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Full text of "Zeitschrift des Vereins für hessische Geschichte und Landeskunde"

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* 



Zeitschrift ^ 



des 



Vereins für hessische Geschichte 

und Landeskunde. 






Neue Folge. Achtzehnter Band. 

(Der jranzoD Folge XXVlll. Fiand.) 




\/ •: 






Kassel. 

Im Commissionsverlage von A. Freyschmidt, 

/ Hof-Bvcbhandlung. 

1893. 



f 



■"'l-': KEV/ VORK 

PUBLIC i;bpaj^y 
637118A 

ASTOR, LENOX AND 

TILDEN FOUN DATIONS 

R 4933 L 



1 






• c 






Druck von L. DöU in Xaasel. 






• • 









Inhalt. 

, Seite 
L Die älteste selbstständi^e Realschule in der Provinz 
Hessen-Nassau. Von Dr. Karl A. F. Knabe. . . 1 

n. Untersuchungen Über den Chronisten Johannes 

Nuhn von Hersfeld. Von Dr. Julius Fi stör. 113 

m. Schreiben der LandgrSfin Anna, geb. Herzogin zu 
Mecklenburg, an ihren Schwiegervater Philipp Orafen 
zu Sobns aus dem Jahre 1520. Mitgetheilt von Dr. 
August Roeschen 187 

IV. Die Annalen und die Matrikel der Universität Kassel 

herausgegeben von Dr. Wilhelm Falokenheiner. 190 

V. Der Antheil der Hessen an der Schlacht bei LÜtzen 

1632. Von Dr. Hermann Diemar 327 

VL Das hessische Bühnenspiel vom Bauernkriege. 

Von Dr. Hermann Diemar. 354 

Vn. Beiträge zur älteren Geschichte Haueda's von 1360 
bis 1577. Von Gustav Freihrn. Rabe von 
Pappenheim. 430 

Vin. Zur Ehrenrettung Siegmund Peter Martins. Ein 
Beitrag zur Geschichte des Dörnberg'sohen Aufstandes 
(1809). Von Seminardirektor Martin. . . . 466 

IX. Zur Jugendgeschichte Wilhelms I., Kurfürsten von 

Hessen. Von Dr. Erich Meyer. 618 




•»* 



Die älteste selbststftndi^e Realschule in 
der Provinz Hessen-Nassau. 



Dt. Karl A. P. Knab«. 



Elster AbBohnitt 

Das UBterrichtsweBSB w&hrend der franzÖaiBcheii 

Fremdherrsduift 

|n|lie Antäiige des Kealschalweeens in Kaasel führen 
W^ uns in den Anfang dieses Jahrhunderts zarflck, 
in die Zeit, in welcher mit rücksichtsloser Energie die 
Landkarte Europas verändert wurde, in der so yiele 
altangestammte Herrsch ersitze umgestossen and neue 
Throne errichtet wurden in Reichen, die aus einer An- 
zahl Theilen von ehemaligen Staaten zusammengesetst 
worden waren. Wenn wir nun auch diese Zeiten als die 
traben dunklen Jahre der Fremdherrschaft betrachten, 
80 müssen wir doch anerkennen, da&a in ihnen manche 
gute Keime *) gepflanzt wurden, die dann später sich 
reich entfalteten und gute Frflchte getragen haben. 

•) Riebe 7.. B. 
seine Aranee im Jalire 

K. g. Bd, XVni. 



2 

Was besonders das Schulwesen anlangt, so sehen wh*, 
dass in der Napoleon'schen Zeit an mehreren Orten 
Deutschlands »höhere Bürgerschulen <, also Anstalten, 
welche ihren Zöglingen auf eine andere als die bisher 
einzig in Gymnasien vermittelte Weise eine höhere 
Bildung einzuflössen berufen waren, ins Leben traten, 
so in Königsberg i. Pr., in Danzig, in Frankfurt a. 0. 
Auch in Halle a. S., das damals dem Königreich West- 
phalen angehörte, wurde iofolge anderweiter Verände- 
rung im Schulwesen eine Realschule in den Francke- 
schen Stiftungen eingerichtet. Alle diese Veranstal- 
tungen gingen überwiegend aus der Mitte des Bürger- 
standes hervor ohne wesentliche Mitwirkung der Re- 
gierung. Dagegen wurden in Bayern durch die 1808 
erlassene neue Schulordnung neben den Gymnasien 
Realschulen angeordnet, die freilich nicht eben ge- 
diehen*). Auch die Regierung des Königreichs West- 
phalen, die sich am 28. August bezw. 15. Dezember 
des Jahres 1807 mit der Hauptstadt Kassel konstituirt 
hatte, suchte unter anderen das Unterrichtswesen zu 
ordnen und neu zu regeln. Zum Minister-Staatssekretär 
(d. h. zum Ministerpräsidenten) dieses neuen König- 
reiches, wurde der berühmte Schweizer Geschichts- 
schreiber Johann Müller, der in einer früheren Stel- 
lung beim Kurfürsten-Erzbischof von Mainz unter dem 
Namen Müller von Sylvelden in den Reichsritterstand 
erhoben worden war, ernannt. Müller war noch im 
Oktober 1807 in Berlin und wäre gern dort geblieben 
und auch gehalten worden, wenn es bei den damaligen 
Verhältnissen in Preussen irgend möglich gewesen 
wäre. Da kam ihm wie eine Erlösung ein Ruf an die 
Universität Tübingen, wo er hoffte, seine Studien in 
vollem Umfange wieder aufnehmen zu können. Auf 

♦) Eramer^ Encyclopädie des gesammten Erziehungs- und 
Unterrichts-Wesens. 



3 

der Reise dahin überraschte ihn am 5. November Abends 
11 Uhr in Frankfurt ein französischer Courier mit der 
Einladung, sofort nach Fontainebleau zu kommen*). 
Am 12. kam er dort an und erhielt am 17. das Dekret 
als königlich westphälischer Minister- Staatssekretär. 
Müller, der für alle bedeutenden Naturen (ganz besonders 
für Caesar und Friedrich den Grossen) eine lebhafte Ver- 
ehmng empfand, war auch nach einer Unterredung mit 
Napoleon, am 20. November 1806, von Bewunderung 
gegen ihn ergriffen worden. Aber eine solche Stellung 
hatte er nie gesucht und gewünscht und sie nach 
manchem Sträuben nur angenommen, weil ihm nach 
3 oder 4 Jahren, wenn das neue Königreich in Ord- 
nung sei, auf eine ruhige schöne Stelle Hoffnung ge- 
macht wurde, in welcher er hoffen konnte, die neuen 
Erfahrungen zu seinen Studien verwenden zu können. 
Am 19. Dezember traf er, der schon in Paris seine 
Amtsgeschäfte angefangen hatte, in Kassel ein; er 
wurde als einziger Deutscher im Ministerium ungemein 
mit Anfragen, Bitten, Beschwerden u. dergl. überhäuft 
und hierdurch von neuem in seinem Entschlüsse befestigt, 
seine Entlassung zu nehmen, die er auch schon — da 
seine Gesundheit zu leiden anfing — am 28. einreichte. 
Von einer Entlassung wollte jedoch der König nichts 
wissen, und so wurde für Müller nach seinem eigenen 
Plane die Stelle eines Generaldirektors der Studien mit 
30000 Livr. Gehalt geschaffen**). In dieser Stellung 
aber konnte er sich auch keine Müsse zur Fortsetzung 
seiner Studien verschaffen, nur von 8 Uhr Abends 
an nahm er sich später die Zeit etwas zu lesen. Zu- 
weilen wollte er auch das Lesen aufgeben, um Tag 
und Nacht nur im Berufe zu arbeiten, das ertrug aber 

*) Johann von Müllers sämmtl. 'Werke herausgeg. von Joh. 
Og. Miäler, 33. Theil, Ö. 170 ff. 

**} Qoecke-Ilgen^ Das KÖnigreioh Westphalen 8. 53. 

1* 



seine Gesundheit nicht. Dazu kam jedoch noch bald 
mancherlei „üble Stimmung des Gemüths, Missmuth, 
Verlegenheit, mancherlei beängstigende Besorgnisse und 
häufiger Kummer", so dass er einst schreibt : „Ich gehe 
wie Sisyphus meinen Stein rollen, . . . dabei, zur Er- 
frischung den Kelch trinken, den fremde Unwissenheit, 
Immoralität und Eigendünkel mir etwa heute zubringen 
mag." Freilich war auch sein Wirkungskreis ein recht 
schwieriger und bedeutender, gehörten doch zum König- 
reiche 5 Universitäten, über 30 Lyceen und an 3000 
Schulen, und waren ihre Einrichtungen z. Th. den 
französischen gänzlich ungleich und daher den Beamten 
völlig unverständlich. Besonders wegen der Universi- 
täten hatte Müller viele Sorgen, da die selbstständige 
Gerichtsbarkeit derselben und das besonders in Göt- 
tingen und auch in Marburg häufiger stattfindende 
freie und ungebundene Auftreten der Studenten nicht 
nur Unzufriedenheit, sondern auch Besorgnisse vor 
revolutionärem Treiben erregte. Auch war ja selbst- 
verständlich für die Finanzkraft des Königreichs und 
für das Bildungsbedürfniss die Anzahl von 5 Universi- 
täten unbedingt zu gross, und so ging Müllers ganze 
Sorge und Mühe dahin, so viele, wie irgend möglich, 
von ihnen zu erhalten. Begreiflich ist es daher, dass 
er manchmal über die Sorge um das Wohl seiner fünf 
Töchter*) sehr klagt; diese waren die Georgia Augusta, 
die noch ganz hübsch blüht, die Philippina in ihrem 
Marburger Felsenneste, ein frommes anständiges Mädchen, 
die kleine Ernestina in Rinteln ganz demüthig, die 
Helmstädter Julia mit einem gewissen alten Stolze auf 
die Conringe, die Calixte, Meibome und Mosheime, 
endlich die arme Friederike von Halle, vom Schlage 
getroffen und fast hoffnungslos seit dem 14. Oktober 



*) Joh. von Müllers s. Werko. 40. Theil, S. 42. 



1806. Aber seine Bemühungen wurden oft so ver- 
dächtigty dass er selbst in einem Schreiben vom 9. Fe- 
bruar 1809 an den Minister des Inneren, Simton, 
schreibt: >Les ordres de V. E. dans qudque rSdadion 
quHls me parviennent^ me seront toujours respedables : 
dh que je m' appercevrcd que le r^dadeur a renonc^ ä 
ees deux prindpes : 1) que dans la rigle fcd ioujours 
iort ei qu'ü ne faul jamais ihre tout ä faii de mon 
atis; 2) qu*il eanvient de me faire dire des choses ab- 
surdes, afin de pouvoir prendre un ton de dodeur,* 
Zunächst war die Universität zu Göttingen bedroht, 
aber es gelang, diese zu erhalten, auf der Reise durch 
sein Land sicherte dies der König J6r6me im Mai 1808 
in Göttingen au. Im März 1809 war auch das Weiter- 
bestehen der Universität zu Halle gesichert, dagegen 
der Untergang von Rinteln beschlossen, im April wurde 
auch Marburg, dessen sich im Staatsrathe der frühere 
Präfekt zu Marburg, Ludwig von Berlepsch, mit 
grossem Eifer annahm*), gerettet; auch hatte Müller 
noch Hoffnungen wegen Helmstädt. So waren zu- 
nächst die wichtigsten Hochschulen erhalten, die be- 
sonders aus dem Grunde noch gefährdet gewesen 
waren, weil sowohl Göttingen, als auch Halle seine 
eigenen Fonds verloren hatte. So hatte Göttingen (im 
März 1808**) einen Zuschuss von 32000, Halle von 
11000 Thlrn. (ohne die dringenden Verbesserungen) 
nöthig, während auch die Francke'schen Stiftungen da- 
selbst ein Deficit von 14441 Thlrn. aufwiesen. Aus 
der Aufhebung der Universität Helmstädt hoffte man 
40000, aus derjenigen von Marburg 40 bis 50000, aus 
der von Rinteln 15 bis 20000 Thlr. zu erzielen, die 
zur Erhaltung von Halle und Göttingen nothwendig 
waren. Eine Kalenderpacht, an welche Müller gedacht 

*) HeppSy Kircheogesohlohte beider Hessen. iL S. 364. 
»*) Jok, V, Miälers s. W. 28. Theil, S. 309, 



hatte, würde doch nur kaum 10000 Thh-. einbringen 
und somit, wie auch andere Mittel, nicht genug Geld 
zur Erhaltung der Hochschulen einbringen. Denn nach 
seiner Berechnung brauchte er für die Universitäten 
überhaupt 418000 Francs, während die Francke'schen 
Stiftungen zu Halle über 68000, die Lyceen oder Gym- 
nasien etwas über 100000 und die Landschulen doch 
wohl auch bei 70 bis 80000 Frcs. erforderten. Dazu 
kam, dass der Verlust der Dotation von Göttingen und 
vieler anderer höchst unrecht als Domänen genommener 
Klostergüter, die zur Hälfte Napoleon, zur Hälfte Je- 
rome zufielen. Alles ungemein erschwerte. 

Ferner kamen jetzt alle Einkünfte nicht mehr zu 
ihrem bestimmten Zwecke^ sondern Alles in das Da- 
naiden-Fass, den Tr6sor public, woraus (wenn er nicht 
etwa suspendirt wird) jedem sein Gehalt alle 3 Monate 
gezahlt werden sollte. 

Es war besonders eine leidige Sache, dass durch- 
aus alles durch Präfecte, Unterpräfecte und Maires 
gehen sollte, auch das ganze Schulwesen möchte man 
ihnen lassen, hiergegen kämpfte natürlich Müller an. 
Um nun erst einmal eine genaue Uebersicht zu er- 
halten, erliess er im Mai 1808 in alle Departements 
Schreiben, um die Namen der Schulen, Lehrer, die Zahl 
der Schüler, die Lehrbücher, die Fonds, die Ernennungs- 
weise u. s. w. zu erfahren. Dann sollten für jedes De- 
partement diese Ermittelungen einzeln bearbeitet, alle 
Schulen desselben in ihren verschiedenen Gradationen 
einem Schulrathe aus Geistlichen und Weltlichen im 
Hauptorte, alle diese einem Oberschulrathe in der Haupt- 
stadt des Königreichs untergeordnet werden; alsdann 
wird für anständigen Gehalt aus den vorhandenen 
Fonds oder durch Bettelei bei bemittelten Gemeinden 
qnovis modo zu sorgen und werden gute Lehrbücher 
vorzuschreiben sein. 



Alle Bemühungen zur Erhaltung der Universität 
Helmstadt waren vergeblich *), auch der Plan Göttingen 
als Universität und die anderen Hochschulen als Aka- 
demien zu erhalten, zerschlug sich. Unendlich viele 
Mühen und Arbeiten, grossen Aerger und Kummer 
hatte Müller in seinem Amte, in dem er so viel Nütz- 
liches geleistet hat, als es nur irgend anging. Auch 
bedeutende Ausgaben und Kosten hatte er von seinem 
neuen Amte, die Reise nach Paris und der Aufenthalt 
daselbst, die Amts- und Ordenskleider und dergleichen 
hatten ihn dermassen in Schulden gestürzt, dass er 
nach seiner eignen Angabe**) erst mit dem März 1809 
in den Bezug seines vollen Gehaltes eintrat, von dem 
er bis dahin ^/ö zurückgelegt hatte. Ganz besonders 
— nicht nur Zeit — sondern auch Geld raubend war 
ihm die ungeheure Brieflast, meist amtlichen Charakters, 
wofür er nicht postfrei war, so dass er unterm 25. März 
1809 in den Zeitungen sich öffentlich entschuldigte. 
Da sollte ihn ein noch schwererer Kummer treffen: 
am 11. Mai war er zuletzt am Hofe. Als er in seiner 
Utzten Staatsraths-Sitzung über den Zweig seiner Ver- 
waltung bekümmert die letzten Vorschläge that, fuhr 
ihn nach der Aussage glaubhafter Männer der König 
mit den Worten an: Je n'ai besoin que de soldats ei 
d'ifffwrants, et Vaus, Mr,^ Vous n'ites m Vun ni 
Favire***). 

Am 18. Mai zog sich Müller durch eine Erkältung 
eine rosenartige Entzündung des Gesichtes zu, am 20. 
wurde der Arzt Dr. Richard Harnier, am 26. noch der 



*) Geschichte der ehemaligen Hochschale JaUa Carolina 
zu Helmstadt S. 68. 

**) 33. Theil, S. 232. 

***) Koch^ Geschichte d. akad. Pädagogiums in Marburg. Pr. 
1868, ähnlich findet sich der Ausspruch in v, Specht, Das König- 
reich Westphal n. 



8 

Ho&ath Richter aus Göttingen zugezogen, aber am 
Montag, 29. Mai Morgens 4'/« Uhr, entschlief er sanft. 
Am 31. Mai wurde sein Leichnam auf dem Kirchhofe 
der reformirten französischen Kirche zu Kassel mit 
grossem Gepränge*) bestattet, wobei der Minister der 
Justiz und des Innern Sim6on eine ergreifende Rede 
hielt, von der Reinhard an Goethe schrieb : Er hat wie 
ein Deutscher zu Deutschen gesprochen. »Die Gelehr- 
samkeit Terliert in Müller einen ihrer treueeten Günstr 
linge, die schönen Wissenschaften einen Mann^ der ihnen 
neuen Glanz mittheilte, der König einen treuen Diener, 
wir einen Freund und Kollegen, aber sein Andenken 
und seine Werke werden ihn uns wiedergeben ... er 
stirbt nicht ganz.« 

Sein Amt übernahm der bisherige Staatsrath **)^ 
frühere Professor an der Universität zu Göttingen, 
Dr. juris Justus Christoph (seit 10. Januar 1810 west- 
phälischer) Freiherr von Leist Dieser war am 
24. März 1770 zu Rethem an der Aller geboren und 
hatte sich durch eine Anzahl juristischer und staats- 
wissenschaftlicher Werke bekannt gemacht, so nament- 
lieh durch sein »Programm über das neurömische Recht 
Göttingen 1792« und durch sein in mehreren Auflagen 
erschienenes »Lehrbuch des deutschen Staatsrechts. 
Nebst einem Abdrucke des Lüneviller Friedens, des 
Friedens von Campo Formio u. s. w. Göttingen 1803.« 
Im ersten westphälischen Reichstage hielt er am 10. 
August 1808 eine Rede über den Entwurf der neuen 
Eriminalprocessordnung und in der zweiten Versammlang 
der Reichsstände über den Entwurf der Processordnung 
am 14. Februar 1810, welche beide im westphälischen 
Moniteur der betreffenden Jahre abgedruckt sind. In 



*) MorgeDblatt für gebildete Stäade. 1»09. Nr. 144. 
**) Hassel und Murhard^ das Cönigreioh Westphalen. August 
1812. S. 52. 



seinem neuen Amte benutzte er Müllers Vorarbeiten, 
und 80 erschien denn am 10. Dezember 1809 das 
Königliche Dekret*), demgemäss die Universitäten zu 
Helmstädt und Rinteln, wie auch das Institut zu Kloster- 
bergen bei Magdeburg und das Seminar zu Riddags- 
hausen bei Braunschweig vom 1. Mai 1810 an auf- 
gehoben wurden, während zu gleicher Zeit das Garolinum 
zu Braunschweig endgiltig in eine Militärschule umge- 
wandelt wurde. Die Einkünfte dieser aufgehobenen 
Anstalten sollten zur Unterhaltung der 3 verbliebenen 
Universitäten zu Göttingen, Halle und Marburg verwandt 
werden. Schon am 5. November 1808 war das Anna- 
Sophianeum **) zu Schöningen geschlossen worden, da- 
gegen war von Leist eine Erweiterung des Helmstädter 
Pädagogiums zu einem Lyceum in Aussicht gestellt 
worden, und auch die zur Gründung einer Schulbibliothek 
nöthigen Werke aus der Universitätsbücherei waren da- 
selbst verblieben ; aber zu dieser Erweiterung ist es 
erst im Jahre 1817 gekommen. 

Das Seminar zu Riddaghausen führte auch den 
Namen eines Collegii Candidatorum. Ferner wurde die 
Bibliothek zu Wolfenbüttel, wie das Museum zu Braun- 
schweig geplündert. Dem Pädagogium zu Kloster- 
bergen ***), das aus einer Klosterschule des von Otto I. 
im Jahre 937 gestifteten Moritzklosters hervorgegangen 
war, hatte sein vermeintlicher Reichthum u. a. den 
Untergang bereitet, der am 30. März 1810 feierlich 
begangen wurde. Ende 1813 wurden sogar die alten 
Klostergebäude abgebrochen, um bei einer etwaigen 

*) Geßetz-Bulletin des Königreichs Westphalen 2. Theil vom 
Jahre 1812. Nr. 9 8. 106 ff. und Moniteur du royauine de West- 
falen. 1810. Nr. 1. 

**) Knoek^ Geschichte des Schulwesens, hes. d. latein. Stadt- 
schule zu Helmstädt. Progr. 1862. 

***) Eolstein, Geschichte der ehemaligen Schule zu Kloster- 
Berge. Leipzig 1886. 



10 

Belagerung Magdeburgs dem Feinde keinen Schutz zu 
gewähren. Die Einkünfte kamen im Betrag von 15000 
Thalern im Jahre 1816 der Universität Halle zu Gute. 
Diese entging indessen ebenfalls ihrer Auflösung nicht. 
Durch Dekret König Jeromes vom 15. Juli 1813 wurde 
sie wegen ihres Betragens »bei den in der Nachbar- 
schaft der Stadt vorgefallenen Ereignissen und des mit 
einem wissenschaftlichen Vereine so wenig verträglichen 
Geistes aufgehoben.« Aber dieser Erlass*) kam nicht 
zur Ausführung, denn bald war es init der westphäli- 
schen Herrlichkeit vorbei. Aus den Gütern der ein- 
gegangenen Anstalten sowie aus denjenigen der Uni- 
versität Marburg und der Klosterschule zu Uefeld wurde 
nun ein besonderer Studienfonds gebildet, der unabhängig 
von dem Staatsschatze unter der obersten Aufsicht des 
Generaldirektors des öffentlichen Unterrichts bestand. 
Aus demselben wurden die Bedurfnisse der drei west- 
phälischen Universitäten bestritten, insofern sie nicht 
Gehalte und Besoldungen betrafen; denn diese, sowie 
Bauten und dergl. wurden dem Staatsschatze über- 
wiesen. Hin und wieder wurden indessen aus diesem 
Fonds auch Mittel zu anderen Unterrichts- und, wenn 
man manchen Angaben trauen kann, zu ganz ver- 
schiedenartigen Zwecken verwendet. 

Unterdessen hatte auch die Reform des Schul- 
wesens begonnen. In Gemässheit eines Schreibens 
des Ministers Sim6on und einer Praefectur- Verfügung 
(gez. von Reimann) forderte auf Veranlassung Müllers 
am 7. Dezember 1808 der Maire von Kassel, Freiherr 
von Canstein, sämmtliche Prediger der Stadt auf, 
Verzeichnisse von allen hier befindlichen höheren und 
niederen Schulen, sowie aller männlichen und weib- 



♦) Schon 1806 war dieselbe Hochschule diu'ch Napoleon 
vorübergehend aufgelöst worden. 



11 

liehen Erziehungsanstalten und Pensionen mit genauen 
Angaben über Besuch, Mittel und dergl. einzusenden'*'). 

Bevor die Antwort endlich einlief, war im Jahre 
1809 für eine israelitische und im Jahre 1810 für eine 
katholische Schule in der Hauptstadt Sorge getragen. 

Im Jähre 1810 waren an öffentlichen Schulen**) 
in Kassel ermittelt worden: 

1) Das Lyceum Fridericianum verbunden mit 
einer Anstalt zur Bildung der Landschullehrer. Dasselbe 
war in 7 Klassen eingetheilt, wozu noch der Singechor 
und das Institut der Partimschüler kam. Die letzteren 
waren Kinder armer Eltern, welche in der 7. Klasse un- 
entgeltlich Unterricht erhielten, jährlich eine vollständige 
Kleidung, auch bei ihrem Abgange eine Beisteuer zur 
Erlernung eines Handwerks bekamen und dafür täglich 
vor den Häusern der Stadtbewohner sangen, wofür sie 
von wohlthätigen Menschen Gaben einsammelten. Die 
Anstalt zählte 220 Schüler (darunter 36 Partimschüler) 
und 30 Seminaristen. Die vier oberen Klassen bildeten 
die eigentliche Gelehrtenschule, die untern »wurden von 
künftigen Bürgern in eingeschränkterem Sinne dieses 
Worts besucht.« Die Schüler des Lyceums wurden von 
den ersten Elementarkenntnissen an bis zu dem Punkte, 
dass sie mit Nutzen eine Universität beziehen können, 
gebildet. Die Einnahmen desselben bestanden aus 3380 
bis 3400 Thalern nebst 65 Vierteln 7 Metzen Korn, 
23 Vierteln Gerste, 17 Vierteln 7 Metzen Hafer und 1 
Viertel Weizen, die sich aus Grund- und Kapitalzinsen, 
aus Beiträgen der Königlichen, der städtischen Kämmerei- 
und milder Stiftungen-Kasse, ferner aus einkommenden 
Schulgeldern und dem Erlöse für verkaufte Früchte 
zusammensetzten. 

*) Akten des städtischen Archivs. M. 100. 
**) Bericht des Rektors Caesar vom 16. Februar 1808 in den 
Akten der Lycealdirektion. Yergl. auch: Hassel und Murkard 
& a. 0. Jan. 1812. S. 100. 



12 

Die Aufsicht führte der Rector Caesar, der da- 
mals 600 Thaler Gehalt bezog, ausser ihm wirkten an 
der Anstalt der Conrector J. G. Hosbach mit 450, 
CoUaborator Gustav Matthias mit 400, Pfarrer Ernst 
Ph. Cnyrim mit 360, Cantor Nicolaus Wiegand, 
dem die Aufsicht über das Seminar übertragen war, 
mit 420, Cantor C. B echt el mit 300 Thalern Gehalt, 
endlich noch am Seminar der nachmalige Musikdirektor 
Dr. Grosheim und der Cantor Herstell. 

2) Die Freischulen mit 6 Klassen, 3 für Knaben 
mit 176 Schülern und den Lehrern Heinrich Paul, 
Jakob Schiebler, Gottlieb Kr äfft, und 3 für Mädchen 
mit 140 Schülerinnen und den Lehrern Heinrich Claus, 
Joh. Burhenne und Christ. Bergmann; jeder Lehrer 
erhielt 140 Thaler Gehalt. Es befanden sich 4 Lebr- 
zimmer in den Hallen, 2 Lehrzimmer in dem Hause 
des orphelins, und ihr Etat betrug 3263 fr. 40 c. aus 
dem Staatsschatz. 

3) Die Oamisonschule in 2 Klassen, deren Lehrer 
Wagner und Hornhard (später Junghans) 180 
bezw. 78 Thaler Einkommen und freien Brand mit Stein- 
kohlen bezogen und 178 Kinder unterrichteten. 

4) Die katholische Schule, die im Juni 1810 ein- 
gerichtet und in einer Stube im Hinterhause des Lyceums 
untergebracht war ; ihre 70 Schüler wurden von Distel- 
mann gegen 400 Francs Einkommen unterwiesen. 

5) In der UnterneusiMter Schule fanden 40 Kinder 
(Knaben und Mädchen) durch den Cantor G. Eckel und 

6) in der Israelitischen Konsisiarialschule (15. 
August 1809 eingeweiht) 96 Schüler durch 8 Lehrer 
nur in Religion und Hebräisch Unterricht. 

Ausser diesen öffentlichen Lehranstalten gab es 
aber noch eine grosse Anzahl von Privatschulefi und 
zwar 17 mit ungefähr 550 Knaben und 10 mit gegen 
2(X) Mädchen^ darunter schon 10 französische; die be- 



13 

deutendsten Anstalten waren die von Candidat Daniel 
Phister, Johannes Kehr, Cantor J. Jaq. Vinson, 
Kirchenvogt Dubry, Augustine A üb erg. 

unter dem 7. November 1810 schrieb die Prä- 
fektur des Fulda-Departements an den Maire von Kassel, 
dass der Generaldirektor d. ö. U. die Absicht habe, 
die vorhandenen öffentlichen Schulen mit Ausnahme 
der katholischen und israelitischen aufzulösen und neu 
zu gründen: 

a) ein Lyceum oder eine gelehrte Schule zur Vorbe- 
reitung für die Universität, 

b) eine Bürgerschule für Knaben zum Theil zur Vor- 
bereitung für das Lyceum, zum Theil zur Erwerbung 
derjenigen Kenntnisse, die für jeden Stand und für 
gebildete Menschen nothwendig und nützlich sind, 

c) eine Mädchenschule. 

Die Mehrkosten wird man suchen aus dem öffent- 
lichen Schatz und aus dem Studienfonds zu ergänzen, 
während der Stadt unbedingt die Sorge für die Be- 
schaffang des Lokals für diese neuen Institute über- 
tragen wird, und zwar soll die Stadt die Räumlich- 
keiten für die Bürger-Knaben- und Mädchen-Schule an- 
schaffen und einrichten, während man durch die Offerte 
des Finanzministers wegen Ankaufs des Lycealgebäudes 
in den Stand gesetzt sein würde, für das Lyceum einen 
Neubau zu bewirken und dasselbe während der zwei- 
jährigen Bauperiode in dem französischen Hospitale 
unterzubringen. Für die Bürgerschulen kommen in 
Vorschlag folgende Gebäude: 

1) die sogenannte Kanone d. i. das Oberneustädter 
deutsche Kirchenhaus, in der Frankfurter Strasse Nr. 31 
gelegen. Hiervon musste Abstand genommen werden, 
da in demselben 11 Familien mit über 1000 Thaler 
Mietbzins wohnten, welche hätten entschädigt werden 
müssen, 



14 

2) das von Herrn von Ofterhausen bewohnte 
Haus neben der Mairie, gegen dessen Benutzung jedoch 
der König Einsprache erhob, 

3) das lutherische Waisenhaus bei anscheinender 
Zulässigkeit einer Verbindung desselben mit dem re- 
formirten, 

4) die Hallen auf dem Königsplatze und die darin 
befindlichen Freischulen, 

5) der Stadtbau u. s. w. 

Ende des Jahres 1811 wurde vom Generaldirektor 
d. ö. ü. noch nach einem Lokale für die Bürgerschule 
und zu Wohnungen für den neuen Direktor und 2 
Collaboratoren gesucht, ferner aber auch noch nach 
einem Fonds, um den vermuthlich entstehenden Fehl- 
betrag von 6568 Frcs. zu decken. Da wegen der 
grossen Finanznoth des Königreichs Westphalen der 
Minister des Inneren diese Summe nicht übernehmen 
konnte, so wurde die Stadt, welche schon zur Er- 
haltung des Schulwesens einen Betrag von 2000 Frcs. 
übernommen hatte, zur Tragung dieser Summe mit 
Erfolg aufgefordert. 

Endlich wurde man am 16. Januar 1812 dahin 
einig; die zweite Halle auf dem Königsplatze zur 
Knaben-Bürgerschule — von derjenigen für Mädchen 
ist keine Rede mehr — zu verwenden. Der untere 
Stock sollte zu Schulzimmern, der obere zu Lehrer- 
wohnungen eingerichtet werden. Da nun am 1, Oktober 
1812 die neue Schule schon eröffnet werden sollte, so 
musste schnell das Gebäude geräumt werden. Zwei 
Klassen der Freischule, welche dort untergebracht 
waren, mussten in andere Räume verlegt werden, auch 
einem Lehrer dieser Schule eine andere Wohnung an- 
gewiesen werden ; dagegen machten die Verhandlungen 
wegen der Entschädigung der darin wohnenden Mieths- 
leute grosse Schwierigkeiten. Zwar die Wittwe Christel 



15 

war mit der zugesagten Abfindung zufrieden und 
fand bald ein anderes Unterkommen, aber mit dem 
Schenkwirth Lepper, der im Rez de Chaussee, und 
dem Cafetier Hager, welcher in der Bel-Etage wohnte, 
liess sich eine gütliche Einigung nicht erzielen, da 
beide wegen der günstigen Lage ihrer Geschäftsräume 
zu hohe Forderungen stellten. Es wurde deshalb die 
Bestimmung des Code Napoleon angewandt, der von 
der zwangsweisen Räumung von Wohnungen im öffent- 
lichen Interesse handelte. 

Es wurden 3 Sachverständige, je 1 von den Par-r* 
teien und 1 von der Präfektur gewählt, welche die 
Lokalitäten abschätzten, und am 7. April 1812 wurde 
den beiden Wohnungsinhabern aufgegeben, ihre Woh- 
nungen binnen 8 Tagen zu räumen und ihnen die aus 
den Abschätzungen hervorgegangenen Entschädigungen 
angegeben. Sofort wurde auch mit den nöthigen Vor- 
bereitungen zum Umbau und Einrichten begonnen und 
nach einem Kostenanschlag des Distrikts-Baumeisters 
D. Engelhard jun. am 11. Mai die ministerielle Geneh- 
migung des Baues ertheilt. 

Am 28. Juni 1812 wurde zu Augustowo in Polen 
ein Königliches Dekret von Hieronymus Napoleon unter- 
zeichnet, durch welches das Lyceum in ein zu den aka- 
demischen Studien vorbereitendes Gymnasium umge- 
wandelt und neben demselben eine höhere Bürger- 
schule eingerichtet werden sollte. Der erste Titel 
dieses Dekrets handelt in 5 Artikeln von den Bestim- 
mungen, die für das Lyceum getroffen sind, dann heisst 
es weiter: 

Zweiter Titel. 
Organisation der Bürgerschule. 

Art. 6. In unserer guten Stadt Kassel soll eine 
Bürgerschule errichtet werden, worin die Unterrichts- 
gegenstände folgende sind : die Moral und Religion, die 



1(5 

deutsche und französischeSprache, die Schön- und 
Rechtschreibekunst, die Rechenkunst und die Anfangs- 
gründe der Mathematik, die Naturgeschichte und die 
Anfangsgründe der Technologie. Mit dieser Lehr- 
anstalt soll eine Klasse verbunden werden, welche für den 
Elementarunterricht in der lateinischen und griechischen 
Sprache bestimmt ist, damit diejenigen, welche mit der 
Zeit das Lyceum zu besuchen gedenken, zu ihrer Auf- 
nahme in dasselbe hinreichend vorbereitet werden können. 

Art 7. Das Personal der gedachten Schule soll 
bestehen : 
aus einem Direktor, dessen Geschäfte zugleich von 
dem Direktor des Lyceums besorgt werden; 

drei Lehrern, wovon einer mit dem Elementar^ 
unterrichte in der Mathematik beauftragt ist; 

einem Lehrer der französischen Sprache; 

einem Schreib- und Rechenmeister und 

einem Gehülfen. 

Die Anzahl der Lehrer kann nach dem Verhält- 
nisse der Zöglinge, welche die Schule besuchen, ver- 
mehrt werden. 

Art. 8. Bei der Bürgerschule sollen Lehrer der 
Zeichnenkunst, welche unter den Professoren der Maler- 
akademie auszuwählen sind, angesetzt werden. 

Art. 9. Die eine von den auf dem Königeplatze 
gelegenen Hallen soll zum Gebrauche der Bürgerschule 
gewidmet werden. 

Dritter Titel. 

Gemeinschaftliche Vorschriften. 
Art. 10. Die Ordnung der in dem Lyceum und 
der Bürgerschule zu haltenden Lehrvorträge und 
Stunden soll nach einem Plane bestimmt werden, 
welchen der Generaldirektor des öffentlichen Unter- 
richtes mit Genehmigung des Ministers des Inneren zu 
entwerfen hat. 






17 

Art. 11. Jedes Jahr soll eine öffentliche Prüfung 
in Gegenwart einer Jury vorgenommen werden, welche 
ans dem Generaldirektor des öffentlichen Unterrichts, 
dem Präfekten des Departements, dem Maire von Kassel 
und zwei anderen, durch ihre Talente und Kenntnisse 
ausgezeichneten, und von dem Minister des Innern zu 
ernennenden Männern bestehen soll. Die Prüfung soll 
theils die gute Aufführung, theils die Fortschritte der 
Zöglinge des Lyceums und der Bürgerschule in den 
verschiedenen Zweigen des Unterrichtes, welchen sie 
erhalten, zum Gegenstande haben. 

Art. 12. Der Direktor des Lyceums und d^ 
Bürgerschule hat monatlich dem Generaldirektor des 
öffentlichen Unterrichtes über den Zustand dieser Lehr- 
anstalten, über die Aufführung und die Fortschritte der 
Zöglinge Bericht abzustatten. 

Art. 13. Die durch das Lyceum und die Bürger- 
schule veranlasst werdenden Kosten sollen bestritten 
werden : 

1) aus den eigenen Einkünften des alten Lyceums 
zu Kassel; 

2) aus den in dem Budget der Stadt Kassel bewil- 
ligten Summen; 

3) aus dem Schulgelde, welches jeder Zögling jähr- 
lich zu entrichten verpflichtet ist und das in die 
gemeinschaftUche Kasse des Lyceums und der 
Bürgerschule fliessen soll. 

Die Grösse des jährlichen Schulgeldes soll durch 
ein von dem Generaldirektor des öffentlichen Unter- 
richts abzufassendes und vom Minister des Innern zu 
genehmigendes Reglement festgesetzt werden. 

Art 14. Die Verwaltung der für die Unterhaltung 
des Lyceums und der Bürgerschule ausgesetzten Ein- 
künfte soll einem Rechnungsführer anvertraut werden, 
der eine dem zwölften Theile seiner Einnahme gleich- 

N, V. XVIU. Bd. 2 



18 

kommende Sicherheit in Gelde oder in Grandstücken, 
welche seiner freien Disposition nnterworfen und frei 
von allen Lasten, Vorzugsrechten und Hypotheken sind, 
zu bestellen hat. 

Art. 15. Von dem Tage der Eröffnung des Ly- 
ceums und der Bürgerschule an gerechnet sollen die zu 
Kassel bestehenden und für den Unterricht der Knaben 
bestimmten Schulen aufgehoben sein, insofern dieselben 
nicht auf den Antrag des Generaldirektors des öffent- 
lichen Unterrichts eine besondere Bestätigung von ün- 
serm Minister des Innern erhalten. Ausgenommen 
sollen indess von der obgedachten Aufhebung folgende 
Elementarschulen sein: 1) die sieben sogenannten Frei- 
schulen; 2) die zum Unterrichte in der katholischen 
Religion bestimmte Schule; 3) die deüi Unterrichte in 
der jüdischen Religion gewidmete Schule. 

Art. 16. Unser Minister des Innern ist mit der 
Vollziehung des gegenwärtigen Dekrets, welches in das 
Gesetzbülletin eingerückt werden soll; beauftragt. 

Gegeben im Unserm Hauptquartiere zu Augustowo, 
am 28ten Junius 1812, im sechsten Jahre 
Unserer Regierung. 

Hieronymus Napoleon. 

Auf Befehl des Königs. 

In Abwesenheit des Ministers Staats-Secretair, der 

Justiz-Minister, Sim^on. 

Eine ähnliche Einrichtung sollte für jede Depar- 
tementsstadt getroffen werden, ferner sollten die höheren 
Bildungsschulen gleichmässig unter den Distriktsstädten 
vertheilt, der Volksunterricht im ganzen Königreich 
einförmiger gestaltet und nach den Regeln der verbes- 
serten Methodik neuerer Zeit eingerichtet, auch eine 



19 

schärfere Bestimmung der Grenzen des Lehrer- und 
Prediger-Standes getroffen werden*). 

Durch Königliches Dekret**) vom 25. Juli 1812 
wurde der Professor und Direktor der reformirten 
Schule zu Lübeck Suabedissen zum Direktor des 
Lyceums und der neu zu errichtenden Bürgerschule 
(^ole secondaire) zu Kassel berufen. »Herr Caesar, 
bisheriger Rektor, und Herr Hossbach, bisheriger Kon- 
rektor des Lyceums zu Kassel^ sind zu denselben Stellen 
bei dem neuen Lyceum ernannt.« 

David Theodor Gustav Suabedissen***), ge- 
boren 14. April 1773 zu Melsungen als Sohn des dor- 
tigen Justizamtmanns, besuchte zunächst die dortige 
Stadtschule, ferner den Unterricht des Metropolitans 
Hartwig und bezog Ostern 1789 die Universität zu 
Marburg als Stipendiat, um Theologie zu studiren. 
Im Herbste 1793 bestand er zu Marburg und Kassel 
die Prüfungen zum Predigtamte, wurde alsdann Haus- 
lehrer in AUendorf a. d. Werra, zu Ostern 1796 zweiter 
Major der Stipendiaten in Marburg. Im Anfang des 
Jahres 1800 wurde er als Professor der Philosophie an 
die hohe Landesschule nach Hanau berufen, verblieb 
daselbst aber nur bis zum Jahre 1803, wo er eine 
Privatschule zu Homburg vor der Höhe gründete, die 
er Ostern 1804 nach Hanau verlegte. Vom Frühjahr 
1805 an war er erster Lehrer an der Erziehungsanstalt 
der reformirten Gemeinde zu Lübeck, bis er in der Mitte 
des Jahres 1812 dem Rufe nach E^assel folgte. 

Vom Generaldirektor Leist wurde er im folgenden 
Jahre mit einer Revision des Gymnasiums zu Hersfeld 

*) Nene Fackeln. Ein Journal in zwanglosen Heften. 
Deatsohland 1813. U. Bd. 8. 281. 

**) Westphälischer Moniteur vom 28. Jnli 1812. Dieser war 
die officielle Zeitong des Königreiohs und wurde auf der linken 
Spalte fransösisoh, auf der rechten deutsch gedruckt. 
***) Sirieder-Justif hessisches Gelehrten-Lexikon. 

2* 



A I 



2Ö 

betraut^ welches neu gestaltet und erweitert werden 
sollte*). Im Jahre 1813 wurde er von der Universität 
Marburg zum Dr. phil. ernannt. 

Unter dem 3. September 1812 erschien ein »All- 
gemeiner Lehrplan für das Lyceum und die Bürger- 
schule in Kassel« mit der Unterschrift: »Der Staats- 
rath; Generaldirektor des öffentlichen Unterrichts : Baron 
von Leist. Genehmigt: Der Minister des Innern: Graf 
von Wolffradt«, Kassel, in der Königlichen Buch- 
druckerei**). Nach demselben gehen beide Lehranstalten 
von einer gemeinschaftlichen Elementarklasse aus, in 
welcher in 6 wöchentlichen Stunden einige Fertigkeit im 
Lesen, in 4 Stunden die Elemente des Schreibens, in 4 
Stunden Geistesübungen, in 4 Stunden Rede- und Gedächt- 
niss-Uebungep; in 2 Stunden Vorübungen des Zeichnens 
unterrichtet und 2 fernere Stunden zu Erzählungen 
verwandt werden sollen. Darauf folgen zwei höhere 
Abtheilungen, die eine zur Vorbereitung für das Lyceum, 
die andere für die Bürgerschule. Beiden gemeinschaft- 
lich soll sein der Unterricht im Schreiben (4 St.), in 
Geistesübungen (3 St.); in arithmetischen und geometri- 
schen Vorübungen (4 St.), in der Grundlegung des 
geographischen und historischen Unterrichts (3 St.), 
in Religionsgeschichte und in moralischen Erzählungen 
(2 St.); in der deutschen Sprache und in Gedächtniss- 
übungen (3 St.), in der französischen Sprache (4 Si), 
endlich in der Naturgeschichte und im Zeichnen (je 
2 St.). Hierzu kommt in der ersten Abtheilung für die 
lateinische und griechische Sprache täglich eine Stunde 
hinzu. Auf diesem (bis auf den Unterricht in den 
alten Sprachen) gemeinschaftlichen Unterbau ist nun 
das Lyceum in 3 und die Bürgerschule in 2 Klassen 

♦) Bqtpe, a. a. 0. S. 364. 

**) In den Akten des städt. Archivs und in der Bibliothek 
des E. Friedrichs-G. zu Kassel. 



21 

errichtet. Diese letzteren sollen auf das Schreiben je 4, 
auf das Rechnen 6, auf das Zeichnen 2, auf die Reli- 
gions- und Sittenlehre 2, auf die französische Sprache 
6, auf die deutsche Sprache 4 bezw. 3 Stunden ver- 
wenden ; dazu kommen noch in der unteren Klasse auf 
Geometrie 3, auf allgemeine Geschichte 4 und auf Geo* 
graphie und Naturgeschichte, die jährlich mit einander 
abwechseln, 3 Stunden; in der oberen Klasse dagegen 
auf Mechanik und Technologie 3, auf Geographie und 
Geschichte 4 und auf physikalische und chemische Be- 
lehrungen 4 Stunden Unterricht. Ausserdem ist die 
Erlernung der englischen Sprache den Schülern ange- 
legentlich zu empfehlen und jährlich im Lektions-Ver- 
zeichnisse ein guter Lehrer derselben namhaft zu 
machen, und so finden wir denn z. B. auf dem Lek- 
tions-Yerzeichnisse von Michaelis 1813 bis 14 die Be- 
merkung: >Zum Unterrichte in der englischen Sprache 
erbieten sich Herr CoUaborator Matthias und Herr 
Fischer«. Auch war geplant, italienischen Unterricht 
den Schülern zu bieten, doch ist es dazu nicht ge- 
kommen. Die einzelnen Klassen, deren es demnach 
für die Bürgerschüler vier auf einander folgende gab, 
waren auf einen mehrjälirigen Besuch berechnet, dazu 
sollten in den unteren Klassen in den verschiedenen 
Jahren Wiederholungen des Lehrstoffs, in den oberen 
dagegen ein Wechsel der Unterrichtsgegenstände (z. B. 
Geographie und Naturgeschichte) oder auch in den 
Lehrmitteln (besonders bei den Sprachen ein Wechsel 
in den Schriftstellern) vorgenommen werden. Hierbei 
sollte auch — vornehmlich in Geschichte und Mathe- 
matik — die Thätigkeit der Schüler, welche den Kur- 
sus bereits einmal durchgemacht hatten, selbst zum 
Lehren in Anspruch genommen und ihr Interesse auf 
diese Art von Neuem belebt werden. Die Unterrichts- 
stunden sollten täglich in der Elementarklasse von 9 



22 

bis 11 ühr Vormittags und von 2 bis 4 Uhr Nachmit- 
tags, in der höheren Abtheilang von 8 bis 11 Uhr 
Vormittags und von 2 bis 4 Uhr Nachmittags, in beiden 
Klassen der Bürgerschule aber von 8 bis 11 und von 
1 bis 4 Uhr fallen ; am Sonnabend war der Nachmittag 
immer schulfrei, dagegen in der Bürgerschule Vormit- 
tags von 8 bis 12 Uhr Unterricht. Zu Schulferien 
wurden bestimmt 14 Tage in der zweiten Hälfte des 
Juli, 8 Tage nach der Prüfungswoche im Herbste, die 
Woche der beiden Festtage zu Weihnachten und zu 
Ostern und die Hälfte der Pfingstwoche, im ganzen 
5^8 Woche. Man fürchtete also damals noch nicht die 
Ueberbürdung der Schüler, die besonders jetzt durch 
die neuen Lehrpläne 1892 vermieden werden soll, denn 
wenn auch in der untersten Klasse nur 22 Stunden 
angesetzt waren, so finden wir doch schon in der vor- 
letzten 27 und in den beiden obersten sogar 34 Stunden 
wöchentlich; auch die Ferien waren in sehr geringem 
Maasse festgesetzt, die Hälfte der heutigen. 

So waren die inneren Vorbereitungen für die neue 
Schule völlig getroffen, und auch die äusseren gingen 
mit schnellen Schritten ihrer Vollendung entgegen^ 
sodass am Donnerstag 1. Oktober 1812 die neuen 
Schulanstalten mit grosser Feierlichkeit in dem Saale 
des Lyceums eröffnet werden konnten. Hierzu hatte 
der Direktor Suabedissen »Allgemeine Gedanken von 
dem Unterricht und der Disciplin in Bürgerschulen 
und Lyceen.« Kassel, in der Königlichen Buchdruckerei 
1812 als Einladungsschrift abgefasst. Hierin stellt er 
zunächst den Unterricht als einen Theil der Erziehung 
und die Humanität — aber nicht die Divinität — als 
deren Zweck fest; d. h. die Erziehung strebt danach, 
dass in ihrem Zöglinge nicht bloss jede Kraft seines 
zeitlichen Daseins entwickelt, sondern auch das Ewige 
in ihm zu der Macht erhoben werde, seine ganze Natur 



23 

beseelend und veredelnd zu durchdringen. Das allge- 
meine Ziel der Erziehung, dass der Mensch gebildet 
werde, ist der Hauptzweck sowohl in der Bärgerschule 
wie im Lyceum. Aber die Schule darf und soll in der 
Wahl und Behandlungsweise ihrer Lehrmittel auch auf 
die wahrscheinliche bürgerliche Bestimmung ihrer Zög- 
linge Rücksicht nehmen. Darum wollen beide Lehran- 
stalten auch diejenigen Kenntnisse mittheilen, welche 
überhaupt oder in der jetzigen Zeit im bürgerlichen 
Leben nützlich sind; die Bürgerschule will ausserdem 
zu den Gewerben vorbereiten, das Lyceum zu solchen 
Aemtern^ welche wissenschaftliche Bildung voraussetzen. 
Aber beide wollen dies nur im Allgemeinen thun, und 
darum gehört z. B. die Waarenkunde ebensowenig unter 
die Lehrgegenstände der Bürgerschule, als die Kritik 
und Exegese des neuen Testaments in das Lyceum auf- 
zunehmen ist. 

In Bezug auf die Methode lässt Suabedissen eine 
wohlthuende Freiheit: »Wo der Geist des guten Unter- 
richts lebt, kann die Form nie schlecht sein«; nur ist 
natürlich nöthig zunächst die Erkenntniss des Gegen- 
standes, ferner der innigste Wunsch und das ernst- 
lichste Bestreben, dass der Unterricht zur Bildung 
der Schüler wirksam sein möge. Drittens muss der 
Lehrer das Innere seiner Schüler völlig kennen, und 
endlich muss er die Seele der Schüler für den Gegen- 
stand des Unterrichts gewinnen. Es wäre zweckwidrig, 
irgend eine besondere Lehrweise, brächte sie auch 
Wunder hervor, allgemein in einer Schule einzuführen. 
Sie würde bei dem Lehrer, dem sie nicht natürlich 
wäre, aus einer lebendigen Methode zu einer steinernen 
Manier werden und so mehr schaden als nützen. 

Der Hauptunterschied des Unterrichts in beiden 
Lehranstalten besteht darin, dass die Behandlung der 
Lehrgegenstände in dem Lyceum mehr wissenschaftlich, 



24 

* « 

in der Bürgerschule mehr praktisch sein soll ; dazu 
kommt, dass der Unterricht im Lyceum in einigen 
Fächern weiter gehen und umfassender sein muss als 
in der Bürgerschule. Was die Disciplin anlangt, so 
verlangt Suabedissen mit Recht, dass sie immer mehr 
negativ als positiv sei, d. h. dass sie immer mehr dar- 
auf sehe, die Straffalle zu verhüten, als, wo es nöthig 
ist, zu strafen^ denn ihr letzter Zweck ist nicht zu 
strafen, sondern zu erziehen. Ein am 19. September 
erlassenes Disciplinar-Reglement enthielt die allgemeinen 
Verfügungen^ die zur Einführung und Erhaltung der 
Ordnung, der Sitte und des Fleisses nothwendig sind; 
dasselbe war so abgefasst, dass es den Lehrer in der 
Ausübung und Aufrechterhaltung der Disciplin wirksam 
unterstützte, ohne ihn zu beschränken. „Eine Haupt- 
bedingung aber, ohne welche die rastlosesten Bemüh- 
ungen der besten Lehrer vergeblich sind, ist die Mit- 
wirkung der Eltern. Sie, denen das Hauptgeschäft der 
Erziehung im engeren Sinne überlassen bleibt, müssen 
nicht bloss Forderungen an die Schule machen, sondern 
auch dem, was die Schule zur Erreichung ihres Zwecks 
anordnet, nicht nur nicht entgegen sein, vielmehr sie 
darin unterstützen.'' 

Bei dieser Einweihungsfeier hielt in Gegenwart 
des Präfekten des Fulda-Departements, des Maire der 
Stadt Kassel, der Mitglieder des Municipalraths und 
anderer angesehenen Personen, denen der Gegenstand 
wichtig schien, der Staatsrath und Generaldirektor 
des öffentlichen Unterrichts Baron von Leist eine 
Rede*), worin die Nothwendigkeit gezeigt wurde, den 
Unterricht der Jugend von der Oberflächlichkeit und 
der Vielwisserei zum Ernste und zur Gründlichkeit 
zurückzuführen. Die genaue Bekanntschaft mit der 



•) WestpMlischer Moniteur Nr. 244 vom 11. Oktober 1812. 



25 

Sprache und dem Geiste der griechischen und römischen 
Klassiker, die Mathematik^ die Geschichte, die fran- 
zösische Sprache und die Fertigkeit der klaren und 
bündigen Gedankendarstellung werden für das Lyceum 
und, mit AusschUiss der ersten, auch für die Bürger- 
schule als die Hauptgegenstände des Unterrichts her- 
vorgehoben, worauf vorzüglich zu sehen, den Lehrern 
nachdrücklich zur Pflicht gemacht wurde. Darauf sprach 
der Direktor der neuen Lehranstalten Suabedissen 
gute Wünsche für ihr Gedeihen aus, deren Erfüllung 
er als bedingt durch die Pflichterfüllung und Einstim- 
mung der Lehrer, durch die Hilfe der Eltern und durch 
die Willigkeit der Schüler darstellte. 

In den nächsten Tagen fand die Aufnahmeprüfung 
der angemeldeten Schüler und ihre Einweisung in die 
einzelnen Klassen statt, und am 15. Oktober begann 
der Unterricht in allen Klassen. Unterdessen waren 
die baulichen Einrichtungen fertig geworden, wenn auch 
am 6. Oktober noch der Direktor an den Baron von Leist 
die Bitte um Beschleunigung der Herstellung von Bänken, 
Pulten, Tischen, Tafeln und Stühlen für die Lehrzimmer 
der Bürgerschule richten musste. Zu diesen inneren 
Einrichtungen wurden gemäss einer ministeriellen Ver- 
fügung die Bänke und das sonstige Bretterwerk der 
vormaligen Gamisonkirche benutzt. Am 19. Oktober 1812 
berichtet der Ingenieur Engelhard, dass der Bau des 
Gebäudes der Bürgerschule bis auf den äusseren Abputz 
gänzlich vollendet sei, allerdings war in den Wohnungen 
der Lehrer noch mancherlei zu thun, wie aus einer 
Beschwerde des 1. Lehrers an der Bürgerschule, Dr. 
Seh mied er, vom Dezember hervorgeht. Die gesammte 
Bau-Einrichtung des zweiten Hallengebäudes zu der 
Bürgerschule hat einen Kostenaufwand von 10262 Frcs 
44 cent. verursacht. Grosse Mühe machte nun die 
Aufbringung der Kosten für den Unterhalt dieser 



26 

neuen Schalen. Die Stadt hatte daza schon 6834 
Francs jährlichen Zuschass übernommen, aber mit 
allen andern zu Gebote stehenden Fonds verblieb doch 
noch ein jährlicher Fehlbetrag von 7393 Frcs 99 cent. 
und so entschloss sich denn die Stadt, jährlich 10000 
Frcs dafür auszuwerfen. Das Schulgeld war am Lyceum 
zu 64, an der Bürgerschule zu 36, in der Elementar- 
klasse zu 28 Frcs angesetzt; hierzu kam noch für den 
Unterricht im Zeichnen 10, 8 und 6 Frcs und Inskrip- 
tionsgebühren am Lyceum 6, an der Bürgerschule 4 Frcs. 
Ein CoUaborator bekam einen Gehalt von 1500 Frcs. 

Die Kosten für die Baueinrichtung des zweiten 
Hallengebäudes auf dem Napoleonsplatze wurden auf 
den Staatsschatz übernommen, obwohl ursprünglich be- 
stimmt war, dass die Stadt für die Gebäude der Knaben- 
und Mädchen-Bürgerschulen sorgen sollte. 

Beide Schulen entwickelten sich gut, schon nach 
8 Tagen erwies sich die Theilung der Elementarschule, 
welche die Schüler für das Lyceum vorbereitete, in 2 
Klassen als nothwendig, die beide in das Lyceumsge- 
bände verlegt wurden, und auch die andere Abtheilung 
der Elementarschule wurde im Anfange des Monats De- 
zember geteilt, nachdem in Dr. Simon ein neuer 
Lehrer angestellt worden war. Diese Klassen wurden von 
Anfang an so getrennt, dass sie nicht Parallel-, sondern 
Stufen-Klassen waren. Somit finden wir am Ende des 
ersten Schuljahres zu Michaelis 1813 folgende Klassen vor: 
die Varbereäungsklasse mit 48 Schülern 

Elementarschule der Bür- ElemeniarsehiUe des Lyceums 
gerschule. 

Erste Klasse mit 42 Schülern Erste Klasse mit 39 Schülern 

Zweite „ „ 56 „ „ Zweite „ „ 46 „ „ 

Bürgerschule Lyceum 

ErsteKlassemit 25 „ „ Erste Klasse mit 7 „ „ 

Zweite „ „ 27 „ „ Zweite „ „ 10 „ „ 

Dritte „ „ 33 „ „ 



27 



also zasainmen 10 Klassen mit 333 Schülern, in der 
Bürgerschale 150 Schüler. In der Einladung*) zu den 
öffentlichen Prüfungen vom 30. Sept. bis 9. Oct. 1818 
spricht Suabedissen den Schülern der oberen Lyceums- 
Klassen volles Lob aus^ während bei manchen Schülern 
der Elementarschulen und der untern Klassen des Ly- 
ceums und der Bürgerschule grössere Pünktlichkeit im 
Schulbesuche und grösserer häuslicher Fleiss zu wünschen 
blieb. Neben einer Warnung vor unnöthigen und schäd- 
lichen Privatstunden musste S. schon damals, nament- 
lich in Bezug auf die Bürgerschule, die Bitte aussprechen^ 
dass die Schüler alle Lehrgegenstände besuchen und so 
lange in der Anstalt gelassen werden möchten, bis der 
Zweck derselben an ihnen erreicht sei. Zu einer ge- 
naueren Einsicht sei das Yerzeichniss der Lehrstunden 
in der Bürgerschule und den damit verbundenen Ele- 
mentarschulen von Michaelis 1813 bis 1814 mitgetheilt: 

I) Klasse, lüorin die Schüler auf den Unienicki, 
toekher in den Elementarschulen des Lyceums und der 
Bürgerschule erihdÜ tinrd, varbereüel tnerden. 



Stdn. 


Montag 


Dienstag 


Mittwoch 


Donnerstag 


Freitag 


Sonnabend 


9-10 


Schreiben 


wie am Montag 


wie am 


Montag 




Pörr) 






10-11 


Lesen (Dörr) 


wie am Mon- 
tag 


Zeichnen 
(Zosoh) 


Lesen (Dörr) 


wie am Donnerstag. 


2-3 


Rede- and i 


}edfichtniB8- 


Lesen (Dörr) 


wie am Mittwoch 






Übungen (Hagemann) 








3-4 


Erzählungen Geistesübung. 


wie am 


wieamMontg. 


Zeichnen 






(Hagemsnn) 


(Vatke) 


Dienstag 




(Zusch) 





Es ist also hier gegen den allgemeinen Lehrplan 
das Lesen bedeutend verstärkt. 

*) In den Akten des stftdt. Archivs. Man vergleiche über 
die neuen Einrichtungen namentüoh des Lyceums: Weber, Ge- 
schichte der städtischen Gelehrtenschule zu Gasse! . 8. 854 bis 383. 
Das Malsburg*8ohe Haus in der Ludwigsstrasse hat dem Staate 
übrigens 109880| Eres, seine Einrichtung zur Schule 15500 Eres ge- 
kofitet) wlhrend dasEinanzministerium 1000 Eres jährlMiethe bezahlte. 



28 



Elenieniarschide der Bürgerschule, aus 2 Klassen bestehend: 



Stdn. I Montag 1 Dienstag 



8-0 



9-10 



10 






2-3 



3-4 



I. Schreibenl wie am 
(Dörr) I Montag 

II. Anfangsgiiinde d. Aiith- 
met u. Geom. (Simon) 

I. Arithmetik (Bergmann) 

II.Frz.8prach.|Oesch.u.Geog. 
(Hammer) | (Simon) 



Mittwoch 

Religionslehr. 
(Hagemann) 

Schreiben 
(Dörr) 

Naturgesch. 
(Hagemann) 

Geistesübong. 
(Simon) 




wie am Montag 

wie am Montag 

Zeichnen 1 wie am 
(Zusch) I Montag 

wie am Dienstag 



I. Geistesübungen und deutsche Sprache (Hagemann) 
Deutsche Sprache (Simon) 



n. Zeichnen 
(Zusch) 

I. Geogr. u. 



Geschichte 



(Simon) 
n. Schreiben (Dörr) 



wie am 
Montag 

wie am 
Montag 



Sonnaben 



r-a 



wie am MÜI 

woch 

wie am M 
woch 

wie am M 
woch 

wie am Mi 

woch 

Zeichneo 
(Zusch) 

wie am Dienstag 



Anfangsgrün- 
de derOeomtr. 



(Bergmann) 



Deutsche 

Sprache 

(Hagemann.) 

Französische Sprache (Hammer) 

I. Französische Sprache nach Saoguin und Gedicke (Hammer) 

II. Geistesüb.l Biblische Geschichte 1 Naturgeschichte (Simon) 
(Simon; | (Hagemann) | 



Bürgerschule aus 2 Klassen bestehend: 



8 --9 



9-10 



10-n; 



1-2 



\ 
i 

2-3 ' 

3-4 > 
i 



I ^. 

( Montag 



wie am 



I.) Geograph, 
[n. Gaspari. 
II ) (Schmie- 
der) 

LDtsche.Spr. 
(Schmiederj 

IL BeligionsL 
(Hage mann) 

I. Rechnen 
(Bergmann) 

II. Französische Spi-ache nach Mozin und 

I. Frnz. Spr 

Schreiben 
(Dörr) 



Religionslehr. 
(Hagemann) 

AI lg. Gesch. 
(Schmieder) 

Frnz. Sprache 
(Hammer) 

Dtsch.Sprach. 
(Suabedissen) 



wie am 
Dienstag 



wie am 
Montag 



Naturgesch. 
(Schmieder) 



wie am Montag 



. wie am Dienstag . 

wie am 1 wie am 
Dienstag 1 Montag 

wie am Montag 



Telemaque (Hammer) . 

Zeichnen 



SrkUrang da 
Im bttrgerl. Ld 
gebr. griech. i 
latein. Ani- 

drflcke 
(Sohmleder) 



Wie am 
Dienstag 

Vaterl. Gesch 
(Schmieder) 



wie am Dienstag 



(Hammer) 

n. Zeichnen 
(Zusch) 

I. Angewandte Mathematik u. Gewerbkde. (Schmieder) 



(Zusch) 

Schreiben 
(Dörr) 

Zeichnen 
(Zusch) 



U. Zeichnen 1 Geoinetiie nach Kries (Bergmann) Naturgesch. 
(Zusch) I (Schmieder) 

I Naturlehre .... (Schmieder) iDtsche.Sprache (Schmieder) 

II. Rechnen (Dörr) 



09 

In der Elementarschule finden wir in der 1. Klasse 
1 Stde. Französisch, in der 2. 1 Stde. Deutsch mehr, 
in der Bürgerschule seihst schon wesentliche Abwei- 
chungen vom allgemeinen Lehrplan. 

Das Vorbild zu der neu gegründeten höheren Bürger- 
schule gab die Realschule in Halle, welche durch ein 
königliches Dekret vom 18. Juli 1808 angeordnet und 
unter dem bisherigen Subrektor Buhle am 24. Oktober 
feierlich eröffnet worden war*). 

Im Frühjahr 1812 hatte der Generaldirektor d. ö. 
U. Baron von Leist diese Realschule in Augenschein 
genommen, an welcher damals Dr. Schmieder Adjunkt 
war, der auch im Jahre 1809 eine Schrift über die Ein- 
richtung höherer Bürgerschulen hatte erscheinen lassen. 
Hierbei äusserte Leist zum Kanzler der Universität 
Niemeyer, in der Hauptstadt fehle das noch, was in 
der Schule den Bürgerstand heben könne und berief 
Schmieder nach Kassel, um dort eine ähnliche Anstalt 
einzurichten. Aber diese wurde zur Vermeidung einer 
Verwechslung des „Real" mit „Royal" nicht Real- 
schule, sondern Bürgerschule (franz. ^cole secondaire) 
genannt. Bei der 1812 bewirkten grossen Ausdehnung 
des bisherigen Lyceums in zwei vollständig getrennte 
Anstalten, war es natürlich, dass die bisherigen Mittel 
bei weitem nicht ausreichten. Mit den Einkünften des 
Lyceums und dem Zuschüsse der Stadt**) konnte man 



*) Eckstein, Beitrüge zur Geschichte der Halle'scheo 
Schulen. 

**) Auszug aus dem Budget der Stadt Kassel für das Jahr 
1812. Pag. 39. Ausgabe : X. Sohulanstalten. Besoldung der Lehrer : 

a. dem Kastenschreiber Büohliug zur Auszahlung 
an die verschiedenen Lehrer des Lycei als Jähr- 
lichen Zuschuss zu deren Gehalten mit . . 150Thlr.lOJggr. 

b. den Freischulen 18 Klafter Holz k 8 Thlr. . 144 ^ — ^ 

c. dem Kastenschreiber Buchung zum Frül\jahrs- 

und Herbst^Examen des Lycei . . . . 43 ^ — , 



30 

nicht auskommen. Man rechnete vielmehr sehr aaf das 
Schalgeld und schloss deshalb zugleich sämmtliche 
Privatschulen. Der Inhaber der besuchtesten von diesen, 
Pfarrer Ph ister*), wurde als zweiter Hauptlehrer bei der 
Bürgerschule angestellt, aus besonderen Gründen jedoch 
bald entlassen mit der Erlaubniss, seine Privatschule wieder 
zu eröffnen. Dieselbe, die später Grimm und danach 
Sajlmann übernahm^ sollte der Bürgerschule nachmals 
recht gefährlich werden. 

Der Direktor Suabedissen erhielt nebst freier 
Wohnung wie die übrigen Lehrer einen Gehalt von 

d. dem Kantor Bechtel (Bechnnngsfährer vom 

1. Oki 1812 an) an Miethzinsen .... dThlr. — ggr. 

343Tlür.lO|ggr. 
oder 1384 ft-. 30 cent. 
Im Jahre 1813 kommt hierzu nooh pag. 38 

e. an Zusohuss znm neuen Lyoeo .... 8666 , 70 „ 

Summa 10000 fr. — . 
von welcher Summe die Stadt am 30. Dez. 1816 noch einen Rück- 
stand von 270 Thlr. 25 gg. 8 h. an die Lyoeomskasse schuldete. 

An Ausgaben hatte die Bürgerschule im Jahre 1813: 
A. Besoldungen: 

1) Lehrer Sohmieder 2100 Fros. 

2) „ Hagemann 1960 

3) , Hauptmann Bergmann . . . 1650 

4) , Simon 1900 

Lehrer der franz. Sprache Bauermeister, vom 

August an Hammer, 1600 ,, 

Schreib- und Eteohenlehrer Dörr .... 1200 , 

Gehilfe desselben Weiss 600 y, 

Zeichenlehrer Zusoh 1600 ^ 

Für Bücher, Karten und Zeichnungen . . 200 , 

Heizung 650 „ 

Unterhaltung des Gebäudes 160 „ 

Brand versioherungs-Beitrag 12 <? dOoeni 

Concierge 186 „ 48 „ 

Summa 13498 Frcs. 78oent. 

*) In dieser Schreibung findet sich der Name in den Akten. 






3t 

3300 Fr. Er hatte 13 Stunden Unterricht zu geben 
und die Leitung des Ganzen za führen, lieber den 
Zustand des Lyceums und der Bürgerschule, über das 
Betragen und die Leistungen der Schüler hatte er jeden 
Monat an den Generaldirektor d. ö. U. Bericht zu er- 
statten, auch diesem die Lectionsverzeichnisse zur Be- 
stätigung vorzulegen. Der Direktor sowie der Rektor 
und der Konrektor des Lyceums waren durch K. Dekret 
ernannt, die übrigen Lehrer vom Minister; sie wurden 
vom Generaldirektor vereidigt und ertheilten als Fach- 
lehrer den Unterricht, der ihren Kenntnissen und Nei- 
gungen am meisten entsprach. Für die Schüler war die 
Einrichtung getroffen, dass sie in verschiedenen Fächern 
nach ihren Kenntnissen verschiedenen Klassen angehören 
konnten. 

Bei aller Güte des allgemeinen Lehrplans, bei der 
hervorragenden Tüchtigkeit des Direktors und der Mehr- 
zahl der Lehrer wurde zwar Gutes geleistet, wenn auch 
freilich das allzusehr ausgeprägte Fachlehrersystem und 
die geringe Rücksichtnahme auf eine harmonische Aus- 
bildung der Zöglinge die Erfolge beeinträchtigen mussten. 
Entschieden wäre eine vollständige Trennung auch in 
der Leitung der beiden so verschiedenartigen Schulen im 
Allgemeinen vorzuziehen gewesen*). 

Der Generaldirektor stand unter dem Ministerium 
des Innern, das von Anfang an mit demjenigen der 
Justiz zusammen Sim^on verwaltete, »der ohne Wider- 
spruch die hauptsächlichste Stütze der Verwaltung war, 
ein Mann, der in Staatsgeschäften gross geworden, von 
tiefen Kenntnissen besonders in der französischen Ge- 
setzgebung war, von einer vollkommenen Gerechtigkeit 
und Präzision in seinen Ansichten, von grossem Ent- 
schlüsse und Festigkeit des Charakters.« Am 1. Januar 

*) ^imaerMn^, WestphSlisohe Denkwürdigkeiten, 1814, ist auf 
S. 172 ff. sehr sohlecht auf den Baron Leist zu sprechen. 



32 

1809 wurde der (nachmalige) Graf Gustav Anton von 
Wolfradt zum Minister des Innern ernannt. Er war 
am 1. September 1761 auf der Insel Rügen geboren 
und in Braunschweig Advokat und Minister gewesen. 
In beiden Sitzungen der westphälischen Reichsstande 
trat er als Redner der Regierung auf. Nach dem Sturze 
des Königreichs hoffte er wieder in Braunschweig an- 
genommen zu werden, zog sich aber nach Zerschlagung 
dieser Hoffnung als Privatmann nach Rügen zurück. 

Schon die einfache Aufzählung der Unterrichts- 
fächer mit ihrer Stundenzahl beweist, dass die neue 
Anstalt weit über den Zweck einer einfachen Bürger- 
schule hinausging, noch mehr wird dies deutlich, wenn 
wir die Ziele einiger Lehrfächer in's Auge fassen. Im 
Rechnen wurde die oberste Klasse der Bürgerschule 
in Progressionen und ihren Anwendungen, Potenzen, 
Quadrat- und Kubikwurzeln und in Gleichungen 1. und 
2. Grades unterrichtet, der geometrische Unterricht 
erstreckte sich schon in der zweiten Klasse auf die 
ebene und körperliche Geometrie und in der 1. auf ihre 
Anwendung in der Mechanik und Technologie, soweit 
sie aus der Elementar-Geometrie zu verstehen sind. 
Femer finden wir physische und chemische Belehrungen 
über die wichtigsten Naturerscheinungen und das All- 
gemeine und Wichtigste vom Sonnensysteme und von 
der Zeiteinth eilung als Lehrgegenstand der 1. Klasse. 
In der französischen Sprache, der nach obigem Stunden- 
plane in 4 Klassen, also 8 Jahrgängen, 4, 4, 5 und 6 
Stunden gewidmet waren, wird in II die Lecture von 
F^n^lon: les Aventnres de T^l^maque, in I Histoire 
de Charles XII., la Bruy^re, Moli&re, Racine und 
Uebungen im Auswendiglernen und Sprechen betrieben^ 
im Deutschen Uebungen in Briefen und Aufsätzen. 

Hieraus erhellt, dass die sogenannte Bürgerschule 
gewissermassen ihrer Zeit vorausgeeilt war, indem sie 



33 

schon damals ungefähr die Ziele der späteren Real- 
schulen verfolgte, ohne in den Fehler der früheren An- 
stalten dieses Namens zu verfallen. Sie war nämlich 
von Anfang an allgemeine Bildungsstätte und wurde 
niemals zur Fachschule, was z. B. auch die als älteste 
Realschule Deutschlands nach den Versuchen in Halle 
anerkannte von Julius Heck er 1747 errichtete König- 
liche Realschule zu Berlin vielleicht bis 1822 war^ wo 
sie von August Spilleke eine feste Organisation erhielt. 
Bisher galt nach der Encyklopädie *) des gesammten 
Erziehungs- und Unterrichtswesens von K. A. Schmid 
die Realschule von Hanau als die älteste in Kurhessen. 
Dort bestand nämlich bis zum Jahre 1813 ein refor- 
mirtes (hohe Landeschule) und ein lutherisches Gym- 
nasium. Am 18. Januar 1813 wurde durch ein Reskript 
des grossherzoglich-frankfurtischen General-Kuratoriums 
des öffentlichen Unterrichts bestimmt, dass künftig in der 
Stadt Hanau ausser einer verhältnissmässigen Anzahl 
von Volksschulen nach der Verschiedenheit der kirch- 
lichen Gemeinden eine Realschule **) unter der Leitung 
des bisherigen Pfarrers an der lutherischen Kirche, Pro- 
fessors Heineman n^ und ein Gymnasium unter dem 
Direktorate des von Weimar berufenen Oberschulraths, 
späteren Geheimen Ober-Regierungsraths im Kultus- 
ministerium zu Berlin, Dr. Johann Schulze (an dem 
im ersten Jahre Friedrich Rückert als vierter Professor 
wirkte) bestehen sollte. Die Realanstalt, welche am 
1. Februar 1813 eröffnet worden ist, wurde auf drei 
Klassen festgesetzt, »auf welche eine besondere Real- 
klasse für diejenigen Knaben folgt, welche sich zu einem 
höheren Geschäfte des bürgerlichen Lebens, dem Handel, 
dem Fabrikwesen u. s. w. bilden wollen« ; der Kurs 



*) Unter dem Titel: „Kurhessen* von Bexxenberger. 18G2. 
2. AujQage 1880. 

**) Fliedner^ Enrze Qesohichte der Anstalt. Pr. Hanau 1854. 

X. F. Bd. XVIU. 3 



34 

jeder Klasse sollte wenigstens zwei Jahre dauern. Diese 
»Bürger- und Realschule« wurde aus den Einkünften 
des aufgelösten Gymnasiums, aus dem Schulgelde und 
einem Zuschüsse aus dem Departements-Schulfonds 
unterhalten und stand mit dem Gymnasium unter der 
Aufsicht der Ober-Schul- und Studien-Inspektion des 
Departements. An fremdsprachlichem Unterrichte wurde 
zunächst auch nur der französische aufgenommen, und 
von eigentlicher Mathematik scheint erst im Jahre 1820 
die Geometrie eingeführt worden zu sein. Auf höherem 
Boden stand jedoch die am 1. Oktober 1812 in Kassel 
gegründete Bürgerschule, sodass diese die älteste 
selbstständige Realschule Kurhessens ist 

Aber nicht nur als älteste Realschule Kurhessens^ 
sondern der gesammten Provinz Hessen-Nassau kann 
unsere Anstalt bezeichnet werden. Denn auch in Frank- 
furt a. M. trat während der Fremdherrschaft eine Bürger- 
und Realschule der katholischen Gemeinde (jetzt Selekten- 
schule) in's Leben und zwar am 1. Nov. 1812, worüber 
der am 29. Okt. 1812 von dem Staatsrathe und General- 
curator des öffentlichen Unterrichts Pauli veröffent- 
lichte Lehrplan genaue Auskunft giebt*). Ihre Ein- 
richtung war ähnlich derjenigen, die in Kassel im Jahre 
1814 getroffen wurde. Sie war in 3 zweijährige Bürger- 
schulklassen eingetheilt, auf welche die Realklasse mit 
einem Kursus von ebenfalls zweijähriger Dauer folgte. 
In dieser wurde ein eingehender deutscher Unterricht 
(im ersten Jahre 8^ in der 2. Abtheilung 7 Stunden) 
gegeben, ferner in Geschichte (2), Geographie (2), Natur- 
geschichte (2), Naturlehre (2), Anthropologie (0,1), Arith- 
metik (3), Geometrie (1,0), Mechanik (0,1), Schönschrei- 
ben (4) unterwiesen und der Unterricht in der fran- 
zösischen Sprache, der in der Bürgerschule nicht be- 

*) Die Bekanntschaft mit demselben u. m. a. verdanke ich 
der Güte des Königl. Gymnasialdiroktore UeiTn Dr. Vogt in Kassel. 



35 

trieben wurde, mit 6 Stunden wöchentlich aufgenommen. 
Die Nachmittage des Dienstag und des Donnerstag 
waren schulfrei, Ferien waren 14 Tage im Anfange des 
Mai und der Monat Oktober. — Ueberhaupt zeigte die 
Begierung des Fürst-Primas Dalberg, nachmaUgen Gross- 
herzogs Karl von Frankfurt auf dem Gebiete des Schul- 
wesens grosse Rührigkeit*). 

Durch eine höchste Verordnung im grossherzoglich- 
frankfurtischen Regierungsblatte vom 1. Februar 1812 
(Band I, S. 629 bis 644) wurde nämlich verfugt, dass 
in dem Hauptorte eines jeden Departements ein »keiner 
der verschiedenen Glaubensgemeinden besonders zustän- 
diges Gymnasium« und ferner in den Städten Frank- 
furty Aschaffenburg und Fulda Lyceen errichtet 
werden sollten als Uebergangsanstalten von den Gymna- 
sien zu den einzelnen Berufswissenschaften, welche mit 
dem Kirchen- und Staatsdienste in unmittelbarer Ver- 
bindung stehen. Durch diesen Organisationsplan wurde 
auch die als Muster-Schule am 18. April 1803 in 
Frankfurt mit 7 Knaben und 2 Mädchen eröffnete 
neue Bürgerschule**) mit dem Schuljahre 1813/14 zu 
einer höheren Bürger- oder Realschule erhoben, 
während sie früher hauptsächlich die Unterweisung von 
Kindern im zartesten Alter nach der Pestalozzi^schen 
Methode zum Ziele hatte. Ganz ähnlich entwickelte 
sich auch die Realschule der israelitischen 
Gemeinde dortselbst^ welche im Jahre 1804 als Phil- 
anthropin für arme jüdische Kinder gegründet worden war. 

*) Dass die NapoIeon*Bche Zeit eine höhere Bildung über- 
haupt schätzte, geht auch aus dem Dekret vom 17. Dezember 1811 
hervor, durch das in Düsseldorf, der EEauptstadt des Grossherzog- 
thums Berg, eine Universität mit 5 Fakultäten und einer Dotation 
von 11400 Francs errichtet werden sollte. 

**) Eisden^ Festschrift der Musterschule in Frankfurt a. M. 
zum 11. Oktober 1880. 

3* 



36 

Schon vorher hatte Dalberg durch besondere 
Patente vom 22. September 1809 die Verhältnisse der 
Unterschulen und der Oberschule in Wetzlar geordnet, 
indem er die ersteren in 4 nach der Konfession ge- 
sonderte Schulen zerlegte und statt der Oberschule ein 
in vier Klassen eingetheiltes Gymnasium errichtete. Auf 
welche Abwege man aber damals in pädagogischer Hin- 
sicht gerieth, beweisen einige Nummern des Wetzla- 
rischen gemeinnützigen Wochenblattes *\ in denen 
amtlich die durch Prämien und durch öffentliches Lob 
für Fleiss und gute Aufführung belohnten Schüler und 
Schülerinnen in sämmÜichen Schulen Wetzlars auf- 
geführt werden. 

Natürlich hat es auch in unserer Provinz nicht 
an Vorläufern der Realschule gefehlt; so ist das am 
2. November 1709 in Kassel errichtete Coüegium 
iUusire CaroUnum mit sehr realistischem Stoffe gefärbt 
gewesen, und in Hersfeld entstand um die nämliche 
Zeit unter dem gelehrten Rektor Dr. Konrad Mel eine 
Einrichtung, die man wohl als die erste Realschule 
dortselbst bezeichnet hat**). Auch andere Gelehrten- 
schulen des Landes, besonders das Lyceum in Kassel, 
berücksichtigten Schüler, die nicht studiren sollten. 
Ferner hatte hundert Jahre später das CoUegium der 
Pädagogiarchen in Marburg den Versuch gemacht^ 
seiner Schule wieder aufzuhelfen***). Wie dieses ge- 
schehen, stellte eine Einladungsschrift des Pädagogiums 
»über die Verbindung der Gymnasien mit Realschulen« 
1809 dar, wozu alle Lehrer mitgewirkt hatten. Und 

♦) Jahrgang 1810. Nro. 38, 39. 40. 

♦♦) Geschichtliche Nachrichten über die Realschulen, be- 
sonders in Hessen, findet man z. B. von Dr. Ritx im Programm 
der Realschule zu Hersfeld vom Jahre 1866 und von Bkhler im 
Pr. Esohwege 1872; in Proussen in der Festschrift der Realschule 
I. 0. zu Düsseldorf L863 von Dr. Bdrien. 
♦**) Koch, a. a. 0. S. 34. 



37 

in der That scheint dieser Schritt dem Publikum wie 
der Behörde neues Vertrauen zu der Anstalt verschafft 
zu haben, denn die Schfilerzahl stieg von 30 auf 70, 
und die Generaldirektion der Studien gewährte ihr Zu* 
Schüsse^ die ihr auch später verblieben. 

Im vormaligen Herzogthum Nassau entsprangen 
die Realschulen einem landesherrlichen Edikte vom 
24. März 1817, das mit Aufbebung aller anderen bis- 
herigen höheren Schulen vier Pädagogien zu Dillen- 
burg, Hadamar, Idstein und Wiesbaden und 
ein Landes-Gymnasium zu Weil bürg errichtete. 

Ausser diesen Staatsschulen sollten zugleich noch 
»Realschulen« für die männliche Jugend; um in den- 
selben die für Handwerker, Künstler und zur Betreibung 
eines landwirthschaftlichen oder andern Gewerbes nö- 
thige erweiterte Bildung zu erwerben, als Kommunalan- 
stalten geschaffen werden und zwar zunächst in Diez, 
Eltville, Hachenburg, Herborn, Höchst, Lim- 
burg, Montabaur, Schwalbach, Usingen, Weil- 
burg und Wiesbaden, in denen von einem ordent^ 
liehen Lehrer und, wenn nöthig, einem oder auch mehreren 
Gehülfen in zwei Lehrkursen in 30 wöchentlichen Lehr- 
stunden Deutsch, Naturgeschichte, Erdbeschreibung mit 
Geschichte, Zeichnen, Schönschreiben, Mathematik, Tech- 
nologie und einfache Buchhaltung unterrichtet wurde. 
Das Realgymnasium zu Wiesbaden wurde durch ein 
Gesetz vom 22. Juni 1844 gegründet, während eine Real- 
schule daselbst am 1. Mai 1840 in's Leben getreten war*). 

Es dürfte auffallend erscheinen, dass auf den vor- 
liegenden Blättern die Geldsummen theils in Thalern 
= 32 Albus (je = 16 Heller), theils in Francs angegeben 
sind, und in der That war wohl in dem Königreiche 
Westphalen nichts in grösserer Unordnung als das 

*) BeUmger^ Zur Geschichte des realistischen Schulwesens 
in dem vormaligen Herzogthum Nassau. Pr. K. G. "Wiesbaden 1869. 



38 

Münzwesen. Zwar hatte die westphälische Konstitntion 
vom 15. November 1807, die vom Kaiser Napoleon zu 
Fontainebleau ausgegeben worden war, im Artikel 17 
bestimmt: „Das Münzsystem und das System der Maasse 
und Gewichte, welche dermalen in Frankreich bestehen, 
sollen im ganzen Königreiche eingeführt werden" und 
ferner im Art 18: „Die Münzen sollen mit dem Wappen 
Westphalens (in dem nach Napoleons Ausspruche sich 
zu viele Thiere befanden) und mit dem Bildnisse des 
Königs geschlagen werden." Aber beide Bestimmungen 
sind nicht eingehalten worden. 

Unter J^römes Regierung wurden nämlich sowohl 
französische als auch deutsche Münzen geprägt, und 
diese letzteren unterschieden sich wieder nach den ver- 
schiedenen Provinzialwährungen von Alt-Westphalen, 
von Hannover, Braunschweig und Hessen, während die 
französischen in allen öffentlichen Verhältnissen und 
Kassen in Rechnung gesetzt wurden, weshalb sie auch 
bei längerer Dauer des Königreichs alle übrigen nach 
und nach verdrängt haben würden. Die Münzen sind 
zum grössten Theile zu Kassel geschlagen, ausserdem 
gab es noch Münzstätten zu Clausthal und Braun- 
schweig *). 

Es sei hier gleich bemerkt, dass nach einem Ge- 
setze vom 3. Mai 1834 der Thaler nicht mehr in 
32 Albus, sondern in 24 gute Groschen eingetheilt wurde. 



Zweiter Abschnitt 

Die Bürgerschule in Kassel von 1814 bis 1836. 

Am 21. November 1813 kehrte der Kurfürst unter 
grosser Begeisterung in sein Land zurück. Alsbald 

*) Hoffmeister, Historisoh-kritiBohe Beschreibung allor bis 
jetzt bekannt gewordenen hessischen Münzen, Medaillen und Marken. 
U. Band, S. 215 ff. 



39 

» 

liess er bekanntlich in der Verwaltang wie im Heer^ 
Wesen Alles wieder auf den Fuss von 1806 bringen. 
Am 22. Januar 1814 erging eine höchste Reso* 
lution an die Direktion des Lyceums, die »ihre vor- 
hinnigen Funktionen wieder antreten und für die Zu* 
sammenbringnng der Akten sorgen« musst«, auf Grund 
genauer Untersuchung des jetzigen Zustandes der Schul- 
anstalt über die Erhaltung und Einrichtung des Lycei 
Bericht zu erstatten. Mitglieder dieser Direktion wurden 
wiederum Gen eral - Superintendent R o m m e 1, Bürger- 
meister Regierungsrath Wetz eil, dem im Juli 1814 
Bürgermeister Stern folgte, Ober-Hofrath und Museums- 
direktor V ö 1 k e 1, Ober-Kammerrath, dann Vizepräsident 
von Meyer, Regierungsrath Dr. Pfeiffer und Kon- 
sistorialrath Schnackenberg. Die Vorschläge dieser 
Behörde gipfelten darin^ beide Anstalten im Wesent- 
lichen in ihrer Einrichtung bestehen zu lassen, aber 
1) einige Lehrgegenstände zu streichen (z. B. Zeichnen 
nach Wiederherstellung der Akademie) oder zu be- 
schränken (in der Bürgerschule : Französisch und Mathe- 
matik); 2) Verminderung der Klassenzahl des Lyceums 
und der Bürgerschule um je eine und der wöchentlichen 
Stundenzahl ; 3) Entlassung einiger Lehrer und Gehalts- 
verminderung der neuen Lehrer; 4) Erhöhung des 
Schulgeldes; 5) Jährlicher Zuschuss von 1600 Thalern 
und fernere Ueberlassung der Hälfte der Hallen an die 
Bürgerschule (die andere Hälfte verbleibt den Frei- 
schulen) ; 6) Wiedereinsetzung des Rektors Caesar auf 
sein Gesuch vom 1. Februar 1814 in seine vorigen 
Funktionen und Anstellung des bisherigen Direktors 
der ganzen Lehranstalt Suabedissen zur »Special- 
aufsicht der Bürgerschule«. Mit Recht wurde die Er- 
haltung der Bürgerschule für die Stadt als nothwendig 
erklärt: »Es ist sehr zu wünschen, dass das Gute, 
welches die neue Einrichtung hat, beibehalten wird, 



40 

aber an eine Verschmelzung beider Anstalten darf nicht 
gedacht werden. Freilich ist nicht abzusehen, wie die 
dermalige Einrichtung des Lyceums und der Bürger- 
schule, wenn nicht ausserordentliche Fonds angewiesen 
werden, bestehen können, und deshalb macht sich die 
Begründung derselben auf einen besseren Fuss unum- 
gänglich nöthig, wenn nicht beide zu Grunde gehen 
sollen.« Mit Recht wurde auch darauf hingewiesen^ dass 
doch die sehr bedeutenden Kosten der Einrichtung der 
Bürgerschule einmal bestritten wären. 

Diesen Vorschlägen wurde im Allgemeinen zuge- 
stimmt^ und das Lyceum in der Einrichtung wieder 
hergestellt, welche es von 1779 bis 1812 gehabt hatte, 
auch das Seminarium mit der Partimschule, das in- 
zwischen als besondere selbstständige Anstalt von dem 
Pfarrer, früheren Eonrektor am Lyceum, Hos b ach, 
geleitet worden war, wiederum mit demselben ver- 
bunden. Der Rektor Caesar bekam abermals die 
Specialaufsicht über das Lyceum unter der wieder- 
hergestellten Direktion, während der bisherige Direktor 
Suabedissen wegen seiner vom k. westphälischen 
Generaldirektor, wie von der kurfürstlichen Direktion 
des Lyceums anerkannten Verdienste dem Lyceum als 
Lehrer — nun unter dem Rektor — mit dem Titel 
Professor erhalten blieb und zugleich die alleinige Auf- 
sicht über die abgesonderte Bürgerschule bekam, die 
ebenfalls nach den Vorschlägen der ihr auch übergeord- 
neten Direktion allerdings in veränderter Einrichtung 
bestehen blieb. 

Im Lyceum, das eigene Mittel besass, waren die 
Wintermonate ohne besondere Störung vorübergegangen, 
in der Bürgerschule dagegen war es den Lehrern schlimm 
ergangen, weil diese Anstalt ausser dem Schulgelde nur 
auf Zuschüsse aus der Staats- und Stadtkasse angewiesen 
war, die jedoch mit dem Sturze der Fremdherrschaft 



41 

eingestellt wurden« Die Eorfürstliche Regierung nahm 
von der Bürgerschule gar keine Notiz; vom November 
an erhielten die Lehrer keinen Gehalt mehr, da das 
Schulgeld vom Rechnungsführer zur Berichtigung von 
Rückständen verwendet wurde. Da erbat sich endlich 
Ende Februar der erste Lehrer der Bürgerschule, 
Dr. Schmiede r^ eine Audienz beim Kurfürsten, welcher 
während seines Exils in Prag die Realschule kennen 
gelernt hatte. Einige Tage darauf, nämlich am 4. März 
1814, liess der Kurfürst aus der Ober -Rentkammer 
800 Thaler zur Auszahlung der rückständigen Besol- 
dungen, zunächst als Vorschuss, anweisen, der aber 
später ganz erlassen wurde. Mehrere Wochen später 
bestätigte er die Bürgerschule, stellte sie unter die 
Direktion des Lyceums, wies ihr (oder vielmehr, wie 
sich später ergab, beiden Schulen) am 22. April 1814 
jährlich 1600 Thaler Unterstützung zur Deckung der 
Ausgaben zu, überliess der Bürgerschule das Gebäude 
und liess die daran nöthig gewordenen Reparaturen aus 
der Ober-Rentkammer bezahlen"^). 

Am 27. April 1814 erschien eine Bekanntmachung 
der Direktion des Lyceums und der Bürgerschale betreffend 
den Wiederanfang des Unterrichts, worin die Stelle 
vorkommt: »Kassel darf sich neben seinem Lyceum 
femer des Besitzes einer Lehranstalt — der höheren 
Bürgerschule — erfreuen, dessen nur wenige Haupt- 
städte Deutschlands sich rühmen können«, und am 2. 
Mai wurden beide Anstalten wieder eröffnet. In dank- 
barer Freude über die Erhaltung der Realanstalt wandten 
die Bewohner Kassels derselben ihre Theilnahme zu, 
sodass sie sich schnell zu reicher Blüthe entfaltete. 

Im Herbste 1815 legte Suabedissen die Lei- 
tung der Bürgerschule nieder, da er, nachdem ihm 



*) Akten der Stadt-ßchul-Kommissioii vom Jahre 1836. — 
Beiicht Sckniieders, 



42 

schon seit Beginn des Jahres der Unterricht an die 
Kinder des Kurprinzen übertragen war, durch aller- 
höchstes Reskript vom 29. September 1815 zum In- 
struktor des Prinzen Friedrich Wilhelm, Enkels des 
regierenden Kurfürsten, späteren Kurprinzen-Mitregenten 
und nachmaligen (dritten) Kurfürsten ernannt worden 
war und mit diesem zur Universität Leipzig ging, wo 
sie fünf Jahre lang verblieben. Im Frühjahr 1822 wurde 
er, der unterdessen Rufe an die Universitäten zu Hei- 
delberg und Bonn abgelehnt hatte, ordentlicher 
Professor der Philosophie zu Marburg als Tenne- 
manns Nachfolger und ist dort im Frühjahr 1835 
gestorben. »Mit Suabedissen ging eine der ersten 
Zierden der Universität unter, ein vorurtheilsloser scharfer 
Denker, und, wie alle sagen, schied ein vortrefflicher 
Mensch. Seine Saat wird nicht verloren gehen« *). 

Zum Führer der Specialaufsicht über die Bürger- 
schule wurde vom Direktorium am 9. November 1815 
der erste Lehrer derselben, Dr. Schmieder, vorge- 
schlagen, da er in jeder Hinsicht der geschickteste 
dazu sei. Für ihn wurde zugleich der Charakter eines 
Rektors oder Inspektors beantragt, da er diese Aus- 
zeichnung nicht nur wegen der Vorzüge verdiente, die 
er als Lehrer an einem solchen Institute in sich ver- 
einigte, sondern auch dadurch zugleich für seine 
nützliche Wirksamkeit und mithin für das Institut 
selbst gewonnen werden würde. Unter dem 17. Nov. 
1815 wurde Schmieder vom Kurfürsten mit der Special- 
aufsicht der Bürgerschule**) unter dem Prädikate Schul- 

*) Schomborg an seinen Sohn. Siehe: Karl Schomburgs 
Nachlass herausgeg. von K Bemhardi, 

**) Akten des karförstl. Ministeriums des Innern (auf dem k. 
Provinzial-Scholkollegium). Hierdurch berichtigt sich die Angabe 
im Kurhessisohen Staats- und Adress-Ealender, in dem noch im 
Jahre 1816 steht: Die Specialaufeicht bei der Bürgerschule fuhrt 
der Professor Suabedissen. 



43 

Inspektor betraut und ihm am 15. Dezember eine In- 
struktion in 29 Paragraphen ertheilt. 

Bei der Wiedereröffnung der Bürgerschule im 
Frühjahre 1814 war dieselbe um eine Klasse verringert 
worden^ und so konnten bei dem Lehrpersonale einige 
Entlassungen eintreten, die den Hauptmann Bergmann 
und den Lehrer der französischen Sprache Joh. Ludwig 
Hammer betrafen. Der letztere hatte keine ent- 
sprechende Vorbildung gehabt und reklamirte lebhaft 
gegen seine Verabschiedung, die ihm ja seine ganze 
Existenz raubte — aber vergebens; er suchte dann 
anderweitig sein Leben zu fristen. 

In dem ersten Jahresbericht, der »Nachricht von 
der Verfassung der Bürgerschule zu Kassel«, den der 
Inspektor Dr. Schmied er als Einladungsschrift zur 
öffentlichen Prüfung am 4. und 5. April 1816*) her- 
ausgab, gibt er uns höchst dankenswerthe Kunde von 
der Entwicklung und Einrichtung der Anstalt: »Als 
unsere Bürgerschule zu Michaelis 1812 eröffnet worden 
war, begann sie bald im Innern sich glücklich aus- 
zubilden, wiewohl die äusseren Umstände ihrer Er- 
haltung nicht günstig schienen. Durch eine gewisse 
Fügung wurden die Mitarbeiter in einem zweifel- 
haften Zeiträume beisammen gehalten, bis eine bessere 
Zeit ward und mit ihr der sprossende Fruchtbaum 
festere Wurzel schlug. Bald nach der Zurückkunft 
unsers allergnädigsten Kurfürsten ward von verehrten 
Freunden des Guten über diese Anstalt berichtet, welches 
den Erfolg hatte, dass sie durch die allerhöchste Gnade 
Sr. königlichen Hoheit bestätigt und vermöge eines 
sicheren Fonds für immer befestigt wurde. Wachsendes 
Vertrauen führte ihr seit der letzten Herbstprüfung 



*) In der Bibliothek des Vereins für hessische Geschichte 
and Landeskunde zu Kassel. 



44 

(1815) 48 neue Schüler zu, sodass im ganzen 180 
Schüler sich auf die vier Klassen vertheilten. Die 
Bürgerschule umfasst drei zwar verschiedene, aber innig 
in einander greifende ünterrichtsanstalten^ nämlich die 
Vorbereitangsschole, die eigentliche Bürgerschnle und 
die Bealschnle.« 

In der Vorbereitangsschnle, welche die Kinder im 
sechsten Lebensjahre aufnahm, waren die Gegenstände 
der Unterweisung und die ihnen gewidmete Stundenzahl 
ungefähr dieselben wie im Jahre 1813, nur fiel der 
Unterricht auch am Nachmittage des Mittwochs aus. 

In der Bürgerschule, die wie die frühere Elementar- 
schule in zwei Klassen eingetheilt war, wurde in 26 
Stunden wöchentlich Unterricht in der Religion, deutschen 
Sprache, Geographie, Geschichte, Naturbeschreibung, 
Grössenlehre, Rechen-, Schreib- und Singekunst von 
8 Uhr Morgens an gegeben. Sie hatte die Bestimmung, 
dem Knaben diejenigen Kenntnisse und Fertigkeiten bei- 
zubringen^ welche er künftig bei seinem bürgerlichen Ge- 
schäfte nicht entbehren konnte. Da der Bürgerstand jetzt 
überall mehr geachtet wurde, so wurde von ihm mit 
Recht auch mehr gefordert wie ehemals. Die Einrich- 
tung beider Klassen war derartig, dass in ihnen zwar 
dem Namen nach gleiche Lektionen, aber in verschie- 
dener Ausdehnung bestanden : Die dritte Klasse (unterste 
der Bürgerschule) nimmt die Schüler aus der Yorberei- 
tungsklasse auf und giebt ihnen eben dieselben Kennt- 
nisse »in der Nuss«, d. h. kurz und übersichtlich, welche 
nachher in der zweiten Klasse ausführlicher entwickelt 
werden. »In Ansehung der Fertigkeiten beabsichtigen 
wir in der dritten Klasse Richtigkeit, in der zweiten 
sichere Fertigkeit.« Die Einrichtung war also nicht ge- 
rade glücklich gewählt, da ein fortschreitender, bestimmt 
abgegrenzter Lehrstoff unbedingt angemessener ist. 
Ausserdem wurde noch Privatunterricht von der Schule 



45 

aus ertheilt im Rechnen, Zeichnen, Schönschreiben, 
ferner anch in der französischen and sogar in der 
lateinischen Sprache. Da der französische Unterricht 
beinahe öiFentlich, d. h. von den meisten Schülern be- 
sucht war^ so war ein ständiger Sprachlehrer angestellt. 
Jede Klasse der Bürgerschule hatte wöchentlich zwei 
französische Standen, in denen die Schüler der dritten 
Klasse im Lesen geübt wurden, die Wortbiegungen 
erlernten und nach und nach einen Vorrath französischer 
Wörter sammelten, während in der zweiten lüasse die 
leichteren Erzählungen in der Grammaire von Sanguin 
übersetzt^ die Hegeln der Sprache in Beispielen gezeigt, 
Redensarten ausgezogen, auch wohl einzelne Stücke 
memorirt wurden. Auch in der lateinischen Sprache 
wurde in zwei Abtheilungen — aber nur an eine geringe 
Anzahl von Schülern — und zwar nach Ge dicke's 
Lesebuche mit Wörterbuch und Grammatik in vier 
wöchentlichen Stunden privatim in der Schule unter- 
richtet. — 

Nach der Konfirmation, unter Umständen auch 
früher, konnten nun die Schüler in die Realschule oder 
höhere Bürgerschule eintreten, deren Lehrgegenstände: 
Religion (3 St. w.), deutscher Stil (4), Geographie (2), 
Geschichte (2), Naturlehre (2), Mathematik (2), Tech- 
nologie (2), Französisch (2), Lateinisch (2), Rechnen (3), 
Schönschreiben (2) und Zeichnen in einer Ausdehnung 
behandelt wurden, dass der gesammte Lehrgang nur in 
drei Jahren völlig beendet werden konnte. Von dieser 
Schulgattung sagt Schmieder, dass sie früher weder 
der Sache, noch sogar dem Namen und der Idee nach 
vorhanden war, sondern erst neuerlich durch die fort- 
schreitende Kultur erzeugt und für die Hauptstädte 
Deutschlands unentbehrlich gemacht sei, da sie dem 
gebildeten Mittelstande — und zwar im gewerblichen 
wie im Beamtenleben — gewidmet sei. Da es damals 



4ß 

natürlich nur wenige für eine höhere Bürgerschule ganz 
geeignete Schulbücher gab, so wurde während des 
Vortrags die Disposition in jeder Stunde an einer Tafel 
angeschrieben und von den Schülern in ihr Systemheft, 
wie man heute sagen würde, eingetragen, wonach sie 
zu Hause ihre Wiederholungs-Aufsätze arbeiteten. In 
der Erdkunde wurde hauptsächlich Handels- und mathe- 
matische Geographie betrieben, Karten wurden während 
des Unterrichts mit Kreide vorgezeichnet, von den 
Schülern nachgezeichnet und zu Hause in's Beine ge- 
arbeitet. Der Geschichte, in welcher die vaterländische 
besonders betont wurde, folgte ein Vortrag der Mytho- 
logie. Auch hier finden wir Vorläufer der Jetztzeit in 
der Einrichtung, dass die Namen und Jahreszahlen an 
einer Tafel zur beständigen Ansicht und Rückweisung 
angeschrieben standen^ so lange der Lehrgang währte. 
Die Naturbeschreibung macht der Naturlehre Platz, 
nämlich der Physik, physikalischen Geographie und der 
physischen Anthropologie, welche das Gemeinnützige 
aus der Physiologie und Pathologie enthält und zu 
Gesundheitsregeln führt. In der Mathematik wird die 
Planimetrie beendet, und hierbei werden einige schöne 
Nachmittage freigegeben, um Längen- und Höhen- 
messungen auf dem Felde vorzunehmen; dann wird 
Stereometrie und die Mechanik in ihren Anfangsgründen 
getrieben, in der Technologie werden auch die nöthigen 
chemischen Kenntnisse gehörigen Orts beigebracht. Im 
Rechnen wurde besonders dahin gewirkt, dass die jungen 
Leute den Ansatz selbst finden, wozu aus der reinen 
Arithmetik die Lehre von den Proportionen behandelt 
wurde. Der Zeichenunterricht war mit demjenigen der 
Mittelklassen gemeinsam, da man die höheren Uebungen 
darin der Akademie der Künste überlassen konnte. 
Auch in dem französischen Unterrichte erkennt man mit 
Freude die Fühlung mit dem praktischen Leben, indem 



' 4? 

nach der eingehenden Wiederholung und beständigen 
Anwendung der grammatischen Regeln nach dem Lese- 
buche mit den Uebersetzungen in's Deutsche französische 
Ausarbeitungen abwechseln und zuweilen auch »eine 
Stunde französisch gesprochen« wird. Eine ganz eigen- 
thümliche und bemerkenswerthe Stellung nimmt im 
Lehrplane die lateinische Sprache als allgemein verbind- 
liches Fach ein, das eine Fortsetzung der Stunde in 
der Bürgerschule in erweitertem Maasse darstellt. 
»Unsere Schüler sollen und wollen nicht römische und 
griechische Schriftsteller lesen, wünschen aber wohl 
die vielen Ausdrücke zu verstehen, welche unsere Sprache 
aus der römischen und griechischen entlehnt. Diese 
werden ihnen daher nach dem Alphabet vorgeschrieben, 
abgeleitet und erläutert Der Nutzen davon ist vielfach. 
Theils vermeiden sie dann leichter fehlerhafte Schreib- 
arten, dergleichen man in Tagesblättern häufig findet 
und darum leicht für richtig halten könnte. Femer 
kommen sie nicht leicht in den Fall, sich durch falsche 
Anwendung solcher Ausdrücke lächerlich zu machen. 
Die Reinheit der Muttersprache gewinnt durch diese 
Lektion, wenn der Lehrer, wie er soll, auf die Entbehr- 
lichkeit der allermeisten Barbarismen aufmerksam macht, 
für welche wir eben so kurze und wohllautende deutsche 
Ausdrücke setzen können. Endlich ist diese Lektion 
ein vortreffliches Ergänzungsmittel für den ganzen 
Schulunterricht, indem sie nebenbei die Begriffe scheiden 
und berichtigen lehrt, auch sehr viele Gegenstände zur 
Sprache bringt, die ausserdem in keiner Lektion vor- 
kommen können und doch zur vollständigen Unter- 
weisung gehören. Die künftigen Apotheker, Chirurgen, 
Forstleute und andere, welche mehr Latein brauchen, 
finden in einer für die Realschüler ausschliesslich be- 
stimmten Privatstunde Gelegenheit zu weiteren Fort- 
schritten.« 



1 



48 

Aus dieser Debersicht der Lehrgegenstände eigiebt 
sich, dass die Schule in der karfürstlichen Zeit zwar 
in den Leistungen^ namentlich im Französischen, gegen 
früher etwas zurückgegangen ist, dass sie aber noch 
vollständig den Namen einer Realschule verdient, den 
ihre oberste Abtheilung ja auch trägt. 

Auch sehen wir in derselben, wenn wir auch ihre 
Einrichtung im Ganzen nicht billigen können, eine 
gesunde Methodik verfolgt. Die Anschauung wurde 
eifrig gepflegt und das Nachzeichnen in verschiedenen 
Unterrichtsgegenständen, auch hier und da Unterwei- 
sungen im Freien, betrieben; in der Naturbeschreibung 
wurde jeder durchgenommene Gegenstand in der Natur 
oder in guten Abbildungen, welche kopirt wurden, vor- 
gezeigt. Auch die Betreibung der französischen Sprache 
war dem Zwecke der Realschule entsprechend durchaus 
nicht beschränkt auf starre Einübung der grammatischen 
Formen, sondern führte die Schüler auch in das Sprechen 
und lebendige Bewusstsein der Sprache ein. Dass in 
damaliger Zeit auch schon einer richtigen Aussprache 
der Laute eine grosse Bedeutung beigelegt wurde, ent- 
nehmen wir dem Lehrplane der am 1. November 1812 
in Frankfurt errichteten Realschule, bi ihrer untersten 
Klasse sollte der Unterricht im Lesen beginnen mit der 
Bekanntmachung mit den Lauten der Sprache und 
Uebung der Sprachorgane, was als besonders wichtig 
betont wurde »wegen der gewöhnlich mitgebrachten 
fehlerhaften Aussprache und der Erleichterung der Recht- 
schreibekunst.« Auch wurden hier zum Unterrichte 
in der Grössenlehre schon Körper aus Pappe von den 
Schülern angefertigt. 

Die Realschule zu Kassel wollte künftigen Kauf- 
leuten, Fabrikanten, eigentlichen Künstlern, Apothekern 
und Chirurgen, Forstleuten, Jägern, Berg- und Hütten- 



49 

leuten, Oekonomen, Kassenführem, Post-, Zoll- und 
Polizeibeamten und Schreibern in den Gerichtsstellen 
zu ihrer Ausbildung dienen, auch Malern, Bildhauern 
und Baumeistern vor und neben dem Lehrgange der 
Akademie, dazu auch einigen Seminaristen. In den 
Abendstunden hat der Inspektor noch Vorträge gehalten 
über technische Chemie für Fabrikanten, Handelskunde 
für Kaufleute, Oekonomie für Landwirthe, Forstwissen- 
schaft für künftige Forstleute, auch über Bergbau- und 
Hüttenkunde, alles Lehrgegenstände, die vom Plane der 
Realschule ausgeschlossen bleiben mussten. 

Das Schulgeld betrug für die I. (Real-) Klasse 
9 Thlr., für die IL 8 Thlr., IE. 7 Thlr. und für die 
IV. (Vorbereitungs-) Klasse 6 Thlr. jährlich, das im 
dritten Monat jedes Vierteljahrs in der Schule einge- 
fordert wurde; für die Theilnahme am französischen 
Unterricht war dazu noch 1 Thlr. jährlich zu bezahlen. 
Die Lehrersöhne waren schulgeld&ei ; das Erlassquantum 
für diese und andere Freischüler betrug zusammen Vis 
der ganzen Einnahme. Die Gehälter der Lehrer wurden 
gegen die westphälische Zeit etwas verringert. Es er- 
hielt: Professor Suabedissen 630 Thlr., Dr. S c h m ie- 
d er 500 Thlr. (vom Herbst 1815 an als Inspektor 630 
Thlr.), Pfr. Hagemann 400 (später 430), Rechenlehrer 
Dörr 300 (360), der Lehrer der französischen Sprache 
Hodiesne 160 Thlr., der Schreiblehrer Weiss 125 
(155), der Gesanglehrer Grosheim 75 (100) Thlr. 

Jede Schulversäumniss der Zöglinge musste mög- 
lichst bald durch eine schriftliche Bescheinigung des 
Vaters entschuldigt werden ; wegen etwaiger Befreiungen 
von einzelnen Fächern, um deren möglichste Vermeidung 
ausdrücklich und wiederholt gebeten wurde, musste vom 
Vater eine schriftliche Aeusserung vorliegen. 

Ganz ausführlich war das System der Beurtheilung 
der Schüler geordnet, von der Schmieder in dem 

H. F. Bd. xviii. 4 



50 

Jahresberichte von 1818 »ausführlichere Nachricht über 
die Censnr der Bürgerschule zu Kassel« giebt. Jeder 
Lehrer führte in jeder Klasse eine Namenliste, in welcher 
er während der Lehrstunden Tadel- oder Lobzeichen 
einträgt. Diese Zeichen wurden je nach der Indivi- 
dualität des Schülers vermehrt. Am Ende jeder Woche 
wurden vermittelst des wöchentlichen Censurbuches die 
ürtheile der einzelnen Lehrer von den Hauptlehrern der 
Klasse eingefordert. In dasselbe wurden diejenigen 
Schüler eingetragen, welche eine gewisse Anzahl von 
Lob- oder Tadelzeichen erhalten hatten; beim Tadel 
wurde Betragen, Fleiss und Ordnung unterschieden. Der 
Hauptlehrer zog aus allen das Ergebniss und verwen- 
dete zu Anfang der neuen Woche eine halbe Stunde 
dazu, den Schülern die Censur ausführlich vorzutragen, 
auch wurde eine wöchentliche Versetzung vorgenommen, 
wobei weniger das Lob als der Tadel berücksichtigt 
wurde. Die oberste Klasse ist in drei Ordnungen ge- 
theilt, sodass in der ersten kein getadelter Schüler sich 
befinden darf; wer von den Realschülern sich in einer 
Woche von drei Lehrern Tadel zugezogen hat, wird 
mit Carcerstrafe belegt. Am Anfang jedes Monats fand 
durch den Schul-Inspektor in allen Klassen eine Revision 
der Censur statt. Ein Schüler, dessen Censur viel Tadel 
und gar kein Lob enthält, wird von allen seinen Mit- 
schülern dadurch abgesondert, d&ss man ihn mitten im 
Lehrzimmer niederknieen und dann nachsitzen lässt, 
eine etwas barbarische Einrichtung, über die sich er- 
klärlicher Weise ein späterer Lehrer beschwerte. Die 
besten Zeugnisse werden monatlich schriftlich den 
Schülern ausgefertigt, die schlechten dagegen durch den 
Pedellen an den Vater gesandt, der sie unterschrieben 
zurückzuschicken hat; in ganz schlimmen Fällen wird 
sogar eine tagliche Censur dem Vater zur Unterschrift 
zugestellt. Bei jeder öffentlichen Prüfung, die damals 



5t 

zn Michaelis und Ostern in sehr ausgedehntem Maasse 
abgehalten wurde, bekam jeder Schüler seine schriftliche 
Gensur und bei der Entlassung ein schriftliches Zeugniss 
über Betragen, Fleiss und Fortschritte. Später stellte 
Schm. drei Arten von Entlassungszeugnissen aus : 1) Zeug- 
niss der Reife; 2) Fleiss- und Sittenzeugnisse; 3) ein- 
fache Sittenzeugnisse, während schlechte Schüler keins 
erhielten. Die mit Zeugniss 1 oder 2 Abgegangenen 
wurden sofort vom Besuche der Handwerksschule befreit 
Dass diese gar zu weitgehende Beurtheilung der 
Schüler manche Schattenseiten hatte und besonders 
leicht dazu führte, einen ungesunden Ehrgeiz zu er- 
zeugen, darf trotz der Tüchtigkeit der sonstigen Ein- 
richtungen nicht verschwiegen werden, und so wird uns 
das Urtheil eines Mitglieds der Direktion, das selbst 
einen Sohn in „der sogenannten Realklasse'' hatte, 
vom Jahre 1818 ganz zutreffend erscheinen'**): »Ich 
danke im Stillen der Gottheit, dass sie uns dies In- 
stitut, welches vor 5 Jahren beinahe wieder einge- 
gangen war, segensvoll erhalten hat. In der ganzen 
Schule lebt ein Geist des Fleisses, der Zucht und Ord- 
nung unter den Augen der Lehrer, der Achtung und 
Zuneigung besonders gegen den ersten derselben, wie 
man ihn jeder Schule wünschen muss; und in dieser 
Hinsicht sind die Verdienste des Inspektors Schmieder 
nicht zu verkennen.« Aber er findet zu tadeln »das 
in der Schule auf den höchsten und künstlichsten Grad 
gesteigerte Censurwesen, wonach Lob und Tadel in er- 
regende Formen gegossen und arithmetisch berechnet 
als einziger Hebel alles Fleisses angewendet wird, der 
kräftigste Impuls für die Schüler geworden ist«, — 
»durch das, besonders bei den öffentlichen Prüfungen, 
verschwenderisch ertheilte Lob werden die Knaben ein- 



•) Akten der Direktion : Kons. Rath S. am 23. Nov. 1818. 

4* 



52 

gebildet und anmassend.« Aber noch andere Änsstel- 
Inngen werden gemacht : »In der ersten Klasse fehlt es 
an dem sittlich religiösen Sinne und überhaupt an 
moralisch religiöser Tendenz, es fehlt fast an allen 
Lehrbüchern, und die Lehrmethode ist der des akade- 
mischen Docenten ähnlich, sodass jeder fleissige Schüler 
täglich zu Hause 8 bis 10 Bogen ausarbeiten muss; 
es fehlt endlich die Anleitung zum schriftlichen Ge- 
dankenausdrucke und an der Weckung des Gefühls für 
das Schöne und Edle. Es wird keine kräftige Stelle 
aus irgend einem guten Schriftsteller, kein seelerhe- 
bendes Lied gelernt.« 

Diese Tadel mögen wohl z. Th. einseitig und 
theilweise etwas übertrieben gewesen sein, dass aber 
auf die religiöse Erziehung und Durchbildung der 
Schüler zu wenig Werth gelegt wurde, geht auch aus 
einer Aeusserung Schomburgs*), der doch sicher nicht 
zu den Freunden der in den 30er Jahren sich so 
breit machenden Idystiker, über die Schmieder später 
viel klagte, gerechnet werden kann. Dass aber sonst 
der Leiter der Schule ein praktisch tüchtiger Schul- 
mann von ausgebreiteten Kenntnissen und vortrefflicher 
Lehrgabe war, das wird nicht nur von der obigen Kri- 
tik, sondern auch besonders von anderen Zeitgenossen**) 
bezeugt, und das entnehmen wir mit Freude aus den 
für damalige Verhältnisse vorzüglichen Einrichtungen 
und dem darauf beruhenden anfänglichen Gedeihen der 
Anstalt. 

Denn diese blühte nach ihrer ' Neubegründung 
frisch auf und entwickelte sich zu immer grösserer 
Entfaltung. Das Publikum schenkte ihr immer mehr 

*) a, a. 0. S. 189. 

♦*) Eoffmeister in Neue Nekrologe der Deutschen. 1860, S. 
168. Sehomburg, Darstellung der städtischen Verwaltung zu Kassel 
1822 bis 1829. S. 89. 



53 

Vertrauen, und die Schülerzahl wuchs von Halbjahr zu 
Halbjahr^ so dass sie Ostern 1819 fast 400 betrug. 
Die Realklasse (das Lieblingskind Schmieders) allein 
hatte Ostern 1819 mit 56 Schülern den Punkt erreicht, 
auf welchem sie nach Massgabe der Bewohnerzahl von 
Kassel stehen bleiben kann; sie bedarf daher keiner 
Ausdehnung in mehrere Klassen*), was Schmieder später 
jedoch sehr lebhaft wünschte. Ihrer Natur nach soll 
und darf sie nicht alle Schüler aufnehmen, welche 
durch die Klassen der Bürgerschule gegangen sind, 
sondern nur eine Auswahl von jungen Leuten; denn 
sie ist ungefähr das, was man in lateinischen Schulen 
die Selecta nennt. In ihr soll aber nicht etwa irgend 
ein Fach erschöpft, und z. B. ein eigentlicher Mathe- 
matiker, Naturforscher oder Statistiker gebildet werden, 
vielmehr wird in einem Zeiträume von drei Jahren das 
Gemeinnützigste aus den praktischen Wissenschaften 
vorgetragen, um den jungen Leuten eine grössere Em- 
pfänglichkeit, eine schärfere Beobachtungskraft und ein 
lebhafteres Interesse für Wissenschaft und Kunst zu 
ertheilen, durch welche sie Anstelligkeit zu schwierigeren 
Geschäften erlangen. 

Und wie richtig der damalige Leiter der Anstalt 
die so gut erklärte Aufgabe einer Realschule auszu- 
führen beabsichtigte, das haben wir aus den oben mit- 
getheilten Uebersichten des Lehrstoffs ersehen, und das 
entnehmen wir ferner auch daraus, dass er schon im 
Jahre 1816 den reiferen Zöglingen der Realschule, ins- 
besondere denjenigen, welche sich der Handlung widmen 
wollten, Gelegenheit zum Unterrichte im Englischen 
gab, dadurch dass er den Sprachlehrer Fischer ver- 
anlasste, im Gebäude der Bürgerschule vier Stunden 
wöchentlich fortlaufenden Unterricht im Englischen zu 



^) Programm dor Bürgerschule zu Kassel von 1819. 



54 

ertheilen. Wie hoch stand demnach diese Bürger- 
schale damals über allen den Realschalen, die in dem 
Jahr 1838 and später in Hessen gegründet wurden! 

Natargemäss musste auch bald die Anzahl der 
Klassen vermehrt werden, da schon von Neujahr 1817 
an keine Aufnahme neuer Schüler mehr stattfinden konnte. 
Ostern 1817 wurde „vom Gewinne einer seit Jahren 
musterhaft geregelten Oekonomie^' die Einrichtung einer 
fünften Klasse möglich gemacht, deren Lehrstunden 
man unter die schon angestellten Lehrer vertheilte. 
Schon Johannis 1817 war auch diese Klasse überfüllt; 
da jedoch im Gebäude der Bürgerschule kein Raum zu 
einer neuen Klasse mehr vorhanden war und auch die 
Lehrer eine noch grössere Zahl von Lehrstunden nicht 
übernehmen konnten, so genehmigte der kurfürstliche 
Oberschulrath die Errichtung eines Nebeninstituts, welches 
als sechste Klasse mit der Bürgerschule in Verbindung 
stand und ebenfalls dem Schulinspektor Schmieder 
unterstellt wurde. Im November 1817 war auch dieses 
Institut mit 60 Schülern vollständig, füllte sich aber 
bis Ostern 1818 so an, dass nach Michaelis 1818 eine 
zweite Hilfsklasse der Yorbereitungsschule unter dem 
Namen der siebenten Klasse der Bürgerschule einge- 
richtet wurde. Jetzt wurden diese beiden Klassen 
auch unter die Oberaufsicht der kurfürstlichen Direktion 
der Bürgerschule gestellt, sie blieben jedoch, ökono- 
misch betrachtet, Privatinstitute, da sie sich selbst er- 
hielten, ohne von der Kasse der Bürgerschule den min- 
desten Zuschuss zu beziehen. Zu Ostern 1823 wurden 
sie mit der Schule verbunden, weshalb dem Inspektor 
126 Thlr. Gehalt zugelegt wurden '*'). Diese Klassen ent- 
wickelten sich recht bald zu Stufen, sodass der Kursus 
der 5., 6., 7. Klasse je einjährig für die Schüler des 6., 



*) Beschlnss des Ministeriums des looorn vom 29. März 1823. 



55 

7., 8. Lebensjahres bestimmt war, und somit eine heutige 
Vorschule entstand, die ebenso wie für die Bürgerschule, 
auch für das Lyceum vorbereitete. In dieser äusseren 
Verfassung finden wir unsere Schule noch bei der 
Herbstprüfung 1826. Der Realschule oder 1. Klasse 
folgte die eigentliche Bürgerschule mit der 2., 3. und 
4. Klasse und dieser die Vorbereitungsschule mit der 5., 
6., 7. Klasse. Der französische Unterricht begann schon 
in der 4. Klasse, also wie heute in den Realschulen 
mit dem zurückgelegten 9. Lebensjahre, und durch eine 
höhere Verordnung vom 29. Nov. 1818 war bestimmt 
worden, dass von Ostern 1819 an kein Schüler der 
Bürgerschule sich vom französischen Unterrichte aus- 
schliessen dürfe. 

Diese Einrichtung erklärt jedoch der Inspektor 
Schmieder für eine wichtige Ursache der von nun an 
fortdauernden Abnahme*) der Schülerzahl, und in der 
That wurde die Frequenz im Sommer 1819 um fast 
50 Zöglinge geringer. Schmieder war der Ansicht, 
dass sie auf persönliche Gründe hin von der Direktion 
empfohlen worden sei. Zugleich wurde nun der Lehrer 
der französischen Sprache in seinem Gehalte auf 150 
Thlr. von der Bürgerschule fixirt und eine geringe Er- 
höhung des Schulgeldes vorgenommen, sodass es in 
der L Klasse 10, in der 11. 9 und in den übrigen 8 
Thlr. jährlich betrug. Nach Ostern 1819, wo sich der 
Inspektor noch einmal ausführlich über die damalige 
Verfassung der Bürgerschule aussprach, sind keine Pro- 
gramme, sondern nur Ordnungen der öffentlichen Prü- 
fungen im Drucke erschienen**). 



*) Siehe das Verzeichniss der Sohülerzahl am Ende dieses 
Abschnitts, S. 71. 

**) sodass wir für die folgende Zeit fast nur auf Akten und 
zwar besonders der Kurf. St Soh. E. angewiesen sind, von denen 
die vom Jahre 1836 hervorragend wiohtig sind. 



58 

Im Jahre 1820 übernahm Cornelius Grimm das 
Phister'sche Privatinstitut, das nun besonders auch da- 
durch dem Besuche der Bürgerschule schadete, dass 
Grimm später Hauslehrer der Ortlep- (Gräfin Reichen- 
bach-)schen Kinder wurde. Auch hatte die Gründung 
von Handwerksschulen, die Michaelis 1816 durch 
Schmieder eingerichtet waren, und deren erste Äbthei- 
lung er selbst leitete, während auch andere Bürger- 
schullehrer an derselben Unterricht ertheilten *), in 
ihrem weiteren Verlaufe der Bürgerschule Abbruch 
gethan. 

Seit 1821 wurde zu dem Lehrplane der Elemen- 
tarschule (5. Klasse), anfänglich nur für Freiwillige, 
später für alle Schüler, der Unterricht in der lateinischen 
Sprache hinzugefügt, um eine bessere Vorbereitung für 
das Lyceum zu ermöglichen. Dies war auf Antrag 
Schmieders von der Lyceal-Direktion am 22. Dez. 1820 
gestattet worden, obwohl ein Mitglied dieser Behörde 
sehr dagegen war, weil Schmieder ja in seiner Schrift 
über die höhere Bürgerschule und in seinem Programm 
vom Jahre 1816 gründlich gezeigt hatte, dass die latei- 
nische Sprache nicht in die Bürgerschule gehöre, und weil 
ausserdem auch im Lyceum noch eine £lementarklasse 
angelegt werden sollte. Bald wurde der Latein-Unter- 
richt auf drei Klassen ausgedehnt, bis er dann 1824 
auf Veranlassung der Stadt-Schul-Kommission durch 
alle Klassen durchgeführt und in dieser Weise bis 1837 
beibehalten wurde. 

Auch eine wichtige äussere Veränderung trat 
um diese Zeit für die Bürgerschule ein. Durch aller- 
höchstes Reskript vom 10. Juni 1817 war verfügt 
worden »dass sämmtliche Lehr-, Schul- und Erziehungs- 



*) Nachricht voti der Eotstohung und Einrichtmig der Hand- 
werkssohule zu Kassel (Herbst) 1817. 



67 

anstalten der Residenz mit Ausnahme des Lyceoms, der 
Bürgerschule, der Waisenhaus- und Garnison-Schulen, 
welche unter ihren bisherigen Inspektoren blieben, der 
Aufsicht einer besonderen, dem Oberschulrath*) unter- 
geordneten Schulkommission unterworfen und zu Mit- 
gliedern derselben drei Prediger des reformirten, einer 
des lutherischen geistlichen Ministeriums und ein Lehrer 
der Bürgerschule bestimmt werden sollten.« Zugleich 
erfolgte auch die Ernennung der Mitglieder, darunter 
Schmieder, welche ihre Instruktion am 1. September 
vom Oberschulrathe empfingen. Zufolge allerhöchster 
Elntschliessung wurde jedoch (laut Beschluss des Mini- 
steriums des Innern vom 17. September 1823) statt 
der bisherigen Spezial-Schul-Kommission vom 1. Oktober 
1823 au eine der Provinzial - Regierung untergebene 
Stadt - Schul - Kommission aus: a. dem Metropolitan 
Asbrand, b. dem Bürgermeister der Residenzstadt 
Schomburg und c. dem Schul-Inspektor Professor **) 
Dr. Schmieder hierselbst gebildet und derselben die 
Aufsicht und Leitung aller hiesigen niederen Volks- 
schulen, einschliesslich der Bürgerschule, jedoch mit 
Ausschluss der Gamisonsschulen, übertragen. Diese Aen- 
derung hing mit der KraSt-Eggena'schen Organisation, 
die am 29. Juni 1821 bald nach dem Regierungsantritte 
des Kurfürsten Wilhelm IL, verordnet wurde, zusammen, 
derzufolge die Bürgerschule zu den Volksschulen gerech- 
net wurde. Bei dieser Trennung unserer Anstalt vom 
Lyceum erhielt die erstere die Hälfte des vorhandenen 
Kassenbestandes mit 919 Thlrn. 13 Albus 3 Heller und 
von dem 1814 verwilligten Staatszuschusse von 1600 



*) Hiosichtlich seiner Stellang ist zu vergleichen das Kurf. 
Regulativ vom 17. Februar 1818 und die dort angezogene höohste 
£nt8chlie88ung vom 23. August 1805 in den Landes-Ordnungen. 

**) Ernennung zum ausserordentliohen Professor durch den 
Eorforsten am 17. September 1823. 



58 

Thlrn. einen jährlichen Zuschnss von lOSO Thlm. ^ 
zugewiesen, welcher heute noch an die Realschule in 
der Hedwigsstrasse gezahlt wird. So stand nun die 
Bürgerschule von Michaelis 1823 an ganz auf eigenen 
— freilich sehr schwachen — Füssen; sie bestand 
aus 7 Klassen und im Ganzen 10 Lehrern. Es dürfte 
interessiren, die Rechnung des Jahres 1824 durch- 
zusehen : 

Einnahme: 

1) Beitrag aus der Eurf. Finanz- 
kammer-Kasse 1050 Thlr. — Alb. 

2) Schulgelder 2264 » 28 > 

3) Aus dem Stift St. Martini von 

einem Legate 15 » — » 

4) Aus der Handwerkschul-Kasse. 
Entschädigung für Heizung, Be- 
leuchtung, Kreide, Tinte . . 26 



Summa 


3345 Thlr. 


28 Alb. 


Aasgi 


ibe: 










1) Besoldungen .... 


3109 Thlr. 


7 Alb. 


IHIr. 


2) Brennmaterial .... 


95 




2 


> 


> 


3) Tinte, Oel, Kreide . . 


22 




13 


> 


4 > 


4) Prämienbücher, Druck- 












kosten ...... 


26 




5 


> 


4 > 


5) Administrations-Unkosten 


6 




— 


» 


— » 


6) Ausfall an Schulgeld . . 


1 




4 


» 




7) Auf besondere Verfügung 


9 






» 


— » 


8) An Separationskosten 


23 




2 


> 


> 


9) Insgemein 


52 




14 


> 


10 » 



Summa 3343 Thhr. 16 Alb. 7 Hb. 
Einnahme 3345 > 28 > — > 

Es blieb also übrig 2 Thlr. 11 Alb. 5 Hlr. 



*] durch YcrfüguQg des StaatHmimsteriums vom 17. März 1824. 



59 

Besol düngen: 

1) Inspektor Prof. Schmieder 630 Thlr. — Alb. — Hlr. 

2) Dems. für die Aufsicht 

über die 6. und 7. Klasse 125 » — » — » 

3) 2r Lehrer, Pfr. Holzapfel 450 » _ > _ , 

4) 3r > » Sallmann 350 » — > — » 

5) 4r » Dörr . . . 360 » — » — > 

6) 5r > Wi^and d. ä. 
für den Unterricht in der 

lateinischen Sprache . 75 » — > — > 

7) 6r Lehrer Heydenreich . 280 » — > — > 

8) 7r > Wiegand d. j. 220 > _ » _ » 

9) Franz. Sprachl. Hodiesne 150 » — > — > 

10) Gesanglehrer Grosheim . 100 » — > — » 

11) Schreiblehrer Weiss . . 210 > — » — » 

12) Pedell Adler .... 72 » _ » _ > 

13) Rechnungsfhr. 2 bzw. 3®/o 72 » 7 » 1 » 

14) Dems. für Sekretariat . 15 > — » — » 

Summa 3109 Thlr. 7 Alb. 1 Hlr. 

Aber schon im folgenden Jahre zeigte sich ein 
Fehlbetrag, und es entstand nun eine trübe Zeit für 
die Schule, in der sich fast alle Verhandlungen um 
Beschaffung der nöthigen Gelder drehten. Fast alle 
Reorganisationsentwürfe, an denen die folgende Zeit so 
reich ist, entstammten dieser traurigen Finanzlage ; denn 
bald war das kleine Kapital aufgezehrt. Im Jahre 1825 
blieben in der Kasse noch 739 Thlr. 15 Alb. 3 Hb:. 
Davon mussten für das Jahr 1826 entnommen werden 
381 Thlr. 23 Alb. 10 Hlr, worin eine Ausgabe für 
physikalische Instrumente im Betrage von 186 Thlr. 
22 Alb. 6 Hlr. enthalten war, und im Februar 1827 
zeigte der Rechnungsführer an, dass er kein Geld mehr 
habe. Auf Schomburg's Veranlassung war auch 1825 
für das Lyceum eine grössere Summe für naturwissen- 
schaftliche Lehrmittel verwandt worden. 



60 

Hierzu trat ferner noch ein Ausfall an Schulgeld^ 
wozu verschiedene Ursachen beitrugen, wie die Gründung 
von besonderen Judenschulen wegen der Verfolgungen 
in Frankfurt a. M. 1819 und an anderen Orten und 
dann wiederum die ehemalige Phister'sche Schule. Dem 
bisherigen Lehrer an der Bürgerschule, Pfr. Sali mann, 
wurde »die Direktion des Grimm'schen Instituts aller- 
gnädigst übertragen« um Neujahr 1827. Weil der zum 
Oberschulrathe erhobene Grimm sich ausschliesslich 
dem Unterrichte der gräflichen Kinder zu widmen hatte, 
so gab er die Leitung seiner Anstalt ab. Durch den 
plötzlichen Abgang Sallman'ns entstand jedoch im 
Unterrichtsbetriebe der Bürgerschule eine Stockung, 
viele Schüler folgten ihm auch, besonders da der »aus 
dem Kabinet« angestellte Nachfolger nach Schmieder's 
Ansicht für die Bürgerschule nicht recht passte. 

Auf einen ausführlichen Bericht vom 28. August 1826 
an die Regierung über die Verhältnisse der Anstalt mit 
der Bitte um Unterstützung war am 24. September die 
Nachricht angelangt, dass der Schulrath Sundheim 
von der Regierung beauftragt sei^ sich der Visitation 
der Bürgerschule zu unterziehen. Dies geschah auch, 
indessen scheint nichts Wichtiges darauf erfolgt zu 
sein. In dem Berichte der Stadt-Schul-Kommission an 
die Regierung wurde der Zweck und das Ziel der An- 
stalt noch in folgender Weise dargestellt: Sie zerfällt 
in die niedere und höhere Bürgerschule. Erstere bildet 
die Knaben theilweise so weit, als zur Erlernung der 
städtischen Gewerbe nöthig ist, theils bereitet sie die 
besseren Köpfe zur höheren Bürgerschule vor. Diese 
bezweckt im Allgemeinen die kunstwissenschaftliche 
Ausbildung derjenigen jungen Leute, welche in der 
Folge als Baumeister, Fabrikanten, Oekonomen, Kauf- 
leute, Berg- und Forstbeamte Führer und Rathgeber 
des Gewerbestandes werden sollen. 



61 

Die ünterrichtsgegenstände in der Elementarschule 
sind Lesen, Schreiben, Rechnen, deutsche Sprachlehre, 
Latein, Yerstandesübungen, Deklamiren und Singen ; in 
der niederen Bürgerschule (2., 3., 4. KI.) tritt dazu die 
französische Sprache, Religion, Natur- und Erdbe- 
schreibung, Geschichte, Grössenlehre (Lehre von den 
krummen Linien^ Flächenfiguren und Körpern) und 
Zeichnen. In der Realklasse finden wir Anwendung der 
Rechenkunst auf besondere Fälle des Geschäftslebens, 
wöchentliche deutsche Aufsätze und daneben tägliche 
Stilübungen in Ausarbeitung angehörter Vorträge, lateir 
nische, französische Sprache, Religion, Physik, physika- 
lische Geographie und Naturlehre des Menschen, Handels- 
und mathematische Geographie, Weltgeschichte und Ge- 
schichte von Kurhessen und zum Beschlüsse Mythologie, 
femer praktische Mathematik und zwar Messkunst 
(Longi-, Plani- und Stereometrie) und Mechanik (ge- 
bräuchlichste Maschinen), Technologie, d. h. Abhandlung 
der 100 wichtigsten chemischen und mechanischen 
Künste mit etwas Waarenkunde^ dann Zeichnen und 
zwar freies Handzeichnen und Zeichnen von Landkarten 
und Maschinen und endlich Gesaug. 

Man sieht, dass es ein überaus reichhaltiger Stoff 
war, der in einem dreijährigen Lehrgang erledigt werden 
musste, und man wird auch jetzt der Schule den Namen 
einer Realanstalt nicht absprechen können. Freilich 
erscheint in dem ausgeprägten Reallehrplan die Stellung 
des Lateinischen sicherlich überflüssig. Damals hatte 
das Ministerium übrigens die Absicht, die Realklasse 
von der Bürgerschule abzutrennen und als Staatsanstalt 
auszudehnen, aber es sah davon ab^ weil die Stadt- 
Schul-Kommission dann für den Bestand der niederen 
Bürgerschule fürchten zu müssen glaubte. 

Um nun mehr Geld zur Unterhaltung der Schule 
aufzubringen, begründete Schmieder am 1. April 1826 



62 

aasführlich einen Plan, nach dem jeder Inhaber einer 
Privatschule je nach der Ausdehnung derselben einen 
bestimmten Beitrag in die Kasse der Stadt-Schul-Eom- 
mission bezahlen sollte, worüber in der Kommission aus- 
führlich berathen wurde. Ferner wurde beantragt, den 
Burgerschullehrern Zulagen zu geben, da dieselben zur 
westphälischen Zeit mit Hoffnung auf Verbesserung 
angestellt waren, und die Lehrer des Lyceums bedeutende 
Zulagen vor zwei Jahren erhalten hatten, wofür die 
Privatstunden, die zu vielfachen Klagen Veranlassung 
gaben, wegfallen sollten; auch sollte die Grundlage zu 
einer Wittwenkasse gelegt werden, zu welcher alle 
Lehrer monatliche Beiträge zahlen müssten; endlich 
würde man aus den Zahlungen der Privatlehrer genügende 
Mittel gewinnen, um eine gewisse Summe für die Be- 
schaffung physikalischer Instrumente festzusetzen und 
auch die vermehrten Geschäfte des Kassenpersonals zu 
vergüten. Die Einnahmen von den Privat-Töchterschulen 
dürften für sich zu berechnen sein, um eine besondere 
Kasse für die demnächst endlich zu errichtende öffent- 
liche Töchter-Bürgerschule zu bilden. Diese Beiträge 
aber würden sich nach der Ansicht der Stadt-Schul- 
Kommission durch eine Ausdehnung des Ausschreibens*) 
des Staatsministeriums vom 31. December 1825 recht- 
fertigen lassen, in welchem bestimmt wird, dass zur 
Erhaltung der öffentlichen Land- oder Dorfschulen und 
zur Sicherstellung der Besoldung der Landschullehrer 
die Eltern in der Kommune vom 7. Jahre des Kindes 
an, wenn es auch die Schule nicht besucht, sondern 
bei anderen Unterricht empfängt, das herkömmliche 
Schulgeld in monatlichen Baten an den Ortserheber 
zahlen müssen. Auch bestimmte dasselbe Gesetz, dass 
das Schulgeld für gänzlich unvermögende Kinder aus 

*) SainmluDg von Gesetzen u. s. w. für Kurhessen. Febmar 
1825. Nr. VII. S. 42. 



63 

der Gemeindekasse bestritten werden soll, wenn dies 
ohne eine besondere Umlage auf die Gemeindeglieder 
thunlich ist, wovon Schmieder später der Stadt 
gegenüber Gebrauch machte *). Indessen ging das 
Ministerium auf diese Anträge nicht ein. 

Um nun dem im Jahre 1827 dringend gewordenen 
Nojthstande abzuhelfen, versuchte die St.-Sch.-K. die 
dritte Lehrerstelle, die unterdessen durch den plötz- 
lichen Abgang Sallmanns frei geworden war, und da- 
mit Jeine jKlasse einzuziehen. Als jedoch durch eine 
Ankündigung im Wochenblatte vom 14. Febr. 1829 
diese Hoffnung sich als illusorisch herausstellte, baten 
am 12. April 1827 Bürgermeister und Rath, die Er- 
nennung des überflüssigen Lehrers rückgängig zu 
machen. Die St-Sch.-K. jedoch beantragte, entweder 
der Bürgerschule als jährlichen Zuschuss den Gehalt 
des dritten Lehrers auszumitteln oder zu bewirken, dass 
er mit seinem Gehalte auf einen anderen Fonds ange- 
wiesen werde; freilich sei dann noch immer nicht an 
Erhöhung der Gehälter oder Gratifikationen für die 
Lehrer zu denken. Auf alle Eingaben verfügte indessen 
das Ministerium am 3. Mai, dass das diesjährige Deficit 
durch die hiesige Stadtkasse zu decken sei. Da der 
Magistrat der Uebernahme eines Fehlbetrags beharrlich 
widersprach, weil die Schule eine staatliche Gründung 
war und die Stadt keinerlei Rechte an dieselbe hatte, 
wurde endlich verfügt, dass die Stadtkasse vorläufig 
300 Thlr. zahlen sollte (7. Juli). In ähnlicher Weise 
wiederholten sich fast Jahr für Jahr die Anträge behufs 
Deckung des Fehlbetrags bis zum Jahre 1836. 

Vor 1827 hatte die Stadtkasse nur geringe Bei- 
träge für das Schulwesen zu leisten gehabt, nämlich 

*) Der Stadtrath beschloss auch am 7. August 1829, unter 
YerwahniDg jeder Konsequenz, das Schulgeld für bedürftige Schüler 
bis zu 175 Thalcr jährlich zu übernehmen. 



64 

einen unbedeutenden Zuschuss an das Lyceum, dann in 
letzter Zeit auch einen zur Partimschule und femer zur Er- 
haltung der von dem verstorbenen Kurfürsten gestifteten 
sechs Freischulen. Auch für das Jahr 1828 verfügte 
die Regierung, dass der angetragene Zuschuss aus der 
Staatiskasse nicht zu erwirken wäre, vielmehr die Stadt- 
kasse den Fehlbetrag einstweilen zu decken habe, er 
betrug 400 Thaler. unterdessen hatte sich der Be- 
such der Schule auf der absteigenden Linie weiter 
vorwärts bewegt; die Gewerbthätigkeit hatte abge- 
nommen, durch den neuen Organismus von 1823 war 
die Beamtenzahl vergrössert, darum wurden die Söhne 
mehr zum Studium bestimmt und das Lyceum mehr 
bevorzugt, ausserdem war die Partimschule, die bisher 
24 Zöglinge zählte, auf Antrag des Schulraths Sund- 
heim in eine Seminarfreischule ausgedehnt worden, 
deren Schülerzahl in wenigen Jahren auf 160 stiege 
und endlich wurde der Bürgerschule durch zahlreiche 
Konzessionen zu Privatschulen erheblicher Abbruch 
gethan. So konnte im Herbst 1829, als der dritte 
Lehrer versetzt worden war, eine Klasse eingezogen 
werden, was zur Folge hatte, dass in den Jahren 1829 
und 1830 ein Zuschuss nicht nöthig war. Im Jahre 
1831 musste die Stadt, besonders wegen einiger be- 
willigten Gratifikationen wieder 262Vs, 1832 dagegen 
nur 112 Thlr. beisteuern. Bald aber schwoll die Aus- 
gabe der Stadt bedeutend an, da die Ereignisse des 
Jahres 1830 nicht ohne Nachtheil auf die Schule geblieben 
waren, auch der Abgang der Kurfürstlichen Hofhaltung 
1831 seine Schatten darauf warf, weil ferner der Stadt- 
rath nicht umhin konnte^ mehreren Lehrern Zulagen 
zu bewilligen. Somit stieg der der Stadtkasse aufge- 
tragene Zuschuss im Jahre 1833 auf 245, 1834 auf 
550 und 1835 auf 600 Thaler, bis es im Jahre 1836 
dem Bürger-Ausschusse zu arg wurde, sodass er eine 



65 

Untersuchung dadurch veranlasste, dass er aus dem 
Wachsen des Fehlbetrags auf eine Verminderung de& 
Vertrauens der Eltern zu der Bürgerschule schliessen 
zu müssen glaubte. 

Nach einem Ministerialbeschlusse vom 9. November 
1832 sollte schon die Regierung, da die Verbesserung des 
Lyceums und die Einrichtung der höherenGewerbe- 
schule, die in Kassel am 3. Dezember d. J. eröffnet 
wurde, zur Verbesserung auch der Bürgerschule und zur 
Herstellung eines angemessenen Verhältnisses der letz- 
teren zu jener aufforderte, die vorhandenen Freischulen 
dem Bedürfnisse nicht genügend abhalfen, auch der 
gänzliche Mangel einer öffentlichen Mädchenschule nicht 
femer bestehen bleiben konnte, das gesammte Volks- 
schulwesen in der Residenz einer umfassenden Prüfung 
unterwerfen und einen Plan zu dessen vollständiger, 
in einander greifender Einrichtung bearbeiten^ womit 
die Regierung den Schulreferenten, Schulrath Sund- 
heim beauftragte. 

Vielleicht werde die Stadt — so schreibt am 
10. Dezember 1832 der einstweilige Vorstand des Mini- 
steriums des Innern Hassenpflug, — deren Schul- 
wesen einer Vervollständigung und Verbesserung sehr 
bedürfe, an die Errichtung eines neuen Schulgebäudes 
zu denken haben und dazu einen geeigneten Platz schwer 
zu beschaffen im Stande sein^ sodass die Ueberlassung 
des Hallengebäudes mit dem Baugrunde zu einem, mit 
Rücksicht auf die Last des Staates, das Lokal für die 
Bürgerschule zu stellen, zu bestimmenden Kaufpreise 
ihr sehr erwünscht sein würde. Das Hallengebäude 
war nämlich im Laufe der Zeit recht baufällig geworden, 
sodass zu Anfang 1833 die Ober-Baudirektion wegen 
miethweiser Beschaffung eines Lokales für die Bürger- 
schule an die Regierung schrieb, und Schmieder im 
März und im Dezember desselben Jahres auf eine bal- 

N. F. Bd. XVIIT. 5 



B6 

Alge Lokalveränderung hoffte ; aber noch einige Jahre 
masste man mit den alten Räumen auskommen. 

Die vorgesetzte Behörde der Bürgerschule war seit 
Herbst 1823 die Kurfürstliche Stadt-Schul-Kommission, 
in deren Besetzung eine Veränderung nothwendig ge- 
worden war, da der Metropolitan Asbrand im No- 
vember 1830 gestorben war. An seine Stelle wurde 
der lutherische Prediger Lang berufen, der für die 
ihm übertragene Spezial-Inspektion über die sechs Frei- 
schulen der Residenz von der Stadt von 1834 an 
50 Thlr. bewilligt erhielt. 

Die Stadtr-Schul-Kommission stand unter der Pro- 
vinzial-Regierung. Von 1826 bis 1831 führte der zum 
Professor der Pädagogik ernannte Schulrath und spätere 
Oberschulrath Romelius Grimm, zunächst unter den 
unmittelbaren allerhöchsten Befehlen Sr. Rönigl. Hoheit 
des Kurfürsten, dann seit 1829 unmittelbar unter den 
höchsten Behörden, eine spezielle Aufsicht über alle 
Schulanstalten*). Als dieser jedoch am 10. März 1831 
dem Kurförsten auf die Schlösser bei Hanau gefolgt 
war, und in der Folge der Kurprinz zum Mitregenten 
und einstweiligen Alleinherrscher ernannt worden war, 
trat die Regierung wieder in ihre Rechte. Die oberste 
Schulbehörde bildete, wie seit langer Zeit, das Mini- 
sterium des Innern, die Anstellung der Lehrer erfolgte 
meist auf den Vorschlag dieser Behörden durch den 
Kurförsten, die Vereidigung durch die Regierung. 

In den Ferien der Schule wurde 1829 von der 
Stadt-Schul-Kommission eine Veränderung festgesetzt ; 
früher gab es 3 Wochen zu Ostern, 1 Woche zu Pfingsten, 
2 zu Brunnenferien, 3 zu Michaelis und 2 zu Weih- 
nachten — mit den im Sommer freigegebenen Nach- 



*) Eurhessischer Staats- und Adress-Ealender. Von Grimmas 
Thj&tigkeit habe ich in den Aicten wenig gefunden. 



6^ 

mittagen beinahe ein Vierteljahr (ungefähr in der jetzigen 
Ausdehnung); nun aber wurden sie auf Schmieder's 
Antrag auf die Hälfte herabgesetzt, auch in der Weise, 
dass die Brunnenferien in freie Nachmittage verwandelt 
wurden. 

Zur Aneiferung wurden den besten Schülern Prä- 
mien verlieben, die anfänglich in guten Büchern, vom 
Jahre 1832 aber in sogenannten Brabeonen bestanden. 
Diese Medaillen *) hatten auf dem Averse einen Lorbeer- 
kranz mit einer Schleife, in dem sich die Worte : DIE 
BÜRGERT I SCHULE | ZU | CASSEL befanden, während 
ihr Revers auf einer Tischplatte eine Erdkugel, ein 
Tintefass, einen Ferntubus, Massstab, mehrere Bücher, 
Noten und Landkarten zeigte ; auf einem aufgeschlagenen 
Buche standen die Buchstaben BS (Biblia Sacra)^ am 
Tischrande der Name des Verfertigers des Stempels G. 
KAÜPERT, und die Umschrift lautete : FÜR BEWIE- 
SENEN FLEISS. Aehnliche Medaillen wurden 1834 auch 
für die unter demselben Inspektor stehende Handwerks- 
schule zu Kassel geprägt. Ueberhaupt war Schmieder 
ein bedeutender Numismatiker, von dem auch die Erfindung 
der Medaille **) zur 300jährigen Jubelfeier der Marburger 
Universität im Jahre 1827 und die Angabe der Avers- 
umschrift herrührte, während der Verfasser der Revers- 
umschrift der Rektor des Lyceums in Kassel, Professor 
Dr. Caesar, war. 

Behufs bequemer Uebersicht über den damaligen 
Zustand unserer Anstalt und ihre Entwicklung ist dem 
Schlüsse dieses Abschnittes der Stundenplan im Sommer- 
Halbjahre 1836 und ein Verzeichniss der Schülerzahl 
in den einzelnen Klassen von Ostern 1815 an bis 
Michaelis 1836 (einschl.) beigefügt. 

*) Hofffneister, a. a. 0. S. 203. - **) Ebenda, 8. 147. 

5* 



68 

Als im Jahre 1831 die Verfassung in Hessen zn 
Stande gekommen war, nahm sich der Landtag anch 
besonders des Unterrichtswesens an. 

Eine reiche Thäiigkeit entfaltete sich auf diesem 
Gebiete in den 30er Jahren in Kurhessen. So wurden 
der Universität in Marburg 12000 Thaler,*) als jähr- 
licher Zuschuss überwiesen und ihre Verhältnisse ge- 
regelt, die Handwerksschulen verbessert, 15000 Thaler 
jährlich zur Erhöhung der Volksschullehrer-Gehalte ver- 
wendet und in Kassel eine höhere Gewerbeschule ge- 
gründet. Femer wurden durch eine besondere Schul- 
kommission (Konsistorialrath und Direktor Wiss aus 
Rinteln, Schulrath Sundheim, Seminar - Inspektor 
Vogt zu Kassel und Gymnasiallehrer Vilmar) die 
Verhältnisse der Gymnasien untersucht und neu geregelt. 

Im Jahre 1831 hatte die Lycealdirektion um einen 
Zuschuss gebeten, wurde aber abgewiesen, da der Staat 
beabsichtigte, das Lyceum in eine Staatsanstalt zu ver- 
wandeln. Hiermit war jedoch die Stadt nicht einver- 
standen, und so brach endlich das Ministerium die 
langwierigen Verhandlungen ab, gründete '^j am 11. Mai 
1835 in Kassel ein neues staatliches Gymnasium und 
schraubte das Lyceum auf eine lateinische Stadtschule 
mit den drei unteren Klassen Sexta, Quinta, Quarta 
zurück ***). Hierüber entstand ein unerquicklicher Streit 
zwischen Staat und Stadt. Das Gebäude des Lyceums 
hatte der Kurfürst schon im Jahre 1814 für sich er- 
werben und dafür der Stadt das damals zur Schule 
dienende (von Malsburg'sche) Gebäude und ein Kapital 
von 3000 Thalern geben wollen, worauf indessen die 
Stadt nicht einging. Die im Lyceums-Gebäude damals 
nöthigen Reparaturen, angeschlagen zu 1116 Thlr. 23 

*) Landtagsabschied vom 31. Oktober 1833. §. 5, 5. 
♦♦) auf höchsten Besohlnss vom 29. Oktober 1834. 
***) Nachricht davon vom Ministerium an Stadtrath und Lyceal- 
direktion vom 3. Dezember 1834. 



69 

Alb. 9 Hlr., sollten von der Stadt bezahlt werden, was 
jedoch nicht geschehen ist. 

Endlich wurde im September 1835 auch das Schul- 
lehrer-Seminar von Kassel mit bedeutenden Kosten 
nach Homberg verlegt. Dies Seminar war durch Ministerial- 
beschluss vom 25. März 1822 in ökonomischer Hinsicht 
am 1. Oktober vom Lyceum wieder getrennt und dem- 
selben neben seinem unzweifelhaften Eigenthume an 
Gebäuden, Geräthschaften, Büchern überwiesen worden : 
1) sein bereits abgesondertes Kapital von 1145 Thaler 
8 gGr. ; 2) aus der Lyceumskasse ein jährlicher Bei- 
trag von 800 Thalern^ monatlich zahlbar; 3) der an 
seinen Hof grenzende, seither mit dem Lyceum gemein- 
schaftliche Garten bis zu einer von der Mauer am 
Garten des Nachbarhauses in gerader Linie nach dem 
Garten des geheimen Kanzleigebäudes fortzusetzenden 
Mauer. Gegen 2) und 3) wandte sich die Direktion des 
Lyceums und der Bürgermeister und Rath der Stadt. 
Diesen versicherte am 30. September 1822 das Mini- 
sterium, dass dadurch die Gerechtsame, welche der 
Stadt zustehen, auf keine Weise beeinträchtigt seien. 
Inspektor des Seminars war der spätere Schulrath 
Vogt und von 1833 an Baumann. Auf die Bitte 
der Stadtbehörde um Aushändigung der Schlüssel zum 
Seminargebäude kam der ministerielle Bescheid vom 
31. Okt. 1835, es solle bis zu anderweiter Verfügung 
und lediglich als einstweilige freiwillige Unterstützung 
für das städtische Schulwesen dahier gestattet werden, 
dass die Partimschule in dem bisherigen Seminargebäude 
die für sie erforderlichen Dnterrichtszimmer eingeräumt 
erhielt. Die üeberweisung dieser Zimmer an die Stadt- 
Schul-K. geschah durch den Ober-Baumeister Engel- 
hard im Auftrage des Ministers im Beisein der Stadträthe 
Pfarrer Jäger und Weissbindermeister Müller am 
20. November d. J. 



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72 



Dritter Abschnitt 



Gründung von Realklassen in Eaasel und in 

Eurhessen überhaupt. 



Die Bürgerschule hatte nan schon fast 24 Jahre 
bestanden, aber ihre Wirksamkeit war nicht mehr die- 
selbe, durch die sie anfanglich so viel Segen in Kassel 
gestiftet hatte. Sie war mit ihren Lehrern und ihrem 
Gebäude alt geworden; von Jahr zu Jahr hatte sich 
ihr Besuch gemindert, und damit war jährlich der Fehl- 
betrag, dessen Deckung der Stadtkasse aufgetragen 
wurde, von 1827 an so gewachsen, dass er im Jahre 
1836 fast 700 Thaler betrug. Freilich ist dabei zu 
berücksichtigen, dass unterdessen 22ö Thaler jährliche 
Zulagen an die Lehrer von der Stadt bewilligt, und dass 
seit 1831 jährlich im Durchschnitt 250 Thaler Schul- 
geld an arme Bürgersöhne erlassen waren. Soviel ist 
jedoch sicher, dass die Anstalt in ihren Leistungen 
wesentlich zurückgegangen war; und dass dem so sein 
musste, zeigt ein Blick auf den Stundenplan, der ohne 
Frage zu vielerlei enthielt: Schon die Elementarklasse 
hatte statt der ursprünglichen 4 nach und nach 9 Lehr- 
gegenstände aufgenommen; in der IV. Klasse herrschte 
das seltsame Missverhältniss, dass 6 lateinischen nur 
2 deutsche Stunden gegenüber standen. Es kann uns 
deshalb nicht Wunder nehmen^ dass allgemeine Unzu- 
friedenheit sich zeigte. »Das wissen wir, dass unsere 
Bürgerschule nichts taugt«, schreibt daher ein Kasseler 
Blatt*) bei Besprechung der Ausgaben der Stadt für 
den öffentlichen Unterricht in der Höhe von 2040 Thlr. 
9 gGr. 12 Hb. 



*) Beobachter oder Kasseler Blätter für Geist und Herz vom 
8. Juli 1836. 



73 

Schon hatte die Stadt -Schul -Kommission und 
auch die Regierung die Deherzeugung gewonnen, däss 
das städtische Schulwesen zu Kassel bis auf den Tod 
erkrankt war. Fragen wir uns, wie dies möglich war, 
da doch die Bürgerschule im Anfange so segensreich 
gewirkt hat, so müssen wir doch wohl auch dem Schul- 
Inspektor Schmieder einige Schuld daran beimessen. 
Er war sicher ein ausserordentlich kenntnissreicher und 
ein tüchtiger Schulmann, aber er hatte von dem Wesen 
der Realschule seine vorgefasste Meinung und trug den 
gegebenen Verhältnissen zu wenig Rechnung. Er dachte 
sich nämlich die Realschule als eine Art kleiner popu- 
lärer Akademie und richtete danach seine Lehrweise 
ein, indem er Vorträge hielt und diese von den Schiüern 
ausarbeiten liess, obwohl doch sicher Knaben von 13 
bis 16 Jahren für diese Unterrichtsart noch nicht reif 
sind. Nur hierdurch ist es zu erklären, dass die Schüler 
seiner Realklasse sich für die höhere Gewerbeschule nicht 
genügend vorbereitet erwiesen. Die Hauptschuld lag je- 
doch sicher in den ungünstigen Zeitumständen, die wir 
kennen gelernt haben, wie ja das Lyceum damals eben- 
falls einen Schülerbestand von kaum 200 aufwies. 

Ausser dieser Bürgerschule bestanden 1836 in 
Kassel nur noch die verschiedenen Freischulen und das 
neu gegründete staatliche Gymnasium an öffentlichen 
Unterrichts-Anstalten. Denn das Lyceum kam in der 
1835 vorgeschriebenen Form als Progymnasium bis 
Quarta nicht zu Stande, obwohl das Ministerium Per- 
sonal-Veränderungen in der Lyceal- Direktion vorge- 
nommen und am 4. Mai 1836 sogar einen vorläufigen 
Lehr^ und Stundenplan vorgeschrieben hatte, nach 
welchem in der oberen Klasse 31, in der mittleren 29 
und in der unteren 28 Stunden in der Woche ertheilt 
werden sollten. Darum musste sich auch das Gymna- 



74 

sium auf die anteren Klassen ausdehnen, wozu es ein- 
zelner Zimmer des Lyceumsgebäudes bedurfte. 

Hiernach war ako ein Eingreifen in diese An- 
gelegenheiten durchaus angebracht, üeberhaupt ist in 
der ersten Äera Hassenpflug viel für das Schulwesen 
geleistet worden, besonders auch auf Betreiben des 
Landtages; so wurden im ganzen Lande Realschulen 
bezw. -Klassen mit staatlicher Unterstützung eingerichtet. 
Allerdings ging man bei diesen Reformen manchmal 
rücksichtslos vor, sodass die Stadt sich öfter zum Be- 
schreiten des Rechtswegs veranlasst sah. 

Von mehreren Seiten wurde nun im Jahre 1836 
der Versuch einer Verbesserung des Kasseler Schulwesens 
in Angriff genommen. Zunächst hatte der Bürger- 
Ausschuss, als er um die Bewilligung eines Zuschusses 
aus der Stadtkasse von 744 Thlr. 10 gGr. für die 
Bürgerschule angegangen wurde^ in seiner Sitzung vom 
29. März von der Verminderung der Einnahme an Schul- 
geld auf ein vermindertes Zutrauen geschlossen, welches 
die Eltern jener Anstalt schenkten. Auch erschiene es 
dem Recht und der Billigkeit entsprechend, dass den 
Behörden, welche für Schaffung der Mittel zu sorgen 
haben, auch zustehe, dahin zu wirken, dass die Anstalt 
den Grad von Vollkommenheit erreiche, der geeignet 
sei, das Zutrauen der Eltern mehr zu gewinnen und zu 
fesseln. Dies veranlasste die Stadt-Schul-Kommission 
zu eingehender Untersuchung der Sachlage und den 
Inspektor der Bürgerschule zu einem ausführlichen Be- 
richte über die Entwicklung der Schule. Letzterer 
kommt zu der üeberzeugung, dass auch der Lehrplan 
geändert und zwar dem ursprünglichen genäliert werden 
müsse, er schlägt vor, an allgemein verbindlichem Unter- 
richte aufzunehmen: 



75 

in der in der in der 

Elamantarschula : BOrgarechula : Raalklaasa : 

Lesen in jeder Klasse Religion . . • 2 St. Religion ... 3 St. 

wenigstens 12 St. Deutech . . • 4 „ Deutsoh . . . 4 ^ 

Schreiben . . 6 „ Geographie . . 4 , Geographie . . 2 „ 

Reohnen . . 6 ^ Geschichte . . 2 ^ Geschichte . . 2 « 

Denkübungen 4 ^ Natorbeschrbg. 2 , Natoriehre . . 2 , 

räamLGrössenl. 2 ^ Mathematik . 4 , 

Rechnen. . . 6 ^ Gewerbekande 2 , 

Schönschreiben 4 ^ Rechnen. . . 4 , 

Schönschreiben 3 ^ 

also in allen Klassen 26 Stunden and zwar an allen 
Wochentagen von 8 bis 11 Dhr Vormittags und (mit 
Ausnahme des Mittwoch und Sonnabend) von 2 bis 
4 Uhr Nachmittags. Andere Lehrgegenstände, welche 
nicht allen gleich nothwendig sind, werden als ausser- 
ordentliche Lektionen in den Stunden 11 bis 12, 1 bis 
2 und 4 bis 5 gegeben, nämlich Latein, Französisch, 
Englisch, Zeichnen und Singen. Als ein grosses Be- 
dürfniss stellt er femer noch hin die Einrichtung einer 
täglichen Nacharbeitsstunde unter Aufsicht eines Lehrers. 
Femer beantragt er: 

L die Regierung zu bitten, beim Ministerium sich 
zu verwenden, dass die Realschule abgetrennt, in das 
Lyceumsgebäude und dessen Fonds gesetzt und unter 
der Benennung »Lyceum« mit Erweiterung des Lehr- 
planes auf drei Klassen ausgedehnt wird, 

II. die Staatsregierung zu bitten, der Bürgerschule 
statt des jetzigen (baufälligen) Gebäudes das leerstehende 
Seminargebäude zu überlassen. Durch den Rinteln- 
sehen Fonds, das Schulgeld und einen jährlichen Zu- 
schuss der Stadtkasse würde die Subsistenz der niederen 
Bürgerschule mit der Elementarschule hinreichend ge- 
sichert sein. Vielleicht könnte die Partimschule, mit 
welcher der Stadtrath neuerdings eine Ausgabe von 
600 bis 800 Thlrn. übernommen habe, gegen Versiche- 
rung eines billigen Zuschusses mit der niederen Bürger- 
schule vereinigt werden. Dagegen würde die zwangs- 



76 

weise Einführung von Entlassungsprüfongen den Besuch 
der Schule noch mehr schädigen^ da die Eaufleute und 
Gewerbetreibenden darauf nichts geben und die Privat- 
schulen keine Prüfung einzuführen haben würden. 

Nach Abschluss der Untersuchung der Verhältnisse 
der Bürgerschule theilte die Stadt-Schul-Kommission 
dem Stadtrathe und Bürger-Ausschusse das Ergebniss 
mit: Die Ursache der geringen Frequenz der Bürger- 
schule ist nicht in einem verminderten Vertrauen zu 
suchen, sondern theils in der aus dem Mangel anderer 
ähnlichen öffentlichen Lehranstalten hervorgehenden 
Nothwendigkeit, drei verschiedene Schulen — nämlich 
eine Elementar-, eine Bürger- und eine Realschule — 
in einer einzigen vereinigen zu müssen, theils in äusseren, 
zufälligen^ der Anstalt nicht zum Vorwurfe gereichenden 
umständen, theils endlich in der grossen Zahl nach 
und nach dahier entstandener Privatschulen zu suchen. 
Die bedeutenden Zuschüsse der Stadt sind eine Folge 
der von dem früheren Stadtrathe einzelnen Lehrern der 
Bürgerschule bewilligten Gehaltszulagen sowie der ver- 
mehrten Zahl ihrer Freischüler. Hierzu bemerkte sie 
noch, dass sicheren Anzeichen zufolge die Regierung 
auf eine neue Organisation der Stadtschulen der Residenz 
ernstlich bedacht sei, und dass sie selbst unter Um- 
ständen ebenfalls gesonnen wäre, den Anstoss dazu zu 
geben. Auch verlautete, dass die Regierung die Grün- 
dung eines Realgymnasiums als Staatsanstalt beab- 
sichtigte. 

Unterdessen hatte die Stadt unter den früheren 
Vorbehalten einstweilen 644 Thlr. für die Bürgerschul- 
kasse bewilligt. 

Wirklich hatte auch die Regierung in Verfolg des 
Ministerialbeschlusses vom 9. November 1832 die Ver- 
besserung des Kasseler Schulwesens nicht aus den Augen 
gelassen und verlangte am 16. Januar 1836 zur Fest- 



77 

stellang des Bedürfnisses von der Stadt*Schul-Eommission, 
zu welcher aasser den bisherigen drei Mitgliedern (Kon- 
sistorialrath Lang, Professor Dr. Schmieder, Oberbürger- 
meister Schombnrg) nach einem Ministerialbeschlnss vom 
11. März 1836 durch höchste Entschliessung noch der 
Pfarrer Jäger und der Bibliothekar Dr. Bernhard i, 
und zwar beide auf so lange, als sie Mitglieder des 
Stadtrathes, bezw. des Bürger-Ausschusses, waren, ferner 
der Dekan Münscher, der Hof prediger A s b r a n d und 
der katholische Pfarrer und Land-Dechant Schreiner 
als Mitglieder bestellt wurden: 

1) die ungefähre Anzahl der hier vorhandenen 
schulpflichtigen Kinder (vom zurückgelegten 6. bis zum 
14. Lebensjahre) zu ermitteln, 

2) festzustellen, wieviel hiesige Kinder im schul- 
pflichtigen Alter hiesige öffentliche Schulen besuchen, 
namentlich 

a. die 6 Klassen der Bürgerschule, 

b. » 6 > » Untemeustädter Freischulen (4 

für Knaben, 2 für Mädchen), 

c. > 3 » » Obemeustädter Knaben-Prei- 

schule (Partimschule), 

d. die 2 Klassen der Gamisons-Freischule (1 für Kna- 

ben und 1 für Mädchen), 

e. » 2 > > katholischen Schule (gemischte 

Schulklassen), 

f. » 3 » » israelitisch. Schule (3 f. Knaben), 

g. » 3 > » reformirten Waisenhauses (ge- 

mischte Klassen), 
h. das von Frankenberg'sche lutherische Waisenhaus, 
i. die höhere Gewerbeschule (namentlich deren un- 
terste Klasse), 
k. das Gymnasium (namentlich die Klassen VI bis IIlj. 
Der Privatschulen-Inspektion, welche im Jahre 1830 
aus dem Archidiakonus Staubesand, Pfarrer W i Ic k e, 



78 

Lehrer am Lycenm Dr. B r a u n s^ an dessen Stelle später 
der Pfarrer Zülch trat, nnd dem Lehrer an der Bürger- 
schale Dr. Holzapfel, den nach seinem Tode sein 
Nachfolger im Hanptamte, Pfarrer Collmann, ersetzte, 
gebildet worden war, wurde zugleich aufgegeben, zu 
berichten: 1) wie viele Kinder in sämmtlichen hiesigen 
Privatschulen Unterricht erhielten, und 2) wie viel in 
den einzelnen Klassen dieser Schulen an Schulgeld ent- 
richtet wurde. Uebrigens wurde diese Behörde durch 
Regierungsbeschluss vom 16. April 1838 wieder auf- 
gelöst, indem sie ihre Akten an die Stadt -Schul-Kom- 
mission abzugeben hatte. 

Auf Grund des eingegangenen Materials, das einen 
Bestand von ungefähr 3500 schulpflichtigen Kindern 
ergab, von denen 1378 in öffentlichen, ungefähr 1900 in 
legitimirten Privat- und Winkelschulen, bezw. von Haus- 
lehrern unterrichtet wurden, während ungefähr 222 Kinder 
keinen oder doch keinen regelmässigen Unterricht ge- 
nossen, hielt die Begierung für nöthig: 1) Freischulen, 
14 Klassen (je 7 für Knaben und Mädchen), die mit 
Ausschluss der Garnisonsschule in 2 Schulen zu formen 
sind ; 2) 3 Bürgerschulen, jede mit 4 Knaben- und 4 
Mädchenklassen, und 3) 2 höhere Bürgerschulen, je eine 
für Knaben und Mädchen, letztere mit 3 ein- und 3 
zweijährigen Klassen, jene dagegen mit einer 3jährigen 
Elementarklasse, dann fünf einjährigen und einer Real- 
klasse, die sowohl für das Leben als auch für die 
höhere Gewerbeschule vorbereiten sollte. 

Diese Einrichtungen würden der Stadt einen Kosten- 
zuschuss von mindestens 4500 Thalern ohne Berech- 
nung der Frei- und Privatschüler und Anrechnung even- 
tueller Parallelklassen, Pensionirung von Lehrern, sowie 
femer eine allmähliche Beschaffung der sieben nöthigen 
Schulhäuser auferlegen. 



19 

Auf den Einwand des Stadtraths, dass ihm die 
Anfstellang der Rechnung zu ungenau scheine, dass 
man femer vorher die Bechtsverhältnisse der Gemeinde- 
Behörden zu den Schulen, insbesondere hinsichtlich der 
Besetzung der Lehrerstellen, der Pensionirungen und die 
Mitwirkung bei der Leitung und Aufsicht festgesetzt 
und endlich auch den Streit wegen des Lyceums bei- 
gelegt zu sehen wünsche, ging das Ministerium nicht 
ein, verfügte vielmehr im weiteren Verlaufe des Streits 
Geldstrafe gegen den Oberbürgermeister, bis dasselbe 
dann am 9. November 1839, nachdem die Stadt eine 
Klage bei Gericht angestrengt hatte^ die Regierungs- 
beschlüsse zurückziehen Hess. 

unterdessen hatte die Stadtschulkommission es 
sich angelegen sein lassen^ einen Plan auszuarbeiten, 
der leichter verwirklicht werden konnte. Diesem lag 
ein Entwurf Dr. Bernhard i's zu Grunde, der eine 
höhere und eine mittlere Bürgerschule schaffen wollte. 
Diese Einrichtung, die nach der angestellten Berech- 
nung der Stadtkasse einen Zuschuss von 1768 Thalern 
verursachte, wurde Ende 1837 eingereicht, vom Mini- 
sterium am 21. Dezember 1837 im Allgemeinen gut- 
geheissen und von der Regierung nach einigen Ab- 
änderungen am 31. Januar 1838 genehmigt; auch der 
Stadtrath und der Bürgerausschuss gaben dazu ihre 
Zustimmung. Aber der Verwirklichung stellten sich 
noch erhebliche Schwierigkeiten in den Weg. 

Femer beantragte dieselbe Behörde, die unterdessen 
nach Ausscheiden des Dekans Münscher um Pfarrer 
Wilcke und Co 11 mann vermehrt worden war, am 
7. Juni 1838 die Anstellung eines Schulmanns als 
Schulinspektor aller hiesigen Frei- und Privatschulen, 
worauf indessen das Ministerium sich nur unter der 
Bedingung einlassen wollte, dass ^e Besoldung des 



80 

städtischen Schalinspektors aas stadtischen Fonds be- 
stritten würde. 

So sehen wir sowohl in der St.-Sch.-K. wie in der 
Regierang eine rege Thätigkeit entfaltet, die freilich 
zar Zeit noch keine sichtbaren Ergebnisse aafzaweisen 
hatte. Während dieser Yerhandlangen hatte das Mini- 
sterium des Innern praktisch eingegriffen und zwar auf 
einen Bericht der Direktion der höheren Gewerbeschule 
vom 30. Januar 1836 hin. Diese Behörde beantragte 
in demselben*) nämlich die Einrichtung einer vierten 
Klasse des Instituts^ da nur wenige Schüler so vorbe- 
reitet in die Anstalt kamen, wie es erforderlich war, 
um vom Unterricht« in den technischen Wissenschaften, 
welchen die beiden oberen Klassen gewähren, den ge- 
hörigen Nutzen zu ziehen und der Anstalt die Erfüllung 
ihres Zwecks möglich zu machen. Zu dieser Vorbe- 
reitung war zwar gleich von Anfang an eine dritte 
Klasse bestimmt worden, aber die Mehrzahl der Schüler 
trat in diese Klasse so unwissend ein, dass es in den 
meisten Fällen nicht möglich war^ sie in einem Jahre 
auf die nöthige Bildungsstufe zu führen. Als Lokal 
wurde vorgeschlagen das Haus des Schreinermeisters 
Mir am (die ehemalige Post), in dem sich freilich auch 
das Stadtgericht befand. 

Alsdann würde sich auch die Erweiterung der 
oberen Klasse durch HinzufQgung von Unterricht in 
kommerziellen Kenntnissen, welcher immer mehr Be- 
dürfniss geworden war, ermöglichen lassen. Am 11. 
Februar erfolgte jedoch ein ablehnender Beschluss des 
Ministeriums, der am 17. März weiter dahin ausgeführt 
wurde, dass die Regierung beauftragt wurde, benebm- 
lich mit der Direktion der höheren Gewerbeschule bald- 
thunlichst zu berichten, ob nicht bei dem grossen An* 



♦) AkteD des MiniBteriums des Innern Rep. VI. Kl. 37 Nr. 8. 



81 

dränge von Schülern dahier, welche eine Ausbildung 
für den Gewerbestand suchen, aber sich wegen unvoll- 
kommener Kenntnisse zur Aufnahme in die höhere Ge- 
werbeschule noch nicht eignen, bei der ünthunlichkeit 
mit der Bürgerschule dahier in deren jetzigen Verfas- 
sung eine Realklasse zu verbinden, dem Bedürfnisse der 
Ertheilung eines für die Aufnahme in die höhere Ge- 
werbeschule vorbereitenden Unterrichts für Kassel in 
der Weise sofort, wenigstens einstweilen und noth- 
dürftig abzuhelfen stehe, dass 

1) eine oder nach Bedürfniss zwei Bealklassen als 
Lokal-Schul-Anstalt dahier errichtet, 

2) der Unterricht von zwei oder nach Bedürfniss 
drei, auf Widerruf anzunehmenden Lehrern, — wobei 
auf eine Heranziehung der dermalen unbeschäftigten 
Lehrer des hiesigen Lyceums, Rauschenbusch und 
Lobe, gegen massige Vergütung aufmerksam gemacht 
wird — ertheilt, nach Befinden auch die Lehrer der 
höheren Gewerbeschule zu einzelnen Unterrichtsstunden 
herangezogen werden, 

3) zum Lokale ein Theil des Seminar-Gebäudes 
dahier benutzt werde, für welches nur das nöthigste 
Mobiliar anzuschaffen sein werde, 

4) die erforderlichen Apparate und sonstigen Lehr- 
mittel von der höheren Gewerbeschule und der Bürger- 
schule entlehnt, 

5) der Lehrplan im Einverständnisse mit der Di- 
rektion der höheren Gewerbeschule festgestellt, 

6) die Anstalt der Stadtschulkommission dahier 
mit der Einschränkung untergeben werde, dass sie bei 
allen neuen Anordnungen im Einverständnisse mit der 
Direktion der höheren Gewerbeschule zu verfahren habe, 

7) die Kosten der, mit möglichster Erspamiss 
einzurichtenden, ersten Ausstattung aus der Staatskasse, 

N. F. Bd. XVIII. 6 



82 

8) die Kosten der Unierhaltang der Anstalt zu- 
nächst ans dem von den Schülern zu entrichtenden 
Schulgelde und, soweit dieses nicht ausreichen sollte, 
durch einen aus der Staatskasse zu bewilligenden Zu- 
schuss gedeckt werden. 

Am 11. Juni erstattete darauf die Regierung einen 
ausfuhrlichen Bericht mit positiven Vorschlägen und 
der Schlussbemerkung, dass die Organisation des hie- 
sigen städtischen Schulwesens in der Instruktion be- 
griffen sei. 

Die Kegierung beauftragte mit der Ausführung 
aller Anordnungen den Schulrath Vogt, der auch mit 
grosser Umsicht und Schnelligkeit die betreffenden An- 
gelegenheiten ausführte. Unterdessen hatte auf mini- 
sterielle Weisung am 2. Juli 1836 die kurf. Regierung der 
Provinz Niederhessen (v. Haust ein) dem Oberbürger- 
meister der Residenz bekannt gemacht, dass es in der 
Absicht des Ministeriums des Innern liegt, eine, nach 
Bedürfniss zwei Realklassen als Lokal -Schulanstalt 
dahier zu errichten, welche nach Reorganisation der 
Bürgerschule mit dieser, als Theil derselben, zu ver- 
binden sein werden; bis diese Reorganisation aber er- 
folgt, und da solche nicht alsbald ins Werk gesetzt 
werden kann, und das unabweisbare Bedürfniss der 
Sorge für den Realunterricht dahier vorliegt, vorläufig 
für sich bestehend eingerichtet werden muss. 

Es werden in dieser Anstalt nur solche Knaben, 
welche konfirmirt oder — in Absicht auf diejenigen 
mosaischen Glaubens — das 14. Lebensjahr zurück- 
gelegt haben, aufzunehmen sein, wenn sie, was durch 
vorgängige Prüfung zu ermitteln ist, zur Benutzung 
des Unterrichts, der in der Realklasse ertheilt werden 
soll, reif, namentlich im Stande sind, mit Fertigkeit zu 
lesen, fliessend zu schreiben (auch Vorgesprochenes 
nachzuschreiben), in den 4 Grundrechnungsarten (auch 



mit benannten Zahlen) mit ziemlicher Fertigkeit zu 
rechnen, einen Satz wortrichtig zu analysiren, fertig 
zu dekliniren und zu konjugiren, sich über sinnliche 
in ihrem Kreise liegende Dinge, besonders in Absicht 
auf ihr Wesen und ihre Bestimmung, auf ihre Merk- 
male, auf Ursache und Wirkung, Wirkung und Gegen- 
wirkung und Kette von Wirkungen mit Klarheit münd- 
lich und schriftlich auszusprechen und solche kleine 
Aufsätze ohne grobe Verstösse gegen die Orthographie 
niederzuschreiben. Bei der ersten Aufnahme wird 
wahrscheinlich ein noch geringerer Massstab ange- 
nommen werden müssen, während künftighin die Forde- 
rungen bedeutend zu steigern sein werden. 

Der Unterrichtskursus wird ein einjähriger sein, 
nach dessen Ablauf die Kompetenten-Prüfung zur 
höheren Gewerbeschule entscheiden muss, ob die Klasse 
in ihrer Gesammtheit in diese Anstalt übergehen kann, 
oder ob einzelne ausgewiesen werden müssen, um ent- 
weder ihre weitere Vorbereitung auf andere Weise zu 
suchen oder den Plan zum Eintritte in die Gewerbe- 
schule ganz aufzugeben. 

Es wird in folgenden Fächern Unterricht zu er- 
theilen sein: 

1) in der deutschen Sprache (die Wortarten und 
ihre Flexion, Syntax des einfachen und zu- 
sammengesetzten Satzes, Uebung in schriftl. 
Gedankenausdruck u. s. w.) wöchentlich . . 8 Std. 

2) in der französischen Sprache (bis zum nn- 
regelmässigen Zeitwort) wöchentl 4 > 

3) in der Arithmetik (bis einschliesslich zur 
Lehre von der Ausziehung der Wurzeln, der 
Proportionen und Progressionen) wöchentl. . 6 » 

4) in der geometrischen Formenlehre (als Vor- 
bereitung für einen mehr in die Breite und 

Tiefe gehenden Unterricht) wöchentl. . . . 4 > 

6* 



84 

5) im freien Handzeichnen .... wöchentl. 6 Std. 

6) im Schönschreiben > 3 > 

7) in der allgemeinen Geographie . » 2 » 

8) in der allgemeinen Geschichte (besonders als 
Mittel zur sittlichen und religiösen Einwir- 
kung auf die Schüler bei sonst vorherrschen- 
der realer Richtung) wöchentl 3 » 

Es wären hiernach 36 Unterrichtsstunden zu ver- 
theilen; mit Rücksicht auf den Umstand, dass viele 
von diesen Stunden geistige Anstrengung nicht er- 
fordern, keineswegs eine zu grosse Anzahl. 

Die Anstalt wird unter die Aufsicht der Stadt- 
Schul-Eommission gestellt werden. 

Zur Beförderung der disciplinaren Haltung der- 
selben erscheint es wünschenswerth, dass der Unter- 
richt in wenige Hände gelegt und der Hauptunterricht 
einem Manne^ welcher den gemeinschaftlichen Mittel- 
punkt der Klasse zu bilden hätte, anvertraut werde. 

Bevor ein solcher ermittelt sein wird, liegt es in 
der Absicht der Regierung, dass, jedoch nur proviso- 
risch, der Unterricht in der Arithmetik dem Lehrer 
Allenberg, der Unterricht in der geometrischen 
Formenlehre, im freien Handzeichnen und im Schön- 
schreiben dem Lehrer Pfläging (beide an der höheren 
Gewerbeschule arbeitend), der Unterricht in der deut- 
schen Sprache, der Geschichte und Geographie dem 
Pfarrer Beinhauer als Klassenlehrer und der Unter- 
richt im Französischen dem Pfarrer Knöpfel über- 
tragen werde, wofür Pfarrer Co II mann eintrat. 

Die Anstalt soll aus der Einnahme an Schulgeld 
und — nach Bedürfniss — auch durch Verwilligung 
eines Zuschusses aus der Staatskasse unterhalten werden ; 
die Kosten der ersten Einrichtung jedoch, namentlich 
die Kosten des nach einer Anlage auf 2(X) Thaler ver- 



86 

anscblagten Mobiliars, sind von der Stadt für diese 
Lokal-Schulanstalt zu übernehmen. 

Der Oberbürgermeister erwiderte am 9. Juli, dass 
er Anstand nehmen müsste, die erwähnten Kosten auf 
die Stadtkasse, die durch kein Gesetz zu deren Be- 
streitung verpflichtet sei, anzuweisen oder deren Ueber- 
nahme dem Stadtrathe und dem Bürgerausschusse zu- 
zumuthen. Denn es seien bei der Stadtschulkommission 
Verhandlungen eingeleitet, die eine Revision des Planes 
und der jetzigen Verhältnisse der bestehenden Bürger- 
schule mit sich führen würden, und es sei deshalb 
noch zweifelhaft^ ob und in welcher Art die Errichtung 
von Realklassen im Interesse der Stadt liege. Hierauf 
eröffnete die Regierung am 24. September einen Be- 
schluss des Ministeriums vom 12. August, dass, um 
die Befriedigung des erkannten Bedürfnisses für einen 
Realunterricht, der zur Aufnahme in die höhere Ge- 
werbeschule vorbereitet, nicht unter dem Widerspruche 
der städtischen Behörde gegen die Uebernahme des- 
halbiger Kosten leiden zu lassen und noch längere Zeit 
hinauszuschieben, einstweilen eine und nach Bedürfniss 
zwei Klassen für Realunterricht hi^r eröffnet werden 
sollen. Zu den Kosten der ersten Einrichtung wurde 
ein Verlag aus dem Fonds für Zuschüsse zu den Real- 
schulen verwilligt^ sie beliefen sich auf 246 Thlr. 19 gGr. 
und wurden am 29. Mai 1837 vom Ministerium zur 
Zahlung angewiesen ; zu den Kosten der laufenden 
Unterhaltung sollte ein Zuschuss alsdann eintreten, 
wenn die Kasse ein Defizit ergeben würde. Alles dies 
war jedoch nur verfügt vorbehaltlich demnächstiger 
Entscheidung über die Art der Verbindung der Real- 
klasse mit den städtischen Schulen und vorbehaltlich 
der Verbindlichkeit der Stadt zur Bestreitung der 
Kosten der Einrichtung und Unterhaltung bezw. der 
Ersatzleistung der ersteren sowie vorbehaltlich jeder- 
zeitiger Zurückziehung dieser Anordnungen. 



86 

Da die baulichen Einrichtungen nicht früher be- 
endigt werden konnten, wurde die auf die höhere Ge- 
werbeschule vorbereitende Realklasse am 17. Oktober 
1836 im Seminargebäude mit angemessener Feierlichkeit 
eröffnet; der Kursus wurde hier wie bei der Gewerbe- 
schule von Michaelis zu Michaelis festgesetzt. Ihr 

Stundenplan war der folgende : 

(Siehe nebenstehende Tabelle.) 

Mit dem Ergebnisse dieser Realklasse waren die 
vorgesetzten Behörden durchaus zufrieden, sodass das 
Ministerium den Lehrern am 16. November 1837, auch 
am 2. Februar 1839 erhebliche Gratifikationen ertheilte : 
nur wurde für das zweite Jahr der Unterricht in der 
französischen Sprache auf Kosten desjenigen im Schön- 
schreiben um eine Stunde vermehrt, dagegen der An- 
trag des Klassenvorstandes, dem Religionsunterricht 
ebenfalls eine Stelle anzuweisen, vorläufig nicht ge- 
nehmigt, weil die Summe von 36 wöchentlichen Schul- 
stunden schon sehr gross war. Den Schreibunterricht 
übernahm 1837 der Partimschullehrer Zinn. 

Mit 50 Schülern hatte die Realklasse begonnen, 
von denen im Laufe des Kursus 18 wieder abgingen 
und am Ende desselben 24 in die höhere Gewerbeschule 
aufgenommen ¥rurden. Ein Bedürfniss zu einer zweiten 
Klasse war aber auch zu Anfang 1838 bei 47 Schülern 
nicht vorhanden. An Ferien wurden am 6. Juni d. J. 
festgesetzt: zu Ostern 14 Tage und zu Michaelis nach 
der am letzten Wochentage im August abzuhaltenden 
Prüfung 4 Wochen. 

Offenbar auf derselben Veranlassung beruhte auch 
das Ausschreiben des Kurfürstlichen Ministeriums des 
Innern zu Kassel vom 7. November 1836*), durch welches 



*) Dieses und nicht das Reskript vom 14. Dezember 1837, 
wie man nach Wiese (das höhere Schulwesea, IL S. 441) annehmen 







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88 

die Schulvorstände^ denen die Bürgermeister als Mit- 
glieder angehörten, in den Städten Marburg, Fulda, 
Eschwege, Hersfeld und Schmalkalden auf- 
gefordert wurden, geeignete Schritte zur Errichtung 
solcher Schulen zu thun^ welche theils zum Besuche 
der höheren Gewerbeschule zu Kassel unmittelbar vor- 
bereiten, theils denjenigen Schülern, welche sich dem 
Gewerbestande widmen wollten, eine dem jetzigen Zu- 
stande und den Fortschritten der Gewerbe entsprechende 
Ausbildung geben sollten. Diese Schulen würden den 
Gipfel der städtischen Schulen bilden, in der Regel nur 
solche Knaben aufnehmen^ welche den Unterricht in 
der Knabenschule vollendet hätten und konfirmirt seien. 
Auch wurde — den Landtagsbevnlligungen gemäss — 
ein Staatszuschuss zu den Kosten dieser Realschulen 
von der Regierung in Aussicht gestellt. 

üeberall wurde diese Verfügung mit grosser Freude 
begrüsst, und in der That beeilte man sich, dieselbe 
auszuführen. So trat zunächst in Fulda*) am 1. Juni 
1838 eine Realklasse mit 22 Schülern in's Leben, 
welcher im folgenden Jahre eine zweite Klasse folgte, 
und auch in Marburg**) wurde am 8. Oktober d. J. 
eine auf zwei Klassen berechnete Realschule mit 9 
Schülern gegründet, die im Herbst 1839 vollständig 
wurde. H e r s f e 1 d ***) bekam durch Regierungsbeschluss 
vom 28. Februar 1838 mit Ostern des Jahres 1838 
eine Realschule, die ebenfalls bald zweiklassig, am 

könnte, war der Ausgangspunkt der kurhossi^chen Realklassen; 
das letztere erfolgte auf einen Bericht über den Lehrplan und 
spricht sich selbst schon über die Unterriohtsgegenständo aus. 

*) Wagner, Die Realschule in Fulda u. s. w. Pr. Fulda. 1873. 
**) Eempfing, Rückblick auf das 25jährige Bestehen u. s. w. 
Pr. Marburg. 1892 

***) Büx, lieber Entstehung und Aufgabe der Realschulen. 
Fr. Herefeld. 1865. 



89 

26. Juni 1852 jedoch schon wieder aufgehoben, am 1. Mai 
1864 indessen neu eröfFhet wurde. In Eschwege*) 
währten dagegen die Verhandlungen länger, weil dort 
keine höhere Schule bestand und man mit der Neu- 
einrichtnng auch denjenigen Bürgern dienen wollte, 
welche ihre Söhne für einen gelehrten Beruf oder für 
den Beamtenstand bestimmten, und so kam es hier am 
26. Oktober 1840 zu der Eröffnung einer Realschule 
mit Progymnasium (1 und 2 Klassen). In Rinteln, 
das seit 1. November 1817 ein Gymnasium zum Ersatz 
für die verloren gegangene Universität besass, suchte 
man in demselben Jahre dem Bedürfnisse nach einer 
praktischen bürgerlichen Ausbildung dadurch zu genügen, 
dass man zwei Realklassen dem Gymnasium, der Quarta 
und Tertia entsprechend, angliederte, was im Jahre 1868 
wieder aufgehoben wurde^ während Schmalkalden 
erst am 5. Januar 1846 sich dem Beispiele Eschweges 
anschloss. Bald darauf, nämlich im April 1849, entstand 
in Rotenburg zunächst zwar ein 2 klassiges Pro- 
gymnasium, das aber später in eine Realschule über- 
ging. Erst viel später wurde in Bockenheim am 
18. Juni 1855 eine höhere Bürger- und Töchter-Schule, 
in Hofgeismar 1856 eine Realklasse, die sich 
später zu einem Realprogymnasium ausdehnte, und am 
1 7. Januar 1866 endlich auch in Earlshafen**) 
eine Realschule in 2 Klassen in's Leben gerufen, die 
jedoch als nicht lebensfähig durch Regierungsbeschluss 
vom 27. Oktober 1881 wieder aufgelöst wurde. 

Alle diese Anstalten wurden zu den Volksschulen 
gerechnet, aber man verhinderte nicht, dass sich ein- 
zelne durch Vermehrung ihrer Klassen und Lehrkräfte 



♦) Stendell^ Geschichte der Friedrich-Wilhelms-Sohule. Fest- 
schrift. Eschwege 1890; siehe auch Eiehier a. a. 0. 
**) Akten der reformirten Kirche daselbst. 



90 

weiter ausdehnten*). Die übrigen waren mit den Elemen- 
tarschulen ihres Orts verbunden und sollten durch einen 
über den Bereich derselben hinausgehenden Unterricht, 
lediglich den künftigen Beruf des Handwerkers, Kauf- 
manns und des Industriellen berücksichtigen. Daher 
gab es für dieselben auch keinen allgemein gültigen 
Lehrplan, vielmehr wechselten die Unterrichtsgegenstände 
nach den örtlich und zeitlich verschieden hervortretenden 
Bedürfnissen. Nur eine allgemeine Richtung war den- 
selben durch das Ministerial-Reskript vom 14. Dezember 
1837 vorgezeichnet, in welchem als Lehrstoff Mathematik 
und Rechnen, die deutsche und französische Sprache, 
Zeichnen, ferner Berücksichtigung der Geographie und 
Anleitung zur Buchhaltung angegeben war. 

Welche Bedeutung diese Anstalten bald gewannen, 
dürfte aus einem Reglement vom 30. November 1840 
erhellen, in welchem bestimmte Vorschriften über ein 
besonderes Reallehrer- Examen gestellt wurden. 
Die Vorbereitung zu demselben geschah nach dem Be- 
suche des vollständigen Kursus eines Gymnasiums oder 
der höheren Gewerbeschule zu Kassel, wofür auch gute 
Seminarzeugnisse angenommen wurden, durch mindestens 
einjährige Benutzung von Vorlesungen auf der Universität 
Marburg. Die Prüfung erstreckte sich auf Mathematik, 
Physik, Chemie, Naturgeschichte, Geographie, deutsche, 
französische und englische Sprache, woraus sich der 
Prüfling zwei Haupt- und zwei Nebenfächer zu wählen 
hatte, und wurde vor einer besonderen aus Lehrern der 
höheren Gewerbeschule, des Gymnasiums und der Real- 
schule gebildeten Kommission zu Kassel abgelegt 

In Kassel waren unterdessen die Verhandlungen 
wegen der Gründung einer höheren Bürgerschule zum 
Abschlüsse gediehen, aber die Ausführung Hess sich 

*) Vergleiohe Wiese a. a. 0. S. 60, 441 u. 611. 



91 

besonders wegen des noch schwebenden Lycealstreites 
nicht bewerkstelligen. Da jedoch das Bedürfniss nach 
einer zweiten Realklasse, in welcher die Schüler der 
Bürgerschule zum unmittelbaren Uebergang in das Ge- 
werbeleben geschickt gemacht würden, immer dringender 
wurde, so beschloss das Ministerium am 28. September 
1838 nach vorherigem Einvernehmen mit der Regierung, 
dass die Realklasse mit Anfang des Winterhalbjahres 
1838/39 mit der Bürgerschule als oberste Klasse derselben 
vereinigt und in diese auch die Aufnahme solcher Knaben 
zugelassen werden sollte, die unmittelbar in's gewerb- 
liche Leben — und nicht in die Gewerbeschule — über- 
treten wollten. Da die Stadt-Schul-Kommission eine 
organische Aenderung der Bürgerschule vorerst durch- 
führen wollte, zog sich die Angelegenheit hin, bis das 
Ministerium endlich am 12. Januar 1839 verfügte^ dass 
die beschlossene Vereinigung am 1. Februar 1839 in der 
Weise zu geschehen habe, dass die bisherige allein- 
stehende Realklasse unter der Bezeichnung la ihre ur- 
sprüngliche Bestimmung behielt, während die 1. Klasse 
der Bürgerschule als Ib ihr parallel an die Seite trat 
für die Schüler, welche in das Erwerbsleben übergehen 
wollten^ und dass beide Realklassen an die Spitze der 
Bürgerschule treten sollten. 

Dieser Befehl ist auch ausgeführt worden und 
zwar so, dass die Klasse I a aus dem Seminar auszog und 
ihre Aufnahme im Prüfungssaale des Lyceums fand. 
Von den bisherigen Lehrern der einzelnen Realklasse 
wurden Pfarrer Beinhauer und Pfläging mit an 
die Bürgerschule übernommen. Als Lehrer der Mathe- 
matik wurde einstweilen der Baueleve Reusse gegen 
300 Thlr. Vergütung mit 12 wöchentlichen Lehrstunden 
beauftragt. Unterdessen war der grossen Baufälligkeit 
des bisherigen Gebäudes wegen die Bürgerschule von 
Michaelis 1838 ab in das leerstehende Lyceumsgebäude 
gegen einen Miethspreis von 100 Thlrn. verlegt worden. 



92 

Was den Lehrplan anbelangt, so hatte schon das 
Ministerioin in seiner oben erwähnten Yerfögang die 
Aosscheidang des Unterrichts in der lateinischen Sprache 
ans der Bargerschale angeordnet. Der formelle Natzen 
eines nicht weiter geführten lateinischen Unterrichts — 
so heisst es — die Behauptang, dass darch die erzielte 
Kenntniss dem Schüler die Einsicht in das klassische 
Altertham aafgeschlossen werde, der Werth eines solchen 
Unterrichts für die deatsche Sprache, endlich der ma- 
terielle Gewinn desselben sind so gering anzuschlagen, 
dass es nicht gerechtfertigt werden könnte, den eigent- 
lichen Centralfächem hierdurch einen Theil der für sie 
nothwendig zu verwendenden Zeit und Kraft zu entziehen. 

Die Real- oder Fortbildungs-Klasse Ib sollte in 
18 wöchentlichen Stunden hauptsächlich das Französische^ 
das in 11 anfing, fortsetzen, in die kaufmännische Rechen- 
kunst, die Kenntniss der Buchhaltung, die Handels- 
geographie einführen^ im deutschen Aufsatz fortüben, 
die Hallen der klassischen Litteratur der Deutschen 
öffnen und auch die weitere Begründung des religiösen 
Glaubens und Lebens nicht vernachlässigen, während 
das Ziel der Yorbereitungsklasse la sich nach den je- 
weiligen Anordnungen der höheren Gewerbeschule richten 
musste, sodass z. B. die Unterweisung in der Arithmetik 
bis zum Ausziehen der Quadratwurzeln, den Proportionen 
und den Progressionen^ im Französischen aber bis zu 
den unregelmässigen Zeitwörtern reichte. 

Durch einen Regierungs-Beschluss vom 31. Januar 

1838 war eine tägliche Straf-Arbeitsstunde unter Auf- 
sicht eines Lehrers angeordnet worden. Am 4. Mai 

1839 wies das Ministerium einen Zuschuss von 600Thlrn. 
zur Bürgerschule an rücksichtlich der damit verbun- 
denen Realklasse. 

Aber diese Verfassung der Schulen hatte nur einen 
kurzen Bestand. Schmieder, welchem jetzt wieder 



93 

die Leitung des ganzen Schulkörpers übertragen war, 
fühlte sich bald durch die St.-Sch.-E. in seinen Befug- 
nissen beschränkt, und diese durch ihn, sodass es 
zu Beschwerden kam. Auch eine neue Dienstanwei- 
sung fär den Inspektor der Bürgerschule, eine solche 
für die monatlich zu einer Konferenz sich versammeln- 
den Hauptlehrer, eine Dienstvorschrift für die Stadt- 
Schul - Kommission schien keine genügende Abhülfe 
zu verbürgen. Freilich war ja auch die Einrichtung 
der Beaufsichtigung keine glückliche. Der Inspektor 
war Mitglied der neunköpfigen Stadtschulkommission 
und als solches ihr beigeordnet, als Schulleiter ihr je- 
doch untergeordnet, und zwar in jeder Hinsicht, sodass 
wir den Wunsch Schmieders, über die innere Einrich- 
tung seiner Schule allein nach den ertheilten Vor- 
schriften zu befinden, ganz begreiflich finden möchten. 
So bat denn Schmieder am 2. Mai 1839, wie 
schon mehrmals*), um Entlassung aus seinem Amte, 
um — wie er sich gegen Schulrath Vogt geäussert 
hatte — eine Privat-Realschule zu gründen. Darauf 
wollte jedoch die Behörde nicht eingehen, vielmehr 
empfahl die Regierung^ »diesen talentvollen, kenntniss- 
reichen, lehrhaftigen, pflichtgetreuen und um die hiesige 
Realbildung verdienten Mann, welcher durch den Nebel 
eines lange genährten Irrthums die klare Anschauung 
der Lebensverhältnisse verloren hat, der fürsorglichen 
Berücksichtigung Kurfürstlichen Ministeriums des Innern, 
da es im Bereiche der Möglichkeit liegen wird, ihm 
eine seiner Individualität angemessene Stellung anzu- 
weisen.« Durch seine Erklärung vom 10. September 
1839 nahm er seine Bitte zurück, wenn die beiden 

*) Im November 1836, am 13. April 1838 um Anstellung an 
der höheren Gewerbeschule, was auch schon durch höchsten Be- 
Bohluss vom 16. Mai genehmigt war, und am 7. April 1839, ihn 
in Rotenburg eine Healschule einrichten zn lassen. 



94 

Klassen I a und I b der Bürgerschale von dieser getrennt 
und als Realschule ihm als Inspektor und Hauptlehrer 
untergeben würden — allerdings unter der nicht abzu- 
ändernden Aufsicht der Stadt-Schul-Kommission. 

Am 25. September 1839 erfolgte der betreffende 
höchste ßeschluss, der zugleich den Pfarrer Co 11 mann 
einstweilen mit den Geschäften des Inspektors der Bürger- 
schule beauftragte. Beide Schulen sollten räumlich und 
auch in Bezug auf die Kasse (was indessen erst später 
geschah) völlig getrennt werden und nach dem neuen 
Plane mit dem Winterhalbjahre den Unterricht beginnen. 
Die Vorbereitungen wurden mit grösster Beschleunigung 
betrieben. 

Die Realschule wurde am Montag, 4. No- 
vember 1839, in dem ersten Stock des vormaligen 
Lyceumsgebäudes unter Leitung Schmieders mit 
dem Zeichenlehrer Pfläging und dem französischen 
Lehrer Hodiesne zunächst in einer Klasse eröffnet, 
die Bürgerschule am 28. Oktober im Erdgeschoss 
desselben Hauses in 5 Klassen mit den übrigen Lehrern. 
Reusse wurde am 1. Dezember wieder entlassen, und 
der Zeichenlehrer Stolz trat nicht mehr in Thätigkeit, 
sondern wurde im Januar 1840 durch Appel ersetzt. 
Der ünterrichtsplan war der folgende und wurde von 
Michaelis 1840 an*) in der durch die eingeklammerten 
Zahlen angedeuteten Weise verbessert: 



£Iafwe: I. 


II. 


III. IV. 


V. 


Se. 


Religion . . 4 


4 


3 3 


2 


16 


Deutsche Sprache 










u. Uebg. imLesen 5 


5(6) 


7 (6) 8 


10 


35 

• 


Französ. Sprache 3 


2 


2 




7 


Geschichte . . 2 


2 


0(2)- 





4(6) 


Geographie . . 2 


2 


2 0(2) 





6 (8) 



16 15(16)14(15)11(13)12 68(72) 

*) G, L. (JoUrnatm : Kurze Nachricht über die gegenwärtige 
EinrichtuDg der Bürgerschule zu Kassel. 1840. 



95 



Klasse: 


I. 


n in. IV. 


V. 


Se. 


Transport 


16 


15(16)14(16)11(13) 


12 


68(72) 


Natorbeschreib. 


2 


2 2 (2) 




6(8) 


Naturlehre . . 


2 


— — — 


— 


2 


Denk-u.Sprech- 










üebungen . 




- - 3 (0) 


3(0) 


6(0) 


Geometrie und 










Formenlehre . 


2 


1 (2) 1 (2) - 


— 


4(6) 


Kopf- u. Tafel- 










rechnen . . 


4 


5 (4) 5 4 (5) 


4(6) 


22 (24) 


Schönschreiben 


2 


3 (2) 4 (2) 6 (4) 


5(6) 


20 (16) 


Zeichnen . . 


2 


2 2 2 




8 


Gesang . . . 


2 


2 2 2 


2 


10 



Summa 32 30 30 28 26 146 
Durch einen Regierungsbeschluss vom 2. Sep- 
tember 1840 wurde die Bürgerschule ausdrücklich als 
Vorbereitungsanstalt für die Realschule hingestellt, aber 
während jene frisch aufblühte, konnte letztere nur ein 
kümmerliches Dasein fristen ; ja es wurde sogar ge- 
stattet, dass einzelne Schüler über das 14. Lebensjahr 
hinaus am Unterrichte in der Bürgerschule theilnehmen 
durften. Da nun die Konfirmation erst nach Ostern 
stattfand, wurde am 1. März 1841 die Verlegung des 
Schnljahrsanfangs auf Pfingsten genehmigt und zwar 
in der Weise, dass das erste Halbjahr bis Weihnachten 
sich erstreckte. Gesetze für die Schüler sollten indessen 
erst nach endgiltiger Regelung der Bürgerschule ein- 
geführt werden. 

Bald wurden Lehrmittel für Zeichnen, Geographie 
und Naturgeschichte*) angeschafft, zwischen den ein- 
zelnen Unterrichtsstunden kurze Pausen eingeführt, auch 
wurde am 30. April 1841 die Anlegung einer Bibliothek 
für Lehrer und Schüler genehmigt. In der Bürgerschul- 

*) Der Verein für Natarkunde hatte der Anstalt eine Samm- 
lung ausgestopfter Vögel geschenkt. 



96 

recliTiung für das Jahr 1840 interessirt uns ein Posten von 
10 Thlrn., der an den Gärtner Hördemann fär Lieferung 
von Pflanzen behufs Unterricht in der Botanik gezahlt 
wurde. Auch unterwies schon von Ostern 1841 an 
Schwaab in körperlichen üebungen und CoUet im 
Schwimmen. An Schulgeld war zu bezahlen 10, 9, 8, 
8, 8 Thaler, in der Realschule 16 Thaler und in der 
später gegründeten Vorklasse der Bürgerschule 6 Thlr. 

Am 6. Januar 1840 kam der Vergleich*) wegen 
des Lyceums zu Stande, wonach die Gebäude des 
Lyceums und des Seminars dem 1835 gegründeten 
Staats -Gymnasium überlassen werden mussten, und 
so zog nach Fertigstellung des an Stelle des abge- 
brochenen Seminargebäudes errichteten neuen Hauses 
für das neue Lyceum im Oktober 1842 die Bürgerschule 
in das leergewordene ehemalige Marstallgebäude (Hölke- 
sche Fabrik) in der Friedrichstrasse^ während schon früher 
für die Realschule und deren Inspektor der erste Stock im 
Hause des Bierbrauereibesitzers Christian Krauss in der 
oberen Karlsstrasse für 350 Thlr. gemiethet und von 
ihr am 25. April 1840 bezogen worden war. 

Nach einem höchsten Beschlüsse vom 22. April 
1840 wirkte an der Realschule von Ostern an noch 
der bisherige Collaborator am Lyceum Rauschenbusch 
mit Beibehaltung des bisherigen Gehaltes, der nun aus 
der Realschulkasse zu tragen war. In diese floss ein 
jährlicher Zuschuss des Staates von 600 Thalem; das 
Lokal jedoch und andere Bedürfnisse hatte die Stadt- 
kasse zu übernehmen sich bereit erklärt, nachdem das 
Ministerium gedroht hatte, im Falle der Weigerung 
die Realschule wieder völlig eingehen zu lassen. Der 
Stadtrath hatte sich von Anfang an zur Uebemahme 



*) Hauptsächlich durch die Bemühungen Schomburg's, Beni- 
hardi's und des Gymnasial-Direkter s Dr. Weber. 



9? 

von Beiträgen willig gezeigt, wenn vorher das Verh&lt- 
niss der Ortsschnlen zu den Ortsbehörden klargelegt, 
und wenn namentlich der letzteren eine stetige Ver- 
tretung in der Stadtschnlkommission zugesichert würde, 
worauf jedoch der Staat nicht einging. 

Die Realschule hatte im Sommer 1840 insge- 
sammt 33 Schüler; ihre Einrichtung sollte so sein, 
wie sie noch in Verbindung mit der Bürgerschule war, 
nämlich dass sie in zwei Klassen neben einander die 
Schüler nach ihrem verschiedenen Ziele unterrichten 
sollte, zum Uebergang auf die Gewerbeschule und ins 
öffentliche Leben. Schmieder hatte jedoch zwei Stufen- 
klassen daraus gemacht, einestheils weil die Knaben noch 
nicht wussten, wozu sie sich entscheiden würden, dann 
aber auch, weil der Realunterricht, wie seit 1809 anerkannt 
sei, nur in drei Klassen durchgeführt, wenn unumgäng- 
lich nöthig, in zwei Klassen zusammengedrängt, aber 
niemals in einer Klasse erledigt werden könnte. Auch 
hatte Schmieder der Vorschrift entgegen noch nicht 
konfirmirte Schüler zur Realschule zugelassen, was das 
Ministerium sehr missbilligte und rügte. 

Nachdem vom 1. Nov. 1840 an der zweite Pfarrer 
an der lutherischen Kirche C. F. Meyer mit der Er- 
theilung von 8 Lehrstunden in Religion und Deutsch 
an der Realschule beauftragt war, gestaltete sich der 
Stundenplan der Realschule folgendermassen : (s. S. 98). 

Mit Hinzufügung der noch fehlenden 2 Stunden 
Terminologie (Schmieder) und 4 Stunden Physik, Me- 
chanik und Algebra (Rauschenbusch), die im Sommer 
von 7 — 8 Uhr fielen, war der Schmieder'sche Lehrplan 
vollständig. Am 20. Juli 1841 wurde er jedoch nach 
Verfügung des Ministeriums verändert (s. S. 99). 

In ähnlicher Verfassung blieb derselbe im Wesent- 
lichen bis zur Auflösung der Realschule, die zuletzt nur 

N. F. Bd. xviii. 7 



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nocli 10 Schüler zählte und deshalb vom September 
1842 an nur noch eine Klasse besass. 

Am 15. September 1840 war bei der öffentlichen 
Prüfung der Realschule der Minister zugegen gewesen. 

In der Bürgerschule dagegen nahm die Schülerzahl 
von 146 im Oktober 1839 bei Abtrennung der Realschule 
bis zum Oktober 1841 auf 192 zu, wozu noch 33 
Schüler in einer Ostern 1841 neu gegründeten Vorklasse 
unter dem provisorischen Lehrer Kost er traten. 

So waren die beiden Schulen neu gestaltet, die 
Bürgerschule sollte eine Yorbereitungsanstalt für die 
Realschule sein; aber die Einrichtung war nur eine 
vorläufige, und ging bald gänzlich unter, um neuem, 
frischem Leben Platz zu machen. Die Hauptschwierig- 
keit war nun auch beseitigt. Im Sommer 1839 war die 
Rechtssache wegen des Lyceums zwischen der Regierung 
und dem Stadtrathe zu Gunsten der ersteren ent- 
schieden worden. Da jedoch auch jetzt das Lyceum in der 
vorgeschriebenen Form nicht zu Stande kommen wollte, 
erweiterte sich das Gymnasium in den unteren Klassen 
und verdrängte die Realschule aus dem Lyceums- 
gebäude. 

Nun gelang es auch den erneuten Bemühungen 
den schon erwähnten Vergleich herbeizuführen. In 
demselben war im § 9 die Verpflichtung zum Neubau 
eines Schulhauses wieder aufgenommen, welche die 
Stadt durch einen Vertrag vom 26. Juli 1836, die 
Erweiterung des Marktes und der Fischgasse betreffend, 
übernommen hatte. Durch diese Uebereinkunffc waren 
nämlich die sogenannten Hallengebäude in den Besitz 
der Stadt übergegangen mit der Bedingung^ dieselben 
abzubrechen und ein anderes Schul haus aufzuführen. 

Die Stadt bekam nunmehr folgende Beiträge für 
ihr Schulwesen: 



101 

Thlr. gGr. Hlr. 

A. für die Realschule Zuschoss ans der 
Staatskasse 600 

B. für die Bürgerschule desgl. ♦ . 1050 

Zuschuss aus der Kasse des St. Mar- 
tinsstifts : die Hälfte der Zinsen eines 
Legats von 600 Thaler 11 19 8 

aus der Handwerkschulklasse zur Be- 
soldung des Pedellen 16 — — 

desgl. zur Befeuerung der Lehrzimmer 10 — — 

desgl. Entschädigung für Tinte, 

Kreide etc 5 

C. für die Partimschule: Kapitalzinsen 28 6 — 

D. für ihr Schulwesen aus dem Ly- 
ceums-Ver gl eiche:*) 

Grundzins 12 4 8 

Kapitalzinsen 654 13 8 

Legatenzinsen 331 17 3 

Ahnaberger Klostergefalle .... 162 12 — 

aus dem Stadtkirchenkasten . . . 243 18 — 

aus der Stadtkasse 150 9 12 

aus dem Stipendiatenkasten . . . 155 10 8 

Examengelder aus der Stadtkasse 43 

Früchte (nach dem Normalpreise ver- 
anschlagt) 353 6 6 

Legatenzinsen aus dem St Martins- 
Stifte (siehe unter B.) ... . 11 19 8 

Summa 3839 16 13 
ferner die seit 1838 angelegten Kapitalien und den 
haaren Ueberschuss der Jahresrechnung von 1839. 

Hierauf hatte sie jedoch zu zahlen übernommen 
von früheren Jahren her 782 Thlr. und die Gehälter 
der am Lyceum von 1835 her angestellten Lehrer, des 

*) Weber^ Geschichte der städt. OelehrtenBchuie zu Kassel. 
Dies wichtige Buch koDnte hin und wieder benutzt werden. 



102 

Rechnungsführers und des Pedellen, sowie die Gehälter 
der Kantoren der grossen, Brüder- nnd Unterneustädter 
Kirche mit i04 Thlrn. 9 gGr. und den jährlichen Bei- 
trag zur Partimschule mit 217 Thlrn. Dagegen erhielt 
die Stadt das Präsentationsrecht zu sechs Lehrerstellen 
bei der Bürger- und bezw. der noch zu gründenden 
Mädchenschule. 

Die Gesammtkosten der Realschule erreichten im 
Jahre 1840 die Höhe von 2406 Thlrn., während die- 
jenigen der Bürgerschule 3155 Thlr. 11 gGr. 8 Hlr. und 
die der Partimschule 849 Thlr. 6 gGr. betrugen, denen 
eine Einnahme von 1788 Th1m. Schulgeld gegenüber 
stand. Der stadtische Zuschuss belief sich demnach 
auf ungefähr 2300 Thaler. 

Im September 1841 war vom Stadtrath bekannt 
gemacht woifden, dass dem Aeu allzustellenden Rektor 
der Bürgerschule auch die bisherige Realschule unter- 
geben werden würde, und am 14. Oktober war an 
Schmieder, Rauschenbusch und Hodiesne von der Stadt- 
Schul-Kommission im Auftrage der Regierung die An- 
frage gerichtet worden, ob sie geneigt seien, um ihre 
Pensionirung einzukommen. Diese natürlich waren dazu 
nicht bereit, aber beide Vorgänge veranlassten den 
Realschulinspektor zu dem leicht begreiflichen Antrage 
auf Schliessung der Realschule. Selbstverständlich wurde 
derselbe vom Ministerium abgelehnt, wie auch ein 
gleicher Antrag, den am 12. September 1842 die Stadt- 
Schul-Kommission und die Regierung selbst stellten, 
da nur noch 11 Schüler in einer Klasse vereinigt vor- 
handen waren. 

Am 1. April 1842 hatte der neu ernannte Leiter 
der Bürgerschule, der Rektor Dr. Heinrich Gräfe, 
seinen Dienst angetreten, in welchen er am Montage, 
den 2. Mai früh 9 ühr feierlich eingewiesen wurde. 
Am 20. April wurde er schon von der Regierung auf- 



103 

gefordert, über den vorhandenen Plan zur Neagestal- 
tang der städtischen Schulen sein Gutachten abzugeben. 
Bald war auch dies geschehen und hiermit der Unter- 
gang des Alten besiegelt 

Nach einer Regierungs-VerfQgung vom 18. Februar 
1843 beschloss die bisherige Realschule ihr kurzes — 
aber nicht gerade junges — Leben am Ende März, und 
auch die Bürgerschule musste sich einer Auflösung 
unterziehen. Bald aber trat ein neues, frisches und 
lebenskräftiges Schulwesen an ihre Stelle. 

Die Kassengeschäfte dieser Schulen — wie auch 
des Lyceums hierselbst — führte, nachdem ihnen vom 
5. Septembar 1812 bis Ende des Jahres 1813 der Kantor 
Bechtel vorgestanden hatte, fast während der ganzen 
Zeit der frühere Kastenschreiber und spätere Stifts- 
rentmeister Johann Wilhelm Buchung, der sein 
grosses Interesse für das hiesige Schulwesen auch da- 
durch bekundete, dass er dem Gymnasialdirektor Weber 
und dem Stadtrathe am 10. Juni 1841 ein selbstver- 
fasstes Manuskript, die hiesige Stadtschule von ihrem 
ersten Ursprünge 1599 bis zu ihrer Vernichtung be- 
treffend, überreichte. Ihm folgte in diesem Nebenamte 
sein Sohn, bis er als Konsistorialsekretär dasselbe ab- 
geben musste. Die Kasse behielt am 1. April 1843 
einen Bestand von 38 Thlr. 6 Sgr. 11 Hlr., welcher 
an die Nachfolgerin abgeführt wurde. 

Von den Lehrern dieser Unterrichtsanstalten Kassels 
seien noch einige Lebensnachrichten beigefügt — wenig- 
stens insoweit, als sie sich auf ihre Wirksamkeit an 
denselben beziehen. 

Es wirkten an der Bürgerschule: 
Appel, Otto Friedrich Ludwig, als Zeichenlehrer seit 

Januar 1840, 
Bezzenberger, Heinrich Ernst, seit 27. März 1841 



104 

als Vertreter für Beinhauer und seit 14. April 1841 als 
beauftragter Lehrer, 

Gräfe^ Dr. Heinrich^ seit 1. April 1842 als Rektor und 
erster Lehrer, 

Schwaab, Wilhelm, der im Sommer 1834 am Lyceum, 
seit 1838 am Gymnasium und seit 23. April 1841 
an der Bürgerschule mit Ertheilung des Turnunter- 
richts beauftragt war. 

Wieg and, Johannes, der von 1819 bis 1843 an der 
Bürgerschule besonders für die lateinische Sprache 
und den Gesang wirkte, 

Wieg and, Johann Georg, welcher M. 1818 an der 
2. Klasse des Nebeninstituts beauftragt wurde und 
mit dieser 0. 1823 als 7. Lehrer an die B. überging, 

Zinn, Johannes; Partimschullehrer, an der Realklasse 
1837 im Schreiben *). 



AUenberg, G. N., Lehrer an der höheren Gewerbe- 
schule, unterrichtete vom 17. Oktober 1836 bis 1. 
Februar 1839 in der Realklasse hier die Mathematik. 

Bauermeister, Christian Ludwig, geb. zu Nordheim 
bei Göttingen, hatte Jura studirt, wurde aber wegen 
seiner gründlichen Kenntnisse und guten Aussprache 
des Französischen durch Dekret vom 26. November 

1812 als CoUaborator mit 1600 Frcs. Gehalt an der 
Bürgerschule angestellt, ertheilte auch als Hülfslehrer 
am Lyceum 4 Stunden wöchentlich Unterricht in den 
Elementen der lateinischen Sprache und seit 1. August 

1813 auch in der französischen. Er starb schon am 
27. September 1813 am Nervenfieber im Alter von 
22>/8 Jahren. 

Bechtel, Kantor am Seminar und Lehrer an der Par- 
timschule, hat in den 20er Jahren auch die Bürger- 

*) Vergl. über diese : Aßkermann^ Statistische Rückschau auf 
100 Semester, Pr. Kassel 1893. 



106 

Schüler im Gesänge unterrichtet und ist vor 1828 
gestorb^i. 

Beinhauer, Pfarrer, bekam 17. Oktober 1836 die 
Leitung der Realklasse und ging mit ihr 1. Februar 
1839 an die Bürgerschule über, von wo er am 27. 
März 1841 versetzt wurde. 

Bergmann, Kapitän oder Hauptmann, war 1812 für 
die mathematischen Lehrfächer an der Bürgerschule 
angestellt, wurde aber bei der Reorganisation Ostern 
1814 wieder entlassen. 

Brauer, Eduard, lebte hier als Maler und wurde seit 
Herbst 1816 kürzere Zeit zunächst in 2, seit M. 1816 
in 3 Abtheilungen der Bürgerschule als Zeichenlehrer 
beschäftigt. 

Coli et, Jean, gab Unterricht im Schwimmen an der B. 
gegen 26 Tbir. nach Verfügung vom 11. Mai 1841. 

Coli mann, Karl Lorenz, Pfarrer, geb. 10. März 1788 
zu Sontra, Schüler des Hersfelder Gymnasiums 1799 
bis 1806, studirte zu Marburg Theologie; versah darauf 
von 1809 bis 1814 das Rektorat an der Stadtschule 
zu Melsungen, unternahm grosse Reisen und leitete 
von 1819 an ein Privat-Institut in Kassel. Durch 
Direktorialbeschluss vom 18. April 1829 wurde er als 
Lehrer am Lyceum mit einem Gehalte von 300 Thlrn. 
provisorisch angestellt; er wurde am 1. Juni 1836 als 
2ter Lehrer an die Bürgerschule berufen^ zunächst mit 
460, vom 1. Januar 1838 an mit 600 Thlrn. Gehalt, 
mit deren Leitung er von M. 1839 bis 0. 1842 be- 
auftragt war. Am 1. Mai 1843 wurde er Inspektor 
der neu errichteten Mittelschule, späteren Bürgerschule I, 
und trat 0. 1857 in den Ruhestand. £r gab eine 
Anzahl Schulbücher heraus, darunter Wiegands Schul- 
geographie. 3. Aufl. Kassel 1841; ferner Programm 
der Bürgerschule vom Jahre 1840 ; Pr. zur Eröffnung 
der beiden Mittelschulen. 1843; Progr. der Bürger- 



106 

schalen, 1846; ein Wort zur Erinnerung an den 
hundertsten Geburtstag Pestalozzis. 2. Aufl. Kassel 1846. 

Dörr, Christian Gustav^ geb. zu Breslau am 25. De- 
zember 1777, ertheilte nach Beschluss des General- 
direktors vom 25. Juli seit M. 1812 an beiden neuen 
Schulen, bald nur an der Bürgerschule, Unterricht 
im Schreiben, Lesen und später besonders im 
Rechnen, seit Michaelis 1816 auch an der Hand- 
werksschule; er wurde 1825 vierter und 1830 dritter 
(einschl. des Inspektors) ordentlicher Lehrer gegen 
einen Gehalt von 360 Thlrn. und freie Wohnung ; er 
blieb an der Bürgerschule bis zu ihrer Auflösung und 
wurde dann an die spätere Bürgerschule I versetzt, 
wo er 1845 gestorben ist. 

Fischer, Carl, hat im Jahre 1816 englischen Unter- 
richt in 4 wöchentlichen Stunden ertheilt und lebte 
hier als Sprachlehrer. 

Grosheim, Dr. Georg Christoph, Musikdirektor, hat 
von 1815 an neben den Seminaristen auch die Bürger- 
schüler im Gesänge unterrichtet, bis er am 1. Juni 
1839 in den Ruhestand versetzt wurde. Er hat zahl- 
reiche musikalische Schriften und Kompositionen 
verfasst. Vgl. Hassel und Murhard, Westfalen unter 
Hieronymus Napoleon. 1812. ü. S. 46. 

Hagemann^ Adolph Friedrich, Pfarrer, Nachfolger 
Phisters, war von M. 1815 an erster Lehrer. Zu- 
nächst unterrichtete er auch am Lyceum und von 
M. 1816 an auch in der I. Abtheilung der neu ge- 
gründeten Handwerksschule. Im Jahre 1823 scheint 
er zu der Phister'schen Privatschule übergegangen 
und bald darauf gestorben zu sein. 

Hammer, Johann Ludwig^ Nachfolger Bauermeisters, 
lehrte vom August 1813 bis Ende März 1814 an dem 
Lyceum und an der Bürgerschule Französisch ; er war 
vorher Reisecommis und wurde nach seiner durch die 



107 

Reorganisation bedingten Entlassung Miethskutscher 
und zuletzt Gastwirth. 

Heydenreich, Elias, wurde mit dem Unterrichte des 
als 6. Klasse 0. 1817 errichteten Nebeninstituts be- 
traut, alsdann nach Anschluss dieser Klasse seit M. 
1823 als Hfilfslehrer, seit 1825 als sechster und seit 
1830 als fünfter ordentlicher Lehrer an der Bürger- 
schule angestellt und unterrichtete seit 1824 im Lesen 
und von 1835 an in der Erdbeschreibung in der 
Handwerksschule. Er ging 1843 an die Bürgerschule II 
über, erhielt am 6. Mai 1868 den Ejronenorden IV. Kl. 
und ist im folgenden Jahre gestorben. 

Hodiesne, Franz Roger, geb. zu Ronen am 15. März 
1790, ertheilte seit Ostern 1814 an dem Lyceum 
und an der Bürgerschule französischen Unterricht, 
wurde 1819 in seinem Einkommen fixirt und hat 
nach der Trennung der Realschule im Jahre 1839 an 
beiden Anstalten weiter unterrichtet bis zu ihrer Auf- 
lösung im März 1843, von wo an er nur noch beim 
Kadetten-Korps französische Stunden gab. Er hat 
„Zeitwörtertabellen zur Bildung der Tempora*', „Kurze 
Darstellung der französischen Litteratur*^ Kassel 
und Marburg 1830 und „Grundregeln der franzö- 
sischen Sprache" Kassel 1834 verfasst. 

Holzapfel, Dr. Joh. Chr. Ludwig, Pfarrer, wurde 0. 
1816 als Hülfslehrer mit 125 Thlm. Gehalt an der 
Bürgerschule angestellt, rückte 1817 zum dritten, 
1823 zum zweiten ordentlichen Lehrer mit 450 Thlr. 
Gehalt auf. Seit 1823 unterrichtete er auch in der 
Handwerksschule gegen 72 Thlr. Entschädigung^ auch 
war er Hülfsprediger an der lutherischen Kirche, wofür 
er 70 Thlr. Einnahme bezog. Nachdem ihm auf seine 
Bitte der Stadtrath zu Ende des Jahres 1833 eine 
Zulage von 150 Thlm. bewilligt hatte, verstarb er 
schon im August 1834. Er hat 2 Lehrbücher der 
christlichen Religion verfasst. 



108 

Kost er, Partimschullehrer, wurde von der Regierung 
am 28. April 1841 zum Lehrer der Yorklasee der B. 
ernannt und ging 0. 43 an die Bürgerschule I. über. 

Ludwig, Pfarrer, vertrat in der Zeit vom 27. März 
bis 14. April 1841 mit Bezzenberger zus. Beinhauer. 

Meyer, G. F., zweiter Pfarrer an der lutherischen Kirche 
zu Kassel, war mit einigen (8) Stunden Unterricht in 
Religion und Deutsch vom 1. November 1840 bis 
Ende März 1843 an der Realschule durch Regierungs- 
beschluss vom 29. August 1840 beaaftragt und ge- 
hörte dann der Stadtschulkommission an. 

Mol t er, Dr. Gustav, Pfarrer, trat im Jahre 1827 einst- 
weilen an Sallmann's Stelle und wurde 1830 nach 
Hersfeld versetzt 

Pfläging übernahm den Zeichenunterricht an der 
Bürgerschule, dann an der höheren Gewerbeschule, 
vom 17. Oktober 1836 an auch an der Realklasse, 
dann wieder an der vereinigten Bürgerschule und 
endlich auch 1839 an der Realschule. 

Ph ister, Pfarrer, hatte die besuchteste Privatschule 
hierselbst, war vom 1. Oktober 1812 an nur kurze 
Zeit an der Bürgerschule thätig und wurde dann ent- 
lassen mit der Erlaubniss, seine Privatschule wieder 
zu eröffnen. 

Rauschenbusch, Ernst Friedrich Albrecht, geb. 29. 
Juni 1787 zu Bückeburg, studirte zu Rinteln und 
Marburg Mathematik und Bauwissenschaft, wurde 
1806 Bau-Kondukteur und erhielt am 9. Juni 1817 
Anstellung als Mathematiker am Lyceum gegen einen 
Gehalt von 300 Thlrn., der im Jahre 1833 auf 700 
Thlr. gestiegen war. Mit Auflösung des Lyceams 
blieb er ohne Beschäftigung im Bezage seines Gehaltes 
und wurde durch Allerhöchstes Reskript vom 22. April 
1840 bis 31. März 1843 Lehrer an der Realschule, 
worauf er wieder mit vollem Gehalte privatisirte. 



109 

Daneben war er auch an der Handwerkaschule thätig 
und war Mitglied der Prüfungskommission für Land- 
messer. Er hat mehrere mathematische Abhandlungen 
geschrieben; siehe die Programme des Lyceums von 
1829, 1833 und 1836. 

Reusse, Baueleve, hat vom 1. Februar bis 1. Dezember 
1839 an der Realschule mathematischen Unterricht 
ertheilt, war später Baumeister in Schmalkalden und 
ist als Bauinspektor a. D. in Kassel gestorben. 

Sali mann, Friedrich Ludwig, Pfarrer, wirkte seit 1823 
an der Bürgerschule, seit 1825 als dritter ordentlicher 
Lehrer bis Ende 1826, wo er die Direktion des Grimm- 
schen (vormals Phister'schen) Instituts übernahm. 

Schmieder, Dr. Karl Christoph, geb. 5. Dezember 
1778 zu Eisleben, hat von 0. 1799 bis dahin 1800 als 
Dozent der Mineralogie an der Universität Halle gelehrt, 
übernahm dann die Leitung einer chemischen Fabrik 
in Eckertsberga, hielt sich von 0. 1802 in Dresden 
und vom Juni desselben Jahres in Freiburg ohne 
weitere Bestimmung auf, wurde 4. Oktober 1804 
Septimus an einer Lateinschule in Halle^ dann Ad- 
junkt an der dortigen Realschule und wurde zum 
Professor an der Universität ernannt. Am 15. Sep- 
tember 1812 reiste er nach Kassel, wohin er berufen 
war, um eine Bürgerschule einzurichten; er wurde 
an dieser erster Lehrer und am 17. November 1815 
Inspektor. Er ertheilte dem Kurprinzen und den 
Prinzessinnen des Kurhauses Unterricht und erhielt 
17. September 1823 den Titel Professor. Auch hatte 
er seit der Gründung der Handwerksschule M. 1816 
die Leitung der I. Abtheilung derselben. Am 25. 
September 1839 wurde er Inspektor der in 2 Klassen 
abgezweigten Realschule, die Ende März 1843 auf- 
gelöst wurde. Schmieder privatisirte nun in Kassel, 
wo er seinen vollen Gehalt weiter bezog; er stiftete 



110 

und ordnete eine Sammlung von Münzen aus der 
griechischen und römischen Zeit für das hiesige Gym- 
nasium (s. die Programme des Lyceum Fridericianum 
von 1841, 1850 und 1851) und beschäftigte sich 
mit chemischen Versuchen. Nach dreitägigem Kranken- 
lager erlag er am 23. Oktober 1850 einem Anfalle 
der Cholera, nachdem er am 19. Oktober seinen letzten 
Willen aufgesetzt hatte. 

Er hat ausserordentlich viele (ich zähle 28) Schriften 
verfasst aus den verschiedensten Gebieten der Natur- 
wissenschaften, aus der Münzkunde u. s. w., ja auch 
Erzählungen und Novellen. Die für uns wichtigsten 
sind: »Versuch einer praktischen Elementargeometrie«, 
Halle 1800; »lieber die Einrichtung höherer Bürgefr- 
schulen«, Halle 1809; »Das Gemeinnützige der Chemie«, 
Freiburg 1804 u. 1805; »Programme der Bürgerschule 
zu Kassel«, 1816, 11, 18, 19; »Auszug aus der 
deutschen Sprachlehre für Bürgerschulen«, Kassel und 
Marburg, 2. Auflage, 1833; »Frau Holle u. s.w.« 1819; 
»Mythologie der Griechen und Römer u. s. w.«, Kassel 
und Marburg, 3. Auflage, 1830; »Grundriss der Ge- 
werbnaturlehre oder technische Physik u. s. w.«, Kassel 
1829. Siehe: Neue Nekrologe der Deutschen vom 
Jahre 1850 (Dr. Jacob Hoflfmeister). 
Simon, Joh. Christoph, Dr., geb. 1779 zu Veckenstädl 
bei Blankenburg, vorgebildet auf der Schule zu Wer- 
nigerode, studirte zu Halle und Helmstedt und ertheilte 
dann in Braunschweig und Oldenburg Privatunterricht. 
Durch Beschluss des Ministers vom 26. November 1812 
war er als Lehrer an der Bürgerschule und dem Lyceum 
gegen einen Gehalt von 1900 Frcs. thätig, wozu er am 
11. Sept 1813 auch eine freie Dienstwohnung erhielt. 
Im Anfang des Jahres 1816 trat er ganz an das Lyceum 
über mit seinem damaligen Gehalte von 450 Thlrn. 
und 40 Thlrn. Miethsentschädigung, nahm aber seiner 



111 

schwächlichen Gesundheit wegen Ende März 1820 
eine Predigerstelle zu Hohenrode an, wo er am 2. 
Februar 1831 starb. 

Stolz, Friedrich, war Inspektor am Museum und 
übernahm auch Zeichenunterricht an der Bürgerschule ; 
am 26. Oktober 1839 brach er ein Bein und starb im 
November desselben Jahres. 

Suabedissen, Dr. David Theodor Gustav, geboren 
14. April 1773 zu Melsungen, studirte von 1789 an 
zu Marburg Theologie. Nach bestandener Prüfung 
1793 war er Privatlehrer, seit 1800 Professor an der 
hohen Landesschule zu Hanau, gründete 1803 eine 
Privatschule und wurde 1805 erster Lehrer an einer 
Erziehungsanstalt zu Lübeck. Am 25. Juli 1812 
wurde er als Direktor des Lyceums und der Bürger- 
schule nach Kassel berufen, führte seit Ostern 1814 
durch Extract Geh. Raths-Prot vom 22. April 1814 
die Specialaufsicht über die Bürgerschule. Am 29. 
September 1815 zum Instruktor des Prinzen Friedrich 
Wilhelm von Hessen ernannt, bezog er mit diesem 
bis 1820 die Hochschule zu Leipzig. Seit Frühjahr 
.1822 Professor der Philosophie in Marburg, kränkelte 
er seit 1828 und starb am 14. Mai 1835 dortselbst. 
Genaueres siehe Strieder-Justi und Neuer Nekrolog 
der Deutschen. XUI. Von seinen Werken pädagogischen 
Inhalts seien hier erwähnt: Artikel in Münschers Ma- 
gazin für Kirchen- und Schulwesen (über die h. Landes- 
schule zu Hanau) ; Aufsätze, pädagog. Inhalts. Leipzig 
1804; Briefe über den Unterschied in der Erziehung der 
Knaben und der Mädchen. Lübeck 1808; Allgemeiner 
Lehrplan usw. Kassel 1812; Allgemeine Gedanken usw. 
Kassel 1812; Progr. Kassel 1813. 

Yatke, Georg, Kandidat, geb. um das Jahr 1792 in 
der Gegend von Helmstedt, vorher Lehrer an dem 
Privat-Institute des Pfarrers Ramus hierselbst, unter- 



112 

richtete von Oktober 1813 bis Ende März 1814 in 
der Yorbereitangsklasse und der Elementarklasse des 
Lyceums. Später kam er als Haaslehrer zu Sal. Heine 
in Hamburg (Oheim Heinrich Heine's) und lebte dann 
dort als Privatgelehrter. 

Weiss, Wilhelm Ludwig, geb. zu Eassel den 5. März 
1788, war nach Beschluss des Generaldirektors vom 
15. September 1812 seit 1. Oktober 1812 zunächst 
am Lyceum, dann auch an der Bürgerschule und seit 
M. 1816 an der Handwerksschule Schreiblehrer; er 
rückte 1834 zum vierten ordentlichen Lehrer auf und 
ertheilte auch als solcher in allen 6 Klassen Schreib- 
unterricht. Von der Bürgerschule bezog er 210 Thir. 
und freie Wohnung. Seit 1840 wirkte er nur an 
der Bürgerschule und seit 0. 1843 nur noch in der 
Handwerksschule. 

Zu seh, Justus Heinrich, besorgte in Folge eines Re- 
skriptes des Generaldirektors d. ö. ü. vom 8. Sep- 
tember 1812 bis 0. 1814 den Zeichenunterricht, zu- 
gleich auch am Lyceum. Er war im Jahre 1828 
Professor an der Akademie. 



Zu Seite 33 ist zu vergleichen : Ä, Duncker, Fr. 
Rückert als Professor am Gymnasium in Hanau und 
sein Direktor Joh. Schulze. 2. Auflage. Wiesbaden 1880. 

Bemerkung zu Seite 68: Der daselbst erwähnten 
von dem Ministerium am 29. Dezember 1831 errich- 
teten oberen Unterrichts-Kommission ge- 
hörten ausser den dort genannten Mitgliedern noch der 
Professor Dr. Jordan, welchem durch Beschluss vom 
1. Februar 1832 der Vorsitz übertragen wurde, und der 
Reg.-Sekretär Müller an. (Akten d. Min. d. Innern. 
Rep. VI, Kl. 20 Nr. 2. Weder Weber, noch Mütischer, 
Pr. Marburg 1868, noch Riess, Pr. Rinteln 1868, er- 
wähnen diese Beiden.) 




113 




IL 

üntersachimg^ii fiber den Ohronisten 
Johannes Ifnhn von Hersfeld. 

Von 
Julius Pistor. 

•-■5e>-° 

I. 

8 ist eine Thatsache, die kaum bestritten werden 
[kann, daß die hessische Geschichtschreibung im 
späteren Mittelalter, soweit bei den mannigfachen Ver- 
lusten, die sie erlitten, und bei dem empfindlichen 
Mangel an originaler Ueberlieferung ein Urteil über- 
haupt möglich ist| hinsichtlich der Mannigfaltigkeit der 
Darstellungsweise sowohl wie des Inhalts und der Form- 
vollendung ihrer Erzeugnisse hinter den Leistungen 
anderer, namentlich oberdeutscher Länder auf dem Ge- 
biete territorialer und lokaler Historiographie erheblich 
zurücksteht: die Reimchronik fehlt ganz, auch die 
Biographie ist so gut wie gar nicht vertreten, und nur 
die Zeitgeschichte scheint gepflegt worden zu sein ; erst 
gegen das Ende jener Periode machte sich das Be- 
dürfnis geltend, auch die gesamte Vergangenheit des 
Landes oder eines einzelnen Gemeinwesens ins Auge 
zu fassen; was sodann den inhaltlichen und formalen 

N. F. XVIII. Bd. 8 



114 

Wert der Arbeiten betrifft, so läßt sich von keiner 
einzigen sagen, daß sie Anspruch auf eine über das 
Mittelmäßige hinausgehende Bedeutung habe. Hervor- 
ragende Persönlichkeiten, an denen biographische Dar- 
stellungen hätten anknüpfen können, fehlten während 
jener Zeiten in Hessen zwar ebensowenig wie denk- 
würdige kriegerische und politische Ereignisse, die ja 
in den meisten Fällen den Anlaß zur Abfassung ge- 
schichtlicher Aufzeichnungen zu geben pflegten; aber 
gerade die fortwährenden Kämpfe der Dynastie mit 
kriegerischen Nachbarn — in erster Linie mit Kurmainz 
— und mit eigenwilligen Vasallen, wozu in vereinzelten 
Fällen noch schwere Konflikte mit unbotmäßigen 
Städten kamen, scheinen vorzugsweise einer gedeih- 
lichen Entfaltung der Geschichtschreibung hindernd in 
den Weg getreten zu sein. 

In diesen ewigen Unruhen, die ebensosehr die 
gesamte geistige wie die materielle Kultur des Landes 
in ihrer Entwicklung stark zurückbleiben ließen, ist 
wohl auch der hauptsächlichste Grund dafür zu suchen, 
daß die Landesfürsten der Pflege der Künste und 
Wissenschaften, insbesondere der Poesie und der Ge- 
schichtschreibung, im allgemeinen nicht die gebührende 
Aufmerksamkeit zuwandten. Einige Herrscher scheinen 
indes von Haus aus nicht jeder Teilnahme für diese 
Dinge entbehrt zu haben. Freilich sind die Spuren, 
die hierauf hindeuten, nur dürftig und noch dazu teil- 
weise recht unsicher. So spricht manches dafür, daß 
Johannes Riedesel, der älteste hessische Chronist, 
Landgraf Otto nahe stand ^), und gleichfalls will es 
scheinen, als ob der unbekannte Verfasser der „Hessen- 
chronik'^ Beziehungen zum Fürstenhause, insbesondere 

^) Vgl. meine AblinndluDg: Der Cbronist Wigand Gci-steu- 
berg. Nebst Untersuchungen über ältere hessische Oescliichts- 
quellen in der Zeitschr. f. hess. Gesch. N. F. XVII, 65. 



115 

2u Hermann gehabt hätte ^). Es ist in der That nicht 
zu verwundem, wenn dieser Landgraf selbst in den 
stfürmischen Zeiten seiner Regierang sich nicht ganz 
der Einwirkung geistiger Interessen verschloß: hatte 
er doch in Paris und später in Prag mit Eifer gelehrten 
Studien obgelegen und die Magisterwürde erworben ^). 
Auch die Freude an der Dichtkunst scheint ihm eben- 
sowenig wie seinem Oheim Heinrich H. gefehlt zu 
haben: jedenfalls gelten die Worte^ mit denen Peter 
Sachenwirt die Freigebigkeit eines hessischen Land- 
grafen preist, keinem anderen als Hermann, der wohl in 
Prag die Bekanntschaft des österreichischen Dichters 
gemacht haben mochte ^) ; und es ist gewiß nicht zufidlig^ 
dass Heinrich im Jahre 1334 eine Abschrift von Wolf- 
ram V. Eschenbachs Wille halm von Oranse an- 
fertigen liess^). Dies sind freilich auf lange Zeit hin die 
einzigen Zeugen, die für eine Berücksichtigung geis- 
tiger Interessen am landgräflichen Hofe sprechen. Die 
kriegerischen Händel, die Sorge um die Hebung der 
darniederliegenden Landeskultur, deren sich besonders 
Heinrich n. angenommen zu haben scheint^), die Ord- 
nung städtischer und kirchlicher Verhältnisse ließen in 

») Das. 8. 86. 

*} Bommel^ Geschichte v. Hessen II, 168 f. 

■) Das. IV. Anm. S. 476. — Eingehender, als es in der Ab- 
sicht des Verfassers liegt, wird von anderer Seite über die Be- 
ziehungen des hessischen Fürstenhause» zur Litteratur gehandelt 

werden. 

*) Sie befindet sich in der Kasseler Landesbibliothek (Mss. 
Poetae fol. nr. 1) und enthält am Schlüsse unter anderm obige 
Zeitangabe. 

^) Vgl. u. a. die Mitteilung Oeretenbergs bei Sehmineke, Monim. 

Hass. II, 462: „Der .... lantgrave Hinrich beßerte gar wole sin 
laut, want wo er gute wustenunge hatte, da liß er ußrumen und 
dorffei-e buwen" — und hierzu die Bemerkung der Limburger Ohron. 
(Monum. Germ. Deutsche Chroniken IV, 1) S 26,j. 

8* 



116 

Verbindung mit der beharrlich verfolgten auf Erweiterung 
des Besitzes und Erlangung größerer Selbständigkeit 
gerichteten Politik der Dynastie jene Bestrebungen nicht 
recht aufkommen. 

Ähnliche Verhältnisse haben zwar auch in anderen 
Territorien geherrscht, aber in Hessen traten noch weitere 
ungünstige Umstände hinzu. Was hier von den Landes- 
fürsten unterlassen wurde, vermochte von anderer Seite 
kaum wieder gut gemacht zu werden. Es fehlte vor 
allem ein Bischofsitz, der sich zum Mittelpunkt des 
gesamten geistigen Lebens im Lande hätte heraus- 
bilden können. Die Klöster, namentlich Fulda und 
Hersfeld, denen einst in litterarischer Beziehung eine so 
glänzende Rolle zugefallen war, befanden sich längst in 
starkem und unaufhaltsamem Rückgang : mit den mate- 
riellen Verlusten, die diese Stiftungen im Laufe der 
Zeiten erlitten hatten, war die Abnahme der geistigen 
Interessen Hand in Hand gegangen. Dazu kam, daß 
Fulda nach dem Aufhören seiner Beziehungen zur 
obersten Gewalt im Reiche zu keiner territorialen Dy- 
nastie in ein näheres Verhältnis getreten war, während 
die Annäherung, die schon gegen das Ende des 14. 
Jahrhunderts zwischen Stadt und Stift Hersfeld und 
dem hessischen Landgrafenhause stattgefunden hatte 
und die schließlich in dem 1432 zwischem dem Abte 
Albert und Ludwig dem Friedsamen abgeschlossenen 
Erbschutzvertrag iliren stärksten Ausdruck erhielt, zu- 
nächst nur politische Folgen haben sollte^). So kam 



*) Die Hersfelder Chronik, der Geraten berg einige dürftige 
Nachrichten entlehnt hat (vgl. Pistor S. 105 flf), kann, nach den 
letzteren zu schließen, kaum hier in Betracht gezogen werden : es 
sind Notizen, die, mittelbar oder unmittelbar auf Lambert v. Hers- 
feld zurückgehend, das 11. Jahrhundei-t betrefl'eu und sich nicht 
mit der Geschichte dieses Klosters, sondern mit der des Reiches 
beschäftigen. 



117 

es, daß da, wo man einst den Gang der kriegerischen 
und politischen Ereignisse des weiten Reiches zu über- 
schauen vermochte und sich berufen fühlte, das Ge- 
dächtnis derselben der Nachwelt zu erhalten, der Blick 
immer beschränkter wurde und der Interessenkreis sich 
kaum weiter als auf das Klostergebiet und die nächste 
Umgebung erstreckte ^). 

Nicht günstiger liegen die Verhältnisse, wenn man 
die städtische Geschicht-schreibung ins Auge faßt. Es 
ist hier der Ort nicht, zu untersuchen, aus welchen 
Gründen sich in Hessen kein größeres Gemeinwesen 
zu bilden vermochte: genug, daß es dort an Städten 
fehlte, die durch Yolkszahl, Wohlstand und ausgedehnte 
Beziehungen zu benachbarten Territorien eine höhere 
politische Bedeutung erlangt hätten; und nur da, wo 
diese Bedingungen vorhanden sind, kann sich eine 
städtische Geschichtschreibung von einigem Belang ent- 
wickeln. Während anderwärts das zu hoher Blüte ge- 
langte Zunftwesen nicht selten in starken Gegensatz zu 
den Geschlechtern oder selbst zum Grundherrn trat und 
sich erbitterte und folgenreiche Kämpfe entspannen, die 
vielfach den Anlaß zur Aufzeichnung dieser die ge- 
samte Bürgerschaft lebhaft bewegenden Ereignisse 
gaben, hören wir nach dieser Seite hin von den hessi- 
schen Städten wenig. An Zwistigkeiten zwischen den 
einzelnen Zünften hat es, wie wir aus Urkunden wissen, 

') I)a die fuldische Geschichtschreibung sich, soweit er- 
sichtlich, gnnz unabhängig von der hessischen entwickelt hat, so 
ist sie hier unberücksichtigt geblieben. Nähere Aufschlüsse über 
dieselbe verdanken wir den Untersuchungen von ßarthmg in den 
Forsch, z. deutschen Gesch. XIX, 399 if ., womit Rübsams Aus- 
führungen in der Zeitschr. für hess. Gesch. N. F. IX, 115 ff. zu 
vergleichen sind. Letzterer hat außeitlem das. XIV, 196 fif. ein 
größeres Stück aus der Chronik des Apollo v. Vilbel (f 1536) 
herausgegeben. 



118 

zwar ebensowenig gefehlt wie an Konflikten mit den 
Ratsfamilien, aber diese Wirren waren im ganzen doch 
recht belanglos. Nur einmal, gegen das Ende des 14. 
Jahrhunderts, spielen die niederhessischen Städte, an 
ihrer Spitze Kassel, eine hervorragende politische Rolle, 
als es sich unter anderem darum handelte, die Ein- 
griffe des Landesherm in ihre Rechte abzuwehren. Mit 
dem Aufhören dieser Unruhen traten auch die Städte 
wieder in den Hintergrund. 

Fehlten somit die wesentlichsten Vorbedingungen 
für eine kräftige und gleichmäßige Ausbildung der Ge- 
schichtschreibung, so muß andererseits doch zugestanden 
werden, daß der historische Sinn während der genannten 
Zeit in Hessen nie völlig erloschen ist, mag er auch in 
inhaltlich dürftigen und nach der formalen Seite un- 
genügenden Erzeugnissen zum Ausdruck gekommen sein. 

Wenden wir uns zunächst den Zeiten zu, in denen 
ein großer Teil des hessischen Gebietes mit Thüringen 
vereinigt war, während der Rest von zahlreichen Dy- 
nasten behauptet wurde, von denen jedoch keiner eine 
hervorragende Rolle spielte. Man würde sich nicht dar- 
über wundern, wenn eine kräftig entwickelte territoriale 
Geschichtsohreibung unter ähnlichen Umständen^ wie 
sie in dieser Periode für Hessen maßgebend waren, 
plötzlich verstummte: umsoweniger kann es auffallen, 
daß hier, wo nach dieser Richtung hin noch gar keine 
Anfange zu verzeichnen waren, sich nicht das geringste 
Leben regte. Auch die übrigen Gebiete der historischen 
Darstellung erwiesen sich als unfruchtbar. Nicht einmal 
die hohe Gestalt der heiligen Elisabeth vermochte in 
Hessen, wo sie doch die letzten Lebensjahre verbrachte 
und ihre Ruhestätte fand, einen würdigen Biographen 
zu finden, eine Versäumnis, für die uns der Umstand 
nicht entschädigen kann, daß mehr als ein halbes Jahr- 
hundert später ein unbekannter, vermutlich hessischer 



119 

Dichter es unternahm, das Lehen der frommen Land- 
gräfin zu hesingen. Der historische Wert dieser Arbeit 
ist wenigstens sehr gering, da sie nichts anderes als 
eine poetische Behandlung der von Dietrich von Apolda 
verfaßten Lebensbeschreibung der Heiligen ist ^). Die 
einzigen, freilich sehr unsicheren auf die Anfänge einer 
städtischen Geschichtschreibung in dieser Zeit hinwei- 
senden Spuren finden wir in Frankenberg ; die dürftigen 
Nachrichten wurden später von Wigand Gersten- 
berg in seine Stadtchronik hinübergenommen ^). 

Regsamer wird es auf dem Gebiete der Geschicht- 
schreibung nicht lange nach dem Zeitpunkte, wo Hessen 
nach seiner Lostrennung von Thüringen in der Person 
Heinrichs L einen eignen Herrscher erhielt. Wenden 
wir uns zunächst Oberhessen zu. Hier scheint zwischen 
diesen beiden Momenten kein ursächlicher Zusammen- 
hang zu bestehen: es handelt sich nicht etwa um eine 
Darstellung der Landesgeschichte, und ebensowenig tritt 
auch Heinrich irgendwie in den Vordergrund; die spär- 
lichen Nachrichten aus oberhessischen Klöstern, nament- 
lich aus der Cisterzienserniederlassung Haina, von denen 
wir durch Gerstenbergs Vermittlung wissen, sind ledig- 
lich lokaler Natur. In Haina ist wohl auch die Legende 
des heil. Kurd v. Hirlesheim entstanden, die indes nur 
geringen geschichtlichen Wert gehabt haben muß^). 

*) Herausgog. von M. Rieger in den Fublikationon des litte- 
rarischen Vereins zu Stuttgart XC, wo S. 63 von den QueDen der 
Dichtung die Rede ist. 

») Pislor a. a. 0. S. 92 ff. 

') Das. S. 107 ff. Die allem Anschein nach auf den Grafen 
Heinrich (II.) v. Reichenbach, den Stifter von Haina, zurückgehenden 
Aufzeichnungen, die (ahgedruokt in der Zeitschr. f. hess. Gesch. III, 
43 ff.) mit den verheißungsvollen Worten beginnen: Ego H. quon- 
dam comes dictus, nunc humilis frater in Hegenehe [seit etwa 1225]^ 
que vidi, audivi, oi-dinavi et statui presentibus ena[rro], futuris le- 
gendum relinquo — können hier nicht in Betracht kommen, da sie 



120 

Erwähnt mag noch werden^ daß man in der letzten 
Hälfte des 13. Jahrhunderts in Ziegenhain anfing, kurze 
Nachrichten über Familienereignisse des Qrafenhauses 
niederzuschreiben, die später bis in das 15. Jahrhundert 
hinein in gleicher Weise fortgesetzt wurden *). 

Einen wesentlich verschiedenen Charakter scheinen 
die derselben Periode angehörenden geschichtlichen 
Überlieferungen Niederhessens zu haben. Sie sind 
freilich ebensowenig wie die Reste oberhessischer Histo- 
riographie in ihrer originalen Gestalt, sondern durch- 
gängig in anscheinend recht trüben Ableitungen bei dem 
sogen. Senckenbergischen Anonymus und Johannes 
Nuhn (Nohen) von Hersfeld ^) erhalten. Was diese 
bieten, ist zwar nur dürftig, häufig unrichtig und fabel- 
haft, indes kommen doch hier und da Nachrichten vor, 
die in ihrem Kerne offenbar auf zeitgenössische Berichte 
zurückgehen; besonders bemerkenswert aber erscheinen 
sie dadurch, daß hier die Geschichte Heinrichs I. und 
des Landes ganz in den Vordergrund tritt und zwar 
so, daß letztere nicht erst von dem Anonjonus oder 
Nuhn an diesen Platz gestellt zu sein scheinen, sondern 
denselben offenbar bereits in deren Vorlagen einnahmen. 

Eine etwas reichere Entfaltung zeigt die Geschicht- 
schreibung des 14. Jahrhunderts. An der Spitze steht die 
Chronik des Johannes Riedesel, vermutlich eines 
Zeitgenossen Heinrichs I. und Ottos. Auch sie ist uns 
nur durch Gerstenberg erhalten und behandelt, nach den 



nur eine Zusammonstellung hainaisoher Gütererwerbungen enthalten. 
In diesem Register wird auch Eurd v. H. (meist als cellerarius 
von Haina) S. 66, 67, 68. 69 u. 71 (2 mal) erwähnt und ebenso in 
einer das. S. 90 mitgeteilten Hersfelder Urkunde v. J. 1240. 

») Das. 8. 118 ff. 

') Abgedruckt bei Setickenberg^ Selecta jur. et hist. ni, 303 ff. 
bezw. V, 387 ff. Über das Verhältnis beider zu einander wird 
weiter unten ausführlich gehandelt werden. 



121 

Stücken zu urteilen, die dieser Geschichtschreiber 
daraus mitteilt, anknüpfend an die letzten Zeiten der 
thüringischen Herrschaft über Hessen, die Regierang 
der genannten Landgrafen. Die letzte Nachricht scheint 
eine Begebenheit aus dem Jahre 1330 zu betreffen- 
Mit völliger Sicherheit ist hier zu erkennen, daß Heinrich 
und Otto im Mittelpunkte der Darstellung stehen, die 
keinerlei lokalen Charakter an sich trägt, vielmehr be- 
stimmt auf einen Verfasser hinweist, der vermöge seiner 
Stellung in der Lage war, sich über die meisten Er- 
eignisse, die Land und Fürstenhaus betrafen, ziemlich 
eingehend zu unterrichten^). 

Nicht so häufig wie von Riedesels Arbeit hat 
Gerstenberg von der sog. Hessenchronik Gebrauch ge. 
macht. Diese scheint sich in der Hauptsache zeitlich 
an erstere angeschlossen zu haben, bringt dabei aber 
auch einzelne Nachrichten aus der Regierungszeit des 
ersten Landgrafen. Neben der Berücksichtigung der 
genealogischen Verhältnisse der Dynastie finden wir in 
der Hessenchronik wichtige und offenbar gleichzeitige 
Mitteilungen über Heinrich IL und namentlich über 
dessen Neffen Hermann den Gelehrten^. 

Daneben hat es aber noch andere Quellen für die 
Geschichte des Landes und seines Fürstenhauses im 
14. Jahrhundert gegeben^ die Gerstenberg nicht kannte : 
sie sind in den bereits erwähnten Darstellungen des 
Anonymus und Nuhns, die beide keinerlei Mitteilungen 
über ihre Gewälirsmänner machen, zur Verwendung ge- 
kommen. Was diese über die Zeiten Heinrichs und 
Hermanns berichten, geht teilweise wohl auf gute, alte 
Quellen zurück^ deren Überlieferung aber sich im Laufe 

') H, B, Wenck, Mess. Ijaodesgeschichte I. Von den Quellea 
d. hess. Gesch. § 5 u. Pistor a. a. 0. S. 59 if. 
») Wmok § 7, PisUyr S. 85 ff. 



122 

der Zeiten nicht rein erhalten hat^ vielmehr durch 
spätere Zusätze und Umarbeitungen getrübt worden ist. 

Deutlichere Anzeichen weisen auf eine ziemlich 
lebhafte historiographische Thätigkeit in einigen hessi- 
schen Städten hin, wo sich damals^ besonders in der 
zweiten Hälfte des genannten Jahrhunderts, manches 
ereignete, was der Aufzeichnung wert war. Über den 
schwarzen Tod^ die Geißler und Judenverfolgungen, über 
die Kämpfe mit den Sternern und dem benachbarten 
Raubadel finden wir Notizen in Gerstenbergs Franken- 
berger Chronik, die offenbar auf gleichzeitige Quellen 
zurückgehen und vielleicht Bestandteile der alten Stadt- 
chronik waren, die nach dem Zeugnisse des genannten 
Geschichtschreibers im Jahre 1476 bei dem großen 
Brande von Frankenberg vernichtet wurde. Bemerkens- 
wert sind namentlich gewisse mit allen Einzelheiten 
ausgestattete Berichte über schwere Bedrängnisse der 
Bevölkerung, die die Vermutung nahe legen, sie möchten 
Reste offizieller Aufzeichnungen sein^). 

Einen ganz ähnlichen Charakter zeigen Hersfelder 
Nachrichten, deren Ursprung auf das letzte Viertel des 
14. und den Beginn des 15. Jahrhunderts hinweist. Sie 
haben sich gleichfalls nicht in originaler Fassung, son- 
dern in späterer Überarbeitung bei dem mehrfach er- 
wähnten Anonymus erhalten und geben ein anschau- 
liches Bild besonders von den Leiden, die infolge der 
Sternerfehde über die Stadt kamen, von einzelnen Ge- 
waltthaten, die an den Bürgern verübt wurden u. s. w. 
Die ganze Darstellungsweise verrät, daß der Verfasser 
mit seinen Sympathieen durchaus auf der Seite der Stadt 
steht, die damals in heftigem Streite mit dem Stifte 
lebte; vielleicht war er sogar vom Rate mit der Ab- 



») Fütor S. 92 ff., bes. S. 101. 



123 

fassung eines Berichtes über die erwähnten Vorgänge 
beauftragt worden^). 

Auch in Kassel wurde man durch die unruhigen 
Zeiten des ausgehenden 14. Jahrhunderts, insbesondere 
die Kämpfe Hermanns mit Mainz, Braunschweig und 
Thüringen, wobei die Hauptstadt des Landes in starke 
Mitleidenschaft gezogen wurde, veranlaßt, der Zeit- 
geschichte einige Aufmerksamkeit entgegenzubringen. 
Hier schrieb Dietrich Schwarz, Kanonikus am Martins- 
stift, ganz kurz die Hauptereignisse auf. Ein anderer 
Bericht über eine Begebenheit aus derselben Zeit wurde 
in Kassel zunächst mündlich fortgepflanzt und erst, wie 
es scheint, im Beginn des 16. Jahrhunderts von Nickel 
Nußpicker schriftlich fixiert, aus dessen Aufzeichnungen 
ihn KirchhofF in seinen Wendunmut herübernahm. 
Dürftige Reste ähnlicher Nachrichten aus der angege- 
benen Zeit sind uns außerdem aus Homberg erhalten ; 
wir verdanken sie Wigand Lauze, der um die Mitte 
des 16. Jahrhunderts eine hessische Chronik schrieb ^). 

Ein nicht minder wertvolles Zeugnis für das 
historische Interesse, das damals in Hessen lebendig 



*) Das Nähere wird weiter unten in anderem Zusammenhang 
mitgeteilt werden. 

•) Pistor a. a. 0. S. 101 f. Anm. 169. Vielleicht stammen 
auch die ganz kurzen Bemerkungen, die Lauze in dem handschrift- 
lichen ersten Bande seines Werkes z. J. 1372 S. 254 über die Ein- 
äscherung der Homberger Freiheit durch die Steraer und S. 255 
über einen großen Brand in Wolfhagen macht, lokalen Quellen. — 
Beiläufig mag hier erwähnt werden, dass das von Landau^ Ritter- 
burgen II, 284 erwähnte Chronicon de dominis de Dalewig, das 
i. J. 1342 auf Veranlassung des korveyschen Abtes DieiHeh von 
Bahoigk von David Nettelberg verfaßt sein soll und das Falche im 
23. Kap. des zweiten Teiles seiner geplanten Geschichte von Kor- 
vey herausgeben wollte (vgl. seinen Entwurf einer Historiae Cor- 
beiensis diplomaticae S. 121), wohl nie vorhanden gewesen ist 
Vgl. u. a. P. Wigand, Die oorveyschen Geschieh tsquellen S. 13. 



124 

war, sind die Volkslieder, die sich mit Eberhard v. 
B u ch e n a u, der »alten Gans«, and den Sternern beschäf- 
tigten; erst ein Jahrhundert später wurden sie, aber 
nur als Bruchstücke, niedergeschrieben ^). 

Der Fortschritt, dessen sich die hessische Historio- 
graphie erfreute, scheint freilich nicht von langer Dauer 
gewesen zu sein. Wenigstens beklagt Gerstenberg *) den 
Mangel an Aufzeichnungen über die Regierung Ludwigs 
des Friedsamen (1413 — 1458) und seiner Nachfolger, 
und seine Mitteilungen, die er nach eigenem Geständ- 
nis »zusammengelesen« hat, sind in der That recht 
dürftig. Aus diesem Grunde verzichtet er auch wohl 
auf Namhaftmachung seiner Quellen und beruft sich nur 
einige Male auf Notizen des Tilemann Hollauch, 
Kanzlers des soeben genannten Landgrafen, die um die 
Mitte des lö. Jahrhunderts entstanden sein mögen ^). 
Zugleich weist er aber auch auf diejenigen hin, »die dy 
geschichte gesehin han, der nach vile in dußem lande 
am lebin synt uude etzliche auch bie den fursten gewest 
sint« ^) : sie sollen die Geschichte ihrer Zeit schreiben. 
In demselben Sinne äußert er sich an einer anderen 
Stelle, wo von einer Reise Ludwigs nach Aachen und 
einem in dieser Stadt entstandenen »Auflaufe« die Rede 
ist: »Wie das zuging, das bevele ich dengenen, die 
midde gewest sint« ^). Es muß also damals Persönlich- 
keiten gegeben haben, denen geschichtliches Interesse 
nicht mangelte und denen Gerstenberg die Fähigkeit 

^) Sie sind erhalten in der anonymen Chronik bei Sencken- 
berg III, 374 (^ . . . davon sang man ein lied, das ist nicht mehr 
in unseren gedancken, doch habe ich das von dorn lied behalten*^), 
375, 376. Vergl auch v. Lüimcron^ Die histor. Volkslieder der 
Deutschen I, 90 und Friedensburg in d. Zeitschr. f. hess. Gesch. 
N. F. XI, 124 f., wo jedoch die (.'ongeries als Quelle nicht zu or- 
wälinen war. 

*) Bei Schmincke, Moniin. Uass. II, 522 f. 

>) Wenck, § 7 und Pistor, a. a. 0. S. 91. 

♦) Schmincke, a. a. 0. S. 523. - ») Das. S. 543. 



125 

znbraüte, ihre Erlebnisse in geeigneter Weise nieder- 
zuschreiben. Es ist sogar möglich, daß Aufzeichnungen 
der erwähnten Art schon damals vorhanden und dem 
Chronisten nur nicht bekannt waren. Wenigstens finden 
sich in Lauzes bereits genanntem Werke z. J. 1429 
(S. 263 ff.) ausführliche Mitteilungen über die Begeben- 
heiten in Aachen, die dieser als Auszüge aus einer 
Arbeit des Johannes Nuhn, eines Zeitgenossen Gersten- 
bergs, bezeichnet ^). Nuhn wird also hier die ausführ- 
lichen schriftlichen, vielleicht auch mündlichen Mittei- 
lungen eines Augenzeugen in seiner Darstellung ver- 
wertet haben. Zudem liegt es auf der Hand, daß der 
Frankenberger Chronist nicht von allen Aufzeichnungen, 
die damals hier und da im Lande von wenig hervor- 
ragenden Personen etwa gemacht wurden, Kenntnis haben 
konnte; so sind ihm z. B. gewisse Notizen entgangen, 
die um die Mitte des 15. Jahrhunderts in Niederhessen 
entstanden ^), In durchaus kunstloser Form, bald in 
fehlerhafter lateinischer, bald in deutscher Sprache ab- 
gefaßty handeln sie bunt durcheinander besonders ein- 
gehend von allerlei Witterungserscheinungen und deren 
Einfluß auf die heimische Landwirtschaft, von sonstigen 
Naturereignissen und wichtigen Vorgängen in Deutsch- 
land^ Frankreich, England, Italien u. s. w., von denen 
der Verfasser Kunde erhielt; nur ausnahmsweise wird 
auch einmal auf geschichtliche Begebenheiten Bezug 
genommen, die Hessen angehen ^). 



*) Von dieser Stelle wird weiter unten eingehend gehandelt 
werden. 

') Abgedruckt bei Mone^ Anzeiger für Kunde des deutschen 
Mittelalters III, 8p. 282 ff. 

') Nicht unerwähnt sollen auch die kleinen Annalen des 
deutschen Hauses in Marburg bleiben (zuletzt abgedruckt von W y s s 
im Hess. Urkundenbuch I. Abt. I. Bd. S. 486 f.), die von 1190 
bis 1290 reichen. Nach einer kurzen Einleitung über die Stiftung 



126 

Besonders günstig für die Entwicklang der geistigen 
und materiellen Kultur scheinen sich die Verhältnisse 
des Landes in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts 
gestaltet zu haben. Mit der beträchtlichen Vergröße- 
rung des Gebietes durch die Grafschaften Ziegenhain 
und Nidda (1450), wozu (1479) noch Katzenelnbogen 
kam, war auch die politische Bedeutung des Landes und 
das Ansehen der Dynastie nach außen erheblich ge- 
wachsen; ebenso zeigt sich die landesherrliche Gewalt 
dem Adel und den Städten gegenüber in stetem Zu- 
nehmen begriffen. Zwar fehlte es auch jetzt nicht an 
äußeren Unternehmungen, die die Steuerkraft der Be- 
völkerung stark in Anspruch nehmen mochten, aber 
sie waren doch nicht mehr mit einem so starken 
Niedergang des allgemeinen Wohlstandes, mit einer so 
großen und anhaltenden Beunruhigung des gesamten 
Landes verbunden, wie dies hundert Jahre zuvor der 
Fall gewesen war ; ebensowenig vermochten die Zwistig- 
keiten innerhalb des Fürstenhauses die überall auf- 
strebende Kultur niederzuhalten ^). Dazu kamen die 



des Ordens und seine Yerdienste uni die Kirche folgen einige ganz 
kurz gehaltene Notizen über den Tod des Konrad v. Marburg, der 
heil. Elisabeth, des Landgrafen Konrad u. s. w. Ob dieselben im 
15. Jahrhundert, auf welches die Seh riftzüge hinweisen, verfaßt oder 
nur abgeschiieben wurden, wird sich kaum ermitteln lassen ; jeden- 
falls zeigen sie, daß sich damals in Marburg das Bedürfnis geltend 
machte, sich über jene Dinge kurz zu orientieren. 

*) Über deo Wohlstaud, der sich um die Wende des 15. 
Jahrlmnderts in Hessen zu verbreiten anfing, äuJßert sich Kirch- 
hoff in seinem Wendunmut (Ausg. von Oesterlej^ Bd. 1, 8. 281, 
nachdem er dargethan, daß „die souhld der Unfruchtbarkeit [des 
hessischen Landes] nit an im, sondern an den menschen, die es 
ungebauwet haben ligen lassen, gewesen sey*^, ausführlich und 
fdbrt fort : „ . . . dann ich nit nur etliche mal von meinem vatter 
seligen, der; es darzü hooh beteuret, ghört, das kein dorff diser 
zeit im land zä Hessen sey, welchs sich nit inwendig viertzig jaren 
schier über die helfTte gemehret hab, ja etliche sein in kurtzem 



1^7 

segensreichen Wirkungen einer weisen Verwaltung, die 
sich in zahlreichen Landesordnungen, in Sicherung der 
Strassen, in Hebung des Verkehrs äußerte; besonders 
war es Wilhelm der Mittlere, der sich nach dieser- 
Richtung hin hohe Verdienste erwarb^). 

Kein Wunder, daß auch die geistige Kultar sich 
hob. Was zunächst den landgräflichen Hof betrifft, so be- 
richtet der als Dichter and Sänger geschätzte Johann 
V. Soest, daß er auf die Empfehlung des Landgrafen 
Hermann, damaligen Verwesers des £rzstiftes Köln^ in 
Kassel von Ludwig U. eine Anstellung erhalten habe 
(1469)^). Ferner zeichnete sich Wilhelm der Mittlere, 

gar von grundt auff, da vor nichts denn stauden und dömor waren 
neu gebauwen.* 

') Treffend charakterisiert iMuxe a. a. 0. S. 295 (z. J. 1500) 
die auf die Landesverwaltung bezügliche ThStigkeit des genannten 
Füreten mit folgenden Worten: „Es geschahen in diesen gezeiten 
... hin und wider in landen allerlei zugiiffe, rauberei und plackeroi 
gegen kauffleuthen und anderen und worden die leuthe auff den 
Strossen beraubet, geplündert und erwürget Dadurch ward land- 
grave Wilhelm verursacht sein lender und strossen zu freien und 
zu sichern, das die jederman unbefart brauchen und wandern 
mochte. Thet hierauff ein gemein außschreiben und schickte das 
allen seestedten und kauffleuten zu mit vermeldung, das ein jeder 
seine furstenthumbe und gravesohafilen noch seiner nodturfft und 
gelegenheyt mit sicherm durchzog brauchen und durchwandern 
mochte, und wo einem menschen doruber ein gulde oder pfenuig 
Werts schade bogegenete, weite er den duppel und dreifeltig er- 
legen. Hielt auch über solcher ordenung so strenge und veste^ 
das bei seiner regierung ein jeder on schaden und fhar wol gelt, 
wie man zu sagen pfleget, auff einem stecken hette dorffen über 
feld tragen und öffentlich füren, wandte auch allen Heiß an, das 
wo soUiohe strassenreuber antroffen, die noch außweisung der rechte 
und solcher seiner landordenung nach gestrafft worden." 

•) üeber Johann v. S. vgl. Friedr. Pfaff in d. Allgem. kon- 
servai Monatusohrift 46. Jahrg. (1887) S. 147—156 u. 247-250, 
bes. S. 151 f. Johann äußert sich nicht weiter über die künst- 
lerischen Neigungen, die damals am Uofo herrschen mochten, er 
sagt nur, der Landgraf sei ^den hübschen frewlin nyt gehaß*^ go- 



m 

Ludwigs Sohnj nach dem ausdrücklichen Zeugnisse 
Nohns, der in nahen Beziehungen zu ihm gestanden zu 
haben scheint, schon in der Jugend durch gelehrte 
Bildung vor seinen Standesgenossen aus ^) und scheint 
auch ein Freund der Dichtkunst gewesen zu sein^). 

Als ein günstiges Zeichen muß es angesehen werden, 
wenn jetzt auch der hessische Adel, dessen Beteiligung 
am geistigen Leben während des Mittelalters äußerst 
schwach gewesen zu sein scheint, selbstthätig hervor* 
tritt. Nach der Rückkehr von einer Pilgerreise nach 
Palästina, auf der er (i. J. 1491) mit anderen Edelleuten 
Wilhelm den Alteren von Hessen begleitet hatte, ver- 
faßte nämlich Dietrich v. Schachten, noch ganz 
erfüllt von der Wunderwelt des Morgenlandes, in einfacher 
Sprache eine anmutige und anschauliche Schilderung 
der an Abenteuern und Gefahren reichen Fahrt ^). 
Zwölf Jahre später machte Georg v. Boyneburg im 
Gefolge eines hennebergischen Grafen denselben Weg 
und beschrieb die Reise in Versen, die aber verloren 
zu sein scheinen^). 

wesBD^. PfafiF vermutet wie es scheint, richtig, es möchte Lud- 
wigs GemahÜQ Mechthilde die Oönnerin des Sängers geweseo sein. 

») Senckenberg a. a. 0. V, 467. 

*) Wenn nach Rommels ansprechender Vermutung (Oesch. 
V. Hessen IV, Anm. S. 483) zu den Geschenken, die Wilhelm von 
seinem Oheim Eberhard erhielt (vgl. Nuhn bei Senckenberg a. a. 0. 
S. 468 f.), das jetzt in der Kasseler Landesbibliothek (Mss. Poetae 
fol. nr. 2) aufbewahrte Gedicht des Rudolf y. Ems über Wilhelm 
v.Oriens gehörte, so muB der junge Landgraf wohl Sinn für Poesie 
gezeigt haben. Über den Inhalt desselben vgl. Qödeke^ Grundriß 
zur Gesch. d. deutschen Dichtung P, 123 ff. 

') Vgl. 0. Lorenz^ Deutschlands Geschichtsquellen II', 95 
und die Allgem. deutsche Biographie XXX, 486. Die Reisebesohrei- 
bung ist abgedruckt bei Röhrieki u. Meisnery Deutsche Pilgerreisen 
nach dem heiligen Lande S. 162 — 245. 

^) Vgl. Spangenberg ^ Henneberg. Chronik (Straßburg 1599) 
S. 162 und Röhricht, Deutsche Pilgerreisen S. 219. 



129 

Ebenso weisen einige Spuren darauf hin, daß in 
den Klöstern sich wieder historischer Sinn zu regen 
begann ^). Erhalten ist uns eine die Gründung der Be- 
.nediktinemiederlassung Breitenau behandelnde Dichtung. 
Hier hatte sich — ob durch schriftliche oder mündliche 
Tradition, ist nicht zu erweisen — die Erinnerung an 
die durch Werner v. Grüningen i. J. 1113 erfolgte 
Stiftung erhalten. Die mit sagenhaften Bestandteilen 
stark durchsetzte Überlieferung gestaltete im Beginne 
des 16. Jahrhunderts ein Unbekannter, der wohl Mönch 
in Breitenau war, zu einem »neuen« Gedicht um »von 
dem uffkommen deß closters Breidennaw«. Der histo- 
rische Wert ist gering, aber immerhin verdient das 
Reimwerk einige Beachtung, schon deshalb, weil es, 
soviel bekannt, der einzige Versuch ist, die Gründung 
einer geistlichen Niederlassung in poetischem Gewände 
darzustellen ^. 



*) An dieser Stelle würde die von Kuehenbecker^ Analecta 
fiassiacs II. Praef. p. 9 erwähnte Qesohiohte des Kaofanger Klosters 
zu nennen sein, die Paulus Rappe von Nether um das Jahr 1462 
verfaßt haben soll, wenn die hierauf bezügliche Naohrioht nioht 
von PauUiin herrührte. Daß dessen Angaben als höchst verdächtig 
gelten müssen, hat u. a. Wigand in dem oben S. 123 angeführten 
Werke gezeigt. 

*) Das «in dem thon Peregnno oder in dem thon Ein 
kindtelein so loebelich^ zu singende Lied findet sich in einem 
Misoellanband der Kasseler Landesbibliothek (Mss. Uass. fol. nr. 12 
S. 203— 206 a). Es besteht aus 16 Strophen, von denen die eisten 
15 je 10 Zeilen zählen, wogegen die letzte 8 zeilig ist. Dem Liede 
folgt in der fiandsohrift ein von dem nämliohen Schreiber herrüh- 
render Prosaabsohnitt (S. 206 a— 208), der unabhängig von der Dich- 
tung die Qründungsgeschiohte erzählt und mit Lauxe a. a. 0. 
S. 198 a ff. wörtlich übereinstimmt Da in der 16. Strophe von der 
Reformation des Klosters durch den Abt Johannes Meyer um 1502 
(^Fünffieehen hundert schreib man du — und zwei jähr viUichte 
darzu*^) die Bede ist, so fällt die Abfassung in die Zeit zwischen 
dem genannten !Dermin und 1527, in welchem Jahre das Kloster 

N. F. Bd. XVIII. 9 



130 

Von einem Aufschwung der städtischen Historio- 
graphie im letzten Viertel des lö. Jahrhunderts kann 
freilich keine Rede sein: dazu waren die Verhältnisse 
zu klein und die Städte traten zu wenig selbständig 
hervor, auch existierten die Umstände, die hundert Jahre 
früher hier und da Anlaß zu Aufzeichnungen gegeben 
hatten, längst nicht mehr. So beschränkte man sich 
in Kassel seit etwa 1460 darauf, ganz kurze Notizen 
über die Ereignisse, die dort und hier und da im Lande 
vorfielen, namentlich über die kriegerischen Unterneh- 
mungen Ludwigs IL und Heinrichs lü., zu machen. Sie 
sind in der sogen, hessischen Congeries enthalten, einer 
Kompilation, die allem Anschein nach im letzten Viertel 
des 16. Jahrhunderts entstanden ist^). Dagegen macht 



aofgehobeo wurde. Über die Herkunft des Liedes bemerkt der 
Schreiber (S. 203), es stamme aas Breitenau ; er habe dasselbe „in alter 
mönchischer schrifft^ bei Johannes Theobaid, Pfarrer in Guxhagen, 
dessen Vater Prior in Breitenau gewesen, gesehen und i. J. 1681 
wörtlich kopiert. 

') Zuletzt herausgegeben von NebeUhau in der Zeitschrift 
f. hess. Geschichte VII, 909—384. Die Nachrichten für das 
14. und die erste Hälfte des 15. Jahrhunderts stammen teils aus 
Gerstenberg und dem Anonymus bei Senckenberg a. a. 0., teils 
gehen sie auf Inschriften, städtische Urkunden und Rechnungen 
zurück. Vgl. z. B. die Notizen z. J. 1339 (S. 323) mit der bei 
Kuchenbecker^ Analecta Hass. IV, 281 f. abgedruckten Urkunde 
und z. J. 1346 (S. 323 f.) mit der Urkunde bei Kuchenbecker IV, 
282; ferner sind die Mitteilungen z. J. 1440 (8. 338) über den zu 
Gunsten der St. Martinskirche erteilten Ablaß u. s. w. offenbar den 
bei Kuchenbecker V, 76—81 veröffentlichten Urkunden (nr. XXX 
u. XXXI) entnommen. Ganz gering ist die Zahl der sich auf 
Kasseler chronikalische Aufzeichnungen stutzenden Nachrichten. 
So gehen, wie Friedensburg in d. Zeitschr. f. hess. Gesch. N. F. 
XI, 119 gezeigt hat, die Bemerkungen z. J. 1383 u. 1384 (8. 380) 
und z. J. 1400 (S. 334) auf Dietrich Schwarz zurück, ebenso der 
erste Absatz z. J. 1386 (8. 331 f.), wogegen die sicli hieran an- 
schließende Anekdote von der Erbeutung der Schnaboischuhe durch 
die Kasseler Bürger aus Nickel Nußpickers Notizen stammt (vgl. 



131 

sich, wenn anch nur vereinzelt, ein wesentlicher Forir 
schritt geltend. Die Zeit war gekommen, wo man das 
Bedürfnis fühlte, die ganze städtische Vergangenheit zu 
ergründen und im Zusammenhang darzustellen. Ein 
solcher Versuch wurde um die Wende des 15. Jahr- 
hunderts in der Stadt Frankenberg gemacht, die vor 
den übrigen oberhessischen Orten sich längst durch den 
Eifer auszeichnete, mit dem dort wissenschaftliche Studien 
gepflegt wurden. Der Verfasser der Chronik ist der 
Priester WigandGerstenberg^). Über seinen Lebens- 
gang sind wir nur mangelhaft unterrichtet. Im Jahre 
1457 zu Frankenberg geboren, bezog er im Frühling 
1473 die Erfurter Hochschule, wo er theologischen 
Studien oblag. Um die Mitte der achtziger Jahre weilte 
er wieder in seiner Vaterstadt. Später finden wir ihn 
auf dem Reichstage zu Worms (1495), dem er als 
Kapellan Wilhelms des Jüngeren beiwohnte. In der 
Umgebung dieses Fürsten, der in Marburg Hof hielt, 
tritt Gerstenberg zum letzten Male 1497 auf. Vermut- 
lich begab er sich nach dem frühen Tode Wilhelms 
(1500) nach Frankenberg zurück, wo er im Jahre 1522 
starb. — 



Ktrehhoffs Wendanmut ed. Öaierky IL 399). — Beiläufig mag be- 
merkt werden, daß auoh die von 1369 bis 1699 reichenden Horn- 
berger Jahrbücher (abgedr. im 2. Stück d. „Marburgisohen Beytrttge 
zur Gelehrsamkeit" 8. 246—257) wohl nichts anderes sind eJs 
Notizen aus städtischen Archivalien. Ferner findet sich in Johann 
Bangs ,Neuer Chronik*^ (Mühlhausen 1600) eine Reihe von Nach- 
richten über Eschwege (z. J. 1354, 1423, 1433, 1443, 1450, 1452, 
1454, 1460, 1461, 1480, 1484), die aus ähnlichen Quellen (z. T. In- 
schriften an öffentlichen Qebäuden u. s. w.) gefiossen sein müssen. 
*) Für die folgenden Ausführungen verweise ich der Kürze 
halber auf meine mehrfach citierte Abhandlung über Qerstenberg. 
Zu S. 20 Anni. 18) das. sei nachträglich bemerkt, daß der Familien- 
name des Chronisten wohl mit einer in der Nähe von Ziegenhain 
gelegenen örtiichkeit, dem Oerstenberg, in Verbindung zu bringen 
ist. Vgl. Landau in d. Zeitsohr. f. hess. Gesch. II, 8 ff. (Note 9). 

9* 



132 

Da eine große Feaersbninst, welche fast die ganze 
Stadt einäscherte (1476), neben zahlreichen Urkunden 
auch die alte Stadtchronik vernichtet hatte, faßte Ger- 
stenberg den Entschloß, seinen Mitbürgern diesen Ver- 
lust nach Möglichkeit zu ersetzen. Die spärlichen Reste 
urkundlicher und chronikalischer Aufzeichnungen^ die 
sich erhalten hatten, und wohl auch die Ergebnisse von 
Erkundigungen, die er bei älteren Bewohnern einge- 
zogen, waren das hauptsächlichste Material, aus dem er 
seine Arbeit aufbaute. Kann diese auch nicht als eine 
gelungene bezeichnet werden, da sie kein anschauliches 
und zutreffendes Bild von der Geschichte der Stadt 
bietet, so liegt die Schuld im ganzen wohl weniger an 
dem Verfasser als daran, daß ihm die Quellen allzu- 
spärlich zuflössen. Doch sollen auch die Mängel, die dem 
Chronisten selbst anhaften, nicht verschwiegen werden. 
Dazu gehört zunächst ein nur wenig ausgebildetes kriti- 
sches Vermögen, das er der Oberlieferung gegenüber 
besonders da zeigt, wo es sich um die älteste Geschichte 
von Frankenberg handelt. Weiterhin ist er nicht im- 
stande, das Quellenmaterial nach seinem Werte und 
Inhalt gehörig zu sichten, sodaß einerseits zwischen 
echter und unechter Oberlieferung nicht geschieden, 
andemteils vieles aus den Vorlagen herübergenommen 
wird, was in den Rahmen seiner Arbeit nicht paßt: 
eine ganze Anzahl von Nachrichten tischt er auf, die 
mit der Vergangenheit seiner Vaterstadt in gar keiner 
Beziehung stehen. Und wenn auch die lückenhafte 
Oberlieferung es ihm nicht gestattete, in zusammen- 
hängender und in sich abgeschlossener Darstellung ein 
vollständiges Bild von der älteren Vergangenheit zu 
entwerfen, so stand doch nichts im Wege, mindestens 
für die zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts das städtische 
Leben in allen seinen Erscheinungen eingehend zu 
schildern. Nur einmal gelingt es ihm^ seiner Gewohn- 



133 

heit, die Begebenheiten trocken und farblos zu erzählen; 
untren zu werden : wir meinen die anschauliche Schil- 
derung des Brandes und der auf dies Ereignis folgenden 
Not der obdachlosen Bevölkerung. Man merkt es der 
Erzählung an, daß Gerstenberg nicht nur Augenzeuge 
jener Vorgänge gewesen sein muß, sondern daß ihm 
auch das schwere Unglück seiner Vaterstadt sehr zu 
Herzen ging. 

Oerstenberg ist außerdem der Verfasser einer um- 
fangreichen thüringisch-hessischen Chronik, die er seiner 
eignen Mitteilung zufolge i. J. 1493 begann, während 
der Abschluß der Arbeit nicht vor 1515 erfolgte. 
Zwischen beiden Werken besteht in vielen Punkten 
eine nahe Verwandtschaft. Wie er seine Geschichte 
von Frankenberg ausdrücklich der Bürgerschaft zu- 
eignet und letztere auf die alten Zeiten hinweist, wo 
die Stadt durch die Opferwilligkeit und den Gemeinsinn 
der Bewohner angesehen und mächtig gewesen, so 
widmet er diese Arbeit dem Landgrafenhause, indem er 
auch hier den ethischen und politischen Wert der Ge- 
schichte betont : die jetzigen und die zukünftigen Fürsten 
und Fürstinnen von Hessen sollen an den Tugenden 
wie an den Fehlern der Vorfahren lernen^ was sie Gott, 
der Welt und ihrem Lande schuldig sind. Hatte Ger- 
stenberg es sich femer vorgenommen, in der Chronik 
von Frankenberg die gesamte städtische Geschichte zu 
behandeln und rückt er dabei deren Alter um mehr als 
ein halbes Jahrtausend zu weit in die Vergangenheit 
hinauf; so verfährt er in seiner thüringisch-hessischen 
Geschichte ganz nach den nämlichen Gesichtspunkten: 
den Anfängen derselben spürt er bis in die Zeiten 
Alexanders d. Gr. nach, den er zum ersten Herrscher 
des Landes macht. Oberhaupt sind hier dieselben 
Mängel wie in seiner Frankenberger Chronik zu rügen, 
er verhält sich sogar der Darstellung der Zeitgeschichte 



134 

gegenüber noch mehr ablehnend, als er dies in der 
kleineren Arbeit thnt. Für sein Jahrhundert will er nnr 
die wichtigsten Ereignisse dem etwaigen Fortsetzer seiner 
Chronik gewissermaßen als Leitfaden kurz aufzeichnen: 
möglich, daß Gerstenberg sich die Fähigkeit nicht zu- 
traute, in der Hauptsache unabhängig von schriftlichen 
Quellen die Zeitgeschichte zu schreiben, möglich aber 
auch, daß ihm Rücksichtnahme auf das Fürstenhaus ein 
näheres Eingehen auf die Ereignisse der nächsten Ver- 
gangenheit verwehrte. 

So zahlreich auch die Mängel der Gerstenberg- 
schen Geschichtschreibung sein mögen, im ganzen ge- 
nommen ist ein entschiedener Fortschritt gegen die 
Leistungen der früheren Zeit nicht zu verkennen. Schon 
das allein fällt hierbei stark in die Wagschale, daß — 
ein umstand, der regelmäßig erst dann einzutreten 
pflegt, wenn die Historiographie sich bis zu einem ge- 
wissen Grade entwickelt hat — man daran ging, auch 
die entferntere Vergangenheit zu ergründen und im 
Zusammenhang darzustellen. Weiterhin ist es von erheb- 
licher Bedeutung, daß die Geschichtschreibung jetzt an- 
fängt, in engere Beziehungen zur Landesherrschaft zu 
treten, wodurch sie im ganzen genommen weit mehr 
gefördert als beeinträchtigt wird. 

Die hier berührten Momente kommen in gleichem 
Maße bei den historischen Arbeiten des Johannes 
Nuhn von Hersfeld, eines Zeitgenossen des Franken- 
berger Chronisten, in Betracht, so sehr auch beide 
in ihrem Charakter, ihrer Anschauungsweise und ihren 
Fähigkeiten voneinander verschieden sind. 



135 



n. 



Johannes Nuhn (Nohen) *) wurde, wie er selbst 
mitteilt, am 25. Januar 1442, vermutlich in Hersfeld, 
geboren ^). Noch nicht zwanzig Jahre alt bezog er die 
Hochschule zu Erfurt (1461), um Theologie zu studieren^). 
Wie lange er dort verweilte und wohin er sich dann 
zunächst wandte, darüber fehlt jede Nachricht. Später 
finden wir ihn in hennebergischen Diensten, in denen 
er einige Zeit, vielleicht bis 1475, verblieb. In 
diesem Jahre starb nämlich sein Herr, Graf Heinrich, 
der Kanonikus zu Köln und Archidiakonus zu Würz- 



*) Über den Familiennamen des Chronisten, der vielleicht 
mit dem Ortsnamen Nohen a. d. Nahe in der Nähe von Birkenfeld 
(oder mit Nohn in der Eifei?) in Verbindung zu bringen ist vgl. 
meine Arbeit über Gerstenberg S. 9 Anm. 11). Die Form Nuhn 
ist besonders mit Rücksicht darauf gewählt, daß der Chronist in 
der Erfurter Matrikel als Nun verzeichnet steht und der Familien- 
name Nuhn noch heute häufig in der Umgegend von Hersfeld vor- 
kommt. Der Chronist wird sich wohl beider Namensformen bedient 
haben, was für jene Zeiten durchaus nichts Auffallendes hat. — Ein 
Heinchen Nuhn wird 1598 als Hersfelder Bierschätzer erwähnt bei 
L. Demme^ Nachrichten und Urkunden zur Chronik von Hersfeld 
I, 346. 

') Zeitschr. f. hess. Gesch. V. 1. Über seinen Geburtsort 
giebt er selbst keine genügende Auskunft : bei Senekenberg^ Selecta 
y, 388 setzt er zu seinem Namen hinzu ^aus Herßfeldf^. Da er 
aber auch in der Erfurter Matrikel (vgl. auch Stölxel in der Zeit- 
schrift für hessische Geschichte N. F. V. Supplement 8. 22) 
als Hersfelder bezeichnet wird und er ferner bei Spangenberg^ 
Henneberg. Chron. 8. 8 und Lauxe a. a. 0. 8. 30a, 258 u. s. w. 
mit dem Zusatz „von Hersfeld ^ erscheint, so liegt die Annahme 
am nächsten, daß er aus diesem Orte stammt. Möglich ist ja 
immerhin, daß er in irgend einem Dorfe bei Hersfeld zur Welt 
kam, da Gelehrte, Dichter u. s. w. in jenen Zeiten sich häufig 
nicht nach ihrem Heimatsdotfe, sondern nach einer in der Nähe 
liegenden Stadt benannten. 

') Akten d. Universität Erfurt 1, 287 (Geschichtsquellen der 
Provinz Sachsen VIH. Bd.). 



136 

barg war und in Ealtennordheim seinen Sitz hatte. ^) 
Ob Nohn nunmehr nach Hessen zurückging oder sonst 
eine Stellung fand, wissen wir nicht. Wir begegnen 
ihm zuerst wieder i. J. 1483. Als nach dem Tode des 
Landgrafen Heinrich HI. Wilhelm der Ältere von Roten- 
burg aus, wo seine Mutter Mechthilde Hof hielt, nach 
Kassel zog und sich huldigen ließ, war der Chronist 
dort zugegen. Vermutlich befand er sich in der Um- 
gebung Wilhelms. ^) Im folgenden Jahre treffen wir 
ihn unter den Begleitern Wilhelms des Mittleren. 
Diesen hatte nämlich Mechthilde 1479 nach Stutt- 
gart zu ihrem Bruder Eberhard im Barte gebracht, 
um ihn dort erziehen zu lassen.^) Der Graf nahm 
1484 seinen Neffen mit nach Innsbruck zu den Fest- 
lichkeiten^ die daselbst zur Feier der Vermählung des 
Erzherzogs Sigismund mit Katharina^ einer geborenen 
Herzogin von Sachsen, veranstaltet wurden.^) Nuhn 
scheint die Reise dorthin mitgemacht zu haben, 
wenigstens sagt er selbst, er sei Zeuge der besonderen 
Aufmerksamkeit gewesen, mit der der junge Fürst in 
Ulm und Innsbruck behandelt wurde. ^) 

Daß es kein Zufall sein kann, wenn Nuhn inner- 
halb eines kleinen Zeitraumes in der Umgebung der 
beiden jungen Landgrafen an zwei weit voneinander 
entfernten Orten erscheint, liegt auf der Hand. Zieht 
man ferner in Betracht, daß er schon früher in fürst-- 



' *) Spangenberg a. a. 0. S. 9. Nähores über den QrafeD 
das. S. 211 ff. 

') Vgl seine Angaben bei Senckenberg^ Seleota V, 462 f. 
*) Das. S. 463 f. 

^) Im Texte steht (a. a. 0. S. 465) die falsche Jahreszahl 
1482, die gewiß nicht von Nuhn selbst herrührt. Vgl. v. Stalin, 
Wirtemberg. Qesch. III, 636 f. 

^ Das. S. 466 f., wo sich auch Einzelheiten über die Beise 
finden. 



137 

liehen Diensten gestanden hatte^ so ist es sehr wahr- 
scheinlich, daß er an Mechthildens Hof damals eine 
ähnliche Stellung innehatte wie in Kaltennordheim : im 
Auftrage der Landgrafin hat er dann jedenfalls deren 
Söhne begleitet^). Ohne Zweifel hatte Nohn nahe 
Beziehungen zum Förstenhause und insbesondere zu 
Wilhelm dem Mittleren : dafür spricht nicht nur die 
warme Zuneigung, die er für letzteren überall an den 
Tag legt und die allem Anschein nach nur auf längeren 
persönlichen Verkehr zurückgeführt werden kann'), 
sondern auch seine genaue Kenntnis der damals recht 
unerfreulichen Verhältnisse der landgräflichen Familie. 
Es hat sogar den Anschein, als ob bei Abfassung der 
Chronik der Einfluß hochgestellter Personen sich geltend 
gemacht habe'). 

Noch unsicherer sind die Vermutungen über 
andere Umstände aus Nuhns Leben. Nach dem Zeug- 

') Vielleicht befand er sioh auch im Gefolge der Landgräfin, 
die im Herbste 1484 ihren Sohn aus Schwaben holte und zu dessen 
Oheim Hermann nach Köln brachte. Die Schilderung der Einzel- 
heiten a. a. 0. 8. 467 fF. macht wenigstens den Eindruck, als ob 
der Chronist Augenzeuge gewesen sein müsse. Die dort (8. 469) 
sich findenden Worte: „Der das scheiden sähe bezeiget die Wahr- 
heit und sein zeugnuß ist war*^ — würden sich dann auf den Ver- 
fasser selbst beziehen. Femer will es scheinen, als ob er bei der 
Vermählung Wilhelms des Mittleren mit Anna von Mecklenburg 
zugegen gewesen wäre. Vgl. S. 478. 

*) Vgl. S. 464 ff., 481 (Kap. 65 a. £.), 486 (wo WUhelm 
der „Idwenmütige Landgraf* genannt wird), 488 unten u. s. w. 

*) Nuhn äußert sich a. a. 0. 8. 476 über den Inhalt einer 
Urkunde, in der Wilhelm I. zu Gunsten seines Bruders auf seinen 
Landestheil verzichtete, in einer Weise, die zwar nicht ganz un- 
zweideutig ist, aber auf jeden Fall hier in Betracht kommt Vgl. 
das. S. 485, wo es heißt: „. . . aber die rechte tirsach, wo der 
Unwille her erwuchs, wird verdruckt und verschwiegen, so eygent 
mir nit, ob ich etwas darvon wüste oder erfahren hatte, nicht zu 
melden." 



138 

nisse Spangenbergs (a. a. 0. S. 8) ist er der Verfasser 
einer »Historie« der Markgrafen von Meißen, und es 
liegt nichts näher als die Annahme, daß der Chronist 
einige Zeit in diesem Lande verweilt haben müsse, zu- 
mal da er die Grabschrift des 1486 verstorbenen and 
in Meißen bestatteten »tugendhaften« Herzogs Ernst 
von Sachsen ihrem ganzen Wortlaute nach mitteilt. ^) 
Auch über seinen Aufenthalt in Hersfeld, der wohl außer 
Zweifel steht, macht Nuhn keinerlei direkte Angaben. 
Gerade letztere Stadt erwähnt er, wie weiter unten 
gezeigt werden wird, sehr häufig und berichtet so ein- 
gehend mit Erwähnung aller Einzelheiten über Ereignisse 
aus der älteren und neueren Geschichte des Ortes, daß 
sich fast unabweisbar der Gedanke an einen längeren 
Aufenthalt Nuhns in Hersfeld aufdrängt^). Dort wird 
er wohl auch in Beziehungen zu dem ganz in der 
Nahe ansässigen wallensteinischen Adelsgeschlecht ge- 
treten sein, dessen Geschichte der fleißige Chronist 
gleichfalls aufgezeichnet hat^). Man geht ferner 
kaum fehl, wenn man annimmt, daß letzterer dem 



') Bei SencJcenberg V, 468 flf. Vgl. auch, was er S. 457 
über Ernst und seinen Bruder sagt. — Daß Nuhn in Mainz ge- 
wesen ist, geht wohl aus seiner Bemerkung (das. S. 456) hervor. 
^. ... als man sie [die dortige Martinsburg] noch vor aogdn 
siehet". 

*) Hier sei kurz auf die Stelle bei Senckefiberg V, 505 hin- 
gewiesen: Als Wilhelm der Ältere 1511 in den Fasten sich von 
Spangeoberg an den kaiserlichen Hof begab, verbrachte er die 
erste Nacht in Hei'sfeld; von den weiteren fieisestationen erföhrt 
man nichts. Fernerhin berichtet der Chronist (S. 485 f.) über die 
auf den Tag zu Hersfeld (1498) bezüglichen Äußerlichkeiten, über 
den Einzog der Fürsten, die Zahl der Reisigen u. s. w., sogar 
über den Weg, den Wilhelm der Mittlere durch die Stadt nahm, 
in einer Weise, die seine damalige Anwesenheit in der Stadt fast 
zur Gewißheit macht 

') Spangenberg a. a. 0. Von dieser Arbeit wird weiter 
unten in anderem Zusammenhang die Rode sein. 



139 

weltgeistlichen Stande angehörte: dafür spricht nicht 
sowohl der biblische Ton, den er hier nnd da in seinen 
Werken anschlägt, als besonders die Art and Weise, 
wie er sich über diejenigen äoßert, die geistlichen Be- 
sitz in weltliche Hände brachten oder zu bringen 
sachten ^). Daß er einem Orden nicht angehört haben 
kann, unterliegt keinem Zweifel^). Wo and wann 
Nahn seine Tage beschloß, ist mit Sicherheit nicht zu 
sagen, und nur soviel steht fest, daß er 1523 noch am 
Leben war^). 

Nicht minder lückenhaft sind die Nachrichten 
über seine aasgebreitete litterarische Thätigkeit. Die 
beste Auskunft giebt uns noch Spangenberg in seiner 
hennebergischen Chronik S. 8 f., wo es heißt: »Es hatt 
sich einer mit Namen Johan Nohen von Herschfeld 
vieler Herrn vnd Junckern Oeschlechter Historien zum 
theil Reimweyse, zum theil sonsten zubeschreiben 
vnderstanden : als der Marggrafen zu Meissen, der 
Junckern von Wallenstein vnd anderer mehr . . . Nun 
hat Er jhme auch vorgenommen, zwei Büchlein von 
den Hennebergischen Grafen zuschreiben. Das Erste 
von jhrer Ankunfft vnd Stammenbavm, ein Capittel 
vmb das ander, prose vnnd Reimweise : Das Ander von 



') Die BelegBteUen hierfür werden später mitgeteilt 

') Vgl. seine derben Auseinandersetzungen S. 502 f., die 
mit den Worten beginnen: „Seiten oder gar lützel ist einem 
münchen zu glauben, dann was ein münch gedoncken darf, das 
thut er auch, und wie er schalckheit getreibet, da man ein andern 
um brennet, radbrftcht viertheilt, ertvSnckt und hionge« das irret 
einen münch nicht ; er zeucht sein kappen in sein äugen und fallet 
weinend vor seinen obersten nieder, dann bleibet er ein münch 
als er vor gewesen ist*^ u. s. w. 

*) In der von Landau in d. Zeitschr. f. hess. Oesch. V, 1 ff. 
auszugsweise herausgegebenen Chronik wird S. 12 f. über Philipps 
und seiner Verbündeten Zug gegen Franz v. Siokingen BeiHcht 
erstattet. 



140 

acht Hennebergiscben Herren, so Geistlich gewesen, 
welchs Er das Hennebergisch A. b. c. nennet, ist gar 
Reimweise inn XXIY. Capittel abgetheilet, deren jedes 
von einem besondern Buchstaben anfehet« ^). 

Wenden wir uns zunächst den Arbeiten des 
Chronisten über hessische Geschichte zu. Leider ist 
die Überlieferung hier eine recht unsichere. Am zu- 
verlässigsten zeigt sich letztere in der von Landau in 
der Zeitschr. f. hess. Gesch. V, 1 — 13 nach dem ver- 
mutlichen Autograph Nuhns unvollständig herausge- 
gebenen Chronik. Landau hat sich auf Mitteilung 
derjenigen Teile beschränkt, die ihm der Veröffent- 
lichung wert schienen. Diese umfassen nur die Zeit 
von 1442 (dem Geburtsjahre Nuhns) bis 1523, sind 
aber offenbar gleichfalls nicht vollständig wiedergegeben. 
Unsere Kenntnis von dieser Arbeit ist demnach nur 
eine beschränkte, was um so mehr zu bedauern ist, als 
das Verhältnis derselben zu einer anderen unter Nuhns 
Namen veröffentlichten, aber auf unsicherer Oberlieferung 
beruhenden Chronik (bei Senckenberg V, 387 ff.), die 
anscheinend denselben Gegenstand behandelt, nicht 
genau genug bestimmt werden kann^). 

Der Inhalt des in Rede stehenden Bruchstückes 
beschäftigt sich mit der Zeitgeschichte. Im Mittel- 
punkte der Darstellung stehen zunächst die Landgrafen 
Wilhelm L, IL und III. ; namentlich ist es Wilhelm der 
Mittlere, dem der Chronist — soweit die dürftigen Aus- 
züge dies erkennen lassen — besondere Aufmerksamkeit 
schenkt. In den späteren Partieen tritt die Person Philipps 

*) Auf diese Stelle hat zuerst Ä, Wyas in (L Deutschen 
Litteraturzeitung 1387 Sp. 1339 aufmerksam gemacht 

') Leider hat sich Latidau über die nähere Beschaffenheit und 
den Aufbewahrungsort der Handschrift nur sehr allgemein geäußert, 
sodaß es den Bemühungen des Verfassers nicht gelungen ist, 
letzterer habhaft zu werden. 



141 

des Großmütigen dorchaae in den Yordergnind. Mit leb- 
hafter Teilnahme ffir den jongen Fürsten spricht der 
Chronist von den zahlreichen Mißhelligkeiten, denen 
dieser von Seiten seiner Widersacher aasgesetzt war: 
die Kölnischen zerstörten ihm ein Pfahiwerk; »darczu 
halff vast der nnecht Wilhelm von Hessen der elter, alß 
man saget eyn unrejn vogel der ist^ der in sin eygen 
neet schist« ^j. Wigand v. Lüder raubte ihm einige 
Pferde, ohne die Fehde vorher angesagt zu haben: 
dafür ließ ihm Philipp den Kopf abschlagen, wozu der 
Chronist die höhnische Bemerkung macht : »Der forsten 
swert snyttvere.« Weiterhin unternahm Graf Wilhelm 
von Henneberg einen Angriff auf Vacha, und Herzog 
Erich von Braunschweig stand in dringendem Verdachte, 
einen Anschlag auf Immenhausen und Grebenstein 
vorzuhaben. »So wart der fürst in sinen kinttagen 
an veir orter angegriffen«, setzt Nuhn hinzu ^). An 
einer anderen Stelle zählt er sogar siebzehn Adelige auf, 
die feindlich gegen den elfjährigen Landgrafen auf- 
traten ^). Mit sichtlichem Behagen berichtet er dagegen 
von dem mutigen Benehmen Philipps gegenüber einigen 
wetterauischen Grafen, von denen das Gerücht ging, 
sie führten Feindseliges gegen ihn im Schilde: »Stotz- 
lich tratten sy vor ime über sunder ere erzejgen, uner- 
schragken trat der fürst wy jung her wass czu ine und 
sprach: hat ir den bunt schern beschlassen, vorgesset 
sin nicht, wilß got, so wil ichs gedengken« ^). Ebenso 
läßt er es sich nicht entgehen, bei Erwähnung 
des Reichstages zu Worms auf die Aufmerksamkeit 
hinzuweisen, mit der Karl Y. den Landgrafen be- 
handelte ^). 



1) 8. 6. - «) 8. 9. - •) 8. 11. - *) 8, 7. 
*) 8. 10. Vgl. das. auch die Anekdote von Philipps Auf- 
enthalt in der Herberge zu Eise nach. 



142 

Daneben werden auch andere Begebenheiten er- 
zählt, die sich in Hessen nnd den umliegenden Gebieten 
zutragen. Von keiner Stadt spricht er dabei so häufig 
wie von Hersfeld, und zwar sind es meist die Verhält- 
nisse des Stiftes, die in Betracht kommen^). 

Das Bruchstück, das mit der Eroberung der Ebern- 
burg schließt, macht übrigens eher den Eindrack eines 
ersten, flüchtigen Entwurfes als einer sorgfältig ausge- 
arbeiteten Darstellung. Muß es schon auffallen^ daß der 
Verfasser mehr als einmal die zeitliche Folge der Begeben- 
heiten plötzlich unterbricht und sich nachträglich über 
frühere Ereignisse ausläßt^), merkwürdiger ist es, daß 
er sich einige Male stark in chronologischen Dingen 
widerspricht: Wilhelm den Älteren läßt er z. B. sich 
noch 1516 an einem gegen Philipp gerichteten Anschlage 
beteiligen ^), während er kurz vorher den Tod desselben 
z. J. 1514 gemeldet hat^); hierher gehören auch die 
beiden Stellen über Wigand von Lüder, wo z. J. 1507 ^) 
und 1517 ^) so ziemlich dasselbe erzählt wird, und die 
Bemerkungen bezüglich der Übergabe der Abtei Hers- 
feld an Hartmann v. Kirchberg, den Abt von Fulda, 
z. J. 1513^) und 1510^). Ebenso befremdend wirken 
die zahlreichen Wiederholungen: die Mitteilung z. J. 



S. 1 (z. J. 1489), 2 (z. J. 1493, 1498, 1607), 3 (z. J. 1513), 
3 u. 5 (z. J. 1514), 4 f. (z. J. 1510), 6 (z. J. 1517). 

*) Vgl. seine Bemerkungen S. 3: „Hy werden die zciiTem 
verlassen und geschrieben in historien forme und masse in nuwer 
zcyt ergangen*^, S. 4: „Is wil sich nummer nach der ersten inge- 
schigken, dy hystorien werden na gelongt, dai'omb muss man eyn 
ander forme an fahen merglich zuvorstehen und zcum ersteo*^ imd 
das. nach einer Wiederholung bereits erwähnter Vorgänge : „Nu 
wydder zcu rechter masse zcu kernen*^ u. s. w. Auch dann hält 
er den chronologischen Faden nicht durchaus fest, denn vom Jahre 
1513 kommt er wieder auf 1509 und 1510. 

») S. 6 oben. — *) S. 3. — ^) S. 3. - •) S. G. - «• ». 
*) S. 4. 



143 

1497 ') kehrt zweimal in etwas ausführlicherer Gestalt 
wieder*); gleichfalls ist die Nachricht z. J. 1498 (S. 4) 
his aaf einige kleine Zusätze dieselbe wie die S. 2 den 
nämlichen Gegenstand betreffende; ferner wird die Er- 
oberung der Grafschaft Hoya i. J. 1512 zweimal fast 
mit denselben Worten erzählt ^) ; auch den Bericht über 
die Einnahme des Schlosses Hatzfeld und die Zerstörung 
des Schwertzelschen Sitzes in Willingshausen durch 
die Bürger von Treysa**) wiederholt der Chronist*). 

Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß diese 
Unregelmäßigkeiten in dem hohen Alter des Verfassers 
ihren Grand haben ; dann mag die Arbeit aber auch 
mannigfach unterbrochen worden sein. Trotz dieser 
Mängel, zu denen noch der Umstand kommt, daß der 
innere Zusammenhang der Dinge durchweg übersehen 
wird; ist das Bruchstück doch als das Werk eines im 
ganzen wohl unterrichteten Zeitgenossen, der auf eine 
genaue chronologische Bestimmung der einzelnen Er- 
eignisse großes Gewicht legt, nicht ohne Wert. 

Über die hier benutzten Quellen ist nicht viel zu 
sagen, da Nuhn keinerlei darauf bezügliche Mitteilungen 
macht. Indes sprechen namentlich seine genauen Zeit- 
und Zahlenangaben entschieden dafür, daß er nicht etwa 
bloß die im Lande umlaufenden Gerüchte aufzeichnete, 
sondern bessere, wohl schriftliche Quellen hatte, die 
ihm auf Grund seiner Beziehungen zum Kasseler Hofe 
zur Verfügung gestellt sein mögen. In der That stimmt 
das von dem Chronisten S. 12 mitgeteilte Verzeichnis 
der auf der Burg Landstuhl (i. J. 1523) gemachten 
Gefangenen, wenige Ausnahmen abgerechnet, sogar in 
der Reihenfolge der namentlich aufgeführten Adeligen 

*) S. 2. — ») S. 3 f. u. 4 (wo sie der Hci-ausgeber nioht noch 
eiDnial wiederholt hat). — •) S. 3, womit die Bemerkiing Landaus 
8. 4 za vergleichen ist. 

*) 8. 9, z. J. 1518. — ») S. 11. 



144 

mit einer ans dem Weimarer Archiv stammenden Zu- 
sammenstellong ^) überein. 

Sehr nahe verwandt mit dem von Landau heraas* 
gegebenen Brachstück ist die Chronik des Johannes 
Nuhn bei Senckenberg V, 387—618. Die Handschrift, 
die dem Abdruck zu Grunde gelegt worden ist, war 
betitelt : Hessische Chronic von C. Julio Caesars Sieben 
und viertzig Jahr vor Christi Geburt an bis auf das 
Jahr Christi 1620. CoUigirt und beschrieben durch Jo- 
hann Nohen von Hirschfeldt ^). — Daß in beiden Werken 
anscheinend derselbe StofiF behandelt wird, darauf ist 
oben S. 140 bereits hingewiesen worden. 

Der Verfasser geht bis auf Cäsar zurück, den er 
Germanien bis zur Elbe erobern und eine Anzahl Burgen 
zur Sicherung des neuen Besitzes im Lande anlegen 
läßt. Dann wendet er sich in der Hauptsache der 
fränkischen Geschichte zu^ wobei wieder die Karolinger 
besondere Berücksichtigung finden. Dieses Geschlecht 
verfolgt er dann bis zu dessen Aussterben. Im allge- 
meinen wird die eigentliche hessische Geschichte nur 
selten berührt, und das wenige, was er vorbringt, trägt 
wie seine gesamte die ältere deutsche Geschichte be- 
handelnde Darstellung ziemlich stark den Charakter der 
Sage an sich. Von den Karolingern wendet er sich zu 
Ludwig dem Bärtigen und dessen Nachkommen, die 
nach der bekannten thüringischen Überlieferung kurz 
besprochen werden. Ahnlich, nur etwas eingehender, 
aber immer noch in skizzenhafter Weise charakterisiert 
er die hessischen Landgrafen bis auf Ludwig U., wobei 
er gelegentlich einen Seitenblick auf benachbarte Ge- 
biete (Braunschweig, Sachsen, Mainz u. s. w.j wirft. 



^) Wiedergegeben von H. VUmannj Franz von Siokingen 
S. 384 f. Anm. 3). 

') Über die Herkunft derselben äußert sich Senekmberg kurz 
in der Praefatio p. 21. 



146 

Hier etwa schließt der der hessischen Vorgeschichte 
gewidmete Teil ab. Ausführlich behandelt Nuhn so- 
dann die R^erung Wilhelms des Älteren, des Mittleren 
nnd des Jüngeren. Dann wird die Zeit der sogen. 
Regentschaft dargestellt. Den Schloß bilden einige 
Notizen, die meist Hersfelder Verhältnisse betreffen. Sie 
gehen bis 1522 und sind später nachträglich vom Ver- 
fasser hinzugefügt, denn der Hauptsache nach ist die 
Chronik in der zwischen 1511 und 1515 liegenden Zeit 
vollendet ; die Aufzeichnungen wurden also nicht allzu- 
lange nach den gegen den Schluß hin erzählten Bege- 
benheiten gemacht^). 

Das für die Darstellung der älteren Zeit heran- 
gezogene Quellenmaterial scheint durchweg von nur ge- 
ringem Werte zu sein, und es verlohnt sich wohl kaum, 
demselben über das Maß dessen hinaus nachzugehen, 
was er selbst gelegentlich in den ersten Kapiteln darüber 
mitteilt. Er beruft sich auf das Supplementum ^, auf 
eine Braunschweiger ^) und eine Heimarshäuser Chronik ^), 

*) S. 606 wird erzählt, daß die Abgesandten Wilhelms des 
Älteren um Martini 1611 von den Regenten festgenommen und 
«Jahr und Tag*^ gefangen gehalten worden seien ; nach S. 476 blieb 
Wilhelm der Ältere bis 1511 in Spangenberg; 8. 474 f. l>ezeiohnet 
iVtuAn den genannten Fürsten, der 1515 starb, als noch lebend. Vgl. 
auch die Andentangen S. 502 (^wie das ein ausgang nimmst, ist noch 
verborgen*^), 8. 504 («das ander ist man ihm [ WiUidtn dem ÄUeren] 
noch za thnn pfllohtig*^), S. 505 („ob die sylbem boiden ihn seiner 
gereohtigkeit verhindert, wird offt von disputirt*^), 8. 506 («der 
fürsten hotten zu überwältigen bleibet nnyergessen, glaab ich''), 
8. 507 („wird das vergessen und nit gedacht zu seiner seit, stehet 
in dem willen gottes*^). 

*) 8. 396 f. — •) 8. 392. Welche Quelle er hier im Auge 
hat, vermochte ich nicht ausfindig zu machen: jedenfalls ist es 
nicht die von Weiland in den Monum. Oeinn. Deutsche Chroniken II, 
461 ff. herausgegebene Braunschweiger Chronik. Dagegen kann 
6. 400, wo das nämliche Citat erscheint, die (freilich sehr allge- 
mein gehaltene) Mitteilung über Karl d. Or. aus letzterer stammen. 
*) 8. 402. Diese sonst uicht bekannte Arbeit scheint in gewissem 

N. F. Bd. XVIU 10 



146 

auf Turpinus *), Gottfried von Viterbo *), die Lombardica 
Historia®). Weiterhin wird als Quelle genannt Hugo 
Schaplers Historie^), eine »schöne Historie in Reimen« 
über Herzog Wilhelm zu Orlens^) und eine, wie es 
scheint, nicht weiter bekannte Historia conceptionis 
Mariae ^}. Am häufigsten verweist er auf eine Thüringer 
Chronik '), wahrscheinlich dieselbe, die auch von Gersten- 
berg benutzt wurde, und wohl aus ihr teilt er den be- 
kannten Denkvers auf die Ermordung des Pfalzgrafen 
Friedrich mit^. Einmal nimmt er Bezug auf eine von 
ihm verfaßte Reimchronik, die sich mit Karl Martells 
Sohn Karlmann beschäftigt zu haben scheint^). Von 
antiken Schriftstellern wird Plato ^^) und Valerius Maxi- 
mus ^') genannt. 

Über die Quellen, aus denen seine Darstellung 
der älteren hessischen Geschichte geflossen, schweigt er 
ganz, und dies ist im allgemeinen auch da der Fall, 
wo er die Zeitgeschichte behandelt. !Nur hier und da 
deutet er an, daß ihm urkundliches Material bekannt 
war^^ oder daß einzelne Nachrichten auf einem Ge- 



Znsammenhang mit der im Anfange des 12. Jahrhunderts in Hcl- 
marshausen entstandenen Translatio S. Modoaldi (Mon Germ. 88. XII, 
284 ff.) zu stehen. Erwähnt mag hier werden, daß aiioh Joh. Letxner 

in seinem „Stambuch des alten adeliohen Geschlechts der 

Junckern v. d. Malßpurgk«" (1587) C 2b (am Rande) die „Helmarß- 
heusische Chronik*^ citiert, wo er von Otto, dem angeblichen Ahn- 
herrn des genannten Adelsgeschlechtes und Zeitgenossen Karls 
d. Gr., eine sagenhafte Geschichte erzählt. Das. D 1 b werden 
ferner die „Fracmenta des Hilmarßheusischen Memorienbuchs'^ 
angeführt. 

') S. 410. - *) S. 413. - ») S. 409. 

*) S. 414. Vgl. über dieselbe Qoedeke, Grundriß I», 356 f. 

*) S. 416. Von dieser Dichtung war oben S. 128 Anm. 2 
bereits die Rede. 

•) Dsfl, — ') S. 422, 423, 424, 426, 429. — ») S. 423. — 
•) 8. 406. - ") 8. 388. — >•) S. 494. - ») 8. 475, 483, 504. 



147 

rfichte beruhen and Irrtümer nicht ganz ausgeschlossen 
seien *). 

Inhaltlich berührt sich namentlich die letzte Partie 
der Chronik (S. 510—518) mit dem von Landau heraus- 
gegebenen Bruchstück. Sie schließt sich zeitlich an das 
Vorhergehende an und reicht bis z. J. 1522, ist aber, 
obwohl nicht selten die beiderseitigen Nachrichten eine 
nahezu wörtliche Übereinstimmung zeigen, keineswegs 
eine Ableitung aus dem genannten Fragmente. Den 
mannigfachen chronologischen Abweichungen soll hierbei 
keine besondere Bedeutung beigemessen werden, da 
Nachlässigkeit des Abschreibers im Spiele sein kann ^), 
mehr ins Gewicht fällt einmal der Umstand, daß in 
der Chronik bei Semkenberg sich einige Nachrichten 
finden, die sich in dem von Landau herausgegebenen 
Stücke nicht nachweisen lassen^). Zweitens sind die 
Berichte über die nämlichen Ereignisse bald in der einen, 
bald in der anderen Chronik ausführlicher und genauer ^). 

^) S. 504 („als das gemein gericht erklinget")^ S. 446 („glaub 
ich"), S. 474 („als ich glaube*), S. 495 („als ich vermerok»). 

'') Vgl. z. B. S. 511 f. (z. J. 1509) mit Nohu ed. Landau 
S. 2 (z. J. 1507), 8. 514 über die Erwähluog des Abtes Ladwig 
von Hanstein (z. J. 1515) mit Nuhn ed. Landau S. 5 (z. J. 1514), 
das. über den starken Schneefall (z. J. 1515) mit Nuhn ed. Landau 
S. 5 (z. J. 1514), S. 516 oben (z. J. 1516) mit Nuhn ed. Landau 
S. 6 (z. J. 1517). 

*) So die Mitteilungen, die 8. 510 f. (z. J. 1513) von den 
Kölner Unruhen, 8. 512 f. (z. J. 1515) von dem Tag zu Schmal- 
kalden, 8. 514 f. (z. J. 1515) dem Angriff auf den Hersfelder Abt 
Ludwig, 8. 515 (z. J. 1516) von der Hinrichtung des bayrischen 
Landhofmeisters Steffen handeln. Vgl. ferner die Bemerkungen 
8. 516 f. (z. J. 1516) über die Vertreibung des Fuldaer und den 
Tod des Hersfelder Abtes, 8. 516 f. (z. J. 1516) über die Erwäh- 
lung des Kraft Büles. Umgekehrt kommen, wie hier nicht weiter 
ausgeführt zu werden braucht, bei Landau zahlreiche Nachrichten 
vor, die man bei Senchmberg vergeblich sucht 

^) Die Mitteilung 8. 511 f. über den Streit zwischen dem 
Abte Velbert von Riedesel mit der Stadt Hersfeld kehrt in ganz 

10* 



148 

Eine recht nahe Verwandtschaft zwischen diesen 
Arbeiten Nuhns läßt sich somit nicht verkennen, zu 
befriedigenden Ergebnissen wird man indes wohl erst 
kommen können, wenn es gelingt^ die von LandanA be- 
nutzte und seitdem verschollene Handschrift wieder 
aufzufinden. — 

Die von Senckenberg veröffentlichte Chronik zeigt 
aber auch zahlreiche Anklänge an die anonyme Arbeit, 
die unter dem Titel »Chronica und altes herkommen 
der landtgraven zu Döringen (al. und Hessen) und marg- 
graven zu Meißen, auch der herrn zu Hennenberg und 
fürsten zu Anhalt etc.« sich gleichfalls bei Senckenberg 
(a. a. 0. III, 303 — 514) gedruckt findet; und zwar be- 
steht diese Ähnlichkeit nicht nur hinsichtlich vielfacher 
Übereinstimmung des Inhaltes, sie erstreckt sich auch 
auf die ganze Anschauungs- und selbst auf die Aus- 
drucksweise der Verfasser. 

Den Grundstock der anonymen Chronik bildet die 
hessische Geschichte bis z. J. 1479. Auffallend ist, daß 
ein Teil der hierher gehörigen Nachrichten in derselben 
oder ähnlicher Fassung bei Nuhn (ed. Senckenberg) wieder- 
kehrt, ein Umstand, der nicht zufällig sein kann. Man ver- 
gleiche z. B. Anonym. Buch I, Kap. 19 mit Nuhn Kap. 1 ; 
Anonym. B. II, Kap. 24, 26, 29-31, 34, 36—38, 40, 
41 mit Nuhn Kap. 36 und 37, wo die Geschichte von 
Otto dem Schützen stark verkürzt wiedergegeben ist; 
Anonym. B. II, Kap. 116 mit Nuhn Kap. 52 u. s. w. *). 

kurzer Fassung bei Jjamdau S. 2 wieder; 8. 513 wird die Nieder- 
lage der Erfurter durch die Herren von Stein mit den weiteren 
Ereignissen eingehender und genauer erzählt als bei Ijondau S. 6 ; 
S. 617 findet sich die Wiedervermählung der Witwe Wilhelms IL 
zeitlich bestimmter angegeben (^im herbst um Nativitatis Mariae**) 
als bei Landau 8. 9. 

^) Was die letztgenannten ParallelsteUen anlangt, so ist 
außerdem zu beachten, daß Nuhn (8. 456) sagt, der Erzbischof 



149 

Fast überall ist hier der Bericht des Anonymus ein* 
gehender als der Nuhns. Zahlreich sind außerdem die 
Stellen, wo einzelne Sätze des Anonymus bei letzterem 
wiederkehren. 

Auf der anderen Seite fehlt es nicht an sachlichen 
Verschiedenheiten besonders hinsichtlich der chronolo- 
gischen und genealogischen Angaben. Nur einiges mag 
hier Erwähnung finden. Dem Anonymus S. 335 zu- 
folge hatte Heinrich I. mit seiner Gemahlin Adelheid 
vier Söhne und sieben Töchter, während nach Nuhn 
S. 430 nur Otto und Ludwig Söhne der Adelheid waren, 
die beiden jüngeren aber von der zweiten Gattin Hein- 
richs, Mechthilde, die der Anonymus gar nicht kennt, 
abstammten; auch vermählte sich letzterem zufolge 
Heinrichs Tochter Gertrud mit einem Burggrafen von 
Nürnberg, während Nuhn die Gemahlin dieses Agnes 
nennt. Wie der Anonymus S. 340 angiebt^ hatte Otto, der 
Sohn Heinrichs I., keine Tochter, Nuhn führt dagegen 
S. 431 eine solche an (Sophie), die sich mit dem Herzog 
Rudolf von Braunschweig vermählt haben soll. Hein- 
rich n. hatte, wie der Anonymus S. 343 berichtet, nur 
eine Tochter, Elisabeth, die sich mit dem Herzog Otto 
von Braunschweig verheiratete; dagegen macht Nuhn 
S. 432 vier Töchter namhaft, unter denen eine Elisa- 
beth gar nicht vorkommt. Nach dem Anonymus S. 368 
war die erste Gemahlin Hermanns des Gelehrten eine 
Schwester des Landgrafen Balthasar von Thüringen/ 
während Nuhn S. 439 sie zu einer nassauischen Gräfin 
macht. 



Diether habe nach dem Brande der Martinsburg letztere wieder 
aas Stein aufgebaut, „als man sie noch vor äugen siehe f^, 
und in Übereinstimmung hiermit der Anonymus (8. 439) : ^da bauete 
er sie da steinern und ließ die gemach alle weihen, wie 
man vor äugen siebet''. 



150 

Auch sonst sind Differenzen vorhanden, namentlich 
solche chronologischer Art, die indes wie die zahlreichen 
Verschiedenheiten in der Wiedergabe der Eigennamen 
zum guten Teile auf Lese- and Schreibfehler zurück- 
gehen mögen. Starker ins Gewicht fallt schon, wenn 
der Anonymus S. 340 von Otto, dem Sohne Heinrichs L, 
behauptet: »So finde ich auch nicht nahmhafftige ge- 
schichte von ihme oder daß er etwas handeis getrieben 
hab, dann daß er ein landtgraf zu Hessen gewest ist 
und in frieden sein lebenlang regieret habe«, während 
Otto nach Nuhns Mitteilung S. 431 die Abtei Fulda 
befehdete; wenn ferner bei dem Abkommen, das die 
Söhne Ottos untereinander trafen, dem Anonymus S. 341 
zufolge es sich um Grebenstein, Immenhausen, Nordeck 
und Allendorf a. d. Lumde handelte, wogegen Nuhn 
S. 432 Nordeck, Wolfhagen und Grebenstein nennt. 

Andererseits nehmen wieder die Verfasser in ihrer 
ganzen Anschauungsweise, in der Art, wie Personen 
und Ereignisse beurteilt werden, einen nahe verwandten 
Standpunkt ein. Nicht nur daß in beiden Chroniken 
bisweilen auf den Inhalt der heiligen Schrift Bezug ge- 
nommen oder hier und da ein biblischer Ton ange- 
schlagen wird ^), daß die Verfasser die an Kirche und 
Kirchengut sich vergreifenden Fürsten und Herren von 
der Vergeltung ereilt werden lassen ^) und daß sie, was 
bei dem Charakter ihrer Arbeiten selbstverständlich ist, 
sich stets als gute Hessen zeigen und insbesondere dem 
landgräfiichen Hause die lebhaftesten Sympathieen ent- 
gegenbringen: auch in anderen Punkten^ hinsichtlich 



1) NuhD 8. 387 f., 427, 466, 477, 492, 499 f., Anonymus 
S. 362. 397. 

«) Nuhn S. 405 (Karl MarteU), 437 (Otto der Schütz), 460 
(Friedrich von Braunschweig), 482 (Heinz von Ehringshausen) ; 
Anonymus S. 474 f. (Ludwig II.), 509 f. (Heinrich III., Hermann 
LöfUer und der „alte Kegell*^). 



151 

deren man eine Übereinstimmung nicht so ohne weiteres 
glaubt voraussetzen zu dürfen, werden sie nicht selten 
von denselben Ansichten und Gefühlen geleitet. So 
haben sie von den Frauen keine allzuhohe Meinung ^), 
und ebenso verraten beide eine gewisse Abneigung 
gegen den sächsischen Stamm ^), wie ihnen auf der 
anderen Seite das Wohl des Stiftes und der Stadt Hersfeld 
sehr am Herzen liegt ^). Belangreicher ist vielleicht noch, 
daß sie in ihrem Urteil über hervorragende Personen 
durchaus übereinstimmen: Hans von Dörnberg gilt ihnen 
z. B. als ein unedler Charakter und verschlagener Diener 
seines Herrn Heinrichs IE., dessen Interesse er rück- 
sichtslos verfocht, ohne jedoch seinen eigenen Vorteil 
aus den Augen zu lassen ^). Nicht viel milder beurteilen 



') Nuhn S. 609 f. : ^0 was wanders hat je und je ars mu- 
lieris gesohafft, das ist der frauen list, kunst und nachthut^ ; Nuhn 
ed. Landau 8. 9: ^Du thet sy wibisoher sytt nach wollust natur- 
Hoher begere, name ir zur ehe . . ^\ Anonymus 8. 476 f. : „Aber 
wie klug sie war, so thet sie doch wie ein weib und ließ ihr das 
helmlein durch den mund ziehen*^. 

*) Nuhu 8. 438: „Nun thät er wie die Sachsen viel schwätzen*' ; 
Anonymus 8. 330 : „Und triebe, als die Sachsen gewohnt sind, viel 
muth willens mit ihnen*' und 8. 398: „Die weil ward er fast ange- 
griffen von den hetzrüddon aus Sachsen und Westpalen*'. 

') Nuhn 8. 440 : „Dai'nach hülfen sie dem apt von Herßfeld, 
Berthold von Volokershauseu, der wolte die von Herßfeld gewinnen 
und ven*atheu; im jähr wie obgemelt auf 8. Vitalis nacht solte 
der einfall geschehen, gott behüte*. Vgl. auoh 8. 511 f., wo Nuhn 
bei dem Berichte über die zwischen dem Stifte und der Stadt aus- 
gebrochenen Streitigkeiten gleichfalls fiir letztere Paiiei nimmt 
(8. 512 : „Aber die von Herßfeld bestunden mit ehren und ufrichtig*). 
Dieselbe Vorliebe für Hersfeld zeigt derAuonymus: vgl. seine Dar- 
stellung der Sternerfebde 8. 380 ff., femer 8. 504 : „Also kam 
Frieden walt an das landt zu Hessen, dadurch dem stiffte abgezogen 
worden viele wüstenungen, gründe, holtz, felde und waldt, die da 
ganz hirßfeldisch waren; also kam das stifiEt um sein lehenschafift 
und eigentum*. 

*) Nuhn 8. 460 f., 472 f., 479 f., 489 („Aber das ist ihm 



152 

sie den genannten Landgrafen: sie machen ihm den 
Vorwurf, er habe sich zum Schaden des Landes um 
die Regierung zu wenig gekümmert, letztere vielmehr 
seinem ränkesüchtigen Hofmeister überlassen ; außerdem 
fällt nach ihrer Darstellung auf sein Verhalten als 
Vormund seiner minderjährigen Neffen ein starker 
Schatten >). 



zu lob nachzusageD, daß er . . . seiDem heim nit uDDÜtz schafifte 
und vergaß seiner dabey auch selbst nichf^); Anonymus S. 443 («Das 
machet Hans von Dombergk, der nahm geld darum und hetzet die 
zwey landtgrafen zusamen, daß sie auch viel tageleistens halben 
feinde worden und verderbten ihr eigen land und lenthe*^), 459 f., 
475 f. 

*) Nnhn S. 455: ». . . . landgraf Henrich, der den stifft, als 
sie bedauchte und mochte auch sein, beschwerte'^; S. 482: „Ihme 
ward von dem obgenanten landgrafen und seinem hofmeister über- 
last mannigfaltig zugefügt, dem stifft das seine zu nehmen*^ ; 8. 460 f. 
spricht er von der SchSdigung des Ijandes und insbesondere der 
geistlichen Anstalten zu Fulda, Hersfeld u. s. w. und führt dann 
fort, letztere seien benachteiligt worden „nit durch hen*n landgrafen 
Henrichen, sondern man gab die schuld seinem hofmeister Hansen 
von Domberg, und mochte auch die gantze Wahrheit seyn, aber 
der herr verhengete es und ließ es geschehen bis zu der zeit, da 
man schrieb Christi gehurt 1488. uf den tag der heil, drey könig, 
da starb der landgraf Henrich und hatte seines bruders kindern in 
der vormundtschafiPt nit wohl oder treulich vorgestanden'^; S. 480: 
„. . . . dann der herr den nahmen aliein hatte und er [Hans von 
Dömberg] das regiment". Vgl. Anonymus S. 459: „. . . so wäre 
der herr nicht arbeitlioher regierung geneigt und liebte die jagdt 
mehr dan anlauffen des volgs und irret sich gar wenig, wie land 
und leuthe verrichtet wurden*^; 8. 503: „Da gefiel ihm die gantze 
graffechafFt Catzenelnbogen und groß guth von goldt und silbor, 
alle bodden und kästen voller frucht, alle keller voller weins, und 
dessen erhub er sich hoch, nichtsdestoweniger ward seines bruders 
kindcr land hochbeschwert, aber durch wen, ist manichfaltig ge- 
nant.* Vgl. ferner S. 503—510 die ausführliche Erzählung von 
der nicht ganz rechtmäßigen Erwerbung von Friedewald durch 
Heinrich und S. 477 die Bemerkung, daß letzterer seinen Pflichten 
als Vormund nicht nachkam. 



153 

Auch in stilistischer Beziehung läßt sich eine 
gewisse Verwandtschaft nachweisen. Ihre Sprache ist 
durchaus derb und volkstümlich, reich an Sprichwörtern 
und sprichwörtlichen Redensarten, die zuweilen beiden 
gemeinsam sind ^) ; ebenso kehiren einzelne Ausdrücke 
und Wendungen^ deren sich Nuhn zu bedienen pflegt, 
bei dem Anonymus wieder^). 

Bezeichnend ist weiterhin der Umstand^ daß beide 
eingehenden Bericht über solche Ereignisse erstatten, 

*) Nnim S. 496: „und thät als diejenige, die gern tantzen, 
denen mag nuin leioht pfeiffen*^ und Anonym. 8. 488 : «. . . daß ihme 
leiohtlioh zum dantz zu pfeiffen wär*^ ; Nuhn 8. 482 : „und raubet 
darüber eine senfifmülü'^ und Anonym. 8. 399: „aber er raubet ein 
8enfimüll6n*' (in ähnlicher Form das. 8. 408 und 452); Nuhn 
8. 487: „ein schwerd behielt das ander in der scheiden '^ und 
Anonym. 8. 463 : „also behielt ein schwerd das ander in der scheiden*^. 

') Vgl. Nuhn 8. 457: „wie das kommen ist, sagen der leut 
kinder da laß ichs auch bey: sohweigen erwirbt selten ungunsf^ 
und 8. 486 : »Aber die reohte ursaoh, wo der unwUie her erwuchs, 
wird verdruckt und versohwiegen, so eygent mir nit, ob ioh etwas 
darvon wüste oder erfahren hatte, nioht zu melden*^ mit Anonym. 
S. 474: „Ich geschweig fürter, wie es mit dem herrn gieng*'; 
femer Nuhn 8. 478: „Und hielt auch grossen hof zu der heim- 
farth . . . davon viel zu sagen ist nicht notb . . . Die epicuri, 
Inderer, fresserund säufFer seind davon zu hören geneigt : denselben 
zum Verdruß will ioh sein geschweigen und fort dem handel nach- 
dencken*^ mit Anonym. B. 361: „Wie der hoff mit essen uod 
trinoken gehalten sey worden, ist nicht noth wendig zu schreiben*^ 
und weiter unten: „Und was ihm vor em hotten brod worden, mag 
ein jeder nachdencken, zuvoran welcher der fürsten geschenok 
liebet*, femer mit 8. 362; „Was für freude da gehalten worden, 
ist nicht nachzufragen'^. Über einzelne kurze Wendungen vgl. 
Nuhn 8. 604 : „. . . als das gemein gericht erklingef^ mit Anonym. 
8. 475: „Doch so war ein gemein genchto* und 8. 512: „. . . wie 
damals das gerichte ging*; ferner Nuhn 8. 469: „als ich glaub* 
mit Anonym. 8.395: „als ich glaub*, S. 365: ,.glaub ich*, 8.368: 
«als ich halte". — Diese stilistische Verwandtschaft allein beweist, 
wie sich von selbst vei'steht, nichts, sie gewinnt aber im Zu- 
sammenhang mit den übrigen in Betracht kommenden Momenten 
sehr au Bedeutung. 



154 

die sich in oder bei Hersfeld abspielten oder in irgend 
einer Beziehung zu dieser Stadt standen ^). 

Äußerst mannigfaltig ist der Inhalt der anonymen 
Arbeit: den Grundstock bildet, wie oben S. 148 erwähnt, 
gewissermaßen die hessische Geschichte. Daneben 
finden sich dann zahlreiche Partieen, die ohne Rück- 
sicht auf den Zusammenhang und meistens sogar ohne 
jede äußere Vermittelung an irgend einer Stelle unter- 
gebracht werden. Es sind Episoden aus der henne- 
bergischen Geschichte (I. Buch Eap. 27; 11. B. Kap. 
94, 95, 121, 140), aus der wallensteinischen (II. B. 
Kap. 82, 83 (86), 107, 120, 126—129), aus der han- 
steinischen (II. B. Kap. 107, 131, 155-160), der 
hersfeldischen (II. B. Kap. 60—70, 80, 80 a, 81, 90, 91, 
121, 136—138, 170—174); ganz kurz wird einige Male 
die meißnische Geschichte gestreift (I. B. Kap. 25; 
IL B. Kap. 19, 21, 62), ebenso die anhaltische (I. B. 
Kap. 25; H. B. Kap. 5, 19). 

Über seine Quellen schweigt der Anonymus fast 
gänzlich; wo er einmal Andeutungen macht, sind diese 
bis auf einen Fall^) gänzlich unbestimmt^); hin und 
wieder hat er wohl urkundliches Material gekannt*). 

Ein Blick auf den bunt zusammengewürfelten 
Inhalt dieser Arbeit zeigt, daß letztere kein einheit* 
liches Ganze darstellt : sie ist vielmehr eine ungeschickte 
Kompilation aus verschiedenen Werken, die ihrem 

') Nuhn S. 473 (vgl. Nuhn ed. Landau S. 3), 435 ff., 511 f. 
(vgl. Nuhn od. L. S. 5 u. 2), 512 (vgl. Nuhn ed. L. S. 3 u. 4), 
514 (vgl. Nuhn ed. L. S. 5), 516 f. Die zahlreichen Stellen des 
Anonym, werden sogleich im Texte Erwähnung finden. 

») S. 407. — ») S. 328, 340, 365, 368, 395, 403, 419, 430, 
475, 481. 

*) S. 371, 386 (vgl. Landau in d. Zeitsohr. f. hess. Gesch. 
I. Suppl. S. 56 oben und die dort citierte Urkunde), 389, 424, 454, 
486, 402. 



155 

ganzen Charakter nach den nämlichen Verfasser zu 
haben scheinen. Und dies ist, wie unten dargethan 
werden wird, kein anderer als Johannes Nuhn *). 

Was den Kompilator betrifft, so scheint manches 
dafür zu sprechen, daß wir ihn in der Person des 
Jos. Imhoffzu suchen haben, der auch ein ansehn- 
liches Stück des anonymen "Werkes (B. IL Kap. 6—148) 
fast wörtlich in seine hessische Chronik ^j herüberge- 
nommen hat. Auffallend ist nämlich^ daß sich in einer 
Münchener Handschrift (Cod. germ. nr. 993) zusammen 
mit der (von Müller a. a. 0.) veröffentlichten hessischen 
Chronik Imhoffs auch der Text des Anonymus neben 
anderen, offenbar auch von Imhoff herrührenden 
Chroniken findet, die alle von derselben Hand ge- 
schrieben sind, und daß ein Teil dieser letzteren Arbeiten 
in Verbindung mit dem Anonymus in einigen Hand- 
schriften der Kasseler Landesbibliothek, Mss Hass. 4^. 
nr. 21, 123 (wo r- freilich von späterer Hand — auf 
dem Titel Imhoff sogar ausdrücklich als Verfasser der 
anonymen Chronik bezeichnet wird) und 158, wiederkehrt. 
Auch das sogleich zu erwähnende Wiesbadener Exemplar 
des Anonymus (s. S. 156 Anm. 2) enthält noch eine 
Chronik, die sich in der Münchener und den genannten 
Kasseler Handschriften findet. Ebenso ist in einem dem 
Herrn Professor Ferd. Justi in Marburg gehörenden 

^) Damit stimmen auch einzelne Zeitangaben überein: 
S. 444 heißt es, daß der 1479 aus dem Leben gesohiedeoe Graf 
Wilhelm v. Henneberg «letzlichen*^ verstorben sei; S. 423 ist von 
dem Reichstage zu Worms v. J. 1496 die Rede; S. 418 wird 
Philipp I., Maximilians Sohu, der 1506 starb, als lebend bezeichnet. 
Anderes ist vielleicht auf Rechnung des Kompilators zu setzen: 
wenn z. B. S. 435 von einem Herzog Ulrich von Württemberg 
gesprochen wird, wo doch nur Graf Ulrich (VIU.) gemeint sein 
kann, da Württemberg erst 1495 zum Herzogtum erhoben wurde. 

*) Uerausgeg. v. Berm, MiiÜer in der Zeituchi*. f. preuß* 
Gesch. u. Landeskunde XVlll, 389-470. 



156 

handschriftlichen Bande die anonyme Arbeit u. a. mit 
ImhoiFs hessischer Chronik vereinigt^). Offenbar weist 
diese mehrfach wiederkehrende Verbindung des Anony- 
mus mit Imhoffs Chronik bezw. mit gewissen andern 
Arbeiten, die allem Anschein nach gleichfalls von Im- 
hoff verfaßt worden sind, darauf hin, daß letzterer auch 
der Eompilator der anonymen Chronik ist^j. 

Zahlreiche Stellen des Anonymus finden wir 
übrigens auch im zweiten Teile von Spangenbergs 
Adelspiegel. Was letzterer hier aus der hessischen 
Geschichte mitteilt, scheint auf den ersten Blick aus 
jener Quelle geflossen zu sein. Dies ist indes nicht der 

') Nach gütiger Mitteilung des Herrn Prof. Ecke. Schröder 
doi-tselbst. Vgl auch Miäler a. a. 0. S. 398. 

*) Diese Annahme würde in Rücksicht auf die Lebenszeit 
ImhofiEs hinfällig werden, wenn sich eine der ersten Hälfte des 
16. Jahrhunderts angehörende Handschrift des Anonymus nach- 
weisen ließe. Die Mitteilung Äyrmanns in seiner Einleitung zur 
hess. Historie 8. 11 Note ***), daß er eine solche besitze, die noch 
vor 1540 angefertigt sei, ist unrichtig. Das in Rede stehende 
Exemplar ist jetzt Eigentum der Tjandesbibliothek in Wiesbaden 
(nr. 75.). Die Notiz, auf die sich Ayrmann hierbei stützt, befindet 
sich auf einem an der Innenseite des vorderen Deckels einge- 
klebten Zettel und lautet: Ex bibliotheca Johannis Sprengen, 
Dicasterii Marpui'gensis Secretarii. Ao. 1540. — Allein die 
Schriftzüge der Chronik sind, wie der Augenschein lehrt und wie 
mir auch Herr Prof. F, Otto in Wiesbaden gütigst bestätigt, jünger 
als die jener Bemerkung und gehören der Wende des 16. Jahr- 
hunderts an. Der genannte Sprenger ist wohl identisch mit einem 
scriba indicii curialis Joannes Sprenger, der 1527 in Marburg 
studierte (Catalog. studios. Scbolae Marpurg. I, 2). Der auffallende 
Umstand, daß die Eigentnmsbezeichnung älter ist als der Inhalt 
des Bandes, erklärt sich vielleicht so, daß der Deckel eines aus 
Sprengers Bibliothek stammenden Buches später zum Einbinden 
der Chronik verwandt wurde und jene Notiz stehen blieb; der 
Band kann aber auch, wie Herr Prof. Otto vermutet, von Sprenger 
aus irgend üineiii Grunde zu den beabsichtigten Einti-agungen nicht 
benutzt worden sein: er kam dann in andere Hände, und auf die 
noch leeren Blätter wurde die Chronik geschrieben. 



157 

Fall mit einer Notiz S. 123, wo es heißt: *\IHe 
V, Reckerode] sind auch Anno 1376 . dabey gewesen, als 
die Sterner bey Herschfeld erlegt worden, nnd dieselben 
mit klopffen helffen und den raub, den die umb Roten- 
berg geholet, wider abgejagt« '). Ebensowenig läßt 
sich eine andere kurze Bemerkung, die S. 106a steht: 
*[Simon v. Wallensiein] hat darnach auch nicht ge- 
rohet, sondern mit rhaten und thaten geholffen nnd so 
lange gearbeitet, biß das diese beyde Landgraven 
(Gebrüder) gentzlich und zu gründe wider mit einander 
vertragen worden« in der anonymen Kompilation nach- 
weisen. Beide Nachrichten stammen wie alle Mit- 
teilungen aus der hesdischen Fürsten- nnd Adelsgeschichte 
mit Ausnahme der wenigen Notizen, die er Letz n er ^), 
Kirchhoff ^) und dem waldeckischen Chronisten 
Konrad Scipio (Klüppel) *) entlehnt hat, ohne Zweifel 
aus den Arbeiten des Johannes Nnhn, den er auch in 
dem Autorenverzeichnis anführt Es wäre auffallend, 
wenn der Verfasser des Adelspiegels sämtliche hier in 
Betracht kommenden Stellen der anonymen Arbeit 
entlehnt und bei zweien unbedeutende Zusätze, die sich 
ganz eng an das Vorhergehende anschließen, anders- 
woher genommen haben sollte. Ein solches Verfahren 
widerstreitet durchaus der Art und Weise, wie Spangen- 
berg seinen Stoff aus den Quellen herbeischafft: ihm 
kommt es ebensowenig wie etwa Kirchhoff oder Me- 

*) Vgl. über diesen Vorgang Spangenberg a. a. 0. S. 468 a f. 
und den Anonym. B. IL Kap. 57 (S. 378 f.). 

*) A. a. 0. S. 172 wird dessen malsborgische GhronU[ er- 
wähnt — ») Das. 8. 338. 

*) Vgl. das. 8. 223 a (Bernbai*d v. d. Malsburg). Auch die 
Ausführungen S. 104 a ff. über Ludwig v. Boynoburg u. s. w. 
stammen wohl aus Soipios waldeckischer Chronik, von der nur das 
wenig wichtige erste Buch Id Vamhiigens Sammlungen zu der 
waldeckischen Geschichte älterer und neuerer Zeiten I, 1—88 
herausgegeben ist. Vgl. Varfüiagen^ Grundlage d. waldeck. Landes- 
uud Regentengesch. 2. Bd. 8. 105 £t. 



168 

lander darauf an, über ein Ereignis vom Standpunkte 
des Historikers aus möglichst eingehend und mit Be- 
nutzung alles erreichbaren Materials zu berichten; er 
sucht vielmehr seine lehrhaften Ausführungen durch 
Einfügung passender Anekdoten zu veranschaulichen 
und zu beleben und nimmt letztere gewöhnlich in der 
Form und dem umfange, wie er sie in der Vorlage 
findet, ohne weiteres in sein Werk hinüber. Noch 
entscheidender ist ein anderes Moment. Wenn Spangen- 
berg einmal eine Episode aus Nuhns wallensteinischer 
Chronik mit ausdrücklicher Quellenangabe mitteilt ^) 
und an einem anderen Orte (S. 108 a) gleichfalls von einem 
Wallensteiner handelt, ohne seine Vorlage zu nennen, 
so ist mit Sicherheit anzunehmen, daß auch hier Nuhn 
der' Gewährsmann ist. Ebenso weist die zuerst ange- 
führte Stelle (S. 123), die sich gleichfalls bei dem Anony- 
mus nicht findet, darauf hin, daß sie unmittelbar auf den 
genannten Chronisten zurückgeht. Dazu spricht nichts 
für die Benutzung eines anderen hessischen Geschicht- 
schreibers — es könnte überhaupt nur Gerstenberg in 
Betracht kommen — durch Spangenberg^ dem wir ja 
auch ziemlich eingehende Mitteilungen über Nuhns litte- 
rarische Thätigkeit verdanken. 

Daß der Verfasser des Adelspiegels S. 362 a ein- 
mal eine »geschriebene hessische Chronica«, S. 416 
»etliche hessische Annales« und eine »herschf eidische 
Chronica«, S. 469 »hessische und herschfeldische Chro- 
niken« citiert, wo wir Nuhns Namen zu finden erwar- 
teten, ist bei Spangenberg, dem es hier wie überall 
nicht auf die genaue Bezeichnung der Quellen, sondern 
auf die Thatsachen ankommt, nicht auffallend, umso- 
weniger, da ja Nuhn auch der Verfasser einer hessischen, 
und, wie später dargethan werden wird, einer Hersfelder 
Chronik ist. Aus diesen Arbeiten sind die betr. Stücke, 

») A. a. 0. S. 72. 



159 

die sich auch in der anonymen Kompilation finden^), 
in letztere herübergenommen worden. In ähnlicher 
Weise zeigt Spangenberg sich ungenau, wenn er in seiner 
hennebergischen Chronik S. 224 mit Bezug auf den 
Grafen Johann, der seit 1472 Abt von Fulda war, seine 
Quelle ein »altes verzeichniß von dieses Fürsten leben« 
nennt, wo doch nur die hennebergische Chronik Nuhns 
gemeint sein kann: Nuhn war ein Zeitgenosse des ge- 
nannten Abtes, und seine in Rede stehende Arbeit be- 
handelte noch das Leben Heinrichs XII. (1422—1476 «). — 

So trümmerhaft auch Nuhns Werke auf uns ge- 
kommen sind und so wenig genau die Nachrichten über 
seine historiographische Thätigkeit erscheinen, eine 
nähere Betrachtung des zu Gebote stehenden Materials 
ergiebt doch mancherlei neue Resultate. 

Am einfachsten liegt die Sache bei seinen Arbeiten 
zur hennebergischen Geschichte. Wie oben S. 139 
erwähnt, schrieb der Chronist ein Werk über der 
Henneberger »Ankunfft und Stammenbavm«, also eine 
bis in die ältesten Zeiten zurückgehende Geschichte 
des Grafenhauses, wobei er die Wunderlichkeit beging, 
die einzelnen Kapitel abwechselnd in prosaischer und 
poetischer Form abzufassen. Außerdem dichtete er ein 
von ihm als »Hennebergisches ABC« bezeichnetes Reim- 
werk über acht Angehörige des Geschlechtes, die sich 
dem geistlichen Stande gewidmet hatten. Dasselbe um- 
faßte 24 Kapitel, von denen jedes mit »einem beson- 
deren Buchetaben« — also wohl in der Reihenfolge 

') Zu Spangenberg S. 362 a vgl. Anonym. B. II. Kap. 88 u. 
89; zxL 8. 416 B. H Kap. 133, 120, 126; zu 8.469 B.II. Kap. 44. 

') Vgl. den Ton dem Hersfelder Chronisten verfaßten henne- 
bergisohen Stammbaum in Spangenbergs henneberg. Ohron. S. 10 
und das. 8. 219, wo Nuhn als Oewähi-smann für die Eioberung 
des Ursperges genannt wird. — Die Erzählung von der Wahl 
Johanns findet sich, aber nicht ganz vollständig, auch bei dem 
Anonymus 8« 469 f. 



160 

des Alphabetes — anfing. Beide Werke verdanken ihre 
Entstehung dem Umstände, daß Nohn in hennebergischen 
Diensten stand, und namentlich ist wohl das an zweiter 
Stelle genannte besonders für Heinrich XII. verfaßt 
worden. Wir besitzen sie nicht in originaler Fassung, 
sondern allem Anschein nach in den dürftigen Auszügen 
des Anonymus und Spangenbergs, wobei unentschieden 
gelassen werden muß, ob überhaupt das hennebergische 
ABC von ihnen verwertet wurde. Den Angaben Spangen- 
bergs zufolge benutzte Nuhn Aufzeichnungen aus dem 
Kloster Vessera, die auch ersterer noch gekannt hat^), 
in der Weise, daß er von Poppo I., dem angeblichen 
Stammvater des Geschlechtes, und dessen Gemahlin 
Hildegard bis auf Berthold, den ersten gefürsteten Grafen, 
sich nur mit geringen Änderungen eng an seine Vor- 
lage anschließt, dann aber seinen eigenen Weg geht 
und den Stammbaum bis auf Wilhelm VI., der 1474 
starb ^), fortführt. Spangenberg^ der ihm zahlreiche, 
z. T. recht leichtfertige Irrtümer nachweist, fallt ein 
strenges Urteil über den Chronisten und sein »confus« 
Werk, aus dem nichts Zuverlässiges zu entnehmen sei. 
Insbesondere wirft er ihm vor, daß er in seiner Eigen- 
schaft als Diener eines hennebergischen Grafen^ der 
dazu noch dem geistlichen Stande angehörte, durch 
Nachforschung sich nicht um eine bessere Kenntnis der 
genealogischen Verhältnisse der Dynastie besonders für 
die nächste Vergangenheit bemüht habe; überhaupt sei 
dem »guten Manne«, trotzdem er zahlreiche ähnliche 

M Spangenberg macht a. a. 0. S. 2 — 6 Mitteilungen über 
dieselben. — Eine zweite, um d. J. 1519 in Vessera entstandene 
genealogische Arbeit über die Grafen von Henneberg, die Spangen- 
berg S. 7 f. bespricht, ist wohl identisch mit dem bei Reinhard^ 
Bey träge zu der Historie Frankenlandes 1. Teil S. 103—1.30 und in 
der Sammlung vermischter Nachrichten zur SächR. Oesch. XII, 
243—280 abgedruckten Chronicon Hennebergense. 

») Spafigenberg a. a. 0. S. 243. 



161 

Werke verfaßt, »notwendige erfahning inn Historien« 
abgegangen ^). 

Daß Spangenberg doch hin and wieder, besonders 
f&r die Zeit, die Nuhn in hennebergischen Diensten ver^ 
brachte, letzteren benatzt hat, ist sehr wahrscheinlich ^j, 
obschon er ihn nar einmal als Gewährsmann anfährt*). 

Ganz abgesehen von der Geringschätzigkeit, mit 
der Spangenberg von Nahns Leistungen spricht, zeigt 
schon des letzteren Spielerei mit der Form, daß wir es 
hier mit einem ernsthaften, von der Wichtigkeit seiner 
Aufgabe durchdrungenen Historiker nicht zu thun haben. 
Der Verlast seiner Arbeiten wird für die hennebergische 
Geschichtsforschung kaum zu bedauern sein; trotzdem 
vermissen wir dieselben nur ungern, weil sie zur Cha- 
rakteristik des Mannes und seiner Anschauungsweise 
ohne Zweifel weiteres Material liefern würden. 

Einigermaßen sind wir auch über Nuhns wallen- 
steinische Chronik unterrichtet Dieselbe befand sich 
noch im vorigen Jahrhundert im kurhessischen Haus- 
und Staatsarchiv in Kassel und wurde von dem Mar- 
burger Professor Lennep in den siebziger Jahren be- 
nutzt. Einen dürftigen Auszug aus derselben kannte 
später Landau^ der vergebens nach einem vollständigen 
Exemplar suchte*). Heute scheinen beide Werke ver- 
schollen zu sein : weder in der Kasseler Landesbibliothek 
noch im Marburger Staatsarchiv waren sie aufzufinden. 

Nuhn verfaßte die Schrift i. J. 1523^), vermutlich 
in Hersfeld und wohl auf Veranlassung eines Angehörigen 
des in der Nähe angesessenen Edelgeschlechtes. Die 

») Das. 8. 8—10. 

'} Vgl. Anonyraos 8. 416 f. mit 8i)augenberg 8. 221 f., 
Anonymus 8. 416 und 469 f. mit Spangenberg 8. 223, Anonymus 
S. 453 f. mit 8pangenberg 8. 225 u. 226. Die Nachrichten bei 
Spangenberg sind in der fiegol etwas ausführlicher als die des 
Anonymus. — ') S. 219. 

«) YgL dessen Hess. Ritterburgen II, 426 f. Note 12). — ») Das. 

N. V. Bd. XVIII. 11 



162 

gewiß nicht sehr umfangreiche Chronik scheint nicht 
viel früher als mit der Mitte des 14. Jahrhunderts be- 
gonnen und die Ereignisse bis mindestens z. J. 1521 
enthalten zu haben ^). Außer von Spangenberg, der im 
zweiten Teile seines Adelspiegels sich, wie erwähnt, 
einmal (S. 72) ausdrücklich auf Nuhns »wallensteinische 
Historie« beruft und sie auch sonst benutzt hat, sind 
große Stücke wahrscheinlich auch von dem Anonymus 
seiner Kompilation einverleibt worden^). Vielleicht hat 
auch Lauze Gebrauch von dieser Familiengeschichte 
gemacht. Er berichtet S. 262 a (z. J. 1416) ziemlich 
eingehend von einer großen Fehde zwischen Simon (IL) 
von Wallenstein und der Stadt Hersfeld, eine Nachricht, 
die auch der von Landau benutzte Auszug aus Nuhns 
Arbeit enthielt^); doch können diese Notizen auch in 
Nuhns Hersfelder Chronik enthalten gewesen sein, und 
sichere Zeichen weisen, wie später dargethan werden 
wird, darauf hin, daß diese Lauze bekannt war. 

Der größte Teil der Arbeit scheint sich, nach den 
Resten zu urteilen, mit der Geschichte des Geschlechtes 
während des 15. und des beginnenden 16. Jahrhunderts 

^) Vgl. Landau a. a. 0., wo es mit Bezagoahme auf Albert 
(IV.) V. W., der um 1350 lebte, heißt: „Von jetzt an benutzte ich 
einen Auszug aus einer Chronik der v. Wallenstein'^ u. s. w. und 
das. S. 427 Note 30). Hier wird das Todesjahr Konrads (II.) v. \V. 
(1521) erwähnt und dabei auf Nuhn verwiesen. 

') 8. 0. S. 154. Alle hierher gehörigen Stellen des Adel- 
spiegels finden sich mit Ausnahme der dort S. 72 mitgeteilten Anekdote 
meist nahezu wörtlich und in der gleichen Vollständigkeit bei dem 
Anonymus wieder. Ausführlicher als die Nachrichten des letzteren 
(S. 442 f. u. 449) sind dagegen die offenbar aus der nämlichen 
Quelle stammenden Mitteilungen in Spangenbergs henneb. Chronik 
S. 225. Auf der anderen Seite hat der Anonymus einen Abschnitt 
(B. II. Kap. 107), den Spangenberg aus dem Grunde in seine er- 
wähnten Arbeiten nicht aufgenommen haben wird, weil er dort 
den Inhalt desselben nicht verwenden konnte. 

') lAindau a. a. 0. S. 426 Note 16). 



im 



befaßt zu haben, für welchen Zeitraum der Chronist 
vielfach aus der mündlichen Überlieferung schöpfen 
konnte; auch Aufzeichnungen zog er zu Rate ^). — 

Über Nuhns Arbeiten zur hessischen Landes- 
geschichte giebt der mehrfach erwähnte Lauze^ wenn 
auch nicht vollständig ausreichende, so doch immerhin 
willkommene Auskunft. Er hat den Hersfelder Chro- 
nisten häufig; namentlich für das letzte Viertel des 15. 
Jahrhunderts benutzt, in der Regel aber, ohne ihn an- 
zuführen, wie er überhaupt heimische Gewährsmänner 
nur selten namhaft macht. Im ganzen beruft er sich 
an 8 Stellen auf Nuhti. Betrachten wir zunächst diese 
Stücke und setzen der Übersichtlichkeit wegen die ein- 
ander entsprechenden Stellen aus den Chroniken Lauzes, 
Nuhns und des Anonymus nebeneinander. 



Lauze S. 290a (z. J. 
1500)2). 

Es zeiget aber Jo- 
han Nhun in seinen 
zusamengebrochten 
he n dein und g e schich- 
ten, so sichbei seinem 
leben im landzu Hes- 
sen zugetragen und 
verlaufen haben, un- 
der anderm an, das noch- 
dem die gemeine stat Herß- 
feldt etliche jar zuvor die 
landgraven zu Hessen alle 
drei zugleich für ire erb- 
schutzherren angenommen, 
als under welcher voreitern 



Nuhn bei Senckenberg V, 
472 f. 



Indeß nahm sein bruder 
der elter landgraf Wilhelm 
zusamt landgraf Henrichs 
söhn, der auch Wilhelm 
hieß, von sein und seines 
bruders wegen Herßfeld in 
vorsprach, den die von 



*) Vgl. AnoDymos 8. 407, wo er den wallonsteinischen Knecht 
Heinz Flecke nennt und hinzusetzt: „von dem hab iohs gehört, 
über das das ichs beschrieben gefunden*^. 

*) Bezüglich der Wiedergabe des Textes sei bemerkt, daß 
nur geringfügige Veränderungen voigenommen wurden. 



164 



Herßfeldt von ihren altem 
her wol bey 200 jähren 
gehabt hatten und in der 
Fürsten von Hessen schirm 
gewest waren. Das ver- 
droß Hansen von Dorn- 
berg, daß die von Herßfeld 
sich nit begnügen Hessen 
an seinem herrn, landgraf 
Henrichs söhn, und schob 
ihm zu und verschaffte, 
daß Heintz von Erings- 
haußen vor Herßfeld rante, 
schlug an die kühe und 
war darnach feind u. s. w. 



schütz sie biß in drittehalb 
hundert jär zuvor schoen 
auch gewesen, hab doran 
gedochter von Dornberg 
von wegen seins lands- 
fursten an der Loyne ein 
sonderlich mißfallens ge- 
tragen und gemeint, sie 
solten inen an seinem 
herren allein haben benugen 
lossen, derwegen er auch 
hernach genanter stadt viel 
zu verdrieß gethan und ir 
etliche über den halß ge- 
schickt; die ir abgesagte 
feinde worden, sonderlich 
Guntzen von Eringßhausen. 
Ob ime nu dasselbige an- 
gezogene ungnad erweckt 
habe oder er andere sachen 
zuvor seinem herren zum 
vorschueb, aber landgrave 
Wilhelmen zu nachteil ver- 
handelt, lesset er alles 
aussen. 

Daß Nuhns Erzählung, wie sie sich bei Sencken- 
berg findet, Lauzes Quelle ist, unterliegt trotz der 
Differenz hinsichtlich der Dauer des zwischen Hessen 
und Hersfeld bestehenden Schutzverhältnisses keinem 
Zweifel: die kleine Abweichung beruht wohl auf dem 
Versehen eines Abschreibers. 

Dasselbe gilt von folgenden Stellen. Nahe ver- 
wandt mit Nuhns Bericht ist der des Anonymus, den 
wir gleichfalls hersetzen. 

Lauze S. 268 (z. J. Nuhn a.a.O. S. 491. Anonymus bei Sencken- 
1460). berg HI, 429. 

Dem pfalzgraven war Er dienet hertzog Da schrieb genanter 
gedienet Ludewig land- Friederichen mit 1300 pfaltzgraf Friderich 
grave zu Hessen mit reissigen pf erden, blau seinem seh wager land- 



165 

dreizehenhundert pfer- und weiß gekleydet vnd graf Ludwigen umhülff 

den alle in einer färbe schlagen den bischoff . . . und der freund- 

nemlich blau und weiß von Mentz vor Pfederß- schafft nach kam der 

gekleidet, wie Johan heim Diethern von fürst von Hessen seinem 

Nhuen von Herß- Eysenberg. schwager zu hülffe mit 

feldt solches an- 1300 reisigen pferden, 

zeyget. — — — ^) alle in blau und weis, 

Das. S. 270 (z. J, 1462). gleich getheilet ge- 

Und das der land- Das solte nimmer- kleidet und kamen mit 

grave ime in dieser mehr vergessen werden denen feinden den 

handelung so treulich und ward darumb zu Mentzischen zu treffen; 

beigestanden, ließ er Heidelberg in ein stein wiewol die wiederpart 

in einen stein hauwen gehawen : Die Hessen denen Pfaltzgraefischen 

diese gutthat zu ewiger han die Pfaltz ge- zu starck war, dennoch 

gedechtnis mit nach- weitert. so hieben die Hessen 

volgenden werten : Die darauf als die unver- 

H essen betten die tzagten und brachten 

Pfaltz gar seer erwei- die Mentzischen zur 

tern helfen. Aber Jo- flucht und schlugen 

han Nhun von Herß- sie biß gein Peters- 

feldt, da er dieser heim hinein mit vielen 

Sachen und zu- todten, verwunten und 

trachten auch ge- Aber undanck ist ein gefangenen, die dem 

denkt, saet^ undank- schnöd laster und bischoff zu verlust 

barkeyt sei ein böse ein stinckend wunden- abgiengen. Sein mar- 

wundenpflaster, damit pflaster. schalck Gottfried von 

anzuzeigen, das die Buchenau bleib tod und 

nachkommenden pfalz- sonsten viel ritter und 

graven dieser gutthat knechte, 
bald vergessen haben. 

Nicht ganz so einfach gestaltet sich das Verhältnis 
Lauzes zu Nuhn in nachstehenden Stücken: 

Lauze S. 289a (z. J. Nuhn a.a.O. S.484f. Nuhn ed. Landau 
1498). S. 3 f. 

Dorauf ward bald Anno domini 1498. Anno domini 

hernach ein tag ge- zu den Zeiten ... da MCCCCXCVIl herwe- 

halten zu Herßfeldt. understund sich mit get hirtzog Erich von 



') Der nun folgende Bericht über das Treffen bei Pfedders- 
beim hat mit dem des Anonymus kaum etwas gemein. 



166 

Was die Ursachen seien bedencken das land Brunswig und macht 

gewesen, weiß man unverderbt zu pleiben eyn Unwillen und ufF- 

nicht gruntlich, denn der hochgeborn chur- rore wydder lant- 

Johan Nhun» der fürst hertzog Friderich graven Wilhelm den 

solche dinge ver- von Sachsen mit seinem Mitteler du so genant 

zeichnethat^ lesset bruder hertzog Hanßen von Hessen in mut- 

sich vernemen^ da er und bestimpten einen wiln, dar von was ein 

die Ursachen schoen tag zwischen den par- offen gerucht das der 

alle wol wüste, wolte theyen gen Herßfeldt. Brunswiger sult dem 

ime doch nicht ge- Zu dem tage kamen forsten von Hessen 

ziemen, die alle jeder- sie aUe mit namen mortbornnet dorch 

man an tag zu hertzog Heinrich von Hans von Hagen zu 

geben. Doch zeiget Braunschweig mit sei- geschegt haben^ dar 

er derselbigen eine an nem bruder hertzog dorch wart eyn grosser 

und spricht, es sei Erichen, den die sache Unwille vnd fehede 

landgrave Wilhelmen am meisten belanget, rawen vnd bornn. 

den Mitler angelangt, und das was der ur- Lantgraue Wilhelm der 

herzog Erich von Braun- sach eins theils, daß Junger an der Lone 

schweig solte etliche hertzog Erich einen un- thet sich in hulff 

auf inen bestalt haben, geachten ausgefertigt hirtzogen Erich dorch 

und das soUichs nicht hatte, den landgrafen zcu schöbe Hansen 

aller dinge erdicht sey zu mordbrennen, als von Doringberges zcu 

gewesen, so seien et- derselbig da er ge- beschedigen ir eygen 

liehe, so er dorzu zu- fangen war mit urkund lant ... Im jare 

gericht, ergriffen und bekandte, in was maaß MCCCCXCVHl zcu 

in gefengnus kommen, und wer ihm die an- mittsomer du haben dy 

welche in iren aus- muthang gethan und fursten von Saessen 

sagen und vorgichten den lohn versprochen und Missen hirtzog 

bekant, Joban von hette von des hertzogen Friderich chorefurst 

Hagen solte sie ver- wegen, und meldet und sin bruder eyn 

mocht und iaen auch einen Johann von Ha- tag gegn Hersfelt be- 

den lohn versprochen gen genannt, das was rampt in vorsuchen 

haben. LandgraffWil- ein Unwillen öffentlich den Unwillen zcu 

heim kam mit drei- genandt, aber die rechte schlichten, aber un- 

hundert pferden alda ursach, wo der Unwille fruchtbare, 
eingeritten und hat bei her erwuchs, wird ver- 
ime Heinrichen den druckt und verschwie- 
Eltern herzogen zu gen, so eygent mir nit, 
Braunschweig etc. und ob ich etwas darvon 
marggrave Friede- wüste oder erfahren 
riehen von Branden- hatte, nicht zu melden, 
bürg. Bei herzog 



167 



Erichen hielten land- 
grave Wilhelm der 
Jonger and des pfalz- 
graven gesandten. Die 
liessen sich bedraw* 
licher wort hören, aber 
landgrave Wilhelm ließ 
sich sollicher lente 
hoch pochen nnd drau* 
wen gar nichts an- 
fechten. Es undernam 
sich herzog Friederich 
zu Sachssen etc. chor- 
farst diese Sachen güt- 
lich zu vertragen, als 
er aber bei keinem 
theil volge konte er- 
langen und ime die 
gute entstand, ließ er 
nach. Derhalben zog 
landgrave Wilhelm der 
Mitler zu felde and 
lagerte sich auf die 
Rote Strosse, thet et- 
liche buchsenschosse 
in die stat Gemunden. 
Dornach ward diese 
Sache von etlichen im 
lande aufgenommen 
und in anstand brecht, 
derhalben zog er wider 
noch Cassel. 



Daß die Hauptsache der Darstellung Lauxes aus 
dem Berichte Nuhns bei Senckenberg geflossen ist, 
leuchtet ein; anderes hat er aus dem folgenden 
(69.) Kap. das. S. 485 ff. entnommen. Doch verlautet 
hier weder etwas von der Anwesenheit des Markgrafen 
von Brandenburg und der pfälzischen Gesandten in 
Hersfeld noch von dem, was Lauze am Schlüsse mit- 



168 



teilt. Indes ist dies nicht von entscheidender Be- 
deutung, da letzterer nicht ausdrücklich sagt, daß er 
den ganzen Inhalt seiner Erzählung Nuhn entnommen 
habe. Was die Darstellung Nuhns bei Landau 
anlangt, so spricht nichts dafür, daß Lauze sie be- 
nutzt habe. 

Bedeutender sind schon die Differenzen in folgen- 
den Stellen: 



Lauze S. 30a (z. J. 49 
V. Chr.). 
Johannes Nhuenvon 
Herßfeld setz et, er habe 
nicht allein das Sachssener- 
land mit Westpholen und 
den graveschafiften Witgen- 
stein, Lipp, Rietberg, Spi- 
gelberg, Tecklenburg, Eber- 
stein, Nassaw, Bewren, 
Distlochen und anderen 
sieglich erobert, sondern 
auch das ganze Hessenland 
und dorin volgents ein 
besondere veste von zu- 
sammengetragenen Stein- 
haufen und uberschrenkten 
beumen aufgerichtet und 
dorauf etliche und sieben- 
zig romische ritter zu einer 
besatzung gelegt, davon 
das schloß Boyneburg oder 
Bomelberg seinen ursprung- 
lichen namen überkommen, 
wie dan solches die stedte 
I^orthausen und Moel- 
hausen, so auch zur selben 
zeit sollen aufkommen sein, 
für ein gewisse warheit 
halten und mir h i e v o n 
der ehrnveste Sig- 



Nuhn a. a. 0. S. 391. 

Darnach reysete er in 
Westphalen und machte 
ihm unterthan die gantze 
herrschaift, alle graffen 
und freyherrn mit namen 
die hertzogen von Engern 
und Westphalen, die graffen 
Schauenburg, Spiegelberg, 
Ripperg, Dieffolt, Dickel- 
borg, Hastamar, Eberstein, 
Holienberg, Benten, Bueren, 
Dienstlachen und Loth- 
arsen, darzu viel ander 
herrn und edeln . . . Dar- 
nach zog er in das land 
zu Hessen und bauet allda 
ein bäumen haus und 
nennet das Beumenburg 
und lies darauf 72 ritter- 
mässige, deren geschlecht 
eins theils noch im land 
sein, ob diese land weiten 
umbfallen, so selten sie 
sie bezwingen und bei dem 
reich behalten. 



169 

mand v onBoyneburg, 
derzeit stathhalter 
zu Cassel, ein tafel 
gezeiget, anf welcher 
diesesnach derlenge 
also verzeichnet ge- 
wesen. 

Daß Nuhn zwölf Grafschaften aufzälilt, während 
Lanze nur neun nennt, kommt nicht in Betracht, da 
letzterer durch den Zusatz »und andere« andeutet, daß 
er auf die namentliche Aufführung aller verzichte ; aber 
Lauze hat drei Grafschaften (Wittgenstein, Lippe, 
Nassau); die sich bei Nuhn gar nicht finden. An das 
Versehen eines Abschreibers zu denken, liegt ebenso 
fern wie die Annahme, der Chronist möchte aufgrund 
der Angaben auf der »Tafel« des Siegmund v. Boyne- 
burg sich Änderungen erlaubt haben. Ferner zeigt ein 
Vergleich mit dem Anonym. 307, daß letzterer als 
Quelle für Lauze nicht in Betracht gezogen werden kann. 

Auch in nachstehenden Stücken weist der Bericht 
Lauzes eine starke Abweichung von dem Nuhns und 
des Anonymus auf, die unmöglich auf Rechnung 
mangelhafter Textüberlieferung gesetzt werden kann. 

Lauze S. 258 (z. J. Nuhn a. a. 0. S. 440. Anonymus a. a. 0. 
1382). S. 396 f. 

JohanNhuenvon Aber der bürger zu In denselben zeiten 

Herßfeldt zeiget Cassel etliche und son- war ein edelmann, der 

a n, etliche burger zu derlich die gilsemen- war ein Hesse und war 

Cassel haben under- ner mit ihrem anhang in Ungnaden seines 

standen, die stat herzog weiten die stadt Cassel herrn landtgraf Her- 

Otten von Braun- übergeben dem land- mann, und als ich 

schweig zuuberlifern, graf von Düringen glaub, so war es einer 

aber ein edelman Henn Baiser genant, das von Velseberg und war 

von Bischoffenrode hab ward verwehret durch an dem Doringer hoiff, 

dieses ir furnemen ver- einen genant herrn von der hatte gehört von 

merkt und das der land- Bischofsrod und die der geschieht, daß et- 

grevin Margarethen in verräther wurden ent- liehe burger zu Cassel 

abwesenlandgraveHer- hauptet. waren, welche den 



170 



mans zu erkennen ge- 
geben, welchem sie für- 
baß an iren herren 
gelangen und die stadf: 
allenthalben bewachen 
und verwaren lossen, 
dornach diejenigen, so 
von solcher handelung 
wegen verargwone.t und 
suspect gewesen, ge- 
fenglich lossen ein- 
ziehen. 



marggraven wolten ein- 
gelaßen haben^ viel- 
leicht darum, daß sie 
ihm der erbeinignng 
nach mehr dan hertzog 
Otten geneigt waren 

Und das hatte der edle 
Heß vernommen^ and 
wie gram ihm sein herr 
war, so rannte er doch 
dag und nacht als der 
getreue und wamete 
seinen herrn und stund 
sein abentheur. Der 
landtgraf glaubet ihm 
und fand die zeichen 
wahr und gerecht und 
ließ die, so daran schul- 
dig waren, fangen und 
zu Cassel auf dem 
marckt ihnen die köpfif 
abschlagen. 



Schon der Umstand allein, daß Nuhn bei Sendceiv- 
berg sowohl wie der Anonymus mit keinem Worte der 
Landgräfin Erwähnung thun, während sie nach Lauzes 
Darstellung ganz im Vordergründe steht, genügt, um 
die Annahme der Benutzung einer dieser beiden Quellen 
durch Lauze auszuschließen. 

Zu dem gleichen Ergebnis führt ein Vergleich der 
Berichte über die Reise Ludwigs L nach Aachen und 
die dort gepflogenen Verhandlungen. 

Lauze S. 263 ff. Nuhn a. a. 0. S.443f. Anonymus a. a. 0. 

(z. J. 1429). S. 417 ff. 

Droben ist angezei- Zu hören von dem In dieser zeit starb 

get, das nochdem Jo- frommen fürsten ein auch das hertzogthum 

hanna die tochter Jo- seltzam geschieht, wie Prabandt gantz erblos 

hannis des namens des gehört ist, daß der ulir- und waren nicht rech- 



171 

dritten herzogen in sprang von Hessen aus ter oder neher erben 
Braband anno 1406 dem hertzogtham von dartzu dann landtgraf 
abgangen, hab dersel- Braband erwachsen ist. Ladwig der Fromme, 
bigen schwestertochter Da nun herr Anthonius Dem ward aus Praband 
nemhch Margarethen der letzte verschieden pottschaffb von der 
von Flandern ehege- was, da ward ihm ver- ritterechafft und land- 
mahel mit namen Phi- bottschafit und ver- voick, daß er komme 
lips der Khune herzog tröstet zu kommen und und gebe ihnen einen 
zu Burgundien sich zu sein anerstorben erbe herrn us Hessen in 
Braband und Lemburch zu empfahen. Er rti- Prabant, wie sie in 
gethan und die beid^ stete sich mit 400 pfer- Hessen gethan hatten, 
herzogthumb volgends den und kam bis ghen Der fürst verachtet das 
bald seinem soen An- Aach. Da kamen die nicht, sondern reit mit 
thonio übergeben. Als rathsherrn zu ihm in 400 pferden aus, in 
der nu gestorben, anno seine herberge und sag- hoffnung Prabandt zu 
1415, hat sein eltester ten zu ihm, sie hetten äberkommen. Aber da 
soen Johannes benente einen wohlansichtigen er kam und nicht in 
herzogthumbe bekom- mann auf ihrem rath- seinem panier das rech- 
men und die eilf jar hause, der hette ihnen te Prabandische wap- 
innegehabt, und als er gesagt, er were darum pen, den güldenen lö- 
dornach verstorben, hat 3a, um die statt zu wen, führt, da ward 
die sein bruder Phi- verrathen. Das ver- er des lands verhindert 
lippus auch drei jär meint [«<?] er und gieng und hatte den zug um- 
besessen. Nochdem ^^^ ihnen ufs rathhaus, sonst gethan und ward 
aber derselbige nu in '^"^ ^®" ebentheuer, dem hertzog von Bur- 
diesem iar tods halben ^®8®" ^®" ®^ ^'^^ ®"*" ^^^^^ Phüippo dartzu 
verscheiden, hot^ich schuldiget. Der sagt : geholfifen Der meh 

von nauwem zu Bra- ^^'® ®® "^* ^*^' ^*^ ^®^" ^^^^^ ^^^^^ ^^ 
band und Lemburch ^\ »andgraf die stad wan, der nähme es ein, 
gethan Philippus her- ^^ |f verrathen, so als es noch der prmtz 
^r^» „« jiXJr,»^A' wollte er rassend wer- hertzog Philips von 

Hn? aif ..o«T "' den. Antwort der fürst: Oestereich, des Römi- 

der ein soen gewesen i i_.. • \r 

T^u«« :^ j? mischen konigs Maxi- 

Johannis, und furgeffe- -r • u ■ u i. 

u ^ ' . ® i? mihani sonn innen hat 

Den, es were zwischen 

seinem vatter und vor- Uff der Wiederkehr 
gemeltem Anthonio ge- käme der fürst landt- 
brudern ein solcher graf Ludwig gehn Oche 
pact gemacht, das in die stad und her- 
weiche zeit Antho- bergte eine nacht da- 
nius und seine nach- rinnen. Nun was ein 
komen one manliche grave, als ich glaub, 



172 



erben verstorben, als- 
dan solten genante her- 
zogthombe an gemel- 
ten seinen bmder oder 
desselben erben and 
geschlecht herzogen in 
Burgnnd wider gefallen. 
Dawider hat sich nu 
gelegt Ladewig land- 
grave za Hessen der 
Friedfertige hemoch- 
mols genant, dorza 
inen etliche barger za 
Aache allermeist ange- 
reizt und verursacht 
haben, es auch mit hin 
und widerschreiben so 
ferre gebrocht, das ein 
gatlicher tag ghen 
Aache angesetzt und 
bestimpt ist, welchen 
der landgrave person- 
lich mit sechshundert 
pferden ersucht, dor- 
unther viel graven und 
herren gewesen. Der 
von Burgund hat seine 
gesandten auch da ge- 
habt. Und hat der 
landgrave lossen an- 
zeygen, was für erb- 
gerechtigkeyt recht- 
licher und begrünter 
anfordern ng er zu Bra- 
band und Lemburch 
hette. Dawider der von 
Burgund durch seine 
anwelde lossen furwen- 
den, ob (;s wohl neher 

sein mochte, das des 
landgraven voreitern 
geborne herzogen zu 



einer von Hengstberg, 
der war dem landt- 
grafen feind und gehas, 
vielleicht der niederlag 
halber des von Nassau, 
wie oben gehört, da 
der von Hengstbei^ 
auch mit gewest war 
in hüIfFe des von Nassau 
und hatte schaden von 
den Hessen entfangen 
und zu räche gab er 
denen von Och vor, 
der landtgrave were 
darum ausgezogen, die 
von Och zu beschedi- 
gen und die stad ein- 
zanehmen. 

Die von Oche gaben 
dem graven schwachen 
glauben, doch von des 
graven mannigfaltigen 
anredens bethedigten 
sie den fürsten darumb. 
Er antwortet ihnen 
und sprach in verwun- 
dern : Lieben freund, 
ich glaub nicht, daß 
es euer ernst seye, und 
haltet mich nicht für 
den mann, daß ich mit 
solchen stücklein solte 
umgehen, die unfuglich 
weren. Darzu sie ant- 
worteten : Sie glaubten 
ihme keiner unthaten 
zu, doch so were ein 
wolgeborner grave uf 
dem rathaus, der es 
von ihme saget, und 
wolte er für ihme be- 
kantt seyn, da möchte 



173 

Braband gewest, so er sich verantwortteil, 

musten doch ungezwei- Der landtgraf wolte die 

velt lange hiebevor ver- verdacht nicht uff ihme 

trege, teylang und ver- behalten, gieng mit 

zihung zwischen den, ihnen und fand den 

so ins Hessenland graffen, welcher diese 

komen, und den andern ding öffentlichen ufiF 

des vorigen geschlechts, ihne gesagt hatte und 

so in Braband blieben, in seiner ghenwerdig- 

aufgericht und gesche- keit noch redete. Der 

hen sein. Zudem were lantgraf sagt unter an- 

auch nihe viel erhört, dem Worten: Dugrafe, 

das sich die landgraven du sagst die gewalt ufF 

zu Hessen herzogen in mich. Ich habe der ge- 

Braband geschrieben; dancken nie gehabt, 

doraus stunde offentHch und so warlich du mir 

abzunemen, das sie unrecht thuest, so 

sich des titeis und erb- Das helffe mir die hei- helffe mir die heilige 

gerechtigkeyt an Bra- Hg frau S. Elisabeth, frau S. Elisabeth, un- 

bant verlangst musten welcher under dir und ser welcher unrecht 

begeben haben. Hier- nair unrecht habe, daß habe, daß er tobent, 

über obschoen die land- er rasend werde. Das wütend und rasend 

graven etwas gerech- geschähe : der falsche werde hie angesicht 

tigkeyt an Braband ge- lügener ward von stund dieser frommen leuthe. 

habt, wolte sich gehurt an wütend und rassete Alsbald zu der stette 

haben, das sie diesel- sich zu tode. Da thäten ward der graf thorecht 

bige zu der zeit gesucht die von Aach ihm grosse und rasete sich zu tode. 

betten, da Braband one «hr, «iber seine reisse Das mirackel nahmen 

mansleibserben außge- gi«ng derhalben hinder die von Ache zu hertzen 

storben und verlediget sich. und lobeten des fürsten 

were; welches alles Unschuld und erbotten 

nicht geschehen, son- ihm viel ehren mit ge- 

dem betten Johannam, schencken und andern, 

des letsten von Bra- Also sind die Hessen 

band hinderlossene durch verseumbnis^ has 

tocbter geruhlich zu und Ungunst um Bra- 

benentem herzogthumb band eben wie um Dö- 

kommen, auch darbei ringen kommen, 
biß in ir abstarben 
bleiben lossen, der- 
gleichen noch dersel- 
bigen todt auch irer 



174 

Schwester tochtennan, von dem es an iren soen and 

von dem weiter an seine beide sone komen ; zu welcher 
ordentlicher erbschaft alle vorige landgraven stiilge- 
schwigen und nihe derhalben angesucht, das sie doch 
schwerlich wurden underlossen haben, da sie etwas 
fug oder rechtliche anspruche dorzu gehabt, mit endt- 
lichem begeren, landgrave Ludewig wolte inen an 
seinem echtlichen angestorbenen ' erbfall ferner nicht 
beintragen, sondern bei solchem rugelichen besitz 
bleiben lossen und ime nicht selbs zu ungluck und 
schaden ursach geben. 

Antwort des landgraven : Sovil erstlich den verzig 
oder teylung belangte, der keins konte nimmermehr mit 
glaublicher urkhund dorgethan noch bewissen werden, 
den keiner uf erden so toll und töricht sein wurde, der 
sich eins solchen grossen und erblichen anfals und 
sonderlich des widerfals verzihen wurde. Darbeneben 
konte aber mehr dan genugsam beibrocht werden, das 
sich der vorgelebten landgraven zu Hessen, so von 
der herzogen zu Braband stam herkomen und geboren, 
viel des titeis Braband in iren obern und underschriften 
gebraucht, inen auch von andern were zugelegt; das 
sich aber etliche des ein zeit lang nicht gebraucht; 
tliete ime an seiner rechtlichen und wolbefugten an- 
forderung gar keinen abbruch, seintemal meniglich 
wol bewust were, das es biß anher bei den Teutschen 
fursten sonderlich also im brauch gewesen, das sie 
sich allein der lender titel gebraucht, so sie innegehabt 
und regieret, und nicht derer, so andere besessen, ob 
sie wol an denselbigen auch rechtliche erbschaft und 
des anfals zu gewarten gehabt, welches inen auch im 
rechten heut' oder morgen gar keinen nachteil ge- 
brocht, etwas abgeschnitten noch benommen. Über das 
alles konte man keinen rueligen besitz anziehen, 
sondern seine voreitern hetten jederzeit geburlicher ein- 
rede genug gethan und thuen lossen^ aber vor andern 
elirhaften Ursachen und gescheften, doch allermeist 
der herzogen von Burgund grosse maacht und gewalt 
zu irem rechten nihe können kommen. 

Nochdem nu dergleichen red und widerred viel 
geschehen, doraus jederman wol konte verstehen, 
welcher theil zu Braband der rechte erbe were, haben 



176 

inen znletst die Oberlendischen graven und herren ge- 
fallen lossen, das beide theile diese Sachen antweder 
an unpartheische commissarien, welche jeder theil etliche 
aus seinen verwanten dargeben und benennen, mechtig- 
lich dorin zu erkennen, stellen solt, oder aber das sie 
compromittirten, an ordentlichem rechten und für ge- 
burlichem richter, nemlich dem obern lehenherren 
keyserlicher maiestet selbs diesen handel furzunemen. 
Aber dieser furschlege keiner wolte den Niderlendern 
annemlich noch gelegen sein, verfugten aber dazwischen, 

das dem rath zu Aach undersagt ward, der von 
Burgund wurde gemeine stadt Aache von wegen dieser 
tageleystung nicht unberedt lossen, den man Hesse sich 
dünken, etliche burger in Aache hetten diß spiel ange- 
richt und ime den landgraven über den halß gefhuret. 
Hierauf ward an landgraven gesonnen, er wolte irer 
verschonen und an andere orter seine tagleistung ver- 
rücken, den inen were des von Burgund gemut und 
will unverborgen, als die hin und wider allerlei schein- 
ursach suchten^ die stadt Aache zu bekriegen und die 
irem gewalt zu underwerfen. Derhalben machte sich 
landgrave Ludewig des morgens von stund an auf und 
zog wider ungeendter sachen noch dem land zu 
Hessen: wolte viel lieber selbs schaden am gut nemen, 
den das er nicht alleine die von Aache in schaden, 
sondern auch viel andere, da er sein recht mit krieg 
und woffen understunde zu suchen, umb leib und 
leben bringen solte. 

Aber Johan Nhun von Herßfeldt, der 
diese sache verzeichnet binde r ime ge- 
lossen, zeiget die weitlauf tigor an: ich hab 
aber umb kurz willen allein diesen a u ß- 
zugdorausanhergesatzt. 

£s ist selbstverständlich, daß der sehr eingehende 
Bericht Lauzes weder aus dem Anonymus noch aus 
Nuhn bei Sefiekenberg geschöpft sein kann. 

Dieser Fall liegt auch bei folgender Mitteilung des 
erwähnten Chronisten S. 252a vor: 



176 

Anno etc. 1368. 

Erlegte Cnnrad Spiegel ritter bei der Aldenbnrg 
nnferre bei der stadt Felßperg viel bnrger von Herß- 
feldt, denn er war des abts Bertholts von Felckerß- 
bansen offener nnd abgesagter feind. Der Herß- 
feldische chronographus Johan Nhnen sagt 
selbs von dreihundert, so todt sollen sein blieben, und 
dieses ist geschehen uf donerstag nach invoeavit in 
der fasten. 

Von dem, was Lanze hier erzählt, schweigt Nuhn 
bei Senckenberg und der Anonymus vollständig. 

Ziehen wir den Schloß aus . obigen Zusammen- 
stellungen, so ergiebt sich folgendes. Nuhn hat min- 
destens zwei Werke über hessische Geschichte verfaßt: 
das eine behandelt die Ereignisse, die sich während 
seines Aufenthaltes in Hessen ^) dort zutrugen ; in dem 
andern wird die frühere hessische (und bis zur Tren- 
nung beider Länder wohl auch die thüringische) Ge- 
schichte dargestellt. Das an erster Stelle genannte ist 
dieselbe Arbeit, die Senckenberg a. a. 0. unter Nuhns 
Namen veröffentlicht hat. Ganz richtig ist darauf aufmerk- 
sam gemacht worden ^), daß dieselbe in zwei Teile zerfallt, 
deren erster in großen Zügen die hessische Geschichte 
von den frühesten Zeiten bis z. J. 1479 enthält, wäh- 
rend der zweite im Anschluß hieran sich mit der Zeitr 
geschichte befaßt. Daß der erste Abschnitt von Nuhn 
herrührt, geht aus der Vorrede hervor. Dort heißt es 
S. 388: »Und durch zugeneygter gunst des fürstenthumbs 
zu Hessen und Düringen wöU mir gott die gnade gön- 
nen, als ich hoffend binn zu seiner gnaden, so will ich 
Johannes Nohen von Herßfeldt mit schreiben eröffnen 
weitläufftigen anfang der zweyen fürstenthum Hessen 

i) So ist wolil die oben S. 163 mitgotheilte Angabe Lauzes 

zu veratehen, die der Vorrede Nuhns outnommen zu sein scheint. 

•) Senckenberg III, Fraeioqu. p. 64 u. Wenck a. a. 0. § 10. 



177 

und Düringei), und daß u£Fs körtzte ich mög begreifFen 
nnd vollenden« ^). Es scheint auch nicht, als ob der- 
selbe von einem späteren Bearbeiter gekürzt worden 
sei: von einem solchen können unmöglich die an zahl- 
reichen Stellen (S. 393, 406, 409, 422, 423, 426, 429, 
434, 444) sich findenden Bemerkungen hinzugesetzt sein, 
daß alles nicht streng zur Sache Gehörige beiseite ge- 
lassen werde. 

Nur der zweite Abschnitt ist von Lauze hier und 
da benutzt worden. Alles, was er aus früheren Perioden 
unter Berufung auf Nuhn mitteilt, hat zwar bald mehr, 
bald weniger Verwandtes mit dem ersten Teile der in 
Rede stehenden Arbeit des letzteren bezw. mit dem 
Anonymus, stammt aber aus einem andern Werke des 
Hersfelder Chronisten, vielleicht demjenigen, das Tjandau 
teilweise herausgegeben hat. Nicht ausgeschlossen ist 
aber auch die Möglichkeit, daß diejenigen Partieen des 
anonymen Werkes, die die hessische Geschichte be- 
handeln und an die sich der zweite Teil von Nuhns 
Chronik bei Senckenberg zeitlich genau anschließt-), in 
originaler Gestalt Lauze als Vorlage gedient haben. 
Der Kompilator müßte dann, was sehr wahrscheinlich 
ist, vielfach gekürzt und ganze Stellen ausgelassen, 
vielleicht auch allerlei sachliche Änderungen vorge- 
nommen haben, wie er ja thatsächlich in dem Be- 
streben, den ganz verschiedenartigen, der hessischen, 
hersfeldischen, hennebergischen u. s. w. Geschichte 
angehörigen Stoff seiner Mosaikarbeit einzuverleiben, 
zahlreiche Stücke an unrechter Stelle unterbringt und 
deii ursprünglich vorhandenen Zusammenhang nicht 
selten ganz zerreißt. — 

') Vgl. ferner S. 400, wo er auf ein von ihm verfaßtes Reim- 
werk hlaweist. 

■) Vgl. IL a. Wende a. a. 0. 
N. F. Bd. xviu. 12 



178 

Daß die zuletzt mitgeteilte Nachricht sich in 
Nnhns hessischer Chronik nicht findet, hat darin seinen 
Grund, daß sie aus des genannten Hersfelder Chronik 
stammt. Diese Stelle ist deshalb von besonderer 
Wichtigkeit, weil sie den Beweis liefert, daß Nuhn eine 
Geschichte der erwähnten Stadt geschrieben hat. Nur 
hier, wo es sich um eine Mitteilung aus der Hersfelder 
Lokalgeschichte handelt, wird er nämlich von Lauze 
als hersf eidischer »Chronographus«, d. h. als Verfasser 
einer Chronik von Hersfeld bezeichnet, während sein 
Name sonst allein mit dem Zusatz »von Hersfeld« 
vorkommt ^). 

In der anonymen Chronik findet sich die Nachricht 
über die Niederlage der Hersfelder nicht: der Kompilator 
wird sie aus irgend einem Grunde fortgelassen haben. Doch 
hat dieser ohne Zweifel die wichtigsten Partieen der 
Nuhnschen Arbeit in sein Werk heräbergenommen. Die 
aus der Hersfelder Chronik stammenden Stücke scheinen 
etwa ein Jahrhundert zu umfassen : sie beginnen mit der 
Sternerfehde und schließen mit der Erwerbung von 
Friedewald durch Heinrich IH. ab. Ob der letztere 
Zeitpunkt richtig bestimmt ist, läßt sich mit völliger 
Sicherheit nicht sagen, da sich hier hersf eidische 
und hessische Geschichte eng berühren. Indes paßt 
die sehr ausführliche Darstellung einer an sich nicht 
besonders wichtigen Begebenheit wohl eher in eine 
hersfeldische als in eine hessische Chronik. 



*) Ebenso spricht Lauze S. 250 (z. J. 1353) von dem 
„foldischen Chronographus'^, nachdem er S. 239 (z. J. 1274) die 
«faldischo Chronica'^, offenbar das Werk des ersteren, erwähnt 
hat. Auch Spangenberg kennt, wie oben S. 158 bereits hervor- 
gehoben, eine hersfeldisohe Chronik, die er zugleich mit einer 
hessischen bezüglich gewisser Ereignisse als Quelle bezeichnet — 
Über die von Nuhn berichtete Niederlage der Hei'sfelder in der 
Nähe der Altenburg vgl. fjondau^ Ritterburgen II, 198 Note 1). 



179 

Ober die Quellen dieser Abschnitte verlantet 
nichts, doch giebt eine nähere Betrachtung des Inhaltes 
immerhin einigen Aufschluß. Die Ereignisse etwa von 
der Mitte des 15. Jahrhunderts an mögen größtenteils 
aufgrund mündlicher Berichte aufgezeichnet sein, da- 
gegen haben für die früheren Partieen schriftliche, 
wohl gleichzeitig mit den Begebenheiten verfaßte 
Notizen vorgelegen, die allem Anschein nach ein 
offizielles Gepräge tragen. Dafür spricht nicht nur die 
Ausführlichkeit der Darstellung und die Genauigkeit 
in den einzelnen örtlichen und zeitlichen Angaben, 
sondern auch die Namhaftmachung zahlreicher Personen^ 
die in Betracht kommen: S. 378 werden die Sterner 
von den Hessen bei der Nikolaikirche vor Hersfeld 
niedergeworfen, S. 380 ff. spricht sich der Verfasser 
eingehend über die Gründe aus, die den Abt zum 
Feinde der Stadt machten, S. 383 ff. wird der Gegen- 
stand der Verhandlungen zwischen dem Landgrafen 
Hermann und den Hersfeldern ausführlich erörtert und 
S. 38ö ff. erhalten wir einen genauen Bericht über die 
Vorkommnisse, die insbesondere Hersfeld angehen, 
wobei sogar (S. 389) der Fehdebrief des Simon 
V. Haune seinem Wortlaute nach mitgeteilt wird. 
Ferner finden sich S. 389 die Namen der in der Stadt 
ergriffenen Verräter und S. 390 die ihrer Verbündeten 
aufgezählt Eingehend sind auch S. 399 ff. die An- 
gaben über Fritz Stupheler: es werden nicht nur etwa 
zwanzig Spießgesellen und die beiden mißhandelten 
Knaben genannt, auch die Örtlichkeit und das genaue 
Datum erfährt man. Hierher gehört weiterhin die 
Stelle S. 401 f., wo von der Anwesenheit des Kaisers 
Ruprecht in Hersfeld die Rede ist u. s. w. 

An Beispielen für offizielle Berichterstattung über 

ähnliche Vorgänge fehlt es in anderen deutschen 

Städten nicht In Köln, Nürnberg, Brannschweig, 

12* 



180 

l)ortmnnd und anderwärts worden wohl meist auf An- 
ordnung des Rates, wichtige kriegerische Ereignisse, an 
denen die Stadt beteiligt war, Festlichkeiten, wie sie 
etwa* bei dem Besuch des Kaisers oder eines be- 
freundeten Fürsten veranstaltet wurden, aufgezeichnet ^). 
Dies wird auch in Hersfeld der Fall gewesen sein. In 
dem dortigen Stifte darf man übrigens den Ursprung 
dieser Notizen nicht suchen: sie tragen durchaus den 
Stempel städtischer Geschichtschreibung, die in der 
Darstellung des zwischen Stift und Stadt bestehenden 
Gegensatzes ihren deutlichsten Ausdruck findet. 

Schwerlich wird sich entscheiden lassen, ob Nuhn 
diese Aufzeichnungen in ursprünglicher oder bereits 
überarbeiteter Gestalt vorfand. Jedenfalls haben 
diese Mitteilungen ganz abgesehen von ihrem rein 
sachlichen Werte als zeitgenössische Nachrichten über 
wichtige Vorgänge in der Stadt, über die Beziehungen 
der letzeren zur Abtei, zu dem umwohnenden Adel und 
dem Landgrafen Hermann, schon darum Anspruch auf 
volle Beachtung, als sie den Beweis liefern, daß in der 
Zeit, in welcher die städtische Historiographie in 
Hessen einen gewissen Aufschwung nahm, Hersfeld 
nicht zurückblieb ^). — 

Da der Hersfelder Chronist nach Spangenbergs An- 
gabe auch eine meißnische Chronik geschrieben hat, 
so ist es nicht unwahrscheinlich, daß die auf Meißen 
bezüglichen Kapitel des Anonymus (I. B. Kap. 25; 
II. B. Kap. 19, 21, 62) aus dieser Arbeit herrühren. 

Vgl. u. a. Die Chroniken der deutsch. Städte XX p. 

XVII u. xvni. 

•) Nicht unerheblich wird der "Wert dieser und anderer 
Nachrichten des Anonymus freilich dadurch beeinträchtigt, daß 
der ungeschickte EompiJator Zusammengehöriges vielfach ausein- 
andergerissen und einzelne Stücke dann an falschen Stellen unterge- 
bracht hat u. 8. w. 



181 

Vielleicht sind ebenso die Partieen, welche über Anhalt 
handeln (I. B. Kap. 25; II. B. Kap. 5, 19), einer an- 
haltischen Chronik Nuhns entnommen. — 

Fast ganz außerhalb des Zusammenhanges mit 
den übrigen Bestandteilen der anonymen Arbeit stehen 
weiterhin gewisse Stücke, die sich mit Hans und be- 
sonders eingehend mit Werner v. Hanstein be- 
schäftigen (H. B. Kap. 107, 131, 155—160). Der Ver- 
fasser muß gut unterrichtet gewesen sein. Darauf 
deutet nicht nur die Erwähnung zahlreicher Einzelheiten, 
sondern auch der umstand hin, daß er selbst einmal 
von der Benutzung urkundlichen Materials spricht ^). 
Möglicherweise ist Nuhn auch derVerfasser 
einer hansteinischen Familiengeschichte. 
Die Hypothese gewinnt etwas an Wahrscheinlichkeit, 
wenn man in Betracht zieht, daß Ludwig v. Hanstein 
1514—1516 Verweser der Abtei und darauf kurze Zeit 
Abt von Hersfeld war. Ihm zu Ehren mag dann das 
Werk geschrieben sein^). — 

Gänzlich verschollen ist schließlich die Reim- 
chronik Nuhns, auf die dieser einmal hinweist^). 
Sie behandelte, nach den Andeutungen des letzteren zu 
schließen, die Geschichte von Karl Martells Sohn Karl- 
mann, dessen Verhältnis zu Bonifatius, die Gründung 



') S. 454: Es gab auch gutho zarichtuuge zu der vehde 
das herr Werner von Haenstein, ritter, der in großer gnade landt- 
graf Ludwigs war, der fände eine Ursache wieder Hansen von 
Dombergk: ob sie der werte war, hab ich in keinem briefe 
gelesen. 

') Eine Notiz über Hans v. Hanstein und seine Beziehungen 
zu Hans v. Dörnberg, die einige Verwandtschaft mit der Dar- 
stellung des Anonymus (S. 430 f.) hat, findet sich in Spangenbergs 
Adelspiegel IL, 433 a Die gemeinsame Quelle wäre dann auch 
hier Nuhn. 

•) Setickenberg V, 406. 



182 

von Fulda^ Karlmanns Eintritt in das Kloster Monte 
Cassino u. s. w. *). — 

So dürftig auch die Überreste sind, die von der 
ausgedehnten historiographischen Thätigkeit des Hers- 
felder Chronisten sich erhalten haben, und so sehr auch 
dieses Wenige einer gesicherten Oberlieferung entbehrt, 
es genügt, um eine Vorstellung von seiner Bildung, 
seiner Denkweise und vor allem von seiner Befähigung 
zum Geschichtschreiber zu gewinnen. 

Die großartige Umgestaltung, die der Humanismus 
auf fast allen Gebieten der Wissenschaft und nicht 
zum wenigsten auf dem der Geschichtschreibung her- 
beiführte, ist an Nuhn ebenso wie an seinem Zeitge- 
nossen Gerstenberg spurlos vorübergegangen ; beide 
stehen dieser neuen Richtung durchaus fern. Mag 
ersterer sich auch einmal auf Plato berufen und an 
einer anderen Stelle auf Yalerius Maximus verweisen: 
die Welt des Altertums, die damals zu neuem Leben 
erstand, ist ihm fremd geblieben, und geradezu komisch 
wirkt das Bild, das er von der römischen Geschichte 
entwirft. Nicht viel gründlicher hat er sich auf dem 
Gebiete der deutschen Vorzeit umgesehen. Wollen wir 
ihm auch keinen Vorwurf machen, wenn er sich gleich 
manchem Kundigeren von dem falschen Turpinus hat 
irre führen lassen, schlimmer ist, daß es ihm überhaupt 
nicht darum zu thun war, durch das Studium guter 
Quellenschriften sich einen Einblick in die Geschichte 
und die staatlichen Zustände jener Zeiten zu ver- 
schaffen^). Diesem Mangel begegnen wir auf Schritt 



M Irrtümlioh spricht Senehenberg Y, Praeloqu. 8. 53 f. und 
Dach ihm Wenck a. a. 0. 8. XV. von einer hessischen Reim- 
chronik, die Nahn verfaßt haben solL 

") 8o giebt er, um nur ein Beispiel anzufahren, bei 
Senehenberg V, 402 den Ausdruck Maior domus mit ,das große 
Haus' wieder. 



183 

nnd Tritt. Dazu kommt, daß er keinerlei kritische 
Befähigung zeigt. In Bezug auf letztere steht er noch 
tief unter dem Frankenberger Chronisten, der wenigstens 
hier und da den Versuch macht, aus den abweichenden 
Angaben der Quellen das Richtige herauszusuchen oder, 
wo ihm dies unmöglich erscheint, seinen Lesern 
wenigstens die Entscheidung in zweifelhaften Fällen 
anheimstellt. Von einer solchen Gewissenhaftigkeit 
findet sich bei Johannes Nuhn keine Spur; er nimmt 
sich in der Regel nicht einmal die Mühe, Mitteilungen 
über seine Vorlagen zu machen^ und nur ganz ver- 
einzelt giebt er unzureichende Auskunft 

Aus diesem Grunde sind wir meist auch nicht in 
der Lage, einen genügenden Einblick in die Art und 
Weise seines Arbeitens zu gewinnen. Doch läßt sich 
unschwer erkennen, daß er reichliches Material herbei- 
geschafft, es aber unterlassen hat^ dasselbe zu sichten 
und mit einiger Vorsicht zu verwenden. Die Folgen 
dieser Behandlung des Stoffes zeigen sich in dem 
Übergehen oder nur gelegentlichen Erwähnen wichtiger 
Vorgänge und andererseits in der mehr als behaglichen 
Breite, mit der untergeordnete Ereignisse besprochen 
werden^ mag er nun selbst der Urheber oder nur der 
Nachschreiber sein ^). Selbst um genügende Aufhellung 

*) Vgl. z. B. die ausführliche £rzählaog von der Erwerbung 
von Friedewald durch Heinrich den Reichen (Senckenberg III. 
003 ff.) und den Abenteuern Ottos des Schützen in Eleve (das. 
S. 343 ff.). Bemerkenswert ist die auf letztere bezügliche Aus- 
führung Lauzes S. 248 a f., wobei dieser wohl Nahn im Auge hat : 
Das 'aber etliche diese warhaftige historien mit weitem zusetzen 
schmucken, achte ich nicht von noten, sondern wer da weiB, das 
ire die warheyt an einfaltiger erzelung der Sachen benugen lesset, 
der wird noch solchen und dergleichen schmuckreden nicht hoch 
fragen. Dieweil auch diese tugend, sich dermassen zu nidrigen 
und in knechtsgestalt brauchen zu losseu, under den hohen leuthen 
dieser zeit gantz selzom worden, mochten diese geschieht villioht 
etliche für ein gedieht halten ; aber gewiß und whar ists, das sich 



184 

zeitlich ihm nicht allzafern liegender Ereignisse hat er 
sich, wie ihm schon Spofigenberg vorwirft, nicht be- 
müht, eine Nachlässigkeit, aas der zahlreiche Irrtümer 
erwachsen. 

Bedeutend höher steht Nahn als Darsteller der 
Zeitgeschichte. Nicht als ob er sich hier za einem 
völlig vorurteilsfreien Standpunkt erhoben hätte; es 
wird aber wenigstens der Versuch gemacht, die Ereig- 
nisse in einen gewissen^ wenn auch meist nur rein 
äußerlichen Zusammenhang zu bringen. Dazu war er 
in der Lage, über manche Vorkommnisse zuverlässig 
zu berichten, von denen andere keine oder doch nur 
unsichere Kenntnis haben konnten. Der Chronist hatte 
sich in der Welt umgesehen, hatte das Leben an 
Fürstenhöfen kennen gelernt und war wohl auch mit 
mancher Persönlichkeit, die in den Händeln der Zeit 
eine hervorragende Rolle spielte, zusammengetroffen, 
er hatte sogar einige Male selbst in bescheidenem 
Maße thätigen Anteil an letzteren genommen. Seinem 
Unternehmen förderlich erwies sich insbesondere das 
nahe Verhältnis, in dem er zum landgräflichen Hofe 
stand, wenngleich andererseits die Gefahr nicht fern 
lag, sich von diesen Beziehungen beeinflussen zu lassen. 
In der That ist er an dieser Klippe nicht ganz unver- 
sehrt vorbeigekommen. Doch darf sein Mangel an 
Objektivität gewiß nicht allzusehr betont werden : es 
wird sich wohl kaum ein Fall nachweisen lassen, wo 



diese dinge wie erzalt zugetragen und verlaufen haben. — Daß 
Nuhn die Geschichte von Otto d. Schützen erfunden habe, in die 
einige Züge der Lohengrissage verwoben zu sein scheinen, läßt 
sioh nicht beweisen, wenngleich sie sich bei ihm zuerst Endet 
Vielleicht liegt seiner Darstellung ein Roman zugrunde, wie denn 
gerade das 16. Jahrhundert reioh an diesen Prosadiohtungen ist. 
Daß der Chronist kein Bedenken tnig^ letztere als historische 
Quellen zu benutzen, zeigt sein Hinweis (s. o. IS. 34) auf Hug 
Schaplers Geschichte. 



185 

Nuhn über die Begebenheiten wieder bessres Wissen 
berichtet hätte. 

Was die formale Seite seiner Darstellung betrifft, 
so versteht er es, den behandelten Gegenstand anschau- 
lich zu machen und Interesse für die Sache zu erwecken. 
Man sieht auf den ersten Blick, daß er mit keinerlei 
Schwierigkeiten des Ausdrucks zu kämpfen hat, daß 
ihm die Gedanken, mit denen er sich beschäftigt^ un- 
gezwungen in die Feder fließen. Was dann auf den 
ersten Wurf nicht völlig gelingt, läßt er unbekümmert 
um etwaige Härten und Unklarheiten stehen : es kommt 
ihm eben auf Feinheit und Glätte des Stiles nicht an. 
Seine Sprache ist überhaupt derb und ungeziert, reich 
an Sprichwörtern und volkstümlichen Redensarten, und 
gerade diese Naturwüchsigkeit ist es, die ihr im Gegen- 
satze zu der trockenen und farblosen Ausdrucksweise 
Gerstenbergs einen nicht geringen Reiz verleiht. 

Werfen wir zum Schlüsse noch einen Blick auf 
die Stellung, die Johannes Nuhn in der Geschichte der 
hessischen Historiographie einnimmt. Trotz aller Mängel, 
die ihm anhaften, bezeichnen seine Leistungen ebenso 
wie die seines eben genannten Zeitgenossen den Höhe- 
punkt, den die Geschichtschreibung an der Schwelle 
der Neuzeit erreichte, und sind schon aus dem Grunde 
von hoher Bedeutung^ als sie den Beweis liefern, daß 
jene sich damals nicht in Städte- und Lokalgeschichten 
zersplitterte, sondern die Kraft in sich fühlte, nicht 
nur die das ganze Land angehenden Ereignisse der 
Gegenwart zur Darstellung zu bringen, sondern 
auch die gesamte Vergangenheit desselben zu er- 
gründen. Nicht geringer ist die Bedeutung der 
beiden Chronisten vom rein sachlichen Standpunkte aus 
anzuschlagen, denn in ihren Werken ist so ziemlich 
alles Material von einigem Werte zusammengeflossen, 
das die hessische Chronistik bis dahin hervorgebracht 



186 

hatte. Gerstenbergs thüringisch-hessische Chronik und 
die aus Nuhns Arbeiten entstandene Kompilation sind 
daher die hauptsächlichsten Quellen für alle späteren 
Darsteller der älteren hessischen Geschichte und für die 
ganze Auffassung der letzteren auf lange Zeit hin allein 
maßgebend gewesen. 




187 



m. 

Sehreiben Ton Anna geb. Herzogin zu 

Mecklenburg an ihren Schwiegervater 

Philipp trafen zn Solms ans dem 

Jahre 1520/) 

Mitgeteilt von 
Dr. August Roeschen, 

Wolgebamer frunüiger liber Svnr! 

We yr mir entbotten habet der Akt halben über 
de Klinnot, wo ych de haben wolt, vorseget yr eich, se 
worden mir auch warden so wol als L. P. Nu dorft ych 

*) Anna geb. Herzogin zu Mecklenburg, Witwe Wilhelms IL, 
Landgrafen von Hessen, Mutter Philipps des Gross mü- 
thigen, die bekanntlich in den Kämpfen während der Minder- 
jährigkeit ihres Sohnes eine hervorrageode Rolle spielte (Vgl. bes. 
0, Frhr. Schenk xu Sehtveinsberg^ Das letzte Testament Landgraf 
Wilhelm II. von Hessen, Gotha 1876.), vermählte sich 1619 mit 
Otto Grafen zu Solms. Derselbe verstarb jedoch schon am 
14. Mai 1522 vor seinem Vater Philipp. Anna überlebte ihren 
Gemahl nur um 3 Jahre; in ihrem Testamente bestimmte sie, dass 
sie im Franziskaner-Kloster zu Marburg (sie war dem katholischen 
Glauben treu geblieben) begraben würde ; ihr Herz jedoch sollte 
\m St. £lisabeth-Münster „bei ihrem herzheben Herrn und Gemahl^ 
ruhen. Sie ist die Stammmutter aller hessischen 
Häuser und aller jetzt lebenden Grafen zu Solms. 
Ihr Sohn Friedrich Magnus erhielt in der Teilung von 1548 



188 

er seir wol, und yst mein Begeir an eich, das yr se 
mir wolt usbringen, wo yr es dar for wolt halten, das 
de Sage nicht vordragen worde word, auber de Sage 
sunst vordragen, so sparde ych wol den Kosten. Ych 
stell es zu eijere guot Bedunken. Auch las ych eich 
wissen, das meins Sonns Kamerschriber yst bi mir ge- 
wesen und mir gesaget^ das er wol weist^ um das mir 
der Munnig^) hat anbracht; und mein Sonn hatz auch 
mit einngereit, und yst gans meins Sonns Meinning, das 
er geirn allenen bi mir were. Mich dunkt auber, er 
kans vor den Reden ^) nicht zu Wege bringen, und 
sunderlig vor Balsser und vor Drakstorf. Und mein 
Sonn hat wider den Kamerschriber gesaget, wan er 
nor 3 Kleinnot heit, so ych habe, als mit namen das 
Halsbant; die anderen 2 kuont er mir nicht genemen, 
so wolt er de Sagen lassen gerycht sein. Nu aucht 
ych. Das einne yst der demanten Gurge^), das ander 
das grosse Span, das de Roze heist^). Das schrib ych 
eich darumb das yr eich wist dar nach zu richten, wo 



Laubach nebst Ködelheim, Ässenheim und der Hälfte des Amtes 
Peterweil. — Der hier veröffentlichte Brie( den ich im Sommer 
1892 im fürstlichen Archive zu Lieh (L Abth. Pei-s. Sachen. 
Phil. L Sohn Otto, Ck)nv. 20) fand, ist ganz von der Hand Annas 
von Mecklenburg, in festen Zügen geschrieben. Er bezieht sich 
auf die Auseinandersetzung wegen der Erbschaft ihres ersten 
Gemahles und bietet in mancherlei Hinsicht Interesse. Leider ist 
das Schriftstück stark vergilbt und beschädigt (fol., pap.). Bei der 
Wiedergabe des Textes habe ich u nur vokalisch, v nur konsonan- 
tisch vorwandt, die Anfangsbuchstaben nach heutigem Gebrauch 
gross oder klein gesetzt, die Interpunktion (die im Original YöUig 
fehlt) ergänzt, im Uebrigen die Schreibung des Originals unver- 
ändert gelassen. — 

») Mönch. — «) Räten. 

") Ein diamantenbeeetztes Bildnis (Statuette) des St. Georg. 

^) Kleinod (Spange) in Form einer Rose. Bei JAÜher^ Ps. 60, I : 
„Ein gülden Eleinot Davids, vor zu singen, von einem gülden 
Kosenspahn zu leren*^, wobei die Randbemerkung (nach Bindseils 



189 

es sych wolt zu einem Vordrage schiken, das yr wost, 
mit den anderen dar hinder zu hallten. Auch schik 
ych eich hirmit 2 Eopigen, de einne, was mir der Mu- 
nnig schribet, de ander mein Antwart daruf, das yr aller 
Handelung ein Gewissen habet. Auch yst der hessysche 
Marschalk bi mir zu Frankfort und auch zu Rodelem ^) 
bi mir gewesen, und der sege auch geirn, das mein 
Sonn und ych bi einander weren; und er heltz gans 
dar fuor, wan wir bi einander weren, de Sage solt vor- 
dragen warden. Hirmit duon ych eich Got befellen, 
der heilf uns mit Fronden zu samen. Dat. Rodelem 
am anno XV^XX. 

AfnnaJ gfejbforene] HferxoginJ xfu] 
Meclklenburg] ^). 



und Niemeyers Abdruck): Das ist, Em gehenge oder köstlich Kl^&inot 
in einer Kosen gestall. Dann Ps. 80, 1: ,Die Spanrose", wobei 
die Randbemerkung: Ein Kleinod wie eine Rose, und heisst hie 
das Königreich Israel. Erasmus Albeni.% Diction. v. 1540, hat : 
Lilium, rosenspahn. (Weigand^ D. W. II, 489; Orimm^ D. W., 
VIII. Bd., 7. L., 8. 1219). 

*) Rödelheim. 

') Auf der Aussenseite des Briefes befindet sich die Adresse : 

Meinem fruntligen üben s(wir) PhiUp . . . (gr)av SoUms) 

H(errn) z(u) M(ünzenberg). . . — Wir fügen hier noch bei, dass 
Graf Philipp, der Schwiegervater Anna's von Mecklenburg, in gutem 
Ansehen bei Kaiser und Reich stand; 1521 zog er mit Karl V. 
gegen Frankreich. Auch zu Friedrich dem Weisen, Kurfürsten von 
Sachsen, hatte er nähere Beziehungen. Philipp von Hessen be- 
gleitete er im Bauernkriege; im Alter von 76 Jahren zog er noch 
nach Frankreich zu Karl V., als dieser vor Landrecies lag. Er starb 
1544 zu Frankfurt und wurde zu Lieh beigesetzt. — Eine Lebens- 
beschreibung von diesem Grafen, etwas panegyrisch gehalten, aber 
im Ganzen zuverlässig (herausgeg. von Konsistorialrath Schneider 
zu Mioheistadt), wurde 1674 von M. Lucas Geyorberg, Prediger 
zu Laubach, verfasst. 




190 



IV. 

Annalen nnd die Matrikel der 
Universität Kassel 

herausgegeben 

von 

Dr. Wilh. Falckenheiner, 
Kustos au der K. Üniversitäts-Bibliothek zu Göttingen. 

ie Gründung der Universität Kassel im Jahre 
,4?^^ 1633 durch Landgraf W i 1 h e 1 m V. war veranlasst 
durch die Sorge des Landesherrn für den Bestand des 
reformirten Bekenntnisses in seinen niederhessischen 
Gebietstheilen. Die frühere Landes-Üniversität Marburg 
war in Folge des Hessen-Marburgischen Erbfolgestreites 
schon unter Landgraf Moriz 1625 in den Besitz Lud- 
wig s V. von Darmstadt übergegangen und von diesem, 
zugleich mit der Wiederherstellung des lutherischen 
Kultus in Oberhessen, in eine Lehranstalt des strengsten 
Lutherthums umgewandelt worden ^). Als nach der am 

*) Vgl. Heuser. Beiträge zur Geschichte der Universitäts- 
Bibliothek Gicssen im 6. Beiheft zum Centralblatt für Bibliotheks- 
wesen. Leipzig 1S91, S. 3 f. Literaturnachweise ebenda, sowie 
bei WaUher, Lit. Handbuch. Darmstadt 184L S. 96 ff. — Fr. liekm, 
Handbuch der Geschichte beider Hessen. Marburg 1846. Bd. II, 
S. 137 ff. — Romfml, Geschichte von Hessen. Bd. VI, S. 121 ff. 



491 

17. März 1627 erfolgten Abdankung des Landgrafen 
Moriz, Wilhelm V. zur Regierung kam, war eine der 
ersten Sorgen des thatkräftigen Fürsten, eine neue 
Pflanzstätte für die von seinem Vater begründete refor- 
mirte Kirche zu schaffen. Zufolge des am 24. September 
1627 mit Ludwigs V. Nachfolger Georg IL von Darm- 
stadt abgeschlossenen sogen. Hauptaccordes ^J wurden 
die Einkünfte der Universität Marburg getheilt^) und 
Wilhelm V., nach formeller Verzichtleistung auf Mar- 
burg, das Recht zugesprochen^ eine neue Universität in 
Niederhessen zu gründen^). 

Der Plan der neu zu errichtenden Universität wurde 
nun mit grossem Eifer betrieben, wobei der Vicekanzler 
Helfrich Deinhard hervorragenden Antheil hatte. 
Schon im Februar 1628 Hess der Landgraf die Pro- 
fessoren Molther und Comb ach nach Kassel be- 
rufen, um in Gemeinschaft mit Grocius, Hart mann i, 
dem Rektor der Stadtschule Crugius, und Seyler ein 
Gutachten über die Neugründung auszuarbeiten. Eine 
andere Kommission wurde eingesetzt, um über Beschaf- 
fung und Regelung der Einkünfte u. a. zu berathen ^). 

Im Juli des folgenden Jahres wurde in den Räumen 
der einst von Landgraf Moriz errichteten und später 
eingegangenen Ritterschule (Collegium Adelphicum Mau- 
ritianum ^) mit Vorlesungen in allen Fakultäten begonnen, 
und trotz der beständigen Kriegesschrecken fand am 
2. Januar 1633 die feierliche Eröffnung statt. 

*) Ausgaben s. Bäberlin^ Eeichsgesohichte, fortgesetzt von 
Senckmberg, Th. 26 § 274 Aom. y. S. 685. 

*) Eehrn^ a. a. 0., Bd. II, S. 176 ff., wo die Hauptbedingungon 
des Vergleichs abgedruckt sind. — Jtuti^ Orundzüge einer Ge- 
schichte der Uoivei-sität zu Marburg. Marburg 1827, 8. 76 f. 

•) Vgl. auch Pictert^, Geschichte der . . Stadt Kassel, heraus- 
gegeben von Hoffmeister. Kassel 1882, 8. 147 ff. 

^) Annalen zum Jahre 1833. 

^) Vgl. Neuber im Hessenland, Jahrg. IV, 1890, S. 279. 



192 

lieber die Gründung and die Ereignisse der ersten 
Jahre berichten die handschriftlich in einem Codex des 
Marburger Staatsarchivs (Sign. I. Nr. 5 A) erhaltenen 
Annalen, welche zugleich mit der Matrikel zum ersten 
Male veröffentlicht werden *). Dem Texte der Ausgabe 
sind nur gelegentlich Erläuterungen hinzugefügt worden, 
da es zunächst die Aufgabe war, das Quellenmaterial 
der Forschung allgemein zugänglich zu machen. 

Von den Aufzeichnungen, welche die Rektoren am 
Schlüsse ihres Amtsjahres eigenhändig in einen beson- 
deren Band eingetragen haben, sind leider nur wenige 
Jahre erhalten, üeber die Vorgeschichte und die Be- 
gebenheiten der Jahre 1633 — 1635 berichtet sehr aus- 
führlich der damalige Prorector Johannes Combach 
welcher den ersten Rektor Crocius % der wegen Tödtung 
des Cornets Hund in Anklageznstand versetzt worden 
war^ am 26. März 1633 im Amte ablöste. 

Die Ereignisse der Jahre 1635 — 1637 hat der in 
seine früheren Würden wieder eingesetzte Crocius dar- 
gestellt, mit einem längeren Excurs in eigener Sache 
und der Publikation von Aktenstücken über seinen 
Prozess. Die Annalen des Jahres 1638 (Rektor Erich 
Graff) fehlen. Das folgende Jahr 1639 ist das letzte, 
in welchem der damalige Rektor N o 1 1 h e n seine Auf- 
zeichnungen über die Begebenheiten des Universitäts- 
lebens der Nachwelt überliefert hat. 

Seit dem Schreckensjahre 1640, in welchem Crocius 
»propter ingentia patriae pericula et horribiles belli 



Die Anregung dazu verdanke ich den Herren Professor 
Dr. Varrentrapp in Strassburg und Arohivrath Dr. Könn ecke 
in Marburg. 

*) Glaus^ Job. Ci'ocius, ein biographischer Versuch. Marburg. 
Diss. 1867; — Strieder, Grundlagen zu einer hess. Gelehrten- etc. 
GeBchichte, TI, 8. 397 f.; — 2?V. Münacher im Hessenland, Jahrg. 
1889, S. 96—99. 



103 

ttunaltus« nur 9 Studenten inscribiert hat, sind keine 
Annalen weiter geführt. Man kann wohl annehmen, 
dass die folgenden Rektoren Concepte hinterlassen 
haben ^), die während der Stürme des dreissigjährigen 
Krieges wahrscheinlich zu Grunde gegangen sind. Dies- 
bezügliche Anfragen und Nachforschungen in der Landes- 
Bibliothek zu Kassel, der Universitätsbibliothek zu Giessen 
und dem Staatsarchive zu Marburg waren erfolglos. 

Der die Annalen enthaltende einfache und schmuck- 
lose Folioband (Holzdeckel in gepresstem Schweinsleder 
mit Schliessen) besteht aus 188 Blättern. Fol. 1—6 
und 8 sind leer. Fol. 7 und 9—18 enthalten: »Leges 
et statuta academiae Cassellanae«, eine fast wörtliche 
Wiederholung der Gesetze und Statuten Philipps des 
Grossmütigen vom 31. August 1529 (vgl. Urkunden- 
Sammlung über die Verfassung und Verwaltung der 
Universität Marburg unter Philipp dem Grossmütigen, 
herausgeg. von Er. Hildebrand. Marburg, 1848, 
S. 19 ff.) mit geringen, unwichtigen Abänderungen. 
Datirt: (Fol. 18) Cassellis pridie Kai. Jan. Anno p. 
Chr. n. miilesimo sexcentesimo tertio. Guilielmus Land- 
gravius Hassiae. Das beigedrückte Siegel ist abgefallen. 
Fol. 19—24 sind leer. Fol. 26—27: »Copia Herrn 
Landgraff Wilhelms F. G. Dotation der Academi zu 
Cassel, undt der Communitet daselbsten auss den Fritz- 



^) Man vergleiche die Ausführungen des Marburger Ecktors 
Sinolt zum Jahre 1634 über die Rektoratsbücher (Catalogus stud. 
Marp. ab 1629—1636 Fase. 15 ed. FaUskenfieiner. Marburg. Rekto- 
rats-Programm 1888, 8. 54) : „Cum ab aliquot annis neque 
notabiiia quae contigerant, neque nomina studiosorum his (Anna- 
libus seu libris Rectoralibus) insciipta ossent, 111. Princeps 
diversis vicibus sub poena praecopit, ut complerentur, cui Profes- 
sores, qui nmnus Rectoratus gesscrant humilime obediverunt" etc. 
Femer a. a. 0. pars IV, S. 177 sagt Fenrhom: „Haec ex Auto- 
grapho . . . Mentzeri .... sub meo Rectoratu .... inscrihenda 



curavi.* 



N. V. Bd. xviii. 13 



194 

krischen Stiftsgefällen.« Dat. Cassel, 14. Febr. 1634. 
Das folgende Blatt 28 ist leer. Fol. 29 und 30 ent- 
halten eine Empfehlung der Academie zu Cassel, welche 
beginnt: »Christianus Dei gratia Hassiae landgravius, 
comes . . Academiae Cassellanae Rector: Omnibus om- 
nium Academiarum et Gymnasiorum per Europam Re- 
ctoribus ac Professoribus evnQcitTeiv,* Dat. Cassel, Cal. 
Martii Anno 1634. Fol. 31 und 32: »Scriptum quo 
publici victus seu communitatis, ut vocant, Academiae 
Cassellanae commoditates explicantur.« Dat. Cassel, Cal. 
Martii 1634. Dann folgt ein Ausschreiben des Land- 
grafen Wilhelm V., die Einrichtung der Communität 
betreffend. Dat. Cassel, 1. März 1634, auf Fol. 33 und 
34; Fol. 35 — 38 enthalten die »Communitet-Ordnung 
der hohen Schul zu Cassel.« Dat. Cassel, 20. April 
1634. Fol. 39—43 sind leer. Fol. 44 endlich beginnen 
die »Annalen« auf den Blättern 44 — 80 und 89—95. 
Fol 81—88 sowie 96-188 sind leer. 

Die in einem zweiten Bande aufgezeichnete Ma- 
trikel der Jahre 1633 — 1652 ist vollständig erhalten *). 

Es ist begreiflich, dass eine während der Wirren 
des 30 jährigen Krieges neugegründete Universität, deren 
Studenten sich grösstentheils aus den verhäitnissmässig 
kleinen niederhessischen Gebietstheilen rekrutirte, sich 
keiner grossen Frequenz erfreuen konnte. Dazu kam 
noch, dass das ganze Land von der Pest heimgesucht 
wurde. Im Jahre 1636 klagt Combach: »quia pestis 
civitatem occupaverat, et lectiones cessabant, nuUi no- 
vitii ex eo tempore hoc anno accesserunt ad Academiam.« 
Im folgenden Jahre dauerte die Pest noch fort, man 
sah sogar von der Wahl eines Rektors ab. 1637 be- 
gründet Crocius die geringe Zahl der Immatrikulirten 

^) Eine kurze luhaltsangabe giebt ö. L. Tk, Henke : Die Er- 
öfiEuung der Universität Marbarg im Jahre 1653. Marburg 1862, 
8. 37, Anm. 12. 



195 

(9) damit, dass »propter Inem pestiferam aliosque morbos 
contagiosos« (in den Annalen werden oft Todesfälle an 
»febris petechialis« verzeichnet) in urbe grassantes, nt 
et atroces motas bellicos« etc., nur wenige Stadirende 
angekommen seien. 1640 und 1641 werden allein die 
Kriegsgefahren für die geringe Frequenz verantwortlich 
gemacht Von da an erhöhen sich die Ziffern bis zur 
Aufhebung der Universität. 

Immerhin ist die Zahl der Immatrikulirten, wenig- 
stens in den ersten Jahren^ keine geringe, wenn man 
z. B. Marburg zum Vergleich heranzieht. Dort wurden 
1633 iramatrikulirt: 92, in Cassel 66; 1634: 78, in 
Cassel 96; 1636: 33, in Cassel 39. Leider ist die Mar- 
burger Matrikel des entsprechenden Zeitraumes nur für 
diese Jahre erhalten, sodass der Vergleich sich nicht 
weiter ausführen lässi In Cassel wurden in den fol- 
genden Jahren immatrikulirt : 1635: 18; 1637: 22; 1638: 
28; 1639: 13; 1640: 9; 1641: 8; 1642: 21; 1643: 12; 
1644, 1645 und 1646 je 30; 1647: 43; 1648:36; 1650: 
26; 1651: 44; endlich 1652: 37. Im Durchschnitt 
jährlich: 36. Der Herkunft nach sind aus Hessen: 501 
Studirende ^); aus anderen deutschen Ländern: 94; aus 
dem Ausland: 8; davon je 2 aus Sedan und Genf, 3 
aus Schaffhausen, 1 aus Zürich. 

Die Eintragungen in den die Matrikel enthaltenden 
Band sind theils von der Hand eines Schreibers (Fol. 2, 
3, 7 bis »Septembris«, 10 — 12, 13*, 17 von Anno bis 
Schluss) theils eigenhändig von den jeweiligen Rektoren 
besorgt. 

Der Band ist Eigentum des Marburger üniver- 
sitäts-Archivs (Sign.: 11 Nr. 7A) und ähnlich dem der 
Annalen gebunden; er fasst 229 Blätter. Fol. 1 ist 



') Bei Strieder a. a. 0. lässt sich eine ziemliche Anzahl 
derselben nachweisen. ... 

13* 



196 

leer, Fol. 2 — 20 enthalten die Matrikel. Die übrigen 
Blätter haben darch die 1653 vollzogene Vereinigung 
der Casseler Universität mit der zu Marburg keine Ver- 
wendung mehr gefunden. 

Das der Matrikel beigefügte Personenregister ist 
in der Weise angeordnet worden, dass die Namen ein 
und derselben Familie, auch wenn die Schreibweise in 
den verschiedenen Jahren, oft sogar an derselben Stelle 
verschieden ist, unter der gebräuchlichsten Namensform 
zusammengestellt worden sind. Die Buchstaben C und 
K, F und V sind vereinigt ; Y ist durchweg unter Z ein- 
geordnet Die neben der Jahreszahl befindliche Ziffer 
ist die laufende Nummer der in jedem Rektoratsjahre 
immatrikulirten Studirenden. 

Die Ortsnamen sind in der heutigen Schreibweise 
aufgeführt mit Hinzufügung der zu den einzelnen Orten 
gehörenden Familiennamen in alphabetischer Reihen- 
folge. Dabei bleibt es der Einzelforschung überlassen^ 
die Zugehörigkeit von Familiennamen zu häufiger vor- 
kommenden gleichlautenden Ortsnamen festzustellen. 



Rectoren und Prorectoren der Universität Cassel. 

1633. Joh. Crocius, Prof. theol. 
Joh. Comb ach, Prof. theol. 

1634. Christian, Landgraf von Hessen. 
Comb ach, Prorector. 

1635. Ernst, Landgraf von Hessen. 

Joh. Matthaeus, Prof. jur., Prorector, 
vom 22. October ab : C o m b ac h. 

1636. Dieselben bis 14. Februar. Dann John Pet 

Da üb er, Prof. Orat. poet. et bist., Rector. 

1637. Georg Cruciger, Prof. theol. 
Crocius. 

1638. Erich Graff, Prof. jur. 



197 

1639. Aug. Noithen, Prof. phil. 

1640. Crocius. 

1641. Joh. Kleinschmidt, Prof. jur. 

1642. Dauber. 

1643. Crocius. 

1644. Eleinschmidt. 

1645. Noithen. 

1646. Combach. 

1647. 1648. Gregor Stannarius, Prof. phys. 
1649. Interregnum. 

1660. Erich Graff. 

1651. 1652. Joh. Werner Geise, Prof. mor. philos. 



Annales [foi. 45] 

Äcademiae Cassellanae 

quotum initium fecit Joh. Combachius S. S. Theologiae 
Licentiatus , eiusdemque et philosophiae Professor 
Ordinarius, Äcademiae ProRector. Anno a nato Christo 

MDCXXXin. ') 

Quum superiori seculo heros fortissimus inclytae 
memoriae Philippus Hessorum Princeps animadverteret, 
quot quantisque erroribus pontificiorum religio ob- 
noxia esset, de suis Ecclesiis ab iis repurgandis 
serio cogitare coepit; idque ut felicius perageret, anno 
a nato Christo MDXXVII de Academia Marpurgensi 
erigenda cum suis consilia communicavit ^), eidemque 

*) Fol. 44 fiodot sich dieselbe Überschrift mit der Variante: 
^Aonaliam A. C. Libor quoram*^ u. s. w. 

*) Bereits in der Hornberger Kirchenordnung vom 20. Okt. 
1526 ist die Gründung der Universität Marburg geplant. Ur- 
kondensammlung ed. .Hildebraud S. 1 £F. 



198 

paulo post institutae non solum de amplissimis redi- 
tibos, sed et de privilegiis a Caesare Carolo V. anno 
MDXLP) collatis clementer prospexit, ut esset pietatis 
et OQS-odo^iag seminariam ad Ecclesiam et veram 
religionem rectius propagandam, et bonaram artium et 
disciplinarum officina, ad Rempab[Iicam] administrandam, 
bonosqne mores in hominum societate conservandos. 
Ea sub tutela et administratione lUustrissimorum 
Hassiae principum laudatissimae recordationis Dn. 
Guilielmi Sapientis, Dn. Ludovici senioris; et literatissimi 
[Fol. 45*] Principis Dn. Mauritii, e tenuio | ribus principiis ita 
paulatim succrevit, ut inter celeberrimas Germaniae 
Academias habita fuerii Inprimis v[ero] cum post 
obitum principis Ludovici senioris ad Mauritinm 
principem solum eins tutela deveniret, in eam curam 
maxime incubuit, ut quibus posset modis ornaret et 
non solum viros Clarissimos evocaret, ad majorem ejus 
celebritatem et studiosae iuventutis commoditatem et 
utilitatem: sed et quotannis 1500 florenos e Salinis 
Hassiacis de suo penderet, ut quod Academiae subtraxe- 
rant Giessenses ^), compensaret, et suis professoribus 
legitimo tempore stipendia numerarentur, ne quis inde 
lectionum negligendarum praetextus nasceretur. 

Sed quum in flore jam essent omnia, Martis vis, 
quae in vicinia aliquandiu commorabatur, Hassiam 
quoque invadit: et non solum gravissimis exactionibus 
eam exhaurit, sed et legitimo Domino suo privat sub 
iuris et sententiae Caesareae praetextu. Nee vero intra 
ditionem et urbem tantum sese continebat: sed et 
pulcherrimum illud et laudatissimum corpus Äcademicum 
a se invicem quasi distrahit et convellit: absque uUa 



*) Vom 16. Juli 1541 ist die Urkundo datirt Urkandon- 
sammlang ed. Hildebraod S. 37 no. YUI. 

2) Vorgl. Rehrn, a, a. 0. Bd. 11 S. 181. 



199 

noxa dimissis professoribus , ut et praeceptoribus 
paedagogicis iis qui a tempore administrationis Mau- 
ritianae in eorum faerant namerum cooptati. Fuerant 
professores ex horum numero : 

Johannes Grocius D. Theol. 

Casparus Stormias D. Theol. 

Georgias Cruciger D. Theol. 

Antonius Matthaeus Juris D. 

Johannes Moltherus Med. D. 

Catharinus Dulcis exoticarum linguarum Professor. 
I Joh. Combachius. [Fol. 46] 

Gregorius Schönfeldius iunior, Juris D. Orator. 

Christianus Sturmius Matheseos Professor. 

Johannes Pincier Med. D. Physicae Professor, 
eadem Septimana, in quam haec mutatio incidit mor- 
tuus, dimissione antevertit, ex hac Academia in cae- 
lestem translatur, vir optimus multiplicis scientiae. 

Facta est a[utem] ea mutatio 17. d. Martii anno 
1624. Ac Professores eo quidem tempore secessere in 
suas quisque partes, ubi facilius sese sperabant 
victuros. Sed ex eo Doct. Antonius Matthaeus 
Groningam Frisiae vocatur, in ea Academia magna 
cum laude Juris prudentiam profitetur, iam septua- 
genarius. Doct. Joh. Moltherus Medicinae praxim 
Marpurgi etiamnunc exercet felicissime. Reliqui omnes 
vel mortui, vel hoc vivunt loco in Academia, et suam 
quisque professionem sibi demandatam tuetur. 

Quum v[ero] latius hoc malum de die in diem 
serperet, et magnus ille princeps Mauritius, in quem 
unum omnis fere tempestas sese videbatur effundere, 
tam subditorum quam proceritatis studio et bono^ 
tandem Imperii gubernacula deponeret, et Filio natu 
maximo Guiiielmo^ principi nostro lllustrissimo, qui nunc 
rerum potitur felicissime, — faxit Deus, ut tempore 
longissimo -— , sceptra traderet, (facta ea abdicatio 



200 

17. d. Martii anno 1627) et vero Uustriss. ejus Gels, 
gravi iudicio animadverteret , mature occurrendum 
gravioribus periculis imminentibus: gravissimis de 
caussis et de aliis ad Beipub.[licae] constitationem 
[Fol. 46*] pertinentibus, | et simul de iis, quae concernebant 
Academiam Marpurgensem, 24. d. Septemb. anno 1627 
cum Georgio Hessorum principe Darmstadii transactionem 
iniit: ad ejusdemque praescriptum, redituum Acade- 
micorum pars altera 111. ipsius Gels, cessit, quam con- 
verteret in usus Academiae novae pro Gels, ipsius 
voluntate et arbitrio erigeudae. Nee v[ero] eam rem 
.diu differebat. Anni namque proximi sequentis mense 
Februario Gassellas evocato D. Johanni Molthero Medico, 
et Johanni Gombachio, qui post dimissionem Marpur- 
gensem Felsbergae Ecclesiasten agebat, clementer 
mandavit, ut una cum D. Johanne Grocio, D. Johanne 
Hartmanni, Dn. Nicoiao Crugio ^), scholae civicae 
Kectore, et Do. Gratone Seylero de loco et modo 
scholae et Academiae novae instituendae cousultarent et 
deliberarent. Nominati etiam Gommissarii, qui rationi- 
bus redituum Academicorum examinandis praeessent, 
et de aliis ad scholam erigendam necessariis cogitarent: 
ut opus Ecciesiae et Reipub.[licae] conservandae 
tantopere necessarium absque mora perficeretur. Ac 
factum, Deo gratia sua rem clementer dirigente, et 
Illustrissimo Principe pro paterno erga rem literariam 
affectu iubente, lectionum publicarum initium Anno 
MDGXXIX mense Julio. 

Professores erant primi: 

Johannes Grocius S. S. Theol. D. 

Georgius Gruciger S. S. Theol. D. 



*) Vorgl. Scherer: Die Kasselor Bibliothek im erston 
Jahrhundert ihres Bestehens in; Zeitschrift d. Ver. f. hess. Gösch, 
Bd. XXVII N. F. XVII S. 240. 



201 

Joh. Combachius Theol. Licent. 

Johannes Matthaeas Juris D. 

Johannes Hartmanni Med. D. aulicus medicus. 

Dn. Crato Seylerus. 

Hi operas ita dividebant, ut tres primi Theologiam [Fol. 47] 
docerent, jurisprudentiam D. Matthaeus : sed D. Cruciger, 
Combachias, et D. Matthaeus philosophiam simul 
tradendam susciperent, Logicam nempe, physicam et 
disciplinas practicas. Dn. Cratoni Rhetoricae professio 
demandata fuit : sed quia a longo jam tempore erat 
valetudinarius^ non poterat fungi officio, et brevi diem 
suum obiit mense octobri. Fuit in ejus locum sub- 
stitutus anno sequenti circa festum Trinitatis: Wolf- 
gangus Loriseca Marpurgensis. 

Functus is est satis dextre suo munere: sed non 
diu potuit spem de se concitatam tueri: nam et is 
anno 1632 mense Martio defunctus est. Ante eum ex 
hac vita discessit anni superioris mense Decembri Jo- 
hannes Hartmanni, vir celebris, et longiore vita, si Deo 
Visum fuisset, dignissimus. Lorisecae successit in ora- 
toriae pariter et poeseos ac historiarum professione 
mense Decembri anno 1632: 

Joh. Petrus Dauberus p. L. Caes. 

Anno MDCXXXIII ineunte IV. Non. Januarii a 
meridie Illustrissimüs Princeps Guilielmus, una cum 
fratribus Principibus Hermanno, Mauritio, Friderico, 
Christiane, Ernesto, Comitibus duobus, Ebersteinio uno, 
et Hanoviensi altero, et ditionis universae Magnatibus 
et proceribus ad CoUegium descendit : et praemissa 
per Oratorem virum Clarissimum et Consultissimum 
Johannem Antrechtum J. C. Consiliarium et in rebus 
bellicis Commissarium luculenta oratione, qua testabatur 
princeps suam erga literatos et | literarum studia [Fol. 47*] 
gratiam et clementiani, in solenni consessu publice 
hanc scliolam Acaderaiae titulo et honore dignatus est, 



202 

Omnibus reditibas, qui ex Academia Marpurgensi ad 
ipsiiis Celsit. redierunt dotavit, et amplissimis privilegiis 
in eum coUatis cohonestavit, ac primum Academiae 
Rectorem nominavit virum Reverendum et Glarissimum 
Johannem Crocium S. S. Theologiae Doctorem et Pro- 
fessoren!, et sceptra, sigilla^ Claves, Matriculam, Legum 
ac Constitutionum librum, et simul hunc ipsum, in 
quem Ännales Academiae referrentur, eidem in manus 
tradi clementer curavit. 

Non vero possam hie silentio praeterire insigne 
Studium et benevolentiam erga Academiam Amplissimi 
viri Dn. Helfrici Deinhardi J. C. Consiliarii et Vice 
Cancellarii Principis. Is enim ex quo agitari coepere 
res Academiae, semper de eo fnit soHicitus, ut opus et 
mature admodum promoveretur, et pro loci ac temporis 
conditione in Optimum statum deduceretur. Nam quam 
Marpurgi in dividundis reditibus consilia tractarentur, 
non tantum interfuit, sed et maturo satis consilio rebus 
prospexit, ne ex reditibus inferioris Hassiae, qui semper 
apud Professores habiti sunt fecundiores, nobis quid- 
quam decederet. Idem apud principem sedulo instabat, 
ut de schola constituenda deliberationes, quas suis 
[Fol. 48] consiliis dirigebat, haberentur: non prius | quiescendum 
sibi putabaty quin ad hunc tandem finem exoptatum 
res deduceretur. Nee ex eo destitit procurare, quicquid 
in commodum et emolumentum Academiae cedere 
animadvertebat in hunc usque diem: ut propterea 
posteros etiam meminisse velim, plurimum sese huic 
viro debere. 

Spes v[ero] erat, fore, ut sub hoc Rectoratu et 
magistratu D. Crocii res Academiae florere inciperent: 
nihil n[am] plane intermittebat novus Rector, quod ad 
Academiam ornandam et confirmandam facere vide- 
batur. Sed dum in eo jam est, et huc curas omnes 
dirigity accidit insperatum quid viro optimo, et de re 



203 

literaria optime merito, ut nihil est in vita humana 
firmum et stabile. Hinc factum, ut interveniente 
voluntate et mandato principis lUustrissimi a Consiliariis 
Pro Rectoratus demandaretur Johanni Combachio S. S. 
Theologiae et philosophiae professori "). Quem tametsi 
invitus suscepit: fuerunt tamen rationes satis graves, 
ob quas in Illustriss. eius Celsit. clementi de se iudicio 
humilime acquiescendum sibi putavit. Is adhibitis in 
consilium Dnn. professoribus de Academia in certum 
statum redigende plurimum laboravit. Utraque n[am] 
mutatio tum imperii, eiusdemque administrationis, tum 
Academiae, inprimis v[ero] subditorum, a quibus 
Academiae reditus dependebant, egestas et penuria, in 
quam crebris et frequentibus hostis exactionibus erant 
coniecti, magnam confusionem pepererunt, tum | in [Fol 48 
rebus aliis, tum v[ero] maxime in re oeconomica: ut 
propterea non absque magna difficultate, et non nisi 
temporis progressu, ac quod metuendum, non absque 
gravi redituum iactura, omnia componi et in ordinem 
suum revocari possint. Factum itaque ejus confusionis 
in ordinem reducendae initium: caetera tempus emen- 
dabit. Spes n[am] est, pacem, quam optamus omnes, 
reddituram Academiae felicitatem pristinam, quam ante 
senserunt novae Academiae professores magna ex parte, 
quum eandem stationem Marpurgi obtinerent : vi bellica 
ad tempus ablatum et interceptum. 

Est enim, divina gratia clementer ita disponente^ 
alia nunc rerum facies atque erat eo tempore, quando 
Marpurgo discedebamus. Illo (!) certe et hostis tenebat 
et occupabat omnia, ac de die in diem crescebat ejus 
vis et potentia et late grassabatur rapinis, latrociniis, 
incendiis^ et extrema quaeque intentabat, nisi sub ponti- 
ficium iugum rediremus. Nee mali videbatur futurus 



*) Am Rande: „anui huius d. 26. Martii*^. 



204 

finis, nisi S-eog and iifjxavf^g in subsidiam venisset 
nobisy et vim illam hamano iadicio invictam saa dextra 
vicisset et disiecisset. Adeo tenuia erant et pene nulla 
tanti tamqae terribilis hostis vincendi et saperandi media 
ac principia. Sed divinitas factum, ut, qaam hostis 
nihil jam aequum imperaret, ac divina pariter et hnmana 
absqae nllo honesti respectn insuper haberet, et ante 
[Fol. 49.] omnia a vera religione defectionem et a/roaTaa/av | 
urgebat: Evangelicorum Electorum et principam, alio- 
rnmqae ordinam et statanm animi divino qaodam zelo 
accenderentnr, ac Conventum Lipsiae institaerent mense 
Febraario anno 1631 \ ut de re in meliorem statam 
convertenda consaltarent ac debilitarent. Defensionis, 
adversos vim iniustam, ac inprimis ad religionem pario- 
rem taendam, suscipiendae opus magno molimine et 
consensu fuit eo loci agitatnm : et majori quidem fervore 
verbis, quam postea, ab initio saltem, probavit eventas. 
Postquam enim doraam quisqae digressos, lentias res 
agi coepit Unus Hassiae princeps Guilielmus Consilio 
promptes simnl est ac acer in armis. Is namque id 
imprimis sibi agendam patabat, at cum Invictissimo et 
gloriosissimae memoriae Suecorum Rege, Gustave Adol- 
pho, qui jam arma sua in Germaniam transtulerat, con- 
silia communicaret; et cum tanto heroe ab insignibus 
victoriis tarn celebri foedus prius jungeret: inde vero 
in eo totus erat, ut militem conscriberet. Hie maturato 
opus esse judicabat hostis satis callidns, in Hassiae (ines 
digreditur, ut terrorem incuteret Principi, extrema quae- 
que minatus, nisi coepto desisteret: subditos etiam 
sollicitat, ut a Principe deficiant, nisi extrema quaeque 
experiri vellent. Solus erat jam Princeps, ab omnibus 

Vgl. Brunmr : Zur Goschiohto des di-eissigjährigen Krieges, 
inbbosondere des Jahres 1631 io: Zoitächrift d. Ver. f. hess. Oesch, 
IM. XXV N. F. XV S. 138 ff. ; Bergiiis, Joh., ßelation der Privat- 
conforenz zu Leipzig. Berlin 1636. 



Ö05 

pene derelictus, a quibus subsidium et opem expectabat. 

Sed Dens reram nostrarum misertus Principi de suorum 

salute sollicito non deest: is adversus Pappenheimium 

evocat Suecom : qui si non milite ast robore et forti- 

tudine animi superior hostem caedit. Huic victo ut 

^ subveniret, qui in finibus | n ostris erat Tilly Generalis, [Fol. 49*] 

a nobis discedit, hoste metaqae jam ad tempus liberis. 

Inde vero cum in Saxoniam impetam faceret hostis, 

ad foedas accedunt Saxo et Brandebargicas Electores: 

et gravis ea pugna prope Lipsiam comuiittitur 7. d. 

Septemb. anno 1631, nostris insignem et memorabilem 

victoriam reportantibus. Fractae hinc magna ex parte 

et imminutae hostis vires et insolentia. Suecoram rege 

longe lateque occupante ea loca, quae jam ante hostis 

detinaerat, et nostro etiam principe magnam Fuldae et 

Westphaliae partem in suam potestatem redigente: non- 

^ dam tarnen plane abolitae. CoIIegit enim denuo nume- 

' rosum satis militem hostis, ut nostris sese opponeret. 

Verum Suecorum Rex, vocato in anxilii partem nostro 

principe, qui non absque gravi rerum suarum jactura 

Westphaliam occupatam deserebat, ut ne Regi deesset, 

conjunctis cum hoc operis nobiles illos fluvios Moenum 

ac Rhenum sui juris fecit: post hostem persequutus, 

Tilly Generalis copias ad Lechum dissipavit: in qua 

pugna is quoque, postquam variis modis Germaniam 

affiixit, debitas tandem poenas luit, et e lethali vulnere 

eo loci accepto paulo post occubuit, mense Aprili anno 

1632. Hinc quum prope Noribergam castra sua iigeret 

^ Rex, nostrum quoque Principem eo evocavit, non absque 

insigni Hessoram ob res praeclare gestas laude et gloria : 

ut propterea magna fuerit tnter Regem et Principem 

nostrum animorum conjunctio ad ipsum usque glorio- 

, sissimum Regis | de Ecclesia et universa Germania prae- [Fol. 50] 

! clare meriti obitum: qui fortiter hosti sese opponendo, 

i et praeclaram ac nobilem ab eo victoriam, quam morte 

i 



206 

sua obsignavit, reportando, fidelem animam, summe 
Ecciesiae et bonorum omnium moerore et lactu, creatori 
8U0 cui toto vitae tempore devote inserviit, reddidit. 
Habita fuit ea pugna prope Lützam anno Christi 1632 
d. 9. mens. Novemb. Hie jam rem conclamatam esse 
sperabant hostes^ tantae molis rerum capite jacente. Sed 
singttlari Dei munere et gratia, ac consiliis lUustris eins- 
demque generosissimi Baronis Axelii Ochsenstirnii Coronae 
Suecoram Legati generalis, qai omniam secretoram Begis 
conscias erat, Evangelicorum Principum et statuum fuit 
instauratum foedus, et non minoribus conatibus atque 
antehac adversus hostem feliciter gesta sunt omnia. 

Imprimis vero noster Guilielmus Hassorum Prin- 
ceps, Ecciesiae defensor fortissimus, heros magnanimus, 
postquam res Academiae suae iirmaverat, sub initium 
anni 1633» Westpkaliam ingressus^ rem omnem egit 
felicissime, occupatis, praeter omnium etiam spem et 
opinionem, locis munitissimis in ditione et Episcopatu 
Monasteriensi et Paderbornensi, ac Comitatu Marcae: 
ut brevi tempore ea perfecerit, quae longum tempus, et 
majores etiam vires atque tune ad manus habebat, 
postulare videbantur: isque in re pene incredibiii recte 
uti possit Caesaris trito illo: Veni, vidi^ vici. Bes enim 
[Fol. 50*J tanta celeritate acta, ut quum 15. d. Martii | eins 
anni in laudatissimae memoriae Principis Mauritii senioris 
obitum ego Combacliius, qui in ejus laudem et memo- 
riam ad posteritatem apud Academiam haec scribo, 
orationem haberem publice, rebus jam magna ex parte 
confectis ad testandam suam erga novam Academiam 
gratiam et clementiam orationi interesset ipse. Su- 
scepta post haec obsidio Hamelensis a duce Luneburgensi. 
Noster princeps et hie ad bonum publicum iuvandum 
et promovendum copias suas conjungebat. Quumque 
hostis speraret, viribus suis undiquaque contractis^ solu« 
turum se non hanc solum obsidionem^ sed et in hanc 



207 

ipsam nostram Hassiam militem tradacturum : Deo duce 
res a nostris partibas cecidit felicissime. Nostrae enim 
copiae^ paucis in obsidione relictis, obviam iverunt hosti, 
pugnarunt felicissime, et hostem, qui jam certam victo- 
riam sibi poUicebator, at res quoqae preciosissimas, 
gjnecaeum etiam ipsam secnm adduxerit, et nt tum 
fama ferebat, multi hostem comitarentor spectatores 
futuri nostraram calamitatam, non in fugam tantura 
conjecerant, sed et omnem eam vim dissiparunt, ac in 
nihilum pene redegemni Enituit hie inprimis Hassoram 
virtus, Melandro, qai Illustrissimi nostri vices gerebat, 
pro summa qua pollet animi fortitudine et prudentia 
omnia ita ordinante et disponente, ut tam optatum 
eventum res nostrae sortitae fuerint, et tam ampla 
victoria maximo omnium applausu et gratulatione | [Fol. 51] 
penes nos steterit. Acta sunt haec 28. d. Junii anno 
1633. Ac ex eo tempore tametsi hinc inde aliquoties 
hostis aliquid tentaverit, et terrorem incolis, qui in 
confiniis habitant^ iniecerit, nihil tarnen memoratu dig- 
num potuit efficere. Princeps v[ero] longius pro- 
gressus, ditionis et imperii sui fines et terminos late 
extendit ac propagavit. Loca praecipua, quae hoc anno 
occupavit, sunt: Tremonia, Dorsten, Cosfeldt, Buchold, 
Boreken, Beckum, Paderborna, Hamela (nam et in ea 
civitate occupanda maximam partem contulit noster 
Princeps), Höxaria cum tota Abbatia Corbeiensi, Rhenen, 
Ahauss, Gösken ^), Merla, Sulkot ^), praeterea Lipstadium, 
Susatum, Lünen, Unna, et quotquot aliae Ileutrales 
hactenus haberi voluerunt, amplissime certe civitates in 
comitatu Marcae in Principis nostri partes ac fidem 
nunc concessernnt. Faxit Dens opt. Max. ut fruatur 
ea felicitate ac prosperitate quam diutissime, omniaque 
ei ex animi voto et sententia cedant^). 

>) Oeseke. — *) Salzkotten. 

') Der Marburger Rektor Steuber sagt zum Jahre 1633 ein- 



208 

Caetenim — sunt bona mixta malis et Iristia 
laetis. Anno namque snperiori 1632 d. 15. Martii a 
meridie circa horam primam prineeps toto terrarum orbe 
celebris Mauritius Hassiae Landgravius Literatorum Mae- 
cenas et patronus manificentissimus, ipse literatissimus^ 
ex bac vita pie decessit: Splendidissime in majorum 
suorum mausoleum illatus 3. d. Maii anni ejusdem. 
Quod fuerit non subditorum tantam de eo Judicium, sed 
et exterorum, testantur tum orationes panegyricae in 
ejus laudem a Dn. Superintendente Paulo Steinio pro 
[Fol. 5r] suggestu, et D. D. Professoribus Doct. Johanne Crocio | 
Combachio, et P. L C. Johanne Petro Daubero poe- 
seos et orat. professore, prosa et ligato serraone habitae : 
tum Carmina a Clarissimis Viris per universam Europam 
ex Anglia, Gallia, Germania ex omnibus prope Acade- 
miis celebrioribus decantata, quae brev i lucem videbunt : 
ut Omnibus constare hinc possit raro admodum et in- 
audito pene exemplo in huius principis laudes con- 
spirasse Universum pene terrarum orbem. 

Parentem Illustrissimum Anno proxime insequenti 
1633 subsequuntur principes liberi Mauritius et Elisa- 
betha: quorum haec vifae diem extremum clausit III. 
Idus Februarii: et sexto ab hinc die ad eadem con- 
sessurus gaudia Mauritius XIV. Calend. Martii, Prineeps 
magnae indolis et expectationis : cuius vitam descripsit 
eleganti carmine ejus quondam praeceptor Collega noster 
Job. Petrus Dauberus, et publice recitavit in eins lau- 
dem et memoriam, quod typis etiam mandari curavit. 
Inferebantur horum corpora in locum sepulturae majo- 
rum suorum Hassiae principum III. Iduum Aprilis. 

Atque haec sunt, quae in praesenti memoratu 
digna in Annales Acaderaiae nostrae referenda duximus. 

fach: „Qui aoni hujus bistorias novisse discupit, i-olationos publicas 
consulat, in iis satis fimcstas, ex civil i Gormaniae bcllo exortas, 
doprehoüdet, sed maoam de tabula. '^ 



20Ö 

Precamur v.[ero] Deom Opt. Max. ut is Ecclesiam 
Patriam, Principem, saa gratia clementer taeri, nostrae- 
qae Academiae nascenti felicia incrementa dare et 
concedere velit, ad ipsius divini nominis laudem et 
gloriam, nostram et maltoram salutem. Ipsi Regi 
seculorum^ immortali, invisibili, soll Deo honor et 
gloria in secula secalornm. Amen. Signatum Cassellis 
31. d. Decemb. anno a nato Christo 1633. 

Job. Gombacbias. 



Anno a nato Christo [FoL 52] 

MDCXXXIV. 

Calendis Januarii. 

Illustrissimus et (^elsissimas Princeps ac Dominus, 
Dn. Christianus Hassiae Landgravius, Comes in 
Catzenelnbogen, Dietz, Ziegenhain et Nidda, Consen- 
tlentibas Dnn. Professorum votis et suffragiis electus 
est Academiae hujus Rector Magnificentissimus. Pro 
Rector vero designatus est iterum omnium et singulorum 
consensu, Johannes Combachius S. S. Theologiae 
Licentiatus, ejusdemque et philosophiae Professor 
Ordinarius. 

Quum n.[am] novella esset adhuc Academia, et 

Professores animadverterent, nee cives sub his initiis 

agnoscere amplitudinem rei Academicae : nee esse eam 

adhuc adeo notam exteris, de authoritate aliqua 

concilianda, et in exterorum notitiam ea deducenda 

cogitabant. Eratque ob id anno superiori jam decretum, 

Ulustrissimi et potentissimi Principis ac Domini, Dn. 

Wilhelmi H. L. Ecciesiae defensoris fortissimi, herois 

magnanimiy Domini et fundatoris nostri clementissimi 

ac benignissimi praeclarum institutum in erigenda hac 

Academia, publico quodam scripto ad Academias Europae 
N. F. Bd. xym. 14 



210 

misso, exteris significare, nt innotesceret omnibus e 
Marpargensis Academiae mutatione natam ortamque 
esse hanc Academiam, in qua OQ&odo^ia sedem denuo 
figeret, omniamqne artium atque Facultatum disciplinae 
pari diligentia et studio docerentnr et propagarentur. 

Judicabant v[ero] professores anthoritatis et spien- 
[Fol. 52*] doris plurimum sub | bis initiis accessurum Academiae 
tum boc loco, tum apud exteros, si sub Principe 
tanquam capite et Rectore viveret, et quidem eo, qui 
ob praeclaras animi ingeniique dotes, et literarum 
amorem singularem omnium in se oculos in ea aetate 
jam converterat, ac sub ejusdem nomine scriptum illud 
publici juris fieret. Hanc ob caussam tum ad 
authoritatem hie et apud exteros Academiae concilian- 
dam, tum ob praeclaram exspectationem, quam de se 
Princeps in omnium animis concitaverat, ejus Gelsit. 
submisse adierunt Professores, et ut Rectoratum in se 
recipere clementer velit, rogarunt: quorum petitioni 
annuit Princeps, ac die proxime subsequenti e Pro- 
Rectoris Combachii manu accepit non tantum sceptra 
aliaque Academiae insignia, sed et luculenta oratione, 
quam summopere approbavit panegyris et Corona Illustris 
et nobilis universa, praeclarum erga Academiam stndium, 
gratiam et affectiones est testatus ^). 

Pro-Rectoratus vero prorogatus est Gombachio, ut 
moderaretur consilia Rectoris Magnificentissimi, et 
cogitaret, eonjunctis cum Dnn. professoribus consiliis, 
de redigendis in ordinem et componendis rebus Aca- 
demiae, prout coeperat anno superiori: erant enim 
temporum iniuria satis confusa omnia. 



^) Dor damals erst 12 Jahre alte Prinz hielt, wie sein 
Bruder Landgraf Ernst selbst erzählt, eine so lange lateinische 
Rede, dass er zum grossen Verdrusge Comhachs und seines Lehrers 
Matthaeus beinahe stecken geblieben wäre. S. Bommel^ Gesch. 
V. Hessen Bd. YIII S. 249 Anm. 331. 



211 

Atispicia anni hujus hieta satis fuerunt et ad 
Votum pene et volantatem flaebant Academiae, omnibus 
quasi conspirantibus in ejus salatem et incrementum. 
Nam sub anni initium statim sensit | paternum plane [Fol. 53] 
et singularem erga se lUustrissimi principis Wilhelmi 
fundatoris gratiam et clementiam: in qua confinnanda 
plurimum nobis profuerunt magni quidem viri, qui 
multum poterant apud principem; et rebus suis tum 
deesse noluerunt professores, cum eas praeclare agendi 
occasionem nitro sese o£Ferre animadverterent. Illustris- 
simus enim Princeps re adversus hostem, a quo Ecclesiae 
et patriae extrema quaeque imminebant, felicissime 
gesta, nihil prius sibi faciendum putabat, quam ut ad 
suam erga Deum, a quo uno tot splendidas tamque 
insignes victorias caelitus sibi datas et coneessas probe 
agnoscebat, gratitudinem debitam et pietatem testaretur, 
quicquid e bonis Ecciesiasticis ad ipsius Illustriss. 
Celsit. manum devenerat, in pios usus^ ad quos 
destinata erant olim conferre denuo clementer voluit. 
Cessit hinc aliqua pars pastoribus et ministris Ecclesiae, 
quorum reditus erant tenuiores, ut non possent se 
suamque familiam commode alere, et scholarum prae- 
ceptoribus ac aedituis: horum enim usibus consecravit 
Illustriss. ejus Geis, septingentos quadrantes malterorum 
(vierteln vulgata lingua apud nos appellantur) partim, 
ex eo dicti, quod pars altera siligine, altera avena 
constet, e reditibus Canonicorum Friedslariensium, 
exhibitis sub lUustrissimi manu et sigillo literis ejusdem 
exempli utrique superintendenti Hassiae inferioris, 
quibus donatio ea confirmabatur. 

Sed major pars eorum redituum assignata est 

Academiae, ut et incrementa acciperet facilius^ et 

splendorem aliquem acquireret : quod absque sumptibus 

et impensis fieri haud facile poterat, necessariis tum 

ad professorum, quorum | nomen sit celebre, numerum [Fol. 53*1 

14* 



212 

augendam: tum ad stadiosos, quorum samptos sunt 
aliqoanto tenaiores, alendos, quibas et ipsis subvenien- 
dum erat ad studia facilios feliciusque tractanda. 

Ad ProfesBomm annaos reditus liberalitate et 
munificentia Principis, praeter eos, qni ex Academiae 
Marpargensis proventibas eorum stipendiis aliisqae 
sumptibus assignati erant, hinc accesserunt in singulos 
annos 1500 modii (vierteln dicti) partim, et 960 
floreni: quo nobili augmento donare dotareqne voluit 
Princeps Academiam, ut et certius ad praescriptum 
tempus numerarentor Professoribus stipendia, et 
aageretur numerus virorum in omnibus artibus et 
Facultatibus clarorum. In eo enim erat Princeps, ut 
undiquaque convocaret et colligeret in unum corpus 
viros prae aliis celebres et magni nominis ac famae, 
et inter fiorentissimas orbis Academias posset referri 
et recenseri aliquando haec nostra. — 

In studiosorum vero commodum Princeps depu- 
tavit frumenti modios (quos vierteln apud nos dici 
superius indicavi) mille partim, ut loquuntur: qua- 
dringentos insuper et quinquaginta ejusdem mensurae 
in hordeo, et viginti in tritico: ut ex his conjunctis 
cum iis, quae jam ante ad stipendiarios sustentandos 
quotannis a civitatibus et pensionariis ejus fisci 
numerantur, et quae ex dispensationibus proveniunt 
principe suum jus sponte cedente Academiae ad hanc 
piam caussam fovendam, Convictus publicus, seu 
Communitas ^), ut vulgo appellari solet, constitueretur, 
et exiguo pretio vivere apud nos et satis liberaliter 
[Fol 54] haben poasent studiosi. | Praeterea ut nobilium 
aliorumque de Republica bene meritorum virorum 
liberos ad studia tractanda et excolenda magis excitaret, 



*) Vgl. die in der Einleitung erwähnten Aktenstücke, die 
später veröffentlicht werden sollen. 



213 

et clementer testaretnr princeps se libenter fovere liberalia 
ingenia, et bene velle etiam posieris eorum, qui pro 
salute publica laborant et vigilant, simulqne.in spem 
patriae et Ecclesiae edncaret e magnoram virorum semine 
procreatos^ qui majorum vestigiis inhaererent et insiste- 
rent: viginti quatuor stipendia.et beneficia, quorum decem 
cederent nobilium, quatuordecim Gonsiliariorum, Pro- 
fessorum, pastoram, Of&cialiam, aliorumque bonorum 
virorum liberis ex inferiori Hassia oriundis, e reditibus 
Canonicorum Ecclesiae cathedralis Borglariensis '), et 
proventibus Friedslariensibus et Felsbergensibus aedis 
Teutonicae bis usibus assignavit: ut inde quotannis 
perciperent 90 florenos, qui eos in studiis progressus 
fecerunt, ut publicas lectiones cum fructu audire possent : 
70 floreni iis numerarentur^ qui ad primam classem 
paedagogii ascenderant: secundae vero classis discipulo 
60: tertiario 50, persolverentur. Nee enim capaces 
esse voluit hujus beneficii, nisi qui hucusque studia sua 
produxissent Quae omnia fusius cognosci possunt e 
literis, quibus dotatio et fundatio omnium suprascri- 
ptorum beneficiorum Principis comprehenditur : quarum 
copiam libro Legum inseri curavimus. 

Ad hanc rem in actum deducendam, operam suam 
egregie probavernnt Academiae viri omni laude | et [Fol. 54*] 
memoria dignissimi, quos Illustriss. ejus Gels, huic ne- 
gotio expediendo dedit Commissarios, Magnificus et 
nobilissimus vir Dn. Johannes Bernhardus a Dal- 
wigk Proprinceps, et Amplissimus Dn. ViceCancellarius 
Helfricus Deinhardi, cujus viri in se coUata sub bis 
initiis beneiicia non potest satis praedicare Academia: 
totus enim erat in omanda, iuvanda et promovenda, ac 
in optimo statu, quoad fieri poterat coUocanda ea: ut 
propterea tanti viri de Academia tantopere meriti bene- 



^) ßurschla bei Esohwege. 



214 

ficia commendata esse velimus Academiae, ne in obliuiö- 
nem veniant anqnam, et stadeat ea de posteris ejas 
qüibus poterit modis bene mereri. Horum ope et con- 
silio res et coepta et finita feliciter. Adhibuerant ii 
in consiliam Reverendam et Clarissimam viram Paulnm 
Steinium Superintendentem, Academiae felicitatis stadio- 
sissimura, et Pro Rectorem Combachiura: factamqae 
horum opera, nt ante nandinas vernales hujus anni 
essent expedita omnia. 

Et jam typis mandabantnr scripta publica ^) : quo- 
rum altere sub Rectoris Magnificentissimi Dn. Christiani 
Illustrissimi Hassiae Principis nomine omnibus Europae 
Academiis et Gymnasiis signiiicabatur praeclarum Illu- 
strissimi nostri principis fundatoris Wilhelmi propositum 
et institutum in erigenda hac Academia Cassellana: 
altero lingua tum Latina tum vernacula edito sub pro- 
rectoris et professorum nomine Contiones et commo- 
ditates proponebantur : ut omnes intelligerent, quid ab 
hac Academia expectandum, et quibus conditionibus ac 
rationibus in ea vivendum. Missa ea scripta in Angliam 
ad Academiam Oxoniensem et Cantabrigiensem : in Galliam 
[Fol. 55] ad Genevensem et Sedanensem : in Belgi- | um ad Ley- 
densem, Groninganam, Franequeranam, Amsterodamen- 
sem: in Helvetiam ad Basileensem, Tigurinam, Bernen- 
sem, Lausannensem : per Germaniam ad Heidelbergensem, 
Francofurtanam ad Oderam, Herbornensem, Bremensem, 
et ad alia loca diversa hinc inde: additis ad singulas 
Academias et Gymnasia a ProRectore, et ad doctos viros, 
qui in iis sunt celebres privatis Dnn. Professorum et 
Superintendentis Steinii literis ^). Publice etiam affixum 



^) S. Einleitung. 

«) Ein Erfolg war dadurch für die Frequenz der Univeraität 
bei den Schrecken des 30jährigen Krieges nicht zu erwarten. Im 
Ganzen kamen nur 8 Ausländer Studirens halber nach Cassel. 



215 

scriptum concernens Gommanitatis beneficium sab sigillo 
Academiae per omnes Hassiae civitates. 

Qaod vero fuerit aliamm Academiamm de hoc 
laudabili lUostriss. ejus Celsit. instituto Judicium, te- 
stantur celeberrimarum Academiarum, Basileensis, Gene- 
vensis et Lausannensis ad nos redditae literae, quibus 
ex animo gratulantur (verbis utor publice nomine ad 
Academiam nostram scriptis) Ecciesiae et Provinciae 
nostraei cui inter tot afflictae Germaniae ruinas, talem 
excitaverit Dens Josiam, qui fusis fugatisque hostibus, 
paceque postliminio revocata, ante omnia de Templo 
Dei repurgando, h. e. de Ecclesiis scholisque restituendis 
tarn serio coeperit cogitare: Deumque orant^ ut eximium 
hoc suum Organum spiritu Fortitudinis et sapientiae 
magis magisque instruai Inprimis vero elegans scrip- 
tum est publice Genevensis nomine ipsissima Clarissimi 
viri Friderici Spanheimii Rectoris manu exaratum^ et 
magni illius viri Jo. Deodati aliorumque Professorum 
eximiorum subscriptione subsignatum: quod propterea 
dignum esse iudicabam, ut in depositione Rectoratus 
publice e cathedra recitarem, et effunderem coram tam 
nobili coetu gaudium et laetitiam, quam concesseram 
ex amicissima conjunctione nostrae Academiae cum ea, 
in qua vixerunt sanctissimae animae, Galvinus, Beza, 
Fayus, aliique gravissimi viri OQ&odo^iag \ nostrae asser- [Fol. b5*] 
tores et propugnatores constantissimi, et sunt etiamnunc 
in ea viri incomparabiles^ qui nemini cedunt vel erudi- 
tione, vel vitae sanctimonia vel zelo religionis: adeoque 
satisfacerem in tam gravi consessu meo desiderio, quo 
publice boni studio afficior : dignumque visum, quod in 
haec publica acta referretur. Ita vero habent literae : 

»Reverendisy Consultissimis, Clarissimis Doctissi- 
misque viris, Inclytae Academiae Cassellanae ProRectori 
Magnifico et Professoribus meritissimis, Dominis et fra- 
tribus plurimum honorandis Cassellas. 



216 

Reverend!, Consoltisfiiini, Clarissimi, Doctissimiqae 
viri^ Domini et fratres plarimum honorandi. 

Quas ad nos Cassellis dedistis literas, cum gaadio 
accepimus, indices vestrae erga nos benevolentiae, et 
Status vestri Academici. Gratolamar sane vobis, imo 
nobis, et toti Ecclesiae orthodoxae, Academiae Marpur- 
gensis florentissimae quondam tabnlas Superioram anno- 
mm tempestate disiectas, lUostrissimi et potentissimi 
principis vestri auspiciis in ürbe vestra collectas fuisse 
et restitutas, adeoque seminariam nobile denao apud 
vos electam propagandae simol ac vindicandae yeritati, 
hinc hostium violentia, isthinc hominum quorandara parum 
stndiosorum pacis Christianae iniqnitate laboranti. Faxit 
Dens beneiiciam hoc insigne vobis simal et Germaniae 
vestrae solidnm sit et constans, et Herois vestri nun- 
quam satis laudandi zelus lUustrissimae Domui Hassiacae, 
Academiae vestrae, et Orthodoxis Omnibus felix ac 
salutaris esse pergat. Quod quidem a Deo precibus et 
votis publicis simul ac privatis efflagitamus, nee dubi- 
tamas quin ille qui bonum apud vos coepit opus illi 
[FoL 66] incrementum uberrimum | pro sua bonitate sit largiturus, 
quo Academiae vestrae nascentis incunabula, pietate, 
eruditione et prudentia vestra roborata simul et pro- 
mota, priscae Academiae Marpurgensis gloriam, famam, 
et utilitatem Ecclesiis orthodoxis cum foenore reddant, 
imo vicinorum vestrorum, a quibus ogS-odo^la sedibus 
suis ejecta, luminibus obstruant. Munüicentia caetero- 
quin lUustrissimi Herois vestri in reditibus amplissimis 
Academiae vestrae assignandis, et in studiosorum penuria 
sublevanda, ut pro dignitate satis commendari nequit, 
sie multos vobis hospites et domesticos et exteros con- 
ciliabit, qui tanti Herois beneficio cum immortali ipsius 
gloria et ingenti studiorum suorum commodo fruentur. 
Et quia nostra quoque iuventus a vobis in partem 
bujus beneiicii vocatur, authores sane erimus pro occa- 



217 

sione nostratibus exteras Academias invisuris, ut in- 
vitationi tarn benevolae, imo et tarn liberali respondeant, 
et ad pietatis simol ac bonarum literarum culturam 
uberiorem apad vos capessendam se accingant. In eam 
enim spem erigimus, fore ut nostrates vobis sint com- 
mendatissimi, nee publica tantum Principm vestri libe- 
ralitate fruantur, sed et sub Inspectione vestra ad vir- 
tutem omnem adolescant. Caeterum siquidem rem 
vestram Academicam uUa in re juvare possimus, para- 
tissimos no8 qnavis occasione comperietis. Deum interim 
ardentibus votis rogamus, nt potentissimi principis vestri 
zelo, fortitudini, sancto instituto et armis benedicat, 
ejus hrachium roboret ex alto, Celsissimuin Academiae 
Rectorem Principem CHRJSTJANVM florentissimum, vos- 
qae omnes et singulos omni bonorum genere prolixo 
cumulare pergat. 

Dab. Genevae XXII. Augusti MDXXXIV (sie!) 

Yestrarum Dignitatum studiosissimi 
Rector et professores Academiae Genevensis et 

illorum nomine 

Fridericus Spanheimius Acad. p. t. Rector 

Jo. Deodatus, S. S. Theologiae professor. 

Theodorus Tronchinus S. S. Theologiae professor. 

Caspar Lanrentius professor senex.« | [Fol. 56*] 

Convictus publici seu Communitatis initium factum 
Dominica Misericord. Domini, quae incidebat in 20. d. 
Aprilis anni currentis, praesente Amplissimo Domino 
ViceCancellario, Doct« Helfrico Deinhardi, qui lllustrissimi 
principis nomine opus tarn nobile aperiebat et q. dedi- 
cabat, ProRectore ac professoribus omnibus, et aliis 
quibusdam viris honoratis: atque non longo tempore 
post augebatur studiosorum numerus de die in diem, 
inprimis quum in omnium ore jam esset liberaliter haberi 
et bene tractari qui ad Communitatis hujus usum ad- 
mittebantur. 



218 

Et quia Recessus reditaum Sangliceneium ^), Frieds- 
lariensium et Hombergensium Academiae tarn temporam 
iniuria, tarn incaria et negligentia CoUectoris eorum 
Oswaldii Saurii in satis grandem summam excreverant, 
Saario praetexente, haerere eos adhac apud pensionarios 
et debitores: Commissio decreta est denuo, et deman- 
data ProRectori Combachio et Secretario Johanni Mullero, 
qui mense Februario hujus anni (prout jam ante fece- 
rant mense Novembri anni 1631) omnes et singulos 
debitores citarunt, ut rem tarn difficilem explicarent: 
deprehensumque magna quidem ex parte debita nondum 
persolvisse pensionarios aliosqae debitores: sed tarnen 
et penes Saarium non exigaam ejus partem haerere, 
ita ut ad 10000 florenorum, summa ad calculum revo- 
cata, exceptis iis, quae nondum persolverant debitores 
alii, Saurium debere fuerit deprehensum. Quod quum 
animadver[ter]et Saurius, ut detineret Academiam, alia 
quaesivit effugia, nullius quidem momenti, si res ipsa 
spectetur, sed quae tarnen laborera pepererunt Academiae 
non exiguum, quibus tergiversando id effecit, ut fructibus 
perceptis frui hactenus non potuerit. 

Ac ne quid deesset, quod ad cursum Academiae 

promovendum faceret, auctus est etiam numerus pro- 

[Fol. 57] fessorum: et Juris quidem professio | demandata est: 

Dn. Erico Gravio J. ü. D. Marpurgensi: 

practicae vero philosophiae: 

Dn. Augustino Nolthenio : 

quorum hie quidem prid. Calend. Maij: ille vero XU. 

Calend. Junii, suam orationem inauguralem habuit. 

Calendis Julii leges Academiae pro more et consue* 
tudine praelectae publice, Illustrissimo principe Ghristiano, 
Rectore Magnificentissimo, elegantem Orationem de legum 
necessitate et utilitate praemittente : ProRectore Com- 
bachio sub finem legum jam promulgatarum adhorta- 

^) Singlis. 



219 

iionem de observantia et obedientia legibus debita ad 
stadiosos subjangente. 

Hoc etiam anno Decimarum^ Canonicornm Frieds- 
lariensinm antehac, nunc Academiae osibus ileputatarura, 
primum elocandarum cura commissa est ProRectori 
Combachio, et Superintendent! Dn. Paulo Steinio: 
verum cum ob morbi ingravescentis vim is domum 
levocaretur, Dn. Fridericus Becmannus Consiliarius Prin- 
cipis in ejus locum substitutus est, isque una cum Com- 
bachio huic negotio prima vice nunc peragendo praefuit. 

Et hactenus quidem omnia prospere cesserunt 
Academiae: sed cursum hunc felicem turbavit infelix 
pugna Nordlingensis : in qua maxima rerum nostrarum 
jactura in exercitu, quem Evangelicorum nomine ducebat 
lUustrissimus Princeps Bernhardus, dux Saxoniae 
Yimariensis, Imperator belli alius laudatissimus : non 
tantum cecidere plurimi, sed et major pars militiae 
dissipata. Hinc superiores facti Caesareani gravissima 
damna nostris intulerunt, et non aliis tantum locis^ 
sed et in vicinia Hersfeldiae nostros incautos invaserunt, 
et magna | pars provinciae nostrae 'praedae et rapinis [Fol. 67*] 
fnit exposita^), ut nee «xteri tuto possent ad nos 
accedere, nee suos commode apud nos alere incolae : quod 
non leve damnum attulit sub bis initiis Academiae. 

Magnum dolorem insuper peperit Academiae mors 
immatura Reverendi et Clarissimi viri Dn. Pauli Steinii 
Ecclesiastae primarii, Superintendentis et Decani hujus 
loci, viri, qui studebat modis omnibus bene consulere 
et prodesse Academiae, et id inprimis agebat, ut 
crescerent reditus Communitatis et augeretur numerus 



^) Sinolt sagt zum Jahre 1634 (Cat. stud. Marb. fasc. 15 

S. 58): ,Tanta saevitia tanta effreuis militum licentia 

fuit, quanta neo apud Ethnicos vel Barbaros unquam tolerata 
legitur, solutum fidei humanae vinoalum, fides exulare josaa 
fait*' etc. — S. auch Oöckeler^ Ein Marburger Dramatiker. Marburg 
1892, S. 5. 



220 

mensaram : in qnos usus, si quae sese offerebant 
media, de iis sedalo cogitabat, ac saepe ea de re 
mecam agebat. Vir fait magnae eruditionis et judicii 
singularis, at propterea saepiüs coram aliis solitas sim 
eum appellare virum Magni judicii: quod testatus non 
in aliis tantum negotiis, quando magna cum laude 
tuebatur Professionem Theologicam in Collegio Adel- 
phico, et Episcopatum sibi demandatum magna prü- 
den tia gerebat: sed et in synodo Dordrechtana ^), cui 
interfuit, et scriptis publicis : inprimis vero scripto illo 
insigni, quod absolvit et perfecit non longe ante vitae 
finem, quod inscribitur: SBed^gelfd^rifften itutfc^en Sn. 
SBill^elmcn bnbt Sn. ©corgcn 11. 5U $c§cn*); longiori 
profecto vita, si deo ita visum, fuisset dignissimus. 
Discessit ex hac vita III. Non. Novemb. placida morte, 
viribus omnibus exhaustus diuturniori morbo, quo lecto 
affixus detinebatur multo tempore: sepultus admodum 
honorifice proxime subsequenti Dominica Y. Id. eiusdem 
[Fol. 58] mensis. | 

Successit in ejus locum vir Reverendus et 
Glarissimus Dn. Theophilus Neubergerus Ecclesiastes 
aulicus ab eloquio, facundia et eruditione praeclare 
instructus. Electionis instituendae gratia Synodus 
omnium pastorum hnjus districtus convocata est ab 
lUustrissimo principe Wilhelmo prid. Id. Decemb., cujus 

') Die Berichte über die Synode, welche die hessischen 
Depatirten an Landgraf Moritz sandten, sind abgedruckt von 
E^ype in Niednera Zeitschrift für hist. Theol. 1853 S. 226 if. 
Vgl. auch Sckweixer^ Protest. Centraldogmen Bd. II. Vümar^ 
Gesch. d. Confessionsstandes der evang. Kii-ohe in Hessen. 2. Aufl. 
Frankfurt a. M. 1868 8. 223 ff. 

') 1632 erschienen in Cassel: ^Wechselschrifften, Üff das 
i. J. 1629 wegen der Geistlichen Güter ausgelassene kayserliche 
Edict ergangen, zwischen Wilhelmen und Georgen, Philipsen und 
Friederichen L. z. H.*^ Vgl. Eartmann^ Eist Hass. II S. 407, der 
übrigens aus den Annalen längere Stellen in seinen Text aufge- 
nommen hat 



22 t 

nomine praesidiom demandatam est Clarissimo et Con- 
snltissimo viro Dn. Jacobo Jungmanno J. V. D., Con- 
siliario et Camerae praesidi, qui Illustriss. ejus Celsit. 
nomine Synodnm aperuit, et ProRectori Combachio, 
ac D. Georgio Crucigero, Theol. Professori et Ephoro. 
Concionem habuit Reverendus et Clariss. vir Dn. 
Bernhardus Matthaeus Cassellanae Neustadianae Ecciesiae 
eo tempore^ nunc Adelphicae pastor, ex Act. cap. 1. de 
electione Matthiae Apostoli. Inde latinum sermonem 
principis mandato ad Synodum pastorum habuit Pro* 
Rector Combachius, universa corona Ecciesiae adstante, 
quo, praemissis pie defuncti Superintendentis Dn. Pauli 
Steinii laudibus, ut de Superintendente eligendo cogi- 
tarent, pastores hortatus est, cujus vita sit moresque 
probati, quique par sit tanto officio et muneri regendo 
et gubernando, non vero affectu vel favore et amicitia 
in Yotis et suffragiis conferendis ducantur. Proxime 
insequenti Dominica III. Adventus Ordinationem Illu- 
striss. Principis jussu et mandato peregit ProRector 
Combachius, praemissa lingua vernacula Concione ad 
popuUim de Consecratione Aaronis, quae describitur 
Levit. 8. V. 1. ad 13 : atque Episcopatus et Superinten- 
dentis cura coram universa Ecclesia demandata est 
designato ad hoc munus Dn. Theophilo Neubergero: 
adstandibus in opere perficiendo ac manum simul 
imponentibus Reverendis et Clarissimis viris Dn. Tboma 
Wetzelio Ecclesiaste et De- | cano jam designato ad [Fol. 58*] 
5. Mart. et Dn. Bernhardo Matthaeo. Et haec fere 
praecipua sunt, quae ad hunc annum in annales 
refeienda duximus. Rogamus Deum Opt. Max. ut in 
tanta rerum omnium difficultate clementer misereatur 
Ecciesiae, tueatur et defendat patriam, et patrem 
patriae principem lUustrissimum Wilhelmum fundatorem 
Academiae, et Academiam ipsam, et conservet in ea 
coetus docentium et discentium, colligatque sibi apud 



222 

no8 porro et foveat Ecclesiam, in qua OQx>odo^lu ad 
posteros propagetur. 

Ipsi Regi seculoriun, immortali, invisibili, Soli Deo, 
honor et gloria in secula seculorum. Amen. 

Signat. Cassellis XXXI. d. Decemb. anno a nato 
Christo MDCXXXIV. 

Joh. Combachios 
subacripsit 



[Fol. 59] ANNO A NATO CHRISTO 

MDCXXXV. 

Calendis Jannarii. 

Illustrissimus et Celsissimus Princeps ac Domi- 
nus, Dn. Ernestus^) Hassiae Landgravius, Comes in 
Catzenelnbogen, Dietz, Ziegenhain et Nidda, unanirai 
Professorum consensu electus est Academiae Rektor 
Magnificentissimus. 

ProRector vero designatus est: 

Clarissimus et Consultissimus Vir Dn. Johannes 
Matthaeus I. V. D., Pandectarum Professor Ordinarius 
et Syndicus Academiae. 

Actus inaugurationis die proxime subsequenti 
peractus est magna solennitate, praesente lUustrissimo 
ac potentissimo Principe ac Domino, Dn. Wilhelmo 
Hassiae Landgravio ac Domino, patrono et fundatore 
Academiae clementissimo et munificentissimo, Ecclesiae 
defensore fortissimo, heroe magnanimo: cujus latus 
claudebat Ulustris ac generosissimus Comes ac Dominus 



') Landgraf Ernst, damals 12 Jahre alt, trat in Rheinfels 
165*2 zur katholischen Kirche über. Vgl. Eommelf Hess. Gesch. 
IX S. 69 flf.; Strieder lU S. 416; Bommel, Leibnitz u. Ldgr. 
Ernst V. Hessen. Frkft. 1847 I S. 53 ff. ; Beppe, Kirchengesch. 
beider Hessen. Marburg 1876 II S. 165 f. 



223 

Dn. . . .^). Comes Solmensia Laubacensis. Intererant 
quoque Proprinceps uterque, Procerea aiilici, Consiliarii, 
aliiqae omnium Ordd.[inum] hnjus civita- | tis viri [Fol. 59*] 
spectatissimi magno satis numero, praeter Professores 
et Studiosos. Cathedram exornabant pulcberrimo 
spectacalo Principes juniores Dn. Christianus et Dn. 
Ernestns, quorum ille deponebat Rectoratum^ hie 
capiebat Magistratum: adstante iis a latere Pro- 
Rectore Gombachio. Initium actus faciebat oratione 
gravi, summopere eam approbante auditorio universo, 
Illustrissimus Princeps Christianus . . . Erant in eum 
omnium oculi conjecti, quod et tum personam suam 
graviter repraesentaret, et jam ante magnam sui ex- 
spectationem in omnium animis concitasset, tum ob 
praeclaras corporis et animi ingeniique dotes, tum quod 
doctorum virorum praesentia et conversatione plurimum 
delectaretur, jamque in Oratoria, Mathematicis, Logicis, 
aliisque disciplinis practicis publice privatimque prae- 
clara specimina edidisset. Oratione finita caetera de 
more peragenda Cels. ejus commisit ProRectori Joh. 
Combachio. Sceptra, claves, matriculam, aliaque insignia 
Rectori Magnificentissimo Principi Illustrissimo Ernesto 
is tradebat et Academiae et Caetus Scholastici curam 
et gubernationem commendabat: Princeps vero Rector 
et clementer sese agnoscere hoc de se Academiae 
Judicium testabatur publice, eique omnem gratiam et 
favorem offerebat, et pio voto faustum et felicem 
inenntis anni ingressum | et progressum precabatur [Fol. 60] 
Omnibus. Est enim hie quoque praeclarae ac heroicae 
indolis princeps, et summo favore ac gratia prosequitur 
literatos, eaque jam aetate ingeniöse multa quaerit, 
proponit, urget: genuina magni illius Principis patris 

') Der Name fehlt im Text. Wahrscheinlich war Graf 
Philipp Reinhard Ton Solms, welcher sich damals am Hofe zu 
Kassel aufhielt^ bei der Feierlichkeit zugegen. 



^ I 



224 

I 

Manritii soboles, et aemalas et Imitator stadioium ac 
[ virtutum fratris Domini Christiani Principis. 

I Annam alias pene totam tristem experta est patria 

I et Academia, bello et peste nos insectantibos, ac sub- 

I sequuta morte ProRectoris. Nam postqnam saperiori 

i anno satis infeliciter ceciderat nostris pugna Nordlingensis, 

animam hinc coeperunt erigere Caesareani, atque occa- 

pata Hersfeidia vicinas partes primum invaserunt : crevit 

I cum successa animus, et direptionibus omniqae militam 

insolentiae genere gravissime magnam Hassiae partem 
I afflixerunt: duceet antesignano primum sub hjemem 

Corps ^) Barone: quem paulo post per aestatem seque- 
batur Böningkhausen. Hie quum extrema jam videretur 
minitari Hassiae, lllustrissimus Princeps Wilhelmus de 
[Fol. 60*] hoste vi et armis expellendo consilia cepit, | tandemque 
coacto numeroso exercitu felici eventu hostilem vim et 
impetum hinc propulsavit aliasque sedes quaerere coegit : 
magna incolarum laetitia^ qui insperatam tranquillitatem 
nacti, messem tuto ac quiete peragere potuerunt: in 
hoc enim tempus usque duravit malum illud. 

Induciae circa hoc tempus factae, indictumque 

armistitium: ac de pacis articulis inter Caesarem et 

Saxonem Electorem Pragae conclusis acceptandis res 

magnis conatibus agitata. In deliberationem adducta 

I res ea non tantum a politicis: sed etiam Theologis 

mandatum aliquoties est, ut^ sententias suas exponerent 
de tanto tamque gravi negotio : inprimis de rebus spe- 
ctantibus religiouem orthodoxam et conscientiam : qui 
libere quid sentirent aperuerunt. Comitia quoque praela- 
torum, nobilium et civitatum 21. d. Septemb. in hac 
urbe eam ob caussam potissimum instituta. Inter prae- 
latos suum etiam locum habuit Academia, ejusque nomine 

*) Marko FreiheiT von Korpes, Oberst der Kroaten, stand 
unter dem Oberbefehle Piocolominis, und hatte mit den Obersten 
Lsolani und Breda die Gegend von Fulda und Hersfeld besetzt. 



225 

interfaernnt Combachins, et Professor Eloquentiae Dn. 
Job. Petras Daaberus, ad id negotium deputati ac quibus 
conditionibas in transactionem eam Pragensem tato ac 
honeste consentiri possit qaaesitum. Religionis purioris 
conservandae ratio Illustrissimo Principi Wilhelmo curae 
potissimam fuit: | parato alias quascunqne aequas [Fol. 61] 
conditiones inire et admittere, dummodo salva esset 
religio et illaesa conscientia. 

Pestis semina qaaedam per aestatem sparsa erant 
per civitatem, sed hoc ipso mense Septembri de die in 
diem incrementa cepit: ut propterea^ Principis indalto 
suspensis ad tempas lectionibus, dissipata faerit Aca- 
demia: qaia non poterat locus reperiri satis tutus, in 
quem transferretor Academia, Professores et studiosi 
alii quidem manebant alii in tutiora loca se conferebant, 
quoad poterant. Pestis vero absumpsit e studiosis: 

Dn. Job. Yalentinum Neubergeram, Dn. Super- 
intendentis filium, iuvenem optimae spei et expectationis, 
mense Septembri. Et: 

Dn. Wolffgangum Bipontinum Medicinae studio- 
sum : qui e peregrinatione per Gallias et Angliam su- 
periori anno ad nos venerat: quumque in procinctujam 
esset, ut rediret ad suos, peste correptus obiit 3. d. 
Novembr. Academiae ProRector Dn. Job. Matthaeus 
J. U. D. Pandectarum Professor et Syndicus Academiae, 
vir optimus, tabe lenta consumptus hinc decessit 22. d. 
Octobris. In ejus locum substituitur Job. Combachins, 
qui superioribus duobus annis eundem Magistratum 
gesserat: in decimum quartum usque diem Februarii 
anni proxime subsequentis 1636 prorogato Magistratu : | [Fol. Gl'*] 
nam et pestis aliqua semina haerebant ad hoc usque 
tempus: et quia extra ordinem instituenda erat Novi 
Rectoris electio, hanc potissimum diem, Illustrissimi 
principis fandatoris Wilhelmi Natalem, Academiae ce- 
lebrem et solennem hoc actu esse voluerunt Professores, 

N. V. Bd. xvui. 15 



226 

ut pro vita et incolamitate ejus Geis, publica vota pre- 
cesqae conciperentur. Ac qaum Rectoratum Magnili- 
centissimi Dn. Rectoris Illnstrissimi Principis Ernesti 
nomine deponeret ProRector Combachius, voluit simul 
ultimum honorem exhibere defnncto Pro-Rectori D. Mat- 
thaeo, ejus vitam et obitum pro instituti ratione panois 
referendo et recensendo. Velim autem hanc consuetu- 
dinem et morem parentandi viris praeclaris, et profes- 
soribus ante alios, usitatum Marpurgi antehac, et in 
aliis Academiis, in hanc quoque nostram Acadeniiam 
inferri, ne virorum de re literaria et Academia bene 
meritorum memoria sUentio obruatur. 

Dn. Gregorius Stannarius hoc anno in numerum 
Professorum relatus est, eique demandata professio 
physica. Inauguralem orationem habuit 3. Id. Febr. 
anno 1635. 

Haec fere sunt, quae digna judicavimus, ut his 
[FoL 62] annalibus ad hunc annum insererentur. | Deus Opt. 
Max. tempore hoc duro admodum et difficili clementer 
respiciat suam Ecclesiam eamque tueatur ab omni malo, 
ac liberet a persequutionibus, sub quibus ingemiscit: 
et patriam dulcissimam ab hostium furore defendat, ac 
patrem patriae principem nostrum et nutritium Acade- 
miae protegat alis suis, et Angelos suos custodes et 
adjungat in omnibus viis ejus: et sub ejus Celsit. con- 
servet et augeat Academiam nostram ofRcinam honestatis 
et pietatis, ut ex ea prodeant multi, qui cum fructu 
iiiserviant Ecclesiae et Reipublicae. 

Ipsi Regi seculorum, immortali, invisibili, soIi Deo, 
honor et gloria in secula seculorum. Amen. 

Signatum Cassellis Idib. Febr. anno 
a nato Christo MDCXXXVI. 

Job. Combachius 

sbsrpst. 



227 

Sapra in anni primi historia notatam est, primo [Fol 62*] 
Academiae Rectori, Doctori Jobanni Crocio aliqaid in- 
speratum accidisse, unde Licentiato Johänni Combachio 
Pro-Rectoratus fuerit demandatus. Quid acciderit, non 
expressum est, sed nee annis sequentibas expressum, 
quem exitum casus ille sit sortitus. Jam quidem de 
casu insperato, ejusque exitu plerisque satis constat hoc 
tempore, operae tarnen pretium fore judicatnm est, si in 
posterornm gratiam hie exponatur ^). XXII. d. Febr. 
Anno MDCXXXIII. aedes Doctoris Crocii, dum dispu- 
tatione duodecima de justificatione ^), quae postea lucem 
vidit, relegenda occupatur, e£Fringuntnr nocturno tem- 
pore, et ingreditur effractor armatus, quem ille com- 
prehensurus cum candela et malleo, quo in sigillis aca- 
demicis figendis utebatur, arrepto, e museo descendit, 
praetereuntem vigilem indamat, queritur, furem noctur- 
num in aedes irrupisse, et ad eum egressus rogat, ob- 
servare ne gravetur valvam, quam homo effregisset. 
Vix comprehendendi eifractoris causa pedem retulerat, 
cum clamaret vigil, hominem sibi praevalere, qua voce 
excitatus Crocius foras properat, cum candela in ipso 
limine exstingueretur, assa voce aliam petit, et cum 
efEractor comprebendi noUet, sed resisteret, id defendendi 
sui gratia adversus illum agit, quod divino et humano 
jure sibi permissum esse intelligebat^ nee vel membrum 
uUum truncare, vel lethale vulnus infligere, animo 
proponit suo. Effractor cum malleum eripere conatus 
esset frustra, tandem amisso gladio recedit cum atroci- 
bus minis. Post aliquot dies foemina quaedam, cujus 
filius eadem nocte militem ad duellum provocaverat, et 
quis esset, interrogatus, diabolum se esse, responderat, 
ac postridie Galend. Martii diem obierat snum | homi- [Fol. 63] 
cidii in filio commissi Crocium accusat, et petit, ut hoc 

*) Vgl. Claus a. a. 0. S. 50, Anm. 2. — Mümeher im Hessen- 
land. Jg. 1889, S. 96 ff. — *) Gedmckt Gassel 1634, {Strieder U, 406). 

15* 



228 

nomine in carcerem statim conjiciatnr et sistatnr jndicio. 
De accnsato domi snae cnstodiendo et institaendo jn- 
dicio, mandatom, absente Principe, obtinet, ad qnod 
suspensionis decretam panlo post accedit. Gnstoditnr 
igitnr domi suae D. Crocins, donec lUnstrissimas Prin- 
ceps domnm rednx factos, extemis Ictis in consilinm 
adhibitis, arrestum relaxaret mense Martio. Sospensio 
antem nsqne ad litis decisionem manet, et Judicium 
coram delectis scabinis in civilium judiciorum loco in 
Curia instituitnr. Primum terminum actrix hoc argu- 
mento circumducit, quod nee in foro, nee sub campanae 
signo Judicium baberetur, atque sub hoc praetextu tres 
menses integros, et quod excurrit, tergiversatur. Mense 
Julio ad agendum quidem comparet, sed tum in ipso 
limine in puncto cautionis, cum in progressu in pro- 
ductione testium et totius causae dednctione eara varias 
circuitiones, ambages tam varias captat, tamque multi- 
plicem moram nectit, ut jam tum satis ipsa intelligere 
videretur, non alia uUa ratione, quam causae prolon- 
gatione, aegre se facere posse accusato. Qui omnibus 
modis id operam dabat, et multis precibus urgebat, ut 
Processus maturaretur. Neque tamen ante 28. d. No- 
vembr. Anno 1634 conclusum est. Eo usque enim variis 
studiose conquisitis subterfugiis conclusionem declinavit 
actrix. Causa conclusa, Illustrissimus Princeps a. I). 
Crocio eo nomine humiliter interpellatus a scabinis 
sententiam postulat, intra octiduum ferendam; ferunt, 
mittuntque ejus celsitudini intra tempus constitutum. 
Äd illius promulgationem fluunt septimanae viginti 
novem integrae. Quo tempore causa diligentissime 
accuratissimeque discussa, et multomm coUegiorum 
audita sunt judicia. Justae sententiae editionem saepe 
ingeminatis precibus urgebat accusatus et cum misso 
Groningensium ICtorum responso 15. d. Junii Anno 
1635 per Secretarium apud principem Illustrissimum 



229 

mnltis rationibns instaret, ab ejus Celsitadine eodem die 
decretuin impetrat, absque nlla longiore mora pronun- 
ciari debere. Pronanciatur igitur postridie et accusatus 
a falso intentato crimine pure et simpliciter absolvitar. | l^ol. 63"] 

Ita Daus innocentiae patrocinatur, cujus se habere 
rationem antea quoque non obscure ostenderat. Non 
nemo multis audientibus, palam jaetaverat, se si non 
alibi posset, in propriis aedibus D. Crocium glande velle 
trajicere. Alius eum variis improbe coniictis mendaciis 
proterere traducebat, et omnino gladio volebat per- 
cussum. Alius cum grassatorum nocturnorum manipulo 
in publica via atrocissimis injuriis innocentem lacessebat, 
domum adoriebatnr et fores conabatur el&ingere. Hi 
omnes Dei vindictam senserunt. Primus glande traji- 
citur medius inter duos equitans, salvo toto comitatu. 
Alter domi suae gladio confoditur, lite nondum decisa. 
Tertius octavo die a perpetrato facinore, in pago, quo 
malae conscientiae stimulo actus et metu poenae aufu- 
gerat, fulmine feritur. 

Gaeterum postquam D. Crocius a falso intentato 
crimine pure absolutus esset^ etsi per sententiam omni 
honori, officio et dignitati se restitui, proinde nulla 
declaratione opus esse, probe intelligeret, eam tamen 
et quidem imprimis, quo ad ministerium ecclesiae, ex 
hac causa petere voluit, quod inimici sparsissent, et ex 
eorum ore nonnulli Munda, ducatus Brunsvicensis 
oppido, in consulis aedibus propalam jactassent, ipsum 
5000 imperialibus mulctatum, non pure absolutum esse, 
quod inde futurum esset manifestum, quod ad sugges- 
tum ecclesiasticum non admissuri eum sint deinceps 
Cassellani. lUustrissimus Princeps, lecto libello supplice, 
edit decretum XXX. d. Julii in haec verba: 9Bet[ burc^ 
bic in ^einlic^en jad^en ©abincn Officialiii anclägerin an 
einem n)ieber D. Johannem Crocium anbcr tl)eilÄ ergangene 
absolutiori urtljett bie uon unfer 9iegierung gegen $rn. 



230 

D'^ Crocium ^icbcöor becrctirtc suspensio i()rc cnbfd^afft 
crreid^et unb aufgelebt, 9ltö t[t unfer g. befel^I, beggemctte 
uiifcrc Sicgicrung 3^n Dl. Crocium toor ft(^ crforberii, unb 
3^m feine ^iebeüor anDertrauete profession mieber anju« 
tretten unb j^u üerfe^en anbefehlen, auc^ barneben anbeuten, 
bag n)ir too^I gern fe^n möchten, bag er auc^ bie 6an^e( 
mieber befteigen, unb barbe^ in @ein Doriged %mbt n^ieber« 
[Fol. 64] umb tretten möd^te, U)etl | aber be^n^egen res nic^t mc[)r 
integra, fonbern in einen anbern ftanbt gera^ten, in bem 
bed Superintendenten fei. Derlebigte fteOe, fo)uol)( bei ber 
superintendentz aU ber fre^^eiter firc^e in anbere n^egc be« 
fteOet, fo mügte foI(|e mieberbefteOung bid gu anberer fic^ 
jutragenber gelegen^eit anftanb ^aben. @ign. Saffet ben 
30. Julü Anno 1637. 

Declarationem, quoad professionem, sibi proposi- 
tarn accipit D. Crocius, tanquam luculentum agnitae 
confirmataeque innocentiae testimonium ; cum vero re- 
stitutioni muneris ecclesiastici non principem Illustrissi- 
mum, sed alinm obstare, facile intelligeret, isque ea de 
re privatim compellatus, noUet sua sponte cedere, speciem 
facti ad sex juridicas facultates mittit, earumque judicia 
explorat. Responsa in perpetuam rei memoriam sab- 
jicere sie visum est, ut species facti cum additis docu- 
mentis bona fide praemittatur. 

FACTI SPECIES. 

@d ift Anno 1633 burc^ ©abinen 3Rori^ Officials 
^au^frauto jue SageQ i^red abgeleibten @ot)nd falber ein 
^einlid^er process gegen mid^ Johannem Crocium ber $. 
fc^rifft Doctom ünbt primari Theologiae Professori bafetbft 
angeftelt ünbt getrieben, aud^ erörtert morben, bad ben 
16. Junii ein pur absolutori urt()ei( ergangen, bcdn)egen 
bann ünbt gue beforberung begetben juuor auc^ breQ re- 
sponsa Don Dnterfd^iblic^en furne^men 9iec^tdgcle^rtcn, unbt 



231 

einer Suriften facultät eiii9eI)oIett, SBie biefelb ab beigelegtem 
abtrud lit. A mit mehreren ju berne^men. 

3)emnaci^ pd^ aber jugetragcn, ba^ f. SHegierung ba* • 
felbft mic^, ber ic^ neben meiner profession and), laut 
beklag lit. B jum ^rebigambt bed orte in ber fretj^eiter 
fird^en bcfteQt getoefen, berfetben meiner beiber Äembter, 
bid bic fad^e au^gefu^ret, saspendiret, Dnbt bem Super- 
intendenten befol)ten, ünterbefen, baÄ 5ßrebigambt mit einer 
gnugfam quaiificirten ^erfo^n ju ber|el)en, Xüit lit C au** 
weifet. S)eme aber juh)iber, tmmittelfe bnb unter rpe^ren* 
bcm process nad^ abfterben beÄ vorigen Superintendenten, 
nic^t aQein ein Decanus onbt ^ar^err jur fre^()eiter tirdi 
beftclt, fonbem auc^ einen, ber in einer anbem Stireren 
$farl)err ift Dnbt bleibt, mit felbigem Decano @ontag* Dnbt 
9Rittn)od^end a(fo umbjutpec^feQn, aufgetragen morben, bad, 
toann bcrfelbe auf ber frdjl^ctt |)rebigct, | aUbenn ber De- [Fol. 64*J 
.canus in befen Sdxd) ba* Mmbtt üerrii^ten \oü, toel^er 
n)ed[)feQ glei(^tt)ot)I bed ©ontagd nod^ nie mürflii^ gefd^e^en, 
mittt)0(^Ä an6f fc^on ober 20 too^en fo fern Derpliben, 
bad ber eine auf ber fre^^eit nid^t fetbft geprebigt, ünbt 
3c^ nu^n nac^ ergangener SBrt^il baüon au^gefc^Iogen 
fein foll. ©ietoeil aber bif lefete ben Dbrigen bon furft: 
^ngnäbig beliebten puncten jun^iber, cum accusatus pen- 
dente accusatione non privandus sit juribus vel digni- 
tatibas suis, Panormit. in c. omnipotens n. 3. d. accusat. 
sed retinet interim pristinam dignitatem text. in 1 
libertus 17 §. in quaest. 22 ff. ad munic. of)ne bad bic 
eingangs mentionirte absolutori ürt^eiQ bie Suspension 
gän^lid) t)f^ebt. Absolutio enim a crimine abolet radi- 
citus oinnem maculam, Caesar de Grassis decif. 110 
n. 3 sie ut absolutus a crimine amplius vexari non 
debeat Fr. Marc. 2. quaest. 637. n. 2. ^a^ anü) rec^t*« 
n)egen folc^er Suspension l^alber feiner ferneren ober fonber« 
ba()ren absolution t)on nö^ten, Franc. Marc. 1. quaest. 727, 
n. 3. allegans gloss. in dem. 1. de decu. super verbo 



232 

donec et Fr. de Zaber. Card. Flo. Cons. 132. idemqae 
videri in sententia interdicti, secundum gloss. in non 
f est de sponsa, sie ut snspensos ad tempos, nentlic^ ^icr 

bis bie fac^e audgeffi^rt, possit post lapsnm temporis 
sine alia absolutione officium säum exercere, Panormi- 
tanas in c. ex tuamm tenore n. 3 extra de sortilegis. 
Adeo ut absolutus a condemnatione privationis etiam 
in contumaciam lata^ recuperet suum beneficium, Achill, 
de Grassis decis. 132. Et ad tempus exulare jussus 
decurio, impletoque tempore regressus, pristinam digni- 
tatem recipiaty 1) ad tempus 2) C. de bis qui in exil. 
dat. lib. 10. Sßiet)te( mel^r bann ba eine folc^e contumacia, 
ober einig anber delictum nid^t Dor^anben, \o gar, bad 
aud^ einem {olc^en suspenso bie fructus beneficii interim 
[Fol. 65] percepti jue restituiren, suspensus enim injuste | seu 
nulliter debet recuperare fructus beneficii sui^ a quo 
fuit suspensus, gloss. in c. super 2. q. s. Abbas in c. 
pastoralis de apell. in f. Fr. Marc. 2. qnaest. 88 n. 5. 
Felin. in c. apostolicae de except. n. 12. vers. suspen- 
sus, geftalt bann bie verba suspensionis lit. C. auc^ anberd 
nid|t ald nu^r interims tneife [teilen, bad nemti^ Sc^ 6id 
jue audfut;vung ber fachen jue suspendiren, ünbt unter 
bed mit einem anbern qualificirten bad ambt ju befteOen 
t)nbt ju t)erfe^en, bnbt a(fo berfelben effectus fic^ tneiter 
nid^t erftredten fann, ba^er auc^ unbt tueti bie suspensio 
burc^ bie urtl^I uffge^bt, önbt S^r enbjc^afft errei^t, 
3^r f: ®n, mi^r bie professionem Theologicam tniber 
befehlen lafeenn, baburc^ aber, bnbt tnann ba« bei ber frei* 
Ijeiter fird^e mi^r anbefohlene ^ßrebigtambt jurudE pleiben, 
ünbt Sc^ beffelben gänfelic^ entfefet fein foU, ber absolutori 
Drt^eil nic^t aOein nid^t gnug gefd^el^e, fonbern biefelbe 
barburc^ gela^met, ünbt nod^ immer ettnaS haeriren märbe, 
aU ine^re ben broben angejogenen rechten sugegen noc^ 
eine macula t)er^anben, ünbt tnürbe meine existimation 
barbur^ merfüd^ graviret, ja ic^ bc\) önbt neben foldjcr 



233 

pnr absolatori t)rtf)d( no^ l^art geftrafft, in beme bte 
temporalis suspensio in eine total t)nbt gän|Ii(l^e remotion 
be^ mi^r angetragenen t)nbt t)em)a(teten ^rebigamtd resol- 
virt n;urbe, fo nti^r ju einem emigen, bod^ ünt^erbienten 
fc^impf geral^ten mfift, ju bem, toa^ t)organgen, gar nid^t 
}u einem scandalo ober ergernu^ bet ®emein bed ort^ 
gebeutet toerben mag, fintema^I biefe(6e gleid^ bei) anfang 
bed Processus an S^te g: ®n. t)ntertl(enig suppliciret, 
ba^ ic^ bejen öngel^inbert be^m ?ßrebigambt, geladen loerbcn 
möchte. @o ift baraug bie frag, ob nic^t ben rechten unbt 
obiger lit. B. bef^e{)ener beftaQung, aud^ ergangener ab- 
solatori ürtl^eil nad^, mt{)r jugleic^ ünbt mit fold^er a falso 
intentato crimine erhaltener absolution, aud^ plenarius 
efifectas restitutionis erfc^ienen, tonbt id^ fo n)o()I jur prae- 
dicatar ald jur profession o^ne aOen abbru^ ober f|inber^ 
nug toiber jue t^erftatten, au^ barbei fein scandalum ju 
üermu^ten ober anjufe^en, fintema^I fonft t)nbt n^ann 
bafelbe burd^ bie absolution nic^t gefaOen fein fo(t, nid)t 
gefagt werben mö^te | SBie broben angejogen, absolutionem [^'oU B5*j 
tollere omnem maculam, Unbt ein foId| scandalum eben 
fo n^ot)! be^ ber professione Theologica ald ber praedicatur 
l)ette im njeg fielen müSen, bie ^farKnber aud|, njenn fie 
ba^ geirret ^ett, be^ anfang bei^ processes umb continua- 
tion be^ 9mptd ntd)t mürben supplicirt t)aben, onbt bann 
mein leben onbt wanbeD, ®ott lob, alfo befc^affen, baÄ 
bafelbe be^ allen bclanten gang oljntabel^afft, Unbt 3. f. g. 
icberjeit mein ®nabiger gurft unbt §err genjefcn, unbt 
nod^, unbt n)ann fold^e aggravatio honoris bleiben folte, 
fein ef)rlic^cr SWann fic^cr fein fönte, fonbcrn burc^ bßfer 
leute o^ntuat)r{|affte anftage uon feinen mürben unbt ^tmb^^ 
tern gar Ieicf)tKd^ abgebracht, unbt Ijinberfe^t merben möchte, 
bar5U mand aber in rebus publicis bene constitutis nic^t 
fommen juelafeen. 5)ie Qdt anä), in ber biefer process 
getoe^ret, ba^ ministerium f ol^er geftalt nid^t arctirt [fo !J, 
bad bagelbe not)tmenbig mit einem anbern permanenter befielt 



234 

mxbtn tniigen, fonbern nad^ anbeitung ber beklagen lit. B 

ünbt C mit ftiOfd^tvctgenber ünbt durante processu für« 

genommener praejudicial remotion meiner n)o^( üerfc^onet 

(Derben fönnen ünbt foQen, loie bann o^ne bad ein Decanas 

auf ber f^re^^eit in 14 tagen in aQem nut)r brej ^rebigtcn 

t)nbt eine Q3ermaf)nung ju t^uen, unbt ^aben üf bed üer^ 

ftorbenen Superintendenten fei. it|me lit. C angegebenen 

befet)I nad^, befd^e^ene beftäQung jt^en Diaconi bad flmbt 

pendente processu, Dnbt fo (ang berfelbe n)erben mürbe, 

öcrfc^en foflen, and^ itjürdtlid^ biÄ öfö neroc 3al)r biefeö 

1635 Safir« öerfeljcn önbt ba* 3^re bat)on gefiabt. 

SBirbt bemna^ bienftlic^ gebeten, bie §crrn tooQen 

Sljre rec^tüc^e 3)^etnung, mad ic^ bejen oberje^tte facto 

nac^ ber plenari restitution t)aI6er befugt, ober nic^t, er* 

offnen ünbt beglaubt mittl)ei(en, bafelbe bin ic^ neben miQiger 

entric^tung ber gebühr in ber 3^^* 5" bebienen gcffiften 

önbt bcreitn^illig 

ber iperrn 

bicnftnjißigcr 

JOANNES CROCJÜS D. 

[Fol. 66] 8 e ^ I a g e A. 

(£mbbifc^c Hec^tsbele^rung. 

9{ad^bem t)n$ unterfd^ribenen bie gerid^tlic^e Acta 
in ^einlid^en ©ad^en, ©abinen §efigelin üRorife Officials 
e^elid^en ^audfrauen Snflagerin contra $errn Johannem 
Crocium Tbeologiae Doctorem beftagten, fampt einen 
red^tlicl)en bebenden jungft^in jugeftfiidtt, mit begehren bie^ 
felbige mit ffeife ju lefeen, ju examiniren, Dnbt barubcr 
bnfere rec^tlic^e meinung, unter unferm nal^men ünbt ©iegcU 
t)erau6er jugeben unbt jue offenbal)ren, ©o l^aben mir 
joIdEie« begehren nic^t wollen abfd^lagen, ünbt l)aben barauff 
biefelbe obgebac^te acta, ald bie Slage, additionales, defen- 
sionjiles, responsiones, attestationes testium, tvie aud) 

protocollum, ünbt baruber nod^ ba^ beljgefugte SRe^tlic^e 



235 

bcbcnfcn in 104 paginis t)crfa§t, mit allein ficife gelcfen, 
rationes dubitandi ac decidendi examiniret ünbt oQed in 
reiff[i(^e deliberation genommen, ünbt überlegt, barnac^ 
t)nfeT Judicium super cansae meritis in fd^rifften k)erfQ^et, 
ald folgt: 

92emb(ic^en, bod aQem vorbringen nad^ jured^t ju 
erfennen, bad bie ^^(ägerin it)re anftage nic^t crn^iefen, fonbern 
bad ber angeHagte bargegen feine innocentiam in biefer 
fachen genugfam barget[)an, ünbt probiret, unbt bero^alben 
berfelbige t)on angeftettet $ein(ic^er anHage biOic^ juc 
absolviren, ünbt loäjufpred^en, aldbann tüir benfetbigen 
l^iermit absolviren Dnbt lo^fpred^en, unbt bie anHögeriit, 
bie bc^ biefem process angewenbte (Serid^tÄloften bem Ijerrn 
angenagten salva moderatione judicis, }ne restituiren 
fc^ulbig, salvo meliori judicio cujusque. 

3ue ürlunbt ber n)af>rf|eit ^aben n^ir bicfe önferc 
red^t(ic^e erHärung Dnbt meinung mit unfern ^enben, nalj^ 
men, juna^men, subscription, auc^ ünterfegung t^nfer ge- 
tüö^nlic^cn, gebräud^Ii^en ^ittfd^afften befrefftiget. ©o 
gefd^e^en jue (Smbben, ben 6. Jannarii 1635. 

Bernhardus ©d^malbe Johannes Althusius D. 

JUD Consul Reip. et Beip. Embdanae 

Embdanae Advocatus et Synd. 

Wilhelmus Christophorus 
D. et Reip. Embdanae 
Secretar. 

n. 

Extract aus einer Bremischen Kec^tlic^en Information. 

SBir enbtSbenente in ber löblid^en Stabt Bremen 
gefegene äte^tdgeletirte befennen unbt bezeugen hiermit 
öffentlich, ba* n^ir | bie oor bem gürftlic^en, Sanbgrafflic^en [Pol. 66*] 
gerieft jue ©afeeU, in ^einlic^en fa^en grau ©abinen §eu= 
gelin Ofiicialn ^au^fratoen n?egen i^re^ abgeleibten ©oljnö, 



236 

ancfageriit etnS, entgegen ünbt taiber ^rrn Doctorem Jo- 
liannem Crocinm angeflagten, anbert^Ud ergangen, t)nd, 
mit freunbtli^cm gefud^, ünfer Sted^tlid^ bebcncfen nac^ 
iDol^Ienoogenen fad^en borfiber jueroffnen, jugefd^icfte acta 
atö benantU^ (1) bad im Verlebten anno 1633 Dom 4. Jalii 
btd jum 28. Novembris 1634 gel)a(tened protocollum 
continunm (2) bie barin angeflogene articolirte @Iage (3) 
bercn additionales (4) bargegen gefegte defensionales et 
peremtoriales, Unbt (5) aufgenommene attestationes, lote 
auc^ (6) baraud abgefaßte facti speciem, barbe^ ange^effte 
deduetionem ))nbt subnectirte decisionem, loietool^C ot|ne 
sabscription befen auctoris, loie ni^t weniger (7) ein 
baruber eingemottet rßsponsam ober rec^tli^ bebenfen 
bre^er Dorne^mer Stec^tögela^rten ber @tabt Smbben, mit 
gebu^renben fonberba^ren fteife burt^tefen, t)n8 barfiber be- 
fonnen, t)nbt nac^ge^enbi^ collegialiter gleic^fam mit ein- 
anber berebet, angeregte acta ünbt barin befinbli^e umb« 
ftonbe coUatis ubique rationibus nottfirfftig erlogen, ünbt 
einmu^tig ba^in gef^Cagen, bad mir gleic^mol gemctte 
.^errn Embdensibus ^auptfäd^üc^ ni^t fe^en, bad ancia« 
genbe 9)?utter, i^re erhobene anclage, juma^tn mit benen 
jtDar in ettuad unndt^ig ingefu^rten i^ren nic^t »weniger 
uerffeinernc^en, aU ^od^befc^merfid^en qualitatibas bed 
böfcn mörbtlic^en SSorfaged ju entteibung {xok i(jr fold^ed 
Sicd^t^iüegen baljero gcbut)rct, n^ciln fic fi^ clagenbt barju 
adstringiret) ui^t ertviefen, ünbt fonberlid^ auc^ nic^t in 
individuo ba« bcr §err angeclagter il)ren üerftorbenen 
@oI)n irgcnbt gefcljlagen ünbt üerrounbct Ijette, ober aud^ 
ju jc^lagen ünbt ju üeüounben willen^ geioefen fei, juge* 
f^meigen animo occidendi befonberd ba& l^ergegen ber 
§err angeclagter defendendo fo üiel auSgeffi^ret, ba§ er 
billig üon angcftelter anflagc umb fo üielmc^r fe^ ju ab- 

[Fol. 67] solviren, aber allc^ salvo rectius sentientium jndicio. | 

^efen j^u )oa()ren SSrfunbt ^aben toir bt^ ünfer ün* 
ücrgvifflic^ bcbcncf mit eigenen l)enben üntcrfc^rieben, ünbt 



23'? 

mit önfcrn |)itfd^afft auSflcbrfidtt bcfcfttget. ©o gcf^cl&cn 
Dnbt gegeben in Bremen am 20. STfonat^ Aprilis btefeS 
1635 3a^rÄ. 

Eberhard Dozen D. B. Dietericas Lange D. 

m. prop. Reip. Brem. Synd. 

Johan Sßad^man D. 
Reip. Brem. Vice-Synd. 

m. 

Hec^tsbcleljrung 6er löblichen Juristen Facultät bey 6cv 
Universitet (ßruningen pnbt ©nilanbt. 

Unfere frcunbtlid^c bienftc juDor, (S^rh)ürbifler, Uubt 
^oc^flelaljrter injonbcr^ gunftigcr §crr »nbt guttcr frcunbt. 
?Ud i^r und bic in ^einlic^cn jad^en graiuen Sabinen 
Officialin, ^nflägerin an einem, entgegen unbt n)tber euc^ 
angesagten am anbern t^eil, am ^o^en ^einUc^en ^aU- 
gerieft iue (SageQ ergangene acta unbt @(ertd)td^anblung, 
^obtfd^Iag barinnen angezogen belangenbt, 5ngej^idtt, t)nbt 
euc^ unfere re^tlid)e meinung barüber ju eroffnen unbt 
mitjut^eilen begert ^abt, fo ()aben mir bemnac^ biefelbe 
mit fteife üertefen unbt ermogen, berichten barauf bor rert)t, 
bad anclägerin, mad 3l)r ju bemeifen obgelegen t)nbt fie 
fic^ angema&t, mie rec^t, nid^t ermiejen, unbt S^r öon beö- 
megen bon angeftelter anclage ju absolviren bnbt jueric* 
bigen, Änllägerin aber euc^ bie aufgemenbcte gerid^tÄfoften, 
unbt erlittene @d^äben rechtlicher megigung nad^ juerftatten, 
fd)ulbig äuerflären, Unb* ju uerbammen fe^, uon re^tömcgen. 

3ue urfunbt ^abcn mir ber Universitet Snfigeü auf* 
getrudt, melc^eS gef^e^en ift jue ®röningen am 4. Maii 
Anno 1635. 

Decanus Unbt professores ber Süriften Facultät in ber 

Universitet JU ®rüningen Unbt OmbCanbt. | [Fol. 67*1 

3)em S^rmfirbtgen unbt I)od^ge(a()rten ^rn Johanni 
Crocio, ber f)eiligen jdjrifft Doctorn, unbt in ber löblidjen 



238 

^ol^n @^ueQ jue (SogeQ professorn, unfern fonberS 
gflnftigen §errn önbt guten freunbt. . . 

IV. 

(gnöMtrt^eia. 

3n peinlichen ^aä^tn ©abinen ^ugelin, 9Worife 
Officialn ^au^fratoen peinlicher änHägerin on einem, ent« 
gegen tonbt roiber D. Johannera Crocium peinlid^ beflagten 
anbert{)eild, tobtfc^Iag in actis angezogen belangenb, {einbt 
bie am 11. Junii ünbt 8. Augusti bed nec^fluerffofeenen 
1634 3a^r beiberfeitö einbrachte documenta unbt beklagen 
ex officio uor betäubt angenommen, unbt barauf mit öor* 
getiaptem 9ll)üt ber SRec^t^gele^rten i^r ber 3lnMägerin Sljr 
fnd^en ber tortar falber ^i^rmit abgeschlagen, {onbcrn bic 
fac^e allenthalben üor befd^lofien angenommen, t)nbt auf 
alleg fc^rifftltc^* ünbt TOunbtlic^ed vorbringen ju red^t 
erfant, ba« 5ß. besagter t)on angeftelter peinlicher anftage 
ju absolviren Dnbt juerlebigen fei, atebann }u biefer fachen 
tjerorbtnete SRid^ter unbt ©d^öpfen i^n ?ß. ©eftagten baüon 
mit btefem rec^tfpruc^ absolviren önbt erlebigen, bie ®e* 
ric^t^foften au« Ijierju bemegenben urfac^en gegen einanber 
compenftrenb unbt Uergleic^enb. 

Publicirt jue Safeell auf bem 9?al)t^au« in offener 
SRa^tftuben, am 16. Julii, anno 1635. 

SBe^Iage B. 

SeftcQungs Punctc. 

Uff ben D. Crocio ber praedicatur t)alber in ber 
gre^^eiter Äird^cn gettjanen SSortrag fiatt er ftc^ nad6 ju 
uor eingeful)rten uielen motiven, tuarumb i^m fold^e prae* 
dicatur aüjubejc^ujerlic^ falle, Unbt er fic^ barumb ju ent^» 
fd^ulbigen ^ette, entli^ bal^in erftäret, mofern baä anbringen 
[Fol. 68] bal)in gemeinet. | 

1. ^ai er ju feinen loeitern $rebigten, atö loeld^e ber 
Superintendens bid^r in ber 5i^etjt)eiter*Ä1rc^en or- 



239 

dinarie üerrid^tet, adstringiret fein folte, ünbt fotd^ed 
fo lange ber Superintendens nic^t felbft t9tber pre« 
bigen !dnte. 

2. SEßann aber ber Superintendens, tok ju ^offen, ju 
feiner gefunb^eit fo njeit toiber gelangen folte, baö er 
^ßrebtgten toerric^ten fönte, bad bann bie labores 
jn^tfc^en tt^nen be^ben mnbge^en folten. 

3. SBofern aber ber Saperintendens nad^ ®otk^ tüiQen 
ettoü öerfterben folte, bad bann jur gre^^eiter Äirc^en 
ein anber ^rebiger ober Decanas an beffen ftatt 
befielt njürbc, toclc^er mit unbt neben i^m bie ^re* 
bigten, fo in ber 3^it ein decanus in ber 5re^I)eiter 
Kirnen getiabt, Verrichtete. 

4. 2)ad er mit ben $Berma()nungdprebigten, tveid er beS 
€onnabentd ben publicis t)nbt privatis CoUegiis 
abwarten müfee, aüerbing», njie ju SRarpurf, öer* 
fc^onet fein folte. 

5. 3)a8 er, mt ju üRarpurf aud^ gen^efen, ben Convo- 
cationibus Ministerii be^jun)Ot)nen, Unbt babet| ju« 
erfc^einen, ni^t fcl)ulbig fein folt, njeil er baburc^ in 
feinen lectionibus t)nbt disputationibas fel;r uer^in- 
bcrt tt)firbe. 

6. aSnbt entließ, baö er be^ ber gre^^eiter gemein ge« 
lagen, Dnbt an anbere örter ju prebigen nid^t gebogen 
merben möge. 

SBann e^, toie ob enoe^nt, biefe meinung ^ette, öff 
füllen fall njoHe er im nahmen ®otted bem beruff folgen, 
unbt obXDoyi an biefem o^rt aQej^ noc^ fo t^eioer, a(d jue 
ajfarpurdt, fo tt)one er fid^ boc^ mit bem salario, maS er 
jue SKarpurdt, foloo^l ber profession alä ?ßrebigtambt« 
gehabt, contentiren lagen. 

SBann nu^n mit bem Superintendenten aud biefer 
erflärung gerebt, ^att berfelbe fic^ bebünfen lagen, ba« in 
allen puncten i^m gratificirt »erben fönte. SRur »eil er 
JU iWarpurdC 16 itlaffter ^ol; geljabt, fo il;m o^n aQen 



240 

Jtofteit t)ord ^ani gefü^ret iDerbcn mugen, fo tpfifte er 
ber^alben feinen W)at, n^ann nic^t Dnfer gn. f. Dnbt $. 
t^nen bamit uerfe^en liege. @te^et betreiben aUed ju 
3. f. 9. flnebtgcn erftärung. 

Signatam SageH, ben 23. Octobris, Anno 1632. 

Helfrich Deinhardt. D. 

[Fol. 68*] I 06 ^6) jtoar aDcr^anb brfa^en falber lieber fet)cn 

mögen ^), baÄ ftd^ D. Crocius ju Dem ffirfc^Iag, ben Sd) 
get^an, ()ette uerjel)en mögen, iebo^ t)nbt e^e burd^ ferner 
scrupuliren baS nöl)tigc n^ercf in ferner ftedcn geraljte, 
aU bin 3^ gefc^Iogener magen jufrieben, unbt foQ bed 
tjoI^cS falben auftalt gemad^t n)erben, bod^ ^ette ed ber 
Vice-Cantzlar noc^ einmal)l ju tentiren, tjnbt bann auf 
einen ober anbern tt)cg ju fd^Iießen. 

Signatum SafeeQ, ben 26. Octobris Anno 1632. 

aBil^clm. 

Extract aus bcr Bcftallung. 

9?a^bem ber ©urc^leu^tige bnbt ^oc^gcborne gurft 
unbt §err, §err a38ilf)clm ßanbgraff 5UC §c|cn, ©raff jue 
(Sa^enelnbogen, ^ie^, ß'^S^n^^^i^ ^"^^ 92ibba etc. Johannem 
Crocium ber §. ©djrifft Doctorem eine praedicatur in 
ber gre^^eiter Äird^en al^ier ju ubernel)men, gnebig be^ 
Ijanblen lagen, (£r and) mit l^intanfegung aDer t)rfa^en, 
bie il)n bauon I)etten abgalten mögen, ®ott ju eljren, ©. 
f.g. ju üntcrt^enigem get)orfamb, ünbt ber gemeine ju ber* 
Ijoffter erbatpung auf gctüifee maafe önbt conditiones, 
ujcld^e alle fambt ünbt fonber^ uon ©. f.g. öor ^od^gebadit, 
beliebet, genehm gehalten, unbt in einem abfonberlic^en 
brieff, ber iljme in originali jugeftelt ift, Unter S^rer 
eigener Jpanbt beträftigt toorben, bic auf- Unbt ongctragenc 



*) 2(m Staube: Consüium hoc erat, ut D. CrociuH in aalica 
ot Cathedrali Ecclesia per vicos doceret. 



241 

praedicatur übernommen, ünbt ba^cro ed nu{)me^r baran 
Rafftet, bad i^mc ber Derorbnete 3ätjrlic^c {olbt ongetoiejcn 
merbe, al« ift l f. g. ernfte SSerorbtnung bnbt befeftl. 

3u Urfunbt l^oben tpir f. f. g. ©tat^atter, San^Iar 
önbt 9?äl)te berofelben Sanäfei grofeed SnfigcII auf fonber- 
bahren entpfangenen befe^I ^ierauff getriidt. 

@o gefd^etien ju SageQ ben 6. Novembris Anno 1632. 

©erlöge C. 

Unjeren freunbtlic^en S)ienfi iut)or, @()rtuürbtger ))nbt 
l)oc^gc(a^i:ter befonberd guter freunbt, 9Bad t)or inenig 
tagen fid^ uor ein leibiger faß | mit SEBeilanbt St)riftian [Fol m] 
^unbed geh)efenen äiittmeifterd aU)ier nad^gelagenem @ol)n 
aud) S^riftian genanbt jugetragen Dnbt begeben, ba^ ift 
euc^ leiber me^r bann gut befant. SBann nu()n fid^ nic^t 
tf)un lagen mill, bad ber üon ^unbtd SJ^utter biefed fali5 
I)alben befd^ulbigte D. Crocius e^e t)nbt juDor bie fad^e 
au^gefü^ret bie €an^eQ Dnbt Catbeder befteige, 9U ift 
Unfer befebl hiermit, baö 3^r 3^m D. Crocio jolc^ed an- 
beutet, unbt fonftet bie S^erorbtnung t^uet bamit unter 
befen ba^ $rebigambt mit einer gnugfamen quatificirten 
^erfo^n uerfet)en toerbe. ®ad uerfe^en toir ünfi, önbt 
feinbt euc^ freunbtlid^ ju bienen geneigt. Datum CageQ 
ben 6. Martü, anno 1633. 

3)em S^ttpfirbigen unbt ^o6)^ gürftlic^e ^efeifc^e 
gelahrten Dnferm befonbern guten ^Regierung bafelbft. 
freunbt, Paulo Steinio Super- 
intendenten iue Sagen. 

I. 
Responsum Facultatis Juridicae Marpurgensis. 

9lfö m^ Decano Unbt anbern Doctoren ber 3uriften 
Facultät in ber üniversitet ju SWarpurdt Uorgcfefete facti 
species fambt benen barin mit lit. A. B Unbt C bezeich- 
neten copiis jugeftelt Unbt tt)ir über angel^engte frage unfere 

N. F. Bd. XV III. 16 






242 

rec^tlid^e meütung ju eröffnen erfuc^tt ünbt (gebeten n)orben, 
@o ^aben loir bemnac^ fold^e mit gehörtem fleig gerieten, 
Dnbt coliegialiter emogen, Dnbt berichten barauff vor red^t, 
bad pendente processn bad ^rebigambt jur ^e^ljeiter 
fifirc^en jue ISageQ bem ^rrn ConBalenten ju praejudiz 
Dnbt nad^t^eil o^ne feine bemtOigung mit einem anbern 
orbentlid^ nit befteOet merben fönnen, ünbt bad bemnac^ 
nu^me^r §err Consulent pure ünbt aflerbingö burd^ l)rtl)eil 
absolviret morben, er auc^ ju befagten, i()m üerttauten 
angenommenen, t)nbt jut^or t)ertoaIteten ^rebigamt jur 
$re^l)eiter .ffirc^en, fo loo^t aU jur profession toiber ju« 
j^nlagen Dnbt p Derftatten fe^ Don 9{e^tdn;egen, S)efen 
jnr SSrfunbt ^oben mir onfer facultät SinftgeU fjierunter 
trucfen tagen. 

@o gef^e^n ben 12. Septembris, anno 1635. 

Decanus Un1)t anberc Doctores ber Suriften 
Facultät in ber Oniversitet jue SWarpurd. 

IL 
Responsum facultatis Juridicae Erfiirtensis. 

JBnfer freönbtlidj bienft jubor. S^rtoürbiger bnbt 
Öod)gefa^rter, injonberö gfinftiger guter freunbt. 9HS it)r 
ön§ eine speciem facti mit etlid^en JBe^tagen, fo mit A. 
B. C. bejeicfinet, jujrfiidet, mit bitte, Dnjcr re^tlid)ed 
bebenden über bie barin begriffene frage ju eroffnen. 2)em* 
nad} fo fprec^en tuir nad^ fleiftger ertoegung bed angefiif)rten 
facti, önbt berer babei) befinblic^en be^Iogen, fo t)ie[ barauS 
bie ^auptfad)e mit ju oernet)men getoefen, oor 9ied)t: Sltt- 
bietueil bie suspensio tjon bem ^rebigambt, fo Don giirft : 
{Regierung am 5. Martii angeorbtnet, nur interims n^eife 
unbt fo toeit angefe^en, bis bie fa^e jioifc^en eud^ onbt 
ber ?Inclagerin tt)ürbe auögefü^ret Dnbt erörtert. S)iett)cin 
bann berfelbige process folc^er geftalt ein eventum erreid^et, 
bad 3l)r bon biefer §lnRage absolviret, aucf) fold^em Sr^ 
t^eit juefolge S^r tuegen ber profession in integrum 



248 

albeteit restituirt iDotbcn, ald tft auc^ btefe^ Stec^tenS, 
bad 3^t propter eandem causam Unbt in anfe^ung ber 
audfü^rung cn>er unfc^utbt ju bcm ad tempus suspendirten 
officio bed ^rebigambtd tiiniDtber muget restituiret iperben, 
Don "Sitäii^ toegen. 

SStfunbtlic^ befeu ^aben mir bieje^ mit ünfer Facaltät 
SnfigeQ beftätiget. Actum (Srffurt ben 25. Septembris, 
anno 1635. 

^Dem (S^rtpfirbigen Dnbt ^od^* Decanns, Senior ünbt 

la^rtcn §crrn Johanni Crocio anbete Doctores ber 

Theologiae Doctori ünferm in* SuriftenFacultatinber 

f onberi^ gunftigcn guten ftcunbt. üniversitet }u ©rfurt. 

m. 

Responsum Facultatis Juridicae Jenensis. 

aSnjer freunbtiicft bienft juDor. ®^rtt)urbigcr, §oc^* 

gelahrter, gunftigcr guter freunbt. ?Ifö St)r ün« ein Facti 

speciem j^ugeftelt Dnbt boräber ünfere 9{ed|td6eric^tung ge« 

beten, nield^e facti species uon rooxitn jue n)orten lautet, 

tt?ie folgt: ®^ ift in Anno 1633 burd^ ©abinen SKorife 

Officials jpau^fran? jue SageD . . . S)emnac^ fprec^en wir 

mäf fleißiger uerlefung, berer | Dn« sab lit. A. B. önbt C [Fol. 70] 

jugefc^icfteu beklagen unbt erroegung berer oon euc^ in 

ett)er grage angejogenen ömbftänbe uor Siecht, ttjofern cd 

emrem obigen berieft nad) aOent^alben bekoanbt, Dubt 

fonberlic^, bad 3^r innt)alt bed Urt^Id sub lit A. num. 4. 

Don angeftalter $einUd^er anffage gen^Iid^ absolviret Dnbt 

entlebiget roorben, ©o jeit 3^r burd^ biefc absolutori sen- 

tentia eben in ben ftanbt loiberumb gefe|et, barinnen 3^r 

gcttjejen feit, c^e Dnbt 5UDor ber fall, bedmegcn 3t)r |)einli(^ 

beHagt worben, fic^ begeben I|at, berentwegcn werbet Sbr 

au<^ biefen Dnbt anbern Don (Sud) angejogenen Stec^td^ 

gränben, Dnbt Fundamenten nid^t loeniger }u ber prae- 

dicatur, a(S alberett Derftatteter profession, n^etl ratione 

praetensi scandali itoif^en jener Dnbt biefer Function fein 

16* 



244 

aSntcrfc^cibt juemac^cn, plenarie nicftt tonblllic^ tüibcr re- 
stituiret ünbt Derftattet, SBon SRec^ttdlDegen. 33f|rfünbt' 
liefen mit toitfemt SnftegeD befiegelt. 

^em @^rtPUTbtgen t)nbt ^oc^^^ Ordinarius, ^Ded^ant, 

gelahrten §rn Johanni Crocio, senior ünbt anberc Doc- 

ber iQ. ic^rifft Doctorn, Dnbt tores bcr Juristen Fa- 

in bcr löblid^cn ^ot)cn fd^ucll cultat t)ff ber üni versitet 

Professor juc SafecII, ünfcrm ju Sc^na. 
günftigen guten frfinbte. 

Sft einfommen am 8. Octobris, anno 1635. 

IV. 
Responsum Facultatis Juridicae Groningensis. 

SBnfcre freiinbttid)e S)ienftc juüor. (S^rtDÜrbigcr unbt 
.^od)9cfal)rter, fonbcr^ gfinftiger ^rr unbt tocljrtcr frciinbt. 
So S[)r \)n^ eine au^fii^rlt(^e speciem facti, jufambt 
einer gebrucften, unbt jmen gefc^riebenen beklagen mit ben 
lit. A. B. unbt C bejeic^net, jugefc^idt, unbt euc^ Unfere 
rec^tlic^e meinung baruber jneroffnen unbt mitjut^eilen 
gebetten ^abt, @o traben mir bemnad^ biefelbe mit fleig 
uerlefen unbt crtuogen, berichten barauff uor Äec^t, ba^ 
li'oi. 70*1 3[)r ucrmöge bec für euc^ audgejproc^enen | absolatori 
urtbeil in aOe cture uorma^Id gehabte bienfte unbt mürben 
ganglic^ ju restituiren feit, unbt euc^ barann ber gegen 
euc^ gefüt)rtc criminalprocefs nt(f|t ^inberüc^ fein mag, 
siquidem per sententiam absoiutoriam omnia jura recu- 
perantur. Dona, a Fiena [jo!] in enchir. conclus. ex 
reguL verbo Absolutio, ©onften mürbe Absolutio fein 
absolutio, ober je md}t uolfommen unbt ftraff o^ne fflnbcn 
fein, melc^eS o^ngereimbt unbt ber iSernunfft iu miber ift. 
®o t)ettet 3l)r auc^ gemeiner befc^riebenen Steckten nad), 
cmer ^ienften bt\) me^renbem process ni^t foflen privirt 
ober cntfe^et merben per tit. in 1. un. C. de reis post L. 
libertus 17 § in quaestionibus 1. ad municip. in quibus 
expresse distinguitur inter lionores veteres et novos 



245 

Uli retinentar, ad hos aspirare, darante processu non 
licet. 9Son Slcc^t^tücgen. 3*^ SSI)rfunbt ^abcn mir ber 
Academien SnftgcQ aufgctrudt tüeldjcd gcfc^cljen ift ;;uc 
©ruaiiigen am 4. Octobris Anno 1635. 

3)cm S^rtDÜrbigcn imb §üd)» ' Decanus Unbt anbcr Doc- 

getaf)rten .^rn Johanni Crocio torn bcr Simften B'acul- 

bcr §. fc^rifft Doctori ^nbt tat in bcr Academia 

professori primario in ber lob«' ©röningcn ünbt 

lid^cn ©(ftucQ ©afectt, unfcrm Dmblanbt. 
fonbcr«^ gunfliflen §crrn Dnbt 
»ehrten frcunbt. 

V. 

Responsum Facultatis Juridicae Francofiirtanae 

ad Oderam. 

SSnjcrn frcfmbtli^en grufe ünbt bienft juuor, ®f)r= 
milrbigcr, iuoI)l*@f)rl)eftcr Dnbt §0(^gctaf)rter, grofegunftigcr 
^crr ünbt guttcr freunbt. Suff bc« §errn bn« jugefc^idtcn 
beriet (ttjcld^cr bemjclbcn bntcr bnferer ber 3wriften Facultät 
Snpgell ^ierbe^ jurudE fon^jt) fo tt)O^I benen barinnen 
angejogencn, ünbt mit A. B. C. aignirten beilegen, bar^ 
ober ber §err i^mc ünfcr rec^tlic^e« informat juert^eilen 
ün^ erfucftet, fpre^en nac^ peifiger ücrieß ünbt ermegung 
befen aUen, roir Decanus, Ordinarius | ünbt anbere Doctores [Fol. 7i] 
ber 3uriften Facultät in ber S^urf. ©ranbeburgifd^en 
üniversitet ju granffort an ber Ober ju einer betel^rung 
für rec^t, ünbt jue erfennen jein, baö ber §err, nad^beme 
er üon benen wiber il)n angestrengten anctagen, in^att bcr 
betjlagen, sub A. num. 4. pure et simpliciter absolvirt, 
in aßen feinen ?Imbtern ünbt dignitäten, ünbt a(fo auc^ 
in baS ^farrambt, fo er üor ber gefcfte^encn accusation 
gel^abt ünbt üertüaltet, plenissime jue restituiren^ ünbt 
,^u befelben gebraud)^ ünbt ^ebung alfo fort ju ücrftatten 
fe^. (S^ ftet)et if)m and^ beüor fic§ barncben be* reraedii 
capit. § 1 canonici 2 de offic. ordinär, in 6 JU gcbraud^en, 



246 

33on Slec^tSkocgcn. ®e6en ju ^rancffurt ati bet Ober b. 
16. Octobris im So^r 6l)rtfti 1635. 

3)em ©^ttpfirbigen, tPo^l^S^rn« 3)aÄ bicjcä 8Srtl)ciI bcm 
ocftcn unbt [)oc^flc(a^rtcn ^errn regten Dn* ubcrfdjirftcn 
Johanni Crocio, bcr ^. fc^rifft berid^t önbt beilagcn ßc* 
Doctorii Unbt professorn jii mcfe fei, bejeugen mir 
Sa§eU, unfernt groggunftigen Decanas,ordinariusünbt 
t^crrn unbt gntcn freunbt. anberc Doctores ber Ju- 

risten Facaltat in ber 
(£f)urf. Sranbeb. Univer- 
sität iuegranffurt an ber 
Ober mit unfer facultet 
l)ierauf gebrucftem 3n* 
figeU. 

VI. 
Responsum Juridicae Facultatis Helmstadianae. 

aSnjer frefinbttic^c bienfte juuor. (S^rmurbiger, ©Ijrn*» 
Uefter Unbt ^oc^ge(a[)rter gfinftiger guter freunbt. 911^ !Sl)r 
und einern berieft neben egüd^n eingesotten Stec^t^belcl)^ 
Hingen unbt einer Snbturt^il, ben Extract aiid emer be^^ 
ftaUung, unbt Copey ber erfanten Suspension aOed mit lit. 
A. B. unbt C bejeic^net, jugefertiget, unbt über bie baroud 
formirte frage euc^ Unfern SRec^tf^rnc^ juertl^eilen gebeten. 

^emna^ ^aben luir fold^ed aOed mit gcbu^renbem 
fleife uerlefen unbt umbftänblic^ ettpogen. Srtennen unbt 
[Pol. 71*1 fprec^en barauff für rec^t, ba§ ^\)x uermöge | bcr am 16. 
Junii jungft^in jue QagcQ uf bem ^ta^t^oufe in offener 
9tal^tfiuben publicirter Snburt^eiQ, in melc^er St)r uon ber 
uon @abinen ^eugelin äRori^ Ofßcialn .^audframen miber 
euc^ angefteiten ^einti^en anf(age absolvirt unbt entlebiget, 
unbt alfo pro innocente Unbt Unfc^ulbig erfant bad feine 
macula ober scandalum ®n6) im mege fte^en fann, baburc^ 
auc^ bie bid jur audfu^rung ber ©ac^en befd^e^ne suspensio 
ufge^oben, unbt it)re enbtf^afft erreid^et, nid^t aQein jn 
ber eu^ anbefohlenen profession n^ie fc^on gefi^e^en, fon< 



247 

bem Qud^ ju ber in bcr ^rc^^etter firc^eit eud^ auf t)nbi 
angetraßcneit praedicatur, l;inn)ibcr ju Derftatten fcibt, uon 
rcc^t^tpcflcn. 3" örfuiibt ^abcn »ir Dnfcr Facultät SufiflcU 
^ierauff brudcn laj^en. @o gefcl^et)en }ue ^elrnftobt bcn 
21. Octobris, anno 1635. 

2)em S^murbigen, @^mt)eftcn Ordinarius, Decanus unbt 

unbt ^oc^gela^rtcn $rn Jo- anbete Doctores bcr S"* 

hanni Crocio, ber ^eiligen riftcn Facultät bei; ber 

fc^rifft Doctori ünbt primario gurftlid^en Julius uni- 

Tbeologiae professori ^ue versitet. 
SageQ t)nferm gunftigen unbt 
guten freunbe. 

Responsa a sex juridicis facultatibus magno con- 
sensu edita \ ad Illustrissimum principem Sabaeburgi 
commorantem mittit Doctor Crocius mense Decembri. 
nie legit, remittit, et quod tum pacis negotio, quod 
cum Coloniensibus, Monasteriensibus et Paderbornen- 
sibus deputatis tractabatur, occupatus esset^ responsum 
differt in sequentis anni mensem Januarium. Novem- 
bris die duodecimo per Secretarium suum Hofgeis- 
mariam^ quo D. Crocius propter pestem cum familia 
secesserat, missum, praevia gratiae et benevolentiae 
plena salutatione declarat, quemadmodum non invideat 
puram absolutionem ab intentato crimine, et jam pridem 
ex ea causa ipsum professioni per decretum restituerit, 
ita eodem decreto significasse, quod eum suggestui, 
quem ante hunc casum tenuisset, restitutum omnino 
cuperet, cum vero jam alii et locus ille et Stipendium 
sit assignatum^ nee verbum suum principale super eo 
revocare^) possit, se non videre, quomodo istä in re, 
tanquam non amplius inte | gra, D. Crocio gratificari [Fol. 72J 

^) Von diesen AkteostückeD gab Crocius 2 jetzt seltene Drucke 
heraus: „Etliche Rechtsbelehrungen'^ etc. 0. 0. 1635 in 4^, und 
„Facti species* etc. 0. 0. 1636 in 4«. Vgl. Strieder II S. 400 Anm. •** 



t 



) „non*^ ist durchstrichen. 



248 

possit. Interim Heere ipsi in ecciesia Cassellana publice 
docere in qnocanque suggestn et qnoties velit. Prae- 
terea cum dotes, qaibas a Deo sit ornatus, semper in 
pretio habuerit, cumqae labenter andierit, se petere, 
at in aula cum Neubergero per vices deinceps doceat. 
Quam provinciam si sascipere veiit, quamvis existimet, 
ipsam stipendii ampli, quippe quo propter singularem 
Dei benedictionem non admodam indigeat, se tarnen 
id esse assignaturam de sno, cni posflit acquiescere. 
Ad haec cum in hunc novam annam Bector academiae 
non dum sit creatos, se Uli magistratum, qnem primos 
gessissety reditaram esse, ut tanto plenior sit restitutio. 
D. Crocios agnoscit summnm erga se Illustrissimi 
principis favorem, pro eo gratias agit humiliter, et 
innocentiae piae agnitae argumentum interpretatur, 
quod de eo potestate docendi significatum erat. Bene- 
dictionem divinam non negat, quin potius multo 
ampliorem sibi concessam profitetur, quam vel ipse 
mereatur, vel inimici vellent. De stipendio addit, etsi 
continuis multorum annorum exactionibus gravibus 
tristem in modum prae multis aliis sit pressus, et 
exhaustus, atque etiamnunc magis ac magis exhauriatur, 
se tarnen palam facturum esse omnibus, quod non tam 
stipendii quam juris tuendi rationem habeat. Neque 
se obstare, quominus alter ille, quod semel usurpare 
coepit, deinceps retineat; Sibi enim restitutione, quae 
juris sit manifesti, satisfieri, et quantum ad Stipendium 
attinet, alia ratione absque cujusquam damno consuli 
posae. Caeterum provinciam cum Neubergero novo 
superintendente per vices in aula docendi^ deprecatur, 
itemque Rectoratum Academicum, quem sicut optet, 
Casselis nunquam sibi delatum, aut a se susceptum 
esse, ita ostendit, malle magnum rerum dispendium 
facere^ quam iterum suscipere. Petit autem, ut Illu- 
strissimus causam amplius expendat, et ipsum restituat 



249 

saggestni, cai restitaendom esse tot jaridicae facaTtates 
ex jare responderint unanimiter. Qciod si iiat, spundet 
se datnrum esse operam, nt ejus Celsitado intelligat, 
nihil ipsi esse prias, quam nt ofiicia et indastriam ei 
deinceps summa fide approbare pergat. Sed Illustrissi- 
mas conditionibus Hofgeismariae oblatis inhaerebat, quas 
cum D. Crocins certis de caosis non acciperet, vir Clarissi- 
mus Dominus Johannes Petrus Dauberus XIV. d. Febr. 
Anno MDCXXXVI. Academiae Rector creatur. 

Jam quidem aemuli jactaverant, D. Crocium ad 
publicum in Academia docendi munus reverti noUe ^), 
et bonis viris pene persuaserant, eum jam | aliis suam LFol. 72*] 
addixisse operam : Verum et jam ante satis demon- 
straverat, se nee lUustrissimo Principi^ nee Academiae 
operam suam deinceps denegaturum esse, et postea 
Omnibus palam confirmavit. Nam non solum mense 
Febmario An. MDGXXXV de pace Pimensi interrogatus, 
lite adhuc pendente, suam sententiam dixerat, sed etiam 
post absolutionem, cum de P^agensi pace diversae con- 
sultationes instituerentur, adeo se non subdnxit accersitus, 
ut tum mense Septembri, convocatorum professorum 
coUatione praevia, concilium Academiae nomine con- 
ceperit, tum mense Octobri, singulari lUustrissimi man- 
dato^ a Dominis consiliariis Hofgeismaria evocatus ad 
deliberationem venerit, et cum a Serenissimo Rege Hun- 
gariae, moderno Imperatore, principi nostro in puncto 
religionis, eadem conditio cum EUectore Brandeburgico 
et principibus Anhaldinis esset oblata, ex superiorum 
voluntate apud Brandeburgicos et Anhaltinos per literas 
exploraverit, an et quomodo illic religioni puriori cautum. 
Postquam vero pestis in urbe desaevisset, et coetus 



V Landgraf Moriz hatte schon 1624 einmal Crocius seines 
Amtes entsetzt und ihn als: , einen stcifüinuigeu Kopf, einen un- 
ruhigen Pfaffen*^ bezeichnet. Ciatts a, a. 0. 8. 49 u. S. 48 Anm. 1. 



250 

scholasticos, qai dissipatus faerat, esset mediocriter 
instauratosy ad cathedram academicam XXII. d. Febroarii 
rediit, et de restitutionis plenariae jare nonnulla prae- 
fatoB, perrexit in Anti-Becano, ubi ante biennium desi- 
erat, cnmqae ') qua controversias omnibos Evangelicis 
cum Papistis communes tangit, paulo post absolvit. 

Caeterum hoc anno trigesimo sexto et pax tractata 
est varie et bellum varie gestum. Induciae superiori 
anno pactae durabant usque ad Majum, et paciiicatio 
Sabaeburgensis in aulam erat missa, ut ab Imperatore 
rata haberetur. Ille Episcopo Herbipolitano committebat 
negocium, qui suae Majestatis nomine de pacis con- 
ditionibus ageret cum Illustrissimo Principe. Hinc ergo 
mittuntur Legati ^), ne uUa pacis recuperandae neglige- 
retur occasio. Remm momentis diu multumque expensis, 
tandem utrinque consentitur in formulam, cujus a Cae- 
sare coniirmandae spem nostris injicit Episcopns. Unde 
omnium animi, quos aureae pacis desiderinm jam pridem 
tenebat, in eventum sunt intenti. At ille non respon- 
debat expectationi. Interim gravi obsidione a Ligistis 
premebatnr Hanovia, cujus deditio causae communi pluri- 
[Fol. 73J mum no | citura multis videbatur. Quod igitur urbs 
obsessa principis auxilium mature implorasset, et is opis 
pro virili ferendae spem fecisset non obscuram, at in- 
duciae obstare viderentur, et si obsessis subsidio iretur^ 
omnem spem pacis decollaturam esse, prudentes iudi- 
carent, Illustrissimum in pacis tractatione rationem 
haberi Hanoviae, ejusque obsidionem tolli petierat satis 
mature. Sin autem non obscure innuerat, se teneri 
fidem verbis adjungere ac succurrere civitati sibi et suis 
conjunctae multis nominibus. Non quod pacem noUet, 
sed quod fidem urbi sociae datam, honore salvo, violare 
non posset. 

^) npaullo post^ sind durchstrichen. 
'} «quae*^ dorchstrichen. 



251 

Jam qaidem Herbipolitanus se in aula Caeearis 
adhuc laborare signiiicabat, et mittebat, qui de dabiis 
amplius bic agererent [fo!]^ quod Illustrissimus facile 
concedebat; cum vero Hanovia in extremo periculo 
versaretar, et ex adversa parte solam tempua trahi 
videretur, IlInstrisBimus suo consilio nixus expeditionem 
Hanoviensem decernit, et Wentphaliae praesidiis Legate 
suo heroi fortissimo Dn. Petro ^olftapfd, dicto Melandro 
commissis, copias auas cum Leslaeo suecico Campi ma- 
gistro conjungit, atque iter ingreditur. Mniti mirabantur, 
nee deerant, qui improbarent, et rei bellicae peritissimi 
de successu desperabant, hostes vero ridebant, denique 
nonnulli vicini sperabant, profectionem illam fore su- 
premam ac omnino iter ad mortem* Considerabant enim 
unam et viginti munitiones, quibus cincta erat Hanovia, 
bonum peditem illis impositum, equitatum firmum, qui 
adventandi principi se faciie opponeret, ac Gallasium 
in agro Wormatiensi sedentem, qui obsessores sua pro- 
pinquitate firmaturos credebatur. Et sane si omnes 
circumstantias excatias, expeditio erat periculosissima. 
Ne enim aliud nunc dicam, octies mille equites erant 
in Westphaiia parati, qui poterant euntem principem 
persequi a tergo, nisi eos falsus tenuisset rumor, qui 
spargebatur de auxiliaribus copiis, quas dominus Me- 
lander expectaret e Belgio ^). At dum illi Melandrum 
observant, princeps opinione multorum celerius pergit, 
equitatum post levem pugnam in fugam conjicit, muni- 
tionibus compluribus expugnatis, viam ferro aperit et 
commeatum urbi importat XIII. d. Junii^ spectante hoste, 
qui adhuc munitionem primariam tenebat, qua demum 
pulsus est a meridie, quamvis non sine Hassorum damno. 
In I reditu Amoeneburgum in potestatem est redactum [Fol. 73*] 



*) Am Rande: „Haec ex Melandri ore sunt relata: Alii ne- 
gant, tantum equitatum hosti paratum fuisse io Westphaiia.*^ 



252 

et magnam officium Hassiae saperiori ab illastrissimo 
Guilielmo nostro praestitum. Cum enim Leslaeus durius 
eam tractare decrevisset, intercessit et tum incendium, 
tum alia magna mala avertit auctoritate sua. Bergenses 
praesidiarii toto belli tempore quotidianis excursionibus 
magna damna dederant Hassiae. Inde majoris securi- 
tatis causa optabant plurimi, arcem illam in potestatem 
redigi. Princeps ergo obsidet et ad deditionem intra 
I)auco8 dies faciendam sine dubio compulisset, nisi 
Herbipolitani, qui eo tempore hie adhuc morabantur, 
intercessissent. Afiirmabant enim, expeditionem Hano- 
vicam paci non obfuturam, modo princeps ab obsidione 
Bergensi discederet, et a Suecis deinceps sejungeret. 
Discedit castris in Westphaliam promotis et a Leslaeo 
separatur eo fine, ut pacis negocium tanto facilius 
procederet. 

Etsi vero Herbipolitani offensum artificiose dissi- 
mularent, mox tamen ejus signa apparuerunt non ob- 
scura, nee dubium, quin eodem anno in novum erupissent 
consilia, nisi praelium ad Witstock commissum moram 
aliquam attulisset. Illud incidit in diem XXIV. d. Sep- 
tembris, quo Bannierius, postquam aliquamdiu ancipiti 
marte pugnatum esset, ab Electore Saxoniae et Hatz* 
feldio memorabilem, quamvis non plane incruentam, 
victoriam, Leslaei ut ferunt imprimis industria et opera 
reportavit. Jussus erat Götzius Hatzfeldio se conjungere, 
quod 81 in tempore fecisset, omnium judicio vim vix 
sustinuissent Sueci: Verum dum ille arce Hombergensi 
in Hassia et Paderborna expugnanda nimis diu occupa- 
tur, Hassis quidem ingens damnum infert, dum non 
solum omnia passim diripit, sed et imprimis agrum 
Hombergensem et Borcanum penitus vastat; at suis, 
quos maximo cum Caesaris commodo egregie fulcire 
poterat, deest tempore valde necessario. Cum enim 
Paderborna occupata Visurgim cum exercitu transiisset, 



253 

de Caesareanornm clade nuncium affertur, nee ille vel 

Hatzfeldianas reliqnias suis copiis erigere potest, nee 

hostis impetum sastinere. Ideo pedem refert et Hassiam 

iternm invadit, qna tarnen, Bannierio cum suis eam 

ingredien | te excedere cogitur. Unde in Westphaliam [^ol. 74] 

progressiis in Hassiaca praesidia vi versa, Snsatam, 

Werlam, Tremoniam, Lnnam et Hammonam, deditione 

a defensoribus praeter opinionem facta, facile recipit. 

Anno Christi MDCXXXVD Calend. Januar, vir 

Reverendus et ciarissimus, Dominus 6E0R6IYS GRY- 

CI6ER, S. S. Theologiae Doctor et hebraeae linguae 

Professor per raajora Dominorum professorum vota deli- 

gitnr Academiae Rector, quem magistratum gessit usque 

ad octavum diem Julii, quo febri petechiali exstinctus 

ad Dominum in coeiestam academiam migravit, vir vera 

pietate excellens, trium linguarum egregie peritus, deque 

bonis literis et Hassia orthodoxa optime meritus. Ab 

anno enim sexcentesimo quinto usque ad decimum 

nonum logicam et metaphysicam magna diligentia pro- 

fessus Marpurgi, summum magistratum gessit anno 

decimo octavo, qui ei, ad Synodum Dordracenam misso, 

quod diutius ibi subsistendum esset, prorogatus est in 

annum decimum nonum. Ex Belgio reduci facto pro- 

fessionem hebraeae linguae et Ephoratum demandabat 

optimus ille Princeps, Germaniae ocellus, MADRJTJUS, 

beatissimae recordationis Hassiae Landgravius: Utroque 

munere functus est usque ad rautationem Academiae 

factam mense Martio Anno MDCXXIY. Paulo post ex 

eonsilio D. Crocii vocabatur ad Consistorium Eccle- 

siasticum in hac urbe laudatissimi Principis auctoritate 

instauratum eodem anno. Tandem postquam ob tem- 

porum difficultatem spe melioris conditionis hinc pro- 

fectus, per aliquot annos Hanoviae cum familia habitasset, 

in nova nostra schola locus ab lUustrissimo 6UJLJELM0 

datus est hne reverso anno MDCXXIX, quem tum summa 



254 

fide, tum innocaae vitae exemplo nsque ad extremum 
spiritum exornavit, et inde familiae decos, qnod a 
parentibus accf^perat^ illastrius in suos propagavit. Filius 
enim erat pientissimi theologi Doctoris CASPARJS 
CRDCJ6ERJ ob orthodoxiam Saxonia post varias afflio- 
tationes pulsi a GUJLJELMO sapiente recepti, nepos 
Doctoris CASPARJS CRVCJGERJ, quem MARTINO 
LUTHERO in opere Domini conficiendo adjunctum fuisse, 
res ipsa demonstravit. 
[Fol. 74*] I Exequiis honestissime peractis, de alio Rectore 

creando susceptum est consilium et quidem hoc onus 
D. Crocii humeris imponere placebat Dominis professori* 
bus universis: Ac ille multis se excusabat, et aperte 
testabatur, quarta stipendii annui parte se carere malle, 
quam onus suscipere. Cum tamen Dn. professores a 
sententia sua recedere nollent, tandem suscepit plane 
invitus. 

Cum Illustrissimo Principi obitus Rectoris signi«- 
Kcandus esset, ex omnium Professorum voto ac sententia 
scriptum est, ipsius Celsitudo deliberaret ac decerneret, 
cum Academiae fiscus temporum injuria tam sit ex- 
haustus^ ut docentibus Stipendium numerari nequeat, 
an Domini Doctoris Crucigeri professio ad tempus vacare, 
at Ephoratus alicui e professoribus absque peculiari 
stipendio administrandus commendari debeat, donec vires 
Hsci instaurentur. Illustrissimus, Academiae consilio 
approbato, Ephoratum Reverendo ac clarissimo viro, 
Domino JOHANNJ COMBACHJO, S. S. theologiae Li- 
centiato, ejusdemque et philosophiae professori ad tem- 
pus, donec vires fiscus recuperet, supra dicta ratione 
administrandum clementer demandat, literis ad Acade- 
miam datis Lierae ^) in Frisia Orientali tertio die 
Septembris. 



') Leer in Ostfi-iosland. 



255 

Ulis allatis, primum per Rectorem Du. Licentiato 
Combachio Illostrissimi voluntas significata, deinde in 
pleno consessu Ephoratus commendatus est, quem amore 
ac studio boni publici tandem snscepit, quod ut in Dei 
gloriam, Academiae incrementam et stndiosae juventutis 
utilitatem cedat, omniam piornm votum est. 

Etsi vero Illustrissimns tum Ephoram, tum alios 
professores collegio excedere^) jnssisset, cum tamen 
Marpurgi ab initio Academiae, in eodem cum stipen- 
diariis collegio semper habitaverit Ephorus, nee aliter 
vel disciplina servari, vel exercitia ordinaria institui 
continuarive possint commode, praeterea causa mandati 
nunc cesset, Rector et professores, non dubitarunt, quin 
Dn. Combachio habitatio^ quam petebat, assignari possit 
citra principis offensam et mandati violationem; atque 
ea de causa eam ipsi assignarunt. 

XXIY. die Augusti clarissimus et consultissimus 
Dominus Johannes Kleinschmidt J. V. D. qui paulo ante 
jussu Principis in professorum numerum cooptatus erat> 
juramentum professorium praestitit. 

Administratio Rectoratus fuit satis tranquilla. 
Postquam enim sub Domini Doctoris | Crucigeri Re- [Fol. 75] 
ctoratn Johannes Echselius Roteburgensis relegatus et 
ad multorum intercessionem paulo post restitutus esset, 
tum ipse, tum') reliqui adolescentes modestius atque 
ita se gesserunt, ut nulla querela alicujus momenti ad 
Rectorem delata fuerit. 

Caeterum totus hie annus Academiae, civitati, et 
toti Hassiae tristis fuit multis nominibus. Tres enim 
plagae, quibus peccata populi sui Dens panire solebat, 
nobis graves fuerunt. Belli furor horribilem in modum 
grassatus est, dum hostes non tantum continuis ex- 



*) Am Hände: „ante aliquot annos*^. 
') „alii*^ durchstrichen. 



256 

carsionibas omnia reddiderunt infesta, et ommarn or- 
dinnm hominibas captivis abdnctis, diripuerant omnia, 
sed etiam promiscais stapris virginnm et conjagam 
pudorem violarunt absqae aetatis et conditionis dis- 
crimine, ac ferro et igne paseim saevierant exemplis 
inauditis^), imprimis verno tempore, cum in districtom 
Werranum de efEiidissent. Omniom vero maxime, post- 
quam princepe exercitum, quem Eingianis aoxiliaribas 
copiis auctam ad Werram dedactum, illis oppositurns 
videbator^ reduxisset^). Ex eo enim se tanto fnrore 
ad incendia vertebant, ac si intra paacos dies Hassiam 
nostram totam igne essent perditari. Numerant civitates 
octodecim, inter quas sunt illae celebriores Eschwegia, 
AUendorphium, Grebensteina, Homberga, item qnadra- 
ginta Septem domus nobilinm, et pagos trecentos flammis 
exustos. Ex vastatione illa, fames gravis exorta est, 
qua molti perierunt Praeterea febres tam pestilentiales 
tum aliae tam diris exemplis sunt grassatae, ut in agro 
yix quarta hominum, pars superesse credator. In orbe 
quoque febris petechialis et pestis plerasque familias 
infecit, non paucis sublatis e medio. 

Funera, ad quae deducenda Academiam publico 
programmate Rector invitavit a lugentibus rogatos, 
sunt haec. 

1. Gertrud, M. Martini Dexbachii senatoris quondam 
Marpurgensis filia, reverendi ac olarissimi viri, Dii. 
Johannis Combachii theologiae et Logicae professoris 
oxor d. 20. Jnn. pie defuncta et sepulta 22 die 
ejnsdem mensis. 

2. Susanna, viri clarissimi Domini Johannis Hartmanni, 
Doctoris Medici, Illustrissimi Archiatri et Academiae 
Professoris p. m. vidua sepulta. 22. d. Julii. 

') Vgl. HanscTj DeatechlaDd nach dem dreissigjährigen Kriege. 
Leipzig 1862. 

«) Vgl. Itonimcl, Gesch. v. Hessen, Bd. VIII S. 455 ff. 



257 

3. Gertrud virgo pudicissima, optimi illius -PÄÜLJ 
STENJJ judiciosissimi theo | logi, oratoris facun- [Pol. 76*] 
dissimi, episcopi pradentis, aequi ac moderati iilia 

omni virtutam genere comulatissima. 23. d. Jnlii. 

4. Barbara, Domini Magistri Gasparis Josephi Allen- 
dorphensis pastoris et superintendentis nxor 26. 
die Jalii. 

5. Philippas Buoherus, iuris studiosus, dn. Antonii 
Buchen filius, optimae spei juvenis 2. d. Augusti. 

6. Johannes Engelhardus Stenius, magni illius PAVLJ 
STENJJ, paalo ante nominati, filius natu rainimus, 
adolescens excitati ingenii, de quo magna spes erat, 
in illo nobis patrem aliquando redditum iri. Se- 
pultus 4. d. Augusti. 

7. Christina, Experientissimi ac Clarissimi Viri Domini 
Doctoris Ludovici Combachii, Principis Archiatri 
filia, virgo virtute et forma praestantissima. Sep. 
8. d. Augusti. 

8. Dominus Fridericus Becmannus, Dicasterii Assessor, 
aetate florente exstinctus peste. Humatus 12. d. 
Augusti. 

9. Veronica Elisabetha, viri ornatissimi Dn. Johannis 
Leuchten in abbatia Fuldensi antehac praefecti 
conjux, matrona et natalinm splendore et pietate 
clarissima. 14. d. Augusti. 

10. Vir consultissimns Dominus Hermannus Thalmüllerus, 
quondam Illustrissimi OtthonisLandgravii informator, 
post Mauritii et Gulielmi consiliarius^ vir antiqune 
fidei, integritatis et candoris. 20. d. Augusti. 

11. Wilhelmus Neubergerus, bonae indolis et spei puer, 
Saperintend^ntis Cassellani et aulici concionatoris 
snaviloqui, Domini Theophili Neubergeri filius. 26. 
d. Augusti. 

12. Johannes Wilhelmus Becmannus Juris Studiosus, 
Johannis Becmanni, Consulis filius, Friderici Dida- 

N. F. Bd. XVIII. 17 



258 

mari, Consulie ex Hiia nepos^ D. Jasti Didamari 
Hassiae Consiliarii et Comitis Palatini Caesarei 
pronepos, in quo et Johannis Becmanni et Friderici 
Didamari posteritas exspiravit, memorabili sane ex- 
emplo. Citra dubitationem enim et pater et avus 
fuit vir bonos, avos qaoqae tarn innocuae vitae 
homo, at uunqnam uilum offenderit. Et tarnen tota 
farailia intra triennium penitas est exstincta. Se- 
paltus Becmannus Cal. Sept. 

13. Ämalia Cbristina primam Dn. Bartholomaei Wigandi 
J. U. D. post Domini Johannis Gudeni, Secretarii 
uxor 23. d. Augnsti. 

14. Margaretha Josephi Salveldii Zuingenbergensis quon- 
[Fol. 70] dam cellarii iilia, Domino | Philippo Matthaeo J. U. 

D. Academiae Marporgensis professori et bis Rectori, 
Dn. Conradi Matthaei, oratoris et Jiurisconsulti, ejas- 
dem Academiae professoris^ ac in ea Rectoratu quin- 
quies, pro-Rectoratu semel functi filio olim nupta 
et in casto toro novem liberoinm mater facta, at 
viro 18. Jan. anno 1603 viduata vitam vidna pia 
dignam egit, iiberos et in iis tres filios in usam 
ecclesiae et reipublicae optime edacavit; quorum 
natu maximas Dn. Reinhard«« Matthaeus^ vir vera 
pietate praestantissimas, Geismarianae ecclesiae in 
classe Gudensbergensi praeest; secandus Dn. M. 
Bernhardus Matthaeus doctrina et vitae exemplo 
ecclesiam Adelphicam pascit; tertius Dn. Philippus 
Theodosius, juris peritas, non ita pridem janiorum 
principum Dn. Chrisiiani et Dn. Ernesti informator, 
nunc Falckenbergensi praefectiira fangitur. Sancta 
haec matrona altera Hassiae Hanna, cum in snornm 
amplexibas spiritum Deo reddidieset, sepalta est 
9. die Septembr. 

15. Zacharias Liberon Eschwegiensis, theologiae studio^ 
sus, pias, modestos et diligens juvenis^ qui non 



259 

exignam de se spetn excitaverat, et D. Crocio scri- 
bendo suam industriam in familiam receptns appro- 
baverat, cum lento morbo confectus^ diem obiisset, 
sepnltus est 18. d. Sept. 

16. Christina, Domini Hermanni Wolfii, olim Magni 
illios MAURJTJJ, Ärchiatri et consiliarü, vidua 
sepulta 20. d. Sept. Maltos liberos stante matri- 
monio, marito pepererat, e qnibns duos filios ex- 
hibuit reipublicae, anam Jurisconsultum, viram 
amplissimum, Dn. Hermannam WolfiTim, antehac 
Hassiacum consiliarinm, nunc Legatum Suecicnm^ 
alteram praestantem Medicnm, Dominnni Johannem 
Wolfium. Sex filias peperit, quas omnes virtute 
praestantissimas elocavit commode. Sex generös 
iiorentes vidit, duos Jnrisconsnltos, Dn. Helfricum 
Deinhardnm ViceCancellarinm, Dn. Job. Mülleram 
secretariam primariam; duos felices Medicos, Dn. 
Cornelium Taarerum et Dn. Ladovicum Combachinm ; 
Daos oeconomos prudentes et opalentos, Clotzium^ 
qaaestorem qaondam Hombergensem et Pflageram. 
Nepotes, Pronepotes, neptes et proneptes nameravit 
octoginta Septem. Nihil tale, opinor, aetate nostra 
vidit Hassia. Ideo raram divinae benedictionis 
coronamentam, quo virtatem eximiam ornare voluit 
Dens, annotare placait. Erat n. matrona sancta 
quoddam miseroram asylam. Aegris erat medica. 
Maliebris sexos imprimie aatem eias experiebatar. 
Praegnantes et paerperae ad eam tanqaam com- 
munem matrem, confagiebant. Promptitadinis, iidei 
ac indttstriae testis urbs et aala tota. 

17. Elisabetha, Domini M. Thomae Wetzelii ecclesiae 

cathedralis pastoris et Decani, eraditi et optimi viri, 

uxor, Domini Johannis Eleinii J. U. D. filia, Magni 

illias Jarisconsulti Dn. Regneri Sixtini neptis, hone- 

stissima et omni virtatam laude conspicua, cum 

17 ♦ 



A I 



260 

meliurem sui partem Deo reddidisset, terrae data 
[Fol. 76*] est 3. d. Octbr. | 

18. Georgias Wilhelmns Deinhardas, scriba Dicasterii, 
Domini Deinhardi ViceCancellarii ex fratre nepos. 
14. d. Octobr. 

19. Elisabetha Jaliana, Dn. Gregorii Schönfeldii J. D. D. 
et primam in Academia Marpargensi Oratx)riae pro- 
fessoris, post Consisiorii Eeclesiastici Cassellis in- 
staarati Syndici fiiia nnica, Domini Gregorii Schön- 
feldii Senioris, S. theologiae doctoris, postquam 
propter veram doctrinam cum aliis theologis ortho- 
doxis Saxonia pulsos esset, primam aalici concio- 
natoris, post Saperintendentis Cassellani tandem 
Marpargensis professoris, Ecclesiastae et Consistorii 
Rcclesiastici Assessoris primarii, oratoris longe fa- 
cundissimi, qai maltos bonos concionatores Hassiae 
dedit, ex unico filio neptis, virgo castissima, cum 
qua viri de Hassia praeclare meriti, praeceptoris et 
Antecessoris uostri prosapia exstincta est, honestis 
exequiis affecta est. 19. d. octobr. 

20. Anna Sibylla, Dombi Gregorii Stannarii, physicae 
Professoris uxor, suavidici illius aulae iliustrissimae 
oratoris ac saperintendentis gravissimi, Domini Theo- 
phili Neabergeri, filia natu maxima, paterna et pro- 
pria virtute ornatissima, 22. d. Octobr. 

21. Dominus Henricus Rübenkönig, juris utriusque Li- 
centiatus, causarum patronus felix, ex consulatu 
hujus civitatis aliquoties summa com laude gesto 
clarus et bonis omnibus charus, cum conjuge Sibylla 
Lindloide, faemina pientissima, quae vix diem in- 
tegrum ilii supervixerat, eodem conditus est tamulo 
2. d. Nov. 

22. Andreas Ulrici, Domini Henrici Ulrici, diaconi Nea- 
politani, viri docti, pii et modesti, filius, optimae 
spei adolescens, artium studiosus assiduus, cum 



261 

vitam iilnocenter traductam in iilii Dei invocatione 

clausisset, effertur 22. d. Novembr. 

23. Caspar Stenius, Domini Pauli Stenii, viri nanquam 

sine honore nobis nominandi, filius natu major, qui 

ex prole satis numerosa solus hucusque fnerat su- 

perstes^ tumulatur 27. d. Novembris. Cum hoc 

juvene probo et modesto, exspiravit stirps optimi 

illius yiri de Hassia praeclarissime meriti, qui ante 

triennium suos praecesserat, magno sui desiderio 

relicto nobis et omnibus bonis, qui intelligunt ac 

satis expendunt; qnantum referat, ecclesiae praeesse 

hominem sincere pium, veracem, candidum, minime 

(pllavXoVj avx^adrjy avarum, sed q>iXaYa&ov, et mo- 

deratum. Goncurrebant enim in iilo viro virtutes 

episcopo dignae. 

Atque haec fnerunt privata funera, quae privatae 

familiae luxerunt; accessit publicum, quod tota Hassia 

orthodoxa acerbe luxit. Illustrissimus prin | ceps 6UJ- [FoL 77] 

LJELMVS V. pater patriae, Allendorphio re versus, cum 

exercitu moverat in Westphaliam, et postquam aliquamdiu 

ibi consedisset, Yechtam occupaverat. Cum vero locus 

deligendus esset, ubi cum suis commode tutoque sederet^ 

donec pacificationis negocium, cuius reassumendi mentio 

injecta fuerat, honestis ac aequis conditionibus perfice* 

retur, et de Frisia orientali a Ligistis occupanda non 

obscurus rumor spargeretur, minime committendum esse 

dncebat, ut praeveniretur, eo quod praesidiis Westpha- 

licis maximum damnum inde posset inferri. Praevenit 

igitur Ligistas. Verum Frisiam orientalem vix ingressus 

erat, cum gravi morbo tentaretur, quo decessit Lierae 

Frisonum XXI. d. Septembris. Multae virtutes in illo 

concnrrebant. Erat religionis purioris acer defensor, 

benignus literarnm patronus, libertatis Germaniae stre- 

nuus vindex. Erat justus, patiens^ prudens, fortis, 

Clemens, constans. Tum in bello, tum in pacis tra- 



262 

ctandae negocio primam Uli reKgionis parioris fuisse 
curam acta perspicae docent. Inter arma non neglexisse 
literas, testis Academia in medio armorum strepitu 
condita et ad mortem osque conservata. Libertatem 
privatis commodis praeferebat. Jastitiam in regimine 
multis speciminibas comprobavit. Qaam malta et gravia 
tulerit, prinsquam arma caperet, omnibus notam. Cum 
IllastriBsimo parente volente, adiret imperium, Ligistae 
integrum fere quadriennium in Hassia nostra conse- 
derant, diripuerant, expilaverant, exhauserant omnia. 
Nihil tamen movebat, sed precibas instabat, et tributi 
per militem a subditis exacti summa, qoae viginti milli- 
ones excedebat, designatione Caesari oblata, petebat 
liberationem, aut saltem mediocrem mitigationem. Cum 
nihil proficeret, ferebat patienter, donec statibas Evan- 
gelicis ab Electore Saxone Lipsiam evocatis de religione 
et übertäte defendenda publica consultatio institueretur. 
Id quod magnum prudentiae argumentum semper duxi. 
Tota iüius militia illustre fortitndinis speculum fuit. 
Inde exercitus, ei quid majoris momenti faciendum esset, 
illo praesente ac duce rem aggredi amabat, illum ab- 
sentem requirebat, in castra venienti applaudebat laetus. 
Duces vel hoc uno nomine gaudebant, quod in summis 
difficultatibus consilium aptum ex tempore inveniret. 
[Fol. 77*] Clementiae trophaea passim exstant. | 

Quamvis hostes barbarica crudelitate ac incendiis 
in Hassia grassarentur, et non deessent, qui talionem 
omnium commodissimam furoris reprimendi rationem 
judicarent, adduci tamen non poterat, ut par pari 
referret. Tam praeclara constantiae documenta nobis 
reliquit, ut constantis titulo posteritati non immerito 
commendetur. Nee ullis blandimentis nee uUis minis, 
nee damnis, periculisve ullis a religionis sincerioris 
tuendae, a fidei federatis servandae, a publicae libertatis 
retinendae studio dimoveri potuit. Cum ex I)n. Gun- 



263 

derodio suo ad Saxonem legato reduce domam facto, 
Be special! recessu a pace Pragensi exclusum esse co- 
gnosceret, nonnihil qaidem commovebatur, raox tarnen 
se ipsam recoUigens dicebat: Innocenti qaidem mihi 
hoc accidit et arma contra voluntatem meam gerenti; 
qnicquid tarnen Deo placet, idem mihi .quoque placere 
debet Et paulo post: Crediderim, si pace fuissem 
comprehensns, me fortasse cum maltis, quod rectum 
non est, approbasse, nunc persuasissimum habeo, me 
Deo charom esse, quippe qai me exdadi permisit, ne 
peccarem. Saepo detestabatar pacis iustae, aeqaae et 
universalis impedimenta, inter quae principum privata 
commoda primum agmen ducere, non sine justo dolore 
pronunciabat. Non semel ex eo vox illa audita est, 
Dtinam mea mihi salva essenti Ex omnibus occupatis 
terris ne culmum quidem peterem mihique vindioarem. 
Tertio die ante mortem, cum se solum in conclavi esse 
pntaret, finitis precibus, Deo votum ponebat, si vita 
ipsi concederetuT, se quieturum non esse, priusquam 
subditis pacem reddidisset. 

Funesto casus tristissimi noncio in urbem aliato, 
conciliarii clausis urbis portis, omnes ordines in lUu- 
strissimi Junioris principis GUJUELMJ VI. a patre 
designati successoris iidem adigebant Rector et pro- 
fessores in dicasterio homagium praestiternnt: illuc enim 
Rector a Consiliariis monitus professores evocaverat. 
Princeps pie defanctus testamentum ante aliquot annos 
condiderat, cum id XXI. d. Octobris aperiendum esset, 
consiliarii petebant a Rector e, ut ipse et professores | [Fol. 78] 
venirent. Venerunt stato tempore, et tum iilis, tum 
quibusdam e nobilitate praesentibus, Testamentum aper- 
tum et praelectum est, postquam testium sigilla essent 
agnita. In eo tutelam filii et administrationem reipu- 
blicae lUustrissimae AEMiliae Elisabethae conjugi, nunc 
vidnae, sie commendat, ut quinqne viros et quidem 



264 

duos e nobilibns, tres b literatis consiliariis ei cum an- 
^ ctoritate adjungat, sine quibus nihil agat, nee ullum 

mandatum edat, quod non sattem ab nno illorum nit 
subscriptum. Si qui decedant, alios ejosdein ordinis 
rnox surrogari debent ex superstitum voto et sententia. 
Praeterea statuit, sedecim consiliarios terrestres, et qni- 
dem e nobilitate sex, e civitatibas totidem deligi debere, 
quibus quatuor doctores, aut alii literati ex officialibus 
adjungantur, qiiibuscum lUustrissima Tntrix et regentes 
de gravioribus patriae negociis, quoties usus postulat, 
communicent. Executores testamenti constituit Sereniss. 
Pbilippum Ludovicum comitem Palatinum et Henricum 
Auraicum, Belgii gnbernatorem. Imprimis laude dignum 
est, quod religionis purioris defendendae, ad posteros 
propagandae et Academiae conservandae amplificandae- 
que curam Dn. Tutrici, Regentibus et caeteris consilia- 
riis tarn studiose mandavit, ut hos ad religionis ortho- 
doxae, quae Dei beneficio apnd nos publice servat, 
conservationem jurejurando obstringi velit. 

Illustrissimi nostri Guilielmi mortem consiliarii 
Cassellani Illustr. Georgio Darmbstatino significabant. 
Hac ille occasione usus tum ad eos, tum ad omnes fere 
Hassiae inferioris status Caesaream quandam declara- 
toriam valde dnram mense Aprili adversus principem 
nostrum editam, quam hactenus apud se presserat, cum 
severo mandato de parendo mittebat, statusque ad 
diem XXV. octobris Alsfeldiam evocabat. Consiliarii 
respondent illi pro re nata, at status hortantur, ut in 
junioris principis Guilielmi iide constanter perseverent, 
neque compareant Alsfeldiae. Illustr. Georgius Darmb- 
[Fol. 78*J statinus sie instat, ut literis ad consiliarios datis | 
amicae tractationis mentionem inferat, quam cum Con- 
siliarii minime negligendum esse, censerent, mittunt 
Marpurgum, qui conditiones audiant, de iis agant sine 
praejudicio et referant. Illic per suos varias conditiones 



265 

easqnd satis duras proposuit, de quibus sermones a 
d«patatis ultro citroqae sunt habiti. Interim comitiorum 
Alsfeldianorum consiliam non omittit, sed 29. et 30. d. 
Octobr. datis literis graviter exprobrat ordinibus, quod 
non obtemperaverint, et iterum evocat curiles in locuni 
ad diem XXVI. Novembr. Contra consiliarii nostri 
principis literis XV. d. Nov. datis ordines laudant, quod 
Alsfeldiam non sint profecti, coniirmant in tide ac ob- 
sequio et monent graviter, ne deinceps compareant ullisve 
persuasionibus oedant 

Deputatis Marpnrgo reversis, ex omnibus ordinibus 
in lianc urbem aliquam malti evocantur^ quibus con- 
siliarii XXI. d. Novembr. prolixe referant, quid post 
Ulustrissimi nostri Principis obitum, lUustrissimi pupilli 
bono, ad diversos Principes scripserint, egerintque, im- 
primis vero quomodo cum Illustrissimo Georgio land- 
gravio per deputatos contulerint sententias absque prae- 
judicio, quid ille per suos in publicis et privatis propo- 
suerit, quidque ipsi vicissim reposuerint, quibus omnibus 
praelectis rogata est ordinum sententia, quae post aliquot 
dierum deliberationem scripto obiata est Huic gravi 
et longae consnltationi, Academiae nomine, Rector D. 
Crocius et D. Gravius interfuerunt. 

Ex bis ipsis comitiis ad Caesaream maiestatem 
Ordines mittunt libellum supplicem, quo pro juniore 
Principe et coniirmanda administratione testamento con- 
stituta, humilime intercedunt; Electori Saxoni, cuins 
monitoriales in favorem lllmi Georgii Darmbstadini, 
inter Ordines in forma patente sparsae fuerant, itemque 
Duci Luneburgensi Dn. Georgio^ qui ad parendum Gae- 
sareo | mandato hortatus erat, respondent. Praeterea [Fol. 79] 
literis ad Brandeburgicum, Moguntinum, et Coloniensem 
Electores, itemque ad Neoburgico-Palatinum, et prae- 
snlem Herbipolitanum^ aliosque Principes scribnnt, ac 
junioris Principis causam illis diligentissime commendant, 



266 

nibilque eoram omittunt, qnae ad conservandum Prin- 
cipis statnm et patriae salntem factara videbantur. 
Mittitar quoque, qni Iliustrissimae viduae de omnibus 
referat, et ab ea mandatam afferat, de continuanda 
Marpurgensi tractatione. 

Vix solntos erat ordinum conventos, cam Mar- 
pui^o afferretur extensio Caesarea, qua exceptiones ab 
hac parte allatae declarantur irritae et iubentar omnes 
Darmbstatinam agnoscere Administratorem. Durante 
ad hac proximo conventa, Gaesarens Generalis Götzius 
com numerosis copiis Hassiam nostram invadebat, idqae 
si veram est, quod malti afürmabant, ex literis inter- 
ceptis constape, a malevoHs evocatus et persnasos, hoc 
pertnrbato rernm stata non solam alias arbes sed et 
Metropolin in potestatem nuUo negocio redigi posse. 
Jam quidem magna damna subditis intulit, non tarnen 
aasos est urbem nostram tentare. Sab finem Decembris 
iteram convocantar Ordines, Projecta, qaae vocant, tum 
Marpargensia, tum Cassellana de publicis et privatis 
proponuntur ac de reram summa deliberatio instituitur, 
cui Rector et Gravius intersunt. In hoc conventu ad 
Caesaream Majestatem et principes iterum scribunt or- 
dines, causamque Illustrissimorum pupillorum et patriae 
fideliter aguni Deputantur quoque tum qui Marpur- 
gensem tractationem continuent, donec Illustrissimae 
mandatum afferatur, tum qui Groningam profecti de 
omnibus Illustrissimae plenissime referant et persuadeant, 
ut ad redimendam pacem faciat, concedatque, quicquid 
bona conscientia üeri et concedi possit. Ad Marpurgen- 
sem tractatum deputantur e cousiliariis Guilielmi^ D. 
Johannes Antrechtus, cai ab Illustrissima Juliana vidua 
Laurentius Stückerodius adjungebatur, ex equestri ordine 
Franciscus Elgerus a Dalwig, Generalis Major, Philippus 
[Fol. 79''] a SchoUey, Christianus a Malspurg, | e civitatibus Chri- 
stophorus Ungefug, Consul Gassellanus; At ad expedi- 



267 

tionem Groningensem e consiliariis Otto a Malspurg, 
Generalis commissarius, e praeclaris D. Johannes Crocios, 
e nobilitate Jastos Trotta, et Reinhardos a Boineburg, 
e civitatibus, Henricns Wagehals, Hombergensis consul, 
deliguntar. Jam quidem D. Crocias diu multumque se 
excusabat, cum tarnen et consiliarii et ordines magno 
consensu instarent, cumque variis rationibus urgerent, 
tandem persuaderi sibi patiebatur, ut iter longum difH- 
cile ac periculosum amore pnblici boni cum caeteris 
ingrederetur. 

Denique cum tam in superiori quam hoc postremo 
conventu, spem de publicis commode satis transigendi 
non exiguam affulgere, modo de privatis inter duas 
Ulustrissimas familii^s conveniret, in bis auteni prae- 
cipuam esse difficultatem ordines ex actis intelligerent, 
quod Uiustrissimus Georgius landgravius evictionem 
superioris Hassiae adversus Illustrissimi Mauritii ex 
secundo matrimonio filiorum actionem, quam moliri 
velle, ex scripto confederatis Francofurti anno MDGXXXIV 
oblato non obscure pateat, a Guilielmea Linea peteret, 
non quidem suadebant Illustrissimis pnpillis, ut tantum 
onus in se susciperent, censebant tamen, cum lUustris- 
sima Juliana vidua agendum esse, an filiorum suorum 
nomine omni jure et praetensioni, pacis promovendae 
causa, renunciare velit. Missi igitur sunt, qui alias 
rationes eam in rem proponereni Iliustrissima Juliana 
lUustrissimum filium Dn. Hermannum substituit, qui de- 
patatos audivit, verba omnium nomine faciente Bectore 
D. Grocio. Postridie revocatis in aulam snam Deputatis, 
declarabat per consiliarios animum pacis reparandae 
cupidum, nee a transactione alienum modo conditiones 
aeque proponerentur. Cum vero nee depntati ullam 
offerendi potestatem haberent, nee illi vellent exprimere, 
discessum est et de re tota post deliberatum amplius, 
tandemque post mutuos sermones in alio congressu 



268 

conditiones consignatae, de quibiis ad IHastrissimam 
Tutricem ac regentem referatur. Atqae liaec sant^ 
[Fol. 80] quae hoc loco referre placuit. Deus ecciesiam et religij 
onem orthodoxam clementer servet ac ad posteros, si 
qni futuri sunt, propaget, Gailielmeae lineae et toti 
fainiliae Hasso-Cassellanae IllastrUsimae benedicat ex 
alto, consilia hostinm et malevolorum molitiones potenter 
evertat, et pacem justam aeqaamque patriae reddat in 
diebus nostris, si quidem nobis salatare est; sio, patien- 
tiam largiatur, ut omnes molestias et ealamitates forti 
animo feramus, servemus fidem et absolnto carricalo 
in veram patriam transferamur illic aeterne quiete ac 
gaiidio fruituri. 

Cassellis extremo decemb. Anno Christi servatoris 

MDCXXXVII. 

Johannes Grocius D. 



[Fol. 81-«8 leer] 

[Fol. 80 1 Anno Salutis per J. C. Recuperatae 

MDCXXXIX. 

Galendis Jannarii. 

Communibas Dominorum professorum vocibas et 
votis in Rectorem electus est Augustinus Nolthenius 
Immenhusanus Hassus phiiosophiae moralis professor 
Ordinarius. 

Qui licet ob multas difficultates, praecipue vero 
administrando rei oeconomicae, quae injuria temporum, 
et nonnullorum ministrorum Acad. cum ignavia, tum 
protervia adaugebantur quotidie (unde Novellae Acade- 
miae nostrae cum confusione damnum accrescebat im- 
mensum) terque quaterque hoc munus arduum laboris, 
invidiae, odii et taedii plenissimum maximis excusatiofnum 



269 

niomentis deprecaretur, scd frubtra stataentibuH aliud 
legibus ; nolens volens tarnen illud subiit tandem, diutius 
senatus Academici sententia refragari piaculum judicans. 
Hujus anni auspicium, aleam Martis incertam, et 
belli eventnm dubium esse, ad oculam docuit. Suecos 
enim, quos superioribus annis Caesarianos ') ex omnibus 
fere mundi plagis, cum ingenti raultarum provinciarum 
calamitate, coactos cassibüs quidem suis includere, et 
uno quasi ictu ad Caligulae votum ad unum omnes 
ferire conatos; Ast contra omnium spem et exspecta- 
tionem, Johannis Banneri Gastrornm praefecti Generalis 
(qui non minus esse exercitum suum conservare exiguum 
a multorum furore, quam ingentem et ferocientem vin- 
cere hostem, ejusque vires praelium detractando potins 
quam aperto marte decernendo conterendas esse cogi- 
tabat), admiranda militari prudentia, industria et vigi- 
lantia, feda inferioris Saxoniae facie relicta, ex dictorum 
faocibus et manibus ereptos, per saxa, per montes et 
mille discrimina, quamvis non absque multorum suorum 
amissione, suadente id belli ratione, velocissimo pro- 
gressu, impedimentis et sarcinis minus necessariis aut 
combustis aut abjectis ad mare Balthicum usque salvos 
et incolumes reductos fuisse, audiveramus; eosdem hoc 
anno resumtis ex praesidiis et ex Suecia missis au | xiliis [^o\. 80^] 
et viribus, recuperatis multis et nonnullis cum Gartza [f o !] 
ad hosti et incolis terrorem incutiendum, ut in reddendis 
reliquis ^) essent faciliores, solo aequatis locis, qui fuge- 
rant^ ante, ut cum Demosthene loquar, ut denuo pu- 
gnarent leonum rugientinm et ferocientium instar hostem, 
de victoria ante victoriam triumphantem iterum fugasse, 
suis hyberniis tanquam latronum et furum antris, cum 
praeda miselli populi lachrymis et imprecationibus 



') Corr. aus „CaesariaDis*'. 
*) «locis*^ darohstrichen. 



270 

onustam hyeme fdgae tempore difficillimo ejecisse, de 
loco in locmn, de angulo in angalnm per Pomeranomm, 
Hegapolitanorum, Bmn&uicensiam, Lunebeigensiom et 
Saxonum terras continnis veiitationibus et caedibos 
nrsiBse, et cnm nnlli hi pedem figere, nee apud hospites 
ob tyrannidem exercitatam tatos esse posset, sine mora 
et qaiete data, per vias strage facta nndiqne totnm 
pavidam talionis animadvertentem paenam [fo !] in Bohe- 
miam ad Pragae maenia usqae repulisse, vidimos laetanti 
animo, ibi incendinm, ande ernptam erat, sopitam iri, 
magna cnm aniditate sperantes. Vemm nondom omninm 
malorum finem faisse, series temporis dooebit. 

Com aatem Bannero Suecomm Dnci et in Saxonia 
Pirna hvjas novae calamitatis sede expngnata et in 
cineres redacta, et in Bohemia omnia ex voto ita snc- 
cedere, Gallatium moenibos Pragensibns cum peste et 
fame jam conflictantem inclusnm, at ex eaatris Bran- 
disianis ad multa milliaria damnosas quotidie Keri ex- 
cursiones videret, sibique metneret Imperator ne Moravi, 
Silesii, Bohemi et alii, in quoram animis adhuc mala 
a domo Anstriaca ab initio bajns belli illata haerebant 
firmiter, in qnoram anribus minamm, comminationom 
et de expellendis et de supprimendis evangelicis edicto- 
rum tenor tinnibat fortiter, ad Snecorum instigationem, 
liberationis a jage papali spe moti, Ungaros ob idem 
fere vacillare videntes, a se plane deßcerent, et cum 
iisdem totam formidolosissimi belli molem in terras suas 
baereditarias devolverent; agitatus hac summa solicita- 
[Fol. (K)] dine omnia belli momenta captat, | Viennam novis pro- 
pugnaculis munit, ab Yrbano YIII. p. Romano His- 
paniarum Rege et Bavaro aere, milite et consilio non 
parum adjutus novum hinc inde ex omnium gentium 
collnvie cogit et conglobat exercitum celeritate, qua 
fieri potest, maxima. Insuper Comitem Hatzfeldum 
Castrorum praefectum ex Westphalia, Piccolbominum 



271 

ex jnliacensi agro et locis vicinis in subsidiam advolare 
jabet. Et ne ob maltitudinem capitam, ut antebac 
factnm saepius, res militaris quid damni pateretur am- 
plius, adque majorem eamma rei conciliandam aathori- 
tatem, Arcbiducem Leopoldum Guilhelmam fratrem ocyns 
pragam exercitui universo Generalissimum sistendum 
ablegaty et ne quid ageretar inconsultius, Consiliam 
Belli formatum, cujus director esset Teutonici ordinis 
Magister, vir senex, scientia, prudentia et expehentia 
militari magnus, non sine rationam pondere ei adjunxit. 
Atqae sie regnum illud quod aliquantulam respiraverat, 
tanquam malorum diluuio inondatur, ab utraque parte 
ferro, flamma et incredibili militis insolentia misere 
devastator denuo. 

Caeternm, qaoniam in bello ingenia heroica tarn 
aliorum trophaeis, quam propriis suis victoriis ad majora 
conanda moventur ut plurimum, Bernhardus Dax Vina- 
riensis mente et manu strenuus cernens Imperatoris vires 
partim distractas, partim a se ducibus tum caesis tum 
captis dispersas, utque gloriosissima ter, quaterve iterata 
et in nuclenm et medullam hostis obtenta victoria recte 
uteretur hostem persequendo, neque occasionem^ cujus 
in bello magnum momentum est, negligeret ullam ; 
Rheinfelda supra Basiliam et infra Brisaga Rheni prae- 
sidiis, Imperii clavibns, totius Alsatiae atque clericornm 
capistris nuper feliciter captis, commeatu et milite sat 
munitis; In Burgnndiam suorum ante malorum fontem, 
hostis nidum et asylum (ne illic locorum dissipatorum 
ri^Iiquiae convolarent, seque meliori fortunae Duce Lotha- 
ringiae authore parare inciperent iterum) bigis et qua- 
drigis contendit et victricibus suis armis, munitissimis 
aliquot etiam viriliter protectis locjs occnpatis, ad San- 
ctum Claudium, ut cum papicolis loquar, progreditur 
usque. Quo transitu ßrmissimo non sine magno damno 
aper|to, tanquam alter Caesar per montem Jurae, [FoL 90*] 



272 

jubente sie Galliaruin Hege per Sabandiam in Italiam 
victriosnm suam militem traducere potaisset facile ; nisi 
consiliis forsan ad majora tentanda praevalidioribus 
revocatus seu fatis potins inde fuisset retractas inevi- 
tabilibus. Postquam n. S. Claudii metropolis istius 
terrae expngnatione mnltorum animos ad obsequium 
flexisset, praesidiumque fortioribus locis imposuisset, 
reliqunm exercitum ad diversionem absqne dubio alibi 
faciendam festinato Colmariam reduxit. Sed hie mors 
praecox et immatura, statuente sie alind Jehova, festi- 
nantem et in media victoriarum via currentem pedem 
sistere jassit et eonatibus ejus alterioribas finem im- 
posnit. Correptus enim peste, qua exercitas tant tem- 
poris affligebatnr maxime, non sine magno maerore et 
confederatomm et militum suorum Nenburgi XVII juIi 
1 hora VII. matutina obiit diem säum, cum exegisset 
trigesimam quintum annum, prineeps, cui boc seculo 
in bello gerendo vix parem Germania dederat. Exuviae 
ejus XIX. cum lugubri pompa Brisagam dednetae, et 
finita oratione funebri, in Sacello Basilicae istius loci 
repositae fnere. Hujus obitum et abitum praematurum 
prae aliis Galliarum Rex, quod alias insuetam illic, cum 
tota sua aula lugubri omatu condecorauit. 

Ne vero tam egregie formatas totque victoriis 
clarus exercitus a morte ejus sine duce relictus factioni- 
bus et seductionibns rei militaris malis exitiosissimis 
Bubortis difflueret subito, et bonae eausae triumphus 
cum ejus obitu intercideret prorsus, testamento soienni 
prudenter eonstituit, ut quatuor hi viri, videiicet Baro 
ab Erlach Generalis major, Oehemius, Comes Nassovieus 
et Rosa chiliarchi prae aliis prudentia et authoritate 
poUentes, exercitus universi cura suscepta, statim a 
discessu ejus ex vivis consilium formarent beliicum, a 
|Fo]. 91] quo, donec | a Gallorum et Suecorum Coronis Gene- 
naiissimus nominaretnr alius, dnceretur et regeretur idem ; 



273 

Utque majore cum fervore^ constantia et fide rem hanc 
arduam sibi commissam aggrederentur et ad finem per- 
ducerent, in snmmae clementiae signum et singularis 
magnificentiae testimonium cum aulae ministris, hos 
quatuor prae reliquis splendidis honoravit donis. Hi 4 
Dicti public! boni amore ducti, sacramenti et officii 
memores, forti et alacri animo rei gerendae habenas 
arripiunt, et difScultatibus nonnullis statim a puncto 
mortis Imperatoris, ut fieri solet, exortis feliciter com- 
positis, atque ex suo numero Brisagae cum firmissimo 
ex Gallis et Snecis praesidiario misto milite, Generali 
Majore ab Erlach relicto Rectore, cum reliquo exercitn 
a tali mutatione aequo insolentiore facto, per aliquot 
menses hinc inde volitant, commodam reficiendi et 
restaurandi eum quaerentes sedem, tandem ad Rhenum 
declinant et Bingo loco opportuno occupato, praeter 
omnium opinionem, miris modis flumen transmeant. 
Quibus Darmstadinus cum Weteravis hybernia, quae 
paulo ante Hassiacis imprudenter maiorum consiliis se- 
dnctus denegaverat, cum magno suorum snbditorum 
damno concedere cogitur. Qui ditionem suam aere, 
frumento, pecore et populo exhauriunt fere totam '). 

Circa hoc tempus appulit Galliarum Regia nomine 
Yiduo exercitui sistendus Legatus Dux Longeuillus, quem 
Vinarienses non sine summa difficultate non tam per- 
sonae authoritate, quam pecuniae spe moti, longe post 
tandem admittnnt. Imperium n. Gallorum prout leve 
et inconstans est, ita Germanis semper ridiculum et 
taediosum Visum fuit. 

Et postquam Christophorus a Konigsmarch Gene- 
ralis excubiarum praefectus Bellonam cum aliis Suecorum 
conatibus hac tempestate maxime favere animadverteret, 
nee sibi, data occasione, feriandum putavit, Quocirca 

») Vgl. Lammert^ Gesch. d. Seuchen, d. Hungers- n. Kriegs- 
noth z. Z. d. SOjähr. Krieges. Wiesbaden 1890. 

N. F. B<L XVIII. 18 



274 

Darmstadino ante Yinariensium adventum ingente aeris 
copia emuncto, recta Franconiam petit, eiqae at firmaret 
[Fol. 91*] et formaret subito militem in | sumptas bellicos XXX 
millia thaleromm menstrua imperat, post versa in Eis- 
feldianos agros facie Eppium tribunam Caesarianum cnm 
suis equitibns fadit, Duderstadio praesidium imponit, arcem 
Gleichensteinensem post dies aliquot obfessessam [fo !] et 
mascnle propugnatam in Suecorum potestatem redigit, 
Grisheimum Apostatam totius Eisfeldiae gubernatorem 
multarum turbarum et ex iis malorum conterminis ad 
Werrham locis illatorum . authorem, hominem versutum 
capit, Mindamqne mittit, ac sie reliqna loca victas 
praebent manus. Sub haec Georgius Dux Luneburgicus 
edicto Caesaris de restituendo Coloniensi episcopatu 
Hildesiensi grauiter olFensus spe snbsidii futuri in euen- 
tum a Bannero ipsi facta non parum erectus ac Hasso* 
rum iide ac constantia multum confidens consilia nova 
agitat, confestim militem conscribit, Hildesiam munit, 
ex dioecesanis octavum armat virum, mavultque omnem 
jacere aleam et aperto marte cum edicti executore de 
summa Rei certare gloriose, quam sponte cedere igno- 
miniose. 

Dum ita in Germania ancipite pugnatur marte: 
Gallus qni terrae occupare facile novit, sed easdem diu 
conservare nondum didicit, a multis annis, belli quoque 
aleam hoc tempore experitur adversam. Nam cuncta fere 
loca in Italia et Sabaudia qua facilitate capit, et illa 
paulo post amittit eadem. Fonterabiae obsidionem 
princeps Condaens, Didenhoviae Feckierus utrique ab 
Hispanis caesi cum dedecore et damno maximo solvere 
cogunt. Unicam autem Hesdinam ^) tum a civibus tum 
a praesidiariis viriliter defensam Rex ipse. Cujus in 
ejusmodi Gasibus praesentia multum potest, octavo in- 
suitu feliciter expugnat. 

*) Hesdin im Dep. Pas-de-Calais. 



275 

Inter Anglos et Scotos hoc anno gliscere incipiunt 
tnmaltas eo, qnod Britanniae Rex contra pacta Caere* 
monias in ecciesia Scotica inasitatas vi introducere 
conatur; propterea etiam Scoti ad arma prosilinnt per 
Sceptrnm et Cbronam Scotiae jnrant, se libertatem 
suam ad extremnm vitae halitum omnibus modis esse 
vindicaturos. 

Belgae, quibus ab antiqno versipellis Hispani na- 
tura perspectissima, cum suo exercitu circumvolitant 
animis et oculis ad | hostem conversis observantes, quid [Fol. 92] 
tarn admirabili terra marique belli aparatu sit mali 
moliturns. Tandem vero cum Glassem navalem non 
multo ea^ qua anno 1588 totam Angliam tremere faciebat 
inferiorem, cum Duce Oquendo thalassiarcho emissam 
prope Doveram Angliae portum haerentem deprehen- 
derint probe scientes, in hac totius belli momentum 
situm esse; ea propter ex omnibus portibus naves de- 
repente cogunt et Martine Herpero Trompio Hollando 
rei classicae et navalis istius summam gerenti in sub- 
sidinm mittunt, qui eam, sine data mora, animose 
aggreditur, et diu quidem cum ea ancipite marte con- 
fligit; tandem tarnen singulari aeterni Jehovae nostrae 
calamitatis inserentis gratia, secundo adjutns vento eam 
caedit, dissipat et reliquias paucissimas iaceras tantae 
victoriae nuncias in Hispaniam reportare cogit. Ac sie 
cum bac classe consilia cruenta multis extrema pericula 
minitantia, justo Dei judicio, in spumam et fnmum 
abeant. 

Fuerunt iterum Francofurti comitia habita, sed 
praeter comitia nihil Instituuntur ejusmodi moderno 
tempore multa, spe facnnda sed fructu sterilia, in quibus 
quidem prima quaestio de pace aurea restauranda; sed 
Conclusio ultima de hello nefando continuando. 

Haec altius repetere et prolixius studio enarrare 

voluit, ut ex dictis innotesceret, quare Hostis Hassorum 

18 ♦ 



276 

separationem toties quaesiverit, inducias cum eis saepias 
redintegraverit, tractatos pacis modo Herbipolitano modo 
Moguntino Archipraesule adhibito, protrahendo semper 
continaaverit, et nonnunquam, fortuna vacillante, tarn 
bona verba tarn ampla promissa dederii. Hispano certe 
summum periciitanti, cum quo ipsi hoc bellam commune, 
vel digitum porrigere voluit^ vel ipse undique afflictus 
bostium numerum augere noluit, arbitratus tempori ser- 
viendum et vindictae opportunius exspectandum. Haec 
fuit Causa, quare hie cum superiore annus, Marte alibi 
crudelissime saeviente, divino inprimis munere felix 
faustusque fuerit, ut haud modicum, durantibus induciis^ 
ii respirare potuerint, qui Invasione Goetziana et bar- 
barica Groatarum saevitia toti exhausti et expilati fuere. 
Rediit n. cultus agris, sacris bonos, securitas ruri habi- 
tandi, certa cuilibet rerum suarum possessio ; aeris Con- 
stitutio sat benigna, quare et febris petechialis et pestis, 
quae fere in continuum degeneraverant morbum, cum aliis 
contagiosis fere ubique hie locorum plane cessarunt. 
(Fol 92*] Abstulit tamen nonnullos acerba mors ex hac mise | 
riarum vaUe, quorum nonnullorum nomina, qua parentes 
vel amici eorum pro more ad deducenda funera Acade- 
miam per Rectorem publico programmate invitaverant, 
adjunguntur breviter, at quidem: 

1. Johannes Hermannus Bernhardi Benderi capi- 
tanei sub viridi legione Hassiaca militantis patris et 
Dorotheae Elisabethae Canisianae matris Ganis illius 
quondam magni viri domus Hassiacae Gancellarii meri- 
tissimi ex filio neptis filius sepultus fuit 25. januarii. 

Strenuus et praenobilis Ghristianus a Malsburg ex 
antiqua tempore Caroli Magni in Germaniam introducta 
familia (quae patriae nostrae multos doctrina et virtute 
claros dedit viros, ut Exercituum Ducum vicarios, pro- 
principes, praesides, chiliarchos, Legatos Commissarios, 
Consiliarios et alios tum pacis tum belli tempore de 



277 

patria optime meritos) orinndus vir ob pietatem, mortiin 
gravitatem, doctrinam, pmdentiam, iidelitatem et con- 
stantiam omnibas virtuosis charas, postqaam varias 
Fortunae vicissitudinis et in corpore et in facultatibus 
Bustinuisset XTV. jan. claasit diem sunm et XXX ejus- 
dem in Adelphico tumulo traditas. 

Christina Gunradi Scharffii ciuis MarpurgensLs et 
Advocati qnondam filia, Reverendi et clarissimi viri 
Domini Georgii Gracigeri Theologiae D. linguae hebraeae 
professoris et Stipendiariorum Ephori oxor vita excessit 
IX et XI. Septembris terrae reddita est. 

VI. Febraarii Eheu qnondam nostri lUustrissimi 
et potentissimi principis ac Domini Domini Guilhelmi V. 
Hassiae Landgravii et Libertatis et Orthodoxae religionis 
ad mortem asque propugnatoris fortissimi, patriae patris 
vigilantissimi et Academiae nostrae fandatoris et patroni 
munificentissimi aeterna memoria dignissimi Exuuiae per 
biennium fere in exteris terris temporis Injuria detentae, 
ad Gampanae grandioris pulsum ad portam molariam 
a proceribns aulae, Gonsiliariis, Academiae professoribus, 
verbi Dei ministris^ | Gameralibus, Gonsolibus, studiosis, [Fol. 93] 
ciuibns et praesidiariis militibos a Mylandro Ducis op- 
timae memoriae defoncti vicario eqnitatu stipato non 
exiguo adductae, omnibas suo ordine et more hono- 
rüice exceptae, et inde in aulam solenni Gomitatn et 
lugubri vestitu^ non sine communi maerore dednctae, 
ibique ad sepultorae diem usque repositae faere. 

Hoc etiam mense, quoniam inter studiosos et 
mercatorum famulos (qnibus ob diversum vitae genas 
literae et letterati tanquam ingeniis minime ingenuis 
pleranqne sordere videntur), ob subselliorum commu- 
nionem^ quae confusionis mater esse solet, in templo 
Adelphico sab exercitiis sacris tumultas, contentiones, 
rixae, et alia scurrilitatis genera, pasqailli acoleati in 
studiosos conficti, partim cum ignominiosis picturis ad 



278 

sabsellia et parietea descripti, partim io plateis hinc 
inde conjecti fuere inventi, nonnanquam tarn intra quam 
extra nrbis maenia a contameliosis verbis ad verbera 
et valnera, maximo cum maltorum acandalo, professo- 
ribus insciis perventnm fait; Ad deliberationem igitur 
nonnallomm professomm nomine Academiae missoram 
cam ficclesiae ministris habitam (ne cnm ejosmodi scan- 
dalis majora snbsequerentnr mala) concinsnm tandem, 
ot certos etndiosis locus assignaretnr, qni etiam paulo 
post interstitio ligneo et foricnla, ut jam videre est^ 
sumptiboB senatns, ne quid de ejus jure decederet, a 
reliquis snbsellüs communibus fuit separatus; utque ab 
eo dicti levioris conditionis homines abstinerent in 
postemm, a Concione ex suggestu publice promulgatum. 
Quo facto, fomes hujus mali sopitus est 

Feb. XX. Ne labor nni vel alteri tantum accre- 
sceret, ne etiam reliqui sui muneris immemores sine 
mollis ocii amore, sine disputandi artis imperitia, aut 
alia quavis ratione hisce publicis exercitiis studio sub- 
ducere se velle judicarentur ; ob idque tarn apud hono- 
ratos viros, quam stndiosos male audirentur professores ; 
[Fol. 93* J publico Statute sancitum fuit | ut in postemm omnes 
et singuli Facultatum Professores^ quantum fieri posset, 
juste observato ordine, alienis vicibns publicas haberent 
disputationes suas, et quidem ita, ut singulis hebdoma- 
dibus ad minimnm una disputatio et mensibus singulis 
a humanarnm studiosis artium ex cathedra publica una 
haberetur solennis oratio. Insuper cum hujusmodi 
exercitia in studiosae juventutis gratiam potissimum in- 
stituant, et tempus ordinarium disputandi per se sat 
sit angustum, saepeque collationes professorum in talibus 
congressibus, experientia teste, et scandalosae et peri- 
culosae sint; ad nonnuUarum Academiarnm Consuetu- 
dinem, et hoc additum, ne a praeside professorum 
ullus ad disputandum invitaretur aut invitatus opponeret 



f 



279 

Circa hoc tempas AErariam etiam Äcademicum, 
tum quod in Acadeniia Marpurgensi ejusmodi cum magno 
commodo fuerit institutum antehac^ tum quod anno 1634 
in hanc novellam scholam ad dicta [fo!] laudabilem 
morem communibns suf&agiis Dominoram tunc prae- 
gentium professoram simile fuerit introductum, quod ob 
vicissitudinem rerum per aliquot annos quieverat, horum 
temporum difficultate summa jubente, ex votis senat. 
Acad. denuo ^) fuit erectum ; inque eum finem area 
empta, in Arcbivo Acad. reposita et tribus seris fuit 
munita, Cujus clavem unam Rector, alteram Syndicus, 
tertiam semper haberet oeconomus, in qua omnis 
pecunia in trium horum praesentia reponeretur summa 
ejus in certum libram referretur, eaque a singuiis sub- 
scriberetur, ut ita non modo de Bei oeconom. Academ. 
ministroruro, quorum nullus hoc tempore, prout alias 
solitum est, nee satisderat [fo!], nee juramentum prae- 
stiterat, diligentia et dexteritate constare posset magis, 
verum etiam ut singuiis semestribus, quantum haec 
perdita tempora permitterent, cuique sine personarum 
respectu, ha | bita tamen proportione Salarii geometrica, [Fol. 94] 
suum juste solveretnr Stipendium. 

XIII. Martii Conclusum, ut Catalogus lectionum 
et exercitionum privatoram ab omnibus et singuiis pro- 
fessoribus per illud temporis spatium habendorum^ sin- 
guiis semestribus ante nundinas Francofurtenses, aestivo 
vero Dominica Laetare Brumalis 1. Dominica ab Aegidio 
(ut sit studiosa Juventus de ratione studiorum suorum 
incipiendorum, tractandoram et continuandorum sat 
mature moneretur) ad templi Adelphici tabulam publice 
affigeretur. 

XIV. Aprilis cum Communitas (ut pro more huius 
loci loqnar) ex Cella sua vinaria aut parum aut nihil 
fere haberet Commodi, ejusque facultates ob temporum 

^) Am Bande. 



280 

injtmas admodam extenaatae essent, ac ne laadabile hoc 
opus institutum pecsum iret plane, Academiae proc6res 
ex Consensa lllust. C. S. Consiliarioram, hujus urbis 
senatui ad triennium illud pro ducentis florenis elocauere, 
ita ut illorum 100 a festo paschatis, reliqoi 100 die Jo- 
hanni Sacro sine mora solverentar. 

Quoniam Johannes Kabnias Academiae procurator 
incerta quadam litis causa, quam vidua Beckeri phar- 
macopolae defnncti, ob arrestum ab Academia suppelie- 
ctilibus non nullis Johannis Solbachii redituum Singli- 
censium CoUectoris (eo quod nee ipse vivus, nee jam 
mortui haeredes rationes Acad. reddidissent) juste im- 
positum intempestive movebat; in Dicasterio eorum 
judice Academiae nomine, nuUä excusationis valida 
ratione allegata, nee ipse comparere, nee alium, prout 
moris est, licet terque quaterque per ministrum Acade- 
miae a Bectore officii moneret, snbstituere voluit, quia 
etiam Academ[iae] negotia alias tractabat lentius, ex 
decreto sen. Acad. ab suo fuit dimotns officio, ejusque 
in locum Henricus Schreckerus procurator substitutus. 

Cum Dicasterii quoque scribae in describendis 
[Fol. 94*] mandatis et | in negotiis Academiae sententiis latis diffi- 
ciliores et tardiores se praeberent semper, ex consensu 
Dominorum professorum de ea re cum Amplissimo viro 
Domino Helfrico Denhardo Vice-Cancellario Rector con- 
tulit. Qui breviter, gravamine hoc sat exposito intel- 
lecto, se optime scire respondit. Academiam ex antiqua 
consuetudine prout etiam Acad. professores allegarent^ 
nihil solvisse hactenus nee, ut quicque solvat in posterum, 
se mandaturum esse. Veruntamen cum scribarnm nu- 
merus modo sit exiguus et labor magnus, an bonorarium 
aliquod ad tempus et quidem semel pro semper assig- 
nare velint professores se libero illorum judicio relicturum. 

Calendis julii Leges Academiae (more consueto) 
ab Academiae ministro lectae; praefationis loco oratio 



281 

de cansis malornm, quae scholas et Academias modemo 
tempore affligere et devastare solent, a Rectore fait 
habita. 

Caeterum postquam XXX. julii Beverendus et 
clarissimus Vir Dominus Johannes Combachius S. S. 
Theologiae Licentiatus, ejusdemque ut etiam philoso- 
phiae professor celeberrimus, ac stipendiariorum Ephorus 
dignissimus in obitum Illustrissimi et potentissimi prin- 
cipis Guilhelmi YI.^) Constantis Hassiae Landgrauii aeterna 
memoria consecrandi panegyricam (id qaod pridie ante 
pnblico programmate ad templam Adelphicum R. signi- 
ficaverat) vitam, mores, facta et gesta in auditorio 
majori elegantissime describentem habaisset orationem; 
VIII. Augusti post Bremam ad qaandam Scholasticam 
provinciam ad tempos tarnen, ut dictum, ab Illustrissima 
dimissus subeundam discessit. 

Cum hoc mense Justus Colerus Gudensbergensis 
philosophiae studiosus einem quendam dictae civitatis 
jugulasset gladio, et fuga esset elapsus; Atque hinc 
Consiliarii principis III. Burckhardo Vigelio tunc tem- 
poris prae | tori, ut in facti spem inquireret, injunxissent ; [Fol. 95] 
misit ergo praetor ad Rectorem Johannem HoiFmannum 
Actuarium, eum rogans ut ad interrogatona pro se 
exhibita nonnullos in eis nominatos studiosos ad justi- 
tiam promovendam examinare, eorumque responsa in 
literis clausis descripta, quoque sigillo munita remittere, 
ne gravari vellet. Id quod etiam sequente die in prae- 
sentia Domini Syndici factum. 

Et haec pro nunc his annalibus adjungere placuit. 
Da^) Deus Clementissime ut in hac Academia virtutum 
officina et bonarum literarum domicilio, omnes ingenii 
vires intendamus, ut studiosa Juventus omni scientiarum 



So! statt Wilhelm V. 
*),oorr. aus ,det*. 



282 

et virtutam genere excolatur ; Da ^) Jehova, ut sepositis 
omni torpore, stupore et languore, nobiscum ''^j docen- 
tibus javentus conspirationeque facta contendere insti- 
tuat, ploo ne nos laboris et operae ad doeendum, an 
illa stadii et alacritatis ad discendum conferat. Faxis"^) 
aeterne^), ut illustrissimus noster princeps crescat cor- 
pore, scientia, in pietate cum prudentia. Conserva^) 
Rex Regam, Domine ^) Dominantium Illustrissimnm prin- 
cipem, patriae matrem, Virtute et pietate plenam, daque ^) 
ei cum suis Gonsiliariis et patriae proceribus, ut omnibus 
nervis et remis eo contendant ut tandem aliquando 
auream illam pacem, firmam, et solidam, ni hac nostra 
patria, etiam diebus nostris, si salutare est, restitutam 
videamus et cum justitia exosculemur, ut sie tua gloria 
utrique pure et plenis buccis celebretur, Ecciesia tua^ 
cum schola et omni politia fiorere incipiat recte. Da 
haec optime pater per et propter illum, qui pro nobis 
Salvator nasci voluit, per vulnera, quae pro nobis per- 
tulit, per sanguinem, quem pro nobis profudit, per 
mortem, quam pro nobis in crucis ara sustinuit. Cui 
sit tecum aeterne pater, cum Spiritu Sancto, Laus, honor, 
gloria in omnia secula. Cassellis Extremo Decemb. Anno 
Salutis recuperatae M.D.CXXXIX. 

Augustinus Nolthenius. 



[Fol. 96—188 sind leer.] 



*) corr. aus „det^. 
') „quasi" durchstriuhoQ. 
*) CoiT. aus „faxif*. 
*) CoiT. aus „aeternus". 
*) Corr. aus „Conservet^. 
*) Corr. aus „Dominus*. 
^) Corr. aus „detque*. 



283 



Academiae Gassellanae i^^^^ ^i 

ab 

Illu.strissimo Potentisöimoque Principe ac Domino, 

Domino 6UJLJ£LM0, quinto Hassiae Landgravio, 

comite Gattimeliboci, Decii, Ziegenkainae et 

Niddae etc. 

Optimo Pati'B patriae, Musarum patrono benignissimo, 

Anno 

A NATO CHRJSTO MDCXXXIII. 

II. Die Januarii 
FÜNDATAE 

MÄTBJCULA, 

.lusHU P]'inci))iK^ 

In $>olenni inaugurationis actu 

Per Oratorem 

Exhibita, 

Communi Professorum nomine 

Ab Oratoris 

manu eam 

suscipiente 

Johanne Crocio D. declarato 

primo Rectore. 



1 



284 

[Fol 2\ Qaod Deo gloriosum, Hassiacae atque adeo nniversae 
ecciesiae Dei ac reipublicae christianae sit salutare, 

ANNO a NATO CHRJSTO 
HDCXZXIIL 

Sub primo Academiae magistratu, quem Johannes 
Crocius, 8. 8. theologiae doctor, ejnsdemque professor 
Primarius gessit, illi, quorum nomina infra scripta se- 
quuntur, postquam ad accuratam sanctamm legum ob* 
servatioiiem data dextra fidem suam adstrinxissent, ius 
civitatis academiae sunt consecuti, dato eis publico 
testimonio sub minore Academiae sigillo. 

1- Martinus Hutterus, Eschwegiensis Hassus 28. d. Januarii. 

Jacobus Stöckenius, Grebensteinensis Hassus 3. d. Febr. 

Casparo-Conradus Cruciger^Marpurgensis Hassus 4. d.Febr. 

Georgius Gross, Eschwegiensis Hassus 4. d. Febr. 
&• Zacharias Liberon, Wichmanshusanus Hassus 4. d. Febr. 

Philippus Bucherus Cassellanus 6. d. Februarii. 

Johannes Heinius Gudensbergensis Hassus, 6. d. Febr. 

Johannes Molitor Treisanus Hassus 8. d. Febr. 

Johannes Geisselius Treisensis Hassus 8. d. Febr. 

10. Georgius Rudolphus Sontagius Cassellanus Hassus, 8. 
d. Febr. 

Johannes Bernhardus Matthaeus Gladenbacensis Hassus 

9. d. Febr. 
Antonius Matthaeus Gladenbacensis Hassus 9. d. Febr. 
Balthasar Eeilius, Cassellanus Hassus. 9. d. Febr. 
[Fol. 2*] Henricus Mercator Caldensis Hassus. 9. d. Febr. 

15. Simon Waltherus Pezelius, Dethmoldiensis Westphalus 
9. d. Febr. 
Philippus Baddenhausen, Grebensteinensis Hassus 9. d. 

Febr. 
Johannes Caesar, Borcanus Hassus 9. d. Febr. 
Georgius Ludovicus Beerreuterus Amerthalensis Palatinus 

9. d. Febr. 
Nicolaus Monachus Treisensis Hassus 9. d. Febr. 



285 

20. Otto Yietor Brcunensis Hassus 9. d. Febr. 

Henricus Buchias Felsbergensis Hassus 9. d. Febr. 

Hermannos Combachius, Marpargensis Hassus 9. d. Febr. 

Johannes Gregorius Langius, Kirchhaynensis Hassus eod. 

Bartholomaeus Thomas Cassellanns Hassus eod. 
25. Conradns Geisselius Gensuugensis Hassus eod. 

Gonradus Sustmannus Caldensis Hassus 10. d. Febr. 

Georgius Henricus Lünckerus Breidenbacensis Hassus 
10. Febr. 

Eberhardus Hermannus Wasmundns, Wetteranus Hassus 
eod. 

Henricus Schuttius, Dornheimensis Wedderavus eod. 
30. Johannes Monachus Treisensis Hassus 11. d. Febr. 

Wolfgangus ab Haxthausen, Westphalus 11. Febr. 

Georgius Starckius Zierenbergensis Hassus eod. 

Henricus Gevekotz Mindanus Westphalus. 

Casparus Steinius Cassellanus Hassus, 13. Febr. 
35. Johannes Bodingus Sontranus Hassus 14. Febr. 

Johannes Henricus Molitor Dexbacensis Hassus 14. Febr. 

Christianus Lappius Waldcappellensis Hassus, 18. Febr. 

Johannes Albertus Senger Cassellanus Hassus 19. Febr. 

Anno eodem [Foi. 3] 

HDCXXXni 

PRORECTORE ACADE- 

miae Cassellanae 

Job. Combachio S. S. Theologiae Licentiato, 

eiusdemque et philosophiae professore ordinario 

In album et numerum studiosorum relati sunt: 

1. Franciscus Gondelacus Helsensis 6. d. Mai. 

Georgius Bernhardus Spangenbergensis eod. d. 

Georgius Guolphardus Vachensis 7. d. Mai. 

Johannes Doenchius Borcanus 10. d. Mai. 
ö. Martinus Wendelius Carthusianus 12. d. Mai. 



286 

Nicolaus Schantz Ziegenhainensis 15. d. Mai. 

Henricns Ficinus ßermerodensis 18. d. Mai. 

Tobias Georgias Laubingeras Eschwecensis 24. d. Mai. 

Theodosios Heuckeradt Eschwecensis 24. d. Mai. 
10. Reichardas Neuhusius Eschwecensis 24. d. Mai. 

Conradas Riccins Niedensteinensis 30. d. Mai. 

Johannes Kleinschmit Cassellanus 3. Julii. 

Johannes Heuckerodius Eschwecensis 28. d. Mai. 
[Fol. 3*] Johannes-Hermannas Königse Ällendorffensis 8. d. Julii. 
15. Vitas Nadas Sontranas eod. d. 

Johannes Wetzelias Hoffgeismariensis 12. d. Aug. 

Hermannas Eicholtz Hildesiensis 13. d. Äug. 

Franciscas Haxthaasen Grebensteinensis 13. d. Aug. 

Justus Gerstenbergeras Catto-Witzenhusanns. 7. Octob. 
20« Henricas-Hermannus Erpbroickhansen Gassellanus 8. Oct. 

Johannes Henricus Faber Cassellanus eod. 

Hieronymns Jungman Cassellanus 13. d. Oct. 

Thomas Grimmoldns Ketwigensis eod. 

Simon Fiber Lemgoviensis 14. d. Oct. 
25. Johannes Sartorius al. Schröder Melricensis 17. d. Oct. 

Arnoldus Sartorius al. Schröder Melricensis eod. 

Conradus Winter Fridslariensis 22. d. Oct. 

Johannes Persius Gudensbergensis 5. d. Nov. 

Signat. Cassellis 31. d. Decembris anno a nato 

Christo 1633. 

Job. Combachius. 



[Fol. 4] Anno a nato Ckriato 

MDCZXXIV 

Illustrissimo et Celsissimo Principe ac Domino, Dn. 

CHRJSTJANO, Hassiae Landgravio, Comite in Catzen- 

elnbogen, Dietz, Ziegenhain, et Nidda etc. 

Academiae RECTORE Magniiicentissimo : 



287 

Pro Rectore 

Jehanne Combachio S. S. Theologiae et philosopbiae 

professore ordinario. 
In Maixicalam relati sunt, et recepti in album 

studiosorum : 

Johannes Bernhardus a Döringenbergk 26. d. Febr. 

Georgias Sebastianus Keudelias eod. 

Adolphus Fabricius Rotenbergenais 10. d. Marh 

Georgins Levinus Kimer Ingelbeimensis 17. Apr. 
ö. Jobannes Christophorus Echzelius Rotenbergensis 22. Apr. 

Henricus Geisselius Treisensis 

Erasmus Braun Marpargensis 

Johannes Fridericus ab Uffeln 

Andreas Ulrich Cassellanas 
^^' Adolphus Monacbus Treisensis 

Justus Murhardus Eschwecensis 

Jobannes Engelhardus Steinius Cassellanus 

Casparus Meyer Witzenhusanus. 

Johannes Henricus Berghöverus Gudensbergensis. 24. Apr. 
15. Justus Bölenius Saxenbuso-Waldecus 25. Apr. 

Henricus Klebius Hasanus. 26. Apr. 

Henricus Eulalius Ziegenhainensis 1. Mai. [Fol. 4*] 

Jobannes Henricus Saalfeldt Rotenbergensis 

Johannes Eucharius Saalfeldt Ziegenhainensis 
20. Johannes Philippus Sixtinus Cassellanus. 

Johannes Westermannus Geismariensis 2. Mai. 

Johannes Eberhardus Leurelius Bellersheimensis 5. Mai. • 

Wolfgangus Henricus Snabelius Budingensis 

Fridericus Andreas Colmannus Nesselrodensis 
25. Wigandus Gretzsch Treisensis 8. Mai. 

Bernhardus Nolten Warburgensis 9. Mai. 

Christophorus Flemraingius Eschwecensis 10. Mai. 

Henricus Jungkmann Englisiensis 

Georgius Mullerus Grebensteinensis 12. Mai. 
30. Philippus Ritterus Vicenhusanus 14. Mai. 



288 

Philippus Bertholdus Sprengerus Hadamariensis 15. Mai« 

Hermannas Georgius Goclenius Marpurgensis 19. Mai. 

Helvicus a Weittershausen 

Georgius Schwertzell 
35. Luderus Cöperas Bremensis 20. Mai. 

Johannes Bernhardus Claus 

Caspar öon ©erlcpfc^ 

^o^and Sadpar t)on ^örtngenbergf 

(Sara aRild^Ung t)on ©c^öenftabt 22. Mai. 

40. Georgias von Seholley 

Philippus Gualtherus Sc^redenfu^^ Oppenheimensis 
31. Mai. 

Georgius Wernerus Neuvirdt Eschwecensis 4. Juni. 

Urban t)on S3oene6urgI 5. Juni. 

Hermannus äRotjt Corbacensis Waldecus 7. Juni. 

45. Johannes Laurentius Lucanus Witzenhusanus 

[Fol. 5] Johan Tilmann Erppbroickhaussen Lemgovia-Westpha- 
lus 14. Juni. 

Thomas Mutius Treisensis 

Johannes Lymbergerus Hersfeldensis 

Conradus Gobelins Hersfeldensis 
^' Johannes Bartholdus Lymbergerus Hersfeldensis 

Johannes Casparus Hallovil Bipontinus 

Johannes Hartmannus Seltzer Disipodenbergensis 

Johannes Wolffgangus Hoffmann Bipontinus Iß. Juni. 

Johannes Gallatinus Genevensis 20. Juni. 
55. Hermannus 0er Marpurgensis 22. Juni. 

Melchior Willius AUendorffensis ad Lundam 30. Juni. 

Georgius Heer Cassellanus 3. Juli. 

Henricus Burchardus a Dalwigk 

Johann Herboldus a Dalwigk 
60. Casparus Fridericus a Dalwigk 

Frantz Otto a Dalwig 

Philippus a Dalwig 

Cunradus Sebastianus Reinhardus Bernburgo-Anhaltinus 

Georgius Arcularius Hombergensis 15. Aug. 



289 

66. M. Hildebrandus Kühn 5. Sept. 

Jacobu8 a Porta Genevensis 1. Oct. 

Berenhardas Capell. Detmolda-Lippiacus. 

Casparus Eobll Blomberg-Lipp. 

Henricus Grollias Marpnrgensis 4. Oct. 
70. Cyriacus Spätterns Eschwecensis 

Reinhardus Gobelins Eschwecensis 

Johannes Werneras Marpnrgensis 6. Oct. 

Hermannns Wilhelmns Obenolins Detmoldiensis Lippiacus 

Henricns Wilhelmns Golems Marpnrgensis 
'^^' Christophoms Springmeier Cassellanns 9. Oct. 

Gerhardns Vielmeder Cassellanns 9. Oct. 

Henricns Prediger Allendorffensis 10. Oct. [Fol. 6*] 

Hartnngns Rndiger Wald-Gappellensis 

Johannes Henricns Äntrecht Gassellanns 11. Oct. 
80. Johannes Steinfeit Elsnngensis 

Job. Hartman Grajns Marpnrgensis 13. Oct. 

Hildebrandas Geyssins Hanovico-Dorheimeusis 14. Oct. 

Fridericns Matthaens Marpnrgensis 17. Oct. 

Johannes Garolns Dornheck Ranschenbergensis 28. Oct. 
85 Henricns Emmericns Pfefferns Eschwecensis 3. Nov. 

Ghristianns Ängelocrator Francobergensis 6. Nov. 

Philippns Thnlemeierns Westphalns 24. Nov. 

Henricns Thnlemeierns Westphalns 

Petms Döllins Rotenbergensis 4. Dec. 
90. Nicolans Wasserhnn Rotenbergensis 

Franciscns Schott Grebensteinensis 29. Nov. 

Johannes Henricns Goqnns Liechtenavianns 8. Dec. 

Ghristianns Lothins Herbornensis 11. Dec. 

Nicolaus Straccins Nenkirchensis 13. Dec. 
95. Johannes Joachimns Hnttenrodins Hirsfeldensis 15. Dec. 

Sebastian Gnno Magdebnrgensis J. U. stndiosus 29. Dec. 

Signatnm Gassellis 31. d. Decembris anno a nato 

Ghristo 1634. 

Joh. Gombachins. 

K. F. Bd. XVIII. 19 



290 

[FoL 6] ANNO CHKJSTJ 

■DCXXZV. 

■ 

Illustrissimo et Celsissimo Principe ac Domino, Dn. 
ERNESTO Hassiae Landgravio, Comite in Catzeneln- 

bogen, Dietz, Ziegenhain et Nidda etc. 
RECTORE ACADEMJAE CAS^sellanaeMagnificentissimo : 

prorectore Johanne Matthaeo J. U. D. et pandectarum 

professore ordinario. 

In nnmerum et albam studiosorum reeepti et 

relati sunt: 
1. Stephanus $)temtan Diesteddanus Westphalas 26. Jan. 

Hermannas ^adenbcrgf Tremonia Gwestphalus 26. Febr. 

Baltbasar Gleimius Esuicensis Hassns 9» Apr. 

Franciscus Baumius Eschvicensis Hassas eod. 
ö. Sebastianus Fridericus Zobel Cassellanus Hassus 16. Apr. 

Johannes Hermannus Langius Spangenbergensis Hassus 

Johannes Hermannus Rübenkönigk Wildungensis Waldecus 

Johannes Valentinus Neubergerus Palatinus eod. 

Johannes Beza Hirsfeldianus 22. Apr. 
10. Rutgerus Ermarth Bendorpensis Sainanus 28. Apr. 
[Fol. 0*1 Franciscus Schott Corbacensis Waldecus 29. Apr. 

Joannes Schnabelius Eschwecensis 4. Mai. 

Rudolphus Scholasticus Marpurgensis 11. Mai. 
15. Johannes Wolfius Hersfeldensis 29. Mai. 

Sigismundus Laubingerus Eschwecensis 23. Juni. 

Johannes Henricus Mehno Wetzfiariensis 3. Aug. 

Abraham Bargeron Sedanensis Gallus 1. Sept. 

Johannes Venator Freusburgensis 22. Sept. 

Clarissimus et Consultissimus vir Dn. Joh. Mat- 
thaeus J. ü. D. pandectarum Professor, prorector Aca- 
demiae diem suum obiit, Deo eum hinc ad se evocante, 
nocte ea, quae 22. d. Oct. hujus anni insequuta: et 
Prorectoratus demandatus est Johanni Combachio S. S. 
Theologiae et philosophiae professori ordinario. Sed 



291 

quia pestis civitatem occupaverat, et lectiones cessa- . 
bant, nulli novitii ex eo tempore hoc anno accesserunt 
a3 Academiam. 

Signatam 31. d. Octob. anno a nato Christ. 1636. 

Joh. Combachius. 

Anno a nato Christo [^oi. 7] 

MDCXZXVI. 

Calendis Jannarii Prorector Joh. Combachius con- 
vocabat ad novi Rectoris electionem Professores. Sed 
quia pestis nondum cessaverat, et alia quaedam causa 
gravis accedebat, visum fuit dififerre Electionem Rectoris 
in tempus commodius : et ita penes Illustrissimum Prin- 
cipem Emestum etc. permansit Rectoratus: Pro Recto- 
ratum v. sustinuit Joh. Combachius in diem usque 
14. Februarii hujus anni^ natalem Illustrissimi Principis 
ac Domini, Dn. Wilhelmi Hassiae Landgravii etc. patroni 
ac fundatoris nostrae Academiae munificentissimi, cuius 
aetatem proroget Dens in muitos annos, eumque Omni- 
bus corporis atque animi bonis ac dotibus large donet 
et exomet. 

Relatus vero est in matriculam: 
Johannes Angelus Hoingensis Wetteravns 25. d. mensis 

Januarii hujus anni. 

Signatum Cassellis Dominic. Septuages. quae in- 
cidit in d. 14. Febr. anno a nato Christo 1636. 

Joh. Combachius. 

RECTORE [FoU 7*] 

ACADEMJAE CASSELLANAE 
JOHANNE PETRO DAVBERO P. Caes. 
Oratoriae Poetices et Historiarum Professore ord. 

ANNO MDCZXXVI 

in Catalogum et numerum studiosorum relati sunt 

sequentes. 

19* 



292 

1. Jobannes Volcmaras Witzenhusanus 10. Martii 
Conradas Maffardos Immenhusanos 11. Martii 
Johannes Sprengerus Älsencianas Palatinos 30. Mart. 
Johannes Contheros Älsencianas Palatinos 30. — 
5, Ernestos fieinhardos ab Hachborn Hassos 2. Apr. 
Franciscos Wetzelios Cassellanos 2. — 
Hieronymos Galle Cassellanos Hassos 4. — 
Georgios Dolaeos Geismariensis Hassos 5. — 
Christophoros Majos Borcanos Hassos 5. — 

10. Theodoros Aschenborneros Nabeborgo-Palatinos 5. — 
Hermannos Wilneros Cassellanos Hassas 12. — 
Philippas Locanos Cassellanos Hassos 14. — 
Johannes-Henricos Hablozelios Meisenheimensis Bipon- 

* tinos 20. — 
David König Alzeanos Palatinos 20. — 

15. Adamos-Henricos Wagneros Rensensis Rhenanos 26. — 
Johannes- Wolfgangos Bronccios Älsencianas 29. — 
Nicolaos-Henricos Pistorios Zigenhainensis Hassos 30. — 
Jobannes Hermannos Nordeccios SantGoarinos 9. Mai. 
Nicolaos Lorchios Bipontinos 29. — 

20. Henricos Raidos Hirsfeldensis 13. Jonii 

Henricos-Baltasar Raidos Hirsfeldensis 13. Jonii. 
Johannes Rimios Allendorffensis 13. — 
Cyriacos Vrsinos Allendorffensis Hassos 18. — 
Philippos-Antonios Winter 5. Joli. 

2.5. Georgios Rhodios Eschwegiensis Hassos 7. Joli. 
Johannes Hermannos Phreod Marporgensis 11. — 
Fridericos Sprengeros Alsentianos Palatinos 20. — 
Maximilianos Happelios Kirchaenensis Hassos 2. Aog. 
Christophoros Adolphi Eberschitzensis Hassas 19. — 

30. Christophoros-Ernestos Oberheimerus Bipontinos 27. — 
Borghardos von Berlepsch nobilis Hassos 1. Sept. 
M. Christophoros Esther Schweinsbergensis 1. — 
[Fol. 8] Hartmannos a Claor nobilis Hassus 17. Oct. 
Johannes-Daniel Daober Hassos 19. — 



293 

35. Johannes Geifsins Wetteravus 22. — 

Conradus Grosius Eschwecensis Hassus 8. Nov. 
Job. Simon Opsopoeus Heidelbergensis 7. Dec. 
Hieronymus Buchius Felsbergensis 31. — 

Signatum Cassellis XXXI. Dec. Anno MDCXXXVI. 

Job. Pet. Dauberus. 

REGTORE [Fol. 8*] 

Universitatis Cassellanae 
6E0R6J0 CRÜCJ6ER0 S. Theologiae Doctore, et 
Professore ordinario, nee non stipendiariorum EphorO; 

Anno 
instaaratae salntis MDCXZXVII 

Civitate Academiae atque Universitatis Cassellanae 
donati sunt, cum prius ad Legum observantiam stipu- 
lata manu fidem suam sancte adstrinxissentf sequentes: 

1. Martinus Kuhn Marpurgensis 16. Febr. 

Hermannus Sartorius Melricensis 9. Mart. 

Rudolphus Cruciger Marpurgensis | „^ ^ . 
T 1 rt • -K# «1 ^^* Marc. 

Johannes Oruciger Marpurgensis ) 

5. Johannes Helfricus Deinhardus Marpurgensis 25. Mart. 

Johannes Martinus Kleinschmied Cassellanus 2. Apr. 

Johannes Gulielmus Matthaeus Gladenbacensis 3. Apr. 

Petrus Rieschius Cassellanus ) 

Johannes Hermannus Antrechtus Marpurgensis ^ ' " ' 
10. Henricus Jungman Cassellanus 5. Apr. 

Johannes Rungius Sylvo-Capellanus 24. Apr. 

Godofredus Volusius Hanovicus 26. Apr. 

Johannes Wetzelius Geismariensis 27. Mai. 

BODBM [Fol. 9] 

Salutis per Christum reparatae anno KDCXZXVII 

RECTORE 

JOHANNS OROCJO, S. S. THEOLOGJAE DOCTORE 

ET PROFESSORE PRJMARJO, 



294 

Propter luem pestiferam aliosque morbos conta- 
giosos in urbe grassantes, ut et atroces motus bellicos, 
quibus universa orthodoxa Hassia horribiliter concutie- 
batar, pauci studiorum gratia accesserunt. Sequentes 
tarnen nomen professi, postquam legibus, data dextra, 
se adstrinxissent, in studiosorum numerum sunt cooptati. 

1. Philippus Matthaeus Marpurgensis ) 

Mauritius Julius Zobelius, Casaellanus \ ^^- ^^P*' 

Balthasar Gerlachius Eschwegiensis 6. Oct. 

Johannes Dryander Cassellanus 9. Oct. 
5. Johannes Chri%tophorus Gudenus Hombergensis ) 

Henricus Göbekenius Wolfhagensis y 

Ludovicus Bernhardus Wolfhagensis 

Johannes Wetzelius Grebensteinensis Hassus 23. Oct. 

Johannes Laurentius Gosmannus Spangenbergensis 6 Dec. 

[Fol. 9*] ANNO CHRJSTJ 

MDCXZXVIII 

RECTORE 

ÜNJVERSJTATJS CASSELLANAE 

ERJCO 6RAFFJ0 J. U. D. et PANDECTARUM PRO- 

FESSORE ORDJNARJO 
ofScii sui moniti in album seu matriculam Academiae 

relati sunt 
1. Joan. Nicolaus Wasserhuhn Cassellanus 27. Jan. 
Georgius Pichelinus Zirenbergensis Hassus i 
Johannes Georgius Gravius Allendorffensis Ha8sus|ll. Apr. 
Wilhelmus Brandis Zirenbergensis Hassus \ 

5. Johannes Wilhelmus Kramerus Gudensbergensis Hassus 

11. Apr. 

Damianus Hansteinius Loelbachensis Hassus 11. Apr. 
Johannes Christophorus Lucanus Cassellanus Hassus 

12. Apr. 

Nicolaus Zobell Cassellanus Hassus ) 

Johannes Adam Bauneman Cassellanus Hassus \ P^' 



295 

10. Justas Colerus Burgianus Hassus 23. Apr. 

Henrich Lucanns Neocuriensis Hassus 1. Mai 

Philippus Wetzelius Grebensteinensis Hassus 1. Mai. 

Henricus Wagenerus Elbensis Hassus 4. Mai. 

Casparus Dehnus Rotfelserus Hirsfeldensis 7. Mai. 
15. Caleb Winckelman Hombergensis Hassus 12. Mai. 

Johannes Georgius Gleumius Hirsfeldensis 23. Mai. 

Johannes Schaubius Hetzenrodensis 23. Mai. [Pol. IQ] 

Albertus de Busch Osnabrugensis 9. Juni. 

Fridericus von Amelungks 18. Juni. 
20. Mauritius Harttman Rommershausensis (!) 28. Junii. 

Jacobus Henrici Abderodensis 2. Oct. 

Johannes Henrich Stubenrauch Cassellanus j 

Johannes Georgius MuUerus Cassellanus | 5. Oct. 

Christophorus Worth Marpurgensis ] 

25. Cunradus Henricus Murhardus Spangenbergensis 12. Oct. 

Henricus Schneiderus Geismariensis Hassus 13. Oct. 

Joannes Gwalterus Biermannus Hanoviensis 1. Dec. 

Matthias Widekindus WolfiFsangerhusanus 28. Dec. 

Anno aeternae salntis per J. C. [FoLio^j 

nobis partae etc. 

MDCXZXIZ 

Rectore 
Angnstino Nolthenio Philosophiae moralis professore 

ordinario. 
Postquam moniti sui officii, legibus praelectis, 
obedientiam debitam se exhibituros, stipulata manu 
promiserunt, in ordinem studiosorum recepti sunt sub- 
sequentes : 
1. Henricus PeiiFerus Grebensteinensis Hassus 21. Jan. 
Philippus Lucanus Ziegenhainensis Hassus 25. Apr. 
Philippus Wilhelmus Eochius 27. Mai. 
Johannes Werneri Hombergensis Hassus 27. Juli. 
5. Justus Christophorus Thaurerus Cassellanus Cal. Aug. 



296 

Sebastianus Curtzios Cassellanus 12. Aug. 
Johannes GhriBtophorus Riese Cassellanus Hassus 4. Oct. 
Elias Schmerfeldius Sylvano-Capellanus Hassus 4. Oct. 
Paulus Gudenus Cassellanus Hassus 4. Oct. 
10. Adamus Nösselius Vicenbausanus 4. Oct. 

Wilhelmus Gundelachus Wolffershausanus 8. Oct. 
Casparus Henricus Gravius Aldendorffensis 22. Oct. 
Vrbanus Klinckhamerus Niedermesseranus 9. Dec. 

rFoU 11] Anno 

A virginis partu 

supra millesimam sezcentesimo qaadragesimo 

Rectore 
Johanne CrociO, S. S. theologiae doctore ac 

professore primario, 
propter ingentia Patriae pericula et horribiles belli tumul- 
tus pauci studiorum causa in Academiam venerunt ; se- 
quentes tarnen iure ac privilegiis Academicis sunt donati. 

1. Henricus Oldenburgius Bremensis Saxo 1. Febr. 

Job. Michael Sültzbachius Hersfeldensis 1 

Job. Christophorus Schirlingius Neocuriensis \ P'^' 

Johannes Petrus Crugius Roppershofensis ) 
6. Johannes Daniel Crugius Roppershofensis J^^' ^^^ 'i ^^P*' 

Johannes Endemannus Gotsbeuriensis Hassus 10. Sept. 

Johannes Christophorus Josephus AUendorphensisll. Sept. 

Johannes Georgius Winoldus Rabelshusensis 11. Sept. 

Philippus Thomas Crollius Goarinus 25. Sept. 

[Fol. 11*] ANNO 

AErae Christianae 
M . DCXLI 

RECTORE 

Johanne Kleinschmidt J. U. Doct. et institutionum 

justinian. Professore ordinario 
Ob continuam patriae calamitatem, pauci, qui hoc 



297 

anno militiae scholasticae nomina dedemnt, in nnmeram 
studio8oram rite relati sunt suhsequentes : 

1. Johannes Davides Zollios Catto-Cassellanus 12. Mai. 

Casparus Wöllerus Cassellanus Hassus 7. Juli. 

ErnestusNeubergerusGustroviensisMegapolitanusll.Sept. 

Paulus Biermannus Cassellanus Hassus i 

6. Henricus Schwietringius Cassellanus Hassus | 14. Sept. 

Conradus Lucanus Cassellanus Hassus ] 

Georgius Heinricus Hartmanni Seimershansensis 30. Sept. 

Johannes Reinhardus Rötgems Geismariensis 27. Nov. 

ANNO HDCZLn [Fol. 12] 

lUustrissimo Principe 

Domino Wilhelmo VI. Hassiae Landgravio Academiae 

Cassellanae Rectore Magnificentissimo, 

Prorectore vero 

Johanne Petro Danbero Eloq. Prof. 

In numerum stndiosorum relati sunt 
1. Johannes Ekhardas Geissius Borcanus Hassus 28. Febr. 
Georgius Ficinus Witzenhusanus Hassus 12. Apr. 
Paulus Wilnerus Cassellanus Hassus 14. Apr. 
Johannes -Henricus Eleinschmit Eschwecensis Hassus 
22. Apr. 
5. Joh. Gerhardus Schwalbius Cassellanus Hassus 23. Apr. 
Henricus Baltasar Keill Cassellanus Hassus eod. 
Franciscus David Sartorius Cassellanus Hassus eod. 
Fridericus Langius Cappellensis Hassus 28. Apr. 
Theodorus-Benjamin Stuckkenrad, Marpurgensis Hassus 
2. Mai. 
10. Martinus Morgenthal AUendorfiFensis Hassus 5. Mai. 
Johannes Maroldus Melsungensis Hassus 9. Mai. 
Johannes-Eitelius ab Dieden Nobilis Hassus 15. Juni. 
Joh. Baltasar Wenderath Hombergensis Hassus 15. Juli. 
Joh. Philippus Brechtius Smalcaldensis Hassus 9. Sept. 
15. Joh. Geisselius Treisanus Hassus 9. Sept. 



298 

Job. Daniel Avelius Zigaaesis [\o\] Hassas 9. Sept. 
Franciscus Wetzelias Hirschfeldensis Hassas 9. Sept. 
Joh.-Philippus Libhardus Cassellanos 8. Oct. 
Matbias Kümmelias Hassas 10. Oct. 
20. Wilbelmas-Maaritias a Port nobilis Westfalus 8. Nov. 

Didericas-Gbristophoras Hapfeld Allendorffensis 19. Nov. ^ 

[Fol. 12»] Anno 

Aerae christianae nsitatae 
MDXIiin [sie!] 

Rectore 
Academiae Cassellanae Johanne Crocio, S. S. tbeologiae 

Doctore et Professore primario, 
Jus civitatis Academiae consecati sant sequentes, 

1. Bernbardus Gerstingias Grebensteinensis 

Cbristopborus Fernarias Geismariensis 

Jobannes Crocias Bremensis ^ 

Zacharias Streso Cottbono-Anbaltias 
5. Jobannes Georgias Crocias Cassellanus 

Hermannas Bacbius Cassellanus 

Jobannes Cbristopborus Leunemann Cassell. 

Adamus Muller Cassellanus 

Jobannes Bornmannas Allendorpbensis 
10. Gerbardus Gieblerus Vdenbusanus 

Jobannes Melcbior Goarinus 

Bernbardus Scbenckelius Geismariensis. 

[Fol 131 RECTORE 

Academiae Cassellanae ^ 

Johanne Kleinschmidt J. U. Doct. 

et Professore ordinario 

Anno Christi MDCZLIV. 

in ordinem studiosorum relati sunt: 

1. Henricus Trinckbaus Bovendensis Saxo 9. Jan. 
Johan Antrecbt Cassellanus 14. Jan. 



299 



14. Jan. 



13. Mai. 



Henricus Ludovicus Canisius Cassellanos 

Johannes Valentinus Wolfius Hombergensis 
5. Petrus Stockmannus Cassellanus 7. Febr. 

Johannes Erugius Rotenbergensis Hassas 

Johannes Ganste Gudenspergensis 

Johannes Raschius Zirenbergensis 

Nicolaus Wetzelins Cassellanus 
10. Johannes Jacobus Hillebrandt Cassellanus 

Henricus Heuserus Cassellanus 

Lucas Majus Cassellanus 

Conradus Zeülchius Sontranus 

Arnoldus Rieschius Cassellanus 
15. Bertholdus Sperlingius Witzenhusanus 

Philippus Henricus Draubius Cassellanus 

Christophorus Wetzelius Grebensteinensis 

Johannes Wendenus Cassellanus 

Simon Philippus Phaenius Ludenhusa Lippiacus 19. Jun. 
20. Hermannus Vthoflf Blomberga Lippiacus 5. Jul. 

Paulus Spangenbergius Rucker odensis 

Casparus Hei4ius Cassellanus 

Cornelius Blassius Cassellanus 

Henricus Dilcherus Hombergensis 
25. Johannes Mumbergerus Cassellanus 

Justus David Cellarius Cassellanus 

Johannes Schmaltzius Albanus 21. Oct. 

Reinhardus ©d^rcibcr Eachvicensis 6. Nov. 

Hieronymus Stephani Lippiacus 8. Nov. 
30. Andreas Trebsdorfius Gottesbeurensis 7. Dec. 



30. Mai. 






[Fol. 13*] 



19. Sept. 



Anno salntis IIDCXLV 

RECTORE 

Academiae Guilhelmianae 

Angnstino Nolthonio philosophiae moralis professore 

ordinario 
In hanc studiosorum matriculam recepti sunt sequentes. 



300 

1. Georgias Andreas Winoldus Rapelshusanus Hassus 21.Jan. 

Johannes Henricas Stöckenios Grebensteinensis 24. Mart. 

Johannes HeliFricas Dexbachios Gassellanns Hassas. 

Jonas Schwalb Cassellanos Hassus 24. Mart. 
5. Johannes Schoppachias Treisensis Hassus. 

Johannes Philippus Cleinschmid Cassellanus Hassas 18. Apr. 

Johannes Cunradus Geilfaes Dattenhusanus Hassus 21. Apr. 

Georgius Christophorus Hartmannus Jethstettensis Hassas 
7. Juni. 

Henrious Barchfeldius Hirschfeldensis Hassus 14. Juni ^). 
[Fol. 14] 10. Andreas Ambrosius Melsangensis Hassus 19. Juni. 

Balthasar Singer Eschwecensis Hassus 20. Juni. 

Johannes Georgius Perschrat Spangenbergensis Hassus 
26. Juni. 

Johannes Jacobus Leffler Palatinus Altzianus 5. Juli. 

Johannes Harrios Bremensis Saxo 17. Juli. 
16. Hermannus Blumius Detmoldiensis Westphalus 23. Aug. 

Job. Justus EUenbergerus Cassellanus Hassus 8. Oct. 

Aegidius Ruperspergerus Marpurgensis Hass. 9. Oct. 

Henricus Slichtingius Mego-Almerodanus Hassus 

Theophilus Volandus Cassellanus Hassus 
20 Guilhelmus Burckhardus Claccius Cass. Hassus , 

Georgius FuUingius Tuuergensis Hassus ( ^^•^^*'' 

Job. Philippus Heppius Cassellanus Hassus 

Job. Henricus Wittekindus Wolffersangeranus H. 

Johannes Valentinus Vloth Felsburgensis Hassus 21. Oct. 
25. Burkhardus Eydelius Wolffius a Gudenbergk 24. Oct 

Samuel Bourdon Catto-Cassellanus j 

Franciscus Eckemannus Grebensteinensis Hass. f o/^ r^ x 

Job. Georgius Lindenerus Huxariensis 

Job. Jacobus Vietor Marpurgensis Hassus 
30. Job. Knierimius Eschwecensis Hassus 6. Decemb. 



*) Bei 1^9 ist das Datum in der Hds. vor den Namen nach- 
träglich eingetragen. 



301 
Anno a nato Christo HDGXLVI [FoL u*] 

Rectore 
Academiae Cassellanae 

Johanne CombachiO Theologiae Licentiato eiusdemque 
et philosophiae Professore ordinario 
Relati sunt in Matriculam Academiae 
1. Johannes Nasemannns Kirchainensis 25. Febr. 

Franciscns Hamannus Lippiacua 28. Febr. 

Johannes Georgius Schimmelpfengins Yachensis 22. Apr. 

Johannes Georgius Betza Hersfeldensis eod. 
5. Johannes Eüttarius Hersfeudensis [fo!] eod. 

Valentinus Riemenschneider Cassellanus 23. Apr. 

Johannes Philippus Zeilnerus Palatinus eod. 

Johannes Franciscus Wagenerus Gudensbergensis eod. 

Elias Schleicherus Cassellanus eod. 
10. Johannes Guilielmus a Capeila eod. 

Henricus Wetzelius Hofgeismariensis eod. 

Tobias Peyerus Scaphusa Helvetius eod. 

Johannes Henricus Lehrius Berlebergensis 8. Mai. 

Johannes Adamus Calckofius Hombergensis 9. Mai. 
15. Henricus Flurhusius Geismariensis 12. Mai. 

Henricus Duckius ^) Neukirchensis eod. 

Otto Reinhardus Kunemannus Catto-Vacensis eod. 

Leonhardus Sibertus Eschershusanus 30. Mai. 

Gerhardus Schoppius Bremensis 2. Juni. 
20. Christianus Fridericus Crocius Bremensis 19. Juni. 

Constantinus Weyssius Hersfeldensis 30. Juni. 

Mauritius Luningius Cassellanus 11. Sepi 

Christianus Albertus Libenaviensis eod. [Fol. 15] 

Johannes Jacobus Saurius Bessensis 
25. Johannes Thomas Hill Cassellanus 

Johannes Vietor Wolfifhagensis 

Wilhelmus Combachius Cassellanus 

Johannes Conradus Piscator Hersfeldensis 

1) Durkius? 



302 

Johannes Henricus HofiFmeisteras Eschwecensis 
Hermannas Philippas Keutelius [?] Gadensbergensis 16.Dec. 

[Fol. 16*] RECTORE 

Academiae Cassellanae 
0RE60RJ0 STANNARJO 

Physices Professore ordinario 

Anno Christi HDCXLVII 

Jas civitatis Academiae consecuti sunt sequentes« 

1. Nicolaas Liebetraa Lapnicensis Thuringus . 

Reinhardus Jungman Cassellanos Hassus I 

Joannes Kraase Gassellanus Hassus i 

Wilhelmus Diede a Furstenstein ] 

5. Johan Bernhardus Stuckerad Vicenhusanus Hassus 

Johan Thomas Crugius Cassellanus Hassus 

Wernerus MuUerus Milsungensis Hassus 

Adamus Grosius Cassellanus Hassus / 3. Apr. 

David Buch Cassellanus 
10. Johan Jacob Gluger Wizenhusanus 

Johan Herman Arnold Cassellanus 

Christianus Sperberus Allendorphensis 5. Mai. 

Philippus Melchior Diede zum Fürstenstein 7. Mai. 

Henricus Fiandus Grebensteinensis i 

lö. Casparus Gottfridus Piscator Cassellanus g. Mai. 

Christophorus Buschmannus Cassellanus ] 

Joachimus Wienandus Grebensteinensis 8. Mai. 

Joan. Gotfried Brauneck Ubersheimensis Palatinus 15. Mai. 

Joannes Niesius Vicenhusanus Hassus 1. Sept. 
20. Weinmarus Lucanus Cassellanus 7. Sept. 

Joannes Casparus Josephus Vizenhusanus 

Cornelius Erafft Vizenhusanus 

Wernerus Caesar Cassellanus \ 10. Sept. 

Fridericus Wagenerus Catto-Essensis 
25. Joannes Brandavius Sylva-Cappellensis 
[FoL 16] Joannes Majus Cassellanus 10. Sept. 



303 

Christophorus Reinhardus Seminariiis Allendorphensis 
29. Sept. 

Johannes Rudolpbus Gassellanus ) 

Johannes Henricus Deichmann Grebensteinensis ^ * 
30. Nicolaus Grimmel Cassellanus 14. Oct. 

Rudolphus Kangiesser Geismariensis | 

Johannes Moggenius Schachtensis j 

Diedericus Zuvall Grebensteinensis Hassus 7. Nov. 

Petrus Dehaussi Cassellanus Hassus 7. Dec. 
35. Conradus Winterus Gudensbergensis 9. Dec. 

Werner Dole Vizenhusanus 9. Dec. 

Christophorus Hackebornius Helmershusanus 14. Dec. 

Franciscus Langhans Grebensteinensis 28. Dec. 

Echardus Seidelman Felsbergensis 28. Dec. 
40. Ernestus Guilielmus Wayssius Hersfeldensis 28. Dec. 

Cunradus Widderhold Ziegenheinensis. 

Joannes Georgius Klinckerfusius Allendorphensis. 

Joannes Melchior Wiskeman Witzenhusanus. 

RECTORE [Fol 1G*J 

ACADEMJAE CASSELLANAE 
6RE00RJ0 STANNARJO 

physices Professore ordinario 

Anno Christi MDCXLVIII 

Relati sunt in Matriculam Academiae 
1. Nicolaus Fulner Cassellanus j 

Johannes Helfricus Cuhno Cassellanus | 30. Apr. 

David Pforrius Wolflfhagensis 1 

Georgius Hein Geismariensis Hassus i 
5. Conradus Hein Geismariensis Hassus , 26. Juni. 

Ludovicus Geller Dabelshausanus 

Justus Adamus Gravius | 

Joannes Didericus Gravius j Allendorphenses f ^ j^j. 

Henricus Glökener Geismariensis ) 

10. Nicolaus Berthold Cassellanus 12. Sept. 



304 

Franciscus Baddenhausen Grebensteinensis 

Casparas Eberhard Cassellanus \ ^^* ^^^ 

Johan Henricus Wirzius Tignrinus 29. Oct. 

Canradus Neuberas Hombergensis Hassus 1. Nov. 
15. Philippas Martinas Leffeler Palatinus 4. Nov. 

Johannes Crollias Eschwezensis Hassus 9. Nov. 

Johan Helmericus Pauli Rotenburgensis 28. Nov. 

Philippus Scheuer Dillenbergensis 29. Nov. 

Casparus Geilfusius Gassellanus 1. Dec. 
^' Ditmarus Magirus Güdensbergensis 3. Dec. 

Ludovicus Stannarius Dörnbergensis 

Johann Casparus Neuhaussen Cassellanus 

Georgius Brambeerus Vachensis 

Thomas Hirsfeld Treisanus 
25. Johan Engelhard Jordan Cassellanus 

Jacobus Vogelius Cassellanus 

Justus Gualtherus Bornman Sontranus 

Christfried Misler Wörliziensis Anhaltinus \ qi n 

Joan Andreas Sartorius 
30. Johan. Jacob Stuckerad Rotenbergensis 
[Fol. 17] Henricus Majus Cassellanus 

Daniel Caesar Cassellanus ^) 

Joachimus Henckenius Grebensteinensis 

Joannes Conradus Bremerus Wichtanus 
35. Joannes Rlopperus Cassellanus 

Joannes Nolthenius Immeuhusanus. 

Anno HDCXLIX. 

Quoniam hoc anno Dni Professores de novo Rectore i 

eligendo inter se disaeparunt itaque Rectoratus inter- J 

regnum quoddam fuit. \ 

Studiosi v(ero) qui ad Academiam nostram accesserunt a 
priori Duo Rectore in annum praecedentem inscripti sunt. 

1) Am 21. April 1651 in Gießseo als stud. phil. immatricu- 
lirt. Vgl. Die Giesaeoer Matrikel. Hsgbn von Klewitx u. Ebd 
in den ^ Mittheil uugen d. Oberhess. Oeschichtsvereins in Giessen^. 
N. F. Bd. II, 1890 S. 13. 



^,:r >T^r^ 






Anno HDCL [M. an 

Rectore *. <- ! 

Academiae Gassellanae ' "^ 

BriCO Oraffio U. J. D. et Professore ordinario in ma- 

tricnlam et stadiosorum namerum qui in Academia 
Cassellana commorantar iklati et recepti sunt. 
1. Nicolaus Marstallerus Melsungensis 2; Febr. 

Wernerus Gualterus EliFershusensis 28. Mart. 

Conradus Wiskemannns Witzenhasanus 

Johannes Henricus Christmannaa Lehnensis 
&. Johannes Philippus Stöckenius Cassellanus 

Johannes Henricus Ludolphus Honensis f ^^' "^^^' 

Amoldus Petri Grebensteinensis 

Henricus Jhringius Eschwicensis 

Melchior Krause Witzenhusanus i 

10. Johannes David Hipstet Cassellanus | 30. Mart. 

Petrus Schlichtingius Mego Almerodensis ] 

Johannes Jacobus Nodingius 27. Apr. 

Franciscus Rupertus Gelanus Bipontinus 29. Apr. 

Wolffgangus Brochardus [sie!] a Calenberg 1. Mai. 
15. Burghardus Heiseus Germenrodensis 16. Mai. 

Aegidius Henningius Herborna Nassovicus 17. Juni. 

Philibertus Lilius Hildesiensis 2. Juli. IFol. 18] 

Johannes Michael Wicker Elbensis Hassus 7. Sept. 

Johannes Christophorus Euchenbecker Catto Wolffagien- 
sis 7. Sept. 
'^- Johannes Conradus Stannarius Catto Wicenhusanus 7. Sept. 

Gedeon Holstein Allendorffensis Hassus 7. Sept. 

Johannes Henricus Braunius Wasenbergensis Hassus 
7. Sept. 

Johannes Wilfaelmus Heppius Gassellanns Hassus 7. Sept. 

Casparus Wulffingius Elberfeldo-Montanus 22. Sept. 
^- Georgius Ker mri frius Grebensteinensis Hassus 30. Oct. 

Hermannus IpR^^s Cassellanus 9. Nov. 

Johannes Rederi^ {lengeshasanus [sie I] Hassus 25. Nov. 

N. F. Bd. XVIIL 20 



v 






306 

[Fol. 18*] Anno a nato Christo 

MDGU 

RECTORE 

Joanne Oaernero Oeisio, practicae Philosophiae 

Professore ordinario. 

In matriculam et numeram stadiosorum praevia 
seria admonitione de obsequiosa Legum Academicarum 
observantia adoptati fuerunt seqaentes stadiosi 

1. Joannes Keilius Cassellanus 12. die mens. Febr. 

Decimo qainto die mensis Martii e paedagogeo 
exempti et ad pablicas lectiones Academicas trans- 
misAi receptique fuerunt seqq. studiosi 

Christianus Rochius Montanus 

Conradus Knoppelius Guxhagensis 

Henricus Kidgansius Treisensis 
5. Valentinus Kanlerus Gassellanus 

Jo. Petrus Euhnius Waberanus 

David Fridericus Stubenrauch Gassellanus 

Jo. Heinricus Kleimius Gassellanus 

Jo. Adamus Schröderus Neocuriensis 
10. Jo. Linzius Gassellanus 

Nicolans Frommingius Gassellanus 

Jo. Kröschelius Allendorf ensis 

Philippus Eisermannus Gassellanus 

Joannes Sperlingius Wizenhusanus 5. Apr. 
(U*) Justus Fuhrhansius Cassellanus 12. apr. [durchstrichen] 
15. Balthasar Pfisterus Scaphusanus Helvetius 15. Apr. 

Brutus Wilhelmus Otto Schaffus. Helvetius 

Joannes Schlaunius Dreisensis Hassus 19. apr. 
[Fol. 19] Gasparus Avenarius Foncksensis Frisius 25. apr. 

Gerhardus Arnoldus Rumpius Teclaeburgens. Westpha- 
lus 9. juni. 
20. Daniel Libot Sedanensis 10. jnni. 

Bartholdus Nödingius Simmenshusanus 11. juni. 



307 

Christophonis Ambrosius Milsung^nsis 27. juni. 

David Flberhardas Krackrugge Susatensis 28. Juli. 

Conradas Reuterus Melsungensis 3. Sept. 
25. Joannes Wiskemannus Rschwecensis eod. 

Hermannus Philippas Krugius Cassellanus 4. Sept 

Justus Mullerus SylVaCapellensis [sie!] eod. 

Joannes Hermannus Kllenbergerus Hombergensis eod. 

Hermannus Vultejus Marpurgensis eod. 
30. Joannes Christophorus Laelius Cassellanus eod. 

Henricus ürimmius Ödelsheimensis eod. 

Joannes Kohlschönius Essensis eod. 

Reinhardus Henricus Schenckius Goaranus 29. Sept. 

Hermannus Gravius Rotenbergensis 3. Oct. 
35. Joannes Eichlerus Vicebusanus 2. Oct. 

Theodorus Holtzhause Bremensis 4. Oct. 

Nicolaus Sutorius Obersulensis 22. Oct. 

Joannes Hosius Leimbacensis 22. Oct. 

Joannes Georgianus Treisensis 22. Oct. 
40. Guilhelmus bc« Wehrt« Clivo-Teutopolitanus 23. Oct. 

Joannes PfeiFerus Treisensis 24. Oct. 

Wilhelmus Bernhardus Eulius Rhedensis Westphalus 
15. Nov. 

Joannes Guernerus Langius Wanfridensis 21. Nov. 

Theophilus Seibertus Cassellanus 19. Dec. 

Sign. Cassell. XXXI. d. m. Dec. 

Anno MDCLI 

Jo. Guernerus Geisius. 

Anno Christi Salvatoris nostri MDCLII t^'^^ ^^l 

Rectore 

Joanne Onernero Geiaio, moralis Philosophiae 

Professore ordinario 

In album Academicum 

recepti sunt seqq. studiosi. 

1. Joannes Martinus Weplerus Obernaulensis 1. Mart. 

Albertus Hauseman Herdikensis Westphalus 19. Mart. 

20* 



308 

Joannes Flick Cassellanus 16. apr. 

Aagostinns Laorentias Cassellanas eod. 
5. Gallos Wirth Cassellanas eod. 

Adamus Mauritius Caulerus Cassellanus eod. 

Mauritius Musculus Cassellanus eod. 

Petrus Vogtius Cassellanus eod. 

Martinus|Gotschalck Wolfhagiensis 29. apr. 
10. Joannes Heinricus Seilerus Cassellanus eod. 

Conradus Krause Wolfhagensis eod. 

Justus Albertus Lichtenaviensis eod. 

Joannes Guilhelmus Hütterod Eschwecensis 3. Mai. 

Joannes Beyerus Geissanus 11. Mai. 
15. Joannes Ludovicus Neoxynus Eschwecensis 12. Mai. 

Joannes Christianus Langius Mershusanus [fo!| 13. Mai. 

Balthasarus Scherrerus Essenheimensis eod. 

Ludovicus Elgershausen Duisbergensis eod. 

Elias Schimmelpfennig Yachensis 17. Mai. 
20. Joannes Schirlingius Oberaulensis 20. Mai. 
[Fol. 20] Joannes Jacobus Geysweidius Sigenensis Nafsov. 20. Mai. 

Otto Reinoldus Westufelensis 24. Mai. 

Joannes Adamus Pistorius Nider-Grentzenbacensis eod. 

Otto Henricus Stöcker us Bracensis Lippiacus 16. Mai. 
25. Henricus Wisenbachius Herbornensis Nasaovicus 20. Juli. 

Joannes Landman Eschwecensis Hassus eod. 

Conradus Heisingius Guanfredensis 21. Juli. 

Joannes Henricus Heisius Grebensteinensis 12. Aug. 

Joannes Guilhelmus Pfefferus Dreisensis Hafs. 18. Sepi 
30. Joannes Justus a Winckestern Cassellanus 24. Oct. 

Joannes Böser Cassellanus eod. 

Joannes Henricus Knabenschuch Zigenhainensis eod. 

Joannes Christophorus Greifius Cassellanus 25. Oct. 

Conradus Henricus Faber Herosfeldensis 30. Oct. 
35. Joannes Baunemannus Cassellanus 1. Nov. 

Conradus Hofmannus Sontranus Hassus 12. Nov. 

Joannes Ecquardus Hugo Elkmanshusanus 17. Nov. 



309 



Register zur Matrikel') 



I. Personennamen. 



A. 



Adolphi, Christoph, Eberschitz 

1636, 29. 

Albertus, Christian, Libenav. 
1646, 23. 

— Justus, Lichtenau 1652, 1 2. 
Ambrosius, Andr., Melsungen 

1646. 10. 

— Ch8tph.,Milsungenl651,22. 
Amelungks, Frid. von, 1638, 19. 
Angelocrator, Christian, Fran- 

coberg. 1634,86. 
Angelus, Joh., Hoingen. Wet- 

terav. 1636,1* 
Antrecht, Joh., Cassel 1644,2. 

— Joh. Henr., Cassel 1634, 79. 

— -US, Joh. Herrn., Marburg 

1637, 9. 

Arcularius, Georg, Homberg 

1634, 64. 
Arnold, Joh. Herrn., Cassel 

1647. 11. 

Aschen bomerus, Theod., Nabe- 
burgo-Palat. 1636, 10. 

Avelius, Joh. Dan., Zigaeensis 
1642, 16. 

Avenarius, Casp., Foncksensis 
Fris. 1651, 18. 

B. 

Baddenhausen, Francisc, Gre- 
benstein 1648,11. 

— Phil, ebd. 1633, 16. 
Barchfeldius, Henr., Hirschfeld 

1645,9. 



Bargeron, Abr., Sedan. Gallus 

1635, 17. 
Baumius, Francisc, Eschvicens. 

1635, 4. 
Baunemannus, Joh., Cassel 

1652,35. 
Bauneman, Joh. Adam, ebd. 

1638, 9. 
Beerreuterus, Georg Ludw., 

Amerthal. Pal. 1633,18. 
Beyerus, Joh., Geissa 1652, 14. 
Berghöverus, Joh. Henr., Gu- 

densberg 1634, 14. 
Berlepsch, Burgh. von, 1636, 31. 

— Casp. von, 1634, 37. 
Bernhardus, Georg, Spangen- 
berg 1633,2. 

— Lud., Wolfhagen 1637,7. 
Berthold, Nie, Cassel 1648, 10. 
Betza s. Beza. 

Beyerus s. Beier. 

Beza, Joh., Hirsfeld 1635, 9. 

Betza, Joh. Georg, Hersfeld 

1646, 4. 
Biermannus, Joh. Gwalter, 

Hanov. 1638,27. 

— Paulus, Cassel 1641, 4. 
Bierman, Steph., Diesteddan. 

Westph. 1635, 1. 
Blassius, Com., Cassel 1644, 23. 
Blumius, Hermannus, Detmold 

1645, 15. 
Bölenius, Just., Saxenhuso-Wald. 

1634, 15. 
Boeneburgk, ürb. von, 1634, 43. 



^) Vgl. Schluss der Einleitung, woselbst Z. 11 v.o. J. statt Z zu setzen 
ist. — Desgl. ist in den Annalen zu. lesen: fol. 62 Z. 11 v. u. ei st et; 
f. 63 Z. 16 v. 0. tarn st eam; f. 78 Z. 18 v. o. sonat st servat; f. 78* 
Z. 3 V. u. negligendam st negligendum; f. 89* Z. 25. v. o. jugo 
st juge. 



310 



Bommaiinns, Joh., Allendorf 

1643, 1. 
Bornman, Just. Gualth., Sontra 

1648, 27. 
Bourdon, Sana., Cassel 1645, 26. 
Brambeerus, Grg., Vach 1648,23. 
Brandis, Wilh.,Zirenberg 1638,4. 

Braun, Erasm., Marburg 1634, 7. 

— -ius, Joh. Henr., Wasenberg 
1650, 22. 

Brandavius, Job., Sylva-Cappel- 

lens. 1647,25. 
Brauneck, Joh. Gotfr., Ilbers- 

heim Pal. 1647, 18. 
Brechtius, Joh. Phil., Schmal- 

kalden 1642, 14. 
Bremerus, Joh. Conr., Wichte 

1648,34. 
Brunccius, Joh. Wolfg., Alsen- 

cianus 1636, 16. 
Buch, David, Cassel 1647, 9. 

— -ius, Henr., Felsberg 1633, 
21. 

— Herm., Cassel 1643,6. 

— Hieron., Felsberg 1636, 38. 

Bucherus, Phil., Cassel 1633, 6. 

Buchius s. Buch. 

Busch, Alb. de, Osnabrugens. 

1638,18. 
Buschmannus, Christoph, Cassel 

1647, 16. 

C. u. K. 

Kackrugge, Dav. Eberh., Susat. 

1651, 23. 
Caesar, Dan., Cassel 1648,32. 

— Job., Borken Hass. 1633, 17. 

— Werner, Cassel, 1647,23. 

Calckofius, Joh. Adam, Homberg 

1646, 14. 
Calenberg, Wolfg. Brochard a, 

1650, 14. 



Kangiesser, Rudolph., Geismar 

1647,31. 
Canisius, Henr. Lud., Cassel 

1644,3. 
Capeila, Joh. Guil. a, 1646, 10. 
Capell, Beruh., Detmold Lippe 

1634, 67. 
Caulerus, Adam Maur., Cassel 

1652, 6. 
Kaulerus, Val., Cassel 1651, 5. 
Keilius, Balth., Cassel 1633, 13. 
Kein, Henr. Balth., Cassel 

1642,6. 
Keilius, Job., Cassel 1651, 1. 
Cellarius, Just. Dav., Cassel 

1 644, 26. 
Gerstingius, Bernh., Greben- 

stein 1643, 1. 
Kerstingius,Georg,ebd. 1650,25. 
Keudelius, Georg Seb.,1634,2. 
Keutelius, Herm. Phil, Gudens- 

berg 1646,30. 
Christianus Hassiae lantgrav. 

Rector 1634. 
Christmannus, Joh. Henr., Leh- 

nensis 1650, 4. 
Kidgansius,Henr., Treisa 1651,4. 
Claccius, Guil. Burckh., Cassel 

1646, 20. 
Claur, Hartm. a nob. Hassus 

1636, 33. 

Claus, Joh. Bernh., 1634, 36. 
Klebius, Henr., Husanus 1634,16. 
Kleimius, Job. Heinr., Cassel 

1651, 8. 
Kleinschmidt, Job., Rector 1641. 

1644. 

— schmit, Joh. Henr., Esch- 
wege 1642, 4. 

— Schmied, Joh. Mart., Cassel 

1637, 6. 

Cleinschmid, Joh. Phil, Cassel 
1645, 6. 



311 



Klinckerfasias, Job. Georg, Al- 
lendorph 1647, 42. 

Klinckhameras, Urban, Nider- 
messeranus 1639, 13. 

Klopperus, Job., Cassel 1648, 35. 

Knabenscbacb, Job. Henr., Zi- 
genbain 1652,32. 

Knierimius, Job., Escbwecens. 

1645, 30. 
Enoppelias, Conr., Gaxbagen 

1651,2. 
Kocbias, Cbristn., Montanas 

1651, 2. 
Coqnas, Job. Herrn., Licbtenau 

1634, 92. 
Opsopoeus, Job. Sim., Heidel- 
berg 1636, 37. 
Kocbias, Pbil. Wilb., 1639,3. 
König, Dav., Alzeanas Pal. 

1636,14. 
Königse, Job. Herrn., Allendorf 

1633, 14. 
Cöperus, Laderus, Bremen 1634, 

V 35. 
Kobll, Casp., Blomberg, Lippe 

1634,68. 
Koblscbönias, Job., Essen 1651, 

32. 
Colerus, Henr. Wilb., Marburg 

1634,74. 

— Jast, Burgianas Hafs. 1638, 
10. 

Colmannus, Frid. Andr., Nessel- 
rode 1634, 24. 

Combacbias, Herrn., Marburg 
1633 22. 

— Job.,' Rector 1633, 1646; 
Prorector 1634, 1635, 1636. 

— Wilb., Cassel 1646,27. 

Contberas, Job., Alsencianus 
Pal. 1636,4. 



Coqaas s. Eocb. 

KrafFt, Com., Yizenbusanas 

1647, 22. 
Crajas, Job. Hartm., Marburg 

1634, 81. 
Kramerus, Job. Wilb., Gudens- 

berg 1638,5. 
Krause, Conr., Wolfhagen 1652, 

11. 

— Job., Cassel 1647,3. 

— Melcb., Witzenhus. 1650, 9. 
Crocius, Cbristn. Frid., Bremen 

1646, 20. 

— Job., Rector 1633, 1637, 
1640, 1643. 

— Job., Bremen 1643,3. 

— Job. Georg, Cassel 1643, 5. 
Kröscbelius, Job., AUendorpb. 

1651,12. 
Crollius, Henr., Marburg 1634, 
69. 

— Job., Escbwezensis 1648,16. 

— Pbil. Tbom., Goarinus 
1640, 9. 

Cruciger, Casp. Conr., Marburg 
1633 3. 

— Georg, Rector 1637. 

— Rud. } M^'^^^«/ß3'- 
Krugius, Herrn. Pbil., Cassel 

1651, 26. 

— Job., Rotenberg 1644,6. 
Crugius, Job. Dan., Roppersbof 

1640. 4. 

— Job. Petr. Roppersbof 

1640. 5. 

— Job. Tbom., Cassel 1647, 6. 
Kucbenbecker, Job. Cbristpb., 

Wolfbagen 1650,19. 
Kübn, M. Hildebrand 1634,65. 
Kümmelius, Matbias, Hafs. 

1642, 19. 



312 



Eüttarius, Joh.^ Hersfeadensis 

[fo!] 1646,5. 
Kuhn, Mart., Marburg 1637, 1. 

— ius, Job. Petr., Wabern 
1651, 5, 

Cuhno 8. Cuno. 

Kunemannas, Otto Reinhard, 

Vach 1646, 17. 
Kuner, Georg Levin, Ingelheim 

1634, 4. 
Cuno, Seb., Magdeburg 1634, 96. 
Cuhno, Job. Helfr., Cassel 

1648, 2. 
Curtzius, Seb., Cassel 1639,6. 

a 

Dalwigk, Casp. Frid. a, 1634, 60. 

— Frz. Otto a, 1634, 61. 

— Henr. Burchard a, 1634, 58. 

— Job. Herbold a, 1634,59. 

— Phil, a, 1634, 62. 

Dauber, Joh.Dan., Hafs. 1636,34. 

— US, Job . Petr., Rector 1636 ; 
Prorector 1642. 

Dehaussi, Petr., Cassel 1647, 34. 
Dehnus-Rotfelserus, Casp., Hirs- 

feld 1638, 14. 
Deichman, Joh. Henr., Greben- 

stein 1647,29. 
Deinhard, Joh. Helfe., Marburg 

1637, 5. 
Des Wehrts s. Wehrts. 
Dexbachius, Joh. Helfe., Cassel 

1645, 3. 
Dieden, Job. Eitel ab, nob. 

1642, 12. 
Diede zum Furstenstein, Phil. 

Melch., 1647,13. 

— a Furstenstein, Wlh. 1647,4. 

Dilcherus, Henr. , Homberg 
1644, 24. 



DölHus, Petr., Rotenberg 1634, 

89. 
Doenchius, Job., Borken 1633, 4. 
Döringenbergk, Joh. Bernhard a, 

1634, 1. 

— Joh. Casp. von, 1634,38. 
Dolaeus, Georg, Geismar Hals. 

1636, 8. 

Dole, Wem., Vizenhus. 1647, 36. 

Dornheck, Joh. Car., Rauschen- 
berg 1634,84. 

Draubius, Phil. Henr., Cassel 
1644, 16. 

Dryander, Job., Cassel 1637, 4. 

Duckius, Henr., Neukirchen 
1646, 16. 

E. 

Eberhard, Casp., Cassel 1648,12. 

Echzelius, Joh. Christoph, Ro- 
tenberg 1634, 5. 

Eckemannus, Franc, Greben- 
stein 1645, 27. 

Eicholtz, Herrn., Hildesien. 
1633, 17. 

Eichlerus, Job., Vicehusanus 
1651, 35. 

Eicholtz s. Eichholtz. 

Eisermannus, Phil., Cassel 1651, 
13. 

Elgershausen, Lud., Duisburg 
1652, 18. 

EUenbergerus, Joh. Herrn., Hom- 
berg 1651, 28. 

— Joh. Just, Cassel 1645, 16. 
Endemannus, Job., Gotsbeuren 

1640, 6. 
Ermarth, Rutger, Bendorp Sain. 

1635, 10. 
Ernst, lantgr. Rector;i635. 1636. 
Erpbroickhausen, Henr. Herrn. 

Cassel 1633, 20. 



313 



Erpbroickhaasen^ Joh. Tilm., 

Lemgo 1634, 46. 
Esther, Christph., Schweinsberg 

1636, 32. 
Eulalius, Henr., Ziegenhain 

1634, 17. 
Ealios, Wilh. Bernh., Rhedensis 

Westph. 1651, 42. 

F. u. V. 

Faber, Conr. Henr., Herosfeld 
1652, 34. 

— Joh. Henr., Cassel 1633, 21. 
Fabricius, Adolph, Rotenberg 

1634, 3. 
Phaenias, Sim. Phil., Luden- 

husa-Lipp. 1644, 19. 
Venator, Joh., Freusburp 1636, 

18. 
Fernarins, Christoph., Geismar 

1643, 2. 
Fiandos, Henr., Grebenstein 

1647, 14. 
Fiber, Sim., Lemgo 1633, 24. 
Ficinus, Georg, Witzenhausen 

1642, 2. 

— Henr., Germerode 1633, 7. 
Vielmeder, Gerhard, Cassel 

1634, 76. 
Vietor, Joh., Wolfhagen 1646, 
26. 

— Joh Jac, Marpurg 1645,29. 

— Otto, Breanensis Hafs. 
1633, 20. 

Flemmingius, Christph., Esch- 
wege 1634, 27. 
Flick, Joh., Cassel 1652, 3. 
Vloth, Joh. Val., Felsburg 

1645, 24. 

Flurhusius, Henr., Geismar 

1646, 15. 

Vogelius, Jac, Cassel 1648, 26. 



Vogtius, Petr., Cassel 1652, 8. 

Volandus, Theoph., Cassel 1645, 

19. 
Volcmarus, Joh , Witzenhusan. 

1636, 1, 
Volusius, Godofr., Hanov. 1637, 

12. 
Phreud, Joh. Herrn., Marpurg 

1636, 26. 
Frommingius, Nie, Cassel 1651, 

11. 
Fürstenstein s. Diede. 
Fuhrhansius, Just., Cassel 1651, 

14*. 
Fullingius, Georg, Tuuergensis 

Hass. 1645,21. 
Fulner, Nie, Cassel 1648, 1. 

Vultejus, Herm., Marpurg 1651, 
29. 

G. 

Gallatinus, Joh., Genev. 1634,54. 
Galle, Hieron., Cassel 1636, 7. 
Geilfusius, Casp., Cassel 1648,19. 

— fues, Joh Conr., Datten- 
hus. Hafs. 1645, 7. 

Geyssius, Hildebr., Hanovico- 

Dorheim 1634, 82. 
Geisius, Joh., Wetter 1636, 35. 
Geissius, Joh. Ekhard, Borcan. 

Hafs. 1642, 1. 
Geisius, Joh. Wern., Rector 

1651. 1652. 

Geisselius, Conr., Gensungen 
1633, 25. 

— Henr., Treisa 1634, 6. 

— Joh., Treisa 1633, 9. 

— y » 1642, 15. 
Geissius s. Geisius. 

Geysweidius, Joh. Jac, Sigen 

1652, 21. 



314 



Gelanus, Franc. Rupert, Bipont. 

1650, 13. 
Geller, Lud., Dabelshausen 

1648, 6. 
Georgianus, Job., Treisa 1651, 

39. 
Gerlachius, Balth., fischwege 

1637, 3. 
Gerstenbergerus, Just., Witzen- 
hausen 1633, 19. 

Gerstingius s. Kersting. 
Gevekotz, Henr., Mindan. West- 

phal. 1633, 33. 
Gieblerus, Gerb., Udenhnsan. 

1643, 10. 
Gleimius, Baltb., Esuicens. 

1635, 3. 
Gleumius, Job. Georg, Hirsfeld 

1638, 16. 

Glöckener, Henr., Geismar 
1648, 9. 

Gluger, Job. Jac, Wizenhus. 
1647, 10. 

Goclenius, Herrn. Georg, Mar- 
burg, 1634, 32. 

Göbekenius, Henr., Wolfbagen 
1637, 6. 

Gobelins, Conr., Hersfeld 1634, 
49. 

— Reinbard, Escbwege 1634, 
71. 

Gondelacus, Franc, Helsens. 
1633, 1. 
8. a. Gnndelach. 

Gosmannus^ Job. Laur., Span- 
genberg 1637, 9. 

Gotschalck, Mart., Wolfbagen 
1652, 9. 

Graffius, Ericb, Hector 1638. 
1650. 

Gravius, Casp. Henr., Alden- 
dorf 1639, 12. 

— Herrn., Rotenberg 1651, 34. 



Gravius, Job. Dideric, Allen- 
dorph 1648, 7. 

— Just. Adam, Allendorph 
1648,8. 

— Job. Georg, Allendorf 
1638, 3. 

Greifius, Job. Christph. Cassel 

1652 33. 
Grimmel, Nie., Cassel .1647, 30. 
Grimmius, Henr. , Ödelsbeim 

1651, 31. 
Grimmoldus, Thom., Retwig 

1633, 23. 
Grosius, Adam, Cassel 1647, 8. 

— Conr., Eschwege 1636, 36. 
Gross, Georg, Eschwege 1636, 4. 
Gudenbergk s. Wolff. 
Gualterus s. Walter. 
Gudenus, Job. Christph., Hom- 

berg 1637, 5. 

— Paul, Cassel 1639, 9. 

Gundelachns, Wilh., Wolffers- 

bausen 1639, 11. 
Gunste, Job., Gudenspergl 644,7. 
Guolphard s. Wolfhard. 

H. 

Habluzelins, Joh. Heinr., Mei- 

senbeim Bip. 1636, 13. 
Hackenbergk, Herrn., Tremonia 

Westph. 1635, 2. 
Hackebornius, Christph., Hel- 

mershausen 1647, 37. 
Hallo vil, Joh. Caspar, Bipont. 

1634,51. 
Hansteinius, Damian, Loelbach 

1638,6. 
Happelius, Maximil., Kirchae- 

nens. Hafs. 1636,28. 

Harrios, Job., Bremen 1645, 14. 

Hartmanni, Georg Heinr., Sei- 
mershausen 1641, 7. 



315 



Hartmannus, Georg Christph., 

Jethstedt, 1645,8. 
Harttman, Mauj:., Rommershau* 

sen 1638, 20. 
Hauseman, Alb., Herdikensiä 

Weetph. 1652, 2. 
Haxthausen, Franc, Greben- 

stein 1833, 18. 

— Wolfg. ab, We8tph.l633,31. 
Heer, Georg, Cassel 1634, 57. 
Heidius, Casp., Cassel 1644, 22. 
Hein, Conr.,\Q^jgjjj^j i648, 4. 5. 

— Georg,/ 

— ins, Johann., Gadensberg 
1633,7. 

Heisens, Borgfaard, Germenrode 

1650, 15. 
Heisios, Job. Henr., Greben- 

stein 1652, 28. 
Heisingius, Conr., Gaanfred. 

1652, 27. 
Heisius s. Heiseus. 
Henningius, Aegid., Herborn 

1650, 16. 
Henckenias^ Joach., Grebenstein 

1648, 33. 
Henrici, Jac., Abderode 1638,21. 
Heppius, Job. Phil., Cassel 

1645 22. 

— Job. Wilh., Cassel 1650, 23. 
Heuckerodias, Joh.,\ Eschwege 

— radt, Theodos.,/ 1633, 13.9. 
Heuserus, Henr., Cassel 1644, 11. 
Hill, Job. Thom., Cassel 1646,25. 
Hillebrandt, Job. Jac, Cassel 

1644, 10. 
Hipstet, Job. Dav., Cassel 

1650, 10. 
Hirsfeld, Thom., Treisa 1648,24. 
Hofmannus, Conr., Sontral652, 

36. 
Hoffmann, Job. Wolfg., Bipont. 

1634, 53. 



Hoffmeisterus, Job. Henr., Esch- 
wege 1646, 29. 
Hofmann s. Hoffmann. 
Holstein, Gedeon, AUendorf 

1650, 21. 

Holtzhause, Theod. , Bremen 
1651,36. 

Hosius, Job., Leimbacens. 1651, 
38. 

Hütterod, Job. Guil., Eschwe- 
cens. 1652, 13. 

s. a. Huttenrod. 

Hugo, Joh. Ecquard., Elkmans- 
hus. 1652,37. 

Humannus, Franc, Lipp. 1646,2. 

Hapfeld, Did. Christph., Allen- 
dorf 1642. 21. 

Huttenrodius, Job. Joacb., Hirs- 
feld 1634,95. 

Hutteras, Mart., Eschwege 
1633, 1. 

J- 

Ihringius, Henr., Eschwicensis 

1650, 8. 
Jordan, Job. Engelh., Cassel 

1648, 25. 
Josephus, Joh. Casp., Vizenhus. 

1647, 21. 

— Job. Christph., Allendorf 
1640, 7. 

Jungkman,Henr.,Englisl634,28. 
Jungman, Henr., Cassel 1637,10. 

— Hieron., Cassel 1633, 22. 

— Reinhard, Cassel 1647, 2. 

Jv* s. 1^. 

L. 

Laelius, Joh. Christph., Cassel 

1651, 30. 

Landman, Johann., Eschwege 

1652, 26. 



316 



Lange s. Langins. 

Langhans, Franc, Grebenstein 

1647, 38. 

Langius, Frid., Cappel Hafs. 
1642, 8. 

— Joh. Christian, Merxhus. 
1652, 16. 

— Joh. Greg., Eirchhain Hafs. 
1633, 23. 

— Joh. Herrn., Spangenberg 
1635, 6. 

— Joh. Guern., Wanfried 

1651, 43. 

Lappias, Christian, Waldcappel 

1633, 37. 
Laubingerus, Sigm., Eschwege 

1635, 15. 

— Tob. Georg, Eschwege 
1633, 8. 

Laurentias, Augnstin., Cassel 

1652, 4. 

Leffler, Joh. Jac, Altzianns 

1645, 13. 

Lefifeler, Phil. Mart, Palat. 

1648, 15. 

Lehrius, Joh. Henr., Berleberg 

1646, 13. 
Leunemann, Joh. Christph., 

Cassel 1643, 7. 
Leurelius, Joh. Eberhard, Bel- 

lersheim 1634, 22. 
Liberon,Zach., Wichmanshusan. 

1633, 5. 
Libhardus, Joh., Phil., Cassel 

1642, 18. 
Libot, Dan., Sedan. 1651, 20. 
Liebetrau, Nie, Lupnicens.Thur. 

1647, 1. 

Lilius, Philibert, Hildesiens. 

1650, 17. 
Lymbergerus, Joh. Barthold, 

Hersfeld 1634, 50. 



Lymbergerns, Joh., Hersfeld 

1634,48. 
Lindeneras, Joh. Georg, Hoxa- 

ria 1645, 28. 
Linzius, Joh., Cassel 1651, 10. 
Lorchias, Nie, Bip. 1636, 19. 
Lothius, Christian. , Herborn 

1634, 93. 
Lucanos, Conr., Cassel 1641, 6. 

— Henr., Neocnriens. Hafs. 
1638. 11. 

— Joh.Christph,Ca8sel 1638,7. 

— Joh. Laurent., Witzenhau- 
sen 1634, 45. 

— Phil, Cassel 1636, 12. 

— Phil., Ziegenhain 1639, 2. 

— Weimarus, Cassel 1647, 20. 
Ludolphus, Joh.Henr., Honensis. 

1650, 6. 
Lünckerus, Georg Henr., Brei- 

denbach Hafs. 1633, 27. 
Luningins,Maur.,Cassel 1646,22. 

M. 

Magirus, Ditmar, Gudensberg 

1648, 20. 
May, Majus, Christph, Borcanus 

Hafs. 1636, 9. 

— Henr., Cassel 1648, 31. 

— Joh., Cassel 1647, 26. 

— Lucas, Cassel 1644, 12. 
Maroldus, Joh., Melsungen 

1642, 11. 
Marstallerus, Nie, Melsungen 

1650, 1. 
Matthaeus, Ant, Gladenbach 

1633 12. 

— Frid.' Marburg 1634, 83. 

— Joh., Prorector 1635. 

— Joh. Bernhard, Gladenbach 
1633, 11. 

~- Joh. Gul., Gladenb. 1637, 7, 



317 



Matthaeus, Ph., Marburg 1637,1. 
Mehno, Job. Henr., Wetzflar 

1635, 16. 

Meyer, Casp., Witzenhus. 1634, 

13. 
Melchior,Joh.,Goarinu8 1643,11. 

Mercator, Henr., Caldensis Hafs. 

1633, 14. 
Meyer s. Meier. 
Milcbling s. Scbönstadt. 
Misler, Cbristfried, Wörliziens. 

Anbalt 1648, 28. 
MöDcb s. Monacbus. 
Moggenios, Job., Scbacbten 

1647, 32. 
Mobr, Herrn., Corbacb 1634, 44. 
Molitor, Job., Treisa 1633, 8. 

— Job. Henr.^ Dexbacb Hafs. 

1633, 36. 

Monacbus, Adpb.,Treisa 1634,10. 

— Nie.': '^'f*} 1633, 30. 19. 

Morgentbal, Mart., Allendorf 

1642, 10. 
Müller, 8. Mullerus. 

Mu£fardu8, Conr., Immenbus. 

1636, 2. 

Muller, Adam, Cassel 1643, 8. 

— US, Georg, Grebenstein 

1634, 29. 

— Herm., Cassel 1660, 26. 

— Job. Georg, Cassel 1638, 23. 
—- Just., Sylva-Capellens. 

1651, 27. 

— Werner, Milsungen 1647, 7. 

Mumbergerus, Job., Cassel 
1644, 25. 

Murbardus, Cunr. Henr., Span- 
genberg 1638, 25. 

— Justus, Escbwege 1634, 11. 

Musculus, M<'iur., Cassel. 1652,7. 



Mutius, Tbom., Treisa 1634, 47. 

N. 
Nadus, Vitus, Sontra 1633, 15. 
Nasemannus, Job., Kircbain 

1646, 1. 
Neoxynus, Job. Lud., Escbwege 

1652, 15. 
Neuberus, Cunr., Homberff 

1648, 14. 
Neubergerus, Ernst, Gustrov 

Megap. 1641,3. 

— Job. Val., Pakt 1635,8. 
Neuberus s. Neuber. 
Neubausen, Job. Casp., Cassel 

1648, 22. 

Neubusius, Reicbard, Escbwece 
1633, 10. 

Neuvirdt, Georg Wem., Escb- 
wege 1634, 42. 

Niesius, Job., Vicenbus. 1 647, 19. 

Nodingius, Job. Jac, 1650, 12. 

Nödingius, Bartbold, Simmens- 
bus. 1651, 21. 

Nösselius, Adam, Vicenbus. 
1639, 10. 

Nolten,Bernb., Warburg 1634,26. 
Noltlienius, Augustin. Rector 
1645. 

— Job., Immenbusan. 1648,36. 
Nordeccius, Job. Herm., St. 

Goarin. 1636, 18. 

0. 

Obenolius, Herrn. Wilb., Det- 
mold Lipp. 1634, 73. 

Oberbeimerus, Cbristopb Ernst, 
Bipont. 1636,30. 

Oer, Herm., Marburg 1634, 55. 

Oldenburgius, Henr., Bremen 
1640, 1. 

Opsopoeus s. Kocb. 



318 



Otto, Brutus Wilh., Schaffus. 
Helv. 16B1, 16. 

P. 

Pauli, Joh. Helmeric., Roten- 
burg 1648. 

Peyeru8,Tob.,Scaphu8a 1646,12. 

Peifferus 8. Pfeiffer. 

Perschrat, Joh. Georg, Span- 
genberg 1645, 12. 

PersiuSy Joh., Gudensberg 

1633, 28. 

Petri, Arn.; Grebenstein 1650, 7. 
Pezelius,Sim. Walther, Detmold 

Westph. 1633,15. 
PfefferuS; Henr. Emmericus, 

Eschwege 1634, 85. 

— Joh., Treisa 1651, 41. 

— Joh.Guil.,Drei8ens. 1652,29. 
Peifferus, Henr., Grebenstein 

1639, 1. 
Pfisterus, Balth., Scaphusa Helv. 

1651. 
Pforrius, Dav., Wolffhagen 

1648, 3. 
Phaenius s. Faenius. 
Phreud s. Freud. 
Pichelinus, Georg, Zierenberg 

1638, 2. 
Piscator^ Casp. Gottfr., Cassel 

1647, 15. 

— Joh.Conr.,Hersfeld 1646,28. 
Pistorius, Joh. Adam, Nider- 

Grentzenbaccens. 1652, 23. 

— Nie. Henr., Zigenhain 
1636, 17. 

Port, Wilh. Maurit. a, nob. 

Westph. 1642,20. 
Portu, Jac. a, Genevensis 

1634, 66. 

Prediger, Henr., AUendorf 1 634, 
77. 



R. 

Raidus, Henr., Hirsfeld 1636, 20. 

— Henr. Halt., Hirsfeld 1636, 
21. 

Raschius, Joh.,Zirenberg 1644,8. 
Rederns, Joh., Rengeshusanus 

1650, 27. 

Reinhardus, Conr. Seb., Bern- 
burg Anh. 1634, 63. 

— Em. ab Hachborn Hafs. 
1636, 5. 

Reinoldus, Otto, Westufeln 

1652, 22. 
Reuterus, Conr. , Melsungen 

1651, 24. 

Rhodius, Georg, Eschwege 

1636, 25. 
Riccinus Conr., Niedenstein 

1633, 11. 

Rimius, Joh., Allendorf 1636,22. 
Riemenschneider, Val., Cassel 

1646, 6. 
Rieschius, Arn., Cassel 1644, 14. 

— Petr., Cassel 1637, 8. 
Riese, Joh. Christoph, Cassel 

1639, 7. 
Rimius s. Riemius. 
Ritteru8,Ph.,Vicenhu8. 1634,30. 
Rodingus, Joh.,Sontra 1633, 35. 
Röser, Joh., Cassel 1652, 31. 
Rötgerus, Joh. Reinhard, Geis- 

mar 1641, 8. 
Rudiger, Härtung, Waldcappel 

1634, 78. 

Rudolphus, Joh., Cassel 1647,28. 

Rübenkönigk, Joh. Herm., Wil- 
dungen Wald. 1635, 7. 

Rumpius, Gerh. Arn., Teclae- 

burg. Westph. 1651, 19. 
Rungius, Joh., Sylvo-Capellanus 
1637, 11. 



319 



Ruperspergerus, Aegid., Mar- 
burg 1645, 17. 

S. 

Saalfeldt, Job. Euch.^ Ziegen- 
hain 1634, 18. 

— Job. Henr.y Rotenberg 
1634, 19. 

Sartorias, al. Schröder, Arn. 
Melricus 1633, 26. 

— Franc. Dav., Cassel 1642,7. 

— Herrn., Melricensis 1637, 2. 

— Joh. Melric. 1633, 25. 

— Joh. Andr. 1648,29. 
Sanrios, Joh. Jac.,Be8se 1646,24. 
Schantz, Nie, Ziegenhain 1633,6. 
Schaubins, Joh., Hetzenrode 

1638,17. 
Schenckelins, Bernhard, Geis- 

mar 1643, 12. 
Schenckius, Reinhard Henr., 

Goaranus 1651, 33. 
Scherreras, Balth., Essenheim 

1652, 17. 
Scheuer,Ph.,Dillenbergl648,18. 
Schimmelpfennig, Elias, Vach 

1652, 19. 

— pfengius, Joh. Georg, Vach 
1646, 3. 

Schirlingius, Joh., Oberanlens. 
1652, 20. 

— Joh. Christph., Neocuriens. 
1640, 3. 

Schlannias, Joh., Dreisens. 

1651, 17. 
Schleicheras,Elias,Cassel 1 646,9 . 
Slichtingius, Henr., Mego-Al- 

merodan. 1645, 18. 
Schlichtingius, Petr., Mego-Al- 

merod. 1650, 11. 
Schmaltzins, Joh., Albanns 

1644, 27. 



Schmerfeldius, Elias, Sylvano- 
Cappell. 1639,8. 

Schnabelias, Joh., Eschwese 
1635, 12. 

Snabelius, Wolfg. Henr., Bü- 
dingen 1634, 22. 

Schneiderns, Henr., Geismar 

Hass. 1638,26. 
Schönstadt, Carl Milchling von, 

1634, 39. 
Scholasticus, Rud., Marburg 

1635, 13. 

Scholley, Georg, 1634, 40. 

Schoppachius, Joh., Treisa 

1645, 5. 

Schoppius, Gerhard, Bremen 

1646, 19. 

Schott, Franc, Grebenstein 
1634, 91. 

— Franc, Corbach 1635, 11. 
Schreckensuchs, Phil. Walter, 

Oppenheim 1634, 41. 

Schreiber, Reinhard, Eschweee 

1644, 28. 
Schröder s. Sartorius. 

— US, Joh. Adam, Neocurien- 
sis 1651, 9. 

Schuttius, Henr., Dornheim 
Wetterav. 1633, 29. 

Schwalb, Jon., Cassel 1645, 4. 

— ius, Joh. Gerhard, Cassel 
1642, 5. 

Schwertzeil, Georg 1634, 34. 

Schwietringius, Henr., Cassel 

1641, 5. 
Seibertus, Theophil., Cassel 

1651,44. 
Seidelman, Echardus, Felsberg 

1647, 39. 

Seilerus, Joh. Heinr., Cassel 
1652, 10. 



3äo 



Seltzer^ Joh. Hartmann, Disi- 
podenberg 1634, 52. 

Seminarias, Christoph Reinhard, 
Allendorph. 1647, 27. 

Senger, Joh. Albert, Cassel 

1633, 38. 

Sibertas, Leonhard, Eschershus. 

1646, 18. 

Singer, Balth., Eschw. 1645,11. 
Sixtinus^ Joh. Phil.^ Cassel 

1634, 20. 

Sontagius^ Georg Rad., Cassel 

1633, 10. 

Spätteras, Cyr., Echwege 1634, 

70. 
Spangenbergias, Paul, Racke- 

rodensis 1644, 21. 
Sperberas, Christian, Allendorf 

1647, 12. 

Sperlingias, Berthold, Witzen- 
hasan. 1644, 15. 

— Joh.,Witzenhasan. 1651,14. 
Sprengeras, Frid., Alsentianas 

Palat. 1636, 27. 

— Joh., Alsencianas Palat. 
1636, 3. 

— Phil. Berthold, Hadamar 

1634, 31. 
Springmeier, Christph., Cassel 

1634, 75. 
Stannarias, Greg., Rector 1647. 
1648. 

— Joh. Conr., Wicenhasan. 
1650, 20. 

— Lud., Dörnberg, 1648, 21. 
Starckius, Georg, Zierenberg 

1633, 32. 

Steinius, Casp., Cassel 1633, 34. 

— Joh. Engelhard, Cassel 

1634, 12. 

Steinfeit, Joh.,Elsungen 1634,80. 
Steinius s. Stein. 



Stepbani, Hier., Lippe 1644,29. 
Stockmannus, Petr., Cassel 

1644, 5. 

Stöckenius, Jac, Grebenstein 

1633, 2. 

— Joh. Henr., Grebenstein 

1645, 2. 

— Joh. Phil., Cassel 1650, 5. 
Stöckerus, Otto Henr.,Bracensis 

Lipp. 1652,24. 
Straccius, Nic.^ Neukirchen 

1634, 94. 

Streso, Zach., Cotthono-Anhalt 

1643, 4. 
Stubenrauch, Dav. Frid., Cassel 

1651, 7. 

— Joh. Henr., Cassel 1638, 22. 
Stackerad, Joh. Bernh., Vicen- 

husanus 1647, 5. 

— J. Jac. , Rotenberg 1 648, 30. 
Sültzbachius, Joh. Michael, 

Hersfeld 1640, 2. 
Sustmannus, Conr., Caldensis 

Hass. 1633,26. 
Sutorius, Nie, Obersulensis 

1651, 37. 

T. 

Thaurerus, Just. Christph, Cassel 

1639 5. 
Thomas, Barth., Cassel 1633,24. 
Thulemeierus, Henr., Westph. 

1634, 88. 

— Phil., Westph., 1634, 87. 
Trebsdorfius, Andr., Gottesbeu- 

ren 1644, 30. 
Trinckhaus, Henr., Bovenden. 
Saxo 1644, 1. 

U. 

üffeln, Joh. Frid. ab, 1634, 8. 
Ulrich, Andr., Cassel 1634, 9. 



321 



Ursinas, Cyriac, Allendorf Hafs. 

1636, 23. 
UthofF, Herrn., Blomberga Lipp. 

1644, 20. 

W. 

Wagnems, Adam Henr., Ren- 
sens. Rhen. 1636, 15. 

Wagener US, Frid., Catto-Essen- 
sis 1647, 24. 

— Henr., Elbensis Hass. 1638, 
13. 

— Job. Franc, Gadensberg 

1646, 8. 
Wayssius s. Weyss. 
Gnalteras, Werner, Elffershu- 

san. 1650, 2. 
Wasmundus, Eberb. Herrn., 

Wetter 1633, 28. 
Wasserhuhn, Job. Nie, Cassel 

1638, 1. 

— hun, Nie, Rotenberg 1634, 
90. 

Wehrts, Guil. des, Clivo-Teuto- 
politanus 1651, 40. 

Weyssias, Constantin, Hersfeld 
1646,21. 

Wayssius, Em. Guil., Hersfeld 

1647, 40. 
Weittershaasen, Helvicus a, 

1634, 33. 
Wendelius^ Mart., Carthusianus 

1633, 5 

Wendenus, Job., Cassel 1644, 18. 
Wenderath, Job. Baltb., Hom- 

berg 1642. 
Weplerus, Job. Martin, Obern- 

aulensis 1652, 1.. 
Werneri, Job., Homberg 1639,4. 

— rus, Job., Marburg 1 634,72. 
Westermannns, Job., Geismar 

1634, 21. 

N. F. Bd. XVIU. 



Wetzelius, Christph., Greben-« 
stein 1644, 17. 

— Franc, Cassel 1636, 6. 

— Franc, Hirscbfeld 1642, 17. 

— Henr., Hofgeismar 1 646,1 1 . 

— Job., Hofgeismar 1633, 16. 

— Job., Geismar 1637, 13. 

— Joh., Grebenstein 1637, 8. 

— Nie, Cassel 1644, 9. 

— Phil., Grebenstein 1638, 12. 
Wicker, Job. Michael, Elbensis 

Hafs. 1650, 18. 
Widderbold, Cunr., Ziegenhain 

1647, 41. 
Widekind s. Wittekind. 
Wienandus, Joach., Grebenstein 

1647 17. 
Wilhelm, V., l'antgr. 1633. 1636. 

— VI., lantgr., Rector 1642. 
Willius, Melch., Allendorf ad 

Landam 1634, 56. 
Wilnerus, Herm., Cassel 1636,11 

— Paul, Cassel, 1642, 3. 
Winckelman, Caleb, Homberg 

1638, 15. 
Winckesten, Joh. Just, a, Cassel 

1652, 30. 
Winoldus, Georg Andr., Rapels- 

busan. Hafs. 1645, 1. 

— Job. Georg, Rabelsbos. 
1640,8. 

Winter, Conr., Fridslar 1633, 27. 

— US, Conr., Gudensberg 

1647, 35. 

Winter, Phil. Ant, 1636, 24. 
Wirth, Gallus, Cassel 1652, 5. 
Wirzius, Joh. Henr., Tigurinus 

1648, 13. 
Wisenbachius, Henr., Herborn 

1652, 25. 
Wiskemannus, Conr., Witzen- 
busan. 1650, 3. 

21 



322 



Wiskemannos, Job., Eschwege 

1651,25. 
Wiskeman, Job. Melch., Witzen* 

husan. 1647,43. 
Wittekindus, Job. Henr., Wolf- 
fersanger 1645, 23. 
Widekindus, Mattbias, Wolffs- 

angerbusanns 1638, 28. 
Wöllerus, Casp.; Cassel 1641, 2. 
Wolffins a Gudenbergk, Barkb. 

Eydel 1645, 25. 
Wolfius, Job., Hersfeld 1635, 14. 
— Job. VaL, Homberg 1644, 4. 
Gnolpbardus, Georg, Vach 

1633, 3. 
Wortb, Cbristopb, Marburg 

1638, 24. 



WulflSngius, Casp., Elberfeldo 
Montanus 1650, 24. 

Z. 

Zeilnerus, Job. Pbil., Palat. 

1646, 7. 

Zeülcbius s. Zülcbins. 

Zobelius, Maur. Jul., Capsel 

1637, 2. 
Zobell, Nie, Cassel 1638, 8. 

Zobel, Seb. Frid., Cassel 1635,5. 

ZoUius, Job. Dav., Cassel 1641,1. 

Zeülcbius, Conr.,Sontra 1644,13. 

Zuvall, Diedericus, Grebenstein 

1647, 33. 



n. Ortsnamen. 



Abterode ( Abd-) : Henrici. 

Allendorf (Alden-, -dorpb): 
Bornmann. Klinckerfus. Eö- 
nigse. Eröscbel. Gravius. 
Holstein. Hupfeld. Josepb. 
Morgenthal. Prediger. Ri- 
mius. Seminarins. Sperber. 
Drsinus. 

Allendorf a. d. Lumbde: 
Willius. 

A 1 s e n z(Pfalz) ( Alsenc(t)ianus) : 
Brunccius. Contberus. Spren- 
ger. 

A 1 z e y ( Altzi- Alzea — ) : König. 
Leffler. 

Ammertbal: Beerreuter. 

Bellersbeim: Leurelius. 

Bendorf: Ermartb. 

Berg: Kocb. 

Berleburg (-berg): Lebr. 

Bernburg (Anbalt) : Reinbard. 

Besser Saurius. 



Blomberg (Lippe): Kobl. 
ütboff. 

Borken (Hessen) : Caesar. 
Doencbius. Geissius. Majus. 

Bovenden: Trinckbaus. 

Brake (Lippe): Stöcker. 

Breidenbacb (Hessen): 
Lüncker. 

Bremen: Cöper. Crocius. Har- 
rios. Holtzhause. Oldenbur- 
gius. Scboppius. 

B reu na (Hessen): Vietor. 

Büdingen : Snabel. 

Burg: Coler. 

Galden (Hessen): Mercator. 
Sustmann. 

Cappel (Hessen): Langins. 

Cartbaus: Wendelius. 

Cassel: Antrecbt. Arnold. 
Baunemann. Bertbold. Bier- 
mann. Blassius. Bourdon. 
Bucb. Bücher. Buschmann. 



32d 



Caesar. Canisius. Kaulerns. 
Keil. Cellarius. Claccias. 
ELleim. Kleinscbmidt. Klop- 
per. Combach. Krause. Cro- 
cios. Krug. Cuhno. Curtz. 
Dehaussi. Dexbacb. Draub. 
Dryander. Eberhard. Eiser- 
mann. Ellenberger. Erpbroick- 
hausen. Faber. Vielmeder. 
Flick. Vogel. Vogt. Voland. 
Fromming.Fubrhans. Fulner. 
Galle. Geilfus. Greif. Grim- 
mel. Grosius. Gudeuus. Heer. 
Heidius. Heppe. Heuser. Hill. 
Hillebrandt. Hipstet. Jordan« 
Jungman. Laelius. Lauren- 
tins. Leunemann. Libhard. 
Linz. Lucanus. Luning. Majus. 
Muller. Mumberger. Muscu- 
lus. Neuhausen. Piscator. 
Riemenschneider. Rieschius. 
Riese. Röser. Rudolph. Ru- 
persperger. Sartorius. Schlei- 
cher. Schwalb. Schwietring. 
Seiberi Seiler. Senger. Six- 
tinus. Sontag. Springmeier. 
Stein. Stockmann, otöckenius. 
Stubenrauch. Thaurer. Tho- 
mas. Ulrich. Wasserhuhn. 
Wendenus. Wetzel. Wilner. 
Winckesten. Wirth. WöUer. 
Zobel. Zollius. 

Corbach: Mohr. Schott. 

C ö t h e n (Gotthono-Anhalt) : 
Streso. 

Dagobertsbausen^): Geller. 

Datten hausen (Hessen) :(?) 
Geilfues. 



Detmold (Lippe): Blum. Ga- 
peil. Obenolius. Pezelius. 

Dexbach (Hessen): Molitor. 

Diestedde (-stedt)( Westfalen): 
Biermann. 

Dillenburg (-berg) : Scheuer. 

Dissibodenberg (Disi-) : 
Seltzer. 

Dorn berg: Stannarius. 

Dorheim: Geyssius. 

Dornheim: Schuttius. 

Dortmund (Tremonia): 
Hackenberg. 

Duisburg (-berg. Clivo- 
Teutopolis) : Elgershausen. 
Wehrte, des. 

Eberschütz: Adolphi. 

Eiben (Hessen) : Wagener. 
^Vicker 

Eiber feld: WulfBng. 

Elfershausen: Gualter. 

Elkmanshausen (?): Hugo. 

Eisungen: Steinfeit. 

Englis: Jungkman. 

Eschershansen: Sibert. 

Eschwege: Baum. Klein- 
schmidt. Knierim. Groll. Flem- 
ming. Gerlachius. Gleim. Gö- 
bel. Grosius. Gross. Heucke- 
rod. Hoffmeister. Hütterod. 
Hutter. Ihring. Landman. 
Laubinger. Murbard. Neoxy- 
nus. Neuhusius. Neuvirdt. 
Pfeffer. Rhodius. Schnabel. 
Schreiber. Singer. Spätter. 
Wiskemann. 
Essen: Kohlschön. 
Essen (Hessen): Wagener. 
Essenheim: Scherrer. 



^) In der Volkssprache ^Dabelshaosen^ genannt. Vgl. Bommel^ Hess. 
Geschichte Bd. 9 S. 341 Anm. X. 

21* 



^ I 



324 



P e 1 s b e r g (-bürg) : Buch. Vloth. 

Seideltnann. 
Foncksen8is.(Fris.)(?): Ave- 

narios. 
Frankenberg: Angelocrator . 
F reu sb urg(Rheinpr.):Venator. 
Fritzlar (Fridslar): Winter. 

Qeisa: Beyer. 

Geismar (Hass.): Eangiesser. 
Dolaeus. Fernarius. Flurhus. 
Glöckener. Hein. Rötger. 
Schenckel. Schneider. Wester- 
mann. Wetzel. 

Genf (Geneva): Gallatinus a 
Portu. 

Gensungen: Geissei. 

Germerode (-menrode) : Fici- 
nus. Heise. 

Gladenbach: Matthaeus. 

Gottsbüren (-beuren): En- 
demann. Trebsdorf. 

Grebenstein: Baddenhausen. 

Kersting. Deichmann. Kcke- 

mann. Fiandus. Haxthausen. 

Heise. Hencken. Langhans. 

Muller. Petri. Pfeiffer. Schott. 

Stöckenius. Wetzel. Wienand. 

Zuvall. 
Gross almerode (Mega-Al- 

meroda): Slichting. 

Gudensberg: Berghöver. 
Eeutel. Kramer. Gunste. 
Hein. Magirus. Persius. Wa- 
gener. Winter. 

Güstrow: Neuberger. 

Guxhagen: Enoppel. 

Herd eck e(Herdiken): Hause- 
mann. 

Hersfeld ( Hirsch-) : Barch- 
feld. Beza. Dehn-Rotfelser. 
Faber. Oleum. Göbel. Hut- 



tenrod. Lymberger. Piscator. 

Raid. Sültzbacb. Wayssius. 

Weyssius. Wetzel. Wolf. 
Hetzerode (Hetzen-) : Schaub. 
H i 1 d e s h e i m : Eicholtz. Lilius. 
Höxter (Huxaria): Lindener. 
Hofgeismar: Wetzel. s. a. 

Geismar. 
H o i n g e n ( Wetterau) : Angelns. 
Homberg: Arcularius. Calck- 

hof. Dilcher. EUenberger. 

Gudenus. Neuber. Wende- 

rath. Werneri. Winckelman. 

Wolf. 
Hone: Ludolph. 
J e s t e d t ( Jethstett) : Hart- 
mann. 
Ilbersheim (Pfalz) : Brauneck. 
I m m en ha u s e n: Muffard. 

Nolthenius. 
Ingelheim: Kuner. 
Kettwig (Ret-): Grimmold. 
Kirch ha in (Kirchaen): Hap- 

pel. Langius. Nasemann. 
Lehna: (?) Christmann. 
Leimbach: Hosius. 
Lemgo: Erppbroickhausen. 

Fiber. 
Lichtenau: Albertus. Coquus. 
L i e b e nau : Albertus. 
Lippe: Humann. Stephani. 
Loehlbach (Loel-) : Hanstein. 
Ludenhausen (Lippe): Phae- 

nius. 
L u p n i t z (Lubniz. Lupnic. 

Thur.): Liebetrau. 
■ agdeburg: Cuno. 
Marburg: Antrecht. Braun. 

Coler. Combach. Crajus. Groll. 

Cruciger. Kuhn. Deinhard. 

Vietor. Phreud. Vultejus. 

Goclenius. Matthaeus. 0er. 



325 



Scholasticns. Stuckkenrad. 
Werner. Worth. 

Meisenheim: Habluzel. 

Melsungen (Mils-): Ambro- 
sius. Marold. Marstaller. Mul- 
ler. Renter. 

Merxhausen: Langius. 

Minden ( Westph. ) : Gevekotz. 

MöIIrich (Melric): Sartorius 
al. Schröder. 

Nah bürg (Nabe-) (Pfalz): 

Aschenbomer. 
Nesselröden (-rode): Col- 

mann. 
Neuhof (Neocuria): Lucanus. 

Schröder. 
Neukirchen: Dnckius. Strac- 

cius. 
Niedenstein: Riccius. 
Nieder-Grentzebach: Pi- 

storius. 
Niedermeiser: Klinckhamer. 

Oberanla (Obern-): Schirling. 

Wepler. 
Obersuhl: Sutorius. 
Oedelsheim: Grimmius. 
Oppenheim: Schreckensuchs. 
Osnabrück: Busch. 

Pfalz: Leffeler . Neuberger. 
Zeiiner. 

Raboldshausen (Rappolds- 
Rappels- Rabeis-): Winold. 

Rauschenberg: Dornheck. 

Rengershausen (Rengesh-): 
Reder. 

R h e d e (-en) (Westph.) : Eulius. 

Rhense (Rense): Wagner. 

Rommershau8en:H arttm an . 

Ropfershof (Roppers-) : Crug. 

Rodenberg (Roten-), Roten- 
burg?: Krug. Döllius. Echzel. 



Fabricius. Gravius. Saalfeldt. 

Stückerad. Wasserhun. 
Rotenburg: Pauli. 
Rückerode (Ruck-): Span- 
genberg. 
Sachsenhausen: Bölenius. 
St. Alban: Schmaltz. 
St. Goar: Groll. Melchior. 

Nordeck. Schenck. 
Schachten: Moggenius. 
Schaffhausen: Otto. Peyer. 

Pfister. 
Schmalkalden: Brechtius. 
Schweinsberg: Esther. 
Sedan: Bargeron. Libot. 
Siegen (Sigen): Geysweid. 
Simmershausen (Seimers-): 

Hartmanni. Nöding. 
Soest: Eackrugge. 
Sontra: Bornman. Hof mann. 

Nadus. Roding. Zeülch. 
Spangenberg: Bernhard. 

Gosmann. Lange. Murhard. 

Perschrat 
Tecklenburg(Teclae-)West- 

phalen: Rumpius. 
Treisa (Dreisa): Eidgans. 

Geissei. Georgianus. Gretzsch. 

Hirsfeld. Molitor. Monachus. 

Mutius. Pfeffer. Schlaunius. 

Schoppach. 
Udenhausen: Giebler. 
Vacha(Vach): Brambeer. Ku- 

nemann. Schimmelpfennig. 

Guolphard« 
Wabern: Kuhn. 
Waldcappel (Sylvano-C.) : 

Brandau. Lappius. Muller. 

Rudiger. Rungius. Schmerfeld. 
Wanfried (Guan-): Heising. 

Langius. 
Warburg: Nolten. 



326 



Wasenberg: Braun. 
Westuffeln: Reinold. 
Wetter: Geisius. Wasmund. 
Wetzlar (-Aar): Mehno. 

Wichmannshausen: Li- 

beron. 
Wichte: Bremer. 

Wildungen: Rübenkönigk. 

Witz entlausen: Erafft. 
Krause. Dole. Eichler. Fici- 
nus. Volcmar. Gerstenberger. 
Gluger. Josephus. Lucanus. 
Meyer. Niesius. Nössel. Ritter. 
Sperling. Stannarius. Stu- 
ckerad. Wiskemann. 

Wolfershausen: Gundelach. 
W ol f h age n: Bernhard.Krause. 



Kuchenbecker. Vietor. Gö- 
beken. Gotschalck. Pforrius. 

Wolfs anger (Wolffers-) : 
Wittekind. 

Wörlitz (Worliz. Anhalt): 
Misler. 

Ziegenhain: Avelius. Kna- 
benschuch. Eulalius. Lucanus. 
Pistorius. Saalfeldt. Schantz. 
Widderhold. 

Zierenberg: Brandis. Piche- 
linus. Raschius. Starckius. 

Zürich (Tigurinus): Wirz. 

Zweibrücken (Biponi): Ge- 
lanus. Hallovil. Hoffmann. 
Lorch. Oberheimer. 

Zwergen (Tuuergen Hafs.): 
Fulling. 




327 




V. 

Der Antheil der Hessen an der Schlacht 

bei Lützen 1632. 

Von 

Dr. Hermann Diemar 
in Köln. 

[m Militär-Wochenblatt 1883 Sp. 11 f. (»Zum 16. No- 
;vember 1632«) wird ausgeführt, das Hessische Füsi- 
lier-Regiment Nr. 80 leite seinen unmittelbaren Ursprung 
von eineid Truppentheile her, der einst ruhmvoll in der 
Lützener Schlacht mitgefochten habe, dem 1631 errich- 
teten sogenannten 'Weissen Regiment' des Oberstleut* 
nants Johann G e i s o. Dieses sei seit den Nürnberger 
Tagen von 1632 zusammen mit dem Regiment v. Gün- 
terode bei Gustav Adolf zurückgeblieben; auf dem 
Marsch des Königs nach Sachsen habe sich mit beiden 
noch das 'Grüne Leibregiment' vereinigt; von da ab 
hätten diese drei Fussregimenter eine vom Grafen v. 
Eberstein befehligte Brigade gebildet, die bei Lützen 
mit dem schwedischen Regiment des Grafen Thurn 
vereinigt gekämpft hätte ; von hessischen Reitern wären 
drei Regimenter bei Lützen dabei gewesen, unter dem 
Oberst Franz Elgar v. Dalwigk; Graf Eberstein und 
die beiden Reiter-Obersten v. Dalwigk wären verwundet 
worden, alle Regimenter hätten schweren Schaden gelitten. 



328 

Diese Angaben zeigen^ was man bisher über den 
Antbeil der Hessen an der Schlacht bei Lützen zu wissen 
glaubte. Aber die Quellen, aus denen man dabei 
schöpfte, waren sehr unzuverlässig, das gilt von den 
Mittheilungen im 8. Bande von RommePs Hessischer 
Geschichte ebenso, wie von den Zusammenstellungen 
Oschtvind's, Grundlage zur Militär-Geschichte des Land- 
giräflich Hessischen Corps, und v. Sodensiem'Sy Anfänge 
des stehenden Heeres in der Landgrafschaft Hessen- 
Cassel. Zu besserer Kenntniss gelangt man, wenn man 
die jetzt im Marburger Staatsarchiv vereinigten ein- 
schlägigen hessischen Akten') vollständiger und sorg- 
fältiger benutzt, als es Rommel gethan hat, und so 
ausgerüstet die verstreuten und (besonders wegen der 
Namenentstellungen) manchmal nicht sogleich nutzbaren 
Nachrichten sammelt, welche sich in den zahlreich ver- 
öffentlichten amtlichen Listen des schwedisch-protestan- 
tischen Heeres^) und in den Battaglien Gustav Adolfs 
in Deutschland^) befinden. Aus diesen Quellen ergibt 
sich, dass am 3. September 1632 bei Nürnberg und am 
16. November bei Lützen gleichmässig folgende sechs 
Hessen-Casseler Regimenter in König Gustav Adolfs 
Heere gewesen sind und mitgefochten haben: 1) Fuss- 
regiment Graf Caspar v. Eberstein, grünes Leib- 
regiment, 2) Fussregiment Garde bezw. Tilo Albrecht 
V. üslar, blaues Regiment, 3) Reiterregiment Franz 
Elgar V. Dalwigk, 4) Reiterregiment Curt v. Dal- 



>) Dreissigjähriger Krieg, Bd. I 1632—33 (Wilhelmshöher 
Kabinetsarchiv), EriegsBachen 1632—33, Kriegsakten 1632-34. 

') DelaGardiska Archivet Bd. XI, hg. y. Wieselgreen 1839; 
Arkiv tili upplysning om svenska krigshistoria, Bd. l hg. v. 
Klinckowström 1854, Baad III hg. y. Mankell 1860; üppgifter 
röi*ande sveiiska krigsmagtens styrka, hg. y. Mankell 1865. 

') ^Aus seinen eigenhändigen Concepten deliniert von Johann 
Peter Kirstein 1675\ nachgebildet Arkiv tili upplyiming I Plan I u. II. 



329 

wigk*), 5) Reiterregiment Friedrich v. Roste in, 6) 
Reiterregiment Garde bezw. Tilo Albrecht v. Uslar. 

Gehen wir, um das nachzuweisen, aus von der 
^Battaglia vor Nürnberg mit der Conjunction des Herrn 
Reichskanzlers' vom 1. September 1632. Sie enthält 
von Hessen-Casseler Truppen eine Brigade zu Fuss und 
die Regimenter zu Ross F. E. v. Dalwigk = 2 Schwa- 
dronen*), C. V. Dalwigk = 1 Schwadron, Rostein = 
2 Schwadronen, Landgraf Wilhelm = Vs Schwadron. 
Das daneben genannte Reiterregiment Landgraf Johann 
gehörte dem sogenannten Landgrafen zu Braubach, 
einem Sohn Ludwigs V. von Hessen-Darmstadt, der 
später in kaiserlichen Dienst übertrat ; zur Zeit der Schlacht 
bei Lützen stand dies Regiment in Schwaben unter 
General Bauer. Während ihres Nürnberger Aufent- 
haltes hatten die hessischen Trappen starke Verluste, 
besonders am 3. September bei Burgstall, wo sie vor 
den Wällen des feindlichen Lagers von Zimdorf die 
Ehre des Vorkampfes mit ihrem Blute dankten. Damals 
fiel Gaspard Mach in, Oberstleutnant vom Leibregi- 
ment zu Fuss^), sowie Georg Albrecht v. Crailsheim 
und Christoph Moritz v. d. Mals bürg, beide Rittmeister 
im Regiment Rostein; die Obersten dieser beiden Re- 



^) Gurt y. Dalwigk-Schauenbarg war ein jüngerer Bruder 
vou Franz Elgar, ein dritter Bruder Otto Bernhard, an Alter 
zwischen beiden, war Oberst eines Fussregiments. Dessen Oberst- 
leutnant war (Ende 1632) Werner Scharkopff. 

*) Schwadron ist die Gefechtseinheit; starke Regimenter 
konnten mehrere Schwadronen bilden, mehrere schwache Regimenter 
zu einer Schwadron vereinigt werden. Die heutige Schwadron 
heisst Compagnie. 

^ Die 12 Compagnien dieses Regimentes standen am 13. März 
1632 unter Oberstl. Johann v. Ufifeln, Mi^jor Machin, Gap. Harstall, 
Quadt, Stange, Vemugk, Hörn, Gapitänl. Wangenheim, Gap. Graf 
V. Hanau, Dalwigk, Baumbaoh, Breull (Marb. Staatsarchiv). 



330 

gimenter aber, Graf Caspar v. Eberstein und Friedrich 
von Rostein, wurden verwundet*). 

Freilich haben die hessischen Regimenter in der 
^Lista pä marchering för Nürnberg' vom 18. September^) 
noch durchaus mittlere Stärke, das Regiment Eberstein 
ist sogar das drittstärkste des ganzen Heeres, aber die 
Zahlen dieser Liste entsprechen offenbar nicht dem da- 
maligen thatsächlichen Zustand der kampffähigen Truppen- 
theile; den wahren Thatbestand der hessischen wie aller 
anderen Regimenter zeigen erst die f&r die Theilung 
des Heeres zwischen dem König und den Herzögen 
Wilhelm und Bernhard von Sachsen-Weimar, welche 
kurz vor dem 26. September erfolgte, neu und streng 
aufgestellten beiden Verzeichnisse, von denen die 'Upp- 
gift p& styrkan af den — krigshären i Sachsen under 
Hertigames af Weimar befäl'^) die Hessen enthält. 
Für diese ist das Verhältniss der früheren und der spä- 
teren Liste folgendes : a) 1 Brigade und 2 Schwadronen % 
nämlich Reg. Landgraf oder Uslar 192 Pikeniere, 300 
Musketiere, 170 Officiere (einschliesslich Unterofficiere) = 
662 Mann; Reg. Graf v. Eberstein 480 Pikenire, 276 
Musketiere, 432 commandirte Musketiere % 192 Officire 



^) Vgl. MufTf Beyträge zur Geschichte des SOjähr. Krieges 
8. 63 ; Freih. v» Soden, Gustav Adolf uod sein Heer in Süddentsch- 
land Bd. I 8. 385 (wo Holstein statt Rostein steht). — Während 
der Nürnberger Zeit starb noch Capitän Bernhard Heinrich y. Dal- 
wigk-Lichtenfels ; s. Soden 8. 391; vgl. über Verluste des Loib- 
regiments daselbst 8. 520. 

«) Arkiv ni 8. 109 Nr. 934, üppgifter 8, 152 Nr. 184. 

») Arkiv I 8. 658 Nr. 473, üppgifter 8. 153 Nr. 186. 

*) Ebenso in der ^Battaglia zum Aufzug von Nürnberg' vom 
18. September. 

'^) Die für den jeweiligen bestimmten Zweck aus verschie- 
denen Kegimentern ausgesuchten oommandirten Musketiere hatten 
in der Battaglia, in kleine Abtheilungen geordnet, ihren Platz 
zwischen den Keiterschwadronen. 



331 

= 1380 Mann ; Schwadr. Landgräflicbe Garde und Ro- 
stein and Schwadr. Curt und Franz v. Dalwigk, beide 
zusammen 700 Mann Iststaxke ('efFective') bei 1700 
Mann Sollstärke ('angifne') ; dagegen : b) 1 Brigade und 
1 Schwadron, nämlich 8 Comp. Uslar und 12 Comp. 
Graf V. Eberstein, zusammen 222 Pikeniere , 318 Mus- 
ketiere, 236 Officiere = 776 Mann; Schwadron Rostein 
-Curt V. Dalwigk - Franz v. Dalwigk 315 Mann. 

Am 25. September (Windsheim) trug der König 
dem Landgrafen auf, seine unter Herzog Bernhard 
stehenden Truppen abholen zu lassen und zum Schutz 
des eigenen Landes zu verwenden % Dementsprechend 
sandte der Landgraf am 11. October (Cassel) den Oberst- 
leutnant Johann Geiso zu Herzog Bernhard mit der 
Weisung, die hessischen Regimenter, zumal sie in ihrem 
jetzigen Zustand draussen doch nicht viel nützen könnten, 
abzufordern, auf jeden Fall aber wenigstens das grüne 
Leibregiment sogleich zurückzuführen. Doch als Geiso 
am 20. October von Schweinfurt aus Bericht erstattete ^), 
hatten sich die Verhältnisse schon wieder völlig ver- 
ändert. Geiso vermuthete mit Recht, dass man die 
hessischen Regimenter jetzt nicht mehr fortlassen würde, ' 
nachdem der König sich entschlossen hatte, mit mög- 
lichst starker Macht das Hauptheer des Feindes in Kur- 
sachsen anzugreifen. In der That hatte Gustav Adolf 
am 15. October (Neuburg) bereits dem Landgrafen die 
entgegengesetzte Weisung ertheilt, seinerseits mit dem 
Rest seiner Truppen aufzubrechen und sich mit dem 
königlichen Heere zu vereinigen^). Am 26. October 

Vgl. Bommel VIR S. 206. 

') Sein Brief ist unten abgedruckt (Nr. 1). 

*) Das Schreiben ist gedruckt Arkiv I S. 677 Nr. ^2 (wo- 
selbst irrthümlich „Nürnberg*^), ein gleichlautendes an Herzog Wil- 
helm V. Weimar bei Droysen^ Schriftstücke von Gustav Adolf 
8. 187. 



332 

(Nürnberg) und am 3. November (Arnstadt) wiederholte 
der König die Forderung der Tnippensendong, das letzte- 
mal mit dem Versprechen, falls einer von des Land- 
grafen Hanptplätzen gefährdet werde, wolle er Hülfe 
leisten, wenn nöthig in eigener Person^). Wiederum 
wie im Sommer selbst sein Land zu verlassen, war nun 
allerdings Landgraf Wilhelm nicht gewillt. In einem 
ausführlichen Schreiben an den Grafen v. Eberstein 
vom 11. November (Melsungen) erklärte er: 'Wir vor 
unsere persohn möchten wünschen, dass wir in der 
persohn bey der arm^e sein und einer oder der andern 
occasion beywohnen, auch die notturft vor unsere re- 
gimenter bey der Königlichen Würden selbst solicitiren 
könten, weiln wir aber doch bey deroselben keine ge- 
wisse Station oder rang haben können, gestalt uns dan 
in dem Nürnbergischen lager bald difser bald jener, und 
denen wir doch vor difsem zue commandiren gehabt'), 
zue commandiren sich angemafset, über das auch wihr 
mit unserm und unserer armen leuthe grossem schaden 
befunden, wie in unser absenz und abwesenheit alles 
so gahr confuse hergangen, der feind sich auch am 
Weserstromb ufs neue widder sterket, und also unser 
praesenz disser örther zum höchsten von nöthen ist, so 
haben wir nicht unbillig bedenkens, noch zur zeit uns 
in eigener persohn zue der königlichen armee zu ver- 
fügen'. Dagegen auf die Truppensendung ging der 
Landgraf bereitwillig ein. Am 27. October (Cassel) 
schrieb er seinem Oberst Mercier, da der König ent- 
sclilossen sei, sein Heer zu 'col logieren', dem Feind 
aufn Hals zu gehen und gleichsam auf einmal dem 



') Siehe Rommel VUI S. 207 f. 

*) Die hessischen Obersten Otto v. d. Malsburg und Johann 
V. üffeln betiteln den Landgrafen in den Aufschriften ihrer Briefe 
vom 21. Norember bezw. 3. December als königlich schwedischen 
(bestellten bezw. wohl verordneten) General. 



333 

Fasse den Boden aaszustolsen, wolle er all sein Volk, 
was er dessen zu nothwendiger Besetzung seiner Fe- 
stungen nicht vonnöten haben werde, auch dahin schicken. 
So sind denn noch verschiedene hessische Truppen- 
theile nach dem Hauptheere in Marsch gesetzt worden. 
Betreffende Befehle ergingen: 1) 6. November (Cassel) 
an Oberst Jacques Mercier genannt Klein Jacob für 
sein eigenes Reiterregiment und das des Oberstleut- 
nants Georg V. S e e k i r ch e n ^) ; 2) 9. November (Cassel) 
an Oberstleutnant Johann Geiso für sein Fussregiment, 
das in Cassel stehende weisse Regiment^); 3) 10. No- 
vember (Melsungen) an Gapitän Yernugk's Fähnrich 
Martin v. Stein wigk für 'alle zue Münden und Göt- 
tingen, wie auch zue Wolfesanger und sonsten sich be- 
findende und zue unserm grünen Leibregiment gehörige 
Knechte'; 4) 10. November (Melsungen) an Capitän 
Burgkhart v. Baumbach vom Leibregiment (*sich wie- 
derumb, weil er ahn seiner Schwachheit cedirt, zu der 
compagni zu verfügen'; 5) 13. November (Melsungen) 
an Major E. L. Geiso für 'alle reuter, so zue unsern 
regimentern gehören, sie seyen beritten oder nicht', auch 
diejenigen, *so zu der beyder Rittmeister Barlebens 
[v. Bardeleben] und Bredens compagnien gehörig'; 
6) 14. November (Spangenberg) an Oberstleutnant Georg 
V. Seekirchen für 'seine unterhabende compagnie dra- 
goner, seyen beritten oder nicht'. Den letzten dieser 



>) Diese beiden Regimenter hatte der Jjandgraf dem General- 
leutnant V. Baadissin überlassen gehabt, welcher^ damals gerade 
im Begriff., aus der Wetteran in das Stift Köln vorzubrechen, sie 
nur widei-strebend und nach längeren Verhandlungen wieder heraus- 
gab, trotzdem sie nach Aussage des Landgrafen, ^ohne das nit also 
stark gewesen, durch stiitige erforderte ausgestandene travaillen 
zimblich strapeziret und sehr abkommen' waren. 

*) Der Major desselben hiess Krug, die schwächsten Com- 
pagnien waien die der Capitäne Wasserhuen und Schwartz. 



334 

Befehle hatte der Landgraf schoD am 13. November 
erlassen, jedoch hinzugefügt : ^Dieweil aber besorglichen 
wer, [falls] difse compagnie also alleine zu der könig- 
lichen armee kommen solte, [dafs] dieselbe undergestofsen 
werden, und wir also umb die compagnie kommen 
möchten, so wolten wir dieselbe^ wenn [sie] uns der 
Obristleutnant gegen ein billich recompens überlafsen 
wolte, lieber heranfser in unsern diensten behalten' ; 
Nachschrift: ^Ime fall er sie mir überlafsen will, können 
sie interimsweise ihr quartier Corbach wieder beziehen'. 
Doch Seekirchen ging in seiner Antwort vom 14. No- 
vember (Cassel ^) hierauf nicht ein, deshalb wurde am 
14. der Marschbefehl wiederholt und der Landgraf schrieb : 
'Wir wollen aber sehen, wan die compagnie einmal zur 
königlichen arm^e kommen würdet, wen es dan am 
ersten gereuen möchte, dafs ihr uns dieselbe begehrter 
mafsen nicht überlassen'. 

Man ersieht aus den Daten, dass alle diese Truppen- 
theile das Hauptheer nicht mehr früh genug hätten 
erreichen können, um an der Schlacht bei Lützen theil- 
zunehmen; sie erhielten aber überhaupt sehr bald wieder 
andere Befehle. Denn am Tage vor seinem Tode Hess 
der König durch Herzog Bernhard dem Landgrafen 
schreiben, er möge diejenigen Truppen, die er noch 
hereinwärts schicke, wieder gegen Cassel zurückziehen, 
zum Schutz dieser Festung gegen einen befürchteten 
Handstreich des Gronsfeldischen Heeres. Der Brief 
Herzog Bernhards^) wurde am folgenden Morgen in 



^) In ihr erwähnt er, das» Rittmeister HÖrda (oder Horda) 
noch in Corbach sei. 

'j Auf einem einliegenden Zettol berichtete ein Johannes 
Hoffmann: ^Der feind ist gestern umb Weifsenfels aufgebrochen, 
hat zu Rüppach [Rippach] randevous gehalten, marchiret gegen 
Leipzig, wo aber weiter hinaus, weifs man nicht; J. Wrd. werden 
ihm heute folgen*^. 



335 

Erfurt dem Herzog Wilhelm eingereicht, der den Auf- 
trag kraft 'tragender Charge' (er war schwedischer 
Generallieutenant) wiederholte, und ebenfalls noch am 
16. November in Spangenberg dem Landgrafen. Dem- 
gemäss berief dieser in den nächsten Tagen den Oberst 
Mercier mit den beiden Reiterregimentern und der Dra- 
gonercompagnie und den ObersÜieutenant Geiso mit 
dem Fussregiment zurück, letzteren traf der Befehl am 
20. November zu Walschleben bei Erfurt, als er eben 
einen Bericht über das, was er von den Lützener Er- 
eignissen vernommen hatte ^), abschicken wollte. Seine 
Leute lagen in den Dörfern bei Erfurt. Ob er auf dem 
Rückmarsch von dort auch die Ergänzungsmannschaften 
wieder mitgenommen hat, entzieht sich unserer Kennt- 
nisse der Major Geiso befand sich am 12. December bei 
den beiden Dalwigks im Hauptheer. 

Kehren wir zu dessen hessischen Truppentheilen 
zurück. In einer 'Lista p& krigsfolket i södra och 
venstra Tyskland^ von Mitte October-) sind für sie 
einfach die Summen der oben zuletzt besprochenen 
Liste wiederholt; ein Verzeichniss der schwedischen 
Truppen, das ich in die ersten Tage November nach 
Arnstadt setze ('Lista pä folkef ^), enthält die hessi- 
schen Regimenter überhaupt nicht. Dafür besitzen wir 
aber ans dem Anfang November einen Bericht von Hans 
Heinrich v. Günterode, Oberstleutnant des grünen 
Leibregimentes, an den Landgrafen *) aus Rottersieben, 

1) Unteu abgedraokt (Nr. 4), vgl. meine DiBsertation ,ÜQter- 
snchaDgen über die Sohlacht bei Lützen' 8. 40. 

*) Uppgifter S. 154 Nr. 187; 'i böijan of oot' alten Suis. 

») Arkiv ni S. 119 Nr. 944, Uppgifter 8. IßS Nr. 190; 
naoh MankeWs Meinung 'i medlet af oct.' alten Stils. 

*) Unten abgedruckt (Nr. 2); vgl. Bommel VHl S. 208, wo 
der Verfasser iiTthümlich General-Eriegscommissair genannt und 
der (nicht ausgefüllte) Tag der Abfassung mit dem der Einlieferung 
yerwechselt wird. 



336 

woranter vielleicht Rudtsleben an der Gera, nördlich 
von Arnstadt^ zu verstehen ist. Der Bericht zeigt, wie 
schlecht es damals um die hessischen Regimenter des 
königlichen Heeres im Allgemeinen bestellt war. Frei- 
lich treten diese gerade in dem nächstfolgenden schwe- 
dischen Heeresverzeichniss ('Ordonnance auf nachfolgende 
Regimenter^ '), das etwa zum 7. November nach Erfurt 
zu gehören scheint, wieder etwas stärker aaf, die Fass- 
regimenter mit je 400, die Reiter zusammen mit 500 
Mann, und wenn auch diese allzu runden Zahlen allein 
wenig beweisen würden, ist doch zu beachten, dass das 
Fussregiment Uslar hier zuerst zu 12 Compagnien, wie 
das Regiment Eberstein, angegeben wird, während es 
zuvor nur 8 hatte. Die letzte für uns in Betracht 
kommende Liste, welche kurz vor dem 16. November 
in Naumburg entstanden sein muss, ist in unserer Vor- 
lage überschrieben 'Armeen i Lützigske Battaglia^ ^). 
In ihrem durch sehr genaue Angaben ausgezeichneten 
ersten Theil, auf den sich jene üeberschrift bezieht, 
erscheinen die Hessen folgendermassen : 1) 12 Comp. 
Graf V. Eberstein 216 Musketiere, 144 Pikeniere, 142 
Officiere = 502 Mann; dazu 24 Kranke; 2) 12 Comp. 
Uslar 144 Musketiere, 36 Pikeniere, 142 Officiere = 
322 Mann; dazu 30 Kranke; 3) Franz v. Dalwigk 50 
Reiter, statt 75; 4) Curt v. Dalwigk 100 Reiter, statt 
150; 5) T. Albrecht Uslar 3) 50 Reiter, statt 75; 6) Ro- 
stein 180 Reiter, statt 270. Die Zahl der Compagnien 

>) Uppgifter S. 163 Nr. 195; Forsohongen zur Deutschen 
Geschichte Bd. V 8. 96 (hg. v. 0. Droysen). 

») DelaGardiska Arohivet XI 8. 18, Arkiv III S. 122 
Nr. 945, Uppgifter S. 164 Nr. 196; nach DelaOard. Arch. abge- 
druckt (voo G. Droysen) Forschungen z. D. G. V S. 96. 

') Dieser Name muss in der Vorlage in zwei Reihen ge- 
schrieben stehen, in allen vier Ausgaben ist er komischer Weise 
gespalten in T. Albrecht' und Tsler', von denen der erstere 
natürlich keine Leute hat. 



337 

ist f&r die hessischen Reiter nicht angegeben, nach einer 
noch zu erwähnenden Mittheilong des Inventarium 
Sneciae hätte am Ende des Jahres F. v. Dalwigk 8, 
C. V. Dalwigk 5 und Rostein 8 Compagnien gehabt. 

In welcher Weise sind diese Regimenter an der 
Schlacht betheiligt gewesen ? Die vorhandenen Schreiben 
der hessischen Officiere an den Landgrafen ergeben 
hierüber nicht viel. Die ausführlichen Schlachtberichte, 
welche Günterode und Rostein erstattet haben ^), sind 
uns leider nicht erhalten, und der Bericht des Grafen 
V. Eberstein vom 18. November (Weissenfeis ^) spricht 
weniger von der Thätigkeit der hessischen Truppen, 
als von den Verlusten und dem Zustand des Leibregi- 
ments. In den späteren Schreiben klagen die Officiere 
besonders darüber, dass sie und ihre Regimenter sich 
in einer schiefen Lage befanden^ da weder von schwe- 
discher noch von hessischer Seite für sie gesorgt werde, 
so Rostein am 26. November (Grimma ®), F. E. v. Dal- 
wigk am 4. December (Reichenbrand bei Chemnitz^), 
die beiden Dalwigks und Major E. L. Geiso (vgl. oben 
S. 335) zusammen am 12. December (*Schmöhlen\ wohl 
= Schmölen bei Würzen), Eberstein am 15. December 
(Leipzig). Die Hauptquelle für unsere Eenntniss der 
Aufstellung des schwedischen Heeres, die 'Battaglia von 
Lützen geschehen den 6. [16.] Novembris', zeigt den 
Platz, den die hessischen Reiter in der Schlachtordnung 
einnahmen, und sie lässt auch den des hessischen Fuss- 
Volks mit ziemlicher Sicherheit erkennen^ ohne dieses 



^) Siehe meine Dissertation S. 28 n. 46. 

^ Unten abgedruckt (Nr. 3); vgl meine Dissert. S. 27. 

*) Der Brief ist unten abgedruckt (Nr. 5); vgl. meine Dissert. 
S. 46. Ueberbringer war ^EUttmeister Didens [Diede] Gomef. 

*) Der Brief, am 14. December (Cassel) beantwortet, ist uns 
nicht erhalten; Ueberbringer waren die mit mündlichem Bericht 
beauftragten Rittmeister v. Gilsa und y. Calenberg. 

N. P. Bd. XVIII. 22 



^f 



338 

jedoch, da sie in ihren Bezeichnungen sehr kurz ist, 
ausdrücklich zu nennen. Diesem Mangel wird abgeholfen 
durch das Verzeichniss der Truppenkörper im Appendix 
zum Ändern Theil 'Inventarii Sueciae' (1632) und die 
Erläuterung des Schlachtplanes im 3. Theil (S. 165 ff.) 
des 'Swedish Intelligencer' (1633). 

Unsere Regimenter standen im zweiten Treffen, 
welches ebenso wie das erste in der Mitte 4 Fuss- 
brigaden, auf jedem Flügel 6 Reiterschwadronen hatte, 
die hessischen Reiter ^) bildeten alle zusammen nur eine 
Schwadron, die zweitinnerste des rechten Flügels, die 
beiden Fussregimenter ^) bildeten, soweit sie nicht etwa 
commandirte Musketiere abgegeben haben, einen Be- 
standtheil der Brigade des Grafen v. Thurn, zu der 
noch dessen Regiment sowie das des Grafen v. Isen- 
b u r g und wohl auch das des Grafen v. E r b a c h ge- 
hörten. Ueber die Thätigkeit der hessischen Regimenter 
in der Schlacht ist wenig bekannt Wie Eberstein am 
18. November schreibt, erhielten die Reiter, ganz be- 
sonders auch die beiden Dalwigks, hohes Lob wegen 
ihres Wohl Verhaltens. Den Befehl über die Schwadron 
hatte, wie wir dem Swedish Intelligencer entnehmen 
können, Franz Elgar v. Dalwigk (^Col. Dalwick'). Die 
Nachschrift zu Ebersteins Brief gibt für das grüne Leib- 
regiment eine Verlustliste, man zählte damals 100 Todte 
und Verwundete, Capitän Quadt'), Capitän Stange's"^) 
Leutnant und Capitän Landgraf Fritzens^) Fähnrich 
waren schwer verwundet. Ein leider undatirtes 'Ver- 

^) Der Swedish Intelligencer nennt die ^schwaohen' Re- 
gimenter der Oberston Rosteiu and Dalwigk. 

*) Der Swedish Intelligencer nennt das ^schwache' Regiment 
des Grafen y. Eberstein und ^some Hassians*. 

') Siehe oben S. 320 Anm. 3. 

*) Friedrich von Hessen, Sohn des Landgrafen Hermann zu 
Rotenburg, Enkel des Landgrafen Moritz. 



339 

zeichniss aller — bei Lützen — beschädigten — zu 
Fuss, — wo sie ihren Unterhalt haben sollen'^), nennt 
von Ebersteins Regiment nur 23, nach Mühlhaosen zu 
legende, Personen: 1 Leutnant, 2 gemeine OfGciere 
(Unterofiiciere) und 20 Soldaten; das Uslar'sche Regi- 
ment fehlt ganz (ebenso das Erbach'sche), die Regimenter 
Isenburg und Thurn erscheinen mit nur 15 und 10 Ver- 
wundeten, worunter der Isenburgische Oberstleutnant 
und Thurn's Major. Wie wir anderwärts erfahren^ ist 
auch Graf Hans Jacob y. Thurn selbst verwundet worden. 
Dass er seine Brigade während der Schlacht befehligt 
hat, sagt der Swedish Intelligencer ausdrücklich. Eber- 
stein dagegen führte nach derselben Quelle die fünf 
Trupps commandirter Musketiere im rechten Reiterflügel 
des ersten Treffens, dieselben, die er nach einem an- 
deren Bericht am 15. November bei Rippach unter sich 
hatte^ während an der Spitze seines Regiments wohl 
der Oberstleutnant v. Günterode gestanden hat'). Tilo 
Albrecht v. Uslar, der als hessischer Generalmajor am 
27. Juni 1632 bei Volkmarsen eine grosse Schlappe 
erlitten hatte, ist allem Anschein nach während der 
ganzen hier behandelten Zeit nicht im schwedischen 
Hauptheer gewesen, dagegen fiel bei Lützen der schwe- 
dische Oberst Georg v. Uslar ^) an der Spitze seines 
Reiterregiments. 

Einem hessischen Geschlecht gehörte der Ritt- 
meister Bodo V. Bodenhausen an, welcher im Auf- 
trag Herzog Bernhards von Weimar am 17. November 



1) Arkiy III 8. 126 Nr. 946. 'und sind über vorige speci- 
ficirte in die 400 Offloiere und Soldaten, so in Weissenfeis liegen. 
Die Renter- Verzeichnisse aber sind nooh nicht alle einkommen' 
(S. 128). 

>) Siehe meine Dissert 8. 27 u. 28. 

*) Der Swed. Inteil. nennt ihn <Gol. Isler, Sergeant-Major- 
General*, vielleicht in Yerwechslnng mit Tilo Albrecht 

22* 



340 

von Weisaenfels nach Dresden abreiste and dort am 
21. November anter anderem aach über die Schlacht 
bei Lützen berichtete ^). Dass er an dieser persönlich 
theilgenommen, ergibt sich aas einer flagschriftlichen 
Mittheilang, die offenbar aaf ihn bezogen werden mnss. 
In dem ^Wahrhaftigen Bericht der überaas grossen and 
herrlichen Victorie") findet sich der Aaszag eines 
Schreibens aas Wittenberg vom 20. November, worin 
es heisst: 'Ein Bodenhaasen, so bejrm treffen gewesen, 
der berichtet, dass er etwa 4 schritt vom Wallensteiner 
gewesen, weren 8 Schüsse nach ihm [Wallenstein] ge- 
than; bette sich ganz übern sattel geleget gehabt; ob er 
nan was davon bekommen, weiss man nicht, hat sich 
hernach mit einem türkischen klepper davon gemacht'. 
Ein anderes Glied eines hessischen Geschlechtes aber 
stand bei Lützen an hervorragender Stelle aaf der katho- 
lischen Seite: der Abt von Falda, Johann Bernhard 
Schenk za Schweinsberg. Er war darch die 
Evangelischen aas seinem Stift vertrieben worden and 
erhoffte darch den Sieg der Friedländischen Waffen seine 
Heimkehr^). In einem Briefe vom 25. October^) hatte 
er sich von Wallenstein die Erlaabniss erbeten, sich bei 
ihm aafhalten za dürfen, nachdem er sich schon darch 
den Bischof von Wien and den Grafen v. Aldringen an 
ihn gewandt hatte. Er erklärte damals, allem was der 
Herzog ihm 'forthin erschaffen and gebieten' werde, 
fleissig und gehorsamlich nachleben za wollen; er be- 

^) Siehe meiDe Dissert. 8. 59. 

') loh benutse das Stockholmer Exemplar, verzeichnet in 
^Kongl. Bibliotekets samling af samtida berättelser om Sveriges krig', 
Stockholm 1888—91, S. 62. 

•) Siehe Rommel VIE 8. 183 f. 

*) Gedruckt Oesterreichisühe militärische Zeitschrift, 2. Aufl. 
der Jahrg. 1811 u. 1812, Wien 1820, Bd. II S. 506, und Fester, 
Albrechts v. Wallenstein Briefe Bd. II S. 287. Der Abfossungsort 
^Neuwmarckt' ist wohl Neumark bei Reiohenbaoh in Sachsen. 



341 

gehre nicht mehr als seiner Liebden schlechtesten Sol- 
daten oder Diener einer accomodiret za sein. Seine 
Bitte wurde gewährt, und so konnte er bei Lätzen für 
die Sache der katholischen Partei eine eifrige Thätigkeit 
entfalten, über die besonders der Bericht des Giulio 
Deodati von 1632 Nov. 29. ^) Mittheilungen macht. 
Nachdem er vor Beginn der Schlacht dem Heere den 
Segen ertheilt hatte, eilte er anfeuernd von einem 
Tmppentheil zum andern. Der Landgraf Maximilian 
Adam von Leuchtenberg erwähnt in einem Briefe an 
Wallenstein vom 26. November (Prag'), dass ihn der 
Abt damals ersucht hat, mit ihm zu dem Pappenheim- 
sehen Volk zu reiten. Dabei gerieth der Abt an die 
Spitze einer feindlichen Schwadron, die er irrthümlich 
für eine der katholischen Partei gehalten hatte. An 
seiner geistlichen Kleidung erkannt^ wurde er durch 
einen Pistolenschuss getödtet, der Leichnam wurde 
nachher von den Katholischen davongebracht ^). 

Nachdem Landgraf Wilhelm erfahren hatte, dass 
die Entscheidung gefallen^), der Feldzug also in der 
Hauptsache aus war, betrieb er alsbald die endliche 
Rückkehr seiner Regimenter. Am 23. November (Hers- 

>) Siehe meine Disseri S. 61. 

*) Oedmokt Oesterr. milit. Zeitsohr. a. a. 0. S. 601, F&rater 
a. a. 0. S. 812. 

*) 'Havendo avanti la battaglia benedetto resserdto, soorreado 
per 11 oampo andd alla testa d'un squadrone di oavalleria, pensando 
fuise de Qostri, ma sendo dei nimico conosciatolo oosi al habito, 
oon una pistoletta Tuocisero, che fu pol il suo oorpo ritirato', For- 
sohoogen z. d. Q. IV S. 565. 

*) SohoD am 21. November (Hersfeld) sohrieb er an den 
Statthalter eu Cassel: ^Demnach die — herliohe viotoria ferners 
continuiret, als haben wir eaoh die uns deswegen zuekommene 
weitere berichtschreiben hiermit in genaden commoniciren 
wollen, damit ihr eaoh beneben uns darüber za erfreuen und dem 
lieben Qott vor seine augenscheinliche göttliche hülf und rettung 
herrlichen zu danken uhrsaoh haben möget*. 



342 

feld) trag er dem Oberstleatnant Johann Geiso aof, 
seine Leute nach Rotenburg, Eschwege und Witzen- 
hausen in die Quartiere marschiren zu lassen, selbst 
aber zu ihm nach Eisenach zu kommen, da er ihn ver- 
schicken wolle; am 27. (Friedewald) gab er demselben 
ausf&hrliche schriftliche Anweisung, dafür zu sorgen, 
dass ihm die hessischen Regimenter, wofern möglich, 
abgefolgt würden, doch ausgenommen die beiden Uslar- 
schen, welche er nicht suche, und entsprechend schickte 
er am 28. (Friedewald) Marschbefehle an Eberstein, 
Rostein und die Dalwigks ^). Die Sache zog sich jedoch 
noch hiuj da Herzog Bernhard von Weimar sich be- 
mühte, bis zur völligen Beendigung des Feldzuges das 
Heer Grustav Adolfs möglichst beisammen zu behalten. 
Inzwischen besann sich der Landgraf eines anderen 
wegen der Uslar'schen Regimenter, der endgültige Befehl 
vom 20. December (Cassel) zum Rückmarsch unter 
Ebersteins und des älteren Dalwigk Führung erging für 
alle Regimenter an 1) Graf v. Eberstein, 2) Franz Elgar 
v. Dalwigk, 3) Friedrich v. Rostein, 4) Curt v. Dalwigk, 
5) ^des Uslar'schen Regiments zu Pferde Commandanten, 
Rittmeister Birckenfeld' ^), 6) Oberstleutnant Oestering 
'oder wehr ahn seine statt [das Uslarische Regiment zu 
Fuss] commendiret'. 

Man sieht also, dass das Inventarium Sueciae gut 
unterrichtet ist, indem es (a. a. 0. S. 40) die alten 



') Gort wird hier als OberstleutDant bezeichnet, am 20. De- 
cember dagegen als Oberst 

') Eine Angabe in der Leichenpredigt des 1676 verstorbeneD 
Feldmarsohalls Ernst Albrecht v. Eberstein {FVeih. v, Eberatein^ Ur- 
kundliche Nachträge zur Gesch. der Frh. v. E. Bd. III 8. 156; 
vgl desselben Beschreibung der Kriegsthaten Ernst Albrechts v. E. 
S. 6); dass dieser, 1632 in Landgraf Wilhelms Leibregiment [zu 
Boss] Migor geworden, bei Lützen, Zwickau und Leipzig dabei- 
gewesen sei, las st sich hiermit nicht wohl vereinigen. 



343 

hessischen Regimenter, die von Zwickau nach Hessen 
zurückmarschirt seien, bezeichnet als 'Rpssteins 8 Comp, 
zu Pferd, Franz v. Dalwig 8 Comp., Conrad v. Dalwig 
5 Comp., des Usslers übrige Trouppen, alle zu Pferd, 
und die zwei das grüne und blaue Regiment zu Fuss'. 



Beilagen. 

Nr. 1. Oberstieutnani Johann Qeiso an Landgraf Wil- 
helm V. V. Hessen, 1632 Od. 20 Schiveinfurl, einger, 

Oct. 24 Gassd. 
Ausfert. m. Sieg., Marburg. Staatsaroh., 30j. K. 1623-32 Bl. 125. 

Dnrchleuchtiger hochgeborner Fürst, gnediger her. 
Den 5. [16.] hujus bin ich zue Schweinfurt angelangt 
und E. F. G. befel *) bei Herzog Bernhards F. G. under- 
thenig abgelegt. Es haben S. F. G. alsobalt sich dahin 
resolviret, wie gern dieselbige E. F. 6. ihre truoppen 
folgen lafsen wolten, so könte doch solches nicht ohne 
fernere confirmation I. K. M. geschehen ; [haben] defs- 
wegen sobalt ein curier naher der K. M. abgefertigt, 
deren order stündlich erwartet wirt, und sobalt mihr 
solche zuegestellet, wil ich mich eilen, E. F. G. in allem 
ünderthenige nachrichtung zu hinderbringen. Ich be- 
fahre mich aber, weil I. K. M. mit dero haubtarme[e] 
uff Sachsen marchiren, dafs zue E. F. G. contantament 
ich wenig aufsrichten werde. 

Die Wallensteinische und Bairische arme[e] haben 
sich in und umb Coburg ufgehalten, die bürger-defs- 
orts hinder dem königlichen Commendanten her mit 
dem feind accordiret [Oct. 8J und vor die plünderung 



>) Siehe oben S. 331. 



344 

ein stdck gelt erlegt. Der feind hat zwar das hanfs 
auch angegriffen^ aber seine angefangene transementa 
mit verlast 500 Soldaten quittiret [Ocb 15]j wie solches 
der Commendant, Obrist Dubartel ^), Herzog Bernharden 
berichtet. Nahmer haben sich beide arme[en] getheilet, 
and gehet Wallenstein uff den hoif ^) zwischen faat- 
land') und Meifsen, der Bairfiirst aber in Bairen. Ob 
nan I. K. M. ihre intention und marche endern werden, 
stehet zue vernehmen. Sonst seind E. F. 6. regimenter 
über die masen schwach, wie auch ingemein alle übrigen; 
and helt der König darfür, wollte mit den officirem das 
beste than. 

Herzog Bernhard wirt morgen von hir ufbrecben 
und sich Sachsen nähern. Was weiter vorgehet, hoffe 
E. F. 6. mit ehestem selbst underthenig zue berichten, 
dieselbige [ich] hiemit dem almechtigen zue langlewiger 
regirung und allem fürstlichen zuestand, dero mich aber 
zue beharlichen fürstlichen gnaden underthenig befeie. 
Datum Schweinfart den 10. [20.] octobris 1632. 

E. F. G. verpflichtter undertheniger diener J. Geifso. 

P. S. Das fürstliche haufs in Coburg ist vom feind 
geblünderty und ansenliche beute darin gefunden^). 



^) Georg Christoph y. Tanpadell. 

«) Hof. 

•) Voigtland. 

*) Vgl. ^Reiatio, wie es mit Eroberong and Ansplünderang 
Coburgs hergegangen', Arkiv 1 8. 796 Nr. 549, sowie den Bericht 
des Silvio Piocolomini von 1632 Deo. 2 (b. meine Dissert. S. 67), 
worin es heisst: ^Choburg — si messe a saoho, — dove si trovö 
una bellissima armeria di moschetti oome di oorazze, — e certe 
era una delle belle armerie ohe si potesse yedere\ 



345 

Np. 2. ObersOeuinant Hans Heimich v. Oünterode cm 
Landgraf Wilhelm V. v, Hessen, 1632 pfov. 2—5] 

RucUslebefi (? 9, eingef\ Nov. 7 Cassel. 
AoAferi m. 8p. d. Sieg., Marb. Staatsarch., 30 j. K. 1623—32 Bl. 143. 

Durchleuchtieger hochgeborner Fürst, E. F. G. seind 
meine underthanige pflichtschuldiege gehorsame dinste 
eusersten vermögen nach iederzeit zuvor. Gnediger 
Fürst und herr. 

Seithero des Obristen-Leutenant Giesen ^) abreisen 
ist alhie nichts schrieftwürdieges vorgefallen, als dafs 
die jenige armee, welche bifs anhero unterm com- 
mendo Herzog Bernhards F. G. in Frankenlande gelegen, 
aufgebrochen und über den Thüringer wald gezogen; 
[sie] befindet sich anitzo bey Arnstedt, umb uff des 
Königs armee zue warten und alsdan dem feinde, welcher 
voritzo den einkommenden advisen nach umb Leipzig 
sich befinden soll, nachzuegehen. I. E. M. vor ihre 
person kamen bey Frauenwalde zue uns und liegen 
anitzt zue Arnstet^), Herzog Bernhards F. G. aber seind 
in Erfurdt. 

Als I. M. die regimenter besahen und befanden, 
dafs die hessischen gleich andern zimlich schwach, waren 
sie gar übel zuefrieden und wolten die schuld theils 
uff die ofBcirer legen, welche die Soldaten gerne in 
Hessen Jaufen Hessen, damit sie balde hernach kommen 
möchten^ theils gaben sie auch die schuld, als ob solch 
abelaufen conniventibus oculis geschehen, und gleich 
[als] würden die auTsgerissene und in Hessen ankom- 

») S. oben S. 335 f. — «) Johann (jeiso. 

Gustav AdoJf war Oot. 30 in Sohweinfurt (Arkiv II 8. 606), 
31 in Eissingen und KÖnigshofen, Nov. 1 in Schiensingen {SöUl^ 
Der Beligionskrieg in Deutschland Bd. III 8. 319), dann also in 
Frauenwaldy Nov. 2 in Ilmenau (Rikskansleren A. Oxenstiemas 
skrifter och brefvezling Abt II Bd. I 8. 856) und Arnstadt (Arkiv 
n S. 685), Nov. 7 in Erftirt (Oxenstiemas brefv. a. a. 0. 8. 869) 



346 

mende Soldaten gerne gesehen und gotwillig aufge- 
nommen. Durch wen solche suspicion evociret worden, 
wolte ich wohl erraten, E. F. G. werden es auch zue 
seiner zeit erfaren können. 

Damit aber I. M. aufs dem argwöhn kernen, habe 
ich sogleich bey allen compagnien ^) eine roUa eingeben 
lassen, wie stark iedwedere gewesen, wie sie sich anitzo 
befinden, was vor kranke an iedwedern ort zue rücke 
geblieben, und wie viel gestorben : da befinden sich der 
wenig, welche gesund und frisch hinweggelaufen. Die- 
weil aber auch derselben eine zimliche anzall, so wolte 
ich meinen geringen verstände nach unterthänig davor 
halten (damit E. F. G. sich von aller suspicion frey 
machten, wie ich dan gewifslich weifs, dafs dieselbe in 
diesem fall ganz unschuldig sein), es wehere nicht übel 
gethan, wan E. F. G. einen abgelaufenen Corporal oder 
bhar Gefreite in banden und eysen bey das regiment 
anhero bringen Hessen, umb selbige zue justificiren. 
Dadurch würde auch den noch anwesenden, welche nach 
den fleischtöpfen verlangen tragen, ein exempil gegeben. 
Es ist von meiner eigenen compagnie in der itzigen 
marche, da man doch gott lob keinen mangel gehabt, 
ein Corporal Jobst Schotte von Wolfhagen hinweg- 
gelaufen und [hatj 10 gesunder knechte mit sich ge- 
nommen, welche alle zue Wolfhagen zue hause: der 
wehere reif genung, wan man ihm ertappen köndte. 

Wie es sonsten allenthalben mit dem regiment 
eine beschaffenheit hat, wirdt sonder zweifei der herr 
Obrister, her Graff zue Eberstein, welcher gott lob ver- 
gangene woche wiederumb frisch und gesund bey uns 
angelanget ^), weitieuftiger berichten. Und ob zwar gutte 
quartir zum höchsten von nöten, weil die Soldaten und 



^) Des graaen Leibregiments zu Fius, s. oben S. 335. 
*) Siehe oben 8. 330. 



347 

officirer gar herunter kommen, so wil sichs doch anitso 
meinen wenigen verstände nach daramb zue sollicitiren 
nicht wohl fügen, weil man gegen dem feind marchiret, 
I. M. auch aufstrücklich vor dem regiment sich ver- 
nemen liessen^ sie wolten, wan diese occasion vorüber, 
und der dinst gethan, E. F. 6. kein regiment aufhalten, 
wie sie es auch nicht thun köndten. Im übriegen wolte 
E. F. G. ich ganz unterthänig und treulich rathen, uff 
alle mögliche wege zue trachten, wie obgesetzete su* 
spicion cum efectu zue purgiren, weil gar viel beweg- 
liche wort dessentwegen mituntergelaufen. Mit Capitain 
Ködel ^) verhelt sichs anders, als ich unlängst ^berichtet, 
gestalt er dan wieder zue Schweinfurt ankommen und 
sonder zweifei mit der königlichen arm6e dem regiment 
nachfolgen wird. 

Ich verbleibe E. F. G. untertheniger gehorsamer 
und pflichtschuldiger H. H. v. Günterod, Obrist-Leutenant. 

Datum Bottersleben den octobris ^) anno 1632. 

Nr. 3. Oberst Oraf Caspar v, Ebersiein an Landgraf 

Wilhelm V. v. Hessen, 1632 Nov, 18 Weissenfels, 

einger. Nov. 24 Kreuxburg, 

Gerichtet nach Cassel. Ausfert. m. Sieg. u. eingel. Zett. Marburg. 
Staatsaroh., Kriegsakten 1632—34 (1 2, II). 

Durchleuchtig hochgeborner Fürst, gnädiger herr. 
E. F. G. seind meine nnterthenige gehorsahme dinste 
in treuen allezeit bereit. Gnädiger herr. 

E. F. G. habe ich in eyle unterthenich zu ver- 
nehmen geben sollen den schmerzlichen und kläglichen 
abgang I. M., welche, als wihr den 6. [16.] novembris 
bey Lycen mit dem feinde eine feltschlacht gehalten, 
durch unterschiedliche schüsse und wunden todt auf 
der walstatt geblieben. Dieser traurige fall hat nicht 

^) Eeudell. 

>) Alten Stils ; vgl. oben S. 335 Anm. 4. 



348 

allein einem so herlicli erhaltenen sieg gleichsahmb seinen 
glänz benommen, besondern auch verursacht, dafs der 
feind nach erhaltener schlacht nicht weiter verfolget 
worden, wiewoll wihr des feindes stück und munition 
eroberet and ehr seine bagage verlafsen müfsen. Eine 
so herliche victoria und bluttige^ denkwürdige schlacht 
hat mit des tapfersten Königes edlem blutt müfsen ver- 
sieglet and noch mehr renommiret werden. Aaf unser 
Seiten ist es nicht lehr abgangen, dan alle Obersten zu 
fufs, ausgenommen mich und noch einen, seint ver- 
wundet, und einer [ist] todt blieben '). Der anderen 
ofiicirer ist so ein merklicher abgang, wie auch der 
Soldaten, dafs es fast eine bluttige victoria zu nennen. 

E. F. G. mihr untergebenes Leibregiement hat auch 
zimlichen schaden erlitten, dafs es nuhmero fast dünne 
und geringe worden, wie E. F. 6. der abgeschickete 
Leutenant mit mehrem mündlich berichten wird. E. F. 6. 
habe ich fürlengst solches berichtet und, wie es mit 
completirunge des regimentes diefselbe halten wollen, 
erkündiget, aber bifs dahero keine antwordt empfangen ; 
bitte demnach, E. F. 6. mihr ferner ordre ertheilen 
wollen, wie ich mich folgend zu verhalten, und wie sie 
dem regiment wieder geholfen sehen. Die andere Obersten 
haben von I. M. ihre afsignirte quartier auf neun extra- 
ordinari lehnungen für ein complet regiment empfangen, 
davon sie recruit machen sollen, wihr ganz nichts; E. 

F. 6. werden uns mittel zum unterhalt und recruit 
verschaffen, sonsten wird alles vollend in disrut gehen. 

^) Ob. V. Gersdorff, der nach dem Swedish Intelligenoer auf 
dem ünkeD Flügel des ersten Treffen dieselbe Stellung hatte, wie 
£berstein auf dem rechten, s. oben S. 339. Von den Obersten zu 
Fuss starben infoige ihrer Verwundungen noch Georg v. Wildenstein 
und Graf Nils Brahe tili Visingsborg; davon kamen Hans Georg 
aus dem Winckel, Graf Hans Jacob v. Thum und der kursäohsisohe 
Ob. V. Böse. Mit dem zweiten unverwundeten Ob. zu Fuss ist 
wohl Joachim Mitzlaff gemeint. 



349 

Wier liegen alhie zwee tage stille, ein wenich in odre 
wieder zu kommen; sollen, wie man saget, mit Saxen 
uns conjungiren. Der feind hat sich amb Leipzig ge- 
leget; theils melden, ehr habe sich bifs an die Weeser 
reteriret. Welches E. F. 6. in eyle ich untertenich 
melden wollen^ dero femer befehl erwartend, und ver- 
bleibe 

E. F. 6. nntertheniger knecht und gehorsahmer 
diener Casper Eb. 

Datum Weifsenfeis den 8. [18.] novembris anno 1632. 

[Zettel:] Post datum. Von E. F. 6. regiment zue 
fufs werden bifs dato einhundert gebliebene und ge- 
quezschete Soldaten vermisset. Von ofiicirer sind ge- 
blieben^) Capitain Quadt, ist mit einer kugel durch 
den köpf geschossen, [und] Stangens Lieutenant, [dem] 
ein Schenkel entzwei geschossen; [sie] leben zwar noch. 
Her Landgraff Fritzen Fendrich, durch einen arm und 
den leib geschossen, lebt auch noch. Wie viel uff beiden 
Seiten geblieben, weifs man noch eigentlich nicht. E. 
F. 6. reuterei, insonderheit die beide Dalwig werden 
hoch recommendirt ihres wohlverhaltens halber. Gott 
stehe uns femer bei. 

Ut in litteris. 

Nr. 4. Obersleutnant Johann Oeiso an Landgraf Wil- 
helm F. V. Hessen^ 1632 Nov. 20 Walschleben, eingei\ 

Nov. 23 Hersfeld. 

Geriohtet naoh Friedewald. ^Cito, cito\ Ausferi m. Sieg. u. ein- 
gel. Zett., Marburg. Staatsaroh., Kriegsakteo 1632—34 (1 2, II). 

Durchleuchtiger hochgebomer Fürst, gnediger her. 
E. F. 6. soll ich nachmals underthenig nicht verhalten, 
dafs den 6. [16.] difses monatts zwischen Weifsenfeis 
und Littz ein haubtdreffen furgangen und sehr hart 



1) Siehe oben S. 329 Anm. 3 u. 8. 338. 



350 

wiedergebalten, aber endlich Gott das glück geben, dafe 
der feind mit groüser disorder aufs dem feite geschlagen 
worden und mit dem Überrest bei und in Leibsig sich 
gesezt, manition und stück allefs im stich gelafsen. Die 
sächsische arme[e] ist einen tag zae langsam kommen; 
welche sich nnmehr mit der königlichen arme[e] con- 
jungiret und auf Leibsig gangen, [soldafs man hofft 
(weil Herzog Bernhard schreibt, der feind sei in einen 
backoffen gegroffen), Gott werde weiter fortun geben, 
sonderlich weil des feinde übrige invanterie zimblich 
hin und wieder zerstreuet, und ihnen an munition man- 
geln möchte. E. F. G. kan ich aber bei dieHser guten 
Zeitung auch underthenig nicht vorenthalten, dafs I. K. M. 
im anfang stracks im ersten dreffen durch einen schufs 
und mit zwei kugeln thöttlich verwandt worden, dar- 
über dieselbige zwei stunde hernach thotts verpflichen. 
Weil dan difser unverhoffter fall E. F. G. nott- 
wendig zue wissen gebüret und deroselben ohne zweifei 
zumb höhesten und heftig zue gemüt gehen wirtt, also 
habe E. F. G. mit difsem meinem hotten ditse under- 
thenige nachrichtung geben sollen, und wollen diesel- 
bige sich versichern, wafs in difsem bericht beruhet, dafs 
ich solchen aufs Herzog Wilhelms F. G. mund habe. 
Die Königin hat noch zur zeit nicht mehr Wissenschaft 
von difsem königlichen betrübten hinfall^ als dafs I. M. 
nnhr etwafs verwund wehren, aber dieselbige gehelt 
sich über die masen betrübt, dafs auch ihren vornembsten 
leuthen nicht wohl darbei ist^). Wab Papenheim an- 
langt, weifs Herzog Wilhelm nicht änderst, [als] dafs 
derselbige thott, wie auch nicht weniger von Wallen- 
stein gerett wirti Weitere particularia seind noch nicht 
bekant, als dafs vornehme officirer blieben seind, deren 
nahmen noch nicht specificiret. Sonsten logire ich über 



1) Vgl. meine Dissert 8. 39. 



351 

Erfdrt in selbiger stadt dörfer, und will mich Herzog 
Wilhelm noch ein zeit bei sich behalten. E. F. 6. habe 
ich allefs underthenig anfliegen sollen und thue diesel- 
bige mit dero ganzem fürstlichen hause dem allmechtigen 
Gott befeien. Datum Walzleben den 10. [20.] novembris 
1632. 

E. F. G. untertheniger verpflichtter diener Johan 
Geifso. 

Herzog Wilhelm befinden sich noch übel auf. 

[Zettel:] P. S. Gnädiger Fürst und her. Wie ich 
den hotten abgefertigt, kombet E. F. G. order *) mihr 
zue, wie auch ein schreiben an Herzog Wilhelm F. G. 
Wil also gemeltes schreiben selbst einlifern und der 
Order schuldigen gehorsamb leisten, habe auch zu dem 
ende nuhmer dilsen underofficirer abgefertigt, bei E. F. G. 
weiter order abzueholen und [sich] damit uff Cassel 
bescheiden [zu lassen]. 

Nr. 5. Oberst Friedlich v. Rostein an Landgraf Wil- 
helm V. V, Hessen, 1632 Nov, 26 Orimma, einger. 

Dec. 18 Cassel 

Ausfert. m. Sieg., Marburg. Staatsarch., 30j. K. 1623—32 Bl. 157. 
Durchleichtiger hochgebohrner Fürst, gnaedigster 
faerr. E. F. G. underthänig zu schreiben hab ich nicht 
wollen underlafsen. Unsern zustand und des Königs 
tod, in wafs gestalt es geschechen etc., werden E. F. G. 
aus meinen vorigen schreiben von 8. [18.] novembris, 
so ich E. F. G. geschriben, ausführlich vernommen 
haben ; [dieses] anbelanget mein regiment, welches durch 
das langwierige strapeziern fast ganz ruinirt [ist] und 
auch folgents ruinirt wirdt, wofeme E. F. G. sich nicht 
unser mit ernst annehmen und uns die mittel verschaffen 
auf rehkruit, gleich der König den andern Obristen 

Siehe oben S. 335. Unser Brief trägt den Eanzleivermerk : 
*Obriät-L. Qeilso schreibt wegen seiner rüokmarche von Erfurt'. 



352 

anweilsangen gethan; dann die hessischen trappen in 
keiner liste der quartiere des Königs gestanden. Es ist 
mir wie auch den Dalwiegen der zeit von I. M. hoch- 
löblichster getächtnufse zae antwort gegeben worden, 
es weren E. F. G. so viel quartier angewiefsen, dorvon 
solten wir uns contentiren lafsen. 

Wann dan ich nicht solte andern gleich gehalten 
werden und nicht weifs, an wehn ich mich und das 
regiment [sich] halten sollen, so hette ich meinen dienst 
in der verlohrnen zeit übel angewendet. E. F. G. mit 
vielen lamentationibus zu inportuniern achte ich unnöttig, 
dann derselben woll gnedigst wifsent, dafs [ich], die 
ganze zeit ich das regiment gehabt, in dero dienste 
nichts empfangen, besondem nicht allein meine gesund- 
heit verlohren, [nein] auch alles verzehrt, wafs ich in 
vorrath gehabt Ich mag woll das Sprichwort gebrauchen : 
4ch bin zu pferde gekommen und gehe zu fuefs wieder 
darvon'. Ich lebe der unterthänigen hoffnung, E. F. G. 
als ein patron der armen Soldaten sie werden auf mittel 
gedenkchen, dafs ich müge [so] gehalten werden mit 
dem regiment^ [dafs] gegen gleiche dienste ich auch 
gleichen lohn möge empfangen, oder, wo die mittel 
nicht bey derselben wehren, es dahin helfen dirigiren, 
dafs ich gleichwoU entliehen möchte wiefsen, an wehme 
ich mich halten solle. Denn auf solche weise fehlt es 
mir beschwärlich und unmüeglich, lenger also zu thienen. 

E. F. G. hab ich auch unterthänigst berichten 
wollen, nachdeme ich nach empfangenen Schusses sehr 
wegen lähmung des schenkchels incommodirt ^), dafs 
ich mit^) verlaubung J. F. G. Herzog Bernhardts, welche 
anietzo die arm^e commandiern, bifs auf den früeling 



^) Eb luindelt sich am die am 3. September erhaltene Ver* 
wundong, siehe oben S. 330 und meine Dissert. S. 46 Amuu 2. 
*) Vorlage: mich mit. 



n 



353 

mich Dach haufs zn begeben [gedenke], meine gesnnd- 
heit aldahr besser in ruhe abzuwarten ; verhoiFe, es wirdt 
E. F. G. wegen dieser beschaiFenheit meiner person 
nicht mifsfallen. Will also, geliebts Gott, in zukünftigen 
maio gutt zeit wider bey dem regiment sein. 

Thue E. F. G. mich unterthänigst neben dem re- 
giment zu beharrlichen gnaden und göttlicher protec- 
tion threulichen bevehlen. Datum Grimm in Meisen 
16. [26.] novembris etc. 1632. 

E. F. G. gehorsamer knecht Friedrich v. Rostien. 

[AtLSsen:] Obrister Rostein. — Ritmeister Didens 
Cornet. 




K. 1^. Bd. xvm. 23 



.»■-- 



354 





VL 



Das Hessische Bühnenspiel vom Banern- 

kriege. 

Von 
Dr. Hermann Dieroar 

in Köln. l/ 

'ie Hessische Landesbibliothek zn Gassei bewahrt 
^jeine kleine Handschrift fMan. theatr. 8*' 2) von 28 
Blättern, welche auf der 3. bis 53. Seite — eng be- 
schrieben — eine abwechselnd lateinische und deutsche 
dramatische Dichtung von 1322 Versen enthält, ohne 
Titel und ohne unmittelbare Angaben über den Ver- 
fasser oder über Zeit und Ort der Herkunft. Die latei- 
nischen und die deutschen Abschnitte sind in der Schrift- 
art unterschieden (einzelne griechische Worte sind mit 
griechischen Buchstaben geschrieben). Die Zierlichkeit 
und Kleinheit der Schriftzüge, die geringe Zahl der 
Veränderungen, die trotzdem vorhandene Correctheit 
lassen die Handschrift als Werk eines Abschreibers er- 

') Der Dank für die Anregung zu diesem Aufsätze gebührt 
Herrn Professor £dward Schröder in Marburg, der das Spiel 
nächstens in einer Sammlung hessischer Dramen dos 16. und 17. 
Jahrhunderts verü£fentlichen wird. 



355 

kennen, mag es nun der Verfasser selbst oder ein anderer 
gewesen sein. Nur einmal ist ihm ein grösseres Ver- 
sehen begegnet^): er übersprang den 5. Auftritt des 
1. Aufzugs, merkte es aber alsbald und liess nach den 
ersten 6 Versen des folgenden Auftritts (am Ende von 
Blatt 6)^ ohne diese auszustreichen, den übersprungenen 
Auftritt folgen (Blatt 7), um dann (Blatt 8) mit dem 
7. Verse des anderen fortzufahren. Zur Richtigstellung 
der Reihenfolge fügte er ein 'Interferatnr Ac. 1 Sc. 5' 
am Schluss des 4. Auftritts hinzu ^). Dies ganze Ver- 
fahren zeigt besonders deutlich, dass wir es mit einer 
Reinschrift zu thun haben^ es steht in schroffem Gegen- 
satz zu dem Umstände, dass gegenwärtig die beiden 
Schlussauftritte des 3. und des 4. Aufzugs durch starke 
und zahlreiche Kreuz- und Querstriche getilgt sind, was 
sich demnach schon äusserlich als Folge eines späteren 
Eingriffs darstellt, der uns bei der Betrachtung des In- 
haltes zunächst nicht kümmern kann. Beachtung ver- 
dient dieser Eingriff dagegen als Zeugniss für ein Stück 
Geschichte unseres Spieles, denn die Streichungen 
scheinen die Absicht seiner Aufführung anzudeuten. 
Eine derartige Absicht aber wäre dann vielleicht im 
.Zusammenhang mit der Thatsache zu betrachten, die 
uns die letzte Seite unserer Handschrift zwischen den 
Zeilen verräth: die Handschrift muss einst im Besitz 
des Landgrafen Moritz des Gelehrten von Hessen-Cassel 

') Von kleineren Versehen bemerke ich folgende : Vers 249 
steht 'Han': statt '0.', 261 fehlt 'Ju:\ 273 und 277 steht viermal 
*Jo:' statt 'Ju:\ 364 steht 'Eh ich dich dier' statt 'Eh ich dier\ 
zwischen 395 und 896 fehlt am Ende der üebersohrift *PaUa8\ 
541 steht Jo:' statt 'Orat:\ 629 wieder 'Jo:' statt '/«;', 886 'Ich 
soll ich' statt ^loh soll dioh\ -- Vers 286 ist 'quidem' abgekürzt 
in ^qdm\ 

') Eine Bemerkung nach dem 3. Auftritt ^Huo referatur 
naqi^yw de studiosis V. pag. post: ist als irrthümlioh wieder 
ausgestrichen. 

23* 



356 

(er lebte 1572—1632 und regierte 1592—1627) gewesen 
sein, denn seine unverkennbare Hand ^) hat auf der 
letzten Seite einige lateinische Distichen eingetragen. 
Dieselben sind offenbar von eigener Erfindung des 
Fürsten, da sie einen von ihm ertheilten Auftrag ent- 
halten^). Sie lauten: 

Onolfius in logicis qaaerat, GocleDius autem 

Inquirat lingoae dogoiata qoanta gerant 
In nomeris quaerens Hartmannus, versibns illos 

Exercens, qoaerat dogmata grata simul 
In sacris litens; inqairant heo simul omnes: 

Explorent mores gestaque Pieridum. 
Rhetorioos flores Qoolenios ezpetat; arteoi 

Ao teneant Phoebi, Ouolfius ipse rogei 
Sic leferent meritae merito sua praemia iaudis 

Goolfins, Hartmannus, Gooleniusque mens. 

In den hier genannten drei Männern glaube ich 
die Marbnrger Professoren Johannes Wolff, Johannes 
Hartmann (auch Hartmanni) und Rudolf Goclenius 
(eigentlich Gockel) zu erkennen®). Sie erhalten vom 
Landgrafen den Auftrag, mehrere Personen in philo- 
sophisch-theologischen Vorkenntnissen zu prüfen ; es 
handelt sich, wie alle Umstände zeigen, um einen ausser- 
gewöhnlichen Fall. Versuchen wir ihn zu bestimmen. 
1602 — 1606 besuchte die Marburger Hochschule in sehr 



^) Von ihren eigenartigen Sohriftzügen finden sich viele 
umfangreiche Proben u. a. in Man. Hass. fol. 57 der Casseler 
Landesbibliothek. 

') Die Verse sind flüchtig hingeworfen und deshalb schwer 
lesbar, ihre Interpunktion habe ich zum besseren Verständniss 
verändert 

*) Vgl. Strieder^ Grundlage zu einer hessischen Oelehrten- 
und Sohriftsteller-Geßchiohte IV S. 428, V S. 281, XVII S. 278; 
RommeL, Qeschichte von Hessen V 8. 219, VI S. 481. — Goclenius 
gab 1604 ein merkwürdiges Gutachten über dramatische Schul- 
aufführungen ab, s. BMein^ Die Reformation im Spiegelbilde der 
dramatischen Litteratur des 16. Jahrhunderts S. 44. 



357 

jangen Jahren der — gleich seinem Vater — reich- 
begabte älteste Sohn des Landgrafen Moritz, Prinz Otto 
von Hessen (er lebte 1594 — 1617). Vor seinem Abgang 
von dort ordnete sein Vater eine Reifeprüfang an, ab- 
zuhalten dorch den Statthalter Rudolf Wilhelm Rau zu 
Holzhaasen, den Kanzler Sigefrid Klotz, den Rector 
Johannes Wolff und die Professoren Gregor Schön- 
feld, Hermann Vultejus, Christian Andreae und 
Rudolf Gocienius. Das von den 5 letzten ausgestellte 
Zeugniss für den Prinzen und seine Mitschüler und 
Kammergenossen' ist uns überliefert^). Von einer 1603 
vorgenommenen Zwischenprüfung durch den Rector Jo- 
hannes Hartmann und die Professoren Rudolf Go- 
cienius und Theodor Victor kennen wir ebenfalls 
das Zeugniss^), dagegen war über die der Immatricula- 
tion von 1602 (Juli 22 a. St.) vorausgehende Prüfung 
bisher nichts bekannt als die Worte der Matrikel 
(Gdesar III S. 145), Otto sei mit seinen Genossen imma- 
trikulirt worden ^praemissa depositione in arce — Marpur- 
gensi a beanismo [Schulfuchsenthum ^] absolutns'. Mit 
diesem Vorgang nun bringe ich die Verse unserer Hand- 
schrift in Verbindung. Wie 1606 war auch 1602 Jo- 
hannes Wolff Rector {Claesar lU S. 145), diese seine 
Würde erklärt das 'Guolfius ipse' des Landgrafen^ und 
ihr kann man es zuschreiben, dass Wolff, seinem Fache 
nach Mediciner, an der Prüfung theilnahm. Hartmann 
aber, damals Professor der Mathematik, war 1602 Decan 



Siehe Bommel VI S. 376 (wo 'Andreas Christiaai', vgl. 
Strieder II S. 171 Anm.) bis 378; Oaeear^ Catalogns studiosoruin 
Marporgeosis IV S. 19. 

') AbBchriftlioh in Man. Hass. 4<^ 103 der Casseler Landesbibl. 
8. 104; Bommels Mittheilung VI S. 324 ist daroh das Komma 
hinter 'Goolenius' entstellt. 

*) Ueber die 'beani' vgl. z. B. Zamcke^ Die deutschen üni- 
veraitüten im Mittelalter S. 227. 



358 

der philosophischen Facaltät (Caesar III S. 153 f.). Go- 
clenias endlich, der Hessische Aristoteles, damals Pro- 
fessor der Logik, war die Seele der Facaltät und der 
besondere Freund Moritzens, der ihn deshalb als '60- 
clenius mens' bezeichnet, üebrigens gehörten auch die 
beiden anderen zum vertrauteren Kreise des Landgrafen. 
— In das Jahr 1602 also setze ich die Distichen unserer 
Handschrift 

Unser Stück zeigt in seinen lateinischen Theilen 
die Herkunft der Renaissance-Comödie von der antiken. 
Als Vorbild nahm damals Terenz den ersten Platz ein, 
wie anderer Orten (s. Holstein a. a. 0. S. 31 S.) so auch 
in Hessen. Otto Melander^) erzählt, dass Peter Nigi- 
diu 8 (Neige) der ältere als Rector des Marburger Pädc^ 
gogiums durch seine Schüler den Eunuch des Terenz 
habe aufFühren lassen^). Und dieselbe Gomödie nahm 
Landgraf Moritz zum Muster eines seiner eigenen Stücke: 
nach Johann Combachs Bericht [Bommel VI S. 400 
Anm. 118) war des Landgrafen Anglia verfasst 'ad Te- 
rentianae Andriae imitationem', die Gassandra aber ge- 
radezu Terentianae Eunuchi aemula'. Und eben diese 
so besonders beliebte alte Gomödie ist es denn auch, 
an die der Dichter unseres Stückes sich besonders an- 
lehnt, die er merkwürdig stark benutzt. — Der latei- 



^) Deutsoh ^Schwarzmaon^ nicht ^Holzapfel', wie bei Ooedeke, 
Grandriss zur Gesohiohte der deutschen Diohtung IP S. 129 steht. 
Siehe Strieder a. a. 0. VHI S. 403. 

') Nr. 600 der Jocoseria Melanders, zuerst 1600 erschienen, 
hier und im folgenden in der Ausgabe von 1626 benutzt. Vgl. 
Bommel Hl Anmerkungen S. 333, auch III S. 388. — Der Zeit- 
punkt dieses Ereignisses ist nicht klar. Aielander nonnt als be- 
theiligt zugleich mit dem Rector Peter Nigidius den Professor 
der Beredtsamkeit Reinhard Hadamarius, d. i. Lorichius aus Ha- 
damar; nach Strieder (s. X S. 76 fL, VIII S. 96fif.) war Nigidius 
1632—1639 Lehrer am Pädagogium, 1649—1661 Pädagogiarch, 
Lorichius 1536 bis 1648 Professor der Beredsamkeit. 



359 

nische Wortschatz zeigt im übrigen ziemlich gleich- 
massige Benutzung sowohl des Plautus wie des Terenz ^) ; 
nichtantike Wörter finden sich nur ganz vereinzelt. Ein 
Zeichen von Gewandtheit im Handhaben des Lateinischen 
dürfte es sein, dass die Comödie an den Stellen, wo sie 
(wie wir sehen werden) die Commentarien des Sleidan 
inhaltlich benutzt, fast gar keine wörtlichen Anklänge 
an ihre Quelle zeigt. In den lateinischen Versen führt 
unser Stück, wie die meisten zeitgenössischen, den freien 
Senar der römischen Comödie durch, während er in 
den alten Stücken mit anderen Versmassen abwechselte 
(vgl. unten zum 5. Auftritt des 1. Aufzugs). 

Die deutschen Verse sind in den beliebten Acht- 
silber gefasst, der sehr sorgfältig und streng durch- 
geführt ist (Vers 912 ist 'thue' einsilbig) ; sie sind paar- 
weise durch den Beim verbunden^). Die Sprache der 
deutschen Theile des Stückes ist lebendig, gewandt und 
humorvoll^), üeber Sprachform, Wortschatz und Rede- 
weise sei einiges Bemerkenswerthe gleich hier zusammen- 
gestellt: 

364 'Eh ioh dier diesen stook aafleg', vgl. Wand. V Nr. 213 
Z. 6 V. u. 'Uns aaffgelegt als ein ataupbesen', fehlt DWB 
unter 'auflegen'. 

529f. 'drumb muTs man aufsohläg dier gebn', fehlt DWB unter 
'Aufischlag'. 

') Auch die damalige Prosa vom Charakter der Jocoseria 
Melanders schöpfte reichlich aus diesen beiden. In den hessischen 
Schulen sollten sie nach der Schulordnung Moritzens von 1618 mit 
Yortheilten Hollen gelesen werden. 

•) Vers 181-183 und 586—588 reimen zu dritt, 623—626 
und 665 — 658 zu viert. 

') Für das deutsch-sprachliche verweise ich ausser auf das 
Orimm' 8chQ Wörterbuch (DWB) besonders auf den in der Bibliothek 
des Litterarischen Vereins Band 95—99 neu herausgegebenen Wend- 
unmuth (Wend.) und andere Werke des Hans Wilhelm Kirchhof, 
da dieser von den bekannteren Schriftstellern der Reformationszeit 
unserem Stücke zeitlich und örtlich am nächsten steht. 



360 

336 ^Er sicbtt so zornig wie ein beer*, hier ist wohl nicht vom 
Bären die Bede, sondern yom Bere, der noch jetzt in Hessen 
diesen Kamen hat, während £ber dort ganz ungebräuchlich 
ist, s. DWB I 8p. 1123. 1368. 1485; Vürnar, Idiotikon von 
EurhesBon 8. 81. 

545 ^braucht e u c h-weidelioh' 1123 f. ich 'braucht mich vbr 
dem hasen kopff tapfer'; sich brauchen = sich anstrengen, 
DWB ü Sp. 319 f. (Waldis, Alberus u. a.), vgl. Wend. I Nr. 94 
S. 120 Z. 5 V. u. 4ok hebbe mick gebmcket unde — och kein 
finster heil gelaten', II Nr. 191 Z. 7 ^wie sie vom adel und 
in — kriegen sich gebrauoht*, in Nr. 77 Z. 14 v. u. 'danneu 
her die schiffleut — sich mannlich stelleten und brauchten'. 
1296 'Deuttlichen', Adverb, nicht im DWB; 1278 'newlichen' 
Adverb, DWB VII 674 (Moscherosch, Schupp); vgl. Kirchhof, 
Christliohe Heurath A4r Z. 1 v. u. hihrsprüngliohen', Wend. 
in Nr. 204 S. 472 Z. 6 v. u. •ehelichen'. 
55 ^In der eckn', dagegen 1242 4n jenn eokn gekrochn\ also 
'eoke' männlich (fehlt DWB); 560 'Guten getranok gebn\ 
alse 'getranok' männlicL 

532 'Mein Falokneuglein' (Venus zu Gratianus); DWB lU 
Sp. 1270 nur die Redensart ^Falkenäuglein schiessen lassen' 
(Scheit). 

237 f 'ihr habtt ohn all gefehr Gotts wordt von mir ietzt ein- 
genomn', vgl. DWB IV 1, 1 Sp. 2070 (Waldis u. a), Wend. I 
Nr. 218 S. 269 Z. 16 'Vor dem abend aber kam ohn alles ge- 
fehr ein frembder'. 
1281 ff 'mich zwingn zubezaln, dafisich — nicht gestendig bin' 
[wozu ich nicht willfährig bin], vgl. Wend. VII Nr. 92 Z. 9 
'DÜs alles gestanden [bewilligten] ihm die bawren und gabeos 
nach'. 
41 ^Bey glauben' = wahrhaftig, als Betheuerung. 

862 'wals geucktt da hervor', vgl. nd. kieken. 
1030 'Du heul p 00 k' (von Anna); DWBIV 2 Sp, 1290 nur Houl- 
hure und Heulplärrer. 

9l3 'heutt zu tag' = heute am Tage (nicht: heutzutage), ebenso 
Wend. lü Nr. 119 Z. 5 'Meinstu, daTs ich heut zu tag — 
erst anfahe?', fehlt DWB unter 'heute'. 

633 'hindernüfs', ebenso Wend. VII Nr. 10 8. 240 Z. 26, 
Orimmelshausen in DWB IV 2 Sp. 1410. 

330. 591. 1300 'hienein, 313. 576, 600 'hnein', 1257 'hien- 
aufs', 1301 'hnaufs'; im DWB von dieseu Formen nur 
'hnein' (IV 2 Sp. 1414), aus Waldis. 



361 

659 *zTi ISger schlagen'; l&ger = Krankenlager, unsere Re- 
densart fehlt im DWB. 

568 f ^0 gutter man — , lieber lafs mich trincken', 636 ^£y 
lieber kom mitt mir*; lieber == quaeso, godee: DWß VI 911 
(Kirchhof, Schapp n. a.^ ; Melander, Jocoseria S. 629 'Herr Ma- 
gister — , lieber wann wolt ihr kommen?' 

175 'am meinsten'; meinst = meist bei Kirchhof regelmässig, 
nicht nur in der Militaris Disciplina, von welcher Schrift im 
DWB (VI 8p. 1948) das Durchfahren dieser Form besonders 
erwähnt wird; noch jetzt in Oberhessen und Orafechaft Ziegen- 
hain, s. Vümar^ Idiotikon S. 266. 

905 Telmen' (= prügeln?) fehlt im DWB. 

515 ^Pfuy ihn an', s. DWB VH Sp. 1808 f und Vüntary Idio- 
tikon S. 300. 

527 'plagnS dagegen 909 'pflagn', 171 'pflagdt', ö7'er pflagtt 
mich Ybir, 205 f 'dais du die — so ybell pf lagst', 1135 f 
/so vbell — gepflagett' (vgl. Kirchhof, Militaris Disciplina 
8. 165 Z. 9 'übel gnug geplaget'): DWB.VIl 1879 fehlt diese 
Form pflagen ('pflogen' daselbst nur aus iSb^td^, Gottesfreonde 
im 14. Jahrhundert). 

230 'Du platz' (von Anna), 530 'du lose platz' (von Venus); 
Wend. I Nr. 375 ist überschrieben 'Von zweien zanokenden 
weibem' und beginnt 'Als zwo böse, zanckhafitige platzen sich 
~ in ein — scheltkrieg begaben', DWB VII Sp. 1921 wird 
aus dieser Stelle des Wendunmuth die Einzahl 'Platze' ge- 
bildet, neben den dialektischen Formen 'Platz* (Westerwald), 
'Blatz' (Wetterau), 'Blatsch' (Ried bei Darmstadt). Vgl. auch 
Vilmar^ Idiotikon 8. 41 : die Beschuldigte in einem Marburger 
Hexenprocess von 1596 hat den Beinamen 'Platz Else', weil 
sie 'schwatzhafftig und blatzhaStig' gewesen. 

340 'du ploch' (von Anna), 515 f 'den ploch, den groben Esl', 
dagegen2580 fiE 'du fauler stock, meinthalben magst du wie ein 
plock bleiben liegen', vgl. Wend. I Nr. 218 Z. 4 trunous, 
dals ein stock, blooh heisst', DWB II Sp.;i36 f und VII 8p. 1935 
(bloch, block, ploch, plook); — 600 'bifs du ins^ploch hnein 
speisf , fehlt im DWB. 

669 'Ein posch anfahn'; 'Iposch' nicht im DWB, 'pasch' DWB 
VII Sp. 1481 nur vom Würfelspiel, dagegen Wend. VII Nr. 
123 8. 330 Z. 2 'Es war des tags, damit er sich zu diesen* 
pasch sparet, mit im — noch in der fasten'. 

50 'Botz sieben', 342 'Botz Turck', 901 'Potz Turck' 
(beides nicht im DWB), 895 'potz hundertf (DWB VH 
Sp. 2040), 931 'Potz Bock' (DWB II Sp. 279 aus Gilhausen). 



362 

1133 ^cbelmerey' yon der ^kranckheitt' (1135); bei Weigand^ 
Deutsches Wörterbach II 8. 563, nur als ^durchtriebene Die- 
berei* (Maaler). 

1264 'Du sihst' (vgl. 164 f 'die sachn gerihten vors*, 1024 'Ich 
zih darvon'), dagegen 860. 1262 'Du siehst', 536 'Er sichtt', 
55. 513. 571. 582. 603. 862 'sich', 1251 f 'loh — sach\ 536 ff 
4ch — ersach*, vgl. Wend. I Nr. 24 Z. 2 v. u. 'sieht', 
46 8. 55 Z. 7 T. u. und Melander, Joooseria 8. 762 'sich^ 
Letzteres noch in Hessen und der Wetterau, vgl Weigernd^ 
Wörterbuch II S. 680. 

1131 'ein hauffen trumn*, trumme = trommel auch im Wend- 

unmuth. 

56 ^Der v n f 1 a t f als Scheltwort : Wetgand, Wörterbuch 11 8. 967 ; 

Vümar, Idiotikon 8. 423; hfiufig im Wendunmuth. — 484 'der 

wüst' als Scheltwort, vgl. Wend. I Nr. 198 8.242 Z. 4 v. u. 

'ein schaloksnarr, Paulus Wust genannt'. 

103 f 'Ich kann mich nicht gnugsam verlaohn vber dem streich', 

fehlt im DWB unter 'verlachen'. 
1124 'kein wehtag* = leiblicher Schmerz, nd. weihdag: Wend. 
I Nr. 115 8. 147 Z. 7 'wehtag an eim aug', U Nr. 112 8. 161 
Z. 10 'wehetag der füfse'. 

1291 'w erhalbe n' = weshalb, ebenso Wend. I Nr. 190 8. 230 

Z. 14 V. u. 
488. 629 'Wormitt', vgl. Wend. H Nr. 136 8. 185 Z. 5 u. 9 
'darmit' und WeigancL, Wörterbuch n S. 1138 'womach'. 

593 £f 'wen du ein mafs — auf einen zuck herausser zwackst', 
dagegen. 933 'du möchst mir mehr zwagn'. Vgl. Wend.: 
a) mit Wenüall I Nr. 64 Z. 5 'dafis sie — desto herterer — 
gezwackt würden', 12 Nr. 35 8. 485 Z. 15 'den •— zwackten, 
rissen und bissen die ~ hund', II Nr. 81 8. 130 Z. 13 'Diese 
hunde — zwackten, bifsen und riisen ihn', lU Nr. 174 8. 146 
Z. 4 'Gewifs wird eine scharpffe laugen zwagen solchen gott- 
losen mann'; b) mit Wemfall II Nr. 34 Z. 6 v. u. 'er solte 
ihm — mit derselben laugen — gezwaget haben', Miütaris 
Disciplina 8. 180 Z. 2 v. u. 'die — sich vor der laugen furch- 
ten und nicht verlangen tragen, ihnen also zwagen zu lassen'. 

Von den 1322 Versen unseres Stückes sind 666 
lateinisch, 656 deutsch; von jenen fallen 17 auf den 
der Handlung vorausgehenden Prolog. Die Handlung 
selbst gliedert sich in 5 Aufzüge von 6, 3, ö, 6; 5 Auf- 



363 

tritten. Der SchlciBsaaftritt eines jeden Aufzugs heisst 
Parergon '), Nebenspiel. Diese Schlussauftritte haben 
einmal das gemeinsam, dass sie mit der Haupthandlung 
in nur loser Verbindung stehen; dies ist jedoch auch 
bei einigen anderen Auftritten der Fall. Das besondere, 
für den Bau des Stückes merkivürdige der Nebenspiele 
besteht in der paarweisen Verbindung der vier ersten. 
Das erste wie das zweite Paar enthält je eine fast 
selbstständige kleine Comödie, das fünfte Parergon da- 
gegen fügt sich zwar an das zweite jener Paare an, 
aber es löst daneben noch die Aufgabe, die ganze Co- 
mödie gefällig abzuschliessen. Jenes zweite Paar nun 
ist, wie schon erwähnt, in unserer Handschrift nach- 
träglich ausgestrichen worden; man sieht, dass diese 
Kürzung der Haupthandlung ziemlich unbeschadet ein- 
treten konnte, nicht aber ohne das Ebenmass des Stückes 
zu zerstören. 

Im 1. Aufzug hat der 1. Auftritt 23 lateinische 
Verse, der 2. 20 deutsche, der 3. 102 lateinische, der 
4. 77 deutsche, der 5. 51 lateinische, der letzte 30 
deutsche. 

Im 2. Aufzug folgt auf einen deutschen Auftritt 
von 34 Versen (der einzige Fall, dass zwei deutsche 
Auftritte zusammentreffen) und einen lateinischen von 
31 Versen sogleich das äusserst umfangreiche Neben- 
spiel; der einzige Auftritt des Stückes, innerhalb dessen 
die Sprache wechselt. Hier geschieht dies sogar meh- 
reremal; sodass wir eigentlich vier verschiedene Auftritte 
zu unterscheiden haben : einen 2. deutschen von 12 Versen, 
einen zweiten lateinischen von 42, einen 3. deutschen von 
221 und einen 3. lateinischen von 17 ; auch der letzte 
deutsche allein ist also noch aussergewöhnlich lang. 



^) Der erste hat die wohl auf ihre Gesammtheit zu bezie- 
hende Uebersohrift Farerga. 



364 

Der 3. Aafzng enthält 4 lateinische Auftritte von 
45, 21, 21, 71 Versen hintereinander, nur der Schloss- 
auftritt von 96 Versen ist deutsch. 

Der 4. Aufzug beginnt mit 3 lateinischen Auftritten 
von 28, 28, 18 Versen; dann folgt ein deutscher, 24 
Verse, wieder ein lateinischer, 66 Verse, endlich der 
deutsche Schlussauftritt, 46 Verse. 

Im 5. Aufzug sind nochmals wie im 3. die Auf- 
tritte 1 — 4 lateinisch und nur der letzte deutsch, jene 
haben 26, 11, 10, 38 Verse, dieser 86. 

Die 18 redenden Personen des Stückes sind fol- 
gende : 

Praetor (Saxonicos): 1 1 u. 3, IV 1 u. 3, V 3; spricht nur lateinisch. 

Hatfso (Bauer) : I 2-4, n I, lU 1 u, 3, IV 4—6. 

Cuntz (Bauer): I 2—4, n 2, lU 3 u. 6, IV 4—5. 

Anna (Hanso's Weib) : I 4, II 1, IV 4 ; spricht nur deutsch. 

Greta (Anna's Nachbarin): I 4, IV 4; desgleichen. 

Muntzerus (Pfarrer): I 4, ü 2, III 3, IV 2 u. 5, V 2 u. 4. 

Chremes (Bauer aus Hessenland): I 5, in 1 u. 6, IV 6, V 6. 

Justus (Studiosus): I 5-6, II 3b-3c, III 4, V 4. 

Gratianus (Studiosus): 16, II 3b— 3c; nur im Parorgon des 1. u. 

2. Auftritts. 
Jonas (Studiosus): 16, II 3b — 3o; desgleichen. 
Molossus (Studiosus): 16, II 3b — 3c; desgleicheu. 
Pallas: 16, U 3d, EI 4. 

Venus: II 3a u. 3c — 3d; nur im Parergon des 1. u. 2. Auftritts. 
Bacchus: 11 3c; desgleichen, spricht nur deutsch. 
Pigritia: II 3c; desgleichen, desgleichen. 
Ijandgravius (Hassiae): III 2, IV 1 u. 3, V 1 u. 4—5. 
Ficinus: III 2 u. 4, IV 1; spricht nur lateinisch. 
Pheifferos: IV 2; desgleichen. 

Betrachten wir nunmehr den Inhalt des Spieles. 

Prologus, lateinisch, Vers 1 — 17. 

Der Prolog ist wie bei Terenz ein Vorwort des 
Dichters. Die Zuhörerschaft, sagt dieser, verlange drin- 
gend und unablässig nach ^der gelehrten, berühmten 
Latinischen Comödie^; man sei dem Verlangen zu ent- 



36h 

Bprechen bereit und werde sich bemühen, den Beifall 
aller billig Denkenden zu gewinnen, — Worte, welche 
deutlich an den Anfang von Terenzens Prolog zum 
Eunuch erinnern ^). Gleich mit dem ersten Wort be- 
zeichnet unser Dichter seine Darsteller als 'Studiosi'. 
Er warnt dann weiter die Zuhörer: 'lasse sich nicht 
merken, wer sich getroffen fühlt; wir liefern selbst den 
Stoff für das Stück, welches die Darsteller spielen'^). 
Oder wie es in Kirchhofs Wendunmuth heisst: 'vor- 
gestellet werden solche Personen, dardurch — ein ieg- 
licher — wie in einem spiegel sich zu ersehen erinnert' 
(V Nr. 225), 'Denn', fährt der Dichter fort, 'ich sehe 
sie hier sitzen, die Becherfreunde, die verliebten Leute, 
die schlauen Parmenonen, gefräfsigen Gnathonen, thö- 
richten Thrasonen, sie haben es sich selbst zuzuschreiben, 
sollten sie sich ärgern^ Hier haben wir abermals einen 
deutlichen Hinweis auf den Eunuch des Terenz, denn 
diesem Stück gehören Parmeno der listige Sclave, Thraso 
der prahlerische Aufschneider ^), Gnatho der Schmarotzer 
an. Schliesslich bittet der Dichter um Buhe und 
Schweigen und um geneigtes Gehör, zunächst für den 
Praetor; und er lässt dabei, wie oben den Anfang, so 
hier den Schluss des Prologs zum Eunuch anklingen^). 



^) 'Id oredideie negoti solum sibi dari : | Bonis plaoere possent 
ut qoam plmimis' 4 f. — ^Si qaisqaamst, qni placere se stadeat 
bonis I Quam plorimis' Eon. prol. 1 f. 

*) Wenn ioh die Worte riohtig verstehe ^s agetar nobis, 
fabola I Istis' 8 f. 

•) Vgl. Wend. V Nr. 04 Z. 1 'Thrasones und ruhmreifsige 
8chreyhälse\ IV Nr. 108 Z. 1 'ein grofeer Thraso* usw. 

*) 'Ut praetor noster quid sibi velit, ocyus | Cognoscatis 
quiete et per silentium' 16 f. — 'cum silentio animum attendite, | 
Ut pemoscatis, quid sibi Eunuohus veiit' Eun. prol. 44 f. 



366 

Actus I. 

Scena 1., lateinisch, Vers 18 — 40. 

Prador, 
Der angekündigte Praetor beginnt mit lebhaften 
Klagen über das Hofleben, über die mehr als Gyclopische 
Tyrannei der Höflinge, die gottlose and pestbringende 
Wirthschaft der scheosslichen Sycophanten \ welche 
ihm seine Tage saner machen, während er doch einem 
so lobwürdigen und gerechten Fürsten dient, dessen 
Herrschaft gewiss nicht za schwer lastet. Es ist fast, 
als ob wir Kirchhofs Behauptung (Wend. I Nr. 61 Z. 2) 
lesen, dass man keinen Herrn 'so gottsfürchtig, gerecht, 
gütig und ehrbar' finde: 'eins theils diener seyn gott- 
lofs, lesterer, der unbillichkeit geneigt, unbarmhertzige 
und alles wolstandts verkehrer und verdreher'. — Ein 
beliebter Vorwurf jener Zeit Kirchhof gab (1563) eine 
^Beschreibung des Hofiebens an bösen Sitten' (Wend. 
I Nr. 61), er fügte ihr des Petrus Fabricius 'Älphabe- 
ticum aulicum' (1560) an. Hartmann Schopper nannte 
seine Uebersetzung des Reinke de Vos (1566) 'Speculum 
vitae aulicae' ^). Petreus Herdesianus schrieb ein Buch 
'Aulica vita et opposita huic vita privata' (1577 ^). — 
Das Herankommen zweier Bauern briagt den Praetor 
auf andere Gedanken. Er glaubt die ^ruchlosen Wind* 
beutel' zu erkennen, die seinem Herrn die Steuer ver- 
weigern, und will ihnen, da sie ihm so in den Wurf 
kommen, verdientermassen zu Leibe rücken* Doch zuvor 
möchte er die 'schuftige Prügelsaat' etwas belauschen. 



1) Vgl. 152 ^pessime Rycophaota, blandis admodum verbis 
rogas\ Wend. II Nr. 60 Z. ö ^dieses Bycophanten (Z. 10 spötter) 
mordbiGi, und dafs er ihn darmit verhönet'. 

») Siehe Scherer, Geschichte der deutschen Litteratur* S. 260 
u. 784. 

') Siehe Oesierley, Ausgabe des Wend. V S. 35, wo auch 
auf das Alciatus Emblemata (1561) und Luthers Tischreden (1566) 
verwiesen wird. 



367 

Scena 2., deutsch, Vers 41 — 60. 

Banao. OunU. 
Die 80 wenig schmeichelhaft angekündigten Barschen 
sind Hanso ') und Cuntz, vorbildliche Vertreter des Volkes, 
der namenlosen Masse. Denn der deutsche Hans ond 
Ennz ist ^über die Bedeutung eines blossen Namens 
weit hinausgewachsen' (DWB V Sp. 2746). 'Jeglicher, 
er sey edel oder unedel, grofs oder klein Hans' ist 
stehende Formel (öfters in Kirchhofs Militaris Disciplina), 
'Heintz und Cuntz' (Wend. VI Nr. 141 Z. 1 v. u.) sind 
jedermann. 'Lobt sie denn Cuntz nicht, thut es Hentz' 
(Vn Nr. 28 Z. 2 v. u.). und wie wir von einem 'Bauern, 
heilst Cuntz Eberzan' (I Nr. 163 Z. 4 v. u.) hören, so 
sind 'Hans Senmag' (I Nr. 106 Z. 4 v. u.), 'Hans Unge- 
wandert' (I Nr. 169 S. 202 Z. 10 v. u., HI Nr. 145 Z. 11 
V. u.), 'Knorren Cüntzgen' (I Nr. 109 S. 138 Z. 9 v. u.) 
echte Bauern. Es ist bedenklich, dem 'Seuw Cuntzen 
gar zu vil nachzulassen' (I Nr. 169 S. 202 Z. 6 v. u.) oder 
so schonend zu verfahren^ 'wie Cuntzen sau thut in den 
bonen' (VH Nr. 61 Z. 8 v. u.). 'Der tolle Cuntz' endlich 
steht für 'die auffirührischen bauren' (IV Nr. 74 Z. 2), 
wie denn unsere Comödie den Cuntz als den rücksichts- 
loseren der beiden Vertreter des aufsässigen und auf- 
ständischen Bauernthums zeichnet — Hanso und Cuntz 
sind bei ihrem Auftreten in lebhaftem Gespräch be- 
griffen, dessen Gegenstand der Zuhörer vorläufig nicht 
erfährt. Cuntz hat dem Hanso etwas mitgetheilt, was 
diesen lebhaft ergreift; er stützt seine Behauptungen 
auf die Autorität ihres Pfaffen. Zu diesem will er den 
— hierzu auch gleich bereiten ^) — Hanso hinführen, 

>) Nur 1018 Hanls, seine Fraa nennt ihn (341. 349. 351) 
Henn (Hen), vgl. Melander, Joooseria S. 6&5 Hanno, Benno ionior, 
Jonghenn. 

*) ^Ich, der dein gast, bin woll zuladen wie lang hew* 52 f; 
YgL ^besser als lang heu zu laden' Ghmmelahausen in DWB lYS 
Sp. 1276. 



368 

als er den in der Ecke stehenden Praetor gewahr wird. 
Beide Banem sind einig in ihrer Abneignng gegen diesen 
^Unflat', diesen 'Schelm' and Hosen Gaach'. Vor ihm 
unbemerkt zn bleiben, gehen sie geschwind bei Seite. 

Scena 3., lateinisch, Vers 61 — 162. 
/Vaetor. Hanso. Ckmix. 
Aber wir wissen, dass der Praetor die beiden 
schon gesehen hatte. Einen Angenblick fiberl^ er 
noch, was es wohl gewesen sein mag, wovon die 'an- 
getrankenen' Banem 'in den Bart gebrammt' haben — 
man sieht: er weiss es ebensowenig, wie die Zahörer 
— , dann mft er sie znrück. — Sogleich b^innen sie 
ihr Spiel mit ihm zn treiben, indem sie zunächst (zn 
einander, nicht zn ihm sprechend) sich stellen, als miss- 
verständen sie seine Worte und hielten ihn ffir nicht 
recht gescheit. Dann wandert sich Cnntz über des 
Menschen Kühnheit, freie Männer so anznschreien ^), and 
Hanso meint, dem müsse man auftragen, was man gnt 
besorgt haben wolle. In einer neuen Aufforderung, 
stehen zu bleiben, — denn fortwährend sind die beiden 
auf dem Sprunge, zu verschwinden — nennt der Praetor 
sie 'dreckige Schweine' : Cuntz schliesst aus derartigen 
'herrischen' Worten, jener müsse wohl eine gewichtige 
Person sein. Noch eine drohende Aufforderung des 
Praetors, und Cuntz geht plötzlich zu einem anderen 
Verfahren über : er erkennt jetzt den Praetor, bittet ihn 
um Entschuldigung und belegt ihn mit den schmeichel- 
haftesten Titeln ('gestrenger Ritter — gelehrter Doctor — 
gnädiger Herr'), die er dann freilich, da jener sie miss- 
trauisch ablehnt, sogleich wieder mit dem eines dummen 
und faulen Esels vertauscht^). Während die beiden 

') Satifl qaidem pro imperio 73 f erinnert an ^atis pro im- 
perio' in Terenzens Phormio I 4, 18. 

*) Wend. I Nr. 275 S. 251 Z. 3 "so man einen aa£P das 
höhnest describim and darstellen will, nennet man denselbigen 
einen esel*. 



369 

Barschen heimlich den Wnnsch aussprechen, den Praetor 
gehängt zu sehen, kommt dieser zur Sache. Er fordert 
für seinen Herrn, dessen ünterthanen sie seien, die 
schuldigen Abgaben ^). Hanso braucht den alten Kunst- 
griff des Missverstehens weiter, Cuntz schützt Hart- 
hörigkeit vor und begreift sehr langsam, vsrarum es sich 
handelt. Dann aber bittet er, Geduld mit ihnen zu 
haben: Weizen, Spelt, Korn, Pflaumen und Aepfel, die 
Hülsenfrüchte, alle Gaben der Geres und des Bacchus 

seien dies Jahr dahin. 

Pr, üt Rhetorioam 
Callet.') nil impetrabis. G, Obseoro dies 
Non admodnm multos. Pr. Heu quoties terminum 
Transgressus es? quotios vorba dedisti mihi? 
Quoties mihi illasisti? G, Non fiet amplias. 
Pr, Non meos soleo sio pascere verbis. G. Spondeo 
Promitto. 

Da der Praetor von Guntzens Eiden, von der Bürg- 
schaft seines Begleiters, von der Verpfandung seines 
Sohnes nichts hören will ^), erklärt sich Guntz schliesslich 
zum Geben bereit, er fragt nur, was denn der Praetor 
da nehmen wolle, wo nichts zu holen sei. Jetzt mischt 
sich auch Hanso, der diese Frage seines Genossen (mit 
Worten, die dem Eunuch entlehnt sind*) sehr geistreich 
findet, wieder ins Gespräch; der Praetor droht mit 
Gefängniss, Guntz erklärt, sich um seine Drohungen 
nicht im geringsten zu kümmern. Der Praetor, auf- 
gebracht, will sie züchtigen, sie greifen ihn thäÜich 

*) Vers 105 ^census', 112 u. 144 ^deoumas', vgL Wend. 
V Nr. 157 Z. 4 y. n. ^den bauren alleine wächst alles durch Gottes 
segen, — allein so geben sie den fürsten ihre d e c e m und z i n fs'. 

•) Wend. I Nr. 283 Z. 4 v. u. 'Vil mehr eins armen schlechte 
red, die aufs eim treuwen hertzen geht, gilt, denns reichen rethorica, 
der nur blosse wort folgen nah'. 

*) *Ne YQi^ quidem iuramenta coro' 118 f; vgl. Melander, Joco- 
seria S. 7 'ne yQV quidem — transtulimus'. 

*) Vers 127 'quis tantum, qui in te est, habet salem', wie Eunuch 
ni 1, 10 f Gnatho zum Thrasosagt ^qui habet saleni) quod inte est'. 

N. F. Bd. XVIII. 24 



370 

an, — er bittet um Schonung und verspricht, ihnen 

den Zehnten zu schenken. Das Blatt hat sich mit 

einemmal völlig gewendet, Cnntz verhöhnt den Praetor 

jetzt mit dessen eigenen Worten: 

üt Hhetoricam 

Callet. nihil impetrabis. Pr, Haoc iniuriam 

Non ulciscar. C. Hui quoties nos vexasti impie? 

Quoties verba dedisti? qaoties miris modis 

lUoBisti? hem vapqla. Pr. Non fiet amplius. 

C, Non soleo meos verbis sie pasoere. vapula. 

Pr, Spondeo, promitto. 

Endlich lassen sie von ihm ab, versprechen ihm 

für das nächstemal eine noch bessere Tracht und machen 

sich ans dem Staube. Der arme Praetor weiss nicht 

wohin: die Bauern haben ihn geschlagen, die Höflinge 

werden ihn verhöhnen. Er beschliesst, zum Fürsten zu 

gehen und dem sein Leid zu klagen. 

Scena 4., deutsch, Vers 163—249. 
Hafiso. Ountx, Qreta. Anna. Mimtxerua. 
Hanso und Cuntz kommen, noch lachend über 
ihren Streich. Sie nehmen ihr erstes Gespräch wieder 
auf, und Hanso zeigt sich bedenklich. ^Efs ist ein 
gmeine — sag : Fürsten händt die reichen weidt' *). Es 
handelt sich also um ein Unternehmen gegen die Obrig- 
keit. Vor allem will Hanso erst seine schon im 2. Auf- 
tritt aufgeworfene Frage, wie die Bibel sich zu ihrem 
Vorhaben verhalte, beantwortet wissen. Cuntz, der am 
Gelingen des Unternehmens nicht zweifelt, sobald nur 
die Unterthanen sich die 'unmenschliche Schinderei' der 
Fürsten nicht mehr gefallen lassen^ verweist den Hanso 
wieder auf die Lehren des Pfaffen. Hier kommen zwei 
für die Bühneneinrichtung sehr merkwürdige Verse: 



') 'Quis nescit longas regibus esse manos?' Melander, Joco- 
seria S. 149. ^Königen, sagt man, gab die Natur vor andern Oe- 
bomen eines längeren Arms woithinaos fassende Kraft' Qoethe. 
Vgl auoh DWB IV 2 Sp. 329. 



371 

Ha. Ich will dior folgn, geh nuhr geschwindt. 
G. Sih wier schon in der kirchen sindt. 

Ich denke, die beiden schreiten dabei einfach von 
der einen zur anderen Seite der Bühne, und diese stellt 
zur Hälfte die Strasse, zur Hälfte die Kirche vor. 

Qreta and Anna erscheinen. — Auch hier wieder 
zwei besonders geläufige Namen. ^Ein — armer mann 
hett — zwei döchterlin — , deren das kleinst Margretlin 
und das gröfst Annelin hiefs', so beginnt ein Märchen 
bei Montanus (1557 % *Anna' war durch die Streitfrage 
über die Empfangniss Mariae sehr modern geworden, 
weit beliebter war doch noch 'Greta'. *Es mufs ein 
ander nam sein, Elsa oder Gretta, — es soll Gretta 
heifsen', sagt ein Pfarrer bei der Taufe, als ein un- 
gewöhnlicher Name vorgeschlagen wird (Wend. II Nr. 103 
S. 153 Z. 14). Von den Geistlichen, denen 'das freie 
leben gefällt', heisst es: liebt ihn [beliebt ihnen] nicht 
Elfs, nemen sie Grethen' (Wend. HI Nr. 182 Z. 5 v. u.). 
Im besonderen ist auch Greta wieder ein rechter Bauern- 
name (DWB IV 2 Sp. 457). — Mit kurzem tSruss (wobei 
wir erfahren, dass sie Nachbarinnen sind) eilen Greta 
und Anna, auf der Bühne offenbar in gleicher Weise, 
wie Hanso und Cuntz, der Kirche zu. Hier haben wir 
uns inzwischen die Gemeinde versammelt zu denken. 
Vor ihr tritt soeben der Tfarrherr' auf. — In dem Pfarrer 
Thomas Münzer') begegnen wir zum erstenmal einer 
geschichtlichen Persönlichkeit. Wir können infolge dessen 
auch den Ort der Handlung bestimmen : er ist in diesem 
Auftritt jedenfalls die Stadt Mühlhausen, die Hauptstätte 
von Münzers Wirksamkeit^). Der Ausdruck ^unser 



<) Siehe Qoedeke, Schwanke des 16. Jahrhunderts S. 12. 

•) 'Muntzeros' in den Ueberschriften, Tastor* 767. 'der pfarr- 
herr' und 'der pfafT im deutsohen Text. 

") Siehe Sloidanus, Do statu religionis ot reipublicao Carolo 
quinto caesare; ed. Boehmius et am £ode I S. 267 Z. 13. 

24* 



372 

Pfarrer' im Mnnde der Bauern bezeichnet diese wohl 
nur als Mänzers Anhänger, nicht als seine Pfarrkinder: 
dagegen spricht schon der Umstand, dass im 2. Auftritt 
dem Hanso die Lehren Mnnzers ganz neu waren. 

Dieser beginnt seine Predigt mit dem Hinweis 
darauf, dass Esaias, der Prophet Gottes, rund heraus 
befohlen habe, alles ungesunde und wider Qottes Wort 
verstossende ^mit sattem vndt scharpffem bericht' ^) als- 
bald zu strafen, und dass Oott diejenigen in den Ab- 
grund der Hölle zu stärzen drohe, welche nicht nach 
seinem Wort 'einfeltig vndt schlecht die menschen 
lehrten'. Danach will Münzer, von Gott in seinen Stand 
berufen, handeln und sich bemühen, die Wahrheit besser 
herfür zu bringen. Er springt nach dieser Einleitung 
sofort auf den Kernpunkt seiner Lehre: im Namen der 
^armen leudt' wendet er sich an und gegen ^Konig, 
Fürst vndt Obrigkeitt' 2), die Gott die Ehre stehlen % 
Wer ihnen denn Macht und Befehl gegeben habe, *mit 
dienst, zinfs, zoll undt allerley beschwerung' ihre Mit- 
menschen so' übel zu plagen und zu schinden ^), die 
doch vom Gesetz frei, ledig und los gemacht seien. Es 
ist offenbar dieselbe Lehre, von der es bei Sleidan 
(S. 267 f) heisst : 'humanitati — esse consentaneum doce- 
bat, ut et dignitate sint omnes aequales, et conditione 
liberi, et promiscue bonis omnibus utantur'. Münzer 
beruft sich auf die Evangelisten und vor allen auf 
Paulus und weist die gehässigen Einwendungen der für 

') Vgl. Kirchhof, Christiiohe Heurath D Z. 2 'sattea trost', 
Militiris Disciplina S. 93 Z. 9 'aufs gutem, satten, reyffen ralit'. 

») Vgl. Sleidan S. 267 Z. 4 ('principes ac magistratus), 
Wond. V Nr. 24 Z. 7 v. u., V Nr. 61 Z. 5. 

») Vers 211 *Gott hast du diese Ehr gestoln*; vgl. Wend. I 2 
Nr. 1 S. 442 Z. 1 'Christo dem herren stilet er seine ehr*. 

*) Seine Worte Vers 206 erinnern sehr an die des Cuntz 
Vers 171— 17B; die Ahsicht des Dichters ist vielleicht, den Cuntz 
als Münzers Nachhotor zu kennzeichnen. 



373 

*ihre Schwärmerei und falsche Lehre' besorgten Gegner 
zurück, des Luther und seines grossen Anhanges. Dieser 
Angriff auf Luther ist wieder ein für Münzer besonders 
bezeichnender Zug, bei Sleidan steht er an der Spitze : 
*coepit docere primum non solum adversus pontificem 
Romanum, sed ipsum quoque Lutherum : utriusque doc- 
trinam esse vitiosam et impuram' (S. 265 Z. 13). — 
Dabei kommt es nun zu einem komischen Zwischenfall. 
Münzer wendet sich an seine Zuhörer, seine Mieben 
kindt' ^), mit der lebhaften rednerischen Frage: 'Wer 
seindts, so vnfs gehessig sindt? Wer seindts? wer 
seindts' ? Da erhebt Anna ihre Stimme : 'Mein lieber 
her, es seindt zwen Metzgers gselln, sehr fer von Duder- 
stadt'. Eine derartige Einrede in die Predigt aus der 
Mitte der bäuerischen Zuhörerschaft heraus findet sich 
häufig. 'Da war auch ein speivogel an der predigt, der 
mocht nit mer schweigen, sprach: Lieber herr . . .' 
(Frey, Gartengesellschaft ^). *Do nun das fragen kein 
auffhören wolt haben, — stund ein beuwrlein auff 
und sagte : Ach . . .' ( Wend. I 2 Nr. 44 S. 494 Z. 6), 
'Ein bauwer, so an der predigt stunde und difs höret, 
sagte überlaut : Ey, lieber herr . . ,' (Wend. I 2 Nr, 69 
Z. 4 V. u.). 'Ein bäurlein, so auch an der predigt war, — 
antwort mit heller stimme : Lieber herr pfarrherr . . .' 
(Wend. IV Nr. 220 Z. 11 v. u.). Noch erhöht wird die 
Komik unserer Stelle durch die Worte 'sehr fer von 
Duderstadt'. Kirchhof erzählt einmal (Wend. I Nr. 154), 
wie sein Vater in Erfurt mit einem 'nnge wanderten 
Düringer' aus Gotha zusammengetroffen^ der auf die 
Frage, wo sein Sohn jetzt sei, geantwortet habe : 'Fern 
genug, he efs im Überland zu Herfsfeld'; 'welches in, 

^) Oleich im Anfang begrüsst er sie ^meio lieben kindt'; 
Wend. 12 Nr. 69 Z. 8 redet der Prediger seine Hörer 'lieben 
kindlein' an. 

') Siehe Qoedeke, Schwanke des 16. Jahrhunderts S. 178 Z. 15. 



374 

wie er selbst sagt, weyt danckt seyn, so doch Herfsfeld 
noch im iand- zu Hessen und nur sieben meil über 
Cassel gelegen\ Noch viel näher aber, als Hersfeld zu 
Gotha, liegt Duderstadt ^) zu Mühlhausen. — Münzer 
fährt die unberufene Sprecherin an : ^Du platz, ich frag 
dich nicht, hör weitter wafs ich sag', nimmt dann so- 
gleich den Faden wieder auf und schliesst mit der Er- 
mahnung, dem Worte Gottes, wie er es gepredigt, nach- 
zukommen. 

^Efs wirdt dich warlich duncken new' hatte von 
Münzers Lehre Cuntz dem Hanso gesagt (Vers 54), in 
Veranschaulichung des Sleidan'schen Wortes: 'novum 
quoddam doctrinae genus proposuit' (S. 265 Z. 9). Das 
zeigt sich jetzt bestätigt: Hanso sieht sein Bedenken 
beseitigt, denn ^aus Gottes wort' (darauf kam es 
ihm anl) hat ihm Münzer, den er deshalb für einen 
hochgelehrten Mann erklärt, hell und meisterlich die 
willkommene Lehre offenbart. Darum ist er jetzt auch 
gleich bereit, ^zur sachn zu greifen', Mit den Worten 
^Schweig, komb her, lafs mich nuhr maohn' zieht Cuntz 
den Gewonnenen fort. 

Scena 5., lateinisch, Vers 250—300. 

Juatns. Chremes, 

Wir verlassen die Haupthandlung, die sich hier 
schon ernster anzulassen beginnt, in einem echt comö- 
dienhaften Auftritt. Justus, voller Freude, etwas längst 
erwünschtes erlangt zu haben ^), weiss nicht, wohin der 
Weg ihn führt. Da erblickt er ein tölpelhaftes Gespenst, 
den (wohl von der anderen Seite kommenden) taumeln- 
den Chremes, der im Selbstgespräch die Thatsache er- 
örtert, dass ihn der Wein besiegt habe. Dieweil er 
fröhlich 'seinen Genius gelabt', schien er so schön 

*) Die im Wend. vorausgehende Geschichte (I Ni*. 163) spielt 
in •Thuder8tatt\ 

■} Vers 251 f ^tempore olim longo expetito fangor munere'. 



375 

nüchtern ; seit er aufgestanden, ist er ^schier weder der 
Zangen, hend oder füfs mechtig' ^). — Hier begegnen 
wir der Erscheinung, dass der Dichter nicht nur die 
Worte aus dem ^Eunuch' entnimmt, sondern mit ihnen 
auch die Person, der sie Terenz in den Mund gelegt 
hatte. Bei diesem beginnt nämlich Chremes, ein junger 
Gutsbesitzer vom Lande, einen Auftritt (IV 5) mit der 
Betrachtung : 

Attat data hercle yerba mihi sunt: vicit vinam quod bibi. 
Ac dum adoababam, quam vidobar mihi pulchre esso sobrius! 
Fostquam surrexi» neque pes neqae mens satis suom ofüoium fiacit, 

und unser Chremes, der sich später als Bauern be- 
zeichnet, äussert sich ebenso, nur sechsfüssig statt 
achtfüssig : 

At at, data hercle verba mihi sunt, quod bibi 
Vicit viaum. quam pulchre v idebar sobrius 
Dum acoubabam. postquam autem surrexi neque 
Pes, oeque manus, neque lingua suum officium facit 

Auch das nun folgende Zwiegespräch benutzt den 
^Eunuch' besonders stark. Justus ruft, in der Hoffnung, 
den Weg zu erfahren, den Chremes zurück, der sich 
bei seinem Anblick weggemacht hatte, um nicht trunken 
betroffen zu werden. 

Chr. Ich warte nicht Ju. Hierher! Chr, Ich gehe. 

Jti, Komm raus, du Schuft. Was zauderst du? 

Fortläufer, tritt hervor, übel beratoer*). 

Chr. Was zum Teufel willst du von mirV 

Ju, Seht, wie der Henkersknecht das Maul verzeiTt ! *) 



So steht Wend. 1 2 Nr. 98 S. 550 Z. 2 v. u. 

') ^£xi foras sceleste. at enimrestitasV | fugitive prodi, male 
consiliate' 263 f. — *£xi foras sceleste: at enim restitas. | fugi- 
tive? prodiy male oonciliate', zum Unglück erkaufter (Sklave), 
Eun. IV 4, 1 f. 

") ^Vlde os ut sibi distorsit camifex' 265. — ^Ulud vide, os 
ut sibi distorsit carnufex' Eun. IV 4, 3. 



376 

Chr, WenD du was willst, so trag*8 in Kürze vor, 

Ich habe nicht die Zeit hier lang' zu warten. 

Ju. Sag an, was hast du dich mit Wein so schwer geladen ? 

Ohr, Ich, was, ich hätte mich zu schwer mit Wein geladen? 

Ju, Reizender Kerl! Hör', bist du auch ganz wohiV 

Ckr, Ob wohl du bist, ob nicht, was kümmerts mich; 

So nüchtern kam noch nie von Tisch ich, wie grad' heut'. 

Zum Beweise seiner Nüchternheit soll Chremes 
zehn Fxiss abmessen, immer einen vor den anderen 
gesetzt: er macht statt dessen, wenn ich recht verstehe, 
erst Schritte, dann springt er mit gleichen Füssen u. s. w. 
Jostus kommt endlich auf sein Anliegen, er fragt nach 
dem Kanzler. Chremes kennt ihn, will aber nicht 
sagen, wo er ist; dann weiss er wieder nicht, wie er 
heisst, wohl aber, wo er sich befindet. Er beschreibt 
den Weg: an einer Halle am Fleischmarkt vorbei, gerade- 
aus bergauf, dann bergab; bei einer Kapelle durch 
eine Nebengasse zum Spital. Justus wirft ein, das 
sei ja eine Sackgasse. Chremes gesteht eifrig seinen 
Irrthum und beginnt eine neue Beschreibung. Zur Halle 
zurück, dann links geradeaus bergauf, bei der Kreuzung 
wieder geradeaus zu einem Teich, dort in der Nähe 
sei es. Justus macht sich auf den Weg. 'Geh nur', 
meint der zurückbleibende Chremes, 'dich will ich ab- 
hetzen, wie du es verdienst'. Er will zum Becher zurück- 
kehren und den Tag gemächlich verbringen. — Seine 
letzten Worte zeigen, dass der Wegbeschreibung nicht 
zu trauen ist. Man könnte an Cassel denken, wo viel- 
leicht alle späteren Auftritte des Chremes spielen, einer 
wenigstens (IV 6) bestimmt, und zwar vor dem dortigen 
Landgrafenschloss. Dieses war nicht weit entfernt von 
der alten Elisabeth k a p e 1 1 e und vom Elisabeth s p i t a 1, 
bei welchem noch heute eine Sackgasse läuft. Das 
Spital liegt an der Ecke der Obersten Gasse, in der 
der Vice k an zier Nusspicker nahe beim Druselt eich 
wohnte. Ein anderer Teich, auf dem heutigen Martins- 



377 

platze, war nicht weit von dem in der Markgasse ge- 
legenen Hause des Kanzlers Feige, der in unserem Stück 
mitspielt ^). 

Parergon ( = Scena 6.), deutsch, Vers 301 — 330. 
Jiistua, Jonas» ÖrcUiantis. Mohssus, PcUkts, 

Vor dem *Musaeum' der Pallas erscheinen die — 
vom Schreiber unserer Handschrift gelegentlich (s. oben 
S. 365) als Studiosi bestimmten — jungen Gesellen^) 
Justus, Jonas, Gratianus, Molossus. Justus führt das 
Wort und erklärt der auf sein Klopfen heraus- 
tretenden Pallas, sie seien von ihren Eltern hergesandt 
worden, sich so instruiren zu lassen, dass sie dereinst 
Eltern und Vaterland zieren möchten. Vonseiten der 
ersteren verspricht er 'reichen soltt, sofs zu gtrewer 
handt zu stellen werden'. Pallas lädt sie ein, sogleich 
mit in das Musaeum zu gehen, wo ihre Progressus ex- 
plorirt, und sie dann locirt werden sollen, — eine 
Aussicht, welche auf die 'jungen Knaben' eine sehr ver- 
schiedene Wirkung ausübt. Einer nach dem anderen 
äussert seine Gefühle, wodurch dann ein jeder dem Hörer 
zu erkennen gibt, welche Abart des studirenden Jüng- 
lings er darstellt. Justus ist ein Musterschüler^ er ist 
sofort 'mit lust, freudt und grosser begihr' zu folgen 
bereit. Indem er aber dies als Wortführer auch im 
Namen der anderen aussprechen zu dürfen glaubt, be- 
findet er sich arg im Irrthum ^). Denn dem Jonas wäre 



') Vgl. Neheliliau^ Die ältesten und älteren Gebäude Kassels 
S. 37. 

>) Die Bezeichnung «junger gesell' (495. 606. 628. 668) und 
^gesell' (459. 569) wechselt mit 'junger knab' (305. 503. 582) und 
'knab' (514. 642. 627), 'jungling' (460. 619. 642), 'junger knecht' 
(548). 

*) 'Du streichest dich' sagt Jonas Vers 317, vgl. Wend. I 
Nr. 252 Z. 1 'Mancherley art ist bei uns Teutschen, verdeokt und 
höflich das liegen [lügen] zu nennen, als — sich streichen . . / 



378 

es lieber, beim Trank zo sein, Gratianns würde es vor- 
ziehen, 'schone lente zu sehen^ ^), Molossos aber ist den 
Büchern so feind, dass er sie gar nicht sehen mag, was 
er selbst seiner Faulheit zuschreibt. Sie nennen den 
Jostos einen Lügner and Schelmen, entschliessen sich 
aber doch, ihm zu folgen. Der Vorgang ist wohl so 
gedacht, dass jeder einzeln abtritt : Pallas — Jostos — 
Jonas — Gratianus — zom Schloss der faole Molossos, 
der sein Selbstgespräch mit den ergebenen Worten be- 
schliesst: 'Weilb aber nicht kan anderb sein, moCs ich 
mitt furcht mich wagn hienein'. — So beginnt im Neben- 
spiel des ersten Aufzugs, das zu dem bedeutend weiter 
ausgesponnenen des zweiten Aufzugs eine Art Vorspiel 
bildet, die Behandlung eines in der neulateinischen 
Bühnendichtung sehr beliebten Stoffes : mit der Comödie 
vom Verlorenen Sohn war die Schilderung des Studenten- 
lebens aufgekommen, wie denn z. B. Christoph Stymmel 
in seinen Studentes (geschrieben 1545, zuerst gedruckt 
1549) drei Jugendfreunde — Philomathes, Acolastus, 
Acrates — zeichnete, von denen der eine den Büchern, 
der zweite den Weibern, der letzte dem Spiele sich 
ergeben hat^). 

Act ÜB n. 

Scena 1., deutsch, Vers 331 — 364. 

Äiina, Hanso, 
Der Dichter stellt beim neuen Aufzug Anna und 
Hanso als Gatten vor und gibt ein Bild aus ihrem Ehe- 
leben. Anna ist bekümmert über ihren Mann, der seit 
Kurzem ihr nichts als Herzeleid zufügt, während sie 
doch gar nicht weiss, dass etwas zwischen ihnen vor- 

*) Vgl. Wend. II Nr. 147 Z. 2 v. u. 'mit schönen leuteii 
zeohen und fröhlich sein'. 

*) Siehe Holstein a. a. 0. 8. 64 ; o, lAlimoron in der Deatschen 
Rundschaa Band 65 S. 253; Ooedeke, Grundriss zur Geschichte der 
deutschen Dichtung II > 8. 138. 



379 

gefallen wäre, was ihn dazu hätte veranlassen können. 

Sie sieht ihn zornig wie einen Eber (s. oben S. 360 

Z. 1) herkommen, will ihn aber freundlich ansprechen. 

^Ich wilfs bey meinem eyde rechn' ruft Hanso ihr zu, 

wie ihm oben (Vers 49) Cuntz erklärt hatte ^Bey meinem 

eydt ich habfs verstandn', Versicherungen, b^i denen 

man an Kirchhofs Wort denken mag: 'Wer — den 

bauwren glaubt auflf iren eyd, — der wirt — bschissen' 

(Wend. 12 Nr. 78). Vergeblich ist alles Bitten der 

Anna, ihr doch nur den Grund seines Zürnens zu ofTen- 

baren : 

Hab ioh ettwafs gethao, so mir 
Niohi hett gezimptt, 8o will ich dier 
VerheisBOD dasselb zu eadem 
Oar nach deinem willen, wofern 
Da mir nuhr solches zeigest ahn. 

Vergeblich ihr Flehen und Versichern, ihre schmei- 
chelnden Anreden. Hanso hegt keinen ehrlichen Zorn, 
sonst würde er wohl zu Thätlichkeiten greifen, aber er 
hat nichts als kalte Abweisung, beleidigende Worte, 
Schimpf und Drohung : *Will dich mitt fusn messen'. — 
^Du hose hautt^), den weibern soll man ihre scheiden 
treschen woll, wen se dafs schwerdt im munde fuhrn' ^). 
— 'Bist nicht werth daCs dich soll beruhrn der erdt- 
boden, pack dich hinweg, eh ich dier diesen stock 
aufleg'. So bringt er sie zum Schweigen. — Ich glaube, 



') Dies Sohmfihwort gehört der Hausfrau: Wend. I Nr. 371 
Z. 2 'mit einer bösen haut beladen', VII Nr. 162 S. 355 Z. 11 y. u. 
^mit dergleichen bösen haut beladen', IV Nr. 186 S. 175 Z. lö v. u. 
'mit einer solchen — hundshaut — behengt', HI Nr. 246 S. 539 
Z. 7 V. u. 'diese schnöde, untreu haut' ; vgl. D WB IV 2 8p. 708. 

') Vgl. AVend, I Nr. 362 Z. 4 v. u. 'Wenns schwort im maul 
die weiber füren, ist ein alt recht, dafs sich gebüren dem mann 
will und auff d'scheiden klopfi, ach sonst wer er ein armer tropff . 
DWB IL Sp. 1403 findet sich 'dreschen' nur alleinstehend in der 
Bedeutung concumbere cum aliqua. 



380 

wir dürfen nicht annehmen^ dass dies fein gezeichnete 
kleine Sittenbild für den Gang der Handlang nichts 
bedeate. Hanso zeigt, wie ihn der Umgang mit Cuntz 
schädlich beeinflasst hat. Er ist wohl schon jetzt ent- 
schlossen, Weib und Kinder zu verlassen^ was er nachher 
im 4. Aufzag (4. Auftritt) ausführt. 

Scena 2., lateinisch, Vers 365 — 395. 

Ounix. Mimtxems, 
Cuntz und Münzer setzen ein 'drinnen' begonnenes 
Gespräch über ihre nothwendige, heilige, gute Sache 
fort. Münzer empßehlt grösste Vorsicht. Freilich : nicht 
den unreinen Ketzern, sondern seinen Heiligen ist der 
Herr geneigt, ihnen will er seinen Willen offenbaren. 
Aber doch darf man unbedachtsam nichts beginnen. 
Denn die ungeheuere Fürstenmacht, listige Anschläge 
und starke Schaaren können den Lauf des Evangeliums 
wohl hemmen. Cuntz ist viel entschlossener. Aufhalten 
können die Gegner, aufheben nicht. Mag ihre Macht 
gross sein : auch die eigene ist nicht gering. Klüger 
als bei der Partei der Menschen müssen die Pläne doch 
bei dem Häuflein derer sein, die von Gottes Weisheit 
belehrt werden, und alle Vereinigung vermag nichts 
gegen Seelenstärke. Doch sogleich merken wir wieder, 
was in Cuntz die eigentlich treibende Kraft ist: der 
Hass gegen die Fürsten. Kein besseres Opfer kann 
Gott dargebracht werden, als das Blut eines Tyrannen. 
— Münzer wird mit fortgerissen durch solche Ent- 
schlossenheit. Er belobt und bestärkt jetzt den Cuntz. 
Dieser eilt fort, seine Genossen aufzurufen, von Münzers 
Glückwünschen begleitet. 

Parergon(= Scena 3.)^ deutsch und lateinisch 

Vers 396-687. 

Vemis. Bctcditis, Pigrüia. Justus. Jonas. Gratianus. 

Molossus, PdUas. 



381 

a) Vers 396-407, deutsch. 
Venus eröffnet das grosse Zwischenspiel. Sie fordert 
Bacchus und Pigritia auf, einem neuen Wildpret, das 
sie von ferne gesehen, zuzusetzen, bis ein jeder sein 
Theil davontrage. 'Vorher jedoch', meint sie, 'wollen 
wir ein weill schön singen, dafs da wiederschall im 
hohen thon beidts berg vndt thall' ^). Da sie dann 
sogleich fortfährt 'Nuhn woln wier frölich vnser sach 
angreiffen', kann ich nicht anders verstehen, als dass 
hier (zwischen Vers 403 und 404) für die Aufführung 
ein Gesang einzulegen war^). Venus schliesst mit der 
Ermahnung an ihre 'Gespielen', einstweilen zurück- 
zutreten, da das Wild sich nahe. 

b) Vers 406—449, lateiaisch. 
In diesem Wild entdecken wir gute Bekannte, die 
ungleichen Schüler Palladis aus dem Nebenspiel des 
ersten Aufzugs. Der trinklustige Jonas findet, dass man 
durch das lange müssige Lungern, worunter er das 
Sitzen in der Schule zu verstehen scheint, gänzlich er- 
schlaffe. Er schlägt einen Spaziergang vor, um den 
Geist zu erfrischen. Der lebenslustige Gratianus ist 
ohne weiteres damit einverstanden, und auch Molossus 
erklärt, trotz seiner Faulheit sich anschliessen zu wollen, 
um nicht etwa dem ungescheidten Weib, er meint die 
Pallas, allein in die Hände zu fallen und ihren höchst 
unangenehmen Fragen preisgegeben zu sein. Justus 
endlich ist dem Vorschlag zwar nicht abgeneigt, aber 
nur unter der Bedingung, dass während des Spazierens ^) 
die uützHche Frage untersucht werde: 'An labor assi* 
duus semper praestet otio'. Alsbald beginnt die Er- 
örterung. Jonas geht von dem Sprichwort ans 'otia 



») üeber ^Berg und Thal' siehe DWß 1 Sp. 1605. 
*) Vgl. unten zum 4. Auftritt des 4. Aufzugs. 
') Dass es so gemeint ist, zeigt Vors 452 f 'wier sein dt 
spatziro gowcst'. 



382 

dant vitia'. Dass dasselbe ebenso wahr wie bekannt 
sei, merke er an sich selbst. Denn wenn er nicht 
taglich im edelen Becherkampf sich übe, verfalle er in 
Stampfsinn und völlige Erschlaffung. Gratianus beruft 
sich auf den Satz des Philosophen von Stagira, ein 
Zustand werde durch wiederholte Handlungen erworben 
und gehe ohne sie wieder verloren. Auch er hat die 
Richtigkeit seines Satzes am eigenen Leibe erfahren. 
Gleichsam in Fesseln geschlagen, in der Schule der 
Pallas nämlich^ versäume er alle Leibesübung. Gezwungen 
einen minder schädlichen Fehler vermeidend falle er in 
den entgegengesetzten. Der Venus Anblick locke die 
Menschen, alle Mühsal auf sich zu nehmen^ des Tages 
Hitze wie die Kälte der Nacht zu ertragen und in edelem 
Wettkampfe Körper und Geist vor trägem Nichtsthun 
zu bewahren. Aber Molossus stellt beiden den Satz 
entgegen : 'vina, venus nocent' *). Wer Geist und Körper 
mit Arbeit ergötzen und die Unthätigkeit verbannen 
will| der rufe nicht Venus, nicht Bacchus noch Ceres 
herbei, sondern halte sich in emsigem Eifer zu Hause. 
Justus geräth in Verlegenheit. Er, der fleissige, sieht 
sich genöthigt, ganz ähnlich zu urtheilen, wie der faule 
Molossus, aber er wirft diesem vor, unter dem Scheine 
einsamer Studien nur seiner Trägheit fröhnen zu wollen. 
Auch den beiden anderen muss er darin Recht geben, 
dass Müssiggang aller Laster Anfang sei. 'Nicht arbeiten 
und nur seyn faul, dem fliegt kein braten taub ins 
maul' ^). Wahre Arbeit aber sei : seinen Stadien unaus- 
gesetzt obzuliegen. Er ahnt hier am Schluss den Fehler 
des ganzen Wortkampfes, der darin besteht, dass ein 



1) ^Nec Veneris nee tu vini tenearis amore, uno namqao 
modo vina Venasque nocenf Vergil; vgl. Melander, Jocoseria 
S. 248. 

') ^Nec tibi por ventos assa colnmba yentt\ die Ueborsetzung 
aus Weod. VIT Nr. 17 Z. 6 v. u. 



388 

jeder die Begriffe iabor and otinm so anffasst, wie sie 
ihm passen, infolge wovon die Parteien trotz der grössten 
Verschiedenheit ihrer Ansichten und Neigungen sämmt- 
lieh die aufgeworfene Frage bejahen. Wenn der Dichter 
die Absicht hatte, das Bild einer fruchtlosen Erörterung 
2n zeichnen, bei der ein jeder auf seinem Standpunkt 
verharrt, so ist ihm das vortrefflich gelungen.. 

c) Vers 460—670, deutsch. 

Venus findet es nun an der Zeit, die jungen Ge- 
sellen anzureden. Es scheint, dass die drei göttlichen 
Wesen den vorigen Auftritt belauscht haben. Jetzt 
treten sie (wohl zusammen) herzu. Die Jagd beginnen 
sie einer nach dem anderen, den Vortritt und infolge 
dessen die grösste Auswahl hat Venus. Sie und Justus 
wechseln die ersten Worte im Namen der beiden Gruppen. 

Ve, Glaok zu, wsrs macht ihr hie ? 
Jtt. Nichts sonders, schön jungfraw, wier sein dt 
Spatzirn gewest Ve. Wie dafs, mein freundt, 
Ihr nicht za vnrs kommen? Ju. Sag ahn, 
Waramb solten wier zu euch gähn? 
Ve. Dars ihr an vDser schönen gestaltt 
Euch verlostirttett manigfialtt. 

Damit beginnt der EinzelangriCF. Während Gra- 
tianus sofort für Venus gewonnen ist und in bei Seite 
geführtem Selbstgespräch das folgende mit der Aus- 
sprache seiner Gefühle begleitet, bittet Venus vergebens 
den Justus um seine Gunst. Sie weist ihn hin auf ihre 
Reize, ihr klares Angesicht^ ihr Brüstlein schön, aber 
Justus bleibt völlig kalt; er lässt sich nicht fangen, er 
fragt nichts nach Gäucherei, er wille die Jungfrau für 
schon längst ihrer Ehre verlustig erklären, wenn sie 
sich nicht packt. Aergerlich wendet sie sich von ihm 
ab und mit den Worten *Abr du mein liebstes lieb folg 
mir, dier ich mir gar ergib' zu Jonas. Der ist der 
Weltfreude nicht wie Justus grundsätzlich abgeneigt 



384 

und lässt sich auf Unterhandlangen ein. ^Wormitt, 

jungfraw, meindt ihr mir frewdt zu machn?^ Yenas, 

diplomatisch, betont wiederholt ihre Ehrbarkeit, will 

ihm mit Scherzen sein Leid vertreiben und ihn lehren, 

^bei schönn jangfrawn fein zächtiglich zu halten', mit 

welchen zu verkehren doch das begehrenswertheste 

Leben sei. Doch Jonas erwidert, ihren Unterricht brauche 

er nicht, er wisse ein etwaiges Verlangen 'nach frawen 

list' zu seiner Zeit schon zu befriedigen, gegenwärtig 

fühle er kein Bedürfniss hierzu. Sie selbst halte er 

für falsch, damit solle sie sich auch ihren Misserfolg 

(über den sie sich verwundert hatte) erklären. Er bricht 

die Unterhandlung mit den barschen Worten ab : 'Kurtz 

— wen ihr nicht mitt mir kondt in die wett sanfn, 

von mir ablohntt'. Venus sieht ein, dass hier Malz 

und Hopfen verloren, und wendet sich Molossus zu, 

merkt aber sehr bald zu ihrem Aerger^ dass dieser 

^schöne Knabe\ der für Gestalt, Gesicht und rothe 

Wänglein keinen Sinn hat^) und ihr zumuthet, ihn zu 

tragen, wenn sie ihn mithaben wolle, zur Wollust zu 

träge ist^. Nun kommt sie endlich an den rechten, 

bei Gratianus fallt ihre Bitte ^Ach du mein schätz^ mein 

Faickneuglein, nimb dich mein ahn' auf günstigen 

Boden. 

Grat. Dals ist mein wünsch, so wollt ichs hahn. 

liebstes lieb, jangfraw zartt» 

Moin tag ich nih freundtlicher wardt, 

Alfs da ich Ewr klar engelein, 

Wie dan des gantzen angsichts schein 

Ersaoh. Ach höchster trosti 

Venus hat somit ihr Wild erjagt und fordert nun 



*) ^Ho, gestallt warlich die gibtt kein brodt ins hanrs' 521 f; 
vgl. Wend. i Nr. 193 8. 236 Z. 12 'für — singen werd ich nit 
viel — ins häufe schaffen'. 

*) Dafs dich der hencker müsse plagn' wünscht sie Vers 527, 
'DeOi müsse dich der Hencker pMagn* wünscht Cantz Vers 909. 



385 

ihre Gespielen auf, de.sgleichcn zu thun. Bacchus, ob- 
wohl übel zu Fusse, versucht sein Heil, — wiederum 
zunächst bei Justus, der aber natürlich keinen Durst 
hat und die ihm angebotene Flasche mit ^ReinfalP zurück- 
weist '). Jonas begleitet den Vorgang mit den Worten : 

Es ist ja zwar [wahrlich] aaff dieser erdt 

Ein Wunderding, was der natur 

Zn wieder ist komptt einm mehr fahr 

Alfs so da gfellt, ich woldt die fein 

Jangfraw nicht habn, diesr schlecht den wein, 

So mir gefeilt, gar aufs. 

Schon glaubt Bacchus, bei Molossus Erfolg zu 
haben, da dieser ihm versichert: *0 gutter man mich 
durst so sehr, dafs ich für durst vergangen wer, wen 
du nicht kommen'. Dass er aber trotzdem nicht einmal 
sein Maul selber aufthun will und das Verlangen stellt, 
es ihm aufzusperren und hineinzugiessen, das ist dem 
Bacchus doch zu arg. 'So fauU, du loser Physicunck, 
musn mein schulr nicht Bein'. Sie wechseln einige 
Grobheiten, dann kommt Bacchus zu Jonas, der die 
Durstfrage bejaht und dem Gebot des Gottes getreulich 
nachzusetzen verspricht. Bacchus sagt 'du bist meins 
mans' und beginnt sogleich die Belehrung über das 
Zutrinken, über das Trinken von Ganzen, besonders 

aber über die nöthige Beharrlichkeit: 

Du most mitt ernst darwiedr saofn, 

Bifs dier die angen vberlauffn, 

Aach nicht ehr aafhören, da seist 

So voll, bifs da ins ploch hnein speist. 
Jonas hat die herrliche Lehre alsbald gefasst und 
gibt ein Probestück, das zur Zufriedenheit des Meisters 
ausfällt. In dessen Schule zu leben, gefällt ihm besser, 
als der Pallas seine Lection anzusagen. Er will des- 
halb mit fort und seine Scharteken wegwerfen^), seine 

^) Bacchos wünscht Vers 557 f ^dars dich die gicht angeh', 
genaa wie Chremes Vers 901 f; vgl. DWß I Rp. 340. 

*) Scharteke wird vom ital. scartare = wegwerfen abgeleitet. 
N P. Bd. xviu. 25 



386 

ßüeher im Arrest stecken lassen; 'dan es ist dafs glaTs 
leichtr zu hebn, alfs ohn vnierlafs die bncher schleppen'. 
Bacchus jedoch als erfahrener Mann räth ihm, die Bücher 
zu behalten, um sie im Nothfall 'bei dem armen man 
vorm zapfFen' versetzen zu können. Jonas versichert 
nochmals: 'Ich will kein fleifs zu lernen sparn'. 

Nun ist noch Pigritia übrig. Auch sie wendet 
sich zuerst an Justus. Er überanstrenge sich mit seinem 
Studiren und solle sich doch einmal eine Erholung 
gönnen. Komme er mit ihr, wolle sie ihn wohl pflegen. 
Doch Justus ist nicht müde und bedarf höchstens eines 
Trunkes Covent [Dünnbier *] ; er weiss aber, dass Pi- 
gritia, dass die blosse Faulheit alleine gar nicht einmal 
imstande ist, die nothwendigen leiblichen Bedürfnisse 
zu befriedigen; wie denn thatsächlich Pigritia den Mo- 
lossus, zu dem sie sich jetzt wendet, nicht aus eigenen 
Mitteln versorgt. Dieser klagt zuerst über Hunger, da 
er ein Weissbrot, das er selbst 'in seinem Sack' trägt, 
vor Faulheit nicht 'langen' kann. Sie steckt es ihm zu 
mit dem guten Rath: 'Nimbfs maul fein voll, so darfst 
[brauchst] du nicht so oft beifsen' ^). Dann klagt er 
über Durst: 'hoU mir dort ztrincken her', ich verstehe: 
aus dem 'grofsen Fafs' des Bacchus, nach welchem er 
schon oben (Vers 669) verlangt hatte. Pigritia erfüllt 
auch diesen Wunsch, giesst ihm ins Maul und nimmt 
ihn dann mit sich. Eine komische Gottheit, diese Pi- 
gritia ! Venus liebt doch vor Allem selbst, und Bacchus 
vergisst sich selbst beim Trinken nicht, die 'Faulheit' 

>) Wend. III Nr. 9 S. 250 steht 'ein truDck covent' Z. 4 im 
Gegensatz zu ^ein gülden kopff mit malvasier' Z. 7, und Z. 9 heisst 
68 ^habt ihr so gut covent, wie wird dann das bior so gut sein'; 
vgl. auch Wend. I Widm. S. 6 Z. 4. 

*) Vgl. Wend. II Nr. 193 Z. 12 'langt dieser ungewandeii 
aus seinem sack hervor ein grofs stück biot — und steckt das 
maul so voll, dafs er schier nit reden mochte'. 



387 

aber muss für ihre Freunde arbeiten. — Die drei Ge- 
spielen beschliessen, mit dem erjagten Wild einen Tosch' 
anzufangen, da es doch Nacht geworden sei. Von Justus 
ist weiter nicht die Rede, doch versteht sich, dass er 
der Pallas treu bleibt, wie das denn auch der folgende 
Aufzug zeigen wird. 

d) Vers 671-687, lateinisch. 

Pallas ist von Schrecken und Furcht erfüllt über 
ein die Musen bedrohendes Wunderzeichen, das sie sich 
nicht erklären kann : das heilige Wasser der Gastalischen 
Quelle ist stehen geblieben. Da erblickt sie mit Ent- 
setzen unsere lustige Gesellschaft, nach ihren Begriffen 
eine Heerde Säue. Sie befiehlt ihnen mit harten Worten, 
zu entweichen. Die Personen scheint sie wegen der 
Dunkelheit (vgl. Vers 669) nicht zu erkennen. Auch 
sie wird trotz ihres Schildes (s. Vers 681) von der ent- 
rüstet auffahrenden Venus wohl nicht erkannt. Nach 
kurzem Wortwechsel ruft diese ihrer Gesellschaft zu, 
sie solle die Waffen ergreifen und die Bestie ver- 
scheuchen, was dann, wie es scheint, geschieht. — So 
schliesst der zweite Aufzug. 

Mit ihm geht in der Hauptsache unsere 'Comödie 
vom Studentenleben' zu Ende^), die auf einen 'Streit 
Veneris und Palladis' hinausläuft, in welchem (das be- 
zeichnet das Komische unseres Zwi.schenspiels) wenigstens 
vorläufig Pallas unterliegt. Anders z. B. in dem 'kleinen 



^) lo beaohteDSwerthor Absiohtlichkeit sind die deutschen 
Schülerauftritie anseree Stückes reichlich mit fremden Worten und 
Formen verbrämt: affirmirn303, instmirn 307, explorirn3l3, looirn 
314, vexiren 325, spatzim 453, spatzieren 633, stadiern 631, phy- 
sicanck 577, lection 607, soartekn 600, arest 611, oovent 640, mu- 
saouin 302, remediam 587, progressus (Mehrzahl) 314, PalladisdOU 
Palladi 607. — In den andoron deutschen Auftritten dagegen be- 
merke ich von Fromdwöilern einzig (beidemal von Cuntz gebraucht) 
vexiren 172, vexiru 946 (sehr häufig im Wendonmuth). 

25* 



388 

Spiel' des. Jacob Funkelin (1551 M, dan wie unser Par* 
ergOD in ein grösseres Stück (*Von dem rychen Mann 
und armen Lazaro') eingeschoben ist. Die dortige Venus 
hat mit der unseren manche Aehnlichkeit, so das An- 
preisen ihrer eigenen Person gegenüber den ^jungen 
Gesellen': 'Do secht ir ouch min schöne gstalt, die 
bäcklin rot, den schönen mnnd, min graden Hb, der 
stolz und gsund' (Vers 139 ff). Der 'tüfel Astarot' hat 
etwas von Pigritia, etwas von Bacchus: *Wer etwas 
wöU, der zeigs mir an; ich kanns im gen, er mufs es 
han' (Vers 196 f)- *Seh, stofs die amplen in din mund 
und lär si us, das ist dir gsund' (Vers 533 f). 'Seh^ 
trinken ein mal und snfs vol us, du fügst nun gar wol 
in min hus' (Vers 547 f). Der hierbei angeredete 
Epicurus erinnert wieder zugleich an Molossus und Jonas. 
'Ich wer schier aller erst entschlafen. Wie knmts, das 
ich so vil mufs ginen?' (Vers 512 f). 'Secht, das wir 
haben wins gnug, läre gleser sind nit min fug' (Vers 
527 f). — Auch ein grosses Gedicht Kirchhofs von 1549 
ist hier zu nennen, das älteste uns bekannte Werk von 
ihm ^ (abgedruckt Wend. VIT Nr. 10) : 'Beschreibung des 

Siehe TUtmann^ Schauspiele aas dem 16. Jahrhundert I 
S. 163 if; das Spiel geht mittelbar zurück auf ein Stück des Wieaer 
Humanisten CheÜdonius, vgl. Edw. Schröder^ Jac. Sohöpper (Mar- 
burger Programm 1889) S. 15 f. 

*) Neuerdings hat Wyss in seiner sorgfältigen Lebensbeschrei- 
bung dieses Dichters, Centralblatt für Bibliothekswesen TX S. 67 £f, 
die bestimmte Behauptung aufgestellt (S. 70), dies Gedicht sei nicht 
von Kirchhof. Ich müssto dem nach meiner Kenntniss Kirchhofe 
entschieden widersprechen, auch wenn der einzige angeführte Grund 
'Formen wie Sohmetzle (8. 242), Hertzle (8. 243) und Wörter wie 
Bruch für Hose' deuteten 'auf süddeutschen Ursprung' stichhaltiger 
wäre. Aber der Dichter verwerthet auch später oftmals gelegentlich 
eine der vielen deutschen Mundarten, die er in seinem Wander- 
leben kennen gelernt und mit Antlieil beobachtet hat, und die drei 
verschiedenen Wörter 'Bruch' (fractio, palus, femorale) sind alle 
gemeindeutsch, s. DWB II S. 410 f. Dass man sie auch in Hessen 



389 

weingötzen Bacchi und der Wollast garten, allen jungen 
gesellen zur warnung gestellet'. Bacchus und Venus 
locken mit Hülfe der Blandula die jungen Gesellen, 
welche die Warnung der T u g e n d 'sih zu, verführ nicht 
selbs dein hertz' nicht beachten, in den Garten der 
Sinnlichkeit, wo Freud' und aller Scherz wohnt, wo 
alt und neuer Wein geschenkt wird ^), und man süsse 
Worte hört: 

Heins hertzes lieb, mein äugen weid, 
Aoh höchster schätz, fread ohne leid, 
Scheid nicht von uns, bleib immer hier, 
Schaff, was du wilt, nach hertzen gier. 
Mein einig troet, nie ist gebom 
Ein schöner mensch. 

Aber der Trunk bringt die jungen Gesellen bis 
zu den Schweinen hinab (vgl. bei uns 'porcorum gregem' 
Vers 677), die Liebe betrügt um Geld und Gut, und 
zuletzt behält man nichts als Spott zum Schaden. 

Actas in. 

Scena 1., lateinisch, Vers 688—732. 

Ckrefnes, Banao, 

Chremes, den wir im 1. Aufzug (5. Auftritt) in 
angeheitertem Zustande getroffen haben, schimpft hier 
über eine unerhörte, unmenschliche Grausamkeit, deren 
Urheber er unglücklich machen und umbringen, dem 



als zweideutig kannte, zeigt Melander, Jocoseria Nr. 652 : Die Mar- 
burger Professoren Caspams Bodolphi and Johannes Lonicerias 
rufen beim Spazieren grasschneidenden Mädchen Scherzworte zu, 
die ihre Spitze darin haben, ^quod — Germanioom vocabulum Bruch 
— partim quidem paludem denotet, partim vero femorale designet 
et campestre\ 

>) unter den aufgezählten Sorten ist auch ^reinvall', der in 
unserem Parergon (Vers 554) vorkommt ; vgl. Wickram (Rollwagen) 
bei Ooedeke^ Schwanke S. 218 Z. 5 'die aller besten wein, so man 
in Italien hat, als Veltelin, Reinfall und andere gute gesohleck'. 



390 

er die Angen aasreissen und alles mögliche anthan 
möchte. Er weiss nicht, was er anfangen soll. Hanso 
kommt dazu und fragt, was ihm denn die Galle errege. 
Chremes beklagt seinen elenden Zustand. Hanso sagt, 
ihm gehe es im Gegentheil besser als je; er bittet den 
Chremesi sich ihm zu offenbaren. Beruhigt darüber, 
dass auch kein Späher sie belausche, beginnt Chremes, 
Hanso werde wohl selbst die Tyrannei der Qnaestoron 
erfahren haben, er fasst es als Spott, dass jener das 
nicht bestätigt. Hanso (der den Chremes hier mit 
Namen nennte ihn also schon kennt) fordert ihn auf, 
sein Unglück zu erzählen. Als nun Chremes anfängt, 
er habe am Morgen seinen Zins zum fürstlichen Quaestor 
getragen, fällt Hanso ihm sogleich ins Wort: sicher 
beklage er sich über des Fürsten Ungerechtigkeit. 
Man merkt die Absicht! Chremes aber weist das von 
sich, er hat es nur >mit dem Quaestor vor. Dem hat 
er vier Sack Frucht als Zins bringen wollen, einen 
fünften dachte er zu verkaufen. Der Quaestor empfängt 
ihn sehr freundlich, kaum aber ist die dritte Metze 
herausgemessen, so kratzt sieh Chremes, wie er uns 
erzählt, hinter den Ohren und ringt die Hände; denn 
der Schelm misst mit einer zu grossen Metze. — Das 
ist nichts neues, wirft Hanso ein. — Ja dem unersätt- 
lichen Gierhals genügen nicht einmal die fünf Sack, 
unter Drohungen fordert der Wucherer für das angeblich 
fehlende eine hohe Geldbusse. — Doch Chremes unter- 
bricht sich, er sieht ein paar vornehme Herren kommen 
und tritt deshalb mit Hanso ab. — Es scheint fast, als 
werde ihn dieser noch für seine Sache gewinnen. 

Scena 2., lateinisch, Vers 733 — 753. 

Landgravms. Fioinus. 

Zwei neue geschichtliche Persönlichkeiten! Was 
der 'hochlöbliche Fürst^ Landgraf Philippus Magnanimus 



391 

von Hessen^) (f 1567), 'der christlich held and stem 
Teutsches lands', 'ein hoch und weydtberühinbter christ- 
licher herr und Teutscher kriegsfürst', dem Hessenvolke 
der Reformationszeit gewesen ist, sieht man so recht bei 
Kirchhof); er betritt hier unsere Bühne. Im Kommen 
entlässt er sein Gefolge, indem er die diesem gegebenen 
Aufträge noch einmal wiederholt. Syrus soll sich zur 
Britannischen Reise rüsten, die übrigen sollen für das 
Geschütz sorgen, damit es gut in Stand sei, wenn es 
einmal gebraucht werde®). 'Dich aber', fahrt er fort, 

') ^Landgravius' in den Ueberschriften, ^Hassiae Landgravius' 
Vera 1108, ^Inclytissiinns Hassiae princeps' 802, ^princeps Hassiae^ 
961, 'Princeps' 1202, 'der Fürst' 1269. 

») Wendunmuth 1 (1563) Nr. 47. 48. 148; Warhafftigo Be- 
schreibuDg — Herrn Philipsen (1567); Vod dem christlichen Hea- 
rath — Herrn Ludowigen — zu Nassau (1589) Ol bis D 2; Mili- 
taris Discipüna (1602) S.81; Wendunmuth III (1602) Nr. 12 bis 20. 
44. 62 bis 69; Wendunmuth IV (1602) Nr. 70 bis 79. 109. 216. — 
Was es mit der verBchoilonen Handschrift 'Joh. Wilh. Kirchhof, 
Bürgermeisters zu Cassel, aus dem Leben i^hilippi Magnan. vom 
Bauernkrieg in Versen 1575' für eine Bewandtniss hat, ist zur 
Zeit nicht festzustellen. Walther^ Literarisches Handbuch von 
Hesseni Supplement II Nr. 64, erwähnte sie (1855) als früher iL 
Ayermanu's, damals in Dr. NebeFs zu Oiessen Besitz. Neuerdings 
hat Herr />r. Falcketüiei^ier in Göttingen der Handschrifl; vergeblich 
nachgespürt; er theilt mir mit, dass er dahin beschieden, bei der 
Versteigerung der NebePschen Büchersammlnng sei ein Theil in 
Oiessen geblieben, ein beträchtlicher Theil von einem unbekannten 
Frankfurter erworben worden. Nach Darmstadt ist der Sammel- 
band, der die Handschrift enthält, nicht gekommen, s. Wyss im 
( 'entralblatt für Bibliothekswesen IX S. 70. Wyss glaubt nicht zu 
irren in der Annahme, dass Jene Verse nur Abschrift eines Ab- 
schnittes der Warhafftigen Beschreibung von 1567, und zwar nach 
dem Druck, gewesen seien. Mir leuchtet diese Annahme nicht ein. 
Dass es sich überhaupt uui ein Werk unseres Kirchhof handle, dar- 
über scheint kein Zweifel zu herrschen; das irrthümliche ^Bürger- 
meister' mag für 'Bürger' oder für ^Mühlenmeister* stehen. 

') Auch der geschichtliche Landgraf Philipp legte grossen 
Werth auf das Gesohützweseu und hatte eingehende Kenntnisse 



392 

'mein lieber Ficinus, möchte ich erst noch auf einige 
Worte sprechen'. In dem also Angeredeten erkennen 
mir den Kanzler der Landgrafschaft Hessen, Johannes 
Feige (f 1543), den hochbegabten and gelehrten Rath- 
geber und treuen Mitarbeiter Philipps. 'Gnädiger Fürst', 
antwortet er, 'jedem Befehl und Gebot von dir werde 
ich in Gehorsam entsprechen\ Darauf der Landgraf: 
^Nicht Befehl oder Gebot gebe ich dir, denn gelehrte 
Männer, weifs ich wohl, stehen dafür zu hoch im Werth 
und verdienen gröfsere Ehre'. Es ist genau die Ge- 
sinnung, welche Kirchhof dem Landgrafen nachrühmt: 
'Gelehrte menner hett er werth und sie auff alle weg 
geehrt' (Christi. Heurath D Z. 19, Wend. IV Nr. 79 
S. 80 Z. 7). Und wie Philipp einmal zu Kirchhof selbst 
gesagt hat, ein Herr müsse für seine Diener sorgen, 
'deren er nicht kan entrathen, und ohn welche er kein 
herr oder ja ein schlechter herr were' (Wend. IH Nr. 187 
Z. 8), so erklärt er hier dem Ficinus : 'Mit dir und deines- 
gleichen steht und fallt meine Herrschaft. Das wäre 
ein Fürst dieses Namens nicht würdig, der nicht die 
Musen aufs höchste verehrte' ^). Ficinus aber, der auch 
Kanzler der Marbnrger Hochschule war, stand ebenfalls 
in dem Ruhme, immer ein wahrer Freund der Musen 
gewesen zu sein^. Er stimmt deshalb hier dem Land- 
grafen darin bei, dass ein Fürstenhof des Schmuckes 
gelehrter Männer bedürfe. Er ist danach der geeignete 
Mann für den Auftrag, den er jetzt empfangt; er soll 
nämlich die Pallas aufsuchen und sie im Namen des 
Landgrafen dringend bitten, dessen Hof doch durch 

darin. — Einen gesohichtlichen Bezug der ersten Worte des Land- 
grafen habe ich nicht ermitteln können. 

') ^Ein Feldherr ohne Heer scheint mir ein Fürst, der die 
Talente nicht um sich versammelt' Qoethe (Alphons im Tasso). 

*j 'Verus musarum semper amious eras' sang Eobanus Hessus ; 
s. Bammel^ Qesch. y. Hessen HL Anmerkungen S. 242. 



393 

üebersendnng gelehrter Männer schmücken zu helfen. 
Ficinns erklärt seine Bereitwilligkeit. Der Landgraf 
wünscht ihm Glück zur Reise. 

Scena 3., lateinisch, Vers 754 — 774. 
OutUx, Hanso. Muntxerua. 

Cnntz ruft mit Stentorstimme ^) zu den Waffen. 
'Vertheidigt die Freiheit, schüttelt das Joch ab, ergreift 
das Schwert, bereitet das Geschütz, anf gegen die Ty- 
rannen, setzt euch zur Wehr^ verjagt die schändliche 
Bestie ! Schon geht alles nach Wunsch. Genossen, 
seid tapfer und unerschrocken. Muthigen Angriff der 
trägen Drohne!' — Wir haben uns wohl zu denken, 
dass während dessen das Volk sich versammelt. Als 
sein Vertreter erscheint Hanso ; anfangs erstaunt, stimmt 
er bald mit ein. Auch Münzer kommt herbei: Er, der 
immer gegen die Tyrannen gepredigt hat (s. Sleidan 
S. 270 Z. 7, Z. 4 V. u., 271 Z. 4), erklärt sich jetzt 
offen für Cnntz, ganz so, wie es bei Sleidan (S. 268 
Z. 6) heisst: 'Als er das Volk in Waffen sah, begann 
auch er Hand anzulegen'. Von Hanso um seine Meinung 
gefragt räth er, sich mit Waffen zu versehen, für Unter- 
halt zu sorgen und am nächsten Tag auf ein gegebenes 
Zeichen an dem Ort, wo sie jetzt seien, wieder zusammen- 
zukommen. Denn, sagt Sleidan (S. 268 Z. 15 v. u.), 
wenn er auch heftige Volksreden hielt, war er doch 
vorsichtig und wollte das Glück nicht eher versuchen, 
bis alle ringsum unter den Waffen ständen. — Man 
stimmt ihm zu. Cuntz erinnert ihn noch an den Brief, 
den er aufzusetzen versprochen habe. Er will ihn an- 
deren Tages vorlegen. An seine Versprechungen gemahnt 
versichert er, er werde sie halten. Man trennt sich. 



1) Vers 75G ^stentorea ~ vooe' ; vgl. Melander, Joooseria S. 365 
Z. 9 'stentorea aoclamatioQe'. 



394 

Scena 4., lateinisch, Vers 775 — 845. 
Ficitms. Paulis. Jusiws. 

Ficinus preisst die herrliche Weisheit, die tiefen 
Gedanken and göttlichen Gespräche seines Herrn. Immer 
von neaem mass er erstaunen, denn alles weiss der 
Landgraf wohl zu ordnen. Wenn im Eunuch der 
Schmeichler dem Prahlhans mit erheuchelter Bewunde- 

■ 

rung ins Gesicht gesagt hatte: ^numquam accedo, quin 
abs te abeam doctior' (IV 7, 21), so gesteht hier der 
treue Diener aus wirklicher Ueberzeugung sich selbst: 
'Quotiescunque nostrum accedo principem, — nunquam, 
quin doctior redeam, adeo' (770 u. 780 f). Ficinus findet 
sich vor dem Atrium der Pallas angelangt und klopft 
an die Thür. Pallas (vielleicht noch erregt durch ihr 
nächtliches Abentheuer) fragt, wessen Angriff die Musen 
störe und die Nymphen der Castaliden belästige. Doch 
merkt sie bald, dass es *ein Guter' ist, der nach ihr 
verlangt. ^Den Guten stehen unsere Pforten immer 
offen'. Sie gibt ihm gern das erbetene Gehör, er ent- 
ledigt sich seines Auftrages. Hocherfreut bittet sie ihn, 
einzutreten und aus der Zahl der Ihren zu wählen. Er 
will die 'eruditi viri' lieber draussen sprechen. Pallas 
zieht sich zurück, um sie zu holen. — Wie hebt sich 
des Ficinus Brust vor Wonne, wie frohlockt sein Herz 
in süsser Freude! Wenn er mit seiner Schaar von 
'Guten' vor den Fürsten tritt, wie wird diesen der 
Anblick bewegen. — Aus solchen Gedanken reisst ihn 
der Klageruf der Pallas, die über ein Unglück jammert 
und nicht wagt, herauszukommen, da sie ihn belogen 
habe. Er beruhigt sie allmählich, und sie macht ihm 
das Geständniss, dass diejenigen nicht mehr da seien, 

die sie ihm zu bringen versprochen habe. 
Ftc. Ist denn gar nichts mehr übrig? 
Pal, Einen einzigen Sohatz nur fand ioh noch vor. 
Fic. So fühi'e den doch, bitt ioh dich, heraus. 
Pal. Eb fehlt ihm freilich noch der letzte Schliff. 



395 

Fie. Darauf kommt es mir ja nioht an. 

Pcd, (zu Justus): Nun siehe zu, dass du bestehst! 

Ju. Ich wills versuchen. 

Wir sehen jetzt, wer die vermisöten sind: der 
Venas und ihrer Gespielen Jagdbeute, Gratianus, Jonas 
und Molossns. Bisher hatte also Pallas ihr Entweichen 
noch nicht bemerkt gehabt. — Der treugebliebene Justus 
wird nun dem Ficinus vorgestellt, als freilich nicht der 
Minerva des Phidias, aber doch vielleicht einem Stück 
aus der Werkstatt jenes grossen Meisters vergleichbar. 
Ficinus gibt ihm eine Prüfungsaufgabe. Gestützt darauf, 
dass David sich in Sünden empfangen nennt, und dass 
gleiches des öfteren in der heiligen Schrift ausgesprochen 
wird, lehrt Flacius Illyricus, die ganze Substanz des 
Menschen sei Sünde. Gesetzt, mit ihm habest du zu 
thun : wie würdest du seine völlig schwärmerische Lehre 
widerlegen? Und wie steht es damit, dass auch Luther 
dieselbe Ansicht gehegt haben soll? 

Eine Stelle von grösster Bedeutung für die Frage 
der Entstehungszeit unserer Comödie. Denn der Streit 
über die von Matthias Flacius (f 1575) zuerst 1560 (in 
Weimar) ausgesprochene Lehre, dass die Erbsünde die 
Substanz des Menschen selbst sei, wurde ein öffent- 
licher erst 1567 durch Herausgabe der Abhandlung ^de 
peccati originalis — appellationibus et essentia' ^). In 
eben diesem Jahre, dem Todesjahre des Landgrafen 
Philipp, war Flacius vorübergehend am Hofe des Land- 
grafen Wilhelm des Weisen von Hessen-Cassel, der da- 
mals die Ansicht gewann, Flacius besitze zwar 'multum 
erudttionis', aber ^parum dilectionis' ^). Fernerhin ist 

>) Siehe Preger, Matthias Flacius Illyricus und seine Zeit II 
8. 310 ff. Die Abhandlung erschien in des Flaoius grossem Werke 
Clavis Scripturao, n S. 479—498. 

') Landau in der Zeitschrift des Vereins für hessische Ge- 
schichte V S. 90. 



396 

zu beachten, dass die Flacianische Lehre vom Dichter 
darch den Mund des hessischen Kanzlers (der geschicht- 
liche Feige war ja freilich schon lange todt) von vorn 
herein als eine völlig schwärmerische bezeichnet wird, 
über die Justns nicht frei entscheiden^ sondern die er 
nur widerlegen soll. Zurückgewiesen aber ward sie in 
Hessen erst 1572, aaf der Gesammtsynode za Cassel 
(Rommel V S. 201). So tritt also hier als sichere Au- 
fangsgrenze 1567, als wahrscheinliche 1572 zu der durch 
den Eintrag des Landgrafen Moritz in unsere Hand- 
schrift (s. oben S. 355 — ^356) bestimmten Endgrenze der 
Abfassungszeity 1602. Denn eine nähere sichere End- 
grenze erhalten wir hier nicht. Das ist ja offenbar, 
dass der hier berührte theologische Gegenstand für den 
Dichter ein besonders moderner war, aber der Streit 
um die Flacianische Lehre dauerte über den Tod ihres 
Urhebers hinaus, wobei wir besonders zu berücksichtigen 
haben, dass dessen gewichtigster Vertheidiger und Fort- 
setzer Cyriacns Spangenberg (f 1604) gewesen ist '), der 
in vielfachen Beziehungen zu Hessen gestanden, zweimal 
dort Schutz und Aufnahme gefunden hat (etwa 1578 
zu Schlitz, etwa 1590 zu Vacha), das zweitemal durch 
den Landgrafen Wilhelm selbst. 

Justus löst seine Aufgabe, wobei er beachtens- 
werther Weise nicht von Flacius, sondern von einer 
Mehrzahl redet'). ^Mit glänzenden, hohen und ellen- 
langen Worten zieren jene ihre Meinung, aber sie richten 
nichts auS; denn sie verstümmeln die Stellen der heiligen 
Schrift und zwängen sie in einen gottlosen Sinn. Denn 
es ist doch klar und deutlich, dass Gott die ersten 

») Siehe Preger a. a 0. II 8. 390—395. 

') Aach ohne das würden wohl die Worte *Si tibi res sit 
cum Flado' Vers 820 und ^Illyrioas dooet' 822 oioht einmal be- 
weisen, dass Fiaoios als lebend gedacht wäre. Vgl ^Qaid ? 
quod et Luthems hanc habet sententiam ?' 827. 



Menschen gut geschaffen und ilire Substanz nach dem 
Sändenfall nicht gänzlich verwandelt hat. Gottes Creatur 
blieb also gut, und der Teufel konnte wohl ebensowenig 
sie völlig umwandeln, wie er einen neuen Menschen 
schaffen konnte. Die Berufung auf Luther [vgl. Preger 
S. 318] kann jenen wahrlich nichts helfen, denn dieser 
grosse Mann sah in derartigen Irrlehren nichts als ^einen 
verruchten Lernäischen Sumpf des Bösen ^), vor dem 
man fliehen müsse, wie vor ekelhaftem ünrath'. Mit 
dieser gesinnungstüchtigen Antwort muss Ficinus, nach 
der Form seiner Frage zu urtheilen, sehr zufrieden sein. 
Das ist auch so: er lobt die Pallas ihres guten Unter- 
richts wegen und will dafür sorgen, dass ihre Mühe 
nicht vergebens gewesen sei. ^Daran thnst du Recht', 
entgegnet Pallas. 

Parergon (= Scena 5.), deutsch, Vers 846 — 941. 

Ountt, Otremes. 
Den Cuntzy den wir zuletzt mit Münzer mitten im 
Schwärm der Aufständischen gesehen haben, treffen wir 
jetzt bei einer sehr persönlichen Unternehmung. Im Begriff 
sich wegzuschleichen, wird er von Chremes aufgehalten 
und gefragt, was er verborgen trage. Er leugnet, trotzt, 
macht Ausflüchte, sucht zu entwischen, alles umsonst. 
Chremes setzt ihm so lange zu, bis er gesteht, er trage 
einen Hasen. Fortgesetzte Drohungen, besonders mit 
der Anzeige beim Burggrafen, bewegen ihn nach aber- 
maligem Trotzen und Leugnen schliesslich zu der Er- 
klärung, er habe den Hasen in der Küche vom Nagel 
genommen. Ich dacht, ich woldt auch einmall 

^) FlaciuB hatte in seiner Abhandiang die Erbsünde als 
^originalis pestis aat lerna malorum' bezeichnet (s. Pref^er 
S. 311 Anm): Jttstus überträgt letzteren Ausdruck auf desFlaeius 
Lehre von der Erbsünde, und zwar sagt ei* von Luther ^peius 
nihil fugiendum i 1 1 u m censebat malorum h a c impiu Iernä\ ob- 
gleich doch der ganze Streit erst lauge uaoh Luthers Tod entstand. 



398 

basnfleisch esn'. Er lädt den eifernden Chremes^) 
örst za Gaste; dann will er ihm die Hälfte abtreten, 
aber jener verlangt den ganzen Hasen. Da sich hier* 
gegen noch einmal all sein Trotz regt, so beginnt 
Chremes ihn dermassen zu prügeln, dass er um sein 
Leben fleht and den Hasen herausgibt Er bittet nun, 
ihm doch wenigstens ein Stock davon za lassen. Chre- 
mes reicht ihm als Antheil ein Ohr und gibt vor, auch 
jetzt noch ihn verklagen za wollen. Gantz bietet ihm 
ein Mass Bier, wenn er schweige, Chremes verlangt 
zwei Viertel Wein. Cantz versteht zwar durch schleunige 
Baarzahlung diese Forderung etwas herabzudrücken — 
er weiss ^Geld macht den kauff^) — , er gibt dem an- 
deren den Preis erst für ein, dann noch einmal für zwei 
Mass Wein, aber nicht einmal mittrinken darf er, und 
so bleibt ihm denn nichts übrig, als ganz betrübt von 
dannen zu ziehen. Jetzt verspottet ihn Chremes noch 
obendrein: ob ihm der Hase auch nicht zu schwer zu 
tragen sein werde ; übrigens müsse er fürwahr ein nasses 
Hirn haben ^), zu glauben, Chremes würde so kühn ge- 
wesen sein und ihn verklagt haben. Cuntz erkennt mit 
Wehmath die Wahrheit des 'alten Sprichworts', dass, 
wer den Schaden hat, für den Spott nicht zu sorgen 
brauche. 

Ein Auftritt von grossem dramatischen Leben und 
echter Komik. Inhaltlich erinnert er an eine Erzäh- 
lung im Wendunmuth (1 Nr. 210) von einem Casseler 
Bürger, der ebenfalls einen Hasen unrechtmässig er- 
worben (nämlich gefangen), ihn wie Cuntz unter seinen 
Mantel gefasst und wie jener gedacht hatte: 'Jetzt 



^) 'Dafe dich, dafs maus dich der hagi erschlagn' (vgl. DWB 
IV 2 Sp. 143), da dieb' 881 f. 

«) Vers 920; vgl. Wand. I Nr. 193 Z. 17 v. u. ^Dramb beutel 
auff! gelt macht den kaniT'. 

») Vgl. DWB IV 2 ßp. 1567; Wend. U Nr. 151 S.201 Z. 2. 



399 

wiltu aach einmal satt wiltpret essen"). Aber 
er überlegt, wie er wohl etliche Gevattern dazu laden, 
ihnen auch wenigstens ein halb Viertel Wein schenken 
müsse; zu den Kosten komme dann noch die Gefahr, 
dass 'man es von ihm mit dem hasen erfüre' und 'er 
einer unnachlässigen bnfs nit entgehen möchte'. Da 
verleitet auch ihn das böse Gewissen zu einem dummen 
Streich: den übelen Folgen vorzubeugen, wirft er den 
Hasen in die Fulda. — Der Auftritt unseres Stückes 
geht möglicherweise ebenfalls in Cassel vor sich. Denn 
die Fortsetzung der 'Hasengeschichte' im folgenden Par- 
ergon spielt, wie wir sehen werden, vor dem Casseler 
Landgrafenschloss, sodass man denselben Schauplatz 
auch hier denken könnte, wozu der Hinweis auf 'dortt 
Jens loch' (Vers 87B f) und den Burggrafen (877), sowie 
auf die Küche, wo Cuntz den Hasen am Nagel gefunden 
(880), recht wohl stimmen würde. 

Actus IV. 

Scena 1., lateinisch, Vers 942 — 969. 
Praetorius, Landgräwias. Fiei/nus. 

Die Ueberschrift 'Praetorius', ist auffallend, denn 
der so bezeichnete sagt im Text 'Saxonicus sum Prae- 
t o r' (956), wird dort als 'Praetor' angeredet (968) und 
heisst auch im folgenden immer so (IV 3 und V 3). 
Sollte sich der Ausdruck 'gewesener Praetor' dadurch 
erklären, dass dieselbe Person oben (I 1 u. 3) als Richter 
aufgetreten war, hier dagegen als Gesandter erscheint? 
— Der Praetor erinnert sich mit Schauder und Unwillen 
daran, wie die gottlosen Frevler sich ihm widersetzt 
haben, wie Herrschaft, Familienbande, Ehrbarkeit ver- 
achtet, und neue, wilde, unerhörte Thaten ersonnen 
werden. Aber gegenwärtig ist er der glückseligste 

») Vgl. WoikL I Nr. 166 Z. 5 'wolt er auch eiu mal 
w 1 loben, gehet in die garküchon ein guten brahten zu e b s-e n'. 



400 

Mensch; er hat einen Auftrags wie er ihn erwänschter 
sich nicht denken kann. Die Gelegenheit, ihn anzu- 
bringen, bietet sich sogleich: er sieht den Landgrafen 
kommen. — Dieser ist im Gespräch begriffen, offenbar 
mit Ficinns und über dessen Verrichtung bei PaUas. 
Ein sehr erwünschter Dienst sei ihm geleistet, den er 
nie vergessen werde. Jetzt erblickt der Landgraf den 
Praetor und fragt ihn aus, wobei der (freilich an sich 
natürliche) Umstand erwähnt wird, dass der Auftritt in 
Hessen spielt ^). Der Praetor beantwortet die einzelnen 
Fragen. Er ist zum Landgrafen hergesandt vom Kur- 
fürsten von Sachsen, mit Briefen über die gegen diesen 
gerichtete Verschwörung der Bauern. — Hier liegt nun 
scheinbar ein Abweichen von den geschichtlichen That- 
sachen vor. Denn nicht der damalige Kurfürst, sondern 
Herzog Georg von Sachsen, Landgraf Philipps Schwieger- 
vater, hat 1525 diesen und andere Fürsten um Hilfe 
und Beistand zum Vorgehen gegen die Bauern ersucht, 
was zuerst in einer Flugschrift aus jenem Jahre, 'Ein 
gloubwirdig und warhafftig underricht' ^), öffentlich er- 
zählt wird. Aber ein späterer Auftritt unseres Stückes 
(V3) zeigt, dass Herzog Georg hier wohl auch gemeint 
ist, dem dann nur aus dichterischer Freiheit die Würde 
beigelegt wäre, die seine Nachfolger zur Zeit der Ab- 
fassung des Spieles besassen. Beachtenswerth ist es 
übrigens, dass an dieser Stelle der Dichter nicht auf 
Sleidan fusst, der jene Hülfeforderung überhaupt uner- 
wähnt lässt. — Der Landgraf ist entrüstet über den 
Aufruhr der Bauern und fragt zunächst den Ficinus um 
seinen Rath. Dieser meint, ein schnell wirkendes üebel 
verlange ein schnell wirkendes Mittel, auf einen groben 

*) ^Quid tibi rei nostrin est ia ÜDibos?' fragt der Landgraf 
9ö6f. 

*) Neugedruokt in den Materialien zur neueren Oeachiohte 
(herauBgegebeu von Quaiar Droysen) Nr. 3, Beilage S. 12. 



401 

Klotz gehöre ein grober Keil. Der Landgraf gibt ihm 
recht nnd lädt dann den Praetor zur Tafel, was diesem 
eben so gelegen kommt, wie eine ähnliche Aufforderung 
im Eunuch dem Sanga, Thraso's Koch ^). — Der Haupt- 
inhalt des Auftritts erinnert an Kirchhofs Schilderung 
des Landgrafen Philipp^): 

Daheim den wetterwendischen 
Legt er die bremsen an die nals 
Allein nit, sondern thet auoh das: 
Wo frembd empöning und unwiUn 
Entstand, dafs er es möchte stillu. 
Derhaib auch ander nation 
Aller wirden und Stands person' 
Bey ihm suchten und funden rhat 
Es wer mit Worten oder that. 

Scena 2., lateinisch, Vers 970—997. 

Muntxerus. Pkeifferus. 
Münzer ist ganz niedergeschlagen über eine grosse 
Niederlage von übeler Vorbedeutung, die die seinigen 
erlitten haben. Wir hören von derselben bei Sleidan 
(S. 269 Z. 12) : Graf Albrecht von Mansfeld hatte schnell 
einige Reiterei gesammelt, die Bauern angegriffen und 
an zweihundert niedergemacht; die übrigen hatten sich 
nach Frankenhausen geflüchtet und erwarteten dort 
weiteren Zuzug. — Münzer ist in unserem Auftritt nicht 
zwischen den Bauern, sondern allein mit Pfeifer ^), seinem 
Helfershelfer von Mühlhausen, wo vielleicht auch dieser 
Auftritt noch spielt. Pfeifer, die vierte und letzte ge- 
schichtliche Person unseres Spieles, machte sich durch 
seine Gewaltthaten in Hessen sehr bekannt. So nennt 
z. B. ein Anhang zu Gerstenbergs Frankenberger Chronik 



>) Vers 969 4am dudum in patinis fnit animus*: Eunuch 
IV 7, 46 ^Jam dudum animus est in patinis'. 

•) Christliche Heurath C4 Ende, etwas abweichend Wend. 
IV Nr. 79 S. 79 Z 7. 

») -Pheifferus', Vers 1246 'Pheiffer' ; bei Sleidan Thiferus'. 

N. F. Bd. XVIII. 26 



402 

(Druck von 1619 Sp. 76) den Tfeiffer' noch vor dem 
^Müntzer' als 'capitain' des Baaemanfrnhrs. Und im 
letzten Auftritt unseres Stückes fragt der Landgraf den 
Chremes, sowie er hört, dass dieser ein Hesse ist, als- 
bald nach Pfeifer (Vers 1245 f). Dieser Pfeifer, ein aus- 
gelaufener Mönch und Volksredner, war nach Sleidan 
(S. 268 Z. 15) der Genosse aller Pläne Mänzers und 
ein äusserst dreister Mensch. Von diesen beiden Stücken 
aber hat der Dichter manches auf Guntz übertragen, 
und so erklärt es sich wohl, dass Pfeifer nur in diesem 
einzigen . Aruftritt erscheint, wo es sich, wie wir gleich 
hören werden, um einen geschichtlich überlieferten be- 
sonderen Zug handelt. — Pfeifer sucht den am Gelingen 
fast verzweifelnden Münzer wieder aufzurichten. Das 
Unglück sei nur durch Sorglosigkeit und Mangel an 
Selbstvertrauen veranlasst gewesen. Gott könne grösseres 
thun, als die Menschen zu denken vermöchten. Münzer 
in seiner Aengstlichkeit sehe Schwierigkeiten, wo keine 
seien ^). 'Gottes Hülfe ist unsere Macht, unser Trost 
seine Offenbarung'. Münzer fürchtet den Unwillen der 
eigenen Partei, Pfeifer aber ist gewiss, dass die Erschei- 
nung, welche ihm selbst Festigkeit und Vertrauen ge- 
geben, auch jenen trösten werde. Ihm sei im Traum 
gewesen, als sehe er eine Unzahl von Mäusen, alle von 
seiner Hand erschlagen: nichts anderes bedeute dies 
Gesicht, als dass der barmherzige und allmächtige Gott 
ihnen Segen und Sieg verkündige. -— Auch bei Sleidan 
(S. 268 Z. 17) ist die Erzählung dieses Traumes ver- 
bunden mit der Betonung des Gegensatzes zwischen 
Pfeifer und Münzer : Thiferus (4nsigni praeditus audacia'), 
qui somniis nocturnisque spectris plurimum tribuebat, — 
iactabat, per quietem se vidisse — maximam vim co- 

*) <Nodum in soirpo quaeris' 981 euispricht Terenzen.s An- 
dria V4, 38; iu des Plautus Menaechmi IT K 22 ist der Sinn der 
Redensart ein anderer. 



403 

piamqae muriam, qaos fugasset omneis: hoc sie accipie- 
bat, a Deo sibi esse mandatam, nt sumptis armis et 
edactis copiis nobilitatem omnem extarbaret. Muntzerus 
aatem — erat aliqnanto remissior\ — In unserem Auf- 
tritt macht der Traum auf Mönzer grossen Eindruck. 
^Hat der Herr vielleicht dir dies eingegeben, damit wir 
nicht erlahmen?'^). Pfeifer mahnt zur Standhaftigkeit ; 
er flehe aus allen Kräften zu Gott, dass dessen Geist 
den Münzer starke. 

Scena 3., lateinisch, Vers 998 — 1015. 

Jjxndgravius. Praetor. 

Der Landgraf naht mit Ficinus, dessen Bedenken 
er beistimmt, und dem Praetor, dem er aufträgt, seinem 
Herrn zu melden, er werde ehester Tage zu ihm stossen. 
Das übrifge Gefolge erinnert der Landgraf, dass ein 
jeder die ihm anvertrauten Geschäfte besorge. Beson- 
ders sollen alle Kriegsrüstungen getroffen werden, damit 
man völlig in Bereitschaft stehe. — Sie gehen weiter; 
der Praetor, hiermit entlassen, bleibt allein zurück. Ehe 
er sich aufmacht, dem Kurfürsten die Botschaft zu 
bringen, gibt er noch einmal seiner Freude Ausdruck. 
Braucht er doch nimmer mehr in Angst und Sorge zu 
schweben, da er die Gunst eines Fürsten erworben, 
der, das Werk auf sich zu nehmen, schon allein Manns 
genug sein würde; dessen standhaften Muth, kluge 
Pläne und glückliche Thaten man anstaunen muss, und 
dessen hohe Weisheit man nicht genug bewundern kann. 

Die begeisterten Worte des Praetors über die Weis- 
heit des Landgrafen zusammen mit denen des Ficinus 
(oben III 4) sind wie ein Nachklang der Fülle von Lob- 
reden, die dem 1567 verstorbenen geschichtlichen Fürsten 



') Pfeifers Antwort 'rem acu attiogis' 994 hat ihr Vorbild in 
^etigisti acu' im Rudens des Plautu8V2, 19; vgl. Melander, Joco- 
seria S. 244 Z. 7 ^rem acu taugis', S. 8 Iß Z. 2 Tora — acu tetigisti'. 

26* 



404 

nach seinem Tode geweiht worden waren. Noch 1590 
konnte ihr Gegenstand auf Theilnahme rechnen ; an der 
Spitze der damals erschienenen Sammlung aaserwählter 
Marburger Hochschulreden ^ stehen zwei auf den Land- 
grafen Philipp. Die eine von ihnen hatte zum Verfasser 
den seinerzeit in Hessen berühmten Schulmann Justus 
Vultejus (t 1575)^ dessen Vorname an den Pallasjünger 
unseres Spieles erinnert. 

Scena 4, deutsch, Vers 1016—1040. 
Anna. Hanso, Ounlx. Qreta, 
Was sich im zweiten Aufzug (1. Auftritt) vor- 
bereitet hat, vollzieht sich hier: Hanso ist im Begriff, 
sein Weib zu verlassen, um in den Krieg zu ziehen. 
Cuntz, der Verführer, steht dabei und ruft sein ^her zu 
mir': *Hanfs wildt du mitt for^t so kom nuhn her'. 
Der Gegensatz des groben Hanso und seines zärtlichen 
Weibes, der den früheren Auftritt durchzog, wird mit 
zwei Strichen noch einmal vor Augen gestellt: 
An, Ach lieber man bedenk dein kindt ! 
Ha, WaTs kindt? dieselbigen die sindt 

Bessr bei dier. An. Ach lieber man 

Bleib bei mir! Ha. Biagst die trüse han M) 
Ich zih darvon. 

Anna, die den Trost ihrer ganz anders gearteten 

Nachbarin Greta — 'woln sie kein gutte sach habn*), 

so last sie sein' — kurz abgewiesen, bleibt jammernd 

zurück : 

Ach Gott, ach Gott, 
Nuhn woldt ich wünschen daTs ich todt 
Wehr, wie soll ich mein liebe kindt 
Ernehrn? wie soll ichs haulsgesindt 

') Panegyrici Academiae Marporgensis (heraasgege))cn vom 
Marburger Drucker Egenolph). 

«) Vgl. DWB II Sp. 1459 (Gilhausen, Alboms, Kirchhof, 
Heinr. Jul. v. Braunschweig); Wend. I 2 Nr. 94 Z. 6 v. u. *Ey, 
so geb Gott dem balg die drüfs und beulen'. 

*) Vgl. Vers 525 ^Du wirst haben sehr gutte sach\ 



405 

Vereorgn? Ach Gott wie tobtt meio hertz 
Nach meinem man, Ach Gott der schmertz 
Ist grofs. 

Diese Treue der Anna tritt nun in noch hellere 
Beleuchtung durch das Benehmen der Greta (soll diese 
vielleicht Cuntzens Hausfrau sein?), welche mit leicht- 
fertigen Worten den Auftritt beschliesst: 

Du heulpock pack dich hin, 
Du soltst den bawren aofs dem sin 
Den krieg schwatzen, ioh hab schwerlich 
Mein duipell beredt, dafs er sieh 
Mitt furcht zum krieg gewagtt, woltt Gott, 
DaTs er im kriege wurdt zu todt 
Geschlagn, ich weils ein schönen knecht 
Im dorf, der wirdt mir vben recht. 
Drumbwül ich frölich rumher springn 
Undt ietzt ein schönes liedtlein singn. 

Das schöne Liedlein wurde wohl bei der Auffüh- 
rung nach diesen Worten wirklich gesungen, haben wir 
dbch auch oben schon (II 3 a) eine Stelle gefunden, die 
auf eine Gesangeinlage zu deuten schien. Im damaligen 
Bfihnenspiel waren Zwischengesänge durchaus nichts 
aussergewöhnliches ^), auffallend würde es nur sein, wenn 
unser Stück deren nicht mehr als die zwei im Text 
angedeuteten enthalten hätte. 

See na 5,, lateinisch, Vers 1040—1105. 
Mtmixema. Hanso. Ountx. 

Bei Sleidan lesen wir, wie die aufständischen 
Bauern sich auf einem Berge unweit Frankenhausen 
festsetzen (S. 269 Text Z. 6 v. u.)^ wie dort Münzer 
vor sie hintritt (270 Z. 3) und ihnen eine grosse Rede 



*) In der oben S. 358 angezogenen Erzählung Melanders von 
einer Marburger Aufführung des Eunuch durch Petrus Nigidias 
heisst es: ^Cum vero pro antiquo Comoediarum more, finito aliquo 
actu, Symphonia esset cantandum, quoddam de Cucuio carmen. 
quod recens iam tum editum summam plerisque voluptatom vide- 
batur pariturum, decantandum curavit' usw. 



406 

hält (270 Z. 6 bis 273 Z. 12), infolge deren der ent- 
Bchlossenere Theil die Oberhand gewinnt (273 Z. 12 bis 27). 
Diese Rede ist von unserem Dichter sehr ausgiebig be- 
nutzt worden, und es ist belehrend über das Verhältniss 
des Stückes zu seiner Vorlage, wie über das dramatische 
Geschick des Dichters, die Benutzung und Verarbeitung 
der ereile im Einzelnen zu verfolgen. 

Die Lage ist bei uns dieselbe wie bei Sleidan: 
am Schluss des Auftritts (Vers 1104) ergeht die Auf- 
forderung ^Vicinum hoc invadamus oppidum', was nur 
auf Frankenhausen bezogen werden kann. Münzer 
spricht zu den versammelten Bauern, die er mit den 
Bezeichnungen des Edelmannes als die ^edlen und ge- 
strengen' anredet^). 'Tapfer', so mahnt er, ^schüttelt 
da§ Joch ab, zeigt euch als Männer! Gott widersteht 
den stolzen Sterblichen, den Ungerechten legt er Zügel 
an (Vers 1041—1045). — Seid tapfer! Gott gefallt es, 
wenn ihr den unnützen Schwärm zusammenhaut, denn 
er will die Gottlosen unterdrücken und den Armen 
helfen (Sleidan S. 274 Z. 4, 270 Z. 11 v. u.). - un- 
gerechten Krieg führen die Cyclopen gegen das Volk 
Gottes (V. 1043 f), gegen uns, die wir die Erkenntniss 
Gottes aufrecht erhalten und ausbreiten wollen (Sl. 270 
Z. 8 V. u.). Aber Ausgang und Sieg können nicht 
zweifelhaft sein (Sl. 270 Z. 7 v. u.); denn wenn Gott 
für uns streitet, wer kann da wider uns (V. 1045 f)? 
Lasst euch nicht schrecken durch die Zahl der Feinde 
(V. 1048 f), sie ist nur ein leerer Schatten und Schein 
von Gefahr (Sl. 272 Z. 5 v. u.). Denn gerade darin 
zeigt und zeigte sich immer des Herren Macht am 
deutlichsten, dass sie dem kleinen Volk der Seinigen 
Kraft erweckte gegen die Menge der Widersacher 
(V. 1049 ff, Sl. 272 Z. 16). So gab er einst dem Gedeon 



^) ^Sic vos 6 strenuos, sio vos generosos decet' 1040. 



407 

und seinem Häuflein Sieg, so dem Jonathan, den nur 
ein einziger begleitete, so dem David gegen den furcht- 
baren Riesen (V. 1051-1067, Sl. 272 Z. 19^). Auf 
das Bestimmteste kann ich euch versichern, dass Gott 
uns beistehen vvird (Sl. 272 Z. 12): er ist mir selbst 
erschienen und hat uns Sieg versprochen (V. 1060 ff, 
Sl. 272 Z. 13). Blickt auf und seht dort jenen Regen- 
bogen, durch welchen Gott uns seiner Gunst versichert 
(V. 1072 ff, 1080 f, Sl. 273 Z. 1 «). — Hier scheidet 
sich nun von dem pragmatischen Geschichtsschreiber 
der dramatische Dichter, der bedacht sein muss, die 
Wechselrede nicht allzu lange zu unterbrechen. Bei 
Sleidan weist Münzer selbst auf die Thatsache hin, dass 
die Bauern einen ebensolchen Regenbogen in ihrer 
Fahne führen; sein Abbild am Himmel sei ein deut- 
liches Zeichen, dass Gott ihnen Sieg, den Tyrannen 
Tod und Verderben verkünde (273 Z. 4). Dieser Hin- 
weis ergibt sich dann, nachdem Münzer geendet hat, 
als der wirksamste Punkt seiner Rede: Hmprimis ex- 
citabat eos ille — arcus, idque certissimum victoriae 
Signum esse iudicabant' (273 Z. 20). Sleidan spricht 
dabei besonders von einigen ruchlos verwegenen, ver- 
zweifelten Menschen, die durch die Rede in ihren bösen 
Absichten noch bestärkt worden seien. Für diese hatte 
nun der Dichter seine beiden vorbildlichen Gestalten 

*) Der Dichter: ^Dedit | olim Qedeoni militibiiB oironm- 
dato I pauoissimisingentemDeuB viotoriam. | Jonathae, aoico 
coinitato puero, egregiam | contra patris hostes dedit Deus vio- 
toriam. I Davidi oontra beluam immaDissimaDi | seuiper cele- 
brandam dedit Deus viotoriam'. — Sleidan : 'Notum est vobis, 
quid Oedeon cum paucis quibusdam, quid Jonathas uno 
tantum servalo comitatus, quid David, cum solus ipse contra 
vasti corporis monstrum Goliath, sua mole et aspectu solo terribilem, 
pugnaret, perfocerit'. 

') Der Dichter: ^Dei erga nos est maximum | favoris argu- 
mentum'. — Sleidan: ^Signum ac testimonium illius erga nos per- 
petuae benevolentiae'. 



408 

Hanso und Cuntz, er lässt sie also hier das Wort er- 
greifen, und auf Münzers Frage, was wohl jener viel- 
farbige Bogen bedeute, erklärt Hanso sofort: er sei ein 
Vorzeichen ihres Sieges; Cuntz stimmt dem wegen der 
Äehnlichkeit mit dem Bilde ihrer Fahne bei; alle sind 
davon überzeugt. 

Cuntz kommt jetzt auf den Brief oder, wie er 
hier sagt, die Denkschrift zurück, wovon oben (III 3) 
die Rede gewesen war. Bloss um der Schwachen willen, 
um nichts ausser Acht zu lassen, müsse man einen 
Versuch damit machen. Hanso freilich ist schon so 
weit gekommen, dass er für der Fürsten Macht und 
Gunst nicht eine taube Nuss mehr gibt. Münzer aber 
tritt dem Cuntz bei; er hat den Brief aufgesetzt und 
schickt sich mit allseitiger Zustimmung an, ihn vor- 
zulesen. Von diesem Briefe fand der Dichter bei Sleidan 
nichts, wohl aber war die Sache sonst bekannt. Die 
älteste öffentliche Nachricht darüber enthält wieder der 
schon oben bei dem Hülfegesuch an den Landgrafen 
(IV 1) erwähnte ^gloubwirdig und warhafftig underricht', 
eine Quelle, welche jedoch dem Dichter sicher nicht 
unmittelbar vorgelegen hat. Dort ist der Brief selir 
kurz und allgemein gehalten^): ^Wir bekennen Jesum 
Christum. Wir sind nicht hie, yemant was tzu thon, 
Joannis am andern. Sonder von wegen Göttlicher ge- 
rechtikeit, tzu erhalten. Wir sind ouch nit hie von 
wegen blutvergiessung. Wolt ir das ouch thon, so 
wollen wir euch nichtzit ^) thon. Darnach hab sich ein 
yeder tzu halten'. Dem entspricht auch der Anfang 
unseres Briefes (V. 1082—1086): 'Wir Bauern und 
Knechte Gottes wünschen den Fürsten alles Heil und 



^) Siehe Matenalien zar neaeren Oeschiohte Nr. 3. Beilage 
S. 13. 

s) So (= nichts) ist statt 'nioht zit' zu lesen. 



409 

dessen beste Quelle, die Erkenntni^s Christi ^). Uns allen 
gilt der Friede als das edelste Gut. Wenn er auch 
euch gefällt, so erklärt euch einverstanden mit folgenden 
Punkten^). Diesen Worten fügt nun aber der Dichter 
bestimmte Forderungen an, und diese nimmt er wieder 
aus Sleidans Werk, freilich von einer ganz anderen 
Stelle. Es sind zunächst die drei ersten der 42 Artikel 
der Schwäbischen Bauerschaft'. Die erste Forderung 
lautet: reines Wort Gottes und freie Wahl der Prediger 
(V. 1087 f, Sl. 285 Z. 4); die zweite: Aufhebung der 
Zehnten an die Fürsten (V. 1089 f), was bei Sleidan 
(285 Z. 7) näher erläutert wird ^) ; die dritte : Aufhebung 
der Dienstbarkeit, da sie der christlichen Freiheit zu- 
wider sei (V. 1101 f, Sl. 285 Z. 11). Während aber die 
12 Artikel dann weiter einzelne bestimmte Punkte nam- 
haft machen und über den persönlichen Besitz sich 
noch zurückhaltend äussern (Sl. 286 f), auch versichern, 
dass man nicht hartnäckig sein würde, sollte man hie 
und da irren (Sl. 285 Z. 1), stellt der Brief unseres 
Spieles nur noch die allgemeine und ganz masslose 
Forderung: ^omnia quoque sint nobis communia' 
(V. 1090 f), worauf er drohend schliesst : 'Das, ihr 
Fürsten, ist die Bedingung des Friedens; nehmt sie an, 
wenn ihr klug seid. Weist ihr sie zurück, so werden 
wir unsere Kräfte erproben und Gott den ganzen Handel 
anheimstellen' (V. 1093—1096). Das war eben der Unter- 
schied : die Schwaben traten anfangs ziemlich bescheiden 
auf*), während 'aus Thomas Münzers Werkstatt' die- 



*) V. 1083 f : 'salutem et Christi salaberriinam — Dotitiam'. 

') y. 1086: ^Quae si arridet vobis. in his aoquiescite'. 

*) ^Nolle Be posthae alias dare deoumas praeterquam fru- 
menti, et has ipsas oportere distnbui partim in ecclesiae ministros, 
arbitrio bonoram virorum. partim in homines egenos, partim in 
usus publioos*. 

*) Siehe Sleidan S. 284 Text Z. 3 v. u. 



410 

jenigen herfür kamen, welche wollten, ^es sollen alle- 
ding iedermann gemein seyn'^). — Guntz, dem der 
Brief natürlich sehr gefällt, warnt jetzt vor den schlauen 
Anschlägen des Landgrafen von Hessen, welcher, wie 
sie wüssten, gegen sie herbeigerafen sei und die wildesten 
Drohungen ausgestossen habe. Man beschliesst auf 
Münzers Rath, Frankenhausen zu besetzen. Denn, meint 
dieser, *quod cavere potes, stultum est admittere' (V. 1102), 
wie es im Eunuch heisst ^quod cavere possis, stultum 
admitterest' (IV 6, 23). 

Parergon(=Scena 6.), deutsch, Vers 1106—1151. 

Ghreme8, 

Dieser ganze Auftritt wird ausgefüllt durch die 
Klagen des Chremes über die übelen Folgen, welche ihm 
die im Nebenspiel des vorigen Aufzugs ausgeführte Be- 
schlagnahme des gestohlenen Hasen gebracht hat. Die 
Qual in seinem Leibe ist so gross, dass er wünscht, er 
wäre todt oder hätte dem Schelm seinen Hasen gelassen. 
Er hatte sich 'ein wolleben zu habn furgesetzt', den 
Hasen sauber und sorgfältig zubereiten, mit Lauch und 
grünem Kohl ihn kochen und an vier Stunden sieden 
lassen, sich dann Abends darüber her gemacht und nicht 
schlecht dazu getrunken^). Wieder geht es ihm, wie 
oben im ersten Aufzug (5. Auftritt): so lange er sitzt, 
ist alles gut; aber sowie er aufsteht, beginnt es ihn 
zu stechen, zu reissen, eiskalt zu überlaufen^) und in 
seinem Bauch zu brummen, als wäre ein Haufen Trom- 
meln drin, — was uns freilich recht begreiflich vor- 



») So steht Weod. 12 Nr. 117 Z. l u. 8. 

•) Vors 1122 tranck darzu einn gutten kröpf ; vgl. DWB V 
äp. 2395 f sowie Wend. II Nr. 84 Z. 13 'da er ein guten kropff 
gelesen' und III Nr. 9 S. 280 Z. 8 'Der bawr thet einen gaten 
taubenzag in den malvasier\ 

•] Vers 1128 ff 'baldt lief mirs vber den leib so kaldt alis 
ein eifs'. 



411 

kommt, da er beim Beschreiben der Zubereitung seines 

Mahles ganz ahnungslos erwähnt, er habe den Hasen 

gesengt, wie ein wildes Schwein : er hat ihn also mit 

dem Fell ^gesotten'! Chremes hat gethan, was Cnntz 

hatte thun wollen, ^auch einmal Hasenfleiscli essen', 

aber er hat von diesem einen mal genug und denkt: 

Wie müssen doch die edelleat 
So vbell mitt dieser kraackheitt 
Gepflagett sein ? nichts jammert mich 
Mehr alfs das schön vndt säuberlich 
Jungfrawen gesohlecht, dafs sie auch 
So grose noth in ihrem bauch 
Erleidn musn\ 

Er will den Grossen gerne ihre Hasen lassen, — man 

könnte sagen: er für sein Theil verzichtet freiwillig auf 

die Forderung, 'es sollen alleding iedermann gemein 

seyn'. Das ist, wie ich glaube, der Kern dieses ganzen 

komischen Zwischenspiels^ wie denn auch dessen Schluss 

eine Andeutung zu enthalten scheint, dass Chremes die 

Wohlthaten der Fürstenherrschaft kennen und begreifen 

lernt. Ihn gedenkt nämlich, dass 

in jenem sali 
Soll ein fraw sein, man pflegtt sie znenn 
Die furstin, diesolb sol jakönn 
Den leutten dafis krimmen im bauch 
Vertreibn. 

So will er hören, ob sie auch ihm 'ettwafs aus ihrer 
Apoteckn wöll zu fressn gebn', da er vor Schmerz 
nirgends bleiben könne. 

Sache und Ausdruck erinnern hier an eine Erzäh- 
lung Kirchhofs (Wend. II Nr. 193) von einem tölpischen 
Schäferknecht, der für sein Weib *raht zu suchen ge- 
nötigt bey einer frawen sonderlichs hohen adels und 
gebnrt, welche sonst auch von vielen und andern noht- 
leidenden und krancken menschen täglich angelauffen 
und ersucht ward, auch denselbigen ir milde band und 
wunderbarlicbe hülff mittheilet und hertzlich gern und 



412 

umbsonst widerfahren liefse'. Der ^rältz' sagt dabei za 
seinem Weibe : ^se wel de was gen, das solt de frefsen' *). 
In beiden Fällen ist die Hülfespenderin aber offenbar 
keine andere, als Frau Sabine von Württemberg (f 1581), 
des Landgrafen Wilhelm des Weisen von Hessen Ge- 
mahlii}^ die Stifterin der Casseler Hofapotheke ^). Kirch- 
hof, dem selbst von ihr 'viel miltigkeit zu seim und der 
seinen gesundheit — widerfahren' '), hat ihr ein dichte- 
risches Denkmal gesetzt in dem 'Epicedion von leben 
und sterben der fürstin Sabinen' (1581), worin er sagt 

(D2*): 

Mit uDsagliohem sohweren kosten 

Vnd grosser som, so sie aqsspieidt 

Im Bchlols zu Cassel auffenthielt 

Ein apotek, sag ioh fürwar, 

Nit wenger zierlioh denn nutzbar. 

Man habe immer viele arme Leute am Thore hälfe- 
suchend stehen sehen. ^Manch arm kindlein nams auff 
ihrn schos — zwar [wahrlich] von der fürstin wars ein 
gros! — dessen gebrech ihr war vermeldt'. Ein ander- 
mal nennt Kirchhof die Landgräfin 'eine mntter aller 
armen, krancken und nothleidenden menschen, ja des 
gantzen lands' (Wend. III Nr. 21 Z. 3). Seit wann die 
1Ö66 vermählte 'fromme, hochlöbliche Frau' ihre men- 
schenfreundliche Thätigkeit ausübte^), habe ich nicht 
feststellen können, vielleicht begann sie ganz allmählich. 
Jedenfalls werden die oben S. 396 gewonnenen Anfangs- 
grenzen für die Abfassungszeit unseres Stückes (1567 
als sichere, 1572 als wahrscheinliche) hier auf das beste 

>) Vgl. auch Meiander Jocoseria Nr. 571. 

•) Vgl. Hammel, Geschichte von Hessen' V S. 817 f. 

*) So berichtet er in der Widmung des gleich genannten 
Epicedion. 

*) Vgl. Christliche Heurath £ 1 v und E 2, wo die hier mit- 
getheilten Stellen, zum Theii verändert, wiederholt sind. 

1^) Kirchhof gibt (Wend. II Nr. 148) für eine ihrer Kuren 
die Zeitbestimmung April 1578. 



413 

bestätigt. Zugleich erfahren wir den Schauplatz unseres 
Auftritts. 'Jener Saal' (Vers 1143), vor dem derselbe 
spielt, befindet sich im (oder vielleicht auch: ist das) 
Landgrafenschloss zu Cassel. 

Act ÜB V. 

Scena 1., lateinisch, Vers 1152—1177. 

Landgraviua, 

Der Landgraf ist jetzt 'mit seinem jungen lewen- 
hertzen den wütenden bauren — vnter äugen getretten' ^), 
er hält vor versammeltem Heere eine Rede, über deren 
geschichtliches Urbild wir im Wendunmuth (IV Nr. 74 
Z. 6) folgendes lesen: 'Bey Franckenhaufsen — thet er 
— an sein kriegsvoick in gegenwertigkeit der zweyer 
fürsten [Georg von Sachsen und Heinrich von Braun- 
schweig] eine schöne oration von der ursach dieses 
seines vornemens, die ich allhie, weil sie Sleidanus — 
von wort zu wort vermeldet, unterlafse; wer wil, lese 
daselbst'. Folgen wir dieser Einladung, so finden wir, 
dass nur der zweite Theil der Rede unseres Stückes 
der von Sleidan gegebenen Rede (S. 274 Z. 1 bis 275 
Z. 13) entspricht. Den Inhalt des ersten Theiles da- 
gegen drückt sehr gut ein Wort aus^ welches wir eben 
dort im Wendunmuth (IV Nr. 73 Z. 3) lesen : Philipp 
habe in seinen Feldzügen allweg gesagt, ^es liege nicht 
an viel volck haben und grofser, köstlicher kriegsrüstung, 
sondern an einer guten sache'. Denn nach kurzem 
Hinweis darauf, dass der bisherige Verlauf ihres Unter- 
nehmens ein glücklicher gewesen, betont in unserem 
Spiel der Landgraf alsbald den zweiten Punkt jenes 
Satzes. Sie seien sämmÜich aufs beste bewaffnet ; aber 
was bedeute die Ausrüstung mit allen möglichen Wehreu 
ohne festen, beständigen und kecken Muth (V. 1154 — 
1159). Und auch an 'viel Volk haben' liegt es nicht. 



*) So sagt Kirchhof, Christliche Heuratb C 2 Z. 1. 



414 

Nicht darch die Menge der Kri^er erwirbt man den 
Sieg (V. 1159—1161): vielmehr durch geistige Mittel: 
Einigkeit, Benntzang der Vortheile von Ort nnd Zeit^ 
klage Anschläge, Aosdaner and Festigkeit Der Land* 
graf wiederholt noch einmal: besser ein tapferer Mann 
ohne Waffen^ . als der bestgerüstete Krieger ohne Math 
(V. 1161-1166). Math and Selbstvertraaen aber gibt 
die 'gate Sache'. ^Ist des kriegs nrsach anfangs gat, 
bringt es allzeit des keckem math' (Wend. IV Nr. 79 
S. 78 Z« 7). Und die Ursache des jetzigen Krieges ist 
die gerechteste, die es geben kann (V. 1167). Damit 
kommen wir zar Rede Sleidans^ denn sie besteht in 
dem Beweis des Satzes : ^ustissimam esse belli causam' 
(Sl. 275 Z. 9). 'Jene wollen^ sagt der Landgraf, Shre 
ordentliche Obrigkeit mit bewaffneter Hand verjagen 
(V. 1178 f), aber dazu steht ihnen anter allen Umstanden 
keine Befugniss zn (Sl 274 Z. 1 '). Der Aufruhr ist 
unbedingt verboten (Sl. 274 Z. 8) und deshalb der Krieg, 
der zur Unterdrückung desselben unternommen wird, 
ein gerechter (V. 1169 f). Jenen Menschen hat die Ra- 
serei die Waffen in die Hand gedrückt, uns der Herr, 
der die Ordnungen der Natur bei ihrem Recht erhält 
(V. 1171 f ^), und dessen klares, geschriebenes Wort und 
Offenbarung für die Sache der Obrigkeit in diesem 
Kampfe spricht (V. 1172 — 11748). Deshalb', damit 
schliesst der Landgraf, 'folgt meinem Beispiel und ihr 
werdet euch grossen Ruhm und Lohn erwerben'. 

1) ^Etiainsi vera esseot omnia, de quibus iocasentar, taineu 
Doo lioere plebeis in magistratam arma sumere: multis hoc posse 
scriptnrae testimouiis dooeri'. 

') ^Faror illis arma, nobis iustitia, Dens, natura mioistrat'; 
vgl. Sleidan S. 275 Z. 4 ^dabitari dod posse quin contumeliam hanc 
Bit nltunis Deas*. 

*) 'No8 oracula non ficta, sed scripta; noo ocoulta, sed Dei 
benoricio patefacta ad hoe bellum moventV; vgl. Sleidau S. 275 Z. 11 
^qui magistratui gladium attribuerit — ut iniustam vim omnem et 
latrociüia depellaDt'. 



415 

Scena 2., lateinisch, Vers 1178—1188. 

Muntxerus. 

Auch den Münzer lässt nun den Dichter noch 
einmal kurz za den Seinigen reden. Er bat sich in 
geschickter Weise zwei besondere Kraftstellen aus der 
schon im vorigen Aufzug (5. Auftritt) stark benubcten 
Rede Münzers bei Sleidan zu diesem Zwecke aufgespart. 
In dem Geschichtswerk sagt Münzer : 'Seht sie dort vor 
euch ('non procul a vobis'), die Tyrannen. Gegen unser 
Leib und Leben haben sie sich verschworen und sind 
doch zu feige, etwas zu wagen' (Sl. 270 Z. 6). Im 
Bühnenspiel sagt er: 'Seht, seht, tapfere Krieger ^)^ wie 
der Muth der Feinde völlig gebrochen ist, und Gott 
sie im Stich gelassen hat. Dies und ihre Nähe fordert, 
dass wir die gewonnene Freiheit vertheidigen' (V. 1178 
— 1183). Und beidemal versichert er: 'Alle feindlichen 
Geschosse werde ich mit meinem Mantel auffangen' 
(V. 1183—1185, Sl. 272 Z. 2 v. u. «). In unserem Stuck 
mahnt er dann noch zu innigem Gebet und darauf zu 
hitzigem Angriff. 

Scena 3., lateinisch, Vers 1189-1198. 

Praeior, 

Zwischen den vorigen und diesen Auftritt fallt die 
Schlacht bei Frankenhausen, die Flucht Münzers dort- 
hin, und seine Entdeckung durch einen Edelmann, der 
zufällig in das Haus kommt, in dem der Bauernführer 
sich versteckt hält, und ihn dort in einem Bette liegen 
findet (Sleidan S. 275 Z. 14 bis 276 Z. 16). Dieser 
Edelmann ('nobilis quidam' Sleidan) ist, wenn wir dem 



') So nenot er sie (V. 1178) mit deDselbon Worten, wie der 
I^aDdgraf die Seineo angeredet hatte (V. 1152). 

*) Der Dichter: ^omnes pulvere empyrio globulos in vos 
emissos ego hoc paliio velnt clypeo excipiam'. — Sleidan: 'Pilas 
enim omneis, qnas illi tormentis in nos eiioient, veste mea sum ex- 
cepturus'. 



416 

Dichter glaaben, unser Praetor. Frohlockend erzählt 
er, wieviel Gutes er dem Münzer verdanke : zuerst seine 
Sendung zum Landgrafen, die ihm die Gunst dieses 
Fürsten erworben habe^ und nun das Glück, den ge- 
flohenen und versteckten Aufrührer 4n einem Bett' zu 
entdecken. Dass er 'seinen Fürsten' den Münzer 
gefesselt überliefert habe^ müsse ihm grossen Dank ein- 
tragen. Das ist die Stelle, die den Praetor bestimmter 
als Diener des Herzogs Georg erkennen lässt (vgl. oben 
S. 400). Denn bei Sleidan, dessen Benutzung hier auf 
der Hand liegt, heisst es von Münzer: 'captns — ad 
Georgium Saxoniae'principem atque Lantgravium addu- 
citur' (276 Z. 16). 

Merkwürdig ist es nun, auch in diesem Auftritt, 
welcher inhaltlich sich so eng an Sleidan anschliesst, 
zu beobachten, wie sehr dem Dichter für die Form 
seiner lateinischen Abschnitte der Eunuch des Terenz 
vor Augen schwebt. Ganze Verse sind hier noch einmal 
jenem berühmten Muster entlehnt. Denn wie in diesem 
Chremes mit den Worten auftrat: 

Profecto quaDto magis magisque cogito, 

Nimirum, dabit haec Thais mihi magnum mal um: 

.Tarn tum quom primam iossit me ad se arcessier. 
Böget qois: quid tibi cam illa? 

(HI 3, 1 f und 3 f)« so spricht in unserem Stück der 

Praetor : 

Profecto quaoto magis magis<iue oogito, 
Nimimm, dabit Muntzerns mihi magnum bonum. 
Jam tum cum primum iussit me ad se aocersier 
Princeps, favebat mihi. 

(V. 1189—1192). — Der Praetor beschliesst, zurück- 
zutreten, um den weiteren Verlauf zu beobachten. Es 
sind seine letzten Worte in unserem Stück. — Als eine 
geschichtliche Persönlichkeit haben wir ihn wohl schwer- 
lich zu denken. Vielleicht aber darf doch erinnert 
werden, dass es auch geschichtlich einen rechtsgelehrten 



417 

Diener des Herzogs gegeben hat, der mit Landgraf 
Philipp viel zu thun gehabt : es war dies der berüchtigte 
Otto V. Pack. 

Die vier letzten Auftritte hatten das Gemeinsame, 
dass in ihnen nur je eine Person das Wort fährte: 
Chremes, der Landgraf^ Münzer und der Praetor. Doch 
nur der erste und der letzte halten Selbstgespräche, die 
beiden mittleren reden zu einer Zuhörerschaft, die wir 
uns um sie versammelt denken müssen. 

Scena 4., lateinisch, Vers 1199—1236. 
Ijondgrcwius, Juatus, Munixerus, 

Den von Pallas dem Ficinus mitgegebenen Justus 
hat der Landgraf in seinen Dienst aufgenommen, wie 
sich schon aus dessen Worten im Anfang des vierten 
Aufzugs vermuthen Hess; hier tritt Justus für einen 
Augenblick noch einmal selbst auf. Der Landgraf spricht 
zu ihm: aller Sieg stamme von Gott, diesem wolle er 
deshalb die gebührende Ehre geben; Justus solle für 
den folgenden Tag einen Dankgottesdienst ansagen und 
alle zum eifrigen Beiwohnen ermahnen. Justus geht, den 
Auftrag auszurichten. — Weiter befiehlt der Landgraf, 
den gefangenen Münzer vorzuführen. Aus dessen eigenem 
Munde will er die Begründung seiner schwärmerischen 
Lehren vernehmen. Münzer wird gebracht. Auf des 
Landgrafen spöttische Anrede erwidert er, er habe nichts 
gegen Gottes Gesetze und gegen seine Pflicht gethan; 
denn eine Obrigkeit, die dem Evangelium widerstrebe, 
müsse auf die Art, wie er beabsichtigt habe, gezüchtigt 
werden. Die ursprüngliche Kirche, die das reine Wort 
Gottes besessen, habe alle Güter gemeinsam gehabt und 
sei niemandes Herrschaft unterworfen gewesen: ihre 
alte Freiheit gelte es wiederherzustellen. Der Landgraf 
zeigt ihm aber, dass Christus ausdrücklich befohlen 
habe : forschet in der Schrift, nicht in eitelen Träumen 

N. F. Bd. XYISJL 27 



418 

nichtiger Menschen 0; und Paulus, Gottes auserwähltes 
Werkzeug: seid unterthan euerer ordentlichen Ohrigkeit. — 
Bei Sleidan (S. 276 Text Z. 13 v. u.) wird der den beiden 
Fürsten vorgeführte Münzer von diesen sogleich befragt, 
warum er so viele arme Menschen betrogen habe. Auch 
hier behauptet er, dass er nichts gegen seine Pflicht 
gethan habe, und dass die Obrigkeiten, die die Lehre 
des Evangeliums nicht gestatteten, auf solche Weise 
gezüchtigt werden müssten. Hierauf habe, fährt Sleidan 
fort, der Landgraf entgegnet und durch Zeugnisse der 
Schrift bewiesen, dass die Obrigkeit in Ehren zu halten 
sei, und dass Gott allen Aufruhr verbiete. — Der Unter- 
schied zwischen dem Spiel und seiner Vorlage ist hier 
nur der, dass die letztere die Rede des Landgrafen dies- 
mal nicht wörtlich gibt. Dafür hatte sie ihn aber seine 
Sätze bereits in der Rede vor der Schlacht bestimmter 
aussprechen und ausführlicher beweisen lassen. 

Die Streitfrage, um die es sich handelte, betraf 
im Grunde die Lehren vom leidenden Gehorsam und 
vom Rechte des Widerstandes. Wie die Erörterung des 
Verhältnisses dieser Lehren die ganze Reformations- 
geschichte durchzogen, und die jeweilige Bestimmung 
jenes Verhältnisses auf den Gang der Ereignisse den 
grössten Einfluss gehabt hat ^\ so geschieht dasselbe in 
verjüngtem Massstabe auch in unserem Bühnenspiel. 
Und wie dort, so versucht man auch hier die Lösung 
der Streitfrage vorwiegend von geistlichen Gesichts- 
punkten aus. Das Recht des Widerstandes ist es, was 
gleich im ersten Aufzug (2. Auftritt) von Hanso und 
Guntz erörtert wird, wobei dann Banso alsbald die Frage 
aufwirft: 'Meinst, dass es in der Bibell sey?' Und 

^) Münzer nämlich ^hoc etiam docebat, patefacere Deum per 
somnia voluntatem 8uam\ Sleidao S. 266 Text Z. 7 v. u. 

*) Siehe Ranke, Deutsche Geschichte im Zeitalter der Etefor- 
mation III« S. 129—131. 



419 

sowie Münzer in seiner Predigt (14) 'gar deatlich aufs 
Gottes wordt' diese Frage bejaht^ ist Hanso für 
seine Sache gewonnen. Indem man den Fürsten den 
leidenden Gehorsam nicht mehr zu schalden glaubt, 
erklärt man sie für Tyrannen (z. B. III 3). Der Land- 
graf dagegen ^) kommt, ebenfalls auf Gottes Wort ge- 
stützt, zu einer ganz anderen Beantwortung der Frage 
(Y 1), die Waffen entscheiden zu Gunsten seiner Auf- 
fassung (V 3)^ und diesem Sieg mit der That folgt nun 
auch der Sieg mit dem Wort (V 4) : Münzer muss ver- 
stummen^). Er ist gewissermassen innerlich noch ein- 
mal gefangen und hat nunmehr die vorwurfsvolle Frage 
des Landgrafen zu hören: 'Warum hast du Fuchs so 
schändlich alle die Tausende hintergangen?' Mit trotzigem 
Lachen erklärt Münzer: 'So gefiel es ihnen; die Welt 
will betrogen sein ; besser zuvorkommen, als sich zuvor- 
kommen lassen'. Doch bald wird ihm angst, er legt 
sich aufs Bitten. Aber sein Drtheil lautet: 'Du stirbst, 
wie du verdient hast'. Er wird ins Gefängniss abge- 
führt; sein neues, ungeheueres, schreckliches Verbrechen 
soll öffentliche Strafe finden. — Bei Sleidan wird der 
Vorwurf, den Tod der armen niedergehauenen Menge 
durch seinen Frevel verursacht zu haben, dem Münzer 
von Herzog Georg gemacht (S. 276 Text Z. 3 v. u.). 
Münzer erklärt laut lachend: 'sie haben es so gewollt 
(hoc voluerunt)'. Er wird nach Heldrungen gebracht 
(S. 277 Z. 3); bei einem neuen Verhör zeigt er 
sich sehr verwirrt und niedergeschlagen (S. 277 Z. 11); 
er wird mit dem Schwerte gerichtet (S.277 Text Z. 10 v.u.). 
Man sieht, wie sehr die Benutzung von SIeidans 
Werk, ohne dass der Dichter den Blick für das auf der 



1) Quo iustior alter nee pietato fuit, nee bello maior 
et armis' heisst es von ihm bei Melander, Jocoseria S. 519. 

') Vers 1217 f ^Responde, quaeso, si potes. Quid siles? quin 
effaris?' — Sleidan S. 276 Text Z. 4 v. u. 'Ad ea conticuif. 

27* 



420 

Bühne Brauchbare verlöre, allmählich zugenommen hat. 
Der Grund liegt darin, dass unser Spiel bis hierher sich 
immer mehr zu einem Geschichtsdrama entwickelt. 
Nichts könnte nun verkehrter sein, als (wie es in unserer 
Handschrift, vielleicht fär die Aufführung, geschehen ist) 
die beiden komischen Nachspiele des 3. und 4. Aufzuges 
zu streichen. Denn dadurch würde die Heiterkeit der 
Comödie, die der Dichter vorübergehend aufzugeben 
durch seinen Stoff gezwungen war, gänzlich verloren 
gehen, und eine unerlaubte Verschiedenheit im Gepräge 
der früheren und späteren Theile entstehen. Aensserlich 
würde dieselbe noch besonders durch das Aufhören der 
Abwechslung in der Sprache störend hervortreten: die 
deutsche Sprache würde vom 3. Aufzug an auf einen 
einzigen Auftritt (IV 4) beschränkt sein. Von diesen 
Gesichtspunkten aus erscheint namentlich das Nachspiel 
des 4. Aufzuges als durchaus an seinem Platze. Inhalt- 
lich aber leitet es zugleich über zu dem hübschen 
Schlussauftritt des ganzen Stückes. 

Parergon(=Scena5.), deutsch, Vers 1237—1322. 

Chremes. Landfframus, 

Chremes ist wiederhergestellt. Er scheint Ge- 
schmack gefunden zu haben am persönlichen Verkehr 
mit den Grossen. Denn nachdem die Fürstin ihm, 
wie wir annehmen dürfen, geholfen, hat er jetzt die 
Absicht, dem Fürsten einen Bittbrief zu überreichen. 
'Woltt warlich, dafs ihn der fürst hett glesn, vndt ich 
ein gutten bscheidt bekomn'. Er sieht Jemanden nahen, 
versteckt sich, wird aber aus seiner Ecke wieder hervor- 
gerufen. Der Dichter benutzt einen Zug der antiken 
Comödie, indem er öfters seine Bauern den vergeblichen 
Versuch machen lässt, sich abzudrücken. Sie werden 
dann zurückgehalten, so Cuntz III 5, oder zurückgerufen, 
wie Hanso und Cuntz 1 3, Chremes 1 5 und hier. 



421 

Lan. — komb her 
Zu mir, sag ahn, wer bist? Gh. Jancker, 
Ich bin ein bawr auis Hessenlandi 
Lan. Hör» ist dier auch Pheiffer bekandtV 

Auf geschickte Weise entledigt sich hier der Dichter 
noch schnell der Pflicht, auch über Pfeifers Schicksal 
den Zuhörer kurz zu unterrichten. Er lässt ihn, wohl 
der Stimmung des Auftritts zu Liebe, nicht hingerichtet 
(SIeidan S. 277 Z. 9), sondern von ungefähr erschlagen 
sein: Ghremes *ging vndt schlief vndt saob, dafs einer 
zu ihm lief vndt schlug ihn mitt einm grosen spiefs 
auf seinen kopP ; ob er ihn getroffen, weiss Ghremes 
nicht, — eine öfter vorkommende Art komischer Zeugen- 
aussage. Auf Befragen erklärt Ghremes weiter, er habe 
sehen wollen, 'ob vielleicht hier aufs der Fürst woltt 
kommen', er befindet sich also an einem Ort, wo dies 
Herauskommen zu erwarten war, vielleicht am Thor des 
Landgrafenschlosses zu Gassei, vor welchem wir ihn 
das vorigemal getroffen haben. Da er in dem 'Junker' 
den Landgrafen nicht vermuthet, beantwortet er dessen 
Frage, was er vom Fürsten wolle, ablehnend, erkundigt 
sich aber* wo er jenen wohl finde. 

Lan, Er ist nicht weidt 
Gh. Wo ist er? Lan. Da siehst ihn bereitt. 
Gh. Ich kan ja [wirklich] noch kein Fürstn ersehn. 
Lan. Du sihst ihn ietzt hie für dier stehn. 
Gh, Seidt ihre ? dafs ist mir eben recht 
Lan. Wollan, wafs woltst mir, sag fein schlecht 
Heraals. Gh, Ich woldt vbr mein naohbawm 
Klagen. 

Aergerlich erwidert der Landgraf: 'Ihr seid all 

grose lawrn^), must ihr iemmer im zancke lign?'; aber 

er fordert ihn doch auf, die Sache vorzutragen. Denn: 

1) Das Scheitwort Lauer (= Schelm), Vers 322. 558. 1109. 
1268 (hier) eignet dem reimverwandten Bauern ganz besonders, s. 
DWB VI 8p. 302. 



^ I 



422 

So müd war nie der fromme herr, 
Er hört die armen ohn beschwer, 
Oder ir supplicatioD, 
DaB man dem recht hüiif, wolt er hon *). 

Freilich, das grosse Geschmier des Bäuerlelns zu lesen, 
hat er nicht die Weile; Chremes muss den Handel er- 
zählen. Seines Nachbarn Sau ist in seinen Garten ge- 
krochen und hat Alles verwüstet; er hat sie todt ge- 
schlagen und soll sie nun bezahlen, wozu er aber ganz 

und gar keine Lust hat. 

Lan. BäwrJein, mich dunckt in meinem sin 
Du seiest doli, hast du die saw 
Zu todt geschlagn, wollan so schaw 
Da(s du sie ihm bezalst. Oh. Nein her, 

Mir nicht"), bedenokett es besser, 

Ich merk weil ihr verstehtt mich nicht. 

£r macht dem Landgrafen nun den Vorgang sehr 

packend klar: 

Sehtt, als waii diefs mein haufs, 
Undt dan mein gartten so heraufis 
Ging, vndt ihr werdt dafs garstig schwein, 
Ihr kröchtt mir zur lucken hienein, 
Verwust mir alfs, hiefs euch hnaufs gehu, 
Ihr bliebtt mir nichts dest' wenigr stehn 
Im garttn, ich nemb ein kleinen steckn, 
Wollt euch nuhr ein wenig ersohreokn, 
Vndt schlug euch auf den rusi, vndt ihr 
Legttett euch geschwindt nieder hier 
Vndt stürbett dran, wafs köndt ich dan 
Darzu. 

Es gelingt ihm wirklich, den Landgrafen zu überzeugen : 
'Warlich mein bäwerlein, wie mich beduncktt, so soltt 
woU dein sach richtig sein'. Er will 'dem Gauch' be- 
fehlen, den Chremes mit seiner Forderung in Frieden 

») Kirchhof, Christliche Heurath D Z. 7 und Wend. IV Nr. 79 
S. 79 Z. 16 V. u. 

«) ^Mir nicht' = *das begegne mir nicht', s. DWB VI Sp. 2247, 
Wend. I Nr. 83 S. 107 Z. 5, Nr. 323 S. 365 Z. 10, H Nr. 131 
S. 180 Z. 6 V. u., Nr. 201 S. 261 Z. 11 u. 3 v. u. 



423 

za lassen. Dieser aber, wie er sieht, dass es ihm so 
nach Wunsch geht, rückt gleich noch mit einer Bitte 
heraus: 'wollet mir doch einn altn verschlisnen thaler 
schenckn^ dafs ich ewr mocht darbei gedenckn'. Auch 
das wird, wie es scheint, gewährt. 

Lan, Zeuch hin, will dein gnädigr Her sein. 
Gh, Vndt ich ewr Gnädigs bawerlein. 

ISo klingt mit der Darstellung schönsten Einver- 
nehmens zwischen Fürst und Bauer unser Spiel har- 
monisch aus, nachdem durch einen letzten, bedeutsamen 
Zug das vom Dichter mit sichtlicher Liebe gezeichnete 
Bild des hochgemuthen Landgrafen seine Vollendung 
erhalten hat. Man wusste von Erlebnissen und Ge- 
sprächen Philipps mit seinen Bauern viel zu berichten. 
Im Wendunmuth kann man zwei Arten solcher Ge- 
schichten unterscheiden : entweder der Bauer kennt den 
Fürsten nicht (lü Nr. 12—13) oder er kennt ihn (111 
Nr. 14 — 17). In unserem Auftritt ist beides vereinigt, 
und wir sehen, dass das Erkennen den Chremes nicht 
im geringsten aus der Fassung bringt: in dieser Hin- 
sicht erinnert unser Fall am meisten an Kirchhofs Er- 
zählung (Wend. IV Nr. 81) von dem Zusammentreffen 
eines hartköpfigen hessischen Bauern mit dem Erben 
der Leutseligkeit Philipps, seinem Sohn und Nachfolger 
Wilhelm dem Weisen, in dessen Regierungszeit (1567 
— 1592) unser Spiel entstanden zu sein scheint. 

Wir haben im einzelnen gesehen, wie mannigfach 
dieses Spiel mit der Litteratur seiner Zeit, der wieder- 
erweckten wie der neugeschaffenen, sich berührt in un- 
mittelbarer Entlehnung, mittelbarer Beziehung, näherem 
oder fernerem Anklang. Und doch ist das Ganze nach 
Inhalt und Gestalt in überaus merkwürdigem Grade 
ausgezeichnet durch Selbstständigkeit und Ursprünglich- 
keit; eigenartig ist seine Doppelgestalt: es ist ein 



/ 



424 

Drama vom Bauernkriege und zugleich eine Comödie 
vom Bauernleben ; eigenartig ist von diesen beiden Ge- 
stalten jede einzelne. 

Denn einmal ist unser Stück das erste, in welchem 
man auf die nachher so beliebten Bauernauftritte stösst. 
Kirchhof sagt einmal (Wend. I Nr. 64 Z. 13 v. u.): 
^Wenn die bauren betten einen pfarrherren der sie 
in der kirchen nicht straffet, einen schultheifsen 
der sie nicht büsset, einen rentschr eiber der sie 
nit warnet, und ein landsknecht der sie nit pfen- 
det, mit denen weren sie überaufs wol zufrieden'. In 
allen diesen Beziehungen führt unser Stück die Bauern 
vor. Zuerst sehen wir sie im Streit mit dem Praetor 
— dem Schultheissen, der sie büssen will, weil sie 
ihren Verpflichtungen nicht nachgekommen (I 1 — 3); 
sodann klagen sie über den Quaestor — den Reni- 
Schreiber, der sie angeblich übernimmt und noch oben- 
drein bedroht (III 1). Dagegen sind sie überaus wohl 
zufrieden mit ihrem Pfarrherren, der in der Kirche nicht 
sie straft, sondern die Obrigkeit; der ihre vermeint- 
lichen Rechte mit Eifer vertheidigt (1 4 usw.). Seine 
Lehren aber trüben ihr Verhältniss nicht nur zu den 
übrigen Gewalten der Gemeinde^ sie reizen auch zur 
Erhebung gegen die Staatsgewalt, gegen den Fürsten 
(in 3 usw.). Jetzt aber wird der Bauer vom Lands- 
knecht (miles) nicht mehr im Frieden gepfändet, son- 
dern im offenen Kriege erschlagen (V 1 usw.). Wo da- 
gegen nicht ein solcher ungewöhnlicher Pfarrherr den 
Bauern aus seinen Schranken reisst, da bleibt ihm jenseit 
all der kleinen Streitigkeiten, die mit ihm an der Scholle 
haften, das Vertrauen zu seinem Fürsten (III 1, IV 6, 
V 5). Dieses bewahrt sich der Hesse Chremes im Gegen- 
satz zu dem Thüringer tollen Guntzen^ 'den die aufF- 
rürische art druckt' (Wend. I Nr. 93 Z. 5). Der Aus- 
gang des Stückes zeigt, dass der erstere besser dabei 



425 

fahrt. — Zwischendurch wird auch das häusliche Leben 
des Bauern berührt und, wie das damals Sitte war, 
mehr verspottet als gerühmt Hier erhält denn auch 
Chremes keinen Vorzug : er ist trunksüchtig (I 5), ge- 
waltthätig (III 5), gefrässig (IV 6), ungeschliffen (V. 1149, 
V. 1299). Das nachbarliche Verhältniss der Bauern ist 
ein schlechtes (V 5), ebenso das eheliche (II 1, IV 4). 
Hanso ist roh (II 1), Greta leichtfertig (IV 4) und Anna, 
obwohl eine treue Seele,, herzlich einfältig (V. 228). 

Aber unser Stück ist auch das erste wirkliche 
Geschichtsdrama der deutschen Litteratur. Und wie 
kühn und sicher hat der ungenannte Dichter aus der 
Geschichte seiner eigenen Zeit und seines Landes einen 
bedeutenden (in der religiös-politischen Färbung für sie 
so bezeichnenden) Gegenstand herausgegriffen, der ihm 
das zwiefache bot: ein grosses Geschick und eine grosse 
Persönlichkeit. Man erstaunt über die Weite des Ab- 
Standes, wenn man von der Betrachtung unseres Stückes 
aus einen Blick wirft auf den ^Monetarins Seditiosus 
oder Tragödie von Thomas Müntzern, das ist der 
Müntzerische Bauernkrieg\ ein 1625 erschienenes Stück 
von Martin Rinckart, in welchem in Form einer 
Comödie ^ein richtiges und lustiges compendium histo- 
ricum' gegeben wird, das aus 16 Quellenwerken bis ins 
einzelnste über den Verlauf des Bauernkrieges berichtet 0. 
Dort ist der geschichtliche Stoff durchaus die Haupt* 
Sache; das undichterische Bemühen, seine ganze Fülle 
in Raum und Form eines Bühnenspiels zu zwängen, 
wird dadurch keineswegs erfreulicher, dass dies in einem 
'auf komische Wirkung abzielenden' Stile geschieht. 
Unser Stück dagegen verfährt sozusagen selbstherrlich 
mit den geschichtlichen Bestandtheilen seines Inhaltes, 
es verwebt sie mit den übrigen zusammen zu einer 

1) Siehe Holstein a. a. 0. 8.247; Ooedehey Qrandriss 8. 376. 



I 



426 

bunten Reihe von Bildern, deren Ungleichartigkeit za 
verwischen es sicii durchaas keine Mühe gibt. Es ver- 
stärkt dieselbe sogar noch erheblich durch die Abwechs- 
lung in der Sprache, denn diese bedingt eine neue 
Ungleichartigkeit, die der Form. Das Fehlen irgend 
welcher strafferen Einheit erscheint in unserem Stück 
so absichtlich und keck, dass man sich kaum getraut, 
es ihm zum Vorwurf zu machen. 

Unser Stück ist in der neueren Litteratur nicht 
gänzlich unbeachtet geblieben: Lynker spricht von 
ihm in seiner Geschichte des Theaters und der Musik 
in Kassel (S. 229 — 235); aber dies Buch scheint bei 
den Fachmännern wenig Beachtung gefunden zu haben, 
wenn auch Scherer's Litteraturgeschichte es erwähnt 
(S. 749). Holstein^ Herford^ Mitior^) kennen unser 
Spiel nicht, welches sie schon bei der ihnen gemein- 
samen grundsätzlichen Scheidung von lateinischem und 
deutschem Drama in Verlegenheit gebracht haben würde. 
Uebrigens sind Lt/7iker*s Mittheilungen über unser Spiel 
so flüchtig und fehlervoll, dass sie durchaus kein rich- 
tiges Bild von ihm hätten geben können. Aber das 
Spiel verdient es wohl, bekannt zu werden; es kann 
einen Platz beanspruchen in der Geschichte der Bühnen- 
dichtung der Reformationszeit, in der Geschichte dieses 
unfruchtbaren Blüthenzweiges der deutschen Litteratur. 

Auffallen muss es, dass gerade die Handschrift 
unseres Spieles, wie wir im Eingang dieses Aufsatzes 
gesehen haben, vom Landgrafen Moritz von Hessen im 
Jahre 1602 zu einem Eintrag über eine Prüfung seines 
Sohnes Otto durch Marburger Professoren benutzt worden 

*) Siehe Herford'a Studios in the literary relation of England 
and Germany in the 16. Century, Minores Einleitung in das Drama 
des 16. Jahrhunderts in Niemeyers Neudrucken Nr. 79/BO. 



427 

ist. Sollte am Endn der Prinz mit seinen Genossen ') 
irgendwie an einer Aufführung des Stückes betheiligt 
gewesen sein? Beachtenswerth ist in dieser Hinsicht, 
dass wir aus den letzten Jahren vor 1602 bestimmte 
Nachrichten über Aufführungen durch die Zöglinge der 
Casseler Hofschule besitzen^). So war z. B. im Herbst 
1599 die Darstellung von Landgraf Moritzens eigenem 
Stück ^Holofernes' beabsichtigt. Die Mehrsprachigkeit 
unseres Spieles würde für die Casseler Hofschule nichts 
Ungewöhnliches enthalten haben, wenigstens wissen wir, 
dass dort einmal sogar ein sechssprachiges Drama auf- 
geführt worden ist, und dass Landgraf Moritz selbst ein 
fünfsprachiges Stück, die Sophomeria ütopica^), ver- 
fasst hat. Die Mitwirkung des jugendlichen Prinzen 
Otto aber, von dem das in Cassel erbaute Theater seines 
Vaters, das Ottonium, den Namen gehabt zu haben 
scheint^), würde nicht ohne Vorbild sein, war doch 
Landgraf Moritz ebenfalls sehr früh auf der Bühne auf- 
getreten. Schon 1584 nämlich, als zwölfjähriger Prinz, 
erhielt Moritz von seinem Vater, Landgraf Wilhelm dem 
Weisen, für sich und seine Mitschüler den Auftrag, die 
^Orationes der Alten Helden' auswendig zu lernen, um 
sie bei der Durchreise des Kurfürsten August v. Sachsen 

') Mit Otto immatrikulirt wurden Graf Friedrich Lndolf 
y. Beotheim, Johann Friedrich v. Creutzberg, Johann Adolf E^u zu 
Hoizhausen, Radolf Ran zu Holzhausen, Philipp Wilhelm v. Flecken - 
buhl gen. Birgelen; siehe Gassar^ Catalogus III 8. 145. 

*1 Siehe Hartictg^ Die Hofschule zu Cassel unter Landgraf 
Moritz 8. 10 Anm. 2 und S. 16; vgl. Romniel^ Gesch. v. Hessen 
VIII S. 400 f mit Anm. US. — £ine Aeusserung des Landgrafen 
über Zweck und Nutzen von Bühnendarstellungen enthält das Vor- 
wort seiner Comödie Saul, siohe Johann Combach bei Rommel VI 
S. 400 f. Anm. 118. 

') 'Hoc ipso admirabilis, quod penteglottis est', Combach bei 
Rommel VI S. 400 Anm. 118. 

^j Siehe Bommel VI S. 399; zum folgenden vgl. daselbst 
V S. 825 Anm. 323. 



428 

durch Cassel vortragen zu können, and zwar sollten sie 
die Reden lateinisch and deatsch lernen and für 
beide Sprachen gefasst sein. Moritz selbst sollte den 
Alexander spielen, den Hannibal der Graf v. Solms, den 
Scipio Walrabe (v. Boynebarg?), den Caesar der ältere 
V. Baambach, den Constantin womöglich der jüngere 
V. Baambach, den Carl vielleicht der Hagenott Clervant 
(Clerevantias). Falls einige *nit ingenii genag betten', 
sollte Moritz 'etliche aas der Schale and aas der Uni- 
versität Marborg fordern lassen', damit die Zahl voll 
sei {Bommel V S. 722 f). Die Dichtang, von der hier 
die Rede ist, ist in deutscher Form zam grossen Theil 
noch erhalten, and zwar im 5. Bach von Kirchhofs 
Wendanmath ^). Denn dort hat als Nr. 146 — 153 ein 
grösseres Reimwerk Aufnahme gefanden, in welchem 
Alexander Magnus, Hannibal Carthaginiensis, Scipio 
Africanus, Julius Caesar, Constantinns Magnus, Carolus 
Magnus, Scanderbeg und Mahumetes 'um das Primat 
streiten', indem sie einer nach dem andern 'ihre res- 
gestas erzählen'. Kirchhof ist es gewesen, der 1584 'auf 
gnediges befehlen landgraven Moritzen zu Hessen' 
diese 'Thaten der acht Grofsen Helden' aus der latei- 
nischen Prosa einer 'schönen Comödie' in deutsche 
Verse gebracht hat (Wend. V Nr. 146 Z. 1). üebrigens 
war vielleicht dasselbe Stück die 'Comödie von den 
Alten Potentaten', zu welcher 1597 Landgraf Moritz 
'die Waffen, Harnische und Kleidung, was deren bei 
uns vorhanden', versandte {Bommel VI S. 402 Anm. 121), 
und zwar, wie ich glaube, an seinen Oheim, den Land- 
grafen Ludwig zu Marburgi und zur dortigen Auffüh- 
rung durch Graf Hans Ernst v. Solms 'mit seiner Ge- 
sellschaft' (siehe Bommel VI S. 401 Anm. 120). Moritz 



^) Dieser Zosammenhang ist bisher nicht bemerkt worden, 
auch nicht von Wyss a. a. 0. 8. 73 f. 



429 

bittet dabei: 'E. L. wollen die Comödianten also memo- 
rieren lassen, damit wir, auf den Fall wir zu E. L. 
kommen, unsere Augen auch hiernächst daran be- 
lustigen' {Rammd VI S. 402 Anm. 121). Und noch 
eine dritte Auffährung desselben Stockes könnte zu 
verstehen sein, wenn wir lesen, dass im Sommer 1603 
zu Schmalkalden vor Moritz und seinem Hofe eine 
'Comödie von den Helden des Alterthums' gespielt 
wurde. 




430 



Beiträge zur älteren Geschichte Hanedas 

von 1360—1577. 

Von 

Gustav Frhr. Rabe von Pappenheim 

zn Marbnrg. 

Ungedruckte Quellen: 

Akten nnd Urkunden des Stammer Archivs. 
Urkunden aus dem Stammer Copialbuch von 1571. 
Inventarium der von Pappenheim zur Liebenau. 
Samettbriefe, so in ihrem Samptkasten zuo finden. Actum 

anno 1573. 
Stammer Prozessakten 1534 — 1577, 
Akten des Marburger Staatsarchivs, Liebenau und Pjider- 

born, darunter Copialbuch der Stadt Liebenau. 




I^aueda, der Name des unweit der westfälischen 
(Grenze am rechten Ufer der Diemel liegenden gleich- 
namigen Dorfes, wird in seiner ursprünglichen Bedeu- 
tung von Verhau, Gehau oder üschlag abgeleitet*). 
Die erste Anlage des Ortes fällt daher wohl in eine 
Zeit, wo urkundliche Nachrichten über denselben nicht 
mehr vorhanden sind. Die Schreibart dieses Namens 

♦) W. Arnold, Ans. u. Wander. deutscher Stämme S. 136 u. 305. 



431 

Haueda lautet in älteren Urkunden folgendermassen : 
Howede, Howide, Howethe, Hauwide, Hauwede, — 
Haueda *). 

In den historischen Fragmenten^ eines im 15. Jahrh. 
für das Kloster Bödicken zusammengeschriebenen Gopial- 
buches steht Folgendes: Howede ist ein Amt, welches 
die Waffenträger (armigeri) genannt von Pappenheim be- 
sitzen und davon nach dem Vertrag sec. literas fol. 53^ 3 
folgenden Zins zu bezahlen haben : Drei Malter Getreide 
und eine Mark. Das Amt gab ehemals der Kirche Bö- 
dicken jedes Jahr am 5. August I weisses Mehl einer 
jeden Herrin, dann 4 weisse Brode, eine Maass Bier 
und 4 Schweine. Ebendaselbst dem allerhöchsten Ep. I 
weisses Mehl, drei weisse Brode, drei Eier und 3 Maasse 
Bier. Das Dorf liegt zwischen Warburg und Liebenan 
und hat viele Ländereien, welche in der nächsten Um- 
gegend seiner Feldmark liegen. Von diesen Ländereien 
empfangen die von Fappenheim jährliche Gefälle, welche 
ehemals ungefähr 40 Malter Getreide betrugen, bisher 
noch femer 30 Malter Getreide gleich wie vor Zeiten 
zweier ... ich habe gehört . . .**). Hier endet das 
Fragment des Copialbuches. Das Kloster Bödicken lag ehe- 
mals unweit des Bergschlosses Wewelsburg in Westfalen. 
Es war Anfangs ein Nonnenkloster und wurde 1409 in 
ein Mannskloster regulärer Chorherren — des Augustiner- 
Ordens — umgewandelt. Die Ländereien, welche das 
Kloster Bödicken in Haueda besass, gingen im 14. Jahr- 
hundert zumeist in den Lehnbesitz der von Pappen- 
heim über. 

1353 in vigilia Simonis et Judae (Oct. 27.) ver- 
kauften die Warburger Bürger Johann und Heinrich 
Hertoge an den Probst zu Bustorf, Burchard von Pappen- 

♦) Ebenda. 
**) In Uebere. aus Falekenh. Schriften S. 621 u. Wigand'a 
Archiv IV. B. S. 282. 



432 

heim und seinem Bruder dem Knappen Herbold v. P. 
zur Liebenau mitsameder Hand, 2 Hufen Landes im 
Felde zu Haueda, die die Verkäufer von der ehrsamen 
Frauen Aebtissin von Bödicken zu Lehen trugen, — für 
32 Mark schw. Warb. Pfennige. Sie siegelten mit den 
Siegeln ihres Herren, des edelen Herren Curdt von 
Schöneberg und mit dem des Yollbrechts von Rose- 
beke, welche diesen Kauf getedingt hatten*). 

Im Jahr 1412 — 3 Jahr nach der Umwandlung 
des Klosters Bödicken in ein Mannskloster — schliessen 
Burchard der ältere von Pappenheim und seine Söhne 
einen Vertrag mit dem Herren Joa. Woelen, Prior to 
SwoUe, — zur Zeit der oberste Prälat des Stifts Bö- 
dicken^ wonach sie sich verpflichten : dem Kloster 1 Mark 
Geldes, 3 Malter Korn und 7 Malter Korn aus ihren 
Höfen in Haueda in ein Haus in Warburg, jährlich an 
jedem Michaelistage zu liefern. Der eine von diesen 
Höfen gehörte zur Zeit dem Bürger Johann Knokel aus 
Geismar und wurde von Hermann FüUings bewirth- 
schaftet, welcher die 3 Malter Korns zu liefern hatte. 
Die anderen Höfe, aus welchen 7 Malter Korns zu 
liefern waren, bebauten die Meier Henke Isenake und 
Hermann Heppe. — 1596 übertrugen der Prior Hein- 
rich, der Subprior Johannes, der Prokurator Conrad 
und der ganze Convent des Klosters Bödicken gegen 
Bezahlung einer Summe Geldes dem Bürger zu Drin- 
genberg Antonius Riesen und seiner Hausfrau Gatharina 
2 Malter Korns Rente aus dem Hof, welchen Abraham 
Schürf als Meier bebaute. Das Kloster hatte diesen 
Hof, ehemals gegen einen ebensogrossen, — den von 
Pappenheim 's gehörigen, — eingetauscht. 

Nach dem Tode des Rentschreibers in Dringenberg 
— des Antonius Riesen — wurde seiner Wittwe dieser 



*) Copialbnch der von Pappenheim Bl. 209 p. 1 f. 



433 

Verkauf der 2 IM alter Kornrente, von Raban Osterholz 
und Raban Wippemiann von Lippspringe, im Namen 
des Convents za Bödicken nachmals bestätigt. Die 
orkundlichen Nachrichten über den Besitz des Klosters 
hören hiermit auf*) und wahrscheinlich hat das Kloster 
seine Güter in Haueda nach und nach veräussert. 

Das freie weltliche Stift Herse besass ebenfalls 
Besitz- und Lehensherrlichkeit über das Amt Haueda. 

Schon im Anfang des 14. Jahrhunderts erwarben 
die Pappenheim's zu Liebenau in Haueda viele Güter. 
Liebenau befand sich schon im Jahr 1300 im Besitz 
des Ritters Werner von Westerburg und des Ritters 
Conrad, genannt Sailcherus **)y und seines Bruders^ des 
Knappen Conrad ***), Der Mitbesitz von Liebenau ging 
dann wahrscheinlich sehr bald darauf an den Ritter 
Herbold von Pappenheim von der Cugelnburg bei Volk- 
marsen über, da derselbe schon vor 1309 in Liebenau 
ansässig gewesen sein muss. 

1309 in vigilia ascensionis (Aug. 21.) leiht Her- 
bold von Pappenheim zu der Liebenau dem Werner von 
Howede 10 Mark schw. Pfennige Warburger Währung 
auf das ihm vom letzteren verpfändete Gut in Howede, 
wobei die schon früher von Werner von Howede, dem 
Herbold von Pappenheim gegebenen Verschreibungen ihre 
Kraft behalten sollten. Herbold von Pappenheim erwarb 
überhaupt schon viele Ländereien in Haueda, worüber 
sich noch viele unedirte Urkunden vorfinden. Seine 
Söhne, der Probst von Bustorf (bei Paderborn), Burchard 
von Pappenheim und sein Bruder, der Knappe Herbold 
V. P., beides Söhne des Ritters Herbold von Pappen- 
heim (f 1347), sowie ihre Erben, erwarben nach und 



*) Marburger St Archivakten, Politisohe Abth. Paderborn. 
**) Der Name Sailcherus kommt sonst nirgends vor; vielleicht 
soll es Sonltetos heissen. 

***) Copialbnch der Stadt Liebenau; Marb. Staatsarchiv. 
N. V. Bd. xvui. 28 



434 

nach fast alle Ländereien in Haueda, nebst dem Zehnten 
daselbst and dem Patronat über das Pfarrlehen. Die 
Kirche zu Haaeda war wahrscheinlich von jeher von 
einem eigenen Geistlichen versehen worden, und der 
unweit von Haaeda gelegene Ort Grimmeisheim gehörte 
zum Kirchspiel Haaeda. Die Oberlehensherren von 
Grimmeisheim waren die edlen Herren von Schöneberg. 

1331 ipso die Priscae Virginis (18. Jan.). Der 
edle Conrad von Schöneberg senior bezeugt, dass 
der Knappe Ludolph von Drybergh mit seinem Consens 
und dem seiner Gattin Älborgis und seiner Erben, dem 
Ritter Herbold von Pappenheim den halben Theil des 
Zehnten zu Grimelssen für 10 Mark reinen Silbers — 
auf Wiederkauf in 7 Jahren — verkauft habe*). 

1367 in die Sanctae Luciae Virginis (13. Dez.). 
Herbold von Pappenheim versetzte den halben Zehnten 
in Grimelsen an den Bürger Herbold Leynemann für 
10 Mark Silbers, wovon 1 M. S. = 10 Mark schwerer 
Warburger Pfennige war**). 

1411. Post diem Bxaltationis S. Crucis (Sept. 14.)* 
Burchard, der Edelherr von Schonenberg und Heinrich 
sein Sohn — der Edelherr — belehnen mit Hand und 
Mund den Burchard von Pappenheim, ihren Oheim mit 
Grimelssen, dem Zehnten daselbst und seinen Zubehö- 
rungen, wie die von Martesshausen, denen Gott Genade, 
diese Lehen von ihnen gehabt haben***). 

In dem alten Güterregister des Stammer Archivs 
vom J. 1573 t) wird das Pfarrlehen in Haueda zuerst 
im J. 1362 erwähnt. Ferner finden sich darin noch : 
a. 1325 Recognition eines Kaufs über den 4ten Theil 
und den löten Theil des Zehnten zu Haueda. 1335 



♦) C.-B. aller v. P. El. 112 p. 2. 
**) C.-B. d. v. P. Blatt 27 p. 1 ; Falckenh. Sehr. S. 73. 
***) C.-B. d. V. P. Bl. 366 p. 2. 

t) Stammer Archiv. 



435 

wurde zwischen Jobann von Pappenheim und Berthold 
von Geismar ein Rezess über den 4ten und 6ten Theil 
des Zehnten zu Haueda abgeschlossen. 1395 kam der 
ganze Zehnte zu Haueda durch Kauf in den Besitz der 
Pappenheim-Liebenau und 1399 Purificationis S. Mariae 
Virginia (Februar 3.) belehnen Burchard, der Edelherr 
von Schonenberg und Heinrich sein Sohn, den Burchard 
von Pappenheim — ihren Oheim — erblich mit dem 
Zehnten zu Haueda, als ein Mannlehen*}. Das Gericht 
und die Dienste zu Haueda wurden 1392 Dominica die 
ante festum Dionisij et sociorum ejus (Oct. 6.) von 
Johann von Spiegel zum Desenberg durch Verzicht- 
leistung an Burchard von Pappenheim übertragen**). — 
Laut folgender Urkunden erwarben die von Pappenheim- 
Liebenau die Höfe und Güter nebst der Mühle und dem 
Patronat über die Kirche auf folgende Weise: 

1326. Feria sexta prozima post Octavam Epi- 
phaniae ejusdem (Jan. 20.). Sophie, die Wittwe des 
verstorbenen Conrad Scultetus und ihre Söhne, die 
Knappen Conrad, Heinrich und Gerhard, verkaufen dem 
Ritter Herbold von Pappenheim und seiner Gattin Erm- 
gard (von der Ässeburg) und ihren Erben — mit anderen 
Gütern — 2 Hufen im Felde zu Howede mit allen ihren 
Zubehörungen, für 100 Mark schwerer Pfennige War- 
burger Währung. Die Verkäufer versprechen in Gegen- 
wart des Edelherrn Conrad von Schonenberg, mit Con- 
sens des Conrad gen. Scultetus, des Bruders des verst 
Conrad gen. Scultetus, Verzicht auf alle ihre Rechte an 
diese Güter zu leisten. Als Zeugen werden genannt: Ghyso 
von Roderkessen, Mönch in Hasungen, Heinrich Schyne- 
bein, Richter in Liebenau und Hermann Rucae***). 

1337. Proxima feria quarta post Octavam Epi- 
phaniae Domini (Jan. 22.). Der Knappe Johann genannt 

^ *) C.-B. d. V. F. Bl. 366 p. 1. - ♦♦) Ebenda El. 184 p. 2. 

- ♦♦♦) Ebenda ßl. 38 p. 2. 

28* 






n 



436 

Howede verkauft mit der Zustimmung seiner Hausfrau 
Friderun und seines Sohnes Werner, seinen Haupt* oder 
grossen Hof — auf Wiederkauf — für 32 Mark War- 
burger Pfennige an Hermann Russen in Warburg. Die 
Brüder Albert, Johann und Heinrich von Schartenberg 
gaben als Lehnsherren ihre Zustimmung zu dem Ver- 
kauf*). 

1338. Proxima feria secunda post invocavit (2. 
März). Johann von Howede verkauft mit der Zustim- 
mung seines Bruders Werner, seiner Hausfrau Hampa, 
seines Sohnes Johannes, seiner Töchter Lucia und Hampa 
und aller seiner Erben, seine halbe Hufe im Felde zu 
Howede mit dem Achtwort (Holzgerechtsame) und mit 
einem halben Haus im Dorfe Haueda, für 11 Mark 
schwerer Pfennige Warb. Währ, an Herren Pfarrer 
Dietrich zu Liebenau und den Knappen Werner von 
Westerburg. Zur Gewähr und Bestätigung dieses Ver- 
kaufes verlangt Johann von Haueda, dass Ritter Her- 
bold von Pappenheim mit seinem Siegel siegelt**). 

1342. Am Tag S. Martins des h. Confessors (Nov. 
11.) verkaufen der Ritter Rave von Driburg und sein 
Sohn, der Knappe Berthold, alle ihre Güter im Felde 
zu Haueda, welche sie von ihrer Grossmutter und Mutter 
geerbt haben — auf Wiederkauf in 8 Jahren — , an 
den Ritter Herbold von Pappenheim. Elisabeth, die 
Mutter Bertolds von Driburg und die Hausfrau des ge- 
nannten Ritters Rave von Driburg und auch die Schwester 
derselben, die Wittwe Hampa von Stockhausen, geben 
ihren Consens zu diesem Verkauf und versichern dem 
Ritter Hermann von Calenberg, durch eine Handtastunge, 
den Vertrag getreu zu halten. Heinrich und Ludolf 



♦) O.-B. d. V. F. Bl. 68 p. 1 f; Falckenh. Sehr. S. 125. 
♦♦) Ebenda Bl. 22 p. 1 ; Falekefih, Sohl-. S. 58. 



437 

von Driburg verbürgten sich als Zeugen bei diesem 
Vertrage für ihre gleichnamigen Blutsverwandten*). 

1344. Feria quarta ante Lätare (März 10.). Hampa, 
die Wittwe Hermanns von Stockhausen, verspricht dem 
Ritter Herbold von Pappenheim allen Schaden aus ihren 
Gütern zu ersetzen, wenn letzterer dieselben übernehmen 
würde. Auch im Namen ihrer Schwester Elisabeth 
schloss sie diesen Vertrag ab und siegelte mit dem 
Siegel des Hermann von Calenberg **). 

1348. In ' vigilia Apostoli Jacobi (Juli 24.). Der 
Knappe Johannes von Howede verkauft mit der Erlaub- 
niss seines Blutsverwandten, Werner von Howede und 
seiner Erben, eine jährliche Rente von einer Mark aus 
seinem Gut im Feld und Dorf zu Howede, für 10 Mark 
schw. Pfennige Warb. Währung, an den Probst in Bustorf. 
Burchard von Pappenheim und seinen Bruder den Knappen 
Herbold v. P. zu Liebenau. Das Gut wurde damals 
von den Brüdern Hartmann und Werner Rasoris in 
Liebenau bebaut. Auf die Bitte des Verkäufers hatte 
auch Johannes von Howede junior sein Siegel an den 
Brief gehängt***). 

1349. Feria sexta ante quasimodogeniti (April 17.). 
Die Brüder Johann, Hillebrandt und Bertold von Hoppeke 
nebst ihren Schwestern Gisela und Gertrud, verkaufen 
dem Probst von Bustorf Burchard von Pappenheim 
und seinem Bruder, dem Knappen Herbold, Vk Hufen 
von ihrem Erbgut zu Haueda für 20 Mark f ) schwerer 
Pfennige Warb. Währung. Als Zeugen werden genannt: 
Stephan von Haldessen und Dietrich von Twiste, Ritter, 
und Hermann von Hiddessen^ Knecht. Ausserdem waren 
bei dem Handel: Herr Dietrich Pfarrer zu Liebenau, 



*) C.-B. d. v. P. Bl. 204 p. 1 f ; Falekenh, Sehr. 8. 246. 
**) Ebenda Bl. 21 p. 2; Falokenh. Sohr. S. 63. 
♦**) Ebenda BL 16. 
t) Ebenda BL 206 p. 1 f ; Falekenh. Sohr. 247. 



488 

Herr Johann Eirchherr zu Hombressen, Degenhardt 
Gellermann und Werner Mannegoldt und andere*^). 

1349. In octava Beati Laurentii Martyris (Aug. 17.). 
Hampa, die Wittwe des Knappen Hermann von Stock- 
haasen, Johannes und Ladolph ihre Söhne, verkaufen 
den dritten Theil von 11 Hufen Landes im Hauedaer 
Feld und all' ihr Gut mit der Mühle an den Probst zu 
Bustorf, Burchard von Pappenheim und seinen Bruder 
den Knappen Herbold, für 24 Mark reinen Silbers, wie 
es gang und gäbe in Warburg ist. Im Falle sie das 
Gut wieder verkaufen würden, soll der Kauf aus eigenen 
Mitteln und auf ihre Kosten bewerkstelligt werden. 
Dieser Verkauf soll ausserdem für ihre Verwandten 
Gültigkeit haben, nämlich für Johann von Stockhausen 
ihren Onkel und ihren Vetter Detmar von Stockhausen, 
den Sohn des verstorbenen Ritters Johann von Stock- 
hausen aus Münden**). 

1351. Die dominica qua cantatur uuiversis (Mai 10.). 
Die Brüder Dietrich und Stephan von Haldessen erklären, 
dass ihr Vetter Heinrich von Haldessen mit ihrer Be- 
willigung V3 des Gutes zu Haueda, welches ihnen vom 
Ritter Bertold von Howede zugefallen ist, an den Probst 
zu Bustorf Burchard von Pappenheim und seinen Bruder, 
den Knappen Herbold, für 2 Mark Silbers Warb. Währ, 
verkauft hat. Dietrich und Stephan von Haldessen 
siegeln für Heinrich von Haldessen, weil dieser kein 
Siegel hat***). 

1351. In octava Beati Martini Episcopi (18. Nov.). 
Die Brüder Grope und Johannes genannt von Goden- 
borg verkaufen mit Erlaubniss ihrer Vettern Ludolf und 
Otto von Godenborg eine halbe Hufe Landes im Ho- 
weder-Feld mit einem freien Platz oder Dreschboden 



♦) C.-B, d..v..P. Bl. 206 p. If; Falekenh, Sehr. S. 247. 
*♦) Ebenda p. 20; Falckenh, Sehr. S. 61. 
♦♦♦) Ebenda S. 207 p. 1 f. 



439 

im Dorfe Haueda, welchen ehemals Bernhard von Eckers- 
hausen besessen hatte, für 6 Mark schwerer Pfennige *), 

1353. Des nächsten Sonnabends nach Bonifacius 
(Juni 8.). Hampa und Lucia, die Töchter des verstor- 
benen Johann von Haueda verkaufen dem Probst in 
Bustorf Burchard von Pappenheim und seinem Bruder 
Herbold 2 Hufen in der Mark zu Haueda, wovon eine 
Rottstede ausgenommen wurde, für 30 Mark schwerer 
Warburger Pfennige. Der Edelherr Junker Curdt von 
Schonenberg hängte sein Siegel daran '^). 

1354. Ipso die vinculi S. Petri Apost. (Aug. 1.). 
Die Brüder Johann und Werner von Martesshausen ver- 
kaufen 3 Hufen Landes und eine Rottstede in Howede 
an ihren Junker, den Knappen Herbold von Pappenheim 
in Liebenau, für 13 Mark schwerer Warb. Pfennige ***). 

1355. In vigilia Thomae Apostoli (Dez. 20). Ludolf 
Marschalk, Knecht, bekennt : dem Knappen Herbold von 
Pappenheim-Liebenau 7 Mark schwerer Pfennige W. W. 
und 2 Schillinge, die er an Curd Jude bezahlt hat, 
schuldig zu sein und entsagt — wenn seine Mutter 
sterben würde — der Wiederlösung des Gutes zu Ho- 
weda, welches denen von Pappenheim zum Pfände stand, 
— er müsste denn denen von Pappenheim die ganze 
Schuld in einer Summe bezahlen f). 

1363. An des heil. Kreuzestag, als es erhoben 
ward (Sept. 14.). Die Brüder Johann Ludolf und Curdt 
von Bussen verkaufen dem strengen Mann Herbold von 
Pappenheim zu der Liebenau, Mettiken seiner Hausfrau, 
Herbold und Burchard seinen Söhnen, 3 Hufen Landes im 
Felde zu Haueda für 44 Mark schwerer Warburger Pfennige. 
Für Curdt Bussen siegelt sein Oheim Frenke Linnen ff). 



*) C.-B. d. V. F. p. 19; Falckenk. Sehr. 61. 
**) Ebenda Bl. 208 p. 1 f ; Fßlek^, Solu-. 249. 
*♦*) Ebenda Bl. 210 p, 1 f. — f) Ebenda Bl. 183 p. 2. 
tt) Ebenda; Falehenh, Sehr. 251. 



440 

1374. In Octava Apostolonim Petri et Pauli 
(Juli 6.). Dietrich und Stephan von Haldessen verkaufen 
ihrem lieben Neffen, dem Herbold von Pappenheim za 
Liebenau und Mettiken seiner ehelichen Hausfirau, Her- 
bold und Burchard ihren Söhnen und allen ihren Erben, 
eine Hufe Landes auf dem Felde zu Haugede mit aller 
Schlacht-Nutz- und Zubehörung im Felde und Wasser, 
in Wiesen und Weide. Ausserdem zwei Malter Korns in 
dem grossen Hof, ein Malter Heuern, Geismarsches 
Masses vor lOlödige Mark Warb. Währunge*^). 

1403 versichern Gerhardt von Spiegel und Dietrich 
von Niebäusen, des verstorbenen Enngehardts Sohn, 
dass der Knappe Burcbardt von Pappenheim ihnen einen 
Brief Bernd Marschalks — uppe Guit tho Howede — , 
den ihnen Hans Müntzer zu Warburg hatte geantwortet, 
abgelöst habe. Gerdt Spiegel siegelte mit seinem Siegel 
und Dietrich von Niehausen mit dem seines Schwagers 
Hermann Juden**). 

1418. Feria tertia post dominicam Judica (März 15.). 
Henrich von der Malsburg, Werners Sohn und seine 
Vettern, Johann und Hermann von der Malsburg, ver^ 
kaufen dem Ritter Burchardt von Pappenheim den 4 ten 
Theil ihrer Güter zu Haueda***). 

Die Schutzvogtei über das freie, weltliche Stift 
Herse stand den Edelherren von Schöneberg zu, nach 
dem Erlöschen dieses Dynastengeschlechts (a. 1429) kam 
dieselbe an die Landgrafen zu Hessen. 

1471. Sontag Blasii (3. Febr.) belieh Landgraf 
Ludwig II. zu Hessen den Friedrich und Burcbardt von 
Pappenheim mit dem Zehnten zu Haueda, einem Hof 
mit 3 Hufen und dem Kirchlein daselbst f). 



•) C.-B. d. V. P. BL 217 p. If; Ealehmh, Bohr. 263. 
**) Ebenda BL 197 p. 1 f. 
*♦*) Neues C.-B. d. v. P. III B. S. 106. 
t) Marburger Staatsarchiv« Lehen, Paderbömer Akten. 



441 

Der Besitz des freien, weltlichen Stifts Herse, 
welchen — nach einer Urkunde a. 1474 Dez. 5 — Her- 
bold, Burchardt und Friedrich von Pappenheim zu Lehen 
von demselben trug, bestand nach Angabe dieser Ur- 
kunde wörtlich: — aus dem Amt zu Haueda — da 
hört ihm ein bauhafKg Hof von 7 Hufen Landes und 
7 Kottstedden, die Molle zu Howeda; — behaltlich 
unser Abtey jährlich daraus Pacht: 3 Mark Warbur- 
giscber Pfennige. In Folge des 30jährigen Krieges 
waren diese Hersischen Lehen der von Pappenheim theils 
verwüstet, theils verpfändet worden, wesshalb die Lehn- 
kammer des Stifts Herse ihre Lehnträger ihrer Lehen 
für verlustig erklärte. Doch im Jahr 1716 wurden die 
von Pappenheim mit den Hersischen Lehen ex nova 
gratia wieder beliehen und behielten dieselben — nach 
zahbeichen Urkunden*) — bis zur Säkularisation des 
Stifts Herse 1803 von demselben zu Lehen. 

Haueda scheint von dem Hessisch -Paderborner 
Krieg (1465 — 1471) wenig berührt worden zu sein, 
welcher die Diemellandschaften so schrecklich verwüstete, 
doch in den danach folgenden Fehden zwischen den 
Spiegels zum Desenberg und Pappenheims-Liebenau 
wurde die Mühle daselbst in Asche gelegt, wie aus den 
Prozessakten des Stammer Archivs vom Jahr 1534 — 1577 
hervorgeht. Nachdem diese Prozessverhandlungen über 
die Entwickelung und das Aufblühen des Dorfes Haueda 
im 1 6. Jahrhundert werthvoUe Beiträge lieferten, so wird 
eine eingehende Beschreibung desselben hier am Platze 
sein. Veranlassung zu dem Prozess gab Folgendes : 
Friedrich, Gerhardt und Conrad von Spiegel zum Desen- 
berg hatten, in Gemeinschaft mit den Amtsknecbten 
zum Schartenberg, durch ein Verbot den Georg, Chri- 
stoffel und Sittich Herbold von Pappenheim zur Lie- 

*) C.-B. d. v. P. Stammer Archiv, 



442 

benaa an der Ausübung ihrer Berechtigungen über ihre 
Schaftriften zu Haueda gehindert. Bald nachdem der 
Prozess hierüber bei dem Hof-Canzlei-Gericht in Cassel 
eingeleitet worden war, wurde ein Termin angesetzt, 
welcher dann im Jahr 1536 am 26. November stattfand. 
Dnter dem Vorsitz einer fürstlichen Kommission wurden 
am genannten Tage, um 11 ühr, — in Anwesenheit der 
Parteien — die Verhandlungen in dem Prozess eröffnet. 
Bei dem Beginn der Verhandlungen wiesen die Herren 
von Spiegel einen auf Pergament geschriebenen alten 
Hauptbrief vor, in welchem von einer Mühle die Rede 
war. Im Schilde des grossen an dem Hauptbrief hängen- 
den Siegels bemerkte man 7 Kegel oder Runen. Das 
Wappen war jedoch nicht bekannt, weshalb der Haupt- 
brief, als nicht rechtskräftig, von den fürstlichen Kom- 
missaren zurückgewiesen wurde. Fünf aus Haueda be- 
stellte Zeugen wurden dann vereidigt. Die Zeugen 
waren: 1) Roitiger Scheffer; derselbe war 60 Jahr alt, 
hatte über 100 Gulden Vermögen und stand im Dienste 
der Herren von Spiegel. Für dieselben musste er in 
der Ernte 1 Tagwerk Frucht einführen, 1 Tag düngen 
und, wie jeder Eingesessene zu Haueda, jährlich ein 
Fuder Holz einführen. — 2) Thies Bolten; derselbe war 
55 Jahre alt, hatte 100 Gulden Vermögen und stand 
nicht im Dienste der genannten Parteien. — 3) Curdt 
Bolten; derselbe war über 60 Jahr alt und hatte 100 
Gulden im Vermögen. Ehemals war er 30 Jahr Vogt 
bei den Spiegels gewesen, wesshalb er sich denselben 
aber nicht mehr verpflichtet hielt und die volle Wahr- 
heit auszusagen versprach. — 4) Henn Bolten, welcher 
mit Weib und Kindern zu den Eingesessenen Haueda^s 
gehörte. Sein Bruder war Thies Bolten und sein Vetter 
Curdt Bolten. Dem Rentmeister zu Grebenstein — Jost 
Speden — hatte er bekannt, dass er den Pappenheim's 
durch einen Eid verpflichtet sei, da er für dieselben den 



443 

jährlichen Kornzins einzufordern habe. Jost Speden 
versicherte ihm jedoch^ dass ihm dies nicht hinderlich 
sein könne, die volle Wahrheit auszusagen. Sein Ver- 
mögen betrug 20 Gulden. — 5) Der Ackermann Heinrich 
Plante, welcher 40 Gulden im Vermögen hatte und 70 
Jahr alt war. 

Deber die Gerechtsamen und Besitzverhältnisse, 
wie sie den erschienenen verschiedenen Parteien zu- 
ständen^ sagten die Zeugen Folgendes aus: 

Die Gerichtsbarkeit oder Oberherrlichkeit zu Haueda 
stände zur einen Hälfte dem Landgrafen und zur an- 
deren Hälfte den Spiegels zu. Der Zehnte zu Haueda, 
sowie auch alle Abgabefi — ausser 4 — 5 Maltern — 
gehörten den Pappenheims-Liebenau. Der Zehnte be- 
stände in Scheffelgulden vom Lande. Zur niederen 
Jagd auf Hasen seien die von Pappenheim ebenfalls 
berechtigti während ihnen die hohe Jagd nicht zu- 
stände. Sämmtliche Schaftriften in Haueda seien von 
jeher im Besitze der von Pappenheim gewesen und die 
Nutzung der Beitriften wäre ihnen vor 4 — 5 Jahren nur 
durch ein widerrechtliches Verbot von denen von Spiegel 
und den Amtsknechten von Schartenberg entzogen 
worden. Heinrich Plant führte noch zum Beweise, dass 
die V. P. immer alle Schaftriften in Haueda besessen 
hätten, folgendes an: Mehr als dreitausend Schafe ge- 
hörten in der Mark Haueda den Hrn. v. P. und zu einer 
Schaftrift wurden nicht mehr wie 400 Schafe als zuge- 
hörig gerechnet. Es sei daher ganz unzweifelhaft, dass 
die durch das Verbot den von Pappenheim entzogenen 
Beitriften von jeher zur Hauedaer Mark gehört hätten. 
Die Pappenheim'schen Schäfer Boitiger und sein Sohn 
Heine hüteten jetzt mehr als 400 Schafe auf einer Trift, 
während sie früher noch auf einer Trift gehütet hätten, 
die ihnen jetzt — durch das schon genannte Verbot — 
entzogen worden wäre. Auch der P. Schäfer Donge 



444 

Weimers sei ebenfalls durch das Verbot verhindert worden^ 
auf der Trift seine Schafe zu hüten, die er immer in Be- 
nutzung gehabt habe, und er müsse nun auch auf der 
Trift seines Schwiegervaters^ des Roitigers hüten. 

Die Höfe in Haueda, von welchen die von Pappen- 
heim Zins zu fordern berechtigt seien, benannte der 
4te Zeuge — Henn Bolten — folgendermassen : 

1. Den Bukhof, den Thies Bolten von den v. P. ge- 
pachtet habe. 

2. Den Thieshof, den Henn Bolten in Pacht hat. 

3. Den Osthof — Pächter: der Sohn des Plant. 

4. Ein Eotthof — Pächter: Hermann Nolte. 

5. 1 Kotthof hinter dem Thor — Pächter: Johann 
Nolte. 

6. 1 Bauhof gepachtet von den Schwizersch. 

7. 1 Bauhof — Pächterin : Thies Boltens Tochter. 

8. 1 Bauhof — Pächter: Hermann Bolte. 

9. 1 Eotthof — Miether: Isch^erdt Plant. 

10. 2 Kotthöfe — Pächter: Gerwin. 

11. Der Fischerhof — Pächter: Hans Bolten. 

12. 1 Kotthof — Pächter: Truifen. 

13. 3 Kotthöfe — Pächter: der Leinweber. 

14. Eiq grosser Hof — Pächterin: Frau Lynike, von 
dem die jährl. Pacht 5 Malter Guide beträgt. 

15. 1 Kotthof — Pächter : Jacob Thyten. 

16. 1 Kotthof — Pächter: des gnädigen Fürsten 
Knecht, der ein neues Haus darauf gebaut hat. 

17. 1 Haus auf einem Kotthöfe — bei dem Boden- 
kirchhofe — Pächter ist Thonig Winner. 

18. 1 Kotthof — Pächter : Gurt Bolten. 

19. 1 Kotthof a. d. Diemel — Pächter : Thile Kramme. 

20. 1 Kotthof bei den Mühlgraben — Pächter : Adam 
Bolten. 

Wie »Henn Bolten« noch weiter berichtet, ge- 
hörten zu den Gerechtsamen und Einnahmen, welche 



445 

die V. P. jährlich noch von den Bewohnern Haaedas 
zu bekommen hatten: 

1. Der Immenzehnten, der seit 40 — 50 Jahren einge* 
führt wurde, nachdem der Bürger Yolmar aus 
Warbarg dem verstorbenen Vater des Henn Bolten, 
Albert Bolten, eine oder zwei Stiegen Immen, um 
den halben Werth überlassen hatte. 

2. Der Fikelzehnt — seit 50 Jahren. 

3. Der Heuzehnte — sei 24 Jahren. 

4. Der Gänse- nnd Hühnerzehnte — seit 4 — 5 Jahren. 

5. Der 3te Pfennig beim Verkaufe eines Hauses in 
Haueda. 

lieber die Mühle in Haueda berichteten die 5 
Zeugen folgendes: 

Die Mühle in Haueda sei von jeher im Besitz der 
Herrn von Pappenheim gewesen, und dieselbe wäre in 
der Fehde — der von Spiegel gegen die von Pappen- 
heim — von ersteren in Asche gelegt worden. Es ge- 
hörten zur Mühle : 5 Morgen Wiesen, 1 Forlingk Landes 
und der Hof, auf welchem die Mühle jetzt stände. 

Die zur Mühle gehörige Wiese habe Herr Hundt, 
der Pfarrer zu Haueda, von Herren Johann Wirken- 
berger f&r die Kirche gekauft und in Gebrauch ge- 
nommen. Nachdem der Pfarrer Johann Hundt den 
alten Plant (Heinrich Planta Vater) wegen einer Acht 
(Gerechtsame) todtgeschlagen habe und nach Stammen 
geflüchtet wäre, um sich dem Gefängniss der Herrn 
von Pappenheim zu entziehen, sei die Pfarre zu Haueda 
dem Herren Henrich Eolbes verbentet (verhandelt) 
worden. Herr Heinrich Kolbes sei kurz darauf ge- 
storben und Herr Johann Hundt lebe noch in Stammen. 
Das Pfarramt in Haueda kam dann an den Pfarrer 
Johann Peters (wahrsch. der Pfarrer in Liebenau) — 
und derselbe sei nun verpflichtet Zinsen fär die Wiese 
dem Stift Herse zu bezahlen. Früher sei dieser Zins 



446 

für die Wiese von dem Pappenheim^schen Müller zn 
Haaeda bezahlt worden. 

Ueber den Neuaufbau der Mühle berichteten die 
Zeugen folgendes: 

Die Spiegels hätten auf die wüste Mühlenstatte 
Ansprüche erhoben, welche ihnen aber von den Be- 
wohnern Haueda^s verweigert worden wären. Die Mühle 
habe den Bewohnern Haueda^s sehr gefehlt^ wesshalb 
dieselben erst einen Neubau der Mühle verlangten, ehe 
sie sich mit den Spiegels in weitere Verhandlungen 
über ihre Ansprüche auf die Mühlenstatte einliessen. 
Die Spiegels wollten aber einen Neuaufbau der Mühle 
nicht gestatten und suchten die Bewohner Hauedas 
daran zu verhindern. 

Der umbau der Mühle geschah indessen doch, 
nachdem die von Pappenheim sich der Hauedaer Ein- 
wohner angenommen hatten. Der Neubau der Mühle 
sei vor 15 Jahren vollendet worden, ohne dass es den 
Herren von Spiegel gelungen wäre, die Bewohner 
Haueda's daran zu hindern, wie die Zeugen femer aus- 
sagten. Das Holz dazu war aus dem Walde geholt 
worden — auf dem sogenannten Grauen. Zum Bau der 
Mühle hatte der Schäfer B.oitiger dem Müller 12 Gulden 
Hauptgeld geliehen und bezog deshalb jährlich 1 Mark 
Zins aus der Mühle. Die von Pappenheim bezogen 
von dem Müller als jährlichen Zins aus der Mühle: 
4 Malter Korns, 2 Gänse, 2 gemästete Schweine und 
3 Mark an Geld. In den Prozessverhandlungen war 
von den Amtsknechten zum Schartenberg und den 
Herren von Spiegel das ganze Hauedaer Holz als ihr 
Eigenthum beansprucht worden. Femer beschwerten 
sich dieselben darüber, dass die Pappenheims unrecht- 
mässiger Weise sich den Rottzehnten angeeignet hätten. 
Das Hauedaer Holz umfasste damals nach Aussage 
der Zeugen einen Flächenraum von sechs bis sieben 



447 

hundert Morgen Landes und war grösser, als die Haue* 
daer Feldmark. Ferner hatten nach Angabe der Zeugen 
die Herren von der Malsburg Holzgerechtsamen im 
Hauedaer Holz. Es gehörte ihnen daselbst der 3te oder 
4te Banm; etwa 40 Acker hätten sie in demselben 
schon roden lassen und verlangten daselbst nun Guide. 
— Ein amtlicher Bericht der damaligen Aebtissin von 
Herse — vom Jahre 1538 April 3. — befindet sich bei 
den Prozessakten*) und lautet folgendermassen: 

^Wir von Gottes Genade, Margaretha, Aebtissin des 
freien weltlichen Stifts Herse, Dechantin zu Gandersee, 
geborne Gräfin von Columna und Bokenem, bekennen 
öffentlich in diesem Briefe, das vor uns kommen ist 
der ehrbare Junker von Pappenheim und sich beklagt 
hat, dass ihm Eintrag geschehen ist in der Mühle, 
welche sie von Uns und unseren Vorfahren zu Lehn 
getragen haben bis auf diesen Tag, und uns alle Jahr 
davon gegeben haben 3 Warburgische Mark, und dies 
Geld Uns länger als 300 Jahr bezahlt worden ist und 
waß vor Titel sein vor Zeiten an der MoUen- und 
Kotenstede aus unser alten wahrhaften Lehnregister 
vom Datum Anno M^ c tertio (1300). 

Als Johann von Haueda starb, da unterwand sich 
des Amtes Haueda Bernd Marschall, Berthold von Dry- 
borgh und Herr Johann von Stockhusen; die haben es 
Herren Borcharde von Pappenheim verkauft: den Hof, 
Kotenstede Mollen zu Howede — davon giebt er: 3 
Mark schwerer Pfennige zu Warburg. — Dieserhalb ist 
Uns freundlicher Begehr, dass ihr den Pappenheim 
ohne Ansprache lassen werdet. A. 1538 nach Christi 
Geburt — Mittwoch nach Lätare. 

Margaretha Aebtissin ingeborne Gräfin 

Columna u. Bokenem. 



*) Prozessakteo des Stammer Archivs. 



44o 

Ein Bechtaspnich^ der hesBischen Regierang 
wurde in diesem Prozess erst am 10. Mai 1552 ver- 
öffentlicht. In demselben worden den von Pappenheim- 
Liebenaa : 

1. die Eriiehung der iZehnten im Dorfe ond Gemar- 
kong von Haneda gestattet; 

2. die Benatzong aDer Triften ond Nebentriften in 
der Hanedaer Mark zugestanden: 

3. ihre Besitzrechte an der Hanedaer Mühle und die 
Einnahmen ans derselben nicht angefochten; 

4. ihnen die Zinsen von den ihnen zugehörigen 
Höfen nnd Kotstedden in Haneda zn erheben er- 
laubt; 

5. die Rottzehnten and Heaem, welche die von 
Pappenheim bisher aas dem Haaedaer Holz be- 
zogen hatten, bis aaf weitere Entscheidung unter 
Sequester gestellt. 

Die Herren von Spiegel wurden in die Kosten 
des Prozesses und zur Bezahlung eines angemessenen 
Schadenersatzes an die von Pappenheim, — wegen 
Störung und Hinderung derselben in ihren Besitzrechten 
und Gerechtsamen — verurtheilt 

Erst im Jahre 1570 März 18**), wurde durch 
einen Rechtspruch des Landgrafen Wilhelm des Weisen 
die Sequestration der Pappenheim'schen Rottzehnten 
und Rottheuren aufgehoben und darüber folgender- 
massen weitere Verfügung getroffen: 

1. Den Pappenheims und ihren Erben sollen die 
Rottzehnten und Rottheuern zur Liebenau — in aller- 
massen sie dieselben vor der beschehenen Sequestration 
in Gebrauch gehabt — nun hinfürter genädiglich bleiben, 
die inmittelst der Sequestration erhobenen und bei dem 
Rath in Cassel deponirten Gelder aus dem Erlös ver- 
abfolgt werden. 

*) rrozeBHakton im Stainmer Archiv. — ♦♦) C-ß. d. v. P. Bl. 219. 



449 

2. Die Rottzehnten und Rott- oder Scheffel- 
Henern zu Haueda bleiben denen von Pappenheim von 
allen bis zur Zeit gerodeten Grundstücken auch ferner, 
dieselben müssen sie jedoch mit dem Feldzehnt daselbst 
zu Mannlehen nehmen. 

3. Weil diese Hauedaer Gefälle bisher aber, wäh- 
rend des Sequesters, von den Beamten zum Zierenberg 
erhoben und hinterlegt oder rückständig geblieben sind, 
so soll dies alles dem Landgrafen bleiben. 

4. Ebenso bleibt alles, was von der geschehenen 
Sequestration und künftig in beiden Feldmarken — 
Liebenau und Haueda — gerodt werden möchte, dem 
Landgrafen, sowohl an Zehnten wie auch an Heuer. 

5. Es bleibt vorbehalten, dass die von Pappen- 
heim, — da über kurz oder lang ausfindig würde, — 
dass sie diese Stücke von wegen der Pfandschaft Lie- 
benau inne hätten, gegen Erlegung des Pfandschillings 
hiervon, wie auch von der Liebenau abgetreten und 
seiner fürstlichen Genaden die Rottzehnten und Rott- 
heuern einzuräumen schuldig seien. 

Ein weiterer Rechtspruch des Landgrafen Wilhelm 
des Weisen vom J. 1577 lautete folgendermassen : *) 

Das ganze Holz 'soll abgemessen werden, damit 
man wisse, wieviel Morgen das ganze Gehölz inne hat. 
Darnach soll dasselbe ganze Gehölze von zwei gleichen 
Theilen von einander geschlagen werden, von ein Theil 
den Pappenbeim allein, und das andere Theil denen 
von der Liebenau und Haueda zusammen folgen. Und 
sollen die von Pappenheim, den beiden sogenannten 
Communen, von ihrem halben Theil noch 50 Acker ab- 
messen, welche die von Liebenau und Haueda, sammt 
erwähnten ihrem ^halben Theil unter sich ferner theilen 
sollen, was dann jedem Parth zu Theil gefallt, das 
soll mit Graben und Markstein vermalsteinet werden 

*) Marburg. Staatsarohiv, Liebeoauer Akten, M. St. V 383. 

N. F. Bd. XVUL 29 



450 

and soll ein jeder Parth auf sein Theil Waldes: die 
Beholznng zam Bau und Befenning, aach zum Hauen 
und Hegen, auch zur Mast allein haben, aber die Hude 
im Laub and Graß äff dem ganzen Haaeder Holz 
soll den ermelten dreien Partbeien darchaas insgemein 
eine Kappelweide sein. Da Gott Eichel oder Bach- 
mast bescheeret, alsdann soll jeder Theil der Kappel- 
hude aof des andern Theil sich enthalten, bislang die 
Mast von demselbigen — dessen Theil sie ist — aaf- 
geseyet werden. Es soll auch jedem Theil gestattet 
sein, in sein Antheil seines Holzes Haaang in Gehege 
za legen und soll solches dem Oberförster angemeldet, 
werden, es den anderen anzuzeigen und zu befehren 
sich der Hauang und Hegung eine Zeitlang, bis es 
wiederumb in die Höhe .des Viehes aus dem Munde 
wachset, zu enthalten. Der Jahre und der Zeit aber 
solches Hegens und Zuschlagens sollen die Partheien 
sich nachbarlich vergleichen, oder sich derselben durch 
den Oberförster vergleichen lassen, nnd sollen solche 
Gehege alle drei Partheien mit dem Viehe verschonen. 
Sollt aber einer dem anderen Schaden zufügen, so soll 
Pfändung eintreten, der Schade besichtigt werden vom 
Gericht zu Schartenberg, und der Schaden zurück- 
erstattet werden. 25. Juli 1579 ist dies vom Landgraf 
genehmigt. 

Die Herren von Spiegel, welche gar keine Holz- 
berechtigungen in dem Hauedaer Holz besessen hatten, 
werden in den Rechtssprüchen über das Hauedaer Holz 
gar nicht mehr erwähnt. Die Herren von der Malsburg 
waren schon in den Jahren 1555 und 1556 von ihrer 
Pfandschaft auf die eine Hälfte der Stadt Liebenau ab- 
gefunden worden und hatten desshalb keine Holzberech- 
tigung mehr im Hauedaer Holz. Auch den von Pappen- 
heim war ihre Pfandschaft schon im Jahr 1551 auf ihre 
Hälfte der Stadt Liebenau gekündigt worden, und es 



451 

sollte dieselbe mit 5000 Galden ausgelöst werden. Doch 
unterblieb dies und die von Pappenheim behielten ihren 
Antheil an dem Hauedaer Holz. Nach Ausmessung des 
Hauedaer Holzes in a. 1577 (Juni 1.) bestand sein 
Flächeninhalt aus 482 Morgen und 25V8 Ruthen Land. 
Die Oberförster Bernard Keudel, Jost Diedemar und 
Hans Mulner waren mit der Vermessung des Hauedaer 
Holzes, welches aus Hochholz, Gesträuch und Hegeholz 
bestand und zudem noch der Brand, der Kegelgrund, 
die Lied oder Leiten, der schriffer Hagen und noch andere 
Oerter gehörten, beauftragt gewesen. 

lieber die ehemalige Kirche zu Haueda ist Fol- 
gendes zu bemerken: 

Schon im Anfang des 16. Jahrhunderts wird in 
einer Urkunde, welche von Friedrich, Johann, Herboldt 
und Georg von Pappenheim ausgestellt wurde, Johann 
Kommel als ihr Kaplan bezeichnet. Das Pfarramt zu 
Haueda hatte derselbe damals schon als Vikar verwaltet. 
In der Reformationszeit, als die am 21. October 1526 
beschlossene hessische Kirchenordnung in Haueda ein- 
geführt werden sollte, musste Johann Kommel jedenfalls 
noch Studien absolviren, um das Pfarramt daselbst zu 
verwalten. Als Vikar hatte derselbe von den verstor- 
benen Herboldt, Friedrich, Johann und Georg von Pappen- 
heim schon zur Ausübung seiner Studien folgende Län- 
dereien erhalten: 

1) Zwei Hufen Landes in Ostheim, welche an An- 
dreas Drüken vermeiert waren, welche jährlich 
2 Malter Partim und 1 Malter Gerste Geismarsches 
Maas an Pacht gaben. 

2) Item zwei Hufen Landes im Felde zu Riksen vor 
Grebenstein, welche der Bürger Curt Otto in Greben- 
stein als Meier bebaute. Die jährliche Pacht be- 
trug 3 Malter Partim Geismarsches Maas. 

29* 



452 

3) Vierzehn Scheffel Partim ans dem Pappenheim'schen 
Meierhof in Lamerden, welchen Georg Kommet in 
Pacht hatte. 

Im Jahr 1565 am Tage Conversionis Pauli mosste 

der nunmehrige Pfarrer in Haueda Johann Rommel über 

I die obigen Lehen wie auch sonstigen Beiehnungen mit 

Gütern^ die zu dem Pfieurramt gehörten, zwei Reverse 
ausstellen und sich darin auch verpflichten: der Ge- 
' meinde und den Pfarrkindem zu Haueda mit Lehre 

und Leben, auch Reichung des hochwürdigen Sakraments 
nach des löblichen Fürstenthums Eirchenordnung u. s. f. 
als ein frommer und getreuer Pastor verwalten zu wollen. 
Zu den Pfarrlehen zu Haueda gehörten noch folgende 
Ländereien ans den freien Erbgütern der Patrone: 

1) 5 Malter Warburgisch Maas aus dem Meierhof 
von . . . Hufe Landes . .*., welche damals Curt 
Fehling zu Haueda bebaute. 

2) Zehnthalb Mark Geldes von zwei Wiesen daselbst, 
so zum Garten gemacht. (Von dieser Zehnthalben 
Mark musste der Pfarrer zu Haueda der Aebtissin 
des Stiftes Herse jährlich eine Mark Geldes heraus- 
bezahlen.) 

3) Sechs Albus Jörg SchefTers auch daselbst aus 
seinem Hause zusammt 4 Hennen und vier Stiegen 
Eier *). 
1681 Dienstag nach Ostern (März 26.) fand in 

Gegenwart des Superintendenten Bartholomäus Meier 
im Niederfürstenthum Hessen, des Pfarrers Ludwig von 
Bredenbach, des Rentschreibers Ludwig Streben von 
Zierenberg, des Pfarrers Bartholomäus Melperr zu Haueda 
und der Kastenmeister in Haueda Adam Holten und 
Thies Schweizer der Verkauf eines 4 Morgen grossen 
Wiesenplatzes an den Herrn Engelhard von Spiegel zum 

♦) C.-B. d. V. P. Bl. 629 p. 2 ff. u. Bl. 528 p. Iff; Falckenh. 
Sehr. S. 407 u. 406. 



453 

Desenbeig für 200 Thaler, wovon jeder 32 Albus werth 
war, welcher der Kirche und dem Armenkasten in Haueda 
gehörte, statt. Der Verkauf war mit der Bedingung 
des Wiederkaufs mit vierteljähriger Kündigung abge- 
schlossen worden. Die 200 Thaler Verkaufsgeld wurden 
zum Nutzen des Armenkastens in Kornzins angelegt. 
Die Wiese wurde von der Gemeinde Haueda am 16. April 
1600 von dem Verkäufer für 200 Thaler wieder zurück- 
gekauft*). Der Nachfolger des hier genannten Pfarrers 
Melperr zu Haueda war Adolf Bode, welcher im Jahr 
1615 von einem Bewohner Haueda's, als er ihm seine 
Laster vorhielt, erstochen wurde**). 

Im 30jährigen Krieg wurde der Pfarrer zu Haueda 
von dem feindlichen Kriegsvolk mit fortgeschleppt, aber 
dann wieder von seiner Gemeinde ausgelöst. In der 
alten Hauedaer Kirche ist am 21. Aug. 1719 Friedrich 
Lüppert von Pappenheim begraben worden. 

Auch Wilhelmine Caroline von Pappenheim, die 
Hausfrau des verst. Rabe Christian von Pappenheim 
zu Grimmeisheim, gest. 3. Juli 1795, wurde vor dem 
Altar in der Kirche begraben***). 



Nachtrag. 

Warburger MünxverhäUnisse nach einer Warburger 
Chronik aiis Lh\ W. Eosenmeier*s Nachlass, 

Anno 1397 wurden 40 Mark Warburger Pfennige mit 

48 Goldgulden bezahlt, 
im Jahr 1630 mussten 30 Mark lödigen Silbers vom 

Jahr 1360 mit 240 Goldgulden eingelöst werden. 

*') Akton des Marburger Staatsarchivs, Paderb. Abtheilung. 
♦*) Kirchenbuch in Haueda. 

***) Laut Kirchenbuch und Attest des Pfarrers Johann Daniel 
Martin zu Haueda vom 5. Mai 1749. 



454 

40 Mark Silbers, welche die Stadt Mengeringhaasen im 
Jahr 1373 dem Grafen Heinrich von Waldeck geliehen 
hatte, massten im Jahr 1630 mit 320 Goldgulden 
eingelöst werden. 

Im Jahr 1630 galt 1 Mark lödigen Silbers vom Jahr 
1347 8 Goldgulden. 

10 Mark lödigen Silbers vom Jahr 1378 kosteten im 
Jahr 1630 8 Goldgulden. 

1630 kosteten 300 Mark lödigen Silbers vom Jahr 1380 
800 Goldgulden. 

1630 wurden 55 Mark lödigen Silbers vom Jahr 1403 
mit 385 Goldgulden bezahlt. 

1688 mussten 15 Mark Warburger Pfennige, welche im 
Jahr 1405 geborgt waren, mit 25^/? Goldgulden ein- 
gelöst werden. 

Im Jahr 1674 galten 116 Mark schwerer War burger 
Pfennige = 46 Mark lödigen Silbers nach Warburger 
Währung. 

Im Jahr 1676 galt eine Mark zu Warburg 20 Marien- 
groschen und 4 Pfennige oder 12 Schillinge nach 
hessischer Münze. 

1 Warburger Schilling galt 10 hessische Albus. 

1 Schilling zu Warburg hatte 12 Warburger Pfennige. 
Der Warburger Pfennig galt Vh Heller nach Kasseler 
Münze. 

7 Pfennig Warburger Währung waren gleich einem Ma- 
riengroschen oder IOV2 Heller nach Kass. Währung. 

1 Mark lödiges Silber Warb. Münze waren = l Reichs- 
thaler und 13 Albus Kass. Währung. 

1 Mark oder Pfund schwerer Pfennige Warb. Münze 
waren nach heutigem Geld ungefähr 2 Mark 25 Pfg. 

1 schw. Warb. Pfennig = 3^2 Pfg. nach heutigem Geld. 



«n-^Ti:^»« «KtCr^j^^»^ 





455 



VIII. 

Zur Ehrenrettung Sigmund Peter Martins. 

ICin Beitrag 
zui' Geschichte des Döruberg'schen Aufstandes. 

Von 

Seminardirektor Martin 
in Eisleben. 

Quellen: Ausser den gleich im Anfang der nachstehenden 
Arbeit genannten Büchern und Ai-tikein sind vor Allem die Schriften 
Sigmund Peter Martins selbst benützt worden, nämlich 1) Histo- 
lische Nachrichten über die hessische Insurrektion (8. 229—252 des 
19. Heftes der bei Baumgärtner in Leipzig erschienenen Sammlung 
von Anekdoten und Charakterzügen aus den Kriegen 1805—1809); 
2) Kurze Erzählung der Begebenheiten meines Lebens (S. 23—58 
der von S. P. Martin herausgegebenen, 1813 in der Krieger'sohen 
Buchhandlung in Kassel und Marburg erschienenen Zeitschrift 
Teutschland); 3) Uebor das Dienen Teutscher im Westfälischen 
Kriegsdienste (Teutschland B. 59—82); 4) Einigung. Concordia res 
parvae crescunt (Teutschland S. 83—93). Femer habe ich ver- 
schiedene, im Besitze meiner Familie befindliche handschriftliche 
Quellen benützt ; diese werden da, wo sie zur Verwendung kommen, 
genauer bezeichnet werden. - Auch an dieser Stelle weise ich 
hin auf den Aufsatz H. Martins „Zur Abwehr** in Nr. 1513 der 
„Hess. Blätter* v. J. 1889 (gegen Lynker und Göoke-Ilgen). 



456 




|er 15. Band der Zeitschrift des Vereins für Hessi- 
f^ä^3^ische Geschichte und Landeskunde (Neue Folge 1890) 
bringt als »Anhang« zu einer Arbeit über das Damen- 
stift Wallenstein in Homberg unter der Ueberschrift : 
»Einiges über Martin« einen Aufsatz von Arthur Klein- 
schmidt, welcher den Charakter Sigmund Peter Mar- 
tin's, des bekannten Theilnehmers an der hessischen 
Insurrektion, in einer ausserordentlich ungünstigen Be- 
leuchtung erscheinen lässt. Ein ebenso ungünstiges 
Urtheil über Martin's Charakter liegt der in dem Buche: 
»Goeckeu. Ilgen, Das Königreich Westfalen^ (Düssel- 
dorf, L. Voss u. Cie. 1888) gegebenen Darstellung der 
hessischen Insurrektion zu Grunde. Endlich tritt diese 
ungünstige Beurtheilung S. P. Martin's auch in dem 
kürzlich erschienenen grösseren Werke Kleinschmidt's 
(Geschichte des Königreichs Westfalen. Gotha, J. Perthes, 
1893) zu Tage ^). Beide, sowohl Kleinschmidt wie Goecke- 
Ilgen, sind offenbar beeinflusst durch die gleichfalls 
höchst ungünstige Beurtheilung, welche Lynker in 
seinem bekannten Buche (Geschichte der Insurrektionen 
wider das westfälische Gouvernement. Kassel, 0. Bertram, 
1857) Martin widerfahren lässt. Leider ist damals, als 
Lynker's Buch erschienen war, keine Widerlegung der 
von ihm gegen Martin erhobenen Vorwürfe versucht 



') Dieses Werk ist erst erschienen, als mein nachfolgender 
Aufsatz bereits fertig geschrieben war. Neuen StofiF zu der vor- 
liegenden Frage bringt das Buch nicht. Kleinschmidfs Buch er- 
scheint mir übrigens als ein sehr verdienstliches Werk: es ist die 
erste wirkliche Geschichte des Königreichs Westfalen ; es beruht 
auf höchst umfassenden und gründlichen arohivalischen Stadien ; d&s 
Urtheil des Verfassera ist ein mass volles; offenbar ist er bestrebt, 
einem jeden Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Um so schmerz- 
licher ist es mir, dass er meinem Orossvater eine so ungünstige 
Beurtheilung angedeihen lässt. 



457 

worden; und so ist es denn zu erklären, dass die 
späteren Darsteller des Aafstandes in Hessen vom Jahre 
1809, Goecke-Ilgen und Kleinschmidt, unter dem Ein- 
flüsse des Lynker'schen Buches in ihrem Urtheile über 
Martin zu gleich ungünstigen Ergebnissen kommen, wie 
jener. Goecke-Ilgen beruft sich ausdrücklich auf Lynker's 
Urtheil über Martin (S. 155) ; Kleinschmidt nennt Lynker 
in diesem Zusammenhange nicht, wozu ja für ihn auch 
keine Veranlassung vorlag. Wenn nun im Folgenden 
der Versuch ^) gemacht werden soll, die gegen Martin 
erhobenen Anschuldigungen zu widerlegen, so ist es 
nöthig, dabei auf Lynker zurückzugehen und zunächst 
zu zeigen, dass seine Beurtheilung S. P. Martin's eine 
einseitige und ungerechte ist; damit wird sich dann 
zugleich ergeben, dass auch Goecke-Ilgen und Klein- 
schmidt ihm unrecht gethan haben. Ich bemerke 
übrigens, dass gegen Goecke-Ilgen eine scharfe Zurück- 
weisung erfolgt ist in Nr. 1513 der >Hessischen Blätter« 
(v. Mittwoch den 13. Febr. 1889). Dort hat mein Onkel, 
der Sohn S. P. Martin's, Ober-Appellationsrath a. D. 
Heinrich Martin zu Kassel, einen Artikel »Zur Abwehr« 
gegen Goecke-Ilgen veröffentlicht, in welchem er sehr 
entschieden gegen die Goecke-Ugen'sche Beurtheilung 
des Charakters seines Vaters, meines Grossvaters, pro- 

>) Ich bedauere sehr, dass es mir nicht möglich gewesen 
ist, den nachfolgenden Aufsatz schon firüher erscheinen zu lassen. 
Aber einerseits habe ich von den E^leinschmidt'schen Veröffent- 
lichungen in der Zeitschr. d. hess. Gesch. -V. v. J. 1890 erst ver- 
hältnissmässig spät Eenntniss genommen, was sich aus dem um- 
stände, dass ich seit zwei Jahrzehnten nicht mehr in Hessen wohn- 
haft bin, erklärt; und andererseits waren für mich erhebliche 
Vorarbeiten erforderlich, die ich, durch berufliche Arbeiten vollauf 
beschäftigt, nicht so rasch erledigen konnte, als ich im Interesse 
der Sache gewünscht hätte. Namentlich leid ist es mir, dass der 
vorliegende Versuch zur Ehrenrettung S. P. Martin's erat nach 
dem Erscheinen von Kleinschmidt's Geschichte des Königreichs 
Westfalen an die Oeffentlichkeit gelangt 



458 

testirt and den Beweis erbringt, dass diese Beurtheilang 
eine angerechte ist, wie er denn aach einige Angaben 
der Verfasser als thatsachlich falsch nachweist. Ich 
weiss nicht, ob dieser Artikel den Verfassern des Goecke- 
Ilgen'schen ^) Baches bekanntgeworden ist; jedenfalls 
ist, soviel ich wenigstens weiss, nie etwas aaf denselben 
erwidert worden ; falls die Verfasser diesen Abwehrartikel 
bisher nicht gekannt haben, so nehmen sie vielleicht 
in Folge dieser Zeilen Veranlassang, ihr Urtheil über 
Martin noch einmal za prüfen and werden dann, wie 
ich hoffe, zu der Erkenntniss kommen, dass sie an- 
gerechterweise das Andenken eines Mannes za veran- 
glimpfen beigetragen haben, der, von reinster Vaterlands- 
liebe getrieben. Alles — Amt, Familienglück, Vermögen 
— geopfert hat, am an seinem Theile daza za helfen, 
dass der französischen Fremdherrschaft in Deatschland 
ein £nde gemacht werde. Aach Kleinschmidt scheint 
diesen Artikel »Zar Abwehr« übersehen za haben, ob- 
wohl derselbe, freilich in etwas abgekürzter Gestalt, 
aach in der Zeitschrift »Hessenland« zam Abdrack ge- 
kommen ist. 

Ehe ich daza übergehe, die gegen S. P. Martin 
erhobenen Vorwürfe aaf ihre Berechtigang za prüfen, 
muss ich es aassprechen, dass Lyncker denn doch nicht 
die so ganz anbedingte Glaubwürdigkeit verdient, welche 
Goecke-Ilgen ihm beilegt. Goecke-Ilgen sagt (S. 155), 
Lynker habe in seiner Geschichte der Insurrektionen 
den Aufstand Dörnberg's »aus genauer Kenntniss der 
lokalen Quellen und lebendiger mündlicher Ueberliefe- 
rung« geschildert. Ich will nicht bestreiten, dass er 
auch aas »lebendiger mündlicher Ueberlieferung« ge- 
schöpft habe; wohl aber behaupte ich, dass die Ueber- 

') Der eine derselben, Goeoke, ist schon vor VoUenduDg des 
Baches gestorben, so dass hier eigentlich nur von dem einen der 
beiden Verfasser die Rede sein kann. 



459 

lieferung, die er benätzt hat, eine einseitige gewesen 
ist; jedenfalls hat er, wie ich hier ausdrücklich con- 
statire, keine der in unserer Familie vorhandenen schrift- 
lichen und mündlichen Ueberlieferungen benützt ; er hat 
nie mit irgend einem Oliede der Familie des von ihm 
so hart beurtheilten S. P. Martin über diese ganze An- 
gelegenheit auch nur ein Wort gewechselt, hat nie, 
obwohl er mit den Söhnen S. P. Martin's — dem oben 
genannten Ober-Appellationsrath a. D. H. Martin und 
meinem Vater, dem General -Superintendenten a. D. Martin 
— an einem Orte lebte, auch nur den Versuch gamacht, 
von ihnen irgend welches Material zu seiner Geschichte 
des Aufstandes, insonderheit der Betheiligung S. P. 
Martin's an demselben, zu erlangen. Und doch lebten 
damals, abgesehen von anderen Familiengliedern, welche 
der Zeit des Aufstandes noch nahe standen, vor Allem 
die Gattin und die Schwester S. P. Martin's (Amalie 
Martin geb. Rommel und Franziska Schminke geb. 
Martin), die ja auch beide von Lynker wiederholt ge- 
nannt werden. Beide hatten die ganze Insurrektion in 
unmittelbarer Nähe und mit eigener lebhaftester Be- 
theiligung miterlebt; beide hatten sich bis in ihr hohes 
Alter hinein Gedächtniss und geistige Frische bewahrt; 
beide wären also in hervorragender Weise befähigt ge- 
wesen, Lynker's Forschungen aus »lebendiger mündlicher 
Ueberlieferung« zu ergänzen. Und wenn Lynker sich 
nicht dazu verstehen wollte, sich mit den beiden oben 
genannten Söhnen S. P. Martin's in Verbindung zu 
setzen — was ihm vielleicht um deswillen schwer wurde, 
weil diese in den damals in Kurhessen die Gemüther 
sehr erregenden politischen Wirren auf der der seinigen 
entgegengesetzten Seite standen — , hätte es da nicht 
ihm sehr nahe gelegen, bei einer von diesen Frauen 
einmal anzufragen und den Versuch zu machen, ob er 
nicht von ihr Mittheilungen über den Verlauf des Auf- 



460 

Standes und über ihres Gatten bezw. Bruders Bethei- 
ligung an demselben erlangen könnte? Hätte er dies 
nicht gerade darum für seine Pflicht halten sollen, weil 
er nach seinen bisherigen Forschungen zu einem un- 
günstigen Urtheil über Martin gekommen war ? Denn 
von vorn herein wird Lynker doch wohl geneigt gewesen 
sein, die Theilnehmer und Führer des hessischen Auf- 
standes in günstigem Lichte zu betrachten. Oder 
ist etwa für Lynker schon der Umstand, dass Martin 
es gewagt hat, Dörnberg für das Misslingen des Auf- 
standes verantwortlich zu machen, entscheidend dafür, 
dass er Alles, was Martin gesagt und gethan hat, im 
allerungünstigsten Lichte ansieht und es für seine Auf- 
gabe hält, Martin möglichst tief zu stellen, damit Dörn- 
berg in möglichst günstiger Beleuchtung dastehe ? Fast 
scheint es so; denn Lynker ist für Dörnberg offenbar 
sehr eingenommen; er macht aus ihm eine Art von 
Nationalheros; und wenn er einen solchen für seine 
historische Darstellung brauchte, so eignete sich dazu 
der vornehme, ritterliche Offizier, der Spross eines der 
ältesten und angesehensten hessischen Adelsgeschlechter, 
der Mann, der sich in den Freiheitskriegen später noch 
Kriegsruhm und Rang erworben hat, in ganz vorzüg- 
licher Weise; und es ist erklärlich, dass ihm da jeder, 
der diesen seinen Helden anzutasten gewagt hatte, un- 
sympathisch war. Der schlichte bürgerliche Friedens- 
richter, der sich keiner jener glänzenden Eigenschaften 
erfreute, die Dörnberg auszeichneten, der weder eine 
glanzvolle äussere Erscheinung, noch Adel und Ver- 
mögen, weder kriegerischen Ruhm, noch Titel und Orden 
besass, der weder bedeutenden Einfluss auf die militä- 
rischen Kreise hatte, noch grossen Ansehens an König 
Jerömes Hofe sich rühmen konnte: der musste ja für 
einen Darsteller, dessen Blick an der Oberfläche der 
Erscheinungen haften blieb, jenem gegenüber sehr zurück- 



461 

treten. Aber gerade der letzterwähnte Punkt — der 
Umstand, dass Dörnberg bei Jerc)me in hohem Ansehen 
stand und sein unbedingtes Vertrauen genoss — gerade 
dieser Punkt ist die wunde Stelle an seiner sonst so 
sympathischen Erscheinung. Er war Ofßzier im west- 
fälischen Heere, hatte J^röme den Treueid geleistet, 
erfreute sich seines unbedingten Vertrauens und hatte 
zahlreiche Gnadenbeweise von ihm empfangen: und 
trotzdem war Dörnberg das Haupt und die Seele der 
gegen J^romes Herrschaft gerichteten Verschw(')rung ! 
Mag man aber diese Doppelzüngigkeit Dörnberg's, den 
groben Vertrauens- und Treubruch, den er J^rome gegen- 
über begangen hat, noch so entschieden missbilligen, 
so wird man dennoch sich verpflichtet finden, dies Ver- 
halten Dörnberg's unter einen milderen Gesichtspunkt 
zu stellen und die furchtbare Noth der Zeit und den 
aus ihr für edlere Naturen sich so leicht ergebenden 
Gewissenskonflikt als Erklärung und Entschuldigung 
gelten zu lassen. 

Eine so aufgeregte Zeit, wie jene war, die verrückt 
eben denn doch Manchem seinen sittlichen Standpunkt, 
ohne dass wir deshalb gleich berechtigt wären, ihn 
sittlich zu verurtheilen. Gerade jene heikele Stellung 
Dörnberg^s aber als Haupt der Verschwörung und zu- 
gleich als Mann des königlichen Vertrauens musste bei 
einem ideal und sittlich gerichteten Menschen, wie 
Dr)rnberg war, schwere Seelenkämpfe hervorrufen; es 
war kaum anders möglich, als dass daraus ein Schwanken 
in seinen Entschlüssen, eine gewisse Unentschlossenheit 
und ein — scheinbarer — Wankelmuth erwuchs, der 
denn auch für das Gelingen der Insurrektion verhäng- 
nissvoll ward. Nicht so, als ob etwa eine Möglichkeit 
des Gelingens vorhanden gewesen wäre, wenn Dörnberg 
nicht jene Stellung an Jerömes Hofe gehabt hätte ; der 
Aufstand wäre zweifellos doch gescheitert, so gut, wie 



462 

alle die anderen Erhebangen des Jahres 1809; die Zeit 
war noch nicht reif für eine allgemeine Erhebung des 
Volkes gegen Napoleon. Aaf eine solche aber rechneten 
Schill and Katt so gnt, wie der Herzog von Braun- 
schweig and Dörnberg; aaf eine solche hatte natürlich 
anch Martin gerechnet. Gescheitert also wäre der Dorn- 
berg'sche Aufstand wohl zweifellos, aber er wäre doch 
wohl nicht in so schmählicher Weise gescheitert, wenn 
Dörnberg nicht an dieser Zwiespältigkeit seiner Stellang 
and damit aach seiner Gefühle und Entschliessungen 
gekrankt hätte, wenn er vielmehr ganz and mit voller 
Seele, ohne durch irgend welche sittliche Bedenken 
behindert za sein, die Leitung des Aufstandes in die 
Hand hätte nehmen können. Hier liegt der tragische 
Konflikt des Trauerspieles, welches man die hessische 
Insurrektion nennt und dessen Held eben Dörnberg ist; 
und wenn einmal ein hessischer Dichter sich der Auf- 
gabe unterziehen sollte, diese Epoche der vaterländischen 
Geschichte dramatisch zu gestalten, so wird er selbst- 
verständlich Dörnberg's sympathische Persönlichkeit in 
den Mittelpunkt der Darstellung rücken, aber er wird 
nicht umhin können, auch an diesem Helden ein Moment 
der tragischen Schuld nachzuweisen ^). 

Etwas anderes als Unentschlossenheit ist es auch 
nicht, was Martin in seinen »Historischen Nachrichten 
über die hess. Insurrektion« (19. Heft der bei Baum- 
gärtner in Leipzig erschienenen Sammlung von Anekdoten 
und Charakterzügen aus den Kriegen 1805—1809 S. 229 

>) Vergl. hierzu, was Steffens in „Was ich erlebte* (VI, 189), 
offenbar auf Grund persönlicher Mittheilungen Dömberg's, hierüber 
sagt: ,1)er Oberst v. Dörnberg wurde von jenem inneren Kampfe 
ergriffen, der, so rein der gofasste Entsohluss auch sein mochte, 
boi oinom so durchaus redlichen und wahrhaften Manne nie ganz 
zu unterdrücken war, der aber hier durch besondere Verhältnisse 
erschwert wurde. Er hielt indessen- den grossen Entschluss, zur 
Befreiung seines Vaterlandes thätig zu sein, fest* 



463 

bis 252) Dörnberg vorwirft. Es ist, wie mir scheint, in 
diesen »Nachrichten« nichts enthalten (abgesehen von 
einer noch unten zu erörternden Stelle), was Lynker's 
Behauptung (S. 125| Anm.), »Martin habe es bei keiner 
Gelegenheit unterlassen, das Füllhorn seiner Schmä- 
hungen über Dörnberg auszuschütten« oder die im 
Kasseler Sonntagsblatt vom 18. Oktober 1857 (Nr. 29) 
enthaltene Bezeichnung der »Historischen Nachrichten« 
als eines »Dörnberg infam irenden Aufsatzes« zu er- 
klären vermöchte. Martin spricht allerdings in starken 
Worten seine Ueberzeugung aus, dass Dörnberg doch 
nicht der rechte Mann gewesen sei, um das Unternehmen 
zu leiten ; dass er durch sein Schwanken, seine Unsicher- 
heit| seine Unentschlossenheit den kläglichen Ausgang 
der Insurrektion wesentlich verschuldet, dass er sich 
»bei der Ausführung eines mit ziemlicher Ueberlegung 
angelegten Unternehmens unbegreiflich benommen« 
habe (Hist. Nachr. S. 251 ; Lynker a. a. 0) ; allein das 
Alles ist doch nichts, wodurch Dörnberg's Charakter 
angegriiFen würde. Ich kann in den »Hist. Nachr.« 
nur eine einzige Stelle finden, durch welche wirklich 
Dömberg's sittlicher Charakter angetastet wird. S. 237 
sagt Martin: »Es war augenscheinlich, dass Dörnberg 
sich des abgeschmackten Gerüchtes von der eiligen 
Ankunft einer so übergrossen Zahl von französischen 
Truppen nur bedient hatte, um einen Vorwand zu finden, 
den in der ersten Hitze gefassten aber bald wieder be- 
reueten Entschlnss zurückzunehmen« (es handelt sich 
hier um den Plan, schon am 15. Februar loszuschlagen ; 
Dörnberg hatte am 14. Februar einen Courier an Martin 
gesandt mit dem Befehle, dass die Insurrektion sofort aus- 
brechen solle ; wenige Stunden später langte ein zweiter 
Courier bei Martin an, durch den Dörnberg Gegen- 
befehl ertheilte; 50000 Franzosen würden auf Wagen 
von Mainz herbeitransportirt, um Hessen zu besetzen. 



466 

würdigenden Angaben gegen den »nanmehrigen General« 
Dömberg widerrufen habe: anch hierdurch soll »die 
gänzliche Charakterlosigkeit eines solchen Menschen 
gekennzeichnet sein«. Ja, verlangen denn die Herren, 
dass Martin jene Erklärung erlassen hätte, so lange das 
Königreich Westfalen und Jeromes Herrschaft bestand? 
Was meinen sie denn wohl, was die hohe Polizei mit 
einem Manne angefangen hätte, der, vor nicht gar 
langer Zeit nur mit knappster Noth dem Tode durch 
des Henkers Hand entgangen, mit einer öffentlichen 
Erklärung zu Gunsten Dörnbergs hervorgetreten wäre? 
Nein, dass Martin jene Dörnberg rechtfertigenden Er- 
klärungen erliess, so lange die Franzosen im Lande 
waren, das war ganz undenkbar ; sobald er es aber mit 
einiger Sicherheit thun konnte, hat er es gethan: am 
späten Abend des 28. Oktober 1813 waren die ersten 
Russen in Kassel eingerückt, und am 6. November 1813 
stand jene Erklärung im Kasseler Wochenblatt: die- 
selbe früher zu bringen, war in der That unmöglich. 
Die Annahme, dass Martin diese Erklärung erlassen 
habe, nicht, um ein begangenes Unrecht wieder gut zu 
machen, sondern aas irgend welchen selbstischen 
Gründen, sei es aus Furcht vor D.'s Rache, sei es in 
der Hoffnung, durch ihn irgend etwas zu erreichen, ist 
nichts anderes als eine böswillige Insinuation und als 
eine solche auch von S. P. Martin selbst mit scharfen 
Worten zurückgewiesen (Beilage zu Nr. 11 der Cassel- 
schen Polizei- und Commerzienzeitung von 1814. Vergl. 
auch den oben erwähnten Artikel H. Martins »Zur 
Abwehr« in den Hess. Blättern Nr. 1513). 

Um das Verhältniss Martins zu Dörnberg zu ver- 
stehen, muss man sich nur die Sachlage recht ver- 
gegenwärtigen: ein Unternehmen, bei dem beide ihre 
ganze Existenz aufs Spiel gesetzt, von dessen Gelingen 
sie Grosses für das Vaterland erwartet, dem sie alle 



467 

ihre Kräfte geweiht hatten, war schmählich gescheitert. 
Da ging es beiden Männern nnn so, wie es bei der- 
artigen Gelegenheiten gar leicht geht: jeder schiebt, 
namentlich in der Erregung des ersten Augenblicks, die 
Schuld des Misslingens auf den andern. Denn dass 
auch Dörnberg die Schuld an dem Scheitern des Auf- 
standes auf Martin zu wälzen versucht hat, ergiebt sich 
aus einer Stelle des bekannten Buches von H. Steffens : 
»Was ich erlebte«; dort heisst es (VI, 189): »Besonders 
beklagte sich Dörnberg über Martin, der ihn im ent- 
scheidenden Augenblicke imStiche gelassen habe. « 
Von einem »Im Stiche lassen« kann nun schlechter- 
dings keine Rede sein. Martin hatte seine Bauern zur 
rechten Zeit zur Stelle, er machte den ganzen Zug nach 
Kassel, das famose Gefecht bei der Knallhütte mit und 
rettete sich; gleich Dörnberg, erst, als er sah, dass 
alles verloren sei. Dörnberg selbst hat auch, als er 
später bei ruhigerem Blute seinen Aufsatz »Dörnberg 
und der Aufstand in Hessen« (Aus seinem Nachlasse 
herausgegeben^), wieder abgedruckt in den Hessischen 
Blättern Nr. 1594 und 1595) schrieb, kein Wort der 
Anklage gegen Martin gesagt ; und wenn nur ein Schein 
von Berechtigung für diesen Vorwurf des »Im Stiche 
lassens« vorhanden wäre, so würde Lynker sich die 
Gelegenheit nicht haben entgehen lassen, Martin einen 
Hieb zu versetzen. So ist zweifellos jene Klage Dörn- 
bergs unbegründet ; es ging ihm, als er Steffens gegen- 
über jenen Vorwurf gegen Martin aussprach, gerade so, 
wie es Martin ging, als er seine Histor. Nachrichten 
schrieb: in der ersten leidenschaftlichen Erregung 
glaubte jeder, der andere trage die Hauptschuld an 
dem Misslingeui und verlieh dieser Ueberzeugung auch 
Ausdruck. 

') Es ist dies das auch von Lynker benutzte sog. „Memo- 
rial* Dömbergs (8. Lynker, S. 73, Anm.). 

30* 



468 

Der Vorwurf, dass Martin in gehässiger Weise den 
Charakter Dörnbergs angegriffen habe, ist nicht der 
einzige, der von Lynker gegen ihn erhoben wird; ich 
habe die Besprechung dieses Vorwurfes vorangestellt^ 
weil ich glaube^ hier den Schlüssel für die Art, wie 
Lynker und, auf ihm fussend, auch Goecke-Ugen und 
Kleinschmidt ihn beurtheilen, zu finden. 

Ehe ich dazu übergehe, die anderen gegen Martin 
erhobenen Vorwürfe zu untersuchen, muss ich zunächst 
einige unrichtige Angaben Lynkers berichtigen, die 
zwar für die vorliegende Frage eben nicht von Belang 
sind, die jedoch zeigen^ dass Lynker nicht die so ganz 
unbedingte Autorität gebührt, welche Goecke-Ugen ihm 
zuschreibt (s. o.). Zwar das verdient kaum der Erwäh- 
nung, dass Lynker (S. 195) von dem 71jährigen Vater 
Martins spricht, während dieser (geb. d. 15. Okt. 1744) 
an dem Tage, von welchem a. a. 0. die Rede ist 
(23. Juli 1810), noch nicht 66 Jahre alt war; auch der 
Umstand ist von keinem grossen Gewichte, dass Lynker 
(S. 88) behauptet, Martin sei bei dem Ausbruche der 
Insurrektion bereits »Vater mehrerer Kinder« gewesen, 
während in Wahrheit sein erstes Kind, ein Mädchen, 
erst 1810 geboren worden ist Von grösserer Be- 
deutung aber ist es, dass Lynker dem Vater S. P. Martins, 
dem Metropolitan Martin in Homberg^ eine hervor- 
ragende Rolle in dem Aufstande zuschreibt. Er sagt 
(S. 118 f.): »Der Metropolitan Martin hatte versucht, 
in einer begeisternden Rede die Rechtmässigkeit des 
Aufstandes darzulegen«. Das ist absolut falsch; woher 
Lynker diese Nachricht hat, weiss ich nicht; jedenfalls 
zeigt sich hier, dass seine Quellen nicht unbedingt 
glaubwürdig gewesen sind. Der Metropolitan Martin 
hat schlechterdings keinen Antheil an dem Aufstände 
genommen ; er hat seinem Sohne stets abgerathen, sich 
auf solche Dinge einzulassen, und hat sich selbst auf 



469 

das strengste gehütet, irgend etwas zu sagen oder zu 
thun, was ihm als ein Akt der Feindschaft gegen die 
bestehende Regierung gedeutet werden konnte. In 
seiner, handschriftlich im Besitze meiner Familie be- 
findlichen, Lebensbeschreibung sagt der Metropolitan 
Martin : »Dass ein Aufstand gegen die westfälische Re- 
gierung ausbrechen würde, dass mein Sohn, allen meinen 
Abmahnungen und Warnungen zuwider, darin verwickelt 
war und eine Hauptrolle spielen sollte^ war mir nicht 
fremd. Aber ausser Stande, den Strom, der die Dämme 
zerriss, aufzuhalten, war nicht in meinen Kräften^); 
und gegen mein Kind ein Angeber zu werden, wider- 
stritt allen Gefühlen der Natur. Darum verhielt ich 
mich leidend, und musste geschehen lassen, was ich 
nicht hindern konnte, wenn ich gleich den unglücklichen 
Erfolg voraussah. Endlich, am 22. des April, brach der 
Aufstand aus. Da ich gänzlich keinen Antheil an dem 
Geschehenen genommen, mich ruhig zu Hause gehalten 
und überdies den Maire gegen Insulten geschützt hatte, 
so war ich meiner Person wegen sorgenlos.« Auch 
andere Stellen dieser Lebensbeschreibung zeigen, dass 
der Metropolitan Martin, wenn auch im Herzen deutsch 
gesinnt, doch sich sorgfältig vor jeder Antheilnahme an 
den Plänen der Insurgenten und deren Ausführung ge- 
hütet hat. Wenn er später (29. April) gefänglich ein- 
gezogen, mit seiner 15jährigen Tochter Franziska ins 
Gefängniss nach Kassel und dort von Verhör zu Verhör 
geschleppt, endlich aber ohne Urtheil und Recht nach 
Mainz abgeführt worden ist, wo er bis zum 28. Sep- 
tember ^) als Gefangener festgehalten wurde, so ist das 
nichts anderes als ein Gewaltakt der napoleonischen 



^) So steht in der Handschrift ; es miiss da aber etwas fehlen. 

') Lynkers (S. 193) Angabe, dass Martin seine Freiheit erst 
im November wieder erlangt habe, ist falsoh und nach dem oben 
Gesagten zu beriohtigen. 



470 

Politik. Man wollte in ihm seinen Sohn strafen und 
scheute sich nicht, einen völlig Unschaldigen 5 Monate 
lang im Gefängnisse schmachten zu. lassen — eine 
treffliche Illustration der Milde^ welche nach Lynkers 
Auffassung (S. 197) Jeröme bei der Bestrafung der 
Theilnehmer an der Insurrektion habe walten lassen, 
womit ich jedoch nicht etwa gesagt haben will, dass 
Jeröme nicht eine gewisse Gutmütigkeit und Weichheit 
besessen habe. 

Von grösserer Bedeutung für das richtige Ver- 
ständniss des Verhältnisses zwischen Dömberg und 
Martin ist die Richtigstellung einer weiteren falschen 
Anschauung Lynkers. Lynker behauptet, Martin sei 
der Repräsentant einer spezifisch hessischen Partei 
innerhalb des Schoosses der Verschworenen gewesen, 
im Gegensatze zu dem deutsch gesinnten Dörnberg 
(s. Lynker S. 98), wo Lynker mit seiner gewohnten 
Bissigkeit gegen Martin sich so ausdrückt: »Martin 
warf sich zum Repräsentanten dieser Partei auf«, 
während doch ganz zweifellos feststeht, auch nach 
Lynkers eigener Darstellung, dass Martin wirklich und 
thatsächlich der Führer der aus bäuerlichen und bürger- 
lichen Kreisen gebildeten Gruppe der Verschworenen war. 
Vergl. auch Lynker S. 91, wo gleichfalls der spezifisch 
hessische Charakter der von Martin ausgehenden 
Agitation betont wird. Lynker sagt (S. 97): »Es gab 
eine deutsche und eine hessische Partei: Alle 
Besonnenen waren mit Dörnberg seither der Ansicht 
gewesen, dass Hessen allein dem Geschicke, welches 
auf Deutschland lastete, sich nicht entziehen könne. 
Was geschehen sollte^ musste im Einverständniss und 
gemeinschaftlich mit den Nachbarländern geschehen«. 
Dieser ganze Gegensatz zwischen einer deutschen und 
einer hessischen Partei ist von Lynker willkürlich kon- 
struirt; es ist keine Spur von Berechtigung für die 



471 

Annahme vorhanden, dass eine Partei der Aufständischen 
wirklich der Meinung gewesen sei, Hessen könne sich 
fürsichallein der französischen Herrschaft entziehen. 
Bei den Bauern, welche Martins Rufe folgten, krystalli- 
sirte natürlich das politische Yerständniss und das poli- 
tische Bestreben, soweit von einem solchen überhaupt 
die Rede sein kann, in dem Wunsche, die Franzosen 
los zu werden und ihren angestammten Landesherrn 
wieder zu haben. Aber einen solchen sehr ehrenwerthen, 
aber doch kurzsichtigen Standpunkt bei einem Manne 
anzunehmen, der, wie Martin, seit Jahren mit einer 
ganzen Anzahl von Männern, welche im geheimen auf 
die Befreiung Deutschlands hinarbeiteten, in Verkehr 
stand; der als Ziel des Bundes, welcher sich zwischen 
diesen Männern gebildet hatte, das angiebt: »sobald der 
passende Zeitpunkt gekommen sei, die Teutsche Nation 
zu den Waffen zu rufen, die zersplitterten Kräfte der- 
selben zu einer Einheit zu verbinden, den fremden 
Despotismus zu vertreiben und dann eine gesetzmässige 
und unabhängige Verfassung zu gründen« (Teutschland, 
S. 39) ; der in seinen histor. Nachrichten (z. B. S. 231 f.) 
immer nur von »Teutschgesinnten«, von »National- 
freiheit der Teutschen« spricht: das ist denn doch 
ein starkes Stück und ist nur aus dem fast fanatischen 
Vorurtheil Lynkers gegen Martin zu erklären. Geradezu 
komisch wirkt Lynkers Behauptung von Martins eng- 
herzigem und kurzsichtigem, spezifisch hessischen 
Standpunkte, wenn wir bei Martin lesen: »Alles in 
diesem Plane, alles in dieser ganzen Ansicht war rein 
Teutsch; nichts war sächsisch oder hessisch, nichts 
braunschweigisch oder hamburgisch« (Teutschland, S.44): 
oder in einem anderen Aufsatze (Concordia res parvae 
crescunt: Teutschland, S. 91): »Einig lasst uns sein, 
nicht blos einig, sondern Eins und Teutsch in Gesinnung 
und Constitution ; nicht mehr Brandenburger und Wal- 



472 

decker, Hamburger and HesBen, Mählhänser and Solmaer: 
sondern Teakche, Teatsche, nichts als Teatsche!« Von 
den spateren politischen Bestrebangen Martins, welche 
aaf ein anter prenssischer Spitse geeintes and konsü- 
tationell r^ertes Deutschland gerichtet waren, werde 
ich später za reden haben ; ich nehme zu Lynkers Ehre 
an, dass er von dieser späteren politischen Thatigkeit 
Martins nichts gewosst hat. — Dass aach die ganze 
Lynkersche Darstellung von dem Hergange der Be- 
gnadigung Martins (S. 195) vielfache Unrichtigkeiten 
enthält, wird die spätere Darlegung zeigen. Und wenn 
Lynker (S. 195) sagt, Martins (xefangnissstrafe sei nur 
»von kurzer Dauer« gewesen, so hat er da einen Aus- 
druck gewählt, der geeignet ist, eine irrige Anschauung 
hervorzurufen. Martins GeEangenschaft hat vom 8. März 
1810 bis zum November 1811 gedauert — 

Die übrigen Vorwürfe nun, welche gegen Martin 
erhoben werden, sind folgende: 

1) Lynker sagt (S. 88), Martins Patriotismus sei 
»nicht makellos« gewesen ; das heisst doch wohl, Martin 
habe bei dem, was er gethan, nicht des Vaterlandes 
Wohl, sondern seinen eigenen Nutzen im Auge gehabt. 
Lynker bezeichnet ihn dann weiter als »mit einer 
starken Dosis Ehrgeiz und mit der Sucht, eine Rolle 
zu spielen, behaftet«. Goecke-Ugen verschärft diesen 
Vorwurf noch und redet von dem »ehrgeizigen Streber- 
tbum« Martins. Nun ist Ehrgeiz ja an und für sich 
doch wohl nichts, wodurch ein Makel auf einen Menschen 
geworfen würde; eine »starke Dosis Ehrgeiz« besitzt 
gar mancher, an dessen reiner und wahrer Vaterlands^ 
liebe kein Mensch zweifelt; und was die von Lynker 
behauptete »Sucht, eine Rolle zu spielen« betrifft, so 
wird das wohl nichts wesentlich anderes gewesen sein, 
als die grosse, von allen, auch von Lynker, anerkannte 
ausserordentliche Rührigkeit Martins. Wenn es sich 



473 

um eine Lynker sympathische Persönlichkeit handelte, 
so hätte er wahrscheinlich nar von deren grosser Rührig- 
keit gesprochen. Und wie man einem Manne »Streber- 
thiim« nachsagen kann, der ftbr sich selbst nie etwas 
erstrebt, und der von allen seinen Bemühungen und 
Aufopferungen auch nie den geringsten Yortheil gehabt 
hat ; der, nachdem die Jahre des Sturmes und Dranges 
vorüber waren, sich in seinem Heimathstädtchen ruhig 
als Advokat niedergelassen und friedlich im Kreise der 
Seinen, geachtet und geliebt von allen, die mit ihm in 
Beziehung standen, gelebt hat, ohne jemals irgend etwas 
»werden« zu wollen: das geht in der That über mein 
Yerständniss. Martin hat wirklich nach der Gesinnung 
gehandelt, die er S. 37 seiner Schrift »Teutschland« aus- 
spricht: »Meine Muster waren die Grossen der Vorzeit, 
ein Cyncinatus und Regulus, ein Staufacker und Teil, 
Männer, die den heimathlichen Herd nicht aus Neigung, 
nicht aus einem unruhigen Triebe nach zwecklosen 
Thaten, sondern aus Pflichtgefühl und Gehorsam 
gegen den Ruf des Vaterlandes verliessen, und denen 
es Vergnügen und Belohnung war, vom Schlachtfelde 
und aus dem Rathe in den Schooss ihrer Familie, bei 
denen ihr Herz war, zurückzukehren.« Ist das die Ge- 
sinnung eines »ehrgeizigen Strebers« ? 

2) Martin soll nach Lynker sehr eitel gewesen 
sein. Lynker sagt S. 88 weiter: »Er hatte eine hohe 
Meinung von sich selbst und wollte überall als eine 
Hauptperson gelten. Neben dieser ans Lächerliche 
streifenden Eitelkeit, die er auch äusserlich zur Schau 
trug u. s. w. « Irgend welches Beweismaterial für diesen 
Vorwurf wird nicht erbracht; es müsste denn das für 
einen Beweis seiner Eitelkeit gelten sollen, was Lynker 
S. 118 — und zwar auf Grund von Dörnbergs oben 
erwähntem Memorial — berichtet: »Martin hatte eine 
Uniform angezogen, Hess sich Oberst nennen und be- 



474 

grüsste Dörnberg als General«, nnd was dann Klein- 
Schmidt (S. 273 der Zeitschr. d. h. Gescb.-V. u. S. 238 
der Gesch. d. Königr. W.) mit den Worten: »Martin, 
der sich gern Oberst tituliren hörte« und S. 275 der 
Zeitschr. mit den Worten : »Martin lief als Oberst in 
Uniform umher« wiedergiebt. Wenn ein »sich gern 
Oberst tituliren hören« bewiesen wäre, so würde darin 
ja allerdings eine kleinliche Eitelkeit liegen; dies ist 
indessen durchaus nicht bewiesen, sondern ist nur eine 
mindestens gesagt unfreundliche Wendung Klein- 
schmidts ^). Aus Dörnbergs Memorial geht aber nur 



^) Ich bitte am Entschuldigung, dass ich auf diese Bagatelle 
überhaupt eingehe. Diese Beschuldigung ist eigentlich so abge- 
schmackt, dass man kein Wort darüber verlieren sollte; aber 
Lynker, Goecke-Ilgen und Kleinschmidt legen offenbar viel Gewicht 
auf diesen Punkt, und so war es wohl erforderlich, darzulegen, wie 
die Sache sich verhält Der Berichterstatter über Eleiusohmidt's Werk 
in Nr. 95 des Kasseler Tageblatts (1893) giebt die betr. Stelle aus 
Kleinschmidt sogar mit den Worten wieder: „Der sich gern der 
Oberst nennen hörte*^, setzt also das Wörtohen „der*^ zu, wodurch 
die Sache den Anschein bekommt, als ob Martin sich die oberste 
Führerschaft angemasst hätte. Ich will hierbei duix^baus nicht 
etwa annehmen, dass der Berichterstatter das „der** absichtlich 
zugesetzt hätte; das wäre ja eine Fälschung; aber man sieht 
hieran recht deutlich, wie der hier besprochene Vorwurf gegen 
Martin nach und nach immer schwerer wird. Dörnberg sagt nur : 
„Martin liess sioh Oberst nennen ''; das kann entweder heissen: er 
hatte befohlen, ihn Oberst zu nennen; oder: er liess es zu, 
dass man ihn Oberst anredete ; in welcher Bedeutung Dörnberg das 
„liess'^ hier gebraucht hat, wissen wir nicht ; nach Lage der Sache 
ist die zweite Bedeutung (lassen = zulassen) wohl als die wahr- 
scheinlichere anzunehmen. Kleinschmidt setzt „gem^ hinzu und 
erweckt dadurch den Anschein, als ob Martin viel an diesem Xitel 
gelegen gewesen wäre; und der Berichterstatter des Tageblattes 
setzt nun seinerseits wieder das „der*^ vor Oberst. Nächstens 
wird nun wohl mit Berufung auf das Kasseler Tageblatt als Ge- 
schichtsquelle irgendwo zu lesen sein, Martin habe versucht, Dörn- 
berg aus seiner Stellung als Haupt der Verschwörung zu ver- 
drängen! Andeutungen, die dahin gehen, als ob Martin nur un- 



475 

hervor (»Martin hatte eine Uniform angezogen, Hess 
sich Oberst nennen und begrüsste mich als General; 
ich verwies ihm dies und sagte, das würde sich alles 
linden«), dass er an dem Tage, da die Schaaren der 
Aufständischen sich in Homberg sammelten, eine Uni- 
form — wahrscheinlich seine frühere Uniform als Ke- 
gimentsauditeur — angelegt hatte and sich bei dieser 
Gelegenheit als Oberst anreden liess, sowie weiter, dass 
Dörnbej^ hiermit nicht einverstanden war. Genügt dies 
aber wirklich, um eine »ans Lächerliche streifende Eitel- 
keit« zn beweisen? Sollte nicht ein wohlwollender, 
oder auch nur ein billig denkender Beurtheiler sich 
diesen Schritt, der ja vielleicht als ein verfehlter zu 
bezeichnen ist, so erklären, dass Martin dies gethan 
habe, in der ganz richtigen Erkenntniss, dass wenigstens 
eine Art von militärischer Autorität nothwendig 
sei, um in die Schaaren der zusammenströmenden 
Bauern etwas Ordnung zu bringen? Es waren dies ja 
zum grossen Theile alte, gediente Soldaten; dass diese 
einem simpeln Givilisten nicht so ohne weiteres ge- 
horchen würden, war vorauszusehen; sie verlangten 
irgend eine militärische Autorität; und da mag Martin 
wohl gedacht haben, es sei nöthig, sich, bis eine solche 
wirklich zur Stelle sei, den Bauern gegenüber als solche 
zn gerieren. 

Möglicherweise aber gründet sich der Lynker'sche 
Vorwurf der Eitelkeit auf den Umstand, dass Martin in 
seinen »Histor. Nachr.« allerdings häufig seine eigenen 
Ansichten und Gedanken darlegt, und dass er natürlich 
diese für die richtigen hält; das lag aber in der Natur 
der Sache. Martin selbst hat dem Vorwurfe schon die 
Spitze abgebrochen, indem er am Schlüsse der »Histor. 

gern sich Dömberg untergeordnet und eigentlich selbst für sich 
die Oberanführerechaft beansprucht habe, macht ja allerdings schon 
Lynker; irgend welche Beweise dafür bringt Lynker nicht. 



476 

Nachr.« (S. 252 j sagt: »Es war unvermeidlich, ich 
musste in diesem Aufsatze mehr von mir selbst reden, 
als die Bescheidenheit in anderen Fällen erlaubt. Allein 
der Antheil, den ich an den erzählten Begebenheiten 
nahm, und der Umstand^ dass eine ausführlichere Er- 
wähnung dessen, was mich betraf, auf das Oanze meh- 
reres Licht warf, wird mich rechtfertigen.« Bei einem 
Manne, dem er wohlwollend gegenüber gestanden hätte, 
würde Lynker wahrscheinlich nicht auf lächerliche Eitel- 
keit etc., sondern höchstens auf ein starkes Selbstgefühl 
erkannt haben. Dass aber ein gewisses Selbstgefühl 
und die feste Ueberzeugung von der Richtigkeit der 
eigenen Ansicht eine nothwendige Vorbedingung für ein 
erfolgreiches Wirken ist, das dürfte denn doch wohl 
als eine allgemein anerkannte Wahrheit bezeichnet 
werden. 

3) Der Vorwurf, dass Martin ein sehr kurzsichtiger 
Politiker gewesen sei, ein Mann, der von der gesammten 
politischen Lage Deutschlands, von den gleichzeitigen 
anderen Erhebungsversuchen keine Ahnung gehabt, der 
nur daran gedacht habe, Hessen von der westfälischen 
Herrschaft zu befreien, ist zum Theil bereits oben, wo 
von der Lynker'schen Eonstruirung einer deutschen und 
einer hessischen Partei die Rede war, zurückgewiesen 
worden. Indessen ist dazu doch noch Einiges nachzu- 
tragen. Lynker sagt S. 98 : »Und da M., kurzsichtig und 
hitzköpfig, wie er war, über alle Hindernisse und Unwahr^ 
scheinlichkeiten hinwegsah u. s. w.« und S. 92: »Martin 
hat weder jemals den Umfang der Verschwörung, noch 
die Pläne Dörnberg's in ihrer ganzen Ausdehnung ge- 
kannt und verstanden« ; und weiter : »Martin's Ansichten 
beweisen, dass er gänzlich das Gewicht der Umstände 
verkannte, mit deren Hülfe von einer Insurrektion in 
Hessen allein etwas zu erwarten war. Die Unternehmung, 
welche ihm vorschwebte, stand völlig vereinzelt da, und 



477 

seine Erwartungen in Bezug auf die träge Masse des 
Volkes waren die eines Schwärmers, überspannt und 
unpraktisch« ; und weiter oben (S. 92): »Dornberg hütete 
sich wohl, vor seinen neuen Verbündeten (damit sind 
die Angehörigen der von Lynker so genannten hessischen 
Partei gemeint) den Schleier, der sein Geheimniss deckte, 
ganz zu lüften, und Martin am wenigsten konnte sich 
rühmen, sein Vertrauen besessen zu haben.« Wenn 
Dornberg wirklich so gehandelt hätte, wie Lynker an 
der letzteren Stelle sagt, wofür jedoch jeder Beweis 
fehlt, so hätte er ganz unverantwortlich gehandelt. Es 
wäre doch wohl schon ein Gebot der Klugheit gewesen, 
den Mann, auf dessen thätige Mitwirkung er in erster 
Linie angewiesen war, mit seinen Plänen bekannt zu 
machen ; und mit welchem Rechte kann Martin getadelt 
werden, dass er über den geeignetsten Termin zum 
Losschlagen anderer Meinung war, als Dornberg, wenn 
dieser es wirklich nicht für der Mühe werth hielt, ihn 
in seine Pläne einzuweihen? Martin spricht sich über 
seine Stellung zu der Frage des für den Ausbruch des 
Aufstandes zu wählenden Zeitpunktes folgendermassen 
aus (Teutschland S. 46): »Die meisten hielten dafür, es 
müsse erwartet werden, bis Frankreich mit irgend einer 
Macht in Krieg gerathe, der den grössten Theil der 
Kräfte desselben auf sich ziehen würde, wodurch dann 
unser Unternehmen zu einer Art von Diversion herab- 
sank. Ich war der entgegengesetzten Meinung und 
schloss folgendermassen: Entweder ist die allgemeine 
Gesinnung in Teutschland (Ich bitte, zu beachten, dass 
M. ausdrücklich sagt: in Deutschland, nicht: in 
Hessen. D. V.) von der Beschaffenheit, dass sich die 
Nation zu einer allgemeinen Kraftanstrengung erheben 
wird, oder sie ist es nicht. In dem ersten Falle be- 
dürfen wir gar keiner Unterstützung, sondern unsere 
eigenen Kräfte sind hinreichend ; in dem zweiten dagegen 



418 

werden alle unsere Anstrengungen vergeblich sein, denn 
alsdann werden wir, und wenn Frankreich noch in asehn 
Kriege verwickelt wäre, doch nichts ausrichten.« Ist 
denn das wirklich eine so ganz unverständige An- 
schauung? Freilich hat Martin sich gründlich getäuscht, 
wenn er hoffte, das ganze deutsche Volk werde sich 
einmüthig gegen die Franzosen erheben; aber diese 
irrthömliche Beurtheilung der Volksstimmung ist doch 
verzeihlich. Haben sich nicht die Schill und Eatt und 
Hirschfeld ebenso getäuscht? Und hat sich nicht auch 
Dörnberg selbst über die Volksstimmung, ganz besonders 
auch über die Stimmung in seinem Regiment, in einer 
argen Täuschung befunden? Hoffte er doch, es werde 
ihm gelingen, sein ganzes Regiment mit auf die Seite 
des Aufstandes zu ziehen : und wie vollständig hat er 
sich darin geirrt! Es fällt aber Lynker gar nicht ein 
Dörnberg deshalb zu tadeln; nur hätte er gerecht sein, 
und auch Martin nicht mit Vorwürfen überschütten 
sollen ! 

4) Angefügt mag hier gleich werden, dass Martin 
weiter auch der Vorwurf gemacht wird, er habe durch 
sein ungestümes Drängen den zu frühen Losbruch des 
Aufstandes verschuldet Lynker spricht wiederholt tadelnd 
von seinem Drängen, von unbesonnener Hast etc., und 
Kleinschmidt sagt ebenfalls (Zeitschr. d. hess. Gesch. -V. 
S. 373): »Das Ungestüm des Friedensrichters Martin, 
dem die Volksmassen gehorchten, nöthigte Dörnberg, 
vorzeitig loszuschlagen.« Und diesen Vorwurf scheint 
auch Häusser in seiner Deutschen Geschichte (Bd. IH, 
S. 326) als berechtigt anzuerkennen, der sonst kein 
Wort des Tadels gegen Martin ausspricht, obwohl 
Lynker's Schrift ihm bekannt war. Er sagt a. a. 0. : 
»Dörnberg hätte gern noch gezögert, aber Martin und 
andere Führer vom platten Lande drängten zur Ent- 
scheidung« ; aber er fügt sofort hinzu : >In der That 



479 

war Alles so vorbereitet und die Massen bereits in 
solcher Gähning, dass man es kaum mehr in der Hand 
hatte, den Ansbmch hinauszuschieben.« So wird es 
denn wohl auch sich verhalten haben ; es wird nach 
Martin's und der anderen Führer (namentlich auch Ber- 
ners) Ansicht nicht möglich gewesen sein, die Massen 
noch länger zurückzuhalten. Man wolle nur bedenken, 
dass bereits wiederholt ein früherer Termin zum Los- 
schlagen bestimmt, dann aber der Ausbruch doch wieder 
hinausgeschoben worden war. Welche Erregung musste 
dadurch in die Gemüther der Bauern gekommen sein ! 
Und wie wuchs auch die Gefahr der Entdeckung! Es 
ist geradezu wunderbar und ein herrliches Zeugniss für 
die Treue und Verschwiegenheit der Theilnehmer des 
Aufstandes; dass bis zur Stunde des Losbruches der 
Erhebung auch nicht das Geringste davon laut geworden 
war. J^röme und seine Regierung wurden trotz ihrer 
»hohen Polizei« durch die Insurrektion aufs Vollstän- 
digste überrascht. Aber auf die Dauer war, wenigstens 
nach Martinas und seiner Meinungsgenossen Ansicht, 
dieser Zustand doch nicht haltbar ; ein weiteres Hinaus- 
schieben würde nach ihrer Meinung die ganze Sache 
vereitelt haben und zudem mit der grössten Gefahr für 
die Theilnehmer der Verschwörung verbunden gewesen 
sein. Deshalb drängten sie zum Losbruch. Schill's 
Wort : »Besser ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken 
ohne Ende«, ist diesem, soviel ich weiss, noch nie zum 
Vorwurfe gmacht worden. Uebrigens soll nicht in Ab- 
rede gestellt werden, dass Martin vielleicht wirklich zu 
hitzig auf den Ausbruch der Verschwörung hindrängte : 
bei einem jungen Manne von noch nicht 30 Jahren ist 
die Besonnenheit des reiferen Alters denn doch noch 
nicht zu erwarten, zumal wenn er feuerigen, heissblütigen 
Temperaments ist. Aber erstlich ist es in der That 
nicht erwiesen, dass der verfrühte Ausbruch der Ver- 



480 

schwörang seine Schuld war, und zum anderen meine 
ich, dass, selbst wenn diese seine Verschuldung erwiesen 
würde, dieselbe jedenfalls sehr verzeihlicher Natur wäre. 

5) Aehnlich verhält es sich mit dem gegen Martin 
ausgesprochenen Tadel wegen der unter den Schaaren 
der Aufständischen am 22. April in Homberg herrschen- 
den Unordnung. Auch für diese wird er, und er allein, 
verantwortlich gemacht (Lynker S. 118; Kleinschmidt 
S. 276 d. Zeitschr. und S. 238 d. Gesch. d. K. W.). 
Die Sache wird so dargestellt, als habe er gar nichts 
gethan, um Ordnung unter die erregten Volksmassen 
zu bringen. Das Gegentheil ist wahr; dies ergibt sich 
deutlich aus der Anklageakte gegen Martin, aus der 
hervorgeht, dass Martin den ganzen Tag über bis zum 
Erscheinen Dörnberg's damit beschäftigt war, »ans den 
theils bewaffnet, theils unbewaffnet sich versammelten 
Bürgern, Soldaten und Bauern, die von 18 bis 40 Jahren 
auszusuchen, soviel als möglich aufzuschreiben, um sie 
militärisch zu formiren« ; freilich heisst es weiter, dass 
»dies Geschäft mit ziemlicher Unordnung von statten 
ging«. Dass es Martin nicht gelang, Ordnung herzu- 
stellen, das ist wahrlich kein Wunder, aber er hat gethan, 
was er konnte, um Ordnung zu schaffen. Uebrigens 
war ja die militärische Formirung der aufständischen 
Volksmassen auch gar nicht seine Sache; das wäre 
doch wohl die Sache der Offiziere gewesen, welche 
sich angeschlossen hatten; er war ja ein Mann der 
Feder! Seine Aufgabe war die gewesen, das Land zu 
insurgiren ; und diese Aufgabe hatte er gelöst : seine 
Bauern waren zur Stelle! Dörnberg aber hatte seine 
Aufgabe nicht gelöst: seine Gardejäger waren nicht 
zur Stelle. 

Andere Ausstellungen, die von Lynker gegen Martin 
geltend gemacht werden, sind ohne Belang; so das 
leere Gerede von der Unheimlichkeit seiner äusseren 



481 

Erscheinung. »Es lag etwas Unheimliches in seiner 
äusseren Erscheinung^ was dem grossen Haufen impo- 
nirte, dem besonnenen Beobachter aber Besorgniss ein- 
flössen musste« (S. 88 f.)I Von »etwas Unheimlichem 
in seiner äusseren Erscheinung« wissen die, welche 
Martin im Leben nahe gestanden haben, nichts; aus 
eigener Anschauung wird Lynker wohl auch nichts 
davon wissen, da er ihn wohl schwerlich jemals ge- 
sehen hat. 

6) Einer der Anklagepunkte Lynkers und Göcke- 
Ilgens gegen Martin — und zwar ein solcher, auf den 
Lynker grosses Gewicht legt — ist die von Lynker an- 
genommene Herausgabe der Schrift: »Hessen vor dem 
1. November 1806« durch Martin. Ich muss hier die 
Stelle aus Lynker in ihrem Zusammenhange mittheilen. 
Lynker sagt S. 89 f.: »Dann aber lastete noch ein beson- 
derer Verdacht auf Martin. Zu jener Zeit, als Napoleons 
Befehl die tapfere hessische Armee zu schimpflicher Auf- 
lösung verdammt hatte, als , erschien in Leipzig 

eine anonyme Schrift, welche statt lindernden Balsams 
Gift in diese Wunden träufelte. Sie führt den Titel: 
»Hessen vor dem 1. November 1806. Von einem ehe- 
maligen hessischen Gapitain. Leipzig 1807. Wilh. Rein 
& Comp. Es war eine kleine, von blinder Leidenschaft- 
lichkeit diktirte, aus gemeinen Schimpfereien und lächer- 
lichen Uebertreibungen zusammengesetzte Broschüre, in 
welcher die althessische Armee und besonders der Offiziers- 
stand arg mitgenommen wurde Man hat nie 

erfahren können, wer der Verfasser war; dass es ein 
hessischer Gapitain gewesen, wie der Titel angiebt, wird 
durch den Inhalt der Schrift selbst unwahrscheinlich ge- 
macht. Die entlassenen hessischen Offiziere aber hatten 
Martin im Verdacht. Ein solcher Verdacht hätte nicht auf- 
kommen können, wenn Martins Vergangenheit ihn nicht 

rechtfertigte ; auch hat die spätere Zeit denselben nicht 
N. F. Bd. xviii. 31 



482 

nnr nicht entkräftet, sondern vielmehr befestigt, und 
Martin selbst hat ihn nie widerlegt.« 

Was zunächst den Inhalt dieser Schrift betrifft, 
so muss zagegeben werden, dass die in derselben ge- 
gebene Schilderung des Offizierskorps der damaligen 
hessischen Armee eine recht ungünstige ist. Den Offi- 
zieren wird Mangel an geistigem Streben, Trägheit, 
Hochmuth, Liederlichkeit, Kleinlichkeit etc. vorgeworfen. 
Offenbar enthält die Schrift starke üebertreibungen ; 
offenbar ist sie das Werk eines noch sehr unreifen 
Mannes. Aber so schlimm, wie Lynker und Goecke- 
Ilgen die Sache machen, ist es dann doch bei weitem 
nicht ; es ist geradezu lächerlich, bei dieser Gelegenheit 
in dem Brustton höchster sittlicher Indignation zu reden 
und die Sache so darzustellen, als sei der Verfasser 
jener Schrift auf jeden Fall eine sittlich höchst bedenk- 
liche Persönlichkeit Die Dinge, die er dem hessischen 
Offizierkorps von damals vorwirft, sind gar oft bald 
diesem bald jenem Offizierkorps Schuld gegeben worden ; 
und in dem hessischen Offizierkorps jener Zeit mag es 
ja (so wenig wie in dem preussischen) an argen Schäden 
jener Art gefehlt haben. Der Verfasser jener Schrift 
scheint mir ein sittlich und ideal gerichteter, aber, wie 
gesagt, noch sehr unreifer und heissblütiger junger Mann 
gewesen zu sein, dem der Unwille über schwere Uebel- 
stände, die er in der hessischen Armee wahrgenommen, 
die Feder in die Hand gedrückt hatte. Wäre also 
Martin auch wirklich der Verfasser jener Schrift, so 
könnte ihm m. E. kein einigermassen billig und ver- 
ständig Urtheilender daraus einen schweren sittlichen 
Vorwurf machen; man könnte nur ihn tadeln, dass er 
sich übereilt, dass er einseitig geurtheilt, dass er über- 
trieben habe. Hierzu ist zu vergleichen ein Aufsatz in 
Nr. 98 der ehemaligen Hessenzeitung von 10. Dez. 1864 
(Rückblick, Umblick, Vorblick), in welchem es mit Be- 



4^3 

Ziehung auf das in Rede stehende Schriftchen heisstt 
»Dasselbe ist mit Geschick geschrieben und enthält 
neben zahlreichen Uebertreibnngen nnd bei grosser Ein- 
seitigkeit und Gehässigkeit manches Wahre«. Dabei ist 
zu bedenken, dass aller Wahrscheinlichkeit nach der 
Autor der Hessenzeitung (Vilmar?) durchaus nicht ge- 
neigt war, eine Schrift besonders milde zu beurtheilen, 
welche die althessischen Zustände als schlechte dar- 
stellte. Nun ist aber durch nichts erwiesen, dass Martin 
dies Schriftchen verfasst hat. Der Verfasser bezeichnet 
sich selbst als einen »ehemaligen hessischen Gapitain« ; 
S. 70 sagt er : »Ich selbst hatte die Ehre, unter einem 
solchen General als Adjutant zu dienen«. Beides passt 
durchaus nicht auf Martin, sondern lässt auf einen Ver^ 
fasser schliessen, der wirklich selbst Offizier gewesen ist. 
Die ganze Schreibweise der Schrift spricht gleichfalls da- 
für, dass Martin nicht der Verfasser ist Lynker spricht 
vorsichtigerweise nur von einem Verdachte, der auf 
Martin geruht habe, wenn seine Darstellung auch freilich 
zeigt, dass er persönlich von der Thatsache überzeugt 
ist. Wunderlicherweise führt er den Umstand, dass 
Martin den auf ihm ruhenden Verdacht nie widerlegt 
habe, als eine Art von Beweis für dessen Autorschaft 
an. Ja, woher weiss denn Lynker, dass Martin Eennt- 
niss von dem »auf ihm ruhenden Verdachte« gehabt 
habe? Ist dieser Verdacht denn jemals öffentlich aus- 
gesprochen worden? Hätte Martin sich irgendwann 
einmal öffentlich dagegen verwahrt, der Verfasser des 
Schriftchens zu sein, so würde Lynker wahrscheinlich 
unter Hinweis auf das ^Qui s'excuse, s'accuse' daraus erst 
recht einen für ihn ungünstigen Schluss ziehen. Während 
also Lynker nur von einem auf Martin ruhenden Ver- 
dachte redet, behauptet Goecke-Ilgen ohne weiteres 
die Thatsache; er schreibt flottweg: »Ein Mann, der 

im Jahre 1806 eine der ungerechtfertigtsten Schmäh- 

31* 



484 

Schriften gegen das hessische Heer veröffentlichte a. s. w. < 
Ob Goecke-IIgen hierfür einen Beweis hat, event. welchen 
Beweis er hat, das weiss ich nicht. So lange aber, 
bis er diesen Beweis erbringt, muss doch allermindestens 
das Non liquet gelten, und es dürfen also aaf einen 
blossen Verdacht hin keine Verdammungsnrtheile aas- 
gesprochen werden. — Was übrigens die Autorschaft 
jenes Büchleins betrifft, so macht schon die oben an- 
geführte Nr. 98 der Hessenzeitang von 1864 und nach 
ihr H. Martins mehrerwähnter Abwehrartikel — auf 
welchen letzteren ich auch an dieser Stelle verweise 
— einen gewissen Fähnrich Hundeshagen als den 
wahrscheinlichen Verfasser namhaft. 

Was nun überhaupt den Vorwurf betrifft, dass 
Martin die in westfälische Dienste getretenen hessischen 
Offiziere angegriffen habe, so ist diese Behauptung un- 
richtig. Er hat nicht »die« Offiziere überhaupt ange- 
griffen, welche dies gethan haben (wie es ihm z. B. nie 
in den Sinn gekommen ist^ etwa Dömberg deswegen 
anzuklagen), sondern sein Angriff (»lieber das Dienen 
Teutscher im Westfälischen Kriegsdienst. Teutschland 
S. 59 — 82«) richtet sich nur gegen die, welche aus 
persönlichen Rücksichten, aus Ehrgeiz, um ihren Lebens- 
unterhalt zu gewinnen^ um Einfluss zu gewinnen u. s. w. 
(S. 68) in westfälische Dienste traten, also gegen die 
vaterlandslosen , ja Vaterlands verrätherischen Streber. 
Hat er denn da nicht ganz Recht, wenn er diese in 
scharfen Worten straft? Freilich hat sich Martin durch 
solchen scharfen Tadel die, welche sich getroffen fühlten, 
zu Feinden gemacht, und vielleicht hat sich der eine 
oder andere von ihnen noch in späterer Zeit an ihm 
gerächt, indem er verläumderische Gerüchte gegen 
Martin aussprengte. Gär nicht unmöglich ist es ja 
auch, dass Lynker, natürlich unabsichtlich, gerade aus 
solchen Kreisen seine mündlichen Ueberlieferungen über 



485 

Martin erhielt. Wenn man das annimmt, so wird 
Lynkers Voreingenommenheit gegen ihn verständlich. 
Behaupten kann ich hierüber jedoch nichts. 

7) Endlich komme ich zu dem letzten und weitaus 
schwersten Vorwurfe, der gegen Martin erhoben, und 
der, wie es auf den ersten Blick scheint, durch 
den von Kleinschmidt in dem Jahrbuch des hessischen 
Geschichtsvereins pro 1890 S. 285 ff. mitgetheilten 
Brief Martins an den westfälischen Gesandten von Linden 
in Berlin wesentlich unterstützt wird. Es ist der Vor- 
wurf, dass Martin zum Verräther an seinen Aufstands« 
genossen geworden sei. Lynker sagt in dieser Be- 
ziehung allerdings nur (S. 195), dass Martin vor dem 
Griminalgericht ein ausführliches Geständniss seiner 
Schuld abgelegt und Mitschuldige namhaft gemacht 
habe. Die Verurtheilung Martins zum Tode erklärt er 
(S. 195) für »eine verabredete Farce«. Goecke-Ugen 
redet deutlicher und schärfer (S. 154): ». . • , der 
hierauf dem westfälischen Gesandten von Linden in 
Berlin seine Dienste anbot und bei dieser Gelegenheit 
kompromittirende Bemerkungen nicht allein über Scham- 
horst und andere in Berlin, sondern auch über angeb- 
liche Theilnehmer des Aufstandes in Hessen geflissent- 
lich mit unterfliessen liess und auf diese Weise die Be- 
gnadigung Jerömes zu erlangen wusste u. s. f.« Klein- 
schmidt theilt allerdings nur den — hernach näher zu 
besprechenden — Brief Martins an von Linden mit; 
allein ich glaube nicht zu irren, wenn ich aus der 
ganzen Art seiner Darstellung schliesse^ dass er dieselbe 
ungünstige Meinung über den Schreiber des Briefes hat, 
wie Goecke-Ilgen. 

Dieser Vorwurf ist allerdings ein ganz besonders 
schwerer, und ich sage offen, dass ich zur Vertheidigung 
des Briefschreibers mich nicht entschlossen haben würde, 
obwohl er mein Grossvater ist, wenn ich nicht die feste 



486 

Ceberzetigang gewonnen hätte, dam man ihm bitteies 
Unrecht antbat. Ich hoffe, diesen Beweis führen zo 
können. 

Znnächst ist die Auffassung zorückzaweisen, als 
ob wirklich Martins Vemrtbeilong zum Tode eine > ver- 
abredete Farce« gewesen sei. Verscholdet hat diese 
Auffiassong wahrscheinlich Steffens, der in seinem mehr- 
fach genannten Boche »Was ich erlebte« (VI, 203) die 
Sache folgendermassen darstellt: »Jetzt (also nachdem 
Martin sich auf Gnade and Ungnade ergeben hatte) 
fand ein öffentlich hervorgehobenes, auf Effekt berech- 
netes Schauspiel statt Der alte Vater spielte eine 
Hauptrolle, und alle Zeitungen verkfindigten die grosse 
Gnade seiner Befreiung.« Ob die westfälische Regie- 
rung bezw. Jeröme von Anfang an die Absicht gehabt 
hat, Martin zu begnadigen, weiss ich nicht; ich habe 
nirgends etwas gefunden, was darauf schliessen liesse; 
vielmehr weist die Zurückweisung wiederholter, theils 
von dem Verurtheilten selbst, theils von anderer Seite 
eingebrachter Begnadigungsgesuche direkt auf das 
Gegentheil hin. Jedenfalls aber hat weder Martin noch 
seine Familie irgend etwas von einer derartigen etwa 
vorhandenen Absicht gewusst ; alle Angehörigen Martins 
sind im Gegentheil bis zu dem Augenblicke, da Jeröme 
die Begnadigung aussprach, der festen Ueberzeugung 
gewesen, dass es mit dem Todesurtheile furchtbarster 
Ernst sei. Meine Grossmutter, Martins hinterlassene 
Gattin, bat mir oft von diesen schrecklichen Tagen er- 
zählt; davon aber, dass das Todesartheil über ihren 
Mann nur zum Schein ausgesprochen sei, hat sie nie 
auch nur eine Andeutung gemacht. Zum Beweise 
dafür, dass Martins Angehörige von dem Ernst der Lage 
überzeugt waren, tbeile ich diejenige Stelle aus der 
schon erwähnten handschriftlichen Lebensbeschreibung 
des Vaters Martins mit, in welcher derselbe diese An- 



487 

gelegenheit darstellt. Nachdem er erzählt hat^ wie sein 
Sohn sich dem Gerichte freiwillig gestellt, und wie er 
nun schon seit einigen Wochen im Gefangnisse zuge- 
bracht hat, fährt er fort: »In diesem Zustande zwischen 
Furcht und Hoffnung schwebten wir, bis zuletzt an den 
peinlichen Gerichtshof der Befehl erging, unserem Sohn 
den Prozess zu machen und durch die Geschworenen 
über Schuldig oder Unschuldig entscheiden zu lassen. 
Unser Sohn vertheidigte sich selbst in einer Rede, von 
der man allgemein sagte, dass sie ein Meisterstück sei. 
Leider verfehlte dieselbe ihren Zweck ; sie machte zwar 
allgemeine Sensation und tiefen Eindruck, — dennoch 
ward er des Verbrechens des Hochverraths von den 
Geschworenen schuldig erklärt und zum Tode des 
Schwertes vom Gericht verurtheilt«. Dann wird er- 
zählt, welche Schritte von der Familie des Verurtheilten 
und deren Freunden gethan wurden, um die Begnadi- 
gung zu erlangen, und wie es auch so scheint, als ob 
diese Bemühungen erfolgreich sein würden, wie aber 
dann eines Tages die Frau des Gefängnissaufsehers mit 
einer Miene der höchsten Angst ins Zimmer stürzt und 
ausruft: »Ach Gott! morgen um 8 Uhr wird Ihr Sohn 
hingerichtet I« Der Vater eilt nun sofort ins Gefängniss 
zu seinem Sohne. »Als ich in dasselbe eintrat«, so 
berichtet er nun weiter^ »fand ich ihn zu meiner Er- 
bauung so gefasst und so ruhig in des Todes Nähe, 
wie ich nicht erwarten konnte. Ich war entschlossen, 
die Nacht bis an den Morgen seines Todes bei ihm zu 
bleiben, ja, wenn er es zugegeben hätte^ ich würde ihn 
zum Richtplatz begleitet haben. Er äusserte sich über 
den Tod: ich fürchte ihn nicht, weil ich mich keines 
Verbrechens schuldig weiss. Nur meine Eltern, nur 
meine arme Frau und das Kind unter ihrem Herzen, 
nur die Leiden, die sie meinetwegen haben, erregen in 
mir traurige Empfindungen. Da ihm bei der Ankündi- 



488 

gang des Todesnrtheils aasdrficklich gesagt worden war, 
dass ihm nicht nor die Appellation vom Kassationshof, 
sondern auch die Gnade des Königs abgeschlagen sei, 
so war keine Hoffiaang mehr für ihn fibrig. Schon 
war anch der Scharfrichter bestellt, schon das Grab 
für seinen Leichnam bereitet, schon der Richtplatz mit 
Sand bedeckt. Er hatte sich zu seinen letzten Unter- 
redungen den Herrn Hofprediger Ernst erbeten und 
wünschte bei diesem das Abendmahl zu empfangen, 
und dieser fand sich sehr bereitwillig dazu. Als ich 
bei ihm eine Zeitlang auf dem Bette gesessen hatte, 
äusserte er die Meinung, ob ich es nicht gerathen finde, 
des Königs Gnade in eigener Person zu suchen; er 
versprach sich davon zwar keinen Erfolg, er wünsche 
es aber zu seiner und unserer Beruhigung, dass nichts 
unversucht gelassen worden sei. Ich war es nicht 
Willens, aber kaum hatte unser Sohn den Wunsch ge- 
äussert, so war ich entschlossen. Ich eilte von ihm 
hinweg, überliess ihn seinen Sterbegedanken und eilte 
nach Metropolitan Schnakenbergs Wohnung. Indem 
ich, durch die hintere Thür eingetreten, zur Vorderthür 
hinausgehen will, hält dieser — also Schnakenberg — 
in einem Wagen, unsere jüngste Tochter zur Seite, vor 
seinem Hause, bereit, auszusteigen. Er erzählte mir, 
dass er mich in Wolfsanger — wo Martin damals als 
Pfarrer stand — habe abholen wollen, um mit mir und 
unserer Tochter nach Napoleonshöhe zu fahren und die 
Begnadigung des Königs zu suchen«. Es gelingt ihnen 
auch nach manchen Schwierigkeiten, vor den König zu 
kommen. »Ein Hofbedienter eilte herbei, um mir zu 
sagen, der König sei vor dem Schloss auf dem grünen 
Rasen. So sehr meine alten Beine eilen konnten, eilte 
ich. Der König blieb stehen; ich Hess mich auf ein 
Knie, gab, so gut ich es vermochte, zu verstehen, ich 
sei der Vater des Martin, der morgen auf dem Blut- 



489 

• 

gerüste sterben solle, and bat, mir das Leben meines 
Sohnes zu schenken. In dem Aagenblicke lagen auch 
Schnakenberg und Fränzchen — Martins Tochter Fran- 
ziska — zu des Königs Fassen, ergriffen und küssten 
seine Hände. Der Konig schien sehr gerührt zu sein, 
eine Thräne stand in seinem Auge, und mit einer 
Stimme, die sehr sanft war, sagte er die glücklichen 
Worte: ich accedire die Gnade. Er befahl uns aufzu- 
stehen und erkundigte sich nach einem Jeden von uns. 
Ihm wiederholt dankend entfernten wir uns, als der 
Minister 6raf v. Fürstenstein hinter uns herkam, sagte, 
wir sollten warten und ein Schreiben an den Minister 
Simeon, des Sohnes Begnadigung enthaltend^ mit- 
nehmen. Wie glücklich, wie selig fühlte ich mich nach 
so vielen schmerzensvollen Monaten in diesem Augen- 
blicke! In einem gerichtlichen Dokumente 

ward nachher unserem Sohne die Gnade kund gemacht 
und die Strafe »Gefängniss auf unbestimmte Zeit« be- 
kannt gemacht. Auch hier wird Gott helfen, dessen 
Hilfe wir harren«. 

Am Tage vor der zu seiner Hinrichtung angesetzten 
Zeit nahm Martin von seiner Gattin brieflich Abschied. 
Ich theile diesen Brief hier wörtlich mit: 

Gassei, am 23. Juli 1810, 
Morgens ^»12 Uhr. 

Theure geliebte Frau! 

Ich schreibe dir diesen Brief in der bittersten 
Stunde meines Lebens. Soeben ist mir vorgelesen worden, 
dass mein Kassationsgesuch und mein Gnadengesuch 
an den König abgeschlagen ist. In 24 Stunden hat ein 
Herz aufgehört zu schlagen, das stets nur für die Tugend 
und für dich schlug. Morgen früh um 5 Uhr soll ich 
bluten. Ich kann dir mein Wort geben vor dem Throne 
Gottes, vor dem ich bald zu stehen denke, dass ich 



490 

furchtlos und gefasst dem Tode entgegensehe. Ich bin 
Christ und bin denkender Mensch; — das Leben ist 
ohnedem nicht unsere Bestimmung und zu kurz, als 
um sich um eine Anzahl Jahre mehr oder weniger zu 
betrüben. Allein der Gedanke an Dich, theures über 
Alles geliebtes Weib, der Gedanke an meine grauen 
würdigen Eltern, an meine Geschwister, dieser Gedanke 
ist der einzige, der mich schmerzlich ergreift. — Wenn 
das Kind, das Du unter Deinem Herzen trägst, diese 
Frucht einer heiligen keuschen Liebe, nicht durch die 
Schrecken und die Verzweiflung seiner Mutter getödtet 
wird, wenn es das Licht der Welt erblickt und einst 
zum Bewusstsein und zum Nachdenken kommt, dann 
lehre es, das Andenken seines Vaters mit Wehmuth und 
Schmerz, aber auch mit Achtung und Liebe segnen, 
eines Vaters, dessen Auge es nie gesehen, dessen reines 
Herz aber ihm schon vor seiner Geburt mit der wärmsten 
Liebe entgegengeschlagen hat. Ist es gleich schon vor 
seiner Geburt eine Waise, so hat es doch einen gütigen 
und liebevollen Vater im Himmel, der ja selbst den 
Raben ihr Futter gibt; er wird es, er wird Dich nicht 
verlassen, ich befehle euch in seinen allmächtigen 
Schutz. — Ich gehe Dir, ich gehe euch Allen voran. 
In der Blüthe meiner Jahre, mit einem Herzen, das 
des schönsten Glückes fähig war und dem das schönste 
Glück bevorstand, verlasse ich die Erde nicht gern; 
allein Gottes Wille geschehe, ihm will ich mich mit 
Demuth unterwerfen. Theures Weib, Du hast ein grosses 
Herz^ einen festen und wahrhaft christlichen Sinn, Du 
wirst diesen schrecklichen Schlag zwar mit entsetz- 
lichem Schmerz, doch mit einiger Gefasstheit ertragen, 
und die Zeit, die Trösterin jedes Kummers, wird Dir 
endlich nur ein wehmüthiges Andenken an mich zu- 
rücklassen. Ich sende Dir hierbei meinen Trauring, 
dieses Zeichen einer reinen, nie verletzten Treue — ach, 



491 

68 waren vielleicht nie zwei Herzen, die so ganz 
einander gehörten, die die innigste Liebe, die zarteste 
Freundschaft and Uebereinstimmung so fest mit ein- 
ander verband, die so ganz geschafFen waren, einander 
glücklich zu machen ! Diese Herzen werden auseinander 
gerissen, werden auf die furchtbarste Art getrennt. — 
Ich weiss nicht, als was für ein Opfer ich falle. Ent- 
weder liegen hier unerklärliche Missverstandnisse zum 
Grunde, oder unauslöschlicher Hass dürstet nach meinem 
Blute. Es sei, wie es wolle: ich kann Dich vor der harten 
Stunde, die mir bevorsteht, und vor dem Hochwürdigen 
Sakrament, das ich heute Nachmittag zum letzten Male 
geniessen werde, heilig versichern^ dass in diesem Augen- 
blick keine Bitterkeit gegen irgend eine Person auf der 
Erde in meinem Herzen herrscht. Hat mich je Jemand 
beleidigt oder gekränkt, so verzeihe ich ihm vollkommen ; 
habe ich irgend Jemand Wehe oder Unrecht gethan, so 
bitte ich ihn um Verzeihung. — Ach Gott, wenn ich allein 
stände, wie wenig wäre mir am Leben gelegen ; aber dass 
das Glück so vieler mit mir zertrümmert wird, das ist es, 
was mich beugt. — Du weisst es, ich habe nicht leicht- 
sinnig mich in diese Gefahr begeben — dieser Ausgang 
war unmöglich vorauszusehen, dieses beruhigt mich 
einigermassen. Die Gefühle der Liebe und Freundschaft 
können unendlich glücklich machen, und ich habe ihnen 
die einzigen seligen Stunden zu verdanken — allein sie 
können auch bittere Leiden verursachen, das fühle ich 
in diesem Augenblicke. Ich erwarte meinen Vater und 
Fränzchen'), welche Zusammenkunft! ich werde mehr 
Stärke haben als sie. Ich wünsche, dass die letzte Er- 
giessung meines ganz Dir geweihten Herzens nicht in 
unreine Hände komme. W^ie ich sie in Deine Hände 
bringe, weiss ich noch nicht. Es wird ja wohl ein 

^) Martin's Schwester Franziska. 



492 

Mitleidiger sein, der mir diesen letzten Dienst erweist. 
Ich habe den Hofprediger Ernst bitten lassen, zu mir 
zu kommen ; mit ihm werde ich die letzte Unterredung 
über die höchste Trösterin halten. — Meinen Freunden, 
besonders dem edlen Reimer ^), über mache ich meine 
letzten Grüsse; ich liebe sie bis in meinen Tod^). — 

Soeben geht mein Vater von mir; er ist 

gebeugt, aber gefasst wie ein ächter Priester des Gottes 
der Liebe und Stärke. Ich sehe nach der Uhr; ich 
lebe noch 17 Stunden, dann ist Alles vorüber und be- 
endigt. Ich fühle jetzt, dass es leichter ist zu sterben, 
als ich dachte. Bewusstsein und Religion erleichtem 
mächtig diesen Schritt. — Lebe wohl, theures ewig ge- 
liebtes Weib, tausend Versicherungen der wärmsten^ der 
innigsten Liebe Deinen Eltern und Geschwistern I Jen- 
seits dem Grabe, wo kein Parteigeist und keine Feind- 
schaft mehr ist, empfangt dich 

ganz der deinige 
Martin. 

Ist es denkbar, dass ein Mann so an seine Frau 
schreibt, an seine Frau, die er aufs Zärtlichste liebt, 
und die noch dazu in allernächster Zeit ihre Entbin- 
dung erwartet, wenn er weiss, dass Alles nur, um mit 
Lynker zu reden, eine »verabredete Farce« ist? Wie 
mir scheint, wird durch die beiden mitgetheilten Schrift- 
stücke, die ja beide nur für den nächsten Familienkreis 
bestimmt waren, so dass wohl niemand an eine absicht- 
liche Täuschung wird denken können, schlagend be- 
wiesen, dass das ganze Gerede von der verabredeten 
Farce etc. eben nichts als leeres Gerede ist Damit 
aber fällt zugleich die Behauptung hin, Martin habe 
seine Begnadigung auf irgend eine Weise erkauft. Nein, 



^) Gemeint ist der Bachhändier A. Reimer in Berlin. 

*) Die folgenden Zeilen sind einige Standen später gesohriebeo. 



493 

er bat sie nicht erkauft, sondern sie ist ihm ohne 
irgend welche Gegenleistung seinerseits geschenkt 
worden ; die augenblickUche Rührung, welche den weichen 
J^rome ergriff, als der Mann um seines Sohnes Leben 
bat, der selbst ganz unschuldig so viel erlitten hatte, 
diese und nichts anderes ist der Orund dafür, dass 
Martin nicht den Tod auf dem Blutgerüste sterben 
musste. Lynker lässt es wohl durchfühlen, dass ei 
.persönlich der Ueberzeugnng ist, Martin habe seine 
Begnadigung durch Verrath seiner Genossen erkauft; 
aber er bewahrt sich doch noch so viel historische 
Gewissenhaftigkeit, dass er dies nicht geradezu zu be- 
haupten wagt. Goecke-Ilgen aber schreibt (S. 154): 
»Ein Mann, der kompromittirende Bemer- 
kungen nicht allein über Scharnhorst und andere in 
Berlin, sondern auch über angebliche Theilnehmer des 
Aufstandes in Hessen, geflissentlich unterlaufen Hess 
und auf diesem Wege (sie!) die Begnadigung Jerömes 
zu erlangen wusste u. s. f.< Einen Beweis für diese 
seine Behauptung erbringt Goecke-Ugen so wenig, wie 
er einen Beweis für die von ihm m. W. zum ersten 
Male als historisch feststehende Thatsache behandelte 
Behauptung, Martin sei der Verfasser der oben erwähnten 
Schmähschrift gegen das hessische Militär, zu erbringen 
für nöthig erachtete. 

Aber wenn Martins Begnadigung also auch nicht 
als Lohn für wichtige Enthüllungen, die er gemachte 
anzusehen ist, so bleibt doch immer noch der schwere 
Vorwurf gegen ihn, dass er seine guten Dienste der 
westphälischen Regierung angeboten, seine Genossen 
verrathen und die ganze Verschwörung enthüllt habe. 
Das ists doch, was Lynker wie Goecke-Ilgen behaupten ; 
und das scheint durch die Veröffentlichung des Briefes, 
den Martin an Baron von Linden geschrieben, sowie 
durch die Berichte Lindens über seine Unterredungen 



494 

mit Martin nnwidermflich festgestellt zu sein (S. Klein- 
Schmidt in der Zeitschr. d. hess. 6esch.-Yer. 1890. 
»Einiges über Martin« sowie Kleinschmidt, Gesch. d. K. 
W., S. 256). Und ich gestehe zu, dass der erste Ein- 
druck des Briefes ein für Martin nngfinstiger ist; and 
ich gestehe femer zu, dass die Kleinschmidt'schen Yer- 
öflfentlichnngen, als ich von denselben Kenntniss empfing, 
auf mich zunächst einen niederschlagenden Eindmck 
machten, den Eindmck, dass mein Grossvater allerdings 
in der furchtbaren Noth und Erregung der Zeit sich 
einer schweren sittlichen Verirrung schuldig gemacht 
habe, als er dem Baron von Linden diesen Brief schrieb. 
Aber als ich mich nun etwas näher mit der ganzen 
Sache beschäftigte und mich mit der einschlägigen 
Litteratur bekannt machte, da fiel mir denn doch bald 
auf, dass nirgends auch nur eine Spur davon zu ent- 
decken ist, dass in Folge von Martins sog. Enthüllungen 
und Angebereien von der westphalischen Regierung 
gegen irgend jemanden eingeschritten, irgend jemand 
abgesetzt oder in das Gefangniss gesteckt oder verhaftet 
oder irgendwie bestraft, ja auch nur in Untersuchung 
gerathen sei. Davon ist schlechterdings nichts geschehen; 
e.s ist, soweit ich finden kann, in Folge von Martins »Ent- 
hüllungen« auch nicht ein einziger Mensch auch nur in die 
geringste Ungelegenheit gekommen. Folglich kann es doch 
wohl mit seinen Enthüllungen nicht schlimm gewesen 
sein ! Zweifellos hätte Martin, wenn er gewollt hätte, viele 
wegen ihrer Theilnahme am Aufstande oder wenigstens 
wegen ihrer Mitwissenschaft in grosse Ungelegenheit 
bringen, er hätte sich dadurch nicht nur Begnadi- 
gung, sondern auch Gunsterweisungen, Beförderungen 
erkaufen können, wenn er fähig gewesen wäre, an 
seinen Genossen zum Verräther zu werden ; aber er hat 
es eben nicht gethan, ist vielmehr allen Verlockungen 
der westfälischen Regierung gegenüber fest geblieben. 



4Ö5 

Der oben angeführte Aufsatz H. Martins: »Zar Abwehr« 
theilt eine Stelle ans einem Briefe seines Vaters an einen 
Berliner Freund, den bekannten Buchhändler Reimer, 
vom 2. Januar 1812 mit, in welcher Martin sagt: »Man 
hatte mich vom Anfang meiner Ankunft dahier stark 
in die Klemme genommen, um noch Gestandnisse von 
mir zu erpressen; besonders wollte man durchaus 
Namen von Mitschuldigen haben. Ja, es war mir 
mehrere Male angeboten worden, dass, wenn ich mich 
in diesem Stücke fügen wolle, meine Freiheit mir sofort 
gewährt werden solle. Meine stete Antwort war, ich 
wisse weiter nichts, als was ich bereits ausgesagt habe. 
Und sogar jetzt noch, wenige Stunden vor dem Tode, 
geschah mir der Antrag, dass ich in diesem Stücke 
aufrichtig sein solle, wogegen mir nicht nur das Leben, 
sondern auch alsbaldige Freiheit zugesichert wurde. 
Allein, Gottlob, auch nicht einen Augenblick kam ich 
in dieser schrecklichen Lage auf den Gedanken^ Leben 
und Glück auf Kosten der Ehre und des Rechtes wieder 
zu gewinnen.« Ebenso sagt Martin in einer »Erklärung« 
(vom Februar 1814. Beilage zu Nr. 11 der Casselschen, 
Polizei- und Gommerzien-Zeitung) : » Gerade in d e r Zeit 
rettete nur meine unerschütterliche Standhaftigkeit gegen 
25 meiner ehemaligen Verbündeten von Absetzung, Ge- 
fangenschaft und anderen liebeln«; und weiter: »(dies 
geschah)^ als ich von der westfälischen Regierung aufs 
neue geängstigt wurde ; als der General v. Bongars 
damaliger Chef der Polizei, und der Generalsekretär 
von Schalch, um mich ganz in das Interesse der fremden 
Herrschaft zu ziehen, täglich in mich drangen, irgend 
ein bedeutendes Staatsamt, bald ein General-Commissa- 
riat der hohen Polizei, bald eine Unterpräfektur u. s. w. 
anzunehmen ; als sie diese Anträge mit den glänzend- 
sten Versprechungen unterstützten und ich in die pein- 
liche Nothwendigkeit gesetzt war, diese Anträge abzu- 



496 

lehnen, ohne die, in deren Händen mein Schicksal sich 
befand, zu beleidigen.« So ist durch Martins sogenannte 
Enthüllungen nicht nur niemand in Ungelegenheiten 
gekommen^ sondern er hat auch für seine Person gar 
nichts von Begünstigung seitens der westfälischen Re- 
gierung erfahren ; denn dass er endlich die Stelle eines 
Notars in Eschwege erhielt, ist doch wohl nicht als 
eine besondere Gunst der westfälischen Regierung zu 
betrachten. »Es gelang mir endlich« ^ so sagt er in dem 
oben angeführten Aufsatze, »die unbedeutende Stelle 
eines Notars, eine von den wenigen, die ich bei meinen 
Grundsätzen in Westfalen bekleiden konnte, zu erhalten.« 
Ich führe hier auch eine Aeusserung Chr. v. Rommels 
(Bülau, Geh. Geschichten etc. V, 475 f.) an: »Die 
hessische Insurrektion war auf den eigenthümlichen 
Geist der hessischen Nation und der alten treuen Diener 
des Kurfürsten berechnet. Während einer fast 3 monat- 
lichen Vorbereitung hatten alle Vorsteher von 20 — 30 
die Stadt Cassel umgebenden Dorfgemeinden das ihnen 
anvertraute Geheimniss trealich bewahrt, und von den 
vielen betheiligten Familien aus allen Ständen .... 
trat auch nach dem Misslingen keineinziger 
verrätherischer Zug auf.« Würde Rommel so 
schreiben, wenn einer der Hauptführer des Aufstandes 
sich schliesslich als ein Verräther entpuppt hätte? Und 
wenn wir nun weiterhin sehen, dass Männer wie Georg 
Andreas Reimer und Justus Grüner — ich werde auf 
Martins Verhältniss zu ihnen noch zu sprechen kommen — 
mit Martin auch nach den Freiheitskriegen noch im 
besten Verhältnisse stehen und ihn ihres vollen Vertrauens 
würdigen: müssen wir denn da nicht in unserer durch 
jenen Brief Martins an Linden hervorgebrachten Mei- 
nung, dass er diesem zu verrätherischen Zwecken seine 
Dienste angeboten habe, irre werden und uns fragen, ob 
der Brief und was damit zusammenhängt, wirklich in 



491 

einer für Martin so ungünstigen Weise verstanden 
werden müsse? 

Schon dass der Brief wirklich von Martin ge- 
schrieben worden ist, und zwar so, wie Kleinschmidt 
ihn mittheilt (Ztschr. d. hess. 6esch.-V. v. J. 1890, S. 
285 ff.), lässt sich mit unbedingter Gewissheit nicht be- 
haupten. Denn das Aktenstück des Geh. Staatsarchivs 
zu Berlin, welches von Kleinschmidt als Martins Brief 
an Linden reproducirt wird, ist nicht etwa der von 
Martin selbst geschriebene Originalbrief. Lindens De- 
pesche an Fürstenstein (v. 4. Sept. 1809) beginnt mit 
den Worten (ich behalte die Orthographie dieses Schrift- 
stückes bei. D. H.): La lettre anonime dout j'ai 
Phoneur dejoindre latraduction. Demnach hat Martin 
an Linden deutsch ^) geschrieben; von diesem Originalbriefe 
Martins hat Linden eine Uebersetzung anfertigen lassen 
und diese nach Kassel geschickt; eine Abschrift dieser 
Uebersetzung hat er bei seinen Gesandtschaftsakten 
behalten ; diese Abschrift der Uebersetzung des Original- 
briefes also ist es, die vorliegt. Dazu kommt, dass 
der Brief keine Unterschrift hat^. Sonach können wohl 
die Veröffentlichungen Kleinicbinidts durchaus nicht die 
Eigenschaft unbedingter Authenticitat beanspruchen ; 
ein wirklich diplomatischer Charakter kann ihnen, 
wie mir scheint^ nicht beigelegt werden. Wie leicht 
kann der üebersetzer eine Wendung in Martins Briefe 
falsch aufgefasst oder falsch wiedergegeben haben! 
Wie leicht kann auch dem Abschreiber hier oder da 
ein kleines Versehen passirt sein! Dass Üebersetzer 
oder Abschreiber bei ihrer Arbeit nicht gerade sehr 



*) jedenfalls Dioht französisoh. 

*) Möglicherweise ist das bei den Berliner Akten liegende 
Schriftstück nicht eine Abschrift der Uebersetzung von Martins 
Brief, sondern diese Uebersetzung selbst Auch in diesem- Falle 
würde das im Folgenden Gesagte seine Geltung behalten. 

N. V. Bd. XVIII. 32 



498 

sorgfaltig verfahren sind, beweist ein Blick in das vor- 
liegende Aktenstück, in dem es an Flüchtigkeitsfehlem 
nicht mangelt 

Sonach kann ich den Beweis nicht far erbracht 
halten, dass Martin jenen Brief wirklich — and zwar so, 
wie er bei den Berliner Akten liegt nnd wie Klein- 
schmidt ihn mittheilt — geschrieben hai Ich halte es 
aber allerdings für im höchsten Grade wahrscheinlich, 
wenn auch nicht für zweifellos gewiss, dass er jenen Brief 
geschrieben hat. und darauf, dass möglicherweise der 
eine oder andere Ausdruck in Martins eigenem Briefe 
doch einen etwas anderen Sinn gehabt haben kann, als 
der ist, welchen die uns vorliegende Abschrift hiEtt, 
will ich auch nicht allzu viel Gewicht legen, wenn ich 
auch meine, es bedürfe zweifelloserer und klarerer Be- 
weise, als diese Abschrift einer Uebersetzung ist, um 
einen Mann öffentlich als Abtrünnigen und Verräther zu 
brandmarken, der doch jedenfalls seine ganze Existenz 
daran gesetzt hat, um das Vaterland von der Fremd- 
herrschaft zu befreien. Ich will aber für meine nach- 
folgende Da^rlegung auf den Einwand, dass die Echtheit 
des von Kleinschmidt mitgetheilten Briefes nicht aus- 
reichend beglaubigt sei, verzichten und davon ausgehen, 
dass Martin wirklich diesen Brief so, wie er uns vor- 
liegt, geschrieben bat. Selbst dann noch erhebe ich die 
Frage, ob dieser Brief wirklich in der für Martin so 
ungünstigen Weise aufgefasst werden muss, ob er 
nicht vielmehr in einer für ihn erheblich weniger un- 
günstigen Weise verstanden werden kann. 

Zunächst also steht, wie gesagt, fest, dass Martin 
sich brieflich an v. Linden gewandt hat, um durch 
seine Vermittlung die Erlaubniss zur Rückkehr in seine 
Heimath zu erlangen. Daraus allein wird man ihm wohl, 
wie ich annehme, einen Vorwurf nicht machen wollen. 
Ferner steht (die Authenticität des von Kleinschmidt 



499 

miigetheilten Briefes vorausgesetzt) fest, dass Martin dem 
Baron v. Linden seine Dienste angeboten hat. Aber 
es fragt sich doch sehr, wozu er ihm seine Dienste 
anbot. Aus dem Briefe selbst geht das nicht deutlich 
hervor; Martin redet da natürlich in allgemeinen Aus- 
drücken, spricht von seinem gegenwärtigen Wunsche, 
dem Könige und seinem Vaterlande nützlich zu sein 
und nach besten Kräften dazu beizutragen, um es vor 
den Leiden der Insurrektion zu bewahren (>je d^sire 
actuellement, d'etre util ä Sa Majest^ le Roi et ä ma 
patrie et attribuer autant que je pourrais ä la garantir 
des maux de l'insurrection«), von seiner Fähigkeit, der 
Regierung auch in Zukunft Dienste leisten zu können 
(»Ma Situation m'a mis au fait de diff^rentes r^iations, 
dont la connaissance ponrra interesser le gouvernement ; 
aussi dans la suite pourrai-je peutetre rendre des 
Services«), von seiner Absicht, dem Baron v. Linden, 
falls dieser ihm eine Audienz gewährt, eingehendere 
Mittheilungen zu machen (»Si Votre Excellence veut 
m'accorder une audience, j'aurai soin de donner plus 
de d^tails») und von seiner Hoffnung, in der Folge 
seine Ergebenheit an den König beweisen zu können 
(»J'espere de prouver dans la suite mon devouement 
au roi«). Se. Majestät werde sich überzeugen, dass sie 
grössere Dienste von einem Manne erwarten könne, der 
alles seiner Ueberzeugung geopfert habe, als etc. 
»[J'espere que] Sa Majest^ se convaincra, qu'elle pourra 
s'attendre ä des plus grands Services d'un homme, qui 
a tout sacrifi^ ä sa conviction, que etc).» Das alles 
klingt in der That sehr bedenklich ; ebenso bedenklich 
klingen die Sätze, in denen Martin ausspricht, dass 
sich sein Gesichtspunkt und seine Grundsätze völlig 
geändert hätten (»Ma manidre de voir est chang6 
ainsi que mes principes»), dass eine totale Aenderung 

seiner Ueberzeugung ihn so handeln lasse (»Un chan- 

32* 



500 

gement total de ma conviction me fait agir ainsi«), 
dass er, da sein Gesichtspunkt und seine Prinzipien 
sich geändert hätten^ sich vollständig seinem Könige 
hingebe (»qui, aiant change de maniere de voir et de 
principes, se donne en entier ä son roi«). Um den 
Schritt, den Martin mit diesem Briefe gethan hat, zu 
beurtheilen, ist zunächst und vor allem zu bedenken, 
dass er sich damals in einer sehr niedergeschlagenen, 
fast verzweifelten Gemüthsstimmnng befand ; nicht etwa 
ist das so zu verstehen, dass seine persönliche 
Lage eine verzweifelte gewesen wäre; im Gegentheil: 
er lebte in Berlin iü ziemlicher Sicherheit, ohne ma- 
terielle Sorgen, hatte sogar seine Gattin zu sich kommen 
lassen können, wohnte im Hause des Buchhändlers 
Reimer im besten Verhältnisse mit diesem und im leb- 
haften Verkehre mit dem Kreise patriotisch gesinnter 
Männer, die in Reimers Hause aus- und eingingen ; 
aber die Gesammtlage des Vaterlandes, das Scheitern 
aller seiner Hoffnungen, besonders die Erfahrung, die 
er hatte machen müssen, dass das deutsche Volk zur 
Erhebung noch nicht reif sei, vielleicht auf lange hin- 
aus nicht reif werden würde: das alles lastete schwer 
auf ihm. Er schildert selbst seinen damaligen Zustand 
S. 53 der Zeitschrift: Teutschland. Da sagt er: »Was 
aber vor allem anderen mich auf das unsäglichste 
schmerzte, war das gänzliche Zertrümmern der Hoff- 
nungen, die ich für die Freyheit meines Vaterlandes 
gehegt, noch mehr, das war die schreckliche Ueberzeu- 
gung, wie sehr ich mich bis jetzt über die Gesinnung 
meiner Nation geirrt hatte. Also war nicht bloss dieser 
Versuch; unsere Ketten zu zerbrechen, vereitelt; nein, 
noch mehr, alle Hoffnung für die Zukunft war beynahe 
vernichtet, denn es war das nicht vorhanden, was je 
und unter allen nur erdenklichen Verhältnissen diese 
Hoffnungen verwirklichen konnte, nehmlich eine hin- 



501 

längliche Masse von moralischer Kraft in der Teutschen 
Nation. Die Meinung, die ich von dem Werthe meines 
Volkes hatte, war gar sehr gesunken. » Und ähnlich sagt 
er in einem mir vorliegenden Briefe an seine Eltern vom 
15. Okt. 1809: »Uebrigens wird es mir schwer, mich an- 
haltend mit ernstlichen Dingen zu beschäftigen, da sich 
mein ganzes Wesen noch in einer zu grossen Auflösung 
befindet und ich noch einige Zeit nothig haben werde, 
mich zu sammeln. Meine ehemaligen Pläne und An- 
sichten der Dinge habe ich gänzlich aufgegeben^ indem 
mich die Erfahrung und das Leben von deren Unaus- 
führbarkeit überzeugt haben.« Wenn er also sagt, dass 
seine maniere de voir sich geändert hätte, so meint er 
damit eben dies, dass er für jetzt die Hoffnung, das 
deutsche Volk werde sich kraftvoll gegen die Fremd- 
herrschaft erheben, aufgegeben habe. Und infolgedessen 
sind auch seine »principes« andere geworden: bisher 
hat er aus aller Kraft darnach gestrebt, eine Insurrek- 
tion herbeizuführen; nun, da er die Ueberzeugung ge- 
wonnen hat, dass von einer solchen doch nichts zu 
hoffen sei, muss er im Gegentheil, gerade im Interesse 
seines Volkes, alles thun, was er kann, um es nicht 
zu solchen vereinzelten Ausbrüchen des Volksunwillens 
und des Nationalgefühles kommen zu lassen, wie die 
hessische Insurrektion, Schills Versuch, Friedrich Wil- 
helm von Braunschweigs Erhebung etc. gewesen waren. 
Solche vereinzelte gewaltsame Explosionen konnten, 
wie er sich nunmehr überzeugt hatte, nicht nur nichts 
helfen, sondern sie mussten der Sache des Vaterlandes 
schaden und brachten zudem namenloses Unheil über 
die Insurgenten and ihre Angehörigen. So ist unter 
der Aenderung seiner Ueberzeugung lediglich eine durch 
das Misslingen aller bisherigen Unternehmungen her- 
beigeführte veränderte Auffassung der politischen 
Sachlage zu verstehen; eine Aenderung seiner deutsch- 



502 

nationalen Gesinnung hat bei ihm nicht stattge- 
funden; der Sache des Vaterlandes ist er, wie die 
ganze Folgezeit beweist, bis an sein Lebensende treu 
geblieben. Dass er seiner deutsch-nationalen Gesinnung 
treu bleibt, das kann er naturgemäss dem Baron von 
Linden nicht vor den Kopf sagen; indessen fehlt es 
doch in dem Briefe nicht an Ausdrücken, welche zeigen, 
wozu er Linden seine Dienste anbot. Er sagt aus- 
drücklich: »Mes experiences, les observations faites de- 
pnis et qui m'^clairerent tout (?) sur la maniere d'agir des 
cabinets oppos^s au Systeme fran9ais m'arracherent le 
bandeau et me donnerent la plus entiere conviction, 
que mes anciens projets ne pourraient ammener que 
la ruine des pays, et que dans l'^tat actuel 
des choses il en faut ä desirer la continuation 
pour l'Allemange.« Er möchte (s. o.) »garantir sa 
patrie des manx de Pinsurrection«. Und so 
bietet er seine Dienste allerdings dazu an, in dem 
Lande die Ruhe zu erhalten. In der Unter- 
redung, welche Martin in Folge jenes Briefes mit Linden 
gehabt hat, spricht er dies deutlich genug für jeden, der 
nicht mit vorgefasster Anschauung liest, aus. Linden 
berichtet in seiner Depesche vom 4. Sept. 1809 : »S'etant 
pleinement convaincu de l'impossibilite de contribuer au 
bonheur de sa patrie dans cette voie (also auf dem Wege 
der Insurrektionen. D. H.), il avait quitte le service du duc 
d'Oels et apr^s avoir err^ quelque temps en Sil^sie, il se 
trouvait depuis trois jours ä Berlin sous un nom snppos^. 
II me repeta, que la coniiance dont il jouissait pres 
de ses compatriotes et pres de plusieurs personnes dans 
l'etranger lui permettaient de promettre, qu'il pouvait 
contribuer au maintien de la tranquillite 
de ce district ou il lui serait permis de vivre«. Linden 
hofft, durch Martin irgend welche wichtige Aufschlüsse 
zu erhalten und verlangt, dass er solche gebe ; aber er 



503 

findet sich in dieser Hoffnung getäuscht : »Tout ce qu^il 
me disait pour me satisfaire m'a ete connu en partie 
et le sera totalement de Votre Excellence« (Lindens 
Depesche ist an den Grafen Fürstenstein gerichtet). 
Also nichts von interessanten Enthüllungen, nichts von 
Verräthereien und Angebereien! Bei einer späteren 
Unterhaltung nennt Martin dann allerdings einige Theil- 
nehmer oder wenigstens Mitwisser der Verschwörung; 
so nannte er als Mitwisser Johannes von Müller. Linden 
behandelt diese Angabe als eine unglaubwürdige Anek- 
dote, und Goecke-Ilgen thun desgleichen (S. 155). Aber 
sollte es denn diesen Herren unbekannt sein, dass Müllers 
Mitwissenschaft an der Verschwörung auch nach anderen 
Zeugnissen feststeht? Dömberg sagt in seinem oben 
erwähnten Memorial ausdrücklich : »Auch Joh. v. Müller 
wurde davon unterrichtet, zeigte sich aber sehr furcht- 
sam.« Auch Lynker (S. 111)^ Schlosser (Bd. XV. S. 
481), Häusser (Deutsche Geschichte. Bd. UI, S. 32ö), 
sowie Kleinschmidt (Gesch. d. K. W. S. 235) nehmen 
als zweifellos an, dass Müller um die Sache gewusst 
habe. Wozu dann Goecke-Ilgens sittliche Entrüstung 
über Martin als den Erfinder der Anekdote von Müllers 
Mitwissenschaft? Daraus, dass Martin den Namen Müllers 
nannte, wird ihm wohl niemand einen Vorwurf machen ; 
denn schaden konnte dies Müller nicht; Müller war 
nämlich am 29. Mai 1809 gestorben, und jetzt schrieb 
man bereits den 12. September! Aehnlich mag es sich 
mit den anderen Namen, die Martin nach Lindens 
Depesche genannt haben soll^ wohl auch verhalten 
haben: es ist offenbar niemand durch seine Aussagen 
kompromittirt worden. Dazu ist doch auch zu be- 
denken, dass alle diese Angaben über von Martin ge- 
machte Aussagen lediglich auf dem Zeugnisse Lindens 
beruhen ; dieser aber hatte ein entschiedenes Interesse 
daran, Martins Aussagen als möglichst wichtig hinzu- 



504 

stellen; denn er hatte ihm ohne Yorwissen seiner Re- 
gierung die Begnadigung in Aussicht gestellt und konnte 
nur hoffen, dass die Regierung dies billigte, wenn 
Martin wirklich sehr bedeutsame Aufklärungen gab. 
Dass Linden aber gerade keine so ganz unbedingte 
Glaubwürdigkeit ^beanspruchen darf, darüber belehrt 
uns Goecke-Ilgen selbst^). Wenn Linden also von Mit- 
theilungen redet, die ihm Martin über Schamhorst und 
den Erbprinzen von Dessau gemacht habe: ist es da 
so ganz undenkbar, dass Linden hier ein wenig geflunkert 
habe ? Ich behaupte nicht, dass es so ist, sondern nur, 
dass es so sein kann. Viel Gewicht lässt sich schwerlich 
auf diese Linden'schen Angaben legen. 

Ebenso dürfte es sich mit den Geständnissen ver- 
halten haben, die Martin später bei seiner Vernehmung 
vor dem Criminalgerichte in Kassel machte. Er ent- 
hüllte allerdings, was er ja auch schon Linden gegen- 
über gethan hatte, den Plan der Verschwörung, aber 

Vergl. Ooecke-Ilgen 8. 119: »Linden sammelte wie eine 
Art von politischem Spion alle Oertiohte und Vorgänge, die die 
bösen Absichten des Eabinets (sc. des Berliners) und der Bevöl- 
kerung in Preussen darthun konnten, weil er darin ein Mittel sah, 
seinem Hofe zu gefallen«; und 8. 248: »Im Janaar 1812 mosste 
Linden Briefe, die in Kassel fabrizirt waren, und in denen zur 
Desertion aufgefordert wurde, an westf&lisohe Soldaten auf die Post 
in Berlin geben. Die Adressaten aber, die Falle merkend, lieferten 
die Briefe an ihre Vorgesetzten ab. Senfft (der preuss. Qeschäfts- 
trftger in Kassel) unterrichtete Reinhard (Napoleons Gesandten in 
Kassel) sofort von diesem Intriguenspiel. Dass aber Linden noch die 
Unverschämtheit besass, wegen dieser Briefe bei Hardenberg Vor- 
stellungen zu erheben, rief natnrgemäss den lebhaftesten Unwillen 
Friedrich Wilhelms III. hervor, der einfach durch seinen Minister 
die Vorzeigung der Originale fordern liess. und Furstenstein ent- 
blödete sich nicht, Reinhard vorzulügen, dieselben seien wirklich 
nach Berlin geschickt.« Ein Mann der solcher Machenschaften sich 
nicht schämte, kann sicherlich nicht als ein ein wandsfreier Zeuge 
angesehen werden. — 



506 

das war ja jetzt, VU Jahr nach der Niederwerf ang des 
Aafstandes (der Anklageact datirt vom 15. Juni 1810) 
ohne jede Consequenz; war doch ohnedies dieser Plan 
der Regierung nunmehr längst bekannt; Martin nannte 
auch Mitschuldige; aber doch nur solche, denen 
seine Aussage nicht schaden konnte, weil ihre Theil- 
nahme schon anderweitig fest stand. Was für einen Sinn 
hätte es z. B. gehabt, wenn er Anstand hätte nehmen 
wollen^ Dömberg als das Haupt der Verschwörung zu 
bezeichnen ? Ich muss wiederholt nachdrücklichst darauf 
hinweisen, dass seine Aussagen niemanden geschadet 
haben, obwohl er zweifellos genug hätte aussagen 
können, wodurch Männer, die bis jetzt noch nicht als 
in die Verschwörung verwickelt genannt worden waren, 
kompromittirt worden wären^ was fttr ihn, wenn er es 
gethan hätte, gewiss nur von Nutzen gewesen wäre. 
(Vergl. die oben S. 495 angefiihrte Stelle aus Martins 
Brief an Reimer.) 

Martins Brief an Linden ist für ihn verhängniss- 
voll geworden. Verhängnissvoll für sein Lebensglück ; 
denn die westfälische Regierung löste ja, wie bekannt, 
dass von dem Baron von Linden Martin gegebene Wort 
nicht ein, sondern brachte die volle Strenge des Gesetzes 
gegen ihn zur Anwendung; verhängnissvoll aber auch 
für seinen guten Namen ; denn es ist vorzugsweise 
dieser Brief und das^ was sich an diesen Brief weiter 
anschliesst, wodurch der Verdacht, er sei ein Abtrün- 
niger, ein Verräther, ein Mensch von »gänzlicher Cha- 
rakterlosigkeit« (Goecke-Ilgen S. 154) gewesen, gestützt 
wird. Dass ein Schein der Berechtigung für solchen 
Verdacht vorliegt, habe ich schon oben zugestanden; 
dass es aber eben nur ein Schein ist, dass ihm in 
Wahrheit mit solchem Verdachte bitteres Unrecht ge- 
schieht, glaube ich bewiesen zu haben. Es muss zu- 
gestanden werden, dass Martin hier, wie auch sonst 



506 

noch, nicht mit der nötbigen Vorsicht und Elagheit 
gehandelt hat; er war eine heftige, impulsive, leiden- 
schaftliche Natur, zudem damals noch ein junger, nicht 
ausgereifter Mann und denn doch auch, woraus man 
ihm gewiss keinen Vorwurf machen kann, durch die 
furchtbare Erregung der Zeit, durch die Gesammtlage 
der öffentlichen Verhältnisse, durch seine eigenen Er- 
lebnisse, Leiden und Sorgen etwas aus dem inneren 
Gleichgewichte gekommen. 

Ich gebe zu, dass es, um zu den Ergebnissen 
über die WtLrdigung von Martins Brief an Linden zu 
gelangen, zu denen ich gelangt bin, einer wohl- 
wollenden Interpretation bedarf ; auf eine solche 
aber hat — so sollte ich denn doch meinen — ein 
Mann Anspruch, der so eifrig und selbstlos für die 
Befreiung des Vaterlandes gewirkt hat, wie Martin. 

Aber nicht nur um deswillen hat Martin Anspruch 
auf eine wohlwollende Beurtheilung, weil er zu den- 
jenigen Männern gehört, die in jener schweren Zeit 
alles daran gesezt haben, um das Vaterland von dem 
Joche der Fremdherrschaft zu befreien ; auch sein 
späterer Lebenslauf zeigt, dass er unmöglich jener 
»gänzlich charakterlose« Mann gewesen sein kann, als 
welcher er von Lynker, Goecke-Ilgen, Kleinschmidt auf- 
gefasst wird. Auf diesen seinen späteren Lebensgang 
muss ich daher zum Schlüsse noch kurz zu reden kommen. 

Bald nach seiner Begnadigung war Martin, wie 
schon erwähnt, nachdem er verschiedene Aufforderungen 
zum Eintritt in den westfälischen Staatsdienst zurück- 
gewiesen hatte, als Notar in Eschwege angestellt worden. 
Hier verlebte er eine kurze Periode stillen Berufs- und 
beglückten Familienlebens. Mit dem Zusammenbruch 
der westfälischen Regierung, wodurch er wieder ausser 
Stellung und Beruf kam, ging diese friedliche und stille 
Zwischenzeit zu Ende. 



507 

In dieser Lage ging ihm von dem zam General- 
gonvemeur des Mittelrheines ernannten bekannten 
Staatsmanne Jastus Graner die Aufforderung zu 
(im Januar 1814), sich bei ihm einzufinden und unter 
seiner Verwaltung in Dienst zu treten. Grüner 
war zu der Zeit, als Martin sich in Berlin aufhielt, 
Polizeipräsident von Berlin gewesen und hatte also 
zweifellos die beste Gelegenheit gehabt, sich über 
Martins Charakter und Geistesrichtung zu informiren. 
Persönlich kannte er bis zu der Zeit von Martins Ein- 
tritt in seine Verwaltung diesen nicht; durch wen er 
auf ihn aufmerksam gemacht worden ist, kann ich nicht 
sagen ; vielleicht durch Reimer und den Kreis patriotisch 
gesinnter Männer, die in Reimers Hause in Berlin ver- 
kehrten, und mit denen Martin während seines Berliner 
Aufenthaltes bekannt geworden war. Es ist wohl kaum 
denkbar, dass Grüner über Martins Verhandlung mit 
dem Baron v. Linden nichts gewusst habe; wenn das 
wahr wäre, was Linden in seinem oben angeführten 
Berichte erzählt, dass Martin ihm gegenüber kom- 
promittirende Mittheilungen über Scharnhorst, den da- 
maligen preussischen Kriegsminister, gemacht hätte, so 
wäre es in der That ganz undenkbar, dass daraus nicht 
irgend welche diplomatische Verwickelungen entstanden 
wären, von denen doch der Polizeipräsident von Berlin 
zweifellos Kenntniss gehabt hätte, zumal ein so schnei- 
diger und findiger Polizeipräsident, wie es Grüner war. 
und wenn Martin durch seine Verhandlungen mit 
Linden und durch alles, was sich daran anschloss, in 
jenem Berliner Kreise deutschgesinnter Männer irgend- 
wie anrüchig geworden wäre, so würde sicherlich ein 
Mann von dem feurigen Patriotismus Gruners sich ge- 
hütet haben, eine solche anrüchige Persönlichkeit an 
sich zu ziehen. Martins Berufung kann nach Lage der 
Dinge nur auf die Empfehlung jener Berliner Freunde 



508 

erfolgt sein; daraus aber, dass diese ihn Grüner em- 
pfahlen, ergiebt sich, dass sie an Martins Patriotismus, 
an seiner unveränderten deutschen Gesinnung, an der 
Lauterkeit seines Charakters nicht zweifelten; folglich 
haben seine Verhandlungen mit Linden sie nicht irre 
an ihm gemacht. Dass sie von diesen Verhandlungen, 
von Martins Prozess, von seiner Begnadigung etc. 
wussten, das kann gar keinem Zweifel unterliegen ; das 
hatte ja in den Zeitungen gestanden^). 

Martin folgte dem Rufe Gruners; er begab sich 
nach Trier, wo er von Grüner mit Vertrauen empfangen 
wurde, und fand Beschäftigung zunächst als Chef eines 
Departement-Militärbüreaus, dann als Gehilfe des Gou- 
vernementalrathes. Nach Auflösung des Gouvernements 
des Mittelrheines (Juni oder Juli 1814) nahm ihn 
Grüner, der nunmehr zum Generalgouverneur des Gross- 
herzogthums Berg ernannt wurde und damit in preus- 
sische Dienste zurückti-at, aus besonderem Vertrauen 
mit sich nach Düsseldorf, wo Martin anfangs ohne be- 
sondere Ernennung in Geschäften des Generalgouver- 
neurs verwendet, dann aber zum Polizei-Inspektor des 
Landkreises Düsseldorf ernannt wurde. In dieser Stel- 
lung blieb er, bis die Entweichung Napoleons von der 
Insel Elba (1. März 1815) zu einer abermaligen Ver- 
änderung in Gruners und damit auch in Martins Stel- 
lung Veranlassung gab. Grüner wurde zum General- 
direktor der Armeepolizei und zum Civilgouverneur der 
zu erobernden französischen Provinzen bestellt. Für 



') Eb erscheint mir als nach Lage der Dinge sehr wahr- 
soheioiich, dass Oruner von Martins Briefe an v. Linden und von 
seinen Verhandlangen mit ihm Eenntniss hatte. Die Akten der 
westfälischen Gesandtschaft waren ja damals schon seit längerer 
Zeit im Besitze der preussisohen Regierung und waren doch wohl 
durchforscht worden ! Sollte man da nicht auch die auf Martin 
bezüglichen Aktenstücke gefunden haben? 



509 

Martin hatte, dies die Folge, dass er — unter Vorbehalt 
seines nur stellvertretongsweise an einen anderen ab- 
gegebenen Düsseldorfer Postens — ebenfalls zur Armee- 
polizei übertrat. In der zweiten Hälfte des Juni 1815 
verliess er mit Grüner Düsseldorf und begab sich mit 
demselben nach Paris, wo er am 13. Juli 1815 eintraf. 
Grüner bekleidete in Paris den Posten eines General^ 
direktors der Armeepolizei der sämmtlichen verbündeten 
Mächte; er ernannte nun seinerseits eine Anzahl von 
Polizei-Inspektoren, darunter auch Martin. Ende Sep- 
tember reiste Martin von Paris wieder ab und traf, 
nachdem er sich einige Wochen in Frankfurt und Um- 
gegend sowie im Kreise der Seinigen in Homberg auf- 
gehalten hatte, in der ersten Hälfte des November 
wieder in Düsseldorf ein^ wohin auch Grüner zurück- 
gekehrt war. Hier blieb nun Martin, die Geschäfte 
seiner Polizei-Inspektorstelle wieder aufnehmend, in Er- 
wartung der Dinge, welche die neue rheinische Yerwal- 
tungsorganisation bringen werde, bis zu seinem Aus- 
scheiden aus dem preussischen Staatsdienste im Mai 1816. 
Einen nicht unerheblichen und ihrer Natur nach 
sehr delikaten Bestandtheil seiner Düsseldorfer Wirk- 
samkeit bildeten seine Beziehungen zu dem anfangs 
1815 begründeten und gegen Ende desselben Jahres 
wieder erloschenen sog. »Deutschen Bunde« ( vergl. 
hierzu die sehr interessante und lehrreiche Schrift: 
Meinecke, Die Deutschen Gesellschaften und der Hoif- 
mann'sche Bund. Stuttgart, Gotta 1891). Nach ver- 
schiedenen im Besitze meiner Familie befindlichen 
Schriftstücken ist Martin niemals formelles Mitglied 
dieses Bundes gewesen; er war vielmehr nur unter fort- 
währender Eenntnissnahme und Ermächtigung Gruners 
zur Förderung des Bundes amtlich thätig. Der Staats- 
kaiizler Fürst Hardenberg hatte gleichfalls den Bund 
genehmigt und unterstützte ihn auch mit Geldmitteln. 



510 

Als letztes Ziel und treibender Gedanke dieses »Bundes« 
und anderer gleichzeitiger »Deutscher Gesellschaften« 
ist die Herstelinng der Einheit Deutschlands 
unter prenssischer Spitze zu bezeichnen, ein 
Gedanke, den Martin schon früher wiederholt in poli- 
tischen Aufsätzen ausgesprochen hatte. In einer später 
(1829) von Martin verfassten Eingabe an das preassische 
Ministerium sagt er über den Zweck des Bundes: »Sein 
der preussischen Regierung bekanntes und von ihr ge- 
billigtes und befördertes Bestreben war kürzlich das: 
mit Beseitigung aller anderen Souveränitäten die eine 
über ganz Deutschland zu erheben, oder, mit anderen 
Worten, den Wahlspruch zu verwirklichen : Friedrich 
Wilhelm, letzter König von Preussen und 
erster König von Deutschland«. 

Indessen Martins Hoffnungen auf eine seinen poli- 
tischen Idealen entsprechende Gestaltung der öffent- 
lichen Verhältnisse verwirklichte sich ebenso wenig, 
wie seine Hoffiiungen auf Erlangung einer dauernden, 
seinen Neigungen und Fähigkeiten entsprechenden Stel- 
lung im preussischen Staatsdienste. Bekanntlich ent- 
wickelte sich ja in Preussen selbst sehr bald eine Re- 
aktion gegen die deutschen Gedanken und Bestrebungen, 
welche man mit allem Zubehör (Tumwesen^ deutsche 
Tracht; Burschenschaft etc.) als revolutionär, anti- 
monarchisch, für das Bestehen jeder staatlichen Ord- 
nung gefahrdrohend anzusehen und zu verdächtigen 
begann. Zu ihrer eigentlichen Blüthe gelangte diese 
Reaktion ja erst 1817, ihre Anfange liegen aber bereits 
im Jahre 1815 (die berüchtigte Schrift von Schmalz: 
»Berichtigung einer Stelle in der Venturinischen Chronik 
für das Jahr 1808«, welche den Anfang der Reaktion 
bezeichnet, erschien 1815). Es braucht hier nicht ge- 
schildert zu werden, wie nunmehr alle die Männer, die 
bisher in deutsch-nationaler Richtung thätig waren, und 



511 

auf welche die preussiscbe Regierung selbst sich bisher 
in erster Linie gestützt hatte, Einflnss and politischen 
Kredit verloren. Das alles ist ja allgemein bekannt. 
Ebenso ist auch bekannt, dass es dem bisher so ein- 
flassreichen Grüner nicht besser erging, als dem Frei- 
herrn vom Stein und vielen anderen. Grüner wurde 
durch Uebertragung eines indifferenten Gesandtschafts- 
postens (erst in Dresden, dann in Bern) kalt gestellt; 
ebenso wurde Oberpräsident Sack vom Rhein nach 
Pommern versetzt. Bei der neuen rheinischen Ver- 
waltungsorganisation wurden alle irgend massgebenden 
Stellen mit Männern der neuen Richtung, also der Re- 
aktion^ besetzt, die Männer national-deutscher Gesin- 
nung wurden bei Seite gedrängt. So erging es auch 
Martin. Es war ihm mittels Erlasses des Staatskanzlers 
Fürsten von Hardenberg vom 14. Oktober 1815 die 
Stelle als Polizeidirektor in Düsseldorf zugesichert 
worden; allein er erhielt diese Stelle nicht; vielmehr 
gestalteten sich seine Verhältnisse so, dass er sich für 
sein gänzliches Ausscheiden aus dem preussischen Staats- 
dienste entscheiden zu müssen glaubte. »Er habe«, so 
sagt er später gelegentlich seiner noch zu erwähnenden 
Vernehmung vom 22. Dezember 1820, »den preussischen 
Dienst verlassen, weil sich das ganze politische System 
in Preussen geändert habe und für ihn nur Zurück- 
setzungen zu erwarten gewesen seien«. Und in seiner 
oben erwähnten Eingabe an das preussische Staats- 
ministerium vom Jahre 1829 sagt er: »Ich wurde auf 
eine Weise aus dem preussischen Dienste hinausge- 
schoben, die selbst gewöhnliche Formen verletzte, und 
erst, als meine desfallsigen Reklamationen etwa 1 Jahr 
lang hingehalten waren, konnte ich mein Dienstverhält- 
niss als beendigt betrachten und mich nach einem 
andern Wirkungskreise umsehen«. Genaueres über die 
Umstände, welche sein Ausscheiden aus dem preussischen 



512 

Staatsdienste herbeif&hrten, habe ich nicht ermitteln 
können. Das Gesagte wird genfigen, um ta zeigen, 
dass auch Martin, gleich so vielen anderen der besten 
Männer der Zeit, ea den Opfern der preossischen Re- 
aktion gehörte. 

Von Grmner schied Martin in bestem Einvernehmen, 
ja in herzlicher Freundschaft. Zum Beweise dafor 
theile ich hier das Zengniss mit (orschriftiich im Be- 
sitze meiner Familie befindlich), welches Gmner ihm 
bei seinem Scheiden ausstellte : 

Pflichtmässiges Zengniss. 

Nach Auflösung der Dienstverhältnisse, in welchen 
der Herr Polizei-Inspektor Martin zu Dösseidorf unter 
mir gestanden und gewirkt hat, erachte ich es als eine 
angenehme Pflicht, demselben hierdurch der Wahrheit 
gemäss zu bezeugen, dass in den gefahr- und ereigniss- 
vollen Jahren 1814, 1815, bis jetzt Herr etc. Martin in 
verschiedenen Zweigen der öffentlichen Wirksamkeit, 
sowohl bei der Eriegsverpflegnng, bei der Polizey, als 
bei der Administration und bei besondern ihm anver- 
trauten wichtigen Aufträgen wirksam gewesen ; dass der- 
selbe sich in allen diesen verschiedenen Verhältnissen, 
auch wenn sie noch so schwierig und verwickelt waren, 
als ein ausgezeichneter Beamter und als ein Mann von 
unerschütterlicher Treue, redlicher Uneigennützigkeit, 
fester Besonnenheit, wahrem Muthe und reiner Hin- 
gebung für die gute Sache bewährt hat. Sein Fleiss, 
sein Eifer und seine Geschicklichkeit sind in allen 
seinen Beschäftigungen sich gleich geblieben, seine 
Vaterlandsliebe hat sich nie verleugnet und seine Recht- 
schaffenheit mein festestes Vertrauen in seltenem Grade 
erworben und verdient. Ich begleite die künftige Dienst- 
laufbahn des Herrn etc. Martin mit meinen aufrichtigen 



513 

Wünschen and mit angelegentlicher verbürgender Em- 
pfehlung bei allen resp. Behörden. 

Berlin, den 5. Februar 1816. 

Justus von Oruner, 

EönigL wirkl. Geh. Staatarath, design. ansserordentl 

Gesandter und bevollmfichügter Minister, Grosskrentz 

and Ritter mehrerer Orden. 

So hat über Martin ein Mann wie Grüner'), so 
hat über ihn sein unmittelbarer Vorgesetzter geurtheilt! 

Und von demselben Manne schreibt Goecke-Ilgen : 
»Ein solcher Mensch ist durch seine gänzliche Charakter- 
losigkeit genügend gekennzeichnet« ! ! 

Auch später noch stand Martin in freundschaft- 
licher Verbindung mit Gmner. Vor mir liegt ein herz- 
licher Brief Gruners an Martin, datirt aus Interlaken 
den 10. Juni 1818, in dem es u. a. heisst : »Empfangen 
Sie Dank für Ihren Brief, mein lieber Martin! und 
glauben Sie^ dass meine Gesinnungen für Sie, unab- 
hängig von der Aussenwelt, stets dieselben sein werden. 



') Vergl. über Gniner die Allgemeine deutsche Biographie 
Bd. X, S. 42 — 48. A.aoh die Charakteristik, die Arndt (Erione- 
mngen aus meinem äusseren Leben) von Gnmer entwirft, sei hier 
erwähnt. Es heisst da: „Er war ein feiner, liebenswtirdiger Mann, 
von einer Beweglichkeit des Leibes und Geistes und der Rede, die 

man bei einem Westfalen nicht snohen sollte Er war 

ein talentvoller, lebendiger, geistreicher Mann, von Natur leicht, 
weich und beweglich; aber zu grossen Ehren muss ihm gerechnet 
werden, dass dieser leichte, lebenslustige Mensch im Grossen und 
Gefährlichen edel und treu erfunden ist*^. Dass Grüner einer der 
bedeutendsten Staatsmänner ßtein'scher Richtung, dass er ein Mann 
von feurigster Vaterlandsliebe und unbestechlicher Redlichkeit war, 
das dürfte wohl als allgemein anerkannt angenommen werden. — 
Aus einer anderen Stelle des angeführten Amdf sehen Buches er- 
giebt sich übrigens, dass Arndt selbst den Wunsch gehegt hat, in 
der Verwaltung des Mittelrheines unter Grüner Anstellung zu 
finden. 

N. p. Bd, zvin. 33 



514 

Ich habe Sie in wechselnden Zeiten als Einen meiner 
treaesten Freunde erfunden, dnrchdmngen von dem 
Glauben an mich und ihn festhaltend, wie einem acht 
deutschen Gemüthe geziemt ; des werde ich stets redlich 
gedenken and Ihnen solches erwiedern durch gleiches 
Vertrauen«; und weiterhin: »Gewiss werde ich Ihre 
freundliche Stätte besuchen, wenn ein guter Genius 
mich in dasige Gegend führt. Vielleicht gehe ich im 
nächsten Jahre nach Pyrmont und habe dann die Freude, 
Sie wiederzusehen« ; and zam Schiasse : > Leben Sie 
wohl! Heine Frau grüsst freundlich. Geben Sie mir 
von Zeit zu Zeit Nachrichten von sich ; ich werde Sie 
stets mit gleicher Theilnahme und Liebe empfangen«. 
Leider starb Grüner schon zu Anfang des Jahres 1820. — 

Nachdem Martin den preussischen Staatsdienst 
verlassen hatte, begab er sich in seine Heimathstadt 
Homberg zurück in der Hoffnung, dass es ihm gelingen 
werde, eine Stelle im hessischen Staatsdienste zu er- 
langen. Aber aach diese Hoffnung schlag fehl; es ist 
begreiflich, dass man dort einen Mann nicht anstellen 
wollte, dessen politisches Streben nach einem unter 
preussischer Spitze vereinigten Deutschland ging, and 
der obendrein bereits i. J. 1813 den Satz hatte drucken 
lassen (Teutschland S. 44): »Ich für meine Person bin 
in der Theorie für eine reine repräsentative Demokratie, 
in der Praxis aber für eine beschränkte Monarchie 
stets gewesen und bin es noch; ich wünschte deshalb 
eine solche durch Freiheit der Presse und eine ver- 
niinftige Nationalrepräsentation beschränkt.« 

Da es ihm nicht gelang, im hessischen Staats- 
dienst anzukommen, so Hess er sich in Homberg als 
Advokat nieder und ist in dieser Stellung bis zu seinem 
Tode (1834) verblieben. Fortgesetzt wandte er den 
öffentlichen Angelegenheiten sein lebhaftes Interesse 



615 

zn; davon giebt u. a. die von ihm verfasste Schrift^): 
Ȇber landstandische Verfassung, mit besonderer Be- 
ziehung anfKnrhessen« (Göttingen 1824) Zeugniss. Den 
lebhaftesten Antheil nahm er seit 1831 an der damaligen 
Entwickelung des Verfassungslebens in Eurhessen. 1831 
erschien von ihm eine Schriftchen: »Desiderien des 
Bauernstandes.« Während des Sommers (März bis 
August) 1831 Hess er auch ein »Wochenblatt fCLr Eur- 
hessen« unter dem Titel: »Der Fürsten- und Volks- 
freund« erscheinen; 1834 erschienen von ihm: »Grund- 
linien einer Verwaltungsordnung fOr Eurhessen.« 

Nachzutragen ist noch, dass Martin wegen seiner 
Beziehungen zu dem >Deut8chen Bunde« nicht unbe- 
helligt geblieben ist Er hatte wiederholt Vernehmungen 
über seine politische Thätigkeit in den Jahren 1814 
und 1815 zu bestehen. Die erste Vernehmung fand 
statt (1820) auf eine durch die preussische Regierung 
veranlasste Requisition der Mainzer Central - Unter- 
suchungskommission vor dem damaligen Fiskal, Hof- 
gerichtsrath Pfeiffer in Eassel, eine andere 1821 vor 
demselben Beamten, eine dritte 1824 vor dem damit 
beauftragten Kreisrath Reichardt aus Fritzlar in Hom- 
berg. Da er jedoch nachweisen konnte, dass er lediglich 
in amtlicher Eigenschaft, unter Gutheissung und auf 
Veranlassung seiner dienstlichen Vorgesetzten, gehandelt 
hatte, so konnte man ihm nichts anhaben. Diese Ver- 
nehmungen waren wunderbarerweise durch Preussen 
veranlasst, welches bei der Mainzer Gentral-Unter- 
suchungskommission den Antrag gestellt hatte, gegen 



>) Mit Beziehung auf diese Sohzift schreibt Treitsohke 
(Deutsche Qeschiohte, Bd. ITI, S. 533) : „Liberale Ideen fanden in 
Hessen vorerst nur vereinzelte Anhänger; eine Schrift des An- 
waltes Martin, die an die Bemfung des Landtages erinoerte, 
verhallte angehört.*^ 

33* 



516 

Martin wegen seiner Theilnahme an staattfgefahrlichen 
Verbindungen die Untersuchung einzuleiten. 

So hat Martin von seiner politischen Thätigkeit 
nur Undank geemtet. Der Staat, auf den er mit den 
Besten seiner Zeit alle seine Hoffnungen gesetzt und 
f&r dessen Erhebung zur Vormacht Deutschlands er 
nach Kräften gewirkt hatte, Prenssen hatte ihm wie so 
vielen anderen mit Undank gelohnt, indem es ihn erst 
aus seinem Dienste hinausmassregelte und dann auch 
später noch ihn zur Verantwortung fOr die ihm selbst 
geleisteten Dienste zu ziehen suchte. Und dafflr, dass 
er Vermögen und Amt, Familienglöck und Heimath, 
Leben und Freiheit aufs Spiel gesetzt hat, um der 
westfälischen Herrschaft in Hessen ein Ende zu machen 
und dem Kurfürsten Wilhelm I. dazu zu helfen, dass 
er den Thron seiner Väter wieder besteigen könne, 
auch dafür ist ihm niemals auch nur eine Spur von 
Dank gezollt worden. Es ging ihm da, wie es ihm 
schon im Jahre 1806 ergangen war: Es war ihm, als 
die Franzosen in Hessen einrückten, gelungen^ einen 
nicht unbeträchtlichen Theil einer Regimentskasse zu 
retten. Diese Summe brachte er dem Kurfürsten, der 
sich damals bei seinem Bruder, dem Statthalter von 
Schleswig und Holstein, in Itzehoe aufhielt. Er hoffte, 
von seinem Landesherrn freundlich empfangen zu 
werden; dieses war aber nicht der Fall, denn es war 
ihm nicht gelungen, die ganze Summe zu retten. 
Der Kurfürst nahm keine Rücksicht auf die Verhält- 
nisse, und die grossen Gefahren, die bei seiner Flucht 
durch ein mit Feinden besetztes Land stattfanden, 
kamen gar nicht in Betracht. So erzählen H. Steffens 
(»Was ich erlebte« Bd. V, S. 232 f.) und Lynker (S. 88) ^). 

^) Ich bemerke hierzu, dass Martin selbst von diesem Vor- 
kowmniss nirgends etwa berichtet, so dass es mir zweifelhaft ist, 
ob es sich wirklich so verhält 



517 

Weit schmerzlicher noch and schwerer zu ertragen 
würde es für Martin gewesen sein, wenn er das Er- 
scheinen des Lynkerschen Buches erlebt und also auch 
hier wieder die Erfahrung gemacht hätte, dass ihm 
für alle seine aufopfernde Thätigkeit, für all sein be- 
geistertes patriotisches Streben, für alles, was er um 
des Heiles des deutschen Vaterlandes willen geredet, 
gethan, gelitten hatte, nichts als Undank, ja sogar 
gehässigste Beurtheilung, Herabsetzung, Verunglimpfung 
zu Theil geworden wäre. — 

Wenn meine Darlegungen nur den Erfolg haben, 
dass diejenigen Männer, welche sich mit der Geschichte 
des hessischen Aufstandes v. J. 1809 und mit der 
Persönlichkeit S. P. Martins beschäftigt haben, ihr 
Urtheil über ihn noch einmal einer gründlichen Prüfung 
unterziehen, so ist mein Zweck erreicht. Denn dass 
sie dann selbst zu der Erkenntniss kommen werden, 
ihre Beurtheilung seines Charakters und seiner Thätigkeit 
sei eine einseitige und ungerechte gewesen : das ist mir 
keinen Augenblick zweifelhaft. — 




518 



IX. 

Zur Jngendgesehiehte Wilhelms I., 
Enrffirsteii von Hessen. 




Von 
Dr. Erich Meyer, 



las Schriftstück, das im Folgenden geboten wird^ 
liefert einen zwar sehr bescheidenen, aber immer^ 
hin nicht anwillkommenen Beitrag zu der Geschichte 
des Hessen-Casseler Regentenbaases in der zweiten 
Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Entnommen ist es 
ans der in der Ständischen Landesbibliothek zu Gassei 
befindlichen Reihe von 8 Foliobänden, welche die Auf- 
schrift txagen: »Erziehungsacten der drey D. Prinzen 
von Hessen«. Die drei Prinzen, deren Erziehungsge- 
schichte hierin fast vollständig urkundlich vorliegt, sind 
Prinz Wilhelm, der spätere erste Kurfürst, und seine 
beiden Brüder Carl und Friedrich, die Söhne des Land- 
grafen Friedrich IL Die Erziehung derselben vollzog 
sich darum unter so eigenthümlichen Umständen, weil 
Friedrich ü. bekanntlich dem protestantischen Glauben 
untreu geworden und in den Schooss der katholischen 
Kirche zurückgekehrt war. Sein Vater, Landgraf 
Wilhelm VIII., hatte, von diesem verhängnissvollen und 
thörichten Schritte unterrichtet, eine Reihe von Mass- 
regeln zur Sicherung des Religionsstandes Hessens ge- 
troffen, die in der, am 24. October 1754 vom damaligen 
Erbprinzen unterzeichneten Assecurations-Acte gipfelten. 



619 

Diese, entworfen von dem Sekretär des Landgrafen 
Wilhelnii dem Regierangsrath Hein, beschäftigt sich in 
ihrem ersten Viertel eingehend mit einer Regelang der 
Erziehung der Kinder des katholisch gewordenen 
Prinzen, und wenn in den letzten Theilen die Fürsten- 
rechte des Erbprinzen in weitgehender Weise ge- 
schmälert werden; so beraubt ihn dies erste Viertel 
seiner wesentlichen Rechte als Mensch, der Rechte des 
Vaters und des Gatten. Denn nicht nur über die drei 
Söhne seiner gegenwärtigen Ehe, sondern über alle 
Kinder, die ihm in einer etwaigen neuen Verbindung 
geboren werden könnten, wurde ihm jede Gewalt ent- 
zogen. Gewiss eine grausam und überhart erscheinende 
Massregel, die aber zweifelsohne geboten war, wenn 
man Hessen-Cassel ein protestantisches Regentenhaus 
sichern wollte, da niemand voraussagen konnte, welches 
der Kinder Friedrichs einmal zur Regierung kommen 
würde. Man brauchte nur daran zu denken, dass der 
augenblicklich regierende Landgraf das siebente Kind 
des Landgrafen Karl war. 

Das Recht, über die Erziehung der drei Prinzen 
Entscheidungen zu treffen, lag in den Händen ihres 
Grossvaters und dieser entschloss sich, als 1756 die 
Kriegsgefahren Hessens Grenzen immer näher rückten, 
seine Enkel an den Dänischen Hof nach Copenhagen 
zu senden, zu dem Hessen in verwandschaftlichen und 
eng freundschaftlichen Beziehungen stand und der 
auch eine der für die Assecurationsacte garantirenden 
Mächte war. 

Im folgenden Jahre wurde an Stelle des Ober- 
stallmeisters von Wittorf, der das Amt eines Gouver- 
neurs bei den Prinzen nur ad interim versehen hatte, 
der General von Keyserlingk berufen. M Ihm wurde 

1) EiDO eingehende Sohilderang aller dieser Yerhältnisse 
unter ausgiebiger Verwerthung der genannten Erziehungsaoten hat 



520 

die nachfolgeBde Instraktion mitgegeben, deren Einzel- 
bestimmungen durch diese kurze Einleitung verständlich 
sein werden. 

Zu der Instruktion selber ist noch folgendes zu 
bemerken. 

Die Form, in der sie hier vorliegt, ist eine be- 
deutend erweiterte Umarbeitung einer älteren, für den 
genannten Herrn von Wittorf aufgesetzten Instruktion. 
Besonders die Besorgniss, die Katholischen könnten sich 
der Prinzen zu bemächtigen oder sonstwie ihren 
Glauben gefährdende Einflüsse an sie heranzubringen 
versucheui hat solche Erweiterungen nöthig gemacht. 
Als Verfasser der Instruktion in beiden Formen kann 
man wohl der Handschrift und den Umständen nach 
eben jenen Reg.-Rath Hein nennen, der die Assecura- 
tionsacte entworfen hatte und überhaupt als die Seele 
aller der Hessens Religionsstand sichernden Massnahmen 
zu betrachten ist. Es drängt sich aber mit fast unab- 
weisbarer Augenscheinlichkeit die Vermuthung auf, dass 
Hein andere ähnliche Instruktionen bei seiner Abfassung 
vorgelegen haben und zwar möglicherweise gerade die- 
jenigen, welche König Friedrich I. von Preussen und 
Friedrich Wilhelm I. von Preussen für die Erziehung 
ihrer Thronerben erlassen haben. ^) Wir wissen, dass 
innerhalb der einzelnen Regentenhäuser eine Tradition 
in den Grundsätzen der Erziehung sorgrältig gewahrt 
wurde; die nahe Yerwandschaft der beiden eben ge- 
Verfasser dieses zu geben versaoht in einem Absohnitte seiner 
demnächst bei F. A. Perthes, Gotha erscheinenden ausführlichen 
Lebensbeschreibung der Mutter der drei Prinzen: Maria, Land- 
grftfin von Hessen, geborene Prinzessin von England. 

>) Erstere vollständig bei Förster^ Friedr. Wilh. I. Bd. 1. 
S. 81—87, letztere im Auszug ebd. S. 354, flgd. Die preussischen 
Instruktionen sind vom 1. Februar 1695 und vom 13. Aug. 1718, 
die hessische vom 16. April 1757. 



521 

nannten preussischen Instruktionen ist eins der zugäng« 
liebsten Zeagnisse von dieser Thatsache. Da nun 
zwischen dem hessischen and preussischen Regenten- 
hause die engsten politischen, verwandschaftlichen und 
freundschaftlichen Beziehungen bestanden, kann man 
die vielfachen Uebereinstimmnngen der preussischen 
und der hessischen Erziehungsgrundsätze wohl mit 
einem grossen Grad von Wahrscheinlichkeit in der an- 
gegebenen Weise erklären. Manches wird auch auf 
eine gewisse Gleichmässigkeit der in dem XVIII. Jahr- 
hundert für Prinzenerziehung gültigen Anschauungen 
zurückzuführen sein, wie besonders die Lehrpläne sich 
an die in den Ritterakademien gebräuchlichen an- 
schliessen. 

Mag es schliesslich noch gestattet sein, zu einigen 
der Artikel der hessischen Instruktion einige erläuternde 
Worte hinzuzufügen. Man braucht den Vorwurf nicht 
zu scheuen, damit allzusehr auf pädagogisches Gebiet 
überzugreifen: auch für den Historiker, der die Thaten 
der Fürsten darstellt und abwägt, ist es wesentlich, 
sich die ganz besonderen Bedingungen, unter denen 
eben diese Fürsten erzogen wurden, vorzuführen. Ge- 
winnt er doch damit einen nicht zu verachtenden 
Schlüssel zum vollen Verständniss. 

Manche der allgemeinen Vorschriften der In- 
struktion könnten, so vortrefflich und beherzigenswerth 
sie an sich sind, auf den ersten Blick als überflüssig 
erscheinen, zeigen aber gerade bei genauer Prüfung 
und sachverständiger Beleuchtung, dass derjenige, der 
sie niederschrieb, recht genau mit den besonderen 
Schwierigkeiten der Prinzenerziehung vertraut war. 
Bedenkt man beispielsweise, dass die hessischen Prinzen 
wie viele ihrer damaligen Standesgenossen, fern von 
ihren Eltern in einem nur von Männern gebildeten 
Hausstande ohne jede weibliche Fürsorge und An- 



522 

spräche erzogen wurden, dass ihnen ihre Erzieher und 
Lehrer von den Eltern ohne Befragung ihrer eigenen 
Wünsche und Herzensneigung gewählt wurden, mithin 
das mächtige Band einer sonst naturgemäss vor- 
handenen Liebe erst von geschickter Hand kunst- 
gemäss geknüpft werden musste, so wird man es voll- 
kommen begreifen, dass die Instruktion so nachdrücklich 
den Satz des Sokratikers Xenophon betont, dass 
Niemand von einem Manne erzogen werden könne, den 
er nicht von Herzen liebe. ^) 

Was in Artikel 8 und 9 verlangt wird, steht 
genau so in den genannten preussischen Instruktionen. 
So schrieb Friedrich I.: 

»Nächst der Gottesfurcht ist nichts, was ein fürst- 
liches Gemüth mehr zum Guten antreiben und vom 
Bösen abhalten kann, als die wahre Gloire und Be- 
gierde zu Ruhm und Ehre: nicht dass dadurch ein 
aufgeblasener Stolz und Hochmuth, welcher sich in 
fürstlichen Palästen ohnedem gar zu leicht einschleicht 
und durch Höflinge und Flatteurs vermehrt wird, ver- 
standen werde.« 

Dringlicher noch drückte sich Friedrich Wilhelm I. 
aus; 

>Der Oberhofmeister sowohl, als der Sousgouve]> 
neur müssen ihr einziges Augenmerk sein lassen, Ihn 
von allem aufgeblasenen Stolz und Hochmuth, welcher 
sich ohnedem zu leicht einschleicht, auf alle Weise 
abwendig zu machen und zu dem Ende alle nur er- 
sinnlichen Mittel vorkehren.« 

Und am stärksten wählte Friedrich der Grosse 
die Ausdrücke in seiner vom 24. September 1751 
datirenden Instruktion für die Erziehung seines Thron- 
folgers : 



Xen. Mein. I. 2. Stf. 



523 

»Man moss ihm keine Flausen in den Kopf 
setzen ... er soll lerneui dass alle Menschen gleich 
sind, und dass die Gebart ein Hirngespinst ist, falls 
sie nicht getragen ist vom Verdienst.« ^) 

Wie die in der hessischen Instraction für diesen 
Punkt gegebenen Anweisungen befolgt wurden, und 
was sie für Früchte trugen, lehren uns die Worte des 
einen der Prinzen, des Landgrafen Carl, der in seinen 
Memoiren (Ausg. v. Bemhardi p. 2) schreibt: »Unser 
Hofmeister S^very, ein ziemlich junger Mann, welcher 
sehr freisinnige Ideen hatte, sagte uns oft, wenn er 
hochfahrende Ideen bei uns bemerkte: 'Bildet Euch 
nichts darauf ein, dass Ihr Prinzen seid, denkt daran, 
dass Ihr aus demselben Stoffe bereitet seid, wie die 
übrigen Menschen und dass nur das Verdienst den 
Werth des Menschen bestimmt.^ Niemand war mehr 
von dieser Wahrheit überzeugt, als ich. Der 'deutsche 
Michel', die Etikette, die Eitelkeit des Geburtsranges 
waren mir immer lächerliche Dinge.« 

Mit einigem Kopfschütteln, besonders wenn man 
von der Betrachtung der eben besprochenen liberalen 
Anschauung kommt, wird man vielleicht den Artikel 10 
lesen. Er scheint in so vornehmer Umgebung fast ein 
Fremdling. Wir sind gewohnt, und nicht mit Unrecht, 
die gegenseitige Erziehung der Kinder untereinander, 
ziemlich hoch anzuschlagen; denn diese Art Erziehung 
ist gerade diejenige, unter der wir unser Lebenlang 
stehen, wenn wir längst allen Lehrern und Gouver- 
neuren entwachsen sind: »Nicht einsam bleibst Du, 
bildest Dich gesellig Und handelst wohl so wie ein 
andrer handelt.« Die Fürsten unserer Zeit, welche ihre 
Söhne auf öffentliche Schulen schicken, denken ebenso, 
und die Meinung jenes aufgeklärten Zeitalters vermeint 

>) Bei J. B. Ifeyer, Friedr. d. Grossen pädag. Sohriften und 
Aensseniogen p. 192. 



524 

man doch in den Worten des Mannes zu hören, nach 
welchem es genannt wird: Friedrich der Grosse schreibt: 
»In seinen Erholangsstanden kann er, wenn er es 
wünscht, ohne Schaden Kinder seines Alters sehen.« 
Und an anderer Stelle : »Lassen Sie ihn ganz allein mit 
allen Menschen sprechen, damit er dreist wird. Was 
liegt daran, wenn er Unsinn schwatzt? Man weiss, 
dass er ein Kind ist.« 

Des Landgrafen Wilhelm Meinung ist eben eine 
andere gewesen. Er dachte mehr an die Unarten, die 
Kinder von einander lernen, als an die erziehende Ein- 
wirkung gleichaltrigen Verkehrs. Ganz Unrecht hatte 
er darin schliesslich auch nicht, wie man Niemandem 
auseinanderzusetzen braucht Da Kinder gern das ihnen 
Neue nachahmen, verfallen Fürstensöhne wohl noch 
leichter als andere darauf, die Unarten in Wort und 
That anzunehmen, die sie an anderen Kindern zuerst 
kennen lernen. Endlich wird die Bestimmung durch 
alles das gemildert, was der Landgraf über die Be- 
kämpfung eines falschen Hochmuthes sagt. Lehrreich 
bleibt es, dass allerdings dem ältesten Prinzen ein 
äusserst starkes Standesbewusstsein lebenslänglich eigen 
gewesen ist, während wir andererseits des zweiten 
Prinzen spätere Denkweise soeben als eine sehr freiheit- 
liche kennen lernten. 

Man kann hier, wie so oft bei Betrachtung von 
Erziehungswerken, nicht umhin, an Friedrichs des 
Grossen Worte zu denken, welcher an den Major von 
Borcke schrieb : »Weder Sie noch irgend eine Macht 
der Erde können den Charakter eines Kindes ändern: 
alles was die Erziehung vermag, besteht darin, die 
Heftigkeit der Leidenschaften zu massigen. « Letzteres 
ist in mancher Beziehung hier auch gelungen, bei dem 
einen Prinzen mehr, bei dem andern weniger. Den 
Hang zum leidenschaftlichen Aufbrausen, an dem 



525 

Prinz Wilhelm litt, die ebenfalls aus Leidenschaftlich-* 
keit entspringende Flüchtigkeit seines jüngeren Bruders 
zu beseitigen, haben die vereinigten Anstrengungen 
der Mutter und der Erzieher vermocht. Sind sie auf 
dem soeben in Rede stehenden Punkte beim Prinz 
Wilhelm weniger glücklich gewesen, so wird sich die 
Schuld dafür wohl zum Theil daraus ableiten lassen, 
dass nach dem Willen des Grossvaters manches ge- 
schehen musste, was ein übermässiges Standesbewusst- 
sein in dem Prinzen nährte. 

Wie genau der alte Landgraf die Klippen kannte, 
an denen eine Prinzenerziehung vorbeigesteuert werden 
muss, lässt auch sein wiederholter Hinweis darauf er- 
kennen, dass die Prinzen zum Handeln und Urtheilen 
und Wollen aus eigenem Antriebe anzuleiten seien. Es 
ist schon mehrfach ausgesprochen worden ^), dass die 
grosse Gefahr jeder Prinzenerziehung die sei^ dass die 
Zöglinge unselbstständig würden, und wie sie sich daran 
gewöhnen, den Lakaien für ihre äusserliche Ordnung 
sorgen zu lassen, so auch daran, den Erzieher für sich 
denken, ja sogar und vor Allem für sich wollen zu 
lassen. In der wohlgeordneten Erziehung hat alles seine 
Stunde und Jahreszeit, wird Alles in gehöriger Reihen- 
folge und entsprechendem Alter an sie herangebracht, 
dem eigenen Wunsche keine Möglichkeit gewährt, sich zu 
regen und zu Handlungen zu treiben. An den ver- 
schiedensten Stellen sucht die Instruktion dieser Gefahr 
zu begegnen, besonders bemerkenswerth ist hierfür 
Art. 8 mit seinen weisen Vorschriften, wie man ver- 
suchen soll, das eigene Urtheil der Prinzen über die 
mit ihnen in Berührung kommenden Personen vor- 
sichtig zu erziehen. Der Landgraf oder Hein mochte 



>) So z. B. in dem Artikel „Prinzenerziehung*^ in Sohmidt^s 
Encyolopaedie der Erziehaog. 



526 

bei Niederschrift dieser Worte besonders an die von 
Seiten der Katholiken drohenden Gefahren denken: 
was halfen alle äusseren, so zu sagen mechanischen 
Sicherheitsmassregeln, wenn die Prinzen nicht lernten, 
eines Tages selbst ihren Mann zu stehen! Charakter- 
schwäche und Hülfiosigkeit gegenüber jedem stärkeren 
Willen hatten ja vorzüglich ihren eigenen Vater den 
Verflihmngen der Katholiken erliegen lassen. 

Endlich mögen uns die drei ersten Artikel noch 
einen Augenblick beschäftigen. Gerade sie zeigen im 
Vergleich zu den am ein halbes Jahrhundert älteren 
preussischen Instruktionen den Fortschritt der An- 
schauungen in hellem Lichte. 

Wie in den Instruktionen für die Erziehung 
Friedrich Wilhelms I. und Friedrichs II. wird in der 
hessischen als Grund aller Erziehung die Religion gelegt 
und die Ausdrücke »wahre Gottesfurcht« (Förster I, 
S. 79) und »eine rechte Liebe und Furcht vor Gott« 
(ebenda S. 354) kehren auch in der letzteren wieder. 
Aber wie anders muthen die Worte des Landgrafen 
Wilhelm über die Andachtsübungen an, als das was 
Friedrich Wilhelm I. noch von seinem bereits 19Vs jäh- 
rigen Sohne in dem »Reglement, wie mein ältester 
Sohn Friedrich seine Studien zu Wusterhausen halten 
soll« (bei Förster I 357) verlangt Am Sonntag musste 
Friedrich zunächst ein auswendiggelerntes vom Vater 
verfasstes Gebet und das Vaterunser sprechen, dann 
folgte in Gegenwart aller »Domestiquen« das »grosse 
Gebet« auf den Knien und ein Lied, etwa 20 Minuten 
lang. Fünfviertel Stunden wurden darauf dem Sonntags- 
evangelium und Katechismus gewidmet, alsdann die 
Kirche besucht und am Abend der Tag mit Gebet und 
Gesang geschlossen. Ein kleinere aber immer halb- 
stündige Andacht war hier alltäglich angesetzt. Wie 
diese pietistischen Religionsübungen im Sinne der Zeit 



527 

auf Friedrich gewirkt haben, ist bekannt. Die Wir- 
kungen spiegeln sich anch in der von ihm gegebenen 
Instruktion sowie in dem für den Herzog Karl Eugen 
von Württemberg verfassten Fürstenspiegel (J. B. Meyer 
S. 187), in denen die Religion nur noch in ihrer poli- 
tischen Bedeutung erwähnt und gewerthet wird. Von 
beiden Extremen, in denen die Verschiedenheiten der 
Zeiten zum Ausdruck kommen, hält sich der hessische 
Entwurf gleich fern. Die Religionsübungen sollen aus 
innerer Neigung und eigenem Antrieb entspringen, und 
die auch von Friedrich dem Grossen im Gegensatz zu 
seinen Vorfahren empfohlene Toleranz wird von dem 
Landgrafen besonders in dem vierten Artikel auf die 
edelsten Grundlagen gestellt. 

Dass der Religionsunterricht der hessischen Prinzen 
darauf hinstrebte, sie mit Anschauungen auszurüsten, 
die sie dem Zeitalter der Aufklärung volles Verständniss 
entgegenbringen Hessen, sie aber doch vor dessen Ab- 
irrungen zu bewahren vermochten, das zeigen uns die 
ausführlichen Berichte ihres Informators Ledderhose. 
Wenn Friedrich der Grosse (Förster p. 191) schreibt: 
»Er muss die Sachen erst glauben, nachdem er sie ge- 
prüft hat« , so berichtet Ledderhose (unter dem 30. April 
1759) »Wie sie überhaupt und besonders in der Reli- 
gion nichts auf guten Glauben annehmen, sondern von 
Allem Erklärungen und Beweise fordern, die vorge- 
tragenen Gründe prüfen etc.« Doch muss man eine 
andere Aeusserung seiner Berichte ergänzend hinzu- 
fügen, wo es heisst: »Ich habe es aber bei der natür- 
lich en Erkenntniss Gottes und seiner Vollkommen- 
heiten nicht bewenden lassen, sondern jedesmal zugleich 
angezeigt, was die Offenbarung der Christen hiervon 
lehrt, und wie dieselbe mit dem, was die Vernunft 
hierin sagt, vollkommen übereinstimmt«. Auch ver- 
sichert er, er habe nach dem Wunsche des Grossvaters 



528 

seine Zöglinge bei dem Vergleiche der Religionen (an- 
gestellt, als Prinz Wilhelm im 16., Prinz Karl im 
15. Lebensjahre stand) »auf alle Weise gegen den blinden 
Religionseifer zu wahren gesucht«. Die Erfolge dieses 
Unterrichtes blieben nicht aus. Schon im Kindheits- 
alter zeigten sie sich nach Ledderhose's Ausdruck 
»praktisch«, und wie es Prinz Karl einst gewagt vor 
dem über Religion spöttelnden Friedrich dem Grossen 
muthig seinen Gott zu bekennen, kann man nicht ohne 
grosse Theilnahme in dessen Memoiren (S. 133) lesen. 
Nunmehr lassen wir die Instruktion folgen. 

OuiUaume par la grace de Dieu Landgrave de Hesse 
etc. etc. 

Savoir faisons: qne nous avons nomme notre 
General Major Baron de Kayserlingck Gouverneur« de 
nos trois chers Petits Fils les Princes Guillaume, Charles 
et Frederic de Hesse, ce que faisons au moyen et en 
vertu des pr^entes en sorte et ä cette fin quUl nous 
sera attach^ fid^Jement, qu'il d6tournera tout dommage 
et pr^judice de notre personne et de notre maison et 
en procurera le bien et l'avantage; qu'en particulier il 
se cha3*gera de l'education ult^rieure de nos chers Petits 
Fils surnommes et y vaquera avec soin de son meillenr 
s^u et connaissance et de la mani^re qu'il pourra en 
rendre compte un jour devant Dieu, devant nous et 
devant les dits Princes memes. Or 

1. 

La vraie connaissance et la crainte de Dieu dans 
le meme temps qu'elle ouvre ä l'homme le chemin pour 
entrer dans sa sainte communion en Jesus-Christ, en- 
seignent aussi, impriment efficacement et operent en lui 
la faculte de remplir les devoirs que PEtat et la con- 
dition d'un chacun lui impose dans ce monde : le succ^ 



529 

de toutes les entreprises et actions des humains d^pen- 
dent uniqaement de la direction et ben^diction de ce 
Pere Eternel, Sonrce de tous les Biens, et aucun mortel 
ne pouvant manquer sa felicite daDs cette vie et dans 
Celle ä venir sons Sa protection et Sa grace, ni par- 
venir ä aucune felicite sans icelies: le Gouverneur fern 
son Premier point et sa plus soigneuse et continuelle 
application d'inspirer a nos Petit Fils autant par lui- 
meme qne par le Sous-Gouverneur et les Informateurs 
places 80US sa direction, une crainte de Dien vraie et 
sincere, l'amour pour Sa parole et Ses commandements, 
la haine pour le vice et pour les actions et inclinations 
contraires ä Sa volonte. II travaillera ä ce but et y 
fera travailler par des instructions et exhortations salu- 
taires non seulement, mais aussi par le modele et 
l'exemple que nous comptons qu'ils trouveront en lui et 
dans les autres personnes susdites plac6es apr^ lui. 

2. 

Les dits Informateurs, Conseiller Ledderhose et 
Causid, se trouvant munis d'une instruction particuliere ^) 
comment ils doivent s'y prendre pour enseigner ä nos 
Petits Fils les dogmes et pr^ceptes de la religion r^ 
formee; le Gouverneur aura l'oeil qu'ils s'y conforment 
duement, principalement quHls accoutument les princes 
ä la pri^re, de fa(;on toutefois qu'ä celle occasion si 
bien qu'en tous les exercices de pi^t^, il soit us^ d'une 
moderation juste et chr^tienne, afin qu'ils y soient en- 
gag<^s autant que possible, d'inclination et de propre 
mouvement et empech^s de toutes les fa^ons qu'il ne 
s'attachent pas k l'oeuvre ext^.rieure, ni ne prennent le 
prejuge comme si celui-ci pourrait etre agr^able ä Dieu 
et propre au but auquel ces exercices sont destin^s. 

1) In den vorhandenen Akten befin'den sich diese Instructionen 

leider nicht. 

N. F. Bd. xviu. 34 



530 

3. 

Avec cette Instruction de leur devoir envers Dien 
on combinera cenx qu'un chacnn generalement et eux 
mes Petits Fils dans I'etat oii Dieu les a plac6s portent 
en particnlier envers eux memes, lenr prochain et snr- 
tont envers leurs parens ä qni ils sont redevables de 
leur vie, 6dncation et de tant de tendres soins et solli- 
citndes pour leur bien temporel et etemel. En conse- 
quence le Gouverneur employera toute son attention, 
afin que, suivant toutes ces relations fond^es dans les 
lois divines et humaines, ils soient instruits et accou- 
tum^^ ä temps k une conduite et des sentiments inno- 
Cents, d^cents et vertueux et d^tournes au contraire de 
toutes actions mauvaises et d6regl^es. 

4. 

Le funeste parti oü notre fils leur pere s'est pre- 
cipit^ en embrassant la religion romaine leur etant assez 
connu, on leur fera regarder cette d^marche ä l'egard 
de leur pere pour un malheur tel qu'il est eflfectivement 
et dont ce dernier m^rite leur compassion la plus dou- 
loureuse ainsi que la nötre et celle de tout le pays. 
Mais on leur imprimera, que hormis ce qui est relatif 
ä ce fatal aveuglement, ils ne lui doivent pas moins 
tout le respect et ob^issance comme a leur pere. Que 
leur conscience les oblige de le recommander d'autant 
plus souvent a Dieu dans leurs prieres et d'implorer 
avec d'autant plus de ferveur de r£tre Supr^me de ne 
point retirer de dessus d'eux sa grace et sa lumiere, 
mais de les fortifier et diriger de plus en plus par son 
St. Esprit afin de Lui demeurer attach^s et ä sa verite 
fidelement de coeur et d'ame. Nous ne voulons pas 
aussi qu'il leur soit parle k tout propos et trop fr^- 
quemment, ä des occasions la plus part nullement con- 
venables, de cette religion soit disant catholique, moins 



531 

encore que ses errears soient reprises legerement et 
tourn^es en ridicule. Mais lorsqu'il en sera question, 
soit dans les heures de leur instruction ou autrement, 
on leur montrera d'une maniere seriease, solide et con- 
vainquante avec la mod^ration chretienne convenable 
au sujet, I'absurdite des dogmes et des ceremonies de 
r^glise romaine et leur contrarite avec le St. Evangile, 
les verites y revel^es et avec le bat d^celles. 

5. 

On ne souffrira absolument en presence de nos 
petits fils aucun propos ou expressions sales, lubriques 
et indecentes, de jurements et pareils discours lesquels, 
s'il ne fönt pas d'abofd sur eux une impression vici- 
euse, leur inspirent au moins une l^gerete nuisible. On 
ne leur permettra non plus aucune familiarit^ avec les 
ofßciers de leur chambre, les domestiques et autres 
gens de cette sorte. Surtout le Gouverneur y veillera 
avec rigueur que ceux-ci ne s'enhardissent de les ex- 
citer par des propos libertins et indecents ou par de 
mauvais exemples, beaucoup moins de leur fournir se- 
cretement les occasions ou les moyens de faire le mal. 
Et quoique 

6. 

Cet article, savoir ce qui concerne la conduite de 
nos Petits Fils h une vie sage et chretienne et a un 
comportement decent, soit d'une teile etendne et exige 
de tous ceux qui ont part ä leur inspection et in- 
struction, une application tellement modifi^e et diff^ 
rente, suivant la diversite du caractere et des incli- 
nations de chacun de ces princes en particulier, qu'ä 
peine est-il possible d'en toucher les id^es et r^gles les 
plus generales dans une pareille instruction, tant s'en 
faut qu'on puisse en entreprendre le detail dans la 

multiplicit^ des cas et des vues particulieres qui se 

34* 



532 

presentent dans I'extention, nons trouvons cependant 
n^cessaire d'incalquer qae, comme on travaille envain ä 
la cultare de Tesprit et du coeur des jeunes gens et 
n'operera jamais rien de solide et de constant a moins 
que ceax qui sont pr^pos^ ä les conduire et diriger 
ne commencent pas gagner lenr amiti6 et confiance, 
c'est sur ce fondement qae le Gouverneur doit batir, 
user envers nos fils de douceur et d'humanite 
mais sans flatterie (que nous n'avons nul lieu d'appre- 
hender de sa part) d'approfondir en ami leurs penchants 
et inclinations, s^il en decouvre de mauvaises, y obvier 
avec mod^ration et prudence et leur preter les 
moyens de se corriger eux-memes par leurs propres 
reflexions et par le motif d'une ambition bien ordonn6e, 
et si enfin il se voit dans le cas d'employer I'autorite 
pour les obliger de r^sister ä leurs passions, il evitera 
d'en faire eelater de sa part ou de se laisser empörter 
ä rindignation. II mettra plutöt en pareille occasion 
toute son application ä leur faire sentir et se convaincre 
par eux-m^mes du tort qu'ils ont, et de la precipitation 
oü ils ont donn<^> et que ce n'est que leur bien qu'on 
se propose dans les corrections et exhortations qu'on 
leur fait. 

7. 

Or, comme relativement ä tous ces differents objets 
il importe enti^rement que toute sorte de personnes, 
quand meme leur ^tat ou leur naissance les y qualifie 
d'ailleurs, ne soient admis indifferemment ä la eonver- 
sation surtout fr^quente des princes mais qu'on en fasse 
un choix raisonnable et prudent, le gouverneur en era- 
pechera en premier lieu les catholiques, puis toutes les 
personnes inconnues ou suspectes, de meme qiii sont 
adonnees au libertinage, qui en matiere de la religion 
ou morale passent pour avoir des principes pernicieux, 



533 

des gens mal eleves ou de mauvais caractere et meme 
ceox qui, sous l'ombre d'egayer et d'amuser, seduisent 
no8 Petita Fils a la disposition et ä one legerete' de 
sentiments nuisible. II tachera de meme de leur couper 
Tacces aupres d'eux aatant qne cela se peut sans trop 
d'inconv^nient. En behänge il choisira poor leor con- 
versation des gens d'esprit solide, de probite et de bien, 
d'une bonne conduite et decente dont la compagnie 
peut lear servir d'exemple et d'une instrnction utile. 
En meme temps il tachera par une direction opportune 
et convenable de leur apprendre ä cönnaitre et ä de- 
couvrir par eux-m^mes, ä mesure que leurs facultas le 
permettenty le caractere et les sentimens de ceux qui 
les frequentent, a discerner le vrai märite et ä l'honorer 
et par la de se tenir en garde contre ces apparences 
? ? ? ^) sur lesquelles le jugement de jeunes personnes 
est si sujet ä se pr^ipiter. 

8. 

Avant toutes choses le Gouverneur aura soin de 
les premunir fortement contre ceux qui les fiattent pour 
les Prärogatives de leur naissance ou de leurs qualit^ 
ainsi qu'en excusant et deguisant leurs d^fauts. II leur 
decouvrira soigneusement les vues interessees et perni- 
cieuses qui fönt agir cette indigne esp^ce d'hommes: 
Que loin de vouloir et de chercher leur bien, ils n'ont 
en vue qne soi-meme, afin de les bien convaincre que 
de pareils adulateurs ne tachent qu'ä abuser de leur 
faiblesse et que, leur but atteint^ ils les meprisent dans 
le coeur et meme les rendent encore m^prisables aupres 
d'autres ou que d'un esprit faible et d'un coeur imbecile 
il n'y a de preuve plus dardee que quand une personne 
se laisse entrainer ä vouloir suppiger an d^fant de ses 

*) Unleserliches zu apparences gehöriges A^jectiv. 



534 

mentes (? ?) par le faux applaudissement d'indignes 
flattears comme tele ä tout le monde hormis ä lui seal^ 
poar ne rien dire du prejudice extreme et inevitable 
qui en resalte encore ä la visee da pnblic^ qaand an 
prince par la faiblesse de 8on jagement oa par Tavea- 
glement d'an vil amoar-propre confie ensuite sa gloire 
et ses int^rets entre des mains si infideles et indignes. 

9. 

Poar le meme effet et afin qae nos iils (sie), en 
se laissant 4bloair par les prerogatives qae Dien a at- 
taehe ä lear naissance, ne marquent point les qualites 
et les merites reels, dont l'acqait senl peat les faire 
aimer, estimer et bonorer dans ce monde par les gens 
de bien et de jagement et nommement par lears pro- 
pres servitears et sajets, noas voalons qu'on ecarte 
dVax ce qui poarrait contribaer ä attacher lear ima- 
gination et a lear faire chercher lear gloire dans les pr^ 
rogatives de lear ^tat et naissance, et qa'il ne lear soit 
point marqae de deference extraordinaire en cet ägard, 
mais qa'ils ne re^oivent et n'acceptent d'aatres demon- 
strations d'egards et de politesse qae ceax qu'il lear 
appartient reciproqaement de rendre egalement aax 
personnes de qaalite et qu'au contraire on tache de 
lear imprimer ä toute occasion qae Dieu en lear im- 
posant par lear naissance distingaee et illastre plas de 
devoirs qa'a d'aatres, lear a prete aussi, suivant sa sa- 
gesse et clemence, plas de moyens et de facilite poar 
se mettre en etat de les remplir, de se goaverner con- 
form^ment aax pr^minences de leur naissance et ä la 
gloire de lear maison, d'operer d'autant plus de bien 
pour eux-memes et pour leur prochain et employer 
ainsi avec gratitude envers leur pere et createur ces 
avantages de la fortune ä leur vrai bien et bonhenr dans 
cette vie et a leur felicit^ äternelle ; avec quoi il sera 



535 

hecessaire de les convaincre aussi que ce n'est pas leur 
etat mais la sagesse de leur condaite seule qui pourra 
leur meriter {'attention, Pestime et les graces de S. M. 
Danoise et de cette cour, sans qnoi tont ce qa'on saura 
lear temoigner et telles que soient les attentions qu'on 
y aura pour euz, ne les en excusera nullement. 

10. 

Comme il ne proiite jamais aox jeunes gens, si 
lenr frequentation est avec leurs pareils du meme age 
qui ont encore besoin de la meme inspection, cette 
frequentation sera evit^e autant qu'il se peut, et lorsque 
la biens^ance exigera l'admission des enfants des Mi- 
nistres, Generaux et autres personnes de qualite on n'y 
permettra au moins aucune familiarite, qui demeure 
egalement prohibee entierement avec toutes les autres 
personnes qui auront de la frequentation aupres des 
princes, comme qui ne produit jamais rien de bon et 
n'engendre que du degoüt et du mepris entre les per- 
sonnes memes et bien d'autres inconv^nients. 

Pour le prince h^reditaire de Danemark et les 
autres princes royaux qu'ils auront l'avantage de fre- 
quenter, nos petits fils doivent etre instruits de leur 
marquer constamment le respect et la deference qu'ils 
leur doivent. 

11. 

Nos petits iils ne seront jamais abandonnes ä eux 
seuls. Hors des beures des Instructions qu'ils recoivent 
de leurs informateurs un d'iceux assistera toujours aux 
le9ons des autres maitres et pendant les exercices si 
bien qu'en tont autre temps le Gouverneur ou Sous- 
Gouverneur les accompagnera constamment et si Tun 
et l'autre de ces derniers düt se trouver empech^ ab- 
solument, ils auront au moins un des informateurs 
aupres d^eux. 



536 

12. 

Ayant ete prescrit et ordonne ci dessus quelles 
personnes doivent etre admises anpres de nos petits 
fils et choisies pour lenr conversation, noas desirons en 
outre que le Gonverneor s'attache ä accoatamer ses 
eleves d'entretenir ceux qui les fr^quentent ou qu'ils 
soient ailleors sans embarras ni timidite mais aussi sans 
etoarderie, modestement, d'une maniere aisee mais ci- 
vile, en quoi l'exemple du Gouverneur ou Sous-Gouver- 
neur, s'ils se trouvent pr^sents, devra les diriger prin- 
cipalement, mais a quel effet il contribuera en meme 
temps s'ils ont le soin requis de les informer prealable- 
ment du caractere et de la Situation des personnes 
qu'ils verront pour la premiere fois, afin qu'il sachent 
le pied sur lequel il convient de se conduire envers un 
cbacun et ce qui peut fournir les matieres convenables 
pour l'entretien avec eux. D'ailleurs 

13. 

Nos petits fils seront accoutumes et exhortes 
d'avoir de bonnes manieres, de douceur et de l'humanite 
envers tous les gens d^une espece inf^rieure, leurs servi- 
teurs et domestiques et generalement envers un cbacun 
et d'etre charitable envers les pauvres. On ne leur 
pardonnera pas surtout d'abuser jamais de la sup^ri- 
orit6 que leur etat leur donne pour l'ofFense ou Phu- 
miliation de qui que ce soit. On leur representera et 
peindra tout ce qui tient d'une pareille conduite teile 
qu'elle Test en effet comme le plus bas de tous les 
vices et le plus indigne de tous les caracteres et quoique 

14. 

II s'entende sans dire que la propret^ du corps et 
de l'babillement fait une partie essentielle (?) d'une 6du- 
cation raisonnable et de ce bon ordre et r^gl6 qui fa- 



537 

cilite toutes les occnpations de l^omme, cette propret^ 
appartenant d^autant plus et de toutes les fa<;ons a de 
jeunes gens d'une illustre naissance, le Gouverneur anra 
attention d'y accoutumer et d^y entretenir ses eleves de 
ne permettre ä eux ni aux gens qui ont soin de leurs 
habits aucune negligence, et aura Poeil qu'il n'y ait point 
de fautes a cet ^gard. 

16. 

Le Gouverneur aura pareillement son attention 
afin que la sante de nos petits fils ne souffre point 
du tout par quelque exces soit dans le regime pour 
leur nourriture soit dans leurs exereices. Toutefois 
nous ne voulons pas non plus que cette pr^caution soit 
pouss^e au delä de ses justes bornes et qu'ils soient 
entretenus trop delicatement et beaucoup moins accou- 
tum^s Sans necessit^ au medecines. Si cependant 
quelque attaque survient ä Tun ou ä l'autre de faQon 
que pour en pr^venir les suites le conseil d'un m^de- 
cin paraisse devenir salutaire, le Gouverneur saura lui 
meme ä quoi alors les circonstances et son devoir 
l'obligent. 

16. 

Le menage des princes nos petits fils et tout ce 
qui y appartient, dopend uniquement du Gouverneur 
et celui-ci employera pour en tenir les comptes le 
maitre d'hötel Koch. Mais quant ä l'inspection sur 
les Informateurs, les ofiiciers de la chambre et dome- 
stiques nous en remettons le soin au Gouverneur et 
au Sous-Gouverneur en commun de fa^on toutefois que 
ce dernier n'agira que sous le premier et n'y fera rien 
sans le s^u et Papprobation de Pautre. D'ailleurs ils 
se preteront les mains Pun ä Pautre pour entretenir un 
cbacun des ofBciers subordonnes dans les devoirs 
r^pectifs de leur fonction pour prevenir tout d^sordre 



538 

et negligence de leur part et pour y remedier si beeoin 
en est. 

17. 

Noas enjoignons au Goaverneur sur son serment 
et sur sa conscience, ä charge de noas en rendre compte, 
S0U8 notre disgrace la plus grieve, de ne jamais mener 
nos trois petita iils ou tel qui ce soit d'entre eux ni 
permettre qu'ils soienfc men& ou qu'ils se rendent hors 
du royaume de Danemark sans nos ordres speciels et 
en meme temps sans la connaissance et l'agrement de 
Sa Majeste Danoise, mais d'avoir constamment ä tonte 
occasion et en tont temps l'attention la plus soigneuse 
et continuelle a tel dessin, seduction ou macbination 
qui, quoique contre notre attent, pourrait etre formee a 
pareille fin, et sur le moindre soup^on qu'il en prendrait 
de denoncer et rapporter incessament et d'y attendre 
les ordres convenables; et comme 

18. 

Lui, le Baron de Eayserlingk est informe suffi- 
samment qu'en envoyant nos petits fils s'etablir ä 
Copenhague notre but principal a ete de les mettre 
par lä a l'abri de toutes les tentations et seductions 
publiqnes et secretes qu'on n'a que trop Heu d'appre- 
hender de la part des catboliques; nous lui faisons 
savoir en outre que notre fils le Prince Hereditaire sur 
son changement de religion ayant donn^ les Reversales 
connues en date du 28. d'octobre 1754 en vertu des- 
quelles il nous remet purement et sans restriction toutes 
les mesures que nous jugerons a propos de prendre 
des a present et pour les cas ä venir pour l'^ducation 
de ses fils, nos petits fils dans la religion evang^lique 
r^formee; nous avons au moyen d'un testament muni 
de toutes les l^galites requises, et d^pose en des endroits 
suffisamment surs, dispose en teile fa9on au cas de 



539 

notre deces par rapport ä l'education ulterieure de nos 
trois chers petita fils qu'ä Pentiere exclusion de notre 
fils susdit, toat le soin et tons les arrangements pour 
cet objet sont remis et dependront dor^navant de Ses 
Majestes les rois de la Grande-Bretagne et de Dane- 
mark et de Son Altesse Royale Madame la Princesse 
notre belle-fille, de sorte qa'aa cas qu'il plaise a Diea 
de noas retirer de ce monde le sasdit Gouverneur 
Baron de Kayserlingk aura a s'adresser uniquement et 
ä l'exclusion de tout autre aux deux rois snsmentionnes 
et a sadite Alt esse Royale ou ä lenr defaut a ceax que 
notre testament et les codicilles y ajoutes lui indi- 
queront ulterieurement, par cons^quent de prendre 
d'eux seuls les ordres et instructions necessaires et 
d'y obeir en tout ce qui peut regarder sa fonction 
portant l'education de nos petits fils ou tels autres 
^v^nements ou circonstances y relatives en fa^on 
quelconque. 

19. 

Afin de couper aussi aux catholiques et a ceux dont 
ils pourraient se servir pour leurs vues pernicieuses 
toute occasion de faire par correspondance quelques 
ouvertures (?) ou insinuations nuisibles a nos petits 
fils, nous voulons que le Gouverneur ait sous main et 
Sans rien faire apercevoir, Poeil quelles lettres, de la 
part de qui et par quel moyen leur parviennent et ä 
qui ils en adressent? et s'il prend de lä quelque 
soupQon il tachera premierement de se mettre mieux 
au fait avec prudence et sans donner de Pombrage ou 
de deplaisir ä ses Kleves. Puis, s'il decouvre effectiye- 
ment quelques machinations ou trame surpäte, surtout 
si on voulüt lui en faire mystere, il employera toutes 
les voies propres ä approfondir la chose et nous en 
rendra compte sans aucun delai. 



540 

20. 

Nous De saurions de plus nous empecher d'avertir 
le Baron de Kayserlingk que, vn Palliance arretee entre 
Spn Altesse Eoyale la princesse Caroline de Dänemark 
et Taine de nos petita fils, il tache de faire en sorte 
qu'il ne s'etablisse point de familiarite entre eux lors- 
qu'ils se troaveront ensemble, mais d'engager le demier 
a temoigner toujours le respect et Pattention daes ä 
la Princesse et d'avoir pour eile tonte la politesse qu'il 
doit se faire honneur de lui marquer. Nous desirons 
aussi qne le Goavernear fasse son objet de lui faire 
remarquer dans les occasions convenables les bonnes 
qualites de la Princesse et de Ini faire sentir les avan- 
tages qu'il retirera de cette alliance ä iin de Pexborter 
par la ä s'etudier d'autant plus de meriter les graces 
du Boi et l'estime et Pamitie de la princesse par ses 
attentions et sa bonne conduite. 

21. 

Le Gouverneur ou en cas que lui füt empeche 
pour cause de maladie ou autrement, le Sous-Gouver- 
neur nous fera a chaque ordinaire de meme qu'ä Ma- 
dame la Princesse notre Belle-Fille sa relation sur 
l'etat de sante des Princes nos petits fils, de leur 
conduite et de ce qu'il se passera relativement ä leur 
6gard. 



Dans les cas qui ne sauraient etre pr^vus ni 
determines par consequent dans ces instructions, et oü 
il s'agit cependant de l'int^ret et de l'honneur de nos 
chers petits fils ou des nötres, il rendra compte et 
prendra nos ordres. Si toutefois le temps ne permet 
pas ce d^lai et qu^il se trouve oblige de prendre un 
parti sans pouvoir attendre nos volont^s, il se d6ter- 



541 

minera selon son meilleur sceu, d61ibe)ration dext^rite 
et conscience. Au reste 

23. 

11 gardera sa vie durant, soit pendant sa präsente 
fonction on apres l'avoir quittee, nn entier et religieux 
secret tant sur le contenu des presentes Instructions 
que de toute autre chose qu'il apprendra pendant sa 
presente fonction et qu'il importera a nous et ä notre 
maison et en particnlier ä nos petits fils qu'il soit 
ignore; de quoi il a donne sa foi, pret^ un serment 
formel et exhib^ en consequence le revers accoutum^ 
en pareil cas. 

(A raison de quoi ) 

En foi de quoi nous avons signe la presente et 
y avons fait apposer le sceau de nos armes. 

Fait ä Cassel le 15 d'avril 1757. 

Guillaume. 



Uebersetzung der voranstehenden Instruktion. 

Wir Wilhelm von Gottes Gnaden Landgraf 
von Hessen u. s. w. u. s. w. 

Geben zu wissen: dass wir unseren Generalmajor 
Baron von Eayserlingk ernannt haben zum Erzieher 
unserer drei lieben Enkel der Prinzen Wilhelm, Carl 
und Friedrich von Hessen, was wir vermittelst und kraft 
des Vorliegenden thun in der Absicht und dem Willen, 
dass er uns treu ergeben sei, dass er jeden Schaden 
und Nachtheil von unserer Person und unserem Hause 
abwende und dessen Wohl und Vortheil in Obacht 
nehme; dass er im Besondern sich mit der äusseren 
Erziehung unserer lieben obengenannten Enkel befassen 
und derselben nach bestem Wissen und Gewissen ob- 
liegen soll, sodass er eines Tages davon Rechenschaft 



^ I 



542 

ablegen kann vor Gott, vor uns und den genannten 
Prinzen selbst. Da nun 

1. 

Die wahre Erkenntniss nnd Fnrcbt Gottes wie sie 
gleichzeitig dem Menschen den Weg eröffnen, nm zu 
Seiner heiligen Gemeinschaft in Jesu Christo zu ge- 
langen, auch lehren, wirksam einprägen und herstellen 
in ihm die Fähigkeit, die Pflichten zu erfüllen, welche 
der Staat und die besondere Lebensstellung einem jeden 
in dieser Welt auferlegen: da ferner der Erfolg alter 
Untersuchungen und Handlungen der Menschen einzig 
von der Leitung und dem Segen des ewigen Vaters, 
der Quelle alles Guten, abhängt, und da kein Sterb- 
licher seine Seeligkeit in diesem und dem künftigen 
Leben in Seinem Schutz und Seiner Gnade verlieren 
kann, noch ohne dieselben zu irgend einem Glück ge- 
langen kann : so soll der Erzieher es zu seinem ersten 
Augenmerk und seinem sorgfältigsten und ununter- 
brochenen Bemühen machen, unsern Enkeln sowohl 
durch ihn selbst als durch den zweiten Erzieher und 
die ihm unterstellten Lehrer eine wahre und aufrichtige 
Gottesfurcht einzuflössen, die Liebe zu Seinem Wort 
und Seinen Geboten, den Hass gegen das Laster und 
gegen die Seinem Willen widersprechenden Handlungen 
und Neigungen. Diesem Ziele soll er nachstreben und 
nachstreben lassen nicht allein durch heilsame Unter- 
Weisungen, sondern auch durch das Muster und Bei- 
spiel, das sie, wie wir erwarten, in ihm und den 
andern ihm zur Seite gestellten Personen flnden werden. 

2. 

Die genannten Lehrer, der Rath Ledderhose und 
Causid, haben eine besondere Instruktion in den Händen, 
in welcher Weise sie unsere Enkel die Dogmen und 



543 

Voischriften der reformirten Religion leliren sollen; der 
Erzieher soll darüber wachen, dass sie dem pflicht- 
schuldig nachkommen, besonders dass sie die Prinzen 
an das Gebet gewöhnen, dergestalt jedoch, dass bei 
dieser Gelegenheit sowohl wie bei allen Frömmigkeits- 
übungen eine richtige und christliche Mässigung ange- 
wendet wird, damit sie dazu so viel wie möglich aus 
eigener Neigung und Antrieb hingeleitet werden und 
auf alle Weise verhindert werden, dass sie sich nicht 
an die äusserliche Werkthätigkeit anklammern und 
nicht dem Irrthum verfallen, als könne diese Gott 
wohlgefällig und geeignet sein zur Erlangung des 
Zweckes, dem diese Hebungen bestimmt sind. 

3. 

Mit dieser Unterweisung in ihrer Pflicht gegen 
Gott wird man eine Unterweisung in denjenigen 
Pflichten verbinden, welche jeder Mensch ohne Aus- 
nahme und meine Enkel in der Stellung, in die Gott 
sie gesetzt hat^ zu erfüllen haben gegen sich selbst, 
gegen ihren Nächsten und besonders gegen ilire Eltern, 
denen sie Dank schuldig sind für Leben, Erziehung und 
die liebevollen Sorgen und Bemühungen um ihr zeit- 
liches und ewiges Wohl. Darum soll der Erzieher alle 
Sorge tragen, dass, entsprechend allen diesen in den 
göttlichen und menschlichen Satzungen begründeten 
Beziehungen, sie unterwiesen werden und gewöhnt 
werden bei Zeiten an ein vorwurffreies, geziemendes 
und tugendhaftes Benehmen und Empfinden und abge- 
wendet werden von allen schlechten und ungehörigen 
Handlungen. 

4. 

Der verhängniss volle Schritt, den unser Sohn, ihr 
Vater, übereilt gethan hat, indem er zur römischen 
Religion übertrat, ist ihnen hinreichend bekannt. Doch 



wird man ihnen diesen Schritt hinsichtlich ihres Vaters 
darstellen als ein Unglück^ wie er das aach wi^iich 
ist, nnd am dessen willen der Letztere ihr schmerz- 
lichstes Mitgefühl ebenso wie das nnserige and das des 
ganzen Landes verdient. Aber man soll ihnen ein- 
prägen, dass abgesehen von dem, was aaf diese ver- 
hängnissvolle Verblendung Bezog hat, sie ihm am 
nichts weniger Achtung und Gehorsam als ihrem Vater 
schulden. Ihr Gewissen möge sie veranlassen, ihn um 
so öfter Gott in ihren Gebeten zu empfehlen und den 
Ewigen mit um so heisserer Inbrunst anzuflehen, Seine 
Gnade und Sein Licht ihnen nicht zu entziehen, sondern 
sie zu stärken und zu leiten mehr und mehr durch 
Seinen heiligen Geist, um ihm und seiner Wahrheit 
treu mit ganzer Seele zugethan zu bleiben. Auch 
wollen wir nicht, dass man ihnen bei jedem Anlass 
und zu häufig, bei meist keineswegs passenden Ge- 
legenheiten von dieser sogenannten katholischen Re- 
ligion spricht, noch weniger aber, dass ihre Irrthömer 
leicht genommen und lächerlich gemacht werden. 
Sondern wenn die Rede davon sein wird, sei es in 
ihren Unterrichtsstunden oder sonst, soll man ihnen in 
ernsthafter, zuverlässiger und überzeugender Weise 
mit der dem Gegenstand entsprechenden christlichen 
Mässigung, die innere ünhaltbarkeit der Dogmen und 
der Ceremonien der römischen Kirche zeigen sowie 
deren Widersprach mit dem heiligen Evangelium, den 
darin offenbarten Wahrheiten und dem Zweck derselben. 

6. 

Man soll in Gegenwart unserer Enkel durchaus 
keine schmutzigen, schlüpfrigen und ungehörigen Redens- 
arten und Aasdrücke dulden, noch Fläche und ähnliche 
Äusserungen, welche, wenn sie nicht sofort einen ver- 
derblichen Einfluss auf sie üben, ihnen wenigstens eine 



545 

schädliche Leichtfertigkeit einflössen. Man soll ihnen 
ausserdem keine Vertraulichkeiten mit den Kammer- 
lakaien, Dienern nnd andern Leuten dieser Art ge- 
statten. Besonders der erste Erzieher wird mit Strenge 
darüber wachen, dass diese es nicht wagen, meine 
Enkel durch gemeine und unanständige Redensarten 
oder schlechte Beispiele zu verleiten, noch viel weniger 
ihnen heimlich die Gelegenheiten oder die Mittel Böses 
zu thun liefern. Und obgleich 

6. 

dieser Artikel, d. h. was die Anleitung unserer 
Enkel zu einem weisen und christlichen Leben und 
einem anständigen Betragen anbelangt, von einer solchen 
Ausdehnung ist und von allen denjenigen, die mit ihrer 
Erziehung und ihrem Unterricht zu thun haben, eine 
derartig den Umständen angemessene und angepasste 
Anwendung verlangt, entsprechend der Verschiedenheit 
des Charakters und der Neigungen eines jeden Prinzen 
im Besonderen, dass es kaum möglich ist, die Grund- 
gedanken und allgemeinsten Vorschriften in einer solchen 
Instruktion auch nur zu berühren, und obgleich noch 
viel mehr daran fehlt, dass man die Einzelheiten in 
der Mannigfaltigkeit der Fälle aus besonderen Rück- 
sichten, die bei der Ausführung auftreten werden, 
schildern kann, so halten wir es doch für nothwendig 
einzuprägen, dass, da man vergeblich an der Pflege von 
Geist und Herz junger Leute arbeitet und niemals 
etwas festes und beständiges erreichen wird, wenn die 
mit ihrer Führung und Leitung Betrauten nicht damit 
beginnen, ihre Freundschaft und ihr Vertrauen zu ge- 
winnen; so soll der Erzieher auf dieser Grundlage 
bauen, Sanftmuth und Milde gegen unsere Enkel an- 
wenden doch ohne Schmeichelei (die wir auch keinen 
Grund haben von seiner Seite zu befürchten), soll er 
N. P. Bd. xvui. 35 



546 

als Freand ihre Neigungen nnd Vorlieben vertiefen, 
wenn er dble entdeckt, ihnen mit Mässigong und Um- 
sicht entgegentreten and ihnen die Mittel geben sich 
selbst zu verbessern durch ihr eigenes Nachdenken 
und durch den Trieb seines wohlgeregelten Ehrgeizes, 
und wenn er sich in der Lage sieht. Strenge anwenden 
zu müssen um sie zum Widerstand gegen ihre Leiden- 
schaften anzufeuern, soll er es vermeiden seinerseits 
Leidenschaftlichkeit zu zeigen oder sich zu heftigem 
Unwillen hinreissen zu lassen. Er soll vielmehr bei 
solcher Gelegenheit seinen ganzen Eifer darauf richten, 
ihnen ihr Unrecht zum Yerstandniss zu bringen und 
sie durch sich selbst davon zu überzeugen, ebenso von 
der Uebereilung, die sie sich haben zu Schulden 
kommen lassen, sowie davon, dass man mit allen 
Strafen und Ermahnungen nur ihr Bestes im Auge hat 

7. 

Da nun femer bezüglich all dieser verschiedenen 
Gegenstande es ganz und gar darauf ankommt, dass 
alle Arten von Personen, auch wenn ihre Stellung oder 
Geburt sie sonst dazu befähigt, nicht unterschiedslos 
zum Gespräch, besonders einem häufigen, mit den 
Prinzen zugelassen werden,' sondern dass man unter 
ihnen eine vernünftige und kluge Auswahl trifft, so soll 
der Erzieher von einem solchen Verkehr ausschliessen 
in erster Linie die Katholiken, dann alle unbekannten 
und verdächtigen Personen, ebenso diejenigen, die einen 
leichtsinnigen Lebenswandel führen, die hinsichtlich der 
Religion und der Sitte im Rufe verderblicher Grund- 
sätze stehen, ungebildete Leute oder Leute von 
schlechtem Charakter und selbst diejenigen, die unter 
dem Scheine, belustigen und zerstreuen zu wollen, 
unsere Enkel zu schädlichen Neigungen und einer 
schädlichen Leichtfertigkeit im Empfinden verführen. 



547 

Er soll sogleich versneben, ihnen den Zutritt zu den- 
selben so viel wie das möglich ist und ohne zuviel 
Anstoss zu geben, abzuschneiden. Dagegen soll er zu 
ihrer Unterhaltung Männer auswählen von zuverlässiger 
Gesinnung, Rechtschaffen heit und Ehre, von einem 
guten und wohlgeziemenden Betragen, deren Gesellschaft 
ihnen zum Muster und zu nötzlicher Belehrung dienen 
kann. Gleichzeitig soll er durch eine entsprechende 
und zweckmässige Anleitung sich bemühen, sie zu 
lehren, selbstständig in dem Masse, wie ihre Fähigkeiten 
das erlauben, den Charakter und die Gesinnung der- 
jenigen, die ihren Umgang bilden, zu erkennen und zu 
durchschauen, das wahre Verdienst zu unterscheiden 
und es zu ehren und dadurch sich gegen jene täuschen- 
den Äusserlichkeiten zu schützen, auf denen so oft das 
voreilige Urtheil junger Leute beruht. 

8. 

Vor allen Dingen soll der Erzieher Sorge tragen, 
sie kräftig g^gen diejenigen zu sichern, die ihnen wegen 
der Vorrechte ihrer Geburt oder ihrer äusseren Eigen- 
schaften, ebenso durch Entschuldigung oder Vertuschung 
ihrer Fehler schmeicheln. Er soll ihnen sorgfältig die 
selbstsüchtigen und verderblichen Rücksichten enthüllen, 
welche diese unwürdige Gattung von Menschen zu ihrer 
Handlungsweise bestimmen: dass sie, weit entfernt ihr 
Bestes zu wollen, nur sich selbst im Auge haben, um 
sie wohl zu überzeugen, dass dergleichen Schmeichler 
nur ihre Schwäche zu missbrauchen suchen und dass 
jene, wenn ihr Zweck erreicht ist, sie in ihrem Herzen 
verachten und noch vor anderen verächtlich machen, 
oder, dass es von einem schwachen Geist und einem 
thörichten Herzen keinen völligeren Beweis giebt, als 
wenn eine Person sich verleiten lässt, den Mangel ihrer 

Gabei^ durch den falschen Beifall von unwürdigen 

35* 



548 

Schmeichlern ersetzen zu wollen, von Schmeichlern, 
die jedermann aasser ihr selbst als solche bekannt 
sind, gar nicht zu reden von dem ansserordentlichen and 
unvermeidlichen Schaden, der gegenüber dem Publikum 
daraus entsteht, wenn ein Fürst durch Urtheilsschwäche 
oder die Verblendung einer niedrigen Selbstgefälligkeit 
seinen Ruf und seine Interessen den Händen Dngetreuer 
und Unwürdigen überlässt. 

9. 

Zum gleichen Zweck und damit unsere Enkel sich 
nicht durch die Vorzüge blenden lassen, die Gott an 
ihre Geburt geknüpft hat und darum die Eigenschaften 
und wirklichen Verdienste zeigen, deren Besitz allein 
ihnen in dieser Welt Liebe, Achtung und Ehre bei den 
ehrenhaften und urtheilsfähigen Leuten und besonders 
bei ihren eigenen Dienern und Unterthanen verschaffen 
kann, wollen wir, dass man alles von ihnen fem halte, 
was dazu beitragen könnte, ihre Einbildungskraft in 
diesem Sinn zu fesseln und sie ihren Ruhm in den 
Vorrechten ihrer Stellung und ihrer Geburt suchen zu 
lassen, und wollen wir femer, dass ihnen in dieser 
Hinsicht keine ausserordentliche Unterwürfigkeit gezeigt 
wird, sondern dass sie keine anderen Beweise von 
Rücksicht und Höflichkeit empfangen, als diejenigen, 
die sie gehörigerweise auch ihrerseits hochgestellten 
Personen erweisen müssen und dass man im Gegentheil 
ihnen bei jeder Gelegenheit einzuprägen sucht, dass 
Gott, indem er ihnen durch ihre hervorragende und 
glänzende Abstammung mehr Pflichten als andern auf- 
erlegt hat, ihnen zugleich gemäss seiner Weisheit und 
Güte mehr Mittel und grössere Leichtigkeit gewährt 
hat, un} sich in den Stand zu setzen, denselben ge- 
recht zu werden und sich entsprechend ihrer bevor- 



549 

zugten Gebart and dem Ruhme ihres Hauses zu fähren, 
amsomehr Gutes für sich and ihren NächsteYi zu thun, 
und so mit Dank gegen ihren Vater und Schöpfer diese 
Vorzüge des Schicksals zu ihrem wahren Glück und 
Wohlergehen in diesem Leben und zu ihrer ewigen 
Seeligkeit zu benutzen; womit man sie zugleich über- 
zeugen muss, dass nicht ihre Stellung, sondern die 
Vernünftigkeit ihres Betragens allein die Aufmerksam- 
keit, Achtung und Gnade Seiner Dänischen Majestät 
und seines Hofes erwerben kann, ohne was alles, was 
man ihnen etwa erzeigen kann, wie auch immer die 
Aufmerksamkeiten sein mögen, die man fiir sie hat, sie 
von dieser Verpflichtung keineswegs entbinden k^n. 

10. 

Da es für junge Leute nie nutzbringend ist, wenn 
sie mit gleichaltrigen Ihresgleichen verkehren, die noch 
derselben Aufsicht bedürfen, so soll dieser Verkehr nach 
Möglichkeit vermieden werden, und wenn die gesell- 
schaftlichen Bücksichten die Zulassung der Kinder der 
Minister, Generäle und anderen hochgestellten Persön- 
lichkeiten verlangen, wird man dabei wenigstens keine 
Familiaritäten zulassen, welche gleichfalls gegenüber 
allen anderen Personen verhindert werden müssen, die 
mit den Prinzen verkehren, indem dieselben niemals 
etwas Gutes erzeugen, sondern nur Geringschätzung 
und Missachtung zwischen den Persönlichkeiten selbst 
und sehr viel andere Unzuträglichkeiten hervorrufen. 

Was den Kronprinzen von Dänemark anbelangt 
und die anderen königlichen Prinzen, mit denen sie 
Vorzug haben werden, zu verkehren, so müssen sie an- 
gehalten werden, ihnen beständig die schuldige Achtung 
und Ergebenheit zu bezeigen. 



550 



11. 

Unsere Enkel sollen sich niemals allein überlassen 
werden. Ausserhalb der Unterrichtsstunden, die sie von 
ihren eigenen Lehrern empfangen, muss immer einer 
derselben den Stunden der anderen Lehrer beiwohnen 
und sowohl während der körperlichen Uebungen als 
auch zu jeder anderen Zeit soll sie der erste oder der 
zweite Erzieher beständig begleiten und wenn diese 
beide sich verhindert finden sollten, durchaus wenigstens 
einer ihrer Lehrer bei ihnen sein. 

12. 

JTachdem oben vorgeschrieben und angeordnet ist, 
welche Personen zu unsern Enkeln zugelassen und zu 
ihrer Unterhaltung ausgewählt werden dürfen, wünschen 
wir, dass der Erzieher sich bemüht, seine Zöglinge daran 
zu gewöhnen^ die Personen, welche ihnen einen Besuch 
machen, oder die sie anderswo sehen, ohne Verlegenheit 
und Scheu zu unterhalten, aber auch ohne Zudringlich- 
keit, bescheiden, in einer leichten aber höflichen Weise, 
wobei das Beispiel des ersten oder des zweiten Er- 
ziehers, wenn sie dabei gegenwärtig sind, sie besonders 
anleiten muss, wozu aber gleichzeitig auch beitragen 
muss, wenn dieselben ausdrücklich dafür Sorge tragen, 
sie im Voraus über den Charakter und die Verhältnisse 
derjenigen Personen zu unterrichten, die sie zum ersten 
Mal sehen, damit sie wissen, auf welchen Fuss sie sich 
mit jedem zu stellen haben und was den passenden 
Stoff zu einer Unterhaltung mit ihnen liefern kann. 
Uebrigens 

13. 

sollen unsere Enkel gewöhnt und ermahnt werden 
sowohl gute Manieren, Milde und Freundlichkeit gegen 
alle Leute niederer Stellung zu zeigen, ihre Diener und 



661 

Domestiken, und allgemein gegen Jedermann, als auch 
wohlthätig gegen die Armen zu sein. Besonders soll 
man es ihnen niemals gestatten^ die Ueberlegenheit zu 
missbrauchen, welche ihre Stellung ihnen giebt, um 
irgend Jemanden zu beleidigen oder zu erniedrigen. 
Man soll ihnen alles, was mit einem solchen Benehmen 
Verwandtschaft hat, als das darstellen, was es thatsäch- 
lieh ist, nämlich als das niedrigste aller Laster und die 
unwürdigste aller Charaktereigenschaften. Und obgleich 

14. 

es sich von selbst versteht, dass die Sauberkeit an 
Körper und Kleidung einen wesentlichen Theil einer 
vernünftigen Erziehung und jener guten und geregelten 
Ordnung ausmacht, welche alle Beschäftigungen des 
lUenschen erleichtert, und da diese Sauberkeit in noch 
höherem Grade und in jeder Weise jungen Leuten von 
vornehmer Geburt ansteht, soll der Erzieher darauf 
achten, seine Zöglinge daran zu gewöhnen und darin 
zu erhalten, weder ihnen noch den Leuten, die für ihre 
Kleidung zu sorgen haben, eine Nachlässigkeit durch- 
gehen zu lassen, und soll ein Auge darauf haben, dass 
in dieser Hinsicht nichts versäumt wird. 

15. 

Der Erzieher soll seine Aufmerksamkeit gleicher- 
massen darauf richten, dass die Gesundheit unserer 
Enkel in keiner Weise leidet durch irgend eine Aus- 
schreitang, sei es in der Nahrung, sei es in den körper- 
lichen Uebungen. Indessen wollen wir diese Vorsicht 
nicht über ihre richtigen Grenzen getrieben sehen, noch 
dass sie verzärtelt werden, noch weniger ohne Nöthi- 
gung an das Medizinben gewöhnt werden. Wenn in- 
dessen einen oder den andern eine Krankheit befallt, 
dass, um Folgen vorzubeugen, Hinzuziehung ärztlichen 



552 

Käthes heilsam erscheint, so wird der Erzieher alsdann 
selbst wissen, woza ihn die Bedingungen seiner Pflicht 
veranlassen müssen. 

16. 

Der Haashalt der Prinzen unserer Enkel and alles, 
was dahin gehört, hängt einzig von dem Erzieher ab 
and dieser wird sich, am die Rechnungen derselben za 
führen, der Hülfe des Haasmeisters Koch bedienen. 
Was aber die Aufsicht über die Lehrer^ die Kammer- 
lakaien und Dienstboten betrifft, so übertragen wir die 
Sorge dafür dem ersten and zweiten Erzieher gemein- 
sam, jedoch so, dass der letztere unter dem ersteren 
steht und nichts ^hne Wissen und Billigung des ersteren 
thut. Uebrigens werden sie einander gegenseitig unter- 
stützen, um jeden der unterstellten Beamten zu seiner 
Pflicht anzuhalten, um jeder Unordnung und Nachlässig- 
keit ihrerseits vorzubeugen und dieselbe nöthigenfalls 
abzustellen. 

17. 

Wir befehlen dem Erzieher auf Eid und Gewissen 
und unter der Bedingung uns bei unserer härtesten 
Ungnade davon Rechenschaft ablegen zu müssen, niemals 
unsere drei Enkel oder irgend einen unter ihnen ohne 
unsere speziellen Befehle und dem gleichzeitigen Mit- 
wissen und Zustimmung Seiner Dänischen Majestät aus 
dem Königreich Dänemark zu führen, führen zu lassen 
oder zu gestatten, dass sie sich selbst hinausbegeben, 
sondern beständig, bei jeder Gelegenheit und zu jeder 
Zeit die sorgfaltigste und andauerndste Aufmerksamkeit 
zu haben auf jede derartige Absicht, Verführung oder 
Machination, welche, wenn auch gegen unser Erwarten, 
zu solchem Zwecke angesponnen werden könnte, und 
auf den geringsten Verdacht hin, den er schöpfen würde. 



553 

sofort Anzeige and Bericht zu erstatten und die ge- 
hörigen Befehle abzuwarten, und da 

18. 

er, der Baron Eayserlingk genügend darüber informirt 
ist, dass, indem wir unsere Enkel nach Copenhagen 
geschickt haben, unser hauptsächlichster Zweck gewesen 
ist, sie dadurch vor allen öffentlichen und geheimen 
Versuchungen und Verführungen zu sichern, die man 
nur allzusehr seitens der Katholiken befürchten muss; 
so thun wir ihm zu wissen, dass unser Sohn der Erb- 
prinz über seinen Religionswechsel die bekannten Re- 
versalien unter dem 28. Oktober 1754 ausgestellt hat, 
kraft deren er uns rückhaltslos und ohne Einschränkung 
alle Massnahmen überlässt, welche wir jetzt und in 
allen zukünftigen Fällen hinsichtlich der Erziehung 
seiner Söhne unsrer Enkel in der reformirten Religion 
zu treffen für gut halten ; auch haben wir in einem mit 
allen nothwendigen Gesetzlichkeiten ausgestatteten Testa- 
mente, welches an hinreichend sicheren Stellen hinter- 
legt ist, im Fall unseres Hintrittes derartig bezüglich 
der äusseren Erziehung unserer drei lieben Enkel ver- 
fügt, dass, unter gänzlichem Ausschluss unseres oben 
genannten Sohnes» die ganze Sorge und alle Anordnung 
in dieser Sache künftighin überlassen und zustehen 
werden Ihren Majestäten den Königen von Gross- 
britannien und von Dänemark und Ihrer Königlichen 
Hoheit der Frau Prinzessin unserer Schwiegertochter, 
derartig, dass, im Fall es Gott gefällt uns aus dieser 
Welt abzurufen, der oben genannte Erzieher Baron 
von Kayserlingk sich einzig und allein und unter 
Ausschliessung eines jeden anderen an die beiden oben 
erwähnten Könige und an die genannte Königliche 
Hoheit zu wenden haben wird, oder wenn diese in Aus- 
fall kommen an diejenigen, welche unser Testament 



654 

nebst angefügten Codicillen ihm des weiteren anzeigen 
werden, und dass er folglich von ihnen allein Befehle 
und, Anweisungen zu empfangen und denselben zu ge- 
horchen hat in allem, was seine Amtswaltung bezüglich 
der Erziehung unserer Enkel oder sonstiger Ereignisse 
oder Umstände, die in irgend einer Weise damit in 
Verbindung stehen, betreffen kann. 

19. 

Um den Katholiken und denjenigen, deren sie sich 
für ihre verderblichen Absichten bedienen könnten, jede 
Möglichkeit zu nehmen, brieflich irgend welche Eröff- 
nungen oder schädliche Zumuthungen an unsere Enkel 
gelangen zu lassen, wollen wir, dass der Erzieher un- 
auffällig und ohne etwas merken zu lassen, ein Auge 
darauf habe, welche Briefe, von wem und auf welchem 
Wege meinen Enkeln zugehen und an wen sie solche 
schreiben; und wenn er dabei einen Argwohn schöpft, 
soll er erst versuchen, sich mit Vorsicht und ohne 
seinen Zöglingen Missfallen oder Unbehagen zu bereiten 
genauer zu unterrichten. Dann, wenn er thatsächlich 
irgendwelche Machinationen oder verdeckte Anschläge 
entdeckt, besonders wenn man ihm ein Geheimniss da- 
raus machen wollte, soll er alle geeigneten Mittel be- 
nutzen, um der Sache auf den Grund zu kommen und 
uns ohne Verzug davon Bericht erstatten. 

20. 

Wir können uns ferner nicht entbrechen dem 
Baron von Kayserlingk mitzutheilen^ dass, in Anbetracht 
der zwischen Ihrer Königlichen Hoheit der Prinzessin 
Caroline von Dänemark und dem ältesten unserer Enkel 
beschlossenen Verbindung, er es versuchen rauss zu ver- 
hindern, dass zwischen diesen, wenn sie sich zusammen 
befinden, irgendwelche Vertraulichkeiten Platz greifen, 



555 

aber zu bewirken, dass der Letztere der Prinzessin immer 
die schuldige Achtung und Aufmerksamkeit erweist und 
ihr alle die Höflichkeit erzeigt, die er sich eine Ehre 
machen muss ihr auszudrücken. Wir wünschen auch, 
dass der Erzieher günstige Gelegenheiten ergreift, um 
ihn auf die guten Eigenschaften der Prinzessin auf- 
merksam zu machen und ihm die Yortheile vorzuführen, 
die er aus dieser Verbindung ziehen wird, um ihn auf 
diese Weise dazu zu treiben, um so mehr sich zu h^ 
mühen, die Gnade des Königs und die Achtung und 
Freundschaft der Prinzessin durch seine Aufmerksam- 
keiten und sein gutes Betragen zu verdienen. 

21. 

Der erste Erzieher oder, falls er durch Krankheit 
oder andere Umstände verhindert sein sollte, der zweite 
Erzieher soll uns mit jeder gewöhnlichen Po.st, ebenso 
wie der Frau Prinzessin unserer Schwiegertochter Be- 
richt erstatten über den Gesundheitszustand der Prinzen 
unserer Enkel, ihr Betragen und alle Vorgänge, die auf 
sie Bezug haben werden. 

22. 

In den Fällen, die nicht vorausgesehen und folglich 
in diesen Instructionen nicht voraus bestimmt werden 
konnten, und wo es sich indessen um das Interesse und 
die Ehre unserer lieben Enkel oder die unsrige handelt, 
soll er (der Erzieher) Bericht erstatten und unsere Be- 
fehle erwarten. Wenn die Umstände indessen diesen 
Aufschub nicht gestatten und wenn er sich gezwungen 
sieht, einen Entschluss zu fassen, ohne unsere Bestim- 
mungen abzuwarten, wird er seine Entscheidung nach 
seinem besten Wissen, Erwägen, Geschick und Ge- 
wissen treffen. Im Uebrigen 



vitTt^f«» Sifil-i:4i od» narirf^a er ae TeHassen hat, 
ffifj \oVixtSai*iigfsB and anTerbröehlk-lKs Schweigen sowoU 
öImt dc?o Infaah der vorU^enden Instmctioiieii ak oIny 
Alk« zuAhfi: b^rwabren, was er während seiner gegen- 
wärtigen .Stdlnng in Erfahrung bringt and wobei es 
ffir 1U», wui^r Hans und besonders nnseie Enkel danaf 
»ttkfßttuat, dasB es nnbekaimt bleibt; woraof er sein 
Wort gegeben, einen formellen Eid geleistet ond den 
In dendeieben Fallen üblichen Rerer? nnterseiefanet faaL 



Anf Grund worauf etc. ^) 



Im franz/JHivrheo Tevt steht diese Schlassf'>niiel d*3ppelt. 







Zeitschrift 



des 



Vereins für hessische Geschichte 

und Landeskunde. 






Neue Folge. Neunzehnter Band. 

(Der ganzen Folge XXIX. Band.) 




-^-^S^^^Äfe-^ 



Kassel. 

Im Gommissionsyerlage von A. Freysohmidt, 

Hof-Buchhandlnug. 

1894. 



Druck von L. DÖll in Kassel. 



Inhalt. 

Seite 
I. Beiträge zur Geschichte des Landgrafen Hermann II. 

von Hessen. Voa Friedrich Küoh .... 1 

11. Die Jugendzeit Johann Caspars v. Dömberg.' Von 

Joh. Kretzschmar 217 

111. Urkunden zur Geschichte der Universität Kassel, 

herausgegebeu von Dr. W. Falckenheiner . . 317 




Beiträge zar Gesehiehte des Landgrafen 
Hermann n. von Hessen." 



Friedrich KU 



n. Solmsiflche Fehde 1378-1379. 

j^l^nmittelbar nach der Aaüösnog des Stetnerbandes 
liyll^grfindete eines seiner bedeatendsten Mitglieder, Graf 
Jobann von Nassaa-Dillenbaig, einen neuen Bnnd, 
dessen Spitze eich ebenfalls gegen Hessen kehrte, 
die Gesellschaft von der alten Minne'). Fär Johann 
handelte ee sich hierbei darom, seine Ansprüche auf 



') Vgl. Zeitschr. N. F. XVII S. 409 ff. — In den folgenden 
.Beitrfigen* und neben dem SUatsarchive zu Muborg and dem 
pTeusüBch-hessiBohen SamtarohiTe daseibat nooli das Ereisarohiv xn 
Wiirtbarg und die Stadtarchive zu Frtukfart a. M. und UiihU 
haoBen i. Th. beontEt worden. — Den Voratäoden dieser Ärohive, 
welche mir die Benutzang ihrer ArchivalieD in Uarbnrg ermügücht 
haben, verfehle ioh nicht hierduroh meinen ergebensteD Dank eu 
sagen. 

') 0«-8feniefy,Thür. -Hess. Chronik htä Schminöke,1iaa. Hiss. 
II 496. Lofidau, Rittergesellsohaften S. 71 S. 

N. 7. SIX. Bd. 1 



Driedorf und Itter durchzusetzen, während Graf Jo- 
hann II. von Solms, mit dem der Nassauer i. J. 1375 
ein besonderes Bdndniss gegen Hessen schloss, schon 
im Stemerkriege wegen Freilassung der i. J. 1373 
vor Wetzlar Gefangenen mit seinem früheren Bundes- 
genossen, dem Landgrafen Hermann, in Fehde ge- 
rathen war ^) und es 1375 verstanden hatte, in Wetzlar 
unter geschickter Benutzung der Streitigkeiten des Rathes 
mit der Gemeinde festen Fuss zu fassen*). Wetzlar 
wurde dann der Hauptstützpunkt für die Verbündeten, 
die von hier aus die angrenzenden oberhessischen Ge- 
biete verwüsteten, bis nach euier schon am 21. August 

1377 zwischen dem Landgrafen und seinen beiden 
Gegnern in Friedberg gestifteten Sühne ^) am 4. April 

1378 in Frankfurt der Friede zwischen L. Hermann und 
dem Grafen Johann von Nassau zu Stande kam *). Mit 
Johann von Solms hatten die Unterbandlungen zu keinem 
Ziele geführt, und im Juni 1378 brach der Krieg aufs 
Neue aus. 

Auf diese Fehde wirft das im Anhang auszugsweise 
veröffentlichte Fruchtregister des landgräflichen Rent- 
meisters Kunz Grebe zu Marburg einige interessante 
Streiflichter. 

Den Mittelpunkt des Kampfes bildete auch jetzt 
die Reichsstadt Wetzlar. Hier hatten i. J. 1367 die 
demokratischen Elemente die Oberhand gewonnen^ den 
alten Rath aus der Stadt vertrieben und einen neuen 
aus ihrer Mitte gewählt. Im Sternerkrieg benutzten die 
Landgrafen Heinrich und Hermann die Uebergriife, 
welche die Stadt von dem Grafen Johann von Nassau 
zu erleiden hatte, und schlössen gegen diesen in G^ 



>) Landau a. a. 0. 8. 57. 

*) Ulmemtein, Oesohichte von Wetzlar S. 436 ff. 

') Landau a. a. 0. S. 74, fälsohlioh uaterm 18. Aagost. 

*) Landati, S. 179. 



meinschaft mit dem Grafen Johann von Solms ein 
Bündniss mit der neuen Stadtvertretung (1373 Febr. 23. ^). 
Als dann i. J. 1375 Graf Johann von Solms den alten 
Rath gewaltsam zurück geführt hatte und mit Berufung 
auf das ihm verliehene Edelbürgerrecht die Stadt besetzt 
hielt, fasste L. Hermann den Entschluss, in unmittel- 
barer Nähe von Wetzlar als Gegengewicht gegen die 
Solmsische Position in dieser Stadt eine Burg zu bauen. 
So entstand mitten im Kriege über dem damals wüst 
liegenden Dorfe Mühiheim die nach ihrem Gründer be- 
nannte Burg Hermannstein ^), die auch in der Fehde 
der Jahre 1378 — 79 eine Hauptrolle spielte. 

») Lanffau, S. 127. 

') Einwohner von Molnheim sagen i. J. 1410 aus, dass zur 
Zeit der Erbauung des Hermannsteins das Dorf Molnheim ver- 
wüstet war (Stadtarch. Frankfurt a. M. Reiohss. Naohtrftge 806 c). 
üeber die Entstehung der Burg vgl. Knoch^ Nachricht v. d. alten 
Grafen zu Solms, in den Marb. Beiträgen zur Oelefarsamk. I 8. 69 
Anm. 12; Ijondau, Die hessischen Ritterburgen Bd. lY 8. 81 £P, 
Rittergesellschaften 8. 73. — Der Zeitpunkt der ersten Anlage des 
Hermannsteins steht nicht fest. Zur Zeit der Friedberger Sühne 
vom 21. Aug. 1377 war der Ausbau der Burg noch nicht vollendet 
In einem Schreiben der Stadt Wetzlar an Frankfurt (ohne Jahres- 
angabe mit Datum: ipso die divisionis apostolorum = Juli 15. 
Stadtarch. Frankfurt, Reichssachen 260), das dem Sohriftoharakter 
nach in diese Zeit gehört, heisst es: „wizzet, daz wir von guten 
luden, den wol zu gleuben stet und die unsir gar heymeJich gint, 
genozUche gewamet sin, wie der lantgrave von Hessen icznnt eyn 
hus geladen habe unde wolle das ufslahen uf dem berge zu Gri- 
fenstein, daz vor jaren ein römische kunig mit hülfe diser vier 
stede brach, als uch selber wol kuntliche ist, darumbe wir dyse 
stede alle unser gelt gaben, daz derselbe kung verbot unde verrete, 
daz man den borg nimmerme verbuwen sulde.*^ Dies Schreiben 
mnss vor 1383 fallen, da um diese Zeit der Greifenstein bei Her- 
bom aufgeschlagen wurde (Limb. Chron. ed. Wyss 8. 77), aber 
nicht durch L. Hermann, sondern durch Ruprecht vou Nassau und 
Johann von Solms; wir besitzen auch keine Nachricht, dass Her- 
mann jemals den Versuch gemacht habe, dort zu bauen. Es ist 
demnach nicht unwahrscheinlich, dass das Haus, welches der 

1* 



Gegen Ende April des Jahres 1378 finden wir den 
Landgrafen in Marburg, wo er Eanz Grebe am 24. dieses 
Monats zam Rentmeister bestellte'); am 25. reiste er 
ab, jedenfalls nach Niederhessen, wohin ihm die Land- 
gräfin Johanna am 27. folgte^). Noch im Mai nnd in 
der ersten Hälfte des Juni war alles rahig. Wie es 
scheint, fallen in diese Zeit diplomatische Verhandinngen, 
die durch die landgräflichen Schreiber Peter nnd Johann 
geführt wurden. Am 18. Mai kommt der Schreiber 
Johann mit Meister Johann, dem Zwergen, in Marburg 
an, beide reiten am 22. Mai weiter und der Schreiber 
kehrt am 26. Mai nach Marburg zurück'). Am 5. Juni 
trifft Herr Peter, der Schreiber ^), in M. ein, setzt seinen 
Weg am 7. in Gemeinschaft mit dem Marburger Schult- 
heissen Ruprecht Weissgerber fort und ist am 14. wieder 
in Marburg^). 

Bald nach diesen erfolglosen Verhandlungen werden 
die Feindseligkeiten begonnen haben. Landgraf Hermann 
leitete sie in eigener Person. Am 24. Juni kam er 
nach Marburg, wo er sich mit Unterbrechungen, die 
wohl durch die kriegerischen Unternehmungen veran- 
lasst waren, bis Ende Juli aufhielt % In der Umgebung 
des Landgrafen befand sich Graf Eberhard von Catzen- 

Landgraf ,geiadeii* hatte, gar nicht für den Oreifensteüi bestimmt 
war, sondern die erste Befestigung bildete, unter deren Schutz der 
Hermannstein gebaut wurde. Man wurde nach dieser Annahme 
die Orfindnng der Buig H. Ende Juli 1876 zu setzen haben. 

>) BeiL vor Nr. 15, der Yorglinger Gxebe's war Tile Spede, Nr. 13. 

■) Beil Nr. 15. 

») Beil Nr. 17, 19, 20. 

*) Dieser ist wohl identisch mit Feter Synning, der 1403 ff. 
oberster Sohreiber des Landgrafen genannt wird. 8. n. III Beil 
Nr. 1Ö4, 268, 311, 365. — Vgl auch Zsohr. XVH Beü. Nr. 18-46. 

>) BeU. Nr. 21, 23, 24. 

•) Er war in Marburg von Juni 24 — Juli 2 (Beil Nr. 13, 
26), Juli 5—6 (Beil Nr. 28, 29), Juli 12—16 (Beil Nr. 30), Juli 
18—21 (Beil Nr. 31, 32), Juli 26—30 (Beil Nr. 33, 34). 



einbogen, dem wir auch nach der Abreise des Land- 
grafen in Marburg begegnen ^). Nachdem auch er am 
22. August fortgeritten war, leitete Gerhard von Seibach 
die Unternehmungen gegen den Solmser^). 

Die Kriegfährung stützte sich hessischerseits auf 
die Burgen Hermannstein und Königsberg. Vom Her- 
mannstein aus konnte das noch immer in der Gewalt 
Johanns von Sohns befindliche Wetzlar bedroht werden, 
von Königsberg aus die in unmittelbarer Nähe gelegene 
Feste Hohensolms. Die Thätigkeit Gerhards von Sei- 
bach bestand vor Allem darin, diesen beiden dicht an 
das feindliche Gebiet vorgeschobenen hessischen Burgen 
von Marburg aus Proviant zuzuführen ^). Die Absichten 
des Landgrafen, dessen hauptsächlichstes Bestreben auf 
die Verdrängung des Gegners aus Wetzlar gerichtet sein 
musste, zielten daneben auch auf die Gewinnung der 
Burg Dernbach bei Herborn. Diese war i. J. 1309 
durch den Landgrafen Otto von den von Dernbach er- 
kauft, im folgenden Jahre aber durch Heinrich L von 
Nassau zerstört worden. Schon in der letzten Fehde 
mit Nassau und Solms hatte der Besitz der inzwischen 
wieder aufgebauten Feste einen der Streitpunkte ge- 
bildet, denn L. Hermann führte jene alte Zerstörung 
der Burg in dem Schadenregister gegen Johann von 
Nassau auf^). Schon Ende Juli 1378 hatte der Land- 

>) Beil. Nr. 27, 36. 

*) £b ist wohl kein Zweifel, dass unter dem in der Sech- 
nung genannten „herm Gerhard*^ Gerhard von Seibaoh zu verstehen 
ist, der Bnrgmann in Marbnrg war nnd in der HessiBch-Nassauisohen 
Sühne vom 4. April 1378 erwähnt wird. Landau^ Ritterges. 
S. 180. Man wird annehmen dürfen, dass er in dieser Zeit land- 
gräflicher Amtmann in Marburg war. 

') Beil. Nr. 3, 7, 9—12. Zu den in Nr. 6 vorkommenden 
„Büchsenwagen* vgl. Zeitschr. N. F. XVII S. 425 Anm. ♦♦. 

^) Landau^ Bittergesellsoh. 8. 177 u. Anm. 1. — üeber die 
Burg Dernbach vgl. auch Wagner ^ Wüstungen im Grossherzogthum 
Hessen I 8. 886 t 



6 

graf einen Zug gegen dieseB Schloss vorbereitet, der 
aus unbekannten Gründen nicht zu Ende geführt wurde ^). 
Zum 26. August verzeichnet der Marburger Rentmeister 
eine zweite Unternehmung gegen Dernbach, über deren 
Ergebniss uns aber ebensowenig bekannt ist, als über 
die Vorgänge, welche mit einer zweimaligen Anwesen-r 
heit des Landgrafen in Marburg während des Monats 
September zusammen hängen. 

Mit Michaelis 1378 schliesst die Marburger Amts- 
rechnung und der weitere Verlauf der Fehde wird nur 
durch einige urkundliche Nachrichten gekennzeichnet. 
Da die Versuche des Landgrafen, den Solmser aus 
Wetzlar mit Gewalt zu verdrängen, erfolglos geblieben 
waren, hatte er bereits früher die Hülfe des Kaisers 
in Anspruch genommen^). Schon i. J. 1376 hatte 
Karl IV. dem Grafen seine Eingriffe in die Vogteigewalt 
über die Stadt verwiesen und, als dies nicht wirkte, 
den Pfalzgrafen Ruprecht zum Pfleger der Stadt ernannt. 
Als auch dies nichts fruchtete, hob der Kaiser das 
Edelbürgerrecht des Grafen auf, der die Stadt ungeachtet 
seiner Befehle dem Pfalzgrafen nicht abtreten wolle, 
»sondern meynet sich damit zu behelfen wider den 
hochgebohmen Hermane lantgrave zu Hessen«, und be- 
fahl der Stadt, dem Pfalzgrafen zu huldigen (1378 
Oct. 27.^). Endlich gelang es, den Grafen aus der 
Stadt zu verdrängen % worauf Graf Wilhelm von Catzen- 
elnbogen einen Vertrag zwischen dem Landgrafen und 
Wetzlar vermittelte (1379 Jan. 21.6). Der Landgraf 

») BeU. Nr. 2. 

») Er war fiept 15—18 und Sept. 21—24 in Marburg und 
zwar mit seinen beiden Schreibern Peter und Johann (Beil. Nr. 89, 
40, 42, 43, 46). 

•) Vgl. hierüber Ühnenstein a. a. 0. S. 468 fF. 

*) Wenck^ Hess. Landesgesch. II ürk. 8. 455. 

») Vgl. Landau^ Kittergee. S. 75 und die dort angog. Literatur. 

*) Wetflar 1878 uf fritag an sante Agnetin tage nach der 



verzichtete auf jedes Klagerecbt auf Güter von Wetzlarer 
Bürgern in seinen Landen und in der Grafschaft Solms 
und versprach ihnen Zollfreiheit zu Oleen und zu Wer- 
dorf an der Dill. Wetzlar verpflichtete sich zur Hülfe- 
leistung gegen den Grafen Johann von Solms für die • 
Daner des Krieges und zur Oeffnung der Stadt, wogegen 
der Landgraf der Stadt die Oeffnung seiner Schlösser 
in Oberhessen (hie dissiit spißes) versprach. Der Land- 
graf gewährte der Stadt für 10 Jahre Friede und Geleit 
in seinen Landen, wogegen diese auf das Geld, welches 
ihr auf Königsberg verschrieben war, Verzicht leistete ^). 
Erst 1 1 Monate nach diesem Bündniss kam es zwischen 
Hermann und den Grafen von Solms zum Frieden 
(1379 Dec. 22.), in welchem die letzteren auf jedes 
Anrecht an den Hermannstein verzichteten ^). 



Beilage. 

Fruchtregister des Rentmeisiers Kunx Orebe ^u 
Marburg 1378, Auszug. 

Nota, befal myn jungher der landgrave sine rente Apr. 24. 
zcü Marpurg Contzen Greben uff den sonabint vor 
Quasimodogeniti anno Ixxviii unde ist diit sin ußgifft 

der frochte {foL i»). 

Zum® irsten daz körn. 

i. Primo liß ich malen in der wochen nach senteJVa«2— 9. 
Walpurge tage 23 malder kornis unde 6 mesten unde 



gewonlieid d. stules v. Triere. Orig. Perg. im Bammtaroh. za 
Marburg. 

>) 1366 Juli 25. hatte Landgr. Heiorich der Stadt die Hälfte 
der Schlösser Köoigsberg und Werdorf wiederlöslioh für 4000 Gulden 
verkauft. Staatsai'oh. Marburg, Abt. Kreis Biedenkopf s. v. Kö- 
nigsberg. 

•) Wenck^ Landesgesch. III S. 154 w. — Ueber die weiteren 
Solmsisoh-Wetzlarisohen Verwickelungen vgl. ülmenstein, a. a. 0. 



8 

han dy gewerit mit backen von der egenanten cziit 
Juli 25, biis off sente Jacobis tag unde ist myn jangber da- 
czaschen mit sinen franden 17 tage hy gewest. 

Ausgaben für Lohn. 

Juli 27, 2. Item liß ich backen uff den dinstag noch sente 
Jacobis tag 16 malder melis, als myn jungher vor 
Terinbach wolde^) unde wart der reyße wendig, 
unde bleib das brod eyns teils hy unde hattis mit 
dem gesinde 14 tage darnach gnung. 

Äug. 18, 3. Item uff den mitwochen vor sente Bartholomei tage 
darnach quamen 10 motte melis zcum Hermansteyn, 
df fürte her Gerhard") dar. 

4. Item eodem die gab ich Tylemane dem stenmetzen 
1 mal. kor. von geheiße myns junghern. 

5. Item Gumprecht dem czimmermane ouch 1 mal. kor. 

6. Item gab ich Cynen Rosen V^ ™^* ^or. vor 10 tor., 
radenele an den bossenwen zu beslahen. 

Ausgabe für Lohn. 
Äug, 26, 7. Item darnach uff den donrstag nach Bartholomei 
quamen 13 mal. melis zcA Eongisberg unde zcü 
dem*' Hermansteyne, d^ fürte her Gerhard dar 
(fol Ib). 

8. Item eodem die gab ich den redim Va mal. kor. 
dy 50 malder kor. zcü mülen vor 10 tor., als myn 
jungher vor Terinbach wolde. 

Sept, 4. 9. Item darnach ufF den sonabint vor unser frauwen 
tage nativitatis quamen 4 mal. melis zcu dem Her- 
mansteyn*, df fürte her Gerhard dar. 

Sept, 25, 10. Item darnach uff den sonabint in der fronefasten 
vor Michaelis quamen ouch 5 mal. melis zcü Eon- 
gisberg von den 60 maldirn unde hatten sin ouch 
nicht me, dy fürte her Gerhard dar. 

U, Item eodem die 2 mal. melis von dem^ ^nuwen körne, 
dy ouch her Gerhard zcüm* Hermansteyn schichte 
unde 5 motte melis dy* an brode gebacken worden, 
4y ouch myn jungher mit em inweg fürte. 

1) BMt im Orig. 

') Gerhard von Selbaeh^ s, o. S. 5 Anm, 2, 



9 

12. Item eodem die gab ich 6 mal. kor. den duczschen 
herren vor 8 mal. melis, dy ouch her Gerhard zcü 
Eongisberg schichte. 

Exposita tritici anno Ixxviif a sabato ante Qua- Apr. 24. 
simodo usque ad festum Michaelis (fol 3«^). ^^- ^^• 

13. Item quam myn jnngher äff sente Johanstag baptiste Juni 24. 
unde bleib hy biis uff den fritag nach sente Peter Mi 2. 
unde Paulis tage unde hatte dy cziit an schönem 
brode, daz sich daz geborte an 44 tor., da gab ich 

dem beckere 3 motte weißis ane vor 26 tor., das 
motte vor 9 tor. an 3 d^ unde daz ubiryge beczalte 
ich mit gelde, des waren 18 tor. Dy 3 motte worden 
mir geandwurtit von Speden ^\ du ich an d^ rente 
quam. 

14. Item gab ich 1 mal. weißis dem® beckir an schönem 
brode daz myn jungher virtzerit hatte, als he hy vor 
waz gewest vor Michaelis tage *). ^^' 29. 

Nota, diit ist daz ußgeben der habern in dem 
irsten jare als myn jungher der landgrave sin rente 
mir befalen hat des sonabindis vor Quasimodo anno April 24. 
Ixiviii (fol. 7a). 

15. Primo u£F den sontag Quasimodo reid myn jungher Aprü 25. 
des morgins^) inweg unde bleib myn jungfrauwe 

hV biis uff den dinstag darnach unde bieben 9 perde April 27, 
hy mit myner jungfrauwen perden unde fuderte 
dy 2 abinde 9 mesten habern. 

16. Item feria tercia bleib myns junghern roß unde sin April 27. 
hengist unde 4 lame perde hy sten unde fuderte 

des selben abindes mit den 6 perden 3 mesten 
habern. 

Es folgen die Tag für Tag gemachten Einträge 
des zur Fütterung dieser 6 Pferde gebratickten 
Hafers bis zu dem Datum: feria secunda (post 
Cantate). Einmal ist hinzugefügt: der waz eyns Mai 17. 
Craft von Hatzfelt. 



*) THe Spede s. o. S. 4 Anm. 1. 

«) Vgl. Nr. U. 

*) Im Orig. folgt ein ausgestrichenes hf . . 



10 

Mai 18. 17, Item feria tercia des abindes quam Johans myns 
junghern schriber mit 8 perden unde meister Johan 
daz getwerg mit eyme perde unde virfuderte 7 mesten 
habern mit 10 perden {foL 7^). 

Am Mittwoch werden 9 Pferde gefüUerL 

Mai 20. 18. Item feria qninta 7 mesten habern mit 11 perden, 
der waz hern Peders 2 perd, Johans schribers 3 perd 
unde d^ andern 6 perd. 

Mai 22, 19. Item sabato du reit her Peder unde Johans myns 
jnnghern schribere inweg nnde faderte des abindes 
3 mesten habern mit 6 perden. 

Mai 25. Bis xum Dienstag tiach Voeem jocundiiaiis 

6 Pferde. 

Mai 26. 20, Item feria qnarta quam Johans myns junghern 
schriber widder unde fuderte des selben abindes 
5 mesten habern mit 9 perden. 

Mai 27.- Donnerstag darauf bis zum Freitag nach Pfingsten 
^^^i 4' 6 Pferde. 

Juni 5. 2L Item sabato in vigilia penthecostes quam her Peder 
schribir unde brachte mir myns junghern bry£F| als 
ich dem Schultheißen^) solde fuder geben unde eme^ 
unde fuderte des selben abindes 7 mesten habern 
mit 12 perden. 

Juni 6. 22. Item uiF den pingistag zu morgen holte Grafft von 
Hatzfelt sin perd und bieben 6^) perd stende unde 
fuderte des selben abindes 7 mesten habern mit 
11 perden, der waren hern Peders 2 perd, des 
Schultheißen 4 perd unde in myns junghern stal 4 perd. 

Juni 7. 28. Item feria secunda 3 ') mesten habern mit B*) perden, 
du reid her Peder unde der schultheiße des abindes 
inweg mit 7 perden. 

Juni 8. Am Dienstag kofumt der SchuUheiss zurück. 

1) Ruprecht Weissgerher, der in Urkunden von 1363^ 1374 
Jan. 8 (SkuUsarch. Marburg Oen. Rep. Marburg) u. 1381 Juli 30 
(ebenda Abt. Kreis Biedenkopf s. v. Eermannstein) aU SckuUheias 
von Marburg erwähnt wird. 

*) Im Orig. folgt das jousgestriehene Wort steo. 

>) Geändert aus ß. 

*) Geändert aus 9. 



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24. Item feria quinta 4 meften habern mit 8 perden ; Juni 10, 
dd starb der geschoßen hengist, der Richardis von 
LändoriF waz. 

Mmitag danach kommt Herr Peter ^ der Schreiber^ Juni 14. 

zurück, 

25. Item feria quarta (post corporis Christi) du reidJtmtPi^. 
her Pedir inweg unde lyz eyn perd hy^). 

26. Item feria qninta in die Johannis baptiste quam Juni 24, 
myn jangher unde bleib h^ biis uff den fritag nach 

sente Peter unde Pauli tage unde hatte Drogilnrode^) Juli 2. 
die 8 abinde gefudert 28 mal. habern unde 1 motte 
{fol 8b). 

27. Item des selben frytages als myn jungher inweg Juli 2, 
reid bieben 32 perde h^, dy myns junghern waren 
unde siner dynere unde eyns teils greben Eberhartes 
pherde unde fuderte des selben abisdes 2 mal. 
habern. 

28. Item uff den montag zcü abinde quam myn jungher Juli 5, 
Widder unde fuderte Drogilnrode 7 motte habern 

mit myns junghern perden, wand anders nymande 
fudir ward dan den schribern unde den kochen. 

29. Item feria tercia reid myn jungher des morgins Juli 6, 
inweg unde lyz 24 perde by unde fuderte des selben 
abindes 5 motte habern. 

30. Item feria secunda quam myn jungher des abindes /u/» 12. 
unde bleib hf biis uif den fritag darnach, daz waz Jtüi 16. 
nach der 12 apostiln tag, unde fuderte Drogilnrode 

dy vier abinde 19 malder habern. 

31. Item uff den sontag nach Margarete des morgins Juli 18. 
quam myn jungher unde fuderte des abindes 10 
motte habem an 1 seffter (fol. 9o). 

32. Item uff den mitwochen reid myn jungher des mor- Juli 21. 
gins inweg unde fuderte Paulus^ Drogilnrodis knecht, 

7 motte habem, dj^ kauffte ich vor 24^/2 tor. 



*) Nr. 25 — 27 sind im Oriy. durehairiehen. 

*) Gemeint ist UH>kl Johcmn von Trugelnrode^ der 1376 Oct. 
28 Hof u. Dorf Ihigelnrode an Qerlaeh von IValen verkauft. Noek 
1383 Äitg. 8 kommt Johann Trogelerai und seine Ehefrau Lukart 
urkundlich vor. Vgl. Landau^ Wüstungen S. 270. 



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Jtdi 26, 33, Item uf den montag darnach (Jacobi) d& quam 
myn jnngher widder, dd fdderte Drogilnrode des 
abindes 4 mal. habem, dy kaaffte ich vor 1 tor. 
unde 4 punt heller (fol, 9^J. 

Juli 30, 34. Item feria sexta des abindes reyd myn jangher in- 
weg unde lyz sin royz ande eynen saitmer hy. 
1 mesi habern vor 1 tor. 

Äug. 15, 35, Item dominica in die assompcionis beate Marie 
Vh mest. vor Vh tor. dem** roße unde dem*' saamer 
unde 2 perden, dy lyßen Florin unde Wykenand hy, 
als sy von Cassel qnamen unde solden zcü Kon- 
gisberg (fol 10 <^), 

Ätig, 22. 36. Item dominica prima post assnmpcionis beate Marie 
Vh mest. vor Via tor. du nam grebe Ebirhart daz 
roß mit em«. 

Äug. 26. 37, Item feria quinta Vs mest. habern, d& qnamen 
Florin unde Wykenand unde fürten er czwey perde 
mit en, als her Gerhard den Hermansteyn spiseten ^). 

Sept. 2. 38, Item feria quinta (post decoUationem JohanmsJ reid 
Jekil myns junghern knecht mit Johans schriber 
in d^ messe unde fürte den saumer mit em* 
(fol. 10 h). 

Sept. 15, 39, Item feria quarta in quatuor temporibus ante Mi- 
chaelis quam myn jnngher des abindes unde waz 
dr^ nacht hj^ unde fuderte 77« mal. habern ffol. ll^'J, 

Sept, 18. 40, Item sabato darnach du reyt myn jnngher inweg 
unde lyz 2 perd hy unde fuderte 1 mesten habern. 

Sept. 20. 41, Item feria secunda in vigilia Mathei apostoU waz 
man myns junghern wartende unde fuderte des 
abindes . . . .^). 

Sept. 21, 42, Item feria tercia in die eins quam myn jungher 
unde waz dry nacht hy unde verfuderte . . . .^). 

Sept, 24, 43. Item feria sexta darnach dfi reid myn jungher in- 
weg unde bleib her Pedir hy unde fuderte 1 mesten 
habern. 



^) So im Orig. 

*) Die Angabe der verfutterten Quantität Hafer fehlt. 

>) Desgleiehen, 



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44* Item des selben abindes reyd her Gerhard enweg Sept. 24, 
ande solde myns junghern hengiste halen zcu 
Fredeberg. 

45. Item sabato des morgins quam her Gerhard widder Sept 25.