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ZEITSCHRIFT 

DER 

GESELLSCHAFT FÜR ERDKUNDE 



ZU BERLIN. 



ALS FORTSETZUNG DER ZEITSCHRIFT FÜR ALLGEMEINE ERDKUNDE 
IM AUFTRAGE DER GESELLSCHAFT 



RERAU5GEOEBBN 



Profeaaor Dr. W. KONEB. 



EINUNDZWANZIGSTER BAND. 

MIT V KARTEN. 



BERLIN, 

VERLAG VON DIETRICH REIMER. 

1886. 



G, 



13 




Inhalt des einundzwanzigsten Bandes. 



Aufsätze. 

(Für den Inhalt ihrer Aufsätze sind die Verfasser allein verantwortlich.) 

Seite 
I. Zur Geschichte der Entdeckung und Eroberung von Chile. Von 

H. Polakowsky i 

II. Die Expedition des Generals Victorica nach dem Gran-Chaco. Von 

Capt. J. Roh de. (Hierzu eine Karte, Tafel I) 59 

in. General-Bericht über die Expedition nach dem Chaco. Von Oberst 

Juan F. Czetz • 7^ 

IV. Die Maori-Bevölkerung in Neu-Seeland 33 

V. Beiträge zur Klimatologie von Südamerika. Von Professor M. Kunze 

in Tharand 92 

VI. Reise in das Depressionsgebiet im Umkreise des Fajüra im Januar 

1886. Ein Sendschreiben an Paul Ascherson von G. Schweinfurth. 

(Hierzu eine Karte, Taf. II) 96 

VII. Die barometrischen Höhenmessungen des Herrn Premierlieutenant 

C. von Fran9ois im Kassai - Gebiete. Von Dr. v. Danckelman 149 

VIII. Die Strassenanlagen in der Asiatischen Türkei. (Hierzu eine Karte, 

Taf. ni) 163 

IX. Demarkation der venezuelanisch-brasilianischen Grenzlinie. Von 

A. Ernst in Caracas 167 

X. Der Census von Indien im Jahre 1881. Von Emil Jung .... 172 

XI. Die Bevölkerungszahl der ägyptischen Oasen und gegenwärtige 

Zustände in denselben. Von P. Ascherson 239 

XII. Der Census von Indien im Jahre 1881. Von Emil Jung. (Schluss) 243 

XIII. Über einige Altertümer in Turkestan. Von Dr. L. Iwanow. 
(Hierzu Taf. IV) 273 

XIV. Zur Geschichte der Arealbestimmung eines Landes. Von Professor 

E. Gelcich in Lussinpiccolo 285 

XV. Die Regen -Häufigkeit auf dem Indischen Ocean. Von Dr. von 

Danckelman 316 

XVI. Johann Baptista Homann. Ein Beitrag zur Geschichte der Karto- 
graphie. Von Christian Sand 1er. (Hierzu eine Karte, Taf. V) 328 

XVII. Die Thermen in Kamtschatka 385 

XVIII. Die Arhuaco-Indianer in der Sierra Nevada de Santa Marta. Von 

Dr. W. Sievers 387 



401843 



IV Inhalt. 

Litteratur. 

Seite 
Übersicht der vom November 1885 bis dahin 1886 auf dem Gebiete der 
Geographie erschienenen Werke, Aufsätze, Karten und Pläne. Von 
W. Koner 401 

Karten. 

Tafel I. Karte des Argentinischen Chaco, aufgenommen von den die Expedition 
des Generals Benj. Victorica begleitenden topographischen Kommissionen 
und veröffentlicht im Malsstab i : 800,000 durch die Generalstabsoffiziere 
Capt. Jorge Rohde und Servando Quiroz. 1885. Red. im Malsstab 
1:2,500,000. 1886. 

„ n. Karte des Depressionsgebietes im Umkreise des Fajüm, aufgenommen von 
Georg Schweinfurth im Januar 1886. Malsstab 1:500,000. 

„ III. Gegenwärtiger Zustand des Strassenbaues in der Asiatischen Türkei. Von 
H. Kiepert. 

„ IV. Die Ruinen Achyr-tasch und Tasch-Achyr in Turkestan. VonL. Iwanow. 

„ V. ErJkarte zum Vergleich der Kontinentalkarten J. B. Homanns mit 
den heutigen. Von Chr. Sandler. 




I. 

Zur Geschichte der Entdeckung und Eroberung von Chile. 

L Von der Entdeckung der Magellans - Strasse bis zum 

Tode des Pedro de Valdivia. 

(1520-1554.) 

Von H Polakowsky. 



Im November 1520 betraten zum ersten Male Europäer verschiedene 
Inseln und Buchten des südlichen Teiles des heutigen Chile. Es waren 
dies Magallanes und seine Begleiter bei der berühmtefli Entdeckung 
der lang ersehnten und oft gesuchten Durchfahrt zwischen den 
beiden grossen Oceanen. Da diese Reise des Hernando de Magalla- 
nes (richtiger Fernaö de Magalhaes), die erste Weltumsegelung, 
bereits von Peschel (Gesch. des Zeitalters der Entdeck. IV. Buch, 
Cap. 3) und S. Rüge (Gesch. des Zeitalters der Entdeck.) ge- 
schildert ist, so begnüge ich mich damit anzuführen, dass Magallanes 
keine Zeit auf die nähere Untersuchung der unwirtlichen, öden Küsten 
des von ihm berührten Teiles von Chile verwandte, sondern nur Holz 
und Wasser an verschiedenen Stellen einnahm und am 27. November 
1520 in den pacifischen Ocean schiffte*). 

Jofrd deLoaisa durchfuhr im April und Mai 1526 mit drei Schiffen 
die Magallans - Strasse **). Chilenisches Gebiet wurde hierbei nicht 
berührt. 



*) Die Haupt-Quellen über diese Reise sind: Maximilianus Transylvanus , De 
Molucis insulis etc. Roma 1523. Übersetzt bei Navarrete, Colecc. de los viajes 
que hie. por mar los castellanos etc. Bd. IV. Daselbst (S. 209^*47) findet sich 
auch das Tagebuch der Victoria, geschrieben von dem Lootsen Franc. Albo, abge- 
druckt. — Ant Pigafetta, Premier voyage autour du Monde. Paris i8pi. — 
Ant. de Herrera, Histor. general de los hechos de los castellanos etc. Dec. II. u. 
in. — Von neueren Publikationen führe ich an: J. G. Kohl, die beiden ältesten 
General -Karten von Amerika, Weimar 1860, und Geschichte der Entdeckungsreisen 
und Schifffahrten zur Magellan's-Strasse etc. in Bd. XI. (1876) dieser Zeitschrift. 
— Arturo Seelstrang, Apuntes historicos sobre la Patagonia y la tierra del Fuego 
in „Bolet del Instit. Geogrdf. argentino** von Tom. I. cuad. a an. — Diego Barros 
Arana, Vida i Viajes de Hern, de Magallanes, Santiago 1864. 

**) Navarrete, 1. c. Tomo V.; A de Herrera, 1. c. Dec. IIL; Fern, de Oviedo, 
Hist. j^ner. y natur. de las Indias, islas y tierra firme etc. lib. XX. 

Zeitschr. d. Gesellsch. f. Erdk. Bd. XXI. l 



2 M. Polakowsky: 

Isabella, Regentin von Spanien in Abwesenheit Carls V., unter- 
zeichnete am 26. Juli 1529 zwei Dekrete; durch das eine ernannte sie 
den Franzisco Pizarro zum Gouverneur ' und Adelantado des von ihm 
entdeckten und noch zu erobernden Landes in einer Ausdehnung von 
200 Leguas von N. nach S., etwa bis zum 14. Grad s. Br.*), und das 
andere belehnte in derselben Weise den Simon de Alcazaba i Sotomayor, 
einen in spanischen Diensten stehenden Portugiesen, mit den südlich 
an das Gebiet des Pizarro angrenzenden 200 Leguas**). Dieser erste 
Gouverneur eines grossen Teiles des heutigen Chile verhielt sich vor- 
läufig unthätig. Als die Nachricht von den Eroberungen des Pizarro 
nach Spanien kam, unterzeichnete Carl V. am 21. Mai 1534 vier De- 
krete, wodurch er die Westküste Süd-Amerika's südlich vom Äquator 
in vier Gouvernements teilte. Das nördlichste, Nueva Castilla, erhielt 
Franz. Pizarro. Es reichte von der Ortschaft Santiago (von den In- 
dianern Tenumpuela genannt)***) bis nach Ica (14° 5' südl. Br.) und 
"^ar 270 Leguas lang. Es folgte das des Diego de Almagro, Nueva 
Toledo genannt, 200 Leguas lang und bis Taltal (25° 31' südl. Br.) 
reichend; hieran schloss sich, gleichfalls 200 Leguas lang, das Gebiet 
des Pedro de Mendoza, welches etwa bis Concepcion oder Puerto 
Coronel (36*^ 57') reichte, und den Schluss machte das gleichfalls 
200 Leguas lange, also etwa bis zur Break Off. Pt. der Campana-Insel 
(48° 22') reichende, dem Alcazaba zugesprochene Land, welches den 
Namen Nueva Leon erhielt f). — Alcazaba verliess mit 250 Mann in 
zwei alten Schiffen den Hafen von San Lücar am 21. September 1534, 
um sein ihm verliehenes Land zu suchen und zu erobern. Nach vielen 
Beschwerden erreichten diese Schiffe am 17. Januar 1535 die Mündung 
der Magellan's-Strasse, kehrten aber wegen Sturm und Kälte in derselben 
um und gründeten am 26. Februar in dem Puerto de los Leones die 
erste europäische Ansiedlung in Patagonien. Da weder Alcazaba noch 
einer seiner Begleiter den Boden Chile's betrat, gehe ich auf die Ge- 
schichte dieser Expedition hier nicht näher ein ff). Dasselbe gilt von 
Mendoza, welcher nach dem La Plata-Strome ging und einen Teil der 
heutigen Argentina eroberte. 

Die erste spanische Truppe, welche einen Teil des heutigen Chile 
durchzog und eroberte, wurde von Diego de Almagro geführt. Da 
Prescott in seiner Geschichte der Eroberung von Peru diesem denk- 



*) Prescott, Gesch. der Eroberung v. Peru. Anhang No. 7. 
**) Tones de Mendoza, Colecc. de Doc. in6dit del Archivo de Ind. Tom. X. 
♦**) Lag nach Prescott 1. c. unter i <> ao ' nordl. Br., wo die englische Admi- 
ralitats-Karte (No. 786) die Bahia de San Lorenzo verzeichnet. 

t) Diese Dekrete sind abgedr. im aa. Bde. der „Colecc." des Torres de Men- 
doza und in Mig. L. Amundtegui, Cuestion de limit. entre Chile i la Rep. Arjen- 
tina. Santiago 1879« Tom. I. 

ff) Sie findet sich bei Oviedo, Hist. -jöner. etc. lib. XXIL 



Zur Geschichte der Entdeckung und Eroberung von Chile. 3 

würdigen Zuge nur fünf Seiten (IL Bd. S. 63—67) widmet, gehe ich 
auf denselben hier näher ein. Auch S. Rüge (Geschichte des Zeit- 
alters der Entdeckungen. Berlin 1881. S. 447 f.) behandelt die Ent- 
deckung Chile's durch Almagro sehr kurz, obgleich er höchst wertvolle 
Angaben über das Itinerar der spanischen Truppe bringt. 

Es waren besonders die übertriebenen Nachrichten vom Gold- 
reichtum Chile*s, verbreitet vom Inca Manco und seinen Anhängern, 
welche den Almagro zum Zuge nach Süden von Cuzco aus bestimmten. 
Die Peruaner hatten ein Interesse an der Teilung der spanischen 
Macht, da sie dieselbe so leichter zu vernichten und sich von dem 
schimpflichen Joche der Christen, welches ihre Cultur zerstörte und 
sie zu Sklaven machte, zu befreien hofften. Almagro sandte Bevoll- 
mächtigte nach Panama, Nombre de Dios, Lima und Piura, um Truppen 
anzuwerben ; allen spanischen Abenteurern wurde versprochen : er wolle 
ihnen in Chile „zu essen geben", d. h. ihnen eine Anzahl der Einge- 
borenen als Sklaven übergeben, damit diese für die Spanier das Land 
bestellten und Gold in den Flüssen und Gebirgen des Landes suchten*). 
Zugleich Hess er einige Schiffe ausrüsten, welche dem Expeditionscorps 
Lebensmittel und Kriegsgerät nachfuhren sollten. Auch seinen Sohn 
(von einer Indianerin aus Panama) vertraute er den Schiffen an. Über 
120 Lasten Silber und gegen 20 Lasten Gold verteilte er unter seine 
Begleiter. Die Mehrzahl derselben gab ihm dafür Schuldscheine, wo- 
durch sie sich verpflichteten, diese Vorschüsse aus ihren Beuteanteilen 
zurückzuzahlen. Wie freigebig und verschwenderisch Almagro bei 
dieser Ausrüstung mit seinen Schätzen verfuhr, erzählt Herrera (Hist. 
general, Dec. V. lib. 7. cap. 9). Oviedo berichtet uns, dass zu dieser 
Zeit ein gutes Pferd in Peru 6 — 8000 Goldpesos galt, ein Hemd 300, 
ein Negersklave . 2000 etc. Er schätzt die Gesamtkosten der Aus- 
rüstung der Expedition des D. de Almagro auf i^ Million pesos de 
oro (oder Castellanos), was 4^ Millionen pesos des heutigen chilenischen 
Geldes (in Metall) entspricht. 

Als Führer für den Marsch nach Chile gab der Inca Manco dem 
Almagro seinen Bruder PauUu Topö (oder Topa oder Tupac) und den 
Oberpriester Villac Umu (Huillac Umu)**) mit. — Diese beiden 
Peruaner gingen mit drei spanischen Reitern voraus und erhoben von 
den Indianern der Ortschaften, welche sie passierten, viel Gold, wodurch 
sie dieselben gegen die nachfolgenden Spanier einnahmen. Almagro 



*) Oviedo, Hist. j^ner. etc. lib, XLVn, cap. a. 
**) M. L. Amundtegni, Descubrimientoi conquista de Chile. II. edit. San- 
tiago x885) pag. 71 hebt hervor, dass er diesen Namen nur in Ermangelung 
des richtigen beibehalte, da ihm bekannt sei, dass Garcilaso de la Vega (Coment. 
reaL I, lib. HI, cap. 22) anführt, dass Villac Umu nur der Name der Würde 
(Obexpriestet) sei. — Bei Fernando Pizarro y Orellana (Varones ilustres del Nuevo 
Mundo, Madrid 1639, fol. 219) wird er Villacaumü genannt. 

\* 



4 H. Polakowsky: 

selbst Verliess Cuzco am 3. Juli 1535*) und rückte zunächst nur 

5 Leguas, bis zur Ortschaft Moina, vor, wo er acht Tage verblieb. Den 
Rodr. Orgoiiez hatte er in Cuzco mit dem Befehle zurückgelassen: 
möglichst viele Truppen zu sammeln und ihm nachzuführen. 

Die ausführlichste Schilderung vom Zuge des Almagro ist die von 
Oviedo (1. c. lib. XL VII, cap. 5 u. 9), geschrieben nach dem Berichte 
des Almagro selbst**). Ant. de Herrera, der spanische Livius, erzählt 
— wie fast immer — auch von dieser Expedition in grossen, genialen 
Zügen und vergisst nicht, die scheusslichen Grausamkeiten, welche 
die Spanier auch auf dem Marsche nach Chile verübten, wenigstens 
kurz vorzuführen und zu tadeln. (Hist. gener. Dec. V, lib. 7, cap. 9 
u. libro IG, cap. i u. 2. Dec. VI, lib. 2, cap. i). 

Almagro marschierte weiter an der Westseite des Titicaca-Sees und 
des Desaguadero entlang. In Paria (nahe beim heutigen Oruro) er- 
wartete Saavedra, der mit 150 Mann von Cuzco aus vorangeschickt 
war, das Hauptheer. Saavedra hatte viele Indianer und Lebensmittel 
für den ferneren Marsch zusammengeraubt. Hier blieb das Heer einen 
Monat stehen. Dann ging es längs dem Lago AuUagas (Ostseite) weiter 
nach Süden. Bis hier war das Land dicht bevölkert und reich an 
Lebensmitteln. Dann wurde es öde, unfruchtbar; auch versperrte das 
schneebedeckte Chichas-Gebirge den Weg. Almagro selbst ging nach 
Topisa***) voraus, wo ihnPaulluTopa und sein Gefährte erwarteten und 
ihm 90000 Goldpesos überlieferten. (Ende Oktober 1535.) Dieses Gold 
rührte zum grössten Teile von dem Tribute her, welchen Chile — 
dessen Bewohner bis zum Rio Maule von den Peruanern unterworfen 
waren — alljährlich dem Inca sandte. Diesen Transport hatte man 
aufgefangen. In Topisa sammelte sich das Heer allmählich und be- 
reitete sich zum Weitermarsche vor ; es gingen dabei zwei weitere Monate 
verloren. Eines Nachts entfloh der Villac Umu, und bald erfuhr man, 



*) Oviedo, Hist j6ner. etc. lib. XLVII, cap. 11. — Aug. de Zarate (oder 
parate) Conquista del Peru. lib. III, cap. i. 

**) Als Claudio Gay seine berühmte Historia fisica i politica de Chile schrieb 
(1843), ^^^ *1^ Werk des Oviedo noch nicht publiciert, daher die dürftigen Nach- 
richten, welche Gay über den Zug des Almagro giebt. Gay klagt mit Recht über 
die Kürze der Angaben der alten Historiker über den Marsch des Almagro nach 
Chile. — Garcilaso de la Vega (Coment. Reales, Madrid 17^3. I, S. 249) schreibt 
z. B. nur: £1 primer Espanol, que descubriö ä Chile, fiie Don Diego de Almagro, 
pero no hi^o mas que darle vista, y bolverse al Peru con innumerables trabajos, 
que ä ida y buelta pasö. Er kommt allerdings im zweiten Teil der Comentar. 
Reales (libro II, cap. 20 und 21) spezieller auf diesen Zug zu sprechen, seine An- 
gaben sind aber ziemlich confuse. (Der wahre Titel des 2. Bds. der Comentar. 
Reales ist: Historia General del Peru. Trata el Descubrimiento del etc. Cordova 
1616.) 

*♦*) Hauptstadt der Provinz de los Chichas. (Herrera, 1. c. Dec. V, lib. 7, 
cap. 9.) 



Zur Geschichte der Entdeckung und Eroberung von Chile. 5 

dass er die umwohnenden Indianer auffordere, die Waffen gegen die 
Spanier zu ergreifen. Aber Almagro Hess sich hierdurch in seinem 
Vorsatze, über die Anden nach Chile vorzudringen, nicht aufhalten. — 
Die Eingeborenen am Rio Jujui leisteten zuerst herzhaften Widerstand 
gegen die Spanier und die indianischen Diener und Hilfstruppen der- 
selben. Sie wollten sich nicht ihre Weiber und Lebensmittel rauben 
und sich selbst als Lasttiere gebrauchen lassen. Schlimmer als diese 
Kämpfe waren die ungünstigen Nachrichten, welche die Spanier über 
die Natur des Weges erhielten, den sie einschlagen mussten. Um bei 
Beginn der warmen Jahreszeit den Marsch über die Anden anzutreten, 
wartete Almagro einige Zeit in Chicoana*) ehe er vorrückte. Seine 
Truppen bestanden aus 550 Spaniern (darunter 200 Reiter), 15 000 In- 
dianern und zahlreichen mit Lebenmitteln beladenen Llamas, „ovejas 
del pais", Schafe des Landes von den Spaniern genannt. 

Anfangs Januar 1536 wurde Topisa (Tupiza) verlassen und dürfte 
man Ende Februar an den Rio Guachipas (heut Rio de Juramento) 
gelangt sein, welcher durch die Regengüsse sehr angeschwollen war**). 
Beim Übergange über diesen Strom gingen viele Llamas verloren und 
viele Indianer entflohen. Die Spanier kamen dann in das Thal von 
Quirequire (heut Santa Maria), wo sie zahlreiche Kämpfe mit den 
kriegerischen Calchaquis zu bestehen hatten. Nach Besiegung dieser 
Hindemisse kam man in eine öde, fast vegetationslose Salzwüste 
(Campo del Arenal), zu deren Durchschreitung das Heer sieben Tage 
gebrauchte. Viele Llamas starben in dieser Wüste vor Hunger und 
Erschöpfung, viele Indianer ergriffen die Flucht und selbst die Spanier 
fingen an Hunger und Durst zu erleiden. Endlich erreichte Almagro 
die Hochebene der Laguna Bianca. Hier stand er mit seinen wag- 
halsigen Abenteurern, die ihm voller Vertrauen auf diesem langen und 
mühevollen Marsche gefolgt waren, vor den Anden, über deren Höhe die 
Spanier erschraken. Der Übergang wurde aber beschlossen und durch 
den heutigen Pass von San Francisco ausgeführt. Die Anden bilden 
hier ein über 4000 m hohes und über dreissig Leguas breites Plateau, 
welches eine der traurigsten und unfruchtbarsten Gegenden der 
Erde ist***). 

Diesen Übergang über die Anden schildert Prescott in meister- 
hafter Weise; ich beschränke mich deshalb hier auf einige ergänzende 
Angaben. Die einzigen lebenden Wesen, welche auf dem Hochplateau 



*) westlich der heutigen Stadt Salta. 

**) D. Barros Arana, Historia Jeneral de Chile. Santiago i884» Tomo I, 
S. 174 notas. 

***) D. Barros Arana, Hist. Jener, de Chile. I, S. 175. — Für das Itinerar 
des Marsches des Almagro habe ich mich genau an Diego Barros Arana gehalten, 
welcher dasselbe zum ersten Male publiciert (1. c. I, S. 165—180) und dafür ein 
so reiches Material zur Hand hatte, wie es kein anderer Historiker h^btiL Vläsä» 



g H. Polakowsky: 

gesehen wurden, waren die Condors, welche sich auf die Leichen der 
Tiere und Menschen stürzten. Es fehlten bald gänzUch Wasser und 
Lebensmittel; kein Holz war vorhanden, um Feuer anzumachen. Almagro 
bot Alles auf, seine Leute zu ermutigen; zuletzt ging er mit zwanzig 
gut berittenen Spaniern voran und erreichte in drei Tagemärschen 
durch die Schlucht von Paipote die Tiefebene der Provinz Copiapö. 
Während der zwei letzten Tage hatte diese tapfere Truppe keinen Bissen 
zu sich nehmen können. Ein fürchterlicher Schneesturm überfiel das 
zurückgebliebene Heer*). Die Indianer ernährten sich von den Leich- 
namen ihrer der Kälte und dem Hunger erlegenen Gefährten, die Spanier 
verzehrten die gefallenen Pferde. Hätte Almagro nicht schnell Lebens- 
mittel gesammelt und dieselben dem Heere entgegen geschickt, so wären 
wohl nur wenige Spanier nach dem heiss ersehnten Chile gelangt. 
Endlich erreichte das Heer in jammerhaftem Zustande das Gebiet von 
Copiapö. Das ganze Gepäck war verloren. Almagro's Truppe über- 
schritt die Anden Ende März oder Anfang April**). Dreizehn Tage 
wurden für den Marsch gebraucht. Die Angaben über den Verlust an 
Menschen und Pferden, welche die Spanier auf diesem Übergange, und 
besonders im Paso de las Tres Cruces (4500 m), wo das Gebirge nach 
Westen abzufallen beginnt, erlitten haben, sind von den verschiedenen 
Historikern sehr verschieden angegeben worden, so dass eine bestimmte 
Angabe unmöglich ist***). 

Nach kurzer Rast wurde der Marsch in südlicher Richtung, gen 
Coquimbo fortgesetzt. — Die drei Spanier, welche den Oberpriester 
und Paullu Topa begleitet und sich von denselben in Topisa getrennt 
hatten, waren bis nach Huasco und Coquimbo gelangt, wo sie wegen 
ihrer schändlichen Räubereien von den Indianern erschlagen worden 
waren. Wie Almagro diesen Akt gerechter Notwehr rächte, nämlich 
durch Verbrennung von dreissig der ersten Caziken der Provinzen von 
Huasco und Coquimbo, erzählt schon Prescottf). Schon vor dieser 
Execution waren fast alle Peruaner, die den Marsch über die Anden 
überlebt hatten, entflohen. 

Was nun die Haltung der Eingeborenen Nord-Chile's den spanischen 
Räuberbanden gegenüber betrifft, so kann man im allgemeinen sagen, 
dass sie sich nicht so geduldig als Lasttiere gebrauchen Hessen, wie die 
Peruaner es gethan. Sie versteckten oder vernichteten ihre Lebens- 



*) Herrera, 1. c. Dec. V, lib. 10, cap. z, 
**) D. Barros Arana, Hist. Jener. I, S. 176 nota ao. 
***) Der unbekannte Autor der Conquista i. poblacion del Pirü, welcher den 
Zug mitgemacht hatte, erzählt, dass in einer Nacht 70 Pferde und viele Indianer 
der Kälte erlagen. (D. Barros A., 1. c. I, S. 177.) Nach Mar. de Lobera 
kamen 5000 Indianer und über 30 Spanier um. 

t) Eroberung v. Peru n, S. 65. — Oviedo (1. c. lib. XL VII, cap. 4) ver- 
teidigt natürlich auch diese Handlung seines Freundes und Schützlings Almagro. 



Zur Geschichte der Entdeckung und Eroberung von Chile. 7 

mittel und flohen in die Wälder und Gebirge. Der oben angeführten 
Verbrennung wohnten die Abgesandten der Bewohner der südlich an 
Coquimbo grenzenden Provinz bei. In dieser lebte seit circa einem 
Jahre ein Spanier, genannt Pedro Calvo oder Barrientos, welchem seiner 
Diebereien wegen auf Befehl des Franc. Pizarro in Lima die Ohren 
abgeschnitten worden waren. Er hatte sich nach Chile aufgemacht, 
war als der erste „weisse und bärtige Mann" von den Einwohnern mit 
Interesse aufgenommen worden, und hatte sich eine einflussreiche 
Stellung unter denselben erworben. Er war der Retter der spanischen 
Truppe, welcher es an Lebensmitteln und Lastträgern fehlte. , Auf seinen 
Antrieb schickten einige der südlich von Coquimbo wohnenden Tribus 
Boten mit Lebensmitteln an Almagro, um ihn freundlich zu begrüssen. 
Almagro setzte seinen Marsch nach Süden fort, und bald traf er mit 
Barrientos, der ihm neue Lebensmittel und Lastträger brachte, zu- 
sammen. 

Am Himmelfahrtstage (25. Mai) des Jahres 1536 erhielten die Spanier^ 
welche nicht fem von der wichtigen Ortschaft Aconcagua waren, die 
erfreuliche Nachricht, dass in einem 20 Leguas entfernten Hafen das 
eine der von Almagro abgesandten Schifie (Santiago genannt) vor Anker 
liege und wegen schwerer Havarie die Reise nicht fortsetzen könne. 
Das zweite Schifi", wurde weiter gemeldet, sei leck geworden und nach 
Callao zurückgekehrt, und Rui Diaz habe mit dem jungen Almagro 
und den Truppen den Marsch nach Chile von der Chincha-Küste an- 
getreten*). Die Kleidungsstücke, Waffen etc. des Santiago kamen den 
Spaniern sehr gelegen. In Aconcagua selbst wurden sie zuerst sehr 
gut aufgenommen, in der Nacht floh aber die ganze Bevölkerung. Am 
nächsten Tage entfloh auch Felipillo, der indianische Dolmetscher, 
dessen sich Pizarro bereits bei den Verhandlungen mit Atahualpa be- 
dient hatte, und welcher den Almagro auf dem Zuge nach Chile be- 
gleiten musste, mit dem Reste der peruanischen Sklaven. FeHpillo wurde 
aber von den Spaniern eingeholt und bekannte auf der Folter, dass 
er sowohl die Bewohner von Coquimbo als auch die von Aconcagua 
gegen die Spanier aufgereizt, d. h. dass er ihnen über diese Banditen 
und ihre Absichten die Wahrheit gesagt habe. Dafiir liess ihn Almagro 
vierteilen**). Durch Geschenke und zeitweilige menschliche Behand- 
lung lockte nun Almagro die Bewohner von Aconcagua zurück. 

Mehr und mehr erkannten Almagro und seine Genossen, dass sie 

♦) Die Schiffe, drei an der Zahl, waren von Rui Diaz, der mit dem berüch- 
tigten Zerstörer Guatemala's, Pedro de Alvarado, nach Peru gekommen war, aus- 
gerüstet worden und hatten Callao zu Beginn d. J. 1536 verlassen. Das dritte 
Schiff war nur bis Arica gelangt. 

♦*) Mig. L. Amunätegui (Desc. i conq. de Chile) erzählt viel von diesem 
Felipillo und von der Rolle, welche derselbe wahrscheinlich im s. g. „Processe** 
des Atahualpa gespielt hat. 



3 H. Polakowsky: 

kein zweites Peru entdeckt hatten. Sie sahen kein Gold, die Indianer 
lebten, in kleinen Dörfern, oft in Höhlen, hatten ein elendes Aussehen 
und ernährten sich zum teil nur von Wurzeln und wilden Früchten. Trotz- 
dem wollte Almagro seinen Marsch fortsetzen, als er die Nachricht von 
der Ankunft des Rui Di^ und seines Sohnes mit iio Mann in Copiapö 
erhielt.. Diese Truppe hatte furchtbare Strapazen auf dem Marsche 
durch die Wüste Atacama erduldet und um sie zu unterstützen, beschloss 
Almagro in Aconcagua zu bleiben. Den Gomez de Alvarado aber sandte 
er mit 80 Reitern zur Erforschung des südlichen Gebietes aus. Alma- 
gro selbst erforschte das Gebiet von Aconcagua. Sein Schiff war bis 
zu einer von den Indianern Alimapu genannten Bucht vorgedrungen, 
welche die Spanier wegen ihrer Schönheit Valparaiso (Thal des Paradieses) 
nannten*). Das Land von Aconcagua war gesund und fruchtbar, 
aber arm an Gold. Eine allgemeine Niedergeschlagenheit bemächtigte 
sich der ganzen goldgierigen Truppe; hatte sie doch nur deshalb alle 
Strapazen bisher erduldet, weil sie sicher meinte, sich mit leichter 
Mühe auf Kosten der Eingeborenen Chile's bereichern zu können. Dazu 
kamen sehr üble Nachrichten von dem Expeditionscorps des Gomez 
de Alvarado, welches nach drei Monaten zurückkehrte. Alvarado er- 
zählte, dass er nur ein armes, dünnbevölkertes, unfruchtbares Land 
gefunden habe, in welchem seine Truppen durch Klima und Hunger viel 
gelitten hätten. Gomez de Alvarado ging bis über den Rio Maule und 
kam in die Nähe des Itata. Hier hatte er einen hartnäckigen Kampf 
mit den Promaucas zu bestehen, und obgleich er in demselben Sieger 
blieb, bestimmte ihn der zähe Widerstand doch zur Umkehr**). 

Nach längerem Sträuben willigte Almagro in den Rückmarsch nach 
Peru, besonders als er Briefe von Rodr. de Orgoiiez und Juan de Rada 
erhielt, welche ihm die Ankunft der Dokumente anzeigten, durch welche 
ihn Kaiser Carl zum Gouverneur von Nueva Toledo ernannt hatte. . 
(S. oben.) Vor dem Abzüge aus dem Thale des Aconcagua vergass 
Almagro nicht, seine Leute speziell zu einer Generalplünderung des Ge- 
bietes, in dem er so freundlich aufgenommen worden war, zu animieren. 
Möglichst viel Indianer wurden ergriffen, alle Lebensmittel geraubt; 
was nicht fortgeschafft werden konnte, wurde zerstört. Dann baten die 
Spanier ihren „Gott" um Schutz und Beistand für den Rückmarsch. 
Orgofiez und Rada, die nacheinander dem Almagro gefolgt waren, 
hatten die Cordillere im Winter überschritten (Rada im August) und 
desshalb noch mehr als Almagro gelitten***). Um sich des Gebietes 

*) D. Barros A., Hist Jener. I, S. 186 nota. 
**) Gong, de Mannolejo, Hist. de Chile in: Memorial Histor. Espaiiol. IV, 
S. 14. — Diego Rosales, Hist. j^neral de Chile. I, S. 370. — Herrera (1. c. 
Dec. VI, lib. a) widmet dem Aufenthalte des Almagro in Chile nur die erste 
Hälfte des i. Kapitels. 

***) Herrera, 1. c. Dec. V, lib. X, cap. 3 — 5. — Oviedo, 1. c. lib. XL VII, 
cap. j. 



Zur Geschichte der Entdeckung und Eroberung von Chile. 9 

von Cuzco zu bemächtigen, beschloss Almagro den schleunigen Rück- 
marsch und erwählte den Weg in der Nähe der Küste. Den Nöguerol 
sandte er mit 80 Mann zu Schiffe voraus, um die Truppen, welche nur 
in kleinen Abteilungen die Wüste durchschreiten konnten, in der Ort- 
schaft Atacama zu erwarten. Das Gros trat den Rückmarsch aus dem 
Thale von Aconcagua in den ersten Tagen des September 1536 an. 
30 Pferde und viele Indianer kamen auf dem Wüstenmarsche um, aber 
kein „Christ". 

Mitte Oktober 1536 war Diego de Almagro mit seinen Truppen 
weder in Peru, und ich verlasse denselben hier, da seine ferneren 
Schicksale so vorzüglich von Prescott geschildert sind und dieselben auch 
in keiner weiteren Beziehung zu meiner Aufgabe stehen. Durch diese 
verfehlte Expedition kam Chile in sehr schlechten Ruf bei den Spaniern. 
Fruchtbarkeit und gesundes Klima waren eben für die sogenannten 
Eroberer wertlos, sie suchten Gold und Sklaven. Das erstere war zwar 
vorhanden, musste aber erst mühsam gesucht werden, und zu Sklaven- 
diensten war die Mehrzahl der Eingeborenen nicht bereit. Gomez 
de Alvarado hatte dies richtig erkannt. Er unternahm seinen Marsch 
in den kalten Monaten Juni, Juli und August, wo die Flüsse ange- 
schwollen und stellenweise ausgetreten waren. Daher die Schwierig- 
keiten des Marsches und der ungünstige Eindruck, welchen das Land 
auf die Spanier machte. Die in der Gegend des Maule und südlich 
von demselben wohnenden Indianer schilderte G. de Alvarado als un- 
gebildet und wild ; sie seien keine Ackerbauer, sondern ernährten sich von 
Wurzeln und Kräutern, genössen Menschenfleich und widerständen jeder 
Civilisierung, d. h. sie hätten keine Lust zum Dienste als Lasttiere. Die 
Maiscultur, von den Peruanern im nördlichen Teile Chile's eingeführt, 
war bis in diese Gegenden noch nicht vorgedrungen*). 

Der erste und wahre Eroberer Chile's ist Pedro de Valdivia. Er 
überragte den Almagro und alle seine Nachfolger, welche die Eroberung 
von Chile versuchten, an Kenntnis der Kriegskunst, Energie und ad- 
ministrativen Fähigkeiten, gepaart mit seltener Ausdauer, Kühnheit und 
Menschenkenntnis, war aber sonst ebenso grausam, goldgierig, sittenlos, 
hochmütig und wortbrüchig wie die übrigen sogenannten „berühmten 
Conquistadoren". Valdivia war nicht nur der erste, sondern auch der 
einzige Eroberer des Landes Arauco. Niemand hat bis zur neuesten 
Zeit . das ganze weite Gebiet von der Atacama bis zur Stadt Valdivia 
so vollständig unterworfen und wenigstens für einige Zeit die Ruhe in 

*) Prescott benutzte für seine Schilderung des Zuges des Almagro bekannt- 
lich das in der Colecc. Munoz befindliche Manuscript: Conquista i poblacion del 
Pirü. Diego Barros Arana (Hist. Jener. I, S. aoo) glaubt, dass der Autor dessel- 
ben ein spanischer Priester Cristobal de Molina sei. Das ganze Manuskript ist 1873 
durch D. Barros A. in Santiago publiciert worden. (Colecc, de docum. in^d. relat. 
ä la hist. de America. Tom. I.) 



10 H. Polakowsky: 

demselben erhalten können, wie dies dem Valdivia gelang. — Diese 
glücklichen Resultate erzielte Valdivia durch seine Waffen. Die 
Araucanen wurden in den ersten Kämpfen durch die Pferde und Feuer- 
waffen der Spanier nicht nur besiegt, sondern auch für einige Zeit ent- 
mutigt. Sie mussten erst die wahre Natur der Pferde, die Sterblichkeit 
und relative Ungefährlichkeit derselben erkennen, sich an die Feuer- 
waffen gewöhnen, ihre Kampfesweise und Bewaffnung derjenigen der 
Spanier anpassen, um dann den Kampf wieder aufnehmen zu können 
und ihre Unabhängigkeit gegen die in ihr Gebiet eingefallenen „christ- 
lichen" Räuber mit einer Zähigkeit zu verteidigen, wie sie die Welt 
nie gesehen hat! Die Angaben über die Zahl der Bewohner Chile's 
zur Zeit des Einbruches der Spanier sind sehr verschieden. ]os6 T. 
Medina*) schätzt . dieselbe, alle Angaben der alten Historiker kritisch 
erwägend, auf nicht über eine halbe Million. Von diesen waren höch- 
stens 300 000 Araucanen, und dieses Häuflein von Wilden bot der Macht 
der Spanier, vor der Europa erzitterte, siegreich Trotz. Ich kann hier 
leider auf die verschiedenen Ansichten über den Ursprung der Urbe- 
wohner Chile's nicht eingehen. Die besten Angaben über dieselben 
finden sich in dem eben citierten Werke des ]os6 T. Medina und in 
den ersten Kapiteln des ersten Bandes von Diego Barros Arana, Historia 
Jeneral de Chile. Einige Angaben über die Araucanen selbst werde 
ich an der Stelle dieser Arbeit einschieben, wo Valdivia zum ersten 
Male mit denselben zusammentrifft. 

Prescott spricht in seiner Geschichte der Eroberung von Peru nur 
in soweit von Valdivia, als dies unumgänglich notwendig ist wegen der 
Teilnahme desselben an dem Kriege gegen Gonzalo Pizarro. Ich halte 
es deshalb für angezeigt, hier einige Notizen über den Lebenslauf des 
Valdivia vor seiner Ankunft in Chile zu geben. Ich entnehme dieselben 
dem vorzüglichen Buche des Diego Barros Arana : El Proceso de Pedro 
de Valdivia. Santiago, 1873. 

In der Stadt Castuera in der spanischen Provinz Estremadura gebar 
Isabel Gutierrez de Valdivia ihrem Gemahle, dem portugiesischen 
Hidalgo Pedro Oncas de Melo, einen Sohn, welcher auf den Namen 
Pedro getauft wurde. Dieser wählte — der Sitte der Zeit gemäss — später 
für sich selbst den Namen Pedro de Valdivia. Geburtstag und selbst 
Geburtsjahr sind nicht genau festgestellt; man kann aber als letzteres 
mit ziemlicher Sicherheit dasj. 1499 oder 1500 annehmen. Wir wissen nichts 
über die ersten zwanzig Lebensjahre des späteren Eroberers von Chile. 
Ende 1521 finden wir ihn unter dem Befehle des Grafen Heinrich von 
Nassau an der Grenze Flanderns, wo sich Carl V. befand, um 
den Angriflf Franz I. zu erwarten. 1522 bis 1525 focht P. de Valdivia 
unter Prospero Colonna und dem Marquis de Pescara in der Lombardei 
gegen die Franzosen. Von den folgenden zehn Lebensjahren ist als 

*) Los aborijenes de ChUe. Santiago igS^» S. 156. 



Zur Geschichte der Entdeckung^ und Eroberung von Chile. H 

sicher nur die Nachricht zu betrachten, dass er sich in Salamanca mit 
Doiia Maria Ortiz de Gaete verheiratete und sich in seiner Geburts- 
stadt Castuera niederliess. 1534 warb Jerönimo de Ortal in Spanien 
Truppen zur Eroberung der Provinz Paria in Venezuela. Mit dem zweiten 
Truppentransporte für dieses Unternehmen ging unser Valdivia zu 
Anfang 1535 unter dem Befehle seines Freundes Jerönimo de Alderete 
nach Amerika. Über Valdivia's Thaten in Venezuela wissen wir nichts; 
er ging ein Jahr nach seiner Ankunft in Venezuela — ermüdet durch 
die Erfolglosigkeit des Krieges in Paria und die Streitigkeiten der 
Spanier untereinander — nach Peru und stellte sich dem Franc. Pizarro 
zur Bekämpfung des grossen Indianeraufstandes unter dem Inca Manco 
zur Verfügung. (Ende 1536.) Von den Thaten des Valdivia in Peru 
führe hier nur an, dass er 1538 bei der Eroberung der Provinz Chärcas 
südlich vom Titicaca-See und bei der Gründung der Stadt La Plata 
oder Chuquisaca (heut Sucre in Bolivia) beteiligt war, Valdivia erhielt 
zur Belohnung seiner wichtigen Dienste von Pizarro eine reiche Mine 
in Porco und eine grosse, im Thale von La Canela (in Chärcas) ge- 
legene Encomienda. Aber hiermit war Valdivia nicht zufrieden, er 
sehnte sich nach grossen Thaten und grösseren Erfolgen. Auch wollte 
er den weiteren Wirren des peruanischen Bürgerkrieges, welche er vor- 
aussah, entgehen. Er suchte deshalb im April 1539 den Franc. Pizarro 
in Chuquiabo (heut La Paz in Bolivia) auf und bat denselben: ihn zu 
seinem (Pizarro's) Vice-Gouverneur von Chile zu ernennen und ihm 
die Eroberung dieses Landes auf seine Kosten zu gestatten. 

CarlV. hatte dem Pizarro 1537 durch Dekret aus Monzon, welches 
Peranzurez (richtiger Pedro Anzurez Enrique de Camporredondo) nach 
Peru überbrachte, die Vollmacht erteilt, Nueva-Toledo, welches Almagro 
verlassen hatte, in seinem Namen erobern zu lassen*). Aber es ver- 
ging ein Jahr nach der Schlacht von Salinas, durch welche Almagro 
Herrschaft und Leben verlor, und Niemand um die Erlaubnis ersuchte 
Chile erobern zu dürfen. Dieses Land war, wie schon oben angedeutet, 
durch den verunglückten Zug des Almagro als das ärmste, unwirtlichste 
Gebiet in ganz Amerika verschrien worden und deshalb als ein Land 
verachtet und gefürchtet, welches nicht die Kosten für seine Eroberung 
aufbringen könne. Pizarro war, wie Valdivia selbst erzählt, sehr erstaunt 
über das Gesuch desselben; als er aber auf seiner Bitte bestand, er- 
fiillte Pizarro dieselbe. Der wahre Gouverneur von Chile, in dessen 
Namen Valdivia die Eroberung unternahm, war Pizarro. Sein Name 
musste in allen Dokumenten über Besitzergreifung, Gründung von Städten, 
Einsetzung der cabildos (Stadtobrigkeiten) vorkommen. 

Valdivia hatte kein Vermögen; nur mit grossen Opfern erhielt er 

*) Dieses Dekret, welches Herrera und Valdivia anfuhren, ist noch nicht 
publiciert und noch nicht in den spanischen Archiven entdeckt worden. D. Barros 
Arana, Hist. Jen. I, S. 205 nota. 



12 H. Polakowsky: 

9000 pesos de oro, welche bald ausgegeben waren. Da das ganze 
Unternehmen als thöricht betrachtet und verlacht wurde, hielt es sehr 
schwer Soldaten für dasselbe anzuwerben, und diejenigen, welche sich 
zur Anwerbung stellten, wollten meist auf Kosten des Valdivia aus- 
gerüstet sein. In dieser Lage sah sich Valdivia gezwungen, am 10. Ok- 
tober 1539 einen Vertrag mit einem spanischen Kaufmann Franz, Mar- 
tinez abschliessen. Martinez gab für 9000 pesos de oro Waffen, Pferde 
und Kleider, und Valdivia verpflichtete sich, die Hälfte der Erträge der 
ganzen Expedition an Martinez zu entrichten. Trotz der grössten An- 
strengungen hatte Valdivia Ende 1539 erst 150 Mann für sein Unter- 
nehmen gewinnen können. Aber er gab sein Unternehmen nicht auf, 
sondern bereitete durch Ankauf von europäischen Sämereien, Schweinen 
und Hühnern, die er in Chile einführen wollte, eine dauernde Nieder- 
lassung daselbst vor*). Da kamen im Dezember 1539, als Valdivia in 
Cuzco alle Vorbereitungen für den Aufbruch seines kleinen Heeres traf, 
Nachrichten aus Spanien an, welche den Abmarsch verzögerten. Zunächst 
hatte der Kaiser am 21. Januar 1539 den Francisco Camargo (an Stelle 
des verstorbenen Alcazabaj mit der Regierung von Nueva Leon belehnt, 
das Gebiet aber, welches zwischen beiden Oceanen lag, südlich bis zur 
Magellan's-Strasse ausgedehnt. — Unter demselben Datum erhielt Pedro 
Sanchez (oder Sancho) de Hoz ein Patent, wodurch ihm gestattet wurde, 
Entdeckungen in der Süd-See südlich von derMagellan's-Strasse zu machen, 
und er zum Gouverneur der von ihm entdeckten Länder ernannt wurde**). 
Aber er erhielt noch ein anderes Patent, dessen Inhalt uns nur aus 
der unklaren Aussage des Pedro de Villagran, gemacht im Prozesse 
des Valdivia in der Stadt de los Reyes (Lima) vor Pedro de la Gasca am 
15. November 1545, bekannt ist***). Sanchez de Hoz war einer der ältesten 
Waffengefährten des Pizarro, er hatte ihm später als Privat-Sekretär 
gedient, war dann (Ende 1535) nach Spanien gegangen, wo er die 
peruanische Beute in zwei Jahren vergeudete und dann den Hof be- 
stürmte, um ein Privilegium zu neuen Eroberungen zu erhalten. Er 
war 1539 bereits in Peru und fand an seinem Freunde Pizarro einen 
eifrigen Protektor. S. de Hoz beanspruchte gleichfalls die Eroberung 
von Chile, Pizarro brachte am 28. Dezember in Cuzco eine Vereinigung 
zwischen Valdivia und de Hoz zustande, wodurch sich dieselben 
verpflichteten, das Land Chile gemeinschaftlich zu erobern; de Hoz 
verpflichtete sich 50 Pferde und 200 Kürasse zu kaufen und zwei Schiffe 



*) Brief des Valdivia an Carl V. v. 4. Septb. 1545. Dieser „erste Brief* 
ist abgedr. bei Cl. Gay, Documentos. I, No. 4. (In demselben Bande unter No. 9, 
10 u. 12 finden sich die übrigen Briefe des Valdivia.) 

**) Diese Urkunde ist abgedruckt in der Colecc. Torres de Mendoza, Tom. 23. 
***) S. Diego Barros A., Proc. de P. de Valdivia S. 124. — In diesem Buche 
finden sich zahlreiche bisher unbekannte Dokumente abgedruckt, welche das Ver- 
hältnis zwischen Valdivia und S. de Hoz klarstellen. 



Zur Geschichte der Entdeckung und Eroberung von Chile. 13 

auszurüsten. Er verpflichtete sich weiter, diese Hilfsmittel dem Valdivia, 
der den Marsch sofort antreten wollte, unterwegs zu tibergeben. Der 
Vertrag war sehr kurz und mangelhaft und liess spätere Differenzen 
voraussehen*). 

In den ersten Tagen des Januar 1540 verliess Valdivia mit seinen 
150 Spaniern, von denen nur ein Teil beritten war, und 1000 Mann 
peruanischer Hilfstruppen und Lastträgern die Stadt Cuzco. Der zweite 
Befehlshaber des kleinen Heeres war Pedro Gomez, einer der Eroberer 
Mejico's, welcher bereits am Zuge des Almagro Teil genommen hatte. 
Ausserdem gingen drei Kleriker und ein Weib, Ines Suarez, die Maitresse 
des Valdivia, mit. Die Truppe marschierte langsam über Arequipa nach 
Moquegua und in der Nähe der Küste über Tacna und Tarapaca, 
ohne feindlichen Angriffen ausgesetzt zu sein oder Mängel zu leiden. 
Es schlössen sich auf dem Marsche noch einige herumstreifende Spanier 
dem Zuge an; unter diesen sind Francisco de Villagran, Francisco 
de Aguirre und Rodrigo de Quiroga zu nennen, welche eine grosse 
Rolle in der Eroberung Chile's spielen sollten. Von S. de Hoz erhielt 
man keine Nachricht. Er hatte vergebens in Lima versucht, seinen 
contractlichen Verpflichtungen gegen Valdivia nachzukommen. Da 
ihm aber Niemand leihen wollte und alte Schuldner ihn bedrängten, 
beschloss er den Valdivia zu überfallen, ihn gefangen zu setzen oder 
zu ermorden, und sich an die Spitze der nach Chile marschierenden 
Truppe zu stellen. Anfang Juni befand sich dieselbe am Nordrande 
der Wüste Atacama, als eines Nachts Sanchez de Hoz mit vier Be- 
gleitern (darunter Antonio de Ulloa) in das Zelt des Valdivia drang. 
Dieser war aber abwesend, er war seiner Truppe behufs Erforschung 
des weiteren Weges vorausgeeilt, und desshalb misslang dieser Über- 
fall, von welchem Valdivia sofort Nachricht erhielt. Er kehrte schleu- 
nigst nach dem Lager zurück und machte dem de Hoz und seinen Ge- 
nossen den Prozess. Drei seiner Begleiter mussten nach Peru zurück- 
kehren, Ulloa trat in die Truppe des Valdivia ein, de Hoz wurde in 
strenge Gefangenschaft genommen. In der Ortschaft Atacama, wo 
das kleine Heer zwei Monat blieb, unterdrückte Valdivia mit grosser 
Strenge einige Insubordinationsversuche, und hier verzichtete de Hoz 
(am 12. August 1540) „feierlich und freiwillig" auf alle seine Ansprüche 
und Rechte an die Eroberungen des Valdivia. Dafür liess dieser ihm 
die Ketten abnehmen, versprach ihm eine Encomienda gleich der seiner 
übrigen Soldaten in Chile anzuweisen, und gestattete ihm, sich un- 
bewaffnet dem Heere anzuschliessen. Darauf wurde der Marsch durch 
die Wüste angetreten und Copiapö glücklich erreicht. 

Der Anblick des Landes und besonders der Bewohner desselben, 
welche fast nackt gingen, war ein trostloser. Es zeigte sich keine 

*) Dieser Vertrag ist abgedruckt bei Cl. Gay im ersten Bande der „Docu- 
mentos**. 



14 H. Polakowsky: 

Spur von Gold, auch die Lebensmittel waren spärlich und schlecht. 
Es war dies Alles aber nur die Folge einer von den Indianern auf 
Anraten des Inca Manco und seiner Boten versuchten List. Die Ein- 
geborenen dachten auf diese Weise der lästigen Gäste bald loss zu 
werden. Valdivia kam jedoch durch Folterung einiger Gefangener hinter 
den Plan und fasste nun den festen Entschluss, dem Beispiele des Almagro 
nicht zu folgen, sondern im Lande zu bleiben. Die Angriffe der In- 
dianer wurden ohne Mühe zurückgeschlagen und die Spanier verloren 
nur einige Pferde und indianische Träger und Krieger in diesen 
Kämpfen*). Nachdem Valdivia durch List und Gewalt neue Lebens- 
mittel zusammengebracht und feierlich vom ganzen Lande im Namen 
des Königs Besitz genommen hatte**), setzte er den Marsch nach Süden 
fort. Das Verhalten der Indianer, verursacht durch die Ratschläge 
und Warnungen der Peruaner, blieb dasselbe. Sie verbrannten ihre 
Hütten, vernichteten ihre Lebensmittel, töteten ihre Schafe und 
flohen in die Wälder. In der Gegend von Coquimbo entfloh dem 
Valdivia fast die Hälfte seiner peruanischen Hilfstruppen (400 Mann) 
wegen Mangel an Lebensmitteln. Trotzdem rückte Valdivia in dem 
dünn bevölkerten Lande vor, ohne von den Eingeborenen ernstlich 
angegriffen zu werden, und kam mit seiner Mannschaft Ende 1540 
in das Thal des Rio Mapocho. Hier, als genügend entfernt von 
Peru — dessen Reichtum seine kleine Schaar zur Desertion bestimmen 
konnte — und von der Machtsphäre des Pizarro, beschloss Valdivia 
die erste Niederlassung zu gründen. Das Terrain zwischen einem von 
den Eingeborenen Huelen***) genannten Felsen und dem Mapocho wurde 
zur Anlage der ersten Stadt erwählt und hier am 12. Februar, nach 
dem ersten Stadtbuche (libro becerro), oder am 24. Februar, nach den 
Briefen des Valdivia an Carl V., des Jahres 1541 der Grundstein zu 
Santiago de la Nueva Estremadura (auch del Nuevo Estremo genannt) 
gelegt f). Den Grundriss der Stadt zeichnete Valdivia selbst mit Hilfe 
des Pedro de Gamboa. Die Stadt wurde in Quadrate von 150 Varas 



*J Brief des Valdivia an Hern. Pizarro, begonnen in Valparaiso am 15. Au- 
gust und beendet in La Serena am 4. September 1545. Abgedruckt in Diego 
Barros A., Proceso de P. de Valdivia S. 196—214. Diesen hochwichtigen Brief 
entdeckte D. Barros A. unter den nachgelassenen Papieren des Pedro de la Gasca, 
in dessen Hände derselbe gefallen war, resp. welchem derselbe von Ant. de Ulloa, 
der ihn nach Spanien überbringen sollte, ausgeliefert worden war. 

**) Daher der alte Name Valle de la Posesion für das Thal von Copiapö. 
Valdivia brach schon hier sein dem Franc. Pizarro gegebenes Versprechen, indem 
er den Namen desselben bei dieser feierlichen und hochwichtigen Staatsaktion nicht 
nannte. 

*♦*) Heut Cerro de Santa Lucia. 
+) Im Valle de Guassco an der von den Eingeborenen Mapocho genannten 
Stelle. Sie lag 14 Leguas von der Küste, wo ein kleiner Hafen war. (Herrera, 
1. c. Dec. Vn, lib. i, cap. 4.) 



a 
it 



Zur Geschichte der Entdeckung und Eroberung von Chile. 15 

(ä 0,83 m) geteilt. Das in der Mitte belegene Quadrat wurde zum 
Hauptplatze bestimmt und an diesem wurden Bauplätze für die Kirche 
und das Haus des Gouverneurs reserviert. Bei dieser feierlichen Ge- 
legenheit nannte sich Valdivia in der uns erhaltenen Gründungs- 
Urkunde: Vice-Gouverneur, ernannt durch den sehr berühmten Herrn 
D. Franc. Pizarro. 

Die Indianer sahen mit Schrecken, dass die Spanier, welche sie 
sehr gebieterisch behandelten und sich sehr begierig nach ihren Reich- 
tümern und ihren Frauen bezeigten, im Lande bleiben wollten. Sie 
mussten den Spaniern, vom ersten Tage ihres Einfalles in das fried- 
liche Thal von Mapocho an, Frohndienste leisten und ihnen aus Holz 
und Stroh Häuser erbauen, wobei die Spanier allerdings mit Hand 
anlegten. Valdivia Hess zugleich von seiner Reiterei eine grosse 
Quantität von Lebensmitteln zusammenstehlen und in der neuen Stadt 
aufspeichern. Die Stadt selbst war im Norden und Süden von dem 
Mapocho, welcher sich hier in zwei Arme teilt, eingeschlossen und 
hatte eine für die Verteidigung sehr günstige Lage. 

Um seine Unabhängigkeit und Macht zu befestigen, setzte Valdivia 
schon am 7. März 1541 eine Stadtobrigkeit (cabildo), bestehend aus 
2 alcaldes (Richtern), 6 regidores (Ratsherren), einem mayor domo 
(Aufseher) und einem procurador (Syndicus), ein. Bald darauf erklärte 
Valdivia, dass er sein Gouvernement bis zur Magellan's-Strasse und 
bis zum atlantischen Ocean ausdehne. Es geschah diese Erklärung 
desshalb schon jetzt, weil Valdivia fürchtete, dass ein anderer Eroberer 
ihm zuvorkommen könne. In der That hatte Don Francisco de la 
Rivera im Namen des 1539 mit Nueva Leon belehnten Franc, de 
Camargo drei Schiffe ausgerüstet und mit denselben im August 1539 
Sevilla verlassen. Nur ein Schiflf unter Befehl des Alonso de Camärgo, 
hatte die Magellan's-Strasse passiert und hatte sich einige Tage in Val- 
paraiso aufgehalten, ehe es weiter nach Peru ging. Das Hauptschiff 
war an der Küste von Patagonien- gescheitert, das dritte Schiff ging 
nach Spanien zurück*). Die zu Sklavendiensten gezwungenen Indianer 
wurden des Joches der Spanier bald müde und zogen sich aus der 
neuen Stadt und der Umgebung derselben nach Möglichkeit zurück. 
Die Spanier sahen hierin eine Rebellion und hielten sich desshalb für 
berechtigt, Jagd auf die wahren Herren des Landes zu machen und 
die Eingefangenen durch Waffengewalt und Grausamkeit zu weiteren 
Diensten zu zwingen. Zu dieser Zeit (Mai 1541) verbreitete sich das 
Gerücht, dass der junge Almagro den Francisco Pizarro in Lima er- 



*) In d. Colecc. des Torres de Mendoza, Tom. V sind die Schicksale dieses 
n I toten Schiffs erzählt. Von dem von M. de Camargo geführten Schiffe besitzen 
^ I wir keine sicheren Daten. Die Mannschaft verblieb in Peru und nahm an den 
Bürgerkriegen Teil. S. auch Herrera, 1. c. Dec. VII, lib. i, cap. %. 



16 H. Polakowsky: 

schlagen und sich der Herrschaft Perü's bemächtigt habe*). Auch 
hätten sich die Indianer in Peru empört und fast alle Spanier erschlagen, 
und die Chilenen wollten diesem Beispiele folgen und alle Spanier ver- 
jagen. Der Cabildo, von Valdivia ganz aus eigener Machtvollkommen- 
heit aus ihm völlig ergebenen Individuen zusammengesetzt, beschloss ange- 
sichts dieser Nachrichten — die von mehreren Indianern auf der Folter 
bestätigt waren — Chile zu einem von Peru unabhängigen Gouverne- 
ment zu erheben und den Valdivia zum Gouverneur und General- 
Capitain im Namen des Königs zu ernennen. Dieser Beschluss wurde 
einstimmig und mit Zustimmung der ganzen spanischen Bevölkerung 
gefasst. Valdivia sträubte sich lange gegen die Annahme des neuen 
Titels. Er sprach in seinem ablehnenden Schreiben an den Cabildo 
von dem Franc. Pizarro als von seinem Herren und bat, nicht weiter 
in ihn zu dringen. Valdivia war, was alle Historiker bestätigen, ebenso ehr- 
geizig als goldgierig und grausam und sein Widerstand gegen die Annahme 
der neuen Würde war — wie Diego Barros A, und Miguel L. Aumätegui 
wiederholt hervorheben — nur die Folge der klugen Erwägung, dass 
seine eigenmächtige Rangerhöhung sowohl in Madrid als in Perti höchst 
ungünstig beurteilt werden würde. Endlich, als die Absicht laut wurde 
einen anderen zum Gouverneur zu erwählen, gab Valdivia nach. Volkes- 
Stimme sei Gottes-Stimme und desshalb übernehme er zum Dienste 
Sr. Majestät das schwere Amt. (ii. Juni 1541.) 

Um genauere Nachrichten über den Tod des Pizarro zu erhalten, 
Hess Valdivia an der Küste von Aconcagua eine Brigantine erbauen, 
durch welche er sich in schnelle und weniger beschwerliche Verbindung 
mit Peru setzen wollte. Die feindselige Haltung der Eingeborenen 
dauerte fort, obgleich ein Teil derselben noch in einer im Thale von 
Quillota entdeckten Goldmine arbeitete. Valdivia überwachte den Bau 
des Schiffes. Da erhielt er von seinem Vertreter in Santiago, Alonso 
de Monroi, einen Brief, worin ihm derselbe Nachricht von einer 
Empörung gab, welche gegen Valdivia gerichtet und dem Ausbruche 
nahe sei. Valdivia warf sich sofort auf ein Pferd, eilte nach Santiago 
zurück und Hess die Schuldigen festnehmen. Einer der Regidores, 
Mart. de Soli er, hatte die spanischen Abenteurer zum Verlassen dieses 
goldarmen Landes und zur Rückkehr nach Peru aufgefordert. Valdivia 
machte kurzen Prozess, er Hess Solier und vier Genossen aufhängen 
und begnadigte die Übrigen. Hierdurch setzte er sich bei seinen 
Leuten in gewaltigen Respekt. 

Wenige Tage darauf kamen H. de los Rios, den Valdivia zur Leitung 
des Schiffsbaues zurückgelassen hatte, und ein Negersklave verwundet, 
ohne Waffen und ganz erschöpft in Santiago an und brachten die Nach- 



♦) Faktisch wurde der Marques Franc. Pizarro erst am a6. Juni 1541 er- 
mordet; diese Nachricht konnte vor Ende August nicht nach Santiago gelangen. 



Zur Geschichte der Entdeckung und Eroberung von Chile. 17 

rieht, dass die Indianer sich empört und alle übrigen an der Küste 
befindlichen Spanier und die Peruaner, welche dieselben begleiteten, 
ermordet und das Schiflf verbrannt hätten. Zugleich erfuhren und er- 
sahen die Spanier, dass sich die Eingeborenen rings im ganzen Lande 
unter Führung des Gaziken Michimalonco empört hätten und die 
Spanier töten oder verjagen wollten. Zwei starke indianische Heer- 
haufen rückten auf die Stadt zu. Valdivia beschloss die Offensive zu 
ergreifen und rückte mit 90 Mann aus; dem AI. de Monroi vertraute 
er mit 50 Mann, unter denen 30 Reiter, den Schutz der Stadt an. Bald 
nach Abmarsch des Valdivia fiel der eine der indianischen Heerhaufen 
über die Stadt her, zündete dieselbe an und zwang die Spanier, Schutz 
in dem von ihnen errichteten Fort zu suchen. Wütend bestürmten 
die Indianer diesen letzten Zufluchtsort der kleinen Garnison, ohne 
ihrer bedeutenden Verluste zu achten. Da schlug die Ines Suarez den 
fiinf gefangenen Caziken, welche im Fort in Ketten lagen, die Köpfe 
ab und warf dieselben unter dem Beifalle der Spanier zwischen die 
stürmenden Indianer. Voller Entsetzen ob dieses Anblickes wichen die 
Indianer zurück; die Spanier benutzten diese Verwirrung, machten einen 
Ausfall und jagten die Indianer unter grossem Gemetzel zurück. 

Jetzt erst konnten die Spanier Atem schöpfen und die Grösse ihres 
Verlustes feststellen. Der Kampf hatte den ganzen Tag gedauert und 
trotz des Sieges war die Lage der Spanier eine verzweifelte. Ihre 
Stadt war verbrannt, alle. Vorräte und Lebensmittel zerstört oder ge- 
raubt, vier Spanier, viele der spanischen Hilfstruppen und 23 Pferde waren 
getötet, alle übrigen Spanier verwundet. Es waren ihnen nur die 
Kleider und Waffen, die sie auf dem Leibe trugen, geblieben; ihre 
sonstigen Vorräte bestanden in zwei Säuen, einem Eber, einem Hahn und 
einer Henne und so viel Getreide als zu zwei Frühstücken notwendig ist. 

Monroi Hess den Valdivia sofort von dem Unglück benachrichtigen 
und schleunigst kehrte derselbe nach dem Schutthaufen, welcher die 
Stelle der früheren Stadt anzeigte, zurück. Valdivia durchschaute die 
Schwierigkeit der Lage, aber er war trotzdem entschlossen, auszuharren 
und lieferte jetzt glänzende Beweise seiner Energie und administrativen 
Fähigkeiten. Die eine Hälfte der Spanier arbeitete am Tage mit Hilfe der 
peruanischen Hilfstruppe an dem Wiederaufbau der Stadt und an der Be- 
stellung der Felder. Schnell nach dem Unglücksfalle Hess Valdivia die um- 
liegenden Pflanzungen der Indianer plündern und den so gewonnenen Mais 
und den ganzen geernteten Getreide-Vorrat sofort aussäen. Die andere 
Hälfte der Spanier sorgte des Nachts für die Sicherheit des Lagers. 
Die Indianer umschwärmten dasselbe in feindseliger Haltung. Sie hatten 
ihre eigenen Pflanzungen vernichtet, um den Spaniern so alle Lebens- 
mittel zu entziehen, und ihre Weiber und Kinder in die Wälder und 
Gebirge geflüchtet. Die Spanier mussten bei ihren Feldarbeiten immer 
bewaffnet sein und sich oft gegen die Überfälle der Indianer ver- 

Zehschr. d. Gesellsch. f. Erdk. Bd. XXI. 2 



18 H. Polakowsky: 

teidigen. Tag und Nacht mussteh sie ihre Pflanzungen gegen Über 
fälle -schützen. Valdivia durchzog mit einer Reiterschar die Um- 
gebung der neuen Ansiedelung, griff die Indianer an, wo er sie fand, 
und jagte sie stets in die Flucht. Die wenigen Schweine und Hühner, 
welche gerettet worden, nahm Ines Suarez unter ihren speciellen Schutz, 
und schnell vermehrten sich diese Tiere. Bald stellte sich aber em- 
pfindlicher Nahrungsmangel im spanischen Lager ein. Die Spanier und 
Peruaner mussten sich, wie die umwohnenden Indianer, von den Wurzeln 
und Zwiebeln des Waldes, von Heuschrecken, Ratten etc. ernähren und 
um diese elende Speise stritten sich beide Teile mit den Waffen in 
der HandJ 

Um diesem traurigen Zustande der ewigen Arbeit, Not und Ge- 
fahr ein Ende zu machen, entsChloss sich Valdivia, um Hilfe nach 
Peru zu senden. AI. de Monroi, Pedro de Miranda und vier Soldaten 
erklärten sich bereit. Diese Botschaft stattete Valdivia, um den schlechten 
Ruf, in welchen Chile wegen seiner Armut stand, zu entkräften, d. h. 
um die Wahrheit der Sachlage zu verdecken und um neue Abenteurer 
anziüocken, mit dem ganzen Golde aus, welches er hatte zusammen- 
raffen können. Der Erfolg der bisherigen Räubereien und der Sklaven- 
arbeit der unglücklichen Eingeborenen in den Minen belief sich auf 
7000 Goldpesos, etwa 15 000 Pesos heutiger chilenischer Goldmünze. 
Valdivia Hess das edle Metall zu Steigbügeln, Säbelscheiden, Trinkge- 
fassen etc. für die sechs Boten verarbeiten. So ausgerüstet machte 
sich Monroi mit seiner kleinen Truppe auf den Weg (Januar 1542). 
Santiago erlebte jetzt traurige Tage. Die Indianer setzten ihre Feind- 
seligkeit fort, und Valdivia musste zum besseren Schutze gegen die 
häufigen Angriffe und Überfälle derselben eine kleine Festung im 
Centrum der Niederlassung erbauen lassen. Dazu Utten die Ansiedler 
mehr und mehr durch Hunger; Zwiebeln und Wurzeln und Früchte 
des Waldes waren weiter ihre Hauptnahrung und dazu dauerte das 
feindselige Verhalten der Indianer fort. Die erste Ernte von Mais und 
Weizen (Anfang 1542) war nur gering gewesen; Valdivia bestimmte den 
grössten Teil derselben zu neuer Aussaat und erst die folgende 
Ernte (Anfang 1543) enthob die Spanier der Furcht vor dem Ver- 
hungern, obgleich sie fortfuhren an anderen höchst notwendigen 
Dingen, wie Kleidern, Nägeln, Hufeisen etc. Mangel zu leiden. Die Häuser 
waren inzwischen neu aus Adobes (grossen an der Sonne getrockneten 
Lehmziegeln) erbaut worden. 

So vergingen 20 Monat nach der Abreise des Monroi. Da erschien 
endlich im September 1543 ein Schiff im Hafen von Valparaiso, welches 
von Monroi abgeschickt war. Die Ausrüstung desselben hatte ein 
alter, reicher Waffengefährte des Valdivia in Arequipa, Martin ez Vegaso, 
auf seine Kosten ausgeführt. Es brachte Kleider, Waffen, Geräth- 
schaften, Munition, Sämereien etc., und Ende Dezember desselben Jahres 



Zur Geschichte der Entdeckung und Eroberung von Chile. 19 

erschien Monroi selbst mit sechszig bis siebzig Reitern. Er hatte den Weg 
durch die Atacama eingeschlagen. Monroi und seine Genossen hatten 
eine höchst abenteuerliche Reise durchgemacht, welche die Verzögerung 
ihrer Rückkehr nur zu gut erklärte. Bei Copiapö waren sie von den 
Eingeborenen überfallen worden; die vier Soldaten fielen, Monroi und 
Miranda gerieten in Gefangenschaft. Nach drei Monaten entflohen 
sie aus derselben und kamen nach vielen Schwierigkeiten nach Lima 
und stellten sich dem Vaca de Castro vor*). Dieser nahm sie sehr 
freundlich auf und sagte seine Unterstützung zur Eroberung Chile*s 
zu, obgleich er selbst alle Hände voll zu thun hatte. Er schrieb auch 
an Valdivia und bestätigte denselben in der ihm von Pizarro ver- 
liehenen Würde als Vice -Gouverneur. Zur Bezahlung der Waren, 
welche Monroi einkaufte, und zur Ausrüstung der von ihm angeworbenen 
Abenteurer musste Monroi Gelder aufnehmen, und so wurde Valdivia 
immer tiefer verschuldet. Seine Schulden beliefen sich damals auf 
die ungeheuere Summe von 130 000 Pesos**). Mit welcher Freude die 
Ankunft des Schiffes und der Truppen unter Führung von Monroi und 
Miranda in Santiago begrüsst wurde, lässt sich leicht denken. Die 
neuen Truppen waren übrigens durch Hunger und Strapazen sehr ge- 
schwächt, da die Indianer im nördlichen Chile alle Lebensmittel ver- 
borgen gehalten hatten. 

In dem Schiffe kam auch Francisco Martinez, der, wie wir oben 
gesagt haben, im Jahre 1 539 in Cuzco einen Vertrag mit Valdivia be- 
hufs Eroberung von Chile auf gemeinsame Rechnung abgeschlossen 
hatte, nach Chile, um seinen Gewinnanteil zu holen. Da er sah, dass 
Valdivia keine Reichtümer gesammelt, sondern nur neue Schulden 
gemacht hatte, forderte er (11. Oktober 1543) vor den Alcalden von 
Santiago die Lösung des Vertrages und die Rückzahlung der dem 
Valdivia geliehenen 9000 Pesos. Man legte die Streitfrage einem 
Schiedsgerichte vor, und dieses fällte sein Urteil am 10. November 
1543. Der Vertrag wurde gelöst und Valdivia musste sich verpflichten, 
spätestens in zehn Tagen 5000 Gold-Pesos, als wahren Wert der 
1539 von Martinez gelieferten Waren, diesem auszuzahlen. Es geschah 
dies und findet sich die Quittung des Martinez (vom 22. November) 
im Archivo de Indias in Sevilla (D. Barros Arana). Das Dokument, 
wodurch Vaca de Castro die Ernennung des Valdivia zum Vice- 
Gouvemeur bestätigte, erhielt er von Monroi. Da es seinen Ansprüchen 
aber nicht genügte, d. h. da Valdivia nur unter der Autorität des 
Königs stehen wollte, verheimlichte er die Existenz dieses Dokuments 
und fuhr fort sich zu nennen : Gouverneur und General-Kapitän, erwählt 

*) Über diesen und die damalige Lage der Dinge in Peru s* Prescott 1. c« 
rV. Buch, 6. Kapitel. 

**) D. Barros Arana, Hist. Jener. I, S. 256 nach Marino de Loberä 
cap. a4. . ' 



20 H. Polakowsky: 

von dem Cabildo, den Richtern und von der ganzen Bevölkerung dieser 
Stadt Santiago*). 

Während der zweijährigen Abwesenheit des Monroi hatte Valdivia 
den seine Stadt umschwärmenden feindlichen Indianern oft durch Ge- 
fangene sagen lassen, dass er bald Verstärkungen erhalten werde. 
Da diese aber nie ankamen, waren die Indianer immer kühner ge- 
worden und hofften den Valdivia und seine Schar endlich zum Ver- 
lassen des Landes zu zwingen. Als sie nun die Ankunft der Truppe 
unter Monroi erfuhren, stellten sie ihre Feindseligkeiten ein und zogen 
sich nach Süden, in das Gebiet der Promaucas**) zurück. 

Im Februar 1544 machte Valdivia mit seinen Truppen, die sich 
jetzt auf 200 Mann beliefen, einen neuen Vorstoss nach Süden. Die In- 
dianer leisteten keinen Widerstand, verbrannten ihre Hütten, gingen über 
den Maule zurück und überliessen den Spaniern „das beste Stüci Land, 
welches es auf der Erde giebt," (Brief des Valdivia an Carl V.) Val- 
divia kehrte bald nach Santiago zurück, wartete daselbst die Regen- 
zeit ab und sandte dann zwei Abteilungen seiner Soldaten unter 
Francisco de Villagran und Francisco de Aguirre ab, um die Indianer 
aufzusuchen und sie zur neuen Ansiedelung in den von ihnen ver- 
lassenen Thälern zu zwingen. Es gelang dies bis zu einem gewissen 
Grade, und die beiden Führer drangen auf dieser Expedition bis zum 
Itata vor. Die nach der Gegend südlich von Santiago zurückgebrachten 
Indianer entschlossen sich, teils aus Hunger, teils aus Furcht vor den 
Spaniern, sich daselbst wieder anzubauen, und Valdivia Hess Saatkorn 
(Mais und Weizen) unter sie verteilen. Sobald sie die Aussaat gemacht 
und sich Hütten erbaut hatten, mussten sie wieder in den Goldwäschen 
arbeiten (April 1544). 

Im September 1544 schickte der Gouverneur weiter den Juan 
Bohon mit 30 Mann aus, um im Thale von Coquimbo zur Erleichterung 
des Verkehrs mit Peru eine neue Stadt zu gründen. Dieselbe wurde 
nahe am Meere erbaut und erhielt den Namen la Serena***). Im 
Winter (Juni) 1544 war das Schiff San Pedro, von Vaca de Castro mit 
Waren für die neue Kolonie abgeschickt, an der chilenischen Küste 
gelandet. Dasselbe wurde von dem geschickten genuesischen Piloten 
Juan Bautista de Pastene geführt. Valdivia beschloss die Anwesenheit 
des Pastene zur Ausrüstung einer Expedition zur Erforschung der Süd- 
küsten seines Gouvernements bis zur Magellan's-Strasse zu benutzen 



*) Vaca de Castro hatte bald darauf in einem dem Pastene mitgegebenen 
Briefe den Valdivia „meinen Stellvertreter" genannt. V. antwortete dem Vaca de 
Castro darauf: „Noli me tangere quia Caesaris sum " D. Barros Arana, Hist. 
Jener. I, S. 257 nota 38. 

**) Valdivia nennt sie in dem oben citierten Brief an Hernando Pizarro „po- 
romabcaes" und sagt, dass ihre Wohnsitze am Rio Maipo beginnen. 
***) Herrera, 1. c. Dec VII, lib. 9, cap. a. 



Zur Geschichte der Entdeckung und Eroberung von Chile. 21 

und rüstete deshalb den San Pedro und das kleine von Mbnroi ge- 
brachte Schiff (Santiaguillo) aus. Im August 1544 ging Valdivia selbst 
nach Valparaiso, erteilte dem Pastene Vollmachten als seinem Ver- 
treter zur See, nahm ihn in Eid und Pflicht, und gab ihm den Jeronimo 
de Alderete mit. Letzterer sollte die neuentdeckten Länder im Namen 
des Königs und des Pedro de Valdivia in Besitz nehmen*) (3. Sep- 
tember 1544). Die zwei Schiffe fuhren am 5. September ab, kamen 
bis zum 41° 15' stidl. Br. (17. September) und kehrten dann, ohne die 
Insel Chiloe entdeckt zu haben, behufs näherer Erforschung und Be- 
sitzergreifung der Küstenländer um. Zum Zwecke der letzteren wurden 
einige Eingeborene ergriffen, in Gegenwart derselben eine ebenso 
arrogante als schwülstige Formel in spanischer Sprache verlesen und — 
da Niemand widersprach — das Land und seine Bewohner für 
König Carl und seinen Gouverneur in Besitz genommen. Zum Zeichen 
des Besitzes wurden die üblichen Zeichen gemacht und Ceremonien 
ausgeführt, d. h. Zweige von den Bäumen gehauen, Kreuze in die 
Rinde derselben eingeschnitten, die Erde aufgewühlt, Wasser aus* deu 
benachbarten Bächen getrunken etc. Die erste Landungsstelle, wo 
Jeronimo de Alderete in dieser Weise vom südlichen Chile Besitz 
ergriff, ist die Bahia und Rio de San Pedro, nördlich vom Cabo Quedal. 
Diese Namen erhielt die Gegend zu Ehren des Pedro de Valdivia 
(18. September 1544). War das Landen schwierig, so wurde die be- 
treffende Formel an Bord des San Pedro verlesen und so von der 
betreffenden Insel oder Küste Besitz genommen. So geschah es am 
22. September auf der Breite von 39°, wo man sich einem Hafen und 
Flusse gegenüber befand. Beide erhielten vom Schiffe aus den Namen 
„Valdivia", den sie noch heut führen. Nach 26 Tagen war Pastene 
wieder glücklich in Valparaiso. Kurze Zeit darauf kehrte Villagran 
vom Maule zurück. Erst jetzt konnten sich die Spanier ein leidlich 
richtiges Bild von der nördlichen Hälfte des heutigen Chile machen, 
den hohen Wert des Landes richtig erkennen. Valdivia lobt auch in 
seinen Briefen in begeisterter Weise die Schönheit und Fruchtbarkeit 
des Landes, die Annehmlichkeit und Gesundheit des Klimas, den 
Metallreichtum desselben, seinen Überfluss an Holz, Wasser, Weide- 
flächen etc. Er sagt z. B. im ersten Briefe an Kaiser Carl: Es regnet 
nur vier Monate lang. Der Sommer ist so angenehm und es wehen so 
erfrischende Lüfte, dass der Mensch den ganzen Tag über sich in der 
Sonne aufhalten kann, ohne dadurch seine Gesundheit zu schädigen. 
— Den Goldreichtum des Landes schildert Valdivia dagegen in Über- 
triebener Weise. 

Hier endet die erste Periode der ersten Einrichtung der neuen 
Kolonie ; der Bestand derselben, wenigstens bis zum Rio Maule, schien 



*) Cl. Gay, Hist. fisica i polit. de Chile. Documentos« Tom. I^ "No, v 




22 H. Polakowsky: 

jetzt gesichert. Die folgende Zeit der relativen Ruhe und Zufrieden- 
heit beschloss Valdivia zu Vorbereitungen für die Durchführung seiner 
weiteren Pläne zu benutzen. Diese bestanden darin, sich direkt vom 
Könige oder doch von einem möglichst einflussreichen Vertreter desselben 
zum Gouverneur von Chile ernennen zu lassen und sich so unabhängig 
von Peru zu machen und durch faktische Besitzergreifung und 
Besiedelung des ganzen ungeheuren Gebietes, welches er für sich be- 
anspruchte, anderen Eroberern den Rang abzulaufen. Zu letzterem 
Zwecke gebrauchte er aber waifenföhige Mannschaften und um diese 
anzulocken — Gold. Die 500 Peruaner, die den Spaniern noch übrig 
geblieben waren, mussten eifrigst in den Goldminen von Quillpta 
arbeiten. Die Spanier selbst brachten ihnen die Nahrung dorthin. 
Als in neun Monaten für 23 000 Gold-Pesos (castellanos) Gold gewonnen 
war*), sandte er AI. de Monroi, J. Baut, de Pastene und Ant. de Ulloa 
von La Sierena aus mit dem Schiffe San Pedro nach Peru (4. Septbr, 
1545). Die zwei ersten der genannten Freunde des Valdivia hatten 
Vollmacht, auf Valdivia's Namen neue Schulden bis zur Höhe von 
IOC 000 Pesos aufzunehmen und sollten Materialien einkaufen und Truppen 
anwerben; Ulloa sollte sich nach Spanien wenden, um beim Rate von 
Indien den Gouvemeurtitel und die Belehnung des Valdivia mit der 
ganzen südlich von Peru belegenen Spitze Stid-Amerika's zu erbitten. 
Dem Ulloa gab Valdivia unter anderen Schreiben seinen berühmten 
ersten Brief an Carl V. und den Brief an Hernando Pizarro, von dessen 
Gefangenschaft in Spanien Valdivia keine Ahnung hatte, mit. 

Die drei Genossen kamen glücklich nach Callao (28. September). 
In Peru vertrat damals der Vice-KÖnig Blasco Nunez Vela**) die legitime 
Autorität; der Rebell Gonzalo Pizarro aber hatte faktisch die Macht 
an sich gerissen. Als die Abgesandten des Valdivia die Schwierigkeit 
ihrer Lage angesichts des Peru verheerenden Bürgerkrieges besprechen 
wollten, traf sie ein neuer, härterer Schlag. Monroi erlag dem Fieber 
kurz nach seiner Landung in Callao. Der Eroberer Chile's verlor in 
ihm seinen treuesten .und klügsten Freund. —- Als Ulloa erfuhr, dass 
zwei seiner Verwandten, Lorenzo de Aldana und Solis, in grossem 
Ansehen bei Gonz. Pizarro standen und einflussreiche Ämter bekleideten, 
beschloss et, seine Reise nach Spanien aufzugeben und sein Glück in 
Peru und demnächst in Chile zu versuchen. Sein Freund Sancho de 
Hoz sollte Gouverneur von Chile werden, und desshalb arbeitete Ulloa 
nach Kräften den Bemühungen des ehrenwerten Pastene entgegen. 
Er verhöhnte den Valdivia, erbrach die ihm von diesem anvertrauten 
Briefe, beleidigte den Pastene, Hess die Gelder desselben durch Aldana 
mit Beschlag belegen und reiste dann zu Pizarro. Dem Pastene wurde 

*) Nach D. Barros Arana, Hist. Jener. I, S. ^68 etwa gleich 70000 Pesos 
heutiger chilenischer Münze. 

♦.*) S. über diesen und die damalige Lage Peru's ; Prescott, 1. c. Buch IV, Kap. 7—9. 



Zur Geschichte der Entdeckung und Eroberung von Chile. 23 

das Verlassen der Hauptstadt Lima bei Todesstrafe verboten. UUoa 
dagegen nahm an der Schlacht von Anaquito (i8. Januar 1546) . Teil, 
in welcher bekanntlich der edle Blasco Nuiiez Vela das Leben verlor. 
Erst der alte, berühmte Krieger Francisco Carvajal, dessen zahlreiche 
lobenswerte Eigenschaften Trescott über seiner Grausamkeit vergisst 
oder doch nicht genügend anerkennt, zeigte auch hier sein oft er* 
wiesenes Gerechtigkeitsgefühl und nahm den Pastene unter seinen 
mächtigen Schutz*). Dieser durfte sich dem G. Pizarro vorstellen und 
erhielt die Erlaubnis, nach Chile zurückzukehren. Ulloa kam im August 
1 546 wieder nach Lima und gerierte sich öffentlich und auch vor Pizarro 
immer als Freund des Valdivia. Pastene folgte dem klugen Rate des 
Carvajal und verheimlichte, dass er den Verräter durchschaute. G. Pizarro 
richtete einen sehr liebenswürdigen Brief an Valdivia, in dem er die 
Treue des Ulloa rühmte**). 

Aldana bemächtigte sich des Schiffes des Pastene und rüstete dieses 
und ein anderes für Ulloa aus. Dieser selbst ging auf dem Landwege 
mit gegen hundert Mann nach der Küste von Tarapaca, wo er mit 
seinen Schiffen zusammentreffen wollte. Mit grossen Opfern gelang es 
dem treuen Pastene, trotz der Intriguen des Aldana ein Schiff (Santiago) 
zu kaufen und dreissig Mann anzuwerben, und schleunigst machte er sich 
nach Chile auf den Weg, um daselbst vor Ulloa anzukommen und den 
Valdivia zu warnen. Unterwegs fing er in einem Hafen den Figueroa 
ab, welchen Ulloa an G. Pizarro mit Briefen abgeschickt hatte, worin 
-er seinen Plan, Valdivia abzusetzen und Chile für Pizarro zu erobern, 
offen aussprach und um Hülfstruppen bat. Pastene lernte so die ganze 
Intrigue, die er längst durchschaut hatte, genau kennen. Als Pastene 
die Schiffe des Ulloa einholte, versuchte dieser vergebens durch eine 
List den Pastene ans Land zu locken. Sein Versuch, das Schiff des 
Pastene einzuholen, war gleichfalls vergebens, und so sah er sich um 
die Früchte seiner Arbeit betrogen. Als er mit seinen Truppen, nach 
Atacama kam, erfuhr er, dass ein neuer Vice-König (Pedro de la Gasca) 
in Panama angekommen sei und dass G. Pizarro Streitkräfte sammele, 
um zunächst den Centeno, welcher die königliche Fahne in Cuzco auf- 
gepflanzt hatte (Juni 1547), zu bekämpfen. Ulloa beschloss, sofort nach 
Peru zurückzukehren und dem Pizarro beizustehen. Bald aber änderte 
dieser Abenteurer, der seine Dienste — wie viele der damaligen Er- 
oberer — immer der mächtigeren Partei anbot, seinen Plan und ging 



*) Einen sehr interessanten Brief des Fr. de Carvajal an Gonz. Pizarro (los 
Reycs, ^5. Oktbr. 1545), welcher die Lage der Gesandten des Valdivia schildert, 
veröffentlicht D. Barros Arana, Hist. Jener. I, S. 294 nota. 5. Carvajdl wurde 
als Tyrann und Scheusal verschrieen, weil er auch gegen die Spanier selbst sehr 
strenge war und ehrlose Verräter aufhing. 

*♦) Dieser Brief ist schon von Prescott in der Coleccion des jf. Baut Munoz 
aufgefunden worden. 



24 H. Polakowsky: 

ZU Centeno über. Er nahm an der Schlacht bei Guarina (20. Oktober 
1547) Teil*), entkam glücklich und ging nach Lima zu P. de la 
Gasca. — Ulloa hatte in Atacama nur 20 seiner Soldaten, welche sich 
unter den Befehl des Diego de Maldonado stellten, erlaubt, den Marsch 
nach Chile fortzusetzen. Er war aber grausam genug, ihnen vorher 
alle Waffen abzunehmen. Die Indianer von Copiapö erschlugen zwölf 
dieser Leute und nur acht erreichten die Stadt Santiago. 

Valdivia war wie bisher die Seele der spanischen Kolonie in Chile 
gewesen. Er sorgte für das Wohl derselben und der ihm ergebenen 
Kolonisten wie ein Vater. Er hatte die landwirtschaftlichen Arbeiten 
wie die militärischen Operationen, den Häuserbau wie die innere Orga- 
nisation und Verwaltung der Kolonie geleitet und stets überwacht 
Tarife für die Arbeiten der verschiedenen Handwerker und für die 
Amtshandlungen der vier vorhandenen Priester waren publiciert worden, 
Polizeiverordnungen zum Schutze der Spanier und ihrer Pferde waren 
erlassen, und hohe Geld- und Gefängnisstrafen für die Übertreter, 
falls sie Spanier waren, waren festgesetzt worden. Die Indianer wurden 
durch Prügel oder durch das Abhauen der Hände für ihre Vergehen 
bestraft. Ende 1545 gab es in Chile nur fünfzig Stuten und betrug 
der Preis eines Pferdes i — 2000 Dukaten (G. de Marmolejo). Eine 
Verordnung vom 12. April 1546 verbot den Spaniern den Verkauf der 
ihnen übergebenen Ländereien und Indianer; alle Landschenkungen 
(encomiendas) waren nur für die Person des Begünstigten oder seine 
nächsten Erben im Falle seines Todes bestimmt. Durch diese Be- 
stimmung, welche dem Vagabondieren der spanischen Abenteurer ein 
Ende machte, sie zu sesshaften Bürgern des Landes umwandelte und 
sie so das Land Chile schätzen lehrte, bewies Valdivia seinen grossen 
Scharfblick und seine Befähigung für kolonisatorische Bestrebungen**). 
Der Zustand der jungen Kolonie hatte sich, Dank der Fürsorge und 
Strenge des Cabildo und des Valdivia, entschieden von Jahr zu Jahr 
gebessert, trotzdem mangelten in derselben oft die notwendigsten Dinge, 
selbst Fleisch, und die europäischen Waren hatten noch immer einen 
sehr hohen Preis. Ein Hemde oder ein Paar Halbstiefel kosteten z. B. 
zwanzig Pesos. Gemünztes Geld fehlte . fast gänzlich, an Stelle desselben 
cursierten Goldstaub und Goldkömer. 

Alle diese Anordnungen waren aber Nebensache und nur zur Er- 
reichung eines Hauptzweckes bestimmt. Die Spanier waren nicht nach 



*) Prescott, 1. c. V. Buch, a Kap. 
**) Über die allinäliche Entwickelung der Bedeutung der spanischen Ansiede- 
lung in Chile und über die Organisation und Verwaltung derselben besitzen wir 
ein überaus reiches Material in den Stadtbüchern (libros becerros) von Santiago, 
Concepcion und anderen Städten, welche in der Coleccion de historiadores de Chile 
veröffentlicht sind. Diese Bücher enthalten die Protokolle der Sitzungen des cabildo, 
alle Polizei- Verordnungen etc. 



Zur Geschichte der Entdeckung und Eroberung von Chile. 25 

Chile gekommen, um sich dem Ackerbau, der Industrie oder dem Handel 
zu widmen, sie waren gekommen, um den Eingeweiden der Erde schnell 
ihr Gold zu entreissen. Wenn sie Städte gründeten, Aussaaten machten, 
Viehzucht trieben, so geschah dies nur, um Indianer unterjochen zu 
können und um Arbeiter zu haben, welche sie zur Ausbeutung der 
Minen und Goldwäschen benutzen konnten und denen sie als Arbeits- 
lohn Mühsal und Tod in diesem und die Erlösung und das himmlische 
Glück in jener Welt zahlten*). — Desshalb wollte jeder Abenteurer 
eine möglichst grosse Encomienda, d. h. eine möglichst grosse Anzahl 
indianischer Sklaven zu seiner Verfügung haben. Beim ersten Einbrüche 
in das Land (1541) hatte Valdivia die zwischen dem Mapocho und Maule 
ansässigen Eingeborenen in Encomiendas an einige siebenzig Spanier 
vertheilt. Jeder erhielt 100 — 300 Haupt, piezas (Stück), wie die Spanier 
sich sehr bezeichnend ausdrückten**). Diese ersten Encomiendas waren 
aber kainn eingerichtet, als der allgemeine Aufstand erfolgte, von dem 
wir oben erzählt haben. Durch einen öffentlich ausgerufenen Befehl 
schuf nun Valdivia am 12. Januar 1544 sechzig neue Encomenderos, 
d. h. Herren von Encomiendas. Weil aber von verschiedenen Seiten 
bei Valdivia Klageii einliefen über die geringe Anzahl von piezas, die 
auf jede dieser Encomiendas kämen, reducierte Valdivia durch Befehl 
vom 25. Juli 1546 die Anzahl derselben auf zweiunddreissig, mit welchen 
er seine treuesten und fähigsten Anhänger belehnte. Die hierbei leer 
ausgegangenen Spanier zürnten oder hassten den Valdivia darob mehr 
oder weniger. Für sich selbst behielt Valdivia eine Encomienda mit 
1500 Indianer***). Auch seine würdige Maitresse erhielt eine bedeu- 
tende Encomienda „um leben zu können" f). 

Die nicht mit piezas beglückten Spanier drängten den Valdivia, 
er möge das südlich des Maule belegene, als dicht bevölkert bekannte 
Land „erobern", d. h. dasselbe ausrauben, einen Teil der Bewohner 
ermorden und den Rest als Last- und Arbeitstiere unter die „Christen" 
verteilen. Valdivia ging zu diesem löblichen Zwecke am 11. Februar 
1546 mit sechzig leicht bewaffneten Reitern gen Süden. Bald wurde 
das Land dichter bevölkert und die Eingeborenen zeigten sich feind- 
lich. Ein Angriff von dreihundert Mann wurde zwar abgeschlagen, aber 
schon hier erkannte Valdivia, dass er es mit so tapferen und ent- 
schlossenen Feinden zu thun habe, wie er dieselben noch nie angetroffen 
liatte. Es war dies der erste Zusammenstoss zwischen den Spaniern 
und den Araucanen, oder wenigstens den ihnen eng verwandten Pro- 



*) Mig. L. Amundtegui, Descub. i conq. de Chile. IL ed. S. i6g. 
**) Über die Natur der Encomiendas und die Wirkung dieser fluchwürdigen 
^flrichtung s. Oeuvres de D. Barth^lemi de Las Casas par J, A. Llorente. Paris, 
i8n. I, S. 165 f. n, S. laof. u. 181 f. 
***) Diego Barros Arana, Hist Jener, de Chile. I, S. ago. 
t) Diego Barros Arana, Proceso de Pedro de Valdivia. S. 6a. 



l 



26 H. Polakowsky: 

maucas^ der Anfang eines Kampfes, welcher sich durch über drei Jahr- 
hunderte hinziehen sollte. Noch in derselben Nacht überfiel ein grösserer 
Heerhaufe das Lager und konnte erst nach zweistündigem/ heftigem 
Gefechte zurückgeworfen werden, wobei die Araucanen viele Leute 
verloren. Die Spanier hatten einige Verwundete und zwei ihrer Pferde 
wurden getötet. Schon dieser Widerstand machte die Spanier besorgt 
Valdivia schreibt darüber an Carl V.: die Araucanen hätten „wie Deutsche'* 
(como tudescos) gefochten*). Aber trotz dieses Widerstandes rückten 
die Spanier bis zur Mündung des Bio-Bio selbst vor. Hier aber erfuhr 
Valdivia, dass sich das ganze Land gegen ihn erhoben habe und ein 
grosses Heer im Anzüge sei. Jetzt wurde in einem ELriegsrate die so- 
fortige Rückkehr nach Santiago beschlossen. Damit ihnen der Rück- 
zug nicht abgeschnitten werde, brachen die Spanier in der Nacht auf 
und Hessen ihre Lagerfeuer brennen. Diese List allein rettete die 
Spanier vor dem Untergange. Ende März 1546 war Valdivia wieder 
in Santiago. Der eigentliche Zweck der Expedition, südlich vom Maule 
eine neue Stadt zu gründen, war also nicht erreicht worden. Die Nach- 
richt von diesem missglückten Eroberungsversuche des heutigen Landes 
Arauco verbreitete sich durch ganz Chile und erregte unter den Indianern 
eine freudige Aufregung. 

Sehnsüchtig wurden inzwischen Monroi und Genossen erwartet, da 
man mit Hilfe der von ihnen mitgebrachten Truppen das südliche Chile 
zu erobern und reiche Encomiendas zu gewinnen dachte. Aber es ver* 
gingen viele Monate ohne die geringsten Nachrichten aus Peru. Da ent- 
schloss sich Valdivia, im August 1546 den Juan Däbalos mit acht Ge- 
fährten und angeblich 60000 Pesos**) in einer elenden Barke nach 
Peru zu schicken. Wieder vergingen Monate ohne Nachrichten aus 
Peru. Endlich, einunddreissig Monate nach der Abreise des Monroi 
und dreizehn Monate nach der Abfahrt des Däbalos, erschien Pastene 
mit zehn Mann in einem traurigen Aufzuge (September 1547). Valdivia 
umarmte ihn vor Freude weinend. Als Pastene seine Erlebnisse erzählt 
hatte, traf Valdivia sofort Vorkehrungen zum Empfange des Verräters 
Ulloa. Einige Tage darauf erschienen neun Spanier auf elenden Pferden, 
welche so durch Hunger und Strapazen erschöpft waren, dass sie kaum 
menschenähnlich erschienen. Es war dies der nach Chile verschlagene 
Rest des Corps des Ulloa unter Maldonado, von welchem wir oben 
gehört haben. Von Maldonado erhielt Valdivia Nachricht über den 
Stand der Angelegenheiten in Peru. Er fasste sofort den Entschluss, 
selbst nach Peru zu gehen. Hauptgrund und Zweck dieser Reise war, 
von dem neuen Vice-Könige den Titel als Gouverneur und General- 
Kapitän von Nueva Estramadura (Chile), den er von dem Cabildo von 

*) Nach Gong, de Marmolejo, Crönica de Chile cap. 6 und Marifio de Labera 
fand dieser Kampf bei Quilacura statt. 

**) Brief des Valdivia an Carl V. v. Oktober 1550. 



Zur Creschiclite der Entdeckung und Eroberung von Chile. 27 

Santiago empfangen, im Namen des Königs bestätigt zu erhalten. Dass 
Valdivia zuerst schwankte, ob er sich der Partei des Gonz. Pizarro gegen 
die des Vertreters der königlichen Macht anschliessen sollte, ist in 
keiner Weise erwiesen. Es ist dagegen als sicher anzunehmen, dass 
Valdivia sofort den Entschluss fasste, dem Gasca gegen seine Freunde, 
die Rebiellen G. Pizarro und Fr. Carvajal, zu dienen. Seinen Entschluss 
nach Peru zu gehen, verheimlichte er sorgfältig und dachte zunächst 
nur an Beschaffung der Geldmittel für sein wichtiges Unternehmen. 
Mit grosser Mühe brachten er und seine Freunde 60000 Gold-Pesos 
(castellanos) zusanmien. Um sich mehr Gold zu verschaffen, bediente 
er sich einer jammervollen und ehrlosen List. Er machte bekannt, 
dass er den Jerön. de Alderete und Franc, de Villagran nach Peru schicke, 
um Mannschaften anzuwerben und ermunterte zugleich einige Kolo- 
nisten, die durch die Arbeit ihrer indianischen Sklaven reich geworden 
waren, zur Rückkehr nach Peru. Bisher hatte er jedem Spanier die 
Erlaubnis zum Verlassen Chile's stets und energisch verweigert. Die 
betreffenden Kolonisten machten ihre ganze Habe zu Gold und schifften 
sich mit demselben an Bord des Santiago ein. Als Alles nach Wunsch 
vorbereitet war, arrangierte Valdivia in Valparaiso ein Gastmahl für die- 
jenigen, welche mit dem Schiffe das Land verlassen wollten. Er ver- 
liess das Gelage heimlich und ruderte mit zehn Eingeweihten zum 
Santiago, an dessen Bord sich, wie schon gesagt, alles Gold und Gepäck 
befand (6. Dezember). So gelangte Valdivia in den Besitz von zusammen 
100 000 castellanos. Als dieses Entweichen des Valdivia bekannt wurde, 
befiel die auf diese hinterlistige Weise ausgeplünderten am Lande be- 
findlichen Abenteurer eine unbeschreibliche Wut, ihr würdiger Chef 
aber konnte von seinem sicheren Verstecke aus ihrer Wut lachen. Sie 
mussten sich eben in ihr Schicksal fügen und ihre Conquistadoren-Lauf- 
bahn nochmals von vom beginnen. Vom Schiffe aus schickte Valdivia 
den Franc, de Villagran mit einem Schreiben an den Cabildo nach 
Santiago zurück. In diesem Schreiben ernannte Valdivia den Fr. de 
Villagran zu seinem Stellvertreter während seiner Abwesenheit und er- 
klärte weiter, dass er nach Spanien gehe, um sich Sr. Maj. und dem 
Rate von Indien vorzustellen. Über die Reise nach Peru und die durch 
G. Pizarro verursachten Wirren wird in dem Schreiben kein Wort ge- 
sagt Der Cabildo erkannte den Villagran am 7. Dezember als Vice- 
Gouvemeur an. 

Als die Nachricht von der Abreise des Valdivia und von dem von 
ihm ausgeführten Raube in Santiago bekannt wurde, geriet die Be- 
völkerung in grosse Aufregung (8. Dezember). Alle Unzufriedenen 
schmähten den Valdivia öffentlich und riefen: man solle das Schiff, 
an dessen Bord er sich noch immer im Hafen befand, in den Grund 
bohren. Juan Romero, ein Freund des Pedro Sancho de Hoz, beschloss 
diese Unzufriedenheit zu benutzen und einen Aufstand gegen Francisco 



28 H. Polakowsky: 

de Villagran zu erregen, um seinen Freund de Hoz zum Gouverneur zu 
machen, de Hoz hatte bisher ganz ruhig in Santiago gelebt, war aber einige 
Monate vorher, wegen des drohenden Einfalles des Ulloa, von Valdivia 
aus Santiago verbannt und lebte einige Leguas von der Hauptstadt 
entfernt auf dem Lande. Von Romero gerufen, kam er aber plötzlich 
am Morgen des 8. Dezember nach Santiago. Hier Hess er sich nach 
einigem Zögern von Romero bereden, einen Brief an H. Rodrigo 
de M.onroi, einen Feind des Valdivia, zu schreiben, worin er demselben 
seinen Entschluss, sich auf Grund dei* von Pizarro und vom Könige 
selbst erhaltenen Rechtstitel zum Gouverneur von Chile zu machen, 
mitteilte und um seinen Beistand bat. Romero plauderte dieses 
thörichte Komplott an verschiedenen Stellen aus und Monroi selbst 
brachte den Brief des Hoz zu Villagran. Hiermit war die Verschwörung 
entdeckt, der Aufstandsversuch gescheitert. Villagran Hess Romero 
und de Hoz sofort verhaften, Hess den Stadtplatz durch eine treue und 
gut bewaffnete Truppe besetzen und nahm die Execution der Ver- 
schwörer selbst in die Hand. Im Gefängnisse erkannte Hoz den Brief 
als von ihm geschrieben an, hier verurteilte ihn Villagran sofort zum 
Tode und mit dem Schwerte des Alguacil mayor (Ober-Polizeidiener) 
musste ein Negersklave dem UnglückHchen sofort in Gegenwart des 
Villagran und des Alguacil mayor den Kopf abschlagen. Diese Ge- 
waltthat, diese Hinrichtung ohne vorherige Zeugenvernehmung, ohne 
Zulassung einer Verteidigung, ohne schriftliche Verhandlung und 
geschriebenes Urteil, erregte in der ganzen Stadt Schrecken. Eine 
Stunde nach seiner Verhaftung war Hoz hingerichtet, man hatte ihm 
nicht einmal Zeit zur Beichte gelassen. Aber so gross war die Furtiit 
vor der Energie des Villagran und vor der Anzahl und Tapferkeit 
seiner ergebenen Anhänger, dass Niemand laut zu murren wagte. 
Am Morgen des 9. wurde Romero gehängt, und hiermit war die ganze 
Sache abgethan. Valdivia war noch immer mit seinem Schiffe im 
Hafen von Valparaiso und erhielt hier noch am 9. durch einen Boten 
des Villagran Nachricht von dem soeben erzählten Ereignisse. Er 
erschrak über die Hinrichtung des Hoz, weil er klug genug war um 
zu ahnen, dass ihm dieselbe zur Last gelegt werden würde und dass 
die mächtigen Protektoren des de Hoz ihn des Mordes anklagen würden. 
Er schwieg auch in seinen Briefen an Carl V. über dieses Ereignis. 
Endlich am 13. Dezember lichtete der Santiago die Anker und verliess 
Valparaiso*). An Bord des Schiffes stellte Valdivia in Valparaiso selbst, 
kurz vor dem Lichten der Anker, eine Urkunde vor dem Regierungs- 
notar aus, wonach er nach Peru gehe, um den G. Pizarro nach 
Kräften zu bekämpfen und ihn zur verdienten Bestrafung zu bringen. 
Valdivia reiste sehr bald nach seiner Ankunft in Lima (Mitte 



*) D. Barros Arana, Hist. Jener. I, S. 310. 



Zar Geschichte der Entdeckung und Eroberung von Chile. 29 

Januar 1548) zum Lager des Pedro de la Gascä in Andaguailas und 
stellte sich demselben vor (24. Februar 1548). Er wurde sehr gnädig 
aufgenommen, aber der kluge Gasca nannte ihn nur „capitan". Erst 
nach der Schlacht von Jaquijaguana (9. April 1548), als Valdivia dem 
Gasca den Bericht über den vollständigen und unblutigen Sieg erstattete, 
antwortete er: „Herr Gobernador, Se. Majestät hat Euch viel zu ver- 
danken"*). Bald darauf (23. April) ernannte Gasca den Valdivia im 
Namen des Königs zum Gouverneur und General-Kapitän einer Provinz, 
die von den Grenzen Perus (Capiapö, 27° südl. Br.) bis zum 41. Grad südl. 
Br. und in west-östlicher Breite von der Küste 100 Leguas landein- 
wärts reichte. Wir wissen, dass das von Valdivia beanspruchte „Reich" 
viel grösser sein sollte, aber er begnügte sich mit dieser Anerkennung 
seiner unstreitigen Verdienste um die spanische Krone, besonders da 
ihm Gasca versprach, seinen Einfluss für die von Valdivia ersehnte 
Ausdehnung seines Gebietes (bis zur Magellan's-Strasse und bis zum 
atlantischen Ocean) aufzubieten. Zugleich gestattete er, dass Valdivia 
in Peru Truppen anwerbe und unterstützte nach Kräften eine Expedi- 
tion zu Lande und zu Wasser nach Chile. 

Eine Schaar von 120 Abenteurern der schlimmsten Sorte, zum 
Teil von Gasca aus Peru verbannte Individuen, gelang es Valdivia um 
sich zu sammeln, und mit diesen trat er den Marsch nach Süden an. 
Seine Soldaten plünderten unterwegs, als wären sie im Feindeslande. 
Im Thale von Zama, südlich von Arequipa, erreichte Pedro de Hinojosa, 
Oberbefehlshaber der königl. Armee in Peru, welcher dem Valdivia auf 
Befehl des Gasca gefolgt war, diese Schaar an der Spitze von nur zehn 
Büchsenschützen. Er lud den Valdivia ein, nach Peru zurückzukehren, 
um sich vor Gasca wegen verschiedener Anklagen zu verteidigen. 
Valdivia forderte die Vorlegung eines schriftlichen Befehles, und da 
Hinojosa erklärte: es handele sich um keinen Befehl, sondern um eine 
Einladung, beschloss Valdivia seinen Marsch fortzusetzen. Einige Tage 
darauf besetzte Hinojosa bei Tagesanbruch mit seinen Büchsenschützen 
das Zelt des Valdivia und verlas vor demselben einen Befehl der könig- 
lichen Audienzia zu Lima, wodurch ihm anbefohlen wurde, sich sofort 
nach der Stadt der Könige (ciudad de los Reyes = Lima) zu begeben 
und sich wegen verschiedener Anklagen zu verteidigen. Valdivia 
sprach seine Verwunderung darüber aus, dass Hinojosa diesen Befehl 
nicht früher vorgezeigt habe, erklärte sich sofort zum Gehorsam bereit, 
verbot seinen murrenden Truppen jeden Widerstand und trat wenige 
Stunden darauf mit Hinojosa den Rückmarsch an (September 1548). 
In Arica schifite man sich ein. 

Bei der Ankunft des Valdivia in Callao (20. Oktob.) kam Gasca selbst 

*) Über die Thaten des Valdivia in Peru s. Prescott 1. c. Buch V, Kap. 3 
und über Gasca's Leben und Charakter ebendaselbst das ganze V. Buch und be- 
sonders den Schluss desselben. 



30 H. Polakowsky: . 

an Bord des Schiffes. Valdivia drückte sein Bedauern aus, dass er 
einen besonderen Befehl der königlichen Audiencia gegen ihn extrahiert 
habe, ein einfacher Brief von ihm (Gasca) hätte gentigt. Gasca ant- 
wortete in gütiger Weise und lobte den pünktlichen Gehorsam des Val- 
divia, welcher ein gutes Beispiel für die übrigen Spanier sein würde. 
Die gegen Valdivia erhobenen Anklagen und der Verlauf derselben sind 
erst durch das Buch des Herrn Diego Barros Arana: El proceso de 
Pedro de Valdivia. Santiago 1873, bekannt*). In diesem Buche sind 
von wichtigen und bisher unbekannten Dokumenten enthalten und her- 
vorzuheben: Die Anklageschrift, welche 57 Klagepunkte enthält; die 
Aussagen zahlreicher Zeugen; die Antwort resp. Verteidigung des Val- 
divia auf die Anklage und die von Gasca gefällte Sentenz. Weiter bringt 
dieses leider in Deutschland fast unbekannte und für den Forscher 
überaus wertvolle Buch: einen Brief des Valdivia an Carl V. aus San- 
tiago vom 9. Juli 1549**) und verschiedene Briefe des Gasca an den 
Rat von Indien. Dies sind die wertvollsten Dokumente der ganzen 
Sammlung***). Wenn ich noch die Instruktionen des Valdivia nenne, 
die er dem Alonso de Aguilera im Oktober 1550 mitgab, damit der- 
selbe die Ansprüche des Valdivia in Spanien vertrete, so wird der Leser 
erkennen, wie wertvoll dieses Buch des Herrn Diego Barros Arana für 
die Geschichte der Entdeckung Chile's ist. Valdivia selbst berührt in 
seinem dritten Brief an Carl V. diesen Prozess sehr kurz und verschweigt 
alle Thatsachen und Anklagen, die ihm ungünstig sein konnten. 

Die ersten Anklagen gegen Valdivia,* welche den Gasca bestimmt 
hatten ihn nach Lima zurückzuholen, rührten wahrscheinlich von Änt. 
de Ulloa her. Valdivia wurde der Ermordung des Sancho de Hoz vor 
seiner Abreise nach Peru angeklagt und es wurde behauptet, dass die 




*) Sonderbarerweise citiert Mig. L. Amundtegui in der im J. 1885 in Leipzig 
(bei Brockhaus) gedruckten zweiten Auflage seiner ,,Descubrimiento i conquista de 
Chile'* dieses Werk seines Landsmannes nicht, sondern begnügt sich mit Anfuhniag 
der unvollständigen Notizen, welche Diego Fernandez de Palencia, Hist. del Peru 
(Sevilla 1571) I, lib. 2, cap. 94 und Herrera, Hist. gen. Dec. VII, lib. 17, cap. 4 
geben. — S. auch die Notiz bei Aug. de Zarate, Hist. de la conq. del Peru, libr. 
VII, cap. 10. 

**) Die bisher bekannten und zuerst von Cl. Gay publicierten Briefe des Val- 
divia an den König sind: i) Von La Serena, 4. Septemb. 1545. a) Von Lima, 
15. Juni 1548. 3) Von Concepcion, 15. Oktob. 1550. 4) Von Concepcion, 45. 
September 15 51. 5) Von Santiago, a6. Oktober 155a. — Nach einer Notiz von 
D. Barros Arana (Hist. Jener. I, S. 394) haben noch zwei andere Briefe existiert, die- 
selben sind aber in den Archiven von Sevilla noch nicht gefunden. Der erste sbU 
vom August 1546, der zweite vom la. März 1548 sein. 

***) Diese Briefe des Pedro de la Gasca befinden sich nicht im Archive von 
Indien. D. Barros Arana konnte aber in Spanien die Concepte des Gasca, welche 
sorgfaltig von den Nachkommen seiner Verwandten aufbewahrt worden sind, ein- 
«ehen. 



Zur Geschichte der Entdeckung und Eroberung von Chile. 31 

Rückkehr des Valdivia nach Chile daselbst Unruhen veranlassen würde. 
Es war dem Valdivia leicht, sich von diesen Beschuldigungen zu reinigen 
und schon wollte Gasca das Verfahren einstellen. Da kam am 24. Ok- 
tober das Schiff mit dem vom Cabildo von Santiago abgesandten Pedro 
de Villagran und mehreren der schlimmsten Feinde des Valdivia, die 
er vor seiner Abreise nach Peru auf die oben geschilderte raffinierte 
Weise ihrer Schätze beraubt hatte, in Callao an. Am 28. Oktober über- 
reichte einer dieser chilenischen Kolonisten dem Gasca eine aus 57 
einzehien Anklagen bestehende Klageschrift gegen Valdivia. Diese Schrift 
war anonym eingereicht, weil die Kläger hofften als Zeugen vernommen 
zu werden. Aber sowohl Gasca als Valdivia durchschauten diese List. 
Die verschiedenen Klagen lassen sich in fünf Klassen einteilen: i) Un- 
gehorsam gegen die könighche Autorität oder die Vertreter derselben, 
von denen der Gouverneur von Chile abhing; 2) Tyrannei und Grausam- 
keit gegen seiine Untergebenen; 3) unersättliche Habsucht; 4) Gott- 
losigkeit; 5) ausschweifender Lebenswandel, der zum öffentlichen Skan- 
dal geworden*). 

In der Antwort auf diese Klage, welche Valdivia schon nach drei 
Tagen einreichte, gelang es ihm ziemlich gut, die erste der oben ge- 
nannten Anklagen zu widerlegen ; gegen die zweite Klagegruppe konnte 
er mit Recht anführen, dass seine Strenge gerecht und notwendig war, 
um die Colonie selbst und seine Autorität in derselben zu erhalten; 
gegen die dritte lieferte er den Beweis, dass er alle rechtmässig oder 
unrechtmässig erworbenen Gelder im Dienste der Krone verwendet 
habe. Die vierte und fünfte Anklage bestritt er einfach. — Gasca ver- 
fuhr mit der ihm eigenen Klugheit, Ruhe und Gerechtigkeit. Er Hess 
verschiedene Zeugen vernehmen und sprach zuletzt den Valdivia, obgleich 
er — wie aus seinen Briefen an den Rat von Indien ersichtlich**) — von 
der völligen Schuldlosigkeit desselben durchaus nicht überzeugt war, 
frei (19. November 1548). In dem Urteile wurde dem Valdivia anbe- 
fohlen: den Verkehr mit der Inez Suarez aufzugeben, derselben ihre 
Encomienda zu nehmen und sie innerhalb sechs Monate zu verheiraten 
oder nach Peru zu schicken***). Weiter sollte er keinen der in Chile 
ansässigen Spanier verhindern, das Land zu verlassen, seine Feinde 
nicht bestrafen oder verfolgen, und den von ihm ausgeplünderten 
Kolonisten ihre Schätze innerhalb eines Jahres zurückzahlen und keine 
neuen derartigen Zwangsanleihen machen. Gasca hatte auch festge- 
stellt, dass Pedro S. de Hoz nicht im Besitze von königlichen Pa- 
tenten war, die ihn zur Eroberung von Chile berechtigten, und dass 
Valdivia am Tode desselben unschuldig sei. 

*) D. Barros Ar^a, Proceso de Valdivia. S. 14. 
**) Besonders aus den S. 18^ — 193 bei D. Barros Arana, Proc. de Vald. ab- 
gedruckten. 

***) Diesem Befehle 4 resp. Urteile ist Valdivia nicht nachgekommen. 



32 H. Pölakowsky: 

Gasca selbst bat den Valdivia, möglichst bald seinen Marsch nach 
Chile mit möglichst vielen der im Lande plündernd umherziehenden, 
unzufriedenen spanischen Abenteurer anzutreten. Ehe diese Leute nicht 
aus dem Lande seien, wage man nicht, das in los Charcas fUr den König 
gesammelte Silber nach Lima zu bringen. Viele dieser christlichen 
Eroberer beabsichtigten sogar den Gasca", dieses Muster von Gerechtig- 
keit und Weisheit, diese Zierde der spanischen Nation, zu ermorden 
und einen neuen Bürgerkrieg zu beginnen, um in den Besitz grosser 
Encomiendas zu gelangen. — Am 21. Januar 1549 schiffte sich Val- 
divia mit einer circa 200 Mann starken Räuberbande im Hafen von 
Arica ein. 

Sehen wir nun, was in Chile während der langen Abwesenheit des 
Valdivia geschehen war. Nach der Hinrichtung des Sancho de Hoz 
und des J. Romero suchte Franc, de Villagran sich bei den Kolonisten 
durch kluge und gerechte Massregeln beliebt zu machen. Als man 
seit acht Monaten keine Nachricht von Valdivia erhalten hatte, stellte 
am 22. August 1548 der Procurador von Santiago, Bartolomd de Mella 
vor dem Cabildo den Antrag, man möge eine Botschaft nach Lima 
senden und daselbst um die Ernennung eines neuen Gouverneurs bitten, 
da Valdivia gestorben sei oder nicht zurückkommen wolle. Zum Ab- 
gesandten in dieser Angelegenheit wurde der Bruder des Vice-Gouver- 
neurs, Pedro de Villagran ernannt; derselbe sollte nach Lima odier 
selbst nach Spanien gehen und um die Ernennung eines Gouverneurs 
nachsuchen. Franc, de Villagran solle Vice-Gouverneur bis zur Rückkehr 
des Valdivia bleiben, oder bis der König andere Bestimmungen träfe, 
und im Falle des Todes des Valdivia, oder der Verhinderung desselben 
an der Rückkehr nach Chile, solle der Abgesandte um Ernennung des 
Franc, de Villagran zum Nachfolger des Valdivia bitten. Man gab dem 
Pedro de Villagran zwei Briefe verschiedenen Inhalts an Gasca mit, 
von denen er nach den Umständen den einen oder den andern abgeben 
sollte. In dem einen wurde mehr Valdivia, in dem anderen mehr Franc, 
de Villagran gelobt. Gong, de Marmolejo*) meint, dass Franc, de 
Villagran absichtlich mit demselben Schiffe, welches seinen Bruder nach 
Peru führte, die von Valdivia bei seiner Abreise ausgeplündertea 
Spanier nach dort sandte, um so den Valdivia zu verderben und selbst^ 
Gouverneur zu werden. Erwiesen ist diese Annahme aber in keiner 
Weise. 

Zu Anfang des Jahres 1549 versuchten die Eingeborenen der Pro- 
vinzen von Copiapö und Coquimbo das harte Joch der Spanier abzu- 
schütteln. Sie erschlugen über 40 Spanier in La Serena und Umgegend, 
zerstörten und verbrannten diese Stadt und töteten viele Pferde. Nur 
ein Spanier entging dem Gemetzel und brachte mit grosser Mühe die 

*) Hist. de Chile, cap. 8. 






k 



Zur Geschichte der Entdeckung und Eroberung von Chile. 33 

Nachricht nach Santiago. Villagran brach mit einem Teile seiner Leute 
zur Bestrafung der Rebellen auf, und in Santiago beobachtete man 
peinlichst alle Vorsichtsmassregeln gegen einen Überfall der Indianer. 
Alle erreichbaren Kaziken wurden in Santiago gefangen gesetzt und 
eine unbestimmte Anzahl von Indianern wurden gefoltert und verbrannt, 
um von denselben nähere Auskunft über den Umfang und den Plan 
des ganzen Aufstandes zu erhalten. 

Als Villagran noch mit dem Plündern, Morden und Verstümmeln 
der unglücklichen Einwohner der genannten nördlichen Provinzen be- 
schäftigt war, kam Pedro de Valdivia glücklich in Valparaiso an. (Mitte 
April 1549.)*) Er blieb hier i!^ Monat und erwartete die Rückkehr des 
Franc, de Villagran. Als dieser die nördlichen Provinzen „pacificiert", 
d. h. nach Kräften entvölkert und verwüstet hatte, begrüsste er den 
Valdivia in Valparaiso und zog dann mit ihm zusammen in voller Ein- 
tracht und Freundschaft in Santiago ein. Valdivia lobte wiederholt 
die Verwaltung des Franc, de Villagran während seiner Abwesenheit 
und ernannte denselben zu seinem Vice-Generalkapitän. (22. Juni 1549.) 
Sehr bald darauf sandte er ihn aber mit 36 000 castellanos, die er bei 
seinen Freunden auftrieb, nach Peru, um dem Gasca Bericht zu er- 
statten und neue Manschaften anzuwerben. Dann sandte Valdivia den 
Franc, de Aguirre zum Wiederaufbaue der Stadt Serena aus**), und be- 
willigte das Gesuch des Cabildo von Santiago, diese Stadt Santiago zur 
Hauptstadt des „Königreiches" zu erheben. 

Valdivia selbst dachte nun eifrigst daran, neue Repartimientos (Ver- 
teilung von Indianern unter die Spanier) zu schaffen, d. h. die südlich 
vom Maule wohnenden Indianer unter das spanische Joch zu beugen 
und sie dann als Sklaven unter seine Genossen in Form von Encomien- 
das zu verteilen. Es fehlte eben im bekannten Teile von Chile bereits 
an piezas, welche für die Spanier das Land bebauen und Gold suchen 
sollten. Ein schrecklicher Aberglaube decimierte die Bewohner Chile's 
fast ebenso stark als das Schwert der Spanien Dieser Aberglaube 
henrscht leid«r noch heut unter den unabhängigen Araucanen und trug 
mehr als die Civihsation und die Waffen der Chilenen zum Untergange 
derselben bei. Es ist dies der Wahn, dass jede Krankheit die Folge 
eines von einer oder mehreren Personen zugefügten Schadens sei. Es 
gab und giebt nun Wahrsager (adivinos), welche angeblich die Gabe 
besitzen, diese Urheber der Krankheit festzustellen, und die von ihnen 
bezeichneten Individuen werden ohne Gnade unter Martern getötet, 
damit der Kranke gesund oder sein Tod gerächt werde. Für jeden 
Indianer, der einer Krankheit erlag, mussten ein bis vier andere In- 

*) D. Barros A., Hist. Jener. I, S. 33a. 
**) Diese zweite Erbauung begann am a6. August 1549. Aguirre errichtete 
auch ein stärkeres Fort gegen etwaige neue Empörungsversuche und bestrafte die 
Indianer nochmals durch Ermordung einer grossen Anzahl derselbexv. 

Zeitschr. d. Oeselbcb. /. Erdk. Bd. XXI. ^ 



34 H. Polakowsky: 

dianer mit dem Leben büssen*). Valdivia befahl, diese Hexenmeister 
oder Wahrsager, welche die Anzahl der für die Spanier so wertvollen 
piezas verminderten, mit grosser Strenge zu bestrafen. 

Als Valdivia vor Antritt der geplanten Expedition sein Heer be- 
sichtigte, fiel er vom Pferde und brach den rechten Fuss (8. Sep- 
tember 1549), wesshalb er drei Monat lang das Bett hüten musste. 
Aber Anfang Januar 1550 brach er, in einem Stuhle getragen, an der 
Spitze von zweihundert Mann gen Süden auf, nachdem er am 20. De- 
zember 1549 sein Testament gemacht hatte, welches in der Kasse des 
königlichen Schatzes in Santiago aufbewahrt wurde**). Unterbefehls- 
haber des Heeres waren Jerönimo de Alderete und Pedro de Villagran. 
Als Vertreter des Gouverneurs blieb Rodrigo de Quiroga, ein edler 
und rechtschaffener Mann, der die königliche Autorität zu stärken 
stets bereit war, zurück. Kanonen hatte Valdivia's Heer nicht. Die 
ersten Kanonen wurden 1554 von Villagran im Kampfe gegen die 
Araucanen benutzt und diese nahmen alle sechs Geschütze in der ersten 
Schlacht. Die Feuerwaffen (arcabuces) der Spanier waren sehr schwer, 
und der Schütze pflegte eine Gabel mitzuführen, die er in die Erde 
stossen musste, um das Gewehr darin aufzulegen. Hierdurch wurde 
die Truppe an einem Platze festgebannt. Auch erforderte das Laden 
dieser alten Feuerrohre viel Zeit. Das Zündkraut wurde mit einer 
brennenden Schnur angezündet***). Trotz aller UnvoUkommenheit 
gaben diese Feuerwaffen den Spaniern doch eine ungeheuere Über- 
legenheit über die Eingeborenen, besonders in der ersten Zeit des end- 
losen Kampfes um den Besitz des Landes Arauco. Die Hauptmacht 
der Spanier bestand aber in den gepanzerten Reitern und den blanken 
Waffen derselben. Der Fusssoldat trug nur einen Brustharnisch, die 
Reiter aber waren von Kopf bis Fuss in Stahlharnische gehüllt. Ihre 
Waffen waren drei Meter lange Lanzen, Schwerter und Streitäxte. 

Was die Waffen der Araucanen betrifft, so bestanden dieselben 
zunächst aus Pfeil und Bogen. Die Pfeile hatten eine Länge von einem 
halben Meter und waren aus dem Holze der Coligue [Chusquea coleu) 
hergestellt. Die Spitze derselben war aus einem Knochen oder Stein 
gearbeitet und so befestigt, dass sie beim Versuche, den Pfeil aus der 
Wunde zu ziehen, in derselben stecken blieb. Vergiftet wurden die 
Pfeile nicht. Da diese Waffe gegen die Rüstungen der Spanier wirkungs- 



*) So ist es nach Aussage des Mönches Victorino Palavicino, welcher lange 
Zeit unter den Araucanen gelebt hat, bei diesen noch heut. (Amundtegui, Descubr. 
i conquista de Chile, II. edic. S. 197. 

**) In diesem Testamente bezeichnete Valdivia, auf Grund der ihm von Gasca 
erteilten Vollmacht, zu seinen Nachfolgern im Falle seines Todes in erster Reihe 
den Jeron. de Alderete, in zweiter den Franc, de Aguirre und in dritter den Franc, 
de Villagran. D. Barros A., Hist. Jener. II, S. 11 nota. 
***) D. Barros Arana, Hist. Jener. I. S. 381. 



Zur Geschichte der Entdeckung und Eroberung von Chile. 35 

los war, wurde sie bald von den Araucanen abgeschafft. Eine furcht- 
bare und bei den Araucanen ganz allgemein verbreitete Waffe war 
die Lanze. Sie hatte eine Länge von fünf bis sechs Metern und wurde 
und wird noch heut aus den Halmen der Quila (Chusquea quild) ange- 
fertigt. Das Ende des Schaftes wurde zugespitzt, leicht im Feuer ge- 
härtet und erreichte die Spitze eine solche Härte, dass sie die Kleider 
leicht durchdrang. An diesen Lanzen brach sich, als die Indianer ge- 
lernt hatten in geschlossenen Haufen zu fechten, der Anprall der 
spanischen Reiter. Selten wurden Knochen und Steine als Lanzen- 
spitzen gebraucht. — Die beste und für die Spanier gefährlichste 
Waffe der Araucanen war aber die Keule (maza; in Peru meist macana 
genannt), welche aus schwerem und festem Holze gearbeitet und zwei 
bis drei Meter lang war. Diese Keulen waren am unteren Ende etwa 
wie das Handgelenk stark und erweiterten sich nach dem vorderen 
Ende. Sie wurden mit beiden Händen geschwungen, und ein Schlag 
mit dieser Keule verursachte Beulen in den Helmen und Panzern der 
Spanier und betäubte den kräftigsten Mann oder warf ihn zu Boden. 
Oft wurden selbst Pferde durch einen Schlag hingestreckt und ihnen das 
Rückgrad zerbrochen*). Eine andere nicht minder wirksame Waffe 
waren die Wurfriemen (bolas), bestehend aus drei am Ende von Leder- 
schnüren befestigten Steinen, welche Schnüre am anderen Ende zu- 
sammengebunden waren. Der Krieger nimmt den kleinsten der Steine 
in die Hand, schwingt die anderen zwei wiederholt um den Kopf, und 
wenn die Waffe so eine gewisse Geschwindigkeit der Drehung erlangt 
hat, lässt er den Stein, den er in der Hand hatte, los, resp. schleudert 
ihn direkt gegen den Feind. Die weiter um sich selbst kreisenden 
Steine, resp. die Lederschnüre, an denen dieselben befestigt sind, er- 
fassen und umklammern den Feind und berauben ihn mehr oder weniger 
der freien Bewegung, und die Steine selbst zerschmettern die Glieder 
.des Feindes. Auch einfache Schlingen, lazos, womit sie die Reiter von 
den Pferden rissen, wurden von den Indianern im Kampfe gebraucht. 
Was die Defensiv- Waffen betrifft, so wurden dieselben, als tapferer 
Krieger unwürdig, nur von einigen Tribus getragen. Als man ihre 
Wertlosigkeit gegen die Feuerwaffen und Stahlklingen der Spanier 
erkannt hatte, wurden sie bald gänzlich abgeschafft. Sie bestanden 
in Brusthamischen, Schilden und Helmen aus dem Felle des Seelöwen. 
Najera erzählt, dass es eine wunderbare Sache sei, dass diese Wilden, 
die jeder Arbeit abgeneigt und denen jede Industrie und Kunstfertig- 
keit fremd war, die grösste Arbeit und Sorgfalt in der Herstellung und 
Erhaltung ihrer Waffen anwendeten. Nie trennten sie sich von den 
Waffen, wenigstens nicht von der Lanze, weder bei Tage noch bei 
der Nacht, weder bei ihren Trinkgelagen noch ihren Tänzen. 



♦) Eine Abbildung der macana giebt Ndjera, Deseng. \ teipaio elc. ^. \'i^. 



36 H. Polakowsky: 

Ich will an dieser Stelle, wie ich bereits an anderer Stelle versprochen, 
einige Angaben über Sitten und Gebräuche der Araucanen einschieben*). 

Die Araucanen lebten zur Zeit der Eroberung ohne engeren und 
organisierten politischen und socialen Zusammenhang. Die einzigen 
Centren waren die Familie und die Tribus. Jede Familie bewohnte 
ein aus Brettern und Balken erbautes Haus, welches von allen anderen 
Häusern entfernt errichtet wurde. Nie standen zwei oder mehr Häuser 
dicht bei einander. Es entsprang diese Sitte einerseits der Liebe zu 
unbeschränkter Freiheit und Unabhängigkeit, andererseits der Sorge 
und dem Misstrauen vor Schädigung durch Hexereien feindlicher Nach- 
barn. Die Häuser standen immer in der Nähe eines Waldes und eines 
Gewässers und meist an malerischschönen Stellen. Alle Bewohner badeten 
täglich, und auch in den Häusern selbst herrschte grosse Reinlichkeit. 
Die Vielweiberei war allgemein eingeführt, jeder Krieger hatte gewöhn- 
lich zwei bis vier, die Kaziken aber bis zwanzig Weiber. Die Mädchen 
wurden von . ihren Vätern an den meistbietenden Bewerber für Lebens- 
mittel, Hausgeräth und Waffen verkauft und führten ein elendes Leben 
in ihrer Ehe. Sie mussten wie Sklavinnen für ihren Eheherrn arbeiten ; 
die ganze Feldarbeit, Weberei, Töpferei etc. lag ihnen ob. Nur beim 
Hausbau legten die Männer mit Hand an. Die Frauen mussten für 
die Feste und Versammlungen grosse Quantitäten von Getränken be- 
reiten und diese, wie auch die Lebensmittel, ihren Männern auf grösse- 
ren Jagd- und Kriegszügen und zu den Fest-Versammlungen nach- 
tragen. Der Gatte war unbeschränkter Herr über seine Frauen und 
Kinder. Bei seinem Tode erbte der älteste Sohn den Besitz — wozu 
auch die Frauen gehörten — , oder er verteilte vorher seine Frauen 
nach seinem Belieben unter Verwandte und Freunde. 

Die Knaben wurden vom sechsten Lebensjahre an im Laufen und 
Schwimmen und im Gebrauche der Waffen unterrichtet. Sie erlernten 
bald, die reissenden Flüsse mit der Lanze im Munde zu durchschwimmen. 
Stärke und Tapferkeit galten als die ersten Tugenden. Die jungfräu- 
liche Reinheit der Mädchen wurde nicht bewacht oder geschützt oder 
geachtet, dagegen Ehebruch an der Frau streng bestraft. Auch konnte 
der Gatte die Ehebrecherin in das Haus ihrer Eltern zurückschicken, 
und musste ihm der Kaufpreis für diese Frau wiedererstattet werden. 



*) Ich habe für dieselben, wie auch schon für die Beschreibung der Waffen, 
als Quellen benutzt: Diego de Rosales, Hist. jener, de el Reyno de Chile. San- 
tiago 1877—78. Por B. Vicuna Mackenna. Alons. Gonz. de Ndjera, Desengano 
i reparo de la Guerra del Reino de Chile. Abgedr. in Colecc. de docum. in6d. 
para la Historia de Espana (por el Marq. de Miraflores i D. Mig. Salva), Tömo 4g. 
(Madrid 1866.) — J. Ign. Molina, Saggio sulla storia civile etc. — Diego Barros 
Arana, Hist. Jener. I, S. 49 — 114. — D. Alons. de Ercilla y Zuniga, La Araucana. 
— Pedro de Valdivia, Cartas al emperador i rei Carlos V. — Jos6 T. Medina, 
Los aborijenes de Chile. Santiago 1882. 



Zur Geschichte der Entdeckung und Eroberung von Chile. 37 

Die Hauptnahrungsmittel waren Fleisch von Huanacos {Auchem'a 
Huanaco H. Sw.) und Hirschen (Cervus chilensis u. C, pudu) und viele 
Fischarten, welche das Meer und die Flüsse lieferten. Mais und Bohnen, 
die erst seit der Eroberung des nördlichen Chile durch die Peruaner 
in Araucanien eingeführt waren, wurden allgemein cultiviert und daneben 
dienten die Früchte wildwachsender Pflanzen, besonders Erdbeeren 
(Fragaria chilensis), Kartoffeln, die Samen der Araucaria imhricata und 
die Haselnuss des Landes {Quadia heterophylla R. et Pav.) als Nahrung. 
Da die Indianer resp. ihre Frauen nur wenig Zeit und Mühe auf den 
Landbau verwendeten, so trat oft Mangel an Lebensmitteln ein, und 
in diesem Falle verzehrte die Mehrzahl der Araucanen, wie Näjera 
(1. c. 94) erzählt, Angehörige fremder Tribus, welche zufäUig ihr Gebiet 
betraten. D. Barros Arana nimmt diese Angabe des Näjera, den er einen 
„intelligenten Beobachter" nennt, als sicher an. Wahrscheinlich ist aber 
Kannibalismus in grösserem Umfange nur in Zeiten der grössten Hungers- 
not von einzelnen Tribus ausgeübt worden. Dass einzelne Gefangene 
bei den Siegesfesten geopfert und teilweise verzehrt wurden, ist aller- 
dings nicht zu bezweifeln. Ich glaube, dass die Nachrichten des Näjera 
mit Vorsicht und Misstrauen aufzunehmen sind, da er sich selbst wider- 
spricht und ausserdem an unzähligen Stellen den ganzen fanatischen 
Hass eines spanischen Eroberers gegen Indianer, die nicht „dienen" 
wollen, an den Tag legt. Er sagt z. B., dass die Araucanen unwürdig 
seien, vernünftige Wesen genannt zu werden. Es fehle ihnen jede 
Tugend, sie seien Zauberer, abergläubisch, Zeichendeuter, ohne Ge- 
rechtigkeit, Vernunft, Wahrheit und Gewissen und ohne das geringste 
Mitleid. Sie verehrten weder einen Gott noch hätten sie eine Religion, 
und man könne sagen, dass sie so handelten, um Niemand als ihrem 
Bauche zu gehorchen. — Derselbe Näjera schreibt aber, dass diese 
Indianer sich nie unter einander bestehlen, dass ein in die Thür des 
Hauses gestellter Zweig dieselbe sicher verschliesse (1. c. S. 100), und 
dass sie viele für die Heilung der Wunden und Krankheiten nutzbringende 
Kräuter kennen. Sie glauben an die Unsterblichkeit der Seele (1. c. S. 102). 
Ihre Vaterlandsliebe ist sehr gross, Niemand wandert aus (1. c. S. 104). 
Alle Araucanen sprechen dieselbe Sprache, obgleich dieselbe etwas 
variiert, auch in der Aussprache, je nach den verschiedenen Provinzen. 
Sie kennen keine Buchstaben und der Laut „s" fehlt in allen Worten 
ihrer Sprache. — Von den gefangenen Spaniern Hessen sie nach Näjera 
(1. c. 106 sig.) nur die Waffenschmiede und andere ihnen nützliche Hand- 
werker und diejenigen leben, die ihnen im Kriege helfen wollten. Die 
Weiber Hessen sie leben, um sie in ihre Harems zn stecken. Es ist 
dagegen erwiesen, dass die Araucanen vielen gefangenen Spaniern das 
Leben schenkten und dass das Loos dieser Gefangenen oft viel besser, als 
das der von den Spaniern gefangenen Araucanen war*). Die von den 

♦) Man lese nur : Franc. Nunez de Pineda i Bascunan, El c^iuViNmo \f?CvL^ Ssct 



38 H. Polakowsky: 

Spaniern erfahrenen Beleidigungen brachten die Araucanen in Verse 
und sangen dieselben vor dem Kampfe, um ihr Rachegefühl aufzu- 
stacheln. (Näjera, 1. c. S. 120.) Jeder Krieger hatte das Recht, den- 
jenigen zu töten, der in den Versammlungen oder bei den Trinkgelagen 
für den Frieden mit den Spaniern sprach. (Näjera, 1. c. S. 186.) Näjera 
ist ganz empört über folgende höchst verständige Rede, welche die 
Araucanen den Spaniern hielten, indem sie ihnen ihre Lanzen zeigten: 
„Dies ist mein Herr, dieser befiehlt mir nicht, dass ich Gold für ihn 
suche, noch dass ich ihm Futter (für die Pferde) oder Brennholz bringe, 
noch dass ich ihm das Vieh bewache, noch dass ich für ihn das Land 
bestelle und ihm diene. Und dieser mein Herr erhält meine Freiheit, 
bei ihm will ich bleiben und mit ihm gehen." 

Durch die Peruaner hatten die Araucanen erlernt aus der Wolle 
der Huanacos Gewebe anzufertigen, was eine Hauptbeschäftigung ihrer 
Frauen zur Zeit der Eroberung war. Einzelne Tribus gingen aber zu 
dieser Zeit noch fast völlig nackt und bedeckten nur einige Teile des 
Körpers mit Fellen und Binsengeflechten oder Baumrinden. Hüte und 
Schuhe waren unbekannt, die Haare wurden nie abgeschnitten, sondern 
nur mit Bändern umwunden. Die Araucanen bemalten sich weder Ge- 
sicht noch Körper, auch war Tätowierung und Durchbohrung der Lippen 
und Nasen, zur Einfügung von Schmucksachen, unbekannt. Als Schmuck 
dienten Ketten von bunten Steinen und Muscheln. 

Der tapferste und reichste Mann der Tribus war der Chef, und 
führte den Namen ulmen (Kazike). Seine Autorität war gering; er 
konnte weder die Justiz ausüben, noch Abgaben erheben. Nur wenn 
es sich um einen Kriegszug handelte, konnte er seine Krieger versammeln, 
musste dieselben dann aber in der betreffenden Versammlung auf seine 
Kosten bewirten. Die vielen Trinkgelage gaben oft Veranlassung zu 
Streitigkeiten, die in Kämpfe ausarteten. Wurde hierbei eine Person 
erschlagen, so konnte der Mörder durch ein Geschenk an die Ver- 
wandten des Erschlagenen die Rache abwenden; geschah dies nicht, 
so rief der beleidigte Teil durch den ulmen seine Tribus zusammen 
und diese beschloss einen Angriff auf die Tribus des Mörders (Rosales). 
Handelte es sich um eine gemeinsame Gefahr*), so schickte der zu- 
nächst interessierte ulmen Boten an die ulmenes der benachbarten Tribus 
und bat dieselben, mit ihren Kriegern an einem bestimmten Tage an 
einem bestimmten Orte zu einer gemeinsamen Versammlung zu erscheinen. 
Zur Beglaubigung erhielten diese Boten ein Bündel blutiger Pfeile, woran 
ein Finger eines erschlagenen Feindes gebunden war. Oft trugen die 
Boten auch die Köpfe der getöteten Feinde, auch Pferdeköpfe im 



3. Bde. der Coleccion de historiadores de Chile, Santiago 1863. Public, por D. 
Diego Barros Arana. 

*) Wie bei den Kämpfen gegen die Peruaner und dann gegen die Spanier. 



Zur Geschichte der Entdeckung und Eroberung von Chile. 39 

Lande umher. In diesen grossen Versammlungen wurde dann ein ulmen 
zum gemeinsamen Führer, toqui, erwählt. 

Doch kehren wir nach dieser Abschweifung zu Pedro de Valdivia 
und seiner Truppe zurück, welche zur Eroberung des Landes der 
Araucanen ausmarschiert war. — Bis zum Rio Itata fand man keinen 
Widerstand*). Nach Überschreitung desselben wurde den Eingeborenen 
durch einige Gefangenen angezeigt, dass sie sich der Oberhoheit der 
Spanier zu unterwerfen und denselben zu gehorchen hätten, da der 
Papst ihrem Könige Carl die absolute Herrschaft und alle Hoheitsrechte 
über Amerika und seine Bewohner zugesprochen habe. Natürlich blieb 
diese Nachricht, welche die Indianer einfach nicht verstanden, ohne 
Eindruck auf dieselben. Bald fanden auch einige kleine Scharmützel 
statt. Eine Schar von angeblich 2000 Indianern wollte den Übergang 
über den Rio Nivequeten, nach Diego Barros Arana der heutige Rio 
de la Laja, streitig machen, wurde aber mit leichter Mühe von der 
Reiterei zurückgeschlagen. 

Als das Heer am 24. Januar in die Nähe des Bio-Bio kam, wurde 
es zu verschiedenen Malen von zahlreichen Scharen tapferer Indianer 
heftig angegriflfen. Dieselben wurden zwar immer zurückgeschlagen, er- 
neuerten aber ihre Angriffe stets mit derselben Heftigkeit. Sie schwammen 
mit ihren Lanzen im Munde durch den breiten Strom und hinderten 
die Spanier bei allen ihren Bewegungen, machten ihnen die Erbauung 
von Flössen unmöglich. Valdivia gab es desshalb auf, hier den Fluss 
zu überschreiten, und marschierte weiter nach Osten. Aber auch hier- 
bei wurde er zu wiederholten Malen mit der grössten Heftigkeit ange- 
griffen. Valdivia ging trotzdem mit 50 Reitern über den Strom; als er 
aber das ganze Land voller feindlicher Krieger fand, ging er zum Lager 
zurück, führte das Heer über den Rio de la Lajä zurück und folgte dem 
Laufe desselben nach der Küste zu, d. h. nach Westen. 

Als er bis zum Thale von Andalien vorgedrungen war, wurde er 
in der Nacht des 22. Februar von einer grossen Schar von Indianern 
angegriffen**). Die Indianer, welche die Spanier ohne Ordnung und 
ohne Kriegskunst anfielen, fochten mit einer Hartnäckigkeit und Tapfer- 
keit, wie sie die Spanier noch nie gesehen hatten***). Die Spanier 
schienen verloren, da die Dunkelheit der Nacht den Gebrauch der 
Feuerwaffen und der Pferde fast unmöglich machte. Da befahl Valdivia 



*) D. Barros Arana, Hist. Jen. I, S. 384. 

**) Valdivia giebt die Stärke dieses indianischen Heeres in seinen Briefen an 
Carl V. auf 20 000 Mann an. Diese Zahl ist sicher sehr stark übertrieben, wie 
auch D. Barros A. annimmt. 

***) „Auf Ehrenwort kann ich versichern, dass ich — obgleich ich Ew. Maj. 
30 Jahre gedient und gegen viele Nationen gefochten habe — nie eine solche 
Standhaftigkeit bei andern Leuten gesehen habe." Dritter Brief des Valdivia an 
Carl V.) 



^Q H. Polakowsky: 

den Reitern, abzusitzen und nur mit Lanzen und Schwertern zu fechten 
Sechzig Pferde und eben so viele Spanier wurden verwundet, schreibt 
Valdivia. G. de Marmolejo dagegen erzählt uns, dass alle Spanier 
mehr oder weniger stark verwundet waren; aber nur einer wurde ge- 
tötet. Endlich wichen die Araucanen. Hätten sie den Angriflf noch- 
mals erneuert, so hätten sie sicher die völlig erschöpften und mit 
Wunden bedeckten Spanier vernichtet, wie der ehrliche G. de Marmo- 
lejo schreibt. Am Tage nach der Schlacht setzten die Spanier den 
Marsch nach der Bai von Talcahuano fort. 

Um einen Stützpunkt gegen weitere Angriffe zu schaffen, beschloss 
Valdivia eine neue Stadt am Bio-Bio, nahe der Mündung desselben, 
zu gründen und daselbst ein Fort zu erbauen. Es geschah dies am 
3. März 1550 an einer von den Eingeborenen Penco genannten Stelle; 
Valdivia nannte die neue Stadt Concepcion. — Die Araucanen, 
welche, wie Valdivia erzählt, die Spanier für Krieger der Incas hielten, 
beschlossen die Fremdlinge zu verjagen. Am 14. März rückten vier 
starke Heerhaufen der Araucanen unter Führung des Ainavillo*) 
auf die kleine Festung an. Valdivia liess den Jerönimo de Alderete mit 
fünfzig Reitern einen Ausfall machen, und voller Schrecken vor dem nie 
gesehenen Anblicke der gepanzerten Reiter flohen die Indianer, und gegen 
zweitausend derselben wurden niedergehauen und niedergeritten**). 
Gleich nach der Schlacht liess Valdivia den vierhundert Gefangenen, 
die in seine Hände gefallen waren, die Nasen und die rechte Hand 
abschneiden, zur Strafe für ihren Widerstand, und weil sie seinen Be- 
fehlen nicht gehorcht und den ihnen von Sr. Maj. angebotenen „Frieden" 
nicht angenommen hätten, d. h. weil sie nicht als Lasttiere und Sklaven 
für die „Christen" arbeiten und sich nicht von denselben ihre Güter 
und Weiber rauben lassen wollten, was die Spanier unter „Annahme 
des Friedens" verstanden. Dann gab er die Verstümmelten frei, damit 
sie ihren Landsleuten zeigen und sagen könnten, wie er „die Rebellen" 
bestrafe. 

Voller Schrecken über diese ihnen bisher unbekannten „christlichen" 
Zumutungen und Grausamkeiten fielen die Indianer in eine dumpfe 
Verzweiflung, kein Murren, kein Widerstand erhob sich gegen die Spanier. 
Zudem hielten sie die Hilfsquellen und die Macht der Fremdlinge für 
sehr bedeutend und wurden hierin bestärkt durch die Ankunft zweier 
Schilfe (am 20. März), welche J. Bautista Bastene führte, und welche 



*) D. AI. de Ercilla, Araucana. Ges. I, Vers 52. 
♦*) Diesen überraschenden und für die Spanier so unblutigen Verlauf der 
Schlacht von Penco schreiben die zeitgenössischen Historiker (Valdivia, Ercilla, 
Marmolejo) und viele der späteren Geschichtsschreiber (z. B. Rosales) einem 
„Wunder", d. h. der Erscheinung der Mutter Gottes und des Apostels Jacob zu. 
Derselbe ist aber einfach aus dem für die Indianer ungewohnten Anblicke der 
Pferde zu erklären. 



Zur Geschichte der Entdeckung und Eroberung von Chile. 41 

Lebensmittel und einige Verstärkungen brachten. Valdivia blieb den 
Winter hindurch in Concepcion, dann sandte er Schiffe unter Führung 
des Pastene und den Alderete mit sechzig Reitern auf dem Landwege 
in der Nähe der Küste gen Süden. Pastene kam bis zur Isla de la Mocha, 
Alderete nur bis zur Bucht von Arauco. Auf beiden Expeditionen wurden 
viele Lebensmittel geraubt und die üblichen Treulosigkeiten und Grau- 
samkeiten gegen die Eingeborenen verbrochen, welche dem Pastene an 
verschiedenen Stellen sehr freundlich entgegen kamen. Am 5. Oktober 
wurde der Cabildo von Concepcion ernannt und die Verteilung der 
umwohnenden Indianer an die Einwohner der neuen Stadt vorgenommen. 
Valdivia verbot aber, dass die Eingeborenen gleich zu den Arbeiten 
in den Goldminen benutzt würden, da er die Eroberung dieses Bezirkes 
von Penco doch noch nicht für gesichert hielt. 

Über die Gründung der Stadt und die ersten Verhandlungen mit 
den Kaziken der umwohnenden Stämme enthält ein Brief des Cabildo 
von Concepcion vom 15. Oktober 1550, gerichtet an den Prinzen 
Philipp (später Philipp IL) interessante Daten. Er findet sich abgedruckt 
in Diego Barros Arana, El proceso de Pedro de Valdivia, S. 247 
und 248. Am selben Tage (15. Oktober) reiste Alonso de Aguilera als 
Abgesandter des Valdivia an den spanischen Hof von Concepcion aus 
ab, um beim Könige verschiedene Titel und Privilegien für Valdivia zu 
erbitten. 

Ohne weitere Verstärkungen abzuwarten, eröffnete Valdivia im 

Februar 1551 mit einhundertsechzig Mann einen neuen Feldzug; fünfzig 

Mann liess er in Concepcion zurück. Er marschierte ohne Widerstand 

zu finden bis zum Rio Cauten und gründete daselbst, da das Land 

schön, fruchtbar und dicht bevölkert war, eine neue Stadt, welche er 

la Imperial nannte. (Ende März 1551.) Er liess auch hier gleich ein 

Fortaus Baumstämmen errichten und verteilte die umwohnenden Indianer 

unter die vierzig neuen Kolonisten, die er unter Befehl des Pedro de 

Villagran in Imperial liess. Die neue Stadt lag nicht weit vom Meere 

an der Vereinigung des Cauten mit dem Rio de las Damas. Da die 

Kaziken erklärten, dass sie sich der Autorität des Königes unterwürfen, 

trat Valdivia voller Zufriedenheit am 4. April den Rückmarsch nach 

Concepcion an. Dort angekommen, erhielt er bald eine Verstärkung 

von hundert Mann, welche ihm zwei Schiffe aus Peru zuführten. 

Zu dieser Zeit kehrte Francisco de Villagran aus Peru mit Ver- 
stärkungen zurück. Er hatte auf seinem Marsche einen Teil der heutigen 
Argentina der Autorität des Valdivia unterworfen, gegen die Befehle 
und Absichten des Präsidenten der Audiencia von Peru, P. de la Gasca, 
welcher den Kapitän Juan Nuiiez de Pradro mit der Regierung von 
Tucuman belehnt hatte. Villagran und Nunez de Prado gerieten bald 
auf dem gemeinsamen Marsche in Streit, da der erstere ungehalten 
über die Absichten des letzteren war. Villagran wusste, dass Valdivia 



42 N« Polakowsky: 

das ganze Gebiet bis zum atlantischen Ocean für sich beanspruchte. 
Villagran hatte 200, Nunez de Prado nur 80 Mann zu seiner Verfügung, 
und beide wetteiferten auf ihrem Marsche in der Misshandlung der 
Eingeborenen. 

Nufiez de Prado gründete in seinem Gebiete eine Stadt und nannte 
dieselbe Barco. Dieselbe lag nahe beim Rio Escaba und dem heu- 
tigen Dorfe Naranjo Esquina, weit westlich von Santiago del Estero 
aber fast auf demselben Breitegrade*). Da das Gebiet des Valdivia 
100 Leguas breit war, so lag die neue Stadt allerdings in der dem 
Valdivia gehörigen Provinz. Villagran trennte sich von de Prado und 
setzte seinen Marsch langsam, d. h. das Land durchforschend, in süd- 
licher Richtung fort. In dieser eingehenden Untersuchung des Landes 
sah Nunez de Prado einen Eingriff in seine Rechte und griff das Lager 
seines Gegners, dasselbe plötzlich überfallend, an. Nach heftigem 
Kampfe mussten sich die Angreifer zurückziehen. Villagran verfolgte 
den de Prado und seine Leute mit sechszig Reitern und besetzte Barco 
ohne Widerstand. Erst durch Vermittelung des Pfarrers der kleinen 
Stadt wurde ferneres Blutvergiessen verhindert, und es kam ein Über- 
einkommen zustande, wodurch Nunez de Prado die Oberhoheit des 
Pedro de Valdivia anerkannte und als Vertreter desselben in dem 
Gebiete von Tucuman, welches als ein Teil von Nueva Estremadura be- 
zeichnet wurde, weiter verbleiben wollte. Nunez de Prado, welcher in 
anderer Weise seinen Kopf nicht retten konnte, musste sich diesen 
Bedingungen fügen und sich neu von Villagran im Namen Valdivia's 
mit Tucuman belehnen lassen. Kaum hatte aber Villagran seinen Marsch 
nach Chile angetreten, als Juan Nufiez de Prado sich wieder von der 
Oberhoheit des Valdivia feierlich lossagte und nach Peru ging, um sich 
daselbst bei der Audiencia zu beklagen. 

Mitte Mai 1551 kam Villagran mit seinen Truppen an der Ostseite 
der Anden in der Gegend von Cuyo etwa in der Breite von Santiago 
an **). Da der Winter bereits eingetreten war, ging nur Diego de Mal- 
donado über das Gebirge und brachte dem Valdivia die Nachricht 
von der Ankunft seines Unterfeldherrn. Dieser selbst wartete auf der 
Ostseite der Anden den Eintritt des Sommers ab und benutzte die 
unfreiwilhge Müsse zu einigen Expeditionen in südlicher Richtung, um 
die Stadt de los Cdsares aufzusuchen, von welcher die Sage ging, dass 
sie in dieser Gegend gelegen wäre und von einer civilisierten und zahl- 
reichen Nation bewohnt sei, welche grosse Reichtümer an Gold und 
Silber besässe. Wir sehen also, dass die Sage von einem El Dorado, 
welches so eifrig in Columbien und Guiana gesucht wurde, auch unter 
den Eroberern der Südspitze Süd-Amerika's verbreitet war, und dass 



*) D. Barros Arana, Hist. Jener. I, S. 401 nota, 
**) D. Barros Arana, Hist. Jener. I, S. 40a. 



Znr Geschichte der Entdeckung und Eroberung von Chile. 43 

dasselbe in Patagonien liegen sollte*). Nach vergeblichen Anstrengungen 
und zahlreichen Kämpfen mit den Comechingones (welche die heutigen 
Provinzen La Rioja, San Juan und Cördoba bewohnten), in denen die 
Spanier viele Pferde verloren, kehrte Villagran nach Cuyo zurück und 
trat im Oktober den Marsch nach Chile über die Gebirge an. 

Valdivia hatte inzwischen endlich eine Antwort auf seine fünf an 
Carl V. gerichteten Briefe erhalten. Prinz Philipp schrieb ihm im 
Namen seines kaiserlichen Vaters, dass man von seinen Diensten und 
seiner Person Notiz genommen und ihn dem Gasca empfohlen habe. 
Valdivia wurde durch diesen ziemlich inhaltslosen Brief zu neuen Thaten 
begeistert und brach bereits am 5. Oktober 1551 mit 200 Mann von Con- 
cepcion auf. Er durchzog ohne Kampf den grösseren Teil des Küsten- 
striches von Arauco, berührte Imperial und drang weiter nach Süden 
vor. Die Gegend am Rio Tolten war dicht bewohnt und also Material 
zu einer neuen Stadt, d. h. piezas für neue Encomiendas vorhanden. 
Im Thale von Mariquina, durchströmt vom Rio de Cruces, schlug Val- 
divia das Lager auf und sandte den Alderete mit einer Schar zur 
Durchforschung der östlichen Gegenden ab. Die Teilung der Macht 
benutzten die Araucanen zu einem Angriffe auf das Lager; sie wurden 
aber mit grossem Verluste zurückgeschlagen. Bald darauf stiess Franc, 
de Villagran mit etwa 200 Mann Hilfstruppen aus Peru zum Valdivia 
und dieser setzte den Marsch bis zum Rio Calle-calle fort. Die 
Spanier folgten dem Laufe desselben nach der Küste zu, setzten mit 
einigen Schwierigkeiten, da der Strom durch die heftigen Regengüsse 
stark angeschwollen war, über denselben und gründeten (Anfang Fe- 
bruar 1552) in der Nähe der Mündung des Stromes bei einem schönen 
Hafen eine neue Stadt, welcher ihr Führer seinen eigenen Namen, 
Valdivia gab. "Sie sollte der Ausgangspunkt für die Eroberung des 
ganzen Landes bis zur Magellan's-Strasse sein. Hier blieben 70 Spanier 
unter Befehl des Licentiaten J. Gutierrez de Altamirano, während Val- 
divia mit IOC Reitern nach Süden und Alderete mit einer Schar gen 
Osten marschierte. (Anf. März.) Alderete sollte in der Nähe der 
Cordilleren einen passenden Platz zur Gründung einer neuen Stadt aus- 
suchen. Er kam zu einer fruchtbaren Hochebene, auf welcher ein See liegt, 
dem der Rio Tolten entspringt. In der Nähe befand sich ein leidlich 
bequemer und den Eingeborenen bekannter Übergang über die Cor- 
dillere. Hier gründete Alderete eine neue Stadt (Anfang April 1552) 
und nannte sie Villarrica. Er Hess hier vierzig Mann, setzte einen 
Cabildo ein und kehrte nach Valdivia zurück. Pedro de Valdivia selbst 
war auf seiner Expedition nur bis zum Lago de Ranco gekommen und 
hatten ihn dann die heftigen Regengüsse zur Umkehr nach Valdivia 



*) Über die Entstehung der Sage der ciudad de los C^sares s. Lozano, 
Hist. de la conq. del Paraguai, IIb. IV, cap. i. 



44 H. Polakowsky: 

gezwungen. Hier verteilte er die Eingeborenen des ganzen Gebietes 
bis südlich von Valdivia unter die Bewohner der neuen Städte (April), 
und kehrte darauf nach Concepcion zurück (Mai 1552), um daselbst 
den Winter zu verbringen. 

Valdivia war überzeugt, dass er den grössten Teil des Südens 
erobert habe, während er in Wirklichkeit nichts anderes gethan hatte, 
als seine Truppen in unkluger Weise über ein sehr weites Gebiet des 
Landes zerstreut zu haben, welches er am Tage eines allgemeinen 
Aufstandes der Eingeborenen nicht verteidigen konnte. Bis dahin 
(Ende 1552) hatten nur einzelne Tribus gegen die eingedrungenen 
Fremdlinge gefochten. An dem Tage, an welchem diese Barbaren 
erkannten, dass die Gefahr für alle gemeinsam sei, und dass die Skla- 
verei, womit sie die Eroberung bedrohte, sich nicht auf diesen oder 
jenen Punkt des Gebietes beschränke, musste die Erhebung eine furcht- 
bare werden. Dann mussten die in viele Städte verteilten und zer- 
streuten Spanier unfähig sein die Feinde niederzuhalten, auf welche sie 
mit so grosser Verachtung herabsahen*). Da noch immer kein Bescheid 
aus Spanien eingetroffen war, wodurch der König die von Gasca voll- 
zogene Ernennung des Valdivia zum Gouverneur von Chile bestätigte, 
beschloss dieser abermals einen Boten an den spanischen Hof und den 
Rat von Indien zu senden. Er wählte hierzu den Jerönimo de Alderete, 
welcher mit Briefen des Valdivia und der Cabildos der verschiedenen 
Städte Ende Oktober 1552 von Valparaiso abfuhr. Valdivia wusste 
damals noch nicht, dass Carl V. am 31. Mai 1552 in Madrid ein Dekret 
zu seinen Gunsten unterzeichnet hatte, wodurch er lediglich alle Be- 
stimmungen des Gasca bezüglich der Macht und Rechtstitel des Val- 
divia bestätigte**). Alderete brachte das erste chilenische Gold, über 
siebzigtausend Pesos, nach Spanien. Um die Kosten dieser Botschaft 
zu decken, verkaufte Valdivia viele piezas seiner grossen Encomienda, 
welche am Bio-Bio begann, an den Meistbietenden, sowie ein Guts- 
besitzer in einem civilisierten Staate in ähnlicher Lage seine Schafe 
oder Rinder verkauft. In dem Schiffe des Alderete gingen aber auch 
einige wahrheitsgetreue Berichte über die Thaten der Spanier in Chile 
und über die unmenschliche Bedrückung der Eingeborenen nach 
Spanien. 

Im Oktober des Jahres 1552 war Valdivia nach Santiago gereist. 
Er stand jetzt auf der Höhe seiner Macht und änderte sein Benehmen 
gegen seine Umgebung, resp. legte sich keinerlei Zwang mehr auf, um 
die Sympathieen seiner Untergebenen zu gewinnen. Er zeigte Willkür 



*) D. Harros Arana, Hist Jener. I, S. 407. 
**) Dieses Dekret ist abgedruckt bei Diego de Rosales, Historia jeneral de el 
Reyno de Chile. I, S. 274 und bei Mig. L, Amundtegui, Cuestion de limites 
etc. I. S. ^6%—^yl. 



Zur Geschichte der Entdeckung und Eroberung von Chile. 45 

und geriet über jeden Widerspruch in die zornigste Aufregung*). Er 
zwang den Cabildo von Santiago, seinem Willen zu gehorchen, ob- 
gleich die Majorität desselben ihre Unabhängigkeit tapfer verteidigte. 
Im November schickte Valdivia von Santiago über Serena ein 
Expedionscorps, geführt von Franc, de Aguirre, aus, um seine Autorität 
in Tucuman zu retablieren. Ende Dezember 1552 ging er selbst aber- 
mals nach Concepcion und schickte von hier zwei neue Expeditionen 
aus. Die erste unter Franc, de Villagran sollte von Villarrica aus in 
östlicher Richtung bis zum atlantischen Ocean vordringen. Die zweite, 
welche unter Befehl des Franc, de UUoa stand, sollte zu Wasser die 
Magellan's-Strasse erreichen und die Küste des heutigen Patagoniens 
durchforschen und erobern. Valdivia wollte durch diese Besitzergreifung 
der ganzen Südspitze von Süd-Amerika anderen Eroberern zuvorkom- 
men und sich durch die Magellan's-Strasse in direkte Verbindung mit 
Spanien setzen und sich unabhängig von Peru machen. — Die Anzahl 
der zu dieser Zeit in Chile wohnenden Spanier schätzt D. Barros Arana 
auf etwa tausend. 

Franc, de Villagran kam bis zu den argentinischen Pampas und 
hatte hier heftige Kämpfe mit den Eingeborenen, den Puelkern, zu 
bestehen, welche ihm einige Leute töteten. Er traf weiter auf einen 
grossen Strom, an welchem er vergebens eine Übergangsstelle suchte, 
und welcher ihn zur Umkehr bestimmte **). Dieser Strom ist unzweifel- 
haft der heutige Rio Negro gewesen. Diego Barros A. (Hist. Jener. I, 
S. 417 nota) glaubt, dass diese Expedition in den ersten Monaten 
des Jahres 1553 ausgeführt wurde ; specielle Daten über dieselbe fehlen. 
Ende Oktober 1553 war bereits die zweite Expedition aus dem Hafen 
von Valdivia abgefahren. Ulloa drang mit seinen zwei Schiffen in die 
Magellan's-Strasse ein (Januar 1553), kehrte aber zurück, bevor er den 
atlantischen Ocean erreicht hatte. Er kam im Februar 1554 nach dem 
bewohnten Teile Chile's zurück, als Valdivia bereits dem rächenden 
Arme der Krieger Arauco's erlegen war. 

Trotz des Misserfolges dieser beiden Expeditionen blieb der Stern 
Valdivia's auf seiner Höhe stehen. Zahlreiche Indianer mussten für 
ihn Gold waschen und graben***), und sein Reichtum und seine Macht 
wuchsen von Tag zu Tag. Er hatte bereits Mitte 1553 den Spaniern die 
Erlaubnis erteilt, ihre Indianer zur Goldgewinnung zu benutzen, und 
die ersten Erträge dieser Arbeiten waren sehr ermutigend. Valdivia 
erhielt aus seinen Minen täglich im Durchschnitte 1000 pesos f ). Nach 
Erdlla belief sich der Ertrag der Arbeit von vielen Tausenden india- 
nischen Sklaven auf täglich 12 Mark, und da die Mark gleich einem 

*) Gong, de Mannolejo, 1. c. cap. 15. 
**) Gong, de Mannolejo, 1. c. cap. 14. 
***) Herrera, Hist. general. Dec. VIII, lib. 7, cap. 5. 
f) Diego de Rosales, Hist. jener. I, S. 470, 



4g H. Polakowsky: 

halben Pfunde war, schätzt Rosales diese Angabe Ercilla's als einer 
Summe von etwas weniger als 1200 pesos ä 8 Realen entsprechend. 
Bei Rosales befindet sich eine eingehende Schilderung der schreck- 
lichen Bedrückung der Indianer durch die Spanier, und der unmensch- 
lichen Behandlung derselben und ihrer Frauen. Um den Weg längs 
der Küste zwischen Concepcion und Imperial zu sichern, liess Valdivia 
das Fort Arauco nahe der Küste erbauen. Dieser Name Arauco, 
welcher den Eingeborenen unbekannt war, ging später auf das ganze 
Land südlich vom Bio-Bio über und hat sich bis heut erhalten. Er 
rührt von dem peruanischen Worte auca her, womit die Spanier die 
feindhchen, kriegerischen, d. h. sich der Sklaverei widersetzenden 
Indianer bezeichneten. Im November 1553 sandte Valdivia den Franc, 
de Villagran abermals mit einer Truppe aus, damit derselbe im Süden 
von Valdivia eine neue Stadt gründe. Dieselbe sollte, zu Ehren von 
Valdivia's Gemahlin, Santa Maria de Gaete genannt werden. Ende 1553 
befand sich Villagran in dieser Gegend. Es ist auflfalfend, dass Val- 
divia den Villagran stets fern von Santiago hielt und ihm die schwierigsten 
Aufträge erteilte. Wahrscheinlich fürchtete er die Popularität und 
Klugheit desselben. 

Den eigentlichen Kern des Landes Arauco, gelegen zwischen dem 
Bio-Bio, den Anden, dem Rio Tolten und der Küsten-Cordillere, hatten 
die Spanier bisher noch nicht betreten. Hier war aber das Centrum 
der Macht der Eingeborenen Chile's. Obgleich nur ca. loooQ.-Leguas 
gross, zum grössten Teile von Urwäldern bedeckt und nur von höch- 
stens 250 000 Indianern bewohnt, sollte doch die Eroberung 
dieses Viereckes, welches durch seine eigentümliche Terrainformation 
eine natürliche Festung bildet, den Spaniern unüberwindliche Hinder- 
nisse bereiten. Hier wohnten die tapfersten und freiheitsliebendsten 
Eingeborenen Amerika's, deren Thaten noch nie genügend gepriesen 
worden sind. Die Küstengegend hatte Valdivia durchzogen und einen 
Teil seiner Leute an verschiedenen Stellen zurückgelassen, wie wir oben 
erzählt haben. Wo die Spanier sich gerade befanden, da hatten sie 
die Obergewalt, aber von einer eigentlichen Unterwerfung und Aner- 
kennung der Oberhoheit der Weissen war keine Rede. 

Ende iSS3 drang Valdivia in das eben bezeichnete, relativ dicht 
bevölkerte Centrum von Arauco ein. Die Bewohner desselben hatten^ 
wie D. Barros Arana glaubt, an den bisherigen Kämpfen gegen die 
Spanier nicht oder nur in geringer Anzahl Teil genommen. Ein auf- 
merksames Studium der alten Historiker und Dokumente lässt in der 
That erkennen, dass zur Zeit des Valdivia der Zusammenhang zwischen 
den einzelnen Tribus, welche das mittlere Chile bewohnten, ein sehr 
lockerer war. Es fehlte das Nationalgefühl; die verschiedenen Tribus 
wurden erst durch die ihnen allen drohende Sklaverei allmähhch zur 
Einigkeit gebracht. Leider war diese aber nur immer von kurzer Dauer, 



Zur Geschichte der Entdeckung und Eroberung von Chile. 47 

und so erklären sich die vielen glücklichen Feldzüge, welche die Spanier 
in ihrem fast dreihundertjährigen Kampfe gegen die Araucanen zu ver- 
zeichnen haben. Ihre ersten Erfolge verdankten die Spanier, wie schon 
gesagt, ihren Pferden und Waffen. Valdivia Hess in diesem Gebiete 
der eigentlichen Araucanen zwei Forts erbauen. Das erste, Tucapel 
genannt, lag an der Westseite der Küsten-Cordillere; das zweite, Puren, 
wurde an der Ostseite desselben Gebirgszuges erbaut. Östlich von 
diesen kleinen Festungen in der Ebene, gegen die Mitte des oben an- 
gegebenen Viereckes hin, gründete Valdivia eine neue Stadt und nannte 
sie Ciudad de los Confines oder Angol. Verschiedene Einwohner von Con- 
cepcion und Imperial wurden in diese neue Stadt verpflanzt und er- 
hielten reiche Encomiendas. Die Indianer verhielten sich in den ersten 
Wochen völlig apathisch. Valdivia hatte jetzt sieben Städte (Santiago, 
la Serena, Concepcion, Imperial, Villarrica, Valdivia und Angol) und 
drei Forts (Arauco, Tucapel und Puren) in Chile erbaut und hielt seine 
Herrschaft für vöUig gesichert. Er dachte ernstlich an eine Expedition, 
welche er selbst zu Lande bis zur Strasse des Magellanes führen wollte. 
Aber die Ruhe der Araucanen war nur von kurzer Dauer. Als dieselben 
zur Arbeit in den Minen gezwungen wurden und unmenschliche Prügel 
bekamen, wenn sie nicht eine bestimmte Quantität Gold ablieferten, 
als ihre Frauen zu den schwersten Arbeiten (Häuserbau, Anfertigung von 
adobes etc.) gezwungen wurden, und ihre Töchter die Concubinen der 
biederen „Christen" sein mussten, da beschlossen sie: das unwürdige 
Joch abzuwerfen, oder mit den Waffen in der Hand zu sterben. Sie 
feierten zu diesem Zwecke eine ihrer in ähnlichen Fällen üblichen Zu- 
sammenkünfte. Es ist ziemlich sicher, dass diese Zusammenkunft, von 
der uns Ercilla erzählt*), nur von den in der Nähe von Tucapel und 
Angol wohnenden Tribus besucht war. Diese Tribus griffen zu den 
Waflfen und fielen zu Anfang Dezember 1553 den Diego de Maldonado 
an, welcher^ mit^fünf Soldaten von Arauco nach Tucapel reiten wollte. 
Vier Soldaten wurden getötet und nur Maldonado und ein Soldat ent- 
kamen mit grosser Mühe und schwer verwundet. In Tucapel stand 
damals Martin de Ariza (so von Gong, de Marmolejo und Ercilla ge- 
schrieben) mit einer geringen Anzahl von Soldaten. Herrera**) giebt 
dieselbe auf 40 an; wahrscheinlich ist sie aber auf die Hälfte zu redu- 
deren. D. Barros Arana nimmt an, dass hier mindestens 12 Mann 



*) La Araucana, Ges. II, Vers 8—60. Dafs der daselbst geschilderte Wahl- 
Modus, die Prüfung der Körperkraft durch das Tragen eines ungeheuren Baum- 
stammes, welchen ein einzelner Mensch überhaupt nicht bewegen kann, eine 
dichterische Freiheit ist, braucht wohl kaum hervorgehoben zu werden. Selbst 
%n. Molina (1. c. lib. m., cap. 2), welcher leider manche dichterische Übertreibung 
ind Ausschmückung des Ercilla in seine „Geschichte« aufgenommen hat, unter- 
drückt diese Fabel. 

♦*) Hist. general de los hechos etc. Dec. Vni. lib. 5, cap. ^. 



48 H* Polakowsky: 

standen. Ariza Hess auf die Nachricht vom Angriffe der Indianer auf 
Maldonado einige der umwohnenden Kaziken im Fort gefangen setzen und 
denValdivia um schnelle Sendung von Hilfstruppen bitten. Die Araucanen 
beschlossen jetzt zunächst Tucapel anzugreifen. Der Name des er- 
wählten Toqui ist uns nicht erhalten; sicherlich war es nicht Canpolican, 
wie Ercilla erzählt*). 

Lautaro, dessen Name durch die hohen Verdienste, die er sich 
um die Freiheit Arauco's erworben hat, unsterblich geworden ist, 
war damals etwa i8 Jahre alt und diente dem Valdivia zur Wartung 
und Pflege seiner Pferde. Valdivia hatte ihn, da er ihm wegen seiner 
schönen Gestalt gefiel, bei einem seiner zahlreichen Raubzüge zu seinem 
Sklaven gemacht und in sein Haus genommen. Er hatte von den 
Spaniern den Namen Alonso erhalten. Lautaro war bald nach der 
ersten Versammlung seiner um Tucapel wohnenden Landsleute zu den- 
selben geflohen, um ihnen seine bei den Spaniern gemachte Kriegs- 
erfahrung zur Verfügung zu stellen**). 

Die Araucanen beschlossen sich des Forts Tucapel durch eine 
Kriegslist zu bemächtigen. Sie schickten circa achtzig Mann mit Holz 
und Futter für die Pferde der Spanier bestimmt nach dem Fort, und 
dieser Truppe öffneten die Spanier ganz unbesorgt das Thor. Im 
Inneren der Festung aber zogen die Indianer die bisher verborgenen 
Waffen hervor und fielen über die Spanier her, von denen sie viele 
töteten und verwundeten, ehe es den Spaniern gelang, sie durch die Über- 
legenheit ihrer Waffen und ihrer Kriegskunst aus der Festung zu treiben***). 
Als Ariza aber mit einer kleinen Schar von Reitern ausfiel, stiess er 
auf einen grösseren Heerhaufen, welcher ihn zum schleunigen Rückzuge 
nach dem Fort zwang. Ariza sah ein, dass er mit den sechs ihm noch 
verbhebenen Soldaten, welche sämtlich verwundet waren, das Fort 
nicht länger halten konnte. Er entfloh also mit denselben in der Nacht 
brach sich durch die belagernden Indianer Bahn und kam. Dank der 
Dunkelheit der Nacht und der Schnelligkeit der Pferde, glücklich nach 

*) Queupulican, Kazike von Pilmaiquen, wird von den alten Historikern 
(Marmolejo und M. de Lobera) erst viel später als Toqui, der gegen D. Garcia 
Hurtado de Mendoza focht, angeführt. Molina und Rosales folgten aber dem 
Ercilla und so figuriert Queupulican bis heut in den meisten Büchern als Besieger 
des Valdivia. (S. z. B. A. Bastian, Culturl d. alten Amerika I, S. 21.). 

**) Gong, de Marmolejo, Hist. de Chile 1. c. S. 64; D. Barros Arana, Hist. 
Jener. I, 422 und 428. 

***) Über diese und die folgenden Kämpfe führe ich als Quellen an: Herrera, 
Hist. gen. Dec. VIH, lib. 7. cap. 5 und 6. — Gong, de Marmolejo, Hist. de 
Chile, cap. 14. — Ercilla, Araucana, Ges. U und III. — Diego Fernandez, Historia 
del Peru, H. lib. 2, cap. 37. — Garcilaso de la Vega, Comentar, Reales I, 
lib. 7, cap. 20—24. — Diego Barros Arana, Hist. Jener. I, S. 422—443. — 
Diego de Rosales, Hist. Jener, etc. I, S. 476 f Die Schilderung der ersten Un* 
ruhen ist bei Rosales trostlos confuse. 



Zur Geschichte der Entdeckung und Eroberung von Chile. 49 

Puren. Vor der Räumung von Tucapel beging dieser Unmensch aber 
noch das Verbrechen, die gefangenen Kaziken in scheusslicher Weise 
(durch einen spitzen Pfahl) ermorden zu lassen. 

Die Araucanen legten das verlassene Fort, nachdem sie dasselbe 
geplündert hatten, sofort in Asche und sandten Leute weiter im Lande 
umher, welche diesen Erfolg verkündigen und die entfernter wohnenden 
Tribus zur Ergreifung der Waffen auffordern mussten. Zahlreiche 
Scharen derselben folgten dem Rufe und versammelten sich bei Tucapel 
(Mitte Dezember 1553.) Valdivia erhielt die Nachricht von dem ersten Angriffe 
der Indianer (auf Maldonado) in Concepcion, wo er die Vorbereitungen 
zu seinem grossen Zuge nach der Magellan's-Strasse traf. Er beschloss 
sofort selbst zur Unterdrückung des Aufstandes der Indianer von Tucapel 
aufzubrechen und verliess Concepcion am 20. Dezember. 

Valdivia besuchte zunächst die Goldwäschen, in denen viele Indianer 
unter Aufsicht einer Abteilung Spanier (nach einigen Historikern sech- 
zig Mann) arbeiteten. Dorthin war die Nachricht von dem Aufstande 
noch nicht gedrungen. Valdivia blieb einige Tage bei den Goldwäschen 
und Hess zur Sicherung derselben ein Fort erbauen. Es ist ihm dies, 
besonders von Ercilla, zum Vorwurfe gemacht worden und diese Vor- 
sichtsmassregel zur Lokalisierung des Aufstandes ist als eine durch seinen 
Geiz und Golddurst veranlasste, unnötige Verzögerung ausgelegt worden. 
Es ist dies entschieden ungerecht. In dem neuen Fort liess der Feld- 
herr den Diego Diaz mit etwa vierzig Mann, unter denen auch der spätere 
Historiker Marino de Lobera*). Auch sandte Valdivia Boten nach 
Imperial und verlangte von dort zwanzig Reiter. Er sammelte dann 
indianische Hilfstruppen (Chilenen und Promaucas) und marschierte nach 
dem Fort Arauco. Hier zog er einen Teil der Garnison an sich**). 
Sein Heer bestand jetzt aus sechzig berittenen Spaniern (Ercilla und 
Mar. de Lobera) und zwei- bis dreitausend mit Bogen, Pfeilen und 
Lanzen bewaffneten Indianern. Mit dieser Streitmacht, welche der 
Gouverneur durch die Garnison von Tucapel zu verstärken gedachte, 
glaubte er den Aufstand dämpfen zu können. Zudem war auch den 
zwanzig Reitern aus Imperial das Fort Tucapel als Vereinigungsplatz 
mit dem Hauptheere bezeichnet worden. Von der Zerstörung dieses 
Forts hatte Valdivia noch keinerlei Nachricht erhalten. 

Die Araucanen waren durch ihre Spione von allen Bewegungen des 
Feindes unterrichtet und hielten deshalb eine neue Ratsversammlung 



♦) Valdivia hatte am Abend des %o. Dezember Concepcion mit 15 Reitern 
verlassen. Es war ein böses Omen, dass sein Pferd, welches sich sonst stets sehr 
fromm gezeigt hatte, seinen Reiter nicht annehmen und sich nicht von der Stelle 
bewegen wollte. Dann verirrte sich die kleine Truppe in der Nacht und wahr- 
scheinlich benutzte Lautaro diese Verwirrung, um zu entfliehen. 

**) Es blieben in Arauco (nach Rosales 1. c. S. 482) ein Kapitän (D. de 
Maldonado) und ig Mann zurück. 

Zeitschr. d. Gcselbch. /. Erdk. Bd. XXI. \^ 



50 H. Polakowsky: 

zur Feststellung des Feldzugsplanes. Hier hielt Lautaro eine Anrede, 
welche seine Landsleute zu dem folgenden siegreichen Kampfe be- 
geisterte. Er erzählte den Indianern, dass die Spanier und ihre Pferde 
(„Schafe der Incas" von den Araucanen genannt) sterblich seien, 
und dass sie durch viele Arbeit und Bewegung ermüdeten und ihre 
Kraft und ihren Mut verlören. Er riet desshalb dazu, die Armee in 
mehrere Haufen zu teilen und durch einen nach dem anderen die 
kleine Anzahl der Spanier anzugreifen, bis diese und ihre Pferde völlig 
ermüdet seien, und dann einem allgemeinen Angriffe sicher erliegen 
würden. 

Als passendes Terrain für die Durchführung dieser Kampfesweise 
erwählte Lautaro ein östlich der Küsten-Cordillere belegenes Hoch- 
plateau in der Nähe der Ruinen des Forts Tucapel, welches Plateau 
vom Rio Tucapel bespült, steil zu demselben abfällt, so dass die Pferde 
an diesen Rändern und Abhängen nicht zu verwerten sind*). Ein 
grosser Teil der Hochebene war zudem mit Gehölz und hohem Grase 
bedeckt. In diesem versteckte Lautaro den grössten Teil seiner Leute 
und erwartete ruhig den Anmarsch des spanischen Heeres. Zuerst 
sollte, so hatte er bestimmt, nur ein Heerhaufen die Spanier angreifen, 
und wenn dieser erschöpft und geschlagen sei, sollten sich die Krieger 
nach den Abhängen des Plateaus zurückziehen und einer zweiten, frischen 
Abteilung die Fortsetzung des Kampfes überlassen, Lautaro selbst 
stellte sich mit einer Abteilung in der Flanke auf, um bei völliger Er- 
schöpfung der Spanier dieselben zu vernichten, und ausserdem mussten 
zalreiche Trupps das feindliche Heer umschwärmen und beobachten 
und später demselben den Rückzug verlegen. Die Gesamtzahl der 
indianischen Krieger kann man wohl mit Molina auf gegen zehntausend 
schätzen; D. Barros Arana meint, dass sie nicht über sechstausend be- 
tragen haben dürfte**). — Doch folgen wir nun dem Valdivia auf 
seinem letzten Marsche. 

P. de Valdivia verliess mit seinem Heere die Festung Arauco am 
30. Dezember und traf am ersten Tage auf keinen Feind. Die ganze 
Gegend war wie ausgestorben, was als ein sicheres Zeichen der feind- 
lichen Haltung der Eingeborenen gelten musste. Am Ufer des Rio 
Lebu wurde die erste Nacht verbracht. Am Morgen des 31. Dezember, 
eines Sonntags, wurde Messe gelesen und dann der Marsch in südlicher 
Richtung fortgesetzt. Das Terrain wurde jetzt zerrissener und dichter be- 



*) Eine Schilderung dieser Örtlichkeit findet sich bei Ignac. Domeyko, 
La Araucania i sus Habitantes. Santiago i845- ^* *8. — D. fand damals (1844) 
noch Ruinen vom alten Fort, dessen Wälle und Gräben von ungeheuren Bäumen 
besetzt waren. Im Innern der "Wälle hatten die Indianer Getreide gesäet. 

**) Die alten Historiker geben ganz fabelhafte Zahlen für das Heer der 
Araucanen an. Mar. de Lobera redet von 150000, Ercilla nennt das Heer „un- 
zählbar" etc. 



Zur Geschichte der Entdeckung und Eroberung von Chile. 51 

waldet. Weil man keine Feinde sah, glaubten die Spanier bereits, dass 
" dieselben voller Furcht vor ihnen zurückgewichen seien. Um das vor- 
liegende Terrain auszukundschaften, schickte Valdivia bald nach Fort- 
setzung des Marsches den Bobadilla mit vier oder sechs Mann voraus; 
er hatte den Befehl, vor Anbruch der Nacht zum Lager zurückzukehren. 
Aber diese sank hernieder und das kleine Explorationscorps kam nicht 
zurück, was einige Beunruhigung im Lager verursachte. Bobadilla war 
•von einem der von Lautaro ausgesandten Beobachtungscorps über- 
fallen und mit allen seinen Begleitern erschlagen worden. Ohne die 
Nähe des Feindes zu ahnen, verbrachten die Spanier die Nacht und 
setzten am Morgen des i. Januar 1554 den Marsch fort. Bald fanden 
sie an den Bäumen die noch frisch blutenden Glieder des Bobadilla 
und seiner Genossen als schreckliche Warnungszeichen aufgehängt. 
Dieser Anblick erfüllte die Spanier mit Wut und Rachgier. Valdivia 
allein ahnte als guter Feldherr die nahende Gefahr und war besonders 
darüber beunruhigt, dass er keinerlei Nachricht von der Besatzung von 
Tucapel noch von der aus Imperial erbetenen Verstärkung erhalten 
hatte. Er versammelte seine Officiere zum Kriegsrate. Alle, ausser 
Valdivia, waren in ihrer Verachtung und Unterschätzung der Indianer 
so verblendet, dass sie sich ganz entschieden für die Fortsetzung des 
Marsches und für baldige und energische Bestrafung der Rebellen aus- 
sprachen. Die Barbaren würden durch ihren ersten Angriff sicher 
niedergeworfen werden und das Feld räumen. Ein indianischer Diener 
(yanacona), Agustinillo genannt, näherte sich in dieser Konferenz dem 
Valdivia demütig bittend und sprach : Kehret um, Herr, eurer Soldaten 
sind wenige und die Feinde sind zahlreich und tapfer. Gedenket der 
Nacht von Andahen*)! Valdivia Hess sich aber durch den kriegerischen 
Mut seiner Truppen und durch die Erinnerung an sein Versprechen, 
die geforderte Verstärkung aus Imperial bei Tucapel zu erwarten, be- 
stimmen, sein Bedenken fallen zu lassen und den Marsch fortzusetzen, 
um die — wie er meinte — eingeschlossene Festung Tucapel zu entsetzen. 
Bald war die von I^autaro zum Schlachtfelde ausersehene Hoch- 
ebene erreicht, und die Spanier erblickten die noch rauchenden Trümmer 
der ehemaligen Festung. Kein Feind war sichtbar, rings herrschte die 
Stille des Todes. In einem Maisfelde in der Nähe des Forts bemerkte 
man endlich eine Indianerin, zu deren Ergreifung Valdivia einen Reiter 
absandte. (Rosales.) Sowie dieselbe diese Absicht bemerkte, stiess sie 
einen lauten Schrei aus und dieser wurde von dem Kriegsgeschrei 
(sterbet, sterbet!) der anwesenden Tausende von indianischen Kriegern 
beantwortet, welche sich plötzlich ringsum aus dem Grase erhoben 
oder aus dem Gebüsche hervortraten. Ein dichter Haufe dieser Krieger 
rückte zugleich zum Angriffe auf das spanische Heer vor. Als er in 



*) Ercilla, Araucana, Ges. TU, V. 17 und ig. — Rosaids, 1. c. I, S. 495. 

4* 



52 H. Polakowsky: 

die Nähe der Spanier gekommen war, tiberschütteten die Indianer diese 
mit den wohlverdienten Titeln: Räuber, Mörder, Betrüger etc., wodurch 
die „edlen, stolzen Spanier" in die höchste Wut versetzt wurden. 
Valdivia stellte sein Heer in Schlachtordnung auf und warf den an- 
rückenden Indianern zuerst eine Schar von etwa achtzehn Reitern ent- 
gegen. Die Wirkung des Chocs war eine furchtbare ; die Pferde durch- 
brachen die Reihen der Indianer, warfen viele zu Boden und die 
Schwerter und Lanzen der gepanzerten Reiter richteten ein furchtbares 
Blutbad unter den Indianern an. Die Araucanen leisteten aber herz- 
haften Widerstand und verteidigten sich und starben wie Helden. Sie 
verkauften ihr Leben teuer und verwundeten die Mehrzahl der spanischen 
Reiter und ermüdeten diese und ihre Pferde. Endlich wichen die zer- 
sprengten Indianer und eilten die steilen Höhen des Abhanges herab, 
um sich vor den nachsetzenden Pferden zu retten. Nachdem die 
Trümmer der ersten Schar so in Sicherheit gebracht waren, rückte 
sofort ein zweiter Heereshaufe gegen die Spanier an. Valdivia sandte 
gegen denselben das zweite Drittel seiner spanischen Reiter. Welchen 
Anteil die indianischen Hilfstruppen an diesem ersten Teile der Schlacht 
genommen haben, ist bei keinem Historiker gesagt. Es ist wohl mög- 
lich, dass die Spanier sowohl die Ehre des Sieges als auch das Ver- 
gnügen der Rache allein für sich geniessen wollten. Die Indianer 
stellten diesem zweiten Angriffe der spanischen Reiter einen viel zäheren 
Widerstand entgegen. 

Der Tag war furchtbar heiss und ermüdeten die Pferde und die 
gepanzerten Reiter schon desshalb bald und sehr stark. Der Kampf 
schwankte lange unentschieden hin und her; um ihm ein schnelles Ende 
zu bereiten, stellte sich Valdivia selbst an die Spitze fast aller seiner 
Soldaten und eilte der kämpfenden Abteilung zu Hilfe. Der vereinten 
Anstrengung gelang es endlich, die zweite Heeresabteilung der Araucanen 
zu zersprengen und in die Flucht zu jagen, doch entzogen sich die 
Fliehenden in der oben geschilderten Weise der weiteren Gefahr und 
der Vernichtung. Die Trümmer der ersten Araucanen-Schar hatten 
sich inzwischen wieder gesammelt und stellten sich im Walde auf, um 
später am Kampfe weiteren Anteil zu nehmen. Inzwischen rückte ein 
dritter Heerhaufe heran. Valdivia vereinigte alle seine schon äusserst 
erschöpften und mit Wunden bedeckten Reiter — erst wenige derselben 
waren getötet — und drang auf diese neue Schar ein. Es ist sicher 
anzunehmen, dass jetzt, wenn nicht bereits früher, auch die indianischen 
Hilfstruppen mit in Aktion traten. Obgleich die Spanier mit grosser 
Tapferkeit fochten und viele der Araucanen niederhieben, gelang es ihnen 
doch nicht den Wald von Speeren, welchen ihnen der festgeschlossene 
Haufe entgegenstreckte, zu durchbrechen und diese Abteilung zu zer- 
sprengen. Jetzt fielen auch mehrere Spanier tot aus den Sätteln von 
den Lanzen durchbohrt oder von den Keulenschlägen zerschmettert. 



Zur Geschichte der Entdeckung und Eroberung von Chile. 53 

Die Pferde waren sämtlich mehr oder weniger stark verwundet und 
nicht mehr an die Lanzen der Indianer heranzubringen. 

Da Hess Valdivia zu kurzer Erholung und behufs einer Beratung 
zum Rückzuge blasen. „Was sollen wir thun, meine Herren?" fragte der 
Feldherr. „Was wollen Ew. Gnaden dass wir anders thun sollen, als 
kämpfen und sterben !" antwortete der Capitän Altamirano. Inzwischen 
unterhielt die indianische Hilfstruppe allein den Kampf unter welcher 
die Araucanen ein furchtbares Blutbad anrichteten. Als Valdivia 
seine Spanier zur Fortsetzung des Kampfes entschlossen sah, führte er 
sie abermals an den Feind. Die müden Pferde waren nicht mehr fähig 
zu schnellem Laufe und konnten in die Schar der Araucanen, welche 
ihnen die Lanzen vorhielt, nicht eindringen. Die Trompeten bliesen 
zum Rückzuge, nachdem abermals mehrere Spanier gefallen waren. 
Valdivia beschloss jetzt, mit dem Reste seines Heeres das Schlachtfeld 
zu verlassen und sich nach Arauco zu retten. Er hoffte den Rückzug 
unbeanstandet ausführen zu können, wenn er den Indianern das Lager 
und Gepäck zur Plünderung preisgäbe. Sowie die Araucanen aber das 
Weichen der Spanier bemerkten, vereinigten sich die drei bisher in 
Aktion gewesenen Scharen der indianischen Krieger, und zugleich brach 
Lautaro mit der Reserve hervor und fiel die Spanier in die Flanke 
und in den Rücken. Auch stiegen jetzt die Rauchsignale von den um- 
liegenden Berggipfeln in die Höhe, wodurch den weiter entfernten 
Trupps befohlen wurde, den Spaniern den Rückzug nach Arauco zu 
verlegen. 

Jetzt entspann sich ein furchtbarer Kampf. Die von Kampf, Hitze 
und Wunden völlig erschöpften Spanier fochten mit dem Mute der 
Verzweiflung, wurden aber einer nach dem anderen erschlagen. Da 
ergriff der kleine Rest derselben*) die Flucht. Aber diese war un- 
möglich. Die Araucanen, gewohnt das Wild im Laufe einzuholen, 
waren schneller als die Pferde, die sich vor Ermüdung und Blutverlust 
kaum bewegen konnten. Zudem waren alle Wege besetzt. Die Flücht- 
linge, Spanier und Indianer, wurden sämtlich eingeholt und meist 
sofort niedergemacht oder zu Gefangenen gemacht und für einen 
schrecklichen Tod aufgespart. Kein Spanier entkam, da die Hoff- 
nung des Valdivia, dass die Araucanen sich bei der Plünderung des 
Lagers und Gepäckes aufhalten würden, sich nicht erfüllte. Die 
Indianer stellten daselbst zwar einige Wachen auf, eilten aber dann 
weiter den Fliehenden nach. Valdivia wurde von der wilden Flucht 



*) Herrera giebt die Anzahl dieser Flüchtlinge auf 15 an, worunter Valdivia 
selbst. Er lässt sie bis an den Rio Leuo (Lebü) gelangen, wo sie von einer Schar 
Indianer eingeholt und sämtlich erschlagen werden. — Diese Erzählung des 
Herrera unterstützt ganz wesentlich die Angabe des Ercilla von dem relativ 
schnellen, marterlosen Tode des Eroberers von Chile. 



54 H. Polakowsky: 

mitgerissen. Er gewann einen kleinen Vorsprung, da er ein besonders 
gutes und starkes Pferd ritt. Ein Priester, sein Hauscaplan Pozo, und 
der treue Agustinillo begleiteten ihn. Aber ein Sumpf hielt die Flücht- 
linge auf, die Pferde blieben in demselben stecken und die Indianer 
ergriffen den Gouverneur und seine Begleiter. Sie rissen dem Valdivia 
die Rüstung und Kleider vom Leibe und banden ihm die Hände mit 
einigen Schlingpflanzen. So schleppten ihn die Indianer völlig nackt, 
— nur den Helm konnten sie ihm nicht abschnallen dessen halbge- 
löste Riemen den Feldherrn sehr belästigten — über eine halbe 
Legua zum Lager zurück, ihn mit Schimpfworten und Beleidigungen 
überhäufend. Da er nicht so schnell als die Indianer laufen konnte, 
rissen ihn dieselben mehrmals zu Boden und schleiften ihn ganze 
Strecken entlang. In einem überaus traurigen Zustande wurde er vor 
Lautaro und die Kaziken gebracht. Die Ermüdung des Kampfes, die 
ungeheure Grösse des Unglückes, welches ihn soeben betroffen, und 
die grausame Behandlung auf dem Transporte hatten den Geist des 
stolzen und tapferen Führers niedergedrückt. Agustinillo befreite ihn 
von dem lästigen Helme, und jetzt bat Valdivia um sein Leben, wofür 
er versprach alle seine Städte zu entvölkern und das Land für immer 
zu verlassen und den Siegern ausserdem zweitausend Schafe zu geben. 
Als Antwort hieben die Indianer den treuen Agustino (oder Agu- 
stinillo), der dem spanischen Feldherrn als Dolmetscher für diesen 
Antrag gedient hatte, vor seinen Augen in Stücke und teilten seine 
eigenen Waffen und Kleider unter sich*). Die besten Stücke erhielt 



*) Ercilla, La Araucana, schildert diese Episode im III. Ges. V. 59 in fol- 
gender Weise. Ich citiere hier nach der wunderbaren Übersetzung von C. M. Win- 
terling (Nürnberg 183 1), welche leider fast unbekannt ist. 

Caupolican sah mit Entzücken 

Des Tiefgebeugten jammervolle Lage. 

Er kränkt ihn mit des Siegers stolzen Blicken, 

Und würdiget nur dann und wann ihn einer Frage. 

Valdivia antwortet mit zur Erde 

Gesenktem Blicke, fleht mit kläglicher Geberde, 

Nicht mit dem Tode sich an ihm zu rächen, 

Und schwört, des Landes Frieden nie zu brechen. 

Die Frage, wer der oberste Führer der Araucanen bei den Kämpfen um Tucapel 
(Gefechte gegen Ariza und Schlacht gegen Valdivia) war, ist schwer zu beantworten. 
Wie schon früher angeführt, sind Molina, Rosales, Amundtegui, Bastian und viele 
andere Autoren der Angabe des Ercilla gefolgt und stellen den Caupolican an die 
Spitze, lassen ihn die Würde des Toqui bekleiden. Aber alle Autoren, mit 
Ausnahme von A. Bastian (der den Valdivia der „wohldurchdachten Feldhermkunst 
Caupolican's bei Catiquichas" erliegen lässt), — in dessen geschichtlichem Angaben 
über die Araucanen sich überhaupt mehrere Irrtümer befinden — schreiben dem 
Lavtaro die Autorschaft des genialen Schlachtplanes zu. Es ist ganz unzweifelhaft, 



Zur Geschichte der Eroberung und Entdeckung von Chile. 55 

sein ehemaliger Pferdeknecht Lautaro, jetzt der hochverehrte Führer 
seiner grimmigen Feinde, welche über den durch die Klugheit des 
Lautaro errungenen glänzenden Sieg jubelten. Valdivia und seine Be- 
gleiter sahen ein, dass sie ohne Gnade verloren seien. Die Erinnerung 
an die schrecklichen Grausamkeiten, welche sich Valdivia und die 
übrigen Spanier gegen die besiegten Eingeborenen erlaubt hatten, brachte 
die Stimme des Mitgefühles zum Schweigen. Pozo fertigte aus einem 
Strohhalme ein Kreuz an und begann seinen Herren zum Tode vor- 
zubereiten und seine letzte Beichte zu hören. 

Dem Gemetzel der Schlacht bei Tucapel entrannen nur zwei In- 
dianer, welche sich im Walde versteckt hatten. Sie brachten die Nach- 
richt von dem Zusammenbruche des spanischen Kriegsglückes nach 
Arauco und Concepcion, und nach ihren Angaben schrieben später 
Ercilla und Gong, de Marmolejo die Geschichte dieser Tragödie. 

Don Alonso de Ercilla y Zunija schreibt hierüber: 

Zwei Indier nur entkamen mit dem Leben, 

Die einzigen, die von dreitausenden noch leben. 

Die, als des Heeres grösster Teil tot hingestrecket. 

Sich in ein dicht Gesträuch verstecket. 

Von hier aus sahen sie dem Kampfe zu 

Und meldeten, was sich begeben dort, 

Denn als die Nacht in jenes Thal die stille Ruh 

Zurückgeführt, entschlüpften sie dem Zufluchtsort. 



dass die Erfindung und Durchführung dieses Schlachtplanes ein Werk des Lautaro 
ist. Dagegen glaube ich ebenfalls als sicher annehmen zu dürfen, dass die Arau- 
canen (d. h. die um Tucapel und Angol wohnenden Tribus derselben) nicht den 
ihnen fremden, soeben von den Spaniern entlaufenen Jüngling zum Toqui erwählten, 
als er sich zum ersten Male bei ihnen vorstellte. Dagegen ist eben so sicher zu 
glauben, dass sie ihm nach dem entscheidenden Siege die Steinaxt in feierlicher 
Versammlung überreichten. Ganz ausgeschlossen, weil einfach unmöglich, bleibt 
die Angabe des Ercilla, wonach Lautaro in der Schlacht selbst, nach der Nieder- 
lage der Araucanen, diesen eine Rede hielt, ganz allein den spanischen Reitern 
Widerstand leistete und so seine Landsleute ermutigte. — Ich kann hier die ver- 
schiedenen Angaben und Ansichten nicht weiter prüfen und kritisieren, sondern 
begnüge mich damit, meine Ansicht über diese immerhin interessante Frage hier 
kurz auszuführen. Lautaro erfuhr im Hause des Valdivia (in Concepcion) von dem 
Aufstand der Araucanen am 20. Decbr., d. h. so früh als sein Herr selbst. Er 
ging mit diesem zum Kriegsschauplatze ab, entfloh noch in der Nacht zum ai. und 
kam am ^3. .oder 24. vor Tucapel an, als dieses schon zerstört und gewonnen war. 
Etwa am 25. sprach er auf der grossen Versammlung und gewann viele der ein- 
flussreichen Krieger durch seine Rede und seine Erscheinung für sich, so dass man 
ihm die Anordnung und Leitung der Schlacht überliess. Der Name des wahren, 
schon vor dem Angriffe auf Tucapel erwählten Toqui ist uns verloren gegangen. 
Caupolican tritt später auf. 



5ß H. Polakowsky: 

Die finstre Nacht schwingt jetzt im schnellen I^aiif 

Sich zu des Himmels Mitte auf 

Und deckt mit schwarzen Fittichen den blutgen Grund 

Und jenes weite Erdenrund, 

Als die entzückte Siegerschar, 

Die Waffen angelehnt, enthoben der Gefahr, 

In einem weiten Kreis sich tanzend drehet 

Und feierlich den grossen Sieg begehet*). 
Die wahrscheinlicheren, weil durchaus möglichen Angaben, sind 
die des Gong, de Marmolejo, und diesem bin ich, nach dem Vorbilde 
und Vorgange des D. Barros Arana, hier gefolgt. Die Erzählung des 
Ercilla ist in einigen Teilen rein unmöglich und an anderen durch 
poetische Freiheiten stark geschädigt. Trotzdem ist in derselben ein 
Kern von hoher historischer Wahrheit enthalten**). Sehr wertvolle 
Dokumente sind auch der Brief des Cabildo von Santiago an die könig- 
liche Audiencia zu Lima vom 26. Februar 1554***), dessen Angaben mit 
denen der Kronik des Marmolejo fast tibereinstimmen, und ein anonymer 
Brief aus dem Jahre 1554, den D. Barros Arana oft citiert und der schon 
von Gl. Gay (1. c. Document I, Nr. 16) publiciert ist. Letzterer Brief 
erzählt den Tod des Valdivia ganz ähnlich wie Ercilla und Lobera. 
Danach waren Lautaro und mehrere angesehene Kaziken nicht ab- 
geneigt, dem Valdivia unter den von ihm angebotenen Bedingungen das 
Leben zu schenken, aber ein älterer Kazike (Leucato nach Ercilla), der 
die Treulosigkeit der Spanier besser kannte und einsah, dass ein Mann 
in der Lage des Valdivia Alles versprechen würde und musste und 
nachher doch halten könnte was er wollte, machte den Verhandlungen 
dadurch ein Ende, dass er den Gefangenen mit seiner Keule niederschlug. 
Anders lautet die Erzählung vom Tode des Valdivia, welche Gong, 
de Marmolejo und der Cabildo von Santiago in dem oben citierten Briefe 
an die Audiencia in Lima geben. Diese Angaben werden fast völlig 
bestätigt durch Garcilaso de la Vegaf) und durch einen Brief der 
königlichen Schatzmeister und Offiziere vom 10. September 1555, gerichtet 
an den König ff), und hält desshalb Diego Barros Arana in seiner 
Historia Jeneral die Angabe des Marmolejo für richtiger als die des 
Ercilla. Der Tag der Schlacht ist gleichfalls sehr verschieden angegeben 
worden. Es ist ziemlich sicher, dass die Angabe in dem oben genannten 



*) La Araucana, Ges. III. V. 64 und 65. Übersetzt von Winterling. 
**) Molina ist den Angaben des Ercilla treu gefolgt. Nur fügt er noch 
die irrige Angabe hinzu, dass die Spanier in dieser Schlacht bei Tucapel Geschütze 
gegen die Araucanen in Anwendung gebracht hätten, (s. Mitth. d. K. K. Geogr« 
Ges. in Wien. Bd. XXVIII (1885) S. 313—337). 

***) Cl. Gay, Hist fisica y politica de Chile. Documentos. Tom. I, S. 160. 

t) Comentar. Reales I, lib. VII, cap. 24. 
t+) Abgedr bei Cl. Gay, 1. c. Doc. I, S. 170. 



Znr Geschichte der Eroberung und Entdeckung von Chile, 57 

unter dem lo. September 1555 an Philipp IL gerichteten Briefe die 
richtige ist. Es wird hier der erste Januar als Schlachttag angegeben, 
was vorzüglich zu der Aussage eines anderen Dokumentes (des citierten 
anonymen Briefes) stimmt, wonach Valdivia von Concepcion „vier oder 
fünf Tage vor dem Weihnachtsfeste" fortritt. Auch stimmt es, dass der 
31. Dezember ein Sonntag war. 

Doch kehren wir nun zu unserem Gefangenen zurück, welcher ge- 
fesselt die Nacht im Lager der Araucanen zugebracht hatte und Zeuge 
des Trinkgelages gewesen war, womit dieselben den Sieg über ihre 
grausamen Bedrücker und Räuber gefeiert hatten. Am Morgen des 
2. Januar schritten sie zur Opferung des Gouverneurs. Sie schnitten 
ihm mit ihren erbärmlichen, aus Seemuscheln verfertigten Messern die 
Arme ab, lösten die Knochen aus denselben und machten vor seinen 
Augen Kriegsflöten aus denselben. Das Fleisch der Arme brieten sie 
leicht, brachten es unter die Nase des unglücklichen Feldherrn und 
verzehrten es dann in seiner Gegenwart. Nach dem Briefe des Cabildo 
lebte Valdivia drei Tage, ehe er vor Schwäche und Blutverlust starb. 
Es ist aber als ziemlich sicher anzunehmen, dass der Tod viel früher ein- 
getreten ist. In ähnlicher Weise wurden die übrigen Spanier, welche 
in die Hände der Araucanen gefallen waren, geschlachtet; ihre Köpfe 
wurden auf Lanzen gespiesst und im Lande herumgetragen. Der Kopf 
des Valdivia prangte vor dem Zelte des Lautaro und die Indianer 
verfertigten später eine Trinkschale aus dem Schädel desselben, aus 
der sie bei ihren Siegesfesten noch nach über hundert Jahren tranken. 
(Rosales.) Die Spanier versuchten oft, aber stets vergebens, diesen 
Schädel gegen reiche Geschenke von den Araucanen einzutauschen. 

„Das war das traurige Ende des berühmten Eroberers Pietro Val- 
divia, eines Mannes, der ohne Widerrede von seltenen Geistesgaben 
war, und dessen politische sowohl als militärische Talente ihn gleich 
sehr auszeichneten; bei allen seinen Kentnissen aber scheint es, dass 
der Geist der damaligen Ritterzeiten ihn zuweilen irre führte, und wahr- 
scheinlicher Weise würde er in seinen Unternehmungen weit glücklicher 
gewesen sein, hätte er seine Macht mit grösserer Klugheit angewandt, 
und hätte er nicht die Einwohner von Chile ebenso leicht unterjochen 
zu können geglaubt, als seine Landsleute ehemals die Peruaner. Zum 
Ruhm des Valdivia gereicht es indessen, dass die Geschichte ihm keine 
Grausamkeiten vorwirft, die den übrigen Eroberern, seinen Zeitgenossen, 
mit Recht zur Last gelegt werden." So der Nachruf, welchen der 
Abate G. Ign. Molina (1. c. lib. III, cap. 2) dem Eroberer von Chile 
widmet. Aus dem letzten der citierten Sätze dieses Nachrufes wird 
der kundige Leser ersehen, wie schlecht die Quellen waren, welche 
Molina zu seiner „Saggio sulla storia" benutzen konnte. Hätte er nur 
einige Briefe des Valdivia an Carl V. gesehen, so würde er ein ge- 
rechteres Urteil gefallt haben. 



58 H. Polakowsky : Zur Geschichte der Entdeckung und Eroberung von Chile. 

Dagegen schreibt Gongora de Marmolejo (1. c. cap. 14): „Dies*) 
war das Ende, welches Pedro de Valdivia, ein tapferer und bis zu 
dieser Zeit vom Glücke begünstigter Mann nahm." „Valdivia war als 
er starb 56 Jahre alt, er war ein Mann von guter Gestalt, von heiterem 
Gesichtsausdrucke, mit grossem, zu seinem, in der letzten Zeit feist 
gewordenen, Körper passenden Kopfe. Er war breitschulterig und hatte 
eine gewölbte Brust. Er war ein Mann von gutem Verstände, obgleich 
er nicht fein in seinen Worten war ; er war freigebig und verteilte seine 
Geschenke in huldvoller Weise. Seit er ein grosser Herr geworden, 
gab er mit grosser Genugthuung was er hatte; er war grossmütig in 
allen Dingen, liebte es gut und kostbar bekleidet zu gehen und gut 
zu essen und zu trinken; er war leutselig und menschlich gegen Alle, 
aber er hatte zwei Eigenschaften, wodurch er alle diese Tugenden ver- 
dunkelte: er verabscheute die Männer von edeler Abkunft und lebte 
in wilder Ehe mit einem spanischen Weibe, dem er sehr zugethan war." 
— Marmolejo macht das Verhältnis zu der Inez Suarez dem Valdivia 
mit Recht zum Vorwurfe, da er seit 1535 von seiner Ehefrau getrennt 
lebte, die er in Spanien zurückgelassen hatte. Dieselbe lebte in sehr 
dürftigen Verhältnissen, obgleich ihr Valdivia zuweilen eine kleine Geld- 
summe sandte, die aber häufig nicht in die Hände seiner Frau, der 
Dona Marina Ortiz de Gaete gelangte. Valdivia forderte seine Ehe- 
frau aber niemals auf nach Chile zu kommen. Als Alderete in Spanien 
war und Doiia Maria von der hohen Stellung erfuhr, welche ihr Gemahl 
in Chile erreicht hatte, beschloss sie demselben zu folgen. Als sie 
Mitte 1554 in Nombre de Dios landete, erhielt sie die Kunde von dem 
schrecklichen Tode ihres Gatten. — Valdivia hinterliess keine Kinder. 

Ich will diese Arbeit mit dem Urteile schliessen, welches Diego 
Earros Arana über den ersten und wahren Eroberer seines Vaterlandes 
fällt. Er schreibt: „Vom moralischen Standpunkte aus kann der Ge- 
schichtsschreiber nicht umhin, streng über Valdivia abzuurteilen. Be- 
trachtet man ihn aber im Vergleiche zu der grössten Anzahl seiner 
Zeitgenossen, so muss er als einer der geschicktesten, kühnsten und 
grössten unter den Eroberern Amerika's geschätzt werden." 



*) d. h. das oben im Texte von mir nach Marmolejo und D. Barros A. 
erzählte* — Molina folgt, ebenso wie Gay und andere bereits angeführte Historiker, 
der Erzählung des Ercilla über den Tod Valdivia's. 



J. Roh de: Die Expedition des General Victorica nach dem Gran-Chaco. 59 

IL 

Die Expedition des General Victorica nach dem Gran- 
Chaco (Argentinien). 

Vom Capt. J. Roh de. 
(Hierzu eine Karte, Taf. I.) 



I. Einleitung. 

Der Kriegsminister der Argentinischen Republik, General Dr. Ben- 
jamin Victorica hat ein verdienstvolles Werk glücklich zu Ende 
geführt, er hat die geheimnisvolle Wildniss, den Gran-Chaco von 
den Indianern gesäubert und dem Handel und dem Ackerbau, dem 
Fortschritt und der Wissenschaft erschlossen. Aus diesem Grunde 
hegten wir den Wunsch in einer deutschen Zeitschrift eine kurze Übersicht 
über den verflossenen Feldzug veröffentlicht zu sehen. Unsere Angaben 
stützen sich sämtlich auf offizielle Daten, deren Richtigkeit, ebenso 
wie die auf der beigegebenen Karte (Taf I)*) wir verbürgen. 

Wenngleich sich die unmittelbaren praktischen Ergebnisse dieses 
neuesten Kampfes der Civilisation gegen die Barbarei noch nicht völlig 
übersehen lassen, wenigstens nicht in ihrer ganzen Grösse, und es 
daher der Zukunft überlassen bleiben muss, dieselben nach Gebühr zu 
würdigen, so ist doch die hervorragende Bedeutung der Expedition 
für die fortschreitende Entwicklung Argentiniens unverkennbar, und 
dem General Victorica diejenige Anerkennung zu zollen, welche sein 
unermüdliches Streben und seine rastlose Energie thatsächlich ver- 
dienen. 

Man hat wiederholt die Chaco-Expedition mit dem 1879 vom Ge- 
neral Roca so glänzend durchgeführten Zuge nach dem Rio Negro 
verglichen, und in der That haben beide Unternehmungen viele Be- 
rührungspunkte mit einander gemein. Wie damals, so handelte es sich 
auch jetzt weniger darum, den vorhandenen Wilden blutige Schlachten 
zu liefern, als eine unbekannte, geheimnisvolle Wildnis der Civilisation 



*) Zahlreiche Namen von Lokalitäten, welche auf der uns zugesandten Original- 
karte des Gran-Chaco (M. 1:800000) eingezeichnet sind, mussten auf unserer im 
M. 1:2500000 reducierten Karte der Deutlichkeit wegen ausgelassen werden. 
Sagen doch die Herrn VerfF. selbst (S. 65), dass die Mehrzahl derselben nur Be- 
zeichnungen von Lokalitäten sind, welche sich durch irgend eine natürliche Eigen- 
schaft bemerkbar machen, z. B. von Weideplätzen, Lichtungen, stehenden Wasser- 
flachen, Furten etc. Aus diesem Grunde haben wir uns darauf beschränkt, nur 
die Namen der projektierten oder bereits gegründeten Niederlassungen und der Mi- 
litärstationen im Chaco, sowie die der Hauptorte in den umgebenden Provinzen 
^nf unserer Karte einzuzeichnen. Red. 



60 J. Rohde: 

zu erschliessen. Nicht kriegerischer Ruhm noch glänzende Waffen- 
thaten • waren es, denen General Roca und General Victorica nach- 
gingen, vielmehr bestand ihr vornehmster Ehrgeiz in einem wie im 
anderen Falle darin, dem Vaterlande Tausende von Quadratmeilen 
fruchtbaren Landes als Morgengaben zu Füssen zu legen und die bis- 
herigen Herren jener Einöden ohne viel Blutvergiessen den gemeinsamen 
Gesetzen zu unterwerfen. 

Wie immer bei allen grossen Unternehmungen hat es auch dieses 
Mal nicht an Leuten gefehlt, welche die Bedeutung des Chaco-Feld- 
zuges zu verkleinern und die Verdienste des General Victorica herab 
zu setzen suchen. Doch alle diese Stimmen werden vor der Logik 
der schlagenden praktischen Errungenschaften verstummen müssen. 
Diese sind so bedeutend, dass jeder einsichtsvolle und denkende 
Mann dem General Victorica für die geschickte Durchführung seiner 
grossen Idee die wärmste Anerkennung zollen muss, wie dieses schon 
von Seiten Sr. Excellenz des Präsidenten der Republik durch das Tele- 
gramm geschehen ist, welches wir als besten Beweis der weit über die 
Grenzen Argentiniens hinausgehenden Bedeutung des Chaco-Feldzuges 
und als Schluss dieser einleitenden Worte hier wiedergeben. Es 
lautet: 

„An den Herrn Kriegsminister General Victorica." 

„Ich habe mit dem grössten Interesse die drei Telegramme ge- 
lesen, in welchen E. Excellenz nach Mitteilung der letzten Nachrichten 
über die Expedition, anzeigen, dass Sie beschlossen haben, den Feldzug 
als beendet zu bezeichnen, welcher mit so vorzüglichem Ausgang von 
E. Excellenz geleitet ist. Mir ist es angenehm, nochmals versichern 
zu können, dass ich allen von E. Excellenz getroffenen Massregeln 
meine völlige Genehmigung gebe, wiederhole auch gleichzeitig meine 
Glückwünsche für die erzielten Resultate, und für den Takt, die Sicher- 
heit und die Präcision, mit welchen die Operationen ausgeführt sind 
und Dank denen unsere Armee zum ersten Mal diese ungeheure, bisher 
kaum bekannte Wildnis nach allen Richtungen durchkreuzt, und diese 
jetzt definitiv dem aktiven Kapital einverleibt worden ist, mit welchem 
die Republik rechnet. Sante-Fd, Santjago und Cordoba sind vom In- 
dianer erlöst, diesem Erbfeinde seit Jahrhunderten, welcher die Kolo- 
nisten so wie die Viehzüchter hinderte, die schönsten Landstrecken 
auszunutzen, und jeder Entwickelung dieser Provinzen nach dem Chaco 
hin hemmend entgegen trat." 

„Auch Corrientes, Salta und luguy können sich jetzt über die 
Wildnis hin die Hand reichen und gegenseitig ihre Produkte aus- 
tauschen auf Wasser- wie auf Landstrassen. Die trefflichen Disposi- 
tionen, welche E. Excellenz genommen, um auf würdige Weise die 
militärische Besitznahme des Chaco zu sichern, beweisen wieder einmal, 
dass der Argentinische Soldat den Boden, welchen er erobert, nicht 



Die Expedition des General Victorica nach dem Gran-Chaco. ßl 

der Verwüstung preisgiebt, sondern vielmehr dara\if hinstrebt, dem Pflug 
die Stelle des Schwertes abzutreten. Das ganze Land hat mit regem 
Interesse den Verlauf der Expedition verfolgt, und können E. Excellenz 
versichert sein, dass dieser Feldzug als einer der nützlichsten und ver- 
dienstlichsten angesehen wird, welcher je unter dem Schutze unseres 
Banners ausgeführt wurde, jenes Banners, welches heute souverän vom 
Kap Hörn bis zum Pilcomayo flattern kann und selbst in den vorge- 
schobensten Posten unserer Territorien überall die fruchtbringenden 
Fussstapfen unserer Nationalarmee vorfindet." 

„Sowohl E. Excellenz, wie die Stabsoffiziere, Offiziere und Soldaten, 
welche unter E. Excellenz Oberbefehl an dem Feldzuge teilnahmen, 
haben sich um ihr Vaterland verdient gemacht und muss dies Allen 
zur reinsten und edelsten Befriedigung dienen." 

gez. Julio A. Roca. 

IL Allgemeines. 

Das Wort Chaco kommt aus dem Guarani und bedeutet Treib- 
jagdfeld. Der für die ganze Gegend angenommene Name „Gran- 
Chaco" beweist also, dass die Indianer dort vorzügliche Jagdgründe 
vorfanden. 

Die Grenzen des Chaco sind im Norden die Republik Bolivia, 
im Osten der Paraguay-Fluss, im Westen und Süden die Argentinischen 
Provinzen Juguy, Salta, Santiago del Estero, Santa ¥6 und Corrientes. 
Übrigens ist zu bemerken, dass das Gebiet der angrenzenden Pro- 
vinzen noch nicht bestimmt abgegrenzt ist. 

Der Census giebt das Areal des Chaco auf 621 000 Quadratkilo- 
meter an, Herr Burmeister schätzt dasselbe auf 5400 deutsche geogra- 
phische Quadratmeilen und die pianometrische Messung früherer Pläne 
ergiebt 6500 deutsche geographische Quadratmeilen. Nach neueren Be- 
stimmungen ist jedoch ein Teil des Chaco an die benachbarten Provinzen 
abgegeben; so hat Santa F<5 720 Quadratmeilen (legua ä. 5 Kilometer) 
und Santiago del Estero 650 Quadratmeilen erhalten. Nach Abzug 
dieser Strecken zählt der Chaco central 4329 Quadratmeilen und 
Chaco austral 6282 Quadratmeilen, also der ganze Argentinische Chaco 
10 611 Quadratmeilen oder 265 275 Quadratkilometer. 

Doch nicht so sehr seiner Ausdehnung wegen, als vielmehr in- 
folge seines überaus fruchtbaren Bodens und seines Reichtums an 
Produkten aller Art ist der Chaco das wichtigste Bundesterritorium 
Argentiniens und wird unzweifelhaft in kurzer Frist der Zielpunkt von 
tausenden von Einwanderern sein. 

Durch die Flüsse Bermejo und Pilcomayo wird das Chaco-Gebiet 
in drei Teile geschieden; den westlich und südlich des Bermejo ge- 
legenen Teil nennt man Chaco austral, den zwischen dem Bermejo 
und Pilcomayo gelegenen Chaco central und den nördlich und öst- 



62 J- Rohde; 

lieh des Pilcomayo sich erstreckenden Chaco boreal. Letzterer ge- 
hört zur Republik Paraguay; wir werden uns also hier nicht weiter mit 
ihm beschäftigen. 

Der Chaco central ist eine etwa 400 Fuss über dem Meeresspiegel 
gelegene Ebene, teils mit hohen Urwäldern bedeckt, teils weite Weide- 
gründe der Viehzucht darbietend. — Sein fast tropisches, doch sehr 
gesundes Klima wird durch häufige Regenfjllle ungemein gemässigt. 
Sein mit einer fünf Fuss dicken Humusschichte bedeckter Boden, dessen 
Unterlage eine stellenweise stark eisenschüssige Toska bildet, eignet 
sich ganz vorzüglich zum Anbau von Zuckerrohr, Reis, Tabak, Baum- 
wolle, Safran, Kaffee, Erdnüsse, feinere Obstzucht etc. — Der Chaco 
austral (der südliche Teil) bildet gleichfalls eine völlige Ebene und ist 
von der Natur ebenso reichlich bedacht, wie der Chaco boreal*). 

Aus den leider nur oberflächlich geschriebenen Berichten des 
Herrn L. Arnaud, welcher als einer der Chefs der wissenschaftlichen 
Kommissionen den Herrn Kriegsminister auf dem letzten Feldzuge be- 
gleitete, ersehen wir, dass die Humusschicht fast durchweg im 30 cm 
beträgt und nie weniger als 0,63 m, also völlig genügend ist für jede 
Klasse von Ackerbau. Er sagt ferner, dass das ganze Terrain der 
Tertiär -Formation angehört, bedeckt mit einer ungeheuren Alluvial- 
schicht, in welcher man noch die Reste der primitiven und vulkani- 
schen Terrains unterscheidet. Wertvolle Mineralien hat er auf seinem 
Marsche nicht entdeckt, doch weiss er nicht, ob er dies dem Fehlen 
derselben oder dem Umstände zuschreiben soll, dass er nicht gehörig 
nachgesucht hat. Gleichfalls waren seine Nachforschungen auf pa- 
läontologischem Gebiet völlig erfolglos, obgleich er zahlreiche Nach- 
grabungen hat anstellen lassen an allen Orten, wo, wie er angiebt, 
man vernünftiger Weise hätte Fossilien erwarten können. In Bezug 
auf die Flora und Fauna erwähnt er, dass ihm die ausserordentliche 
Monotonie aufgefallen ist, denn er hat überall dieselben Arten ange- 
troffen. — Er hat 800 Insekten, 500 Arachniden, grösstenteils seltene 
sehr schöne Arten, und 25 verschiedene Reptilien gesammelt. Seine 
Sammlung vom Mammiferen und Vögeln wurden ihm leider durch starke 
Regengüsse zerstört, doch ist zu hoffen, dass er diesen Verlust ersetzt 
und seine anderen Sammlungen bedeutend vermehrt hat. Wir schöpfen 
diese Angaben aus einem Bericht vom Ende Oktober 1884; die wissen- 
schaftliche Kommission befindet sich noch gegenwärtig (im Januar 
1885) ™ Chaco, mit der Beendigung ihrer Studien beschäftigt. — 
In seinem Herbarium hat er 216 verschiedene Pflanzen getrocknet, 
unter diesen Gramineen, Leguminosen, Scrophulariaceen, Verbenaceen, 
Jasmineen, Orchideen, Irideen u. a., welche sämtlich sich in ausser- 



*) Die in der Nähe der Flüsse Teuco und Bermejo gelegenen Terrains haben 
■ infolge der Baranken einen mehr hügeligen Charakter. 



Die Expedition des General Victorica nach dem Gran-Chaco. g3 

ordentlicher Üppigkeit entfalten und der Vegetation des Chaco den 
Stempel ihres Charakters aufdrücken. Ganz besonders aber entzückt 
ist derselbe über den unschätzbaren Reichtum an Nutzhölzern in den 
unermesslichen Urwäldern. Und in der That bilden diese Wälder eine 
wahre Goldgrube nicht nur für Argentinien, sondern für die ganze in- 
dustrielle Welt. England führt schon seit Jahren Hölzer von dort aus 
und auch Argentinien hat in der letzten Zeit begonnen, seinen Bedarf 
an kostbaren und dauerhaften Hölzern nicht mehr ausschliesslich aus 
fremden Ländern, sondern aus seinen eigenen Gebieten zu beziehen. 
Doch erst jetzt, nachdem der heimischen und fremden Industrie der 
Weg geöffnet ist, wird dieser Handelszweig besonders stark und schnell 
emporblühen. Wir machen deshalb auch die deutschen Industriellen 
ganz besonders auf diesen Punkt aufmerksam, zumal von Hamburg und 
Bremen bis zu den Urwäldern des Chaco ein direkter Wasserweg sich 
uns darbietet. Eine Übersicht über die im Chaco sich vorfindenden 
Holzarten werden wir im Anhange zu dieser Arbeit geben. 

Der Chaco austral wird für die ersten Jahre von der Einwanderung 
mehr in Rücksicht genommen werden, als der central, denn er ist 
thatsächlich vor den Indianer-Einfällen geschützt und liegt ausserdem 
dem schon bevölkerten Lande näher. Hier müssen die Stammansied- 
lungen gemacht werden, und von hier aus würde dann die Kolonisation 
nach Norden und Osten fortschreiten. 

Schon unter spanischer Herrschaft wurden im Chaco austral 
Misiones mit nicht zu verläugnendem Erfolg angelegt. Auch wurden 
die Indianer bis zu einem gewissen Grade der Civilisation zugänglich 
gemacht. Doch bald darauf trat Argentinien in jene traurige, fort- 
schrittstörende Periode der inneren Unruhen. Die Indianer gewannen 
wiederum die Oberhand und die kaum begonnene Civilisation wurde spur- 
los vernichtet. Fand doch, als vor wenigen Wochen der General Victorica 
einen Weg durch die Urwälder längs des Bermejo bahnte er hier die 
Ruine einer Kapelle, dort einen halb zerfallenen Turm und an anderer 
Stelle verborgen unter Moos und Gräsern eine verrostete und gesprungene 
Kirchenglocke, die letzten Reste des vor einem Jahrhundert dort ge- 
predigten Christentums. 

III. Frühere Expeditionen. 

Wenn auch im allgemeinen die früheren Expeditionen nach dem 
Chaco in geographischer Hinsicht einen nur sehr problematischen 
Wert gehabt haben, denn die im Feldzuge des General Victorica von 
Fachleuten angestellten genauen Beobachtungen haben die Ungenauig- 
keit aller früheren Daten bewiesen, so wollen wir doch des geschicht- 
lichen Interesses wegen ihrer mit einigen Worten erwähnen. — Vor 
mehr als zwei Jahrhunderten schon war es die Absicht, die nördlichen 
Provinzen Argentiniens durch den Chaco austral hindurch mit den 



64 J. Rohde: 

Häfen des Paranä-Stromes in Verbindung zu setzen. Alle in dieser 
Beziehung gemachten Versuche einzeln hier aufzuzählen, würde aber 
zu weit führen, und so mag hier die Bemerkung genügen, dass alle 
dorthin gesandten Expeditionen resultatlos blieben, und dass der Gou- 
verneur Matorras sogar mit einer aus 4000 Mann Artillerie, Kavallerie und 
Infanterie bestehenden Truppenmacht auf halbem Wege unverrichteter 
Sache infolge der täglich sich wiederholenden blutigen Angriffe der 
Indianer umkehren musste. 

Im Jahre 1841 versuchten zwei Gruppen argentinischer Soldaten 
(politische Flüchtlinge) durch den Chaco nach Corrientes sich durch- 
zuschlagen. Die erste derselben, aus 19 Mann bestehend, drang längs 
des Rio Salado in das Innere des Landes, geriet unter die Mocovies 
und wurde mit Ausnahme eines Mannes niedergemacht, welcher im 
Jahre 1880 aus seiner langjährigen Gefangenschaft befreit wurde. Die 
zweite Gruppe ging längs des Bermejo und gelangte glücklich bis an 
den Paranä. Unter diesen befand sich der spätere Kriegsminister und 
heutige General Gainsa. Der kaum geöffnete Weg schloss sich jedoch 
sofort und auf lange Zeit für die Civilisation. 

Im Jahre 1870 unternahm der General Uriburu mit einem Kavallerie- 
Regiment einen kühnen Zug durch den Chaco, und in den Jahren 
1875 — ^2 machten sich die Oberst-Lieutenants Fontana, Sola und Ybazeta 
durch ihre mannigfachen Forschungsreisen um die Kenntniss des Chaco 
sehr verdient. Besonders haben wir durch Fontana's Beobachtungen, 
Veröffentlichungen sowie durch eine Karte einen tieferen Einblick in 
die klimatischen und topographischen Verhältnisse des Chaco, sowie in 
dessen Fauna und Flora gewonnen. 

Erwähnenswert ist auch die Bolivianer-Expedition (1883), begleitet 
von dem französischen Ingenieur Thouar. Dieselbe sollte den Chaco 
boreal längs der Ufer des Pilcomago durchkreuzen. Ihr Ziel war 
Asuncion und Hauptzweck des Herrn Thouar, die Reste des leider zu 
früh verstorbenen Gelehrten Cr evaux aufzufinden. Das Resultat dieser 
Expedition war ein klägliches; moralisch und physisch herunterge- 
kommen, gerieten die Expeditionare untereinander in Streit, verloren 
ihre Richtung, irrten planlos umher und kamen endlich 200 Kilometer 
entfernt von Asuncion an die Ufer des Paraguay. Dies beweist, dass die 
topographischen Studien der Expedition äusserst mangelhaft waren. 
Trotzdem sind später dem Herrn Thouar von der geographischen 
Gesellschaft in Paris die Palmen des Ruhms verliehen worden*). 

Auch später noch sind verschiedene, besonders militärische Ejcpe- 

*) In Buenos Ayres angekommen, versicherte Herr Thouar, dass ihm seine 
sämtlichen Notizen, Sammlungen etc. auf dem Marsche abhanden gekommen wären. 
Trotz dieses traurigen Umstandes veröffentlichte derselbe in Frankreich später sehr 
detaillierte Reiseberichte mit geographischen Ortsbestimmungen und anderen ganz 
speziellen Daten. 



Die Expedition des General Victorica nach dem Gran-Chaco. g5 

ditionen unternommen worden, unter denen die bedeutendste die unter 
dem Oberbefehl des Oberst Bosch, damaligen Gouverneurs des Chaco, doch 
alle haben keine wirkHch dauernde* Bedeutung gehabt, ausgenommen 
die vom Herrn Araoz unternommenen Erforschungen über die Schiff- 
barkeit des Bermejo. Derselbe hat seine praktischen und wissenschaft- 
lichen Beobachtungen in einem grösseren Werke niedergelegt, welches 
demnächst erscheinen soll. 

rv. General-Idee des Feldzuges des Generals Victorica. 

Die Oberleitung des ganzen Feldzuges befand sich in den Händen 
Sr. Exe. des Kriegsministers General Victorica, sein Generalstabs-Chef 
war der Oberst ObHgado, Gouverneur des Chaco austral. Die expe- 
ditionierenden Truppen waren in fünf Kolonnen eingeteilt und jeder 
derselben eine wissenschaftliche Kommission unter der Oberleitung eines 
erfahrenen Ingenieurs beigegeben. Die erste Kolonne, unter dem un- 
mittelbaren Befehl des Kriegsministers, ging per Dampfer durch den 
Paranä und Paraguay bis zu dem kleinen Flüsschen Timbo, etwas 
südlich des Ausflusses des Bermejo. Hier schiffte sich der General 
Victorica aus und begann seinen schwierigen Marsch durch die häufig 
fast undurchdringHchen Wälder des Chaco, in denen bislang fast un- 
bestritten die wilden Tobas geherrscht hatten. Seinen Ausgangspunkt 
nannte er „Puerto Bermejo"; die geographische Lage desselben ist: 
27° — 7" 45'" südl. Breite, 58° 38' 10" westl. Länge von Greenwich. 
Das Ziel seines Marsches war der am rechten Ufer des Bermejo ge- 
legene Ort „La Cangay^", welcher nach den jüngsten Berechnungen 
in 25° 36' 20" S. Br. und 60° 46' 52" W. L. Greenw. Hegt. 

Der europäische Leser muss sich, wenn wir Namen von Lokalitäten 
angeben, durchaus nicht vorstellen, dass es bewohnte oder gar civili- 
sierte Ortschaften sind; es sind vielmehr in den meisten Fällen Punkte, 
welche sich durch irgend eine natürliche Eigenschaft bemerkbar machen, 
wie z. B. durch gute Weide, ständiges Wasser, grossen Wald, Furt am 
Fluss u. s. w., und deshalb von den Indianern die Ehre einer besonderen 
Bezeichnung erhalten haben. In den meisten Fällen kann man sogar 
aus dem Namen selbst die besondere Eigenschaft des Ortes erkennen, 
denn die Indianer, wie alle Naturvölker, geben nie eine Benennung 
ohne sehr triftigen Grund. Zum Beispiel bedeutet Cangay(§ „einen See, 
in dem man ertrinkt", und in der That befindet sich dort ein be- 
deutendes stehendes Wasser. Cangay($ hat im letzten Feldzuge eine 
hervorragende Rolle gespielt, denn dies war der Punkt, welchen der 
Gen. Victorica den fünf Kolonnen zum Rendezvous-Platz bestimmt hatte. 

Die zweite Kolonne sollte von Formosa aus, der neuen Hauptstadt 
des Chaco central, aufbrechen in Richtung nach Cangay<§. Die Lage 
von Formosa ist: 26° 11' 30" S. Br. 58° 12' W. L. Greenw. 

Den Oberbefehl dieser Abteilung hatte der Oberst Fotheringham, 

Zeitschr. d. Gesellsch. f. Erdk. Bd. XXI. b 




66 J- Rohde: 

welcher auch Gouverneur des Chaco central ist. Seine Aufgabe war 
eine besonders schwierige der Indianer wegen, denn gerade in den 
Territorien, welche er durchziehen musste, befanden sich die Tolderias 
(Wigwams) der berühmtesten Tobas-Caziquen, deren Zahl noch bedeu- 
tend durch jene vermehrt wurde, welche flüchtend vor den Truppen des 
General Victorica nach dem linken Ufer des Bermejo hinüber gegangen 
waren, weil sie sich jenseits selbstverständlich in Sicherheit glaubten. 

Die dritte Kolonne unter dem Befehl des Obrist-Lieutenant Ybazeta 
erhielt den Befehl, von Dragones (Provinz Salta) auszuziehen und sich 
längs des linken Ufers des Teuco durch die Urwälder einen Weg zu 
bahnen bis in die Höhe von Cangayd. Die geographische Lage von 
Dragones ist nach Angabe von Host: 23° 22' S. Br., 63° 19' 30" W. L. 
von Greenwich. 

Die Kolonne hatte von den Indianern keinen Widerstand zu er- 
warten, denn das ganze Gebiet ist von den der Kultur leicht zugäng- 
lichen Matacos bewohnt. Dagegen machten die üppig wuchernde 
Vegetation, die mit Schlingpflanzen und Büschen dicht durchwachsenen 
Wälder, die zahlreichen Lagunen und Sümpfe jene Aufgabe, eine breite 
Kommunikations-Strasse zu öffnen, zu einer ganz besonders schwierigen. 

Die vierte Kolonne sollte unter dem Befehl des Oberst Barros von 
La Brea ausgehen, um alsdann den ganzen Chaco austral in west- 
nord-westlicher Richtung zu kreuzen. Die Lage von La Brea ist nach 
den neuesten Aufnahmen: 27° 23' 30" S. Br., 6^° 55' W. L. Grnw. 

Diese Territorien sind noch ganz in der Nähe der Provinz Santiago 
del Estero von den kriegerischen Tribus der Tobas, Mocovies und 
Aviponen bewohnt. Das Innere des Landes ist im allgemeinen völlig 
unbekannt und teilweise auch unbewohnt wegen der ungeheuren 
Trockenheit. 

Die fünfte und letzte Kolonne befehligte der Oberst Uriburu, welcher 
sich schon seit längerer Zeit mit dem 12. Kavallerie-Regiment im Innern 
des Chaco aufhielt und einen kühnen Einzelkrieg mit den Wilden untej- 
hielt. Er hatte sein Hauptquartier in Cocherek aufgeschlagen und sollte 
desshalb auch von diesem Punkte aufbrechen und in nord-nord-west- 
licher Richtung nach dem Cangay(§ marschieren. Die Lage von Cocherek 
ist nach neuesten Beobachtungen: 27° 50' S. Br., 60° 25' W. L. Grnw. 

Wenn wir uns auf der Karte noch einmal kurz die verschiedenen 
Marschrouten vor Augen führen, so sehen wir, dass für's erste der General 
Victorica es für seine Hauptaufgabe hielt, den Chaco austral in seiner 
ganzen Ausdehnung von den Indianern zu säubern und mit Verbindungs- 
wegen zu durchkreuzen, welche sämtlich nach dem Bermejo führten, 
welcher die natürliche Barriere zwischen dem Nord- und Süd-Chaco 
bildet und noch für längere Zeit eine wichtige Etappe der Civilisation 
bleiben wird. 

Es wäre ein leichtes gewesen, die Expedition bis zu den Ufern des 



Die Expedition des General Victorica nach dem Gran-Chaco. 67 

Pilcomayo auszudehnen. Was hätte aber ein selbst glänzender, doch 
immer nur momentaner Erfolg genutzt, wenn es nicht möglich gewesen 
wäre, das eroberte Land auch für die Zukunft der Civilisation zu sichern? 
Das Resultat wäre für die Einwanderung ein abschreckendes gewesen; 
denn da es unmöglich sein würde, mit der zu Gebote stehenden Truppen- 
machi eine sichere Militärgrenze fiir den ganzen Chaco zu schaffen, würden 
die im Innern wohnenden Stämme für lange Jahre noch eine stete Gefahr 
für alle kolonisatorischen Versuche bleiben. Und gerade darin liegt 
ein besonderes Verdienst des General Victorica, dass er seinem mili- 
tärischen Ehrgeiz das richtige Ziel gesteckt und die strategische Not- 
wendigkeit erkannt hat, die Militär-Grenze für jetzt nur bis an den 
Bermejo hinaus zu rücken. 

Diese neu geschaffene Militär-Linie erfüllt vollständig ihren Zweck, 
denn sie verhindert durchaus, dass die Indianer von Chaco central 
in feindlicher Absicht in den Chaco austral eindringen können. Aller- 
dings befinden sich am letzteren noch unabhängige und kriegerische 
Stämme, doch auch deren Unterwerfung ist nur die Frage der Zeit. 
Von allen Seiten umringt von den argentinischen Truppen, täglich und 
stündlich selbst in den sichersten Verstecken blutigen und über- 
raschenden Angriffen ausgesetzt, ohne Zeit und Raum, um ihren not- 
wendigsten Lebensbedürfnissen nachzugehen, bleibt ihnen kein anderer 
Ausweg, als sich den gemeinsamen Gesetzen zu fügen oder mit ihrem 
Blute die Felder zu düngen, auf denen bald allein die Arbeit des 
Friedens heimisch sein wird. 

Soweit die General-Idee für die Operationen auf dem festen Lande. 
Später werden wir zu erörtern haben, wie auch gleichzeitig die Wasser- 
strassen des Chaco als Hauptfaktoren für eine zukünftige Kolonisation 
durchforscht und auf ihre Schiffbarkeit geprüft worden sind. 

V. Marsch der Kolonne Victorica. 

Am 8. Oktober langte die aus 199 Mann bestehende Kolonne 
des General Victorica in Timbo an. Wie schon gesagt, schiffte die- 
selbe gegenüber von Timbo am rechten Ufer des Paraguay aus. Die 
Uferstelle, welche ein natürhcher Hafen ist und kaum zwanzig Kilo- 
meter flussabwärts des Bermejo liegt, wurde Puerto Bermejo ge- 
tauft. Gleichfalls wurde an diesem Orte eine neue Stadt gegründet, 
welche den Grundstein und Anfang der neuen Militär-Linie bilden soll, 
die sich an die Ufer des Bermejo als die einzige natürliche Grenze 
anlehnt. Aus dem General-Befehl vom 9. Oktober des Ministers heben 
wir folgende Worte hervor: 

„Die Militärgrenze, welche wir ins Werk zu setzen gedenken, ist 
die natürliche Basis der militärischen Occüpation des ganzen Gran-Chaco ; 
auf diese werden sich die nachfolgenden Expeditionen stützen, welche 
die Unterwerfung des Gebietes zwischen dem Bermejo und dem Pilco- 



S>* 



68 J- Rohde: 

mayo anstreben. Der Anfang hierzu wird schon gemacht durch die 
Brigade des Oberst Fotheringham, Gouverneurs des Chaco etc." — 

Am 17. Oktober setzte sich der General Victorica in Marsch. Der 
Weg war im allgemeinen gut, bot sogar den mitgenommenen schweren 
Karren keine Schwierigkeit; nur an einzelnen Stellen musste man im 
Walde die Axt zu Hilfe nehmen. Dieser Umstand ist leicht erklärlich, 
wenn man weiss, dass in Timbo, wie im unteren Laufe des Bermejo 
seit Jahren Privat-Unternehmungen bestehen, welche das Holz des Chaco 
exportieren und selbstverständlich Transportstrassen öffnen mussten. 

Die Natur ist eine herrliche. Grosse schattige Wälder wechseln 
ab mit üppigen gras- und blumenreichen Wiesen. Nur eines fällt un- 
heimlich dem Reisenden auf: die Friedhofstille, welche in diesem 
Teil des Chaco herrscht. Nur selten hört man den Schrei eines Vogels 
und seltener noch sieht man ein vierfüssiges Tier. Den Grund hier- 
für darf man nicht im Mangel an Lebensmitteln suchen, denn dieselben 
giebt es im Überfluss. Wir haben denselben Umstand in der Pampa, 
in den Kordilleren und in Patagonien bemerkt und zwar immer nur 
dort, wo sich in grosser Anzahl Indianer -Tolderias befanden. — Die 
grösseren Tiere, wie Guanacos, Rehe, Strausse, Wildschweine etc. werden 
von den Männern aufgerieben, die kleineren jedoch und besonders die 
Vögel sind der Mordlust der Indianerknaben verfallen. Es ist fast 
unglaublich, mit welch einer meisterhaften Fertigkeit ein Indianer- 
Bengel yon 7 Jahren schon seine Schleuder, seine Bolas und seinen 
Lasso zu handhaben versteht. Wenn man nun bedenkt, dass alle diese 
Stämme seit Jahrzehnten in einer bestimmten Gegend ein Nomaden- 
leben führen, so ist es leicht denkbar, dass mit der Zeit fast alle 
lebenden Wesen ausgerottet werden. Nur die Raub- und Aasvögel 
haben wir in der Nähe der Tolderias immer in grossen Schwärmen 
herumkreisen gesehen. Dieselben sind zu schlau, um sich den Waffen 
der jungen Wilden auszusetzen und werden ausserdem geschont, weil 
sie das Strassenfegeramt verrichten. Wir sind in unserer Ansicht be- 
sonders dadurch bestärkt worden, dass sich in jenen Gegenden, wo 
vor sechs oder sieben Jahren, als wir die Indianer vertrieben, das 
Guanaco oder der Strauss eine seltene Erscheinung war, heute grosse 
Heerden derselben sich eingefunden haben. — 

Am 20. Oktober langte General Victorica im Hafen Victoria am 
Bermejo an, 15 Meilen*) von Timbo entfernt. 

Die letzten drei Meilen Weges waren durch ausgedehnte Sümpfe sehr 
erschwert worden. Puerto Victoria ist der vorgeschobenste Posten der 
Civilisation. Seinen Namen hat er von einer energischen und kühnen 
Dame erhalten, der Frau Victoria Pereira, welche mit achtzig Peonen 
(Arbeitern, Knechten) vor einigen Jahren von Corrientes aufgebrochen 



*) Die Argentinische Meile = 5 km. 



Die Expedition des General Victorica nach dem Gran-Chaco. 69 

war, um sich und ihren Leuten in dieser Wildnis ein Heim zu gründen. 
Sie hatte im Anfang manch harten Strauss mit den Wilden auszufechten, 
doch durch ihr pohtisches Auftreten gewann sie sich bald deren Zu- 
neigung und Achtung, und heute arbeiten sowohl in ihrer Niederlassung*) 
wie in den weiter flussabwärts befindlichen hunderte von Indianern. 
Allerdings mussten trotzdem die Ansiedler bisher die Augen stets offen 
halten und lebten immer auf einem sehr unliebsamen Qui-vive-Fusse. 

Von Victoria ab marschierte die Kolonne längs des Bermejo. 
Letzterer hat am genannten Punkte eine Breite von loo Meter, fliesst 
zwischen hohen, marmorierten Barranken, deren Gipfel mit Wald ge- 
krönt sind und bietet einen schönen und malerischen Anblick. — 
Von diesem Punkte ab marschierte die Kolonne meist ganz in der 
Nähe des Stromes. An den strategisch wichtigen Punkten wurden kleine 
Befestigungen (Fortines) angelegt und in diesen eine Besatzung von 
zehn bis zwanzig Mann zurückgelassen. Hin und wieder traf man auf 
. eine erst jüngst verlassene Tolderia; manchmal sah man in der Ferne 
Rauchsäulen emporsteigen, die von den ^Signalfeuern herrührten, 
welche die Kundschafter und Spione (Bomberos) der Indianer ange- 
zündet hatten, um die Ihrigen vor der herannahenden Gefahr zu warnen. 
Sonst merkte man vom Feinde nichts. Dieses war vorauszusetzen, 
denn da die in den erwähnten „Obrajes" arbeitenden zahmen Indianer 
mit ihren wilden Stammesbrüdern in ununterbrochener Verbindung 
standen, so hüteten sich letztere sehr wohl, die ihnen bekannte TMarsch- 
linie des General Victorica zu kreuzen. 

Am 2. November schlug die Kolonne ihr Lager am Zusammenflusse 
des Bermejo und Teuco auf. Gerade gegenüber, am linken Ufer des 
Teuco campierte schon die Brigade des Oberst Fotheringham. Wir 
werden später einige Worte über den Marsch dieser Abteilung sagen. 
Der Teuco und der Bermejo bilden in ihrem Zusammenfluss einen 
spitzen Winkel, und haben, trotzdem es zwei Schwesterströme sind, 
einen sehr verschiedenen Charakter. Der Bermejo, welcher den rechten 
Flussarm bildet, hat Salzwasser wie das Meer und seine Farbe ist grün- 
lich blau, das Wasser des Teuco dagegen ist süss und seine Farbe 
dunkelblau, gleich der des unteren Laufes des Bermejo. Der Bermejo 
(obere) ist femer tiberall zu durchwaten (wobei man allerdings Gefahr 
läuft, von den Alligatoren angefressen zu werden), er soll sogar an ein- 
zelnen Stellen ganz trocken sein, der Teuco dagegen kann nur schwim- 
mend passiert ' werden. 

Am 4. November brach der General auf, um sich nach dem allge- 
meinen Rendez-vous-Ort Cangay^ zu begeben. Er traf dort am 7. No- 
vember ein. An diesem Sammelplatz befand sich schon die Brigade 



*) Solche Niederlassungen nennt man „Obrajes" ; sie beschäftigen sich beson- 
ders mit Ausnatznng der Chaco-Hölzer. 



/ 



i 



70 J. Rohde: 

des Oberst-Lieutenant Uriburu, welche auf ihrem Marsche von Cocherek 
aus häufige Scharmützel mit den Indianern gehabt hatte. Hier wurde 
für längere Zeit das Hauptquartier aufgeschlagen und von hier aus 
fliegende Truppenabteilungen, zehn bis dreissig Mann stark und vor- 
zügHch beritten, nach Ost und West gesendet, um die Indianer in ihren 
Schlupfwinkeln aufzusuchen. Während der Zeit, in welcher sich der 
General hier aufhielt, unterwarfen sich ihm fünfzehn Caziquen mit ihren 
Leuten. Alle diese Indianer trugen das entsetzHchste Elend zur Schau ; 
nur wenige waren mit dem allernotwendigsten Kleidungsstück, einer 
Art von Schurzfell aus Hanf gearbeitet, bekleidet. — Ihre Farbe ist 
kupferbraun, mehr ins dunkle spielend, ihr Gesicht ist eckig, die Backen- 
knochen sind stark hervortretend, die Augen klein. Wenn man sie 
fixiert, machen sie eine unterwürfige und so unschuldige Miene, als ob 
sie völlig unfähig wären, einem Christenmenschen einen Lanzenstoss zu 
versetzen oder ihm die Kehle abzuschneiden. Wenn sie sich aber 
unbemerkt glauben, so werfen sie Blicke des bittersten Hasses auf die 
sie umringenden Weissen. Die Formen ihres Körpers sind wohl pro- 
portioniert, die Arm- und Beinmuskeln wie aus Stahl gearbeitet. Das 
Haar möglichst lang zu tragen, gilt bei ihnen als Mode und Luxus. 
Im Gegensatz zu den Pampas-Indianern benutzen sie nur selten Pferde, 
machen alle Märsche zu Fuss, doch nicht im Schritte, sondern im Trabe. 
Nachdem der General mehrfache Unterhandlungen mit den In- 
dianern abgehalten, nachdem ferner der Grundstein zu den auf der Karte 
angeführten neuen Ortschaften gelegt war, auch der Oberst-Lieutenant 
Ybazeta mit seiner Abteilung in Cangay^ eingetroffen war, und in- 
folge dessen der weitere Kriegsplan, welcher das Terrain zwischen 
dem Bermejo und Pilcomayo betraf, mit den verschiedenen Chefs 
combiniert werden konnte, wurde der erste Teil des Feldzuges als 
beendet betrachtet und am 29. November der Rückmarsch angetreten. 

VI. Bericht des Oberst-Lieutenant Ybazeta. 

Der Marsch der Kolonne, welche unter dem Befehl des Oberst- 
Lieutenant Ybazeta stand, war ein ganz besonders schwieriger, denn 
diese musste sich von Dragones aus längs des Teuco Schritt für Schritt 
den Weg durch fast undurchdringliche Urwälder bahnen, auch häufig 
grosse Umwege machen infolge der zahlreichen Seen und Sümpfe, 
welche sich zu beiden Seiten des Stromes vorfinden, in einer Zone, 
welche zur Zeit des höchsten Wasserstandes teilweise überschwemmt 
wird. Diese Zone hat eine Breite von i bis 3 Kilometer. 

Doch gelangten sie ohne Unfall im November 1884 zu den 
Kloster-Ruinen von St. Bemardo, von wo der uns vorliegende Bericht 
datiert ist. Wie wir schon oben gesagt haben, traf Ybazeta Ende No- 
vember in Cangayd ein. Die geographische Lage von St. Bernardo ist: 
25° 25' 57" südliche Breite, 61° 4' 31" westliche Länge von Greenwich. 



Die Expedition des General Victorica nach dem Gran-Chaco. 7 { 

Auf seinem Marsche hat Oberst-Lieutenant Ybazeta etwa 4500 Indianer 
beiderlei Geschlechts angetroffen. Alle gehören dem Stamme „Mataca 
Mataguaya" an, und ihre Begegnung war ausnahmslos eine durchaus 
friedfertige. Nach der Schilderung der Expeditionäre sind es arbeit- 
same und sehr genügsame Leute, welche sehr wohl einsehen, dass sie 
im Umgange mit den Weissen nur gewinnen können. Der Stamm der 
Matacos steht in einem schon hundert Jahre dauernden Kriege mit 
den wilden und kühnen Tobas und hat selbstverständlich immer den 
kürzeren gezogen. Es ist deshalb ganz natürlich, dass die Matacos 
die argentinischen Soldaten mit offenen Armen empfingen und sogar 
mit Axt, Spaten und Picke tüchtig mitgeholfen haben, um den Kolonnen 
einen Weg durch die Urwälder zu bahnen, denn die Armee ist ihr 
natürlicher Verbündeter gegen die unbeugsamen Tobas. Nur ein einziger 
von allen Caziquen der Matacos hat sich seiner souveränen Stellung er- 
innert und den Kommandanten Ybazeta energisch aufgefordert, ihm für 
die Erlaubnis, durch sein Gebiet unangefochten marschieren zu dürfen, 
den erforderlichen Tribut zu zahlen. Doch wurde diese diplomatische 
Frage auf gütlichem Wege mit drei Pfund Tabak und einem Poncho 
beigelegt. — Es ist unzweifelhaft, dass diese Indianer Dank der freund- 
lichen Weise, in welcher sie von allen Offizieren und ganz besonders 
vom General Victorica selbst empfangen und behandelt worden sind, 
den ersten Kern civilisierter Ansiedlungen längs des Teuco und Bermejo 
bilden werden. 

In Bezug auf die Vegetation sagt Ybazeta, dass vom 24° 42' 15" 
südliche Breite und 61° 30' 10" westliche Länge von Greenwich die 
Wälder weniger dicht sind und häufig durch meilenlange, 2 bis 4 Kilo- 
meter breite Lichtungen (Claros) unterbrochen werden, die mit einem un- 
beschreiblichen Reichtum der nahrhaftesten Gräser bedeckt sind. Auf 
seinem ganzen Marsche durch die Urwälder, wo sich wenige Tolderias 
befinden, hat er häufig kleinere und grössere Seen angetroffen, reich 
an Fischen, Wasserschweinen, Nutrias (eine grosse Wasserratte, den 
Biebern ähnlich, doch mit rundem Schwanz), Fischottern und bedeckt mit 
Enten, Schwänen, Tauchern, Flamingos und anderem Wassergeflügel. 
Ferner waren Tiger nicht selten, und die Alligatoren machten in grosser 
Anzahl die schilfbedeckten sumpfigen Ufer des Flusses unsichei^ oder 
sonnten sich zu hunderten auf den Sandbänken. — Über das Klima 
schreibt derselbe, dass die grossen ausgedehnten Waldungen einen 
starken Feuchtigkeitsgehalt in der Atmosphäre bewirken und infolge 
dessen die Temperatur Morgens, Abends und Nachts kühl und wahrhaft 
erquickend ist, wenn auch in den Mittagsstunden das Quecksilber in dem 
Thermometer zu einer erschreckenden Höhe emporsteigt. Durch- 
schnittlich hatte man im Monat November 35 bis 40° Celsius als Maxi- 
mum im Schatten und in der Sonne ein Mal sogar 60° und ein anderes 
Mal 56° nach Beobachtungen des Herrn von Stutterheim. Der Regen 




72 J« Rohde: 

fällt häufig mit Ausnahme der Sommermonate. Doch macht sich die 
Trockenheit nie fühlbar, denn die atmosphärischen Niederschläge in 
Form von Thau sind so bedeutend, dass sie einem kräftigen Regen- 
schauer nicht nachstehen. — 

Im allgemeinen ersehen wir auch wieder aus dem Bericht des 
Oberst-Lieutenant Ybazeta, dass einzig und allein das Unbekannte und- 
das Geheimnisvolle, welches bisher den Chaco umgab, und dessen 
Bann erst durch den General Victorica gebrochen wurde, der Grund 
gewesen, weshalb nicht schon längst die europäische Einwanderung 
nach seinen fruchtbaren Feldern sich gerichtet, während die Einwanderer 
in Südbrasilien oft genug in ihren Hoffnungen bitter getäuscht wqrden 
sind. Wir führen absichtlich Brasilien an, denn man kann sehr wol 
zwischen dem Chaco und Südbrasilien einen Vergleich ziehen, welcher 
allerdings in vieler Beziehung zu Ungunsten des letzteren Landes aus- 
fallen muss; keineswegs jedoch kann von einem Vergleich zwischen dem 
Chaco und den andern National-Territorien der argentinischen Republik 
(Pampa, Rio Negro, Patagonien etc.), der verschiedenen klimatischen 
Verhältnisse wegen, die Rede sein. 

VIL Der Marsch des Oberst Fotheringham. 

Der Oberst Fotheringham, Gouverneur des Chaco central, begann 
seinen Marsch von Formosa, seiner jungen und schnell emporblühenden 
Residenz. Er teilte seine Truppen in zwei Kolonnen : die eine marschierte 
unter dem Befehl des Oberst-Lieutenant Fontana, während er persönlich 
das Kommando der anderen übernahm. Seine allgemeine Marsch- 
richtung war Cangay^, also nordwestlich, wie man aus der Karte er- 
sehen kann. Im Innern des Landes legte er an drei wichtigen Punkten, 
in der Nähe von ausgedehnten, permanenten Seen und inmitten herr- 
licher Grassteppen, drei Befestigungen an, welche von ihm die Namen 
Villar, Friold (Freire) und Ypola erhielten. Diese „Fortines" sichern 
die Verbindung zwischen Formosa und dem Teuco. 

Wie schon früher erwähnt, hatten sich die Indianer von den Ufern 
des Bermejo zurückgezogen, weil sie Kenntnis vom Marsche des General 
Victorica hatten, und sich im Innern des Chaco concentriert. Es war 
deshalb ein Zusammenstoss der Indianer mit den Truppen des Oberst 
Fotheringham unvermeidlich. In der That hatten sie häufig kleine 
Scharmützel, hin und wieder auch ernste Treffen. Am 20. Oktober 
wurden der Cazique Warlosse und zwei seiner Leute getötet. Am 16. 
November überfiel der Cazique Santjago mit 500 Mann an dem Nord- 
ufer des Salado die Vorhut Fotheringham's, wurde jedoch nach einem 
fünfstündigen Kampfe zurückgeschlagen. Er Hess 28 Tote und viele 
Verwundete in den Händen der Sieger. Der Häuptling Santjago selbst 
ward schwer verwundet, wurde jedoch von seinen Leuten in Sicher- 
heit gebracht. Am 24. November überfiel der Kommandant der Vor- 



Die Expedition des General Victorica nach dem Gran-Chaco. 73 

hut Major Fraga eine Tolderia an den Ufern des Salado. Das Resultat 
waren fünf Tote, mehrere Verwundete, i6 Gefangene und eine grosse 
Beute an Kühen, Pferden, Schafen und Ziegen. Am 6. und 7. Dezember 
hatte die Kolonne des Oberst Fotheringham heisse Kämpfe mit dem 
tapferen Häuptling Camba zu bestehen. Derselbe befehligte 400 Mann, 
welche er militärisch organisiert hatte. 200 Mann kämpften zu Fuss, 
150 von diesen mit Pfeil und Bogen und 50 mit modernen Feuerwaffen, 
welche sie jedoch entsetzlich schlecht zu handhaben verstanden; 200 
Mann kämpften zu Pferde mit Lanzen und Bolas. Das Resultat am 
Abend des 7. Nov. war: Camba und 40 Mann tot und viele seiner Leute 
verwundet. Die letzteren fielen nicht in die Hände der Sieger, weil 
sie, beschützt durch die undurchdringlichen Wälder, auf den nur ihnen 
bekannten Pfaden nicht verfolgt werden konnten. — Es würde uns zu 
weit führen, wollten wir alle Einzelheiten des Marsches beschreiben. Wie 
man aus Vorstehenden ersehen kann, war die Zahl der Indianer nicht 
unbedeutend, und diese waren auch durchaus nicht damit einverstanden, 
den vom Präsidenten der Republik ernannten Gouverneur des Chaco 
als ihren Herrn anzuerkennen, obgleich letzterer, wie er in einem Be- 
richt scherzhaft erwähnt, seine Ernennung stets bei sich trug, um sie 
seinen rebellischen Unterthanen auf Verlangen vorweisen zu können. — 

Die grosse Anzahl von Indianern bewies auch dem Oberst 
Fotheringham die Notwendigkeit, diesen Teil des Chaco nach allen 
Richtungen zu durchkreuzen, um ihn vollständig säubern zu können. 
Er ging desshalb, am Teuco angekommen, wieder über den Salado 
auf anderem Wege zurück, durchstreifte also den Chaco central auf 
vier verschiedenen Wegen. Das Resultat dieser Märsche war, dass die 
Indianer in nordöstlicher Richtung nach dem Pilcomayo zurückgeworfen 
sind und dass zwischen Formosa und dem Teuco ein unter dem Schutze 
der drei Befestigungen liegender Fahrweg hergestellt ist. 

Die Expedition des Oberst Fotheringham bildet den ersten Teil 
des Feldzuges, welcher die militärische Occupation des Chaco central, 
das heisst: die Verlegung der MiJitärgrenze vom Bermejo und Teuco 
an die Ufer des schiffbaren Pilcomayo zur Folge haben wird. 

VIII. Weitere Expeditionen. 

Nur wenig Ausführliches können wir über die Expedition des Oberst 
Barros berichten. Dieser Stabsoffizier ging von der Hauptstadt der 
Provinz Santjago del Estero aus, überschritt bei La Brea den Fluss 
Salado und rückte in das Innere des Chaco austral vor, mit dem 
Auftrage, von La Brea aus einen Fahrweg bis an die Ufer des Ber- 
mejo zu öffnen. Leider konnte der Plan nicht zur Ausführung ge- 
bracht werden. Teils aus Mangel an den nötigen Vorrichtungen, um 
in den hochgelegenen, wasserarmen Terrains dieses Teiles des Chaco 
künstliche Brunnen anzulegen, teils auch wohl wegen der ungenüg^endew 




74 J- Rohde: 

Energie des Chefs, machte die Expedition des Oberst Barros Fiasko. 
Er ging kaum einige i6o Kilometer von La Brea aus in das Innere 
vor, d. h. gerade so weit, wie sich schon heute die Ansiedlungen er- 
strecken, und kehrte alsdann entmutigt wieder um. Dieses Resultat 
ist um so bedauerungswürdiger, weil für die Provinzen im Norden, 
Salta, Jujuy etc. ein Fahrweg, welcher sie in Verbindung mit dem 
Paranä setzten würde, von grosser Bedeutung ist. Dieses hat die Regierung 
erkannt und in Hinsicht des negativen Ausganges der Expedition Barros 
eine neue angeordnet, welche unter dem Befehle des Militär-Ingenieurs 
Host (Oberst-Lieutenant der topographischen Abteilung des Grossen 
Generalstabes) steht. Herr Host hat den Befehl, im Oktober dieses 
Jahres von Resistencia (Paranä) aufzubrechen und in möglichst ge- 
rader Richtung einen zehn Meter breiten Kolonnen-Weg bis La Brea 
zu öffnen. Gleichzeitig werden seine topographischen Arbeiten als Vor- 
studien einer bald zu errichtenden Eisenbahnlinie dienen. 

Die fünfte und letzte der expeditionierenden Kolonnen wurde von 
dem Oberst-Lieutenant Uriburu befehligt. Derselbe hatte schon seit 
langer Zeit vor dem Anfange der Expedition sein Hauptquartier in 
Cocherek (27^50' südl. Br. und 60^25' westl. Länge von Greenwich), 
einem strategisch wichtigen Punkt im Herzen des Stid-Chaco. Seine Auf- 
gabe war, einen Weg zn bahnen von Cocherek bis La Cangay^ und 
diese Zone von den Indianern zu säubern. 

Beides gelang ihm, soweit die Ausführung ipöglich war. Das Bahnen 
des Weges wurde nur hin und wieder erschwert durch dichte Wälder, 
dagegen erleichtert durch das überall reichlich vorhandene, trinkbare 
Wasser und die mit kräftigen Gräsern bewachsenen Campe. Dieser 
Teil des Chaco ist einer der fruchtbarsten und für die Kolonisations- 
Zwecke besonders zu empfehlen. — Den zweiten Teil seiner Aufgabe, 
die Zone von Indianern zu säubern, hat er so weit es in seinen Kräften 
stand, zu erfüllen gesucht. Jedoch trotz der zahlreichen Scharmützel 
mit den Tobas war deren Unterwerfung oder gar deren Ausrottung 
in der kurzen Frist von drei Monaten nicht durchzuführen. Es liegt 
auf der Hand, dass es ein Ding der Unmöglichkeit ist, die leicht- 
füssigen und pfadkundigen Indianer in den Wäldern oder in den 
Sümpfen zu Pferde zu verfolgen, und wenn sie sich nicht selbst zum 
Kampfe stellen, so muss man sich mit Geduld wappnen, denn zwingen 
kann man sie nicht. Die völlige Unterdrückung der feindselig ge- 
stimmten Wilden ist kein Werk des Augenblicks, ist nicht das momen- 
tane Resultat eines glücklich geleiteten Feldzuges, sondern ist eine 
Frage der Zeit. Jedoch wie in der Pampa und im Anden-Gebiete, 
so kann auch heute schon im Chaco der Kolonist mit Vertrauen sein 
Heim aufschlagen, denn die Militärgrenze ist derartig errichtet worden, 
s ein Vordringen der Wilden in grösseren Massen in das der Civi- 
tion übergebene Gebiet unmöglich gemacht worden ist. 



Die Expedition des General Victorica nach dem Gran-Chaco. 75 

IX. Erforschung des Pilcomayo und des Bermejo. 

Der Oberst-Lieutenant der Marine, Herr Feilberg (von dänischer 
Abkunft), hatte den Befehl erhalten, mit den Dampfern „Atläntico" 
und „Explorador" den Pilcomayo zu erforschen, so weit es ihm mög- 
lich war. Ausser den genannten Schiffen verfügte er noch über einige 
Dampfboote, welche die Lebensmittel mitftihrten und auch wegen 
ihres sehr geringen Tiefganges sich vorzüglich zur Recognoscierung in 
den seichten Flussarmen resp. Nebenflüssen eigneten. Nach einem Be- 
richt des Kommandanten Feilberg, geschrieben an der Mündung des 
Pilcomayo in den Paraguay und datiert vom 24. Januar dieses Jahres(i885), 
ist der Pilcomayo während der Hochwasserperiode in einer Ausdehnung 
von achtzig Meilen (400 Kilometer) als völlig schiffbar anzusehen, d. h. 
von dem Paraguay ab bis zu seinem Zusammenflusse mit dem Rio 
Dorado. Fünf Seemeilen oberhalb dieses Punktes fand Feilberg einige 
Stromschnellen, welche ihm ein Weitervorrücken unmöglich machten. 
Obgleich der Fluss stark gewachsen war, fand er doch in jenem Punkte 
nur zwei Fuss Wasser, welches in einem ausserordentlich engen und 
stark gewundenen Kanal mit einer Schnelligkeit von vier bis sechs 
Seemeilen per Stunde über den aus Kreidefels gebildeten Flussboden 
hinströmte. — Der Kommandant machte verschiedene Versuche, den 
Pass zu überwinden, doch alle scheiterten. Er verweilte auch längere 
Zeit an den Stromschnellen, in der Hoffnung, dass der Fluss wachsen 
würde; als er jedoch sah, dass das Gegenteil der Fall war, musste er 
wider Willen den Rückmarsch antreten. 

Auf seiner ganzen Expedition hat er keine Indianer angetroffen, 
dagegen in den sehr fruchtbaren Ländereien zu beiden Seiten des 
Pilcomayo viele Tolderias gefunden, welche erst in jüngster Zeit von 
ihren Bewohnern verlassen worden sind. 

Allerdings hat diese neuste Erforschung des Pilcomayo wiederum 
gezeigt, dass der geträumte Wasserweg zwischen Bolivien und Argen- 
tinien wohl schwerlich zu realisieren ist, dagegen aber ist das Resultat 
für Argentinien und besonders für die Kolonisation des Chaco ein sehr 
günstiges. Es ist durch diese Expedition bewiesen, dass der Pilcomayo 
während neun Monaten des Jahres und auf eine Ausdehnung von vierhun- 
dert Kilometern für gewöhnliche Flussdampfer völlig schiffbar ist und dass 
das Land zu beiden Seiten des Pilcomayo sich zur Anlage von Kolo- 
nien eignet, denn es ist ausserordentlich fruchtbar und nur die ganz 
tief gelegenen Teile des Thaies sind den periodischen Überschwem- 
mungen ausgesetzt. 

Die Erforschung der Schiffbarkeit des Bermejo war Aufgabe des 
Marine-Oberst Ramirez. Derselbe hat konstatiert, dass dieser Fluss 
fiir gewöhnliche grössere Flussdampfer während sechs Monaten des 
Jahres bis zur Presidencia Roca schiffbar ist. Dagegen können eigens- 
gebaute, dem Charakter des Stromes angepasste Dampfer von drei bv& 




76 J- Rohde: 

vier Fuss Tiefgang und einer Fahrschnelligkeit von zwölf bis vierzehn 
Knoten per Stunde (solche wie wir schon seit dem Jahr 1882 auf dem 
Rio Negro in Patagonien haben), den unteren Lauf des Bermejo bis 
Roca das ganze Jahr hindurch und den Teuco bis Belgrano vom De- 
zember bis Ende April befahren. — Zwei solcher Dampfer sind schon 
in England bestellt worden, so dass die Kolonisten in wenigen Monaten 
auf einen regelmässigen Verkehr rechnen können. 

Schlusswort. 

Schon mehrfach haben wir vom Holzreichtum des Chaco gesprochen ; 
in den folgenden Zeilen führen wir die hauptsächlich vorkommenden 
Arten an. Unser Verzeichnis macht keinen Anspruch auf Genauigkeit; 
es giebt ohne Zweifel viele Bäume im Chaco, welche der Wissenschaft 
bislang noch unbekannt sind. Wir erwähnen an dieser Stelle nur die 
bekanntesten und die wichtigsten. Viele der wissenschaftlichen Namen 
verdanken wir dem Herrn Niederlein, bekannt in weiteren Kreisen 
durch seine Reisen im Innern der Misiones. 

Anchico blanco {Gissia hrasüiensis) und Anchico colorado 
(Acacia Angiga)\^2iy\vciQ von 2 bis 2 J Meter Umfang, Nutzholz für Schiffs- 
bau, Zäune, Häuser, Eisenbahnschwellen u. s. w. Der rote {colorado) 
ist dem weissen {blanco) vorzuziehen. — 

Cedro {Cedrela hrasüiensis A. Juss.), einige 20m hoch und 2 bis 
4 Meter Umfang, Holz gut für Möbel, Bautischlerei, Schiffsbau und ganz 
besonders Cigarrenkisten. 

Guayavi oder Guayubira {Patagonula atnericana L.), 4 Meter Um- 
fang; Luxusholz, gut für Fournier, auch Bauholz, Möbelholz und sehr 
geeignet für Stiele von Hämmern, Äxten etc. 

l^apacho amarillo (Tabehuia flavescens Benth. et Hook.), Lapacho 
colorado (Tahehuia Avellanedae Loren tz), Lapacho negro [Tabebuia 
species), 2 Meter Umfang, geeignet für Schiffsbau, auch gewöhnliches 
Bauholz, Wagenholz, Mühlenbau etc., femer für Kegelkugeln und Eisen- 
bahnschwellen. 

Urunday [Astronium juglandifolium Gris.), nussbaumartige Blätter, 
2 Meter Umfang, Schwellenholz für Eisenbahnen etc. 

Tatand {Loxopterygium Grisebachii Hieron. nach Prof. G. Hiero- 
nymus), i Meter Umfang, gelbliche Farbe mit schön gezeichneten Adern, 
vorzügliches Möbelholz. 

Quebracho colorado {Loxopterygium Lorentzii Gris.), 2 Meter 
Umfang, das beste und gesuchteste Holz für Eisenbahnschwellen, findet 
sich in grossen Wäldern, liefert auch eine vorzügliche Gerbrinde. 

Quebr^-cho blanco {Aspidosperma Quebracho blanco Schlecht), 
gutes Bauholz, auch Gerbrinde. 

Virarö oder Yvirarö {Ruprechtia Viraru Gris.), Schiffs- und 
agenbauholz. 



Die Expedition des General Victorica nach dem Gran-Chaco. 77 

Azota Caballo {Luhea grandiflord), 2 Meter Umfang, eignet sich 
zur Drechslerei, giebt Holz für geringe Möbel, Pantoffeln. Die Rinde 
kann zum Gerben verwendet werden. 

PaloSanto {Bulnesia Sarmtentt'LoxQntz), sehr geschätztes Möbelholz. 

Cebil {Acacia Cehil Gris.), Möbelholz. 

Guayacan (Caesalpinia melanocarpa Gris.), Bau-, Möbel- und Schiffs- 
holz. 

Lapachillo {Cordia Gerascan^hus Jsicq.), i^ Meter Umfang, Bauholz. 

Timbö {Enterolohium Tmdouva Mast) 6 Meter Umfang, ganz beson- 
ders geeignetes Holz für Canoes, Schiffe etc., denn es fault im Wasser 
nicht, reisst jedoch leicht in der Sonne, ist also spröde im Trocknen. 
Timbö nennt man auch Pacarä in den Nordprovinzen Argentiniens. 
Ferner hat der Timbo ein sehr gutes Blindholz, um darauf zu four- 
nieren. Es giebt drei Arten, Timbö negro, blanco und Colo- 
rado (schwarz, weiss und rot). 

Curupai (Acacta ads/n'ngens), i bis i Meter Umfang, sehr tannin- 
haltig, geschätzteste Gerbrinde, Holz auch für Eisenbahnschwellen 
benutzt. 

Mora {Maclura Mora Gris.), 2 Meter Umfang, Möbelholz. 

Arazä (Psidium Arazä), 2 Meter Umfang, Fruchtbaum, liefert Holz 
für Drechslerarbeiten, für Stiele von Äxten, Hobel, Sägengestelle etc. 
Seine Rinde wird zum Gerben benutzt, weniger bei uns in Argentinien, 
als in Brasilien, weil man dort den Quebracho nicht hat. 

Canafistula {Legummosa spec), 7 bis 8 Meter Umfang. Dieser 
und der Timbo sind die Baumriesen des Chaco. Liefert gutes Bauholz. 
In Brasilien benutzt man seine Rinde zum Gerben. 

Laurel blanco {Ocotea suaveolens Benth. et Hook.), i Meter Um- 
fang, Bau- und Möbelholz. Sehr leichtes Holz, welches den Witterungs- 
einflüssen nicht zu widerstehen vermag. 

Laurel negro (Nectandra porphyria Gris.), 2 Meter Umfang. 
Leichtes Holz, gut für Möbel. 

Membrillo silvestre (in Brasilien Marmelero genannt), bis 
3 Meter Umfang, geeignet für ordinäre Drechslerei. 

Taruma {Vitex Taruma), 2I Meter Umfang, sehr geeignet für 
Pfosten, Pfähle etc. 

Ubajay oder Yguajai (Eugenia edulis Benth. et Hook.), süss-säuer- 
liche Früchte, sehr schmackhaft. 

Guaviyü (Eugenia Caviyü Par.), essbare rundHche Früchte. 

Pitanga {Eugenia Pitanga), essbare Frucht, nebst den vorher an- 
geführten den Myrtaceen angehörig. 

Yvaponu {Eugenia cauliflora), essbare Früchte mit drei Kernen, 
ein sehr merkwürdiger Baum. Die Früchte haben keinen Stiel und 
wachsen am ganzen Stamm aus der Rinde heraus. 

Aguay blanco {Chrysophyllum lucumi/olium Gris.). 




78 J« Rohde: Die Expedition des General Victorica nach dem Gran-Chaco. 

Aguay amarillo (Lucuma neriifolia Hook, et Am.), süssliche, läng- 
liche Kernfrucht 

Higuera brava {Carica lanceolata Benth. et Hook.), kleine essbare 
Frucht. 

Chanar {Gourlica decorticans GilL), tiberall vorkommender Baum 
mit essbaren Früchten und gutem Holz für Drechslerarbeiten. 

Algarrobo (Prosopis spec), gute nahrhafte Frucht für Menschen 
und Vieh. Die Eingeborenen verfertigen aus derselben ein Brod, Patai 
genannt, und ein Getränk, Aloja, welches schwer berauschend wirkt. 

Yapan (Acacia paniculata Willd.), Drechslerholz. 

Tarco oder Jacarandä [facaranda Chelonia Gris.), Möbelholz. 

Caranday (Cocos australis Mart.), das Holz sehr brauchbar zum 
Dachdecken, in gespaltener Form, das Mark herausgenommen. 

Yatay {Cocos Fa/qy Mart.), kleine längliche Frucht, Dattelform, süss- 
lich mit bitterem Nachgeschmack; Rindvieh und Schweine fressen sie 
mit Vorliebe, auch kann man sehr guten Essig aus derselben herstellen. 

Fächerpalme {Trithrinax brasüünsü Mart), süsslich-bittere Frucht, 
sehr kräftig wirkendes Purgiermittel, vielleicht für medicinale Zwecke 

auszunutzen. 

* * 

♦ 

Die Argentinische Regierung ist nicht abgeneigt, grössere Land- 
strecken, 8 bis 32 G Meilen, an europäische Unternehmer abzugeben, 
ohne irgend welche Vergütung, und nur mit der Bedingung, dass die 
Wälder rationell ausgenutzt und die freigerodeten Strecken kultiviert 
werden. Unserer Meinung nach haben solche Kolonisations- Unter- 
nehmungen, welche sich in der ersten Zeit besonders mit der Aus- 
nutzung der Wälder beschäftigen, eine schnelle und blühende Zukunft, 
denn das verwendete Kapital müsste in kurzer Frist schon Früchte 
tragen. Der Ackerbau würde sich dann allmählich und fast von selbst 
durch den natürlichen Drang der Bedürfnisse entwickeln, ja, man 
könnte Versuche machen mit dem Anbau dieser und jener Pflanze, 
ohne fürchten zu müssen, in den Experimenten sein Kapital zu ver- 
lieren. Kurz, man würde gerade jene Klippe vermeiden, an welcher so 
viele Kolonisations -Unternehmer schon gescheitert sind, nämlich nach 
ihrer Idee ein Land bebauen zu wollen, ohne dessen Klima und Boden- 
verhältnisse gründlich studiert zu haben. 

Wir wollen nun durchaus nicht behaupten, dass jede Kolonisation 
Schiffbruch leiden muss, nur glauben wir, dass ein bedeutendes Ka- 
pital zur Durchführung derselben gehört, um etwaige Misserfolge in 
den ersten Jahren ertragen zu können. Das Endresultat wird jeden- 
falls immer ein günstiges sein, denn der Boden ist meistenteils sehr 
fruchtbar und das Klima gleich dem der Süd-Provinzen Brasiliens, für 
welche seit einiger Zeit in Deutschland so bedeutend agitiert wird, 
den schon angelegten Kolonien finden wir Bananen, Ananas, Oran- 



J. F. Czetz: General-Bericht über die Expedition nachdem Chaco. 79 

gen, Citronen, Limonen etc., ferner Zuckerrohr, Reis, Tabak, Indigo, 
Baumwolle (kommt wild vor), Lein, Kaffee, Cochenille, süsse Kartoffeln, 
Hanf, Erdnüsse, Mandioca, Sorghum, Mais und fast unsere sämtlichen 
Gemüse. Im Süden des Chaco gedeiht auch Weizen und die gewöhnliche 
Kartoffel. Jedenfalls glauben wir uns zu der Annahme berechtigt, dass 
der Chaco vermöge seines Bodenreichtums und seiner klimatischen 
Verhältnisse berufen ist, dereinst im Welthandel eine bedeutende Rolle 
zu spielen und daher eine dorthin geleitete Einwanderung durchaus 
günstige Resultate ergeben würde. 



III. 

General -Bericht über die Expedition nach dem Chaco. 

Von Juan F. Czetz, 
Oberst und Chef der topographischen Abteilung im Grossen Generalstabe. 



Die Berichte, welche die topographischen Kommissionen, welche 
die Chaco-Expedition begleiteten, eingereicht haben, ergeben in ihrer 
Gesamtheit folgendes Resultat: 

Terrain. Die Ländereien der Chaco -Territorien , sowohl im 
Chaco central wie austral, haben folgenden Charakter: Die mittlere 
Höhe, welche sich über das Niveau der Ströme Paranä und Paraguay 
aus den meteorologischen Beobachtungen ergiebt, kann man auf 139 
Meter annehmen. Folglich hat der Chaco eine absolute Durchschnitts- 
höhe über dem Meeresspiegel von 300 Metern. Allerdings giebt der 
Chef der ersten topographischen Kommission als durchschnittliche Höhe 
über dem Meeresspiegel 238 Meter an, doch erklärt sich dieser Unter- 
schied aus dem natürlichen Gefäll des Bermejo. — Der Chaco central 
liegt im allgemeinen 30 bis 40 Meter höher als der austral. 

Die geologische Formation erscheint in der ganzen Ausdehnung 
des Chaco central übereinstimmend. Es ist Alluvialformation modernen 
Ursprunges und mit allen Bedingungen der Fruchtbarkeit versehen. 
In den Ausgrabungen bis zur Tiefe von 6 bis 8 Meter, wie auch in 
den steilen Nord-Barranken des Flusses Teuco hat man folgende For- 
mation gefunden: Erstens eine Humusschicht von 0,50 m bis 0,80 m 
Dicke, dieser folgt eine 0,40 m starke sumpfige Lage und dieser eine 
Lehmschicht von 0,25 m. Dieser folgt wiederum eine sumpfige Schicht 
von 0,60 m, dieser eine 0,40 m starke lehmhaltige und dieser noch- 
mals eine sumpfige von 1,20 m Dicke, nach welcher man auf eine 
sehr starke sandige Schicht stösst. An den Süd-Ufern des Teuco stösst 
man oberhalb des Sandes auf eine i m starke sumpfige Schicht. Nir- 
gends hat man Felsformation angetroffen. 




80 J. F. Czetz: 

Ganz dieselbe Bildung trifft man im Innern des Chaco austral, 
wo ausgedehnte Urwälder abwechseln mit mehr oder weniger grossen 
freien Plätzen, die mit dem üppigsten Graswuchs bedeckt sind. Auch 
findet man fast tiberall natürliche Gewässer, oder man kann mit leichter 
Mühe durch Brunnengraben trinkbares Wasser erlangen, wie aus den 
Berichten der i., 3. und 5. topographischen Kommission hervorgeht. 
— Jedoch eine Zone des Chaco austral macht eine Ausnahme von 
der Regel, es ist die zwischen Republica und Quimilio gelegene, d. h. 
zwischen dem 27° 21' und 29° 05' südlicher Breite und dem 62° 04' 
und 62° 57' West von Green wich. Diese Gegend ist sandig und 
salpeterhaltig, und selbst in einer Tiefe von 80 Metern hat man kein 
trinkbares Wasser gefunden. (Bericht der 3. topogr. Kommission.) 

Gewässer. Zwei grosse Gewässer durchströmen die Chaco- 
Territorien von Nord- West nach Süd-Ost: der Bermejo und der Pilco- 
mayo. Der erste ist in seiner ganzen Ausdehnung von seinem Zu- 
sammenfluss mit dem San Francisco bis zu seiner Mündung in den 
Paraguay erforscht. Der Pilcomayo ist auf der letzten Expedition von 
seiner Mündung bis 80 Meilen stromaufwärts durch den Major der 
Marine Herrn Feilberg exploriert worden. Von diesem Punkt bis zum 
22° 50' südlicher Breite kennt man ihn nur aus mündlichen Berichten 
und weiter nordwärts bis zu seinen Quellen aus den Erforschungen 
bolivianischer Expeditionen. — Der Rio Salado (Chaco central), welcher 
sich zwischen dem Bermejo und Pilcomayo befindet, ist wahrscheinlich 
ein Abfluss aus den ungeheuren Sümpfen, welche der Pilcomayo 
zwischen dem 22° 30*^ und 23° 30' südlicher Breite bildet. Dieser 
Salado hat kein trinkbares Wasser, seine Ufer sind sumpfig, seine 
Breite variiert zwischen 40 und 60 Metern, seine Tiefe beträgt durch- 
schnittlich 2 Meter und sein Bett ist lehmig. Doch befinden sich links 
und rechts vom Strome grosse Wälder und gute Weiden. (2. topogr. 
Komm.). Die Territorien zwischen den Strömen Bermejo, Salado (Pro- 
vinz Santjago) und dem Paranä sind im allgemeinen hoch und weisen 
eine üppige Vegetation auf. Der Boden ist ausserordentlich fruchtbar 
und eignet sich vorzüglich zum Ackerbau. Die kräftigen Gräser geben 
besonders der Viehzucht ein treffliches Resultat. Das grösste Hindernis, 
welches sich der Kolonisation dieses Terrains entgegenstellt, ist der 
Mangel an trinkbarem Wasser, jedoch ist dieser zu beseitigen, wenn 
man berücksichtigt, mit welchen geringen Mitteln und weniger Mühe 
selbst die Indianer Brunnen hergestellt haben, und dass sich die Ein- 
wohner der Provinz Santjago von der Grenze aus bis in das Herz der 
Urwälder ausgedehnt haben. (3. topogr. Komm.) — Es ist deshalb 
nicht übereilt zu sagen, dass alle diese Ländereien nur die Arbeits- 
kraft der fremden Kolonisten erwarten, um sich in eine Quelle land- 
wirtschaftlichen und industriellen Reichtums zu verwandeln. 

Bodenhöhe. In der von der i. topographischen Kommission zurück- 



General-Bericht über die Expedition nach dem Chaco. 31 

gelegten Zone finden wir die Höhe folgender bemerkenswerten Punkte 
durch barometrische Observationen bestimmt: Puerto Bermejo 201 Meter 
über dem Meeresspiegel; Puerto Espedizion 218 m; Fortin Ortiz 
226 m; Presidenzia Roca 240 m; Cangay^ 254 m; San Bernardo 266 m. 

Aus der Marschroute der 3. Kommission erwähnen wir folgende 
Punkte: Fuerte Belgrano 61 Meter über dem Meeresspiegel, Fuerte 
Union 106,50 m; R^publica 166,15 m; Kapelle Quimilios 294,60 m; 
Estancia Bragado 309,55 m; Milagros 293,15 m; Aluampa 324,55 m; 
San Bernardo del P^rtigo 285,15 m. 

Ausdehnung der von den topographischen Kommissionen zurück- 
gelegten Wege: Die i. Kommission hat 305 km oder 61 leguas 
(argentinische Staatsmeilen) vom Puerto Bermejo bis Presidenzia Roca 
zurückgelegt. — Die 2. Kommission von Formosa bis zum Zu- 
sammenfluss des Teuco mit dem Bermejo 59 Meilen, von dort zurück 
nach Formosa 100, in Summa 159 Meilen. — Die 3. Kommission 
längs des Rio Salado von Belgrano bis Figueroa 100 Meilen, vom Rio 
Salado in das Innere 40, in Summa 140 leguas. Ausserdem sind flie- 
gende Korps noch 40 Meilen weiter in das Innere vorgerückt. — Die 

4. Kommission von Victorica bis zum Kaciquen Pedro 82 Meilen, 
von dort bis San Bernardo 24 Meilen, in Summa 106 Meilen. — Die 

5. Kommission von der Kolonie Las Toscas bis Cangay^ 127 Meilen, 
von Cangayd bis Las Toscas auf Umwegen zurück 179 Meilen, in Summa 
306 Meilen. — Die 6. Kommission von Sanchales bis Repüblica 
41 Meilen. — Die wissenschaftliche Kommission von San Ber- 
nardo nach Rivadavia 47 Meilen. 

Wenn wir nun rechnen, dass alle diese Kommissionen, gemäss 
ihren Vorschriften das den Marschrouten angrenzende Land auf 3 Meilen 
Entfernung genau zu studieren hatten, so erhalten wir, dass folgende 
Terrainfläche eingehend erforscht ist: 

Durch die i. Kommission längs des Südufers des Bermejo 183 
Qu.-Meilen. — Durch die 2. Kommission von Formosa nach dem Teuco 
hin und zurück 477 Qu.-Meilen. — Durch die 3. Kommission 540 Qu.- 
Meilen. — Durch die 4. Kommission längs des Nordufers des Bermejo 
309 Qu.-Meilen. — Durch die 5. Kommission 917 Qu.-Meilen. — Durch 
die 6. Kommission 123 Qu.-Meilen. — Im ganzen sind also bekannt 
2 121 Qu.-Meilen, und da wir wissen, dass die geologische Formation 
des Chaco durchaus keine Abwechselung bietet, so darf man be- 
haupten, dass das Territorium des Chaco genau ebenso bekannt ist, 
als die Pampa und genauer als Patagonien und das Innere der Misiones. 

Flächeninhalt. Der Chaco central beträgt 108,225 qkm oder 
4392 Quadratmeilen, der Chaco austral 157,050 qkm oder 6282 Qua- 
dratmeilen. Der ganze Chaco also 265,275 qkm oder 10,611 Quadrat- 
meilen. Durch Kongressbeschluss des Jahres 1884 sind den angren- 
zenden Provinzen Santjago und Santa F6 Teile des Chaco zuerkannt 

Zeitschr. d. OeMlbch. f. Erdk. Bd. XXI. ^ 



82 J. F. Czetz: General-Bericht über die Expedition nach dem Chaoo. 

worden. Santjago erhielt 16,250 qkm oder 650 Meilen und Santa F^ 
18,000 qkm oder 720 Quadratmeilen. 

Mineralogie, Zoologie und Botanik des Landes sind von der 
wissenschaftlichen Kommission untersucht worden, und verweisen wir 
auf deren Veröffentlichungen. In den Berichten der dritten und vierten 
Kommission finden wir die Tiere angegeben, welche man am häufigsten 
antrifft. Es sind dies: der Strauss, Hirsch, Reh, Tige^, Löwe und 
Aguaräs; keines der wilden Tiere greift den Menschen ungereizt an. 
Ausser den genannten Tieren findet man an den Grenzen von Santa 
Fd und Santjago einen grossen Ameisenbären, Tamias genannt. 

Was die Mineralien betrifft, so berichtet der Chef der fünften 
Kommission, dass er in der Nähe des 62° W. L. und des 27° süd- 
licher Breite eine Stelle gefunden, welche mit kleinen weisslichen 
Steinen bedeckt war, die einzigen, welche man im Chaco beobachtet 
hat. Die vierte Kommission berichtet, Borax entdeckt zu haben und 
an anderer Stelle eine Petroleum - Quelle. 

Holzarten. Die reiche Zukunft, welche den Chaco erwartet, be- 
gründet sich nicht allein auf den fruchtbaren Boden, welcher sich überall 
dem Ackerbau darbietet, sondern besonders auch auf die verschiedenen 
kostbaren Hölzer, welche sich in den Wäldern vorfinden und deren 
Ausnutzung sofort in Angriff genommen werden kann. Der wissen- 
schaftlichen Kommission ist das Studium der Holzarten speziell anbe- 
fohlen worden. Um Wiederholung zu vermeiden, verweisen wir auf das 
oben S. 76 angeführte Verzeichnis von Nutzhölzern. 

Klima. Nach den von den verschiedenen Kommissionen ge- 
sammelten Angaben ist das Klima der Chaco -Region im allgemeinen 
sehr gesund. Weder an den Sumpfufem der Ströme noch im Innern 
des Landes kennt man Krankheiten mit epidemischem Charakter. Das 
„Chucho" (Wechselfieber), welches in den tropischen Regionen von Tu- 
cuman, luguy etc. sich allgemein verbreitet findet, ist im Chaco unbe- 
kannt, wenn wir den Indianern Glauben schenken dürfen. 

Die Wärme-Beobachtungen der Kommissionen geben uns als Mittel- 
temperatur 26° Celsius, also ein Klima, wie man es schöner und köst- 
licher nicht kennt. In der kalten Jahreszeit ist die Durchschnitts- 
Temperatur 18°. Ein starker Thau, welcher regelmässig alle Nacht fallt, 
giebt der Vegetation die Frische und die Kraft wieder, welche ihr des 
Tages Hitze geraubt hat und macht auch für den Menschen die Strahlen 
der Sonne erträglicher. Trotzdem ist in den dichten Wäldern für die 
in den Obrajes und Holzsägereien beschäftigten Arbeiter die Hitze 
sehr drückend; doch jemehr sich durch Ausnutzung der Hölzer die 
Wälder lichten, in derselben Proportion wird auch die schwüle Hitze 
in den dichten Wäldern abnehmen und die Temperatur alsdann ebenso 
gemässigt sein, wie an den offenen Plätzen. 



IV. 

Die Maori-Bevölkerung in Neu-Seeland. 



weiblich 


zusammen 


i8 729 


41 601 


940 


2 061 


60 


125 



Über die Anzahl der in der Kolonie Neu-Seeland noch vorhandenen 
Eingeborenen, welche unter dem Namen Maoris bekannt sind, enthält 
der daselbst in der Nacht vom 3. auf den 4. April 1881 veranstaltete 
Census die letzten amtlichen Nachrichten. Nach den kürzlich veröffent- 
lichten Resultaten dieses Census zählte man im ganzen 44 097 Personen, 
darunter 24368 männlichen und 19729 weiblichen Geschlechts. Von 
denselben lebten 

männlich 

auf der Nord-Insel 22 872 

auf der Süd-Insel i 121 

auf den Chatam-Inseln ... 65 

zusammen 24058 19729 43787 
Ausserdem befanden sich 310 Maoris, die in dem letzten Kriege 
gegen die weissen Ansiedler auf der Nord-Insel zu Gefangenen gemacht 
waren, in den Gefangnissen von Hokitika, Lyttelton und Dunedin. 

Diese Zusammenstellung ergiebt, dass der eigenthche Kern der 
Maori-Bevölkerung auf der Nord-Insel von Neu-Seeland zusammen lebt, 
und dort allein hat sich auch noch die Gruppierung nach Stämmen 
erhalten und in den Census-Listen nachweisen lassen. Es werden auf 
der Nord-Insel zwanzig Stämme namentlich aufgeführt, darunter zwölf, 
welche mehr als tausend Angehörige zählen. Die wichtigsten Stämme 
sind die Ngapuhis mit 5564, die Waikatos mit 5233 und die Ngatika- 
hungunns mit 4730 Personen. Unter den übrigen acht Stämmen, welche 
eine Stärke von 1000 nicht erreichen, giebt es zwei, deren Bestand 
auf 89 resp. 81 Mitglieder gefallen ist. 126 Eingeborene sind unter 
der Rubrik „verschiedene Stämme" zusammengefasst. 

Der Census enthält femer noch Angaben über das Alter der Maoris, 
indem dieselben in zwei Klassen, solche die über fünfzehn und die unter 
fünfzehn Jahren sind, eingeteilt worden sind. Bei den Maoris auf 
der Nord-Insel konnte diese Altersziflfer bei 4250 Personen nicht fest- 
gestellt werden. Von den übrigen 37351 waren 

Zeitschr. d. Gesellsch. f. £rdk. Bd. XXI. 1 



g4: I^ie Maori-Bevölkerung in Neu-Seeland. 

männlich weiblich zusammen 
unter fünfzehn Jahren . . . 6882 5738 12620 

über fünfzehn Jahren . . . 13665 11 066 24731. 

Drückt man dies Verhältnis in Prozenten aus, so ergiebt sich, dass 
von der männlichen Bevölkerung 33,49, von der weiblichen 34,15 unter 
fünfzehn Jahren waren. Eine Vergleichung mit den analogen Ziffern 
der weissen Bevölkerung auf Neu-Seeland führt zu dem nachstehenden 
Resultat : 

Verhältnis für die beiden Geschlechter: 

männlich weiblich 

unter 15 Jahren unter 15 Jahren 

Maoris 33i49^ 34f^S% 

weisse Bevölkerung . 39;74^ 46,83^ 

Diese Zahlen sind nicht ohne Wichtigkeit, da sie Schlüsse auf die 
Zunahme oder Abnahme der Rasse gestatten. Die auffallend geringe 
Prozentziffer der weiblichen Maori-Bevölkerung unter fünfzehn Jahren 
im Verhältnis zu den überhaupt vorhandenen Maoris lässt keine Hoff- 
nung aufkommen, dass sich die Zahl der letzteren in den nächsten 
Jahren vermehren wird. 

Überhaupt scheint nach allen vorhandenen Anzeichen der allmäh- 
liche Untergang der Maori-Rasse besiegelt zu sein. Alle Schriftsteller, 
die sich mit dieser Frage beschäftigt haben, besonders auch Hochstetter 
in seinem klassischen Buche über Neu-Seeland, kommen zu diesem 
Resultate. Es kann sich nur noch -darum handeln, beweiskräftige 
Thatsachen für die Annahme zu sammeln, ob das unvermeidliche Ende 
langsamer oder schneller eintreten wird. Das Ziffernmaterial, welche die 
amtlichen Volkszählungen Neu-Seelands in dieser Beziehung bieten, ist 
nur mit der grössten Vorsicht zu benutzen. So sollen nach dem Census 
von 1878 im ganzen 43 595, nach dem Census von 1881, wie oben 
angegeben, 44097 Eingeborene vorhanden gewesen sein, was eine Zu- 
nahme von 502 Personen ergeben würde. Wie wenig jedoch diese 
amtlichen Zahlen Glaubwürdigkeit verdienen, wird von der neusee- 
ländischen Regierung selbst hervorgehoben. So erklärte der gegen- 
wärtige Minister for native affairs, Mr. Bryce, dessen spezielle Aufgabe 
es ist, sich mit den politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen der 
Maoris zu beschäftigen, am 28. Juli vorigen Jahres bei Gelegenheit 
einer Debatte über die „Native Reserves Bill" im Parlamente wörthch 
folgendes: „Es ist von einer Anzahl der ehrenwerten Mitglieder ge- 
äussert, im Laufe dieser Debatte und zu anderen Zeiten, dass die Zahl 
der Maoris in rascher Abnahme begriffen ist, und dass die Zeit schnell 
heranzukommen scheint, wo dieselben völlig ausgestorben sein werden. 
Nun, ich teile nicht ganz diese Ansicht. Ich möchte jedoch sagen, 
dass ich die gegenwärtige Schätzung der Maori-Bevölkerung für eine 
Htek übertriebene halte. Man berichtet uns, dass die Maori-Bevölkerung 



Die Maori-Bevölkerung in Neu-Seeland. 85 

ungefähr 40000 beträgt. Ich glaube, dass nicht entfernt diese Anzahl 
in der Kolonie vorhanden ist. Ich glaube nicht, dass es deren 
mehr als 30000 giebt. Ich hatte kürzlich besondere Gelegenheit, 
mich zu überzeugen, dass meine Ansicht über diesen Punkt eine rich- 
tige ist." 

Diese ministerielle Ansicht wird unter anderm auch durch die Be- 
richte der imter den Eingeborenen lebenden neuseeländischen Beamten 
(resident magistrate und native officer) bestätigt. Die betreffenden 
Berichte sind im Auszuge zugleich mit den Census-Resultaten veröffent- 
licht und lauten dahin, dass nur in dem Distrikte nördlich von Auckland, • 
welcher eine Bevölkerung von angeblich 8617 Maoris enthält, eine leichte 
Zunahme (slight increase) beobachtet ist. Für fünf Distrikte mit 1 2 746 
Maoris wird ausdrücklich eine Abnahme konstatiert, bei drei anderen 
Eingeborenen-Distrikten, in denen 6549 Personen leben sollen, lautet 
die offizielle Lesart: „Die Bevölkerung hat nicht abgenommen", wo- 
nach man also einen stationären Zustand annehmen muss. 

Die amtlichen Ziffern über die noch vorhandene Anzahl der Einge- 
borenen auf Neu-Seeland sollen nicht ganz zuverlässig sein. Nach Mittei- 
lungen eines im Tampo -Distrikt mit den Census-Erhebungen beauftragten 
Beamten, welcher seit dreizehn Jahren unter den Eingeborenen lebt, 
soll es bei den nomadenartigen Gewohnheiten der Maoris und der 
Ausdehnung und Unwegsamkeit des von ihnen bewohnten Terrains 
ganz unmöglich sein, auch nur annähernd richtige Daten über deren 
gegenwärtige Anzahl zu geben. Die meisten Berichte der resident 
magistrates seien noch zu optimistisch gefärbt ; nach seinen Erfahrungen, 
welche durch die fast durchgängig beobachtete geringe Kinderzahl der 
Eingeborenen bestätigt würden, habe überall ein Rückgang stattge- 
funden und seien manche Stämme schon ganz ausgestorben. 

Nach diesem Zugeständnis lässt sich allerdings annehmen, dass 
die von dem Minister Bryce gegebene Ziffer von 30 000, die hinter 
dem Ergebnis der offiziellen Statistik um mehr als 13 000 zurückbleibt, 
der Wahrheit am nächsten kommt. 

Die Gründe für das Absterben der Maori-Rasse sind die nämhchen, 
welche auch auf andern Gebieten, wo das erobernde anglo-sächsische 
Element mit unzivilisierten Eingeborenen zusammengetroffen ist, den 
Untergang der letzteren herbeigeführt haben. Der gegenwärtige eng- 
lische Unter-Staatssekretär im Auswärtigen Amte, Sir Charles Dilke, 
nennt in seinem Buche „Greater Britain" seine Landsleute mit Recht 
„a killing race", insofern dieselben den meisten amerikanischen, ost- 
asiatischen und afrikanischen Rassen, mit denen ihr Kolonial-Erwerb 
sie in Berührung gebracht hat, ein schnelles Ende zu bereiten pflegen, 
nicht durch Krieg oder Massenmord, sondern durch die blosse Thatsache 
ihrer Anwesenheit ohne alle Anwendung von Gewaltmitteln. Während Hol- 
länder, Franzosen, Spanier, Portugiesen (über das kolonienlose Deutsch- 

1* 




36 Die Maori-Bevölkernng in Neu-Seeland. 

land liegen keine Erfahrungen vor) es mehr oder weniger verstehen, 
sich mit aussereuropäischen Volksstämmen zu amalgamiren und dadurch 
das Entstehen einer Mischrasse vorzubereiten, ist dies bei Engländern 
niemals beobachtet worden. Sie dulden kein fremdes Element neben 
sich und nehmen nie fremdes Blut in sich auf. Sie vernichten die 
schwächere Rasse oder stellen sich derselben als Höherstehende unnah- 
bar gegenüber, falls, wie in Indien, das Zerstörungs-Werk an der nume- 
rischen Übermacht scheitert. 

Die Kolonisation Australiens bildet eine lehrreiche Illustration für 
diese Eigentümlichkeit des anglo-sächsischen Volksstammes, welche von 
manchen als ein Natur-Gesetz betrachtet wird. Die auf einer sehr 
tiefen Kulturstufe stehenden Australneger sind im Laufe weniger Jahr- 
zehnte bis auf geringe Reste vor dem eindringenden englischen Ele- 
ment verschwunden, am Ende dieses Jahrhunderts werden in Victoria 
und Neu- Süd- Wales die Eingeborenen vollständig ausgestorben sein, 
wie dies heute schon in Tasmanien der Fall ist. In den übrigen 
Kolonien geht der Ausrottungs-Prozess etwas langsamer vor sich, weil 
bei der geringen Anzahl der weissen Ansiedler die ungeheuren Länder- 
strecken nur nach und nach kolonisiert werden können. 

In Neu-Seeland trafen die ersten Kolonisten eine begabte kultur- 
fähige Rasse wahrscheinlich malaiischen Ursprungs an, die ihre Selb- 
ständigkeit nicht freiwillig aufgab, sondern erst nach mehrfachen Kriegen 
bezwungen werden konnte. Die letzten ernstlichen Kämpfe, welche 
die Zahl der Maoris natürlich dezimierten, fanden mit Unterstützung 
englischer Truppen in den Jahren 1861 — 65 statt, und hatten zur Folge, 
dass man den besiegten Gegnern einen grossen Teil des ihnen noch 
verbliebenen Landes konfiszierte. Gegenwärtig sind von den 67^ Mil- 
lionen acres, welche das Areal von Neu-Seeland ausmachen, etwa 
15 Millionen im nominellen Besitze der Eingeborenen oder solcher 
Europäer, die von den Eingeborenen gekauft haben. Dieses den 
ursprünglichen Eigentümern reservierte Land liegt ausschliesslich auf 
der Nord-Insel der Kolonie, wo, wie oben angegeben, die noch vor- 
handenen Maori-Stämme, abgesehen von verstreuten Überbleibseln in 
andern Teilen von Neu-Seeland, zusammen leben. Die Möglichkeit, 
so auf eigenem Grund und Boden, unberührt von den Einflüssen der 
englischen Kolonisten zu existieren, erklärt es hauptsächlich, dass, im 
Gegensatz zu der Entwicklung auf dem australischen Festlande, in Neu- 
Seeland noch nennenswerte Reste von Eingeborenen vorhanden sind. 

Die Maoris, denen man heute in Neu-Seeland begegnet, entsprechen 
nicht mehr den Schilderungen, welche frühere Besucher der Insel von 
ihnen entworfen haben. Sie machen im grossen und ganzen den 
Eindruck einer heruntergekommenen Rasse, welche dem Untergange 
geweiht ist. Unter den älteren Leuten findet man noch kräftige, schön 
'ormte Gestalten von kriegerischer Erscheinung, die jüngere Gene- 



Die Maori-Bevölkening in Neu-Seeland. 87 

ration aber ist vielfach von schwächlichem und unansehnlichem Körper- 
bau ohne Würde und Willenskraft. Die Intelligenz und Beredsamkeit, 
welche man an den Maoris vor der englischen Herrschaft bewunderte, 
sind freilich auch heute noch unverkennbar, aber, da sie meistens un- 
rühmlichen oder geradezu niederen Zwecken dienen, in Schlauheit 
und Zungenfertigkeit ausgeartet. Von den vielgepriesenen künstlerischen 
Leistungen der Maoris auf dem Gebiete der Holz- und Steinschneiderei 
ist kaum noch eine Spur vorhanden, die Verzierungen an den Tempeln, 
die Ornamentik auf den Waffen, welche man gegenwärtig sieht, sind 
grob und plump, selbst die Kunst einer symmetrischen und geschmack- 
vollen Tättowierung der Körper scheint verloren gegangen zu sein. An 
Stelle der mit erstaunlicher Geschicklichkeit und in schönen Mustern 
geflochtenen Flachsmatten, welche früher zur Bekleidung dienten, sind 
jetzt wollene Decken, oder bei den noch vorgeschritteneren Einge- 
borenen kurzweg europäische Kleidungsstücke in Gebrauch. Während 
die Maoris so die besten Errungenschaften ihrer eigenen Kultur ver- 
lieren und vergessen, haben sie sich mit grosser Schnelligkeit die der 
europäischen Civilisation anklebenden Laster angeeignet. Trunksucht 
und Geldgier sind heute die hervorstechendsten Eigenschaften derjenigen 
Maoris geworden, die in der Nähe der europäischen Ansiedler leben. 
Die neuseeländische Regierung hat vergebens versucht, den Verheerun- 
gen, welche der übermässige Genuss geistiger Getränke unter den Ein- 
geborenen anrichtet, durch ein Verkaufsverbot zu steuern. Dies Verbot 
wird täglich und stündlich teils im Geheimen umgangen, teils öffentlich 
übertreten. Ein Augenzeuge berichtet, dass er in der Nähe von Ohi- 
nemutu Scharen betrunkener Maoris gesehen habe, welchen von eng- 
lischen Landspekulanten Rum und Gin der schlechtesten Qualität ge- 
liefert war, um dieselben zum Verkauf des ihnen gehörigen Grund 
und Bodens zu veranlassen. Alle Bemühungen sind erfolglos geblieben, 
der Sittenlosigkeit unter den Maoris, welcher ebenfalls von europäischer 
Seite auf alle Weise Vorschub geleistet wird, Einhalt zu thun. Hier, 
wie auf den Südsee-Inseln, fordern die von Europäern eingeschleppten 
und verbreiteten geschlechtlichen Krankheiten jährlich eine grosse An- 
zahl von Opfern unter der einheimischen Bevölkerung. Die Regierung 
hat in den ihr zugänglichen Maori-Distrikten eine ziemlich bedeutende 
Anzahl von Schulen eingerichtet, die im ganzen fleissig besucht werden. 
Nach einer aus dem Jahre 1880 stammenden Statistik — der Census von 
1881 berücksichtigt diesen Zweig des öffentlichen Schulwesens nicht 
— sollen damals 52 Schulen unter den Eingeborenen mit 59 Lehrern 
und 1277 Schülern vorhanden gewesen sein. Die gut veranlagten und 
namentlich mit einer schnellen Auffassungsgabe ausgestatteten Maoris 
lernen häufig mit Eifer und Erfolg, zeigen aber nur selten Ausdauer 
und vergessen daher in späteren Jahren meistens wieder, was sie in 
der Jugend gelernt haben. Dies gilt sogar von der etigUsch^iv S^t^cJcä, 



I 



3 g Die Maori-Bevölkerung in Neu-Seelahd. 

deren Kenntnis unter denjenigen Eingeborenen, die eine englische 
Schule besucht haben, bei weitem nicht so verbreitet und gründlich 
ist, als man annehmen sollte. Mitunter wollen dieselben freilich auch 
nicht englisch sprechen, da hier, wie in Indien, gerade diejenigen Ein- 
geborenen, welche eine englische Erziehung genossen und die euro- 
päische Civilisation kennen gelernt haben, oft von einem fanatischen 
Hasse gegen England und die Engländer erfüllt sind. 

Ausser den Regierungsschulen existieren unter den Maoris ver- 
schiedene Schulpensionate — boarding schools — in Verbindung mit 
protestantischen und katholischen Missions-Instituten, in welche eine 
Anzahl von Kindern auf Regierungs-Kosten geschickt werden. Die 
Versuche, die Eingeborenen Neu-Seelands zum Christentume zu be- 
kehren, wurden schon vor der englischen Okkupation der Insel unter- 
nommen. Bereits im Jahre 1814 wurde von der Church Missionary 
Society in Sydney die erste Station gegründet, Wesleyanische Missionare 
folgten in 1822, katholische unter dem französischen Bischof Pompallier 
in 1838. Dem Namen nach sollen jetzt die meisten Maoris Christen 
sein, doch stehen dieselben zum Teil nicht mehr im Zusammenhange 
mit den verschiedenen europäischen Konfessionen, sondern haben sich 
aus christlichen Elementen eine neue Religion mit besonderen Lehren 
gebildet. So giebt es in gewissen Stämmen Propheten, die direkt von 
Christus inspiriert zu sein angeben und nach Ansicht der Gläubigen 
übernatürliche Gaben besitzen. Der bekannteste unter diesen Pro- 
pheten, Namens Te Whiti, hat auch eine politische Rolle gespielt und 
befindet sich augenblicklich wegen aufrührerischen Verhaltens in eng- 
lischer Gefangenschaft. 

Die politische Stellung der Maoris gegenüber der Kolonial-Regie- 
rung von Neu-Seeland ist noch immer keine ganz klare. Die mäch- 
tigsten Stämme auf der Nord-Insel in dem südöstlichen Teile der 
Provinz Auckland leben unter der Herrschaft eines einheimischen 
Königs Tawhiao und erkennen die englische Oberhoheit auch nicht 
einmal nominell an. Sie führen den Namen Königs - Maoris — 
Kingites — im Gegensatz zu denjenigen Maoris, welche sich als Unter- 
thanen der Queen Victoria betrachten. Das von ihnen bewohnte Land, 
über welches die neuseeländische Regierung in Friedenszeiten keine 
Jurisdiktion ausüben darf, bildet gewissermassen ein imperium in im- 
perio, und ist weissen Reisenden nur mit besonderer Erlaubnis der 
Häuptlinge zugänglich. Die Kolonial-Regiening, welche im Interesse 
des Handels und Verkehrs gern Eisenbahnen und Fahrstrassen in 
dem Territorium der Kingites anlegen möchte und überdies eine aus 
politischen Gründen unbequeme Stärkung des einheimischen National- 
gefühls bei dem Fortbestande dieses Königtums fürchtet, hat zu ver- 
schiedenen Malen mit den an der Spitze stehenden Häuptlingen wegen 
^Aufgabe ihrer Privilegien unterhandelt Die letzten Verhandlungen 



Die Maori-BevÖlkerung in Neu-Seeland. 39 

dieser Art wurden im November vorigen Jahres zwischen dem neu- 
seeländischen Minister für die Angelegenheiten der Eingeborenen, 
Mr. Bryce, und dem genannten Könige Tawhiao geführt. Die Kolonial- 
Regierung bot die Rückgabe umfangreicher Ländereien, welche im 
letzten Maori-Kriege konfisziert waren und sonstige pekuniäre Vorteile 
an, falls Towhiao den Bau einer Eisenbahn durch sein Gebiet zur 
Vollendung der Verbindung zwischen Wellington und Auckland ge- 
statten und gleichzeitig die Souveränetät der Königin von England in 
dem Lande der Kingites anerkennen wollte. An diesem letzteren 
Punkte scheiterte das Übereinkommen. Tawhiao schien zwar anfangs 
geneigt, die englischen Bedingungen anzunehmen, musste aber schliess- 
lich dem Widerspruche der andern Häuptlinge, über welche er nur eine 
nominelle Autorität ausübt, nachgeben und verweigerte seine Unterschrift 
zu dem ihm vorgelegten Vertrage. Er folgte dabei besonders dem 
Rate seines ersten Ministers, des Häuptlings Wahanui, der seiner 
Zeit in einem Wesleyanischen Missions-Institute ausgebildet wurde und 
gegenwärtig als eifrigster Gegner der englischen Oberherrschaft gilt — 
ein merkwürdiges Beispiel des oben erwähnten Hasses englisch er- 
zogener Eingeborener gegen England und die Engländer. 

Die neuseeländische Regierung hat nach dem Abbruche der Ver- 
handlungen mit Tawhiao vorläufig eine abwartende Stellung einge- 
nommen, keineswegs aber ihre auf Erschliessung und Beherrschung 
des noch unabhängigen Maori-Landes gerichteten Pläne aufgegeben. 
Sie würde vielleicht mit dem Widerstände der Häuptlinge kurzen Pro- 
zess machen und zu Gewaltmassregeln schreiten, wenn sie nicht das 
Veto Englands fürchtete. Da die Häuptlinge untereinander eifersüchtig 
und uneinig sind, auch oft blutige Stammesfehden ausfechten, dürfte 
es bei geschickter Benutzung der vorhandenen Zwistigkeiten und Unter- 
stützung einer Partei gegen die andere nicht zu schwer sein, Tawhiao 
mit den Waffen in der Hand zur Annahme der Bedingungen zu zwingen, 
die er im Frieden zurückgewiesen hat. Ein derartiges Vorgehen hätte 
aber unter keinen Umständen auf Zustimmung der englischen Regierung 
zu rechnen, welche bei den letzten Streitigkeiten zwischen den Kolonial- 
Behörden und den Maoris einschritt und den jetzigen Zustand auf 
Grund der Berichte einer von England entsandten Untersuchungs- 
Kommission ausdrücklich sanktioniert hat. Die Maoris selber wissen 
recht gut, dass ihr bester Schutz gegen mögliche Übergriflfe der weissen 
Ansiedler Neu-Seelands in der Intervention der englischen Regierung 
liegt und haben noch kürzlich nach London zur Auseinandersetzung 
ihrer vermeintlichißn Beschwerden eine Deputation entsandt, die zwar 
bei der sogenannten Exetier Hall -Partei viele Sympathien, auf dem 
Kolonial-Amte dagegen nur eine kühle Aufnahme gefunden hat. Der 
Initiative .Englands ist es gleichfalls zu verdanken, dass die Maori-Be- 
völkening im Parlamente der Kolonie ständig durch vier Mitglieder 



90 Die Maori-Bevölkening in Neu-Seeland. 

vertreten ist, welche die Interessen ihrer Rasse meist nicht ohne Ge- 
schick wahrnehmen. 

Unter diesen Umständen ist ein kriegerischer Handstreich gegen 
die noch bestehende Territorial-Hoheit der Maoris nicht zu erwarten, 
so lange sich letztere selbst in den Schranken der Gesetzlichkeit und 
der geltenden Verträge halten. Die Kolonial-Regierung muss versuchen, 
sich auf friedlichem Wege in den Besitz der Ländereien zu setzen, 
welche sie für Verkehrszwecke bedarf, und welche die Begehrlichkeit 
der Ackerbau und Viehzucht treibenden europäischen Bevölkerung 
reizen. In anderen Teilen Neu-Seelands ist die Bereitwilligkeit und 
der Leichtsinn der zivilisierten Eingeborenen, ihren Grund und Boden 
zu veräussern, so gross gewesen, dass zum Schutz derselben gegen die 
Ausbeutungs-Versuche von Landspekulanten besondere Gesetze seitens 
der Regierung erlassen sind. Das etwas komplizierte Verfahren bei 
derartigen Landverkäufen ist in Kürze folgendes: Aller Grund und 
Boden in den Maori-Gebieten ist nicht Privat-Eigentum der Einzelnen, 
sondern steht im Kollektiv-Eigentum des Stammes. Beschliesst letzterer 
zu verkaufen, so wird das Land zunächst von der neuseeländischen 
Regierung amtlich vermessen und in der Amtszeitung ein Termin an- 
beraumt, zu welchem alle Eingeborenen, die Anspruch auf das Land 
erheben, persönlich erscheinen müssen. Ein besonderer Gerichtshof 
(native land court) prüft die einzelnen Ansprüche und erkennt dann 
jedem Berechtigten seinen individuellen Anteil an dem Stammes-Eigen- 
tum zu, unter gleichzeitiger Verleihung eines registrierten Besitztitels. 
In jedem Falle wird zur ferneren gemeinschaftlichen Benutzung der 
Stammesgenossen ein grosses Areal reserviert, welches unveräusserlich 
ist. Die Eingeborenen dürfen dann unter Mitwirkung des land court 
das ihnen gerichtlich zugesprochene Land verkaufen gegen Auslieferung 
des Besitztitels, der auf den Namen des europäischen Erwerbers um- 
geschrieben wird. Da die Maoris das ihnen reservierte Land nur in 
sehr unvollkommener Weise kultivieren, den Kaufpreis für das ver- 
äusserte Grundeigentum dagegen gewöhnlich sehr schnell durchbringen, 
so will die Regierung jetzt die Verwaltung und Utilisierung der Land- 
Reserven durch einen besonderen Beamten überwachen lassen, um der 
zunehmenden Verarmung der Eingeborenen abzuhelfen. Das Areal, 
auf welchem die unter der Oberherrschaft des Königs Tawhiao leben- 
den Stämme wohnen — King-country — steht bis jetzt zum grössten 
Teile ausserhalb des Bereiches der neuseeländischen Landgesetzgebung 
und ist daher streng genommen unverkäuflich. Diesem Zustande 
wünscht die Regierung ein Ende zu machen. Die Verhandlungen 
über Anerkennung der englischen Autorität im King-country sind daher 
im wesentlichen Verhandlungen über Regelung der Landfrage. Dieser 
Gesichtspunkt tritt besonders in einem Manifeste zu Tage, welches 
i' der Minister Bryce nach Verwerfung der letzten Vorschläge der Kolo- 



Die Maori-Bevölkerung in Neu-Seeland. 91 

nial-Regierung durch den Maori-König an den oben erwähnten Häupt- 
ling Wahanui richtete. Es heisst dort wörtlich: „Ihr habt das Land, 
in welchem Ihr wohnt, gegen Reisende abgeschlossen, doch kann dies 
nicht lange so bleiben. Es giebt drei Gründe, warum dasselbe durch 
Strassen und Eisenbahn zugänglich gemacht werden sollte, und jeder 
einzelne Grund ist an und für sich stark genug. Erstens ist der ganze 
Rest von Neu-Seeland dem Publikum durch Strassen und Eisenbahnen 
zugänglich gemacht. Euer Verfahren, diesen Teil des Landes abge- 
schlossen zu halten, ist daher ein Zeichen der Feindseligkeit gegen 
die Kolonie. Wenn Ihr und Euer Volk in der That Feinde der Re- 
gierung und der Kolonie wäret, würde es begreiflich sein, aber da 
wir fortfahren. Freunde zu sein, wie wir augenblicklich sind, was für 
einen Grund könnt Ihr angeben? Sodann ist die Kolonial-Regierung 
Eigentümerin grosser Landstrecken in der Nähe von Mokan, und es 
ist widersinnig anzunehmen, dass sie sich den Zugang zu ihrem Eigen- 
tum wehren lassen wird. Drittens wird die Ausführung von öffentlichen 
Arbeiten den Wert der Grundstücke, welche davon berührt werden, 
wesentlich steigern und allen zu Gute kommen, den Maoris sowohl 
als den Europäern. Diese Gründe sind stark und sollten Euch über- 
zeugen, dass Ihr einen Weg einschlagt, der andern und Euch selbst 
schädlich ist." 

In Wirklichkeit wäre es wohl richtiger zu sagen: Diese Gründe 
sind schwach, aber derjenige, welcher sie vorbringt, ist stark und wird 
früher oder später seinen Willen durchsetzen. Die Kingites werden 
nachgeben müssen und bei dem Eindringen des europäischen Elements 
in ihr abgeschlossenes Territorium an sich dieselben Erfahrungen 
machen, die bereits bei den übrigen Maori-Stämmen beobachtet sind. 
Die starke anglo-sächsische Rasse wird die schwächere langsam ver- 
nichten, ihnen ein Stück Land nach dem andern abkaufen und da- 
durch die Grundbedingungen ihrer gegenwärtigen und zukünftigen 
Existenz untergraben. Die Maoris auf Neu-Seeland werden daher ohne 
Zweifel das Schicksal der australischen Ureinwohner teilen, nur dass 
der Vernichtungs-Prozess sich in gesetzlichen Formen und unter Wah- 
rung des äusseren Dekorum vollzieht. Die Erschliessung des King- 
country ist eine wichtige Etappe auf dem Wege, der zum Untergang 
der Rasse führt. 



92 M. Kunze: 

V. 

Beiträge zur Klimatologie von Südamerika. 



Von Professor M. Kunze in Tharand. 



I. Von Herrn Thomas Herran sind vom i. Februar 1875 bis zum 
30. November 1879 meteorologische Beobachtungen in Medellin (Colom- 
bia, Staat Antioquia) angestellt worden, welche meines Wissens in 
Europa unbekannt geblieben sind. Der Herr Beobachter hat mir auf 
meine Bitte eine Abschrift der Monatsmittel seiner Beobachtungen 
mitgeteilt; dieselben mögen, in metrisches Mass umgewandelt, hier 
folgen. Der Luftdruck und die relative Feuchtigkeit sind Mittel aus 
Messungen, welche um 7^ 35°» a. m. und 4^ 35"» p. m. Washingtoner 
oder um 7^40™ und 4h 40m Medelliner Zeit angestellt wurden, die 
Temperaturen dagegen sind aus den Angaben eines Maximum- und 
Minimum -Thermometers abgeleitet. Das Gefäss des Barometers be- 
fand sich 1,5 m über dem Boden und 7,0 m über dem Hauptplatze der 
Stadt, der „Plaza de Bolivar"; die Thermometer waren 2,4 m über dem 
Boden angebracht. Zur Berechnung der Meereshöhe des Beobachtungs- 
ortes habe ich die unten mitgeteilten stündlichen Beobachtungen mit 
den Messungen verbunden, welche von den Herren Reiss und Stübel im 
Jahre 1868 vom 29. Januar bis 13. Februar in einer Höhe von 12,1 m 
über dem Meere in Santamarta in Colombia erhalten worden sind. 
Dieselben ergaben im Mittel um 

6h a. m. 9I1 iah 3h p. m. 6h 9h 

für Luftdruck (mm) 757,8 759,a 758,1 75M 75^,5 757»8 

„ Temperatur (C«) 25,7 28,0 30,6 30,2» 29,1 27,8 

„ Dunstdruck (mm) 15,1 15,8 16,8 16,1 15,5 14,9 

Damit berechnet sich die Meereshöhe des Barometergefässes in 

Medellin zu 1508,8 m, die Meereshöhe der Plaza de Bolivar zu 1502 m. 

Luftdruck = 600 mm + Temperatur (0°) 

1875 1876 1877 1878 1879 18- 1875 1876 1877 1878 1879 18- 

Januar — 38,9 39,3 39»° 38,6 39,0 — 19,7 21,8 23,2 21,6 21,6 

Februar 39,2 39,4 39,0 39,1 38,8 39>i 2,1,1 20,4 22,2 24,2 21,9 22,0 

März 39,3 39,0 38,9 39»! 39»8 39»* *i»3 *o,2 22,2 23,8 20,6 21,6 

April 39,7 39,4 38,8 39>3 39»3 39»3 *i>4 ^A *i,9 5i*i8 ^0,8 21,5 

Mai 39,7 39,5 38,7 39»4 39»4 39»3 *o»5 *o»6 22,6 22,6 21,5 21,6 

Juni 39,8 39,8 39»7 39»^ 39»8 39»7 ^»* **»o 22,3 22,3 20,9 21,5 

Juli 39,8 39,5 39,1 39,4 39>3 39»4 *i,3 ^©»8 a2,i 22,0 21,0 21,4 

August 40,0 39,4 39,1 40,2 39,6 39,7 21,2 20,7 23,3 21,8 20,7 21,5 

September 39,9 39,1 39,5 39,7 39,3 39,5 20,9 21,3 21,6 21,9 21,3 21,4 

October 39,6 39,5 39,4 39,2 39,6 39,5 20,8 20,6 21,4 21,2 20,2 20,8 

November 39,2 38,7 39»^ 38,9 38,6 38,9 19,3 ^,8 ^0,9 21,4 20,7 20,6 

December 39,5 39,2 38,6 38,5 — 39,0 19,6 20,9 22,1 21,3 — 21,0 

Jahr 39,6 39,3 39,1 39,3 39,3 39,3 20,7 20,7 22,0 22,4 21,0 21,4 



Beiträge zur Klimatologie von Südamerika. 



93 



Um wahre Mittel zu erhalten, würde man den Luftdruck um 0,4 mm 
zu vergrössem und die Temperatur um 0,3 C° zu verkleinern haben. 
Als Extreme fanden sich in den fünf Beobachtungsjahren für 
den Luftdruck (mm) die Temperatur (C°) 

1875 1876 1877 1878 1879 1875 1876 1877 1878 1879 

jSS!^ 643,1 643,5 643,1 643,1 643,0 26,9 28,9 30»8 3i»7 ^8,6 

jISS^ 634,2 635,4 635,6 635,6 635.8 i3»9 i3»3 i3»6 ISA 14,0 

Zur Bestimmung des täglichen Ganges des Luftdrucks und der 
Temperatur hat Herr Herran im Jahre 1876 an zehn Tagen des Monats 
April von 6^» a. m. bis g^ p. m. stündliche Beobachtungen ausgeführt 
und folgende Mittelwerte erhalten: 



6^ a. m. 

39»48 

17*89 
I h p. m. 

38,16 

23,00 



40,02 

18,78 
2h 

37»40 



37»3o 



gh 9h loh 

Luftdruck = 600 mm -f- 

40,25 40,35 40,04 

Temperatur (C°) 

20,11 20,89 21,56 

4h 5h 6h 

Luftdruck = 600 mm + 

37»3o 37»58 38,06 
Temperatur (C°) 



II 



39>59 



22,11 



38,7^ 



8h 



39»33 



12h 
38,82 

22,56 
9h 

39,94 



23,11 22,67 22,11 2,1,78 21,00 20,61 20,28 19,89 







Relative Feuchtigkeit % 






Regen ( 


mm) 








1875 1876 1877 


1878 


1879 18^ 


1875 


1876 


1877 


1878 


1879 


18^5 
79 


Januar 




76 


69 


62 


67 


69 


-^ 


118,6 


46,5 


0,3 




55,1 


Februar 


72 


75 


65 


63 


73 


70 


18,5 


110,2 


47,5 


79»8 




64,0 


März 


74 


7* 


70 


68 


77 


72 


63,2 


113,3 


125,0 


98»3 


^70,8 


134,1 


April 


77 


73 


67 


75 


79 


74 


111,3 


104,4 


"3,3 


236,7 


313,9 


175,9 


Mai 


81 


77 


69 


73 


73 


75 


292,1 


262,9 


126,7 


188,7 


112,5 


196,6 


Jnni 


81 


74 


65 


69 


77 


73 


267,2 


161,8 


78,2 


103,1 


229,4 


167,9 


JuU 


74 


64 


64 


68 


73 


69 


161,8 


80,0 


86,1 


62,0 


136,9 


105,4 


August 


77 


69 


57 


66 


74 


69 


i39»7 


112,5 


37,1 


111,3 


250,4 


130,2 


September 78 


72 


73 


72 


70 


73 


204,5 


145,0 


173,* 


172,2 


119,1 


162,8 


October 


79 


80 


73 


76 


79 


77 


1*3,7 


256,8 


165,6 


157,* 


233,2 


187,3 


November 81 


76 


78 


73 


79 


77 


105,7 


208,0 


140,2 


166,1 


1*3,* 


148,6 


Decembei 


■77 


70 


70 


70 




72 


111,5 


38,9 


67,6 


53,1 


— 


67,8 


Jahr 


77 


73 


69 


70 


75 


73 


— 


1712,4 


1207,0 : 


14*8,8 


— ] 


t595»7 










Regentage 








Gewittertage 


_£. 




U 


575 1 


[876 


1877 


187« 


\ 1879 ^^11 


1876 1877 1878 


. 1879 


18'* 

79 


Januar 




— 


20 


13 


2 


— 


r f 

12 


- 


2 





I 


1 Z 

I 


Februar 




4 


18 


7 


9 




10 




3 





4 


2 


März 


] 


t4 


21 


19 


10 


26 


18 




I I 


5 


12 


5 


April 


] 


14 


19 


14 


21 


26 


19 




I 


6 


6 


3 


Mai 


*3 


29 


14 


21 


18 


21 




I 


6 


3 


3 


Juni 


^i 


»» . 


II 


18 


26 


20 




2 


2 


6 


3 


Juli 




10 


lÖ 


16 


16 


*3 


15 




X 


2 


\ 


1 



94 










M. Kunze: 
















Regent; 


age 








Gewittertage 






^^75 


1876 


1877 


1878 


1879 


18" 

79 


1876 


1877 


1878 1879 


18'* 

7Q 


August 


ao 


19 


II 


15 


29 


19 


5 





5 9 


/ ^ 

5 


September 


2a 


17 


20 


21 


15 


19 





I 


6 6 


3 


October 


i8 


28 


19 


23 


22 


22 








8 7 


4 


November 


17 


20 


24 


21 


21 


21 








4 7 


3 


December 


14 


13 


14 


II 


— 


13 








— 






Jahr — 236 182 188 — 209 9 9 44 64 34 

2. Nachdem Herr Herran Medellin verlassen hatte, wendete sich 
derselbe nach Bogota und stellte auch hier vom 16. Februar 1880 bis 
zum 31. December 1881 meteorologische Beobachtungen an. Die Beob- 
achtungsstunden waren für Barometer und Psychrometer wiederum 
7^ 35™ a. m. und 4^ 35™ p. m. nach Washingtoner Zeit, d. h. 7^ 46«^ 
a. m. und 4I» 46™ p. m. nach Ortszeit. Die Thermometerbeobachtungen 
werden erst vom 9. Juni an von Herrn Herran als einwurfsfrei be- 
zeichnet. Das Gefäss des Barometers befand sich 1,5 m über dem 
Boden und 14,6 m über der Thürschwelle der Kathedrale. Zur Be- 
rechnung der Meereshöhe des Beobachtungsortes geben die Messungen 
von Reiss und Stübel die nötigen Unterlagen. Eine vorläufige Zu- 
sammenstellung der Beobachtungen dieser beiden Reisenden lieferte 
für deren Wohnung (Carrera de Bolivia 124) folgende Mittelwerte 

6 h a. m. 9 h 12 h 3 h p. m. 6 h 9^ 

Luftdruck (mm) 560,6 561,3 560,3 559>o 559»^ S^^tS 

Temperatur (C°) 9,8 14,9 17,3 17,4 15,0 13,6 

Dunstdruck (mm) 8|2 9,6 9,7 9,3 9,3 9,1 

Damit berechnet sich die Höhe des Reiss-Stübel'schen Barometers 
in Bogota über dem Meere bei Santamarta zu 2638,5 m. Nach gleich- 
zeitigen barometrischen Messungen von Reiss und Stübel liegt der 
grosse Saal des Observatoriums zu Bogota, in welchem das Barometer 
bei der Messung aufgehängt war, 42,6 m tiefer als Carrera de Bolivia 124, 
somit ist dessen Meereshöhe gleich 2595,9 m. Femer ist nach einer 
von Reiss ausgeführten trigonometrischen Messung der Höhenunterschied 
des Barometers im Observatorium und der Thürschwelle der Kathe- 
drale -1-4,2 m, so dass die Meereshöhe des letzteren Punktes 2600,1 m 
beträgt. Das Gefäss des Herran'schen Barometers befand sich somit 
in einer Meereshöhe von 2614,7 m. 



I 





Luftdruck = 


Temperatur 


Relative Feuch- 


Regen 




500 


mm + 


(Co] 


1 • 


tigkeit % 


mm 




1880 


1881 


1880 


1881 


1880 


1881 


1880 1881 


Januar 


— 


57,3 


— 


14,9 


— 


64 


— 7,4 


Februar 


57>3 


57,7 




14,3 




7* 


ia,z 134,6 


März 


57,7 


58,* 


— 


14,* 


— 


71 


*57,o *5,9 


April 


58,4 


58,4 


— 


14,8 


— 


78 


»43,8 Z5o,^ 



Beiträge zur Klimatologie von Südamerika. 



95 





Luftdruck = 


Temperatur 


Relative Feuch- 


Regen 




500 


mm 4- 


' (C°] 


1 


tigkeit % 


mm 






1880 


1881 


1880 


1881 


1880 


1881 


1880 


1881 


Mai 


58,4 


58,0 


— 


15»* 




76 


176,5 


107,9 


Juni 


58,5 


58,6 


i4,a 


i5»3 


69 


68 


56,9 


67»3 


Juli 


58,5 


59»o 


i3»4 


i5»9 


67 


65 


49»8 


3^8 


August 


57»9 


58,6 


14,* 


14,7 


7a 


70 


60,7 


40,6 


September 


58,3 


58,8 


14,0 


137 


69 


71 


53»i 


70,6 


October 


58,a 


57»9 


i3»9 


14,3 


75 


77 


144,0 


248,7 


November 


57»8 


57»3 


14,5 


14,* 


74 


81 


100,8 


Vi»8 


December 


57»o 


57»6 


14,3 


i3»9 


73 


81 


73,^ 


119,1 



Jahr 



58,0 58,1 



14,1 



14,6 



71 



73 



— 1376,9 



Als Extreme fanden sich in den beiden Beobachtungsjahren für 

den Luftdruck (mm) die Temperatur (C°) 









1880 


1881 




1880 


1881 






grösstes Maximum 


560,5 


559»o 




20,0 


23,1 






kleinstes Minimum 


555^3 


554,9 




9»3 


7,8 










Tage 


mit 












Reg 


en 




Hagel 




Gewitter 




1880 


1881 


[ 


1880 


1881 




1880 


1881 


Januar 




3 











— 





Februar 


3 


8 







2 




I 


4 


März 


19 


8 




4 







9 





April 


ZI 


24 




I 


I 




5 


5 


Mai 


n 


18 







2 




5 


6 


Juni 


15 


15 


















Juli 


12 


13 


















August 


12 


15 




I 










I 


September 


10 


13 












I 


I 


October 


17 


22 







I 




5 


13 


November 


9 


18 







2 




3 


10 


December 


II 


15 




2 


I 




3 


5 



Jahr 



(152) 172 



(8) 



(32) 



45 



96 Cr. Schweinfurth: 

VI. 

Reise in das Depressionsgebiet im Umkreise des Fajüm 

im Januar 1886. 

Ein Sendschreiben an Paul Ascherson von G. Schweinfurth. 

Hierzu eine Karte, Taf. II.*) 



d. d. Medinet-el-Fajüm, den 28. Januar 1886. 

Da Sie sich um die Kenntnis der im Westen des Fajüm gelegenen 
Wüstenstriche so grosse Verdienste erworben haben, indem Sie sowohl 
als Forscher an Ort und Stelle unsere Kunde von diesem bisher ver- 
nachlässigt gebliebenen Gebiete erweiterten, als auch durch kritische 
Sichtung der Angaben Ihrer Vorgänger zur Aufhellung dieses Teils der 
Libyschen Wüste nach vielen Richtungen hin beitrugen, so wird Ihnen eine 
Darstellung der Ergebnisse meines letzten Streifzuges im Bereiche des 
vermeintlichen Beckens des alten Moeris- Sees nicht ohne Interesse sein. 

Als Ausgangspunkt wählte ich diesmal Ssedment-el-Gebel, ein am 
Josephskanal gelegenes Dorf, von wo bereits vor 67 Jahren Belzoni seine 
Wüstenreise angetreten hatte. Ich wollte den lästigen Tagemarsch 
durch das wasserreiche Kulturland des Fajüm vermeiden und gedachte 
hier auf einem interessanteren Wege ins Freie der Wüste zu gelangen, 




*) Die hier beigegebene Karte ist eine Reduktion der im Massstabe von i : 50 000 
hergestellten Originalentwürfe, welche die im Januar dieses Jahres von mir bereisten 
Wüstenstrecken im Westen des Fajüm und im Norden des Birket-el-Qerün zum 
Gegenstand haben. Zur Vervollständigung der Karte sind die angrenzenden Teile 
des Nilthals nach der bisher noch wenig benutzten Kart^ von Lebib-Bey, die im 
Massstabe von i : 50 000 entworfen von Siut bis an die Nordgrenze der Provinz 
Benisuef reicht, eingetragen worden, unter Zugrundelegung der von Dr. P. Güssfeldt 
im Jahre 1876 für Benisuef erzielten Breitenangabe von 49° 4' 36". 

Das Kulturland des Fajüm ist nach der im XV. Bde. Taf. I dieser Zeitschrift von 
mir reproducierten Rousseau'scben Karte gegeben, abzüglich der Strecke am Birket- 
el-Qerün, die westlich vom Bahr-el-Uadi zu liegen kommt, sowie der am Bahr- 
Jüssuf zwischen Medine und el-Labun befindlichen, welche beide nach den neuen 
Kataster-Triangulationen eingetragen wurden. Die dem Birket-el-Qerün hier gegebene 
neue Gestalt ist das Ergebnis meiner eigenen Vermessungen. Eine genaue Wieder- 
gabe derselben in grösserem Massstabe behalte ich mir noch vor. Was die ent- 
fernteren Wüstenstrecken im Norden des Sees und auf der Nordseite des Fajüm 
betrifft, so sind dieselben nach meiner im Jahre 1884 daselbst gemachten Aufnahme 
eingezeichnet worden. 

Die Höhenangaben sind nach verschiedenen vom Ingenieur P. Stadler in Fajüm 
ausgeführten Nivellementslinien aufgenommen, die mir zu diesem Zwecke gütigst 
von ihm zur Verfugung gestellt worden sind. Meine eigenen auf Ablesungen an 
drei Anero'iden (von Bohne in Berlin) basierten Höhenangaben sollen nach erfolgter 
Berechnung bei einer späteren Gelegenheit abgedruckt werden. 



Reise in das Depressionsgebiet im Umkreise des Fajnm. 97 

hatte aber insofern die Rechnung ohne den Wirt gemacht, als in 
Ssedment nicht mehr wie zu Belzoni's Zeit ein einflussreicher Araber- 
Schech, der mir die nötigen Kameele und Begleiter liefern konnte, vor- 
handen war, sondern jetzt nur Fellahen (1200 Einw.) ansässig waren. 
Der Araber-Schech hatte am Südende des Fajüm jenseits der schmalen 
Wüstenstrecke, die hier, in einem Abstände von nur ^]i Kilometer 
an der schmälsten Stelle, die beiderseitigen Kulturränder trennt, seinen 
Sitz aufgeschlagen. Der Mudir von Ben! Ssuef musste daher die mich 
betreffenden Befehle dem vom Fajüm zur Ausführung übertragen, was 
indes keinerlei Abänderung meines Reiseprogramms zur Folge hatte. 

Auf dem Wege von Ben! Ssuef nach Ssedment (21 Kilometer in 
WNW) bot sich die Gelegenheit dar die Überbleibsel der alten 
Herakleopolis zu besuchen, einer der grössten Provinzhauptstädte des 
alten Ägyptens, welches in allen Zeitabschnitten seiner Geschichte eine 
hervorragende Rolle gespielt zu haben scheint. Nichtsdestoweniger 
haben die Ägyptologen diesem wichtigen Platze bisher sogut wie gar 
keine Aufmerksamkeit geschenkt*). Weder Lepsius noch Mariette 
haben denselben besucht und auf der Karte der französischen Expediton 
ist er durchaus falsch eingetragen. Es gereichte mir daher zur grossen 
Genugthuung auf den ersten Etapen meiner Reise von einem so her- 
vorragenden Kenner des ägyptischen Altertums wie Professor A. Er man 
begleitet zu sein. 

In einem Ihrer letzten Briefe machten Sie die sehr richtige Be- 
merkung, dass von einer oberflächlichen Besichtigung der alten Scherben- 
hügel nicht viel Gewinn für die Wissenschaft zu erwarten sei. In der 
That steckt das Alte ausserordentlich tief. Die grossen Salpeterpfannen, 
welche am Anfange dieses Jahrhunderts an solchen Stätten angelegt 
wurden, haben ungeheure Aushebungen der Scherbenmassen zur Folge 
gehabt. Sowohl in Herakleopolis, wie hier in der alten Krokodilopolis, wo 
je zwei derartige Werkstätten angelegt wurden, sind dieselben von über 
20 Meter hohen Wällen umgeben. Aber dennoch sind keine namhaften 
Denkmaler durch sie zu Tage gefördert worden. Selbst bei den tiefsten 
Eisenbahneinschnitten am hiesigen Platze ist man tief unten immer noch 
in der römischen Zeit. Nicht nur das Erdreich infolge des jährlich 
sich verdickenden Nilbodens, noch mehr die Schutt- und Scherben- 
hügel bauen sich in Ägypten schnell zu gewaltiger Höhe auf. In Rom 
bewundert man den Monte Testaccio; aber er ist ein Zwerg im Ver- 
gldch mit den über 70 Meter hohen Scherbenhügeln, die Cairo um- 
lagern; und doch lassen sich die Jahrhunderte, denen sie ihre Ent- 
stehung verdankten, an den Fingern einer Hand herzählen. Man braucht 
nor zu beobachten, welche Massen von Staub und Schutt alltäglich aus 



*) Der Einzige, der meines "Wissens in letzter Zeit diesen Platz besichtigt hat, 
war Golenischeff. 




98 G. Schweinfurth: 

diesen Bauten von leicht zerreibbaren Rohziegeln hinauszuschaffen sind, 
ferner, da die Brunnen untrinkbares Wasser liefern und alles Trink- 
wasser aus dem nächsten Kanal in Krügen geholt wird, den grossen 
Verbrauch von Töpfergut im Auge zu behalten, um ein solches An- 
wachsen leicht erklärlich zu finden. 

Professor Erman wird aber, trotzdem er nur wenige Inschriften 
von Belang ausfindig zu machen vermochte, nicht ohne Befriedigung 
von dieser denkwürdigen Stätte zurückgekehrt sein. Der unverkennbare 
Argwohn der Bewohner, die bei unserer Besichtigung der Schutthügel von 
Herakleopolis nicht von unserer Seite wichen und uns in ganzen Scharen 
auf Schritt und Tritt begleiteten, Hess auf das Vorhandensein mancher wert- 
vollen Fundgrube schliessen. Es ist mir bekannt, dass auch hier Papyrus- 
funde gemacht worden sind. Da Herakleopolis so weit von der bequemen 
Touristenstrasse abliegt, hat hier Niemand bisher an methodisch ge- 
leitete Ausgrabungen gedacht. Die Nekropolis, welche sich auf der 
nächstgelegenen Wüstenstrecke, wo festes Gestein ansteht, gerade an 
der schmälsten Stelle zwischen Niltal und Fajüm, ausgedehnt haben 
muss, ist noch so gut wie unberührt geblieben. Wir fanden ein Dutzend 
eröffneter Grabstollen, die den älteren (XIX. und XX. Dynastie) Epochen 
angehörten. Man braucht sich nur die im allgemeinen ganz ähnliche 
Örtlichkeit bei Saqqära zu vergegenwärtigen, um zu begreifen, dass hier 
noch unermessliche Schätze für den Altertumsforscher zu heben sind. 

Herakleopolis war eine Stadt von bedeutendem Umfange. Noch 
heute bedecken seine Schutthügel, die etwa das Centrum der alten Stadt 
darstellen, eine Fläche von i]4 Quadratkilometer. In Krokodilopolis 
betragen sie 2 Quadratkilometer, während der Flächenraum des heutigen 
Cairo nach Abzug der modernen Stadtteile deren sieben hat. Zwischen 
den Scherbenhügeln dehnen sich verschiedene, zum Teil gesonderte 
Quartiere des heutigen Dorfs Henassle aus, das nach dem letzten Census 
von 1882 2632 Einwohner zählt. Ausserdem reiht sich noch eine ganze 
Anzahl von Landgütern an den Umkreis der Scherbenhügel. Der 
koptische Name Ahnas C^vtjg) ist den Bewohnern nicht mehr geläufig. 
Derselbe hat sich aber in dem erwähnten Henassle erhalten. Offiziell 
heisst das Dorf gegenwärtig Henassilet-el-Medlne, während im Volks- 
munde die Lesart Henassiet 0mm el Kemän (d. h. Mutter der Scherben- 
hügel) vorherrscht. 

Der Mittelpunkt der Scherbenhügel liegt 16 Kilometer in West von 
Ben! Ssuef und 6 Kilometer in Süd von Ssedment. Der Bereich der 
alten Schuttmassen erstreckt sich bis an das rechte Ufer der Bahr 
Jüssuf, der hier einen weiten Bogen nach Osten beschreibt, so dass der 
Wüstenrand an der nächsten Stelle über 5 Kilometer von Herakleopolis 
entfernt ist. 

Alle vorhandenen Karten von Ägypten gewähren für diese Gegend ein 
durchaus fehlerhaftes Bild, indem sie den Abstand des Nilthals vom Fajüm 



Reise in das Depressionsgebiet im Umkreise des Fajüm. 99 

über 20 Kilometer breit darstellen, während er in Wirklichkeit, wie 
erwähnt, nur ^\ beträgt. Dieser Fehler rührt von der mangelhaften 
Darstellung her, welche der Lauf des Josephs-Kanals erfuhr. Letzterer 
entfernt sich in weit beträchtlicherem Masse vom Nil, als man es bis- 
her auf den Karten angenommen hat. Bei dieser Gelegenheit sei es 
mir vergönnt einige Worte über die Ihnen bereits bekannte Karte 
Lebib-Beys*) zu sagen. Diese uns in einer 11 blättrigen Reduktion 
zum Massstabe von i : 50 000 vorliegende Orginalaufnahme, umfasst das 
Nilthal von Assiüt bis Benl Ssuef und weicht in auffalligster Weise von 
der Jacotinschen Karte der französischen Expedition unter Bonaparte 
ab, die für alle späteren die Grundlage abgegeben hat, aber besonders 
auf der in Betracht kommenden Strecke äusserst unzuverlässig ist. 
Lebibs Karte wurde bei Beginn der Regierung des Chediws Ismael im 
Interesse der ausgedehnten Zuckerrohrpflanzungen, welche auf dieser 
Strecke angelegt wurden, sowie der damit im Zusammenhange stehenden 
grossartigen Damm-, Kanal- und Eisenbahnbauten ausgeführt. Es ist 
unbegreiflich wie ein Werk von derartiger Bedeutung bisher so wenig 
die Aufmerksamkeit unserer Kartographen auf sich lenken konnte; 
aber man muss die ägyptischen Verhältnisse dabei berücksichtigen. Bei 
der nachlässigen Wirtschaft, welche bis vor Kurzem die öffentlichen 
Ämter des Landes im allgemeinen auszeichnete, ist es nicht zu verwundern, 
dass wichtige Aktenstücke, Entwürfe und Pläne verlegt wurden oder ver- 
gessen in einem Winkel der Ministerien verloren gingen. Ein derartiges 
Schicksal hätte auch die Karte Lebib's getroffen, wäre dieselbe nicht noch 
bei Zeiten in den jetzt wohl geordneten Schränken der unter europäischer 
Kontrolle stehenden Daira Ssanie (Zuckerplantagen etc.) gerettet worden. 
Dort wurden mir durch die Gefälligkeit des französischen KontroHeurs 
der Daira, Herrn Gay-Lussac, eine Anzahl Exemplare der autographisch 
hergestellten und reduzierten Kopie zur Verfügung gestellt. Ich sah 
nun mit grosser Spannung der ersten Gelegenheit entgegen, welche 
mir eine Prüfung der Karte gestatten würde. Eine selbständig von mir 
in der Umgegend von Ssedment vorgenommene Triangulation ergab 
Resultate, die mit allen Angaben Lebib's auf das genaueste überein- 
stimmten. Die geringfügigen Abweichungen konnte ich füglich der 
Mangelhaftigkeit der wahrscheinlich vermittelst eines fehlerhaften Storch- 
schnabels reduzierten Kopie zuschreiben. 

5 Kilometer in Nordost von Ssedment, nicht weit ab vom linken 
Ufer des Josephs-Kanals, und vom Wüstenrande nur durch einen 
schmalen Ackerstreifen geschieden, liegt das kleine Dorf Tamma**). 
•Diese Örtlichkeit, die ich der Aufmerksamkeit späterer Besucher drin- 

*) Vgl. d. Zdtschr. d. Gesellsch. f. Erdk. XX (1885) S. 160. 

**) Dieser offeixbar altagyptische Ortsname findet sich bereits bei Plinius (VI. 
49. yi) und in den alten Namenslisten, bezieht sich aber daselbst nach Brugsch's, 
Geographie S. 100. 106 auf eine Ortschaft im untersten nubischen "Niltli^U. 

Zeitachr. d. Gesellsch. f. £rd]c. Bd. XXI. % 



^ 



100 ^* Schweinfurth: 

gend anempfehle, birgt in ihren gewaltigen Erdhügeln ein noch unge- 
löstes Problem. Diese von oben bis unten aus reinster schwarzer Nil- 
erde, ohne jede Spur von Rohziegeln, Scherben, Bruchsteinen oder 
anderen Beimengsein bestehenden Hügel erstrecken sich, vier an Zahl, 
von Nord nach Süd gegen 400 Meter lang und bis 30 Meter hoch. Sie 
gleichen zwei Wällen, die, zwischen sich einen Kanal, jetzt ein schmales 
Wasserbecken einfassen und durch einen Querdurchschnitt in je zwei 
Stücke geteilt werden. Auf dem höchsten Rücken steht eine Wind- 
mühle, die als weithin sichtbare Landmarke die Neugierde des Be- 
schauers 20 Kilometer weit im Umkreise auf den Platz lenkt. Zunächst 
hat es den Anschein, als wäre hier von der nahen Ecke des Josephs- 
Kanals ein Zweigarm abgeleitet worden, allein das Volumen der Hügel- 
wälle ist weit beträchtlicher als die kleine Aushöhlung, die dazwischen 
liegt. Als Fangdamm, zur Bildung eines Wasserbeckens, können sie 
auch nicht gedient haben, denn weder ihre Richtung, noch die man- 
gelnden Spuren einer irgendwie in der umliegenden Ebene des Kultur- 
landes sichtbaren Fortsetzung würden eine solche Annahme recht- 
fertigen. Übrigens lässt sich nirgends in der gleichmassigen Fläche 
ringsum eine Vertiefung wahrnehmen, der die gegen 300000 Kubik- 
meter betragende Masse schwarzer Nilerde entnommen sein konnte. 
Sollte hier der Versuch gemacht worden sein, eine salzhaltige, oder 
zu hoch gelegene, der Bewässerung unzugängliche Oberflächenschicht 
durch Abtragung kultivierbar zu machen, wie man solche in kleinerem 
Massstabe nicht selten auf den wertvolleren Ackergründen der lom- 
bardischen Ebene wahrnimmt? Allerdings wird diese Vermutung 
durch kein mir bekanntes Beispiel analoger Art in Ägypten unter- 
stützt. Das heutige Dorf Tamma, das am Nordende der Erdwälle 
liegt, verrät seinen neueren Ursprung durch den Mangel eines 
>,K6m", d. h. eines jener Hügel von Schutt und Scherben, auf denen 
sich in allen älteren Ortschaften Ägyptens die Häuser zu erheben 
pflegen. 

• Die X^gegend von Ssedment bietet auch in geologischer Hinsicht 
kein geringes Interesse, indem sich hier, auf der Westseite der vorhin 
erwähnten, bereits geöffneten alten Grabstollen die unbezweifelbaren 
Zeugen eines pliocänen Meeres in Gestalt zahlreich in einem weissen 
Sande abgelagerter Austern ( Ostrea cucullata und Pecten) erhalten haben. 
Die Meereshöhe der Örtlichkeit entspricht dem Niveau der Bohr- 
muschellöcher auf der Ostseite von Cairo, sowie dem der Clypeaster- 
sande am Libyschen Wüstenrande, im Süden von den Pyramiden von 
Gise (60 bis 70 Meter), wo ich wenige Wochen zuvor eine neue, an 
Arten sehr reiche Fundstelle ausfindig gemacht hatte, die dadurch aus* 
gezeichnet ist, dass die intakt mit ihren Schalen erhaltenen Conchylien 
daselbst in einem lockeren, noch nicht zusammengekitteten Sande ein- 
5g:ebettet liegen. Überall sind die Pecten (6 bis 8 Arten) und die er- 



Reise in das Depressionsgebiet im Umkreise des FajQm. XOl 

wähnte Auster massgebend für die geologische Altersbestimmung, die 
Professor Beyrich mit Bestimmtheit auf die Pliocänzeit hinweisen Hess. 
Es war bisher nicht bekannt, oder wenigstens noch nicht durch Con- 
chylienfunde erwiesen, dass das Pliocänmeer seine Ufer soweit in das 
Nilthal hinein ausgedehnt hat. Dieser Fund berechtigt indes zu der 
bereits von Prof. Dawson von Montreal ausgesprochenen Vermutung, 
dass jenes Meer in der That sich soweit landeinwärts erstreckte, als es 
die den erwähnten 60 bis 70 Metern entsprechende Höhenkurve an den 
heutigen Ufergehängen des Nilthals gestattete. Die pliocäne Fundstelle 
liegt auf der schmälsten Stelle zwischen den beiderseitigen Kultur- 
flächen des Nilthals und des Fajüm in einer seichten Einsattelung des 
dazwischen liegenden Plateaurückens. Das Pliocänmeer flutete hier 
aus einer Tiefenbucht in die andere und hätte durch Denudation das 
Werk der Verbindung zwischen beiden Niederungen gewiss vollendet, 
wenn es nicht durch eine nachträgliche Hebung unterbrochen worden 
wäre. In ähnlicher Weise scheint sich auch die Verbindung zwischen 
dem heutigen Nilthal und dem Becken des Fajüm vollzogen zu haben, 
welche bei el-Lahun und Hauära dem Josephs-Kanal, sei es nun als 
altem Nilarm, als Relict-Nil, oder als einer durch Menschenhand nach- 
geholfenen Abzweigung dieses natürlichen Arms oder Altwassers, den 
nachherigen Eintritt zur Bildung des Moerisbeckens gestattete. Auch 
die nordwärts von dieser Durchbruchsstelle gelegene Wüstenstrecke 
zwischen dem Nilthal und dem Fajüm bietet zwischen höheren An- 
schwellungen Einsattelungsstellen dar, die dem Pliocän-Meere zugäng- 
lich gewesen sein müssen. Nach dem neuesten Nivellement des 
Ingenieurs Stadler beträgt der Kulminationspunkt auf der Eisenbahn- 
linie zwischen Uasta und dem Fajüm nur H-57,6 Meter. — Mit der 
auflösenden und abwaschenden Thätigkeit des Pliocänmecres aus diesem 
Zeitabschnitte ist aber keineswegs jenes grossartige Werk der Denudation 
zu verwechseln, das in der Libyschen Wüste, besonders an den zum 
Nilthal abfallenden Gesenken uns so deutlich und unverkennbar vor 
Augen tritt Dieses geschah in verschiedenen älteren Epochen, die 
indes auch noch der Pliocänzeit angehören können. Die am Mokattam 
bei Cairo au unterscheidenden Stufen beweisen eine solche zeitliche 
Gliederung dieses Denudationswerks. Ganze Schichtencomplexe des 
oberen Eocäns, des Oligocän und des Miocän, meist aus lockeren 
Mergellagem aufgebaut, verschwanden da bis auf wenige Reste, die 
auf den Höhen übrig blieben. Die ungeheuren Kieselanhäufungen, die 
Trümmer versteinerter Hölzer und stellenweise auch fossile Conchylien 
und Knochen von besonders fester Consistenz blieben allein zurück, 
gleichsam als „pi&ces de r^sistance", und stellen heute jene aus- 
gedehnten Wfistenflächen dar, die der Araber mit dem Ausdrucke 
„Sserir** . beseichnet» Der sogenannte versteinerte Wald bei Cairo 
liefert eia chai^kteristisches Bild dieses Vorganges, der durch lanie-. 




102 . Cr. Schweinfurth: 

Zeiträume hindurch stattgehabt haben muss. Nur in den damals 
tiefsten Lagen, im ruhigen Schutze des Tiefenmeers, auf dem Grunde 
der durch ausgedehnte Bruchlinien geschaffenen Thalniederungen, in 
den Furchen des alten Meeresbodens, dem Werke der in ihren Haupt- 
umrissen noch innerhalb der Miocänzeit fertig gestellten heutigen 
Bodenplastik (nicht die der absoluten Höhenverhältnisse) blieben die 
obersten Schichten in grösseren Massen ausgespart und überraschen 
dort heute den Beobachter, der beim EUnabsteigen von jüngeren zu 
älteren Formationen zu gelangen vermeint, durch ihre scheinbar auf 
den Kopf gestellte Altersfolge. 

Ich kehre zu meiner Einbruchsstation in die Wüste zurück und 
will Ihnen nun berichten, wie die Reise weiter verlief. Wie sehr musste 
ich das Fehlen meiner erprobten Ma* äse- Araber von der östlichen 
Wüste empfinden; allein diesen war das zu bereisende Gebiet nicht 
zugänglich, die hiesigen Duodez-Stämme hätten das nicht zugegeben. 
Diese Fajüm-Araber zerfallen, wie Sie wissen, in eine grosse Anzahl 
ganz kleiner Stämme und haben mit der Wüste so wenig gemein, wie 
alle übrigen Ägypter, die tiür an ihrem Rande umherzuziehen gewohnt 
sind. Gegen den Schech der Rimäsch mussten Drohmittel in Anwen- 
dung gebracht werden, da seine Leute durch übertriebene Forderungen 
mein Vorhaben beinahe vereitelt hätten. Mit Mühe gelang es mir, die 
Kameelmiete auf diejenigen Sätze zurückzuführen, die ich seit Jahren 
nicht zu überschreiten pflege. Nach vielem Ärger mit diesen ge- 
schwätzigen und unzuverlässigen, wenn auch sonst durchaus braven 
Leuten, war ich mit lo Kameelen und lo vom Schech mir unter An- 
führung eines Neffen gestellten Kameeltreibern und Führern reise- 
fertig, hatte aber noch drei Tage am Rande des Fajüm auf die Er- 
ledigung der Vorbereitungen, die diese, das Reisen in der tieferen 
Wüste ungewohnten Beduinen für ihre Ausrüstung beanspruchten, zu 
warten. Die Gensdarmen und der Beamte, den der Mudir des Fajüm 
mir gesandt, mussten mit ihren Pferden als untauglich für Wüstenreisen 
zurückgeschickt werden. Beide Mudire, auch der von Ben! Ssuef, haben 
übrigens an Zuvorkommenheit, meine Reise zu fördern, gewetteifert. 
Um so erwünschter ist es mir, dass ich Veranlassung habe, mich mit 
gutem Gewissen lobend über die gegenwärtigen Zustände in beiden 
Provinzen aussprechen zu können. Die Autorität der Regierungsgewalt 
steht, man kann sagen, was man will, reichlich so vollkommen da, wie 
in den besten Tagen der Regierung Ismaels. Von dem Räuber- 
unwesen, das in den Provinzen des Delta's herrscht, wo es übrigens 
ausnahmslos nur die Eingeborenen betrifft, ist hier keine Spur wahrzu- 
nehmen. Die Gouverneure sind durchaus vernünftige und achtungs- 
werte Männer. In ihrer Amtstube werden die Geschäfte in ganz 
europäischer Weise erledigt. Die Trennung der Justiz von der Ver- 
tung ist in diesen Provinzen bereits vollkommen durchgeführt. Wie 



Reise in das Depressionsgebiet im Umkreise des Fajnm. 103 

ganz anders war das Bild, das die Mudirie in früheren Jahren vor 
Augen führte und das uns durch die unübertroffenen Aufzeichnungen 
eines Klunzinger erhalten blieb. Damals hockte der Pascha mit ge- 
kreuzten Beinen auf dem Divan, umgeben von einer langen Reihe von 
Beamten. Der Saal war mit Schreibern, allerlei lärmendem Volk, 
Polizisten, Sklaven und anderen Schergen der Gewalt gefüllt. Heute 
sitzt der Mudir, meist allein, oder nur einzelne Beamte empfangend, 
vor seinem Schreibtisch und führt selbst die Feder. Die Bevölkerung 
verrät die deutlichsten Anzeichen eines zunehmenden Vertrauens zu 
den bestehenden Verhältnissen und erholt sich ganz sichtbar und un- 
bezweifelt von den Missbräuchen der früheren Beamtenwirtschaft, die 
ihre Amtsgewalt bei jeder Gelegenheit überschritten, heute aber durch 
eine organisierte Kontrolle im Zaum gehalten werden. Was der Be- 
völkerung dabei am meisten zu Gute kommt, ist der Umstand, dass der 
früher jedweder Regierungsmassregel anklebende Stempel des Vexa- 
torischen aufgehört hat, alle Verwaltungsakte zu kennzeichnen. Trotz 
der schlechten Zeiten gehen die Steuern regelmässiger ein als je. Die 
europäischen Kaufleute klagen; aber die Zolleinnahmen erreichen 
Ziffern, wie sie dieselben unter Ismael nicht erlebt haben. Ungeachtet 
der niederen Korn- und Baumwollenpreise vermehrt sich das Geld ganz 
augenscheinlich. Alles ist teuer geworden. Der Fellah kauft Sachen, 
deren Gebrauch noch vor wenigen Jahren für ihn ins Reich der Fabel 
gehörte. Tiefer Land friede herrscht hier und um den kleinen Krieg 
in Nubien, den das Programm der Politik mit sich bringt, ängstigt 
sich keine Fellahseele. Ich habe im Laufe des letzten Monats noch 
keinen Eingeborenen aus freien Stücken überhaupt nur davon sprechen 
hören. 

Von Unsicherheit des Reisens kann in diesen menschenleeren 
Wüsten füglich keine Rede sein. Wer sollte hier auch einen Über- 
fall planen wollen? Etwa die Suja von Kufra, oder gewisse Stämme 
an den Grenzen der Kyrenaika? Die hätten erst telegraphisch von 
meinem Vorhaben benachrichtigt werden müssen, und dann wären sie 
immer noch zu spät zur Stelle gelangt. Es könnte wohl vorkommen, 
dass etliches Gesindel vom Rande des Fajüm der Karawane nach- 
schliche, um Kameele zu stehlen. In Anbetracht dieser Möglichkeit 
wird des Nachts ein sorgfältiger Wachtdienst versehen. Nur der 
Wasser- und Futtermangel macht diese Wüsten so unzugänglich. Der 
erste Übelstand wird in den Wintermonaten wenig empfunden. Aber 
das Futter für die Kameele, Bohnen und Stroh, muss durchaus in 
reichlichem Vorrat mitgenommen werden, wenn die Tiere leistungs- 
fähig bleiben sollen. Dieser Umstand, an welchem ja auch Ihre 
libysche Expedition zum Teil gescheitert ist, verteuert durch Ver- 
mehmng der Lasten das Reisen hierselbst in empfindlicher Weise. In 
Moileh nnd in Rajän war übrigens etwas *Aqül- Weide {Alhagi manm- 



204 ^ Schweinfurth: 

ferum) für die Kameele vorhanden, sonst aber absolut nichts fressbares 
für sie irgendwo ausfindig zu machen. 

Ich zog nun mit meiner Karawane von Ssedment aus auf dem 
von Belzoni 1819 begangenen Wege dem Südrande des Fajüm folgend 
bis Talit-el-hagar, auch schlechtweg TalTta genannt, einer ausgedehnten 
Ruinenstätte, die 3'^ Kilometer im Ost von Rharaq an dem diesen Be- 
zirk mit Wasser versorgenden Bach*) gelegen ist. Hier hatte ich die 
Vorbereitungen meiner Araber für den Wüstenmarsch abzuwarten und 
fand so Gelegenheit, die ganze Umgegend genau in Augenschein zu 
nehmen. Prof. Erman verliess mich hier und kehrte mit den Eseln 
über Medine nach Cairo zurück. Von den Kalkblöcken mit Hieroglyphen, 
den schönen Figuren, Säulen, Piedestalen und Kapitellen, die Belzoni 
hier und bei einer anderen Ruinenstätte in dem östlich von Talit von 
uns berührten „Raweje Toton'* (diese Bezeichnung ist den Bewohnern 
nicht mehr geläufig) beobachtet haben will, war so gut wie nichts mehr 
wahrzunehmen. Unter dem ausgedehnten Rohziegelgemäuer der alten 
Stadt TalTt fanden sich nur in überraschender Menge grosse Mühl- 
steine aus Kalkstein. Die noch vorhandenen Ornamente und die Topf- 
scherben deuteten auf die griechisch-christliche Zeit. Aus der regel- 
mässigen Anlage der in Reih und Glied geordneten Häuser glaubte 
Prof. Erman auf eine Art Militärkolonie schliessen zu können. Die 
Weiler und Hütten, aus der Trümmerstätte entlehnten Kalkblöcken auf- 
gebaut, boten in der ganzen Umgegend eine grosse Menge Ornamente 
zur Schau, die sämtlich einen byzantinischen Stempel tragen. Es waren 
meist Bruchstücke von Gesimsen und Thüreinfassungen mit zierlich ver- 
schlungenen Blattarabesken. Das Interessanteste indes, was Talit dem 
Besucher darbietet, sind die in einer Entfernung von 700 Meter auf 
der Nordseite, jenseits des Wassergrabens von Rharaq auf einer aus- 
gedehnten Fläche von Kalksteinplatten angelegten Gräber, die zum 
grossen Teil noch uneröfFnet zu sein scheinen. Die Graböfifnungen sind 
länglich-quadratisch 2 J^ Meter lang. Stufen führen in die Tiefe und zu 
den unteren Grabkammem. Die nackten Kalkplatten, die sich hier, nur 
wenige Meter (7 m im Maximum) über den benachbarten Kulturflächen 
erheben und den südwestlichen Zipfel des Fajüm, den Distrikt von 
Rharaq, in Gestalt langer Inseln durchqueren, bilden die Unterlage der 
Fajümer Alluvionen und gehören dem oberen Horizonte des Cairiner 
Bausteins an, der dem Eocän des Pariser Beckens entspricht. Hier 
finden sich auch jene schön erhaltene Krabben (Lobocarcinus) wieder, 
die sonst ausserhalb Cairo's wenig verbreitet zu sein scheinen. 

Vier Kilometer in Nord von TalTt-el-hagar befindet sich eine noch 
ausgedehntere Stadtruine, Medlnet-b€dä genannt, deren Trümmer in 
allen wesentlichen Stücken den vorhin beschriebenen entsprechen. Der 

*) Der Bahr-el-Rharaq, der in Halbbogenform der äusseren Randlinie des 
sSäMchsien Zipfels vom Fajum folgt. 



Reise iu das Depressionsgebiet im Umkreise des Fajüm. 105 

Flächenraum beträgt gegen '^ Quadratkilometer, der von TalTt nur % 
Die Steinhütten der umliegenden „Esbe" und „Abbadie** wimmeln von 
roh ausgeführten, aber immerhin recht geschmackvoll erfundenen Kalk- 
steinomamenten. Man erblickt da Löwenköpfe, von Kränzen umgebene 
Andreas-Kreuze, verschlungenes ä la grecque-Muster, Blätterborden und 
dergleichen. 

Die erstaunliche Anzahl alter Trümmerstätten, Scherbenhügel, Mauer- 
reste von gebrannten und von Rohziegeln überrascht den Reisenden 
in allen Teilen des Fajüm, tritt ihm aber ganz besonders auffallig an 
den Rändern des Kulturbeckens entgegen. Man gewinnt aus ihnen die 
Vorstellung, dass in alten Zeiten, zumal in der römischen Epoche, die 
Provinz eine bedeutend stärkere Bevölkerung haben musste als heute. 

Von Talit aus machte ich auch einen Ausflug nach der merk- 
würdigen Gräberstätte, die den Namen Medinet-ma dl*) führt und bereits 
von Martin, einem Offizier der Expedition unter Bonaparte im Jahre 1801, 
besucht worden war, der aber, ebensowenig als Lepsius, der sie 
über ein halbes Jahrhundert später besichtigte, eine Beschreibung der- 
selben lieferte ♦♦). Der Platz liegt J Kilometer in Nordwest von 
Rharaq auf den über dem Nordrande des äussersten Kulturzipfels vom 
Fajüm bis zu 20 Meter ansteigenden Kieshöhen. Eine über einen halben 
Quadratkilometer sich ausdehnende Scherbenstätte aus griechisch- 
römischer Zeit mit zahlreichen Schlacken, Glastrümmem und dem 
charakteristischen lasurblauen Steingut nimmt hier die höchste Hügel- 
kuppe ein. Da sich Rohziegel und Mauerreste nur spärlich vorfinden, 
erscheint die Annahme gerechtfertigt, dass die hiesige Ansiedelung nur 
Zelte und Strohhütten aufwies. Bei den Ackerbau treibenden Beduinen 
im Fajüm ist eine derartige Kombination beider Wohnarten noch 
heutigen Tags sehr gebräuchlich. Höchst eigenartig aber nimmt sich 
die Nekropole aus, welche auf der Ostseite der Scherbenstätte einen 
Flächenraum von zwei Quadratkilometer umfasst, indem die Gräber 
sehr zerstreut und in grossen Abständen von einander auftreten. Hier 
war jedenfalls der Begräbnisplatz für die Bewohner derjenigen Stadt, 
die als Distriktshauptort im Altertum dem heutigen Rharaq entsprach. 
Ich weiss nicht, ob irgendwo in Ägypten Gräber von ähnlicher Anlage 
ausfindig gemacht worden sind, wie die von Medlnet-ma' dl. Diese sind 
in Gestalt aus Bruchsteinen und Nilerde zusammengesetzter TumuU 
sichtbar. Ursprünglich waren es cylindrische 3 bis 4 Meter im Durch- 
messer und in der Höhe messende Turmbauten, die aus einem ein- 
fachen Ringe von länglichen, gut zugehauenen Kalksteinen zusammen- 
gefügt, in ihrem Inneren ganz mit Nilerde vom benachbarten Kultur- 
boden ausgefüllt wurden. Die meisten sind jetzt zerstört und haben die 

*) Nach Dr. Wetzstein eigentlich: Medinet-el-madi, „Stadt der Fähre oder 
Überfahrt". 

♦*) Vgl. Discr. de l'Egypte Et. Med T. XVir p. 538. Lepsius Briefe S. 84- 



\ 




106 ^' Schweinfurth: 

Form von Tumuli angenommen. Ich vermute, dass diese Bauten zum 
Schutze der Gräber über der Öffnung des vertikalen Stollens errichtet 
wurden. Nirgends lassen sich Spuren von menschlichen Gebeinen 
blicken, es lässt sich demnach annehmen, dass diese Gräber bis jetzt 
noch ungeöffnet geblieben sind. Sehr kleine Scherbentrümmer finden sich 
übrigens auch bei diesen an Kalköfen erinnernden Bauwerken. Die 
ersteren tragen das Gepräge der griechisch-römischen Epoche. Schlacken 
fehlen. 

Auf dem Wege nach Medinet-ma* di kam ich ganz nahe bei Nesla 
Djäli Abu Hammeda, Ihrem ersten Stationsplatze auf der Reise von 
Medlne nach der Kleinen Oase, vorbei. Derselbe liegt gewiss so ziemlich 
in derselben Höhenlinie wie Rharaq; aber Talit kann auch nicht viel höher 
liegen als dieser nur 3^4 Kilometer unterhalb an demselben Bache ge- 
legene Ort. 

Der Ingenieur Stadler, der im Dienste der ägyptischen Regierung 
seit fünf Jahren in Fajüm thätig ist, hat im vergangenen Jahre ein 
Nivellement des Bahr-el-Rharaq aufgenommen, wobei er gerade bis zu 
dem Punkte gelangte, an welchem ich mein Lager hatte und wo der Gra- 
ben sich in drei Zweige teilt. Bis Rharaq selbst ist die Arbeit noch nicht 
vollendet. Unserem rühmlichst thätigen Landsmanne zufolge hat der Bahr- 
el-Rharaq an der genannten Stelle bei TalTt-el-hagar, bei einer Längen- 
entwickelung von 28 539 Meter, von der Austrittsstelle aus dem Josephskanal 
an gerechnet, eine Wasserhöhe von 14 668 Meter über dem Meere. Das 
Erdreich hat +15 Meter. Ich fürchte, Ihre Angabe von Rharaq 
(-+2 Meter) wird sich als um gegen 10 Meter zu tief gegriffen heraus- 
stellen. Auf die Übereinstimmung mit Cailliaud's Messung von diesem 
Platze ist auch kein Wert zu legen, da die aus seinen Beobachtungen 
abgeleiteten Ergebnisse der übrigen Plätze mit denen späterer Reisenden 
in so unerklärlichem Widerspruche stehen. 

Der Südrand des Fajüm wird nirgends durch ausgeprägte in Mauer- 
form auftretende Plateauabstürze begrenzt. Die Höhen steigen ganz 
gleichmässig an, senken sich wieder, um dann in Wellengestalt höhere 
Stufen anzustreben, bis sie bei acht bis zehn Kilometer Abstand vom 
Kulturrande schwach markierte Abfallslinien mit einigen verwaschenen 
Kuppen darstellen. Oben erstrecken sich völlig glatte, meist mit grossen 
Nummuliten gepflasterte Hochebenen, oder vielmehr streifenförmige Seg- 
mente derselben ; denn eine bedeutende Ausdehnung haben diese Flächen 
in westlicher Richtung nirgends, und ich glaube, einem Luftschiffer muss 
die Strecke bei niedrig stehender Sonne wie gestreift erscheinen. Diese 
Linien durch Triangulation ausfindig zu machen, hat bei der Ver- 
schwommenheit der Spitzen und Ecken, sowie bei dem Mangel jeder 
Art natürlicher Signale grosse Schwierigkeit. TalTt, Medlnet-bedä und 
Medinet-ma*dT bilden die hauptsächlichsten Beobachtungspunkte, auf die 
ch meine Winkel zu stützen vermochte. Im südlichen Teile von Fajüm 



Reise in das Depressionsgebiet im Umkreise des Fajum. J07 

sind einige hervorragende Gebäude, namentlich die wie ein Leuchtturm 
die ganze Gegend beherrschende Fabrik in Etssa überall sichtbar. Eine 
besonders augenfällige Landmarke war übrigens in dem mit & be- 
zeichneten Mamelon geboten, der die höchste Erhebung des zwischen 
dem Nil und dem Fajüm gelegenen Plateaustreifens krönt und auf der 
Linie Qambasche-el-Lahün ungefähr 200 Meter Meereshöhe erreicht. 
Von dem &-Punkte aus übersah man die Südhälfte des Fajüm bis nach 
Medine, die beiden Pyramiden des Labyrinths und von el-Lahün, femer 
die ganze Gegend am Josephs-Kanal bis zum 29.° n. Br. und schliess- 
lich die Plateauvorstufen auf der arabischen Seite des Nilthals im Osten 
von Benl Ssu€f. Viele der hier sichtbaren Punkte sind durch genaue 
Triangulation, teils zur Zeit der französischen Expedition (Medine, 
Labyrinth, el-Lahün), teils von den Katasteraufnahmen der letzten acht 
Jahre herrührend, bestimmt. Es war mir daher ein Leichtes, die 
Lebib'sche Karte mit derjenigen des Fajüm in Einklang zu bringen. 

Die Katasteraufnahmen werden leider ganz planlos und ohne jeden 
topographischen Rahmen für die Einzelarbeiten ausgeführt. Man begann 
mit einer grossen Triangulation. Auf diese stützt der Feldmesser seine 
Aufnahmen. Er hat aber kein festgesetztes Blatt auszufüllen, welches, 
wenn fertig, sich genau an dasjenige des Nachbarn anschliessen muss; 
jeder Einzelne arbeitet ohne Rücksicht auf die Arbeiten des Nächsten 
und es dürfte in vielen Fällen schwer sein, die einzelnen Teile richtig 
in Verbindung zu setzen. Der Direktor des Fajümer Katasterwesens 
selbst, Herr Blanc, der mir mit grösster Liebenswürdigkeit alle vor- 
handenen Materialien zur Verfügung stellte, äusserte sich über den 
Gang der Arbeiten sehr unbefriedigt und meinte, dass europäische Ge- 
richte sich weigern würden, auf Grundlage so mangelhafter Beweis- 
stücke, wie es diese ägyptischen Kataster aufnahmen darbieten, ein Er- 
kenntnis zu fallen. Im Vergleich zu der früheren Unkunde ist der 
Kataster aber trotzdem ein grosser Fortschritt. Die vollendeten Auf- 
nahmen werden auch für die Topographie insofern verwertet, als das 
Centralbureau dieselben in eine Karte von i : 40 000 eintragen lässt. 
Diese umfasst schon bis jetzt einen grossen Teil des Fajüm. Die Be- 
zirke im Umkreise der Provinzhauptstadt, die Strecke des Josephs- 
Kanals bis el-Lahün, ferner der südliche Zipfel bis Qambasche und 
Tutün und dann der ganze westliche Bezirk von Bahr-el-Uädi bis an 
den See sah ich auf dieser Karte verzeichnet. Rharaq fehlt immer 
noch*). Ein Vergleich mit der im XV. Bande dieser Zeitschrift ver- 
öffentlichten Rousseau'schen Karte ergab zwar für die Lage der einzelnen 
Punkte und die Hauptrichtungen der Kanäle eine durchaus befriedigende 
Obereinstimmung; was aber die Einzelangaben betrifft, die feinere Aus- 



*) Vorläufig genügen die Daten der im ganzen zuverlässigen Karte von 
Rönsseau-Bey. • 




108 G« Schweinfurth: 

führung des viel verschlungenen und in zahllosen Kurven verlaufenden 
Ademetzes der Wasserwege, so erwies sich die ältere Karte doch als 
eine ziemlich rohe Arbeit, die indes durch den kleinen Massstab, in 
dem sie veröffentlicht wurde, ihre Fehler und Ungenauigkeiten wenig 
fühlbar macht. Dass die Gestalt des Birket-el-Qerün eine völlig verfehlte 
war, werde ich später ausführen; wie unrichtig die benachbarten Teile der 
Provinz von Beni Ssuef eingetragen sein mussten, da keine besseren 
Quellen vorlagen, wird Ihnen aus dem früher Gesagten einleuchten. 

Mein erstes Ziel von Tallt aus war Moeleh, jene versteckte Oasen- 
Depression, die bisher nur von zwei Reisenden, Belzoni und Wilkin- 
son, besucht worden zu sein scheint. Der von mir dahin eingeschlagene 
Weg war jedenfalls neu und unbetreten. Die Klosterruine in Moeleh, 
die am Nordende der Oasenniederung liegt, ist von der erwähnten 
Teilungsstelle des Bahr-el-Rharaq bei TalTt 34 Kilometer in Südwest 
entfernt. Mein Weg führte so ziemlich in gerader Linie. Die ersten 
3 Kilometer von Talit an zog sich derselbe am Rande des Kulturlandes 
hin bis zu einer Ecke desselben, wo er, im Süden von Rharaq, wieder die 
ost-westliche Richtung verfolgt. Bei dieser Ecke befindet sich auf einer 
kleinen Hügelkuppe eine wenig ausgedehnte Scherbenstätte mit einigen 
wohlerhaltenen Rohziegel -Kammern und zum Teil mit weissem Kalkbe- 
wurf. Die nächste Abfallslinie, die hier in NNW-SSO verläuft, wurde beim 
elften Kilometer erreicht. Der Abfall selbst hat nur 20 Meter relativer 
Erhebung über einer vor demselben auf der Fajümseite gelegenen Nie- 
derung, deren jenseitige Höhenanschwellung die Abfallslinie, vom Rande 
des Kulturlandes aus gesehen, fast verdeckt. Über eine völlig glatte 
Nummulitenfläche führte nun unser pfadloser Weg weiter, bis schon 
nach 2/i Kilometern abermals ein Absturz sich vor uns ausbreitete, der zu 
der weiten Niederung des Batn-el-baqarät, Kuhbauch, hinabschauen Hess. 
Die Nummulitenschichten (N. gtzehmsts), die auf diesem etwa 100 Meter 
Meereshöhe aufweisenden Plateaustreifen die obere Decke bilden, boten 
mir im Vergleich zu den Krabben führenden Felsplatten bei TalTt, 
den nächsten Anhaltspunkt zur Feststellung des geologischen Profils. 
Abgesehen von der gegen das Fajümbecken gekehrten Bruchlinie 
des Schichtenkomplexes, wie dieselbe durch den erklommenen Höhen- 
abfall vorgezeichnet erscheint , sehe ich keinen Grund , den Zu- 
sammenhang der Schichtenfolge zu bezweifeln, da beide Horizonte bei 
Cairo, sowohl auf der libyschen wie auf der arabischen Seite, durch 
dieselben Leitfossile charakterisiert, einen innigen Contact darthun. Diese 
Nummulitenlager sind dieselben, welche auch auf der Höhe der Plateau- 
abstürze von Rajän vorherrschen, wo Sie einige schöne Funde ge- 
macht haben. Nach v. Zittel's Theorie sollen dieselben seiner liby- 
schen Stufe angehören, die er im Gegensatze zu der Mokattamstufe, 
als die untere Abteilung des ägyptischen Eocäns auffasst Ich muss 
aber gestehen, dass mir schon längst eine solche Unterscheidung sehr 



Reise in das Depressionsgebiet im Umkreise des FajQm. \Q2 

zweifelhaft gewesen ist und dass ich nun auf dieser Reise erst recht 
zu dem gegenteiligen Ergebnis gelangt zu sein glaube. Die Ansicht 
unseres berühmten Freundes stützt sich hauptsächlich auf die sowohl 
von ihm als auch von früheren Geologen behauptete Wahrnehmung eines 
ununterbrochenen graduellen Schichtenfalles von Süden nach Norden, 
so dass bei Siut diejenigen Schichten, die bei Cairo tief unter dem Mo- 
kattam stecken, auf der Höhe der Plauteauvorsprünge der libyschen 
Seite zu Tage liegen würden. Im Bahr-belä-ma, bei Moeleh und bei 
Rajän machte ich reiche paläontologische Ausbeute, aber alle diese 
Schichten schienen mir, in dieser Gegend wenigstens, durch keinerlei 
faunistische Merkmale von denjenigen verschieden, die ich auf den 
Höhen des Mokattam mit ihnen zu identiücieren keinen Anstand nehme. 
Ich fand in diesen Schichten westlich von Fajüm immer die nämlichen 
\rten, die mir von Cairo her bekannt waren und deren Schichtenrang 
ich daselbst ganz genau anzugeben weiss. Das wenige Abweichende 
genügte nicht, um eine abweichende geologische Altersbestimmung zu 
gestatten. Als Eigentümlichkeit dieser libyschen Schichten betrachte 
ich vor allem die höher hinaufreichende massenhafte Verbreitung der 
Nunmduliten, die bei Cairo im oberen Drittel der Mokattam-Höhe, in der 
durch eine vorherrschend bräunliche Färbung und durch das Auftreten 
zahlreicher Mergellager charakteristischen jüngeren Eocän-Schicht, sich 
bis auf wenige Exemplare zu verlieren scheinen, während sie hier mit 
den (hroita-Konglomeraten abwechseln und mit dieser an Massenhaftig- 
keit wetteifern. Der EchinolampaSy den de Loriol mit Ihrem Namen 
bezeichnet hat, diente mir als ein wichtiger Anhaltspunkt zur Aufstellung 
der obigen Behauptungen. Sie fanden ihn auf den Höhen im Westen 
von Rajän und ich in Cairo auf der Plateaustufe des Mokattam, welche 
das Fort und die Moschee von Gijüschi oder Diüschi trägt. 

Der Abstieg zum Batn-el-baqarät beträgt höchstens 30 Meter, die die 
NNW-SSO verlaufende Abfallslinie auf der Ostseite der Niederung bezeich- 
nende Böschung hat nur eine unbedeutende Steilwand aufzuweisen; 
dafür stieg das Land auf der gegenüberliegenden Seite bedeutend höher 
an, ganz gleichmässig und allmählich in einer Breite von 2^ Kilometer. 
In der Tiefe der untersten Längsfurche stehen einige mamelonartige 
Mergelzengen ausgespart, die einzigen greifbaren Objekte in diesem 
nebelhaften Einerlei von verschwommenen Höhenwellen. Der Sand ist 
kein Dünensand, sondern grobkörnig mit vielen braunen Kieseln, Über- 
bleibsel einer alten Meeresdenudation. Wenn man auf der Höhe über 
Batn-el-baqarät steht, so eröfifnet sich ein weiter Femblick auf die den 
Oasenkessel von Rajän im Norden begrenzenden Abfalle und besonders 
deutlich hebt sich die scharfkantige Spitze aus, in welche dieselben gegen 
Osten zu auslaufen. Man könnte es das Cap Rajän nennen. Auch die 
von Ihnen mit dem Namen Scheiqlqe*) bezeichnete Felsspitze wurde hier 

*) Eigentlich wohl haqar muschqtq „der gespaltene Stein'^ 






110 Cr. Schweinfurth: 

bereits sichtbar. Während sie von Westen aus betrachtet als burgartiger 
Felskopf auf dem Scheitel einer ungeheueren Terrainanschwellung ohne 
alle sichtbare Absturzlinie zu thronen scheint, bezeichnet sie von diesem 
Beobachtungsplatze aus gesehen, gegen Westnordwest das Ende einer 
geradlinigen hohen Felswand, die in einem stumpfen Winkel auf die- 
jenigen Abfallslinien zuläuft, welche einerseits zum Fajüm, andererseits 
zum Batn-el-baqarät gekehrt sind — und die sich wahrscheinh'ch zu der 
von Ihnen * Ölua er-Rajän genannten Höhe zuspitzen, während der Batn- 
el-baqarät wohl in die Thalsenkung, die Sie in West von der *Ölua 
betraten, irgendwo einmündet* 

Ein nur i ^ Kilometer breiter Plateaustreifen trennt den Batn-el-baqa- 
rät von der weit ausgedehnteren, breiteren und tieferen Thalniederung, 
die hier den sich so häufig wiederholenden Lokalnamen Bahr-belä-mä 
trägt. Auch diese verläuft in südost-nordwestlicher Richtung, ist aber 
nur auf der Westseite von einem vielbuchtigen Plateauabsturz begrenzt, 
während flache Gesenke sich auf der gegenüberliegenden ausdehnen. 
Die ganze Niederung hat hier eine Breite von 9 Kilometer, eine isolierte 
Plateaumasse schiebt sich aber von der Westseite aus bis gegen die Mitte 
vor. Auch hier finden sich , umgeben von Flugsand , jene eigentüm- 
lichen gelben Mergelzeugen wieder, die aus der Feme wie Gebäude 
erscheinen und die tiefste Thalsenkung einnehmen. Bei 21 Kilometer 
Entfernung von Talit hatte ich hier mein erstes Lager. Die angestellten 
Aneroidablesungen ergaben eine Seehöhe von annähernd -+-30 Meter. 
Die Abfälle auf der Westseite sind gegen 70 Meter hoch und bieten 
in ihren unteren Mergelschichten den durch Carolia, Solen unicostatus, 
OUrea Clot Beyi etc. charakterisierten Horizont der obersten Mokattam- 
schichten bei Cairo dar. Ein merkwürdiger 20 Meter hoher Dünenfirst 
senkt sich von der in der Thalniederung vorgeschobenen Plauteauinsel 
aus in nordwestlicher Richtung gegen die Mitte des Bahr-belä-mä zu, 
und zwang meine Kameele zu einem nördlichen Umwege von mehreren 
Kilometern. Derartige Dünensolitaire, wie ich sie nennen möchte, sind 
eine eigentümliche Erscheinung, und man fragt sich , was die vom 
Winde bewegten Sandpartikelchen dazu veranlasste, sich gerade in 
dieser Linie und in Gestalt einer *sehr schmalen Rampe (oder auch 
Raupe, wenn man das Bild kartographisch geben will) niederzu- 
setzen. 

Der Abfall auf der Westseite dieses Bahr-belä-ma verfolgt von hier 
aus anfänglich eine nordwestliche Richtung, die weiterhin in die nach 
NNW übergeht, scheinbar gegen das „Cap" von Rajän zu auslaufend, 
indes gewährten die verschwommenen Umrisse bei dem weiten Abstände 
von den Beobachtungspunkten keinerlei sichere Signale zur Feststellung 
der ganzen Abfallslinie. Dieser Übelstand war übrigens für die genaue 
Feststellung meiner Marschlinie ganz ohne Belang; denn stets war ich im 
tande, mich nach den weithin sichtbaren Landmarken auf das genaueste 



Reise in das Depressionsgebiet im Umkreise des Fajüm. 111 

über die Lage eines jeden einzelnen Punktes zu vergewissern. Von 
den gemessenen Abstanden gegebener Punkte im Fajüm ausgehend, habe 
ich ein ununterbrochenes Netz von Dreiecken über die von mir durch- 
zogenen Strecken auszubreiten vermocht. 

Der Abstand vom Westrande der Bahr-belä-mä-Senkung bis zum 
Absturz auf der Nordseite von Moeleh betrug 4 Kilometer. Der letztere 
hat hier eine rechtwinkelige Ausbuchtung, in welcher hinabsteigend man 
geradenwegs zu dem alten Kloster gelangt, das 2 Kilometer von dem- 
selben entfernt liegt (34 Kilometer von Talit). Die Kameele konnten 
in der jäh abstürzenden Schlucht nicht folgen und mussten auf einem 
sehr weiten Umwege in Nordwest einen Abstieg zwischen sandverwehten 
Schutthalden ausfindig machen, um die Sohle des gegen 130 Meter 
tiefen Kessels zu erreichen. Vom Ursprünge der Schlucht aus eröffnete 
sich ein herrlicher Überblick über den ganzen 7 Kilometer breiten und 
16 Kilometer langen Oasenkessel, dessen Grund von unzähligen grossen 
Tamartx-Gehüschen und Tamarix-Hügeln wie schwarz getüpfelt er- 
schien, während die Steilabstürze auf allen Seiten einen nirgends unter- 
brochenen Ring darzustellen scheinen. Diese Abstürze haben die Eigen- 
tümlichkeit, dass sie statt eines anderwärts auftretenden regelmässigen 
Stufen- und Terrassenaufbaues der Schichten, oder statt des sonst auch 
häufig vorkommenden etagenmässigen Aufbaues von Schutthalden, durch 
eine Menge in einer Reihe vorgebauter Hügel in Kegel- und in Dach- 
form, gleich detachierten Forts mit der völlig gleichmässigen, nicht 
muldenförmigen Fläche der Kesselsohle in Verbindung gesetzt erschienen. 
Durch tiefe Klüfte und Risse, die durch ganze Schichtenkomplexe hin- 
durch gehen, sieht man nicht selten am oberen Plateauiande sich 
einzelne Massen ablösen. Durch Verwitterung werden diese bald zu 
Kegeln, bald zu dachförmigen Gebilden zugestutzt, viele sinken und 
rutschen auch durch Unterspülimg der Mergelschichten in die Tiefe, 
wo sie häufig halb umgestürzt dem paläontologischen Sammler eine 
bequeme Gelegenheit darbieten, die oberen Schichten kennen zu lernen 
and ihm so manche mühsame Kletterarbeit ersparen. Dieser Vorgang 
der die Oasen-Kessel beständig in ihrem Umfange erweiternden Ver- 
witterung (ich bediene mich absichtlich dieses Ausdrucks, da in der 
libyschen Wüste der Regen nur wenig bewirkt und der chemischen 
Zersetzung sowie dem Agens der Luftströmung eine weit hervorragendere 
Bedeutung zukommt, als in unserem Klima) kann natürlich nicht zu 
ihrer Herstellung allein Veranlassung gegeben haben. Aus dem 
geologischen Befunde der Grossen Oase wissen wir, dass auf dem 
Grunde derselben ganze Schichtenkomplexe aufgelöst und fortgeführt 
worden sind, so dass die Oasen nicht nur als Einbrüche in die Fels- 
decke der Plateaus, sondern auch als wirkliche ausgefressene Löcher 
zu betrachten sind. Welches war das Meer, das dieses grossartige Werk 
der von ans schlechtweg mit Erosion bezeichneten Auflösung und 



112 G. Schweinfurth: 

Massenfortführung bewerkstelligt hat, das zerstörte, wo andere aufge- 
baut haben? 

Der Kessel von Moeleh*) bildet ein nach Süden sich etwas zu- 
spitzendes Oblongum, und ist in der Längsachse etwas nach Ost ge- 
kehrt. Die Quelle, die eine Thermalquelle von über +30° C. ist, wie 
die der Oasen im allgemeinen, liefert ein ziemlich salzhaltiges Wasser, 
das indes auch für den Menschen nicht durchaus ungeniessbar ist. 
Diese Quelle liegt so ziemlich im Mittelpunkte des Kessels, bei einem 
isolierten Mergelkegel, während in der Nähe der Klosterruine jetzt nur 
noch sehr schlechtes Wasser in einem sandigen Brunnenloch ganz 
oberflächlich gegraben wird. Der alte Brunnen, der die Ansiedelung 
ermöglicht hat, muss verschüttet worden sein. 

Die ganze Westseite des Kesselrandes, der hier ziemlich gerad- 
linig von Süd nach Nord verläuft, wird von einem sehr allmählich ver- 
flachten Gesenke von Dünensand eingenommen. Dasselbe erreicht 
höchstens eine Höhe von 70 Meter über dem Grunde des Kessels. 
Jenseits dieses Sandgesenkes, 15 bis 20 Kilometer in Südwest . vom alten 
Kloster^ zieht sich eine Thalsenkung wahrscheinlich in südlicher Richtung 
hin, die noch unerforscht geblieben ist. Sie führt den Namen el- 
Choreief und soll eine ziemlich ausgedehnte Chatle von Strauchwuchs 
enthalten. Ein in Moeleh angetroffener einsam umherschweifender 
Beduine brachte mir von daher einen frischerlegten, sehr stark ent- 
wickelten Hasen. 

Die Sandmassen, welche der Wind von der benachbarten Dünen- 
region von Moeleh in den Thalkessel trägt, haben zwei vom nördlichen 
Abfalle nach Süden zu auslaufende Dünenflrste geschaffen, zwischen 
welchen man von der erwähnten Schlucht aus zur Klosterruine hinab- 



H 



*) Zur Erklärung des Namens deuteten meine Begleiter auf das Kochsalz, 
das hier an vielen Stellen gegraben wird. Moeleh ist eine Ableitungsform von 
melh, Salz. Herr Wetzstein hatte die Güte, über die Orthographie und Ety- 
mologie dieses Namens Folgendes mitzuteilen: 

„Das betreffende Wort ist nach der Transskription der D. Morgenl. Ges. Muw^lih 
zu schreiben, was für den Nichtaraber allerdings fast wie Moeleh klingt. Es ist als Orts- 
name nicht selten; am bekanntesten ist der Hafen Muw^lih an der Ostküste des 
roten Meeres nördlich von Dschidda; ein anderes M. liegt im südlichen Palästina. 
Es ist das Deminutiv des Farticips mälih i) salzig von Kali-Pflanzen und brakischem 
Wasser, a) schwarzweiss gesprenkelt, wie der ergrauende Bart und die bereifte 
(pruinosa) ^rde, 3) bei den Beduinen schwarzgrau, von einer dunkelharigen sehr 
geschätzten Kameelart, welche gleichfalls el-muw61ih heisst. Das Deminutiv 
st, wie Sie wissen, dem Beduinen sehr geläufig und vertritt bei ihm überaus häufig 
das Simplex. 

Der Ort beim Fajum mag entweder vom brakischen "Wasser, oder von seinen 
Salzpflanzen, oder vom schwarzweissen oder grauen Gestein resp. Boden seinen 
Namen haben.** Red. 



Reise in das Depressionsgebiet im Umkreise des Fajum. 1X3 

steigt. Sie häufen sich daselbst auch um die grossen Tamarix- und 
M/ra/7a-Sträucher an, die in demselben Grade emporzuwachsen pflegen, 
als sich ihre Zweige, indem sie dem Sande einen Stützpunkt darbieten, 
immer tiefer eingraben. Diese Hügel erreichen eine Höhe von lo bis 
15 Meter und sind hauptsächlich im nördlichen Teile der Niederung 
anzutreffen, welche zwischen ihnen ihre gleichmässige Fläche bewahrt. 
Die beiden Tamarix-hxiQW {T, nilotica und T. articulatd)^ die Nüraria 
and das gleichfalls häufige Calltgonum bieten dem Besucher von Moeleh 
einen ungeheuren Vorrat von Brennholz dar, das besonders zur Winter- 
zeit dem Wüstenreisenden von höchstem Werte ist Der absolute 
Holzmangel, der die Plateauflächen der libyschen Wüste auszeichnet, 
bildet einen schroffen Gegensatz zu dieser unerschöpflichen Fülle, die 
selbst für grössere Städte ausreichende Holzvorräte abzugeben ver- 
möchte. Die eigentliche Chatle umfasst ungefähr ein Fünftel von dem 
auf nahezu 100 Quadratkilometer zu veranschlagenden Flächenraum des 
Kessels von Moeleh. Von Krautvegetation war, ausser den sehr zahl- 
reichen -4/^a^z-Büschen, die den Kameelen ein willkommenes Futter dar- 
boten, in dieser Jahreszeit durchaus nichts anderes wahrzunehmen als 
Zygophyllum album. Die Ihnen bekannte Zwerg form unseres Schilf- 
rohrs {Phragmites) bedeckt streckenweise die salzig-sandigen Flächen. 
Weite Strecken sind aber, obgleich zu allen Jahreszeiten feucht und 
locker, so dass der Fuss tief in den Boden einsinkt, von durchaus nackter 
Salzthonerde eingenommen. Beinahe hätte ich der Dattelpalmen zu 
erwähnen unterlassen, die in alten Zeiten, als der Mensch sie noch 
pflegte, dieser Oase zur grossen Zierde gereicht haben müssen. Gegen- 
wärtig findet man hier nur vereinzelte verkümmerte Stämme, die meisten 
treten in Gestalt unförmlicher Buschdickichte auf und tragen keine 
Frucht. 

Die Klosterruine ist noch ziemlich gut erhalten und bildet ein Viereck 
von 55 X 67 Meter. Ein einziges Thor befand sich auf der Südseite, 
es war gewölbt und mit einer Aufzugsmaschine versehen. Ein Teil der 
Ringmauer steht noch aufrecht. Dieselbe ist unten aus Bruchsteinen, 
der Rest, wie die meisten Gebäude im Innern, aus Rohziegeln von der 
aus der Tiefe der Wasserlöcher herausgeschafften Thonerde aufgeführt, 
die voller Melania tuherculata steckt. An der Stelle der ehemaligen 
Kirche sieht man noch zwei Nischen (Apsis) zu Seiten des Altars mit 
je einem sehr roh ausgeführten Apostel- oder Heiligenbilde. Diese, der 
orbarbarischen Kloster-Malerei der heutigen Kopten entsprechenden 
Schreckbiider, von denen sich auch an den weissgetünchten Wänden 
des Kirchenraums Spuren erhalten haben, zeugen im Verein mit der 
an vielen Stellen angebrachten arabischen Schrift von sehr jungem 
Datum. Der letzte Neubau gehört frühestens dem 17. Jahrhundert an. 
Wahrscheinlich wurde die Klosteransiedelung um dieselbe Zeit auf- 
gegeben> als in den. Oaaen die letzten Bekenner des Christentums ab- 




114 ^' Schweinfurth: 

trünnig wurden. Indes muss der Platz bereits in sehr alten Zeiten 
bewohnt gewesen sein. Die jetzt noch erhaltenen Maliern scheinen 
mir mit den vorgefundenen Materialien früher zu Grunde gegangener 
Bauten errichtet worden zu sein. Die Höhe und Ausdehnung der 
Scherbenhügel, die das Kloster umgeben und andere Funde sprechen 
für das Alter der Ansiedelung. Die Fundamente der Kirche sind aus 
grossen Kalksteinquadern regelrecht gefügt, die einem älteren Bau an- 
gehören müssen. Noch liegen zwei mit hervorragendem Geschick 
im byzantinischen Geschmack aus Nummulitenkalk ausgehauene Kapitelle 
da, die zu den gypsverkleideten alten Kalksäulen der Kirche gehört 
zu haben scheinen. Diese Kapitelle sind vortrefflich erhalten und von 
höchst originell entworfener Zeichnung. Sie sind vierfiügelig und ganz 
aus vielzackigen Acanthusblättern zusammengesetzt, ohne indessen im 
geringsten der korinthischen Form zu entsprechen. Unmöglich können 
diese offenbar an Ort und Stelle mit grossem Geschick ausgemeisselten 
Ornamente gleichaltrig sein mit den fratzenhaften Heiligenbildern an 
den erhalten gebliebenen Kirchen wänden. Ein Bruchstück von einem 
grossen Becken aus schwarzem Granit, das sich hier vorfand, deutet 
gleichfalls auf eine ältere, bessere Zeit. An einer Stelle liegen mehrere 
intakt gebliebene Amphoren von der länglichen zweihenkeligen Form 
der spät griechischen Zeit, die wahrscheinlich einer aufgedeckten Grube 
entstammen. Einer verhältnismässig alten Epoche scheinen mir auch 
zwei Felsgräber anzugehören, die ich auf der Höhe über Moeleh, an 
der Stelle, wo ich vom Plateau durch die Schlucht zum Oasenkessel 
hinabstieg, vorfand. Es waren dort nur die länglich viereckigen, aus dem 
Kalkfels ausgehauenen, jetzt sandverwehten Öffnungen sichtbar, die durch- 
aus denen der Nekropole von Talit-el-hagar zu entsprechen schienen. 

Bei Molleh sammelte ich sehr schönerhaltene Petrefakten ein, dar- 
unter auch einige Neuheiten für die ägyptische Eocänfauna, na- 
mentlich einen grossen Seekrebs, der in diesen Schichten sehr verbreitet 
zu sein scheint. Die gegen 130 Meter hohen Abstürze auf der Nord- 
seite bestehen in ihren unteren Schichten vorherrschend aus weichen 
teils dunkelviolettgrauen (Blättermergel), teils ockergelb gefärbten 
Mergeln. Eine Lage von festem Rötelstein hebt sich dazwischen aufs 
Deutlichste ab. Auf halber Höhe der Abstürze bildet sich eine Steil- 
wand von festen Mergeln, von der auch losgelöste grosse Blöcke tiefer 
unten anzutreffen sind. Der Fossilreichtum dieser Schicht ist erstaun- 
lich. Die angetroffenen Arten, namentlich die hier massenhaft verbreitete 
Ostrea dorsata^ eine sattelförmig gebogene Placuna, Vulsella legumen, 
Schtzäster mokattamensis bezeichnen aufs deutlichste den Horizont, 
welcher mit dem der Steilwand unter Fort Diüschi hinter der Citadelle 
von Cairo (die obere Abteilung meiner A, i. a-Schicht) übereinstimmt. 
Darüber liegen dann, wie auf der Plateauvorstufe von Diüschi, feste 
Nummulitenkalke (AA) mit Echinolampas Aschersoniif Lucina ovum etc. 



Reise in das DepressioBSgebiet im Upikreise des Fajüm. ]^X5 

Die Meereshöhe des Kesselgrundes von Moeleh habe ich vorläufig 
auf 4-35 bis H-40 Meter berechnet. 

Nachdem ich einige Tage auf die Erforschung von Moeleh ver- 
wandt hatte, setzte ich meinen Marsch in Nordnordwest nach der 
etwas über 24*^ Kilometer entfernten Lagerstelle bei Rajän fort, wo ich 
ungefähr an derselben Stelle die Zelte aufgeschlagen, wo Sie im Jahre 
1876 die Nacht vom 27. zum 28. März zubrachten, d. h. 9 Kilometer 
WzS von der ScheiqTqe-Felsspitze , 5!^ km in OSO vom Cap Rajän 
und 7 km in NO von der Ecke des südlichen Plateauabfalls entfernt. 

Der Kessel von Moeleh verengt sich an seiner nordwestlichen Ecke 
durch eine Annäherung der beiderseitigen Abfalle bis auf einen zwei 
Kilometer betragenden Abstand. Der Eingang in dieses Thal von 
Süden wird durch eine über den Grund gespannte Sandschwelle mar- 
kiert, die sich nach Norden wie nach Süden gleichmässig abflacht. Die 
Stelle lag 7 Kilometer vom Kloster. Hier weicht die Abfallslinie zur 
Rechten ostwärts zurück und verschmilzt vermittelst eines hohen Dünen- 
gesenkes, das sich von hier aus bis zum Eingange in die Felsschlucht 
von Rajän ausdehnt, mit den den Bahr-belä-mä auf seiner Westseite 
begrenzenden Höhen. In nordhordwestlicher Richtung verlaufen von 
hier aus diese sich ziemlich in demselben Niveau erhaltenden, d. h. 
dem Auge keine sichtbaren Höhenschwankungen verratenden Dünen- 
gesenke, zwis,chen welchen in einer Längsfurche die Kameele auf 
festem schönen Sandgrunde für 10 Kilometer den vortrefflichsten Weg 
fanden, bis an sie die Schwierigkeit herantrat, beim Eingange in Ra- 
jän direkt nach Westen abzulenken und dort steile Sandböschungen 
wiederholt zu übersteigen. Ich habe bereits erwähnt, dass bei Moeleh 
die Kesseleinfriedigung auf der Westseite von geradlinigen in ihrer 
Absenkung weit ausgezogenen Sandhöhen dargestellt wird. Diese erschei- 
nen bei der verengten Eingangsstelle in den Kessel von einem Felsen- 
absturz gekrönt, welcher der nach Osten einbiegenden Ecke gegenüber 
Front macht. 

Der Felsabsturz bildet den hier allein sichtbaren Teil des festen 
Rückgrats, an welches sich die Sandgesenke anlehnen. Weiter in der 
Richtung nach NNW entzieht sich dies Rückgrat abermals den Blicken, 
bis es in Gestalt einer von der südlichen Ecke am Eingange in die 
Rajän-Bucht nach Süden sich hinziehenden Abfallslinie seine Fortsetzung 
findet. Der Zusammenhang dieser für die Karte von so grosser Wich- 
tigkeit erscheinenden Abfallslinie, mit anderen Worten des Westufers 
vom Becken des Moeris, wie ihn CopeWhitehouse auffasst, ist mir nicht 
völlig klar geworden, da unübersehbare Dünenketten, die sich ostwärts 
au diesen Abfall anzulehnen schienen, oder vielleicht demselben nur 
vorgelagert waren, jede Übersicht unmöglich machten. Jedenfalls ist 
die Continuität des westlichen Abfalls in hohem Grade wahrscheinlich. 
Vielleicht enthält derselbe auf der Strecke zwischen Rajän und Moeleh 

Zdtschr. d. Geselbch. f Erdk. Bd. XXI. Q 



116 Cr. Schwein furth: 

noch einige kleinere Ausbuchtungen, Seitenkessel, in Gestalt von Sack- 
gassen, und unter diesem Bilde wird wohl auch die Chatl^ vonel-Choreief 
aufzufassen sein. Ich glaube nicht weit zu fehlen, wenn ich nach einer 
vorläufigen Berechnung meiner Aneroid -Stände das Lager bei Rajän auf 
— 19 bis 20 Meter unter dem Meeresspiegel angebe. [Herr Stadler, 
der mehrere Wochen später mit Mr. Cope Whitehouse von Rharaq aus 
Rajän besuchte, fand durch ein genaues Nivellement am Ostrande der 
Einsenkung, am Fusse des Scheiqiqe, — 12 Meter.] Kein Umstand spricht 
gegen die Annahme, dass der eigentliche Grund des Rajän-Kessels ebenso 
eben und gleichmässig sei wie der vonMoeleh und dass mithin kein Höhen- 
unterschied von irgend welchem Belang zwischen meiner Lagerstelle und 
der SX Kilometer in Westsüdwest von demselben gelegenen Hauptquelle 
bestehe. Die von kräftigen Tamarix-, Nitraria» und Calligonum-V^VLxzeXn 
gestützten Sandanhäufungen haben hier zwar weit bedeutendere Hügel 
und Dünenwellen zu Wege gebracht als in Moeleh, aber überall, wo der 
feuchte ursprüngliche salzthonige Untergrund zu Tage tritt, auf dem 
diese wechselvollen Höhengebilde ihr Nomadenleben führen, verrät 
derselbe die vollkommenste Ebene. Die Strauchregion (Chatle) ist in Ra- 
jän ausgedehnter als die in Moeleh, aber mehr zerstückelt und durch 
weite Sandhügelkomplexe unterbrochen und nicht so zusammenhängend 
wie dort. Der Holzreichtum ist ausserordentlich gross. Dattelpalmen 
treten nur sehr zerstreut und in verkümmerten Stämmen, meist nur in 
Krüppelbuschform auf, wie in Moeleh. Die Hauptquelle (eigentlich die 
einzige, denn der zweite Wasserplatz, der vorhanden ist, besteht nur in 
einer stillstehenden Lache, 3^ Kilometer in Nordnordost) bietet ein 
grosses Interesse. Wie ich sie sah, sprudelte sie lebhaft aus einer Tiefe*) 
von nur einem halben Meter unter der Oberfläche des klaren Wasser- 
beckens, welches als Bächlein eine kleine Strecke weit zwischen Rasen 
von Binsen und Haifa-Gras {Juncus marittmusy Leptochloä) munter weiter 
rieselt. Schilf fand ich hier nicht**), ebensowenig die von Cailliaud und 
Belzoni erwähnten Acacien, die im Bereiche der Felsbucht inzwischen 
verschwunden Sein müssen. Die Temperatur der Quelle haben Sie ja 
bereits zu +26° C. gemessen; Ihrem ungünstigen Urteil über die Qua- 
lität des Wassers kann ich indes nicht zustimmen. Der Schwefel- 
wasserstofFgeruch verraucht schnell und verliert sich beim Abkühlen des 
Wassers vollkommen, während der Salzgehalt so gering erschien, dass 
er nur beim Kochen von Thee und Speisen sich fühlbar machte. Da 
Sie bereits von Rharaq aus mit besserem Trinkwasser aus dem Nil ver- 
sehen waren, Hessen Sie wohl dieses unbeachtet imd hatten keine Gele- 
genheit von demselben in gasbefreitem Zustande zu kosten. Jedenfalls macht 

*) Mein Araber apostrophierte die Quelle mit beschwörenden Worten, infolge 
deren sie sich angeblich sofort noch reichlicher ergoss. 

**) Ich notierte am 28. März 1876 Arundo Phragmites (grosse und kleine Form) 
nnd Typha. P. Ascherson. 



Reise in das Depressionsgebiet im Umkreise des Fajüm. 117 

die krystallhelle Klarheit des Wassers einen sehr einladenden Eindruck. 
Durchaus untrinkbar erschien dagegen das Wasser in dem nordwärts 
gelegenen Brunnenloch, wahrscheinlich einer vor alters funktioniert 
habenden, jetzt verstopften Quelle, denn gegen 300 Meter in Südost 
von dieser Stelle gewahrt man die Spuren einer alten Ansiedelung. 
Topfscherben und gebrannte Ziegel liegen im Umkreise zweier Fun- 
damente^ von denen das eine einen 12 Meter im Geviert messenden ur-, 
alten Bau aus gänzlich verwitterten Bruchsteinen von Nummulitenkalk 
verrät. Diese auf einer flachen Kalkschwelle am Rande des untersten 
Gesenkes vom Abfall der Nordseite gelegene Stätte muss, wie die benach- 
barte Quelle, den Kesselgrund um mindestens 15 Meter überragen, 
vielleicht um ein beträchtliches mehr. So erklärt sich, zum Teil wenig- 
stens, die bedeutende Verschiedenheit der Cailliaud'schen Höhenangabe 
(-f-38 m) für die Quelle von Rajän, denn offenbar war er bei der nörd- 
lichen, da er nach seiner ausdrücklichen Angabe „am Fusse des Berges"- 
lagerte, ferner ja auch die Richtung bezeichnet, in welcher die beiden 
Wasserstellen von einander liegen, der alten Baureste gedenkt und 
ausserdem die schlechte Beschaffenheit des Wassers betont. 

Spuren eines früheren Anbaues waren nirgends zu entdecken. Nach 
welchen Merkmalen wollte man auch in diesem wechselvollen Terrain 
auf solche schliessen? Etwa an Grabenleitungen, viereckigen Bewässe- 
rungsdämmchen , Ackerfurchen? Solche sind gewiss nicht zu sehen. 
Ich bezweifle indes durchaus nicht die Möglichkeit einer kleinen Feld- 
anlage bei der Hauptquelle. Ein paar Familien würden immerhin mit 
einigen Büffeln und Ziegen hier ihren Unterhalt finden können. Die 
Araber wissen aber einen sehr triftigen Grund dafür anzugeben, wes- 
wegen es nicht versucht wird. . Der Platz liegt zu weit abgeschieden 
vom Kulturlande, zu tief in der Wüste, und so sicher auch der zufallig 
des Weges einherziehende Reisende vor räuberischen Überfällen sein 
mag, sa würde doch der dauernde Aufenthalt auch nur eines Büffels 
an der Quelle von weither alle unternehmenden Viehdiebe zu einer 
Razzia ermuntern. Die Ansiedelung würde nur für Wenige ausreichen 
und diese Wenigen wären nicht im Stande sich zu verteidigen. Bei der 
abgeschlossenen von allen Seiten überwachten Lage der östlichen Ara- 
bischen Wüste Ägyptens liegen dort die Verhältnisse ganz anders. 
Die Libysche gleicht eher dem unbegrenzten Weltmeere zur Zeit, da noch 
die Küstenländer den möglichen Einfallen fremder Seeräuber ausgesetzt 
waren. 

An der von mir gegebenen Etymologie des Namens Rajän möchte 
ich heute noch. festhalten: raujän für sattgetrunken, ist allerdings ein 
in Ägypten selbst wenig geläufiger Ausdruck; allein die Lesart Uadi 
Riäni, wie sie die in der Nomenclatur so mustergiltig gewissenhafte 
Lepsias-Kiepertsche Karte bietet, spricht für dieselbe Ableitung und 
stellt einen mehr gebräuchlichen Ausdruck für einen wasserreichen 



118 G. Schwelnfurth: 

Landstrich dar*). Woher mag nur der Ausdruck Rajän-el-Qasr stam- 
men, den Belzoni und Cailliaud gebrauchen? Die kleinen Hausfunda- 
mente, deren ich erwähnte, können doch unmöglich für die Über- 
bleibsel eines Schlosses oder befestigten Platzes gelten. Dabei fallt mir 
die interessante Version ein, die ich aus dem Munde eines EfFendi 
vernahm, als ich bei demselben nach der Etymologie des Namens Ra- 
jän forschte. Dieser leitete ihn ab von Trajan (er meinte, so hätte 
ein römischer Kaiser geheissen), und da dieser Herrscher in den Wüsten 
Ägyptens mannigfache Denkmäler hinterlassen hat (Hydreuma Trajani, 
Tempelerneuerungen in den Oasen u. dergl.), so dürfte ein Eflfendi um 
so eher zu einer solchen Erklärung berechtigt erscheinen, als ja auch 
das arabische qasr nichts anderes ist, als ein unvermitteltes Erbstück 
des lateinischen castrum. 

Wie in Moeleh, habe ich auch bei Rajan eine Basis gemessen, um 
die Gestalt der Felsbucht genau konstruieren zu können. Zu dem Ende 
erklomm ich die loo Meter hohe vorspringende Ecke auf der Nord- 
seite, die ich schlechtweg das Cap Rajän genannt habe. Von der 
in einen spitzen Winkel auslaufenden Plateauhalbinsel eröffnet sich ein 
sehr weiter Fernblick nach allen Richtungen, am unbeschränktesten in 
der nach Nordosten, bis auf einige 70 Kilometer. Man überschaut 
hier mit einem Blicke das Moerisbassin von Cope Whitehouse, in 
einer Ausdehnung, wie es dieser selbst nicht so gross geahnt**). Das 
Becken ist da, aber es stammt aus geologischer Zeit, gehört nicht zum 
Nil und bietet in seinen vom Fajüm entfernteren Teilen nirgends die 
geringste Spur einer Süsswasserbildung dar. 

Ich begreife nicht, wie Herr Whitehouse, als er im April 1^82 in 
Gesellschaft des durch seine genaue Pyramidenvermessung rühmlichst 
bekannten Herrn Flinders Petrie von Rharaq aus bis zur Felsspitze 
Scheiqiqe vordrang, in der Niederung im Westen von dieser Höhe eine 
so beträchtliche Depression ermittelt hat, wie er angiebt (175 bis 
180 engl. Fuss. Die alten Wasserstandspuren und Nilschlammab- 
lagemngen, die an verschiedenen Stellen der Depression konstatiert 
worden sein sollen, fehlen ganz gewiss ! Die aschgrauen Thonniederschläge 
des alten Sees mit ihren Ablagerungen von Süsswassermuscheln, zahllosen 
Fischwirbehi, Knochen von Schildkröten u. dergl. lassen sich, wo sie vor- 



I 



*) Ein Thal auf dem "Wege von Cairo nach Suös fahrt auch diesen Namen. 
**) Rechnet man die Längenentwickelung der Hauptkurven, welche den Plateau- 
abfall um das Fajüm herum bezeichnen, und zwar in Verbindung der Punkte: 
Hauäret-el-maqta, Rharaq^ SchSch Abu-Nör bei Minie, Höhen in "West von Nesle 
Schokete, Felsenspitze Scheicjlqe, Moeleh, Rajän, Meduret-el-bahrl, "Westende der 
Birket el-Qerün, alter Tempel in Nord von Dime, Absturz in NO von Tamieh, 
Hauäret-el-maqta, so erhält man 400 Kilometer; lässt man das Dreieck zwischen 
Rharaq, Nesle und Scheiqiqe weg, so bleiben noch immer 350 Kilom. Herodot 
gab für den Umfang des Sees 3600 Stadien an := 359 Kilom. 



Reise in das Depressionsgebiet im Umkreise des Fajüm. 1X9 

banden sind, nicht übersehen. Ich vermochte auf der ganzen Strecke von 
•Talitanüber RajänundMedüret-el-barhl (27 Kilometer in West vom heutigen 
Westrande des Sees) erst bei einem Abstände von 8 Kilometer vom See 
solche Süsswasserbildungen nachzuweisen. Die gelben eocänen Mergel*), 
die hier auftreten, mit ihren an Wassermarken erinnernden Erosions- 
streifen, Wirkung der sandbewegenden Winde und gelegentlichen Regen- 
falle, lassen sich mit diesen lacustrinen Bildungen nicht verwechseln. 
Wer das thut, wird überall in den Wüsten Ägyptens alte Wasserstands- 
spuren und Nilschlaram zu finden vermeinen. Übrigens haben ältere 
Reisende sogar eocäne Conchylien als Zeugen alter Nilarme aufgefasst 
und so der erst Dank der Rohlfs'schen Expedition überwundenen Fabel 
vom Bahr-belä-mä reiche Nahrung gegeben. 

Die Lage, Richtung und Gestalt der Felsbucht von Rajän ist auf 
Ihrer Karte (Band XX, Taf. 2 der Zeitschrift), wenn man den kleinen 
Massstab berücksichtigt, in welchem dieselbe diese Gegend erscheinen 
lässt, ausreichend genau eingetragen worden. Die Tiefe des Kessels 
beträgt ungefähr 12 Kilometer, der Abstand der beiden nach Osten vor- 
springenden Ecken von einander 9^ Kilometer. Während der Abfall auf der 
Südseite ziemlich gerade von Ost nach West verläuft, beginnt der 
gegenüberliegende in Südwest und läuft auf der letzten Strecke bis 
zum Gap Rajän in Ostnordost aus. 

Was nun die nordwärts gelegene Strecke bis zum See anlangt, so 
ist die Annahme einer zusammenhängenden Abfallslinie, die das Fajüm- 
becken, im weitesten Sinne gerechnet, auf der Westseite umgiebt, aller- 
dings richtig gewesen : allein sie umspannt ein weit grösseres Areal, in- 
dem der Abfall von Gap Rajän aus nicht In NNO gegen die Seeecke 
zu streicht, sondern zunächst für mindestens 10 Kilometer ganz gerade 
eine rein westliche Richtung anstrebt, dann in weitem Bogen nach WNW 
und Nordwest zurückweicht und so sich weiter nordwärts bis zu dem 
Winkel hinzieht, der gegen 30 Kilometer in West von der Westecke 
des Sees gelegen ist, und in welchem Winkel der isolierte Berg steht? 
der von den Ufern der Birket-el-Qerün überall sichtbar ist, derselbe, 
den Herr Whitehouse mit dem Namen Haram-riiedüret-el-barhl belegt hat. 

Es war mir nicht möglich, mit meinen schlechten Kameelen und 
unzuverlässigen Arabern diesen weiten Bogenabfall näher zu erforschen, 
eine Aufgabe, die mehrere Tagereisen in Anspruch genommen haben 
wurde. Der A.bfiall baut sich in verschiedenen Terrassen auf, deren 
Horizontalabstände viele Kilometer betrugen, wahrscheinlich in dem- 
selben Verhältnis, wie man auf der Nordseite der Birket, wo man die 
beiden hauptsächlichsten Abfallslinien in einer Entfernung von 6 bis 
8 Kilometer von einander sich hinziehen sieht. Der Bogen, den ich im Sinne 
habe, und dessen Länge ich bis zu der Stelle, wo er an das Westende 



*) Von den grauen Mergel wird unten (S. ia6) die Rede sein. 



^ 



120 ^- Schweinfurth.: 

des Sees dicht herantritt, auf 80 Kilometer schätze, betriift indes nur 
den unteren Abfall, der obere umspannt ein noch weiteres Gebiet« 
Innerhalb dieses Bogens liegt nun das Depressionsgebiet, welches Herr 
Whitehouse durchaus mit dem alten Moerissee in Beziehung zu bringen 
sich bemüht. Die Einsenkung unter dem Meeresspiegel, die sich bei 
Rajän nachweisen lässt, greift aber keineswegs tief in der Richtung des 
Radius dieses Bogenabfalls ein, uiid noch weniger über denselben nach 
Osten hinaus, denn schon bei einem Abstände von 14 Kilometer in Nord 
vom Cap Rajän beginnt das aus Nummulitenkalk vom Horizont des 
unteren Cairiner Bausteins (mit Echinolampas africanus und E, Fraasit) 
gebildete Terrain auf einmal ganz sichtlich anzusteigen, ich bezwei- 
fele sogar, dass die Senkung bis hierher überhaupt noch unter dem 
Meeresspiegel verharrt. Während nun die Anschwellung in der Rich- 
tung dieses in NNW gestellten Radius bis zu H-30 Meter Meereshöhe 
zunimmt, steigt das teils aus nummulitengepflasterten Kalkschichten 
gebildete, teils mit den Denudations-Sanden, -Kiesen und versteinerten 
Hölzern der Libyschen Wüste bedeckte Terrain^gegen Osten zu immer 
höheren Kuppen und Wellenanschwellungen empor, ohne indes irgend 
welche greifbare Objekte darzubieten, die sich für die kartographische 
Terrainzeichnung verwerten Hessen. Diese Anschwellung nimmt in einer 
Breite von 20 bis 30 Kilometer den gesamten Strich ein, der auf der West- 
seite des Fajümer Kulturlandes liegt und sich ebenso allmählich zu 
diesem wie zur Birket-el-Qerün nach Norden zu verflacht. Ich bezwei- 
fele in hohem Grade, dass sich hier Einschnitte oder beträchtliche 
Bodensenkungen zur Verbindung beider Tiefengebiete in West und in 
Ost nachweisen lassen werden. Zu diesem Zwecke sollte der Weg von 
Nesle-esch-Schokete am Bahr-el-Uadi nach Rajän in direkter Linie ein- 
mal aufgenommen werden. 

Anders verhält es sich nun mit den Höhenverhältnissen in der 
Tiefe des Bogenabfalls unmittelbar unter der untersten Terrasse. 
In dieser Richtung scheint sich die Depression von Cap Rajän aus 
noch weit fortzusetzen, so dass dieselbe etwa die Form einer schmalen 
Mondsichel haben würde, deren nördliche Spitze vielleicht bis in den 
Winkel der Abfallslinie hinter dem Berge Medüret-el-barhl hineinragen 
mag. Dieser Berg hat indes in seinem näheren Umkreise eine Fläche unter 
sich, die wenigstens -1-45 Meter über dem Meere liegen dürfte. 

Von der Höhe des Cap Rajän überschaut man einen grossen Teil 
des Bogenabfalls, die gleichmässige Fläche, die sich, wenigstens im 
südlichen Teile, zu seinen Füssen ausbreitet und eine Anzahl völlig 
abgetrennter Berge, Hügel und Hügelreihen, welche aus ihr hervor- 
ragen. Zunächst dem Cap Rajän gelegen, erstreckt sich in der Richtung 
von Südwest nach Nordost ein Hügelrücken, auf dessen Südseite die 
Rajän-es-ssorher genannte Örtlichkeit sich befindet. Ich Hess mir die 
Gegend von einem alten Soldaten zeigen^ welcher zur Zeit des Beduinen- 



Reise in das Depressionsg^biet im Umkreise des Fajüm. 221 

krieges unter der Regierung Said Pascha' s vor etlichen 25 Jahren da- 
selbst vorübergekommen zu sein vorgab. Näheres über dieselbe ver- 
mochte ich nicht in Erfahrung zu ziehen. Nach Cailliaud sollen dort 
zwei kleine brackige Quellen und etwas Krautwuchs zu finden sein. 
Rajän-es-ssorher liegt zwischen 12 und 15 Kilometer in WNW vom Cap Ra- 
jän, dieses letztere 4 Kilometer in NNO von der nördlichen Wasserstelle 
im Rajänkessel. Wenn Cailliaud fünf Stunden gebrauchte, um von der 
letzteren in NNW dahin zu gelangen, so muss er über den Plateau- 
rücken gegangen sein, was unwahrscheinhch ist. Ich vermute eher, 
dass er eine Einsattelungsstelle benutzte, die von der nördlichen Wasser- 
stelle in West liegt, wenn er nicht, was das natürlichste gewesen wäre, 
um das Cap herumgegangen ist. 

Die Felsmassen der Cap Rajän-Ecke sind durch Risse zerklüftet, 
die von Süd nach Nord verlaufen und den übriggebliebenen schmalen 
Plateaurest vollends zu zerstückeln drohen. Sie sind nicht nur vertikal 
an den Steilabstürzen angedeutet, sondern klaffen auch oben auf der 
Fläche als deutliche gerade Spalte, die von einer Seite zur andern 
reichen. 'Tagereisenweit ist gen Nord und Nordost das Nummuliten- 
gebirge verschwunden. Nur spärliche Reste ragen noch empor, die 
Scheiqiqe-Ecke, ein isolierter Berg, dreieckig im Grundriss und etwa 
einen Quadratkilometer einnehmend, der sich im Abstände von 8 Kilo- 
meter in NWzN aus der Fläche erhebt (wie bezeichnet man solche 
Berge?) und u Kilometer ziemlich genau in Nord ein wunderbarer 
vereinsamter Felsrest von spitzer Gestalt und 20 Meter Höhe, der wie 
ein Denkmal aus der Pharaonenzeit als weithin sichtbare Landmarke 
hervorleuchtet. 

Die oberste in 100 Meter über dem Thalkessel sich um Rajän 
herumziehende Schicht besteht aus schneeweisser harter Kalkmasse, in 
welcher einzelne petrefaktenführende Nummulitenlager eingeschlossen 
sind. Hier tritt in Gesellschaft von Vulsella legumen der Echinolampas 
Aschersonii auf, während, genau wie bei Moeleh, auf halber Höhe der 
Felswand die Schicht mit Ostrea dorsata, die hier in einer braunen 
oder ledergelben Kalkmasse fest eingebacken ist, ansteht. Am Fusse 
der Felswände finden sich Nautilus und die grossen Echinolampas^ 
Arten von Cairo. 

Bei Fortsetzung meines Weges in Nordnordwest, um in dieser 
Richtung den vom Lager 33 Kilometer (in N. 25° zu West) entfernten 
Einzelberg Medüret-el-barhl*) zu erreichen, bot sich den Kameelen nicht 
das geringste Hindernis dar auf dem glatten festen Boden von fein- 
kiesigem Nummuliten-Macadam, aber nichtsdestoweniger hatte ich die 

*) Pococke (Band I, S. 61) that dieses Berges zum ersten Male Erwähnung 
indem er denselben mit dem phantastischen Namen „el Herem-Medajah-el-Hebgad** 
bezeichnet. D'Anville verewigte denselben auf seiner Karte von Ägypten und von 
dieser ging er auf die der französischen Expedition über. 



I 



122 ^' Schweinfurth: 

grösste Mühe, meine Araber zum Einhalten der bisherigen Wegrichtung 
zu bewegen. Sie wollten durchaus einer der zahlreichen Kameeltriften 
folgen, welche in der Gegend des isolierten Felskopfes 10J4 Kilometer in 
Nord von Cap Rajän nach NNO zu unseren Weg kreuzten und die 
Karawanenstrasse darstellen, die die kleine Oase m^J: Kerdässe bei 
Cairo in direkte Verbindung setzt. Dieselbe geht von Cap Rajän in 
gerader Linie auf die Westecke des Sees zu und folgt dann semem 
Nordufer. Datteln scheinen das einzige Produkt der Oase zu sein, das 
auf diesem Wege ausgeführt wird. Es begegneten uns später an der 
Birket-el-Qerün einige 40 Kameele, die ledig von Kerdässe dahin zu- 
rückkehrten; nur drei Mann begleiteten die Tiere, ein Beweis, wie 
sicher sie sich in dieser Wüste fühlten, 20 Kilometer vom Lagerplatze 
bei Rajän rastete ich auf einer kleinen Nummulitenschwelle bei 4-28 
bis 33 m Meereshöhe in der Nähe eines isolierten Hügels, der 2800 m 
weiter in NNW lag. Wellige Nummulitenflächen , die bald ansteigen, 
bald sich absenken, gestatteten weiterhin kein Urteil über die Höhen- 
verhältnisse durch den Augenschein. Im Durchschnitt stieg das Terrain 
mehr an, als dass es abfiel. 5 Kilometer in Südost von Medüret-el- 
barhl verwehrte unserer Karawane ein einzelner gegen 20 m hoher 
Dünengrat den Weg. Es dauerte lange, bis man eine Satteleinsenkung 
ausfindig machte, in welcher die Kameele die sehr starke Böschung 
zu umgehen vermochten. Der Dünengrat, der sich in südsüdöstlicher 
Richtung schnurgerade gegen 12 Kilometer weit hinzieht, ist wegen seiner 
Vereinzelung eine sehr auffällige Erscheinung. Es hat den Anschein, 
als hätte sich aller Sand, den das Luftmeer eine Tagereise weit im 
Umkreise in suspenso erhielt, hier auf dieser scharfmarkierten Linie ein 
Stelldichein gegeben. Nirgends waren andere Dünenbildungen weder 
in Westen noch in Osten zu erblicken, weder parallele Vorwellen, noch 
zerstreute Saiidkuppen und Tamariskengräber wie in Rajän und Moeleh. 
Der beschriebene schmale Dünengrat bildet die Fortsetzung einer Kette 
von einigen in Reih und Glied gestellten Felskegeln, die, in derselben 
Richtung wie jener, von der unteren aus dem nahen Winkel des Bogen- 
abfalls hervortretenden Stufe sich loslösen. Die folgenden vergrabenen 
Glieder dieser Kette bilden in der Tiefe des Dünenwalles wahrschein- 
lich die eigentliche Wirbelsäule des sonst so beweglichen Sandgebildes 
und prägen .demselben den Stempel der Beständigkeit auf, die man 
angesichts seiner Vereinsamung anzunehmen berechtigt ist. 

Der Inselberg Medüret-el-barhl besteht aus einer um 130 m über 
die umliegende Ebene sich erhebenden Masse und bedeckt einen Flächen- 
raum von 2 Quadratkilometer. Auf der Ostseite legt sich um seinen Fuss 
eine niedere Vorstufe von weissen Gypsmergeln, die keinerlei Fossile 
zu enthalten scheinen. Die Basis selbst wird durch die Fläche be- 
zeichnet, deren Meereshöhe ich vorläufig auf +45 bis -1-50 m berechne, 
und besteht aus denselben Kalken, die stellenwei3e ganz aus thaler- 



Reise in das Depi^essionsgebiet im Umkreise des Fajum. 223 

grossen Nummulites gtzehensis zusammengesetzt sind, wie ich sie be- 
reits auf dem Wege von Rajän hierher beobachtete. Der geologische 
Horizont dieser Schicht scheint mir mit dem Kesselgrunde von Rajän 
identisch zu sein und entspricht der unteren Abteilung des Cairiner 
Bausteins. Eine Menge grosser Echiniden kennzeichnet diese; ich er- 
wähne namentlich Schizaster mokattamensis , Hemispatangus formosus, 
Echinolämpus glohosus, E. Fraasit, E, afrtcanus und Conoclypeus conoi- 
deusy eine Art, die bisher für die ägyptische lEocänfauna noch zweifel- 
haft erschien, da die bisherigen aus diesem Lande stammenden Funde 
des Fossils wenig ' beglaubigt waren. 

In seinen obersten Schichten reicht der Berg Medüret-el-barhl in 
jüngere Horizonte hinein als die Abfälle von Rajän. Die Ersteigung 
machte wegen zwei im oberen Drittel befindlicher ununterbrochener 
Steilwände grosse Schwierigkeiten, und da man an den äusserst ab- 
schüssigen' meist sandverwehten Halden, wie in unseren Gebirgen in 
tiefem lockeren Schnee, ' haltlos hinünterglitt, war der Abstieg sogar 
mit einiger Gefahr verknüpft'. Die unteren zwei Drittel wurden durch 
meist sandverdeckte Mergelhälden von 45 ^^ Böschungswinkel einge- 
nommen und entziehen sich der paläontologischen Ausbeutung. Wo 
die Steilabsturze beginnen, offenbart sich der Horizont der obersten 
Mökattamschichten. Die noch ünbenannten Austern der AAAy-Schicl^ 
namentlich jene mit zahlreichen knotigen Rippen und glatter Oberklappe 
versehene (0. ßabellulaT), femer Baianus aegypHacus, und die Türri- 
tellen dieser Schicht treten hier auffallenderweise niit massenhaften 
kleinen und mittelgrossen Nummuliten (N. discorhoideusT) zusammen 
auf.* Über die obersten Steilabsturze liegen in Gesellschaft grosser 
Nummuliten ganze Konglomerate von zusammengebackenen Carolia 
mit auffallend starken Schalen. Auf der völlig ebenen, i *^ Kilometer 
langen Höhe finden sich dieselben schwarzbraunen, öfters auch hell- 
roten Kiesel mit vereinzelten Scherben verkieselten Holzes wieder, die 
mir als Reste verschwundener Miocänschichten für die Denüdations- 
flächen der Libyschen Wüste besonders charakteristisch erscheinen, 
dieselben, wie sie unten in der Tiefe die Fläche weit und breit be- 
decken. 

Medüret-el-barhl ist das am meisten vorgeschobene Vorwerk der 
westlichen Abfallslinie, während zahlreiche kleinere und niedere Vor- 
hügel näher am untersten Terrassenrande lagern. Etwa 10 bis 15 Ki- 
lometer, je nachdem man die Terrassen ins Auge fasst, in NNW von 
diesem Einzelberge liegt der Winkel, wo der Bogenabfall, der bis hier- 
her die nördliche Richtung anstrebte, plötzlich nach Osten einbiegt, 
um die Nordseite' des Birket-el-Qerün zu erreichen. Vier verschiedene 
Terrassenstüfen lassen sich unterscheiden, von denen eine jede durch 
eine Unzahl . von Maipelons, Kegeln, dachförmigen Rücken, vorspringen- 
den Köpfen und dergl. bezeichnet erscheint. Ich mass auf der Höhe 



124 G. Schweinfui'th: 

des Einzelberges eine Basis von i km, gelangte aber in meinem Be- 
mühen, die verschiedenen Kurven der Abfallsterrasseri klarzulegen, zu 
keinem sonderlich befriedigenden Ergebnis. Es hätte einer mehrtägi- 
gen Arbeit bedurft, um diese grosse Aufgabe zu bewältigen, und der 
Futtermangel der Kameele nötigte zur Eile. 

Die mit braunen Kieseln und versteinerten Holzsplittern bestreute 
Fläche, aus welcher Medüret-el-l)arhl hervorragt, scheint sich nach 
Norden zu gegen den tieYeren Winkel, den die Abfallslinie macht, zu 
senken, aber schwerlich dürfte diese Senkung das Niveau des Meeres- 
spiegels erreichen. Von der Möglichkeit einer Ableitung der jetzt mit 
jedem Jahre um 3 cm zunehmenden und die Kulturen am Ufer ge- 
fährdenden Wassermasse des Sees kann leider keine Rede sein, und 
gäbe es hier auch eine ausreichende Senkung, so würde dem Projekte 
noch das Hindernis der grossen Entfernung und die Schwierigkeit, das 
zwischen hier und derh See. anschwellende Land zu überwinden, ent- 
gegenstehen. Auch die Rajän-Niederung ist in keinem Falle tief genug, 
um dem heutigen See eine Ableitung seiner Wasser zu ermöglichen. 
Der alte See hätte es thun können, hat es aber unterlassen, da ihm 
der Weg dahin offenbar nicht bequem war. Was die frühere Aus- 
dehnung des Sees anlangt, so habe ich bereits erwähnt, dass weiter 
im Westen sich nirgends Spuren seines ehemaligen Vorhandenseins 
nachweisen lassen. Die Gegend bei Medüret-el-barhl hat zudem eine 
Meereshöhe, die einer solchen Annahme nicht entsprechen würde ; denn 
— 40 m des jetzigen Wasserstandes der Birke und -f- 40 m am Fusse 
des Inselberges sind zusammen 80 m, und so hoch reichen die obersten 
Süsswasserspuren beim alten Tempel im Norden von Dime lange nicht. 
Ein etwaiger Einwurf, als könnten Süsswasserbildungen durch Dünen 
und Flugsand verdeckt sein, ist bei Medüret-el-barhl durchaus hin- 
fällig, da hier die Fläche mit demselben Serir und Nummulitenpflaster 
bedeckt erscheint, welche bereits vorhanden gewesen sein mag, als es 
noch keinen Moeris, weder einen historischen noch einen prähistori- 
schen gab. 

Vom Medüret-el-barhl (Ostecke) rechne ich bis zum Westende 
des Sees 25)^ km, bis zur Ecke der unteren Abfallslinie am See 26*^ km 
in der Richtung Nord, 60,5 ° zu Ost. Nachdem der Dünenfirst im Osten 
überschritten war, folgten wir beständig in einem Abstände von einigen 
Kilometern dem unteren Abfall, der mehrere Vorsprünge, Ecken und 
isolierte Vorwerke aufzuweisen hat. Bei der ersten Ecke, die wir 7 km 
von unserem Ausgangspunkte, 4 vom Dünenfirst tangierten, steigt die 
bisher gleichmässig gewellte Kiesfläche zu einer höheren Schwelle an, 
deren Abdachung eine nach Südwest verlaufende Linie beschreibt. Das 
Terrain steigt weiterhin zu noch beträchtlicherer Höhe hinauf, bis es 
bei einer kleinen, einzeln dastehenden Hügelkuppe, 13 km von Medüret, 

merklich ostwärts zu senken beginnt. Im weiteren Verlaufe des 




Reise in das Depressionsgebiet im Umkreise des Fajüm. 125 

Weges prägt sich die Senkung immer deutlicher aus, es werden ver- 
schiedene Furchen tiberschritten, die sich nordwärts auf den Abfall 
zu richten, an dessem Fusse sich die tiefste Einsenkung hinzuziehen 
scheint. Dann wird endlich der See sichtbar. Der blosse Augenschein 
lehrt, wie tief die Birket-el-Qerün unter dem Terrain der letzten Strecke 
zu hegen kommt. Erst bei 8 km Abstand vom Westende des Sees 
wurde die Ebene betreten, die sich von hier an ohne weitere Unter- 
brechung bis zum Wasser abdacht. Die Höhenkurven ziehen sich nach 
Westen herum, zum alten Tempel Qasr-el-Qerün, und bezeichnen hier 
in einer Höhe von ungefähr 40 m über dem See *) das alte Seeufer, an 
welchem der genannte, der römischen Epoche zugeschriebene Tempel, 
femer auf der Nordseite des Sees die römische Stadt Dime und noch 
weiter dahinter der uralte Tempel erbaut wurde, den ich vor zwei 
Jahren entdeckte. Die recenten Süsswasserbildungen, die ich in dieser 
Höhenlinie überall fand, liefern den Beweis für obige Behauptung. 
Nicht nur Flussconchylien und Fischreste drängen sich hier in über- 
zeugender Weise den Blicken auf, auch Pflanzenreste sind in Menge 
erhalten, Schilfrohr und TamartX''llolz, deren Zustand der Spanne Zeit, 
die inzwischen abgelaufen sein muss, gewisse Grenzen setzen, so dass 
der Unterschied zwischen dem, was man historisch und was man prä- 
historisch zu nennen pflegt, selbst in Ägypten daran klar zu machen 
wäre. Sie erinnern sich, dass ich schon bei früheren Besuchen uralte 
Rohrschäfte auf der Höhe der westlichen Insel des Sees, umgeben von 
Süsswasserconchylien , gerollten Thonscherben (den historischen Zeu- 
gen), Fischknochen u. dergl. gegen 25 m über dem jetzigen Wasser- 
spiegel auffand. Ganz ähnliche Funde machte ich 1884 auf der Nord- 
seite des Sees in noch beträchtlicherer Höhe. 3 km im Westen vom 
Westende des Sees liegt eine umfangreiche Hügelkuppe , gänzlich ab- 
getrennt vom Plateauabfall und umgeben von einer besonders tiefen 
Thonmulde voller Fischknochen. Den ganzen Abhang dieses Hügels 
entlang bis zu 20 m über der Fläche, also in bedeutend höherer Lage 
als auf der Insel, steckt der feste Mergel voller Schilfrhizome und 
Schäfte. Die Rohrschäfte ragen aus dem festen Thon, als wären sie 
künstlich geschoren, in gleicher Höhe 8 — 10 cm hoch hervor, wahr- 
scheinlich infolge nachträglicher Lufterosion des Mergels. Der Reich- 
tum des Rohrs an Kieselerde schützte dasselbe vor Zerfall. Heutzutage 
wächst das Schilfrohr nur im i — 2 m tiefen Wasser des Sees , wo es 
den jährlichen Niveauschwankungen nicht ausgesetzt ist. Die weite 
Verbreitung am Abfall des Hügels, einer ehemaligen Insel, beweist, 

*) Nach dem Nivellement, das Herr Cope Whitehouse im März 1883 beim 
Qasr-el-Qerun herstellen liess, ergab sich für den Fuss des Gebäudes, 9 m unter- 
halb des Gresimses, eine Höhe von 44,94 m über dem Spiegel des Sees, der 
nach Herrn Stadler's Messungen in dieser Jahreszeit auf genau — 40 m unter dem 
Meere angenommen werden kann. 



126 G. Schweinfurth: 

dass das Rohr schrittweise mit dem Fallen des Wasserspiegels zurück- 
gewichen ist. Mit dem Schilfrohr zusammen finden sich auch an dieser 
Stelle grosse Massen von altem Tamarix-Holz, d. h. die alten Stämme, 
völlig verwittert, sind durch das Residuum ihrer Siibstanz im Thone 
angedeutet. Besser erhalten haben sich die vom Wasser an's Ufer ge- 
schwemmten Gräser und die abgeworfenen Zweigglieder der Tamarisken, 
die in ganzen Schichten abgesetzt wurden. Die Tamarisken (die häu- 
figste Art. ist hier T. niloHca Ehrb. dann auch die T, effusa. T, articu- 
lata, welche Wüstenquellen bevorzugt, wächst mehr auf dem Trockenen 
landeinwärts, nicht am Wasser) vermögen mit ihren ungemein langen 
Wurzeln das Zurückweichen des Wasserspiegels noch für geraume Zeit 
zu überdauern; daher finden sie sich jetzt noch in grosser Entfernung 
vom See und in beträchtlichen Höhenunterschieden, da sie auch mitten 
im Wasser förmliche Inseln und weit vorspringende .Landzungen dar- 
stellen. Wo sie schliesslich zu gründe gingen, hat sich ihr Holz Jahr- 
hunderte lang erhalten, und oft Überrascht es heutigentages den Rei- 
senden mitten im wüsten Terrain, das den See umgiebt. Auf dem 
Wege zum Tempel Qasr-el-Qerün haben mehrere Reisende (Pococke 
1738 war der erste) die Überbleibsel alter Weingärten in diiesem Ta- 
mariskenholz zu erblicken geglaubt, und ich seibist habe wahrgenom- 
men, dass die Araber, die mich darauf aufmerksam machten, sich der- 
selben Täuschung hinzugeben pflegen. 

Die Süsswasserbildungen an der Birke können aber zu noch schlim- 
meren Irrungen Veranlassung geben, indem sie nämlich hier leicht mit 
den eocäneii Mergeln zu verwechseln sind, deren Schichten mit den 
verschiedenaltrigen Höhenkurven des Wasserspiegels an vielen Stellen 
in Kollision geraten sind, so dass manche vom Wasser des Sees auf- 
gelöst und fortgespült wurden, während die in den Mergeln enthaltenen 
Fossile, namentlich Knochen von Wirbeltieren, sich zusammen mit den 
Resten der Süsswasserfische und Conchylien ablagerten. An anderen 
Stellen, ich habe namentlich eine Lokalität am Nordufer des westlichen 
Endes der Birke im Sinne, sind mächtige aschgraue Mergelschichten 
durch Regenfluten, deren Spuren sich deutlich in tiefen Furchen aus- 
geprägt haben, völlig von der Masse des Steilabfalls losgelöst worden, 
so dass sie isoliert als Thonsäulen von wunderbarer Form emporragen. 
Ein anderer Mergelzeuge, den ich „das Schloss" genannt habe, weil 
es sich aus der Ferne, von allen Seiten betrachtet, wie ein grosses Bau- 
werk darstellt, ist von der Erosion des früheren Sees ausgespart worden, 
indem es, dank einer meterdicken Decke von festem fliesenartigen Ge- 
stein, nur an den Seiten benagt werden konnte. Der 10 Meter hohe 
und 70 Meter lange, im Umrisse von allen Seiten vierkantig erschei- 
nende Hügel liegt hart am Nordufer des Sees in WNW von der west- 
.lichen Insel. 
1^ Da, wo die eocänen Mergel aus dem Schichtenyerband gekommen 



Reise in das Depressionsgebiet im Umkreise des Fajiim. 127 

sind, ist es oft schwer, sie und die Süsswasserthone auseinander zu 
halten, an Stellen, wo sich keine Fisch- oder ConchyHenreste vorfinden. 
Im allgemeinen sind die lacustrinen Thone durch eine hellaschgraue 
Färbung und durch den Mangel eines blätterigen Gefüges von den 
Mergeln zu unterscheiden, und diese werden wiederum gewöhnlich 
durch Gypsschnüre charakterisiert, die den Süsswasserthonen abgehen. 
Aber der Gyps erweist sich in Ägypten als ein so bewegliches Gebilde, 
dass mit ihm nicht zu rechnen ist. Fand ich doch in den alten 
Scherbenhügeln Topfstücke, auf denen Gypsspath ausgeschossen war. 
In den Salzen, die beiden Bildungen in reicher Menge eigen sind, 
werden sich wohl durch chemische Analyse unterscheidende Merkmale 
nachweisen lassen. Ich führe das Alles nur an, weil die Frage, ob im 
Oasenkessel von Rajän Süsswasserdepots*) vorkommen oder nicht, mit 
möglichster Entschiedenheit verneinend zu beantworten ist, und weil 
ich Ihnen zeigen will, dass ich auf alles geachtet habe, um einer mög- 
lichen Täuschung zu entgehen. 

Am Westende der Birket-el-Qerün verblieb ich drei Tage im Lager, 
da meine Araber neue Lebensmittel und Futtervorräte von Nesle her- 
beischaffen mussten. Ich fand das Wasser des Sees ziemlich trinkbar. 
Bei meinem früheren Besuche (Ende April 1884) machte ich durch un- 
mittelbaren Vergleich der Wasserproben die Beobachtung, dass an 
diesem Ende des Sees das Wasser auffallend schwächer gesalzen er- 
schien als am nordösthchen. In den Sommermonaten, wenn ein grosser 
Teil des Wassers durch Verdunstung entwichen ist, macht sich der 
Salzgehalt in bedeutend höherem Grade fühlbar. Viele Nilfische, deren 
Organisation dem letzteren nicht gewachsen ist, gehen dann zu Grunde. 
Dies soll namentlich der Fall bei dem Zitterwels sein, der mit der Nil- 
schwelle in ganz jungen Exemplaren in den See gelangt, aber sich hier 
nicht entwickelt. Andere Arten befinden sich in dem Salz ganz wohl 
und vermehren sich erstaunlich. Zu diesen gehört namentlich der ge- 
meine Nilwels (Armüd) und der Nilkarpfen (Bulti), von welchem täg- 
lich ganze Waggonladungön nach Cairo befördert werden. Der Nilwels 
erreicht in der Birke riesige Formen und im alten See muss er noch häu- 
figer und noch grösser ausgewachsen gewesen sein. Die Überbleibsel 
seines Knochengerüsts, die sich überall in den Süsswasserthonen vor- 
finden, verraten Dimensionen, die mit denen des Krokodils gewetteifert 
zu haben scheinen. 

Herr Stadler, der in letzter Zeit das Niveau des Wasserspiegels der 
Birket-el-Qerün durch Messungen auf verschiedene Linien mit den auf 
ägyptischen Bahnlinien hergestellten Nivellements in Verbindung ge- 
bracht hat, fand im April des vorigen Jahres am Südufer nahe bei 



*) Abgesehen yqm Brannen- und Quellenthon, in welchem Melania tüberculata 
steckt, wie in MoSleh und in der Grossen Oase. 



128 Cr. Schweinfurth: 

der Einmündung des Bahr-el-Uadi einen Wasserstand von — 39,81m 
unter dem Meere, und am Ostende des Sees, unfern der Einmündung 
des Bats, des anderen Hauptarms des Bahr Jüssuf, in derselben Jahres- 
zeit — 40,071m. Die Differenz von 16 Centimetern kann von einem 
Fehler in den quer durch das ganze Fajüm auf verschiedenen Wegen 
bis zum See vorgenommenen Vermessungsarbeiten herrühren, ist aber 
ebenso wahrscheinlich auch dem wirklichen Thatbestande entsprechend, 
da die beiden genannten Hauptarme des Josephskanals ein sehr un- 
gleiches Gefälle haben und die Verschiedenheit der Wassertemperatur 
und des specifischen Gewichts Strömungen im See erzeugen müssen, 
die ja auch durch den abweichenden Salzgehalt am Westende wahr- 
scheinlich gemacht werden. Die Höhenzunahme des Wasserspiegels 
im See, die sich seit den letzten zehn Jahren fühlbar zu machen be- 
ginnt und namentlich seit dem Eingehen der noch vor fünf Jahren sehr 
ausgedehnten Zuckerrohrkultur am Südufer infolge der jetzt geringeren 
Absorption des Wasserüberschusses in bedenklichem Grade das gute 
Ackerland zu beeinträchtigen beginnt, beträgt nach Stadler jährlich 
3 Centimeter, was bei der äusserst flachen Beschaffenheit der nächsten 
Uferzone von grossem Einflüsse auf den Territorialbestand der Land- 
wirtschaft ist. Bei der Nilschwelle steigt der See i Meter und geht 
dann auf 97 Centimeter zurück. Herr Cope Whitehouse*) hat sich also 
durch Anregung der Frage, wie diesem Übelstande durch Erööhung 
eines Abflusses nach einer der benachbarten Wüstendepressionen am 
besten abzuhelfen sei, ein grosses Verdienst erworben; leider hat 
sich bis jetzt die Senkung noch nicht ausfindig machen lassen, 
welche die Schöpfung eines solchen neuen Binnensees ermög- 
lichen würde. Übrigens wird man in nächster Zukunft durch bessere 
Regulierung und Zügelung der in so ungestümem Laufe dem See zu- 
eilenden Kanäle, namentlich durch neue Schleusenbauten des Übelstandes 
des jährlichen Zuwachses bald Meister werden. Die neue Schleusen- 
brücke, die zur Sicherung der bestehenden bei el-Lahün am Bahr- Jüssuf 
angelegt werden soll, wird dabei von grossem Dienste sein. Colonel Scott 
Moncrieff, der Leiter des äg3^tischen Arbeitsministeriums, hat sein 
grosses Projekt der Reorganisierung des Fajümer Kanalsystems mit aller 
Energie in Angriff genommen und wird dabei von den tüchtigsten In- 
genieuren, die in Indien die hohe Schule der Wasserbaukunst durch- 
gemacht haben, unterstützt. Um aber das Fajüm, die jetzt schon am 
meisten prosperierende ägyptische' Provinz, zu einem doppelten, ja drei- 
fachen Aufschwung zu verhelfen, gehören noch weit beträchtlichere 
Mittel, als diejenigen, welche durch das letzte auf internationalem Wege 
garantierte Anlehen zur Verfügung gestellt sind. Alle Kanäle im Fajüm, 



*) Vergl. dessen Aufsatz, Impounding the Nile floods, im „Engineering." 
September 11. 1885. S. 241. 242. 



Reise in das Depressionsgebiet im Umkreise des Fajüm. 129 

wenn sie das leisten sollen, was man ursprünglich mit ihnen bezweckte, 
müssen neue Betten erhalten, da sich die gegenwärtigen durch die 
lange Vernachlässigung des Schleusenwesens so tief in das Erdreich 
eingewühlt haben, dass viele Strecken des besten Bodens ganz unbe- 
wässerbar bleiben. Beispielsweise fliesst bei Adue der Bats 17 Meter 
unter dem Kulturlande, und andere Kanäle haben sich stellenweise 
noch tiefer eingesägt. 

Dass ich über die Tierwelt in den westlichen Wüstenstrichen so 
wenig zu berichten wusste, wird Sie nicht Wunder nehmen. Sie kennen 
diese Einöden. Bisher war, ausser von Fischen, nur von einem Hasen 
die Rede, einem wahren Solitair, wie der Mensch, der denselben er- 
legte. Es war ein Maäse, der sich mutterseelenallein auf diese Nil- 
seite verirrt hatte. Vielleicht musste er so. Jedenfalls war sein Er- 
scheinen in der Wildnis von Moeleh ein Alarm für meine gesamte 
Mannschaft. Wie ein Geist erschien er unter den Ruinen und erin- 
nerte in seinem ganzen Wesen an jene Erscheinung, welche dem hei- 
ligen Antonius, als er Paulus aufsuchen ging, in der Wüste mit dem 
Gesuche einer Fürbitte für sein Geschlecht entgegengetreten war, dem 
Geschlechte jener armen sterblichen Kreaturen, die in der Wüste um- 
herirren und die die alten Schriftsteller Satyrn oder Faune genannt 
haben, wie der Biograph des Heiligen sagt. Soll ich Ihnen die Ga- 
zellen aufzählen, die wir in der Ferne sahen, oder jene zwei Raben in 
Rajän, eine notwendige Staflfage der Wüsten, die die Erinnerung an die 
ersten Anachoreten wach erhalten, jene Raben aus dem vorigen Jahr- 
hundert, die vielleicht durch nur zwanzig Geschlechter von dem Zeit- 
alter der zwanzigsten Dynastie geschieden waren? Oder die erstarrten 
Stellionen, die zur Winterzeit nur selten, der schützenden ÄhnHchkeit 
sicher, auf der grauen Kiesfläche haften? Oder jene kleine aschgraue 
Mantide, et-Tinn genannt, die im Sande ihr rätselhaftes Dasein fristet? 
Selbst die Buschdistrikte von Moeleh und Rajän schienen jetzt von 
ihren singenden Bewohnern verlassen. Am auff*älligsten ist der ganz, 
liehe Mangel an Landschnecken, welche doch im nördlichen Teile der 
östlichen Wüsten auch in diesen geringen Meereshöhen während der 
Wintermonate mit den Kieseln an Zahl zu wetteifern scheinen, die 
sie begierig aufsuchen, die braunen bei den braunen, die weissen bei 
den weissen Steinen. 

Beim Anblick des Sees veränderte sich das Bild. Das Westende 
des Sees gleicht einem von Tamarisken und Schilf nach allen Rich- 
tungen hin durchsetzten Sumpf. An den sandigen Ufern abe bilden sich 
zwischen dem undurchdringlichen Dickicht schöne klare Wasserstellen, 
die zum Bade einladen und den Zugang sehr bequem machen. Diese 
abgesonderten Becken wimmelten von schwarzen Wasservögeln (Fulica 
und Plotus), Blesshühnem und Tauchern, die unbesorgt um die lärmende 
Nähe der fremden Besucher sich in dichten Scharen auf dem 



l 



130 Gi Schweinfurth: 

Wasserspiegel umhertummeiten. Enten waren selten. Dagegen kamen 
häufig Pelikane, aber nicht im ganzen Fluge, sondern nur vereinzelt. 
Zur Nachtzeit beginnt es auch in den Schluchten und Rissen des 
benachbarten Plateauabsturzes lebendig zu werden, denn der Fisch- 
reichtum des Sees hat die umhegende Wüste mit verschiedenem Raub- 
zeug bevölkert. NamentHch ist es der Dib, der äg3rp tische Wolf 
{Cants lupaster Ehrbg.), der hier in zahlreichen Rudeln haust. Eine 
Familie desselben hat ihren Wohnsitz in den unterirdischen Gelassen 
des Tempels Qasr-el-Qerün aufgeschlagen, wo ich vor zwei Jahren ein 
junges Exemplar erbeutete, das in Gairo gross gezogen wurde, aber zu 
keinem befriedigenden Gesittungserfolge führte, wie alles was Wüsten- 
leben und wüstes Leben in sich schliesst. Die Wüstenpflanzen spotten 
ja auch jedes Kulturversuches in Gärten, man mag auf die Zubereitung 
der Bodenart so viel Sorgfalt verwenden als man wolle. Es waren 
mondhelle Nächte, die ich an der Birke zubrachte, und die Temperatur 
für die Jahreszeit eine merkwürdig gelinde, denn die tiefe Lage des 
abgeschlossenen Seebeckens macht sich auch in dieser Hinsicht be- 
merklich. Nirgends aber habe ich noch diese Wölfe so lustig singen 
gehört, wie hier. Geheul konnte man einen solchen Chor glocken- 
heller Kinderstimmen, in welchem sich Alter und Geschlecht der an 
dieser Tonleistung Beteiligten unterscheiden Hessen, füglich doch nicht 
nennen. In meiner Jugend habe ich das echte Wolfsgeheul genugsam 
gehört, noch wiederhallt es in meinem Ohr. Das ägyptische Wolfslied 
erklang lustig und rührend zugleich, es hätte einen Stein erbarmen 
mögen; daher wehrte ich auch meinen Begleitern, auf die lieben Tiere 
zu schiessen. Das blosse Wort „meskin" genügt in solchen Fällen als 
Appell an die Barmherzigkeit des Menschen, denn ein meskines Ver- 
gnügen wäre die Jagd gewesen auf arme Tiere, deren Tod dem Men- 
schen keinen Nutzen bringt. Bevor Gott den Menschen geschaffen, 
rief ich den Arabern zu, erschuf er Wölfe und Fische und ihr habt 
J:ein Recht, sie in ihrem Revier zu stören. 

Die Ufer des Sees könnten auch auf dieser verödeten Seite für 
den Unterhalt des Menschen ausreichen, wollte man nur den Versuch 
einer Dattelpalmenpflanzung machen. Ich begreife nicht, weshalb man 
das bisher unterUess. Allerdings ist die Bevölkerung des Fajüm im 
Verhältnis zum Bodenareal und -Wert noch gering, und dies ist viel- 
leicht ein Hauptgrund ihres üppigen Gedeihens. Ich sehe aber durch- 
aus kein Hindernis für eine Palmpflanzung am nördlichen Seeufen 
weder in der Bodenart, noch im schwachen Salzgehalt des Wassers. 
Wahrscheinlich hielt das Gefühl der Unsicherheit und die Furcht, bei 
abgeschiedener Lage von weither die Raublust fremder Beduinen heraus- 
zufordern, von Ansiedelungen mit Vieh ab. Einzelne Familien halten 
sich ab und zu am See auf, wo Esel und Büffel in dem Schilfrohr aus- 
reichendQ Weide finden. Der Mörder aus Esne, den ich früher hier 



Reise in das Depressionsgebiet im Umkreise des Fajum. 131 

häuslich niedergelassen fand, fehlte bei meinem letzten Besuche. Auch 
sollen einzelne Fellahen, die vor der Aushebung flohen, sich hier hin 
und wieder verborgen gehalten haben. Fischer in elenden, gebrech- 
lichen Booten unterhalten für solche Anachoreten den Verkehr mit der 
Aussenwelt. 

Wiederholt ist zwischen uns ein Meinungsaustausch wegen des 
Problems der Libyschen Pflanzenarmut erfolgt. Meine letzten Wahr- 
nehmungen bestärken mich in der Theorie des Absperrungssystems, 
dem diese Wüsten unterworfen zu sein scheinen. Als hauptsächlichstes 
Hemmnis der Wanderung erscheint mir das Nilthal, das jedem echten 
pflanzlichen Wüstengebilde die Gastfreundschaft aufsagt und auf seinen 
Kulturflächen keine Art zu dulden scheint, die in der absoluten Wüste 
alle ihre Lebensbedingungen findet. Das Umgekehrte ist der Fall bei 
einigen Arten, die unter gegebenen Verhältnissen aus dem Kulturlande 
in die Wüste entschlüpfen können, z. B. Cynodon Dactylon^ Leptochloa 
bipinnata, Brassica nigra, Alhagi^ Chenopodium murale*) etc. Die un- 
günstigen klimatischen Bedingungen der Libyschen Seite können das 
Fehlen der häufigsten und verbreitetsten Pflanzen der östlichen Wüste 
(ich erwähne nur Zilla myagroides F.) an den sandigen und felsigen 
Rändern des Fajumer Kulturlandes nicht erklären. Weshalb wuchern 
daselbst Salsola foetida und Ifyoscyamus viuticus in so üppiger Weise? 
Ebenso gut könnten hundert Arten an den ausgedehnten, von den Be- 
wässerungsarmen der Kanäle mit Grundfeuchtigkeit ausgestatteten 
Wüstenrändern gedeihen. Es fehlt auf der Libyschen Seite offenbar 
an Samen von Wüstenpflanzen, und daher hat keine Besiedelung dieser 
sonst so geeigneten Lokalitäten stattfinden können. 

Ich behalte mir noch vor, die Richtigkeit dieser Annahme durch 
einen im grösseren Masstabe bewerkstelligten Aussaatversuch mit Zilla 
praktisch festzustellen. Es ist doch wunderbar, dass man an diesen 
salzfreien und zugleich wasserreichen Wüstenrändern die vorhandenen 
Gewächsarten an den Fingern herzuzählen vermag. Auch sind die am 
Nordufer des Sees sich hinziehenden Strecken keineswegs so salzhaltig-, 
um nichts als Zygophyllum coccineum und etwas Alhagi hervorbringen zu 
können, ein deutlicher Hinweis auf die chimärischen Erwartungen, die 
Manche an die Eröfihung eines Binnenmeeres in der Sahara zu knüpfen 
pflegen. Das Vorhandensein eines Wasserbeckens inmitten der Wüste 
übt als solches noch keinen Einfluss auf die umgebende Natur aus. 
Wenn die Schwüle der mit Wasserdämpfen erfüllten Depression, wenn 
Wasser von schwachem Salzgehalt hier schon so wenig über die Wüsten- 
natur vermochten, wie erst dann die Meeresflut, in welcher man die 
edelsten Dattelgaue ersäufen wollte. An Aralsee und Lobnor darf man 



*) Es sind dieselben Arten, die auch auf Nilthon ohne Bewässerung fort- 

znwachsen vermögen. 

Zeittchr. d. Gesellsch. f. Erdk. Bd. XXI« \Q 



h 



132 G. Schweinfurth: 

freilich nicht denken. Das beste Binnenmeer zum Vergleich ist der 
Golf von Sues. Umgeben von hohen Gebirgen, müsste er alle Träume 
der Schott -Projektenmacher längst an seinen Gestaden zur Wahrheit 
gemacht haben ; aber obgleich dieses Binnenmeer seit der ooo. Dynastie 
existiert, fehlen an seinen Gestaden doch noch die lachenden Gärten, 
und nach wie vor bietet sich dort ,,dem Auge des Wanderers keine 
andere Erquickung dar, als das Blau des Himmels und des Meeres". 

Ich benutzte den Aufenthalt am Westende des Sees zu topo- 
graphischen Aufnahmen, die der ungemein complicierte Gebirgsabfall 
nötig machte, zugleich wurden einige wichtige Punkte am Seeufer durch 
Messung festgestellt, innerhalb welcher ich meine durch Schrittzählung 
gefundenen Abstände anzubringen vermochte. Das längst geplante Vor- 
haben einer endlichen Klarstellung der eigentlichen Seegestalt konnte 
nämlich bei den mir zur Verfügung stehenden Mitteln nur auf diesem 
Wege in Ausführung gebracht werden. Die flachen, von Tamarix- 
Dickichten bedeckten Ufer gestatten in der That nur selten eine aus- 
gedehnte Fernsicht und noch weniger ein Ausfindigmachen natürlicher, 
mit Sicherheit zu identificierender Signalpunkte. Meine Schrittzählun- 
gen am See umfassen bis jetzt 58 km, mehr als die Hälfte des Gesamt- 
umfanges von 104 km. Noch erübrigt die zwischen den Mündungen 
des Bats und des Bahr-el-Uädi liegende Strecke am Südufer, deren 
Darstellung auf der Karte von Rousseau-Bey unbefriedigend erscheint. 
In den nächsten Tagen vollende ich auch dieses Stück. Da die Ka- 
tastervermessurigen in den nächsten Jahren schwerlich bis zum See 
vorgedrungen sein werden, wollte ich die Feststellung der eigentlichen 
Seegestalt, deren Verkennung bis jetzt noch einer jeden Karte von 
Ägypten den Stempel der Unzuverlässigkeit aufgeprägt hat, nicht länger 
hinausgeschoben wissen. Soweit sich das Ergebnis meiner bisherigen 
Aufnahme übersehen lässt, ergiebt sich eine Gestalt, die bis jetzt von 
keiner Karte auch nur annähernd*) getroffen worden ist; nur eine ver- 
dient von diesem Verdammungsurteil verschont zu bleiben. Sie erinnern 
^ich, dass ich bei meinem letzten Besuche in Berlin, als ich mich bei 
Prof. H. Kiepert nach den Originalentwürfen der Lepsiusschen Karte 
erkundigte, von ersterem eine interessante Skizze erhielt, die er kurze 
Zeit nach der Rückkunft des grossen Ägyptologen, dessen Aufzeich- 
nungen an Ort und Stelle zufolge, von der Birket-el-Qerün in i : 200,000 
entworfen hatte. Diese Skizze, deren Besitz mir die nicht genug zu 
preisende Liebenswürdigkeit des Nestors und unerreichten Vorbildes 
aller deutschen Kartographen zu eigen gab, wurde seinerzeit aus An- 
passungsgründen an die fehlerhafte Aufnahme der französischen Ex- 
pedition in völlig veränderter Gestalt in die Karte von Unterägypten 

*) Der See erstreckt sich von Ost nach West, nicht nach Südwest. Vgl, in 
d. Zeitschr. XX. S. 128. 



Reise in das Depressionsgebiet im Umkreise des Fajöm. 133 

eingetragen, welche den Denkmälern Ägyptens beigegeben ist. In dieser 
Fassung ging die Gestalt des Sees auf alle späteren Karten über. Die 
ursprüngliche Skizze aber entspricht der wahren Gestalt des Sees in 
einem Grade, der bei Anwendung eines kleinen Massstabes die vor- 
handenen Abweichungen von der Wirklichkeit sehr wenig kenntlich 
machen würde. 

Die Gebirgsverhältnisse im Norden der Birke und der geologische 
Schichtenaufbau waren mir bereits auf meiner Reise im Jahre 1884 in 
allgemeinen Umrissen bekannt geworden, ich habe aber diesmal ver- 
schiedene Lücken auszufüllen und neue Petrefaktenfunde von hohem 
Werte zu machen Gelegenheit gehabt. Sehr bedauerlich ist indes die 
schwankende Zuverlässigkeit meiner Höhenangaben. Wo es sich um 
Unterschiede von einem Meter handelt, um wichtige Fragen zu erledigen, 
deren Beantwortung sowohl auf historische Verhältnisse Licht zu werfen 
vermöchte, als auch die Identität gewisser Schichtenabschnitte unwider- 
leglich feststellen könnte, reichen diese um ± 10 Meter, und viel- 
leicht mehr schwankenden Daten lange nicht aus. Zum Nivellieren 
hatte ich keine Zeit, musste auch fürchten, wegen mangelnder Übung 
in Ungenauigkeit zu verfallen. Der Wüstenreisende ist eben nicht Herr 
seiner Zeit und man kann nicht Alles. 

An der Gliederung der Plateauabfälle im Norden des Sees unter- 
scheide ich vier Stufen. Die erste und unterste ist diejenige, welche 
die Umgrenzung des alten Sees bis zur griechisch-römischen Epoche 
darstellt. Sie wird schwerlich die Höhenkurve von 40 Meter über dem 
heutigen Meeresspiegel weit übersteigen, sich mithin ungefähr im Niveau 
des Meeres hinziehen. Dieselbe beginnt 8 Kilometer im Westen vom 
Westende des Sees, wo sie die unterste Terrasse des Abfalls, der das 
Fajümbecken im grossen und ganzen, einschliesslich Rajän und Moeleh 
umgrenzt, erreicht und sich als Bestandteil desselben ostwärts bis zur 
äussersten Seeecke, und dann weiter ostwärts, immer am Abfall, bis 
zu der 12 Kilometer vom Westende entfernten Stelle hinzieht, wo das 
Plateau nach Nordosten einbiegt und die Abfallslinie das Seeufer ver- 
lässt. Von hier an bezeichnet die unterste Stufe, im Abstände von 
etwa 2 Kilometer vom See eine selbständige, aber vielfach zerrissene Ab- 
fallslinie, die dem Seeufer folgend sich nun in Ostnordost 14 Kilometer 
weiter erstreckt bis zur Halbinsel, el-Qorn (das Hörn) genannt, 3 Kilo- 
meter im Süden der alten Stadtruine Dime, von wo an sie auf einer 
Strecke von 4 Kilometer nahe an den See herantritt. Im Abstände 
von 30 Kilometer vom Westende des Sees geht nun die Stufe auf der 
Ostseite von Dime, das auf ihrer Höhe errichtet ist, plötzlich nach 
Norden ab und verläuft in fast gerader Linie bis hart an den Fuss 
des Bergabfalls (der 3. Stufe), wo in einem Abstände von 8 Kilometer 
vom Seeufer der alte Tempel steht, von dem noch die Rede sein soll. 
Dann geht die unterste Stufe in einem weiten Bogen nach Ost herum, 

10* 



134 Cr. Schweinfurth: 

den dreieckigen Vorsprung umkreisend, den hier das Ostende des Sees 
nach Norden zu macht. Im weiteren Verlaufe tritt die unterste Stufe 
am äussersten Ostende des Sees nahe an denselben heran und zieht 
sich nördlich von der Batsmündung nach Osten und später nach Ost- 
nordosten um den Distrikt von Tamie herum, wo sie die Nordseite 
des Fajümer Kulturlandes mit einem Bogen umspannt. Ich nehme an, 
dass die Fortsetzung dieser Stufe auf der Südseite des Sees durch die 
Abfallslinie des höheren Teils des Fajümer Kulturlandes bezeichnet 
wird. . Diese zog sich als altes Seeufer von TamTe aus nach Ssenüres, 
Ssdnhur, Abuksa und Beschuai hin , von welchem letztern Orte sie in 
irgend einer Weise die im Niveau des Meeres zu liegen kommende 
Abfallslinie zwischen Neslet-esch^Schokete und Qasr-el-Qerün erreicht 
haben muss. Der in einer mittleren Meereshöhe von 19 Meter. gelegene 
Centralteil des Fajümer Kulturlandes war jedenfalls bereits im Alter- 
tum trockenes Land: die alten Namen der Ortschaften, die Lage der 
alten Hauptstadt, die riesigen Schutt- und Scherbenhügel beweisen es. 
Eine andere Frage ist es, ob derjenige Teil des Kulturlandes, welcher 
die ganze Ostseite der heutigen Provinz einnimmt und den Linant*) als 
ehemaligen Seeboden des Moeris auffasste, mit dem grossen Bassin im 
Westen auf der Nordseite oder auf der Südseite (hier etwa in der Richtung 
des Bahr el Uädi?), oder auf beiden Seiten in Verbindung stand**). 
Die Höhenlagen von 20 bis 21 Meter Meereshöhe, welche für die 
Terrains im^ Osten von Medine, bis 10 Kilometer in Nord und in Süd 
vom Josephskanal, angegeben werden, würden einer solchen Hypothese 
insofern keine Schwierigkeit darbieten, als man für die historische Zeit 
der letzten drei Jahrtausende ein bedeutenderes Mass der Auffüllung 
durch Nilalluvionen in diesem Teile von Fajüm annehmen muss, als 
in den übrigen. Es ist bekannt, dass die dem Nil zunächst gelegenen 
Strecken sich stärker auffüllen, als die entfernteren, weil hier die festen 
Bestandteile früher niederfallen. Das fragliche Gebiet verstärkter Auf- 
füllung liegt ja nun auch zu beiden Seiten des Josephskanals und nörd- 
hch von Adue, und südlich von Menschiet-Abi senkt sich der Kultur- 
boden ganz beträchtlich, auch fehlt es in den Ortschaften dieses Be- 



fe 



*) Hierbei sei erwähnt, dass einer der wichtigsten Gründe, auf welche Linant 
seine Moeris-Theorie gestützt hat, die Dämme, sich als hinfallig erwiesen hat. Der 
Damm bei Adue erscheint als geologisch geschichtete Kiesbank, der Steindamm 
bei Minie dagegen als Fangdamm für den Bahr-el-Uadi, und ist offenbar, seiner 
ganzen Maueranlage nach, neueren Datums. Übrigens füllt er nur die Tiefen - 
kurven des Terrains aus, überspannt die Einsenkungen und hat auf den Anschwel- 
lungen keine Continuität. 

**) Es soll in alten Hieroglyphentexten aus der Zeit der XIII Dynastie von 
„Inseln von Sehet", d. h. von zwischen den Kanälen gelegenen Landstrecken im 
Sinne der Insel Meröe, die Rede sein. Vielleicht waren wirkliche Inseln gemeint 
oder Halbinseln. 



Reise in das Depressionsgebiet im Umkreise des Fajum. 135 

zirks an grossen Schutthügeln, die von hohem Alter zeugten. Um wie 
viel sich aber das Terrain bei Medine selbst erhöht haben muss, geht 
aus dem Umstände hervor, dass auf der Trümmerstätte des alten Kro- 
kodilopolis, am Nordostende derselben, bei der Der-ed-dab genannten 
Stelle, riesengrosse Granitstücke (8 m lang) im Niveau des heutigen 
Kulturlandes liegen und nur das Oberste, vielleicht gar die in situ be- 
findlichen Architravstücke eines grossen Tempelbaues zu sein scheinen, 
dessen Basis gewiss an 15 Meter tiefer im Nilthon steckt. Um die 
hier angeregte Frage gründlich erörtern zu können, fehlen noch die 
Daten. Vor allem sollten Tiefgrabungen im hochgelegenen Central- 
teil des Fajüm (wo nirgends meines Wissens festes Gestein ansteht) 
angestellt werden, um zu erfahren, in welcher Höhe zu einer bestimmten 
Epoche die Grundflächen der alten Städte lagen. Dann müssten alle 
Höhendaten des heutigen Terrains zur Herstellung einer Höhenschichten- 
Karte zusammengetragen werden, eine Aufgabe, für welche ich Herrn 
Stadler und dem Chefingenieur der Provinz, Herrn Hewett, zu interes- 
sieren gesucht habe. 

Die unterste Stufe ist durch einen sehr in die Augen springenden 
geologischen Horizont charakterisiert, den der roten Schalenschicht, 
welche überall auf der Nordseite des Sees, auf den Inseln und am 
Nordrande des Fajümer Kulturlandes, die besten Fundgruben an wohl- 
erhaltenen Petrefakten liefert und die sich im engen Anschluss an eine 
über ihr liegende Schicht von Austemkonglomerat befindet, die den 
oberen Rand der Stufe ausmacht. Die Austernschicht ist durch die 
Art, in welcher sie an ihrem blossgelegten Rande zu lauter runden 
Blöcken auswitterte, wahrscheinlich eine Folge des Kontakts mit dem 
Wasser des Sees, von fernhin kenntlich und mit ihr die unterste 
Stufe. Auf der ganzen Nordseite des Fajüm und im Norden vom See 
zieht sich ein Kranz dieser Blöcke hin, welcher genau die Kante der 
untersten Stufe darstellt. 

Als zweite Stufe des Abfalls bezeichne ich die untere Steil- 
wand, die sich vom Meduret-el-barhl zur westlichen Seeecke er- 
streckt, dort eine relative Höhe von 60 m erreicht, und an Höhe 
zunehmend sich nahe am Ufer über 12 km ausdehnt. Von diesem 
Punkte aus weicht sie nach Nordosten in's Land zurück und verschmilzt 
durch ausgedehnte Plateauhöhen mit der dritten Stufe, die sich in einem 
Abstände von 8 km vom See in ONO und zuletzt in NO hinzieht. Letztere 
erreicht eine relative Höhe von 90 m (ungefähr -|-6om Seehöhe) und 
bezeichnet die Kante einer ungefähr 8 km breiten Plateauterrasse, die 
durch die vierte Stufe und höchste Abfallslinie begrenzt wird. 

Der höchste Abfall zieht sich von Westsüdwest nach Ostnordost 
bis zu einer Ecke hin, die in NzWvon DTme gelegen, hier 19km vom 
See abliegt und durch zwei vor dem Abfall gelagerte mit diesem gleich 
hohe Pyramidenhügel in fast allen Teilen des Fajüm sichtbar wird. 




236 ^' Schweinfurth: 

Sie erreicht eine Meereshöhe von i6om. Die Ecke biegt nach NNO 
ein und dieser Richtung folgt dann auch die dritte Stufe. Beide ver- 
schmelzen auf der nach dem Thal der Natronseen führenden Strasse 
mit den zwischen diesem und dem Fajüm sich ausbreitenden Plateau- 
terrassen, deren Höhe Dr. Junker auf 293 m angegeben hat. 

Eine kurze Skizze des geologischen Schichtenaufbaues dieser vier 
Stufen ist von Interesse, insofern sie einerseits den strikten Zusammen- 
hang der Cairiner Schichten mit denen von Medüret-el-barhl und Rajän 
beweist, andererseits auch den Nachweis liefert über die Aufwärtsfolge 
der jüngeren Eocängebilde bis zum Miocän, welche einen Schichten- 
komplex umfassen, der in der Gegend von Cairo teils verschwunden, 
teils nur in einem undeutlichen Zusammenhange wahrzunehmen ist. 

Im grossen und ganzen ist der Schichtenaufbau im nördlichen Um- 
kreise des Fajümer Beckens von grosser Regelmässigkeit und unge- 
störtem, nirgends durch Verwerfungen unterbrochenem Verlauf. Auf 
weite Strecken fallen die einzelnen geologischen Horizonte mit den 
Niveaukurven der Meereshöhe zusammen. Die nördlichen Fajüm- 
schichten liegen im Durchschnitt um 70 bis 80 m tiefer als die identi- 
schen am Rande des Nilthals bei Ssedment und bei den Pyramiden von 
Gise. Das Fallen ist durchschnittlich NW, das Streichen SW^NO. 

Die unterste oder erste Stufe besteht nur in ihrem oberen Teile 
aus fossilführenden Schichten. Ganz unten liegen graue und aschgraue 
Mergel, wo man nur ein unbestimmbares homförmiges Gebilde, vielleicht 
Abdrücke von Spongien, wahrnimmt, welche auch in den höheren Teilen 
dieser Stufe auftreten, und dort in einem festgewordenen Mergelstein, 
der das Material zur Errichtung des Tempels Qasr-el-Qerün lieferte. 
Der grösste Teil der ersten Stufe, die nur am Westrande des Sees voll- 
ständig freigelegt übersehen werden kann, wird von Steilabstürzen aus 
lockeren- Sand- und Mergelmassen gebildet, welche die Erosionsarbeit, 
sei es desjenigen Meeres, welches das Fajümbecken ausgefressen, sei 
es des Sees selbst, ausserordentlich erleichtert haben muss. Der grösste 
Teil der lacustrinen Thonanschwemmungen, die den Umfang des alten 
Sees bezeichnen, entstammt jedenfalls diesem Material. Eine bis 18 m 
hoch emporragende Steilwand der ersten Stufe, von feinstem grauen 
Sand gebildet, würde man leicht für eine Süsswasserbildung halten, wenn 
sie nicht Fischzähne, grosse Knochen und Austern (Ostrea flahellula?) 
eocänen Ursprungs enthielte, und von den reichen Conchylienbänken 
des oberen Parisien überlagert wäre. Durch eine festere Austernschicht 
{Ostracües Schlotheim) geschieden, folgt nun über dieser Steilwand 
eine zweite von ungefähr 4m Mächtigkeit, die ganz aus dunkelvioletten, 
etwas bituminösen und blättrigen Thonmergeln zusammengesetzt ist. 
Weisse (Gyps) und blutrote (eisenschüssige) Schnüre durchziehen diese 
Schichten nach allen Richtungen. Auf ihnen sind nun die Schalen- 
schichten ausgebreitet, deren ich vorhin erwähnte. In einem Abstände 



Reise in das Depressionsgebiet im Umkreise des Fajfim. 137 

von zehn Metern treten sie zweimal, je in einem schmalen Streifen 
von etwa einem halben Meter auf, geschieden durch gelbe Mergel. Von 
weitem heben sich die weissen Streifen von der dunkeln Mergelwand 
ab. Die Conchylien, die sie enthalten, sind sehr artenreich und bieten 
fast an jeder Lokalität von Tamie an bis zum Westrande des Sees 
eine andere faunistische Zusammenstellung der lokal vorhersehenden 
Spezies. Die Conchylien haben ein kreideweisses Aussehen, die Schalen 
sind vollkommen erhalten, oft zerbröckelnd aber eben so häufig von 
noch sehr festem Gefüge und zum Teil ohne Innenausfüllung, so dass 
man alsdann an ihnen das Schlossfeld und die Muskel- und Mantel- 
eindrücke wie an lebenden Arten untersuchen kann. Die Conchylien 
sind dicht zusammengedrängt und durch eine feste sandige Bindemasse 
von ockergelbem oder dunkelblutrotem Thon verkittet. Je sandreicher 
dieser, um so vollkommener ist der Erhaltungszustand der Conchylien. 
Die Bindemasse zersetzt sich sehr leicht an der Luft und die Schalen 
lassen sich dann sehr leicht herausklopfen. Die beste Fundstelle findet 
sich in einem Abstände von 3 km vom Westende des Sees. Auf der 
westlichen Insel im See hatte ich diese Schicht*) zum ersten Male aus- 
gebeutet lind Prof. Mayer-Eymar von Zürich hat ihren Inhalt im Zittel- 
schen Werk über die Geologie der libyschen Wüste zum Teil be- 
schrieben. Dieser ausgezeichnete Systematiker hat den Horizont mit 
dem oberen Parisien identificiert. Die entsprechende Schicht am Mo- 
kattam in Cairo ist von mir als AAAi bezeichnet worden und bildet 
daselbst die unterste Lage der oberen, von den weissen Unterlagen so 
grell durch ihre vorhersehend gelbe oder bräunliche Farbe abstechenden 
Abteilung. Die von v. Zittel zum ersten Male als Graphularia beschrie- 
benen vierkantigen Achsen von Seefedern sind für diese Schichten cha- 
rakteristisch, desgleichen ein eigentümliches Stengelgebilde mit quirl- 
förmiger Verästelung. Viele von den die oberen Eocänschichten bei 
Cairo kennzeichnenden Arten machen in diesem Horizonte ihr erstes 
Debüt und bezeichnen in der That eine wichtige Grenzlinie. Von diesen 
Cairiner Formen, die alle in der weit reicheren Schalenschicht wieder 
auftreten, nenne ich nur die häufigsten: Solen uniradiatus^ Lucina ovum, 
Plicatula polymorpha. Turnte IIa fasciata, imhricaria und angulata, Ostrea 
Cht Beyi, Carolia plocunoides, Anomia sp. etc. Der Mangel an Seeigeln 
und Krebsen ist hier ebenso auffällig wie der der Nummuliten. 

Im engen Kontakt haftet an der weissroten Schalenschicht eine 
mehrere Meter starke feste Austernbank, in welcher dieselben Arten 
auftreten, aber in schlechterem Erhaltungszustande. Dieser Austernfels 
bildet die oberste Lage der ersten Stufe und stellt die Fläche dar, auf der 
er zum grossen Teile frei Hegt. Am Rande in einer Breite von bis zu einigen 
hundert Schritten, haben sich aus der festen Austernbreccie jene merk- 

*) Von der daselbst nur einige unterspülte Blöcke oben aufliegen. 



138 ^' Schweinfurth: 

würdigen, gewöhnlich 2 m im Durchmesser haltenden runden Blöcke ab- 
gelöst, welche die Grenzlinie des alten Seeumfanges in so augenschein- 
licher Weise markieren. Sie liegen auch auf der Höhe der westlichen 
Insel oben auf. Überall zeigen diese rundgewachsenen Blöcke eigen- 
tümliche Löcher von Fingerdicke und doppelter Fingerlänge, welche 
man für das Werk von Muschelbohrungen halten könnte, zeigten sie 
nicht unter einander verbindende Kanäle. Vielleicht rühren sie von 
Schwämmen her? Sie müssen aber durchaus mit dem See in Zusammen- 
hang gebracht werden, da sie sich nur am Rande der ersten Stufe und 
an den freiliegenden Blöcken wahrnehmen lassen. 

Spuren des Pliocänmeeres habe ich im Bereich des Fajüm-Beckens 
bis jetzt nicht gefunden. 

Da die zweite Stufe zu zweidrittel mit der ersten zusammenfallt, 
und im oberen Drittel die unteren Schichten der dritten Stufe darbietet, 
so wende ich mich gleich zu dieser letzteren, von der ich an drei ver- 
schiedenen Stellen ein geologisches Profil aufgenommen habe. Die 
Übereinstimmung war an diesen i2j^km von einander entfernten Fund- 
stellen eine vollkommene, auch verläuft die Abfallslinie der dritten 
Stufe andauernd in gleichem Meeresniveau. Der Schichtenaufbau beim 
alten Tempel, 7km in Nord von Dime, an welchem sich zwanzig 
Stufenbildungen unterscheiden lassen, bildet eins der charakteristischsten 
Beispiele der ohne notwendiges Zuthun von Regen entstandenen Ter- 
rassengliederung der Plateauabfalle. Die Uädibildung*) fehlt in der 
ganzen Gegend nordwärts vom See. Statt der sägenden Wirkung des 
auf vorgeschriebenem Pfade sich bewegenden Wassers bleibt hier nur 
die abspülende des Windes in Kraft, wodurch die halbkreisförmigen 
Amphitheaterbildungen mit Stufen -Terrassen entstehen, weite Buchten 
des Plateauabfalles, die an dieser Abfallslinie in Zwischenräumen von 
mehreren Kilometern auftreten. Eine vollständige Sammlung aller in 
den fossilführenden Schichten (ich unterschied deren zehn an diesen 
über 90 m Höhenentwickelung verteilten zwanzig Stufen) aufgefundenen 
Petrefakten befindet sich im Besitze des Königlichen Mineralogischen 
Museums zu Berlin, welches überhaupt von der in diesen Gegenden 
gemachten Ausbeute den alleinigen Aufbewahrungsort bildet. Professor 
Beyrich war, wie Ihnen bekannt sein wird, von der Bereicherung, die 
dem seiner Leitung unterstehenden Institute durch meine Sammlungen 
erwuchs, in hohem Grade befriedigt, aber die empfundene Genug- 
thuung ist eine gegenseitige, denn ich verdanke seiner freundlichen 
Fürsprache die Unterstützungsgelder, die mir das preussische Unterrichts- 
ministerium für so viele meiner Reisen in den Wüsten Ägyptens zu- 
kommen Hess, und bin sein Schuldner. 



i 



*) d. h. Rinnsale mit kontinuierlichem Pflanzenwuchs, teils in der Fläche, 
teils auf den Thalsohlen. 



Reise in das Depressionsgebiet im Umkreise des Fajüm. 139 

Der Schichtenkomplex beim alten Tempel umfasst die ganze obere 
Abteilung des Mokattam von den Schichten AAA,i meines Profils bis 
AAA,a hinauf und noch darüber hinaus. Die Basis des Abfalls fällt 
mit der Fläche der Austernfelsblöcke der ersten Fajümstufe zusammen. 
Dann folgen graue Mergel und Sande mit den fossilen Knochen ver- 
schiedener Wirbeltiere, von denen viele auf den Flächen der lacustrinen 
modernen Thonbildungen mit den Resten heute noch lebender Süss- 
wasserfische und Conchylien vermengt erscheinen. Die zweite Schicht 
von unten wird aus abwechselnden Lagen von grauen Mergeln und 
Austernbänken (O. Cht Beyi) dargestellt. Die dritte, in welcher die 
Petrefakten der Cairiner AAA,7-Schicht deutlich zur Geltung zu kommen 
beginnen, bildet die Stufe, auf welcher der alte Tempelbau errichtet 
ist. Nun folgen aufwärts, unter beständigem Abwechseln mit Mergel- 
lagem, Schichten, in denen Turritella angulaiüy Agassizia gihherulüy 
Solen uniradiatusy Euspatangus, Plicatula polymorpha^ Callianassa- 
Scheeren und Carolia vorherrschen. Etwas über dem unteren Drittel 
des Abfalls, in dem geologischen Horizonte der AAA,|9-Schicht des Mo- 
kattam, tritt eine violette Mergelschicht auf, die durch ihren Reichtum 
an Wirbeltierknochen ausgezeichnet ist. Am Mokattam finden sich in 
der entsprechenden Schicht allerdings auch solche, aber nur sehr ver- 
einzelt und zerstreut. An dem von mir i2j^km im Westen vom alten 
Tempelbau ausgebeuteten ^ Berge (wie benennt man solche unbekannte 
Grössen?), der als Vorwerk der Abfallslinie der dritten Stufe ein iso- 
liertes Stück derselben ausmacht, das sich von allen Seiten um so be- 
quemer untersuchen Hess, machte ich in derselben Schicht zwei wichtige 
Knochenfunde. Der eine betraf einen Unterkieferast mit fünf Zähnen 
von ZeuglodoHy der andere zwei Unterkieferäste eines an Schwein oder 
Tapir erinnernden Geschöpfes, das in vielen Stücken dem Cuvier- 
schen Choeropotamus entspricht, aber doppelte Dimensionen zeigt. 
Vom Zeuglodon fand ich bereits im Jahre 1879 ^^^ ^^^ westlichen 
Insel die Wirbel verschiedener Individuen. Es war der erste Fund 
dieser Art in der alten Welt. Die Zeuglodon -'K^^tQ fanden sich 
oben auf der Insel auf einer Terrasse am Westende derselben, 
die einer unter der höheren Terrasse am Ostende, auf welcher 
Blöcke der Schalenschicht mit Cardtum Schweinfurthii zerstreut 
lagen, fortlaufenden Schicht angehörte. Mit den Zeuglodon-Knochen 
fanden sich daselbst noch Zähne und Skelettteile von einem 
Dutzend verschiedener Fischarten, von denen nach Prof. Dam es 
Urteil die meisten mit Arten identisch waren, die sich in den als oli- 
gocän bezeichneten Alabama -Schichten vorfinden, wie der Zeuglodon 
selbst. Auch lagen dazwischen noch Korallen zerstreut , * die bislang 
als miocäne (?) Arten betrachtet zu werden pflegten. Das Auftreten 
dieser Zeugen einer jüngeren Bildung unter den charakteristischen 
Eocänformen der Schalenschicht beunruhigte nicht wenig sowohl Prof» 



] 40 ^* Schwein furth: 

V. Zittel als auch Prof. Mayer-Eymar und gab ihnen viel zu denken. Der 
Sachverhalt erklärt sich aber in ganz befriedigender Weise. Die Schichten 
der westlichen Insel sind dieselben, wie die am gegenüberliegenden 
Nordufer und gehören der beschriebenen unteren Fajümstufe an. Zeu- 
glodotij Fischzähne und Korallen lagen nur oberflächlich da, ebei>ßo 
oberflächlich, wie an anderen Stellen des Inselrückens Kiesel, gerollte 
Thonscherben, Süsswassermuscheln, recente Knochen und dergl. Ich 
bin davon überzeugt, dass sie der soeben besprochenen Schicht am ^ 
Berge, die der von AAA,|3 des Mokattam entspricht, entstammten und 
durch Verwitterung der obersten Lagen, die ehemals einen Teil der 
Insel ausgemacht haben, als besonders harte und feste Bestandteile 
übrig geblieben sind. Mögen die Systemmacher nun zusehen, wie sie 
mit der Aussöhnung des Alabama-Oligocäns mit den oberen Mokattam- 
schichten in's Reine kommen. Mein neuester Zeuglodon-Fund lässt ihnen 
keine andere Wahl. Mit der etwas jüngeren Unterbringung des Zeu- 
glodons ist indes nicht viel gewonnen ; der dazwischenliegende Schichten- 
komplex umfasst höchstens einen Verticalabstand von 20 bis 25 Meter. 
Gleich über den Mergeln mit Zeuglodon folgen Lager mit den für 
meine AAAj3-Schicht bezeichnenden Arten : Ovula, Strombus, Solen uni- 
costatuSy Nautilus] ferner lagern hier die in Kernen von lederbrauner 
Farbe und fester Masse erhaltenen Bivalven, an diese schliessen sich 
oben wieder Carolia und Ostrea Cht Beyi an. 

Die oberste Mokattamschicht AAA,a ist auf der Höhe des Abfalls 
über dem alten Tempel durch einen derselben in petrographischer 
Hinsicht sehr ähnlichen hellbraunen, festen und harten Kalksandstein 
voller Conchylienkerne vertreten, der in Lagen von 2 m Mächtigkeit 
einer 15 m hohen Steilwand von grauen Mergeln als Decke dient. 
Diese Mergelwände, deren Basis das obere Drittel des Abfalls ab- 
schliesst, prägen der ganzen Landschaft einen eigentümlichen Stempel 
auf. Da, wo der Plateäuabfall Vorsprünge macht, nehmen die senk- 
rechten, völlig glatten, dunkelen und ziegelartig geschichteten Massen 
die Gestalt von grossärtigem Mauerwerk aus Rohziegeln an und thronen 
auf der Unterlage eines gigantischen Stufenaufbaues, wie die Oasen- 
Burgen der Römerzeit. Die in Amphitheaterform aufgebaute Plateau- 
bucht hinter dem Tempel wird in einem gegenseitigen Abstände von 
3 km durch zwei solcher Vorsprünge (engl. Escarpements) flankiert, die 
den Besucher beim Herannahen mit spannender Erwartung erfüllen. 
Die den Mergelmauern als schützende Decke diienende feste Schicht 
hat die Blöcke zum Tempelbau geliefert. Wie sie herunter geschafll 
worden sind, ist ein Rätsel, denn nirgends fanden sich losgelöste Massen 
in der Tiefe. 

Gelbe gipsreiche Mergel mit Carolta, Echinolavipas Crameri, Mi- 
cropsis sp. und jene verbreitetste Austernart des oberen ägyptischen 
Eocäns, die Schlotheim Ostracites nannte, ferner eine undefinierbare 



Reise in das Depressionsgebiet im Umkreise des Fajüm. |41 

feste, weisse Kalkbreccie schliesse.n den Schichtenaufbau nach oben ab. 
Man ist also bis hierher entschieden noch nicht aus dem Horizonte, 
der dem oberen Pariser Becken entspricht, herausgekommen. 

Da diese Abfallslinie der dritten Fajümstufe nun eine so unbezweifelte 
Fortsetzung der, an Meduret-el-barhl auftretenden Schichten darstellt, 
so muss das Fehlen oder mindestens die grosse Seltenheit der Num- 
muliten sehr überraschen. Schon am westlichen Seeende Hessen sich 
solche in keiner der die erste und zweite Stufe darstellenden Schichten 
ausfindig machen. Nur ein einziges thalergrosses Exemplar von Num- 
mulites gizehensis fand sich am Fusse des Abfalls vor; es stammte 
offenbar aus den Carolia- und Austernconglomeraten , welche dort die 
obersten Lagen zusammensetzen. Die lokalen Lebensbedingungen, die 
das Eocänmeer darbot, müssen also für diese Tiergattung auf der 
Strecke zwischen Cairo und dem Westende der Birket-el-Qerün ganz 
andere gewesen sein als auf der westlich gegen die kleine Oase zu 
gelegenen. 

Eine entschieden abweichende Formation betritt man auf dem 
Wege vom Plateaurande beim Tempel zur obersten vierten Fajümstufe. 
Leider habe ich diese 8 km betragende Strecke bei meinem Besuche 
1884 an einem glühend heissen Apriltage in grosser Eile zurücklegen 
müssen, da weder Kameele noch Esel auf die durch so zahlreiche Steil- 
abstürze abgeschiedene Plateauhöhe hinaufzubringen waren, und ich 
infolge dessen zu Fuss zu gehen gezwungen war, ohne Wasser und 
die für ein Nachtlager notwendigen Ausrüstungsgegenstände. 

Die weisse Kalkbreccie auf der Höhe der dritten Stufe senkte sich 
nordwärts über \\ km als feste Platte ab bis zu einer Art Thalniede- 
rung mit kümmerlicher C<?r««/arö -Vegetation *), wo es indes an einem 
ausgeprägten Rinnsal durchaus fehlte. Darauf folgte ein 6 m hoher 
Hügelabfall von weisslichgelber Kalkmasse, die mir keine Petrefakten 
darbot, in welcher ich indes das unterste Glied der in der nördlichen 
libyschen Wüste vertretenen Miocänbildungen vermute. Aschgrauer, 
Ihoniger Sand folgte weiterhin, darüber gelbe Knollen, Ockerstein und 
die eigentümliche Kugelsinterung von Kalk und Quarzkörnchen, die 
ich bei den Miocänlagern der Station No. 3 auf der alten Poststrasse 
von Cairo nach Sues gefunden hatte, und die in dieser Gegend eine 
grosse Rolle zu spielen scheint. 

Die nächste Fläche, die sich bis an die untersten Terrassen der 
vierten Stufe ausbreitet und von einer Thalniederung mit Calligonum in 
West-Ost durchschnitten ist, bietet an vielen Stellen grosse Haufen von 
versteinertem Holz in Klötzen und Stämmen von beträchtlichem Um- 
fange, ein Hinweis auf die Nähe ihrer ursprünglichen Lagerstätte. 



*) Diese Salsolacee ist die einzige Pflanze, welche sich auf der Strecke von 
Rajiin bis zum Westende des Sees vorfand. 



14:2 ^' Schweinfurth: 

Merkwürdig bunt gefärbte Mergel, abwechselnd weisse, ockergelbe 
und ziegelrote, bilden die untersten, vielfach zerrissenen und mit sphinx- 
artigen Mamelonköpfen besetzten Terrassenbänke der vierten Stufe. Ein 
gegen 30 m hoher Absturz führte zu einer mit fester, grauer, kiesel- 
reicher Kalkmasse bedeckten Vorstufe, die i km weit yor dem eigent- 
lichen Fusse der Abfallslinie und den vorgeschobenen Einzelnkegeln 
lagert. Die letzteren erheben sich über diese Vorstufe um einige 60 m 
und waren sehr schwierig zu ersteigen, da denkbar steilste Trümmer- 
halden des schwarzen Kieselgesteins der Höhe dieselben bedeckten. 
Der Aufbau der Kegel und des Plateauabfalls wird durch abwechselnd 
weisse, gelbe und rötliche Sandsteine gebildet, die im oberen Drittel 
einen Steilabsturz darstellen. Die Spalten des Sandsteins sind häufig 
mit einer Sinterung von weisser Kalkmasse ausgekleidet, und die eigen- 
tümliche Kugelsinterung (durch Kalkmasse verbundene Quarzkörner) 
tritt auch hier wieder auf. Oben auf der Höhe ist ein 5 bis 6 m 
dickes Lager von am Rande merkwürdig in Gestalt hervorstarrender 
Balken zersetzten schwarzen Kieselsandsteins, dessen glasige Beschaffen- 
heit vollkommen an den des Gebel-el-ahmar bei Cairo erinnert. Die 
zersetzten und losen Zacken des eine stengelige, fast prismatische Ab- 
sonderung zeigenden Quarzitsandsteins ragen, an allen Seiten über- 
hängend, über den obersten Rand empor. Mit grosser Behutsamkeit 
musste diese Barrikade erklommen werden, wollte man nicht von den 
drohenden Steinbalken erschlagen . werden. 

Der ganze Schichtenbefund erinnerte im hohen Grade an die von 
mir bei der dritten Station der alten Suesstrasse untersuchten Miocänlager, 
die mit den »S/«/^//a-Schichten von Där-el-bedä weiter im Osten identisch 
sind. Leider vermochte ich nicht, im Bereiche der Sandsteine des Ke- 
gels und des Plateauabsturzes irgend eine fossilführende Schicht aus- 
findig zu machen; der petrographische Charakter der Schichtenglieder 
stimmte aber in auffälliger Weise zu der erwähnten Örtlichkeit bei 
Cairo. Ich bin davon überzeugt, dass diese Sandsteine, deren Decke 
jene Lage von Quarzit ausmacht, die am Gebel-el-ahmar in grösseren 
Massen sich bildete, das Muttergestein für die fossilen Hölzer abgeben 
müssen; nicht so der gefrittete Qüarzitsandstein selbst, da die in dem- 
selben bei Cairo gefundenen Hölzer nur Bruchstücke darstellen und 
sämtlich an sekundärer Lagerstätte eingebettet erscheinen. Auf den 
Höhen des versteinerten Waldes sind diese Schichten durch die Denuda- 
tion des drittletzten Meeres verschwunden, da, wo sie sich noch zum Teil 
erhalten haben, auf dem Wege zwischen Cairo und Sues, werden sie 
gewiss einmal zur Lösung des Rätsels vom versteinerten Walde in end- 
gültiger Weise beitragen. In den Mergelschichten Fossile vorauszusetzen, 
die dort in Kieselmasse umgewandelt wurden, widerstrebt allen Gründen 
der Wahrscheinlichkeit, obgleich die Annahme einer solchen Provenienz 
ein bequemes Auskunftsmittel der Erklärung abzugeben vermag. 



Reise in das Depressionsgebiet inv Umkreise des FajQm. 143 

Gestatten Sie mir noch zum Schluss einige Mitteilungen über den 
alten Quaderbau, meinen besten Fund. Die Zeiten der Entdeckungen 
von Denkmälern des Altertums an der Oberfläche sind im allgemeinen 
längst vorüber, und heute, wo nur noch in der Tiefe durch grossartige 
Grabungen in der Weise Schliemanns Erkleckliches auf dem Gebiete 
der alten Topographie zu leisten ist, bietet sich die Gelegenheit zu 
einem Tempelfunde nicht so leicht wie damals, als der erste Erforscher 
der ägyptischen Wüsten noch auf die Mauern schreiben konnte : „Cailliaud 
fut le premier Europ^en, qui prit connoissance" etc. Mein Tempel 
ist indes bei aller Ehrfurcht, die sein hohes Alter einflösst, doch 
nur ein Bauwerk von bescheidenen Grössenverhältnissen. Der Grund- 
riss, nach den vier Himmelsrichtungen orientiert, mit der Längsseite 
nach Süden, bildet ein Viereck von 21^ m Länge, 8% m Breite, und 
so weit die zur Hälfte erhaltene Decke wahrnehmen lässt, von 6 m 
Höhe. Wie die Bauten der alten Zeit, sind die Mauern aus grossen 
Blöcken (Kalksandstein der oberen Eocänschichten) von sehr ver- 
schiedenem Umfange und Form gefügt. Die meisten Blöcke haben an 
Masse mehrere Kubikmeter. Etliche zeigen Flächen von 6 qm. Viele 
Blöcke sind in Zickzackform gefügt und greifen mit ihren ausgehauenen 
Kanten über- und ineinander. Eine Lage kleinerer Blöcke bildet an 
der Basis des Baues eine vorstehende Schwelle. Die Mauern sind 
1,2 m dick, die der Südseite 1,84. Das Eingangsthor liegt auf der 
Südseite. Ein Gesims unter der Decke hat sich an der äusseren Mauer 
nicht erhalten. Durch den Haupteingang gelangt man in einen zur 
Hälfte noch überdeckten Raum, der den grössten Teil des Baues ein- 
nimmt und auf der Nordseite sieben viereckige Kammernischen hat, 
von denen die mittelste, der Thür gegenüberliegende, breiter ist als 
die übrigen (1,82 m). Diese Nischen sind 2,7 m tief und nehmen die 
halbe Breite des inneren Raumes ein. Ausser einer einfachen Ein- 
fassung von runden Relief leisten , die die Öffnungen der Nischen um- 
geben, und einem glatt ausgehöhlten hohen Gesims über ihnen, Hessen 
sich nirgends Ornamente welcher Art an dem Bauwerk nachweisen, 
noch weniger Inschriften oder Bilderschmuck. In den Ecken der Ni- 
schenöffhungen sieht man je ein tiefes Loch, was das Vorhandensein 
von Thüren verrät, die diese Kammern gegen den freien Raum hin 
abschlössen. Rechts von diesem befindet sich eine Seitenkammer und 
links deren zwei. Auf jeder Seite ist eine die halbe Mauerhöhe ein- 
nehmende Thür angebracht. Die Kammer auf der östlichen Seite hat 
nach Norden einen Ausgang. 

Die 1,84 m dicke Südmauer enthält auf der in Ost vom Haupt- 
eingange gelegenen Hälfte einen der Länge nach angebrachten 0,5 m 
breiten Gang, zu dem eine ebenso schmale Eingangsthür führt, die 
hart an der Südostecke des Tempels angebracht ist. Dieser Gang 
führt abwärts in die unteren Räume, die ich, da sie völlig verschüttet 



i 



]44 G. Schweinfurth: 

waren, nicht betreten konnte. Auch weiss ich nicht anzugeben, ob sie 
sich unter dem ganzen Bau fortsetzen. Eine faustgrosse, kreisrunde 
Öffnung, die durch einen Block rechts im Thoreingange gebohrt ist, 
dient zur Erhellung des Ganges, 

Der Tempelbau ist umgeben von grossen Blöcken desselben Ge- 
steins, die völlig verwittert und durchlöchert erscheinen, ein Umstand, 
der in dieser äusserst regenarmen Region allein schon auf ein Alter 
von mehreren Jahrtausenden zu schliessen berechtigt. Diese Blöcke 
gehörten wahrscheinlich einer Umfassungsmauer oder vielmehr einem 
Vorbau an, denn es fanden sich unter ihnen mehrere Säulenstücke, 
von denen nur eins noch kreisrund im Querbruch erschien, alle an- 
deren waren auch der Länge nach geborsten. * Blöcke, die eine Art 
Kapitell andeuteten, Hessen sich nicht ausfindig machen. Vergeblich 
habe ich an allen Blöcken nach Inschriften geforscht, soweit ihr ver- 
witterter Zustand der Hoffnung auf einen derartigen Fund Raum zu 
geben vermochte. Es fand sich keine Spur. Die Steine teilen hier 
das Schweigen der Geschichte. 

Die meisten Blöcke liegen auf der Südseite des Tempels in einer 
Reihe, aber in einem derartigen Abstände, dass man nicht annehmen 
kann, dass sie einen mit demselben zusammenhängenden Bau dar- 
gestellt haben. 

Die von der XIII. Dynastie herstammenden Bauten sollen durch 
eine ähnliche Art der Quaderfügung ausgezeichnet sein, meist sollen 
sie auch jeder Art Ornamente entbehren, daher man, falls der Tempel 
aus dieser Epoche stammte, auch nach Hinwegräumung des die Nischen 
im Innern zum teil ausfüllenden Sandes und Schuttes keinen wichtigen 
Fund zu erwarten hätte. Eine kleine Schuttanhäufung vor der Schwelle 
des Haupteinganges verriet, dass der Tempel bereits von Schatzgräbern 
heimgesucht worden ist, wahrscheinlich von Arabern, die hier auf dem 
Wege von der Oase. nach* Cairo oder nach den Natronklöstern vor- 
überkamen. 

Wie bereits erwähnt, liegt der Tempel auf der untersten Schwelle 
des Plateauabfalls, ungefähr 12 bis 15 tn über der Fläche, die den 
alten Seeboden bezeichnet. Diese Schwelle besteht hauptsächlich aus 
lockeren Mergeln; die gelegentlichen Regenwasser, die vom Steilabfall 
herunterkamen, haben daher, so selten sie hier auch in dieser Weise 
wirken mögen, doch sichtbare Furchen und Risse in dem Boden hinter- 
lassen und das Wenige, was von der alten Ansiedelung übrig blieb, 
vollends unterspült, verschlämmt und fortgeführt. Da, wo die Erdrisse 
einen Einblick in den Boden gestatten, kann man wahrnehmen, dass 
die vorhandenen Reste sämtlich oberflächlich liegen und nicht ein- 
gebettet wurden. Die Art dieser Reste bestärkt mich in der Annahme, 
dass sowohl der Tempel als auch die Ansiedelung einer der denkbar 
ältesten Zeiten angehört haben müssen. 



Reise in das Depressionsgebiet im Umkreise des Fajüm. . 145 

Im Umkreise des Tempels, nach Südosten zu bis nach Südwesten 
und in einem Abstände von 500 Schritt, das heisst bis an den Rand 
der Terrainschwelle, finden sich gruppenweise eine Menge Scherben 
von äusserst verwittertem Aussehen und von groben, dicken Gefässen 
herrührend. Nirgends sah ich Scherben von Töpferarbeit, die an grie- 
chische oder römische Zeiten erinnerte. Die sich dem Auge des Be- 
schauers so leicht aufdrängenden blauglasierten Stücke fehlten durchaus, 
ebenso die langen Amphoren der griechischen Form. Die Amphoren- 
zapfen, die ich hier auflas, sind sehr stumpf und fast cylindrisch von 
Form. Die denselben entsprechenden Scherben zeigten keine Ringe- 
lung. Es fanden sich fast ausschliesslich grobe, rote Thonscherben, 
nur sehr selten etliche gelbe und schwarze, welche die Anwendung der 
Drehscheibe deutlich machten. Unterhalb der Böschung der untersten 
Terrainschwelle fanden sich keine Scherben mehr, auch zeigten die 
Mergelhügel in ihrem Inneren keinerlei Beimengung von Artefakten. 
Die ehemals vorhandenen Scherbenhügel scheinen, durch Auflösung 
und Fortführung des Mergelbodens unter ihnen verflacht, über einen 
grösseren Raum ausgebreitet worden zu sein. Ein solches Verhältnis 
Hess sich auch an den wenigen Steinmauern beobachten, die noch von 
der alten Tempelansiedelung übrig geblieben sind. In Südost, vom 
Tempel 400 Schritt entfernt, stösst man auf einen, soweit gegenwärtig 
sichtbar, 30 m langen Mauerbau von Bruchsteinen. Die Kalkstein- 
stücke scheinen einer in der Richtung von Nord nach Süd bis an den 
Böschungsabfall errichteten Mauer angehört zu haben und sind in 
gleichmässigen Reihen heruntergerutscht, denn hier hat sich durch 
Erosion ein 10 m tiefer Riss gebildet. Ein ähnlicher Mauerbau, bei 
welchem die Steine nach beiden Seiten heruntergeglitten sind, so dass 
sie jetzt einen gehäuften Damm darstellen, liegt im gleichen Abstände 
wie der vorige in Süd vom Tempel. 

Von nicht geringem Interesse sind verschiedene Gegenstände, die 
ich im Bereiche der alten Stätte auflas: flache, gebrannte Ziegelplatten, 
30 cm lang und 3 cm dick, eine Bronzenadel, ein Näpfchen von Ala- 
baster, eine rote Glasperle und zahlreiche Kieselartefakte, sowohl 
plankonvex -prismatische Sprengstücke, als auch grosse, mit ausgeschla- 
genen Sägezähnen versehene Schneiden (7 cm lang, 3 cm breit). Diese 
Kieselinstrumente fanden sich zerstreut auf den mit Thonscherben be- 
deckten Flächen. Grössere Mengen von Sprengstücken bemerkte ich 
nicht, auch nicht die Nuclei, die auf eine Werk&tätte an Ort und Stelle 
hätten hinweisen können. In welchem Zusammenhange diese primitiven 
Werkzeuge mit der alten Tempelniederlassung *) stehen mögen, ist schwer 
zu begreifen, wenn man nicht annehmen wollte, dass hier an der Grenze 



*) Die altägyptischen Kieselschneiden zu rituellen Zwecken haben eine ganz 
bestimmte, mit obigen nicht zu verwechselnde Form. 



i 



146 G. Schweinfurth: 

der grossen Wüste ein roher Völkerstamm zu der alten Kulturwelt Be- 
ziehungen unterhielt. Die Kieselwerkzeuge, die ich demnächst an die 
anthropologische Gesellschaft einsenden werde, können ebensogut auch 
einer späteren Epoche nach Erbauung des Tempels angehört haben. 

Von allen Gegenständen, die im Bereich der alten Tempelstätte 
die Aufmerksamkeit des Besuchers auf sich lenken, springt nichts so 
sehr in die Augen wie die unzähligen kleinen Stücke jenes schwarzen 
porphyrischen Gesteins, das aus den Steinbrüchen des Uädi-Hammamät 
stammend, überall im alten Ägypten zu kostbarem Tempelgerät, Sarko- 
phagen und Bildnissen Verwendung fand. Anfänglich hielt ich die 
schwarzen Steintrümmer für Überbleibsel zerstörter Götterbilder, allein 
der Umstand, dass sich nirgends grössere Stücke, kaum faustgrosse, 
ausfindig machen liessen, schien mir keine andere Erklärung zu ge- 
statten als die, dass hier Werkstätten in Betrieb gewesen sein müssen. 
Gegen diese Annahme aber stritt wiederum der Mangel an flachen 
Scherben; alle Sprengstücke erschienen massig. Der schwarze Sarko- 
phagstein von Hammamät spielt unter den auf der Stätte der alten 
Krokodilopolis sichtbaren Trümmern eine grosse Rolle; überall stösst 
man auf Bruchstücke alter Vasen, und grosse Klötze verraten die zer- 
störten Bildwerke. 

Die Inschriften in Uädi-Hammamät erzählen, dass bereits zur Zeit 
der XII. Dynastie im Fajüm eine Stadt Sehet, dem Sebek geheihgt, 
bekannt war; denn Steine wurden daselbst für diesen Bestimmungsort 
gebrochen. Der bekannte Obelisk, der 4 km von hier in Süd beim 
heutigen Dorfe Begig (nicht Ebglg) liegt, trägt die Inschrift des der 
XII. Dynastie angehörigen Amenemha III., den Prof. Ebers schlecht- 
weg den Uberschwemmungskönig nennt, und der es gewesen sein soll, 
der den Moerissee schuf und das Labyrinth erbaute. Ich habe aber 
noch ältere Daten für das Vorhandensein der alten Krokodilopolis just 
an der heute bei hiesiger Stadt sich ausdehnenden riesigen Trümmer- 
stätte. Erst gestern fand ich, wie zufällig, inmitten der Scherbenhügel 
den unteren Theil einer sitzenden Doppelfigur mit den wohlerhaltenen 
Königsbildern des ersten Amenemha, ein Denkmal, das, wie ich an- 
nehme, sich bisher noch der Kenntnis der Ägyptologen entzogen hat*). 

♦) Diese Vermutung hat sich nicht bestätigt, obgleich von der Thatsache, dass 
Amenemha I. hier, einen Tempel errichtete, ja vielleicht selbst hier residierte, 
bisher keine Notiz glommen zu sein scheint Aus Brugsch's Histoire. d':fegypte 
I, p. 67 — 68 ersah ich, dass der Stein, welcher einem ähnlichen von Amenemha I, 
den Mariette in Kamak fand, durchaus entsprechen soll, bereits in den Denk- 
mälern von Lepsius, Abtl. II, iig e— f, zur Abbildung gelangte. Die Inschriften 
zu beiden Seiten der Unterschenkel sind daselbst indes ganz unvollständig. Prof. 
A. Erman hat sie an Ort und Stelle abgeschrieben. Der hellrote Granitblock 
bildet die sehr gut erhaltene pntere Hälfte einer sitzenden Doppelfigur, welche den 
Begründer der XII. Dyhastie an ^er Seite der Göttin Bast dargestellt hat. 



Reise in das Depressionsgebiet im Umkreise des Fajüm. 147 

Der grosse Tempel Der-el-dab mit den 8 m langen Granitblöcken, der 
unfern der Doppelfigur am Nordostende der Trümmerstätte, vergraben 
in den Nilalluvionen, liegt, entstammt wahrscheinlich derselben Epoche. 

Ich führe diese Thatsache nur an, weil bereits verschiedene For- 
scher die Vermutung ausgesprochen haben, die alte Krokodilopolis 
und das spätere Arsinoe dürften nicht als identische Örtlichkeiten auf- 
zufassen sein. Das Vorhandensein einer Stadt Sehet, im Mittelpunkte 
des Fajüm gelegen, und sogar in der XII. Dynastie, als der Moerisse.e 
eben erst geschaflfen sein sollte, bereits eine grosse Stadt mit gewal- 
tigen Tempelbauten, wäre allerdings ein gewisses Hindernis für die 
Beglaubigung der Herodotischen Überlieferungen. Natürlich möchte 
Herr Whitehouse auch die alte Stadt gern irgendwo anders hin ver- 
legt wissen. Was aber, frage ich, bleibt vom alten Kulturlande übrig, 
wenn alles See gewesen sein soll, was vom Arsinoitischen Nomos? 
Und wo ein Arsinoitischer Nomos gewesen ist, da muss auch schon 
früher ein Schetischer bestanden haben, denn zur blossen Überwachung 
der Schleusen eines Wasserreservoirs wird man keine grosse Stadt an- 
gelegt haben. 

Was man heute im Umkreise der Fajüm Wüste nennt, davon kann, 
den wahrnehmbaren Merkmalen zufolge, nur ein verhältnismässig 
geringerer Teil in alten Zeiten einen Zuwachs zum Kulturlande ausge- 
macht haben. Es sind namentlich die Randstrecken im Nordostwinkel 
der Provinz und die zwischen Neslet-esch-Schokete und Qasr-el-Qerün 
gelegenen, die beide heute noch gut bewässerbar sind. Die letztge- 
nannte Gegend hat übrigens in neuester Zeit eine beträchtliche Er- 
weiterung des Fajümer Kulturlandes durch Anlage neuer Felder abge- 
geben und die Strecken westlich vom Bats sollen durch neue Kanal- 
anlagen demnächst wieder anbaufähig gemacht werden. Die übrigen 
Randstrecken diesseit des Sees liegen zu hoch. 

Ich kann die für die Altersbestimmung des gefundenen Tempels 
Ihnen gewiss dürftig und ungenügend erscheinenden Wahrnehmungen 
nicht abschliessen, ohne noch eines Fundes in der Nähe dieser Ört- 
Hchkeit zu erwähnen, der uns in eine verhältnissmässig neue Zeit führt. 

In einer Höhe von 70 Meter über dem Tempel am Fusse der 
Steilwand von grauen Mergeln, welche wie eine Riesenburg auf der 
Südseite der Amphitheaterbucht emporragt, fanden sich eine Menge 
grosser Scherben von sehr vollkommen geformten Amphoren, Krügen 
und Näpfen verschiedener Art, Stücke von blauglasiertem Steingut, 
sämtlich der griechisch-römischen Epoche angehörig. Die steilab- 
fallende Schutthalde, auf der man hinaufgelangte, war von unten bis 
oben mit solchen Scherben bedeckt und unter der Steilwand selbst 
fanden sich Reste von früher daselbst aufgehäuftem Schilfrohr. Sollte 
hier die Behausung eines Anachoreten gewesen sein? Das Fehlen gleich- 
wertiger Thonscherben unten im Umkreise der Tempelstätte war um 

Zeittchr. d. QcMllsch. f. Erdk. Bd. XXL \\ 



148 Cr. Schwein furth: Reise in das Depressionsgebiet im Umkreise des Faj um. 

SO überraschender. Ausser an dieser Stelle habe ich nördlich von Dime 
nirgends Scherben oder alte Baureste aus römischer Zeit gesehen. 
Dime selbst, das noch heute seinen altägyptischen Namen „Die Stadt" 
führt, ist eine grosse Trümmerstätte, die den Flächenraum von einem 
halben Quadrat-Kilometer bedeckt und genau in Nord 4% Kilometer 
von der Spitze der schmalen Landzunge el-Qorn gelegen ist, die von 
der Nordküste des Sees gegen Süden vorspringt. Die näheren See- 
ufer östlich und westlich von dieser Landspitze sind 3 Kilometer von 
DTme entfernt. Ausser hohen Ringmauern von ungebrannten Thon- 
ziegeln, den Grundmauern mehrerer aus Kalkstein errichteter grosser 
Gebäude und einem seewärts durch die Stadt führenden steinernen 
Pflasterwege nimmt man an diesem Platze nichts von besonderem In- 
teresse wahr, was nicht aus dem von Erbkam aufgenommenen genauen 
Grundrisse, den Lepsius' Denkmäler enthalten, zu ersehen wäre. Dime 
scheint in Bezug auf das Fajüm die Rolle eines Brückenkopfes ge- 
spielt zu haben, dem die Aufgabe zufiel, vermöge seiner befestigten Lage 
den hier von den Oasen her ausmündenden Karawanenstrassen eine 
gesicherte Ausgangs- und Endstation darzubieten. Die Libyschen 
Wüstenstämme müssen noch zur Römerzeit sehr unruhig und unter- 
nehmend gewesen sein; das beweisen die zahlreichen ähnlichen Burgen, 
welche in den Tagen der sogenannten guten Kaiser an den meisten 
Ein- und Ausgängen der Oasenstrassen errichtet worden sind. 

Es wird Ihnen aufgefallen sein, dass ich in diesen nun schon all- 
zuumfangreichen Mitteilungen um die Moeris-Frage herumgegangen bin, 
wie die Katze um den heissen Brei. Ich werde mich auch hüten, un- 
zeitig eine Frucht zu brechen und eine Frage voreilig zu verwirren, 
die vielleicht in einer nicht zu fernen Zukunft spruchreif sein wird. 
Man sollte vorläufig nur mehr brauchbare Daten zusammentragen, vor 
allen Dingen hypsometrische, dann auch die noch versteckten Denk- 
mäler im Bereiche der Fajümer Alluvionen mit ihren geheimen Offen- 
barungen an's Tageslicht ziehen. Mit den bisherigen Mitteln der Dia- 
lektik kommt man nicht weit. Der Schlüssel zum Rätsel liegt hier, 
wo ich schreibe, ganz nahe. Ich meine die alte Krokodilopolis*), die 



*) Was man hier alles zu Tage fördert, ist beispiellos. Auf Schritt und Tritt 
wühlen unzählige Erdgräber nach Ssebach (Dungerde), sieben die Scherben, und 
es kommen zu Tage : Papyrusstücke mit allen möglichen Schriftzügen und aus allen 
möglichen Epochen, wunderbare Gewebe, zum Teil mit den buntesten Farben, 
ganze Kleidungsstücke mit Ärmeln, Besatz und Futter aus byzantinischer Zeit, 
Münzen ohne Zahl (die der Ptolemäer werden kiloweise als Kupfer verkauft). 
Täglich werden neue Granitblöcke, Trümmer von grossen Monumenten und dergl. 
freigelegt, denn beim Nachsuchen nach gebrannten Ziegeln geht man den Schutt- 
haufen tief zu Leibe, entleert die verschütteten Brunnen, um ihre Steinbekleidung 
zu verwerten. Das Beste birgt natürlich die Tiefe. Die Stadt, deren sichtbare 
Trümmerstätte heute noch an Umfang einem Drittel von Cairo gleichkommt, muss 



V. Danckelman: Barometrische Höhenmessungen v. Fran^ois' im Kassai-Gebiet. 1 49 

Stadt des Amenemha I. Lose Blätter der Geschichte, zu Tausenden 
in alle Winde zerstreut, sind hier aus Schutt und Trümmern hervorge- 
gangen, ein Prodromus der wahren Erkenntnis, dass wir an der Stelle 
stehen, wo die Tiefe jenes Integral liegt, mit dessen Hilfe wir die bis- 
herigen Rätsel lösen können. Und wenn es auch kein Welt-Integral 
sein wird, durch das wir erfahren könnten, wer der Mann mit der 
eisernen Maske gewesen, oder was Goethe jener alten Dame in Genf 
gesagt, deren Namen die Geschichte verschweigt, so wird dann doch 
der Schleier einmal fällen müssen, der uns so lange den Moeris und 
das Labyrinth verhüllt hat. 



VII. 

Die barometrischen Höhenmessungen des Herrn Premier 
lieutenant C von Fran^ois im Kassai-Gebiete. 

Von Dr. v. Danckelman. 



Für die Zwecke der Höhenmessungen standen der Wissmann'schen 
Kassai-Expedition ausser zwei Kochthermometern ein Fortin'sches Queck- 
silberbarometer, Fuess' scher Konstruktion, No. 719, und 3 Aneroide 
von O. Bohne in Berlin zu Gebote. Von letzteren Instrumenten 
waren die Nummern 531 und 573 grösserer Konstruktion, wie sie bei den 
Landesaufnahmen des Generalstabs in Anwendung kommen, No. 570 
dagegen war ein kleines Taschenaneroid. Ausser an dem Quecksilber- 
barometer sind die meisten Ablesungen am Aneroid No. 570 gemacht. 
Herr Lieut. Wissmann hatte nämlich nach dem Aufbruch der Ex- 
pedition von Malange die vom Standpunkt einer systematischen gegen- 
seitigen Kontrolle der vorhandenen Instrumente nicht ganz glückliche 
Anordnung getroffen, dass die drei vorhandenen Aneroide an die Herren 
Dr. Wolf, Lieut. von Frangois und Müller verteilt wurden, und war 
Herrn von Frangois das Aneroid No. 570 zugefallen. Da die Expedition 
vielfach in getrennten Abteilungen marschierte, war eine gemein- 
schaftliche Benutzung der vorhandenen Aneroide ausgeschlossen und 
die von den genannten beiden Herren angestellten Beobachtungen 
Hefm von Fran^ois im allgemeinen nicht zugänglich, ebensowenig wie 
sie es für die Zweke der vorliegenden Arbeit waren. Diesem Umstand 
ist es auch zuzuschreiben, dass es auf dieser Reise an einer einheit- 



zur Zeit ihrer Blüte an 200,000 Einwohner gezählt haben, fast so viel wie 
heute die ganze Provinz. Ich besitze eine topographische Aufnahme der ganzen 
Trommerstätte, die sich Dank der Katasteraufnahmen der umliegenden Grundstücke 
mit Leichtigkeit herstellen Hess. 



150 V» Danckelman: 

liehen Kontrolle, Verwendung und Ausnutzung der vorhandenen Höhen- 
messapparate gefehlt hat. 

Eine Prüfung und Vergleichung der Instrumente mit Normalinstru- 
menten hat nach Beendigung der Reise nicht stattgefunden, weil das 
Quecksilberbarometer in Mukenge geblieben ist und die Aneroide und 
Kochthermometer von dem vom Stanleypool nach Mukenge zurückkeh- 
renden Zweige der Expedition mit zurückgenommen worden sind. Ohne 
das Vorhandensein des Quecksilber-Barometers würden die Höhenmes- 
sungen also sehr unsicherer Natur sein ; infolge der Mitführung desselben 
ist jedoch der Übelstand, dass die Aneroide weder vor, noch nach der 
Reise einer Untersuchung haben unterzogen werden können, in etwas 
gemildert. Das jetzt in Mukenge an der dort von Wissmann einge- 
richteten meteorologischen Station noch befindliche Fortin -Barometer 
ist das erste , welches wohlbehalten und in gutem Zustand in diesen 
Teil Central-Afrika's gebracht worden ist und bewies der helle metalli- 
sche Klang beim Anschlagen des Quecksilbers am oberen Röhrenende, 
dass sich das Instrument auf dem Transport nach Mukenge gut ge- 
halten hatte. Dieser Erfolg ist wesentlich den besonderen Bemühungen 
des Herrn von Frangois zu danken, welcher das Barometer teils selbst 
trug, teils dasselbe durch einen speciellen Träger, der auf dem Marsche 
stets vor i^m hergehen musste, so dass das Instrument nie aus den 
Augen gelassen wurde, transportieren Hess. An diesem Instrument sind 
von Herrn von Fran^ois in Malange vom i. März bis 30. Juni 1884 
regelmässige, wenn auch nicht ganz lückenlose Beobachtungen zu ge- 
wissen Stunden, meist um 7 », 9 *, Mittags, 3 p, 6 p, und 9 p angestellt, 
und dann im späteren Verlauf des Marsches von Malange nach Mukenge 
vom 14. September bis 10. November ebenfalls regelmässige, ferner in 
Luluaburg im November und Dezember 1884 mehrfache Beobachtungen 
gemacht worden. Das auf diese Weise gewonnene Material gehört, 
was die Sicherheit der Kenntnis der Instrumental-Konstruktion betrifft, 
zu dem zuverlässigsten aus diesem Gebiete herrührenden, da das Baro- 
meter, wie sich aus dem Nachfolgenden noch weiter ergeben wird, mit 
Sicherheit als nahezu korrektionsfrei betrachtet werden kann. 

Der erste Teil der Messungen auf der Route von Malange nach 
Mukenge vom 17. Juli bis 13. September dagegen, sowie die Messungen 
auf der Kassaifahrt und in der Umgegend von Mukenge beruhen haupt- 
sächlich auf Beobachtungen, angestellt am Aneroid No. 570 und sind 
dieselben mit einer gewissen Unsicherheit, die aus der nicht genauen 
Bekanntschaft der Instrumental-Konstruktion hervorgeht, behaftet. 

Siedetemperaturen sind auf der ganzen Reise überhaupt leider nur 
an vier verschiedenen Tagen beobachtet worden, weil die betreffenden 
Thermometer Herrn von Frangois nicht immer zur Verfügung standen ; 
von den Resultaten derselben wird weiterhin die Rede sein. 

Die Frage, welche Luftdruckwerte im Meeresniveau der Berechnung 



Barometrische Höhenmessungen C. v. Fran^ois' im Kassai-Gebiete. ]5| 

der Frangois*schen Daten zu Grunde gelegt werden sollte, war eine 
ziemlich schwierige. Zöppritz hat bei den Berechnungen der Beobachtun- 
gen von Stanley und Wissmann mittlere Werte des Luftdruckes im 
Meeresniveau angenommen, die er aus den Resultaten der Stationen 
Chinchocho, Lado und Sansibar abgeleitet hat. Dieses Verfahren er- 
scheint für Reisen, welche sich auf das ganze durch jene Punkte un- 
gefähr markierte Gebiet erstrecken, allerdings, mangels einer besseren 
Unterlage, durchaus zulässig, nicht aber für die Berechnung der vor- 
liegenden Beobachtungen, welche sich auf ein Gebiet erstrecken, das 
der Westküste wesentlich näher liegt als der Ostküste. Die letztere 
weist aber nach den Beobachtungen in Sansibar (und I.ado) in der 
Regenzeit, besonders in den Monaten Januar bis März, nicht unerheb- 
lich niedrigeren Luftdruck auf, als die Westküste, nach den überein- 
stimmenden Resultaten der Stationen Chinchocho und Loanda wenigstens 
zu urteilen, und da beide Küsten ja auch ganz verschiedenen atmosphäri- 
schen Luftcirculationsystemen angehören, so erschien es geraten, in 
den vorliegenden Berechnungen einzig und allein auf die Luftdruck- 
verhältnisse an der westafrikanischen Küste zu recurrieren, ebenso wie 
Zöppritz die Berechnung der Kaiser'schen Beobachtungen in Ostafrika 
nur mit Hilfe der Station Sansibar durchgeführt hat (Mitteil. d. afrik. 
Gesellschaft, Bd. IV, Heft i. S. i8). Die Temperaturverhältnisse der 
Westküste sind bekanntlich anormale. An der Küste herrscht eine un- 
verhältnismässig niedrige Temperatur und letztere steigt nach dem 
Innern zu trotz der rasch wachsenden Seehöhe bis zu einer gewissen, 
noch unbekannten Höhengrenze, so dass also z. B. Malange, obwohl 
nahe 1200 m höher als Loanda gelegen, nur ca. 4° kälter ist als dieser 
Küstenplatz. Die mittlere Temperaturabnahme mit der Höhe ist hier 
also eine sehr langsame und beträgt nur 0,2° bis 0,3° pro 100 m. 
Würden die Temperaturbeobachtungen von Herrn v. Frangois, was die 
Aufstellung der Thermometer betrifft, allen strengen Anforderungen ge- 
nügen, so würden diese Verhältnisse also wohl bei der Berechnung zu 
berücksichtigen gewesen sein; da jedoch die I^ufttemperatur auf der 
Reise an einem Thermometer gemessen wurde, das einfach unter einem 
Schirm aufgestellt, also wohl erheblichen Strahlungseinflüssen zuweilen 
ausgesetzt war und da im späteren Verlauf der Reise die gleichzeitige 
Lufttemperatur überhaupt vielfach nicht beobachtet wurde, so hätte 
eine nähere Berücksichtigung der anormalen Temperaturabnahme mit 
der Höhe in diesem Gebiet nicht wohl im Einklang mit der an sich 
zu erwartenden und überhaupt geforderten Genauigkeit der Rechnungs- 
ergebnisse gestanden, um so mehr als, wie sich zeigen wird, die Un- 
sicherheit der Aneroidkorrektionen einen viel grösseren Einfluss 
auf das Endergebnis der Berechnungen ausüben dürfte, als die Nicht- 
berücksichtigung der eigentümlichen vertikalen Temperaturverteilung. 
Den Berechnungen wurde also zu Grunde gelegt das Mittel aus 



152 v* Danckelman: 

den Luftdruckbeobachtungen in Chinchocho (1874—75) und in Loanda 
(1879 — 83), denen zu Folge der wahre Luftdruck p im Meeresniveau 
angenommen wurde wie folgt. 

Jan. Feb. März April Mai Juni Juli Aug. Sept. Oktb. Nov. Dez. 
P= 758,0 57,8 57,8 57,9 58,8 60,9 61,7 61,5 60,8 59,3 58,2 58,0 
t= 25,1 26,1 26,0 25,4 24,1 21,6 20,4 20,5 22,0 23,8 25,4 25,4 

Die Temperatur t ist ebenfalls durch Mittelbildung aus den Ergeb- 
nissen der beiden Stationen abgeleitet; im übrigen ist die Berechnung 
nach dem Vorgang von Zöppritz mit Hülfe der Jordan'schen Tafeln 
(Handbuch der Vermessungskunde, Bd. L S. 520 etc.) durchgeführt 
(vergl. Petermann's Mitth. 1882 S. 96) und der Dunstdruck, der in diesem 
Gebiet im Mittel etwa 17 mm beträgt, in der trockenen Jahreszeit aber 
bis auf ca. 12 mm herabgeht, durch Multiplication der Höhen mit 
dem Factor 1,006 in der trockenen Jahreszeit und 1,008 in der 
Regenzeit berücksichtigt worden. Die Reduction der Luftdruckbeob- 
achtungen auf das Tagesmittel wurde, wo nötig, auf Grund der mittleren 
Ergebnisse der stündlichen Beobachtungen von Major von Mechow in 
Malange ausgeführt. 

Die Instrumental-Korrektionen wurden wie folgt zu ermitteln gesucht. 

Das Quecksilber - Barometer scheint, wie bereits erwähnt, keine 
nennenswerte Korrektion gehabt zu haben. Es geht dies auch aus 
folgenden Thatsachen hervor: 

Der mittlere Luftdruck betrug nach den Frangois'schen Beobach- 
tungen in Malange: 

um 7a 9a Mittag 3p 6p 9p Mittel red. auf 45° Mittl. Temperatur 

nach V. Mechow. 
mm mm mm mm mm mm mm 

im März — 666,6 66,4 65,3 — 66,1 66,1 664,3 20,8° 

im April — 67,3 66,9 65,6 65,9 66,9 66,5 64,7 20,5 

im Mai — 67,9 67,1 66,4 — 67,1 67,1 65,3 18,4 

im Juni 668,2 68,7 68,4 67,0 — — 68,1 66,3 17,9 

Hiernach betrug die Höhe von Malange 

im März 1155 im Mai 1143 

im April 1147 ^^ Juni ii47 

Mittel 1148 
nach Loanda allein berechnet: 1158 m. 

Zöppritz und Hann (vergl. Hann: Einige Resultate aus Major 
von Mechow's met. Beob., LXXXDC Bd. der Sitzb. der Wiener Akad. 
der Wiss. IL Abth. 1884. S. 207) hatten aus den vermutlichen Korrek- 
tionen der Mechow'schen und Wissmann'schen Instrumente auf eine 
Höhe von 1 166 m für Malange geschlossen, welcher Wert sich dem Fran- 
gois'schen sehr nahe anschliesst und für die Richtigkeit der Angaben 
des Fortin'schen Barometers von Fran^ois spricht. Prof. Hann hatte 
an jener Stelle die Vermutung ausgesprochen, dass das Mechow'sche 
Barometer wahrscheinlich eine Korrektion von circa -h 4,6 mm gehabt 
haben dürfte und ergeben die Fran^ois'schen Beobachtungen allerdings 



Barometrische Höhenmessungen C. v. Fran^oiä' im Kassai-Gebiete. 153 

eine solche von -j- 4,3 mm, eine Übereinstimmung und Bestätigung 
der Hann'schen Ansicht, wie sie bei der Verschiedenheit der Jahre 
nicht besser gewünscht werden kann. 

Eine Kochpunktbestimmung am 6. März 1884 in Malange ergab 
femer bei beiden Thermometern 96,25 °= 663,4 mm wahrer Luftdruck, 
während Fortin No. 719 auf 667,5mm bei 21° Temperatur stand; 
dies giebt auf wahren Druck reduciert 663,3 ^^i 3,lso eine genaue 
Übereinstimmung mit den Siedepunkt-Bestimmungen. 

Die übrigen drei vorhandenen derartigen Beobachtungen passen 
freilich, wie hier gleich bemerkt werden soll, weniger gut mit den 
Barometerangaben zusammen. 

Bei einer Siedepunktbestimmung am 18. August 1884 ergab sich 
am Ufer des Quango bei Molumbu um 12^ Mittags 97,98° = 706,6 mm; 
hier wurde das Barometer gar nicht abgelesen, das Aneroid No. 570 
zeigte 708,9 mm, am 18. Oktober wurde bei Kikassa am Kassai um 
Mittag 98,44° = 718,5 mm beobachtet, während das auf 0° und 45° 
Breite reducierte Barometer auf 721,0 mm, das unred. Aneroid No. 570 
auf 724,9 mm stand, und am 20. Oktober um 9*^ Abends am Fusse des 
Pogge- Falles am Kassai 98,40 ° = 7 1 7,4 mm, während das reducierte 
Barometer 719,8 mm und das Aneroid No. 570 726,5 mm zeigte. 

Wäre in das Quecksilberbarometer auf dem Transport von Malange 
ins Innere Luft gekommen, so würde sehr wahrscheinlicher W^eise das- 
selbe niedrigere Werte als das Siedethermometer geliefert haben ; so 
aber, da die Angaben des ersteren Instrumentes in beiden Fällen um 
2,5 resp. 2,4 mm höher sind, findet die Differenz der Angaben beider 
Instrumente ihre einfachste Erklärung in der Annahme, dass keine ge- 
nügende Dampfentwicklung beim Kochen stattgefunden hat. Dies ist, 
da die Beobachtung wohl nicht in einem vor Zugwind so geschützten 
Raum wie Malange stattfand, auch nicht wahrscheinlich. 

Eine Vergleichung der Aneroide mit dem Fortin am 5., 6. und 
7. März 1884 in Malange ergab folgende Korrektion der Aneroide gegen 
das auf w. Luftdruck red. Barometer: 
Aneroid No. 531 -+- 5,7 mm 1 

„ „ 573 4-3,8 „ >bei einer Temperatur von circa 22°. 

n 570 — 2,8 „ J 

Infolge eines Irrtums nahm Herr von Frangois die Korrektionen 
der beiden ersteren Instrumente zu r+- 7,3 mm und + 5,4 mm und stellte 
die Zeiger der beiden Aneroide um diese Beträge mittelst der Korrek- 
tionsschrauben. Infolge dessen würden die beiden Aneroide von da 
ab um 1,6 mm zu hoch gestanden haben, vorausgesetzt, dass keine 
elastische Nachwirkung stattgefunden hat, was leider nicht durch weitere 
alsbaldige Vergleichungen geprüft worden ist. 

Man ist infolge dieses Umstandes auf die Annahme angewiesen, 
dass die Aneroide No. 531 und No. 573 also 1,6 mm höher standen 



154 ^' Danckelman: 

als Fortin und 1,2 niedriger als Aneroid No. 570, welches nicht ge- 
stellt worden war. 

Mit Aneroid Nr. 570 wurden nun alle Höhenbestimmungen auf 
der Reise von Malange nach Mukenge vom 17. Juli 1884 bis zum 
14. September 1884 gemacht, ohne dass eine Kontrolle des Instrumentes 
durch die übrigen stattgefunden hätte, weil bei den Schwierigkeiten 
des ersten Teiles der Reise die Ingebrauchnahme des Fortin für die 
Sicherheit desselben zu gefahrvoll erschien. Von diesem letzteren Datum 
ab bis nach Mukenge wurde aber bei allen Bestimmungen ausser dem 
Aneroid No. 570 auch noch das Quecksilberbarometer abgelesen. 
Hierdurch ist ein reichliches Material zum Studium der Korrektionen 
dieses Aneroides geboten und findet sich nun, dass das Aneroid wäh- 
rend dieser Periode durchschnittlich um 4,7 mm höher stand, als der 
Fortin, es hatte also seine Korrektion um 2 mm geändert; allein es 
ergiebt sich auch aus den zahlreichen Vergleichungen, dass das Aneroid 
nicht sehr gut compensiert war und dass die Korrektion desselben 
von — 2,8 mm bei 10° und — 5,3 mm bei 35°, allerdings ziemlich 
regelmässig, fortschreitet. 

Da diese Korrektionen schon am 15. September und an den folgen- 
den Tagen constatiert werden konnten, so wurde beim Mangel jeden 
weiteren Vergleiches in der früheren Zeit angenommen, dass dieselben 
dem Instrument bei Beginn der Reise von Malange aus bereits eigen- 
tümlich gewesen sei und wurden die Höhenbestimmungen des ersten 
Teiles der Reise dementsprechend berechnet. 

In Luluaburg wurden im November und Dezember 1884 abermals 
Vergleichungen vorgenommen. Die erste Serie ergab — 5,2 mm bei einer 
mittleren Temperatur von 27°, bei welcher die Korrektion bisher — 4,6 mm 
betragen hatte. Die zweite Serie ergab bei 28° — 6,2. Diese zweite Verglei- 
chungsreihe fand nach dem 4. Dezember statt, an welchem Tage Herr von 
Frangois mit dem Aneroid in der Tasche in das Wasser gestürzt war. 
Auf der Fahrt den Kassai herab wurden sämtliche drei Aneroide 
mitgenommen. Eine Vergleichung der beiden grösseren mit dem Queck- 
silberbarometer vor Antritt der Fahrt hat zwar stattgefunden, indessen 
sind die Resultate derselben nicht zugänglich, da dieselben von Dr. 
Wolf in dessen Tagebücher eingetragen und nach Mukenge zurück- 
genommen sind. Für die Fesstellung der wahrscheinlichen Instrumental- 
korrektionen bleibt man also auf Annahmen angewiesen. 

Es ist keine Frage, dass das Aneroid 570 durch den Sturz in's 
Wasser gelitten haben wird. Am Kanoebauplatz am Lulua vor Antritt 
der Fahrt ergab eine Reihe von Vergleichungen zwischen Aneroid 
No. 570 und 531 im Mai 1885 das Resultat, dass No. 531 gegen No. 
570 eine Korrektion von +1,5 mm im Mittel aus 33 Vergleichungen 
hatte, auf der Kassaifahrt selbst ergaben 78 Vergleichungen das Re- 
sultat No. 570= No. 531 H- 2,6 mm. 



Barometrische Höhenmessungen C. v. Fran9ois^ im Kassai-Gebiete. 255 

In Leopoldville am Stanleypool ergab sich im Juli 1885: 

No. 570 = No. 531 H- 3,3 mm 
No. 570 = No. 573 H- 3,0. 
Die Aneroide No. 531 und 570 hatten in Malange im März 1884 eine 
wahrscheinliche Korrektion von — 1,6 mm. Ob dieselben diese ihre 
ursprüngliche Korrektion besser bewahrt haben, als das Aneroid No. 570, 
welches vielen Erschütterungen und schliesslich auch einer Durchnässung 
ausgesetzt war, lässt sich beim Mangel an zugänglichen Vergleichungen 
nicht sagen. Letzteres Instrument zeigt an seinen Vergleichungen mit 
dem Fortin eine Tendenz, seine negative Korrektion fortwährend zu ver- 
mehren; dieselbe betrug in Malange —2,8 mm bei 22°, auf dem Marsch 
nach Mukenge —4,7 mm bei 27° (4,2 bei 22°), in Luluaburg zuerst 
— 5,4 bei 27° und dann gar —6,2mm bei 28°. 

Wäre letztere Korrektion dann bis nach Leopoldville konstant 
geblieben, so müssten die Aneroide No. 573 und 531 unter der An- 
nahme, dass dieselben ihre Korrektionen von — 1,6 mm inzwischen nicht 
auch geändert hatten, da sie in Malange 1,2 mm niedriger standen als 
No. 570, am Stanleypool um 6,2 — 2,8 -+- 1,2 = 4,6mm niedriger ge- 
standen haben als No. 570. Da sie aber nur um 3,0 resp. 3,3 mm 
niedriger standen, so ist die zuletzt mit dem Fortin in Luluaburg im 
Dezember 1884 bestimmte hohe negative Korrektion von — 6,2 mm 
des Aneroides No. 570 auf der Kassaireise entweder wieder zurückge- 
gangen, oder aber die grossen Aneroiden haben ihre ursprüngliche Kor- 
rektion von — 1,6 mm ebenfalls erhöht. Da sich nicht entscheiden 
lässt, welche von beiden Vermutungen die richtigere ist, so sind die 
Höbenbestimmungen auf der Kassaifahrt mit einer Unsicherheit von 
circa ± 1,5 mm Aneroidstand behaftet. 

Es würde verhältnismässig leicht sein, sich für die eine oder andere 
Annahme zu entscheiden, wenn die Seehöhe eines so . viel besuchten 
Punktes, wie des Stanleypool sicher bekannt wäre. Dank der Vernach- 
lässigung, welche die Association Internationale und der Kongostaat 
leider, trotz des wissenschaftlichen Programms jener im September 1876 im 
Königsschloss zu Brüssel stattgehabten afrikanischen Konferenz, wissen- 
schaftlichen Bestrebungen angedeihen lässt, ist dies aber nicht der Fall. 
Die Angaben über die Seehöhe von Stanleypool schwanken wie 
folgt: Stanley 350m, von Zöppritz berichtigt auf 327m, Johnston 349, 
Pechuel-Loesche 275m, Hassenstein 283m. Von diesen Daten ist 
diejenige von Pechuel-Loesche, wie wir sehen werden, noch die zu- 
verlässigste. Die Beobachtungen von Stanley leiden bekanntlich sämtlich 
an einer grossen Unsicherheit, was für denjenigen, welcher den be- 
rühmten Reisenden selbst beobachten und mit Instrumenten hat um- 
gehen sehen, nicht befremdend sein kann*). Wie Herr Johnston zu 

*) Zur Erklämng der vielfachen Abweichungen der astronomischen Ortsbe- 
stimmungen Stanley's von denen anderer Reisenden durfte vielleicht der folgende, 



156 V- Danckelman: 

seiner Angabe kommt, erscheint mir persönlich recht dunkel. Wir 
haben bei demselben während seiner Anwesenheit am Kongo keinerlei 
wissenschaftliche Instrumente bemerkt. Wenn derselbe wissenschaftlich 
verwertbare Höhenmessungen hätte anstellen wollen, so hätte es doch 
seine erste Sorge sein müssen, seine Aneroide mit dem Quecksilber- 



k 



von mir in Vivi selbst erlebte Vorfall manches beitragen. Am 2. Januar 1883 
hatte Stanley um die Mittagszeit die Kulmination der Sonne mittelst eines kleinen 
Theodoliten behufs Breitenbestimmung von Vivi beobachtet. Ich kam zufällig hinzu, 
als er eben seine Beobachtungen beendet hatte und er ersuchte mich, die Beob- 
achtungen mit berechnen zu helfen. Ich kam diesem Wunsche nach; als wir die 
Resultate verglichen, fand sich eine erhebliche Differenz Wir gingen nun die 
einzelnen Phasen der Rechnung miteinander durch und es ergab sich schliesslich, dass 
er eine ganz andere Sonnendeklination angewandt hatte als ich, und zwar eine solche, 
wie sie für den 3. Januar in Rechnung zu bringen gewesen wäre. Ich vermutete 
zuerst, dass er sich zufallig im Datum geirrt hätte; aus der Diskussion ergab sich 
jedoch sehr bald, dass er jedenfalls infolge einer sehr unklaren Idee über das Ver- 
hältnis der bürgerlichen zur astronomischen Zeitrechnung der festen Überzeugung 
war, man müsse bei dergleichen Berechnungen stets die Deklination des folgenden 
Tages im astronomischen Jahrbuch aufsuchen und in Anwendung bringen, dass 
also der Mittag des a. Januar astronomisch gerechnet zum 3. Januar gehöre. Es 
war zunächst vergeblich, ihn von der gänzlichen Unrichtigkeit seiner Annahme zu 
überzeugen; er brachte eine ganze Reihe von astronomischen Lehrbüchern und 
Anleitungen zu Beobachtungen herbei, aus denen er mir beweisen wollte, dass ich 
Unrecht habe. Erst nach längeren Bemühungen und Auseinandersetzungen gelang 
es mir endlich, ihn von der Unrichtigkeit seiner Annahme zu überzeugen. Da ein 
Fehler in der Deklination um einen Tag je nach der Jahreszeit eine Änderung 
der in Rechnung zu ziehenden Deklination bis auf 24 Bogenminuten veranlassen 
kann, welcher Irrtum in den Wert der Breite direkt eingeht, und da, so viel mir 
bekannt, Stanley die Resultate aus seinen astronomischen Beobachtungen vorwiegend 
selbst berechnet hat, so dürfte diese nach meinem Tagebuch streng der Wahrheit 
gemäss angeführte Thatsache wohl ein Licht darüber zu verbreiten geeignet sein, 
weshalb die Ortsbestimmungen von Stanley mitunter so grosse Differenzen gegen- 
über den Bestimmungen anderer Reisende aufweisen. Die von Stanley häufig an- 
gewandte Methode, Sonnenhöhen zu Zeitbestimmungen dadurch zu nehmen, dass er, 
von dem Gipfel irgend eines Hügels aus in hockender Stellung mit dem Sextan- 
ten das Spiegelbild der Sonne in dem zu seinen Füssen wild vorbeiströmenden 
Kongo beobachtete, wie ich dies häufig bei ihm gesehen habe, dürfte auch gerade 
nicht geeignet sein, genaue Resultate zu liefern. Einem self-made man sind der- 
artige Versehen gewiss nicht hoch anzurechnen, nur sollte sich der um die 
Lösung der grössten geographichen Probleme in Afrika hochverdiente Mann unter 
solchen Verhältnissen etwas mehr hüten in einem solchen Ton von wissen- 
schaftlichen Bestrebungen zu sprechen, . wie er dies in der Vorrede zu seinem Kongo- 
werke thut. 

Aus 7 zu verschiedenen Zeiten angestellten Sätzen von Breitenbestimmungen 
mit einem Prismenkreis und einer, allerdings sehr schlechten Taschenuhr habe ich 
übrigens seiner Zeit die Breite von Vivi y = — 5° 40' 55" im Mittel gefunden. 



Barometrische Höhenmessungen C. v. Fran9ois' im Kassai-Gebiete. 157 

barometer von Vivi zu vergleichen und damit unter Kontrolle zu halten, 
^^le das jeder wissenschaftliche Reisende selbstverständlich thun würde. 
Das ist aber nicht geschehen, und wenn Herr Johnston in seinen 
Koffern vielleicht auch irgend ein Aneroid verborgen gehalten hat, so 
können doch seine Beobachtungen deshalb keinen Anspruch darauf 
haben, in der geographischen Welt Beachtung zu finden. 

Herr Dr. Pechuel - Loesche beobachtete an einem compensierten 
Bohne'schen Aneroid, welches ich auf das sorgfältigste vor und nach 
seiner Reise nach dem Stanleypool mit dem Quecksilberbarometer in 
Vivi verglichen habe. Vor Antritt derselben hatte das Instrument bei 
Temperaturen von 20 — 25° eine Korrektion von = — 1,7 mm, nachher 
\^nrden aus einer langen Reihe von Vergleichungen — 1,9 mm gefun- 
den, das Instrument hatte sich also so gut wie nicht geändert. 

Die Pechuel'schen Originalbeobachtungen von Leopoldville sind : 

18. September 1882 7» 737,2 mm t = i9° 

19. „ „ „ 36,7 mm t = 19° 

Gleichzeitig beobachtete ich in Vivi (Korrektion des Barometers, 
noch anzubringen, — 0,2 mm). 

18. September 1882 7» 756,4 mm ti = 23,^0 t=2i,°2 

19- n n V 56,2 „ t, =23, 5 t=2I, 7 

Nach wiederholten Beobachtungen stand das Aneroid in Leopold- 
ville selbst 2,3 mm niedriger als am Ufer des Pool. Aus diesen beiden 
Paaren korrespondierender synoptischer Beobachtungen, die bei trübem 
Wetter unter denkbar günstigsten Verhältnissen angestellt sind, berechnet 
sich die Höhe vom Stanleypool über Vivi bei einer Annahme von 
15mm Dunstdruck und — 1,9 mm Aneroidkorrektion im Mittel zu 162 mm; 
Vivi ist von mir seiner Zeit zu 113 m hoch gelegen angegeben, was 
also eine Seehöhe des Stanleypool-Spiegels von 275 m giebt. 

Bei der Annahme eines reducierten mittleren Luftdruckes von 
760,8 mm im September im Meeresniveau , berechnet sich die See- 
höhe vom Stanleypool nach den obigen Beobachtungen sogar nur auf 
272 m, was vielleicht auch richtiger ist, da es nach Isobarenkarten in- 
zwischen wahrscheinlich geworden ist, dass die wirkliche Seehöhe von 
Vivi etwas geringer ist als 113 m und vielleicht sogar unter iiom 
herabzusetzen ist. 

Jedenfalls dürfte aus der objektiven Beurteilung obiger Zahlen her- 
vorgehen, dass der Spiegel des Stanleypool keinesfalls höher als 280 m 
sehr wahrscheinlich sogar noch unter. 275 m liegt 

Nun ergaben die Beobachtungen von Herrn von Fran^ois in Leo- 
poldville folgende unreducierte Resultate: 



j 



158 



V. Danckelman: 



Anz- d. Beob. 
Lufttemp. 



735,9 mm 

9 
20,5° 

Mittel aus 



22. Juli — 6. August 1885. 

Aneroid No. 573. 

9» Mittag 2P 6p 

36,0 mm 35,0 mm 33»4nim 33,5 mm 
II 8 II 6 

23,2° 27,5° 29,0° 26,0° 

y h _|_ 2^ -f- 9^ b = 734.8 mm t = 24,2° 



9p 

35,1 mm 
10 

23,1° 



Aneroid No. 570. 



ya 

738,0 mm 

Anz. der Beob. ß 

Aneroidtemp. 24° 



2P 6p 9P 

36,1 mm 35,6 mm 37,8 mm 
II 6 9 

28° 



29 



I 



9 a Mittag 
38,7 mm 37,8 mm 

10 8 
26° 29° 30° 

b = 737,3 mm (tx « 27,3°) 

Am Beobachtungsort stand das Aneroid im Mittel aus 2 Beobachtun- 
gen (7,0 und 6,6 mm) 6.8 mm niedriger als am Ufer des Pool selbst. 

Nach Aneroid No. 573 würde demnach, wenn man annimmt," dass 
sich dessen Korrektion seit Malange nicht geändert habe, die Seehöhe 
des Pool, bei einem angenommenen Barometerstand von 761,7 mm im 
Meeresniveau, 255 m betragen; nach Aneroid Nr. 570, wenn man an- 
nimmt, dass die zuletzt in Luluaburg gefundene Korrektion von 

— 6,2 mm bei 27° konstant geblieben wäre, 279 mm. Nach den 
Beobachtungen von Dr. Pechuel-Loesche scheinen beide Aneroidstände 
nicht ganz richtig zu sein, Aneroid No. 573 und damit auch No. 53 1 steht zu 
hoch, bei No. 570 scheint die für 27° giltige Korrektion von — 6,2 mm 
etwas zu gross zu sein. Es dürften daher die beiden grossen Aneroide 
seit der Bestimmung in Malange allerdings ihre Korrektion von 

— 1,6 mm verändert und zwar erhöht haben und die negative Kor- 
rektion von No. 570, nämlich — 6,2 mm, etwas zurückgegangen sein. 

Infolge dieser Erwägungen wurde für die Kassaifahrt die bei 
27° gültige Korrektion des Aneroides No. 570 auf — 5,5 mm herab- 
gesetzt und dem entsprechend die wichtigsten Punkte dieser Fahrt be- 
rechnet. 

Die Seehöhe des Stanleypool stellt sich auf diese Weise nach 
Aneroid No. 570 auf 271 m. 

Infolge der verschiedenen Annahmen, welche in Bezug auf den 
Luftdruck im Meeresniveau den Zöppritz'schen Berechnungen der 
Beobachtungen von Lieutenannt Wissmann's erster Reise einerseits, und 
den vorliegenden Resultaten der zweiten Kassai-Reise andererseits zu 
Grunde liegen, ist es erklärlich, dass an sich schon die Höhen der- 
jenigen Orte, für die Beobachtungen von beiden Reisen vorliegen, 
unter sich etwas abweichen müssen, namentlich falls die Beobachtungen 
in der Regenzeit gemacht sind. Andererseits ist daran zu erinnern, 
dass die Korrektionen des von Wissmann auf seiner ersten Reise be- 



Barometrische Höhenmessungen C. v. Fran9ois* im Kassai-Gebiete. 159 

nutzten Aneroides nie mit Sicherheit, sondern nur aiif Hypothesen 
fussendy von Zöppritz nachträglich ermittelt worden sind, so dass 
schon aus diesem Grunde eine vollkommene Übereinstimmung der 
auf beiden Reisen bestimmten Höhen unter sich nicht erwartet werden 
kann. 

Die Beobachtungen auf der Kassai-Fahrt lehren, nebenbei bemerkt, 
auch, dass die in den Mitteilungen der Afrikanischen Gesellschaft 
Bd. 5, Heft I, S. 14 etc. publicierten Höhenmessungen von Dr. Büttner 
im unteren Quangogebiet erheblich zu niedrige Werte ergeben und 
dass deren Fehlergrenze von ca. 20 m wohl auf ca. 40 m auszudehnen 
ist. Denn nur so würde es möglich sein, die Büttner'schen Beobachtun- 
gen, nach denen der Quango bei Kiballa 260m, das Lager am Lu- 
fura 275 m Höhe haben sollte, mit denen von Frangois, nach welchem 
die Quango -Mündung ca. 290 — 300 m hoch läge, in leidliche Über- 
einstimmung zu bringen. 

Nach einer officiellen portugiesischen meteorologischen Publikation, 
welche periodisch erscheinend, die monatlichen Resultate verschiedener 
meteorologischen Stationen in Portugal und dessen Kolonien enthält, 
wären die Koordinaten von S. Salvador do Congo X = 14° 53' E. Gr. 
g) = 6°i7'S. h = 559m. Hiernach läge S. Salvador weit höher, als 
bisher angenommen wurde und zwar z. B. 100 m höher, als die Bütt- 
ner'schen Beobachtungen vermuten lassen. Die portugiesischen Angaben 
gründen sich auf die regelmässigen Beobachtungen an einem Quecksilber- 
barometer, von dem allerdings sich nicht mit Gewissheit sagen lässt, 
dass dessen Röhre völlig luftleer ist. 

Immerhin aber dürfte auch so viel feststehen, dass die Höhen- 
messungen von Dr. Büttner mit einer grossen, durch die Fehlerhaftigkeit 
des betreffenden Aneroides erzeugten Unsicherheit behaftet sind. Denn 
nur so lässt es sich erklären, dass einzelne seiner Messungen, wie die 
an der Steinbarre zu Kingundji gut mit Resultaten anderer Reisenden 
tibereinstimmen, während andere, wie die in der Umgebung von S. 
Salvador so erhebliche Abweichungen aufweisen. Da die in dem oben 
genannten Heft der Mitt. der Afrikanischen Gesellschaft publicierten 
Ergebnisse der Büttner'schen Höhenmessungen im Januar 1885 unter 
der Annahme eines mittleren Luftdruckes im Meeresniveau von 756,8mm 
berechnet wurden, während derselbe wohl, wie wir Eingangs sahen, 
besser auf circa 758 mm anzusetzen wäre, so vergrössem sich die 
Ergebnisse dieser Messungen an sich schon um circa 13 m. 

Die meisten Beobachtungen sind um 6», 12 Mittags und 9p gemacht, 
von jedem Orte liegen mindestens zwei Beobachtungen vor, am Mittag 
bei der Ankunft im Lager und um 6 Morgens vor dem Abmarsch. Die- 
jenigen Punkte, an denen sechs und mehr Beobachtungen gemacht sind, 
haben einen *. Das Datum bezeichnet den Tag der Ankunft an dem 
betreffenden Ort 



i 



160 V. Dancke 


Iman: 


- ■ 


Höhen auf der Route 


Malange^-Mukenge. 


Malange 


März — Juni 


1148 m* 


Kambonde 


Juli i8 


I160 


Mukisch 


19 


II7G 


Katala 


20 


II7G* 


Kaperekessa 


24 


I22G 


Ndala Kinguagua 


25 


I22G* 


Kakoso 


2S 


II9G 


Kambo 


29 


I180 


Ngungi 


31 


I2IG 


Kela 


August I 


1240 


Moanja 


3 


930. 


Kafusch 


4 


830 


Mohanga 


6 


76G 


Maschia-Kikassa 


7 


76G 


Sekete 


8 


76G 


Banda Gonge 


9 


770 


Lagerplatz 


IG 


720 


Kingilla 


II 


7IG 


Muloll Ambango 


13 


740 


Massangana 


14 


78G* 


Guwu 


16 


76G 


Molumbu (Quango) 


17 


680* 


Quango-Spiegel 


19 


66g 


Kiamu Kingilla 


20 


730 


Samba 


21 


720 


Kambaeso Mukansu 


22 


77G* 


Mona Ndumba 


24 


82G 


Kaesa 


25 


870 


Lagerplatz am Kinsemba-Bach 


26 


970 


Cha Gojia 


' 27 


IGIG 


Lagerplatz am Kamissamba-Bach 


28 


I02G 


Muhongo 


29 


IO3G 


Wasserspiegel des Uhamba-Flusses 


31 


96G 


Lagerplatz am Kamaue-Bach 


September i 


102G 


Lagerplatz am Kamuege-Bach 


2 


IG90* 


Lagerplatz am Kipusuka-Bach 


4 


IIIG 


Lagerplatz am Schafanna-Bach 


5 


IIIG 


Mona Uta Monango 


6 


II4G* 


Lagerplatz am Kamaschilo-Bach 


9 


ii6g 


Quango r. Ufer 


IG 


IO9G 


Lagerplatz im Wald von Kundungulu 


II 


II2G* 


Lagerplatz am Kingongo-Bach 


14 


1050* 


Lagerplatz am Katschazela-Bach 


15 


1040 


Lagerplatz am Lubale-Fluss 


16 


lOIO* 


Cha Kabuita 


18 


lOdO* 



Barometrisclie Höhenmessungen C. v. Fran9ois' im Kassai-Gebiete. Ißl 



Kimuanga (Kuilu 1. Ufer) 






21 


1020 n 


Lagerplatz am Kabombo-Bach 






23 


1000 


Kamakonde 






24 


990 


Kassamba (1. Loange-Ufer) 






26 


870 


Loange-Wasserspiegel 






27 


870 


Lagerplatz am Gimba (r. Loange-Ufer) 




27 


940 


Lagerplatz am Lufusch 






29 


760 


Mona Uta 




Oktober i 


720* 


Cha Katuala 






3 


630 


Lagerplatz am Keta-Bach 






6 


700* 


Cha Mukosse 






6 


720 


Muene Tombo 






7 


680 


Lowoa- Wasserspiegel 






8 


650 


„ rechtes Ufer 






8 


655 


Cha Mukiriba 






9 


750* 


Lagerplatz am Kissua Gunde-Bach 




II 


720 


Muene Tombe 






12 


640 


Muhongo 






13 


620 


Lagerplatz am Kibongo-Bach 






14 


630 


Zumbula 






15 


620 


Kassanch i. Lager 






16 


610 


Kassanch 2. Lager 






17 


570 


Kikassa 






18 


465 


Pogge Fall (Fuss desselben), Kassai 




20 


475 


Kimbundu 






21 


620 


Kabeja Munene 






22 


640* 


Mole Tschiniama 






24 


690 


• 

Tambo 






25 


700 


Mukelle 






26 


660 


Lgpl. in d. Nähe d. Quelle des 


Danga- 


Baches 


27 


730 


Kiapa Muschilla 






28 


730 


Mulumba Kibamba 






30 


680 


Tumba Kimbari 






31 


670* 


Lager zwischen Zembu- u. Luebo-Fluss 




2 


600 


Spiegel des Luebo-Flusses 




November 2 


570 


Muschito Alupumbo 




* 


3 


610 


Bidi Muneüe 






4 


720 


Muele Kuembe 






5 


720* 


Kambulu 






8 


720 


Muk Gula 






9 


620 


Cha Matenga 




Februar 


10 
1885 


660 


Mukenge 


Januar, 


660 


Mupuja (Luluaburg) 


12.— 


-2^, November 6o4| 


610 



Hafen von Luluaburg circa 76 m niedriger 



162^*^An<^kclii^^i^* Barometrische Höhenmessungen v. Fran^ois' im Kassai-Gebiete. 



Tschingenge 27.-29. November 607 

Hafen von Tschingenge circa 25 m niedriger 
Höhe des Luluaspiegels bei Luluaburg circa 530 m 

„ „ „ „ Tschingenge circa 580 m 

Gefalle des Lulua von Luluaburg bis Tschingenge circa 50 m 



610 m 



Buima Mutschima 




Januar 


I 




590 


Mansangomma-Fluss 






3 




480 


Kitukula 






9 




580 


Adiangi 






IG 




64G 


Kongollo 






II 




61G 


Mona Tenta 






14 




800 


Ndemba (Kissanga Tschikuambi) 




März 


20 




76G 


Kapuka-Bolungu 




April 


16 




64G 


Kaijenga 






18 




580 


Mukisch 






19 




560 


Kimuanga 






20 




510 


Nganje 






21 




560 


Tschingesch 






22 




590 


Bakua Npika 






23 




590 


Kassai 


fahrt. 




Tiewu (Kanoebauplatz) am Lulua 




Mai 


• 


5OG] 


m 


Kalamba (Kanoebauplatz) am Lulua 


• 


Mai 




4IG 




Lulua bei der Mündung des Luebo 




Juni 


l 


4IG 




Tumba Kajembe 


• 




3 


405 




Bakua Buju 






4 


4OG 




Kassai bei der Luluamündung 






5 


390 




„ „ „ Sankuru-Mündung . 






14 


36G 




99 „ „ Loange-Mündung 






20 


340 




ff ») »» Quango-Mündung 




Juli 


2 


295 




Kassaimündung 






IG 


287* 


h 


Stanleypool 


Juli- 


-August 




271* 


(^75 m) 




Unreducierte Aneroidablesungen (No. 570) und Lufttemperaturen in 

Mukenge: Januar 1885 (Mittel aus 7^ 2^ u. 9»») 709,8 mm t= 24,^1 

Februar „ „ 707,1 t = 23, 4 

Leopoldville: 22. Juli bis / yh+gh n-gh X 7,7 , ^im t — 2a 2° t — 27° 
6. August 1885 V 3 / /37»3nim t-24,2 t — 27 

Der mittlere, voni Einflüsse der Schwere-, Zeit- und Temperatur- 
korrektion befreite Stand des Fortin in Luluaburg betrug 

vom 12.— 23. November 18*84 707,9 mm t = 23,5° 
vom 6.-27. December 1884 706,7 t = 23, 8. 



VIII. 
Die Strassenanlagen in der Asiatischen Türkei. 

(Hierzu eine Karte» Taf. III.) 



Jeder Reisende, den sein Weg abseits von den viel besuchten 
Küstenplätzen der Asiatischen Türkei in das Innere führt, ist voll Klagen 
über den trostlosen Zustand nicht allein der Landstrassen, sondern 
vorzugsweise der sogenannten Kunststrassen, durch welche die türkische 
Regierung in der Neuzeit den Handel und Verkehr heben zu wollen vor- 
giebt , die aber, weil in ihrer Construction den ersten Bedingungen für 
einen geregelten Wegebau nicht entsprechend, eher störend als för- 
dernd auf die Communication einwirken und sogar von Reitern lieber 
vermieden als benutzt werden. Bis auf wenige Spuren verschwunden 
ist jenes Netz von Heerstrassen, welches (abgesehen von älteren, bis 
in die Zeit des altpersischen Reiches zurückreichenden Anlagen, über 
deren bauliche Beschaffenheit wir nicht unterrichtet sind), unter giechi- 
scher und römischer Herrschaft die zahlreichen blühenden Städte 
Vorderasiens untereinander verband, und mit der Vernichtung 
der Wohnplätze, mit der Entvölkerung des Landes und mit 
dem Eindringen des durch natürliche Apathie und islamischen Fa- 
talismus den Fortschritten der Civilisation feindlichen Türkenvolkes 
gingen auch die Verkehrstrassen dem Verfall entgegen. Langsam und 
mühevoll bewegte sich auf den dem Naturzustande überlassenen Linien 
der Transport der Naturerzeugnisse und einer geringfügigen Haus- 
industrie aus dem Innern zur Küste, und mit denselben Schwierigkeiten 
hatte der Waarenimport aus Europa über die levantinischen Häfen ins 
Innere zu kämpfen. Noch vor zwanzig Jahren waren, um von einem 
der Centralpunkte Kleinasiens nach einem Hafenpunkte zu gelangen, 
im Sommer bei gutem Zustande der Wege 15 bis 30 Tagereisen er- 
forderlich, während in strengen Wintern die Communication oft wochen- 

, lang gänzlich unterbrochen war. 

Zwar schien während der letzten Jahrzehnte bei der türkischen 

■ Regierung einiger gute Wille hervorzutreten, diesen traurigen Zuständen 
ein Ende zu machen, aber die auf die Anlage neuer und auf die Ver- 
besserung schon vorhandener Strassen zielenden Versuche blieben 
meistentheils in ihren ersten Anfängen stecken. Die stete Finanznoth 
der Regierung, die habituelle Unfähigkeit und UnredlicbkeVt d^x N et- 

ZeitKlir. d. Gtaeüsch. f. Erdk. Bd. XXI. Yl 



.—rJ • IIA' 



164; Die Strassenanlagen in der Asiatischen Türkei. 

waltungsbeamten, endlich die Planlosigkeit und technischen Fehler in 
den Strassenanlagen traten zu allen Zeiten der Ausführung der beab- 
sichtigten Verbesserungen hindernd entgegen. Besitzt doch nach einer 
glaubwürdigen Angabe die asiatische Türkei nach etwa zwanzigjähriger 
Bauthätigkeit noch keine hundert Kilometer Wege, welche auf den 
Namen von Kunststrassen Anspruch machen dürfen, denn die einzig 
wirklich gut gebaute und beständig erhaltene Chaussee, welche Beirut 
mit Damascus verbindet, ist ein Werk französischer Ingenieure und wird 
von einer französischen Gesellschaft verwaltet. Beispielsweise soll an 
der vor vierzehn Jahren projektierten, von Ordu am schwarzen Meere 
nach Siwas führenden Strasse seit acht Jahren mit mehreren Unter- 
brechungen gebaut worden sein, ohne dass es gelungen wäre, mehr 
als sechs Kilometer fertig zu stellen*). Als in Folge einer 
Missernte und des strengen Winters 1873/74 in einigen Provinzen Klein- 
asiens Hungersnoth ausbrach, sandte der Vicekönig von Aegypten eine 
Ladung Getreide nach Ismid zur Vertheilung an die Nothleidenden im 
Vilajet Angora, welche in zwölf Sendungen dorthin geschafft werden 
sollte. Da aber eine Karawane für diesen Weg hin und zurück, ein- 
schliesslich der Ruhetage, einen Monat gebraucht, so wäre die letzte 
Sendung erst vielleicht nach Verlauf eines Jahres in Angora eingetroflfen. 
Noch jüngst berichtete Dr. Moritz**) über den trostlosen Zustand der 
so wichtigen Strasse zwischen Alexandrette und Aleppo, an welcher 
bereits seit mehr als zehn Jahre gebaut wird, die aber, weil aus klei- 
neren und grösseren Feldsteinen ohne verbindenden Sand und Schotter 
aufgebaut und ungewalzt, für den Wagenverkehr meist unpassierbar 
und in ihrer mittleren Partie bereits bis zur Unkenntlichkeit verfallen 
ist, während in dieser ganzen Bauzeit nur bei Alexandrette einige we- 
nige, bei Aleppo nur ein Kilometer fertig gestellt waren, und die mit 
ungeheuren Kosten über den 'Afrin erbaute steinerne Brücke in einer 
Nacht von den Fluthen hinweggespült war, der Bau einer an ihrer Stelle 
projektierten provisorischen Holzbrücke abet noch in weitem Felde 
stand. Ohnediess lässt erfahrungsmässig die häufig recht gefährliche 
Beschaflfenheit der Brücken dem wohlberittenen Reisenden das direkte 
Durchführten, im Nothfalle selbst Durchschwimmen der Flüsse weniger 
bedenklich als der trockene Weg über die Brücke erscheinen. Und 
selbst da, wo grössere Wegestrecken bereits chaussiert sind, wie von 
den pontischen Häfen ins Binnenland, werden dieselben durch die pri- 
mitive Beschaffenheit der Scheibenräder der Fuhrwerke oder durch die 
zum Transport von Frachten im Orient beliebten Schleifen zerrissen, 
ohne dass an eine Ausbesserung der Strassen oder an eine geeignetere 
Construktion der Lastwagen gedacht wird. 



*) Deutsche Rundschau für Geographie VII, 1885, S. a;. 
**) Verband], der Berliner Ges. für Erdkunde 1886, S. 168. 



Die Strassenanlagen in der Asiatischen Türkei. 165 

Über solche einzehien Anlagen, deren AngrifFnahme und Fort- 
führung in der Regel nur dem zufalligen persönlichen Interesse 
der so oft wechselnden höheren Verwaltungsbeamten überlassen war, 
haben wir in Europa bisher nur gelegentlich, durch ebenso zufallige 
Meldungen in Zeitungen des Orients Kunde erhalten: ein zusammen- 
hängender Plan Hess sich natürlich in jenen isolierten Anfangen nicht 
erkennen. Einen solchen für ein die gesammten asiatischen Reichs- 
provinzen umfassendes Kunststrassennetz hat unseres Wissens zuerst ein 
in der officiellen Presse wiedergegebener Bericht vom 6. Juni 1880 des 
damaligen sog. Ministers der öflfentlichen Arbeiten, Hassan Fehmi 
Effendi, aufgestellt*), allein von den darin in nächste Aussicht ge- 
stellten ca. 2500 Kilometer Chausseen ist in dem seither abgelaufenen 
Lustrum nur ein Theil wirklich gebaut, ein anderer — wenn wir neueren 
Angaben trauen dürfen — sogar im Projekt wieder zurückgestellt 
worden**). Anderseits ist wirklich eine Anzahl von Strassenzügen, von 
denen vor sechs Jahren noch nicht die Rede war, mit mehr oder we- 
niger kunstmässiger Ausführung in Angriff genommen und zum Theil 
nach orientalischen Begriffe fertig gestellt worden, zum Theil im Weiter- 
bau begriflfen und zwar dergestalt, dass wenigstens für die kleinasiati- 
sche Halbinsel mit Einschluss des angrenzenden westlichen Armeniens 
und Kurdistans (weniger für Syrien, in geringstem Maasse für den 
ganzen Südosten), das Festhalten eines vervollständigten einheitlichen 
Planes ersichtlich ist. Die Details desselben ruhen natürlich in den 
Acten des Arbeitsministeriums, aber eine auszugsweise Zusammenstellung, 
wie sie von derselben Behörde auf Grund der H. Kiepert'schen Carte 
de Fempire Ottoman (i : 3 000 000) bewirkt worden war, von der dem 
Verfasser genannter Karte eine Copie durch gütige Vermittelung der 
K. Deutschen Botschaft in Constantinopel zugegangen ist, ermöglicht 
uns in der Übertragung auf eine Karte nur wenig kleineren Mass- 
stabes***) den gegenwärtigen Zustand des Strassenbauwesens in den 
anatolischen Provinzen wenigstens in allgemeiner Übersicht und ohne, 
bei der nur flüchtigen Ausführung des uns vorliegenden Originals, für 
irgend ein Detail eintreten zu können, dem für die langsamen europä- 
isierenden Fortschritte des Orients sich interessirenden Publicum vor 
Augen zu stellen f). 

*) Loehnis, Beiträge zur Kenntniss der Levante, Leipzig igga, S. 77 fr. 
**) Darunter z. B. die Linien Sis-Marasch (in Cilicien), Angora-Kjaukari, 
Samsun-Bafira (längs der Küste des schwarzen Meeres), Erzerum-Rize (an der öst- 
lichen pontischen Gebirgsküste ; diese letzte allerdings durch ein selbst von er- 
fahrenen europäischen Ingenieuren nur mit grösster Schwierigkeit zu bewältigendes 
Hochgebirgsterrain). 

***) No. ^7 aus Kieperts Handatlas, Maassstab i : 4 000 000. 
t) Was kritische Augen darin am meisten befremden wird, ist die echt 
onentalische Zasammenziehung zweier eigentlich nothwendig zu trenn^^dEa YL-öJä- 



2gg Die Strassenanlagen in der Asiatischen Türkei. 

Diesem selbst werden wir das Urtheil über die Zweckmässigkeit 
der verzeichneten Strassen füglich überlassen können,* welche uns we- 
nigstens veranschaulichen, welche Linien es sind, denen die jetzige Ver- 
waltung des osmanischen Reiches die für Erleichterung der Communi- 
cationen relativ grösste Wichtigkeit beilegt. Doch können wir eine sich 
uns aufdrängende Bemerkung nicht unterdrücken: es muss auffallen, 
dass weniger durch Strassenanlagen bevorzugt erscheinen: gerade die 
ergiebigsten, produktenreichsten und relativ stärker bevölkerten Land- 
schaften des westlichen Kleinasiens, welche neben der durch die 
natürliche Configuration sehr erleichterten Gangbarkeit der ungebauten 
Verkehrswege, hauptsächlich der Fürsorge der hier vorzugsweise inter- 
essierten europäischen Handelskräfte überlassen bleiben, — gegenüber 
dem mittleren und östlichen Theile der Halbinsel, welchen die bedeu- 
tenderen neuen Kunststrassen in südöstlicher Richtung auf Syrien und 
den Euphrat hin durchziehen und gegenüber den, wie es scheint ge- 
rade in neuester Zeit im Aufblühen begriffenen und von Constantinopel 
auf dem Wasserwege so leicht erreichbaren zahlreichen Hafenplätzen 
des schwarzen Meeres, die allerdings einer Verbesserung der Verbin- 
dung mit ihrem Hinterlande in Folge der Configuration des gebirgigen 
Küstenlandes am meisten zu bedürfen scheinen. Gänzlich fehlen dagegen 
selbst unter den noch ausstehenden Projekten die noch vor wenigen 
Jahrzehnten frequenten Karawanenverkehr aufweisenden westöstlichen 
Strassenzüge durch die Halbinsel, z. B. in der Richtung Constantinopel — 
Angora — Erzerum oder Smyrna— Kaisarie— Malatia. 

Ganz ausser Betracht lassen können wir an dieser Stelle die ge- 
ringen Anfange eines Eisenbahnnetzes, für welches bereits ein sultani- 
scher Hat vom August 1875 ^^ sehr optimistischer Fassung eine ganz 
Anatolien in der Richtung NW — SO vom Bosporus bis zum persischen 
Meerbusen quer durchziehende Hauptlinie mit einer Reihe von Zweig- 
bahnen in Aussicht gestellt hatte: waren doch dafür Vorarbeiten schon 
mehrere Jahre vorher durch einen ganzen Stab von — allerdings nur zum 
Theile hinreichend befähigten — Technikern unter Oberleitung des be- 
kannten österreichischen Ingenieurs W. Pres sei ausgeführt worden. 
Wirklich gebaut ist von diesen insgesammt über mehr als 6000 km 
ausgedehnten Projekten nur das kaum 100 km lange Anfangsstück von 
Usküdar (der asiatischen Vorstadt Constantinopels) bis Ismid (Niko- 
media), aber in so leichtfertiger Weise, dass namentlich die winterlichen 
Regengüsse jedesmal Theile des Bahndammes wegschwemmen und die 
fortwährenden Reparaturen nebst den Betriebskosten die Gesammtein- 
nahme aus dem wenig entwickelten Verkehr vollständig verschlingen. 
Ein anderes noch viel kürzeres, gleichfalls vom Marmarameere aus- 



gorien : in Bau befindlicher und vorerst nur projektierter Strassenzüge mit ein und 



u 



• derselben Signatur 



f 



A. Ernst: Demarkation der venezuelanisch-brasilianisclien Grenzlinie. IgJ 

gehendes und ebenfalls schon 1875 gebautes Bahnstück (Mudania- 
Brussa, 36 Kilometer), hat eine viel vollständigere Katastrophe erfahren. 
In Folge der Zerstörungen, welche der gleich auf das Baujahr folgende 
ungewöhnlich strenge Winter an der Bahn (die der Volkswitz daher 
als die „eingefrorene*' bezeichnet) anrichtete, haben die Nachfolger in 
der Provinzialverwaltung auf die Wiederherstellung ganz verzichtet und 
die zum Bahnbau zwangsweise gepressten und, in Folge des landes- 
üblichen Übergangs der angewiesenen Baugelder in die Taschen der 
hohen Beamten, unbezahlt gebliebenen Bauern sich wenigstens th eil weise 
durch Wegschleppen der schon gelegten, aber nie befahrenen Schienen 
und selbst der Holzschwellen bezahlt gemacht! — Die einzigen wirk- 
lich leistungsfähigen Eisenbahnen bleiben die, ungeachtet der euphemi- 
stischen Benennung Imperial Ottoman Railway mit englischem Gelde 
und durch englische Unternehmer seit fast drei Jahrzehnten gebauten 
Strecken, welche von Smyrna ausgehend die unteren Thalgebiete, nord- 
wärts des Hermus, südwärts des Maeander, dazwischen, mit ein paar 
erst kürzlich eröffneten Zweiglinien, des Kayster durchziehen, um die 
Bodenerzeugnisse dieser überaus fruchtbaren und grossentheils wohl- 
angebauten Landschaften dem europäischen Exporthandel zuzuführen, 
doch nicht ohne dass einheimische Gewohnheit sich auch noch vielfach 
der gravitätisch neben dem auch langsamen Tempo der Bahnzüge ein- 
herziehenden Kameelkarawanen bediente. Die weitere Fortsetzung der 
schon 1857 bis AWin eröffneten, seit 1881 bis Seraikoi in Betrieb be- 
findlichen Maeanderbahn nach Dineir und vielleicht Isbarta, sowie der 
über Magnesia bis Kassaba 1866 eröffneten und 1874 bis Alaschehr 
fortgeführten Hermus-Bahn bis Uschak im innem phrygischen Hoch- 
lande ist jetzt seitens der englischen Gesellschaft ernstlich in Angriff 
genommen. 



IX. 

Demarkation der venezuelanisch-brasilianischen 

Grenzlinie. 

Von A. Ernst in Caracas. 



Nachdem bereits am 5. Mai 1859 ein Traktat über die Regelung 
der Grenzstreitigkeiten zwischen Venezuela und Brasilien abgeschlossen 
worden war, kam es endlich im Jahre 1879 ^^^ praktischen Ausführung 
der zur Fixierung der Demarkationslinie notwendigen Vermessungen. 
Die seitens Venezuela ernannte Kommission arbeitete indes nur bis 
August 1880 in Verbindung mit der gut ausgewählten und trefflich 
ausgerüsteten brasilianischen Kommission, lediglich nur um die strei- 
tigen Punkte an Ort und Stelle selbst feststellen zu können. Die FoYt- 



168 A. Ernst: 

Setzung der Arbeit in den Gegenden, die nach dem Wortlaute des 
Traktats keine Schwierigkeit bieten, wurde von den Brasilianern allein 
ausgeführt, und hat der Chef der betreffenden Kommission , Herr 
Francisco Xavier Lop es de Araujo, Major im Genie-Corps, in 
dem Relatorio apresentado ä Assemblea geral legislativa 
. . . . pelo Ministro dos Negocios estrangeiros (Rio de Ja- 
neiro, 1884) einen umfangreichen und interessanten Bericht über die 
ganze Vermessung gegeben, der von einer genauen Karte (Scala 
I : I 200 000) begleitet ist (Seite 129 bis 208)*). Obgleich dieses 
Schriftstück eine grosse Menge geographisch wichtiger Angaben ent- 
hält, muss ich mich fürs erste auf eine gedrängte Wiedergabe der 
Mittheilungen beschränken, welche sich direkt auf die Demarkations- 
linie beziehen; allen Geographen und Kartenzeichnern sei indes der 
in Rede stehende Bericht nebst der zugehörigen Karte bestens empfohlen. 

Ausgangspunkt der Grenzlinie war die Hauptquelle desMemachi, 
der nach kurzem Laufe in den Naquieni fliesst, welcher ein wenig 
oberhalb des Fleckens Santa Ana von rechts in den obern Guainia 
mündet. Dieser Punkt liegt in 2° i' 27^,03 Lat. N. und 68° 12' 22 ",65 
W. (Greenwich). 

Von dort aus geht die Grenze auf der höchsten Wasserscheide 
zwischen den Zuflüssen des Guainia im Norden und des Cuyary im 
Süden über den Cerro Caparro (Lat. N. 1° 54' 4",75; Long. W. 
67° 58' 9") bis zu einem hölzernen Grenzmal, welches auf dem Wege 
errichtet wurde, der von dem Oberlauf des Tomo (rechter Zufluss des 
Guainia) nach dem Tapery (Nebenfluss des Xi^) führt (Lat. N. 2 ° i ' 
26'', 65; Long. W. 67° 34' 38", 58). 

Unweit dieses Punktes macht die Grenzlinie einen fast rechten 
Winkel und verläuft in südöstlicher Richtung etwa 10 Leguas weit bis 
zur Quelle des Macacuny, eines kleinen Zuflusses des Guiania oder 
Rio Negro; der dort errichtete Pfosten steht in Lat. N. 1° 12' 30" 
und Long. W. 67° o' o". Nach einem fast genau west-östlichen Ver- 
lauf von etwas mehr als 4 Leguas (20 auf einen Grad) trifft die Grenze 
dann das rechte Ufer des Rio Negro, gegenüber der kleinen Insel San 
Josd, nahe der am linken Ufer gelegenen Piedra de Cucuy. Von dem 
dort aufgestellten Signal (Lat. N. 1° 13' 5i",76; Long. W. 66^47' ii";5i) 
geht die Grenze in gerader Linie und südöstlicher Richtung isJ^ Leguas 
weit bis zum Katarakt Hüa im Kanal Maturacä, der als natürlicher 
Fixpunkt angenommen wurde (Lat. N. 0° 45' 3^,37; Long. W. 66° 
II ' 43^,50). Dieser Kanal verbindet den Cavaburi, einen Brasilien ange- 
hörenden linken Zufluss des Rio Negro, mit dem Baria, der in seinem 
Mittel- und Unterlaufe Pacimoni heisst und in den Cassiquiare mündet. 



*) Ich muss indes auf den Irrtum aufmerksam machen, dass die auf der Karte 
angegebene Meilenscala in ihren beigeschriebenen Zahlwerten doppelt zu gross ist. 



Demarkation der venezuelanisch-brasilianischen Grenzlinie. Ig9 

Von dem genannten Wasserfalle läuft die Grenze 3 Leguas weit 
bis zum Cerro Cupy (Lat. N. 0° 48' 10 ",26; Long. W. 66° i' 36",75), 
mit welchem die grosse divortia aquarum der Sierra Parime be- 
ginnt, die das Stromgebiet des Amazonas von dem des Orinoco trennt. 
Der Cerro Cupy liegt am linken Ufer des obern Baria; die Bergkette 
erstreckt sich ungefähr 12 Leguas weit in west-östlicher Richtung bis 
zum Anfange der Sierra Imery, die 7 Leguas lang ist und nach NNO. 
verläuft. Von dieser Kette geht die Grenze, immer dem Hauptkamme 
folgend, auf die Sierra Tapiirapecö über, die etwas über 10 Leguas 
lang ist und im Allgemeinen eine nordöstliche Richtung hat. Auf der- 
selben wurde die Lage des Curumicoera-urugacanga, eines 
grossen, weithin sichtbaren Felsens, astronomisch bestimmt (Lat. N. 1° 
12' 47 ",5; Long. W. 65° i' 56"). Die Sierra Tapiirapecö geht bis 
zu dem Passe, welcher auf der brasilianischen Seite von der Quelle 
des Marary (Nebenfluss des Padaviry) nach dem Oberlaufe des Castafio 
(Zufluss des Siapa) auf venezuelanischem Gebiete führt. Als Fixpunkt 
wurde der Cerro Piradaby angenommen (Lat. N. 1° 14' 36"; Long. 
W. 64° 48' 20"). An diesem Berge liegt die Quelle des Sumahuma, 
eines Gebirgsbaches, der sich in einen etwas grösseren, später dem 
Marary zufliessenden, Madona genannten Fluss ergiesst, während auf 
venezuelanischer Seite der Tarihyra dort seinen Ursprung hat, welcher 
in den Cunucunü, einen Zufluss des Castaiio, mündet. 

Die Grenze geht dann auf die Sierra Curupira über, auf welcher 
in fast unmittelbarer Nähe des letztgenannten Punktes die Lage des 
gleichnamigen Berges bestimmt wurde (Lat. N. 1° 13' 18"; Long. W. 
64^47' 12 ",50). Diese Kette ist 22 bis 23 Leguas lang und verläuft 
nach Nordost, endet jedoch in ungefähr 2° nördl. Breite, worauf die 
noch gänzlich unbekannte Sierra Parime folgt, welche die Zuflüsse des 
Orinoco von denen des Rio Branco scheidet. Diese Strecke von mehr 
als zwei und einem halben Breitengrade konnte nicht exploriert werden, 
und wird voraussichtlich noch lange Zeit eine terra incognita bleiben, 
da ausser den Schwierigkeiten des Terrains die Wildheit der dort herum- 
schweifenden Indianer, unter denen die Guaharibos und Uaicas — die 
Guaicas Humboldts -- die zahlreichsten sind, anscheinend unüberwind- 
liche Hindernisse bietet. 

Im Norden geht die Grenzlinie bis zum Cerro Mashiary (auch 
Mashiaty geschrieben), dessen geographische Lage in Lat. N. 4^31' 
und Long. W. 64° 47' angegeben wird. Dieser Punkt wurde jedoch 
von der Kommission nicht erreicht, da die lange Fahrt auf dem an 
Stromschnellen überaus reichen Uraricoera schon etwas oberhalb der 
Mündung des Uraricoparä nicht fortgesetzt werden konnte. 

Vom Mashiary wendet sich die Grenzlinie unter einem scharfen 
Winkel nach Süden, indem sie zunächst der Sierra Mereuary entlang 
geht und in 64° 18' westlicher Länge den vierten Breitengrad ertevc\xt. 




170 A. Ernst: 

Nachdem der Haiiptkamm der Kette denselben überschritten hat, läuft 
er unter dem Namen Sierra Ariana in einer Entfernung von etwas 
mehr als zwei Leguas südlich des genannten Parallels nach Osten und 
bildet zwischen 63° 8' und 62° 53' westl. Länge einen nach Norden 
offenen halbkreisförmigen Wall, der den Namen Sierra Urutany 
führt. Im Norden derselben wohnen Uaicas- Indianer, im Süden die 
Aoaquis, letztere im Quellgebiet des Uraricaparä. Diese Gegend wurde 
erreicht und die Lage des in der Osthälfte der genannten Sierra ge- 
legenen Berges Piashavi astronomisch bestimmt (Lat. N. 3° 52 ' 24^,3 ; 
Long. W. 62° 52' 27 ",o). Etwas nördlich von diesem Punkte wendet 
sich der die Grenze bildende Gebirgszug fast genau in 4° Nordbreite 
direkt nach Osten; an seinem Nordrande leben die Maucüs. Der Kamm 
behält diese Richtung bis zur Quelle des Majary, eines Zuflusses des 
Uraricoera (ungefähr 61° 38' westl. Länge), worauf er sich nach Nord- 
osten wendet, um nach einigen kurzen Windungen in 4° 30' Lat. N. 
wieder eine östliche Richtung anzunehmen. Diesem nordöstlichen Teil 
der Sierra entströmt nach Südosten der Surumü, ein rechter Zufluss 
des Cotinga, und nach Venezuela hin der Caronf. Unweit des Cerro 
Sabany (Lat. N. 4° 34'; Long. W. 60° 38') wendet sich die Grenzlinie 
nach Norden, und erreicht nach einem Laufe von 15 Leguas ihren 
nördlichsten Punkt in der Nähe des erst unlängst zum erstenmale 
erstiegenen Roraima, der aber ganz sicherlich zu Venezuela gehört. 
Die Lage des betreffenden Grenzmals ist Lat. N. 5^9' 50", Long. W. 
60° 51 ' 20". Dies ist zugleich der nördlichste Punkt des brasilianischen 
Kaiserreichs. 

Südlich an dieser Gebirgsgruppe entspringt der Cotinga, dessen 
Oberlauf ein langsam sich nach Süden öffnendes Thal bildet, welches 
an seiner breitesten Stelle etwa 8 Leguas misst und an der Nordgrenze 
Brasiliens wie ein vorgeschobenes, mit der Spitze etwas nach Westen 
gekrümmtes Hörn sich ausnimmt. 

Von der Gruppe des Roraima wendet sich demnach die Grenze 
in einem 24 Leguas langen Bogen nach Süden und erreicht in 60° 16' 
westl. Länge die Breite von 4° 15', in welcher sie mit einigen Krüm- 
mungen bis etwa 59^48' westl. Länge weiter geht, um dann einen 
grossen, nach Süden offenen, hufeisenförmigen Bogen zu bilden, welcher 
das Quellgebiet und den Oberlauf des Mahü einschliesst, der nach 
einem Laufe von circa 20 Leguas in den Tacutü mündet; der letztere 
und der oben erwähnte Uraricoera vereinigen sich fast unter 3° N. 
Breite in der Nähe der Festung San Joaqim und bilden den Rio 
Branco. Zehn Meilen südöstlich von dem Ostschenkel des eben ge- 
nannten Bogens endet die venezuelanisch -brasilianische Grenze im 
Cerro Anay, Lat. N. 3° 56', Long. W. 59° i' 45". Ihre ganze Länge 
beträgt nach meinen Ausmessungen auf der Karte der brasilianischen 
Kommission nicht weniger als 362 Leguas, nämlich 



Demarkation der venezuelanisch-brasilianischen Grenzlinie. 



171 



1. von der Quelle des Memachi bis an das 
rechte Ufer des Rio Negro . . . 

2. von da bis zum Wasserfalle Hüa 

3. von da bis zum Cerro Piradaby . . 

4. vom Piradaby bis zum Mashiary . . 

5. vom Mashiary bis zum Piashavy . . 

6. vom Piashavy bis zum Roraima . . 

7. von da bis zum Cerro Anay . . . 



41 Leguas, 

IS 
34 
84 

52 
70 

66 



;; 



tf 



}> 



}} 



n 



Total 362 Leguas. 
Die brasilianische Grenz-Kommission hat ausser ihrem speziellen 
Zwecke der Geographie im allgemeinen nicht unerhebliche Dienste ge- 
leistet, unter denen ich nur die genaue topographische Aufnahme des 
Padaviry, Uraricaparä, Cotinga, Mahü, sowie eines Teiles des Urari- 
coera erwähnen will. Eine beträchtliche Anzahl Irrtümer, namentlich 
auf den Karten von Codazzi, sind berichtigt worden, und die Karto- 
graphie Süd-Amerika's hat eine ansehnliche Zahl astronomisch genau 
bestimmter Fixpunkte gewonnen, von denen ich noch die nachfolgenden 
aufführen will, die ausserhalb der Demarkationslinie liegen. 



Orte. 



Breite. 



Länge 
W. Greenw. 



Orte. 



Breite. 



Länge 
W. Greenw. 



Mandos . . 
Carvoeiro . 
Thomar . . 
Xibarü . , 
Uajanary . 
Castanheiro 
San Jos6 . 
Camanäu . 
S. Gabriel 
Marabitanas 
Cncuy. , . 
Piedra de Cucuy 
Macacuny 

(Miindung) 
Macacuny 

(QueUe) 
S. Carlos 

(Venezuela) 

Maroa (id.) 

Tigre (id.) 

Cavabury (linkes 

Ufer gegenüber 

der Mündung 

des Id) .... 



3 8 4,00 S. 
I 24 0,00 „ 
02258,97,, 
o 22 26,60 „ 
02940,30,, 

01658,35» 
021 1,60 „ 

o 921,38,, 
o 8 12,62 „ 

55 54,o7N. 

1 13 3»oi » 
I 14 34,02 „ 

I 17 10,02,, 

1 12 20,00 „ 

155 ^,09» 

2 43 16,03 „ 

2 28 47»07 »» 



59 59 
6156 

6355 
64 4 

6446 

6534 
66 II 

66 52 

67 o 
6643 
6646 
6644 



0,00 
56,10 
55»8o 
25,20 

35»^5 

9»3o 
36,60 

36,30 
34,80 

46,95 
59» 10 

44,59 



66 48 55,^0 
66 59 40,00 

665839*15 
672828,35 
68 9 14,85 



01324,09,, 



661752,50! 



Cerro Guay 
(Venezuela) 

Pass vom Marary 
nach dem Ca- 
stano 

Marary (Mund.) 

Uayanary 
(Stromschnelle 
im Padaviry) . 

Alamai (id.) 

Ucuquay(amPa- 
daviry) 

Vista Alegre 
(Rio Branco) 

S. Joaquim. . 

Uraicaparä 

(Mündung) 

Surumü (id.) 

Mahü (id.) 

Unamard (Fürth) 

Carona 
(Stromschnelle) 

Ukiripä 

(Mündung) 



o r H 



I 17 43,ooN. 



1 1147,08,, 
05217,04,, 



o 41 27,02 „ 

03443*03,, 

013 1,01 „ 

144 5,00,, 

3 i45>07„ 

3 1958*31» 
3 21 46,05 „ 

3 33 54,00,, 

3 53 47*01 „ 

4 9 4,oa„ 
4 22 25,03 „ 



O f K 



6451 56,04 



64 46 34,02 
64 23 6,60 



64 10 37,02 
64 I 26,01 

63 55 36,02 

60 39 2,07 

60 24 37,05 

61 49 47,04 
60 1 5 29,00 
59 47 50,00 
59 33 I502 

59 35 30,03 
593530,4s 



172 Emil Jung: 

Die Längen sind im portugiesischen Originale auf das Observa- 
torium in Rio de Janeiro bezogen, dessen Länge auf 43 ° 8 ' W. Greenw. 
angegeben wird. 

Die Tabelle auf Seite 206 der gegenwärtigen Mitteilungen zu Grunde 
liegenden offiziellen Publikation enthält ausserdem noch Angaben über 
die magnetische Deklination in einigen der vorgenannten Punkte : 



Xibarü 


5° 


21' 


NO 


(1882). 


S. Gabriel 


13 


52 




(1879). 


Marabitanes 


5 


52 




(id.). 


Cucuy 


s 


19 




(id.). 


ligre 


5 


29 




(1880). 


S. Joaquim 


2 


58 




(1882). 



l 



X. 

Der Census von Indien vom Jahre 1881. 

Von Emil Jung. 



Vor nunmehr nahezu vier Jahren (am 30. Juni 1882) schlössen Behm 
und Wagner ihr letztes (7.) Heft über die Bevölkerung der Erde ab. 
Seitdem haben wohl viele gleich mir mit Sehnsucht auf ein neues Heft 
gewartet, welches die vielfachen Veränderungen, die sich innerhalb des 
verflossenen Zeitraumes in Bezug auf Abgrenzung und Bevölkerung 
zahlreicher Gebiete vollzogen haben, uns kritisch gesichtet bringen 
sollte. Denn wir hatten uns daran gewöhnt, diese nirgendwo erreichten 
Publikationen in regelmässigen Zwischenräumen erscheinen zu sehen. 
Unzweifelhaft ist durch die Lücke, welche der Tod des hochverdienten 
Behm gerissen hat, dem schon mit anderen Arbeiten überhäuften 
Wagner es unmöglich gewesen, auch diese ausserordentlich mühsame 
und zeitraubende Arbeit zu bewältigen. Wenn ich daher in dem Fol- 
genden einen Überblick der Resultate des 17. Februar 1881 in ganz 
Britisch-Indien mit seinen Tributärstaaten gebe, so glaube ich damit den 
Wunsch vieler Geographen zu erfüllen, ohne Wagner vorzugreifen, 
dessen hoffentlich recht bald erscheinender Bericht in gewohnter kri- 
tischer Weise ohne Zweifel auch die von mir nach den Census Reports 
gebrachten Arealzahlen beleuchten wird. Denn bisher haben die Zahlen 
der offiziellen indischen Angaben mit den Berechnungen von Behm und 
Wagner häufig nicht übereingestimmt. Es scheint aber, als ob seitdem 
in sehr vielen Fällen eine Revision resp. Korrektur der früheren Zahlen 
im indischen Vermessungsamt stattgefunden habe. Bei der Verän- 
derung, welche eine grosse Anzahl von Distrikten durch Abtrennung 
resp. Zutheilung von Gebiet erfuhren, ist dies allerdings schwer zu be- 
urteilen. 



Der Census von Indien vom Jahre 1881. 173 

Es liegt mir gegenwärtig eine ganze Reihe stattlicher Foliobände 
vor, im ganzen 34, enthaltend eine Zusammenfassung der Censusresul- 
tate für Britisch-Indien nebst den Spezialresultaten für jede einzelne 
politische Abteilung, von denen einige mehrere Bände beanspruchen. 
Ich habe ferner benutzen können Balfour's Cyclopaedia of British India 
sowie Hunter's Imperial Gazetteer, die Statistical Abstracts relating to 
British India, endlich den Report on the moral and material Progress and 
Condition of India, welcher letzte, nachdem er vor zehn Jahren zum 
ersten Male in Gl. Markham's Bearbeitung in so allseitig erschöpfender 
Weise erschien, jetzt wiederum von J. S. Gotton unter der Direktion 
des India Office mit dem Unterstaatssekretär Godlee als Ghef herausge- 
geben, alle Zweige der indischen Verwaltung und Produktion bis auf 
die jüngste Zeit eingehend behandelt und als ein höchst wertvolles 
geographisch-statistisches Werk über das britische Kaiserreich anzu- 
sehen ist. 

Verzeichnis der benutzten amtlichen Publikationen. 

The Indian Empire. Gensus of 188 1. Statistics of population. Galcutta 
1883, vol. n. 

Report on the Gensus of British India taken on the 17'^ Febr. 1881, 
London 1883, vol. I u. III. 

Report on the Gensus of Bengal 1881 by J. A. Bourdillon, Inspector- 
General of Registration, Bengal. Galcutta 1883 vol. I — III. 

Report on the Gensus of British Burma, taken on the ij^^ February 
1881, accomparied by a map. Rahgoon 1881. 

Report on the Census of the North West Provinces and Oudh and of 
the Native States of Rampur and Native Garhwal, mit einem Sup- 
plementband, by Edmund White, Bengal Civil Service. Allahabad 
1882. 

Report on the Census of Berar 1881 by Eustace J. Kitts, B. G. S., 
Deputy Superintendent of Gensus Operations. Bombay 1882. 

Imperial Gensus of 1881. Operations and Results in the Presidency 
of Madras by Lewis Mc. Iver, Barrister at Law, Madras Civil Ser- 
vice. Madras 1883 vol. I — V. 

Report on the Mysore Gensus of 1881 by Lewis Rice, Secretary to the 
Government of Mysore. Bangalore 1884. 

Report on the Coorg General Census of 1881 by Major H. M. S. Ma- 
grath, First Assistant Superintendent of Coorg. Bangalore 1881. 

Report on the Census of the province of Ajmere-Merwara, taken on 
the 17*^* February 1881 by Pandit Bhagram, Judicial Assistant 
Commissioner. Ajmere 1882. 

Census of the Central Provinces 1881 by F. Drysdale, Esq., Deputy 
Superintendent of Census, Central Provinces. Bombay 1883, vol. I — IL 

Report on the Census of the Panjab, taken on the i^^^ of Febt\ia.t^j 



174 Emil Jung: 

1881, by Denzil Charles Jelf Ibbetson of H. M. Imperial Ben- 

gal Civil Service. Labore 1883, vol. I— III. 
Imperial Census of 1881. Operations and Results in the Presidency of 

Bombay including Sind by J. A. Baines, F. S. S., of the Bombay 

Civil Service. Bombay 1882, vol. I— IL 
Report on the Census of Assam for 1881. Calcutta 1883. 
Report on the Census of the Baroda Territories 1881 by Gajanan 

Krishna Bhatavadekar, B. A., L. L. B., Census Superintendent, 

Baroda. Bombay 1883 (published by the order of His Highness the 

Maharajah Gaekwar). 
Report on the Census of the Town and Suburbs of Calcutta, taken on 

the lyti» February 1881 by H. Beverley, Special Census Officer, 

Calcutta and Suburbs. Calcutta 1881. 
Census of the City and Island of Bombay, taken on the 17^^ of Fe- 
bruary 1881 by T. S. Weir, Surgeon-Major, Health Officer, Acting 

Municipal Commissioner. Bombay 1883. 
Statistics of the Population enumerated in the Andamans 1 7 'i^ February 

1887. Calcutta 1883. 
Statistics of the British-Bom Subjects recorded at the census of India 

1 7 ti» February 1881. Calcutta 1883. 
Note on the Census Operations in Central India etc. 1882. 
Census of the Native States of Rajputana 1881. Bombay 1882. 
Statement exhibiting the moral and material progress and condition of 

India during the years 1882 — S^, London 1885, vol. 1 — 2, mit 

vielen Karten. 
Statistical Abstract relating to British India from 1874—75 to 1883—84. 
London 1885. 



Die Ausführung des Census. 

Volkszählungen wurden in Indien bereits in früherer Zeit unter der 
Herrschaft der einheimischen Fürsten angestellt. Man nannte sie Khana- 
Schumari d. i. Häuserzählung, weil es behufs Feststellung der zu ent- 
richtenden Abgaben, der Stellung von Kriegern u. a. auf die Anzahl 
der Haushaltungen hauptsächlich ankam. Sie waren daher wenig be- 
liebt und die Resultate aus diesem Grunde auch wenig zuverlässig. 

Die britisch-indische Regierung hat Volkszählungen erst spät an- 
stellen lassen; sie bezogen sich auch jeweilig immer nur auf einzelne 
Theile des Kaiserreichs. Und ausser einer Ermittelung der wirklichen 
Volkszahl wurde durchaus nichts anderes angestrebt. Niemals veran- 
staltete man diese Aufnahmen zu gleicher Zeit oder nach übereinstim- 
menden Grundsätzen. Vor 1881 haben Volkszählungen zuletzt stattge- 
funden: im Panjab 1868, in Audh 1869, in Madras und Mysore 
JB71, in Bengalen, den Nordwestprovinzen und Bombay 1872, in Tra- 



Der Census von Indien vom Jahre 1881. 175 

vancore und Cochin 1875, in der Stadt Calcutta sowie in Ajmere und 
Merwara 1876. Ganz unberücksichtigt geblieben waren nur die Tri- 
butärstaaten des Panjab, in Rajputana und Centralindien nebst des 
Nizam's Dominions. 

Am 15. Februar 1881 sollte aber ein Census in allen Teilen des 
britisch-indischen Kaiserreichs veranstaltet werden, welcher neben der 
Zahl der Bevölkerung noch eine ganze Reihe andrer menschlicher Ver- 
hältnisse ermitteln sollte. Begegnete schon die einfache Nachfrage 
nach dem numerischen Bestände der Familien und Gemeinden grossem 
Misstrauen bei der einheimischen Bevölkerung, so wuchs der Wider- 
wille, die gestellten Fragen zu beantworten, noch höher, als sich die- 
selben über ein noch weiteres Gebiet verbreiteten. Den allermeisten 
blieb der Grund zu so eingehenden Nachforschungen in das Privatleben 
des Einzelnen völlig unverständlich; man witterte dahinter kommendes 
Ungemach in Gestalt höherer Steuern, Aushebung zum Kriegsdienst 
(England machte damals gerade einen Feldzug in Afghanistan), und so 
gross war die Beunruhigung der Sonthal in Bengalen, dass man sich 
genötigt sah, während der Censusoperation Truppen durch das Gebiet 
marschieren zu lassen. Auch die auf gleich niedriger Civilisationsstufe 
stehenden Bhil in Rajputana zeigten einen entschiedenen Widerwillen 
gegen die Operation, sodass in beiden Gegenden man es nur zu einer 
allerdings ziemlich genauen Schätzung, nicht aber zu einer wirklichen 
Zählung bringen konnte. 

Allerdings waren die angestellten Censusbeamten ihrer Instruktion 
gemäss eifrig bemüht, das namentlich unter den niederen Klassen des 
Volkes erregte Misstrauen zu zerstreuen. Den meisten musste der Zweck 
einer Censusaufnahme unverständlich bleiben, der sich neben der Be- 
völkerungsziffer auch mit einer Statistik der Religionsbekenntnisse, der 
Geschlechter (letzteres eine den Mohammedanern besonders unange- 
nehme Massregel), des Civilstandes der Bevölkerung, der Altersklassen, 
der Sterblichkeit und Lebensdauer, der Sprachen Verhältnisse, des Geburts- 
landes, der Volksbildung, der Irren, Taubstummen, Blinden und Aus- 
sätzigen, der städtischen und ländlichen Bevölkerung, der Kasten, der 
Beschäftigungen und endlich der Bewegung der Bevölkerung befassen 
sollte. Erwägt man die grosse Ausdehnung des Reichs, den zum Teil 
noch völlig unbetretenen Charakter mancher Gegenden, die Abneigung 
der in Betracht kommenden Menschenmassen gegen die Massregel, 
endlich das ungeschulte Material, mit welchem man zu operieren hatte, 
so wird man sich eine ungefähre Vorstellung der Schwierigkeiten 
machen können, deren Überwindung dem indischen Censusdepartement 
zugemutet wurde. 

Unter solchen Umständen war es in hohem Grade erfreulich, dass 
sämtliche einheimische Fürsten ihre Bereitwilligkeit zur Mitwirkung er- 
klärten und entweder den Regierungsbeamten bei der Ausübung ihres 



176 Emil Jung: 

Amtes kräftige Unterstützung zu teil werden Hessen oder die Aufnahme 
des Census nach vereinbarten Formen in ihre eigene Hand nahmen*). 
Seitens der Regierung wusste man diese Herrscher durch mancherlei 
Auszeichnungen zu gewinnen. So wurden von den für den Maharajah 
von Manipur, seine Diener und die Vornehmen des Landes bestimmten 
Censusformularen 30 mit Gold, ^^ mit Silber und hundert mit rother 
Farbe gedruckt. Das beseitigte jedes dort in den höheren Kreisen 
etwa herrschende Vorurteil gegen eine Zählung. 

Aus den vorhergegangenen Censusaufnahmen vermochte man 
manche Lehre zu ziehen. Man hatte gefunden, dass früher nicht allein 
ganze Familien, sogar ganze Dörfer bei der Zählung vergessen worden 
waren. Man hat in Indien andere Massnahmen zu treffen als in den 
civilisierten Staaten Europa's, wo man den Einwohnern die Ausfüllung 
gewisser Formen meist völlig überlassen darf. Es ist daher bei früheren 
Gelegenheiten schon die Praxis befolgt worden, einige Wochen vor 
dem bestimmten Zähltage Verzeichnisse der Einwohnerzahl von Dörfern, 
Flecken und Städten anzufertigen und diese dann an jenem Tage zu 
kontrollieren resp. abzuändern. Bei dem letzten Census war für die 
erste Operation die Zeit von Dezember 1880 bis zum 17. Februar 1881 
bestimmt, in den schwierigen Berg- und Walddistrikten begann man 
schon früher, alle Vorbereitungen mussten indes am 17. Februar abge- 
schlossen sein. 

Ein ganzes Heer von Zählern musste in Thätigkeit gesetzt werden ; 
allein in der Lieutenant-Governorship Bengalen, die freilich den grössten 
Teil der Gesamtbevölkerung des britisch-indischen Kaiserreichs bean- 
sprucht, waren 1395 bezahlte und 205 002 unbezahlte Zähler und Kon- 
trolleure nötig. Und die Arbeit dieser Leute war keine leichte. Dennoch 
konnten die Hauptresultate bereits im August 1881 veröffentlicht werden 
und die gesamten Censusberichte befanden sich am Ende des Jahres 
in den Händen des Chief Commissioners zu Caicutta. Einige dieser 
Berichte, welche, wie die für Bengal, Panjab, Madras, Bombay, mehrere 
grosse Foliobände des grössten Formats umfassen, enthalten neben 
dem eigentlichen Censusmaterial höchst wertvolle Abhandlungen anthro- 
pologischen und ethnographischen Charakters über die wilden Volks- 
stämme in den betreffenden Distrikten, welche wohl verdienen, aus 
ihrer jetzigen Abgeschlossenheit weiteren Kreisen übergeben zu werden 

Bewerkstelligt wurden diese Erhebungen, welche sich über mehr 
als 252 Millionen Menschen ertrecken, mit einem verhältnismässig sehr 
geringen Aufwand von Geldmitteln. Allerdings bestritten die Tributär- 
staaten in der Präsidentschaft Bombay, die einheimischen Staaten in 
Centralindien und Rajputana sowie die von Baroda, Cochin, Hyderabad, 

*) Allein die Gebiete des Maharajah von Kaschmir und des Rajah von 
Sikkim sind dem Census nicht unterworfen worden; der Grund far diese Unter- 
■• lassung ist nicht angegeben. 



Der Census von Indien vom Jahre 1881. 177 

Mysore und Travancore die Ausgaben aus eigenen Mitteln, aber das 
war doch nur ein sehr kleiner Teil des bearbeiteten Gebietes. Die 
Regierung verausgabte aber für Aufnahme der Statistik und Redu- 
cierung der gewonnenen Daten in Tabellenform nebst Druckkosten nur 
die Summe von 2 485 517 Rupien, gewiss eine sehr bescheidene Ausgabe 
für eine Arbeit, welche es mit 208 202 050 Individuen zu thun hatte. 

Als am 21. August 1881 der Chief Coromissioner des Census in 
Indien, W. C. Plowden, die Resultate der nur sechs Monate vorher 
(17. Februar) erfolgten Zählung veröffentlichte, rühmte er sich mit Recht, 
dass dies die grösste Zählung gewesen sei, welche je in einem Lande 
unternommen wurde, denn es seien 252 Millionen Seelen an einem und 
demselben Tage gezählt worden. Es ging aber zugleich aus den die 
Tabellen begleitenden Anmerkungen hervor, dass die Bevölkerung einer 
Anzahl von Distrikten in den Tabellen nicht enthalten war, und dass 
die einer weiteren Anzahl von Distrikten nur approximativ hatte gegeben 
werden können. Dieser letztere Mangel hat auch zum grossen Teil 
bleiben müssen, da, wie ich schon ausgeführt habe, in mehreren Ge- 
genden eine wirkliche Zählung aus inneren wie aus äusseren Gründen 
sich verbot. Behm und Wagner hatten, als sie in ihrer Bevölkerung 
der Erde (VII Seite 35) die vorläufigen Censusresultate brachten, sogleich 
darauf aufmerksam gemacht, dass nicht nur die Bevölkerung einer An- 
zahl von Distrikten in den britischen Verwaltungsbezirken fehle, sondern 
auch die von drei Lehnsstaaten in Madras und die von Manipur, und 
glaubten sich somit berechtigt, anzunehmen, dass spätere Publikationen 
den Verbleib von einer Million Seelen nachweisen würden. In der 
That ist diese Voraussetzung durch die endgültigen Resultate noch 
übertroffen worden*). Behm und Wagner gelangten nach den ihnen ge- 
gebenen Daten zu einer Gesamtsumme von 252 541 210 Seelen; wir 
vermögen jetzt die dem Census unterworfene Bevölkerung Britisch -In- 
diens auf 254 199 830 Seelen, und nehmen wir die einheimische Bevöl- 
kerung der Andamanen und Nikobaren (nach Wysotzki zusammen 11 100), 
sowie die bei der Zählung unberücksichtigt gebliebenen Kaschmir (1873: 
I 534 972 Seelen) und Sikkim (5000 Seelen) hinzu, die Gesamtbevölkerung 
Indiens auf 255 715 930 Seelen anzugeben. 



*) Die von Behm und Wagner a. a. O. vermissten Staaten hatten nach den 
die einzelnen Verwaltungsbezirke betreffenden Reports 1881 folgende Einwohner- 
zahlen: Naga Hills in Assam (geschätzt) 94380, Lahul und Spiti, beide im Tahsil 
Kulu des Distrikts Kangra im Panjab 5860 resp. 2862, der Hazara-Distrikt der- 
selben Provinz 407 075, Pudukota-Territorium 392 127, Banaganapally oder Banga- 
napalle 27921, Sundur 10530 und Manipur 221070 Einwohner, während die 
Schätzung von 50 000 Einw. für Sikkim stehen bleibt und die Polgah-Distrikte bei 
Hyderabad ihre Rechnung finden. Ein Vergleich meiner Tabelle mit der seiner- 
zeit von Behm und Wagner gegebenen lehrt, dass die damals publizierten vor- 
läufigen Ergebnisse mehrfach eine Abänderung erfahren haben. 



178 Emil Jung: 

In seinen allgemeinen Übersichten hat Mr. Plowden die Bevöl- 
kerung der Andamanen, d. h. der Niederlassung zu Port Blair sowie 
die von Aden und Manipur als „ausserhalb des eigentlichen Indiens 
liegend" nicht berücksichtigt, obschon man diese Ausschliessung doch 
für Manipur ebensowenig wird gelten lassen können als etwa für Assam 
und Britisch-Birma, die gleichfalls ausserhalb der geographischen Grenzen 
von Vorderindien liegen. Es konnten seine Berechnungen in Bezug 
auf Religionen, das Verhältnis der Geschlechter, Kasten, Sprachen 
u. a. m. sich demnach nur auf 253 891 821 Menschen beziehen, was 
indessen bei der Geringfügigkeit des ausgeschlossenen Menschenma- 
terials (nur 270558 Seelen*) ihrem inneren Werte, der doch der Na- 
tur der Umstände nach nur ein, wenn auch sehr nahe, annähernder 
sein kann, keinen besonderen Abbruch zu thun vermag. 

Die Bewegung der Bevölkerung. 

Zu einer richtigen Beurteilung dieses Momentes fehlen uns die 
notwendigen vollkommen verlässlichen Daten. Nicht als ob die mit der 
Erhebung des- Census betrauten Beamten, als ob insbesondere der 
Direktor des Statistischen Departements, Mr. Plowden, unterlassen 
hätten, sich mit dieser Frage zu beschäftigen. Allein die anerkannte 
Ungenauigkeit der unmittelbar vorhergehenden Censusaufnahmen lassen 
einen unanfechtbaren Schluss auf die Bewegung der Bevölkerung 
Indiens nicht zu. 

Wie schon bemerkt, ist der Census von 1881 die erste in ganz Indien 
gleichzeitig gemachte Erhebung. Eine Volkszählung hatte 14 Jahre vorher 
in Berar und Ajmere, 13 Jahre früher im britischen Teil des Punjab, 
12 Jahre früher in Oudh, 10 Jahre früher in Coorg, Madras, Mysore, 
9 Jahre früher in den Centralprovinzen, Burma, Assam, den Nordwest- 
provinzen, Bengalen, Baroda und Bombay und 6 Jahre früher in Tra- 
vancore und Cochin stattgefunden. Allein diese Zählungen Hessen hin- 
sichtlich der Genauigkeit viel zu wünschen übrig. Nicht allein die 
Mohammedaner, auch die Bekenner anderer Religionen zeigten einen 
sehr starken Widerwillen gegen die Operation des Census, und so 
konnten die Resultate nicht anders als ungenügend ausfallen. Ein Ein- 
blick in die Resultate selber und ein Vergleich der für die einzelnen Pro- 
vinzen gefundenen mit einander beweist dies deutlich genug. 




*) Der Report on the Census of British India S. 468 giebt für Aden 34 860, 
für die Andamanen 14 628 und für Manipur 147 687 Seelen, also als nicht berück- 
sichtigt 197 175 Seelen an. Der Report on the Census of Assam S. 146 dagegen 
berechnet die Bevölkerung von Manipur auf azi 070 Seelen, das Resultat einer 
genaueren Aufnahme, besonders der Bergstämme. Dieser Report war, als Mr. 
lowden seinen Generalbericht veröffentlichte, noch nicht vollständig erschienen, 
musste sich daher mit vorläufigen Resultaten begnügen. 



Der Census von Indien vom Jahre 1881. 



179 



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180 Emil Jung: 

Da in den Tributärstaaten des Punjab, in Centralindia, in Hyde- 
rabad und in Rajputana eine Censusaufnahme vor 1881 nicht veran- 
staltet worden war, so müssen diese Gebiete ausfallen bei einer ver- 
gleichenden Darstellung, welche die Resultate des jüngsten Census und 
die des unmittelbar vorhergegangenen neben einander stellt. Es 
handelt sich dabei um den Wegfall von über 30 Millionen Menschen. 
Dennoch ist die vorstehende dem Hauptcensuswerke entnommene Ta- 
belle nicht ohne Interesse. 

Nach den Berechnungen des Censusdepartements beträgt die nor- 
male Zunahme der Bevölkerung in Bengalen, Madras und Bombay 
0,8 Prozent, im Punjab 0,6 Prozent und in den Nordwestprovinzen 
0,32 Prozent jährlich. Danach müsste Bengalen bei dem vorhergehen- 
den Census seine Bevölkerung um 2 169 565 Personen und die Nord- 
westprovinzen die ihrige um eine Million zu wenig gezählt haben. Da- 
gegen wird man annehmen dürfen, dass in anderen Gebieten auch die 
früheren Resultate der Wahrheit ziemlich nahe gekommen sind. 

So wie die Censusresultate vor uns liegen, hat eine Bevölkerung 
von 206 499 611 Seelen in einem durchschnittlich genommenen Zeitraum 
von 9 Jahren sich um 14 154 634 Seelen vermehrt, also um 6,85 Prozent. 
In den einzelnen Provinzen ist dies aber in sehr verschiedener Weise 
geschehen; während sich für die Tributärstaaten in den Centralprovinzen 
in 9 Jahren eine Zunahme um 62,88 Prozent herausstellt, ist in dem 
britischen Territorium der Präsidentschaft Bombay in demselben Zeit- 
raum die Bevölkerung nur um 1,03 Prozent angewachsen. Ja, in Mysore 
hat in 10 Jahren sogar eine Abnahme der Bevölkerung um 17,19 Pro- 
zent, in Madras um 1,35 und in Cochin (in 6 Jahren) um 0,14 Prozent 
stattgefunden. Wie wenig der Wahrheit entsprechend diese Verhältnis- 
zahlen aber sind, das wird erst recht klar, wenn man die Bevölkerung 
der beiden Censusjahre nach Geschlechtern trennt und dann gewahr 
wird, dass vornehmlich in Provinzen mit starker muhammedanischer 
Bevölkerung der weibliche Theil derselben in ganz unverhältnissmässiger 
Weise gewachsen ist. 

In Prozenten ausgedrückt und nach Geschlechtern gesondert be- 
trug die Zunahme beispielsweise: 

Tributärstaaten der Nordwestprovinzen 

Baroda 

Nordwestprovinzen 

Tributärstaaten von Bombay 

Audh 

In Madras nahm die Zahl der männlichen Einwohner um 2,85 Pro- 
zent ab, die der weiblichen um 0,16 Prozent zu. Allerdings hat sich 
durch Wanderung innerhalb der Provinzen des britisch-indischen Reichs 
da und dort eine Verschiebung vollzogen, die indes keineswegs sehr 



Männliche 


Weibliche 


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18,79 


7,48 


10,07 


3.95 


8,99 


0,53 


3,72 


0,49 


2,55 



Der Census von Indien vom Jahre 1881. I8I 

bedeutend ist, denn der Indier hängt ausserordentlich an der Scholle, 
woher auch die Übervölkerung emzelner Distrikte sowie die geringe 
Bevölkerung anderer teilweise zu erklären ist. 

Nach dem Censusbericht waren von 250 890 385 Personen (wobei 
Cochin, Travancore, Aden und die Andamanen nicht berücksichtigt 
sind) innerhalb der Provinz, in welcher sie gezählt wurden, geboren 
41 108 308 Personen oder 96,10 Prozent, ausserhalb der betreffenden 
Provinz aber 6,226,626 Personen oder 2,48 Prozent, während bei 
3555451 Personen oder r,42 Prozent das Geburtsland nicht ermittelt 
werden konnte. 

Erreicht aber der Durchschnitt der ausserhalb der Provinz Ge- 
borenen auch nur 2,48 Prozent, so stellt er sich doch bei einzelnen 
Provinzen hoch genug, so in Coorg auf 41,99 Prozent, hier haben die 
Kaffeepflanzungen fremde Arbeiter herangezogen; so in Ajmere auf 
25,41 Prozent, hier ersetzte die Einwanderung die durch die Hungers- 
not von 1868— -69 erlittenen Verluste. Dann folgen Berar mit 16,31, 
Burma mit 14,50 und Baroda mit 13,84 Prozent. 

Als ausserhalb Indiens Geborene hat der Census ermitttelt 702 440 
Asiaten, nämlich 334839 Birmanen, 134342 Nepalesen, 125 106 
Afghanen, 60315 Belutschen, 13358 Araber, 12723 Chinesen und 
21 757 andere Asiaten, femer 95 415 Europäer, dann 89 015 Engländer, 
3861 Afrikaner, 1555 Amerikaner und 367 Australier. 

Viel bessere Daten als über das Anwachsen der Bevölkerung haben 
wir aber über ihre Abnahme. Über die Verluste durch Hungersnot und 
Epidemieen liegen allerdings nur Schätzungen vor, allein sie bringen 
uns, da sie auf zuverlässige Analogien sich stützen, doch ziemlich nahe 
an die Wahrheit. 

Es ist berechnet worden, dass, wenn die Censuszahlen für 1871 
bei Madras als richtig anzunehmen sind (man wird dieselben eher 
unter als über der Wirklichkeit stehend annehmen dürfen), die Bevölke- 
rang dieser Provinz nach ihrer als normal gefundenen Vermehrungsziffer 
188 1 sich auf 34 207 799 Personen hätte erheben müssen anstatt wie in 
Wirklichkeit auf 31 170 631 Personen. Ebenso hätte die Bevölkerung 
von Bombay 17 390010 statt 16454 414 erreichen müssen. Nimmt man 
far Mysore, das nach drei Richtungen an Madras grenzt, dieselben 
Prozentsätze an wie bei Madras, so hätte hier der Census 5 474 678 
ergeben müssen statt, wie in der That, 4 186 188 Personen. Die Diffe- 
renz zwischen je zwei Zahlen repräsentiert die teils durch grössere 
Sterblichkeit oder geringere Geburtenzahl oder beides zusammen, d. h. 
also durch Hungersnot oder Epidemieen einen Verlust, der sich für 
Madras auf 3 037 088, für Bombay 4 935 596 und für Mysore auf 128 890 
Individuen stellt. Dies würde für diese drei Provinzen einen Gesammt- 
verlust von 5 261 174 Seelen ergeben, Nach anderen Berechnungen 
würde dieser Verlust sich sogar noch höher stellen, für Ma.dx^^ ^xä 



I 



182 Emil Jung: 

3 551 414 Seelen. Aber auch in anderen Gegenden Indiens, so in 
Teilen der Nordwestprovinzen und Audh, von Bengalen u. a. lässt sich 
eine Abnahme konstatieren, wie ein Blick auf die nachfolgenden Ta- 
bellen beweisen. Fast durchweg ist dieselbe der Hungersnot und den 
gewöhnlich in deren Gefolge auftretenden Epidemieen zuzuschreiben. 

Die Statistik über die Auswanderung aus Britisch-Indien beschränkt 
sich auf die als Arbeiter für andere Länder angeworbenen Kulis, aber 
die Ziffern, welche diese Statistik liefert, repräsentieren wohl so ziem- 
lich die gesamte Auswanderung, da der indische Landmann eine nur 
schwer zu überwindende Abneigung, seine Heimat zu verlassen, kund- 
giebt, und von einer Auswanderung von Angehörigen anderer Stände, 
abgesehen von wenigen Parsi und Banianen, nicht die Rede sein kann. 
Diese Auswanderung von Kulis hat seit mehr als 40 Jahren be- 
gonnen, und seitdem hat sich ein beständiger Strom indischer Arbeiter 
nach allen Richtungen hin ergossen. Zuerst und zwar im Jahre 1842 
begann Mauritius Kulis zu importieren, 1845 folgten Britisch- Guyana, 
Trinidad und Jamaica und später Granada, St. Vincent, Santa Lucia, 
St. Kitts und Nevis. Nach Natal kamen die ersten Kulis 1860, aber 
eine stärkere Auswanderung dahin datiert erst seit 1875. Endlich hat 
Fidschi 1878 gleichfalls einen Anfang mit der Anwerbung von Kulis 
gemacht, während Queensland bereits früher Kulis einführte, das 
Experiment aber als ein verfehltes aufgab und sämtliche Arbeiter 
wieder in ihre Heimat zurückführte. 

Für die französischen Kolonien wurden Kulis anfanglich auch in 
britischen Häfen angeworben, jetzt darf dies indes nur in französischen 
Häfen geschehen. Reunion machte 1860 den Anfang, 1873 folgte 
Cayenne, dessen ungesundes Klima aber fast alle Einwanderer ver- 
schlang, so dass das Experiment nicht wiederholt wurde. Dagegen 
fahren Guadeloupe und Martinique fort, jährlich eine Anzahl von Kulis 
aufzunehmen. Femer hat das holländische Surinam seit 1873 Kulis 
importiert und die dänische Insel St. Croix hat dasselbe 1864 gethan. 
Nach einem vom Februar 1883 datierten Bericht von George A. Grierson 
befanden sich zu jener Zeit indische Kulis in den nachstehenden 
Ländern. 

I. Britische Kolonien. 

Mauritius 248 000 

Demerara 88 000 

Trinidad 51 000 

Jamaica 1 1 000 

Granada i 500 

Santa Lucia i ocx) 

St. Kitts 200 

St. Vincent 2 000 

Nevis 300 



Der Census von Indien vom Jahre 1881. 183 

Natal 25 000 

Fiji I 400 



Summa Britische Kolonien : 429 400 

2. Französische Kolonien: 

Reunion 45 000 

Cayenne 4 500 

Guadeloupe 13 500 

Martinique 10 000 

Summa Französische Kolonien: 73 o<X) 

3. Holländische Kolonien: 

Surinam 4 156 

4. Dänische Kolonien: 

St. Croix 87 



Totalsumme : 506 643 



Von 1842 — 70 wanderten aus ganz Indien 523 535 Kulis aus, von 
welchen 342375 von Calcutta, 159259 von Madras und 31 761 von 
Bombay absegelten; davon kehrten innerhalb dieser Periode 112 178 
wieder nach Indien zurück. Die Auswanderung aus Bombay hat be- 
reits seit Jahren gänzlich aufgehört, dagegen ist die Auswanderung 
über französische Häfen nicht unbedeutend. Aus diesen und den Häfen 
von Calcutta und Madras wanderten nach dem Statistical Abstract 
relating to British India, London 1885, aus Indien Kulis aus 
1874—75' 25325 1879—80: 17428 

1875—76: II 489 1880—81: 16794 

1876—77: 10560 i88t — 82: II 509 

1877 — 78' 24710 1882—83: 13504 

1878—79: 22092 1883 — 84- 17936 

Von den 171 347 innerhalb dieser zehn Jahre Ausgewanderten 
gingen von Calcutta ab 126890, von Madras 20266, von französischen 
Häfen 24 191 Kulis. 

Wie schon bemerkt, kehrt eine nicht geringe Anzahl der Auswanderer 
wieder zurück, so verliessen 1882 — 83 den Hafen von Calcutta 9576 
Auswanderer und es kehrten in demselben Jahre zurück 3 546 Kulis, 
welche als Ersparnisse 56 576 Pfund Sterling heimbrachten. 

Die Auswanderung von Madras richtet sich zum geringsten Teile 
nach jenen genannten Kolonialgebieten, in viel grösserem Massstabe 
nach Ceylon, wo die Kaffeepflanzungen Arbeiter verlangen. Obschon 
die meisten wieder zurückkehren, so bleiben doch viele zurück; so 
wanderten 1862—71 nach Ceylon 706 763 Personen aus, 540 519 kehrten 
zurück, sodass 166 154 oder 16 615 jährlich sich als Überschuss der 
Auswanderung über die Rückwanderung darstellt. Nach Birma gehen 
gleichfalls sehr viele; der Census von 1881 nennt dort 77 430 Personen 
als aus Madras stammend, andere gehen nach den Straits Settlements. 



184 



Emil Jung: 



Die Städte Indiens. 

Die Bevölkerung Indiens ist vorwiegend eine ländliche, von je looo 
Personen leben 909 in Dörfern und nur 91 in Städten, oder in abso- 
luten Zahlen: von 253 577 619 Personen gehören 229939894 der länd- 
lichen, 2^ 037 447 der städtischen Bevölkerung an. Freilich giebt es in 
Indien nicht weniger als 39 040 Dörfer, welche zwischen 1000 und 2000 
Einwohner und 8931 Dörfer, welche zwischen 2000 und 5000 Ein- 
wohner zählen. 

Nimmt man als Minimum der Einwohnerzahl für eine Stadt 5000 
an, so zählt man in Indien 1902 Städte, von denen 66 mehr als 50000 
Einwohner haben. Es ist bemerkenswert, dass weitaus die grössere 
Zahl der grossen Städte im Norden Indiens zu suchen ist. 



Städte von mehr als 20000 Einwohnern. 



Stadt 



I. Mit über looooo Einwohn 

Stadt 



Provinz Bevölkerung 
oder Staat 



773 196 

433219 

251 439 
29 982 

51658 

405 848 



Bombay Bombay 

Calcutta Bengalen 

„ Vorstädte „ 

North Suburban „ 

South Suburban „ 

Madras Madras 

Hyderabadmit 

Secunderabad Hyderabad 354 962 

Lucknow NW.-Provz. 261 303 

„ „ 199 700 

Punjab I y^ 393 

Bengalen 1 70 654 
NW.-Prov. 160203 



Benares 
Dehli 
Patna 
Agra 



Bangalore 

Amritsar 

Cawnpore 

Labore 

Allahabad 

Jeypore 

Rangun 

Poona 

Ahmedabad 

Bareilly 

Surat 

Howrah 

Baroda 



ern. 

Provinz Bevölkerung 
oder Staat 



Mysore 

Punjab 

NW.-Prov. 

Punjab 

NW.-Prov. 

Jeypore 

Brit. Birma 

Bombay 



9» 



NW.-Prov. 
Bombay 
Bengalen 
Baroda 



155 857 
151 896 

151 444 
149 369 

148 547 
142 578 
134 176 
129 751 

127 621 

113417 
109 844 

105 206 

loi 818 



2. Mit unter lOOOOO und 



Stadt 

Meerut 

Nagpur 

Lashkar 



Provinz Bevölkerung 
oder Staat 



NW.-Prov. 

Centralprov. 

Gwalior 



Trichinopoly Madras 
Peshawar Punjab 




Dacca 
Gya 

Jubbulpur 
Indore 



Bengalen 



» 



Centralprov. 
Indore 



Shahj ehanpur NW.-Prov. 



99565 
98 299 

88066 

84449 

79982 

79076 

76415 
75705 
75401 
74830 



über 50000 Einwohnern. 
Stadt 



Rampur 

Madura 

Karachi 

Mooltan 

Bhaugulpur 

Umballa 

Moradabad 

Bhurtpore 

Durbhunga 

Farukhabad 



Provinz Bevölkerung 
oder Staat 



Rampur 

Madras 

Bombay 

Punjab 

Bengalen 

Punjab 

NW. Prov. 

Bhurbpore 

Bengalen 

NW.-Prov. 



74250 
73807 
73560 
68674 
68238 

67463 

66 163 

65955 
62437 



Der Census von Indien vom Jahre 1881. 



185 



Stadt 

Koil 

Sholapur 

Saharanpur 

Gorakhpur 

Calicut 

Mirzapur 

Fyzabad 

Bhopal 

Monghyr 

Tanjore 

3- 

Stadt 

Ulwar 

Behar 

Ajmere 

Hyderabad 

Bhavnagar 

Muttra 

Sialkot 

Saugor 

Ludhiana 

Cuddalore 

Bikaneer 

Arrah 

Jaunpur 

Cuttack 

Shikarpur 



Provinz Bevölkerung 
oder Staat 

NW.-Prov. 

Bombay 

NW.-Prov. 



Madras 
NW.-Prov. 



9> 



>> 



Bhopal 

Bengalen 

Madras 



61 730 
61 281 

59194 
57922 

57085 
56378 
55570 
55402 

55372 
54 745 



Stadt 

Negapatam 

Patiala 

Bellary 

Moulmein 

Rawalpindi 

Jullundur 

Chupra 

Kamptee 

Salem 

Corombaconam 



Provinz Bevölkerung 
oder Staat 

Madras 

Patiala 

Madras 

Brit. Birma 

Punjab 



>5 



Bengalen 

Centralprov. 

Madras 



95 



53855 
53629 

53460 

53107 

52975 
52 119 
51670 

50987 
50667 

50098 



Mit unter 50000 und über 30000 Einwohner. 

Stadt 



Provinz Bevölkerung 
oder Staat 



Provinz Bevölkerung 
oder Staat 



Ulwar 

Bengalen 

Ajmere 

Scind 

Bombay 

NW.-Prov. 

Punjab 

Centralprov. 

Punjab 

Madras 

Bikaneer 

Bengalen 

NW.-Prov. 

Bengalen 

Bombay 



Mozufferpur Bengalen 

Tonk Tonk 

Kotah Kotah 

Murshedabad Bengalen 

Navanagar Bombay 

Ferozepur 

Coimbatore 

Karvir 

Oodeypur • 

Dinapur 



Punjab 

Madras 

Bombay 

Oodeypur 

Bengalen 



Trevandrum Travancore 
Ahmednagar Bombay 
Vellore Madras 



49867 
48968 

48735 
48153 
47792 

47483 
45762 
44416 
44163 

43 545 
43283 

42 998 

42845 

42656 

42 496 

42 460 

40726 

40270 

39231 
39668 

39570 

38967 

38599 
38214 

37^93 
37652 

37492 

37491 



Broach 
Conjeevaram 
Hubli 
Palghat 
Amroha 
Cambay 
Mandvi 
Bandar 
Etawah 
Burdwan 
Akyab 
Bhlwani 
Badaun 
Midnapur 
Ujjein 
Ghazipur 
Pattan 
Belgaum 
Mangalore 
Hugli u. Chin- 
surah 
Rutlam 

• 

South Barrak- 
pur (Agar- 
parah) 
Vizagapatam 
Aurungabad 
Burhanpur 



Bombay 

Madras 

Bombay 

Madras 

NW.-Prov. 

Bombay 

Madras 

NW.-Prov. 

Bengalen 

Birma 

Punjab 

NW. Prov. 

Bengalen 

Gevalior 

NW.-Prov. 

Baroda 

Bombay 

Madras 

Bengalen 
Rutlam 



37 281 

37275 
36677 

36339 

36145 
36007 

35980 

35056 

34721 
34 080 

33989 
33762 

33680 

33560 

32932 
32885 
32 7^2 
32697 
32099 

31 177 
31 066 



Bengalen 
Madras 
Hyderabad 
Centralprov. 



30317 
30291 

30219 

30017 



186 




Emil 


Jung: 






4- 


Mit unter 30 


000 und 


über 20000 


Einwohner. 




Stadt 


Provinz Bevölkerung 


Stadt 


Provinz Bevölkerung 




oder Staat 






oder Staat 




Pilibhit 


NW.-Prov. 


29 721 


Karnal 


Punjab 


23^33 


Santipur 


Bengalen 


29687 


Mayavaram 


Madras 


23044 


Satara 


Bombay 


29028 


Gujranwala 


Punjab 


22884 


Banda 


NW.-Prov. 


28974 


Gulbarga 


Hyderabad 


22834 


Cocanada 


Madras 


28856 


Mandesaur 


Gwalior 


22596 


Prome 


Birma 


28813 


Vizianagram 


Madras 


22577 


Datia 


Datia 


28346 


Adoni 


» 


22441 


Nadiad 


Bombay 


28304 


Dehra Ghazi 




Bassein 


Birma 


28147 


Khan 


Punjab 


22309 


Chandausi 


NW.-Prov. 


27521 


Bhuj 


Bombay 


22 308 


Nellore 


Madras 


27505 


Dehra Ismail 




Krishnagar 


Bengalen 


27477 


Khan 


Punjab 


22 164 


Sakkar 


Bombay 


27389 


Deoband 


NW.-Prov. 


22 116 


Dharwar 


95 


27 191 


Puri 


Bengalen 


22095 


Khurja 


NW.-Prov. 


27 190 


Rewa 


Rewa 


22 016 


Nasik 


Bombay 


27 070 


Naihati 


Bengalen 


21 533 


Jhansi 


Gevalior 


26 772 


Brindaban 


NW.-Prov. 


21 467 


Ellichpur 


Berar 


26728 


Sambhal 


?> M 


21373 


Tellicherry 


Madras 


26410 


Hoshiarpur 


Punjab 


21363 


Cannanore 


»> 


26386 


Futtehpur 


NW.-Prov. 


21328 


Alleppey 


Travancore 


25754 


Nasirabad 


Ajmere 


21 320 


Hathras 


NW.-Prov. 


25656 


Bettiah 


Bengalen 


21 263 


Kerowlie 


Kerowlie 


25607 


Jhelum 


Punjab 


21 107 


Serampur 


Bengalen 


25559 


Shirajgunj 


Bengalen 


21037 


Ellore 


Madras 


25092 


Chittagong 


>» 


20969 


Hajipur 


Bengalen 


25078 


Boondee 


Boondee 


20744 


Paniput 


Punjab 


25022 


Maler Kotla 


Maler Kotla 


20621 


Raipur 


Centralprov. 


24948 


Miraj 


Miraj 


20616 


Junagadh 


Bombay 


24 679 


Nagina 


NW. Prov. 


20503 


Rajamundri 


Madras 


24555 


Kumool 


Madras 


20329 


Batala 


Punjab 


24281 


Chaoni 


Jhallawar 


20303 


Rewari 


>5 


23972 


Balasore 


Bengalen 


20265 


Berhampur 


Bengalen 


23605 


Mainpuri 


NW.-Prov. 


20 236 


Berhampur 


Madras 


23599 


Panroti 


Madras 


20 172 


Amraoti 


Berar 


23550 


Narnaul 


Patiala 


20052 


Tinnevelly 


Madras 


2^ 221 









91; J 



Die Religionen. 
Die bei der Erhebung des Census massgebenden Vorschriften unter- 
schieden acht Religionsbekenntnisse. Diese sind Hindu, Mohammedaner, 
Aboriginals, Buddhisten, Christen, Sikh, Jain, Satnami, Kabirpanthi, 
at-Anbeter, Parsi, Juden, Brahmo und Kumbhipathia. Die Erklärung 



Der Census von Indien vom Jahre 1881. 



187 



der hier genannten, vielen wohl unbekannten, Religionsbekenntnisse 
folgt bei ihrer besonderen Besprechung. Nach Abzug von 59 985 Indi- 
viduen, deren Religion nicht zu ermitteln war, zerfällt die verbleibende 
Bevölkerung von 253,831,836 Köpfen in folgende 14 Abteilungen, welche 
. sich numerisch, wie folgt, abstufen : 





pro 




pro 




Absolute 1 000 der 




Absolute 10 000 der 




Zahl Bevölkg. 




Zahl Bevölkg. 


Hindu 


187937450 7402 


Satnami 


398 409 16 


Mohammedaner 


50 121 585 1974 


Kabirpanthi 


347 994 14 


Aboriginals 


6 426 511 253 


Nat-Anbeter 


143 581 6 


Buddhisten 


3 418 884 135 


Parsi 


85 397 5 


Christen 


I 862 634 73 


Juden 


12 009 3 


Sikh 


I 853 426 73 


Brahmo 


I 147 — 


Jain 


I 221 896 48 


Kumbhipathia 


913 



Diese Tabelle, dem Report on the Census of British India vol. I 
S. 2^ entnommen, weicht in mehreren Einzelnheiten von einer ähnlichen 
ab, welche der Gothaische Hofkalender für 1886 auf Seite 750 bringt. 
Dieselbe soll dem Indian Empire Census of 1881 Statistics of Population 
vol. II entnommen sein. Doch finden sich dort in Form III Distribution 
of the population according to religion S. 10—17 keine anderen Zahlen 
als die von mir oben aufgeführten; sie sind dort noch nach ihrer Ver- 
teilung auf die einzelnen Provinzen und Staaten aufgeführt. 

Die obigen Zahlen zeigen, dass die Hindu drei Viertel der Gesamt- 
bevölkerung Britisch-Indiens bilden, von dem überbleibenden Viertel 
sind 8 Zehntel Mohammedaner, i Zehntel Aboriginals, i Zwanzigstel 
Buddhisten. 

Hindu finden sich in allen Provinzen Indiens, und nur im bri- 
tischen Teil des Punjab und in Britisch-Birma machen sie weniger als 
die Hälfte der Bevölkerung aus, in Mysore, Madras, Coorg, Berar und 
Hyderabad übersteigt ihre Zahl 90 Prozent. Verfolgt man die nach- 
stehende Tabelle, so gewahrt man, dass das Hindu-Element am stärksten 
in Mysore, Madras, Coorg, Berar, Hyderabad, also im Süden der Halb- 
insel vertreten ist und je weiter nach Norden, desto mehr abnimmt. 
Dort tritt dann das mohammedanische Element , das von Norden her 
erobernd in das Land kam, an seine Stelle. Auf die einzelnen Pro- 
vinzen sehen wir die Hindu, wie folgt, verteilt: 



Absolute 
Zahl 

Bengalen 45 452 806 

Nordwestpr. m. 

Audh,brit.Terr. 38053394 
Madras 28 497 678 



Proz. d. 

Gesamt- 
bevölkg. 

65,37 Bombay, 

brit. Territor. 
86,27 r Hyderabad 
914331 Rajputana 



Absolute 
Zahl 



12 308 582 
8893 181 



883924^.81,^0 



Proz. d. 

Gesamt- 

bevölkg. 



74,80 
90,33 



188 




Emil 


Jung: 








Absolute 


Proz. d. . 
Gesamt- 




Absolute 


Proz. d. 
Gesamt- 




Zahl 


bevölkg. 




Zahl 


bevölkg. 


Centralindien 


7 800 396 


84,22 , 


Baroda 


I 852 868 


84,80; 


Centralprovinzen 




\' 


Travancore 


1755 610 


73,12 , 


brit. Territorium 


7317830 


75.36;. 


Centralprovinzen, 






Punjab, brit. Terr. 


7 130528 


40,47 " 


Tributärstaaten 


1 385 280 


81,02^ 


Bombay, 




' ■ r 
« 


' Nordwestprov. u. 






Tributärstaaten 


5526403 


79,62 


Audh, Tributärst. 


501 727 


77,68 


Mysore 


3 956 336 


94,51- 


. Cochin 


429 324 


71,52 


Assam 


3 062 J48 


62,74 


Ajmere 


376 029 


81,62 9 


Berar 


2 425 654 


90,76 : 


Coorg 


162 489 


91,13 ;4 


Punj ab ,Tributärs t . 


2 121 767 


54,94 


Britisch-Birma 


88177 


2,36 



Die Mohammedaner sind, wie zu erwarten, verhältnismässig am 
stärksten im Punjab, nächstdem in Bengalen, das alle anderen Provinzen 
durch absolute Zahlen überragt, darauf folgen Assam, die Nordwest- 
provinzen. Mysore und Centralindien sind die am wenigsten moham- 
medanischen von den einheimischen Staaten, das schwächste moham- 
medanische Element (nur 25 per 1000) haben aber die britischen Cen- 
tralprovinzen. Die folgende Tabelle weist die absoluten Zahlen und 
das prozentuale Verhältnis für jede einzelne Provinz nach: 



Absolute 
Zahl 

Bengalen 2 1 704 724 

Punjab, brit. Terr. 10525 150 

Nordwestprov., 

brit. Territorium 5 922 886 
Bombay, brit. Terr. 3 021 131 
Madras i 933 561 

Assam ^ Z^l 022 

Punjab, 

Tributärstaaten 
Hyderabad 
Rajputana 
Bombay, 

Tributärstaaten 753 229 
Centralindien 5 1 o 7 1 8 



I 137 284 

925 929 

861 747 



Proz. d. 

Gesamt- 

bevölkg. 

5I;35 

1344 
18,36 

6,20 

26,98 

2945 
941 

8,53 

10,86 
5,51 



Absolute 
Zahl 

Centralprovinzen, 

brit. Territorium 275 773 
Nordwestprovinzen, 

Tributärstaaten 240014 
Mysore 200 484 

Berar 1^7 555 

Baroda 1 74 980 

Britisch-Birma 168 88 1 

Travancore 146 909 
Ajmere u. Merwara 57 809 

Cochin i2i 344 

Coorg 12 541 
Centralprovinzen, 

Tributärstaaten 9914 



Proz. d. 

Gesamt- 

bevölkg. 



2,48 
22,12 

4,79 
7,02 

8,01 

4.52 
6,12 

12,55 
5^56 
7,03 

0,09 



Ein Versuch, die numerische Stärke der verschiedenen Sekten des 
Islam festzustellen, endete in einem Fehlschlag, da nicht weniger als 
2 535 349 Mohammedaner diese Frage nicht beantworteten. Von den 
47 586 236 Mohammedanern , welche Erklärungen abgaben, bekannten 
sich 46765206 als Sunniten, 809561 als Schiiten, 9296 als Wahabiten 
und 2173 als Farazis. Aber gerade über die beiden letztgenannten 



Der Census von Indien vom Jahre i88i« 



189 



Sekten, namentlich die der Wahabiten, wäre der Regierung ein genauer 
Ausweis erwünscht gewesen, da sie vor allen sich dem englischen 
"Regiment gegenüber als bittere Feinde zeigen. Dies ist aber wohl auch 
der Grund gewesen, warum so viele sich der Angabe ihres näheren 
Bekenntnisses enthielten. Allerdings halten auch viele Anhänger dieser 
Glaubensrichtung eine Bezeichnung als Wahabiten für einen Schimpf. 
Als Ab Originals fasst der indische Censusbericht eine Menge 
von Stämmen, namentlich in entlegeneren Regionen zusammen, deren 
Religionsbegriife der allerrohesten Art sind, welche allerlei Naturkräfte, 
böse und gute Götter verehren und in diesem Kultus sich nur durch 
besondere Stammeseigentümlichkeiten von einander unterscheiden. Zu 
ihnen gehören als bekanntere die Gond, Bodo, Koch, Khond, Korku, 
Andh u. a. Die 6 426 511 gezählten Aboriginals finden sich in folgenden 
II Provinzen: 

Absolute 
Zahl 

Bengalen 2 055 822 

Centralprovinzen, 

brit. Territorium i 533 599 

Centralindien 891 424 

Bombay, brit. Terr. 562678 

Assam 488251 

Bombay, Tributärst. 369 216 

Mit diesen Aboriginals hätte man recht gut die Nat-Anbeter, welche 
sich allein in Britisch-Birma finden, klassifizieren können, indessen ist 
die Religion dieser letzteren bereits nicht unbedeutend durch die sie 
umgebenden Buddhisten beeinflusst worden. 

Die Buddhisten sind zum allergrössten Teile (3251584 von 
3418884) in Britisch-Birma zu Hause, ausserhalb desselben wohnen 
nicht 200000 Anhänger Buddhas, was um so mehr zu verwundern, da 
Indien doch die Wiege der Buddhalehre ist. Buddhisten finden sich 
ausser in Birma noch in 11 anderen indischen Provinzen und zwar 
155 809 in Bengalen, 6563 in Assam, 3251 in Punjab, 1535 in Madras, 
der kleine Rest in Bombay, den Nordwest- und Centralprovinzen, My- 
sore, Berar. 

Die christliche Religion ist eine der alten Religionen Indiens, 
wie uns nicht allein die Tradition von der Sendung des Apostels 
Thomas hierher, die an vielen Orten sich vorfindenden Kreuze und 
Symbole der christlichen Dreieinigkeit (ein Greis, ein Jüngling und ein 
Vogel), auch die Inschriften in der Pehlvi-Sprache auf dem Berg Sankt 
Thomas und an anderen Orten bezeugen. Aber trotz des Bekehrungs- 
eifers, den di^ Portugiesen, und der Anpassung an nationale Vorurteile, 
welche die Jesuiten zeigten, breitete sich die christliche Religion doch 



Proz. d. 
Gesamt- 




Absolute 


Proz. d 
Gesamt 


bevölkg. 




Zahl 


bevölkg 


2,95 


Centralprovinzen, 








Tributärstaaten 


220318 


12,89 


15,19 


Rajputana 


166343 


1,62 


9,62 


Britisch-Birma 


143 581 


3,84 


3A2 


Baroda 


loi 522 


4,65 


10,00 


Berar 


37338 


1,40 


5:32 









,190 Emil Jung: 

nicht erheblich aus und sie hat auch, seitdem die Missionen von Eng- 
ländern, Deutschen, Amerikanern hier ein Arbeitsfeld suchten, nicht viel 
Boden gewonnen. Nach Grund emann: „Zur Statistik der evangelischen 
Mission" (Gütersloh 1886) haben gegenwärtig die Brüdergemeinde, die 
Baseler, Gossnersche, Leipziger, Hermannsburgeir und die Brecklumer 
Missionsgesellschaft zusammen 63 Stationen mit 52 847 Bekennern in 
Vorderindien, die Engländerjhaben 430 Stationen mit 257 817 Bekennern, 
die Amerikaner haben 109 Stationen mit 66404 Bekennern, sodann 
sind in Indien von Kanada aus 9 Stationen, ferner durch einzelne 
englische oder amerikanische Männer und Frauen weitere 19 Stationen 
gegründet worden mit zusammen 4513 Bekennern; die dänische Mission 
hat 4 Stationen, die schwedische 2, ausserdem bestehen zahlreiche 
Missionsanstalten der römisch-katholischen Elirche. Trotz der langen 
Zeit, seit welcher die christliche Religion hier von so vielen Seiten ge- 
predigt worden ist, beziffert sich die christliche Bevölkerung nach dem 
Census doch nur auf i 862 634 Seelen. Es ist das freilich immerhin 
eine sehr bedeutende Zunahme seit den letzten Zählungen. Weitaus 
die meisten Christen finden wir im Süden, nächstdem in Bengalen. Es 
wurden gezählt in : 



Madras 


711 080 


Hyderabad 


13614 


Travancore 


428 542 


Centralprovinzen, 




Bombay, brit. Territorium 


138 317 


brit. Territorium 


II 949 


Cochin 


136 361 


Assam 


7093 


Bengalen 


128 135 


Centralindien 


7065 


Birma 


84219 


Bombay, Tributärstaaten 


6837 


Nordwestprovinzen, 




Coorg 


3 152 


brit, Territorium 


47664 


Ajmere 


2225 


Punjab 


33420 


Berar 


1335 


Mysore 


21 249 


Rajputana 


1294 



► 



Ausserdem wurden noch 771 in Baroda, 279 in den Tributärstaaten 
des Punjab, 24 in den Tributärstaaten der Centralprovinzen und 9 in 
denen der Nordwestprovinzen gezählt. 

Was das numerische Verhältnis der christlichen Konfessionen an- 
langt, so sind die Römisch-Katholischen mit 963058 Anhängern am 
zahlreichsten, nächstdem kommt die anglikanische Klirche mit 353713. 
dann die syrische mit 304 410 Anhängern, es folgen die verschiedenen 
protestantischen Sekten (Baptisten, Methodisten, Wesleyaner u. a.) mit 
107 886, die Lutheraner mit 29 539, die Episkopalen mit 20 135 u. s. w. 
Der Nationalität nach werden von den i 862 634 Christen 83 33 1 als 
in Grossbritannien, 59281 als im übrigen Europa geboren, 62085 als 
Eurasier und 893 656 als Indier bezeichnet. Da aber so 764 381 Christen 
ohne alle Angabe der Nationalität verbleiben, so ist de» Wert dieser 
AufsteUung kein grosser. Indessen versucht Mr. Plowden zu einem be- 



Der Census von Indien vom Jahre 188^1. 191 

friedigenderen Resultat zu kommen, indem er die 303 056 der syrischen 
Kirche, bei denen die Angabe der Nationalität fehlt, zu den Indiern 
rechnet, zu denen dieselben seiner Ansicht nach ausschliesslich gehören, 
und von den ebenso unbestimmt gelassenen 356 268 Katholiken min- 
destens 300 000 als Indier annimmt. Er erhält damit ein vollständigeres 
Bild; es sind demnach von den Christen 83331 Briten, 59281 andere 
Europäer, 62085 Eurasier, i 496 7 r2 Indier und 161 225 ohne Angabe 
der Nationalität. 

Von den Sikh, deren Gesamtzahl auf 1853426 ermittelt wurde, 
befinden sich nicht weniger als i 716 114 im Punjab und dessen Tri- 
butärstaaten , 127 100 wurden in Bombay, 3664 in Hyderabad, 3644 in 
den Nordwestprovinzen, der kleine Rest in Centralindien , Bengalen, 
Berar, Ajmere, Centralprovinzen etc. gezählt. 

Die Ja in sind weit mehr verbreitet; sie sind in 18 Provinzen 
nachgewiesen, in grösseren Zahlen aber nur in Rajputana und Bombay, 
wo sie 877 115 Seelen zählen (von i 221 896), nächstdem finden wir 
sie in den Nordwestprovinzen (79957), Centralindien (49824), Baroda 
(46718), Centralprovinzen (45718), Punjab (42 378), Madras (24973), 
Ajmere (24 308), Berar (20 020), ausserdem in Hyderabad, Bengalen u. a. 
DieSatnami undKabirpanthi, welche 398 409resp. 347 994 Köpfe 
stark sind, sind nur in den Centralprovinzen nachgewiesen, die Parsi 
leben zum allergrössten Teil in Bombay, von 85 397 hier allein 73 975, 
dann in Baroda (8 11 8) und in 14 anderen Staaten. Die Juden (1200g) 
leben gleichfalls hauptsächlich in Bombay (9023), dann in Cochin 
(1249) ^^^ ^^ Bengalen (1059), der unbedeutende Rest in 10 anderen 
Provinzen. 

Endlich müssen wir noch der Brahmo gedenken, die seit etwa 60 
Jahren bestehen und doch als nur 1147 stark aufgeführt werden, deren 
Zahl aber nach Plowden sehr viel grösser ist. Die Brahmo sind die 
Anhänger des Brahma Samäj (Kirche Gottes), einer modernen Form 
indischen Monotheismus, die sich nur durch den Namen von dem 
Unitarismus der Engländer und Amerikaner unterscheidet. Sie haben 
sich seit etwa 12 Jahren gespalten in eine konservative Richtung, Adi 
(d. i. Alt) Brahma Samäj und eine radikale, Brahma Samäj of India. 

Die Kasten. 

Wir haben oben unter den Religionen die Hindu als 187 937 450 
Köpfe stark aufgeführt, dagegen erhalten wir in der Statistik der Kasten 
dieXJesamtsumme 188 121 772, nämlich 13 730045 Brahmanen, 7 107 828 
Rajputen und 167 283 899 andere Kasten, eine Differenz, die durch die 
Hineinbeziehung einiger Jain und Aboriginals in die Hindukasten erklärt 
wird. Diese 167 28^ 899 anderen Kasten angehörigen Menschen werden 
unter 207 Kasten von über 100 000 und in 65 andere Kasten gebracht, 
welche weniger Mitglieder zählen. Es ist unmöglich, sich hier mit 



192 



Emil Jung: 



allen diesen Kasten zu beschäftigen, ich hebe daher nur diejenigen 
hervor, deren Zahl eine Million übersteigt. Es sind dies 36, deren 
Mitgliederzahl (88 680 693) über die Hälfte jener obigen Hindu „anderer 
Kasten** ausmacht. 



Chamar 


10 583 425 


Kahar 


1871 533 


Kunbi 


8175342 


Lohar 


I 803 854 


Ahir 


4 649 387 


Chandal 


I 749 608 


Kurini 


4 12S 699 


Gujar 


I 747 896 


Gwalla 


4 005 980 


Vellala 


I 627 736 


Teli 


3 420 127 


Shanan 


I 478 694 


Parayen 


3 290 038 


Pulli 


I 294 982 


Bania 


3275921 


Mali 


I 286372 


Jat 


2 643 109 


Koeri 


I 207951 


Mahar 


2 633 616 


Pasi 


I 203 383 


Koli 


2 586 352 


Dhangar 


I 188 601 


Kuuihar 


2 391 148 


Mallah 


I 161 852 


Nai 


2 288 056 


Dossadh 


I 138 651 


Kachhi 


2 261 029 


Sakkili 


I 126837 


Kayasth 


2 161 489 


Kawa 


I 102 255 


Kaibartha 


2 137 542 


Vannian 


I 075 386 


Dhobi 


I 997 432 


Idayen oder Idayar 


1071 882 


Koch 


I 878 804 


Lodh 


I 040 724 



i 



Die Chamar, in welche die identischen, nur lokal unterschiedenen 
Chambhar und Khalpa miteingeschlossen sind, sind die Schuhmacher, 
Lederhändler und Gerber Indiens, ausserdem beschäftigen sie sich viel 
mit Ackerbau, sie sind die adscripti glebae früherer Zeiten und jetzt 
die Landarbeiter der ländlichen Besitzer. Über die Hälfte (5413067) 
leben in den Nordwestprovinzen, i 408037 in Bengalen, i 072 699 im 
Punjab, 1 067 949 in Centralindien, nächstdem sind sie stark in Rajpu- 
tana, Hyderabad und den Centralprovinzen. 

Die Kunbi sind eine rein ackerbauende Kaste und durch Affixe 
in mehrere Klassen geteilt, von denen die Kunbi-Maratha in Bombay 
und Berar (4610778) die zahlreichsten sind, andere Abteilungen sind 
die Kunbi-Lewa und die Kunbi-Dawa. Auch werden sie ohne solche 
Affixe aufgeführt. Sie stehen numerisch in zweiter Linie, würden aber 
diese Stelle den Ahir des Nordens räumen müssen, wollte man zu 
diesen die Gwalla von Bengalen und die Golaworu des Südens rechnen, 
welche alle gleichfalls Hirten sind. Mit diesen würde die Hirtenkaste 
8 964 155 Seelen zählen. In derselben Weise erhalten wir als vierte 
Klasse. die Kasten der Strassenreiniger, die Bhangi, Chuhra, Dher, 
Dhed, Morhar, Mang und Mehter mit 4996948 Köpfen. Darauf folgt 
die 4546892 Seelen starke Händlerklasse, welche ausser 3275921 Ba- 
nianen noch die Wanianen, Setti und Mahajan einschliesst. Die sechste 



Der Census von Indien vom Jahre iggi. 193 

Stelle beanspruchen die Ölproduzenten (3 759 263), die Teli im Norden, 
die Ghanchi im westlichen und centralen Indien und die Wanianen des 
Südens. Darauf folgen die 2 655 123 Seelen starken Töpfer, die Kumb- 
har und Kussavan ; dann die Barbiere, welche unter den Bezeichnungen 
Nai, Nhavi, Napit, Hajjam und Ambattan 2 630 872 Seelen ausmachen. 
Ihnen kommen mit 2 588842 Seelen die Schmiede sehr nahe, welche 
als Lohar im nördlichen, westlichen und centralen Indien und als Kum- 
malen im südlichen erscheinen. Die Waschmänner zählen unter dem 
Namen Dhobi, Parit, Vannar oder Vannan 2 159569 Köpfe. Endlich 
sind noch die 2 010 755 Seelen starken Zimmerleute, die Sutar, Barhai 
Barai, Tarkhan, Katani zu nennen. Diese 1 1 grossen Klassen machen 
mit ihren 53 071 186 Seelen fast ein Drittel der als „andre Kasten" 
(167 283 899) bezeichneten, und rechnet man noch die verachteten Pa- 
rayen (Paria) des Südens (3290038) hinzu, weit über ein Drittel aus. 

Was die Brahminen und Rajputen betrifft, so sind beide am zahl- 
reichsten in den Nordwestprovinzen, wo von den ersteren 4 711 890, 
also mehr als ein Drittel, von den letzteren über drei Millionen sich 
befinden. Sonst wurden gezählt von den Brahmanen 2 754 100 in Ben- 
galen, I 122218 in Madras, 961993 in den Centralprovinzen , 906463 
in Rajputana u. s. w., von der Kriegerkaste der Rajputen in Central- 
indien 803 000, in Rajputana 480 000, Bombay 450 000, Punjab 364 000, 
Centralprovinzen 213000 u. s. w. 

Der Censusbericht enthält eine vollständige Aufzählung sämtlicher 
Kasten mit Angabe ihrer Zahl und Verbreitung, und in den Spezial- 
berichten viel wertvolles ethnologisches Material, auf das hier leider 
nicht eingegangen werden kann. 

Die Sprachen. 

Robert Cust 'hatte in seinem epochemachenden Werk: Sketch of 
the modern languages of the Eastlndies, London 1878, nachgewiesen, 
dass die damals berechneten 250 Millionen der gangetischen Halbinsel 
97 verschiedene Sprachen und 234 Dialekte sprechen, wobei die 
Sprachen und Dialekte der in das Land eingezogenen Fremden (Europäer, 
Amerikaner, Afrikaner, Asiaten etc.) nicht mit einbegriffen waren. Diese 
97 Sprachen Indiens brachte er unter fünf grosse Hauptgruppen: Indo- 
europäische Sprachen (Hinduzweig), dravidische, kolarianische, tibeta- 
nische Sprachen und die Khassi-Sprache. 

Von diesen Sprachfamilien sind die beiden ersten weitaus die be- 
deutendsten; während die indo-europäischen ganz Nordindien und 
einen Teil des centralen Plateaus beanspruchen, nehmen die dravidi- 
schen den ganzen Süden ein. Die Sprache der Koch, Munda oder 
Vindhya wird von einer Anzahl unkultivierter Gebirgsstämme des Hoch- 
landes von Chota-Nagpur, südwestlich von Calcutta, gesprochen, wäh- 
rend die tibetanischen Sprachen ihre Domäne in den Thälern des 



194 Emil Jung: 

Himalaya und den benachbarten Bergländern Hinterindiens haben. Die 
Khassisprache ist auf ein kleines Gebiet im Norden von Assam zwischen 
den Garo-Bergen und dem Lande der Cachari beschränkt. 

Die den mit der Aufnahme des Census beauftragten Beamten 
gegeben Instruktionen hatten eine solche Klassifizierung nicht vorge- 
sehen, sie forderten nur die Verzeichnung aller in Britisch-Indien ge- 
sprochenen Sprachen, wobei aber die Dialekte ausgeschlossen sein 
sollten ; dennoch aber, vermutlich aus Unfähigkeit der Beamten, zwischen 
Sprache und Dialekt in jedem gegebenen Fall zu unterscheiden, wurden 
letztere sehr häufig als Sprachen mit aufgenommen, so dass der Census- 
bericht ein Verzeichnis von 162 verschiedenen Sprachen bringt, von 
denen 106, Indien, 17 Asien ausserhalb Indiens, 28 Europa und eine 
Afrika angehören. Was den Wert dieser Aufnahme sehr erheblich 
vermindert, ist das Fehlen irgendeines Ausweises für nicht weniger 
als 22 626 485 Individuen. Man kann bei der Klassifikation der Sprachen 
unterscheiden zwischen denen, welche über ein grösseres Areal von 
Indien verbreitet sind, und solchen, welche sich auf bestimmte Terri- 
torien beschränken. Für die ersteren wurden folgende Hauptgruppen 
ermittelt. Es sprechen: 



Hindustani 


82 497 168 


Canaresisch 


8 366 008 


Bengali 


38 965 428 


Ooriya 


6816415 


Telugu 


17000358 


Malayalum 


4847681 


Marathi 


16 966 665 


Burmesisch 


2 248 479 


Punjabi 


14 246 844 


Sindi 


2 loi 767 


Tamil 


13 068 279 


Pashtu 


915 714 


Guzrati 


9 620 688 







^ 



Was die erste Sprache, Hindustani, anlangt, so versichert Mr. 
Plowden, dass hier eine offenbare Überschätzung vorliege, da nur in 
Ajmere, Bombay, Centralindien, Hyderabad und Madras ein Unterschied 
zwischen Hindustani und Hindi gemacht worden sei. Gerade in den 
Nordwestprovinzen und Audh, wo die Hindustani sprechende Be- 
völkerung auf 43221 705 Seelen angegeben wird, leben, so behauptet 
er, sehr viele ein reines Hindi (dort Braj genannt) Sprechende, und der 
Nordwest-Report giebt 9 954 750 als Braj Basha sprechend an. So wie 
die Zahlen gegeben sind, kommen von den Hindustani Sprechenden 
25 Millionen auf Bengalen, 6 Millionen auf die Centralprovinzen und 
4 Millionen auf das Punjab , wo ebenfalls viele Hindi Sprechende 
sich befinden. 

Bengali ist fast ganz auf Bengalen und Assam beschränkt, nur in 
Birma übersteigt die Zahl der Sprachangehörigen 20QQO und da- 
nach in den Nordwestprovinzen 3000. Dagegen ist das nicht halb so 
stark vertretene Telugu viel weiter verbreitet; iij^ Millionen sprechen 
es in Madras, ^% Millionen in Hyderabad, 637000 in Mysore, 123000 



Der Census von Indien vom Jahre iS8i. 195 

in Bombay, 99 700 in den Centralprovinzen, ausserdem wird es in Berar, 
Birma» Bengalen, Cochin, Coorg, Travancore gesprochen. 

Marathi ist mehr auf den mittleren Teil der Halbinsel beschränkt; 
in der Präsidentschaft Bombay sprechen es 9 Millionen, in Hyderabad 
3147000, in Berar 2200000, in den Centralprovinzen i 967 881, die 
übrigen leben in Madras, Mysore, Baroda. 

Punjabi ist mit einigen kleinen Ausnahmen (Bombay, Centralpro- 
vinzen), die 30000 Seelen kaum übersteigen, auf das Punjab beschränkt; 
wogegen Tamil zwar hauptsächlich (12 381 320) in Madras gesprochen 
wird, aber doch auch in Travancore (439 565), Mysore (130 569), Co- 
chin, Birma, Hyderabad u. a. verbreitet ist. Guzrati wird fast aus- 
schliesslich in der Präsidentschaft Bombay (7 535 100) und in Baroda 
(2 033 466) gesprochen, ausserdem noch in Berar und den Centralpro- 
vinzen. Canaresisch verteilt sich über Bombay (2 600 160), Madras 
(1299839), Hyderabad (1238 519) u. a. 

Ooriya ist eine der Provinz Orissa in Bengalen eigentümliche Sprache 
und findet sich vornehmlich in Bengalen (5450818), nächstdem in 
Madras (773159) und in den Centralprovinzen (588914). Malayalum 
wird vornehmlich in Madras (2 336 181), Travancore (i 937454) und in 
Cochin (533 059) gesprochen. Birmanisch ist mit Ausnahme weniger 
Tausende auf Birma beschränkt, das gleiche gilt von Sindi für Sindh, 
sowie von Paschtu für das Punjab und Bombay. 

Von den übrigen grösseren einheimischen Sprachfamilien mögen 
genannt werden: Jatki (1640760) im Punjab, Pohari (1376789) 
ebenda, Assamesisch (i 376 759) in Assam, Kol (i 140 489) hauptsächlich 
in Bengalen, auch in den Centralprovinzen (113 714), Sonthali(i 128 190) 
fast ausschlisslich in Bengalen, Gondi (i 079 565) wird vornehmlich in 
den Centralprovinzen (967502), sodann in Berar und Hyderabad 
gesprochen. Alle übrigen Sprachgruppen zählen von etwas über eine 
halbe Million bis zu 2—^ Individuen; es ist hier aber wieder auf die 
unrichtige Angabe der Hindi Sprechenden (nur 517 989, davon allein 
üi Ajmere 435 545) aufmerksam zu machen. Diese Rubrik müsste un- 
zweifelhaft eine hohe Stelle unter den ersten grossen Gruppen ein- 
nehmen. 

Noch ist es von Interesse auf die in Indien gesprochenen fremden 
Sprachen hinzuweisen, aus denen ich folgende herausgreife: 
Englisch 202920 Deutsch 1 471 

1308 
901 
804 
560 
205 

193 

Zeitschr. d. Geselkch. f. Erdk. Bd. XXJ. \\: 



Beluchi 


177273 


Armenisch 


Kaschmiri 


49828 


Hebräisch 


Arabisch 


21 188 


Italienisch 


Persisch 


15 722 


Türkisch 


Chinesisch 


14 466 


Wallisisch 


Portugiesisch 


10523 


Griechisch 


Französisch 


I 510 


Holländisch 



196 Emil Jung: 

Unter die Engländer ist jedenfalls eine Anzahl Eurasier gezählt, 
denn die in England geborenen zählten nur 89015, wovon 55931 
sich im Heer und 2996 in Regierungsämtern befanden. Von den 
Deutschen befanden sich 372 in Bombay, 339 in Birma, ^22 in Ben- 
galen, 298 in Madras und zwar vornehmlich in den Hauptstädten dieser 
Provinzen. 




Die britischen Provinzen. 

Der gesamte Besitz Englands in Indien umfasst ein Areal von 
1 465 541 engl. Quadratmeilen oder 3 795 595 Quadratkilometern mit (1881) 
255 758851 Einwohnern; davon kommen auf die unmittelbaren Besitzungen 
876 143 engl. Quadratmeilen oder 2 269 117 Quadratkilometer mit 
198 761 067 Einwohnern, während die Tributärstaaten ein Areal von 
589398 engl. Quadratmeilen oder i 526478 Quadratkilometern und eine 
Bevölkerung von 56 997 784 Einwohnern aufweisen. Ich beabsichtige 
diese beiden Kategorien getrennt zu behandeln und beginne mit den 
unmittelbaren britischen Besitzungen. 

Bis vor wenigen Jahren galt für Indien die alte historische Ein- 
theilung in drei Präsidentschaften: Bengalen, Madras und Bombay. 
Heut haben nur die beiden letzten diesen Titel beibehalten. Eine jede 
derselben wird von einem Gouverneur verwaltet, der unmittelbar unter 
dem Staatssekretär für Indien in London steht und völlig unabhängig 
von dem Generalgouverneur ist, sofern nicht eine Akte des Parlaments 
es anders bestimmt hat. Madras und Bombay haben wiederum in ihrer 
Verwaltung gewisse Besonderheiten, welches sie von einander wie vom 
übrigen Indien wesentlich unterscheiden. Jeder dieser drei grossen 
Landesteile hat seine eigene Armee und eigene Civilverwaltung, allein 
die von Bengalen ist nicht auf den so benannten Verwaltungsbezirk 
beschränkt, denn die Präsidentschaft Bengalen hat aufgehört zu existie- 
ren, ihr Areal ist unter ein halbes Dutzend verschiedener Provinzen 
verteilt, von denen eine den alten Namen fortführt. Es ist daher in 
den folgenden Ausführungen, so oft Bengalen genannt wird, niemals 
die alte Präsidentschaft gemeint, vielmehr die jetzige Provinz Nieder- 
bengalen am Unterlauf und im Mündungsgebiet des Ganges. 

In administrativer Hinsicht stehen die einzelnen Teile des britisch- 
indischen Reiches entweder unmittelbar unter dem Generalgouvemeur, 
wie Ajmere, Berar, Coorg mit Bangalore und die Andaman Inseln, oder 
indirekt, wie die Fragmente der alten Präsidentschaft Bengalen: Ben- 
gal Proper, Assam, die Nordwestprovinzen und Audh, das Punjab, 
die Centralprovinzen, Britisch-Birma ; die Stellung der Präsidentschaften 
Madras und Bombay, dem ausser Sind noch das überseeische Aden 
unterstellt ist, habe ich oben gekennzeichnet. 



Der Census von Indien vom Jahre 1881. 197 

I. Provinzen unter dem General-Gouverneur. 

Das unter unmittelbarer Verwaltung des Generalgouverneurs stehende 
Territorium ist verhältnismässig klein, es begreift 59 271 qkm mit (1881) 
3326325 Einwohnern. 

Ajmere-Merwara oder, genauer gesprochen, die Distrikte von 
Ajmere und Merwara, mit einem Areal von 2710,7 engl. Quadrat- 
meilen oder 7021 qkm und einer Bevölkerung von 460722 Seelen, 
werden von den Staaten von Rajputana völlig umschlossen. Der Distrikt 
von Ajmere wurde durch Vertrag mit Sindia, dem Rajah von Gwalior, 
1820 erworben, wodurch der Pindari-Krieg ein Ende fand. Merwara, 
das fast ausschliesslich von dem Stamme der Mhair bewohnt wird, 
wurde 1819 durch britische Truppen zur Aufrechterhaltung der Ordnung 
besetzt und 1834 dauernd unter britische Verwaltung gestellt. Mit 
Ajmere ist es erst im Jahre 1842 vereinigt worden. Ajmere-Merwara 
wird von einem Commissioner verwaltet, welcher unmittelbar unter dem 
Agenten des Generalgouverneurs für Rajputana steht, der den Titel 
Chief-Commissioner für Ajmere führt. Sitz der Verwaltung ist die 
Stadt Ajmere. 

Der in diesen beiden Distrikten veranstaltete Census ist bereits der 
vierte seit dem Jahre 1856, der unmittelbar vorhergehende fand 1876 
statt, es waren also seitdem 5 Jahre verflossen. In den Arealangaben 
finden wir keine Veränderungen, wohl aber in der Bevölkerungsziffer, 
welche sehr erheblich zugenommen hat. Zu einem kleinen Teile ist 
diese Zunahme der diesmal zuerst erfolgten Berücksichtigung von 
Eur opäem und Reisenden auf den Eisenbahnlinien zuzuschreiben. Die- 
sen Eisenbahnen verdankt Ajmere-Merwara hauptsächlich das schnelle 
Anwachsen der Bevölkerung. 

Distrikte Areal Bevölkerung Zunahme 

engl. Quadratm. Quadralkilom. 1876 1881 

Ajmere 2069816 536056 309 9^4 359 288 49 374 

Merwara 640864 165976 86417 loi 434 15 017 

Total 2710680 702032 396331*) 460722 64391 

Wie bereits bemerkt, ist diese Zunahme besonders der Eisenbahn- 
verbindung zu verdanken, welche von Agra durch die Provinz nach 
Bombay führt und naturgemäss der städtischen Bevölkerung den 
grössten Zuwachs gebracht hat (27 pCt. gegen 13,7 der ländlichen). 
So stieg die Einwohnerzahl der Hauptstadt Ajmere (mit Vorstädten) 
von 35 III auf 48 735, die von Beawar von 12308 auf 15829, die von 
Nasirabad (mit Cantonnement) von 20097 ^^^ 21 320 und die von Kekri 



*) In dieser Summe fehlen die in der Provinz zur Zeit der Censusaufnahme 
anwesenden Europäer, über welche damals keine Erhebungen angestellt wurden; 
187a belief sich ihre Zahl auf 558 Personen. In die Zählung von 1881 wurden 
die Europäer (1*30) eingeschlossen. 



I 



198 Emil Jung: 

von 4885 auf 61 19 Einwohner. Vgl. Report on the Census of the 
province of Ajmere-Merwara, taken on the 17'^ February 1881 by Pan- 
dit Bhagram, Ajmere 1882. 

Berar mit offiziellem Titel: Hyderabad-Assigned-Districts hat ein 
Areal von 17,711 engl. Quadratmeilen oder 45870 qkm und eine Be- 
völkerung von (i88i) 2 672 673 Seelen. Das Gebiet wurde 1853 seitens 
des Nizams von Hyderabad der britischen Regierung als Pfand für 
die Zahlung der rückständigen Subsidien u. ä. überwiesen, 1860 wurden 
die Bedingungen geändert und in jüngster Zeit hat sich der Nizam 
bemüht, den Distrikt zurückzuerhalten, aber vergebens. Es wird von 
einem Commissioner verwaltet, welcher von dem Residenten in Hyde- 
rabad ressortiert, der ebenso wie der Chief-Commissioner für Ajmere 
von der obersten Verwaltungsbehörde der politischen Abteilung in Cal- 
cutta ressortiert. Sitz der Verwaltung ist Amraoti. 

In Berar hat sich seit 1867 in administrativer Hinsicht eine ganze 
Reihe von Veränderungen vollzogen, infolge einer neuen Einteilung 
und einer von der britisch-indischen Regierung ausgeführten Vermessung 
des Landes. Die neue Einteilung ist bereits in Behm und Wagner (Bevöl- 
kerung der Erde, Heft V, S. 40) berücksichtigt worden; die dort für die 
einzelnen Distrikte wie für die ganze Provinz gegebenen Arealzahlen 
stimmen indes mit den gegenwärtig vorliegenden nicht mehr überein. Auch 
die dort angeführte und Heft VI. S. S3 wiederholte Bevölkerungsziffer für 
1867 ist von der hier gegebenen verschieden. Der Report on the 
Census of Berar 1881 byEustace F. Kitts, Bombay 1882, besagt S. ^2y 
dass die Bevölkerungsziffer des vorhergegangenen Census sich auf 
2 231 565 belief, dass aber danach eine Berichtigung der Basim-Hydera- 
bad Grenze stattfand, wodurch Basim an Hyderabad 3911 Personen 
abgab. Dadurch wurde die Bevölkerung von Berar auf 2 227 654 Per- 
sonen reduciert, wie in der folgenden Tabelle angeführt. Das Gesamt- 
areal der Provinz ist jetzt auf 17 711 (früher 17728) engl. Quadrat- 
meilen festgestellt. Innerhalb der Provinz haben die Grenzen der ein- 
zelnen Taluks, deren Zahl auf 22 vermehrt wurde, vielfach Veränderungen 
erfahren; auf diese hier einzugehen, ist nicht möglich. In der folgen- 
den Tabelle, welche die Verteilung der Bevölkerung auf die einzelnen 
Distrikte und Taluks nach den Zählungen von 1867 und 1881 zum 
Vergleich neben einander stellt, ist auf alle territorialen Veränderungen 
Rücksicht genommen, sodass für beide Jahre nur die in dem gegen- 
wärtigen Umfang der einzelnen Verwaltungsbezirke wohnhafte Bevölkerung 
zum Ausdruck kommt. 

Areal und Bevölkerung von Berar. 

Distrikte und Taluks Areal Bevölkerung Zunahme 

in engl. Quadratm. in Quadratkilom. 1867 iggi 

Amraoti-Distrikt 2759 7145 501331 575328 73 997 

Amraoti 672 i 740 139 646 163 456 23 810 



Der Census von Indien vom Jahre 1881. 199 

Distrikte und Taluks Areal Bevölkerung Zunahme 

in engl. Quadratm. in Quadratkilom. 1867 1881 

Chandur 855 2214 127642 171 611 43969 

Morsi 622 1611 129385 129688 303 

Murtazapur 610 1580 104658 110573 5915 

Akola-Distrikt 2 660 6 889 480 657 592 792 112135 

Akola 739 1914 109658 139 421 29763 

Akot 518 1342 122654 144253 21599 

Balapur 570 1476 88509 107200 18 691 

Jalgaon 392 1015 83 iio 105739 22629 

Khamgaon 441 i 142 76726 96179 19 453 

Ellichpur-Distrikt2623 6794 279 022 313805 34783 

Ellichpur 469 i 215 135 553 148 041 12488 

Daryapur 505 1308 102803 123 109 20306 

Melghat 1649 4271 40666 42655 1989 

Buldana-Distrikt 2804 7262 366309 439763 73454 

Chikhli 1009 2613 115 811 140 Ol I 24200 

Malkapur 790 2046 145 015 168508 23493 

Mehkar 1005 2603 105483 131 244 25761 

Wun-Distrikt 3 907 10 U9 323 689 392102 68 413 

Yeotmal 909 2 354 88 550 107 846 19 296 

Darwha 1 062 2 750 95 699 132 788 37 089 

Kelapur 1 079 2 795 72 341 78 814 6 473 

Wun 857 2220 67099 72654 5555 

Basim-Distrikt 2958 7661 276 646 358 883 82 237 

Basim 1 051 2722 121 129 157690 36561 

Mangrul 634 1642 64249 76142 11893 

Pusad i 273 3 297 91 268 125 051 33 783 

Die Provinz: 17 711 45 870 2 227 654 2 672 673 445 019 

Von den 2 672 673 Einwohnern des Census von 1881 waren 
I 380 492 männlichen und i 292 181 weiblichen Geschlechts. Dem Reli- 
gionsbekenntnis nach waren 2 425 654 oder 90,8 pCt. Hindu, 187 555 
oder 7 pCt. Mohammedaner, 37338 Aboriginer, 20020 Jain u. s. w. 

Die Provinz Berar zählt 34 Städte, deren Einwohnerzahl 5000 über- 
steigt, und 10 mit über 10 000 Einwohnern. Diese letzteren sind: 
Ellichpur mit 26 728, Amraoti mit 23 550, Akola mit 16 614, Akot mit 
16 137, Khamgaon mit 12 390, Basim mit 11 576, Balapur mit 11 244, She- 
gaon mit 11 079, Karnaja mit 10923 und Jalgaon mit 10392 'Einwohnern. 

Coorg, der englische Name für das indische Kurg oder Kodagn 
d. i. steile Berge, ist eine kleine Gebirgslandschaft im äussersten Süden 
der indischen Halbinsel, welche von England 1834 annektiert wurde. 
Die tyrannische Grausamkeit des Rajah gab den Briten den Vorwand 
zum Einmarsch; der Rajah wurde nach zähem Wiederstaiid^ ^\i\\S\i^\- 



200 ^"^il Jung: 

gäbe gezwungen, entsetzt und das Land, wie die englische Proklamation 
besagte, auf einstimmigen Wunsch des Volkes mit den britischen Be- 
sitzungen vereinigt. Coorg wird gegenwärtig von einem Chief Commis- 
sioner mit dem Sitz in Mercara verwaltet, welcher dem Residenten von 
Mysore unterstellt ist. 

Das Areal von Coorg wird bei Behm und Wagner (Bevölkerung der 
Erde, Hft. VII) nach der Schätzung von 1871 auf 2000 engl. Quadrat- 
meilen angegeben, da die Resultate der topographischen Vermessung 
damals noch nicht vorlagen, wonach das Areal auf 1582,81 engl. Qua- 
dratmeilen bestimmt worden ist. Auf die öTaluks verteilten sich Areal 
und Bevölkerung wie folgt: 



k Taluk 


Areal 




Bevölkerung 


Zu- oder 


engl. 


Quadratmeilen 


Quadratkilom. 


1871 


1881 


Abnahme. 


Kiggatnad 


41045 




1062 


27738 


31230 


+ 3492 


Padinalknad 


399»90 




1036 


32350 


28219 


— 4131 


Nanjarajpatna 


263,89 




684 


26159 


26984 


4- 825 


Mercara 


216,30 




559 


32 132 


34088 


4-1956 


Yedenalknad 


201,45 




522 


31 104 


41370 


+ 10266 


Yelsavirshime 


90,82 




236 


18829 


16411 


— 2418 


Coorg: 


1582,81 




4099 


168 312 


178302 


4-9990 



Die Abnahme der Bevölkerung im Taluk Padinalknad wird einer 
Verschiebung der Bevölkerung zugeschrieben, indem viele Kaffeepfian- 
zungen des genannten Taluk aufgegeben wurden, wogegen viele neue in 
Yedenalknad entstanden. Immerhin erscheint die Zunahme von 6 pCt. 
in 10 Jahren eine sehr geringe, da weder Krankheiten noch Hungers- 
not das Land betrafen. Dem Geschlecht nach wurden 1881 unter- 
schieden 100 439 männliche und 77 863 weibliche Personen, der Religion 
nach 162 489 Hindu, 12 541 Mohammedaner, 3152 Christen. Die allein 
nennenswerte Stadt ist Mercara, welche mit Einschluss des Kantonne- 
ments 8383 Einwohner zählt. Sie besteht aus der Stadt der Einge- 
borenen, Mahaderpety einem Fort mit Palast, Kasernen und dem mili- 
tärischen Kantonnement. Die Stadt ist Sitz des Chief Commissioner wie 
der Maharajah. Vgl. Report on the Coorg General Census of 1881 
by Major H. M. S. Magrath, Bangalore 1881. 

Die Andamanen und Nicobaren werden in dem Statement ex- 
hibiting the moral and material progress and condition of India, als 880 
engl. Quadratmeilen gross und die Bevölkerung nach dem Census von 
1881 auf 14 628 Seelen angegeben. Augenscheinlich wird hier aber nur die 
britische Sträflingskolonie auf der Insel Süd-Andaman in Betracht ge- 
zogen; in den Statistics of the population enumeräted in the Anda- 
mans 17'^ February 1881, Calcutta 1883, ist immer nur von Port Blair 
die Rede. Das Areal der Andamanen wird man mit Wisotzki auf 6497, 
das der Nicobaren auf 1772 Quadratkilometer anzunehmen haben. 



Der Census von Indien vom Jahre 1881. 201 

(Vgl. Behm und Wagner, Bevölkerung der Erde, Hft. VI. S. 39). Die 
oben angegebene Census-Bevölkerung von 14628 Seelen (12 640 männ- 
liche, 1988 weibliche), wovon 9668 Hindu, 3773 Mohammedaner, 584 
Christen etc., bezieht sich nur auf die Bevölkerung des Regierungs- 
etablissements und schliesst 11 652 Sträflinge (7440 männliche) ein. 
Die einheimische Bevölkerung wird auf 6000 Seelen geschätzt. Die 
Einwohnerzahl der Nicobaren gab die Novara-Expedition auf 5000 an 
und wird von F. Maurer mit eingehender Berücksichtigung der einzelnen 
Inseln auf 5500 berechnet. Danach erhalten wir als Summen für beide 
Inselgruppen: Areal 8269 Quadratkilometer, Bevölkerung 26 128 Seelen. 
Auf den Andamanen wurden schon 1791 durch die indische Re- 
gierung Niederlassungen gegründet, die aber sämtlich, da sie sich als 
ungesund erwiesen, bis 1796 wieder aufgegeben werden mussten. Erst 
nach dem Sepoy-Aufstande dachte man wieder an die Gruppe, indem man 
1858 Port Blair auf Süd-Andaman zu einer Sträflingsstation bestimmte. 
Die Nicobaren, aufweiche Dänemark früher einmal Ansprüche erhob, 
wurden 1869 annektiert. Beide Inselgruppen stehen gegenwärtig unter 
einem Beamten, welcher den Titel Superintendent of Port Blair and 
the Nicobar Islands führt und von dem Chef der Abteilung des Innern 
in Calcutta ressortiert. Sitz der Verwaltung ist Port Blair. 

IL Provinzen unter einem Gouverneur. 

I. Die Präsidentschaft Madras. 

Zur Präsidentschaft Madras gehören fünf Staaten einheimischer 
Fürsten, ausserdem liegen in ihren Grenzen noch Mysore, ein vom Ge- 
neralgouvemeur abhängiger Staat, und die Provinz Coorg, die ich 
bereits behandelt habe. Das Areal von Madras ist schon seit Beginn 
dieses Jahrhunderts fast unverändert geblieben. Die erste britische 
Erwerbung war hier Fort St. George oder Madras City, das 1639 von 
einem kleinen Hindu-Rajah erworben wurde. Masulipatam wurde den 
Franzosen 1757 genommen und die Umgebung, die sogen. Northern 
Circars wurden an Clive 1765 von dem Grossmogul Shah Alam mit den 
Diwani von Bengalen abgetreten. Der zweite Mysore-Krieg gab Madras 
1792 die Distrikte von Malabar, Salem und einen Teil von Madura. 
Nach dem Sturz Tippu's 1799 fielen Canara und Coimbatore an die 
Ostindische Kompagnie, welche zugleich vom Nizam von Hyderabad 
dessen Eroberungen, die „Ceded Provinces" von Bellary und Cudda- 
pah erhielt. In demselben Jahr trat der Rajah von Tanjore seine Be- 
sitzungen an die Kompagnie ab. Endlich entschloss sich 1801 der 
Nawab des Carnatic, allen seinen Herrscherrechten über das ihm bis- 
her verbliebene Land zu entsagen. Nur der Nawab von Kurnool blieb 
noch, bis 1838 auch sein Land annektiert wurde. Im Jahre 1862 wurde 
der Distrikt Nord-Kanara von Madras abgelöst und mit Bombay ver- 
einigt. Der Gouverneur residiert in Madras City. 



202 Emil Jung: 

Die Präsidentschaft Madras zerfällt in die unmittelbaren Besitzungen 
der Kaiserin von Indien und in die von einheimischen Fürsten unter 
englischer Oberhoheit beherrschten Tributärstaaten. Das Areal der 
ersteren beträgt 139 481 englische Quadratmeilen oder 361 241 Quadrat- 
kilometer, dass der letzteren 96 11 englische Quadratmeilen oder 24891 
Quadratkilometer, sodass das ganze dem Gouverneur von Madras 
unterstellte Gebiet einen Umfang von 149092 englischen Quadratmeilen 
oder ^S 132 Quadratkilometer hat. Die Tributärstaaten: Banganapalle, 
Sundur, Pudukota, Travancore, Cochin behandle ich eingehender mit 
den übrigen Staaten einheimischer Fürsten, 

Die unmittelbaren Besitzungen der Präsidentschaft Madras. 





Areal 


Bevölkerung 


Zu- oder 


Distrikte Engl. Quadratm. 


Quadratkm 1871 


1881 


Abnahme 


Ganjam 


3 106*) 


8044 


I 388 976 


I 503 301 


-MI4325 


Vizagapatam 


3 477*) 


9005 


I 844 711 


I 790 468 


54243 


Godavari 


6525 


16899 


I 592 939 


I 780613 


+ 187674 


Kistna 


8471 


21939 


1*452 374 


I 548 480 


-+-96 106 


Nellore 


8739 


2263s 


1376811 


I 220 236 


156575 


Cuddapah 


8745 


22 649 


I 351 194 


I 121 038 


—230156 


Kurnool 


7 533 


19 510 


914432 


678551 


-235 881 


Bellary 


10843 


28082 


I 653 010 


I 326 144 


326 866 


Chingleput 


2 842 


7360 


938 184 


981 381 


4-43 197 


North Arcot 


7256 


18792 


2015 278 


I 817 814 


197 464 


South Arcot 


4873 


12 621 


1755 817 


I 814 738 


+58921 


Tanjore 


3654 


9463 


1973 731 


2 130383 


+ 156652 


Trichinopoly 


3561 


9223 


I 200 408 


I 215033 


+ 14625 


Madura 


8401 


21758 


2 266615 


2 168 680 


- 97 935 


Tinnevelly 


5381. 


13936 


I 693 959 


I 699 747 


+5788 


Salem 


7653 


19820 


I 966 995 


I 599 595 


-367400 


Coimbatore 


7842 


20310 


I 763 274 


I 657 690 


-105584 


Nilgiris 


957 


2478 


49501 


91034 


-f-41 533 


Malabar 


5765 


14 931 


2 261 250 


2 365 035 


4-103785 


South Canara 


t 3902 


IG 106 


918362 


959 514 


4-41 152 


Madras City 


27 


70 


397 552 


405 848 


+8296 


Total 119 553 


309629 


30775373 


29 875 343 


— 900 030 


Agency Tracts 










Ganjam 


5 205*) 


13 481 


131 112 


246 303 


+ 115 191 


Vizagapatam 


13 903*) 


36007 


314488 


694673 


+380 185 


Godavari 


820 


2 124 




10899 


+ 10899 


Totalsumme i 


39481 


361 241 


31 220973 


30827218 


—393 755 



*) Die Arealangaben für Ganjam und Vizagapatam, sowohl was die Distrikte 
als die Agency Tracts anlangt, sind, wie die Operations and Results in the Presi- 
dency of Madras vol. II S. 2 angeben, nicht zuverlässig. 



Der Census von Indien vom Jahre i88i. 203 

Diese Tabelle weicht von der offiziellen in mehreren Punkten ab. 
Die Operations and Results in the Presidency of Madras by Lewis 
Mc. Iver, Vol. II S. iff. schliessen die kleinen Staaten Banganapalle 
und Sundur in die Distrikte Kurnool und Bellary ein, bemerken aber 
in Vol. I S. 2^s ^^^ S. 239 ausdrücklich, dass beide Native States 
sind und rechnen sie nicht als Taluks. Ich habe daher eine Subtrak- 
tion vorgenommen und sie von den betreffenden Distrikten abgeson- 
dert. So kommt es, dass die Gesamtresultate für die unmittelbaren 
Besitzungen kleiner, die für die Tributärstaaten grösser erscheinen, die 
Summe der Areale und Bevölkerungen beider Teile, wie sie weiter unten 
in einer zusammenfassenden Tabelle angegeben sind, stimmt aber voll- 
kommen mit den im General Report gegebenen überein. 

Was insbesondere die Arealziffern anlangt, so wird man, bei einem 
Vergleich mit den im Censuswerk von 187 1 (s. Behm und Wagner, Be- 
völkerung der Erde, IV. S. 37) gegebenen, grosse Abweichungen von 
jenen finden. Das Gesamtareal ohne Travancore und Cochin ist um 
1303 engl. Quadratmeilen d. i. 3375 Quadratkilometer gestiegen, obschon 
man früher falschlich das Pudukota-Territorium zweimal, einmal zu Ma- 
dura, einmal für sich gerechnet hatte. Dafür wurden aber die Taluks 
Bhadrächalam und Rekapalle von den Centralprovinzen zum Distrikt 
Godavari geschlagen. Dadurch, dass die Amschams Nambalakod, Mun- 
nanad und Cheramkod vom Malabardistrikt abgezweigt und dem Distrikt 
Nilgiris zugeteilt wurden, hat sich eine interne Verschiebung vollzogen. 
Endlich haben die neueren Vermessungen das Pudukota-Territorium als 
279 engl. Quadratmeilen kleiner ergeben. Übrigens bezeichnet der 
Report das Areal von Ganjam, Vizagapatam nebst den beiden dazu ge- 
hörigen Agency Tracts noch immer als „doubtful". Durch die territori- 
torialen Veränderungen (Abtrennung von Distriktsteilen und Zuteilung 
derselben zu den' Agency Tracts und anderes , worauf ich schon auf- 
merksam gemacht habe) ist ein Vergleich resp. eine genaue Beurteilung 
der Bewegung der Bevölkerung in einzelnen Distrikten nicht möglich. 
Für das ganze Gebiet ist indes hier nur die bereits erwähnte Zuteilung 
von zwei Taluks der Centralprovinzen von Belang, deren Einwohner- 
zahl 1881 als 35656 stark ermittelt wurde. Wie die oben gegebene 
Tabelle nachweist, hat die Präsidentschaft Madras in den unmittelbaren 
Besitzungen einen Verlust von 393755 Individuen gehabt, innerhalb der 
engeren Grenzen ohne die Agency Tracts sogar von 900030 Individuen, 
eine unmittelbare Folge der Hungersnot. 

Nach den Geschlechtern teilt sich die Bevölkerung von 1881 in den 
von mir beschriebenen Grenzen in 15 257 452 Personen männlichen und 
15569766 Personen weiblichen Geschlechts. Was die Religionsverhält- 
nisse anlangt, so wurden ohne Pudukota, aber mit Einschluss der beiden 
Ländchen Banganapalle und Sundur ermittelt: 28215857 Hindu, 1924625 
Mubammedäner, 699700 Christen, 24962 Jain, 143 Parsi, 30 Juden etc* 



k 



204 Emil Jung: 

Städte gab es 227, davon eine mit mehr als 100 000 Einwohnern, 
nämlich Madras (405848), acht mit von 100 000 bis 50000, nämlich 
Trichinopoly (84 449), Madura(73 807), Malabar (57 085), Tanjore (54 745), 
Negapatam (53 855), Bellary (53 460), Salem (50 667) und Kumbakonam 
(50098), 21 Städte mit 50000 bis 20000 Einwohnern, nämlich Cudda- 
lore (43 545), Coimbatore (s^ 967), Vellore (37 591), Conjeeveram (37275)> 
Palghat (36339), Bandar (35056), Mangalore (32099), Vizagapatam 
(30 291), Cocanada (zS 856), Nellore (27 505), Tellicherry (26 410), Canna- 
nore (26 386), Ellore (24 092), Rajahmundry (24 555), Berhampore (2^ 599), 
Tinnevelly (23221), Mayavaram (23044), Vizianagaram {22 ^']'])y Adoni 
(22441), Kurnool (20329) und Panruti (20172); 44 Städte haben über 
10 000 und weniger als 20000 Einwohner, iio haben über 5000 und 
weniger als 10 000, 14 haben über und zwei weniger als 2000 Ein- 
wohner, 

2. Die Präsidentschaft Bombay. 

Die Präsidentschaft Bombay begreift ausser der Westseite der in- 
dischen Halbinsel auch die Niederlassung zu Aden. Auch gehört eine 
grosse Anzahl von Staaten eingeborener Fürsten zur Präsidentschaft, 
doch steht Baroda direkt unter dem Generalgouverneur. Die erste eng- 
lische Faktorei wurde zu Surat 16 13 gegründet, dann kam 1661 die 
Insel Bombay als Teil der Mitgift der Infantin Katharine von Portugal 
an England unter Karl IL, welcher die Insel im Jahre 1668 an die Ost- 
indische Kompanie verkaufte. Diese verlegte 1686 ihr Hauptquartier 
von Surat hierher und 1708 wurde Bombay zu einer Präsidentschaft 
erhoben. Indessen erwarb die Kompanie erst spät weiteren Boden. 
Der erste Mahrattenkrieg 1774—82 gewann ihr nur ein paar Inseln, aber 
der Vertrag von Bassein 1802 und der gleich darauf folgende zweite 
Mahrattenkrieg brachten die Erwerbung der Distrikte Surat, Broach und 
Kaira und sicherte britischen Einfluss durch ganz Gujerat. Der dritte 
Mahrattenkrieg 181 7 — 18 stürzte die Mahrattenvereinigung und gewann 
der Kompanie Deccan und Konkan. Die Provinz Sind wurde 1843 von 
Sir Charles Napier erobert. Schon 1839 hatten zwei englische Kriegs- 
schiffe Besitz von Aden ergriffen, das jetzt von einem Residenten ver- 
waltet wird, welcher dem Gouverneur von Bombay unterstellt ist. Sitz 
der Regierung der Präsidentschaft ist Bombay City. 

Das Areal der Präsidentschaft wird jetzt auf 124 122 engl. Quadrat- 
meilen angegeben, das der sehr zahl- und umfangreichen Tributär- 
staaten auf 73 753 engl. Quadratmeilen. Es wird diese Herabsetzung 
der Arealziflfem der unmittelbaren Besitzungen von 124 516 resp. 
124462 engl. Quadratmeilen, wie die früheren Berichte angaben, auf die 
jetzt aufgenommenen in den Operations and Results in the Presidency of 
Madras, vol. I, S. 14, erklärt aus einer Neuvermessung der Distrikte mit 
Ausnahme des Distrikts von Thar und Parkar. Ferner wurden bereits 



Der Census von Indien vom Jahre 1881. 



205 



1878 vom Distrikt Khandesh abgetrennt 394 engl Quadratmeilen, welche 
der Holkar von Indore erhielt, so dass das Areal dieses Distrikts auf 
9944 engl. Quadratmeilen und das Gesamtareal des britischen Terri- 
toriums der Präsidentschaft auf 124 122 engl. Quadratmeilen herab- 
gesetzt wurde. 



Die unmittelbaren Besitzungen der Präsidentschaft Bombay. 
Division Areal Bevölkerung Zu- 



und Distrikt 


Engl. Quadratm. 


Quadratkm. 1872 


1881 oder Abnahme 


1. Gnjarat 




10158 


26 308 


2 814 027 


2 857 731 


H-43 704 


Ahmedabad 




3821 


9896 


832 436 


856 324 


-h23 888 


Kaira 




I 609 


4167 


782 733 


804 800 


4-22 067 


Panch Mahals 




I 613 


4178 


240743 


255 479 


+ 14736 


Broach 




1453 


3763 


350 322 


326 930 


23392 


Surat 




I 662 


4304 


607 793 


614 198 


+6405 


2. Konkan 




9 661 


25 021 


2 216 965 


2 287 287 


+70 322 


Thana 




4243 


10989 


847 424 


908 548 


+61 124 


Kolaba 




1496 


3874 


350 405 


381 649 


+31244 


Ratnagiri 




3922 


10 158 


I 019 136 


997 090 


—22 046 


«3. Deccan 




37407 


96 880 


5 248 977 


5315 123 


+66 146 


Khandesh 




9 944 


25754 


I 030 036 


1237 231 


+207 195 


Nasik 




5940 


15384 


737 755 


781 206 


+43451 


Ahmednagar 




6 666 


17 264 


778 337 


751 228 


—27 109 


Poona 




5348 


13 851 


921353 


900621 


—20 732 


Sholapur 




4521 


11709 


719375 


582 487 


-136888 


Satara 




4988 


12 918 


I 062 121 


I 062 350 


+229 


i. Western Karnatic 


18 860 


48 845 


3 149 335 


2 807 254 


-342 081 


Belgaum 




4657 


12 061 


944 985 


864014 


-80971 


Dharwar 




4 535 


"745 


989671 


882 907 


— 106764 


Kaladgi 




5 757 


14 910 


816273 


638 493 


— 177 780 


Kanara 




3911 


10 129 


398 406 


42 1 840 


+23 434 


5. Sind 




48 014 


124351 


2 203 177 


2 413 823 


+210 646 


Karachi 




14 115 


36556 


426 722 


478 688 


+51 966 


Hyderabad 




9030 


23387 


723 S83 


754 624 


+30 741 


Shikarpur 




10 001 


25901 


776 227 


852 986 


+76 759 


Thar und Parkar 


12 729 


32967 


180 761 


203 344 


■^22 583 


Upper Sind Frontier 2 139 


5540 


95584 


124 181 


+28 597 


6. Stadt und 


Insel 












Bombay 




22 


67 


644 405 


773 196 


+128 791 


Reisende aufEisenb. 






8750 


— 


8750 


Die Präsi- ( Civilbevölkerung 


r 


16237524 


16 418 754 


+ 181 230 


dentschaft \ 


Militär 




48 112 


35660 


-12452 



Totalsumme: 124122 321463 16285 636 16 464 414 +V%%Tl^ 



206 Emil Jung: 

Dazu 
Aden mit Ferim'') 70,5 183 22 207 34 860 +12153 

Civilbevölkerung 19289 31298 +12009 

Militär 3418 3562 +144 

Truppen der Expedi- 
tion in Kandahar, Gar- 
nison in Quitta etc. 57 loi 

Die nachstehenden Militärstationen der Präsidentschaft hatten 1881 
folgende Bevölkerungen: Ahmedabad 2854, Surat 2690, Nasik 1323, 
Ahmednagar 192 1, Poona 7342, Sholapur 1391, Satara 427, Belgaum 
4868, Dharwar 671, Karachi 5228, Hyderabad 2958, Upper Sind 
Frontier 3987. 

Hinsichtlich der für eine Anzahl von Distrikten konstatierten Ab- 
nahme der Bevölkerung wird die Erklärung abgegeben, dass Ratnagiri 
sehr viele Arbeiter für die Stadt Bombay liefert — 1881 befanden sich 
daselbst 126 100 Eingeborene dieses Distrikts — , dass durch Dürre 
und dadurch verursachte Hungersnot und spätere Epidemien die 
Distrikte Broach, Ahmednagar, Poona, Sholapur, Satara, Belgaum, 
Dharwar mit Kaladgi mehr oder weniger von ihrer Einwohnerzahl 
einbüssten. Von der 16 454 414 Seelen starken Bevölkerung des 
Jahres 1881 waren 8497718 männlichen und 7956696 weiblichen 
Geschlechts. 

Nach den Religionen verteilte sich die Bevölkerung (ohne Aden) 
auf 12308582 Hindu, 3021 131 Muhammedaner, 562678 Aboriginer, 
216224 Jain, 138 317 Christen, davon 109 456 Katholiken, 127 100 Sikh, 
72 066 Parsi, 7952 Juden. 

Von den 156 Städten hatten über 100000 Einwohnern drei: 
Bombay (773196), Ahmedabad (124767), Surat (107 154), zwischen 
100 000 und 50000 drei: Poona (99622), Karachi (68332), Sholapur 
(59890), zwischen 50000 und 20000 elf: Hyderabad (45 195), Shikarpur 
(42496), Broach (37281), Hubli (36677), Ahmednagar (32903), Satara 
(28601), Nariad (28304), Sakkar (27389), Dharwar (26520), Nasik 
(24101)", Belgaum (23 115), unter 20000 und über 10 000 haben 47 
Städte, über 5000 Einwohner 85 Städte und 16 haben über 3000 Ein- 
wohner. Ausserdem giebt es 28 Ortschaften, welche nicht den Rang 
von Städten haben, aber von 8500 bis 3620 Einwohner zählen. 

Von der 34860 Seelen starken Bevölkerung Adens warfen 22735 
männlichen und 12 125 weiblichen Geschlechts; 27022 waren! Muham- 
medaner, 2666 Hindu, 2595 Christen, 2 121 Juden, 236 Parsi ^tc. 

i 

} 

*) Aden hat ein Areal von 66 engl. Quadratmeilen (171 qkm) rind (1881) 

34 761 Einwohner; Ferim ist 4,5 engl. Quadratmeilen (12 qkm) gros.4 und hat 

(iSSi) 149 Einwohner. » 



4 

[ 



Der Census von Indien vom Jahre 1881. 207 

III. Provinzen unter einem Lieutenant-Governor. 

1, Die Provinz Bengalen. 

Bengalen umfasst je nach der Auffassung seiner Grenzen bald ein 
grösseres, bald ein kleineres Gebiet. Im weitesten Sinne versteht man 
darunter wohl heut noch, wie früher, ganz Britisch -Indien, soweit es 
nicht unter die Präsidentschaften Madras und Bombay gehört, und im 
engsten, dem streng geschichtlichen, nur eine der vier Provinzen, welche 
unter der Verwaltung des Lieutenant- Governors von Bengalen stehen. 
Offiziell begreift Bengalen die Provinzen Bengal proper, Behar, Orissa 
und Chota Nagpore, die man bisweilen die unteren Provinzen (The 
Lower Provinces) nennt, um sie von den späteren Erwerbungen im 
Nordosten zu unterscheiden. In dieser Ausdehnung begreift Bengalen 
150588 engl. Quadratmeilen, ohne die unbewohnten 5976 Quadrat- 
meilen des Gangesdeltas, welche als Sunderbunds bekannt sind. Seine 
66 691456 Seelen starke Bevölkerung bildet ein Drittel der ganz Indiens. 
Dazu kommen dann noch die in näherer politischer Beziehung zum 
Lieutenant-Governor stehenden Staaten einheimischer Fürsten, ein Areal 
von 36634 engl. Quadratmeilen mit 2845405 Einwohnern, so dass das 
ganze dem Lieutenant-Governor von Bengalen unterstehende Gebiet einen 
Umfang von 193 198 engl. Quadratmeilen oder 500362 Quadratkilo- 
meter mit 69 536 86 1 Einwohnern hat. 

Die Grenzen des jetzigen englischen Verwaltungsbezirks fallen nahe- 
zu mit denen des Diwani von Bengal, Behar und Orissa zusammen, 
welche der Grossmogul Schah Alam der Ostindischen Kompanie abtrat. 
Die Grenzen erweiterten sich im Lauf der Zeit, und 1836, zwei Jahre, 
nachdem der Gouverneur von Bengalen zum Generalgouverneur von 
Indien erhoben wurde, löste man die „Oberen Provinzen** ab und gab 
ihnen einen Lieutenant-Governor, Bengal erhielt einen solchen indes erst 
1854. Assam wurde 1874 abgetrennt und zu einer besonderen Provinz 
erhoben, nachdem schon 1835 Darjeeling vom Rajah von Sikkim abge- 
treten, das anstossende Gebiet 1850 annektiert und die Westlichen 
Daars von Bhutan 1865 erobert worden waren. Der Lieutenant-Gover- 
nor wird vom Generalgouvemeur aus der Zahl indischer Beamten er- 
nannt, welche mindestens 10 Jahre lang gedient haben. Den ihm zur 
Seite stehenden Rat aus 12 Mitgliedern, von denen ein Drittel der Be- 
amtenklasse nicht angehören darf, ernennt er selber. Sitz der Ver- 
waltung ist Calcutta. 

Was die Arealziffem anlangt, so ergiebt ein Vergleich mit den in 
dem früheren Census Report von 1872 enthaltenen, dass sich sowohl 
hinsichtlich des Umfangs der ganzen Provinz und der Grösse ihrer 
einzahlen Teile wie der administrativen Einteilung sehr wesentliche 
Veränderungen vollzogen haben. Am auffallendsten sind diese Ver- 
änderungen in der Division Burdwan, der jetzt auch die Sunderbunds 



208 



Emil Jung: 



zugerechnet werden (in den Tabellen ist das allerdings nicht geschehen), 
während man sie früher als zur Presidency Division gehörig aufführte. 
Vergl. Behm und Wagner, Bevölkerung der Erde IV. S. 28. Sodann 
ist der frühere District Tirhoot in Behar in die beiden Distrikte Dur- 
bhunga und MozufFerpore gespalten worden, und vollständig geändert 
worden sind die Abgrenzungen zwischen den Distrikten Backergunge 
und Furreedpore, zwischen Noakholly und Tipperah, zwischen Chitta- 
gong und Chittagong Hill Tracts, überhaupt haben die Grenzen von 
22 Distrikten mehr oder weniger erhebliche Änderungen erfahren. Das 
Areal der ganzen Provinz stellt sich jetzt mit den Sunderbunds auf 
156564 engl. Quadratmeilen gegen 158595, wie im Census von 1872 
angegeben. 

Die unmittelbar unter dem Lieutenant-Governor stehenden 

Besitzungen. 

Divisionen Areal Bevölkerung Zu- 

und Distrikte Engl. Quadratm. Quadratkm. 1872 1881 oder Abnahme 

1. Bengal Proper. 

1. Burdwan 
Burdwan 
Bankoorah 
Beerbhoom 
Midnapore 
Hooghly 
Howrah 

Total 

2. Presidency 
24 Pergunnahs 
Suburbs 
Calcutta 
Nuddea 
Jessore 
Khulna 
Moorshedabad 

Total 

3. Rajshahye 
Dinagepore 
Rajshahye 
Rungpore 
Bogra 
Pubna 
Darjeeling 
Julpigoree 

Total 17 428 45 137 7 380 777 7^733 775 +352998 



2 697 
2 621 

1756 

5082 

I 223 
476 



6985 
6788 

4548 

13 162 

3167 

I 233 



1 483 850 
968 597 

853 785 

2 545 179 
I 157385 

595 865 



I 391 823 

1 041 752 

794 428 

2 517 802 
I 012 768 

635 381 



-92 027 

73 155 

—59 357 
—27377 

—144617 
+39516 



13855 


35883 


7 604 661 


7 393 954 


— 210 707 


2 097 


5431 


1527773 


I 618420 


-1-90 647 


23 


60 


257 149 


251 439 


—5710 


8 


21 


429 535 


433 219 


+3648 


3404 


8816 


1812 795 


2 017 847 


+205 052 


2 276 


5894 


I 451 507 


I 577 249 


+125 742 


2 077 


5 379 


I 046 878 


I 079 948 


+33 070 


2 144 


5 553 


I 214 104 


I 226 790 


+12 686 


12 029 


31 154 


7 739 741 


8 204912 


+465 171 


4 118 


10665 


I 501 924 


I 514346 


+ 12 422 


2361 


6 115 


I 310729 


I 338 638 


+27 909 


3486 


9 028 


2 153686 


2 097 964 


-55 722 


1498 


3880 


689 467 


734 358 


+44 891 


1847 


4784 


I 211 594 


1311 728 


+100 134 


I 234 


3 196 


94712 


155 179 


+60 467 


2884 


7469 


418 665 


581 562 


+ 162 897 



Der Census von Indien vom Jahre 1881. 



209 



4. Dacca 












Dacca 


2797 


7244 


I 852 993 


2 116 350 


+ 263357 


Furreedpore 


2 267 


5871 


I 502 436 


I 631 734 


+129 298 


Backergunge • 


3649 


9450 


I 887 586 


I 900 889 


+ 13303 


Mymensingh 


6287 


16283 


2 348 753 


3051 966 
8 700 939 


+703 213 


Total ~ 


15 000 


38848 


7 591 768 


+1 109 171 


5. Chittagong 












Chittagong 


2567 


6648 


I 127 402 


I 132 341 


+4 939 


Noakholly 


I 641 


4250 


840376 


820 772 


— 19 604 


Tipperah 


2491 


6451 


I 408 653 


I 519338 


+ 110 685 


Chittagong 












Hill Tracts 


5419 


14035 


69 607 


loi 597 


+31 990 


Total ' 


12 118 


31384 


3 446 038 


3574048 


+ 128 010 


Bengal proper: 


70430 


182 406 


33 762 985 35 607 628 


+- 1 844 643 


II. Behar. 












I. Patna 












Patna 


2 079 


5384 


1559638 


1756856 


+197 218 


Gya 


4712 


12 204 


I 947 824 


2 124 682 


+ 176858 


Shahabad 


4365 


II 305 


I 723 974 


I 964 909 


+240 935 


Mozufferpore 


3003 


7 777 


2 245 408 


2 582 060 


+336 652 


Durbhunga 


3 335 


8637 


2 139 298 


2 633 447 


+494 149 


Sarun 


2 622 


6791 


2 063 860 


2 280 382 


+216 522 


Chumparun 


3531 


9145 


1440815 


I 721 608 


+280 793 


Totaf 


23647 


61 243 


13 120817 


15 063 944 


+ 1943 127 


2. Bhaugulpore 












Monghyr 


3921 


10 155 


I 814 538 


I 969 774 


+155236 


Bhaugulpore 


4268 


II 054 


I 824 738 


I 966 158 


4-141 420 


Pumeah 


4956 


12836 


I 714 795 


I 848 687 


+133 892 


Maldah 


1891 


4897 


676 426 


710448 


+34022 


Sonthal Pergunnahs 


• 5456 


14 130 


I 259 287 


I 568 093 


+308 806 


Total" 


20492 


53072 


7 289 784 


8 063 160 


+773376 


Behar: 


44139 


114315 


20 410 601 : 


23 127 104 


+2 716503 


ni. Orissa 












Cuttack 


3517 


9 108 


I 494 784 


I 738 165 


4-243 381 


Pooree 


2473 


6405 


769 674 


888 487 


+ 118813 


Balasore 


2 066 


5351 


770 232 


945 280 


+175048 


Angul 


881 


2 282 


78374 


loi 903 


+23 529 


Banki 


116 


300 


49426 


56900 


+7 474 


Orissa : 


9053 


23446 


3 162 490 


3 730 735 


+568 245 


IV. Chota Nagpore. 












Hazaribagh 


7 021 


18 184 


771875 


I 104 742 


+332 867 


Lohardugga 


12045 


31 195 


I 237 123 


I 609 244 


+372 121 


Singhboom 


3 753 


9 720 


318 180 


453 775 


+135 595 


Manbhoom 


4147 


10 740 


820 521 


I 058 228 


+237 707 


Chota Nagpore: 


26 966 


69839 


3 147 699 


4 225 989 


+1 078 290 


Provinz Bengalen: 


150 588 . 


390007 1 


60483775 < 


36 691 ^tj6l 


-V^ io*\ ^"^^^ 



.5 




210 Emil Jung: 

Dazu kommen noch, wie bereits bemerkt, die 5976 engl. Quadrat- 
meilen messenden Sunderbunds, welche administrativ zu Bengal proper 
gerechnet werden, das dann ein Areal von 76 406 engl. Quadratmeilen 
hat. Dieses Gewirr von Sümpfen und Dschungeln war bis vor kurzem 
ganz unbewohnbar, wird aber neuerdings der Kultur mehr und mehr 
gewonnen; inwiefern seine etwaigen, sicherlich immer noch spärlichen 
Bewohner Berücksichtigung gefunden haben, geht aus dem Report 
nicht hervor. 

Von der Gesamtbevölkerung der Provinz 1881: (66691 456 Seelen) 
waren männlichen Geschlechts 33 174 651, weiblichen 33516805; der 
Religion nach unterschied man 43245206 Hindu, 21 493 001 Muham- 
medaner, 155269 Buddhisten, 127 411 Christen und 1059 Juden. 

Die Zahl der Städte der Provinz , welche über 5 000 Einwohner 
zählen, beträgt 200, davon haben drei über 100 000, nämlich: Calcutta 
433 219, dazu die Vorstädte 251 439, Patna 170 654 und Howrah 105 206; 
7 haben unter 100 000 und über 50000 Einwohner, nämlich: Dacca 
79076, Gya 76415, Bhaugulpore 68338, Durbhunga 65955, Monghyr 
55372, Chuprah 51670, South Suburban 51659; 22 haben unter 
50000 und über 20000 Einwohner, nämlich: Behar 48968, Arrah 
42998, Cuttack 42656, Mozufferpore 42460, Moorshedabad 39221, 
Dinapore 37893, Burdwan 34080, Midnapore 33560, Hoogiy und 
Chinsurah 31 177, South Barrackpore (Agarpara) 30317, Baranagar 
(North Suburban) 29 982, Santeepore 29 687, Krishnaghur 27 477, Se- 
rampore 25 559, Hajipore 25 078, Berhampore 2^ 605, Pooree 22 095, 
Naihati 21533, Bettiah 21263, Serajunge 21037, Chittagong 20969 
und Balasore 20 265 ; 61 haben unter 20 000 und über 10 000 Einwohner 
und 106 haben unter 10 000 und über 5000 Einwohner. 

a. Die Nordwestprovinzen und Audh. 

Die Nordwestprovinzen sind seit 1877 mit Audh so vereinigt, dass 
sie unter einem obersten Verwaltungschef stehen. Man könnte von 
einer Personalunion sprechen, denn der Titel diesem Beamten lautet 
Lieutenant- Governor of the North -Western Provinces and Chief Com- 
missioner of Audh, auch ist die Verwaltung in manchen Zweigen für 
beide Provinzen getrennt. Die Nordwestprovinzen haben ihren Namen 
von ihrer Lage in Bezug auf die Lower Provinces von Bengalen er- 
halten, von denen sie 1835 abgelöst wurden. Bis dahin hiessen sie 
die Ceded and Conquered Provinces. Die erstem, die Ceded Pro- 
vinces, wurden vom Nawab von Audh in den Jahren I775> '79^ ^^^ 
1801 erworben, die Conquered Provinces wurden von Lord Lake 1805 
Sindia, dem Rajah von Gwalior, abgenommen, 1808 erstreckte sich die 
Britische Herrschaft schon zum Sutledj, 1816 wurden Kumaon, Garhwal 
und Dehra Dun den Gurkha entrissen, 181 1 nach dem Pindari-Krieg 
trat der Mahratten -Rajah von Nagpur einen grossen Landstrich in 



Der Census von Indien vom Jahre 1881. 211 

Centralindien, die Sagar- und Narbada-Territorien ab, kleinere Länder- 
teile kamen in der Folge hinzu. Nach der Unterdrückung des Sepoy- 
Aufstandes wurde Dehli und Umgegend zum Punjab geschlagen und. 
aus den Sagar- und Narbada -Territorien mit Nagpur ein neuer Ver- 
waltungsbezirk, die Centralprovinzen, gebildet. Zu gleicher Zeit ver- 
legte man den Sitz der Verwaltung von Agra nach Allahabad. 

In Audh sehen wir die Überbleibsel eines Königreichs, welches 
aus den Trümmern des Mogulreichs entstand, und dessen letzter Herr- 
scher, Wajid Alih Shah, 1856 wegen schlechter Regierung entthront 
und als Staatsgefangener nach Calcutta geführt wurde, wo er einen 
Jahresgehalt von 120000 Pfund Sterling empfängt. Sitz der Verwal- 
tung ist Lucknow. 

Nach dem Census von 1872 ist eine genauere Vermessung der 
Nordwestprovinzen und von Audh vorgenommen worden, wonach das 
Areal um etwas höher als früher zu stehen kommt. 

Seit der 1877 erfolgten Vereinigung der beiden Provinzen haben 
einige Veränderungen in der inneren Einteilung stattgefunden. Die 
Zahl der Divisionen (11) ist zwar dieselbe geblieben, die der Distrikte 
ist aber von 47 auf 49 erhöht worden, indem der Distrikt Pilibhit aus 
Teilen von Bareilly und Shahjahanpur und der Distrikt Ballia aus 
Teilen von Ghazipur und Azamgarh gebildet wurde. Auch haben bei 
den Distrikten Agra, Etah, Muttra durch Abtrennung resp. Hinzufügung 
Veränderungen stattgefunden. Im übrigen beruht die durchweg ver- 
änderte Arealbestimmung der einzelnen Distrikte auf genauerer Abgren- 
zung oder Vermessung. 

Das Areal der Nordwestprovinzen und Audh ist 106 104 englische 
Quadratmeilen oder 274797 qkm, die Bevölkerung betrug i88i : 
44 107 869 Seelen. Dazu kommen noch die kleinen Tributärstaaten 
Rampur und Native Garhwal mit zusammen 5125 englischen Quadrat- 
meilen oder 13 253 Quadratkilometer und 741 750 Einwohnern, sodass 
dem Lieutenant- Governor dieser Provinz 1 11 229 englische Quadrat- 
meilen oder 261050 qkm mit 44 849 629 Menschen unterstellt sind. 

Areal und Bevölkerung der unmittelbaren Besitzungen in 

den Nordwestprovinzen und Audh. 



Divisionen und 


Areal 


Bevölkerung 


Zu- oder 


Distrikte Engl. Quadratm. 


Quadratkm. 


187^ 


1881 


Abnahme 


1. Meemt 












Dehra Dun 


I 193,0 


3090 


116 945 


144 070 


+27 125 


Saharanpur 


2 221,4 


5752 


884017 


979 544 


+ 95527 


Muzaffarnagar 


1656,1 


4289 


690 107 


758 444 


+68 337 


Meerut 


2379,2 


6 161 


I 276 167 


I 313 137 


+36970 


Bulandshahr 


I 914,9 


4960 


937 427 


924822 


— 12 605 


Aligarh 


1955,3 


5063 


I 073 256 


I 021 187 


— 52 069 



Total II 319,9 29 315 4977 919 5 141 20/^ -V\6T,i'^ti 

Zätachx, d. Gesellsch, F. Erdk. Bd. XXI. \b 



!12 




Emil J 


ung: 






Divisionen und 


Areal 


Bevölkerung 


Zu- oder 


Distrikte Engl. Quadratm. 


, Quadratkm. 1871 


1881 


Abnahme 


2. Agra 












Muttra 


I 452,7 


3 762 


782 460 


671 690 


— HO 770 


Agra 


I 849,8 


4791 


I 076 005 


974 656 


— loi 349 


Farukhabad 


I 718,8 


4452 


917 178 


907 608 


-9 570 


Mainpuri 


I 697,2 


4 395 


765 845 


801 216 


+35371 


Etäwah 


I 693,6 


4386 


668 641 


722371 


+53 730 


Etah 


I 738,8 


4504 


829 118 


756523 


72595 


Total 


IG 150,9 


26 290 


5 039 247 


4 834 064 


—205 183 


3. Bohilkand 












Bijnor 


I 867,7 


4837 


737 153 


721450 


15 703 


Moradabad 


2 281,8 


5910 


I 122357 


I 155 173 


+32 816 


Budaun 


2 001,8 


5185 


934 670 


906451 


— 28 219 


Bareilly 


I 614,3 


4 181 


I 015 041 


I 030 936 


+ 15 895 


Shahjahanpur 


I 745;7 


4521 


951 006 


856 946 


— 94 060 


Pilibhit 


1371,6 


3552 


492 098 


451 601 


40497 


Total 


10 882,9 


28 186 


5252325 


5 122557 


— 129 768 


4. Allahabad 












Cawnpore 


2 370,0 


6138 


I 156055 


I 181 396 


+25 341 


Fatehpur 


I 638,7 


4244 


663 877 


683 745 


+19868 


Banda 


3 061,2 


7928 


697 684 


698 608 


+924 


Hamirpur 


2 288,5 


5927 


529 137 


507 337 


— 21 800 


Allahabad 


2833,1 


7 337 


I 396 241 


I 474 106 


+77 865 


Jaunpur 


I 554,1 


4025 


I 025 961 


I 209 66^ 


+ 183 702 


Total 


13 745»6 


35 599 


5 468 955 


5754855 


+285 900 


6. Benares 












Azamgarh 


2 147,4 


5561 


^317 626 


I 604 654 


+287028 


Mirzapur 


5 223,3 


13528 


I 015 826 


I 136 796 


+120 970 


Benares 


998,0 


2585 


794 039 


892 684 


+98 645 


Ghazipur 


I 473,0 


3815 


873 299 


I 014 099 


+140 800 


Gorakhpur 


4 598,1 


II 909 


2 019 361 


2 617 120 


+597 759 


Basti 


2 752,8 


7129 


I 473 029 


I 630 612 


+ 157583 


Ballia 


I 144,4 


2 964 


686 127 


924 763 


+238 636 


Total 


18 337,0 


47481 


8179307 


9820 728 +1 641 421 


6. Jhansi 












Jhansi 


I 566,8 


4058 


317826 


333 227 


+15 401 


Jalaun 


I 469,4 


3806 


404447 


418 142 


+13 695 


Lalitpur 


I 947>4 


5043 


212 661 


249 088 


+36 427 


Total 


4 983,6 


12 907 


934 934 


I 000457 


+65 523 


7. Knmann 












Almora 


6000 


15539 


433314 


493 641 


+60327 


Garhwal 


5500 


14244 


310 288 


345 629 


+35 341 


Taräi 


937,8 


2 429 


185 658 


206 993 


+21335 


Total 12 437,8 


32 212 


929 260 


I 046 263 


+ 117 003 



Der Census von Indien vom Jahre 1881. 213 

Divisionen und Areal Bevölkerung Zu- oder 

Distrikte Engl. Quadratm. Quadratkm 1869 1881 Abnahme 

8. Lncknow 

Lucknow 989,6 2 563 778 195 696 824 ~ 81 371 

Unao I 746,7 4 524 945 955 899 069 —46 886 

Bar a Banki i 768,2 4 579 11 13 430 1026788 — 86642 

Total 4 504,5 II 666 2837580 2622681 —214899 

9. Sitapur 

Sitapur 2251,1 5830 932 959 95^251 -4-25292 

Hardoi 2 311,6 5 987 931 377 987 630 +56 253 

Kheri 2 992,3 7 750 738 089 831 922 +93 833 

Total 7 555,0 19567 2602425 2777803 +175378 

10. Fyzabad 

Fyzabad 1689,0 4 374 1024652 1 081 419 +56767 

Bahraich 2740,8 7098 775 915 878048 +102 133 

Gonda 2875,2 7 447 i 168 462 1270926 +102464 

Total 7305,0 18 919 2969029 3230393 +261364 

U« Bae Bareli 

Rae Bareli 1738,3 4502 989008 951905 —37103 

Sultanpur 1706,9 4421 1040227 957912 — 82315 

Partabgarh i 436,5 3 720 782 681 847 047 +64 366 

Total 4881,7 12643 2 811 916 2756864 — 55052 

Die Provinz: 106 103,9 274 797 42 002 897 44 107 869 +2 104 972 

Diese Arealangabe stimmt nicht mit der im General Report von 
Plowden (The Indian Empire, Statistics of Population, vol. II, p. 2) 
überein, wo das Areal des britischen Territoriums der Nordwestpro- 
vinzen und Audh als 106 iii engi. Quadratmeilen gross angegeben 
wird. Diese Ziffern sind danach auch in andere englische sowie 
deutsche Publikationen übergegangen (vergl. Gothaischer Hofkalender 
1886, S. 749). Der grosse Folioband Report on the Census of N. W. P. 
and Audh by Edmund White, Allahabad 1882, welcher die obigen 
Arealzahlen in dem General Statement of Area and Population auf 
Seite 2 bis 5 bringt, sagt zwar nicht, wie diese Zahlen gewonnen 
wurden, da sie aber Dezimalstellen einschliessen , so entstammen sie 
augenscheinlich genauen Berechnungen oder Aufnahmen und verdienen 
daher grösseres Vertrauen als die alten. In der^That besagt Balfour's 
Cyclopaedia of India, dass der grössere Teil der Nordwestprovinzen 
vermessen sei (heut scheint dies nicht nur mit dem ganzen Areal der 
Nordwestprovinzen, auch mit Audh der Fall zu sein), und dass man das 
Areal eines jeden Dorfes in Acres, das Areal der zu jedem Dorfe ge- 
hörigen Feldmark aber in den lokalen Bigha angegeben habe. Die 
Bigha der Nordwestprovinzen misst 3025 Square Yards oder \ 
eines Acres. 



^14 'Emil Jung: 

Von der Gesamtbevölkening (44107869) waren 22912556 männ- 
lichen und 21 195 313 weiblichen Geschlechts, der Religion nach zählte 
man 38053394 Hindu, 5752056 Muhammedaner, 79957 Jain, 47664 
Christen, lOi Juden. Von den Christen waren 20 184 Engländer, 6429 
andere Europäer, 7726 Eurasier, 13 253 Indier. 

Von den 287 Städten hatten 5 über 100 000 Einwohner, nämlich 
Lucknow (261 303), Benares (199 700), Agra (160 203), Cawnpore (151 444), 
Allahabad (148547) und Bareilly (113 417), acht hatten unter 100 000 
und über 50000, nämlich Meerut (99565), Shahjahanpur (74830), 
Moradabad (67387), Farukhabad (62437), Koil (61730), Saharanpur 
(59194), Gorakhpur (57922) und Mirazpur (56378), dann bis 20000 
achtzehn Städte: Muttra (47483), Fyzabad (43927), Jaunpur (42845), 
Amroha (36145), Etawah (34721), Badaun (33680), Ghazipur (32 885), 
Pilibhit (29 721), Banda (28974), Chandausi (^27521), Khurja (27190), 
Hathras (25 656), Deoband (22 116), Bindraban (21 467), Sambhal (21 373), 
Fatehpur (21 328), Nagina (20503) und Mainpuri (20236), dann kommen 
69 Städte mit über 10 000 und weniger als 20000, 181 Städte mit über 
5000 und weniger als 10 000 und 6 Städte mit unter 4000 und über 
2000 Einwohnern. 

3. Das Punjab. 

Das Punjab hat jetzt einen bedeutenderen Umfang als sein Name 
(Land der fünf Ströme) besagt. Als 1849 das Sikh-Königreich von den 
Briten erobert worden war, erstreckte sich der Name auch auf dieses. 
Später kamen, wie schon erwähnt, Teile der Nordwestprovinzen hinzu. 
Auch stehen nicht weniger als 34 Staaten einheimischer Fürsten in 
politischer Verbindung mit dem Punjab. Noch 1849 bildete ein aus 
drei Mitgliedern bestehendes Direktorium die Regierung. 1853 wurde 
einer derselben zum Chief Commissioner und 1859 nach dem Aufstand 
zum Lieutenant - Governor ernannt. Sitz der Verwaltung ist Labore. 

Der unmittelbar unter dem Lieutenant- Governor stehende Teil der 
Provinz hat ein Areal von 106632 engl. Quadratmeilen oder 276165 
Quadratkilometer und eine Bevölkerung von (1881) 18850437 Seelen. 
Dazu kommen noch 36 grössere und kleinere Tributärstaaten mit einem 
Umfang von 35817 engl. Quadratmeilen oder 92 762 Quadratkilometer 
mit 3 861 683 Einwohnern, so dass die ganze Provinz 142 449 engl. 
Quadratmeilen oder 368928 Quadratkilometer misst und eine Be- 
völkerung von 22 712 120 Seelen hat. 

Dabei ist aber Kaschmir nicht eingerechnet, woselbst diesmal keine 
Zählung vorgenommen wurde, das aber, wie der Report on the Census 
of the Punjab by D. C. J. Jbbetson, Calcutta 1883, vol. I, p. 2, ganz 
richtig bemerkt, zur Zeit der Censusaufnahme unter der Regierung des 
Punjab stand, seitdem aber, wie das Statement exhibiting the moral and 
ter/a] progress and condition of India vol. II, p. 33 ausdrücklich 



Der Census von Indien vom Jahre i88i. 



215 



angiebt, unter dem Generalgouverneur von Indien steht, der durch 
einen britischen Residenten repräsentiert wird. 



\real und Bevölkerung 


der unmi 


ittelbaren 


Besitzung 


en in der 




P 


rovinz P 


unjab. 






Divisionen 


Areal 


Bevölkerung 


Zu- oder 


und Distrikte 


engl.Quadratm 


. Quadratkm. 1868 


1881 


Abnahme 


1. Dehli. 


5 610 


14 529 


1 928 596 


1 907 984 


-20 612 


Dehli 


I 276 


3305 


621 565 


643515 


+21 950 


Gurgaon 


1938 


5019 


689 034 


641 848 


—47 186 


Karnal 


2396 


6205 


617997 


622 621 


+4624 


2. Hissar. 


8 355 


21638 


1 226 594 


1 311 067 


+84 473 


Hissar 


3540 


9 168 


484681 


504 183 


-ri9 502 


Rohtak 


I 811 


4 690 


531 118 


553 609 


H-22 491 


Sirsa 


3004 


7780 


210795 


253 275 


+42 480 


3. TJmballa 


3 963 


10 264 


1 647 960 


1 729 043 


+81 083 


Umballa 


2570 


6656 


I 028 418 


I 067 263 


+38 84s 


Ludhidna 


1375 


3561 


585 547 


618 835 


+33 288 


Simla 


18 


47 


33 995 


42945 


+8950 


4. Jnllundnr 


12571 


32558 


2475 999 


2 421 781 


-54 218 


Jullundur 


I 322 


3424 


794418 


789 555 


-4863 


Hoshiarpur 


2 180 


5646 


937 699 


901 381 


-36318 


Kangra 


9069 


23488 


743 882 


730 845 


-13037 


5. Amritsar 


5354 


13 866 


2 743 659 


2 729 109 


14550 


Amritsar 


1574 


4076 


832 828 


893 266 


+60 428 


Gurddspur 


I 822 


4719 


906 126 


823 695 


82431 


Sidlkot 


1958 


5071 


I 004 695 


I 012 148 


+7 453 


6. Lahore 


8 987 


23 275 


1 888 945 


2 191 517 


+302 572 


Labore 


3648 


9448 


788 409 


924 106 


+135 697 


Gujranwala 


2587 


6 700 


550922 


616 892 


+65 970 


Ferozepore 


2752 


7 127 


549614 


650519 


+100905 


7. Bawalpindi 


15435 


39 975 


2 197 041 


2 520 508 


+323 467 


Rawalpindi 


4861 


12 589 


711 256 


820 512 


+109 256 


Jheluni 


3910 


IG 127 


500 988 


589373 


-^-SS 385 


Gujrat 


I 973 


5 "o 


616 509 


689 115 


+72 606 


Shabpur 


4691 


12 149 


368 288 


421 508 


+53 220 


8. Mooltan 


20 295 


52562 


1 477 936 


1 712 394 


+234458 


Mooltan 


5880 


15 228 j^ 


472 268 


551 964 


+79 696 


Jhang 


5702 


14767!^ 


347 043 


395 296 


+48 253 


Montgomery 


5 574 


14436 


360 445 


426 529 


+66 084 


Muzaßargarh 


3 139 


8130 


298 180 


338 605 


+40 426 


9. Derajat 


17681 


45 792 


988 897 


1 137 572 


+148 675 


Debra Ismail Khan 9296 


24076 


394 889 


441 649 


--46 760 


Debra Ghazi Khan 4517 


II 698 


309 192 


363 346 


+54 154 


Bannu 


3868 


10 018 


284 816 


11'^ sn 


-VM^^^ 



216 




Emil Jun 


g: 






Division 


Areal 


Bevölkerung 


Zu- oder 


und Distrikte en 


gl. Quadratm. 


Quadratkm 


1868 


1881 


Abnahme 


10. Peshawar 


8381 


21 706 


1 033 891 


1 181 289 


+147 398 


Peshawar 


2 504 


6485 


523 152 


592 674 


+69522 


Hazara 


3039 


7871 


365320 


407 075 


+41 755 


Kohat 


2838 


7350 


145 419 


181 540 


+36 121 


11. Khaibar Pass 




— 




8173 


4-8173 



Total des britischen 

Territoriums 106 632 276 165 17 609 518 18 850 437 +1 240 919 

Von der Bevölkerung des Jahres 1881 waren 10 210 053 männ- 
lichen und 8 640384 weiblichen Geschlechts; nach den Religionen unter- 
schied man 10525 150 Muhammedaner, 7 130528 Hindu, i 121 004 Sikhs, 
35826 Jain und 33420 Christen. Von den letzten waren 10920 Eng- 
länder, 17023 andere Europäer oder Amerikaner, 1844 Eurasier und 
3912 Indier. 

Die Provinz hat 116 Städte, deren Einwohnerzahl 5000 übersteigt, 
darunter drei mit über 100 000, nämlich Dehli (173 393), Amritsar 
(151 896) und. Labore (149369), fünf mit unter 100 000 und über 50000, 
nämlich Peshawar (79 982), Mooltan (68 674), Umballa (67 463), Rawal- 
pindi (52975) und Jullundur (52 119), dreizehn mit unter 50000 und 
über 20000, nämlich Sialkot (45762), Ludhiana (44163), Ferozepore 
(39570), Bhiwani (33 762), Panipat (25022), Batala (24281), Rewari 
(23972)5 Karnal {2^1^^), Gujranwala (22884), Dehra Ghazi Khan 
(22309), Dehra Ismail Khan {22 164), Hoshiarpur (21363) und Jhelum 
(21 107), vierzehn Städte haben weniger als 20000 und über 10 000 
und 44 weniger als 10 000 und über 5000 Einwohner. 

IV. Provinzen unter einem Chief Commissioner. 

I. Assam. 

Ass am schliesst nicht allein das obere Thal des Brahmaputra ein, dem 
dieser Name streng genommen allein gebührt, sondern auch das Thal des 
Surma sowie die Wasserscheide zwischen beiden Flüssen nebst Bergland- 
schaften, die sich gegen China und Birma hinziehen. Weder die Areal- 
noch die Bevölkerungsangabe sind ganz zuverlässig, da sie Schätzungen 
unvermessener Gebirge und ungenau gezählter Bergvölker enthalten. 
Ein Census wurde schon 1872 aufgenommen, als die Provinz noch zu 
Bengalen gehörte; man schloss aber damals die Garo Hills und die 
Naga Hills aus und die Khasi und Jaintia Hills wurden nur teilweise 
berücksichtigt. Man begnügte sich übrigens nur mit einer blossen 
Zählung und machte keinen Versuch, weitere Resultate zu ermitteln. 
Im Jahre 1881 wurde aber nach denselben Formen, wie sie überall 
sonst in Anwendung kamen, ein Census erhoben, welcher neben manchem 
andren die nachstehenden Resultate ergab. 



Der Census von Indien vom Jahre i88i* 



217 



Distrikte 



Areal 
engl. Quadratm. Quadratkm. 
Surma Valley. 

Cachar i 285 3 328 

Sylhet 5 381 13 936 



Bevölkerung Zu- oder Ab- 
1872 1881 nähme in Proz, 

205027 289425 +41,16 

I 719 539 I 969 009 +14,50 



Surma Valley 


6 666 


17 264 


I 924 566 


2 258 434 


+17,35 


Brahmaputra Vall 


ey. 










Gare Hills Plains 
Goalpara 


473 
3 953 


1225 1 
10238 J 


407 714 


23914 
446 232 


) +15,31 


Kamrup 


3631 


9405 


561 681 


644 960 


+14,83 


Darrang 


3418 


8852 


236 009 


273 333 


+15,81 


Nowgong 


3417 


8849 


256 390 


310579 


+21,14 


Sibsagar 


2855 


7 394 


296 589 


370274 


+24,83 


Lakhimpur 


3723 


9 642 


121 267 


179893 


+48,34 


Brahmaputra Valley 


21 470 


55605 


I 879 650 


2 249 185 


+19,60 


Hill Tracts. 






1 






North Cachar Hills 


2465 


6384 


30 000 


24433 


-18,55 


Gare Hills 


3 149 


8156 


80 000 


85634 


+7,04 


Khasi u. Jaintia Hills 


6157 


15946 


141 838 


169 360 


+ 19,43 


Naga Hills 


6 400 


16575 


68918 


94380 


+36,94 


Hill Tracts 


18 171 


47 061 


320756 


373 807 


+16,54 



Totalsumme 46 307 119 930 4124972 4881426 +18,34 

Es ist hierbei zu bemerken, dass die in der dritten Kolumne für 
North Cachar Hills und Garo Hills gegebenen Bevölkerungsziffern auf 
Schätzungen aus dem Jahre 1870 beruhen und dass die für 1881 bei 
Garo Hills und Naga Hills gegebenen Ziffern nicht einer wirklichen 
Zählung, vielmehr einer Berechnung zu danken sind. 

Die Arealziffer (46 301 engl. Quadratmeilen ist grösser als die in 
Behm und Wagner, Bevölkerung der Erde VII, S. 37 gebrachte, aber 
kleiner als die des Hofkalenders für 1886, welcher Assam als 46341 
engl. Quadratmeilen gross angiebt. Allerdings ist dies die Zahl, welche 
der allgemeine Censusbericht bringt (The Indian Empire, Census of 1881, 
Calcutta 1883) und welche auch in der Tabelle des Report on the 
census of Assam, Calcutta 1883, p» 22 aufgeführt wird, eine Fuss- 
note daselbst besagt aber, dass seitdem einige Fehler in den Areal- 
angaben entdeckt worden und daher für drei alte Ziffern folgende neue 
einzusetzen sind: 

Für Sylhet statt 5440 jetzt 5381 engl. Quadratmeilen 

Goalpara „ 3897 „ 3953 
Garo Hills „ 3180 „ 3149 



,9 



,5 



,» 



9, 



,J 



Ich habe daher diese Arealangaben sogleich an die Stelle der 
alten gesetzt; übrigens haben in Assam eigentliche Vermessungen nur 




218 Emil Jung: 

in den Thälern und ebenen Distrikten stattgefunden, während für die 
Bergländer nur Berechnungen vorliegen, welche der Topographical 
Survey aber als der Wahrheit ziemlich nahe kommend bezeichnet. 

Die Provinz verdankt einen nicht unbedeutenden Teil des Zu- 
wachses ihrer Bevölkerung dem Aufschwung der Thee -Industrie. Die 
Zahl der bei Aufnahme des Census in den Theegärten beschäftigten 
Arbeiter betrug 258 146 Seelen, davon waren indes nur 170000 ausser- 
halb der Provinz (vornehmlich in Bengalen, nächstdem in den Nord- 
westprovinzen) geboren, die Zahl der Eander dieser Einwanderer schätzt 
man auf 30000, etwa 40000 mögen vor 1872 ins Land gekommen sein. 

Assam, das bereits im Frieden von Ava, 24. Februar 1826, von 
Birma an England abgetreten wurde, gehörte bis 1874 zur Präsident- 
schaft Bengalen, dann wurde es zu einer selbständigen Provinz unter 
einem Chief Commissioner gemacht, welcher in Schillong, einem nur 
3737 Einwohner zählenden Ort in den Khassiabergen, residiert. Von 
ihm ressortiert der kleine Vasallenstaat Manipur. 

Der Religion nach würden in Assam gezählt 3 062 148 Hindu, 
1 318 574 Muhammedaner (Sunniten, Schiiten u. a.), 7093 Christen, 
6563 Buddhisten u. a., ferner 488 251 mehr oder weniger heidnischen 
Gebräuchen anhängende Bergvölker. 

Die bedeutendsten Städte sind Sylhet mit 14470, Barpeta mit 
13758 und Gauhati mit 11 492 Einwohnern, ausserdem giebt es nur 
noch 4 Städte mit über 2000 Einwohnern. 

2. Britisch-Birma. 

• 

Britisch-Birma wurde in zwei Kriegen erobert. Arakan, Tavoy und 
Tenasserim wurden im Frieden von Yandabu 1826 abgetreten und Pegu 
wurde 1852 besetzt und ohne einen Vertrag als Britisches Territorium 
erklärt. Im Jahre 1862 wurden diese Landstriche unter einen Chief 
Commissioner gestellt, dessen Sitz in Rangun sich befindet. 

Zur Zeit der Aufnahme des Census (17. Februar 1881) war Britisch- 
Birma politisch eingeteilt in drei Divisionen: Arakan, Pegu und Te- 
nasserim, aber bereits wenige Monate darauf wurde Pegu in zwei Divi- 
sionen: Pegu und Irrawaddy geteilt. Dieser Einteilung folgt der vor- 
liegende Report on the census of British Burma, Rangoon 188 1. Es 
ist nur noch in Beziehung auf den früheren Census von 1872 zu be- 
merken, dass einige der Distrikte seitdem Veränderungen in ihrem 
Areal erlitten haben; so wurden 1875—76 von den Distrikten Bassein, 
Henzenada und Rangoon Teile abgesondert und daraus der Distrikt 
Thonegwa gebildet, 1878 wurde Tharrawaddy wiederum zu einer» Di- 
strikt gemacht und von Henzenada getrennt, mit welchem es seit 1862 
einen Distrikt gebildet hatte. Dann wurden 1880 die Städte Rangoon 
imd Moulmein von den Distrikten, denen sie angehörten, ausgesondert 
nnd zu selbständigen Distrikten erhoben. Nach Ausscheidung der Stadt 



Der Census von Indien vom Jahre iggi. 



219 



Rangoon erhielt der Rest des Distriktes den Namen Hanthawaddy. Wie 
der Deputy Superintendent of Census Operations, F. S. Copleston, an- 
giebt, war es unmöglich, eine Verteilung der Bevölkerung von 1872 
auf das dem Census von 1881 zu Grunde liegende Areal auszuführen, 
so dass die nachfolgende Tabelle nicht überall zum Vergleich heran- 
gezogen werden darf. Es haben daher bei den Divisionen Pegu und 
Irrawaddy die Zahlen für 1872 in einigen Distrikten ausfallen müssen. 



Areal und Bevölkerung von Britisch-Birma. 



Division oder 




Areal 




Bevölkerung 




Distrikt 


engl. 


Quadratm. 


Quadratkm. 


187^ 


1881 


Zunahme 


L Arakan 














Akyab 




5 535 


14335 


276 671 


359 706 


83035 


Northern Arakan 


I 015 


2 629 


8 790 


14499 


5709 


Kyoukpyoo 




4309 


II 160 


144 177 


149 303 


5126 


Sandoway 




3667 


9 497 


54725 


64010 


9285 




Total 


14526 


37621 


484 363 


587 518 


103 155 


2. Tegn 














Rangoon Town 


22 


57 


98745 


134 176 


35431 


Hanthawaddy 




4236 


IG 971 




427 720 




Tharrawaddy 




2 014 


5216 




278155 




Prome 




2 887 


7 477 


274 872 


322 342 


47470 




Total 9 159 


23 721 


— 


I 262 393 


— 


3. Irrawaddy 














Thonegwa 




5413 


14 019 


— - 


284 063 


— 


Bassein 




7047 


18251 


270 200 


389 419 


119 219 


Henzada 




1948 


5045 


— 


318077 




Thayetmyo 




2397 


6 207 


156 816 


169 560 


12744 



Total 16805 43522 — I 161 119 — 



Total für Pegu und 

Irrawaddy 25 964 

4. Tenasserim 

Moulmein Town 14 

Amherst ^5 189 

Tavoy 7 150 

Mergui 7 810 

Shwaygyin 5 567 

Toungoo 6 354 

Salween 4 646 



67243 1662058 2323512 661454 



36 
39338 
18 518 
20 227 
14 418 
16456 
12 033 



46472 

193 468 

71 827 

47 192 
129 485 

86166 

26 117 



53107 

301 086 

84988 

56559 
171 144 

128848 

30009 



6635 

107 618 

13 161 

9367 
41659 

42 682 

3892 



Total 46 730 121 026 600 727 825 741 225 042 
Die Provinz: 87 22p 225890 2747148 3736^11 ^^^^^-^^ 



I 



220 Emil Jung: 

Nach dem Geschlecht wurden 1881 unterschieden i 991 005 männ- 
liche und I 745 766 weibliche Personen, nach der Religion 3 251 584 
Buddhisten, 168 881 Muhammedaner, 143 581 Naturanbeter, 88177 
Hindu, 84219 Christen, 204 Juden. 

Es wurden gezählt 20 Städte mit über 5000 Einwohnern, davon eine mit 
über 100 000, nämlich Rangun (134 176), dann folgen Moulmein (53 107), 
Akyab (39989), Prome (28813), Bassein (28147), die übrigen 15 haben 
weniger als 18000 Einwohner, 

3. Centralprovinzen. 

Die Centralprovinzen sind entstanden aus den ehemaligen Sagar- 
und Narbudda-Territorien. Beide erwarb die ostindische Kompagnie 
181 8 infolge des Pindari- Krieges, die Sagar- Territorien vom Sindhia, 
die Narbadda-Territorien vom Raja von Nagpur. Als 1853 der letzte 
Raja von Nagpur ohne Erben starb, zog die Kompagnie seine Be- 
sitzungen gleichfalls ein. Nachdem das Land zuerst dem General- 
Gouverneur, dann dem Lieutenant-Governor der Nordwestprovinzen unter- 
stellt gewesen war, wurde es 1861 zu einer Chief Commissionership ge- 
macht. Sitz der Verwaltung ist Nagpur. 

Das Areal der Centralprovinzen mit den Tributärstaaten bemisst 
sich gegenwärtig auf 113 279 engl. Quadratmeilen gegen 113797 engl. 
Quadratmeilen im Jahre 1872, also auf 518 engl. Quadratmeilen we- 
niger. Es wurden nämlich 1874 ^^® Talukas Bhadrachallam und Ra- 
kapalli des früheren Upper Godavery Distrikts, 886 engl. Quadratmeilen 
messend, an die Präsidentschaft Madras übertragen. Es stellte sich 
aber zugleich heraus, dass 5 Distrikte zu kurz bemessen worden waren, 
und zwar Nagpur um 52, Wardha um 22^ Seoni um 179, Sambalpur um 
114 engl. Quadratmeilen und Chindwara um eine. Diese 368 engl. 
Quadratmeilen waren also in Gegenrechnnng zu bringen. Die innere 
Einteilung hat gleichfalls einige Veränderungen erfahren, indem dem 
Chandadistrikt vier Talukas, 1085 engl. Quadratmeilen, des ehemaligen 
Godavery distrikts zugeteilt wurden, 1873 zu Balaghat 538 engl. Quadrat- 
meilen des zum Distrikt gehörigen früheren Katangi-Tahsil, in dem- 
selben Jahre zu Hoshangabad die 215 engl. Quadratmeilen grosse 
Bordha-Taluka von Betul und zu diesem 1875 zwei Dörfer (iJi engl. 
Quadratmeilen) von Chindwara geschlagen wurden. Bei allen Berech- 
nungen und Vergleichen der Bevölkerungsziffern der Jahre 1872 und 
188 1 ist diesen Veränderungen Rechnung getragen worden und die 
Bevölkerung von 1872 jedesmal für das als Grundlage genommene 
Areal in Betracht genommen worden. 

Bei dem Census von 1881 betrug das Areal der unmittelbaren Be- 
sitzungen 84445 engl. Quadratmeilen oder 218 704 Quadratkilometer mit 
9838791 Bewohnern, das der Tributärstaaten 28834 ^ngl. Quadrat- 
joaejlen oder 74 676 Quadratkilometer mit i 709 720 Bewohnern, das Ge- 



Der Census von Indien vom Jahre i8%i. 221 

samtareal also 1 13 279 engl. Quadratmeilen oder 293 381 Quadratkilometer 
und die Gesamtbevölkerung 11 548 511 Seelen. Es hatte somit seit der 
Zählung von 1872 die Bevölkerung der unmittelbaren Besitzungen um 
I 664967, die der Tributärstaaten um 660010, die der ganzen Provinz 
um 2 324 977 Seelen zugenommen. 

Areal und Bevölkerung der unmittelbaren Besitzungen in 

den Centralprovinzen. 

Areal Bevölkerung y , 

Divisionen und engl. Quadratkm. 1872^ 1881 Ab" ah 

Distrikte Quadratm. 

1. Nagpnr 

Nagpur 3786 9805 631 109 697356 -1-66247 

Bhandara 3922 10 158 564813 683779 4- 118 966 

Chanda 10 785 27 932 558 856 649 146 -f-90 290 

Wardha 2401 6218 354720 387221 -1-32 501 

Balaghat 3 146 8 148 301 780 340 554 4-38 774 



Division Nagpur 


24040 


62 261 


2 411 278 


2758056 


-f-346 778 


2. Jnbbulpore 












Jubbulpore 


3918 


10 147 


528859 


687 233 


+ 158374 


Sangor 


4005 


10373 


527725 


564 950 


+37 225 


Damoh 


2799 


7249 


269 642 


312957 


+43315 


Seoni 


3247 


8409 


300 558 


334 733 


+34 175 


Mandla 


4719 


12 222 


213 018 


301 760 


-f-88 742 


Div. Jubbulpore 


18688 


48 400 


I 839 802 


2 201 633 


+361 831 


3. Narbudda 












Hoshangabad 


4437 


II 491 


450218 


488 787 


+38 569 


Narsnighpur 


I 916 


4 962 


339 395 


365 173 


+25 778 


Betul 


3905 


10 114 


273 890 


304 905 


+31 015 


Chindwara 


.3915 


10 140 


316 228 


372 899 


+56671 


Ninnar 


3340 


8650 


211 176 


231 341 


-h20 165 


Div. Nurbada 


17 513 


45 357 


I 590 907 


I 763 105 


4-172 198 


4. Chattisgarh 












Raipur 


II 885 


30781 


I 093 405 


1405 171 


+311 766 


Bilaspur 


7798 


20 196 


715398 


I 017327 


4-301 929 


Sambalpur 


4521 


II 709 


523 034 


693 499 


+ 170465 


Div. Chattisgarh 


24 204 


62686 


2 331 837 


3 115 997 


4-784 160 



Die Provinz: 84445 218704 8173824 9838791 4-1664967 

Dem Geschlecht nach zerfiel die Gesamtbevölkerung (9 838 791) in 
4959 435 Personen männlichen und 4 879 356 Personen weiblichen Ge- 
schlechts. Der Religion nach unterschied man 7317 830 Hindu, i 533 599 
Naturanbeter; 358 161 Satnati, 294474 Kabirpanthi, 275773 Muhamme- 
daner, 45 718 Jain, II 949 Christen u. a. 




222 Emil Jung: 

Man zählte 48 Städte mit über 5000 Einwohnern, keine über 100 ocx), 
von da ab bis 50000 drei, nämlich Nagpur (98299), Jubbulpore (75 705) 
und Kamptee (50 987), drei mit weniger als 50 000 und mehr als 20 000 
Einwohnern, nämlich Saugor (44416), Burhanpur (30017) und Raipur 
(24 948) und 42 mit weniger als 20 000 und mehr als 5000 Einwohnern. 

Die Staaten der einheimischen Fürsten. 

Die Zahl sämtlichen indischer Fürsten, kleiner und grosser, belief 
sich im Jahre 1881 auf 601, von denen allerdings höchstens der vierte 
Teil erblichen Rang besitzt. Dieser Rang ist den Betreffenden durch 
ein Patent (Sunnud) der Kaiserin von Indien vom ii. März 1862 ver- 
liehen resp. bestätigt worden und zugleich das Recht, in Ermangelung 
eines leiblichen Erben einen Nachfolger durch Adoption zu bestellen. 
Nur diejenigen, welchen ein solches Sunnud erteilt wurde, gehören zum 
hohen indischen Adel. Übrigens wurde erst damals die rechtliche 
Stellung der indischen Fürsten zur englischen Regierung bestimmt ge- 
ordnet. Vorher betrachteten sich nicht wenige der grossen einheimischen 
Machthaber als der englischen Regierung völlig gleichstehend, und es 
war gerade dieser Anspruch des Fürsten von Gwalior, welcher 1843 
zum Kriege führte. 

Die Machtbefugnisse der einzelnen indischen Fürsten sind sehr ver- 
schieden. Von der unumschränkten Jurisdiktion seiner Unterthanen bis 
zur Verhängung der Todesstrafe ohne Recht der Berufung, welche Se. 
Hoheit der Nizam von Hyderabad ausübt, der auch Geld schlägt und 
Steuern erhebt, bis zu einem der vielen Häuptlinge in Kathiawar, dem 
nur ein Schatten richterlicher Autorität belassen wurde, ist ein 
weiter Weg. 

Die mächtigsten der indischen Fürsten sind der Nizam von Hydera- 
bad, die Maharajahs von Sindia, Jeypore, Travancore, Kaschmir, Jodh- 
pur, Patiala, Udepur, Bhartpur, der Holkar von Indore, der Gaikwar von 
Baroda und die Begum von Bhopal. Wie alle Asiaten haben sie und 
die übrigen Fürsten immer gern grossen Pomp entfaltet und die eng- 
lische Regierung hat zu den Auszeichnungen, welche sie herkömmlich 
für sich in Anspruch nahmen, noch andere hinzugefügt, indem sie den 
Orden des Sterns von Indien schuf, Rang und Titel freigebig verlieh 
und die Begrüssung der Fürsten durch Salutschüsse anordnete, deren 
Zahl der Rangordnung entsprechend abgestuft wurde. Nach einer 
kaiserlichen Verordnung vom 26. Juni 1867 erhalten 8 Fürsten 21 Salut- 
schüsse, 9 Fürsten 19, 13 Fürsten 17 etc. bis zu 9 Salutschüssen her- 
unter, im ganzen werden 94 Fürsten so geehrt, ausserdem haben noch 
7 vornehme Indier wegen ihrer persönlichen Verdienste ein Recht auf 
13 bis 21 Salutschüsse. In den oft recht langen Titehi indischer 
Fürsten findet sich zuweilen Arabisch, Persisch, Hindi und Englisch bunt 
\Ischt Der offizielle Titel des Herrschers von Kaschmir lautet : His 



Der Census von Indien vom Jahre 1881. 223 

Royal Highness Ranbir Singh Bahadur, Grand Commander of the Most 
Exalted Order of the Star of India, Companion of the Indian Empire, 
Sipar-i-Sultanat (d. i. Schild der Oberherrlichkeit), Councillor of the 
Empress of India, Honorary General in the Imperial Army, Chief of 
Jummoo and Kashmir, und ähnlich wird der mohammedanische Herrscher 
von Rampur angeredet als His Highness Farzand-i-Dil-Pazir-i-Daulat- 
i-Jnglishia (d. i. der herzlich geliebte Sohn der britischen Regierung), 
Kalab Ali Khan, Nawab of Rampur, Knight Commander of the Star 
of India, Companion of the British Empire. Die gewöhnlichen Titel 
mohammedanischer Fürsten sind Amir, Khan, Khakan, Malik, Malikah 
(fem.), Mir, Nazim, Nizam, Padschah, Schah, Schahinschah, Sultan, 
Bahadur, Jung, Daulah, Umra, Jah und Nawab, die von Hindufürsten 
Adiraja, Jam, Rae, Raja, Rao, Rana, Rawal, Maharana, Maharawal,- 
Ramaraja, Siwai, Thakur, Wali, Zamarin. 

Die im Himalaya gelegenen Staaten Nepal und Bhutan sind unab- 
hängige Fürstentümer, auf welche die englische Regierung nur einen 
beschränkten Einfluss auszuüben im stände ist, einen Einfluss, den sie 
noch dazu durch Jahrgelder, welche die betreffenden Herrscher empfangen, 
erkauft. In der Hauptstadt von Nepal, Kathmandu, hat allerdings ein 
britischer Resident seinen ständigen Sitz und in Bhutan hat England die 
Bergfesten Buxa und Dewangiri besetzt, zahlt aber dafür jährlich 
5000 Pfund Sterling. Mit dem Herrscher von Bhutan unterhält die in- 
dische Regierung nähere Beziehungen durch' den Commissioner der 
Division Cooch Behar. 

Indem wir diese beiden Staaten ausserhalb unserer Betrachtung 
lassen, scheiden wir die indischen Vasallenstaaten in zwei Gruppen von 
Staaten: in solche, welche in direkter Beziehung zur Regierung Indiens 
stehen und in solche, welche administrativ mit den Provinzialregierungen 
verbunden sind. Zur ersten Gruppe gehören Hyderabad, Mysore, Ba- 
roda und Kaschmir, und zwei Gruppen von Staaten, zusammengefasst 
unter den Bezeichnungen Central India Agency und Rajputana Agency, 
von denen eine jede wiederum Staaten einschliesst, welche an Bedeu- 
tung jenen ersten nichts nachgeben. In allen diesen Staaten, mit alleiniger 
Ausnahme von Kaschmir, sind 1881 umfassende und eingehende Auf- 
nahmen gemacht worden. 

I. Hyderabad. 

Hyderabad ist bei weitem der bedeutendste aller einheimischen 
Staaten. Die Beziehungen zur britischen Regierung sind festgestellt 
durch eine Reihe von Verträgen, von denen der erste bereits 1 759, der 
letzte 1860 abgeschlossen wurde. Früher gehörte zu ihm noch Berar, 
welches, wie schon früher ausgeführt, 1853 abgetrennt wurde, und 
das man auch wohl nicht wieder zurückgeben wird, obschon von Seiten 
des Nizam mehrfache Versuche gemacht worden sind^ die noxv xv'a^^fc "a-w 



224 Emil Jung: 

3 Millionen Menschen bewohnte Provinz zurückzuerhalten. Man zahlt 
ihm nur etwaige Verwaltungsüberschüsse, wobei auch die Kosten für 
die Erhaltung der vom Nizam der britischen Regierung zu stellenden 
Truppen in Abzug gebracht werden, legt ihm aber keine Rechnung über 
Einnahmen und Ausgaben ab. Dennoch hat Hyderabad noch immer 
Staatseinkünfte, welche man auf 3 Millionen Pfund Sterling jährlich ver- 
anschlagen kann. Und ausser jenem von englischen Offizieren be- 
fehligten, jetzt 7428 Mann starken Kontingent unterhält der Nizam noch 
ein eigenes Heer von 36 890 Mann Infanterie, 8202 Mann Kavallerie und 
725 Geschützen. Aber gegenüber dieser der Zahl nach furchtbaren, in 
Wirklichkeit in sehr wenig schlagfertigem Zustande befindlichen Truppe, 
haben die Engländer ganz nahe bei der Hauptstadt in Secunderabad 
die stärkste militärische Station in Indien errichtet, welche zwischen dem 
von Bastionen umgebenen Palast des britischen Residenten und einem 
zweiten nicht weniger starken Schloss sich über 16 km hinzieht und ein 
auf 12 Monate vollständig verproviantiertes, befestigtes Lager ein- 
schliesst. Solche Zwing -Uns haben die Engländer übrigens an allen 
strategisch wichtigen Punkten der einheimischen Staaten erbaut, denn 
soll der britische Regierungskommissar auch nur Ratgeber des indischen 
Herrschers sein, so kann dieser Rat auch vorkommenden Falls zum 
Befehl werden, dem unbedingt Folge zu leisten ist. 

Über den Census von Hyderabad liegen ausser den in dem zu- 
sammenfassenden dreibändigen Werk: The Indian Empire, Census of 
1881, Calcutta 1883 veröffentlichten Daten die nachfolgenden, dem 
Statement exhibiting the moral and material progress of India part II 
S. 37 entnommenen Spezialnachweise vor. Es ist dies der erste in 
diesem Staate veranstaltete Census. Das Areal wird in dem genannten 
Censuswerk in Band 2 auf 71 771 engl. Quadratmeilen angegeben, 
während es im ersten Band sowie im Statement of the moral and material 
progress and condition of India als 81 807 engl. Quadratmeilen gross 
erscheint. 

Areal und Bevölkerung von Hyderabad. 

Areal 



> 



Divisionen und Distrikte 

1. Northern Division 




engl. 
Quadratmeter 


Quadrat- 
km. 


Bevölkerung 
1881 


Indus mit Sarpur Tandar 




8967 


23224 


777029 


Medak 




1779 


4607 


293 930 


Yalgandal (Elgandal) 




7480 


19372 


961 172 


2. Eastem Division 


Total : 


18 226 


47203 


2032 131 


Khammam 




9778 


25324 


675 746 


Nagar-Karnul 




5 573 


14434 


547 694 


Nalgunda 




4 131 


IG 699 


494 190 




Total : 


19 482 


50457 


I 717 630 



Der Census von Indien vom Jahre iggi. 225 

Areal 

Divisionen und Distrikte engl. Quadrat- Bevölkerung 

Quadratmeter km. iggi 

3. Southern Division 

East Raichur 2338 6055 315 109 

West Raichur oder Lingsagar 3 37i 8 731 330 199 

Shorapur 2 901 7 5^3 287 602 

Gulbarga 4011 10388 470425 





Total: 


12 621 


32687 


I 403 335 


4. Western Division 










Bidar 




4884 


13649 


793 309 


Nander 




4 122 


10675 


753 035 


Naldrug 




3 997 


10352 


538 807 


• 


Total : 


13003 


33676 


2085 151 


6. Northwestern Division 










Aurungabad 




6159 


15951 


729 298 


Parbhani 




4 334 


II 225 


582 379 


Birh 




4487 


II 621 


560 960 




Total: 


14980 


38797 


I 872 637 


6. Central Division 










Hyderabad 




3 495 


9052 


734710 



Gesamtsumme: 81 807 211 872 9 845 594 

Von der Bevölkerung waren 5 002 137 männlichen und 4 843 457 
weiblichen Geschlechts. Der Religion nach unterschied man 8893 181 
Hindu, 925929 Mohammedaner, 13 614 Christen (davon 6436 Katholiken), 
8521 Jain, femer Sikhs, Parsi etc. 

Von grösseren Städten sind nur drei zu nennen: Hyderabad, das 
mit den Vorstädten und dem grossen Cantonnement von Secunderabad 
354962 Einwohner zählt, Aurungabad mit 30219 und Gulbarga mit 
22 834 Einwohnern. 

2. Mysore. 

Mysore, südlich vom vorigen und fast vollständig umschlossen vom 
Territorium der Präsidentschaft Madras, ist gleichfalls ein bedeutender 
Staat, der aber wie ganz Südindien von Hungersnot häufig zu leiden 
hat. Ganz besonders hart wurde Mysore 1876—78 betroffen, so dass 
seine Bevölkerung, die 187 1 über 5 Millionen zählte, nach dem Census 
von 1881 sich nur auf 4 186 188 Seelen belief. Der Staat ist von 1831 
bis 1881 von britischen Beamten verwaltet worden, erst am 25. März 
des letztgenannten Jahres wurde der von dem letzten 1868 kinderlos 
verstorbenen Raja adoptierte Sohn des Chikka Krischna Arasu aus dem 
Bettada Kote-Zweig des königlichen Hauses unter dem Titel Chama 
Rajendra Wodeyar als Maharaja eingesetzt. Die britische Regierung 
verlieh ihm und seinen Erben die Herrschaft auf eyfige Ze\\.eii> ^\s?\\ft 



226 Emil Jung: 

dabei aber gewisse Bedingungen, unter welchen die wichtigsten die fol- 
genden sind. Der Fürst darf weder Forts bauen, noch alte wiederher- 
stellen, seine Armee darf eine bestimmte Höhe nicht überschreiten; 
(gegenwärtig hat sie eine Stärke von looo Mann Infanterie und ^2 Mann 
Kavallerie mit 6 Geschützen), er darf keine eigenen Münzen prägen, 
weder Salz noch Opium in seinem Staat bereiten lassen und Europäer 
im Heer und in der Verwaltung nur mit Bewilligung der britisch-in- 
dischen Regierung anstellen. Während ihrer eigenen Verwaltung hatten 
die Engländer fast alle Europäer entlassen und durch Inder ersetzt. 
Ferner haben sich die Engländer das Recht reserviert, Militärstationen 
innerhalb der Grenzen Mysores zu jeder Zeit und wo auch immer anzu' 
legen, Eisenbahnen und Telegraphen zu erbauen, dagegen versprachen sie, 
die bestehenden Gesetze und Einrichtungen zu respektieren. Eine Ge- 
richtsbarkeit über Europäer steht dem Maharaja nicht zu, auch auf eine 
solche über die Militärstation und Hauptstadt Bangalore, welche im 
britischen Besitz blieb, hat er verzichtet. Die gegenwärtigen Staatsein- 
künfte beziflfern sich auf i Million Pfund Sterling, der jährliche Tribut 
an die engliche Regierung auf 245 000 Pfund Sterling. 

Ein Census war in Mysore bereits 1871 erhoben worden; Ab- 
schätzungen machte man aber schon früher, indem man die ermittelte 
Zahl der Familien mit 4'^ multiplizierte. Danach fand man für 1841 eine 
Bevölkerung von 3050712, für 1851 von 3426458, für 1860 von 3821000 
und für 1870 von 4 108 607 Seelen. Indessen ergab sich durch die 
wirkliche Zählung von 187 1, dass diese Schätzungen 2^ Prozent zu 
niedrig ausgefallen waren. 

Was die Arealziflfer anbelangt, so wurde dieselbe 1871 als 
27 077 5i engl. Quadratmeilen gross angenommen, 1881 wurde sie auf 
nur 24 723 engl. Quadratmeilen berechnet. 

Die Bevölkerung war, wie die nachfolgende Tabelle zeigt, 1871 um 
869 224 Personen grösser als 1881, und es ist berechnet worden, dass 
der wirkliche Verlust durch die 1877 herrschende Hungersnot nicht 
weniger als i 172 548 Personen betragen haben kann. 

Areal und Bevölkerung von Mysore. 



Distrikte Areal 


[ 


Bevölkerung 


Zu- oder 


uistnKte Engl.Quadratra. 


Quadratk. 


1871 


1881 


Abnahme 


Bangalore 2 901 


7513 


828 354 


669 139 


— 159215 


Kolar 1 891 


4898 


618954 


461 129 


157825 


Tumkur 3 420 


8858 


632 239 


413 183 


— 219056 


Mysore 2 980 


7718 


943 187 


902 566 


— 40621 


Hassan 1 879 


4866 


668417 


535806 


— 132 611 


Shimoga 3 797 


9834 


498 976 


499 728 


+752 


Kadur 2 984 


7728 


333 925 


328327 


-5598 


Chitaldroog 4871 


12 615 


531360 


376310 


— 155050 


Total 24 723 


64030 


5055412 


4 186 188 


— 869 224 



Der Census von Indien vom Jahre 1881. 227 

Dem Geschlecht nach unterschied man 1881: 2085842 Personen 
männlichen und 2 100 346 Personen weiblichen Geschlechts. Nach den 
Religionsbekenntnissen unterschied man 3 956 336 Hindu, 200 484 Mo- 
hammedaner, 29 249 Christen etc. 

Von Städten mit mehr als 5000 Einwohnern wurden 20 ermittelt, 
davon eine mit über 100 000 Einwohnern, nämlich die Hauptstadt Ban- 
galore, welche mit dem englischen Cantonnement 155 857 Einwohner zählt, 
die nächstgrösste ist Mysore mit 60 282 Einwohnern, drei Städte haben 
von 12000 bis IG 000, fünf von 10000 bis 7000 und zehn von 7000 
bis 5000 Einwohner. 

Im Jahre 1883 wurde eine neue Distrikts-Einteilung eingeführt, in- 
dem nun die Distrikte Hassan und Chitaldroog aufhörten zu existieren 
und das ihnen vorher zukommende Areal und ihre Bevölkerung auf die 
übrigen verteilt wurden. Danach entfielen auf die belassenen sechs 
Distrikte die nachfolgenden Bevölkerungsziffern (nach dem Census von 
1881); die neuen Arealziffem sind leider nicht angegeben. 

Bangalore 724298 Mysore i 194087 

Kolar 498 348 Shimoga 582 566 

Tumkur 636674 Kadur 550215 

3. Baroda. 

Bei dem Census von 1872 war das Areal von Baroda als nur 4399 
engl. Quadratmeilen messend angenommen, aber man war damals bereits 
in Indien völlig überzeugt, dass diese Angabe weit hinter der Wirklich- 
keit zurückbliebe. Jetzt sind freilich erst wenige Distrikte wirklich ver- 
messen worden, und die jetzige Angabe von 8569 engl. Quadratmeilen 
kann daher nicht als absolut korrekt bezeichnet werden, aber sie kommt 
dem Thatbestande doch wohl ziemlich nahe. Übrigens haben seit 1872 
keine Veränderungen im Territorialbesitz des Gaikwar von Baroda statt- 
gefunden. 

Dieses Areal ist ausserordentlich zerstückelt und die grösseren Par- 
zellen enthalten noch eine Menge von Enklaven, welche kleineren 
Fürsten angehören, so dass die Verwaltung des Staates mit nicht ge- 
ringen Schwierigkeiten zu kämpfen hat. Ausser den ihm unmittelbar 
zufallenden Einkünften bezieht der Gaikwar Tribut von einer ganzen 
Reihe kleiner Fürsten in Gujerat. Die Einkünfte des Staates über- 
steigen I Million Pfund Sterling. Gaikwar, was soviel wie Kuhhirt be- 
deutet, war der Name eines ehrgeizigen Mahrattenkriegers, der sich im 
18. Jahrhundert zu Macht und Ansehen emporschwang. Die ersten Be- 
ziehungen zwischen diesem Staat und den Briten datieren von 1780; 
durch damals und später abgeschlossene Verträge verpflichtete sich der 
Gaikwar zur Stellung einer Hülfstruppe von 3000 Reitern, welche gegen- 
wärtig in den Tributärstaaten den Polizeidienst versehen. Die Militär- 

Zeitschr. d. Gesellsch. f. Erdk. Bd. XXI. \^ 



228 



Emil Jung: 



1 1 ooo Mann Infanterie, 3098 Mann 



macht des Staates besteht in 
Kavallerie und 30 Geschützen. 

Areal und Bevölkerung von Baroda. 



Divisionen 
und Distrikte 

1. Amreli 

Amreli 319 

Bhimkatta 5 

Kodinar 252 

Okhamandal 276 
Beyt Shankhoddhar 4 

Damnagar 132 

Shianagar 29 

Dhari 54^ 
Maneckwara 

Contingent Camp i 



Areal 
Engl. Quadratm. Quadratkra. 



Bevölkerung 



826 1 

653 

10 
342 

75 
1404 

2,6 



187^ 

49 824 I 

33626 
16390 

2763 
17 071 

5007 
33921 

2 084 



1881 

40673 

994 
31 189 

19985 

3424 
14 168 

5016 
29233 

2786 



Zu- oder 
Abnahme 



] -8 157 



i 



-2437 

+3 595 
+661 

—2903 

+9 
+4688 

-f702 



2. Kadi 

Kadi 

Vijapore 

Mehesana 

Kalol 

Vadavli 

Sidhpore 

Visnagar 

Dehegaum 

Atarsumba 

Kheralu 

Vadnagar 

Patan 

Harij 



Total 1 560 4 040,6 160 686 147 468 — 13 2 18 



280 
288 

150 

288 

296 
266 
227 

293 
90 

218 

76 

469 

217 



725 
746 

388 

746 

767 

689 

588 

759 

233 

565 
197 

I 215 

•562 



Deesa Contingent Camp 



76402 

126295 

61 160 

75048 
77 160 
81679 

74356 
56693 
26630 
51038 

29345 
98 114 

16045 
^323 



^8733 

143 467 
71 500 

89079 

91643 

95079 
81 842 

64584 

27847 

57 544 
30057 

120 830 

26282 



+ 12 331 
-f 17 172 
-f- 10 340 
+ 14 031 
+ 14483 
+ 13 400 
+7486 

+7891 
+ 1 217 

+6 506 

+ 712 

-h22 716 

+9877 
-^323 




3. Nowsari 

Velachha 

Vakal 

Ghandevi 

Palsana 

Nowsari 

Kamrej 

Songarh 

Vajpore 

Mahuwa 

Vyara 



Total 3158 8179 851648 988487 +136839 



I 291 

45 

89 
119 

107 

344 
460 

125 
360 



754 { 

117 

23"^ 
308 

277 

891 

1 191 

324 
932 



20 156 
15444 

2^ 706 
21654 

45765 
23 103 
22843 
7498 
26696 
30390 



31 503 
9778 

29683 

22 909 

49002 

25967 
29922 

8210 

36628 

47 947 



Total 



+ 11 347 
-5666 

+ 1977 

+1255 

+3237 
+2 864 

+7079 

+712 

+5932 

+ 17557 



1 940 5 025 241 255 287 549 +46 204 



Der Census von Indien vom Jahre iggi. 



229 



Divisionen 




Areal 




Bevölkerung 


Zu- oder 


und Distrikte 


Engl. 


Quadratm. 


Quadratkm. 


187^ 


1881 


Abnahme 


4. Baroda 














Jarode 




375 


971 


61 184 


65522 


+4338 


Dabhoi 




197 


510 


53212 


56169 


+2957 


Baroda 




309 


800 


87554 


90094 


+2540 


Sinore 




134 


347 


37642 


39 494 


+1852 


Choranda 




226 


585 


58876 


61 805 


+2 929 


Padra 




181 


469 


86170 


86705 


+535 


Petlad 
Shiswa 




} 270 


699 


194 507 { 


147440 
48586 


} +1519 


Sankheda 




.»77 


459 


45098 


51645 


+6547 


Tilakwara 




37 


96 


6 920 


7529 


+609 


Chandode Thana 






3416 




-3416 


Total 


I 906 


4936 


634 579 


654 989 


+20410 


Baroda City 




5 


13 


112 057 


lOI 818 


—10239 


Baroda Cantonment 


I 


2,6 


4217 


4694 


+477 



DasBarodaTerritorium8 570 22195 2004442 2185005 +180563 

Dem Geschlecht nach teilte sich die Bevölkerung von 1881 in 
I 139 512 männliche und 1045493 weibliche Bewohner. Nach dem 
Religionsbekenntnis unterschied man 1852868 Hindu, 174980 Mo- 
hammedaner loi 522 Naturanbeter, 46 7i8Jain, 8ii8Parsi,77i Christen u.a. 
Von Städten zählte man ^;^ mit über 5000 Einwohner, davon haben 
Baroda loi 818 und Patan ^2ji2f alle übrigen weniger als 20000 
Einwohner. 



4. Centralindien. 

Die Central-India-Agency besteht aus 6 grösseren und 80 kleineren 
mediatisierten Staaten, deren Zusammenordnung weder vom geographi- 
schen noch vom historischen Gesichtspunkt aus gerechtfertigt erscheint. 
Dieser Staatenkomplex steht unter der politischen Direktion eines 
Agenten des Generalgouverneurs, welcher zu Indore residiert. Admi- 
nistrativ ist das ganze Gebiet verteilt unter acht Agenturen: Gwalior, 
Indore, Bhopal, Western Malwa, Bhil, Deputy Bhil, Bundelkhand und 
Bagelkhand, von denen die meisten neben ein bis zwei grösseren eine 
Anzahl kleinerer Staaten einschliessen. So gehören zur Gwalior Agency 
7 mediatisierte Fürstentümer, welche ihm tributpflichtig sind, zur In- 
dore Agency neben den Staaten von Indore und Dewas noch 16 me- 
diatisierte Fürstentümer; die Bhopal Agency begreift neben Bhopal 
noch zwei andere kleine Staaten und 23 mediatisierte Fürstentümer, 
die Bhil Agency die beiden Staaten Ali Rajpur und Jhabua mit 12 me- 
diatisierten Fürstentümern, die Deputy Bhil Agency den Staat Barwani 
nebst 6 mediatisierten Fürstentümern, die Bundelkhand Agency die 
Staaten Tehri, Datia, Sampthar und 2S andere; die BageVkYiatvd K^etvc^j 



230 Emil Jung: 

den Staat Rewah und drei andere. In diesem Gebiet war vor 1881 
kein Versuch gemacht worden, die Bevölkerung wirklich zu zählen, 
man hatte sich früher mit Schätzungen begnügt, die von der Wahrheit, 
wie man jetzt zu schliessen berechtigt ist, häufig sehr weit abwichen. 
Der gegenwärtig vorliegende Censusbericht, verfasst von D. Robertson, 
First Assistant-Agent to the Governor-General, gesteht aber ein, dass auch 
diesmal eine absolute Genauigkeit nicht erreicht sei. Die 69 unabhän- 
gigen Staaten Centralindiens verteilen sich auf zwei unregelmässig ge- 
formte Landkomplexe, welche sich quer über die Mitte Indiens er- 
strecken und viele ethnologisch verschiedene Elemente einschliessen. 
Unter diesen waren namentlich die Bhil, Gond, Kol, Baghal, lauter 
halbwilde Völkerstämme, aus abergläubischem Vorurteil sehr abgeneigt, 
sich einer Zählung zu unterwerfen, und es erforderte besondere Mass- 
nahmen, ujn in manchen Gegenden eine leidlich genaue Feststellung 
der Bevölkerung zu erreichen. 

Die Beziehungen, in welchen die verschiedenen Staaten zu einander 
stehen, sind ziemlich verwickelt. Es giebt grössere Staaten, welche 
Tribut von kleineren empfangen, aber auch an solche oftmals Zoll zu 
entrichten haben. An die britische Regierung zahlen sie fast sämtlich 
Tribut, der zuweilen, wie bei Gwalior, zur Erhaltung einer Truppe be- 
stimmt ist. Indore hat seinen Tribut durch eine einmalige Zahlung 
von 238 000 Pfund Sterling abgelöst. Eigene Truppen unterhalten aber 
fast sämtliche Staaten. 





Einkünfte 


Tribut 




Armee 






Pfd. Sterl. 


Pfd. Sterl. 


Kavallerie 


Infanterie 


Geschütze 


Gwalior 


I 200000 


2 000 


6058 


16050 


210 


Indore 


500000 




3000 


5500 


102 


Dewas 


42500 










Bhopal 


268000 


20000 


I 194 


4766 


39 


Dhar 


43000 


1965 


370 


790 


4 


Rewah 


72 000 




905 


2000 


35 


Kleinere Staaten 


265000 




2 677 


22 163 


421 




Leider stimmt die Einteilung Centralindiens resp. die Gruppierung 
einzelner Staaten, wie sie das topographische Departement bei seiner 
Vermessung adoptiert hat, mit der bei der Censusaufnahme berück- 
sichtigten Einteilung des Landes nicht überein. So stehen beispiels- 
weise die mit Gwalior in der nachfolgenden Tabelle zu einer Gruppe 
vereinigten 12 Staaten weder geographisch noch politisch in so naher 
Beziehung zu einander, um diese Vereinigung zu rechfertigen. Die 
Note on the Census Operations in Central India 1882 teilt Central- 
indien in vier Gruppen: Nimar und Malwa, Baghelkand, Bundelkhand 
und Gwalior; bei der Zusammenstellung der Censusresultate mit den 
Arealangaben der einzelnen Teile müssen sie indes die nachfolgende 
Anordnung beobachten. 



Der Census von Indien vom Jahre 1881. 



231 



Areal und Bevölkerung der Tribut ärstaaten in Centralindien. 

Staaten 



Gwalior 

Bagli 

Maksudangarh 

Khaniadhana 

Sitamau 

Raghogarh 

Paron 

Gurha 

Umri 

Sirsi 

Dharnaoda 

Bhadora 

Khiaoda 

Indore 

Garhi 

Pindarajagir 

Rajgarh 

Sutalia 

Bhopal 

Dewas S. B. 

Dewas J. B. 

Narsinghgarh 

Khilchipur 

Kurwai 

Basoda 

Muhammadgarh 

Pathari 

Chhatarpur 

Belhari 

Gaurihar 

Jaso 

Panna 

Ajaigarh 

Datia 

Samthar 

Urchha 

Tori Fatehpur 

Dhurwai 

Bijna 

Bijawar 

Baraundha 



Areal Bevölkerung 

Engl. Quadrat- Quadratkm. iggi 

meilen 



^29046 75226 3 115 857 



) 
1 
1 



I 



1 
I 



8400 


21755 


I 048 842 


14 


36 


12358 


655 


I 696 


122 641 


6873 


17800 


954 901 


289 


749 


142 162 


623 


I 614 


112 427 


273 


707 


36125 


139 


360 


24631 


22 


57 


7722 


21 


70 


5 347 


2Ö 


67 


6393 


I 169 


3028 


167 700 


73 


189 


10 691 


75 


194 


8050 


2568 


6651 


227306 


802 


2077 


81454 


837 


2 168 


182 598 


174 


451 


38633 



2015 

974 
238 



5219 



2523 
616 



325827 
113 285 




12 


Emil 


Jung: 






Staaten 




Areal 




Bevölkerung 




Engl. Quadratm. 


Quadratkm. 


1881 


Taraon 


'' 








Paldeo 










Pahra 




150 


389 


21 619 


Bhaisaunda 










Kamta Rajaula 


* 








Baoni 




117 


303 


17055 


Sarila 




36 


93 


5014 


Alipura 




69 


179 


14 891 


Bunkapahari 




5 


13 


1049 


Logasi 




47 


112 


6159 


Garauli 




25 


65 


4976 


Beri 




28 


73 


4985 


Bihut 




13 


34 


4704 


Jigm 




22 


57 


3427 


Rebai 




8 


21 


3365 


Charkhari 




787 


2038 


143 015 


Rewah 


> 








Nagode 










Sohawal 




► 1 1 324 


2^2)^^^ 


I 512 595 


Maihar 










Koti 


> 








Jaora 




f 581 






Piplauda 




1505 


120077 


Panth Piplauda 








4086 


Rutlam 




729 


1888 


87314 


Sailana 




114 


295 


29723 


Ihar 


> 








Bharudpura 
Kothedi 




. 1740 


1506 


151 ^11 


Chiktiabar 


4 








Jhabua (mit Bori) 
Ratanmal 




1 1336 


3460 


93406 


Alirajpur 




837 


2 168 


56827 


Jobat 




132 


342 


9387 


Kathiwara 




68 


176 


2376 


Muthwar 




140 


363 


2630 


Garantierte Bhumiat 










Rajgarh 




• 133 


344 


40247 


Jamnia 










Burwani 




1362 


3527 


56445 


Manpur 




71 


184 


5239 


Kantonnements und Eisenbahner 


1 44 


114 


97 186 



Totalsumme 75 230 194 838 9 261 907 



Der Census von Indien vom Jahre 1881. 233 

Von der Gesamtzahl der Bewohner waren 4 882 823 männlichen 
und 4 379 084 weiblichen Geschlechts. Dem Religionsbekenntnis nach 
unterschied man 7 800 396 Hindu, 891 424 Naturanbeter, 510 718 Moham- 
medaner, 49824 Jain, 7065 Christen, 1455 Sikh u. a. 

In den 53 Städten des Gebiets wohnten 799 687 Personen. Die 
grösste Stadt ist Las'hkar in Gwalior mit 88066 Einwohnern, dann 
folgen Indore (75 401), Bhopal (55 402), Ujjein (32 932), Rutlam (31 066), 
Datia (28 346), das Mhow Cantonment (27 227), Jhansi (26 772), das 
Morar Cantonment (24 022), Mandsaur (22 596), Rewah (22 016), die 
übrigen 42 Städte haben weniger als 20 000 Einwohner. 

5. Rajputana. 

Auch in der Rajputana Agency war vor 1881 keine Censusaufnahme 
gemacht worden und auch hier stellten sich der Ausführung mancher- 
lei Schwierigkeiten entgegen, die aber unter bereitwilliger Mitwirkung 
der einheimischen Fürsten glücklich gehoben wurden. Die Rajputana 
Agency ist in acht Unteragenturen geteilt: Hey war, Jeypore, Marwar, 
Haraoti, Bhustpur, Alwar, Shujangarh, Sirohi, welche, mit Ausnahme 
der drei zuletzt genannten, sämtlich mehr als einen Staat einschliessen. 
Die Meywar Agency umfasst den Staat Meywar oder Udaipur (Oodey- 
pore) mit Dungarpur, Banswarra und Partabgarh, die Jeypore Agency um- 
fasst Jeypore (Jaipur), Kot-Putli, Kishangarh, Lawa, die Marwar Agency 
die beiden Staaten Jodhpur und Jeysulmir (Jaisalmir), die Haraoti Agency 
die Staaten Bundi, Kotah, Jhallawar, Tonk und Shahpura ; die Bhurtpur 
Agency die Staaten Bhurtpur, Karauli und Dhobpur, die Alwar (Ulwar) 
Agency den Staat Alwar mit dessen Tributärstaat Nimrana, welcher dem 
ersteren 300 Pfd. St. jährlich zahlt, die Shujangarh und die Siroli 
Agency werden beide je durch einen Staat gebildet, die erste durch 
Bikanir, die zweite durch Sirohi, letzteres nur dadurch vom Wichtig- 
keit, dass es die Gesundheitsstation Mount Abu enthält, wo auch der 
politische Agent des Generalgouvemeurs residiert. 

Mit nur zwei Ausnahmen unterhalten sämtliche Staaten eigene 
Truppen, deren Bewaffnung, Organisation und Disciplin freilich viel zu 
wünschen übrig lassen. Die nachstehende Zusammmenstellung ist, wie 
die vorhergehende, teils dem Statement, teils Balfour's Cyclopädie ent- 
nommen. 





Einkünfte 


Tribut 




Armee 






Pfd. Sterling 


Pfd. Sterling 


Kavallerie 


Infanterie 


Geschütze 


Udaipur (Mewar) 


180 000 


25 000 


6 240 


15 100 


538 


Dungarpur 


8 000 


2738 


57 


632 


4 


Banswara 


19 000 


2738 


60 


500 


3 


Partabgarh 


26 000 


7 270 


275 


950 


12 


Jeypore 


475 000 


40 000 


3530 


IG 500 


312 


Kot-Puli 


10 000 




150 


2 000 


^^ 


Kishangarh 


30 000 


— 




— 





234 



Emil Jung: 



Einkünfte Tribrut Armee 

Pfd. Sterling Pfd. Sterling Kavallerie Infanterie Geschütze 



Lawa 


450 




700 


— 




Jodhpur 


250 000 


21 300 


5 600 


4 000 


220 


Jeysulmir 


II 000 


— 


500 


400 


12 


Bundi 


80 000 


12 000 


200 


2 000 


68 


Kotah 


260 000 


38472 , 




4 600 


119 


Jhalawar 


160 000 


8 000 


400 


3 600 


90 


Tonk 


100 000 




430 


2 288 


53 


Shahpura 


23 000 


m 


— 


— 


— 


Bhurtpur 


320 000 





I 460 


8500 


38 


Karauli 


50 000 




400 


3 200 


40 


Dholpur 


81 000 




610 


3650 


32 


Alwar 


230 000 





2 280 


5633 


351 


Bikanir 


102 000 




670 


940 


53 


Sirohi 


II 000 


'750 


375 


350 





Von den 20 Staaten sind 17 von Rajputen, zwei, nämlich Bhurt- 
pur und Dholpur, von Jain bewohnt, ein Staat, Tonk, ist muselmanisch. 

Areal und Bevölkerung der Rajputana-Staaten. 



I 



Staaten 


Areal 




Bevölkerung 




Engl. Quadratmeilen 


Quadratkilom. 


1881 


Banswara 


I 500 


3885 


104 000 


Bhurtpur 


1974 


5 112 


645 540 


Bikanir 


22 340 


57858 


509 021 


Bundi 


2 300 


5 957 


254701 


Dholpur 


I 200 


3108 


249 657 


Dungarpur 


I 000 


2590 


86 429 


Jeypore 


14465 


37462 


2534357 


Jeysulmir 


16447 


42 59^ 


108 143 


Jhalawar 


2 694 


6977 


340 488 


Jodhpur 


37 000 


95826 


I 750 403 


Karauli 


I 208 


3 129 


148 670 


Kishengarh 


724 


1875 


112 6ss 


Kotah 


3 797 


9834 


517 275 


Lawa 


18 


47 


2 682 


Udaipur (Oodeypore) 12 670 


32814 


I 443 144 


Partabgarh 


I 460 


3781 


79298 


Shahpura 


400 


I 036 


51750 


Sirohi 


3 020 


7 821 


142 903 


Tonk 


2509 


6498 


338 029 


Ulwar (Alwar) 


3024 


7832 


682 926 

IG 102 049 


Dazu Bhil 






166363 



Totalsumme 129 750 



336 038 IG 268 392 



Der Census von Indien vom Jahre 1881. 235 

Ohne die Bhil, bei denen das Verhältnis der Geschlechter nicht 
ermittelt werden konnte, wurden 5 461 493 Personen männlichen und 
4 640 556 Personen weiblichen Geschlechts gezählt. Nach den Religions- 
bekenntnissen schied sich, die Bevölkerung in 8 839 243 Hindu, 861 747 
Mohammedaner, 378 672 Jain, 1294 Christen etc. 

Es wurden 97 Städte mit über 5000 Einwohner gezählt, davon 
hatte eine über 100 000, nämlich Jeypore (142 578), sieben darunter und 
über 20000, nämlich Bhurtpur (66 163), Ulwar (49 867), Bickanir (43 283), 
Tonk (40726), Udaipur (38214), Karauli (25607) und Chaoni (20303), 
und 88 weniger als 20 000 und mehr als 5000 Einwohner. 

6. Bengalen. 

« 

Zu Bengalen gehören die Tributärstaaten Cooch (Kuch) Behar, Hill 
Tipperah, die Tributary Mahals von Orissa und von Chota (Chutia) 
Nagpore, sowie der kleine, noch halb unabhängige Staat Sikkim im Hi- 
malayagebirge. In Sikkim ist eine Censusaufnahme nicht gemacht 
worden, die Angabe, dass seine Bevölkerung sich auf 50 000 Seelen be- 
läuft, die ich Balfour's Cyclopaedia of India vol. I, p. 457 entnahm, 
kommt aber jedenfalls der Wirklichkeit weit näher als die anderwärtige 
Angabe von 7000 Bewohnern, da Sikkim 2600 engl. Quadratmeilen 
(6734 Quadratkilometer) misst, und eine Bevölkerung von 8 Menschen 
auf den Quadratkilometer sicherlich nicht zu hoch gegriffen ist. Zu 
Sikkim gehörte früher der jetzt britische Distrikt von Darjeeling, den 
der Rajah gegen einen Jahresgehalt von 300 Pfund Sterling an Eng- 
land abtrat; dieser Gehalt wurde indes, als der Rajah den Superinten- 
denten von Darjeeling, Dr. Campbell, nebst Dr. Hooker, welche beide 
Sikkim bereisten, gefangen nahm und sechs Wochen lang zurückhielt, 
nicht länger gezahlt und ausserdem ein Stück Land am Unterlauf der 
Tista annektiert. Politische Beziehungen unterhält die britische Re- 
gierung mit dem Rajah durch den Deputy Commissioner des Darjee- 
ling-Distriktes. Der kleine Tributärstaat Cooch Behar steht bereits seit 
1772 unter britischer Oberhoheit, 1863—83 wurde derselbe während der 
Minderjährigkeit des jetzigen Raja ganz in englische Verwaltung ge- 
nommen. Die Einkünfte des Staates betragen 130 000, der Tribut 
6770 Pfund Sterling. Hill Tipperah hat Staatseinkünfte im Betrag von 
2^ 000 Pfund Sterling ; dazu hat der Fürst bedeutenden Grundbesitz in 
dem britischen Distrikt Tipperah, dessen Collector durch seinen in der 
Hauptstadt von Hill Tipperah, Agartala, residierenden Agenten über den 
kleinen Staat eine politische Kontrolle ausübt. Die Tributary Mahals 
of Orissa kamen 1803 unter britische Herrschaft; sie zählten damals 
19, doch sind seitdem zwei, nämlich Angul und Banki, infolge schlechten 
Verhaltens ihrer Fürsten dauernd dem unmittelbaren englischen Besitz 
einverleibt worden. Die übrigen 17 Staaten, von denen Morbhanj, 
Keunjhar, Bod und Denkal die bedeutendsten sind, haben evw G^'s.^xsxV.- 



236 Emil Jung: 

einkommen von 60 000 Pfund Sterling und zahlen einen Tribut von 
3346 Pfund Sterling. Der britische Commissioner von Cuttack ist ex 
officio Superintendent der Tributary Mahals. 

Die Tributary Mahals of Chota Nagpore kamen gleichfalls 1803 
unter britische Gewalt; sie wurden indes bald darauf dem Mahratten 
Raja von Nagpore wiedergegeben und erst 181 8 endgültig annektiert. 
Damals waren es 15, aber 1862 wurden 8 an die neugebildeten Central- 
provinzen abgegeben. Die drei bedeutendsten Staaten sind Sarguja, 
Gangpur und Jashpur. Das Einkommen sämtlicher Staaten erreicht 
6500, der Tribut 467 Pfund Sterling. Sie stehen unmittelbar unter dem 
Commissioner der Division Chota Nagpore. 

Areal und Bevölkerung der Tributärstaaten von Bengalen. 

Staaten Areal Bevölkerung Zunahme 

Engl. Quadratm. Quadratkm. 187a 1881 

Cooch Behar 1 307 3 385 532 565 602 624 +70 059 

Hill Tipperah 4086 10582 35262 95637 +60375 

Tributärstaaten in Orissa 15 187 39333 i 155 509 i 469 142 +313 6^;^ 

„ „ Chota 

Nagpore 16054 41 578 498607 678002 +179395 

Total: $6 634 94 878 2 221 943 2 845 405 +623 462 

Dem Geschlecht nach unterschied man 1881: 1450940 männliche 
und 1 394 465 weibliche Personen. Nach den Religionsbekenntnissen 
wurden ermittelt 2 207 6ooHindu,2ii 723 Muhammedaner, 724 Christen etc. 
Bedeutendere Städte sind, gar nicht vorhanden, die grössten sind Cooch 
Behar mit 9535 und Rhandpara mit 5543 Einwohnern. 

7. Nordwestprovinzen und Oudh. 

In den Nordwestprovinzen und Oudh giebt es nur zwei kleine ein- 
heimische Staaten. Der kleinere, Rampur, ist das einzige Überbleibsel 
der Rohilla Konföderation, welche im Beginn des 18. Jahrhunderts in 
Rohilkand; die Einkünfte des Staates, dessen mohammedanischer Fürst 
den Titel Nawab führt, belaufen sich auf 160000 Pfund Sterling. 
Garhwal, auch Tehri genannt, steht unter Rajputen und hat Einkünfte 
im Betrage von 11 000 Pfund Sterling. In Rampur wurde bereits 1872 
eine Zählung angestellt, in Garhwal 1874 nur eine Schätzung. 

Areal Bevölkerung 

Engl. Quadratm. Quadratkm. 1881 

Rampur 945 2 447 (1872) 507 004 541 914 +34 910 

Native Garhwal 4180 10826 (1874) 131 716 199836 +68120 

Total 5 125 13 273 638 720 741 750 +103 030 

Dem Geschlecht nach unterschied man 1881: 384699 männliche 
und 357 051 weibliche Personen, der Religion nach 501 727 Hindu und 
0014 Mohammedaner. Städte giebt es nur in Rampur und zwar 
ipurmit 74 250, Tanda mit 9860 und Shahabad mit 6043 Einwohnern. 



.^ und 



Der Census von Indien vom Jalire t88i« 



237 



8. Punjab. 

Das Punjab weist eine grosse Zahl, zum Teil bedeutender ein- 
heimischer Staaten auf, von denen die meisten die Verpflichtung haben, 
der britischen Regierung auf Verlangen militärische Hülfe zu leisten. 
Früher war auch Kaschmir dem Lieutenant-Governor des Punjab unter- 
stellt, es steht jetzt aber direkt unter dem General - Gouverneur. 
Gegenwärtig sind es im ganzen 35 Staaten, von welchen die vier be- 
deutendsten Patiala, Bahawalpur, Jhind und Nabha direkt unter dem 
Lieutenant-Governor der Provinz stehen, während die übrigen dem 
Commissioner der Division unterstellt sind, zu welcher sie geographisch 
gehören. So ist Chamba der Division Amritsar zugewiesen; Maler Kotla, 
Kalsia und die 20 Simla-Hill-Staaten gehören zur Divisiqn Umballa, 
Kapurthala, Mandi und Suket zu Jullundur, Faridkot zu Labore, Pa- 
taudi zu Dehli, Loharu und Dujana zu Hissar. Die folgende Auf- 
stellung giebt die finanziellen und militärischen Leistungen an, zu welchen 
die einzelnen Staaten verpflichtet sind. 

Armee 
Einkünfte Tributzahlung Kavallerie Infanterie Geschütze 

470 000 



Patiala 

Jhind 60 000 

Nabha 65 000 

Kalsia 15 000 

Maler Kotla 28000 

Faridkot 30 000 

Bahawalpur 160 000 

Kapurthala 1 70 000 

Mandi ^6 000 

Suket 10 000 

Chamba 23 000 

Bashahr 5 000 

Sirmur (Nahan) 2 1 000 

Bilaspur (Kahlur) 10 000 

Hindur (Nalagarh) 9 000 

Jabbat 3 000 

Keonthal 6 000 
Andere kleineStaaten 63 200 

Kashmir 800 000 



3191 



7185 



141 



360 2484 



13 100 ^ 



I 



IG 000 

I 100 

500 

394 

800 
500 
252 

1 160 



) 



300 



3275 



80 



27 



> 4000 18000 302 



— 1393 18436 96 

In der Regel teilt man diese Staaten aber in 3 Gruppen: 10 auf 
den östlichen Ebenen, Bahawalpur auf den westlichen Ebenen und 2^ 
Bergstaaten. Von den 10 ersten stehen sechs unter Sikh-Herrs ehern und 
vier unter mohammedanischen; diese letzteren sind Maler Kotla, Loharu, 
Dujana und Pataudi. Die Bergstaaten zerfallen in zwei Gruppen: Drei 
(Chamba, Mandi und Suket) westlich vom Sutlej und zwanzig östlich 
von demselben; die letzteren sind auch als Simla-Hill Staaten b^Vw-ax^^» 



238 



Emil Jung: Der Census von Indien vom Jahre 1881. 




Die Tributärstaaten 


des Fun 


djab. 


Staaten 


Areal 




Bevölkerung 


Engl. Quadratm. 


Quadratkm. 


1881 


•• 

Ostliche Ebenen: 








Patiala 


5887 


15247 


I 467 433 


Nabha 


928 


2403 


261 824 


Kapurthala 


620 


I 606 


252 617 


Jhind 


I 232 


3 191 


249 862 


Faridkot 


612 


1585 


97034 


Maler Kotla 


164 


425 


71 051 


Kalsia 


178 


461 


67 708 


Dujana 


114 


295 


23416 


Pataudi 


48 


124 


17847 


Loharu 


285 


738 


13754 


Total " 


IG 068 


26075 


2 522 546 


Westliche Ebenen: 








Bahawalpur 


15 000 


33848 


573 494 


Bergstaaten: 








Mandi 


I 000 


2590 


147 017 


Chamba 


3180 


8236 


115 773 


Nahan 


1077 


2789 


112371 


Bilaspur 


448 


I 160 


86546 


Bashahr 


3320 


8590 


64 345 


Nalagarh 


252 


655 


53 373 


Suket 


474 


I 228 


52484 


Keonthal 


116 


300 


31 154 


Baghal 


124 


321 


20633 


Jubbai 


288 


746 


19 196 


Bhajji 


96 


249 


12 106 


Kümharsain 


90 


233 


9515 


Mailog 


48 


124 


9169 


Baghat 


36 


461 


8339 


Balsan 


51 


132 


5190 


Kuthar 


7 


18 


3648 


Dhami 


26 


67 


3322 


Tarhoch 


67 


174 


3 216 


Sangri 


16 


41 


2593 


Kunhiar 


8 


21 


1923 


Bija 


4 


10 


1158 


Mangal 


12 


31 


I 060 


Rawai 


3 


8 


752 


Darkoti 


5 


13 


590 


Dadhi 


I 


3 
27839 


170 


Total 


10749 


765 643 



Gesamtsumme 35817 



92 762 3 861 683 



P. Ascherson: Die Bevölkerungszahl der ägyptischen Oasen. 239 

Nach dem Geschlecht unterschied man 2 112 303 männliche und 
I 749380 weibliche Personen, nach dem Religionsbekenntnis 2 121 767 
Hindu, I 137 284 Mohammedaner, 595 iio Sikhs, 6852 Jain, 387 Bud- 
dhisten. Es wurden 52 Städte gezählt, deren Einwohnerzahl 2000 über- 
stieg, davon hatten drei mehr als 20 000 Einwohner, nämlich Patiala 
(53629), Maler Kotla (20621) und Narnaul (20052). 

(Schluss folgt.) 



XI. 

Die Bevölkerungszahl der ägyptischen Oasen und gegen- 
wärtige Zustände in denselben. 

Von P. Ascherson. 



Als ich im vorigen Jahre meine Schätzung der Bevölkerungszahl 
der Kleinen Oase, in der Voraussicht, dass genauere Nachrichten über 
dieselbe sobald nicht zu beschaffen sein würden, veröffentlichte*), ahnte 
ich nicht, dass in wenigen Wochen bereits gedruckte, auf wirklicher 
Zählung beruhende Angaben über die Seelenzahl der Oase vorliegen 
würden. Sie finden sich in dem von der ägyptischen Regierung her- 
ausgegebenen „Recensement gdndral de l'Egypte" Tome II (1885) p. 325, 
und wurden mir von Prof. Schwein furth freundlichst mitgeteilt. Da 
sie unter der Rubrik „Documents parvenus apr^s la cloture des totaux'* 
stehen, so ist wohl wahrscheinlich, dass sie sich auf die neueste Zeit 
beziehen. Es ist von Interesse, diese offiziellen Angaben mit den letzten 
nicht amtlichen, wie sie sich ausser meiner obenerwähnten Schätzung, 
in dem Reise werk von G. Rohlfs**) für die übrigen Oasen vorfinden, 

zu vergleichen. 

Nach dem „Recensement" Nach älterer Angabe 

Wahat el Baharieh 5 436 6 400 

W. el Farafrah 446 320 

W. el Dakhlah 15 293 ca. 17 000 

W. el Khargah 6 166 6 700 

(nach Schweinfurth 6340) 
Siwa 3 346 5 600 

In Anbetracht der Unsicherheit der früheren Quellen kann die 
Übereinstimmung leidlich befriedigen ; was speziell die kleine Oase be- 
trifft, so habe ich die Genugthuung, dass meine Schätzung von den 
früher vorhandenen (Cailliaud 2400, Wilkinson 7500, Jordan [von mir 



*) Vgl. diese Zeitschrift 1885 S. 150. 
**) Drei Monate in der Libyschen Wüste S. 90, lao, 1%^, ac)'^, 'SjY'Jj. 



240 P» Ascherson: 

ergänzt] 2700) der Wahrheit am nächsten kommt. Der Regierungssitz 
Bawiti hat nach dem Recensement II p. 351 u. 67 1675 Einwohner 
(881 männliche und 794 weibliche); ich hatte die Zahl zu 2400 ange- 
nommen. Man darf natürlich nicht erwarten, dass in diesen von dem 
Centrum der Regierungsgewalt so entlegenen Bezirken die Ergebnisse 
der ersten Volkszählung, die vermutlich seit der römischen Kaiserzeit 
dort durchgeführt wurde, absolut zuverlässig sind; eine Unterschätzung 
ist wahrscheinlicher als das Gegenteil, da die Bevölkerung (wie es ja selbst 
in unseren europäischen Grossstädten der Fall ist) eine solche Mass- 
regel mit unverhohlenem Misstrauen betrachtet und derselben fiskali- 
sche Hintergedanken unterschiebt. Es ist also mögUch, dass die früheren 
Angaben (abgesehen von Farafrah) der Wahrheit noch näher kommen 
als obiger Vergleich ergiebt. 

Kürzlich erhielt ich No. 1278 und 1279 der in Cairo in französischer 
Sprache erscheinenden Zeitung „Le Bosphore Egyptien" vom Jeudi 18 
(resp. Vendredi 19) Mars 1886 — 12 (13) Giamad Akher 1303 — 10 
Barmahat 1602, in denen sich ein Artikel „Les Oasis" befindet, welcher 
angeblich nach Mitteilungen des jetzt in Diensten der ägyptischen Re- 
gierung als „agent sup^rieur de la Süretd" stehenden Herrn Abargues 
deSost(§n, der im Auftrage des Chefs der ägyptischen Polizei Baker 
Pascha (nicht etwa zu verwechseln mit seinem Bruder, dem berühmten 
Afrika-Reisenden Sir Samuel Baker!) kürzlich die Oasen bereiste, von 
dem gegenwärtigen Zustande derselben ein Bild in den dunkelsten 
Farben entwirft. Wir können natürlich den Wert der Informationen 
des Herrn Abargues (dessen Wahrhaftigkeit in Dr. S teck er* s Kritik seines 
abyssinischen Reiseberichts*) in einem so eigentümlichen Lichte er- 
scheint) resp. die Glaubwürdigkeit seiner Gewährsmänner nicht prüfen, 
müssen hier aber feststellen, dass die dort gegebene Skizze der wirt- 
schaftlichen Geschichte der Oasen seit den letzten 40 Jahren mit den 
Wahrnehmungen der Rohlfs 'sehen Expedition von 1873/74 in keiner 
Weise vereinbar und die Wahrheit offenbar tendenziös entstellt ist. 
Nach dem Bosphore Egyptien erwarb ein gewisser Mahmud Pascha 
vor etwa 40 Jahren, „unter der Regierung Said-Pascha's" (damals re- 
gierte noch der grosse Mehemed Ali!) gegen eine ansehnliche jährliche 
Abgabe das Recht, die Oasen „auszubeuten". Er verband sich zu diesem 
Zwecke mit einem französischen Ingenieur namens Aim6 (richtiger 
Ayme; die veröffentlichten Nachrichten über dessen Thätigkeit stammen 
aus dem Jahre 1838**), der mit einem Kostenaufwande von 20 000 Francs 
„prachtvolle Maschinen" zum Brunnengraben erwarb und mit Hülfe 
derselben in kurzer Zeit „unermessliche unkultivierte Strecken" in 
blühende Gefilde umschuf, auf denen sich „Hunderte" von neuen 




*) Mitth. der Afrikanischen Gesellschaft in Deutschland IV. Band S. 145 — 148. 
*) Vgl Zittel, Geologie der Libyschen Wüste S. CXLIU. 



Die Bevölkerungszabl der ägyptisclien Oasen. 241 

Dörfern mit wohlhabender Bevölkerung erhoben. Nach „Aimds" 1859 er- 
folgtem Tode folgte diesem gewaltigen Aufschwung leider ein ebenso 
schneller Verfall. Ein „ebenso habgieriger als unwissender" Unter- 
nehmer wusste sich mittelst Bakschjsch in Besitz des Bohr-Apparats 
und des Monopols, Brunnen zu graben, zu setzen. Folgt nun eine beweg- 
liche Schilderung, wie die kostspieligen Maschinen umkamen und ver- 
darben, wie sich der ungenannte Unternehmer die Unterhaltung der 
bestehenden Brunnen mit unerschwinglichen Summen bezahlen Hess, 
wie schliesslich die Brunnen versandeten, die „Hunderte von Dörfern" 
verschwanden, die Bevölkerung auswanderte etc. Wer die Berichte der 
Rohlfs 'sehen Expedition gelesen hat, wird wissen, dass mit diesem 
„ebenso habgierigen als unwissenden Unternehmer" niemand anders 
gemeint sein kann, als unser alter Freund Hassan-Effendi, von 
welchem wir aus dem Bericht des „Bosphore" nicht erfahren, ob er sich 
noch unter den Lebenden befindet, was bei seinen schon damals vor- 
gerückten Jahren immerhin zweifelhaft ist. Die Rohlfs'sche Expedition 
hat fast drei Monate in der Oase Dachel verweilt, aber von dem, nach 
der „Bosphore" damals schon im 14. Jahre andauernden Verfall nichts 
bemerken können. Rohlfs selbst sagt über Hassan und die Ergebnisse 
seiner Thätigkeit Folgendes: „Völlig uneigennützig erwies sich dagegen 
ein angesehener Einwohner des Ortes Mut, namens Hassan-Effendi, ein 
Gentleman im wahren Sinne des Wortes. Von diesem braven Manne, 
dessen Verdienst um die Oase Dachel nicht hoch genug angeschlagen 
werden kann, wird später noch öfter die Rede sein." (Drei Monate 
S. 163.) . . . „Hassan-Effendi hat sich das grosse Verdienst erworben, im 
Laufe der letzten 30 Jahre schon ca. 60 neue Brunnen in Dachel an- 
zulegen .... es gelang ihm so mit den einfachsten Mitteln, der Oase 
Dachel ein doppelt so grosses Stück Kulturland zu gewinnen, als vor- 
her anbaufähig war" (a. a. O. S. 121). „In Dachel aber erblickt man 
auf Schritt und Tritt das Streben zum Besseren. Nicht nur mahnen 
die zahlreichen neu erbohrten Quellen daran, dass die Bewohnerschaft 
bemüht ist, der Wüste neues Kulturland abzugewinnen, sondern die 
jungen kräftigen Palmenwälder, Anpflanzungen der neuesten Zeit, die 
frisch entstandenen Saatfelder und vor allen Dingen die zunehmende 
Bevölkerung sind der beste Beweis davon" (a. a. O. S. 293). Ich selbst 
sagte über Hassans Verkehr mit den Eingeborenen, dessen Zeuge ich in 
seinem Hause zu Mut war: „Ausser diesen geschäftlichen Besuchen 
empfing unser Freund übrigens noch viele andere, welche nicht dem 
Ingenieur, sondern nur dem allgemein verehrten und beliebten Manne 
galten" (a. a. O. S. 249). So erschienen die Dinge unbefangenen Beur- 
teilern im Jahre 1874; ich muss als Gegenstück hinzufügen, dass die Ein- 
geborenen vor uns mit ihren Klagen über den damahgen Hakim (Gou- 
verneur) Churschid-Effendi, der allerdings genau dem Bilde des 
vom „Bosphore" gezeichneten „kleinen Tyrannen" entsprach, w\c3cä. 



242 ^' Ascherson: Die Bevölkerungszahl der ägyptischen Oasen. 

zurückhielten, so dass ich es mit Genugthuung aufnahm, als ich zwei 
Jahre später auf meiner Reise nach der Kleinen Oase erfuhr, derselbe 
sei seines Amtes entsetzt und Hassan sein Nachfolger geworden. Die 
Sachlage kann sich im verflossenen Decennium zum Nachteil verändert 
haben; ich erwarte aber den Beweis, dass wir uns in unserer günstigen 
Auffassung des damaligen Zustandes, der in allen Stücken das Gegen- 
teil von den Angaben des „Bosphore" darstellte, getäuscht haben. 

Von Interesse ist übrigens in dem Artikel des Cairiner Blattes 
die Bestätigung der Thatsache, dass die Emissäre des Mahdi in den 
Oasen kein günstiges Terrain finden, weil diese unter dem ausschliess- 
lichen Einflüsse des Ssenussi-Ordens stehen. Der Heilige von Djerabüb 
sieht in dem Propheten von Chartum einen unbequemen Nebenbuhler, 
und daher «antworten die Oasen-Schechs den Boten des Mahdi : „Macht 
dass ihr fortkommt; die Zeit ist noch nicht gekommen." Die nament- 
lich von italienischen Berichterstattern öfter gemachte Angabe, dass 
den Sudanesen von der marmarisch-cyrenäischen Küste, besonders von 
dem Hafen von Tobruk aus, über die Oasen Kriegs-Contrebande zuge- 
führt werde, ist daher wohl mit grosser Vorsicht aufzunehmen. 



Bemerkungen zu dem Aufsatz: 

„Die Strassenanlagen in der Asiatischen Türkei." 

Nachträglich zur beigegebenen Karte und zu S. 167 des Textes 
wird durch die „Allgemeine Zeitung*' die am 4. Mai erfolgte Eröffnung 
einer kurzen Eisenbahnstrecke im südöstlichen kleinasiatischen Küsten- 
lande, von Mersina bis Tarsus, bekannt. Zwei Monate später sollte 
die Endstrecke Tarsus-Adana dem Verkehre übergeben werden. 



XII. 

Der Census von Indien vom Jahre 1881, 

Von Emil Jung. 
(Schluss.) 



9. Centralprovinzen. ', 

Als die Centralprovinzen 1862 ihre gegenwärtige Gestalt erhielten, 
zählte man nicht weniger als 130 einheimische Fürsten, von diesen 
behielten aber nach einer 1867 veranstalteten Enquete nur 15 ihren 
Rang als Häupter von Tributärstaaten, welche über ihre Unterthanen 
Civil- und Kriminalgerichtsbarkeit ausüben. Sie zahlen sämtlich Tribut. 

Einkünfte Tribut Einkünfte Tribut 

Bastar 9000 305 Bamra 1600 35 

Kalahandi (Karond) 8000 397 Raigarh 750 40 

Patna 6400 400 Sonpur 2800 500 

Die Tributzahlungen sämtlicher 15 Staaten belaufen sich auf 
IG 880 Pfd. St. jährlich. 

Die Tributärstaaten der Centralprovinzen. 

Areal 
Engl. Quadr.- Quadr.- Bevölkerung 

meilen km 1882 188 1 Zunahme 



I. 


In Nagpur 
Basta z. Chanda 














gehörig 


13 062 


33829 


78856 


196 428 


-M17392 


2. 


In Nerbudda 
Makrai zu Ho- 














shangabad geh. 


215 


557 


14648 


16 764 


-H3 116 


3- 


Chhattisgarh 
a) zu Raipur 
gehörig: 














Chhuikhadan 


174 


451 


29 590 


32979 


-^3389 




Kanker 


639 


1655 


43542 


63 610 


-I-20 068 




Khairagarh 


940 


2434 


122 264 


166 138 


+43 874 




Nandgaon 


905 


2346 


148 454 


164 339 


+ 15885 




b) zu Bilaspur 














gehörig: 










't 




Kawardha 


887 


2 297 


75462 


86362 


-hio 900 




Sakti 


115 


298 


8394 


22 819 


4-1442^ 



Zeitschr. d. Gesellsch. f. Erdk. Bd. XXI. VI 



244 



4 




Emil Jun 


tg- 








Areal 










Engl. Quadr.- 


Quadr.- 


Bevölkerung 






meilen 


km 


1882 


1881 


Zunahme 


c) zu Sambal- 












pur gehörig : 












Kalahandi 


3 745 


9699 


^33 483 


224 548 


H-9I 065 


Raigarh 


i486 


3848 


63304 


128 943 


4-65 639 


Sarangarh 


540 


1398 


37091 


71 274 


+34 183 


Patna 


2399 


6 213 


98636 


257 959 


+ 159323 


Sonpur 


906 


2346 


130 713 


178 701 


+47 988 


Rairakhol 


^33 


2157 


12 660 


17750 


-4-5090 


Lamra 


I 988 


5149 


53613 


81 286 


+27673 



Total 28834 74677 1049 710 1709720 -1-660 010 
Dem Geschlecht nach zerfiel die Bevölkerung der Tributärstaaten 
(i 709 720) in 867 687 Personen männlichen und 842 033 Personen 
weiblichen Geschlechts. Der Religion nach unterschied man i 385 280 
Hindu, 220318 Naturanbeter, 53 520 Kobirpanthi, 40 248 Satnami, 9914 
Muhammedaner etc. Die einzigen Orte von Bedeutung sind Sonpur 
mit 7928, Nandgaon mit 5849, Kawardha mit 5736, und Dongargarh 
mit 5543 Einwohnern. 

10. Bombay. 

Die mit der Präsidentschaft Bombay administrativ verbundenen 
einheimischen Staaten nehmen ein Drittel des Gesamtareals dieser 
Präsidentschaft ein. Für Verwaltungszwecke sind sie in vier Gruppen 
geteilt: in Staaten, welche der nördlichen Commissionership unterge- 
ordnet sind, nämlich Cutch, Palanpur, Mahi Kantha, Kathiawar, Rewa 
Kantha, Cambay, die Surat Agency, Jawhar und Janjira, in Staaten, 
welche der centralen Commissionership unterstehen, nämlich die Dang- 
Staaten, die Satara-Jagir und Akalkot, in solche, welche zur südlichen 
Commissionership gehören, nämlich die Mahratta-Staaten des Südens, 
Kolhapur, Sawantwari,^ die südlichen Mahratta Jagir und Savanur, end- 
lich der Staat Khairpur in Sind. 

Cutch oder Kachch steht unter einem Herrscher, welcher den Titel 
Rao führt, eine Einnahme von 180000 Pfund Sterling hat und eine 
Kontribution von 20 000 Pfund Sterling zur Erhaltung eines militäri- 
schen Kontingents zahlt. Die Hauptstadt ist Bhuj, in> welcher der po- 
litische Agent residiert. Die Palanpur Agency begreift die Staaten Pa- 
lanpur und Radhanpur und 11 kleinere Herrschaften, von denen zwei, 
ebenso wie Palanpur und Radhanpur, mohammedanisch sind. Der 
Diwan von Palanpur zahlt an den Gaikwar von Baroda jährlich 5000 
Pfund Sterling, der auch von der kleinen Herrschaft Kankrej 559 
Pfund Sterling empfangt. Die Maha-Kantha Agency schliesst den Staat 
Edar und 58 kleinere Herrschaften ein; die Einwohner gehören zum 
grösseren Teil zu den Bhil und Kol. Die Einkünfte aller Staaten be- 
tragen 75 000 Pfund Sterling, der Gaikwar von Baroda empfangt 1 2 948 



Der Census von Indien vom Jahre i^gi. 245 

Pfund Sterling, wovon Edar allein 3 034 Pfund Sterling zahlt. Dieses 
erhält dagegen von den kleineren Staaten i 914 Pfiind Sterling und 
zahlt an andere Staaten 288, an die britische Regierung 92 Pfund 
Sterling. Cutch unterhält 600 Mann Infanterie und 300 Mann Kavallerie 
mit 38 Geschützen. 

Die Halbinsel Kathiawar ist unter 187 (vor kurzem noch 418) 
Fürsten verteilt, welche nach ihren richterlichen Gerechtsamen in sieben 
Klassen zerfallen. Zur ersten gehören vier Fürsten : von Junagar, Naua- 
nagar, Bhaunagar und Dhrangadra, sie haben volle Gerichtsbarkeit über 
alle Personen in ihren Staaten, englische Unterthanen allein ausgenommen. 
Zur zweiten Klasse gehören acht; sie haben nur über ihre eigenen 
Unterthanen Gerichtsbarkeit, zur dritten gehören 6, zur vierten 4, zur 
fünften 18, zur sechsten 43 und zur siebenten 17 Fürsten. Für Ver- 
waltungszwecke ist Kathiawar in vier Prants geteilt, welche den histori- 
schen Divisionen: Jhalawar, Gohelwar, Sorath und Halar entsprechen, 
von denen eine jede unter einem politischen Agenten steht. Das Ge- 
samteinkommen aller Staaten von Kathiawar ist i 230 000 Pfund Ster- 
ling, der gesamte Tribut 118 000 Pfund Sterling, wovon 72000 an 
die britische Regierung, 31 000 an den Gaikwar von Baroda und 6450 
an den Nawab von Junagar gezahlt werden. Die jüngeren Fürsten 
sind sämtlich auf einem zu diesem Zweck gegründeten College erzogen 
worden und mehrere haben England besucht. Ganz Kathiawar unter- 
hält 15 306 Mann Infanterie und 3063 Mann Kavallerie mit 508 Ge- 
schützen. 

Die Rewa-Kantha Agency begreift einen Staat erster Klasse, Raj- 
pipla, fünf zweiter Klasse: Chota Udepur, Bariya, Lunawarra, Sunth 
und Balasinor nebst 55 kleineren Herrschaften, welche als die Mehwasi- 
Staaten bezeichnet werden. Die Gesamteinkünfte belaufen sich auf 
160000, die Tributzahlungen auf 13000 Pfund Sterling, wovon der 
Gaikwar zwei Drittel empfangt. Narukot hat ein Einkommen von 700, 
Cambay ein solches von 46000 Pfund Sterling, und das letztere zahlt 
einen Tribut von 2595 Pfund Sterling. Die Surat Agency begreift drei 
Staaten der zweiten Klasse und hat eine Totaleinnahme von 66000 
Pfund Sterling. 

Die Staaten der Konkan-Gruppe : Jawhar, Janjira und Sawantwadi 
haben Einkünfte von 10 000 resp. 37000 und 32000 Pfund Sterling. 
Der Nawab von Janjira ist zugleich Fürst von Jafarabad in Kathiawar. 

Die Dangs, d. h. „die Waldgegend am Fuss der Berge" nennt 
man 22 kleinere Herrschaften in den Sahyadri- Bergen im Distrikt 
Khandesh. Sie sind mit Jungle bedeckt und von Bhil bewohnt. Die 
Einkünfte dieses Striches belaufen sich auf 7600 Pfund Sterling. Die 
Satara Jaghirs bestehen aus fünf von einander getrennten Herrschaften, 
deren Einkommen 140000, deren Tribut 1560 Pfund Sterling beträgt. 
Früher gehörte auch Akalkot zu den vorigen ; es wurde zu Verwalt\m%^- 



246 Emil Jung: 

zwecken von ihnen getrennt, hat jetzt Einkünfte von 2^ 000 Pfund 
Sterling und zahlt einen Tribut von 1459 Pfund Sterling. 

Kolhapur östlich von den Sahyadri-Bergen zwischen den Distrikten 
Satara und Belgaum hat Einkünfte im Betrage von 221 000 Pfund Ster- 
ling; elf Jagirdars sind ihm lehnspflichtig und zahlen ihm einen Tribut 
von 2000 Pfund Sterling jährlich. Der Rajah unterhält eine Armee von 
1502 Mann Infanterie und 154 Mann Kavallerie nebst 258 Geschützen. 

Die Southem-Mahratta-Jaghirs bestehen aus acht weit zerstreuten Di- 
strikten, nur einer derselben, Sangli, wird zu den Staaten erster Klasse 
gerechnet; er hat Einkünfte im Betrage von 102 000 Pfund Sterling 
und zahlt einen Tribut von 13 500 Pfund Sterling. Sämtliche Staaten 
dieser Abteilung haben ein Gesamteinkonmien von 247 000 Pfund Sterling 
und zahlen als Tribut 18 700 Pfund Sterling. Der Staat Sawanur liegt 
im äussersten Süden der Präsidentschaft im Distrikt Dharwar und hat 
ein Einkommen von 6000 Pfund Sterling. Khairpur endlich in Sind 
am linken Indusufer und teilweise in der Wüste von Rajputana hat 
Einkünfte im Betrage von 57 000 Pfund Sterling. 

Die Tributärstaaten der Präsidentschaft Bombay. 



Area 
Gruppen Engl. Quadr.- 
und Staaten meilen 


l 

Quadr.- 
km 


Bevölkerung 
1872 1881 


Zu- oder 
Abnahme 


Guj arat- Gruppe 


52613 


136 262 


4 482 643 


4 737 044 


-f-254401 


Cutch 


6500 


16.834 


488 507 


512 084 


4-23577 


Palanpur 


8 000 


20 719 


508 526 


576478 


4-67952 


Mahi Kantha 


1 1 049 


28616 


447 056 


517485 


4-70429 


Kathiawar 


20559 


53246 


2 318 642 


2 343 899 


+ 25257 


Rewa Kantha 


4792 


12 411 


505 732 


543 452 


4-37 720 


Cambay 


350 


906 


83494 


86074 


4-2 580 


Namkot 


143 


370 


6837 


6 440 


397 


Surat 


I 220 


3 160 


123 849 


151 132 


4-27 283 


Konkan-Gruppe 


I7S9 


4556 


300 216 


299 350 


-^866 


Jawhar 


534 


1383 


37406 


48556 


4-11 150 


Janjira 


325 


842 


71996 


76361 


-+-4365 


Sawantwadi 


900 


2331 


190 814 


174433 


-16 381 


Deccan-Gruppe 


13 272 


34 373 


I 888 231 


I 775 702 


112 529 


The Dangs 


3840 


9 945 


39 III 


60 270 


4-21 159 


Satara Jaghirs 


3314 


8583 


33^ 227 


318687 


-17540 


Akalkot 


498 


I 290 


81068 


58040 


—23 028 


Kolhapur 


2816 


7293 


804 103 


800 189 


3914 


Southern Ma- 












ratha Jaghirs 


2734 


7081 


610 434 


523 753 


—86681 


Sawanur 


70 


181 


17 288 


14763 


—2525 


Khairpur 


6 109 


15 822 


130350 


129153 


— I 197 



Total 73753 191 013 6801440 6941249 4-139808 



Der Census von Indien vom Jahre i88i- 247 

Dem Geschlecht nach unterschied man 3 572 355 Personen männ- 
lichen und 3 368 894 Personen weiblichen Geschlechts, der Religion 
nach 5526403 Hindu, 753229 Muhammedaner, 6837 Christen (davon 
6059 römische Katholiken), 282 219 Jain, 1908 Parsi, 107 1 Juden, 
369216 Naturanbeter u. a. 

Die Tributärstaaten zählen 82 Städte, davon eine mit über 40 000 
Einwohnern, nämlich Bhawnagar (47 792), vier zwischen 30 000 und 
40000: Navanagar (39668), Karvir (38599), Cambay (36007) und 
Mandvi (35980), drei zwischen 25000 und 30000: Junagadh (24 679), 
Bhuj (20661) und Miraj (20616), fünf zwischen 15000 und 20000: 
Palanpur (17547), Wadhwan (16949), Dhoraji (16121), Morvi (15353) 
und Rajkot (15 139); femer haben 16 Städte 10 000 — 15 000, 15 Städte 
7000—10000, 30 Städte 5000—7000 und 8 Städte weniger als 5000 
Einwohner. 

II. Madras. 

Zu den Tributärstaaten dieser Präsidentschaft gehören zwei grössere 
Staaten an der Südwestküste der vorderindischen Halbinsel und drei 
von britischem Territorium eingeschlossene Fürstentümer. Die beiden 
ersten, Travancore und Cochin, sind schon früh in ein näheres freund- 
schaftliches Verhältnis zur britischen Regierung getreten; heut lebt in 
ihnen eine verhältnismässig grössere Zahl von Christen (meist von sy- 
rischem Ritus), als in irgend einem anderen Teil Indiens. Travancore 
mit der Hauptstadt Trevandram hat ein Einkommen von 590 000 Pfund 
Sterling und zahlt 81 000 Pfund Sterling als Tribut; Cochin, dessen 
Hauptstadt Ernakollam ist, hat ein Einkommen von 147 000 Pfund 
Sterling und zahlt 20 000 Pfund Sterling als Tribut. 

Pudukota ist der einzige der vielen kleinen Staaten Indiens, welcher 
seine Selbständigkeit bewahrt hat und keinen Tribut zahlt; seine Ein- 
künfte werden auf 64 000 Pfund Sterling angegeben; die beiden 
kleineren Staaten Banaganpalle und Sundur haben ein Einkommen von 
19 000 resp. 3800 Pfund Sterling. 

Ein Vergleich der Resultate des Census von 1871 mit denen des 
letzten von 1881 ergiebt folgende Zusammenstellung: 



Staaten 


Areal 
Engl Quadr.- 
meilen 


Quadr.- 
km 


Bevölkerung 
1871 1881 


Zu- oder 
Abnahme 


Banaganpalle 


i 225 


660 


45208 


30754 


-14455 


Sundur 


164 


425 


14996 


10532 


4464 


Pudukota 


I lOI 


2851 


316695 


302 127 


-14568 


Travancore 


6730 


17430 


2 311 379 


2 401 158 


-t-89 779 


Cochin 


I 361 


3525 


598 353 


600 278 


-HI 925 



Total 9 61 1 24 891 3 286 631 3 344 849 +58 218 

Banaganpalle, dessen Bevölkerung 1881 : 30,754 Seelen betrug, 
davon 15483 Personen männlichen und 15271 weiblichen Ge^cX>\^Oo\Ä^ 



248 E™il Jung: 

wurde durch die Hungersnot so schwer betroffen, dass sich seine Be- 
völkerung (1871: 45208 Seelen) um ^2 Prozent verringerte. Es bildet, 
wie schon bemerkt, einen Taluk des Distriktes Karnul, Sundur, dessen 
Bevölkerung 1881: 10532 Personen betrug, wovon 5 298 männlichen und 
5234 weiblichen Geschlechts, wurde liicht viel weniger schwer betroffen ; 
seine Bevölkerungsziffer ist gegen 187 1 um nahe an 30 Prozent zurück- 
gegangen. Über die Verteilung der Bevölkerung dieser beiden kleinen 
Staaten auf die verschiedenen Religionsbekenntnisse fehlen nähere An- 
gaben. Auch Pudukota*) hat durch Hungersnot stark gelitten und zählte 
bei dem letzten Census 91 19 Seelen weniger als 10 Jahre vorher. Von 
seiner 1881: 302 127 Köpfe starken Bevölkerung waren 142 810 männ- 
lichen und 159 317 weiblichen Geschlechts. Dem Religionsbekenntnis 
nach unterschied man 281 809 Hindu, 11 ^yz Christen und 8946 Muham- 
medaner. Von den Christen gehören 10 711 zur römisch-katholischen 
Kirche. Die Hauptstadt Pudukota hat 15 384 Einwohner. 

In Cochin ermittelte man von einer Bevölkerung von 600 zyS Seelen 
301 815 Personen männlichen und 298 463 Personen weiblichen Geschlechts. 
Dem Religionsbekenntnis nach unterschied man 429 324 Hindu, 136 361 
Christen (120 919 römische Katholiken), und 33 344 Muhammedaner. In 
Travancore zählte man i 197 134 Personen männlichen und i 204 024 
weiblichen Geschlechts, nach dem Religionsbekenntnis unterschied man 
I 755 610 Hindu, 498 542 Christen und 146 909 Muhammedaner. Die be- 
deutendsten Städte sind Trevandrum mit 37 652 und AUeppey mit 
25 754 Einwohnern. 

12. Assam. 

Zu Assam gehört nur der halbunabhängige Staat von Manipur und die 
demokratischen Gemeinwesen in den Khasi-Bergen. Diese letzteren sind 
noch fast ganz unabhängig; sie zahlen keinen Tribut und wählen ihre 
eigenen Häuptlinge, welche volle Gerichtsbarkeit über ihre Unterthanen 
ausüben. Die Zahl dieser Staaten ist 25, worunter Cherra Punji, Khy- 
rim, Nongstain, Langrin und Nongspung die bedeutendsten sind; ihre 
gesamten Einkünfte erreichen 5000 Pfund Sterling. Ebenso hoch werden 
die Einkünfte von Manipur geschätzt. 

In Manipur war früher nie eine Zählung oder Schätzung versucht 
worden und man darf auch die 1881 gemachte Erhebung keineswegs 
als eine ganz genaue ansehen, da die verschiedenen Stämme der Naga 
und Kuki, welche einen erheblichen Teil der Bevölkerung ausmachen, fast 
immer ein Wanderleben führen. Die Censusaufnahme konnte hier nicht 
in einem Tage vor sich gehen, sie erstreckte sich vielmehr über sechs 
Wochen. Wie der Rajah zur Mitwirkung durch Überreichung von 
Census formularen in Gold-, Silber und Farbendruck gewonnen wurde, 
habe ich bereits erwähnt. Das Areal von Manipur wird auf 8000 engl. 



K *) Pudukota ist der einzige Staat in Indien, der keinen Tribut zahlt. 



Der Census von Indien vom Jahre igSi. 249 

Quadratmeilen oder 20719 Quadratkilometer angegeben und die Be- 
völkerung auf 221 070 Seelen, wovon 109557 männlichen und iii 513 
weiblichen Geschlechts waren*). Der Religion nach unterschied man 
130 892 Hindu, 4881 Mohammedaner und 85 288 Naturanbeter, die sich 
bei den Bergstänmien finden. 

13. Kaschmir. 

Kaschmir steht an Umfang nur Hydrabad nach, seine Bevölke- 
rungsziffer (1]^ Millionen) wird aber von einer ganzen Anzahl indischer 
Staaten übertroffen. Es schliesst ausser der Landschaft Kaschmir noch 
Jummu, Ladakh, Baltistan und Gilghit ein und dehnt sich so von den 
Ebenen des Punjab quer über die Hauptkette des Himalaya bis zu den 
chinesischen Landschaften Tibet und Ost-Turkistan und zum Pamir- 
Plateau aus. Der Census von 1881 hat sich auf dieses Land nicht 
erstreckt: die obige Bevölkerungsziffer datiert von 1873. Das eigent- 
liche Kaschmir wurde den Afghanen 1819 durch den Sikh Raja von 
Labore Ranjit Singh abgenommen. Im Jahre 1846 empfing Gulab 
Singh, der Herrscher von Jummu, die Investitur als Maharaja von Kasch- 
mir. Dagegen verpflichtete sich derselbe zur sofortigen Zahlung von 
750 008 Pfund Sterling und in Anerkennung der britischen Oberhoheit 
zu einem Jahrestribut, bestehend in einem Pferde, zwölf Ziegen und 
drei Paar Kaschmir-Shawls. Zuerst unter dem Lieutenant-Govemor des 
Punjab gestellt, steht er jetzt in direkten Beziehungen zum Vicekönig 
von Indien. Der Fürst hat, wie oben erwähnt, die höchsten Ehren 
empfangen, welche die englische Regierung an indische Machthaber 
vergiebt. Das Land hat Einkünfte von 800 000 Pfund Sterling jährlich 
und unterhält eine Armee, die aus 18346 Mann Infanterie und 1393 
Mann Kavallerie mit 96 Kanonen besteht. 

Areal und Bevölkerung von Kaschmir. 



Provinzen und Distrikte 




Areal 




Bevölkerung 




Engl. Quadratm. 


Quadratkm. 


1873 


1. Jummu, Home Go- 










vernments 










Punch 


1600 




4100 


79566 


Naushahra 


1500 




3900 


III 888 


Minnawar 


1300 




3400 


193 604 


Riasi 


IIOO 




2850 


98035 


Jummu 


950 




2450 


206 827 



*) "Worauf die auf p. 468 des Report on the Census of British India vol. I 
gemachte Angabe, dass die Bevölkerung von Manipur 147687 Seelen (72890 
männl., 74 797 weibl.) betrage, beruht, ist nicht ersichtlich, da etwas weiter unten 
p. 471 ausdrücklich gesagt wird, dass zur Zeit der Abfassung des General-Reports 
für Assam „no report whatever has come in". Meine Zahlen entstammen dem Report 
in the census of Assam for 1881. Calcutta 1883. 



250 







Emil Jung: 


. 




Provinzen und Distrikte Areal 


Bevölkerung 






Engl. Quadratm. 


Quadratkm. 


1873 


Ramnagar 




900 


2300 


* 79 777 


Jasrota 




700 


1800 


73 355 


Udampur 




7400 


19 200 


98 100 


Total 


: 15428 


39 957 


938 641 


2. Kaschmir 










Muzafarabad 




1750 


4500 


70330 


Kamraj 




1850 


4800 


79 276 


Patan 




800 


2100 


50084 


Srinagar 

„ Stadt 


} 


2550 


6600 


51085 
132 681 


Schupiyan 




8050 


2200 


54522 


Islasmabad 




900 


2300 


53861 



9273 


25834 


33684 


58030 


73138 


20 621 



Total: 8690 22 505 491 846 
3. Northern Govem- 
ments 

Gilgit 3581 

Baltistan 13 006 

Ladakh 28 240 

Total: 44827 116 095 104485 

Gesamtsumme: 68944 178558 1534972 

Die bedeutendsten Städte waren Srinagar mit 132,681 und Jummu 
mit 41 817 Einwohnern, ausserdem gab es nur 6 Orte mit einer Be- 
völkerung zwischen 5656 und 2092 Einwohnern. Diese letzteren liegen 
sämtlich in der Provinz Kaschmir. 

Generalübersicht des Areals und der Bevölkerung des Kaiser- 
reichs Indien. 

I. Unmittelbare Besitzungen. 
Verwaltungsbezirke Areal 



I. Unter dem General- 
gouverneur von Indien. 


Engl. 
Quadratmln 


Quadrat- 
L. kilom. 


Bevölkerung 1881 
Männlich Weiblich Zusammen 


Ajmere und Merwara 

Berar 

Coorg 

Andamanen und Nikobaren 


2711 

17 711 

1583 
3193 


7021 

45870 
4 100 
8269 


248 844 

I 380 492 

lOO 439 


211 878 

I 292 181 

77863 


460 722 

2 672673 

178 302 

27 128 


2. Unter Gouverneuren. 












Madras 

Bombay mit Aden 


139 481 
124 192 


361.241 
321 646 


1525745* 
85^453 


15 569 766 
7 968 821 


30827218 
16 489 274 


3. Unter Lieutenant- 
Gouverneuren. 













Bengalen 156 564 405 484 33 174 651 33 516 805 66 691 456 

Nordwestprovinzen u. Audh 106 104 274 797 22 912 556 21 195 313 44 107 869 
Punjab 106632 276165 10 210 053 8640384 18850437 



Der Census von Indien vom Jahre i88i- 251 



Verwaltun gsbezirke 

4. Unter Chief-Commis- 
sioners. - 


Areal 

Engl. Quadrat- 
Quadratmln. kilom. 


Bevölkerung 188 
Männlich Weiblich 


;i 

Zusammen 


Assam 


46307 


119 930 


2 503 703 


2 377 723 


4 881 4*6 


Britisch-Burma 


87 2ao 


225 890 


I 991 005 


I 745 766 


3736771 


Centralprovinzen 


84445 


218 704 


4959435 


4879356 


9838791 


Unmittelbare Besitzungen 


876 143 


2269 117 




— — ] 


[98 761 067 




a. Tri 


butärstaaten. 








Areal 








I. Staaten unter derRe- 
gierung von Indien. 


Engl. Quadrat- 
Quadratmln. kilom. 


Bevölkerung 1881 
Männlich Weiblich Zusammen 


Hyderabad 


81 807 


211 872 


5 002 137 


4 843 457 


9 845 594 


Mysore 


M7n 


64030 


2085 84^ 


2 100 346 


4 186 188 


Baroda 


8570 


22 195 


I 139 512 


I 045 493 


2 185 005 


Centralindien 


75230 


194838 


4 882 823 


4379084 


9 261 907 


Rajputana 


129 750 


336038 


5 544 665 


4 7^3 7^7 


IG 268 39* 


2,. Staatenunter denRe- 












gierungen 












von Bengalen (ohne Sikkim^ 


1 36 634 


94878 


I 450 940 


I 394 465 


* 845 405 


der Nordwestprovinzen 


5125 


13273 


384 699 


357051 


741 750 


des Punjab 


35817 


92762 


2 112 303 


I 749 380 


3 861 683 


der Centralprovinzen 


28834 


74677 


867 687 


84*033 


I 709 720 


von Bombay 


73 753 


191 013 


3 57^355 


3 368 894 


6 941 249 


von Madras 


9 611 


24891 


I 662 540 


I 682 309 


3 344 849 


von Assam 


8 000 


20719 


109 557 


III 513 


221 070 


Summa : 


517854 


I 341 186 


28 815 060 


26 597 752 


55 412 812 


Sikkim 


2600 


6734 




— 


50 000 


Dazu Kaschmir (1873) 


68944 


178558 


— 




I 534 97* 


Tributärstaaten 


589 398 


I 526 478 


— 


- — 


56 997 784 



Britisch-Indien i 465 541 3 795 595 — — 255 758 851 

Diese Übersicht weicht sehr wesentlich von der im Gothaischen 
Hofkalender für 1886 Seite 749 gegebenen ab. Die dortige Tabelle: 
Britisch-Ostindien, Flächeninhalt und Bevölkerung, ist, wie eine Anmer- 
kung besagt, dem Report on (nicht of) the Census of British India, 
taken on the I7ti^ February 1881 vol. I entnommen. Diese Tabelle 
ist aber nicht vollständig und, wie sie vorliegt, auch in ihrer inneren 
Anordnung nicht den Verhältnissen überall entsprechend. So kommt 
es, dass der Hofkalender das Areal Britisch-Indiens auf i 382 624 engl. 
Quadratmeilen angiebt, während ich 1 465 541 engl. Quadratmeilen 
erhalte, dass die Gesamtbevölkerung bei ihm nur 253891 821 Seelen, nach 
meiner Rechnung aber 255758851 Seelen beträgt. 

Was zuerst die Auslassungen betrifft, so vermisst man unter den 
dem Generalgouvemeur unterstellten Gebieten die Andamanen und Ni- 
kobaren, welche beide, wie bereits an der betreffenden Stelle ausgeführt, 
in ebenso enger Beziehung zum Kaiserreich Indien stehen, wie andere 
Distrikte, und von einem Beamten verwaltet werden, weichet d^xsi '^KssCv 



252 Emil Jung: 

sterium des Generalgouverneurs direkt unterstellt ist. Auf den Anda- 
manen hat auch eine genaue Zählung der Bevölkerung von Port Blair 
stattgefunden. Es fehlt ferner Manipur, von dem die Censusresultate 
in jenem bereits angeführten Bande des Censuswerkes zusammen mit 
Aden und den Andamanen (allerdings nicht vollständig) aufgeführt sind. 
Endlich fehlen auch Sikkim und Kaschmir mit einer Bevölkerung von nahe 
an I 600000 Seelen, die freilich beide bei dem letzten Census nicht in 
Betracht gezogen wurden, dennoch aber in einer Generalübersicht des 
Flächeninhalts und der Bevölkerung Britisch-Indiens keinesfalls fehlen 
dürfen. 

Aber auch in der inneren Anordnung habe ich von der vom Hof- 
kalender wiedergegebenen Tabelle und, wie ich das im einzelnen be- 
gründet habe, auch von der Anordnung meiner Quellen, der Census- 
Reports, zuweilen abweichen müssen. Ich habe das Pudukota-Terri- 
torium, sowie die Tributärstaaten Banaganpalle und Sundur von dem 
unmittelbaren Besitz der Präsidentschaft Madras abgetrennt und diese 
drei Staaten mit Travancore und Cochin als Tributärstaaten dieser 
Präsidentschaft behandelt. Ebenso habe ich die zur Lieutenant- Gover- 
norship Bengalen gehörigen Tributärstaaten unter die ihnen gebührende 
Rubrik gebracht. Für das Areal von Assam habe ich die im Report 
angemerkte Korrektur eingesetzt. Endlich habe ich Aden bei Bombay 
miteingerechnet, da dasselbe, obwohl geographisch getrennt, in engster 
administrativer Beziehung zu dieser Präsidentschaft steht. Dies die Er- 
klärung für die erheblichen Differenzen, 

Die Bevölkerung der Städte Britisch-Indien bis zu 5000 Ein- 
wohner abwärts nach der Zählung vom 17. Dezember 1881. 

Britisch-Indien hat 1902 Städte mit über 5000 Einwohnern, davon 
haben 66 mehr als 50000, 123 zwischen 50000 und 20000, 97 zwischen 
20000 und 15000, 291 zwischen 15000 und 10 000 und 1325 zwischen 
10 000 und 5000 Einwohner. 

Die grossen Städte sind zahlreicher im Norden als im Süden, von 
den 66 genannten haben die Nordwestprovinzen und Audh 15, Ben- 
galen II, Madras und das Punjab je 9, Bombay 6, die Central- 
provinzen, Centralindien und Mysore je 3, Hyderabad, Rajputana und 
Birma je 2 und Baroda i. 

Von den 123 Städten mit 50000—20000 Einwohnern haben Ben- 
galen 22^ Madras und Bombay (mit den Tributärstaaten) je 21, die 
Nordwestprovinzen 18, das Punjab 15, Centitilindien und Rajputana 
je 6, die Centralprovinzen 3, Ajmere, Berar, Birma, Hyderabad und 
Travancore je 2 und Baroda i. 

Von den 97 Städten mit 20000 — 15000 Einwohnern haben die 

Nordwestprovinzen 20, dann folgen Madras mit 15, Bengalen mit 14, 

Bombay mit 13, das Punjab mit 10, Centralindien, Rajputana und Birma 



Der Census von Indien vom Jahre 1881. 



253 



mit je 4, die Centralprovinzen, Baroda und Hyderabad mit je 3, Berar 
mit 2, Ajmere und Travancore mit je einer. 

Von den 291 kleineren Städten mit 15 cxx)— 10 000 Einwohnern 
haben Bombay 55, die Nordwestprovinzen 51, Bengalen 49, Madras 48, 
das Punjab 25, Rajputana 16, Hyderabad 11, Baroda 8, die Central- 
provinzen 7, Berar 6, Assam, Centralindien, Mysore und Travancore 
je 3, Birma 2 und Cochin i. 

Von der grossen Zahl noch kleinerer Städte sind viele eigentlich 
nur ausgedehnte Dörfer, deren Bewohner mit nur vereinzelten Aus- 
nahmen vom Ackerbau leben. Solcher Orte haben Madras 404, die 
Nordwestprovinzen 194, Bombay 183, Bengalen 146, das Punjab 142, 
Rajputana 59, Hyderabad 45, die Centralprovinzen 36, Centralindien 
31, Berar 24, Baroda 18, Mysore 15, Birma 10, Travancore 6, Ajmere 
und Assam je 4, Cochin 3 und Coorg i. 

Das nachstehende Verzeichnis, welches die Städte Indiens, deren 
Einwohnerzahl 5000 übersteigt, bringen soll, ist nicht ganz vollständig. 
Für Hyderabad, Travancore und Cochin haben nur die Städte mit 
mehr als 20 000 Einwohnern aus dem allgemeinen Censusbericht : The 
Indian Empire. Census of i88i. Statistics of Population vol. II, 
Calcutta 1883 S. 2^2 ff. gebracht werden können, da mir die Special- 
resultate des Census dieser drei Gebiete nicht zugegangen sind, nach 
einer Mitteilung des India Office an mich auch noch nicht publiziert 
wurden. 



I. Unmittelbar unter dem Generalgouverneur stehende 

Provinzen. 



A. I 


Ljmere Merwara 


i. 


Jamod 


5258 


Ajmere 






48735 


Khamgaon 


12390 


Beawar 






15829 


Patur 


7219 


Kekri 






6 119 


Shegaon 


II 079 


Nasirabad 






21 320 


Sonala 


5130 




B. 


Coorg. 




Wadegaon 


6096 


Mercara (Mahadeopet) Stadt 


6227 






>> 


» 


Kan- 




z. Amraoti. 




tonnemen 


Lt 




2 156 


Amraoti 
Badnera 


23550 




zusammen 8383 


6460 




c. 


Berar. 




Karanja 


10923 




I. 


Akola. 




Kholapur 


6452 


Akola 






16 614 


Mangrul 


6 122 


Akot 






16 137 


Morsi 


5592 


Balapur 






II 244 


Ner Pinglai 


6644 


Barsi Takli 






5 377 


Shendurjana 


8501 


Hiwarkhed 






7300 


Talegaon Dashasahasra 


5506 


Jalgaon 






10392 


Warud 


^ticr\ 




254 




Emil , 


Jung: 






3* Basim. 




5- 


EUichpur. 




Basim 




II 576 


Anjangaon 




9842 


Pusad 




5047 


EUichpur 




26728 


Umarked 




5 959 


Karajgaon 




7330 


4. Buldana. 




Paratwada 




9 445 


Daulgaon Raja 




7025 


Pathrot 




5271 


Malkapur 




8152 


Sirasgaon 




5408 


Nandura 




6743 








IL Unt 


er Gouverneuren stehende P 


rovinzen. 




A. Ma 


,dras. 




Gooty 




5 373 


I. Arcot 


(North). 




Harpanahalli 




6536 


Ambur 




10390 


Hindupur 




6 694 


Arcot 




10 718 


Hospet 




IG 219 


Arkonam 




3220 


Kamptee 




9828 


Arni 




4812 


Kottur 




5156 


Chandragiri 




4193 


Narayanadevarakera 


3669 


Chittoor 




5809 


Pamidi 




5260 


Gudiyatam 




10 641 


Penukonda 




5331 


Kalahasti 




9 935 


Rayadrug 




8766 


Polur 




5649 


Siguruppa 




5013 


Punganur 




7672 


Tadpatri 




8585 


Palmaner 




1931 


üravakonda 




6203 


Ranipet 




3697 


Yadiki 




6409 


Tirupati 




13232 


Yeniganur 




6963 


Vellore 




37491 


4. Canara (South). 




Walaj anagar 




10387 


Bantval 




3090 


Wandiwash 




4130 


Mangalore 




32099 


2. Arcot 


(South). 




Udipi 




4 449 


Cbidabamram 




19837 


5- 


Chingleput. 




Cuddalore 




43 545 


Chingleput 




5617 


Panrutti 




20 172 


Conjeeveram 




37275 


Porto Novo 




7823 


Saidapet 




10290 


Tindivanam 




3526 


Saint Thomas Mount 


15 013 


Tinivannamal ai 




9592 


Tiruvallur 




6242 


Valavanur 




7231 


Tiruvotiyur 




9098 


Villupuram 




8241 


6. 


Coimbatore. 




Vriddhachalam 




7 347 


Bhavani 




5930 


3. Bellary. 




Coimbatore 




38967 


Adoni 




22 441 


Dharapuram 




7310 


Amalapuram 




3165 


Erode 




9864 


Anantapur 




4907 


Karur 




9205 


Bellary 




53460 


Kollegal 




8462 


, Dharmavaram 




5916 


Pallapatti 




6351 



Der Census von Indien vom Jahre i88i- 



255 



Pollachi 


5082 


Sanavarapeta 


3200 


Satyamangalam 


3210 


Viravasaram 


5257 


Udumalpet 


5061 


10. Kistna. 




7. Cuddapah. 




Bandar 


35056 


Badvel 


8638 


Bapatla 


6086 


Cuddapah 


18982 


Bezwada 


9336 


Jammalamadugu 


4846 


Chellapalli 


5615 


Kadiri 


5004 


Chirala 


9061 


Madanapalle 


5700 


Guntur 


19646 


Proddutur 


6510 


Jaggayapet 


10072 


Pulivendla 


1885 


Kondapalli 


4289 


Rayachoti 


4367 


Mangalagiri 


5617 


Vayalpad 


3695 


Mylaveram 


3704 


Vempalle 


5811 


Nizampatam 


4128 


:$. Ganjam. 




Nuzvid 


5657 


Aska 


3909 


Vallur 


4070 


Baruva 


4298 


II. Kurnool. 




Berhampore 


23599 


Cumbuni 


7 170 


Boyarani 


3 339 


Kurnool 


20329 


Calingapatam 


4465 


Nandyal 


8907 


Chicacole 


16355 


12. Madras. 




Ganjam 


5037 


Madras City 


405 848 


Gopalpur 


2675 


13. Madura. 




Harimandalam 


3089 


Aruppakotai 


10 831 


Ichapur 


5528 


Devikota 


8451 


Mandasa 


4671 


Dindigul 


14 182 


Narsannapet 


8230 


Kilakarai 


II 887 


Parlakimedi 


I0 8l2 


Madura 


73807 


Purasholtapur 


3962 


PalTii 


12974 


Surada 


3 594 


Periyakulam 


16446 


Tekkali-Raghunadhapuram 


7634 


Permagudi 


9287 






Ramnad 


10519 


9. Godavari. 




Sivagauga 


8343 


Amalapuram 


8623 


14. Malabar. 




Chamarlakota 


4962 


Calicut 


57085 


Cocanada 


28856 


Cannanore 


26386 


Coringa 


4398 


Cochin 


15698 


Dowlaischweram 


8002 


Palghat 


36339 


Ellore 


25092 


Tellicherry 


26410 


Narsapur 


7184 


15. Nellore. 




PalakoUu 


7510 


Addanki 


6481 


Peddapuram 


II 278 


Gudur 


4862 


Pittapuram 


II 593 


Kandukur 


6601 


Rajahmundry 


24555 


Kanigiri 


2%^ 



266 



Emil Jungt 



Kavali 4 927 
Kondayapollam-Udayagiri 3 885 

Nellore 27 505 

Ongole 9 200 

Venkatagiri 7 989 

16. Nilgiris. 
Coonoor 4 778 
Ootacamund 12 335 

North Arcot s. Arcot (North). 

17. Salem. 
Anemapet 7 003 
Atur 8 334 
Dharmapuri 7 090 
Edapadi 3 942 
Hosur 5 869 
Krishnagiri 8 856 
Namakal 5 I47 
Rasipur 7 969 
Saleni 50 667 
Shendamangalam 12 575 
Thathayangarpet 4 59i 
Tinichengod 5 889 
Tirupatur 14278 
Vaniyambadi 1 5 42 6 

South Arcot s. Arcot (South). 
South Canara s. Canara (South). 

Ig. Tanjore. 

Kumbakonam 50 098 

Mannargudi 19 409 

Mayavaram 23 044 

Negapatam 53 855 

Porayar 6 189 

Tanjore 54 745 

Tirunagesveram 5 275 

Tiruvadi 8 473 

Tinivarur 9 181 

Vadapathy Melpathy 5 190 

Valangiman 7 285 

Vallam Vadakusetti 7 168 

19. Tinnevelly. 

Ahtur 5 744 

Alvar Tininagari 5 956 

Ambasamudram ^ 770 

Eruvadi 5 171 



Ettiyapuram 5 167 

Kadaiyanallur 7 467 

Kalakad 7 281 

Kalladakurichi 10 936 

Kayalpatnam 11 806 

Kulasekharapatnam 14 972 

Melapalaiyam 6 875 

Melapavur 5 262 

Nanguneri 44^4 

Otapidaram 2 854 

Palamcotta 1 7 964 

Perungudi 5 575 

Pettai 7321 

Radhapuram 5 268 

Rajahpalayam 12 021 

Sankaranainarkoil 8212 

Sattankulam 5 116 

Setur 6 443 

Shermadevi 7 624 

Sirutondanallur 6 087 

Sivagiri 13 632 

Sivakasi 10 833 

Sokkampatti 5 945 

Srivaikuntam 7 781 

Srivilliputur 18 256 

Tenkasi 1 1 987 

Tinnevelly 2^221 

Tiruchendur 7 582 

Tuticorin 16 281 

Valliyur 5 459 

Vasudevanallur 5 142 

Vattirayiruppu 6 053 

Viravanalloor 1 2 3 1 8 

Vinidupati 9 506 

Vizianarayanam 4 387 
ao. Trichinopoly. 

Ariyalur 5 ^7 1 

Srirangam ^9 773 

Trichinopoly 84 449 

Turaiyur ^ 637 

Udayarpalaiyam 5 703 

ai. Vizagapatam. 

Anakapalle 1 3 34 1 

Bimlipatam 8 582 



Der Census von Indien vom Jahre ig^i. 



257 



Bobbüi 




14943 


Malegaon, Stadt 


10622 


Kasimkota 




7078 


,, Kantonnement 


3780 


Palkonda 




9531 


Mhaswad 


5581 


Parvatipur 




9933 


Nandurbar 


6841 


Salur 




II 856 


Nasik 


24 101 


Srungavarapukota 


5329 


Nasirabad 


10243 


Vizagapatam 




30291 


Neda 


6807 


Vizianagaram 




22577 


Pandharpur 
Parola 


16 910 

12354 


B. 


Bombay. 




Pathardi 


6734 




I. Aden. 




Peth 


5672 


Aden 




348Ö0 


Poona, Stadt 


99622 


2, 


. Bombay. 




„ Kantonnement 


30129 


Bombay 




• 773 196 


Prakasha 


5651 


3 


. Deccan. 




Rahimatpur 


6082 


Ahmednagar, 


Stadt 


32903 


Rawer 


7482 


» 


Kantonnement 4 589 


Sangamner 


8796 


Amalner 




7627 


Saswad 


5684 


Ashta 




9548 


Satara 


29 028*) 


Baramati 




5272 


Sauda 


8642 


Barsi 




16 126 


Shahada 


5441 


Bhadgaon 




6537 


Shendurni 


5644 


Bhilaudi 




6569 


Shirpur 


7613 


Bhingar 




5 106 


Sholapur, Stadt 


59890 


Bhusawal 




9613 


Sholapur, Kantonnement 


1391 


Botawad 




5282 


Shrigonda 


5278 


Chopda . 




13932 


Sinnar 


7 960 


Dharangaon 




13 081 


Sonai 


5483 


Dhulla 




18449 


Taloda 


5663 


Erandol 




II 501 


Tasgaon 


10206 


Faizpur 




9640 


Wai 


II 676 


Igatpuri 




6306 


Yawal 


8889 


Islampur 




8949 


YeoU 


17685 


Jalgaon 




9918 






Jamner 




5705 


4. Gujarat. 




Junnar 




10373 


Ahmedabad, Stadt 


124 767 


Karad 




10778 


„ Kantonnement 2 854 


Karkamb 




6421 


Amod 


5822 


Karmala 




5071 


Anand 


9271 


Kharda 




5562 


Ankleshwar 


9535 


Kirkee, Kantonnement 


7252 


Borsad 


12 228 


Kole 




5169 


Broach 


37281 



*) Incl. 427 Mann Militär. 



258 


Emil 


J»»E! 




Bulsar 


13229 


6. Sind. 




Dakor 


7771 


Garbi Yasin 


5541 


Dhanduka 


10044 


Stadt 


45195 


Dholera 


10 301 


Kantonnement 


2958 


Dholka 


17 716 


Jacobabad, Stadt 


7365 


Dohad 


■2394 


„ Kantonnement 


3987 


Godhra 


■3 342 


Kambar 


6133 


Gogha 


7063 


Karachi, Stadt 


68332 


Jambnsar 


II 479 




522S 


Jhalod 


5 579 


Kotri 


8922 


Kaira 


12640 


Larkhana 


13 188 


Kapawandj 


14442 


Matari 


5054 


Mahudha 


9440 


Rohr! 


10224 


Mehmadabad 


8173 


Sakkar 


27389 


Modasa 


7031 


Sliikarpnr 


42496 


Nadiad 


28304 


Tatta 


8830 


Parantij 


8353 






Rander 


9416 


7. Westem Kaiaatic. 




Sanand 


69S4 


Aslmi 


11 186 


Surat (incl. Militärdepot) 


109844 


Bagalkot 


12850 


Umreth 


14643 


Banlcapur 


6037 


Viraiagam 


18990 


Belgaum, Stadt 


23 115 






„ Kantonnement 


9582 


5. Konkaa. 




Bbatkal 


5618 


AgasU 


6823 


Bijapur 


11424 


Alibagh 


6376 


Dliarwar mit Kantonnement 27 191 


Bandra 


14987 


Gadag 


17001 


Bassim 


■0357 


Gaiendradag 


5458 


Bhisrandi 


13837 


Gokak 


10307 


Chaul 


5 355 


Gnledgudd 


10649 


Chiplun 


12065 


Haliyal 


5527 


Kalyan 


12 910 


Hangat 


5272 


Knrla 


9715 


Haveri 


5652 


Mahad 


6804 


Honawar 


6658 




7122 


HnbU 


36677 


Maiwan 


15565 


Hungund 


5416 


Panvel 


10 351 


Ilkal 


9 574 


Pen 


8082 


Kaladgi 


7024 


Rajapur 


7448 


Karwar 


■3761 


Ratnagiri 


12 616 


Kumta 


10629 


Rewa Danda 


6908 


Mangoli 


5 126 


Thana 


14456 


Mulgnnd 


5386 


Uran 


10 149 


Naregal 


6071 


Vengurla 


8947 


Nargund 


7874 



Der Census von Indien vom Jahre i8Si. 



259 



Nawalgund 


7810 


Sirsi 


5633 


Nipani 


9 777 


Sulebhavi 


5990 


Ranebennur 


10202 


Talikot 


5325 


Saundatti 


7133 


Ukli 


5218 


III. Unter Lieutehant-Governors stehende Provinzen. 


A. Bengalen. 




c) Dacca. 




I. Bengal proper. 




Backergunge 


7060 


a) Burdwan. 




Barisal 


13 186 


Balagar 


^^233 


Bauphal 


5055 


Bally 


7037 


Dacca 


79076 


Bankoorah 


18747 


Furreedpore 


10263 


Bansbaria 


7081 


Goalundo 


8652 


Bhuddesshur 


9241 


Jamalpore 


14727 


Bishenpore 


18863 


Kishoregunge 


12898 


Burdwan 


340S0 


Madaripore 


12 298 


Bydobatty 


14477 


Mannickgunge 


II 289 


Chunderkona 


12257 


Naraigunge u. Madangunge 12 508 


Cutwa 


6820 


Nasirabad 


10 561 


Dainhat 


5789 


Sherpore 


8710 


Ghatal 


12638 


Tangail 


18 124 


Hoogly und Chinsurah 


31 117 


d) Presidency. 




Howrah 


105 206 


Agrapara (South Barrack- 




Jehanabad 


10507 


pore) 


30317 


Khanakul 


7708 


Baduria 


12 981 


Kheerpai 


6295 


Baranagar (North Suburban) 29 982 


Kotalpore 


6163 


Baraset 


10533 


Kotrung 


5 747 


Basirhat 


14843 


Kulna 


10463 


Beldanga 


5 455 


Margram 


6008 


Berhampore 


23605 


Midnapore 


33 560 


Calcutta 


433219 


Patroshair 


7 020 


Vorstädte 


251 439 


Ramjeelunpore 


10909 


Calcutta mit Vorstädten 


684 658 


Ranigunge 


10792 


Chagdah 


8989 


Seraiupore 


25559 


Debhata 


5514 


Shambazar 


12 462 


Gobardanga 


6154 


Sonamukhi 


5590 


Itanda 


5607 


Soory 


7848 


Jangipore 


10 187 


Tumiock 


6044 


Jessore 


8495 


Utterpara 


5807 


Joynagar 


7685 


b) Chittagong. 




Kalarua 


5 995 


Brahmanberia 


17438 


Kaligunge 


5 554 


Chittagong 


20969 


Kandi 


10 661 


Commilla 


^3372 


Kashubpore 


640s 


Noakholly 


5124 


Kooshtea 


^1^1 


Zeitschr. d. Gesellsch. f. Erdk. 


Bd. XXI. 


\^ 


^ 



260 


Emil 


Jung: 




Kotehandpore 


9281 


Rungpore 


13320 


Krishnagar 


27477 


Talook Sulmari 


6401 


Kumarkhally 


6041 


Dinapore 


37893 


Meherpore 


5731 


Doomraon 


17429 


Moorshedabad 


39231 


Durbhunga 


65955 


Naihati 


21533 


Fatwa 


10919 


Nobadwig 


14 105 


Ghataro 


5982 


North Barrackpore s. Nowabgunge. 


Gya 


76415 


North Dum-Dum 


5201 


Hajeepore 


25078 


North Surbuban s. Baranagar. 


Hasua 


5019 


Nowabgunge (North Barrack- 


Jajwarah 


5858 


pore) 


17 702 


Jarung 


5278 


Rajpore 


10576 


Jehanabad 


5286 


Ranaghat 


8683 


Jugdispore 


12568 


Santeepore 


29687 


Kanta 


5627 


Satkhira 


8738 


Eessaria 


5256 


South Dum-Dum 


14 108 


Khagaul 


14075 


South Suburban 


51658 


Lalgunge 


16 481 


Taki 


5 120 


Madhuban 


7025 






Madhubani 


II 911 


e) Rajshahye. 




Madhupore 


5054 


Bagdogra 


5 747 


Mahaipedpore 


8479 


Bamoni 


6895 


Manick Chowk 


5166 


Baragari 


5668 


Manjhi Khas 


6068 


Barakhatta 


"393 


Mohnar 


7 447 


Beauleah 


19228 


Mokameh 


13052 


Bhogdabari 


10892 


Motihari 


10307 


Bogra 


6179 


MozufFerpore 


42 460 


Chhatnai 


9501 


Nasrigunge 


6063 


Darjeeling 


7018 


Panapore Chagwan 


6425 


Dimlah 


10503 


Parsa . 


5 735 


Dinagepore 


12 560 


Patna 


170654 


Goregram 


9616 


Ranipore Tengrahi 


6197 


Jhunagatch Chaparee. 


5 454 


Revilgunge 


12493 


Julpigoree 


7936 


Roshra 


II 578 


Kapashi 


6556 


Russulpore Moner 


5769 


Khanbaritapa 


6 151 


Seetamarhee 


6 125 


Magura 


5642 


Sewan 


13319 


Mouza Bhatbachagari 


5293 


Shirghotty 


5862 


Nattore 


9094 


Shewhur 


5 475 


Nowtaritapa 


5679 


Singhara Boozoorg 


5032 


Pubna 


15267 


Soorsundh 


6805 


Puttea 


6249 


Sultanpore 


5860 


Serajgunge 


21037 


Tikaree 


12 187 



\ 



Der Census von Indien vom Jahre 1881. 



261 



2, 


Behar. 




Echak 


7346 


a) Bhaugulpore. 




Garwah 


6043 


Bansgaon 




6158 


Hazaribagh 


15806 


Barbigha 




7904 


Punilia 


9805 


Bhatgaon 




5723 


Raghunathpore 


6 115 


Bhaugulpore 




68238 


Ranchi 


18443 


Colgong 




5672 






Deoghur 




8005 


B. Nordwestprovinzen un 


d Audh. 


Englisch Bazar 




12430 


I. Agra. 




Jumalpore 




13 213 


Agra 


141 188 


Kasba 




5124 


Fatehpur Sikri 


6243 


Kissengunge 




6000 


Firozabad 


16023 


Monghyr 




55372 


Pinahat 


5697 


Puriiiah 




15 016 


Shaganj 


6445 


Ranigunge 




5978 


Tajganj 


12570 


Shahebgunge 




6512 


2. Aligarh. 




Shaikpura 




12 517 


Atrauli 


14374 


Sitalpore Khas 




6002 


Harduaganj 


4520 


b) 


Patna. 




Hathras 


25656 


Arrah 




42998 


Jalali 


4 939 


Bahilwarah 




5796 


Koil 


61 730 


Baikuntpore 




6424 


Sikandra Rao 


10 193 


Barh 




14689 


Tappal 


4712 


Basuntpore 




5107 


3. Allahabad. 




Behar 




48968 


Allahabad, Stadt 


150338 


Bettiah 




21 263 


„ Kantonnement 


9780 


Bhojpore 




9278 


zusammen 


160 118 


Bhubua 




5728 


Kara 


5080 


Bishunpore Bherha 


5963 


Mau-Aima 


8423 


Buxar 




16498 


Phulpur 


8025 


Chuprah 




51670 


4. Azamgarh. 




Dau dnagar 




9870 


Azamgarh 


18528 


Dhangain 




5600 


Dobari 


7502 


Dhanowli 




5052 


Kopaganj 


6301 


3- 


Orissa. 




Mau 


14945 


Balasore 




20265 


Mobarikpur 


13 157 


Cuttack 




42656 


Muhammadabad 


9154 


Jajpore 




^i2S3 


Serai Mir 


5238 


Kandrapara 




15696 


Walidpur 


5 343 


Pooree 




22095 


5. Ballia. 




4. Chota Nagpore. 




Bairia 


9 160 


Chutra 




II 900 


Ballia 


8798 


Chyebassa 




6006 


Bansdih 


9617 


Daltongunge 




7440 


Baragaon (Chit Firozpur) 


vo^Vl 



ft 



262 




femil 


Jung: 




Maniyar 




8600 


Nihtar 


9686 


Rasra 




II 224 


Sahispur 


6338 


Reoti 




9 933 


Sehora 


9014 


Sahatwar 




II 024 


Sherkot 


15087 


Sikandarpur 




7027 


13. Budaun. 




Turtipar 




6307 


Alapur 


5630 


6. 


Banda. 




Biisi 


6301 


Banda 




28974 


Budaun 


33680 


Mataundh 




6258 


Islamnagar 


5890 


Rajapur 




7329 


Kakrala 


5810 


7. Bara Banki. 




Sahsawan 


14605 


Dariabad 




5538 


Ujhani 


7185 


Fatehpur 




7 754 


14. Bulandshahr. 




Nawabganj 




13933 


Anupshahr 


8234 


Ramnagar 




5376 


Aurungabad 


5210 


Radauli 




II 394 


Bulandshahr 


17863 


Zaidpur 




9 181 


Dibai 


8216 


8. ] 


Bahraich. 




Donker 


5 122 


Bahraich 




19439 


Galauthi 


5404 


Nanpara 




7351 


Jahangirabad 


10319 


9- 


Bareilly. 




Jewar 


6 219 


Aonla 




13 018 


Khurja 


27 190 


Bareilly, Stadt 




103 160 


Sayana 


6532 


„ Kantonnement 


10257 


Shikarpur 


10 708 


Faridpur 




5881 


Sikandarabad 


16479 


Sirauli Pias 




6542 


15. Cawnpore. 




10 


. Basti. 




Akbarpur 


5 131 


Basti 




5536 


Bilhaur 


5889 


Mahdawal 




II 592 


Bithaur 


6685 


Uska 




5079 


Cawnpore, Stadt 


120 161 


II. 


Benares. 




„ Kantonnement 


31283 


Benares, Stadt 




193025 


16. Dehra. 




„ Kantonnement 


6675 


Dehra 


18959 


Ramnagar 




II 859 


Mussoorie 


3 106 


12 


. Bijnor. 




Bergstationen: 




Afzalgarh 




7 797 


Chatkrata 


1828 


Bijnor 




15 147 


Landaur 


4428 


Chandpur 




II 182 


Mussoorie 


7652 


Dhampur 




5708 


17. Etah. 




Jhalu 




5 547 


Aliganj 


7436 


Kiretpur 




12 728 


Anwah 


5679 


Mandawar 




7125 


Etah 


8054 


Nagina 




20503 


Jalesar 


15609 


Najibabad 




17750 


Kasganj 


16535 



Der Census von Indien vom Jahre i88i. 



263 



Marahra 


9271 


Gaura 




8485 


Soron 


12745 


Gola 




7 193 


Ig Etawah. 




Gorakhpur 




57922 


Auraiya 


7299 


Lar 




7408 


Etawah 


34721 


Madanpur 




5090 


Phaphund 


7796 


Majhauli 




5 599 


19. Farukhabad. 




Pania 




6 642 


Chhibramann 


7990 


Rudarpur 




9843 


Farukhabad 


62437 


25. 


Hamirpur. 




Fatehgarh 


12435 


Hamirpur 




7155 


Kaimganj 


10443 


Jaitpur 




5440 


Kanauj 


16 646 


Kharela 




7633 


Shamsabad 


8271 


Kulpahar 




6066 


Taligram 


5 779 


Mahoba 




7 577 


Tirwa 


6 220 


Maudha 




6 116 


ao. Fatehpur. 




Rath 




14479 


Bindki 


6698 


Sumirpur 




5 222 


Fatehpur 


21 328 


26. 


Hardoi. 




Jahanabad 


5244 


Bilgram 

• 




II 067 


21. Fyzabad. 




Gopamau 




5 374 


Ajudhia 


II 643 


Hardoi 




IG 026 


Fyzabad, Stadt 


38828 


Madhoganj 




3088 


„ Kantonnements 


5099 


Malawan 




IG 97G 


Jalalpur 


6 240 


Pihani 




7540 


Ronahi (Naurahi) 


5 210 


Sandi 


m 


9 810 


Tanda 


16594 


Sandila 


w 


14865 


22. Ghazipur. 




Shahabad 




1851G 


Bahadurganj 


5007 


^7- 


Jalaun. 




Ghamar 


10443 


Jalaun 




IGG57 


Ghazipur 


32885 


Kalpi 




14306 


Nirhi 


5415 


Kunch 




13739 


Reotipur 


10 297 


Orai 




7738 


Sherpur 


9030 


28. 


Jaunpur. 


• 


Zamania 


5 116 


Badshahpur 




6423 


23. Gonda. 




Jaunpur 




42845 


Atrauli 


5325 


Machhlishahr 




9 200 


Balrampur 


12 811 


Shahganj 




6317 


Colonelganj-Sikrora 


5904 


29 


. Jhansi. 




Gonda 


13743 


Barwa 




6315 


Nawalganj 


8373 


Bhander 




5606 


24. Gorakhpur. 




Gursarai 




6528 


Badhalganj 


5 779 


Jhansi 




2473 


Bansgaon 


5873 


Mau 




15 981 


Barhaj 


II 715 


Ranipur 




684,6 




264 




Emil , 


Jung: 








30. Kheri. 




Parichhatgarh 




5182 


Dhaurahra 




5767 


Phalauda 




5 163 


Kheri 




5996 


Pilkuwa 




5661 


Lakhimpur 




7526 


Sardhana 




13 313 


Muhamdi 




6635 


Sarurpur 




5 374 


Öl-Dhakwa 




6533 


Shahdara 




6552 




31. Kumaun. 




Tikri 




6274 


Almora 




7390 


36. 


Mirzapur. 




Naini Tal 




6576 


Ahraura 




II 332 


Ranikhet 




59S4 


Chunar 




9 148 


Hügelstationen : 




Mirzapur 




56378 


Almora 




7 124 


37- 


Moradabad. 




Naini Tal 




10054 


Aghwanpur-Mugalpur 


5 277 


Ranikhet 




6638 


Amroha 




36145 




3a. Lalitpur. 




Bachraon 




7046 


Lalitpur 




10 684 


Chandausi 




27 521 


Talbehat 




5293 


Dhanaura 




5304 




33. Lucknow. 




Hasanpur 




9 142 


Amethi 




5654 


Kandh 




6936 


Kakori 




7462 


Moradabad 




67 387 


Lucknow, Stadt 


239 773 


Narauli 




5069 


„ Kantonnement 


21 530 


Sambhal 




21373 


Malihab ad 




7 276 


Sarai 




ii585 




34. Mainpuri. 




Sirsi 




5 947 


Bhongaon 




6778 


Thakurdwara 




6511 


Karhai ' 




7885 


38 


[. Muttra. 




Korawali 




6 776 


Bindraban 




21 467 


Mainpuri 


■ . 


20 236 


Chhata 




6 014 


Shikohabad 


-Rukanpur 


II 826 


Kosi 




II 231 




35. Meerut. 




Kursanda 




6018 


BaoU 




5990 


Mahaban 




6 182 


Baraut 




7956 


Muttra 




47483 


Bhagpat 




7205 


Sarir 




5 199 


Chhaprauli 




6 115 


39. Muzaffarnagar. 




Garhmuktesar 


7305 


Bhukarheri 




6195 


Ghaziabad 




12059 


Budhana 




6 232 


Hapur 




13 212 


Charthawal 




5300 


Khekra 




6 972 


Gangaru 




5275 


Kirthal 




5516 


Jalalabad 




6592 


Lawar 




5258 


Jansat 




6284 


Meerut, Stadt 


60 948 


Jhanjhana 




5655 


„ Kantonnement 


38617 


Kandhla 




II 109 


Muvana 




7219 


Khatauli 




7 574 


Nirpara 




5524 


Kairana 




18374 



Der Census von Indien vom Jahre iS8i. 



265 



Miranpur 


7 276 


47- 


Tarai. 




Muzaffarnagar 


15 080 


Jaspur 




7055 


Pur 


5 735 


Kashipur 




14 667 


Shamli 


7 359 


48. 


Unao. 




Sisauli 


5391 


Bangarinau 




6350 


Thana Bhawan 


7628 


Kursat 




5 755 


40. Partabgarh. 




Maurawan 




7 163 


Bela (Mac Andrewganj) 


5851 


Mohan 
Purwa 




5?58 
9719 


41. Pilibhit. 




Safipur 




7031 


Bisalpur 


8903 


Unao 




9509 


Pilibhit 


29 721 








4Z. Rae Bareli. 




C. P 


anjab. 




Dalman 


5367 


I. Amritsar. 




Jais 


II 044 


Amritsar 




151896 


Rae Bareli 


II 781 


Batala 




24281 


43. Saharanpur. 


• 


Bundala 




5101 


Aiubehta 


6392 


Daska 




5525 


Deoband 


22 116 


Dera Nanak 




5956 


Gangoh 


12089 


Dina Nagar 




5589 


Jowalapur 


15 196 


Jandiala 




6535 


Kankhal 


5838 


Majitsa 




6053 


Landhaura 


5764 


Pasrur 




8378 


Manglaur 


9990 


Sarhali Kalan 




5197 


Rampur 


7951 


Sialkot 




45762 


Roorkee 


15953 


Sujanpur 




6039 


Saharanpur 


59194 


Vairowal 




5409 


44. Shajahanpur. 




2. 


Dehli. 




Jalalabad 


8025 


Ballabgarh 




5821 


Khudaganj 


6925 


Dehli 




173393 


Miranpur Katra 


5 949 


. Faridabad 




7427 


Pawayan 


5478 


Farrukhnagar 




8738 


Shajahanpur 


74830 


Firozpur Jhirka 




6878 


Tilhar 


15351 


Hodal 




6453 


45. Sitapur 




Kaithal 




14754 


Alamnagar Thomsonganj 


7984 


Karnal 




23133 


Biswan 


8 148 


Palwal 




10635 


Khairabad 


14 217 


Panipat 




25022 


Laharpur 


10437 


Rewari 




23972 


Mahmudabad 


7 335 


Sewan 




5717 


Paintepur 


5 199 


Sohna 




7 374 


Sitapur 


6780 


Sonepat 




13077 


46. Sultanpur. 




3. Derajat. 




Sultanpur 


9 374 


Dajal 




5952 



266 


Emil 


Jung: 




Dehra Ghazi Khan 


22309 


Rahon 


II 736 


Dehra Ismail Khan 


22 164 


Rurka Kalan 


5492 


Edwardsedabad 


8960 


Unnar 


7 120 


Isa Khel 


6692 


6. Labore. 




Kalabagh 


6056 


Chunian 


8 122 


Kulachi 


7834 


Dharmkot 


6007 


Leiah 


5899 


Eminabad 


5886 


4. Hissar. 




Ferozepore 


39570 


Bahadurgarh 


6674 


Gujranwala 


22884 


Baroda 


5900 


Kasur 


^lll^ 


Ben 


9695 


Khem Khan 


5516 


Bhiwani 


33762 


Labore 


149 369 


Butana 


7656 


Mahraj 


5758 


Fazilka 


6851 


Moga 


6430 


Gohana 


7 444 


Patti 


6407 


Hansi 


12 656 


Raja Jang 


5187 


Hissar 


14 167 


Ram Nagar 


6830 


Jhajjar 


II 650 


Sur Singh 


5 104 


Kalanaur 


7371 


Wazirabad 


16462 


Kanhaur 


5251 


7. Mooltan. 




Mahm 


7315 


Chiniot 


10 731 


Mundlana 


5469 


Jhang 


9055 


Rohtak 


15699 


Kamalia 


7 594 


Sanghi 


5 194 


Maghiana 


12574 


Sasa 


5 174 


Mooltan 


68674 


Sirsa 


12 292 


Shujabad 


6458 


5. Jullundur. 




8. Peshawar. 




Anandpur 


5878 


Bafa 


5410 


Bilga 


6634 


Charsadda 


8363 


Dasuya 


6248 


Khaibar Pass 


8173 


Dharmsala 


5322 


Kohat 


18 179 


Garhshankar 


5272 


Maira Parang 


8874 


Hariana 


6472 


Nowshera 


12963 


Hoshiarpur 


21363 


Peshawar 


79982 


Jandiala 


6316 


Tangi 


9037 


Jullundur 


52 119 


9. Rawalpindi. 




Kangra 


5387 


Bhaun 


5080 


Kartarpur 


9 260 


Bhera 


15 165 


Mahatpur 


6011 


Chakwal 


5717 


Miani 


6499 


Dinga 


5015 


Nakodar 


8486 


Gujrat 


18743 


Nurmahal 


8 161 


Hazro 


6533 


Nurpur 


5 744 


Jalalpur 


12839 


Phillour 


7 107 


Jhelum 


21 107 



Der Census von Indien vom Jahre i88i» 



267 



Khushab 

Kunjah 

Lawa 

Miani 

Find Dadan Khan 

Pindigheb 

Rawalpindi 

Sahiwal 

Shahpur 

Talagang 



8989 

5 799 
6245 

8069 

16 724 

8583 

52975 
8880 

7752 
6236 



10. Umballa. 



Jagadhri 

Jagraon 

Ludhiana 

Machiwara 

Raekot 

Rupar 

Sadhaura 

Shahabad 

Simla 

Thanesar 

Umballa 



12300 
16873 
44163 

5967 

9219 
10326 

10794 

10218 

13258 
6005 

67463 



Buriya 

IV. 

Barpeta 

Dibrugarh 

Gauhati 

Goalpara 

Sibsagar 

Silchar 

Sylhet 



7411 



Provinzen unte 
A. Assam. 

13 

7 
II 

6 

5 
6 

14 



r einem Chief Commissioner. 

Moulmein 53 107 

Shwaygyin 7 5^9 

Tavoy 13 372 

Toungoo 17 199 



758 

153 

695 
697 

868 

567 
407 



B. Britisch-Burma. 
I. Akyab. 



Akyab 



33989 



2 Irrawaddy. 



Allanmyo 

Bassein 

Henzada 

Kyangin 

Laymyethna 

Myanoung 

Pantanaw 

Thayetmyo 

Yandoon 

Pegu 

Poungdeh 

Prome 

Rangoon 

Shwaydoung 

4. 
Mergui 



3. Pegu. 



5 
28 

16 

7 

5 

5 
6 

16 

12 

5 
6 

28 

134 
12 



825 

147 

724 

565 

355 
416 

174 
097 

673 

891 

727 

813 
176 

373 



C. Centralprovinzen. 
I. Chhattisgarh. 



Tmasserim. 



8633 



Bilaspur 

Dhamtari 

Raipur 

Ratanpur 

Sambalpur 

Damoh 

Deori 

Garhakota 

Hatta 

Jubbulpore 

Khurai 

Murwara 

Rehli 

Saugor 

Sehora 

Seoni 

Armori 

Arvi 

Ashti 

Bhandara 

Chanda 



2. Jubbulpore. 



3. Nagpur. 



7 775 
6647 

24948 

5615 

13939 

8665 

7414 
II 414 

6325 

75705 

5370 

8612 

5230 
44416 

5736 
10203 

5584 
8072 

5245 
II 150 

16 137 



I 



268 


Emil 


Jung: 




Deoli 


5 126 


Wardha 


5816 


Hinganghat 


9000 


Warora 


8022 


Kalmeshwar 


5318 


4. Nerbudda. 




Kamptee 


50987 


Burhanpur 


30017 


Khapa 


8465 


Chhindwara 


8 220 


Mohari 


5142 


Gadarwara 


8 100 


Mohpa 


5515 


Harda 


II 203 


Nagpur 


98299 


Hoshangabad 


15863 


Narkher 


7061 


Khandwa 


15 142 


Pauni 


9 773 


Mohgaon 


5180 


Ramtek 


7814 


Narsinghpur 


10222 


Saoner 


5023 


Pandhurna 


7469 


Tumsar 


1388 


Seoni 


6998 


Umrer 


14247 


Sohagpur 


7027 




V. Tributärstaaten. 




A. Baroda 




Oonjha 


10454 


I. Amreli. 




Patan 


32 712 


Amreli 


13642 


Sidhpore 


13505 


Dwarka 


5849 


Vadnagar 


15424 


Kodinar 


6542 


Vijapore 


10 081 


2. Baroda. 




Visnagar 


19 602 


Baroda, City 


101818 


Walam 


6043 


„ Kantonnement 


4694 


4, Nowsari. 




Dabhoi 


14925 


Billimora 


4750 


Mehelao 


5 377 


Ghandwi 


7035 


Nar 


7328 


Nowsari 


14920 


Padra 


7668 






Petlad 


114 418 


B. Centralindien. 




Pihej 


6294 


I. Baghelkand. 




Sankheda 


4661 


Staat Stadt 




Saoli 


6275 


Maihar Barigura 


6625 


Sinore 


6047 


„ Maihar 


6487 


Sojitra 


10253 


Rewah Rewah 


22 016 


Waso 


7014 


„ Sutna 


5385 


3. Kadi. 




2. BuTidelkhand. 




Balisna 


5002 


Bijawar Bijawar 


7 192 


Chanasma 


7452 


Charkari Maharajnagar 


13 196 


Kadi 


16689 


Chhatarpur Chhatarpur 


13474 


Kalol 


5859 


Datia Datia 


28346 


Kheralu 


8528 


., Nadigaon 


5 475 


Ladole 


5761 


„ Seora 


7988 


Mohesana 


8791 


Panna Panna 


14676 


Oomta 


5833 


Samthar Samthar 


7891 



Der Census von Indien vom Jahre 1881. 



269 



Nowgong 



Kantonnement 



99 



3. Gwalior. 

Gwalior Agar 
,, Bamagar 
„ Barodhair 
Gwalior Bhelsa 
Bhilgarh 
Bhind 
Burdu 
Gungapur 
Jhansi 
Khachrod 
Kularus 
Bashkar 
Mandsaur 
Morar Kantonne- 
ment 
Neemuch 

„ Kanton- 
nement 
Savepur 
Shahjahanpar 
Sujawalpur 
Ujjein 



ff 

1> 



>7 



ff 



ft 



»> 



>« 



4. Nimar und Malwa. 

Barwani Barwani 
Bhopal Ashta 
Bhopal 
Raswas 
Sehore, Stadt 

„ Kantonne- 
ment 
Dewas Devvas 

„ Sarungpur 
Dhar Dhar 

„ Kooksi 
Indore Indore, Stadt 

„ Kantonne- 
ment 
Mehidpur 



ff 



7492 



6193 
7908 

6787 
7070 
6427 
7412 
6841 

5590 
26 772 

9489 

5298 
88066 
22596 

24022 
5 161 

13069 
8403 
9247 

32932 



1^ 



5581 

5 793 
55402 

5 171 
5206 

10389 
II 921 

13543 
15224 

6212 
75401 

7690 
8908 



Indore Mhow Kantonne- 
ment 27 227 
Jaora Jaora 19 902 
Narsinghgarh Narsinghgarh 1 1 400 



Rajgarh 

Rutlam 

Sitamau 



Rajgarh 

Rutlam 

Sitamau 



C. Hyderabad. 
Aurungabad 
Gulbarga 
Hyderabad 

Vorstädte und Secun- 
derabad 

zusammen 

D. Mysore. 
Anekal . 
Bangalore, Stadt 

„ Kantonnement 

zusammen 
Chamanpatna 
Chikballapur 
Chikmagalur 
Chintamani 
Davangeri 
Devanhalli 
Dodballapur 
Hassan 
Hunsur 
Kolar 
Malvalli 
Mysore 
Nanjangud 
Seringapatam 
Shimopa 
Sidlaghatta 
Tarikere 
Tumkur 



6881 
31 066 

5764 

30219 

22834 

12367s 

_354_9!^ 
354 962 



5 995 
62317 

93540 



155857 
8885 

9133 
7088 

5 119 
6362 

5 774 
7032 

5950 

5670 

II 172 

5078 

60292 

5202 

11 734 

12 040 

5804 
5266 

9909 



E. Rajputana-Staaten. 

I. Banswara. 

Banswara 7 908 

2. Bhurtpore. 
Bhiwani 6 480 

Bhurtpore 66 16^ 



^ 



270 


Emil 


Jung; 






Biana 


8758 


Nawalgarh 




10032 


Dig 


15828 


Patan 




II 886 


Kaman 


13 199 


Ramgarh 




II 313 


Kumher 


7306 


Sambhar 




10794 


Wair 


7210 


Sikar 




17739 


3. Bickaneer. 




Singhana 




5259 


Bickaneer 


42283 


Sri Madhopur 


6847 


Churu 


10666 


Surajgarh 




5250 


Ratangarh 


7580 


Toda 




554Ö 


Reni 


5198 


Toda Bhim 




7142 


Sirdar Shir 


5841 


Udepur 




9 161 


Sujangarh 


5238 


7- 


Jeysulmere. 




4. Boondee. 




Jeysulmere 




10965 


Boondee 


20744 


S 


. Jhallawar. 




Nainwa 


5254 


Chaoni 




20303 


5. Dholpur. 




Patan 




II 469 


Bari 


• II 547 


9- 


Kerowlee. 




Dholpur 


15833 


Kerowlee 




25607 


Purani Chaoni 


5246 


IG. 


Kishengurh. 




Rajakhera 


6274 


Kishengurh 




14 824 


6. Jeypore. 


• 


Rupnagarh 




5665 


Amer 


5036 


Sarwar 




5361 


Bamniawas 


6125 


• 


ri. Kotah. 




Baswa 


5791 


Baran 




7714 


Bissau 


6546 


Kaithan 




5031 


Byrath 


5649 


Kotah 




40 270 


Chaken 


6219 


Mangrole 




5906 


Chirawa 


5489 


Sangod 




5006 


Dausa 


7384 


Siswali 




5030 


Fatehpur 


14 731 


12. 


Oodeypore. 




Gangapur 


5880 


Begun 




5641 


Gijgarh 


5 171 


Bhindar 




6522 


Hindaun 


12 761 


Chitor 




6931 


Jeypore 


142 578 


Deogarh 




6846 


Jhunjhnu 


9538 


Nathdwara 




8458 


Jilo (Patau) 


5941 


Oodeypore 




38214 


Khandela 


7949 


Salumbar 




5574 


Khetri 


5283 








Kot Puli 
Lachmangarh 


8084 

8713 


13. 
Partabgarh 


Partabgarh. 


12755 


Lalsot 


8743 


14. 


Shahpoora. 




Madhopur 


14075 


Shahpoora 




10652 


Malpura 


8212 


I 


5. Sirohee. 




|dandra 


5567 


Sirohee 




5699 



Der Censüs von Indien vom Jahre iggi. 



271 



i6. Tonk. 



5. Jind. 



17. Ulwar. 



Chapra 
Nimbahera 

Pirawa 

Sironj 

Tonk 

Behror 

Rajgarh 

Ramgarh 

Rampur 

lijara 

Ulwar 



F. Bengalen. 
Cooch Behar 
Kandhpara 



8 040 Dadri 

6 289 Jind 

5 681 Sangrur 

11356 

40 726 Chhachrauli 



49867 

9 535 

5 543 



G. Nordwestprovinzen und 
Oudh. 



Rampur. 
Rampur 
Shahabad 
Tanda 

H. Madras. 

I. Pudukota. 
Pudukota 

2. Travancore. 
Alleppey 
Trevandrum 

J. Punjab. 

I. Bahawalpur. 
Ahmadpur 
Bahawalpur 

Garhi Mukhtiyar Khan 
Khanpur 
Uch 

2. Chamba. 
Chamba 

3. Dujana. 
Dujana 

4. Faridkot. 

Faridkot 
Kot Kapura 



15384 



6. Kalsia. 



5 533 Kapurthala 

9 749 Phagwara 

5 loi Sultanpur 
5070 

7 723 Mandi 



7. Kapurthala. 



g. Mandi. 



Malerkotla 

Dhanaula 
Nabha 

Nahan 



9. Malerkotla. 



IG. Nabha. 



74 250 Nalagarh 

8 200 

9 860 Anahadgarh 

Banur 

Basi 

Bhadaur 

Govindgarh 

Hadaya 

3765I ^"^^^^^ 

"^^ ^ Mohindgarh 

Namaul 

Patiala 

9 853 Sahibgarh 

^3 ^35 Samana 

5 CGI Sanawar 

7 189 Sarhind 

5 767 Sunam 



II. Nahan. 



12. Nalagarh. 



13. Patiala. 



5218 

5 314 Cambay 

Tarapur 

<^593 

6 196 Anjar 



K. Bombay. 
I. Cambay. 



7337 

7 136 
9139 

5389 

15237 

IG 627 

8 217 
5030 

2G 621 

7 264 

17 116 

5253 
5969 

5 449 
6671 

12 896 

6 912 
5084 
6834 

7 GII 
10398 
2G G52 
53629 

5077 

9 495 
9 128 

5401 
12 223 



2. Cutch. 



36 0G7 
5590 



Emil Jung: Der Census von Indien v 



Bbuj, Stadt 


20661 




4. Kolhapur. 




„ Kantonnement 


1647 


Gadh Hinglaj 


5002 


Mandvi 


35980 


Imhalkaranj 


ii 


9107 


Mundra 


8900 


Kagal 




6371 


Nalia 


5266 


Karvir 




38599 


3. KathUwar. 




Shirol 




6944 


Bagasra 


7876 




5. Palanpur. 




BaDtwa 


7589 


Deesa mit ] 


ECantonneinent 


8376 


Bbaunagar 
Bbayawadar 


4779a 

5 »97 


Palanpur 
Radhanpur 




17547 
14722 


Botad 


7 755 


Shamee 




5306 


Chora 


S061 








Dhoraji 


161ZI 


6. 


Rewa Kantha, 




Dhrangadra 


12304 


Lunawada 




9059 


Gadra 


5822 


Nandod 




10777 


Gondal 


13523 


Wadasinor 




9718 


Halwad 


5967 




7. Satara. 




Jaithpur 


11813 


Athpadi 




5841 


Jodhia 


6842 


Phaltan 




10842 


Junagadh 


24679 








Kaüana 


8177 


) 


{. Sawantwadi. 




Khambalia 


8576 


Wadi 




8584 


Kundia 


6135 




9. Sawanur. 




Limbdi 


12873 


Sawanur 




7 640 


Mandnrda 


5406 








Mangrol 


12 123 




la. Sholapur. 




Mhowa 


13704 


Akalkot 




5836 


Morvi 


«5 353 


11. Somhem Mitilha Jagliirs. 


Muli 


6357 


Jainkhandi 




10409 


Nawanagar 


39668 






7138 
10274 

5206 

9156 
20616 

6060 


Palitana 


7659 






Patten 


6644 






Porband ar 


14569 






Rajkot, Stadt 15 139 
Civil- u. Militärstation 6013 


Miraj 
Mndbol 




Sayla 


6488 


Rabkavi 




5028 
6810 
13272 
10732 
5764 


Sihor 

Tankara 

Una 

Upleta 

Verawal 


9528 
5S24 
5980 
6240 


Ramdni^ 
Sangli 
Shahapur 
Terdal 




Wadhwan 


16949 


Tikota 




5897 


Wankaner 


5 533 




14. SuraC 




Wanthali 


6529 


Dharampur 




5176 



D. L. Iwanow: Über einige Altertümer in Turkestan. 27f3 

L. Centralprovinzen. 3, Nandgaon. 

I. Kawardha. Nandgaon 5849 

Kawardha 5 685 ^^ Sonpur. 

a. Khairagarh. Sonpur 7 928 

Dongargarh 5 543 



XIII. 

über einige Altertümer in Turkestan. 

Von D. L, Iwanow*). 
(Hierzu Taf. 4.) 



Während meiner geologischen Reisen in Turkestan fand ich zu- 
fallig einige Denkmäler des Altertums, über die man, so viel mir bekannt 
ist, in der Litteratur gar keine Nachrichten findet und die bisher nur 
mit wenigen Worten von einem Erforscher jener Gegenden besprochen 
worden sind**). 

In der Voraussetzung, dass meine nachfolgende Mitteilung nicht 
ohne Interesse für diejenigen sein wird, die sich mit der Archäologie 
Mittelasiens beschäftigen, füge ich auf Taf. 4 einen Abdruck meiner 
Bleistiftskizzen bei, welche die von mir gesammelten Notizen veran- 
schaulichen mögen. 

Nachbenannte Denkmäler sollen in Nachfolgendem näher geschil- 
dert werden: 

I. Achyr-tasch. 2. Tasch-achyr. 3. Steinbaben. 4. Grabsteine. 
5. Aina-tasch. 6. Höhlen. 7. der Kurgan von Taschkent. 

I. Achyr-tasch bedeutet „steinerne Krippe"***). Mir sind zwei 
derartige Denkmäler in jener Gegend bekannt: eines im Auljeatinschen 
Kreise, das andere im Andischanschen. In ihrer Bezeichnung liegt nur 
ein sehr kleiner Unterschied, eine einfache Umstellung der Wörter 
(achtyr-tasch und tasch-achtyr), aber zwischen ihnen existiert keine Ähn- 
lichkeit und überhaupt nichts Gemeinsames. — Achtyr-tasch* befindet 



*) Aus der Jswestija der Kaiserlich Russischen Geographischen Gesellschaft, 
Band XXI, 1885. S. 161 — 177 übersetzt. 

**) Über Achyr-tasch existiert eine leider nur sehr kurze Beschreibung von 
P. Lerche. 

***) Die von P. Lerche gegebenen Maässe weichen von den meinigen nicht un- 
wesentlich ab. Lerche's Angaben von 450' sind von mir auf 434', und seine 
600' (?) von mir auf 483' reduziert. 



274 ^' L« Iwanow: 

sich an der alten Poststrasse, die von der Stadt Aulje-ata zur Stadt 
Pischpek (oder Pschek wie die dortigen Kirgisen es aussprechen) führt, 
40 Werst von der ersteren Stadt entfernt, am nördlichen Abhänge der 
Gebirgskette, die das „Alexandergebirge** genannt wird (4 oder 5 Werst 
nach Norden vom Fusse des Gebirges). Östlich von der Almala- 
Schlucht führt vom Fusse der Alexanderkette ein ziemlich steiler und 
ebener Abhang zum Thale Tschu, das von meistens trockenen Schluchten 
durchschnitten wird. Der Charakter dieses Abhanges ist der der Steppe, 
wunderbar einförmig. Auf demselben zieht sich vom Alexandergebirge 
ein kleines, niedriges Vorgebirge in der Art eines Kammes hin, das 
beim alten Wege in einem runden Hügel „Tasch-tübe** endet. Im 
letzteren treten brennend rote Sandsteine (tertiäre) hervor, die jetzt 
zur Gewinnung von Mühlsteinen gebrochen werden. — 200 Faden öst- 
lich von Tasch-tübe, inmitten einer ganz offenen Gegend, befinden 
sich die Ruinen eines der grossartigsten, alten Bauwerke, die einen 
Raum von mehr als i| Dessatinen (c, 176400 n') bedecken. Der Bau 
eines Palastes oder eines Tempels wurde hier einst begonnen. Der Plan 
(Tafel 4, Fig. i) ist sehr regelmässig und deutlich, trotz des Alters der 
Erbauung, und zeichnet sich durch äusserste Einfachheit und Symmetrie 
aus. Die Vorderseite dieser Ruine liegt nach Norden, ihre Länge 
beträgt 62 Faden (430 ' engl.). Obgleich die Seitenfacaden sich beim 
Ausmessen als etwas grösser erwiesen (69 Faden)*), wobei ich indessen 
geneigt bin zu glauben, dass dies einem Fehler meiner Messung zuzu- 
schreiben ist, denn ich zählte nach Schritten, so bildet der Plan doch 
wahrscheinlich ein ziemlich regelmässiges Quadrat. Von jeder Seite 
führt zur Mitte ein Eingang. Besonders deutlich erkennbar sind diese 
Eingänge an der Nord- und Südseite **), während die der Seitenfacaden 



I 



*) Mir scheint es unzweifelhaft, dass den Eingang an der Vorderseite ein 
Bogenthor mit hohem Fronton gebildet hat. 

**) Der bekannte Gelehrte P. Lerche erwähnt Achyr-tasch, als er seine archäo- 
logische Reise durch Turkestan im Jahre 1867 machte. Ich kenne seine Resultate 
nur aus der Veröffentlichung der Kais. Russischen Akademie d. Wiss. vom Jahre 
1870, in der die Materialien von P. Lerche zur Kenntnis gebracht werden (Archäo- 
logische Reise nach Turkestan 1867, P. Lerche 1870, S. 34 — 39). Die Unter- 
suchungen des Herrn Lerche beziehen sich hauptsächlich auf die Marschroute des 
Mönches Tschan-Tschun aus Daos (?), dessen Reise auf Aufforderung von Dschingis- 
Chan zur Erforschung des Herrschers in der Mongolei im Jahre izzz stattfand. 
Lerche giebt gar keine Erklärung zur Geschichte von Achyr-iasch, ausser der Ver- 
mutung, dass dieser Tempel vielleicht ein buddhistischer gewesen sei. Eine Detail- 
beschreibung, ausser der bereits oben erwähnten Angabe der Maasse von zwei Seiten 
ä 600 und 450 Fuss, was offenbar sehr ungenau angegeben ist, existiert nicht. Ich 
weise auf einen wirklichen Fehler bei Lerche hin : von den ausgemeisselten Steinen 
sagt er, „dass sie von der östlichen Seite von Achyr-tasch (d. h. des Gebäudes) 
bis zum Berge, wo die Brüche sind, zerstreut liegen." Man muss gerade das 
Gegenteil verstehen, nämlich von der „westlichen Seite". Die Vermutung, dass die 



über einige Altertümer in Turkestan. 275 

von heruntergestürzten Steinen etwas verdeckt sind. Durch einen Korri- 
dor von i6 Faden Länge (112 ' engl.) und 8 Arschin Breite (c. 18 ' engl.) 
tritt man in den grossen, inneren Hof (25 Q Faden). Um den Hof liegen 
regelmässig symmetrisch angelegte Wohnungen. Die südliche, hintere 
Seite des Gebäudes hat zu beiden Seiten des Einganges gleichfalls symme- 
trisch angeordnete Wohnungen, in deren Mitte sich ein kleinerer Hof 
(81 Quadratfaden) mit besonderem Ausgang befindet. Die Wohnungen 
selbst oder die Zimmer sind sehr klein, 8 Arschin im Quadrat. Die übrigen 
Details, wie die Lage der Thüren, Korridore u. s. w. sind aus dem 
beigefügten Plan ersichtlich. Was den vorderen, d. h. den nördlichen 
Teil des Gebäudes betrifft, so erlaubten mir die hier zusammenge- 
stürzten Steinmassen nicht mit Genauigkeit zu erkennen, ob derselbe 
der Einteilung der Rückseite entspricht oder nach einem anderen Plan 
angeordnet ist. Aus diesem Grunde habe ich hier auf dem Plane eine 
etwaige Anordnung der Wohnräume unterlassen. Das Gebäude ist 
durchweg aus riesigen Steinen erbaut, deren Grösse von i bis 2 4 Ar- 
schin Länge, 9 bis 15 Werschock Breite und bis i| Arschin Höhe er- 
reicht, so dass das Gewicht eines Steines bis 60 Pud (1200 Klgr.) steigt. 
Die Steine wurden aus den Steinbrüchen von Tasch-tübe genommen, 
wo jetzt die Mühlsteinbrüche sich befinden. Der lebhaft dunkelrote, 
eisenschüssige Sandstein, aus dem das oben erwähnte Vorgebirge ge- 
bildet wird, zeigt je nach dem Charakter der Schichten einige Varietäten: 
zuweilen ist er so grobkörnig, dass man ihn ein Konglomerat nennen 
kann, dann wieder mittelkörnig und ziemlich locker, endlich auch dichter 
und fester. Jetzt nimmt man zu den Mühlsteinen nur die groben Sorten, 
während zum Bau des beschriebenen Gebäudes besonders die feinen, 
dichten verwendet wurden. 

Das Behauen der Steine erfolgte in der Nähe der Brüche, woselbst 
die Werkstätte einen bedeutenden Platz einnahm, Hier erblickt man 
noch 150 bis 200 Steine in verschiedenem Stadium der Bearbeitung: 
vollständig rohe, eben aus den Brüchen herausgeholte, halb bearbeitete 
und endlich ganz fertige. Besonders „Achyr-taschs", d. h. Steine, nach 
denen die Kirgisen die Ruine benannten, befinden sich hier in der 
Steinwerkstätte in einer Anzahl von mehr als 40 Stück. Alle diese 
„Achyr-taschs" sind aus gleichem Sandstein und von fast gleicher 
Grösse: nämlich 2^ Arschin lang, i^ Arschin breit und 14 Werschock 



„Krippen" bestimmt waren zum Aufbau der inneren Wände mit Nischen, ist wohl 
kaum stichhaltig, denn Nischen von 5 Werschock Tiefe (und nicht 4 wie bei Lerche) 
hatten keinen Sinn. Die Vermutung vom buddhistischen Tempel entspricht nicht 
dem arabischen Style des Gebäudes, und auch Tschan-Tschun hätte dann wohl 
etwas von dem Schicksal des für ihn interessanten Baues erwähnt. Mich erinnernd, 
dass die Bewegung der Araber in Asien ins siebente Jahrhundert verlegt wird, 
hätten wir ganze 500 Jahre bis zur Reise des Tschan-Tschun, in deren Verlauf 
die Überlieferungen vom Erbauer von Achyr-tasch sich vollständig \etUftx«ii\toTiCD\ÄT^ 
Zeitschr. d. Gesellsch. f. £rdk. Bd. XXI. \^ 



I 



276 ^- L. Iwanow: 

hoch. Ihre Vorderseite und Kanten sind sorgfältiger bearbeitet. Auf 
der Vorderseite ist ein regelmässiger „Spiegel'* von 5 Werschock Tiefe 
und einem 3 Werschock breitem Rahmen herausgehauen. An einigen 
Steinen befinden sich an der Seite ein hervortretender Rand und an 
anderen entsprechende Vertiefungen, so dass man deutlich sehen kann, 
dass man sie mit Spuntverbindungen zusammensetzen wollte. Ich füge 
in der Zeichnung 4 Typen solcher „Achyre" bei (Fig. 2). Wenn man 
die Grössenverhältnisse des ganzen Gebäudes und die unbedeutende 
Tiefe der „Spiegel*' in betracht zieht, so kann man die „Krippen*' nur 
als besondere Steine zur Verzierung bestimmt betrachten, während die- 
selben natürlich mit wirklichen Krippen nicht die geringste Ähnlichkeit 
haben. — Alle übrigen Steine, sowohl die in der Steinwerkstätte als 
auch die im Gebäude selbst, können in drei Gruppen gebracht werden. 
Die erste umfasst wie die „Achyre** die Steine mit Figuren und Orna- 
mentik. Sie sind die interessantesten; sie sind sorgfältig behauen, 
regelmässig an einander gepasst und zeigen sehr merkwürdige Muster 
und Zeichnungen. Die Karnise, Kapitale, Halbsäulen, Sockel und Front- 
verzierungen sind aus solchen Steinen hergestellt. Aus der beigefügten 
Zusammenstellung von charakteristischen Steinen, die ich zeichnete, 
ist ersichtlich, dass beim Beginn der ganzen Ausarbeitung des Gebäu- 
des eine Berechnung verschiedener geometrischer Figuren und ihrer 
Teile zu Grunde gelegt wurde (Fig. 4). Unter der Zahl der Steine, 
die für die Vorderfacade bestimmt waren, sind einige mit Muster für 
die Karnise geschmückt. Wenn man besonders den einen mit einem 
Relief von feiner und meisterhaft ausgeführter Arbeit betrachtet (Fig. 5), 
so könnte man vermuten, dass dieser Typus — eine Zusammensetzung 
geometrischer Figuren — der arabische ist, der auch in den späteren 
moslemitischen Denkmälern Mittelasiens vorherrscht, wie z. B. in Sa- 
markand u. a. a. O., obgleich die Krümmungen einiger Bogen an den 
Kapitalen teilweise vielleicht auf den Einfluss griechischer Architektur 
hinweisen. Ich spreche das nur als eine oberflächliche Vermutung aus, 
die genaue Bestimmung Spezialisten überlassend. Die grösste Anzahl 
von Verzierungen findet man beim nördlichen Haupteingange, wo man 
offenbar kunstreiche Pfeiler von grossartigem Massstabe, den übrigen 
Verhältnissen des Gebäudes entsprechend, projektiert hatte. Auf dieser 
Seite ist auch der Sockel des Gebäudes deutlich abgegrenzt. Die 
Steine oben beschriebener Art wurden in der Steinwerkstätte nach 
vorher entworfenen, genauen Zeichnungen sehr sorgfaltig ausgear- 
beitet. 

Die zweite Gruppe der Steine mit glatter Aussenfläche diente zum 
Belegen der ebenen Oberteile des Gebäudes (Fig. 3). Es sind meistens 
rechtwinklig behauene Steine mit glatt gearbeiteter Aussenseite, mit 
sorgfältig gezogenen Kanten, während die übrigen Seiten nur roh 
behauen sind. 



über einige Altertümer in Turkestan. 277 

Die Steine der dritten Grappe sind ohne alle besondere Bear- 
beitung, man hat ihnen kaum eine parallelopipedische Form gegeben. 
Diese Steine dienten zur Ausfüllung der inneren Mauern, vielleicht be- 
stimmt, später mit Stuckatur überzogen zu werden. Ich bemerkte an 
diesen Steinen keine seitlichen Verbindungen oder Vertiefungen. 

Aus diesem beschriebenen Material war ein ziemlich bedeutender 
Teil des Gebäudes aufgeführt. Noch jetzt kann man in den Trümmern 
deutlich drei, vier und an einigen Stellen auch fünf Reihen Steine unter- 
scheiden. Das Legen der Steine erfolgte besonders auf der Frontseite 
sehr kunstvoll und sorgfältig. Sichtlich wurde gar kein Mörtel ver- 
wandt. Es unterliegt keinem Zweifel, dass der ganze Bau gleichzeitig, 
stufenweise, entsprechend einem streng ausgearbeiteten Plane, ausge- 
führt wurde, und nur die Nordseite, als der Hauptteil des Palastes, 
rückte, wie es scheint, etwas schneller vor als die übrigen. Däss der 
Bau in keinem seiner Teile bis zu Ende geführt wurde, ist aus 
Allem ersichtlich: sowohl der allgemeine Anblick der Ruine, wie die 
Massenverhältnisse des Gebäudes, die vielen herbeigebrachten, aber 
nicht an den Ort ihrer Bestimmung hingelegten Steine und endlieh die 
ausgedehnte, mitten in der Arbeit aufgegebene Steinwerkstätte, alles 
dies beweist unzweifelhaft, dass die Beendigung des Baues noch in 
weitem Felde lag. 

Was war nun der Grund, der die Beendigung eines so grossartigen 
Bauwerkes verhinderte? Weshalb wurde dasselbe trotz der kolossalen 
bereits stattgefundenen Ausgaben, der Groesartigkeit der Anlage nicht 
zu Ende geführt, sondern halb fertig liegen gelassen? Je länger und 
aufmerksamer der Beschauer die Details dieses Riesenwerkes betrachtet 
und studiert, desto mehr ergreift ihn Erstaunen. Die enormen Steine, 
die gigantischen Verhältnisse des ganzen Baues, die Kühnheit des Ge- 
dankens, die Kunst und Sorgfalt der Ausführung, endlich diese jetzt 
scheinbare Isoliertheit der Trümmermassen inmitten der trockenen, öden 
Steppe, alles dieses bestimmt uns, „Achyr-tasch" als eines der merk- 
würdigsten Bauwerke aus der turkestanischen Vorzeit zu betrachten. 
Zu solch einer Cyklopen-Anlage bedurfte es riesiger Mittel. Abgesehen 
von den kunstreichen Architekten mussten die Erbauer über eine Masse 
von Sklavenhänden und über riesige Reichtümer gebieten können. Zur 
Errichtung eines solchen Bauwerkes konnte sich nur ein mächtiger 
Herrscher, ein berühmter Eroberer, der sich durch einen in dieser Ge- 
gend noch nicht dagewesenen Bau verewigen wollte, entschliessen. In 
dem Plan und seiner Ausführung liegt nicht ein blosser Zufall, sondern 
etwas Durchdachtes, Ernsthaftes. Die Ausführung eines solchen Ge- 
dankens erforderte nicht wenig Zeit. Welcher Fluch, welches grosse 
geschichtliche Ereignis die Vollendung dieses Riesenbaues hinderten, 
wie es möglich gewesen, dass der Name dessen, auf dessen Geheiss 
Tausende von Sklaven hier zur Frohnarbeit zusammengetiiebesiiNrvxt^^XL^ 



278 ^' ^' Iwanow: 

spurlos verschwunden ist, dafür fehlt jeder geschichtliche Anhalt*), und 
nur die Sage, welche sich bei den in dortiger Gegend wohnenden Kir- 
gisen in mehreren Varianten erhalten hat, knüpft sich an dieses Bau- 
werk. Es sei mir gestattet, diese drei Varianten hier mitzuteilen. 

Nach der ersten Variante**) sollen in uralter Zeit die Thäler Talas 
und Tschu zwei unabhängige Chanate gebildet haben. Das Tschu'sche 
Thal regierte ein schon sehr alter Chan, das Tala'sche eine schöne Jung- 
frau, namens Bachmal. In diese unbeschreiblich schöne Königin ver- 
liebte sich der Sohn des Tschu'schen Herrschers, ein junger Held. Es 
wurden Brautwerber abgesandt — doch die Königin wollte von der 
Brautwerbung nichts wissen. Der alte Chan entbrannte in Zorn über 
diese Beleidigung und liess Bachmal sagen, dass er sie mit Gewalt 
für seinen Sohn holen und wenn nötig, sie mit Krieg überziehen würde. 
Die Schöne willigte aber nicht ein. Da beschloss der alte Chan, vor 
dem Ausbruch des Krieges in der Nähe der Grenze beider Reiche einen 
steinernen Palast zu erbauen. Die Grenze lief längs dem Alexander- 
gebirge, von wo aus sich eine weite Fernsicht auf beide benachbarte 
Thäler, die von den Bergen getrennt werden, eröffnete. Der Sohn musste 
auf das Gebirge steigen, um von dort die Steine zu holen, während 
der Alte zurückblieb, den Bau zu leiten. Als der Alte den Sohn auf 
die Berge entliess, wusste er, dass man von denselben den Aul der 
Bachmal sehen konnte, weshalb er seinem Sohne aufs strengste befahl, 
nicht nach der Südseite umzuschauen und nicht nach dem Talas zu 
blicken, wo die Wohnung der stolzen Schönheit stand. Die Arbeit 
begann. Der junge Held schleuderte vom Berge riesige Steine wie 
kleine Scherben, in einer Entfernung von 20 Werst, zum Vater. Aber 
es kam sein Unglückstag: der Jüngling widerstand nicht und blickte 
auf die verbotene Seite, wo sich gerade die Schöne im Talas badete. — 
Das Herz des Helden erbebte derartig, dass er plötzlich schwach wurde ; 
er konnte die Steine nicht nur nicht schleudern, sondern nicht einmal 
von der Erde aufheben. Deshalb blieb der Bau von Achyr-tasch un- 
vollendet, ebenso wie es auch nicht zur Hochzeit mit Bachmal kam. 

Die zweite Variante verlegt den Vorgang in das Thal Tschu, 
wo auf der andern, d. h. der nördlichen Seite die Schöne lebte, deret- 
wegen Achyr-tasch unausgebaut blieb. Die Sage findet den Palast 
schon im Bau begriffen vor. Der Vater leitet das Ganze und der Sohn 
wirft ihm von Tasch-tübe die Steine zu. Alles ging gut, bis der Sohn 
zum erstenmal seine Braut vom Hügel aus sah, wie sie an dem an- 



I 



*) Die Erlangung dieser ausführlicheren Variante der Legende verdanke ich 
der liebenswürdigen Unterstützung des Herrn Fetissow (eines gelehrten Gärtners in 
Pischpek), der auf meine Bitte sich mit der Sammlung von Nachrichten über 
Achyr-tasch bei den Ortsbewohnern beschäftigt hat. 

**) Ist dies nicht mit den Zeiten der Chalifen zu verbinden? 



über einige Altertümer in Turkestan. 279 

dem Ufer lustwandelte. Er will dieselbe sofort heiraten, aber der 
Vater verlangt, dass zuerst das Gebäude beendigt werde. Daraus ent- 
stand nun Streit. Der Sohn geht zur Schönen fort und der Vater stellt 
aus Kummer den Bau ein. — In dieser letzteren Erzählung liegt das 
Interessante darin, dass hier zwei Riesen namhaft gemacht werden, die 
in den Legenden der Kirgisen mit vielen Ereignissen verbunden und 
für Riesenhelden sprichwörtlich geworden sind. Dieselben heissen Galf, 
Half oder Alf*). Diese Namen spielen dieselbe Rolle in den vorhisto- 
rischen Zeiten des Heldenepos, wie der Name Muk oder Mug, mit dem 
in den südlichen Teilen von Turkestan die cyklopische Erbauung der 
Kurgane, Steinwälle, alten Kanäle u. s. w. in Verbindung gesetzt wird**). 

Die dritte Variante behandelt das Thema von einem Herrscher, 
der sich in eine üppige Braut aus einem benachbarten Reiche verliebt 
hatte und die Einwilligung zur Ehe durch das Versprechen des Auf- 
baues eines reichen Tempels oder Palastes erlangte. — Hier berührt die 
Legende nur flüchtig die Motive zum Bau. 

Wie es nun auch gewesen sein mag, alle diese Legenden erschei- 
nen bis zu dem Grade unbestimmt, dass sie auf eine weit zurück- 
liegende Vergangenheit von Achyr-tasch hinweisen, wobei die Nachrichten 
sich vollständig im Volksbewusstsein verloren haben. 

Bei den Trümmern des beschriebenen Tempels in der Nähe seiner 
Südwest-Ecke sind noch die Reste kleiner Gebäude sichtbar, die viel- 
leicht als Wohnungen für die Arbeiter dienten. In ihrem Grundriss 
bilden sie Rechtecke. — Ausserdem erzählten mir die dortigen Bewohner, 
dass am Fuss« des Alexandergebirges (auf dem Vorgebirge Tasch-tübe) 
die Spuren einer früheren Wasserleitung vorhanden wären, die gleich- 
falls aus rotem Sandstein hergestellt ist. Ich hatte nicht Zeit, selbst 
dahin zu reiten. Von anderen Spuren alter Wohnorte erwähne ich 
nur noch die Steinbauten beim Austritt aus den Bergen Rutschejew 
Sugusti und den westlichen Kainda. Dort stehen grosse Steinblöcke 



*) Wenn ich mich nicht täusche, so liegt der Unterschied zwischen diesen 
beiden Helden oder Heldenvölkern darin, dass dem Muk gewöhnlich die Erdarbeiten 
zugeschrieben werden; man hält ihn für sehr arbeitsam („er arbeitete Tag und 
Nacht"), indem man ihn mit merkwürdigen Nägeln ausstattete (riesige Muscheln, die 
Gryphea Kaufmani werden von den Einwohnern „Muktarnak" d. h. Nägel des 
Muk genannt). Die Galfen zeichnen sich eher durch kriegerische Neigungen aus, 
— sie sind hauptsächlich Eroberer. Hier scheint der Unterschied zwischen dem 
Land bebauenden Tadschik und dem kriegerischen Usbeken sich auszudrücken. 

**) Einer Vermutung folgend, erinnere ich an die Untersuchungen der Historiker 
über das „Rote" Kloster, das nach der Annahme einiger sich in der Nähe des 
Sees Issik-kul befunden haben soll. Im gegebenen Falle haben wir unzweifelhaft 
an ein „Rotes" Gebäude zu denken, und die Gegend ist nicht besonders entfernt 
vom Issik-kul, und endlich konnte das Gebäude in den entfernten Zeiten nicht weit 
von den Seen, die durch das Austreten des Tschu gebildet Luiden, s\.^^u« 



280 ^» ^* Iwanow: 

zusammengestellt, wie Umzäunungen, Schutzwälle u. s. w. Interessant 
sind diese Steinsetzungen besonders dadurch, dass die dazu verwandten 
Steine sehr gross sind. Gegenwärtig streifen hier nur einheimische 
Kirgisen umher. 

Es wäre sehr interessant, Achyr-tasch eingehender zu untersuchen 
und eine Reihe Ausgrabungen vorzunehmen, sowohl im Innern der 
Tempelruine als auch in der benachbarten Steinwerkstatt und in den 
Wohnungsüberresten. Wahrscheinlich wird man dabei irgend welche 
Werkzeuge, Münzen u. s. w. finden, mit deren Hülfe man die Bedeutung 
eines so grossartigen Denkmals Mittelasiens erklären könnte. 

2. Wegen der Ähnlichkeit des Namens lasse ich auf Achyr-tasch 
ein mit dem Namen Tasch-achyr bezeichnetes Monument folgen. 
Wenn man aus der Stadt Usgent im Andischanschen Kreise auf geradem 
Wege nach Norden nach Dschelal-abad („warme Quelle") reist, so 
durchschneidet die Strasse auf der Hälfte des Weges eine Schlucht 
Tschangent-su ; vor dieser letzteren liegt ein Ort, der Tasch-achyr ge- 
nannt wird. Inmitten niedriger Hügel, auf einem kleinen ebenen Platze, 
an der linken, westlichen Seite des Weges, befindet sich der Gegen- 
stand, der dem Orte seinen Namen gab. Der Gegenstand stellt einen 
steinernen Kasten dar, der aus einem ganzen Stücke ziemlich weichen 
Sandsteins (kreideartig) von hellem, feinem Kern, durch Kalk verbunden, 
herausgehauen ist (Tafel 4, Fig. 6). Die Grössenverhältnisse des Kastens 
sind folgende: i Arschin 9 Werschock lang, i Ar. 5 Wck. breit, i Ar. 
I Wck. hoch, 15 Wck. tief, Dicke der Wände 2— 3I Wck. Der eine Rand 
ist etwas ausgebrochen, an einem anderen ist unten eine Öflfnung wie 
zum Ausfluss des Wassers (es kann auch sein, dass diese später gemacht 
worden ist). Die oberen Ränder sind von der Zeit ausgefressen. Der 
Kasten ist nicht besonders kunstvoll und sichtbar mit stumpfen Instru- 
menten gearbeitet; die rechteckige Form gelang nicht. Diese „Krippe** 
setzt durch ihre Grösse und durch die Isoliertheit in einer ganz öden 
Gegend in Erstaunen. Die Eingeborenen kennen in Bezug auf diesen 
„Achyr** keine einzige Legende und bezeichnen nur denselben als einen 
sehr alten Gegenstand. Einige stellen die Vermutung auf, dass aus 
dieser Krippe das Pferd des Propheten Ali gefüttert wurde, und Tasch- 
achyr ist deshalb für viele heilig, worauf die Masse Lappen, Stückchen 
Baumwolle, Wolle, verwickelte Haare, die von den vorbeireisenden 
Gläubigen in den Kasten geworfen werden, hinweisen*). 

3. Steinbaben, die viele Reisende erwähnen, verdienen in meinen 
Materialien nur insofern Aufmerksamkeit, als ich von ihnen Zeichnungen 
liefere (Taf. U, Fig. 7) und so die Möglichkeit erscheint, sie mit anderen 



■I^Le 



*) Irgendwo im östlichen Ferghana-Gebiet existiert nach den Aussagen einiger 
Leute eine Säule von auf einander gelegten ,,steinernen Kesseln". Alle meine 
mühungen über diesen Ort Nachrichten zu erhalten, waren resultatlos. 



über einige Altertümer in Turkestan. 281 

ähnlichen Denkmälern zu vergleichen. — Beide Baben fand ich auf 
dem Nordufer des Sees Issik-kul. Die eine steht westlich vom See 
üi-tal, nämlich zwischen den Schluchten Urta-Uruktü und Ui-tal, die 
andere weiter östlich, Tschinata gegenüber, zwischen den Schluchten 
Kudurga und Kurmenta auf der südlichen Seite der Poststrasse, Beide 
sind aus dem örtlichen, hellgrauen, geschichteten Granit hergestellt. 
Die erste Babe von Ui-tal ist klein (li Arschin hoch) und die Hälfte 
derselben wird vom Kopf eingenommen, auf dem die Stirn, Nase, Mund 
und die Augengegend reliefartig bezeichnet sind. Der Rumpf ist nicht 
ausgearbeitet und auf der Brust sind nur geringe Vertiefungen her- 
ausgehauen. Die hintere Seite des Kopfes ist bei der Arbeit ganz un- 
beachtet geblieben*). 

Die Babe von Kurmentina ist höher (2 Arschin 2 Werschock) und 
ist sorgfaltiger gearbeitet; an ihr erkennt man sowohl Hals wie Schultern, 
Hände mit Fingern, wobei die rechte Hand etwas kreuzartig Geformtes 
hält. Trotz der grösseren Ausführlichkeit der Zeichnung steht die 
zweite Babe der ersteren in Bezug auf die Arbeit nach : bei 4er ersteren 
bemerkt man mehr Bemühung die Reliefform darzustellen, während 
die von Kurmentina ganz flach ist. Alles, was die örtlichen Kirgisen 
auf meine Fragen antworten konnten, war, dass die Baben „wahrschein- 
lich" von Kalmücken herstammten. 

Aus den Angaben, die mir A. M. Fetissow mitteilt, kann ich noch 
folgende Orte nennen, wo sich Steinbaben befinden: a) auf dem Son- 
kul stellen zwei Steinbilder Mann und Weib dar mit allen sie unter- 
scheidenden äusseren Geschlechtsabzeichen; b) auf den Höhen des 
westlichen Karakol (an beiden Orten hat Herr Fetissow sie selbst ge- 
sehen); c) nach den Aussagen der Kirgisen befindet sich ein Steinbild 
in der Schlucht Issik-ata in der Nähe von Pischpek. 

4. Das Ufer des Issik-kul ist überhaupt reich an alten Denkmälern. 
Unter ihnen weise ich auf die interessante Begräbnisstätte („huristan") 
hin, auf der viele Grabdenkmäler angehäuft sind. Die Mehrzahl dieser 
Denkmäler ist aus rohen Steinen hergestellt, aber auf vielen ragen in- 
mitten der zusammengelegten Haufen ebene, vom Wasser abgeschliffene 
grosse Steinblöcke von feinkörnigem, dunkelgrauem Syenitgranit hervor, 
auf denen Zeichen oder Inschriften eingehauen sind; einige sind ohne 
Inschriften. Die Begräbnisstätte bildet ein Viereck von 100 Faden 
Durchmesser. Sie liegt Aksu gerade gegenüber. Neben dieser alten 
Grabstätte befindet sich eine kleine Moschee der Kirgisen, zu der ein 
eifriger Mullah einige Dutzend Grabsteine mit Inschriften herbeigeschleppt 
und sie sehr regelmässig längs der Mauer der Moschee aufgestellt hat, 



*J Nach dem allgemeinen Charakter erinnert diese Babe sehr stark an das 
Steinbild in der Nähe des Sees Dam-Gul, dargestellt von Pontanin in der zweiten 
Auflage seiner „Skizzen der westlichen Mongolei** (Taf. VIII, Fig. ^7^. 



k 



282 ^' ^* Iwanow: 

wo man sie alle zusammen sieht. Die Inschriften sind halb kufischen 
Charakters, einige aber offenbar aus einer späteren Zeit. Der Mullah 
erzählte mir, dass der kostbarste Stein vom Kreiskommandanten, dem 
Obersten Kurkowski, weggebracht worden ist und dass auf diesem Stein 
das Jahr 573 der moslemitischen Zeitrechnung angegeben war, was 
der Mitte des XII. Jahrhunderts entsprechen würde. — Auf dem- 
selben Ufer, nämlich bei Kurmenta, kann man ganze Hügelreihen 
sehen, die sich in der Richtung des steilen Abhanges von den Bergen 
zum See hin ausdehnen. Alle haben das gleiche Aussehen: rund mit 
einer Vertiefung in der Mitte. Ihr mittlerer Durchmesser beträgt 7 — 8 
Faden. Sie sind alle aus rotem Thon und kleinen, rohen Granitsteinen 
zusammengesetzt. Wenn auch nicht überall, so kann man doch meist 
in ihrer Anlage eine gewisse Ordnung bemerken, nämlich die Richtung 
der Reihen von Norden nach Süden d. h. senkrecht zum Seeufer. Der 
Boden zeichnet sich in dieser Gegend durch seine Morastigkeit aus, 
als ob hier ein Torfmoor gewesen wäre, das sich über die Sandab- 
lagerung hinzog. Es ist bemerkenswert, dass die Hügel, je mehr man 
sich dem See nähert, höher werden wie entsprechend der Zunahme der 
Wassertiefe. Man kann 40 bis 50 solcher Hügel und 9 — 12 in einer 
Reihe zählen. 

5. Aina-tasch ist jener „Spiegelstein", der in den Schriften 
Babers erwähnt wird. Lange blieb er den Russen unbekannt. Noch 
A. P. Fedtschenko suchte auf seinen Reisen im Chanat Chokand (187 1) 
dieses kleine Wunder zu erblicken, aber obgleich er die ganze Schlucht 
Isfahar durchwanderte, gelang es ihm. nicht zu erfahren, wo sich Aina- 
tasch befindet. Auch mir glückte es nicht zur Zeit meiner Arbeiten in 
Isfahar, da ich keinen kundigen Führer finden konnte. Ich hörte 
nur sagen, dass auf der rechten Seite der Schlucht Isfahar sich ein so 
hochstehender Stein befindet, dass man nicht zu ihm hingelangen kann ; 
derselbe soll wie Feuer brennen und dieser „Spiegel" früher die merk- 
würdige Eigenschaft gehabt haben, dass der Besitzer einer gestohlenen 
Sache in ihm den Dieb zu erblicken vermochte, als ob der letztere 
hinter ihm stände und sich in ihm spiegelte. Weiter fügten sie hinzu, 
dass die Diebe, in dem Wunsche sich von solch einem Untersuchungs- 
richter zu befreien, den verräterischen Spiegel zerstört hätten und dass, 
wenn man jetzt auf ihn sieht, man wohl die Gestalt eines Menschen 
erkennen könnte, aber nicht sein genaues Aussehen. Wenn ich mich nicht 
irre, so war es im Jahre 1881 oder 82, dass der zur Organisierung in der 
Station Isfahar sich aufhaltende Artillerielieutenant K. A. Rudanowski, 
von den Erzählungen über Aina-tasch interessiert, kundige Leute zu 
finden suchte und endlich zu diesem berühmten Stein gelangte. Nach 
seinen Aussagen befindet derselbe sich 16 Werst von Isfahar in einer 
tiefen Schlucht und zeigt durchaus nichts Sonderbares. Es ist eine 
steile, glatte Wand mit einem schmalen Aufstieg nach Art einer Treppe, 



über einige Altertümer in Turkestan. 283 

über den man klettern muss, um dem „Spiegel" gegenüber zu stehen. 
Herr Rudanowski brachte mir vom Aina-tasch selbst einige Proben dieses 
Steins, die sich als feinschiefrige, quarzige Schiefer erwiesen, von denen 
die obere Schicht mit einer weicheren Masse bedeckt war; in der 
Zusammensetzung der letzteren tritt ein Chloritmineral auf, das ihr eine 
grünliche Farbe verleiht. Gegenwärtig ist die entblösste Schicht nicht 
so glatt, dass von ihr auf eine weite Entfernung, nach einem Regen, von 
darauffallenden Sonnenstrahlen ein lebhafter Glanz reflektiert werden kann. 

Um indessen den Ursprung des Ruhms von Aina-tasch zu erklären, 
so erlaube ich mir zu diesen Nachrichten Folgendes hinzuzufügen. 
Wenn man an der geologischen Erforschung der Gebirgskette in Tur- 
kestan arbeitet, so fallt es nicht schwer zu bemerken, dass ihr Nord- 
abhang in der Gegend von Isfahar sich zunächst durch eine starke 
Umwandlung der alten Sedimentgesteine auszeichnet, dass zweitens diese 
Gesteine hier sehr stark gehoben, oft senkrecht gestellt sind, wobei die 
Schichtfiächen häufige Verwerfungen und Knickungen zeigen. Diese Er- 
scheinung war der Grund zur Bildung weiter, glatt polierter Flächen, 
denen die ganz biosgelegten feinen Glimmer, Chlorite, Talk, eisen- 
haltige Einschlüsse u. s. w. einen besonderen Glanz verliehen. Mitten 
zwischen den schönen Entblössungen dieser Stellen findet man viele 
wunderbar glatte, vollständig abgeschliffene Oberflächen von Schichten, 
die senkrecht aufgerichtet sind und die daher bei Aufdeckung derselben 
schöne Wände mit glänzenden Flächen zeigen, besonders wenn diese 
letzteren noch frisch sind. Durch athmosphärische Einflüsse und Ver- 
witterung verlieren diese Flächen allmählich ihren ursprünglichen Glanz. 
Es ist jetzt leicht zu erklären, wie der Aina-tascH entstand, wie er in 
der Zeit seiner Frische, besonders von Weitem mit seinem mächtigen 
Glanz, sobald die Sonne auf ihn schien und durch seine spiegelnde, 
dunkele Oberfläche, sobald man ihn nah betrachtete, in Erstaunen 
setzten musste, und wie er später, nachdem er einen grossen Ruf er- 
worben, verwitterte und im Volksgedächtnis kaum noch seine Zauber- 
kräfte behielt*). 

6. Über die Höhlen in Turkestan kursieren viele fabelhafte Er- 
zählungen, die besonders mit der Entdeckung aller möglichen Schätze 
verbunden sind. Die Sucht, Schätze zu entdecken, ist bei den Einge- 
borenen sehr entwickelt, besonders infolge der häufigen Funde, die 
übrigens hauptsächlich in den Kurganen gemacht werden. Die mir er- 
zählten Märchen nützten mir insofern, als sie mir als Hinweis dienten, 
wo hier und da Höhlen vorhanden wären. Das Suchen nach paläonto- 
logischen Säugetieren**) oder nach Überresten des vorhistorischen 



*) Die Gesteinsstücke vom Aina-tasch übergab ich teils dem Museum in Tasch- 
kent, teils dem des Berginstituts. 

**) Bekanntlich finden sich bis jetzt trotz der ausgedehnten geolo^isc\ÄTL'V3xÄÄX- 



284 ^* L* Iwanow: Über einige Altertümer in Turkestan. 

Menschen bewogen mich, nach Möglichkeit keine Höhlen zu übersehen. 
Aber leider musste ich mich überzeugen, dass die Mehrzahl derjenigen 
Höhlen, auf die ich aufmerksam gemacht wurde, nicht das geringste 
Interesse bieten. Es sind hauptsächlich enge Spalten im Gestein, kaum 
soweit zugänglich, dass man in ihnen kriechen kann und meistens ohne 
jegliche Anzeichen vom Vorhandensein grosser Tiere oder des vorhisto- 
rischen Menschen. Indem ich dies ausspreche, muss ich zugeben, 
dass einige Höhlen Beachtung verdienen, und es wäre interessant, den 
Boden durch Ausgrabungen näher zu untersuchen. Solche Höhlen sind 
z. B. die Tropfsteinhöhle Arawana im Ferghana- Gebiet*), eine weite 
Grotte auf dem Iskander-kul (Kamar-muchta) und einige in einer Reihe 
gelegene Höhlen längs den zerklüfteten Ufern, die aus mächtigen 
Konglomeraten und Kreide, wie auch Tertiärkalksteinen bestehen, Höhlen, 
von denen viele auch jetzt noch von den Eingeborenen als Wohnung, 
als Viehställe oder Heuscheune benutzt werden; solche giebt es an den 
Ufern des Ikfane-sy (Chodsch. Kreis), des Dschangakta (Nebenfluss des 
Kosbaglan), des Kara-ungura (Andisch. Kreis), die Kalksteinschluchten 
des Ak-sai nördlich von der Staniza Samgar (Kuramsch. Kreis), in den 
steilen Abhängen des Konglomerates am Flusse Usum-maschata (Tschim. 
Kreis) u. s. w. — Es verdient von denen, die von mir besucht wurden, 
vielleicht nur eine in archäologischer Beziehung Beachtung: in der 
Schlucht Suguta auf dem Nordabhange der Alexanderkette, bei einem 
Übergange von der Stadt Auljeata. In ihr fand ich eingehauene Zeichen 
von kalmückischem oder mongolischem Typus. Die Höhle ist in der 
Form einer schwer passierbaren Spalte, die im geschichteten Kalkstein be- 
ginnt und ziemlich jäTi in den darunter liegenden Sandstein sich fortsetzt. 
Sie läuft mit den abfallenden Schichten, stellenweise stufenartig hinunter- 
gehend. An drei Stellen befindet sich eine unbedeutende Erweiterung. 
Ihre Länge konnte ich nicht ausmessen, denn die einfallende Tiefe er- 
reicht 24^ Meter. In der Mitte derselben beim Anfange der zweiten 
Erweiterung, beim Übergang in den Sandstein, sind die eben erwähnten 
Zeichen angebracht. 

7. Die Hügel von Taschkent befinden sich am Rande der 
russischen Stadt, wo früher der misslungene Jahrmarkt projektiert wurde, 
neben dem Flusse Salara. Diese Hügel waren bis zur Eroberung Tasch- 



k 



Buchungen in ganz Turkestan keine paläontologischen Spuren aus der Welt der 
Säugetiere. 

*) Diese Höhle ist trotz ihrer Originalität nur von sehr wenigen Leuten be- 
sucht worden. Von diesen ist es nur Herr Müller, der eine Beschreibung der 
Höhle geliefert hat (veröflfentlicht in : L*exp6dition scientifique fran9aise ä Turkestan 
russe, par Ujfalvy). Ein anderer Forscher, Herr Hermann, verschaffte mir aus der- 
selben einige Skalaktitenstücke. Die Höhle ist schwer zugänglich, und man miiss 
in ihr barfuss gehen, um nicht von den glatten Steinen in Spalten zu stürzen. 
Wahrscheinlich vrürde die Anlage einer Treppe in derselben wenig kostspielig sein. 



£. Gel eich: Zur Geschichte der Arealbestimmung eines Landes. 285 

keftts durch die Russen öde und verlassen geblieben und dienten während 
der Zeit, als der Jahrmarkt eingerichtet wurde, nur zur Aufführung von 
Lauben auf denselben. Sie erheben sich über den umliegenden Platz 
bis auf 9 Faden, wobei die oberste Lage derselben ungefähr öj Dessä- 
tinen einnimmt. Im Jahre 1881 fing man an auf ihnen Bauten aufzu- 
führen, wobei die Unebenheiten der Abhänge ausgeglichen und die 
Hügel von tiefen Bewässerungskanälen (bis 5 Arschin tief) durchschnitten 
wurden. Dabei erwies es sich, dass diese Hügel, mit Ausnahme ihres 
untersten Teiles, künstliche Aufschüttungen waren, in denen man Holz- 
kohlenschichten, Ziegelmauern, Hohlräume, Thontopfscherben, wohl er- 
haltene Töpfe u. s. w. fand. Unter anderen zufälligen Funden (einige 
Eisenstücke, eine originelle Nachtlampe, Glassachen, eine einheimische 
Wiege u. s. w.) wurden bei den Erdarbeiten eine thöneme Spinnwirtel 
und zwölf Stück Kupfermünzen mit arabischer Aufschrift, von denen 
ich drei zusammen mit der Spinnwirtel dem Museum unserer geogra- 
phischen Gesellschaft als Geschenk überbringe, gefunden. — 

8. Zum Schluss füge ich noch hinzu, dass unter der Zahl der zu- 
falligen Funde bei der Anlage der Kriegsstrasse durch General Abra- 
mow von Samarkand über Afrociab ins Lager ein „Nucleus" aus der 
Steinzeit aus grünlichem Feuerstein zum Vorschein kam ; eine Zeichnung 
von demselben fertigte ich als dem ersten derartigen Funde in Tur- 
kestan auf meiner Durchreise durch Samarkand im Jahre 1881 an. 



XIV. 

Zur Geschichte der Arealbestimmung eines Landes. 

Von Professor E. Gelcich in Lussinpiccolo. 



I. 

Wenn es in der Praxis geographischer Studien bisweilen vorkommt, 
dass man sich einen Begriff über die Genauigkeit älterer Arealangaben 
machen will, so schlägt man selbstverständlich eine Geschichte der Geo- 
graphie auf und sucht das Kapitel „Arealbestimmung der Länder** 
nach. Und wenn man in verschiedenen Werken gleichen Inhaltes nicht 
dergleichen findet, so erinnert man sich, dass die Frage eher der Ma- 
thematik angehört und blättert nun in einem oder in mehreren Werken 
über die Geschichte dieser letzteren Wissenschaft nach aber leider aber- 
mals vergebens. Bruchstücke dieses Gegenstandes liegen da und dort 
zerstreut, im Ganzen und Grossen findet man jedoch darüber wenig, 
sehr wenig. Es würde somit ein Wagnis sein, dieses Kapitel, welches, 
wie uns scheint, ganz vergessen wurde, hier erledigen zu wollen, 
und werden wir es nur unternehmen in bescheidenster Wfe\s»^ ^^^ 




286 E. Gelcich: 

Wenige was wir erforschen konnten, zusammenzubringen, in der Hoffnung, 
dass bei den künftigen Ausgaben grösserer Werke über Geschichte 
der Geographie auch diesem Thema einige Seiten gewidmet werden. 

Abgesehen davon, dass es einiger Zeit bedurfte, bevor man dazu 
kam, erstens genauere Methoden aufzustellen, um ebene Figuren zu 
berechnen, zweitens dass es weit schwieriger war, das Areal von Flächen 
zu] ermitteln, welche von irregulären Curven begrenzt sind, drittens 
dass man nur spät bessere Kenntnisse über die wahre Gestalt und über 
die wirkliche Grösse unseres Planeten erlangte, worüber wir uns eben 
auch beschäftigen wollen, konnte von einer genauen Arealbestimmung 
nicht die Rede sein, so lange nicht äquivalente Bilder der zu messen- 
den Fläche vorhanden waren. Es ist eine merkwürdige Thatsache, 
dass, obwohl die äquivalente Projektionsmethode durchaus nicht so 
neu ist, sie doch noch zu Beginn unseres Jahrhunderts von Statistikern 
und von Geographen entweder nur wenig bekannt oder nicht gehörig 
gewürdigt wurde. Und weil diese Behauptung dem eingeweihten Fach- 
mann (dem es bekannt ist, dass gerade zu Ende des vorigen und zu 
Beginn des gegenwärtigen Jahrhunderts die äquivalente Abbildungs- 
weise gerade ihre schönsten Fortschritte aufzuweisen hatte), gar seltsam 
klingen dürfte, so rufen wir eine bedeutende Autorität zur Hilfe, den Frei- 
herrn V. Zach, der im ersten Bande seiner monatlichen Korrespondenz 
eben klagt ^), „dass viele Geographen und Statistiker den Flächeninhalt 
eines Landes berechnen, ohne auf die Projektionsart Rücksicht zu 
nehmen, indem sie nur die geometrische Figur als solche behandeln. 
Einige Worte über diese zu unserem Thema in engster Beziehung 
stehende Projektionsart werden, wie wir glauben, hier am Platze sein, 
wobei wir uns aber so kurz als möglich fassen werden, weil sehr bekannte 
und umfangreiche Werke wie jene von Gretschel^, Germai n^), 
Fiorini*) u. s. w. Ausführliches darüber enthalten. Ganz übergehen 
können wir sie nicht, weil uns auffiel, dass auch moderne Autoren 
über gewisse Punkte irrten, insofern es sich nämlich um den geschicht- 
lichen Teil handelt. 

Zach, der viel bewanderte Geograph, erwähnt, wo er von der 
Notwendigkeit äquivalenter Abbildungen bei Flächenberechnungen 
spricht, merkwürdiger Weise nur die Arbeit Euler 's^) und das May er- 
sehe Werk^), ohne Lambert zu nennen. 

1) A. a. O. S. 169. 

2) Lehrbuch der Kartenprojektionen. Weimar 1873. 

3) Trait^ des projections des cartes g6ographiques. Paris. iS^bt? 
* ^) Le projezioni della carte geografiche. Bologna 1881. 

5) Acta academ. scient. imp. Petropol. 1777, S. 107. „De repraesentatione 
superficiei sphaer. super piano. 

•) Vollständige und gründl. Anweisung zur Verzeichnung der Land-, See- 
^Httd Himmelskarten. Erlangen 1794. a. Auflage. 1804. 



Zur Gescliiclite der Arealbestimmiing eines Landes. 287 

Fiorini bespricht in seinem Werke '^) die äquivalente Projektion 
Merkator's®) und meint zum Schlüsse, er habe sich mit der Ver- 
besserung der Ptolemäischen Projektion durch ersteren deswegen länger 
abgegeben, weil er glaubt, dass kein Geograph bisher (1881) auf die- 
selbe aufmerksam geworden sei. Leider enthält das prächtige Werk 
Fiorini's kein alphabetisches Sachregister, und wir könnten vielleicht 
irren, wenn wir behaupten, dass er den Wiener Professor Stäben gar 
nicht nennt. Wir haben fleissig gesucht, ein Übersehen wäre aber den- 
noch bei einem so voluminösen Werke möglich. 

Peschel meint endlich in seiner Geschichte der Erdkunde^): 
„Eine neue Methode um Weltkarten zu zeichnen, lehrte Johann 
Stäben, Professor in Wien; es war die erste äquivalente Projek- 
tion, welche Merkator für die Übersichtskarten einzelner Erdteile 
wählte." Diese Stellen sind es zunächst, welche uns veranlassen, we- 
nigstens Einiges über die älteste Geschichte der fraglichen Methode zu 
sagen, nicht etwa weil wir persönlich neue Entdeckungen machten, 
aber weil wir teils wahrnehmen, wie schon Entdecktes und Gedrucktes 
nicht so allgemein bekannt ist, als es sein sollte, und teils wünschen 
ein zusammenhängendes Ganzes zu liefern. 

Die erste äquivalente Projektionsmethode wurde also durch den 
Wiener Professor Johann Stäben um den Anfang des XVI. Säculums 
gelehrt und uns durch seinen Schüler Werner überliefert. Er beschrieb 
aus dem Pole als Mittelpunkt die Breitenparallele als concentrische 
Kreise in gleichen Abständen und teilte jeden genau nach dem Ver- 
hältnisse, welches er zum grössten Kreise auf der Kugel hat. Durch 
die Verbindung der Teilpunkte entstanden die herzförmigen Meri- 
diane, und diese äquivalente Kegelprojektion ist unter dem Namen 
Werner 's sehr bekannt. 

Die Theorie dieser Projektion ist ungemein einfach. Ist gp die 
Breite, ^ ihr Complement, so ergab sich für den Halbmesser des Parallel- 
kreises die Gleichung: 

r = E\p, 

Um den Centriwinkel zu bestimmen, welcher dem Parallelkreis ent- 
sprechen muss, damit letzterer in seiner wahren Länge wiedergegeben 
werde, betrachten wir die Länge l eines Parallelkreisquadranten. Es 
ist aus: Z : 2 r;r = 90 : 360, 

I ^^ ^ r> 

Z = QO — -— = QO —;r- B cos 0) 

^ 180 ^ 180 ^ 

Die Länge eines Bogens, welcher einem Centriwinkel a und dem 
Halbmesser r = R\p entspricht, ist: 

7) S. 487. 592—594. 

8) Tabulae geograph. Cl. Ptolemaei ad mentem autoris restitutae et emendatae 
per Gerardum Mercatorem. Coloniae Agrippinae 1578. 

^) Ausgabe Peschel-Ruge S. 410. 






288 E. Gelcich; 

l = Exp a -TT—. 
iBo 

Die Gleichungen, für l an einander gleichgesetzt, ergeben: 

\p a = go cos cp = go sin \p 

a = go sin \p 

Der Umstand, dass nicht Stäben sondern Werner über diese 
neue Entwerfungsart zuerst schrieb, hat Anlass gegeben, dass man 
immer von einer Werner' sehen Abbildung sprach, und so sagt auch 
d'Avezac^"), die Erfindungen Werner's seien nichts anderes als mehr 
oder minder geglückte Varianten der Projektion, welche Bernhard de 
Silva gelegentlich der Venetianer Ausgabe des Ptolemäus 151 1 an- 
wendete. Der geringe Zeitraum von 151 1 bis 15 14 (in diesem Jahre 
veröffentlichte Werner die hier besprochene Entwerfungsart), lässt in- 
dessen doch noch Zweifel, ob es sich hier um Varianten handle, um- 
somehr kann daran gezweifelt werden, als es gar nicht bekannt ist, 
wann eigentlich Stäben seine Erfindung machte. 

Über den Anteil des Nürnberger Mathematikers schreibt Günther"): 
„In der Kartographie repräsentieren die von Werner wenn auch nicht 
geradezu erfundenen, so doch zuerst wissenschaftlich behan- 
delten herzförmigen Projektionen umsomehr einen bedeutenden 
Fortschritt, als wenigstens die eine derselben eines der wichtigsten 
neueren Prinzipien, das der äquivalenten Abbildung zur Geltung bringt." 

Die äquivalente Projektion von Stäben eignete sich für kleinere 
Breiten nicht, da sie die Länder zu sehr verzerrte. Deshalb schlug 
Merkator in seiner Ausgabe des Ptolemäus vor, die Breitenparallele 
nicht aus dem Pole als Mittelpunkt zu beschreiben, sondern dazu die 
Seite des Kegels zu wählen, der die Kugel im mittleren 
Parallele des darzustellenden Landes berührt^^). Er selbst 
hat die Weltkarte in Ptolemäus nach dieser Projektion entworfen. Sie 
verbindet den Vorteil der Äquivalenz mit einer grösseren Ähnlichkeit, 
in dem der mittlere Breitenparallel von allen Meridianen rechtwinklig 
geschnitten wird, so dass die Gestalt von Ländern von nicht zu grosser 
Ausdehnung gar nicht verzerrt wird. 

Die Verbesserung Merkators ist aber bei Weitem nicht so unbe- 
kannt geblieben, im Gegenteil, Direktor B reu sing hat in seinem vor 
15 Jahren gehaltenen Vortrag sehr ausführlich darüber gesprochene^). 

10) D'Avezac, Coup d'Oeil historique sur la Projection des Cartes de G^ogr. 
Paris 1863. S. 45. 

11) Studien zur Gesch. der math. Geogr. Halle 1873. S. 314. 

12) Es ist dieser der Satz, nach welchem die sogenannte Bonn'sche Projektion 
konstruiert wird, die zu bekannt ist, um hier näher erläutert zu werden. 

13) Gerhard Kremer, genannt Merkator, der deutsche Geograph. Duisburg 
1869. 2. Auflage. 1878* 



Zur Geschichte der Arealbestimmung eines Landes. 289 

Wir glauben gut zu thun, wenn wir einige Stellen aus der später im 
Buchhandel erschienenen Monographie wiedergeben. 

„Dem Scharfsinne Merkators ist sie (die Projektion von Stäben) 
nicht entgangen. Sein Biograph erzählt uns, dass für die Übersichts- 
karte der einzelnen Weltteile im Atlas absichtlich ein solcher Entwurf 
gewählt sei, der die Grössenverhältnisse richtig wiedergebe; und diese 
Blätter sind eben nach der Staben'schen Projektion gezeichnet." 

Und an anderer Stelle: „Wie wertvoll dieser Gedanke Merkators 
(die Umgestaltung der Projektion von Stäben in der früher angegebenen 
Art) für die Karthographie gewesen ist, ergiebt sich daraus, dass die 
zu Anfang dieses Jahrhunderts in Paris vom Kriegsministerium nieder- 
gesetzte Kommission, welche aus den bedeutendsten Mathematikern be- 
stand und den Auftrag hatte zu untersuchen, welche Projektion für die 
grosse Karte von Frankreich die geeignetste sei, sich für diese von 
Merkator angegebene entschied. Es ist verzeihlich, dass man sie 
deshalb in Frankreich als Projection du d6pöt de la guerre be- 
zeichnet, aber nicht zu rechtfertigen, dass man in dem Vaterlande 
Merkators nicht diesen, sondern einen französischen Kartographen des 
vorigen Jahrhunderts, Namens Bonne, der allerdings vielfachen Ge- 
brauch von ihr gemacht hat, als Erfinder nennt. Je näher der mittlere 
Breitenparallel an den Äquator fallt, desto grösser wird natürlich der 
Halbmesser mit dem die Kreise beschrieben werden. Wird der Äquator 
selbst als mittlerer Parallel angenommen, so wird der Halbmesser un- 
endlich gross, und die Kreise selbst erscheinen als gerade Linien. Im 
Stieler'schen Atlas wie in fast allen ohne Ausnahme wird Afrika in 
dieser Projektion dargestellt, Sie ist eine einfache Konsequenz der 
Modifikation, welche Merkator mit der Staben'schen vorgenommen hat, 
und findet sich schon auf einem Blatte von Südamerika in der ersten 
holländischen Ausgabe des Merkatorischen Atlas, welches den Namen 
Honds als Verfasser trägt. D'Avezac irrt sich demnach, wenn er den 
französischen Geographen Sanson, der sie um das Jahr 1659 anwandte, 
als Erfinder betrachtet. Vollständig unbegreiflich aber ist es, dass sie ge- 
wöhnlich nach dem englischen Astronomen Flamsteed benannt wird, 
weil dieser sie um das Jahr 1700 zu seinen Himmelskarten benutzte." 

Man sieht, dass die Verbesserung Merkators also wohl bekannt ist, 
und dass Breusing sogar mit der Kritik derselben scharf in's Zeug ging. 

Bis auf Lambert aber hatte sich Niemand die Mühe genommen 
eine analytische Untersuchung der Projektion zu liefern, und es gebührt 
diesem Gelehrten das Verdienst, die Kartenprojektionen überhaupt zum 
ersten Mal in ausführlicher und erschöpfender Weise behandelt zu 
haben ^*). Ihm folgten erst Euler ^^) (der auch die äquivalente Pro- 



1*) Beiträge zum Gebrauche der Mathematik. Berlin 177a. VI. Abschnitt. 
15) Acta acad. scient. Petrop. 1777. S. 107. 



290 E. Gelcich: 

jektion besonders besprach), La Grange^^), Gauss^'^), HerrscheP^) 
u. s. w. Mit Rücksicht auf den Umstand also, dass Lambert ^^) zum 
ersten Mal die äquivalenten Entwürfe erschöpfend behandelte, wollen 
wir sein elegantes und einfaches Verfahren hier kurz aufnehmen. 

Im § loo erwähnt der Verfasser zunächst, wie in der stereo- 
graphischen und in der Centralprojektion die Grade von der Mitte aus 
grösser werden, wodurch auch die Länder, die vom Mittelpunkt ent- 
fernter liegen, eine zunehmende Ausdehnung erhalten. Bei den Merka- 
torischen Karten (jenen der vergrösserten Breiten) sind die Länder in 
den Polarregionen unendlich ausgedehnt. Bei der orthographischen 
' Projektion werden, was von der Mitte der Karte weiter weg ist, immer 
kleiner, und die am Rande herumliegenden Länder unendlich kleiti. 
„Wenn es demnach die Frage ist, die Erdfläche so zu entwerfen, 
dass jene Länder ihre genaue proportionirte Grösse behalten, so muss 
die Entwerfungsart besonders dazu eingerichtet sein. Dieses kann nun 
auf sehr vielerlei Art geschehen. Es ist aber die allgemeine Auflösung 
der Frage von nicht geringer Schwierigkeit und Weitläufigkeit.** 

Nun geht er zur Betrachtung einiger in der Folge kurz skizzierter 
Fälle über. 

Der Äquator ist eine gerade in 360 gleiche Teile geteilte Linie, 
die Meridiane stehen senkrecht auf dem Äquator, die Breitengrade 
werden nach den Sinusen der Winkel aufgetragen. Die Zonen ver- 
mehren dann ihren Inhalt vom Äquator gegen die Pole, im Verhält- 
nis zum Sinus der Breite. „Da indessen die ersten 30 Grade der 
Breite nicht sehr ungleich sind, so fallt eine Karte von Afrika, oder 
anderer um den Äquator herum liegender Länder noch ziemlich gut 
aus. Hingegen für solche Länder, die wie z. B. Amerika ihre grösste 
Länge von Norden nach Süden haben, ist es besser, wenn man diese 
Zeichnungsart derart umkehrt, dass man nicht den Äquator, sondern 



16) Nouveaux mdmoires de TAcad. royale des sciences et belles-lettres. Berlin 
1781. S. 161. 

17) Astron. Abh. von Schumacher, Altona 1825. III. Heft. Allgemeine 
Auflösung der Aufgabe: Die Teile einer gegebenen Fläche auf einer anderen ge- 
gebenen Fläche so abzubilden, dass die Abbildung dem Abgebildeten in den 
kleinsten Teilen ähnlich wird. 

1^) Journal of the Royal geogr. Society, edited by Dr. Norton Shaw, London 
1860. On a new Projection of the sphere. Ist eine Wiederholung der Arbeit von 
Gauss mit Beschränkung auf die Sphäre und auf eine ebene Projektionsfläche. 

1^) Lambert ist am ao. August 1728 in Mulhaus (Elsass) geboren und starb in 
Berlin am 25. September 1777. Er gehörte einer Protestantenfamilie an, die ge- 
legentlich des Widerrufes des Edikts von Nantes auswanderte, worüber d*Avezac 
zürnt. „Fran9ais aussi de nom et d'origine 6tait Tillustre g^om^tre Jean Henri 
Lambert, ä qui l'intol^rance religieuse avait d'avance impose une autre patrie." 
(Coup d'Oeil hist. S. 103.) 



Zur Geschichte der Arealbestimmung eines Landes. 



291 



den mittleren Mittagskreis durch eine in gleich grosse Grade einge- 
teilte Linie vorstellt, den Äquator hingegen nach den Sinusen der Grade 
der Länge einteilt.*' Nach dieser Projektion hat er ein Kärtchen von 
Asien entworfen. Da die Meridian- und die Parallelkreise in letzterer 
Projektion nicht mehr als gerade Linien erscheinen, so giebt Lambert 
eine einfache Vorschrift um ihre Durchschnittspunkte zu bestimmen. 
Ist z. B. M ein solcher Durchschnittspunkt, X dessen Länge, g) die Breite 
desselben (Fig. i), so ist RM = sin L Für die Bestimmung von PR 
hat man, aus dem sphärischen Dreieck RPMj rechtwinklich bei R: 

tg PR = tg PM cos X = cotg (p cos X. 

Eine kleine Tabelle soll die Ausführung der Konstruktion erleichtern 
und beschleunigen. Die Abscisse und die Ordinate sind für Durch- 
schnitte von lo zu lo Grad berechnet. Argumente der Tafel sind die 
Länge und die Breite. 

Sodann geht Lambert zu einer 
andern Entwerfungsart über, bei 
welcher die Mittagskreise gerade 
Linien sind, die sich in dem Pol 
unter ihrem wahren Winkel durch- 
schneiden. (Anstatt die technischen 
Namen der Projektionsarten anzu- 
führen, ziehen wir des geschicht- 
lichen Momentes wegen vor, die 
Ausdrucksweise des Autors zu be- 
nutzen.) In nebenstehender Figur 2 
seien PN, Pv zwei Mittagskreise, 
deren Längendifferenz (Winkel P) 
= dX ist. Mfi, Nv seien die Bögen 
unendlich naher Parallelkreise, deren 
Polabstand cp und gp + dq). Man 
hat dann, wenn man Pfi = x, MN 
■= dx setzt: 

Mii = ocdX 
das Areal von Mfi Nv ist: 

A = wdwdX, 
Soll dieser Inhalt dem Areal auf 
der Kugelfläche gleich sein, so muss 
die Beziehung bestehen: 

xdxdX = ög) 8X cos (90— qo) = 
dgpöA. sin g) 
woraus folgt: 

a?^a? = sing}(ig/ 

und durch Integration 

Zeitschr. d. Gesellseh. f. £rdk. Bd. XXI. "1^ 





I 

i 



/ 



292 






• 










£. Gelcich: 
















I 

— a?« = — cos cp H- 

2 


für (p 
und 







soll 


^ 


^^ 





sein, 


daher 

Const = I 



Const, 



^2 • 2 9^ 

— /p2 -_. I — cQs (p = 2 sm'* — 

2 ^2 

^ = 2 sm — 

2 

Nach diesem Gesetze sind die Meridiane einzuteilen. Sie müssen 
sich alle im Mittelpunkt der Projektion (Pol) unter ihrem wahren 
Winkel schneiden. Die Parallelkreise haben vom Pol um den Betrag 

2 sin — abzustehen. 

2 

Will man die Erde der Art pro- 
jicieren, dass ÄE der Äquator, FF' 
die Polen seien, so verwickeln sich 
die Ausdrücke, welche die Glei- 
chungen der Parallelkreise und der 
Meridiane geben sollen; doch be- 
stimmt sie Lambert in ziemlich ein- 
facher Weise. Es handle sich z. B. 
um die Projektion eines Punktes 
M, CL sei die Länge dieses Punktes, 
LM dessen Breite \p, ^ACM=w 
und CM auf der Sphäre gemessen 

= K. Nach dem früheren muss in 

I 
der Projektion: CM= 2 sin — Ä^ sein. Nennt man die Koordinaten 

in der Projektion mit (QC) a und mit (QM)t/, so hat man zunächst: 
i) 1. = tg w 

und aus dem rechtwinkligen spärischen Dreieck auf der Sphäre LMC: 

sin X = cotg wXgq) 
woraus folgt: 

2) tg t^; = cosec X tg go = tg go: sin X. 

Aus i) und 2) folgt weiter: 

3) i^=-^. 

X . sin A 
Es ist aber in der Projektion 

/p* + y»Ä Ciltf*=4sina — Ä'= 2 (i — cosÄ) 

mm 




und aus A LMC: 



cos K = cos g) cos X 



Zur Geschichte der Arealbestimmung eines Landes. 293 

somit: 

4) Ä?* H- y* = 2 — 2 cos gp cos X. 

Aus 3) folgt: 

a? tg gp = y sin X. 

Elliminiert man aus diesen Gleichungen einmal ä? und y, so erhält 
man: 

Gleichung der Parallelkreise: 

wobei \p = go — g) gesetzt wurde. 
Gleichung der Meridiane: 

^ = cos«— y(2seca^ -ya^isim^yr^ cosec* y ^y*) 

wobei X = 90 — Zr gesetzt ist. 

Will man die Winkel am Pol nicht in natürlicher Grösse, sondern 
im Verhältnis i:m oder m:i wiedergegeben haben (§ 108 — iio), so 
hat man als Bedingungsgleichung für das Arealverhältnis: 

ma^d ic dX = sin qi dg) dX, 
und man erhält dann: 

ar = 2 sm — qp l/ — . 
2 ^ y m 

Um diese Formel auf die Karte von Europa anzuwenden, schlägt 
Lambert vor, m derart zu wählen, dass auf der Karte der mittlere 
Grad der Breite das wahre Verhältnis zum Parallelgrad behalte. Ma- 
thematisch ausgedrückt, wird man m aus der Proportion bestimmen: 

mo! dXidw = sing) dX: dg)f 
woraus 

ma^ dX8 g) = da; dXsiaq). 

Aus ^ = 2 sm — OD -7— folgt: 

da = dg cos — g) : |/m 
und die Werte von ^ und da in ma; dXd g)=: dxdXsiag) eingesetzt: 

m = cos^ — qp 
2 ^ 

^ i-t-cosgp 

2 

Für Europa wäre cos qp = ?i zu nehmen, daher 711=%^ in welchem 

Verhältnis die Längengrade vermindert werden müssten. Für die 

Breitengrade hätte man: 

^ = 41/ — sin — qp==2'i 380900 sin — qp. 

Siebzehn Jahre nach dem Erscheinen der Beiträge Lamberts und 
zwölf Jahre nach seinem Tode erschien in Verona ein Werk des Genie- 



4 



294 E. Gelcich: 

Obersten Antonio Maria Lorgna, betitelt: „Principj di geografia 
astronomica - geometrica " Verona 1789, in welchem die äquivalente 
Polarprojektion des deutschen Gelehrten entwickelt wird. Seit jener 
Zeit änderte die Lambert'sche Erfindung ihren Namen und ging als 
Projektion von Lorgna in fast allen geodätischen und geographischen 
Werken, besonders aber in jenen, welche in Frankreich gedruckt 
wurden, so in Lacroix' Mathematische Geographie, in Puissant's 
Topographie, in Francoeur's Geodäsie u. s.w. über. Ob Lorgna 
die Beiträge gekannt hat oder nicht, bleibt allerdings fraglich. Seine 
Landsleute Cagnoli^^) und Fiorini^^) halten es nicht für wahrschein- 
lich, Malte-Brun^s) und d'Avezac^^) sind anderer Ansicht. Über 
die nun folgenden Abbildungen können wir uns kurz fassen. 

Das Verfahren Murdoch's^*) ist eine Kegelprojektion gewesen, bei 
welcher sich die Meridian- und die Parallelkreise im rechten Winkel 
schnitten. Die Meridiane waren gerade Linien, da hier eine wahre 
Abwickelung der Kegelfläche stattfand. Der Flächeninhalt der ganzen 
Kegelzone war demjenigen der Kugelzone völlig gleich und die Di- 
stanzen der Karte wichen nicht sehr von denen der Kugel ab. Die 
Bedingung und der Vorteil des gleichen Flächeninhaltes darf jedoch 
nicht so verstanden werden, als erstreckte sich diese Gleichheit auf 
jede einzelne Zone der Karte. Den gleichen Flächeninhalt erhielt man 
bei Berechnung der ganzen Zone, nicht jedoch einzelner Teile der- 
selben, was Alb ers zuerst in Zach's Correspondenz nachwies ^^). Alb er s 
selbst hat auch gezeigt 2^), wie die Murdoch'sche Projektion vollkommen 
äquivalent gemacht werden könnte, wobei er die Erde als Kugel vor- 
aussetzte und Reichard zeichnete nach dieser Methode die Karte 
von Europa, welche 181 7 zu Nürnberg gedruckt wurde. 

Folgt nun die Projektion von Schmidt mit elliptischen Meridianen ^7), 

20) Memorie di Matern, e Fisica della Societä Italiana. Bd. Vllt, Modena 1799, 
S. 658. „Lorgna meritissimo fondatore di questa societä, inventö un metodo in 
cui la superficie sulla sfera e suUa carta sono perfettamenta uguali.^' 

21) Fiorini a. a. O. S. zgi. „Egli (Lorgna) non accenna al Lambert; e tutto 
porta a credere che non avesse cognizione di quanto questi (Lambert) aveva pubblicato 
suUe carte geografiche nella sua opera scritta in tedesco e cotanto rara in Italia.** 

22) Pröcis de Gt^ographie. Bd. H, XXVII, S. 126. 

23) D'Avezac a. a. O. S. 109. „Ce n'ötait 6videmment de part et d'autre (er 
begreift hier auch die Projektion von Cagnoli ein) que de simples reproductions 
des id6es de Lambert; et si les contemporains ont parl6 d*une projection de Lorgna 
ou d*une projection de Cagnoli, ce ne peut* dtre, en verit6, qu*une concession de 
pure courtoisie." 

24) Phüos. Trans. Bd. L. H. Teil S. aög. Erläutert in Mayer' s Anweisung 
S. 304 der a. Aufl. Zach, monatl. Corr. 1805. S. 97 u. 240 u. s. w. 

25) 1805. S. 108— III des I. Halbjahres. 

26) A. a. O. S. 450 des H. Halbjahres. 

27) Handbuch der Naturlehre. Giessen igoi— 1803. S. 585. 



\ 



Zur Geschichte der Arealbestimmung eines Landes. 295 

welche sich auf einen von Archimedes schon bewiesenen Satze gründet, 
dass die halbe Oberfläche einer Kugel vom Halbmesser = i, einer 
Kreisfläche vom Halbmesser = Y^ gleich ist, femer auf den Satz, dass 
sich die Fläche einer Ellipse zur Fläche des über ihrer grossen Axe 
beschriebenen Kreises so verhält, wie die kleine Axe zur grossen 
(Archim: 8. Satz im Buche der Sphäroiden). Schmidt hat nun die 
Gleichung der Parallelkreise aufgestellt wie sie gezeichnet werden 
müssten, um bei elliptischen Meridianen den Flächeninhalt der Länder 
naturgetreu wiederzugeben. Mollweid hat über diese äquivalente Ab- 
bildung 1805 eine interessante Studie veröffentlicht^®) und eine Tabelle 
berechnet, um die Karte leichter entwerfen zu können. Obwohl Moll- 
weid auf die Einfachheit der Konstruktion und auf die Vorteile der- 
selben aufmerksam machte, blieb sie anfangs unbemerkt. „Der ange- 
gebene Entwurf — sagte M.^^) — ist, wie man leicht bemerken wird, 
der orthographischen Äquatorial-Projektion ähnlich, hat aber vor der- 
selben in der Leichtigkeit der Verzeichnung sowohl als in der Dar- 
stellung der Länder nicht unbedeutende Vorzüge. Man mag ihn als 
die zu der von Lorgna gebrauchten Polar-Projektion gehörigen Äqua- 
torial-Projektion betrachten. Da übrigens die orthographische Äqua- 
torial-Projektion weit eher als die stereographische die Vorstellung von 
einer Kugel veranlasst, so möchte der obige Entwurf wegen seiner 
Ähnlichkeit mit derselben zu Planigloben, welche beim Unterricht in 
der Geographie zum Grunde gelegt werden, ganz brauchbar sein." 

„Endlich ist noch zu bemerken, dass man nach der bisher be- 
trachteten Entwerfungsart auch die ganze Kugelfläche in einen einzigen 
Entwurf bringen kann." 

Erst Babinet^^) brachte die Projektion Mollweid's so in Schwung, 
dass sie zuerst in Frankreich und dann auch in Italien ^^) ausgedehnte 
Verwendung fand. 

Die sogenannte sinusoidale Projektion, deren Erfinder Merkator 
war, und welche von Bonne so reichlich ausgebeutet wurde, wird durch 
d'Avezac dem französischen Geographen Sanson zugeschrieben. Dieser 
Sanson und dessen Söhne haben mehrere Karten in dieser Projektion 
entworfen. Wie später Flamsteed und Bonne sich auch derselben be- 
dienten, ist in unseren Blättern kurz gesagt. Es mag immerhin interessant 
sein zu erwähnen, dass auch in den letzten Jahren von verschiedenen 
Seiten geglaubt wurde, diese Projektion neu entdeckt zu haben. 

Einen eigentümlichen Vorschlag um sich der Äquivalenz zu nähern 
machte im J. 1781 Segner^^). Er schlug vor, einzelne Zonen der Erd- 

28) ZacVs monatl. Corr. August 1805. S. i^tS. 

29) A. a. O. S. 161. 

30) J. Babinet, Geographie nouvelle. Paris 1859. 

31) Fiorini a. a. O. S. 500 Note 4. 

32) Berliner astron. Jahrbuch 178 1. S. 44. Meyer 's Anweisung S. a^VI ^S"^* 



296 E. Gelcich: 

fläche dergestalt zu entwerfen, dass, wenn die Blätter schicklich in 
Cylinder oder Kegelflächen gekrümmt werden, sie zusammen einen 
Körper einschliessen, der zwar keine Kugel ist, aber doch die Gestalt 
der Erde etwas besser darstellt, als einzelne Coniglobien oder Plani- 
sphären. Landkarten nach dieser Art gezeichnet, stellen nach Segner's 
Behauptung einzelne Teile der Erde beinahe in der wahren Gestalt 
und Grösse dar, doch nur beinahe. Die heisse Zone zeichnet er 
in ein Rechteck, jede der gemässigten auf Trapeze, von deren beiden 
parallelen Seiten die längste der langen Seite des Rechteckes gleich ist, 
welches die heisse Zone vorstellt, und endlich werden die kalten Zonen 
in Kreisscheiben gezeichnet, deren Umfang so lang ist als die kurze 
Seite eines jeden der Trapeze. Die kürzeren Seiten des Rechteckes 
stellen den Bogen des Meridians zwischen beiden Wendekreisen vor und 
die schiefen Seiten der Trapezien den Bogen des Meridians zwischen 
dem Wendekreis und dem Polarkreis. Die heisse Zone lässt sich solcher- 
gestalt in eine Cylinderfläche krümmen, die gemässigten in abgekürzte 
Kegelflächen und die kalten Zonen schliessen den ganzen Körper als 
Kreisscheiben ein. Ein gewisser Prof. Funk lieferte solche Körper, die 
auch die Funk'schen Erdkörper genannt wurden und sich seinerzeit 
grossen Beifalls erfreuten ^^). 

Wir denken, dass diese gedrängte Übersicht der historischen 
Entwickelung der äquivalenten Projektion unseren Zwecken genügt. 
Resümierend sehen wir also, dass schon seit Stäben, Werner und 
Merkator die Geographen Mittel und Methoden besassen, um äquiva- 
lente Bilder der Länder zu entwerfen, dass Lambert der erste gewesen 
ist, der eine eingehende mathematische Untersuchung dieser Projektions- 
art lieferte, und dass dieselbe später immer mehr und mehr an Boden 
und Wichtigkeit gewann. Die früher citierte Bemerkung Zach's lässt 
uns gleichzeitig erkennen, dass ungeachtet der schon zu seiner Zeit 
verbreiteten geographisch-mathematischen und chorographischen Kennt- 
nisse, nicht Alle darauf bedacht waren, den Flächeninhalt eines Landes 
nach einem richtigen Bilde zu berechnen, sondern dass gar oft eine 
beliebige Karte zu diesem Zwecke gewählt wurde. Und nun gehen wir 
zur eigentlichen Flächenberechnung über. 

Der Flächeninhalt eines Landes kann sich auf zweierlei Art ergeben. 
Entweder erhält man ihn aus der Summe der kleineren Berechnungen, 
welche in den einzelnen Bezirken, sagen wir, ausgeführt werden, mit 
anderen Worten, man bildet den Gesamtflächeninhalt aus den Kataster- 
Angaben, oder es kann eine ganze Provinz in äquivalenter Abbildung 
der mathematischen Behandlung unterzogen werden. Wir werden beide 
Methoden, sofern unsere Kräfte dazu ausreichen, in ihrer geschieht- 



i 



33) Beschreibung und Gebrauch des Funkischen Erdkörpers. Berlin und 
Leipzig J^SS* 



Zur GescWchte der ArealbesÜmmung eines Landes. 297 

liehen Entwickelung verfolgen, was den zweiten Teil unseres Elaborates 
bilden wird. 

IL 

Mit dem Übergang zur eigentlichen Arealbestimmung betreten wir 
ein Feld, welches teilweise in der Geschichte der Mathemathik Auf- 
nahme fand, weshalb wir bei der Wahl des zu besprechenden Stoffes vor- 
sichtig zu Werke gehen müssen, um wenigstens das schon zu Bekannte 
nicht in die Länge zu ziehen. Anderseits soll unser Bestreben darauf 
gerichtet sein, so vollständig als möglich zu werden, und das gedenken 
wir in folgender Art zu erreichen. 

Wir halten gegenwärtig dafür, dass es sich bei der Arealbestimmung 
eines Landes nur immer um die Flächenberechnung von geometrischen 
Gebilden handelt, deren Grenzen weder gerade Linien noch Kurven 
von bekannten Eigenschaften sind, dass somit die übrigens schon viel- 
fach dargestellte geschichtliche Entwickelung der Rektifikationsglei- 
chungen hier zum mindesten überflüssig wäre. Wir können daher 
unsere Aufmerksamkeit erst jenem Zeitpunkte widmen, in welchem 
man begann, auch die hier gemeinten unregelmässigen Figuren der 
mathematischen Analysis zu unterziehen. Und weil dies ziemlich spät 
geschah, während es Agrimensoren schon in uralten Zeiten gab, so 
werden wir vorerst einen flüchtigen Blick auf das Altertum werfen. 

Vielfach bekannt ist die Teilung des Landes, welche König Se so s tri s 
(Ramses 11, 1407 — 1341 v. Chr.) unter seine Unterthanen vornehmen 
lies und welche laut Herodot den Zweck hatte, eine regelmässige 
Steuererhebung von den einzelnen Grundbesitzern zu erwirken. Ursprüng- 
lich erhielt ein jeder einen regelmässigen Acker zugestellt, wenn aber der 
Nil davon etwas wegriss, so mussten die Aufseher den Schaden aus- 
messen, damit der Inhaber von dem übrigen nach Verhältnis der auf- 
erlegten Abgaben steuere. Fiel die Ausmessung der regelmässigen 
Äcker bei der Teilung leicht aus, so complicierte sich die Aufgabe, 
wenn es sich um die Ermittelung des weggeschwemmten Landes handelte, 
denn es trat dann der von uns betrachtete Fall ein. Man kann mit 
Wahrscheinlichkeit annehmen, dass hier eine Zerlegung durch Hülfslinien 
vorgenommen wurde. Näheres wissen wir aber aus jener Zeit nicht. 

Das Britische Museum bewahrt eine Papjnrusrolle, aus der Nach- 
lassenschaft des Engländers A. Henry Rhind, worin Anweisungen 
über Feldmessung enthalten sind. Das Dokument ergab sich als die 
Abschrift eines viel älteren Werkes^) und stammt jedenfalls aus dem 
achtzehnten Jahrhundert vor Chr. Geb. Die darin gelösten Aufgaben 
beziehen sich auf regelmässige Figuren. Einige derselben sind aber 

^) Cantor, Vorles. über die Gesch. der Mathem. Bd. I, S. 46. Lepsius, 
Ägyptische Zeitschrift. 1871. S. 63. Eisenlohr, Ein math. Handbuch der alten 
Agyptier. Leipzig 1877. Weyr, Über die Geometrie der alten Ägypter. Wien 
1884* S. 18. 



298 ^- Gelcich: 

unerklärlich geblieben und gerade solche, bei welchen Zerlegungen der 
Figuren vorkommen ^^). Der Verfasser des Papyrus nannte sich Ahm es. 

Auf dem Tempel des Horus zu Edfu in Oberägypten ^^) wurde 
eine Inschrift entdeckt, welche auf acht Feldern und in hundertvierund- 
sechzig Kolumnen eine Schenkungsurkunde des Königs Ptolemäus XI. 
Alexander I. (Philometor) enthält. Aus den sich aneinander anschliessen- 
den Massen der Edfu-Inschrift ist es möglich gewesen, eine sehr wahr- 
scheinliche Zeichnung der dort beschriebenen Ländereien anzufertigen^^) 
und Mutmassungen über den Grad der erreichten Genauigkeit auf- 
zustellen. „In der Häufung jener Hilfslinien, in der Zerlegung des 
zu messenden Feldes in immer zahlreichere, immer kleinere 
Teile lag die Verbesserung, welche ein Festhalten der Regeln der 
Urahnen gestattete und diese Verbesserung war selbst keine Neuerung, 
sie hatte ihr Vorbild schon in dem Werke des Ahmes^®).** 

Im alten Hellas war man, was Flächenberechnung anbelangt, 
ziemlich zurück. Thukydides dachte sich z. B. das Areal einer Insel 
aus der Zeit bestimmen zu können, welche ein Schiflf verwendet, um 
sie zu umfahren. Wie sich die Geodesie später bei den Griechen ent- 
wickelte, ist schwer zu sagen ^^). Die Geometrie des Heron von 
Alexandrien giebt Anweisungen sur Messung von Figuren ganz nach 
ägyptischem Muster, ja Manches liest sich geradezu wie eine Über- 
setzung ähnlicher Dinge aus dem „Rechenbuch des Ahmes"^). 

Ganz in die Fusstapfen Herons traten die römischen Agrimensoren, 
so dass das Verweilen bei denselben uns nicht weiter bringen würde. 

Wenn wir erwähnen, dass in der Geometrie Gerbert's die Fläche 
eines gleichschenkliges Dreiecks durch Multiplikation des Schenkels mit 
der halben Basis berechnet wird, so glauben wir damit ein charakte- 
ristisches Bild der Arealbestimmung aus den Zeiten des mathematischen 
Papstes Silvester IL (looo J. n. Chr.) gegeben zu haben. Wir besitzen 
ein Lehrbuch der Vermessungs- und Arealbestimmungskunde, dessen 
Titel vielversprechend ist und ein halbes Jahrtausend später von dem 
Florentiner Cosimo Bartoli geschrieben wurde*^). Allein auch letzteres 
beschränkt sich auf Figuren, welche geradlinig oder höchstens durch 
Kreisbogen begrenzt werden. 






'ö) Siehe Näheres in Cantor a. a. O. S. 331. 

36) Lepsius, Über eine hierogl3rph. Inschrift am Tempel von Edfu. (Abh. der 
Beriiner Akademie 1855. S. 69 flf.) 

37) R. Lepsius a. a. O. Tafel VI. 

38) Cantor a. a. O. S. 60. 

39) A. a. O. S. 321. 

40) A. a. O. S. 330. 

41) Del modo di misurare le distantie, le superficie, i corpi, le plante, le pro- 
cie, le prospettive, & tutte le altre cose terrene, che possono occorrere agli 

i. In Venetia. 1564. 



Zur Geschichte der Arealbestimmung eines Landes. 



299 



So können wir also beruhigt einen grossen Sprung bis zum vorigen 
Jahrhundert machen, in welchem man überhaupt erst begann, dieser 
Frage eine erhöhte Aufmerksamkeit zu schenken, und wo sich schon 
die Methoden äquidistanter Ordinaten einbürgerten. Wir sind 
nicht in der Lage zu sagen, wer dieselben in Vorschlag brachte, jeden- 
falls waren sie aber in der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts 
nicht nur in Anwendung, sondern man hatte auch die zwischen zwei 
Äquidistanten gezogenen Sehnen durch Tangenten ersetzt. Ursprüng- 
lich ersetzte man nämlich die krummen Seiten der durch die Ordinaten 
gebildeten Trapeze durch gerade Linien, welche die Endpunkte der Ordi- 
naten verbanden. Später wurde in jedem Trapez eine mittlere Ordinate 
errichtet, und in dem Punkte, wo sie die Kurve begegnete, eine Tangente 
angelegt. 

Sind in ersterem Falle yo, Vi, Vi • - Vn die Koordinaten, h ihre ge- 
meinschaftliche Entfernung, so hat man für das Areal F\ 



p^}^ [yo_±jj^_^yj_±_y^ ^ yn-i+yn 



woraus folgt: 




{Vo-^yn) 



Bei der Tangentenmethode hat man dagegen, wenn tjo, yi - > * yn die 
mittleren Ordinaten, h abermals ihre Entfernung bedeutet: 

^=yo h-hy^h-h ynh. 

F=h . 2"^. 

Im Jahre 1783 schlug Simpson vor*^), den Bogen zwischen drei 
benachbarten Ordinaten durch Parabelbögen vom zweiten Grade zu 
ersetzen und gelangte zu einer 
Formel, welche heutigen Tages 
noch sehr beliebt ist und be- 
sonders im Schiffbau grosse An- 
wendung findet. 

Es sei AEFK eine von der pa- 
rabolischen Linie AE begränzte 
Fläche, yo> ^i, ... seine äquidi- 
stante Ordinaten. Der Flächen- 
inhalt; ^^i^Ä'setzt sich zusammen 
aus ACHK und CHFE, der Flä- 
cheninhalt von ^CÄS" wieder aus 
dem Trapez ACHK mehr dem 
Segment ABC, Für das parabo- 




^^) Mathemat. dissertations on physical and analytical subjects. LondoiL ^l&t'^. 



300 



E. Gelcich: 



lische Segment ABC ist, wenn man Bh, senkrecht auf AC zieht: 

ABC^ — AC.BK 
3 
Wegen A^CÄ od A B^hL, ist: 

ACy.Bh=^ABy.BL 



und^(7x^Ä 



= 2Ä \%f^ 



yo + 



— ) = 




= h {lyT, -- Ho — y^) und somit: 

= y (3^0 4- 3^3 -f 4yx - 2yo - 2y^) = 

h 
ACHK= — (yo + 4^1 + y^)l 

ö 

ebenso würde man erhalten: 

CEFH = y (y^ + 4^3 + 3^4) 

und somit durch Addition von ACHK und CEFH: 

h 
AEFK= — (yo -I- 4yx 4- y« 4- 2^3 -h 3^4) 

oder allgemein: 

^^ = Y [yo ■+- yan + 2(^2 4- ^4 4- ^6 4- . . . . ^(211-2)) 4" 

4- 4(yx 4- ^3 4- yan-i)] 

Auch Lambert hat diese Frage in das Gebiet seiner mathema- 
tischen Untersuchungen hineingezogen und sehr eingehend behandelt ^^). 
Er fasst die Sache anfangs von einem sehr glücklichen Standpunkt an, 
indem er sagt, die Gleichung der irregulären Grenzlinie wird im all- 
gemeinen sein: 

wo die Exponenten ganze und gebrochene Zahlen oder auch Null 
und ebenso die Koeffizienten beliebig gestaltet sein können. Bei einer 
solchen Voraussetzung ist die Behandlung der Aufgabe sehr erleichtert, 
ohne dass der Allgemeinheit Schaden zugefügt werde. 

Q jiLf Ist z. B, QAmM das zu berech- 

nende Flächensegment, so kann man 
sich entweder des eingeschriebenen 
Sehnenvielecks C^AnM oder des ein- 
geschriebenen Tangentenvielecks 
QATM bedienen. Lambert be- 
rechnet zunächst das Stück AmMP 
nach der Integralrechnung, indem 
er zwischen y und a; die früher ge- 
fasste Beziehung bestehen lässt. In- 

^) Beiträge etc. S. 250 £f., insbesondere aber von S. 274 an. Bd. I. 




Zur Geschichte der Arealbestimmung eines Landes. 



301 



dem er dann % der Fläche ÄMP nimmt und davon den Betrag AmMP 
abzieht, bekommt er 

2 12 

— A AMP — AmMP = — hx^ ^ — crs + . . . . 
3 12 ^ 15 ^ 

und sagt, dass wenn der rechte Teil der Gleichung Null ist, man dann 

den Raum AmMP als % von dem Räume des Dreiecks AMP ansehen 

2 
kann, und ebenso wird dann AmMQ = — APMQ. Denn es ist AmMA 

= AMP — AmMP = - AMP = -^- AQMP, und folgüch ArnMQ = 

I ^ H 1 APQM= — APMQ. Hier ist aber vorausgesetzt, dass der Bogen 

AmM ein Stück einer Parabel ist. 

Um den Flächeninhalt des gegebenen Segmentes mit Hilfe des 
eingeschriebenen Vielecks zu berechnen, bestimmt er die Tangente AT 
aus der früheren Gleichung y=zf{a;)^ dann das A AMT und findet 
ähnlich wie früher AmMA = ^^ des Dreiecks AMT. Um schliesslich das 

Segment AmMA mit beiden Dreiecken zu vergleichen, hat man — AMP 

4 

mit -7- AMT zu addieren. Immer bleibt die Voraussetzung aufrecht 

erhalten, dass AmM von der Krümmung des osculirenden parabolischen 
Bogens nicht abweicht. Findet dies aber statt, so ist bei der ersten 
Methode der Fehler 



im zweiten Falle 
iß) 



12 ^15 ^6 ^ 



— bx^ 4- — cxs -f- — dx^ + . 



30 



12 
b^ bc 
24a 6a 
bz 



H- 



im dritten Falle: 

In den folgenden Para- 
graphen stellt er Gleichun- 
gen auf, um die Flächen- 
berechnung in allgemeiner 
Art auszuführen. Ist AM 
ein Stück einer beliebigen 
krummen Linie, AP eine 
Tangente und es sei AMN 
zu quadrieren. Indem Lam- 
bert den Berührungspunkt^ 



4ai 



bz 



24a 



i6a* 




302 E. Gelcich: 

als Anfangspunkt des Koordinatensystems wählt, macht er die Abstände 
ÄTt, Ttp , . . einander gleich. Setzt man nun: 

AtI = cV Tlfi = y' ÄTlflV = R' AflV =aS' 

Ap=2x pm=y" Apmn =i2" Amn =jS" 
AP =30!. PM=y"' APMN=R"' AMN=S"' 

und behält man nur die Beziehung: 

T/j = ax^ + hx3 + CXA + . . . 

so ergeben sich Ausdrücke für R', R'\ R'" . . . S\ S'\ S'" und 
schliesslich für AMPN. Die Gleichungen fallen ziemlich compliciert aus, 
Lambert erleichtert ihre Berechnung durch Anfertigung von Tabellen. 
Wir befürchten aber, unsere Leser durch so viel mathematische Ent- 
wickelungen zu ermüden und können uns selbst die Arbeit im Be- 
wustsein ersparen, dass schliesslich auch Lambert's Gleichungen keine 
praktische Anwendung fanden und dass anderseits seine „Beiträge" 
immer und Jedem zur Hand sind. Nur sei ganz kurz bemerkt, 
dass er die Flächenberechnung auch in letzterem Falle mit den früher 
entwickelten Methoden in Zusammenhang bringt, mit dem Unterschied 
jedoch, dass er die Diflferenzen, welche sub (a), (^) und (7) angegeben 
würden, bis zu einem gewissen Grad berücksichtigt. 

Gewissermassen schmiegen sich an die Lambert'schen Betrachtungen 
über das Verhältnis der zu berechnenden Fläche zum ein- und zum 
umschriebenen Vieleck der Vortrag Poncelet's*^), welcher darauf 
hinwies, dass der Flächeninhalt im allgemeinen zu gross oder zu 
klein ausfallt, je nachdem man bei der Ersetzung der von den äquidi- 
stanten Ordinaten gebildeten gemischtlinigen Trapeze statt der Bögen 
deren Tangenten oder deren Sehnen annimmt, dass somit das arith- 
metische Mittel aus den nach diesen zwei Arten berechneten Flächen- 
räumen den Inhalt der Fläche genauer als jede dieser Methoden für 
sich angiebt. 

Sind yo, yi, y« . . . yan die laufenden Ordinaten, h ihr Abstand, so 
hat man nach der Methode der Sehnen: 

(yo _|_ y^^ \ 

^- ^— + y, -+- y» -h ys -h. . .y (.„-x)l h 

nach der Methode der Tangenten: 

F^ (y, -h y3 H- yj -h y^ -f. .-. . y (an-i)) 2 Ä. 

daraus ergiebt sich nach einander: 

y° + y* n 

Sehnen) F= — ^ ä+ (yi + ys -i- ys + . . . y{^ n-i) ^4- 

y» + y4 +y6 + • • • y an-aj ^ 

Tangent.) F={yz -{-y^ + y^-\ yan-x ) 2 ä 




*4) Beiträge zur Geschichte der Planimeter von Dr. A. Favaro. In der Bau- 
-Zeitung von Förster. XXXVIII Jahrgang. Wien 1873. S. 71. 



Zur Geschichte der Arealbestimmung eines Landes. 303 

Nennen wir der Kürze halber die Summe der ungeraden Ordi- 
naten mit ^i yu» so hat man nach Summierung dieser Ausdrücke: 

2F j- h+Hy^ h -h^Un 2 Ä + (yi + ^4 + . . . y^n-^) h 

Man kann aber setzen: 

und daher: 

J/t + ^an — I , , , , 

y» + ^4 -H ^6 H y'2n-a H" = >" ^3 + 5^5 + 2^7 + • • • ^211-3 = 

y, + y(2n-x) , ^ ,, • V, y» + y(2n-x) 

^- + ^yu — y« ~ y(2n-x) = ^yu 

Setzt man diesen Ausdruck in die Gleichung für 2 F ein, so erhält 
man: 

y* + y(«n-i) 



2i^=Ä^^^^" + -Tyu Ä + ^yu 2 A4- Ä (^-^u - 



und endlich: 



j,^J^-^±^'-^-^2^y.-.^'^^^--^ 



4 4 

Puissant*^) empfiehlt für die Flächenberechnung die nachfolgende 

Methode von Legendre^^). Es sei y=F(jF) die allgemeine Gleichung 

der *Grenzkurve, y^ yi . . . seien die Ordinalen. Den Abstand von yo 

bis yan nennen wir ä?, den Abstand zwischen je zwei Ordinalen «, also 

a? = na. Allgemein wird man haben: 

y = F{6), y,=F J-1 ^ j, y, = F(a), ^3 =i^(^ a j . . . y,„ = i^ (^) 

Führt man durch die Begegnungspunkte der ungeraden Ordinaten 
yi, ^3 . . . parallele Geraden zur .z? Achse, so dass dieselben von den 
Ordinaten yi^a — ^2^4. . . begrenzt werden, so hat man als erste 
Näherung für das Areal A der Fläche: 

^=«Wt«Mt«) + --+^("-t«)] 

Bezeichnet man die Summe der Glieder auf der rechten Seite kurz 
mit J!F j-^ ■+ — aj, mit y die Korrektion, welche an diesem Ausdrucke 

angebracht werden müsste, um einen genaueren Wert von Ä zu er- 
halten, so hätte man: 



Ä = ai:FU-{' — a j +y 



*5) Trait6 de Topographie igao. Paris. S. 160. 
*ö) Exercices de Calcul integral. S. 317. 



304 



£. Gelcicli: 



Lässt man a: um einen Betrag a zunehmen, so nehmen A und y 
entsprechend um A-4 und A7 zu, und es ergiebt sich: 



woraus 



Ay = A^— «W^ + Y«). 



Den rechten Teil der Gleichung behandelt er nach der Taylor- 
schen Reihe und erhält: 

«2 dFijc) 



7 = 



-f- . . . + Int. Cost. 



24 dx 

Wählt man a genügend klein, was in der Praxis immer zulässig 
ist, so verschwinden die Glieder mit höheren Potenzen von a. Die 
Integrationskonstante ergiebt sich durch die Bedingung u4.=o für a?=o 
und endlich: 

_^a^(dF(a;) dF<>{xy 



A 



\2 / 2/^\ dx 



da;' 



tg 



/^.. dFix) dy 
Für gewisse Fälle wäre die Formel unbrauchbar. ( ^ ur — - — == — — = 

= 00 j. 

Cousinery*^) endlich wählt ein neues Vorgehen. Ist AB CD die 
zu berechnende Fläche, so legt er drei Ordinaten an und denkt sich 

das Viereck AB CD in drei Teile 
AmnD -{- monp -\- oBCp geteilt. Ist 
CD = 2 h, so ergiebt sich als Basis 

eines jeden Vierecks — ^« Die 

Höhen nimmt er wie folgt an: 

Mittlere Höhe von Amnd= — 




t> 



?i 



9t 



9» 



» 



tt 



monp =^ 7/1 



Und es ist dann: 



F = 



yo + yi 2h 



4- 



yi2h Vr^y 2 h 

j 



F 



2 Ä /yo + y* . yi 



=t( 






F=z2h 



(yo-i-ya) + 4y« 




oder weil yo 4- y» = 2 yi ± 2/ ist: • 

^7) B. E. Cous,inery, Le calcul par le trait, ses ^Uments et ses applications 
m^sure des lignes, des surfaces etc. . • • Paris 1840. 



Zur Geschichte der Arealbestimmung eines Landes. 305 

O 

Es folgen nun die Kommentatoren, welche sich bemühten, das 
eine oder dzis andere Verfahren einer grösseren Vollkommenheit zuzu- 
führen. 

Zunächst bemerkte Catalan*®), dass man nach dem Verfahren 
Simpson^s keine stetig gekrümmte, sondern eine eckige Kurve berechnet, 
weil je zwei auf einander folgende Parabelbögen verschiedenen Parabeln 
angehören, die in dem gemeinsamen Punkte keine gemeinsame Tangente 
haben. Er schlägt daher vor, das Simpson'sche Verfahren wie folgt 
zu modificieren. Zwischen den i., 2. und 3. Ordinaten wird wie früher 
der Parabelbogen angelegt gedacht, für die Flächenberechnung jedoch 
nur der zwischen der i. und 2. Ordinate liegende Teil benutzt, dann 
legt er durch die Endpunkte der 2., 3. und 4. Ordinate den Parabel- 
bogen und behält den Teil zwischen der 2. und der 3. Ordinate bei, 
u. s. w. Schliesslich geht er in umgekehrter Ordnung von der letzten 
Ordinate gegen die erste vor und nimmt dann das arithmetische Mittel 
aus beiden Berechnungen. Parmentier^^) modificierte die Formel 
Poncelet's, indem er 

setzte. Endlich hat Breymann^^) das allgemeine Lambert'sche Ver- 
fahren vorgezogen, indem er die Gleichung der Grenzkurve mit 
y = a-{'ba! + cx^-hda!^-\-,,, annahm. Für den Flächenraum 
zwischen vier Ordinaten bestimmt er die Gleichung: 

F^Yy"" + 3 yi + 3 y» + ysj- 

Was nun den Genauigkeitsgrad dieser verschiedenen Methoden 
anbelangt, so scheint die Simpson 'sehe Formel die beste und prak- 
tischste zu sein. Wir lesen in der früher angeführten Abhandlung 
Favaro's^^), dass, wenn man Flächenräume, deren Inhalt durch streng 
geometrische Methoden eruiert werden kann, mit der Catalani'schen und 
mit der Formel von Simpson berechnet, sich die Praxis zu Gunsten 
des letzteren ausspricht. 

Indessen kann man von keiner dieser Formeln grosse Schärfe ver- 
langen, weil, abgesehen auch von dem Grad der Genauigkeit, welcher 



*8) Nouvelles annales de Math^m., rddig^ par M. M. Terquem et Gerono. 
Bd. X. 1851. 

*9) Kennen wir nur durch die früher angeführte Abhandlung von Favaro. 
^) Anleitung zur Holzmefskunde. Wien i86g. 
^1) Bauzeitung a. a. O. S. 71. 



306 E. Gelcich: 

ihrer Ableitung zu Grunde liegt, schon die Konstruktion der Ordinaten 
und ihre Ausmessung eine derartige Sorgfalt erheischen, die kaum in 
minutiöser Art verwendet werden kann. Bei der Messung dürften sich 
Fehler auf Fehler häufen und die Verlässlichkeit des Resultates ist frag- 
lich gestellt. Um die grösstmögliche Genauigkeit zu erreichen, pflegt 
man bei Kataster -Aufnahmen von dem Grundsatze auszugehen, vom 
Grossen ins Kleine zu arbeiten. Man berechnet nämlich die ganze 
Aufnahme als eine einzige Figur, und dann nimmt man auch die Be- 
rechnung von Parzellen für sich vor. Die Summe der Flächen der 
einzelnen Parzellen soll dann der gefundenen Gesamtfläche gleich- 
kommen. Bei dem österreichischen Kataster werden die Parzellen von 
zwei Geometern unabhängig von einander berechnet und eine Aus- 
gleichung der beiderseitigen Resultate dann gestattet, wenn 



A < 4, 26 J^IL 




ist, wobei A ^i® Differenz, n die Anzahl der Parzellen, / die Fläche 
in Jochen bedeutet ^^). 

Immerhin hat man, wenn nichts anderes, so doch wenigstens die 
Mühe der langwierigen Rechnungen abzukürzen getrachtet. Zuerst 
bürgerte sich der Gebrauch sogenannter Planimetertafeln oder 
Schätzquadrate ein. Es bestanden dieselben aus einer durchsichtigen 
Platte von Hom oder Glas, worauf ein feines Quadratnetz von be- 
kannter Seitenlänge graviert war. Damit überdeckte man die auszu- 
messende Figur und erhielt das gewünschte Areal als Produkt der 
Anzahl der die Figur überdeckenden Quadrate in den bekannten 
Flächeninhalt eines derselben. Bei den Grenzen trachtete man sich 
mit dem Augenmass zu helfen. Später entwickelten sich die Planimeter 
von Oldendorp und Westfeld; nach ersterem wurde die Figur in 
parallele Streifen, nach letzterem in konzentrische Ringe geteilt. 

Was unser Jahrhundert auf dem Gebiete der mechanischen Plani- 
metrie geleistet hat, ist wirklich grossartig; doch scheint uns der 
Augenblick noch nicht gekommen zu sein, um die Geschichte der ein- 
schlägigen Instrumente zu schreiben, indem heutigen Tages noch fort 
und fort neue Verbesserungen veröffentlicht werden. Mechaniker und 
Mathematiker arbeiten mit emsigen Eifer, teils um die Apparate zu ver- 
einfachen, teils um die grösstmögliche Genauigkeit zu erreichen. Nur 
über die erste Erfindung eines wirklichen mechanischen Planimeters 
(als vollständige Integriermaschine) sei erwähnt, dass man bis vor wenigen 
Jahren glaubte, der schweizerische Ingenieur Oppikofer (1827) habe 
die erste Idee dazu gegeben, welche von dem deutschen Mechaniker 
Ernst in Paris zuerst ausgebeutet wurde. Zwar berichtete man, dass 
der bayerische Trigonometer J. M. Hermann noch früher und zwar im 



ö2j Katastral-Instruktion S. 319. 



Zur Geschichte der Arealbestimmung eines Landes. 307 

Jahre 1814 ein Mittel angab, um die Flächen durch blosses Umfahren 
zu bestimmen, allein seine Erfindung wurde gänzlich vergessen und 
von Oppikofer neu gemacht^^). 

Favaro^^) hat in einer ausführlichen Abhandlung eingehend und 
dokumentarisch gezeigt, Wie dem Oppikofer der italienische Professor 
Tito Gonnellain der Reihe der Erfinder voranzusetzen sei, welcher 
seine Maschine vor 1824 erfand und 1825 öffentlich bekannt machte ^^). 

IIL 

Von dem Augenblick an, als man in der Lage war, äquivalente 
Bilder der Erdteile zu entwerfen, konnte an selbe eine oder die andere 
der vorangeführten Methoden angewendet werden, um das Areal zu 
ermitteln. Das dies nicht allgemein geschah, darüber belehrte uns 
früher Zach und auch Puissant^^); obwohl er von äquivalenten Projektions- 
methoden spricht und insbesondere von der Bonne'schen und von 
jener von Lorgna, so giebt er doch an, wie man das fragliche Problem 
auf der Projektion von Cassini lösen konnte. Desgleichen leitet 
Fiorini^^) das Verhältnis eines Kugelvierecks zu seiner polikonischen 
Ortogonalprojektion ab, welche im Topographical Departement 
of the War Office for Maps in London Verwendung findet^^). Bei 
letzterem handelt es sich lediglich nur um ein analytisches Interesse. 

Trotz der Formel Simpson's scheint man aber auf das Verfahren 
mit Ordinaten zu Ende des vergangenen Jahrhunderts (Simpson lieferte 
seine Formel 1743) und zu Beginn des gegenwärtigen nicht sehr ver- 
wendet zu haben, sonst wüssten wir nicht, warum Ebeling im Jahre 
1805 schrieb: „Die Berechnung des Flächeninhaltes nach Triangeln ist 
mühsam, besonders bei eingezackten Grenzen und Küsten mit vielen 
Inseln. Ich habe die Oeder'sche Methode versucht und was sich 
mit Triangeln und Quadrate messen Hess, darnach gemessen, das 
übrige auf den Grenzen aber in sehr dünnem Papier ausgeschnitten 
und auf unserer Münzwage gewogen. Mein Gewicht waren Quadrat- 
meilen von eben dem Papier. Ich wiederholte das Wägen, fand aber 
immer einige nicht grosse Unterschiede"^^). Zunächst was diese 



ö3) J. Amsler, Über die mechanische Bestimmung des Flächeninhaltes. Schaff- 
hausen 1856. S. 4. 

•^) Bauzeitung a. a. O. S. 93 ff. 

55) Teoria e descrizione d'una macchina coUa quäle si quadrano le superficie 
plane. (Planimetro Gonnella.) Dali' Antologia aprile, maggio, giugno dell* anno 
1825. Tomo 18. AI Gabinetto scientifico e letterario di G. B. Vieussieux direttore 
ed editore. Tipografia di Luigi Pezzatti. Firenze 18Z5. 

56) Topographie 157. 

57) Porjejezioni delle carte geogr. 565. 

58) Journal of the Royal geographical Society. London i86a 

59) Über portugiesische und amerikanische Landkarten und eiue \Mei\Ä "^^^ 
Zcitschr. d. GescUsch. f. Erdk. Bd. XXI. <i\ 



308 E- Grelcich: 

Oeder'sche Methode anbelangt, ist es uns nicht geglückt herauszufinden, 
welches Bewandtnis Oeder mit der Methode hat. Die Zerlegung nach 
Triangeln und Quadrate ist offenbar älter als Oeder. Vielleicht 
stammt das Abwägen von Oeder her? 

Unzufrieden mit dem früher angegebenen Verfahren schlug also 
Ebeling die Anwendung des Netzplanimeters in einer Weise vor, welche 
vermuten lässt, er sei der Erfinder derselben. Um also eine grössere 
Genauigkeit und ein einheitliches Vorgehen zu erzielen, wäre es besser 
meint er, die zu messende Karte nach ihrem Netze in Quadratminuten 
zu teilen, den Flächeninhalt jeder Quadratminute nach der Mittelparallele, 
die durch sie geht zu berechnen. Für die Grenzen benützt er ein 
durchsichtiges Papier, auf welchem etwa sechs Quadratminuten über 
und neben einander in Viertelteile nach dem Netze der Karte einge- 
teilt sind. Hier braucht man nur aufzuzählen, was noch nicht nach 
Quadratminuten gezählt war, und selbst das Augenmass ist hinlänglich 

— sagt er wörtlich — um zu beurteilen, ob -^ oder —r der Quadrat- 
minute auf der Grenze anzunehmen ist. 

Anweisungen, wie man aus dem Verhältnis der Gewichte ausge- 
schnittener Figuren von Papier auf das Verhältnis ihrer Flächenmasse 
schliessen soll, findet man in älteren Werken als Kunststücke gelehrt, und 
Tob. Mayer erwähnt dieser Methode im III. Teile seines gründlichen 
und ausführlichen Unterrichtes zur praktischen Geometrie ^^). In der 
zweiten Auflage setzt Mayer hinzu: „Eine Regel für Stümper im Feld- 
messen", in der vierten Auflage ist diese Bemerkung ausgelassen. Zach 
meinte, das Wägen solle dort sparsam zur Hilfe kommen, wo auf geo- 
metrischem Wege keine grössere Genauigkeit erzielt werden kann. Er 
schlug vor, der abzumessenden Figur ein grosses Poligon ein oder um- 
zuschreiben und das Areal desselben zu berechnen. Sodann die Grenz- 
stücke abzuschneiden und alle diese Abschnitte zusammengenommen 
abzuwägen. Ihr Flächeninhalt ergäbe sich dann aus der Proportion: 
Fl. Poligon : Fl. der Abschnitte = Gewicht Poligon : Gew. Abschn. 

Dieses Verfahren, sagt Zach®^), ist genauer, als würde man das 
Land in viele Figuren teilen, weil nach seiner Methode das Gewicht 
der Abschnitte grösser und somit der Fehler kleiner ausfällt. Zach 
machte auch Versuche über die am besten dazu geeignete Papiersorte 
und kam zum Resultate, das englische Velinpapier, welches im Wasser- 
zeichen die Marke W. El gar 1794 trug, sei dem zu. diesem Geschäfte 
gerade anempfohlenen Realpapier vorzuziehen. 




rechnungsmethode des Flächeninhaltes der Länder von Prof. Ebeling. Zach, 
Monatl. Corr. Bd. I, 158 ff. 

60) S. 187 der a. Aufl., S. 19z der 4. Aufl. 

6iJ Monatl. Corr. I. S. 169. 




Zur Geschichte der Arealbestimmung eines Landes. 3Q9 

An anderer Stelle ^2) lehrt Mayer, wie man das Areal durch Ein« 
teilung des Landes zuerst in Zonen, dann in Quadratgrade berechnen 
kann. Die Berechnung der Quadratgrade geschieht nach den gewöhn- 
lichen stereometrischen Formeln und an den Grenzen will er sich ent- 
weder des Augenmasses zur Schätzung bedienen, oder wo grössere 
Schärfe verlangt wird, ratet er folgendes Verfahren an. 

Es sei ab c d ein Quadrat- 
grad an der Grenze und der 
berechnete Flächeninhalt des- 
selben = F, mno sei die Grenz- 
kurve. Man betrachte ab de als 
ein gradlieniges Trapez und be- 
rechne dessen Flächeninhalt F^ 
nach der geometrischen Formel 

.h. Sodann berechne man das Areal ab onmc a durch Zer- 

2 

legung in Trapezen, indem man ab cm ebenfalls als gerade und pa- 
rallele Linien ansieht. Letzterer Inhalt sei j. Man bilde den Quotienten 
J: F^ und drücke denselben in Dezimalteile. Es sei z. B. /: Fx = n. 
Das Produkt w F giebt dann den Flächeninhalt des Teiles ab onmc 
auf der Kugel. 

Mayer hat auf diese Art den Flächeninhalt von Deutschland nach 
seines Vaters kritischer Karte berechnet, und dafür 10884 gf^ogr. 
Quadratmeilen gefunden. 

Es handelt sich also noch darum, einige Worte über die Bestim- 
mung des Flächeninhaltes einer Zone oder eines Teiles derselben zu 
sagen, und dann haben wir hier alles dasjenige über die Arealbestim- 
mung der Länder wiedergegeben, was uns bekannt wurde. 

Schon längst hatten die Geometer die landläufigen Formeln zur 
Hand, um den Flächeninhalt einer Kugelzone zu berechnen. Um rascher 
und leichter zum Ziel zu gelangen, gab es auch im vergangenen Jahr- 
hundert Tafeln, welchen man den Flächeninhalt aller Zonen vom Äquator 
bis zum Pol, von Breitengrad zu Breitengrad berechnet und in Quadrat- 
meilen ausgedrückt, entnehmen konnte ^3). In dem Masse als die Astro- 
nomen über genauere Mittel verfügten, um die Gradmessungen auszu- 
führen, in dem Masse also, als die Messungen andere Werte des 
Erdhalbmessers ergaben, mussten die Tabellen umgerechnet, beziehungs- 
weise berichtigt werden. Die ältesten solcher Tafeln waren für die 
Voraussetzung einer kugelförmigen Erde entworfen. Im Jahre 1790 



62) Anweisung zur Verzeichnung der Land-, See- und Himmelskarten. S. 189 ff. 

« 

der z. Auflage. 
^ 63) Bodens, Anleitung zur allg. Kenntnis der Erdkugel. S, a6o. — Berl. 
Astron. Jahrb. 1784. S. 177. Mayer, Anweisung etc. S. zog. 



310 E. Gelcich: 

veröffentlichte Klügel aus Halle im „Berliner Astronomischen Jahr- 
buche" die Formeln für die Berechnung der Zonen zwischen dem 
Äquator und einem Parallelkreise unter der Voraussetzung eines abge- 
platteten elliptischen Sphäroides und Zach klagte einige zehn Jahre 
später, dass es Niemand noch unternommen hatte, diese Zonen in 
Quadratmeilen auszudrücken und in Tafeln zu bringen, wie dies für 
die Kugel geschehen war. 

Klügel bedient sich bei seiner Ableitung der Resultate älterer 
Messungen, so dass er die Applattung z. B. mit i : 187 annimmt. Der 
vielverdiente Geograph Freiherr von Zach hat im ersten Bande seiner 
Monatlichen Correspondenz die Klügel's Gleichung für die damals 
neuesten Resultate der Erdmessung (Bouguer) eingerichtet und dabei 
angenommen : 

Halbmesser des Äquators . . . . 3273471 Toisen 

Halbe Erdaxe 3 263 670 „ 

Applattung I •• 334 

Länge des Äquators 5^573 Toisen 

I Geogr. Meile = 4' = 3783,533 Toisen. 
Damit fand er für den Inhals einer Zone: 

jS = a^ 71 (1,9940299053 sin go — 0,0019945257 sin 3 9 4- 
+ 0,0000026919 sin 5 9 — 0,00000000 sin 7 qj) 
in Welcher a = Äquatorhalbmesser, tz = Ludolph'sche Zahl, gp = Breite, 
aS' = Flächeninhalt bedeutet ^-t). 

In deutschen geographischen Qüadratmeiten ausgedrückt war: 
^ = 4 689 251,0 sin cp — 4691,495 sin 3 g) + 6,330 393 sin 5 g) — 

— 0,0893 625 sin 7 g) 
Der Unterschied zwischen einer Kugelzone und der Zone auf 
dem I : 334 abgeplatteten Erdsphäroid in Quadratmeilen war dann : 
U = 14 039,54 sin g) + 4691,495 sin 3 g) — 6,330 393 sin 5 g) + 

+ 0,0893 625 sin 7 cp. 
Der Professor der Mathematik und spätere Astronom an der Stern- 
warte der Ofner Universität in Ungarn, Johann Pasquich, ein leiden- 
schaftlicher Geograph, hat eine bequemere und rasch convergierende 
Reihe für diese Flächenberechnung in folgender Form geliefert: 

47ib*e^ 67tb^e^ Snb^e^ 

aS'= 2 ;r Z>*sin Q) H ; — sinsqp H — sin 5 od H ^■"Sin7 w-\-.,. 

^ ^a^ ^ 5a4 ^ 7 a6 ' ^ 

^*) Bei dieser Gelegenheit hat Zach die sehr störenden Druckfehler auf S. 243 
des B. A. Jahrb. berichtigt. Es ist nämlich zu lesen: 
Zeile I V. u. anstatt ds . . . . dS 
„ 2 „ „ im Zähler a^=sb^ . a* — 6» 

« 3 »> « xy . . . X y 

t Bei c?^* fehlt die Klammer im Nenner (a^ 6^) cos irfj soll sein : (a* — 6*) cos 2 y ) 



Zur Geschichte der Arealbestimmung eines Landes. 311 

in welcher n, *S', g) und a die frühere Bedeutung erhalten, h ist die 
halbe Erdaxe, e = v/a* — ä*. Für die Berechnung in deutschen 

geographischen Meilen mit i : 334 Abplattung und mit den früheren 
Dimensionen des Erdsphäroides war: 

aS' = 4 675 168,0 sin g) + 18 636,915 sin3 g) + 100,31 935 sin5 g) + 

-f- 0,5 711 674 sin? g) -\- 0,00332 045 sing g) + . . .* 
In neueren Werken ist diesem Gegenstande natürlich grössere 
Berücksichtigung geschenkt und man hat zur Berechnung der Constanten 
die BesseTschen Angaben benutzt. Um nur eine der dabei einge- 
haltenen Methoden anzuführen, sei der Formel gedacht, welche Fiorini 
(Le projezioni delle carte geografiche, Bologna 1881, S. 34 ff.), in seinem 
Werke anführt. Er erhält nämlich nach Aufstellung des Differential- 
ausdruckes einer solchen Zone und darauffolgender Integration: 

r sing) sin g)^ i, (i + esing?) (i — csino)») 

S=^naH\—eA -^^ —; +— log) ^^^-; ^~ 

^ ' \j. — 6*sm*g) I — e*sm*g)' 2e °(i — csmg)) (i+esmg)') 

Woraus der Flächeninhalt des halben Elipsoides hervorgeht: 

T=^7ia^\i-\ log I 

L 2 6 ° I — ^ J 

Der pfalzbayerische Markscheider Neumann hat im Aprilheft der 
Monatl. Corr. von Zach 1804 seinerseits auch eine Formel für diese 
Berechnung abgeleitet, welche wie folgt aussah: 

^ 2 7t b"^ sin (f I Ttb^c'^sin^q) 1 7t b'^ c^sinscp 

aS = 1 :; ; h 

p 3 a^ps 20 a^p5 

I 7tb'^c^simcp 5 7t b'^ c^ siD.9 cp 
56 a^ p7 64 a^p9 

Es ist hier p = l/i — — sin*g} und c = v/a* — 5*. Nimmt man 

für öf, b und für die Grösse der Meile die früheren Werte Zach's, so 

erhält man: 

,«,sing) , ^ /sin g)\3 • fsin qAs 

S= 4675 168,6 - ^ + 4658,943 [-y^j - 4,178497 ^-^J + 

« ,,/sin g)\7 /sin g}\9 
4-0,0089228481 I — 0,000233412 I 1+... 

Die mit dieser Formel ausgeführten Berechnungen stimmen ganz 
mit jenen von Pasquich überein. Im selben Aprilheft veröffentlichte 
Pasquich über Aufforderung Neumann's die Ableitung zu seiner 
Formel ^^). 



65) Pasquich, ein Dalmatiner von Geburt, war Professor der Astronomie an 
der Ofner Universität. Er hat verschiedene Werke über Mathematik, Physik und 
Astronomie in deutscher und lateinischer Sprache veröffentlicht, und widmete seine 
Aufmerksamkeit in ganz besonderer Weise und mit grosser Vorliebe der Geographie. 
Eine competente Fachautorität wie Zach es war, unterlies keine Gelegenheit, um 
alles Lob diesem Gelehrten zu spenden. Als Dr. Setzen z. B. seine geographische 
Entdeckungsreise nach Arabien im Jahre 1802 unternahm, schrieb üb^\ Vkq. ^^\ 



312 E. Gelcich: 

Nachhang. Die vorliegende Abhandlung war fertiggestellt und 
schon der Redaktion dieses Blattes eingehändigt, als eine kleine Bro- 
schüre von M. Fiorini (Misure lineari, superficiali ed angolari Offerte 



Baron von Zach: „Er hatte das Glück, während seines hiesigen Aufenthaltes auf 
der Arnberger Sternwarte die persönliche Bekanntschaft des in seinem Vaterland 
nach Dalmatien zurückkehrenden Prof. Pasquich zu machen. Beide vereinigten 
sich bald zur gemeinschaftlichen Reise über Dresden, Prag, "Wien bis nach Pesth 
in Ungarn. Dr. Setzen geniesst daher den Vorteil, sie fortdauernd in einer 
vortrefflichen Schule zurückzulegen und auf dieser ganzen Reise den Unterricht 
dieses verdienstvollen Gelehrten (welchen er schon hier zu gemessen das Vergnügen 
hatte) fortwährend zu empfangen, und in seiner Gesellschaft und unter seiner An- 
leitung auf dieser Route geographische Ortsbestimmungen zu machen." Setzen 
schrieb seinerseits an Zach von Wien aus (22. August 1802}: „Überhaupt sind 
wir Ihnen den grössten Dank schuldig, dass Sie uns. die Gelegenheit verschafft 
haben, in der so nützlichen und lehrreichen Gesellschaft dieses schätzbaren und 
tiefdenkenden Gelehrten hierher zu reisen " Die Monatliche Korrespondenz von 
Zach enthält gar viele Beweise von Pasquich*s Thätigkeit auf geographisch-wissen- 
schaftlichem Gebiete. Darunter mögen seine Aufsätze über die Reduktion der 
Circummeridianhöhen, sein Aufsatz gegen Camer er wegen der Azimuthbestimmung 
des Durchgangsinstrumentes genannt sein. Der russische Astronom- Henry hatte 
nämlich strenge Formeln abgeleitet um, aus zwei SterAen verschiedener Deklination 
oder um aus zwei Durchgängen dines Sternes das Azimuth zu bestimmen. C a m e r e r 
aus Stuttgart meinte, die Bestimmung sei unausführbar, wenn die Axe des 
Fernrohres nicht in dem Durchschnitt des Äquators und des Horizontes liegt, 
sondern gegen den Horizont sich neigt. Dass in diesem Falle die fformeln Henry' s 
einer Vereinfachung fähig sind, hat Pasquich ganz richtig erkannt und elegant 
entwickelt. M. C. Bd. 6, S. 178. Von seinen zahlreichen astronomischen Beob- 
achtungen gedenken wir hier nur derjenigen, welche sich auf die Bestimmung der 
geographischen Lage vieler Orte beziehen (z. B. von Franzens-Brunn in Böhmen, 
von Mohldorf, Ohrdruff und Inselsberge in Thüringen u. s. w.) Interessant ist auch 
für den Geographen die Berechnung der Länge des Sekundenpendels, welche 
Pasquich mit den Resultaten der französischem Gradmessung ausführte. Ist K die 
Beschleunigung der Schwere für die ruhende Erde, S die durch Axendrehung 
verursachte Schwungkraft in der Breite y» und sind k und s dieselben Grössen 
am Äquator, so hat man für die wirklichen Beschleunigungen K—S und k — *•. 
Bezeichnet man die Länge des Sekundenpendels beziehungsweise mit L und /, so ist: 

K—S^^n-'L; k—s = ^n^l 

K : k = S -\- ^ 71'^ L : s -{- ^ n^ l 

2 a 71* 

Ist t die Umdrehungszeil der Erde um ihre Axe, so ist s= ,<=86i64. 

<* 

Für a = 3 271 226 Toisen folgt s = 7,5145 und ungefähr S = s cos* '/> . Schwerer 
zu bestimmen ist die Beschleunigung der Schwere für den Ruhestand. Zu diesem 
Zwecke geht Pasquich von Bouguer's Annahme / = 439,21 aus und findet 
k = s -^ ^ n^ 439>^i = ^174*9^9 Linien, K = s cos* (/> -f- | 71* X. Bei der Vor- 
aussetzung einer proportionalen Verteilung der Masse um den Erdmittelpunkt, 
kann man für den Ruhezustand nahezu setzen : 

K : k = a : Qf 
wo (p den üadius -Victor in der Breite «jp bedeutet. Durch Einführung der Werte ist: 



Zur Geschichte der Arealbestimmung eines Landes. 



313 



delle carte geografiche, Firenze 1886. Separatabdruck aus den Akten 
des Ingenieur- und Architektenvereins in Florenz) erschien, welche die 
Formel für die Berechnung des Flächeninhaltes eines von zwei Meridian- 
und zwei Parallelkreisbögen begrenzten Viereckes des Erdelipsoides wie 
folgt angiebt. Sind gpi, gp» die Breiten und Zi, ^2 die Längen der ab- 
grenzenden Meridian- und Parallelkreisbögen, e die Exentricität der 
Elipse, a die halbe grosse, b die halbe Polaraxe, w der gesuchte Flächen- 
inhalt und setzt man: 

^ sin gpi , I . , I -f c sin gpx 

Q, = .- 1 log Ä r— ^— 

I — «* sm* (pj 26 ^ I — e sm g), 

_ sin opi I , , I -f- e sin Opa 

Qa = ;— — + — logÄ ; — ^ 

I — c* sm* g)a 2e i — e sm g)2 

wobei unter log h der hyperbolische Logarithmus zu verstehen ist, so 

hat man: 



w 



= ya'[i- e^j^Qi — Q, W;i,-I,j oder 



Führt man zwei Hülfswinkel «i und a» ein, und bedient man sich 
der gemeinen Logarithmen (J[f= 0,43 429 448), so werden die Ausdrücke 
für Qi und Q» einfacher, und zwar: 

sin g)i 



Q.= 



. "*" irr log^ cotg — 
sm* a' Me ® ^2 



K:k = 3,271,2x6 : 3,271,226 — - 9720,95 sin* ff 



= 1:1 — 



9720,95 . 

-^ —: Sin* (I) 

3,271,226 



woraus : 



440,5589 annehmend, findet er dann 



15,029 > , . 

I H — :- ) 0,00297 I sin» y 



] 



/ = 



15,029 . , 
440*5589 zrr^ 1,00297 sm* y 



n 



I + 0,00297 sin* fjp 
Folgende Tabelle zeigt die Unterschiede zwischen Rechnung und Beobachtung. 



T» 'i 


Länge 


des Sekunden-Pendels 


Breite 










Beobachtet 


nach La Place 


nach Pasquich 


0° 0' 


439»*i 


439»i4 


438,96 


II 56 


26 


^5 


439»o8 


18 27 


33 


39 


24 


33 55 


440,07 


92 


84 


46 12 


17 


440,44 


440,43 


48 l^ 


56 


53 


53 


50 56 


69 


65 


66 


58 15 


71 


95 


441,00 


59 56 


441,10 


441,01 


08 


64 33 


15 


18 


26 


67 4 


17 


26 


36 


79 50 


40 


56 


70 



I 



314 E. Gelcich: 

^ sin 0)1 . I , 0L^ 

Qi = -r-— — + -^i^ log COtg — 

sin» «a Jf e ° ° 2 
Man kann Qi, Q» auch durch Entwickelung in Reihen berechnen, 
und dann ist: 

Qi = 2 I sin gpi H sin gpi H sm g)i H sin g), H sin g)» 

/ 2C* 3 36* 5 4^6 7 5«^ 9 
Qi = 2 I sin goa H sin gp» 4- sin q)^ -\ — — sin goi H sin gp' 

Drückt man die ungeraden Potenzen des Sinus eines Winkels, als 
Funktion der Sinuse der Vielfachen desselben Winkels, so erhält man 

rascher: / , ^ , 3^ , 5«^ , 35^^. . 

Q, ~ Qa = I 2 + €* H + -^ + -, — I ( sin g)i — sm q)^ 

— + g+— )(sin5<JP. -sin5,p. 

36 




(36 '^ lÄ) (''" 7 f - sin 7 qp.' 
— I sm 9 fi — sin 9 gj« j 



+ -5 



I 

Verwandelt man die Differenzen der Sinuse in Produkten, und 

setzt man: i i 

r = (a,. — Aa) ^ = - (g),_g)»), Z. = -(g)x+g)a) 

2 8 16 128 

„ ^V 3 g* . 3^^ . 35^^ 
10 16 192 



80 16 64 
Z>= — • ^ 



E== 



112 256 

5 6« 



2304 
so wird schliesslich: 

w=i 2rb^ (^ sin ^ cos L — jB sin 3 ^ cos 3 Z/ 4- C sin 5 ^ cos 5 L 
— D sin 7 ^ cos y L + EsingQ cos 9 L), 

Ist g)a — gpi nicht gross, so kann das Viereck als ein Kugelviereck 
angesehen werden. In diesem Falle handelt es sich um die Auswahl 
des passendsten Halbmessers für die Sphäre. Man thut am besten, für 
den Halbmesser (E) den mittleren Krümmungsradius der zu bestim- 
menden Fläche zu nehmen, den man erhält aus: 



E 



-v<^ 



(I - e^) 



c*sin* Z/)» 
dann ist: w; = 2 r i2* sin ^ cos L. 



Zur Geschichte der Ar^lbestimmung eines Landes. 



815 



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316 ^* Danckelman: 

XV. 

Die Regen -Häufigkeit auf dem Indischen Ocean. 

Von Dr. v. Danckelman. 



Vor sechs Jahren veröffentlichte ich im „Archiv der deutschen See- 
warte" (III. Jahrgang, 1880), im Anschluss an eine Arbeit von 
Dr. Koppen und Dr. Sprung über die Regenhäufigkeit auf dem 
Atlantischen Ocean, die Ergebnisse einer Untersuchung über die Häufig- 
keit des Vorkommens von Regen, Hagel und Gewittern im Indischen 
Ocean, auf Grund des damals an der deutschen Seewarte vorhandenen 
Materials an meteorologischen Schiffsjournalen. In Anbetracht des 
für die ungeheure Ausdehnung des in Untersuchung gezogenen Ge- 
bietes sehr dürftig zu nennenden Umfanges des zu Gebote stehenden 
Zahlenmaterials, konnte es sich damals nur um die Gewinnung eines 
Bildes in ganz allgemeinen Zügen handeln und um die Richtigstellung 
gewisser, in jener Zeit noch viel verbreiteter Ansichten über die Häufig- 
keit der Niederschläge auf hoher See, speciell in den Passatregionen. 

Es hatte sich nämlich auf Grund von allgemeinen theoretischen 
Betrachtungen über die Bildung und Entstehungsweise der Nieder- 
schläge allmählich die Anschauung herausgebildet, dass die Passat- 
regionen der Oceane sehr regenarme Gebiete sein müssten. Am deut- 
lichsten hatte A. Wojeikoff diese Meinung ausgedrückt, indem er in 
einer Untersuchung über „Die Passate, die tropischen und subtropischen 
Regen" (Ztschr. f. Met. 1872, S. 180), sagte: „Der Begriff von den 
Eigenschaften und der Beständigkeit des Passates schliesst Nieder- 
schläge auf den ebenen Flächen des Oceans aus. Befindet sich ein 
Punkt der Oberfläche des Meeres das ganze Jahr hindurch in der 
Passatzone, so wird dort auch kein Niederschlag fallen.** 

Diese Ansichten, welche, mehr oder weniger entschieden ausge- 
sprochen, in alle Lehrbücher der Meteorologie und Geophysik überge- 
gangen waren, erlitten durch die oben genannten, auf thatsächlichem 
Beobachtungsmaterial beruhenden Untersuchungen für den Atlantischen 
und Indischen Ocean, eine ganz unerwartete Berichtigung. Die Passat- 
gebiete des Atlantischen Oceans erwiesen sich allerdings gegenüber 
den anderen Gebieten dieses Meeres als verhältnismässig regenarm, 
das centrale Gebiet des Südost-Passates im Indischen Ocean dagegen 
ergab sich als überraschend regenreich und nur die nach den begren- 
zenden Kontinenten zu gelegenen Teile desselben Hessen, zu gewissen 
Jahreszeiten wenigstens, die dem ganzen Gebiete fälschlicher Weise zu- 
geschriebene Trockenheit erkennen. Von einer Regenlosigkeit der 
Passatregionen aber konnte auf keinen Fall die Rede sein und hätte 
eine derartige Anschauung überhaupt in der Wissenschaft nicht Platz 



Die Regen-Häufigkeit auf dem Indischen Ocean. 317 

gewinnen können, wenn man früher in der Lage gewesen wäre, die 
Erfahrungen und Ansichten der Seefahrer über diese Frage zu Rate 
ziehen zu können. 

Über die Quantität der Regenfalle in den Passatgebieten wissen 
wir freilich immer noch so viel wie nichts, wie denn überhaupt unsere 
Kenntniss von den Niederschlagsmengen, die auf hoher See fallen, eine 
gänzlich unzureichende ist. Aus der Bezeichnung „Passatschauer" aber, 
welche sich im Munde des deutschen Seemannes für die Niederschlags- 
Erscheinungen in den Passatregionen gebildet hat, eine Benennung, 
welche man in den meteorologischen Schiffsjournalen häufig wiederkehren 
findet, ergiebt sich, dass die Niederschläge in diesen Meeresteilen wohl 
vorwiegend in Form von rasch vorüberziehenden, dabei sich aber oft 
wiederholenden Huschen fallen und weniger in Form von längere Zeit 
anhaltenden Regen, dass also möglicherweise die Ergiebigkeit des Nieder- 
schlages in diesen Gebieten eine geringe ist. Irgend welche zuverlässige 
Messungen derselben sind leider bisher gänzlich unbekannt geblieben und 
überhaupt wohl auch noch nicht angestellt worden. Häufig wird das 
Wetter im centralen Teile des Passatgebietes im südindischen Ocean wört- 
lich wie folgt in den Journalen charakterisiert: „Gutes, klares Wetter 
mit frischer Brise und leichten Regenschauern.'* In den äquato- 
rialen Grenzgebieten des SE-Passates dagegen — und auch mitten im 
centralen Teile desselben bei vorhandenen Störungen und barome- 
trischen Depressionen, an denen der Indische Ocean sehr reich zu sein 
scheint — treten zuweilen ungemein schwere und langanhaltende 
Regen ein. So wurde im August unter 92 ° E. Lg. und 7 ° S. Br. ein 
60 Stunden lang ununterbrochen anhaltender, äusserst heftiger Regen 
in einem Journal notiert. 

Ein grosser Übelstand, welcher sich bei allen Forschungen über Ge- 
genstände der maritimen Meteorologie, die sich auf grössere Meeresge- 
biete erstrecken, geltend macht, zumal wenn diese Untersuchungen auf 
dem Material beruhen, welches an der nautischen Centralstelle einer 
einzelnen Nation gesammelt ist, besteht darin, dass dieses Material nur 
von gewissen Routen herrührt, die von den Schiffen regelmässig be- 
fahren werden, während dazwischen weite Gebiete liegen, die nie oder 
höchst selten von einem, ein meteorologisches Journal führenden Schiffe 
der betreffenden Nation besucht werden. 

Dies gilt ganz besonders von dem Indischen Ocean. Hier giebt es, 
soweit deutsche Segelschiffe in Betracht kommen, nur wenige Routen, auf 
denen diese in erheblicher Zahl verkehren. Es sind dies die Seewege: 

Vom Kap der guten Hoffnung nach Australien unter 38 — 45 ° S. Br., 
von dem sich unter circa 80° O. Lg. die gen NE gerichtete Route 
nach der Sunda-Strasse abzweigt. 

Von der Sunda-Strasse nach dem Kap, welche südlich von Mauritius 
vorbeiführt. 



318 



V. Danckelman: 



Vom Kap nach den sog. Reishäfen in Hinterindien und zurück, 
welche Routen zum Teil mit den votgenannten Seewegen zusammen- 
fallen. 

Vom Kap nach Madagascar und Sansibar und zurück. 

Von Mauritius nach Australien oder umgekehrt. 

Alle anderen Routen, namentlich solche nach vorderindischen Häfen 
werden von deutschen Segelschiffen, soweit solche meteorologische Jour- 
nale führen, so gut wie garnicht besucht, namentlich in neuester Zeit 
nicht mehr, und sind deshalb meteorologische Daten aus dem west- 
lichen Teile des Busens von Bengalen oder aus dem Arabischen 
Meere in dem sonst so reichen Beobachtungsmaterial der Deutschen 
Seewarte recht dürftig vertreten. 

Der nordwestliche Teil des Indischen Oceans musste deshalb bei 
den nachstehenden Untersuchungen auch völlig ausser Betracht ge- 
lassen werden und würde sich ein auf Vollständigkeit Anspruch 
machendes Bild von den Regenverhältnissen dieses Meeres nur unter 
ausgiebigster Benutzung alles in den nautischen Centralstellen der ver- 
schiedenen Nationen aufgespeicherten Materials gewinnen lassen, ein 
Vorgehen, welches, so wünschenswerth und naturgemäss es auch ist, 
selbstredend seiner Kostspieligkeit und Umständlichkeit wegen zur Zeit 
unausführbar wäre, wie denn überhaupt derartige Specialuntersuchungen 
zur Zeit nur den Zweck haben können, die Regenverhältnisse der Meere 
in den ganz allgemeinsten, gröbsten Zügen kennen zu lernen. Über 
dieses Ziel hinaus zu gehen und Details aus dem an einer Central- 
stelle vorhandenen Material ergründen zu wollen, würde ein ziemlich 
vergebliches Bemühen sein. 

Zu der Beschränkung des verfügbaren Materials auf einzelne 
Routen kommt noch der Umstand, dass die Verteilung desselben auf 
die einzelnen Monate ihrerseits wieder eine recht wechselnde ist. 

Es entfallen nämlich von dem ganzen verfügbaren Materiale auf 

er Beobachtungen. 



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November 


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December 


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Diese wechselnde Menge der Beobachtungen, welche, wenn die Ge- 
samtzahl der überhaupt verfügbaren Notierungen keine sehr grosse ist, 



Die Regen-Häufigkeit auf dem Indischen Ocean. 319 

auf die Sicherheit der aus ihnen zu ziehenden Schlüsse von Einfluss 
sein muss, resultiert aus der vorwiegenden Beteiligung von Reisfahrern 
an der Mitarbeit für die Ziele der deutschen Seewarte in diesen Ge- 
bieten. Die Schiffe, welche für Reisfracht nach Hinterindien gehen, 
passieren auf der Hinfahrt die hier in Frage kommenden Regionen 
hauptsächlich im Dezember und Januar und später auf der Rückfahrt 
im März bis Mai, während der übrigen Zeiten veröden diese Routen 
bis zum September immer mehr und mehr. 

Ein weiteres Hinderniss, welches sich speciell den Forschungen 
über die Niederschlagsverteilung auf hoher See entgegenstellt, be- 
steht darin, dass nicht alle diejenigen Kapitäne, welche sich zur . 
Führung eines Journals für meteorologische Beobachtungen entschliessen, 
diese Beobachtungen nun auch allseitig instruktionsgemäss ausführen. 
Nicht selten • wird den Niederschlägen , als für die Navigation von 
keiner Bedeutung, sehr wenig oder gar keine Beachtung geschenkt, die 
diesbezüglichen Beobachtungen werden flüchtig oder garnicht einge- 
tragen und macht natürlich ein solcher Modus der Führung eines 
Journals dieses letztere für die Benutzung zu den hier in Rede stehenden 
Untersuchungen unbrauchbar. 

Jedoch ist auch hierin gegen früher ein wesentlicher Fortschritt 
zu konstatieren. Denn während im Jahre 1880 von 336 überhaupt ver- 
fügbaren Schiffsjournalen, welche teilweise noch bis in die Mitte dieses 
Jahrhunderts zurückreichten, nur 185 oder 55^ für die Zwecke dieser 
Untersuchung als einigermassen brauchbar erklärt werden konnten, 
wurden, als ich Anfang des Jahres 1884 das Material zu der nachfol- 
genden Arbeit aus den seit dem Abschluss jener Untersuchung — seit 
1880 bis Ende 1883*) — eingelaufenen 326 Schiffsjournalen sammelte, 
nur 84 für unbrauchbar und mithin 74^ für mehr oder weniger ver- 
wendbar befunden. Derartig hatte sich der Wert der Journale auch 
für solche Untersuchungen wie die vorliegende seit jener Zeit gebessert 
und zugleich die Anzahl derselben vermehrt, dass vier Jahre ein ebenso 
reiches Material an Journalen lieferten, wie alle früheren Perioden seit 
Entstehung der Deutschen Seewarte und seit Beginn der meteorolo- 
gischen Aufzeichnungen auf See überhaupt zusammen. Unter den 
Schiffsjournalen, welche sich durch sorgfältige und äusserst gewissen- 
hafte Notierungen in Bezug auf Niederschläge auszeichnen, sind hier für 
event. Benutzung bei späteren Specialarbeiten in dieser Richtung ganz 
besonders zu nennen die Journale der Schiffe: 

Journal-Nr. der 
Deutschen See warte. 

Sansibar Kapt. E. Erichsen 1195 

Johanna „ H. Bunje 1242 



*) Das letzte diesmal von mir aus dem Archiv der Seewarte benutzte meteoro- 
logische Schiffsjournal trägt die Nr. 1959 (Spekulant). 



320 





V. Danckelman: 


Journal-Nr. der 
Deutschen See warte. 


Etha Rickmers 


Kapt. R. F. Rehm 


1299 


Joseph Haydn 


„ H. Rabbe 


1397 


Barbarosa 


„ K. Jost 


1409 


Papa 


„ J. H. Bannau 


145 1 


Zeus 


„ P. Cassens 


1500 


Bismarck 


„ W. van der Vring 


1662 


Ida 


„ W. Schneider 


1958 




Die Methode der Bearbeitung des Materials bestand, wie früher, 
darin, dass alle diejenigen Tage, an welchen zu irgend einer Zeit 
Niederschlag in beliebiger Form an Bord des betreffenden Schiffes 
notiert worden war, als Regentage betrachtet wurden und dass dem- 
entsprechend Eintragungen in Tabellen vorgenommen wurden, welche 
das Gebiet des Indischen Oceans in Felder geteilt enthielten, die 
5 Längengrade und im allgemeinen 2 Breitengrade umfassten. Nur die 
Felder zwischen 4 und 6°, 14 und 16° etc. waren den Breitengraden 
nach noch einmal eingeteilt und umfassten also auch 5 Längengrade, 
aber nur einen Breitengrad, 4—5, 5 — 6, 14—15, 15—16 etc. Es ge- 
schah dies mit der Absicht, das Material von vornherein gleich so zu 
ordnen, dass es sich auch für Zusammenfassungen nach dem vielfach 
üblichen Fünf-Grad-Feldern ohne weiteres verwenden Hesse. Die Ein- 
tragungen in die entsprechenden Felder geschahen stets derart, dass 
als für den ganzen Tag giltigen Schiffsort die jeweilige Mittagsposition 
des Schiffes angesehen wurde. Die hierdurch an den Grenzen der ein- 
zelnen Felder entstehenden Ungenauigkeiten dürften sich bei dem Um- 
fange des zur Verwendung gekommenen Materials ausgleichen. 

Die Verteilung des Materials an Beobachtungen auf den oben ge- 
nannten verschiedenen Seewegen ist, da dasselbe fast ausschliesslich 
von Segelschiffen herrührt, keine gleichmässige. Überall da, wo 
schwache oder veränderliche Winde häufig vorkommen, wie an den 
äquatorialen und polaren Grenzen des Südostpassates, oder dort, wo 
die herrschenden Winde dem Kurse der Schiffe entgegengesetzt sind, 
wie am Kap der guten Hoffnung für die dem Atlantischen Ocean zu- 
strebenden Segler, tritt eine Verzögerung in der Fahrt der Schiffe 
und damit eine Häufung des Beobachtungsmaterials ein, welche sich 
in den Äquatorialgebieten des Oceans unter 4° S. Br. bis 4° N. Br. 
und dann in den unmittelbar östlich vom Kap gelegenen Meeresteilen 
besonders merklich macht. 

Bei den nicht zu vermeidenden Mängeln, welche einer Untersuchung 
wie der vorliegenden anhaften, wird es daher wohl stets, sobald man 
nicht geradezu über ein riesiges Zahlenmaterial verfügen kann, nur 
möglich sein, die allgemeinen Grundzüge der Regenverteilung über den 
Meeren kennen zu lernen, manche Details werden sich dem Studium 



Die Regen-Häufigkeit auf dem Indischen Ocean. 321 

entziehen. Bei Verwendung von Material, das sich nicht über eine 
längere Jahresreihe erstreckt, werden ferner die anomalen Regenver- 
hältnisse eines Jahres das Endergebnis der Untersuchung unter Um- 
ständen ebenfalls etwas beeinflussen können. Ist es doch durchaus 
wahrscheinlich, dass ebenso wie auf den Kontinenten, so auch auf den 
Oceanen dürre mit nassen Jahren abwechseln sollten. Spätere der- 
artige Forschungen dürften auf diesen Punkt Rücksicht zu nehmen 
und durch zweckentsprechende Excerpierung des Materials diese Seite 
der Frage von vornherein der Untersuchung leicht zugänglich zu 
machen haben. 

Im allgemeinen ist das Bild, welches man aus dem vorliegenden 
Gesamtmateriale über die jahreszeitliche und örtliche Verteilung der 
Regenhäufigkeit erhält, dem aus der früheren Untersuchung gewonnenen 
ziemlich ähnlich, so dass der Kürze halber auf jene verwiesen werden 
kann. In Einzelheiten ergeben sich jedoch einige nicht unwesentliche 
Abweichungen, auf die hier die Aufmerksamkeit gelenkt werden soll. 

Zunächst ist es augenscheinlich, dass infolge des weitaus umfang- 
reicheren Beobachtungsmaterials die Regenwahrscheinlichkeiten der 
Tabelle II der jährlichen Periode nach viel: gleichmässiger verlaufen 
als in der entsprechenden früheren Zusammenstellung (Aus dem 
Archiv der deutschen Seewarte 1880, S. 15, Tafel V), die wegen des 
weniger zahlreichen Materials nicht unerhebliche Sprünge und Unwahr- 
scheinlichkeiten im Verlaufe der jährlichen Periode der Regenhäufig- 
keit aufzuweisen hat. 

Eine sehr auffallige Thatsache ist es femer, dass mit Hinzunahme 
des neuesten Beobachtungsmaterials die Regenhäufigkeit fast in allen 
Monaten und in allen Teilen des Oceans gegenüber den früheren Er- 
gebnissen noch weiter und zum Teil nicht unerheblich zugenom- 
men hat, im allgemeinen wohl eine Folge der grösseren Aufmerk- 
samkeit, welche von Seiten der Kapitäne in neuerer Zeit der Führung der 
meteorologischen Schiffisjournale gewidmet wird. Die grosse Regen- 
häufigkeit des Südostpassat-Gebietes im Indischen Ocean 
bestätigt sich vollkommen und tritt sogar noch etwas schärfer 
hervor als früher. Während auf Grund der ersten Untersuchung die 
Gebiete zwischen 80 — 100° E. Gr. und 0—8° S. Br. resp. 8—12°, resp. 
12 — 20° zum Beispiel eine mittlere Regenwahrscheinlichkeit von 0,61, 
resp. 0,57 resp. 0,45 ausweisen, kommt denselben jetzt eine solche von 0,70 
resp. 0,62 resp. 0,55 zu, und das Gebiet zwischen 20 — 30° S. Br. und 
50 — 80° E. Lg. zeigt jetzt eine solche von 0,48 gegen 0,44 früher. 

Infolge dieser sich allgemein geltend machenden Thatsache er- 
scheint unter anderem jenes Gebiet nordwestlich von Australien bis zur 
Südküste von Java in den Monaten Oktober bis November nicht mehr so 
regenarm wie früher, immerhin aber ist seine Trockenheit zu dieser 
Jahreszeit noch deutlich genug ausgeprägt und andererseits tritt der seht 



322 ^- Danckelman: 

bedeutende Regenreichtum der äquatorialen Gebiete des Oceans 
zu allen Jahreszeiten schärfer als früher hervor. Namentlich gilt 
dies von dem Teil südlich des Äquators bis 8° resp. 12° S. Br., wo 
die Regen Wahrscheinlichkeit in keinem Monat mehr unter 0,50 sinkt. 
Wenn also irgendwo auf Erden der von Mühry so oft erwähnte und 
theoretisch geforderte Gürtel mit „Regen in allen Monaten und 
fast täglich" existiert, so ist dies bruchstückweise sicherlich für den 
südäquatorialen Teil des Indischen Oceans der Fall, obwohl eigen- 
tümlicher Weise Mühry in den bildlichen Darstellungen seiner An- 
sichten über die geographische Verteilung des Regens auf der Erde 
(z. B. in Petermann's Mitthl. 1860 S. i) gerade in dem Indischen Ocean 
eine Unterbrechung dieses seines Gürtels mit Regen in allen Monaten 
eintreten lässt. 

Die Darstellung der Verteilung der Regenhäufigkeit auf den der 
früheren Arbeit beigefügten Farbentafeln bedarf, soweit sie namentlich 
den südlichen Indischen Ocean betrifft, einer nicht unerheblichen Be- 
richtigung. 

Eine schematische Darstellung der Regenverhältnisse durch Zonen, 
deren Grenzen den Breitenkreisen mehr oder weniger parallel verlaufen 
und über den ganzen Ocean sich erstrecken, wie sie in der ersten 
Untersuchung gegeben wurde, erscheint auf Grund des neueren Mate- 
rials nicht mehr gerechtfertigt. Die Niederschlagsverhältnisse in der 
Mitte des Oceans, also zwischen ca. 90—100° E. Gr., dürften in den 
mittleren und niederen Breiten wenigstens ganz anders geartet sein, 
als in den Randgebieten nach Afrika und Australien zu. 

Diese mittlere Zone wird charakterisiert durch hohe Regenwahr- 
scheinlichkeiten in allen Jahreszeiten ohne eine erhebliche jährliche 
Periode, namentlich in den Äquatorialgebieten. In den östlichen Meeres- 
teilen ist bis «zum Malayischen Archipel das Hauptcharakteristikum der 
Regenverteilung über das Jahr eine erhebliche Abnahme der Regen- 
häufigkeit im Frühling (September bis November), die sich zwischen 100° 
und 120° E. Gr. bis zur Regenarmut steigert, an welches Gebiet sich 
weiter nach Süden längs der Westküste von Australien bis über 30° S. 
Br. hinaus ein anderes mit besonders ausgesprochenem Regenmangel im 
Februar anschliesst. Die Hauptregenzeit bildet in diesem ganzen Gebiete 
der Spätherbst (April) und Winter. In dem westlichen Indischen Ocean 
südlich vom Äquator scheinen die Verhältnisse ähnlich zu liegen ; auch 
hier sind die Monate Oktober und November die trockensten, doch 
fehlt es an der genügenden Zahl der Beobachtungen, um dort die 
Verhältnisse eingehender studieren zu können*). 




*) Auf Mauritius ergiebt das Mittel aus einer grösseren Reihe von an der 
■ und an der Luvseite der Insel gelegenen Stationen (im Ganzen 62 Stationen) 
die Jahre igga und 1883 folgende Regenwahrscheinlichkeiten: 



Die Regen-Häufigkeit auf dem Indischen Ocean. 323 

Dieses allgemeine Bild der jährlichen Periode der Regenhäufig- 
keit macht sich etwa bis zu 25 — 30° S. Br. geltend, dann gleichen sich 
die Gegensätze zwischen den centralen uud Grenzgebieten des Oceans 
mehr und mehr aus und es gewinnt allmählich überall das bis zu 
55° S. Br. zu verfolgende Regime der ziemlich gleichmässigen und 
grossen Regenhäufigkeit, welche nur im Hochsommer (Januar bis 
Februar) eine Herabminderung und im Winter eine Verstärkung erfährt, 
die Oberhand. 

Zu erwähnen ist hier noch, dass die erhebliche Regenhäufigkeit in 
den Monaten Januar bis März im Gebiete der Strasse von Mozambique, 
wie sie auf Tafel Nr. 3 der früheren Arbeit dargestellt wurde, auf einer 
ungenügenden Anzahl von Beobachtungen beruhte. Die neueren Be- 
obachtungen lassen dieses Gebiet zu der genannten Jahreszeit, nament- 
lich in seiner Südhälfte, trockner erscheinen, als in jener Darstellung. 

Auf den nordäquatorialen Teilen des Oceans bis etwa 8° N. Br. 
erleidet die sehr bedeutende Regenhäufigkeit durch eine nicht ganz 
unerhebliche Abnahme der Regentage im Februar eine vorübergehende 
Herabminderung, die sich südlich vom Äquator in dessen Nähe in 
keinem Monat zeigt, und welche einen Rest der grossen Trockenheit 
darstellt, welche weiter nördlich im Busen von Bengalen (mit Aus- 
nahme der westlichen Gebiete an der Koromandelküste) die ganze 
Periode von December bis Anfang April einnimmt. Die von Nord nach 
Süd sehr rasch erfolgende Zunahme der Regenhäufigkeit in diesem Ge- 
biete während dieser Periode tritt in Tabelle I sehr deutlich hervor. 



Jan, Febr. März April Mai Juni Juli Aug. Sept. Okt. Nov. Decbr. 
0,53 0,67 0,65 0,57 0,46 0,49 0,58 0,50 0,47 0,4z 0,37* 0,52 
Im Jahre 1876 

ergaben eine 

Anzahl Sta- 
tionen 0,39 0,61 0,65 0,59 0,65 0,64 0,47 0,75 0,42 0,26* 0,41 0,70 
Im Mittel von 

1876, 1882, 

1883 0,48 0,65 0,65 0,58 0,52 0,54 0,54 0,58 0,45 0,37* 0,38 0,58 

P. Louis 7 

Jahre 0,46 0,59 0,45 0,39 0,29 0,30 0,32 0,36 0,26 0,21* 0,29 0,35 

Allgemeine 

Mittel obiger 

Werte 0,47 0,62 0,55 0,48 0,41 0,42 0,43 0,47 0,35 0,29*0,34 0,47 

Auf d. Ocean 

unt. 50 — 60° 

E.U.20— 25° 

S. 0,57 0,64 0,39 0,4^ 0,54 0,46 0,45 0,54 0,54 0,34*0,42 0,50 

unter 50—60° 

E.u. 25— 300 

S. 0,37 0,42 0,50 0,45 0,57 0,56.0,53 0,63 0,53 0,40 o^\\* o^s^ 

Zeitschr. d. Gesellsch. f. Erdk. Bd. XXI. ^1 



Tabelle 
Regenwahrscheinlichkeit im Indischen Ocean zwischen 

und 80—100° 
(Die oberen Zahlen jeder Kolamne bedeaten die Anzahl der Beobacbtungstage, die 
gedruckten Zahlen bedenlen die hieraas abgeleiteten Regen Wahrscheinlichkeiten, 

entfallenden 



Si I 






Die Regea-Häuggkeit auf dem Indischen Oce 



20 — o" N. Br. und 80 — 95° E. Gr., sowie zwischen o — 40° S. Br. 

E. Gr. 

mittleren die nnter diesen befindlichen Tage mit Niederschlägen, die unteren, cnrsiv 

d. h. die Anzahl der auf je 100 Beobachtungstagc in dem betreffenden Monate 

Regentage). 



n 9« SBism 

SS 2 

m ' 



3 a 



Tabelle IL 

Regen Häufigkeit im Indischen Ocean innerhalb gewisser 

Gradfelder. 

(Die oberen Zahlen in jeder Kolumne bedeuten die Anzahl der BeobachtungMage, 
die mittleren Zahlen die unter diesen befindlichen Tage mit Kiederschlägen, die 
unleren, ctirsiv gedruckten Zahlen bedeuten die hieraus abgeleiteten Regen- 
Wahrscheinlichkeiten, d. h. die Anzahl der auf lOo Beobachtungstage in dem be- 
tteffenden Monate entrallenden Regentage.) 



Die Regen -Häufigkeit anf dem Indiselien Oce 



328 Christian Sandler: 

XVI. 

Johann Baptista Homann. 

Ein Beitrag zur Geschichte der Kartographie. 

Von Christian Sandler. 

(Hierzu eine Karte, Tafel V.) 



Die Geschichte der deutschen Kartographie im 17. Jahrhundert 
beginnt mit dem Verkaufe der Mercator'schen Kupferplatten an den 
Niederländer Jodocus Hondius. Es ist, als sei mit diesen Kupfer- 
platten die ganze Grundlage der Kartographie aus Deutschland ent- .^ 
führt worden; denn da Quade und Bussemacher in Köln, die etwa 
100 Landkarten herausgegeben haben ^), eigentlich noch dem 16. Jahr- 
hundert angehören, so sind die ersten Jahrzehnte des 17. Jahrhunderts 
durch gänzlichen Mangel deutscher Arbeit auf diesem Gebiete bezeich- 
net. Der dreissigj ährige Krieg verlängerte diese Lücke. Zwar ver- 
mochte er nicht jede Regung zu unterdrücken; denn Matthäus Merian 
hat während desselben neben und mit seinen historisch-geographischen 
Werken auch verschiedene Landkarten veröffentlicht; ferner haben die 
Gebrüder Jung (Georg und Konrad) von Rothenburg a. T. einige neue 
Karten (Franken 1636 2); deutsche Reisekarte, Nürnberg 1641^) her- 
ausgegeben; aber diese Leistungen waren und blieben vereinzelt und 
unfruchtbar. 

Erst in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts erhob sich die deutsche 
Kartographie wieder zu regerem Leben , ohne dass es ihr freilich • ge- 
lungen wäre, sich sofort auf eigene Füsse zu stellen. In selbständigen 
Arbeiten beschränkte man sich auf das Nächstliegende; Fincks ver- 
besserte Ausgabe von Apians Baiem, Georg Matthäus Visschers „To- 
pographia Austriae'* (1672) mit den Karten von Österreich ob und 
unter der Enns, seine Karte von Steiermark, Baron Valvassors Landes- 
beschreibung von Kämthen (1688) und Karten von Kämthen und Krain 
liefern dazu Beispiele. Bei der Darstellung nichtdeutscher Länder und 
auch der Mehrzahl der deutschen aber sah man sich bis auf Weiteres 
auf die Benützung fremder Originalkarten angewiesen. 

Nürnberg war der Ort, der für diese Anfange der Kartographie 
die günstigsten Vorbedingungen bot. Der wieder aufstrebende Handel 
weckte das Interesse für die Fremde, somit auch für die Geographie, 
und erleichterte die Einfuhr ausländischer Landkarten. Der Kupfer- 
stich war durch die von Joachim v. Sand rart (1606— -1688) gegründete 

1) Hauber, Versuch einer umständlichen Historie der Landcharten, Ulm 1724, 
p. 23. 

2) Ibid. p. 80, not. g. 

3) ibid. p. 166, not. h. 



Johann Baptista Homann. 329 

Malerakademie auf eine so hohe Stufe gehoben worden, dass die Her- 
stellung von Karten keiner Schwierigkeit begegnen konnte. Das mathe- 
matisch-geographische Element aber war vertreten durch Joh. Phil. 
v.'Wurtzelbau (165 1 — 1725), den Autor der „Uranies Noricae Basis 
Astronom.- Geographica** (1698), Joh. Christoph Sturm (1635 — 1703), 
prof. math. et phys. in Altorf, vorzüglich aber durch Georg Christoph 
Einmart (1638 — 1705), der ein nicht unbedeutender Astronom, daneben 
aber auch Kupferstecher und (seit 1674) Mitdirektor der Maleraka- 
demie war^). 

So begann noch im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts die Land- 
kartenproduktion in Nürnberg sich zu einem Nebenzweige des eigent- 
^ liehen Kupferstiches zu entwickeln. Aus dieser Zeit stammen die 
Karten des Kupferstechers und Kunsthändlers Jak. v. Sandrart (1630 
bis 1708); da dieser seine Jugend- und Lehrjahre (1640—44, resp. 
1644 — 48) bei Cornelius Danckert in Amsterdam und bei Hondius 
verbracht hatte ^), so war ihm der Landkartenstich gewiss eine sehr ge- 
läufige Sache. Seine Karten sind fast särntlich Kopieen nach Sanson. 
Mit ihm sind als Landkarten-Stecher oder -Verleger zu nennen: der 
Kunsthändler David Funck, der meist Kopieen nach N. Blän und 
J. Janssonius lieferte, sowie Johannes Hoffmann und Christoph Riegel, 
die ebenfalls Holländische Originale nachstachen ^). Hier in Nürnberg 
nun legte auch J. B. Homann die ersten Proben seines Talentes ab. 
Anfangs in untergeordneter Stellung bei Sandrart und Funck thätig, 
gelang es ihm im Jahre 1702 sich zu geschäftlicher Selbständigkeit 
emporzuarbeiten. Er war es, der zuerst ausschliesslich sich dem Land- 
kartenstich widmete und ihn zu einem Gewerbe erhob, dessen Blüthe 
in Nürnberg bis zum Ende des 18. Jahrhunderts andauern sollte. 

Homann (Johann Baptista) wurde geboren am 22. März 1664^) im 
Dorfe Kammlach bei Mindelheim. Sein Vater, Johann Friedrich Ho- 
mann, war freiherrlich Rehling'scher Verwalter zu Bettenried, danach 
Kanzleiverwalter zu Ravensburg gewesen*). 

Über seine Jugendzeit bis zum Jahre 1687 finden sich keine au- 
thentischen Angaben. In Wills Gel.-Lex. 1756 p. 196 wird uns mitge- 
teilt, Homann habe die Jesuitenschule in Mindelheim besucht, Domini- 
kaner werden sollen und einige Jahre in Klöstern zugebracht; diese 
dürften dann auch die Stätte seiner „studia humaniora et philosophica** 
gewesen sein, von welchen uns ein Zeitgenosse^) Homann's berichtet. 

*) V. Doppelmayr, Historische Nachricht von den Nümbergischen Mathematicis 
und Künstlern, Nürnberg 1730. Kobolts Gelehrtenlex. 1795. 

5) Doppelmayr, 1. c. p. a6o f. 

6) Hauber, 1. c. p. 24 f. 

7) Doppelmayr, Histor. Nachr. 1730, p. 141. 

®) Kosmogr. Nachrichten auf das Jahr 1748» Nürnberg 1750, p. ai. 
^) Marperger, Erstes Hundert gelehrter Kaufleute, ohne Jahr, p. 67. 



330 Christian Sandler: 

Im Jahre 1687 „entgieng'*'®) Homann aus dem Dominikanerkloster 
zu Würzburg, „umb willen er die Papistischen Irrthumbe und IVIiss* 
brauche erkennet habe" und stellte in. Nürnberg an den Rat dieser 
Stadt das Ansuchen, ihm zu seinem Übertritt zur „evangelischen Re- 
ligion" behilflich zu sein^^). Der Rat entsprach dieser Bitte, indem 
er, wie üblich, nicht nur für den nötigen Religionsunterricht, sondern 
in den ersten Wochen auch für Kost und Kleidung sorgte, und be- 
schloss, Homann nach seinem Glaubenswechsel .mit einem Viaticum zu 
versehen, damit er die Reise nach Schweden fortsetzen könne, welche 
er vorzuhaben angegeben hatte ^2). Im März 1688 ist der Glaubens- 
wechsel bereits vollzogen, die Reise nach Schweden aber trat Homann 
nicht an, sondern er blieb in Nürnberg, wo ihm der Rat noch bis 
Ostern oder Walburgis 1688 freien Unterhalt gewährte ^^). Nach Ver- 
lauf dieser Frist genötigt sich selbst zu erhalten, warf sich Homann 
auf eine Beschäftigung, wie sie ihm bei seiner klösterlichen Erziehung 
am nächsten lag: Malen und Schreiben. Er erwarb sich seinen Unter- 
halt zunächst durch das Bemalen von Kupferstichen. Sein Verdienst 
muss ein recht dürftiger gewesen sein; denn auf seine Bitte hin wurde 
ihm das sog. Schutzgeld bis zum Neujahr 1689 erlassen ^^). 

Gemäss der Aussage der Prediger, welche Homann im evangeli- 
schen Glauben unterrichteten, war er „eines lehrbegierigen und auf- 
richtigen Gemütes ^^)", es konnte ihm also die mechanische Arbeit des 
Ubermalens von Kupferstichen nur als erster Notbehelf genügen. Je- 
doch wissen wir nicht, wann er diese Beschäftigung aufgab, und wo- 
mit er sie zunächst vertauschte. Im Jahre 1690 verheiratete er sich 
mit Susanna Felicitas Ströbel, der Tochter des Sudenpredigers M. Joh. 
Leonhard Ströbel zu Nürnberg^®) und war damals wahrscheinlich schon 
„Notarius publicus", als welcher er uns zum ersten Male erst im 
Juni 1691 genannt wird, wo ihm „in Ansehung seiner Bekehrung und 
habenden guten Bezeugnusses" das erbetene Bürgerrecht gewährt 



i<>) Die Art und Weise des Austrittes Homann's aus dem Kloster ist ungewiss ; 
denn hier wird der Ausdruck „entgangen'* gebraucht ohne Angabe der klösterlichen 
Stellung; im RV. (Rathsverlass) 1687, Nr. 9, Bl. 8 (10. Novbr. 1687) wird Homann 
ein gewesener Dominikanermönch genannt und im RV. 1693/94, Nr. 13, fol. 65 
(3. April 1694) ist die Rede von Homann „welcher aus einem Dominikanerkloster 
entsprungen", endlich enthält der RV. 1693/94 Nr. 8 fol. 33 (9. Novbr. 1693) 
die Stelle, dass . . . „Homann furgiebet, dass er aus dem Kloster mit gutem Willen, 
welches sonst nicht zu geschehen pfleget, erlassen worden ....'' 

^1) Nürnberger Rathsverlass (RV.) 1687, Nr. 8, fol. 145 (4. Novbr. 1687). 

12) RV. 1687, Nr. 9, fol. 8 (10. Novbr. 1687). 

13) RV. 1687/88, Nr. 13 A., fol. 21 (3. März 1688). 
1*) RV. 1688, Nr. 4, fol. 5 (12. Juli 1688). 

15) RV. 1687, Nr. 9, fol. 8. 

16) J. G. Hager, Geogr. Büchersaal I., Chemnitz 1766, p. 373. 



Johann Baptista Homann. 331 

wurde ^''). Als „Notar** hat Homann noch Zeit genug gefunden sich der 
Beschäftigung zu widmen, zu der ihn seine Neigung hinzog: dem 
Kupferstechen, speziell dem Schriftstechen. Er muss hierzu ein ausge- 
sprochenes Talent besessen haben; denn Marperger berichtet uns^^), 
Homann sei hierin Autodidakt gewesen, und Doppelmayr teilt uns mit^*-^), 
dass Homann „bei einer geringen Anweisung in weniger Zeit so glück-- 
lich avanciret, dass er vielen, die den Ruhm einer Geschicklichkeit 
hierinnen sich in langer Zeit erworben, nichts nachgegeben." In der 
That hat Homann schon im Jahre 1692 eine Landkarte („das Nürn- 
berger Gebiet**, gezeichnet vom Landpflegamtsregistrator Chr. Scheurer 
1691) gestochen und publiciert, welche man in Bezug auf technische 
Ausführung den gleichzeitigen kartographischen Arbeiten getrost an 
die Seite stellen kann. Dieser vielversprechenden Leistung hat Homann 
in den nächsten Jahren keine zweite folgen lassen können, da ihm 
die Folgen religiösen Wankelmutes die Zeit zu andauernder Arbeit 
entzogen. 

Homann fand nämlich auf die Dauer in dem neuen Bekenntnisse 
nicht den gehofften inneren Frieden. Von Gewissensbissen über seinen 
Austritt aus der katholischen Kirche ^ö) und über seinen Bruch der 
Klostergelübde geängstigt und in seinen Zweifeln durch einige gleich- 
gesinnte Konvertiten (M. Klöckel, Johann Matthäus Luther und Syrich) 
bestärkt ^^) bekannte er sich im November 1693 wieder zum verlassenen 
Glauben ^^). Über diesen Rückfall war der Nürnberger Rat so erzürnt, 
dass er Homann sofort (vor dem 6. Dezember 1693) das Bürgerrecht, 
welches ihm ja in Anbetracht seiner Bekehrung gewährt worden war, 
wieder zu nehmen beschloss^^). Ein weiteres Vorgehen, sowie ein Ent- 
scheid auf Homann's Bitte, ihn als Katholiken in der Stadt zu dulden, 
unterblieb vorläufig, damit nicht etwa irgend ein katholisches Mitglied 
des damals zu Nürnberg stattfindenden fränkischen Kreistages Homann 
unter seinen Schutz (patrocinium) nähme 2^). Im April des folgenden 



17) RV. 1691/92, Nr. 3, fol. 70 (26. Juni 1691). 

18) Marperger, Erstes Hundert gelehrter Kaufleute, p. 67. 

1^) Doppelmayr, Histor. Kachrichten von den Nürnberger Mathematicis und 
Künstlern, Nürnberg 1730, p. 141. 

20) RV. 1693/94, Nr. 8, fol. 33 (9. Nov. 1693). 

21) RV. Nr. 13, fol. 65 (3. April 1694). 

22) RV. 1694/95, Nr. I, fol. 90 (27, April 1694). 

23) RV. 1693/94, Nr. 9, fol. 19 (6. Decbr. 1693). — Es ist ungewiss, ob Hom. 
wirklich aus der Liste der Stadtbürger gestrichen worden ist, denn im RV. 1694/95 
Nr. II, fol. 103 (11. Febr. 1695) findet sich die Stelle: „Zu des Notarii Johann 
Baptista Homanns übergebener Bitte, ihn zu denen gewöhnlichen Losung-Pflichten 
zuzulassen, Soll- man die Vorige Acta aufsuchen, und daraus einen Bericht, ob ihm 
das Bürgerrecht würcklich abgenommen worden seye, erstatten . . . ." 

2^) RV. 1693/94, Nr. 9, fol. 19 (6. Decbr. 1693). 



332 Christian Sandler: 

Jahres (1694) aber ging der Rat um so energischer gegen den Ab- 
trünnigen vor. Denn da Homann offen erklärte, er könne wegen seines 
„voti castitatis" sein Weib nicht für eine rechte Ehegattin halten, so 
kam der Rat zu dem logischen Schluss, dass Homann in diesem Falle 
sein Weib als seine Konkubine gebraucht habe, und verurteilte ihn zur 
Unzuchtstrafe 2^). Demgemäss wurde Homann anfangs April in Haft 
genommen, worauf er sehr bald wieder anderen Sinnes wurde. Noch 
vor Ende des Monats nämlich schickte er ein Schreiben an den Rat, 
welches die Gründe seines Rücktrittes zur katholischen Kirche enthielt 
und zugleich die motivierte Erklärung, dass er bereit sei, wieder 
protestantisch zu werden. Der Rat entliess ihn wohl darauf hin „nach 
ausgestandener Straff*' aus der Haft, traute aber diesem plötzlichen 
Gesinnungswechsel so wenig, dass er Homann acht Tage Frist zur 
Wiederholung seines Bekenntnisses setzte, widrigenfalls er danach die 
Stadt zu verlassen habe, und ihm befahl, innerhalb dieser Frist sein 
Weib und Kind zu meiden 2^). Auch die Wiederholung des Bekennt- 
nisses vermochte nicht den Rat umzustimmen; denn derselbe beriet 
noch im Mai, ob man Homann's Ausweisung durchführen, und ob man 
sich dann seines unschuldigen Weibes und Kindes annehmen solle, 
beschränkte übrigens, um sicher zu gehen, Homann in seiner Freiheit. 
Erst im Juli nach mehrfacher Erkundigung bei der Geistlichkeit und 
auf eine Bittschrift seines Schwiegervaters, des Sudenpredigers M. Jo- 
hann Leonhard Ströbel, hin wurde ihm das freie Ausgehen und der 
Genuss des heiligen Abendmahls wieder erlaubt 2^). 

Das misstrauische Vorgehen des Rates war nicht ungerechtfertigt. 
Denn nachdem im Februar 1695 Homann's Bitte um Zulassung zu „den 
gewöhnlichen Losungpflichten** vorläufig abgeschlagen war^®), ihm also 
trotz seiner Wiederbekehrung das Bürgerrecht vorenthalten wurde, ver- 
liess er Anfangs März auf Veranlassung des kurfürstlich-neuburgischen 
Pflegers ^^) zu Allersberg (ca. 3 Meilen südlich von Nürnberg gelegen) 
heimlich die Stadt. Sein Weib und das eine der beiden damals 
lebenden Kinder Hess er in Nürnberg zurück; das andere Kind, einen 
Knaben ^^), übergab er dem erwähnten Pfleger zur Erziehung, er selbst 
trat abermals zur römisch-katholischen Kirche zurück ^^). 

Zwar erklärte er binnen kürzester Frist in einem Schreiben an 
seinen Beichtvater M. Heinrich Seyfried, Diakonus zu St. Egidien^^), 



I 



25) RV. 1693/94, Nr. 13, fol. 65 (3. April 1694). 

26) RV. 1694/95, Nr. I, fol. 90 (27. April 1694). 

27) RV. 1694/95, Nr. 4, fol. 9 (6. Juli 1694). 

28) RV. Nr. II, fol. 103 (II. Febr. 1695). 

29) Derselbe hiess laut RV. 1697/98 Nr. 2, fol. 35, Maximilian von Thurnhofen. 

30) RV. 1697/98, Nr. 2, fol 35 (15. Mai 1697). 

31) RV. 1694/95, Nr. 12, fol. 119 (13. März 1695). 

32) RV. Nr. 3, fol. 15 (9. Juni 1694). 



Johann Baptista Homann. 833 

welches dem Rate bereits am 19. März vorgelesen wurde, „dass er sein 
heimliches Entweichen bereue, dass er beim evangelischen Glaubens- 
bekenntnis zu verbleiben beständig entschlossen sei, auch wieder anher 
(nach Nürnberg) zu kommen, sein Kind aber von Allersberg heimlich 
hinweg zu holen die Absicht habe". Aber der Rat bedachte sich sehr, 
ob er sich mit diesem unbeständigen Menschen überhaupt nochmals 
einlassen solle ^^). Auch nach einem halben Jahre noch, als eine schrift- 
liche Fürbitte des Licentiaten Johann Christoph Meelführer, Dom- 
dechanten zu Schwabach, samt einer Bittschrift Homann's um Wieder- 
aufnahme einlief, beschloss der Rat, zunächst die zwei ersten Prediger 
zu konsultieren, inzwischen aber dem Homann zur Reception keine 
Hoffnung zu machen^*). Das eingeholte Urteil fiel günstig für Homann 
aus; der Rat aber begnügte sich nicht damit, sondern beschloss erst 
noch die anderen vier Prediger um ihre Meinung zu befragen und 
überdies die Wiederaufnahme Homann's von der Zurückbringung seines 
Knaben aus Allersberg abhängig zu machen ^^). Da die vier übrigen 
Prediger die Begnadigung des „zum anderen Mal zu den Papisten ab- 
gesprungenen" für bedenklich hielten, so wurde er in einem Schreiben 
an IMeelführer definitiv abgewiesen ^^), und diesem Schreiben gemäss 
Ratsbeschluss vom 24. Dezember 1695 noch beigesetzt: „wie schimpff- 
lich derselbe (Homann) zu Wien von der Evangelischen Religion und 
sonsten von dem Ehestand derjenigen, so sich einmal in den geistlichen 
Stand begeben, geredet habe!" 3''^) 

Den gleichen Misserfolg ^®) hatte die „flehentliche Bittschrift" um 
Wiederaufnahme, welche Homann im Mai 1696 von Erlangen aus an 
den Rat richtete. Es war weniger Homann's Unbeständigkeit, welche 
den Rat zu dieser Härte veranlasste, als vielmehr das unverzeihliche 
Verbrechen, dass er „sein unschuldiges Kind in das Papsttum entführt 
hatte" ^^). Fast aus sämtlichen Ratsprotokollen, welche über diese An- 
gelegenheit berichten, spricht der Schmerz über den Verlust dieses 
protestantisch geborenen Sohnes eines Nürnberger Bürgers. Der Rat 
trat deshalb sogar mit der kurfürstlich- neuburgischen Regierung in 
Unterhandlung*^). Der Verlauf derselben ist uns nicht bekannt; das 
Auftreten Nürnbergs aber scheint nicht sehr energisch gewesen zu sein ; 
denn das Endergebnis blieb, dass das Kind noch im September 1697 



33) RV. Nr. 13, fol. 22/2$ (19. März 1695). 

34) RV. 1695/96, Nr. 8, fol. 66 (24. Okt. 1695). 

35) RV. Nr. 9, fol. 83 (as. Nov. 1695). 

36) RV. Nr. 10, fol. 18/19 (9. Decbr. 1695). 

37) ibid. fol. 83. 

38) RV. 1696/97, Nr. a, fol. 74 (29. Mai 1696). 

39) RV. 1696/97, Nr. 3, fol. 50 (20. Juni 1696). 

40) RV. 1695/96, Nr. 3, fol. 2 (23. Mai 1695) u. Nr. 4, fol. 44 (i. Juli 1695); 
RV. 1697/98, Nr. 2, fol. 35 u. 90. 



334: Christian Sandler: 

nicht zurückgebracht war^*). Wir erfahren auch nicht, dass es später 
geschehen sei. Dagegen melden die Ratsverlässe des Jahres 1724/25 
No. 12 fol. 3, 84, 146, dass des verstorbenen Homann's älterer Sohn, 
Gottfried Friedr. Homann, der römisch-katholischen Religion zugethan 
und kurpfalzischer Oberförster zu Weichering bei Neuburg war. Der 
Pfleger von Allersberg dürfte also das Kind wohl unter irgend einem 
Rechtstitel behalten und erzogen haben. Es wäre ja nicht undenk- 
bar, dass Homann, gereizt durch die Härte des Rates, aufgeregt durch 
die Fährlichkeiten der Flucht, endlich in der Angst des Gewissens und 
im Bewusstsein seines Mangels an Standhaftigkeit , wenigstens das 
Seelenheil seines Sohnes zu retten vermeinte, indem er ihn mit Ver- 
zicht auf alle Elternrechte unwiderruflich in katholische Hände da- 
hingab. 

Es ist diese That, wie der ganze zweite Rückfall, vielleicht unter 
dem Einflüsse des Pflegers von Allersberg die Folge eines ebenso 
plötzHchen, als energischen Entschlusses Homann's gewesen. Selbst 
seine Frau dürfte nicht darum gewusst haben; denn er machte ihr 
seine Beweggründe, „morsus conscientiae*', erst nach der Flucht in 
einem Schreiben klar, welches am i. Juli 1695 in der Ratssitzung erwähnt 
wird^2j. £g DQuss ihm gelungen sein sich vor ihr völlig zu rechtfertigen. 
Denn trotz der Kränkung, welche ihr durch Homann's Erklärung über 
seine Ansicht von dem Ehestande früherer Geistlicher angethan worden 
war, und trotz des Schmerzes, welchen ihr die Trennung von ihrem 
Sohne hatte verursachen müssen, ist sie so wenig an ihrem Gatten irre 
geworden, dass sie ihm nach seiner Ausweisung in die Fremde nach- 
folgte, zunächst (Februar 1696) nach Erlangen, wohin sie ohne Vorwissen 
ihres Vaters das Ehebett, zwei Sessel und anderes mitnahm*^). Die 
Mitführung des Hausrates ist gewiss ein Beweis, dass Homann in sehr 
missliche Vermögensverhältnisse geraten war. Später (August 1696) 
folgte sie ihm auch nach Leipzig**), und bei dieser Gelegenheit wird 
uns der Verlust des Vermögens ausdrücklich bestätigt. Zu all diesem 
Unheil, dem Verluste eines Sohnes, der Heimat, des Vermögens, kam 
für Homann's Weib noch der Tod ihres Vaters. Diesem wurden bei 
seiner Stellung als Prediger die Rückfälle seines Schwiegersohnes 
sicherlich sehr verübelt, der Rat machte ihm sogar noch sehr triviale 
Vorwürfe, indem er ihn nach Homann's Flucht (März 1695) bedeuten 
Hess, „dass er sich anfangs hätte besser fürsehen, und vor diesem, 
allein um der Wollust willen aus dem Kloster gegangenen Menschen 
sich hüten, noch ihme sein Kind zur Ehe überlassen sollen"*^). Der 

41) RV. 1697/98, Nr. 7, fol. 28 (a8. Septbr. 1697). 

42) RV. 1695/96, Nr. 4, fol. 44 (i. Juli 1695). 

43) RV. 1695/96 Nr. la fol. ia8 (M- Febr. 1696). 

44) RV. 1696/97 Nr. 5 fol. 109 (27. Aug. 1696). 

45) RV. 1694/95 Nr. la fol. 119 (13. März 1695). 



Johann Baptista Homann. 335 

unglückliche Mann verfiel später in Melancholie und endete (Juni 1697) 
durch Selbstmord^). 

Hiermit aber hatte sich die Ungunst des Schicksals erschöpft. 
Eine Eingabe Homann's um Wiederaufnahme (9. September 1697), welche 
er von Leipzig aus einschickte, gleichen Inhalts wie die vorhergehenden 
und unterstützt durch ein Zeugnis seines Leipziger Beichtvaters über 
sein bisheriges Wohlverhalten im Glauben, stiess zwar anfangs eben- 
falls auf die uns bekannten Schwierigkeiten wegen der Herbeischaffung 
seines Sohnes*^); auch beschloss der Rat, von Homann's Erbgut ihm 
vorläufig nichts auszuhändigen; aber er erwog doch bereits die Be- 
dingungen, welche ihm zu seiner Wiederaufnahme gestellt werden sollten. 
Dieselben waren: öff'entliche Kommunikation Homann's, sowie die Er- 
wähnung seiner Reue über seinen zweimaligen Rückfall in der darauf 
folgenden Predigt*^). Unter diesen Bedingungen, die gewiss nicht hart 
waren, wurde er denn gemäss RV. vom 20. Oktober 1697, nachdem er 
seine Bitte durch Vermittelung seiner Schwiegermutter wiederholt hatte, 
wieder aufgenommen, dabei noch vor dem Verkehr mit den Papisten 
gewarnt; seiner Schwiegermutter aber wurde ernstlich empfohlen, das 
väterliche Vermögen weder ihm noch ihrer Tochter zur Verfügung zu 
stellen*^). Von der vielbesprochenen Zurückführung des Sohnes scheint 
man abgesehen zu haben (v. o.). Auch das Bürgerrecht wurde Homann 
wieder zu Teil, jedoch erst nach dem Februar 1698. Denn bei dem 
damals stattfindenden Losungschwören wurde sein Name noch nicht 
mit abgelesen, vorzüglich deshalb, weil sich der Rat über Homann's 
bürgerliche Stellung selbst nicht klar war^^). Spätere Bemerkungen über 
diesen Gegenstand fehlen. 

Die meist sehr ausführlichen Nürnberger Ratsverlässe geben uns 
über Homann's geschäftliche Thätigkeit während dieser Zeit nur sehr 
mangelhaften Aufschluss; fast durchgängig, zum letzten Male im RV. 
1697/98 Nr. 12 fol. 16 (12. Februar 1698), wird Homann der Titel 
eines Notars beigelegt ; sein Nürnberger Gebiet wird als „mappa territorii 
Norici" erwähnt^*); ein einziges Mal, und zwar erst im Mai 1696, also 
nach seiner Flucht, wird Homann Notar und Kupferstecher zu gleicher 
Zeit genannt ^^). Daraus ergiebt sich mit Wahrscheinlichkeit, dass in 
den Jahren 1693— 1695 Homann's kartographische Leistungen über- 



aß) RV. 1697/98, Nr. 3, fol. 109 (25. Juni 1697). 

47) RV. 1697/98, Nr. 6, fol. 65 (9. Sept. 1697) u. fol. iio/iii (20. Septbr. 
1697). 

48) RV. 1697/98, Nr. 7, fol. a8 (28. Septbr. 1697). 

49) RV. 1697/98, Nr. 7, fol. 134 (ao. Oktbr. 1697). 
5«) RV. 1697/98, Nr. la, fol. 16 (12. Febr. 1698). 

51) RV. 1693/94, Nr. 7, fol. 'j'j (24. Oktbr. 1693) u. RV. 1694/95, Nr. 12, 
fol. T19 (13 März 1695). 

M) RV. 1696/97, Nr. 2, fol. 74 (29. Mai 1696). 



336 Christian Sandler: 

haupt nicht von Belang waren, und insbesondere, dass er nicht in 
Diensten Sandrart's oder Funck's stand. 

Während seines Aufenthaltes in Leipzig (Mitte 1696 bis Ok- 
tober 1697) stach Homann^^) die 34 Karten zu Christoph Cellarius' 
Notitia orbis antiqui (1701); ferner rühren die Karten^*) in Homann- 
Scherers „Atlas novus" (Augsburg 1710), oder wenigstens ein Teil der- 
selben, von seiner Hand her. Die Mehrzahl derselben trägt die Jahres- 
zahlen 1699 oder 1700, es sind aber auch verschiedene aus den 
Jahren 1698 1701, 1702 und 1703 darunter. Im Oktober 1700 finden 
wir Homann als Stellvertreter des erkrankten David Funck für dessen 
Landkartenoffizin thätig^^). Mit diesem überwarf er sich im Jahre 1702 ^^). 
Seine Thätigkeit bei Sandrart dürfte also in die Zeit direkt nach seiner 
Rückkehr aus Leipzig zu setzen sein (1697 — 1698). 

Nach seinem Zerwürfnis mit Funck gründete sich Homann im 
Jahre 1702^^) eine eigene Offizin. Seine Karten fanden bald viele Lieb- 
haber „et quidem ob typi non solum elegantiam, qua alias etiam nationes 
vincere adnititur, sed et litterarum signorumque perspicuitatem, id 
quod singulare in adcüratioribus mappis requisitum est"^^). Es fehlte 
auch nicht an öffentlichen Anerkennungen. Karl VI. ernannte Homann 
im Jahre 1715 zum kaiserlichen Geographen ^^), welche Gnade der 
Nürnberger Rat „ihme, Homann, gar gerne gönnte" ^^). Im nämlichen 
Jahre ^*) nahm ihn die k. Societät der Wissenschaften zu Berlin unter 
ihre Mitglieder auf; endlich, im Februar 1723, wird uns Homann (zum 
ersten Male) als „Moskovitischer Agent" (Konsul) genannt ^2). 

Bezüglich seiner Familienverhältnisse ist nachzutragen, dass seine 
erste Frau im Jahre 1705 starb. Von den sieben Kindern, die sie ihm 
geboren hatte, überlebten Homann nur zwei: der oben erwähnte Ober- 
förster Gottfried Friedrich und der spätere Inhaber der Offizin, Joh. 
Christoph Homann. Eine zweite Ehe ging Homann ein mit Elisabeth 
verw. Schwerdfeger; sie starb im Jahre 17 16 nach elfjähriger Dauer 
dieser Ehe. Homann hatte von ihr zwei Kinder, eine früh verstorbene 
Tochter und einen Sohn, Christoph Karl^^), der im Februar 1725 auch 



63) Hübner, Geogr. Fragen 17*1, Vorrede p. 39. 
6*) Doppelmayr, 1. c. p. 141. 

55) RV. 1700/01, Nr. 7, fol. 94 (15. Oktbr. 1700). 

56) G. A. Will, Nürnberg. Gelehrtenlexicon. 1756, p. 197. 

57) Homann's Vorrede v. J. 17 14 zu seinem Atlas von 100 Landkarten. 
(= Homann's Vorrede). 

58) J. G. Liebknecht, Element» Geograpbiae, Frankfurt 17 12, p. 70. 

59) Dedication zum „Neuen Atlas 17 16", geschr. von Homann. 

60) RV. 1715, Nr. 7, fol. 104. 

61) Doppelmayr, Historische Nachricht von den Nbg. Math, etc., p. 142. 

62) RV. 1722/23, Nr. 12, fol. 32. 

63) G. A. Will, Nürnberg. Gelehrtenlexicon. (1756), p. 198. 



Johann Baptista Homann. 337 

schon aus dem Leben geschieden war^*). Homanns zweite Frau hatte 
ihm eine Tochter, Ursula Barbara Schwerdfeger (welche von 1697 bis 
1756 lebte), mit in die Ehe gebracht. Diese verheiratete sich im 
Jahre 17 16 mit dem Kupferstecher Joh. Jakob Weisshof, und nach 
dessen baldigem Tode im Jahre 1718 mit dem Mechanikus und Kupfer- 
stecher Johann Georg Ebersperger (1695—1760)^^). Dieser wurde im 
Jahre 1730 testamentarischer Miterbe der Homannischen Offizin (v. u.) 
Johann Baptista Homann starb am i. Juli 1724^^). 

Der allgemeine Zustand der Kartographie um 1700. 

Die Grundlage für alle grösseren Kartenwerke des 17. Jahr- 
hunderts bildet neben den Landkarten des Ortelius der von Hondius 
im Jahre 1604 herausgegebene Atlas Mercator's, und noch viele Blätter 
aus den ersten Decennien des 18. Jahrh. sind mittelbar oder unmittel- 
bar aus demselben entnommen. 

Die Verbesserungen, welche im Verlauf des Jahrhunderts an 
Mercator's Werken von den verschiedenen Kartographen, die auf seiner 
Grundlage bauten, vorgenommen worden waren, sind, wenn wir von 
Tasman's Entdeckungen in der Südsee und den Aufnahmen der Jesuiten 
in China absehen, sämtlich von untergeordneter Bedeutung, indem 
die Mehrzahl einer Vervollständigung und Korrektur des Details 
ihr Hauptaugenmerk zugewendet oder doch nur einzelne Länder nach 
neueren, aber nichts destoweniger ungenauen Messungen und Ortsbe- 
stimmungen richtig zu stellen gesucht hatte. Diese unsicheren Einzel- 
korrekturen waren die Ursache, dass uns das Bild der gesamten 
Kartographie am Ende des 17. Jahrh. als ein Gemengsei aus modernen 
Richtigstellungen und althergebrachten Grundmängeln erscheint. 

In Frankreich wurde man sich der Unzulänglichkeit und der un- 
abweisbaren Verbesserungsbedürftigkeit der Landkarten zuerst bewusst. 
Die Veröffentlichung von Jean Dominique Cassinrs Tafeln für die Um- 
läufe der Jupiterstrabanten (1666) gab zuerst das Mittel zu genaueren 
astronomischen Messungen an die Hand, und Picard und Delahire legten 
mit Hilfe derselben zuerst eine Anzahl französischer Orte fest, wodurch sich 
das erste zuverlässige und vertrauenerweckende Kartenbild Frankreichs 
ergab (1679 — S^)- ^^^ 1679 von der Acad^mie fran9aise veröffentlichte 
„Connaissance des temps'* bot sämtliche damals bekannten und für richtig 
erachteten Resultate astronomischer Ortsbestimmungen. Französische 
Jesuiten hatten China (165 1), der Franzose Richer die Länge von Cayenne 
(1672), Chazelles die Küsten des östlichen Mittelmeers bestimmt. Die 
Hauptfehler der alten Karten waren also von Franzosen blossgelegt 



6*) RV. i724/a5, Nr. la, fol 3. 

ß^) J. G. Hager, Geogr. Büchersaal I (Chemnitz 1766), p. 376. 

66) Doppelmayr, Histor. Nachr. etc. p. 14a. 



338 Christian Sandler: 

worden, und es ist nur notwendige Folge, dass zuerst französische Karto- 
graphen diesen Umstand benützten, um eine Reformation der Karto- 
graphie zu versuchen. 1699 erschienen die neuen Kontinentalkarten de 
Fer's, im folgenden Jahre die des de llsle. Mit Recht nennt Vivien de 
St. Martin^'') dieses Reform-Unternehmen eine „Herkulesarbeit"; denn 
es galt nicht nur auf Grund der neueren Messungen und Bestimmungen 
eine neue Kartographie zu schaffen, sondern es musste auch vorher 
kritisch geprüft werden, was von den überlieferten Materialien bei den 
wissenschaftlichen Ansprüchen der Neuzeit noch brauchbar war. 

Im damaligen Deutschland war es unmöglich, kartographische Re- 
formen mit Erfolg zu unternehmen. Dazu fehlten die Grundbedingungen. 
Die politische Zerfahrenheit unseres Vaterlandes bildete das Haupthinder- 
nis für das Nötigste: geodätische wissenschaftliche Aufnahmen in grossem 
Stil. Am Beginne des 18. Jahrh. war eigentlich nur Bayern durch 
Apian (1566) geodätisch aufgenommen und gut mappiert. Die Ver- 
messungen des 17. Jahrh. und der folgenden Zeit (Schleswig und 
Holstein, sowie Dänemark durch Johann Meier um 1650; Ungarn, ins- 
besondere der Lauf der Donau durch Marsigli und Müller, Mähren 
durch Müller, Brandenburg-Anspach durch Vetter, Württemberg durch 
Maier, Chursachsen durch Zürner) können sämtlich einen Anspruch 
auf wissenschaftlichen Wert nicht erheben 

Nicht minder schlimm stand es mit den astronomischen Ortsbe- 
stimmungen. Meist waren sie unzuverlässig, und die Anzahl derselben 
war überhaupt sehr klein. „Sehet nun, ihr Deutsche", ruft J. M. Franz 
noch im Jahre 1748 aus^^), „ein ganz klein Register von der Weite und 
Lage von etlichen und zwanzig Örtern ist alle eure Gewissheit, die 
man aus allen euren gedruckten, gestochenen, geschriebenen, papiere- 
nen und pergamentenen Hilfsmitteln zu Verbesserung der Erdbe- 
schreibung eines Staats, der so gross und weitläuftig als Deutschland 
ist, herausziehen kann!" Wohl fehlte es nicht an Gelehrten, die sich 
mit geographischen Studien beschäftigten, aber sie alle erblickten in der 
Geographie nichts als eine Wissenschaft, die unerlässlich war zum Ver- 
ständnis eines ihnen wichtigeren Studiums, sei dieses Geschichte, Staats- 
kunde, lus publicum, Genealogie oder Heraldik. Die Geographie war 
also immer nur ein Nebenstudium, auf welches man im besten Falle, 
wie Hauber ^^) es gethan, gewissenhaft seine Nebenstunden verwendete, 
und das ist sie sehr lange geblieben. Noch 1753 war „keine lebendige 
Seele in ganz Deutschland vorhanden, von welcher man sagen könnte, 
dass sie sich einzig und alleine auf die Weltbeschreibungswissenschaft 



I 



67) Vivien de Saint - Martin, Histoire de la Geographie (Paris 1873)» p. 423. 

68) Kosmographische Sammlungen. Nürnberg 1750, p. 354. 

69) Hauber, Histor. Nachriebt von den Karten des schwäbischen Kreises, 
1724, Vorrede. 



Johann Baptista Homann. 339 

legte, man müsste denn die Homann'sche Handlung dahin rechnen; denn 
auch selbst die kosmographischen Mitglieder sind zur Zeit lauter solche 
Personen, die die Geographie auch zur Zeit als eine Nebensache be- 
handehi"^<>). 

Infolge dieser Ursachen und des triftigeren praktischen Momentes der 
übermässigen Kostspieligkeit kritischer oder geodätischer Mappierungs- 
arbeiten für den einzelnen lag das kartographische Feld in Deutschland 
vollständig brach, wenigstens in Bezug auf nichthistorische Karten. Im 
Übrigen war auch kein Bedürfnis nach Besserem, als die niederländischen 
Karten fabrikanten seit Jahren nach Deutschland lieferten, im grossen 
Publikum vorhanden. Ohne Verständnis für die mathematische Richtigkeit 
einer Karte fand man die Hauptvorzüge in der Genauigkeit politischer 
Abgrenzung und Einteilung der einzelnen Länder, und gerade dieser 
Umstand, welchen wir mit einer einzigen Ausnahme (Lysers Commen- 
tatio de vera Geogr. methodo)"^^) auch bei den Gelehrten jener Zeit 
bis zur Mitte des i8. Jahrh. finden, war es, welche die Herstellung 
einer Karte von Deutschland um so mehr erschwerte. Dazu kommen 
die zahlreichen Beispiele politischer Kurzsichtigkeit der Staatslenker, 
welche dem Feinde durch Mappierung ihres Landes dasselbe zu öffnen 
befürchteten, und endlich als Hauptgrund der Mangel an Geld für 
solche Unternehmungen in allen Kassen. 

Allerdings tauchte unter solchen Umständen sehr früh die Idee 
auf, durch eine freiwillige Vereinigung von Gelehrten das zu erreichen, 
was bei dem Mangel an staatlicher Hilfe dem Einzelnen unmöglich 
war. Bereits Tenzel hat in seinen „Monathlichen Unterredungen" 
1693 p. 331 u. ^^^ eine geographische Gesellschaft zur Landesbeschreibung 
und Mappierung Deutschlands vorgeschlagen, und Hauber schliesst sich 
i. J. 1727 dieser Idee an '^2^, indem er die Teilung der Arbeit spezialisiert 
(2 Abteilungen: i. politische, 2. allgemeine) und Hasius als geeigneten 
Vorstand nennt '^^). Aber es blieb vorläufig bei dem Vorschlage. 

So stand es in Deutschland mit der Kartographie des Inlandes. 
Für die kartographische Darstellung des Auslandes aber fehlten zu- 
verlässige deutsche Angaben zu jener Zeit gänzlich. 

Kommerzielle und wissenschaftliche Tendenz derHomann- 

schen Officin. 

Unter so ungünstigen Umständen gründete Homann im Jahre 1 702 
seine Officin. Freilich war es ihm bei seinen Vermögensverhältnissen 
nicht um' eine Reform der deutschen Kartographie zu thun, auch nicht 

■^ö) Kosmogr. Lotterie, Nürnberg 1753, p. VII. 
"^i) Hauber, Discours p. 17 not. 

7^) Hauber's Discours von dem gegenwärtigen Zustande der Geographie, Ulm 
1727, p. 174 f. 

73) ibidem p. 178. 
Zeitschr. d. Gesellsch. f. Erdlc. Bd. XXI. <^^ 




340 Christian Sandler: 

um die Herstellung von Originalkarten, sondern sein Unternehmen war 
in erster Linie ein kaufmännisches. Dafür scheint schon die rätsel- 
hafte Bemerkung des Nürnberger Ratsverlasses 1693 '94 Nr. 13 fol. 65 
(3. April 1694) zu sprechen: man solle „auch von ihme (Homann) ver- 
nehmen lassen, was er vor ein angegebenes grosses Werck, daraus er 
grossen profit zu ziehen verhoffe, unterbanden habe". Einen triftigeren 
Beweis für das Überwiegen kaufmännischer Interessen erkennen wir in 
der Art der Ausführung des Unternehmens. Homann selbst bemerkt 
darüber in der Vorrede vom Jahre 17 14 zu seinem „neuen Atlas über 
die ganze Welt", er habe mit einigen neuen Spezialkarten begonnen, 
diese hätten Anklang bei Publikum und Gelehrten gefunden, daher 
habe er auch General- und Universalkarten, die bis jetzt meist negli- 
gieret worden, herausgegeben^^). Seit dieser Zeit ist es Homann's offen- 
bares Bestreben, die niederländischen und französischen Karten, welche 
vor ihm ohne nennenswerte Konkurrenz den deutschen Markt be- 
herrschten, durch mindestens gleich gute, aber billigere''^) Produkte aus 
der Gunst des vaterländischen Publikums zu verdrängen und durch 
Zusammenfassung der einzeln herausgegebenen Blätter zu vollständigen 
Kartenwerken (die Atlanten von 1707, 17 12, 17 16, später ohne Jahr) 
seine Leistungsfähigkeit zu beweisen. Daher schreibt er auch mit Stolz 
in obiger Vorrede von dem Atlas 17 12: „Es hat in meinem Teutschen 
Hochwerthesten Vatterland vor mir noch keinem das Glück gewollt, 
ein solch complet geographisches Werck an das Licht zu bringen". 

Dieses Bestreben Homann's ist vollständig geglückt und hat unter 
den Zeitgenossen auch öffentliche Anerkennung gefunden '^^). Anderer- 
seits aber ist die Hast der Produktion, welche diesem Bestreben ent- 
sprang, eine Hauptursache der bedeutenden Mängel der Homann'schen 
Karten geworden. 

Jedoch würden wir Homann Unrecht thun, wenn wir auf diese 
kommerzielle Seite seines Unternehmens zu viel Gewicht legen würden, 
umsomehr, als Homann's wissenschaftliche Befähigung nicht ange- 
zweifelt werden kann. Abgesehen von seinen Karten beweisen uns dies 
auch einige Stellen seiner oben erwähnten, allerdings nur zwei Seiten 
(Folio) starken Vorrede von 17 14. Hier führt Homann aus, dass Valle- 
ment in seinen „Elements de Thistoire" dem de Fer vorwerfe, es sei 
unrichtig, die kartographischen Reformen durch astronomische Obser- 

'^^) Generalkarten sind Karten von grösseren Reichen, die Specialkarten stellen 
kleinere Reiche oder Provinzen vor (cf. Hübner*s geogr. Fragen 1721, Vorrede 
p. 4 ff.). Specialkarten in unserem Sinne wurden damals tabulae specialissimaö 
' genannt (ibidem p. aa). 

^^) Eine deutsche Karte kostete 4 — 5 Groschen , eine holländische 5 — 6, 
eine französische 6 — 7 und eine englische 7 — 8 Groschen (Hübner , Museum 
geographicum 1726, p. 31a). 

76) Hauber, Versuch etc. 1724, Vorrede 1723, S. 5. 



Johann Baptista Homann. 341 

vationen zu begründen wegen der Ungewissheit derselben, indem doch 
Astronomen am Himmel die Entfernungen auf der Erde nicht so genau 
bestimmen könnten, als Reisende, welche die zu messenden Wege oft 
zurückgelegt hätten. Homann widerlegt diese merkwürdige Ansicht mit 
grosser Kürze, indem er Vallement darauf aufmerksam macht, dass die 
Grundlehren der Geographie, die Kugelgestalt der Erde z. B. und 
andere, ja auch durch die Astronomie bewiesen worden seien, dass 
übrigens die Bestimmung zurückgelegter Weglängen ein sehr unsicheres 
Ding sei. 

Bedeutsamer ist der Umstand, dass Homann laut eben dieser Vor- 
rede sich bemühte, die Widersprüche zwischen den Reformen des 
de Fer und des de l'Isle zu vereinigen, und dass ihm „die blosse 
Autorität der Hochansehnlichsten königl. französischen Geographen 
allein" nicht genügte. An anderer Stelle''^) wird uns ausdrücklich mit- 
geteilt, dass ihm die Schriften Christian Huygens und Doppelmayr's 
förderlich gewesen seien. Die Werke des Cellarius, Scherer, Olearius, 
Reland, Tavernier, Lucas, Isbrand etc. waren ihm bekannt (v. u. laut 
Karten). Man geht also nicht zu weit, wenn man behauptet, Homann 
habe „mehr geographischer Wissenschaft und Verstand gehabt, als die 
mehste von denen anderen (deutschen) Land -Charten -Schmieden zu- 
sammen genommen'* ^^). Dazu kommt, dass Homann sich mit einer An- 
zahl von Gelehrten in direkten Verkehr gesetzt hatte, die damals in 
Deutschland auf dem Gebiete der Geographie als Autoritäten galten; 
er nennt selbst^^) Gregorii, Gottschling, Junker 1668-1714 (Rektor in 
Altenburg), „und andere''; vor allen aber den Hamburger Schulrektor 
Johann Hübner (1668— 1731). Dieser hatte seine „geographischen 
Fragen*' auf die Homann'schen Karten eingerichtet, die „Illumination" 
(Übermalung der Länder) gerathen^^) und einige Karten verbessert (in 
Bezug auf Ortsangabe und politische Grenzen). Auch Eberhard David 
Hauber (1695 — 1765) ist für Homann thätig gewesen®^). Der bedeu- 
tendste Mitarbeiter aber war Johann Gabr. Doppelmayr (1671 — 1750); 
seit 1704 pro f. math. am Egid. Gymnasium in Nürnberg ^2). Doppel- 
mayr hat für Homann geliefert: eine Einleitung zur Geographie, eine 
Anzahl Himmelskarten (v. u.), die „Basis Geographiae" und „Europa 
ad 1706". 

Doppelmayr's „Einleitung zur Geographie" zerfällt in drei 
Bücher: L Von der Geographia Mathematica. IL Von der Geographia 

'^'^) Gregorii, Curieuse Gedanken von den alten und neuen Landkarten 171 3, 
p. 5a. 

'^^) Hauber, Discours p. 145. 

■^9) Homann* s Vorrede 17 14. 

80) ibidem. 

81) Hauber, Vers. p. 157. 

82) Will, Nürnberg. Gelehrtenlexicon 1756, I, p. 287 f. 



342 Christian Sandler: 

Naturalis. IlL Von der Geographia Historica (politische Geographie). 
Das erste Buch beginnt mit den Beweisen für die Kugelgestalt der Erde 
(r. runder Erdschatten bei Mondfinsternissen, 2. Veränderung der 
Sonnenhöhe mit der geographischen Breite und Zeitdifferenzen der 
verschiedenen geographischen Längen, 3. Schiffsreisen, ausgeführt nach 
den Regeln, die eine sphärische Figur der Erde voraussetzen, haben 
diese Voraussetzung durch das Resultat bestätigt, 4. die obersten Teile 
eines Gegenstandes sind am weitesten sichtbar). Es folgt dann in den 
Kapiteln 2 — 7 die Definition der in der mathematischen Geographie ge- 
bräuchlichen Linien (Axe der Erde, der Ekliptik etc.), Punkte (O. W. etc.), 
Kreise (Horizont, Meridian, Äquator etc.) und anderer Fachausdrücke. 
Dem 7. Kapitel ist ein kurzer Abriss der Geschichte der Gradmessung 
bis auf Cassini und de la Hiie beigegeben. Das achte bis zwölfte Ka- 
pitel behandeln die Einteilung der Erde nach Zonen (eine heisse, zwei 
gemässigte, zwei kalte), Beschreibung des Standes und Laufes der Sonne 
in diesen Zonen, Einteilung der Menschen a) in Periöken, Antöken und 
Antipoden, b) in zweischattige, einschattige und umschattige, endlich 
die 7 Klimate der Alten. Das letzte Kapitel handelt von der geogra- 
phischen Länge und Breite, der Verschiedenheit des Anfangsmeridians, 
der Messung der Breiten und Längen (diese zur See durch Huygenia- 
nische Pendeluhren, zu Lande durch Beobachtung der Verfinsterung des 
Mondes, der Jupitermonde und der Bedeckung von Fixsternen). Die 
Anwendung dieser neuen Methoden habe ergeben, dass Asiens Ostküste 
um 20°, das Kap der guten Hoffnung um einige Grade weiter westlich, 
auch Amerika um 6° westlicher, als es bei Sanson liege, zu rücken sei. 

Das zweite Buch teilt die Erdoberfläche in Land und Wasser. 
Ersteres zerfällt i. in feste Länder und Inseln (alte und neue Welt und 
Polarländer oder die Kontinente: Europa, Asien, Afrika, Amerika und 
zwei Polarkontinente), 2. in Halbinseln und Isthmen, 3. in Binnen- und 
Küstengegenden. Dabei werden die bedeutendsten Gebirge und Vor- 
gebirge genannt mit der notwendigsten Angabe der ungefähren Lage; 
näheres über Höhe, Richtung oder sonstige Beschaffenheit derselben 
fehlt. Ganz analog ist die Wasserbeschreibung; sie benennt nämlich: 
I . die Meere, die um die alte Welt, und die, welche um die neue Welt 
herumliegen, 2. die grösseren Meerbusen und Meerengen, 3. die be- 
deutendsten Flüsse und Seen. 

Das dritte Buch, ein Leitfaden politischer Geographie, zählt die 
Reiche der Erde auf, nennt ihre Kreise, resp. Provinzen, und deren 
Städte. Ziemlich genau in der Aufzählung der einzelnen Herrschaften 
entbehrt dieser Leitfaden jeder Zahlenangabe über Grösse der Länder 
und Städte. Sehenswürdigkeiten der Hauptstädte, Hauptprodukte der 
Länder und einzelne historische Fakta sind erwähnt. 

Die letzten Kapitel behandeln die Einteilung der Erde nach den 
Religionen. 



Johann Baptista Homann. 343 

Doppelmayr hat diese Einleitung auf Veranlassung Homann' s ge- 
schrieben, da dieser selbst „sich einer solchen Mühe überheben wollte, 
welche ihm an seinen ferneren laboribus mehr hinderlich als beförder- 
lich seyn würde" ^^), und hat ihr Sanson's „Introduction ä la Gdogra- 
phie", enthalten 'in dessen „Atlas novus'* (1699), zu Grunde gelegt. 
Und zwar ergiebt eine Vergleichung beider Einleitungen dieses mit 
Sicherheit. Denn ist auch die Reihenfolge der Kapitel nicht dieselbe, 
so stimmen dieselben doch ihrem Inhalte nach fast sämtlich überein, 
einige Stellen aber sogar dem Wortlaute nach; insbesondere ist Dop- 
pelmayrs 5. Kapitel (p. 4): „Von der Theilung der Erd-Fläche in 
gewisse Piagas oder Welt- Gegenden" zum Teil eine blosse Übersetzung 
von Sanson's Livre second, Chap. I p. 18: „Division de la Surface du 
Globe Terrestre en Regions ou Plages"; ebenso entspricht Doppelmayr's 
13. Kap. p. 9: „Von der Theilung der Erd-Fläche nach ihrer Longi- 
tudine und Latitudine, oder Länge und Breite" ziemlich genau San- 
sons Chap. VII (p. 21): „Division de la Surface du Globe Terrestre 
suivant la Latitude et la Longitude", die Einleitung dazu ist sogar die 
gleiche. Das 6. Kap. Doppelmayr's aber (p. 4): „Von der Theilung 
der Erd-Fläche in allerhand Hemisphaeria oder Halbkugeln" ist eine 
fast wortgetreue Übersetzung von Sanson's Chapitre II (p. 19): „Divi- 
sion de la Surface du Globe Terrestre en plusieurs sortes d'Hemi- 
sph^res". Ebenso hat bei beiden das Buch „Geographia Naturalis" 
gleichen Inhalt, gleiche Abteilungen und Unterabteilungen. Anderer- 
seits verdient bemerkt zu werden, dass Doppelmayr . trotz des schwer- 
fälligen und komplizierten Stils seiner Zeit an manchen Stellen kürzer, 
klarer und einfacher (im Kapitel über die Einteilung der Erdbewoh- 
ner nach Schatten z. B.), in den Kapiteln aber, in denen er sich von 
seinem Original teilweise emanzipiert (Kap. i, 7, 8 und 10), viel gründ- 
licher und wissenschaftlicher vorträgt als Sanson. 

Des oben erwähnten Johann Hübner's „Geographische Fragen" 
waren seit dem Ende des 17. Jahrhunderts das beliebteste und ver- 
breitetste geographische Lehrbuch in Deutschland. Dasselbe lehrt in 
Fragen und Antworten nicht viel mehr, als von den Landkarten un- 
mittelbar abgelesen werden kann, und hat sein Verdienst eben in dieser 
Beschränkung. Zu diesem nun bildet die Doppelmayr'sche Einleitung 
eine Ergänzung, indem sie in ihren beiden . ersten Teilen das deutsch- 
lesende Publikum in knapper, aber verständlicher Weise mit dem Stande 
der mathematischen und physischen Geographie bekannt machte. 

Die Landkarten J. B. Homann's. 

Allgemeine chronologische Ordnung sämtlicher von J. B. 
Homann gestochenen Landkarten: 



^3y Homann's Vorrede 1714. 



344 Christian Sandler: 

A. Vor 1702: 
„Das Nürnbergische Gebiet'* 1692, gezeichnet im Jahre 1691 von Chr. 

Scheurer, Landpflegamtsregistrator zu Nürnberg. 
1696 — 97 34 Karten zu Cellarius „Notitia orbis antiqui". 
1697 — 98 „Nova Tabula Americae" per Jacobum de Sandrart No- 

rimbergae; Joann Baptista Homann sculpsit. 
„Africa'* in lucem producta per Jacobum de Sandrart No- 
rimbergae. Joann Baptista Homann sculpsit*). 
1698 — 1700 Karten zu H. Scherers „Atlas novus*' (Augsburg 1710). 
1700— 1702 bei David Funck: 

1. Hispaniae et Portugalliae Regna. 6. Terrae Sanctae descriptio. 

2. Novissima totius Regni Galliae 7. Stätt-Zeiger, in Kupfer gebracht 

tabula. von Joh. Bapt. Homann, ver- 

3. XVII Provinciarum Inferioris legt von David Funck, Kunst- 

Germaniae tabula. und Buchhändler. 

4. Helvetiae, Rhaetiae etc. Tabula, 8. Regni Daniae tabula. 

edita primum per Nicolaum 9. Siciliae et Sardiniae Regna. » 
Visscher Amst. 10. Circulus Suevicus**). 

5. Sac. Romani Imperii nova de- 

scriptio. 

*) Von den Landkarten, die Jak. v. Sandrart ausser diesen beiden herausgegeben 
hat, sind uns die folgenden 9 bekannt: t. Hungariae, Dalmatiae etc. Tabula. 
Nach 1692. 2. Nova totius Graeciae, Italiae, Natoliae nee non Danubii Fluminis 
Tabula. 3. Ducatus Sabaudiae, principat. Pedemont. etc. tabula. 4. Totius 
fluminis Rheni novissima descriptio 5 Totius Alsatiae novissima tabula^). 6. Karte 
von dem Maynstrom 8^). 7. Albis fluvius^^J. 8. Böhmen; nach Aeg. Sadelers, von 
Janssonius im Jahre 1620 edierter Karte ^^). 9. Schwaben; aus Blaeu u. Janssen 
zusammengetragen 88J. 

**) Die letzte Karte erwähnt Hauber, Histor Nachricht von den Karten des 
schwäbischen Kreises (1724), p. 24. Ausserdem sind vom Funck'schen Landkarten- 
verlag bekannt: i. Circulus Saxoniae superioris. 2. Insula et Regnum Candia. 
Ferner werden erwähnt: 3. Universalkarte, nach Justus Danckert^^). 4. Halberstadt, 
aus Blaeu und Janssons Atlas ^^j. 5. Mähren, nach J. A. Comenius (ca. 1625)^^). 

6. Donaustrom, Copie der Donaukarte Sigmunds von Bircken^i). 7. Oberlausitz, 
nach Scultetus^^j. g, Ducatus et Electoratus Brunsvicensis^^), 

84) Will, Nürnberg. Gelehrtenlexicon 1756, III, p. 451. 

85) Gregorii, Curieuse Gedanken von den alten u. neuen Landkarten 171 3, p. 505f. 

86) E. D. Hauber, Versuch einer Historie der Landkarten 1724, p. 90. 

87) idem, Discours von dem gegenwärtigen Zustande der Geographie 1727, p. 201. 

88) Gregorii, 1. c. p. 328. 

89) Hauber, Versuch einer Historie der Landkarten, p. 86. 

90) ibidem p. 178. 

91) idem, Histor. Nachr. von den Landkarten des schw. Kreises, p. 176. 

92) Adelung, Krit. Verzeichn. etc. 1796, citiert in der Zeitschrift für wissenschaftl. 
Geographie, II, p. 91 in Ruge's „Geschichte der sächsischen Kartogr. im 16. Jahrb." 

^^) RV, ijooioif Nr. 7, fol. 94. 



Johann Baptista Homann. 



345 



Es sei an dieser Stelle erwähnt, dass die Karten aus Homann's 
eigenem Verlag fast alle nach anderen Originalen gestochen sind, als 
die hier aufgezählten. 

B. Nach 1702. 
1702— 1707. Homann's ältester Atlas stammt aus dem Jahre 1707; 

derselbe enthält folgende 40 Karten ^^): 

a. Titulus figuratus 1707. 22. Circulus Bavariae. 

b. Titulus nigro-ruber cum indice. 23. „ Sueviae. 



1. Systema Solare et Planetarium 

Copernicanum. 

2. Planisphaerium coeleste. 

3. Selenographia Hevelii et Ric- 

cioli. 

4. Europa. 

5. Europa ad eclips. A. 1706. 

6. Asia. 

7. Africa. 

8. America. 

9. Magna Britannia. 

10. Portugallia. 

11. Hispania. 

12. Cataloniae principatus. 

13. Gallia. 

14. Italiae statuum tabula generalis. 

15. Status Mediolanensis (= Ty- 

pus belli in Italia 1702). 

16. Ducatus Sabaudiae. 

17. Neapolis Regnum. 

18. Sicilia, Sardinia et Malta, 
ig. Helvetiorum Reip. Canto- 

nes XIII. 

20. Imperium Romano - Germani- 

cum. 

21. Circulus Austriacus (= Ger- 

mania Austriaca). 



24. 



9> 



Franconiae (= Circ. 
Franconiae pars Orient.) 

25. Archiep.Moguntinus (cum parte 

occid. Franconiae). 

26. Fluviorum Rheni, Mosae et Mo- 

sellae tractus (= Theatrum 
belli Rhenani 1 702), 

27. Germaniae inferioris Provin- 

ciae XVII. 

28. Belgium foederatum. 

29. Belgium catholicum (= Arena 

martis in Belgio). 

30. Danubii, Graeciae et Archipe- 

lagi tabula. 

31. Hungariae Regnum (I). 

32. Poloniae Regnum. 

^3. ii „ ad mentem 

Starovolscii. 

34. Daniae Regnum. 

35. Scandinavia. 

36. Imperium Moscoviticum. 

37. „ Turcicum. 

38. Terra Sancta. 

39. Planiglobium Terrestre. 

40. Polymetria Germaniae (Städte- 

zeiger) ^^). 



94) Ein Index zu diesem Atlas ist mir nicht bekannt, dagegen zählt J. G. Gregorii 
(„Curieuse Gedanken von den alten und neuen Landkarten'*, geschrieben 1707, 
gedruckt Frankfurt und Leipzig 171 3, p. 53 f.) von den 40 Karten desselben 
36 auf, resp. 38, da er die zwei „Europa" und die zwei „Polonia*' unter je einer 
Nummer nennt. An gleicher Stelle erwähnt er Hübner's „Atlas scholasticus" von 
18 (hom.) Karten, von denen (v. Hübner, Geogr. Fragen, 29. Aufl. 1722, Vorrede 
p. 62 f.) die „Provinciae XVII" und „Helvetiorum Reip. Cantones XIH" bei Gregorii 
nicht mit aufgeführt sind; diese habe ich daher mit eingesetzt. 

öö) Die Mehrzahl der hier und im Folgenden angegebenen Landkartentitel ist 



346 



Christian Sandler: 



1707 — 1712. Homann's „Atlas von hundert Charten*' (1712) enthält laut 

gedruckten Registers obige 40 Blätter ohne die Nr. 2, 5, 
32 und 40 und, da der Titulus figuratus als Karte mitge- 
rechnet ist, 63 neue Karten, nämlich: 

41. Sphaerarum artificialiura typus. 72. Ducatus Pomeraniae. 



42. Ephemerides motuum Coele- 

stium Geometricae. 

43. Phaenomena motuum Plane- 

tarum inferiorum. 

44. Systema mundi Tychonicum. 

45. Motus Planetarum superiorum. 

46. „ spirales Veneris et Mer- 
curii. 

47. Mexico. 

48. Anglia. 

49. Scotia. 

50. Hybernia. 

51. Ager Parisiensis. 

52. Ducatus Britanniae. 

53. Delphinatus. 

54. Provincia (= Praefectura ge- 

neralis). 

55. Lotharingiae Ducatus. 

56. Burgundiae Comitatus. 

57. Status ecclesiasticus et Duc. 

magn. Etruriae. 

58. Hydrographia Germaniae. 

59. Archiducatus Austriae sup. 

61. Ager Viennensis. 

62. Styriae Ducatus. 

63. Bohemiae Regnum. 

64. Silesiae Ducatus. 

65. Circulus Saxoniae superioris. 

66. Thuringiae Landgraviatus. 

67. Territorium Erfordiense. 

68. Circ. Saxoniae inf. 

69. Holsatiae Ducatus. 

70. Ducatus Bremae et Verdae. 

71. „ Mecklenburgicus. 



73. Marchionatus Brandenburgicus. 

74. Brunsvicensis Ducatus. 

75. Luneburgicus „ 

76. Circulus Westphalicus. 

77. Landgr. Hassiae. 

78. Archiep. Salisburgensis. 

79. Prospectus „ 

80. Ducatus Wurtembergici pars 
Orient. 

81. Ducatus Wurtembergici pars 
occid. 

82. Territorium Ulmense. 

83. „ Comitum de Giech. 

84. „ Francofurtense. 

85. Archiep. Trevirensis (= Mo- 
sellae fl. tabula). 

86. Alsatiae Landgraviatus. 

87. Palatinatus Rheni. 

88. Circulus Rhenanus infer. 

89. Archiep. Coloniensis. 

90. Brabantiae Ducatus. 

91. Luxemburgi „ 

92. Flandriae Comitatus. 
60. • „ „ inf. 93. Hannoniae „ 

94. Candia cum vicinis Archip, 
insulis. 

95. Sueciae Regnum. 

96. Norwegiae „ 

97. Jutia. 

98. Slesvicensis Ducatus. 

99. Insulae Danicae. 
100. Borussiae Regnum. 
loi. Livoniae et Curlandiae Duc. 

102. Ukrania. 

103. Horologii Geographici typus. 

nicht aus den Karten allein entnommen, da nicht selten gleiche Blätter verschiedene 
Titel tragen, sondern aus dem „Register des grossen Atlas*-, ohne Jahr, welches 
179 Karten J. B. Homann's aufzählt. Um Un gewissheiten zu vermeiden, habe ich 
bei einigen Blättern einen zweiten Titel hinzugefügt. 



Johann Baptista Homann. 347 

Die loo Blätter dieses „Atlas 1712" ohne Nr. 83 (Territ. Comit. 
de Giech) samt 22 neuen Landkarten, dem „Titulus nigro-ruber cum 
indice*' und den unter c, d, e und f aufgeführten 4 Tafeln nicht karto- 
graphischen Inhalts ergeben die 126 Blätter des „Grossen Atlas 1716"^^). 
Neu sind: 

104. Aquitania. 118. Prospectus quatuor Fome- 

105. Romae urbis (veteris et mo- ranici. 

dernae) delineatio. 119. Insula et Principatus Rugiae. 

106. Dominium Venetum. 120. Circ. Rhenanus superior. 

107. Postarum stationes per Ger- 121. Princip. Fuldensis. 

maniam. 122. Moreae Regnum. 

108. Comitatus Tyrolis. 123. Principat. Transylvaniae. 

109. Marchionatus Moraviae. 124. Scania. 

HO. Palatinatus Bavariae. 125. Pars Russiae Magnae cum 

111. Bavaria superior. Ponto Euxino (= Tataria 

112. „ inferior. minor). 

113. Ager Norimbergensis. c. Tab. Architecturae Navalis. 

114. Principatus Isenacensis. d. „ „ Militaris. 

115. Ager Hamburgensis. e. Aplustria (Flaggentafel). 

116. -„ Bremensis. f. Effigies Caroli VI. 

117. „ Stralsundensis (ad 17 15). 

Voll 17 16— 1724 erschienen laut Hager, Geogr. Büchersaal II 
(1774) p. 125 ff.: 

126. Sphaera mundi. 135. Malta et Gozzo. 

127. Theoria Planetarum prima- 136 — 138. Danubiifl. pars superior, 

riorum. media, infima. 

128. Hemisphaerium Coeli Boreale 139. Hungariae Regnum (II). 

Hevelii secundum Eclipt. 140. Achaja vetus et nova. 

129. Hemisphaerium Coeli Australe 141. Insulae Uplandicae. 

Hevelii secundum Eclipt. 142. Imperium Persicum. 

130. Hemisphaerium Coeli Boreale 143. Maris Caspii et Kamtzada- 

Hevelii secundum Aequa- liae tab. 

torem. 144. Aegyptus hodierna. 

131. Hemisphaerium Coeli Australe 145. Mississipi. 

Hevelii secundum Aequa- 146. Nova Anglia. 

torem. 147. Virginia, Marylandia et Ca- 

132. a— f. Globi Coelestis in ta- rolina. 

bulas planas redacti par- 148. Germania secundum religio- 

tes VI. nes. 

133. Basis Geographiae recentio- 149 — 156. Moraviae tab. special. 

ris astronomica. VIII. 

134. Italia cursoria. 157. Lusatia superior et inferior. 



96 



) V. Hager, Geogr. Büchersaal I (1766), p. 673 ff. 



348 Christian Sandler: 

158. Carinthiae Ducatus. 169. Ager Regis Hafniae cum freto 

159. Carniolae „ Sundico. 

160. Princip. Gotha, Coburg et AI- 170. Corfu fortalitium. 171 6. 

tenburg. 171. Ejusdem sinus maritimi etc. 

161. Princip. Hildburghusiensis. prospectus. 

162. -Episcop. Bambergensis. 172. Oppugnatio Friedrichshall 

163. „ Herbipolensis. 17 18. 

164. „ Eistettensis. 173. Ager Hallensis. 

165. Protoparchia Mindelheimensis. 174. IchnographiaS.PetriburgiMe- 

166. Provincia Brisgoia. tropolis. 

167. Pars Vederoviae. 175. Stockholmiae Ichnogr. 

168. Constantinopolis cum adjacen- 176. Ager Weissenburgensis. 

tibus Europae et Asiae par- 177. Herbipolensis Delineatio. 
tibus. 178. Hungariae etc. regnorum tab. 

(Wandkarte). 
Ausserdem sind noch vorhanden: 

179. Tabula totius Germaniae 187. TheatrumbelliHungarici 1716 

(Wandkarte). et 1717. 

180. Planiglobium Terrestre se- 188. Ager Gedanensis. 

cundum religiones illum. 189. Imperium Russorum^^). 

181. Europa secundum religiones 190. Kilaniae Provincia. 

illum. 191. Tab. Inundationis maritimae 

182. America secundum religiones 17 17 in inferiori Germania 

illum. factae. 

183. Hispaniae tabula del' Isliana. 192. Comitatus Werthheim. 

184. Ichnographia Parisiensis ur- 193. „ Erpach. 

bis. 194. Dresden. 

185. Status Reipublicae Genuensis. 195. Leipzig. 

186. Ager Erlangensis. 196. Grossenhain ^®). 

Im Jahre 17 19 veröffentlichte Homann seinen von J. Hübner ent- 
worfenen „Atlas methodicus". Derselbe enthält 18 Hauptkarten kleinen 
Formates, auf denen zur Förderung des Unterrichtes in der Geographie 
die Namen der Orte weggelassen sind. 

Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass der J. B. Ho- 
mann'sche Verlag neben dem unter No. 79 erwähnten „Prospectus 
Salisburg." und den unter a- f aufgeführten Tafeln noch folgende Blätter 
nicht kartopraphischen Inhalts enthielt: „Prospectus Norimbergensis", 
„Novae Civitatis Christian. Erlangen Residentiae Viridarium", „Prospectus 
Hallensis", „Residentia Hildburghusiensis cum Viridarii Ichnographia", 
„Prospectus partium Viridarii eiusdem*', „Prospectus partium reliquarum 



97) Ist eine Verbesserung von Nr. 36. 

9») Die letzten fünf Karten nennt Hübner in seinen „Geogr. Fragen" 17a», 
Vorrede p. 49 u. 57. 



Johann Baptista Homann. 349 

Viridarii eiusdem", „Prospecfus urbium Persicarum*' und „Prospectus 
palatiorum Holmiensium**. 

Ausserdem lieferte die Homann'sche Offizin noch sogenannte 
Sphaeraearmillares^^) und Taschengloben *^^). Letztere fertigte Homann 
nach englischem Muster in besonderer Weise an. Hermann Moll in 
London nämlich konstruierte Erdgloben von 3 Zoll Durchmesser, welche 
mit Horizont, Meridian und Stundenkreis versehen waren und in ein 
Futteral, dessen Kugelhöhlung einen Himmelsglobus bildete, genau ein- 
gefügt waren. Homann hat diese Globen insofern verbessert, als bei 
ihm auch der Erdglobus hohl ist und am Äquator aufgeschraubt werden 
kann; das Innere desselben enthält eine „Sphaera armillaris", sodass 
also Himmelsglobus, Erdglobus und Sphaera armillaris in einer Kugel 
beisammen waren ^^^). 

Allgemeines. 

Format. Die Homann'schen Landkarten haben durchgängig das 
gleiche Format von 48cm Höhe und 55 cm Breite, so dass jedes neu 
herausgegebene Blatt ohne weiteres dem bereits vorhandenen Atlas 
beigeheftet werden konnte. 

Orientierung. Ferner sind sie alle so orientiert, dass N. oben sich 
befindet, ein Umstand, den man gerne würdigt, wenn man bedenkt, 
dass Homann's niederländische Vorbilder in Bezug auf Orientierung noch 
ziemlich bedeutende Mannigfaltigkeit bieten. Nur einige Spezialkarten 
und Städtepläne (Wismar, Kopenhagen und Sund, Stockholm, Peters- 
burg, Danzig mit Gegend) hat Homann zum Zwecke besserer Raum- 
verwertung mit anderer Orientierung (N. meist links) versehen und in 
jedem dieser Fälle diese Abweichung von der Regel durch eine N.- 
Nadel besonders angegeben. 

Maasstab. Der direkte Vergleich der Grösse der Karte mit 
der Grösse des dargestellten Landes fehlt stets. Dagegen tragen fast 
alle Blätter mindestens einen linearen Maasstab. 

Derselbe ist meist in deutschen Meilen angegeben; sind noch wei- 
tere Maasstäbe beigefügt, so beziehen sich dieselben gewöhnlich auf 
das im dargestellten Lande gebräuchliche Wegmaass. Wir finden dem- 
nach Milliaria Germanica communia, Milliaria Germanica magna, Mil- 
liaria Gallica, Anglica, Scotica, Hispanica, Hungarica etc., horae itineris, 



^'^^) Eine vollständige Sphaera armillaris besteht gemäss Figur i der lab. III in 
Doppelmayr*s Dritter Eröffnung der neuen mathem. Werckschule Nicolai Bion, 
Nürnberg 1721, aus Äquator, den Coluris, der Ekliptik mit dem Zodiacus, den 
Wende- und Polarkreisen, einem beliebigen Meridian, Horizont, Erdaxe, Ekliptik- 
axe und Stundenkreis. 

100) Vergl. Will, Nürnberg. Gelehrtenlexicon 1756, p. 197. 

101) S. G. Doppelmayr, „Dritte Eröff^nung der neuen Mathem. Werckschule 
Nicolai Bion", Nürnberg 172 1, p. 5. 



350 Christian Sandler: 

Stunden und Schritte, sämtlich ohne nähere Erklärung ihrer Grösse, 
so dass sich nur ein linearer approximativer Vergleich derselben unter 
einander ermöglichen lässt. Andererseits spezialisiert Homann seinen 
Maasstab auf verschiedenen Blättern durch folgende Beisätze: 
Milliaria Norwegica lO in uno gradu. 

„ Suevica 12 „ 

„ Germanica comm. 15 „ 



„ Gallica 20 „ 






„ sive Horae itineris. 
„ sive Anglica, Rus- 



fc 



„ „ comm. 25 „ 

„ Italica 60 „ 

sica (Werst), Persica, Geometrica, 
wobei unter gradus 1° eines grössten Kreises, also ein Breitengrad 
verstanden ist. 

Weitere Maasse sind: 320 Stadia = 40 millia passus geometrici = 
13*^ Milliaria unius horae = 2 Dictae; unter passus geometricus aber 
versteht Homann gedoppelte fünfschuhige Schritte. 

Über die Grösse des Grades finden wir in der Doppelmayr'schen 
Einleitung (S. 4f.) näheres, woselbst auch ein Vergleich von zwölf ver- 
schiedenen Schuhen mit dem rheinländischen Schuh durchgeführt ist. 
Es sind demnach 2^ Schuh 

1 gemeiner Schritt 

2 „ ,, = I geometr. Schritt 

125 „ „ =1 Stadium 

1000 „ ,, = I ital. Meile. 

Sodann folgt eine Vergleichung der verschiedenen Meilen mit dem 
Äquatorgrad, wobei sich aber mehrere Widersprüche mit den Maassen 
auf den Homann'schen Karten ergeben. Es ist nämlich i ° = 60 ital. = 
48 engl. = 25 franz. = 20 poln. = lyl^ spanisch. =15 deutsch. = 
12 schwed. oder schweizer. = 10 ungar. Meilen. 

Da obiger Schuh Doppelmayr's (2 !4 ' = i gem. Schritt) basiert auf der 
ungewissen „Dicke eines mittelmässigen Gerstenkorns", so sind die da- 
raus folgenden Maasse ungenau. — Der Umstand, dass Homann fast 
stets den Maasstab angegeben hat, ist gegenüber der Mehrzahl seiner 
Vorgänger ein Fortschritt. Nur auf den Universal- und Kontinental- 
karten und auf der für „Hydrographia Germaniae'* fehlt er gänzlich. 
Auf dem „Kaspischen Meere" ist nichts angegeben als die Bemerkung, 
es sei 200M. lang und 50 M. breit; auf „Kamtschatka" aber fehlt aueh 
eine solche Notiz. 

Projektionsmethoden. Für die Universalkarte und für die 4 
Kontinentalkarten hat Homann die stereographische Äquatorialprojektion 
in Anwendung gebracht, für die grosse Masse der übrigen aber ein ge- 
radliniges Kartennetz, dessen Linien jedoch nur am Kartenrande an- 
gegeben sind und nur ausnahmsweise (auf ,, Magna Britannia", „Im- 
. perium Russorum*', „Imperium Moscoviticum", „Scandinavia") durchge- 



Johann Baptista Homann. 351 

zogen sind. Die Parallelkreise werden darauf von parallelen Geraden 
gebildet, die ebenfalls geradlinigen Meridiane konvergieren gegen den 
Pol. Karten grossen Maasstabes, wie „Eichstätt**, und das vermutlich 
nach englischen Seekarten gezeichnete „Virginia" werden dadurch zu 
sogenannten Plattkarten, während sich auffallenderweise das „Terri- 
torium Ulm*' und „Territ. Francof." nicht als Plattkarten darstellen. 
Das zweite bessere Blatt ,,Hispania*' hat Homann gemäss Delisle in 
Kegelprojektion und den auf „Portugallia** mitbefindlichen Karton 
„Brasilia" in sogenannter Flamsteedscher Projektion gegeben, letzteres 
wohl auch nach französischem Muster. Die Stadtpläne, die grösseren 
Spezialkarten (z. B. Weissenburg), sowie „Kaspimeer und Kamtschatka" 
entbehren der Graduierung. 

Anfangsmeridian. Das 17. Jahrhundert schwankte in der Wahl 
des Anfangsmeridians hauptsächlich zwischen den Inseln Teneriffa, 
Palma und Ferro. Nach Doppelmayr („Einleitung zur Geographie", 
S. 9) zählten Visscher, Witt, Danckert, Valck vom Pic von Teneriffa an, 
Mercator und Riccioli von Palma, Nicol. Sanson, Jaillot, de Fer wie 
die Franzosen überhaupt (seit 1634) und der Engländer Moll von Ferro 
aus ihre Längen. Da nun die Lage dieser Inseln durchaus nicht sicher 
war, blieb auch die Zählung der Längen im Ungewissen ; wir müssen, 
wenn wir einen annähernd richtigen Vergleich mit den jetzigen Längen 
erhalten wollen, als gemeinschaftlichen Meridian der damaligen und 
jetzigen Landkarten den Meridian von Paris annehmen , der ja im 
Grunde genommen seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts der 
Anfangsmeridian war. Homann nun hat auf seiner Universalkarte, dann 
auf Afrika und Amerika seinen Anfangsmeridian nach holländischem 
Beispiel durch Teneriffa gezogen, welches bei ihm 21 \° westl. von Paris 
liegt; seine übrigen Blätter aber entbehren jeglicher Angabe, von wel- 
chem Punkte aus die Längen zu zählen seien. Wir erfahren zwar durch 
die Homann'schen Erben an verschiedenen Stellen ^^2), dass Homann 
seine Längen von Teneriffa aus gezählt habe, und eine Vergleichung der 
einzelnen Karten bestätigt dies auch im Allgemeinen, ohne dass es 
möglich ist (bei dem Mangel an Übereinstimmung der Karten unter 
einander) die Richtigkeit dieser Behauptung für viele Fälle darzulegen. 
Es liegt z.B. Rom auf „Europa" auf 34;i°0., auf .,Italiae statuum tab. 
generalis" und dem „Status ecclesiast." auf 36 1^° O., während „Neapolis 
Regnum" diese Stadt auf 31 1^° O. zeigen würde; Amsterdam finden 
wir in „Europa" auf 24, in „Germ. inf. Provinciae XVII" auf 26, im 
„Belgium foederatum" aber auf 2^° O. ; Nürnberg liegt auf dem 
„Imper. Roman. Germ." auf ca. 31^^, auf dem „Circul. Franconicus" 



102) „Kurze Nachricht von dem neuesten Homann'schen Atlas von Deutschland", 
1753, Vorbericht; „Recension der Hom. Geogr. Werke" im „Deutschen Staats- 
geographen** zb, Nürnberg 1753, p. ^4- 



352 Christian Sandler: 

auf 33 *^° O. Eine ausdrückliche Angabe des Anfangsmeridians bieten 
nur die beiden Blätter: ,, Basis Geographiae recentioris** und „Tabula 
totius Germaniae". Ersteres bemerkt: „ Longitudines a Meridiano primo 
Ptolemaico, quem circa insulam Fer ab Observatorio Parisiensi non in- 
congrue in parte aliquota (nee sine ratione) decima sexta circuli parte 
vel 22 % gradibus elongatum supponit celeberrimus Astronomus D. Jo. 
Dominicus Cassinus." Letzteres aber hält in seiner Längenzählung das 
ungefähre Mittel zwischen Cassini's (22]^ westl. von Paris) und.de la 
Hires i. Meridian (20!,° westl. von Paris) und setzt Paris auf 21° O. 

Darstellung der Niveauunterschiede. Da Höhenmessungen 
fast gänzlich mangelten, so würde die Darstellung der Terrainverhält- 
nisse auch bei besseren Methoden, als sie am Ende des 17. Jahrhunderts 
üblich waren, ein ungenaues Bild ergeben haben. Diese Methoden 
waren: i) eine typische Darstellung der Gebirgszüge durch profilierte 
Bergreihen und 2) eine ungefähre perspektivische Zeichnung der ein- 
zelnen Berge. Vor allem muss nun bemerkt werden, dass bei dem 
Überwiegen des politischen und ortsgeographischen Details der Platz 
für die Darstellung der Gebirge ausserordentlich beschränkt wurde, so 
dass auf den meisten Generalkarten die Gebirge im günstigen Falle, 
d. h. wenn Platz war, angedeutet, im ungünstigen Falle aber wegge- 
lassen wurden. So fehlen auf Homann's „Europa" die deutschen Mittel- 
gebirge gänzlich, auch die Alpen sind wegen Platzmangel nur durch 
einige Berge markiert, während das Innere von Russland eine ganze 
Anzahl von Bergreihen aufweist, so dass es aussieht, als sollten dadurch 
die leeren Stellen des Blattes ausgefüllt werden. Auf Karten grösseren 
Maasstabes war man gewissenhafter, Homann's „Imperium Romano-Germ." 
z. B. verzeichnet sämtliche bedeutenderen Gebirge und nennt auch 
die Mehrzahl derselben mit Namen. Ein Schluss auf die Mächtigkeit 
der einzelnen Gebirge lässt sich dabei aber nur ganz im Allgemeinen 
aus der Anzahl, nicht aus der Höhe der eingezeichneten Berge ziehen. 
Da man nun nach alter Gewohnheit alle Berge als von Süden ausge- 
sehen darstellte und bei Anfertigung einer Landkarte zuerst die Lage 
der Hauptorte bestimmte und diesen gemäss die Flussläufe zog^®^), die 
Berge aber den Flüssen folgen Hess, so ergiebt sich, dass zusammen- 
hängende Gebirgszüge durch Querflüsse in Stücke zerlegt wurden, die 
quer zur Hauptrichtung verlaufen, ein Missstand, der besonders bei 
Homann's „Helvetia" hervortritt, der übrigens auf Spezialkarten dem 
Zeichner um so unangenehmer auffallen musste, als die genauere und 
grössere perspektivische Zeichnung einzelner Berge zu viel des nördlich 
vom Berge liegenden Terrains verdeckte. 

Man war sich der Unzulänglichkeit der beiden Methoden wohl be- 



t 



l<^3) Zeitschrift für wissenschaftl. Geographie 2. Bd., p. 91 f., Rüge, „Geschichte 
der sächsischen Kartogr. im 16. Jahrh." 



Johann- Baptista Homann. 353 

wusst und suchte nach Besserem. Einen Beweis dafür liefert die Mehr- 
zahl der Homann'schen Spezialkarten („Ager Norimbergensis", „Ager 
Weissenburgensis'S Oppugnatio „Friedrichshall" u. a.); denn hier er- 
blicken wir einzelne Berge durch Schraffierung von einem Standpunkte 
aus dargestellt, der nahezu der Vogelperspektive gleichkommt ; Anfänge 
dieser primitiven Schraffierung finden sich auch auf „Episcop. Herbi- 
polensis*' und „Episc. Eistettensis*', indem sie hier durchgängig für die 
Bergabhänge in Flussthälern angewendet ist. Endlich besitzen wir ein 
Blatt Homann's, welches, wie in Peschel-Leipoldt's Phys. Erdkunde, 
I. Bd., Leipzig 1875, p. 561, erwähnt ist, die ersten Anfänge der 
primitiven Schraffierung repräsentiert. Dasselbe, von einem In- 
genieur unbekannten Namens gezeichnet und von der Provinz Breis- 
gau im Jahre 17 18 dem Kaiser Karl VI. gewidmet, zeigt jedoch keine 
dachförmige Schraffierung, sondern nur die Schraffierung der O.- und 
SO.-, in seltenen Fällen auch der NO.-Abhänge der Berge, während 
die W.- und NW.-Abhänge durch Linien begrenzt sind, welche sich aus 
kleinen, auswärts gebogenen Kurven zusammensetzen und von W. und 
N. an allmählich in Schraffen übergehen. Wir haben also hier zum 
ersten Male die Anwendung der Methode der schiefen Beleuchtung vor 
uns. Da die Beleuchtung ungefähr aus NW. angenommen ist, so 
kommen die W.-Abhänge des Schwarzwaldes natürlich wenig zur Gel- 
tung gegenüber der O. -Seite, von der übrigens auch nicht behauptet 
werden kann, dass sie einen plastischen Totaleindruck mache, da es dem 
Zeichner nur um eine Hervorhebung der relativen Erhöhung zu thun war. 

Homann's „Provincia Brisgoia** markiert auch insofern einen Fort- 
schritt in der Kartographie, als auf ihr von einer Darstellung der Wal- 
dungen fast vollständig abgesehen ist, welche auf der Mehrzahl der 
gleichzeitigen Karten zum Nachteil der Deutlichkeit der Niveau- 
Unterschiede allzu sehr berücksichtigt sind. In ähnlicher, aber weniger 
hervortretender Weise sind die Niveau-Unterschiede auch auf Meier's 
„Ducatus Wurtembergici** (17 10) dargestellt; auch hier sehen wir nur die 
einzelnen Berge oder Bergzüge schraffiert oder vielmehr schattiert; 
infolge dessen ist wohl die Steilheit und Zerrissenheit des nordwest- 
lichen Randes des schwäbischen Jura kenntlich, der Plateaucharakter 
desselben aber verschwindet vollständig. 

Merkwürdig ist, dass auch Delisle's „Schwaben", welches ich leider 
nicht zu Gesicht bekommen habe und dessen Entstehungsjahr mir 
gleichfalls unbekannt ist, nach Hübner (Museum geograph. 1726 p. 154) 
die Berge so darstellt, „als ob man aus den Wolken heruntersähe". 

Illuminierung. Das „Illuminieren" (Bemalen) der Landkarten, 
speziell der deutschen, war, da ja der politische Teil Hauptsache war, 
ein ebenso nahe liegendes, als unentbehrliches Mittel, sie einigermassen 
übersichtlich zu machen, und kam auch schon vor Homann in Anwen- 
dung. So besass David Funck bereits im Jahre 1700 ein kaiserliches 



354 Christian Sandler: 

Privilegium der illuminierten Landkarten ^^*). Homann ging nun einen 
Schritt weiter, indem er die Hübner'sche Illuminierungsmethode in An- 
wendung brachte*^^). Diese bestand darin, dass man i) zur Erhöhung 
der politischen Übersichtlichkeit die einzelnen Länder resp. Provinzen 
mit verschiedenen Farben der ganzen Fläche nach übermalte, 2) die 
weiteren Einteilungen dieser Länder resp. Provinzen durch verschiedene 
Nuancen der bereits angewendeten Farbe hervorhob, und dass man 
3) nicht beliebige, sondern die von Hübner vorgeschlagenen Farben 
für bestimmte Länder gebrauchte, damit die Karten zur Erleichterung 
des Unterrichts in der Bemalung übereinstimmten. Femer wurden zu- 
weilen zugleich mit den politischen Verhältnissen auch die confessio- 
nellen durch Farben angezeigt. Auf Homann's „Helvetia" z. B. haben 
die schweizer Kantone rote, die schweizer Bundesgenossen grüne und 
die schweizer Unterthanen gelbe Farbe; die Kantons mit reformierter 
Bevölkerung sind ausserdem noch mit rosenroter, die mit römisch- 
katholischer zinnoberrot und die mit gemischter Bevölkerung mit zweierlei 
roter Farbe ausgezeichnet ^^^). Es ist nicht zu leugnen, dass diese 
Methode die politische Übersichtlichkeit und Leserlichkeit der Land- 
karten zu erhöhen geeignet war, indessen ergiebt sich dieser Vorteil 
nicht unmittelbar aus der Karte, da eine Farbenerklärung auf sehr 
vielen Blättern fehlt. 

Die Übereinstimmung der Karten untereinander. Dass 
Homann's Karten in Bezug auf den Anfangsmeridian grosse Verschieden- 
heit zeigen, wurde bereits erwähnt. Aber auch ausserdem finden sich 
gemäss der Mannigfaltigkeit der Originale Differenzen mannigfacher Art. 

Vor allem sind es die Wasserläufe, welche sich durch ihre unge- 
wisse Lage auszeichnen , und zwar nicht nur solche, deren Entfernung 
von Deutschland diese Inkongruenzen entschuldigen würde, wie z. B. der 
Dniepr (Borysthenes), der auf „Europa" von Kiew aus bis zu seinem 
östlichsten Punkt gegen SO. 6 Längengrade durchfliesst, auf „Polonia (II)" 
aber nur 4»^ und auf „Imperium Russorum" diese SO.-Richtung fast 
ganz verloren hat, sondern auch in nächster Nähe finden sich zahlreiche 
Beispiele. Der Rhein auf „Gallia" läuft in einem nach O. offenen 
Bogen um Breisach herum, wovon auf „Imperium Rom.-Germanicum" 
nichts zu sehen ist. Die Strecke Strassburg- Speier -Mainz ist auf „Eu- 
ropa" viel mehr nach O. gekrümmt als auf „Gallia*' oder „Germania*'; 
die Donau auf „Germania Austria** verläuft zwischen Neuburg und 
Regensburg in einem nach N. offenen Bogen, der auf „Imperium Rom.- 
Germanicum" fast ganz fehlt. Auch auf „Bavariae Circ." fehlt dieser 
Donaubogen, dagegen findet sich hier die Achenseebifurkation (Inn- 




lOi) RV. 1700, Nr. 10, fol. 5, a3. Decbr. 1700. 

105) Homann's Vorrede 17 14. 

106) Hübner, „Geogr. Fragen" 1721, Vorrede p. 12. 



Johann Baptista Homann. 355 

Walchenfl.-Achensee-Iser), welche „Imp. Rom. -Germ." wohl auch 
zeigt, aber ohne den Achensee. Auf dem y,Imp. Rom.-(jerm.'* beschreibt 
der Inn um Wasserburg keinen Bogen, Wasserburg liegt an seinem 
rechten Ufer; auf „Germ. Austr." aber ist der Bogen vorhanden, so 
dass Wasserburg, nur im Süden nicht umflossen, gleichfalls am rechten 
Ufer liegt, auf „Bav. Circ.'* aber liegt das Städtchen vom Inn im O. 
umflossen richtig am linken Ufer. Der Alpsee auf dem „Imp. Rom.- 
Germ.*' hat als Al)fluss das zum Bodensee gehende Flüsschen Argen, 
während Immenstadt westlich vom See liegt Auf „Germ. Austr.", 
„Circ. Suev.'* (und der „Hydrogr. Germaniae") aber wird der See zum 
Bodensee und zum Hier entwässert, und Immenstadt liegt östlich des 
Sees. Der Ammer-, Feder-, Neuenburger See und andere sind fast 
auf jedem Blatte anders dargestellt, der Vierwaldstätter See auf „Italia'* 
ist gar nur durch seinen SO. -Zipfel repräsentiert, während er auf den 
übrigen Blättern kenntlich ist. 

Auch an den Meeresküsten braucht man nach solchen Beispielen 
von Inkongruenz nicht zu suchen. Die Küste bei Narbonne auf „Gallia" 
und „Hispania", Zeeland auf „Gallia" und dem „Imp. Rom.-Germ." 
und die Küsten des adriatischen Meeres auf „Danubius Graeciae" und 
„Italia" zeigen sehr wesentliche Verschiedenheiten von einander. 

Die Lage der Ortschaften ist etwas sicherer, wenigstens liegt der 
gleiche Ort auf verschiedenen Blättern unter derselben oder fast der- 
selben Breite, so dass also die NS.-£ntfemungen ziemlich constant 
bleiben; in der Richtung von W. nach O. aber schwanken sie einiger- 
massen. Dresden — Breslau z. B. ist gemäss dem linearen Maasstab 
der Karten auf „Imp. Rom.-Germ.*' eine Strecke von 34 J^ Meilen, auf 
„Regn. Bohem." von ^^ Meilen; Strassburg — Ulm auf „Imp. Rom.- 
Germ." 26 Meilen, auf „Germ. Austr." nur 22% Meilen; doch sind 
Differenzen von solcher Grösse selten. Bemerkt sei, dass die Entfer- 
nungen auf den Homann'schen Karten mit den auf seinem „Städte- 
zeiger" angegebenen nicht stets übereinstimmen. Die grössten Differenzen 
aber bieten die politischen Grenzen. Da bekannt ist, dass im dama- 
ligen Deutschland Grenzstreitigkeiten sehr häufig waren und selten eine 
endgiltige Schlichtung fanden, so ist es unnötig, näher hierauf einzugehen. 
Auch wurden bei der Seltenheit der Landesvermessungen die meisten 
Grenzen nach ungefährer Schätzung gezogen, so dass also auch nicht- 
strittige Grenzen auf den Landkarten im Ungewissen lagen. 

Die oben angeführten Beispiele sind sämtlich den Homann'schen 
Generalkarten entnommen, und diese Karten hat Homann vor 1 707 ge- 
stochen. Nach 1707 erst entstanden die Special-Karten. Da diese 
nun wieder anderen, meist neueren Originalen entnommen wurden, so 
sind die Generalkarten in Bezug auf die zugehörigen Specialkarten als 
ältere Blätter a priori nicht konform. Selbstverständlich ist, dass Ho- 
mann's kombinierte Karten ebenfalls nicht mit seinen übrigen Blättern^ 

Zeitschr. d. GeselUeh. f. Erdk. Bd. XXI. ^V 




356 Christian Sandler: 

seien es kopierte oder eigene, übereinstimmen. In dieser gänzlichen 
Ausserachtlassung jeglicher Übereinstimmung nun beruhen die Haupt- 
mängel der Homann'schen Kartenproduktion. Wir vermissen den 
wissenschaftlichen Grundplan, nach welchem Homann die einzelnen 
Karten hätte einrichten sollen. Ohne inneren Zusammenhang Hess er 
eine Karte der andern folgen, lediglich darauf bedacht, binnen kürzester 
Frist sämtliche Länder auf einzelnen Karten darzustellen. So hat Ho- 
mann allerdings, wie die bez. Titelblätter melden, Atlanten „über die 
ganze Welt" geliefert, aber dieselben sind, da die Anzahl seiner Ori- 
ginalkarten sehr gering ist, in ihren Hauptteilen nichts als eine Auslese 
aus den Werken niederländischer und französischer Vorgänger. 

Die Homann'schen Kopieen. 

Das Kopieren im Allgemeinen. J. M. Franz, der Direktor der 
Homann'schen Officin von 1 730 — 59, schätzt im Jahre 1 747 die Zahl 
der vorhandenen Landkarten auf 16000^®^) ; zwei Drittel davon verdienten 
den Namen Landkarten gar nicht, da sie entweder von Stümpern zu- 
sammengesudelt oder Verkleinerungen, Vergrösserungen oder unge- 
schickte Zusanunensetzungen früherer Karten seien, „da lediglich nichts 
als der Name des Verlegers das neueste ist". Vom übrig bleibenden 
Drittel seien ein Drittel Originalkarten und zwei Drittel Nachstiche der- 
selben ^^^), so dass also acht Neuntel aller Karten Kopieen waren und die 
Behauptung, dass „das Landkartenmappieren der verschiedenen Ver- 
leger ein stetes und fortgesetztes Plagium" sei^®^), ebenso gerechtfertigt 
war wie die, dass der Käufer von Landkarten, insbesondere von „Kriegs- 
theatem'', sich nichts erwerbe als einen neuen Titel ^^^). 

Zu Homann's Zeiten war das Missverhältnis zwischen Originalkarten 
und Kopieen wohl noch schlimmer. Zwar wurden damals wie später 
kaiserliche Privilegien gegen den Nachstich erteilt, z. B. verbot das 
dem Joh, Christian Homann im Jahre 1729 erteilte kaiserliche Privi- 
legium Impressorii Privativi jeden Nachstich seiner Karten bei 5 Mark 
lötigen Goldes Strafe, welche halb der kaiserlichen Kammer, halb 
dem Homann zu bezahlen sein sollten ^^^). Die Bedeutung dieser Privi- 
legien aber ging über die eines Titels nicht hinaus; denn sonst hätte 
es der Rat der Stadt Nürnberg sicher nicht wagen können, dieselben, 
wie es dem erwähnten Funck'schen Illuminierungsprivilegium im Jahre 
1701 und dem J. B. Homann'schen kaiserlichen Diplom ^^2) geschehen, 

107) „Homänn. Vorschläge", Nürnberg 1747, § 13. 

108) ibid; § 17. 

109) „Kurtze Nachricht von dem Homännischen grossen Landkarten • Atlas", 
Nürnberg 1741, p. 7. 

110) ibid. p. II. 

111) V. Hübners „Atlas scholasticus von 26 Karten." 
'i 113) RV. 1715, Nr. 7 f. IQ4, 26. Oktober. 



Johann Baptista Homann. 357 

einer Prüfung zn unterwerfen, „ob in diesen nichts verfängliches oder 
jemand nachteiliges enthalten sein möge*' und davon die Bestätigung, 
das ist Billigung des kaiserlichen Wortes abhängig zu machen. 

Denmach lag es nur an dem Taktgefühle eines Kartenstechers, 
wenn er sich beim Kopieren, auf welches seine Produktion nun einmal 
angewiesen war, irgend welchen Zwang auferlegte. Der Gedanke an 
die Möglichkeit unangenehmer Folgen praktischer Art hielt ihn sicher- 
lich nicht ab, ein fremdes Blatt getreu nachzustechen und statt des 
Namens des Autors den eigenen einzusetzen. Dieser Missbrauch fremden 
Eigentums war leider so gebräuchlich, dass die Mehrzahl der Land- 
karten der Homann'schen Zeit sich bis auf die Namen der Herausgeber 
gleichen, und dieser Umstand ist es vor allen anderen, der die Sich- 
tung des Kartenmaterials erschwert Man kann sagen, dass jeder der 
Kartenstecher zu Hoipann's Zeit sich dieses Plagiums schuldig machte, 
dass aber auch jeder demselben ausgesetzt war. 

Indessen ist es erfreulich, konstatieren zu können, dass auch 
bessere Geschäftsgebräuche gekannt und geübt waren. Die Homann- 
schen Erben machen in der „kurtzen Nachricht von dem Homann'schen 
Grossen Landkarten- Atlas", p. 9, im Jahre 1741 bekannt, dass sie gute 
ausländische Blätter nachstächen, wenn sie selbst keine besseren liefern 
könnten, mit Auswahl, Zusätzen und Verbesserungen, den Längen nach 
Ferro und der Angabe des Autornamens. „Diese Sache nennt man 
mit einem Wort kopiren, aber auf eine löbliche Arth." Ähnliches 
finden wir schon bei Homann. Er schreibt nämlich in seiner Vorrede 
(17 14) am Schluss, dass viele seiner Karten von einem Holländer ko- 
piert worden seien, und fahrt fort: „Ich hätte aber wünschen mögen, 
dass mir derselbe in solchen Copeyen wie in der gedruckten Divisiva 
totius Orbis descriptione, welche, ehedessen in die Funckische Handlung 
unter meinem Namen, wiewol nur mit eintzelnBuchstaben J.B.H. componirt 
herausgeben lassen, in allen meinen übrigen Charten, wo er sogar die 
Dedication missbraucht hat, auch meinen Namen zu lassen, die Ehre 
gegönnet hatte . . . Den Nachstich meiner Inventionen und Landcharten 
gönne einem jeden Ausländer, wann solcher ohne Usurpation eines Falsi 
geschieht, von Hertzen gerne, ist auch billich, dass man einem andern ver- 
zeihet, was man selbst zu thun gewohnet, weil einem Ausländer auf 
solche Weis etwas nachzumachen niemals für unbillig gehalten worden." 

Der Unterschied zwischen den Nachstichen Homann's und denen 
der Homann'schen Erben beruht im Wesentlichen darin, dass Homann 
gleich seinen Zeitgenossen sehr geneigt dazu war, fremde Original- 
karten, selbst wenn er sie nur unwesentlich verbessert oder vermehrt 
hatte, als eigene Karten auszugeben, d. h. den Namen des Autors zu 
verschweigen. Fast alle Homann'schen Karten nicht deutscher Länder 
gehören dieser Kategorie an; eine zweite Kategorie seiner Kopieen 
bilden diejenigen, auf welchen der Name des Autors genannt ist. 



358 Christian SandUr: 

I. Kopieen ohne Angabe des Autors, zum Teil mit unwesentlichen Ver- 
besserungen. Hierher gehört die Mehrzahl der Homann'schen Karten. 
Das Original der einzehien Karten lässt sich nur in der Minderzahl 
der Fälle feststellen. Wenn man aus dem Typus der Karten und aus 
der Sprache, in der die einzelnen Gegenstände auf den Karten be- 
nannt sind, auf die Herkunft der Blätter schliessen kann, so sind die 
Karten von französischen und spanischen Ländern und Provinzen fran- 
zösischen Ursprungs, die italienischen rühren teils von Italienern, teils 
von Franzosen her; fast alle übrigen nichtdeutschen und die Mehrzahl 
der norddeutschen Gegenden sind nach niederländischen Originalen 
gestochen. Für Süddeutschland hat Homann meist Originalkarten ge- 
liefert oder die neuesten inländischen Karten benützt. Die Homann- 
schen Karten, deren Originale, wenn auch nicht mit zweifelloser Sicher- 
heit, sich feststellen Hessen, sowie die Karten der zweiten Kategorie 
der Kopieen bestätigen diese Vermutung. Es ist nämlich: 

Sphaerarum artificialium typus, vergrössert nach de Fer; auch die 
Legende „Sphaera artiücialis est instrumentum etc.'* ist wortgetreu 
aus dem de Fer'schen Original übersetzt. 

Lotharingiae Ducatus, nach Sanson*^*). 

Malta et Gozzo, nach de Fer"*). 

Italia cursoria, nach Cautelli"^). 

Mississippi, nach de Tlsle^^^). 

Ducat. Bremae et Verdae, nach Vischer, dieser nach Blaeu*^^). 

Circ. Westphal., nach Vischer ^^*). 

Brunsvic. Duc, nach Vischer (Original von Stetter)"^). 

Pars Vederoviae, nach Vischer (Original von Stetter) ^*®). 

Danubii flum. part. III, nach Vischer^*^). 

Trevirensis Archiepiscopatus, nach Vischer, dieser nach Mercator^**). 

Imperium Turcicum, nach Vischer^**). 

Bavaria superior, 

„ inferior, \ nach Vischer jun.***). 

Bavariae Palatinatus, 



113) Hauber, „Versuch etc" p. 94. 
11*) ibidem p. 70. 
iiö) ibidem p. 165. 

116) ibidem p. 117. 

117) ibidem p. 86. 

118) J. Hübner, „Museum geogr." p. 167. 

119) Hauber, „Discours" p. 144 f. 

120) ibidem. 

121) J. Hübner, 1. c. p. 195. 

122) Hauber, „Versuch" p. 84, „Discours." p. 209. 

123) Hübner, 1. c. p. ao. 

124) Hauber, „Vers, etc." p. 78. 80. 



Johann Baptista Homann. 359 

Ducat. Mecklenburg., nach de Witt^**). 
Circulus Rhenanus inferior, nach de Witt ^2*). 
Suecia, nach de Witt^^^j^ 

Tabul. architecturae navalis, \ u o i. ^1 

; } nach Schenk. 

„ ff nuhtans, 1 

Episcopatus Herbipolensis, nach einer Zeichnung J. H. Seyfrieds von 

Joh. Hoffmann in Nürnberg gestochen und herausgegeben, darauf 

von Homann angekauft und mit Hinzufügung der politischen 

Grenzen veröffentlicht ^^^). 

Episcopatus Eistettensis, vergrössert nach Ingenieur-Lieutenant Vetters 
Karte von Brandenburg- Ansbach ^^9^^ 

Carinthiae Ducat., nach Israel Holtzwurm^^^). 
II. Kopieen mit Angabe des Autors. 

Terra Sancta, nach Sanson. 

Hispania (II), nach de Tlsle. 

Ager Parisiensis, nach Vivier. 

Delphinatus, eingeteilt nach Tillemon. 

Achaia vetus et nova, nach Wheler. 

Anglia, 1 

Scotia, l nach Vischer, resp. Petty-Vischer. 

Hybemia, j 

Austria superior, 1 

„ inferior, > nach G. M. Vischer (1672). 

Stiria, j 

Carniola, nach Valvassor. 
Zwischen den Kopieen und den Originalkarten steht eine Reihe 
kombinierter Blätter. Die bedeutendsten derselben sind: „Planigl. ter- 
restre", „Europa", „Asia", „Afrika", „Amerika" und das „Imperium 
Romano-Germanicum", welche unten besprochen werden. Von den 
übrigen sind zu erwähnen: „Germania Austriaca", „Circulus Franconiae", 
„Circulus Sueviae" und „Lusatia"; dann „Hungariae Regnum" (II), 
auf welchem Homann den Lauf der Donau und der Theiss nach der 
Marsigli-Müller'schen Karte (herausgegeben von Pfeffel und Engelbrecht 
1709) korrigiert hat^^^); eine Vergrösserung dieses Blattes ist die Ho- 
mann'sche Kabinetskarte von Ungarn; endlich „Imperium Russorum", 
eine Zusammensetzung aus der Karte zu „Isbrands Reisebeschreibung" 
und den neuen Aufnahmen des Kaspisees und Kamtschatka's. 

1**) Hübner, „Museum geogr." 17*6, p. 177. 

^26) ibidem 17*6, p. 165. 

137) ibidem 1726, p. 188. 

128) Hauber, „Versuch etc." p. 81. 

1*9) Hauber, 1. c. p. 81 und „Zusätze zur Historie der Landk." 1726, p. 52. 

i'^o) Hauber, „Versuch etc." p. 77, not. c. 

131) Hauber*s Versuch p. 105, not. e. 



360 Christian Sandler: 

Die Homann'schen Kontinentalkarten. 

Als im Anfange des i6. Jährhunderts aus den unbekannten Meeren 
unserer Westhemisphäre ein neuer Kontinent hervortauchte, schuf die 
Phantasie der zeitgenössischen Kartographen zur entsprechenden Aus- 
füllung der Südhemisphäre, unterstützt durch eine Hypothese des 
Ptolemäus, eine „terra australis", deren Grenzen man zog, indem man 
einerseits Rücksicht auf die Ausdehnung Amerika*s und der alten Welt 
nahm^^^) und andrerseits die neu entdeckten Nordküsten einiger 
Inseln der südlichen Oceane zu Kontinentalküsten erweiterte. Zwar 
schwand nach Abel Tasman's Fahrten (1643) dieses Südland von den 
meisten Karten ^^^); es deuten aber nicht seltene Spuren noch in spä- 
terer Zeit auf die Hartnäckigkeit dieses Irrtums hin. 

Auch bei Homann hat sich noch ein Rest davon erhalten. Wir 
finden nämlich, während Homann's antarktische Gebiete südlich von 
Amerika als „Regiones australes necdum cognitae" bezeichnet sind, 
zwischen 50 und 60° S. der östlichen Hemisphäre den Namen „Terra 
australis incognita" eingetragen, zu der die unter ca. 40° S. und o — 
10° O. angegebene Küste der „Terra Vitae" mit dem bereits bei Or- 
telius in gleicher Gegend verzeichneten „Caput (Promontoriuifi) Terrae 
Australis" gehört ^^^). 

Ein Blick auf die beigegebene Kartenskizze zeigt uns, däss Homann 
neben diesem Irrtum harmloser Art auch noch dem Hauptfehler der 
alten Kartographie, der Übertreibung der Länge des Mittelmeers, das 
Dasein gefristet hat. Daran ist die Autorität J. Scherer's Schuld, dem 
Homann an verschiedenen Stellen gefolgt ist und mit dem er die Um- 
risse der O- Kontinente in den Hauptzügen gemein hat^'^), obgleich 
ihm die neueren Ansichten nicht unbekannt waren. Die Quellen für 
seine Kontinentalkarten nämlich waren zufolge seiner älteren Universal- 
karte („Planiglobium terrestre") die neuesten Karten der Franzosen und 
Niederländer, laut seiner Vorrede (17 14) aber, besonders de Fer's und de 
risle's Karten aus dem Jahre 1700. Leider hat Homann bei der Aus- 
gleichung der bis zu 12° betragenden Differenzen der letzteren beiden 
in der Hauptsache dem de Fer den Vorzug gelassen, während er von 
de risle nur „viele unverwerfliche, schöne Remarquen" genommen hat. 
Dazu hat Homann der Umstand bewogen, dass de l'Isle die ver- 
sprochene Begründung seiner Neuerungen (die „introduction ä la G(^o- 
graphie") seinen Karten nicht folgen Hess (erst 1720), und dass einige 
im Jahre 1703 zu Paris veröffentlichte Längenangaben den Annahmen 



i 



132J Vivien de Saint -Martin, histoire de la Geographie, p. 408. 

I33j Peschel - Rüge, Geschichte der Erdkunde, 1877, p. 363. 

13^) Homann's Universalkarte stimmt mit den einzelnen Kontinentalkarf en überein, 
nur fehlen auf den letzteren die Reiserouten der berühmten Entdecker zur See 
von Magalhaes bis Dampier. Dieselben hat Homann ebenso angegeben wie de l'Isle. 

I35j Vergl. Scherers „Atlas novus**. 



Johann Baptista Homann. 361 

de Fer!s näher kamen, als denen des de l'Isle^^^). Diese neuesten 
Ortsangaben setzten Ispahan unrichtigerweise auf 84° O.^^^), so dass 
de risle dasselbe um 14°, de Fer nur um 2° zu weit nach W. ver- 
schoben hätte. 

Bei Homann nun finden wir Ispahan unter 84°. Während aber 
de Fer's Mittelmeer von Gibraltar bis Alexandretta (11° bis 59° O. v. 
Ferro) nur 48° lang ist, erstreckt es sich auf den Homann'schen Karten, 
wie auch auf den niederländischen jener Zeit, von 12° bis 67!° O. v. 
Teneriffa, ist also 55!° statt 41 1° lang oder ca. 170 d. Meilen zu lang. 
Die Küste von China liegt bei Homann wie bei de Fer und de l'lsle 
der Wahrheit nahe kommend ungefähr 140° O. v. Ferro. Daher wird 
Homann's Asien in dieser Breite um 14° verkürzt. Das Nord-Kap 
Europa*s zeigt Homann nahezu korrekt auf 44!°^^®), hingegen ist die 
Halbinsel Kola in ihrem Ostende bereits um 7 ° zu weit nach O. gezogen, 
der Nordosten Asiens andererseits liegt zu weit westlich. Die Gegend, 
wo sich diese beiden Fehler ausgleichen, ist die des Jenissei. 

Die Nordküste Sibiriens liegt auch in Bezug auf ihre Breite nicht 
richtig, ein Umstand, den der Stand der Forschung in jenen Gegenden 
gewiss entschuldigt. Anders verhält es sich mit der Südküste des 
Mittelmeers. Diese hat Homann, während die Breiten des West- und 
Ostendes richtig sind, in ihrem mittleren Teil um fast 2° nach S. ge- 
rückt, trotzdem Chazelle's Reiseresultate bekannt waren. Homann mag 
diesen Fehler wohl aus de Fer's „Afrika" mit herübergenommen haben; 
denn hier finden wir ihn noch auffallender, als bei Homann, während 
de Fer merkwürdigerweise ihn auf seiner „Mappe monde" (1700) ver- 
mieden hat. Im Übrigen kommen auffallende Breitenfehler bei Homann 
in den Küstenpunkten mit Ausnahme Island's, das etwas zu weit nach 
Norden, und Kamtschatka's , das zu weit nach Süden ausgedehnt ist, 
nicht vor. 

Der fehlerhaften Darstellung des Mittelmeeres entspricht bei 
Homann die Verzerrung Afrika's; hier hat er de Fer und de l'lsle gänz- 
lich verlassen und ist den Niederländern treu geblieben, die das Kap 
Guardafui, wie Ortelius bereits im Jahre 1587, auf ca. 83° östl. v. Te- 
neriffa setzten. Dasselbe liegt bei Sanson auf 86° östl. v. Ferro, bei 
Homann auf 81° östl. v. Ferro, bei de Fer auf 74, bei de l'lsle auf 68° O. 

Nicht minder hat Homann Amerika verbreitert und zwar wie die 
Niederländer und de Fer um fast 11° zwischen Kap San Roque und 
Kap San Francisco, so dass, da das Kap San Roque bei Homann um 
etwas mehr als i ° nach O. verlegt ist, die ganze Westküste des Kontinents 
um fast 10° zu weit westlich gezogen ist. Dieser Fehler nimmt nörd- 
lich von Mexico noch zu. Alles Land, welches westlich liegt von einer 



136) Homann's Vorrede 17 14. ^^Tj ibidem. 

i38j Die Längen sind, wenn nicht besonders bemerkt, stets auf Ferro reduciert. 




362 Christian Sandler: 

vom Nordende der Halbinsel Kalifornien zum Nordende der Hudsonsbay 
gezogenen Linie, ist unbekannt; Homann bezeichnet den Südwestteil 
desselben als „terra Esonis incognita'*, das unbekannte Land Jesso. 
Es erstreckt sich bis zum Ostrand Asiens, der Halbinsel „Kamtzadalia, 
alias Terra Jedso", von der es durch den „Fretum Vries" geschieden 
ist. Auch auf niederländischen Karten jener Zeit findet sich diese 
„terra Esonis" neben der „terra Jedso". 

Wir sahen, dass Homann nach niederländischem Muster einige 
Fehler erhalten hat, die de Fer bereits verbessert hatte; wir können 
aber auch konstatieren, dass Homann an mehreren Orten sehr mit 
Recht von de Fer abgewichen ist. Van Diemensland, welches de l'Islc 
unter i6o° O. v. Ferro angiebt, liegt bei Homann unter 170° O. v. 
Tener., bei de Fer unter 185° O. v. Ferro; Neuseeland bei Homann 
wie bei de Tlsle ziemlich gleich zwischen 180 und 190° O., bei de Fer 
zwischen 210 und 220° O.; Island's Ostküste berührt auf de Fer's 
„Mappe monde" sogar den 15.° O. Bedeutendere Unterschiede aber 
treten in den allgemeinen Umrissen hervor: die unsicheren Kontouren 
Süd-Afrika's mit der meerbusenartigen Kongomündung, die Verbreite- 
rung des persischen Golfes, die Verzerrung Vorder-Indiens, die Erwei- 
terung der Mündungen der südamerikanischen Flüsse zu weit in's Innere 
reichenden Buchten, endlich die durch Ungenauigkeit entstehende Form- 
losigkeit aller Inseln und Halbinseln, alle diese Mängel de Fer's hat 
Homann ganz oder zum grossen Teil vermieden. Es zeigen vielmehr 
die Umrisse seiner Kontinente, wenn wir von den erwähnten Haupt- 
fehlem absehen, eine allgemeine Richtigkeit, die dem Standpunkte der 
damaligen kartographischen Leistungen vollständig entsprachen; ins- 
besondere sind die Formen der einzelnen Glieder der Kontinente in 
den meisten Fällen ziemlich genau charakterisiert. Einen Hauptvorzug 
bildet dabei die Anwendung der stereographischen Äquatorialprojektion; 
de risle hatte dieselbe gleichfalls benützt, doch hat er Asien ungün- 
stigerweise in Kegelprojektion dargestellt. Bei de Fer aber sehen 
wir für Kontinentalkarten ausschliesslich die bei Sanson so häufige 
Sinusoidalprojektion: die Breitengrade sind parallele Grade, die Meri- 
diane aber gekrümmt, eine Darstellungsweise, die nur für äquatoriale 
Erdräume, eventuell bei Karten grösseren Maasstabes hinreichend ähn- 
liche Bilder ergiebt. 

In Bezug auf die Kontouren der Kontinente fet Homann also nur teil- 
weise mit den Ergebnissen neuerer Forschungen fortgeschritten. Ebenso 
verhält es sich mit dem Inneren seiner Kontinente mi t Ausnahme „Afrika's"; 
denn dieses bedeutet geradezu einen Rückschritt in der Geschichte der 
Darstellung dieses Erdteils in Deutschland. Alle neueren Kartographen 
hatten nach dem Beispiele de l'Isle's aufgehört das gänzlich unbekannte 
Centrum dieses Weltteils mit Namen von Städten und Flüssen zweifel- 
fter Existenz anzufüllen; sie hatten Abessynien, das auf den Karten 



Johann Baptista Homann. 363 

des 17. Jahrhunderts bis zum südlichen Wendekreis sich erstreckt, ge- 
mäss Jobus Ludolfus (und dieser nach den Angaben eines zuverlässigen 
eingeborenen Abessyniers, Namens Gregorius)^^^) so weit verkleinert, 
dass die Südgrenze zwischen 8 und 12° N. zu liegen kam, hatten den 
blauen Nil als Quellarm des Nil gezeichnet, den weissen dement- 
sprechend verkürzt und die äquatorialen Gegenden leer gelassen. 
Homann aber gehört noch ganz und gar dem vergangenen Jahrhundert 
an, und sein Versuch, nach einer modernen Quelle (Scherer) eine 
Korrektur vorzunehmen, hat nur einige offenbare Fehler hinzugefügt. 
Wie bei Sanson, Jansson u. a. finden wir auch bei Homann zwei 
grössere Seen in Central -Afrika, den Zasstan lacus im Osten und 
den Zaire lacus im Westen. Aus dem westlichen, dem Zaire lacus 
(im südlichen Teil Zembre lacus genannt), der zwischen 5° und 14° S. 
liegt, fliesst in westlicher Richtung der Zaire, welcher nördlich vom 
Kongo unter ca. 6° S. in breiter Mündung den Ocean erreicht. Das 
Nordende des Sees entlässt ebenfalls einen Fluss, den „Nilus"; der- 
selbe teilt sich bei Homann bereits in 2° N. in den „Niger" und 
„Albus" sc. Nilus. Der Nilus albus fliesst nach NO., nimmt einige 
Nebenflüsse auf aus den ostafrikanischen Seen und läuft vom io.° N. 
an unter 60° O. in allgemein nördlicher Richtung als eigentlicher Nil 
(„Nilus flumen") in das mittelländische Meer. Der Nilus Niger aber 
geht nach der Trennung direkt nordwärts, durchströmt unter 2 — 5°N. 
den Niger lacus, welchen er als Niger flumen verlässt. Unter 13° N. 
verschwindet er in einer Bergkette, kommt an deren Nordseite wieder 
zum Vorschein, läuft durch den Bornu lacus (zwischen 41 und 45° O. 
V. Teneriffa und auf ca. 15° N.) und bleibt von nun an in westlicher 
Richtung. Unter etwa 21 — 23° O. v. Tener. durchfliesst er, immer 
noch Niger flumen genannt, den Lacus Guarde, und mündet endlich 
in verschiedenen Armen und unter verschiedenen Namen (Senegal, 
Gambia etc.) in den atlantischen Ocean. NO. vom Bornu lacus unter ca. 
18° N. liegt wieder ein See, an dem „Borno Regn." liegt. Diesen See 
durchfliesst in WO.-Richtung der „Giras", welcher, nachdem er einen 
Berg durchströmt hat, als „Nubia flumen" zum Nil geht. Im NW. der 
Sahara fliesst von NW. nach SO. der „Ghir flumen", welcher in einem 
See unter dem Wendekreis und 25° O. v. Tener., im „Targa Regn." 
gelegen, mündet. In Südost-Afrika endlich finden wir den „Zambere" 
und den Rio de Spirito Santo mit der auffallenden Bifurkation in ihren 
Oberläufen. 

Die hydrographischen Verhältnisse würden also annähernd dasselbe 
Bild bieten wie in O. Dapper's „Afrika" (Amsterdam 1676)^*^), wenn 
nicht der „Nilus Niger" Niger und Nil verbinden würde. Eine weitere 
Neuerung Homann's besteht darin, dass er den Nil entspringen lässt 

13^) Hauber, „Versuch einer umständlichen Historie der Landkarten", p. 113 fF. 
140) Vergl. Beiträge zur Entdeck ungsgesch. Afrika's. Erstes Heft. Berlin i^T»»* 



i 



364 Christian Sandler: 

unter ca. i6° S. im Südende Abessyniens. Derselbe fliesst zunächst nach 
Osten, wendet sich nach Süden, setzt dann seinen Lauf nach Westen 
und Norden durch den Becl. lac. (15° S.) fort, fliesst sodann nach 
SO., so dass der Lauf einer Spirale ähnlich sieht. Nach kurzer Wen- 
dung gegen SW. strömt er dann in einem nach NW. offenen Bogen 
dem Zembre lacus zu. Ein Nebenfluss, den er kurz nach seinem Ent- 
stehen von SO. her aufnimmt, führt den Namen Jama flumen. Die 
Landschaften an den Ufern des Nil von der Quelle bis zum Zembre 
lacus heissen: Goya, Amhara, Damut, Xaoa, Olaca und Bagametro. 
Wir finden also hier weit im Süden den Oberlauf des blauen Nil und 
Abessyniens Südhälfte. Eine Note auf der Karte nun besagt: „Ludolphum 
hactenus incaute secuti sunt, qui quodam novo sistemate originem Nili 
recentioribus Tabulis suis perperam inseruerunt. Nos authoritatem 
Reve. P. Henrici Schereri S. J. Geographi celeberrimi, qui ex veris 
P. P. Missionariorum, suae Societatis relationibus tale nobis, quäle huc 
posuimus, Schema *'^^) utriusque Nili, albi et atri fluminis praefiguravit, 
amplectimur ..." Homann ist also gewisserma^sen entschuldigt. Man 
müsste sogar anerkennen, dass Homann die genannten Landschaften 
Abessyniens, wenn auch ihrer Lage nach falsch, so doch ihrer wirklichen 
Grösse nach richtiger dargestellt hatte, als es bis dahin geschehen war. 
Da aber Homann aus anderen Karten für die nördliche Hälfte von 
Abessynien ebenfalls ein Damut, Amara, Gora, Hoa und Bagamedri be- 
halten hatte, so hat er die alte Verwirrung nicht nur der hydrographi- 
schen, sondern auch der politischen Verhältnisse Afrika's noch gesteigert. 

Es mag hier erwähnt werden, dass M. Seutter in Augsburg diese 
Fehler Homann's nachgestochen hat, und dass dieses „Africa" im 
Homann'schen Kartenverlage erst im Jahre 1737 durch ein von Hasius 
entworfenes neues Blatt ersetzt wurde. Vor dieser Zeit waren die 
besseren Karten von Afrika, welche in Deutschland gedruckt wurden, 
die von Jer. Wolff in Augsburg mit lateinischen Namen kopierten Ori- 
ginale des de l'Isle. 

Hochasien kommt auf den Karten des 17. Jahrhunderts nicht als 
selbständiges hydrographisches Gebiet zur Geltung, bei Homann aber 
bleibt, da er Asien in westöstlicher Richtung um ca. 12° verkleinert hat, 
ohnedies wenig freier Raum im Innern des Kontinentes. Denn hier, etwa 
unter 105° O., der Länge unseres Lop Noor, entspringen der „Sihun" 
und der „Gihun", welche in das nach Form und Grösse ziemlich kor- 
rekte Kaspische Meer (eventuell in den Aralsee) fliessen, während das 
Quellgebiet des Hoangho von Osten her bis über 115° O. reicht. In dem 
zwischen diesen Stromsystemen sich ausdehnenden „Tibet majus" liegen 
bei Homann nur einige Seen, aus denen die Quellflüsse des Ganges 
kommen, während auf den übrigen gleichzeitigen Karten auch der 

1*1) Diese Karte Scherers ist betitelt: „Utriasque Nili Albi et Atri fons et 
orjgo**, Vergl. dessen „Atlas Novus", Bd. II. 



Johann Baptista Homann. 365 

Oberlauf des Indus richtigerweise hiermit verzeichnet ist. Die hinter- 
indischen Flüsse leitet Homann mit de Fer und anderen sämtlich aus 
dem „Kananorsee", welcher unter 120° O. und unter 32 — 34° N. liegend 
dem Ganges mehr genähert ist als gewöhnlich; doch hat Homann zur 
Ausgleichung den Oberlauf des Yangtsekiang etwas nach Osten ver- 
schoben. Den Indus, die Mündung des Hilmend in den Ocean, sowie 
Mesopotamien finden wir bei Homann ganz ähnlich wie bei de Fer. 
Dagegen kommt Homann's Amur der Wirklichkeit bedeutend näher 
als der de Fer'sche; und in der Darstellung der sibirischen Flussver- 
hältnisse übertrifft Homann, der für Sibirien Isbrand's Reisebeschreibung 
zu Grunde gelegt hat, sogar den de l'lsle; denn dieser führt sowohl 
den Ob, als den Jenissey aus dem Baikalsee und bietet von Sena und 
Kolyma nur Andeutungen. Der Lauf der Flüsse aber ist auch bei 
Homann sehr ungenau, wie nicht minder die geographischen Breiten 
der Städte. So liegt: 

Tobolska 58° N. (statt 57!° N.) Selenzinskoi 50° N, (statt 51° N.) 
Jenizeskoy 56° N. (statt 58° N.) Jakutzkoi 67!° N. (statt 62° N.). 
Diese Unsicherheit der geographischen Breiten zieht sich durch 
den ganzen Kontinent hindurch. Samarkand z. B. liegt 2° zu weit 
nördHch, Multan i|° zu weit südlich, Keccio (Kescho) fast 2° zu weit 
südlich. Überdies hat Homann besonders im Innern Arabiens, dann 
in Innerasien und in „China extra Muros" (Mongolei) eine Unzahl von 
Orten angegeben, deren Verzeichnung uns nur die auf Asia I stehende 
Note einigermassen erklären kann : „En Novam Totius Asiae Tabulam, 
novo Schemate ex Variis, sed optimis et praestantissimis Seculi nostri 
Geographis desumto, a nobis formatam totque novitatibus adornatam, 
quot in omnibus fere simul et in singulis eorum hactenus editis 
reperias." Wir erkennen darin das von den alten Kartographen er- 
erbte, in Deutschland erst von Prof. M. Hasius erfolgreich bekämpfte 
Bestreben, in Bezug auf Angabe der Orte, Flüsse, Landschaften in erster 
Linie möglichst vollständig und erst in zweiter Linie richtig zu sein. 

Das Innere von Homann's „Amerika" unterscheidet sich nur un- 
bedeutend von den damaligen Karten und deutet auf vorwiegende Be- 
nutzung niederländischer Originalkarten hin. Wie bei diesen erscheinen 
auch bei Homann die kanadischen Seen zu gross, welche de l'lsle 
bereits ihrer wirklichen Grösse mehr entsprechend dargestellt hatte. 
Mississippi, Rio del Norte, Orinoko, Amazonas, Paraguay zeigen bei 
Franzosen, Niederländern und Deutschen annähernd die gleiche Figur. 
Dem Titicacasee und dem Rio San Francisco, an welchen de l'lsle 
nicht glücklich geändert hatte, hat Homann die alte Gestalt gelassen. 
Von den drei Seen Guyana's, die bald nach 1700 von den meisten 
Karten verschwanden (darunter der „Parime lacus*') sind bei Homann 
die beiden kleineren noch geblieben. Der Missouri („Rio de Moin- 
gona**, „Fl. Mortis**) fiiesst in seinem Oberlauf durch zwei Seen, Hie.lc3cÄ 



366 Christian Sandler: 

die französischen Karten nicht zeigen. Im übrigen bot Amerika, ent- 
sprechend dem Stand der Forschung, wenig Gelegenheit wesentlich 
von einander abweichende Darstellungen zu liefern. 

Die beschriebenen Karten Homann's entsprechen wie die beige- 
heftete Skizze dem Stande des Homann'schen Verlags etwa nach dem 
Jahre 1720. Homann's ältere Karten differieren damit nicht sehr be- 
deutend. Denn während Homann an „Europa" und „Afrika" über- 
haupt keine Änderung vornahm, hat er von Amerika und Asien je 
zwei verschiedene Blätter herausgegeben, die sich nur in Folgendem 
unterscheiden : Auf der ersten Karte von Amerika ist Kalifornien noch 
Insel, auf der zweiten sehen wir es als Halbinsel. Auf der ersten 
Karte von Asien hat das Kaspische Meer noch die alte kreisrunde 
Form, der Nordostrand Asiens verläuft ungegliedert zwischen 150 und 
160° O. und die „Terra Yedso" liegt gemäss dem Vermerk auf der 
Karte: „quam R. P. Henr. Scherer S. J. Continentem Japoniae simul 
et peninsulam esse perhibet in sua Geographia" als Halbinsel nördlich 
vom Imperium Japonicum (unserer Insel Nippon), mit dem sie durch 
eine schmale Landenge zusammenhängt. Sie erstreckt sich von 40 — 
50° N. und ca. 160 — 170° O. (Teneriffa), ihre Ostküste lässt in ihrer 
Südhälfte die bis zum Ort „Groen" (dem „Groene Kaap" des de Vries, 
unserem Kap Jeronimo) reichende Vulkanbai nicht verkennen, während 
sie in der Nordhälfte viel zu tief eingebuchtet ist. Zwischen beiden 
Buchten schiebt sich eine Halbinsel bis 172° O. v. Tener. vor, die durch 
den „Kanal Piecko" vom kleinen „Staaten Eyland" (J. Iturup) getrennt 
ist. Das Ostende dieser Insel bespült das „Fretum Vries" und jenseits 
desselben dehnt sich das unbegrenzte Kompagnie-Land (J. Urup) aus. 

Auf der zweiten ELarte von Asien ist dieses Land Jedso leider ver- 
schwunden, dagegen ist Kamtschatka unter diesem Namen eingezeichnet, 
wobei die ostsibirischen Ströme noch weiter nach Westen gerückt sind, 
als auf Asia I; der Kaspisee aber hat seine richtige Figur erhalten 
gemäss den Aufnahmen, die der Kapitän Karl von Verden im Jahre 
17 19 und 1720 auf Befehl des Czaren ausgeführt hatte ^*^. Endlich 
hat auch der persische Golf eine andere bessere Richtung bekommen. — 

Es ist eine auffallende Thatsache, dass Homann im Jahre 1720, 
als doch die wirkliche Länge des Mittelmeeres bereits zweifellos fest- 
gestellt war, wohl den NO. seiner Karte von Asien und das Kaspimeer 
zu verbessern suchte, seinen alten Grundfehler aber gänzlich unbe- 
rührt Hess. Der Umstand, dass Homann mit der Abstellung dieses 
Irrtums drei neue Kontinentalkarten hätte schaffen müssen, ohne dass 
er dabei geschäftliche Vorteile errungen hätte, mag gewiss einer der 
Hauptgründe gewesen sein, die ihn von einem solchen Verbesserungs- 
versuche abhielten. Er mag sich auch bewusst gewesen sein, dass ihm 



i^2j Hauber, „Versuch" p. lai f. und „Zusätze" p. 74J. 



Johann Baptista Homann. 367 

.die zur Feststellung der Lage der meisten Orte nötige historische 
ICritik zu bedeutende, wenn nicht unüberwindliche Schwierigkeiten be- 
reitet haben würde, um gegenüber einem de l'Isle zur Geltung zu 
kommen. Überdies war damals ebenso wie heute bekannt, dass selbst 
die sorgfältigste historische Kritik bei dem Mangel an guten Messungen 
unanfechtbare Ergebnisse für die Geographie nicht zu liefern vermag. 
Hase's „Hungaria" (1744)^*^) und „Asia minor'* (1743)^**) haben dies 
späterhin genugsam bewiesen ; denn diese Muster geographischer Kritik 
stimmen mit der Wirklichkeit durchaus nicht überein ^*^). 

Dem gegenüber ist Homann bereits vor 17 14 auf einen Ausweg 
verfallen, an dem wir erkennen, dass er sich nicht nur über den 
wissenschaftlichen Wert, resp. Unwert seiner Karten sehr klar war, 
sondern dass ihm auch das einzige Mittel, welches eine endgiltige Re- 
formation der Kartographie garantierte, richtig vorschwebte. Dieses 
Mittel bestand darin, dass man, wie J. M. Franz im Jahre 1747 es aus- 
sprach, „ganz von vomen anfiengen**^). Und dazu hat Homann mit Hilfe 
Doppelmayr's den ersten Schritt gethan; er erwähnt nämlich in seiner 
Vorrede 17 14 p. 2, dass Doppelmayr's astronomische Karten mit 
einigen anderen zu einem „Atlas caelestis" zusammengefasst werden 
sollten, „in welchem auch auf mein (Homann's) special inständig -ge- 
schehenes Ansuchen obgedachter Herr Professor eine General -Chatte 
von dem gantzen Erdboden, auf lauter Astronomische gewisse Observationes 
gegründet, verzeichnen wird, da weiters keine andere als bloss allein 
die loca Observationum sollen gestellt seyn, damit man ins künfftige 
auf die richtigste Observationes (welche alle specificirt, wie solche 
tractirt und ob selbige vermittelst einer Monds- oder Sonnenfinsterniss 
oder durch die Satellites Jovis wahrgenommen und von wem solche 
aufgezeichnet und celebriret worden seye), . . . desto sicherer bauen." 
Zu diesen Orten könne man dann von Jahr zu Jahr die neu gemessenen 
hinzufügen. 

Diese Universalkarte hat Homann zwischen 17 16 und 1722 heraus- 
gegeben; denn der „grosse Atlas 17 16" enthält sie noch nicht, Hübner 
aber erwähnt sie bereits im Jahre 1722^*''); sie trägt den Titel: „Basis 
Geographiae recentioris Astronomica" und entspricht vollständig dem eben 
angegebenen Plane. Sie nennt im ganzen 140 astronomisch bestimmte 
Orte und zwar in Spanien 7, Portugal i, Frankreich 28, Schweiz 2, 
Savoyen i, Schweden i, Deutschland 22, Belgien (event. Niederlande) 6, 
Grossbritannien 5, Dänemark 3, Polen 2, Russland i, Italia 7, Türkei 9, 
Sibirien (Tartaria Magna) 2, China 11, Indien 10, Afrika 8 und Amerika 

1^3) Kosmographische Nachrichten 1748, hgg. 1750, p. 72. 

144) Homännische Vorschläge, Nürnberg 1747. Karte Nr. iz vor der Vorrede. 

1^^) Kosmographische Nachrichten 174g, p. 34Sf- 

14^) Hom. Vorsohl. 1747, Vorrede § 17. 

14T) joh. Hübner's geogr. Fragen 172a (29. Aufl.) p. 15. 



368 



Christian Sandler: 



14. Die geographische Länge hat Doppelmayr mit Cassini gleich, so 
dass also sein Anfangsmeridian 22|° westlich von Paris liegt. Durch 
Reduzierung der Längen auf den offiziellen Meridian von Ferro ergiebt 
sich folgende Tabelle für die wichtigsten Orte: 













ex 






Observatores. 


Longitud. obsenr. 


Eclips. 


Latitud. ohsenr. 


Madritum 


Cassini 


140 


^5' 


0' 


QD 


400 26' 0' 


Lutetiae Parisi- 


Picard, Cassini, de la 


20 








DQ^ 


48 50 10 


orum 


Hire 












Londinum 


Flamsteed, Wright 


17 


34 


45 


M© 


5r -32 


Argentoratum 


Eisenschmid 


*5 


35 





]>O^I> 


48 35 31 


Norimberga 


"Wurzelbau, Eimmart 


ag 


40 





DQll 


49 28 7 


Vindobona 


Regiomontanus 


34 


54 


45 


D 


48 14 


Dantiscum 


Hevelius 


36 


27 


15 




54 ^^ S^ 


Moscua 


Timmermannus 


56 


29 


45 


D 


55 34 


Malta 


P. Feuill6e 


32 


8 


45 


et 


35 53 30 


Roma 


Biancbini 


30 


20 





ao]) 


41 54 


Smyrna 


P. Feuülee 


44 


59 


15 


^> 


38 '28 


Aleppo 




53 


54 


45 




36 15 7 • 


C. Comorin 




95 


55 







800 


Malacca 


P. Noel 


119 


45 





D 


2 12 


Canton 


P. P. Jesuitae Fonte- 
nay le Comte 


130 


53 


15 


n. 


23 7 46 


Nankim 


iidem 


136 


30 





et 


32 4 


Pekinum 


iidem 


134 


16 


30 


21 


39 54 10 ■ 


Tripolis 


P. FeuiUöe 


31 


II 





21. 


32 53 40 


Cairus 


Chazelles 


49 


35 





et 


30 2 20 


Cap. Viride 


Varin, des Hayes, du 
Glos 





36 





et 


14 43 


Cap. bonae Spei 


P. P. Jesuitae 


37 


44 


30 


et 


34 15 Mer. 


Terra del Gada 


Heathcot 


6z 


9 


45 


D 


19 29 „' 


(Madagaskar) 












• 


Cayenna Ins. 


Richer 


324 


30 





n-D 


4 56 18 


Carthagena 


P. Feuill6e 


302 


10 





D2U 


10 30 25 


Olinda . 




342 


30 





et 3) 


8 12. 50 Mer. 


La Conception 


P. Feuill^e 


304 


26 


30 . 


et 


36 44 53 »». 


Lima 


idem 


300 


50 


30 


et 


li I 15 »» 


Quebec 


Des Hayes 


307 


47 





et 


46 55 ^ 


Boston 




307 


2 


15 




42 25 


Mexico 




274 










20 



Einige der älteren dieser 140 Ortsbestimmungen sind mehr oder 
weniger ungenau; Wien z. B. liegt um mehr als 50', Moskau um mehr 
als 1° zu weit östlich, Mexico um mehr als 4° zu weit westlich. Das 
innere Europa hatte also von Nürnberg aus immer noch eine Verzer- 
rung nach Osten erlitten und' die Binnengegenden der übrigen Konti- 
nente hatten wegen Mangel an Ortsbestimmungen ihre, frühere Unge- 



Johann Baptista Homann. 369 

wissheit behalten. Die überwiegende Mehrzahl dieser Ortsbestimmungen 
aber, besonders die neueren von Chazelles, Feuillde, Halley, Flamsteed 
besitzen eine Genauigkeit, die bis heute noch nicht wesentlich ver- 
schärft worden ist. Das Homann -Doppelmayr'sche Blatt ist also in 
der That die Basis der neueren Kartographie, leider eine so dürftige, 
dass sie zum Ausbauen sehr wenig ermuntern konnte. Wenn nun 
Homann es nicht gewagt hat, neue Kontineritalkarten zu entwerfen, so 
trifft es doch zu, dass er dadurch, dass er dieser Universalkarte die 
Beweise für ihre Richtigkeit beifügte, seinem Publikum einen Maasstab 
zur Beurteilung des mathematischen .Wertes seiner übrigen Karten an 
die Hand gegeben hat. 

Homann's Originalkarten. 

Aus dem Titel und den sonstigen Bemerkungen auf den Karten 
können wir selbst dann, wenn der Name des Autors genannt wird, 
nicht mit Sicherheit auf ihre Originalität schliessen. So ist z. B. die 
„Territorii Ulmensis Descriptio, quam revidente et curante Johanne Chri- 
stophoro I^auterbach, eiusdem Reipubl. Ulm. Ingeniero et Archit., inlucem 
edidit Joh. Baptista Homann", durchaus kein neues Blatt, sondern 
eine Verbesserung des „Territorium Ulmense" (1653), welches Pfarrer 
Bachmaier zu Altheim gezeichnet hat^^). Auch die Widmung ver- 
schiedener Blätter vermag uns nicht zum Glauben an besondere Ver- 
dienste des Herausgebers zu bewegen; denn einige politische Ver- 
besserungen, ein neuer Maasstab und eine neue Zusammenstellung ver- 
schiedener älterer Karten, wie z. B. Homann's „Germania Austriaca'* und 
„Circulus Franconicus", erzeugen keine Originalkarte. Ebensowenig 
sind wir berechtigt, Homann's Karten ohne weiteres dann als Originale 
zu bezeichnen, wenn uns keine ältere Darstellung des betreffenden 
Landes bekannt oder genannt worden ist, einesteils wegen unserer 
lückenhaften Kenntnis des gesamten Kartenmaterials, andemteils wegen 
der Unmöglichkeit, das Alter der Karten genau festzustellen. Gegen- 
über diesen Bedenken ergeben sich als unzweifelhafte Originalkarten; 
Bl. I. Basis Geographiae recentioris Astronomica (v. o.). 
Bl. 2. Tabula novissima totius Germaniae, praecipue ex designatione 
viri celeberrimi Di Johannis Caspari Eisenschmidii, Medicinae 
Doctoris et Mathem. apud Argent. praestantissimi cum insigni 
augmento in lucem edita a Joanne Baptist. Homanno, Sacrae 
Caesareae Majestatis Geographo Norimbergae. 
Diese aus vier Blättern des gewöhnlichen Homann -Formates be- 
stehende Wandkarte, welche mit Eisenschmid's Bildnis geschmückt ist, 
ist so entstanden, dass der Strassburger Professor die astronomisch 
bestimmten Orte eintrug und Homann die dazwischen liegenden 

1*^) Hauber, „Histor. Nachricht von den Karten des schwäbischen Kreises", 
p. iS7f. 



370 



Christian Sandler: 



Strecken ausfüllte ^^), nachdem er das Original von den Erben Eisen- 
schmid's erhalten hatte ^^^). Gemäss einer Note auf der Karte hat 
Eisttnschmid den Anfangsmeridian 21° westlich von Paris angenommen, 
um gleichsam einen Mittelweg zwischen Cassini und de la Hire, bei 
denen Paris auf 22^, bezw. 20^° O. liegt, einzuschlagen, und um eine 
ganze Zahl (numerus integer) für die Länge von Paris zu haben. Ab- 
gesehen von dieser Einrichtung, die durch die angegebenen Gründe 
allein sich nicht rechtfertigen lässt, ist diese Karte das bedeutendste 
Blatt des J. B. Homann'schen Verlags; denn wie aus folgender Ta- 
belle ^^^) hervorgeht, ist dasselbe selbst der besten damaligen Karte 
von Deutschland, der Karte de l'Isle's, mindestens ebenbürtig. 



Länge auf der 
„tab. totius 
Geim. 



Längenfehler bei 
Homann- 



Eisen- 
schmid. 



de risle. 



Breite auf der 

„tab. totius 

Genn." 



Breitenfehler bei 
Homann- 



Eisen- 
schmid. 



de risle. 



Nimwegen 

Cöln 

Emden 

Hamburg 

Kiel 

Stralsund 

Stettin 

Stolp(e) 

Wolfenbüttel 

Berlin 

Kassel 

Dresden 

Breslau 

Frankfurt a. M. 

Nürnberg 

Prag 

Olmütz 

Strassburg 

Augsburg 

Salzburg 

Linz 

Wien 

Trient 

Venedig 

Triest 

Laibach 



23° 

24 

24 

^7 
27 

32 

35 
28 

31 

27 

31 
34 
26 

28 
32 

34 

^5 
28 
30 
32 

34 
28 
30 
32 
32 



20' 

36 

35 
28 

44i 

5 
32 

2 

2 

15 

3 

21 

51 

20 

40 

8 

51 

35 

37 

47 
o 

31 

57 
20 

7 
42 



—12' 


-7' 




+4 


—15 


— 10 


— II 


14 


-+^ 


+8 


4 20 


+ 31 


+20 


+ 18 


4-20 


+8 


— io 


+3 


+ 10 


+*5 


-9 


— a 


—3 


+4 


4-9 


+5 


— I 


— io 


—5 


—5 


+^ 


+ ia 


—4 


+ 11 


+ 10 





+4 


—3 


+5 


+8 


+ 3 


4-9 


+ 30 


4-31 


+9 


+12 


+20 


4-20 


+43 


+36 


+3» 


4-10 



510 53 
50 56 



53 
53 
54 
54 
53 
54 
5^ 
5^ 
51 
51 
51 
50 
49 
50 

49 
48 
48 

47 
48 
48 
46 

45 

45 
46 



24 
42 
28 

34 
28 
26 
12 
30 
20 
8 

9 
5i 
28 

5 

37 

35 
22 

46 

17 
16 

I 

26 

39 
12 



+ 3' 

4-2 

+9 
+7 
14 
+ 3 
—4 
+2 



4-4 

4-3 



4-1 
— I 

—3 

— 2 

4-1 

+4 
—3 

4-1 
— I 

+9 



+4' 
— 2 

-i8i 

+7 

+9 

+5 

+10 

-fio 

+5 
4-1 
4-8 

—3 

—3 
— I 

—8 
—3 

-6 

4-1 

4-8 

-5 
4-10 

4-5 
-I-15 



149) Kurtze Nachricht von dem Hom. Landkarten- Atlas, Nürnberg 1741, p. 79. 
150J Hauber, Versuch p. 73, not. x. 

151) Die Längen sind auf Ferro reduciert; die Längen- und Breitenfehler ergeben 
sich aus dieser Tabelle. 



Johann Baptista Homann. 371 

In Bezug auf die Längen finden sich sowohl bei de Tlsle als bei 
Homann -Eisenschmid die Fehlermaxima an der Ostseeküste und im 
südöstlichen Grenzgebiete des Reiches; hier wie auch in den übrigen 
Landesteilen schwanken bei beiden die Längen zu ziemlich gleicher 
Fehlergrösse. Die Breiten aber sind bei Eisenschmid durchschnittlich 
genauer, d. h. richtiger als bei de Tlsle. 

Es ist ungewiss, ob Homann den vollen Wert dieses Blattes ge- 
kannt hat, und ob er dasselbe etwa als Gegenstück zu seinen übrigen 
Karten von Deutschland herausgegeben hat, entsprechend dem Ver- 
hältnis der „Basis Geographica" zu den Kontinentalkarten. Da letztere 
auf Homann's Veranlassung entstanden ist und mit der „tabula totius 
Germaniae" im allgemeinen übereinstimmt, so können wir Homann's 
Verdienst auch an dieser Karte nicht leugnen. Merkwürdig aber bleibt, 
dass Homann dieselbe nicht auf sein gewöhnliches Format redu- 
zierte. Infolge dessen ist diese Karte Homann's in seinen Atlanten 
nicht enthalten und daher heutzutage fast vergessen. Aber auch Ho- 
mann's Zeitgenossen waren weit davon entfernt, sie nach Gebühr zu 
schätzen; Hauber z. B., der damals eine Autorität auf dem Gebiete 
der Kartographie in Deutschland war, schreibt über diese Karte die 
für das geographische Verständnis der gelehrten Mitwelt bezeichnende 
Bemerkung: „dass solche (Karte) ausser verschiedenen, nach denen 
damals bewussten astronomischen Observationen gesetzten Orten eben 
nicht viel von anderen unterschieden, sondern mehristens nur aus denen 
gemeinen und vornemlich der Reicheltischen vergrössert seye ohne die 
Gräntzen und andere vielerley Fehler zu corrigiren"^^^). 

BI.3. Hydrographia Germaniae. Dieses Blatt, „subcisivarum horarum 
opusculum", hat der Jurist Phil. Henr. Zollmann, Sohn des Geheim- 
rats Zollmann zu Sachsen-Zeitz ^^3), gezeichnet und einem Freiherm 
Friedrich Christian von Edelsheim gewidmet. Als Muster mag ihm 
Sanson's „Carte de Rivi^re de la France curieusement recherch^e etc. 
1641" gedient haben *'''^). Diese erste Flusskarte von Deutschland be- 
schränkt sich darauf nur die Flüsse und Seen anzugeben ; Sümpfe und 
Moore fehlen, wie jeder andere Terraingegenstand. In Bezug auf Gra- 
duierung und Maasstab (der nicht angegeben ist) stimmt die Karte mit 
Homann's „Imperium Romano-Germanicum" überein, d. h. die Längen 
sind von Teneriffa aus gezählt, und der Maasstab beträgt nahezu 
I : 2 225 000. Die Flussgebiete sind der Übersichtlichkeit halber ko- 
loriert. In Bezug auf Ausführlichkeit lässt die Karte nichts zu wün- 
schen übrig; denn selbst der unbedeutendste Wasserlauf ist verzeichnet 
und benannt; zur Itz z. B. gehen 5, zur Wupper 6, zur 111 15 benannte 



152) Hauber, „Zusätze der Historie der Land-Charten" 17^7, p. 50. 

153) Hauber, „Versuch" p. iz2, not. f. 

15*) Hauber, „Zusätze" p. 75. 
Zeitschr. d. Gesellsch. f. Erdk. Bd. XXI. "^.^ 



372 Christian Sandler: 

Zuflüsse, Die einzelnen Flussläufe sind, soweit es damals möglich 
war, genau verzeichnet und so kommen die Windungen der Mosel 
ebenso zur Geltung wie der geradlinige Lauf der rechten Zuflüsse der 
oberen Donau und wie die Verzweigungen im Havelgebiet, wo der 
Autor aber etwas zu weit geht. An Bifurkationen fehlt es nicht. Wir 
finden die oben erwähnte Alpseebifurkation, femer die Bifurkationen 
Schwarzach-Sulz (Rednitz-Altmühl), Weisser Main- Waldnab, Werra-Lauter- 
Itz und noch mehrere im norddeutschen Tiefland. Ausserdem sind 
auffallend die Ungenauigkeiten in den Quellgebieten, besonders bei 
den Alpenströmen. Die Quellflüsse des Rheins, des Lech, der Loysach, 
Isar, Enns, dann der Moldau, der March sind sämtlich nur in den 
allgemeinen Zügen richtig. Bei Netze und Warthe, soweit sie zum da- 
maligen Königreich Polen gehören, fehlen die Zuflüsse; ebenso fehlt 
von den pommerischen Seen die Mehrzahl. Da die übrigen Fluss- 
karten Homann's („Mosellae fluminis tr.", „Danubii partes III") sich in 
nichts als dem Titel von dem Typus der übrigen Karten unterscheiden, 
indem sie vorwiegend der Darstellung der politischen Verhältnisse 
dienen sollen, so ist diese „Hydrographia Germaniae" als einziges 
Blatt Homann's, welches ausschliesslich dem Gebiete der physikalischen 
Geographie angehört, von besonderer Bedeutung. 

Bl. 4. „Postarum stationes per Germaniam et Provincias adjacentes", 
entworfen im Jahre 1709 von Joh. Peter Neil, kaiserl. Postverwalter 
zu Prag und dem österreichischen Generalpostmeister Karl Josef 
Grafen von Paar gewidmet; 17 14 verbessert herausgegeben. 

Auf dieser Postkarte, welche in Grösse, Graduierung und Maass- 
stab ebenfalls mit dem „Imperium Romano - Germanicum" überein- 
stimmt, ist das ganze Gebiet in folgende Bezirke eingeteilt: Die drei 
Erzbistümer (Mainz, Köln und Trier); Westphalia; Jülich -Mastricht- 
Lüttich (wahrscheinlich zu WestphaHa gehörig); Saxonia inferior (mit 
Hassia); Saxonia superior; Silesia (mit Lusatia und Moravia); Bohemia; 
Austria (mit Stiria, Carinthia, Carniola und Tirolis); Bavaria; Fran- 
conia; Suevia mit Alsatia und Palatinatus Rheni; ferner Germania in- 
ferior; Luxemburg; Lotharingia; Burgundia und Helvetia. Der geo- 
graphischen Lage entsprechend eingesetzt sind nur die Hauptorte (und 
Flüsse), während die Nebenorte nach ungefährer Schätzung eingetragen 
wurden, und die Strassen gerade Verbindungslinien derselben bilden. 
Ein Querstrich durch eine solche Verbindungslinie zweier Orte bedeutet 
eine „einfache Post", zwei Querstriche eine doppelte u. s. w. Unter- 
schieden in der Zeichnung sind dreierlei Arten von Strassen resp. von 
Verkehr: i. „Landstrassen", 2. „Fahrende Posten", 3. „Reitende Posten". 
Es sind nur folgende Landstrassen angegeben : Nürnberg — Erfurt — 
Wolfenbüttel — Hamburg, Pilsen — Karlsbad, Wien — Znaim — Prag, 
Brunn — Pardubitz — Chlumetz. Die fahrenden Posten verkehren zwi- 
schen allen bedeutenderen Orten, wenn nicht Flussverkehr konkurriert, 



Johann Baptista Homann. 



373 



der sich auch den häufigeren „reitenden Posten" gegenüber noch 
geltend macht. So geht von Frankfurt a. M. über Würzburg und Nürn- 
berg nach Regensburg eine fahrende Post, von hier an donauabwärts 
eine reitende Post, während donauaufwärts bis Uhn überhaupt keine 
Post fährt. Auch zwischen München und Deggendorf mangelt eine 
Postverbindung. In schwierigem Terrain giebt es nur reitende Posten; 
in den Alpen gehen solche über den Simplon, Splügen, Brenner und 
Semmering. 

Die Idee zu diesem vielfach kopierten ^^^) Blatt war keineswegs 
neu; denn bereits im Jahre 1641 hatten die Gebrüder Jung (Rothen- 
burg a. T.) zu Nürnberg eine Reisekarte von Deutschland herausgege- 
ben ; ferner wird uns berichtet, dass danach von J. Ulr. Müller in Ulm 
eine bessere veröffentlicht worden sei, und dieser sei Neil hauptsäch- 
lich gefolgt ^^^). Ein Beweis für die Güte der Homann'schen Karte ist 
der Umstand, dass sie noch im Jahre 1764 von den Homann'schen 
Erben mit einigen Verbesserungen aufgelegt wurde. 

Der mathematischen Anlage nach stimmt sowohl die „Hydrographia", 
als auch „Postarum stat. per Germ." (auf dem die Längen nach Palma 
gezählt sind) mit Homann's „Imperium Romano-Germanicum" überein, 
letzteres wieder mit „Europa". Um ein genaueres Bild der Mängel 
dieses Homann'schen Deutschlands, welches in politischer Hinsicht zu 
dem Besten seiner Zeit gehörte, zu geben, entnehmen wir aus Tobias 
Maier's „Germania critica", welche Karte im Jahre 1750 von den Ho- 
mann'schen Erben herausgegeben wurde, und auf welcher T. Maier 
sein Deutschland mit dem des de l'Isle und dem Homann'schen „Im- 
perium Romano -Germanicum" vergleicht, die Lage einer Anzahl von 
Städten und vergleichen sie mit den jetzigen Messungen in folgender 
Tabelle : 



Längen östl. von Ferro nach 



de risle. 



Stieler's 
Handatl. 



J.B. Ho- 
mann. 



H's. 
Fehler. 



Breiten nach 



de risle. 



Stieler's 
Handatl. 



J.B. Ho- 
mann. 



H's. 
Fehler. 



Nimwegen 

Cöln 

Frankfurt a.M. 

Strassburg 

Emden 

Hamburg 

Kiel 

Stralsund 



23 
24 
26 

24 

^7 
31 



25 23 
40 24 
I '26 
25 25 
40 24 

*5>7 
50 27 



16 



32 

36 
21 

^5 

50 

39 
42 



30 45 



/ 





/ 





/ 





/ 


/ 


23 40 





8 


51 


54 


51 


50 


51 50 


*5 5 





29 


50 


54 


50 


56 


50 53 


26 45 





24 


50 


3 


50 


6 


50 I 


^5 58 





33 


48 


33 


48 


36 


48 30 


25 3 





13 


53 


3 


53 


22 


53 6 


28 15 





36 


53 


40 


53 


33 53 57 


^8 35 





53 


54 


30 


54 


21 I 54 45 


32 30 


I 


45 


54 


*5 


54 


20 


54 35 



o 

-3 

-5 
-6 

-16 

-1-^4 
-1-24 

+15 



155) V. Hauber, „Versuch" p. 166 not. h. 
haben diese Karte nachgestochen. 

156) ibidem. 



Seutter, WolflF, Schenck und Weigel 



^5* 



374 



Christian Sandler: 





Längen östl. von Ferro nach 






Breiten nach 








de l'Isle. 


Stieler's 
Handatl. 


J. B. Ho- 
mann. 


H's. 
Fehler. 


de risle. 


Stieler's 
Handatl. 


J.B.Ho- 
mann. 


H's. 
Fehler. 




o 


/ 





/ 





/ 


/ 





/ 





/ 





/ 


/ 


Stettin 


32 


30 


32 


12 


33 


45 


I 33 


53 


35 


53 


^5 


53 


28 


-f-3 


Stolp 


34 


50 


34 


42 


36 


30 


I 48 


54 


40 


54 


30 


54 


12 


-18 


Kassel 


^7 


10 


27 


12 


27 


55 


43 


51 


21 


51 


20 


51 


20 





Berlin 


31 


30 


31 


5 


32 


*5 


I 20 


5^ 


35 


5^ 


30 


5^ 


36 


4-6 


Dresden 


31 


28 


31 


24 


32 


^7 


I 3 


51 


12 


51 


4 


51 


2 


— 2 


Breslau 


34 


47 


34 


42 


35 


59 


I 17 


51 


3 


51 


6 


50 


58 


—8 


Nürnberg 


28 


40 


28 


45 


29 


40 


55 


49 


27 


49 


28 


49 


*5 


3 


Prag 


32 


18 


32 


6 


33 


6 


I 00 


50 


5 


50 


5 


49 


55 


— 10 


Olmütz 


35 


6 


34 


55 


36 





I 5 


49 


28 


49 


36 


49 


30 


-6 


Augsburg 


28 


30 


28 


33 


29 


30 


57 


48 


*5 


48 


^5 


48 


15 


— 10 


Salzburg 


30 


50 


30 


42 


32 





I 18 


47 


42 


47 


48 


47 


35 


—13 


Linz 


32 


6 


31 


57 


33 





I 3 


48 


17 


48 


18 


48 


15 


— 3 


Wien 


34 


32 


34 


I 


35 


35 


I 34 


48 


20 


48 


12 


48 


15 


+3 


Trient 


29 





28 


48 


29 


53 


I 5 


45 


59 


46 


4 


45 


45 


—19 


Venedig 


30 


20 


30 





31 


35 


I 35 


45 


35 


45 


^5 


45 


20 


-5 


Triest 


32 





31 


24 


33 


20 


I 56 


45 


45 


45 


40 


45 


35 


5 



Das Maximum des relativen Fehlers in der westöstlichen Ausdeh- 
nung Deutschlands beträgt also bei Homann 1° 48', während das 
Maximum des relativen Breitenfehlers 43' ausmacht. 

Bl. 5. „Marchionatus Moraviae" ist eine Zusammensetzung und Ver- 
kleinerung der acht mährischen Spezialkarten, welche Homann gleich- 
falls zum ersten Male herausgegeben hat. Dieselben hat der Ingenieur- 
Hauptmann J. Chr. Müller (f 172 1), ein geborener Nürnberger, auf Be- 
fehl Karls VI. gezeichnet, nachdem er Mähren teils trigonometrisch, 
teils vermittelst eines Wagens, dessen Radumdrehungen gezählt wurden, 
vermessen hatte. Das Ergebnis dieser Vermessung ist kein sehr gün- 
stiges gewesen; denn Mähren ist wohl relativ richtiger geworden, als 
auf dem „Imperium Romano -Germanicum", aber die mathematische 
Genauigkeit lässt noch mehr zu wünschen übrig, als auf dem letzteren 
Blatt, so dass man versucht ist, zu glauben, Homann habe bei Eintra- 
gung des Kartennetzes einen falschen Maasstab zur Anwendung ge- 
bracht (6 mährische Meilen = i Längengrad der Karte, also ca. 10 
deutsche Meilen). Denn während auf dem „Imperium Romano -Ger- 
manicum" der Längenunterschied zwischen Iglau und Ostrau etwa 3° 
beträgt (um f ° zu viel), ist derselbe auf den vorliegenden Karten bis 
auf 3° 54' angewachsen; der relative Breitenfehler ist ebenfalls grösser 
geworden; derselbe beträgt bei einer Breite des Landes von etwa ij° 
auf dem „Imperium Romano-Germanicum" etwa 5' zu wenig, auf der 
Moravia fast 20' zu viel. Der Maasstab der Hauptkarte ist etwa 
1:630000, der der Spezialkarten etwa 1:240000 der natürlichen Länge. 



Johann Baptista Homann. 375 

Bl. 6. „Archiepiscopatus Salisburgensis", entworfen von P. O. de G. 
(Pater Odilo de Guetrather) in Michael Baiern (Michaelbeuern), dem 
Verfasser einer „ausführlichen Anweisung zur Geographie und dem Ge- 
brauch der Landkarten", Salzburg 17 13. 8°^^"^). Die Breiten dieser Karte, 
die im Maassstabe von etwa i : 430 000 ausgeführt ist, sind entsprechend 
dem „Imperium Romano-Germanicum" durchgängig zu niedrig (Salzburg 
um 6, Radstatt um 13 Minuten), der Länge nach aber sind sämtliche 
Orte gegenüber dem „Imperium Romano -Germanicum" um etwa 50 
Minuten nach Westen gerückt; der relative Längenfehler übertreibt um 
etwa 5 Minuten. Dem „Imperium Romano -Germanicum" gegenüber 
zeigt diese Karte wesentliche Verbesserungen, insbesondere ist der 
Oberlauf der Enns beträchtlich richtiger gesetzt und mit ihm die ganze 
östliche Hälfte Salzburgs, die auf dem Imperium Romano-Germanicum 
ostwärts verschoben ist. In Bezug auf die topographischen Angaben 
ist diese Karte ein Muster für jene Zeit gewesen; die Orte sind nach 
politischen, kirchlichen und juristischen Eigenschaften unterschieden, 
sämtliche Wege, Pässe, Klöster, Wallfahrtsorte sorgfältig verzeichnet, die 
Bergwerke z. B. hinsichtlich ihrer Produkte in neunerlei verschiedenen 
Arten angegeben. 

Bl. 7 u. 8. „Ducatus Würtembergicus", 17 10, in 2 Blättern von Joh. 
Majer, dem Pfarrer zu Walddorf, ist nicht nur gleich der vorigen eine 
durch Ausführlichkeit hervorragende Spezialkarte (Maasstab 1:250000), 
sondern zeichnet sich durch relative Richtigstellung des mathematischen 
Teiles aus, wenigstens was Würtemberg selbst betrifft. Hier sind die 
Breiten im allgemeinen zu hoch (Ulm um $', Tübingen um 3'), wäh- 
rend die Orte der angrenzenden Länder noch bedeutender (Freiburg 
um 12', Strassburg um 7 ') nach Norden verschoben sind. Merkwürdiger- 
weise ist hier die Längenausdehnung des dargestellten Gebietes um 
5 ' zu gering ausgefallen. Für die Zeichnung des Terrains ist dieselbe 
Methode wie bei dem folgenden Blatt angewendet. 

Dieses 9. Blatt „Provincia Brisgoia", 17 18, wurde von einem kaiser- 
lichen Ingenieur in Freiburg ^^®) entworfen und von Homann im Maasstabe 
von 1 : 240 000 publiziert. Auch diese Karte steht in Bezug auf ihre 
mathematische Anlage unter dem „Imperium Romano-Germanicum", 
indem sowohl der Längen- als der Breitenfehler gewachsen ist. Es 
beträgt z. B. der Breitenunterschied zwischen Schaffhausen und Alt- 
breisach in Stieler's Handatlas etwa 20', auf Homann's „Imperium 
Romano-Germanicum" 27', auf der „Provincia Brisgoia" 30'; der 
Längenunterschied beider Orte beläuft sich in entsprechender Weise auf 
63^, 68 und 83 Minuten. Ferner sind hier als Originalkarten zu er- 
wähnen : 



157) Hauber, „Versuch" p. 9 u. 79, not. f. 

.1^8 j Hauber, „Historie der Landkarten des schwäbisch. Kreises" 1724, p. 154» 
not. g. 



\ 



376 Christian Sandler: 

Bl. lo. „Protoparchia Mindelheimensis" , von Homann zu Ehren 
seiner Heimat herausgegeben mit dem Motto: „Nescio, qua natale solum 
dulcedine cunctos ducit et immemores non sinit esse sui" (Ovid) und dem 
Freiherm Max Anton v. Zündt gewidmet. Diese Karte stellt vor allem 
die forstlichen Verhältnisse dar und soll in Bezug auf diese sehr ge- 
nau ausgeführt sein, während die politischen Verhältnisse ausnahms- 
weise vernachlässigt sind^^^). 

Bl. II. „Territorium Comitum de Giech", beruht auf einer Ver- 
messung dieses Gebietes ^®^). Diese Spezialkarte, deren Graduierung mit 
Homann's „Circulus Franconiae" übereinstimmt, gehört in Bezug auf 
die Vollständigkeit der Detailangaben und die Darstellung des Ter- 
rains zu dem Besten des Homann'schen Verlags; die Lage der Haupt- 
orte zeigt gegenüber unseren Karten ziemlich geringe Differenzen. 

Bl. 12. „Tabula inundationis in inferiori Germania factae" stellt 
die Überschwemmung der friesischen Nordseeufer in der Christnacht 
17 17 vor ohne besondere Genauigkeit des kartographischen Teils. 

Bl. 13. „Das Nürnbergische Gebiet'*, entworfen vom Landpflegeamts- 
registrator Christ. Scheurer 1691 (v. o.), gestochen von Homann 1692. 
Diese erste Karte Homann's entbehrt der Graduierung; statt dessen 
ist sie in Orientierungsbuchstabenquadrate eingeteilt; es war also jeden- 
falls ein Ortsregister dazu geplant. Die Seite eines solchen Quadrats ist 
gleich einer Stunde Reitens; die Ortsentfernungen sind ziemlich richtig, 
die Flussläufe nur in ihren Grundzügen. Die politische Zugehörigkeit 
eines Ortes wird an dem beigesetzten Landeswappen erkannt. 

Bl. 14. „Ager Erlangensis" und 15. „Ager Hallensis*' sind von J. 
Christ. Homann in ziemlich primitiver Weise (Maasstab in Schritten) auf- 
genommen und gezeichnet; es sind die Pläne dieser Städte mit ihrer 
nächsten Umgebung. 

Wahrscheinlich sind auch „Ager Norimbergensis" und „Ager 
Weissenburgensis" Originalkarten Homann's sowie „Episcopatus Bam- 
bergensis." Teilweise Original, d. h. in Bezug auf den speziellen Teil, 
sind auch die Religionskarten Homann's („Planiglobium terrestre", 
„Europa", „America" und „Germania" secund. relig. illum.); dieselben 
hat M. Eberh. Dav. Hauber, Repet. im Theologischen Seminar zu 
Tübingen, gezeichnet ^^^). 

Von ausserdeutschen Ländern hat Homann nur drei Originalkarten 
geliefert: i. „Aegyptus hodierna", nach 17 16 herausgegeben. Diese 
Karte wurde nach Paul Lucas' Reisebeschreibung von Homann ent- 
worfen und von seinem Sohne J. Christoph Homann ausgeführt. Wäh- 
rend auf „Africa" und dem „Planiglobium terrestre" der Nil unterhalb 
des ersten Katarakts auf 60° O. verläuft, liegt er hier etwa auf 52®, 

1Ö9J ibidem p. 171. 

160 j Vorbericht zu dem Deutschlands Atlas der Hom. Erben 1753. 

löij Hauber, „Versuch" p. 157, not. a. 



Johann Baptista Homann. 377 

ohne Angabe des Anfangsmeridians. Die Niveauunterschiede sind durch 
primitive Schraffierung mit unverkennbarer Tendenz zur Methode der 
seitlichen Beleuchtung so dargestellt, dass die Gegenden im Osten und 
Westen des Nil deutlich als Plateauländer hervortreten. 

2. „Imperium Persicum" ist nach 1720 entstanden; denn das Kaspi- 
meer hat bereits eine annähernd richtige Figur. Homann hat diese 
Karte nach den Berichten des Olearius, Tavernier, Reland und anderer 
neuerer Autoren gezeichnet. Der Aralsee erscheint darauf als kleines 
Becken, welches durch eine etwa 10 deutsche Meilen breite Landenge 
vom Nordostende des Kaspiseees abgetrennt ist. In diesen Aralsee 
münden der „Sirtfluss" und der „Dariafluss", in das Kaspimeer aber 
der „Jaxartes olim Ama-Daria" und der „Oxus". Am Oberlauf des 
Dariaflusses liegen die Städte Jarchen (Jarkand), Kaschgar, Chotan, 
und Lop. Homann hat also den Tarim mit dem Dana zusammenge- 
worfen. Längs des Oxus und Jaxartes sind keine Strassen angegeben, 
während die viel betretenen Karawanenwege, welche den Syr und 
Amu aufwärts führen, am Sirtfluss und Dariafluss sorgfältig eingetragen 
sind. Die Richtung dieser vier Ströme Homann's ist eine rein ostwest- 
liche; daraus folgt eine Verwechslung der Oberläufe: Ferghana liegt 
am „Dariafluss"; Balch und Badakschan aber am Oxus. Homann ent- 
schuldigt gewissermassen diese Fehler der östlichen Teile seiner Karte, 
indem er in seiner Note bemerkt, dass diese Gegenden wenig bewohnt 
und wenig bekannt seien. 

3. „Kilaniae Provincia", von Homann und seinem Sohne wahr- 
scheinlich zu gleicher Zeit mit dem vorigen gezeichnet, stellt die Süd- 
hälfte des Kaspischen Meeres dar und dessen Westküste bis Eriwan. 
Als Quelle wird Olearius genannt; indessen deuten die Tiefenzahlen 
am Westufer und die Strichrose inmitten des Kaspisees darauf hin, 
dass Homann auch eine Seekarte benutzt hat. Die Reiserouten des 
Olearius, Tavernier und eines gewissen Joh. J. Strausius sind ange- 
geben. Die Karte stimmt mit der vorigen überein und hat wie diese 
noch die alten Längen (Ispahan auf 84° O.). 

Fassen wir alles bisher Gesagte kurz zusammen, so ergiebt sich 
Folgendes : 

1. Homann war nach Mercator der erste Kartograph in Deutsch- 
land, welcher die Landkartenproduktion systematisch betrieb und voll- 
ständige Atlanten herausgab. 

2. In Bezug auf den Stich dieser Karten ist Homann den besten 
zeitgenössischen Kartographen ebenbürtig. 

3. In Bezug auf ihren wissenschaftlichen Wert aber gehören die 
Homann'schen Atlanten der Zeit kurz vor der de l'Isle'schen Refor- 
mation der Kartographie an. 

4. Die Mehrzahl der Homann'schen Landkarten sind Kopieen nieder- 
ländischer und französischer Originale. 




378 Christian Sandler: 

5. Seine Kontinentalkarten hat Homann aus den etwa im Jahre 
1700 entstandenen Karten Scherer's, de Fer's und einiger Niederländer 
zusammengesetzt. 

6. Von