. Am westlichen Theile des Südfufses entspringt der Abra 
mit einem hübschen Wasserfall, läuft erst eine halbe Stunde fast gegen 
Süden und biegt sich dann schroff um nach Norden. Ich wandte mich 
von Buguias im Thal des kleinen Armes des Aguo gegen Norden nach 
La6, dem letzten Dorfe des Districts Benguet und dann über einen nie- 
drigen Höhenzug, einen Ausläufer des Datta, welcher den Bach von Lao 
von der Quelle des Abra scheidet, nach Mancayan, wo ich am 30. Juli 
eintraf. 



97 



Topographie und Statistik der persischen Turk- 

manen, 

Voo Dr. med. et phiL J. C. Häntssche in Dresden. 



Die vorliegende Topographie and Statistik der Torkmanen, welche 
auf den letzten officiellen persischen Angahen von 1855 beruht und 
hier überhaupt zum ersten Male veröffentlicht wird, berücksichtigt nur 
die unter angeblicher persischer Oberhoheit stehenden drei grofsen 
Stämme der Jamut, Goklan und Tekke. Die uns gemachten Angaben 
über die mehr nördlichen und östlichen freien Turkmanen erschienen 
zo unzuverlässig, als dafs ich es hätte unternehmen mögen, dieselben 
in einer deutschen Zeitschrift zu veröffentlichen. Die Statistik der so- 
genannten persischen Tuikmanen haben wir jedoch zum Theile an Ort 
und Stelle verificiren können. Die Orthographie habe ich im Deut- 
schen, soweit thunlich, nachzuahmen gesucht. 

Die oben erwähnten drei Hanptstämme bewohnen die grofsen Step- 
penländer der Flusse Ourgan und Atrek, welche sich in den kaspischen 
See an dessen Sndostküste ergiefsen, und ziehen sich bis Budschnurd 
und bis Meschhed in Chorasan hin. Das Gumbede Eawus, welches 
sich südlich vom Flusse Gurgan befindet, bildet die Grenze zwischen 
den westlich bis an den kaspischen See sich erstreckenden Jamut und 
den östlichen Goklan. Die Tekke wohnen östlich von den Goklan 
bis nach Chorasan. Die Jamut sind Tschumur, die immer am Gur- 
gan bleiben und im Jahre 1855 mit Frauen und Kindern zusammen 
13048 Köpfe gezählt haben sollen, oder Tscharwa, welche Jelak und 
Kyschlak (Sommer- und Winterquartier) und letzteres zwar am Atrek 
haben und 1855 auf 9140 Köpfe geschätzt worden sind. Die Goklan 
sind stammweise Halke Daghli und Halke Dudurke, die Tekke ebenso 
Aachalnischin und Gumnischin. 

Die Jamut zahlen kein bestimmtes Maliat (jährliche directe Ab- 
gabe) an den Schah von Fersien. Im Jahre 1858 gaben sie (d. h. 
auch nicht alle) von jedem Hause 12 Kran (etwa 4 Thlr. pr. C.) an 
Persien. Die Goklan, welche viel Seiden - und Reisbau treiben, sollen 
jährlich 6000 Toman (persische Ducaten) Maliat zahlen. Da sie aber 
durch ihre Lage, Bodencultur u. s. w. den Persem zugänglicher waren, 
80 wurde ihnen unrechtmäfsig meistentheils weit mehr abgenommen, 
80 im Jahre 1858 allein 27000 Toman im Ganzen. Sie hatten aufser- 

Zohüclir. f. allg. Erdk. Neue Folge. Bd. XIII. 7 



96 J- O. Häntzsche: 

dem Yon jedem Toman Abgabe noch 30 Schahi (etwa | Thlr. pr. G.) 
Steuerzuschlag an den persischen Proyinzgoaverneur von Asterabad zu 
zu zahlen. Je nach dem meist sehr traurigen Stande der persischen 
Angelegenheiten geben die Turkmanen weniger, mehr oder auch gar 
nichts. So haben die Tekke noch zu keiner regelmäfsigen Abgabe ge- 
zwungen werden können. Im Gegentheile plündern sie fast taglich 
Persien an Gut und Menschen, die sie als Sclaven nach Chei'wak 
(Chiwa) und Buchara verkaufen, was übrigens die Jamut und bei Ge- 
legenheit die Goklan auch thun. Alle drei Stämme, die ihren Ursprung 
von drei Brüdern herleiten, leben in ewiger blutiger Fehde unter ein- 
ander und meist auch mit den Persern, die als Schia die sunnitischen 
Turkmanen zwar sehr hassen, sich aber zugleich vor ihnen sehr furch- 
ten. Im Kriegsfalle soll jedes Turkmanenzelt dem Schah von Persien 
drei Bewaffnete stellen, einen zu Pferde, zwei Tufenkdschi (Flinten- 
trfiger) zu Fuls. Bisher haben dies aber nur manchmal die an Zahl 
geringeren und den Persern zugänglicheren Goklan gethan, von denen 
sich überdies noch Jahre lang Geifseln in Tehran befanden, die end- 
lich nach ihrer Heimath entlassen wurden. Die beiden gröfseren Stämme 
und namentlich der der Tekke konnten dazu nicht gezwungen werden. 

Der grofse westlichste Hauptstamm, der Jamut, zerfällt in 17 Stämme 
und diese wieder in mehrere Unterabtheilungen, Tir (Bogen), zwischen 
welchen sich überall Tschumur und Tscharwa befinden. 

I. Dschaferbai* '). Sie treiben Reisbau, aufser der Viehzucht, und 
wohnen in der Mahalle oder Suknaie (zu deutsch etwa Quar- 
tier, Viertel, auch Gemeinde) Dschaferbai': Earasenker, Sultan- 
abad, Gümüschtepe, Huse'inkuli, Och, Tschehreken (eine Insel 
im kaspischen See), Atrek, Beichan* Vom kaspischen Meeres- 
rande aus wohnen sie zwischen dem Bulük von Sedenrustak 
und der persischen Feste Dowletabad, welche der persische Beg- 
lerbeg Mahmud Weli Chan 1854 dort erbaut hatte, die aber 
schon längst zu zerfallen begonnen hat. 1855 wurden sie auf 
2215 Familien geschätzt, 
a) Jarali: 

1) Anluktumadsch ').... 250 Fam. 

2) Iritumadsch 140 - 

t 3) Tschokan 85 - 

4) Purchas 110 - 



') Vielleicht auch Dschaferbei, nach Baron von Bode, wiewohl im Texte nicht 
if^} sondern ^b stand. Ebenso Atabiüf anter II. 

') Vielleicht auch Onluktumadsch, wiewohl es in der That ^J^ ry war, nicht 



Topographie und :8t4ti8tik der persiiehen Turkmanen. 09 

5) Arek . . 100 Fam. 

7) Kuseli 45 - ) 955FaimHen. 

8) KesU 90 - 

9) SakkaU 90 - 

b) Nurali: 

1) Kern 220 - 

2) Ker 60 - 

3) Kurd 60 - 

4) Karandschik 200 - ) 910 Familien. 

5) Pank 150 - 

6) Ikder 50 - 

7) Kelte 170 - 

c) Okurdschali HasemknlimschiD : 350 Familien. 

2215 Familien. 



n. Ak und Atabai, wohnen von Dowletabad, Aksin und Akkalah 
bis Daradscbik. 

a) Atabai: 

1) Sehne 100 Hfiuser \ 

2) Suki 75 - 

3) Janpi 40 

4) Muhammed Anlok .170 

5) Saridscheii ... 40 

6) Kese 45 - , ^^_^ _ , , 

7)Ke8ehalke. ... 150 - ^ 1020 Haushalt. 

8) Dukuntschi ... 80 

9) Tane 200 - 

10) Kangerme .... 80 

11) Kulter 20 - 

12) Karadascfalu ... 20 

b) Ak: 

l)Ü8inak 320 Häuser) ^00 Haushalt 

2) Geskeak 280 - ) _^^^^^_^^»^^ 

1620 Haushalt. 

ni. Jelke, haben ihre. Sukna oder Owa im Bulnk Asterabad Rustak 
und wohnen von Daradscbik bis Sultandwin. 

1) Sagar 65 Zelte. 

2) Wekilli 195 - 

3) Geir 40 - : 

7» : 



100 ^* ^' H&nUtohe: 

4) MiTsa Ali 65 Zelte. 

5) Arasli .25 - 

6) Aolak 140 ■ 

530 Zelte. 

rV. Das, haben ihre Wohnöitze im Buluk Fachremadeddin and 
wohnen von Sultandwin bis Akmeschhed. Sie waren 650 Fa- 
milien. 
V. Dewedschi, wohnen ebenfalls im vorgenannten asterabader 
Buluk Fachremadeddin und zwar von Akmeschhed bis zum 
Flusse Nehrgurdschi. Gegen den Gurgan zu ist Salian, wel- 
ches Mekan (d. h. Ort, Quartier) ist, die Grenze. 

1) Udek 140 Zelte. 

2) Saridschemeud 70 - 

3) Cheiweki 105 - 

4) Kere 100 - 

5) Abdal und Itscbmek .... 120 

6) Bage 20 - 

7) Karadschedaghi ..... 550 - 

1105 Zelte. 

VI. Bedrak, im Gebiete von Ketul (Fachremadeddin), vom Nehr- 
gurdschi bis zu Tepe (Hügel) Eaferdwin. Im Norden ist 
die Grenze Diktsche Gurgan, eine Fürth im Gurgan. Sie 
waren 200 Familien, 
yil. Ai'mer, von Eaferdwin bis Daschilum in Fenderisk und Ee- 
nisek. Nordgrenze Senkersewade Gurgan. 1855 waren sie 
375 Familien. 
VIII. Tai'feh Eutschek, im Buluk von Fenderisk, vt>n Daschilum 
bis Earatigan. Nordgrenze Senkersewade Gurgan. 

1) Ustaddschik 190 Zelte. 

2) Churte 185 - 

375 Zelte. 
IX. Ikder, wohnen zwischen den Vorigen. 1855 waren sie 200 

Familien. 
X. Eanjokmes, wohnen in Bibischirwan, einige auch zwischen 

Taifeh Das (IV.). 300 Familien. 
XI. Selach, wohnen zwischen allen übrigen Jamut Turkmanen. 

1855 waren sie 255 Familien. 
XII. Earroi', wohnen auf dem rechten Ufer des Atrek und in Bei- 
chan. Sie waren 250 Familien. 
XIII. Bebleken, wohnen am Atrek. 1855 schätzte man sie auf 
260 Familien. 



Topographie und Statistik der penkchen Tnrkmaaen. 101 

XrV. Tatar, wohnen nahe bei den Goklan Turkmanen. Sie wa- 
ren 220 Familien. 
XV. Kntschuk Tatar, wohnen mit den Vorigen zusammen nahe 
bei den Goklan Tarkmanen. 

1) Kehke 150 Hütten. 

2) CheTwetschi 210 - 

3) Churde ........ 90 - 

45Ö~Htltten. 
XVI. Aata, wohnen bei den Vorigen. Man schätzte sie 1855 auf 

90 Familien. 
XVII. Machdum, wohnen bei den Vorigen. Man schätzte sie 1855 
auf 120 Familien. 
Die 17 Stämme der Jamut Turkmanen wurden also' im Jahre 
1855 zusammen auf 9215 Hütten mit angeblich nur 22,188 Köpfen ge- 
schätzt. 

Der von den Jamut östlichere Hauptstamm der Ooklan der per- 
sischen Turkmanen zerfällt in zwei grofse und viele kleine Abthei- 
lungen. 

Ä) Halke Dudurke. 
I. Eerek. Grenzen im Osten Mischkamber, im Westen der Gur- 
ganflufs. 

1) Gunkük .... 100 Hütten 



2) Sufian . 

3) Guktsche 

4) Dehene . 

5) Tschekke 



. 100 - 

. 100 - ) 476 Hütten. 
. 100 - 
. 76 - 
II. Befander, wohnen nahe den Vorigen. 

1) Ferke ' ) Akkilidschchani 123 Hütten ) 03Q Hg^gn 

2) Ferke Nefeschani . . 107 - \ 

III. Jenkak. Im Westen Gumbede Eawus, im Osten Senkebuni. 
Dies gehört zum Theile Eebuddschame des asterabader Buluk 
Fenderisk. 

1) Kuti Medschmen. . 116 Hütten ) «^oo tt~^^ 
«N XT 1, . 1. Aar. i 226 Hütten. 

2) Uetschkojunli . . . 110 - ) 

IV. Senkerik. Wohnen im Gurganlande. Westgrenze Dereges, Ost- 
grenze Gawerkalah. Dort sind sehr viele Buchen. 

1) Guschtschi u. Earaschur 139Hütt. | OQ^ H"tten 

2) Char und Schur . . 156 - j 

V. Eerges, auf dem linken Ufer des Gurgan. 1855 schätzte man 

sie auf 1 50 Hütten. 

Im GänzenTSTf HTH. Dudurke. 



') Ferke oder Talfeh bedeutet: Geschlecht, Stamme Volk. 



102 J* 0. H&ntssche: 

B) Halke Daghli. 
I. Tschagir Bekdeli, in Haiderabad und Dughielttm. Südgrenze 

Sendschibune - 331 HuUeD. 

II. Arab, wohnen in Earaschich. 1855 schätzte man sie auf 

66 Hütten, 
m. Aaiderwisch, wohnen in Karascbicdi. 1855 schfitzte man sie 

auf 150 Hütten. 

lY. Earabelchan, wohnen in Earnabad und Sarisn, nahe bei der 
Quelle des Ourganflnsses, an der Qrence Ton Badschnord und 
Chorasan. 

1) Jokari Boili , . . 150 Hütten ) 3,5 Hütten. 

2) Aschage Boili . . 165 - ) 

y. Erkekli, wohnen nahe bei den Vorigen. 1855 waren sie 

112 Hütten. 
VI. Ghai*. Im Westen Mischkamber, im Osten Merghesar. 
1) Temek 56 Hütten 

SS*" ^S ' ^ 199 Hütten. 

3) Gernas 47 - 

4) Buggedsche .... 40 

Im Ganzen 1173 H. H. Daghli." 

Die 11 Stämme der Goklan Turkmanen wurden also 1855 auf 
2550 Häuser zusammen geschätzt. 

Die Tekke, der gröfste und östlichste Hauptstamm der sogenann- 
ten persischen Turkmanen, haben als Grenzen im Osten Ischkabad, 
im Westen Eisilrubad, im Süden das Euhemutesil bei Budschnurd, 
Gutschan und Dereges (Meschhed), im Norden Gum und CheTwak 
(Chiwa). 

Ä) Tekke Aachalnischin. Sie sind zwar auch Nomaden, bauen 
aber Gerste, Weizen, Wasser- und Zudcermelonen , sehr wenig Reis. 
Ihre Stuten sind vorzüglich. Uebrigens verarbeiten sie auch Schaf- 
wolle zu Teppichen u. s. w. , die sie verkaufen. Hauptbeschäftigung 
ist aber Raub, besonders Menschenraub. Sie zerfallen in zwei Taifeh : 
I. Ottemisch und II. Tugtemisch, welche unter einander in folgen- 
den 34 befestigten Plätzen (Brdmauern um die Zelte nahe den 
Wässern) von Osten nach Westen her wohnen. 
1) Ealahi Ischkabad ... 800 Zelte. 



2) - 


Guschi . . 


. . 400 


3) . 


Goktsche . . 


. . 500 


4) . 


Gawtschag . 


. . 300 


5) . 


Bakr . . . 


. . 70 


6) ■ 


Baba Arab . 


. . 400 



TopognpU« und SMutik der peniaoh«!! Torkmaneii. 



108 



7) Kalahi Earis . . 


• 


■ 


50 Zelte. 


8) - Paris . . 


• 


• 


40 - 


9) - Allahwerdi 


• 


i 


50 - 


10) - Chermen . 


• 


» 


. 400 • 


11) Narkalah . . . 


• 


• 


. 150 - 


12) Herikalah . . . 


• 


• 


. 200 - 


1 3) Ealah Dschar . . . 


1 


• 


. 100 - 


14) - Jasmehin . . 


1 


• 


. 400 ■ 


15) - Nawe . . . 


• < 


1 i 


40 - 


16) - Mehin . . 


• 


• 


. 400 - 


17) - Murtschehli . 


1 


• 


60 - 


18) Kelateh Ischabaschi 


• 


• < 


80 - 


19) Kelateh 


1 ' ) 


> « 


. 60 - 


20) JeDgikalah . . . 


• 


• 


. 250 - 


21) Ealah Aachal . . . 


> 


• < 


. 500 - 


22) Ak Tepe . . . . 


> ( 


t 


. 400 - 


23) Gok Tepe . . . . 


■ 


• 


400 • 


24) Ealahi Jaradschi . . 


> 1 


» 1 


, 350 ■ 


25) - Earagan . . 


• 


« 


250 • 


26) . Derun. . . 


« 


> i 


. 350 - 


27) - Bersena . . 


• 


1 


300 - 


28) - Muntscheh . 


> < 


• < 


80 - 


29) - Simtecheh . 


< 


t 


80 - 


30) - Nuchur . . 


« 


« 


300 - 


31) - Artocheman . 


1 


> < 


, 400 • 


32) - Barn . . . 


• 


• 


350 .- 


33) - Burmeh . . 


4 


« 


350 - 


34) - Eiflilrubad . 


• 


1 


600 • 



Im Ganzen 9460 Zelte der Tekke Aachaln. 

B) Tekke Gumnischin. Sie haben keine festen Weideplätze, wie 
die Vorigen, und gehen nicht in die Berge, sondern ziehen in der 
Steppe herum, indem sie den Brunnen nachgehen, die sie beliebig wie- 
der verlassen, und führen ein echtes, wüdes Raubemomadenleben. Sie 
wurden 1855 auf 1250 Zelte geschätzt 

Die sämmtlichen Tekke sind also 1855 auf 10,710 Zelte geschätzt 
worden. 

Nach der officiellen persischen Zählung von 1855 war also die 
Anzahl der persischen Turkmanenfamilien : 

1) Jamut 9215 

2) Goklan 2550 

3) Tekke .... . . 10710 

Im Ganzen 22475 persische Turkmaneozelte. 



104 Anton von EUel: 

IX. 

Die Entwicklung der dänischen Handelsdistrikte in 

Südgrönland 

in statistischer, administrativer und Kulturbeziehung. 

Nach Original -Mittheilangen zusammengestellt yon | 

Anton Yon Etzel. 

Schlafs >). I 



Wie schon früher angedeutet wurde, ist die Communal- Verwal- 
tung später auch in den Kolonien, welche dieselbe bis dahin noch 
nicht besafsen, eingeführt, nämlich in Holstensborg am 7. Juni und 
in Sukkertoppen am 11. Juni 1858, jedoch in solcher Weise, dafs sie 
für diese erst von dem 1. Juli 1858 ab in Kraft treten sollte. Die 
neue Institution ist also erst in dem Geschäftejahre 1858 — 1859 in dem 
ganzen südlichen Inspectorate in Wirksamkeit gewesen. Obschön der 
Winter 1858 auf 59 etwas strenger war, als er es nach dem Durch- 
schnitte zu sein pflegt, und der Seehundsfang in den meisten Distrio- 
ten nur mäfsig ausfiel, mufs das Jahr doch zu den mittelmäfsig guten 
für den Erwerb der Eingeborenen zu ihrem eigenen Unterhalte gezählt 
werden. Dagegen war der Sommer 1859 äufserst stürmisch und un- 
ruhig; die grofse Menge Sdinee und Regen im Mai und Juni schadete 
dem Dörren der Angmaksätten, und als Folge hiervon wurde die Ver- 
sorgung für den folgenden Winter sehr schlecht. 

Was die Versammlungen und Geschäfte der Vorsteherschaften an- 
belangt, hat man namentlich in diesem Jahre, wo im Herbste ein un- 
gewöhnliches Eistreiben stattgefunden hatte ^ die Erfahrung gemacht, 
dafs die Versammlungen schwierig vollzählig abgehalten werden kön- 
nen. Dies gilt namentlich von den Distrikten JuHanehaab und Fre- 
drikshaab, welche bewohnte Plätze haben, die 20 Meilen von dem Ver- 
sammlungsorte liegen. Eine solche Vollzähligkeit bei jeder Versamm- 
lung wird indessen auch für die Zukunft nicht nothwendig sein, indem 
den daraus entstehenden Mängeln theils durch Abhaltung von Separat- 
versammlnngen in dem Distrikte selbst abgeholfen wird, theils dadurch, 
dafs den am entferntesten wohnenden Vorstehern eine etwas größere 
Vergütigung für ihren Zeitverlust und ihre Unbequemlichkeiten zuge- 
standen wird. In den drei nördlichen Kolonien hat sich keine Schwie- 



») Vergl. N. F. Bd. XII. S. 414. 



Die Entwickelnng der dMuschen Handelsdistrikte in Südgrönland. J05 

rigkeit herausgestellt die Yersammlaogen jedesmal ToUzfihlig zu ver- 
einigen. 

Mit Bezug auf die Th&tigkeit der 38 eingeborenen Vorsteher scheint 
man im Ganzen genommen aach weniger glücklich gewesen zu sein, 
and zwar bei Fredrikshaab dem Anscheine nach aus zufälligen Ursa- 
chen, und bei Fiskemfisset aus dem nahe liegenden Grunde einer grö- 
fseren Verarmung und Stnmpfsinnigkeit der Bewohner, worüber weiter 
unten das Nähere gesagt werden wird, sowie auch wegen ihrer gerin- 
geren Zahl. Im Uebrigen haben die eingeborenen Vorsteher, aufser, 
dafs sie sich bei den Versammlungen einfanden, und dort über ihre 
Landsleute die von ihnen verlangte Aufklärungen gaben, auch noch 
je nach den Umständen im Laufe des Jahres schriftliche Berichte ein- 
gereicht und Listen über das geführt, was die einzelnen Erwerber ge^ 
fangen hatten, was von Seiten der Vorsteherschaften an dieselben aus- 
getheilt war u. s. w. , je nach den Begabungen derselben. Nur zwei 
unter ihnen haben, auf Grund der aufserordentlichen Länge ihres We- 
ges gewünscht unter den jetzt geltenden Bedingungen von ihrem Amte 
entbunden zu werden, und nur fünf oder sechs Fälle eines Wegblei- 
bens von einer Versammlung ohne einen triftigen Grund sind gemeldet 
worden, in welchen Fällen man es für passend erachtet hat die Be- 
treffenden in Strafe zu nehmen. 

Was die Unterstützung zur Abwehr von Hungersnoth und Mangel 
im Winter betrifft, so haben die Vorsteherschaften soweit als möglich 
gesucht diesen und den früheren Uebelständen des Armenwesens da^ 
durch abzuhelfen, dafs sie die Bedürftigen, die noch zum Selbsterwerbe 
geschickt waren, bei Zeiten mit den nothwendigsten Kleidern und Ge- 
räthen versahen, sowie dadurch, dafs sie den ganz Hülflosen eine kleine 
regelmäfsige Unterstützung zuwendeten. Zu solchem Zwecke hat man 
bei den Versammlungen mit Genauigkeit den Zustand jeder einzelnen 
Familie geprüft, und noch vor dem Beginne des Winters die^ nothwen- 
digen Listen aus den Designationsprotokollen ausgezogen. Diese direk- 
ten Ausgaben für das Armenwesen haben ungefähr ^ der sämmtlichen 
Ausgaben betragen, und es ist in dieser Weise einigermafsen geglückt 
bis auf Weiteres den nothwendigen Bedarf von Eajakken zu beschaf- 
fen; was aber alle anderen Vorräthe betrifft, so hat sich allerdings 
der Mangel der Bevölkerung an den nothwendigsten Gegenständen, 
besonders an Kleidungsstücken, so grofs gezeigt, dafs diese direkte 
Hülfe nur einen geringen Ausschlag zu leisten vermochte. Indessen 
ist es durch eine in solcher Art geordnete Unterstützung vor dem Be- 
ginne des Winters geglückt, der gewohnten Bettelei an den Handels- 
plätzen und der daraus entspringenden unregelmäfsigen Hülfsleistung 
bis auf wenige Ausnahmen, namentlich bei der Kolonie Holstensborg, 



106 AnlOB ron Eti«l: 

vorzubeugen. Aber der Mangel an diesem Platze hatte mne Ursache 
darin, dafs die Grönländer daselbst von dem Walfischfange sehr ab- 
hängig sind, und d&fe dieser durchaus gar keine Ausbeute gab. Wahr- 
scheinUcherweise wird es nothwendig werden besondere Bestimmungen 
für die Betreffenden an dieser Stella zu erlassen. 

Mit Bezug auf Erleichterungen bei Anschaffung kostbarer Requi* 
siten, wie von Hausmaterialien und Büchsen, hat man theil weise die 
früheren Regeln bei Preisherabsetzungen und Vorschüssen befolgt, theils 
hat man den Preis für Büchsen speciell für diejenigen h^abgeaetzt, 
welche gleich die ganze Summe bezahlen wollten. 

Direkte Ermunterungen zum Erwerbfleils uüd zur Selbstthätigkeit 
hat man theilweise durch die in dem vorhergehenden Jahresbericht 
erwähnten Repartirungen ins Werk gesetzt und auf diejenigen Familien 
beschränkt, die keine Armenunterstützung oder Darlehen empfangen 
haben, theilweise aber auch, und dies namentlich bei Julianehaab, durch 
Austheilung von Prämien in dazu verlangten Gegenständen, ein Ver- 
fahren, das der allgemeinen Meinung nach eine sehr glückliche Wir- 
kung gehabt haben soll, namentlich im Verhältnifs zu den damit ver- 
knüpften Kosten. 

Die Vorsteherschaften haben es auf sich genommen, einige zum 
Theil schon früher von einzelnen Eingeborenen begangene Verbrechen 
zu untersuchen und darüber zur Entscheidung an den Inspektor zu 
berichten. Ingleichen haben sie auch begonnen einige Gebäude und 
Inventarien zu verschiedenen Zwecken zu beschaffen; am Schlüsse des 
Handelsjahres waren in dieser Art theils vollendet, theils im Material 
vorhanden, so dafs ihre Vollendung bald zu hoffen stand, bei Juliane- 
haab ein Versammlungshaus, bei Fredrikshaab das nothwendige Ma- 
terial zu einem Versammlungslokale in einem dort schon vorhandenen 
Gebäude, bei Fiskernässet und Godthaab zwei Vorrathshänser, aufser- 
dem zwei von der Handelsgesellschaft entnommene Boote. Bei Suk- 
kertoppen war der Grund zu einem Kirchen- oder Schulgebäude auf 
Rechnung der Commune gelegt. 

Der schon im früheren Jahresbericht erwähnte Plan zu der schliefs- 
lichen Ordnung der vorläufig nur versuchsweise eingerichteten Vorste- 
herschaften war diesen zur Prüfung im Laufe des Jahres zugestellt. 
In den darüber eingereichten Bedenken haben die drei Vorsteherschaf- 
ten in Fredrikshaab, Fiskernässet und Sukkertoppen sich hauptsächlich 
darauf beschränkt, ganz einfach dem Plane beizutreten, wohingegen 
die drei übrigen von Holstensborg, Godthaab und Julianehaab theil- 
weise Veränderungen vorgeschlagen haben. Aufserdem ist auch noch 
ein Separat -Bedenken eingereicht worden. Alle diese Dokumente sind 
darauf den betreffenden Autoritäten in Europa übersendet worden. 



Die Entwickelung der ttniBchen Handelsdntrikte m Sfidgronland. t07 

Im Laufe des Jahres ist es auch geglüekt das Designations-Pro* 
tokoU für den weitläuftigen Distrikt Ton Jalianehaab zu beenden und 
sind auch aufser diesem noch Auszüge aus den Protokollen der sämmt* 
liehen Distrikte eingegangen, die ToUstindigsten und deutlichsten von 
Julianehaab und Oodthaab, die am mindesten vollstjindigen von Fre- 
diikshaab und Fiskemfisset. Durch das Znsammenziehen dieser Listen 
ist man zu folgenden Resultaten gekommen. 

Beim Beginn des Jahres 1859 wurden in SSdgronland gefanden: 

Eingeborene im Ganzen 5811 

Seehundsfänger . . * 940 

Fischer mit Kajak . 274 

Knaben, die einen Kajak besafsen . . 170 

Besitzer von Weiberbooten 218 

Besitzer von Büchsen 809. 

Die in dem vorherigen Jahre versuchsweise begonnene Klassen- 
eintheilung ist nicht aus allen Distrikten angegeben und war aufserdem 
unzuverlässig, weil die Beurtheilnng noch verschieden gewesen ist. So- 
weit man aber nach diesen Angaben rechnen kann, fanden sich unter 
einer Anzahl von 1000 Personen im Durchschnitte in Sfidgronland: 
45 Familien der 1. Klasse, jede aus 7 Personen bestehend 
55 - - 2. - - - 5 - 

40 - . 3. - - - 3 - 

12 - - 4. - . . 3 - 

26 - - 5. - . - 4 - 

15 . - 6. - - . 2 - 

25 - - dienenden, - - 5 - 

Hierbei mufs jedoch bemerkt werden, dafs Wittwen und Unver- 
sorgte, die eigentlich zur fünften Klasse gehören, soweit als möglich 
mit unter den Familien der beiden ersten Erlassen eingerechnet sind, 
insoweit sie nahe Anverwandte unter denselben z&hlten. 

Mit Bezug auf die einzelnen Distrikte hat sich der Unterschied 
ergeben, dafs auf jedes Hundert Eingeborene in Julianehaab 19 See- 
hundsfönger und 29 Kajakke kommen, in den n&chsten 4 Distrikten 
überall fast dasselbe Yerhaltnifs, nämlich nur 14 bis 16 Seehundsfönger 
und 20 bis 21 Kajakke, und endlich in Holstensborg eine noch gerin- 
gere Anzahl, namentlich an Kajakken. In Hinsicht auf die Weiberboote 
findet hingegen der Unterschied statt, dafs in : Julianehaab auf 22 Per- 
sonen, in Fredrikshaab auf 23, in Fiskernässet auf 96, in Godthaab 
auf 39, in Snkkertoppen auf 35 und in Holstensborg auf 27 Personen 
ein Boot gerechnet wird. 

Erst mit Hülfe dieser statistischen Notizen ist es möglich ge- 
worden, cKe bedenkliche Abnahme unter der grönländischen Bevölkerung 



108 Anton von Etzel: 

zu beweiisen, die Anlafs dazu gab, dafs die Beamten in Südgronland 
schon im Jahre 1856 sich darüber vereinigten bei dem Ministerinm 
des Innern einen Vorschlag einzureichen Vorsteherschaften im Lande 
zu errichten. Es sind n&nlich 5 Jahre früher in jedem Distrikte gleiche 
Zählungen vorgenommen, und wenn man diese mit den oben stehenden 
vergleicht, zeigt sich der nachfolgende Rückgang, der zugleich als 
Maafsstab für den Wohlstand und die Produktivität dienen kann. 

In fünf Jahren hat abgenommen: 

die Zahl der Seehundsfänger um 10 bis 11 Procent 

- Bootsbesitzer - 21 Proc. 
- - - Kajaksbesitzer - 1 - 

Die Anzahl der ganzen Bevölkerung hat in 6 Jahren um S\ Pro- 
cent abgenommen, wobei bemerkt werden mufs, dafs ungefähr 50 Per- 
sonen aus- und 20 Personen eingewandert sind. In den 5 Jahren 
1854 — 58 ergaben sich 1413 Todesfälle gegen 957 Geburten, und nur 
in einem einzigen Jahre waren die Geburten überwiegend. In den- 
selben Jahren sind 105 Männer, oder 18 bis 24 jährlich, im Kajak 
umgekommen, was 4 bis 10 über die gewöhnlich zu veranschlagende 
jährliche Zahl ist. Ebenso hat die Zahl der Wittwen bestandig zuge- 
nommen, so dafs sich auf eine Anzahl von 1000 Personen fanden: 
im Jahre 1853 . 57 Wittwen im Jahre 1856 . 64 Wittwen, 

- 1854 . 60 - - - 1857 . 76 

- 1855 . 63 - - - 1858 . 77 

so dafs jede vierte erwachsene Frau über 17 Jahren eine Wittwe war, 
und 9 Wittwen sich unter 1 5 verheiratheten Weibern ünden. Dieses 
Verhältnifs scheint darauf zu deuten, dafs die Sterblichkeit besonders 
bei denen überwiegend geworden ist, die als Familienversorger gezwun- 
gen sind, ihren Unterhalt auf der See zu suchen, ohne dafs sie viel- 
leicht hinreichend dazu ausgerüstet sind. — Dafs die Anzahl der Ka- 
jakke nicht abgenommen hat, rührt wohl besonders daher, dafs unge- 
fähr 100 Personen in den letzten beiden Jahren durch die Vorsteher- 
schaften mit solchen versehen worden sind. 

Wenn man die einzelnen Distrikte vergleicht, zeigt sich darin eini- 
ger Unterschied. Am Besten steht es im Ganzen im Distrikt Juliane- 
haab. Dahingegen hat die Verarmung den höchsten Grad in der Ge- 
meinde Lichtenfels erreicht, obschon dieselbe durch die letzte Hungers- 
noth 1856 — 57 nicht so sehr gelitten hat. Diese Gemeinde ist in den 
letzten drei Jahren von 394 auf 300 Personen zusammen geschmolzen, 
wohingegen die Zahl der Wittwen von 32 auf 42 zugenommen hat, 
während daselbst nur 40 verheirathete Frauen zu finden sind; die Zahl 
der Geburten betrug in denselben Jahren 51 , der Todesf&lle 120. 
Weiberboote, Zelte , Sommerreisen und Einsammeln von Vorräthen, 



Dia Bntwickdiing der dSaitchen Handelsdistrikte in Südgrönland. 109 

alles dieses hat fast ganz aufgehört; der Seehnndsfang liefert beinahe 
Nidits mehr für den Handel und ist zugleich unzureichend, um die 
Grönländer selbst mit den allernöthigsten Kleidern zu versorgen. Die- 
ses Zurückgehen in dem Distrikte Fiskernässet ist ganz stufenweise 
vorgeschritten und war schon im Jahre 1855 so sichtbar in der Ver- 
fassung der Bewohner, dafs der Inspektor schon damals Veranlassung 
dazu fand, bei den betreffenden Behörden Vorstellungen darüber zu 
machen. Es läfst sich daher leider voraussehen, dafs diese kleine Ge- 
meinde allmählig aussterben wird, und eine ähnliche Erscheinung wird 
in allen Distrikten gespurt, nur dafs in diesen das Zurückgehen der 
Bevölkerungsverhältnisse erst später begonnen hat. 

Die obenerwähnten ungünstigen Verbältnisse stimmen auch mit 
in anderer Weise besonders seit dem Jahre 1853 gemachten Erfahrun- 
gen überein. Schon vor 1850 hat die Produktion des Handels abzu- 
nehmen begonnen, und es zeigte sich bald, dafs der Wohlstand der 
Bevölkerung schon seit lange in Abnahme begriffen war. In dem er- 
sten strengeren Winter, der 1853 zu 54 eintrat, war die Noth in den 
südlicheren Distrikten am gröfsten. An der Aufsenstelle GrädeQord 
starben 10 Menschen aus Mangel an Kleidern, Nahrung und Brenn- 
material, sowie auch in den anderen Kolonien, und besonders in Fre- 
derikshaab, damals eine Menge Menschen, wenn auch nicht eben- 
falls unmittelbar an Mangel, so doch an Krankheiten, die ihren Grund 
eben im Mangel und in schlechter Lebensart hatten, starben. Bei den 
Wohlhabenderen gingen zum Theil die Weiberboote ein. Bei den 
Aernosten verschwand fast Alles, was brennbar oder . verkauf lieh war. 
Alles innere HoLswerk in den Häusern, Fufsböden, Pannele, Pritschen 
wurde als Brennmaterial verbraucht. Die Federn wurden aus den 
letzten Bettstücken genommen und verkauft, und die Hausbewohner 
mufsten an vielen Stellen in kalten und finsteren Häusern auf den 
blofsen Steinen liegen. Es mufs wohl angenommen werden, dafs diese 
schon an und für sich so ungünstigen sanitären Verhältnisse beson- 
ders dazu mitwirken, die überhandnehmende Sterblichkeit zu befördern, 
da schwache Leute und zarte Kinder ihren Aufenthalt und ihre Pflege 
in solchen, dem ELlima keineswegs entsprechenden Wohnungen neh- 
men mulsten. Auch in dem folgenden Jakre muTste wiederum auf 
Rechnung der Handelsgesellschaft der Bevölkerung auf dem Missions- 
platze Fredriksdal vom Monat November ab eine vollständige Bekö- 
stigung gereicht werden, und bei Sukkertoppen glückte es nur mit 
Noth die Bewohner eines entlegenen Platzes dadurch vor dem Unter- 
gang zu bewahren, indem man sie nach der Kolonie holte. Der Win- 
ter i855/*56 zeichnete sich sowohl durch ein ganz ungewöhnlich mil- 
des und gutes Wetter aus, sowie auch durch vorzüglichen Fischüeuig 



110 AntoB rdn fitieh' 

far den tfiglichen Unterhalt; daher trat auch keine HaagOTsnoih ^n, 
aber in Hinsicht auf das Anschaffen von Geräthschaften and Kleidern 
wurde auch nicht der geringste Fortschritt gespört. Im Gkgentheil 
mufs angenommen werden, dafs die Verarmung auch in diesem Jahre 
zugenommen hatte; denn im Winter 18561/57 wurde die Noth groÜBer, 
als jemals vorher, sie traf damals meist die nördlichen Distrikte. 
Bei der von der Direktion darüber veranlafsten Untersuchung ergab 
es sich, dafs 140 Menschen allein in den Distrikten Holstensborg and 
Sukkertoppen theils aus Mangel an Nahrung, theils aus Mangel an 
warmen Kleidungsstücken und gehörigem- Obdach umgekommen waren. 
Die Verunglückten starben in der Regel langsam hin, mehrere Wochen 
theUs nackt, theils unter den letzten Fetzen von Häuten oder Zeug, die 
sie ihr Eigenthum noch nannten, liegend. Neben dem Hunger und 
der Kälte schritt die um sie herum entstehende Verwesung und Faul- 
nifs gleichzeitig mit der Krankheit und ihrer endlichen Auflösung vor. 
Die wenigen Bewohner eben derselben Plätze, die ordentliche Kleider 
hatten, hielten sich in der Regel gesund, denn sie konnten sich in der 
freien Luft bewegen, und diese waren es, und unter ihnen sogar Kna- 
ben, die ab und zu Fische und Vögel fingen, die sie fast roh und mit 
den Gedärmen an die Sterbenden vertheilten. 

Die von 1853 bis 1857 so stark zunehmende Verarmung zeigte 
auch ihren unglückseligen Binflufs auf das Verhältnifs der Bingebore* 
nen zu den Buropäem, indem erstere an mehreren Stellen dasjenige 
mit Gewalt erzwingen wollten, dessen sie bedürftig zu sein meinten. 
Der Auslieger des Handels auf Nappassok in Sukkertoppen versachte, 
nachdem er aüe Provisionen mit den Grönländern des Ortes getheilt 
hatte, im März die Kolonie mit dem Weiberboote zu erreichen, ver- 
schwand aber. Erst im Monat Mai entdeckte man auf einer kleinen 
Insel die Ueberreste dieser Unglücklichen. Sie hatten sich eine kleine 
Höhle in den Schnee gegraben, und die Spuren, die man fand, deu- 
teten darauf hin, dafs sie einen sehr langsamen Tod gefunden hatten. 

In dem dieser Unglückszeit folgenden Sommer von 1857 trat ge- 
rade zu der Zeit, in welcher sich die Grönländer Häute und das Uebrige 
zu den Kleidern und Geräthschaften Nothwendige erwerben sollten, 
eine sehr schwächende und tödtliche Brustepidemie ein, welche die 
Küste entlang von Norden nach Süden zog. Ungefähr zwei Procent 
der Bevölkerung, oder 100 Personen starben an derselben im Laofe 
weniger Monate, nur ein geringer Theil der Eingeborenen entging der- 
selben ganz, und der Erwerb war daher auf längere Zeit völlig ge- 
hemmt. Da hierdurch also die gröfste Gefahr herbeigeführt war, dafe 
der folgende Winter noch gröfsere Unglücksfälle in seinem Gefolge 
haben könnte, war der Inspektor der Ansicht, dafs der extraordinäre 



Die Entwickelnng der dlakcbeB Handekdifttrikte in SüdgrönlaDd. Hi 

Zuschob (6b«r ^reichen im Folgenden das N&heris angegeben werden 
wird) ZBT Disposition der Vorsteherschaften gestellt werden mü&te, 
um so weit als möglich dem schlimmsten Mangel vorzubeugen. Alle 
diese unglücklichen Verhältnisse wurden der aufmerksamsten Ueber- 
wachnng der Vorsteherschaften anempfohlen. 

Die den Originalpapieren beigefugte tabellarische Uebersicht dient 
dazu, die Einnahmen und Ausgaben der Vorsteherschaften in dem Hau* 
delsjahre 1858/59 darzulegen; es würde aber zuweit führen, die ge- 
sammelten Bechnungsablegungen in extenso hier abzudrucken, und wer- 
den wir uns darauf beschränken, weiter unten nur einige Notizen über die 
Einnahmen der einzelnen Districte hinzufugen. Nach der Bestimmung 
des Ministeriums der innem Angelegenheiten vom 13. Mai 1857 war 
es festgesetzt, dafs die gedachte Gommunalverwaltimg keine Kosten 
verursachen dürfte, sondern, dafs die Vorsteherschaften nur die Mittel 
verwalten sollten, die früherhin der Handelsgesellschaft zu gewissen 
Zwecken zu erschwingen auferlegt waren, und dafs die dennoch nothwen- 
digen Kosten durch Verkürzung dieser Mittel aufgebracht werden soUten. 

Aus den zusammengestellten Rechenschaftsberichten ergiebt der 
Verbrauch der der Vorsteherschaften zur Disposition gestellten Mittel 
vom 1. Juli 1857 bis zum 30. Juni 1859 7858 Rdlr. 28 Sk., von denen 
im Ganzen 3936 Rdlr. 69 Sk. verbraucht wurden. 

Am 25. Juni 1859 wurde von dem Inspektorate den Vorsteher- 
schaften die Mittheilung gemacht, dafs das Direktorat die Summen, 
welche in dem Geschäftsjahre 1858/1859, als dem ersten ihrer Thä- 
tigkeit, theilweise zu ihrer Disposition gestellt, theilweise wirklich ver- 
braucht waren, im Vergleich zu dem, was von dem Ministerium des 
Innern festgesetzt war, zu bedeutend wären, und dafs die Institution über- 
dies nur ein Versuch gewesen, welchen das Ministerium nur auf zwei 
Jahre anzustellen gestattet habe, weshalb nun nach Verlauf dieser Zeit 
einstweilen damit aufgehört werden müfste, und dafs endlich die ver- 
meintlichen Guthaben und Besitzthümer für die Kasse der Handelsge- 
sellschaft in Beschlag genommen werden sollten, bis etwa im Herbste 
noch nähere Anordnungen aus Dänemark in Grönland eintreffen möch- 
ten. — Als am 1 . September noch immer keine Nachrichten eingelau- 
fen waren, aber doch die nothwendigsten Veranstaltungen für den 
Winter nicht länger aufgeschoben werden konnten, wurden von dem 
Inspektorate nur geiwisse, nach einem abgegebenen Gutachten ange- 
setzte Belaufe zur Disposition der Vorsteherschaften gestellt, um die 
Ausgaben in dem laufenden Jahre bestreiten zu können, und unter 
dem 3. October wurde schliefslich denselben mitgetheilt, dafs die er- 
warteten Nachrichten eingetroffen seien, dafs es aber in Folge dersel- 
ben dennoch bei der ebenerwähnten vorläufigeii Veranstaltung sein 



112 



Anton Yon Etsel: 



Bewenden haben mosse. Als Folge hieiron ist der Versach der Ein- 
föbrung einer communalen Verwaltung, wenn auch mit einiger Unter- 
brechung, doch so gut es sich thun liefs, auch in dem Handelsjahre 
1859/60 fortgesetzt worden. 

Der Winter muls im Ganzen beurtheilt als zu den för die Gron- 
Ifinder ungünstigeren gehörend, gezählt werden; der Seehundsfang im 
Herbste war eigentlich nur gut bei Fredrikshaab , im Uebrigen aber 
nur mittelmäfsig, und in der letzten Hälfte des Winters oder in der 
knappen Jahreszeit war, verbunden mit der gewöhnlichen Kälte, un- 
gewöhnlich stürmisches und unruhiges Wetter, wodurch der tägliche Er- 
werb weit unter der Elrwartung blieb; dieses war um so fahlbarer, 
als die Versorgung mit Vorräthen aus dem vorigen Sommer ebenfalls 
sehr schlecht war. Am unglücklichsten gestalteten sich die Verhält- 
nisse bei Julianehaab, wo noch überdies Grofseis eintrieb, welches an- 
einander fror und die Kajakfahrt hemmte. Natürlich wurde dadurch 
die Armenversorgung mehr als früher belastet; dennoch standen die 
Ausgaben denen der Geschäftsjahre 185S/59 ziemlich nahe. Nach- 
stehende Tabelle giebt eine Uebersicht des ökonomischen Zustandes 
der Einwohner im Frühjahre 1860. 





Auf je 100 Einge- 


Auf je ein 




borene 


Weiberboot 


Es kamen in 








Kajaks 


Fänger 


Personen 


Jalianehaab 


22 i 17 


23 


Fredrikshaab 


23 


16 


21 


Fiskemässet 


20 


12 


94 


Godthaab 


21 


15 


41 


Sakkertoppen 


22 


16 


35 


Holstensborg 


19 


14 


32 



Durch Vergleichung dieses Resultats mit dem vom Jahre 1859, 
zeigt sich nur ein bedeutender Unterschied in Betreif Julianehaabs; da 
jenes indessen der Aufzählung für Julianehaab im Jahre 1858, und 
dem Verhältnifs von Südgrönland im Ganzen genommen entspricht, 
ist es wahrscheinlich, dafs in der Aufzählung für Julianehaab im Jahre 
1859 ein Mifsverständnifs oder Fehler eingelaufen sein mufs. Unter 
dieser Voraussetzung mufs jener Jahresbericht von 1858/59 dahin be- 
richtigt werden^ dafs in Bezug auf die Zahl der Eajaksbesitzer kein 
wesentlicher Unterschied zwischen Julianehaab und dem übrigen Süd- 
grönland besteht, und dafs auch in dem angedeuteten Jahre ein bedeu- 
tender Zurückgang in Südgrönland stattgefunden hat. 



Die Entwickelang der damsclien HandeUdifltrikte in Südgrönland. 113 

Im Ganzen fanden sich in Südgrönland: 

Eingeborene in Allem 5857 

Seehandsfänger mit Kajaks 938 

Fischer und Knaben mit Kajaks ... 327 

Besitzer von Weiberbooten 212 

Besitzer von Büchsen 828 

Im Kalenderjahre 1859 hat sich die Zahl der Gebarten auf 219 
belaufen, die der Todesfälle auf 177, was das günstigste Verhältnifs 
ist, das seit mehreren Jahren vorgekommen war. Dagegen waren 
2t Männer im Kajak umgekommen; die Zahl der Wittwen belief sich 
auf 77 pro Mille. 

Nach den Rechnungsauszügen haben die durch die Vorsteherschaf- 
ten besorgten Auslagen mit ihrer eignen Verwaltung zusammengerech- 
net 2998 Rdlr. 39 Sk. gekostet, wohingegen sie durch eingegangene 
Schulden etc. wieder 895 Rdlr. 58 Sk. eingebracht haben; der Rest von 
2102 Rdlr. 81 Sk. ist von der Handelsgesellschaft hergegeben. Aufser- 
dem haben sie durch den Handel und durch eigene Einnahmen 262 Rdlr. 
12 Sk. eingenommen, welche jedoch nicht verbraucht sind. Aufser den 
letzterwähnten Contanten besafsen sie am Schlüsse ausstehende Forde- 
rungen, Inventarien, Yorrätbe u. d. m. im Werthe von 2355 Rdlr. 56 Sk., 
wohingegen dieser Belauf für 1858/59 2018 Rdlr. 40 Sk. betrug, also 
ist dasselbe durch die obenerwähnte Totalausgabe gleichfalls mit 337 
Rhlr. 16 Sk. vermehrt. 

In Bezug auf die einzelnen Distrikte ist Folgendes zu bemerken: 

Julianehaab. Hier hat die Yorsteherschaft , theils auf Grund 
des schlechten Winters, theils wegen der verringerten Mittel in der 
Hauptsache sich darauf beschränken müssen, augenblicklich die Noth 
im Laufe des Winters zu lindern, und muTsten auch im Februar und 
März diese Unterstützungen weiter vertheilt werden. Ferner wurden 
die ärmsten Familien von solchen Plätzen, die im Ganzen sehr zurück- 
gekommen sind, an solche Stellen versetzt, welche mehr Gelegenheit 
zur Ernährung darbieten, besonders um den Kindern dieser Familien 
unter thätigerer und tüchtigerer Umgebung Gelegenheit zur Ausbildung 
darzubieten; alles dieses jedoch mit der gehörigen Wachsamkeit, um 
diese Plätze nicht zu überbürden und dadurch den Thätigeren zu scha- 
den. Die Ausgaben für Gebäude, Besoldungen, regelmäfsige und au- 
fserordentliche Unterstützungen etc. betrugen 1100 Rdlr. 9 Sk. 

Fredrikshaab. Dieser Distrikt ist der einzige, in dem die Verhält- 
nisse für den Fang günstiger waren, und wo daher kaum einer wirk- 
lichen Noth im Laufe des Winters abzuhelfen war. Die Vorsteher- 
schaft hat hauptsächlich ihre Wirksamkeit darauf beschränkt, zweien 
bei der Kolonie selbst wohnenden Grönländern zu vollständig neuen 

Zeitdcbr. f. aUg. Krdk. Neue Folge. Bd. XIII. 8 



114 Anton von Etsel: 

Häasern mit Schieferdächern zu verhelfen. Die Aasgaben f&r Inyen- 
tarien, Yorräthe, Armenhülfe etc. betragen 665 Rdlr. 92 Sk. 

Fiskernässet. Hier war der Winter auch im Ganzen sehr un- 
günstig. Auf dem bewohnten Platze Eangarsuk, 2 Meilen von der Ko- 
lonie, trat schon am Ende des Januar Hungersnoth ein, und zu glei- 
cher Zeit wurde die Verbindung mit dieser Stelle- durch dünnes .treiben- 
des Bis (Tyndüs) abgeschnitten, so dafs man ihm weder mit dem Boot 
noch mit dem Kajak Hülfe zu bringen im Stande war. Glücklicher- 
weise gelang es später die Verbindung theils durch Kajakke, theils zu 
Fufs über das Eis wieder herzustellen, und so wurde nach aller Wahr- 
scheinlichkeit der Hungersnoth abgeholfen. Auf den übrigen bewohn- 
ten Plätzen war die Noth nicht vollständig so grofs; dennoch ist der 
Distrikt theils auf Grund dieses schlechten Jahres, theils durch zuföl- 
Jiges Unglück noch mehr zurückgekommen. Die Zahl der wenigen 
noch im Gebrauche befindliehen Boote war um zwei vermindert, die 
dem einzigen noch einigermafsen wohlhabenden Grönländer in dem 
ganzen Distrikt gehörten. In der Gemeinde Lichtenfels ist jetzt auch 
nur noch ein einziges brauchbares Boot übrig, und auf Grund der dort 
vorherrschenden Sterblichkeit unter den männlichen Erwerbern, hat 
seit dem vorigen Jahre die Zahl der Wittwen von 42 bis 48 zugenom- 
men, während die der Ehepaare von 40 bis auf 37 gesunken ist, so 
dafs sich daselbst 30 Procent mehr Wittwen als verheirathete Frauen 
befinden. — Die Ausgaben betrugen 312 Rdlr. 88 Sk. 

Godthaab. Der Erwerb war in diesem Distrikt weniger ungün- 
stig. Es gelang daher die Unterstützungen auf die regelmäfsigen Ga- 
ben an die Unversorgten zu beschränken. Auch hier hat man ver- 
sucht einige von den ärmsten Familien von dem Platze Neuhermhut 
nach der Kolonie zu versetzen, um ihnen mehr Anlafs zum Erwerb 
und zur Selbstthätigkeit zu verschaflFen. Die Bevölkerung hat um einen 
Procent abgenommen, besonders auf Grund von Krankheiten. Die 
Ausgaben betrugen 415 Rdlr. 71 Sk. 

Sukkertoppen. Die Verhältnisse waren hier ungefähr dieselben 
wie in Godthaab, und es ist an Nahrungsmitteln so gut wie gar keine 
Armenunterstützung ausgegeben. Der Ueberschufs, der sich bei der 
Rechnungs- Ausstellung ergab, wurde aufgehoben und zur Beihülfe für 
Materialien zum Haus- und Bootsbau bestimmt. — In diesem Distrikt 
war ein deutlicher Fortschritt sowohl in Bezug auf die Zahl der Ka- 
jaks wie der Fänger zu bemerken, und es war augenscheinlich, daÜB 
in der gegenwärtig aufwachsenden Jugend viel Thätigkeitssinn und 
Lust zum Erwerb zu verspüren ist, wie auch die sämmtlichen früher 
von der Vorsteherschaft ausgetheilten Kajaks guten Nutzen geleistet 
haben. Die Ausgaben betrugen 161 Rdlr. 67 Sk. 



Die Entwickelang der dänischen Hndelsdistrikte in Südgrönland. 115 

Holstensborg. Hier war der ^nter sehr ungünstig, jedoch 
wurde bei den Gb^lfindern weit weniger Geneigtheit fremde Hülfe 
nacbzQsachen, als im vorigen Jahre bemerkt. Es worde hauptsächlich 
nur eine eigentliche Armenunterstützung an die am Walfischfange theil- 
nehmende Bevölkerung bei der Kolonie und den nächsten Plätzen aus- 
gegeben, bis man im Herbste so glücklich war einen Wal zu fangen 
Die in gänzlicher Abnahme begriffene Renthierjagd hat auch die Be- 
wohner bedeutend zurückgebracht, und scheint dies der Grund fSr die 
geringere Lust ihre Boote im Stande zu halten zu sein. Die Zahl der 
Boote soll im verflossenen Jahre von 24 bis auf 21 abgenommen ha- 
ben, und wird sich, wie man annehmen kann, im nächsten Jahre wie- 
der am 4 verringern, da die Eigenthümer durehaus keine Häute zum 
Ueberziehen derselben besitzen. — Als ein aufserordentliches Beispiel 
eines eingeborenen Vorstehers verdient der junge Ely Fontain hervor- 
gehoben zu werden, der in der kleinen und armen Aufsenstelle Itiflik, 
woselbst im Winter 18b6/57 viele Menschen aus Mangel umkamen, 
wohnt. Derselbe fahrt die tägliche Aufsicht über seine, ihm unterge- 
benen Landsleute, hat die Bestimmung über die zu leistende Armen- 
unterstützung und geht bei jeder Gelegenheit mit gutem Beispiel voran. 
Die Ausgaben betrugen 342 Rdir. 

In dem letztverflossenen Sommer wurde von dem Inspektorate 
durch Circulare vom 19. Juni und 4. August den Yorstdierschaften mit- 
getheilt, dafs das Ministerium sich noch nicht veranlafst fände von der 
bisherigen Ordnung des Gommunalwesens abzugehen. Nur sollten dem 
Inspektor für Süd -Grönland etwas reichlichere Mittel zugestanden wer- 
den, und seien vom Reichstage für das Handelsjahr 1860/61 5000 Rdlr. 
dazu bewilligt worden. Da also das bisher festgestellte Reglement 
noch femer gültig bleiben soUte, hat man es für das Richtigste ange- 
sehen, die von dem Inspektorat bisher gegebenen Bestimmungen nach 
den schon gewonnenen Erfahrungen auf Grund des Reglements umzu- 
arbeiten. Diese Umarbeitung ist unter dem Titel: „Vorläufiges Re- 
glement für die Vorsteherschaften in Südgrönland^ in Godthaab ge- 
druckt und gewissermafsen als Grundgesetz denselben zugesandt 
worden ; es enthält in 28 Paragraphen folgende Bestimmungen, welche 
wir hier auszüglich mittheilen. 

§ 1. Der Hauptzweck der Vorsteherschaften soll sein, der 
Verarmung und dem Rückgange in dem nationalen Erwerbe unter den 
Grönländern entgegenzuarbeiten und die Mittel zu verwalten, welche 
die Regierung aus den Einnahmen des Handels zu dem erwähnten 
Zwecke zur Verfügung stellt, woneben sie auch noch auf andere 
Weise ihren Einflufs auf die Eingeborenen in derselben Richtung aus- 
üben sollen. Die Ausgaben und Einnahmen der Vorsteherschaften 

8» 



116 Anton ▼. Etzel: 

sollen ganz von denen des Handels, sowie von denen der Ifission, ab- 
gesondert werden. Die Ausgaben, welche fraher dem Handel obge- 
legen haben, aber jetzt von den Vorsteherschaften bestritten werden, 
bestehen in Darlehen in der Zeit der Noth; in Ermanterangen zum 
Erwerbe und zur hanslichen Ordnung; in Unterstützungen, soweit die- 
selben nicht der Hülfskasse zugeführt werden können ; in Armenunter- 
stutzungen durch Proviant und andere Waarensorten ; in Beihulfen zur 
Verbesserung der Wohnungen der Eingeborenen, ihres Brennmaterials 
und ihrer Fanggeräthschaften ; endlich in den Ausgaben für die Buch- 
druckerei zu Godtbaab und für die Beschaffung der Materialien zu 
ihrem Betriebe. — Dagegen werden überall, wo die Vorsteherschaften 
eingeführt sind, alle früheren Bestimmungen über die Bestreitung der 
hier aufgeführten Ausgaben durch die Handelsgesellschaft aufgehoben. 

§ 2. Auch diese Communalverwaltung soll gleichfalls bis auf Wei- 
teres nur ein Versuch sein, zu dessen Bewerkstelligung der Minister 
des Innern den Inspektor von Südgrönland ermächtigt hat, wefshalb 
die Vorsteherschaften, die jetzt in sammtlichen Distrikten eingeführt 
sind, zu den Beamten desselben gezählt werden und unter ihm stehen. 
Sollten die Vorsteherschaften in einem oder dem anderen Distrikte 
finden, dafs es gewichtige Bedenken haben könnte, den Versuch fort- 
zusetzen, so ist darüber von dem Inspektor zu berichten, damit von dem- 
selben in diesem Falle die früheren Bestimmungen wieder eingeführt 
werden können. 

§ 3 — 7. Es mufs die erste Aufgabe einer jeden Vorsteherschaft 
sein sich mit den zu ihr gehörenden Bewohnern bekannt zu machen 
und durch eine bestimmte Eintheilung jeder Person die Stellung in der 
Gesellschaft zu geben, die ihr in Folge des Nutzens, den sie derselben 
in Bezug auf ihren Wohlstand leistet, zukommt. Zu dem Zwecke wer- 
den die Einwohner in Familien eingetheiit, jede mit ihrem Oberhaupte, 
und diese dann wieder in Klassen; jede Person gehört zu der Klasse, 
zu welcher ihr Familienoberhaupt gehört. — Familienoberhäupter kön- 
nen sein: Verheirathete Männer, welche selbstständig Andere versor- 
gen, Wittwen und selbst Frauenzimmer mit unehelichen Kindern, die 
kein männlicher Versorger in seine Familie aufgenommen hat. Dage- 
gen sollen unverheirathete Männer, die noch mit ihren Eltern zusam- 
men wohnen, selbst wenn sie wesentlich zum Unterhalte der Familie 
beitragen, doch nicht zu Familienoberhäuptern gerechnet werden , es 
sei denn, dafs die Familie es selbst wünsche. — Jeder Versorger hat 
die Erlaubnifs, wen er will, in seine Familie aufzunehmen. Dahinge- 
gen bestimmt die Vorsteherschaft nach bestimmten Regeln, welche Per- 
sonen er aufzunehmen verpflichtet ist. Frauenzimmer mit unehelichen 
Eandern kann Keiner verpflichtet werden in seine Familie aufzunehmen« 



Die Bntwickeliing der danisehen Handelsdistrikte in SfidgrönUund. Hf 

§ 8. 9. Die Familienoberbäapter werden In 2 Abtheihingen ge- 
theilt: A. Die selbststfindigen Eingeborenen, oder diejenigen, 
welche keine Dienstbeziehungen zur Mission oder ssur Handelsgesell* 
Schaft haben, för welche die Besoldung 60 Rdlr. oder darüber betrSgt 
B. Die dienenden Eingeborenen, oder solche, welche Dienstbe- 
ziehungen zur Mission oder zur Handelsgesellschaft haben und jähr- 
lich 60 Rdlr. und darüber einbringen. Die erste Abtheilung zerffillt 
wieder in sechs Klassen. Die erste Klasse besteht aus den Wohlha- 
benden, Pigigsut. Sie müssen gute Seehundsf&nger sein, oder we- 
nigstens gewesen sein, die häusliche Ordnung stets aufrecht erhalten 
haben, ihre Kinder im Kajakfang unterrichtet haben und im zuletzt- 
verflossenen Jahre ohne Schulden bei den öffentlichen Anstalten ge- 
wesen sein. 

Wem eine der erwähnten drei Eigenschaften mangelt, wird ge- 
wöhnlich zu der zweiten Klasse der Pigigsut tu die, der weniger Wohl- 
habenden, wem aber zwei derselben fehlen, wird zn der dritten Klasse 
Pitsnt tndle, den beinahe Armen, gerechnet; wem alle diese Eigen- 
schaften fehlen kommt in die vierte Klasse Pitsnt, Arme; doch ist es 
für diese yier Klassen erforderlich, dafs der Betreffende einen Kajak 
besitzt und selbst benutzt und auch Etwas in den Handel liefert. 

Zur fünften Klasse Piniatüerütut, d. h. die, welche den Ver- 
sorger verloren haben, sollen alle diejenigen gerechnet werden, welche 
der Benennung derselben entsprechen, insofern dieselben nicht in einer 
anderen Familie aufgenommen sind: also Wittwen, elternlose Kinder, 
oder Mädchen mit jüngeren Geschwistern und gleicherweise unbeschol- 
tene, alte körperschwache Männer, die ohne ihr Verschulden anfser 
Stande sind sich einen Erwerb zu beschaffen und jeder andern Unter- 
stützung ermangeln. 

Zur sechsten EJasse Siporütnt, d. h. Ueberschüssige, werden alle 
diejenigen gerechnet, die unter keine der übrigen Erlassen gebracht 
werden können, wie Männer, die keinen Kajak gebrauchen, sondern 
sich durch Privatdienste ernähren, Frauenzimmer mit unehelichen Kin- 
dern , soweit dieselben nicht in Folge des § 7 in eine andere Familie 
aufgenommen sind. 

Die Bestimmungen der Mitglieder einer jeden Familie und der 
Klasse derselben werden in jedem Jahre einmal vorgenommen und bleiben 
dann bis zu derselben Entscheidung in dem nächstfolgenden Jahre als 
feststehend gültig. Bei derselben Gelegenheit werden alle zweifelhaften 
Fälle von der Vorsteher schaft entschieden. Offenbare Ausnahmen von 
den angeführten Regeln dürfen nur in ganz besonderen Fällen statt- 
finden , wie z. B. dafs Jemand auf Grund eines begangenen Verbre- 
chens in den Klassen herabgesetzt wird, oder dafs eine eingegangene 



118 Anton y, Etael: 

Schuld dem Betreffenden niaht sum Naohtheile angereehnet werden 
soll, und mufs dergkidien dann jederzeit in den Designationen der 
Yorsteherschaft besonders bemerkt und erklärt werden. An die beim 
Walfischfange bei Holstensborg beschäftigten Eingeborenen kann wäh- 
rend der Brandwacht eine gewisse Summe ausgeliehen werden, ohne 
dafs diese ebenso wie die anderen Schulden gerechnet werden soll. 

§ 10. Um die gegenseitige Stellung der einzelnen Klassen beur- 
theilen zu können, mufs man sich erinnern, dafe einerseits der See- 
hundsfang vom Kajak der Erwerb ist, von dem ebensowohl die Exi- 
stenz aller Bewohner, wie auch des ganzen Handels abhängig ist, und 
dafs auf der andern Seite die selbstverschuldete Untüchtigkeit zu die- 
sem Erwerbe, in Verbindung mit selbstverschuldeter Armuth, als ein 
Verbrechen gegen die übrige Gesellschaft angesehen werden mufs, da 
das Eigenthum unter den Grönländern noch nicht hinreichend geson- 
dert ist, um den Wohlhabenden zu entheben denen zu helfen, die ihm 
zunächst wohnen, mindestens mit dem, was dais Wichtigste, ist, den 
Nahrungsmitteln. In Folge dessen werden mindestens die erste und 
die zweite Klasse als bürgerlich Selbstständige zu betrachten sein, die 
dann auch hauptsächlich die übrigen Klassen zu erhalten haben, wohin- 
gegen die dritte und vierte Klasse als solche zu betrachten sind, welche 
die Commune zu beaufsichtigen verpflichtet ist, damit sie derselben 
nicht zu sehr zur Last fallen. Die fünfte IQasse mufs dagegen als der 
öffentlichen Unterstützung würdig angesehen werden. 

§11 — 13. Jeder Handelsdistrikt hat seine Vorsteherschaft, die 
theils aus festen Vorstehern, Misigssuissut, meistentheils aus den europäi- 
schen Beamten der respektiven Distrikte, theils aus wechselnden, aus- 
schliefslich aus Eingeborenen Vorstehern oder Aufsehern, Pärssissut^ 
bestehen. Feste Vorsteher sollen immer sein : der Prediger, der Arzt, 
der Kolonieverwalter, die Assistenten, die Missionsvorsteher für Fre- 
driksdal und Lichtenau, die beiden älteren Missionäre bei jeder der 
Missionen Lichtenfels und Neu -Herrenhut, und der Oberkateohet der 
dänischen Mission bei den Kolonien selbst, soweit derselbe namentlich 
durch Verständnifs der dänischen Sprache dazu brauchbar befunden wird. 
Aufserdem können auch andere Mitglieder auf Vorschlag der Vorsteher- 
scbaften selbst, namentlich Auslieger, die mit Ordnung und Sparsamkeit 
die Ausgaben zu bestreiten verstehen, aufgenommen werden. — Die wech- 
selnden Vorsteher werden von der Vorsteherschaft selbst unter den Fa- 
milienoberhäuptern der ersten und zweiten E^asse und den Elatecheten 
erwählt, und zwar einer far jeden Handelsplatz mit seinem Unterdistrikt, 
ausgenommen wo die Gröfse oder Entfernung desselben zwei bedingen 
möchte. Die bewohnten Plätze, für welche ein Jeder fungirt, wer- 
den ihm in seiner Instruktion genau angegeben; jeder von ihnen wird 



Die Bntwickelnog der dänischen HandelBdistrikte in Südgrönland. 119 

auf 2 Jahre gewählt, doch können Wiederwahlen stattfinden. Wo es 
passend erscheinen mochte, wird es anbefohlen, die Familienoberbfiap- 
ter in einem solchen Unterdistrikte ihre Vorsteher selbst wählen zu 
lassen. Jeder dieser wechselnden Vorsteher erhält jährlich 6 Bdlr. und 
anfserdem eine Zulage für neine Geschäftsreisen, nach den Regeln, die 
für die Post- Expressen gelten, berechnet. 

Die übrigen Paragraphen enthalten die Bestimmungen über die 
Mittel der Vorsteherschaften , über das Armenwesen und die Unter- 
stützungen zur Anschaffung allgemein nothwendiger Geräthe, über die 
Ermunterungen zum Erwerbsfleifs und zur häuslichen Ordnung, end- 
lich über die Geschäftsordnung und Buchführung bei den Vorsteher- 
Schäften. 

Geographisch interessante briefliche Mittheilungen aus Grönland 
erwähnen noch, da£s die beiden im Jahre (1860) von den Amerikanern 
nach dem Smiths Sound und Eing Williams Land geschickten Expe- 
ditionen Südgrönland und letztere auch das Gebiet von Holstensborg 
berührten. Im Juli und August ankerten auch bei Godthaab das engli- 
sche Kriegsschiff „Bulldog^, Capt. M^Clintock, und der amerikanische 
Schoner „Nautilus^ mit einer wissenschaftlichen Gesellschaft aus Mas- 
sachusets (Professor Chadbourne) an Bord. Es war 1860 ein unge- 
wöhnlicher Sommer und durch eine seltene Menge Treibeis von der 
Ostküste ausgezeichnet, das durch fortwährenden südlichen Wind an 
die Küste geprefst wurde. 

Nach einigen Beobachtungen, die Rink im Sommer 1860 anstellte, 
and genauen durch Karten erläuterten Mittheilungen als zuverlässig 
bekannter Eingeborenen scheint es sich zu bestätigen, dais der Haupt- 
abflufs des atmosphärischen Wassers, welches im Innern des Landes fällt, 
durch sehr grofse Quellen bewerkstelligt wird, die unter dem Rande 
des Eises an jenen Punkten hervorkommen, an welchen dasselbe ans 
Meer reicht und die schwimmenden Eisberge abwirft. Wenn man an- 
nimmt, dafs die grofsen EisiQorde oder die Eisberg -Gletscher, die in 
dieselben hineinreichen, die Mündungen der Flüsse des ursprünglichen 
Landes repräsentiren, und wenn man zugleich hypothetisch die Was- 
serscheide des Innenlandes etwas näher der Ost- als Westseite setzt, 
so scheint es, dafs die 7 grölisten derselben jede ein Flufsgebiet von 
1000 bis 1400 □Meilen haben müssen. Die Untersuchungen über das 
Treibeis von Agassiz zeigen, dafs man wohl annehmen kann^ dafs 
durch die Thäler der Alpengletscher, da wo sich das Eis am stärksten 
abwärts bewegt (7 Meile oberhalb des Randes der Gletscher), unge- 
achtet dieser Bewegung dennoch 7 bis 8 mal so viel Wasser im flüssi- 
gen, als im festen Zustande das Jahr hindurch an derselben Stelle 
durchs Thal gefuhrt wird, indem das flüssige Wasser nämlich theüs 



120 Anton V. Etzel: 

Bfiche aaf der Oberfl&che der Gletscher, theils Kanäle im Innern der- 
selben bildet. Die Bestimmung, wie viel Wasser als Eisberge von 
einem Bisfjorde jährlich ins Meer geführt wird, ist trotz vielfach ver- 
sochter Ermittelungen dennoch zu schwierig befunden, um zu gestat- 
ten mehr zu sagen, als, dafs es jedesfalls über 1000 Millionen Kubik- 
EUen sind, oder dafs 1000 Millionen Kubik- Ellen die Einheit sind, nach 
der es geschätzt werden müfste. Nimmt man an, dafs es 2000 Millio- 
nen Eubik-Ellen oder 16000 Millionen Kubik-Fufs beträgt, und dafs 
an derselben Stelle 8 mal so viel Wasser daneben im flüssigen Zu- 
stande durch Kanäle im Eise sich ergiefst, so bekämme man ungefähr 
die Wassermenge der Themse nach Dal ton. Dieser Flnfs hat freilich 
nur ein Gebiet von 3 bis 400 O Meilen, allein der atmosphärische Nie- 
derschlag ist auf dem Innenlande von Grönland vielleicht auch sehr 
gering; bei Julianehaab, an der Küste und Südspitze des Landes ist 
er freilich auf 36 Zoll zu veranschlagen, dieser Niederschlag nimmt 
aber nach Innen und Nor.den zu jedesfalls sehr stark ab. Die Quel- 
len, die unter dem Eise hervorkommen, thun sich durch ein starkes 
Aufwallen des Wassers vor dem Rande des Eises kund. In dem klei- 
nen EislQord bei Fredrikshaab, dem GuaneQord, fand sich, nachdem 
mit einem Boote so nahe als möglich an das Eis und dann ans Land 
gerudert war, etwa in einer Entfernung von 1 000 Ellen von dem Glet- 
scher das Wasser wie im Sieden begriffen, und zwar auf einer Flächen- 
ausdehnung von einigen tausend Quadrat -Ellen, lieber diesen Stru- 
deln schwebten beständig eine Menge Seevögel, Tateraten (JLarus tri- 
dactyta L.), die in diesem Brackwasser ihre Nahrung zu finden schei- 
nen, indem sie häufig untertauchen. Aus demselben Arme des Fjordes 
fliefst auch ganz trübes mit Erdtheilen vermischtes Wasser, obgleich 
man keinen Flufs oder Bach sieht, der ohnehin auch auf der zackigen 
Oberfläche des Eises nicht denkbar wäre. In den grofsen Eisfjorden 
kann man sich dem Rande des Eises nicht soweit nähern, doch ver- 
sichern die Grönländer, dafs, je stärker die Bewegung des Eises, oder 
die Produktion der Eisberge sei, desto stärker wären auch die Quellen 
oder das Aufwallen des Meerwassers vor demselben. Es scheint auch, 
dafs diese Quellen im Winter in Kanälen thätig sind, die vielleicht 
2000 Fufs oder tiefer unter dem Eise des Binnenlandes sich befinden, 
wo denn wohl auch kein Wechsel der Jahreszeit besonderen Einflufs 
auszuüben im Stande ist, und wo die innere Erdwärme zugleich 
thauend wirken mufs. Es haben daher die Beobachtungen über die 
Eisijorde gezeigt, dafs die grofsen Wasserströme, die unter dem Eise 
des Binnenlandes sich an denselben Stellen ins Meer ergiefsen, wo die 
Eisberge abbrechen, submarine Quellen bilden, und aus diesen kann 
man sich den Mangel an Flüssen vom innern Festlande aus erklären. 



Die Entwickelnng der dünltchen Handelidistrikte in Südgrönland. (21 

Ueber die Unganst des Klimas und die möglichen Erfolge, die bei 
angestrengtem Kampfe gegen dasselbe zu erzielen sind, geben folgende 
Thatsachen ein Zeagnifs. Rink bat in seinem in Godtbaab befind- 
lichen sogenannten Garten ein kleines Treibhaus, in dem er versucht 
hat, wie weit er es mit einigen in Dänemark heimischen Gewfichsen 
bringen kann. Im Winter ist es verschlossen und der Schnee geht 
zu dieser Zeit bis an das Dacb desselben , so dafs es ganz vergraben 
ist Nach dem 20. April ungefähr wird es geöffnet und ist dann innen 
mit einer sehr dicken Kruste von Reif unter den Fenstern überzogen. 
Je nach dem früheren oder späteren Eintreten des Thauwetters wird es 
dann in 8 oder 14 Tagen so warm, dafs einiges Leben eintritt und die 
Erde besät werden kann. Bis Mitte Mai wird auch am Abende ein 
wenig mit Torf geheizt, die Vegetation hält sich dann bis gegen Mitte 
Oktober, indem auch in den letzten Nächten wieder ein wenig in den 
Ofen gelegt wird. Es gelang in dieser Weise ein Paar Zwerg -Apfel- 
bäume, Himbeeren, Stachelbeeren, Johannisbeeren und Erdbeeren, die 
1857 ans Dänemark mitgenommen waren, im Winter in dem Hause 
in der Erde stehen zu lassen, so dafs sie im Sommer ein recht frisches 
nnd heimathliches kleines Boskett bilden. Im ersten Jahre waren sie 
im Winter in Töpfen mit in die Zimmer genommen, seit 2 Jahren aber 
sind sie in die freie Erde gepflanzt und stehen gelassen, wo sie auch 
im folgenden Jahre (1 860), obschon gerade dieses besonders kalt war, 
Erdbeeren, Himbeeren und Johannisbeeren zur Reife brachten, letztere 
jedoch erst in den letzten Tagen des Septembers. Der eine Apfel« 
bäum, der den Winter über in einem freilich kalten Zimmer stehen 
blieb, hat sehr schön geblüht und gleichfalls grofse Früchte getragen, 
die Ende Oktober abfielen und dann beim Liegen noch reifer wurden. 
Auf diese Weise kann man auch Erdbeeren, besonders früh und schon 
haben. Ein kleiner Apfelsinenstrauch, der im Winter im warmen Zim- 
mer steht, von Mai bis September aber in dem Treibhause, hat auch 
sehr viele Blüthen getrieben und sogar Früchte angesetzt. Bei Son- 
nenwärme ist die Temperatur in dem Treibhause durchschnittlich +18 
bis 24 • R., aber bei überzogener Luft ist freilich wenig mehr als der 
Schutz gegen Wind und Nachtkälte durch das Treibhaus gewonnen. 

Ein Thermometer wurde neben dem Hause 4 Fufs tief in die Erde 
gegraben und ergab aus der Beobachtung, dafs die mittlere Jahrestem- 
peratur in dieser Tiefe nahe -I- 1 ® R. ist, während die der Luft -5- 1 ",3 R. 
beträgt. Diese höhere Temperatur unter der Erde hat wahrscheinlich 
darin ihren Grund, dafs die Winterkälte durch die Schneedecke verhindert 
wird einzudringen, wogegen die Sommerwärme durch den Regen schnell 
in die Tiefe gefuhrt wird; der Boden ist nämlich Geröll und Sand. 



122 



Anton y, BUel: 



ao 



I I 



CO ao e>) 

•» *k •> 

o r« lo 

+ + + 



e^ o e^ lo 

^ •« ^ •» 

O tO M e^i 

•I- l ]■ I 



■ ' — ' '^"~ 


... 


o 




+ 


+ 




O 
00 


1 


•1- 



CO CO M -^ 

^ «k »k «^ 

eo -«^ M M 

•I- I + f 



a> 00 







*9 


CO 






+ 


+ 


€ 








£ 


lO 






"Tj« 


9^ 

CO 







<^ M r« lo 

0^ 9» W^ 9^ 

o o o o 

T I T T 



to 



S + 



CO -^ ■*-• ^ 

^ ^ •« •« 

e o o o 

+ + + + 



o 

O 



^ CO O CM O 

aJT ^ » ^ «« 

«^ <0 CO »«-l ^H 

a+ + + + 



« 



O 00 -M o 



08 



CO CM CM r* 

•» «k •« «k 

CO M ^ O 

+ + + + 



"^ M -^ O 

0* 0% ^ r* 



"* o 



^^ CO r^ 

^ «k «te 

? + ? 



S 'S ■•§ e< 
^ ä S < 



I 



»4 
i 2 



O S 

O 9 



Die Entwickelnng der dänischen Handelsdistrikte in Sudgrönland. 123 

Üeber die Temperatur des dieBj&hrigen Frfibjahrs (1861), das auch 
für uns in Norddentschland so empfindlich war, berichtet Rink, dafs 
der Mfirz- Monat ungewöhnlich strenge war, indem die mittlere Tem- 
peratur ungef&br -f- 11* R. war, und der Wind Ifingere Zeit hindurch 
anhaltencl und sturmisch bei -^ 16 bis 18* R. wehte. Noch am 6. April 
wüthete Nachmittags ein starker Sturm bei 18* Efilte. Dennoch fror 
der Fjord bei Oodthaab durchaus nicht zu; das offene Wasser spülte 
an dem Strande vor den Heusern, und die Kajaks konnten die ganze 
Zeit sogar bis 7 Meilen weit in den Fjord hinauffahren. Rink schreibt 
die Ursache hiervon allein dem fortwährenden Winde zu; an den sel- 
tenen stillen Tagen bildet sich nämlich überall Eis, aber der vorherr- 
schende Wind von NO. und O. treibt es gleich in die See hinaus. In 
den kalten Tagen war wegen des offenen Wassers Alles in dichtem 
Frostrauch eingehüllt. Mitte April trat starkes Thauwetter mit Regen 
ein, und seitdem hat das Thermometer sich auf ein Paar Grade über 
oder unter gehalten. Als in dem letzten Drittel des April das kleine 
Treibhaus geöffnet wurde, war es überraschend, dafs Alles ganz un- 
verändert vom vorigen Jahre darstand. Die Zweige hatten ihre grü- 
nen Blätter, als ob sie im Wachsthum begriffen wären, obgleich die 
Temperatur lange Zeit hindurch mehrere Orade unter gestanden ha- 
ben mufs. Auch beim Aufthauen welkten sie nicht, und ein Stachel- 
beerzweig, der ins warme Zimmer gebracht und in nasse Erde gesteckt 
wurde, behielt die Blätter ganz frisch und glich einem Stecklinge, der 
ausschlagen will. 



X. 

Reiseskizzen aus Neu -Granada. 

Von Heim Prof. H. Karsten. 
(Hienn eine Karte, Taf. II.) 



Die Hodithäler von Quito, Popajan und Bogota, die nach den 
drei volkreichsten Städten der Gordillerenkette Columbiens benannt 
sind, und die unter sich in Bezug auf Ellima, Pflanzenwuchs und Sit** 
ten ihrer Bewohner manche Aehnlichkeit haben, sind in Rucksicht auf 
ihre orographischen Verhältnisse gänzlich verschieden. 



124 Karsten: 

Das Hodithal von Quito, weiches sich südwärts bis zum Chim- 
bomzo, ja man könnte sagen bis zum Assnay, nordwärts bis zum Aza-» 
fral und Pasto ausdehnt, liegt auf dem Kamme eines Tulkaniscben Hö- 
henzuges, über welchen sich an seinem Ost- und Westrande eine An- 
zahl von fast in zwei Reihen geordneter Eegelkratere erheben. Mäch- 
tige zum Theil über 1000 Fufs hohe Schichten von Bim^insand und 
vulkanischen Tuffen bedecken die Abhänge dieser Vulkane und füllen 
den Zwischenraum der Crateralle, so dafs die Seheitellinie des Ge- 
birgskammes zu einem mehr oder weniger geebneten Thal umgewan- 
delt iQt) in dessen ans lockeren Massen bestehende Sohle sich die 
nach Osten in den Amazonenström abfliefseoden Gewässer meistens 
ein tiefes von steilen Abstürzen begrenztes Bette auswuschen. Baum- 
und strauchartige Gewächse aus den Familien der Borraginen, Myrsi- 
neen, Synantheren, Rubiaceen, Melastomaceen und Myrtaceen bilden 
meistens den Wald und das Gebüsch, welches die Abhänge der Berge 
bekleidet, während die Ebene selbst, da wo nicht der trockene Sand 
und Tuff nackt zu Tage liegen, nur mit Graswuchs bedeckt ist. 

Das Hochthal von Fopayan, drei Breitengrade nordwärts von Quito 
am westlichen Fufse der Vulkane Purac^ und Sotara belegen, ist da- 
gegen ein wirkliches Erhebungsthal. Die vulkanischen, zu Trachyten 
erstarrten Massen haben hier nicht wie bei Quito das vorhandene plu- 
tonische Gestein mit den aufgelagerten neptunischen Schichten durch- 
brochen, gehoben, in ihre Masse eingeschlossen und fast vollständig 
in dieselbe umgewandelt, so dafs sich nur noch vereinzelte eingelagerte 
Bänke hier und da erkennen lassen: hier, sind vielmehr die Trachyte 
an dem östlichen Fufse der von Norden dort auslaufenden plutonischen 
Gebirgskette hervorgebrochen, haben die dieselbe bedeckenden zur 
Kreide und Tertiärformation gehörenden Schichten aufgerichtet, und 
das Thal mit dem Trummergestein, in welchem der Gauca jetzt nach 
Norden abfliefst, angefüllt. Bei der Stadt Fopayan an den Quellen 
des Gauca hat dies sanft gegen Norden abfallende Thal eine Breite 
von mehreren Stunden. In einer Höhe von fast ) 800 Meter über dem 
Meeresspiegel belegen, herrscht hier ein beständiges Frühlingsklima, und 
die von immergrünen Gräsern bedeckte Ebene ist durch die sie schmücken- 
den Baumgrnppen und Haine von Laurinen^ Rubiaceen, Melastoma- 
ceen, Myrtaceen, Leguminosen, Terebinthaceen , Lacistemmeen, Pipe- 
raceen einem grofsen ausgedehnten Parke vergleichbar. 

Das Thal von Bogota ist das höchste der verschiedenen Teras- 
senthäler, die sich am westlichen Abhänge des von Merida in südöst- 
licher Richtung verlaufenden Gebirgszuges befinden. Das platonische 
Gestein, welches den Kern dieser Gebirgskette bildet, und vorzugsweise 
aus Syenit, Gneifs, Homblendeschiefer besteht, kommt nur an ihrem 



Beiseskluen aas Nen-Oranada. 125 

Ostabhaoga m Tage, wo es, jedoch nur in geringer Aasdehnang von 
dea sehr m&chtigeD Deptunischen Schichten der Kreide und Tertifir- 
formation, entblöfet ist. Die dem Neocomien und Gault angehören- 
den, ans weifsem Sandstein, gelbem Kieselschiefer und blauem Tbon- 
nnd Kalkschiefer gebildeten Kreidegesteine, welche zum Theil in einer 
Mfichtigkeit von 1000 Fufs und darüber anstehen und gegen Osten fal- 
len, setzen vorzugsweise diese Gebirgsregion zusammen. 

Die der tertiären Formation zuzuzählenden Schichten sind in die- 
ser Höbe von geringerer Mächtigkeit, stehen aber in tieferliegenden 
Gegenden näher dem Magdalenenstrome in gröfserer Verbreitung und 
Mächtigkeit an. Die Stadt Bogota, unmittelbar am östlichen Abhänge des 
noch um 550 Meter höheren Gebirgskammes in der Höhe von 2700 Me- 
ter über dem Meere belegen, hat eine mittlere Jahrestemperatur von 
19' Gels. Die anhaltend östliche, mit den aus den Niederungen des 
Orenoko aufsteigenden Wasserdünsten beladene Luftströmung verur- 
sacht darch ihre Abkühlung während des Bestreichens dieser Höhen 
in Bogota und der umliegenden Ebene heftige und andauernde Regen- 
güsse. Dies sehr feuchte Eiima, welches die Bewohner Bogota^s durch 
das Sprichwort: es regne in ihrer Stadt 13 Monate, bezeichnen, ist die 
Ursache, dafe £ist während des ganzen Jahres die Ebene von Bogota 
und dessen Länge etwa Ij- Breitengrade beträgt, mit frischem Grün 
bekleidet ist. Die Cultur, welche die Indianer diesen Ländereien vor 
der Besitznahme derselben durch die Spanier zu Theil werden liefsen, 
ist heute verschwunden. Dieselben werden jetzt nur zu Weiden für 
Rinder- und Maulthierheerden benutzt, und selbst diese werden nicht 
einmal hier gezüchtet, sondern, die ersteren wenigstens, aus den Ebe- 
nen Yenezuela's und des Casanare dorthin gebracht. Man kann somit 
nicht sagen, daCs in landwirthschaftlicher Beziehung seit der Inkaherr- 
schaft in diesem Theile Neu-Granada's Fortschritte gemacht worden 
wären. 

Die Producte dieser Provinz, ja, was die Ausfuhrproducte an- 
langt könnte man fast sagen die der ganzen Republik, werden mit 
Ausnahme des in Ambalema und im Caucathal gewonnenen Tabacks 
nicht gepflanzt oder gesäet sondern nur geerntet, d. h. es werden nur 
solche Producte ausgeführt, wie die Natur des Landes ohne mensch- 
liche Hülfe sie von selbst erzeugt. Es gehört dazu aus der Gegend 
von Bogota besonders die Rinde der C. lancifoHa in ihren verschiede- 
nen Variationen, die meistens sehr reichhaltig an Alkaloiden ist. Diese 
sehr schätzenswerthe Pflanze wächst an den Abhängen sowohl des 
westwärts belegenen Saumes der Ebene, gegen den Magdalenenflufs 
zu in einer Höhe von 6 — 7000 Fufs, sowie ganz besonders an dem 
östlichen Abhänge des ostwärts belegenen Gebirgskammes, in den dich- 



(26 Karstes: 

ten Waldungen MTStreut, welefae hier m einer fast mmnteitvodien 
feuchten nebligen Atmosph&re üppig gedeihen. Neben den sur Fa- 
milie der Farren gehörenden baumfiSrmigen bis 40 Fufs hohen Balan^ 
tien und Cyatheen sowie den Palmen aus den Gattungen IHattea^ Oeno^ 
corpus^ Geonoma und Chamaedorea sind es besonders die Melastomen, 
Myrtaceen, Mimoseen, Clusiaoeen, die Bricaceengattung Clethra und 
die unserer Saxifraga verwandten Weinmannien und Escallonien, welche 
diese immergrünen Walder bilden. Die Qdnarindenbäume erreichen 
in diesen Wäldern bei einer Höhe von 60—80 Fufs einen Umfang von 
mehreren Ellen, und ein einziger Baum liefert den Sammlern oft 
10 Centner trockener Rinde. Zum Bedauern der Cascarilleros finden 
sich jedoch Bäume von solchen Dimensionen nur sehr selten. Ihr ge- 
wöhnliches Mafs ist 1 Fufs Stammdurchmesser. Viele Schiffsladungen 
dieser Rinde werden jährlich den Magdalenenstrom hinunter transpor- 
tirt, um in Sabanilla nach Europa und Nord -Amerika eingeschifft zu 
werden. Der gröfste Theil der arbeitenden Bevölkerung dieses Thei- 
les der Andenkette ist mit dem Einsammeln der Chinarinde beschäf- 
tigt, wefshalb für den weniger ergiebigen Anbau von Culturpflanzen 
keine Menschenhände übrig bleiben. 

Ein anderes werthvolles Product der Provinz Cundinamarca, welche 
dies Hoohthal von Bogota umfafst, ist das an verschiedenen reichen 
Lagerstätten vorkommende Steinsalz. 

Aufser Zipaquira dem mächtigsten Salzlager in der Nähe von Bo- 
gota wird bei Cumaral am östiichen Fufse der CordiUere dies för das 
Gedeihen des Menschen wie der Thiere so wichtige und hier im In- 
nern des Landes um so schätzbarere Min^al gegraben. An vielen 
anderen Orten der Provinz findet sich das Salz im Quellwasser auf- 
gelöst vor und wird durch Einkochen desselben gewonnen. Das Stein- 
salz kommt hier überall am Fufse hoher fast senkrechter Abstürze ge- 
schichteter älterer Ejreidegesteine vor, deren Schichtenköpfe in einem 
Halbkreise der Salzbank zugewendet sind, während diesen Schichten- 
köpfen gegenüber die jüngere Elreideformation liegt, bedeckt in wider- 
sinniger Auflagerung von tertiären Ablagerungen, die hier bei Zipa^ 
quira, sowie auf der ganzen Hochebene nur eine geringe, am Fulse des 
Gebirges aber eine bedeutendere Mächtigkeit haben. 

Das Steinsalz kommt in körniger Struktur ziemlich rein vor und 
ist durch kleine Bruchstücke der schwarzen thonigen Kalke der be- 
nachbarten Schichtenköpfe in erkennbare Schichten gesondert. Zuwei- 
len enthält es auch kleine Stücke ganz reinen Schwefels und Kry- 
stalle von Schwefelkies, sowie auch meist kleinere zuweilen füi>er 6 »= 
7 Fufs im Durchmesser haltende ellipsoidische Concretionen von blättri- 
gen Gypskry^tallen. Eine Auflagerung oder Wechsellagerung des Salzes 



Beiseskiuott ane Nea-Gnnada. 127 

habe ich iiielil beobachtet; es scheinen mir Stöcke zu sein, welche in 
die Yerwerfongsspalten der Kreidegesteine eingekeilt sind, bedeckt ron 
einer Schicht schwarzen Mergelschiefers, die, als wahrscheinlicher Rest 
ausgewaschener Salzschichten, je tiefer desto mehr mit Salz durchsetzt 
ist und in einer Tiefe von 8 — 10 Meter in das eigentliche Salzlager 
fibergeht. Deutet nun die Schichtung des Salzes auf eine sedimentäre 
Bildung desselben, so ist anzunehmen, dafs in bestimmten Zeiträumen, 
wie aus der gleichm&fsigen Schichtung hervorgeht, die Salzschichten 
aus dem verdunsteten Wasser erstarrten und die kleinen Gesteinbruch- 
stucke bedeckten, die von den benachbarten Felswänden abgetrennt, 
über die Salzkr lösten verbreitet waren. 

Aus den angegebenen Lagerungs Verhältnissen geht hervor, dafs 
zu der Zeit, wie sich hier die verhältnifsmäfsig geringen Schichten der 
tertiären Epodie absetzten, die Gesteine der Kreide eine Inselreihe in 
einer dem Vorkommen der Salinen, nämlich der von Zipaquira, Tausa, 
Nemocon, Somondoco, Lengapa, Sisbaca, Ghita, Chinibaque u. a. m. 
entsprechenden Richtung von SW. — NO. darstellten. Es liegt daher 
die Vermuthung nahe, dafs sich das Salz aus dem Meerwasser absetzte, 
das bei Hochfluthen in die Spalten der etwas über die Meeresoberfläche 
erhobenen Felseninseln periodisch eindrang, dann austrocknete und 
später bei der allgemeinen Erhebung des ganzen Grebietes über das 
tertiäre Meer, wo dieser Theil des jetzt von Nord nach Süd streichen- 
den Gebirges, terrassenförmig von Ost nach West mit den benachbar- 
ten Gesteinen zu gröfserer oder geringerer Höhe emporgehoben, aus 
der relativen Lage verrückt und in dem physikalischen Verhalten ver- 
ändert wurde. 

In Ghita scheint das Wasser der Saline aus bedeutender Tiefe zu 
kommen, da es eine Temperatur von 50' Gels, hat, während die mitt- 
lere Lufttemperatur in einer Höhe von 4800 Fufs über der Meeres- 
oberfläche 20« Gels, beträgt 

Ein anderes kostbares Naturproduct des Hochthaies von Bogota 
ist der Smaragd. Zwar finden sich diese schönen und seltenen Kry- 
stalle nicht auf der Hochebene selbst, doch unmittelbar neben dersel- 
ben, an ihrem westlichen Abhänge bei dem Dorfe Muzo, westwärts 
von Ghiquinquira. Hier an dem ganzen westlichen wie an dem süd- 
lichen und nördlichen Rande der Hochebene kommt das Gestein, wel- 
ches das Gebirge zusammensetzt, in meistens sehr steilen nicht selten 
senkrechten Abstürzen zu Tage. Der Weg nach Muzo fuhrt über die 
Schichtenköpfe von Kalk-, Mergel- und fijieselschiefern der Ereide- 
formation, und dieselben Felsarten setzen die Höhen und das ganze 
Gebiet von Muzo zusammen, wo sie von Quarzgängen durchsetzt 
werden, welche neben schön auskrystallisirter Kieselerde prächtige 



128 Karsten: 

Eryati^lle von Smaragden oft in reichen Oroppea beisamiaen enthalten. 
£s werden dieselben durch Tagebau, den eine Gesellschaft von Actio- 
nären betreibt, gewonnen, doch zur Zeit kaum in hinreichender Menge, 
um die bedeutenden Kosten zu decken. 

Eine specielle Beschreibung der Oertlichkeit und der Lagerungs- 
verhältnisse der Gegend von Muzo haben wir von den Herren A. Lin- 
dig und Dr. Uricoechea, Präsidenten der Akademie der Natur- 
forscher in Bogota, zu erwarten, die es sich zur Aufgabe machten, die- 
selbe gründlich zu durchforschen. Was den smaragdführenden Gang 
von Muzo betrifft, so ist derselbe hödistwahrscheinlich gleichalterig mit 
den goldführenden Quarzadern der Provinz Antioquia^ und des oberen 
Caucathales, welche gleichfalls in den Gesteinen der Kreideformation 
vorkommen. Die reiche Grube von Muzo, welche vielleicht den gröfs- 
ten Theil aller Smaragde, die als Schmuck jetzt in Gebrauch sind, ge- 
liefert hat, gehört dem Herrn Paris; sie wurde nach langer Ruhe erst 
von dem Vater des gegenwärtigen Besitzers mit glücklidiem Erfolge 
wieder in Arbeit genommen und ausgebeutet. 

Muzo liegt einige Meilen westwärts von dem gröfseren Städtchen 
Chiquinquira, berühmt durch sein wunderthätiges Bild der heiligen Jung- 
frau, deren mit Gold und Perlen reich verzierter Mantel auch eine 
nicht geringe Menge der schönsten Smaragden enthält. Der grofse 
Werth dieses glänzenden Schmuckes, den die Gläubigen Neu -Grana- 
das und der angrenzenden Bepubliken hier zusammentrugen, sticht 
grell ab gegen den unbeschreiblichen Schmutz und die Aermlichkeit 
des die stattliche Kirche umgebenden Ortes, der ebenso wie Zipaquira 
am westlichen Saume der ausgedehnten Hochebene belegen ist. 

Einen Ueberblick und eine Anschauung von der äuTseren Beschaf- 
fenheit des gröfsten Theiles des Hochthaies der bevölkertsten Gegend der 
Republik giebt die diesen Aufsatz begleitende Karte (Taf. II), die von dem 
jetzt leider verstorbenen Ingenieur -General Codazzi aufgenommen 
wurde und durch die Güte des Herrn A. Lind ig mir zugekommen 
ist. Den Grad der Cultur der Bevölkerung dieser Gegend glaube ich 
dem Leser am besten durch Anfuhrung der Mittheilungen eines die 
dortigen Verhältnisse genau kennenden Neu-Granadiner's, des Herrn 
Ancizar, welcher den General Codazzi auf seinen geodätischen Rei- 
sen begleitete, schildern zu können: 

Nachdem wir, sagt er in seiner Peregrinacion de alpha por las 
provincias del norte de la Nueva Granada^ Simijaca hinter uns gelas- 
sen und kaum 3 Meilen zurückgelegt hatten, betraten wir ein liebliches 
von Südwest nach Nordost verlängertes Thal, umgeben von hohen Ber- 
gen, welche gegen das Thal hin in vielen abgerundeten Hügeln aus- 
laufen, deren sanfte Abhänge hier und dort Hütten und Pflanzungen 



Beiseskixzea an« Neu- Granada. 129 

von Waben, MaiA, Gerste, Kartoffeln, Bohnen nnd anderen Frachten 
zeigen, die, getrennt durch lebende Hecken nnd in kleine Beete abge- 
tbeilt, den Eindruck eines verschiedenfarbigen Mosaiks hervorbringen, 
indem einige schwarz von dem gehackten und für die Saat vorberei- 
teten Boden erscheinen, grün die anderen von dem hervorkeimenden 
Waizen, viele andere als Stoppeln gelb, und nicht wenige endlich durch 
die lebhaften Farben der Bohnen- und Earbsenblüthen geschmückt das 
Bild einer überaus schönen nnd irischen Landschaft darbieten. 

In der Mitte dieses Thaies erreichten wir eine Häusergruppe mit 
Stroh- und Ziegeldächern, über welche das Gemäuer und die Thürme 
einer Kirche von grofsartigen Dimensionen hervorragen. Dies ist Chi- 
quinquira, die Stadt der Wunder und Wallfahrten, wohin auf allen 
Wegen sich zahllose Andächtige zu Fufs und zu Pferde begeben: die 
vornehme Dame der Stadt in ihrem langen Rei&leide und der leich- 
ten banm wollenen Ruana (Manteltuch), dem kleinen Jipihapahut mit 
grfinem Schleier, das Antlitz gänzlich umhüllt mit einem vor Sonne 
und Staub schützenden Tuche; der sie begleitende Ca valier ein edles 
Rofs mit einem breiten Sattel aus Choconta reitend, angethan mit über- 
mäfsig grofsen Sporen, welche gegen die kupfernen Steigbügel klap- 
pernd das Geräusch einer Schmiede machen, sowie mit Reithosen von 
Löwenfell, grolser gestreifter Ruana und breiträndrigem mit Wachs- 
tafifet überzogenem Hut; die reiche Bäuerin, welche bequem auf 
ihrem Reitstuhl mit versilberte Lehne sitzt, die Füfse auf ein an starken 
Riemen hängendes Brettchen stützend; sie hat sich dem Schutze des 
dienstfertigen und gravitätischen Familienhanptes anvertraut, der heraus- 
geschmückt ist auf die eigenthümüchen Weise der Landbewohner, indem 
er in allen Regenbogenfarben glänzt; der Knecht aus Socorro in sei- 
ner kleinen Ruana (Manteltuch) mit Strohhut und Hosen von gestreif- 
tem Zeuge aus Baumwolle, welche seine Heimath erzeugte; der Knecht 
aus JiroQ.und Sanjil gekleidet in blau, mit grofsem Hut, welcher mit 
neuem auffallend gefärbtem Wachstuch überzogen ist; er wird mehr 
geführt als begleitet durch 4 seiner Landsmänninnen in .blauen leine- 
nen krausbesetzten Röcken und Hosen, ans Palmenbast geflochtenen 
Hüten ; die kleine runde Bogotaner Dirne, welche ihr schelmisches Ge- 
sicht hinter einem Tuchmantel versteckt hält, bekleidet mit zahlreichen 
Röcken von feinem Tuch und ihre zarten Füfschen eingehüllt in weifse 
Sandalen; mit einem Wort alle eigenthümlichen Trachten der verschie- 
denen Provinzen, die Typen aller Schichten der Bevölkerung von dem 
onvermischten Indianer bis zum blauäugigen Europäer, alle Altersklas- 
sen und alle Stände sieht man dort zu einer lebendigen Masse ver- 
einigt, deren Hauptzweck es ist, die Jungfrau zu sehen, deren Beschäf- 
tigung in Beten und deren hauptsächlichstes Streben darin besteht, 

Z«Usohr. f. allg. Brdk. N«ae Folge. Bd. XIII. 9 



130 Kftrsteft: 

Waobs- und Talgikhter herbeizoBcbalFen, am sie TO<r dem Bilde der 
aiiserwählten Jungfrau anzuzfinden, weil sie sonst an die Gewährung 
der YergunstiguDgen, welebe sie erbitten wollen, zweifeln. 

Chiqoinquira wurde von Antonio de Santana, einem Oeffihrten 
des Eroberers Gonzalo Imenez de Qaezada, gegründet. Die indiani- 
sche Bev^erung bewohnte damals die Abhänge des Gebirges von 
Goca, etwas mehr als 1 Meile ostwärts von der Stadt entfernt. San- 
tana baute sich hier ein Haus und eine Kapelle, für welche er bei dem 
Maler Alonzo de Naraez aus Tunja im Jahre 1570 ein Bild der hei- 
ligen Jungfrau mit dem Rosenkranz malen liefs, welches in einem 
grofsen Tbeil des nördlichen Süd - Amerikas eine ebensogrofse Berühmt- 
heit erlangt hat wie bei uns in Deutschland der heilige Rock zu Trier 
oder das Muttergottesbild in Kevelaer. Folgendes Ereignifs soll dazu 
die Veranlassung gewesen sein: Maria Ramos, ein Schwager von San- 
tana, lag im Jahre 1 586 vor dem Bilde, welches trotz seines geringen 
Alters durch Unachtsamkeit und Vernachlässigung schon sehr gelitten 
hatte und vielfach eingerissen war, in andächtigem Gebet vertieft. 
Plötzlich gewahrt er zu seinem nicht geringen Erstaunen die Mutteiv 
Gottes von ihrem Standort herabsteigen, frei in der Luft schweben, 
und nach einiger Zeit wieder zurückkehren. Das Bild aber war gänz- 
lich restaurirt und strahlte im prächtigsten Farbenschmnek. Der Erz- 
bischof Don Frai Louis Zapata de Garden as stellte, wie uns die Ar- 
chive der Kirche berichten, viele Untersachungen an, um das Wander 
aufzuklären, aber vergeblich! Von dieser Zeit nun an datirt die Be- 
rühmtheit und Wunderthätigkeit des gedachten Bildes, welches, nach- 
dem die Vision bekannt geworden war, mit grofsem Pomp nach der 
Stadt Tanja gebracht wurde. Es blieb jedoch nicht lange hier, son- 
dern wurde auf Verlangen des Caziken Don Alonzo bald wieder nach 
Ghiquinquira zurückgeführt, dort nacheinander in verschiedenen Ca- 
pellen aufgestellt, bis zu Anfang dieses Jahrhunderts der Bao der far 
die dortigen Verhältnisse grofsen Kirche, in welchem es sich jetzt be- 
findet, angefangen und im Jahre 1823 vollendet wurde. Die schonen 
Säulen der hohen luftigen Säulengänge sind in jonischem und corinthi- 
schem Stiel ausgeführt. Die Gewölbe schön und massiv gearbeitet 
Von vier Altären kann zugleicher Zeit die Messe gelesen werden. In 
der Front ist unter einem Thronhimmel von massivem Silber das Mut- 
tergottesbild aufgestellt, welches, wie bemerkt, reich mit Edelsteinen 
verziert ist. Das WerthvoUste daran ist ein goldener Halbmond zu 
Füfsen der Jungfrau, ein Geschenk der Herzogin von Alba, der mit 
vielen ausgezeichneten Smaragden besetzt ist, und die Krone auf dem 
Haupte der heiligen Jungfrau gleichfalls mit vielen kostbaren Steinen 
ausgelegt. In der Nähe besehen, erkennt man, dafs das Bild schon 



Beiseskizzoi umb Neu -Granada. 131 

ziemlieh alt sein und einen niclit ganz unbedeutenden artisttscben Werth 
haben mufs. Es ist auf einem baumwollenen Tuche gemalt, welches 
an vielen Stellen, wo die Farbe sich losgelöst bat, frei liegt. Die 
Ueberladang aber mit Oold, Perlen und BkSelsteinen, sowie der Zahn 
der Zeit haben die Malerei an manchen Stellen , trotz der wunderba- 
ren Erneuerung im Jahre 1586 fast unkenntlich gemacht, der Glaube 
aber und die feste unerschütterliche religiöse Ueberzeugung lassen es 
klar genug erkennen. Die vielen Messen, die in dieser Kirche gele- 
sen werden und alle anderen religiösen Ceremonien, ans deren Abhal- 
tung die Kirche ihre Einkünfte bezieht, gewähren die Möglichkeit, dafs, 
wie mein Führer mir erzählte, der Hauptpriester, wozu immer einer 
der Väter aus dem Dominikanerkloster in Bogota genommen wird, 
eine jährliche Einnahme von 20,000 Thlr., die Hälfte der ganzen Kir- 
cheneinkünfte, haben kann, während die andere Hälfte unter verschie- 
dene andere Personen vertheilt wird. Der Zuflufs von 20 — 30,000 
Fremden jährlich, und alle 7 Jahr, wenn die öffentliche Prozession der 
heiligen Jungfrau stattfindet von 50,000 bringt einen ziemlich beträcht- 
lichen Verbrauch und Handel mit sich, und dessenungeachtet gab es 
in dieser Stadt bei meiner Durchreise kein einziges Gasthaus, welches 
aach nur einigermafsen den, wenn auch bescheidenen Ansprüchen des 
Reisenden entsprochen hätte, oder sich mit Dorfscfaenken unseres Va- 
terlandes hätte messen können. 

Aus dem Gesagten ergiebt sich, dafs die hauptsächlichste Quelle 
des Besitzes und Handels dieser Stadt und ihres Bezirks jenes oben 
besehriebeae Muttei^ottesbild ist. 

Chiquinquira zählt gegen 4000 Einwohner, welche 140 ziegelbe- 
deckte und 1040 strohbedeckte Häuser bewohnen. Es hat 2 Markt- 
plätze, jeden mit einem Brunnen. Die Bewohner, welche aus Weifsen 
and Indianern bestehen, haben ein gesundes und kräftiges Ansehen; 
die unförmlichen Kröpfe und mifsgestalteten Glieder, welche man an 
andern Orten so häufig sieht, kommen hier kaum vor. Was die ma- 
teriellen Verhältnisse der Bewohner Chiquinquira's anbetrifft, so ist 
man hier im Ganzen ziemlich fortgeschritten, sowohl im Erbauen von 
neuen Häusern als auch was die Reinlichkeit derselben anlangt. 
Guter Geschmack aber oder gar Eleganz drangen noch nicht in die 
häusliche Einrichtung, noch waren sie von Einflufs auf die Auswahl des 
Mobiliars und dessen Anordnung. Aufser der grofsartigen Kirche der 
heiligen Jungfrau hat die Stadt noch eine auf den Ruinen einer alten 
Oapelle erbaute Earche und eine kleine Eremitage, welche die Höhe 
eines Hügels krönt, von welchem man eine herrliche Aussicht auf die 
Stadt und die umliegende Gegend hat. Das Dominikanerkloster, wel- 
ches der Kirche gehörte, wurde im Jahre 1835 aufgehoben und das 

9» 



iS% Karsten: 

Gebinde wird heute zu. einer Provinzialschule vervandt, in weldier 
Lateinisch, Philosophie, etwas Spanisch und Franzosisch und aufser- 
dem noch etwas, was Jurisprudenz genannt wird, gelehrt wurde. Ueber- 
dies existirt noch eine Schule für Knaben und eine für M&dchen, welche 
aber so mangelhaft eingerichtet sind, dafs es schmerzt, eine so unver- 
zeihliche Yeruachlässigung der theuersten Interessen unter einer Be- 
völkerung zu sehen, die aus Mangel an Mitteln in der That nicht in 
diese Barbarei verfallt. 

Die hervorragenden Persönlichkeiten dieser Gegenden zeigen grofse 
Liebenswürdigkeit und zuvorkommende Gefälligkeit, was ich oft. auf 
meinen mehrjährigen Reisen in jenen Gegenden zu erfahren Gelegen- 
heit hatte. Die Damen leben sehr einfach und zurückgezogen. Sie 
treiben keinerlei Luxus, und auf der Strafse sieht man sie nur, wenn 
sie zur Kirche gehen. Zufrieden mit ihrer bescheidenen Existenz ver- 
leben sie ihre Tage ohne Wechsel und dem erregbaren weiblichen Ge- 
mfi th bleiben nur religiöse Uebungen. Dies ist das Loos des weibli- 
chen Geschlechts auf den Cordilleren, und diese Verhältnisse sind ohne 
Zweifel die Ursache des Hanges zum religiösen Cultus, welcher die 
Bewohner des alten Cbibchen- Reiches charakterisirt 

Westwärts von Chiquinquira liegt der i-^ Meile lange und 1 Meile 
breite, in der Mitte 40 Fufs tiefe See von Fuquene, den Aneizar als 
Rest eines Sees betrachtet, welcher die Hochebene früher gröfstentbeils 
bedeckte ; in der Gegend von Sovoya und Puente nacional meinen An- 
eizar und Codazzi den Durchbrnch des Gebirges gefunden zu haben, 
der den Gewässern den Abflnfs in der Richtung von Puente nacional 
gestattete. Jetzt leitet der langsam fliefsende Simijaca die Gewässer 
des Sees bis an diesen Pafs, um, von da als Suarez stürmisch sich 
fortwälzend, mit dem Sogamozo sich endlich zu vereinigen. Ein zwei- 
ter ähnlicher See soll die Gegend von Bogota bedeckt haben, bis er 
durch einen Rifs des Gebirges bei Tequendama entwässert wurde. 

Der Durchbrnch des Sees von Fuquene soll kurz vor der Erobe- 
rung des Landes durch die Spanier erfolgt sein; ja selbst die alten 
Geschichtsschreiber dieser Eroberung sollen einen grofsen See von Cu- 
cunuba und Ubate andeuten, welche Orte jetzt weit entfernt von den 
Ufern des Sees von Fuquene liegen. Letzteres liefse sich wohl dadurch 
erklären, dafs Cucunuba und Ubate die ältesten, den damaligen Ge- 
schichtsschreibern bemerkenswerthen Orte waren, und das Document, 
auf welches sich die Meinung stutzt, kurz vor der Eroberung habe der 
Durchbruch stattgefunden, ist ebenso zweifelhafter Natur. Es ist dies 
ein grofser Felsblock in der Nähe des Städtchens Sobojä, 2 Meilen 
nordwärts von Chiquinquira, welcher, etwa 20 Fufs hoch und 25 Fufs 



ReiseskiEzeD ans Nea-Qranada. |33 

lang, an der einen vertikalen, ebenen Fläche mit Hieroglyphen bemalt 
sein soll, unter denen Figuren von Froschlarven sich befinden, welche 
als Andeutung des früheren hohen Wasserstandes genommen' werden. 
Die von Ancizar gegebene Beschreibung des Steines, den ich leider 
nicht selbst gesehen habe, l&fst mich vermuthen, dafs es ockerartige 
Absonderungen in dem jüngeren Kreidekalke, wie sie sich sehr h&nfig 
vorfinden, sind, die för Hieroglyphen der Ureinwohner gehalten wur- 
den; denn dergleichen hieroglyphische Figuren in Felsen sind, wo ich 
sie beobachtet habe, immer eingemeifselt, nicht gemalt Was die Fels- 
durchbruche betrifft, so liegt nichts vor, was zu der Annahme berech- 
tigt, dafs sie postdiluvianisch seien, und auch der in horisontalen Schich- 
ten abgelagerte Boden aus aufgeschwemmten Mergeln bestehend, liefB 
mich keine organischen Formen erkennen, wie sie in längere Zeit 
stagnirenden Gewässern auftreten und in einer anderen Gegend dieser 
Republik, nämlich im Caucathale bei Carthago wirklich von mir be- 
obachtet wurden. 

Ein anderer mehr freilich in Europa wie in Amerika berühmter 
Ort ist Santa Rosa, nordwestlich von Chiquinquira, nahe bei Tunja, 
wo sich ein 15 Centner schwerer Meteorstein befindet. Früher fanden 
sich in dieser Gegend auch kleine Meteorsteine häufig vor, von wel- 
chen Boussingault mehrere Proben mitgebracht hat. Ich konnte jedoch 
von diesen kleinen Stucken keins mehr erhalten (sie waren schon alle 
von den Schmieden verarbeitet), und mir nur mit grofser Mfihe von dem 
grofsen Eisenblock ein Stück absägen lassen. Dieser wurde im Jahre 
1810 von einem Mädchen Gäcilia Corredor in einem Hügel bei Toca« 
vita, eine viertel Stunde von Santa Rosa entfernt, entdeckt, in welchen 
er bis auf eine geringe Spitze hineingesunken war. Das Eisen dieses 
Steines ist ein dehnsames körniges, leicht feilbares Metall, mit einem 
Glanz wie reines Silber. Boussingault untersuchte einige der kleinen 
dort befindlichen Meteorsteine chemisch und fand, dafs sie alle aus 
Eisen mit geringen Spuren von Nikel bestanden, und ebenso wie ein 
anderes von ihm untersuchtes Stfick Eisen, welches bei Rasgata in der 
Nähe der Saline von Zipaquira gefunden wurde, zusammengesetzt seien. 
Die physikalischen Untersuchungen, die G. Rose mit dem von mir 
mitgebrachten Stuck des grofsen Meteorsteins anstellte, ergeben nun, 
dafs die Masse desselben eine von der der kleinen verschiedene sei, was 
ZQ dem Schluls berechtigt, dafs in dieser Gegend mehrmals Meteor- 
steine gefallen sein müssen. Herr Rivero, Boussingault's Begleiter, 
hat den grofsen Meteorstein für das Museum in Bogota angekauft. Da 
jedoch der Transport des Steines seiner Schwere wegen in dem G^ 
birge etwas schwierig ist, so liegt er augenblicklich noch in der Werk- 



134 Karsten: 

statt «eioea frfiberen Bigenthümers, eines Schmieds, der ihn als Ambos 
benutzte, da er ihn seiner Gröfse wegen zu seinem Leidwesen nicht 
yerschmieden konnte. 

Die westlichen Abhänge der Hochebene von Bogota bis zum 
Magdalenenstrom hinab, sind gänzlich mit Urwald bedeckt und fast 
nur von freien uncirilisirten Indianern bewohnt, mit Ausnahme des 
kleinen Gebietes von Chiquinquira bis Muzo und die Strecke von Bo- 
gota bis zum Magdalenenstrom. Je tiefer man hinabsteigt, desto mäch- 
tiger werden die Schichten, welche aus Breccien und Aluvium der Ge- 
steine der Ereideformation bestehen, also nach der Aufrichtung der- 
selben von diesen Felsarten abgetrennt und an der jetzigen Lagerstätte 
abgesetzt sein müssen, daher zur Tertiärformation gehören. 

Von Bogota bis La Mesa fuhrt ein gangbarer, in der Ebene bis 
Boca del Monte chaussirter, von dort abwärts bis La Mesa zum Theil 
in den Felsen gehauener Weg, der einzige seiner Art im Lande, alle 
übrigen sind wohl noch ziemlich in dem Zustande, wenn nicht in 
sdilechterem, wie die Indianer dieselben den Eroberern überliefert 
haben. 

La Mesa ist ein 3843 Fufs über dem Meere liegendes freundliches 
Städtchen, auf einer, etwa 300 Fufs hohen, von Schutt und kantigem 
Trümmergestein gebildeten, gegen Osten an die Höhen von Bogota 
gelehnten kleinen Ebene liegend. Dies Alluvium stamnit von den Ge- 
steinschichten, auf denen die Hochebene Bogota's lagert und füllte ur- 
sprünglich das ganze nur gegen Westen offene Thal, in dessen Mitte 
la Mesa sich jetzt befindet; jetzt ist es am Nordrande durch das Flüfs- 
chen Apulo, am Südrande durch den Flufs Bogota zum Theil wegge- 
waschen, wodurch der Abhang der angrenzenden Höhen wieder frei- 
gelegt ist In der nächst tieferen Erweiterung des Thaies bei Ana- 
poima hat sich das GeröUe wieder angesammelt und eine andere nie- 
dere Mesa gebildet Tiefer abwärts im Magdalenenthal kommen solche 
in der tertiären Epoche abgelagerten Schichten von Gerolle, Mergeln 
und Sand in grofserer Ausdehnung vor, jedoch fand ich keine Verstei- 
nerungen enthaltende Schicht, wie ich sie in der Gegend von Popayan 
und am Gauca mehrfach entdeckte, wo sie in bedeutender Mächtigkeit 
anstehen, und sowie auch weiter nordwärts im Quellengebiet des Atrato 
SU den quartären Ablagerungen gehören. Die Gesteine dieser Forma- 
tion, die sich bis in die Nähe des Aequators verfolgen lassen, beweisen 
das jugendliche Alter dieses Theiles der Cordillere, die ohne Zweifel 
zugleich mit den angrenzenden ausgedehnten Ebenen des Orenoko and 
Rio Negro durch die Erhebung des vulkanischen Plateaus von Quito 
über die Meeresfläche zu der bedeutenden Höhe, die es jetzt einninunt, 
emporstieg, während zur Zeit der Elreideepoche wahrscheinlich die Ge- 



Reiseskizsen aas Ne«- Granada. |35 

biete von Bogota und Antioquien die höheren waren und inselartig 
aber den Ooean hervorragten, der die Aeqaatorialgegenden noch be- 
deckte. 

Die Höhen von Bogota und deren nScfaste Verlängerung erreichen 
nicht die Schnewegion; erst unter dem 6. Grade N. Br. erhebt sich dies 
Gebirge in dem 17,950 Fufs hohen Paramo de Cocni über die Grenze 
des ewigen Schnees, die hier in der Höhe von 14,000 Fufs eintritt. 
Unter gleichem Breitengrade befindet sieh in dem das linke Magda- 
lenenufer begrenzenden Gebirge von Antioquien der Paramo Rniz, der 
nördlichste noch thätige Vulkan Neu- Granadas, dessen Gipfel gleich- 
falls die Schneegrenze überschreitet und mit dem südwärts angrenzen- 
den Paramo de Herve und Tolima ein mehrere Meilen langes Biege- 
filde bildet, welches von der Stadt Bogota aus gesehen, am westlichen 
Horizonte, in der Morgensonne glänzend, einen prachtvollen Anblick 
gewährt. 

Dies Gkbirge von Antioquien, welches sich nach Süden über die 
Vulkane vonPopayan: Purace und Sotara bis in die Vulkanengruppe 
von Quito verlängert, erhebt sich auch unter dem 4. Grade N. Br. in 
dem jetzt unthätigen Vulkane Baragan einige 1000 Fufs über die Schnee- 
grenze. An seinem FuTse kommt am Tolumi wieder das Gestein der 
Ereideformation zu Tage, die das Hangende der von Trachyten durch- 
setzten plutonischen Felsarten bilden, welche beiden letzteren das Ge- 
birge des Quindin oberhalb Ibutgne, vielleicht ausschliefslich zusammen- 
setzen. 

Der allergröfste Theil des Abhanges dieser Gebirgskette ist jetzt 
noch mit Urwald bedeckt, der wohl noch Jahrhunderte dem Natur&H> 
scher Stoff zu seinen Untersuchungen gewähren wird, bis die Coltur 
sich des fruchtbaren Bodens, den derselbe jetzt einnimmt, bemächtigte 

Die Bevölkerung dieser Gegend lebt ausschliefslich in dem Tbal 
des Magdalena, welches abwechselnd mit Gras- und Wald -Vegetation 
malezis^ bekleidet ist. 

Die schöne Scheelea macroearpa bildet hier in den Niedemngen 
fast Wälder, untermischt mit den voll- und meist schönblühenden Bäu- 
men und Sträuchern aus der Klasse der Colummiferen: der Lühea, 
Apeiba, Sloanea, Muntigia, der Guazuma, der Helicteres und Matisia, 
sowie der verwandten sehr zahlreichen Malvaceen -Sträucher, dann die 
strauchartigen Combreten, Ochnaceen, Melastomen, Ljthrarien (LafoeU' 
sta, Grislea^ Adenariä), Die harzigen Terebinthaceen, die Meliaceen, 
Sapindaceen und Bignoniaceen, letztere meist klimmende und rankende 
Sträucher, denen sich das grofse Heer der blöthenreichen Convolvula- 
ceen und Asclepiadeen hinzugesellt. 

Die gerixige Bodencultur beschränkt sich fast allein auf Mais, Yuca 



136 Karsten: 

(^InirOf^ha Manihot) ond Bohnen, die in vielen Yarietfiten gebaut wer- 
den. Hin und wieder tri£ft man eine geringe Anpflanzung von Zucker- 
röhr oder Gacao, sowie Taback, der etwas nordwärts von dem anf der 
beiliegenden Karte bezeichneten District, bei Ambalema, für die Aus- 
fuhr in grofser Menge gepflanzt wird. Es ist dies Gebiet nicht so 
heimgesucht von endemischen Fiebern wie das Caucathal und der öst- 
liche Fufs des Gebirges von Bogota, aber dennoch mufs meistens der 
Reisende seinen Tribut entrichten nnd einige Wochen zur Heilung des- 
selben verwenden, wenn er nicht ganz demselben unterliegt. Kehrt 
der Gebirgsbewohner nach einigem Aufenthalte in diesen heifsen Ge- 
genden, deren wasserschwangere Atmosphäre von Winden selten be- 
wegt wird, in die Alpenregion seiner Heimath zurück, so bildet sich 
hier in der abwechselnd trockenen, scharfen und nafskalten Luft nicht 
selten ein typhöses Fieber aus, dem der Kranke in der Regel unter- 
liegt. Vielleicht sind diese Gefahren, die sich noch zu den Unbequem- 
lichkeiten der Reise hinjsugesellen, der Grund, weshalb die Bewohner 
dieser Gegenden so selten mehr von ihrem Vaterlande als die nächste 
Umgebung von einigen Meilen um ihren Geburtsort kennen. 

Hinsichts der Reisebequemlichkeiten, die sich mancher unserer nai- 
ven Landsleute der Art vorstellen, dafs mir selbst in allem Ernst ver- 
sichert wurde (noch dazu von einem Lehrer der Naturgeschichte!!), 
eine Reise in den Tropenländem sei doch im Grunde nur eine Ver- 
gnügungsreise, spreche ich hier nicht etwa von eigenen Erfahrungen, 
es würden diese vielleicht durch grofse Verweichlichung des Reisen- 
den und übermäfsige Ansprüche erklibi; werden, ich erlaube mir viel- 
mehr an meinen oben citirten Gewährsmann zu erinnern, der mit den 
Gebräuchen und Sitten seines Landes hinreichend vertraut, mit dem 
Ingenieur Codazzi von Bogota die nördlichen Provinzen bereiste nnd 
z. B. in seinem oben citirten Werke p. 8 sein Wirthshaus in Tres 
esquinas (drei Ecken), in der Nähe Bogotas folgendermafsen beschreibt: 
„Vier Strohhütten, die nicht drei, nicht zwei, nicht irgend eine Ecke 
bilden, stellen das berühmte und geschichtliehe Wirthshaus dar, so alt 
wie das Vicekönigreich und so unveränderlich wie die benachbarten 
Berge.** 

„Eine kleine Stube, auf deren gepflasterten Boden ein langer, roh 
gearbeiteter Tisch einer gemauerten Bank genähert war und neben 
der Stube ein selten gereinigtes Schlafgemach, mit zwei aus Fellen ge- 
arbeiteten Bettstellen, roh und nackt wie sie aus der bäurischen Werk- 
statt hervoi^ngen , dies war der Anblick des Innern unseres Wirths- 

hauses . „„Wenn man ein Dach gegen die Regengüsse und 

Wände als Schutz gegen die eisigen Winde vorfindet, darf man sich 
über eine Herberge nicht beklagen^ ^, äufserte mein Gefährte (Codazzi) 



Reiseskissen a«t Neu -Granada. 137 

philosophisch, das Hansgeräth und die Reinlichkeit sind fiherz&hlige 
Zathaten, zomai da alle Katzen grau sind, wenn man schläft.^ 

^Da es demgemäfs nicht angemessen war in einem solchen Wirths- 
haose wachend zu verweilen, beeilte ich mich den Rest des Tages zu 
einem Besuche der Puenta del Comun (Brücke der Gemeinde) zu be- 
nutzen, zu welchem Zwecke wir auch hier abgestiegen waren. Die 
Brücke rnifet 440 Ellen LSnge^ eingerechnet die gepflasterten Zugänge, 
und, von behanenen Steinen und Mauerwerken aufgeführt, ist dies Werk 
fest genug, um die gfinzliche Vernachlässigung zu ertragen, der es an- 
heimgefallen ist Ich kehrte nach dem sogenannten 

Wirthshanse zurück und traf meinen Reisegefährten höchst bequem auf 
seine Satteldecke gebettet, seine Reithosen als Kopfkissen und da diese 
für jenen Dienst nicht hinreichend waren, hatte er ihnen seinen Zäu- 
men als weiche Zuthat hinzugefügt, zwischen dessen eiserne Seiten- 
tbeile er seinen Kopf bequemte und sich einem festen Schlafe übergab.'^ 

,)Ich ahmte ihm in Allem nach, da ich es nicht besser zu machen 
w allste, den Zaum ausgenommen, der mir eine überflüssige Verfeinerung 
zu sein schien und hatte die Schwäche bis spät in die Nacht hinein 
nicht den Schlaf erringen zu können. Merkwürdiges Gasthaus! und 
das nicht mehr wie 7 Meilen von der Hauptstadt eines ganzen £xvice- 
königreichs entfernt II etc." 

Codazzi's Bemerkung zeigte den erfahrenen Reisenden in diesen 
Landern, der sich mit dem Dach und den Wänden sehr zufrieden giebt, 
denn einige Tagesreisen weiter entfernt von der Hauptstadt findet auch 
diese der ermüdete und ermattete Reisende oft nicht mehr, wenn er 
nicht mit einem Empfehkingsschreiben von befreundeter Hand für den 
Hausbesitzer versehen ist. 

Hinsichts der Nahrungsmittel sind übrigens die Bewohner dieser 
Hochebene denen der Flufstfaäler weit voraus, da hier meist nicht der 
Mangel an soldien eintritt, wie es ganz in der Regel in den heifsen 
Gegenden der Fall ist. Kartoffeln sind die hauptsächlichste Nahrung, 
die meistens in diesen Breiten in Höhen von 8000 bis 4000 Fufs gut 
gedeihen ; neben denselben wird Weizen und Gerste gebaut, letztere nur 
als Futt^ benutzt. Der Weizen wird in diesem wechselnden Klima 
häufig von Rost befallen, während er auf dem Kamm des Gebirges 
in einer Höhe von 9000 Fufs an Orten, wo während seines Wachs- 
thums in den Wintermonaten kein Regen oder Nebel fällt, wo wäh- 
rend der Nacht die Bäche übereisen , Morgens 6 Uhr die Temperatur 
5^ R. und die mittlere Temperatur 12" sind^ diese Krankheit unbekannt 
ist (z. B. auf dem Paramo de Mucuchies). 

Von den Kartoffeln liest man in Europa die Sage, dafs auch sie 
in diesen Gegenden von der seit 20 Jahren bekannten Krankheit heim- 



138 Kartlen: 

gesucht würden; dies beruht jedoch auf einem Inthum. Auf der Hoch- 
ebene verderben wohl in regnerischem Sommer die Kartoffeln stellen- 
weise durch Fäulnifs; die specifiscbe, von der Peranospora infestans 
begleitete Krankheit ist hier jedoch nicht beobachtet, was sonst die 
Yermutbung rege machen könnte, daSs der Nordwestpassat einige Keime 
dieses verderblichen Gewächses zu uns aus seinem Oebortslande ber- 
übergetragen hatte. — Ebenso kannte man bei Caracas die Kartoffel- 
Krankheit nicht; ich machte daher im Jahre 1845 den Versuch einige 
Scheffel dieser sicher gesunden Knollen nach Deutschland zu schicken, 
wo sie ausgepflanzt wurden, jedoch früher erkrankten und hefdger von 
der Krankheit ergriffen wurden, wie die in der Nachbarschaft gepflanz- 
ten einheimischen Kartoffeln, was nicht dafür spricht, dafs der Keim 
der Krankheit in der Saatkartoffel aufs Feld gebracht wird; eine An- 
sicht, die kürzlich Bary zu begründen suchte. 

Ueberdies wird die Arracacha, eine dem Sellerie etwas ähnliche 
Pflanze und Wurzel, in den kühleren Regionen viel gebaut und ist 
eine beliebte Speise und mit ihr die Erbsen und Bohnen, besonders 
eine schwarze Varietät, die bei den Eingeborenen sehr beliebt ist. — 
An Garten&üchten ist der Markt in Bogota aufserordentlich reich, da 
auch aus der heifsen Gegend die werthvollsten herzngebracht werden. 
Die schmackhaftesten von allen sind die Ananas und die dort verwil- 
derte Felderdbeere, die nicht selten zum Kauf ausgeboten wird. Die 
so sehr gerühmten Anonen (A. reticulata, squamesay muricaia) bekommt 
man selten von guter Qualität, ebenso sind die Aepfel und Pfirsiche 
sehr schlecht, nur für die Küche zu verwenden. Kirschen giebt es nicht, 
ebenso wenig Birnen und Pflaumen, wenigstens letztere äufserst selten ; 
einmal sah ich einen Birnen- und einen Pflaumenbaum. Eine Art 
kleiner Earschen (Prunus salidfoUa) kommt dort wild vor, deren Blu- 
men, ähnlich dem Prunus Padus^ in Trauben stehen ; um so auffallender 
ist es, dafs die europäischen Kirschen und Pflaumen noch nicht dort 
eingeführt sind. Der Oelbaum ist dort selten angepflanzt, trägt aber 
ebensowenig Früchte, wie bei Caracas in einer Höhe von 3000 Fufs; 
in Hambato bei Quito in 6000 Fufs Höhe sah ich ihn Früchte tragen. 

Noch eine andere einheimische Pflanze verdient der Erwähnung, 
da sie für die Eingebornen ein wichtiges und beliebtes Nahrungsmittel 
ist und auch sch^n verschiedentlich das Interesse europäischer Acdi- 
matisations- Gesellschaften so weit in Anspruch nahm, dafo mit ihrer 
Cttltnr in Europa ebenso wie mit der Arracacha esculenta Beri* Ver- 
suche angestellt wurden ; es ist dies UUueus htberosus Lostano^s (MeUoca 
tuberosa L%ndleys\ die Ulluco der Indianer Neu-Granadas, Ibio in Bo- 
gota genannt, eine krautartige, niedrig klimmende Pflanze mit etwas 
fleischigen Blättern und kleinen unansehnlichen Blumen, deren unter- 



Beiseskizzen ans Nea- Granada. 139 

irdische Triebe, gleich den Kartoffeln knollig anschwellen und gleich 
diesen gegessen werden. Sie haben die Mandelform unserer kleinen 
l&nglichen Frühkartoffel, eine sehr zarte, waehsgl&nzende, gelbliche 
Oberhaut, wodurch sie an Aepfel erinnern und gleichen, mit Wasser 
zu einem Brei gekocht, im Geschmacke auch weniger den Kartoffeln 
als einem im Fruhlinge aus alten Aepfeln bereiteten Brei. Die weifse 
Bevölkerung schätzt diese Knollen nicht so wie die Indianer, deren 
Geschmack ich jedoch nicht verwerfen kann. Die ungleich nahrhaftere 
Arracache^ an deren Mäusegeruch man sichf reilich erst gewöhnen mufs, 
mödtite noch mehr die Aufmerksamkeit unserer Agricultoren oder viel- 
mehr Horticultoren verdienen und vielleicht auch weniger schwierig zu 
acclimatisiren sein, wie die l//^o- Pflanze, da diese ein 6 — 8 monat- 
liches gleichförmiges kühles Klima von einer mittleren Temperatur von 
12* verlangt, während welcher die Temperatur nicht unter den Ge- 
frierpunkt herabfallen darf. Die Ärracachia wächst besonders üppig 
bei einer mittleren Temperatur von 14*, sie verlangt ziemlich das 
Klima, welches der Kartoffel zusagt, jedoch gleichfalls, um vollkom- 
men auszuwachsen, wenigstens 8 Monate ; sie läfst sich sehr leicht durch 
die abgeschnittenen Wurzelköpfe vermehren, die man bis zur Pflanz- 
zeit an einem regenfreien Orte, mit der Schnittfläche dem Boden zu- 
gewendet, neben einander aufgestellt, aufbewahrt. In England und 
Irland dürfte es am leichtesten gelingen, diese Pflanze zu bauen. Diese 
gleichförmig andauernde Luft- und Boden -Temperatur, welche diese 
Pflanze verlangen, ist die Schwierigkeit, die sich der Acclimatisation 
aller tropischen Pflanzen, sie mögen nun aus der kühlen oder war- 
men Region stammen, fast unüberwindlich entgegenstellt, wenn nicht 
die Entwickelungsperiode der Pflanzen eine sehr kurze ist. 

Uebrigens ist der noch häufig verbreitete Glaube unter den Tro- 
pen, wo ein andauernder Frühling herrscht, könne während des gan- 
zen Jahres continuirlich gepflanzt und geerntet werden, ein ganz irr- 
thümlicher. Wahr ist es, dafs in vielen Gegenden während des gan- 
zen Jahres das angenehmste Frühlingsklima herrscht, in denen der 
Winter sich nur durch eine 2 Grad geringere Temperatur und gröfsere 
Trockenheit der Luft, d. h. seltenere und geringere Niederschläge kund 
giebt, in denen alle Bäume ihr Frübjahrskleid, ihre Blätter, behalten; 
dennoch ist es nicht Frühling und nicht Sommer. Die Pflanzen be- 
halten ihre Blätter, aber sie bringen kdne neuen hervor, viele dersel- 
ben blühen und reifen ihre Früchte < aber sie entfalten nur das, was 
schon während der feuchten Sommerzeit vorbereitet war. Es keimen 
keine Knospen oder Saamen und auch die gesäeten und bewässerten 
Culturpflanzen entwickeln sich nur spärlich und langsam, wenn über- 
haupt^ es fehlt der mit befruchtenden Gasen geschwängerte Regen und 



i 40 Miscellen : 

Tbau und die fenchtere weniger heftig die Vegetation erregende Atmo- 
sphäre, vielleicht ein nicht genaa erkannter chemisch wirkender Zustand 
des Lichtes, welches Alles die der organischen Natur eigenthümliche 
Periodicitat auch unter dem fruhlingsreichen Tropenhimmel aufrecht 
erhält. 

Die ungleiche Dauer dieser Periodicitat der verschiedenen Nah- 
rungspflanzen in diesen Gegenden ist es vielmehr, welche ihnen den 
paradisischen Character verleiht, denn in der That haben die auf die 
Pflanzenwelt angewiesenen Thiere wohl selten Nahrungsmangel zu er- 
tragen, so wie auch der genügsame Naturmensch durch geringe Vor- 
sorge oder Anstrengung die nothwendigen Lebensbedürfnisse für das 
ganze Jahr sich verschafft. Für wie viele Menschen findet sich noch 
in diesen Gegenden , in denen die Cultur kaum erst begonnen , der 
nothwendige Boden, welches Glück wäre es für die arbeitsame aber 
arbeitlose Bevölkerung vieler Gegenden des bevölkerten Europas, wenn 
ihnen die Uebersiedelung in diese sorgenfreien Regionen möglich ge- 
macht würde , deren gutmüthige , gastfreie Besitzer gerne das nöthige 
Areal abzugeben bereit sind. Tausende von Quadratmeilen solcher 
Ländereien , nicht zu verwechseln mit den von Sonnengluth und Mias- 
men beherrschten Gegenden des Tieflandes, liegen hier noch unbenutzt; 
ich erinnere an das Gebirge von St. Marta, an die Küstenkette von 
Venezuela, an die Gegend von Ocana und die an diese grenzenden un- 
ermefslichen Abhänge der Gordillerel 



Miscellen. 

Neue Nachrichten über E. Vogd's Schicksal. 

Nachfolgendes ist die wörtliche Kopie eines mit heutiger Post angelangten 
Schreibens von Herrn Werner Hunzinger aus El Obeid, der Hauptstadt von Kor- 
dofan, vom 23. Juni 1862, der es sich im Verein mit seinem Begleiter Herrn 
Th. Kinzelbach aufs Beste hat angelegen sein lassen, glaubwürdige Nachrichten 
über das Schicksal Vogers zu erhalten. So endgültig diese aber auch schon jetzt 
zu erachten sein möchten, so werden demunerachtet beide Beisende ihre Nach- 
forschungen fortsetzen and selbst nach Darfur und Wadai vorzudringen suchen. 
Dasselbe gilt in Bezug auf M. v. Beurmann's Expedition. 

Gotha, 22. August 1862. A. Petermaim, 

8«kret&r dM Gomites der Expedition aach Wadai. 



Nene Nachrichten über £. Vogel's Schicksal. 141 

Ich beeile mich, Ihsen mitzuiheileD , dafs es ans schon hier gelungen ist, 
sichere Nachrichten über das Schicksal Dr. Vogers su erhalten. Diese Auskünfte 
verdanken wir einem gebomen Schingetiner , Namens Mohammed, der im Auf- 
trag seines Herrn Sein el Abidin sich seit einiger Zeit hier befindet. So wenig 
Werth ich auf indirektes Auskonftsammeln lege, so wichtig scheinen mir die Aas- 
sagen eines Mannes, der, so susagen, als Zeuge betrachtet werden kann. Indem 
ich versuche, Ihnen die Thatsachen chronologisch geordnet aufzuzählen, überlasse 
ich natürlich Ihnen und jedem Freunde Vogel's die Schlufsfolgernng. Und so 
versetzen wir uns nach dem fernen Westen, nach der Stadt phantastischen Na- 
mens Timbuktu, in die Familie des Scheich el Mochdar el Kundi, dessen £nkel 
Ahmed el Bakai uns durch Dr. Barth die Nigerstrafse geöffnet hat, dessen an- 
derer Enkel Sein el Abidin uns indirekt von Vogel's Schicksal unterrichten soll. 
Jeder Freund der Wissenschaft achtet hoch die Familie des Scheich el Moch- 
dar und kennt ihre Schicksale. Vollblat- Araber von den Beni Omaja nach We- 
sten ausgezogen, kamen sie in den letzten Zeiten unter verschiedenen Schicksalen 
über Schlüget endlich nach Timbuktu, als Mittler und Versöhner streitender 
Stämme. Der Islam, seinen Büchern nach, für uns fast eine prosaische Natur- 
religion, erhält von dem das Uebei natürliche ahnenden Menschen seine Heiligen 
und seine Wunder. Die Scheich stehen der Gottheit näher und Niemand wagt, 
sich ihrem Zorn auszusetzen ; Begen und Wind beherrschen sie ; plötzlicher Tod, 
Krieg, Krankheit straft ihre Verächter. Im Westen war die Familie der Kundi 
immer ungemein gefürchtet und geachtet; vielleicht ist sie durch ihren Spröfs- 
ling Sein el Abidin bestimmt, ihren Einflufs auch auf Ostsudan auszudehnen. 

Der Scheich el Bakai und der Scheich Sein el Abidin sind Kinder von zwei 
Brüdern, Enkel des Scheich el Mochdar. Im Jahre 1266 der Hidschre brach 
der Scheich Sein el Abidin von Timbuktu nach Mekka auf und sich über Fas 
nach Kairo wendend, erfüllte er den Ha^ im Jahre 1267. Er nimmt den Bück- 
weg über Dongola und kommt nach kürzerem oder längerem Aufenthalt vielleicht 
Ende 1269 über Begermi nach Bomu, 

In Begermi traf er uusern Berichterstatter Mohammed, seiner Geburt nach 
von Schinget und dem Scheich schon bekannt, an. Während der Scheich west- 
wärts zog, verfolgte Mohammed seine Pilgerschaft, verweilte auf der Rückreise 
längere Zeit in Borgu (Wadai), wo er eine Sklavenjagd mitmachte, und in Be- 
germi, wo er in der Regenzeit 1855 wieder zum Scheich stiefs. 

Der Scheich el Abidin kam im Jahre 1269 (unser 1852/53) nach Kuka. 
Scheich Omer regierte noch mit seinem bekannten Wesir und beauftragte den 
Scheich mit einer Gesandtschaft nach Sokoto mit der Aufgabe, den Frieden zwi- 
schen beiden Ländern wieder herzustellen. Man weifs, dafs sich im November 
1853 Scheich Omar's Bruder Abderrahman der Herrschaft bemächtigte und erst 
im Sommer 1854 wieder abgesetzt wurde. Der Scheich fand bei seiner Rück- 
kehr von Sokoto bei Abderrahman, der ihn als Freund de Scheich Omar be- 
trachtete, kalte Aufnahme. Seine Rückkunft nach Kuka mufs mit der Ankunft 
Ed. Vogers in Kuka (13. Januar 1854) ungefähr zusammenfallen; er hielt sich 
da bis Mitte 1855 auf. Im Herbst 1854 kam Dr. Barth glücklich nach seiner 
grofsen Fahrt nach Timbuktu zurück; er war von zwei Schülern des Scheich 
el Bakaj begleitet und brachte weitläuftige Briefe von ihm an den Scheich Sein el 



142 Miscellen: 

Abidin, wo die Geschichte Bartfa's in Timbaktu in allen ihren Einzelnheiten er- 
zählt war. Sein el Abidin warde durch diese Empfehlungsbriefe in die Frennd- 
schaft der Europäer hineingezogen; Dr. Barth verlebte mit ihm noch einige Zeit 
in angenehmem Verkehr, und als er yerreiste, gab ihm der Seheich das G^eit. 
Ich halte mich nur der historischen Begründung wegen da auf, da Ihnen Dr. 
Barth gewifs längst davon erzählt hat. Mein Berichterstatter für diese Zeit ist 
nicht der erwähnte Mohammed, der sich damals in Begermi aufhielt, sondern ein 
hiesiger Faqih Ahmed, der alle Details ans dem Munde des Scheich bei seinem 
letzten Aufenthalt in Kordofan hörte, zum Theil aufschrieb und zu meinem Er- 
staunen mir Dr. Barth's Greschichte in Timbuktu sehr genau wiedererzählte. Der 
Faqih Ahmed ist ein junger Djali von vieler Wifsbegierde ; und die Erzählungen 
des Scheichs von Timbuktu und der wahrhaft arabischen Gastfreundschaft der Bakai 
reizten ihn so sehr, dafs er mir ganze Kastiden gegen die Fullata gerichtet aus- 
wendig vordeklamiren konnte. So mag die Kunde von dem Schutz, den ein 
Franke bei einem heilig gepriesenen Scheich genofs, vielleicht auch andere Mo- 
hammedaner an die Pfiiditen mahnen, die sie ihrem Koran nach dem Gast und 
dem an Offenbarung glaubenden Christen gegenüber haben. 

Im Jahre 1855 war Dr. Vogel auf verschiedenen Reisen von Knka abwesend, 
wohin er erst den 1. December wieder zurückkam, um den 1. Januar des neuen 
Jahres nach Osten aufzubrechen. Unser Scheich verreiste in der zweiten Hälfte 
des Jahres 1855 nach Begermi und hielt sich da bis zum Sommer ') 1856 auf. 
Er fand hier den Schingetiner Mohammed, der sich sogleich zu ihm gesellte und 
seitdem bis heute seine Schicksale theilte. 

Mohammed erzählt nun, dafs er sich im Frühjahr 1856 mit seinem Herrn 
in Massena befand, als Dr. Vogel beim Beginn der heifsen Zeit da ankam. Er 
schätzt die Zeit des Aufenthalts auf einen Monat; er wurde gut empfangen; er 
hatte einen Diener von Fesan, mit dem unser Mohammed bekannt war. Vogel 
soll sich im Arabischen nur unvollständig haben ausdrücken können. Von Be- 
germi nach Borgu sind zwei Strafsen, eine direktere südlich, die andere über 
Meitu und Fittri; doch konnte Mohammed nicht sagen, welche von beiden Ab- 
duhvahed gewählt habe. Die Nachricht, die vom Scheich Omar von Bomu her- 
rührt und ihn nördlich gehen läfst, hat nichts unwahrscheinliches ; denn vielleicht 
war die südliche Strafse bei den Wirren in Borgu nicht gangbar; femer konnte 
Dr. Vogel hoffen, sich bei allfalls ungünstigen Nachrichten, die sichere Rückkehr 
dadurch offen zu halten, dafs er sich so lange als möglich den Grenzen des Lan- 
des nahe hielt. 

Unser Berichterstatter erzählt weiter : dafs er mit dem Scheich im Frühsom- 
mer desselben Jahres (etwa April 1856) von Massena verreiste; sie kamen nach 
wiederholtem kleinen Aufenthalt da und dort im Innern von Borgu an und fan- 
den auf dem Wege den Wesir des Sultans Simelek mit dem Eintreiben des Tri- 
buts beschäftigt. Dieser empfing sie sehr gut und führte sie in sein Dorf, wo 
sie den Ramadan zubrachten. Die Reise bis zum Zusammentreffen mit Simelek 
schlägt Mohammed auf fünfzehn Tage, den Aufenthalt mit dem Wesir auf dem 

*) Unter Sommer verstehen wir die heifse Jahreszeit von M&rz — Juni, die Re- 
genzeit von Juli — September, der Winter dauert von Oetober — Februar. 



Nene Nachrichten Aber B. Vogel's Schicksal. 143 

Lande und in feinem Dorfe auf Tierzig Tage an. Ende Ramadan ging der Scheich 
zum Sultan Scherif nach Beseht (nicht Abeschr, wie es anf den Karten heifst), 
wo er retidirte, machte da das Fest der Fathr mit nnd kam nach dreitägigem 
Aufenthalt in das Dorf des Wesirs zurück, von wo die Gesellschaft unverzüglich 
nach Dar-för sich aufmachte. Der grofse Beiram wurde in Tendelti gefeiert; 
doch blieben sie den ganzen Herbst und Winter da und langten erst im Sommer 
des anderen Jahres, nach der Abreise von Said Pascha (1273 »= 1857), in Char- 
tum an« 

Non entspricht nach dem Nautical Almcmack der 29 Juni 1862 dem 1. Mo- 
haerenn 1279 und so der grofse Beiram dieses Jahres (10. Dsn 1 hidje) dem 
9. Juni. Wenn man zwischen unserem und dem islamitischen Kalender eine 
Differenz von 11 Tagen für die gewöhnlichen und 12 für die Schaltjahre an- 
nimmt, so fiele der Ramadan 1272 vom 9. März — 8. Juni 1856, der kleine Bei- 
ram oder das Fest der Fathr, das der Scheich in Beseht zubrachte, auf den 
9. Juni und das Fest der Hadj, wo er sich in Dar-för befand, auf den 16. Aug. 
1856. Die chronologischen Angaben unseres Mohammed sind dadurch bewährt, 
dafs er den Aufenthalt in Borgu in den Hochsommer, den in Dar-fdr aber in die 
Regenzeit verlegt. 

Mohammed berichtet nun, dafs sie schon auf dem Wege nach Borgu in den 
Dörfern von vielen Leuten gewarnt wurden, ja nicht zu ihrem Sultan zu gehen, 
da er jüngst einen von Bomu kommenden Scherif habe ermorden lassen. Als 
sie bei Simelek ankamen, wurde ihnen Dr. Vogel's Tod ohne Hehl von allen 
Soldaten, Bauern und Vornehmen erzählt und Simelek selbst sprach davon aus- 
führlich mit dem Ausdruck grofser Mifsbilligung. 

- Die Sadie verhielt sich aber so. Der Sultan Scherif hatte zu Wesiren seine 
Schwestersöhne, den älteren Simelek und Germa. Simelek hatte einen sehr gu- 
ten Chatttcter, während sich Germa durch Böswilligkeit und ehrlose Habsucht 
noch immer auszeichnen soll. Als Dr. Vogel in Borgu ankam und nach dem 
besten Schutzherm fragte, wurde ihm Germa als solcher bezeichnet und anschei- 
nend sollte er es sein, da er beim Sultan sehr beliebt. So quartierte er sich 
bei ihm ein und überreichte bei seinem Besuch dem Sultan sein Gelam, d. h. 
Empfangsgeschenk. Vogel hatte ein sehr schönes Pferd, wahrscheinlich das in 
seinen Briefen oft erwähnte ; Germa bedeutete ihm, er möge es dem Sultan schen- 
ken, um es dann für sich zu nehmen. Vogel erwiderte ihm, dafs er sein Reit- 
thier nicht weggebe; dann wollte Genua es kaufen, was auch abgeschlagen wurde. 
Daraufhin wurde sein Mord beschlossen: Germa stellte dem Saltan vor, Vogel 
verhexe das Land, indem er mit Feder ohne Dinte (Bleistift) schreibe; übrigens 
sei er ein Christ und so vogelfrei. Der wahre Beweggrund war aber, so be- 
thenert mir ausdrücklich der Berichterstatter, dieses Pferd; Zauberei mufste den 
Vorwand abgeben. Vor leichtsinnigem Gebrauch astronomischer Instrumente habe 
man ihn in Bomu so gewarnt, dafs er sie niemals hervomahm. Den fünften 
oder sechsten Tag nach sdner Ankunft kam Germa von Soldaten begleitet in 
der Nacht vor seine Hütte; Vogel wurde unter dem Vorwand, der Sultan ver- 
lange ihn, hinausgemfen und sogleich niedergehauen. Sein Schicksal theilte sein 
Diener, was nicht aufiallend ist, da Fehler des Herrn im Orient gewöhnlich dem 
Diener zn Schuld gegeben werden, daher ist es nicht zu verwundem, dafs keine 



144 MS0O«U€»: ' • 

authentische Nachricht nach Borna kam. Der Habeeligkeiten Vogers bemäch- 
tigte sich Genna, wie auch des Pferdes, das unser Berichter mit eigenen Augen 
bei diesem sah. Ueber das Schicksal der Papiere konnte er natärlich nichts 
sagen. Vogel wurde bei seiner Durchreise, wie das gewöhnlich geschieht, vom 
gemeinen Volk als Scherif angesehen, während seine Qualität als Christ beim 
Hofe bekannt war. 

Um uns über das Datum seines Todes mehr su vergewissern, müssen wir 
uns erinnern, dafs der Scheich Sein el Abidin Anfangs Mai, im Ramadan in*s 
Dar, den 8. Juni nach Beseht kam. Mohammed meint, es möge zwischen der 
Ankunft des Scheichs und Vogel's in Beseht nur ein Monat vergangen sein ; man 
habe von des letzteren Tod als von einem ganz jungen unverwischten EreigniCs 
gesprochen. So glaube ich nicht sehr zu fehlen, wenn ich den Mord VogeKs in 
die Zeit versetze, als der Scheich an den Grenzen des Landes anlangte. 

Dr. Vogel verreiste von Rnka den I.Januar 1856; nach dem Brief des 
Scheich Omar von Bomn wäre er den Djnmad el achir bei den Sliman gewesen 
und also auf einem Umwege erst im März nach Begermi gekommen. Dies als 
wahr angenommen, zu was uns eigentlich Nichts verpflichtet, hatte er den Rest 
vom März und einen Thell des April in Begermi zugebracht, da Mc^ammed sei- 
nen Aufenthalt auf 1 Monat schätzt. In dem Bericht des Scheich Omar fällt 
auf, dafs Vogel sich von Mua auf Massena zuwandte, anstatt direkt zum Fittri vor- 
zugehen. Von Massena konnte er wohl bis Ende April in Beseht ankommen 
und da er dann nur noch fünf bis sechs Tage lebte, so fiel dieser unglückliche 
Mann höchst wahrscheinlich in den ersten Tagen des Mai 1856 als Opfer für 
die Wissenschaft Es ist ein unheimliches, fatales Faktum, dals seine gröfsten 
Arbeiten und seine Diener sein Schicksal theilten: wir besitzen wohl nur den 
kleinsten Theil seiner Papiere ; es war ihm nicht, vergönnt, wie Biohardson fertig 
zu sterben; doch wissen wir genug, um uns von der grölsten Achtung für ihn 
zu erfüllen. 

Was den Sultan Scherif angeht, so kennt man seine Antecedentien. Vor 
seiner Erwählung trieb er sich lange Zeit im Ostsndan hemm, pilgerte nach Mekka 
als ächter Takruri bettelnd und hielt sich dann in sehr dürftigen Umständen, 
mit Pfeffer und Aehnlichem handelnd in Tendelti auf. Dann zog ihn Moham- 
med Fadhl aus der Dunkelheit und schickte ihn mit einer vom jetzigen Sultan 
Hussein geführten Armee nach Wadai, wo Hungersnoth zur Unterwerfung zwang. 
In seinen letzten Jahren wurde er blind und von einer Seite gelähmt; es stan- 
den Bebellen auf, worunter sich sein älterer Sohn Mohammed auszeichnete. Da 
die Räthe seinen Vater besorgen machten, dafs sein Sohn, der sich im Lande 
viel Anhang verschaffte, ihm den Thron streitig machen werde, befahl er ihn 
festzunehmen, woraufhin Mohammed sich im Lande herumtrieb : eine der Flranen 
des Sultans versprach ihm, ihn sogleich zu benachrichtigen, wenn sein Vater 
sterbe. Diese Frau, in böser Absicht, giebt ihm endlich die falsche Nachricht, 
sein Vater sei todt. Auf das hin geht Mohammed mit seinen Soldaten nach 
Wara, erzwingt sich nach langem Widerstand den Eingang in den Palast (auf 
den die Beschreibung Mohammed el-tun» noch pafst), setzt sich in Besitz der 
Reichsinsignien, besteigt den Opferberg ed-deray€ und so ist er gekrönter Sul- 
tan. Die Nachricht davon kommt nach Beseht zu seinem Vater, der noch lebt; 



Neae Nachrichten ftber B. Voger« Schicksal. f 45 

er f«TMHaMll seiiie Aimee und liUkt sieh nach Wara tragen. Als Mohammed 
▼on weitem den Baldachin seines Vaters sieht, erkennt er den ihm gespielten 
Betmg und flidit nach Tama, dessen Snltan ihn gut aufnimmt Auf den Befehl 
Scherift Ihm seinen Sohn anssnliefem, entschuldigt er sich mit den Pflichten der 
Gastfreundschaft. Auf dies hin sieht Scherif gegen Tama, doch da alle seine 
besten Soldaten im Kampfe fallen, mufs er sich zurückziehen. Sein Sohn, der 
mit Schmers die Niederlage und den Ruin seines Vaterlandes sieht, entschliefst 
sich, sich seinem Vater zu unterwerfen und verläfst Tama. Er kommt zu seinem 
Vater, der ihn gut aufnimmt, ihm aber auf den Bath seiner Wesire hin alle Waf- 
fen und Soldaten wegnimmt. So wird Mohammed unbedeutend, während sein 
jüngerer Bruder Ali, besonders von seinem Onkel Simelek yon den Absenun un- 
terst&tzt, noch zu Lebzeiten seines Vaters machtig wird und bei seinem Tod 1275 
ohne Mühe den Thron einnimmt. Mohammed der Regierung verlustig geht nach 
Darfor, dessen Snltan ihn als Vaterfeind Sein Iblis (die Tenfelszierde) nennt, 
und befindet sich gegenwärtig auf der Pilgerfahrt nach Mekka. Die Regierung 
Ali's wird als kräftig gerfihmt. Die Residenz soll noch immer Besehe sein. Si- 
melek ist seitdem gestorben ; dagegen steht der yerrätherische Qerma noch immer 
in Amt und Ehren, soll die wichtigste Person im Lande sein. 

Was unsem Scheich Sein el Abidin betrifit, so yerreiste er von Chartum 
(1857) zum zweitenmale nach Mekka und kam auf dem Rückwege nach Dar^fdr, 
wo ihn der Sultan, der von einem Aufstand der Mogrebiner bedrängt war, um 
ihn für sein Wohl beten zu lassen, über ein Jahr aufhielt. Endlich im Begriff, 
nach Westen aufzubrechen, sagt ihm eine Stimme, er solle nach Osten gehen. 
Er kömmt nach Kordofan, wo er sich bleibend niederzulassen gedenkt. Geschäfte 
fuhren ihn nach Chartum, in der Zeit als wir uns da ohne ihn zu kennen auf- 
hielten, und Ton da nach Berber. Der dasige Scheich Mahmud ladet ihn dn, 
sich da bleibend niederzulassen und giebt ihm seine Tochter zur Frau. Sein 
Famulus Mohammed wird nach El Obeid geschickt, um das Haus des Scheich 
nach Berber zu bringen. Der Zufall will, dafs wir beim gleichen Gastherm zu- 
sammentreffen. Der Scheich soll ein Dreifsiger sein, sehr aufgeräumten Charak- 
ters und ist trotz dem Aberglauben des Sudans gegen den Tabak, ein tüchtiger Rau- 
cher. In Timbnktu hat er von seiner ersten Frau, der Tochter des Scheich el 
Bakai, mehrere Kinder. Die Araber stehen im Auswandernngstrieb gewifs Nie- 
mandem nach; ihre Züge sind langsam mit langen Halten; Zeit kostet ihnen Nichts 
und auch der Raum verliert seine Schrecken. Wenn der Scheich seine dreizehn- 
jährige Fahrt von Timbuktu nach Mekka über Fas und Kairo, von da über Sua- 
kin, Berber, Dongola, Kordofan, For, Borgn nach Bomn und Sokoto, von da 
zurück über Ohartnm nach Mekka, dann wieder bis Dar-för und endlich nach 
Berber niederschreiben möchte, das würde ein schönes Buch geben. 

Ich kann mich nicht enthalten, einige Punkte hervorzuheben, die sich auf 
die mitgetheilten Fakten beziehen. Vorerst mufs ich bemerken, dafs die Aussa- 
gen unseres Mohammed sich trotz wiederholtem Kreuzverhör immer genau gleich- 
blieben und mit den Mittheünngen des Faqih Ahmed sowohl als mit den uns 
bekannten Daten übereinstimmten. An Interesse kann man nicht denken, da die 
Hanptfakten in einem scheinbar absichtslos geführten Gespräch von ihm gewon- 
nen wurden, und weder er noch überhaupt jemand hier unser Interesse an Vogel 
Z«itoebr. f. aUg. Brdk. Neae Folge. Bd. XIII. 10 



146 MitceUtti: 

ktDBft. Bi kommt nur fait vor, dafs «m Biaan Ton grofterev BfliecHuk kamn 
sich offen darüber aiugesproehen kätte; ich besweifle, ob sefnHeir, der Soheich, 
trota seiner Freondachaft für die Bturopäer mit seiner Offdüheit gerade sn&iedea 
•ein wird. Die Mohammedaner sind im Nachricktgeben sogar von. Bagateflen 
Fremden gegenüber sekr zurückhaltend, da sie die Tragweite furcfaten. So will 
hier Niemand sageben , dafs Dr. Cnny vom Sultan Hvssein getödtet worden ist, 
w&hrend die firemden Türken davon überzeugt sind. In Wadai wird Niemand 
den mächtigen Germa als Mörder Dr. VogeVs anklagen. 

Diese meine Ansicht wird durch das Verhaken des Scheich Omar von Borna, 
des Engländerfrennds, vollständig bestätigt. Er hindert Macgaire, detaillirt über 
Yogel's Tod za schreiben, indem er eigenhändig an die Behörden offidell zu be- 
richten verspricht, and dann was enthält seine Depesche; er erzählt nnd ich 
glaabe richtig den Weg Vogel's bis Wadai nnd im entschddenden AngenUick 
bricht er auf eine Manier ab, die aussieht, als ob er im Zweifel gewesen sei, ob 
er fortsckreiben soll oder nicht* Das afrikanische Mifstrauen behält die Ober- 
hand, das ist alles, was ich Euch sagen kann, sagt er und siegelt. Ich bin 
weit entfernt ihm daraas ein Verbrechen zu machen; der Orient nnd Afrika har 
ben auch ihre diplomatischen Rücksichten. 

Der heilige Berg von Wara existirt wirklich and heifst nach meinem Bericht- 
erstatter Djebel Deri^a. Auf der Spitze ist me KapeUe, in welche der Sultan bei 
seiner Thronbesteigung eintritt; man behauptet, es würden bei dieser Gelegenheit 
Menschenopfer geschlachtet. Wara war aber schon lang vor Vogel's Tod ver- 
lassen und öde. Die Residenz Beseht ist 16 Stunden südlich von Wara, nnd dar 
hin mofste Vogel gehen und da giebt es keinen heiligen Berg. Ahmed el Sohin- 
geti von Green und von v. Neymans citirt und auch von mir in Chartam aasgefragt, 
hat in der Thatsache Recht, aber seine Details sind falsch. Was skh bestätigti 
ist die Angabe, dafs Vogel's Pferd noch in Borgu esdstirt, was er mhr in Char- 
tmn mittheilte, Ahmed Schingeti ist schlaa und durchlxieben; seine Nachricht, 
der Sultan von Dar-fdr habe sein MifsfaUen an Vogel's Ermordung ausgedrückt» 
ist wohl eine grobe List um Dar-fdr Wadai gegenüber herauszustreichen. Bei Green 
redet er von den drei europäischen Reisenden als ihm nur vom Hörensagen be- 
kannt, während er mir gegenüber sie persönlich zn Jcennen behauptete. Seine 
Mittheilang von v. Neymans ist sehr aofserordentlieh; da er sieht, dafs dieser 
junge Mann Vogel eher lebend als todt glaubt, giebt er ihm auf eine mysteriöse 
Weise, ohne sich geradezu einer Lüge schuldig zu macheui zu verstehen, Vogel 
möge noch am Leben sein. 

Femer ist desselben Mannes Behauptung, Vogel sei dem Fanatismus zum 
Opfer gefallen, nicht haltbar; das Volk betrachtete ihn als Scherif; beim Hof 
dagegen, wo man ihn kannte, war nach der wiederholten Versicherung meines 
Beriohters Habsucht and vielleicht durch die hartnäckige Weigerung verletzter 
Stolz die alleinige Ursache seines Todes, Man hat 3eispielo von angesehenen 
reichen Leuten von Schlüget und anderswo, die von Magdom's (StatthaUem) in 
Wadai, ihrer Habe wegen, umgebracht wurden. Als dann die Sache oJQfenknndig 
wurde, hätte der Sultan den Entsetzten gespielt, aber von Strafe sei keine Bede 
gewesen, da der Löwe schon längst seinen Theil bekommen hatte. 

Die Confiscirung der Karawanen bei Utschila war meinem BerichftQr nicht 



Nene Nachrichten Aber E. Vogel's Schicksal. 147 

anbekaniil; tJbet bei 'seikier Anwesenheit habe er Niemand davon reden hören 
und sie habe sicheiiicfa keinen Binflars auf Vogel's Tod gehabt. In Betreff der 
jetBigeii Begiemng meinte er, dafs gewifs kein ron Ost oder West kommender 
Europäer für diese Karawanen büfsen würde; übrigens sei es (and ist wirklich) 
nicht Branch im Sudan, alte Saehen unter einem neuen Sultan weiterzuführen. 
Zur Zeit Vogel's Tod regierte Scherif, der also nach dem Bericht Herrn y. Beur- 
mann's geschworen haben soll, jeden Christen zu köpfen. Der jetzige Sultan 
Ali, der erst 1858 auf den Thron kam, hat also mit diesem Schwur nichts zu 
thun, während ▼. Beurmann anzunehmen scheint, dafs derjenige Sultan, der Vo- 
gel wegen der Karawanen hinrichten liefs, noch immer regiert. Jedenfalls mufs 
es schon wegen des schlechten Gewissens und der Unterbrechung des Handels- 
verkehrs von Bengasi für einen Europäer unmöglich sein, direkt von da nach 
Wadai zu gehen, besonders da eine Erlanbnifs dazu nicht eingeholt werden kann. 

Was die Papiere Vogel's anbetrifft, kann ich leider keiner Hoffnung Statt 
geben, dafs sie erhalten seien. Nicht arabische Papiere werden in diesen Ländern 
so vernachlässigt, dafs sie in kurzer Zeit den Würmern zum Raub werden ; erre- 
gen sie abergläubisches Mifstrauen, werden sie eher schnell vernichtet. 

Es ist nach den gegebenen Auskünften leider wohl nicht dem geringsten Zwei- 
fel unterworfen, dafs Dr. Vogel nicht mehr am Leben ist Es thut mir leid, 
seine Familie und Freunde der letzten Hoffnung berauben zu müssen. Aber 
Wahrheit hat auch ihren Trost. 

Ich bitte Sie, den Ausdruck meiner vollkonmiensten Hochachtung entgegen- 
zunehmen. Werner Mnnzinger. 

NB. Wir haben noch immer keine Nachricht von Dar-för. Sobald wir' solche 
erhalten, werden wir unsere Arbeiten Ihnen überschicken; einstweilen empfiehlt 
sich Ihnen Herr Kinzelbach ehrerbietigst. Unsere Gesundheit ist besser gewor- 
den. Die Regenzeit beginnt, unsere Reise wird jedenfalls nicht trocken aus- 
fallen. W. M. 



Die Wälder Australiens. 

Nach einer Mittheilung in den „kritischen Blättern für Forst- und Jagdwis- 
senschaft'', Bd. XLIV., S. 238 kann man die Waldregionen Neu -Hollands in drei 
Gruppen theilen. Die erste derselben umfalst mehr oder weniger lichte Wälder 
von hohen Bäumen mit mehr kahlem als beastetem Schaft, mit einer im Verhält- 
nifs zum Stamm nur kleinen und wenig ausgebreiteten Krone. Vorzugsweise sind 
es Eucalyptusarten {GumthreeSf Gunmubäume), sehr grofs an Zahl und Abwechs- 
lung Melaleuea, Medrosideros und Verwandte, CalHstemon^ sowie TVtstom'a, welche 
das Gemiseh der Holzarten bilden. Indessen gehen diese trockenen Wälder da 
und dort in ungemischte, reine von beträchtlicher Ausdehnung über. In beiden 
Fällen findet man wenig oder kein Gesträuch beigemischt. Die Bäume der ersten 
Klasse von Wäldern, obgleich auf magerem Boden stehend, liefern langes und 

10* 



148 MifceUen: 

vortreffliches Hols, im Gegensati sa den kleinen liektstehenden B&mnen der fnidit- 
barsten Böden, unter welchen letzteren nnr die angeschwemmten and die Ufer 
der Flüsse eine Ausnahme bilden. Der Kern dieser Bäame ist selten gesnnd, 
nnd selbst in gesundem Zustande doch bruchig. Viel Brennbols enthaltend, ent- 
flammen sie sich und brennen doch, ohne Zweifel in Folge ihrer grofsen Dich- 
tigkeit, meistentheils schwer; und in der That ist ein Glück, dafs die Gummi- 
bäume im Allgemeinen sich nicht cur Feuerung eignen, indem sonst die Walder 
rasch abgeholzt würden, da bei dem armen Boden die Entwickelang eines Nach- 
wuchses allzu langsam vor sich geht. — Die zweite Klasse, die Strauchwälder, ste- 
hen ebenfalls auf dürrem, jedoch ganz von Gesträuch bedeckten Boden. Die vor- 
handenen Bäume, wenn man sie so nennen will, haben einen kurzen krüppelhalten 
Schaft und liefern kaum nutzbares Holz, da die Waldbrände alle 4 oder 5 Jahre 
den gröfsten Theil der Vegetation bis an den Boden herab Tcrsengen, und so 
jeder stärkere Baumwuchs unmöglich wird. In diesen Strauchwäldem kommen, 
aufser einem Theil der Gattungen der Wälder erster Klasse wie Melaleuca und 
Metrostderos y die Casuarinen und Banksien, Ceratopetalum , Hakea, Monotoea^ 
Viminaria vor. — Die dritte Klasse bilden die Nadelwälder, welche eine ziemlich 
schmale Zone in der Nähe des Meeres auf der Ostseite des grofsen das Land 
durchziehenden Gebirges einnehmen und öfters die Gummibaumwälder berühren. Sie 
wachsen auf vielfach felsigem oder steinigem, aber doch nahrungsreichem Boden, 
meist den Flufsthälem folgend und die Thalabhänge dicht bedeckend. Wenig 
Gesträuch findet sich in den Nadelholzwäldem, dagegen eine reiche, abwechselnde 
Baumvegetation, häufig von bedeutender Schaftlänge, mit glänzend grünem, dicht 
beschattendem und durch eine Menge von Schlinggewächsen, Moosen und Orchi- 
deen verstärktem Baumschlag. Vier grofse Farnsorten aus den Gattungen JBalan- 
tium und Ahophila, sowie zwei schöne Palmenarten, CorypKa austrcdis B. Br. 
und Livistona inermis B. Br. , verleihen diesen Wäldern einen vollkommen tro- 
pischen Character. Unter den Bäumen heben wir die Ceder, Cedrela ausiraUt, 
zunächst hervor, welche deshalb von grofser Bedeutung ist, weil sie bei einem 
Durchmesser bis zu 3 M. sich für Tischlerarbeit vorzüglich eignet und bereits 
Gegenstand der Ausfahr nach Europa geworden ist Die übrigen Hölzer, von 
den Einwohnern gemeinhin mit dem Namen „bush threes*^ genannt, sind in Bezug 
auf ihre Nutzbarkeit noch wenig untersucht Auch Podocarpus spinulosus Spr.^ 
Pine genannt, erreicht aufserordentliche Dimensionen und liefert sehr schönes, 
astloses Bretterholz. 

Von den zahlreichen Laubhölzem wie Achras^ Acmena, CargylUa^ Crypto- 
carya^ Doryphara^ Duboiaia, Eheocarpus, Elaeodendron^ Ettpomatta^ Exocarpuiy 
FicuSf HibiscuSf ffomalanthus, Melia, Myopontm^ MyrtuSf Ehretia^ Persooniot Po- 
fyosma, Rulingiay TWstofita, Trochocarpa^ Urtica und Zinna sind mehrere Gat- 
tungen bereits genauer bekannt Manche dieser Bäume gehören ihren Dimen- 
sionen nach zu den grofsartigsten Erzeugnissen der Pflanzenwelt, so die Riesen- 
nessel, Urtica ffiffos^ deren Stamm oft eine Stärke von 4™,3 im Durchmesser er* 
reicht, bei einer Stammhöhe von 37*-43 M., über dem sich eine grofse regel- 
nulfsige Krone erhebt Noch kolossaler sind die Verhältnisse des Ficus macro' 
phylla Desf, Schwierig ist es für den Naturforscher zwischen den Gruppen zahl* 
loser, von einer Stelle zur andern wechsekider Baumarten sich zurechtzufinden» 



V. Maack, v. Bar, LoT^n: Die ehemal. Verbind, der Ostsee etc. 149 

da das Laub der Bänme h&iiflg so hoch ansetot, anfserdem mit dem anderer yer- 
sohlongen nnd verdeckt ist, so dafs man behufs der Untersnchting den ganzen 
Banm. zu fallen genöthigt ist — Wer übrigens die mannigfachen Proben austra- 
lischer Hölzer, neben denjenigen, welche Canada geliefert hat auf der Londoner 
Industrieausstellung gesehen hat, kann sich von dem Waldreichthum dieser bei- 
den englischen Golonien einen Begriff machen. — r. 



Die ehemaligen Verbindungen der Ostsee mit der Nord- 
see und dem Eismeere nach v. Maack, v. Bär, Loven 
u. A, Ueberbleibsel arktischer Arten lebend in den schwe- 
dischen Binnenseen. 

In dner Arbeit über das urgeschichtliche schleswig-holsteinische Land (diese 
Zeitschrift, VUL, 1 ff.) stellt r. Maack die Beweise für eine ehemalige Abge- 
schlossenheit der Nordsee Yom aüantischen Meere, für die festländisehe Verbin- 
dung Englands mit Frankreich zusammen. 

Femer berührt er den Zusammenhang, in welchem andererseits die Ostsee 
mit dem weifsen Meere gestanden habe. Noch jetzt rage ganz Nordrufsland und 
Finnland nur wenige Fufs über das Meer empor. Selbst noch im vorigen Jahr- 
hundert habe man von Uleäborg , von welcher Stadt eine g^fse Niederung 
bis ans Ufer des weifsen Meeres sich hinziehe, auf den Flüssen Finnlands aus 
dem bottnischen Meerbusen ins weifse Meer fahren können, so dafs sich hier 
kaum eine scharfausgepragte Wasserscheide vorfinde. Ebenfalls sei der finnische 
Meerbusen durch das Wassersystem des Ladoga und Onega, tiefer Becken im 
ehemaligen Meere mit dem weifsen Meere, verbunden. Gehe man von den jetzi- 
gen Hebungsverhältnissen Scandinaviens und Finnlands aus, so lasse sich anneh- 
men, dals vor etwa drei Jahrtausenden ein grofser Theil Finnlands noch vom 
Meere bedeckt gewesen sei. Daher habe man denn auch wohlerhaltene Schal- 
thiere des arktischen Meeres an den Ufern der Dwina bis zu ihrer Verbindung 
mit der Wolga gefunden (nach Murchison und Keyserling), und an dem 
gehobenen Strande des westlichen Schwedens, in der Gegend von Gothenburg 
nnd Uddwalla, seien die Ueberreste vieler Schalthiere entdeckt, die der jetzigen 
Erdperiode angehörig, einen weit nördlicheren Charakter an sich tragen, als die 
Bewohner dieses scheerenreichen Meeres. Auch an der Nordküste Jütlands be- 
obachte man dieselbe Erscheinung. Aus dem Umstände, dafs das grofse As von 
Stockholm und Hefle Salzwasserversteinerungen führt, folge, dafs früher das Salz- 
wasser in den bottnischen Busen hineinreichte, dessen Wasser jetzt nur etwa 
4 Procent Salztheile enthält. Der bottnische Busen stand einst in unmittelbarer 
Verbindung mit dem Kattegatt durch einen Canal in der Einsenkung, in welcher 
jetzt Mälar, Bjelmar, Wettern und Wenem sich ausbreiten. 

Auch V. Bär spricht sich (Bull* de PÄcad, imp, des sc, de St. P^tersbourg, 
IV, 39) über ältere Verbindungen der Ostsee mit anderen Meeren aus, indem 



150 Aliflcellen: 

er folgert, jene sei ehemals mit fiaUhalügereiu Waaser venehea gewesen, weil 
die essbare Auster, welche ihr jetst fremd, früher noch bis in sie herein vorge- 
kommen sei. 

Was nun die Verbindang nach dem weiTsen Meere hin durch die niedrigen 
Gegenden des Ladoga, Onega und des kleinen Wodla anbelangt, so erklärt sich 
V. Bär dahin, dafs die geringe Erhebung dieses Landstriches im AUgemeinen 
richtig sein möge, wenn man nämlich nur an den Südufern der grolsen Seen 
fortgehe. Oestlich vom Onega aber habe v. Helmersen bedeutend erhöhte Gra- 
nitrücken gefunden. Ueberhaupt seien ihm selbst bestimmtere Anhaltspuncte für 
die Annahme einer früheren Verbindung mit dem weifsen Meere nicht bekannt, 
und noch weniger irgend ein Anzeieben der Art, wie eine solche Verbindung, 
wenn sie bestanden haben sollte, aufgehoben wäre. Der silurische Kalk stehe an 
der Südküste des Ladoga-Sees zu Tage und liege so horizontal, dafs er aus der 
langen Zeit seines Bestehens keine Hebung nachweise. 

Dagegen seien die Beweise für einen Zusammenhang der Ostsee mit dem 
Skagerak oder wenigstens für eine gröfsere Annäherung beider nördlich von Go- 
thenburg ausgeprägter. Es sei kaum za bezweifeln, dafs einst der Wenem einen 
Theil der Nordsee und der Mälar einen Theil der Ostsee ausmaohten. Nachge- 
wiesen freilich sei eine unmittelbare Verbindung dieser beiden Seen noch nicht, 
so weit als ihm bekannt sei, obschon es auffallen müsse, dafs schon beim Auf- 
tauchen der nordischen Geschichte hier eine Völkerscheide bestanden su haben 
scheine, und dafs die ältesten Nachrichten das jetzige Schonen als Insel darstell- 
ten (s. darüber auch v. Maack). 

Die Hebung, durch welche diese Verbindung aufgehoben wurde, ist nach 
V. Bär 's Ansicht keine so langsame gewesen, als man nach den jetzigen Stei- 
gnngsverhältnissen annehmen solle, sondern eine plötzlichere. 

Für diese Ansicht stützt sich v. Bär auf einen zoologischen Gmnd. Er 
gebe nämlich im Wenem das ganze Jahr hindurch Lachse. Die Lachse pflegen 
bekanntlich immer vor der Laichzeit gegen den Strom zu ziehen, sO weit, als sie 
gelangen können, nach dem Laichen hingegen mit dem Strome zu gehen oder 
sich von diesem treiben zu lassen bis in das Meer, wo sie den Winter zubringen. 
Ist im Flusse ein Wasserfall, den sie im Aufsteigen niiSht überwinden können, 
so drängen sie zwar gegen denselben an; wenn er aber zu bedeutend ist, als 
dafs er übersprungen werden könnte, so finden sich oberhalb nie Lachse. Von 
dieser ganz allgemeinen Regel macht nun der Wenem eine Ausnahme. Dieser 
See hat seinen Abflufs durch die Gotha -Elf, in welcher sich der mächtige Troll- 
hättafall befindet, den sicher kein Fisch überspringen kann, und den auch kein 
gröfserer Fisch, ohne zerschlagen zu werden, herabgehen könnte, da sich das 
Wasser in mehreren Absätzen an den Felsen mit fürchterlicher Gewalt bricht. 
Daher glaubt denn v. Bär als sehr wahrscheinUch, dafs die Landeserhebong, 
welche den Wasserfall erzeugte, nicht ganz langsam, sondem rasch vor sich ging, 
zu einer Zeit, als die Lachse sich in den oberen Zuflüssen des Sees befanden, 
dafs sie sich nun vom Meere abgeschnitten sahen und an das süfse Wasser auch 
im Winter gewöhnt haben ')• 



') Auf den Vorschlag v. Bär 's ist der zwar durch Umstände beeinträchtigte, 



V. Maack, v. Bär, Loven: Die ebemal. Verbind, der Ostoee etc. 151 

Die ftagliishe VeibiadBiig zwisclieii Ostiee and Nordsee abeir, wenn eine 
aolche bestanden , sei nicht dorcb den Wettern zu suchen, dessen Wasserspiegel 
J6tst 308 schwedische FoTs über dem Me^e steht. 

Eine ddtie Erii^liimng für einen gröfseren Salzgehalt des Ostseewassers in 
ehemaligen Zeiten ist nach v. Bär die, dafs dies za einer Zeit war, wo noch 
Wasser de» allgemeinen Bleeres das durch Erhebung des Landes erst abgeschlos- 
sene Ostseebecken erfällte. Wenn dies Seewasser nun auch durch das einströ- 
mende Flufswasser verdünnt werden konnte, so geschah dies doch langsamer, so» 
bald wirklich noch eine weitere Verbindung der Ostsee mit dem salzreioherea 
Aussenmeere statt&nd, als es noch in der Gegenwart der Fall ist. Vielleicht sei 
ferner eine nngUnstige Veränderung der Wärmeverhältnisse hinzugekommen, da 
fossile Thier- und Pflanzenreste auf eine solche schliefsen lassen, indem sie tob 
Arten abstammen, welche wärmeren KUmaten eigenthfunlich sem sollen. 

Dagegpen. nimmt v. Maack für Schleswig- Holstein's Urzeit ein kälteres Klima 
an, henrdirgerufen einerseits durch die auch von ihm für sicher gehaltene Ver- 
bindung der Ostsee mit dem weifsen Meere, andererseits durch den Abschlaft 
der Nordsee von dem atlantischen Oeean, bevor in Folge der Losreilsang £n^ 
lands von Frenkreich mittelst der Oeffhung des jetzigen Canals die wärmeren Ge^ 
Wässer des Golfstromes hereinzudringen vermochten. 

In seiner Arbeit bespricht v. Bär femer die Fauna der Ostsee (a. a. O., 
119 ff»)* Während diejenige der westlichen Extremität noch submarin zu nen- 
nen, ist die des grofsen, mittleren Beckens eine durchaus gemischte. Die Fische 
gehören zu den Brackwassergeschlechtem, oder wechseln in süfses Wasser hin- 
über, oder steigen aus den Flüssen auch in das Meer, indem sie ein schwach 
gesalzenes Wasser nicht fürchten. Was von den Fischen gut, gilt nach Mid- 
dendorff eben so auch von den Mollusken. Es giebt keine eigenthümlichen 
Arten der Ostsee. Sie sind entweder Bewohner des süfsen Wassers und kommen 
dann auch in den benachbarten Flüssen und Seen vor, oder sie leben auch in 
der Nordsee. Diese verkümmern aber alsdann noch mehr, als es bei den Fischen 
der Fall ist 

Nenerdings ist aber auch von S. Lov^n iÖfvers, af kgU Veiensk, Akad. 
Färhandl., 1861, No. 0} ein Aufsatz unter der Ueberschrift »Ueber einige im 
Wetter- nnd Wenersee gefundene Crustaceen** erschienen, welcher für die Vor- 
geschichte der Ostsee Beachtung verdient, indem er aus Ergebnissen der zoolo- 
lofi^schen Forschung unmittelbare Schlüsse auf letztere zieht. 

Bereits im Jahre 1859 hatte der Freiherr G. C. Cederström bei Aspa 
am nordwestlichen Strande des Wettersees eine Idothea gefunden, freilich kleiner 
als in der (^tsee, und femer bei Jönköping und im Wenern eine Mysis, auch 
einen neuen Gammarus. In Folge dessen von Hjalmar Widegren im Wet- 
tern angestellte weitere Nachforschung lieferten neues Material. 

Die Mysis ist eine entschiedene Meeresform. AUe bekannten Arten dersel- 
ben leben im Meere, zum Theil im höheren Norden, und so namentlich diejenige 



jedoch nicht erfolglose Versuch gemacht worden, Lachsarten auch in den Peipussee 
zu versetzen, welcher in seinem Abflüsse, der Narowa, oberhalb Narwa einen Was- 
sexfaU hat, den die Lachse nicht zu fiberspringen vermögen. 



152 Miflc«lleas 

Art, wekhe der des Wenera am Meisten gleicht. Weaa <lion auch n« den cahl- 
reichen Arten der Gattung Gammarua einige im süfsee Wasser leben, so anter- 
scheiden sich doch diese sämmtlich sehr von dem Gammanu des Wenem, G, 
hriemiusf welcher in seiner rechten Heimath, dem Eismeere, ziemlich groüs wird, 
gröfter als der schwedische. 

Diese Meeresformen fehlen an der westlichen Küste ScaadinaTieBS voUig; 
sw« gehören auch der Ostsee an, während man in ihr die anderen noch nicht 
entdeckt hat. Ein zweiter Gammanu (G. cancettoideg) des sttfsen Wassert ist 
aoTserdem nor noch im Baikal and in der Angara anfgeftinden. 

So zeigt sich in den genannten Binnenseen eine Qnippe ron Thieren, welche 
jene in Verbindung setzen mit dem westlichen Meere, sowie dwnh. die Ostsee 
und über Land mit dem schwach gesalzenen Eismeere. Sonst pflegt im Alige- 
meinen ein Wechsel, mindestens für niedere Thiere, verderblich zu sein. Am 
wenigsten abhängig sind die Fische. Anch bei einzelnen niederen Thieren hat 
man beobachtet, dafs sie langsam erfolgende Uebergänge ansgehalten haben (Ben- 
dant). Damit ist jedoch selten dargethan, ob die Fortpflanzung der Art im 
Stande sei, so fremdartige Bedingungen des Lebens zu ertragen, da diese nach 
Darwin gerade in Bezog auf die Fortpflanzung einflufsreich sind. So können 
z. B. die Lachse nur im süfsen Wasser laichen. 

Bisweilen jedoch erfolgen die Veiündemngen in der Natur mit solcher Lang- 
samkeit, dafs — mögen auch einzelne Arten der rorhandencn Fauna dennoch 
unterliegen — noch einige zurückbleiben, welche kräftig genug sind, jene zu 
überdauern. So giebt es in dem Lake of Stennis auf den Orkney Inseln, wel- 
cher in den neuesten Zeiten ans einem salzigen See in süfses Wasser und Sumpf 
übergegangen, noch einige Arten der ursprünglichen Fauna, zu denen Formen 
des Süfswassers hinzugetreten sind. Eine ähnliche Vermischung der Formen zeigt 
sich in der Ostsee. 

Von den wenigen, der Ostsee eigenthümliohen Arten bemerkte schon Lind- 
ström, dafs sie um so merkwürdiger seien, als dieselben eine gewisse Verwandt- 
schaft mit arktischen Formen zeigen. Von der armen Fauna der inneren Ostsee 
sagt daher nun Lov^n, dafs sie nicht eine verarmte, europäisch -boreale sei, son- 
dern eine Vereinigung zäh ausdauernder üeberbleibsel einer asiatisch -arktischen 
Thierwelt mit neuen Eindringlingen aus der Nordsee von Westen her und — in der 
Nähe der Rüsten — mit Zuwanderem aus den süfsen Gewässern. Wenn es auch 
an der Westküste Scandinaviens hochnordische Arten giebt, so ist doch das ark- 
tische Element nicht auf beiden Seiten der Halbinsel gleich. 

Nach der Eiszeit, während welcher Scandinavien in wechselnder Weise mit 
Gletschern bedeckt war oder sich wohl ins Meer senkte, bedeckte letzteres nach 
und nach einen grofsen Theil des mittleren Schwedens. War die Oberflächenge- 
staltung des Landes damals eine eben solche, wie wir sie jetzt kennen, nnd er- 
folgte die Senkung auf allen Stellen gleichmäfsig, so mufste sich ein Meer von 
Osten her einem anderen von Westen her nähern, so dafs ihre Vereinigung auf 
der Landhöhe stattfand. 

An den Ufern des Wettern sieht man im südlichen Theile mehrfach be- 
trächttiche Terrassen, deren höchste sich fast fünfhundert Fofs über das Meer 
erhebt. Lagen von Meermuschelschalen zeigen sich im südlichen Norwegen und 



▼. Maack, r. Bftr, Lor^n: Di« ehemal. Verbind, der Ostsee etc. 153 

in WenMfauid. Von Weeten her dringt die Nordsee mit langen, sehmelen Ein- 
sehnitten, FJordar, in das sttdilefae Norwegen ein; von Bolraslftn ragen nur einige 
wenige Inseln Aber den Meeresspiegel hervor, und der Wener bildet die gröAte 
Tiefe einer Bneht, welche da in das Land dringt, wo die langgestreckten Seen 
▼on Dalsland nnd von Wermeland jetzt liegen. Eine ähnliche Bucht mit dem 
Wettern sieht rieh von Osten herein. Dagegen lung das Hochland Im sftdlichen 
Thejle des jetzigen Schwedens mit der Insel Schonen nnd dem Pestiande einst 
snsammen, so dafs hier der Weg war, anf welchem die schwedische Fauna meh- 
rere ihrer Sftngethiere erhielt 

Andererseits nahm aber schon Andreas Celsins im rorigen Jahrhundert 
an, dafs die scandinarische Halbinsel vor Zeiten eine Insel gewesen, ihr sfidlicher 
Theil ans mehreren Inseln bestanden haben. Der bottnische Meerbusen habe 
niher an das weifse Meer gereicht, so dafs man durch den Üle& Elf und Sumpf 
in letzteres habe gelangen können. Dieser Meinung schlofs rieh namentlich 
Forchhammer an, indem er die Verbindung mit dem Eismeere durch den fin- 
nischen Meerbusen über die Oegend hinweg herstellte, wo jetzt Onega und La- 
doga sich ausbreiten. Auch sind von Murchison und Keyserling an der 
Dwina, im Osten dieser Seen bei l&O Fufs Aber dem Meere Lager fossiler Bis- 
mecrmollusken geftmden. 

So war auch das Meer, aus welchem die zahlreichen Muschellager in Nor- 
wegen und Dalsland bis zu etwa 6<K) Fuft Höhe stammen, rin arktisches, wie 
diese von ihm zurflck ge lassenen Beste bezeugen (Sars). AehnHche Bänke trifft 
man übrigens auch in England und Schottland, in Canada und vom Ontario bis 
New York wieder, ebenso gegen Osten im Taimyrlande, an der Petschora, an 
der Dwina und im russischen Lappland. Sonst aber hat man (Philippi, Milne 
Edwards, Sars) nordische Mollusken, Cmstaceen und Fische auch fosril auf 
Sicillen gefunden, und leben deren gar noch im Mittelmeere, seitdem sie nach 
Edw. Forbes während der Eiszeit dorthin gelangten. 

L. V. Buch schlofs aus dem Vorkommen der Mnschelablagemng von Tar- 
beck anf dem höchsten Punkte Holsteins, dafs Schleswig eine Meerenge zwischen 
der Nordsee nnd der schon geschlossenen Ostsee gewesen sei, welche letztere, 
verkümmert europäisch -boreal, auf diesem Wege ihre wenig zahlreichen, klein- 
wüchsigen Meeresformen erhalten habe. Es sei femer deutlich, dafs, falls Ost- 
nnd Nordsee in Gestalt zwrier Meeresbuchten sich tief in das Innere Schwedens 
eingedrängt haben, beide doch niemals unmittelbar mit einander in Verbindung 
standen. L. v. Buch berücksichtigte dabei aber die hochnordische Natur der 
Schalen in den Ablagerungen an der Westseite Scandinaviens zu wenig, und Erd- 
mann entdeckte bei Stockholm die Yoldia arctica erst später, wozu auch jetzt 
erst die oben mitgetheilte Entdeckung lebender Ueberbleibsel der arktischen Fauna 
in den Binnenseen gekommen ist. Hierbei ist es freilich zu bemerken, dafs — 
wenn die beiden Eismeerbuchten von Westen und von Osten her gleichzeitige 
waren, nur durch eine Gruppe von Scheeren, den meist emporragenden Stellen 
des jetzigen Zwischenlandes, getrennt — derartige Meefesthiere, wie die Idotkea 
und der Gammarus sich nicht auch in das Westmeer verbreiteten. Müfste man 
daraus schliefsen, dafs das ehemalige Eismeer nicht zu einer und derselben Zeit 
das Land nach seiner vollen Breite überdeckte?; dafs die Senkung in ungleichen 



154 BliMUMiS 

Zeiten nnd in nagleichem Slafse erfolgte, «n dei OolM^fletteiaht huagammmr and 
später aU an der Westeee? Doch h«bea aifikr «leh diese und andere jener eigen- 
thümUchen Thiere, wie es scheint, nieht in das Katt^tt geeogee, obgleich das- 
selbe so geraume Zeit dnroh den Snnd und die beldeo Belle mit der Ostsee in 
offener Verbindung steht. * * 

Die Meeiiesfaana, welche während der ^isseit an den seandinavisAen Küsten 
lebte, bildet den Ausgang för die dort noch vorhandene, welche aber nmr iftmgb 
Arten von jener überkommen hat Es erfolgten nämlich wiederam yerändemn- 
gen in dem gegenwärtigen Verhältnisse swischen Meer 'nnd I^and, ein Zettraam, 
in welchem letsteres sich hob, wahrscheinUQh periodisch und möf^iehnr Weise 
ungleichförmig. An der westlichen Seite veiändeite sich, während das Land noch 
gröXstentheils von Wasser bedeakt war» die Fauna, indem «e ihren gegenwärti- 
gen, mehr südlichen Charakter erhielt, wie sieh aus den 'Schalen jüngerer, ge- 
hobener Mnschelbänke schliersen läTst, indem sich darunter sogar Fosmen des 
Mittelmeeres finden. 

Dagegen wurde östlich der Halbinsel durch die Hebung des Landes die See 
von dem Eismeere abgespeiil, suletst wohl in der Einsenkungslinie des Onegs 
und Ladoga, wo die scandinavischen Gnunt- nnd Gneisgebilde scharf gegen die 
russischen, ebenen Sedimentlagen absetzen. Vom weifs^ Meere bis «an finnir 
sehen Meerbusen stöfst man vielfach auf eri^itive und metamorphisehe Qebirgs- 
messen nnd afif sahlreiche Beweise stattgehabter Lagerungsstorangen. Noch in 
später Zeit ist nach flolmberg Finnland von Hebungen betroffen, und hat vor- 
mals das groiC^e Saimawasser eine beträchtlich i^öfsere Ausdehnung besessen, als 
heutiges Tages; indem der Höyitiain und der Pielisjörvi im Norden, mehrere Seen 
im Gouvernement Olonets im Nordosten und der Ladoga und das Newnbecken 
in Zusammenhang standen, der gröfste Theil von Karelien vom Wasser bedeckt 
war. Dies zog sich bei den Hebungen zurück, Inseln und Höhen traten hervor, 
Sümpfe und Torfmoore traten an Stelle der Seen. 

In Schweden ersdieint der Mälar als aus einer Zahl von Fjorden verbunden, 
.weiche sich sämmtUch nach der oreographisch hervortretenden Richtung NNW. — 
SSO. erstrecken, nun nach der Linie von 0.— W« verknüpft sind. Nördlich vom 
Mälar wendet sich der Dalelf^ unähnlich den anderen Flüssen Schwedens, gegen 
Nordosten, nachdem er den Quellen derjenigen Wasser, welche dem Mälar zu- 
gehen, so nahe gekommen ist, dais man veimuthen kann, er selbst habe sich 
ehemsls in eine der Buchten dieses Sees ergossen, bevor er durch Hebung des 
Landes abgelenkt wurde. 

So ist man im Stande, vom weiXsen Meere her gegen Südwesten eine Linie 
zu verfolgen, auf welcher man unzweifelhafte Spuren erfolgter Bewegungen trifft. 
Gerade das niedrige Land des mitüeren Schwedens erscheint mit seinen Aus- 
bmehsgesteinen und mit seinen tiefen, ausgedehnten Binnenseen mehr, als der 
übrige Theil Soandinaviens Veriinderungen in seinen Höhen- und Tiefenstellnngen 
erfahren zu haben. 

K. eilhau hat bereits die Fri^ nach dem wahrscheinlichen Schicksale der 
Tbierarten aufgeworfen, welche euapt in den Meeresbuchten wohnten, die vermöge 
der Hebungen in Landseen verwandelt wurden. Von solchen Arten, welche, wie 
die Lad^se, zu gewissen Zeiten, dnrdi ihre natürlichen Triebe veranlagst, ans 



V. Maack, v. Bär, Lov^n: Die ehemal. Verbind, der Ostsee etc« 155 

4uA Mifoea Wasser, ab ans ilirer Gebutsstätte, in das Meer hinabsteigen, neiat 
Keil hau, dafs sie naeh der Abspemmg dieses Weges gewifs lange Zeit in dem 
mm süisen Gewässer der Landseen sich so erhalten vermochten. Ob sie aber 
bis anf die Jetataeit als reine Säfswasserthiere bestehen konnten? .Er weist dabei 
darauf hin, dafs diejenige Form des Lachses, welche im Mjös lebt, der vordem 
anfhöfte, eine Meeresbucht zu bilden, von dem gemeinen Lachse mehr sich nn- 
terecheide, als die Art, welche von Smith im Jahre 1784, also sechaehn Jahre 
▼or der Erdfinnng des Trollhättacanals beobachtet wurde, als sie ans dem We* 
nem, der längere Zeit ein Salzwasser blieb, nach TiysUd hinaufstieg. 

Pieselbe Frage wird angeregt, wenn man anf die neuen, oben erwähnten 
Entdeckiingen meerischer Thierformen in den tief im Lande belegenen Seen bUclU. 
Die östlieh nordische Fauna, welche endlich in der Ostsee eingeschlossen blieb, 
war damals vielleicht nicht reich, indessen aber auch nicht arm, Je mehr sie 
nun eingeschlossen wurde, desto erheblicher wurden die Einflüsse des Festlandes, 
denen die Thiere des Süfswassers so unterworfen sind. Nach Erdmann fehlen 
in den Thonarten, welche über den geschichteten abgesetzt wurden, die Litorinen, 
die auch dem heutigen Hauptbecken der Ostsee, wenigstens an der schwedischen 
Küste, fremd sind. £s ist dies ein Zeichen, dais der Salzgehalt des Meerwassers 
damals bereits verringert war. In späteren Ablagerungen finden sich dagegen 
schon Limnäen und Neritinen ein. Diese Verringerung des Salzgehaltes mu£»te 
in einem Becken von solcher Ausdehnung, als wie es die Ostsee ist^ nur sehr 
langsam vor sich gehen. Anders in den kleineren, beim Rückzüge des Meeres 
in Folge der Hebung abgeschnittenen Becken. Hier mufste die Veränderung weit 
rascher vor sich gehen und zugleich den miteingeschlossenen Meere^geschöpfen 
verderblich werden. Weniger war dies der Fall bei solchen Formen, welche eine 
grölsere Fähigkeit besafsen, sieh der fremden Umgebung anzuschmiegen. Formen, 
welche schon in ihrer yorigen Heimath, dem wenig salzhaltigen Eismeere, daran 
gewöhnt waren, z. B. in der Nähe schmelz^der Gletscher oder an Flufsmundnn- 
gen sich aufzuhalten, Arten des Laehsgeschleehtes, deren Natur es mehr ver- 
langt, dafs die Jungen in sn/sem Wasser ausschlüpfen, als dais die Alten in das 
Heer wandern, konnten wohl das Leben in grofsen Seen vertragen, ja aas diesen 
selbst wieder in Flüsse hinaufsteigen, wie es in der That von mehreren Arten 
im Wenem und Wettern, auch im Saggat-Träsk und im Baikal gilt. 

Der Wettern ähnelt, nach Abrechnung einiger beschränkter, flacherer Strecken 
in den nördlichen Buchten, in Bezug auf sein Wasser und auf seine wenigen 
Arten von Thieren and Pflanzen den in der Lnle&- Lappmark liegenden, giöfse- 
ren Seen, sowie dem nördlichsten Theile des bottnischen Meerbusens. Seine 
gröfste Tiefe besitzt er längs des östlichen Strandes von Jönköping ab, stellen- 
weise über 400 Fufs. In diesen Tiefen leben namentlich die merkwürdigen Ar- 
ten der /dbMeo, des Crommarus u. s. w. , aber keine Mollusken. Bei Tiefen von 
280 — 240 Fufs hat man einige kleine Pisidien, bei 120 Fufs Limnäus vuigana 
gefunden. Characeea beginnen erst oberhalb 40 Fufs. Auch die Landflora in 
der Umgebung dieses Sees weist Arten auf, welche zuerst den Meeresküsten an- 
zugehören pflegen, z. B. Ribes nigrwm^ welches vorzugsweise an steinigen Ufern 
der Ostsee wächst, Rumex maritimus, Ohara aspera^ Potamogeton mannt», Carex 
arenariiUf Elymus arenarius. Sonst enthält die Flora auch ausgezeichnet alpinische 



1 56 Miscellen : Die ehemaUgen Yerfoiadiingen cler Ostsee mit der Konlsee etc. 

Arten. Alle diese Gew&chsarten, alpinische und Meemferlonnen, vendiwinden 
aber jetzt anter dem Reichthnme einer südlicheren , eingewanderten Flora. Was 
von Thieren einer sfidlicheren SÜfswasserfanna angehört, hält sich in den seich- 
teren Bnchten, während, wie bereits erwähnt, die nordischen Foimen den gröfse- 
ren nnd tieferen Theil des Sees vorziehen. 

Bis jetzt ist die Zahl der Exemplare, welche man von diesen, der damaligen 
Beschaffenheit der Binnenseen mehr fremden Thierarten eingebracht hat, noch 
nicht recht ausreichend, um danach eine sichere Antwort auf die Fhige zu er- 
theilen, ob diese Arten in ihrem Baue Abweichungen zeigen von demjenigen der 
noch unter ihren nrsprfingliehen Lebensbedingungen rorhandenen Exemplare, Ab- 
weichungen, welche sich aus dem Aufenthalte unter eigentlich fremdartigen Um- 
ständen herleiten lassen. Indessen läfst sich so viel erkennen, dafs die Idothea 
des Wettern in den wechselseitigen Verhältnissen ihrer EÖrpertheile gewisse kldne 
Unterschiede zeige, vermöge deren die bereits erwachsenen Individuen noch einige 
Aehnlichkeit mit den jungen, nicht ausgebildeten bewahren. Dasselbe scheint 
von dem Cottus guadricomis des Wettern zu gelten. Dieser findet sich auch 
nach Pallas und Georgi im Angara und Baikal, woselbst man auch den Garn- 
marus eancelloides des Wettern getroffen hat. Auch der Baikal stellt in vergrö- 
fsertem Mafsstabe, wie der Wettern, einen Gebirgssee dar, eine tiefe Kluft, in 
welches das Senkblei bei 2100 Fufs noch nicht den Grund erreicht hat. In dem 
Baikal lebt, wie oben bereits berührt wurde, in gleicher Weise eine Lachsart, 
welche, um zu laichen, den See verläfst und in dessen östliche Zuflüsse hinauf- 
geht Der Baikal, gleich wie der kleine Oro — welcher mittelst des Mama, des 
Witim und der Lena mit dem Eismeere zusammenhängt — , der Onega, der La- 
doga — durch die Newa gegen die Ostsee geöffnet — , der Saima — im Wuox 
bei Imatra durch einen Wasserfall von 50 Fafs Höhe abgesperrt — : alle diese 
enthalten Seehunde, und zwar, wie es den Anschein hat, eine und dieselbe Art, 
Phoea annellaia, eine hochnordische und zugleich baltische Form. Gehen nun 
die Seehunde auch weit in die Flüsse hinauf, in der Oder z. B. bis Frankfurt und 
in der Elbe bis Dessau, kriechen sie auch wohl aus einem Flnfssysteme in ein 
anderes hinüber (Boll), so sind doch in den genannten Oertlichkelten die Ent- 
fernungen vom Meere zu grofs, die Wassersysteme zu weit von einander getrennt, 
der bedeutenden Wasserfalle nicht zu gedenken, als dafs man nicht sich zu der 
Ansicht hinneigen sollte, dafs die Verbreitung auch dieser Meeresliiiere in die 
snfsen Gewässer eine ursprüng^chere sei, welche den Veränderungen vorausging, 
in denen die jetzige Vertheilnng von Land und Wasser sich herausbildete. 

Es sprechen sonach die Untersuchungen auch der noch jetzt vorhandenen 
Thierwelt, nicht blofs der in mehr oder minder fossilem Zustande auf uns herab- 
gekommenen, und der Beschaffenheit und Verbreitung der starren Erdmassen fttr 
das ehemalige Vorhandensein eines Zusammenhanges der Ostsee mit anderen 
Meeren, wie es heutiges Tages nicht mehr besteht, einerseits mit dem Eismeere, 
welcher jetzt ganz aufgehoben, und andererseits mit der Nordsee, welcher nun 
durch andere Canäle vermittelt wird, während die älteren sich geschlossen haben, 
und nur eine künstliche Verbindung mit dem Eattegatt hergestellt worden, jedoch 
auf einem Wege, welcher ehedem einer natürlichen gedient haben dürfte. 

8-g. 



157 



ITeuere literatur. 



J. Hejberger's topographische Specialkarte der Alpen Bayerns nnd Nord- 
tjrols von der Zagspitze bis zum Kaisergebirge; nnd: Ansicht der Alpen- 
kette anf der baierischen Hochebene in München aufgenommen und ge- 
zeichnet von G. y. Bezold, in Stahl gestochen von Gnllknrz. (1 Thlr. 
24 Sgr.) München, bei Mey nnd Widmayer. 1862. (1 Thlr. 6 Sgr.) 

An gaten Hnlfsmitteln zor gründlichen Bereifung der deotschen Alpen ist 
zwar seit Schaubach' 8 klaasisehem Werke und Steub's geistvollen Natur- nn4» 
Menachen- Schilderungen kein Mangel; auch für klare Orientirung im kartogra- 
phischen Bilde hat vorlängst der geschickte Zeichner und gründliche Kenner sei- 
ner Qebirgsheimath , Georg Mayr in München, durch seine allbekannte, nörd- 
lich bis München hinaufreichende Karte von Tyrol gesorgt, die ursprünglich in 
sehr klarem nnd doch characteristischem Kupferstich ausgeführt, nach langjähriger 
Abnntsimg der Platte jetzt leider nur noch unvollkommene eintönig graue Ab- 
drücke liefert Enthielt sie bei der verhältniTsmäfsig starken Beduction anf 
1 : 500,000 der Natur doch alles nicht nur für den gewöhnlichen Touristen, son- 
dern selbst für gründlichere Wanderer Wissenswürdige, so konnte sie doch in jenem 
Mafsstabe nicht füglich den Character des topographischen Bildes nnd die spe- 
cielleren Details wiedergeben, welche besonders der wissenschaftliche Zwecke ver- 
folgende, überhaupt aber jeder für genauere Kenntnifs des Alpenlandes sich in- 
teressirende Reisende bisher nur in den Grundlagen aller genauen Alpenkarten, 
den Anfnahmebiattem des baierischen nnd österreichischen QeneralBtabs finden 
konnte: Karten, die nicht nur durch ihren hohen Preis, sondern auch durch ihr 
grofses Volumen und die Ungleichartigkeit ihrer Ausführung — die österreichi- 
schen im Langen-MaTsstab von 1 : 144,000 der Natur, die baierischen in fast drei- 
mal größerem , von 1 : 50,000 (also fast nennmal scfvid Areal einnehmend) — 
dazu beide an der Landesgrenze abbrechend, also ohne Vollständigkeit nnd Ueber- 
sichtiidüceit des Terrainbildes -— die Benutzung sehr erschwerten. Dieson Uebel- 
stande hilft die obengenannte Karte ab , die allerdings für jetzt zunächst nur den 
mittleren Theil der Alpen zwischen der oberen baierischen £bene nnd dem Inn- 
ihale (noch ein wenig südlich über dieses hinansreichend) — während eine weitete 
Fortsetzung, zunächst für Mittel* nnd Südtirol iil> gleicher Ausführung verspro- 
chen wird, — diesen aber in einer für jedes Reisebednrfhifs vollkommen aus- 
reichenden Ansftihrlichkeit in einem grofsen Blatte (24" hoch, 32" laug) darstellt 
Für Tirol ist die östwreiehische Aufnahme im Originalmafsstabe beibehalten, die 
Beduction des baierischen Antheils ist, wie eine sorgfältige Prüfung gezeigt hat, 
so genau nnd vollständig erfolgt, dafs durchaus nichts wesentliches an dem in den 
viel gröfseren AufhahmebMttem enthaltenen Detail vermifst wird. Somit können 
wir diese auch äufserlich, in sehr klarem Kupferstich der Situation und Schrift 
nnd nicht übextrieben dunkler Kreideschraffirung der Berge, sehr geschmackvoll 
ausgestattete Karte > für welche der Preis sehr mälsig zu nennen ist, den Wan- 
derern ins baierische Gebirge ans voller Ueberzeugnng empfehlen. 

Dieser Karte schliefst sich als sehr instructive Beigabe der zweite oben ge- 



t5o Sitzongsbericlit der Berliner geographischen Gesellschaft. 

nannte Verlagsartikel derselben Handlung an: ein grofses, 87 Zoll hohes, fast 
15 Fufs lange» Panorama der Nordseke der baierischen and nordtirolischen Alpen 
— östlich noch ins Sal^kammergat, bis zum Dachstein, westlich bis in den schwei- 
zer Canton Appenzell, bis zum Sentis reichend, — wie sie sich von einem der 
Münchner Kirchthürme gesehen darstellen. Natürlich ist die Zeichnung, um alle 
überhaupt erkennbare Details ¥rlederzugeben, gegen das dem unbewaffneten Auge 
erscheinende Bild erheblich vergröfsert, im Uebrigen aber nicht malerisch ausge- 
führt, sondern — was für den Zweck der Orientirung gegenüber der Natur voll • 
kommen ausreicht, — in blofsen Umrissen, aber sehr klar und geschmackvoll 
gestochen; die Namen aller bedeutenden Objecte, namentlich der wichtigeren 
•Bergspitzen mit den betreffenden Höhenangaben (letztere nach den genauesten 
Messungen des baierischen und österreichischen Generalstabes) sind theiU in der 
Ansicht selbst, theils in dem beigefügten erklärenden Texte ausgeführt. Nicht 
allein dem specielleren Studium der Orographie der Alpen wird hiermit ein sehr 
willkommenes Hülfsmittel geboten: auch dem blofsen Vergnügungstouristen dürfte 
das schön ausgeführte Werk sowohl zur vorgängigen Orientirung, als zur anmu- 
thfgen Erinnerung an die durchwanderten Bergeshöhen eine sehr angenehme und 
dankenswerthe Erscheinung bieten. H. K. 



Sitzung d^r geographischen Gesellschaft zu Berlin 

vom 2. August 1862. 

Herr Dove eröffiaete die .Sitzung mit dem. motivirten Vorschlage, die dispo- 
nibeln Ziniea der Karl -Bitter -Stiftung, bestehend in 194 Thlr. 13 Sgr., als einen 
Znsohuis zu den Reisekosten des in Afrika weilenden Herrn v. Beormann au 
verwenden, welchem Vorschlage sich Herr Barth anschloDs. Derselbe wurde von 
der Gesellschaft genehmigt. 

Nach Vorlage und Besprechung- der eingegangenen Geschenke durch den 
Vorstttenden, Herrn Dove, mächte Herr Barth nach einem von Herrn Wer- 
ner Hunzinger ans El ObeA in Kordofan vom 12. Mai d. J. erhaltenen Briefe 
die Mittbeilung, dafs dieser Beisende nach Darfnr vordringen wolle, und nur die 
Erlaabnifs des dortigen Sultans erwarte. Inzwiechen besdbäftigt er sich mit Er- 
lernung der Sprache von Darfur . Kordo£ui schildert er als sehr einförmig und 
AnsMge als nicht belohnend. Der österreichische KonsnUtsverweser in Chartum, 
Herr.Dci Natterer, hat sich um diesen Beisenden das Verdienst erworben, ihm 
einen offenen Kredit von 2000 Maria -Thocesia-Thalem zu gewähren. Der Vor- 
tragende fagte noch die Nachricht hinzu, dafs Herr v. Beurmann am 20. v. M. 
von Mnrzuk über Borgu nach Wadai aufbrechen wollte, nachdem seine. Expedi- 
tion in das Tibbo*Land gescheitert war. 

Herr Ehrenberg sprach über die dnrch Herrn v. Beurmann in einem 
Briefe aus Murzuk vom 15. Juli c. ein^sandten Organismen, welche der Reisende 



8itiliiig8l»«rlclM Aw B«fliiiet geograpbitfdielit OntUMt^M. IS^ 

Amt eiaenii Salziee (SebgiMi) ^gesohöplt hatte* Die fVage, ob Afrika einen An- 
theil an den duroh den aafgtei|fenden Lvftstrom iti die Höbe gef&brten I*ä88n(^ 
steab habe, irifte der rodieD, dnreh Eisenoxyd berrorgebrachten FSrbnng des lets> 
teren sofolge sidil so scheiden möchte, indem bis dahin ans Afräa nur Orga» 
nismen von graner Farbe bekannt geworden sind, wird durch die nähere Unter- 
snchtmg der eingesandten Formen bejaht. Diese wurden sehliefsUch nebst Pro- 
ben der verschiedenen Arten des Passatetanbes und aufserdem eine neu erschie- 
nene Schrift und Karte über Adelaide von dem Vortragenden zur Ansicht vor- 
gelegt 

Herr Barth machte aus Montgomery Martin's neuestem Werke über die 
englischen Kolonien in Indien verschiedene Mittheilungen und besprach beson- 
ders die militärisch wichtigen Eisenbahnen, von welchen c. 1200 engl. Meilen 
bereits eröflnet sind, sowie die grofsen Kanal -Arbeiten swischen Indus und 
Ganges. 

Herr Dove berichtete über verschiedene für den Fortschritt der geogra^ 
phischen Wissenschaften bedeutende Schriften, namentlich über eine Broschüre 
des Dr. Schneider in St Petersburg, welche einen von diesem erfundenen, im 
üexa Ladogasee und in der Ostsee bereits angewendeten neuen Apparat zur 
Bestimmung der Tiefe des Meeres beschreibt. Dieser Apparat unterscheidet 
sich von ähnlichen dadurch, dafs bei demselben die Elektricität in Anwendung 
gebracht ist, indem im Augenblick der Berührung des Bodens durch Oeffnung 
oder Schliefsung einer galvanischen Kette ein Glockenwerk in Bewegung gesetzt 
wird. Eine andere Schrift von Symens über dieBegenmenge in England 
weist nach, dafs diese besonders stark in die Gegend der Cumberland-Seen ist 
(182 Zoll im Jahre 1861 in Seathwacte, dabei 35 Zoll allein im Monat Novem- 
ber) und an einzelnen Stellen im schottischen Hochlande. Der Vortragende war 
der Ansicht, dafs man die im Jahre 1860 ungewöhnlichen Regenmengen als eine 
Folge der Wirbelwinde zu betrachten habe, welche die Ausläufer der westindi- 
schen Hurricans wären, da sich für dieses Jahr aus den anemomotorischen Be- 
obachtungen von Greenwich und Oxford eine wohl nur so zu erklärende Abwei- 
chung vom Drehung^gesetz ergeben habe. 

Eine von Herrn Plantamour in Genf an Herrn Dove eingesandte Schrift 
aber die thermometrischen Beobachtungen auf dem grofsen St. Bernhard 
liefert u. a. das Resultat, dafs die Zeit der höchsten Wärme in der täglichen 
Periode auf dem grofsen St. Bernhard 2 Standen früher fällt als in Genf, wäh- 
rend die Zeit der gröfsten Kälte an beiden Orten dieselbe ist. Darauf legte der- 
selbe die Berechnung der im Statistical Report on the Sickness and Mortality in 
the Army of the United States, Washington 1860 enthaltenen Beobachtungen als 
Ergänzung seiner früher veröffentlichten Temperaturlehre vor; diese bezieht sich 
besonders auf die Länder im Westen der Rocky Mountains , d. h. auf diejenige 
Gegend der Erde, wo das Seeklima in der auffallendsten Weise hervortritt Auf 
diesem ganzen Striche erreichen die Regen ihr Maximum im Winter und neh- 
men nach dem Sommer hin ab, entsprechend den subtropischen Regen Süd- 
europas. 

Aufser den eben genannten wurde auch noch eine Schrift über das Klima 
von Koburg von Eberhard durch den Vortragenden vorgelegt. 



160 SilsangebwicXit der B«riiMr geogn^UiMshea' Oüdlichnft. 

SchUefsUch las Herr Barth, mit Bfickaiobt anf aeii soeben ul Beclili 
wesend gewesenen Prfisidenteii ?on Liberia Benson, den Anfiuig einer Abhand- 
lang über die Republik Liberia, welche bereits einen werthToUen Beitrag sor 
gegenwärtigen Londoner AnssteUujig en jiefom im Stande gewesen ist 

An Geschenken gijagen eint 

1) Der Bennsteig des Thüringer Waldes, von Alexander Ziegler* Nebst 
1 Karta Dresden 1862. — 2) Phcarea dt la mar du nard^ la mer Bakique et 
h mer Blanche, ewrig^s en mai 1862. Paris 1862. — 3) Zeitschrift för aUge- 
meine Erdkunde. N. F. Bd. XII. Heft 6. und XIH. Heft 1. Berlin 1862. — 
4) Petermann's Mittheilungen über wichtige neue Erforschungen im Gesammtge- 
biete der Geographie. 1862. Heft 7. Gotha. — ö) SoeUti de Geographie de ^ 
Gen^. M^moiree et Bulletin. T. IL 1861. Gen^re. ^ 6) Zeitsehnft (Sapiakt) ]>4 
der Königl. Bussischen geographischen Gesellschaft« St. Petersburg. 1861^ 2 Bde., |^ 
1862, 2 Bde. — 7) Revue maritime et coloniale. T. V*. JuiUet 1862. 1»' Li- |\^ 
▼raison. Paris. — 8) PreuTsisches Handelsarchiv. No. 27— 30. Juli 1862. ^ 
9) Unser Vaterland, herausgegeben von Dr. Hein rieh Pro hie. Bd. H. Lief, 7. 
BerUn 1862. 



%. 



i 



isW 



— 7^"! 




^T< dem, nutll$. ie-Mniehtetrfl 
im. Ori^iital . 



nähme n 



HOCHIANDe 



w 

A60ST170 «COnAZZI 

üxt^wO^vüSi voA H. Karsten.. 
1 : 800,000 

Granaäts^«- J ^p uts mm, 62S0 
Castitimmselumfiaas (SoooMeUr.) 



ni0 



W.^.Bosoia y- 76*S5'»rrrAw. 



JtÜJSL 



emat.'r..T. Stimm» 



XI. 

Die Mündungen des Mississippi. 



Von Herrn J. G. Kohl. 



1) Einleitende Bemerkungen Ii1»er die GescMehte der Erforschnng der 

Mississippi -Mündungen. 

Der Mississippi fliefst in der Hauptsache in einem mächtigen Ca- 
nale gesammelt und in nngetheilter Masse zum Meere hinab. Sogar 
in seinem flachen Delta verliert er verhältnifsmäfsig nur sehr wenig 
von seiner Wassermenge. Seine dortigen sogenannten Arme, der At- 
schafalaya, der Plaquemines, der La Fourche sind eigentlich keine 
wahren, aus einer Gabelspaltung des Hauptflusses hervorgegangenen 
Arme. Es sind vielmehr nur natürliche Gräben, in denen zu Zeiten, 
namentlich bei Hochwasser, der Mississippi überspült und ausleckt, die 
aber zum Theil auch durch den Regen und die Quellen des Delta ge- 
speist werden. Alles Wasser, welches der Mississippi durch diese 
Seiten -Canäle verliert, verhält sich zusammengenommen zu der Was- 
ser-Quantität im Hauptflusse allerhöchstens wie 1 zu 10. Sie sind 
daher auch von jeher von den Landeskundigen nie als Mississippi- 
Arme aufgefafst, erhielten ihre besonderen Eigennamen und wurden 
nicht ^Flüsse**, sondern „Bayous** genannt. Sie nehmen durchaus 
nicht an der Natur und Tiefe des Hauptflusses Theil und sind von 
ihm, wie die vielen andern kleinen Bayous, bei ihrem Austritt durch 
einen Querrücken geschieden, der zu Zeiten bei niedrigen Wasserstän- 
den gar nicht vom Mississippi überspült wird. 

Diese Ausdauer des Mississippi in einem einzigen ungemein regel- 
mäfsigen Bette von derselben Tiefe und von gleicher Breite und dazu 
auch noch von ungemein geradlinigter Richtung, in einem so niedrigen 
und flachen Lande, wie es sein sogenanntes Delta ist, wo das ge- 

Zeitscbr. f. aU«. Erdk. Nene Folge. Bd. XIII. j 1 



162 Kohl: 

geringste Hindernifs zu einer Spaltung und Abirrung Anlafs geben 
konnte, ist eines der gröfsten und nicht genug beachteten Wunder 
an diesem Strome. Der Mississippi steht in dieser Beziehung in einem 
höchst auffallenden Contraste mit dem Rhein, dem Nil, der Donau, 
der Rhone, dem Ganges, dem Orinocco, dem Amazonas und vielen 
andern deltabildenden Strömen, die alle ihre Gabeltheilungen sehr früh 
beginnen und ihre Deltaländer in zahlreichen und sehr langen Armen 
durchziehen. 

Der Mississippi ist völlig ungetheilt sogar noch weit ins Meer 
hinausgetreten, indem er sich im Salzwasser zu beiden Seiten schmale, 
langgezogene Dämme aufbaute, zwischen denen er sein süfses Wasser 
zusammenhält. Erst in einer Entfernung von 20 Meilen ' ) von der Küste 
der grofsen Deltamasse, also gewissermafsen mitten im Meere fängt 
er an sich zu spalten, und bildet dann mehrere wie die Radien eines 
Halbkreises auseinandergehende Arme, die sich ebenfalls zwischen 
Schlammdämmen zusammenhalten und schliefslich nach einem Laufe von 
15 bis 16 Meilen im Meere enden. 

Diese wirklichen Arme des Mississippi haben, ganz anders als 
jene oben genannten ihm angehängten „Bayous", wie der Strom selbst 
breite und tiefe Betten und sind nicht von ihm durch Querrücken ge- 
schieden. Der Stamm des Flusses selbst legt und spaltet sich in der 
That in ihnen wie in seine Theile auseinander. — Sie sind so ziemlich 
gleich lang, weichen unter gleichen Winkeln von einander ab, wie die 
Finger einer ausgespreizten Hand, haben zwischen sich sehr ähnlich 
gestaltete Baien und geben daher ein, obgleich buntes, doch sehr regel- 
mäfsiges Bild. Sie gleichen ungefähr der Figur einer Adlerklaue. Es 
ist mir kein zweiter grofser Strom auf dem Erdboden bekannt, der, 
unter gleich eigenthümlichen Verhältnissen, seine Vermählung mit dem 
Oceane zu Stande brächte. 

Auf der ganzen Nordküste des Golfs von Mexico ist keine Land- 
spitze, die so weit von der allgemeinen Linie abweichend südwärts 
ins Meer vorträte, wie dieser Haufen schlammiger Inseln und Halb- 
inseln, die den Mund des Mississippi bilden. Mit hohem Schilfe, röh- 
rigten Gebüschen und hier und da mit Bäumen bestanden wie sie sind, 
erscheinen sie von weitem gesehen wie ein weitgreifendes isolirtes Vor- 
gebirge. Sie mufsten allen den ersten Entdeckern der Küste in den 
Wurf kommen und von ihnen umsegelt werden. Sie erhielten daher 
frühzeitig, ehe man den Flufs dabei als die Hauptsache erkannt hatte, 
die Benennung „Vorgebirge". 



') Unter ^Meilen** ohne weiteren Zusatz, verstehe ich in diesem Ansätze im- 
mer w Seemeilen**, 60 auf einen Grad. 



Die Mündungen des Mississippi. 163 

Der Spanier Pineda, der erste Seefahrer, der (im Jahre 1519) die 
Nordküste des mexikanischen Meerbusens erkannte, nannte sie auf sei- 
ner Karte: ^Cabo de Sta. Groz^ (das heilige Ereozcap), und diesen 
Namen scheinen sie ziemlich lange behalten zu haben. Denn man 
findet ihn fast auf allen Karten des 16. Jahrhunderts, immer in der 
Mitte der Nordküste des Golfs, stets als einen sehr hervorragenden 
Gegenstand und unveränderlich in 29 • N. Br., unter welche Breite un- 
gefähr schon Pineda den Mississippi -Mund versetzte. Allen Nachfol- 
gern des Pineda, allen von Mexico nach Europa heimkehrenden Flot- 
ten der Spanier, die dabei oft sehr weit nordwärts hinaufsegelten, mufste, 
wenn auch sonst nichts vom Lande, doch dieses „heilige Kreuzcap^ in 
Sicht kommen. Es brachte sich bei ihnen stets in Erinnerung und 
wir sehen daher seinen berühmten Namen häufig selbst auf solchen 
Seekarten erscheinen, die aufser ihm sonst nichts Specielles weiter auf 
dieser Küste verzeichnet haben. 

Die zweite europäische Expedition, die nach der des Pineda (im 
Jahre 1519) wieder den Mississippi -Mund zu sehen bekam, war 
die unter dem unglücklichen Narvaez, der im Jahre 1528 vor der 
Mündung des Mississippi unterging. Und die dritte war die kleine 
Truppe flüchtiger Spanier, die unter Moscoso, dem Nachfolger De So- 
to's, von den Indianern verfolgt, im Jahre 1543 den Mississippi herab- 
kamen. Sie waren die ersten Europäer, die das ganze Delta des gro- 
fsen Stromes durchschijOften , seine Spaltung in mehre Arme, die oft 
in den Berichten über Moscoso's Fahrt erwähnt wird, erkannten, sowie 
auch aus seiner Mündung ins Meer hinausfuhren. 

Nach Moscoso führt uns die Geschichte für lange Zeit mit Be- 
stimmtheit keinen Seefahrer auf, der die Mississippi -Mündung wieder 
erreicht hätte. Die französischen Pelzhändler und Missionäre von Ca- 
nada waren die ersten, welche ihn am Ende des 17. Jahrhunderts von 
Neuem entdeckten. Der unternehmende La Salle kam im Jahre 1682 
den Mississippi in Canoes herunter und erreichte den Meerbusen von 
Mexico. Er ist der eigentliche erste Erforscher der Flufs- Mündung, 
denn er recognoscirte alle seine Hauptarme, sondirte auch das Meer 
in seiner Umgegend, errichtete an dem Theilungspunkte der Arme ein 
Monument, und suchte auch die geographische Lage dieses Punktes 
astronomisch zu bestimmen. Zu welchem Resultate er dabei gekommen 
ist, darüber weichen die Berichte sehr ab. Einige sagten, La Salle habe 
die „Breite'' der Flufsmündung in 27« N. Br. ») gefunden. Andere be- 
haupteten, er habe versichert, die Mündung befinde sich zwischen 28* und 



') S. hierüber das Document in French CoUection of Docttments relating for 
ihe HUtory of the Missiasippi. Vol. I. p. 49. 

11« 



Ig4 Ko^i- 

29* N. Br. *). Von der ^Länge^, die er gefunden haben mag, ist nirgends 
die Bede. La Salle selbst hielt die Sache nach der Gewohnheit der 
Zeit sehr geheim, und daher rührte denn auch die Ungewifsheit seiner 
Zeitgenossen, Begleiter und Geographen über die eigentliche Lage des 
Mississippi- Mundes. 

La Salle kehrte auf dem Strom nordwärts nach Ganada zurück, 
wandte sich von da (1683) nach Frankreich und erhielt- vom Könige den 
Auftrag, die Mississippi -Mündung zu besetzen und zu colonisiren. Er 
wurde mit einer kleinen Kriegsflotte ausgesandt, um seine Golonisten 
dahin überzuführen. Er und die Seinen konnten indefs (1685) den 
Mündungspunkt, den sie von Ganada aus erreicht hatten, vom Golf von 
Mexico aus nicht wieder finden. Sie wurden an die Küste des heu- 
tigen Texas verschlagen, wo sie sich festsetzten und ein Fort bauten, 
indem sie ihre Seeschiffe nach Hause sandten, in der Hoffnung, dafs 
sie hier nicht ganz weit mehr von der Mündung des grofsen Stromes 
entfernt sein könnten. 

La Salle ahnte nicht, dafs er den Flufsmund noch über 500 Meilen 
weit im Osten hatte, machte mehrere vergebliche Versuche, ihn von sei- 
nem Standquartiere aus wieder zu finden, und wurde endlich (1687) von 
seinem Schicksale erreicht, ohne den Mississippi wieder gesehen zu haben. 

Die nächste französische Expedition nach La Salle, die den Mis- 
sissippi-Mund wiedersah, war die, welche Herr von Tonty im Jahre 
1686 von Ganada aus den Flufs zum mexikanischen Meerbusen hinab- 
führte, in der Hoffnung, dafs er seinen Freund La Salle dort schon 
mit den Seeschiffen antreffen würde. Tonty recognoscirte alle Arme 
des Flusses, sandte auch in Böten Leute aus, theils westwärts, theils 
ostwärts von der Mündung, die 30 Lieux weit längs der Küste segel- 
ten, aber bald zurückkehrten, ohne La Salle gefunden zu haben. Tonty 
und seine Leute sollen dabei auch eine Karte vom Mississippi aufge- 
nommen haben '). Sie kehrten dann aber unverrichteter Dinge auf 
dem grofsen Strome nach Ganada zurück. 

Als die Unternehmung der Franzosen von Ganada her zum Missis- 
sippi-Munde bekannt wurde, setzten sich alsbald auch die Spanier in 
Bewegung und sandten Kriegs - und Forsch-Expeditionen zur Nordküste 
des mexikanischen Meerbusens aus. Zuerst eine (1685) unter dem Pi- 
loten Juan Enriquez Barroto, dann eine zweite (1 687) unter dem Gom- 
mando von Don Andreas de Pes und eine dritte (1688) unter demsel- 
ben Pes. Diese spanischen Seefahrer recognoscirten die Umgegend der 
Mississippi-Mündung, um die Franzosen aufzuspüren und zu vernichten. 



') Dies sagt Barcia. 

') Dies interessante Dokument ist und nicht erhalten wordena 



Die Mündungen des Mississippi. Jg5 

Bei Gelegenheit dieser Expeditionen der genannten Spanier er- 
hielten sowohl der Mississippi selbst als auch die äufsersten Land- 
spitzen seiner Arme neue spanische Namen. Für den Flafs kam der 
Name Rio de la Pali^ada oder ^de las Pali^adas^ (Flafs der Holzflösse) 
auf, und das Landende der Mßndung wurde ^Cabo de Lodo^ (das 
Schlammcap) genannt. Barcia sagt, dafs der Seefahrer Barroto im 
Jahre 1686 zuerst diesen Namen gegeben habe, zu dem offenbar 
das den Mississippi -Mund umgebende trübe Wasser und seine vielen 
Schlamm - Inseln die Veranlassung gaben. Derselbe Name findet sich 
im 18. Jahrhundert noch bei vielen spanischen Geographen und auf 
ihren Karten. Man deutete damit, wie es scheint, nicht auf eine be- 
sondere Spitze jener vielgespalteten „Adlerklaue" hin, sondern bezeich- 
nete damit das Ganze. Der Name vererbte sich auch von den spani- 
schen auf die englischen und französischen Karten. Man findet ihn un- 
ter andern noch auf den Karten des berühmten französischen Geo- 
graphen D'Anville um die Mitte des 18. Jahrhunderts, obgleich damals 
doch die Mississippi -Arme schon längst erkannt und richtig situirt wa- 
ren. — D'Anville übersetzt auf seinen Karten das Spanische „Cabo de 
Lodo** ins Französische mit „Cap de la Boue.** — 

Auch der Engländer Jeffrys hat sogar noch auf seinen Karten (im 
Jahre 1768} zu den Mississippi -Mündungen den Namen „Cabo de 
Lodo" (bei ihm corrumpirt zu „Lado**) geschrieben. 

Nach Tonty's Expeditionen, sowie nach La Salle's unglücklichem 
Ende geriethen zunächst die Unternehmungen der Franzosen zum Mis- 
sissippi für ein Jahrzehend in Stocken, wozu auch die Gegen -Expe- 
ditionen der Spanier das Ihrige beigetragen haben mögen. Und in 
Frankreich wurde die Frage, wo denn eigentlich der von La Salle und 
Tonty gesehene Mississippi -Mund zu suchen sei, ein Gegenstand der 
theoretischen Speculation. 

„Es war um diese Zeit", so berichtet uns Guillaume Delisle '), 
„unter den französischen Geographen ein Gegenstand vieler Diskussio- 
nen, an welchem Flecke der Mississippi den Ocean erreiche". Sie 
hegten darüber die verschiedensten Ansichten „entweder weil sie dem 
La Salle, der den Flufs von der See her nicht wieder finden konnte, 
mifstrauten, oder weil La Salle das Geheimnifs der von ihm erkann- 
ten Wahrheit Niemandem verrathen hatte." Sie fanden auf den alten 
Karten von Florida keinen Flufs verzeichnet, in welchem sie die Gröfse 
und Eigenthümlichkeiten, die La Salle und Tonty dem Mississippi bei- 



') Siehe Delisle's merkwürdigen Brief hierüber in dem Recueil de Voyages au 
Nord. Amsterdam. 1782. Vol. IV. p. 555 sqq. Dafs dieser Brief im Jahre 1690 
geschrieben worden ist, wird mir daraus klar, dafs Iberville's Reise, die in dies« 
Jahr fiült, als eben angefangen darin erwähnt wird. 



166 Kohl: 

legten, eu erkennen vennochten. Einige, unter ihnen der berühmte 
Thevenot, behaupteten, „dafs der Mississippi eigentlich gar keinen wahr- 
nehmbaren und offenen Mund habe, sondern, dafs er sich im Innern 
des Landes in Lagunen und Sümpfen verlöre^. Andere, unter ihnen 
besonders der Abbe Bemou, verneinten dies und bewiesen, „dafs ein 
so mächtiger Flufs, wie nach der Beschreibung des Marquette, La Salle 
und Tonty der Mississippi sein müsse, nicht ganz und gar in Sümpfe 
verloren gehen könne, dafs er vielmehr eine breite, tiefe und weite 
Mündung in der See haben müsse.^ Aber sie gaben zu, dafs diese 
Mündung vielleicht gar nicht in der Mitte der Nordküste des Golfs 
von Mexico sei, wo La Salle von der See her vergebens darnach ge- 
sucht habe. 

Einige stellten daher die Vermuthung auf, dafs der sogenannte Rio 
Escondido (der versteckte Flufs), den die spanischen Karten seit alten 
Zeiten als einen mächtigen Strom auf der Küste unseres jetzigen Texas 
dargestellt hatten, der wahre Ausflufs des Mississippi sei. Dies war 
insbesondere die Idee des Paters Coronelli, des berühmten Geogra- 
phen der Republik von Venedig, der demzufolge auch wirklich auf sei- 
nen Karten die Mündung des Mississippi an die westlichste Küste des 
Golfs von Mexico in die Gegend unseres heutigen Rio Bravo, und in 
denselben Meridian mit der Stadt Vera Cruz verlegte. „Viele andere 
Geographen und Kartographen adoptirten diese Ansicht von Coro- 
nelli ')•" 

Delisle selbst, „nach einem sorgfältigen Studium der alten Be- 
richte des Cabe^a de Vaca, des De Soto und einiger holländischen 
Bücher (^quelques livres Hollandois^) und nach dem Vergleich der Ori- 
ginal-Karten des La Salle, Tonty und anderer** kam (im Jahre 1699) 
zu dem Schlüsse, dafs der Mund des Mississippi 100 Lieux weit im 
Ostnordosten der Mündung des Rio Escondido (Rio Bravo) liegen 
müsse. Delisle kam damit so ziemlich in die richtige Breite der Mün- 
dung, aber in Bezug auf ihre Länge irrte er sich noch ungefähr um 
70 Lieux zu weit westlich. Diese übermäfsig weite Verlegung der 
Mississippi -Mündung nach Westen figurirt noch auf vielen späteren Kar- 
ten, und man kam erst sehr allmählig davon zurück. 

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts nahm Ludwig XIV das Projekt, 
den Mississippi weiter erforschen und militärisch besetzen zu lassen, 
wieder auf. Und im Jahre 1699 kam der Begründer und erste Gou- 
verneur des franzosischen Louisiana Iberville zum Mississippi und baute 
hier im Osten des Flufsmundes im „Mississippi -Sunde** die erste blei- 
bende französische Befestigung und Colonie „Biloxi** genannt. Er 
und seine unternehmenden Brüder (die Herren von Bienville, von Se- 



^) S. den oben citirten Brief von Delisle. 1. c. p. 562 — 564. 



Die Mündungea des Blississippi. Ig7 

rigoy, von Saavole) sowie seine Offiziere und Nachfolger im Amte 
durchforschten nun von Biloxi aus in zahlreichen Expeditionen, auf 
deren Einzelheiten ich mich hier nicht einlassen kann, das grofse Mis- 
sissippi-Delta, entwickelten die ganze Geographie des grofsen Stromes 
und gaben allen Partien desselben französische Namen, die bis auf die 
heutige Zeit geblieben sind. 

Die kurzen Zweige des Mississippi bei seiner Mündung erhielten 
dabei den Namen ^Les Passes^, womit die Franzosen das ganze En- 
semble der Flulsarme, Inseln, Halbinseln und Baien bezeichneten. Die 
Spanier liefsen später, als die französischen Bezeichnungen des Missis- 
sippi die gebräuchlicheren geworden waren, ihren Namen Cabo de Lodo 
fallen und übersetzten das französische „Les Passes^ mit „Las Pasas'^, 
das man in vielen spanischen Derroteros und Karten der Neuzeit seit 
dem letzten Viertel des 18. Jahrhunderts findet. 

Auch die Amerikaner haben diesen Namen angenommen, ihn mit 
y^the Passes^ übersetzt, und er ist an Ort und SteUe selbst unter den 
Leuten sehr beliebt. Sonst bezeichnen aber die amerikanischen Hy- 
drographen das Ganze auch wohl mit dem Namen y^the Mouths of the 
Mississippi'^ (die Mündungen des Mississippi) und manche nennen diese 
extreme Partie, die kleine Krone des ganzen grofsen Mississippi -Del- 
tas: j^The Delta of the Mississippi^ '), was nicht so ganz unbegründet 
ist, wenn man bedenkt, dafs, wie ich oben sagte, hier der Flufs erst 
ganz kurz vor seinem Ende seine wahre Gabelspaltung und die Bil- 
dung eines Griechischen // beginnt. Dies wäre denn die möglichst 
engste Auffassung des Begriffs „Mississippi -Delta^. Nach der mög- 
lichst weiten Auffassung fängt das „Delta des Mississippi^ schon gleich 
bei der Ohio -Mündung mit der obersten Spitze des grofsen AUuvial- 
Boden- Stücks des Flufsthales an, während nach der dritten oder ge- 
wöhnlichen Auffassung der Anfang des Delta gleich unterhalb der 
Mündung des „Red River^ bei der ersten Abzweigung des grofsen 
Bayou Atschafalaya zu suchen ist. 

Die Franzosen erforschten, recognoscirten und kartographirten die 
„Pässe^ des Mississippi im Anfang des 18. Jahrhunderts ebenso wie 
das ganze Delta, und gaben ihnen ihre noch jetzt geltenden Benen- 
nungen, die nun ins Englische übersetzt wurden. Sie wurden in ihren 
allgemeinen Berichten und Karten über den Mississippi als ein Theil 
des Delta häufig beschrieben und verzeichnet. Es kann hier nicht 
meine Absicht sein, aUe diese Schilderungen und Darstellungen, bei 
denen die Pässe nur als ein Anhängsel behandelt werden, eine Revue 
passiren zu lassen. Eine solche Uebersicht gehört in das Capitel der 



') unter andern geschieht dies namentlich aach in den Karten und Berichten 
des üniUd StaUa Cocut Survejf, 



168 Kohl: 

General- Karte des Mississippi und seines grofsen Delta. Dagegen will 
ich diejenigen Karten -Aufnahmen, die sich vorzugsweise mit den Päs- 
sen besch&fdgt haben, so weit sie mir bekannt wurden, nahmhaffc 
machen. 

Die erste specielle Schilderung der „Pässe '^ ist die des berühmten 
Jesuiten Charlevoix, der im Anfange des 18. Jahrhunderts das ganze 
franzosische Nord -Amerika bereiste und beschrieb und namentlich auch 
im Mississippi -Delta den französischeu Ingenieur Pauger, der im Jahre 
1722 mit Aufnahmen in dieser Gegend beschäftigt war, begleitete. 
Nach den Resultaten ihrer Forschungen gab Charlevoix seine Schil- 
deruDg der Pässe, die sich im 3. Bande (p. 441 sqq.) seines bekannten 
grofsen Werkes über Canada befindet. Es ist unter den gedruckten 
umständlichen Schilderungen des Mississippi -Mundes die älteste, die 
ich kenne. 

Im Jahre 1725 entwarf ein anderer französischer Ingenieur, ein 
gewisser „Sieur Diron^, wieder eine besondere Karte des Mississippi- 
Mundes, die ich gesehen habe. Die Karten einzelner Pässe, welche 
Charlevoix's Werk begleiten, sind aus späterer Zeit, aus dem Jahre 
1744, in welchem Jahre der bekannte Geograph N. Bellin in Paris 
eine grofse Generalkarte der Mississippi -Pässe {Carte des Embouchures 
du Mississippi sur les Manuscripts du Ü4p6t des Cartes et Plans de la 
Marine) anfertigte. 

Leider sind diese ältesten Karten der Pässe sehr ungenau, aber 
freilich dennoch wegen der Andeutungen, die sie enthalten, werthvoll. 
Sie würden für die Geschichte der natürlichen Veränderungen im Mis- 
sissippi-Munde unschätzbar sein, wenn es damals möglich gewesen 
wäre, ihnen in Bezug auf Wassertiefen, Inselumrisse, Sandbänke etc. 
diejenige Vollständigkeit zu geben, welche unsere See- und Küsten- 
Karten jetzt besitzen. 

Unter der Herrschaft der Spanier über die Mississippi- Gegenden 
während der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts scheint wenig far 
die specielle Erforschung des Mississippi -Mundes gethan zu sein. Doch 
finden sich in den verschiedenen Ausgaben des alten spanischen „Der- 
rotero für die Schififahrt nach Westindien ^ auch Beschreibungen der 
Einfahrten zu unseren Flufs, die nicht ohne Interesse sind. 

Aber die Engländer führten in dieser Zeit, als sie 1763 Florida 
von Spanien bekamen und es 20 Jahre behielten , einige sehr interes- 
sante Karten -Aufnahmen im mexicanischen Meerbusen aus (vom Jahre 
1764 bis 1771). Diese Karten gab der Engländer Gould heraus, der 
einen Theil der Aufnahmen selber leitete. Unter Gould's Karten fin- 
det sich auch eine Specialkarte der „Mississippi- Pässe ^. 

Im Anfange des 19. Jahrhunderts, als das Mississippi -Delta den 
Vereinigten Staaten zufiel, wurden zwar verschiedene Untersuchungen 



Die Mündangen des Mississippi. \QQ 

der Pfisse vorgenommeD, sowohl von amerikanischen Privaten und anf 
Veranstaltung des ^Gouvernements des Territoriums von New Orleans**, 
als aach auf Befehl der Unions- Regierang. Es entstanden daraus die 
Karten Louisiana's und des Mississippi -Deltas von Darby, Pili6, La- 
fond, Lieutenant Bowman und von anderen, auf denen indefs immer 
die Pässe nur höchst unvollkommen dargestellt wurden. 

Auch die speciellen Aufnahmen des Deltas und der Pfisse des 
Mississippi, die auf Anordnung des Gouvernements des Staats von 
Louisiana im Jahre 1829 von R. Delafield unter der Oberleitung des 
Ober -Ingenieurs des Staats- und Brigade -Generals Charles Gratiot 
gemacht wurden, führten nicht zu einer genügenden Darstellung der 
Mündangen '). 

Endlich wurde aber in den Jahren 1838 und 39 auf Befehl der 
Vereinigten Staaten vom Capitän Talcot eine Untersuchung und Auf- 
nahme der Pässe des Mississippi ausgeführt, die allen Ansprüchen und 
Erwartungen genügte. 

Capt. Talcot's Thätigkeit war ausschliefslich den Pässen gewidmet 
und ging ins grofse Delta des Flusses nur bis zum Fort Philipp hinauf, 
das etwa 40 Meilen oberhalb der Mündungen liegt. Auf den grofden und 
zahlreichen Karten, die das Resultat seiner Aufnahmen waren, deren 
Originale im Archive der topographischen Ingenieure zu Washington 
aufbewahrt sind, gab er das genaueste Bild des Mississippi- 
Mundes und aller seiner Theile und Umgebungen, das bis- 
her noch gegeben war. Von seinen Karten liefs das besagte Bu- 
reau im Jahre 1839 einen kurzen Auszug machen, der publicirt wurde. 

Auf dieser Talcot'schen Karte beruhen bis jetzt in der Hauptsache 
alle Darstellungen des Mississippi -Mundes auf unseren heutigen See- 
karten, da nach ihm bis auf den heutigen Tag nie wieder eine so ge- 
naue und ihnen allein gewidmete Recognition der „ Pässe ^ vorgenommen 
wurde. Die Talcot'sche Karte wird sogar noch in den allemeuesten 
amerikanischen Berichten über das Mississippi -Delta, die zu keiner 
besseren General -Karte der Pässe geführt haben, reproducirt. 

Die interessanten Berichte und Schriften Capt. Talcot's und seiner 
Offiziere über ihre Operationen blieben bis zum Jahre 1860 in dem 
Archive zu Washington vergraben. In diesem Jahre erhielt Capt. Hum- 
phrey die Erlaubnifs sie zu publiciren und man findet sie jetzt — we- 
nigstens zum Theil — in dem Anhang zu dem ausgezeichneten Werke 
dieses Offiziers über den Mississippi gedruckt. 

Nach Capt. Talcot's Vermessung im Jahre 1838 hat sich Niemand 



') Diese und die meisten der vorhin genannten Karten befinden sich theils ge- 
druckt, theils in Manuscripten in den Archiven des „Bureaus der topographischen In- 
genieure* zu Washington, wo ich sie oft studirt und verglichen habe. 



170 Kohl: 

wieder mit dem Ganzen der Pässe speciell beschäftigt, obgleich sie häufig 
wieder bald in dieser bald in jener Beziehung Gegenstand der Unter- 
suchung gewesen sind. Seit dem Jahre 1850 haben die Offiziere der 
amerikanischen Küsten -Vermessung viele Beobachtungen über die Pässe 
gemacht und auch einzelne derselben mit ihren Barren dargestellt *). 
Zu einer durchgreifenden Untersuchung ist man dabei bis jetzt aber 
noch nicht gekommen. 

Auch die grofsartige Untersuchung der ganzen Alluvial -Region 
des Mississippi, die vom Jahre 1850 bis 1861 unter der Leitung des 
Capt. Humphreys geführt wurde, konnte wegen ihrer mannichfaltigen 
Aufgaben der Aufnahme und Eartographirung des Mississippi -Mundes 
nur einen Theil ihrer Kräfte widmen. Einzelne Pässe, namentlich der 
Südwestpafs, wurden indefs speciell dabei untersucht und auch sonst 
viele neue Beobachtungen über das Ganze des Mündnngs- Phänomens 
gemacht, sowie auch Vieles von dem bisher Bekannten vortrefflich zu- 
sammengestellt. — Der Bericht des genannten Herrn über seine und 
seiner Mitarbeiter, Oberst -Lieutenant Long und Lieutenant Abbot etc. 
zwöl^ährige Operationen wurde im Jahre 1861 mit vielen Karten ver- 
sehen in Washington gedruckt. Viele der in dieser Abhandlung ent- 
haltenen Fakta sind jenem bedeutendsten und neuesten amerikanischen 
Werke über den Mississippi entnommen '). 

2) Beschaffenheit des Terrains und Meeresgrundes, anf dem die „Pässe*' 

des Mississippi aufgebaut sind. 

Die ganze Gestaltung der Mündungen des Mississippi hängt na- 
türlich vorzugsweise von der Gonfiguration des Fundaments ab, auf 
dem sie ruhen, und indem ich nun den Versuch zu einer möglichst 
vollständigen Schilderung der Mississippi -Pässe wage, will ich daber 
zunächst von der Beschaffenheit des Meeresgrundes in ihrer Nähe 
sprechen. 

Es ist ein durch vielfache Untersuchungen längst bestätigtes Fak- 
tum, dafs der Golf von Mexico einen in seinen Central -Partien aufser- 
ordentlich tiefen Kessel bildet, während er aus diesem zuweilen über 
1000 Klafter tiefen Abgrunde nach den Küsten zu ziemlich schnell auf- 



') Man findet diese Aufnahmen in den verschiedenen Reports des Ühited States 
Coast Survey verstreut. 

^) Es hat den Titel: Report upon the Physics and Hydraulics of the Missis- 
sippi River etc, prepared hy Capt. A, A. Humphreys and Lieutenant ff. L. Abbot. 
Philadelphia 1861, Ich werde es im folgenden blofs kurz mit »Capt. Humphreys** 
citiren. 



Die Mündungen des Mississippi. 171 

steigt and rings umher an den Rändern des ihn umgebenden Oontinents 
breite submarine Plateaus bildet, deren Bücken so wenig tiefes Was- 
ser hat, dafs man beinahe sagen kann, es seien nur vom Meere über- 
schwemmte Lfäuder. 

Diese submarinen Plateaus finden sich an den Küsten von Florida, 
Texas, Mexico, Yucatan und auch längs der Nordküste des Busens. Sie 
sind nach dem Innern des Golfs zu anfangs schwach geneigt, liegen erst 
10 dann 20 Klafter tief unter der Oberfläche des Meeres und sinken 
oft erst in einer Entfernung von 50 bis 100 nautischen Meilen vom 
Uferrande bis auf 100 Klafter ab. Haben sie diese Tiefe erreicht, 
so fallen sie dann aber plötzlicher und schroffer ab zu 200 und 300 
Klafter und mehr^ und sehr schnell auch zu Tiefen, in denen man mit 
einem Senkblei von 1000 Klaftern keinen Grund gefunden hat Man 
kann daher etwa die „Hundertfaden -Linie^ als den äufseren Rand die- 
ser grofsen Küsten -Plateaus betrachten. 

An ihren Ufer -Rändern sind diese Plateaus, da wo sie am we- 
nigsten tief sind, mit verschiedenen Formationen neueren Ursprungs 
bedeckt. Die Corallen-Thiere Florida's haben ihre Klippen und Keys 
auf sie hinausgebaut. Und hier und da haben Winde und Meeres- 
brandung Nehrungen, Dünenstriche und Sandinseln auf ihnen zusam- 
mengeweht. Eine ganze Kette solcher Gebilde zieht sich zum Beispiel 
längs der Nordküste des Golfs von Mexico bis zum „Mississippi-Sande^. 

Endlich haben auch die Flüsse ihren Detritus und ihre Deltas auf 
diesen Plateaus deponirt, und namentlich hat der Mississippi einen 
grofsen Abschnitt von ihnen mit seinem grofsen Delta bedeckt, indem 
er das Meer zurückdrängte. 

Der ursprüngliche Uferrand ist daher überall, insbesondere aber 
beim Mississippi, verdeckt und nicht leicht herauszufinden. Verlängert 
man indefs die Linie der Nordküste des Golfs von Mobile und von dem 
Mississippi -Sunde her gerade nach Westen bis in die Gegend der 
Mündung des Sabine -Flusses an der Grenze von Texas, so wird man 
auf diesem Striche fast überall das ursprüngliche Hochland, die alte 
ursprüngliche Küste des Golfs von Mexico finden und darf annehmen, 
dafs aller Alluvial - Boden im Süden dieser Linie neues Land ist, wel- 
ches der Mississippi auf dem Rücken des bezeichneten submarinen Pla- 
teaus hinausbaute. 

Die äufserste und jüngste Bildung dieses neu entstandenen Landes, 
die ^Pässe^, liegen auf jenem Plateau am weitesten hinaus vorgeschoben. 
Sie befinden sich schon in der Nähe des Plateau -Randes, in der Nähe 
jener „Hundertfadenlinie", wo der Golf schnell zu unergründlichen Tie- 
fen hinabschiefst. Schon wenige nautische Meilen von der äufsersten 
Spitze der Pässe, in einem Abstände von 10 bis 15 Meilen, sinkt der 



172 Kohl; 

Meeresgrund eu 100 und 200 Faden, und darauf folgen alsbald in kur- 
zer Distanz jene grofsen Tiefen von mehreren hundert Faden. 

Diese rasche Vertiefung des Meeresgrundes findet nur in der Nähe 
der Flufsmündung statt, zu beiden Seiten derselben, längs der nördlich 
zurückweichenden Küste, ist die Vertiefung unvergleichlich viel allmä- 
lieber. Dort findet man oft erst in einem Abstände von 24 Meilen von 
der Küste 50 Faden Tiefe. Beim „ Südwestpasse ^ hat man dagegen in 
einer Entfernung von 1 1 Meilen schon 900 Fufs. 

Dies ist natürlich für die zukünftige Entwickelung und spätere 
Geschichte des Delta und der Mündungen des Mississippi der merk- 
würdigste und entscheidendste Umstand. Man kann sagen, dafs der 
Mississippi in unserer jetzigen Weltepoche gerade am Ende seines Fort- 
schritts angekommen sei. In nachfolgenden Zeitaltern werden alle die 
Massen Schlammes und Materials, die er mit sich bringt, nicht genü- 
gen, um die ungeheuren Schlünde, die vor ihm liegen, auszufüllen. Es 
ist dies bei ihm ganz anders, als z. B. bei dem Nil und Ganges, die 
noch weit gestreckte, sehr allmälig absteigende Meeresgründe vor sich 
haben und die noch Aussicht auf längeren Wachsthum darbieten *). 
Dagegen befinden sich die äufsersten Bildungen des Mississippi -Delta 
in einer ähnlichen Position wie die südlichsten Bildungen der Corsl- 
lenthore von Florida, von denen auch Agassiz bemerkt hat, dafs sie, 
nachdem sie den gröfsten Theil der Halbinsel Florida gebaut haben, 
jetzt am Rande so tiefer Meeresschlünde (in der Strafse zwischen Flo- 
rida und Cuba) angekommen sind), dafs sie nicht weiter bauen kön- 
nen und das Meer dort nicht ferner verengen werden '). 

Die Oberfläche des submarinen Plateaus, aus dem die Bildungen 
des Mississippi -Deltas hervorstehen, ist jetzt zwar rund um die Mün- 
dungen umher mit Schlamm und Sand bedeckt. Nichts destoweniger 
aber darf man daraus nicht schliefsen, dafs das Plateau selbst im We- 
sentlichen aus dem Alluvium des Flusses hervorgegangen sei. Bohrun- 
gen, die man im Delta des Mississippi angestellt hat, haben überall 
auf eine das Delta unterliegende Lage eines harten, zähen blauen Thons 
geführt, der kein Alluvium des Flusses, vielmehr ein sehr altes geolo- 



*) Man vergleiche hier die interessante Karte über die Sondirungen im Meerbusen 
von Mexico, enthalten in dem United States Coast Survey Report von 1855, nament- 
lich die dort bezeichneten Linien M. L, F. £, N. O, und U. V. M. 

') Nach der Ansicht des amerikanischen Capitäns Humphrey stOrzt der Missis- 
sippi nicht nur überhaupt auf grofse Meerestiefen zu, sondern zielt geradeswegs aof 
die Linie der Haupttiefe des ganzen Golfs, und sucht, wie jener Capitän sich aus- 
drückt, „die niedrigste Rinne des Thals* des Golfs, ebenso wie er im Innern 
des Landes überall die niedrigste Rinne des grofsen continentalen Beckens, das seine 
lieben «Arme durchströmen, aufsucht. S. Capt Hiimphreys. 1. c. p. 441. 



Die Mündangen des Mississippi. 173 

gisches Gebilde ist. Es ist wahrscheinlich, dafs anch das Plateaa in 
der Nähe des Mississippi- Mundes aus diesem alten blauen Ton be- 
steht, und nur mit einer yerhältnifsmäfsig dünnen Schicht von FloTs- 
schlamm bedeckt ist '). 

3) Der Hals der Pässe. 

Die eigenthümliche lange und schmale Halbinsel, in deren Mitte 
der Fluid von dem Funkte an, wo er die Hauptmasse des Festlandes 
hinter sich läfst bis zum Gabel* oder Theiiungs- Punkte der Pässe wie 
in einem Aquäducte hinfliefst, sollte einen eigenen geographischen Na- 
men haben. In Ermangelung eines solchen will ich sie, da sie hais- 
förmig ist und das ausgespreizte Terrain der Pässe selbst, wie ein ihm 
aufgesetzter Kopf erscheint, als „den Hals der Pässe'^ bezeichnen. 

Dieser „Hals^ ist etwa 20 Meilen lang. Er hat zu beiden Seiten 
einen schmalen Streifen Landes. Im Durchschnitt mögen diese bei- 
den Landstreifen als etwa eine halbe nautische Meile breit angenom- 
men werden. Doch sind sie streckenweise sogar nur einige hundert 
Schritt breit. Es ist durchweg niedriges, sumpfiges mit Gesträuchen 
und Schilfröhricht besetztes Terrain, das nur wenige Fufs über dem 
Meere erhaben ist. Zur Seite jedes Streifens liegt ein geräumiger 
Meerbusen, im Osten die „Baj Ronde^, im Westen die „West-Bay**. 
Wer durch den Aquäduct hinabsegelt, erblickt vom SchijQfe aus über 
die schmalen Landstreifen hinwegschauend zu beiden Seiten jene Baien 
und glaubt schon mitten im Meere zu sein. 

Eine anscheinend so schwache Barriere müfste, so könnte man 
denken, bald hier, bald da, leicht vom Meere durchbrochen werden. 
Aber in der Wirklichkeit sind diese Barrieren stärker als sie scheinen. 
Die genannten Baien auf beiden Seiten sind nämlich nur 5 bis 6 Fufs tief 
und erst in einer Entfernung von 5 Meilen etwa 18 Fufs. Das tiefe 
Meer liegt 10 Meilen abseits. Der Flufs selbst zwischen diesen beiden 
Baien steigt bis zu einer durchschnittlichen Tiefe in der tiefsten Rinne 
von über 100 Fufs hinab. Er ist also im Grunde genommen, hier wie 
überall, zwischen zwei sehr mächtigen, breiten und festen Mauern ein- 
gekastet, die er selbst aufführte und von denen nur der Rücken etwas 
über Wasser ist. 

Bis in die Nähe des Theiiungs - Punktes der Pässe behält der Mis- 
sissippi mit einer sehr merkwürdigen Ausdauer seine gewöhnliche Breite 
und Tiefe bei. Drei Meilen oberhalb desselben aber erweitert er 
sich ziemlich rasch von 2500 zu 7000 Fufs Breite und vermindert zu- 



') S. Capt. Humplxreys 1. c. p. 99 sqq. 



174 Kohl: 

gleich seine Tiefe zu etwa 40 Fufs darchschnittKch. Man kann sagen, 
dafs er hier fast einen kleinen See hildet, aus dem dann die Mündungs- 
Canfile herausflieisen. 

4) Die Gabel. 

Der merkwürdige Fleck, wo die Gabeltheilung der Mississippi- 
Pässe beginnt, wurde von den Franzosen in ihren Karten und Be- 
richten „Lo Fourcke^ (die Gabel) genannt. Die Spanier, die den Fran- 
zosen in der Herrschaft des Mississippi (von 1762 bis 1800) folgten, be- 
hielten diesen Namen bei und übersetzten ihn mit „La Horca^. Die 
Amerikaner, haben ihn als sehr angemessen ebenfalls zuweilen ange- 
nommen und mit j^Tke Forh^ übersetzt. Ganz allgemein ist dieser 
Name aber nicht. Einige bezeichnen den Punkt mit j^The Head of 
the Passes^ (den Kopf der Pässe), Andere nennen ihn y)The Dit>iding 
Paint^ (den Theilungs-Punkt), Andere wiederum y^Middle Ground^ (den 
Mittelgrund), welcher letztere Name indefs wohl nur vorzüglich auf jene 
seeartige Erweiterung des Flusses an dieser Stelle zu beziehen ist. 

Der Mississippi theilt sich hier, nicht wie Delta -Flüsse es gewöhn- 
lich thun, erst nur in zwei und darnach in mehrere Arme. Vielmehr 
geht er gleich auf einmal und a tempo in drei grofse Arme auseinan- 
der, die weite Winkel mit einander bilden. Es treten daher zu jenem 
See oder „Mittelgründe^ eigentlich 4 Landspitzen zusammen, die zwi- 
schen den drei Pässen und dem „Mississippi -Halse^ liegen, und es ist 
daher schwer zu sagen, wo der eigentliche „Theilungs-Puokt^ anzu- 
nehmen sei. Doch scheint diejenige Landspitze, die der Mitte des Mis- 
sissippi-Halses gerade gegenüber liegt, der nördlichste Zipfel von „Gar- 
den Island^, immer als der historisch wichtigste Punkt betrachtet zu 
sein, vielleicht weil er etwas höher und trockener ist als die übrigen 
Spitzen. Er heifst auf den französischen Karten: ^Pointe Ckevreuil^ 
(die Rehspitze) und auf den amerikanischen y^Deer^Poini^, Es wurde 
im Jahre 1852 auf diesem Punkte ein Leuchtthurm gebaut. Es ist 
dieselbe Lokalität, aus der im Jahre 1682 der französische Entdecker 
des untern Mississippi, Robert de la Salle, als er den Flufs zum Meere 
herabkam, eine Säule errichtete und die Wappen Frankreichs mit dem 
Namen Louis XIV. daran befestigte. Es ist vermuthlich auch dieselbe 
Stelle, wo der Spanier Moscoso, der Nachfolger De Soto's, als er den 
Flttfs, vor den aufgeregten Indianern ins Meer hinausflüchtend, hinab- 
fuhr, im Jahre 1543 landete, um seine Pferde zu schlachten und ein- 
zupökeln, und wo er seine letzten Zubereitungen zu seiner gefährlichen 
Seereise machte. 

Es wäre interessant genug für uns, wenn Moscoso vor 300 Jahren 
im Stande gewesen wäre, die geographische Position dieses Flecks ge- 



Die Mfindnngeii des lüsBisdppi. 175 

nan zu bestimmen. Wir konnten dann anthentisch nachweisen, was 
an sich sehr wahrscheinlich ist, dafs dieser Theilangs- Punkt kein fester 
and unveränderlicher, sondern ein verschiebbarer und immer mehr ins 
Meer hinausgeschobener Punkt ist Jetzt liegt er in 29* 8' N. Br. und 
89* 12' W. von Greenwich. Vor 300 oder 500 Jahren theilte sich 
der Flufs vielleicht einige Minuten oberhalb, und vor Jahrtausenden, als 
die Hauptmasse des Mississippi -Deltas noch nicht so weit nach Süden 
ragte, noch weiter oberhalb. Im Laufe der Jahrtausende mag er schon 
oft die Inseln zwischen seinen Pässen weggefressen, die Canäle der 
Pfisse allmälich zugeschlämmt und verwischt und so mit seiner „Adler- 
klaue^ immer weiter ins Meer hinausgegriffen haben. £s mag dabei 
indefs in der Hauptsache immer dasselbe Bild, dieselbe Mund -Gestal- 
tung gewesen sein, nur dafis sie sich stets wieder zerstörte und repro- 
dncirte. 

Die drei Flnfsarme, welche bei „der Gabel^ aus einander treten, 
haben ihre jetzigen Namen, wie nach dem Gesagten fast alle Partien 
und Sectionen des Mississippi, von den Franzosen empfangen. Der 
Eine, der in der Hauptsache zwar ziemlich direct von Westen nach 
Osten, in mehreren seiner Zweige aber nach Nordosten geht, wird der 
„Nordostpafs^ (La Passe du Nord- Est — North East-Pass) genannt. 
Richtiger nannten ihn auch zuweilen einige französische Geographen 
La Passe de CEst (Ostpafs). Der zweite, der in der Hauptsache süd- 
westlich, in einigen Branchen allerdings aber ganz südlich fliefst, heilst 
„der SudpaTs^ {La Passe du Sud — South Pass), — Der dritte, der 
entschieden südwestlich geht: „der Südwestpafs^ (La Passe du Sud- 
Ouest — Southwest Fass), 



5) Der Nordostpass. 

Der Nordostpafs ist der breiteste aller Pässe, obwohl nicht der tiefste. 
Er hat eine durchschnittliche Breite von 2500 Fufs, welche der Breite 
des ganzen unteren Mississippi selber gleich kommt, während er durch- 
schnittlich 37 Fufs tief ist, er bleibt 20 Fufs hinter der durchschnitt- 
lichen Tiefe des Südwestpasses zurück. Er empfängt und fuhrt mehr 
als die Hälfte des ganzen Mississippi -Wassers ins Meer. Demnach 
wäre er also als das Hauptstück des Stromes und als seine eigent- 
liche Fortsetzung zu betrachten. Nachdem er von „der Gabel^ 5 Mei- 
len weit ostwärts geflossen, theilt er sich abermals in zwei Arme, die 
unter einem Winkel von etwa 45 Grad aus einander gehen. Der 
nördliche dieser Arme hiefs bei den Franzosen y^Passe ä la Loutre^ 
(der Otter -Pafs), woraus die Amerikaner y^Pass ä Loutre^ gemacht ha- 



1 



176 Kohl: 

ben, und der südliche, der hanptBfichlichere, behält den Namen Nord- 

Ost-Pafs. 

Der Otter-Pafs oder Pass ä Loutre hat bei einer Länge von 
8 Meilen eine Breite von 1300 Fnfs und 36 Fufs mittlere Tiefe und 
fuhrt kaum f des ganzen Mississippi -Wassers zum Meere. Seine 
Mündung scheint in früheren Zeiten nicht sehr günstig gestaltet gewe- 
sen zu sein. Wenigstens bezeichnet ihn der Jesuit Charlevoix (1722) 
als nur ,,Piroguen^ zugänglich *). Doch ist er später häufig auch von 
grofsen Seeschiffen benutzt worden, und in unserer Zeit hat man ihm 
eine besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Seit dem Jahre 1839 scheint 
sich vor seiner Mündung eine grofse stets zunehmende Insel gebildet 
zu haben, die ihn am Ende wieder in zwei Arme spalten wird *). 

Mehrere kleine „Bayous^, die aber ihrer Geringfügigkeit wegen 
nicht als „Pässe^ betrachtet werden, durchbrechen die Inseln und Halb- 
inseln zur Seite des Otter -Passes. Nur einer derselben ist so grofs, 
dafs er ebenfalls den Namen „PaTs^ erhalten hat. Er zweigt vom 
Otter-Pafs in direct nördlicher Richtung ab und wurde von den Fran- 
zosen „La Passe ä Sauvole^ genannt, von einem Herrn von Sauvole, 
einem Bruder des Herrn von Iberville, jenes ersten französischen Gou- 
verneurs oder Commandanten im Mississippi -Lande. 

In späteren Zeiten, wo man den einst am Mississippi sehr bekann- 
ten Monsieur de Sauvole vergafs, wurde daraus: y^Passe ä cheeal^ und 
so heifst er noch jetzt bei den Amerikanern, die ihn indefs auf man- 
chen ihrer Karten auch den Namen „Flahertys Bajou^ gegeben haben. 
Er ist, obwohl sehr eigenthümlich gestaltet und verzweigt, für die 
Schifffahrt wegen seiner Enge und geringen Tiefe von keinem Belang. 
Die Franzosen sprachen indefs viel von ihm und benutzten ihn gern 
für ihre Schaloupen bei ihrer Eüstenfahrten zwischen dem Mississippi 
und Biloxi (im Mississippi -Sunde), welches vor der Gründung von 
New -Orleans ihre Hauptstation in diesen Gegenden war, indem sie 
durch den Passe ä Sauvole seitwärts von Norden her herein - und hin- 
ausschlüpften ^). 

Westlich vom „Pafs Sauvole**, in der Bay Ronde, befinden sich meh- 
rere Haufen kleiner Inseln und Sumpflandflecken. Es ist eine Sage 
unter den alten Anwohnern der Pässe, dafs sie die Trümmer eines 
alten Passes seien, der hier einst existirt und ebenfalls nordwärts ab- 



') Charlevoix in seiner Histoire du Canada. Vol. IV. p. 444. 

*) Siehe über die Bildung dieser Insel und über die anderen kleinen Verände- 
rungen in der Beschaffenheit des Passes seit 1839 den United States Coast Survey 
B^ort von 1861. 

') Charlevoix. 1. c. p. 44d. 



Die Mfindiingen des Büssiuippi. 177 

gexw&g^ habe. Die amerikanischen Offiziere denken sich, dafs dieser 
Pafs durch Mississippi -Hole und Sandbänke verstopft und an seiner 
landabsetzenden Thiitigkeit behindert worden und gewissermafeen wie 
ein Baumast, in dem die Sfifte stockten, getödtet und morsch geworden 
sein möchte, und dafs dann die überhandnehmenden Meereswellen und 
Stürme ihn zertrümmert und bis auf die einzige Spur seiner Existenz, 
jene Inseln und Land -Auswüchse, weggeschwemmt hfitten. 

Der Hauptstrom des Nordostpasses geht, nachdem er den 
Pass ä Lautre mit dem Pafs Sauvole nach Nordosten entsandt hat, 
östlich weiter. £r erweitert sich gegen seine Mündang hin nach einem 
Laufe von 14 Meilen zu einer Breite von 7000 Fufs. Sein trompetenartig 
geöffneter Mund ist aber mit einem Haufen dicht gedrängter Inseln 
gefüllt, die ihn wieder in zwei Möndungs-Arme spalten, von denen 
der nördliche sich ganz nordöstlich hinaufbiegt und den Namen „Nord- 
ostpafs^ beibehält, während der südliche in direct südöstlicher Rich- 
tung hinausgeht und daher der „Südostpafs^ (South^Easi-Pass) ge- 
nannt wird. 

Auch ohne den Pass ä Loutre fahrt der Nordostpafs noch etwas 
über ein Drittel des gesammten Mississippi -Wassers ins Meer und 
kann also wieder als der Hauptüufs betrachtet werden. Da seine Aus- 
gänge bisher bis auf die neueste Zeit herab als die eigentliche Mün- 
dung des Mississippi betrachtet und auch so von der Schi£ffahrt und 
Kartenzeichnung behandelt wurden, da wir ihn mithin in den Karten 
und Bmchten am meisten beachtet, untersucht und beschrieben fin- 
den, so sollten wir dahor von den natürlichen Veränderungen, die im 
Laufe der Zeiten bei ihm stattfanden, besser als bei andern Pässen 
unterrichtet sein. Eine Yergleichung der alten and neueren Karten 
dieser Gegend beweisen zwar im AUgemeinen, dafs die Veränderun- 
gen nicht gering gewesen sein müssen. Wegen der Unzulänglichkeit 
der älteren Karten ist es aber doch sehr schwer, ein deutliches Bild 
von diesen Veränderungen zu geben. 

So viel nur ist gewifs, dafs im Anfange der Mississippi -Schifffahrt 
in der alten französischen Zeit nicht, wie es seit dem zweiten Decen- 
nium dieses Jahrhunderts der Fall war, die nordöstliche Ausmündung 
des ^Nordostpasses^, die diesen Namen beibehält, sondern vielmehr 
die südöstliche Ausmündung, der sogenannte y,South-East-Pass^, die 
Haupteinfahrt des Mississippi gewesen ist. 

Das erste französische Schiff, das in diesen letzteren Pafs einfuhr, 
war der kleine „Neptun'*, der im Jahre 1718 die erste europäische La- 
dung zur Stadt New Orleans, die damals eben angelegt war, brachte. 

In einem der nächstfolgenden Jahre wurde alsbald zum Frommen 
der Schiffe ,,an der Südseite dieses Südostpasses^ eine Bake (une Ba- 

Zeitfchr. f. allg. Brdk. Neue Folge. Bd. XIII. 1 2 



178 Kohl: 

lue^) emchtet Im Jahre 1722 eiforoehten und sondirt^i die fraazo- 
sischen Ingenieure Paager und der Pilot Kerlalio, die det Jesuit Char- 
levoix begleitete, alle PSmo dee MisaidBippi, um za entacheiden, wel- 
cher der bequemste für die Schiffe sei, and um diesen za befestigen. 
Sie entschieden sich wieder für den SfidostpaDs, den schon die bisher 
angelangten wenigen Schiffe gewählt hatten, ,,a]s den einzig and alleiD 
schiffbaren^ (ia seule embouchure du fieuve qui soii navigabie) '). 

An der Mündung des Passes errichteten sie darauf ein kleines 
Gebäude „auf derselben Insel, auf welche schon jene einige Zeit voher 
gebaute Bake („/a baUse^) stand^. Sie bestimmten diese Insel auch 
zu ferneren Etablissements und zu einer Befestigung. Vater Charlevoix 
segnete den Fleck, sang ein Tedeum und gab ihm den Namen „Isla 
Toulouse'^ zu Ehren des Grafen y<m Toulouse, eines der königlichen 
Prinzen von Frankreich, der damals an der Spitze der französischen 
Marine- Angelegenheiten stand. Die Barre des Flusses (y^La Barre^) 
war damals etwas landeinwärts oder oberhalb dieser ,,In8el Toulouse'^ 
etwa eine halbe Lieue weiter hinauf im Passe '). Und mit Rücklicht 
darauf sagt Vater Charleyoix: „diejenigen Schiffe, welche diese Barre 
nicht mit ihrer vollen Ladung passiren können, mögen alsdann auf der 
Insel Toulouse löschen, auf der wir Magaddne bauen wollen^. 

In demselben Jahre 1722 kam der Sienr de la Tour, nachdem er 
den ganzen Plan der vergröfserten Stadt New Orleans ausgelegt hatte, 
den Flufs herunter, inspicirte die „Insel Toulouse^ und liefe anf der- 
selben ein kleines Fort bauen, das er y^Fort de la Balise^ (das Baken- 
Fort) nannte ^), weil es sowohl zur Vertheidiguhg des Flusses als auch 
zum Zeichen für die Schiffe dienen sollte^ 

Seit dieser Zeit diente der „Südostpafs^ den französischen Schiffen 
für lange Zeit als das Hauptthor des Mississippi. Er wurde daher auch 
sowohl auf ELarten als in Berichten par ewceüenoe j^fEntrie du Fleuee^ 
(der Eingang des Flusses) oder auch y^fEtUree du Bhssissippi^ genannt, 
für gewöhnlich hiefs er aber „La Passe de la Balise^ (der Pafs der 
Bake). Die späteren spanischen Karten ahmten dies nach nnd nann- 
ten ihn j^Pasa de la Balisa^, Auch die englischen Karten aus der 
Mitte des 18. Jahrhunderts haben oft für ihn den Namen: y^tke Main 
Pass^ (der Hauptpafs). 

Das verhältnifsmäfsig wichtigste Dokument zur Beortheilung des 
Zustandes des „Südostpasses^ während der blühendsten Periode des 
französischen Mississippi -Handels scheint mir die Speeialkarte dessel- 



») Siehe Charlevoix. VoL III. p. 48S sqq. 

') Siehe die Karte dieses Fasses in Charlevoix's Werk«. 

^) Siehe Dumont'js Louisiana. II. p. 67. 



Die Mfindnngeil d«s Bfississippi. 179 

ben 011 sein, ^welche CbarleYoix's Werke beigegeben ist. Diese Karte 
wurde von dem wohlbekannten königl. iranaösiscben Hydrographen 
Nicolans Bellin im Jahre 1744 ^naoh den Manascripten des Depots 
der Pläne nnd Karten der Marine^ entworfen. 

Auf ihr ist unser Südostpafs beseichnet als ^der Canal f&r die 
Sehiffe^ (fihenal paur lea Väi&seauw) und noch einmal als ^fEmbau- 
ckure^ par ou les f>ais8eaux entreni^* Er ist bei weitem breiter dar- 
gestellt als der nordöstliche Auslais des „Nordostpasses^, w&hrend jetzt 
dieser letztere fast doppelt so breit als der Südostpafs ist.' Charlevoix 
giebt ihm (dem Südostpasse) auf der Barre ^eine Tiefe von 12 bis 
15 FuIb*, während er jetzt höchstens eine Tiefe von 10 — 11 Fufs dar^ 
bietet. Auf der Karte liegt das französische y^Fort de la ßakse^ und 
^die Insel Toulouse^ ungef&hr eine nautische Meile oberhalb der Mün- 
dung des Südostpasses und etwa 2 Meilen unterhalb der Stelle ^ wo 
der nordöstliche Arm abzweigt. Die Inseln, welche als trockenes Land 
über dem Wasser -Niveau dargestellt sind, erstrecken sich 3 Meilen weit 
von dieser Stelle in die See hinaus und dann kommen noch einige 
überschwemmte. B&nke. Heut zu Tage endigen die nicht überflutheten 
Inseln des Nordostpasses schon 1-^ Meile von der Oabeltheilong und 
alles unterhalb sind überschwemmte Bfinke und sogenannte y^MudßaU^ 
(Schmutz -Plateaus) *). 

Hieraus scheint man nun mit Sicherheit schliefsen zu können, dafs 
der Südostpafs im Laufe der Zeit nicht an Länge und Ausbildung zu- 
genommen, sondern verloren hat, und dafs sein Mund allmälSg zerstört 
ist, sowie, dafs die firanzösisohe „Insel Toulouse^ mit ihrem alten fran- 
zösischen „Fort La Balise^ im Wasser ersäuft ist. 

Diese Veränderung mufis etwas nach der Mitte des 18. Jahrhun- 
derts eingetreten sein. Denn Dumont sagt im Jahre 1753 in seinem 
Werke über Louisiana folgendes : „Sie haben mich versichert, dafs die 
Schiffe jetzt den alten Pafs (den Südostpafs) ganz verlassen haben und 
dafs sie nun durch den „Ostpaifi^ {La Passe de fEst — ich sagte schon, 
dafs die Franzosen so zuweilen auch unsern „Nordostpafs'^ nennen) 
in den Mississippi kommen *). 

Dasselbe ungefähr, aber noch entschiedener sagt Du Pratz im 
Jahre 1758: „früher kamen die Schiffe durch den Südostpafs herein. 
Aber bevor wir von New Orleans hinab zu ihm gelangen, finden wir 



») Siehe die Karte des Süd -Ost -Passes im Uniteä States Coast Survey Report 
vom Jahre 1861. 

*) Siehe Dumont, MSmoires Justoriques stir la Lousiane. Parit 1758. VoL I. 
p. 4. 

12« 



180 Kohl: 

cor Linken den Ostpafs, welches derjenige ist, dnrdi welchen die 
Schi£fer heut zu Tage einfahren^ '). 

Auf einer Karte der Mississippi -Pfisse, welche sich unter den 
grofsen im Jahre 1764 publicirten französischen AdmiraUtäts- Karten 
befindet, siebt man zum Südostpafs (y^Passe du Sud E$t^) das Wort: 
y^abandonnie^ („verlassen^) geschrieben. Der Mund des Passes ist auf 
dieser Karte in eine Menge Inseln aufgelöst, bei denen die Worte ge- 
schrieben stehen: „/a BaHse^ anden fort noy4^ (die Balise, altes er- 
tränktes Fort). Dies „ertränkte und versenkte Fort^ ist ohne Zweifel 
eben dasjenige, welches im Jahre 1722 unter Gharlevoix's Augen auf 
der Insel „Toulouse^ erbaut wurde. Diese Insel Toulouse ist daher 
auch vermuthlich jetzt nichts als eine der „Mudflats^ in der Mündung 
des Südostpasses. 

Auf derselben Karte von 1764 ist auch der Nordostpafs ebenso 
wie bei Dumont und Du Pratz als der Haupteingang deä Flusses be- 
zeichnet, und es ist dazu geschrieben: y^Balise pour TEniräe*^ (die Bake 
zur Einfahrt). 

Aus allen diesen Angaben geht hervor, dafs vom Jahre 1718 
bis 1750 der Südostpafs, von da an aber, da sich dieser Pafs ver- 
schlemmt hatte und halb zerstört war, der Nordodtpafs den Hauptein- 
gang des Mississippi bildete. Er blieb dies während des ganzen Restes 
des 1 8. Jahrhunderts und auch noch während eines grofsen Theils des 
jetzigen Jahrhunderts, wenigstens für die gröfsere Anzahl der See- 
schiffe. Für die allergröfsten unter ihnen wählte man zu Zeiten, 
wie ich weiter unten zeigen werde, einen «ndern Arm. Für das Jahr 
1818 bezeugt dies der Amerikaner Darby mit folgenden Worten: 
„heutzutage ist nun der Nordostpafs überwiegend von der Schifffahrt 
benatzt. Ueber 19/20 deijenigen Schiffe, die den Mississippi hinauf- 
fahren, kommen durch diesen Pafs herein^ '). 

Im Jahre 1846 ging der berühmte englische Geologe Lyell von 
New Orleans aas den Mississippi hinab, um die Veränderungen an 
der Mundung des Südostpasses zu besichtigen. Er hatte das Werk 
von Charlevoix und die darin enthaltenen Karten von BeUin bei sich, 
zeigte sie den Lootsen des Passes und verglich mit ihnen den gegen- 
wärtigen Zustand der Dinge. Er fand zu seiner Verwunderung,. dafs 
im Ganzen dieser noch in hohem Grade mit den Karten übereinstimmte, 
dafs aber die Oberflächen der Inseln an der Mündung des Südostpas- 
ses allerdings zum Theil weggewaschen und in blofse „Mudflats'^ oder 
Sandbänke verwandelt waren. Er fand mitten im Sumpfe und Schmutze 



') Le Page du Pratz, ffistoire de la LouitiaM, Paris 1758. Vol. I. p. 161. 
■) Darby, The Emigrcmt's Guide, New York, 1818. p. 78. 



Die Mfindnngen des Büssissippi. Ig] 

die Boioen eines alten steinernen Oebfiades, welches die Mississippi- 
Lootsen ^das alte spanische^ Magazin^ (y^tke old S^anish Maga%%ne^) 
nannten, das aber er (LjeU) för Ueberreste des alten französischen 
F<Mrt8 ,,La Balise^ hielt. ^Die See war diesem alten Fort jetzt um 
circa 2000 FoTs näher als vor 100 Jahren zur Zeit Bellin's und Ghar- 
levoix's** '). 

Dies alte sogenannte ^spanische Magazin^, dessen Mauern anoh 
noch heutiges Tages (1862) stehen, beschreibt der amerikanische In- 
genieur Sidell, ein Begleiter Talcot's im Jahre 1838, als ein Gebäude 
von 20 Fuls im Quadrat, mit 4 Fufs dicken Mauern, sehr solide ge- 
baut und mit Gewölbe -Pfeilern („Buttresses^) versehen, aber in seinem 
Dache und seinen oberen Partien zerstört. Den Namen „Magazin^ 
scheint es nach dieser Beschreibung gar nicht zu verdienen. Die An- 
nahme Lyell's, dafs es eine Befestigung und zwar der Rest jenes alten 
französischen Forts La Balise sei, ist daher sehr wahrscheinlich. Herr 
Sidell sagt, dafs es eingesunken und mit einer Art hohen Schmutz- 
dammes umgeben und so im Sumpfe versteckt sei, dafs es eben so 
schwer sei in einem Boote wie zu Fufse zu ihm zu gelangen '). Auch 
diese Bemerkungen Sidell's deuten also auf eine Zerstörung der Insel 
Toulouse und auf ein Umsichgreifen der Gewässer in dieser Ge- 
gend hin. 

Obgleich das französische «Fort de la Balise^ zerstört wurde, so 
ist doch der Name „BaHse^ for „Mundungs- Station^ unter den ame- 
rikanischen Bewohnern und Lootsen der Mississippi -Mündungen in 
Schwang geblieben. Sie haben aber jetzt dort mehrere „Balisen^, eine 
„Nordost-Balise^ (y^Staiion North East ßiUiae^) an dem Nordostpasse, 
oberhalb der Abzweigung des Südostpasses, und eine „Südwest -Balise^ 
(y^Siaiion Souih West Baliae^) an der Mündung des Südwestpasses. 
Diese amerikanischen „Balisen^ sind aber neuere Etablissements und 
nehmen ganz andere Positionen ein, als das alte französische Fort. 

Manche amerikanische Offiziere glauben, dafs der „Südostpafs^ 
seit der französischen Zeit nicht nur an seiner Mündung verändert und 
zerstört sei, sondern auch sein ganzes Bett verlegt habe. Der genannte 
Herr Sidell z. B. sagt, dafs das kleine, schmale, enge Bayou, welches 
jetzt von der „Station Nordost -Balise^ südostwärts im Parallellismus 
mit dem jetzigen „Südostpasse^ zum Meere hinausläuft, und welches 
„das Balise -Bajou^ (the Balize Bayou) genannt wird, der eigentliche 
ehemalige grofse französische Schiffs -Canal des „Südostpasses^ gewe- 
sen sei '). Wäre dies wirklich der Fall, so müfete sich dieser alte 



') Siehe Lyell, Second Visit to the United States. Vol. II. p. 119. 
') Siehe Sidell's Bericht in Hnmphreys 1. c. Appendix, p. XIV. 
*) SideU, 1. 0.' p. Xn. 



182 Kohl: 

tiefe mäohtige Pafe gewaltig yerefigt, und ndi dann ein ganz neues Bett, 
2 engl. Meilen weiter ostwärts gegraben kaben. Ich lasse dies als die 
Meinung eines mit den Lokalitäten sehr vertrauten Mannes dahin g^Bstellt. 
Doch kann ich mich snr Annahme derselben nicht Uv^t entschliefsen. 
Die Arme des Mississippi sind so aufserordentlieh tiefe scharf eingeka- 
stete Canäle, dafs sie ihre ganzen Betten nicht so leicht nnd schnell 
verschlammen and sich neue graben können. Nnr auf dem Kamme ihrer 
^Barren^ und auf d^n Rücken ihrer mächtigen Seitenwände und In- 
seln, der aus dem Wasser hervorragt, sind sie schnell veränderlich. 
Ich folge daher lieber der Ansicht Lyell's, wonach die Proportionen 
des Ganzen seit 100 Jahren ziemlich dieselben geblieben sind , der 
jetzige South -East-Pass noch derselbe y^Chenal pour let Vaisseaux^ 
der Franzosen ist, und wonach dieser sich nur an seiner Mündung, 
in seinen Barren und in dem Zustande seiner Inseln zu seinem Nach- 
theil umgewandelt hat. 

6) Der Südpass. 

Der Südpafs (franz. La Passe du Sud — engl. South -Pass — spa- 
nisch y^Pasa del Sur^) ist, wie gesagt, der kleinste und unbedeutendste 
der drei grofsen Mündungs-Arme des Mississippi. Er empfangt nicht 
ganz yV des gesammten Mississippi -Wassers, obgleich er direkt in der 
Richtung, in welcher sich der Mississippi hinabwälzt, weiter geht, und 
obgleich bei „der Gabel^ gerade die mittlere Hauptlinie des Stroms 
in ihn hineinfällt. Er ist im Durchschnitt etwa 700 Fufs breit, d. h. 
dreimal schmäler als der Nordostpafs, dennoch aber wie alle Pässe 
sehr tief, durchschnittlich 34 Fufs, — an einzelnen Punkten bis auf 
etwas über 50 Fufs. Er hat, trotz seiner geringen Wassermenge, fast 
^ben so breite und mächtige Bänke, Inseln und Mudflats zu seinen 
Seiten aufgeworfen und sich in derselben Weise eingekastet wie die 
übrigen Arme. Er fliefst auch ungefähr ebenso schnell wie diese, näm- 
lich 3/ö Pofs ^^ ^er Sekunde bei Hochwasser, oder etwa eine halbe 
deutsche Meile in der Stunde. Er ist auch bdnahe ebenso lang wie 
die übrigen Pässe, nicht ganz 14 Meilen. 

Er entsendet zu beiden Seiten, wie die übrigen Pässe, mehrere 
Bayous, die seine Erdeinfassungen durchschneiden. Bei weitem der 
gröfste dieser Bayous ist derjenige, welcher in der Mitte seines Laufs 
zur rechten Seite abgeht, und „Grand Bayou" heifst, der aber doch 
immer nur •{- der ganzen Wassenäasse des Südpasses in sich aufnimmt. 
Er kann nur Fischern in kleinen Booten zum Eintritt in den Missis- 
sippi dienen. 

Als der mittlere und die Mississippi -Richtung direkt iDrtsetzende 



Die Mündungen des Mississippi. jg3 

Pafa treibt der Sudpafs seine äofserste Spitze von allen Pfissen am 
weitesten in den mexikanisehen Meerbusen hinaus, und wenn die 
Schiffe, die in diesem Meerbusen cirkulirten, überhaupt etwas vom Mis- 
sissippi-Delta in Sicht bekamen, so mufste es in den meisten Fällen 
die Spitze des Südpasses sein. Daher erklärt es sich ohne Zwei- 
fel, dafs die alten spanischen Karten jenen oben angefahrten Namen 
„Ca6o de Lodo^ (Schmutzkap), den sie für die Mississippi-Mündung 
gebrauchten, meistens in der Nähe dieses Passes setzten. Man kann 
also diesen Namen in einem engeren Sinne als par excellence dem Süd- 
paDs zukommend betrachten. Die Franzosen nannten ihn auch zuweilen 
j,Im Passe de Serigny^^ nach dem in der ältesten Geschichte des Mis- 
sissippi-Delta oft erwähnten y^Sieur Lemoyne de Serigny"'^ einem der 
vielen Brüder des Herrn von Iberville, des ersten französischen Gou- 
verneors der Mississippi -Colonie. 

Man hat auch die Bemerkung gemacht, dafs die den Südpafs ein- 
schliefsenden Bänke fester und höher seien als die der andern Pässe, und 
dafs aoch die Bäume auf diesen Bänken besonders grofs, dick und alt 
sind. Auch deswegen mnfs er vom Meere aus mehr auffallen. Auch 
haben Einige aas diesem Umstuide geschlossen, dafs der Südpafs älter 
sein müsse als die übrigen Pässe >). 

Der Südpafs hat wegen der Höhe der Barre, die ihn verschliefst, 
ein gröfseres Interesse für die Naturgeschichte als für die Schifffahrt 
Vater Qiarlevoix sagt von ihm (1722), „dafs er für die Schifffahrt 
nid)ts nutz sei und dafs er nur 2 Fufs Tiefe auf seiner Barre dar- 
biete^ ' ). Wenn dies correkt wäre und buchstäblich genommen werden 
könnte, so müssen sich die Barre und der ganze Pafs im Laufe der Zei- 
ten wesentlich zu seinem Yortheile geändert haben. Denn unsere neue- 
sten Karten weisen auf der Barre eine durchschnittliche Tiefe von 8 Fufs 
bei niedrigem Wasserstande nach, die bei Hochwasser und zu Fluth- 
zeiten noch um etwas erhöht wird. Er kann daher unter Umstän- 
den für kleine Seeschiffe eine wiUkommene Einfahrt sein, und ist 
auch entweder deerwegen, oder vielleicht auch nur wegen seines wei- 
ten Hinausragens in den Golf mit einem Leuchtthurme versehen, der 
bei den Amerikanern j^the South Light^ (das Südlicht) heifst. 



7) Der Südwestpass. 

Der Südwestpafs ist der letzte und westlichste der grofsen Missis- 
sippi -Mündungs- Arme. Er hat seinen Namen von seiner Richtung, 



>) Siehe Capt Meade .b«i Capt. Talcot. L c. p. XV. 
>) Charlevoiz. 1. c. Vol. III. p. 444. 



184 Kohl: 

die er mit aufserordentlicher Continiiität und ohne irgend eine bedea- 
tende Abweichung von der geraden Linie verfolgt. Er hat zu beiden 
Seiten zahlreiche kleine Bayous, die s^ne Seitenwinde wieder durch- 
brechen. Aber er spaltet sich nicht, wie der NordostpaÜB es that, in 
mehrere Nebenzweige, vielmehr bleibt er als ein Emsiger machtiger 
Ganal bis zu seinem Ausgange beisammen. 

Er empfängt ungefSihr gerade ein Drittel der ganzen Wassermasse 
des Mississippi und hat ein beiweitem tieferes Bett als alle die übrigen 
Pässe. Dasselbe ist im Durdischnitt 58 Fufs tief, stellenweise 70 und 
an einem Punkte (nach Capt. Talcot) sogar 120 Fufs tief. Er entladet 
im Durchschnitt 340,000 Gubikfufs Wasser in der Sekunde, d. h. un- 
gefähr viermal mehr als der Sudpafs, aber beinahe nur die Hälfte des 
breiteren Nordostpasses (mit seinen Zweigen). 

Der Südwestpafs ist wahrscheinlich derjenige, auf dem unter allen 
Pässen zuerst eine europäische Flotte hinabschwamm. Denn es ist 
aus verschiedenen Umständen beinahe gewifs, dafs der Spanier Mos- 
coso, der Nachfolger De Soto's, im Jahre 1543 diesen nach Südwest 
gerichteten PaXs wählte, als er vom Mississippi mit seiner kleinen Ar- 
mee und Flotte sich zu den Küsten von Texas und Mexico flüchtete. 
Nichtsdestoweniger hat er in der früheren Schifffahrt des Flusses keine 
so . grofse Rolle gespielt wie der Nordostpaüs, und dessen Nebenzweig, 
der Südostpafs. 

Zum Theil mag dies mit Veränderungen in den Zuständen seiner 
Barren zusammenhängen. Der vornehmste Grund dieser Erscheinung 
ist aber, wie ich glaube, in der beim Mississippi -Munde vorherrschen- 
den Windesrichtung und in der Einfahrung der Dampflschififahrt zu 
suchen. 

Von der Barre des Südwestpasses sagt Charlevoix, dafs sie zu 
seiner Zeit (1722) nur 7 bis 8 Fufs Wassertiefe gehabt habe 0- War 
dies richtig, so wäre es allein hinreichend, die geringe Benutzung des 
Passes in alter Zeit zu erklären, und er müfste sich demnach in neue- 
rer Zeit ungemein gebessert und verstärkt haben. In einem im Jahre 
1803 dem Congrefs der Vereinigten Staaten vorgelegten Berichte heifst 
es: „der Südwestpafs hatte vor einigen Jahren 18 Fufs Wasser auf 
seiner Barre, und durch ihn segelten die gröfsten Schiffe in den 
Mississippi ein"'). Veränderungen auf der Barre von 8 Fufs (im 
Jahre 1722) bis 18 Fufs (ums Jahr 1800) sind ohne Veränderungen 
in den Proportionen des ganzen Passes selbst kaum denkbar. 



') Charlevoix. 1. c. Vol. m. p. 444. 

^) Siehe das Buch An Äccovnt of Louisiana j laid brfore Congrest. Nov, 14. 
1803. Frinted in Providence, p. 22. 



Die Mündungen des Mississippi. 185 

Viel sidierer als ans diesen mit entschiedener Bestimmtheit (wegen 
der Unznverlassi^eit der Angabe Charlevoix's) schwer nachweisbaren 
YerSndenmgen im Flufsbette scheint mir die Mhere Yemachlässigang 
des Südwestpasses ans seiner Richtnng und aus der Richtung der in 
dieser Gegend vorherrschenden Winde erklart werden zu können. Der 
Südwestpals weicht, wie gesagt, nach Westen ab. Er hat seinen Mund 
gegen Mexico geöffnet, von wo wenige oder keine Schiffe kamen. Die 
östlich und südöstlich gerichteten Pässe des Mississippi (die Zweige 
des Nordostpasses), die ihr Angesicht der Stralse von Florida zukeh- 
ren, liegen hingegen gerade in der Linie der Schifffahrt aus Europa. 
Von daher kommen auch die herrschenden Winde dieser Gegend, der 
Ostpassat, der, wie ich bald zeigen werde, den gröfsten Theil des 
Jahres hier vorwaltet Mit ihm konnten die Schiffe aus Europa direkt 
und leicht in die Ostpässe ein- und hinauisegeln und auch ihre Reise 
auf dem Mississippi selber fortsetzen. Für eine bequeme Ein- und 
Ausfahrt in den Südwestpafs waren ihnen diese Winde entgegen. Sie 
hatten sehr verschiedene Windrichtungen dafür und für die Auffahrt 
auf ihm in den Mississippi nöthig. 19/20 aller Schiffe gingen daher 
(wie Darby für 1818 bestätigt) durch diese Ostpässe. Nur die aller- 
gröfsten mochten wohl (wie es in dem Berichte von 1803 gesagt 
wird) den Südwestpafs seiner damals gröfseren Tiefe wegen wählen 
und mufsten dann dabei die Unbequemlichkeit der Winde zu überwin- 
den trachten. 

Mit dem Aufkommen der Dampfschiffe, die auf Winde keine Rück- 
sicht zu nehmen haben, seit dem dritten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts, 
mochte dagegen nun der tiefe Südwestpafs mehr benutzt werden. 

Der englische Geologe Lyell sagt vom Südwestpasse im Jahre 1848: 
„der Südwestpafs ist nun der Haupteingang des Mississippi. Bis ganz 
vor kurzem hatte er 18 Fufs Tiefe auf seiner Barre. Doch hat sich 
diese Tiefe um etwa 2 Fufs vermindert^ ' ). Solche kleine Yeränderun- 
gen der Tiefe von einigen Fufs, die freilich für die Schifffahrt von der 
gröfsten Wichtigkeit sind, haben auf der Barre des Südwestpasses, wie 
auch auf anderen Barren, immer dann und wann stattgefunden, sind 
aber wieder verschwunden. Capt. Talcot giebt in seiner Karte (von 
1818) der Barre des Südwestpasses nur \^\ Fufs Tiefe bdm niedrig- 
sten Wasserstande. Oberst Long in seiner Karte von 1857 giebt ihr 
15 Fnfs. Unter günstigen Umständen aber hat man in diesem Jahr« 
hunderte häufig sogar Schiffe von 20 Fufs Tiefgang ohne Schvnerigkeit 
in diesen Flufsarm eingeführt, und er ist seit dem Anfange dieses Jahr- 
hunderts bis jetzt erst für die „gröfsten^ Schiffe, dann für Dampf- 



') LyeU. 1. c. VoL U. p. 119. 



186 Kohl: 

schiffe immer der bequemste nnd wichtigste Arm geblieben. Es 
ist dabei en bemerken, dafs es jetzt bei den Mississippi -MSndangen fast 
nar Dampfiichifffahrt giebt, da auch alle Segelschiffe per Dampf in den 
Flüfs hinauf remorquirt werden. 

Dieser Pafs hat daher jetzt auch die vornehmsten auf Erleichterung 
der Schifffahrt zielenden Etablissements an der Mississippi -Mundung, 
die zahlreichsten und solidestens „Buoys^ (Tonnen), einen Leuchtthnrm 
(jiihe South West Light^ genannt), eine Telegraphen - Station und eine 
Lootsen- Station, welche die „Südwest- Balise^ (y^Siatian South- West- 
Baiize^) genannt wird. Auch hat man es bei diesem Passe allein ver- 
sucht, der Natur mit Kunstbauten, mit einem gröfsen 6000 Fufs lan- 
gen Molo oder Damm, der das Wasser einengen und den Hauptcanal 
vertiefen sollte, zu Hülfe zu kommen, wovon ich gleich mehr sprechen 
werde. 

Die Proportionen aller beschriebnen drei Hauptpässe und ihrer 
Zweige lassen sich übersichtlich so zusammenstellen: 

Abgeführte Wassermasse, 
Mittlere wobei der Mississippi als 

1) Nordostpafs* — Breite. Tiefe. Einheit angenommen. 

a) Hauptarm .... 2500 Fufs 38 Fufs 0,225 

b) Nördliche Branche oder 

Pafs ä Loutre . . 1300 - 36 - 0,234 } 0,570 

c) Südliche Branche oder 

Südostpafs . . . 1200 - 34 - 0,121 

2) Südpafs 700 - 34 - 0,080 

3) 8üdwesli)afs ..... 1200 - 58 • ^,340 

Summa 0,99() 
Best, der durch Bajous ausleckt 0,010 

ToöcT 



8) Die Baien der Pässe. 

Ich habe in dem Obigen nicht umhin gekonnt, schon hier und da 
der kleinen Meerbusen oder Baien zu erwähnen, welche zwischen den 
Mississippi -Pässen und ihren Landarmen bleiben. Um Wiederholun- 
gen zu vermeiden, habe ich diese Baien, die so äufserst gleichartig 
sind, nicht alle einzeln durchnehmen wollen. Es genügt hier, einige 
allgemeine Bemerkungen über sie beizufügen. Es sind in der Haupt- 
sache folgende iiinf: 1) y^Bay Ronde^ (die runde Bai) zwischen dem 
^ Halse ^ des Mississippi und dem Pafs ä la Loutre, 2) y^ Blind Bay^ 



Die Mandungeii det Mississippi. 187 

(die blinde Bai) awiechen dem Pafs ä la LouiM and dem Nordosl^Mife^ 
3) ^Garden /stofMi^ay^ (die Garten «Insel* Bai) 8 wischen dem Nordost* 
und dem Sfidostpasse. 4) y^Easi - Bay**' (die Ost-Bai) zwischen dem 
Süd- nnd dem Sud westpasse. 5) y^West-Bay^ (die West- Bai) zwi- 
schen dem Südwestpasse und dem „ Halse ^ des Mississippi. Von ihnen 
sind die Bay Ronde und die West-Bay bei weitem die gröisten. 

Alle diese Baien haben in Folge des radienartigen Auseinander- 
gehens der FluGsarme, durch die sie gebildet werden, mehr oder weni- 
ger eine Dreieckgestalt. Wie diese Arme convergiren sie alle mit 
ihren Spitzen zum ^Theilungs- Funkte*^ der Pässe hin und spreizen 
sich gegen das Meer hin weit aus. Sie haben einen schlammigen Bo- 
den und sind aufserordentlich flach, meist nur wenige Fuls tief (2 bis 
7 Fuls tief bei niedrigem Wasserstande). Sie sind daher eigentlich 
nur als überschwemmtes Land zu betrachten und sind für die Sohiff- 
fahrt als Zufluchtshafen ■ von gar keinem Nutzen. Die Mississippi -Arme 
haben, indem sie zu den Seiten Schlamm auswerfen und durch ihre 
zahlreichen Bayous noch mehr hineinbringen, diese Baien verschlammt« 
Wenn das Niveau des Meeres nur 7 Fuls sänke, so würden sich alle 
Baien als Festland darstellen. 

Denkt man sich das Meer auf 50 Fufs Tiefe weg, so würde sich 
alsdann der ganze Kopf der Mississippi -Pässe als eine hohe ins Meer 
hinausspringende Masse Landes darstellen, in der nur noch die Fiufs^ 
Canäle tiefe Einschnitte machten. 

Die Baien haben — namentlich im Vergleich mit der faifsent 
regelinäfeigen glatt abgeschnittenen Uferlinie der Fluisarme — unge- 
mein zerrissene und buntgestaltete Ufersäume, weil sich der Schlamm 
bei ihnen in der verschiedensten Weise aufgeschlickt hat, und wdl zu- 
gleich zahllose kleine Bayous, die aus dem Flufs kommen, jedes für sich 
so zu sagen wieder an einem kleinen Delta arbeiten. 

Einige dieser Baien sind seit der Zeit, dafs man sie beobachtet 
hat, namentlich in ihren Spitzen oder Hintergründen sehr stark zuge- 
schlickt. Dies Zuschlicken geschieht aber sehr unregelmäfsig, so dafs 
zuweilen einzelne SteUen offen bleiben, die dann als eingeschlossene 
Salzwasser -Seen in der Masse stecken. Ein solcher See stellt sich 
namentlich im Hintergrunde der „blinden Bai'^ dar. Ist ein See die- 
ser Art einmal durch vorgeschobene Inseln gegen das Meer geschützt, 
so bleibt er dann oft für immer. Die Erscheinungen dabei sind sehr 
interessant, weil man sieh durch sie recht gut die Entstehung deijeni* 
gen Seen erklären kann, die sich noch heutzutage in dem gro/sen Mis- 
sissippi-Delta, west- und ostwärts von New Orleans, angeschlossen 
finden nnd die ohne Zweifel in firüheren Zeiten auch Baien waren, 



J88 Kohl: 

welche allm&lig Tom Fiasse und Meere mit Schlkdc urageben and aas 
ihrer Verbindung mit dem Salzwasser herausgelöst wurden» indem sich 
dabei ihr Wasser allm&lig yersolste. 



9) Die Inseln und Halbinseln. 

Die Inseln, Halbinseln und Festlandstreifen, welche die Baien und 
Fasse des Mississippi eindämmen, sind je nach ihrer Erhebung über 
dem Meere auf ihrer Oberfläche von verschiedener Beschaffenheit. 

Im Allgemeinen sind sie äufiserst niedrig und ragen im Durch- 
schnitt nicht mehr als 5 bis GFufs, hier und da wohl 8 Fufs, über 
dem durchschnittlichen Wasserspiegel hervor. Sie bestehen fast alle 
aus Flufsschlamm. Eigentliche Sandbänke giebt es fast nirgends in die* 
ser Region, daher auch keine Sanddünen und Dünen -Nehrungen wie 
IUI den Mündungen des Rheins, der Weichsel, des Po u. a. 

Diejenigen Festlandstücke, welche nur ganz wenig über dem Was- 
ser hervorragen und von ihift oft überschwemmt werden, sind fast ohne 
alle Vegetation und werden hier y^Mudflats^ (Schlammplatten) genannt 
Die, welche gemeiniglich über Wasser bleiben , sind theils mit Schilf- 
röhrichten von grofser Höhe, theils mit einem groben Grase und mit 
Gebüschen verschiedener Art, theils auch mit kümmerlichen Bäumen, 
unter denen die Cypressen sehr zahlreich sind, überwachsen. — Uebri- 
gens sind sie wegen der vielen unterirdischen Sümpfe fast überall un- 
ZDgaagiich für den Fufs der Mensehen und Zugthiere und der schönste 
Aufenthalt für Amphibien und Alligatoren. — Bei sehr starken Orka- 
nen wird das Meerwasser in die Baien hoch hinaufgetrieben, und es 
übei^utfaet dann sogar stellenweise die niedrigen Dämme der Pässe 
and strömt in die. Mississippi -Arme hinein. Bei solchen Gelegenhei- 
ten hat man bemei^t, dafs das Meerwasser wohl 4 Fufs höher aufge- 
triebesD würde, als das Niveau des Mississippi. 



10) Die Barren. 

Wie bei allen Strömen mit enger Mündung, so bilden sich auch 
bei den Mündungen des Mississippi sogenannte „Barren'^ oder Sand- 
UAd Schlamm -Riegel, welche die Flufstiefe vermindern und die Schi- 
fahrt behimdern. Ich habe nicht umhin gekonnt, dieser Barren schon 
hier und da in den oben gegebenen allgemeinen Skizzen der Flufsarme 
Erwähtiung zu thun. Doch wollte ich, um allzugrofses Detail zu ver- 
meiden, nicht jede einzelne Barre jedes Passes speciell schildern; ich 



Die Mündnogen des MissisBippi. 189 

werde deslialb hier nur allgemeine Bemerimogen über ihre Bädang und 
Form nachholen. 

Das Material, das der Flufs, so lange er auf seinem abfallenden 
Bette fortfliefst, unbehindert weiterfördert, fällt bei der mehr oder we- 
niger plötzlichen Begegnung mit dem Meere, welches mit seinem Wel- 
lenschläge, seinen Fluthen und seinen anders gerichteten Strömungen 
gleichsam wie eine Mauer auf den Flufs wirkt, zu Boden, und es lei- 
den sich daraus zwischen dem Meere und dem Flusse aus Sand und 
Schlamm zusammengesetzte Quer -Dämme. Bei jedem der Flnfsarme 
zieht sich ein solcher Damm (y^Bar^) quer durch seine Mündung 
zwischen den beiden äußersten Caps und umgiebt auch diese Caps 
noch auswärts nach der See zu in einem Halbbogen, wie eine ,) Mo- 
räne^ abfallend. 

In gewissem Grade wirkt diese Thätigkeit schon auf die ganze Länge 
aller Arme des Mississippi bis zu ihrem „Theilungs-Punkte^ hinauf. Die 
mittlere Tiefe dieser Arme, obgleich sie noch sehr tief sind, ist schon 
merklich geringer als die mittlere Tiefe des ungetheilten Missisftippi 
oberhalb der Pässe im „Halse^. Doch beginnen die eigentlichen Bar- 
ren erst besonders bedeutend und schnell in der Nähe der See sieh 
zu heben. Ihre Breite ist bei den einzelnen Pässen natürlich verschie- 
den. Die des grofsen Sudwestpasses kann man (von „50 fWs Tiefe^ 
im Flusse bis zu „50 Fufs Tiefe^ im Meere über den Rücken der Barre 
hin gemessen) auf etwas mehr als 4 Meilen ansetzen. 

Querdurchschnitte durch die Barren zeigen, dafs ihre Dämme nach 
dem Flusse zu sehr allmälig, nach dem Meere dagegen viel plötzlicher 
abfallen. Dort (nach innen) senken sie sich allgemach von ihrem 
Kamme auf einer Strecke von 30,000 Fuis bis zu 50 Fufs Tiefe hinab. 
Hier (nach aufsen) fallen sie dagegen rasch auf 3000 Fufs Distanze 
von ihrem Kamme bis zu dieser Tiefe ab. — Das Meer mit seinen 
heftigen Bewegungen bearbeitet den submarinen Sand- und Schlammberg 
hier nachhaltiger, während der ruhigere und ausgleichende Flufs den 
Berg allmäliger aufbaut. 

Der äufsere Fufs dieser die Mündungen verstopfenden Moränen 
liegt halbmondförmig in einem Abstände von 2 bis 3 engl. Meilen von 
der äufsersten Landspitze, rings um die Mündungen der Pässe und 
bildet an dem Bande seines alleräufsersten Fufses einen Halbkreis von 
8 bis 10 Meilen. 

Abgesehen von ihren eben bezeichneten Abhängen sind diese Bar- 
ren noch selbst auf ihrem Kamme von verschiedener Höhe. Einige 
Punkte stehen als niedrige Schlamm -Inseln fast beständig über dem 
Wasser hervor. Der Südwestpafs hat über 20 solcher kleiner Insela 



•190 Kohl: 

'neben sehier Mandang auf der ^Barre^. Dieselben liegen indefs mei- 
stens auf beiden Seiten der Barre in der Verlängerung der Festiand- 
»pitEen und sind vermuthlich die Anfänge in Gestaltung begriffener 
Halbinseln. 

Andere Theile der Barre sind gemeiniglich nur von wenigen Fufs 
'Wasser bedeckt und stellen daher Sandbänke oder ^Mudflats'^ vor. In 
der Mitte dagegen wird in der Fortsetzung des Flusses der Kamm 
der Barre durch einen etwas tieferen Canal ausgefressen, der aber 
ia seinem erhabensten Punkte doch bei keiner Barre durchschnitt- 
lich mehr als 13 oder 14 Fufs Tiefe unter dem niedrigsten Wasser- 
stande darbietet Diese gröfste Tiefe hat jetzt die Barre des Südwest- 
passes. Die andern Pässe haben zum Tbeil nur 11 und gar nur 9 Fufs. 
Doch ist dieser aller niedrigste Standpunkt des Wassers nur während 
kurzer Zeit zu finden. Das Hochwasser des Flusses und die Fluth 
des Meeres machen ihn meistens etwas höher, zuweilen unter den gün- 
stigsten Umständen bis 18 Fufs, fast zu keiner Zeit and bei keinem 
Passe über diese Tiefe hinaus. 

Die Breite des Haupt -Schiff- Ganais oder Durchschnitts der Barre 
beträgt selbst bei dem Südwestpafs stellenweise nur einige hundert 
Fufs. Hier und da gehen auch noch andere flachere Einschnitte oder 
Canäle über die Barre hinweg, welche von kleinen Schiffen benutzt 
werden können. — Diese Ganäle und ihre Tiefen verändern sich zwar 
beständig, da die Barren durchweg aus losem Material aufgebaut sind 
iUiid da auch in den Flufearmen und im Meere häufig Veränderungen 
der Wasserbewegungen vorgehen. Da aber selbst diese Wechsel ge- 
wissen Gesetzen unterworfen sind, so baut die Natur das ganze Werk, 
das sie zu Zeiten einreifst, in längeren Zeitperioden immer in dersel- 
ben Weise wieder auf, und so lange wir die Mississippi -Mündungen 
kennen, haben sie immer solche Barren von ungefähr denselben Pro- 
portionen und mit derselben Wassertiefe gehabt. Es hat sich dabei 
'Stets nur um einen Unterschied von einigen Fufs gehandelt. 

Für die Schifffahrt ist es dabei noch wichtig, dafs die Kämme der 
>Barren namentlich in ihren etwas tiefer eingeschnittenen Oanälen aus 
*eiiHem sehr weichen und schlüpfrigen Schlamme gebildet sind, so dafe 
es* sogar möglich ist, Schiffe mit Gewalt auf diesen glatten Boden fort- 
zureffiien, und dafs man so in neuerer Zeit mit Hülfe der Dampfremor- 
queure (tou> boats) sogar Schiffe hinübergezwängt hat, deren Tiefgang 
-bedeutend gröfser war, als die von dem Senkblei angezeigte Tiefe des 
Wassers. *— Man legt einem grofsen Sehiffe oft 2 Remorqueure zur 
■Seite und spannt einen dritten vorn vor, und reifst und drängt es so 
selbst durch 4 bis 5 Fufs tiefen Schlamm. 



Die Mfindnng9& des Missifsippi. 191 



U) Die „Madlamps*^ liei 4eB Barren. 

Aufser den Terrain -Erhöhungen, Inseln und Bfinken, die siidi an 
den Mündungen des Flusses aus der allmäligen Deposition des Flufs- 
Detritus bilden, erhebt sich auch zu Zeiten der Boden in der Nähe 
der Flufs- Mündungen. und vorzugsweise der Barren von unten herauf 
verhÄltnifsmäfsig plötzlich, und es erseheinen kleine aus dem Wasser 
hervorragende Inseln oder Höhenrücken^ die oft nur so grofs sind, wie 
ein indianischer Grabhügel, oft mehrere Morgen in Umfang haben, und 
die gewöhnlich nach einiger Zeit von selbst wieder verschwinden, zu- 
weilen aber auch Jahre lang bestehen bleiben. 

Die Amerikaner nennen diese dem Missisnppi eigenthümliche Gat- 
tung von Mündungs- Inseln y^Mudhimps^ (Schlammklumpen). Sie sind 
sowohl für die physikalische Betrachtung sehr merkwürdig, als für die 
Scbififahrt von Wichtigkeit 

Dafs diese ^Mudlumps^ nicht durch Niederschlag aus dmn Was- 
ser, sondern durch Hebung- von unten gebildet werden, beweisen 
mehrere Umst&nde. Zun&chst ihre Höhe, die gewöhnlich mehrere 
FuÜB, zuweilen sogar mehr als 12 Fufs den höchsten Wasserstand des 
umgebenden Meeres und der Flufs&rme überragt. Insbesondere aber 
geht dies daraus hervor, dafo man auf den aus dem Wasser hervorra- 
genden Köpfen dieser Hügel Anker, ausgeworfenen Ballaat, Steine und 
andere schwere ins Meer versunkene Gegenstände gefunden hat. 

Welcher Natur die hierbei tiiätigen unterirdischen und heben- 
den Kräfte sind, darüber ist man erst neuerdings mehr, ein^ ge- 
worden. Manche haben die Erklärung sehr weit hergeholt und haben 
jene plötzlich aufsteigenden Barren -Hügel mit Erscheinungen in den 
oberen Partien des Mississippi -Deltas in Verbindung setzen wollep. 
Auch in dem Innern des sonst so flachen und niedrigen grofsen Mis- 
sissippi-Deltas nämlich giebt es hier und da - verstreute Hügel, von 
denen einige nur künstliche Erdarbeiten (Grabhügel) der Indianer sein 
mögen, während andere so grofs und hoch sind, dafs nvän zu ihrer 
Erklärung seine Zuflucht zur Annahme vulkanischer Aktion genom- 
men hat. Doch scheint diese Annahme bei den Mudlumps nicht zu- 
lässig, besonders weil- sie immer nur ganz in der Nähe der Flufs- Mün- 
dungen und der Barren eijscheinen, und weil auch keine vulkanischen 
Einwirkungen, keine Dämpfe, heifse Quellen oder dergleichen bei ihnen 
wahrgenommen sind. — Die meisten Beobachter glauben jetzt, dafs 
die anüserordenüichen Massen von Holz, Blättern und anderen vegeta- 
bilischen Stoffen, die der Flufs herabbringt und die an seinen Mün- 
dungen versinken und dann mit dicken Schlamm -Ablagerungen be- 
deckt werden, die Ursache jener Hebungen seien. • • • 



f9ß SLohl: 

Man hat bemerkt, dafs der Schlamm des Mississippi bei seiner 
Berührang mit Sakwasser aufserordentlich zäh und compakt wird. Er 
nimmt wie Siegel -Erde den Abdruck des feinsten Siegels an, er läfst 
sich sogar mit der Hand poliren, getrocknet bildet er brauchbare Bau- 
steine, und gebrannt wird er so hart wie Ziegelstein und yerglast da- 
bei sogar, vermuthlich in Folge des beigemischten Salzgehalts. Wenn 
nun, wie es oft gesdiieht, grolse Massen von vegetabilischen Stoffen 
an den Mündungen des Mississippi versinken und hinterdrein wieder 
mit einer dicken Schicht dieses zähen Schlammes bedeckt werden, und 
wenn dann in jenen Vegetabilien sich Gährungs- Prozesse und Gase 
erzengen, so können diese elastischen Gase jene feste Schhunmdecke 
nicht durchdringen. Sie werden von ihr comprimirt. Sammeln sie 
sidi aber in bedeutenden Quantitäten an, so heben sie die Decke gleich 
einer mächtigen Blase so weit empor, bis dieselbe Risse bekommt und 
platzt, wo alsdann bei dem Entschlüpfen des Gases das weitere Em- 
porsteigen aufhört. 

Für diese Erklärungsweise sprechen einige fernere bei jenen In- 
seln beobachtete Erscheinungen. Die besagten Risse und Spalten ge- 
wahrte man. häufig an ihnen und fand, dafs sie meist aus der Mitte 
der Mudlumps radienförmig nach dem Umkreise hervorgehn. Die 
Wände der Risse stehen oft perpendikulär wie Felsenriffe aus dem 
Wasser heraus und sind dabei mitunter so hart wie Stein, so dafs 
Schiffe daran scheitern. Am meisten ist der centrale Kopf der Mudlumps 
zerrissen, und es befinden sich daselbst oft tiefe Löcher oder Brunnen, 
ans denen so wohl Gase als auch Quellen hervordringen. Die Gase 
hat man auf einigen Inseln geschöpft. Sie brennen mit blafs blauer 
Farbe und sind Wasserstoff- Gase. Die Quellen sind immer Salz- 
quellen. 

Wie die Art des Anwachsens, so deutet auch die Weise des Ver- 
schwindens dieser Inseln auf eine Hebung durch Gase von unten her. 
Der Flufs und die Wellen des Meeres haben wegen der Zähigkeit des 
Materials in der Regel nicht viel Einfiufs auf sie. Aber wenn es 
an den Gas erzeugenden vegetabilischen Stoffen unten zu fehlen beginnt, 
oder das Gas oben hinreichend Luft bekommen hat, so platzen sie als 
dann wie Blasen und verschwinden zuweilen nach einer mehrjährigen 
Eizistenz von selbst wieder. 

Dafs die Mudlumps sich blofs in der Nahe der Barren der Pässe 
erbeben, ist der wichtigste Umstand bei ihnen. Er steht in vollkommenem 
Einklang mit der aufgestellten Erklärungsweise ihrer Entstehung. Nur 
in der Nähe der Barren, wo der Flufs all seinen Kehricht auswirft, 
finden noch neue Depositionen srön vegetabilischen Stoffen statt, und 
nur da können dieselben von anderem Detritus (von Sand, Schlamm etc.) 



Die MOndiingen des Mississippi. 193 

überdeckt werden und folgüdx Gas-Entwickelungen statt finden. In 
den andern Festlandtheilen der Pässe sind diese Gas -Entwickelangen 
und Gährnngsprocesse längst todt und verbraucht. Die vegetabilischen 
Stoffe sind dort in ihren Verschlussen zur Ruhe gekommen und de- 
componirt. 

Nachdem man diesen Proeefs richtig erkannt hatte, ist man denn 
auch der Bildung solcher Inseln, die sich oft mitten in dem Verkehrs- 
wege der Schiffe aufzuwerfen drohten, zuvorgekonunen. Wie ein Arzt 
die Geschwüre sticht, so hat man diesen Erdblasen durch Bohrungen 
und Sprengungen Luft verschafft. Man that dies namentlich im Jahre 
1858, wo man einige sich hebende Punkte bei der Südwest -Mündung 
des Mississippi gewahrte. Man sprengte mit Pulver den Gipfel der 
Hebung. Ein starker Ergnfs von Wasserstoffgas erfolgte, die Insel 
sank wie ein Vulkan in einem ziemlich weiten Umkreise zusammen, 
und der Scbiffsweg wurde auf diese Weise frei gehalten. ' 

Aber zuweilen haben auch das Wasser des Flusses- und Meeres 
diese Inseln allmälig vneder weggewaschen, und manche von ihnen 
sind während der Dauer eines Orkanes verschlungen und verschwun- 
den. Andere aber haben so lange widerstanden, dafs sie auch auf 
den Schiffskarten einen Platz fanden. Und einige sind sogar bewohnt 
und bebaut worden. Auf einer hat lange Zeit eine Lootsen- Station 
bestanden. Die „Mudlumps'^ zeichnen sich durch ihre aufserordent- 
liche Fruchtbarkeit vor den gewöhnlichen Marschinseln des Mississippi 
aus. Denn wenn sie überhaupt lange genug dauern, um sich mit Ve- 
getation zu bedecken, so unterscheidet man sie alsbald an dem üppi- 
gen Charakter dieser Vegetation von den gewöhnlichen Marsch -In- 
seln, die nur Schuf und grobes Gras erzeugen '). — Die Details der 
Untersuchungen, die man über die Gas- und Salzwasser -Quellen der 
Mudlumps, über ihre Tiefe, die bis auf den Boden des Meeres hinab- 
steigt, ihre schornsteinartigen Röhren mit festen Wänden, ihren gro- 
fsen Salzgehalt und andern Verhältnissen angestellt hat, sind äufserst 
interessant. Doch übergehe ich sie hier. 

12) Versuche, die Schiffbarkeit der Mississippi-Mündimgen zu erhöhen. 

Schon in der französischen und spanischen Zeit hat man man- 
cherlei Projecte zur Vermehrung der Tiefe des Wassers auf den Bar- 
ren des Missismppi und zur Verbesserung ihrer Canäle aufs Tapet ge- 
bracht. Da indeis keiner dieser Pläne, über die man noch manche 



^) Siehe die Berichte von Sidell und Meade in dem Appendix zu Capt. Hum- 
phreys. S. IX ff. — S. XVI ff. 

ZeiUohr. f. aOg. Brdk. Neue Folge. Bd. XIII. J3 



194 Kohl: 

nicht uninteressante Schriften und Dokumente auf Aeai Archive des 
Däpöi de la Marine in Paris einsehen kann, zur Ausführung kamen, 
oder irgend einen Erfolg hatten, so lohnt es sich kaum der MOhe hier 
einen Versuch zur Darstellung ihrer Geschichte zu machen. 

Die Amerikaner griffen die schwierige Aufgabe zum ersten Male 
im Jahre 1837 an. Der Congrefs bewilligte eine kleine Summe und 
begann damit, das ganze Terrain zuerst genau untersuchen und karto- 
graphisch aufnehmen zu lassen. Die oft von mir genannten vortreff- 
lichen MünduDgskarten des Mississippi von Gapt. Talcot waren ein 
Ergebnifs davon. Gapt. Talcot und seine Offiziere kamen zu der An- 
sicht, dafs die Barren am besten durch Baggern ausgetieft werden 
könnten* Und diese Methode wurde vom Kriegs-Departement ange- 
nommen. Man fing an, bei einigen Barren zu baggern. Allein die 
vom Gongrefs bewilligte kleine Summe ward schnell verausgabt, und 
das Werk, dafs auf eine ununterbrochene Arbeit und mithin eine unun- 
terbrochene Revenue, auf einen jährlichen Zuschuls berechnet war, 
gerieth bald wieder in Stocken. Der Flufs stellt immer seine Barren 
wieder hin, baut sie stets zu derselben Höhe auf. Der Kampf gegen 
ihn darf daher ebenfalls nie aufhören. 

Mehr als 20 Jahre geschah nun von Seiten des Gongresses wieder 
nichts für die Sache. Im Jahre 1852 bewilligte er abermals 75,000 Dol- 
lars, die aber wieder vergebens in den Mississippi geworfen wurden. 
Man hatte bemerkt, dafs die Schlamm -Depositen auf den Barren, wenn 
man ihnen keine Ruhe läfst, wenn man sie fortwährend stört und in 
Bewegung erhält, nicht zum Ansetzen kommen, sondern leicht von den 
Strömungen entführt werden. Sogar durch das bloise Beschiffen ver- 
tiefte sich die Barre derjenigen Flußmündungen, durch welche wöchent- 
lich hunderte von Schiffen, mit ihren Kielen über den Boden streifend, 
aus- und einfuhren und verbesserte sich wesentlich. Man gab daher das 
mühselige und kostspielige Baggern auf und adoptirte den Plan grofse 
eiserne Harken und Kratzinstrumente durch Dampfschiffe auf dem 
Rücken der Barre hin und her zu schleppen, um so durch Aufstörung 
des Schlammes (j^by stirring up the boHom^) eine Erhöhung zu ver- 
hindern und eine Wegführung von Material zu bewirken. Man erhielt 
durch dies Verfahren auch wirklich im Jahre 1853 auf der Barre des 
Südwestpasses eine Tiefe von 18 Fufs. Aber die Summe von 75,000 
Dollars war bald wieder erschöpft, die Arbeiten geriethen in Stocken. 
Der Flufs baute die Barre wieder auf, und schon im Jahre 1855 war 
keine Spur mehr von den gemachten Anstrengungen übrig. 

Auf neue Klagen der Schifffahrt bewilligte der Gongrefs nun eine 
Summe von 330,000 Dollars, um Schiffskanäle über die Barre des Süd- 
westpasses und des Passes ä Loutre zu eröffnen und offen zu erhalten« 



Die Mündungen des Mississippi. 195 

Hierauf schlofs das Kriegs -Departement in Washington einen 
Vertrag ab mit dem Hause Craig & Rightor in New Orleans, das sich 
contractlich für eine Summe Geldes verpflichtete, durch gewisse Was* 
Serbauten im Mississippi die beiden Pässe („Südwest^ und „d Loutre^) 
auf ihren Barren mit einem 20 Fufs tiefen Schiffskanal zu versehen 
und diese Canäle 5 Jahre lang in der angezeigten Tiefe offen zu er- 
halten. Der Plan dieser Contrahenten war erstlich, die kleinen Bajous 
und Lecke in den beiden Pässen abzudämmen und zu verschliefsen, 
so den Mississippi gleichsam dicht zu machen und wie ein Fafs aus- 
zupichen, damit er mehr Wasser über die Barren fahre, aufserdem aber 
Molos oder Dämme an den Mündungen anzulegen, die bei den äufser- 
sten Landspitzen anfangen, nach dem Flusse zu convergiren und so 
ebenfalls eine gröfsere Quantität Wasser und einen stärker concentrir- 
ten Strom auf die Barren fuhren sollten. Diese Dämme sollten dann 
jedes Jahr, so wie der Pafs selbst und seine Barre weiter ins Meer 
hinaus fortschritte, verlängert werden. Man hatte schon in Frankreich 
an der Mündung der Rhone zu einem ähnlichen Zwecke mit gutem 
Erfolge solche Molos angelegt und in die See hinausgeworfen. Die 
Gontractoren fingen damit an, auf der Ostseite des Südwestpasses ein 
eine Meile langes hölzernes Pfahlwerk zu bauen. Dasselbe war aber 
viel zu schwach, and die ersten heftigen Stürme zertrümmerten es 
theilweise. 

Die Gontractoren gaben daher diesen Plan auf und fingen nun 
an, wie früher, mit eisernen Harken und Kratz -Instrumenten (harrows 
and scrapers) den Boden aufzustören, hier und da auch zu baggern, 
so wie aoch mit Pulver die ^Mudlnmps^ zu sprengen. Hierdurch gelang 
es ihnen im Jahre 1858 auf der Barre beider oben bezeichneten Pässe 
Ganäle von 18 Fufs herzustellen, und so lange als man fortfuhr, die 
eisernen Harken durchzuführen, wurden diese Ganäle wirklich offen 
gehalten. Allein das Haus Graig <& Rightor fand diesen Procefs bald 
zu kostspielig und erklärte sich aufser Stande, seinen Gontract zu er- 
füllen. Eben so ging es mit einer andern Gesellschaft von Gontrahen- 
ten, mit denen man sich 1859 eingelassen hatte. 

Darauf entschlofs sich das Kriegs -Departement mit seinen eigenen 
Offizieren und Ingenieuren zu operiren, was längst zu thun natürlich 
das Beste gewesen wäre. Aber der Gongrefs, auf dessen Beschlüsse 
häufig allerlei Privat- Einflüsse einwirkten, hatte bei jener Bewilligung 
von 330,000 Dollars die ausdrückliche Glausel gemacht, dafs die Sache 
durch mindest fordernde Privat -Gontrahenten ausgeführt werden solle. 
Das Kriegs -Departement konnte daher erst dann mit seinen eigenen 
Offizieren operiren, nachdem dieser Glausel des Gongresses genügt und 
nichts dadurch erreicht war. 

13» 



196 Kohl: 

Mit dem Ueberreste der bewilligten Samme worden nun Bagger- 
Maschinen, eiserne Harken etc. far das Eriegs-Departement angeschafft, 
und im Laufe des Jahres 1860 hielten die amerikanischen Offiziere für 
60,000 Dollars auf der Barre des Südwestpasses beständig einen Canal 
von 18 Fufs Tiefe offen >). 

Während des Bürgerkrieges der Jahre 1861 und 62 werden auch 
diese Arbeiten wohl wieder unterbrochen sein. Da man sie aber na- 
türlich nach hergestelltem Frieden wieder aufnehmen wird, so ist es nicht 
uninteressant zu erfahren, zu welchen Ansichten über diesen Punkt 
(die Austief ung der Mississippi -Barren) diejenigen Offiziere gelangt 
sind, die 12 Jahre lang hauptsächlich mit Rücksicht darauf den grofeen 
Strom untersuchten. 

Als das nach den bisherigen Erfahrungen sparsamste und am 
wenigsten riskante Verfahren empfehlen sie das Aufstören des Bodens 
durch Harken und Kratzer. Doch darf dasselbe nur zur Zeit des 
Hochwassers angewandt werden, weil zur Zeit des niedrigen Wassers 
des Flusses bei hoher Meeresfluth, wie ich gleich unten zeigen werde, 
ein Unterstrom von Salzwasser über die Barre einwärts zurückfliefst, 
der alles losgerissene Material statt in die See hinaus in den Flufs zu- 
rückführen würde. Die nun gemachten genauen Beobachtungen über 
die Periode des Steigens und Fallens des Mississippi geben Anleitung 
dazu, wann diese Operationen angefangen werden können und wann 
man mit ihnen aufhören mufs. 

Obgleich jener erste Verengungs-Molo am Mississippi nicht ge- 
glückt ist, so verwerfen doch, besonders, auf das Beispiel ander Rhone 
in Frankreich gestützt, die amerikanischen Offiziere die Anwendung 
von Molos (y^Jetties^) überhaupt nicht, wenn sie nur solide und zweck- 
mäfsig gebaut und jährlich gehörig verlängert werden. Sie glauben, 
dafs wenn man zwei anfänglich convergirende, nachher parallellaufende 
Dämme auf der Barre im Flufs da zu bauen anfinge, wo dieselbe 22 Fufs 
Tiefe hat und bis zu dem Punkte jenseits des Kammes der Barre im 
Meere, wo sie wieder 22 Fufs Tiefe besitzt, d. h. 2^ Meilen lang fort« 
setzte, dadurch 21 Fufs Tiefe auf der Barre erwirkt werden könnten, 
wobei man natürlich noch mit Baggern, Ejratzern und Harken nach- 
zuhelfen hätte. 



') Siehe die Data zur Geschichte dieser Operation in Capit&n Humphreys 1. c. 
S. 458 ff. 



Die Mondangen d«8 Mississippi. 197 

13) Hoch- und Tiefvrasser des Mississippi in den Pässen. 

Die Qaantitfiten der geeammten atmoBph&riecheii Niederschläge 
des i^cen groieen Mississippi -Thaies hat man auf circa 89 Trillionen 
Cabikfufs jährlich berechnet. Von dieser Masse geht bei weitem das Meiste 
wieder dardi Evaporadon oder sonst verloren oder bleibt in den Sfim- 
pfen des Innern stecken. Nur nidit ganz ein Viertel davon oder circa 
Idf Trillionen Cubikfurs kommendm Durchschnitt j&hrlich 2um Delta und 
zum mexikanischen Meerbusen herab. Bs giebt indefs wasserarme Jahre, 
in welchen die ganze Wasser -Entladung des Mississippi nur 11 Tril- 
lionen und wiederum wasserreiche Jahre, in denen sie 27 Trillionen 
Cubikfufs beträgt *)• 

Ein Theil dieser Quantität tröpfelt unterwegs durch die zahllosen 
BayouB oder Lecke des Flufecanals aus. Die Hauptmasse aber gelangt 
durch die von mir genannten Hauptarme oder Pässe des Flusses ins 
Meer. 

Die durchschnittliche Wasserentladung aller Pässe das ganze Jahr 
hindurch beträgt in runder Summe etwas mehr als eine Million Cubik- 
fufs per Sekunde. Doch wechselt diese Quantität zu den verschiede- 
nen Jahreszeiten sehr. Im Ganzen hat der Mississippi jedes Jahr eine 
Hodbwasser- und eine Seichtwasser -Saison. Jene fällt in die Win- 
ter- und Frühlings-, diese in die Sommer- und Herbst- Monate. In 
jener entladet er zuweilen über 1 j Millionen, in dieser oft unter 300,000 
CubikfoDs Wasser in der Sekunde, so dafs er also zu Zeiten im Monat 
Mai 5 bis 6 mal gröfser und mächtiger ist als im Monat October. 

Wegen der aufserordentlich tiefen Einkastung der Canäle nehmen 
während der Hochwasserzeit die „Pässe^ kaum merkbar an Breite zu, 
höchstens hier und da 1 00 bis 200 Fufs, während der Flufs in den Ge- 
genden oberhalb des Deltas dann zuweilen viele Meilen weit gehende 
Ueberschwemmungen veranlafst und dort einem Meere gleicht. 

Eben so nimmt er auch in den ,)Pässen^ nicht sehr an Höhe zu, 
höchstens etwa 5 bis 6 Fufs im sogenannten ^Halse^ der Pässe, wäh- 
rend in den oberen Gegenden sein Hochwasserstand über dem Seicht- 
wasserstande wohl 40 bis 45 Fufs erhaben ist. Auf den Barren der 
Pässe selbst beträgt die Differenz zwischen Hoch- und Seichtwasser 
nur wenige (2 bis 3) Fufs. Und im Ganzen genommen gewährt hier 
der Flufs das Jahr hindurch denselben Anblick, da das Meer sehr aus- 
gleichend wirkt, und zugleich auch die grofse Quantität des zuströmen- 
den Wassers sich in den vielen Pässen sehr vertheilt. 

Dagegen ist zur Zeit des Hochwassers die Schnelligkeit des Flusses 



') Siehe die Berechnungen von Oapt. Hnmphreye 1. c. p. 1S4 ff. 



198 Kohl: 

in den Pässen und aaf den Barren bedeutend gröfser, im Durdischnitt 
wohl viermal stärker als zur Zeit des Seicbtwassers >). Diese Ge- 
schwindigkeit ist um so bemeikenswerthery da der Abfall des Flusses in 
den Pässen aufserordentlich gering ist. Die Inclination beträgt auf 
einer Strecke von 12 Meilen auf der Oberfläche des Flusses 
kaum 1-jV Fufs '). Ein über eine so schwach geneigte Fläche fliefsen- 
der Bach würde kaum aus der Stelle schleichen. Der Mississippi da- 
gegen, bei dem die grofsen Massen auf einander drücken und sich for- 
dern, schiefst wie ein Pfeil darüber hin. 

Das salzige Wasser des Meeres steht für gewöhnlich überall bis 
hart an den äufsern schrofferen Band der Barren. Es ist daselbst 
stets auch zur Zeit des Hochwassers des Flusses, dann aber nur in 
einer Tiefe von 15 Fufs an abwärts zu finden. Wenn der Flufs niedrig 
ist, steigt das Salzwasser höher herauf und erscheint sogar oben auf 
dem Kamme der Barre. Das Meer, ergreift dann Besitz von der Barre. 
Ja es strömt sogar wohl über die Barre in den Flufs in einer Unter- 
strömung herein, indem die Süfswasserströmung in entgegengesetzter 
Richtung über diese weggeht. Durch diese Unterströmung des Meer- 
wassers wird das Wasser der Mississippi -Pässe zuweilen ziemlich weit 
hinauf salzig oder doch brakisch. Man hat oft noch im „Halse^ des 
Mississippi oberhalb der „Gabel^, und zuweilen sogar bei Fort Philipp 
das Wasser brakisch gefunden '). 

Die grofse Masse Südwassers, die zur Zeit des Hochwassers an- 
gemein schlammig und trübe ist, verbreitet sich alsdann weit umher 
auf der Oberfläche des Meeres. Bei der Ausströmung und Verbrei- 
tung des FluTswassers über die Oberfläche des Meeres finden mehrere 
sehr bemerkenswerthe und zum Theil sonderbare Phänomene statt, die 
auch für die SchiffTahrt nicht ohne Bedeutung sind. Zunächst entate- 
hen dadurch eine Menge zum Theil sehr complicirte Strömungen und 
Gegenströmungen im Meere *). Alsdann zeigt sich, dafe das süfse 
und ganz anders beschaffene Flufswasser sich keineswegs sehr willig 
und schnell mit dem Meerwasser vermischt. Vielmehr offenbart es 
eine grofse Tendenz mit seiner ihr gleichartigen Flüssigkeit ziföammen 
zu bleiben. Es strömt eine Zeit lang' wie Oel oben aufschwimmend 



*) Für den Sttdwestpafs betrttgt z. B. die mittlere Geschwindigkeit bei Hoch- 
wasser beinahe 5 Fufs, bei Seichtwasser dagegen nur 1,4 FuTs. 

^) Lieutenant Meade. 1. c. p. XIX. 

') Bei sehr heftigen Südwinden und bei ganz niedrigem Wasserstande im Mis- 
sissippi gehen sogar starke StrSme des Golfwassers in den Pässen hinanf. 

*) Siehe darüber Kerhallet's (franz5s. Marine -Capitäns) treffliches Werk über 
den mexikanischen Meerbusen. YoL XI. p. 464. 






Die Mündiingeii des Mississippi. J99 

ober das Salzwasser weg, indem es dabei yerscbiedene Oegenstromnn- 
gen mit ihm bildet and auch die Wirkung der Fluth bei der Barre 
völlig ekrasirt. Weiter hinaus im Meere wird diese obere Schicht Süfs- 
wassers, ehe sie ganz von den salzigen Wellen verschlangen und durch- 
einander geworfen wird, in grofse und kleine Portionen aufgelost, die 
aof dem Meerwasser wie kleine Partien Oel, die auf Essig schwim- 
men, zusammenhalten und sich deutlich, gleichsam als Süfswasser- 
Inseln, unterscheiden lassen. Sie contrastiren um so auffallender mit 
dem Meereswasser, da sie eine trübe Farbe haben und noch oft vege- 
tabilische Stoffe, Blätter und Zweige in sich schliefsen. Ja das Meer- 
wasser bricht sich sogar ein wenig an diesen Süfswasser- Inseln und 
schäumt an ihren Rändern ringsumher auf wie an einer Sandbank. 

Solche Süfswasser -Inseln werden bei Hochwasser oft 18 nautische 
Meilen weit von der Mündung des Mississippi angetroffen, während 
bei niedrigem Mississippistande jede Einwirkung des Flusses und jede 
Trübung des Wassers schon in einem Abstände von 9 Meilen aufhört. 
Es ist zuweilen vorgekommen, dafs fremde Schiffer, die mit diesem Phä- 
nomen unbekannt waren, darüber erschraken und glaubten, dafs sie 
sich vor unbekannten Inseln befilnden '). 

Umgekehrt wäre es leicht, aus der Geschichte des Mississippi Fälle 
nachzuweisen, in denen solche Seefahrer, die ihren Irrthum erkannten, 
jene Süfswasserstellen als Brunnen behandelten und aus ihnen ihre 
Fässer mit frischem Trinkwasser versahen. Fahren die Schiffe durch 
diese Stellen Mndurch, so machen ihre Ejele Streifen wie die Furchen 
der Pflüge, indem sie das schmutzige Süfswasser zertheilen und das 
klare Salzwasser nach oben bringen '). 

Ich erinnere hierbei daran, dafs wir ähnliche Beispiele von ande- 
ren noch mehr unter einander verwandten Flüssigkeiten haben, welche 
sich ebenfalls äufserst schwer ^und widerwillig mit einander vermischen. 
Das warme starkgesalzene Wasser des Gol&tromes hält sich bekannt- 
lich von dem kalten minder gesalzenen Wasser des Oceans, in dem 
es fiieist, lange sehr scharf abgesondert. 

Auch die verschiedenen Temperaturen des Flufs- und Seewassers 
bei ihrer Berührung haben beachtenswertbe Effecte. Der Golf von 
Mexico hat eine mittlere sich sehr gleich bleibende Wärme von minde- 
stens 80 zuweilen 86® Fahrenheit. Das Wasser des Mississippi hat bei 
New Orleans, wo man es beobachtete, eine bedeutend niedrigere mitt- 
lere Temperatur von 63 bis 64 ** F. In den Sommer -Monaten steigt es 
wohl auf 80 bis 85 •, d. h. es wird eben so warm wie der Golf. In 



>) Siehe hierüber Blnnt's American Coast Pilot. New Tork 1857. p. 896. 
*) S. Lyell. 1. c. Vol. U. p. 121. 



200 Kohl: 

den Winter -Monaten Janaar, Febraar und Mars, wo der geAchmolzene 
Schnee aus dem Norden her&bkommt, geht es aber zuweilen auf 48 
und gar auf 43* herab '). Da in dieser Jahreszeit zugleich Hochwas- 
ser ist, so stSrzt also eine ungeheure Quantität sehr kalten Wassers 
in den heifsen Oolf hinaus und umgiebt das ganze Mississippi -Delta 
mit einer Masse kalten Wassers. Die Luftschicht über demselben kühlt 
sich in Folge davon gleichfalls ab, und diese kalte Luffc fallt sich in 
Berührung mit der wärmeren Schiebt über dem Oolf mit Nebeln. Im 
ersten Anfange des Frühlings sind daher alle Mississippi -Mündungen 
häufig in eine lange dauernde, unbewegliche Bank dichten Nebels ein- 
gehüllt, so weit das süfse Wasser des Flusses sich ausbreitet, während 
zu beiden Seiten über dem Oolf die hellste Atmosphäre schimmert '). 

Wie weit alle die die Mississippi- Mündung umgebenden und von 
ihr ausgehenden Phänomene sich ausbreiten, ist schwer zu sagen. Man 
hat die von ihr zerstreuten Baumstämme hundert Meilen weit gefun- 
den. Das süfse Wasser des Flusses hat man bei Hochwasser bis auf 
25 Meilen hinaus im Ocean gespürt'. Jedenfalls steht ein 16 Meilen 
breiter Streifen des Meeres, &tr sich von Bay-Ronde zur West-Bay 
vor den Mündungen 'hinzieht, noch bedeutend unter dem Einflüsse 
des Mississippi. Man kann demnach aus dem „Theilungs- Punkt der 
Pässe^ mit einem Radius von 30 Meilen einen Kreis ziehen, und diese 
200 Meilen im Umfang haltende Section des Oolfs mit allen ihren In- 
seln, Halbinseln, Bayous, Süfswasser^Canälen, Salzwasser- Abschnitten 
und sonstigem Inhalt als das eigentliche Oebiet der Mississippi- Mün- 
dungen betrachten. 

14) Ebbe und Flnth bei der Nündung. 

Die Meeresfluthen sind an den Mfindnngen des Mississippi wie im 
ganzen Meerbusen von Mexico von derjenigen Oattung, welche man 
Eintags - Fluthen {y^diumal^ oder y^single-day-tides^) nennt, d. h. sie 
wechseln nicht, wie bei uns, zweimal, sondern nur einmal im Laufe 
von 24 Stunden. Zwölf Stunden steigt das Meer und 1 2 Stunden fällt 
es. Sie sind am Mississippi wie an allen Küsten des Meerbusens von 
Mexico aufserordentlich niedrig. Die durchschnittliche Differenz zwi- 
schen höchster Fluth und niedrigster Ebbe, welche man auf den Bar- 
ren des Mississippi beobachtet hat, beträgt nur i ,i9 Fufs. Doch giebt 
es von diesem Mittel viele Abweichungen *), Wenn der Mississippi 



') Siehe die Beobachtnngen darttber in Capt. Hnmphreys 1. c. p. 150. 

«) Lyell. 1. c. p. 118. 

') Siehe Capt. Humphreys 1. c. p. 449. 

*) Siehe Lieutenant Meades Bericht im Appendix zn Hnmphreys. p. XYII. 



Die Mttndtmgeii das Hississippi. 201 

Höehwasfler hat und m&ditig aaMtrömt (in den Winter- Monaten), be* 
merkt man bei ihm einen infserst geringen oder fast gar keinen Ein* 
finfs der Meeresfluth. Bei niedrigem Stande des Mississippi (in den 
Sommer- Monaten) ist dieser dagegen höher. Eben so wird die Finth 
sehr geschwächt bei Nordwind, während sie mit Sfidwind höher auf- 
läuft. Leise Osdllationen der Fluthwellen bemerkt man bei niedrigem 
Wasserstande nnd bei anhaltendem Südwinde oft .noch weit landein- 
wärts — über New Orleans hinaas. 

Die Fluthwelle erreicht die Mündung des Mississippi nach den 
Beobachtungen der Offiziere des üniied States Coast Surt>ey in südöst- 
licher Richtung von der Strafse von Florida her. Und mit dieser Fluth- 
welle ziehen längs der Küste Fluthströmungen in derselben Richtung 
fort An den Barren der Pässe heben Fluthwellen und Fluthströmun- 
gen den ihm entgegentretenden Süfswasserstrom empor nnd pasairen 
unter ihm weg, indem sie ihn zugleich dadurch ein wenig aufstauen. 
Auch werden die Fluthströmungen durch ihren Zusamraenstols mit dem 
änfseren Fufse der Barre in ihrer Richtung geändert. Beim Südwest- 
pafs z. B., den sie von Südosten her erreichen, werden sie mehr west- 
lich in der Richtung von Texas abgeleitet. 

Die Ebbe bringt natürlich entgegengesetzte Strömungen hervor. 
Sie kommt bei der Barre des Südwestpasses aus Westen heran, wird 
aber von den am äufseren Rande und Fufse der Barre deponirten Mas- 
sen mehr nadi Süden abgeleitet. Diese Fluth- und Ebbe -Strömungen 
bewegen sich bei den Mississippi -Mündungen mit einer Sehnelligkeit, 
die zuweilen wohl 2\ Fufs in der Sekunde beträgt, und sie sind daher 
im Stande viel Schlamm und Material der Mündungen weit in den 
Golf hinaus mit sich fortzuführen. Bei niedrigem Stande des Mis- 
sissippi-Wassers und bei schwacher Strömung desselben geht jedes 
Mal eine kleine Partie des Fluthstroms auch über die Barre hinüber 
in den Flufs hinein '). Diese salzigen Unterströmungen der Fluth, 
welche in den Pässen aufwärts steigen, sind wohl zuweilen bei sehr 
niedrigem Wasserstande bis zur Höbe von Fort Ja<&son, d. h. 40 Mei- 
len von der Mündung hinauf beobachtet worden '). 

15) Die Winde. 

Die Winde des mexicanischen Meerbusens haben vermuthlich von 
den frühesten Zeiten her einen bedeutenden Einflufs auf die Bildung 



*) Siehe über dies Alles Hnmphreys 1. c. p. 449 sqq. 
') Siehe Meade. 1. c. 



202 Kohl: 

de6 Deltas d^s Miäsifisippi und ftöiner Pfisse aad Mandangda gehabt. 
Sie haben dort nicht nur iandrerschiingende Ueberfluthungen veran- 
lafst, sondern auch periodische Strömungen erzeugt, die mehr oder 
weniger störend in die Configuration des Landes eingriffen. Die Er- 
wägung ihrer regelm&ijsigen und exceptionellen Bewegungen ist daher 
för unseren Gegenstand von groiser Bedeutung. 

Der ganze QoU von Mexico ist noch unter dem Einflüsse des 
Nordostpassats. Derselbe bläst allerdings besonders stark und regel- 
mfifsig an dem Eingangsthore des Gk)lfs bei der Südspitze von Florida. 
Allein die Wind -Beobachtungen, die man dort gemacht hat, stimmen 
mit denen, die bei der Mundung des Mississippi selbst ausgeföhrt wur- 
den, in hohem Orade überein, und diese Uebereinstimmung beweist, 
dafs auch im Norden des Golfs, der Nordostpassat der herrschende 
und Ton angebende Wind ist. Dies gilt vorzugsweise von den- Som- 
mer-Monaten, in denen fast immer ein ösüicher Wind an den Mün- 
dungen des Stromes vorüberstreicht und respective in sie hinein bläst. 
Zuweilen wird derselbe indefs mehr nordöstlich, zuweilen mehr süd- 
östlich und sogar südlich. Letzteres namentlich im Hochsommer, wo 
der Wind längere Zeit direet aus Süden bläst. 

Wie bekanntlich im grofsen Ooean so weicht auch im Golf von 
Mexico die Region der Herrschaft des Nordostpassats im Herbste nach 
Süden zurück. Es treten ihm kalte und heftige Nordwinde entgegen. 
Und während des Winters sind diese Nordwinde entschieden vorhen> 
sehend. Sie wehen oft Monate lang mit groiser Regelmäisigkeit das 
Mississippi -Thal hinunter in den Golf hinaus, erlangen zuweilen eine 
sturmartige Heftigkeit und sind dann unter dem Namen „^s Nortes^ 
in der spanischen Zeit berühmt und furchtbar gewesen. 

Heftige Stürme haben oft durch den grofsen Wellenschlag, den 
sie veranlafsten, nicht geringe und plötzliche Veränderungen in der 
Gestaltung der Küsten bewirkt, haben Inseln zerrissen oder wegge- 
schwemmt, Bayous verstopft, oder auch nette Canäle eröfibiet. 

Nicht weniger interessant aber sind die allmäligen Einwirkun- 
gen von regelmäfsigen Winden auf die Gewässer des Golfs. Fortge- 
setzte und an mehreren Punkten gemachte Beobachtungen haben be- 
wiesen, dafs der ganze Golf von Mexico während des Sommers, wenn 
die Ost- und Südwinde herein blasen, etwas höher steht als im Win- 
ter, wenn die Nordwinde das Wasser hinaustreiben '). Bei der Mis- 
sissippi-Mündung beträgt dieser Unterschied zuweilen einen Fufs» Dais 
auch dieser Umstand an den Mississippi -Mündungen mancherlei com- 



') Capt Homphreys p. 850 — 451. 



Die Mändangen des Mississippi. 203 

pUcirte Stromungen veranlalllt, namentlieh wenn das anfgestante Meer 
wieder snrückflierst, versteht sich von selbst '). 

Aoeh auf den Flufs and selbst im Innern des Landes haben die 
Winde eine auffallende Elinwirkung. Bei den winterlichen Nordwinden 
entladet sieh der eben^Uls aus dem Norden herabströmende Flufs mit 
doppelter Geschwindi^eit, während er bei andauernden Südwinden 
aufgestaut wird und langsamer abfliefst. Man hat isoweilen bemerkt, 
dafs bei heftigen Nordwinden dies oder jenes Bayon g^mz ausgef(^ 
und trocken gelegt wurde. 

Da der Südostwind jedenfalls deijenige Wind ist, der am aus- 
dauerndsten vor der Mündung des Flusses bläst, so haben die ameri- 
kanischen Offiziere daraus auch die Gestaltung der äufseren Umrisse 
des ganzen Deltas der Mississippi -Pässe erklaren zu können geglaubt 
Sie haben darauf aufmerksam gemacht, dafs die Hauptarme des Mis- 
sissippi, die das meiste Wasser fahren, d. h. der Nordost- und der 
Südwestpafs sich direct von der Südost- Richtung abwenden und unter 
rechten Winkeln auf dieser Linie stehen. Der sogenannte Südpafs, 
der dem Südostwinde entgegentritt, ist nur unbedeutend. Sie haben 
ebenso bemerkt, dafs zu beiden Seiten der Pässe die Festlandküste 
das Delta 40 bis 50 Meilen weit in der Hauptsache gleichfalls die 
Richtung aus Südosten unter rechtem Winkel schneidet. Und sie glau- 
ben ') diese Verhältnisse der Einwirkung des Südostwindes zuschrei- 



^) Wenn ich dem so wichtigen Gegenstande der MeeresstrSmmigen an den 

Mündungen des Mississippi kein eigenes Capitel widme, so geschieht es nur deswe- 
gen, weil ich glaube, dafs die bisher darüber gemachteii Beobachtungen noch bei 
weitem nicht zahlreich genug sind, um ihre Regelmäfsigkeit in einem deutlichen 
Bilde darzustellen. Ich will hier nur noch einmal die verschiedenen Classen dieser 
durch einander greifenden Strömungen bezeichnen, um ihre grofse Complicirtheit 
deutlich zu machen: 

a) Die Strömungen, die durch den Einflufs des Süfswassers im Meere entste- 
hen. Es werden dabei allerlei Seitenströmungen, sogar auch vertikale Strudel ver- 
anlaffit, Sie sind sehr verschieden bei Hoch- und bei Seichtwasser des Flusses. 

b) Die Strömungen, die von der Meeres -Fluth und Ebbe herrühren. Sie sind 
einander entgegengesetzt und ungemein verschieden bedingt durch die Gestaltung 
des Deltas und durch den Zustand des Wassers im Flusse. 

c) Die Strömungen, welche die WiLrme und die durch sie bewirkte Auilstau- 
nnsg des Meerwassers veranlassen. Und zu diesem Allen kommt noch endlich 

d) der Golfstrom, der in den grofsen Tiefen des Meerbusens von Mexico nicht 
sehr weit von der Mündung des Mississippi vorüber kreist. Der Golfstrom veran- 
lafst bekanntlich überall auf seiner Seite ihm entgegengesetzte Gegenströmungen. 
Und es ist wahrscheinlich, dafs der ganze Mississippi -Mund unter dem Einflüsse die- 
ser Seiten- oder Gegenströme des Golfstroms liegt, die von Osten nach Westen gehen. 
Man hat längst eine allgemeine Tendenz der Gewässer vor dem Munde des Missis- 
sippi von Osten nach Westen längs der Küste von Texas hinab wahrnehmen wol 
len, und es ist wahrscheinlich, dafs sie existirt. 

') Capt. Humphrejs p. 460. 



204 Kohl: 

ben za kÖBnen» die hier die Arme und Halbiaseki des Floases wie die 
Zweige eines Baumes aus einander trieb. 

In maaoben Jahren haben die Nordwinde mit noch grofserer Aas- 
dauer and Regelm&fsigkeit als gewöhnMöh geweht und maa hat dann 
einen damit correspondirenden gröfseren Wassermangel aaf den Bar- 
ren des Mississippi beobachtet So z. B. blies wahrend der Monate 
Deeember, Janaiu', Februar des Winters 1858/59 der Wind so onon- 

■ ■ ■ ■ ■ 

terbrochen aus Norden, wie er es weder in den vorhergehenden noch 
in den nachfolgenden Jahren that , und das. Wasser auf den Barren 
war daher in jenem Winter auch bedeutend niedriger als in dem vor- 
hergehenden and nachfolgenden. — Es ist ein widerwärtiger Umstand 
für die Sehifffahrt und dea Handel der Stadt New Orleans and des 
ganzen Mississippi -Landes, dafs diese Nordwinde und der durch sie 
veranlafste niedrige Stand des Wassers gerade in die Jahreszeit fällt, 
in welcher die Handelsthätigkeit daselbst am grölsten ist. Von dem 
hoben Sommerwasser und dem dann herrschenden Südwinde kann die 
Schifffahrt wenig Gebraach machen, weil sie alsdann ruht 

16) lieber das Wachsthmn der Pässe. 

Das Mississippi -Wasser ist, namentlich wenn der Flufs hoch ist, 
ung!^ziein trübe, d* h. es enthält eine Menge erdiger Substanzen. Einen 
Theil derselben deponirt der Flufs schon in seinen oberen Partien in 
den grofsen Sümpfen, Marschen oder sogenannten ^Bottomlands'', die 
ihn auf einem langen Striche seines Laufs begleiten. Auch baut er 
daraus seine ,)Bänke^ auf, die er, wie natürliche Deiche überall, wo 
er durch Niederungen fiiefst, errichtet. 

Einen grofsen Theil dieses Materials aber bringt er bis zu seiner 
Mündung herab und führt ihn ins Meer hinaus, wo er ihn an dem 
Saume seines Deltas und seiner Pässe verstreut. Da es eine Frage 
sowohl von grofsem praktischen Interesse als von theoretischer Bedeu- 
tung ist, so hat man sich viel Mühe gegeben, die Quantität dieses in 
den Oolf hinausgeworfenen Materials zu bestimmen. Amerikanische 
Gelehrte und Offiziere haben Jahre lang fortgesetzte Beobachtun- 
gen über die relative Menge des im Mississippi -Wasser enthaltenen 
Schlammes an verschiedenen Localitäten und in verschiedenen Zustän- 
den des Flusses gemacht. Jeder von ihnen ist dabei natürlich zu etwas 
verschiedenen Resultaten gelangt. Nimmt man aber das Mittel dieser 
Resultate und fafst man dabei lange Zeitperioden zusammen, so stellt 
sich heraus, dafs das Mississippi -Wasser in den untern Partien des 
Flusses TTöö seines Gewichts und ^-^^ seiner Masse Schlamm hinab«- 
bringt. In den 19^ Trillionen Cubikfufs schmutzigen Wassers, die der 



Die Mfindnng^K des Mississippi. 205 

Flufs jältrlich ins Meer führt, sind demnaeh etwa 812 ^Hionen Pfund 
erdiger Stoffe enthalten und diese würden zusammengeh&uft einen Blodc 
von einer englischen Quadratmeile im Umfang bei drca 240 Fnls Dicke 
bUden >). 

Mit dieser grofsen Masse Schlammes bant der Mississippi bei sei- 
nen Mündungen zum Theil die Bänke, Halbinseln und Inseln an sei- 
nen Ufern auf. Zum Theil wird sie weit in den Golf Ton Mexico 
hinausgeführt und erhöht dessen Grund allmälig. Im Laufe der Jahr- 
tausende hat diese Action schon einen grofsen Busen des Meeres (das 
jetzige grofse Flufsdelta) ausgefüllt. 

Aufser dem in ihm schwimmenden und aufgelösten Schlamm rollt 
und schiebt der Mississippi auf seinem Boden auch schwerere Materialien, 
Thon und Sand, mit sich herab. Die Quantität dieser Stoffe ist sdiwe* 
rer zu berechnen. Doch haben die amerikanischen Offiziere nach viel- 
faltigen darüber angestellten Beobachtungen geglaubt, dieselbe auf 
750 Millionen Cubikfufs reranschlagen zu dürfen, welches einen Block 
von einer nautischen Quadratmeile bei 27 Fufs Höhe geben würde *). 

Aus diesen schweren Stoffen baut der Mississippi namentlich seine 
Barren auf. Sie werden aber auch von den Strömungen in dem Meere 
in der Nähe der Mündungen verstreut, obgleich nicht so weit hinaus 
gefuhrt, wie der im Wasser schwimmende Schlamm. Durch Sondirun- 
gen hat man nachgewiesen^ was an sich natürlich ist, dafs alle Depo- 
sitionen von Detritus in der Nähe der Mündungen aus gröberen Ma- 
terialien bestehen, und dafs, je weiter man von den Mündungen ins 
Meer hinausgeht, die Stoffe, aus denen die den Boden bedeckenden 
Schichten bestehen, desto feiner werden '). 

Fügt man den Sand zu dem Schlamme, so erhält man nach dem 
Obigen einen Block soliden Materials von einer Quadratmeile bei 
267 Fufs Dicke. Dies scheint auf den ersten Blick eine ziemlich be- 
deutende Masse. Wie wenig es aber doch im Verhaltnifs zu den rie- 
sigen Proportionen des ganzen Gebäudes des Mississippi -Deltas ist, 
mag unter andern daraus hervorgehen, dafs der darin enthaltene Sand, 
wenn er auch ganz und gar 55 Jahre lang dicht bei den Mündungen 
niedergelegt würde, nicht hinreichend wäre, um blofs die Barren der 
Mississippi -Pässe zu bauen. Denn diese Barren allein enthalten mehr 
als 55mal so viel Stoff als jährlich am Boden des Flusses hinunter 
geschoben wird *). 



') Capt. Humphreys 1. c. p. 148, 149. 

') Capt. Humphreys 1. c. p. 149. 

^) Lieutenant SideU L c. p. XI. 

*) Capt. Humphreys 1. c. p. 448. 



206 Kokl: 

Anfser dem Sande, der auf seinein Boden rollt, und anfeer dem 
Sehlamm, der in seinen Wellen in der Schwebe gehalten wird, schwim- 
men auch nodi grofse Massen Waldkehridits, dicke Banmstämme nnd 
mifshandelte Stumpfe und andere vegetabilische Stoffe auf dem Missis- 
sif^i herab. Diese sind in den vorigen Berechnungen noch nicht in 
Anschlag gebracht. Und doch sind sie ebenfalls bei dem Aufbau nnd 
der Umgestaltung des Flufsdeltas von dem grölsten Einflüsse. Denn 
jene vegetabilischen Stoffe losen sich keineswegs alle alsbald wieder 
in Oase und Wasser auf. Vielmehr erlangen sie, namentlich die Banm- 
stämme, wenn sie sich mit Wasser vollgesogen haben, eine grofse Härte, 
bedeutendes Gewicht und eine hnndertfährige Unverwüstlichkeit Sie 
umgeben sich mit Schlamm, verkriechen sich im Sande nnd helfen die 
Masse der Deltaländer mehren. Zuweilen haben sich grofse Massen 
von Bäumen in den Mundungen der Flufsarme aufgestaut und festge- 
setzt nnd haben den Flufs bis auf den Boden verstopft, so dafs sie den 
Canal gänzlich zerstörten oder zu einem andern Auswege zwangen. 
Solche Massen verfilzter und in einander .verklammerter Bäume nen- 
nen die Amerikaner y^Rafts^ (Flösse). Im oberen grofsen Mississippi- 
Delta giebt es sehr berühmte ^Rafts^, die mehr als 12 Meilen lang 
sind und seit Jahrhunderten in einigen Flufs-Armen stecken. Manche 
kleine Flösse dieser Art schwimmen auch in den mexicanisdien €k>lf 
hinaus, werden da von den Stürmen und Wellen zerrissen, die ihre 
Trümmer und Bäume an der Küste verstreuen. 

Auch die Spanier hatten schon diese grofsen Holzflösse, die aus 
den Mündungen des Mississippi hervorkamen, beobachtet und einer 
ihrer Namen für diesen Flufs y^Rio de las Paii^adas^ (der Flufs der 
Pfahlzäune) war vermuthlich von diesem Umstände entlehnt ')• 

Wie die vegetabilischen Stoffe und ihre Depositen auch durch ihre 
Gährungsprocesse und Gas-Entwickelung und durch in Folge dersel- 
ben eintretende Hebungen des Bodens in die Gestaltung der Missis- 
sippi-Mündungen eingreifen, führte ich schon unter der Ueberschrift 
„Mudlamps^ aus. 

Die amerikanischen Offiziere haben durch fortgesetzte Beobachtun- 
gen festzustellen versucht, wie viel der Mississippi jährlichan Länge zu- 
setze, indem er jenen jährlichen Erdblock von 1 Quadratmeile Breite und 
267 Fufs Dicke in den Golf hinausschiebt, und haben bei jedem einzel- 
nen derPässe ihr jährliches Wachsthum zu bestimmen getrachtet Capt 



') Andere haben geglaubt, dafs dieser spanische Name von dem oben erwiUin- 
ten Fort de la Balise der Franzosen entlehnt sei. Allein dieses Fort wurde , wie 
ich sagte, erst im Jahre 1722 gebaut, und ich finde den Namen ,,Rio de las Pali- 
fadas^ $chon am Ende des 17. Jahrhunderts bei einigen spanischen Autoren. 



Die Mündungen das Mississippi. 207 

Takot kat im Jalire 1838 annehmen so dirfen geglaubt, tUila der Sid- 
westpaTs jährlich 388 Fafs, der Sudpais 280 Fufs, der Nordost- und 
Sudostpafs 130 FoIb, der Pafs ä la LotUre 302 Fafo, oder alle Piaae 
zusammengenommen im Dnrchsdinitt 262 Fufs jährlich wüchsen *). 

Hieraof gestntzt, haben die Amerikaner zugleich versucht, das Alter 
des ganzen grofsen Delta des Mississippi zu bestimmen. Indem sie die- 
ses Delta 220 nautische Meilen oberhalb der Mundung (bei der Verzwei- 
gung des Plaqnemines) anfangen lassen, kommen sie mit jenen 262 Fufs 
jährlichen Fortschritts zu der Yermuthung, da£a der Mississippi jetzt 
4400 Jalire an der Ausfüllung des ehemaligen Meeresabscfanitts, den 
jetzt sein Delta bedeckt, gearbeitet habe '). Es braucht natürlich kaum 
sehr eingehender Erwägungen, um zu erkennen, wie gewagt die ns- 
bedingte Annahme dieses Schlusses sein würde. Auch sind die ame- 
rikanischen Offiziere selbst naturlich zu erfahren, um jener etwas küh- 
nen hypothetischen Hindeutung allzuviel Werth bei zu legen *). 

Jene Berechnung der jährlichen Verlängerung der Pässe von Gapt 
Talcot mag für das Jahr 1,838 richtig gewesen sein. Dafs sie aber 
als constant für Jahrtiunderte angenommen werden könne, macht 
schon der von mir hervorgehobene Umstand sehr zweifelhaft, dafs 
manche Pässe (z. B. der Südwestpafs) seit der franzosischen Zeit (seit 
100 Jahren) nicht nur nicht gewachsen zu sein, sondern vielmdir ab- 
genommen zu haben scheinen, und dafs andere Pässe (z. B. der, der 
in Bay Ronde existirt haben soll), nach der Si^e des Volks, statt sich 
wdter zu bilden, gänzlich zerstört zu sein scheinen. 

Manche Besucher der Mississippi -Pässe sind noch kühner gewe- 
sen als jene amerikanischen Offiziere. So z. B. der gute Vater Gbar- 
levoix, der es in seinem mehrfach von mir angeführten Werke sogar 
bezweifelt, „dafs sein Vorgänger Robert de la Salle wirklich dieselben 
Pässe gesehen habe, welche er (Charlevoix) 40 Jahre nach ihm sah^. 

Auf der andern Seite fehlt es freilich auch nicht an um- und vor- 
sichtigen Beobachtern, die einen raschen und constanten Fortschritt der 
Pässe gar nicht erkannt haben wollen. So sagt der englische Geologe 
Lyell: „dafs die viel erfahrenen Flufs-Lootsen des Mississippi der Mei- 
nung sind, dafs die Veränderungen in den Pässen vonJahr zuJahr 
zwar bedeutend seien, dafs aber diese jährlichen Veränderungen durch- 
aus gar keinen Anhalt gäben, um die in einer langen Periode vor- 
gehenden Umgestaltungen darnach zu berechnen, dafs vielmehr in der 
Action des Flusses und der Strömungen sich eine Tendenz zu offen- 



') Siehe Capt. Humphrey's 1. c. p. 435« 
') Siehe Capt Humphrey's 1. c p. 485. 
') Siehe was Capt Hnmphrey's 1. c. p. 150 darttber sagt 



208 Kokl: 

baren seheine, die Baien, Wasser-Ganäle, Bänke und liefiea immer 
wieder in der früheren Weise herzustellen and aof die alte Conßgura- 
tion surfickzuführen^ *). Mudflats, Madlumps, Sandbänke, Inseln sind 
schnell gebildet. Aber nach einiger Zeit sind me wieder weggerissen, 
«nd es scheint dabei mehr Abwechselung als constanter Fortschritt und 
Wachsthum zu sein. Sehr oft wird das , was ein Pa£s in 50 Jahren 
gewann, in den nächsten ÖO Jahren wieder zerstört 

Auch Herr Dunbar, ein erfahrener Ingeniear in Louisiana, hat die 
jetzigen Tiefen -Bestimmungen bei ' den Mississippi- Pässen mit allen 
den früheren, deren er habhaft werden konnte, bis 100 Jahre zurück, 
verglichen und ist dabei zu der Ueberzeugung gelangt, dafs die Ver- 
änderungen auffallend unbedeutend seien. 

Herr Bringier, ein erfahrener Oeometer in New Orleans, unter- 
suchte die Mündung des Mississippi im Anfange dieses Jahrhunderts^ 
und war, als er ihn nach 40 Jahren noch ein Mal untersochte, darüber 
erstaunt, wie geringfügig die Veränderungen waren, die er wahrneh- 
men konnte und wie stationär hier Alles geblieben sei. 

Ein spanischer Astronom, Don Jose J. Ferrer, beobachtete im 
Jahre 1801 die Breite des Kanunes der Barre des Sfidwestpasses und 
fand sie in 28* 56'. Capt. Talcot, der denselben Kamm im Jahre 
1838 beobachtete, glaubte dem von dem Wachsthum der Pässe ange- 
nommenen Axiome gemäfs, sie etwas südlicher finden zu müssen. Zu 
seiner Verwunderung fand er sie im Gegentheil etwas nördlicher, näm- 
lich in 28' 56' 22''. Auch dies würde wieder jedenfalls nicht auf 
einen regelmäfsigen und schnellen Fortschritt dieses Passes hinweisen'). 

Capt« Graham, ein Ingenieur der Regierung der Vereinigten Staa- 
ten, kam nach Vergleichung vieler Karten zu dem Schlüsse, dafs dieser 
Pafs seit 100 Jahren nicht mehr als eine viertel Meile oder etwa 
1500 Fufs weiter ins Meer hinausgerückt sein könne ^), was dann etwa 
20 mal langsamer viräre als der für diesen Pafs von Capt. Talcot 
angenommene Fortschritt, der freilich, wie gesagt, für das eine Jahr 
1838 ganz richtig gewesen sein magl Wollte man Herrn Graham's 
Wachsthoms -Schnelligkeit zu Grunde legen, so könnte der Mississippi 
einen {^afs von der Länge des Nordostpasses (15 Meilen) nur in circa 
5000 Jahre zu Stande bringen. 

Ich begnüge mich mit diesen Angaben und fuge hier zum Schlüsse 
nur noch die Bermerkungen hinzu, dafs die Mississippi -Pässe, die auf 
dem ganzen Mississippi -Delta, wie die oberste Wipfel-Spitze eines Bau- 



') Lyell. 1. c. Vol. IL p. 119 sqq. 

') Siehe hierüber Capt Talcot in Capt. Humphreys Appendix p. III. j 

») Siehe Lyell. 1. c. p. 120. | 



Die Mündimgeii des MUsissippi. 209 

mes, stelieii, swar di« leteten und modemsteB Prodactionen des Flus- 
ses sind. D«fs sie aber, obgleich modern, mit Bücksicht auf das oo- 
lossale Zeitmafs, wonach die grolsen geologischen Processe nnd Ope- 
rationen der Natur gemessen werden müssen, doch vermuthlich ef 
staunlich alt sind im Vergleich zur Chronologie der Geschichte des 
Menschengeschlechts sein mögen. Nicht nur das ganze immense Mis- 
sissippi-Delta, sondern auch schon diese seine kleinen Fnfszehen die 
^Pässe^, die wir hier betrachteten, zählen ihr Alter wahrscheinlich nach 
Jahrtausenden. 



xn. 

lieber die Reisen des französischen Archäologen 
Herrn W. H. Waddington in Syrien, 

während der Jahre 1861 und 1862. 

(Ana einer Mittheilnsg des Herrn Consvl Dr. Wetzstein an die Bedaction.) 



Herr Waddington kam im Fruhlinge 1861 nach Damaskns 
mit der Absicht, die Trachonen zu bereisen. Bs war gerade die 
ungünstigste Zeit f3r eine solche Reise. Die französischen Trappen 
lagen an der Koste und im Lit4ni-Thale, nnd es stand täglich zu er- 
warten, dafs sie entweder allein oder gemeinschaftlich mit den Türken 
gegen die Drasen operiren würden, die ihrerseits alles werthvolle be* 
wegliche Eigentham aus dem Libanon und Hermon nach Hauran 
geschafft hatten, wo sie anscheinend den Feind erwarten und ihm mit 
den Waffen in der Hand Widerstand leisten wollten. Bei einer sol- 
chen Sachlage mulste die Erscheinung eines Franzosen im Haur&n 
den Verdacht erwecken, dafs er zur Auskundschaftung des Landes ge- 
kommen sei. Da es nun gefährlich gewesen wäre, sich einem solchen 
Verdachte auszusetzen, Herr Waddington aber auf die Reise nicht 
verzichten wollte, so mufste er sich bequemen, unter englischer Aegide 
zu reisen, die damals gleichzeitig die Schützerin der Drusen war. Dem 
Schreiber dieses war es eine angenehme Pflicht, dem ausgezeichneten 
Gelehrten einige Rathscbläge und Adressen an Freunde zu geben, 
die ihm auf der kecken Reise nützlich sein konnten. Während Herr 
Waddington unter der Führung der Familie Amir das südliche Lega 
und den Norden des Hau ran- Gebirges bereiste, schöpften die Dm«* 
sen Verdacht nnd veranlafsten den durch seine Treulosigkeit berüch- 

Zeitschr. f. allg. Erdk. Neue Folge. Bd. XIII. 14 



210 Wetcstein: 

tigten Sekeich Faris Amir in Schohbe '), den Reisenden nnter allen 
Umständen bei sich 2a behalten, d. h. an der Weiterreiee zu hindern. 
Der BntechluiB Herrn Waddington's, sich zu befreien, war, wie 
ftpfitor bekannt wurde, kühner und mit mehr Gefahr verbunden, als er 
selbst ahnen mochte. £r äufsert sich darüber in einem Briefe ans 
Schakka vom 6. Juni 1861 also: 

„Je suis depuis quelques jaws instaUä ici cheit voire atni Kabe- 
l6n Kaladni^ qui tna parfaitement regu^ grace ä totre lettre, Tai 
passä plusieurs Jours chez As ad Amir ä Hitj et une dixaine de jaur 
che^ Fdris Amir ä Chuhba; mais fai etä trhs mäcontent de ce der- 
nier; au Heu d'^organiser de suite mon expödition au Safä, il per- 
mettait toujours et remettait toujours au lendemain, Bref fätais devenu 
presque prisonnier ä Chuhba et je ne pouvais plus me däbarrasser 
de Fdris et de ses parents, Enfin je me suis däddä ä partir, et pro- 
fitant de Vabsence de Fdris, fai declarS ä son fik Hamoud^ que 
j^allais che& les Kaladni; comme ils sont y^duchman^ ^). fätais bien 
sür, quils ne me suivraient pas. Hamoud avait bien envie de nCem- 
pächer, mais il na pas ose, Kabelan Kaladni et tous ses parents 
m^ont repif aussi bien que possible^ et il s'^est mis immediatement ä or- 
ganiser la course du Safd, et fitais sur le point de partir^ lorsque 
fy ai renonce moi-meme ä cause de la grande chaleur; je sens que je 
ne poupais pas faire le voyage maintenant avec de bons resultats^ et 
je foerrai plus tard ä fautomne, D'ici firai vers le midi et j^explo- 
rerai le Wady Muehennef; de lä firai ä Irä, Souweida^ etc, 

Sous le rapport archeologique je suis träs content de mon ttoyage; 
aUant lentement comme je fais, fai pu voir et copier un träs grand 
nombre d'inscriptions; fen ai deja environ 250; il y en a natureUe' 



') Von der Niederträchtigkeit der Drusen vom Hanse Amir nur einige Bei- 
spiele. Zwei Beduinen, welche der Scheich von GSrüd mit einem kostbaren Pferde 
nach Haurän schickte, kehrten als Gttste bei F&ris Amir ein. Dieser tddtete die 
beiden des Nachts im Schlafe und behielt das Pferd fUr sich, das er später um 
70,000 Piaster an einen europäischen Monarchen verkaufte. Sein Bruder Asad Amir 
t5dtete einen bei ihm eingekehrten Muselmann, weil dieser eine schöne Tochter bei 
sich hatte, die Asad haben wollte. Unter dem Schutze dieses Asad lebten in Hd- 
jät einige dreifsig christliche Familien, die sehr wohlhabend waren und namentlich 
grofse Rinder- und Kleinviehheerden besafsen. Diese wurden vor sechs Jahren 
aus keinem andern Grunde, als weil Asad nach dem Besitze dieser Heerden gierig war, 
von Haus und Hof gejagt, und leben jetzt von dem Almosen der Moselmänner und 
Christen in Zora. 

') Im Frühlinge 1860 entstand, veranlafst durch einen Streit der Hirten, eine 
Fehde zwischen den Familien Amir und Kalaänt, in der Abbäs Kalaäni, Scheich 
von Schakkä, Meziad Kalaftni, Scheich von Nimre und andere Häupter 
dioier Familie erschlagen wurden. Darauf bezieht sich der Ausdruck „duchman'* 
(Feinde). 



BeUen dea Herrn W. H. Waddington in Syrien. 211 

meni beaueovp tfiimgmßatUs^ mais je le$ eopie taut es ^ et Je erois quHl 
en reste bien peu que je tiaie pas 9ue$ dans le$ eiüagea que j^ai exa^ 
min6$. Graee ä votre exceilente carte ^ qui est Sune parfaUe exacH^ 
tude, je peux toujours arranger mes ioumäes tTavance, ei conirdler hs 
renseignemenU des gens du pays '). 

Parmi mes inscriptions je . t>ous signalerai sttrtout trois du roi 
Agrippa et Celles qui donnent les anciens noms des etiles et des eiUages, 
Voici la liste des endroits que j''ai examinSs et dans tous^ ä 3 oii 4 
exceptions, fai troueS des inscriptions, (Hier folgt ein Yerzeichnifs 
dieser Ortsehaften mit Angabe der Zahl der in jeder Ortscfaaff; gefun- 
denen Inschriften. Die meisten waren in den folgenden Ortschaften 
gefunden worden: in Rime und Nimre je 12, in Hit und Amra 
je 13, in Hejat 18, in Kanawat 21, in Sehakka 30.) 

J^ai trouve les noms anciens de El-Hit^ BtSnS, Ämra^ Chuhba^ 
Bräkä, Murduk^ Rimä^ Slim^ Nedjrany Souweida, NimrS et 
les noms des plusieurs tribus {qwlai). 

Mr. Porter se trompe sur tantiquitä des constructions dans cette 
partie du pays; elles sont bien hin d''itre aussi andennes quillepense. 
Sa ihäorie sur Batanala est false, Btinä n'a jamais M qu'un petit 
village '). 

Maintenant je vais explorer tout rangle Sud- Est du Haurdn^ du 
cöte de Salkhat. 

Herr Waddington hat wohlgethan, damals auf die Reise ins 
Safa zu verzichten; die Jahreszeit war zu weit vorgerückt und die 
Hitze würde ihm die Copirang der Harra- Inschriften, wenn nicht 
unmöglich gemacht, doch ungemein erschwert haben. Cyril Graham 
wagte es zwar, das glühende Land mitten im Sommer zu besuchen, 
aber er mufste es daher auch schneller verlassen, als dies im Interesse 
der Wissenschaft wünschenswerth war. Sein Bericht (im Journal of 
the Royal Geogr. Society, Band 28, p. 226 fif.) würde unter anderen Um- 
standen positivere Resultate geliefert haben. 

Von Sehakka aus umreiste Herr Waddington den östlichen 
Abhang des Haurangebirges und langte am 21. Juni in SuwSda an. 
In einem Brief von dort äufsert er sich über diese weitere Wanderung 
also: 



') Hr. Waddington meint die unserem Berichte über Haurän und die Tracho- 
nen, Berlin 1860, beigegebene Karte von Kiepert. Wir sind weit entfernt, sein Ur- 
theil zn Überschätzen. Die Karte ist zwar nicht ohne Gewissenhaftigkeit constmirt, aber 
sie ist die erste über jene Gegenden und muTs als solche ihre Mängel haben. Auch 
hat uns Herr Waddington selbst später dankenswerthe Fingerzeige gegeben, die 
wir für die Karte zu unserem Itinerar benutzen werden. 

') Ueber diesen ' Gegenstand vergl. den Reisebericht über Haurftn und 
die Trachonen. p. 88 ff. a. p. 181. 



J12 W»t»8t6ins 

^•Toi re^ les lettres^ que je vaus avow demandSetj ä Ormdn. 
Depuis ma der»Ure lettre fai pareouru tout le puy» des Kaladni^ et 
taute la luibre du disert jusquä Salkkat; fai nuUntenant plus de 400 
iüMcriptions et le nombre augmente javmellement. Tai retrouvä les 
noms anciens de Bousän et d^ El-Muchennef, d'' Imtdn et d^He- 
brän» J^ai explore le Wadi Muchennef^ mais je ny ai presque 
rie» trouf>ä; ä Diate^ qui est un gros eiUage, pas une seuie inscrip- 
tion. Je resterai ici quelques jaurs povr explorer les environs^ et de 
lä firai ä Bosrd et che» Peisal, s'^il y a moyen; apräs cela je ver- 
rai; cela dependra de la chaleur, Mais ä moins d'obstaeles serieux, 
je compte cotr Umm el-Djemdl et Derät .** 

Von hier aus wagte sich der Reisende nach Ire zu Ismail el- 
At rasch, dessen Freischaarenzug im Mai und Jani 1860 der syrischen 
Christenheit so verderblich gewesen war. Bei ihm fand Herr Wad- 
dington die Häupter der Drusen, Milhem Bey Imad, Ghattar 
Beylmad u. A., die sich aus dem Libanon und der Nähe der fran- 
zösischen Truppen weggemacht und ihren Raub aus zweihundert ehrist- 
liehen Ortschaften bei Ismail el-Atrasch aufgespeichert hatten. Die 
Keckheit des Reisenden, in die Räuberhöhle selbst zu kommen, mochte 
imponiren und er wurde aufs Freundlichste empfangen. Er sdireibt 
darüber unter dem 29. Juni : 

Ismail el-Atrach m^a parfaitement re^; je me suis trouvä ici 
et ä Souweida avec Khattär Bey^ qui parle turc; nous aeons beau- 
eoup parU ensemble et il nia promis de me facUiter faccäs duLedjä. 
Bepuis ma demi^re lettre^ fai.continuemes fswplorations; a Soutoeida 
fai trouve 30 inscriptions; le nom de la nille est deddäment 2oada. 
A Äf ine fai trow>ä deux inscriptions du General de Trajan, Corne- 
lius Palma. Dans une heure je pars pour KrSye, Umm er -Rum - 
man, Bosräy Umm el^Djemdl et Derät. II commence ä faire träs 
ckaud^ et il faut un certain courage pour explorer le Haurdn par le 
soleil quil fait, Mais fai si bien commencä, et mes affaires sont en 
si bon chemin, que je ne veux pas perdre une occasion, qui ne se re- 
prdsenterait pas. 

Den Ausflug nach Umm el-Gem&l machte der Reisende in Be* 
gleitung zweier Söhne des Ismail el-Atrasch und des hauranischen 
Dichters Müsa Kara. Dieser brachte mir den nächsten nach der 
Rückkehr von Umm el-Gemal in Bosrä geschriebenen Brief des 
Herrn Waddington vom 7. Juli, in welchem es heifst: 

j^Depuis que je vous ai icrit j''ai f>isitä KräyS, Umm er -Rum- 
man et quelques autres tillages et enfin Umm el-Djemdl, oti nous 
avons presque eu une affaire aeec les Beni-Hasan, Umm el-Dje- 
mal a eU fort exagere comme importance; il ny a pas d'arc de triomphe, 



Reisen des Herrn W. H. Waddington in Syrien. 213 

maig pkisievrs dgHses ehrSiiennes; e» iowime (es ruines ne tont pa$ 
iniäressaniBB y mais fy ai iroueä de magn^ues inscripHons naha^ 
teenneSy une latine et beaucoup de grecques. Ici (nemlich in 
Bosra) fai bien explorS les minesy fai trauv^ une nahatienne^ une 
palmyrenienne et en tout 58 inscriptions, 

Demain Je retoume ä So uw ei da et je eais tenter le Ledjä, sHl 
y a mayen; de la ä Damas; il faxt trop ckaud pour la Nukra et le 
Haurdn ^ 

Herrn Waddington's Nachrichten und Urtheile nber Umm el- 
GemÄl mögen mit denen verglichen werden, welche Herr Graham 
in seinem oben citirten Berichte nber diese Stadt giebt. Dafs die ,,Af- 
faire mit den Ben! Hasan^ noch friedlich beigelegt wurde, ist wohl 
aus Rücksicht für Herrn Waddington geschehen, denn dieser Stamm 
der Belka liegt seit Jahren in blutiger Fehde mit Ismail Atrasch 
and würde sonst die gute Gelegenheit, Ismails Söhne zu erschlagen, 
nicht haben vorbeigehen lassen. 

Von Bosrä aus zog der Reisende durch das Leg& und kam mit 
einer Sammlung von beinahe 800 Inschriften Anfangs August in Da- 
maskus an. Die europäische Colonie beeilte sich, den Mann zu be» 
glückwünschen, der zu guter letzt, schon als er das böse Lega hinter 
sich hatte, eine nicht geringe Gefahr zu bestehen hatte. Im Leg& 
hauste nemlich ein gewisser Bechit&n, von dem man sagen konnte, 
dafs er gewohnt war, Blut wie Wasser zu trinken. Er hatte 40 bis 
50 Reiter, mit denen er fast alltaglich Streifzüge machte, wobei es nicht 
blos auf Raub, sondern auch auf Mord abgesehen war. Namentlich 
hatte er es auf das türkische Militär abgesehen und er hat im Jahre 
1860 und 1861 während Fuäd Pascha, der jetzige Grolsvezier, in 
Damaskus war, eine Menge Offiziere getödtet. Zwar hatte ich Herrn 
Waddington einen Brief an Bechitän gegeben und hätte er diesen 
im Legä besucht, so würde er von ihm aufs Zuvorkommenste aufge- 
nommen worden sein. Herr Waddington hatte dies unterlassen, weil 
er kein Ehrenkleid mehr für ihn hatte. Er hatte deren zwar eine grofse 
Menge mit sich genommen, aber sie waren auf der langen Reise sämmt- 
lieh schon verschenkt. Bechitän holte ihn ein, aber das Glück wollte 
ihm wohl. Nach einem bösen Auftritt befreundeten sich beide so, dafs der 
Räuber den Reisenden dringend bat, ihn ins Lega zurückzubegleiten, 
um unter seiner Führung alle noch unbesuchten Ortschaften mit Mufse 
zu besehen; ein Anerbieten, dafs Herr Waddington in Betracht der 
grofsen Hitze ablehnen muTste '). 



^) Bechitän wurde seitdem von seinem Verhängnisse erreicht. Nachdem die 
Regierung von Damaskus lange Zeit vergebens erst 16,000, später 80,000 Piaster 



214 Wetzstein: 

Jetzt blieb dem Reisenden noch der Besnch der Hanrftn-Ebene, 
der Ortschaften von G^dür und die Reise in das Safä fibrig. Dies 
mufste aber für die kühlere Jahreszeit verschoben 'werden, nnd Herr 
Waddington entschlofs sich, mittlerweile einen Ausflug in das nord- 
liche Syrien zu machen. 

Gegen Ende August brach er zum Gebel el-Al& auf. Dieses 
Gebirge, welches zwischen Haleb und Seleucia liegt und in Syrien 
wohl auch das nördliche Drusengebirge heifst, weil es von Dru- 
sen bewohnt ist, die in den letzt verflossenen zwei Jahrhunderten wäh- 
rend der blutigen Kämpfe der E^siden und Jemeniden aus dem 
Libanon dorthin ausgewandert sind, war von den früheren Reisen- 
den sehr vernachlässigt worden. Herr Waddington, welcher es ge- 
nau durchforschte, berichtet mit Begeisterung von der Grofsartigkeit 
und Wichtigkeit seiner architektonischen Monumente. Von hier ging 
er nördlich zum Gebel Semaän (Simonsgebirge) NW. von Hai eh, 
einer Gegend Syriens, die ebenfalls reich an interessanten Ruinen ist 
Die Nachrichten , welche Burckhardt darüber giebt (Syrische Reisen, 
übersetzt von Gesenius p. 1012 ff.), sind mehr geeignet, die Wifsbe- 
gierde des Archäologen zu reizen, als zu befriedigen, denn über keine 
Partie seiner Route berichtet Burckhardt ungenügender, als über diese. 
Von hier kehrte Herr Waddington gegen Süden zurück und reiste 
von Hamä aus auf selten betretenem Wege über die Ruinen von Se- 
lemije, dem ehemaligen Hauptsitze der syrischen Gnostiker, und durch 
die mit Butm -Bäumen bewaldete Gebirgsgegend des Gebel Beläs 
nach Palmyra (Tedmor), wo er 9 Tage blieb und über 200 Inschrif- 
ten copirte, die gröfstentheils semitisch sind. Von da aus ging er quer 
durch die Steppe zum Brunnen Forkolos, gelangte in 30 Standen 
(zu Eameel) nach Homs (Emesa) und traf gegen Ende des Jahres 



aaf Beinen Kopf gesetzt hatte, weil alle, die sich den Preis verdienen wollten, mit 
blutigen Köpfen heimgeschickt wurden, gelang es zuletzt dem Kurdenhäuptling Re- 
sül Aga. Dieser, eingedenk des arabischen Sprichworts, „dafs der Baum nur durch 
einen seiner Zweige abgehauen werden könne*, war mit einem Beduinen des Leg& 
Übereingekommen, dafs er ihm die Hälfte des ausgesetzten Preises abtreten wolle, 

{ wenn er ihm den Bechitftn verrathen würde. Der Verräther fand bald die Gele- 

I genheit und er kam eines Tags um Mitternacht nach Kiswe, wo Kesül Aga auf 

dem Sprunge lag, mit der Nachricht, Bechitän habe mit einigen seiner Verwand- 
ten die Zelte an den Scher&i (Quellen bei der Ruinenstadt Schaära aufserhalb 
des Legä) aufgeschlagen. Sofort bricht Resül Aga mit 40 Kurden seines Stam- 

' mes dorthin auf, überfällt den Räuber beim Morgengrauen, schiefst ihn und seinen 

Neffen nieder im Momente wo sie aus den Zelten treten, haut ihnen die Köpfe ab 

< nnd macht sich ohne den geringsten Verzug mit seinen Leuten wieder aus dem 

Staube. Auch die Augsburger Allgemeine Zeitung brachte vor einigen Wo- 

I eben eine kurze Correspondenz aus Damaskus, dafs der berüchtigte Räuber Be- 

ohtt&n endlich getödtet worden sei. 



Beiae des Herrn W. A. Waddington in Syrien. 215 

1861 in Damaskus ein, um seine Reise in die Trachonen iMieder 
ao&nnehmen. 

Es war^ glaabe ich, der 23. December, ein kalter regnerischer 
Wintertag, an welchem Herr W ad dington mit seiner Reisegesell- 
schaft nach Gassüle, wo ich mich gerade befand, kam, in der Ab- 
sicht, seine Reise ins Safa anzutreten. Wir riefen einige Beduinen 
vom Stamme der Stije, die sich zufällig im Dorfe befanden, um sie 
far die Reise in Dienst zu nehmen ; aber diese bewiesen uns, dafs sich 
Herr Waddington noch zwei Monate gedulden müfste, weil die Ge- 
gend der Harra, wo die Inschriften gefunden werden, augenblicklich 
menschenleer und ohne Weide für die Pferde, und ein Wandern und 
Gampiren ohne Obdach unter best&ndigem Regen kaum denkbar wäre. 
Unser Reisender entschlofs sieb daher, bis nächsten März zu warten 
und unterdessen eine Fahrt nach Gypern zu machen, wo sich ein 
anderer französischer Reisender befand, der Herrn W ad ding ton ein- 
geladen hatte, ihn bei seinen Forschungen zu unterstützen. 

Am nächsten Tage bekamen wir in Gassüle einen zweiten Be- 
such. Es war der abjssinische Reisende Herr Dr. Charles Beke 
in Gesellschaft einer stattlich berittenen und bewaffneten Amazone, 
seiner jugendlichen Gemahlin. Was dieser Gelehrte dort gesucht, wer- 
den diejenigen ahnen, welche von dem ziemlich heftigen literarischen 
Streite Notiz genommen haben, der sich seitdem zwischen Herrn Beke 
und seinen Gegnern über die Lage des biblischen Haran, der Hei- 
math Labans, erhoben hat (Aihenaeum, 1861. No« 1778 — 96). Herr 
Beke war gekommen, um die Ortschaft Harr &n im Merg- Lande zu 
sehen, von der er bekanntlich seit 25 Jahren annimmt, dafs es eben jenes 
biblische Haran sei. Ich mufste leider gestehen, dafs ich auf diese Idee 
noch nicht gekommen war, wohl darum, weil ich mir Laban immer als 
einen freien Beduinenfursten gedacht hatte und nicht als einen Bauern, 
der nach Damaskus Steuern zahlte. Eine solche Anschauung durfte 
mich aber nicht an der Erfüllung meiner Pflichten hindern. Ich war im 
Merg -Lande zu Hause und mufste meine englischen Gäste wohlbehalten 
nach Harrän bringen, denn durch die Regengüsse waren die brücken- 
losen Bäche zu Flüssen angeschwollen und die damascener Begleiter 
der Reisenden wufsten in der Gegend wenig Bescheid. Ein halbes 
Dutzend Gassulaner Bauern, beglückt von dem Gedanken an die 
rothen Mäntel, die sie für Herrn Waddington 's Begleitung ins Safä 
erhalten sollten, folgten uns, und vor Sonnenuntergang kamen wir in 
Harrän an. Da mich schon am andern Morgen ein Geschäft nach 
Damaskus rief, so erklärte ich beim Abschiede dem Scheich des Or- 
tes: der englische Herr besuche Harran, weil vor Alters „unser Herr 
Jakub*^ die Scheichtochter des Orts geheirathet habe. Dieser Besuch 



216 Wetzsteins Reife des Herrn W. H. Waddington in Syrien. 

gereiehe dem Dorfe zur Ehre und er möge seinen Gästen gegenüber 
gefallig sein, wie dies sein Vorfahr Jacob gegenüber war. Ich hatte 
bereits das gastliche Haus des Mannes Terlassen, als er mich noch- 
mals einholte und fragte, wie damals der Bcheich von Harran ge- 
heifsen? Ich antwortete: Labban (Ziegelstreicher); denn das 39V^ort 
Laban hatte keine Bedeutung gegeben. Da rief der Mann: Merk- 
würdig! — Harren ist aJt, Herr! Ich bejahte es. Er fuhr fort: 
Also war Harr4n schon zu unsers Herrn Jacobs Zeit aus Luftzie- 
geln gebaut, wie heute? Ich war des Scherzes müde und äufserte, dafs 
ihm darüber sein Gast Auskunft geben würde, denn die Engländer 
wüfsten solche Dinge sehr genau. 

Herr Beke kam bald nach Damaskus zurück; er war mit den 
archäologischen Ei^ebnissen seines Behufs in Harran vollkommen zu- 
frieden und hatte aus einem Brunnen, der ihm wohl der Bahels-Brun- 
nen sein mochte, eine Quantität Wasser zur Versendung in die Hei- 
math mitgebracht Mistress Beke hat als ein trefflicher Fhotograph 
eine Menge damascener Ansichten aufgenommen und ihrer Güte ver- 
danke ich ein Bild meiner Golonie Gassüle. Von Damaskus kehr- 
ten die beiden Gatten nach Harran zurück, von wo sie sich südlich 
wendeten, in der Absicht, den Weg zu bestimmen, welchen Jacob 
nach seiner Trennung von Laban und bei seiner Rückkehr nach Pa- 
lästina ohngefähr eingeschlagen haben könnte. 

Um nach dieser Episode auf Herrn Waddington zurückzukom- 
men, so traf er Anfangs März 1862 aus Cypem wieder in Damaskus 
ein und desselben Tages, an dem ich diese Stadt verliefs, um nach 
einem 14jährigen Aufenthalte in Syrien wieder in die Heimath über- 
zusiedeln, brach Herr Waddington nach Gassüle auf, um von dort 
ins Safä zu reisen. Spätere Briefe habe ich von diesem ebenso hoch- 
gelehrten, wie liebenswürdigen Manne nicht erhalten, aber aus Beirut 
erfahre ich, dafs er glücklich und mit reichen wissenschaftlichen Schätzen 
von dieser letzten Reise zurückgekehrt ist. 



217 



XIII. 

Zur Karte von Mootenegro. 

Von W. Eoner. 
(Hierzu eine Karte, Taf. III.) 



Die Reihe der bintigen Kämpfe, welche seit Jahrhunderten zwi« 
sehen den Montenegrinern and Türken geführt worden sind, scheint 
seit wenigen Monaten durch die Unterjochung dieses kleinen Bergvol- 
kes ihren AbschluTs erreicht zu haben, oder wohl richtiger gesagt, fir 
so lange unterbrochen zu sein, bis beide Völker si«^ von den gewal- 
tigen Verlusten, welche die Kämpfe der letzten Jahre herbeigeführt 
haben, erholt haben. Fast dedmirt mufsten die Montenegriner ge- 
gen die zehnfach überlegenen Heere Omer Pascha's einen Kampf 
aufgeben, der bei der Erbitterung, mit welcher er von beiden Seiten 
geführt wurde, ohne Intervention einer europäischen Grofsmacht doch 
mit dem Untergange der Montenegriner hätte enden müssen. Inzwi- 
schen ist die am 31. August zu Scutari zwischen Omer Pascha und 
dem Vladika abgeschlossene Convention am 29. September vom Sultan 
unterzeichnet worden. Durch Art. 1 und 2 derselben wird bestimmt, 
dafs die innere Verwaltung des Landes, sowie die Landesgrenzen, ein- 
schliefslich des von der zur Regulirung der Grenzen im Jahre 1859 — 60 
eingesetzten internationalen Grenzberichtigungs-Gommission zu Monte- 
negro geschlagenen Gebiets von Grahowo, unverändert fortbestehen sol- 
len. Nach Art. 3 wird den Montenegrinern der Hafen von Antivari 
als Ein- und Ausfuhrsort für ihre Waaren, jedoch mit Ausnahme von 
Waffen und E^riegsmunition, ohne Erhebung von Zöllen geöffnet. Art. 4 
und 10 bestimmen, dafs die Montenegriner Grundstücke auf türkischem 
Gebiet behufs des Ackerbaues pachten und im ganzen türkischen Reiche 
Handel treiben dürfen. Dagegen haben die Montenegriner sich nach 
Art. 6 dazu verstehen müssen, dafs von den Türken eine durch Block- 
häuser befestigte Heerstrafse quer durch Montenegro von der albane- 
sischen Festung Spush über Cetinij in die Herzegowina hinein ange- 
legt werden soll — allerdings das sicherste Mittel, Montenegro dauernd 
zu unterwerfen. Femer dürfen nach Art. 7 die Montenegriner weder 
feindliche Einfälle in das türkische Gebiet unternehmen, noch den Tür-^ 
ken feindliche Erhebungen in den Grenzdistricten unterstützen ; endlich 
müssen sie sich nach Art. 14 dazu verpflichten, keine Befestigungen 
innerhalb ihres Landes nach Albanien, Bosnien und der Herzegowina 
hin anzulegen. 



218 Eoner: 

Was unsere topographischen Kenntnisse des Landes betrifft, so 
sind dieselben, trotz der mannigfachen, mehr oder weniger brauchba- 
ren Berichte, die wir in den Reisewerken Ebel's, Stieglitz's, Wilkin- 
son^s, Boue's u. a. finden, nur höehst unvollkommen. Die Streifzuge 
dieser und vieler anderen, hier nicht genannten Reisenden beschränk- 
ten sich meistentheils auf die Route von Cattaro bis nach Cetinje und 
von dort aus auf die zwischen den dalmatinischen Alpen, der Setta 
und dem See von Scutari gelegenen Districte. Eine Beschreibung der 
östlichen Oebirgsdistricte, der Brdas, fehlt überall. Demgemäfs waren 
auch die früheren kartographischen Aufnahmen höchst mangelhaft. Als 
völlig unbrauchbar dürfte die von Kowalewskij gezeichnete, jedoch 
ohne Namen des Herausgebers, ohne Jahreszahl und Druckort erschie- 
nene „Karte von Montenegro^ bezeichnet werden. Bedentender 
hingegen, trotz einer grofsen Menge falscher Angaben in Bezug auf die 
Richtung der Höhenzüge und des Laufes der Gewässer ist die vom Gra- 
fen Fedor de Karacsay veröffentlichte j^Carte du pays de Monte- 
nigro^ Wien 1845.^ Die auf dieser Karte niedergelegten Angaben, 
hat H. Kiepert, indem er dieselben jedoch nach verschiedenen Reise- 
berichten vervollständigte und verbesserte, für den Carton benatzt, wel- 
chen er seiner' im Jahre 1853 erschienenen „General -Karte von der 
europäischen Türkei^, Berlin (D. Reimer, in Comm.) beigefügt hat. In- 
zwischen sind die von der internationalen Grenzberichtigungs-Gommis- 
sion von 1859 — 60 gemachten Aufnahmen von der österreichischen und 
englischen Regierung veröffentlicht worden, welche gegenwärtig als die 
allein zuverlässigen Quellen für die orographisehen und hydrographischen 
Verhältnisse des Landes angesehen werden können. Die von der 
österreichischen Regierung herausgegebene Karte erschien unter dem 
Titel: Carla di Montenegro {Crna gora) cot confini descritti 
della comissione austriaca, inglese e francese negli anni 
1859 e 1860, Wien 1860, M. 1:300^000, während die gleichzeitig 
erschienene englische Ausgabe dieser Karte den Titel; Map of Mon- 
tenegro from a Copy by L, Sitwell, attached to Major Cox, 
British-Commisaioner for the Demarcation of the Bounda- 
ries, lK>Qdon 1860, M. 1 : 200,000, fahrt. Nach diesen Aufnahmen hat 
H. Kiepert die vorliegende Karte (Taf. III) im M. von 1 : 500,000 und 
im Anschlufs an die in gleichem Mafsstabe von Dr. O. Blau entwor- 
fene „Karte der Herzegowina", welche im XI. Bde. der N. F. 
dieser Zeitschrift (Taf. V) veröffentlicht worden ist, gezeichnet. Gleich- 
zeitig mit dieser neuesten Kiepert'schen Publication erschien in den 
Memoiren der Societe de Geographie de Gentee Tom IL 1861 
eine Karte der Herzegowina und Montenegros ^Esquisse de r Her- 
zegowina et du Montenegro extraite des meiileurs documents 



Zur Karte yon Montenegro. 219 

par H. Br, de Beaumoni^ 1861, reeue ei eorrigSe par A* Beu^^^ 
welche einem Aufsätze Bou^'s über die Ethnographie der europäischen 
Türkei beigefugt ist. Ein Blick auf diese Karte genügt jedoch, um 
uns von ihrem Mangel an Correctheit zu überzeugen. Sollte Herr Booe 
etwa die Aufnahmen der internationalen Grenzberichtigungs-Commis* 
sion nicht gekannt haben, und bedurfte die Verzögerung im Erscheir 
nen dieser Karte etwa einer Entschuldigung, wie solche von der Be« 
daction der Genfer Memoiren mit den Worten: Malheureusemeni ^ de$ 
iongueurs räpMeSy provenani de la difßcuUe d^obtenir des documenU 
eertains sur ces coniräes^ e$icore si peu cownuesy oni appartä un trk»^ 
grand retard dans la productian de ceite carte ^ ausgesprochen wird? 
Schliefslich erwähnen wir noch der Curiosität halber die dem Buche 
von H. Delarue, Le JHontänegro etc. Paris 1 862 beigefügte Karte, welche 
wir in einer Anzeige dieses Buches im XII. Bde. der N. F. unserer Zeit* 
Schrift bereits als das jämmerlichste Machwerk bezeichnet haben. 

Eine ausführliche Beschreibung Montenegros nach jenen oben er* 
wähnten Reisewerken zu geben, denen wir noch das im Jahre 1851 
in der 2. Auflage zu Agram erschienene und in neuerer Zeit vielfach 
als Quelle benutzte Buch von Pai<5 und Seh erb ^G^rnagora. Eine 
umfassende Schilderung des Landes und der Bewohner^ hin* 
zufügen möchten, liegt nicht in unserer Absicht. Wir wollen hier nur 
mit Hülfe der vorliegenden Karte auf einige für die allgemeinere Kennt- 
nifs des Landes wichtige Punkte, aufinerksam machen. 

Parallel der den Küstenrand des adriatischen Meeres bildenden Fort* 
Setzung der dinarischen Alpen streichen eine Anzahl Ketten, welche 
den westlichen Theil der Herzegowina durchziehend, ihren Knotenpunkt 
in dem 7600 Fufs hohen, aus weifsen Dolomit -Nadeln und Pyramiden 
gebildeten Dormitor an der nördlichsten Spitze Montenegros haben. 
Von diesem Punkt zieht eine mächtige Kette in SO.- Richtung, eine fsist 
unübersteigliche Mauer gegen das südöstliche Bosnien bildend und von 
verschiedenen höheren Bergspitzen, wie vom Brutschowi, Oritcha, Osud- 
jenitj, Staratz überragt, bis zum 7500 Fufs hoben Kom, nur unter«- 
brochen durch die von Süden nach Norden fliefsende und dann in nord- 
westlicher Richtung der Drina zueilenden Tara. Vom Kom streicht 
in südöstlicher Richtung eine Gebirgskette bis zum 7500 Fufs hohen 
Prokletia, während ein anderer Zweig in südwestlicher Richtung bis 
zum mittleren Lauf der Moratscha zieht und gegen Süden in das Thal 
des Sem abfällt. Anfangs parallel mit jener den Dormitor und Kom 
verbindenden Bergkette, jedoch in seinem südlichen Endpunkte etwas 
divergirend, streicht das in der Herzegowina gelegene Volojak- Gebirge, 
welchem an der montenegrinischen Grenze der Wojnik mit dem Dar- 
schnik, Borownik, Zurin und Poliewitza sich an schliefst. In dem durch 



220 Koner: 

lotitere Kette ond die Dormitorkette gebildeten Lftngenthale entsprin- 
gen die Drina, oder, wie dieser Flufs in seinem Oberlauf genannt wird, 
die Taschina, sowie die nach Süden fliefsende Moratscha. Von dem 
Torfaingenannten PoHewitea- Berge nimmt die Bergkette eine im Gän- 
sen westliche Richtung an, erhebt sich an der Südgrenze des Gebiets 
Ton Grahowo im Pustilassatz bis zu seiner höchsten Hdhe und schliefst 
sich dann in südwestlicher Richtung streichend an die dalmatinische 
Alpenkette. Von diesen Bergwänden begrenzt liegt das Bei^land Mon- 
tenegro, eigentlich der höchste Theil der vom Narentathale beginnen- 
den welligen Hochebene des südlichen- Theiles der Herzegowina, doch 
von dieser durch die oben genannte vom Wojnik bis zu den dalmati- 
nischen Alpen streichende Bergkette geschieden. Von drei Seiten mit 
steilen, nur hier und da auf schmalen Fnfspfaden übersteigbaren Fel- 
senmassen umgeben, würde dieses Felsengebiet einer uneinnehmbaren 
Feste gleichen, wenn nicht dieses natürliche Bollwerk gegen Süden 
nach der albanischen Ebene zu sich öffnete. Hierhin eilen die weni- 
gen vom Hochlande dem Flufsgebiete des Sees von Scntari zuströmen- 
den Oebirgsbäche und Flüsse, und gestatten in ihren Thälern dem 
Feinde einen wenn auch schwierigen und leicht zu vertheidigenden, 
doch allein möglichen Zugang in die Bergfeste; von dieser Seite her 
war es auch, von welcher her die Erbfeinde der Montenegriner in frü- 
heren Jahrhunderten mehrere Male den Zugang erzwangen, und in 
neuester Zeit Omer Pascha mit einem Verlust von etwa 60,000 Mann 
die kleine Schaar der Montenegriner nach jahrelangen Kämpfen zum 
Waffenstillstand nöthigte. 

Ebenso düster, wie diese von grauschwarzem Kalkgestein gebilde- 
ten G^birgsmassen sich dem Wanderer, welcher von Cattaro aus den 
Aufstieg in die montenegrinischen Berge unternimmt, von aufsen dar- 
stellen, ist auch der Blick in das Innere des Landes. Nur die male- 
rischen Femsichten^ welche von den Kammhöhen über die albane- 
sisehe Ebene, das Becken des Skardarsees und das Adriameer sich er- 
öffnen, vermögen den düsteren Eindruck etwas zu mildern. Von dem 
Ringgebirge eingeschlossen und in allen Richtungen von zerklüfteten 
Felsrücken durchzogen, trägt die Hochebene den Charakter wilder Zer- 
störung. Nur hier und da finden sich in den Thaleinsenkungen und 
in den muldenförmig gebildeten Bergkesseln oasenartig grüne Wiesen- 
plätze und kleine Strecken fruchtbaren Bodens, die sich nur durch den 
Fleifs der Bewohner als culturfähige Acker- und Weideflächen zu erhalten 
vermögen. Die reichen Waldungen, von denen einst das Land bedeckt 
war, sind zum grofsen Theil verschwunden, und nur die östlichen 6e- 
birgsdistricte (Brdas) tragen noch hier und da kurzstämmige Buchwal- 
dongen^ während die nordwärts und südwärts von dem Lowtschen 



Zur Karte, rem Blontenegro. 221 

(Monte Sella) «ch aoaddinenden Bergketten 80 gnt wie g&nsHeh ent- 
waldet Bind. Mit dem Verschwinden dieses Waldbestandes ist aber 
auch das Klima jedesfalls ein rauheres geworden; der überdies schon 
an Quellen arme Boden, welche an vielen Stellen in der heifsen Jah- 
reszeit von dem kalkhaltigen Karstboden aufgesogen werden, ist nn* 
streitig seit der Entwaldung noch wasserarmer, und gleidizeitig der Er* 
trag des culturfiSOiigeren Bodens ein noch geringerer geworden. Nur 
in einigen der südlichen, gegen die albanesische Ebene sich öffnenden 
Thälern herrscht ein milderes Clima, gedeiht eine üppigere Yegetaticm. 

Betrachten wir die Wege, welche in dieses Felsenlabyrindi fuh«- 
ren, so sind dieselben, mit Ausnahme des von Gattaro nach Getinje 
angelegten, eigentlich nur über Geröll zwischen scharfkantigen, zer- 
klüfteten Felsblöcken sich durchwindende FuDspfade, kaum für Pferde 
und Maulesel, geschweige denn für Fuhrwerke und Truppen -Colonnen 
practicabel. Der Hauptweg und die einzige nach Montenegro führende 
Kunststrafse ist der von Cattaro aufwärts führende. Nach der An- 
gabe Petter's (Dalmatien p. 257) wurde dieser 9 Fufs breite Reitweg 
von Cattaro über Spigliari bis zur montenegrinischen Grenze von der 
österreichischen Regierung im Jahre 1844 in einer Strecke von 2837 
Ruthen vollendet. Dieselbe steigt in 66 bald mehr, bald weniger krum- 
men Windungen m&fisig bergan und erreicht ihren höchsten befestigten 
Punkt, Meteres genannt, auf dem Berge Praciste, 1882 Fufs Meeres- 
höhe, nahe der montenegrinischen Grenze. Von hier wurde sie von 
dem Yladika über Velikraj und Njeguschi auf den Rändern jener mul- 
denförmigen Einsenkungen bis in das Thal von Getinje geführt. 

Den Knotenpunkt für die von Buden her das montenegrinische 
Gebiet betretenden Pfade bildet die albanesische Grenzfeste Podgoritza. 
Von hier führt ein Weg auf dem linken Ufer der Moratscha über den 
Sem, einen Zufluls des ersteren Flusses, überschreitet sodann, sich west- 
wärts wendend, die beiden Moratscha -Mündungen bis zum albanesischen 
Grenzort Shabljak, betritt darauf das montenegrinische Gebiet und 
zieht, dem Thal des in den Skardar-See mündenden Flüfschens Ger- 
nojevic folgend, durch die Nahia Rjetshka bis zum Hauptort dieses 
Districts, Rjeka, und von hier über Stragari, Boorsko Selo in das 
Thal von Getinje. — Nördlich von dieser Strafse fahrt von der bei Pod- 
goritza über die Moratscha gehenden Wezirs- Brücke (FeMrotr-mo^l) 
ein Weg bis Stanjewitji im Setta-District, wo er sich in einen südli- 
chen, die Sitnitza schneidenden und im Thal des Golatz auf Getinje 
fahrenden und in einen nördlicheren nach Schitaii gehenden Arm theilt. 
Ferner verbindet eine Strafse Podgoritza mit Spusb, welche sich hier 
theilend in zwei Armen zu beiden Seiten des Setta- Thaies in die mon- 
tenegrinischen Berge führt. Endlich geht ein Weg von Podgoritza über 



222 Kon er: 

die vorhin erwähnte Wezirs- Bracke durch das von den Ruinen des 
montenegrinischen Kastells Dnkla überragte Defil6 in die Nahia Piperi 
und zieht sich in nördlicher Richtung, anfangs dem Moratscha-Thale 
folgend, dann die Piperska Planina überschreitend und sich wieder in 
das Flufisthal hinabsenkend bis zum Oertchen Bare. Hier schliefsen 
sich ihr einmal der westwärts im Thal der Gratschanitza auf Nikschitji 
in der Herzegowina, dann der ostwärts zum Thal der Ti^a fuhrende 
Pfad an. Schliefslich erwähnen wir noch im NW. den von Trebinje 
kommenden Weg, welcher bei dem türkischen Kastell Ellobuck das 
Gebiet von Montenegro betritt und über Umatz (Grahowo) auf Cetinje 
führt; endlich den aus der Nahia Zrmnitschka, dem südlichsten District 
Montenegros, über die dalmatinischen Alpen nach dem Städtchen Spitza 
(Sagradje) am adriatischen Meere laufenden Pfad *). 

Die militärisch wichtigsten Orte, welche den Türken als Stütz- 
punkte für ihre Operationen gegen die Montenegriner gedient, und in 
deren Umgegend die blutigsten Kämpfe stattgefunden haben, sind im 
NW. Trebinje am Ufer der Trebintsi^hitza mit seinem in demselben Flufs- 
thale hart an der Grenze von Grahowo auf einem steilen, schwer zu er- 
klimmenden Dolomitfelsen gelegenen AuTsenposten, dem festen "Schlosse 
Klobuck, von welchem aus die oben erwähnte von Trebinje in den 
District Grahowo fuhrende Strafse vollkommen beherrscht wird. Eine 
nicht minder wichtige Position ist das östlich davon gelegene Nik- 
schitji, mit einem kleinen auf einer Anhöhe erbauten Fort, welches die 
an den Ufern der Gratschanitza liegenden Weiden und die von diesem 
Ort in das Hochland führenden Strafsen bewacht. 

In Osten Montenegros, wo die vom Dormitor gegen Südosten lau- 
fenden Parallelketten eine fast unübersteigbare Scheidewand gegen Bos- 
nien bilden, liegt der Flecken Kolaschin, am EinfiuTs der Kapitanova 
in die das Gebirge in transversaler Richtung durchschneidenden Tara. 
Dieses Oertchen vertheidigt das einzige Defile, durch welches der über 
diesen Gebirgsrücken aus Bosnien in die Brdas führende Weg läuft. — 
Nahe den Quellen des Lim, eines Nebenflusses der Drina, an den Ab- 
hängen des Kutschi-Kom findet sich der grofse Ort Guzinie (nicht 
mehr auf unserer Karte angegeben), häufig der Schauplatz blutiger 
Kämpfe zwischen Albanesen und Montenegrinern. — Im Süden end- 
lich liegt auf dem nördlichen Ufer der Setta auf einem Kalkfelsen das 
feste Schlofs Spusb, ein vorgeschobener Posten der südwestlich davon 
am linken Ufer der Moratscha gelegenen gröfseren Festung Podgoritza. 
Beide Orte beherrschen den viereckigen von der Setta, Moratscha, Sit- 



') Man vergleiche ttber die nach nnd durch Montenegro führenden Strafsen 
das Werk yon Paid und Scherb, C^rnagora. 2. Aufl. Agram 1S51. p, SSff. 



Zur Karte von Montenegro. 228 

nitza and Tzrkoymtza eingeschlossenen albanesischen Setta-^Distriet. 
Durch die anfänglich beabsichtigte Abtretung desselben an die Monte- 
negriner hätte das Bergland allerdings einen fruchtbaren, die Bevölke- 
rung nährenden Landstrich gewonnen, und würde dann die Moratscha 
die natürliche Grenze gegen Albanien gebildet haben. — Südlich erhebt 
sich das kleine Fort Shabliak an der Mala Moratscha (kleinen Moratscha) 
nicht weit von ihrem Einflufs in den Skardar-See. Oftmals, aber fast 
immer vergeblich, haben die Montenegriner sich bemüht, diesen Punkt, 
sowie die im See gelegene und von den Türken durch einige Erdwerke 
befestigte Insel Wranjina zu erobern. — Als letzten Punkt endlich, 
von dem die Türken die Bewegungen der Montenegriner bewachen 
und ihnen jegliche Zufuhr durch türkisches Gebiet vom adriatischen 
Meere aus abschneiden können, ist der Hafen des in den letzten Jah- 
ren vielfach genannten Städtchen Antivari (Bar) zu erwähnen, welcher 
gegenwärtig nach Art. 3 der Convention dem montenegrinischen Han- 
delsverkehr bedingungsweise geöffnet worden ist. 



Miscellen. 

Die Eisenbahnen in British -Indien. 

In dem so eben erschienenen Werke von Montgomery Martin, The Pro- 
gress and Present State of British India, London 1862, findet sich eine 
Anzahl interessanter Notizen über den Bau des grofsen Eisenbahnnetzes, welches 
dereinst bestimmt ist, die wichtigsten Funkte Vorderindiens mit einander zn ver- 
binden '). Bekanntlich gingen die ersten Eisenbahn -Unternehmungen im Jahre 
1845 von zwei Privatgesellschaften, der East India und der Great Indian Penin- 
sula Company, aas, jedoch fehlte es anfangs an den nöthigen Capitalien, bis es 
dem Lord Dalhousie gelang; englische Capitalisten dadurch für das Unternehmen 
zu gewinnen, dafs der Court of Directors das nöthige Land kostenfrei unter Gar 
rantie auf 99 Jahre bewilligte. Nach Ablauf dieser Zeit sollten das Land uad 
die Bahnen Eigenthum des Staates werden. Seit dem Anfange des Jahres 1860 
haben nunmehr nachstehende neun Gesellschaften sich gebildet, welche den Bau 
dieses grofsen Eisenbahnnetzes in Angriff genommen haben. 

1) East Indian Railway Company. Die Bahn beschreibt von Calcutta 
einen Bogen nach Westen, geht dann nördlich bis Radjamahal und folgt 



') Wir haben die in diesem Buche enthaltenen Angaben Über die Eisenbahnen 
mit den in dem ^Statement exhihiting the Moral and Material Progrese 
and Condition of India, during the Year 1860 — 61. P. L U. London 1862'* 
niedergelegten amtlichen Berichten verglichen und dieselben theilweise vervollständigt 



222 Konen 

die vorhin erwähnte Wezirs- Bracke dnrßh das von den Ruinen des 
montenegrinischen Kastells Dakla aberragte Defile in die Nabia Piper! 
nnd zieht sich in nördlicher Richtung, anfangs dem Moratscba-Thale 
folgend, dann die Piperska Planina überschreitend und sich wieder ia 
das Fluisthal hinabsenkend bis zum Oertchen Bare. Hier schliefsen 
sich ihr einmal der westwärts im Thal der Gratschanitza auf Nikschitji 
in der Herzegowina, dann der ostwärts zum Thal der Tara führende 
Pfiid an. Schliefslich erwähnen wir noch im NW. den von Trebinje 
kommenden Weg, welcher bei dem türkischen Kastell Ellobuck das 
Gebiet von Montenegro betritt und über Umatz (Grahowo) auf Cetinje 
führt; endlich den aus der Nahia Zrmnitschka, dem südlichsten District 
Montenegros, über die dalmatinischen Alpen nach dem Städtchen Spitza 
(Sagradje) am adriatischen Meere laufenden Pfad '). 

Die militärisch wichtigsten Orte, welche den Türken als Stütz- 
punkte für ihre Operationen gegen die Montenegriner gedient, nnd in 
deren Umgegend die blutigsten Kämpfe stattgefunden haben, sind im 
NW. Trebinje am Ufer der Trebintsbhitza mit seinem in demselben Flufs- 
thale hart an der Grenze von Grahowo auf einem steUen, schwer zu er- 
klimmenden Dolomitfelsen gelegenen AuTsenposten, dem festen "Schlosse 
Klobuck, von welchem aus die oben erwähnte von Trebinje in den 
District Grahowo fuhrende Strafse vollkommen beherrscht wird. Eine 
nicht minder wichtige Position ist das östlich davon gelegene Nik- 
schitji, mit einem kleinen auf einer Anhöhe erbauten Fort, welches die 
an den Ufern der Gratschanitza liegenden Weiden und die von diesem 
Ort in das Hochland führenden Strafsen bewacht. 

In Osten Montenegros, wo die vom Dormitor gegen Südosten lau- 
fenden Parallelketten eine fast unübersteigbare Scheidewand gegen Bos- 
nien bilden, liegt der Flecken Kolaschin, am Einfinis der Kapitanova 
in die das Gebirge in transversaler Richtung durchschneidenden Tara. 
Dieses Oertchen vertheidigt das einzige Defil^, durch welches der über 
diesen Gebirgsrücken aus Bosnien in die Brdas führende Weg läuft;. — 
Nahe den Quellen des Lim, eines Nebenflusses der Drina, an den Ab- 
hängen des Kutschi-Kom findet sich der grofse Ort Guzinie (nicht 
mehr auf unserer Elarte angegeben), häufig der Schauplatz blutiger 
Kämpfe zwischen Albanesen und Montenegrinern. — Im Süden end- 
lich liegt auf dem nördlichen Ufer der Setta auf einem Kalkfelsen das 
feste Schlofs Spush, ein vorgeschobener Posten der südwestlich davon 
am linken Ufer der Moratscha gelegenen gröfseren Festung Podgoritza. 
Beide Orte beherrschen den viereckigen von der Setta, Moratscha, Sit- 



') Man vergleiche ttber die nach und durch Montenegro führenden Strafsen 
das Werk von Paiö nnd Scherb, C^magora. 2. Anfl. Agram 1861. p^SSff. 



Znr Karte von Blontenegro. 228 

nitza and Tzrkoynitza eingeBchlossenen albanesischen Setta-District. 
Durch die anfönglicb beabsichtigte Abtretung desselben an die Monte- 
negriner hätte das Bergland allerdings einen fruchtbaren, die Bevölke- 
rung nährenden Landstrich gewonnen, und würde dann die Moratscha 
die naturliche Grenze gegen Albanien gebildet haben. — Sudlich erhebt 
sich das kleine Fort Shabliak an der Mala Moratscha (kleinen Moratscha) 
nicht weit von ihrem Einflufs in den Skardar-See. Oftmals, aber fast 
immer vergeblich, haben die Montenegriner sich bemüht, diesen Punkt, 
sowie die im See gelegene und von den Türken durch einige Erdwerke 
befestigte Insel Wranjina zu erobern. — Als letzten Punkt endlich, 
von dem die Türken die Bewegungen der Montenegriner bewachen 
und ihnen jegliche Zufuhr durch türkisches Gebiet vom adriadschen 
Meere aus abschneiden können, ist der Hafen des in den letzten Jah- 
ren vielfach genannten Städtchen Antivari (Bar) zu erwähnen, welcher 
gegenwärtig nach Art. 3 der Convention dem montenegrinischen Han- 
delsverkehr bedingungsweise geöffnet worden ist 



Miscellen. 

Die Eisenbahnen in British -Indien. 

In dem so eben erschienenen Werke von Montgomery Martin, The Pro- 
gress and Present State of British India, London 1862, findet sich eine 
Anzahl interessanter Notizen über den Baa des grofsen Eisenbahnnetzes, welches 
dereinst bestimmt ist, die wichtigsten Punkte Vorderindiens mit einander zn ver- 
binden ')• Bekanntlich gingen die ersten Eisenbahn -Unternehmungen im Jahre 
1845 von zwei Privatgesellschaften, der East India und der Great Indian Penin- 
sttla Company, aas, jedoch fehlte es anfangs an den nöthigen Capitalieui bid es 
dem Lord Dalhousie gelang, englische Capitalisten dadurch für das Unternehmen 
zu gewinnen, dafs der Court of Directors das nöthige Land kostenfrei unter Ga- 
rantie auf 99 Jahre bewilligte. Nach Ablauf dieser Zeit sollten das Land und 
die Bahnen Eigenthum des Staates werden. Seit dem Anfange des Jahres 1860 
haben nunmehr nachstehende neun Gesellschaften sich gebildet, welche den Bau 
dieses grofsen Eisenbahnnetzes in Angriff genommen haben. 

1) East Indian Railway Company. Die Bahn beschreibt von Calcutta 
einen Bogen nach Westen, geht dann nördlich bis Radjamahal und folgt 



') Wir haben die in diesem Buche enthaltenen Angaben Über die Eisenbahnen 
mit den in dem „Statement exhibiting the Moral and Material Progress 
and Condition of India, during the Year 1860—61. P. L U. London 1862** 
niedergelegten amtlichen Berichten verglichen und dieselben theilweise vervoUsUfadigt 



224 IfisceOen: 

dem rechten Ufer des GangesthaleB big Delhi in einer Lange Ton 1310 
Bfileg; von dieser Strecke waren am Endo des Jahres 1860 1302Miles 
in Ban begriffen, 289 M. von Hawrah, dem Anfangspunkt der Bahn, gegen- 
über von Calcntta, bis Bajmahal dem Verkehr übergeben. Nach der dem 
oben erwähnten „/S^a fernen 2 etc. o/India during the Yeor 1860 — 61" 
beigegebenen Karte sind die Haaptstationen : Hawrah, Serampoor, Chander- 
nagore, Chinsorah, Bardwan, Ahmedpoor, Sjnthia, Mullarpoor, Nalhatee, 
Rajmabal; auf der im Bau begriffenen Strecke berührt die Bahn die Städte: 
Colgong, Bhagulpoor, Mongirh, Barr, Patna, Dinapoor, Arrah, Bnzar, Be- 
nares, Chnnur, Mirzapoor, AUahabad. Die Strecke von Rajmahal bis Sa- 
hebgnnge sollte nach diesem Berichte bis cum 15. Juni 1861, die Strecke 
bis Bhagulpoor bis zum 15. October 1861, die bis Mongirh bis zum Ja- 
nuar 1862, die bis Patna bis zum 15. Juni 1862 und die bis Benares im 
Herbst 1862 beendet werden. — Eine Kohlenbahn zweigt sich westlich von 
Burdwar ab und wird über Baneegunge nach den Kohlengruben am Bara- 
kur-Flufs und im Singarun-Thal geführt, deren Vollendung bis Ende 1862 
zu erwarten steht. — Eine zweite Zweigbahn 227 M. lang soll von Allahabad 
nach Jubbulpoor geführt werden. Diese Zweigbahn soll sich in Jubbnlpoor 
der von der Great Indian Peninsula Company von Bombay über Callian 
nach Jubbulpoor in Angriff genommenen Linie anschliefsen, so dafs dadurch 
eine directe Verbindung zwischen Calcntta und Bombay hergestellt würde. 

2) Calcntta and South-Eastern Bailway Company. Die 29 M. lange 
£ast vollendete Bahn geht von Calcntta in südöstlicher Richtung bis zum 
Mutiah -Biver und setzt die nördlichen Baumwollendistricte der Sunderbunds 
mit Calcntta in directe Verbindung. 

3) Eastern Bengal Railway Company. Die von dieser Gesellschaft ge- 
baute 110 M. lange Bahn geht von Calcntta in fast gerader Linie nach NNO. 
bis Kooshtee am Ganges, gegenüber von Pubna und soll bis zum 1. Mai 1862 
eröffnet und später bis Dhakka fortgeführt werden. Die Hauptstationen sind 
nach der oben erwähnten Karte: Calcntta, Barrackpoor, Samnuggur, Soon- 
sagur, Joyrampoor, Kooshtee. 

4) Madras Railway Company. Die Hauptlinie geht von Madras quer 
durch den südlichen Theil von Dekhän nach dem auf der Malabarküste ge- 
legenen Hafen Beypore (405 i M.) Bis zum 1. Februar 1861 war die Strecke 
von Madras über Vaniembaddi und Tripatoor bis Salem (207 M.) dem Verkehr 
übergeben. Gleichzeitig wurde von dem anderen Endpunkte der Bahn, von 
Beypoore, der Ban in Angriff genommen, und am 12. März 1860 die Strecke 
von dieser Stadt bis Tiroor (18^ M.) eröiinet; die Strecke von Tiroor bis 
Koimbatur (85^ M.) sollte schon am 1. Juni 1860 eröffnet werden und die 
noch fehlende Strecke von Koimbatur bis Salem (94 M.) zu Ende des Jah- 
res 1861. — Zweigbahnen sind a) die Linien nach Bangalore (84 j M.); b) die 
Linie von Koimbatur nach den Neilgherries (30 M.) ; c) die Linie von Ar- 
conum nach Cuddapah (Kadapa) (120 M.). Von Cuddapah soll alsdann die 
Bahn bis Bellari (Walahari) geführt werden (140 M.), und so die Verbin- 
dung mit der von der Great Indian Peninsula Company von Bombay über 
ßholapoor und Moodgul auf Bellari gebauten Linie hergestellt werden. Diese 



Die Eisenbahnen in British -Indien. 225' 

Bahn wfirde »itiiin liadraa nnd Bombay in eine directe Verbindung aetieir. 
Die Gesammüänge der Ton der Madras -Company zu bauenden Bahnen be- 
trigt 846 M. Die Hanpüinie von Madras bis Beypore soll noch in diesem 
Jahre ToUendet werden. 

5) Oreat Sonthern of India Bailway Company. Hanptlinie Ton Na- 
gapatam nach Trichinopoli (Trisirapali) 80 M. lang und bereits dem Vei^ 
kehr übergeben. Zweigbahnen: d) yon Trichinopoli nordwärts aar VtMt^ 
dang mit der MadrasUnie; 6) von Trichinopoli südlich nach Madnra und 
von dort auf den Hafen Tatikorin. Die Gesammüänge der dieser Gtosell- 
schaft gehörenden Eisenbahnen beträgt 300 M. 

6) Great Indian Peninsula Railway Company. Hanptlinie von Bom- 
bay über Callian (Ealjani) nach Jubbulpoor (605 M.). Zweigbahnen: a) yon 
Bombay bis Mahim (If M.); 6} von Bhosawul auf Nagapnr (263 M.); c) von 
Callian, Sholapoor, Moodgnl nach Bellari zur Verbindung der von der. Mar 
dras- Company auf Bellari geführten Zweigbahn (389 M.). Die Gesammi« 
strecke von Callian bis Sbolapoor, dem vorläufigen Endpunkte dieser Bahn, 
wurde im Anfang des Jahres 1861 eröfihet. d) Von Padnsdburree nach 
Campoolee bei Poona Oi M.). Die Gesammtlänge der von dieser Gesell* 
Bchaft zu bauenden Schienenwege beträgt 1266 M. Etwa 450 M. waren im 
December 1861 dem öffentlichen Verkehr übergeben. . . . 

7) Bombay, Baroda and Central India Bailway. Company. Haupt* 
bahn von Bombay nordwärts längs der Küste über Surate nach Baroda 
(245 M.). Zweigbahn von Baroda nach Ahmadabad (64 M.). Vollendet 
waren bis zum 20. October 1861 132 M. 

8) Sind Railway Company. Die 108 M. lange Bahn von Knrrachee (Ea> 
ratehi) bis Kotree am Sind, gegenüber von Haiderabäd, wurde, mit Ein- 
schlufs einer 3 M. langen Zweigbahn nach Ghizree Bänder, am 13. Mai 
1861 eröffnet. Die Wichtigkeit dieser Linie wird sich erst herausstellen, 
wenn die Schifflfahrt auf dem Sind zwischen Kurrachee und dem Pandjab 
geregelt sein wird. Von Kurrachee soll eine Zweigbahn von 3 M. nach 
Keeamaree, dem Hafen von Kurrachee geführt werden. 

9) Punjab Bailway Company.* Die vop dieser Gesellschaft in Angriff g»* 
nommene Linie geht von Mooltan (Multän) über Labore (218 M.) bis Um- 
ritsur (Amritsar) ' (42 M.). Die Fortsetzung derselben von ümritsur bis nach 
Delhi (280 M.), dem Endpunkt der East Indian Bahn (s. oben No. 1) ist 
bereits von der Regierung sanctionirt, und sind die Capitalien gezeichnet. 
Dem Verkehr übergeben ist seit dem 1. März 1862 die 42 M. lange Strecke 
von Labore bis Ümritsur (Stationen Labore, Meean-Meer, Attaree, Ümrit- 
sur), welche durch einen dichtbevölkerten und fruchtbaren Landstrich geht 
und noch an Bedeutung gewinnen wird, sobald der nach Labore geführte 
Baree Doab Canal, dessen Vollendung in diesem Jahre noch in Aussicht 
steht, für die Schiffahrt benutzt werden kann. 

Zur Vermittelnng des Verkehrs zwischen der Sind- und Punjab -Bahn hat 
sich eine Indus Steam Flotilla Company gebildet, welche bereits eine Anzahl 
Dampfboote für die Beschiffang des Indus gestellt hat; ebenso soll eine regel« 
mäfsige Schifffahrt auf dem Satladsch bis Ferozepoor in's Leben treten. Nach 

Zeftochr. f. allg. Erdk. Neu« Folge. Bd. XIII. 15 



226 lüseellen: 

de» ürtlifiü des Ingai^eiirs Arümr OimBbj, welcher im Decenbetr 1861 dm Bett 
des I&das auf dem Donqtfschiff Lawrance genau untersucht hat, dürfte eine xegel- 
mäfsige Besohiffung dieses Stromes, welcher allerdings von seiner Mündung in 
den Meerbusen von Cutch bis nach Attock auf einer Strecke von circa 1000 M. 
schiffbar ist» auf grofse Schwierigkeiten stoTsen und jedesfaUs mit unverhaltnifs- 
mäfsig grofsen Kosten verknüpft sein, da bei Hochwasser, wo durch die Ueber- 
sohwemmnngen die Ufer dem Auge sich entziehen, das Fahrwasser nur durch fort- 
währendes Sondiren ermittelt werden kann, bei niedrigem Wasserstande aber die 
fortdauernde Neubildung von Schlammbänken die Fahrt ebenso zeitraubend macht. 
Es scheint mithin nach dem Urtheile Ormsby*s gerathener, die dem Endpunkt 
der Sind -Bahn gegenüberliegende Stadt Haiderabäd durch eine Eisenbahn mit 
Mooltan, dem Anfangspunkt der Funjab-Bahn, zu verbinden, als die enormen 
Kosten auf die Regulimng des Indusbettes zu verwenden. 

Der Bau der Eisenbahnen in Indien ist wegen der nothwendigen Anlagen von 
lahlreichen Brücken und Viaducten sehr langsam und kostspielig. Auf der East 
Indian-Bahn erforderten die Brtickenbauten über die Sona 28 Ueberbrückungen, 
jede von 150 Fufs Spannung. Die Jumna- Brücke hat 15 Bögen, jeder von 
200 Fufs Spannung. Bei den Brnckenbauten über andere Ströme wechsehi die 
Spannungen von 50 bis 1 50 Fufs , und man kann sich, eine Idee von der Länge 
der üeberbrücknngen der Flüsse Jumna, Tonsa^ Keenl und Huliohur machen, wenn 
man annimmt, dafs diese eine Gesammtlänge von 9150 Fufs haben, während in 
London die London-, Southwark-, BUckfriars-^, Waterloo-, Hungerford- und 
New Westminster- Brücken zusammen nur 0^9 Fufs messen. 

Auf der Westseite der Halbinsel bietet das Ueberschreiten der Bergkette, 
welche das Vorland, auf welchem Bomba}^ liegt, von der Hochebene Dekhans 
trennt, grofse Hindemisse für den Eisenbahnban. Diese Bergkette wird durch 
die Great Indian Peninsula-Bahn an zwei Stellen. diirchBchnitten. Der Bhore 
Ghant erhebt sidi über 2000 Fufs, der ThiUGhaat 1900 Ful» über dem Mee- 
resspiegel. Der Tunnelbau durch ersteren hat. eine Länge von über 1 Mile, der 
durch den zweiten eine von 6000 Fufs ; aufserdem erfordert ein Viadnct über den 
Tannahflufs einen Brückenbau von 23 gemauerten Bogen, jeder von 40 Fufs Span- 
nung, in der Mitte mit einem eisernen Dnrchlala von 84 Fufs Spannung. Ebenso 
mufsten der Nerbudda, Taptee, Beema und fünf andere breite Ströme überbrückt 
werden. 

Im Süden und Osten der Halbinsel ist das Land im Allgemeinen günstig 
für Eisenbahn- Anlagen, aafser dafs die zahlreichen Ströme mannigfache Brücken- 
Anlagen erforderten. So ist die Brücke über den Bahrun 600 Yards lang, die 
über den Mulleer 560 Yards; aufserdem mufsten zum Schutz gegen Ueberschwem- 
mnngen kostbare Dämme angelegt werden. 

Auf den im October 1860 dem Verkehr übeigebenen 686 Miles waren etwa 
1100 Europäer und 17,500 Eingebome als Beamte. 

Schliefslich geben wir noch einige Notizen über die Overland rQU.te zwi- 
iohen England und Indien. Die Peninsula and Oriental Steam Na\iga- 
tt»n Company besitzt gegenwärtig ein Capital von 2,500,000 Ff. St. und stellt 
etwa 50 Dampfischiffe von 10,000 Fferdekcaft und 70,000 Tonnen Gehalt Die 
vo» douthhamptoa bie Gibraltar dauert 5 Tage, von dort längs der Küste 



W. B. Baikie'8 Nachforschiingen fiber die Existenz dei Einhomi. 29T 

AlgerieiiB bis Malta 5 Tage. Gleiohzdtig mufB in Mldta älSd engSsohe Poet ein-v 
treffen, welche durch Frankrek^ via Maneille geht nnd von London 6 Tage spa- 
ter, als der Sonthhampton- Dampfer abgeht. Nach einem Anfentlialt von 6 Stun- 
den fahrt das Dampfschiff in 3 Tagen nach Alezandria; von hier bringt die 
Eisenbahn Passagiere und Post in 5 Stnnden nach Cairo, in 4 Stunden von Cairo 
nach Suez: von Suez fahrt das Dampfschiff in & Tagen bis Aden und in weite- 
ren 8 Tagen bis Bombay. Die Entfernung von Souäihampton bis Alexandria 
wird auf 5902 M., die von Suez nach Bombay auf 5944 M. berechnet, im Gan- 
zen 1846 M. zur See und 2ö2 M. zu Lande. Der tag^h wachsende Verkehr 
auf dieser Roote, welche nicht allein für die Verbindung mit Indien, sondern 
auch mit China, Australien und Mauritius benutzt wird, läfst es aber höchst wün- 
schenawerth erscheinen, eine küüzeie Verbindung mit. Indien zu vermitteln. Hierzu 
ist bekanntlich die Anlage einer Eisenbahn von Selencia nach Jaibar am Euphrat 
und von dort nach Bassorah am persischen Meerbusen vorgeschlagen; letzteren 
Ort würde dann eine Dampferlinie mit Eurrachee in Verbindung setzen. Man 
hat berechnet, dafs die Post von England vi& Triest diesen Weg in 15 Tagen, 
also mithin in der Hälfte der Zeit, welche die Linie über Suez gebraucht» zurück- 
legen würde. — r. 



W. B. Baikie's NachforBchungen über die Existenz 

des Einhorns. 

(Nach einem Briefe d.d. Bida Nüpe, Central -Afrika, 15. Januar 1862 im ^Athe- 

namm.'' 1862. N. 1816.) 

Baikie schreibt, dafs er, ab er vor etwa fünf Jahren den Nil aufwärts 
reiste, vielfache Anspielungen auf die Ezistena des Einhorns vernommen, die 
Wahrheit dieser Ei^s&hlnngen aber stets angezweifelt habe. Die Zweifei sind 
indessen dureh die viden Zeugnisse, die er erhielt, und durch den weltverbreiteten 
Glauben der Eingebomen aller Länder, welche er besucht hat, erschüttert wor- 
den, so dafs er die Behauptung ausspricht, dafs die Nicfatexistenz des Einhorns 
keineswegs erwiesen sei. Ein Schädel dieses Thieres soll in einer Stadt des Lan- 
des Bond, durch das Baikie im Verlauf einiget Wochen zu kommen hoffk, auf- 
bewahrt sein, nnd wird derselbe bei dieser Gelegenheit nähere Erkundigungen 
einziehen. Zwei von den Eingebomen, von welcher diese Nachricht ausgeht, er- 
klärten wiederholt, die Gebeine dieses Thieres gesehen zu haben und erwähnten 
namentlich des langen, geraden oder iSut geraden schwarzen Homs. In Ländern 
nach Osten und Südosten, wie in M&rgi und Bagirmi, wo das einhömige Bhino- 
ceros vielfach vorkommt, machten die Jäger einen sorgfältigen Unterschied zwi- 
schen diesem Thiere nnd dem mnthmafslichen Einhorn und gaben diesem ver- 
schiedene Namen. In den weiten Wäldern und Wüsten, welche sieh über Cen- 
tral -Afrika, besonder« über die Länder südlich und östlich von Tsädsee, von 
Borau, ^argirmi und Adamaua ausbreiten, bietet die Fauna ohne Zweifel noch 

15 • 



328 MlfloeUen: 

mftiicke soologiflche Merkwfirdigkeiten, imd unter ihnea Tiell«ieht auch das Ein- 
hom , wenn' et auch nicht gans dem im engliichen Wappen geführten ahnlich 
sehen mag. Mit folgenden Namen wird dieeea Thier in den Ländern vom Ts&d- 
aee hii cum Gnineabnsea bezeichnet; 

In Kanüri (Bomn): Bündig -m nnd Kamfaimi 



- HliBSsa 


m 


Marfrf 


- Folflide 


• 


Tüifd nnd Dikarkdlewai 


- Mirgf 


m 


Kärafitn 


- Ndpe 


m 


PAnlflf 


• Bonü 


- 


Agaba 


- Yöraba 


• 


Iwü 



- Axbentsi (Touarek): Ten^k. — r. 



New South Wales. 

Nachstehende Daten über die Bevölkerangs- nnd Handelsverhältnisse von 
New South Wales entnehmen wir der Einleitung, welche dem bei Gelegenheit 
der Londoner internationalen Ausstellung erschienenen « Catalogue of the Natural 
and Tndustrial Products of New South WaleSf London 1862'' vorangeschickt ist 
Die Colonie zählte nach dem Census vom 7. April 1861 auf einem Flächen- 
inhalt von 323,437 QMiles oder 207,000,000 Acres (1 Acre = Ij prenfs. Mor- 
gen) 350,860 Einwohner, mit Ausschlnfs der Ureinwohner und des Militärs; nehm- 
lich 198,488 männliche und 152,372 weibliche Ein^irohner. Im Cumberland-Di- 
strict, einschliefsHch der Hauptstadt Sj^dney, kamen auf die D M. etwa 86 Einw., 
ansschliefslich Sjdney's 47 Einw., während durchachnitdieh in den 10 colonisir- 
ten CouBties etwa .4 Personen auf die DM., and in den , ausgedehnten Weide- 
districten 1 Person auf 4 OM. gerechnet werden. Das Land würde eine Bevöl- 
kerung Ton 15 Millionen Seelen, und, wäre es so dicht bevölkert wie England, 
Ton 103,500,000 Seelen zulassen. — Die Hauptstadt Sydney zählt 93,686 Einw., 
also i der Grcsammtberölkerung der Colonie in 10,185 Hänsem. 
Von der Gesammtbevölkemng kamen auf 
Verwaltung, EUmdwerker« und Handelsstand: M. 13,345 

W. 2,293 

15,638 oder 4.46 pCt 

Arbeitersiaad M. 31,501 - 8.98 - 

Goldgräbereien(einschUersl. 12,600 Chinesen) M. 20,365 - 6.80 - 

Ackerbau' und Viehzucht M. 46,916 

W. 7,084 

54,000 - 15.39 - 

Dienstboten etc M. 13,683 

W. 14,490 

28,173 - 8.03 - 



New 8oiidi Wales. 229 

Sdifiler, SdiäariaBen, HMefraiwii ele. . . li. 72,^(78 

W. 1 28,505 

201,183 oder 67.34 pCt. 
Die ZeU der Geburten betrag dnrdischiiitdieh 41 p. M., die der TodesfiUls 
17 p. M. 

New 8oadi Wales war för alle übrigen Colonien Aiistealiens das Stammlaad 
für die Viehzncbt, nnd behauptet aach noch gegenwärtig die erste Stelle in Be- 
zug aof die Zahl seiner Heerden. Im Jahre 1797 Terschrieb Capt. John Macarthnr 
Yom Cap der guten Hofinoag 3 Bö^e nnd 5 Schafe von der echt spanischen 
Merino -Bace nnd lieb diese sich mit den schon in der Colcmie rorhandenen 
Schafheerden kreuzen. Damals zahlte die Colonie nur 1531 Schafe, 57 Pferde 
nnd 227 StSck Bindvieh, nnd aus diesem geringen Stamme gingen die grofsen 
Viehheerden henror, welche gegenwartig in den üppigen Grasflächen der anstr»- 
lischen Colonien weiden. Man s&hlte zu Ende des Jahres 1860 in 

Schafe Rinder Pftrde 

New Souih Wales . . 6,119,163 2,408,586 251,497 

Victoria 5,794,127 683,534 69,288 

Queensland 3,449,350 432,890 23,504 

Souih Australia . . . 2,824,811 278,265 49,399 

Tasmania 1,700,930 83,3 66 21,034 

Summa 19,888,381 3,886,641 314,722. 

Der Ertrag der Wollenansfhhr Ton Sydney für 1860 betrug 12,809,362 Ifae. 
im Werth von 1,123,699 Jß. (Im Jahre 1807 wurden von Sydney 245 Ibs. Wolle 
exportirt; im Jahre 1860 ron ganz Australien und Neuseeland 68 Millionen Ibs.) 
Aufserdem ging ein beträchtlicher Theil der Wolle auf dem Murray River nach 
Melbourne und auf dem Darling River nach Adelaide. In dem Zeitraum von 
1851—80 wurden aus New South Wales exportirt 158,958,055 Ibs. Wolle im 
Gesammtwerthe von 11,051,313 Jß, und an Talg nnd Häuten für 1,663,183 ^. — 
Für die durch Mr. Ledger eingeführten AJpacas aeigen sich das Klima und die 
Weide sehr günstig; der Export der Alpaca-Wolle betrug im Jahre 1860 677 Ibs^ 

Im Mai 1851 wurden in New South Wales die Goldfelder entdeckt Die 
Goldausfuhr betrug in diesem Jahre 468,336 £, 1852: 2,660,946 £, 1853: 
1,781,172 £. Von 1854<— 58, in welcher Zeit die Goldfelder in Victoria aufge- 
funden wurden, sank die Goldausfuhr auf 600,000 £ jährlich, stieg aber im Jahre 
1859 wieder auf 1,698,078 £, im Jahre 1860 auf 1,876,049 .£. In den lO.Jah- 
ren von 1851 — 1860 betrug der Gesammtwerth des aus dieser Colonie exportir- 
ten Goldes 11,683,857 £. 

Kohlengiuben finden sich in der Nachbarschaft von Newcastle an der Mündung 
des Hunter River, 60 M. nördlich von Sydney, und zu Bellambi, 40 M. südlich 
von dieser Stadt. In den letzten 10 Jahren wurden 1,780,000 Tonnen gewonnen, 
von denen mehr als die Hälfte nach Indien, China und in die Colonien verschifit 
wurden. Jedesfalls würde bei Vermehrung der Arbeitskräfte der Ertrag der Koh- 
lengruben einen noch bei weitem gröfseren Aufschwung gewinnen. 

Von den am 31. März 1861 bestellten 260,798 Acres waren 128,829 mit 
Waizen» 61,488 mit Mais, und | mit Gerste, Hafer und Fntterkräutem bestellt; 



'230 Mitcdlen: 

der Best war mit Kartoffeln, Weingärtea und Fmchtbäamea bepflanzt» Darch- 
achnittlich trügt der Acre etwas mehr als 15 Bashel Waizen. Wenn nicht fiber- 
mäftige Dürre eintritt, erzeagt das Land l-^mal mehr als consomirt wird. Aach 
hat man in nenisster Zelt begonnen, dem Weinbau eine gröfsere Avfmerksämkeit 
zuzuwenden. Von den im vergangenen Jahre mit Weinstöcken besetzten 1583 
Aores waren 622 Acres für Trauben zum Keltern bestimmt Gewonnen wurden 
99,791 Gallonen Wein und 709 Gallonen Brandy, was etwa 160 Gallonen pro 
Acre beträgt. 

Eine Eisenbahnstrecke von 69 Miles, welche mit einem Eostenaafwande von 
1,917,840 £ erbaut wurde, ist dem öffentliehen Verkehr fibergeben; im Bau be- 
griffen sind 54 M. und projectirt 222 M. 

Zu Sydney befinden sich eine noch im Bau begriffene Universität mit zwei 
afifilirten Stiftungen, dem Collegiam von St Paul fUr die Mitglieder der englischen 
Kirche und dem Coliegium von St. John für die Katholiken, ferner ein Gymna- 
sium (Sydney Grammar School) und 383 Privatschulen. Bis jetzt wurden auf 
der Universität in der classischen Literatur, Mathematik und Esq^^erimental- Physik 
Vorlesungen gehalten; 110 Studenten waren seit der Eröffnung immatiknlirt wor- 
den, von denen 47 ^inen akademischen Grad erhalten hatten. Das auf öffentliche 
Kosten erbaute Gymnasium zählte im Jahre 1860 144 Schüler und erhält einen 
jährlichen Zuschufs von 1600 £. In den Privatschulen betrug die SchülerzaM 
im Jahre 1860 9318. — Aufserdem erhielten 24,572 Schüler in 408 Elementar- 
schulen Unterricht, denen vom Staate eine jährliche Unterstützung von 43,476 £, 
durch Privatleute von 20,303 £ zufliefst. In 329 SoUtagssdraleo wurden etwa' 
21,104 Kinder unterrichtet -^ Für die Gründung eker öffentlichen Bibliothek 
zu ^dney wurde in neuester Zeit von der Regierung eine Summe von 25,000 £ 
bewilligt. 

Die englische Kirche zählte im Jahre 1860 116 Geistliche, die römisch-ka- 
tiiolische 60, Presbyterianer 52, Wesleyaner 40, Independenten 12, Methodisten 
8, Baptisten 5, Juden 4, Unitarier 1. Vom Staate erhielten diese 298 Geistliehen 
eine jährUehe Besoldung von 28,000 £, beiw eitem bedeutender aber sind die Mit- 
tel, welche ihnen dureh freiwillige Beiträge zufliefsen. — r. 



üeber die Forschungen der Mitglieder der J^cofe fran- 
faise ZU Athen im nördUchen Griechenland 

M. Heuzey, welcher sich bereits durch seine antiquarischen Forschungen in Akar- 
nanien bekannt gemacht hat, berichtet in einem Schreiben au den Kaiser Napo- 
leon {L'Instttut. Sciences historiques 1862. p. 89 ff.) über die Resultate der diesjäh- 
rigen Untersuchungen der Mitglieder des £cole fran^aise zu Athen. Die Thälig- 
keit derselben war diesmal auf Thessalien, Epirus, Macedonien imd die angren- 
zenden Theile Ülyriens und Thraciens gerichtet '). Zuerst untersuchte man die 

■) Vergl. nnsere Notiz im X. Bde. der K F. dieser Zeitschrift S. 472. 



Ueber die Fonchongen der Mitgtiedier der £coU franfoiae m Athen. 231 

Bninen Pbilippi's, welche noch heute sich in ziemlich bedentender Ausdehnung 
Yorfinden. Auf einem FelsenTorsprung mitten in der weiten Ebene des Drama 
gelegen, beherrschte diese anfänglich macedonische Festung nnd später römische 
Colonie die ganze umliegende Gegend. Auf der Akropolis stehen noch die schö- 
nen Reste der griechischen Ringmauer und die ganze £bene am Fnfs des Berges 
gleicht einem Rainenfelde mit zahlreichen Resten aus der Römerherrschaft. Hier 
fand man ein römisches Theater mit versehiedenen Sculptnren, zahlreiche Inschriften 
und einen Tempel des Sylranus. Auf einer andern Seite der zum Drama fuh- 
renden Strafsfi eriiebt sich eine yon den Türken Därekler (die Säulen) genannte 
Ruine, wahrscheinlich die Reste von Thermen, mit Sculpturen aus spätrömischer 
Zeit, welche den Uebergang zum byzantinischen Stjl bereits deutlich erkennen 
lassen. — In einer ziemlichen Entfernung von den Mauern der Stadt findet sich 
ein Bogen aus weifsem Marmor, nach seiner Construction zu schliefsen wahr- 
scheinlich einst ein Triumphbogen; endlich ein Monument in edlem Styl, ge- 
wöhnlich als 'Siegesdenkmal des Vibius bezeichnet, welches sich jedoch jetzt als 
ein Grabdenlunal ausweist, wie ähnliche in einer doj^elten Reihe an der Via 
Egnatia, freilich auf der entgegengesetzten Seite der Stadt sich erheben. Weitere 
Excursionen, welche von Herrn Heuzey in der Umgegend von Philipp! bis zu dem 
noch unbekannten District von Zikhna unternommen wurden, haben zur Ent- 
deckung einer grofsen Menge römischer Inschriften gefuhrt. 

Monumente aus der macedonischen Zeit, der Zeit der eigentlichen Blnthe 
des Landes, aufzufinden, gelang hier ebensowenig, wie an anderen Orten. Pella, 
die einstige Hauptstadt Philipp's und . Alexander's , hat jetzt einem beackerten 
Felde Platz gemacht, Edessa's Reste sind unter den neuem Bauwerken einer 
bulgarischen Stadt vergraben, und alle Ruinen, welche zu Thessalonica und Beroea 
sich finden, gehören der Römerzeit an. Die einzigen Reste aus macedonischer 
Zeit finden sich nur unter den Trümmern einer Stadt, deren Namen nicht ein- 
mal mit Sicherheit genannt werden kann. Dieselben liegen am Haliacmon bei 
dem Dorfs Palatitza. Diese, schon vor mehreren Jahren von Heuzey aufgefun- 
denen Ruinen, sind gegenwärtig durch die Mitglieder der Commission durch Nach- 
grabung^ näher untersucht worden. Dieselben ergäbe^ die Substructionen von 
Propyläen sowie zahlreiche Fragmente von Säulen und Sculpturen, sämmtlich aus 
einer guten Periode der Kunst. Leider fand sich keine Inschrift, aus der sich 
der Name dieser Stadt hätte feststellen lassen. 

Femer wurde die Lage von Stobi bestimmt, welches nicht, wie man bisher 
annahm, am mittleren Lauf der Tzema (Erigon) lag, sondern an ihrer Mündung 
in den Vardar. Dort finden sich die Ueberreste von Ringmauern und Brücken, 
und der Name der Stadt ist auf einer Inschrift zu Ehren des Hadrian erhalten. 
Alle Dörfer im Umkreise weniger Lieues enthalten viele antike Reste. Endlich 
wandte sieh die Commission den Ruinen von Dyrrhachium und Apoilonia zu, wo 
gleichfiEdls interessante antiquarische Funde gemacht wurden. — r. 



232 



Bfisoellen: 



CO 
CO 



a 

o 

Q 



o 
o 

.a 

o 
CO 



0^ 



S 

t 

CO 

S 

u 



•1*4 
1^ 



O C0 
CO OD 
00 ^«H 

^ g 

I« 
» i 

!■§ 

^ a 

'S ^ 

ua ^ 
o o 

00 00 

00 00 
tO iO 

d 
« o 

bD 60 

»»* »53 

H ® 
. S 



5 s 

> w 

'*^ 00 

•i3 'S 

S OD 

OQ to 

CO > 



I 

ao 



s 

< 






OB J4 



s 

00 

I 






S 



I 
I 



M O <^ I 
«O M ^ i 
^ CO 



I I 



ei 



"^ »O -^ 
o M 



kO 



I I 



00 
Ol 



CO 

CO 

kO 



!<«• 0^ qp ^ CO ^^ 
e^i <«H CO d Od lo 
r« CD )0 



Ol 



CO o» t^ lO Od CO kO 

kO ^ CO O O 00 C^ 

CM CO 00 r- ko 04 -«r 

«ft •% » ^ ^ «« «« 

^ 00 r» "^ -^ CO ^^ 

▼i »O C* ^tH "^ ^H ▼i 



Ol 

00 
kO 



Od CM Ol 



r» Od M 



00 



kO 



00 M 
lO t« 

CO 






d 

^ 



I 



faCQO 



O P 00 
S — « C) 



I I 



kO 
00 
M 



I I S! I I 



CO CSJ 
▼< CM 

mT o» 



*« 00 
CV| 00 



O» CD 

00 '•H 

CO 



kO^'^'^OdCDCDCO 
«D<H>0'^«Or»MfiO 

c«^-ikor»ocokOeo 



s 



M 



CO r» 

CO CD CO 
Ct| "^ -^ 



O "^ kO CO 



CO 
CO 



'S 'S 



§ 



na .»ö 



o 






3 -c 
Hl P 




BeTÖlkenmg der Schweiz nach der Zikhlung vom 10. Dec. 1860. 



233 



00 kO ^ 

CO r» 



I " 1 



00 
CO 
lO 



CO CO CO 



CO t« 

kO CO 



evi 



eo 


Od CO 


M 


CM 


o» 


^^ 


00 


00 


o» 


CO 


e< 


-» « 


C4 


r« 


CM 




00 




r» 


CO 



lO 



kO 



r» CO 

•^ CO 



00 



■V 



CMioeokooaOiACMOr*»o 

CM'^^-^OtOT-i^HOdCOCOeO 

iö»o»ocooacM-^"^r*'«-'r- 

^ O ^ CM CO O» O 

CO <« CO "^ CO &0 



lO 



O CO 



CO CM CO- kO Od 

Od lO Oft Od CO 

<.4i CO O O 

Od t*- O 

Od r» "^ 



CM 

oo 

Od 

CO 



OO'^fiO^QOcO'^'vHkO'^Od 
odr»eM^»<ar-ooooco'<ii«cM^ 
od»«ot>«r-'^TH00r-od«^o 

OÖ^ OT Od" «• «> CM « ^"^ O* Od 

^lOOiO ^-('^COOOCM^H 



CO O 00 "^ 
CO Od 00 CO 
CM t>* O CM 



00 CM CO CM O ^ 



Od 
Od 

o 

5 



CO 

eo 

CM 



GOlO^Ht<«QO^Ift'«-« 
OOdecOCOCMODCM 
tOOOCMCOOdOOd^fN 
-»4 ^ ^ <*^ CM 



f^COOCMkOCMOO'^O 
«D0000CMt**C0r«C0O 

odOoodOdcocMoooor«* 

aOCMCMMCO ^CMOOq^ 

ri CM 



I I 



CO 



I I I I I I i S i S I I I I 






CMOO lOOCMCMCMOCOCO 

lO-^ ICMiOCMCOCOOr« 

•»-•r» ^^r»cMOOr*odoo 

CM « «T eo -^ «-T 



• I 



CM 



-^ WO o -^ 

O CO Od <ri* 

r« CM CD Od 

eo ^ CO 00 



00 
CO 

o 

CM 



<f^ CO 00 o 



oococoeo^Q-w-c 

OCMCDQOOOOCQ^^^«^ 
CO»OCMCOiOiO'^0'^t>*CM 

OdiOOdO^HkOOOCMOO'^ 

^^oco'^ioco'^'v^aood^ 



00 



CO 
eo 






CM Od CO 

Od CO t« 

r» CO 00 



o CO CO 

•Od ^H ^-1 

-TM CM 



O 
Od 



r^ CM. 

00 00 



CM 




O ^ i>4 «a 

. I ^ •§ 1 

^ I 4 ^ ^ ^ ^ 




3 

o 
H 



d 
O 



234 MisceUen: 

Die männliche Bevölkerong betrug 1,236,363, die weibliche 1,274,131 See- 
len, was einen Ueberschufs der weiblichen BeTÖlkenmg von 37,768 Seelen ergiebt 
Heimathlose gab es 1,824; im Auslande Geborene 108,541. Die Zahl der Wohn- 
hfinser betrog 528,105, der Haashaitangen 346,327, der bewohnten Räamlichkei- 
ten 2,016,150. 

Das Zahlenverhältnifs der Katholiken zn den Protestanten hat sieh seit 1850 
nnr sehr nnerhebliöh verändert. Damals kamen auf 1000 Einwohner 406 Katho- 
liken and 593 Protestanten, während gegenwärtig 408 Katholiken nnd 588 Pfo- 
testanten. In den katholischen Kantonen hat darchgehends die Zahl der Pro- 
testanten zugenommen, am meisten im Kanton Freiburg (26°/eo) ^^S ^^^faot 
Solothum 26®/oo)' Dagegen hatte die Zahl der Katholiken in folgenden pro- 
testantischen Kantonen zugenommen: Basel Stadt 55 ^/qo) Genf 44°/eo> Glarus 
42Voo> SchaflFhausen 30*/oo, Neuenburg 27Voo, Appenzell Aufserrhoden 25*/oo, 
Waadt 25Voo- 

Die Schweiz zählt unter ihren 3071 Gemeinden 1707 ausschliefsUch oder 
vorherrschend deutsch, 947 französisch, 292 italienisch und 125 romanisch spre- 
chende. Die deutsch sprechenden Gemeinden erstrecken sich in 124 Bezirken 
auf 19 Kantone. Die französisch sprechenden Gemeinden dehnen sich in 49 Be- 
zirken auf 6 Kantone und Kantonsgebiete aus ; die italienischen G^neinden be- 
schränken sich in 11 Bezirken auf die Kantone Tessin und Graubünden, und die 
romanisch sprechenden Gemeinden finden sich nur in 8 Bezirken des Kanton 
Granbünden vor. — Unter 100 Haushaltungen wird in der Schweiz durchschnitt- 
lich von 70 deutsch, von 23 französisch, von 5 italienisch und von 2 romanisch 
gesprochen. Gemischte Sprachverhältnisse kommen vor in Bern, Freiburg, Grau- 
bünden, Tessin, Wallis. Ausschliefslich französisch wird in Waadt, Neuenburg 
und Genf gesprochen. 

Die gröfste Bevölkerungszunahme seit 1850 zeigen die Kantonshanptorte 
Genf: 12,307, Basel: 10,605, Lausannet 3407, St. Gallen: 3298, Zürich: 2718, 
Neuenburg: 2655; eine Zunahme von mehr als 1000 Seelen: Appenzell, Bern, 
Luzem, Freiburg, Sitten, Herisau ; eine geringe Abnahme der Einwohnerzahl findet 
sich nur in Samen. 

Nach der Dichtigkeit der Bevö&emng auf die Q Stunde rangiren die Kan- 
tone fblgendermafsen: 

Basel Stadt 25,427 Neuenbürg 2492 Bern 1562 

Genf 6754 Thwgau 2101 Waadt 1524 

Appenzell Aufserrhod. 4282 St. Gallen 2059 .Freiburg 1457 

Zürich 3559 Solothurn 2034 Schwj'z 1142 

Aargau 3184 Luzem 2003 Glarus 1112 

Basel Land 2819 . Zug 1888 Tessin 945 

Scha£Phausen 2726 Appenzell Innerrhod. 1739 Unterwald, nid d. Wald 914 

Unterwaiden ob dem Wald 649 Uri 316 

WaUis 399 Granbünden 291. 

— r. 



Beyölkenmgsstatistik Ton Tofieana vom Jahre 1861. 



235 



Bevölkerungsstatistik von Toscana vom Jahre 1861. 

Die unter dem Titel: pStatiatipa deüa popolazione deUe provttict« T^t^tme deW 
ofttio 1861 compilatQ dcUla direzian9 dt statistitja di Firenze, Firaiise 1861 er- 
schienene Statistik Toscana's enthält eine nach Communen- geordnete Beydikemngs- 
statistik im Jahre 1861, in welcher gleidizeitig die Zahl der Fai^ilien und Häu- 
ser angegeben sind, sodann mehrere Uebersichten der Bevölkerung in administra- 
tiver und kirchlicher Beziehung, femer die Bewegung, d^r Bevplkenmg^ im Jahre 
1860 in Beziehung auf Todesfälle und Ehen, endlich eine vergleichende Zusam- 
menstellung der Bevölkerungsverh'ältRisse der Hauptstadt Florenz während der 
Jahre 1850 bis 1861 ind. Wir lassen hier auszugsweise' eine Uebersicht der 
Einwohner derjenigen Communen, respective Städte, welQhe.übev 5000 Seelen 

. zählen, folgen. ... 



4MH 



Communen. 



Seelienzahl. 



Akatho- 
liken. 



Juden. 




Abbadia S. Salvadore 
Anghiari . . 
Arcidosso . . 

Arezzo . . . 

Stadt . . 
Asciano . . 
Asinalunga 
Bagni S. Giuliano 
Bagno a Corsena 
Bagno a Bipoli . 
Bagno in Romagna 
Barberino di Mngello 
Barberino di Val d'Elsa 
Barga .... 
Bibbiena . . . 
Borgo S. Lorenzo 
Borgo a Mozzano 
Brozzi . . . 
Bucine . . . 
Buggiano . . 
Calenzano . . 
Camaiore . . 

Stadt . . . 
Campi . . . 
Carmignano . 
S. Casciano . 
Cascina . . . 
Casellina e Torri 
Castel del Piano 
Castelfiorentino . 
CastelnuoTo Berardenga 
Castiglion Fiorentino 
Cerreto Guidi . . 



5047 
6826 
66Ö2 

36,708 * 

10,461 
7276 
8505 

16,9il 
9420 

14,642 
7237 
9748 
9730 
7941 
5796 

11,750 
9792 
8919 
6868 

10,086 
'5785 

15,819 
2115 

10,582 
9503 

11,306 

18,189 
9254 

. 5790 
6805 
7644 

12,120 
5609 



75 



3 
4 



336 



Mbcellen: 



GommimfiD. 



SeelensaU. 



Certaldo 

Cititella 

CoUe 

Stadt 

CoUe Salyetti 

Cortona 

Stadt 

S. Croce 

Exnpoli . 

Fauglia 

Fiesole 

Stadt 

Figline 

S. Fiora 

Firaue 

Stadt. ....... 

Firenzuola 

Foiano 

Facecchio ....... 

Galuzzo . 

S. Gimignano 

Greve 

Cfroflseto 

Stadt 

Lamporecchio 

Lari 

Lastra a Signa 

Legnaia 

Livorno 

Stadt 

Loro 

Lneca 

Stadt 

Marciana . 

Marradi 

Biassa Marittima 

Stadt 

S. Miniato 

Stadt 

Modigliana 

Stadt 

Monsnmmano 

Montaione 

Montalcino 

Stadt 



6545 
5462 
7880 
3406 
7477 

25,087 
3393 
6455 

15,462 
6571 

11,894 
1772 
9147 
6769 
111,718 
111,039 ') 
9525 
7754 

10,331 

14,480 
7166 

10,699 
4165 
2786 
7519 
9242 
9399 

11,300 

91,487 

78,690 
5157 

65,179 

21,250- 
8047 
7650 

10,440 
3015 

15,639 
2489 
6016 
2192 
6255 

10,242 
7423 
2315 



Akatho- 
likmi. 



1 
3 

22 



1 
1127 

4 
8 
3 



3 
682 



33 



12 



Juden* 



8 



12 



1567 



4222 



53 



*) Die Stadt Florenz zKhlte im Jahre 1850: 108,828; 1851: 109,685; 1852: 
110,714; 1858:111,889; 1864:115,723; 1856:116,701; 1856:112,488; 1867: 
112,700; 1868: 114,081; 1859: 118,186; 1860: 111,681; 1861: 111,089 See- 
len. Die scheinbare Abnahme der BevSlkemng in den Jahren 1869, 1860 nnd 1861 
hat ihren Grand in der Verringernng der Garnison. 



BeröIkenuigaBtatistik Ton Toccmm rom Jahn 1861. 



23T 



Conmnnen. 



Montale 

Monte S. Savino .... 

Montecarlo. ...... 

Montecatini dl Nievole. . . 

Montelnpo 

Montepnlciano 

Stadt 

Montespertoli 

Montevarchi 

Palala ........ 

Peccioli 

Pelago 

Pellegrino ..<.... 
Pescaglia ..•••.. 
Pescia 

iStadt 

Pietrasanta 

Stadt. 

Pisa. . . 

Stadt. . . . . . . . 

Pistoia nnd Stadt .... 

Poggibonsi 

Pomaranee. 

Pontassieve ...... 

Pontedera 

Poppi 

Porta a Borgo 

Porta CarraÜca 

Porta Lucchese . . . . . 

Porta S. Marco 

Prato 

Stadt 

Reggello 

Rio 

Roccastrada 

Rosignano . 

Rovezzano ....«.• 

Sambuca 

Scarperia 

S. Sepolcro 

Stadt 

Serravalle . . . - . . • • 

Serravezza ' . . 

Sesto 

Siena nnd Stadt 

Signa . . . . . . . . 

Sorano 

Soyicille 

Stazzema 

Terranuora 

Tizzana 

Yeceliiaao 



Seelenzahl. 



7509 

7564 

7418 

6381 

5129 

12,907 

3152 

8117 

9057 

9262 

6775 

9287 

9850 

7428 

12,107 

4611 

11,329 

3228 

49,743 

23,586 

12,050 

7312 

7563 

9976 

9725 

6277 

17,209 

6970 

5729 

8927 

35,744 

12,156 

10,335 

5078 

6032 

6364 

6753 

5606 

5568 

7674 

3385 

Ö494 

7861 

10,807 

22,590 

6647 

5109 

7207 

6527 

6642 

8488 

6019 



Akatho- 
liken. 



6 



83 

9 

3 

119 

20 
2 

1 

19 

10 



24 
2 

21 



22 



Juden. 



6 



15 
488 



30 



12 



328 
8 



138 



Neuere Literatur: 



Comm^en. 



Viareggio . 

Stadt . . 
^cehio . . 
Vicopisano 
Villa BasiHca 
Vind . . 
Volterra . 

Stadt. . 



Seelenzahl. 



Akatho- 
liken. 



17,631 
8583 
9890 

12,020 
8238 
6149 

12,819 
4793 



Juden. 



Die Gesammtbevölkernng botmg 1,826,830 Seelen (11,587 mehr als im Jahre 
1860), nämlich 927,238 männliche and 899,592 Weibliche Einwohner. Dem geist- 
lichen Stande gehörten 17,150 an, im vorhergehenden Jahre .hingegen 17,447. 
Akatholiken lebten in Toscana 2330, nämlich, anfser den in den obengenannten 
Städten anfgeführten, in den Städten Bibbona, Campiglia, Capannori, Orbetello, 
Orciano, Pian CasteUo, Beccalbegna noch 48.' Israeliten lebten in Toscana 7269, 
nämlich, anfser den in den obengenannten 3tä4ten aufgeführten, in Capannobi, 
ChiancianO) Idanciano^ Pitigliano (338), Portoferraio, Soansane noch 421. Auf 
einer Tabelle findet sich unter der Üeberschrift: Clero setsolare e regolare 
distinto per compartimenti e circondarii und Clero regolare e reit' 
giose distinte per ordine eine Uebersicht der nach Provinzen, Kreisen und 
Orden vertheilten Geistlichkeit; darnach zählte der; Clero aecolare 8645, der 
Clero regolare 29f2 und die Religiöse 3737 Mitglieder. Der Clero re- 
golare e religiöse nach Orden veriheilt zählte 3158 männliche und 4255 weib- 
liche Mitglieder. Die Zahl der ehelichen Geburten betrug im Jahre 1860: 64,897, 
der unehelichen 4220, der Ehen 15,887, der Todesfälle 50,371, unter letzteren 
25,388 Männer und 24,983 Frauen. — r. 



Neuere Literatur. 

• ■ * * 

Alexander Ziegler, Der Rennsteig des ' Thüringer Waldes. Eine Berg- 
wanderung mit einer historisch -topographischen Abhandlung und die Be- 
stimmung dieaes Wegesj Nebst einer Karte. . Dresden (Höckner) 1862. 
a3&ß. 8. 



Herr Ziegler, dessen geschickter Feder wir bierdts eine Reihe trefflicher Beise- 
skizzen aus fernen Zonen verdaidcen, hat es diesmal unternommen Land und Leute 
seiner eigenen Heimälh zu schilclem. Im schönen Thüringen geboren, ein echtes 
Rühler Kind, zog es ihn stets von seinen weiten Reisen mit der dem Deutschen 
angebomen Heimathsliebe zu dcA traulichen Bergthälem zurück, in denen er seine 
Jugendjahre verlebt hat. Daher bd: den Schilderungen von Naturschönheiten eine 
wohlthuende und tief empfundene InnigkcJit der Sprache, welche nichts von jener 



Ale^^andei Ziegler: Der Rennsteig' 4e8 Thüringer Waldea. 839 

Uebereehw^iglieU^eit «n sicli tragt, an weld^er FikEe'a sonst gma bniaelilNiret 
Bach »der Nordwesten des Thüringer Waldes, oder 10 Tage in Rnhla* kmnkt. 
Jedesfalls war es eine originelle Idee des Verf., statt jener gewöhnlichen Ton- 
ristenronten eine, wenn anch viel genannte, und von Reisenden wenigstens stel» 
lenweise viel benutzte, jedoch wohl selten in ihrer ganzen Ausdehnung befahrene 
StraDse als Basis für seine Beschreibung des Waldgebirges zu wählen. £s ist 
dies jene unter dem Namen des Rennsteigs bekannte Strafse, welche von dem 
eisenachischen Dorfe Hörsei bis zum reufsischen Dorfe Blankenstein an der Saale 
auf einer Strecke von 44 Wegstunden über die höchsten Kämme des Thüringer 
Waldes hinläuft. Eine fünftägige Fufswanderung auf dieser in kulturhistorischer 
und geographischer Beziehung gleich merkwürdigen Strasse Thüringens bot dem 
Verf. einmal die Gelegenheit, hier die durch ihre Naturschönheiten, dort die durch 
ihre geschichtliche Bedeutung interessantesten Funkte, welche der Rennsteig durqh- 
schneidet, oder in geringen Entfernungen seitwärts von demselben liegen, Schritt 
für Schritt zu schildern, dann aber zu eingehenden, auf historische Quellen ge-' 
gründeten Studien über das Alter und die Bedeutung des Rennsteigs. Dieser 
historischen Untersuchung ist der Anhang des Buches, p, 237 — 318, gewidmet, 
während der eigentlich beschreibende Theil den Raum von p. 1-^234 einnimmt. 
Von dem durch die Tannhäuser -Sage bekannten Hörselberg werden wir über die 
Hohe Sonne nach Ruhla, der Heimath des Verf., geführt, und wird dieser Ort mit 
seinen althergebrachten Traditionen und der eigenthümlichen ■ Mundart natürlich 
einer eingehenden Schilderung unterworfen; auch sind zum Schlufs des Buches 
einige Gedichte im Rühler Dialekt hinzugefügt. Von dort fuhrt uns die Strafse 
über die Hohe des Inselsbergs nach Oberhof, über den Grofsen Beerberg, auf 
welchem der Rennsteig seinen höchsten Funkt — nach der Messung des ^i^^rs 
Fils 3004 Par. Fufs — erreicht, sodann bei dem Schneebeig vorbei über die 
Schmücke, den Grofsen Drei -Hermstein, Neustadt, Limbach und den Spechtsbrunn 
bis zu ihrem Endpunkt boon Dorfe Blankenstein. — Was schliefslich die histo- 
rischen Untersuchungen über den Rennsteig betrifft, so scheint seine älteste Er- 
wähnung in zwei Urkunden .aus den Jahren 1330 und 1445 vorzukommen. Seine 
Bestimmung war aber, wie der Verf. auf p. 314 sagt «dafs. derselbe ohne Zwei- 
fel von jeher bis auf .die Gegenwart nicht nur ein Grenaweg, eine politische Lanf 
des-, Völker-, Forst- und Jagdgren^ie, sondern auch zufällig ein Rechtsweg zwi;- 
sehen den Ländern fränkischen und sächsischen Rechts gewesen ist* Zu einer 
förmlichen Heerstrafse ist er aber ebensowenig, als zn eix^er HanpthandeUstrafse 
bestimmt gewesen'. — r. 



H. Berlepsch, Neuestes Reisebuch für die Schweiz. Mit 14 Karten, 5 Städte- 
plänen, 7 Gebirgspanoramen und 16 Illustrationen. Hildburghausen (Verl. 
des Bibliogr. Instituts) 1862. XL VII, 662 S. 8. 

Es mag immerhin als ein gewagtes Unternehmen erscheinen, mit Bädeker's 
trefflichem Reisehandbuch über die Schweiz rivalisiren zu wollen, für dessen 



240 Neuere Lfteninr: HiBerlepsch: Neaestes Beiflobiicli ftür dieSehweiz. 

BiliaeiibttltiBit bereits eine Reihe raeeh hinter emüider enchieneaer Avflftgen 
spricht. Wir woUen deshalb nicht veihehlen, dafr wir mit einem gewissen Vor- 
nftheil das Bach des Herrn Berlepsch zar Hand genommen haben, worden jedoch 
nach einer sorgfältigen Prüfung bald eines Bessern belehrt. Das Buch verdient 
ohne Zweifel nicht nnr den besten Reisehandbtichem über die Schweiz würdig 
znr Seite gesetzt zn werden, sondern kann durch seine planmafsige und praktische 
Anordnung überhaupt als Muster eines g^ten Beisehandbtiches hingestellt werden. 
Seine Publication gereicht dem Verf. ebenso, wie der Buchhandlung zur Ehre, und 
h5ren wir, dafs das rasende Publicum den Werth desselben bereits in diesem 
Sommer zu erproben Gelegenheit gehabt hat. — Nach einer allgemeinen Einleitung, 
in welcher übersichtlich die Hauptronten zusammengestellt sind, welche die gröüstere 
Zahl der Touristen in einem zum Kennenlernen der Schweiz allerdings höchst be- 
sehrankten Zeitraum von 8 Tagen bis zu 4 Wochen zu berühren pflegt, dann die un- 
rermeidlichen, für jeden Reisenden aber besonders wichtigen Fingerzeige über Reise- 
Jcosten, Transportmittel, Führer, Gasthofswesen, endlich in gedrängter Kürze einige 
historische, naturwissenschaftliche und statistische Notizen über die Schweiz gege- 
ben sind, beginnen die einzelnen Reiserouten, welche in ihrer Anordnung wesentlich 
Ton den in anderen Reisebüchem niedergelegten abweichen. Für die auf der wür- 
temberger und bayerischen Bahn in Friedrichshafen und Lindau Ankommenden sind 
die Routen ron 1 — 54 als die natürlichen Fortsetzungen beider Bahnen jenseits 
des Bodensees verzeichnet, für die ans dem Rheinthal Kommenden bildet Basel den 
Eingangspunkt, Ton wo aus die Hauptronten über Waldshut (56) und über Olten 
(57) nach Zürich und Luzem (58-^59), sodann in den Westen der Schweiz nach 
Solothum, Porrentmy, Chiaux de Fonds,' Neuenbni^, Vallde de Joux und Dap- 
penthal (123—132) verzeichnet sind. Allen Hauptronten schliefsen sich zahl- 
reiche Seiten- und Neben -Routen an. Diesem- Routen -Schema liegen, wie es 
in der Vorrede heifst, soweit es Touren in die Alpen berührt, drei Wurzel-Punkte 
zu Grunde, von denen die Routen wie Aeste und Zweige eines Stammes aus- 
laufen. Diese sind Chur, Luzem und Bern. Von erstgenannter Stadt gehen alle 
Routen Graubündens aus und, im Anschlufs an diese, zum Theil die transalpinen 
nach den itafienischen Seen, üeber Luzem constmiren sich die beliebten Rigi-, 
Vierwaldstatter- und Gotthards- Routen und neuester Zeit, seit der Vollendung 
der Poststrafse über den Brünig, zum Theil auch die Bemer Oberlands- und 
Walliser Touren, diese letzteren jedoch vorherrschend über Bern. So sehr wir 
nun auch der fleifsigen und einsichtsvollen Arbeit des Verf. unsere Anerkennung 
zollen, müssen wir jedoch gegen die kartographische Ausstattung einiger dem Buche 
beigefügten Kärtchen einige Bedenken erheben. Namentlich sind die Specialblät- 
ter: Bemardino, Splügen und Bündner Vorder -Rheinthal zu matt in der Zeich- 
nung der Gebirgsmassen, und ersetzt der für die unter der Schneelinie liegenden 
Gebirge gewählte braune Farben ton gegenüber den in blanweifsem Ton gehalte- 
nen Gletschergmppen keinesweges diese Mängel der Schattimng; gat ausgeführt 
hingegen sind die übrigen Kärtchen, sowie recht anschaulich die Gebirgspanora- 
men und Städtepläne. 



Taf.m. 



• • 






XIV. 

Land und Leute im russischen Amerika. 

Nach dem rassischen Marine -Archiv (Morsköi Sbomik, d862, No. 1) bearbeitet 

von H. Ritter, 
Hauptmann k la Snite des Sae -Bataillons etc. 



Im Jahre 1860 bereiste Capitain -Lieutenant Golowin, mit einer 
Inspicirung beauftragt, die russischen Colonien in Nordamerika und er- 
stattete darüber Sr. Kaiserlichen Hoheit dem General- Admiral einen 
sehr eingehenden und interessanten Bericht, von welchem der Morsk&i 
Sbornik einen immerhin noch recht umfangreichen Auszug bringt. Die- 
ses frische und werthvolle Material ist es, welches der Verfasser zu 
den in der Ueberschrift angedeuteten Skizzen zu verarbeiten versucht 
hat. Es sollten eben nur Skizzen sein, welche hauptsächlich den eth- 
nographischen Gesichtspunkt festhaltend, nicht ungeeignet wären, einen 
Beitrag zur anschaulichen Kenntnifs , dieses entlegenen Schauplatzes 
menschlicher Existenz und zur Geschichte der Civilisation zu bieten. 
Die russisch -amerikanische Gompagnie kommt hierbei als ein bedin- 
gendes Element, nicht als ein selbstständiger Gegenstand der Darstellung 
in Betracht, und konnten daher die auf ihre Vergangenheit und gegen- 
wärtigen Umstände bezüglichen sehr reichhaltigen Daten aller Art auf 
das für den ausgesprochenen Zweck genügende und wünschenswerthe 
Maafs von Angaben beschränkt werden. 



Ueber die Festsetzung und Ausbreitung Rufslands an der Nord- 
westküste Amerika's ist geschichtlich in Kürze Folgendes voranzu- 
schicken. 

Es war im Jahre 1741 als Capitain Behring die Aleutischen 
{Ale-u-ten-) Inseln entdeckte, und der mit ausgesendete Capitain Tb. 

Zeitochr. f. allg. Erdk. Nene Folge. Bd. Xni. 16 



242 Bitter: 

Tschirikow, als er sich nach einer Abschweifung der Expedition wie- 
der anschlieisen wollte, der Nord Westküste Amerika's zwischen 48 nnd 
49* N. Br. ansichtig wurde. Die heimkehrenden Schiffe brachten Pelz- 
werk and lockende Nachrichten mit und regten die Erwerbslust russi- 
scher Eaufleute und sibirischer Bediensteten an. Sergeant ßassow, 
von der kamschatki sehen Station, construirte sich ein Boot aus Fisch- 
bein und schiffte 1743 auf gut Gluck nach der Behring -Insel '). An- 
dere wagten sich theUs einzeln, theils in kleinen Gesellschaften nach 
den Aleuten. Im Jahre 1764 wurden bereits Privilegien zum ausschliefs- 
lichen Gewerbe auf denselben ertheilt, die Regierung verlangte den 
Zehnten von der Beute und einen von den Bewohnern einzutreiben- 
den Pelztribut, welcher indessen später wieder erlassen wurde. 

Zunächst liefen die Expeditionen nicht immer glücklich ab, da 
die Erwerbslust mehr den zu machenden Gewinn als die dazu nöthi- 
gen Kräfte und Mittel vor Augen hatte ; schlecht ausgerüstete und noch 
schlechter geführte Fahrzeuge gingen in den unbekannten und ungast- 
lichen Gewässern verloren. Das ging so lange, bis ein intelligenter 
und unternehmender Mann das Ding in gröfserem Maafsstabe angriff. 
Dieser Mann war Gregor Schelichow, der erste und eigentliche Begrün- 
der der russisch -amerikanischen Compagnie. 1783 ging er mit 3 Schif- 
fen und 190 Mann von Ochotsk in See, zunächst nach der Insel Ka- 
diak, und legte den Grund zu Befestigungen und Faktoreien, mit den 
Inseln Kadiak, Afognaka und Unalaschka beginnend, dann aber auch 
an der Eenay'schen und Tpthugatschi'schen Bucht. Schelichow hatte 
kein Glück mit seinen Geschäftsfreunden, und bei seinem Tode (1795) 
drohte seinen Geschäften gänzlicher Verfall. Aber die Familie Sche- 
lichow überwand glücklich die Krisis und 1797 bildete sie die einzige 
Compagnie mit der Hauptverwaltung zu Irkutsk. 

Die dortige Behörde berichtete an Kaiser Paul I., dafs die Com- 
pagnie einen festen Geschäftsplan zur Begutachtung einreichen solle. Es 
erfolgte die Vorlage eines Programmes, in welchem die bei der Bildung 
der „Vereinigten amerikanischen Compagnie" angenommenen Princi- 
pien, die Regeln für die Verwaltung der Comptoire und die Wahl der 
Directoren, Verpflichtung der Compagnie zur Ausbreitung der Ansied- 
lungen und Handelsoperationen, zur Entdeckung neuer Länder und 
Inseln, Ausbreitung des christlichen Glaubens, Anknüpfung von Han- 
delsbeziehungen mit den Eingeborenen, und endlich Entwicklung des 
russischen Handels im stillen Ocean dargelegt wurden. Dieses Pro- 



') Zui voUständigeren TJebersicht des von der russisch - amerikaDischen Com- 
pa^ie verwalteten Colonial- Gebiets sind auch die zu Asien gerechneten Inseln mit 
erwähnt. 



Land und Leute im nusischeii Amerika. 243 

grsmm fand WoblgefiJlen. Kaiser Paul nahm die Compagnie unter sei- 
nen Schatz, es wurden besondere Statuten und Vorrechte anf 20 Jahre 
fSr dieselbe aufgestellt und am 8. Juli 1799 bestfitigt. Seitdem existirt 
eine ^rassisch -amerikanische Compagnie^. Sie sollte die russischen Be- 
sitzungen vom 55. Breitengrade an nicht allein nordlich, sondern, so 
weit es vortheilhaft und ohne Gonflicte möglich wäre, auch nach Sü- 
den auszudehnen suchen. 1800 verordnete ein Ukas die Verlegung 
der Hauptverwaltung nach St. Petersburg, während ein besonderes Comp- 
toir zu Irkutsk fortbestehen sollte. Die Actien der Compagnie stiegen 
schnell auf das Dreifache. Sie hatte sich wiederholter und dauern- 
der Begünstigungen, selbst von Seiten der kaiserlichen Familie, zu er- 
freuen. Offiziere und Mannschaften der Flotte durften beurlaubt wer- 
den, um auf den durch eine eigene Flagge ausgezeichneten Schiffen 
der Compagnie Dienste zu thun. Ihre Privilegien auf 20 Jahre sind 
(so viel bekannt) zuletzt 1842 erneuert worden. 

Die Compagnie verstand die Nebenabsichten der Regierung, näm- 
lich Rufslands Einflufs im stillen Ocean und Sibiriens Belebung, mit 
ihrem eigenen Besten zu vereinbaren. Von ihren Vorrechten Gebrauch 
machend, ging sie mit ständigen Ansiedlungen auf den Aleuten wie an 
der amerikanischen Küste vor, theils auf älteren Niederlassungen Fufs 
fassend, theils neue Punkte wählend. Sie fand an dem Volke der 
Aleuten geduldig dienende und leidende, sehr brauchbare Paria's, an an- 
deren Stämmen vorzüglich an den Eoloschen oder Eoljuschen erbitterte, 
gefahrliche Feinde. Anfänglich und bis man der Wilden mehr und 
mehr Herr wurde, war jeder Stapelplatz eine Festung; noch heute 
werden daher auch unbefestigte Plätze wohl „Redouten^ genannt. Aufser 
den Territorien, welche die Compagnie noch heute besitzt, hatte sie 
bereits 1812 auch einen Versuch gemacht, sich in Californien zu eta- 
bliren. Die kleine Colonie Rofs, am Neu -Albion (38* 34' N. Br., 
122* 33' W. L.) sollte mit Ackerbau und Viehzucht den Colonien unter 
die Arme greifen, in welchen das Elima den Bodenerzeugnissen nicht 
mehr günstig ist. Colonie Rofs war von der spanischen Regierung gedul- 
det und bot gute Aussichten, auf welche die romischen Missionare und 
die Obersten der californischen Presidios freilich mit scheelen Augen sa- 
hen. Da fiel Mexico und mit ihm Californien von der Krone Spaniens ab. 
Die neue Regierung erhob Ansprüche. Die Compagnie erhielt keine 
Unterstützung von der ihrigen, auch wollte die Colonie Rofs, schlechter 
Verwaltung wegen, nichts Rechtes einbringen und wurde endlich 1835 
an einen mexicanischen Staatsbürger verkauft. Auch andere Conflicte 
waren nicht ausgeblieben. Zu Anfang der zwanziger Jahre nämlich 
stritten sich die englische Hudsons -Bay- und die amerikanische West- 
Gompagnie um ihre Grenzen am Columbia -Flusse und in Oregon. 

16 • 



244 Ritter: 

Wallfischfahrer beider Nationen und allerlei Gesindel erschienen in 
den russischen Gebieten, erlegten und vertrieben die Wallfische, kauf- 
ten bei den Eingeborenen und versahen sie mit Branntwein und Waf- 
fen zum offenbaren Schaden und Nachtheil der russischen Compagnie. 
Sie rief den Schutz ihrer Regierung an und fand ihn. Nun folgte die 
Erhebung mehrseitiger Ansprüche und deren Geltendmachung durch 
Arretirung von SchüTen etc. Für uns ist nur das diplomatische Resul- 
tat, die Conventionen von 1824 und 1825, von Wichtigkeit, weil auf 
ihnen die heutige Gebietsabgrenzung der Golonien beruht. In grofsen 
Zügen bezeichnet, umfassen sie die Nordwestkfiste Amerika's von 54* 
40 ' N. Br. bis zum Eismeere, alle längs dieser Euste und im Behrings- 
Meer liegenden Inseln, ferner die Aleuten und Kurilen bis zur Insel 
Iturup, welche Rufsland gegen Japan abschliefst. In sämmtlichen Ha- 
fen dieses Gebietes haben fremde Schiffe keinen (erlaubten) Zutritt. 



Abgesehen von den eigenthümlichen geographischen Bedingungen 
und dem Umstände, dafs sich verhältnifsmäfsig nur wenig Auswande- 
runglustige fanden, ist es mit diesen Golonien im Grofsen und Ganzen 
den bekannten Weg überseeischer Erwerbungen gegangen. Erst ha- 
stige, unmenschliche Ausbeutung bis es mit Gewalt und Willkür nicht 
mehr vorwärts will; dann mit Erfahrung und geordneteren Zuständen 
menschlichere, weil auch klügere Ausbeutung. An Menschlichkeit und 
Klugheit bezahlt die russisch -amerikanische Compagnie, wie es scheint, 
begreiflicherweise noch einiges Lehrgeld. 



Die zu den russischen Besitzungen in Amerika gehörenden Inseln 
sind fast sämmtlich vulcanischen Ursprungs. Der Bbdeu besteht im 
Allgemeinen aus Granit und vulcanischem Thon; auf den der Küste 
näher und zwar südlich vom Parallelkreise des S. Elias -Berges gele- 
genen Inseln sind die Gestade mit einer dicken Schicht Kiesel und 
versteinerter Muscheln bedeckt« An manchen Stellen trifft man be- 
deutende Moräste und Sümpfe, sonst aber allenthalben eine mehr oder 
weniger starke Schicht Erde, aus Thon oder verwesten Pflanzen gebildet. 
Bergland ist vorherrschend, und finden sich eine Menge einzeln ste- 
hender kegelförmiger Berge, erloschener oder noch thätiger Yulcane, 
vorzüglich auf der Halbinsel Aljaska, deren Gipfel grofsentheils von 
ewigem Schnee gekrönt sind. Im Sommer bedecken sich alle Inseln mit 
dichtem Graswuchs, dafür haben die Aleuten ganz und gar kein Holz. 
Dieses wächst in nur geringer Menge auf der Insel Kadiak, nahe bei dem 
Hafen Pawlowska und auf den benachbarten Inseln Afognaka, Lesny, 



Land und Lente im nusischen Amerika. 245 

Jelowy. Dagegen haben das Festland nnd die Insel Sitcha nnd an- 
dere in ihrer Nähe gelegene Inseln viel Holz. Es wächst auf den 
Bergen bis zu einer Erhebung von 1500 F'ufs. Auf den Inseln findet 
man meist Nadelholz : Tanne, Fichte, Lärche und v^ilde Gypressc, auf 
dem Festlande aufserdem auch Birke, Espe und andere Holzarten, wie 
sie unter diesen Breitegraden auf dem Continent vorkommen. Tanne und 
Fichte erreichen, bei geradem und regelmäfsigem Wüchse, ansehnliche 
Dimensionen ; auf Sitcha ist es nichts Seltenes Stämme von 90 Fufe 
Länge und 2^ Durchmesser in ihren obersten Theilen zu sehen. Auf den 
Aleuten sind schon einmal Bewaldungs- Versuche gemacht worden; 
etwa 1805 brachte man von Eadiak junge Tannen herüber, aber sie woll- 
ten fast nirgends ausschlagen, und heute giebt es dort keine einzige mehr. 
Dies Mifslingen wird dem Klima zur Last gelegt, man darf indessen 
annehmen, dafs der Versuch, aus Mangel an erfahrenen Leuten, unge- 
schickt ausgeführt wurde, und damit hatte es sein Bewenden. Das 
Klima auf den Inseln ist in der That recht unfreundlich. Regen und 
Nebel herrschen fast unaufhörlich, klare Tage giebt es wenige. Starker 
Frost ist selten, auch im Winter regnet es häufig. Die mittlere Tem- 
peratur ist -4- 3 ® R. Auf Kadiak sind die Witterungsverhältnisse etwas 
besser, wenigstens die Winter beständiger. Auf dem Festlande, na- 
mentlich an der Kenay'schen Bucht, hat das Klima schon etwas vom 
continentalen Charakter; der Sommer heifs und trocken, im Winter 
anhaltender Frost; die Blumen haben Duffc, die Beeren den ihnen zu- 
kommenden Geschmack und Wohlgeruch, während auf den sämmtlichen 
Inseln, einschliefslich auch Sitcha, die Beeren wässerig und geschmack- 
los, wenn auch voll und von schönem Ansehen, die Blumen ganz duft- 
los sind. Auf den Inseln gedeihen Kartoffel und Rübe; Kohl aber setzt 
nicht an, und die Versuche, Getreide auszusäen, brachten bisher keinen 
Erfolg. Uebrigens ist daran nicht lediglich das Klima Schuld, sondern 
auch die Unkenntnifs eines praktischen Verfahrens und vor Allem Man- 
gel an Lust und Ausdauer und ungeschickte Wahl der Oertlichkeit. 
D^as Mineralreich hat hier überall seine Schätze gelagert; sind sie lei- 
der bisher noch wenig erforscht, so ist an ihrem Vorhandensein doch 
nicht zu zweifeln. Steinkohle findet sich allenthalben in gröfserer oder 
geringerer Menge; namentlich an der Kenay'schen Küste ziehen sich 
die Lager in bedeutender Ausdehnung hin und laufen weit ins Land 
hinein. Die zu verschiedenen Zeiten angestellten Muthungen waren 
sehr oberflächlich und auf das nächste Ufergebiet beschränkt; das In- 
nere, nicht allein des Festlandes, sondern auch der Insel Sitcha, ist bis 
heute noch unerforscht. Im Norden sind einmal Expeditionen auf einigen 
in den stillen Ocean und das Behrings -Meer fallenden Flüssen hinaufge- 
zogen, aber sie kamen nicht über die Ufer hinaus und drangen nicht 



246 Bitter: 

in die von nomadisirenden Wilden bevölkerten Landstriche; in das In- 
nere von Sitcha ist noch Niemand eingedrungen. Allerdings ist der 
Zutritt in die Mitte der Insel sehr beschwerlich wegen des mit uraltem 
Wald bestandenen Berglandes, wo riesige Bäume auf ganzen Genera- 
tionen zusammengestürzter und schon vermoderter oder noch modern- 
der B&ume wachsen und ungeheuerliche Stämme sich über einander 
schichten. Demungeachtet wurden auch bei oberflächlichen Untersu- 
chungen an verschiedenen Punkten der Colonien Obsidian, Basalt, 
Graphit, verschiedenartiger Thon, rothe Kreide, Ocker, mehrfache Farb- 
stoffe, Schwefel etc. gefunden. Am Flusse Mädna (Kupfer -Flufs) stiefs 
man auf grofse Stücke gediegenen Kupfers, und an der Kenay'schen Küste 
ist das Vorkommen von Gold mit Zuverlässigkeit erwiesen. Der Lö- 
sung der Frage, ob es vortheilhaft die Metalle auszubeuten, und der Er- 
trag die Kosten decken würde, müssen erst gründliche Forschungen vor- 
ausgehen. Von den Flüssen des Festlandes, welche sich in den stillen 
Ocean und das Behrings -Meer ergiefsen, sind die bedeutendsten: Mädna, 
Suschitnja, Kakchnu, Kwichpach, Kuskokwim; auf den Aleuten giebt 
es viele kleine Flüsse. Zu einer bestimmten Jahreszeit kommen die 
Fische vom Meere herein um Roggen zu legen. Auch Seen von an- 
sehnlicher Grofse und an verschiedenen Stellen Mineral- und Schwe- 
felquellen sind zu nennen. Gute Häfen und Buchten bieten nur das 
Festland und die nahe gelegenen Inseln; auf den Aleuten sind alle Bhe- 
den offen, mit vielem Gestein unter und über dem Wasser, so dafs der 
Zugang ein ungemein beschwerlicher ist, namentlich im Sommer und 
Herbst, wenn auf der ganzen Inselkette beständige dicke Nebel lagern ; 
im Winter und Frühjahr treibt Eis aus dem Behrings - Meer hinab. 

Was das ThieiTeich betrifft, so leben auf den Inseln Bären, Füchse, 
Wiesel, weifse und blaue Eisfüchse, Erdeichhörnchen und auf Sitcha 
wilde Gemsen; auf dem Festlande aufser den genannten Arten Wolf, 
Luchs, Vielfrafs und Hermelin, letzterer aber von geringer Quali- 
tät. Wallrosse und Seebunde kommen hauptsächlich an der amerika- 
nischen Küste, von der Behrings - Strafse bis nach Aljaska vor; Zobel, 
Fisch -Ottern und Flnfsbiber nur auf dem Festlande; Seebiber auf den 
Aleuten und Kurilen, an der Küste von Kamtschatka, in der Scheli- 
chow- Strafse und in geringerer Zahl in der Kenay'schen Bucht und 
weiter hinab. Seelöwen und Seekälber werden 'fast überall auf den 
Aleuten und längs des Festlandes erlegt, selten von der Tschugatski- 
schen Bucht südwärts; Seebären besonders auf der St Pauls- und 
Georgen-, Behrings- und Kupfer- Insel. Im Frühjahr erscheinen diese 
Thiere zur Paarung immer auf denselben Stellen,- im Herbst ziehen 
sie fort und wo sie den Winter hausen ist bisher noch unbekannt 
Mehrere Arten WaMsche giebt es auch überall, aber ihre Zahl 



Land und Leute im ruisischen Amerika. 247 

nimmt mit jedem Jahre ab durch die gierige Jagd fremder Eindring- 
linge, und 80 sind sie jetzt selten geworden. Der Fischfang ist durch- 
weg bedeutend; in periodischen Zügen erscheinen Häringe in riesigen 
Massen und ein schöner Fisch von der Art der Lachsforelle. Die zur 
Laichzeit in die Flusse einlaufenden Fische werden von Menschen und 
Bären mühelos gefangen. Reich an Art und Zahl sind die Meervögel ver- 
treten. Sie werden von den Eingeborenen genossen; aus dem Balg 
einer gewissen Art machen sich die Alenten Hemden (Parka), Auch 
Zugvögel erscheinep, vorzüglich Gänse. Im Juni langen auf Sitcha Ko- 
libris an. 

Dieses so von der Natur bedachte Golonialgebiet wird durch einen 
zu Neu -Archangelsk auf Sitcha residirenden Oberbefehlshaber in ober- 
ster Instanz verwaltet. Er ist, da Anfrage und Bescheid aus St. Pe- 
tersburg 11 Monate brauchen, mit ziemlich umfassender Macht beklei- 
det, wenn es auch zu wünschen wäre, dafs er zum Wohle des Landes 
noch mehr zu einem obrigkeitlichen Bevollmächtigten erhoben, die com- 
merziale Oberleitung dagegen in eine besondere Hand gelegt würde. 
Dem Oberbefehlshaber dient für seine Befugnisse ein ziemlich mangel- 
haft redigirtes Gesetzbuch zum Anhalt, welcher am meisten in seiner 
sorgsam gewählten Persönlichkeit gefunden werden mufs. Neu -Archan- 
gelsk ist Hauptpunkt für die Golonien, da von hier aus die 6 Departe- 
ments regiert werden, deren letztes die Kurilen bilden. An der Spitze 
der Departements stehen Gommis, welche der Oberbefehlshaber aus 
den der Compagnie dienenden Russen oder Elreolen ernennt. Russen 
und Kreolen werden im Allgemeinen nach den in Rufsland geltenden 
Gesetzen behandelt, die abhängigen Völkerschaften von ihren Aelte- 
sten (Tc^'onen) regiert, deren Wahl der Bestätigung des Oberbefehls- 
habers unterliegt; die unabhängigen Völker regieren sich selber und 
die Compagnie hat nur einen sehr beschränkten Einflufs auf sie. 



Die Bevölkerung der Golonien besteht aus Russen und Fremden, 
welche im Dienste der Compagnie zeitweiligen Aufenthalt haben; 
manche Russen bleiben nach beendigter Dienstzeit für immer zurück 
und heifsen alsdann Colonialbürger. Ferner aus den aus einer 
Mischung von Russen und Eingeborenen hervorgegangenen Kreolen 
und endlich aus Eingeborenen mehrfacher Art und Abstammung. 

Diese letzteren theilen sich in Abhängige, z. B. auf den Aleu- 
ten, Kurilen und auf Kadiak; in nicht gänzlich Abhängige, z. B. 
die Kenay 'sehen und Tscbrgatschen , und in völlig Unabhängige, 
wie die Mädowzen, Koltschanen, Malegmiuten, Koloschen oder Kolju- 
schen u. A. 



248 BitUr: 

Die in Diensten der Gompagnie stehenden Russen scheiden sich, 
je nach ihren Funktionen, in verschiedene Rangklassen. Obenan die 
sogenannten Ehrenwert hen, za welchen die mit höheren Aemtern 
bekleideten Personen, die Ober- Offiziere der Land- und Seemacht und 
die Schiffskommandanten gehören; die zweite Rangklasse, die soge- 
nannten Halbhonnetten, bUden die selbststfindigen Steuerleute, die 
Commis und Subalternen. Dann folgen die Eronsmatrosen , die Sol- 
daten der sibirischen Ldnienbataillone und die Arbeiter. Viele bringen 
ihre Familien mit herüber, Andere heirathen Kreolinnen, die der unte- 
ren Klasse Angehörigen nehmen auch wohl Weiber aus den Eingebore- 
nen. — Bei dem Engagement von sogenannten Ehrenwerthen nimmt 
die Gompagnie auf tüchtige und moralische Leute Bedacht, mit der 
zweiten und dritten Klasse verfahrt sie bei weitem nicht so wählerisch. 
Es finden sich eben nicht viel Liebhaber dazu, gegen eine verhältnifs- 
mfifsig geringe Besoldung, die ordentliche Leute auch in Rufsland er- 
werben mögen, in ein fernes und den Meisten völlig unbekanntes Land 
zu ziehen. Somit erbieten sich meist Leute dazu, welche, wie man zu 
sagen pflegt, durch Feuer und Wasser gegangen sind und die sich in 
den Ck>lonien nicht gerade bessern. Zwar hört man nicht viel von 
schweren Verbrechen und Vergehen, dafür aber sind Trunk, Hemm- 
treiberei, Thatlichkeiten, Faulenzerei und Ungehorsam, namentlich un- 
ter Soldaten und Arbeitern, an der Tagesordnung. 

Nach einer am I.Januar 1861 aufgestellten Nachweisung betru- 
gen die sfimmtlichen Angestellten der Gompagnie 847 Köpfe, darunter 
u. A. 39 Matrosen der Flotte und 179 Soldaten von sibirischen Linienba- 
taillonen. Russen waren vorhanden: 529 Mfinner und Knaben, 66 Wei- 
ber und M&dchen, im Ganzen 595 Seelen, von denen 113 auf die Go- 
lonialbürger und sonstigen dieser Kategorie noch nicht zugeschriebenen 
Ansiedler kommen. Der überwiegende Theil der russischen Bevölke- 
rung (452 Seelen) ist auf Sitcha vereinigt, demnächst kommt Kadiak 
mit 67 Russen u. s. w. 

Die russischen Golonialbürger gehen meist aus eingewanderten 
Arbeitern hervor, welche, nachdem sie ihre 7 Jahre abgedient und 
mittlerweile Weib und Kind haben, es nicht mehr vortheilhaft finden, 
mit wenig Mitteln nach Rufsland heimzukehren, deshalb ihre Gontracte, 
so lange sie arbeitsf&hig sind, erneuern und endlich ansässig gemacht 
werden. Hiermit scheiden sie definitiv aus den socialen Verbänden, 
denen sie zuletzt in Ruisland angehört, und bleibt für sie nur noch eine 
Kopfsteuer zu entrichten. Nach dem Gesetze ist die Gompagnie ver- 
pflichtet ihnen Land anzuweisen, ihnen alle Mittel zum Anbau zu ge- 
währen, sie mit Geräth für Ackerbau und Gewerbe, Getreide zur Aus- 
saat, Vieh und Vorräthen auf ein Jahr zu versehen, sie endlich auch 



Land und Leute im russischen Amerika. 249 

in aller Zukunft Tor Noth zu echützen. Die Compagnie kommt die- 
sen Pflichten nach und zahlt überdies fast jedem Einzelnen, als Aner- 
kennung geleisteter Dienste, noch eine jährliche Pension. So sollte 
man meinen, dafs die Compagnie auf dem letzten Wege sei, ihr Ge- 
biet durch Anbau zu ihrem wahren Bigenthum zu madien. In der 
That sagt sie in ihrem Jahresbericht für 1858 auch u. A.: ^^Von Sei- 
ten der Compagnie in allen Bedurfnissen und Erfordernissen sicher ge- 
stellt, bilden die Colonialbürger eine moralische und arbeitsliebende 
Bevölkerung. Für die vorübergehend in den Colonien Lebenden ge- 
ben sie ein nützliches und erbauliches Beispiel der Pflege ab, welche 
für eifrige und erfolgreiche Dienste geleistet wird. Durchweg hat diese 
Einrichtung ihre wohlthätigen Zwecke im vollsten Maafse erreicht ^^ 

Bei Untersuchung an Ort und Stelle hat diese Darstellung sich 
aber als Schönmalerei herausgestellt. Man hört nur Klagen. Alle 
sagen sie: Ja wohl, wir sind zufrieden, auch dankbar gegen die Com- 
pagnie, indessen . .^ Nun kommen die Beschwerden in Ansprüchen, 
nämlich 1) Erhöhung der Pensionen, obgleich ein Jeder 150 — 700 Aj9- 
signaten- oder Papier- Rubel ') jährlich bezieht, 2} dafs man ihre Söhne 
nicht mehr bereden solle, mit den Aleuten auf den Biberfang zu ge- 
hen, 3) dafs die Arbeiten, zu denen man ihre Kinder dingt, nicht mehr 
tagweise, sondern monatlich bezahlt werden möchten (damit nämlich 
die Feiertage nicht ausfallen), 4) dafs man ihnen aus den Compagnie- 
Magazinen, gegen Bezahlung, unbeschränkt Alles verabfolgen möchte, 
was und wie viel sie brauchten, und endlich 5) dafs die Compagnie 
ihnen ihre Producte abkaufen möchte. — 

Daraus ergiebt sich, dafs sie ungeachtet aller empfangenen Für- 
sorge unzufrieden sind und statt sich verpflichtet zu fühlen, die Com- 
pagnie gleichsam als ihre Schuldnerin betrachten. Ihre Kinder behal- 
ten sie bei sich, statt sie in den Dienst der Compagnie treten zu las- 
sen und lehren sie zeitig, wie man aus der Hand in den Mund lebt. 
Sie darben, weil sie bequem leben wollen. Die Colonisten sind ver- 
bunden, ihre Pelzwaren gegen Taxe abzuliefern ; es kommt aber wenig 
ein. Auf die Biberjagd gehen sie nicht, und die ganze Beute besteht 
in einigen Füchsen, wo es deren giebt. Gemüse, gesägtes und Brenn- 
holz, Vieh, Beeren, Fisch etc. dürfen sie an Jedermann und zu belie- 
bigen Preisen verkaufen; was sie davon etwa der Compagnie überlas- 
sen, geschieht, nach ihrer Meinung, um Gotteswillen. Wenn diese Co- 
lonisten sich somit nicht durch Betriebsamkeit auszeichnen, so dürfen 



') 26 dieser Assignaten - Rubel sind = 7 Rabel 14 Kopeken Silber. Daher 
steht das in der Compagnie (ausschliefslich) circulirende Papiergeld etwas über j des 
Silbergeldes. 



250 Ritter: 

sie sich ebensowenig ihrer Sittlichkeit rfihmen. Könnten sie sich Brannt- 
wein nach Herzenslust verschaffen, so würde die Trunksucht bei ihnen 
in schönster Bluthe stehen. 

Man wollte den Colonialgebieten civilisirte und civilisirende Ele- 
mente zufuhren, um mit der Zeit des Landes und seiner, trotz aller 
Ungunst des Klimas, nicht geringen Schätze über und unter der Erde 
Herr zu werden. Aber die Sache ist von Hause aus falsch angefan- 
gen worden, und statt der so dringend nothwendigen schaffenden Hände 
hat die Compagnie sich in den Golonialbürgern unmoralische Schma- 
rotzer aufgeladen, deren Beispiel nur lehren kann, wie es sich ganz leid- 
lich lebt, wenn man sich auf fremden Beistand verläfst. 60 Jahre sind 
vergangen, seitdem man die ersten Colonisten ansässsig machte und 
noch ist kein Nutzen von ihnen zu sehen. Freilich vergriff man sich 
gleich in der Wahl der Oertlichkeit. Die Inseln taugen nach den kli- 
matischen Verhältnissen nicht zum Ackerbau und überhaupt nur zu 
solchen Erwerbszweigen, gegen welche die Russen gerade Abneigung 
haben. Man hätte zum Etablissement der Russen das Festland wäh- 
len müssen, etwa bei der Kenay'schen Bucht beginnend und bis zur 
Südgrenze hinab. Wenn auch unter 60 • B. Ackerbau und Viehzucht 
mit Schwierigkeiten verknüpft sind, so müfsten solide Festsetzungen 
auf geeigneten Punkten der Küste doch durchaus erstrebt werden, da 
einzig in dieser Weise die Russen im Stande sein würden, in das In- 
nere des von nomadisirenden Wilden bewohnten Landes einzudringen, 
wo nach allen Anzeichen mineralischer Reichthum ist. Anfangs mag 
die Nähe des wilden Volkes der Koloschen dergleichen Unternehmun- 
gen bedenklich gemacht haben, aber in 60 Jahren hätte man auch mit 
den Koloschen vorwärts kommen können. 

Und wollte man schliefslich nur Bevölkerung haben, wie könnte 
man diese von abgelebten Invaliden erwarten? Junge Leute müfste 
man heirathen lassen, ihnen Land anweisen und immer einige Fami- 
lien zusammen ansiedeln, dann hätte man sich eine Art amerikanischer 
Squatter erzogen, die sich wohl der unabhängigen Eingeborenen hät- 
ten erwehren können. Von blofser Philanthropie kann nicht die Rede 
sein; am wenigsten darf eine mit obrigkeitlicher Macht bekleidete Han- 
dels -Compagnie ihre Mittel verausgaben, ohne für sich selbst und das 
Land wahren Gewinn zu erzielen. 

Mit einem Worte, die jetzigen Colonialbfirger sind eine Last für 
die Compagnie und werden es dereinst für die Regierung sein, wenn 
diese die Verwaltung an sich nehmen soUte. 



Land und Leute im nuisischen Amerika. 251 

D«n Golonialburgern scblie&en skh würdig die Kreolen (1896 
Seelen) an. Diese gehen gröfstentbeils aus Russen und Aleutinnem 
seltener aus Russen und Eoloschinnen , und sehr selten aus Eingebo- 
renen mit russischen Weibern hervor. Die Kinder von Kreolen blei- 
ben Kreolen, wie auch die fernere Blutmischung sei. — Nach allge- 
meiner Ordnung der Dinge sollte man meinen , dafs die Kinder . der 
Klasse ihrer Väter angehören. Dem ist hier nicht so. Es genügt, als 
Kreole geboren zu sein, um frei von aller Hörigkeit und Abgabenpflicht 
den eigenen Herrn zu spielen. Vielleicht wollte man durch Bildung 
einer abgesonderten Kreplen- Kaste den Zweck der Bevölkerung för- 
dern. Wenn die Kreolen nämlich in den Stand ihrer Väter einträten, 
so müfsten sie auch den betreffenden socialen Gemeinschaften in Rufs- 
land zugeschrieben werden und könnten von diesen requirirt werden, 
während sie als geborene Freie selbstredend das Bleiben vorziehen. 
Lag diese Absicht vor, so ist sie vollkommen erreicht, da die Kreolen- 
Bevölkerung so anwächst, dafs sie gegenwärtig über ^ der gesammten 
Bewohner der Aleuten und über *^ der ganzen Colonial- Bevölkerung 
(mit Abrechnung der Russen) ausmacht '). Es ist sogar bestimmt an- 
zunehmen, dafs sie in einigen Jahrzehnten das herrschende Element 
sein und die allmälig abnehmenden Aleuten vollständig verdrängt haben 
wird. Aber was nützt Volkszahl allein ohne entsprechende gedeihliche 
Thätigkeit? Die Eo-eolen haben sich bisher wenig nutzbringend ge- 
zeigt, und wenn das so fort geht, ist auch fernerhin nicht viel Gutes 
von ihnen zu erwarten. 

Die ersten Kreolen waren uneheliche Kinder von Russen mit Aleu- 
tinnen. Derartige Verhältnisse machten sich leicht und galten für ganz 
natürlich. Später begann die Geistlichkeit sie zu verfolgen; aus den 
Geliebten wurden Eheweiber, ohne dafs ihre Moralität dabei sonder- 
lich gewonnen hätte. Das Blut der Mütter zeigt sich bei den Kindern 
im Hang zur Liederlichkeit, einer gewissen Wildheit, Leichtsinn und 
Faulheit. Dabei sind die Kreolen sehr dünkelhaft, reizbar, schnell 
beleidigt, übrigens durchweg von guten Anlagen und Neigung zu me- 
chanischen Handarbeiten. Sie sind meistens wohl gewachsen, es giebt 
schöne Leute unter ihnen, vornehmlich in der zweiten und dritten Gene- 
ration. Aber das früh begonnene liederliche Leben bringt zeitig Ver- 



') 1860: Seelen 

Rassen 595 

Fremde 4. 

Kreolen . 1896 

Alenten 4645 

Mit Znrechnnng der abhängigen Eingeborenen verschiedener Stämme ergiebt sich 
(incl. Kurilen) eine Gesammtbevölkerung der Colonien von 10,144 Seelen. 



252 Ritter: 

derben. Zwischen 30 — 35 Jahren leiden fast Alle an Bmstkrankhei- 
ten, und Wenige erreichen ein hohes Alter. Anch der Trunk thut das 
Seinige. 

Die in den Colonien lebenden Russen sind der unreinen Abkunft 
der Kreolen wohl eingedenk, und was sie an denselben sehen, ver- 
stärkt ihre geringe Meinung. Sie sehen die kreolischen Weiber aus- 
schweifen und die Männer so gleichgültig dagegen, dafs die Meisten 
gleich bereit sind, die Frau dem ersten Besten gegen ein Paar Fla- 
schen Rum zu überlassen, und deshalb blicken sie auf dies Volk mit 
gröfster Verachtung. Der Name „Kreole^ dient als Schimpfwort. Selbst 
die Aleuten achten dieExeolen nicht; dieselben wären auch nichts Besse- 
res als sie selber, ja nicht einmal so gut, da ihre Mütter liederliche Weibs- 
bilder gewesen. Dieser beständige Druck wirkt empfindlich reizend 
auf die Eigenliebe der Kreolen, so dafs sie sich selbst dieses Namens 
schämen. Sich dem Vorrang der Russen, wohl oder übel, fügend, lie- 
ben sie dieselben nicht; sie betrachten sich, noch im Staube, als die 
eigentlichen Herren des Landes. Das sind die unmittelbaren Folgen 
der Kasten -Absonderung, und die Compagnie wird es nicht mehr än- 
dern können. Es giebt unter den Kreolen allerdings auch recht ach- 
tnngswerthe Leute, aber nur als Ausnahmen. Selbst Bildung und Aus- 
zeichnung sind wilden Naturen nicht immer zuträglich. Viele von den 
Kreolen haben der Compagnie Erziehung und Bildung zu danken, 
einige erreichten höhere Offiziergrade, andere commandiren Schiffe oder 
bekleiden dieses und jenes Colonial-Amt. Aber von all diesen Persön- 
lichkeiten ist in Summa wenig Erfreuliches zu sagen. So lange sie 
unter gehöriger Aufsicht stehen, mag es noch angehen; sich selbst über- 
lassen, werden sie von ihren angeborenen Neigungen hingerissen und 
schlimme Trunkenbolde. 

Die Kreolen sind, wie gesagt, frei von Pflichten und Abgaben. 
Nur diejenigen, welche auf Kosten der Compagnie Erziehung genos- 
sen, sind zu einer bestimmten Dienstzeit verpflichtet, und zwar: far ihre 
Erziehung in Rufsland auf 10 Jahre, für die in den Colonien auf 15 Jahre, 
vom 1 7. Lebensjahre an gerechnet. In Diensten stehende Kreolen wer- 
den natürlich den Russen in Sold, Quartier und Verpflegung gleich ge- 
halten. Ueber die Pflicht hinaus dienen nur wenige. Die Meisten eilen, 
sobald sie frei sind, auf irgend eine Insel, um, wie sie sagen, „die 
Parka anzuziehen und zu schlafen^, was sie auch um so bequemer 
können, als fast ein Jeder seine Pension geniefst. Uebrigens erscheinen 
die Sätze der Dienstzeit zu hoch gegriffen. Wenn die Compagnie sich 
für gespendete Wohlthaten eine billige Gegenleistung sichern oder wenn 
sie, die träge Natur der Kreolen kennend, sie wider ihren Willen zu 
nützlichen Menschen machen will , so reichen 5 Jahre immerhin noch 



Land und Leute im rassischen Amerika. 253 

vollkommen hin, um so mehr als es ihre Sache ist, solche Yortheile 
EU bieten , dafs die licnte gern freiwillig weiter dienen. Noch besser 
wUre es, wenn die Regierung die Yolkserziehung in die Hand nähme 
und damit die Compagnie der Möglichkeit enthoben würde, menschliche 
Kräfte und Fähigkeiten zum Nachtheil menschlicher Rechte auszunutzen. 
Wie die freien ELreolen, so hausen auch die ausgedienten auf den Inseln. 
Die auf den Inseln Atcha, Unalaschka und Bebring und die in der 
Balkowski-Ansiedlung auf Aljaska treiben Biberfang und sind tüchtige 
Jäger darunter. Die aber auf Sitcha und den Inseln nahe Kadiak 
glauben sich zu erniedrigen, wenn sie mit den Aleuten zusammen Ge- 
werbe treiben; manche schiffen einsam auf die Wallfisch -Jagd, andere 
halten Vieh- und Eüchengärten, bauen kleine Boote oder sägen Bret- 
ter, alle aber fangen auf den Inseln, zur rechten Jahreszeit, allerlei 
Oethiere. Hinsichtlich des Verkaufes ihrer Beute und Producte sind 
sie mit den Russen in gleicher Lage. Sie haben im Uebrigen volle 
Freiheit, dürfen Land nehmen und Holz fällen, so viel ihnen beliebt, 
auch bekommen sie von der Compagnie Vieh unter der ' Bedingung, 
das Entnommene nach einer gewissen Zahl von Jahren aus der Zu- 
zucht in natura oder in Ratenzahlungen zu erstatten, wobei eine Kuh 
40 Papier -Rubel gilt. Alles sonst zum Leben Nothwendige, als Klei- 
dung, Proviant etc. erhalten sie, wie auch alle Angestellten, aus den 
Magazinen gegen Taxe. Das Vieh wird von einigen gezüchtet, andere 
Speculiren damit, d. h. sie kaufen bei der Compagnie eine Kuh für 
40 Rubel, um sie nachher wo anders für 60, 70 und 80 Rubel zu ver- 
kaufen. Dann kommen sie und verlangen eine neue Kuh, die alte 
hätte der Bär zerrissen oder sie hätte auf dem Berge das Genick ge* 
brochen. Ihre Gärten sind durchaus nicht in glänzendem Stande, an 
Ackerbau ist kein Gedanke. Bei ihrer Scheu vor angestrengter Arbeit 
werden ihre Bedürfnisse jedes Jahr gröfser, sie brauchen Thee, Zucker, 
Kaffee etc. ; das reicht aber nicht aus, und für Alles, was ihnen abgeht, 
machen auch sie die Compagnie verantwortlich. Die Compagnie weifs, 
was es heifst, solches Volk auf dem Halse zu haben, nicht aber, wie 
dem Uebel abzuhelfen, und so bleiben die Kreolen unnütz für Land, 
Compagnie und sich selber. 



Die Aleuten sind das wahre Fundament für die Colonien, ihre an- 
spruchlosesten und nützlichsten Bewohner. Wir werden zunächst ein 
allgemeines Bild von ihnen geben, um später ausführlicher auf sie zu- 
rückzukommen. 

Die Aleuten gehören zwei verschiedenen Stämmen an, von denen 
der eine, die sogenannten atchinskischen und unalaschkischen , die 



254 Bitter: 

Lissji- (Fachs-), Andreanowski-, Eryssi- (Ratten-) und andere, an 
der Sudseite der Halbinsel Aljaska gelegene Inseln bewohnt, während 
der zweite Stamm, die Eadiakschen oder Konifigen, anf nnd nm Ela- 
diak lebt. — Beide Stämme haben völlig verschiedene Sprachen, aber 
Charakter and Sitten sind fast dieselben, so dafs, was von dem einen 
gesagt wird, aaf den anderen mitbezogen werden kann. Einstmals 
lagen die beiden, damals sehr zahlreichen und streitbaren Yolksstämme 
in beständiger Fehde um das Mein und Dein in Jagd and Fischerei, und 
man weifs aus den Ueberlieferungen , dafs diese Kämpfe die Bevölke- 
rung der Aleaten stark gelichtet haben. Indessen war sie beim Er- 
scheinen der ersten Küssen noch immer zahlreich, gegen 10,000 See- 
len. Von diesen sollen nach vorhandenen Aufzeichnangen im Jahre 
1806 nar noch etwas über 5000 gezählt worden sein; 1860 sind gar 
nur noch 4645 vermerkt. Als Ursache dieser starken Abnahme mufs 
vor Allem das ausrottende Walten der Russen selber genannt werden. 
Die von diesen eingeführten Geschlechtskrankheiten, gewaltsame Ueber- 
siedlangen nach anderen Punkten der Colonie, endlich eine darch nahe 
Berührung mit den Fremden bewirkte Veränderung der ganzen Le- 
bensweise haben nicht wenig dazu beigetragen. Auch die Blattern ha- 
ben einmal (1836) gewüthet. — Wiederum ein Beispiel, dafs, wo 
Wilde mit civilisirten Völkern zusammentreffen, erstere allmälig aus- 
sterben, überall eine rasche Verminderung der Eingeborenen eintritt, 
wo Weifse sich zeigen. Sicherlich müssen eine Umstimmang der bishe- 
rigen Lebensweise, neue Krankheiten, der von den Weifsen aasgehende 
Sittenverfall, anfänglich todbringend auf unverdorbene Naturen wirken; 
die Eingeborenen werden schwach, weichlich und sterben schnell 
dahin. Aber andererseits müssen alle diese schädlichen Einflüsse mit 
der Zeit viel von ihrer Kraft verlieren und auf die zweite und dritte Ge- 
neration ohne Vergleich schwächer als auf die erste wirken. Folglich 
braucht eine eingeborene Bevölkerung nach Ablauf eines gewissen Zeit- 
raumes, wenn sie auch nicht wieder zunimmt, wenigstens nicht weiter 
abzunehmen. 

Die anfanglich unverhSltnifsmäfsig starke Abnahme der Aleaten 
kann jedoch, wie schon angedeutet, nicht allein diesen unvermeidlichen 
Einflüssen zugeschrieben werden, wie es denn seine besondere Be- 
wandtnifs damit hat, dafs die Abnahme überhaupt sich über mehrere 
Generationen hinaus als eine stetige erweist. Die Aleuten verminder- 
ten sich so auffallend, weil sie von den ersten Russen schonungslos 
gemifshandelt wurden. Die Namen eines Glotow, Solowjew, Natrubin 
and Consorten jagen noch heute die Aleuten in Schrecken. Tausende 
fielen als Opfer dieser mit Feuer und Schwert wüthenden Bösewichter. 
Hörte später auch das Todtschlagen auf, so wollte man doch noch 



Land und Lente im rnisiscfaen Amerika. 255 

lange nickt zu der Uebeneugang gelangen, dafs ein Alent ein Mensch 
und kein Thier sei. Es ist bekannt, dafs der erste Oberbefehlshaber, 
Baranow, das Leben eines Aleuten für nichts achtete, und gar viele 
von ihnen umkamen zur Zeit der unerhörten Ueberfahrungen auf Bai- 
darken (kleinen mit Seehundsfell überzogenen Booten) von Eadiak nach 
Sitcha. Während man die einen ausrottete, schlug man die übrigen durch 
Einimpfung der Liederlichkeit moralisch todt, und auf Verbesserung ihres 
Zustandes zu sinnen fiel Niemandem ein. — Die Aleuten haben das 
Christenthum angenommen und genügen eifrig den kirchlichen Formen, 
schwerlich aber haben sie von der Erhabenheit dieses Bekenntnisses 
eine wahrhafte Ueberzeugung ; gut unterrichtete Leute wollen wissen, 
dafs sie morgen die eifrigsten Muhamedaner werden würden, falls es 
ihnen also befohlen werden soUte. Die ersten schlimmen Erfahrungen 
haben ihnen eine unbegrenzte Unterwürfigkeit eingeimpft, und keinem 
fällt es ein, gegen einen Russen, wer es auch sei, unfolgsam zu sein. 
Zwar haben sie viele gute Eigenschaften ; sie sind friedfertig, gutmüthig, 
gastfreundlich and ehrliebend; Diebstahl kennen sie nicht, und ernstere 
Vergehen kommen nicht vor. Dafür aber sind sie mafslos träge, sorglos 
und ge^räfsig. Was die Unsittlichkeit betrifft, so steht deren Abnahme 
im Wege, dafs die Aleutinnen eigentlich keine Weiber, sondern (thie- 
rische) Weibchen sind, denen alle Begriffe von Schaam abgehen. 

Was die gewerbliche Thätigkeit, Lebensweise der Aleuten und ihr 
Verhältnifs zu der Compagnie angeht, so wird davon an seiner Stelle 
ausführlicher die Rede sein. Hier so viel, dafs sie früher auf kleinen 
und weit verstreuten Inseln lebend, nunmehr in einigen gröfseren Nie- 
derlassungen vereinigt sind, wo sie in kleinen, halb in den Boden ver- 
senkten und mit Erde gedeckten Hüttchen wohnen, welche sie den 
Constructionen russischen Styles bis jetzt noch vorziehen, um so mehr, 
da sie das Holz dazu erst von Sitcha holen müssen. Gegenstände der 
europäischen Cultur beginnen heimisch zu werden, fast überall findet 
man Theekannen, Tassen und Gläser, bei einigen sogar Samowars und 
zwar in leidlicher Reinlichkeit. Aber Hütte und Bewohner sind von 
einem unerträglichen Geruch nach Jukol (getrockneter Fisch) und Wall- 
fischthran durchduftet, und schnell eilt man hinaus, um in frischer Luft 
einer Anwandlung von Erbrechen und einem sehr widrigen Gefähl 
von Krankheit zu entgehen. 



Nach dieser Schilderung der ansässigen Russen, der Kreolen und 
Aleuten glauben wir die sonstigen, mehr oder weniger wilden Einge- 
borenen auf Inseln und Festland aus Rücksicht auf den Raum über- 
gehen zu müssen, um von dem viel genannten Volke der Koloschen 



256 Bitter: 

oder Koljaschen zanächst noch Einiges asa sagen, und dann auf die in 
den Colonien herrschenden Golturverhältnisse nach einigen wichtigeren 
Richtungen specieller einzugehen. 

Die Eoloschen bewohnen als ein unabhängiges Volk die amerika- 
nische Küste vom Meerbusen von Jakutat bis zum Flusse Stachin und 
die vielen l&ngs dieser Küste liegenden Inseln. Stamme eben dieser 
Koloschen bewohnen unter der allgemeinen Bezeichnung ^Indianer^ 
auch British -Columbia bis Oregon; noch weiterhin verändert sich die 
Race und verschmilzt mit den sogenannten californischen Indianern. 
Die eigentlichen Eoloschen theilen sich in verschiedene Geschlechter, 
von denen die hauptsächlichsten die Krähen- und die Wolfs -Koloschen 
bilden; gewöhnlicher werden sie jedoch nach den von ihnen eingenom- 
menen Landstrichen benannt. Diese Koloschen zeigten sich der Nie- 
derlassung der Bussen auf Festland und Inseln beständig feindlich, und 
zwar wurde diese Feindseligkeit angeblich von fremden Kaufleuten ge- 
nährt. So viel ist gewifs, dafs die ersten Colonisten rohe und uner- 
bittliche Feinde an ihnen fanden. Die Forts St. Michael auf Sitcha 
und die Colonie Slawa Rossii in Jakutat wurden von ihnen genom- 
men und zerstört, Einwohner und Garnison grofstentheils niedergemacht, 
und lange hatten die Russen mit diesen zähen Nachbarn schwere 
Kämpfe. Es ist noch nicht lange her, dafs kein Russe wagte, sich un- 
bewaffnet nur 50 Schritt von der Festung Neu -Archangelsk zu entfer- 
nen. Gegenwärtig schweigt zwar dieser Streit, aber ein Verkehr wird 
nur mit den in nächster Umgebung von Neu -Archangelsk ansässigen 
Koloschen unterhalten. Die an den Meerengen lebenden zeigen sich, 
wenn auch gerade nicht feindlich, so doch auch keinesweges freund- 
schaftlich und „dulden die Russen^, wie sie sagen. 

Die Koloschen sind ein ganz wildes, tapferes, Entbehrung und 
physische Uebel geduldig tragendes, listiges Volk, ohne alle Begriffe 
von Religion und darum auch ohne allen Charakter. Diebstahl, na^ 
mentlich an einem Fremden verübt, gilt für eine Art Tugend, der Trunk 
ist stark verbreitet. Nach ihren Begriffen fordert Blut wieder Blut, 
Rache überträgt sich von Geschlecht zu Geschlecht und umfafst oft 
ganze Stämme. Daher häufige und andauernde Kämpfe unter einan- 
der, welche viel zur Sicherheit der Colonien beitragen, da die Kolo- 
schen, unter einem kühnen Führer vereinigt, der Russen und ihrer Nie- 
derlassungen leicht Herr werden möchten. Leidenschaft zum Kram- 
handel ist ihnen angeboren, sie spielen die Aufkäufer bei den übrigen 
Eingeborenen. Alle sind sie gute Schützen und. Dank den Fremden, 
mit guten Feuergewehren, Pistolen, Revolvern und blanken Waffen 
versehen. Von dem Messer trennt sich der Kolosche nie, und beim 
etsten Zwist stöfst er seinen Gegner damit nieder, am liebsten hinter- 



Land und Lente im ntSBischen Amerika. 257 

rücks. Sie bedürfen äofiserst wenig zum Leben. Jakol, ein wenig 
Thran and Muscheln genügen für gewöhnlich, doch haben sie aach 
an Mehl, Syrup and Reis Geschmack gefanden. Tabak ist ihnen un- 
entbehrlich, und für eine Bouteille Wodka sind sie zu Allem fähig. 
Gewöhnlich tragen sie Hemd und wollene Decke, manche haben sich 
mit europäischer Tracht befreundet. Ihre Tajonen oder Aeltesten, 
d. h. alle von bevorzugter Geburt, haben bei ihnen nur Einfiufs, wenn 
sie sich durch ELriegsthaten oder sonst durch Mannhaftigkeit und 
Scharfsinn auszeichnen ; dieser Einflufs kommt auch nur im allgemei- 
nen Rath zur Geltung, für gewöhnlich lebt ein Jeder auf eigene Hand. 
Alle Tajonen haben Leibeigene, welche Kalga heifsen und bei gewis- 
sen Feierlichkeiten geopfert werden. Stirbt der Tajon, so werden ein 
oder zwei Ealgen umgebracht, damit es ihm auch in jenem Leben nicht 
an Bedienung fehle. Auf Sitcha ist dieser grausame Brauch durch die 
anhaltenden Bemühungen der Oberbefehlshaber ziemlich beseitigt, so 
dafs man die Ealgen, statt sie todtzuschlagen, der Compagnie verkauft 
oder laufen läfst; anderswo besteht die alte Scbeufslichkeit fort. 

Anfangs war es den Koloschen gänzlich untersagt, nach Neu -Ar- 
changelsk zu kommen, und keiner durfte sich innerhalb eines bestimm- 
ten Rayons etabliren. Ihr Hauptsitz waren die Jablonni (Apfel-) Inseln 
nahe bei Sitcha. Aber dort waren sie ohne alle Aufsicht, und es war sehr 
schwierig, von ihren Anschlägen gegen die Festung Wind zu bekom- 
men; auch getraute man sich ihretwegen kaum Leute zum Holzfällen 
oder Fischen auszusenden. Deshalb fand man es klüger, sie unter die 
Geschütze der Festung zu locken. Ohne Zweifel wurde diese Mafsre- 
gel noch erspiefslicher gewesen sein, wenn man dabei auch versucht 
hätte, sie abhängig zu machen, indem man die Bedürfnisse eines an- 
nehmlicheren Daseins in ihnen erweckte. Die Mittel dazu hätten sie 
bei den Hafenarbeiten verdienen können, unmerklich hätten sie sich 
an Civilisation und Gehorsam gewöhnt und der Compagnie die so theu- 
ren und so schwer zu erlangenden Arbeiter ersetzt. Leider liefs man 
die Koloschen 20 Jahre bei der Festung wohnen und fing erst dann 
an, sie für Hafenarbeiten zu dingen. Bei einem Wechsel des Ober- 
befehlshabers schlief die Sache wieder ein, und Capitain Rosenberg ver- 
darb schliefslich AUes, indem er die Koloschen merken liefs, für wie 
gefährlich man sie halte. Die Folge davon war, dafs sie 1855 über Neu- 
Archangelsk herfielen. Nun mufste man zum zweiten Male von vorne 
anfangen, während man schöne Erfolge schon längst hätte haben können. 
Früher entnahmen sie jährlich 100 Pud Mehl von der Compagnie, jetzt 
nehmen sie mehr als 100 Pud monatlich, und noch stehen sie kein 
Jahr wieder in Arbeit. Nur auf friedlichem Wege wird man sie mit 
der Zeit zum Gehorsam bringen, wenn man überlegene Gewalt im 

Zeitadir. f. allg. Erdk. Neue Folge. Bd. XIII. 17 



258 Bitter: 

Hintergrande seigt, wozu kostspielige Fortificationen and starke Be- 
satzungen sich minder als ein hfiufiges Erscheinen von Kriegsfabrzeu- 
gen empfehlen. 



Die gewerbliche Thätigkeit der Colonien erstreckt sich zur Zeit 
auf 1) Fang von Land- und Seethieren, Fischerei, 2) Gewinnung von 
Steinkohle, 3) Handel mit Eis, und 4) mit Holz. Es sind also Aus- 
fuhr-Artikel, welche der Compagnie eine beständige Einnahme ge- 
währen und Artikel lediglich f&r den Bedarf der Colonien selbst, an 
welchen kein baarer Verdienst ist. 

Das Hauptgeschäft wird mit Pelzwerk gemacht, es ist der Nerv 
des ganzen Unternehmens. Die Art, dieses Geschäft zu betreiben, hat 
verschiedene Phasen durchgemacht. Als die Compagnie mit ihren Pri- 
vilegien ins Leben trat, hatten die ohne jegliches System darauf los- 
wirthschaftenden kleinen Gesellschaften, wie sie früher bestanden, 
ihrem Uebel vorgearbeitet. Sie selbst trieb es einstweilen so weiter, bis 
1805 der Kammerherr Resanow die Colonien besuchte und darauf 
drang, ein bestimmtes System einzuführen, um einer gänzlichen Aus- 
rottung der Thiere, namentlich der Seebären, vorzubeugen, welche nebst 
den Seebibern die einträglichsten Species sind. Zeitweise reidite die 
Compagnie mit ihrer Pelzindustrie bis nach Californien. Wir übergehen 
diese Zeiten und bemerken, dafs gegenwärtig eine strenge Ordnung 
herrscht und eine Verminderung der Thiere nicht ersichtlich ist. Zur 
Jagd auf die Seebiber werden ausschliefslich die Aleuten, nur theil- 
weise auch die Tschugatschen, verwendet; die Russen sind ganz unge- 
schickt dazu, und die Kreolen hat man noch nicht heranbringen kön- 
nen. Dieses Gewerbe fordert viel Geduld, Verständnifs und Kunst- 
griffe und kann nur in jungen Jahren erlernt werden; es wird nut 
Baidarken, und zwar immer mit einer grofsen Zahl solcher Boote be- 
trieben, um die scheuen Biber nicht unnöthigerweise aufzuschrecken. 
Man fährt ganz still heran, sonst eilen die Biber schnell ins weite 
Meer. Sie werden mit Pfeilen getödtet; die lärmende und auf den 
schwankenden Booten unsichere Feuerwaffe ist strenge untersagt. Frü- 
her war die Jagd ergiebiger, die Biber hielten sich näher am Ufer, 
und die Aleuten konnten dichter zusammengebracht werden, da sie 
noch zahlreicher waren. Zu Baronow's Zeit (er war der erste Ober- 
befehlshaber) rüstete allein das Departement Kadiak jährlich 600 Bai- 
darken aus; jetzt bringen die gesammten Colonien mit aller Anstren- 
gung nicht mehr als 300 auf. Nach dem Gesetz darf die Compagnie 
die Alouten zum Fange aufbieten, mit der Bedingung, keine Leute un- 
ter 15 und über 50 Jahre, und aus jeder Niederlassung nicht mehr als 



Land und Lente im nissischen Amerika. 259 

die H&lfte der dazu tauglichen zu nehmen. Diese Yorschrift wird in- 
dessen nicht gehalten. Ohne einen alten erfahrenen Oberjäger gehen 
die Aleuten einmal nicht in See, und die Jungen müssen mit 11 bis 
12 Jahren hinaus, wenn etwas aus ihnen werden soll. Fangen sie an- 
fänglich nichts, so haben sie doch ihren Theil an der Beute. Zur Aus- 
rüstung der Jagdpartien werden Zwangsmittel nicht angewendet. Ge- 
wohnlich werden im December, wenn die Aeltesten zum Absatz und 
Kauf nach den Hauptplätzen kommen, die Verabredungen für das 
nächste Jahr getroffen. Ein jeder Ael teste oder Tajon erklärt, wie 
viel Baidarken und Leute sein Ort stellen kann, wer sie führen soll etc., 
dann einigt man sich darüber, wann und wohin die Partien zu dirigiren 
sind, wann die Jäger auf Vögel, welche Partien auf Seelöwen, Robben 
und Wallüsche ausziehen sollen, wann die Landjagd zu eröffnen und 
wie viel Frauen und Männer zur Fischerei und zur Bereitung von Ju- 
kol far den Winter gebraucht werden. Zur Ausrüstung der Biberpar- 
tien verabfolgt die Compagnie unentgeltlich: das zum Bau der Baidar- 
ken und sonst nöthige Material, für jeden Mann 2 Glas Rum ') und 
14- Pfund Tabak; auf 80 — 100 Baidarken aufserdem einige Flinten, 
Pulver und Blei für die zur Nahrung dienenden Vögel, und für etwaige 
Kranke etwas Thee, Zucker und Mehl. Da die Partien sich zuweilen 
150, ja 300 Werst von ihren Wohnorten entfernen müssen, so werden 
auf die Fangstellen pro Mann 7^- Pfund Mehl und der nöthige Jukol 
and Thran geschickt. Jeder Partie werden zum Ausflicken der Bai- 
darken, Ejunkenpflege , Bereitung der Speisen etc. einige Weiber bei- 
gegeben, von welchen eine jede für die Saison 10 Papier -Rubel erhält. 
Die Aleuten könnten ohne Beistand der Compagnie das Gewerbe nicht 
ordentlich treiben, gut und menschlich wäre es aber, wenn die Com- 
pagnie jeder Partie ein kleines Segelfahrzeug zur Bequemlichkeit und 
zur Hülfe in schlechtem Wetter beigäbe. Gegen den 10. April bre- 
chen gewöhnlich die Partien auf und kehren Anfangs Juli zurück. Die 
zu Hause Gebliebenen ziehen zu verschiedenen Zeiten, gleichfalls in 
Baidarken -Partien auf Vögel, Wallfische und andere Seethiere aus. 
Alle sind aber gegen Mitte August wieder zurück. Die zurückge- 
bliebenen Aleuten, mit allen Weibern und Kindern, bauen vom Mai 
an in den Flüssen Faschinendämme zum Fischfang, angeln in See und 
bereiten Jukol für den Winter. Die erlegten Biber dürfen nur an die 
Compagnie gegen Taxe abgelassen werden; für die beste Qualität wer- 
den zur Zeit 50 Papier -Rubel pro Stück bezahlt. Diese Taxe, sowohl 
für die Seebiber als die anderen Artikel, ist, obgleich bereits zwei 
Mal erhöht, zu gering und die Compagnie könnte, Ausgabe und £in- 



') Jedenfalls gröfser als unsere Schnapsgläser. 

17 



260 Bitter: 

Dahmen gegen einander gehalten, besser bezahlen. Die armen Aleu- 
ten sind fast unausgesetzt mit diesem Gewerbe resp. den nöthigen Vor- 
bereitungen beschfifdgt und haben keine Zeit zu anderweitigem Ver- 
dienst; Ackerbau und Viehzucht gestattet das Klima nicht, und so hängt 
ihr ganzes Wohl und Wehe von der Bezahlung ihrer Beute ab. Dabei 
müssen sie Schuhzeug, Kleidung, Brot und sonstige unentbehrliche Ar- 
tikel von der Compagnie zu sehr hohen Preisen entnehmen. Vergleicht 
man die Zahl der erlegten Biber mit der der erwachsenen Aleuten, so 
kommt auf jeden Jäger nicht jährlich ein Biber, folglich weniger als 
50 Papier -Rubel, so dals incl. der Bezahlung für anderweitige Waare 
kaum das liebe Leben dabei herauskommt. Für die Seebiber besteht 
ein geregeltes System der Abwechslung und Schonung, so daDs auf 
eine gesicherte Jagd zu rechnen ist. 

Demnächst kommen die Seebären, als einer der ergiebigsten Arti- 
kel, der deswegen sich grofser Fürsorge erfreut. Diese Thiere haben 
ihre Stationen an der St. Paul- und St. Georgi- Insel, namentlich an der 
letzteren, und treffen vom Süden ein, die ausgewachsenen Männchen 
vom 18 — 20 April, die Weibchen vom 26. Mai ab. Hier paaren sie 
sich und bleiben bis Anfang October, wo sie wieder nach Süden zie- 
hen. Früherhin hat man auch hier planlos darauf losgeschlagen, und 
erst in neuerer Zeit, nachdem eine verständige Ordnung eingeführt, 
sind die sehr zusammengeschmolzenen Thiere wieder zahlreich ge- 
worden. Bei der Jagd werden zuerst die ausgewachsenen Männchen 
und Weibchen von den Jungen getrennt, letztere ins Meer hinaus ge- 
trieben; dann, wenn es über die Jungen hergeht, werden die kleinen 
ohne Unterschied erlegt, von den vorjährigen nur die Männchen, die 
Weibchen aber wieder hinaus gejagt, und endlich wird von Zeit zu Zeit 
entweder gar keine oder nur die allern othigste Jagd gehalten. Auch 
dieses Gewerbe wird von den Aleuten mit ihrer Zustimmung und gegen 
feste Bezahlung besorgt. In letzter Zeit wurden des Jahres 8000 bis 
20,000 Seebären ohne alle Mühe eingebracht. 

Die Jagd auf die Pelzthiere des Landes geschieht gewöhnlich vom 
September bis Mitte December. Gegen den 20. September empfangen 
die Aleuten aus den Magazinen Geräth und Ausrüstung. Sie jagen: 
Füchse, Ottern und Eisfüchse, im Departement Kadiak aber auch manch 
anderes Wild, darunter Zobel, Bär und Wolf. Auch von den abhän- 
gigen und unabhängigen Eingeborenen geht viel Rauchwerk ein. 

Nach allgemeiner Meinung ist das Verhältnifs der Aleuten zu der 
Compagnie ein allzu drückendes. Dies ist nicht ganz richtig. Aller- 
dings hat die Compagnie das Recht, eine gewisse Zahl von ihnen auf- 
zubieten und ihnen, was sie einbringen, nach bestimmten Sätzen zu 
vergüten, aber diese Unternehmungen geschehen nach Verabredung mit 



Land und Leute im nusischen Amerika. 261 

den Tajonen, und ziehen die Aleuten aneh vielleicht nicht ganz gat- 
willig aas, so geschieht ihnen doch auch keine Gewalt. Unbekümmert 
im höchsten Grade, geduldig im Mangel, wurden sie gemüthlich zu 
Hause hocken, bis der Hunger sie heraustreibt. Sollen einmal Biber 
gejagt werden, so gehören dazu Anstalten, welche die Aleuten aliein 
nicht leisten können. Nichts desto weniger wäre es recht und billig, 
wenn die Verpflichtung aufgehoben und die Taxe erhöht würde. An- 
fangs litten die Aleuten allerdings wohl argen Hunger, aber mit der 
Zeit würden sie auch selbstst&ndig und arbeitliebend. Selbst in ihrer 
gegenwärtigen Lage sind übrigens die Aleuten weit besser daran als 
die Eingeborenen Sibiriens, sogar als die des europäischen Nordens, 
als Tungusen, Samojeden u. A. 

Schliefslich wäre es schlimm, wenn Fang und Jagd in den Colo- 
nien einem Jeden und Allen freigegeben würde; in wenigen Jahren 
wäre das Wild gänzlich vertilgt, wären die Aleuten ruinirt. Auch wenn 
die Regierung die Colonien übernehmen sollte, wird sie wohl thun, die 
Seethiere wieder einer ordentlich wirthschaffcenden Compagnie zu über- 
lassen. — 

Der Bergbau auf Steinkohlen ist seit einiger Zeit in der Gegend 
der Eenayschen Bucht eröffnet. Ganz gute Qualität ist noch nicht ge- 
funden, wie überhaupt die Formation der Kohle, je weiter nach Nor- 
den desto unvollkommener werden soll. Wie es scheint, wird noch 
experimentirt, ob diese Industrie lohnend genug sein kann, um die be- 
deutenden Kosten zu decken. Die Arbeiter müssen meist aus Rufs- 
land verschrieben und nicht allein bezahlt, sondern auch unterhalten 
werden. — Was den Handel mit Eis betrifft, so liefert das Colonial- 
gebiet diesen Artikel nicht bestimmt und reichlich genug, auch ist der 
Markt vorläufig noch beschränkt und die Concurrenz mit dem Amur 
bedeutend. Es giebt nun ferner noch eine bisher geringe und nur 
versuchsweise Ausfuhr von Holz; überhaupt: Handel in den Colonien 
selbst mit Kiachta- und Shanghai- (Thee), mit Califomien und den 
Sandwich -Inseln. An diesen kurzen Andeutungen lassen wir uns ge- 
nügen, um die Eingangs gedachten Grenzen zu halten, in welchen 
einige Mittheilungen über Ernährung, Gesundheit und geistliche Pflege 
hoffentlich noch willkommene Aufnahme finden. 



Nach dem Allerhöchst bestätigten Reglement soll die Subsistenz 
des Landes die erste Sorge der Compagnie sein. Sie läfst aber recht 
viel zu wünschen übrig. Die Ursache dieses ungenügenden Zustan- 
des ist nicht nur in den klimatischen Verhältnissen, sondern auch in 
einer gewissen Indolenz der Compagnie selbst zu suchen, welche Alles 



262 Bitter: 

den einmal eingeführten Gang gehen U/st, sei es anch sogar ihr eigener 
Schade. — Auf den Aleuten nebelt and regnet es das ganze Jahr bis 
anf drä und vier Monate, wo starker, aber nicht beständiger Frost ein- 
tritt Deswegen ist an Getreidebau nicht zu denken. Aber die Kar* 
toffel könnte als gutes Surrogat dienen, wenn nämlich den Aleuten zu 
ihrer Cultivirung Zeit und Ruhe gelassen würde. Es ist einmal ein 
mifsgluckter Versuch gemacht worden, sie zur Viehzucht aufzumuntern. 
Aber das Vieh fiel im Winter an Mangel an Futter, da die Aleuten 
die Arbeit des Heumachens, welches hier schnell eingebracht werden 
mufs, ehe es verregnet, zu unbequem fanden; überdies geniefsen sie 
keine Milch und an Rindfleisch sind sie nicht gewöhnt. Es fehlte end- 
lich auch an Holz zu Viehställen, die Kühe mufsten bei den Hütten 
gehalten werden und verwüsteten den zum Trocknen ausgelegten Ju- 
kol. Eben so wenig wollte es mit Schweinen und Ziegen gehen. Die 
Schweine unterwühlten die Hütten und das wenige Gartengewächs, 
die Ziegen ruinirten die Dächer. So bekümmerte sich die Compagnie 
schliefslich nicht mehr darum. 

Was das Clima auf den Aleuten versagt, hat sich an der fest- 
ländischen Küste > wahrscheinlich auch auf den dieser anliegenden In- 
seln gedeihlich entwickeln können. Aber theils fehlte es an Händen, 
theils hatte man die Wilden zu förchten und so ist kein ernstlicher 
Versuch gemacht worden. Es blieb vielmehr bei dem Gerede, dafs 
das Clima zur Landwirthschaft nicht geeignet sei. Das ganze Ernäh- 
rungs- System ist darauf begründet, dafs die unentbehrlichsten Lebens- 
mittel von Aufsen, d. h. meist aus Rufsland, theilweise aus Californien 
oder anderen Häfen eingeführt, einige Artikel auch den Koloschen ab- 
gekauft werden. 

Da zum Leben vor Allem Brod unentbehrlich ist, so sollte es einen 
festen Preis haben, ob auch die Compagnie dabei Schaden hätte. Sie 
hatte wirklich Schaden und fand es daher ratbsam, nur die allernö- 
thigste Quantität Getreide einzufuhren. Damit wurde dann geknausert, 
vor Allem die Aleuten und überhaupt die nicht Angestellten knapp ge- 
halten, angeblich um sie nicht an Luxus zu gewöhnen. In neuester 
Zeit ist beschlossen worden, das Getreide in dem gesegneten Califor- 
nien ungleich vortheilhafter aufzukaufen. 

Nach eingeführtem Brauch werden alle Beamten der Compagnie, 
welche ein geringeres Jahrgehalt als 1001 Papier -Rubel beziehen, und 
auch viele andere arme Leute aus einem allgemeinen Kessel gespeist. 
Verheirathete können auf ihren Wunsch auch in Geld abgefunden wer- 
den. In diesem Kessel wird meist gesalzener Fisch gekocht; Pökel- 
fleisch giebt es nur an Festtagen, und Gemsenfleisch nur in dem Falle, 
wenn mehr auf den Markt kommt, als die sogenannten Ehrenwerthen 



Land und Leate im rosfischen Amerika. 263 

SU kaufen belieben. Uebrigens kommt diese Gemse auch nur auf 
Sitcha vor. Einmal in der Woche giebt es Erbsen, ein andermal Grütze; 
dazu, aufser Kartoffel und Rüben, getrocknetes Gemüse von Hamburg. 
Die Compagnie hat sich alle Mühe gegeben, Pökelfleisch billiger zu 
bekommen, um seinen Genufs Allen zu ermöglichen. Das califomische 
ist das beste und Hoffnung auf ein Sinken der hohen Preise vorhanden. 
Aber bis in den Golonien selbst sich die Viehzucht entwickeln wird, 
bleibt die grofse Masse nach wie vor auf den unschmackhaften und 
wenig nährenden Salzfisch angewiesen. Schweinefleisch leistet zwar 
einigen Ersatz, ist aber von widrigem Geschmack, da die Thiere gröfs- 
tentheils mit Fisch und Muscheln gefüttert werden. Man könnte sie 
im Walde laufen lassen, aber da möchten die Koloschen sich darüber 
her machen. Von Federvieh werden nur Hühner gehalten und auch 
diese schmecken nach Fisch. Trotzdem kostet ein Huhn auf Sitcha 
5 — 7, zehn Eier 5 — 6 Papier- Rubel. Von den Speisen ist endlich 
noch der aus Californien eingeführte Sauerkohl zu nennen. 

Eine grofse Rolle spielt der Rum, der hier den gesammten Brannt- 
wein repräsentirt. Die in Diensten Stehenden sollen 8 Glas jährlich 
bekommen, aufserdem ist es dem Oberbefehlshaber aber freigestellt, 
ein Glas Rum nach schwerer Arbeit und bei schlechtem Wetter ver- 
abreichen zu lassen, so dafs in Wirklichkeit das gesammte Dienstperso- 
nal ein auch zwei Glas in der Woche erhält. Den übrigen Einwohnern 
wird der Rum gegen Taxpreis in sehr kleinen Quantitäten, dem die- 
nenden Unterpersonal nur auf eine Bescheinigung der nächsten Vor- 
gesetzten verabfolgt. Den Wilden darf gar kein Rum verkauft werden, 
manchmal jedoch werden sie zur Belohnung für geleistete Arbeiten mäfsig 
traktirt. Diese Beschränkungen sollten die Wilden wie die eigenen 
Leute vor Trunk bewahren, aber der schöne Zweck wird dabei kei- 
neswegs erreicht Die Wilden bekommen von den Fremden den Rum 
in Tausch, wobei der Compagnie noch dazu die Waare aus der Hand 
geht, die Arbeiter und Dienenden aber von den Ehrenwerthen trotz des 
Verbotes. Wer nämlich einen Handwerker oder Arbeitsmann zu be- 
zahlen hat, konunt bei den hohen Arbeitspreisen mit Rum zehnmal 
billiger weg. Der Schuster fordert z. B. für ein Paar Stiefel zu ma- 
chen 30 — 35 Papier -Rubel oder eine flasche Rum, und diese kostet bei 
der Compagnie 3 Rubel 50 Kopeken Papier. So ist die Verführung 
grofs und der Rum ein stiller Handel, dem unter jetzigen Verhältnis- 
sen kein Einhalt zu thun ist. Dieses hat auch den grofsen Uebelstand, 
dais bei den Koloschen Gemsenfleisch, Grünzeug, Fisch etc. gegen den 
theuren und beliebten Rum so stark aufgekauft wird, dafs wenig da- 
von auf den Markt kommt, und die gewissenhaften Leute an frischer 
Küche darben müssen, während die Unredlichen Alles im Ueberflols 



266 Bitter: 

Im Grofoen und Gancen jedoch ist der GeaandheitssuBtand in An- 
betracht des Klimas ein leidlicher, namentlich gilt diese Bemerkung 
f8r Sitcha, wo die Jahreszeiten sich kaum von einander unterscheiden, 
und eigentlich ein immerwfihrender Herbst ist, wo des Jahres nicht 
mehr als 90 klare Tage, 200 Regentage und die übrigen ein Gemisch 
von hellem Wetter, Regen, Schnee und Nafskfilte sind. Etwa 30 Werst 
Ton Neu -Archangelsk sind gehaltreiche und wirksame Schwefelquellen 
von 50 — 52' R., wo früher ein Kurhaus stand, in welchem die Kran- 
ken von Neu -Archangelsk Heilung fanden. Im Jahre 1851 wurde die 
Anstalt aber von den Stachinski'scheu' Koloschen niedergebrannt und 
ist, Gott weifs warum, noch nicht wieder errichtet worden, so dafs die 
Quellen allein den in Hatten von Baumzweigen ringum hausenden Ko- 
loschen von Sitcha dienen. Es soll aber neuerdings wieder ein Hans 
gebaut und befestigt werden. Auch anderwärts, namentlich auf den 
Aleuten sind zahlreiche, jedoch wenig benutzte und noch nicht analy- 
sirte Mineralquellen. 1842 ist zu St. Petersburg von E. Blaschke 
eine Topographia medica Partus Noti^ Archangelcensis herausgegeben 
worden. 



In geistlichen Dingen sind die Colonien dem in BlagowSsch- 
tschenska (Amur -Gebiet) residirenden Erzbischof von Kamtschatka, 
der Kurilen und Aleuten untergeordnet, während der Bischof von Neu- 
Archangelsk, dessen Sitz neuerdings nach Jakutsk verlegt worden ist, 
die directe Oberleitung ausübt. Es giebt in den Colonien 7 Pfarrkir- 
chen, 2 Filiale und 35 Gapellen. Zur Bekehrung der Heiden wurden 
3 Missionen gegründet. Schon 1793 begann die Aussendung von Mis- 
sionären. Aber 1797 ertrank der hochwürdige Joseph auf der Rück- 
kehr von Rufsland, wohin er zum Empfang der Bischofsweihe berufen 
worden war, mit dem ganzen Glerus, so dafs bis 1810 den Colonien 
nur ein einziger betagter Klostergeistlicher verblieb. Gegenwärtig sind 
27 Personen geistlichen Standes aufgeführt. 

Die Bekehrung der Aleuten fand keine Schwierigkeit und ging 
namentlich im Departement Unalaschka glücklich von Statten, wo der 
jetzige Erzbischof von Kamtschatka, Innocenz, damals Benjamin ge- 
nannt, als ein hochverdienter Geistlicher wirkte. Er erlernte die Sprache 
der Aleuten, übersetzte viele kirchliche Bücher und verbreitete die Kennt- 
nifs des Lesens und Schreibens. Etwas später fand das Christenthum 
auch bei den Aleuten von Kadiak und Atcha Eingang. Nächst den 
Aleuten werden noch einige andere Stämme als bekehrungslustig ge- 
rühmt. Von den übrigen Eingeborenen nehmen diejenigen den wah- 
ren Glauben an, welche öfter in die Nähe der Missionen kommen, 
lediglich allerlei Vortheils wegen, d. h. um Geschenke, Bewiiihung und 



Land und Leute im nutuchen Amerika. 2G5 

meidlicheB Uebel and thun nichts dagegen. Fa8t alle liederlichen Wei- 
ber in der Gegend von Neu -Archangelsk sind damit behaftet. Einst« 
mala hatte diese widrige Krankheit unter Soldaten und Arbeitern so 
überhand genommen, dafe der jetzige Oberbefehlshaber gleich nach sei- 
ner Ankunft su gewaltsamen Mitteln schreiten mufste. Er liefs all^ 
Hütten, am Hafen, am Meeresufer, im Walde, wo der stille Unfug sein 
Wesen trieb, abreifsen und gewährte die Mittel zu einem neuen unter 
Aufsicht gestellten Etablissement. Ab und zu werden die dortigen 
Koloschinnen nach dem Hospital gefuhrt, die krank befundenen zu- 
rück behalten. Sie hielten die Erankenluft aber nicht aus und ergrif- 
fen nach wenigen Tagen, wo sie nur konnten, die Flucht nach ihrem 
Wohnort, wo sie schwer wieder zu ermitteln waren. Der Oberbefehls- 
haber drohte jedem Frauenzimmer, das davon lief, zu Schimpf und 
Schande den halben Kopf rasiren zu lassen. Diese Mafsregel erregte 
unter den Koloschen zuerst Mifsvergnügen, später aber fugten sie sich 
der Energie und besseren Erkenntnifs, so dafs sie jetzt ärztliche Hülfe 
aus freien Stücken nachzusuchen kommen. Einige Soldaten und Arbei- 
ter halten aus Angst vor Ansteckung gekaufte Sclavinnen (weibliche 
Kaigen) aus, wofür sie indessen in Kirchenbufse verfallen, und überdies 
ist es theuer, 25 — 30 Papier -Rubel monatlich. Noch schlimmere Dinge 
waren betreffs dieser Krankheiten zu berichten. Genug, dafs die scheufs- 
liche Landplage den dagegen ergriffenen Mafsnahmen zu weichen be- 
ginnt. 

Uebergehen wir andere Krankheits- Erscheinungen in Folge von 
Klima und Nahrung, desgleichen die löblichen und unlöblichen Ein- 
richtungen der beiden Hospitaler: das eine in Neu -Archangelsk zu 40, 
das andere auf Kadiak zu 10 Betten. Das ärztliche Personal beläuft 
sich, ind. der Eleven und anderen Beamten auf 23. In weniger 
bevölkerten Ortschaften helfen Beamte und Diener der Earche mit 
einer Art ärztlicher Behandlung aus. Die Aleuten wenden sich bei 
gewöhnlichen Krankheiten ungern an den Arzt, sondern ziehen es vor, 
sich mit eigenen und gar nicht so üblen Mitteln, ähnlich wie das ge- 
meine Volk in Rufsland, zu kuriren. Li Neu -Archangelsk und Kadiak 
werden, hauptsächlich zu Nutz und Frommen der Russinnen und Kreo- 
linnen, Hebeammen unterhalten. Die Eingeborenen müssen sich mit 
weisen Frauen aus ihrer Mitte behelfen, und schwere Geburten fallen 
oft unglücklich aus. Man sollte einige Aleutinnen in dieser Kunst un- 
terrichten, damit sie nach und nach gemeinnütziger würde und den 
alten ungeschickten Aberglauben verdrängt. Bemerkenswerth ist, dafs 
bei den Aleuten selten eine Familie mit mehr als 2 — 3 Kindern geseg- 
net ist, wogegen die Verhältnisse der besser lebenden Russen mit die- 
sen Weibern fruchtbarer sind. 



268 Ritter: 

Ben. Die Sprache der Eoloschen ist arm and es fehlt ihr an Benennim- 
gen für die allereinfachsten Dinge. Bei ihnen giebt es z. B. keinen 
Tisch, folglich auch kein Wort dafür, so oft nun davon die Rede, muCs 
der Name eines Brettes, worauf sie essen, aushelfen. Daher lassen 
sich die Vorstellungen vielfach nicht wiedergeben, und jeder ungenaue 
oder seltsame Ausdruck erregt Heiterkeit, selbst während des Gottes- 
dienstes. 

Die Zahl der Bekehrten nimmt mit jedem Jahre ab, namentlich un- 
ter den Eoloschen. Es wurden von den Eingeborenen der verschiedenen 
Stämme getauft: im Jahre 1845: 531, 1854: 38, 1859: 42. Von 1841 bis 
1860, also in 20 Jahren, 4700. — Aber auch diese Zahl existirt nur auf 
dem Papier, da viele von den Nomaden, nachdem sie die Taufe empfan- 
gen, vielleicht niemals wieder einer Mission nahe kommen und ihre Chri- 
stenpflicht vergessen. Aufser dem Mangel an tüchtigen Missionaren 
ist ein Haupthindernifs der Bekehrung auch die Vielweiberei, der die 
Eingeborenen ungern entsagen, dann auch wohl die herumschweifende 
Lebensweise und der entgegenstrebende Einflufs ihrer Zauberer. Han- 
delt es sich jedoch um weiter nichts als die Taufe, so braucht man 
nur eine anständige Feierlichkeit zu veranstalten, den neuen Christen 
ein Stück Geld für Mantel und Hemde und einen Schmaus zu bieten, 
und die Koloschen von Sitcha kommen Mann für Mann. 

Neben den aus Rufsland, namentlich Sibirien, gesendeten Welt- 
geistlichen, denen gleichfalls die nothwendige Sprachkenntnifs abgeht, 
giebt es auch unter ihnen einige Kreolen. Trifft man unter den Kreolen 
gute Wahl, so werden sie erheblich bessere Dienste leisten als die 
Russen. Will man aber einen wirklich durchgreifenden geistlichen Ein- 
flufs, so suche man diesen Stand aus den Wilden selber zu ergänzen. 
Bei ihrer übermäfsigen Empfänglichkeit für äufsere Auszeichnung jeder 
Art, werden viele der Vornehmen, selbst unter den Koloschen, gern 
bereit sein, ihre Sohne zu geistlichen Herren erziehen zu lassen, vor 
denen sich dereinst auch die Russen ehrfurchtsvoll beugen müssen. 
Man nehme befähigte Knaben aus den bedeutendsten Stämmen und 
lasse sie, nachdem sie die Elementarschule durchgemacht, in Rufsland 
weiter bilden. Davon wären gründliche Religions- und Civilisations- 
Erfolge zu hoffen. So lange das Werk der Bekehrung ein blofs äufser- 
liches bleibt, nützt auch das Kirchenbauen nichts. 

Für die Lutheraner, deren es in .Neu -Archangelsk ziemlich viele 
giebt, ist dort eine eigene Kirche nebst Pfarrer. 



Capitän- Lieutenant Qolowin kommt schHeislidi zu der Frage: 
„entspricht der gegenwärtige Zustand der Colonien der Tragweite der 



Land und Leute im ragsischen Amerika. 269 

der Compagnie verliehenen Privilegien, der Zeitdauer ihres Oennsses, 
welche Ursachen haben den commerziellen Fortschritt verlangsamt und 
was ist za than, um die Hemmnisse einer gedeihlichen Entwickelung 
zu beseitigen?^ 

Die Antwort darauf ist: 

In allen denjenigen Fällen, wo eine gute Einrichtung der Colo- 
nien, eine Verbesserung in der Lage der Eingeborene!) und Russen 
der Compagnie directen Vortheil versprachen, hat sie keine Ausgaben 
gescheut. In denjenigen Fällen dagegen, wo die Vortheil e zweifelhaft 
waren oder es zu ihrer Erlangung einer besonderen Energie und Un- 
ternehmungslust bedürfte, hat sie die Hände in den Schoofs gelegt oder 
sich mit halben Mafsregeln begnügt 

Die Felzindustrie war der Hauptquell ihrer Einnahme, daher eine 
besondere Aufmerksamkeit auf diesen Gegenstand und Alles, was da- 
mit in irgend einer Beziehung steht. Um deswillen die Sorgfalt für 
die Aleuten, das Streben nach Bevölkerung und verschieden andere 
Mafsnahmen, welche freilich aus Mangel an einem zuvorbedachten festen 
Plane vielfach hinter ihrem Ziele zurückgeblieben sind. Das dringende 
Bedürfnifs, zu annehmbaren Preisen tüchtige Seeleute, Handwerker, 
Techniker, Commis und Specialpersonal aller Art zu haben, nöthigte 
die Compagnie Schulen und Lehranstalten zu gründen; sie wünschte 
brauchbare Leute in ihre Dienste zu ziehen, deshalb mufste sie für die 
alten Ausgedienten, ihre Wittwen und Waisen sorgen. Auf der an- 
dern Seite versprach der Handel mit Holz und Fischen keinen greif- 
baren Vortheil, verlangte bedeutenden Aufwand ohne volle Garantie; 
dieser Handel entwickelte sich nicht Wollte man einträgliche Ver- 
bindungen mit den Eingeborenen anknüpfen, so mufste man in das 
Innere dringen, neue Faktoreien und Garnisonen etabliren; aber das 
erschien kostspielig und unsicher und die Compagnie beschränkte sich 
auf einige Küstenplätze. Die Entwickelung von Ackerbau und Vieh- 
zucht, Untersuchungen und Forschungen nach neuen Reichthümern im 
Innern des Landes verlangten Geld und Ausdauer ohne sofortige Aus- 
sichten; die Compagnie fand es vortheilhafter, den Bewohnern Brod 
und Fleisch von auswärts zuzuführen und sich auf keine ernstlichen 
Forschungen einzulassen. Sie unterhielt ein System der völligen Ab- 
sperrung, indem sie keinen einzigen Hafen eröffnete und nur Papier- 
geld umsetzte; dieses System erzeugte und begünstigte einen lebhaften 
Schleichhandel. Soll man die Compagnie dafür anklagen? Keineswegs. 
Sie hat einfach wie eine Handels -Compagnie auf den nahe liegenden 
Profit gewirthschaftet, anders hätte sie auch kaum bestehen können. 

Golowin schlägt schliefslich vor, ein Comite von wohlgesinnten 
Und sachverständigen Personen zu berufen, welche nicht vereinzelte 



270 Friedmannt 

Ab&ndernngen, sondern ein durchgreifendes neues System der Verwal- 
tung berathen sollen, zu welchem der leider inzwischen Verstorbene 
in kurzen Zügen auch die Hauptgesichtspunkte hinterlassen hat 

Golowin's Berichte haben die russische Presse lebhaft beschäftigt. 
Zu seinem Bedauern hat der Verfasser über den neuesten Stand der 
Sache und namentlich darüber, ob die Privilegien der Compagnie noch- 
mals erneuert worden sein sollten, nichts Positives in Erfahrung ge- 
bracht. Jedesfalls wird eine Aenderung der Dinge in dem russischen 
Amerika an den allgemein anerkannten Golowin'schen Darstellungen 
des Zustandes von 1860 zu messen sein. 



XV. 

Die Nordwestküste von Neu -Guinea. 

Von Dr. Friedmann. 



Im Jahre 1857 wurde das Dampfschiff Aetna von der niederlän- 
dischen Regierung ausgerüstet zum Zwecke der wissenschaftlichen Un- 
tersuchung von Neu -Guinea (vergl. Bd. XII. S. 446 ^Zustände und 
Vorfalle in Niederländisch -Indien in den Jahren 1857 und 1858**). 
Obwohl die wissenschaftliche Ausbeute bei dieser Expedition schon des- 
halb eine beschränkte sein mufste, weil der Aufenthalt der Commis- 
sion am Lande nur kurze Zeit dauerte und die Mitglieder sich nur 
eine kleine Strecke vom Strande entfernten, so mag es doch bei den 
dürftigen Berichten, die über dieses Land überhaupt zu uns gelangt 
sind, ein nicht geringes Interesse bieten, das Hauptsächlichste aus den 
Einsendungen des Herrn Rosenberg, welche mit ethnographischen 
Notizen der Missionäre Otto und Oeifsler bereichert sind, mitzu- 
theilen. 

Am 21. April verliefsen die Reisenden die Rhede von Lakahia. 
Von hier bis zur Galleva-Strafse — zwischen Neu -Guinea und 
der Insel Salavatti — hielt sich das Schiff in einer so grofsen Ent- 
fernung vom Lande, dafs nur der gebirgige Centraltheil des Landes 
von Zeit zu Zeit sichtbar wurde. Nachdem sie den Mac-Cluersgolf 
passirt hatten, näherten sie sich der Küste, die sich als niederes, mit 
dichtem Walde bewachsenes Land zeigte. Hingegen ragen die Eilande 



Die NordwetÜ^Üste von Nen-Oiiinea. 271 

Salavatti und Battantä hoch aas dem Meere empor and an manchen 
Stellen besieht auch die Efiste ans riesigen, steilen Felsen. Eine hohe 
Bergkette sieht sich aas dem Innern des Landes nördlich bis zur Gal- 
leva -Strafse, 'worauf sie längs der Nordküste der Geelvinksbai läaft 
und sich am Vlakkenhuk verliert. Im Mittel erreicht das Gebirge 
eine Höhe von 2 — 3000 Fufs '), einzelne binnenlandsliegende Spitzen 
erreichen die Höhe von 5 — 6000 Fufs. Auch hier ist das Land weit 
and breit mit Waldungen bewachsen, zwischen welchen hier und da 
ein Ealkfelsen glänzend herausragt, was beim „Cap der guten Hoff- 
nung** der Fall ist, welcher Punkt (der Nordostkuste Neu-Guineas) von 
den Engländern deshalb y^White Point^ genannt wird. Eine Anzahl klei- 
ner Flüsse mit klarem Wasser schlängelt sich von den Höhen herab 
und ergiefst sich in's Meer. In der Nähe des Gap der guten Hoff- 
nung sahen die Reisenden hoch im Gebirge einen Wasserfall, der sieh 
vom Meere aus als ein Silberstreif zeigte und welcher sicherlich meh- 
rere hundert Fufs herabfällt. Eine grofsartige, wilde Landschaft! Nur 
an wenigen Punkten können Schiffe längs dieser unwirthlichen Küste 
vor Anker gehen; beiFreeshaldpoint und den Mispalu- Inseln (Mid- 
delburg und Amsterdam) ankerte das Schiff während einer Nacht. Ein 
ungemein starker Strom nach Westen. machte die Fahrt ostwärts sehr 
mühsam und ist dieselbe in den Monaten Mai bis August bei herrschen- 
den Ostwinden vollends mit Segelschiffen unmöglich. 

Mit den Bewohnern von Salavatti und Battantä kamen die Rei- 
senden Öfters in Berührung. Papuas aus Amberbaken trafen sie bei 
der Insel Middelburg. Sie kamen zutraulich an Bord um Waffen, Vö- 
gel und Fruchte gegen Eupferdraht, Korallen und Tücher zu vertau- 
schen. Hier folgen einige Wörter aus der Sprache dieses Stammes: 
Ein Hut aus Nipablättern: Seran. 

Aus Pandanus geflochtene Matte: Lahm, 

Lanze mit beinerner Spitze: Kabam, 

Ein Ruder: Poh, 

Aus einer Tritonmuschel verfertigte Trompete : Tiblu, 
Ein Haarkamm: Asses, 

Ein Bambus: Amen. 

Die Reisenden kamen Mitte Mai zu Doreh an, untersuchten die 
Humboldsbai und kehrten Mitte Juni schon nach Amboina zurück. 
Von der Fahrt und der Untersuchung der grofsen Geelvinksbai und 
der Fahrt aufwärts im Flusse Anperbua, die den Reisenden vorgeschrie» 
ben war, mufsten sie aus Mangel an Lebensmitteln abstehen. Der 



') Wahrscheinlich Pariser FnUse. Ich finde in dem Berichte nicht angegeben, 
ob diese Höhenangaben durch trigometrische Messungen gewonnen wurden. 



272 Priedmanat 

Name Doreh bedentet in der Papuasprache so Tiel als^innerhalb^ and 
wird mit diesem Namen die Landschaft bezeichnet mit den Dörfern 
LfOnfabi, Ajambowri, Enabi und Rohdi. Auf der vor der Bucht lie- 
genden Insel Mansinama liegt noch ein funfites Dorf, in welchem die 
Missionare Otto und Geifsler ihren Aufenthalt wählten. Auüser dieser 
Insel befindet sich in der Nähe von Doreh nur noch die Insel Nas- 
mapi, so dafs die Angabe des französischen Reisenden Dumont D*Ur- 
viUe, welcher von einer y^longue suite de peiites iies hasses ei rianies 
ä tenirie de Doreh^ (Dort) spricht, als irrig bezeichnet wird. 

Die Bucht von Doreh, am Nordende der grofsen Geelvinksbai, liegt 
0* 31' N. und 134' 8' O. L. v. Gr., hat eine nordwestliche Bichtang 
und bietet einen guten Ankerplatz für Schiffe. Bei dem Dorfe Lon- 
fabi munden zwei kleine Flüsse in 's Meer, welche vortreffliches Trink- 
wasser liefern. Der Strand ist allenthalben mit einer Korallenbank 
umsäumt, welche zur Zeit der £bbe trocken ist Hier und da trennt 
ein blendend weifser Sandstreifen den dichten Wald von der Eorallen- 
bank, aufserdem ist der Strand mit Rhizophoren, Baringtonien und 
anderen Bäumen dicht bewachsen. Parallel mit dem Strande läuft 
eine Hügelkette von 4 — 500 Fufs Höhe als Vorgebirge des hohen Cen- 
tralgebirges, deren einzelne Berge abgerundet, mit wenigen Einkerbun- 
gen sich zeigen und das Ansehen von Urgebirgen, aus Granit und 
Porphyr bestehend, haben. 

Was das Klima betrifft, so wird die tropische Hitze durch ziem- 
lich regelmäfsig abwechselnde Land- und Seewinde abgekühlt, und ist 
die Luft rein von fremdartigen Beimischungen, da das Land unmittel- 
bar von der Küste aus sich erhebt und nirgends Sümpfe vorhanden 
sind. Die Mussons treten an der Nordküste zur entgegengesetzten 
Zeit als an der Südwestküste ein. Während nämlich in Doreh von No- 
vember bis April Regenzeit ist, herrschen an der Südwestküste trockene 
Mussons, und umgekehrt. (Dieselben Nordwestwinde nämlich, welche 
an der Nordküste die feuchten Meeresdünste herbeiführen, die an 
den Gebirgs wänden sich zu Regen condensiren, kommen an der Süd- 
westküste als trockene Winde an, welche heiteren Himmel in ihrem 
Gefolge haben. Aehnlich ist das Verhältnifs mit den in den Monaten 
April — November wehenden Südostwinden, die der Südwestküste Re- 
gen, der Nordküste trockene Tage bringen.) 

Die Fauna dieses Theils von Neu -Guinea anlangend, so findet 
sich dieselbe ziemlich vollständig in P. Bleeker's Werk: „A^s door 
de Minahassa etc. 1860^ beschrieben. Unsere Reisenden sahen von 
Säugethieren mehrere Phalangista maculata^ ein Dendrolagus ursinus^ 
ein Perameles Doreiamis, ein sehr kleiner und hübscher Sciurus und 
Sus papuensis. Unter den Vögeln sind die Papageien -Arten besonders 



Die Nordwesikfiste yod Nea-Oninfia. 273 

Uofig. Plffctoiopkus galeriiu» macht sich überall iMOierklich und Trupps 
von fünfzig und mehr Exemplaren dieses schönen Vogels sind in der 
Begel beisammen und erfüllen den Wald mit ihrer nicht sehr melodi- 
schen Stimme. Aufserdem beleben Lorius tricolor, Psittacodus magnus^ 
so wie unter den Singvögeln Arses-Rhipidura'Dicaeum' und Tropido- 
rAyncAus- Arten die dunkeln Wälder. Von Casuarius galeatus^ der auf 
Neu -Guinea sehr häufig vorkommen mufs, da die Einwohner in der 
Regel mit dessen Federn geziert sind, sahen unsere Reisenden nur ein 
Exemplar. 

Die Vegetation ist aufserst üppig. So weit unsere Reisenden sa- 
hen ist das Land mit dichter Waldung bedeckt. Grasfluren erblickt 
man nirgends. Nur zwischen den die menschlichen Wohnungen um- 
gebenden Cocospalmen (Cocos micifera) weiden einige Ziegen. Die 
Waldbäume bestehen aus Tragraeen, Paritien, . Strobilantheen, Artocar- 
peuy Cäsalpinieriy Melasiomeen^ StercuUen, alle bunt durch einander, 
keine der Baumarten bildet wie jene der gemäfsigten Zoofen gesellige 
Gruppen. Längs des Strandes bemerkt man Baringtonien^ Podocar- 
pen, Pterocarpen, Urticeen und andere Familien. Viele kleine Pflan- 
zen, insbesondere Farrnkräater, besetzen den Raum zwischen den 
Waldbäumen. Was die Culturpflanzen betrifft, so werden von den 
Papuas in kleinen Gärten einige Arten von Phaseolus, Hirse (Panicum 
r. 5/7.), Reis auf unbe wässertem Grunde^ ferner Colocasia^ Dioscorea 
saiiva, Citrullus, Saccharum^ Musa in verschiedenen Varietäten, Carica 
Papaya und noch einige Fruchtbäume angebaut. Die Sagopalme so 
wie die Areca werden ebenfalls, doch selten, in den Gärten gefunden. 
Die Papuas selbst, ihre sittliche und geistige Entwickelung, waren 
besonderer Gegenstand des Studiums unseier Reisenden. Der Bewoh- 
ner von Neu -Guinea unterscheidet sich in auffallender Weise von der 
eigentlich malayischen Ra^e, indem seine Gesichtsfarbe ungleich dunkler, 
fast in's Rufsschwarze übergeht, wie beim Neger. Doch ist sein Haar 
nicht wie beim letzteren wollig, Stirn und Elinn weichen weniger zu- 
rück und die Nase ist weniger abgeplattet. Der Gesichtswinkel beträgt 
64 — 69 Grad. Beide Geschlechter gehen, mit Ausnahme einer Binde 
um die Mitte des Leibes, nackt, nur die Häuptlinge {Korano) kleiden 
sich bei besonderen Gelegenheiten mit einem Eopftuche, Sarong und 
Kabai (Tuch aus Kattun, wie ein Frauenrock). Das Schamtuch be- 
steht aus einem 5 — 6 Fufs langen Stuck Bast aus Pisang oder einer 
Palme, welches vorn und rückwärts an ein um den Leib gebundenes 
Tau in der Art befestigt wird, dafs ein langes Stück noch herabhängt. 
Die Frauen binden ein Stück Kattun, welches fast bis an die Knie 
reicht, um die Hüften (ßru). Um sich aufserdem gegen Regen zu 
schützen, tragen Männer und Frauen ein dachartig zusammengelegtes 

Z«iUehr. f. allg. Erdk. Neue Folge. Bd. ZIII. 18 



274 Friedmann: 

Gefleoht aas Pandanas- Arten, wekfaes Tom und roek'v^ärts an den 
Rändern mit fieurbigen Arabesken und feinerem Flechtwerk verziert ist. 

Trotz seiner spärlichen Bekleidung entbehrt der Bewohner Neu- 
Guineas doch nicht des Schmuckes der verschiedenen Art, den er theils 
durch Tausch von auswärtigen Barken, theils durch einheimische £2r- 
Zeugnisse gewinnt. Zu den ersteren gehören Arm- und Fingerringe 
aus Kupferdraht, Korallen für Hals- und Schalter -Bänder, Knöpfe und 
andere Kleinigkeiten. Die selbstverfertigten Verzierungen bestehen in 
Hals- und Armbändern aus verschiedenen Samenkörnern, ebenso Arm- 
bändern, sowohl am Ober- als am Vorderarm aus kleinen Muscheln, 
so wie endlich allerlei Schmuck aus Casuarisfedern. Die Armbänder 
li^en öfters so fest an, dafs man sie unmöglich abstreifen könnte. 
Auch über den Waden tragen sie ähnliche Verzierungen. Mit diesem 
Schmucke aber noch nicht zufrieden, durchbohren die Papuas auch die 
Ohrläppchen und stecken in die ziemlich grofsen Oeffnungen Schild- 
krötringe oder auch einen kupfernen Draht {Misbefoh), Die oft an den 
Halsbändern hängenden, roh zugeschnitzten Gasuarisknochen haben den 
Zweck, dem damit Verzierten eine Behendigkeit im Laufe gleich jenem 
des Casuaris zu verschaffen. Endlich tragen die meisten Männer am 
Halse noch ein geschnitztes Holz, das eine menschliche Figur vorstellt 
und mehr als Talisman, als Verzierung dient. 

Das nach auswärts gekämmte Haar wird mit Federn, Blättern 
und Blumen, letztere meistens von Albinia Malaecensis und Hibiscus 
rosa sinensis verziert Aufserdem steckt ein Bambuskamm (^Assis^ mit 
einer Kakadu- Feder in den Haaren. 

Die Tatuirungen {Kapako)^ welche man bei einzelnen Individuen 
an der Brust bemerkt, dienen nicht als Verzierung, sondern als Trauer- 
zeichen für einen gestorbenen Verwandten. Man bringt sie hervor 
durdi viele kleine Stiche mit einer Fischgräte oder einem Dom, worauf 
dann die kleinen Stichwunden mit Rufs eingerieben werden. 

Hauptwaffe der Papuas ist der Pfeil und Bogen. Letzterer (Ma- 
fifa) ist 4 — 6 Fufs lang, entweder aus Bambus {Marija Amin) oder aus 
Palmholz {M, Srah) verfertigt und an den Enden mit Schnitzwerk, Lap- 
pen und Gorallen verziert. Der Pfeil (Iköh) besteht ans leichtem Rohre, 
in welches die aus Palmholz geschnitzte Spitze eingefügt ist. Oefters 
besteht die Spitze auf dem Palmholze aus einer Fischgräte oder aus 
zugeschnitztem Bein. Als eine Art Schild dient eine grofse mit einem 
Tau als Handhabe versehene Muschel. Auch die europäische Schiefs- 
waffe ist bereits nach den Küsten Neu -Guineas gedrungen, doch sind 
die wenigen Gewehre, die im Besitze der Strandbewohner sind, in der 
Regel defekt. 

Die Papuas sind sehr gute Schützen. Bei einem zu Ehren der 



Die Nordwestküste von Neu- Guinea. 275 

Commission angestellten Festschiefsen zeigte es sich, dafs sie in einer 
Entfernung von 100 Schritten ihr Ziel noch mit ziemlicher Sicherheit 
za treffen verstehen, und die Pfeile langen mit einer Kraft an, welche 
hinreicht, einen Menschen tödtlich zu verwunden. 

Die Lanze der Papuas ist 5 — 6 Fufs lang, mit einer Bambnsspitze 
versehen und unter der Spitze mit Casuarisfedern geziert. 

Die Kriege der Papuas bestehen in Raub- und Plünderungszügen. 
"Wird jemand durch den Bewohner eines andern Dorfes beleidigt, ver- 
wundet oder getödtet, so ist ein solcher Vorfall ein Casus belli gegen 
das Dorf des Beleidigers. Eine Anzahl Bewaffneter zieht aus, lauert 
in einem Hinterhalte vor dem feindlichen Dorfe, um irgend einen Be- 
wohner desselben, der sich ohne Schlimmes zu ahnen in's Freie wagt, 
zu überfallen. Bisweilen kömmt es zwischen zwei feindlichen Haufen 
zum Gefechte auf offenem Felde, wie solches kurz vor der Ankunft 
der Reisenden zu Mansinama der Fall war, bei welcher Gelegenheit 
jedoch der Streit durch Vermittelung des Missionars Otto ohne viel 
Blutvergiefsen beigelegt wurde. Auch zur See zeigen die Bewohner 
von Neu -Guinea ihre Raublust, indem sie oft Barken und selbst euro- 
päische Kauffahrteischiffe anfallen und plündern. Während des Auf- 
enthalts der Reisenden zu Doreh zeigte man ihnen einen Papua, der 
an dem kurze Zeit zuvor an Schiffsbrüchigen eines Hamburger Schif- 
fes verübten Morde theilgenommen haben soll. 

Bevor der Papua in den Kampf zieht färbt er sich das Gesicht 
und bisweilen auch den ganzen Oberleib auf verschiedene Weise und 
versieht sich mit Verzierungen, worunter besonders die über den Kopf 
hängende Casuarishaut bemerken swerth ist. Aucb tragen die Männer 
so viele Kakadu -Federn auf dem Kopfe als sie bereits Feinde erschla- 
gen haben. Da diese Federn als ein Ehrenzeichen betrachtet werden, 
so wird sehr darauf gesehen, dafs Niemand sein Haupt mit mehr Fe- 
dern verziert, als er zu tragen berechtigt ist. 

Die im Umkreise von Doreh liegenden Dörfern haben alle ein 
elendes Aeufsere. Die Häuser sind auf Pfählen am Strande erbaut, 
stehen zum Theil im Wasser und sind mit dem Ufer durch ein Brett 
verbunden. Die Wohnungen haben verschiedene Gröfse, manche sind 
60—70 Fufs lang, 20—25 Fufs breit, während ihre Höhe 12-~15 Fufs 
beträgt. Die Wände sind aus Brettern gezimmert, das Dach besteht 
aus Palmenwedeln. Den Boden der Wohnung bilden lose neben ein- 
ander liegende Baumstämme, die auf den Pfählen liegen. Jedes 
Haus wird von einer zahlreichen Familie mit der ganzen Verwandt- 
schaft bewohnt, so dafs oft 20 und mehr Personen darin sich aufhal- 
ten. Was nun diese Papuas bewog, wie Amphibien zum Theü im 
Wasser zu leben, während das herrliche, hoch über die Fluthen sieb 

18* 



276 Friedmann: 

erbebende and frucbtbare Land unbenutzt von ibnen liegt, ist sebwer 
erklärlicb. Unseren boUändischen Reisenden scbien diese unnatürlicbe 
Gewobnbeit nicbt sehr aufzufallen , da sie mit jenen ibrer Landsleute 
Aehnlicbkeit hat, die ebenfalls sich unnöthigerweise und zum Nacbtheil 
der. Gesundheit mit Wasser umgeben und selbst ihre Städte mit zahl- 
losen Canälen durchkreuzen, die als eben so viele künstliche Sümpfe, 
besonders im Sommer zu zahlreichen Erkrankungen Anlafs geben *). 

Die Aufmerksamkeit des Besuchers eines Papuadorfes wird aber 
besonders durch ein in jedem Dorfe befindliches Oebäade angezogen, 
dafs sich durch Gröfse und Bauart von den übrigen auszeichnet. Es 
ist dies das y^Rumseram^^ welches frei im Meere steht, ohne durch eine 
Brücke mit dem Lande verbunden zu sein, so dafs man, um dabin zu 
gelangen, sich eines in's Wasser gelegten Balkens bedienen mufs. Das 
Ramseram ist in seinem innern, ziemlich grofsen Räume mit hölzer- 
nen Figuren geschmückt, so wie auch die Stützpfeiler des Gebäudes 
zu menschlichen Figuren ausgeschnitzt sind. Der Inhalt und die Be- 
deutung dieser rohen plastischen Werke ist ein gemein -sinnlicher. 
Eine technisch ziemlich gut gearbeitete männliche Figur hebt den rech- 
ten Arm in die Hohe, während die linke Hand die Schamtheile be- 
rührt. Zwei andere Figuren stellen ein Paar, welche den Coitus aus- 
üben '). — üeber den Zweck des Rumseram konnten unsere Reisenden 
keine genügende Auskunft erhalten. Sie erfuhren blos, dafs nur Jung- 
frauen und Jünglinge, welche noch kein Weib berührten, in das Ge- 
bäude treten dürfen. Es scheint, dafs in früheren Zeiten das Ramse- 
ram dem Gultus irgend eines Götzen, vielleicht einer papuanischen Ve- 
nus, gewidmet war, dafs dieser Cultus, wenigstens bei den Strandbe- 
wohnern, in Vergessenheit kam, aber um die Gewohnheit der Völker 
beizubehalten, solche Tempel noch unterhalten werden. 

Sehr einfach ist das Hausgeräth der Papuas. Es besteht aus 
Trinkgeschirren von Cocosschalen , aus Körben verschiedener Gröfse, 
welche sie aus Pandanus und Rotang flechten, so wie man in den 
Hütten auch Bambusköcher {Ampeso - sebin) zur Aufbewahrung von Ta- 
bak, farbige Matten und Kissen zum Sitzen und Schlafen und hölzerne, 
am obern Rande concav ausgeschnittene Stücke Holz in der Form von 



') Wir haben über diese Canäle {Grachten) in den holländischen Städten nnd 
ihren nachtheiligen Einflufs auf die Gesundheit schon öfters uns ausgesprochen (man 
sehe u. A.: Mediz. chirurg. Zeitung, Jahrg. 1850, Ko. 27) und glauben im Interesse 
von vielen Tausenden zu (»prechen, Tvenn wir noch einmal auf, diesen Uebelstand 
aufmerksam machen. Amsterdam, wo die Zahl der Todesfälle in der Regel jene der 
Geburten übertrifft, könnte durch Dämmung der Canäle und Anlegung von Gärten 
an ihrer Stelle eine eben so freundliche und gesunde Stadt werden, wie sie gegen- 
wärtig düster und mit einer übelriechenden Luft erfüllt ist. 

*) Abbildungen dieser Häuser finden sich in dem Werke: Nieuw Guinea^ ethno- 
ffrt^hUeh en natuurkundig onderzocht etc, Amsterdam 1862. Red. 



Die Nordwestküste ron Nen- Guinea. 727 

Stühlen findet (Affid)^ die ziemlich kOnBtlich gearbeitet sind. Zu den 
Küchengeräthschaften gehören noch irdene Töpfe, eiserne, im Handel 
erhaltene Pfannen, hölzerne Löfifel (Ailuar) zur Bereitung von Sago- 
mufs, andere Löffel aus Perlmutter und Muscheln (Ossis) und kleine 
Messer (Rawic), 

Hauptnahrung der Papuas sind Fische und Sago. ^Aufserdem ge- 
niefsen sie verschiedene Thiere, welche die Jagd ihnen liefert, so wie 
ihnen auch die oben genannten Culturpflanzen zur Nahrung dienen. 
Das Tabakrauchen aus einer grofsen Cigarre ist allgemein eingeführt, 
Sine kauen nur einige Häuptlinge, so wie diejenigen Personen, welche 
mit auswärtigen Händlern in Berührung kommen. 

Fester Grundbesitz besteht bei den Papuas nicht. Jeder nimmt 
ein Stück Land, wo er sich dasselbe aussucht und wird, so lange er 
dasselbe bebaut, als Eigenthümer betrachtet. Will der Papua ein Stück 
Waldung in Bauland verwandeln, so haut er die Bäume um, läfst sie 
auf demselben Platze trocken werden, worauf er sie in Brand steckt 
und die Asche liegen läfst. Es werden sodann kleine Gruben in den 
gewonnenen Grund gegraben, in welche die Samen der anzubauenden 
Pflanzen gelegt werden. Das auf diese Weise nothdürftig bearbeitete 
Feld wird sodann zum Schutz gegen wilde Thiere mit Pfählen um- 
geben. 

Auf der Jagd bedient man sich des Pfeils und des Bogens. Grö- 
fsere Thiere werden auch mit Stricken und in Gruben gefangen. Um 
den Casuar zu fangen treibt man ihn gegen eine Anhöhe hinauf, wo- 
selbst einige Jäger im Hinterhalte sich befinden und auf das Tbier 
losstürzen, sobald es ihnen nahe genug gekommen ist. Der Casuaris 
kehrt sich sogleich wieder um, kann aber bergabwärts nur mühsam 
laufen und wird dann eine Beute seiner Verfolger. Auch zum Fisch- 
fang bedient man sich des Bogens und eines mit 4 Spitzen versehenen 
Pfeils. Ebenso haben die Papuas ein gabelartiges Instrument, das sie 
mit Behendigkeit in das Wasser schleudern und den Fisch damit durch- 
bohren. Bei ganz ruhiger See wirft man auch Säckchen mit einer nar-* 
kotischen Pflanze in's Wasser, wodurch die Fische betäubt auf der Ober- 
fläche schwimmen und gefangen werden. — Auf die Bewohner von 
Doreh und die umliegenden Landschaften übt der Sultan von Tidor 
die Oberherrschaft aus, weshalb denn die politischen und socialen Ein- 
richtungen der Papuas jener Gegend ihre Ursprünglichkeit zum Theil 
verloren haben mögen. Um die mit auswärtigen Völkern noch wenig 
in Berührung gekommenen Stämme zu beobachten, müfste man mehr 
in's Innere des Landes dringen oder wenigstens die Einwohner an der 
Südostküste Neu-Guineas näher kennen lernen, was bei der holländischen 
Expedition nicht der Fall sein konnte. Was nun die Gegend um Do- 



278 Friedmann: 

reh betrifft, so wird jedes Dorf von einem HäuptUng regiert, der vom 
Sultan von Tidor angestellt wird. Bei der Investitur erhält diese Per- 
son {Korano) ein Eopftach und Eabaja. Er entrichtet seinem Herrn 
jährlich eine bestimmte Abgabe, ohne dafs er selbst das Recht hat 
Steuern von den Dorfbewohnern zu erheben. Die Einnahmen des Ko- 
rano sind daher auf freiwillige Gaben beschränkt In der Familie ist 
der Hausvater unbeschränkter Herr und ihm wird unbedingt gehorcht. 
Die Frauen sind übel gehalten, sie sind die Sclaven der Männer und 
ihnen ist aufser den häuslichen Geschäften auch ein grofser Theil des 
Landbaues und der Fischerei übertragen. Wenn ein Verbrechen be- 
gangen wird, so treten die Aeltesten des Dorfes zusammen und be- 
stimmen die nach hergebrachter Sitte darauf gesetzte S träfe ^ die an 
den Thäter auch sogleich vollzogen wird. Auf Mord ist die Todes- 
strafe gesetzt, welche gewöhnlich von den Verwandten des Ermorde- 
ten zur Ausfuhrung gebracht wird. Muthwillige Verwundung wird mit 
Bufsen bestraft, Diebstahl ebenfalls mit Geldbufse und Zurückerstattung 
des Gestohlenen. Auf Nothzucht ist keine Strafe gesetzt, und rühmen 
sich im Gegentheil die Männer, wenn sie eine solche That verübt ha- 
ben. Die Männer verheirathen sich so früh als möglich. Der junge 
Mann macht die Eltern seiner Auserkornen mit seinem Plane bekannt, 
und diese bestimmen die Gröfse des von dem Manne zu entrichtenden 
Brautschatzes, der in Sclaven und vielerlei sonstigen Artikeln besteht. 
Hierauf gehen die Verlobten mit den Eltern vor den j^Karwar^ (Göt- 
terbild), die Frau giebt dem Manne etwas Tabak, dieser reicht der 
Frau die rechte Hand hin und die Ehe ist für Lebensdauer geschlos- 
sen. Oefters geschieht es auch, dafs zwei Familien ihre Kinder mit 
einander verloben, während diese noch minderjährig sind. In diesem 
Falle wird der Brautschatz — denn darum scheint es sieh vorzüglich 
zu handeln — zum Theil schon voraus entrichtet, die beiden Familien 
aber bleiben durchaus aufser gegenseitiger Berührung bis die Zeit der 
Verheirathung herbeikommt. 

Die Frauen gebären im Allgemeinen leicht, wie dies bei allen 
Naturvölkern der Fall ist. Wird ein Sohn geboren, so haben aufser 
den Eltern auch der älteste Bruder des Vaters ein Recht auf das Kind, 
bei einer Tochter aber geht dieses Recht auf die älteste Schwester der 
Mutter über. Nicht zu früh giebt der Vater dem Kinde einen Namen, 
der später öfters mit einem anderen vertauscht wird. Selten behalt 
Jemand den ihm in der Jugend gegebenen Namen sein ganzes Leben 
hindurch. Bei einer solchen Namensverwechselung werden alle Dorf- 
bewohner davon in Kenntnifs gesetzt, denn es wird als eine Beleidi- 
gung betrachtet, wenn man Jemanden mit einem Namen anspricht, den 
er nicht mehr fuhrt. 



Die Nordwestkuste von UTeti- Guinea. 279 

Bei dem Tode eines Häuptlings yersammelt sich die ganze Bevölke- 
rung des Dorfes im Sterbehaus. Die Leiche wird gebadet, in weifsen 
£[Attnn gewickelt und nach dem Grabe getragen. Dieses hat eine Tiefe 
von etwa 5 Fufs, und die Leiche wird auf die Seite gelegt, während 
das rechte Ohr auf einer irdenen Schale ruht. Bei dem Begräbnifs wird 
der Karwar als Urheber des Todes mit Vorwürfen überhaupt. Einige 
Waffen und Verzierungen werden neben die Leiche gelegt, die Erde 
hierauf auf die Leiche geworfen, und das Grab mit einem Zaune und 
einem Dache aus Palmenwedeln versehen. Bei den Begräbnissen von 
weniger angesehenen Personen beobachtet man nur wenig Feierlich- 
keiten. 

Bei dem Tode eines Mannes oder einer Frau machen die Eltern 
des Verstorbenen öfters Anspruch auf die hinterlassenen Kinder, ins- 
besondere auf die Mädchen. Dies geschieht jedoch nicht aus Liebe 
oder sonst einem lobenswerthen Beweggrunde, sondern aus Eigennutz, 
da die Knaben für die Grofseltern arbeiten sollen, die Mädchen aber 
bei ihrer Verheirathung einen Werbeschatz erhalten, der dem Eigen- 
thümer der Tochter zufällt. 

Die Krankheiten, denen die Papuas unterworfen sind, bestehen 
grofsentheils in Wechselfieber, Unterleibs- und Hautkrankheiten. Ein 
grofser Theil der Bevölkerung leidet an der ekelhaften Schnppenkrank- 
heit (Ichthyosis)^ die wohl der Unreinlichkeit und dem zu häufigen Ge- 
nufs von Fischen und Amphibien zugeschrieben werden mufs. Die 
Syphilis ist bis jetzt zu Doreh unbekannt. Die von den Eingeborenen 
gebrauchten Heilmittel bestehen aus Abkochungen von Blättern, Früch- 
ten und Wurzeln. Während der Fieberkälte legt man den Leidenden 
in die brennende Sonne oder im Hause unweit des Feuers, während 
der Hitzeperiode sucht man ihn durch Sturzbäder abzukühlen. Brin- 
gen die angewendeten Mittel keine Genesung hervor, so wird die Krank- 
heit dem Einflüsse irgend eines bösen Geistes zugeschrieben {Mano'efy 
Es werden hierauf die ältesten Männer des Dorfes über den Kranken 
zu Rathe gezogen. Wenn diese die Elrankheit für unheilbar erklären, 
so wird der Unglückliche seinem Loose überlassen. 

Im Ganzen kann die Gegend um Doreh, wie überhaupt die ge- 
birgigen Länder der Tropenzone, als gesund betrachtet werden. Von 
der dort über einen Monat verweilenden Mannschaft der Expedition, 
die ans 400 Köpfen bestand, erkrankten nur zwei javanische Soldaten 
an Beri-beri, von welcher der eine starb, der andere genas. 

Die Papuas sind Freunde von Festgelagen, bei welchen in der 
Regel gesungen und getanzt wird. Bei Gelegenheit der Namens- 
wechselung giebt der Träger des neuen Namens seinen Verwandten 
und Freunden ein Gastmahl, wobei während zweier Nächte hindurch 



280 Friedmann: 

geenngen wird. Ein anderes, mehr religiöseB Fest ftndet statt, wenn 
ein neuer Earwar geschnitzt wird. Eine Hochseit giebt ebenfalls Ge- 
legenheit zur Abhaltung eines Festes, wobei zwei Tage vor der m 
vollziehenden Heirath die Gäste sich im elterlichen Hause der Braut 
versammeln, und ein Festessen unter Tanz und Musik gehalten wird. 
Sago, Schweinefleisch, Fische und Früchte aller Art sind die bei sol- 
chen Gelegenheiten aufgetragenen Speisen. Die Gäste sitzen mit über 
einander gekreuzten Beinen auf dem Boden, und die vornehmeren der- 
selben erhalten die vorgesetzten Speisen auf einem irdenen Teller, 
während die anderen auf Pisangblättern sie verzehren. Zu festlichen 
Gelagen geben ferner das erste Haarabschneiden bei den Kindern, 
dann das erste Anlegen der Schambedeckung, welches nicht vor dem 
zehnten Liebensjahr geschieht, so wie das Erbauen eines neuen Hau- 
ses, insbesondere eines Rumseram Anlafs. 

Das vorzüglichste Fest ist jenes, welches gefeiert wird nach der 
Zurückkunft von einem glücklich vollendeten Krieg, besonders wenn 
ein an einen Dorfbewohner verübter Mord die Veranlassung zum Kriege 
war. Die aus dem Gefechte Zurückkehrenden kündigen ihre Ankunft 
schon von Feme durch den Schall einer aus einer Tritonmuschel ver- 
fertigten Trompete an. Im Dorfe halten sie bei dem vom Erschlage- 
nen früher bewohnten Hause still, um die den Feinden abgeschlagenen 
Köpfe den Anverwandten zu übergeben. Diese empfangen dieselben 
unter Jauchzen, wobei sie mit denselben herumtanzen. — Auch bei 
der Zurückkunft der Abgeordneten, welche dem Sultan von Ternate 
den Tribut überbringen, wird ein Fest gefeiert. 

Die Musik -Instrumente, deren sich die Eingebornen zu ihren Tän- 
zen bedienen, bestehen aus Bambusflöten, Pauken {Rohrah) von ver- 
schiedener Gröfse mit Schnitz werk und Farben verziert, an der un- 
teren Fläche offen, an der oberen mit einer Schlangen- oder Leguan- 
haut überzogen, so wie auch bisweilen aus einem Gang- gong ^ den sie 
aber durch auswärtigen Handel erwerben. 

Die religiösen Begriffe der Papuas sind noch sehr dunkel und ver- 
worren. Man nimmt die Existenz eines guten und eines schlimmen 
Wesens an, verehrt aber hauptsächlich das letztere, um dasselbe zu 
veranlassen, das Schlimme, welches es dem Menschen zugedacht, ab- 
zuwenden. Die oben erwähnten unter dem Namen Karwar bekann- 
ten hölzernen Figuren stellen keineswegs die Gottheit vor, sondern 
verstorbene Personen, die man verehrt und auch als eine Art Heilige 
anbetet. Es giebt deshalb männliche und weibliche Karwar, die als 
Schutzpatrone auf den Häusern stehen. Will Jemand die Fürbitte 
des Karwar anrufen oder ihn in irgend einer Angelegenheit zu Rathe 
ziehen, so setzt er sich vor das Bild und bietet die mitgebrachten Gra- 



Die NordwestktUte you Nen-Qainea. 281 

ben, die in Tabak, Eattunlappen and Korallen besteben» dar. Hier- 
auf bringt der Supplikant seine Angelegenheit vor und bittet am die 
Onade des Earwar. Wird der Betende während seines Geschäftes von 
Niesen, Hasten oder einem sonstigen aufsergewöhnlichen Gefühl über- 
fallen, BO wird dies als schlimmes Zeichen angesehen, die Bitte bleibt 
unerhört. Anfserdem hofft er auf Erfüllung seines Wunsches und ver- 
läillt frohen Muthes die heilige St&tte. 

Vor den Seelen von ermordeten Personen fürchtet sich der Papua 
sehr. Deshalb bleiben die Erschlagenen auch auf dem Platze liegen, 
wo der Mord verübt wurde. Einige Abende nach der Yerübung eines 
Mordes oder der hierüber empfangenen Nachricht versammeln sich die 
Bewohner des Dorfes, in welchem der Erschlagene gewohnt hat und 
machen durch Schreien und Toben einen gewaltigen Lfirm, um die 
Seele des Ermordeten, die sich etwa nach ihrer früheren Wohnung 
wieder begeben möchte, zu verjagen. Gegen die Seelen jener Perso- 
nen, die eines natürlichen Todes oder durch Verunglückung gestorben 
sind, hegen die Papuas gastfreundschaftlichere Gesinnungen, indem sie 
ihnen auf Bäumen hölzerne Häuschen anweisen, um darin fortan zu 
wohnen. 

Es läfst sich aus dem Angefahrten wohl entnehmen, dafs die Pa- 
puas dem Aberglaaben in seinen verschiedenen Richtungen ergeben 
sind. So besitzen sie denn auch verschiedene Zeichen, um den guten 
oder schlimmen Erfolg eines Vorhabens zu erkennen. Zur Entdeckung 
der Schuld oder Unschuld einer eines Verbrechens angeklagten Per- 
son gebrauchen sie, wie unsere Vorfahren im Mittelalter, die Ordalien. 
Der Angeklagte mufs mit blofser Hand einen Gegenstand aus einem 
Topfe mit kochendem Wasser holen, oder es wird ihm ein Tropfen 
geschmolzenen Bleies auf seinen Körper gegossen. Entstehen in dem 
einen oder anderen Fall Brandblasen, so wird er als schuldig, anfser- 
dem für schuldlos gehalten. 

Das Einstürzen eines Hauses, insbesondere des Rumseram, bringt 
das ganze Dorf in Aufregung. Man glaubt, dafs die Karwar zürnen 
und deshalb die bösen Geister (JHIanoet) gegen die Dorfbewohner auf- 
hetzen. Unternimmt ein Theil der Dorfbewohner eine Seereise, so 
holen die Zurückbleibenden, um zu erfahren, ob die Reisenden glück- 
lich wieder zurückkehren werden, ein langes Stück Rottang aus dem 
Walde und vertheilen sich in zwei Haufen, von welchen der eine die 
Zurückgebliebenen, der andere die Abgereisten vorstellt. Beide zie- 
hen nun mit allen Kräften an den Enden des Rohrs. Müssen am Ende 
diejenigen nachgeben, welche die Zurückgebliebenen darstellen — was 
sie in der Regel absichtlich thun — so ist dieses ein günstiges Zeichen. 

Eine Priesterkaste, die besonderen Einflufs auf das Volk ausübt, 



282 * Friedmann: Die NordwestkiUtelTon Nen-Oniiiea. 

giebt es unter den Papnas nicht, doch bestehen Zauberer (Kokinsor) 
welche die Earwar zu beschwören verstehen und sich dafür bezahlen 
lassen. 

Trotz der niederen Coltorstufe, auf welcher die Papuas stehen» 
besitzt ihre Sprache doch Namen für mehrere Sterne und Sternbilder, 
deren Stand sie bei ihren Seereisen beobachten. Die Sonne (Orie) 
und der Mond (Paih) bewegen sich in einer Weise, die den Astrono- 
men der Papuas, wie sie gestehen, unerklärlich ist Von den Sternen 
unterscheiden sie Venus als Morgenstern (Samfari) und Venus als 
Abendstern {Mahlendi\ ferner heifst Jupiter Maksra und Orion Kokori. 
Das Jahr vertheilen sie in zwölf Monate, indem von einem Vollmond 
zum anderen ein Monat gerechnet wird. Die einzelnen Monate wer- 
den nach den während derselben culminirenden Sternen benannt, so 
wie auch nach den gewöhnlich eintretenden atmosphärischen Ereig- 
nissen. 

Der Zeitraum vom ersten bis vierten Monat heifst die Schlange 
(Munguat\fä) nach dem zu dieser Zeit hochstehenden Sternbild, und 
bilden die einzelnen Monate dieses Zeitraumes die Unterabtheilungen 
desselben, so dafs der erste Monat „der Kopf (Aofrm), der zweite 
^er Hals^ (Rawam$i)y der dritte „der Leib^ (Wepursi) und der 
vierte „derSchweiP (Purari) genannt wird. Der fünfte Monat, ana- 
log mit der Zeit des April oder Mai, heifst „Sterbemonat^ (Mandi), weil 
zu dieser Zeit, nach dem Aufhören der Regenzeit, in der Regel mehr 
Menschen als sonst im Jahre an Fieber sterben. Der sechste Monat 
heifst der „Fiebermonat^ (Wamhabis). Der siebente Monat heifst Ro- 
muri^ der achte Sarmuri, Eine EiMärung dieser Namen, so wie jener 
des 10., 11. und 12. Monats konnten die Reisenden nicht erfahren. 
Der neunte Monat, Kakori, ist nach dem Siebengestirn genannt Der 
Name des 10. ist Konempiy des 11. Jatoi, des 12. Swabu So findet 
sich denn auch bei diesem rohen Stamme der Keim geistiger £nt- 
wickelung, und das Charakteristische der menschlichen Natur, die Er- 
kenntnifs der eigenen Un Vollkommenheit, das Streben nach höherer 
Entwickeluug, so wie der Blick über das irdische Dasein hinaus, lafot 
sich, so sehr sich auch die einzelnen Völker und Individuen je nach 
ihrer erlangten Gnlturstufe von einander unterscheiden, selbst bei dem 
niedrigsten Bildungsgrade nicht verkennen. 



283 



XVI. 

Die Grasvegetation Italiens. 

Nach Parlatore's Fhra italiana bearbeitet von 

Dr. Carl Bolle. 



L Wildwachsende Oramineen. 

Die Gramineen Italiens sind zum allergröfsten Theile krautartige 
Gewächse (piante herbacee)^ auch werden sie deswegen im gewöhn- 
lichen Leben Gräser (erbd) genannt. Selten nur sind es Sträacher, 
wie einige Arten von Arundo, Saccharum und EriaiUhus, Ihre Wnr* 
zeln sind meist faserig, mit zarten, oft haarigen Zasern, oder aber 
kriechend, indem sie bisweilen Stolonen aussenden, durch welche sie, 
bei grofser Häufigkeit, den Feldern schädlich werden. Ihre bald ein- 
fachen, bald unten verästelten Halme bilden gewöhnlich mehr oder 
weniger dichte Rasen, selten stehen sie einzeln da. Sie sind cylindrisch, 
bisweilen zusammengedrückt und besitzen in gewissen Abständen Kno- 
ten, deren man nicht selten angeschwollene und abweichend gefärbte 
wahrnimmt. Die Internodien sind theilweis oder ganz in Blattschei* 
den eingehüllt; nur die oberen stärker verlängerten pflegen nackt zu 
sein. Einige der uns hier beschäftigenden Gräser, z. B. Phalaris coe^ 
rulescens y Ph. nodosa^ die Varietät nodosa von Phleum pratense u. a. m. 
zeigen am Grunde des Halmes verdickte Internodien, welche über ein- 
ander gestellten Knollen gleichen und zu dem Irrthum Veranlassung 
gegeben haben, als besäfsen jene Pflanzen wirklich knollige Wurzeln. 
Die Verschiedenheit der Halmhöhe und Halmdicke ist ungemein grofs. 
Einige italienische Gramineen haben einen äufserst dünnen, fadenför- 
migen und dabei niedrigen Halm, wie im Allgemeinen viele Aira^ und 
Agrostis- Arten; andere, namentlich die strauchigen, erheben ihre kräf- 
tigen Halme zu einer Höhe von 14, ja von 18 — 20 Fufs. Die klein- 
sten Arten, wie Mihoru terna und Crypsis nigricans werden kaum 
1—4 Zoll hoch. 

Die Gräser leben in Italien, wie überhaupt in den gemäfsigten 
und kalten Ländern, gesellig und bilden so grofsentheils jene grünen 
Teppiche, welchen der Name Wiesen (prati) oder Weiden (pascol%) 
gegeben wird, je nachdem jene Gewächse mehr oder weniger üppig 
und dicht beisammen stehen, so dafs sie entweder ein - oder mehrmals 
im Jahre zur Heugewinnung gemäht werden können, oder, an unbe- 
bauten Stellen und Bergabhängen, nur dem Vieh zur Weide dienen, 



1 



284 Bolle, 

ohne dab es, ibres wenig dichten Standes wegen, möglich wäre, sie 
als Heu za ferwerthen. Die Wiesen werden xnm giölsten Theil von 
Gräsern gebildet, welche unten im £rdreich mit ihren dicht versehlon- 
genen Warzdn eine Art Netz znsammensetien, welches Baume und 
Straucber £ut ganzlidi ausschliefet: daher der G^ensatz von Wiese 
und Wald. Nur wenige andere Pflanzen nehmen Theil an der Wie- 
senbildung, so einige Winden (Comtohuku)j W^ebreitarten {Plantago\ 
Valerianellen, vorzugsweise aber Leguminosen, wie die Eleearten, die 
Medicagiuesj die Widmen etc. Wir reden hier von den naturlichen Wie- 
sen, während allbekannt ist, dafe Italien deren auch künstliche besitzt, 
die &st ganz aus einer der folgenden Pflanzen bestehen: Trifoümm in- 
camaium b. Mokneri (irifogäo bologmno)y Tnfoämm praiemse (Klee), 
Esparsette (hipinella)^ Hedysarmm earonarimm (svlfa), Luzerne (^kerba 
medica). Die italiemschen Wiesen entstehen fast plötzlidi unter dem 
Einflüsse der ersten Herbstregen und erquicken aufs Lieblichste das 
von den Strahlen der Hochsommersonne ermüdete Auge, die alles Gras 
versengt und auf den Feldern nur Gestrüpp und Stoppeln übrig lafet. 
Dies schnelle Entstehen der Wiesen ist um so überraschender, je mehr 
wir es in den Tiefebenen und im Süden Italiens oder in SiciUen and 
auf den kleineren Inseln beobachten, wo der Sonnenbrand im Juli ond 
August am fühlbarsten glnht. Im Herbst also, wenn die Baume un- 
serer Klimate ihr Laub abstreifen, um blattlos und kahl dazustehen, 
erscheinen die Wiesengraser und erhalten uns so jenes unvergängliche 
Grün, welches die Natur zu unserer Augenweide der Pflanzenwelt ver- 
liehen hat. Es giebt in Italien tiefgel^ene und Bergwiesen, welche 
letztere wiederum den Namen von Alpenwiesen annehmen, wenn sie 
eine sehr bedeutende Höhe über dem Meeresspiegel einnehmen, in der 
sogenannten alpinen Region der Gebirge, vorzugsweise in den Alpen 
und Apenninen. Verschiedenartig aber ist ihre Zusammensetzung in 
der Höhe und Tiefe, versdiiedenartig ebenfalls an verschiedenen Orten 
der HalbinseL Die niedrigen Wiesen Oberitaliens, wie sie Piemont 
und die grofse lombardo-venetisdie Ebene besitzen, sind im höchsten 
Grade reich und üppig. Dank der Wassermenge, welche, von den Al- 
pen herabströmend, die benachbarten Flächen befruchtet und die wahre 
Ursache des Beichthnms der norditalienischen Gebiete, namentlich der 
Lombardei, wird, zugleich aber auch die an den genannten Orten so 
häufigen Nebel veranlafst. Dem reichlichen und guten Futter, wel- 
ches diese vielfach im Jahre gemähten Wiesen liefern, verdankt man 
in der That die Trefflichkeit des lombardischen Yiehs und die Güte 
der selbst auf den Tafeln entfernter Länder gerühmten lombardisdien 
Käse. Die Grundbestandtheüe dieser Wiesen geben folgende daselbst 
mehr oder minder häufige Gräser ab: Amiko x a nihw m odor afni , P k in m 



Die Gittsregetatioii Itftliens. 285 

praiense, Alopecurus praiemU und tOriculatuB^ Solcus ianaiusy Poa tri" 
fnaUs und praiensis, DaetyUs giomeratOy Cynoiurus eristiOus, Bri%a me- 
dia^ Serrafaicus molHs, Arrhenaiherum eiaÜMSy Trisetum flavesceng etc. 

In Mittelitalien sind die Wiesen noch wenig von jenen Oberitaliens 
verschieden ; h&ajfig treten daselbst auf: Serrafaicus moüis^ Phleum pro- 
iense^ Alopecurus agresHs und utriculatus^ Hokus lanatusy Cynosurus 
cristaius^ Yulpia ligustica^ Trisetum negleclum, Aioena sterilis und faiua, 
Poa pratensis u. s. w. , während im Süden der Halbinsel und schon 
tbeilweis an ihrer Westküste und ganz allgemein in Sardinien und Si- 
cilien die tiefgelegenen Wiesen bestanden sind mit Bromus madrUen^ 
sis, Serrafaicus mollis^ Af>ena fatua, hirsuta und sterilis, Trisetum con- 
densatum, pareißorum und neglectum^ Aegilops oeata, SHpa tortihs, Vul- 
pia tnyurus und ligustica, Koeleria phleaides^ Lagurus ovatus, Poa a»- 
nua, Lolium perenne etc. An einigen Lokalitfiten, wie im Genuesischen, 
findet man unter ähnlichen Verhältnissen auch Danthonia provinciaUs. 

In Betreff der Berg- und Alpenwiesen fällt es wirklich schwer, 
die sie bildenden Gräser mit Genauigkeit anzugeben, so sehr verschieden 
ist je nach der Höhe, auf der Halbinsel und auf den Inseln, die Grund- 
masse dieser Matten. Im Allgemeinen trifft es zu, daüs die den tief- 
gelegenen Wiesen Oberitaliens zukommenden Gewächse sich auf den 
Bergwiesen Unteritaliens wiederholen, so z. B. Briaa media ^ Alopecu- 
rus pratensis, Trisetum flavescens, Anthoxanthum odoratum u. a. m., 
welche eine gewöhnliche Erscheinung auf den Höhen des Eönigreicbs 
Neapel sind und von denen wir bereits gesehen haben, in wie grofsem 
Ueberflusse sie im Tieflande Piemonts und der Lombardei vorkonmien. 
Auf den alpinen Wiesen der Alpen und der Apenninen wachsen ge- 
wöhnlich Phleum alpinum, Alopecurus Gerardi, Agrostis canina, Sesle- 
ria coerulea, Poa alpina und deren Varietät Molineri u. s. w., nicht zu 
vergessen, dafs die Seggen (Carea:) auf den Alpenwiesen eine bedeu- 
tende Rolle spielen. 

Die Weiden des iinangebauten Landes und der Gebirge, auf wel- 
chen sich in der Regel die Ziegen und das Rindvieh tummeln und die 
Pferde sich selbst überlassen grasen, unterscheiden sich von den Wie- 
sen durch die geringere Dichtigkeit ihres kein Heu liefernden Gras- 
wuchses. Aus eben diesem Grunde findet man dieselben häufig mit 
Gesträuch durchsetzt. Allerdings ist es schwer, genau den Unterschied 
einer Weide von einer Wiese anzugeben, da es eine allbekannte Sitte 
in Italien, namentlich aber in Toscana ist, das Vieh während des Herb- 
stes und Winters auf den Wiesen weiden zu lassen, ehe die Zeit des 
Heumachens gekommen ist. Im Allgemeinen wachsen auf den Wei- 
den die Gräser nicht sehr üppig, denn es sind gewöhnlich wasser- 
arme Strecken y während sie sich auf den Wiesen meist viel kräftiger 



286 Bolle, naeh Plulatore: 

entwickeln. Am alleitnewten thnn sie dies auf den Rieselwiesen, dtircli 
die Sorgfalt des Landmannes und durch die Menge von Wasser, welche 
künstlich dorthin geleitet wird. Die Weiden des Tieflandes haben im 
Allgemeinen Antheil an den Pflanzen der Wiesen selbst. Das Ray- 
gras (Loglio^ LoHum perenne) bestandet sie gewöhnlich grofsentheils. 
Aaf jenen bergigeren Orten herrschen vor: Festuca duriusculOy Koele- 
ria grandiflora^ Trisetvm flaeegcens, Aira flexuosa, das sogenannte Hen 
(Fieno) unserer Alpenhirten, AgrosHs tmlgaris, Nardus aristata und an 
den höchsten Gehängen aufserdem noch AgrosHs alpina und rupestrisy 
sowie Aeena Scheuchzeri. 

Die Menge der Wiesen und Weiden Italiens beweist zur Genüge, 
dafs im Allgemeinen unsere Gräser krautig und von niederem Wüchse 
sind. Es fehlt aber auch nicht an einigen strauchigen Arten, gleich- 
sam dem Vortrabe der Riesengramineen der Tropen. Dazu gehören 
einige Rohrarten, Arundo Donax und Phragmites communis; femer 
Saccharutn aegyptiacum und Erianthus Ravennae. Die beiden ersteren 
Species wachsen massenweis in sehr zahlreichen Individuen beisammen, 
so gewissermafsen Wälder bildend, die allein, wenn auch nur annähe- 
rungsweise, an die prachtvollen Bambushaine der Gangesufer erinnern. 
Das Arundo Donax, vielleicht ursprünglich in Italien nur kultivirt, be- 
schattet jetzt den Lauf vieler unserer Flüsse und bildet die sogenann- 
ten Canneti (Geröhrichte), während das Phragmites in den Sümpfen 
gemein ist und daselbst gesellig und individuenreich, jene anderen Ge- 
röhrichte schafft, die man Canneti di padule nennt. Das Saccharum 
aegyptiacum gedeiht nur an den Ufern des Oreto bei Palermo. Ver- 
breiteter ist der an sumpfigen Stellen, namentlich der Ostküste Italiens, 
nicht seltene Erianthus Ravennae. Die Herrlichkeit des Wuchses die- 
ser Pflanzen, die Schönheit ihres Blüthenstandes weist ihnen unter den 
Mitgliedern ihrer Familie den höchsten Platz in der italienischen Flora 
an. Ihre Höhe von 14 — 16, ja bisweilen von 20 Fufs bildet einen 
schönen Contrast mit den anderen kleinen Gräsern Italiens, die wenig 
höher als 1 — 2 Zoll werden, namentlich mit der Mibora vema und der 
Crypsis nigricans, 

Landschaften, wie sie die genannten Gräser hervorrufen, sind in- 
defs nicht die einzigen, welche sich dem Blicke des Naturforschers in 
Italien darbieten. Noch eine andere Grasart, welche früher zu den 
Rohrspecies gerechnet ward, der Ampelodesmos tenax, ebenfalls noch 
hohen Wuchses, verleiht mit seinen dichten, von langen Blättern ge- 
bildeten Rasenbüschen manchen Hügeln und Ealkbergen der Westküste 
der Halbinsel, auch Sardiniens und Siciliens, eine ganz eigenthümlicbe 
Physiognomie. Diese gewöhnlich steilen Hügel und Berge, die man 
graminee (grasige) nennt, zeigen sich in weiter Ausdehnung mit sol- 



Die Grasvegetetioii Italiens. 287 

oben Büschen bedeckt, welche, während sie das Erdreich zusammen- 
halten, zugleich dem ausgleitenden Fufse des Botanikers einen Halt 
darbieten und ihm beim mühsamen Emporklimmen ihre Hälfe leihen. 
Diese Busche bilden, abwechselnd mit einigem Gestr&uch von Ginster, 
G3rtisus, Cistrosen und Eriken, auf die gemeldete Weise, einen der cha- 
rakteristischsten Zuge der Mittelmeer- Vegetation. 

Wieder andere Gramineen lieben die Felsspalten, wie Festuca 
exaUata, Melica mttjor^ MiHum coerulescens , SUpa pennata^ Brachypo- 
diiim ramosum, Agrosiis rupestris, Panicum compressum u. s. w. oder 
wachsen auf Ruinen von Bauwerken, auf Mauern, Ziegeldächern und 
längs der Wegränder, so vorzugsweise mehrere Arten Bromus, Serra- 
falcusy Vulpia^ Phleum, Poa, Hordeum, Sclerochloa rigida^ Brachypodium 
distttchyon^ Aegylops ovata und im Süden Italiens auch Lamarckia aii- 
rea und Lagurus ovahis. Einige trennen sich ungern von den Hecken 
». B. unter anderen Trespen der Bromus Gussonii und asper ^ Milium 
multiflorum, Brachypodium syhaticum^ Melica ciliata; andere ziehen die 
Gewässer oder deren Nachbarschaft vor, so die Giycerien^ Catabrosa, 
Antinoria insularisy einige Arten von Alopecurus^ Panicum, Agrostis 
und Crypsis; noch andere zeigen Vorliebe für Dünensand, wie Psamma 
arenaria, Agropyrum junceum und »cirpeum, Sclerochloa maritima^ Ca- 
tapodium loliaceum, Vulpia unightmiSy Koeleria vUlosa, Lepiurus cylin^ 
dricus und tncurva^us etc. Verschiedene endlich wachsen in den Cul- 
turen, so vor Allen im Ueberflufs die Setarien, EragrosHs megastachya, 
Poa annua, Cynodon Dactylon, mehrere Arten von Phalaris und Digi- 
iaria, Sorghum halepense u. s. w. und einige mengen sich vorzugsweise 
gern anter die Saaten, wie Agrostis Spica f>enti, Cynosurus echinatus, 
Serrafulcus areensis, secalinus und mollis, Avena fatna, sterilis und 
hirsuta^ Trisetum pareißorum, Vulpia panormitana, Lolium temulentnm 
n. 8. w. Letzteres wird, ebenso wie Cynodon Dactylon, auf verschie- 
dene Weise den angebauten Pflanzen, unter denen es wächst, schädlich. 

Die Sippe der Gramineen, welche in Italien am meisten vorwaltet, 
ist die der Festucaceen, wie das im Allgemeinen in Europa der Fall 
ist. Sehr reich an Arten sind mithin die Gattungen Poa, Festuca, Vul- 
pia^ Bromus, Serrafakms etc, doch ist zu bemerken, dafs die Oryzecn 
and namentlich die Sippe der Faniceen und Andropogoneen , obwohl 
sie im Allgemeinen tropischen Elimaten angehören, doch auch in un- 
serer Flora einige Repräsentanten besitzen. Sie sind in derselben 
wirklich speciesreicher als in den übrigen europäischen Floren. So 
zählen die Oryzeen in Italien zwei Species, Leersia oryaoides und Er- 
harta panicea, obwohl Letztere, welche jetzt verwildert bei Fortici un- 
weit Neapel wächst, sicher fremden Ursprungs ist. Unter den Fani- 
ceen erblicken wir die Gattung Pennisetum, mit einer Art, dem Pentii- 



288 Bolle, nach P«xi«tore: 

»ehum eemehroideSy drei Arten von SeUtria^ mehrcire echte Pomea, wie 
can^e$9umy repen»^ eapiUnre^ einen Ophsmetmsy zwei Digitarien, Tra^ 
guM racemosus^ Trickolaena Teneriffae. Unter den Andropogoneen h&- 
ben wir in Sacckamm^ eine Erianihus-^ eine Imperuta^ ^ vier Andropo» 
gon-y eine PoUinia-,, ein Chrysopogon-y ein Heieropogon^ und zwei 5or- 
^Avm- Arten. Auch in den übrigen Sippen fehlen einzelne Gattungen 
and Arten nichts» welche erkennen lassen, daCs auch hinsichtlich dieser 
Pflanzenfamilie die Flora des südlichen Italiens und der Inseln eine 
Annäherung an nicht ferne tropische Vegetationen darzubieten anfängt. 
So verhält es sich mit Chaetaria 4^C€n8ionis unter den Stipaceen, mit 
Dtwtylocienium aegyptiacum und JHnebra arabica unter den Chlorideen 
u. s. w. Die echten Pappophoreen fehlen der italienischen Flora und 
nur Echinaria capitata verdient in der Unterabtheilung der Sesleiia- 
ceen, als den Pappophoreen entfernt angehörig erwähnt zu werden. 
Die Bambusseen allein haben keinen Repräsentanten in Italien au£&u- 
weisen. 

Diese Hinneigung einiger Gramineen zum Charakter ihrer tropi- 
schen Schwestern zeigt sich nicht nur in der Gegenwart mehrerer fru- 
tescirenden Arten, sondern auch in dem Monöcismus oder dem Polj- 
gamismus mancher von ihnen, vorzugsweise der Andropogoneen, ob- 
wohl im Allgemeinen die italienischen Gbräser sich als hermaphroditisch 
blühend erweisen und darin dem grofsten Xbeile der aubertropischen 
Mitglieder dieser Familie gleichkommen. Diese selben Gramineen be- 
sitzen aufserdem noch einen anderen äquatorialen Charakterzug in der 
grofseren Weichheit ihrer Blüthenstände, welche aus Seide oder Baum- 
wolle gebildet zu sein scheinen. In der Tbat liefert uns die Anschauung 
der Imperata cyUndrtca^ der Tricholaena Teneriffaey. des Saccharum 
aegyptiacum, des Eriantkus Raxiennae, selbst die des Lagurus ovatus, 
Aehren und Rispen von Blüthen dar, die weich, seidenartig und oft 
von vollendeter Eleganz sind. 

Während einerseits Saccharum aegyptiacum, Tricholaena Teneriffae, 
Chaetaria Adscehsionis und Pennisetum cenchraides unter den Grami- 
neen die südliche Grenze des italienischen Pflanzenwuchses bilden, 
repräsentiren Avena Scheuch%eri und Agrostis alpina das entgegenge- 
setzte nordische Extrem desselben. Zwischen diesen stehen die übri- 
gen Species dieser zahlreichen Gruppe geographisch mitten inne. 

Die italienischen Gramineen blühen im Allgemeinen frühzeitig. Im 
April und Mai stehen die meisten derselben in voller Blüthe. Noch 
ein wenig mehr beeilen sich damit verschiedene Species des Meeres- 
strandes und der Dünen, wie einige Aira^s und einige Bromi. Dennoch 
blühen von den Strandbewohnern mehrere, wie Agropyrum scirpeum 
und junceum und Psamma arenaria erst im Juni und Juli. Die aller- 



Die GsMTegetaüon Italiciui. 289 

frobsdtigstBn in der Biüthe sind anter unseren Gräsern die Poa an- 
nuoy das gemeinste Oras der Wegr&nder, Manem und Felder Italiens, 
Poa bulhosa^ h&ufig auf trockenen Hügeln and an bergigen Orten, 
Phleum echinatum und Lamarckia aurea, indem sie bereits im Januar, 
Februar oder spätestens im März zu blühen beginnen. Ja die erwähnte 
Poa annua sieht man in Sidlien schon g^en Ende December in Biüthe. 
Die spatesten sind diejenigen unter den Gräsern, welche feuchte und 
sumpfige Stellen bewohnen; dies kann man -an den Arundo- Arten, an 
Phragmites, Saccharum aegyptiacum, Erianthua Raeennae^ den Panicum- 
species und an Dactylotaenium aegyptiacum wahrnehmen, welche ge- 
wöhnlich erst im August und September blühen. Ein Gleiches gilt 
von den Andropogon^ Arten ^ vom Heieropogon AlUonii, der Polknia 
distachyay dem Pennisetum cenchraides^ dem Pamcum compressum^ ob- 
wohl dieselben trockene Hügel und Berge vorziehen. Es scheint, dafs 
gerade diejenigen Gräser, welche an die Nähe der Tropen mahnen, 
zugleich auch die am spätesten blühenden seien, vielleicht weil sie 
eines längeren Andauerns der Sommerhitze zur Entwickelung ihrer In- 
florescenz bedürfen. Auf den Höhen und auf alpinen Bergen fällt die 
Blüthezeit der Gramineen, wie die der meisten Gewächse jener Re- 
gionen, in die Monate Juni und Juli: so die der verschiedenen Species 
Yon PMeum, AgrosHs, Avena^ Poa^ Festuca eiCy welche in bedeutender 
Erhebung am Gebirge zu wachsen lieben. 

Ausschliefslich italienisch, bisher wenigstens aufserhalb der apen- 
ninischen Halbinsel nicht aufgefunden, sind folgende Gramineen: Hol- 
cus seiiger^ de Not. nur am Berge del Gazzo über Genua und bei 
Sestri a ponente, mithin eine spedell ligurische Pflanze, von Notaris 
entdeckt. Crypsis nigricans, Guss. Sicilien eigentbümlich, wo es längs 
der Südwestküste auf zur Winterszeit überschwemmtem Boden vor- 
kommt. Milium Montianum, Pari, gleichfalls nur als sicilisch bekannt^ 
an waldigen, etwas feuchten Orten der Gebirge dieser Insel, nament- 
lich bei Ficuzza al bosco del Cappidderi, im Walde Bosco di Pizzo 
nero, sowie in den Madoniebergen; von Pariatore zuerst unterschieden 
und seinem Schüler Carlo del Monte gewidmet. AgrosHs frondosa, 
Ten., liebt Bachufer und überschwemmte Stellen der Seeküste und Dü- 
nensand im Neapolitanischen bei Bagnuoli, Fusaro, Lago nero, Po- 
tenza u. a. O. Agrostis stricto, de Not., am sandigen Meeresufer bei 
Sestri de Ponente. Agrostis glaucescens, Spreng., am Strande zwischen 
Fondachelli und Trabia in Sicilien, von Presl entdeckt; nach Farlatore 
eine zweifelhafte Art, sowie die von demselben Botaniker aufgefunde- 
nen anderen ausschLLefslich sicilischen Species derselben Gattung: Agro- 
stis frondosa, Guss. und A.putchella, Guss. Polypogon adscendens, 
Guss. nur auf einer Strandwiese des Lido di Fozzuoli ai Bagnuoli am 

Zeitfebr. f. aUg. Brdk. Nene Folg«. Bd. XIII. 19 



290 Bon«) lUMdi Pflriatore: 



Golf TOA NeapeL jkainaria msniaris. Pari., in Sardinien, Silätiefn nnd 
am Lago di Patria im Neapolitanischen. CataiMi'Osa^ochr&ieuea^ Da- 
mort., haafig an den Gewässern Siciliens und nur daselbst; äbngens 
der C aqtuOiea äoTserst nahestehende Ttiseivm Bumou/U, Req., Cor- 
sika. Trisetum graeile^ Pari., Sardinien. Tristtum tiilhgumy Schalt., 
im Apennin der Abmzzen. A^ena austraHs^ Pari., Neapel und Sici- 
lien. Koeleria gramdißora^ Bert., eine sudlichere Species als ihre bei- 
den Verwandten ÜT. cristata nnd valesiaca^ welche sie in Unteritalien 
nnd Sidlien, wo sie fehlen, zu ersetzen bestimmt zu sein scheint. Poa 
ttwu/om, Pari., auf den höheren Gebirgen Siciliens. Poa (tetnensis^ 
Gqss., wie ihr Name besagt, dem £tna eigen. Poa Baibisii^ Pari., 
Siciüen. PuecinelUa Gussami ^ Pari., Sicilien, bei Regalmnto und Gdr- 
genti. PueeineUia permixta. Pari., Malta und Sipilien. G^ceria spi- 
caia^ Guss., Oorsika und Sicilien. Era§rosHs leersoides, Gass., eine 
sehr zweifelhafte Art, die Pariatore für eine Form von Erntgrostis me^ 
gastaehj^ halten möchte. Bromus fascicuiatus^ PresL, dem südlichsten 
Festlande, Sicilien und Sardinien eigenthümlich. Vulpia panormitana, 
Pari., nur bei Palermo* Vulpia aetnensis, Vulpia siaUa, Link,^ Sieilien 
und Sardinien. Vulpia tenuiSy Pari., bei Pfistum, in Sicilien und Sar- 
dinien. Festuea PuceinelHi^ Pari., Apuanen und Apennin von Lucca. 
Festuca Morisiana^ Pari., Berg Gennargentu in Sardinien. Festuea fla- 
vescens^ Beil., piemontesische Alpen, namentlich am Mont- Genie. Fe- 
siuca dmorpha, Guss., im Apennin liguriens und der Abmzzen. Fe- 
tuca apenmna^ de Not., nur im genueischen Apennin zwischen S. Ste-^ 
fano d'Aveto und il Gottro. Agropyrum scirpmtm^ Presl, am Strande 
in Sicilien und auf der ägatischen Insel Marettimo. Agropyrum Sa- 
vignonii^ de Not., Riviera di Ponente. AegUops triUcoides, Req., Un- 
teritalien und Sicilien. Aegilops fragiUs, Pari., Apulien und Sardinien. 
liOUum siculum^ Sicilien und Ustica. 

Parlatore's Andropogon panormitanum^ welches er fiir der Umge- 
gend Palermo's eigenthümlich erklärt, wächst auch auf den canatischen 
und capyerdischen Inseln, zumal auf letzteren aufserordentlich häufig. 

II. Gultnrgräser. 

Die Menge von Stärkemehl und Kleber, welche in den Samen 
verschiedener Gramineen enthalten ist, der Zuckerstoff, der sich aus 
anderen gewinnen läfet, und die wichtigen Anwendungen, zu Welchen 
mehrere dieser Gewächse in der Landwirthschaft Veranlassung geben, 
haben seit den ältesten Zeiten die Gramineen als die gröfste Wohl- 
tbat der Vorsehung behufs der Erhaltung und Verschönerung des 
menschlichen Lebens betrachten lassien. Gewifs ist keine Pfla&zeoftb- 



Die GffBtfr^tdlioB Itafieiii. 291 

näfie, Tom Odsiditfi^unkt ihrer Anwendbarkeit auf Ackerbau and In- 
dodtrie ans betrachtet, wichtiger. Die ihrer Nutzbarkeit wegen gebau- 
ten' OrSser, befionders die, aus welchen Brod und andere Mehlwaaren 
bereitet werden, nennen wir Cerealien^ die zu ihrer Cultur dienenden 
Fluren aber Saatfelder (ßeminaii). Einige dieser Gramineen, vorzugs- 
weiee zum Futter für Pferde oder anderes Vieh bestimmt, heifsen in 
Italien Biade^ so namentlich der Hafer, obwohl unter derselben Be- 
zeichnung auch Producte anderer Pflanzenfamilien, z. B. die Puff höh- 
nen (/are), verstanden werden ; ebenso wie der Begriff Oerealien noch 
andere Vegetabilien verschiedener FamiUen, deren Samen mehlhaltig 
sind, z. B. das Heidekorn (gran saraceno) in sich schliefst. Weizen, 
Bieis, Gerste, Boggen, Hafer, Mais, Moorhirse, Vogeihirse, Hirse, Ga- 
nariengras, Zuckerrohr, italienisches Rohr und Hiobsthräne sind die 
häuptsächlichsten Gramineen, welche in Italien und auf den nahege- 
legenen Inseln gebaut werden. 

Weizen (Grano, frumento). Unter den Gerealien verdient ohne 
Zweifel den ersten Rang der Weizen (^Triticum tmlgare)^ welcher der 
Hauptmasse des italienischen Volkes, sowie der Europäer im AUgemei» 
nen, ihre Hauptnahrung liefert Obwohl nicht nur einige von sicili- 
schen Dingen handelnde Schriftsteller, sondern sogar neuere Pflanzen- 
forscher, dafür gehalten haben und noch dafür halten, dafs er in Sici- 
lien wild wachse, während Andere ihn aus Asien herleiten, so kann 
doch nicht geleugnet werden, dafs Sicilien sich von uraltersher durch 
seinen Eomreiehtfaum und die Fruchtbarkeit seiner Aehren ausgezeich- 
net habe. Deswegen bezeichneten die Dichter diese Insel, deren Na- 
turwunder so stark auf ihre Einbildungskraft wirkten, fabelhafter Weise 
als das Vaterland der Geres, jener Göttin, die den Mensdien zuerst 
die Kunst lehrte, die Eichelkost durch Korn zu ersetzen. Deswegen 
nannten sie in geschichtlich helleren Zeiten die Römer die Kornkammer 
Italiens. So viele Spielarten des Weizens werden auf der Halbinsel- 
und deren sämmtlichen Eilanden cultivirt, daüs es schwer wäre und 
uns zu weit führen würde, sie alle aufzuzählen. Sie können sämmt- 
lich auf folgende drei Arten zurückgeführt werden: Triticum mUgarey 
Tritieum iurgidttm und Triticum Spelia. Von Ersterem giebt es zwei 
grofse Unterabtheilungen, je nachdem die Aehrchen, welche glatt 
und vierblüthig sind, mit Grannen versehen oder grannenlos sind. Die 
Italiener, namentlich die Toscaner, bezeichnen letztere mit den Namen 
Grano gentiU^ Calbigia, Formento invemengo^ d. h. Winterwei^en. Es 
ist das Triiicum hybemum Linn^'s, das Triticum vulgare a. hyberwum 
verschiedener Botaniker und liebt vorzugsweise etwas lockeren Boden. 
Die Kömer desselben sind weifs und werden zum Brodbacken vorge- 
zogen. Ersteres nennen sie Qrano grosso, Cimtefla oder Formento mar^ 

19» 



292 Bolle, Baeh Pariatore: 

wnohy d. h. Mfinweizen. Es ist das Triiiemn aesütMtm Linn^'s (TriU- 
cum vulgare b. aesiivum) and trägt Eöraer von geringerer Weifee, die 
besonders zu Pasten verwendet werden. Die zweite Art, das Triii- 
eum turgidum Linn^'s, welche von Einigen ebenfalls als Varietät von 
Tridcwn vulgare betrachtet wird, hat gleichfalls vierblütige, begrannte 
Aehrchen, die aber nicht behaart sind. Dies ist das sogenannte Gran 
duro oder Andriolo^ dessen Kömer ebenso wie die des Gran grosso 
zur Pastenbereitung dienen. Weltberühmt sind die daraus hervorge- 
gangenen Pasten von Genua und die Maccaroni von Neapel und Sici- 
üen. Die Grani duri sind deswegen besser zu Pasten geeignet, weil 
sie mehr Kleber enthalten. Endlich hat Triticum Spelta, Gran farro^ 
farroy Spelta eic. vierbluthige, gewohnlich begrannte Aehrchen, die so 
fest mit den Spelzen verwachsen sind, dafs sie nur durch Mahlen auf 
der Graupenmühle davon getrennt werden können. Er dient zur Fa- 
brikation der Suppennudeln (ßinestre). Im Allgemeinen wird er weit 
weniger angebaut als die oben genannten Weizenarten *). 

In Unteritalien, also in Neapel und Sicilien, aber auch anderen- 
orts, unterscheidet man drei Qualitäten oder verschiedene Arten von 
Weizen, die Grani teneri, die Grani duri und die Farri. Unter Grani 
ieneri versteht man jene Varietäten von TWltctfm vulgare^ welche zarte 
und weifse, zur Brod- und Pastenbereitung taugliche Kömer liefern. 
Hierher gehört das sogenannte Grano Majorca Neapels und Siciliens, 
welches aufserordentlich weifses Mehl giebt, aus dem man Brod, vor- 
züglich aber Pasteten, Torten, Blätterteig und andere Kuchen bäckt. 
Zu den gewöhnlicher noch Formenti forti genannten Grani duri gehö- 
ren femer die Spielarten von Triticum turgidum und coerulescens. Aus 
ihnen bereitet man vorzugsweise die oben erwähnten Pasten; aus den 
Farri genannten zugleich Pasten und Suppennudeln. 

Eine höchst wichtige Abart des Grano manuolo ist die in Italien, 
zumal im Bezirk von Florenz gebaute, welche das Stroh zu den Hüten 
liefert, die unter dem Namen der italienischen oder Florentiner Stroh- 
hüte in ganz Europa Ruf haben. Diese Varietät wird an Bergabhan- 
gen auf gewöhnlich steinigem Boden sehr dicht gesäet. Ihr Wuchs 
ist sehr niedrig, nicht höher als 1 — 2 Fufs. Die Aehre ist sehr kurz, 
mit nur einigen wenigen begrannten Aehrchen. 

Der Weizen dient in Italien noch auTser den angegebenen zu ver- 
schiedenen anderen Zwecken. Aus seinen Körnern wird Stärkemehl 
zu mannigfacher Anwendung gewonnen. Sehr geschätzt ist die vene- 
tianische Stärke, welche in vielen Theilen Oberitaliens, besonders aber 
in der Lombardei und Venedig, konsumirt wird. Man bedient sieh der 



■) Der Spelt ist das Hanptgetreide auf der Insel Sardinien. 



Die Grasvegetation ItaUens. 293 

Weuenkleie (Crusca^ buceid) um Geflügel zu mästen, zum Futter fSr 
Pferde und andere Hausthiere, namentlich auch für Hunde, zum Ein- 
packen des Porzellans, der Majoliken, Emaillen und um Stahlgegen- 
stände vor Rost zu bewahren. Der Mehlstaub des Weizens wurde 
früher unter dem Namen Poleere dpria gesammelt und zum Haar- 
puder verwandt, eine Mode, die jetzt gänzlich der Vergessenheit an- 
heimgefallen ist Mit einer Eüeienabkochung geschieht die Weber- 
schlichte (Bozzimd) der Leinwand ; auch wäscht man damit farbige Ge- 
webe, um den Farben mehr Halt zu geben; auch erfrischende Wa- 
schungen werden daraus bereitet. Das Weizenmehl wird mit Wasser 
vermischt zu Kleister und Pflastern verwendet oder, in Ermangelung 
anderer EmoUientien, als erweichendes Mittel gebraucht. Aus demsel- 
ben Mehl bereitet man den lange Seereisen überdauernden Schiffszwie- 
back, die Hostien der Kirche, die Briefoblaten, die Cialdoni u. s. w. 
Der aufgegangene Teig, mit Essig und Senfpulver gemengt, giebt Si- 
napismen. Der Weizenkleber wird nach der von Professor Taddei 
gemachten Entdeckung als Gegengift des Sublimats und anderer Mer- 
kurialpräparate, in Gestalt eines Emulsivpulvers, mit Erfolg gereicht. 

Das Malz (MaUo\ der auf besonderem zum Keimen gebrachte Wei- 
zen dient zur Brauerei, wird aber, seines hohen Preises wegen, seltener 
als Gerstenmalz dazu benutzt. Durch Destillation erhält man daraus, 
nachdem es ausgegohren, den Kornbrandwein {Aquatite di grano). 

Halme und Blätter des Weizens werden getrocknet Stroh (Pagiia) 
genannt und dienen zum Pferdefutter, sowie zum Unterhalt anderer 
Hausthiere. Aus ihren Abfällen macht man Streu und diese dient, 
mit den Exkrementen und dem Urin des Yiehs gemischt, als Dung 
für die Felder. Auch bedient man sich des Strohs, um Glas, Porzel- 
lan etc. darin zu verpacken, Strohsäcke damit auszustopfen, die Kü- 
chengewächse im Winter damit zu bedecken, an einigen Orten, wo 
kein Roggen wächi^t, auch zur Bedachung der Häuser, ferner noch zur 
Anfertigung des sogenannten Strohpapiers (Carla di pagiia). 

Die Spelzen (Lolla^ loppa)^ welche beim Dreschen als Spreu zu- 
rückbleiben, vermehren das Düngungsmaterial, werden aber auch zur 
Winterszeit, mit Lupinen vermengt, dem Vieh gegeben, dienen zur 
Aufbewahrung der Eier, zur Verpackung zerbrechlicher Dinge u. s. w. 

Der Reis. Aus Ostindien stammend, wird der Reis massenhaft 
in verschiedenen Gegenden Italiens und seiner Inseln angebaut, na- 
mentlich bei Bologna, in der Lombardei und in Piemont, von woher 
der beste und geschätzteste Reis kommt. Man kennt nur eine Spe- 
cies, aber mit vielen Varietäten. Unter Letzteren verdient der soge- 
nannte trockene oder chinesische Reis (Riso seco, riso di moniagna) 
erwähnt zu werden, dessen Anbau an mehreren Orten Italiens, in Nea- 



294 Bolle, nach Parktore: 

pel, Sicilien and Sardinien versucht worden ist. £r wird noch jetet 
in der Lombardei , im neapolitanischen Chientino und anderen Orts 
coltivirt. Im Allgemeinen besitzt Italien sar Zeit weniger Reisfelder 
(Risaie) als sonst, der ungesunden Luft wegen, welche sie rerursachen. 

Der Reis wird als leicht verdauliches Nahrungsmittel benutst. 
Man thut ihn in Italien vorzugsweise in die Suppen und konsamirt, 
namentlich in der Lombardei und in Piemont, viel davon; berühmt ist 
in der That der Risotto aUa milanese. Der Reis ist Reconvalescenten 
sdbr zuträglich, aber er taugt nicht zum Brodbacken, noch weniger 
zur Pastenbereitung, denn er ist arm an Kleber. Mit Weizenmehl ge- 
mengt, giebt er indefs Brod von sehr angenehmem Geschmack. Man 
bedient sich des Reisstrohs und der Reisspreu, um Glas und Zinn zu 
putzen. Eine Abkochung des Reises wird in der Medizin als Brost- 
und kfihlendes Mittel angewendet; auch das Reismehl ist zu gleichem 
Zwecke bei vielen Familien in Gebrauch und wird von den Aerzten, 
aUein oder mit anderen Substanzen zusammen, zu Mehlsuppen em- 
pfohlen. 

Gerste, Ono. — Die Gerste gehört zu den am hfiufigsten in 
Italien und auf den Inseln gebauten Cerealien; namentlich wird sie an 
bergigen Orten gebaut. Man cultivirt von ihr versdbiedene Varietäten, 
welche alle auf vier Species von Gerste zurückzufuhren sind. Die am 
allgemeinsten angebaute, Hordeum wilgare^ OrM^ orao ortUnario^ or%o 
comune hat eine Aehre, die aus vier Reihen von Aehrchen besteht. 
Es giebt von dieser eine Abart, mit von Spelzen entblofstem, also 
nacktem Korn, welche Orzo mondo oder mondato (reine Gerste) heifst. 
Sechsreihig gestellte Aehrchen, die eine kurze, dicke Aehre bilden, 
charakterisiren eine andere Gerstenart, das Hordeum hexaatichium Lin- 
n^'s (Or;&a maschio, orto etastico); diese wird weniger oit als die vo- 
rige angebaut. Dann kommt das Hordeum distichum (Or%o scrnndelia, 
Or^iola^ Speltd)y welches die Aehrchen an zwei einander entgegenge- 
setzten Seiten seiner langen Aehre trfigt. Von ihm hat man eine Va- 
rietät mit nackten Kömern, welche OrM di Siberia oder OrM mondo 
genannt wird und besser ist. Endlich baut man sehr selt^i, nur an 
einigen Orten Liguriens in der Provinz di Levante, die Perlgerste 
(OrM perlaiOy Or%o di GermanM, Or%o a pennd)y das Hordeum Mocri- 
lo», welche eine breite, zusammengedruckte Aehre hat und deren in 
Spelzen gehülltes Korn beim Mahlen auf der Graupenmühle, weifs und 
rund, zur sogenannten P^lgerste wird. Diese cultivirten Gersten wer- 
den in Italien zu mannigfachen Zwedcen verwendet. Gewöhnlidi backt 
man aus der Gerste Brod, entweder aus ihr allein oder mit anderem 
Mehl versetzt. Von Solchem leben die Bewohner der Gebirgsdistrikte. 
Im Berglande Corsica's, zu Niolo, bereitet man aus Gerstenmehl kleine 



^e Gttmegi^iß^Qjx Italiens. 295 

Bfode von der Oröfse einer kleinen Orange, welebe gegessen werden, 
indem man aie in Wasser einweicht. Die Perlgerste wird in Sappen 
gethan. Im Süden Italiens, in Sardinien, Gorsica und Sicilien, bis- 
weilen auch anderswo, füttert man die Pferde und Esel mit Gerste, 
indem man Hafer und Stroh darunter mengt. Femer wird sie ver- 
wandt, um Mabs daraus zu bereiten und Bier daraus zu brauen: dies 
besonders in Ober- und Mittel -Italien, denn im Süden und auf den 
Inseln wird wenig oder kein Bier getrunken. Abgekocht wird sie als 
Brust- und erweichendes Mittel gereicht, auch bereitet man aus ihr 
eine besondere Art Kaffee, den Gerstenkaffee, mischt sie auch wohl 
unter den echten Kaffee. Das Mehl des Orao di Germama hat mit 
dem Reispiehl fast gleiche Anwendung. Man schneidet die grünen 
Halme der Gerste, wie die des Weizens, des Hafers und des Mais ab, 
um sie als Grünfutter dem Vieh zu geben. Von diesem werden sie 
gern gefressen, zugleich wird auch auf diese Weise die zurückbleibende 
Pflanze gekräftigt. Das Stroh der Gerste dient, gleich dem des Wei- 
zens, als Streu. Die Bäuerinnen Sardiniens, zumal die des Campi- 
dano, verfertigen daraus Körbe und verschiedenartiges Hausgeräth. 

Roggen (ßegale). Man baut in Italien nur eine Art Roggen. 
Dies ist das Seeale cereale^ Segale, Segoia^ Gennano, Seine CuUur ist 
in Ober- und Mittelitalien sehr allgemein; in Neapel und Sicilien da- 
gegen selten und auf hohe Berglandschaften, in denen der Weizen 
nicht gedeiht, beschränkt. Gleiches gilt für einige Districte des Ge- 
nuesischen. Der Roggen ist in Sardinien unbekannt, wird dagegen in 
Gorsica gebaut 

Der Roggen dient zum Brodbacken. Wird er allein dazu ver- 
wendet, so nennt man das Brod Roggenbrod (Pane di segale). Es ist 
indefs wenig in Gebrauch, weil es zu süfs ist. Oefter mengt man Rog- 
gen mit Weizenmehl (er wird auch mit Weizen zusammengesäet) oder 
Wickenmehl. Dies Brod ist schwarz und wird von den Landleuten 
allgemein genossen. In Gorsica mengt man Roggen mit Hirsemdil 
und erhält daraus ein wohlschmeckendes Brod, welches die dortigen 
Bauern ungemein gern essen. Aufgegangener Teig von Roggenmehl 
wird in einigen Provinzen Italiens zu Senfpflastern genommen. Mit 
Roggen werden die Ferkel gefüttert Weil das Roggenstroh länger 
als das des Weizens, ist es vorzüglich zur Verfertigung von Matten, 
zum Dachdecken und zur Streu; manchmal giebt man es, in Erman- 
gelung von Weizenstroh auch dem Vieh als Futter. Man macht aus 
ihm jene Torehi oder Cerctm, mit denen man inwendig jene Gruben 
bekleidet, in welchen das Korn aufbewahrt wird. Eine andere wich- 
tige Verwendung dieses Strohes ist die zn Hüten {Capelli di segale)^ 
welche indeis weniger als die Hüte von Weizenstroh geschätzt wer- 



296 Bolle, nach P«rlatore: 

den, indem sie zwar feiner sind, aber eine rfiihlichere Farbe niid we- , 
niger Dauerhaftigkeit haben. Zu diesen Hfiten verwendet man nur 
den oberen Theil der Halme (Stdo) des Roggens, welchen man mit 
Willen zu diesem Behnfe, ganz sowie den Weizen, niedrig erzieht. Aus 
dem unteren Theile der gewöhnlichen Roggenhalme, die der Lfinge 
nach mehrmals gespalten werden, verfertigt man ein Geflecht, welches 
zu den sogenannten Reisstrohhüten das Material liefert. Diese Ge- 
flechte, welche gewöhnlich aus der Schweiz nach Italien geschickt, aber 
auch hier fabricirt werden, naht man bei uns zu Hüten, Gigarrenta- 
sehen, Körbchen, Pompadours u. s. w., ganz wie die Geflechte aus 
Weizenstroh, zusammen. Das Mutterkorn des Roggens (Sprone delia 
segale), welcher in diesem krankhaften Zustande Segale cornuta ge- 
nannt wird, hat gefeierte medizinische Eigenschaften. 

Mais (Gran turco). Diese nutzliche Graminee stammt aus Ame- 
rika und ihre Cultur ist jetzt fast überall verbreitet. Sie ist die Zea 
Mais und heifst im gewöhnlichen Leben Gran turco ^ Gran siciHano^ 
Mais^ Granone^ Formentone ^ Melaga und in Siciiien Forthento eTIndia. 
Es giebt einige Abänderungen hinsichtlich der Farbe der KÖmer, welche 
gelb, dunkelroth, oder weifs sein können; andere je nach der verschie- 
denen Gröfse dieser letzteren. 

Die Körner des Mais werden hauptsächlich dazu verwendet, ent- 
weder allein ans ihnen oder mit Roggen- und Weizenmehl vermischt, 
Brod zu backen und verschiedene Arten von Polenia zu bereiten. Man 
giebt sie auch dem Geflügel; nur selten oder nie fattert man indefs 
das Vieh damit. Die ganzen Kolben werden im Ofen gebacken, um 
körnerweis gegessen zu werden. Diese Methode ist in Neapel und 
mehr noch in Siciiien beliebt. Die Scheiden der oberen Blätter, welche 
die weiblichen Bluthen einhüllen, werden gebraucht um Strohsäcke da- 
mit zu stopfen, auch dienen sie dem Vieh zur Streu. Sie werden ge- 
wöhnlich Cartocci genannt und liefern im Winter auch Yiehfutter. 
Säet man den Mais dicht, so taugt er vermittelst seiner Halme und 
Blätter zum Grünfutter. Ihrer Süfsigkeit wegen frifst das Vieh die 
Stengel sehr gern. Sie enthalten sehr viel Zuckerstoff, doch ist dieser 
aus ihnen in Italien, soviel ich weifs, noch nie gewommen worden. 

Hafer (Avena^ Vena), Zwei Arten von Hafer werden auf der 
Halbinsel und auf deii italienischen Inseln gebaut. Einer ist die Aeena 
oder Biada^ Avena sativa: er hat zweiblüthige Aehrchen und gewöhn- 
lich eine begrannte Blnthe. Der andere ist der- sogenannte englische 
Hafer ( Vena d''InghiUerrd), die Avena nuda Linne's. Dieser trägt drei- 
blüthige Aehrchen, an denen nur das oberste Blüthchen der Granne 
ermangelt. Der erstere wird zum Pferde- und Hfihnerfutter verwendet; 
der andere liefert das zum Mästen vorzügliche HafermehL 



Die Grasregetation Italiens. 297 

Mo orhirse {Saggina). Die beiden gewöhnlich in Italien cultivir- 
ten Moorfairsearten sind das Sorghum vulgare (Saggina, Saina, Meliga) 
und das Sorghum saccharatum (ßaggina a spaz^ola^ Saggina da grOf 
naie^ Saggina da scope, Saggina scopaiola. Die Korner der ersteren 
dienen zur Polenta^ geben Mehl, welches mit anderem gemengt, zu 
Brod verbacken wird, femer Tauben- und Hühnerfutter. Auch die 
jungen Blätter und Halme werden vom Vieh gefressen. Zu diesem 
Behttfe säet man die Saggina dichter, damit sie mehr ins Kraut schiefse 
und nahrungsstoffreicher werde. In diesem Zustande wird sie Saggi' 
neüa oder Sainella genannt. Die Sagginali, welche aus dem Marke 
des Halmes der Moorhirse gemacht werden, liefern Stöpsel für Fla- 
schen. Die Saggina a spaMola wird gebaut um Kehrbürsten und Be- 
sen, die einen bedeutenden Handelsartikel abgeben, daraus zu verfer- 
tigen. Diesen beiden Arten reiht sich die Cultur einer dritten, des 
Sorghum cemuum, an. Ihr Name ist Saggina bianca, Saggina tur^ 
chesca, Saggina del collo torto, Bora, Durra, Eine vierte Art ist das 
Sorghum caffrum, die Saggina d'Africa oäer pannochiuta (Kolben -Moor- 
hirse). Die Körner der ersteren sind weifs und stärker als die der 
gewöhnlichen Moorhirse. Man macht daraus Polenta und Graupe für 
Suppen. Des zweiten bedient man sich fast nur als Viehfutter. 

Vogelhirse (JPanico, Panicum italicum). Diese Hirseart kommt 
auf dem Lido von Venedig im verwilderten Zustande vor, wird aber 
auch häufig auf Feldern gebaut und liefert in ihren Samen vorzugs- 
weise Vogelfutter. 

Hirse (Miglio, Panicum miliaceum, L.) wird in Italien häufig ge- 
baut, seltener jedoch um den Menschen zur Speise zu dienen als um 
Hühner, Tauben, Lachtauben u. s. w. damit zu füttern. In einigen 
Gegenden, obwohl nicht häufig, mengt man Hirse- und Weizenmehl 
und bäckt Brod daraus. Die Hirse dient dazu um Aepfel und andere 
Früchte den Winter durch zu konserviren. Sie wächst an vielen Or- 
ten Italiens im halbwilden Zustande. 

Canariengras. Auch die Scagliola oder Canaria, Phalaris ea- 
nariensis, eine von den canarischen Inseln stammende Graminee wird 
in mehreren Theilen Italiens, namentlich in Ligurien und Sicilien, im 
Grofsen gebaut, um in ihren Samen Futter für Singvögel, besonders 
für Canarienvögel, zu liefern. Auch das Canariengras gehört jetzt zu 
den verwilderten Gewächsen Italiens. 

Zuckerrohr {Canna da zucchero, Canna iuccherina, Cannamele, 
Saccharum ofßcinarum). Das Zuckerrohr wurde vor Zeiten in Sicilien 
zum Zwecke der Gewinnung des Rohrzuckers, welcher der beste von 
allen ist, gebaut. Später hat man seine Cultur jedoch aufgegeben. Sie 
ist jetzt auf den District von Avola beschränkt, wo aas dem Rohre 



298 Bolle, nach ParlitforQ] 

ein sehr geschfilicter Bum gebrannt wird. Dort verkauft man anch die 
ckerrohrhalme, wie sie vom Felde k(nnmen« um sie als Leckerei sea 
kauen und ihren sufsen Saft auszusaugen. 

Hiobsthräne (Coix Lacrytnay L.). Die italienischen Namen die- 
ses aus der heifsen Zone stammenden, höchst eigenthümlichen Grases, 
sind Corona di Erba^ Laerima^ Lacrime di Qiohy LacHme di Gesu. Sie 
besagen hinreichend, dafs es religiösen Anschauungen und Erinnerun- 
gen gewidmet ist. Seine grofsen periförmigen und mattglSnzenden 
Samen oder vielmehr die Involucren seiner Aehrchen werden zu Ro- 
senkränzen verarbeitet. Zu diesem Behufe wird die PjQanze noch jetzt 
in Sicilien gebaut. Sie ist aufserdem ein hauüger Schmuck der EIo- 
stergärten, in denen sie zur Einfassung der Beete dient. Aus Gärten 
uud Culturen hinaus hat sie ihren Weg ins Freie gefunden und pflanzt 
sich jetzt an manchen Orten Siciliens selbstständig fort. So ist sie häufig 
bei Palermo und zwischen Syracus und Mililli, wo sie sich an Graben 
und Bachrändern zur Canna indica gesellt und im September und Oc- 
tober blüht. 

Donaxrohr oder italienisches Bohr (Arundo Donax^ L.). Tri- 
vialnamen dieser für die Flora Italiens charakteristischen Graminee 
sind daselbst: Canna^ Canna comune, Canna da rocche, Canna domestica. 
Dies starke und schöne Rohr, welches auf trockenem Boden ebensogut 
wie auf nassem gedeiht, wächst in, ganz Italic imd auf dessen gro- 
fsen und kleinen Inseln, überall auf den Uferbergen und an Flufsrän- 
dern und bildet daselbst als eine ausnehmend gesellige Pflanze dichte 
und fast undurchdringliche Bohrwälder, die Canneti heifsen. Ursprüng- 
lich vielleicht eingeführt, ist es jetzt allenthalben zum wilden Floren- 
bürger geworden. Noch jetzt pflanzt man es allgemein auf den Feld- 
marken und in den Gärten zu den mannichfaehsten ländlichen und in- 
dustriellen Benutzungen. Es bildet Umzäunungen der Felder, dient 
Reben und anderen Gewächsen zur Stütze, liefert Matten, Material zu 
Zimmerplafonds, zu Webstühlen für Flachs, Hanf und Seide, zu An- 
gelruthen, Schalmeien und dergl. In Sicilien gebraucht man ganz all- 
gemein dies Rohr, um Wäsche darauf zu trocknen^ was auf der Halb- 
insel selten und gewöhnlich an Leinen geschieht. Die jungen Blätter 
reicht man den Kühen, jedoch nur bei Mangel an anderem Grünfutter. 
Ais eine urintreibende Arznei dient die Wurzel in Form eines Dekokts. 



m. Halbgrfiser oder Oyperaeeen. 

Die Familie der Cyperaceen ist nach den Gramineen unter den 
monokotyledonischen Gewächsen in Italien am zahlreichsten vertreten. 



Die GnuTegetotion iUJieiu. 299 

Sie besteht aas einer Artensahl, welche etwas weniger als die Hälfte 
der eigentlichen Graser beträgt. Dies Yerhfiltnife entspricht einer 
£]genthfimlichkeit der gemiüsigten Zone unserer Hemisphäre, indem 
nämlich, wie Humboldt sehr richtig bemerkt, im hohen Norden £u- 
ropa's, z. B. in Lappland, die Cyperaceen den Gramineen fast an 2«ahl 
gleichkommen, während sie mehr im Süden, nicht in demselben Maafse 
wie die Gräser, zunehmen. Italien scheint, unter allen Ländern Eu- 
ropa's, hinsichtlich der Cyperaceen, nicht nur die gröfste Zahl an Ar- 
ten, sondern auch von Gattungen, zu haben; denn es besitzt sämmt- 
liche europäische Genera dieser Familie, von welchen einige, südliche- 
ren Climaten angehörige, ihre Grenze am FuTse der Alpen finden; so 
Galilea, Fimbristylis^ Fuirena^ welche in unserer Flora einige Reprä- 
sentanten zeigen. Die Gattung Carex ist die artenreichste der Fa- 
milie, sowie überhaupt unter den italienischen Phanerogamen. Dies 
Vorherrschen der Seggen ist den kalten und gemäfsigten Ländern 
eigen; deshalb sehen wir sie auch im gröfsten Ueberflufs in unseren 
Alpen und im Appennin ; dagegen an Zahl allmälig abnehmen, je mehr 
sie gegen die Südspitze der Halbinsel hinabsteigen oder sich über die 
Inseln verbreiten. Dasselbe gilt für die Wollgräser (ßriophorum) eine 
dem Norden vorzugsweise angehörige Gyperaceengattung, für Elgna, 
Kobresia und BlysmuSj deren Arten man hauptsächlich in der Nähe der 
Alpen begegnet. Auch die beiden Rhynchospord's Europas wachsen 
vorzüglich im nordlichen Theile der Halbinsel. Keine der Gattungen 
Eriophorutn, Elyna^ Kobresia ^ Blysmus und Rhynchospora übersdureitet 
die Grenzen des Continents: den Inseln fehlen alle gänzlich. Die Ge- 
nera Eleocharis und Scirpus erscheinen mit ihren Arten nicht nur 
über ganz Europa, sondern über die gesanunte Erdoberfläche zerstreut» 
daher erblicken wir auch in Italien einige derselben von der Nord- 
bis zur Südgrenze verbreitet , andere in gröfserer örtlicher Beschrän- 
kung auftretend. Aufmerksamkeit verdient die Artenzahl der Gattung 
Cyperus im Vergleich zu der von Carex. Das Verhältnifs der erste- 
ren zur letzteren ist fast wie 1:5, während sie sich im nördlichen 
Europa, z. B. in Skandinavien, wie 1 : 54 verhält, wobei noch dazu die 
beiden einzigen Cypergräser Cyperus fuscus und fiat>escens^ welche die- 
sen fünfzigsten Theil der skandinavischen Cyperaceen repräsentiren, 
gar nicht einmal innerhalb der skandinavischen Halbinsel, sondern 
allein auf der Insel Gk>thland und in Dänemark oder Schleswig -Hol- 
stein vorkommen. Die Zahl der echten Cypergräser nimmt im Süden 
und nach den Tropen hin zu. So verhalten sich in den von der Flora 
germanica und hehetica Kochs um&fsten Ländern Mitteleuropafs die 
Cyperus- zu den Corea?- Arten wie 1:15. Es ist bekannt, dafs die Cy- 
pergräser im Allgemeinen am allerhäufigsten in den Aequatorialgegen- 



300 Bolle, nach Parlatoi'e: 

den sind. Ans diesem Omnde findet man in Italien nicht allein einen 
verhältniTsmäfsigen Zuwachs von Cypems -ArteD^ sondern man beob- 
achtet auch, dafs dieselben ganz besonders im Süden der Halbinsel 
und auf den Inseln vorherrschen. Sicilien besitzt sogar in dem Cype- 
ru8 syriacus. Pari, eine einer Unterabtheilung des Genus angehorige 
Species, deren nächste Verwandte ausschliefslich der heifsen Zone oder 
der Nachbarschaft derselben angehören. Dieser Cyperus syriacus, wel- 
cher lange für den wahren Papyrus der alten Egypter gegolten hat, 
scheint mithin das südlichste Endglied der italienischen Halbgräser aus- 
zumachen, während die Seggen Carex approximata, dioica^ incurva 
u. s. w. das entgegengesetzte, nordische Endglied derselben bilden, denn 
diese Carices dehnen, vorzugsweise vor allen anderen Arten der Alpen, 
ihre Verbreitung über die Grenzen des europäischen Festlandes, in 
Finnmarken, bis zur Insel Mageroe aus. Dennoch wachsen in den 
Alpen selbst Carex foetida und currfite, die in Nordeuropa fehlen, 
noch in gröfserer Höhe: so am Col de Geant der Montblanckette bis 
3000 Metres über der Meeresfläche. 

Der südliche Charakter der italienischen Halbgräser zeigt sich nicht 
allein im Vorhandensein besonderer Gattungen und im Vorherrschen der 
erwähnten Cyperi, sondern auch in der gröfseren Eraftfülle dieser letz- 
teren und in der Höhe ihrer Halme. Welch grofser Unterschied zwi- 
schen den kleinen Seggen und Binsen des Alpengebirges und jenen 
Carex -Arten und Cypergräsern , welche Süditalien und die Inseln er- 
zeugen! Wer den Scirpus caespitosus, paucißorus, alpinus^ die Carex 
capillaris^ incurva, approximata, dioica etc, mit Carex kispida, pen- 
dula etc. oder mit Cyperus Preslii, longus, syriacus etc, vergleicht, 
wird bei jenen niedere und zarte Gestaltungen, hohe und üppige da- 
gegen bei diesen gewahr werden. 

Noch ist zu bemerken, dafs einige unserer Cyperaceen wahrschein- 
lich fremden Ursprungs sind, hauptsächlich, wie es scheint, mit der 
Cultur des Reises eingeführt. Dahin gehören einige Cyperi, sowie meh- 
rere Species von Scirpus und Fimbristylis. 

Der gröfste Theil der Cyperaceen Italiens liebt, wie die Mehrzahl 
der Pflanzen dieser Familie, Orte, die feucht, überschwemmt oder sum- 
pfig sind, die Ufer der Flüsse, Bäche oder Seen u. s. w. Dort wach- 
sen sie gesellig, oft in gewissen Abständen, bald grofse, bald kleine 
Basen bildend, welche sich aus dem seichten Wasser erheben. Wenn 
sie längs der Bewässerungsgräben oder die Flüsse entlang wachsen, 
beugen sie ihre Halme und ihre oft hängenden Blüthenstände biswei- 
len bis aufs Wasser nieder. Cyperus syriacus allein bildet durch das 
Zusammenwachsen seiner dicht gedrängten Individuen und durch die 



Die Grasyegetfttion Italiens. 301 

anfserordentliche Entwickeluag seiner Halme, eine Art WM vom 
schönsten Anblick ')• 

Andere Cyperaceen finden sich am Dünenstrande des Meeres, in 
Kies der Flufs- and Giefsbachbettea, anf den Feldern oder an ihren 
Bändern, in Wäldern, anf Wiesen, auf Weidepl&teen der £bene und 
des Gebirges, in den Felsenritzen der Hochalpen etc. 

Die Blüthezeit der italienischen Cyperaceen fällt durchschnittlich 
Id die Monate Juni, Juli und Augast; einige Arten sind jedoch vor- 
zeitiger und fangen vom Mai, vom April, ja sogar schon vom März 
ab, zu blühen an, während wieder andere, später blühende ihre Inflo- 
rescenzen -erst im September und October entwickeln. Selten verlän- 
gert die Eine oder die Andere ihre Blüthezeit bis in den November. 
Die Thatsache verdient Erwähnung, dafs die für den Süden charakte- 
ristischsten und zugleich zu den mittäglichsten Gattungen gehörenden 
Species auch am spätesten blühen, während die ebenfalls für den Süden 
charakteristischen, aber nördlichen Gattungen angehörigen Arten sehr 
frühzeitig blühen. So sehen wir die Cypems glaher^ difformisy melanorhi' 
«tu, rotunduSy PresHi^ syriacus fast alle im September und October, 



') Der sicilische Papyrtu wächst an den Rändern kleiner FlUsse und Bächei 
deren nicht sehr tiefes Wasser langsam dahinströmt, im östlichen und südlichen 
Theile der Insel. Er gedeiht hauptsächlich bei Syracus, an einem Nebenarme des 
Flusses Anapo, welcher von der berühmten Quelle Ciane, von den Syracusem der 
Jetztzeit Testa di Pisima genannt, herkommt, zu S. Cosimano bei Mililli, wo Boc- 
cone ihn zuerst sah, längs des Flusses Cantara bei Calatabiano und zu Spaccafomo, 
wo Gnssone ihn entdeckt hat. Die PopyriM- Stande bildet eine prachtvolle Zierde 
der Ufer dieser kleinen Flüsse und tritt daselbst massenhaft auf. Am Anapo ist 
ein Ort, den die Syracuser Camerone nennen, ringsum von Papyrtu umstanden und 
von demselben wie mit einem Walde umgeben. Das klare Gewässer bespült leise 
den Fnfs der Pflanzen und spiegelt magisch deren hängende und elegante Schirme 
wieder. Unter diesen PopyriM- Stauden glaubt man sich im Geiste in ein Tropen- 
land versetzt. Einst wuchs der Cyperus syriacus aufserdem noch in mehreren Tei- 
chen, die durch einen nach ihm Papireto genannten kleinen Flufs gebildet wurden, 
welcher innerhalb der alten. Stadt Palermo flofs und den ältesten Theil derselben, 
PaUopoH genannt, von einem anderen, dessen Name Transpapyretum war, trennte. 
Nachdem jedoch dies Flüfschen im Jahre 1591 wegen der Fieberluft, welche jene 
Teiche in der Stadt erzeugten, trocken gelegt worden, ging auch der Papyrus an 
dieser Lokalität verloren. Noch existirt zu Palermo ein Platz, welcher die Benen- 
Dung Papireto trägt, weil er die Stelle des früheren Flusses einnimmt. 

Man cultivirt in Sicilien den Papyrus als Zierpflanze in Gärten und Kübeln. 
Zu Syracus verfertigt man daraus Matten , ja sogar Papier , auf welches gewöhnlich 
die Papyrtu 'Stande selbst fertig gemalt wird. Dies Papier ist jedoch nur ein theu- 
rer Luxusgegenstand, kein eigentliches Industrieprodukt. Es ist bekannt, dafs der 
Syracuser Xaver Landolina der erste war, welcher zu Ende des vorigen Jahrhunderts 
aus dem sicilischen Papyrus ein Papier herstellte, welches damals die Runde um 
Europa machte und von den Gelehrten für sehr gut, ja für vorzüglicher als jenes 
▼on den alten Egyptem aus dem gleichen Stoffe verfertigte, erklärt wurde. 

Man vergleiche über den sicilischen Papyrus die treffliche Abhandlung Parla- 
tore's: Memoire sur le papyrus des ainciens et sur le papyrus de Steile, gelesen vor 
der Akademie der Wissenschaften zu Paris am 19. Januar 1852. 



302 Bolle, naeh PiuflMlore: 

niemals früher als im Juni blühen , w&hrend die Carex div%$a^ Linküj 
HaUeriana, panormiiana^ pendula^ hispida eU. sehon vom Mftns bis 
April an m blühen sich anschicken. Für diese Carex -Arten beschleu- 
nigt das südliche Klima die Blütbezeit, während für die CjpergrSser 
das in Anbetracht der Oattang nördliche Klima die Blüthezeit verspfi* 
tet. Dies steht im Einklang mit dem von uns hinsichtlich der Blüthe- 
zeit der Gramineen südlicherer und tropischer Klimate Bemerkten. 
Nothwendigerweise mufs eine längere Zeit yerfliefsen, um ihnen das 
Blühen im Süden Italiens und auf den Inseln zu ermöglichen, wo sie 
vorzugsweise auftreten, weil hier die Monate October und November 
weit wfirmer als im übrigen Italien sind. Das Studium der Blüthezeit 
scheint überhaupt eine gröfsere Aufmerksamkeit zu verdienen als man 
ihm bisher, um bedeutende Schlüsse far die Pflanzengeographie daraus 
ziehen zu können, zugewendet hat. 

Allein der Cyperus esculentus, L. wird in Italien und Sicilien von 
allen Oew&chsen dieser Familie angebaut und zwar seiner Knollen 
wegen, welche, Dohichini, Dohoiini, Mandorle di terra ^ Trasi oder 
ZtMole terresiri geheifsen, einen süfsen, nufs&hnMchen Geschmack ha- 
ben und aus welchen häufig ein der Mandelmilch ähnliches Getränk 
bereitet wird. 



lY. Simsengräser oder Janeeeii. 

Es ist notorisch, dafs die Janceen, obwohl über die ganze Erd- 
oberfläche verbreitet, doch in der gemäfsigten Zone, hauptsächlich un- 
serer Halbkugel, am häufigsten sind. Man darf sich daher nicht wun- 
dern sie mit einer so bedeutenden Artenzahl in der italienischen Flora 
auftreten zu sehen, besonders wenn man in Erwägung zieht, dafs dersel- 
ben einerseits wegen der Alpen und der Appennineu viele Juncus- und 
LtiMf/a- Arten zukommen, welche in der Eiszone des Nordens und auf 
den europäischen Hochgebirgen angetroffen werden, während sie an- 
dererseits JtinctK- Arten besitzt, welche Freunde sandiger, überschwemm- 
ter oder sumpfiger Stellen des Meeresstrandes innerhalb der gemäfsig- 
ten Region sind. Kaum wird es in Europa eine Flora geben, die so 
viele Ltisti/a- und Juncus- Äxten einschliefst, als die unsrige, denn in 
Italien und auf den nahe gelegenen Inseln giebt es, auiser dem Nar* 
ihecium^ 55 Junceen, nämlich 15 Hainsimsen (Luaula) und 40 Junci, 
Sowohl in der Flora Frankreichs von Grenier und Godron, welche 
Gorsica umfafst, als auch in der Flora Deutschlands und der Schweiz 
von Koch, welche den Kanton Tessin und Istrien in sich schliefst, 
zählt man je kaum 44 Junceen, nämlich 31 — 32 Jund und 12 — 13 Hain- 
simsen. 



Die Grasvegetation Italiens. 303 

Zn den CFewftofasen dieser Familie, welche sowohl in den kfilteren 
Theilen unserer Hemisph&re, als auch im Hochgebirge der Alpen nnd 
der Appenninen Torkommen, gehören Luzuia piiosa^ syhaiica^ mtiftt- 
ßorOy Torsu^di aber LuKukt spieata^ eine der wenigen Arten, welche 
sich in allen alpinen Gegenden Enropa's vorfinden; ferner Juncus ßK- 
farmiSj areücus^ sty^ius, triglumis, trißdus^ castaneus und alpinus^ von 
welchen sich die meisten von Finnmarken, Lappland und Norwegen 
bis zu den Alpen oder bis zum Appennin von Modena, Lucca oder 
bis zu dem der Abmzzen hin erstrecken. Auch Narthecium ossifra- 
ffum reicht von Skandinavien und Schottland durch Deutschland, Frank- 
reieh und Spanien bis zur Insel Corsica, fehlt aber auf der italienischen 
Halbinsel selbst; 

Die Luiula fiaeescens, spadicea^ iutea^ albida^ nieea und pedifor- 
miSy sowie die Juncus Jacquini und monanthos sind den Alpen Cen- 
tral -£uropa's eigen thümliche Florenbürger; daher gedeihen dieselben 
sowohl auf den italienischen Alpen, einige wenige auch auf den nord- 
licheren Appenninen, als auch auf den Alpen der Dauphine, der Schweiz, 
Salzburgs, Tirols, Steiermarks, Kärnthens und auf den Pyrenäen. Aus- 
schliefslich dem Hochgebirge des eigentlichen Italiens, also dem Ap- 
pennin und den Bergen Siciüens, angehörig sind: Lu»ula italica und 
ticula; dem niederen Grebirge ausschliefslich: Juncus Angelisii und Lu- 
üuia pedemontana. Letztere wftchst jedoch auch in den Alpen von 
Tenda und auTserhalb der Grenzen unserer Flora auf den Pyrenäen. 

Hinsichtlich der Species der gemäfsigten Zone hat Italien viele 
mit dem übrigen Europa, ja selbst mit aufsereuropäischen Ländern ge- 
mein. Nur italienisch oder höchstens an wenigen Punkten aufserhalb 
Italiens angetroffen sind dagegen: Juncus muUibracteatus^ Tommasiniiy 
iepaiuperaius ^ fistuhsus, Thomasii, Gussonii^ Requienii^ ambiguus und 
Sorrentinii, Der Juncus muUibracteatus , welcher in Sicilien und zu- 
gleich auf Porto -Santo, sowie auf den Inseln Gomera, Ganaria und 
Lanzarote wädist, darf wohl für den südlichsten Repräsentanten der 
Gattung in Italien angesehen werden, während Juncus Jacquiniiy arc^ 
Heus und fiHformis, auf den italienischen Alpen und im Appennin bis 
zu 2000 M^tres über dem Meere emporsteigend, besonders aber Luaula 
lutea^ spieaia und spädicea, welche in den Alpen bis zur Schneegrenze, 
ja die letztere bis 3000 M^tres, also fast bis zur äufsersten Grenze der 
phanerogamischen Vegetation sich erstrecken, das nördliche Extrem 
der Jnnceen Italiens bezeichnen. Die italienischen Simsen wählen in 
der Regel feuchte, überschwemmte oder sumpfige Standorte; man trifft 
sie daher an Bächen und Flüssen, an zur Winterszeit unter Wasser 
gesetzten Stellen, in den Morästen, an den Gräben, welche zur Bewäs- 
serung der Aecker dienen und an den Rändern der Gletscher oder 



304 Carl Bitter: 

Schneeflfichen, wo diese sn schiiielsen beginneii. Wenige Arten Bdiwim- 
men im Wasser, so Jiincus heterophylhts und Jimcms Bvpinui^ wacher 
letztere jedoch aach auf feuchtem Boden, anfserhalh des Wassers, ge- 
sehen wird. Nichtsdestoweniger kommen einige Species anch in Ge- 
büschen nnd Wäldern, auf Bergwiesen und an Felsen vor, besonders 
die Hainsimsen (Ltijsuto). Noch andere bewohnen den Meeressand, 
namentlich mehrere Junci. 

Die Blüthezeit der Junceen ist meist eine späte, sowohl bei den 
Arten des Hochgebirges, als bei denen tiefliegender Gegenden und des 
Meeresufers. Die italienischen Junceen blühen gröfstentheils in den 
Monaten Juni, Juli und August. Die am frühzeitigsten blühende Art 
ist Luz>ula Forsieriy welche im April zu blühen beginnt. 



xvn. 

Reisebriefe Carl Ritter's. 

Herausgegeben von W. Koner. 



Vorwort 



Von der Familie Carl Ritter's wurde uns eine Anzahl Briefe des 
Yorstorbenen. mit dem Wunsche übergeben, dieselben, soweit sie dem 
Inhalt nach dazu geeignet wären, in unsere Zeitschrift aufzunehmen. 
Waren auch diese Briefe ursprünglich nicht für die Oe£fentlichkeit, son- 
dern nur für den trautesten Familien- und Freundeskreis bestimmt, 
so glauben wir dennoch gegen den Begründer der geographischen Ge- 
sellschaft und unserer Zeitschrift einen Act der Pietät zu erfüllen, 
wenn wir dieselben der Oeffentlichkeit übergeben. — Bereits im vor- 
gerückten Alter, in seinem 59. Jahre, unternahm Ritter eine mit man- 
cherlei Beschwerden verbundene Reise nach der griechischen Halbin- 
sel, aber mit einer wahrhaft jugendlichen Frische und Begeisterung 
nahm der gereifte Mann die reiche Fülle der Eindrücke, welche der 
classische Boden Griechenlands darbietet, in sich auf; davon zeugen 
diese Briefe, welche er noch inmitten dieser lebendigen Eindrücke an 
seine Gattin richtete, und die in anspruchsloser Form die Erlebnisse 
auf der Reise in skizzirten Umrissen zu schildern bestimmt waren. 



fieisebriefe. 305 

Von seinen wissenschaftlichen Beobachtungen aber geben, wie auf sei- 
nen früheren Reisen, so auch auf dieser sorgfältig geführte Tagebücher, 
sowie zahlreiche, höchst genial skizzirte Zeichnungen von Gegenden 
und Denkmälern der Kunst Kunde, deren künstlerische Ausführung 
für die Mufsestunden in der Heimath vorbehalten wurde. Mögen diese 
Briefe, welche wir, mit Auslassung einiger persönliche Verhältnisse be- 
rührenden Stellen, wortgetreu wiedergeben, namentlich für diejenigen, 
welchen nicht das Glück zu Tbeil geworden ist, dem Verstorbenen 
nahe gestanden zu haben, einen Beitrag liefern für die Gharacteristik 
Carl Bitter's als Mensch. 

Ritter verliefs zu Anfang Juli 1837 Berlin, reiste über Leipzig, 
Hof, Bayreuth, Amberg, Regensburg nach München, wo er am 10. Juli 
eintraf, und ging nach einem mehrtägigen Aufenthalt daselbst, den er 
theils zu Vorbereitungen zu seiner griechischen Reise, theils zur Be- 
sichtigung der neuen Schöpfungen König Ludwigs, welche seit seinem 
früheren Aufenthalt in München entstanden waren, verwandte. Seine 
weitere Reise führte ihn über Tegernsee, Kreuth, Inspruck, über den 
Brenner und von hier auf einer ihm noch früher unbekannten Strafse über 
Hollenstein, Ampezzo, Cadore, Monte Falcone, auf welcher damals nodi 
keine regelmäfsigen Verbindungen bestanden, in drei Tagen nach Triest. 
Hier schiffte er sich am 22. Juli auf dem y^Archiduca d'Austria^ ein 
und landete am folgenden Morgen vor Ancona. „Leider, schreibt er, 
ist die päbstliche Sanitä und Polizia hier so streng in Haltung ihrer 
Regulative, dafs wir während der acht Stunden hiesigen Aufenthaltes 
nicht an das Land steigen dürfen, weil neapolitanische Schiffe in Triest 
zugelassen sind und wir von Triest kommen, also die neapolitanische 
Cholera mitbringen könnten! Schade, gern hätte ich die Berghöhe der 
Cathedrale bestiegen, um den Blick von da nach Italien und den Apen- 
ninen zu gewinnen; so mufs ich mich mit dem Anblick der nackten 
Küstenwand und der grauen Häusermassen begnügen.^ 

Die Beschreibung der Fahrt von Ancona bis Patras und Athen 
findet sich in dem nachfolgenden aus Athen datirten Briefe. Schliefs- 
lich fügen wir noch hinzu, dafs Ritter die Rundreise durch die grie- 
chischen Inseln in Begleitung des verstorbenen Archäologen Professor 
Rofs unternahm, der dieselbe in dem 1. Bde. seiner Carl Ritter dedi- 
cirten „Reisen auf den griechischen Inseln des ägäischen Meeres (Stutt- 
gart und Tübingen 1840) S. 127 — 172 beschrieben hat. Wir haben uns 
deshalb erlaubt an einigen Stellen auf dieses Werk in Anmerkungen 
zu verweisen. 

W. Koner. 



Z«itaehr. f. allg . Erdk. Neo« Folge. Bd. XIII. 20 



306 ^^^^ Bitter: 



Athen d. 2. August 1837. 



Kaum weifs ich, wo ich anfangen, wo ich aufhören soll, so be- 
raoscht und tranken ist mein Sinn und Geist von der nenen Weit, in der 
ich lebe and webe, die mich ans dem Occident zam Orient hinüberträgt, 
wie ein Mährchen, dem man anfangs sich gar nicht hingiebt, dem man 
widersteht, dem man aber doch endlich folgen mufs, und in seinem 
Rausche bewafstlos untertaucht. Ich konnte von dem in der That ein- 
eigen Empfange, den ich hier gefunden, kaum schweigen, wenn ich 
als Pedant nicht die Ordnung zu sehr liebte und erst chronologisch 
meine Fata der Reihe nach erzählen möchte. — Aus der langweiligen 
Station unseres Dampfschiffes vor Ancona wurden wir erst, weil der 
Sonntag in den päbstlichen Staaten zu heilig gefeiert wird, und daher 
unser Dampfschiff nur schwer seine Kohlenladung erhalten konnte, 
um drei Uhr erlöst. Keine Möglichkeit war es Pratica za erhalten, 
d. h. auch nur zur Erholung ans Liand zu steigen, um etwas spazieren 
zu gehen. Vollkommen gesund, aber als Verpestete angesehen zogen 
wir mit Jubel ab, als unser Vapore seine Rauchsäule in die Lfüfte 
warf; und welcher Genufs vor der prachtvollen Apenninenkette mit ihren 
steilen Vorgebirgen vorüber ostwärts gegen das Adria-Me^re zu fliegen I 
an Loreto und Umbrien vorüber bis zum lichten Abend, auf lief blauer 
Meeresfluth von Schaumwellen nur gekräuselt, die am> Abend mit sin- 
kendem Sonnenstrahl von ganzen Heerden der Delphinen und Pala- 
meden durchsetzt wurden. Diese pferdgrofsen, ungegliederten Fische, 
wie die Forelle im sprudelnden Wasserfall, so diese im schäumenden 
Gebrause der aufgeregten Wellen des Vapore sich erfreuend, Weben 
auf langen Strecken unsere Begleiter, und gaben uns durch ihre pfeil- 
schnellen Sprünge durch die Lüfte, die sie oft 2 und 3 mal schnell hin- 
ter einander wiederholten, ein glänzendes und merkwürdiges Schau- 
spiel, bis einige Nimrods von der Schiffsgesellschaft sie durch Flinten- 
schüsse — als hofften sie diese, wie man Schwalben aus der Luft 
schiefst, zu erlegen — gänzlich verscheuchten. Ihre silberglänzenden 
Leiber spiegelten sich nun nicht mehr im Gold der Abendsonne, die 
wie auf einem Boisser^e'schen Goldgrunde hinter den Purpurfarben der 
Luft und der Vorgebirgsmasse des Gap Alto an der Ostküste Italiens 
unterging. Nun führte die Dämmerung ein neues Schauspiel herbei. 
Wir gingen hinab in die Gajüte zum Abendessen, und als ich nach 
neun Uhr wieder auf das Verdeck kam, um einen Theil der Nacht 
darauf zuzubringen, welch Wunder! in dem weifsen Schaum, den die 
Räder des Vapore sprühten und stets in weitem Streif als Spur des 
Schiffslaufs liefsen. Alles mit faustgrofsen Leuchtkugeln iUuminirt zu 
sehen. Noch hatte keiner der Passiere, keiner der Marinari darauf 



B«is9briefe. 307 

geachtet, diesen war es ganx gleicbgfiltig, jene bekümmerten sich we- 
nig um die Natureindrucke. Der Seekapitain selbst, ein sonst sehr lie- 
benswürdiger Mann, blieb ganz gleichgültig dagegen und fertigte das 
Phänomen als ein effetto fosforico ab. Erst als ich, ganz darüber ent- 
zackt, die Behauptung mittheilte, dafs es leuchtende Thiere seien, wurde 
das Interesse reger. Aber so eingewurzelt war das Vorurtheil, dafe 
ich auf keine Weise den Capitain bewegen konnte, durch Matrosen 
in Eimern solche Leuchtkugeln schöpfen zu lassen. 

Die sternenhelle Nacht war zu schön. Die Ermüdung vom Viel- 
sehen des Ta^es war zu grofs. Ich ging in meine Cajüte und schlief 
gut, um am Morgen des 24. Juli Montag das Gap Gargano zu begrü- 
fsen. Welche Erinnerungen an früheste Zeiten! Der ganze Tag ver- 
ging auf dem weiten, freien Meere, l&ngs der niedrigen Küste von Un- 
teritalien, ohne besondere Erschdnungen. Unser Schiff schwebte am 
Nachmittag nur zwischen Himmel und Wasser, kein Land, alles schwan- 
kend! welche Empfindungen, — Alles neu, neue Lebensordnung, ^sche 
Lüfte, salzige Fluthen I nur segelnde Schi£fe das unsre begrüfsend. Die 
Schiffsgesellschaft selbst rückt sich naher. Siehe da, die vom zweiten 
Platze mischen sich mit denen vom ersten und dritten und umgekehrt. 
Man erkennt sich, und Dr. Alex. Philippides, der in Berlin war, ist 
unter den Gefährten! Freude, Wiedersehen! Seitdem mir die ange- 
nehmste Gesellschaft auf dem Schiffe, und ein treuer Gefährte zur Seite 
bei allen meinen ersten Experimenten mit den Neugriechen. Unter 
seiner Aegide steige ich in Patras ans Land, unter sdner im Piräeus 
nach Athen. Auf dem Schiffsverdeck etablirt sich der dritte Machi- 
niste, der auf dem Vapore zur Sicherung der Maschine angestellt ist; 
er ist ein Quedlinburger! Hollmayer hat das Schlosserhandwerk in 
Nordhausen erlernt, sich in der Eisengiefserei zu Maria Zell ausgebil- 
det und hat sich in Wien zum Machinisten des Vapore emporgeschwun- 
gen. Auch wir werden gute Freunde; und auf dem Vapore, wo fast 
nur italienisch gesprochen ward, wird nun Deutsch meine Erholung. 

Schon habe ich Dir von unserm Monsignore Vescovo di Syra ge- 
sprochen, mit dem ich bald in intime Freundschaft geratfaen bin, wie 
mit dem äufserst liebenswürdigen Capitain Pietro Marassi^ einem Ra- 
gusaner aus der Bocche di Gattaro, die beide ganz dadurch gewonnen 
wurden, dafs ich gern den lehrreichen Erzählungen aus ihrer patria 
zuhörte, wobei ich so Manches lernen und durch Abfragen erforschen 
konnte. Da der Vescovo ein Gorfuote ist und von alt venetianischer 
Familie, so war sein Gespräch sehr interessant. Gapt. Marassi oder 
eigentlich Marassovich, wollte von alt -bosnischem Adel sein, seine Ah- 
nen waren im XIV. Jahrhundert bei dem Eindringen der Türken den 
Muselmännern entflohen und hatten sich als Christen in die feste 

20» 



308 Oarl Ritter: 

Bocche di Gattaro gesogen^ wo sie bis in die neuesten Zeiten eine Art 
forstlicher Würde behaupten. Die Originalitfit dieser Verhältnisse führte 
daher manche originelle Unterhaltung herbei, zumal da der Gapitain 
die ganze Levante sehr genau kennt, und der Yescovo mit der redse- 
ligsten Offenheit mir seine ganze Geschichte erzählte, wie die grie- 
chische und katholische Kirche in Gorfu in Streit läge^ wie er der 
griechischen Partei habe weichen mOssen, nach Rom, England und Ir- 
land (zu O'Gonnel) gezogen sei, um die Rechte der katholischen Kirche 
auf den Jonischen Inseln beim Englischen Gouvernement zu verthei- 
digen, als blofser Prete weggezogen sei und nun als Vescovo zurück- 
kehre etc. — Ein paar junge Leute, welche die Welt, wie so häufig 
durchlaufen ohne den geringsten Gewinn, junge Kaufleute ohne alle 
Kenntnisse, waren bald über die Genauigkeit meiner Karten verwun- 
dert, und da diese selbst oft genaueren Bericht gaben, als die tradi- 
tionellen Angaben des ersten und zweiten Gapitano und aller Marinari, 
so fafsten sie ein besonderes Vertrauen zu mir und nannten mich bald 
ihren buon Professore, der ihnen die Reise lehrreich mache, den in Pa- 
tras zu verlieren sie wiederholt bedauerten. Es waren sehr gutmü- 
thige, lobenswerthe junge Leute, die sich meinen Namen schriftlich 
ausbaten, um ihn nicht zu vergessen, ich dagegen erfuhr die ihrigen. 
Giovanni Badetti, ein junger Kaofimann aus Smyrna, den ich dort 
wiederzusehen hoffen kann, der andere Giovanni Saravi geht mit sei- 
nem Vater nach Gonstantinopel, nachdem sie in Triest durch die trau- 
rige Handelscrisis und die daraus folgenden Fallimente grofse Verluste 
erlitten hatten, um dort neue Einrichtungen ihres Hauses für die Le- 
vante zu treffen. 

Am 5. Juli, Dienstag am Morgen nach 5 Uhr erblickten wir nach 
Durchschneidung des Adria- Meeres zum ersten Male die Küsten Grie- 
chenlands, die erhabenen Acroceraunischen Vorgebirge, die Ghimaera, 
die furchtbaren Küsten von Albanien und Epirus. Furchtbarere Wände, 
unwirthsamere, unübersteiglichere Wildnisse habe ich nie gesehen. Die 
nacktesten Felsgerippe der Erde steigen ohne alle Vegetation himmel- 
hoch in die klaren Lüfte; in der ganzen Strecke vieler Stunden, die 
sie entlang ziehen, keine Spur menschlicher Wohnungen I Kein Wald, 
kein Baum, kein Feld^ keine Hütte. An einer einzigen Stelle sahen 
wir in weiter Ferne etwas Rauch emporwirbeln, wohl der Aufenthalt 
eines Hirten oder einer Raubpartei, die vielleicht in Hoffnung eines 
strandenden Schiffes dort ihre Höhlen bewohnte. Aber uns beglei- 
teten die guten Götter. Die Wellen so mild, die Winde so fordernd. 
Der schöne Canal von Corfu nahm uns auf, der Leuchtthurm am hel- 
len Mittag glänzte ohne Feuer, die schneeweilsen idyllisch über die In- 
sel zerstreuten Häuser von reizenden Olivenpflanzungen umgeben, zau- 



. Reisebriefe, $09 

berten die Gfirten des Alkinoos zarück, and meine jongen Freunde wah- 
ren mit mir einig, dafs man gleich in jeder dieser Plantationen sich 
verlieren nnd in ihr her am schweifen möchte. Der Mittag führte ans 
vor der Stadt Corfa in ihren Hafen vor Anker. Aber leider war aach 
hier keine Pratica, also aach hier wurden wir tantalisch geplagt I Wir 
blieben bis Mitternacht vor der reizenden Insel liegen, ohne sie betre- 
ten zn dürfen I Die böse ^Dachessa di Napoli^, die man aas einer Cho- 
lerastadt in Triest aufgenommen, brachte uns alles dies Unheil. Der 
Monsignore Vescovo, dessen Bruder und Familie hier in Corfu leben, 
konnte sie nur im Pariatore durch Gitter und Dämpfe sprechen. Die 
bösen Quarantainen sind das gröfste Uebel der Levante, sie hemmea on* 
gemein den Verkehr, den die Dampf8chi£fe so leicht herstellen. In Corfa 
erhalten wir neue Gäste, einen Irlander Mr. Wrixon, einen ganz liebens- 
würdigen Mann etwa von meinem Alter, der als curioser Reisender 
jährlich die Welt nach irgend einer Richtung durchzieht, und diesmal 
über Constantinopel und die Donau zum Rhein zurückkehren wilL Der 
zweite markante Passagier, der hier unser Schiff betrat, ist Agostino 
Capo d'Istria, der mit dem Yapore nach Odessa und Petersburg geht. 
Unsere Nähe auf dem Schiffe gab uns die allernächsten Berührungen. 
Er machte bald den Protector seiner Gefährten, zeigte sich sehr un- 
terrichtet, doch geriethen wir einigemal in Differenzen; er glaubte als 
grofser Herr Alles zu wissen. Uebrigens sehr affabel, voll Bonhomie, 
und wir verdankten ihm ganze Körbe trefflicher Früchte, zamal frische 
Corinthen- Trauben, die er aus seinen Gärten auf Coifu mit auf das 
Schiff genonmien, um seine Mitgefahrten einige Tage hindurch damit 
zu regaliren. 

Die reizendste Meerfabrt begann, nachdem wir leider in der dunklen 
Nacht den Canal von Corfu durchzogen hatten, und am Morgen des 
26« Juli Mittwoch 5 Uhr die Inselchen Paxo und Antipaxo in der Ferne, 
auch Samotraki wie Geistergestalten auf dem frischen Früh -Meere 
schwimmen sahen. Um 9 Uhr trat dann die Insel Santa Maura her- 
vor, und Mittags schifften wir so dicht an Ithaca vorüber, dafs ich auf 
das Klarste in die innersten Buchten hineinsah, die G . . . besucht hat, 
und dabei seiner zugleich mit Odjsseus, Telemach und Penelope ge- 
dachte, von denen nun das ganze Schiff, natürlich nach den Historien 
des Fenelonschen Telemaque, ertönte I Ich konnte nicht genug Um" 
risse zeichnen, um die Erinnerung an die vorübergezogenen Gestade, 
die wie Zauberinseln vorüberglitten, mir zu erhalten. So den ganzen 
Tag, bis wir um 4 Uhr vor Patras Anker warfen. Etwas Widerwind 
hatte unsre Ankunft verzögert, und andere Hindernisse machten, dafs 
der Yapore fast einen ganzen Tag vor Patras liegen blieb! — 

Hier also soll meine Seereise zu Ende sein. Ich nahm von mei- 



SlO Carl Ritter: 

neu OefShrten und dem Oapitano Abschied; mit mir landete ein Dot- 
tore, ein Müanese voll Pbantansie nnd Bonhomie, aber ebenso voll 
Unbesonnenheit, und nur voll schöner italienischer Tiraden, dem ich 
keine Katze zum Patienten anvertrauen mochte, dem das Meer wäh- 
rend der ganzen Ueberfahrt ganz jämmerlich mitspielte, während ich, 
bis hierher, ohne allen Anfall der Seekrankheit geblieben war; er 
wollte nach Athen gehen, dort sein Glück als Arzt zu machen; er 
wurde wegen seiner Noth, in der die Bösen ihm immer ^Medice^ cura 
te ipsum^ zuriefen, das Stichblatt der ganzen Gesellschaft der Pafs- 
giere, und der Arme hatte noch dazu das Heimweh zu seinen tre so- 
relle, die, wie er hundertmal behauptete, seine Abreise zu Hause täg- 
lich beweinten. Dabei voll grandioser Floskeln von letteratura ita- 
liana, von Milano, das die erste Stadt der Welt sei, dafs Marchesi als 
erster Bildhauer alle Zeiten des Pericles übertreffe etc. Doch genug von 
ihm; uns begleitete, was mir weit wichtiger, unser guter Philippides 
und der Dottore klammerte sich voll Angst über die Selvaggi della 
Grecia an uns wie eine Klette an. 

In der That war unser Aussteigen an dem Molo von Patras eine 
Scene, die sicher in Amerika nicht fremdartiger erscheinen kann. Eine 
wahrhaft Neue Weltl keine Spur des civilisirten Occidents, als etwa 
die neuerbauten Häuser, die hie und da über die Erdhütten sich em- 
porhoben I Das Volk von Patras, aus niederer Plebs vom Albanesen- 
Stamme und aus dem prachtvollen Schlage griechischer Bergvölker ge- 
mischt. Alles in schneeweifser oder bunter griechischer Tracht, mit 
der Fustanella, die als weites Faltengewand hin und her wogt, und 
dem stolzen Gange der schlanken und herrlichen Gestalten hiesiger 
Bewohner ein wahrhaft majestätisches Ansehen giebt; mit dem eigen- 
thümlich stolzen Gange ' der Magnaten unter ihnen , als schritten sie 
auf das zierlichste abgemessen wie auf dem Kothurn in der Tragddie 
einher. Nie habe ich einen solchen Eindruck von einer Volksmasse 
und ihrem Character erhalten, als hier, der sich so ganz offen an den 
Tag legt. Darunter viele der prächtigsten Kopfe, alle zum malen, 
wenn nicht schön aber interressant, wild, gewaltig, ausgeprägt, schlau, 
kühn, frei, ungebunden. Der vordere Molo war so gespickt mit Plebs, 
dafs wir nicht aussteigen konnten. Die Schiffer machten kurze Pro- 
cedur und schlugen mit ihren langen Rudern wie unter Wilde; ein 
lautes Geschrei erhob sich, ein Schrecken und Jubel der übrigen Menge 
zugleich. Der Molo war gesäubert, und nun kletterten wir seine mor- 
schen Balken und zerrissenen Treppen hinan. Die Massen wichen von 
allen Seiten zurück, wir zogen hindurch und ich sehe, wie meinen gu- 
ten Philippides die Wildheit des Volks eben so frappirte wie mich. 
Mein erster Weg war zum Caffe; wir erfrischten uns in der brennen- 



Bet««bri«fe. S{] 

den Soniieoglat durch eine Cimada (Orgeade). Sogleich fand ich 
neben mir einen Deutschen, einen bayerischen Müitair. Er mufete mir 
die beste Locanda nennen, Hotel de TEurope. Wir fanden bald an 
der Meeresstrafse hin das Schild des Xenodochium, ein gutes Haus. 
Mit Hülfe des Philippides wurde gehandelt, und ich nahm Quartier, die 
Stube mit Bett und Kammer per Tag 3 Drachmen, und Essen ä Im 
Carte. Wie war ich froh, wieder einen festen Sitz gewonnen zu ha* 
ben. Ich freute mich hier meine Beobachtungen zu Lande anzufan- 
gen. — Aber der Meosch denkt, Oott lenkt* Wir gingen zum Hause 
hinaus. Da begegnet uns der junge Miaulis, Seecadett, einst Schüler 
Philippides in München, jetzt auf einem griechischen Kriegsschiffe, das 
unter dem Commando des Divisions Commandanten Zacchini hier sta- 
tionirt ist. Auch dieser ist ein Freund Philippides. Wir besuchen 
ihn, er ist einer der Tapfem und Grofsen des Landes, er nimmt uns 
mit der grölsten Liebe in seinem Hause auf, und ist mit Allem bereit, 
mein Beschützer für mein Unternehmen zu sein. Aber bald zeigt es 
sich, dafs die Wege unsicher sind. Seit 10 Tagen sind auf dem Wege 
von Patras nach Corinth allerlei Räubereien und selbst Mordthaten 
verübt: ein Brautzug vor Yostitza war überfallen, ein Zug von 40 feigen 
E[aufleuten geplündert und ihnen 20,000 Drachmen abgenommen wor- 
den. Zwar verspricht mir der ehrenwerthe Commandant, midi bis gegen 
Kalavrita hin durch seine Escorte sicher zu fuhren, aber weiterhin sei 
ihm die Gegend unbekannt. Sein Schiff ist beordert im Golf von Le* 
panto gegen die Piraten zu kreuzen. Schon schwindet mir die Hoff- 
nung, meinen Plan auszuführen. Mein Besuch beim Preuisischen Con- 
sul Gondamini in Patras bestätigt leider alles, und der vielleicht etwas 
zu ängstliche Mann hält es für seine Pflicht, mir den Landweg völlig 
zu widerrathen. Mein Entschlufs ist gefalst, ich kehre zur Agende 
des Lloyd am Hafen zurück, wo mein Pafs und meine Effecten schon 
abgegeben sind. Alles wird rückgängig, und ich embarquire mich von 
Neuem auf dem Yapore ein; mein Cabinet No. 2 habe ich behalten. 
Dort schlief ich die Nacht, und als am folgenden Tage bis Mittag keine 
Aussicht war, dafs die Kohlen früher eingenommen sein würden, schiffte 
ich mit Capitano Marassi in aller Frühe wieder ans Land, um die be- 
nachbarten Höhen zu durchstreifen. Leider klettete sich diesmal wie- 
der der Dottore an midi an, der nur Sinn für italienische Caffes hat, 
sonst wäre ich mit meinen Streifereien doch wenigstens bis in die 
Festung und zu ihrem Platanenbaum gekommen. So aber gelang 
dies nicht. Wir caff^ten, durchzogen die Strafsen der Stadt, besuchten 
eine Apotheke. Knaben gingen den Berg hinauf zur Schule mit ihren 
Büchern Und Schiefertafeln ; wir folgten ihnen, ich suchte sie zum Spre- 
chen und Schreiben zu bringen. Den niedlichen Jungen machte das 



312 Carl Bitter: 

Spafs; sie hatten Pestalozzische Linien auf ihren Schiefertafeln und 
schrieben mit sehr sichrer Hand; der älteste die Worte: nQog tw Ttti-' 
Qiovy dem Herrn. Wir folgten zar Schule und fanden ein sehr gutes 
Schulgebäude, über 200 Schüler darin und einen gebildeten Schullehrer, 
der von Salona erst seit 3 Monaten hierher versetzt war. Wir besuch- 
ten die Kirche etc., und nun wurde es Zeit gegen Mittag zu unserm 
Yapore zurückzukehren. 

Den 27. Juli Mittags wurden die Anker gelichtet, und nun begann 
unser Triumphzug um den ganzen Peloponnes, an Zante vorüber und an 
Elis. Aber hier bekamen wir so starken Maestrale (Nordwest), dafs 
das Meer sehr hoch ging und alle bisherige Anstrengung vergeblich 
war, dem Yomiren zu widerstehen. Um 5 Uhr Nachmittags legten wir 
uns fast alle in unsre Cajüten und die böse Nacht begann. Glück- 
licher Weise hielten wir soweit vom Ufer, dafs ich wenig zu s^en ver- 
säumte. Navarin passirten wir im Dunkel der Nacht und am 28sten 
Morgens bis Mittag wurden die beiden Südcaps des Peloponnes, Ma- 
tapan und Malea ganz nahe doublirt. Prachtvoller Abend ; kaum mufste 
von da die Wendung gegen Norden genommen werden, so trat die 
Tramontana (Nordwind, uns ganz entgegen) ein, und die hohen Wo- 
gen des offenen Meeres kamen hinzu, so dafs die Seekrankheit von 
Neuem uns fast alle an die Cajüte band. Die ganze Nacht wurde 
ziemlich übel zugebracht. Desto besser ging es am 29sten Morgens. 
Der Widerwind hinderte uns noch in der Nacht des 288ten den Pi- 
räeus zu erreichen. Statt der 10 Miglien, die wir per Stunde früher zu- 
rückgelegt hatten, konnten wir bei der Tramontana nur 7 oder 6 Miglien 
zurücklegen. Daher warfen wir erst gegen Mittag die Anker im Pi- 
räeus. Schon um 4^10 Uhr, nachdem wir Porös, Aegina und Salamis 
vorübergesegelt waren, erblickten wir vom Meer aus die Akropolis und 
den Parthenon. Ich traute kaum meinen Augen; wahre Feereil Ab- 
schied! aufs Land mit der Bagage. Da halten Karren und Kutschen, 
mit denen wir auf den alten langen Mauern, die jetzt in Chaussee ver- 
wandelt sind, nach Athen fahren. Wie ein Traum, wie berauscht! der 
Eindruck dieser Trümmerstadt läfst sich nicht beschreiben. Aus allen 
Theilen der Ruinen wachsen neue elegante Häuser hervor. Durch die 
Strafse des Hermes, in deren Mitte noch ein einziger Palmbaum steht, 
durch das seltsamste Gewirr in die Casali, Hotel Royal, wo icdi ab- 
steige und mir eine Stube für 4 Drachmen per Tag nehme; ganz gut, 
in demselben Hause ist eine Trattorie, und ich befinde mich darin wie 
in einer mittelmäfsigen italienischen Locanda. Um 4 Uhr kam ich zur 
Ruhe. Nun wurde ausgepackt, gewaschen, geordnet etc. Die gewal- 
öge Hitze erlaubte nicht vor |8 Uhr aufzubrechen, um Brandis aufzu- 
suchen. Er wohnt am anderen Ende der Stadt, nahe dem Palast des 



BeiMbriefe. 313 

E5iiigp. Den Abend bei ihm fröhlich zugebracht; seine Frau und Fa« 
milie braacht das Seebad im Pir&eus. Am Abend kam noch der Leib- 
arzt des Königs, Dr. Rösler, dahin, ein lieber Mann, der sich seitdem 
aof das Freundlichste mir angeschlossen hat. Am nächsten Morgen war 
Brandis mein liebenswürdiger Cicerone. — Wir machten Visite beim Prae- 
sidenten Badhardt, und sdion um J 2\ Uhr wurde ich zur Audienz zum 
König eingeladen, der sehr begierig war, seinen Brief von der Kron- 
prinzessin von mir selbst zu erhalten. Wundervoll romantisch, den 
chevaleresken König, Re Ottone, zu sprechen I ungemein liebevoll und 
zuvorkommend, frisch, munter; Wohlwollen und Reinheit spricht aus 
seinem ganzen Wesen. Kaum hatte ich Mufse, mich in der Mittags- 
stunde umzukleiden. Um 3 Uhr zum Mittagsessen mit Dr. Rösler zu 
Brandis, wo auch Dr. Rofs mitspeiste, und nach Tische fuhren wir am 
Sonntag zum Firäeus. OroDse Freude die gute Brandis mit ihrer Fa* 

milie zu sehen. — 

Am Montag machte ich meine Besuche beim Hofmarschall der 
der Kdnigin, Baron von Weitsch und bei v. Prokesch, dem Oesterrei- 
chisdien Gesandten. Jeden Morgen stieg ich aber zuvor, ehe ich mich 
den Visiten überliefs, um 5 Uhr auf die Akropolis, um die einzige Pracht 
dieser Werke zu bewundern I am ersten Tage war ich zu sehr von 
den Umgebungen der Akropolis berauscht, so dafs ich mich nicht ent- 
schliefsen konnte in das Thor einzutreten, um die Propyläen zu sehen. 
Aber den zweiten Morgen habe ich ganz oben verlebt. Die Popyläen 
und der Parthenon -Tempel sind das Großartigste, was aus dem Alter- 
thum uns mit seiner Gröfse fuUt. Die Gegend, obwohl ganz kahl und 
dürre in dem gegenwärtigen Augenblick, übertrifft an Herrlichkeit der 
Formen Alles, was ich bisher mir nur habe denken können. Dazu die na- 
hen Gebiige des Pentelicon und Hymettus, die ferne Fläche des blauen 
Meeres, die Inseln Salamis, Aegina und andere. Ich bin für meine Reise- 
mühen schon zehnfach belohnt, — und. Gottlob, sie bekommen mir 
trotz der grofsen Hitze sehr wohl. Ich lebe sehr einfach und. hoffe 
mit Gottes Hülfe den grofsen Gefahren wohl zu entgehen; ich habe 
die besten Rathgeber und Helfer. Den Mittag afs ich mit Schinas bei 
Brandis, dessen Frau in die Stadt gekommen war. Wir begleiteten 
sie auf halben Wege zum Piräeus zurück und machten dann zu Fufs 
einen Spaziergang am goldnen Abendhorizont durch den Olivenwald. 
In der grofsen Einsamkeit begegnete uns Sr. Majestät der König mit 
seiner Escorte griechischer und bayerischer Adjutanten. Er liefs sich 
eine Strecke lang mit uns in Gespräche ein, bis er davon sprengte. 
Er fragte uns, ob wir der Königin nicht begegnet wären, die er suche, da 
auch sie spazieren geritten sei. Wir wanderten um die ganze Akro- 
polis herum und gingen durch das Hadriansthor, aber schon im Dun- 



314 Carl Ritter: 

kel der Nacht, in unser Quartier zurfick. Gestern (am 1. An- 
gost) habe ich nun unabhängig von Andern, nach alter römis^^er Art, 
meine Excnrsionen in die Gampagna allein zn machen begonnen. Jetzt 
erst fange ich an zu studiren und Fruchte einzusammeln. Olficklicher- 
weise bin ich nach der excessiven Hitze, die hier bis zu 28* stieg, 
angekommen, sie weist nur 19 — 20*, und das ist auszuhalten, wenn 
man Mittags ruht; die grolse Hitze werde ich nach dem guten Rath 
Aller am besten thnn in Athen abzuwarten. Dr. Rofs, der jetzt Va^ 
canzen hat und im Winter über Topographie von Attica lesen wird, 
hat mich demnächst zu einigen Excnrsionen in Attica eingeladen. Bran- 
dis wird mit mir einen Ausflug auf den Pentelicon zu den Marmor- 
brüohen machen. Die Pest ist in Porös seit 20 Tagen völlig verschwan- 
den nnd hat sich nirgends verbreitet, ich werde also auch meinen Aus- 
flug nach Aegina, Methana und auf einige Inseln machen können. 
Dann kommt die Zeit mit dem September Böotien nnd Morea zu be- 
reisen. Nach Allem wird es mir wahrscheinlich, dafti ich über Con- 
stantinopel und die Donau zurückreise, wohin die Ueberfahrt in vier 
Tagen geht, und die Quaräntaine in Galatz kurzer sein soll, als in 
Ancona oder Triest 



Aäien d. 26. September 1837. 

An Euer aller Wohlsein, und Deiner Fassung und Stär- 
kung in Deiner Einsamkeit, an dem gemnthlichen nnd glücklichen Fa- 
milienleben, wie an der grofsen politischen Ruhe nnd der ruhigen Gi- 
vilisation, die Ihr alle im lieben Yaterlande geniefst, haben wir hun- 
dert Beispiele von Gottes Gnade und Liebe, die mir jetzt in der Feme 
so recht einleuchten, wo ich alles das nicht finde, wo das Leben nnd 
die Politik noch keinen festen Fufs gewonnen, wo die Ruhe und das 
Schicksal der Völker so im Schwanken ist, wie der Kahn auf schau- 
kelndem Sturmmeere, wo alle die Banden noch nicht so innig nnd fest 
geknüpft sind, dafs sie Sicherheit gewährten, wo jeder Blick in die 
Zukunft noch' wie in eine stürmische Ferne hinaussieht, wo Barbarei, 
Rohheit, Wildheit, Mangel an Civilisation unter Menschen, wie in den 
Naturverhfiltnissen noch ihre grofse Herrschaft ausüben, und ihre Rechte 
geltend machen. 

Heute Mittag um 2 Uhr bin ich wieder in den Hafen des Pirfieus 
nach mehr als monatlicher Abwesenheit eingelaufen, und, Gott sei Dank, 
nach manchen Irrsalen und Gefahren glücklich, gesund, nnd in Hin- 
sicht meiner Excursion vollkommen befriedigt. Der Mensch denkt und 
Gott lenkt; so auch hier; ich wollte den Continent Oraeda's bereisen 
nnd bin auf die fernsten und unbekanntesten Inseln des Griechischen 



Reiflebriefe. 315 

Königreiches verschlagen worden; so, dafs ich Ifinger als eine Woche 
auf Santorino war, und von da täglich, wie noch mehr von Armorgo, 
am fernen Horizont das Idagebirge anf Greta und die schonen Küsten- 
inseki Kleinasiens, Samos nnd andere erblicken konnte. 

Mit Fran Brandis, Prof. Rofs und einigen andern hatten wir die 
Fahrt nach Aegina glücklich beendigt; ich hatte noch manche Visite 
und Bekanntschaft, manches Diner abzumachen, hatte bei der liebens- 
würdigen Königin eine Privataudienz, die mit grofser Freundlichkeit 
mich aufnahm, und speiste an königlicher Tafel, wo ich die Ehre hatte, 
zu ihrer rechten Seite meinen Sitz zu erhalten ; zu meiner Rechten safs 
das Englische Hoffräulein, das damals noch in hohen Gnaden stand, 
und jetzt, wie wir heute als erste politische Novität erfuhren, ihre Di- 
mission in Gnaden erhalten hat, weil sie der Englischen Partei am 
Hofe huldigte, und Praesident Rudbart seine Dimission gegeben, und 
da diese nicht angenommen, ihre Abdankung zur Bedingung gestellt 
hat. Die Tafel war in einem kleinen Salon, — denn noch leben Ihre 
Majestäten hier in schlechteren Wohnungen, als die Privatleute — aber 
glänzend servirt. Die Hitze war aber fast zum sticken, daher ich eben- 
sowenig geniefsen konnte, als die Königin, die fast nichts afs, nnd 
überhaupt aus ihrem schönen Munde manche Aeufserung fallen liefs, 
die mir bewiesen, dafs unser bürgerlich glückliches Loos, das uns ge- 
fallen, wahrhaftig zehnmal beneiden swerther ist als das ihrige. Alle 
Details der Unterhaltung an dieser Hoftafel, zu der ich nebst dem 
schwedischen Dr. Oedenburg geladen war, der sich nach einer vieljäh- 
rigen Reise in Afrika und dem Orient hier neben mir im Wirthshause 
bei Casali angesiedelt hatte, verspare ich natürlich auf mündliche Er- 
zählungen. Ebenso die weiteren Begebenheiten meines Athenischen 
Lebens, um zu der verlebten Reise, einer Odysseischen Irrfahrt auf den 
Cycladen zu gelangen, die bisher kaum gekannt, zu denen wir eine 
eigentliche Entdeckungsreise gemacht, und die zehn bedeutendsten von 
ihnen genauer untersucht haben. Sieh auf der Landkarte die Namen 
Zea, Thermia, Seriphos, Siphnos, Pholegandros , Sikinos, Nio, Pho- 
kussa, Amorgo und Santorin nach, und du hast die Richtung unsrer 
Seefahrt, die allerdings länger gedauert, als wir anfangs berechnet hat- 
ten. Sie sollte sich höchstens bis auf einen Monat Zeit erstrecken, 
und ich hoüle selbst in drei Wochen damit fertig zu sein, um. die 
übrige Zeit den Landreisen zu widmen, da bis dabin die Ruhe wohl 
wieder hergestellt sein würde. Damit waren auch meine Begleiter 
Prof. Rofs, der Antiquar, und Mr. Finlay, ein Schotte, hier ansäfsig 
und einer der angesehensten Particuliers unter den Philhellenen im 
Lande, einverstanden : zwei mir höchst interessante Begleiter, bei denen 
ich den grofsen Vortheil der angenehmsten und lehrreichsten Gesell- 



316 C^rl Bitter: 

Schaft für die Kenntnifs Griechenlands hatte. Denn der erstere, den 
wir sogleich zum General unserer Expedition erhoben, ist der ausge- 
zeichnetste Antiquitätenforscher und hatte schon mit dem König Otto, 
wie mit dem König Ludwig von Baiern den gröfsten Theil Griechenlands 
als ihr Hofantiquar bereist, war also überall so geehrt und bewandert, 
dafs wir während dieser ganzen Reise selbst auf den unbesuchtesten 
Inseln überall die ausgezeichnetste und gastlichste Aufnahme fanden, 
ohne die wir oft hätten darben müssen, und so in der That eine nicht un- 
bedeutende Reihe von Entdeckungen auf derselben zu machen im Stande 
waren. Mr. Finlay aber, ein in den verschiedensten Zweigen ausgebil- 
deter Schotte, von frischer Lebendigkeit und einer liebenswürdigen Ein- 
falt, war, da er seit 1 3 Jahren in Griechenland lebt und als Volontair 
seine ganze Revolutionsgeschichte in den merkwürdigsten Positionen 
und Affairen mit durchgelebt hat, ein höchst unterhaltender Erzähler, 
und bei seiner nautischen Kenntnifs, da er selbst Schiffe commandirt 
hatte, unser nautischer Rath und Trost in Sturm und Noth aller Art 
auf dem kleinen Ka'ik, dem wir uns anvertrauen mufsten. Er wurde 
unser Admiral, und ich hatte die Ehre, zum Geologen der Expedition 
erhoben zu werden; denn wir schifften auf der Linie des Yulcanstrichs 
im Aegaeischen Meere hin, der von so grofsem Literesse ist, und unser 
Hauptziel war der Yulcan von Santorin. 

Es ist unmöglich auch nur einigermafsen eine anschauliche Vor- 
stellung von dieser Odys^eischen Lrrfahrt in wenigen Zeilen zu geben, 
dazu gehören Zeit und eine Karte und die Zeichnungen, die an den 
verschiedenen Punkten gemacht wurden. Die Inseln waren aber nicht 
so kleine Pünktchen, als man sie sich gewöhnlich auf unsern griechi- 
schen Karten vorzustellen pflegt; ihre Schroffheit oft gewaltig, ihre Be- 
reisung nahm daher jedesmal mehrere, 3 bis 4 und noch mehr Tage 
weg, um sie einigermafsen vollständig zu durchwandern. Zuweilen 
fehlten die Maulthiere, die uns übrigens als tapfere Ritter über die 
wildesten EJippengebirge hinwegtrugen. Einige Tage machte uns die 
grofse Hitze ganz schachmatt, doch nur während 2 bis 3 Tagen, da 
dann sich immer wieder die ungemein heftigen Nordwinde erhoben, die 
unsere Südfahrten aufserordentlich begünstigten, aber jeder Seitenfahrt 
Hindernisse in den Weg legten und jede Gegenfahrt unmögUch mach- 
ten. Dazu kamen zwischen diesen Winden, zumal aber in den letz- 
ten, 14 Tagen, nachdem sie vorzuherrschen aufgehört hatten (seit dem 
8. September), viel widerwärtigere Siroccos , oder so völlige Windstil- 
len, dafs wir ganze Tage lang in unserem Ka'ik auf dem Meere an- 
gesichts einer Küste oder einiger KHppen wie an einen Magnetfelsen 
angenagelt zu sein schienen, so dafs uns unwillkürlich die alten Fa- 
beln dieser Art in das Gedächtnifs gerufen werden mufsten. Alles 



Beisebriefe. 317 

dies verzögerte nun unsere Inselreise, und ans den 3 bis 4 Woeben 
sind gerade das Doppelte der Zeit geworden, vom 14. Angnst bis 
23. September. 

Zumal traten diese Hindernisse auf Santorin ein, wo wir glück- 
lieber Weise auf das Vortrefflichste aufgehoben waren, eine aufseror- 
denüicb interessante Insel far Geologen und Antiquitäten fanden, und 
den Zustand der Insulaner, deren Notabilitäten alle uns auf das Aus- 
gezeichnetste aufnahmen und gastlich behandelten, sowie das Inselleben 
auf eine Weise kennen lernten, die für mich höchst lehrreich war. 
Den 8. September Abends landeten wir auf Santorin, und erst am Mitt- 
wocb den 20. erlaubten uns die Winde, dieses Eiland, das ein infemo 
und ein paradiso in sich vereinigt, wieder zu verlassen; wir brachten 
also die doppelte Zeit auf dieser Insel zu, als unsere wahrscheinliche 
Berechnung gewesen, und statt des günstigen Südost, der uns von da 
in einigen 30 Stunden leicht in den Piräeus hätte zurückführen kön- 
nen, mufsten wir froh sein, bei Windstille, conträren Winden und einem 
heftigen Sturmschlag, der unser Eaik (das nur von dem Gapitan Mar- 
lei (?) und seinen beiden Matrosen dirigirt ward), in nicht geringe Ge- 
fahr des Umsturzes brachte, glucklich jeder Gefahr des treulosen Aeo- 
1ns und Poseidon zu entrinnen. 

Die meisten der Inseln sind wild aufstarrende Felseilande, jedes 
von dem andern verschieden in Gebirgsbildung und Gonstruction, jedes 
verschieden in Bevölkerung, Sitte, Tracht etc., alle ohne unsere schö- 
nen norddeutschen Wälder, kaum niedrig bebuscht, zum gröfsten Theil 
noch in dieser Jahreszeit nackt aussehend, aber bei näherer Besichti- 
gung doch meist mit Weinbergen auf Terrassen von Steinmauern in 
unendlicher Menge bedeckt, wie am Rhein, nur dafs hier dazwischen 
überall Felsen und Klippen nackt hervorragen, oft in furchtbarer Wild- 
heit und nur gemildert durch die Bekleidung des überall sich einnisten- 
den Feigenbaums. Ein Glück, dafs unsere Reise in die Reifezeit der 
Trauben und Feigen fiel, kurz vor ihrer Lese^eit, denn ohne Staphy- 
lea und Fica hätten wir auf unseren Touren untergehen müssen I Viele 
Tage haben wir nur von diesen Früchten, die aber ungemein köstlich 
und erquicklich sind, und von Brod gelebt. Dieser Trauben - und Fei- 
gencur schreibe ich meine vollkommne Herstellung von den Beschwer- 
den zu, die mir die übergrofse Hitze in Athen veranlafst hatte. Blei- 
schwere in den Gliedern, starke Obstructionen und völliger Mangel 
an Appetit, der mir die ersten Wochen in Attica körperlich sehr un- 
heimlich machte. Das kühlere Glima auf den Inseln, die Seeluft und 
die Traubencur gab mir volles Wohlsein wieder, und mit ganz irischen 
Kräften konnte ich die vielen Strapatzen, die sich darboten, mit gröfs- 
ter Freudigkeit und Gewinn för Beobachtungen bestehen, da im Ge- 



318 CJ*'! Bitter: 

gentheil midi vorher die Hitze und AngegiiffeDbeit auch zur. Beob- 
tuDg wenig aufgelegt maditen. Gott sei Dank« auch niofat die geringste 
Unpäfslichkeit hat mich seitdem gestört, obwohl unsere Rückfahrt auf 
dem Meere 3 mal 24 Stunden dauerte, wo wir vom ewig schaukelnden 
Schiffe weder ans Land kamen, noch etwas Warmes geniefsen konn- 
ten, selbst keinen Kaffe zum Frühstück hatten, und uns nur mit Brod, 
hartem Käse, Trauben und Wassermelonen — denn die Feigenzeit war 
schon vorüber — begnügen mufsten. Unsre Diener hatten selbst keine 
Hühner mitgenommen, weil die Ueberfahrt kürzer erwartet wurde. Ich 
habe mir nämlich seit dem 12. August, kurz vor der Abreise, einen 
griechischen Bedienten, Dimitri mit Namen, angenommen, den mir 
Schinas empfohlen hat, dem ich auch das Ameublement meiner Woh- 
nung verdanke. Auch Bofs hatte seinen Diener mit, und so waren 
die beschwerlichen Arbeiten, die Sorge für unsere Matratzen, Bagage, 
die Kocherei des Kaffes und der' ganz vortrefflichen Bouillon uns ab- 
genommen, damit wir die ganze Zeit unseren Untersuchungen widmen 
konnten. — — 

Auf Zea fanden wir an dem Gouverneur der Insel, Ghika, einen 
Mann von dem einfachsten Wesen, in gewöhnlichem Griechenoostüm, 
einst bedeutend im Revolutionskriege, jetzt nun unser hofipitalster, freund- 
lichster Begleiter. Ein Professor Ipsara aus Athen, der, aus Zea ge- 
bürtig, dort seine Ferien hielt, nahm uns in seinem Hause auf. 

Auf Thermia sahen wir die warmen Bäder der Alten, besuchten 
die heutigen Badegäste, die &oh waren, in ihrer traurigen Einsamkeit 
durch Reisende aus Athen Unterhaltung zu finden. Auf der Wande- 
rung durch die Mitte der Insel nahm der reichste Particulier der In- 
sel, der alte Oekonomos, als wir eine dortige Grotte bei Sjllaka be- 
suchen wollten, uns gastlich in seiner Behausung auf. 

Auf Seripho liegt die Gapitale wie ein Adlernest auf der steilsten 
Felspyramide der Insel, zu der man nicht einmal auf Maulthieren auf- 
zuklettern im Stande ist. Wir mietheten ein reinliches Haus und schlie- 
fen hier in Betten, während wir vorher in den Nächten auf Berghöhen 
hinter Hirtenhäusern unter Gottes freiem Sternhimmel unser Lager auf- 
geschlagen hatten. Von der Gapitale aus wurden mehrere Tage hin- 
durch über die wildesten Felsgipfel scharfe Ritte auf Maulthieren ge- 
macht, um den Magnetberg zu ersteigen, einige Bergwerke der alten 
Griechen zu untersuchen, warme Quellen am Felsrande des Meeres- 
ufers zu verfolgen, das mit Schlackenmasse bedeckte Vorgebirge (Txco- 
Qiais genannt, sowie zwei althellenische Festungsthürme zu durchfor- 
schen. Dann machten wir einen Morgenritt zu einem Kloster, dafs auf 
einem der einsamsten Felsvorgebirge hoch über dem Meere thront, und 
wo man uns gastlieh bewirthete; die Mönche waren mit Flechten von 
Strohhüten beschäftigt. 



BfiiiA]i«£B. 319 

Am .Abend mit dem Nachtwisde schifften wir nach Siphnos und 
kehrten dort im Dorfe Stavri ein, wo BoTd's Bediente zu Hause war. 
Seine grofste Freude, uns in sein Dorf einzuführen, solche Herren selbst 
in seinem eignen Hause einzuquartiren (die Wohnung seines Schwa- 
gers und seiner Schwester, geräumig und reinlich), war auch uns gün- 
stig. Das ganze Dorf versammelte sich und nahm Tbeil an der Ehre 
und Freude. Der Demarch überhäufte uns mit Artigkeit; seine Toch- 
ter fanden wir eines Abends bei der liesung der Odyssee, aus der sie 
eine lange Vorlesung hielt, wobei sich der Herr Papa nicht wenig ein- 
bildete und uns zum andern Morgen zum festlichen Schmause einlud. 
Am Hafen hatten wir bei dem weidenden Vieh in den Binsensumpfen 
einen Hirtenjungen gefunden, der die Biographien des Plutarch las. 
Die Insel Siphnos bot uns viel Antiquitäten, viele Marmora, Gram- 
mata, die wir aufsuchten, und eine Menge kleineren antiquarischen 
Zeugs, freilich von geringerem Werth, wurde uns auf allen Inseln von 
den Bauern zum Verkauf ins Hans gebracht, die freilich oft unver- 
nüjoftige Summen forderten. Ich liefs Finlay und Bofs den Vorkaaf, 
denn ich wollte mich nicht mit Bagage zu meiner Rückreise beladen, und 
Vorzügliches war hier nicht. Kleinigkeiten nahm auch ich. Münzen 
gab es nur schlechte. Von grofsen Sachen, Vasen, Büsten, Thonar- 
beiten etc. hat Finlaj von hier mehrere Körbe voll (auch von den 
übrigen Inseln) in sein schönes Haus und Museum in Athen mit zu- 
rückgebracht, Bofs nur sehr wenig Münzen. 

Auf Pholegandro fanden wir auf wilden Felsen sehr unterrichtete 
Familien für ein so einsames Inselchen, das nur 2 — 2500 Bewohner 
zählt, und an einer der furchtbarsten Steilwände die höchst roman- 
tische Felsgrotte über dem Meere schwebend, in der antike Reste von 
zwei Altären und Namen ^eehischer und römischer Devoten einge- 
haaen waren '). 

Sikinos bot uns den reichsten Fund dar, denn wir entdeckten 
hier unter andern auch in dem verlassenen Gebäude einer Episkopie, 
die in wildester Einsamkeit auf dem entferntesten Hochgebirge thront, 
einen noch stehenden antiken Marmortempel des Apollo Pythius mit 
zwei dorischen Säulen und zwei dorischen Pilastern, vollständiger Mar- 
morbekleidung von drei. Seiten und dem erhaltenen, oben umlaufenden 



') Rofs, Reisen auf den griecliisclien Inseln. Bd. I. S. 148: Die Goldgrotte 
(X^ffoOTtfjXata) nun findet sich an der steilen, gegen Oliaros und Faros gerichte- 
ten Wand des hohen Berges, auf welchem die Ruinen des alten Pholegandros lie- 
gen, etwa 5-^6 Klafter ttber dem Wasserspiegel. Von der Landseite kann man sie 
nur mit der gröfsten Lebensgefahr erreichen, und selbst von der Seeseite ist sie 
nicht viel leichtem Kaid« zu ersteigen etc. — Rofs ^ebt übrigens die Einwohner- 
zahl nur auf etwa anderthalb tausend an. Red. 



320 Carl BiiUr: 

Fries '). Nor das Dach war zum Olockenthunn und E3rdi»idach 
umgewaDdelt, doch das Frontispiz erhalten, sowie die Terrassensng&nge 
und die Vorhalle dieses interessanten Baues, der bisher völlig imbekannt 
geblieben war. Rofs wenigstens, der wohl der erste Alterthumsforscher 
in Griechenland genannt werden mufs, hatte keine Spar davon früher 
gehabt. Natürlich wurde Alles gemessen, beschrieben, alle Inscriptio- 
nen worden copirt, und unser ganzer Tag ging auf dieser Untersu- 
chung und der weiteren Erforschung der alten griechischen Stadt hin, 
die wir auf den Adlerklippen der überhangenden Felsen fanden, wo 
freilich nur eingehauene Felsstaffeln , Reste von Festungsmauem der 
alten Akropolis und viele andere Trümmer sich zeigten. Ueberhaupt 
wurden auf unsem Reisen alle Ecclesien aufgesucht, die voll Trümmer 
alter Quadern, Sculpturen, Inscriptionen sind, aus denen Rofs ein gan- 
zes Octavbändchen neuer zu den bisher bekannten hinzugesammelt hat. 
Während er mit dieser mühsamen Arbeit der Inscriptionencopie be- 
schäftigt war, wanderte ich meinen topographischen und geolo^schen 
Zweck'en nach, zeichnete etc, und Finlay wanderte als Agriculturmann 
umher und fragte jedermann, der ihm begegnete, über die einheimi- 
schen und statistischen , d. h. auf Industrie, Handel, Gouvernement, Po- 
pulation, Taxen etc. bezüglichen Gegenst&nde aus, so dafs wir jeden 
Abend reichen Stoff über das. Erlebte zurückbrachten, und mir bei 
meinem mir sehr empfindlichen Mangel an Eenntnife des Neugriechi- 
schen, worauf ich auch bei vielen andern Beschäftigungen gar keine 
Zeit verwenden konnte, doch eine reiche Ausbeute auch von andern 
Seiten her keineswegs entgangen ist. 

Auf Nio (Jo) wurde natürlich das sogenannte Grab Homers *} 
und die Stadt der Gräber aufgesucht, wo wir gutmüthige Hirtenleute 
fanden, die uns mit dem versahen, was sie sdbst hatten. Wir schiff- 
ten dann nach der grofsen Amorgo, an den Klippen der Aussätzigen ') 
vorüber, wo wir diese Unglücklichen in ihrem grenzenlosen Elende 
aus der Ferne begrüfsten. Amorgo, die ostlichste grofse Insel des Kö- 
nigreichs, brachte uns schon an die Grenze des Türkischen Reichs and 



■) Rofs, Reisen etc. Bd. I. S. 150 beschreibt dieses Heiligthum des pythi- 
schen Apollo oder die Kirche Episkopie (17 ^nunconrj) genauer; die einzige Nach- 
richt über die Existenz dieses Tempels verdankten die Reisenden einer Notiz in dem 
Werke des Grafen Pash van Krienen, Descrizione delV Archipelago, Die von 
Rofs beigefügte Ansicht dieses Tempels ist nach einer Skizze Ritter's von Hansen 
gezeichnet. 

3) Vergl. über das Grab Homers: Rofs a. 0. O. S. 166 ff. 

') Die Klippeninsel Niknria (17 Nt^tov^ga) ist von Amorgos durch einen Mee- 
resarm getrennt. In einem Häuschen am Ufer lebten damals sechs Aussätzige, denen 
man täglich in einer Barke von Amorgos Lebensmittel zuführte. VeigL Bofd a. o. O. 
S. 177. Red. 



des Aegyptisdieii Kdnigreichs; wir sah^n Samos and Oanictia; me bor- 
ten, dafs die groise Flotte Mehmed Ali^s von Alexandria ticli attf der 
Meerefihohe gezeigt hiabe, und die Insalaner in Schrecken gesefot über 
die Dinge der Zoknnft seien. Er sei, sprengte die Fama ans, in Santoritt 
bereits gelandet Auf den vorherigen Inseln hatten sich dieselben Ge- 
rächte verbreitet, and Piraten sollten schon in Folge dessen swischen 
den kleinen Inseln amberschwärmen. 

Von Nio fahren wir am Abend ab und hörten, nachdem der Wind 
uns eine Strecke fortgetragen, dafs eben hier mit dem Anbruch der 
Dämmerung ein EaTk von Piraten überfallen sei. Wir hatten zwd 
Doppelflinten nnd zwei Pistolen bei uns, da Rofs und Finlay, Freunde 
der Jagd, oft schiefsen gingen; ich war waffenlos, zwar boten sie mir die 
Pistolen an, ich Laie dankte aber und übergab mich nächst ihrer Verthei- 
digung auch für diese Nacht einer hohem Fürsorge, die mich barm« 
herzig dnrdb weit mehr als diese Gefahren gefuhrt hat ■). Im Hafen 
von Amorgos sahen wir am letzten Tage unsers dortigen Aufenthalts 
des grofsen Helden Canaris Kriegsschiff, das zum Kreuzen gegen die- 
se» Piratengezücht ausgesandt war, und fünf Observationsboote auf den 
gefährlichsten Punkten der Gjdaden vertheilt hatte. Wir sahen Canaris 
selbst leider nicht, denn er segelte schon früher ab, ehe wir zum Ha- 
fen kamen, borten aber vom Demarch in Amorgos, dafs weiter keine 
Gefahr sei. Die Gerüchte waren weit übertrieben; es standen aller- 
dings noch 7 Aegyptische Schiffe von Mehmed Alfs Flotte in Santo- 
rins Krater, aber ganz friedlich, um sich in den dortigen Mineralquel- 
len, die aus dem Meere selbst im Hafen der verbrannten vulcani- 
schen Insel sprudeln, abzuwaschen und blanke Kupferbeschlfige zu ge* 
winnen. 

Wir segelten also freudig, weder als Sclaven nach Aegypten ab- 
geführt zu werden, noch durch diese Kriegsgerüchte von unserm Haupt- 
ziele Santo rin (Thera) abgeschreckt zu sein, nach dieser Wunder- 
insel, von deren paradiesischen Natur uns Rofs, der sie schon früher 
besucht hat, erzählte. Aber der erste Anblick der Innern Inselseite, 
an der wir bei der Nordspitze Apano-Meria landeten, ist eher einer 
Hölle, als einem Paradiese gleich. Kein Grund für den Schifflsanker 
am Meeresufer in ungeheurer Tiefe, kein Wasser auf dem Lande der 
Insel, wo weder Bach noch Quelle, sondern alles Wasser in Cisternen 
zwischen Bimssteingerölle mühsam aufgesammelt werden mufs und oft 
ganz versiegt, so dafs man von den Nachbarinseln das warme, schlechte 
Wasser herbeifahren mufs. Diefs Jahr, Gottlob, war es noch nicht wie 
im vorigen ausgesogen, und wir erhielten zum Glück ein Haus zur 



>) Tergl.: Rofs a. o. O. S. 178. 
Z«it«chr. f. allg. Erdk. Neu« Folg«. Bd. Xni. 21 



^22 ^'1 Biliar: 

Wohnmig mib einer Cisterne. Von A|Mkn0*Meriä sddffien wir am fra- 
hedten Morgen im inaern Golf des forchtbaren eingestürzten Ynlcans, 
aus dem die ganze Insel nach innen best^t, bis zum Porto der Ga- 
pitale Phirä; denn nur von da war es möglich, die Insel emporzn^ 
klimmen 9 auf deren Racken alle Ortschaften liegen. Aber welch ein 
Emporklimmen! wie aus der groOsten Tiefe des Yesuvischen Kraters 
fahrt der Weg über 400 — 500 FoTs senkrechte Steilwände empor, auf 
laater Bapilli und Bimssteingeröll, über das bei manchem heftigen 
Windstofs ganze Felsmassen herabstürzen, welche nicht selten die un- 
tenliegenden Hatten und Troglodytengewölbe, die in die Pazzolan-, 
Tuff- und Bimssteinw&nde gehauen sind, bedecken. Als wir im Ha- 
fen landeten, kam ein solches Donnergepolter eben mit dicker Staub- 
wolke hinab; wie dachten, es sei ein Brdbebenstois. Noch fuhrt kein 
.Weg hinauf, selbst mcht für Maulthiere, nur Pfade far Mensdien müh- 
sam zu erklimmen. Aber ist man nach \ Stunden oben angelangt, so 
erstaunt man über den Kranz weifser Gebäude und Ortschaften, die den 
dunkelschwarzen, rothgebrannten Kraterrand im Sonnenschein leuchtend 
umragen, und der ganze sanfte AbfaU der Aufsenseite des Ungeheuern 
eingestürzten Kegels gleicht nur einem einzigen grofsen Weingarten 
mit den köstlichsten Trauben, deren man einige fünfzig Arten zählt ' ). 
Der berühmteste Wein, der Yino santo wurde sogleich im Palazzo des 
Demarchen mit köstlicher Limonade, erfrischenden Früchten und Con- 
üturen gekostet; der Salon war mit Marmortafeln von Malta ge- 
pflastert, die Confitüren aus der Türkei, das köstliche Brod (das erste, 
das ich auf der ganzen Reise habe kauen können, ohne mir die Zähne 
auszubeifsen) aus Waizen von Odessa gebacken. Hier waren Wohl- 
stand und und Gomfort mit dem höchsten Grade der Gastlichkeit und 
Gemüthlichkeit gepaart. Der Gouverneur, alle reichen Particuliers, alle 
Consuln der französischen, englischen, holländischen, österreichischen etc. 
Mächte beeiferten sich uns zu fetiren. Sogar ein junger Mann, der 
den Plan hatte, im nächsten Frühjahr in Berlin Jura zu studiren und 
von mir einige berichtigende Nachrichten seiner Ansichten und einigen 
Rath erhielt, ward unser Wohlthäter. In unserm Stübchen werde ich 
ihm mit Thee freilich nicht das glänzende Diner ersetzen können, das 
er uns gab, worüber selbst Finlay erstaunt war, und als wir schon 
das Schifif bestiegen hatten, schickte er uns noch ein köstliches Wein- 
geschenk nach: Rofs und Finlay jedem ein kleines Fäfschen Vino santo, 
und mir 10 Bouteillen der köstlichsten Sorten seines Kellers, von denen 



^) ^«rgl. Rofs a. o. 0. S. 82 ff. Daselbst wird sogar von einigen siebenzig 
Arten gesprochen. — Zwei grofse in Aquarell von Ritter ausgeführte Ansichten der 
Insel Santorin besitzt die Familie des Verstorbenen« Red. 



B«iMbri««l. 823 

idi wünachen mochte, dalB icb wenigstens einige gan< mit nadi Berlin 
bringen könnte. Diese Herren versahen nns täglich so rechlich mit 
Trauben, Feigen, Melonen und anderen Dingen, dafs wir sie kaum 
verzehren konnten. Unsere Wohnung, die wir auf eine Woche mie- 
theten, war ein Palazco mit köstlicher Aussicht und Terrassen. Die 
Insel, die wir nach allen Seiten durchwanderten, bot den gröfsten 
Beichthum für Geologie und Antiquitäten; wir fanden Inscriptionen, 
Felsgräber, alte Tempelreste und höchst merkwürdige antike Städte- 
ruinen. 

Genug, es ist nicht möglich alles zu beschreiben; aber nun die 
Kehrseite: widrige Winde und Windstillen verdarben und verzögerten 
nns die Buckkehr um S — 10 Tage, und in der Nacht vom 21. zum 
22. September hatten wir einen gefährlichen Sturm, von dem uns der 
Herr barmherzig erlöste. Am 23. Sept. Morgens bei der Einfahrt in 
den Piräeus umtanzten uns zwei Wasserhosen, die nicht übel Last ha;!» 
ten, sich auf uns zu stürzen. Damit war die Seereise mit dem Kaitk 
für immer beschlossen! — Alle Freunde traf ich in Athen wohl an, 
BoDs und Finlay wurden unpafs, ich erhielt mich vollkommen gesund 
und machte am Sonntag Mittag den 24. September mit der gimzen 
Brandis'schen Familie und unsern Freunden auf 9 Pferden eine Caval- 
cade zu den Steinbrüchen des Hymettus. Morgen reise ich zu Lande 
nach Corinth und Nanplia; denn ohne etwas vom Festlande gesehen 
zu haben, kann ich hier nicht abgehen, das wäre Thorheit für so viele 
Strapatzen. Schon hatte ich. den Plan gefabt, mit dem Dampfsdiiff 
am 8. October von hier über Sjra, Smyma und Constantinopel abzu- 
reisen, weü die Fahrt dorthin noch kürzer als nach Triest, und die 
Quarantaine in Galatz nur halb so lang ist, als in Triest. 

Nun aber habe ich mich entschlossen, doch am 23. October abzu- 
reisen, um wenigstens einen Monat Zeit für das Land zu haben, vor- 
züglich weil Brandis und einige unserer Freunde sich entschlossen ha- 
ben, sich auf eine gemeinsame Beise mit mir nach Delphi, Lebadea etc. 
zu begeben. Diese einzige Gelegenheit, mit so lehrreidien Begleitern 
zu reisen, kann ich nicht von der Hand weisen, ich sehe sie als einen 
Fingerzeig der Entscheidung an, bis dahin hier zu verweilen. Nun aber 
kann ich bis zum 8. October einen kurzen Ausflug nach Corinth, Nan- 
plia und Argos machen. Dann werde ich nicht ohne Gewinn für die 
Wissenschaft und für meine Zuhörer in die Heimath zurückkehren* 



Athen d. 8. October 1887. 

Unmöglich kann ich die mir ganz kurz zugemessene 2^it verstrei- 
chen lassen, ohne Dir, wenn auch nur mit zwei Worten zu sagen, daA 

21 • 



324 ^«^1 mtter: 

ich heute glAoklieh von voreiner peloponnesischen Reise nach Athen 
zurückgekehrt bin, and dafs ich hier Deinen- letzten lieben Brief ror- 
gefnnden habe. — * — — Kaum begreife ich es, "wie eö dem mensch- 
lichen Sinne vergönnt ist, zugleich in dem Frieden der Heimath zn 
schwelgen, und auch entzückt zu sein von den Einöden und der Trum- 
merwelt von Eorinth, Blensis, Sikyon, Kyllene, Pheneus, Stymphalus, 
Nemea, Mykene, Argos, Eenchreae, Neapolis^ Epidanras etc., voll fah- 
render Bitter, StQrme, FelskBppen, Oyclöpischen Burgen und Finger- 
zeichen einer Vorwelt, die in die dunkelsten Sagen des höchsten Alter- 
thums zurückfuhren, und durch die Anschauung in der lebendigsten Ge- 
genwart überall mit heiligem Schauer uns erf&Ut. G- . . . wird mit mir 
einstimmen, dafs diese Anschauungen wohl der Mühe werth sind, ihnen 
die tügliohen Bequemlichkeiten des Lebens hinzugeben, die hier aller- 
dings fehlen. Dennoch habe ich mit Gottes Hülfe die ganze Reise — 
sie ist freilich nur durch ein kleines Theitchen des ganzen Peloponneis, 
durch den mein Weg überall hin projectirt war, — zurückgelegt, aber 
ich bin auch mit dem mir beschiedenen Theil Vollkommen zufrieden 
nnd danke Gott dafür. Gesund wie ein Fisch im Wasser bin ich von 
allen Strapazen zurückgekehrt, während ich nieine Freunde Brandis, 
Hofs und Finlaj hier sogar alle drei unpafs vorgefunden habe. Aach 
war meine Reise nicht einsam, sie war gröfstentheils , bis auf 3 bis 
4 Sturm* und Regentage durch das beste Herbstwetter begünstigt. 

Brandis begleitete mich von meinem Hause nur bis Daphne, ein 
paar Stunden von Athen, und kehrte dann zurück, wo ihn Ge- 
schäfte banden. Idi trabte niit meinen drei Pferden (auf einem der 
Agogat mit Matratze nnd Gepäck, auf dem zweiten mein Dimitri in 
einer Hanswurstjacke, mit rothem Fez, auf dem dritten ich) ganz muthig 
«nd einsam dem alten Eleusis zu. Schon hatte ich dort mein Psomi und 
Krasi (Brod und Wein) nebst einem Rebhuhn verzehrt, als ein Reiter da- 
•her kam. Es war der junge Ernst Gurtius aus Lübeck, Brandis Hausleh- 
rer, der nun als Reisegefährte sich an mich schlofs; so wurde mir die Reise 
durch diesen liebenswürdigen Jüngling doppelt bereichert, und wir sind 
glücklich allen Freuden, die unser erwarteten, entgegengezogen, allen 
Gefahren entgangen, die uns hätten treffen können, durch Gottes Bei- 
stand nnd Fürsicht, die oft recht sichtbar für uns wachte. Zwar war 
die Halbinsel wieder beruhigt, wie sie es nur irgend sein kann, doch 
nahmen wir an den sdiwierigsten Punkten unsere Bscorten mit. Ich 
hatte treffliche Empfehlungsbriefe vom Minister Polyzoides ; meist trab- 
ten einige Albanesen oder vier Chorophylakes mit langen FHnten, Dop- 
pelpistolen und kurzen Machaeris, in weifsen Leibwesten, Fustanellen 
4Uid Tothem. Fez höchst romantisch über Klippen, durch Buschwerk 
iumI Waldang neben uns her, oder logen sdmell wie Vögel die Berge 



WfehripC^'. 325 

jaochzend h»a9, odei; St^charrea bniabv and lieb^ ifar wildes 6e* 
achreiy (das jedesmal mein: Pferd dordi dw Seharfe des Tons unt^ 
meinem Sattei «ich- eifriger zusammenraffen machte, aU der Peitschen* 
hieb), weit durch die T.baler. hallen. An den ¥io«ichßn9ten Stelkd wai> 
ren Albanesen- Wachten auf die Gipfel der Pergpösse, oder sonst 
auf Höhen durch das ganze Land vertheilt, und die freundlichen De- 
marchen, an die ich überall durch mein mit der Krone besiegeltes 
Schreiben addressirt war, sorgten für mich. Als Anthropi Vasiliki, 
Eoniglidie Männer, stand uns der Empfang überall offen, und wir fan- 
d^i in d^ TVt grofstentheils sehr liebreiche Aufnahme. Freilieif öfter 
nur in der ärmlichen Hütte des Gebirgsbewohners, wo Schweine, Höh^ 
ner, Katzen und Hunde uns die Knochen der verzehrten Hühner und 
die Brodkrusten beim Mahle am Abend aus den Händen rissen. Wir 
selbst lagen dann- auf unsern Matratzen hingestreckt zu beiden Seiten 
des rauchenden Feu^rheerdes, dessen liebliche Flamme beim Eintritt an 
kalten Abenden bei den wilden Boreasstürmen uns freundlich erwärmte^ 
oft aber die eine Seite des Körpers fast zum .braten brachte, wäh- 
rend die andere Seite durch die kalten Zugwinde, die durch alle Fan- 
gen des Hauses, des Daches, der Fenster und Thüren uns wie Pfeile 
trafen^ prickelte. AJI^er wir salben doch oder lagen, ausruhend vom 
ermüdenden Ritt unter den Hufen unserer Pferde und im Kreise der 
ganzen Hauagenossenscbaft, die uns gegenüber in stiller Verwnndemng 
alles dessen, was die Fremden vornahmen, betrachteten: Greise, Mä]v 
ner, die ganze Verwandtschaft, Frauen, Mütter, Kinder bis zu den Säug«- 
lingen. Oefter fanden sich neugierige Frauen^ zumal wo Albanesische 
Dorfbewohner, die exprefs kleine Fapkeln anzündeten, um uns er^ 
neugierig von hinten, dann von vorne zu beleuchten und zu mustern, 
erst mich.,. als den ältesten (sie glaubten stets, ich sei der Yater und 
thaten mir daher alle Ehre an), dann, Gurtius. Kein Bissen, den wvr 
in den Mund steckten, blieb ^beachtet, bis wir uns müde in unsre 
Paplomaq wickelten, und t^n der Feuer^eite zur Ruhe legten; die Au- 
gen schlössen sich gern gegen den beifeenden Bauch. Gurtius spricht 
gut neugriechischj» und so hatten wir auch überall, ,wq nicht eben alba- 
nesiach gesprochen wird, das nur Dii^il^. verstand, doch einige gute 

Aufnahme? Mgrgen so^ die Reise zum Pamafs vor sich gehen; 

ich habe denselben erprobten Apogathen gemiethet. Noch ist es nicht 
ganz entschieden, wie grofs die Cairayane sein wird. Wahrscheinlich 
Brandis, ein Architecl^ und Damnando, ein tüchtiger Physiker; ich habe 
den I^eutchen durch meine.. Liebhaberei för G^ologica so viel Lust 
beigemacht, dafs sich noch so mancher anderer, dem um einige An- 
schauung zu thun wäre« Bich.anachlielsen möchte. Ich bin jedoch nicht 
für ein^ zu grobe Gayalci^de, sie bnngt in einem, so voUisarmen Lande 



326 Carl Bitter: 

manche NaditheOe mit Die Wege eom Pamafs sind 'fibrigens voll- 
kommen sicher. Nach Marathon werde ich nun nicht kommen, da 
dort, wie die Verwaltang darüber Brandis selbst Nachricht gab, das 
Land unsicher ist Wir werden wieder mit allen Vorsichtsmafsregeln 
nnd Escorten reisen, und, so Gott will, am 19. oder 20. zni^ck sein. 



Syra den 26. Octob« 1887. 

Nun endlich bin ich auf dem Rückwege zur theuren Heimath, der 
ich mit Sehnsucht entgegen gehe I Mein Tagewerk dieser Pilgerschaft 
wird bald vollendet seini Ich bin schon in Sjra, um morgen nach 

Smyrna und Constantinopel abzusegeln Mit sichtbarer Gnade 

und Barmherzigkeit hat der Herr mich geleitet und seine Hand wie 
einen Schild voll Macht und Treue üher mich gehalten . . . Unendlich 
ist seine Gnade und Barmherzigkeit, und was Er thut, das ist wohl- 
gethan. In diesem Vertrauen bin ich gegangen über Meer und Land, 
in dieser Sicherheit werde ich auch fürder weiter schreiten über Berg 
und Thal, voll Muth durch die Volker der aufgehenden Sonne. 

Ich habe wirklich meine dritte griechische Reise durch Rumelien 
nach der Peloponnesus- Reise zurückgelegt, und zwar mit grofsem 
Glück: denn ich hin auf der ganzen Tour frisch und gesund gewesen 
wie ein Fisch im Wasser und in meinem Gott vergnügt. Wie hfitte 
ich diefs aach nicht sein sollen, obgleich der Regen und Schnee am 
Pamafs und Helikon mir manchen Ausflug auf ihre Alpeohöben ver- 
sagten. Kann man unzufrieden sein, weil man nicht Alles gesehen, 
was man etwa zu sehen gewünscht haben mag? Kann man unzufrie- 
den sein, wenn man unter einem Dutzend Tagemarschen auch einige 
Regentage mit ertragen mnfs, wenn man in den übrigen die Ruinen 
Von Eleutberae, Plataeae, die Lage von Thebae, Boeotien, die grati- 
diosen Ruinen von Haliartos, Orcbomenos, Ghaeronea gesehen und be- 
wundert hat, wenn man sich an den lieblichen Thälem von Lebadea 
und Daalis erquickt, an der wahrhaft grandiosen Scenerie des Par- 
nassus, von Delphi und des Golfs von Salona erbauen, und mit Mufse 
das seltsame Naturphfinomen der Elatabotbren rings um den Copais-See 
genauer verfolgen konnte? 

Alles dies ist mir nun gelungen, in Gesellschaft meines geliebten 
Freundes Brandis zu besehen und zu durchforschen^ wobei wir gegen- 
seitig doppelten Gewinn ziehen konnten, da jeder seinen eigenen Mafsstab 
zur Beobachtung mitbrachte, und wir beide in voller Herzensharmonie uns 
ganz den grofsartigen Eindrücken hinzugeben vermochten. Noch hatten 
'sich uns ein Marchese Carlotti aus Verona und ein Pariser Mons. Vartel 



•• • 



Bdiebriefe* 327 

ala BelMgdkhrten aogescblossen, die «q gern unter unserer Aegide 
die Bamelieche Beise mitzamachen wfinechten, als dafs ich dies ihnen 
bitte abschlagen können, comal da sie mir Ton nnserm Freunde, dem 
Dr. nnd Geheimrath Roser auf das AngelegenUichste empfohlen wa- 
ren. Sie vergröfserten zu gleicher Zeit unsere Karawane, so, dafs wir 
bei unserm zahbreichen Oefolge (von 4 Agogaten, 2 Bedienten, 9 Pferden 
and 4 Reisenden) nirgends in dem ziemlich unruhigen Ramelien eine 
Rauberattake zu furchten hatten. Nur die Thermopylen und das 
Schlachtfeld von Marathon blieben uns durch Räuberbanden, wie durch 
Regenwolken unzagänglich. 

Den 21. Morgens ritten wir beim schönsten Sonnenschein über 
Eletams nnd Daphne durch den Olivenwald zur tbeuren Athene zurück, 
wo für die rielen Freunde und wohlwollenden Bekannten, die ich hier 
gefunden habe, die Zeit bis zum 23. October Abends viel zu kurz war, 
un sie gehörig unter dieselben vertheilen zu können. Die Liebe nnd 
Gute, die ich hier genossen, kann ich nicht dankbar genug anerken«> 
nen ; die aasgezeichnetste unter ihnen auch nur zu nennen, würde mir 
jetzt unmöglich sein. Griechen wie Landsleute, Britten und Orienta* 
len etc., Uh. nenne nur den Procurator Mannssi, Professor Ipsara, Di-» 
rector Gennadius, Oekonomos, Minister Polizoides, Naturforscher Dam- 
oando, Gropios, Finlay, Rofs, Ulrich, Lange, Herzog, Maier, Curtins« 
Landerer, v. Prokesch, v. Rndhardt, Graf Saporta, v. Thielemann n. v. a. 
Ich hatte noch meine Zeit wohl zu vertheilen zwischen meinen Privat- 
freunden und dem Hofe, denn noch am Sonntag den 22. hatte ich am 
McMc^en 11 Uhr Audienzen bei JJ. Majestäten und wurde am Abend 
zar Tafel gdaden, nachdem ich schon um 4 Uhr ein Diner bei 
Brandis eingenommen hatte, wozu viele griechische Notabiütfiten ge<- 
laden waren. Meine Abschiede wurden als Visiten beendigt. Das herr«- 
liebste Wetter schickte sich zum Reisegefährten an, und mein Glücks* 
sterti führte mir als Reis^efährten auf dem Dampfschiffe bis Sjra zwei 
theure Freunde zu: v. Prokesch, der mich mit gröfster Güte überhäuft 
hatte, und Robertson, einen Nordamerikanischen Missionar, den ich in 
Athen bei Brandis kennen gelernt, . der hier in Sjra (Hermoupolis) seine 
Station der Segensverbreitung seit 5 Jahren aufgeschlagen, Schalen, Pres^ 
sen, Filialanstalten durch die Levante gestiftet hat, und in dessen Hause 
ich hier in Hermoupolis diese iSeilen schreibe, weil ich in ihm während 
des Dampfschiffwechsels gastlich meine Wohnung gefunden und auf 
Händen der Liebe in seiner zahlreichen Familie getragen werde. In 
seinem Hause ist Alles amerikanisch -englisch bis auf Stuhl und Tisch; 
seine FVan ist die Krone des Hauses, er selbst der feinste, liebevollste 
und gebildetste Mann voll Herzlichkeit, v. Prokesch ging mit hierher, 
um den Erzherzog Johann zu empfangen; meine Hoffnung, diesen hier 



328 Carl Bitter: 

CO 8e2ieD| kt aber ▼emiebitet, weil derselbe tf eben naeb Athen auf dn^B 
anderen Scbiffe an nns Tovfibergesegeh ist Hente Abend (25. Octo* 
ber) geht nnser Dampftduff ab, um mor|^ii in Smyraa zo dbemach- 
ten* 



ConstaDtinopal, d. 81. Odttbee 1887. 

Meinen Brief aus Syra, aas dem gastlichen Hanse des Mr. Ro* 
bertson vom 26« Oetober wirst Da vielleicht schon erhalten haben,' wenn 
Du diese Zeilen von der andern Seite des Hellesponts und der Dar« 
daneilen mit Deinen Aogen erblicken wirst 1 Eanm traue ich meinen 
eigenen, da£8 ich Dir ans Constantinopel schreiben kann, so wnnder« 
bar kommt es mir selbst vor, hier, an der Fälle des Goldnen Homs 
des alten Byzanz zu sitzen, und mit meinen Gedanken über Balkan, 
Haemus, Donau, Ungarn und die Karpathen hinüber stu fliegen zn Dir. 
Und doch ist es so, und es ist so naturlich nnd einfach zugegangen, 
daüs ich unter den Augen des Grofssultans jetzt ganz friedlich von tnei* 
nem Lager aufstehe und seinen Prachtpallast an der Spitze des Stt*ai 
erblicke und Dir dabei meinen heilsen Morgengmfs hinfibersende dnrdi 
die klaren mit leichten Schäfchen lieblich durchwebten Löfte, 'wdLelie 
die Wipfel der Gypressen schaukeln und die Segel der Tausenden von 
Masten im schönsten Hafen der Weit schwellen I 
- • ' Wie gnädig hat mich dtr Herr auch hieiiier geleitet, anf Händen 
getragen, und mir vollkommnes Wohlsein verliehen an Leib und Seele, 
um seine Herrlichkeit aller Orten zu erkennen, und ibm vom Grunde 
Aer Seele mein Lob- und Preislied zu singen und meinen Dank d&- 
miitbig voi* seinem Throne niederzulegen. Wahrlich, meine Seele isl 
voll von seiner Macht und Herrlichkeit, ein neues Thor der Welt ist 
mir aufgegangen. Der Orient hat sich mir eröffnet, ieh habe ''meinen 
Fafs auf Asien gesetzt, und die Lüfte jenes Urlandes des Menschen» 
geschlechts haben mich ' angeweht, ich habe Skio gesehen, mich in 
Sm^ma umbergetummelt, habe Milylene, Tenedbs, die Küsten von Tkt>ja 
gesehen, den Hellespont, die Dardanellen, das Marmormeer, Scntari, 
Byzanz, den Bosphor, die Scheidelinie von Asien und Europa, die aber 
hier eine grofse, mächtige Einheit bilden, vor welcher der schwäch- 
liche Pedantismus der Geographen zurückweichen mufs. 

Die gl&cklichste Fahrt hat meine griechisdie Reise zur Ga|)itale 
d^r TQrkei gekrönt. Am Donnerstag Abend 8 Uhr bin ich von Syiu 
abgesegelt niit dem Dampfschiffe Ludovico. Am Morgen des Freitags 
(27; Ootob.) erblickten wir bei Sonnenauf^ng in voller Farbengiutib 
die reizende Küste von Skio, nur ein Garten voll Cainpagneta von meh- 
Teiien Stunden Länge, von MastixwäUem nmgeben. Dann die EiiEifsAiart 



:BeÜ«bH4«9. S29 

k den €k>U tmi Biiiyi«ft, iro kh um j-3 Uhr mit Zittern «nd BeMn 
den Boden ifoh Asien betrat. Prachtvolleres hatte Sdi bis dahin noch 
nicht gesehen, als die Umgebang von Smyma, die mir ein lebendiges 
Paradies m sein Schien. Ich fand die üebenswnrdigste Aufnahme bei 
dem HcdUindischen Gonsni van Lennep nnd dem Nordamerikantschen 
Missionar Dr. Temple. Gleich nach Tisch setzte ich mich mit meinem 
Lohnbedientein zu Pferde nnd darehtrabte bis in die späte Dnnkelhdt 
die praehtvollen Thfiler und Höhen nach Budja am Melas. Am feU 
genden Motten vor Sonnenaufgang bestieg ich das alte Castell and 
nbersohaute die Landschaften von Asia Minor nach Bpbesns und Sap«' 
des hin, mit ihren Ofirten, Aquaeducten im saftigsten Orun der sdite» 
sten Vegetation ) wie Griechenland solche doch nicht darbietet Idi 
durdiwanderte die ersten Oypressenhaiine und türkischen Gottesäcker, 
die in schweigender heiliger Stille die ganze gewaltige am Berg enn 
porgeldinte Stadt mit ihrem sdiauerliohen Dunkel nnd den' Gedenk* 
takln vom weifsem Marmor umgeben ^ und die reizendsten, friedlich^ 
sten Spazi«Kigfiiige darbieten, die sich der Occidentale nur denken kann« 
Der Orientale durchhiebt sie in schweigender Stille, und sitzt an den 
Stufen der Tropen ^ die hioaufEihren, oder unter dem Schatten der 
Bäume und raucht einsam seine lange Pfeife. Lange Züge aSiatisoher 
Eameeltreiber mit Waaren beladen, in lautem Geklingel mit langsam 
feierlichem Schritt hemmten in der ersten Morgenfrühe öfters meinen 
Weg durch die engen Strafsen der Türkenstadt und der Bazare, die 
hier merkwürdig mit allen Waaren nnd Industriezweigen des Orients 
gefüllt sind. Hier der Fleischbazar, der Schuhbazar, der Bambuscfaen- 
bazar, der Gold-, Teppich-, Sattel-, Zeug*- und Waffen*Bazar, dort 
der Brod-, Fiseh-, Obst-, Mehl -Bazar etc. Aber f redlich mufete man 
dabei oft in den söbmutzigen Gossea waten, den Kameelen, Bseln nnd 
Manlthieren ausweichen, die einen weidlich mit Kotb bespritzten, oder 
man konnte' auch wohl von insolenten tütkischen Reitern nmgeritten 
werden» Dabei hatte man bestfindig den fidtenreicfaen Gew&ndem der 
umhergehenden türldsohen Männer und den in dichte Schleier gehüll- 
ten Frauen auszuweichen, die dadurdi so blind werden, weil Sie selbst 
die Augen verdecken, und nicht sehen an Pferde, Bsel oder Haus- 
eckbn anstofsen, wenn sie quer duiV^h di^ Gassen gehen wollen, atte 
in gelbeti Bambusohen mit gelben oder rollen Beinkleidern seltsam 
lateohig umliergehend, ganz gegen den Geschmack nnd den' eleganten, 
lebendigen «nd graziösen Oäng der Europäerinnen. 

Zum 3(^Mfir nahm leb noch ein tfiridsches Bad, da idi mieh dodi 
einmal in die ganze Türkensitte fugen mufs. So köstlich gereinigt 
un4 durch die Wärter in allen Gliedern gereckt, gekniffen« gewaschen, 
und mit Seifenschaum und der Fülle von heifsem Wasser übergsissM, 



330 Carl Bittet: 

eilte ich zn meinem Dampf boot zarück, daa eo ^>en im Begriff war» 
abaisegeln, — und was fand ich; anf demselben eine ganze Tflrken- 
popolation pon Smymal Der Grand Donanier de Smyrne, der Pficb* 
ter Yon Mitylene, der nach dieser Insel mitreiste und seine Schwieger- 
tochter mit einer Negersklavin im Gefolge hatte, die er für seinen Sohn, 
einen sehr hohen Beamten in Gonstantinopel, als Sposa ansgesncht 
hatte. Wir machten bald Bekanntschaft durch Perspectiv, Boofisoie, 
Landkarte und andere Kleinigkeit^i , welche diese Leutchen in Stau« 
tkca setzten. Aber aufser ihnen lagerten viele andere bärtige Türken 
in ihren Turbanen und ihrem Waffenschmuck auf persischen Teppichen 
auf dem Verdeck umher, und 200 Conseritti aus Asia Minor waren in den 
dr&ten Schiffsraum gepackt üntw der Fuchtel von einem Paar alter 
türkischer Corporale mit grimmigen Minen und dicken Gurtelpistolen 
und Säbeln. Wir durchschifften in der letzten Nacht vor den Darda- 
nellen um 2 Uhr eine Flotte von 5 grofsen und vielen kleinen fran- 
zösischen Kriegsschiffen, der eine zweite Flotte von 7 türkischen gro- 
fsen Kriegsschiffen und unzähligen anderen den Eingang in die Dar- 
danellen zu v^wehren schien. Wir schifften und wanden uns zwischen 
cUesen Schiffen vor Tenedos hindurch, wie durch eine reich iUuminirte 
Wasserstadt. 



Adrianopel den 17. November 1887. 

Ans dem griechischen Kloster der alten Hadrianopolis datire ich 
diese Zeilen. Die letzten Tage meines Aufenthalts in Gon- 
stantinopel waren sehr unruhig. Die ersten acht Tage wurden dem 
Plane gemäb mit Besichtigung der Merkwürdigkeiten Stambuls und 
der Umgebung zugebracht. Nun hiefis es von Tag zu Tag, die Preu- 
fsisehen Ofüdere ') würden von ihrer siebenwöchentlichen Beise zu- 
rückerwartet^ sie kamen aus denselben Gegenden zurück, zu denen 
ich hingehen wollte. Was hätte ich Besseres thun können, als ihren 
Rath : abzuwarten in so schwieriger Angelegenheit, über die eigentlich 
Niemand von den dortigen Ambassaden gehörige Audcunft zu geben 
wufste. Die Hauptsache war nehmlich, dafs kein Donaudampfschiff 
mehr zurückging, ungeachtet midi alle Ambassadeurs versichert hatten, 
es würde gehen, wodurch meine Bückreise ungemein erleichtert und 
yerkürzt worden wäre. Endlich lief die Nachricht in Constantmopel 
ein , dafs den 1 1 . November das letzte Dampfschiff der Donaudampf- 
Schiff* Societät nach Galatz gehe, die Donaufahrt selbst aber nicht mehr 



^) Es waren die von der prenfsischen Regiemng nach Gonstantinopel gesandten 
Ofileiere. Red. 



Bfliielnief«. 331 

mache. Die Kälte und das böse Wetter der leisten Fahrten im Oc- 
tober hatte die Herren abgeschreckt, w&hrend gegenwfirtig diese Fahrt 
noch recht gat hfitte unternommen werden können. Aber nach 6a- 
lats mich den Stürmen des Schwarzen Meeres ancavertraoen und rfick* 
wfirto an gehen, dasEU hatte ich keine Lust, fiberdem ist oiir die Reise 
am des Landes willen lehrreich, und an Meerfahrten hatte idx genvg. 
Dieselbe Ursache schnitt mir den Seeweg nach Triest zurnck ab, den 
mir die Meisten als den bequemsten anriethen, den ich aber dämm 
nidit gewählt habe, weil er mir nichto Neues darbot, und dasn noch 
zwei Quarantainen in Sjra und Triest abgehalten werden mufsten. 
Hierdurch wurde mdne Rückreise su Lande nothwendig. Bei dieser 
aber traten verschiedene Möglichkeiten der Wege ein, und es wurde 
sweifelhaft, welches Thor, su dem man aus der Türkei hinaus will, 
das Tortheilhafteste sei. Die Deliberationen hierüber waren es nun, 
die mich in den letzten Tagen meines Aufenthalts ungemein beweg« 
ten, am das beste Tbeil herauszufischen. Ich fand nfimlich, dafe fast 
Niemand mir genauere Auskunft geben konnte und blieb daher in vie- 
ler Hinsieht rathlos, selbst von den Preufsischen , OesterreicbiscHeth, 
Russisclien Ambassaden, die diese Dinge doch eigentlich am Schnür- 
chen haben sollten. Sie haben aber einiges von der Oleichgühigkeit 
der Qrientelen angenosamen, und lassen, wie man zu sagen pflegt, 
fünf gerade sein. Dagegen habe ich alle Ursadie mit ihrer grofsen Ar- 
tigkeit und geselligen Aufnahme in höchstem Grade sufrieden su sein. 

Erst am Donnerstog (9. Novemb.) hörte ich die Nachricht von der 
Rückkehr der Preufsischen Officiere, die in Bnjuk-dereh abgestiegen 
waren. Jetzt erst konnte ich sie sehen und mich mit ihnen beratbeo, 
aber meine Geldangelegenheiten, Firmen, Pafsvisa, Creditbriefe, Em- 
pfehlungschreiben, Geldeinwechslungen etc., was alles hier ungemein um- 
ständlich ist, waren glücklicherweise schon früher in Ordnung gebracht 
worden, ehe ich ihren Ralhi einholte, sonst säfse ich bei der Langsamkeit 
und UmstfindDehkeit dieses Arrangements noch heute in StembuL Ich 
war entediieden nach Adrianopel zu gehen, und von da zu sehen, welchen 
der dreierlei Wege ich am zweckmftfsigsten einschlagen möchte, den 
von mir erwünschtesten über Pfailippopel, Sophia, Widdin, Orsowa, um 
den Donaadurchbmch zu sehen, auf den idi schon seit so langer Zeit 
erpicht bin, oder aber den Weg direct von Sophia über Belgrad nach 
Semlin, die grofse Wiener Strafse, oder drittens den Weg von Adria- 
nopel nach Rustsehuk. 



3S2 Cftrl KiUttr: 

QiMnuvtoine » Qiws«^^» BMtae^tüc M^iMUMr, 
in der Walachei, d. 1. Peoember 1837. 

Olfioklich bin idi endlich nber. den Donaostrom ^eaetet, ich habe 
Eoifopa wieder betreten, lebe wieder in der lieben: Ghriatenhcdt, habe 
den Gef^hiea des boaen- Pestlandes mit Gottes* Hilfe und Onade den 
Racken gekehrt and bin nun hier in einen nehem Hafen eingekehrt 
Wie hat Mdi abw das Jahr Terspätet, wie. lange haben mich EKnder* 
niaae aller Art über mein Erwarten hinaus m der Beschlennigang mei« 
nerRSekreise gehemmt! Wer kann die Elemente .beäiegen^ w^in sie, 
wie hier, im nnciviliairten Lande ohne Kanstmittel dem Pilgienr tob 
aUen Seiten .entgegentreten, wo der Winter frühs^dg eintritt vaaä 6it 
Dampfschiffe vonr ihren Fahrten aarockschreekt^ wo ein Balkan seine 
ungebahnten Gebirgspässe, wie einst der Haemus, so noch heot im 
wilden Lande der Thraker, seine Felsen emporthürmt, und seme wil- 
den Wasser rollt, die noch von kekiem Brickenjoche gebändigt sind) 
wo no^ keine Poeftstrafse die Wege yerkorst, wo noch keine Bevöl- 
kerang das ganse Land deckt, sondern nur, in einzehien Gruppen Ter* 
tibeJlt, hier nnd da eine Ansiedlung gründen wird, wo es noeh keine 
Wirthsbäuser und kein Obdadi g^ebt, auf das man- mit Sicherhmt, als 
FreuidUng i^ine Tagereisen abmessend, reehnen kann, wo Türken hau« 
sen,. die als ächte Orientalen nicht von ihren JUftgeerbten Sitten kHSseU) 
W0 das Pestubel weit ubd- breit in der stummen Yolksklasse fortwu- 
chert^ die weder sich noch andern darüber Bericht und Auskunft gLeUt 
und wo man es mit Türken, Zigeunern und Balgaren su tbun hat, 
4ttreb die man eich hindurehart>eiten muTs. Da ist es schwer, wie auf 
.anserm lieben : deutsehen Boden, wie auf den Flügeln des Windes ge- 
Iri^ep, aidh den Seinen fcu nahem, und die Tage und Stunden zu 
4ness0nund -zu aählen, in denen man sich ihnen wieder in die Arme 
stwr«en kann* Ja, Voll Sehnsucht nadi dieser Mitmte schreibe Ich diese 
tl^eUen hier im Lande der Walaeben, dais ich nun erreicht ha^, wo 
es wjeder Extmposten giebt, mit denen ich der Heifiieath enitgegenflie- 
gen .konnte^ wenn mich nicht die leidigen Quarautainen nun hier auf 
,fast einen Monat g^angen hielten. Denn diesen zu entrinin^n war nun 
reinmal in diesem Jahre, wo das Uebel sk^h so allgemein vwbreitet hat, 
kein^. Möglichkeit Das hellige Christfest, selbst das Neujahrsfest in 
ider Heiniath au. feiern, ist nun für dieses Jahr keitie Mogltehkeit. 



Die Hindernisse, welche das schon fast geschwundene Uebel der 
Krankheit von Neuem in den Weg legte, und die Hemmungen der 
Stürme und Jahreszeit kamen gegen die Berechnung aller Erfahrenen. 
Die Yersäumnifs meiner Pflichten in der Kriegsschule und Universität 
schmerzt mich, doch halte ich mich da nicht fSr so unentbehrlich, um 



mir de^alb Yönrfirfe sn madieD, dafs ich beharrUeh in Bmtshfuhrattg 
&nes far meine WieseBSchaft sehr reiekhaltigen Reisennternefamens 
blieb, wodurch mir die- Augen geöffnet sind über Vieles, was ieh intht 
ahnen konnte. Selbst die Reise durch Griechenland hat einen doppel- 
ten Werth, nnd erst ihr rechtes Verst&ndnifs dadnreh gewonnen, dafs 
ich noch weiter gegen Osten bis zum Bo^[KMrus ging. Und dieser Land- 
weg ist mir von unendlicher Wichtigkeit für meine Bearbeitung Ton 

Ost -Europa und Klein -Asien. — 

Die grofee Langsamkeit meines Yorruckens von Adrianopel bis 
Rnstschuk rührt ron der Schlechtigkeit der Strafeen her und davon 
dafs es hier keine Posteinriditungen giebt; wenn man so kurze Strecken 
wie diese von 38—40 Meilen in 8 Tagen zurücklegen kann, so kann 
man sdion von grobem Olück sagen. So kam ich nach Rustschuk 
nnd hoffte am 9. Tage in die Quarantaine übeisetzen zu können. Aber 
welch ein neuer unerwarteter Aufenthalt! Diese war geschlossen und 
nahm Niemand auf bis zum 30. November! Ich mufste also volte 
5 Tage in Rustschuk verHeren, und zwar in einer Stadt, in welcAier 
noch tSglieh 20 bis 30 Menschen an der Pest sterben I Davon hatte 
keiner der Ambassadeure in Gonstantinopel etwas gewufst, die natüf- 
lidi besser von der Politik ihrer Höfe unterrichtet sind, als von den 
inneren tuikischen Landesangelegenheiten, über die keine Zeitung be- 
richtet. Zorn Gkofk hatte ich einen Empfehlungsbrief an den öster- 
reichischen Agenten der Donaudampfschiiifjfdirt in Rustschuk, und die- 
ser Biedermann nahm midi mit herzlichster Gastlichkeit in seinem 
eigenen fiLause auf, das gleich einer Quarantaine von der übrigen Stadt 
abgesdilossen ist Und ein gleiches Olüc^ hatte mir vom russischen 
Gesandten in Gonstantinopel Empfehlungsbriefe an den Director der 
Quarantainen in der Wallachei an S. Exe. de Mavros, verschafft, dem 
ich den Brief nach Bukarest sandte, und von ihm darauf die Annahmt 
in Qiurgewo erhielt, mit der Vergünstigung, statt 24 Tage, wie die an- 
dern, nur 14 Tage Quarantaine zu machen. So hat mir in der Noth 
immer wieder der barmherzige Oott beigestanden. 



Bothen-Thnrm-ContiitiiaE den 3S« Decomber 1S87. . 

Jetzt erst in der zweiten und, Gottlob, letzten, obwohl 

noch zehntägigen Conturoaz angelangt, wird es mir möglich, Dir neue 
b^-uhigende Nachrichten von mir zu geben. Das Mühseligste Ist über- 
standen; hier bin ich wieder im Lande der Givilisation! Nur eine 
Tagereise von hier erreiche ich Hermanstadt; von da gebt wieder 
regulärer Postenlauf. Dort kann man auf sicheres Fortkommen reeb- 
nen, und mit Entzücken denke ich an die Eilwagen von Pest und 



334 Oftvl BilMr: 

Wien, mit denen ich der Heimaih enl|;egen€iegen werde, w&iend idi 
bisher nur wie eine gliederloee Schnecke fortiiischleichen im Stande 
war, und durch tausend kleine nnd grofse Anstofssteine in meinem 
stetigen Fortschritt sn meiner gröfsten Seelenqnal gehemmt wurde. 
Nar noch diese letzte langweilige, zehntägige Qoarantaine, von der ich 
heute den dritten Tag schon erlebte, und ich bin wieder auf freien 
Ftt&enl 

Mein Gontumazstübchen, warm und geschützt yor dem Schneege- 
stöber der wilden Bergwände an dem Alutastrom, die mich rings am 
Eiingangspasse des Rothen Thurms aus der Walachei nach Siebenbür- 
^gen umgeben, erscheint mir als ein sehr sicheres Asyl gegen die Wuth 
der Elemente, die seit einigen Tagen losgebrodien war. Ich warte 
die Sturme, Schnee und Eis hier ruhig ab, und finde nun Brücken 
über die Wasser und gebahnte Strafsen über die Berge, die bisher 
fehlten. Die wilden Passe der Grenzkarpathen , in dieser Jahreszeit 
fiist weglos, sind überstiegen, und ich habe im biedern Lande der Sie- 
benbürger-Sachsen nichts mehr mit der Walachischen Wildheit zu 
thun, von deren Land, Leben und Weben man kaum einen B^riff hat, 
wenn man es nicht selbst durchzogen hat. 

Das schone Weihnachtsfest habe ich diesmal in Einsamkeit, Ekier 
Aller gedenkend, in meiner rüttelnden Caruzze zwischen Eis, Schnee 
und Wasserstürzen, von vier und mehreren Walachischen Doroban- 
schen oder Gensd'armen umgeben, aber doch recht innerlich gefeiert. 
Das Neue Jahr werde ich in noch gröfserer Einsamkeit, aber mit nicht 
minder heifsen Wünschen und Gebeten far Euer Wohl in meiner Con- 
tumaz feiern, wo nur mein braver Guardian Meyer, ein altgedienter 
Oesterreicher, mein Wächter und theilnehmender Gef&hrte sein wird, 
der neben mir freilich schnarchen wird, woran ich längst schon ge- 
wöhnt bin, aber doch zugleich immer das Feuer im Ofen schüren wird, 
um im lästigen Contumazzimmer dennoch gemächlichst geschützt zu 
sein. Man hat mir das beste zur Bewohnung gegeben; der Arzt Dr. 
Lej, ein Prager, ist sehr freundlich und behülflich und sendet mir die 
Wiener Zeitungen zur Unterhaltung, in denen ich einmal wieder hier 
und da in die Welt hineinblicke, aber vor allem mit gröfster Begier 
die Berliner Artikel verschlinge. 

Doch ehe ich weiter von der Gegenwart und der Zukunft rede, 
muCs ich Dir erst noch von der letzten Vergangenheit einigen Bericht 
geben, damit Du Dich in meine Lage und Yerschub hineindenken 
kannst, was ohn^ das nicht ganz leicht sein möchte, da wir civilisir- 
ten Berliner und Deutsche keine Ahndung von den Hemmungen ha- 
ben, welche einem in türkischen, bulgarischen nnd walachischen Län- 
dereien, die in dem Innern der Länder, fern von dem groisen Welt- 



verhAf üägeii, entgegentteten , und mile Berechnnngen der Besehleo- 
Bigang der fieken unnfitz, jede Eile anmdglich machen. Diese firfsli- 
ningen habe ich selbst erst machen mnssen, sie sind es, die mich um 
mein Wintersemester bringen. Mein einziger Trost ist, dafs diese Er- 
fahrung auch geographischer Art ist, also in mein eignes Fach sehUlgt 
und mir wissenschaftlich nicht wenig lehrreich bleiben wird; denn nie- 
mals wurde ich die wahren Verhältnisse dieses snddstiichen Theils von 
Europa und seiner Yöllcerschaften so zu beurtheilen im Stande gewe- 
sen sein, als es mich gegenwärtig die eigene unbequeme Erfahrung 
lehrt — ■' 

Meine Quarantainezeit von 14 Nächten in Giurgewo, wobei die 
letzten Tage mir unerträgliche Ungeduld erregten, war nicht ohne 
Frucht für mich abgelaufen. Ich hatte ungestört arbeiten können, ob- 
wohl doch die geistige Freiheit und Elastidtät des Gemüthes fehlten, 
um etwas prodnciren oder oomponiren zu können. Ich begnügte mich 
mit Ordnen meiner Beisejoumale, die ziemlich angewachsen und nicht 
unreichhaltig sind, und mit mechanischer Zeichnung, nämlich Ausfüh- 
rung meiner Reiseskizzen im Zeichenbuch, mit Lesung der unterwegs 
aufgerafften Schriften, mit Excerpiren. Das Neue Testament habe ich 
nie mit solcher iimigen Herzenswonne und Erbauung ungestört gele- 
sen, wie hier, und die Abende, wenn die Morgen ernsthaft und in Ar- 
beit verlebt waren^ wurde Göthe's Faust vorgenommen. — Die Graai- 
matik der walachischen Sprache und die Yocabeln von meinem Guar- 
dian erlernt, waren meine tägliche Lecdon. Zahlreiche Arten in 
der Donau gefangener Fische, geschossene Vögel, gefangene Reiher, 
lebendig in meinen Hof gesetzt, ankommende neue Quarantainegäste 
und 1 bis 14- Stunden Auf- und Abgehen im grofsen abgesperrten Ho^ 
räume, das bildet meine Unterhaltung. -^ — 

Das prachtvolle Wetter in der Quarantaine war erfreulich; die 
schönsten Herbsttage wie bei uns in Berlin. Aber der Mensch ist 
immer ungenügsam I Hättest du doch jetzt recht sohlechtes Welter 
in der Quarantaine, dann wäre mehr Hoffnung zu gutem Wetter auf 
der weiteren Reise, so dachte ich öfter. Und wirklich am Tage der 
Abreise von Giurgewo hatte der tiefste Koth die Wege, die bisher 
trocken wie die Tenne waren, unfahrbar gemacht, und der erste dicke 
Schneefall (den 14. December) die weite langweilige Fläche der Wa- 
lachei mit seinem weifsen Mantel zugedeckt. Die empfindliche Kälte 
nöthigte mich in Bukarest an den Einkauf eines Reisepelzes, von Pek- 
stiefeln und Handschuhen zu denken, die ich bisher verachtet hatte. 

Mein Plan war, in Bukarest nur drei Tage zu verweilen, was 
nothwendig war, um meine Visiten zu machen, dadurch Empfehlung 
und Unterstatnmg zur weiteren Reise zu erhalten, m&ne Gelder nm- 



396 Q«rl Bitter: 

■mirecliftelii, am Wagen stim weiteren TvMUBport meiner EVeeieB so 
kanfeoi oder zo miethen, und Proviant, wie Sohinken) Zange, Brod, 
Wein, Kaffee, Zucker etc. einzukaofen, weil man ohne diesen b«i dem 
Mangel von Ortschaften and Wirthshfiusem nicht sa reisen im Stande 
ist, — ebenso fürstliche Empfehlungen su erhalten, am von den Local- 
behörden in Nothf&lien, die auf jeder Station and Post eintreten, dordi 
Darobanschen and Polizeibehörden, wie Bojaren, Stolniks, Isprawniks, 
Capitäne etc., den gehörigen Beistand fordern zu können. — Zum 
Olfick kam ich am ersten Tage (14. December) mit vier Pferden am 
Wagen wie durch ein Wunder noch am späten Abend bis Bukarest, 
ohne unterwegs im Eoth stecken zu bleiben. 

Hr. V. Tzinko, ein Grieche, aber deutsch sprechend, seit 25 Jab- 
ren im Consolat, und ein passionirter Preufse von Oestnnung, aus Bu- 
karest gebürtig, nahm mich mit Enthusiasmus ungemein gastlieh auf; 
ich fand bei ihm treffliches Quartier, und flr meine Bedürfnisse, frei- 
lich auf eigne Art, sehr gut a la Bukarest gesorgt. Wie erschrak ich 
am andern Morgen beim Austritt aus meinem Quartier, nm meinen 
Besuch beim Preufsischen Consul zu madien, dafs die Stadt von Eoth 
und Schlammströmen flofs. An gehen war nicht zu denken , nur im 
Schlamm baden oder fahren in Ek][aipagen, von denen die Strafeea ge- 
drängt sind. Droschken mufsten hier aushelfen, und ich mufste man- 
ehen Tag 10 bis 12 Oulden für Fuhrwerke bezahlen, da ich sie in 
dem kleinen Paris (einer wahren Lutetia I), wie man hier Buka- 
rest bewundernd nennt, vom Morgen 8 und 9 Uhr bis in die spfite 
Mittemacht zu meiner Disposition haben mulste, um nur den Anstand 
zu beobachten. Alles ausfuhren zu können, alle Visiten zu machen, 
die hier heilige Pflicht sind, und jeder Einladung, die vom Hospoda- 
ren, von allen Ministerien, Consnlaten, gelehrten Personalitäten und 
Landsleuten an mich ergingen, nur einigermafsen entsprechen zu kön- 
nen ; denn gewöhnlich hatte ich zwei bis drei Einladungen zu Diners, 
Soupers und Soireen, wie das nur in einer Capitale sein kann, ob- 
wohl Bukarest nur 70,000 Einwohner zählt. 

Die Consuln sehen sich hier wie kleine Potentaten an; sie woh' 
nen in Palazzis, haben ihren Hof, ihre Kanzlei, ihre Gorporale, Pol]2ei, 
Dragomane, Dienerschaft; sie sehen die Unterthanen ihrer Höfe wie 
ihre eigenen Sujets an, denen sie, wenn es Anstandspersonen sind, wie 
bei mir, die Honneurs zu machen verpflichtet sind, die sie aber, weoo 
sie zum gemeinen Volke gehören, wie ihre Kinder oder Schafe oder 
Sklaven dirigiren. 

Mein erster Besuch gehörte dem regiwenden Fürsten der Wala- 
chei k son Altesse le Prince Ohika, Hospodaren des Landes. Baron 
SaodUario stellte mich vor. Ich werde nie die wohlwollende Aufiuihoie 



Beisebriefe. 337 

dieses gebildeten Fürsten vergessen; die ConTersation und Art ist ganz 
franzosisch; er beschenkte mich sogleich mit einer antiquarischen Ab- 
han^nng seines Bruders Michalaki Ghika, der Minister des Innern und 
Freund der Wissenschaften ist. Mein Name war ihnen nicht unbe- 
kannt; Griechenland, das ich vor kurzem nebst dem dortigen Hofe ge- 
sehen, and Ck)n8tantinopel mit seinen Neuerungen waren ihnen (denn 
auch der Banus Michalaki Ghika, Grofs-Womik des Innern, sowie Con- 
stantin Eantakuzeno, Grofs-Wornik oder Minister der äufsern Ange- 
legenheiten, waren bei der Audienz gegenwartig) interessante Gegen- 
stande der Erkundigung. Ich war seitdem wie der Hausfreund des 
Hospodaren aufgenommen, und muTste ihm taglich aufwarten in dem 
Audienzsaale, wo das bunteste Gemisch von Griechen, Türken, Hof- 
lenten, Militairs, Bojaren, Priestern, Oonsnln von allen H6fen, Docto- 
ren etc. sich von früher Morgenstunde bis zum Abend herumtreibt. 
Ich wnrde mehrmals zur Tafel gezogen und diese Aufnahme führte 
mich durch die Salons aller Ministor und Grofsen der Stadt, bei Bo- 
jaren, einst seinen Mitbewerbern um den Thron und jetzt seinen Nei- 
dern, wie zu dem Minister der Justiz Stirbcy, der mich mit Artigkei- 
ten überhäufte. 

In diesem Kreise fand ich die merkwürdigsten Notabilitäten der 
Stadt und des Landes vereint, unter denen viele Deutsche, Franzosen, 

Russen, Griechen, selbst einige Preufsen. Mein zweiter Besuch 

war zu dem Generaldirector der Quarantainen der Moldau und Wa- 
lachei, Sr. Exe. de Mavros, meinem Wohlthäter, der eine Prinzessin 
Sutzo zur Gemahlin hat; ich genofs bei ihm gleichen Empfang und 
fand sehr gebildete, feinfühlende Damen in seiner Gemahlin und Schwä- 
gerin. Bei dem Justizminister lernte ich die Fürstin Ypsilanti, bei 
dem Colonel de Blaremberg (Sohn des Gouverneurs von Odessa, des 
Antiquars und Ehrenmitgliedes der Akademie der Wissenschaften in 
Berlin) die Schwester des Hospodarenfürsten , mit der er verheirathet 
ist, kennen; er ist ein interessanter junger Mann, der meine Geogra- 
phie studirt hat Zu allen seinen Gollegen in den Gonsulaten führte 
mich Sazillario, der Dr. Meyer in die ihm anvertrauten Lazarethe und 
Anstalten, die Offiziere und Adjutanten des Fürsten in ihre Militär- 
anstalten. Bei den Hofbochhändlern Wallbaum und Weise aus Leip- 
zig fand ich einen Bekannten von Bruder Johannes; er hatte mein 
Berliner lithographirtes Portrait, an dem er mich sogleich erkannte, 
und nun versammelte sich bei ihm alles Literarische, die vielen Aven- 
tnriers von Hannoveranern, Weimaranern, Franzosen etc., um den 
Fremden gesehen zu haben. Tiefer dringt die Cultur hier nicht ein, 
sie bleibt ganz auf französischer Oberfläche und dient nur für die Gon- 
versation. Dagegen ist der Luxus in Equipagen, Kleidern, Salons 

Z«iUctar. f. aUg. Brdk. Neu« Folge. Bd.XIIL 22 



338 0^r\ Ritter: 

orientalisch, aber alles in Baraer Styl, and die Elegatu im Innern 
der Gesellschaftsrimnier wie bei nne, indefs die ftnfsere Seite der 6e- 
bfiade und die Entr^es das schmntzige Ansehen der Schwalbennester 
von Koth und Lehm beibehalten, und die Thorwfiohter Walachiache 
und Türkische Wilde, die Diener Tschinganen oder Zigeuner sind. 
Die Herrlichkeit war für mich nicht eben grofs, so in. Saus und Braus 
SU leben, mit dem nagenden Kummer der Ungeduld im Heroen und 
der best&ndigen Angst fortzukonmien, aber sie war mir doch ia vie- 
ler Hinsicht sehr lehrreich und interessant: die drei Staaten, welche 
auf ganz verschiedenen iWegen die enropfiische Civilisaidon mit Ge- 
walt und so verschiedenen Mitteln su erstreben versuchen, verglei- 
chen SU können, — das Königreich Oriechenlaad unter Bayrischem 
Scepter, die Türkei mit Moalemen und Militfirorganisationen, die Wa- 
lachei unter Hospodaren mit französischer Bildung nnd unter Russi- 
scher 2^ht. Bei allen dreien pries ich mich selig, im thenren deut- 
schen Lande einheimisch zu sein. 

Aus drei Tagen des Aufenthalts mufsten nnn schon fünf wer- 
den; denn am Sonsabend (18. December) hatten alle Juden ihren 
Schabbes, und nur durch Juden kann man hier seine Einrichtung tref- 
fen. Der Jude mufiste. mir meinen Fuhrmann und Wagen miethen, 
den der PreuTs. Consul' damit beauftragte; am Sonntag (17. Decem- 
ber) war bei den Griechen und Armeniern alles geschlossen, am Mon- 
tag war der St. Nicolaustag, das. Schutzfest, das erste im Lande und ge- 
feiert vom ganzen Hof, Militftr und Bevölkerung zu Ehren des noch 
mfichtigern Schutzpatrons des Kaisers von Rnfsland, dem zu Ehren die 
ganze Stadt in Allarm und. in Illumination war. Zu diesem Feste war 
schon vorher Alks beschäftigt und darauf gespannt, so dafs an kein 
Wegkommen an diesem Tage zu denken war. Ich War den ganzen 
Tag wie ein Spielball am Hoi^odarenhofe, wo ich die Messe, die Pa- 
rade, das stehende Dejeuner, die Privataudienz , Abends das Theater 
und noch andere Sohmausereien mitmmachen hattet. Der ersehnte 
Dienstag kam endlich , , und mit Mühe rüttelte idti die Gonsalate ans 
dem Bausche auf, mir meine P&sse und Empfehlungen zu fertigen; 
sie zögerten, wie> hier, im Orient überall, ohne Begriff von unsrer Be- 
rechnung von Zeit, als sollte ich noch Monate lang die Garnevalbe- 
lustigungen kosten. Und «selbst am Vorabend meiner bestimmt aus- 
gesprochenen Abreise (Mittwoch, den 30. Dec.), wo mir Dr. Meyer 
einen Abschiedsscbmans nach hiesiger Art gab, der bis am Morgen 
des andern Tags um 4 Uhr dauerte, wo auch Miohalaki Ohika gegen- 
wärtig war, hatte dieser Minister noch kein^ Depeschen für midi, wie 
er doch so gern sich erboten hatte, in Ordnung gebracht. Da er nun 
sah, dafe es Ernst war^ schickte er sie mir mit den Befehlen des Für- 



Beiaehriefe. 339 

rten iip 6«iD6 BeMnten am aiehdtfolgenden Tag« durdi eigene Stafet- 
ten «nf ein Paar Tagereken weit bis naeh Piteschti nach. Doch von 
dieser Walaehisehen Hoepodaren-Art ist es anmöglich anderen einen 
richti^n Begriff zu geben. 

Wie froh war ich , als ich am Mittwoch (20. Deeember) endlich 
aas 4e^ gasüichen r. Tainko'schen Hanse Abschied nehmen und mich 
in meine gemiethete Camzze, mit 5 Pferden bespannt, setzen darfte. 

Ans drei Tagen UeberiEommens nach Siebenbürgen, mit denen 

man mir allgemein, schmeichelte, ja nor 2 Tage yerhiefs, sind 7 schwere 
Tageireisen geworden, ungeachtet ieh zuweilen 9 Zugpferde zu meiner 
Disposition hatte, 3 Kotscher und 4 bis 5 Gensd'armen zu Pferde ne- 
ben meinem Wagen hertrabten, geliefert von den Polizeibehörden der 
Ortschaften. 

Die Walachischen Distanzen in Meilen und sogenannten Poststa- 
tionen sind die gröfsten, die. ich in meinem L^en kennen gelernt habe. 
Die Wege sind durchaus weglos in dieser Jahreszeit, der strömenden 
Waaser ist eine grofse Zahl, der Brücken sind wenige, die meisten nur 
elende KnüppelbrQcken. Die reifsenden Bergwasser von den Karpa- 
then, in dieser Jahreszeit schon ziemlich angeschwollen, mufsten also 
durchsetzt, oder, wo sie zogefroren waren, überfahren werden. Dazu 
war stets Hülfe nothig^. Viermal sind wir in die nur halbfeste Eis- 
decke .mit Wagen und Pferden« eingebrochen, so dafs diese stundenlang 
zwischen EisschoUen lagen und kaum wieder aufgepeitscht oder durch 
Statten gehohen werden konnten. Dafs ich unzählige Male ausstieg 
und zu Fuls ging ist natürlich. Die furchtbar steilen Earpathenpässe 
Siebenbürgens, zumal die Pebora und andere, waren so mit Eisflächen 
befroren .und mit Schneefeldern überzogen, dals die Pferde nur immer- 
fort stürzend die Höhe erreichten, von den Höhen hinab aber der Wa- 
gen sie mehff schob, als da& er von ümen gezogen wurde. Die Ta- 
ger^en konnten also nur sehr kleine sein. In Piteschti, dem zweiten 
Tagemarscbe, mubte ich wegen des Schneegestöbers einen ganzen Tag 
verlieren und rasten. Zum Glück fand ich da ein gutes Unterkom- 
men im Khan eines Bulgaren. Am folgenden 4. Tage mufste ich Vor- 
spann von der Polizeibehörde fordern, und nun flog ich mit 9 vorge- 
spannten Pferden über Stock und Stein, aber die Caruzze war in Ge- 
fahr ans einander zu reilsen, also mufsten wir nach zwei Poststationen 
wieder einhalten. An der letzten Poststation, auf der Grenze der 
Walachei und Siebenbürgens, mufste mein braver Siebenbürgischer 
Fuhrmann zwei Tage fahren; denn jeden Augenblick mufsten die Pferde 
auf den Eiswegen nen beschlagen oder geschärft werden. Von hier 
an kamen gebahnte Wege, gebaute Brücken, von Hermanstadt an 
Postwagen; von hier an spricht man wieder deutsch, idi habe also 

22* 



340 ^Afl Ritter: 

meinen Giovannni Felipe, der mir bisher als Dolmetscher i& allen 
Sprachen und als Bedienter treuliche Dienste leistete, und von Con- 
stantinopel an mein Gefährte war, zurückgeschickt in seine fertoe Hei- 
math. Ohne ihn wäre mein Landreise durch diese Völker in der That 
unmöglich gewesen. — Durch das gröfste der Uebel, die Pest, hat 
mir der Herr gnädig hindurch geholfen. Gottlob, obwohl sie nach 
vielen Seiten hin gleich einer Hydra ihre Köpfe und Glieder ausge- 
breitet und wie Blitzstrahlen oft unvorhergesehen gezündet hat, so bin 
ich doch völlig unberührt davon geblieben, und bin an der Gh*enze der 
Gefahren angelangt Gott der Herr, so ist mein felsenfestes Vertrauen, 
wird weiter helfen; Ihm allein sei Ehre und Preis! 



Pesth den 28. Januar 1838. 

Auch hierher hat der Barmherzige mich gnädig gefuhrt, und bin 
ich glücklich, ohne dafs mir ein Haar gekrümmt wäre, durch viele Ge- 
fahren und Beschwerden endlich hier in den sichern Hafen angelangt, 
von wo aus eine Ueberfahrt im Eilwagen auf Schlitten gepackt gegen 
die frühere Noth ein Spiel erscheint. Schon am 9. dieses Monats hatte 
ich Hermanstadt verlassen und konnte erst am Montag den 22. in 
Pesth einfahren, so hatten Schnee und Stürme die Wege versperrt, 
dafs ich selbst in der Kaiserlichen Diligence täglich nicht mehr als 
eine Post zurücklegen konnte, und endlich doth noch mit 24 Pferden 
Vorspann in Szegedin stecken blieb, von wo ich dann auf leichten 
Schlitten in einer Caravane anderer Schlitten und gegenseitig zur Bei- 
hülfe verbündeter lieber Reisegefährten begleitet eintraf. Mit Freudig- 
keit blicke ich auf die Mittel, die mir nun gegenwärtig schon im Lande 
der Civilisation, auf der gebahnten Strafse zwischen zwei Hauptstädten 
zu Gebote stehen, wo ich, statt wie zuvor zu schleichen und stille zu 
stehen, nun fliegen kann. Der erste Eilwagen auf Schlitten geht Frei- 
tag den 26. dieses von Pesth ab, und wenn auch nicht wie sonst in 1|, 
doch sicher in 3 Tagen werde ich mit Gottes Hülfe in Wien an- 
langen. 



Wien den 29. Juiiiar 1888. 

— — — Die Schwierigkeiten, die mir früher bis zur deutschen 
Grenze im Wege lagen, sind nun glücklich überwunden, und das Eis 
der Donau, das ich im Schlitten passiren mufste, ist weder gebrochen, 
noch sind die grofsen Wasser, die man bei dem eintretenden Thau- 
wetter fürchten mufste, eine Hemmung far mich geworden, noch hat 
der laue Regen, der bei meiner Abfahrt von Pesth mich in einigen 



Reisebriefe. 34 1 

Schrecken wegen der Weiterreise setzte, die ungeheuren Schneemas- 
sen, welche selbst zu niederen Hugelreihen emporgethürmt, ganz (Jn- 
garn bedecken, in so kurzer Zeit zerschmelzen können, dafs wir nicht 
noch in nnserra Bilwagen, auf Schlittenkasten gesetzt, die Eaiserstadt 
hätten erreichen können. Einige gelinde Nachtfröste, die das zu Eis 
verwandelten, was am Tage durch Regen in Wasser und Scbneebrei 
aufgelöst gewesen war, haben uns wesentlich gefördert, und wider alle 
Erwartung haben wir diesen unsem Weg von 37 Meilen von Pesth 
bis Wien in 2\ Tagen glücklich zurückgelegt. Am 26. Januar Mittag 
fuhren wir mit Regen von Ofen auf Schlitten fort, und am 28. Januar 
Abends 9 Ühr rückten wir hier in Wien ein. Freilich sind wir auch 
die Nächte hindurch gefahren, und in einer Nacht blieb der Eilwagen 
noch dreimal im Schnee stecken, so dafs wir Passagiere insgesammt 
aussteigen und mit Hebeln und Stangen den sehr schnell eingefrornen 
Schlitten forthelfen mufsten. Bei diesen sehr unbequemen Geschäften 
hatten wir glücklicher Weise unter den Passagieren einen kunstver- 
ständigen, sehr praktischen Mann, dem wir eigentlich durch seine pas- 
senden Anordnungen jedesmal unser baldiges Flottwerden verdankten. 
Doch fanden diese Hemmungen nur auf ungarischem Boden statt, wo 
der Stob: der Nation und ihre schlechte Verwaltung durchaus gar nichts 
für die Verbesserung der Wege thun läfst. Dagegen fanden wir alsbald 
auf der Kaiserstrafse von der deutschen Grenze ab einen ausgeschaufel- 
ten und treflFlich gebahnten Weg, der weder in die Gefahr bringt umzu- 
werfen, noch stecken zu bleiben. Meine Antipassion, in Eilwagen zu 
fahren, kennst Du, aber wie hat sich seitdem das Blatt gewendet! wie 
glücklich habe ich mich gepriesen, in diesem Eilwagen eingepackt zu 
sitzen, nachdem ich in beständiger Noth mich durch walachische, un- 
garische und andere Kneipen durchzuschlagen abgemüht habe und nun, 
sorglos für nichts sorgend, mich kaiserlicher Seits von einem deut- 
schen Conducteur par ordre du Mufti fortschaflfen lasse, und sicher bin, 
mein Ziel zu erreichen. So werde ich denn auch von hier bis Prag 
mit dem Eilwagen gehen. 



342 H. Barth: 

xvni. 

Dr. August Petermann und die Schneeberge. 

Von Dr. H. Barth. 



Es thut mir leid, dafs ich noch einmal Herrn Dr. August Peter- 
mann gegenüber treten mnfs, den ich, seit ich ihn kenne, stets als 
einen der ausgezeichnetsten physikalischen Chartographen Deutschlands 
und Englands angesehen und öffentlich anerkannt habe. Eben defshalb 
habe ich ihm meine eigenen umfassenden und bis ins Einzelne ausge- 
führten Originalkarten nebst geographischem Material noch während 
meiner Forschungsreise in Central -Afrika zur möglichst vollkommenen, 
technischen Ausfuhrung durch Yermittelung des Preufsischen Gesandten 
in London, Baron von Bunsen, durch den die Theilnahme deutscher 
Gelehrten an jener Expedition überhaupt vermittelt und vertreten war, 
übersandt und übergeben. 

Um nicht einfach anzuerkennen, dafs er sich mit Bezug auf Du 
Chaillu geirrt habe, indem er mich des Irrthnms zeihte, wie ja selbst 
der Tüchtigste auf seinem eigenen Gebiete sich irren kann, anstatt 
also einen derartigen Irrthum einzuräumen, zieht er in seinem Artikel, 
überschrieben „Dr. H. Barth und P. Du Chaillu," eine völlig fremde 
Angelegenheit hinein, die nichts in aller Welt mit der Streitfrage we- 
gen Du Chaillu zu thun hat. Dies sind die von den Missionaren Reb- 
mann und Krapff auf der Ostküste Afrika's gesehenen Schneeberge. 

Herr Dr. Petermann erklärt nun, ich sei „in einer Englischen ge- 
lehrten Gesellschaft, in der den Deutschen ohnedem oft genug Unrecht 
geschehen ist, aufgetreten und habe diese beiden wackeren deutschen 
Männer der Unwahrheit angeklagt.** Davon war ich so weit entfernt, 
dafs ich jetzt den Herrn Dr. Petermann selbst der gröfsten Perfldie und 
Unwahrheit anklage, wenn er dergleichen behauptet. Denn erstlich, wenn 
einem Menschen von jener, der Londoner geographischen Gesellschaft, 
Unrecht geschehen ist, so bin ich selbst das ; zweitens wird schon der 
ganze Wortlaut jener meiner Aussage, wie er in den „Proceedings** jener 
Gesellschaft (Vol. 11. p. 56) gedruckt vorliegt, zeigen, ob ich die Herren 
der Unwahrheit angeklagt habe. Deshalb setze ich die ganze Stelle 
her, aus der Herr Dr. Petermann nur die ihm für seine unwahre 
Behauptung passenden Worte ausgezogen hat, da jene Zeitschrift nur 
Wenigen zu Händen kommt. 

Meine Worte also sind: It is my opinion^ that the accouni given 
by Mr, Rebmann and the Rev, Mr. Krapff of tke Snoto Mountains is not 



Dr. August Peteimimi «nd die Schneebeige. 343 

bm$ed Pf» fiid. ii wouid b$ desirakU, ihat tke report mmde 
by Capiain Shori who aseended the riper Juba andtokoaiiOj 
at a poini farther to ihe north suppoted that he srnw «notoy 
mouniainsy should be published with all ihe deiails, ihat ii 
mighi be $een on whai facis ihis opinion is basedj that these 
mouniains are eotered wiih snow. I tvppoee these mauniain$ com 
in no majf be 90 high ae to reach ths line nähere etemal snow can be 
preeerved the whole length of the gear; nevertheless I think that in 
the direction flrom the equator totcarde Kaffa there might be mountains 
to the elevaUan of 15,000 or 16,000 feet^ which at certain seasons of 
the geoTj and in pecuhar locahties^ might be coeered with snow. But 
it is my decided opinion ^ that all the Hvers of Central Africa uihich 
take their course in earious direcUons from the Equatorial region^ are 
fed exclusively by the enormous guantity of rain tchich falls during the 
rainy season, and not by snow which might be preserved on high peaks 
of mountains, If Capiain Bnrton should succeed in penetrating farther 
inio the interior, we shall certainly soon hear^ whether there are moun- 
tains of such great etecation as to reach the height of 15,000 or 16,000 
feet. At present I think we may suppose, that Mr. Rebmann 
was in ^f*rof*> when he belieeed he saw before him moun^- 
tains coeered with snow^ which might have been a crust of white 
rock euch as Dr. Livingstone so» farther to the southj^ 

Zu diesem vollständigen Texte meiner Aussage mafs ich nan zu 
-weiterem Yerstandnifs der Sachlage folgende Bemerkungen hinzufugen. 
Zueist mafs ich bemerken, dafs ich in jener Gesellschaft nicht im AUer- 
entfemtesten freiwillig angetreten bin, wie Petermann's Darstellung 
glauben machen konnte, auch keineswegs auf die allgemeine Einladung 
des Präsidenten hin, enthalten in den meiner Aussage vorhergehenden 
Worten der Proceedings j^As there are disünguished African travellers 
in the room^ I hope we mag hear observations from them on this me^ 
motr% sondern auf die namentliche Aufforderung des Präsidenten 
Sir Boderick Murchison. Diese namentliche Aufforderung, obgleich in 
den Acten der Proceedings nicht verzeichnet, wird Sir Roderick selbst 
als Ehrenmann anerkennen müssen. 

QewiOs ist der Ausdruck meines ersten Satses j^not based on fact^ 
nicht glneklich gewählt. Dafs darin aber nicht im AUerentfemtesten 
eine Anklage der Unwahrheit gegen jene beiden Herren liegt, zeigt 
auf das Unzweideutigste der von Herrn Dr. Petermann absieht« 
lieh nnb^^cksiehtigte Schlufssatz meiner Rede. „Wie die Sachen jetzt 
stehen, oder bis auf Weiteres (at present) bin ich der Ansicht, dafs 
wir annehmen können (/ think we may suppose)\ dafs Herr Reb- 
mann im Irrthum war (that Mr. Rebmann was in error) j indem er 



344 H. Barth: 

glaubte, dafo er vor sieh mit Schnee bedeckte Berge sah (wkem he 
bekeved ke saw before kirn mouniains eatered wiih snow). 

Man mofs Bich eben Tergegenwärtigen, dafs jene Streitfrage wegen 
der Schneeberge gerade in die Zeit meiner eigenen AfrikaniBchen Ex- 
pedition üel, dafs also in Beziehung auf mich es völlig verkehrt ist, 
von 14 Jahren zu sprechen, deren es bedurft h&tte, mich von der 
wirklichen Natur jener Berge zu überzeugen und man mufs ferner be- 
rücksichtigen, dafs man in England allgemein die in die Schnee- 
Region hinein ragende Höhe jener Berge läugnete, w&hrend mein ver- 
meintlicher Rival, der allgefeierte Livingstone, die bestimmte Vermu- 
thung aussprach, dafs ein Quarzkamm, wie er im Süden gesehen, die 
Missionäre irre geführt habe. Auf diese bestimmt ausgesprochene Hy- 
pothese Livingstone's beziehen sich die letzten Worte des Schlufssatzes 
meiner Rede. 

Das wird ein Jeder herausfühlen, der meine Worte mit einiger 
Aufmerksamkeit liest, dafs ich die Streitfrage wegen des auf jenen 
vereinzelten Berghöhen bewahrten ewigen Schnees als völlig unwesent- 
lich für die Frage nach dem Ursprung der aus jenen Equatorialgegen- 
den durch die, nach den verschiedensten Seiten fliefsenden, grofen Ströme 
entführten, ungeheuren Wassermassen bezeichnen wollte, und deshalb, 
während ich in Bezug auf jene Frage nach der Natur der Schneeberge 
eine gewisse Unentschiedenheit an den Tag legte, in Bezug auf den 
Ursprung dieser Wassermassen mich mit grofser Bestimmtheit aus- 
drückte (but ii is my decided opinion u. s. w.). 

Wie ich ferner schon bei dieser Gelegenheit auf die endgültige 
Entscheidung dieser Streitfrage besonders für das Eng- 
lische Publikum durch die vollständige Verö£Pentlichung des Be- 
richtes des Englischen Gapitain Short drang, der vom Juba aus gleich- 
falls Schneeberge gesehen haben wollte, so habe ich auch weiterhin 
nichts, was in meinen Kräften stand, unterlassen, diese Frage lösen 
zu helfen und zu diesem Zwecke zuerst dem unglücklichen Dr. Röscher 
zar Erhaltung eines Stipendiums in Hamburg verhelfen, dann den Herrn 
Baron v. d. Decken, der, mir bis dahin völlig unbekannt, sich im Win- 
ter 1859 an mich um Rath wandte, wo er am zweckmäßigsten sei- 
nen ihn zum Besuch unbekannter Länder hinaustreibenden Muth ver- 
werthen könne, zuerst in engster Beziehung mit Röscher, dem er sich 
anschliefsen wollte, dann allein, auf alle Weise zur Erforschung jener 
Gegend angespornt. So bin ich also völlig überzeugt, dafs jeder ver- 
nünftige Mensch meine von Herrn Dr. Petermann angezogene Aeufse- 
rung in der Augsbnrger Zeitung mit Bezug auf die Reise des Herrn 
V. d. Decken nach dem Eilimandjaro durchaus natttrlleli und 
wohl auch achtungswerth von meiner Seite finden wird. Diese Worte 



Dr. Anguat Petem«nn und die Schneeberge. 345 

will ich hier also noch emmid nicht mit einigen wenigen hervorgdio« 
benen Worten, wie Herr Dr. Petermann das that, sondern insge- 
sammt gesperrt wiederholen, weil ich überzengt hin, dab ich sie 
völlig vertreten kann, «,«0 dafs wir nun die lntere««»iite 
VTmgm nach der wirkllelien JITatar diese« Ber^ee (Hi- 
llmaiidseiiaro) auf vUllir endefiitiffe l¥eiee Bam 
Rnlim der beiden JüieeianAre Rebmann und Hrapü*, 
weleifte die erste Maelirieiit won Jener merkivftrdliren 
IjandseliafI saben, als enteehieden sa feetraeiiien 
haben.^^ 

Denn, was Herr Dr. Petermann von einem „geographischen Fas- 
sungsvermögen^ sagt, das mich hätte in den Stand setzen sollen, gleich 
Ton Anfang an zu begreifen, „dafs es westlich von Mombas eben so 
gut Schneeberge geben kann, als westlich von Maracayho oder östlich 
von Guayaqail'^, klingt mehr vornehm, als es factisch begründet ist. 
Diesem vielgerühmten geographischen Fassungsvermögen des Herrn 
Dr. Petermann hahe ich schon bei Gelegenheit des Gabun in Bezie- 
hung auf eine von seiner Seite gehegte, höchst allgemeine Anschauung 
von Aestuarienbüdung widersprechen müssen und habe es schon ein- 
mal viel früher siegreich widerlegt bei Gelegenheit der Seebecken in 
Ost- Afrika. Denn, als Herr Dr. August Petermann es für gut fand, 
auf der mein Reisewerk begleitenden kleinen General -Karte von Afrika 
auch da Bereich der Entdeckungen Dr. Livingstone's anzugeben, wis- 
dersprach ich ihm mit der gröfsten Entschiedenheit, den von dem Mis- 
sionar E^hardt nach Erkundigungen von den Eingeborenen als ein 
ungeheures Seebecken niedergelegten sogenannten See von Uniamezi 
auch in solcher zusammenhängenden Weise auf meiner Karte einzu- 
tragen, sondern ich drang in ihn, das Becken in der Mitte getrennt 
zu halten, da ich überzeugt war, dafs es zwei getrennte Seebecken 
seien. Dies verweigerte Herr Dr. Petermann und so ist dieses See- 
terrain nur auf der General sketch of Africa showing the Routes of 
I)r, BartK's Travels der Englischen Ausgabe, die während meines 
Aufenthaltes in England unter meiner directen ControUe stand, als zwei 
in der Mitte getrennte Seehecken, nämlich Lake Uniamezi und Nyanja 
dargestellt, während in der deutschen Ausgabe meines Beisewerkes 
diese dem ersten B^nde angehängte „Kartenskizze von Afrika zur 
Ueb^sicht von Dr. Barth's Reiseroute^ in Uebereinstimmung mit Dr. 
Petermann's „geographischem Fassungsvermögen^ ein völlig ununter- 
brochenes Seebecken zeigt. 

Nur diese zwei Belege wollte ich in Bezug auf diesen allgemei- 
nen Punkt anbringen, ohwohl ich dergleichen in Bezug gerade auf die 
mein Reisewerk begleitenden von Herrn Dr. Petermann mit höchster 



346 H. Barth: 

tecbnisoher Kunti aufigeWirten Karlen betreffenden Streiitpiinkte Ewi- 
scben mir und ihm, wo mein ^Fbssungsvennögen^ entschieden das 
Riditigere getroffen hat) mehr anfilhren könnte« Des Irrthnms ist Je- 
der ftliig, tind bleibt darum Herr Dr. Angnst Petermann för mich doch 
Einer der ansgezeiebnetsten Ghartograpben Bnglands und Deatsohlaads. 

In Beciehang auf den speciellen Fall der Schneeberge mnfs ich 
noch Folgendes erwShnen. Die Hauptschwierigkeit, sich diese in der 
Nfhe des Equators gelegenen Berge als Schneeberge'«« denken, d. b. 
als Küppen von 18 — 20,000 Fnfe Höhe, lag darin, dafs sie trotas sol- 
cher Höhe nur aus relativ geringer Entfernung sichtbar sind und 
diese Schwierigkeit mufste sidi besonders Denen darstellen, die nicht 
blos vom Stodirzimmer aus Geographie treiben, sondern durch leben- 
dige Anschauung und Erforschung unbekannter Gegenden der Erde 
ihr geographisches Fassungsvermögen bis ins einselste Detail der Erd- 
gestakung hinein üben und praktisch ausbilden. 'Aber überhaupt wa- 
ren die Angaben des trefflichen, aber von seinem Beruf als Missionar 
far geographische Zwecke zu sehr erfallten, Rebmann so unbestimmt 
und so aligemeiner Natur, dafs sie manchem Zweifel Raum lassen 
mufsten^ besonders, wie er die bis in die Schneeregion hineinragende 
Bergmasse des Kilimandjäro nun in wenigen Stunden passirt und von 
der anderen Seite angeschaut habe, was kaum eine hinreichende Base 
far einen derartigen kolossalen Bergkegel zu gestatten schien, eine 
Schwierigkeit, über die ich zu wiederholten Malen besonders ndt dem 
Herrn Geh. Rath Ehrenbei^ gesprochen habe. Alle diese Zweifel sind 
jet^ vollständig und endgültig gelöst für jeden unparteiischen. Richter 
durch die Reise des von dem Englischen Geologen Mr. Thomton be- 
gleiteten Deutschen Baron Carl von der Decken, der jene Land- 
schaft mit Genauigkeit aufgenommen und vermessen und so die Mög- 
lichkeit thatsächlich dargethan hat, wie es kommt, dafs diese hohen, 
als vulkanische, zum Theil eingestürzte, spitze Kuppen steil ans einer 
2000 Fufs hoben Ebene aufsteigenden, Berge in gewisser Entfernung 
von anderen Bergrücken so vollständig gedeckt werden, dafs sie trotz 
ihrer kolossalen Höhe weiterhin nicht sichtbar sind; aber auch schöne 
mineralogische, zoologische und botanische Sammlungen aus jener Gegend 
hat Herr v. d. Decken heimgesandt. So hat er mir eine Sammlang von 
zählreichen Pflanzenproben eben vom Kilimandjäro zugesandt in zwei 
Abtbeilungen, die eine in der Höhe von 2000 — 3500 Fufs, die andere 
von 9500 — 7800 Fufs gefundene Exemplare enthaltend, die, obgleich 
zum Theil, in Folge der zur Zeit des Besuches gefallenen, ungeheuren 
Regengüsse, welche nebst der Feindschaft des am Fufse des Berges 
herrschenden Fürsten die weitere Ersteigung des Berges unmöglich 
machten, verdorben und ohne Blüthe und Samen hier angekommen, 



Dr. Angnst Petennann imd die Schneeberge. 347 

doch sowohl manche ganz nette Species aaiVefden, als anch'ein hdchst 
merkwSrdfges, neues Licht über die geographische Vertheilung der 
Pflanzen verbreiten. Dafs ein Reisender ans vornehmem Stande sich 
einer ihm früher anfser Jagdj^rtieen ganz ferne gelegenen Erfort^ebui^g 
einer unbekannten Weltgegend mit solchem Eifer nnd solchen Geid- 
opfem hingiebt, wird, wie ich vertrauensvoll hoffe, von jedem unparteii- 
schen Richter jedweder Partei gepriesen werden, und begrSfse und feire 
ich wenigstens den Herrn Baron Carl von der Decken mit dreifachem 
Jnbelmf als Baron und freue mich von Herzen darüber, dafs Deutsch- 
land endlich einmal wieder einen wirklichen Baron auf Reisen hat, 
der ihm Ehre macht. Denn darüber, als stSnde ich auf dem beschränk- 
ten Standpunkt einer sich anfeindenden Rivalität von Berlin und Gotha, 
darüber wird Herr Dr. August Petermann sehr wenigen Leuten Sand 
in die Augen streuen; mir ist es völlig gleichgültig, ob eine tüchtige 
Leistung aus Peking oder aus Nanking kommt. — Von den Samm- 
lungen des Herrn V. d. Decken sollen nächstens einige Proben publi- 
drt werden. 



Brief des Herrn Moritz von Beiirmann 

an Herrn Dr. H. Bardi 
über einen Ausflug in das Wadi Scherki und seine Abreise nach Bornu. 

(Hiasm «ae Kart», T•^-IV.)' 



^ Am 22. Juni, dem Tage, an dem wir nun bestimmt abreii^eA soll- 
ten, machte plötzlich in aller Frühe ein Ausrufer des Gouverneurs be- 
kannt, dafs di^ Karawane am nächsten Sonnabeiid (also erst am 28sten) 
abgehen würde und dafs jeder, der naftgehen wolle, sich an diesem 
Tage bereithalten solle. So unangenehm mir dieser neue Aufschub 
war, so könnte ith doch nichts daran ändern, und beschlofs, da ich 
noch fast'^Ta^e Zeit hatte, einen Ausflug in das Wadi Scherki zu 
machen. Kachmittags um 4 Uhr safs ich demzufolge auf und ging 
über die zu Murzuk gehörigen Dörfer Binocheda und Bachriat nach 
der 2 Stunden entfernten Hattie (Pflanzung) Um el Fär, woselbst ich die 
Kacht zubrachte. Diese kleine Oase ist unbewohnt und Wird nur hin 



348 ▼• Benrmann: 

und wieder yoa den Tinylkoin Toaräe besucht, die ihre Heerden daselbet 
weiden. Da sich gerade eine kleine Trappe derselben dort befand, 
so konnte ich mich am Abend an ihrer herrlichen Milch laben, die 
nur Ton einem selbst nach enrop&lschen Begriffen hübschen, etwa 
12 Jahr alten Mädchen gebracht wnrde. In der That zeidinen sich 
die Tinylkam sehr zn ihrem Yortheil vor der eingeborenen fezzani- 
sehen Bevölkerung and selbst vor den Tibba's aas und das donkle 
Qrangebraan ihrer Hant gewährt dem Auge einen wohlthuenden Con- 
trast gegen das schmutzige fezzaniscbe Schwarz. 

Jani 23. Am folgenden Morgen nahm ich von hier meinen Weg 
nach Agar, indem ich zaerst ^ Stande West bei Süd marschirte, um 
die gleichfalls unbewohnte Hattie Zer^an zu erreichen, darch die die 
grofse westliche Strafse führt, die sich weiterhin in die beiden, nach 
äat und [direct nach] Edden führenden, Wege spaltet. Die Pflanzun- 
gen von Um el Hamäm zur Linken and die Oasengruppe von Du^äl 
zur Rechten lassend, führte uns unser Weg über eine ausgedehnte 
Sebcha und wir erreichten den ziemlich bedeutenden Ort nach 6 j- stün- 
digem Marsche gegen den magnetischen Nordwesten. Ich hatte hier 
viel Mühe, die nöthigen Nahrungsmittel für die Leute und die Thiere 
au&utreiben, da ein grofser Theil der Einwohner ihr heimathliches Dorf, 
wegen der Erhebung des Miri (Steuer), verlassen hatten; ein bei den 
Arabern, die keinen Grundbesitz haben, sehr gewöhnliches Mittel sich 
der Abgabe zu entziehen. Trotzdem ich den mich begleitenden Spahi, 
den mir der Gouverneur noch nachgesandt hatte, in alle Häuser 
schickte, konnte ich doch weder Datteln für die Thiere, noch Brod für 
die Menschen erhalten, so dafs mir nichts übrig blieb, als die Kameele 
in die Gärten treiben zu lassen, um auf diese Weise die Leute aus 
den Häusern zu locken. Das hatte denn auch den gewünschten Er- 
folg, und binnen 10 Minuten war ich Yon einer Menge Leute umringt 
und erhielt alles was ich brauchte. Da der Weg nach dem Wadi 
Scherki indefs über Dugäl fahrte, mufete ich nach diesem Platze zu- 
rück und ich erreichte denselben nach 3 stündigem Marsche gegen 
Osten. Hier kehrte ich bei meinem alten Freunde Mohammed el Ga- 
tröni ein, der mich auf das Gastlichste empfing und dem ich ganz 
frische Grüfse von seinem alten Herrn Abd el Eerim bringen konnte, 
von dem ich wenige Tage zuvor Briefe erhalten hatte. Als Moham- 
med sah, dafs ic)i seine gepfefferte Zwiebelbrodsuppe, die er uns zum 
Abendmahl vorsetzte, keinen grofsen Geschmack abgewinnen konnte, 
entfernte er sich und bald darauf hörte ich den Nothschrei eines Huh- 
nes, der unter dem allahu akbar meinet Freundes zum Schweigen ge- 
bracht wurde. Dreiviertel Stunden später erschien denn auch Moham- 
med mit einer grofsen Schüssel Euskns, in deren Mitte, in einem Meer 



Ausflug nach dem Wactt Sdievki und Anfbrneh nach Bonm. 349 

7on Batter, der Leichnam des Gemordeten schwamm, der mir em loeke- 
res Abendniahl bereitete. 

Jnni 24. Bhe die Sonne aufging, rGekteü wir am folgenden Morgen 
ans, von Mohammed begleitet, der uns auf den rechten Weg brachte. Es 
war znn&chst eine breite, mit Borman bewachsene Flfiche, die wir in 
nordostlicher Richtung durchschnitten und die allmfilig sich in ein mit 
schwarzen Steinen bedecktes Plateau verlief, dessen Gipfelpunkt wir 
nadi i-^ Stande erreichten. Der steilere nördliche Abfall grenzt an 
eine weite Serir aus Sandboden bestehend, deren Mitte durch eine 
kleine, wellenförmige Erhebung begleitet wird, die sich nach Westen 
zu in eine Sandhügelkette verliert. Bald nachdem wir dieselbe passirt 
hatten, erreichten wir den Bir Ben Graf, der durch eine Stange kennt- 
lich gemacht ist, an deren oberem Ende ein an einem langen Strick 
befestigtes Kuhhom angebunden ist, um' dem Wanderer als Trinkge- 
föfs zu dienen. Gegen Mittag erreichten wir in einer am Fufse einer 
Bergkette sich hinziehenden Einsenkung eine Gruppe schöner Talha- 
bäume und traten dann in das Thalsystem ein, das im Ganzen von 
den Eingeborenen mit Wadi Nscharra bezeichnet wird. Seine Begren- 
zung wird durch flache Kalkhugel gebildet, und in der Mitte der meisten 
Einsenkungen findet man viel Talhab£ume und auch ein wenig Gras- 
wuchs. Nachdem wir mehrere Hügelketten und Thäler durchschnitten 
hatten, stiegen wir zu der Höhe des Plateaus auf, das hier eine Breite 
von 1 1 Stunde hat und mufsten uns dann durch einen sehr steilen und 
schwierigen Pafs nach dem vor uns liegenden Wadi Scherici hinunter 
arbeiten. 

Wir waren in der Nähe des Dorfes Su^e herunter gekommen und 
das Thal bot von hier aus einen schönen romantischen Anblick mit 
seinen schroffen Felswänden, die es im Süden begrenzen, dem frischen 
Ornn seiner reichlichen Pflanzungen und dem Contrast zwischen die- 
sem und dem Strome goldgelben Flugsandes, dessen flache Breite die 
Nordgrenze des anbaubaren Striches bildet. Nach Westen erheben sich 
auf einem sanftansteigenden, in das Thal vorgesdiobenen , Berge die 
Trümmer ^ner alten Ortschaft, während nach Osten der Gipfel des 
pyramidenförmigen Mengar Chief in den letzten Stielen der unter- 
gehenden Sonne glühte. Am Abend dieses Tages lagerten wir uns in 
der Nähe des Dorfes [Suije] und erhielten bald viele Besuche von den 
Einwohnern, die uns bis gegen Mitternacht wach hielten. 

Juni 25. Von hier begab ich mich am andern Morgen nach dem 
nur 2 Stunden westlich liegenden Hauptorte des Wadi, Bintebey, wo- 
selbst ein mir befreundeter Türke als Mudir residirte. Er empfing 
midi in seiner ihm eigenen lauten Weise, und da er nur wenig ara* 
bisch verstand und die Conversadon demgemäfs hin und widder-ins 



360 . ¥«BenrmA«A: 

hier war), so half er sich mit der steten Wied^erbolaBg d^ kcf )ieiuiek 
und fs^.haleki di|S er mir so ins Obr scbijie, daTs mein Trommelfell 
in di^ gröfste Gefahr kam.. Südlich erschien der Gewunsohte und ich 
hatte pon Qelegenheit die besten Nachrichten über das grolse Thal 
eini(fi9i^en, dessen sudiiche Hälfte das Wadi öarbi and Wadi Scherki 
bildet, .während der, durch eine.l^ Tager^ise^ breite Sandwüste davon 
geschi(^ene, nördliche Theil das WadiSchati bildet Diese grofse Flag- 
sandmasse, d^^ sich bis östlich über Bebba hioaus ^erstreckt, ist nar 
4er Ausläufer des Sandgebirges, Jessen ^üdiiche Grenze sich von Wadi 
Öarbi'OH^ ^^ yoA 4ort nach 0adame(^ und WfStU^b, bis ^vS l^n er- 
streckt; . über ^eii^jd. nprdlichf^ Qreoiqe. ipde£i konnte ich nichts be- 
atimmt^rO'^^jMreii* :Mustapba.,.Efifendi vüpscli^ swar sehr, dafs ich 
deivk gftn^een Tag bei ihm bleiben sollte, doch, lehnte ich dies ab und 
blieb blos bis Mi^g« ^ meine Z^eit zu beechr&nkt wajj;'. Nachmittags 
«m 2 Uhr machte ich mich demgemaXa auf den Weg, von ihm befrei- 
tet, der absolut mir selbst seine Mudirei [Regiemngsbeaick} seeigen 
wollte, und über Sulye zurückgehend erreichten wir nach 3| Stande 
den ziemlich bedeutenden Ort Chief, woselbst als Scheeh ein fnir schon 
von Murzttk her bekannter Ai^&ber, Namens Minir, .iingestellt war. 
W:ir wurden aufs^rordei^tlich giU b^wktb^t,. und nqch spfit iß der Ijlacht 
kam ein, Bote vom.]^in^ak%n mit der Bi^, ja Z9r rechten Zeit in 
Muiwik einzutreffen, 4ai die. Karawane .nnwiderroflioh aw Sonnabend 
anfbirechen würde« , 

Juni 26. Da ich nun meinen ursprünglichen Plan bis Sebha zu 
^hßn tmtffi^n mttl)»to und nuir M' $^ Ab|ad, dem ostlichsten Orte des 
Wadi S<i»berki gehen- konnte« von wo aus ich meinen Bückweg naoh 
Mw%9k nocl^. denselben T^^ zu nehmen be^chlofia, so hatte der Mndir 
^en Boten nsreh diesem Orte vQrau|^geei^iekt, um Alles za unserem 
BmpfaAg vori{|ibereiten^ damit iich nach einem genommenen Imbils so- 
fort nraüten Buckweg aiitrete^ .könne« Alf wir indefa naeh 3i Stande 
We^es den. Ort. erreichten, i3«r|ir i^reder ein Haus i^r uns 4>W>rgt, noch 
eiuiTn^nktoder irgend »eine Ei{lie«ihangi^ Nachdem uns dunn 

endlich. ei««fiaiiar.eij)g!efflipm(^.wi^ and wir uns auf den ansgebr^teten 
Strohmutten gelagert hatten, Jiefs der Mudir -die Angesehensten des 
Ortes zusmpmBPbemfea and erz&hlte. ihnen mit Hülfe seines DoUmet- 
schers folgende G«schiehte;,Vor vielen Jahren wair hier in Fezzan als 
Eaimakan ^n. gewisser Hassan Pascha. Als derselbe einst eine Reise 
durch; das Lai^d machte, hatte er den Mudir der betreffenden Provinz 
vorausgeschiekt, nm alles zu seinem Empfange vorzubereiten. Trotz- 
dem fand er, als er nach wer langen Tagereise in dem Orte, den er 
«um Nachtquartier sich aasersehen, ankam, weder ein Hans flir ihn 



Anaflng nmk d«m W«dl Soherki und Aufbrach nach Borna. 3S1 

sabereitet, noch einen friselien Trunk Wasser bereit . Darauf Heb er 
dem Mudir 500 Prügel geben und nahm ihm mit auf seiner Weiter- 
reise nnd jeden Tag ediielt derselbe seine wohlgeefthliten &O0L Am 
dritten Tfige starb er. Darauf ward in Tripolis ein grober. MQg.li8 
(Ratbsitsnng) über ihn gebalten und man fragte ihn : .Warum hast du den 
Mann so geschlagen, dafs er gestorben ist? . Seine. RecJitfertigung war: 
Ich bin der Wakil (Stellvertreter) des Sultans nnd es ist nichts an- 
deres als ob man den Befehl des Sultans selbst so mifsachtet hätte. 
Darum habe idi den Mann schlagen lassen und dafs er gestorben ist, 
ist nicht meine Schuld.. Darauf, sagte der M9g.lia ^][>il haJ^^ (Mit 
Recht). Was sqII ich nun mit Euch machen, fuhr iilustapha . fort, 
die Ihr einen Gast des Sultans so gering schfitzet, dafßi Ihr x)ipht .ein- 
mal einen Trupk passer zu seiner Erfrischung bereit haltetv „Qopsu- 
los bey^> indem er. auf mich wies> „hat einen Firman so grob wi'ß diese 
Strohmatte und Ihr habt doch von seiner Ankunft gewufst/ Die Vcir- 
sammlung verharrte nach dieser mit grolsem Pathos vorgetragenen 
Erzählung in dumpfem Schweigen, und der Schech sah mit trübem 
Angesicht auf den neben dem Mudir liegenden Abd e salam (Name 
des Lieblingßstockes Mustapba's), den er in Gedanken schon- über 
seinem Rücken schweben sah, als ich mich ins Mittel legte und für 
die Schuldigen um YerzeihuDg bat, die denn auch nach einigen klei- 
nen Einwänden gnädigst bewilligt wurde; doch mufsten die Dlorfbe- 
wohner zur Sühne eiue gute Portion ihrer weltberühmten Feigen brin- 
gen, die gerade reif waren und in der Hitze «eine sehr angenehme Br- 
quickus^g gewährte^. Nachdem wir darauf uusere Magen auch, mit 
ein^r gehörigen Quantität Euskus und Hühnerfleisch zufrieden gestellt, 
verabschiedete ich mich yon dem Mudür und trat meine Rückreise nach 
Mnrzuk i^n. In gerader südlicher Riditung marschirten wir von i bis 
8 Uhr Abends und rastet^ dann auf dem öden Steinplateau. 

Juni 27. Ein 14 ständiger Marsch brachte uns am folgenden Tage 
über ganz gleiches Terrain, wie wir es auf der Hinreise passirt hatten, 
nach den Pflanzungen von Murzuk, von wo wir, nachdem wir am ersten 
Brunnen uns mit etwas lauwarmem Wasser erquickt hatten, Nach- 
mittags um 4 Uhr die Stadt erreichten, in der man meinetwegen nicht 
ohne Sorge geblieben war, da man fürchtete, ich würde nicht zur rech- 
ten Zeit hier eintreffen. ... 

Juni 28. Das beiliegende Croquis habe ich nur höchst flüchtig anfer- 
tigen können, da die Karawane heut Abend aus der Stadt zieht, um sich 
in den Gärten zu lagern, und bei 37* R. an einem Tage Bericht und 
Karte zu machen, das hat seine Schwierigkeiten« Ich habe auch ein 
Insekt (Halbskorpion) beigelegt, da Professor Ehrenberg dergleichen 
wünschte) sowie einige Muschelo, die ich. bei ZuHa gefunden habe and 



352 y. Besrmanii: Aufbrach nach Borna. 

die "wM als Anhalt für die Formation der hiesigen Gegenden werden 
dienen können. [Diese Exemplare sind TÖllig zerstört angekommen.] 

und nun bitte ich Sie schliefslich , mich bestens in Berlin an die 
mir bekannten Herren zn empfehlen. Hoffentlich wird mich mein gu- 
tes Olfick anch auf den weiteren Wegen begleiten und mir eine Rück- 
kehr in die Heimath erlauben. Leben Sie wohl. 

y. Beurmann. 

Zusatz des Empfängers yom 1. December: Obiger, verspätet 
mir zugekommener, Brief, dessen Anfang durch irgend ein Mifsgeschick 
verloren zu sein scheint, ist um so interessanter, da seitdem über Ben- 
^izi sehr beunruhigende Gerüchte über das weitere Schicksal des Rei- 
senden eingegangen sind. Damit ich hier kurz andeute, was ich an- 
derswo weiter ausgeführt, glaube ich, dafs die Sache sich folgender- 
mafsen yerhält. In Murzuk hat Beurmann einen neuen Diener Namens 
Sliman in seinen Dienst genommen, der auch Italiänisch zu rerstehn 
scheint und yielleicht ein Italiänischer Renegat ist. Dieser Mensch, 
wahrscheinlich ein durchtriebener Gauner, hat ihn, wie es scheint, be- 
trogen oder bestohlen, so dafs der Reisende ihn schon in Tegerri, dem 
letzten fezzanischen Ort, zurückschicken mufste. Da macht nun dieser 
Mensch den kühnen Versuch, mit Benutzung dessen, was er yon Beur- 
mann gelernt, von dem. Letzterem befreundeten, Englischen Yice-Con- 
sul im fernen Ben^äzi eine ansehnliche Geldsumme zu erschwindeln. 
Dies yerleitete jenen Herrn zu dem Verdachte, dieser Mensch habe 
Beurmann in der Wüste yerrathen und ermordet. Dafs Beurmann 
aber Tegerri in Begleitung der Karawane sicher passirt hat und jetzt 
wahrscheinlich schon lange in Kuka, der Hauptstadt yon Bornu, ist, 
habe ich so eben durch einen Brief yom Englischen General -Consul in 
Tripoli unter Dato des 6. Novembers erfahren. 



.A~2L* 

Einige Bemerkungen von Dr. H. Barth zu Herrn 
V. Beurmann's Kartenskizzen aus Fezzan und Barka. 

Tafel IV. 



Von diesen beiden kleinen Blfittern ist ^, Umgegend und Pflan- 
zungen yon Zella darstellend, schon früher zugleich mit dem S. 44 die- 
ses Bandes der Zeitschrift abgedruckten Briefe eingesandt worden. Lei- 



Eiiüge Bcmeikiuigett t. Dr. H. Barth sn Hrn. t. Benimanii'fl SarteiisldsBeD. 353 

der fehlt zu ihr jeglidier, aach der kieinste Gommentar, da der Rei- 
sende QnB nur die von seinen nach Gotha eincnechickenden aasfShr- 
lichen Berichten übrig bleibenden Brocken übersendet and ist die ganze 
Reisestrafse von Ben^azi nach Mttrzuk in den ^Mittheilungen^ noch 
nicht veröffentlicht; daher bleibt manche Ungewifsheit. Doch sieht man, 
dafs die Skizzen von dem Hügel über dem ras el 'ain ^dem Quellen- 
haupte^, von dem aus offenbar Leben und Befruchtung über diese Land- 
schaft sich verbreitet, aufgenommen ist, während der Kern des Ortes 
Zella, eben nach Beurmann's Beobachtungen unter 17* 18' 30" d. L. 
und 28* 32' 7''d. Br. gelegen, nord nordwestlich von diesem Hügel bei 
dem bir Ibrahim zu liegen scheint. Ein Maafsstab zu diesem Blatte ist 
nicht angegeben. 

Das Blättchen Ä soll eigentlich nur die von dem Reisenden, auf 
dem S. 347 ff, beschriebenen Ausfluge, verfolgte Reisestrafise nach dem 
Wadi Scherki und zurück darstellen, Herr v. Beurmann hat aber, so 
gut es in der Eile möglich war — denn er selbst deutet S. 351 den 
höchst flüchtigen Charakter dieser Skizze genugsam an — einige der 
umliegenden Landschaften in gröfserer oder geringerer AusfEihrlichkeit 
eingetragen. Was nun das Erste, seine eigene Reisestrafse betrifft, so 
müssen wir ihm darfur sehr dankbar sein, da er damit eine wirkliche 
Lücke ausgefüllt hat; denn bisher hatte keine der Afrikanischen Expe- 
ditionen das zwischen den beiden grofsen Strafsen, derjenigen über das 
Wadi 6-arbi im Westen und der anderen über Sebha und Öodua im 
Osten, mitten inne liegende Wadi Scherki besucht; denn Dr. Vogel, 
der auf seiner Tour nach den Natronseen über Bimbega hart genug 
daran streifte oder es vielmehr schnitt, hat nichts weiter zu seiner 
Kenntnifsnahme beigetragen» Während nun dieses Stück auf Beur- 
mann's eigener Forschung und das westlich daraa schliefsende Wadi 
Garbi auf der meinigen beruht/), sind hier auch zdm ersten Male die 
früher von Capitän Lyon, dann von mir (8. 156 des ersten Theiles der 
grofsen Ausgabe meines Reisewerkes) angegebenen Ortschaften des 
Wadi Schati weiter im Norden eingetragen worden. Nach welchen 
näheren Angaben jedoch dies geschehen ist, wissen wir nicht. Offen- 
bar sind dabei Entfernungsangaben von auf den östlichen Strafsen lie- 
genden Ortschaften berücksichtigt und habe ich aus diesem Grunde die 
dort von Beurmann angegebenen Plätze stehn lassen, obgleich Einiges 
offenbar unrichtig ist. So ist der bir el Wischki ganz unzweifelhaft 



') Hier scheint der ganz am ostlichen Ende dieses Thaies eingetragene Ort 
el Feschesch neu zu sein, obgleich er wohl indentisch ist mit dem Fegaige Lyon's 
(p. 800), das Letzterer auf der Karte eben auch im 080. von Kirtibi (Tekertiba) an- 
setzt. 

Zeitaohr. f. aUg. Brdk. Nene Folge. Bd. XIII. 23 



354 Biai$s$ B«BMilnnigeii ▼• Dr. H. Bartii in Hrn. t. BennMm'f Ewtonskiaieii. 

TöDig nnriehtig angesetzt, da er in WidkUehkeit 15 MeOen SSW. Ton 
Sebha und nahe an Öodoa liegt. In Fo%e dieser Unrichtigst ist 
wahrscheinlich anch Aschkiddi weit ans dem Thale hinaus nach NO. 
verschoben, w&brend Capt. Lyon es in ganz geringer Entfernung west- 
lich von Sebha ansetzt 

Auf dieser Localisirang des blr el Wischki beruht wahrscheinlich 
auch die Eintragung der 5 Tagereisen langen Hattie (Pflanzung) Sellev 
in ONO. — WSW. Richtung zwischen jenem Brunnen und dem Natron- 
becken Om el Hassan; denn diese hattie oder wilde Palmenpflanzung 
folgt ganz unzweifelhaft der Richtung der grofsen Sanddünenkette im 
Norden des Wadi Scherld und ist nichts als eben der östliche Theil 
derselben, wahrscheinlich identisch mit dem Wadi Agraal Capt. Lycm^s 
(p. 300 der Engl. Original- Ausgabe). Die kleine, abgesonderte Palmen- 
pfianzung Ben Namüs war zuerst von Prax und Benou angegeben, 
aber in ganz anderer Localit&t eingetragen, jedoch erkennt man un- 
zweifelhaft, dafs sie auf dem directen Wege von Sebha nach Qof& im 
Wadi Schati liegt; sie mnfs also wenigstens 20 Meilen weiter nach 
ONO. eingetragen werden, als von Beurmann geschehen ist, und bildet 
eben ein Glied in jener mit Palmengruppen beklmdeten Sanddunenr 
kette. 

Leider hat Herr v. Beurmann im südöstlichen Thmle der Skizze 
seine eigene Strafse von Bengäzi über Temissa nicht eingetragen und 
statt dessen sonderbarer Weise die östlicher liegenden Plfitae von ZttQa, 
Terbu u. s. w. angesetzt 

Die das Blättchen durchziehenden Grenzlinien sollen ohne Zwei- 
fel die verschiedenen Mudirien oder Regierungsbezirke von Fezzan dar- 
stellen, stimmen auch mit den in dieser Beziehung eben von Herrn 
V. Beurmann S. 48 d. B. gemachten Angaben überein , wenn wir dort 
bei III anstatt Zuila: Godua setzen. Denn die Provinz Scherkie od^ 
Soharkie, die mit Hofra oder der Umgegend von Murzuk zusammen 
den fünften Bezirk bildet, erstreckt sich nach Ljon von Traghan eben 
bis Zttüa. So habe ich es denn gewagt, die Nummern I, U u. s. w. 
in das Blättchen einzutragen. 

In der Orthographie habe ich nichts verändert, da ich dabei nicht 
unparteiisch und vorurtheilsfrei gehandelt haben würde. In Betreff 
meiner Schreibung der Namen der Dörfer des Wadi Schati kann man 
die oben angezo^ue Stelle vergleichen; Sebuäs dort ist Druckfehler 
für Seluäs. 



855 



Miscellen« 

Der Ssungari-Flufs nach den Berichten des 

Herrn Maximowicz 

im ^Buüetin de VAcad^ie Imp, des Sciences de St P^terebourg'* (T. IV. p. 225) 

im Ansznge mitgetheilt. 

Herr liftzimowicz ▼«rliefs m Boot Blagowestschensk, den Hanptort der Amur- 
Provinz , en der ancli das dem SsungUi gegenüberliegende Gebiet gehört, am 
2. Joli 1850 nnd erreichte am 13. Jnli die Mdndnng des Ssnngari bei dem Dorfe 
und Wachtposten Dshaüg-dshn-gere. Der Eintritt dieses Flnsses in den Amnr 
geiHUirt einen eigenthfimlichen Anblick, indem letzterer Strom schwarzes, der 
Ssnngari hingegen weifslich brannes Wasser enthält, welches in der That so trfibe 
ist, dafs selbst ein kleines Qnantnm desselben auf dem Boden eines Glases noch 
ganz neblig erscheint, nnd das Wasser beider Bl&sse bei ihrem Znsammenflufs 
sich so scharf abgrenzt, dafs man bei hineingehaltener Hand die Finger in dem 
dnen nnd die Hauptfläche im anderen Strome haben kann. Bei dem genannten 
Dorfe fand der Reisende einen Commis der in Blagowestschensk damals neu be- 
gründeten Amnr-Compagnie, welcher, trotz der den russischen Unternehmungen 
nicht eben freundlichen Gesinnung der mandshurischen Regierung, rersnchsweise 
mit einem Boote yoU Waaren zu einer Fahrt auf den Ssnngari ausgesandt wor- 
den war. Trotz der Schwierigkeiten, welche die Mandshu- Beamten beiden Rei- 
senden in den Weg legten, um sie von einem weiteren Vordringen auf dem Flusse 
abzuhalten, gelang es der Energie des Herrn Maximowicz den Eintritt zu ermög- 
lichen. 

Der Ssnngari ist bei seiner Mündung etwa 14 Werst breit, erweitert sich 
aber in geringer Entfernung von derselben bedeutend und schliefst zahlreiche In- 
seln ein. Sein linkes Ufer bildet, so weit der Reisende es kennen lernte, niedri- 
ges Wiesenland, während das rechte anfangs von den Ausläufern des Hügelzuges 
Ton Dshang-dshu eingenommen wird, die znletzt in nackten steilen Thonabhän- 
gen zum Flusse abzweigen. Der bei jenem Dorfe dichte Wald verschwindet bald 
ganz und tritt erst 20 Werst weiter bei dem nächsten Dorfe, Nelbu, wieder auf. 
Die ersten 40 Werst geht der Flufs in südwestlicher, dann auf einer Strecke von 
gegen 150 Werst bis zum Dorfe Wale- hoton in westsüdwestlicher Richtung. Auf 
dieser ganzen Strecke machen die flachen Ufer und zahlreichen niedrigen Inseln 
den Eindruck der gröfsten Einförmigkeit Bfit mannshohem Grase (Calamagrostis) 
bedeckt, an trockeneren Stellen mit kleinem Espengehölz, nach den Ufern zu mit 
Weidengebüsch und 10 FuTs hohem Schilfröhricht bedeckt, zeigen sich nur am 
Horizonte hier und da Waldungen oder einzelne Höhenzüge, z. B. am linken 
Ufer die Vorberge des Bureja- Gebirges (Chaddagebirge der Golde und Mandshu), 
am rechten Ufer mehrere niedrige Hügelketten, von denen jedoch nur eine ein- 
zige sich dem Ufer nähert. Erst beim Dorfe Wale -hoton tritt bis zum Flusse 
•ein mit Laubholz bewaldeter Bergrücken, stellenweise in Felsblöcken von po- 
röser sehworzer Lava abfallend. Ausläufer dieses Bergznges ziehen sich 20 Werst 

23» 



356 Miacdlen: 

höher und bei SBOSsa (40 Werst oberhalb Wale-hoton) bis in die Nahe des Stro- 
mes. So tief der Strom, znmal an seinem linken Ufer, ist, so setzt er doch zahl- 
reiche Bänke an, die sich an aostretendea Elalskmeen oft wohl eine Werst weit in 
den Strom hinein erstrecken und bei niedrigem Wasserstande sich entblölsen sol- 
len. Wer den Amur in seiner ganzen Länge befahren hat,. überzeugt sich am 
Ssungari sehr bald, dafs es dieser letztere Strom ist, der dem unteren Amar einen 
so verschiedenen Charakter von dem oberen verleiht: die Masse weichen, lehmi- 
gen Niederschlags, die er ihm zufahrt, übergiefst die Bänke, Inseln und Ufer im 
Amur und giebt ihnen mit der ähnlichen Beschaffenheit auch zugleich eine ähn- 
liche Vegetation. Nur hat man am Amur nirgends eine so grofsartige £inför- 
migkeit, wie sie hier dem Beisenden fort und fort vor Augen tritt 

Bei Wale-hoton nimmt der Strom eine südwestliche Richtung an, beschreibt 
steilere Krümmen als vorher, besitzt weniger Inseln und seine Ufer werden all- 
mälig höher und trockener. Am südwestlichen Horizont erscheint eine Bergkette 
mit theils abgerundeten, theils konischen Gipfeln, welche 90 Werst oberhalb Wale- 
hoton in die Nähe des rechten Ufers tritt, und stellenweise mit glatten Felsen- 
abhängen von röthlichem, porphyrartigen Ansehen zum Flufs abfällt und ihn zu 
einem steilen Knie nach Süden und Südosten zwingt, wonach sie sich von dem- 
selben entfernt. Der Flufs scheint von hierab seine frühere südwestliche Sich- 
tung wieder einzuschlagen und bis zur Stadt Ssan-ssin beizubehalten, zu welcher 
hin am Horizont abermals ein, jedoch viel niedrigerer Höhenzug am rechten Ufer 
dahinstreicht, und auch am linken schwache geradrückige Höhen sichtbar werden, 
wahrscheinlich blofs die Abfälle einer über die bisherige erhöhten Landfläche. 
Oberhalb der Stadt Ssan-ssin sollen nach der Aussage der Einwohner die Ufer 
immer bergiger werden, und scheint es, dafs hier die Grenze zwischen dem mitt- 
leren und unteren Lauf des Flusses ist. 

Die wenigen Laubwaldungen, welche Herr Maximowicz in der Nähe des Flus- 
ses zu beobachten Gelegenheit fand, bestehen aus Eichen und Ulmen, vermischt 
mit zahlreichen Apfelbäumen {Pyrus uasuriensis) , zwei verschiedenen RhamruU' 
Arten, und bei Wale-hoton mit Aprikosenbäumen von mehr als fulsdicken Sum- 
men, breiten Kronen und mit gelbrothen Früchten. Wallnufs, Linde, Esche, Weifs- 
birke, sowie sämmtliche Nadelhölzer, welche den Hauptbestand der Amur -Wal- 
dungen bilden, fehlen an den Ufern des Ssungari gänzlich und sollen nur auf den 
entfernteren Gebirgen vorkommen. Nur das Unterholz ist an beiden Flnfsnfem 
ein gleiches, doch gedeihen Weinstock und Yams am Ssungari in bei weitem 
üppigerer Fülle als am Amur, und manche Sträucher {Panctx und Evonymua ala- 
tue) erreichen hier eine Höhe von 20 Fufs. Auch auf die Krautvegetation äufsert 
die mildere Breite, in der man sich befindet, ihren Einflufs. Schlingpflanzen ver- 
schiedener Art erscheinen zwischen dem dichten Graswuchs, und die Artemisia- 
Gestrüppe um die Dörfer werden hier durch Aristohchiay Thhdianthay Meta- 
plepns u. s. w. noch enger als Amur durch den japanischen Hopfen umschlungen. 
Nur die trockenen Prairien zeigen hier, mit Ausnahme einiger neuen Kräuter, wie 
dort, dieselbe Vegetation. 

Ebenso einförmig wie die Flora ist auch die Fauna« Von Insekten zeigen sich 
in den heifsen Sommertagen { — 1 Zoll lange Bremsen, mikroskc^isehe Schnaken, 
die sich um jedes lebende Wesen» das sich in die Wüste hineinwagt, in er«. 



A k. 



Der Ssongui-Flars nach den Beriebtan des Herrn Maximowicz. 357 

8dif«ekeBder Menge «nMuniMlny MhUose Heneehreeken nnd Gnahapfer, wahrend 
am Abend die bis dahin im Ghr ase Terateekten Miacken sich in solchen Schaarea 
erheben, dafa die Lnft wie von schwarzem Stavbe erfüllt erscheint. Käler ond 
Sehmelterlinge gehören, wie es scheint, den am Amnr yorkommenden Arten an. 
Von den wenigen Vögeln, die überhaupt sich zeigten, kamen, anfser den Embe* 
rizen nnd Bohrsftngem, Elstern und Krähen am hänfigsten vor. Der auch am 
Amnr erscheinende kleine grane grünschnäbelige Reiher {Ardea virescens L. Vor. 
scapuktris IlHg^ fldg hänfig vor dem Boote anf; dagegen waren der gemeine 
grofae Beiher (Ardea cmered), der Storch (Oiconia etlba)^ der Kranich und die 
verschiedenen Strandlänfer nnr sehr selten zn sehen, ohne Zweifel, weil das Was- 
ser alle Sandbänke überdeckt hatte. Enten nnd Gänse safsen mit ihren Jungen 
in den überschwemmten Grasfläehen versteckt. Ebenso hinderte das Hochwasser 
Fische und Reptilien zn beobachten. Von jagdbaren Sängethieren sah der Rei- 
sende nnr das Reh; nach den Berichten der Golde soll in diesen Gegenden der 
rothe Fuchs (Canis proeyomäes), dessen Fell an die Städter zu Pelzen verkauft 
wird, der Bär (MusteUa «t&t'nca), und in den südlichen Steppen der Wolf hänfig 
vorkommen. Der Zobel, der von den Ssungari- Golde nicht in Fallen nnd Sdbst- 
schüssen, sondern vor dem Hunde mit der Kugel gejagt oder geräuchert wird, 
findet sich nnr in entfernteren Gebirgen, ebenso wie der Irbis und Bergwolf (Co* 
ms alpinus)* Der Tiger bewohnt im Frühjahre häufig die Inseln des Ssungari, 
zieht sich aber im Sommer in die Berge zurück. 

Was die Völkerschaften betrifft, so bewohnen die Golde auf dem rechten 
Ufer den Unterlauf des Stromes auf einer Strecke von etwa 240 Werst, den 
nutzeren und oberen Lauf aber Chinesen und Mandshn. Das linke Flufsufer 
bis zu der oben erwähnten, am Anfang des Unterlaufe liegenden Stadt Ssan- ssin 
ist völlig unbewohnt, mit Ausnahme des in der Nähe dieser Stadt liegenden Dor- 
fes Dai Wada. Sehr schwach bevölkert ist das Golde -Gebiet. Nur 14 Dörfer, 
einschliefslich des oben genannten an der Mündung des Ssungari gelegenen Dor- 
fes Dshang-dshu, liegen in den Ufergebüschen versteckt nnd vom Flusse aus 
kaum bemerkbar, oft in einer Entfernung von mehreren Tagen von einander ent- 
fernt oder gruppenweise zusammen. Ihre Namen sind: Nelbn, ein sehr grofses 
Dorf, Züske (mit 8 Häusern), darauf die Gruppen: Kjanre, Hotton -gerin (9 H.), 
Kaidan, Dyssjcha (4 H.) nnd Futsche; darauf nach fast 100 Werst: Kalkhama 
(13 H.)> dann mit kürzeren Intervallen: Wale-hoton (7 H.)» Ssussu (20 H.), Döucha 
(7 H.}, nnd endlich dicht beisammen die kleinen Dörfer : Emmake (3 H.), Mon- 
gole (2 H.) und Indamo. 

Von besonderem Einflufs auf die Lebensweise der Ssungari- Golde ist der 
Holzmangel. Während am Amnr die Weifsbirke und die zahlreichen Nadelhöl- 
zer den Bewohnern ein hinlängliches Material zum Bau ihrer Häuser und zur 
Anfertigung ihrer Geräthschaften liefern, während dort das leichte, aus der Rinde 
der Weifsbirke gebaute Boot dem Bewohner beinahe das ist, was dem Steppen- 
bewohner das Pferd, müssen die Ssungari- Golde Tagereisen weit ihr Brennholz 
herbeiholen, nnd sind gezwungen ihre Böte und hölzernen Geräthschaften von 
den Chinesen in Ssan -ssin zu erstehen, welche das Kiefern- und Zirbelholz dazu 
von weit oberhalb am Ssungari herholen. So wird der Golde mehr und mehr 
von den Chinesen abhängig, die Mittel aber, um all die vermehrten Bedürfnisse 



358 Ifisoetai: 

tu befiri6dl8«n, flieftes Um, ]• iretar er flnbMifHvIfti witec, d. h. je nMka^get 
er irird, desto fpiriicher. Wohlhmbender und deshalb «BtUi&iigiger «nd freier 
Idngegen sind die Qolde der vateren Semgari. Im Sommer Tom Flsehlaog am 
flsehreicheii Amar, im Winler tob der Jagd im Burqfa-Qebirge oder in de» am 
Üsanri, ja jenseits desselben, am Meere gelegenen Bergketten lebend md von 
dort mit reicher Beate an kostbarem Pelswerk heimkehrend erdffiset sieh ihnen 
durch den Verkehr mit den mssiichen Ansiedlem am Amor eine Quelle des 
Wohlstandes. Die oberhalb wohnenden Golde hingegen, welche jenen ergiebigen 
Jagdgebieten an fem wohnen, haben sich von ihren Nachbarn, den Manddra- 
Ghinesen, mehr nnd mehr den Landban angeeignet, zuerst, indem sie in ihren 
Küehengürten alle möglichen Qemfise in grölseren Quantitüten bauen und in den 
letsten Dörfern ihr Feld regefareeht mit Hirse, Gerste, Soighnm, Soja nnd Tabak 
im Grofsen bestellen. Die Viehsucht ist dagegen noeh sehr wenig entwickelt; 
Pferde, welche den Tag fiber in der Prairie sich aufhalten, Schweine nnd Hüh* 
ner bilden nebst Hunden und E^ataen fast den einsigen Besitz an Hausthieren. 

Auch in der Bauart der Dörfer unterscheiden sich die Ssungari- Golde we- 
sentlich von ihren Stammgenossen am Amur. Hier baut sich Jeder so nahe als 
möglich zum Wasser an, und das Dorf bildet eine dem Ufer parallele Strafse, 
wahrend am Ssungari die Häuser je nach der Lage ihrer Gürten und Felder in 
der malerischsten Unordnung durch einander liegen. 

Durch die nahe Berührung ndt den Chinesen haben die Ssungari -Golde 
in den unteren wohlhabenden Dörfern sich in Kleidung und Sitten jenen ge- 
nähert Die Männer sind im Aeufsorn von den gemeinen Mandschen oder Chi- 
nesen durchaus nicht zu unterscheiden, die Weiber handhaben fleifsig den Kamm, 
um sich den complidrten chinesischen Haarputa mit der langen Nadel und den 
Blumen herzustellen, Stockrosen, Malven und Mohn säet man zu diesem Zwecke 
in den Gärten; die Kleider sind nicht allein dem Schnitte, sondern auch dem 
Stoffe nach die der chinesischen Frauen; es herrscht gröfsere Reinlichkeit; im 
Hanse erscheinen der erhöhte chinesische Heerd, das chinesisdie Kohlenbecken, 
das Gitterwerk an Thfir und Fenster; in der Nähe des Dorfes steht der buntbe- 
malte chinesische Tempel mit den Halbgöttern in colorirtem Holzschnitte, Papier- 
und Bäucheropfern auf dem Altare und aufgereihten Schweinsschädeln vor der 
Thfire. In den oberen ackerbautreibenden Dörfern hingegen hemcht Noth. 

Mit den Mandshu- Chinesen kam BiCaximowicz wegen ihrer feindlichen Stim- 
mung nur wenig in Berfihrang, daher seine Notizen fiber dieselben auch nur sehr 
mangelhaft sind. Indamo, das letzte der oben genannten Dörfer der Golde, liegt 
▼on dem ersten Mandshu -Dorf nur 1 — 2 Werst entfernt. Nach einem Zwi- 
schenräume von etwa 7 Werst beginnt alsdann eine so dichte Bevölkerung, dafs 
man immer von einem Dorfe ein anderes oder mehrere, vom linken Ufer ans 
aber bis 8 Dörfer auf einmal sehen kann, bis dann kurz vor der Stadt Ssan - ssin 
abermals etwas gröfsere Zwischenräume zwischen denselben einzutreten scheinen. 
Nach der Mittheilung der Golde heifsen diese Dörfer: Dljamssa, Wo-pä, Heitnn, 
Focholo, Gyddile, Anke, Dabko, Zing-ssa, das unlängst zu einer Stadt erhoben 
sein soll, Mussjtn, Dalga, Ssjan-wo-cha, Atscha Wada (Klein -Wada), Dai Wada 
(am linken Ufer) und Ssuljcha, wo man denn schon aus den Namen derselben 
auf ein Vorherrschen der mandshnriechen oder chinesischen Berölkerang in einem 



Der 8iimgari-Flii£B nach den Beriditeii deg Herrn liaadmowics. 359 

jeden sdüiefiien kann. Diese mandehn-chineowchen Dörfer werden als stattlich 
geechfldert. Meistens längs dem Ufer erbaut» sind ihre Häuser mit hochumzänn- 
ten Höfen nnd Küchengärten umgeben, und Gruppen alter schattenreicher Bäume 
geben «den Dörfern ein freundliches Aussehen. Die un^ngezäunten Felder liegen 
meistens mehr landeinwärts, nnd die Viehheerden, bestehend ans kräftigen Och- 
sen und niedrigen, starkknochigen, den transbaikalischen ähnlichen Pferden, sind 
entweder auf den Inseln untergebracht oder werden von besonderen Hirten auf 
dem linken Flofsnfer gehütet. Die Einwohner, ?onüglich die Mandschu, nnd 
grolsgewachsen und muskulöse, Yon munterem, gesundem Aussehen, während ia 
den Golde -Dörfern Fieber nnd Schwindsucht in Folge der sumpfigen Niederun- 
gen sehr verbreitet sind. 

Diese Wohlhabenheit in den chinesischen Dörfern wird einmal durch den 
für den Ackerbau günstigeren Boden (ein harter bräunlicher Thonboden, der mit 
Hülfe des Düngers dem Gedeihen der Eornfrüchte sehr günstig ist), dann haupt- 
sächlich durch die Möglichkeit einer vortheilhaften Verwerthung der Prodncte in 
Ssan-ssin bewirkt. Diese Stadt bildet das Centrum eines ausgebreiteten Han- 
delsverkehrs mit den Eingeborenen des unteren Amur- Landes und der Anwohner 
der Ussuri, welche hierher, als nach dem einzigen ihnen gesetzlich gestatteten 
Handelsort, sowohl ihren Tribut abliefern, als auch ihre Jagdbeute im Frühsom- 
mer gegen vegetabilische Nahrungsmittel, gegen Branntwein, Tabak, Zeuge, Thon- 
und Glaageschiire, lauter Froducte der Stadt Ssan-ssin und ihrer nächsten Um- 
gebung, eintauschen. Es scheint jedoch, dafs dies kein blofser Tauschhandel 
mehr ist, da der Ssungari- Golde für seine Waaren von dem Eaufmanne baares 
Geld oder Assignaten erhält und erst für diese bei einem anderen Handelsmaone 
sieh seine Bedürfiiisse einkauft Daher bei den Ssungari -Golde, ja selbst noch 
bedeutend abwärts am Amur, die überraschende Kenntmfs der Curse von Silber- 
nnd Messinggeld und fnr ersteres sogar eine Wage, auf der der Golde das er- 
haltene Silberstück aufs Peinlichste zu wiegen nicht unterläfst Für die Amur- 
bewohner dient der Ssungari als Handelsstrafse, während die Golde vom oberen 
Ussuri den Noor-Flufs aufwärts fahren und dann zu Pferde nach Ssan-ssin 
kommen. 

Ueber die Gegenden oberhalb Ssan-ssin konnte Maximowicz keine Nach- 
richten einziehen. Derselbe erreichte diese Stadt nicht, da die feindliche Stim- 
mung der Mandshu- Chinesen seinem weiteren Vordringen ein Ziel setzte. Am 
31. Juli traf er wieder an der Ssungari -Mündung bei Dshang-dshu ein und ging 
nach Michailo-Ssemjonofskoje. Ein russischer Kaufmann aus Nikolajefsk, Na- 
mens Tschebotaref, welcher im Frühjahre desselben Jahres eine zweite Reise auf 
den Ssungari nach Ssan-ssin unternommen hatte, war daselbst wahrscheinlich er- 
mordet worden; sein Körper wurde kurze Zeit, nachdem Maximowicz zurückge- 
kehrt war, den russischen Behörden mit einer gut ausgedachten Lesart über sei- 
nen Tod überliefert — r. 



360 



Der Zustand des Fischfanges in Rufsland. 

Vom General -Kajor a. D. Herrn v. 01b erg. 

Zu wiederholten Malen waren in den Jahren 1848-^1850 bei dem Miniato- 
riom der Krondomänen Berichte des Gronvemeurs von Liefland über die anffal- 
lend steigende Abnahme des Fischfanges in dem Pskow'sdien nndPeipns- 
See, sowie an den Ufern des Baltischen Meeres eingegangen. Als Ursachen 
davon wurde einmal angegeben, dafs die Fischer seitlang den Fang mit allzu 
kleinmaschigen oder gar von grober Leinwand angefertigten Netzen betrieben und 
dadurch die junge Brut mit herausfischten, dann dafs dieselben für ihren Fang 
sich weder an eine bestimmte Jahres- noch Tageszeit bänden. 

In Berücksichtigung der Wichtigkeit, welche der ungemein starke Fischfang 
in Rufsland nicht nur in volkswirthschafüicher Beziehung, sondern in specie für 
die Einkünfte der Krone hat, befahl der Minister der Krondomänen, Graf Kisse- 
leff, im Januar 1851 die Bildung einer Special -Commission zur Untersuchung 
der betreffenden Angelegenheit, welche aus dem Akademiker von Baer, dem Kron- 
domänen-Ministerialrath Schulz, dem Gubemialrath des Gouvernements Lief land La- 
sarewski, dem Ordnungsrichter Baron Fresen aus Dorpat und dem Landrath Kre- 
nlzin aus Pskow, sämmtlich Männer von gediegener wissenschaftlicher Bildung, be- 
stand. Diese Commission beschäftigte sich zwei Jahre hindurch mit den gründlichsten 
Untersuchungen über den Fischfang am Peipus-See, an den Küsten des Baltis^chen 
Meeres und der Alands -Inseln, und unternahm zu gleichem Zwecke sogar noch 
Reisen nach Stockholm, Gothenburg und andere Punkte der schwedischen Küste, 
von woher früher ebenfalls Klagen über Abnahme des Fischfanges laut geworden 
waren, um sich mit den praktischen Verordnungen vertraut zu machen, durch 
welche dort dem Uebelstande abgeholfen worden war. 

Schon während der Zeit ihrer Wirksamkeit, sowie nach Beendigung dersel- 
ben, stattete die Commission sehr ausführliche Berichte ab : über ihre Thätigkeit, 
über die Topographie und Eigenthümlichkeit des Peipus-Sees und seiner Neben- 
flüsse, sowie des Baltischen Meeres und seiner Küsten, über den in diesen Ge- 
wässern stattfindenden Fischfang und in specie über die Art, wie letzterer betrie- 
ben wurde, gleichzeitig aber auch noch sehr interessante Bemerkungen über die 
Natur- Geschichte der in jenen Gewässern lebenden Fische. 

Diese von Herrn von Baer zusammengestellten Berichte und Bemerkungen 
bilden nun die erste Abtheilung eines grofsen, prächtig ausgestatteten Wer- 
kes, welches unter dem Titel: Untersuchungen über den Zustand des 
Fischfanges in Rufsland, im Jahre 1860 zu St. Petersburg vom Ministerium 
der kaiserl. Krondomänen in russischer Sprache herausgegeben worden ist, in wel- 
ches auch noch die in Folge jener Berichte zur Regelung des Fischfanges erlas- 
senen Gesetze aufgenommen worden sind. 

Wir wollen aus dem überausreichen Inhalt dieses Werkes nur Folgendes her- 
vorheben. 

Als die für das volkswirthschaftliche Interesse wichtigsten Fische im Bal- 
tischen Meere sind zu nennen: der Breitling, der Rothlachs, der Weifs- 



Der ZuBtaad des FUchfaages in RnTsland. 361 

lacbs (S€ibno maraenula) und die Sardelle; desm&ckit sind der Zander, die 
Lachsforelle, der Schnägel, der Barsch nndderBrafsensu erwähnen, so^ 
wie der Kilka (?), welchen die Esthen in Massen yerxehren, ja &8t nur von diesen 
Fischen leben. Als Beweis für den früheren grofsen Reichthnm an Fischen in 
jenen Gewässern, sowie aber auch für die anffaUende Abnahme derselben mag 
angeführt werden, dafs z.B. allein in den Fischereien zweier Edellente an den 
Ufern des Baltischen Meeres im Jahre 1838 noch über 5 Millionen Sardinen, 
dagegen 1844 schon 1 Million weniger, 1857 aber nur noch 2 Millionen 
im Ganzen gefangen wurden. 

An der Mündung der Dana fing man 1840 noch 300,000 Tonnen Sardi- 
nen, 10 Jahre später kaum noch die Hälfte, und von Lachsforellen kaum noch 
25,000 Stück, während man in Biga jetzt noch von einem alten Gesetze erzählt 
welches verboten habe: dem Gesinde wöchentlich mehr als zweimal Lachs- 
forellen zu geben. Ein ähnliches Verbot in Betreff der Lachse und Lachsforellen 
soll auch in früheren Zeiten namentlich in Danzig, Hamburg, Magdeburg u. a. O. 
existärt haben. 

In Folge der quaest. Berichte der Commission sind nun in Rnfsland Bestim- 
mungen erlassen worden, welche 1 ) genau die Form der Netze, Angeln und son- 
stigen Geräthschaften, mit denen die Fischerei fortan nur betrieben werden darf, 
vorschreiben, 2) gewisse FisCharten im Sommer zu fangen verbieten, in specie 
aber im Frühjahr und Sommer das Fischen während der Nacht gänzlich un- 
tersagen, da während der Nacht vorzüglich das Laichen der Fische stattfindet. 

Die bedeutenden Resultate der von der gedachten Commission in den 
oördlichen Gewässern Bufslands angestellten Untersuchungen lenkten aber sehr 
bald die allgemeine Aufmerksamkeit auch auf das Caspische Meer und seine 
bedeutenden Zuflüsse, die Wolga und den Ural nebst deren Nebenflüssen, wo die 
Fischereien in einem noch weit gröfseren — besonders seit dem Anfange unseres 
Jahrhunderts — in einem fast colossal zu neunenden Umfange betrieben werden. 
Auch in diesen Gewässern machte sich in den jährlich sich vermehrenden Fischerei- 
Etablissements bereits seit mehreren Jahren eine auffallende Abnahme des Er- 
trages, namentiich m den kaiserlichen Fischereien — welche als solche schon 1489 
unter Iwan lU. existirten, — bemerkbar. Schon 1852 hatte ein Fischerei -Un- 
ternehmer, Goliköff in Astrachan, sich erboten: Untersuchungen über die Ursa- 
chen der Abnahme des Fischfanges im Caspischen Meere und dessen Zuflüssen 
anzustellen, und hierzu 3000 Rubel von der geographischen Gesellschaft in Pe- 
tersburg beantragt. Da letztere diesen Antrag, ans Mangel an Mitteln, nicht 
gewähren konnte, bewilligte der Minister der Krondomänen diese Summe, er- 
nannte jedoch auch bald darauf eine Commission zur Untersuchung des betref- 
fenden Gegenstandes mittelst einer gröfseren wissenschaftlichen Expedition nach 
dem Caspischen Meere und dessen Zuflüssen. Diese Commission bestand aus 
Mitgliedern des Ministeriums sowohl, als der geographischen Gesellschaft, und 
zwar — wiederum unter Vorsitz des Akademikers von Baer — aus dem schon 
bei der nördlichen Expedition betheiligt gewesenen Ministerialrath Schulz, sowie 
aus dem Statistiker Danilewski, den Naturforschem Ssemenofi^ und Weidtmann 
und dem Maler und Zeichner Nikitin. 

Die Commission begann demnach im Frühjahre 1853 ihre Thätigkeit, welche 



362 Ifiscelleii: 

de 3 Jtlire fortsettto and legte die erfoIgrei<Aen Reaultsle denelben m sebr 
mofafteiideB Berichten nieder, welebe die zweite AbtlieOang des obengenann- 
ten Werkes antnuicben. Diese Berichte aber sind Ton hohem wissenschaft- 
lichen Interesse, nicht nur fftr den Naturforscher und den Statistiker, sondern 
auch für den Geographen nnd den Historiker, indem dieselben sieh nicht 
nur sehr ausführlich über den Znstand und die Geschichte des Fischfan- 
ges, sowie fiber die Naturgeschichte der Fische im Caspischen Meere und 
dessen Zuflüssen sowohl, als in mehreren Flüssen Transkaukasiens, wie z. B. des 
Terek, Kur und anderer, aussprechen, sondern auch sehr interessante Mittheilun- 
gen über die Topographie und die Bewohner jener Gegenden, sowie über 
das Leben des Volkes der Umgegenden aller jener Gew&sser enthalten. 

Wie es in diesem Berichte heifst, lebten in Astrachan und Umgegend 1815 
bereits 7000 Fischer, deren Zahl 1830 aber schon 17,000 betrug und jetzt noch 
bedeutend im Wachsen ist. Die in jenen Gewissem am zahlreichsten vorkom- 
menden Fische sind namentlich der Zander, derBrafsen, der St er lad, dem- 
nächst der Hausen, der Rothlachs, der Stör, der Wels und die Sewruga, 
eine grofse, nur jenen Gewässern eigenthnmliche Fischart 

Von diesen Fischen wurden Tor Novo Petrowsk gefangen 

im Jahre 1845 noch 1853 aber nur mithin betrug die Abnahme 



Zander 


1,370,000 


30,000 


das 40 fache 


Brafsen 


492,000 


20,000 


- 20 - 


Sterläd 


34,000 


3500 


- 10 - 


Wels 


8000 


3500 


2 - 


Stör 


3000 


300 


- 10 - 


Sewruga 


1500 


200 


- 7 - 


Hausen 


112 


3 


- 30 - 



Dasselbe Yerhältnifs aber zeigte sich fast an allen Orten, wo grofse Fische- 
reien sich befinden. Ungeachtet der starken Abnahme der Fische wurden aber 
doch in dem Delta der Wolga bei Astrachan im Jahre 1853 noch 8 Millionen 
Zander gefangen, und zahlte damals eine einzige Compagnie fiir Fischereien 
am Caspischen Meere, sowie in Transkaukasien jährlich 300,000 Rubel Sil- 
ber an Pacht. Aus den Berichten der Commission stellte sich jedoch heraus, 
dafs die Abnahme des Fischfanges im Allgemeinen nicht so bedeutend ist, als 
man geglaubt hatte, indem einige Arten von Fischen allerdings betrachtlich ab-, 
andere dagegen in ähnlichem Yerhältnifs aber zugenommen hatten. Nament- 
lich bei den Fischen, welche in salzigen Gewässern, sowie bei denen, welche in 
der Tiefe der Gewässer laichen, hatte fast gar keine Abnahme stattgefunden, 
desto mehr aber bei denen, welche — wie der Stör und der Hausen, die Se- 
wruga und die Lachsforelle — mehr nach der Oberfläche der Gewässer zu lai- 
chen, wo die junge Brut zu leicht mit weggefangen werden kann. Unter den 
verschiedenen Ursachen der Abnahme wurde hervorgehoben: 

1) Zu grofse Vermehrung und Ausbreit nng der Fischereien, ron denen 
die meisten zu wenig überwacht wurden. 

2) Natur-Ereignisse, welche auf den Stand und die Natur der Gewisser 
einwirkten. 



Der Zmtaad des WkKükhages in RnfflUmd. 363 

dl) 2«itwilBer Mangel an Nahrmng der jongen Fieehe, noMntlioh an Infn- 
•orien nnd EntonoilnaMen. 

4) Znnabme von Banbfisehen. 

5) Der Oebraoeh der DampfichiffB und deren j&hiliche Zunahme. 

Auch für diese Gewässer sind daher zweckm&fsige Qesette eriaaaen worden, 
unter deren Behüte in Kurzem eine Zunahme des Fischfanges zu erwarten steht 

Die dritte Abtheilung des Werkes umfafst in gleicher Art die speciel- 
leren Berichte der Commission über den Ural und seine Nebengewasser, und ist 
noch besonders interessant durch die Schilderung der Einrichtungen und des Le- 
bens der Uralischen Kosaken. 

Die Tierte Abtheilung endlich giebt eine ftufserst detaillirte Besdireibung 
resp. Beurdieilung der beim Fischfange im Caspischen Meere und dessen Zu- 
iussen in Anwendung kommenden Netze und Geräthschaften etc., sowie 
der dabei gebräuchlichen Flufs-, See- und Transport-Fahrzeuge, über die 
Anstalten zum Einsalzen, Trocknen, Räuchern und Aufbewahren der 
Fische, sowie über die Zubereitung des Fischfleisches und des OuTiars 
für den HandeL 

Diese Beschreibungen werden durch 86 sauber gearbeitete Kupfertafeln in 
Folio illustrirt und erläutert, welche genaue Detail -Zeichnungen geben you allen 
der yerschiedenen im Text speciell beschriebenen Qegenstilnden — vom gröfsten 
bis zum kleinsten Netz und Häkchen, sowie ron den Fahneugen, welche bei der 
Fbciierei benutzt werden. Diese Zeichnungen sind fär den Nichikenner der russi- 
schen Sprache durch ein denselben beigefügtes Yerseichnifs in deutscher und 
französischer Sprache versti&ndlich gemacht. 

SchUefslich mag hier noch eine ans dem Werke entnommene Beschreibung 
der Zuberdtung des Cariars iliren Platz finden. 

Am geeignetsten zum guten Cariar erweist sich der sehr grobkörnige Bo- 
gen des Hausen, welcher deshalb auch, abgesondert tou allen übrigen Fischro- 
gen, besonders zubereitet wird, während der Bogen der Sewruga, des Stör 
und des Schip — eine Mittelart zwischen Hausen und Stör — unter einan- 
der gemischt werden und so in den Handel kommen. Der Bogen des 
Sterläd dagegen, welcher der ausgiebigste ist, hat zu kleine Kömer, kommt 
selten in den Handel und wird fast nur im Lande im Hausverbranch consummirt 

Es giebt nun 4 Arten der Zubereitung des Cariar, nämlich 1) des kör- 
nigen, 2) des gemischten oder geprefsten, 3) des warmen, 4) des brei- 
artigen. 

1) Der körnige Cariar, welcher der beste ist, wird, nachdem in beson- 
ders dazu bestimmten Räamen der Rogen aus den Fischen ausgelost ist, in 
grofse Kufen in das Zubereitnngshaus gebracht und hier auf Rahmen, die mit 
einer Art Fenstergaze bezogen und quer über grofse Kübel von 3 — 6 Pud 
(k 40 Pfd.) Gehalt gelegt sind, ausgebreitet, und hierauf mit den Händen lang- 
sam durchgeriifart, damit die Rogen -Eier oder Kömer durch die Gaze in die 
darunter liegenden Kübel fallen, i^Uirend die fleischigen, faserigen Theile, sowie 
die Zellenhäutchen der Eier aber auf der Oberfläche der Gaze zurückbleiben. 
Die auf diese Weise abgesonderten Kömer werden hierauf eingesalzen, indem 
auf eine Pud (40 Pfd.) derselben in der Zeit vom 1.-30. August 4| Pfd., vom 



364 MüeeUen: 

1.^30. 6eptember 84 Pfü., rem 1 — 31. October 3 Pfd., Tom i. Norember — 
15. Februar nur 2 Pfd. klein gestofsenes, reinee, weifirai Sals kommeik Nachdem 
der Bogen von dem Salze durch Umrühren mit hölzernen St&ben gehörig durch- 
gezogen ist, wird derselbe in P&sser von Lindenhols zn 4—5 Pnd Qehalt gethan 
und demnächst rerschickt. 

2) Der geprefste oder gemischte Cariar. Beror der gemischte Ro- 
gen in den dazu bestimmten Trog geschüttet wird, bedeckt man den Boden des 
letzteren 2 Zoll hoch mit reinem gestofsenen Salz niid giefst demnächst Salzlake 
darauf. Hierauf treiben 2 oder 4 Mann den Rogen mit den Händen durch die 
schon erwähnten Gazerahmen, so dafs die Eierkömer in die Salzlake fallen ; dem- 
nächst wird die Gaze weggenommen und werden die Kömer mit der Salzlake mittelst 
2 oder 4 geraden Rührstöcken durch kreisförmige Bewegungen abwechselnd — 
einmal links, einmal rechts — im Sommer 10, im Winter 15 Minuten lang um- 
gerührt, worauf der Cariar zur Genüge gesalzen ist. Hierauf nimmt der Caviar- 
bereiter eine Hand voll Cariar aus dem Fafs und drückt denselben zusammen, 
um zn sehen, ob noch Milchtheile heraustreten. Ist dies nicht mehr der Fall, 
so sagt man: ^er geht*, d. h. er ist hinreichend fest und fertig. 

Je feiner der Rogen ist, desto eher »geht er", indem derselbe schneller 
das Salz einsaugt als der grobkörnige. Hierauf wird der Cayiar mit feinen Sie- 
ben von 14 Zoll Durchmesser aus dem Troge genommen. Die gefüllten Siebe 
werden auf Latten gestellt, welche quer über den Kübeln liegen, so dafs das Salzwas- 
ser ablaufen kann. Nach dem Ablaufen der Salzlake wird der Caviar in Säcke 
von Bastmatten geschüttet, welche 2 — 2{ Pud halten. Jeder dieser Säcke wird 
dann 10 — 12 Minuten unter eine Presse gelegt, und werden durch diese die letzten 
Reste von Salzlake und Fleischtheilen herausgedrückt. Diese Abgänge berechnet 
man auf 1 Pud Caviar zu 12 — 15 Pfd. und werden dieselben anderwdtig noch 
verwerthet. Der Caviar bleibt nun noch 24 Stunden bis 1 Woche lang in den 
Säcken und wird dann in Etlsser von 5 — 10 — 30 Pud gethan, mit einem reinen 
Tuche überdeckt und schÜefslich mit den Füfsen festgetreten. Nachdem der 
feste Caviar so die letzte Weihe erhalten hat, werden die Fässer zugemacht, sig- 
nirt und verschickt. Im August oder September wird aber auch noch der nnr 
wenig gesalzene geprefste Caviar auf gleiche Weise zubereitet. Der gröfste Theil 
des Caviars, der in Deutschland verkauft wird, ist geprefster, welchen die Car 
viarhändler hier erst wieder auflockern. 

3) Der warme Caviar erhält diesen Namen nur deshalb, weil er in der 
warmen Jahreszeit — vom 8. Juli bis 15. August — zubereitet wird. Da nun 
in dieser warmen Jahreszeit der Rogen auf Flö&en herangefahren wird, so kommt 
er in der Regel schon in etwas verdorbenem Zustande an und wird deshalb ganz 
wie er ist, in Salzlake gelegt, dann durchgerührt durch Gaze und sofort, ohne 
geprefst zn werden, in Fässer von Lindenholz — 2u je 5 Pnd — eingeschüttet 

4) Der breiartige Caviar. Die geringste Sorte des Caviar wird in der 
heifsesten Jahreszeit zubereitet, wo der Rogen, welcher ans den schon etwas 
verdorbenen oder todten Fischen gewonnen wird, gar nicht durch die Gaze ge- 
trieben werden kann, sondern sofort in Salzlake und zwar in solche gelegt wird, 
die schon bei dei Zobereitnng des geprefsten Caviar benutzt wurde, doch wer- 
den zu derselben auf jedes Pud Rogen noch 6 Pfd. Salz hinzngeihan. 



Der Zustand des Fisclifiuiges in Rafsland. 365 

Sobald die Körner vom Sala so dnrchsogen sind, dafs «ie fest werden, wird 
der Caviar heransgenommen und in Fasser von £ichea- oder Lindenhols -* au 
je 10 — 26 Pnd — getban nnd anf jedes Fafs noch 4 Pfd* Sab oben anfgesehüttet. 
Zaweüep iat der Rogen, wenn aneb nocb nicbt verdorben, docb schon so über- 
reif, dafs die Kömer, sobald sie in die Salzlake kommen, platzen und za Bo- 
den sinken, weshalb dieser Caviar auch »geplatzter* (breiartiger) genannt 
wird. 

Endlich werden auch nocb die vorhin beim geprefsten Caviar erwähnten Ab- 
gange , welche anf der Gaze znrückbleiben , mit den ebenfalls zurückgebliebenen 
Häntcfaen der Eier zusammen eingesalzen nnd in Fässern verkauft. Von diesen 
und von dem warmen Caviar kommt jedoch selten etwas in das Ausland; diese 
beiden Sorten verzehrt der Busse selbst. 

Von dem in den Magazinen zubereiteten Caviar wird das Pud vom 1. Juli 
bis 1. October mit 2 Bub. 29 Kop. Silber, d. i. 3 Thlr., bezahlt, während das Pnd 
von dem auf den Fahrzeugen anf der See zubereiteten vom 1. October an, den 
Winter hindurch, nur 1 Bub. 14 Kop., d. i. 1 Thlr. 15 Sgr., kostet. 

Die MaTse Bogen, welche ein Fisch liefert, ist durchaus verschieden, indem 
nicht selten ein ganz kleiner Hausen weit mehr Bogen enthält als ein grofser. 
In der Regel giebt ein junger Hausen 6 — 10 — 12 Pfd. , ein ausgewachsener aber 
gewöhnlich 35 Pfd., während ein ausgewachsener Stör nur 13 — 15, selten 20 Pfd., 
eine ausgewachsene Sewruga aber oft nur 8 Pfd. Bogen giebt Im Allgemeinen 
rechnet man f des Gewichtes des Fisches auf den Bogen. Im Jahre 1827 ist 
jedoch einmal ein Hausen von 90 Pud gefangen worden, welcher über 9 Pud 
Rogen gab; und im Jahre 1828 fing man einen Stör, welcher ^ Pud völlig 
weifsen Bogen gab, was als ein grofses Wunder betrachtet wurde, in der That 
aber auch eine so grofse Seltenheit war, dafs der daraus bereitete Caviar in Fäls- 
chen zu 1^ — ö Pfd. verpackt und nur an hochstehende Personen als Präsent ver- 
schickt wurde. 



Zustand des ünterrichtswesens in Persien. 

Mr. Nicolas, in den Jahren 1858 — 61 der französischen Militärmission in 
Persien attachirt, und in dieser Zeit während 18 Monate Lehrer an der medressih 
Skah zu Teheran giebt uns im Journal asiatique^ V* S€r., T. XIX, 1862, p. 472 
einige interessante Notizen über den Stand des Schulwesens in Persien. Hoch- 
gestellte und Belebe lassen ihre Kinder im Hause erziehen. Der Lehrer, gewöhn- 
lich ein Moliah, beschäftigt sich mit seinen Zöglingen vom Morgen bis zum Abend, 
indem er sie zuerst im Buchstabiren nnd dann im Lesen des arabischen Koran 
unterrichtet; hierauf folgt das Lesen persischer Werke, welche sich durch Inhalt 
und eleganten Stil auszeichnen, wie des Gulistan und Bostan des Saadi, des 
Diwan des Hafiz und des Mesnewi des Djelal- eddin Bumi. Die Geschichte 
Persiens wird nach dem Tarikh-i mo'djem, Kitab alem-&ra, Wassafs Geschichte 
der Mongolen nnd dem Tarikh-i Guzideh gelehrt Für das Studium der Bell«- 



366 MiMseneii: 

gion8g;68cldehte dienen MutiMmd*t Bftonset el-SsÜk, BlioBdenib^s Habib-el-Seir 
und einige andere Werke, welehe Eikl&mngen des Konmiextee b§den. Spater 
wird der Schüler mit einem grftndlieheren Stadimn des Arabisciien bekannt ge- 
madit, sn welchem Zwecke er eine Vers -Sammlang in arabischer Sprache auf- 
wendig sn lernen hat, welcher Wort für Wort die persische Uebersetrang beige- 
fügt ist Das Stsdlnm des Arabischen cerflUlt in: Etymologie nnd grammatika- 
lische Formen, in Constmctionslehre nnd Syntax. Letztere wird nach in Versen 
verfafsten Handbfichem, wie die Alfia des Mohammed Ibn al Mafik, auswendig 
gelernt. Hieranf folgt das Stadium der Logik aus dem Kitab-i- Kobra, Kitab-i- 
Tehdhib, Kitab-i-Scbemsieh und aus einem Commentare zu letzterem Buche, 
welches den Titel Scharh-i-Schemsieh führt. Nach Beendigung des Cursus in 
der Logik erhält der Zögling noch einige oberflächliche Kenntnisse im Bnchstap 
ben- und 2^ahlenrechnen. 

Da in Persien auf eine schöne Handschrift Wel gegeben wird, so erhält der 
Moliah, wenn er selbst in der Kalligraphie nicht sehr bewandert ist, einen Ad- 
juncten, welcher während eines grofsen Theils des Tages die Kinder im Schön- 
schreiben unterrichtet Von den acht Schriftarten der Perser wird in den Schu- 
len das neskh, neskhtalik und schikest^ gelehrt Der Mollah erhält monatlich 
ein Qehalt von 15 Kran bis 4 Toman (I Kran s» 1 fr. 16 c; 1 Toman =» 11 fr. 
60 c), Frühstück und zu Neujahr einen neuen Anzug im Werthe von 3 — 5 Toman. 

Türkisch wird grammatikalisch nicht gelehrt, jedoch spricht in den nördli- 
chen Proyinzen Jeder dieser Sprache. 

Die Kinder der Mittelstände werden in die medress^h mollah geschickt, Scha- 
len, welche von Reichen oder Frommen erbaut und erhalten werden. Der Stif- 
ter trägt anfserdem die Kosten einer Bibliothek, in welcher er schriftlich ein 
Reglement niederlegt, nach welchem die Lehrer den Unterricht zu ertfaeilen ha- 
ben. Solche Schulen bestehen gewöhnlich aus einer Anzahl nicht zusammenhän- 
gender Zimmer, welche um einen yiereckigen Hof angelegt sind. Jeder Mollah 
hat ein oder zwei Zimmer zu seiner Verfügung und ein oder zwei Schüler, jedoch 
niemals mehr. In jeder medress^h giebt es einen ersten Lehrer, welcher, Ton 
anderen MoUahs gewählt, ihnen Unterricht ertheilt Er empfängt Ton frommen 
und mildthätigen Leuten Geld, um es an Arme zu vertheilen; es scheint jedoch, 
dafs die Hülfsbedürftigen meistentheils die L^rer selbst sind. Der Unterricht 
in diesen Schulen ist durchaus nicht geregelt. Jeder Lehrer unterrichtet den ihn 
übergebenen Knaben, so gut es eben geht, und erhält von jedem etwa 6 Kran 
monatlich. Die Kinder, in einem Alter Ton 10 — 12 Jahren, geniefsen während 
zweier Jahre den Unterricht 

Die Kinder der unteren Volksklassen werden in einem Alter Yon 5 — 12 Jah- 
ren in Seharen yon 20 — 30 von einem Mollah mektebdar genannten Lehrer un- 
terrichtet, welchem sie monatlich ein Honorar von 10 Shahis bis 2 Kran zu ent- 
richten haben. Sie lernen hier das persische Alphabet. 

Hieranf läfst man sie den Gulistan, Bostan, den Diwan des Hafiz, den Tchehl 
Thuthi (die 40 Papageien) und das Iskender-nameh desNizami, sowie einige 
gereimte Fabeln lesen, bringt ihnen aufserdem die Grundzüge der Religionslehre, 
sowie die ersten für den praktischen Gebrauch nöthigen Anfangsgründe des Rech- 
nens bei und lehrt sie das neskh nnd neskhtalik schreiben. 



Zustand des Ünterdehttwesens in Perden. 367 

Da in Perrien kein Sohnlciraiig ezistirt» so findet man eine grofte Anzahl 
MeBBchen, welche weder schreiben noch lesen können; so gab es an der Artil- 
lerieschole sa Teheran unter 32 Officieien 12, welche weder lesen noch schrei- 
ben konnten, 20 konnten lesen nnd 12 schreiben und lesen. 

Die Lehrer an den Schulen für die niedrige Volksklasse (mektebar) unter- 
richten Knaben nnd Mädchen gemeinschaftlich; meistentheils aber weiden die 
kleinen Mädchen gar nicht in die Schule geschickt. In den Familien sind die 
Töchter bis Eum 10. Jahre ansschliefslich der Obhut ihrer Mütter anrertraut, ohne 
irgend einen Unterricht zu geniefsen. Nach dieser Zeit vereinigen sich mitunter 
mehrere Familien, um in der Nähe ihrer Wohnungen ein Lokal zu finden, in 
welchem ihre Töchter lesen lernen. Schreiben lernen sie jedoch nicht, da die 
Eltern noch an dem VorurtheU kleben, dafs das Schreibenlemen Liebesintrignen 
begünstige. Die Prinzen (^Shah zadih) scheinen die einzigen zu sein, welche 
von diesem VorurtheU frei sind. Bis zum 12. Jahre erlernen Prinzen und Prin- 
zessinnen unter Leitung eines MoUah lesen und schreiben, nnd wenn ihnen auch 
weder das Rechnen noch Arabische beigebracht wird, so wird doch ihr Gedächt- 
nis durch Auswendiglernen grofser Stucke aus den besten Dichtem geübt. 

Eine höhere Bildung wird in den medress^h mollah, Mollahschnlen er- 
reicht, wo Theologie und Civilrecht, basirt auf die Worte des Propheten, welche 
nicht im Koran stehen, gelehrt werden. Die verschiedenen Studien sind getheilt 
in: Interpretation des Koran, Jurisprudenz, canonische Principien der Jurispru- 
denz, Kirchenrecht, Dogmatik und Mystik. Aufserdem giebt es eine allerdings 
nur kleine Anzahl von Leuten, welche zu unterrichten fähig sind: 

1) in der Naturphilosophie, worin gelehrt wird, dafs Erde, Wasser und Feuer 
die einfachen Naturkörper sind; dafs das Weltall aus einer Reihe concen- 
trischer Sphären gebildet ist, deren Mittelpunkt die Erde ist; dafs das Weltall 
von einer festen Hülle umgeben ist, in welcher die Gestirne gleichsam wie 
Nägel befestigt sind u. s. w« 

2) nm-i'Thibbj Arzneiwissenschaft, nach Lehrbüchern in persischer nnd ara- 
bischer Sprache. 

3) Ibn-'i'rdad'i^waßf eine Wissenschaft, welche sich mit der Anordnung der 
Zahlen beschäftigt, um das sogenannte magisdie Viereck zu bilden, gleich- 
falls nach persischen und arabischen Lehrbüchern. 

4) Jbm^i'raml, zum Gebrauch der Bemmftl, oder der Personen, welche aus 
Karten die Zukunft weissagen, auch nach persischen und arabischen Büchern. 

5) Ihm-i^djafar^ Weissageknnst, basirt auf den Werth von 28 Bnchstaben von 
den 32, welche das persische Alphabet bilden (Hiaah'i-djumat), 

6) Ibn-i'defter, was wir n