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Full text of "Zeitschrift fϋr das Österreichische Blindenwesen"

American Foundation ForTheBlind inc. 

QIFT OF 



^ 



2 



Digitized by the Internet Archive 

in 2010 with funding from 

Lyrasis IVIembers and Sloan Foundation 



http://www.archive.org/details/zeitschriftfrd13aphm 




1. Jahrgang. 



Wien, Jänner 1914. 



1. Nummer. 



i I 

1 O laßt den Weg uns suchen, finden, ^ 

1 Den W^eg des Glücks der armen Blinden. ^ 

m ^ 

^ (Chronik der Blindenanstalt in Brunn.) ^ 



Geleitwort. 

Das Blatt, welches mit dieser ersten Nummer dem 
geneigten Leser überreicht wird, soll ein Organ für die 
gesamten Interessen der Blindenfürsorge in unserem Vater- 
lande Österreich sein. Der »Zentralverein für das öster- 
reichische Blindenwesen« hat sich zu seiner Herausgabe 
entschlossen, um einerseits ein geistiges Bindeglied zwischen 
den verschiedenen Fürsorgeinstitutionen der österreichi- 
schen Kronländer, ob sie nun Blindenunterrichts-, Be- 
schäftigungs- oder Versorgungsanstalten sind, zu schaffen, 
andererseits durch Aufklärung der Öffentlichkeit über die 
Ziele einer modernen Blindenfürsorge zur Besserung des 
Loses unserer Blinden beizutragen. 

Die Aufgabe einer modernen Blindenfürsorge ist groß und in 
unserem Vaterlande nur zum geringen Teile erfüllt. Nur wenige 
Kronländer verfügen über die nötige Anzahl von Blindenunterrichts- 
anstalten, die Erwerbs- und Versorgungsverhältnisse unserer erwachsenen 
Blinden sind durchaus keine glänzenden. Es bedarf daher einer Stimme, 
das Gewissen der Öffentlichkeit aufzurufen zur Erfüllung einer Mensch- 
lichkeitspflicht gegenüber von Natur aus unverschuldet benachteiligten 
Menschen, es bedarf eines Sprachrohres, durch das der Allgemeinheit 
bekannt gemacht wird mit den Bitten, Wünschen und Wollen der 
Blinden selbst wie Jener, welche sich die Förderung der Blinden zur 
selbstlosen Aufgabe gemacht haben. Unsere Zeitschrift soll nun die 
Möglichkeit hiezu bieten, sie soll im Sinne wahrer Menschen- 
freundlichkeit zu Allen sprechen, denen das Wohl unserer 
blinden Mitmenschen am Herzen liegt oder durch Ver- 
pflichtung ans Herz gelegt ist. 



Seite 4. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 1. Nummer. 

Aber unser Blatt soll auch ein Sprechsaal sein, in dem 
Jeder zu Worte kommen kann, welcher die Förderung des 
vaterländischen Bünden wesens im Auge hat. Bis auf die 
wenigen, in längeren Zeitabschnitten veranstalteten vier Blinden- 
fürsorgetage (Blindenlehrertage) fehlte den österreichischen Blinden- 
pädagogen und Blindenfreunden bisher die Gelegenheit zu gemein- 
samer Aussprache, zu gemeinsamen Gedankenaustausch über die 
notwendige Weiterentwicklung unseres Blindenbildungs- und Fürsorge- 
wesens. Die Beziehungen zwischen den einzelnen Anstalten und 
Vereinen konnten nicht erstarken, weil das geistige Band, welches 
zwischen ihnen geknüpft wurde, immer wieder zerriß. Unsere tüchtigsten 
Fachmänner können nur in ausländischen Fachorganen zu Wort kommen. 
Durch regelmäßige Berichte aus den Anstalten und Vereinen, fachliche 
Abhandlungen über Blindenunterricht und Fürsorge, Diskusionen über 
wichtige Fragen unseres Faches, gegenseitige Anregungen und Auf- 
munterungen soll nun auch diesem Übelstande durch unsere Zeitschrift 
abgeholfen, Lust und Freude am schönen und edlen Bündenwerke in 
unserem Vaterlande neu und dauernd belebt werden. 

Unsere Zeitschrift bedarf zur Erreichung dieses Zweckes 
der Freunde und Mitarbeiter, Gebender und Empfangender 
in reicher Zahl. Mögen sie ihr werden aus der Menge Jener, 
welche mit warmfühlendem Herzen dem Geiste opferreicher 
Liebe für unsere armen Blinden öffentlich Ausdruck zu 
leihen wünschen unter dem Wahlspruche: 

Alles für unsere Blinden! 



Der Zentralverein für das österreichische 
Blindenwesen. 

Die Anregung zum Zusammenschlüsse aller jener Männer, welche 
im Blindenbildungs- und Fürsorgewesen Österreichs tätig sind, der 
Blindenlehrer und Blindenfreunde, geht ziemlich weit zurück. Schon 
vor dem Blindenlehrerkongresse in München (1895) war es Regierungs- 
rat Direktor Meli in Wien, welcher in einem Briefe an Direktor 
Entlicher in Purkersdorf auf die Notwendigkeit einer engeren Ver- 
bindung der Fachkollegen hinwies und dem Wunsche Ausdruck gab, 
eine solche möge gelegentlich der Zusammenkunft in München angeregt 
und in die Wege geleitet werden. 

Dieser Wunsch blieb, wie noch mehrmals nachher unerfüllt, denn 
auch die Propagierung derselben Idee auf dem Berliner Kongresse 
(1898) zeitigte keine Früchte. Erst auf dem Kongresse in Breslau (1901) 
nahm der Gedanke greifbare Formen an. 

Es ist bezeichnend, wie stets bei den Versammlungen der deutschen 
Blindenlehrer auch in den österreichischen Teilnehmern das Gefühl 
der Zusammengehörigkeit lebendig wurde. Einerseits erschien wohl 
durch die innige Verbindung der deutschen und österreichischen 
Anstalten und die rege Beteiligung der österreichischen Kollegen an 
den Fortschritten des deutschen Blindenbildungswesens ein Zusammen- 
schluß der österreichischen Anstalten wie ein unangebrachter Parti- 



1. Nummer. Zeitschrift für das österreichische BHndenwesen. Seite 5. 

kularismus. Andererseits machte sich jedoch wieder die Einsicht geltend, 
daß für Österreich in Vielem die Verhältnisse doch ganz anders 
lägen als in Deutschland und besondere Interessen auch einer 
besonderen Vertretung bedürften. Die Versammlungen der österrei- 
chischen Blindenlehrer und Blindenfreunde in Prag (1889) und Linz 
(1890) hatte diese deutlich erkennen lassen. Es ist tief zu bedauern, 
daß nicht bereits damals, wo eine Reihe tüchtiger und hochverdienter 
Fachmänner an der Spitze der österreichischen Anstalten stand, die 
von so vielen als unerläßlich empfundene Vereinigung gelang. Aber 
widrige Verhältnisse ließen den ausgestreuten Samen erst später 
aufgehen. 

Man muß es dem kaiserlichen Rate Direktor Pawlik in Brunn 
als großes Verdienst anrechnen, den in Breslau neuerlich ausgesprochenen 
Wunsch in die Wirklichkeit umgesetzt zu haben. Mit Interesse und 
Tatkraft leistete er die Vorarbeiten für den Zusammenschluß und 
genoß die Genugtuung, bei der konstituierenden Versammlung des 
»Vereines der Blindenlehrer und Blindenfreunde in Öster- 
reich« am 8. April 1903 fast alle Blindenanstalten in Österreich 
vertreten zu sehen. Was er damals in seiner Eröffnungsrede sagte, 
war wohl allen Teilnehmern aus dem Herzen gesprochen. Das Be- 
dürfnis nach einem Zusammenschlüsse war offensichtlich und der 
unter so glücklichen Aussichten in Leben tretende Verein stand vor 
einer schönen Aufgabe. Trotzdem sollte die Sache nicht so glatt 
gehen, als sie sich anließ. 

An die Spitze des Vereines gestellt, ergriff deshalb Direktor 
Pawlik beim Blindenfürsorgetag in Graz (1906) die Gelegenheit, um 
nochmals und mit warmer Überzeugung für die junge Gründung ein- 
zutreten und beantragte damals im Interesse derselben folgende 
Resolution: 

»Der in Graz tagende Blindenfürsorgetag (III. Österr. Blinden- 
lehrertag) erkennt behufs nachhaltiger Förderung der Gesamtlage 
des österreichischen Blindenwesens die Notwendigkeit, ja Unerläß- 
lichkeit eines Zusammenschlusses aller österreichischen Blindenlehrer 
und Blindenfreunde an und spricht sich für die Erhaltung des be- 
stehenden Vereines österreichischer Blindenlehrer und Blindenfreunde 
als des legalen Bodens seiner Wünsche und Bestrebungen aus.« 

Da meldeten sich gewichtige Stimmen für eine Änderung der 
Organisation des Vereines. Es ist ja bekannt, daß Blindenbildung 
und Blindenfürsorge seit jeher in engster Verbindung mit einander 
stehen. Seinerzeit waren die Blindenpädagogen fast die Einzigen, 
welche auf dem Gebiete der Blindenfürsorge tätig waren und heute 
noch wird die Aufgabe der beruflichen Ausbildung nahezu ganz, 
die Versorgung der ausgetretenen Zöglinge noch zum Teile von den 
Blindenanstalten geleistet. Seit besondere Beschäftigungs- und Ver- 
sorgungsanstalten wie Unterstützungsvereine für Blinde ins Leben traten, 
machten diese ihren Sonderstandpunkt geltend, wie dies ja schon 
J. W. Klein mit der von ihm begründeten Versorgungs- und Be- 
schäftigungsanstalt in Wien erlebt hatte. 

Um nun auch die Interessen der bestehenden Fürsorgeanstalten 
und Vereine genügend gewahrt zu sehen, machte Direktor Wagner 



Seite 6. Zeitschrift für das österreichische BUndenwesen . 1. Nummer. 

(Prag) den Vorschlag zur Gründung eines »Vereines der österreichischen 
Blindenanstalten und Blindenfürsorgevereine« der nach seiner Ansicht 
neben dem »Blindenlehrervereine« wohl bestehen könnte. Das Zusammen- 
gehörigkeitsgefühl aller am Blindenwerke Tätigen war jedoch stark 
genug, es zu dieser Trennung nicht kommen zu lassen. Vielmehr 
wurde ein Mittelweg beschritten, indem die Versammlung sich einhellig 
für die Erhaltung des bestehenden Vereines aussprach, wenn er seine 
Statuten im Sinne der auf der Versammlung gegebenen Anregungen 
ausgestalte. 

Das geschah und der »Verein der Blindenlehrer und Blinden- 
freunde in Österreich« verwandelte sich im Jahre 1907 in den 
»Zentralverein für das österreichische Blindenwesen«. Als 
solcher faßte er seinen Zweck dahin auf, alle österreichischen Blinden- 
anstalten und Blindenfürsorgevereine, sämtliche Blindenfreunde sowie 
erwachsene gebildete Blinde zur einheitlichen Ausgestaltung des 
vaterländischen Blindenwesens nach den modernsten Prinzipien heran- 
zuziehen. Als Mittel zur Erreichung dieses Zweckes sollten ihm dienen: 
1. Abhaltung von Vereinsversammlungen, 2. Herausgabe von Druck- 
schriften, 3. Abhaltung von Vorträgen, 4. Abhaltung von Blinden- 
fürsorgetagen (Blindenlehrertagen). Die Wahrung rein fachlicher, 
Gruppen- oder Standesinteressen, sollte eigenen Sektionen überlassen 
bleiben, Avelche — Avie es in den Statuten heißt — in ihren Sonder- 
angelegenheiten Separatberatungen zu pflegen haben, jedoch verhalten 
sind, ihre Beschlüsse der Hauptversammlung, welche über sie zu ent- 
scheiden hat, zur Kenntnis zu bringen. 

Es war eine große umfassende Aufgabe, die sich der Zentral- 
verein gestellt hatte und es darf nicht Wunder nehmen, daß er bei 
der durch die Verhältnisse bedingten umständlichen Geschäftsgebarung 
bisher nur Teilaufgaben in Angriff zu nehmen und zu lösen vermochte. 
Die verschiedenartige Organisation und Vielsprachigkeit der Anstalten 
und Vereine, die besonderen Verhältnisse in den einzelnen Kronländern, 
weite Wege zu den Versammlungen und der kollegiale Zug über die 
Grenze hinüber, das alles sind hemmende Momente für eine rasche 
Entwicklung, Aber es wäre unangebracht, deshalb an der Zukunft 
zweifeln zu wollen. Ein so großer Staat wie Österreich kann auf die 
Dauer in der Organisation seines Blindenbildungs- und Fürsorgewesens 
nicht hinter viel kleineren Ländern, Avie wir an der Schweiz ein 
nachahmenswertes Beispiel haben, zurückbleiben. Es gilt heute durch 
die Förderung und Entwicklung des Zentralvereines nicht nur die 
engen Interessen einer Standesorganisation, sondern mit ihnen noch 
viel größere ideale Interessen unseres Vaterlandes zu wahren. Vielleicht 
wird manches persönliche Moment vor dieser höheren Forderung 
zurücktreten und manches Opfer gebracht werden müssen. Aber 
erinnern wir uns da doch nur des leuchtenden Vorbildes an höchster 
Stelle, unseres erhabenen Kaisers, der getreu seinem Wahlspruche: 
»Mit vereinten Kräften« die Geschicke seiner Völker zu einem großen 
Ganzen zusammenfassend, leitet. Seien wir uns doch dessen bewußt, 
daß wir Österreicher sind und in letzter Linie nicht nur in der Enge 
des Tagwerkes sondern zur Ehre unseres Vaterlandes zu leben und 
zu wirken haben. Seien wir einig in dem Verlangen nach Fortschritten 



1. Nummer. Zeitschrift für das österreichische BHndenwesen. Seite 7. 

auf unserem Wirkungsgebiete, einig in der Zusammenfassung aller 
Kräfte, aus denen ein besseres Los als einstens unseren Blinden 
erwachsen kann, aber auch einig in dem Bestreben, der Welt zu zeigen, 
was wir in Österreich zu leisten imstande sind. Dies in Wort und 
Schrift wie durch die Tat aufzuweisen, ist das Ziel "des Zentralvereincs 
für das österreichische BHndenwesen und darin liegt die Notwendig- 
keit seines Bestandes. Möge er wachsen und erstarken, um seiner 
ofroßen und schönen Aufgabe srerecht werden zu können! K. B. 



Punktschrift-Literatur. 

Hofrat von Chlumecky, Brunn. 

Der Segen, welcher durch Louis Brailles großartige Erfindung 
über die gesamte Blindenwelt gekommen ist, gelangt immer mehr zum 
Ausdrucke, in je weitere Kreise die Punktschrift Eingang gefunden, 
was besonders in dem letzten Jahrzehnt der Fall war. Mächtiger und 
mächtiger wird in der großen Masse der Blinden der Wunsch, das in 
den Anstalten aufgenommene Samenkorn der Bildung zu entwickeln, 
sich neue Kenntnisse anzueignen, in der Feierstunde durch anregende 
Lektüre zu erholen; aber auch die besser situierten Blinden, die der 
Hilfe eines Vorlesers nicht entbehren, greifen mit Vorliebe zu den 
Punktschriftbüchern, weil das Selbstlesen größere Befriedigung gewährt 
und die Abhängigkeit von äußeren Umständen und fremder Hilfe 
drükend ist. Dem wachsenden Lesebedürfnisse tragen, insoweit es 
sich um das deutsche Sprachgebiet handelt, in erster Linie die im 
Laufe der letzten beiden Dezennien errichteten Blindenleihbibliotheken 
Rechnung u. zw. die bereits im Jahre 1893 gegründete Bibliothek des 
k. k. Blindenerziehungsinstituts zu Wien, die 1903 entstandene Zentral- 
bibliothek der Blinden Österreichs, ebenfalls in Wien sowie die beiden 
Zentralbibliotheken zu Leipzig und Hamburg, deren Bücherstand, vor- 
nehmlich aus handschriftlicher Erzeugung stammend, von Jahr zu Jahr 
zunimmt, jetzt aber der immer steigenden Nachfrage kaum mehr 
genügen kann. Neben diesen so ungemein segensreich wirkenden, 
für den unentgeltlichen Leihverkehr eingerichteten Institutionen, von 
welchen die beiden reichsdeutschen überdies in der Lage sind, den 
für die ärmeren Leser besonders ins Gewicht fallenden Vorteil des 
teilweisen Postportoersatzes zu bieten, verdienen jene Bestrebungen 
warme Anerkennung, welche die Übertragung von Werken der 
Literatur auch durch den Punktdruck bezwecken. Ist auch diese 
Herstellungsweise kostspieliger als die handschriftliche, so bietet sie 
infolge der durch den Zwischenpunktdruck bewirkten großen Raum- 
ersparnis und die Möglichkeit einer weitreichenden Vervielfältigung 
so große Vorteile, daß der höhere Kostenaufwand sich reichlich 
verzinst, wobei der Nutzen, der aus dem unbeschränkten Besitze eines 
wertvollen Buches erwächst, gegenüber der bloßen Entlehnung ein 
sehr beträchtlicher ist. Mit dem Drucke und dem Verlage solcher 
Bücher befassen sich sowohl Anstalten als auch Privatunternehmungen. 
Unter den ersteren sind die kgl. Preußische Blindenanstalt in Steglitz, 
der Verein zur Beschaffung von Hochdruckschriften in Leipzig, das 
k. k. Blinden-Erziehungsinstitut in Wien, besonders aber der Verein 



Seite 8. Zeitschrift für das österreichische BHndenwesen. 1. Nummer. 

zur Förderung der Blindenbildung in Hannover-Kleefeld zu nennen, 
von welch letzterem soeben ein, eine reiche Fülle ausgezeichneter 
Werke der klassischen und modernen Literatur der verschiedensten 
Zweige enthaltender Weihnachtskatalog versendet wurde, auf welchen 
alle Blinden und Blindenfreunde nachdrücklichst aufmerksam gemacht 
werden. Anbelangend die Tätigkeit der Privatunternehmungen dieser 
Kategorie, nimmt wohl hier der Punktdruckverlag von F. W. Vogel 
in Hamburg 33, Hufnerstraße 122, den ersten Platz ein. Herr Vogel, 
von Jugend auf blind, ein warmherziger Freund seiner Schicksals- 
genossen, ist ein self-made-man in der vollendesten Bedeutung dieses 
Wortes. Durch Talent, eisernen Fleiß und unermüdliche Ausdauer 
hat er mit Überwindung kolossaler Schwierigkeiten innerhalb weniger 
Jahre seine ursprünglich kleine Punktdruckerei zu einer heute sehr 
angesehenen Schwarzdruckerei ausgestaltet. Sein Betrieb, in welchem 
er auch eine Anzahl von Blinden beschäftigt, erfreut sich eines be- 
deutenden Kundenkreises und einer fortschreitenden Entwicklung. 
Eine besondere Sorgfalt widmet Vogel nach wie vor der Herausgabe 
von Punktdruckschriften. Sein unvergleichliches Geschick in der 
Auswahl der zu veröffentlichenden Aufsätze, kommt zunächst in der 
Redigierung der von ihm seit einer Reihe von Jahren verlegten Zeit- 
schriften: Der »Gesellschafter«, der »Zeitgeist« und der »Grillen- 
scheucher« zum Ausdrucke, welche Journale immer das Neueste, 
Interessanteste und Belehrendste aus der Natur- und Völkerkunde, 
aus den Errungenschaften der modernen Technik und sonstigen 
Wissenschaften, aus dem Bereiche der belletristischen und humoristischen 
Literatur bringen. Kein Blinder, dem es daran gelegen ist, seine 
Kenntnisse in diesem Belangen zu erweitern und sich Anregung und 
Zerstreuung zu schaffen, der nur halbwegs in der Lage ist, sich den 
übrigens bescheidenen Aufwand für das Abonnement zu gestatten, 
sollte auf den Bezug dieser überaus wertvollen Schriften ver- 
zichten. Mir selbst, der ich doch Gelegenheit habe, aus Vorgelesenem 
zu schöpfen, gewähren diese Zeitschriften stets hohen Genuß und 
Nutzen. Außerdem hat Vogel aber noch eine stattliche Reihe von 
Punktdruckbüchern gediegendster Art auf den Markt gebracht, unter 
welchen die seit ungefähr einem Jahre im Handel erschienenen drei 
Bände eines Sammelwerkes unter dem Titel »Allerlei Spannendes und 
Belehrendes« der größten Beachtung würdig sind, denn auch hier und 
gerade hier hat Vogel sich bei der Sichtung des aufzunehmenden 
Lesestoffes übertroffen. In dem ersten Bande führt uns der Verfasser 
vorwiegend auf überseeischen Boden. Da ist z. B. ein Artikel: »Quer 
durch Java« aus der Feder Dr. F. Martins, der sich durch eine dem 
Charakter der Tropenwelt angepaßte Farbenpracht in der Darstellungs- 
weise und lebendige Anschaulichkeit auszeichnet. Weiters am Schlüsse 
eine Skizze, betitelt: »Eldorado und die Schätze des Guatavita-Sees«, 
in welcher die historische Entwicklung der Schatzgräberei im südlichen 
Amerika außerordentlich interessant und anziehend geschildert wird. 
Das Wertvolle gerade dieses, von Rudolf Gronau herrührenden 
Artikels, mag aus der Tatsache erhellen, daß einer meiner Neffen, 
welcher kürzlich von einer Forschungsreise aus unbekannten Anden-, 
Orinoco- und Amazonenstrom-Gebieten Südamerikas zurückgekehrt ist, 
mir auf Grund seiner an Ort und Stelle gemachten Studien die 



Nummer 1. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 9. 

Treue und Richtigkeit der erwähnten Schilderung bestätigte. Der 
zweite Band enthält faßt ausschließlich Darstellungen des Lebens auf 
dem Meere, namentlich auf der deutschen Nord- und Ostsee, zum 
Teile in erzählender und humoristischer Form, wobei auch der 
berühmte deutschamerikanische Humorist Henry Urban in zwei 
wunderbaren Skizzen zur Sprache kommt. Der dritte Band befaßt 
sich mit der Wiedergabe des Lebens im Meere. Hier erfahren wir 
viel Neues von dem Dasein bekannter und unbekannter Fische sowie 
sonstigen Meeresgetiers im tiefen Dunkel der Salzfluten. Sind auch 
diese Aufsätze der vollsinnigen Lesewelt nichts Neues, ihre Sammlung 
bildet für den Lichtlosen ein wahres Schatzkästlein, das ihnen gerade 
zu Weihnachten als höchst willkommene Festgabe zugänglich gemacht 
werden sollte. Möge auch in keiner Anstaltsbücherei »Allerlei 
Spannendes und Belehrendes« fehlen. 

Und als auf ein aufstrebendes Talent unter den deutschen 
Blindendruckverlegern ohne Augenlicht möchte ich noch auf Herrn 
Karl Menk in Frankfurt a. M. hinweisen, der seit Anfang dieses Jahres 
eine politische Halbmonatschrift den »Fortschritt« erscheinen läßt. 
Politisch ist sie jedoch nur insoferne, als daß sie im wesentlichen die 
politischen Ereignisse mitteilt, ohne sich hierbei auf einen partei- 
politischen Standpunkt zu stellen. Nebstdem veröffentlicht der »Fort- 
schritt« kurze Besprechungen politischer, wirtschaftlicher und sozialer 
Tagesfragen. Auch Herr Menk setzt sein Blatt aus den Artikeln her- 
vorragender Tagesblätter jeglicher Parteirichtung mit Ausschluß der 
allerxtremsten nach rechts und links zusammen, aber er bekundet dabei 
ein großes Geschick, Umsicht und Sachkenntnis, sodaß sein Blatt selbst 
denjenigen Schicksalsgenossen, die sich, wie ich, einer Vorlesehilfe 
bedienen können, zur vollständigen Informierung über alle Begeben- 
heiten des Tages auf das Wärmste empfohlen werden kann. Das 
Blatt wird mit Beginn des nächsten Jahres bei Änderung seines Titels 
in eine Wochenschrift umgewandelt werden. 

Blindenfürsorgetag (Blindenlehrertag) 1914. Der »Zentralverein 
für das österreichische Blindenwesen« hat in seiner im Mai 1913 statt- 
gefundenen Generalversammlung beschlossen, die Abhaltung eines 
allgemeinen österreichischen Blindenfürsorge- (Blindenlehrer-) tages im 
Jahre 1914 in die Wege zu leiten. Das Komitee zur Vorbereitung des 
Tages wird bereits im Jänner 1914 zusammentreten und die Zeit der 
Abhaltung (Juli oder September) bestimmen. Es seien jedoch schon 
jetzt alle Blindenpädagogen und Blindenfreunde gebeten, durch Vor- 
bereitung von Vorträgen und Werbung zum Besuche des Tages, das 
Gelingen dieser für die Entwicklung des österreichischen Blinden- 
wesens so hochwichtigen Veranstaltung zu sichern. 

Personalnachrichten. Kais. Rat Direktor S.Heller als Jubilar. Direktor 
S. Heller vom Israelitischen BUndeninstitute in Wien-Hohe Warte, welcher im 
Herbste 1913 durch Verleihung des Titels »Kaiserlicher Rat« ausgezeichnet wurde, 
beging am 13. November 1913 die Feier seines 70. Geburtstages und seines 40jähr. 
Dienstjubiläums. Eine große Zahl seiner ehemaligen Zöglinge, Vertreter von Vereinen 
und Anstalten, wie Freunde und Verehrer hatte sich zu diesem Feste eingefunden, 
um dem Jubilar Dank und Verehrung zum Ausdrucke zu bringen. Als Zeichen 
immerwährenden Gedenkens wurde eine »S. Heller-Stiftung« ins Leben gerufen. 
Möge es Herrn Direktor S. Heller gegönnt sein, an der Spitze seiner Anstalt wie 
des österreichischen Blindenwesens noch viele Jahre tätig zu sein. 



Seite 10. Zeitschrift für das österreichische BUndenwesen. 1. Nummer. 

— Zum Direktor der im Herbste eröffneten Deutschen Blindenschule in 
Aussig i. B. wurde der durch 14 Jahre an der Kärntner. Blindenanstalt in Klagenfurt 
tätig gewesene Fachlehrer Herr Karl Rauter berufen. 

Aus den flnslalten. Deutsche Blindenschule in Aussig i. B. Das 
erfreulichste Ereignis des Jahres 1913 auf dem Gebiete des östei reichischen Blinden- 
wesens bildet die am 21. September 1913 erfolgte Eröffnung der vom Vereine 
»Deutsche Blindenfürsorge in Böhmen« ins Leben gerufenen Deutschen Blinden- 
schule in Aussig. Wir werden in einer der nächsten Nummern auf die Gründung 
und Einrichtung dieser unserer jüngsten Blindenanstalt zurückkommen. 

— Die n. ö. Landes-Blindenanstalt in Purkersdorf wurde am 12. und 
14. November 1913 durch den Landesschulinspektor Herrn Hofrat Karl Ritter 
von Kummer in eingehender Weise inspiziert. 

Rus den Vereinen. Zentral verein für das österreichische BUnden- 
wesen. Einladung zu der am S.Jänner 1914 um 5 Uhr in der Versorgungs- und 
Beschäftigungsanstalt für erwachsene Blinde in Wien, VIII. Josefstädterstraße 80, 
stattfindenden Ausschuß sitzung. Tagesordnung : Vereinsangelegenheiten . Geschäfts- 
ordnung, Blindenfürsorgetag 1914. 

— Am 22. November 1913 veranstaltete der Blindenunterstützungsverein 
«Die Purkersdorfers; in Wien, in J. Weinwurm Drei Engel-Sälen, IV.. Große 
Neugasse 36, sein X. Gründungfest. Der Saal war bis auf das letzte Plätzchen besetzt. 
Unter den zahlreichen Festgästen waren zu bemerken: Die Herren Hochwürden 
Pfarrer Johann Mechtler, Direktor Karl Bürklen, Landesausschuß Regierungsrat 
Josef Sturm die Gemeinderäte Otmar Penz, Ferdinand Fischer samt Frau, Facii- 
lehrer Demal, Lehrer O. Wanecek, Klavierstimmlehrer R. Hölbl, die Fabrikanten 
Anton Andrejs samt Frau, Karl Hof mann samt Frau, Robert Waldhäusel samt 
Frau, Robert Viktorin samt Frau. August Hartmann, Gloss, Reichhold, 
Flu egger und Boecking. Von Korporationen waren erschienen: Der Hetzendorfer 
Männeraesangverein »Hetzendorfer Sangesfreunde« vertreten durch die Herren Fritz 
Weynar, Fritz Kraus, Wilhelm Schurz und Dr. Karl Franz, der Gesamtausschuß 
des humanitären Geselligkeitsklubs »Die Freunde der Blinden in Wien« mit ihrem 
Obmann R. Kourik, und Obmannstellvertreter R. Swoboda, der humanitäre 
Blindenverein »Lindenbund« vertreten durch Obmann Friedrich Gebhart. Ent- 
schuldigt hatten sich die Herren: Se. Exzellenz Bürgermeister Richard Weiskirchner, 
Vizebürgermeister Josef Porzer und Verwalter Karl Rosenmayer. Das Programm 
war sehr reichhaltig und amüsant. Nach Schluß der Vorträge folgte ein Tanzkränzchen. 
Im Gemütlichen lies ein flottes Quartett seine frohen Weisen ertönen. Um das 
Gelingen dieses Festes haben sich besonders verdient gemacht die Ehrenpräsidentin 
des Vereines Frau Amalie Jänner und der gesamte Ausschuß. 

— Am 22. November 1913 fand in den Sälen zum »Grünen Tor« Wien, VIII. 
Lerchenfetderstraße 14, das XVI. Gründungsfest des »Ersten österreichischen 
Blindenvereines« statt, dessen Reinerträgnis zur Weihnachtsbeteilung bedürftiger 
Blinder bestimmt war. Dank der freundlichen Mitwirkung hervorragender Kunst- 
kräfte dank der großen Beliebtheit, welcher sich der durch seine segensreiche 
Wirksamkeit bekannte Verein in den weitesten Kreisen erfreut, war der Besuch ein 
außerordentlich starker und ist es der Vereinsleitung ermöglicht, einer großen Zahl 
hilfsbedürftiger Mitglieder die Freude des Weihnachtsfestes durch eine Spende 
zu verschönern. 

— Zur Beachtung! Die p. t. Mitglieder des »Zentralvereines für das österr. 
Blindenwesen« werden gebeten, sich zur Einzahlung des Jahresbeitrages von 2 K 
für 1914 des beiliegenden Posterlagscheines zu bedienen. Für die Zusendung unserer 
Zeitschrift wird ein freiwilliger Beitrag von 2 K erbeten. 

— Beitrittsanmeldungen zum Zentralverein werden erbeten an: Zentral- 
verein für das österreichische Blindenwesen in Wien, VIII., Josefstädterstraße 80. 

— An unsere Mitarbeiter! Wir bitten, Beiträge, welche noch in der 
nächsten Nummer des Blattes erscheinen sollen, längstens bis 20. des dem Ersciieinen 
der Nummer vorangehenden Monats gefälligst übermitteln zu wollen. 



Herausgeber: Zentralverein für das österreichische Blindenwesen in Wien. Redaktionskomitee: K. Bürklen, 
J. Kneis, A. v. Horvath, F. Uhl, — Druck von Adolf Englisch, Purkersdorf bei \\ien. 




1. Jahrgang. Wien, Februar 1914. 2. Nurnnrier. 



^ „Ist das Auge gesund, so begegnet es außen ^ 

m dem Schöpfer, m 

^ Ist es das Herz, dann gewiß spiegelt es innen ^ 

I die Welt." 1 

^ F. V. Schiller. ^ 

Gegenwärtiger Stand 
des Blindenbildungswesens in Österreich. 

Wir verfügen, wie die beigegebenc Übersicht über die Blinden- 
bildungsanstalten ausweist, in Osterreich gegenwärtig über 17 B linde n- 
bildungsanstalten, in welchen Blinde vom 4. bis zum 19. Lebens- 
jahre nach den Altersstufen entweder kindergartenmäßige Vorbildung, 
Schulunterricht oder berufliche Ausbildung genießen. Von diesen An- 
stalten sind, dem Zwecke entsprechend 2 Vorschulen und 15 Bil- 
dungsanstalten für Blinde im schulpflichtigen Alter und darüber 
hinaus. 

In den beiden Vorschulen, von denen das »Asyl für blinde 
Kinder« in Wien XVII in keinem Zusammenhange mit einer Blinden- 
anstalt steht, während der »Kindergarten« in Prag-Hradschin eine 
Zweiganstalt der Klar'schen Blindenanstalt ist, befinden sich blinde 
Kinder von vier Jahren bis zum schulreifen Alter und werden daselbst 
im Internate gepflegt und im Kindergarten für den späteren Unter- 
richt in einer Blindenanstalt entsprechend vorgebildet. 

Die Blindenbildungsanstalten übernehmen die Zöglinge erst 
vom 7. Lebensjahre an. Die Organisation der meisten dieser An- 
stalten ist eine derartige, daß in ihnen neben der Vermittlung der 
allgemeinen Schulbildung die Zöglinge auch eine entsprechende 
berufliche Ausbildung genießen können. Eine Ausnahme hievon machen 
einerseits nur die »Schulabteilung für blinde Kinder« in Wien XVI 
und die »Deutsche Blindenschule« in Aussig a. d. E., welche lediglich 



Seite 16. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 2. Nummer. 

die Schulbildung vermitteln, anderseits die »Klar'sche Blindenanstalt« 
in Prag, die ihre Zöglinge nur beruflich ausbildet. Die Anzahl der 
Klassen in den einzelnen Anstalten richtet sich nach der Schülerzahl, 
welche nur in zwei Anstalten die Zahl 100 überschreitet. Bis auf die 
»Schulabteilung für blinde Kinder« in Wien XVI als Externat sind 
alle anderen Anstalten Internate, die unter bestimmten Bedingungen 
wohl auch Externschüler zulassen. 

Als vollkommenste Organisation sei die der Klar'schen Anstalten 
angeführt, denn hier reiht sich, an den »Kindergarten« in Prag-Hrad- 
schin die »Deutsche Blindenschule« in Aussig a. d. E. als Unterrichts- 
anstalt und schließlich die »Klar'sche Blindenanstalt« in Prag-Hradschin 
als Berufsbildungs- und Beschäftigungsanstalt. In diesen Anstalten 
sind die Blinden der verschiedenen Altersstufen von einander getrennt, 
während in allen anderen Internaten die in der Schulbildung und 
die in der Berufsbildung stehenden Zöglinge — nicht zum Gewinn des 
Erziehungswerkes — beisammen wohnen. 

Der Schulbildung suchen alle Anstalten nach den Vorschriften 
des Reichs- Volksschulgesetzes gerecht zu werden. Wie dies in der 
Natur der Sache liegt, wird neben dem literarischen Unterrichte und 
den Fertigkeiten der Musikpflege ein besonderes Augenmerk zuge- 
wendet. Dem Mangel einer entsprechenden Vorbildung im vorschul- 
pflichtigen Alter suchen einzelne Anstalten in der Weise abzuhelfen, 
daß die Zöglinge in den ersten Schuljahren neben dem sonstigen 
Unterrichte auch kindergartenmäßig beschäftigt werden. 

Die berufliche Ausbildung in den Anstalten umfaßt nahezu 
überall die Ausbildung in Musik, im Klavierstimmen und in den 
typischen Blindenhandwerken : Korb- und Sesselflechterei und Bürsten- 
binderei, bei den weiblichen Zöglingen die Beschäftigung mit weib- 
lichen Handarbeiten und auch Maschinstricken. In einigen Anstalten 
wird der Versuch zur Ausbildung der Mädchen in der Hauswirtschaft 
und in beschränktem Maße auch für die Küche gemacht. Einen Ver- 
such zur Erweiterung der Blindenberufe hat die Anstalt in Purkersdorf 
mit der Zuteilung von schwachsichtigen männlichen Zöglingen zur 
Gärtnerei unternommen. Die sechs Anstalten (K. k. Bl. E. I., Isr. Bl. I. 
in Wien, L. Bl. Anst. in Purkersdorf, Od. Bl. Anst. in Graz, Kl. Bl. Anst. 
in Prag und L. Bl. Anst. in Brunn), welche bei Erlernung der Korb- 
flechterei und Bürstenbinderei die gewerbegesetzlichen Vorschriften 
erfüllen, sind zur Ausstellung von rechtsgiltigen Zeugnissen ermächtigt. 

Ein allgemeiner oder gewerblicher Fortbildungsunterricht 
wird für die in der Berufsbildung stehenden Zöglinge in den meisten 
Anstalten, allerdings in sehr verschiedenem Umfange, erteilt. 

Der Unterrichtssprache nach sind: 
Deutsch 10 Anstalten mit 439 Zöglingen, 

Deutsch und böhmisch 3 ,, ,, 279 ,, 

Böhmisch 1 Anstalt ,, 46 

Polnisch 1 „ „ 50 

Mehrsprachig 1 „ „ 30 

Bezüglich der Erhaltung der Anstalten sind die meisten der- 
selben auf die durch die allgemeine Wohltätigkeit zur Verfügung ge- 



2. Nummer. Zeitschrift für das österreichische BHndenwesen. Seite 17. 

stellten Mittel und eventuelle Subventionen von öffentlichen Stellen 
angewiesen. Von den Landesverwaltungen erhaltene Anstalten finden 
wir nur in Nieder-Österreich, Kärnten und Mähren-Schlesien. 
Das k. k. Blinden-Erziehungs-Institut in Wien besitzt wohl den Titel 
einer Staatsanstalt, kommt jedoch für seine Bedürfnisse aus eigenen 
Mitteln ohne Zuschuß vom Staate auf. Nicht unerwähnt bleiben mag, 
daß wir neben den angeführten Anstalten ein privates »Blinden-Er- 
ziehungs-Pensionat« in Abbazia besitzen. Die »Anstalt zur Ausbildung 
von Späterblindeten« in Wien XIX konnte deshalb den Bildungsan- 
stalten nicht angereiht werden, weil dieselbe nur Blinde im Alter über 
20 Jahre verzeichnet, also als Unterrichtsanstalt für Blinde im gewöhn- 
lichen Bildungsalter nicht gelten kann. 

In welchem Umfange entsprechen nun unsere Bildungs- 
anstalten der Ausbildungsnotwendigkeit der im bildungs- 
fähigen Alter stehenden Blinden? 

Wir geben auch hierüber, um nur Zahlen und Tatsachen sprechen 
zu lassen, eine kurze Übersicht: 

Kl 1 . Zahl der Zahl der im bildungsfähigen Alter In der Ausbildung 

r O n 1 a n a : Blinden; (4. bis 19.Jahr) stehenden Blinden*: stehende Blinde: 

Niederösterreich . . . 2524 420 276 

Oberösterreich .... 564 94 46 

Salzburg 178 30 — 

Steiermark 1097 183 59 

Kärnten 286 48 24 

v'°\k ■ '^IVl- ' • 710 120 18 

Vorarlberg , 82 J 

Krain 342 57 — 

Triest 163 27 — 

Görz und Gradiska . . 149 25 — 

Istrien 313 52 — 

Dalmatien 714 120 — 

Böhmen 4019 670 208 

Mähren. .1681\ ^^oh iah a-,-, 

c VI • A(^f\) ' ' • 2081 347 133 

Schlesien . 400 J 

Galizien 5558 926 50 

Bukowina 546 91 30 

Summe . . . 19244 3210 844 

In den Zahlen für die einzelnen Kronländer ergeben sich inso- 
ferne einige geringfügige Verschiebungen, als das k. k. Blinden-Er- 
ziehungs-Institut und das Israelitische Blindeninstitut in Wien — soweit 
dies die deutsche Unterrichtssprache zuläßt — blinde Kinder aus allen 
Kronländern Österreichs aufnehmen. 

Die Gesamtsummen weisen ein zutreffendes, leider 
wenig günstigesBild der Tatsache auf, daß das Bildungs- 
bedürfnis der im bildungsfähigen Alter stehenden Blin- 
den in Osterreich nur zum geringen Teile und zwar mit 
26 Prozent erfüllt wird. K. B. 

*) Nach den Ergebnissen der Volkszählung von 1910 mit Ve der Zahl der 
Blinden angenommen. 



Seite 18. 



Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 



2. Nummer. 



Übersicht über die Blinden-Bildungsanstalten in Österreich. 

(Umfassend Vorschul-, Schul- und Berufsbildung im Jahre 1913.) 



Ort 



Name 



Bestand 



Aufbringung der Mittel 
zur Erhaltung durch 



Unterrichts- 
sprache 



Vorschulen. 



Wien XVII 

Hauptstraße 93 



Asyl für blinde Kinder 1885 



Verein von Kinder- und 
24 I Jugendfreunden in Wien 
XVII., Hauptstraße 93 



Prag 

Hradschin 



Kindergarten der Klar- 
'schen Blindenanstalt 



1897 



27 



Klar'sche Blindenanstalt 
in Prag 



Deutsch u. 
böhmisch 



Unterriditsanstalten. 



Wien II 

Wittelsbachstr. 5 



K. k. Blinden-Erziehungs- 
Institut 



1804 



78 



Stiitungsfonds 



Deutsch 



Wien XIX 

Hohe Warte 32 



Israelitisches Blinden- 
institut 



1872 



50 



StittuDgstonds 



Deutsch 



Wien XVI 

Kirchstettern- 
gasse 38 

Purkersdorf 

bei Wien 
Herrengasse 8 



Stadt. Schulabteilung für 
blinde Kinder (Externat) 



1884 



23 



Gemeinde Wien 



Niederösterreichische 
Landes-Blindenanstalt 



1873 



101 



Land Nieder-Österreich 



Deutsch 



Deutsch 



Linz 

Blumauerstr. 2 



Privat-Blindeninstitut 



1824 



46 



Stiitungsfonds 



Graz 

Leonhardtstraße 
130—134 



Odilien-Blindenanstalt 



1881 



59 



Stiftungstonds. Odilien- 
Verein zur Fürsorge für 
die Blinden Steiermarks 



Klagenfurt 

Gutenbergstr, 6 



Kärntnerische Landes- 
Blindenanstalt 



1898 



24 



Stiftungstonds 
Land Kärnten 



Deutsch 



Innsbruck 

Egerdachstr. 13 



Tirolisch-Vorarlbergisches 
Blindeninstitut 



1907 



18 



Blindentürsorgeverein für 
Tirol und Vorarlberg 



Deutsch 



Prag 

Hradschin 
Lorettogasse 104 



Privat- Erziehungs- und 
Heilinstitut für armeblinde 
Kitider und Augenkranke 



180'; 



82 



Stiftungsfonds und 

Beiträge vom Lande 

Böhmen 



10 



Prag 

Maltheseiplatz 



Deyl'sche Blinden- 
Eziehunssanstalt 



1910 



46 



Stiftungsfonds. Verein zur 

Erziehung der Blinden im 

Königreiche Böhmen 



Deutsch und 
böhmisch 



Böhmisch 



11 



Prag 

Hradschin 
Klarplatz 13-III 



Klar'sche Blindenanstalt 



1832 



Stiftungstonds 



Deutsch und 
böhmisch 



Aussig 
a. d. E. 



Brunn 

Ratwitplatz 7 



Deutsche Blindenschule 

(Zweiganstalt der Klar'schen 
Blindenanstalt in Prag) 



1913 



16 



Verein „Deutsche Blin- 
denfürsoige in Böhmen" 



Mährisch-Schlesische Lan- 
des-ßlindenerziehungsanst 



1847 



133 



Stiftungsfonds. Land 
Mähren und Schlesien 



Deutsch und 
böhmisch 



14 



Lemberg 

Sophiegasse 31 



Galizische Blindenanstalt 



1851 



50 



Stiftungsfonds. Sub- 
vention des Landes 
Galizien 



Polniseli 



15 



Czernowitz Kaiser Franz-Josefs- 
Karlsgasse Jubiläums-Blindeninstitut 



1908 



30 



Stiftungstonds. Blinden- 
und Taubstummen-Für- 
sorgeverein im Herzog- 

tume Bukowina. 

Land Bukowina 



Deutsch 

Polnisch 

Rumänisch 

Ruthenisch 



*) In der Berufsbildung stehend. 



2. Nummer. Zeitschrift für das österreichische BHndenwesen. Seite 19. 

Zwei wichtige Erblindungsursachen. 

K. k. Universitätsprofessor Regierungsrat Dr. Otto Bergmeister, Wien. 
Sehr geehrter Herr Direktor ! 

Sie fordern mich auf, mich als Mitarbeiter an der »Zeitschritt für 
das österreichische BHndenwesen« zu beteiligen. Gestatten Sie mir, daß 
ich das zunächst in Form dieses Briefes tue. 

Ich habe vor mir den Jahresbericht der niederösterreichischen 
Landes-Blindenanstalt in Purkersdorf bei Wien liegen. Während ich das 
Zöglingsverzeichnis überblicke, bleibe ich unwillkürlich an der Rubrik 
»Zeit und Ursache der Erblindung« haften. Für den Augenarzt, der sich 
mit Blindenstatistik beschäftigt, wird sich immer und immer die Frage 
aufdrängen: »Läßt sich die Zahl der Erblindungen nicht doch noch um 
ein Bedeutendes einschränken.? Welches sind die Mittel dazu, diesen 
Zweck zu erreichen?« Mir stehen momentan die Zahlen nicht zur Ver- 
fügung, welche über den Stand der Erblindeten in Niederösterreich im 
Verhältnis zur Gesamtbevölkerung, also über den Perzentsatz an Er- 
blindungen Aufschluß geben würden. Wohl aber scheint es mir möglich, 
aus der statistischen Zusammenstellung Ihrer Anstaltszöglinge gewisse 
Schlüsse zu ziehen und Betrachtungen über die Erblindungsursachen, 
resp. über die Vermeidbarkeit derselben daran zu knüpfen. Unter den 
Ursachen der Erblindungen stechen besonders zwei hervor; einmal die 
Blennorhoe der Neugeborenen, welche in 23** o aller Fälle als Erblindungs- 
ursache angegeben wird, und zweitens Rachitis, nahezu 27 "^/q der Fälle 
(genau 26'9Vo)- Ich rechne zu letzterer Gruppe auch Fraisen, Wasser- 
kopf und angeborene Stare, da diese Erkrankungen fast ausnahmslos 
frühzeitiger infantiler Schädelrachitis zuzuschreiben sind. Wahrscheinlich 
würden in diese Gruppe auch ein großer Teil der Fälle von Sehnerven- 
schwund (Atrophia nervi optici) zu rechnen sein, sofern die Atrophie durch 
Hirnhöhlenwassersucht in Konsequenz von frühzeitiger Schädelrachitis 
aufzutreten pflegt. Diese Gruppe allein macht 10*^/0 aller Fälle aus, wo- 
durch die Gruppe Rachitis auf 37% ansteigen würde; ich will jedoch 
diese Gruppen nicht zusammenrechnen, da die Beziehungen zwischen 
Rachitis und Sehnervenschwund doch nicht so absolute sind und immer- 
hin in manchen Fällen der letzteren Gruppe auch andere Momente mit 
im Spiel sein können. Es genüge vorläufig zu konstatieren, daß allem 
Anscheine nach die Erblindungen durch Blennorhoe der Neugeborenen 
und durch frühzeitige Schädelrachitis und ihre Folgekrankheiten zusam- 
men 50%, d. i. die Hälfte aller ErbHndungen unter den Kindern Ihrer 
Anstalt ausmachen. 

Was nun die Blennorhoe der Neugeborenen betrifft, so ist es 
zweifellos konstatiert, daß die Blennorhoe eine Infektionskrankheit ist, 
wobei in der überwiegenden Zahl der Fälle der Infektionskeim während 
des Geburtsaktes direkt von der Mutter auf das Auge des Kindes durch 
Kontakt übertragen wird. Die Prophylaxe der Blennorhoe der Neuge- 
borenen würde hiemit schon mit einer entsprechenden Desinfektion der 
Geburtswege und ärztlichen Vorbehandlung der graviden Mutter zu be- 
ginnen haben. 

Aber selbst wenn eine solche Vorbehandlung nicht stattgefunden 
hat und der Verdacht einer Infektionsmöglichkeit für das neugeborene 



Seite 20. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 2. Nummer. 

Kind besteht, was ärztlicherseits konstatiert werden kann, so kann durch 
entsprechende Reinigung der Augen des Neugeborenen sowie durch 
Eintropfen einer 2"/o Silberlösung (Crede'sches Verfahren), eventuell auch 
durch Reinigen oder Auswaschen des Bindehautsackes mit einer ent- 
sprechenden Lösung von übermangansaurem Kali der Infektion vorgebeugt 
und die Infektionskeime können zerstört werden, bevor sie ihre Entzündung 
erregende Wirkung auf das Auge des Kindes zu entfalten vermögen. 
Es scheint also nötig, daß ein Arzt die Geburt leitet oder, wenn kein 
solcher zugegen ist, die Hebammen obligatorisch zur Vornahme der Des- 
infektion der Augen des Neugeborenen in allen Fällen verpflichtet werden, 
zumal sich nicht immer ohne weiteres, d. h. ohne mikroskopische Unter- 
suchung des Sekretes der mütterlichen Geburtswege entscheiden läßt, 
ob die Gefahr der Infektion besteht. Da nach unseren Gesetzen die 
Anwesenheit eines Arztes bei einer Geburt nicht erforderlich ist und 
eine eventuelle Vorbehandlung der Mutter, namentlich in den minder 
bemittelten Schichten der Bevölkerung, kaum durchführbar scheint, so 
ist die obligatorische Vornahme der Desinfektion der Augen des Neu- 
geborenen seitens der Hebamme das Gebot der Notwendigkeit, dem 
jetzt wohl schon allenthalben Folge geleistet wird*. Trotz alledem ver- 
schwinden die Fälle von Blennorhoe der Neugeborenen nicht aus unserem 
Augenambulatorium. Hier muß nun gesagt werden, daß die Blennorhoe 
der Neugeborenen eine heilbare Krankheit ist und wohl in den meisten 
Fällen fast ausnahmslos günstig, d. h. ohne Schaden für das Sehvermögen 
des betroffenen Kindes, heilt, wenn rechtzeitig ärztliche Hilfe in Anspruch 
genommen wird. Es kann Hebammen und Müttern nicht oft genug ein- 
geschärft werden, bei den ersten Zeichen einer ausbrechenden Augen- 
entzündung Neugeborener sofort und nicht erst nach tagelangem Be- 
stehen derselben ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ich bin mir wohl 
bewußt, mit alledem nichts Neues zu sagen — aber bei der erschrecken- 
den Ziffer von 23% Erblindungen infolge dieser Krankheit ist es wohl 
angezeigt, immer wieder auf den ansteckenden Charakter derselben so- 
wie auf die Prophylaxe, die Möglichkeit der Verhütung der Erblindung 
bei rechtzeitiCTem ärztlichen Eingreifen hinzuweisen. — Was nun die 
Rachitis als Erblindungsursache betrifft, so liegen hier die Verhältnisse 
viel komplizierter. Um den Zusammenhang zwischen Rachitis und 
Störungen des Auges zu skizzieren, genügt es darauf hinzuweisen, daß 
wir unter Rachitis eine Ernährungsstörung verstehen, bei der zunächst 
die normale Entwicklung des Knochensystems (die Verknöcherung durch 
Einlagerung von Kalksalzen) behindert erscheint. Es erstreckt sich d"e- 
ser schädigende Einfluß aber auch auf die Entwicklung der Zähne, dann 
auf die Entwicklung der Linse im menschlichen Auge durch Ablage- 
rung von getrübten Schichten (sogenannter Schichtstar), endlich ins- 
besondere auch auf die Entwicklung und das Wachstum des kindlichen 
Schädels (rachitische Schädelformen). Im Zusammenhang mit dem letz- 
teren kann es zu Störungen im Schädel-Innern, zu Hirnhöhlenwasser- 
sucht (Hydrocephalie) mit allgemeinen Krämpfen (Eklampsie) und sekun- 
där auch zu Erkrankungen der Sehnerven mit dem Ausgang in parti- 
ellen oder totalen Sehnervenschwund kommen. Als Erblindungsursachc 
tritt also Rachitis hervor erstens beim Schichtstar, das ist bei der größ- 
* Wir verweisen auf den Erlaß des k. k. Ministeriums des Innern vom 4. Ok- 
tober 1912, betreffend den Augenschutz der Neugeborenen. Die Schriftleitung. 



2. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Bhndenwesen. Seite 21. 

ten Zahl der sogenannten angeborenen, resp. kindlichen Starformen, 
welche wohl größtenteils einer operativen Behandlung mit Besserung 
zugänglich sind, zweitens indirekt durch den schädigenden Einfluß hoch- 
gradiger Schädelrachitis auf das Nervensystem, resp. die Gehirnentwick- 
lung im allgemeinen und die Sehnerven im besonderen. 

Die frühzeitig einsetzende rachitiche Ernährungsstörung der Säug- 
linge und des ersten Kindesalters ist es also, die unsere größte Auf- 
merksamkeit erfordert. Das ist das Gebiet der Hygienie des ersten Kindes- 
alters, resp. des Kindesarztes, der rechtzeitig eingreifend, weiteren Scha- 
den hintanhalten kann. Hier gilt es, die gestörte Ernährung des Kindes 
wieder in richtige Bahnen zu lenken, soll der Aufbau des kindlichen 
Skelettes nicht dauernd Schaden nehmen, und Konsequenzen vorzubeu- 
gen, die in einer späteren Periode nicht mehr gut gemacht werden können. 
Es kann nicht im Rahmen dieser Skizze liegen, den Verlauf der Rachi- 
tis des frühesten Kindesalters zu schildern und alle Maßnahmen, welche 
dagegen zu ergreifen sind, aufzuzählen. Es genüge darauf hinzuweisen, 
daß es häufig Darmstörungen, Störungen des Verdauungstraktes sind, 
welche den Ausgangspunkt, die Ursache der rachitischen Störungen bil- 
den. Hieraus ergiebt sich, daß der Ernährung der Säuglinge die größte 
Aufmerksamkeit gebührt. Es ist überflüssig zu betonen, daß in der Säug- 
lingsernährung diejenige durch die Mutterbrust, resp. durch eine ent- 
sprechende Amme obenan steht. Im Übrigen kommt es bei der Er- 
nährung in dieser frühesten Kindesperiode ebenso sehr auf die Qualität, 
wie auf die Quantität an und spielt die strengste Regelmäßigkeit der 
Intervalle der Nahrungszufuhr die wichtigste Rolle. Ernährungsstörungen 
entstehen vielleicht häufiger durch ein Zuviel als durch ein Zuwenig und 
es ist darum gewiß das Beste, wenn diese Fragen von einem geübten 
Arzte reguliert und vorgeschrieben werden. 

Ich muß mich für heute damit begnügen, diese zwei Fragen, Blen- 
norrhoe und Rachitis berührt zu haben, und mir vorbehalten, gelegentlich 
noch andere Erblindungsursachen, welche in der Statistik Ihrer Anstalt 
vorkommen, einer Würdigung zu unterziehen. 

Mit vorzüglicher Hochachtung Prof Dr. Otto Bergmeister. 

Wien, den 16. Dezember 1913. 

Blindenfürsorgetag (Blindenlehrertag) 1914. Über Einladung 
des Zentralvereines für das österreichische Bhndenwesen hat sich am 
19. Jänner 1. J. der Ortsausschuß mit dem Sitze in Wien VIII., Josef- 
städterstraße 80, konstituiert. Dieser Ausschuß wird schon in nächster 
Zeit die Einladungen zu dem am 9. Juli (Vorversammlung), 10. und 11. Juli 
(Hiuptverhandlung) in Wien stattfindenden Tag erlassen. 

Personalnachrichten. Mit Beginn des Schuljahres 1913/14 ist der wohl den 
meisten Lesern dieser Zeitschrift bekannte Blindenpädagoge Herr Fachlehrer der 
Blinden-Lehranstalt in Linz Fetdinand Groß vom Schauplatze seiner Tätigkeit 
in den verdienten Ruhestand getreten. 46 Jahre lang war er ein getreuer Berater 
und Führer seiner eigenen Schicksalsgenossen. Nach Absolvierung des k. k. Blinden- 
Erziehungs-Institutes in Wien besuchte er die von dem damaligen Direktor M. P ab- 
läse k 1867 errichtete Abteilung für blinde Lehramtskandidaten. Sodann wurde er an 
der gleichen Anstalt im Lehrfache verwendet. Im Jahre 1873 kam Herr Groß an die 
Linzer Privat-Blinden-Lehranstalt, wo er volle 40 Jahre wirkte. Er verstand es 
aber auch die Liebe der Blinden, die teilnahmsvolle Freundschaft seiner Mitarbeiter, 
insbesonders aber die vollste Zufriedenheit seiner Vorgesetzten zu gewinnen. So 
zeichnete ihn seine Majestät der Kaiser durch Verleihung des silbernen Verdienst- 



Seite 22. Zeitschiitt für das österreichische Bhndenwesen. 2. Nummer. 

kreuzes mit der Krone aus, im Laufe der Jahre erhielt er nebst mehreren mündlichen 
und schriftlichen Anerkennungen des hochwürdigen bischöflichen Ordinariates, des 
k. k. Landesschulrates für Oberösterreich und des Stadtschulrates Linz die Ehren- 
medaille für vierzigjährige treue Dienste. 

So kann Herr Fachlehrer Groß zufrieden sein Leben überschauen. Möge ihn 
Gott noch recht lange in vollster Gesundheit die Tage der Ruhe erleben lassen. Aui 
Wunsch des lieben Kollegen unterblieb eine eigene Abschiedsfeier, da ja Herr Groß 
auch ferner noch mit der ihm liebgewordenen Arbeitsstätte in Verbindung stehen 
möchte. An seine Stelle wurde durch das hochwürdige bischöfliche Ordinariat als 
provisorischer Aushilfslehrer der Abiturient der katholischen Privat-Lehrerbildungs- 
anstalt in Linz Herr Josef B au m gar tn er einstweilen für das Schuljahr 1913/14 
berufen. 

— Die Anstalt zur Ausbildung von Spätererblindeten in Wien XIX. hat das 
plötzliche Hinscheiden der Verwalterin Ottilie Fuchs, welche durch drei Jahre an 
dieser Anstalt tätig war, zu beklagen. 

— Der Minister für Kultus und Unterricht hat die Lehrerin am k. k. Blinden- 
Erziehungs-Institute in Wien, Mathilde Meli, zur Hauptlehrerin ad personam an 
diesem Institute ernannt. 

— Dem blinden Lehrer am k. k. Blinden-Erziehungs-Institute in Wien, Anton 
Meßner, wurde die Ehrenmedaille für vierzigjährige treue Dienste zuerkannt. 

flus den Hnstalten. In dei N. ö. Landes- Blindenanstalt in Purkers- 
dorf nahm die am 23. Dezember 1913 veranstaltete Christbescherung einen er- 
hebenden Verlauf. Direktor K. Bürklen legte hiebei die Bedeutung des Weih- 
nachtsfestes als Kinder- und Lichtfest dar, Landesschulinspektor Hofrat von 
Kummer zollte den Vorführungen und der damit verbundenen Schüler- und Lehrer- 
arbeit seine vollste Anerkennung und Landesausschuß K. Kunschak richtete er- 
greifende, zu Herzen gehende Worte an die Zöglinge und Lehrer wie Freunde und 
Gönner der Anstalt. 

— Die 1883 vom bekannten, besonders für die Blindenfürsorge hochverdienten 
Blindeninstitutsdirektor und nachmaligen Domkapitular Anton Helletsgruber 
zunächst für erwachsene weibliche Blinde gründete, 1893 von demselben auch für 
erwachsene männliche Blinde erweiterte Beschäftigungs- und Versorgungs- 
anstalt in Linz wurde heuer unter dem dermaligen Direktor Anton M. P 1 e n i n g e r 
bedeutend vergrößert. Mit einem Kostenaufwande von 80.000 Kronen wurde die 
hübsche Anstaltskapelle gegen den Garten hin bedeudent erweitert, wie auch von 
dem hiesigen Dombaumeister M. Schlager ein zweites Stockwerk aufgebaut. Da- 
durch wurden nebst größeren Schlafräumen auch Einzelzimmer für Späterblindete 
und ein schöner Festsaal geschaffen. So ist es ermöglicht, in die Anstalt 120 bis 130 
erwachsene Blinde aufnehmen zu können. 

flus den Vereinen. Zentralverein für das österreichische Blinde n- 
wesen. Ausschußsitzung am 3. Jänner 1914. Vorsitzender: Direktor Bürklen; an- 
wesend: Regierungsrat Meli, die Direktoren Pleninge r, Wagner und Stoklaska, 
die Lehrer Altmann, Zierfuß und Kneis und die Herren von Horvath und Uhl. 

Herr Regierungsrat Meli machte Mitteilung über die in Aussicht gestellte 
günstige Erledigung der Eingabe an das k. k. Ministerium für Kultus und Unterricht 
um Gewährung einer Subvention für den nächsten Fürsorgetag. 

Präsident Bürklen berichtet über die Gratulation bei Herrn kais. Rat 
S. Heller und über die erfolgte Überreichung der ,, Vorschläge zur Verbesserung 
der Erwerbs- und Versorgungsverhältnisse der Blinden" an die Herren Landesaus- 
schüsse Kunschak und Bielohlawek und Exz. Dr. Geßmann. Die Überreichung 
an anderen Stellen wird in nächster Zeit erfolgen. 

Fürsorgetag: Zur Durchführung der Vorarbeiten soll ein Ortsausschuß ge- 
bildet werden. Präsident Bürklen schlägt eine Liste vor, welche über Wunsch 
einzelner Ausschußmitglieder durch einige Namen ergänzt wird. Aus Zweckmäßig- 
keitsgründen soll der Ortsausschuß nur aus in Wien und nächster Umgebung 
wohnenden Personen bestehen. 

Besondere Einladungen an die betreffenden Herren werden ausgeschickt werden. 

Herr Zier fuß legt den Entwurf einer Geschäftsordnung vor. Derselbe wird 
über Antrag des Herrn Direktors Wagner vervielfältigt und den Ausschußmit- 
gliedern zur genauen Einsichtnahme zugesendet werden. H. Kneis, Schiittführer. 

Herausgeber: Zentralverein für das österreichische Blindenwesen in Wien. Redaktionskomitee: K. Bürklen, 
J. Kneis, A. v. Horvath, F. Uhl. — Druck von Adolf Englisch, Purkersdorf bei Wien. 




I.Jahrgang. Wien, März 1914. 3. Nummer. 



i ' 8 

i Laßt uns bilden die Seelen der lichtlosen Wand'rer auf Erden, | 
I Daß sie, wie blanker Stahl, spiegeln das himmlische Licht! | 

^ L. A. V. Fiankl. ^ 

i ^ 

Aus der ünterrichtspraxis. 

DIE FORELLE. 

Ein Stundenbild für die Mittelstufe. 

A. Rappawi, Brunn. 

Anschauungsmittel: Lebende Forelle, Fischlaich, Fischblase, 
einzelne Knochen (Kiemendeckel, Rückgrat); Fischangel, Fischnetz, 
Regenwurm. 

I. Vorbereitung: Der Lehrer knüpft an einen Ausflug ins Gebirge 
an. Gebirgsbach. Was wurde am Gebirgsbache beobachtet? (Flußbett, 
steiler Uferrand, kaltes, rasch fließendes Wasser.) Lebewesen am und 
im Bache. Welcher Fisch lebt in dem frischen Wasser des Baches.? 
(Die Forelle.) 

IL Naturgeschichtliche Betrachtungen: Der Lehrer zeigt den 
einzelnen Kindern die schwimmende Forelle. Fangen mit beiden Händen 
und flüchtiges Betasten des zappelnden Fisches, ohne weitere Besprechung. 
Der Blinde soll sich daran gewöhnen, das kalte, schlüpfrige und unruhige 
Tier ohne Scheu anzufassen und einen Augenblick festzuhalten. Nach 
dieser ersten und flüchtigen Betrachtung des Anschauungsobjektes erfolgt 
die eigentliche Besprechung. Folgende Fragen werden beantw^ortet: Was 
ist die Forelle.^ Wo lebt sie.? Wie ist die Oberfläche ihres Körpers 
beschaffen? u. ä. (Behufs eines besseren Betastens kann der Lehrer 
während der Beantwortung dieser Fragen den Fisch durch einen ge- 
schickten Schlag auf den Kopf betäuben.) Nun können die Schüler den 
betäubten Fisch ungestört und ruhig betasten, die Lage des Kopfes 
bezeichnen und Rücken, Seiten, Brust, Bauch und Schwanz zeigen. 
Wieder kommt jeder Schüler einzeln an die Reihe. (Mittlerweile werden 
die anderen Schüler am Sandkasten, siehe IV, c, oder auch am Modellier- 
brette, IV, a, beschäftigt.) Betastet der einzelne Schüler den Fisch zum 



Seite 28. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 3. Nummer. 

drittenmale, so erfolgt gleichzeitig eine eingehende Besprechung der 
einzelnen Körperteile nach Lage, Form und Zweck, Die Blinden betasten 
und bestimmen z. B. den Kopf des Fisches und zeigen Augen und Maul. 
Im letzteren finden sie auf Zunge und Kiefer kleine, spitze, nach 
hinten gebogene Zähnchen. Schlußfolgerung: Die Forelle nährt sich 
von Lebewesen. Die nach hinten gebogenen Zähnchen verhindern ein 
Entschlüpfen der lebenden Beute. 

1. Nahrung. Der Lehrer fügt hinzu, daß sich die Forelle tatsächlich 
von Regenwürmern (vorzeigen), Schnecken, Insekten, aber auch von 
kleinen Fischen nährt. Die über dem Wasserspiegel tanzenden Mücken 
fängt sie, indem sie aus dem Wasser springt (schnellt). 

2. Atmung. Die Schüler betasten jetzt die beiden Kiemendeckel. 
Der Lehrer erzählt: Unter den Kiemendeckeln sind die Kiemenbögen 
mit der faltigen Kiemenhaut, Wenn die Forelle atmet, so nimmt sie das 
Maul voll Wasser, schließt es und drückt das Wasser nach hinten. Dieses 
fließt zwischen den Falten der Kiemenhaut hindurch und bei den Kiemen- 
spalten wieder heraus. Bei diesem Vorgange wurde die zum Atmen 
notwendige Luft aus dem Wasser aufgenommen. Die Forelle atmet durch 
Kiemen. Sie fühlt sich kalt an. Ihr Körper hat eine geringe Wärme. Fischblut. 

3. Bewegung. Betastet und bestimmt werden: Die Brust- und 
Bauchflossen (paarig), die Rücken, After- und Schwanzflosse. Brust- und 
Bauchflossen sind als eigentliche Gliedmaßen anzusehen. Belehrung: 
Die Flossen dienen zum Schwimmen. DieHauptarbeit vollzieht die Schwanz- 
flosse (gabelförmig). Auch die Brustflossen sind für die Bewegung wichtig. 
Sie dienen mit den Bauchflossen zur Erhaltung der Lage (des Gleich- 
gewichtes) und werden beim Steuern verwendet. Erinnerung an einzelne 
Teile des schon betasteten Schiffes und an das Rudern und Steuern 
des Bootes aus Anlaß eines Klassenausfluges zum Teiche. — Rücken- 
und Afterflosse unterstützen die Schwanzflosse bei ihrer Arbeit. Kräftige 
Schwanzschläge (diese vollführt ein lebender, aus dem Wasser gezogener 
Fisch auch) treiben den Fischkörper vorwärts. Erster Versuch. Vor- 
zeigen der Fischblase (Schwimmblase). Sie ist glatt, elastisch, mit 
Luft gefüllt. Führt man auf die Blase einen kräftigen Schlag, so platzt 
sie mit einem lauten Knalle. 

4. Lebensweise. Die Forelle ist sehr scheu. Schattige Verstecke 
an Uferrändern oder in hohlen Steinen. In der Nacht steht sie im 
Wasser still. Bei Tag tummelt sie sich keck und dreist im plätschernden 
Bache. Sie springt sogar ein tüchtiges Stück über das Wasser empor. 
Im Winter birgt sie sich im tiefen Wasser und hält da ihren Winter- 
schlaf Man fängt sie viel mit der Angel. Zweiter Versuch. Vorzeigen 
der Angel. Angelstab (Bambusrohr), Schnur, Federkiel mit Kork, Blei- 
kugel, Angelhaken, Aufspießen des Köders (dazu dient ein Filzstreifen, 
um die Qualen des Regenwurmes zu vermeiden). Wurf der mit dem 
Scheinköder versehenen Angelschnur ins Wasser. Nachahmen des Zuckens 
des gefangenen Fisches. Emporschnellen der Beute. Abnahme des noch 
vor dem Emporschnellen aufgespießten größeren Filzstreifens, eines 
Fisches aus Blech o. dgl.. 

5. Vermehrung. Die Forelle vermehrt sich durch Eier (Laich). 
Diese werden in schleimigen Klumpen ins Wasser gelegt und von der 
Sonne ausgebrütet. 

6. Nutzen. Die Forelle hat ein schmackhaftes Fleisch. Sie ist auch 



3. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 29. 

dementsprechend teuer. Die Forellenzucht liefert reiche Erträge. Im 
Monate Mai schmeckt die Forelle am besten. Dritter Versuch. Ab- 
wiegen des Fisches. Preisberechnungen. 

7. Schonzeit. Die Forelle darf von Mitte Oktober bis Mitte März 
nicht gefangen werden. Ihre Laichzeit dauert vom Oktober bis Weih- 
nachten. Die Feinde dieses Edelfisches sind: Der Mensch, die Fischotter 
und mehrere Vögel. 

8. Verwertung des Gelernten. Ist die Zusammenfassung in der 
naturgeschichtlichen Stunde in mündlicher Weise erfolgt, so erfolgt sie 
in der nächsten Aufsatzstunde in schriftlicher Art. Musterauf s atz: Die 
Forelle. Eine Beschreibung. Die Forelle ist ein Edelfisch. Ihr Körper ist 
langgestreckt und an den Seiten zusammengedrückt. Die Kiemen dienen 
zum Atmen. Mittels der Flossen schwimmt die Forelle. Sie liebt klares, 
frisches Wasser. Auch in Gebirgsseen kommt sie vor. Ihr Fleisch ist 
schmackhaft. Die Forelle wird deshalb viel gefangen. Als Nahrung dienen 
ihr: Insekten, Schnecken und kleine Fische. 

III. Vergleichender Anschauungsunterricht, Auf der Unter- 
stufe wurde der Karpfen besprochen. Der Lehrer erinnert nun in der 
folgenden naturgeschichtlichen Stunde eingehend daran. Die Eigenschalten 
des Karpfens werden kurz hervorgehoben, sodann wird zwischen Forelle 
und Karpfen ein entsprechender Vergleich angestellt. Die Frucht dieses 
die Begriffe klärenden und zugleich vertiefenden Anschauungsunterrichtes 
ist folgende Hausübung: Der Karpfen und die Forelle. Ein Vergleich. 
L Ähnlichkeiten. Der Karpfen und die Forelle leben im Wasser. Sie 
atmen durch Kiemen und bewegen sich mittels der Flossen. Ihre Nahrung 
besteht aus Insekten und kleinen Wassertieren. Sowohl der Karpfen als 
auch die Forelle werden gefangen und gegessen. Sie sind dem Menschen 
nützlich. 2. Verschiedenheiten. Die Forelle ist lebhafter als der Karpfen. 
Sie lebt in Bächen und Gebirgsseen; der Karpfen aber in Flüssen und 
Teichen, Die erstere ist kleiner als der letztere. Das Fleisch der Forelle 
ist schmackhafter. Die Karpfen sind billiger als die Forellen. Die Forelle 
frißt auch kleine Fische, der Karpfen aber nicht. 

Schluß. Als Abschluß der zweiten naturgeschichtlichen Stunde 
erhalten die Zöglinge die ausgebackene Forelle zum Verkosten, (^Ver- 
haltungsmaßregeln beim Fischessen.) 

IV. Praktische Anwendung, a) Anfertigung eines Fisch modelles 
aus Ton oder Wachs, b) Zeichnen eines Fisches, c) am Sandkasten: 
Ein rundes Waschbecken wird rings mit Sand umgeben. Dann wird es 
mit Wasser gefüllt. So stellt es den Teich, bezw. den Gebirgssee vor. 
Zwei kleine Goldfische beleben den Teich. Der Lehrer zeigt den Fisch- 
fang mit der Angel. Ein wirklicher Fischfang ist nicht notwendig. 

V. Moralische Anwendung. Beachtung der Schonzeit der Fische. 
Tunlichste Schonung der Fische beim Angeln. Der Fisch als Fastenspeise. 

VI. 1. Wanderung zum Karpfenteiche und zum Forellenbache. 
Füttern der Fische. Lebensgemeinschaften. 2. Besuch des im Lehrmittel- 
kabinette befindlichen Aquariums. 

Anmerkung. Zur Bewältigung des vorstehenden Lehrstoffes genügen : 
2 Stunden Naturgeschichte, 1 Stunde Modellieren, 1 Stunde Zeichnen 
und 2 Stunden für den Besuch des Teiches und Baches. Schülerzahl 15. 

Literatur: Odo Twie hausen, Naturgeschichte, Mittelstufe. 
Leipzig, Ernst Wunderlich. 



Seite 30. 



Zeitschrift für das österreichische BUndenwesen. 



3. Nummer. 



Absolute und relative Blindenhäufigkeit 

Österreich. 



in 



Nach den Ergebnissen der Volkszählung vom Jahre 1910. 



Einwohnerzahl Blinde 



3,530.698 
852.667 
214.997 

1,441.604 
394.735 
946.498 
145.794 
525.083 
229.475 



2.524 
564 
178 

1.097 
286 
628 
82 
342 
163 



Kronland 

Niederösterreich 
Oberösterreich 
Salzburg . 
Steiermark 
Kärnten . 
Tirol . . 
Vorarlberg 
Krain . . 
Triest mit Gebiet 

Fürtrag . 8,281.551 5.864 

Nach der absoluten Zahl der Blinden 
reihen sich die Kronländer folgender- 
maßen: 

Galizien 5.558 Blinde 

Böhmen 4.019 „ 

Niederösterreich . . . 2.524 „ 

Mähren 1.681 

Steiermark .... 1.097 

Dalmatien 714 „ 

Tirol 628 „ 

Oberösterreich . . . 564 „ 

Bukowina 546 „ 

Schlesien 400 „ 

Krain 342 „ 

Istrien 313 „ 

Kärnten 286 „ 

Salzburg 178 „ 

Triest mit Gebiet . . 163 „ 

Görz und Gradiska . 149 „ 

Vorarlberg 82 „ 



Kronland 



Einwohnerzahl Blinde 



Übertrag . 8,281.551 
Görz und Gradiska 261.721 



Istrien . . 
Dalmatien 
Böhmen . 
Mähren 
Schlesien , 
Galizien . 
Bukowina 



403.261 

646.062 
6,774.309 
2,620.914 

756.590 
8.022.126 

801.364 



5.864 
149 
313 
714 

4.019 

1.681 
400 

5.558 
546 



Österreich 28,567.898 19,244 

Nach der relativen Häufigkeit (auf 

1 00. OOü Einwohner bezogen) ergibt 

sich folgende Reihung: 

Dalmatien 110*51 Blinde 

Salzburg .... 8279 „ 

Istrien 77"61 „ 

Steiermark .... 76"09 „ 

Kärnten 72-45 „ 

Niederösterreich . . 71 "48 „ 

Triest mit Gebiet . . 71 '02 „ 

Galizien 69"28 „ 

Bukowina 68"13 „ 

Tirol 66-35 „ 

Niederösterreich . . 66i4 „ 

Krain 65'13 „ 

Mähren 64-13 „ 

Böhmen 59-32 „ 

Görz und Gradiska . 56-93 „ 

Vorarlberg . . . 56-24 „ 

Schlesien .... 52-86 „ 



Im Durchschnitte entfallen in Österreich auf 100.000 Einwohner 67-36 Blinde. 

Die vorstehenden Zahlen lassen die rapide Abnahme der Blindheit 
in Österreich, wie sie bisher mit 56-88 Blinde auf 100.000 Einwohner 
im Jahre 1900 angenommen wurde, als irrig erscheinen. Die Ergebnisse 
der mit den Volkszählungen 1880, 1890 und 1910 vorgenommen Blinden- 
zählungen (1900 wurden die Blinden nicht mitgezählt) zeigen vielmehr 
folgende Daten der Blindheitsabnahme: 



1880 22,144.244 Einw. 
1890 23,895.413 „ 
1910 28,567.898 „ 



20.094 Blinde 90'74 Blinde auf 100.000 Einw. 
16.647 „ 69-66 „ 

19.898 „ 67-36 „ 

K. B. 



3. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 31. 

Zum Blindenbibliothekswesen. 

Hans Puschnig, Klagenturt. 

In ebenso erläuternder wie übersichtlicher Weise stellt Herr Hofrat 
von Chlumetzky in der ersten Nummer dieses Blattes den derzeitigen 
Stand des Blindenbibliothekswesens dar, wobei er jedoch sein Haupt- 
augenmerk auf die zum Ankauie bestimmten Punktdruckerzeugnisse 
richtet. Gewiß, berücksichtigt man die kolossalen Herstellungskosten, die 
geringe Auflage und die Vielbändigkeit jedes größeren Werkes, so muß 
man über die verhältnismäßig geringen Preise unserer Bücher nur 
staunen. Noch jeder urteilsfähige Sehende, den ich den Preis dieses 
oder jenes Buches in Braille schätzen ließ, riet weit zu hoch und konnte, 
nachdem er den richtigen erfahren hatte, ihn kaum für möglich halten. 
Trotz alledem werden nur die wenigsten unserer Schicksalsgenossen in 
der Lage sein, sich eine größere Bibliothek in Braille anzuschaffen. Die 
verhältnismäßig bescheidenen Bücherpreise machen leider für die meisten 
immer noch zu unerschwingliche Beträge aus. Dazu kommt aber noch 
ein anderes, den Erwerb einer größeren Anzahl von Braillebüchern 
hinderndes Moment hinzu, u. zw. ist es der enorme Raum, den die 
Unterbringung selbst der bescheidensten Blindenbibliothek erfordert. 
Wollte ich meine unbedeutende Büchersammlung in Schwarzdruck, selbst 
wenn es überhaupt möglich wäre, in Braille besitzen, so müßte mir ein 
ganzer Bibliothekssaal und nicht eine bescheidene Junggesellenwohnung 
zur Verfügung stehen. Ich glaube, ähnlich dürite es sich damit wohl 
auch bei den meisten meiner Schicksalsgenossen verhalten. 

Darum werden wir unser Hauptinteresse wohl nur allzeit den Leih- 
bibliotheken zuwenden müssen. Von ihnen kann aber auch jeder Blinde, der in 
der Lage ist, sie zu benützen — und dazu gehört heute kaum mehr viel anderes 
als die Kunst des Lesens — mit freudigem Stolze seinen sehenden Freunden 
erzählen. Wohl die meisten Fragen dieser, ob das eine oder andere 
bedeutende, vielgenannte Buch auch in unserer Schrift vorhanden wäre, 
vermögen wir zu bejahen. Was mir aber das Erfreulichste an dieser 
Sache dünkt, ist die Gewißheit, daß unser gesamtes Leihbibliothekswesen 
noch im Zustande des Werdens und steten Weiterausgestaltens sich 
befindet. Edelgesinnte, tatbereite Blindenfreunde sind rührig am Werke 
und der Bücherschatz unserer Leihbibliotheken mehrt sich sozusagen- 
Tag für Tag. — Es isf begreiflich, daß der bedeutenden Kosten wegen 
es nicht möglich wäre, die durch die fortwährende Bereicherung des 
Bücherstandes notwendig werdende Ergänzung der Kataloge und deren 
Zusendung an die zahlreichen Braille-Leser des öfteren durchzuführen. 
So hat die Zentralbibliothek tür BUnde in Hamburg seit der Heraus- 
gabe ihres letzten Bücherverzeichnisses 1910 ihre neu hinzugekommenen 
Bücher in den »Mitteilungen des Vereines deutschredender Blinder« 
veröffentlicht und mit der letzten Nummer die höchst begrüßenswerte 
Neuerung eingeführt, diese Verzeichnisse in Form loser Blätter dem 
Hefte beizugeben. Immerhin setzt das voraus, daß alle tür die Zentral- 
bibliothek interessierten Blinden auch Leser der Mitteilungen seien. Der 
letzte Katalog, den die Leihbibliothek des k. k. Blinden-Erziehungs- 
Institutes in Wien herausgegeben, datiert vom Jahre 1910. Von den 
bisher erfolgten, gewiß recht bedeutenden Bereicherungen dieser vor- 
trefflichen Bibliothek werden wohl nur die allerwenigsten Leser Kenntnis 



Seite 32. Zeitschrift für das österreichische Biindenwesen. 3. Nummer. 

haben. Einem zweifelsohne von vielen meiner Schicksalsgenossen ge- 
hegten Wunsche würde dieses Blatt entgegenkommen, wenn seine 
redigierenden Persönlichkeiten mit den Leitungen der verschiedenen 
Blindenbibliotheken in Fühlung träten und der Veröffentlichung 
neu erschienener Bücher eine Spalte aufschlößen. Können auch manche 
Blinde sich diese Zeilen nicht vorlesen lassen, so stehen doch 
die allermeisten mit ihren früheren Lehrern oder anderen Blinden- 
freunden in Verbindung, die sämtliche Leser dieses unseres Vereins- 
organes sind und gerne ihnen die zuletzt erschienenen Bücher angeben 
würden. Sollten aber diese Veröffentlichungen diesen Zweck in höchstem 
Maße erfüllen, so wäre es äußerst geboten, wenn sich an die namentliche 
Anführung der Werke auch eine ganz kurze, rein sachlich gehaltene 
Besprechung der in unserer Schrift neu aufgelegten bedeutenderen 
Bücher anreihte. Gar mancher nichtsehende Leser, dem jegliche Gelegen- 
heit fehlte, eine Kritik dieser oder jener literarischen Neuerscheinung 
sich vorlesen zu lassen, würde vor Enttäuschungen bewahrt bleiben, die 
ihm der Erhalt eines Werkes, das er ott lediglich auf den Titel hin 
sich kommen ließ, das aber ganz außerhalb seines Interessen- und Ver- 
ständniskreises gelegen ist, bereiten muß. 

Die Blinden als Zuhörer. 

Anny von Newald-Grasse, Melk-Wien. 
Bei meinen Vorträgen in Blindenanstalten habe ich die Erfahrung 
gemacht, daß die Zöglinge fast ausnahmslos die ernste Musik ebenso 
lieben als die minder schwere (soweit sie nämlich wirklich musikalisch 
veranlagt sind). Ich habe mit einem Adagio eines modernen Komponisten 
dieselbe Wirkung erzielt, wie mit einem Tanz von Grieg. Das Auditorium 
ist gleich dankbar für jede Darbietung und folgt selb.st schwerster Musik, 
der die nötige Erklärung voranging, mit derselben Ausdauer, wie z. B. 
der Vorführung eines Aktes aus der »Puppenfee«; und dabei will ich 
gar nicht besonders von der obligaten Aufmerksamkeit sprechen. Es 
ist ja zur Genüge bekannt, daß die Blinden nicht nur dankbares, sondern 
aufmerksamstes Publikum sind, gleichviel auf welchen Alters- und 
Intelligenzstufen sich die Zöglinge befinden. Daran hat aber nicht nur 
die hervorragende und mustergültige Disziplin teil, die in unseren An- 
stalten herrscht, sondern auch das Feingefühl und das Bestreben der 
blinden Zuhörer, dem Vortragenden durch aufmerksamstes Eingehen in 
seine Ausführungen Freude zu bereiten. Da es bei den pianistischen 
Darbietungen kaum möglich ist, den Gesichtsausdruck der Blinden, resp. 
die Wirkung, die möglicherweise das betreffende Musikstück auf dieses 
oder jenes Antlitz hervorbringt, zu beobachten, so tue ich dies gerne, 
wenn ich den Titel ankünde. Da kann man immer sehen und hören, 
daß von den meisten Lippen die Ankündigung wiederholt, oft eine kurze 
Bemerkung dem Nachbar oder der Nachbarin zugeflüstert wird oder, 
wenn es etwas Bekanntes, gerne Gehörtes ist, daß ein_ freudiger Schein 
über manches Gesicht zieht. In einer Blindenanstalt Österreichs kenne 
ich ein Mädchen, das mich vor jedem meiner Vorträge um das 
»Madrigal« von Simonetti bittet und da freue ich mich schon jedesmal 
auf das Leuchten und die Seligkeit, die auf dem blassen Antlitz der 
Vierzigjährigen liegt, sobald die ersten Töne ihrer Lieblingsweise ertönen. 



3. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 33. 

Besser beobachten kann man die Wirlcung des gesprochenen 
Vortrages aut die Bünden. Und auch hier kann ich nur wieder sagen, 
daß für Scherz oder Ernst, für Lyrik oder Dramatik, für Schiller oder 
Marceil Salzer'sches Genre das gleiche Verständnis, dieselbe Aufmerk- 
samkeit sich einstellt. Ein großes Vergnügen scheinen nach besonders 
wirkungsvollen Vorträgen den Blinden ihre eigenen Beifallskundgebungen 
zu bereiten und da sind es wieder die jüngeren Zöglinge, die in diesem 
Punkte manchmal ein geradezu italienisches »brio« entwickeln. Bei ge- 
sprochenen heiteren Piegen kann man bei manchem Zuhörer ein höchst 
ausdrucksvolles Mienenspiel, Leid und Freude, Verdruß und Heiterkeit, 
Spannung und Eiitspannung, verfolgen. 

Der Künstler, der auch auf der Bahn der Caritas wandelt, wird 
stets mit Freude sein Können in den Dienst der Blindenfürsorge stellen. 
Erfreulicherweise wird ja auch in Österreich schon seit Jahren viel getan, 
um den armen, des köstlichen Gutes, des Augenlichtes Beraubten etwas 
Freude und Anregung in ihr Leben zu bringen, wenn auch Deutsch- 
land, wie es scheint, uns in diesem Punkte voraus sein dürfte. Und es 
sollte doch über allen Blindenanstalten — wenn auch unsichtbar — 
in goldenen Lettern das schöne Wort stehen, das mir vor Jahren ein 
bekannter Direktor einer Blinden-Erziehungsanstalt sagte: »Die Tore auf, 
die Herzen auf und die Menschen herein!« 

V. österr. Blindenfürsorgetag (Blindenlehrertag). Wien 1914. 

Der Nummer liegt die Einladung zu dieser Veranstaltung bei, für welche 
der Ortsausschuß bereits in reger Weise tätig ist. Unser Verein muß es 
als Ehrensache betrachten, die Tagung zu einer möglichst erfolgreichen 
zu gestalten und es werden daher alle Mitglieder um Beteiligung an 
den Vorträgen, an der Ausstellung wie der Versammlung selbst herzlich 
gebeten. 

Personalnachrichten. 
Zum 70. Geburtstage Ihrer Majestät der Königin Elisabeth von Rumänien 
übermittelte der Zentralverein am 29. Dezember 1913 folgendes Telegramm an die 
erlauchte Jubilarin: 

„Geruhen Eure Ahijestät die ehrerbietigsten Glückwünsche der Blinden- 
pädagogen, Blindenfreunde und Blinden Österreichs zu Eurer Majestät 70. Ge- 
burtstage entgegen zu nehmen. Gott schütze und erhalte Eure Majestät, deren 
Namen die Blinden und Blindenfreunde aller Länder mit tiefer Ehrfurcht und 
inniger Verehrung nennen, noch lange Zeit zum Segen und Heil des edlen 
Blindenwerkes." 

Hierauf traf folgendes Antwoittelegramm ein: 

,,Ihre Majestät lassen Ihnen und sämtlichen Mitgliedern Ihres Vereines 
bestens danken für Ihre Glückwünsche." 

Die Hofdame Frau Maria Fönaru. 

— Se. Majestät hat mit allerhöchster Entschließung vom 12. Dezember 1913 
dem Katecheten der Landes-Blinden- und Taubstummenanstalt Hochw. P.Gabriel Bajec, 
Kapuziner-Ordenspriester, in Anerkennung seines höchst verdienstvollen Wirkens 
an den genannten beiden Anstalten das goldene Verdienstkreuz allergnädigst zu 
verleihen geruht. H. P. 

— Am 4. Februar d. J. verabschiedete sich die pädagogische Leiterin der 
städtischen Schulabteilung für blmde Kinder in Wien, XVI., Frau Anna Mayr-Spolz 
von der Stätte ihrer langjährigen Wirksamkeit. Bei dieser Feierlichkeit wurde in 
treffenden Worten die hervorragende, vielfach ausgezeichnete Tätigkeit dieser 
Blindenpädagogin hervorgehoben, welche durch die seinerzeitige Verleihung des 
goldenen Verdienstkreuzes gewürdigt wurde. Frau Mayr-Spolz war seit der Gründung 
der Schulabteilung im Jahre 1884 an derselben tätig und hat ihrer Wirksamkeit als 
Blindenlehrerin ihre ganze Liebe und Kraft gewidmet. Möge sie auch fernerhin 
unserer Blindensache treu bleiben. 



Seite 34. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 3. Nummer. 

— Der Lehrer Präfekt II. Kl. Adalbert Zier fuß wurde ab 1. Jänner 1914 zum 
Fachlehrer an der n. ö. Landes-Blindenanstalt in Purkersdorf ernannt. 

— Herr Hofrat H. Ritter von Chlumetzky in Brunn ist dem Ausschusse zur 
Förderung, Verbilligung und den Ausbau der ^Deutschen Wochenschrift für Blinde« 
(Herausgeber Karl Menk, Frankfurt a. M.) beigetreten. 

— Der ständige Ausschuß für die Blindenlehrerkongresse — deren nächster 
in Hannover stattfindet — hat sich konstituiert und zu seinem Obmann Herrn 
Regieiungsrat A. Meli in Wien gewählt. 

— Der k. k. n. ö. Landesschulrat nahm den Inspektionsbericht des k. k. Landes- 
schulinspektors Hofrates Dr. Karl F. v. Kummer über die Landes-Blindenanstalt 
in Purkersdorf mit Befriedigung über den günstigen Zustand des Unterrichtes 
und der Disziplin sowie den sowohl in der Lehrtätigkeit als in der Erziehung der 
Zöglinge bewiesenen hingebenden Eifer des gesamten Lehrkörpers zur Kenntnis. 
Dem Direktot der Anstalt K. Bürklen wurde für seine Umsicht in der Leitung die 
lobende Anerkennung, dem Hanptlehrer J. Kneis, dem Fachlehrer F. Demal, dem 
Musikfachlehrer A. Krtsmary und der Handarbeitslehrerin S. Hermyla Königshofer 
für ihre besonders eifrige, praktische und erfolgreiche Lehrtätigkeit die Anerkennung 
des Landesschulrates ausgesprochen. 

flus den Anstalten. 

— Militärkonzert in der Landes-Blindenanstalt in Klagen fürt. 
Wohl selten wird eine Blindenanstalt in die angenehme Lage versetzt wei'den, ihren 
Zöglingen einen derartig schönen, vergnügten Abend zu bereitim, wie er den 
Insassen der kärntn. Landes-Blindenanstalt und des Blindenmännerheims am 13. Februar 
beschieden war. Er verdankt sein Zustandekommen wohl in erster Linie der von 
geradezu rührender Liebe zu unseren Blinden beseelten, hochedlen Wohltäterin, der 
Frau Landes-Präsidentin Ihrer Exzellenz Baronin Luzie Fries-Skene, die als Aus- 
schußmitglied des Vereines für Blindenfürsorge in Kärnten regstes Interesse für alle 
Bestrebungen zu gunsten der Blinden bekundet, die Anstalt auch zu wiederholten- 
malen mit ihrem hohen Besuche beehrt und den Blinden durch verschiedene hoch- 
herzige Spenden schon viele Freuden bereitet hat. Auch in ihrem erlauchten Be- 
kanntenkreise weiß Ihre Exzellenz die Aufmerksamkeit auf unsere Blinden hinzulenken 
und ihnen so neue hochangesehene Gönner und Wohltäter zuzuführen. So zeichnete 
Ihre Exzellenz Baronin Fries-Skene Samstag, den 7. Februar, in Begleitung des 
Herrn Obersten des 17. Infanterie-Regiments, Baron Stillfried von Rathennitz und 
dessen Gemahlin das Blindenmännerheim und die Erziehungsanstalt mit ihrem hohen 
Besuche aus. Um den Zöglingen, deren Leistungen in den verschiedenen Unter- 
richtszweigen, in der Musik, im Gesang, wie auch in den gewerblichen Arbeiten die 
hohen Gäste sichtliches Interesse entgegenbrachten, einen recht vergnügten Faschings- 
abend zu bereiten, beorderte Ohe-st Baron von Stilltried tür Freitag, den 
13. Februar, eine ansehnliche Abteilung der Regimentskapelle in die Blindenanstalt, 
woselbst im geräumigen, festlich geschmückten Turnsaale ab 7 Uhr unter persönlicher 
Leitung des Militär-Kapellmeisters Wolf das Konzert mit aulSerordentlich glückhch 
gewähltem Programme stattfand. Die Freude aller Anstaltsangehörigen, des Lehr- 
körpers sowohl wie der Zöglinge fand noch darin eine wesentliche Erhöhung, daß 
die hochedlen Blindenfreunde, denen man diesen unvergeßlich schönen Abend zu 
verdanken hatte, ebenfalls erschienen waren. H. P. 

flus den Vereinen. 

— Weihnachtsbescherung. Der Blindenunterstützungsverein „Die 
Purkersdorfer" in Wien V., Nikolsdorfergasse 42, veranstaltete Samstag, den 20. De- 
zember 1913, in J. Heindls Saal, IV., Favoritenstraße 54, seine Christbaumfeier, 
bei welcher 100 arme Blinde mit Geld, Kleidern, Wäsche etc. beteilt wurden. 
Die ergreifende Weihnachtsrede hielt Hochw. Herr Pfarrer M echt 1er. Das Quartett 
„Rödling" der Wiener Liedertafel brachte einige weihevolle Lieder zum Vortrage. 

— Vom Vereine zur Fürsorge für Blinde im Herzogtume Salz- 
burg, dessen Seele der bekannte Augenarzt Dr. Toi dt ist, haben wir zu berichten: 
Im Ganzen wurden im Jahre 1 913 vom Vereine aus 110 Blinde mit insgesamt 2955 Kronen 
beteilt, wozu noch 20 Bhnde aus dem Landesblindenfonds des Landesausschusses 
800 Kronen durch unsere Vertrauenspersonen übermittelt erhalten. So soll jeder 
arme Blinde des Landes seine Weihnachtsfieude haben, die er ohnehin zum aller- 
größten Teile höchst notwendig hat ! Es lagen diesmal auch wieder einige Gesuche 
von Blinden Vor, die dem Vereine bisher noch unbekannt waren; zum Teil wären 
sie noch in einem Alter (15 — 31), daß ihnen eine gewisse Ausbildung zuteil werden 
könnte. Da wird eben an die Aufnahme in das künftige Blindenheim in Salzburg 
gedacht, um ihnen dort noch etwas beizubringen. M. 

Herausgeber: Zentralverein für das österreichische Blindenwesen in Wien. Redaktionskomitee: K. Bürklen, 
J. Kneis, A. v. Horvath, F. Uhl. — Druck von Adolf Englisch, Purkersdorf bei Wien. 




1. Jahrgang. 



Wien, April 1914. 



4. Nummer. 



^ 



^ 



Nie die Allmacht den verläßt, 
Der ihr treu vertraut. 
Eines blinden Vogels Nest 
^Vird von Gott gebaut. 

Türkischer Sinnspruch. 



Gegenwärtiger Stand der Blindenfürsorge- 
Einrichtungen in Österreich. 

Wir lassen nach der übersichtlichen Zusammenstellung der 
Blindenbildungsanstalten in Nr. 2 unserer Zeitschrift nun auch eine 
solche der Wohlfahrtseinrichtungen folgen, die sich die Förderung 
der Blinden inbezug auf Ausbildung, Erwerbstätigkeit, Unterstützung 
wie Versorgung zur Aufgabe gemacht haben. Es sind dies 15 Anstalten, 
■20 Vereine und 3 Bibliotheken, im Ganzen 38 Institutionen für 
die angeführten Zwecke. 

Die Anstalten sind dem Großteile nach Beschäftigungs- und 
Versorgungsanstalten. Als reine Beschäftigungsanstalten können nur 
die Klar'sche Blindenanstalt in Prag, das Blindenarbeiterheim in 
Wien XIII. und die offene Werkstätte der Produktivgenossenschaft 
für blinde Bürstenbinder und Korbflechter in Wien VIII., angesprochen 
werden. Lediglich Versorgungsanstalt ist nur das Franzisco-Josephinum 
in Prag, während in allen anderen Anstalten bald die Versorgung, 
bald die Beschäftigung mehr in den Vordergrund tritt. Bis auf die 
Werkstätten der Produktivgenossenschaft sowie des Arbeiterheimes 
und die Anstalt zur Ausbildung von Spätererblindeten in Wien XIX., 
welch letztere nur Ausbildungszwecke verfolgt, dienen alle der 
geschlossenen Fürsorge. 

Von den Vereinen sind die überwiegende Anzahl Fürsorge- 
vereine, die von Sehenden geleitet werden und sich die Erhaltung 
von Fürsorgeanstalten zum Zwecke gemacht haben. Nur drei Vereine 
und zwar der I. Österr. Blindenverein und der Blindenunterstützungs- 



Seite 40. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 4. Nummer. 

verein »Die Purkersdorfer« in Wien und der Unterstützungsverein für 
die Blinden der Länder der böhmischen Krone in Prag weisen eine 
größere Zahl von blinden Mitgliedern auf und können mithin als 
Blindenvereinigungen gelten, welche hauptsächlich der freien Fürsorge 
gerecht zu werden bestrebt sind. 

Die Bibliotheken, aus welchen die Blinden ihren Lesestoff 
unentgeltlich beziehen können, haben einen Bestand von 13.000 Bänden 
und 1000 Musikalien. 

Nicht besonders angeführt erscheinen die Unterstütz ungsfonds 
verschiedener Anstalten, aus denen den ehemaligen Zöglingen Beihilfen 
zuteil werden, da über den Stand derselben genaue Mitteilungen schwer 
zu erhalten sind. 

Das in der Blindenfürsorge angelegte Kapital kann als ein recht 
stattliches bezeichnet werden, denn der Vermögensstand beträgt ins- 
gesamt, ohne Real- und Mobiliarbesitz, an 3 Millionen Kronen, im 
Hinblick auf die Leistungen, welche zu erfüllen wären, allerdings eine 
bescheidene Summe. 

Auf die einzelnen Kronländer verteilen sich die Institutionen und 
die damit ganz oder teilweise versorgten Blinden folgendermaßen : 

Durch die Anstalten 
versorgte Blinde 

Anstalten Vereine Bibliotheken m. w. 

Niederösterreich 6 10 3 123 94 = 217 

Oberösterreich 1 — — 12 35=: 47 

Salzburg — 1 — — — = — 

Steiermark 2 1 — 29 32 = 61 

Kärnten 2 1 — 15 9= 24 

Tirol und Vorarlberg ... — 1 — — — = — 

Böhmen 3 3 — 108 166 = 274 

Mähren und Schlesien . . 1 2 — — 40 = 40 

Bukowina — 1 — — — = — 

Summe. ."Ts 20 3 287 376 = 663 

Die anderen Kronländer entbehren noch jeglicher Fürsorge- 
einrichtungen für Blinde, worunter Galizien mit seinen 5558 Blinden 
die größte Rückständigkeit zeigt. 

Besonders Niederösterreich darf sich rühmen, eine stattliche 
Anzahl von Fürsorgeeiarichtungen für Blinde zu besitzen. Leider macht 
sich jedoch hier, sicherlich nicht zum Vorteile der Sache, eine starke 
Zersplitterung der Kräfte bemerkbar. Auch in ihren Zielen erscheint 
unsere heutige Blindenfürsorge so unklar, daß es wohl noch mancher 
Erfahrung bedürfen wird, sie in modernere Bahnen zu lenken. 

Überblickt man im allgemeinen die Leistungen der 
österreichischen Blindenfürsorge, so stehen sie als Werke 
der öffentlichen Wohltätigkeit, angeregt und vollbracht 
von edelgesinnten, hilfsbereiten Menschen, achtunggebie- 
tend da und es ist nur zu wünschen, daß das rege Leben, 
welches heute auf diesem Gebiete herrscht, auch in der 
Zukunft erhalten bleibe und segensreiche Früchte zeitige, 

denn noch bleibt gar Vieles zu tun übrig. 

K. B. 



4. Nummer. 



Zeitschritt für das österreichische Blindenwesen. 



Seite 41 



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Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 



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4. Nummer. 



Zeitschrift für das österreichische Blindenwescn. 



Seite 43 







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Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 



4. Nummer. 



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Landeshauptmann 
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Vorsitzender: 
Bürgermeister Joh. 
Husak in Teplitz 


Präsident: 
Univ.-Professor 
Dr. Johann Deyl 


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Präsidentin: 

Henriette Gräfin 

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Präsident: 

Dr. Stephan 

Freiherr von Haupt 


Obmann: Hofrat 
Moritz Barleon 


Verw.: Direktion des 

k.k. Blind. -Erziehgs.- 

Institutes in Wien 


Verein »Zentral- 
bibliothek für Blinde 
in Österreich inWien 


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Erhaltung des Tir.-Vorarlb. 

Blinden-Erziehungs-Institutes 

in Innsbruck. Unterstützung 

Blinder 


Erhaltung der »Deutschen 
Blindenschule in Aussig i. B.* 
Errichtung eines Mädchen- 
uni eines Männerheimes 


Erhaltung d. De^'l'schen 

Blinden-Erziehungs- 

anstalt in Prag 


Unterstützung Blinder 


Erhaltung des K. F. J.- 
Mädchen-Blindenheims 
in Brunn 


Errichtung eines 
Blinden-Männerheimes. 
Unterstützung Blinder. 


Errichtung und Er- 
haltung von Anstalten 
für Nichtvollsinnige 


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Verleihung von Büchern 
in Punktschrift 


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Blindenfürsorgeverein 

für Tirol und 

Vorarlberg 


Verein »Deutsche 

Blindenfürsorge in 

Böhmen« 


Landesverein zur 
Erziehung der Blinden 
im Königreiche Böhmen 


Unterstützungs verein 

für die Blinden der 

Länder derböhm. Krone 


Woblfahrtsverein der 
Frauen und Mädchen 
in Mähren u. Schlesien 


Kaiser Franz Josef-Jubiläums- 
vejein zur Fürsorge tür 

männliche Blinde in 
Mähien und Schlesien 


Blinden- und Taubstum- 

Czcrnowitz men-Fürsorgeverein im 

1 Herzogtume Bukowina 


Wien, 11., j Leihbibliothek des 
Wittclsbach- ' k. k. Blinden- 
straße 5 : Erziehungs-Institutes 


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4. Nummer. Zeitschrift für das österreichische BHndenwesen. Seite 45. 

Wie ich als Blinder Modelleur wurde. 

H. Movidry in Littau. 

Es war im Jahre 1900, als ich, an grünem Star erkrankt und 
ohne Erfolg operiert, meinen Dienst als k. k. Steueramts-Offizial — 
kaum 35 Jahre alt — aufgeben und in Pension gehen mußte. Die 
Unfähigkeit, mich nun angemessen beschäftigen zu können — ich war 
ja gewohnt, fleißig zu arbeiten, in meiner freien Zeit aber zu zeichnen 
und zu lesen — sowie der Umstand, daß ich jetzt nicht einmal die 
Hälfte meines bisherigen Einkommens als Pension bezog, brachte mich 
an den Rand der Verzweiflung und es fehlte nicht viel so hätte ich 
meinem Leben gewaltsam ein Ende bereitet. Nur die Rücksicht auf 
die Meinen hielt mich davon ab. In dieser Not griffen die Verwandten 
meiner Frau ein. Sie rieten uns, Mähr.-Trübau, meinen letzten Dienst- 
ort zu verlassen und nach Prag zu übersiedeln. Ich sollte nämlich in 
das Klar'sche Blindeninstitut eintreten, um im Verkehre mit anderen 
Blinden meinen jetzigen Zustand ertragen zu lernen. 

Einige Zeit, bevor wir Trübau verließen, hatte mich ein Freund 
besucht; der riet mir, als er mich so hilf- und ruhelos im Zimmer 
umherirren sah, einen Versuch zu machen, ob ich nicht modellieren 
könnte, was mich aber sehr erboste. »Was will man denn einem 
Blinden noch alles zumuten?« rief ich. Er aber sagte, da ich ein 
guter Zeichner gewesen, könnte ich vielleicht doch modellieren; das 
wollte mir aber nicht einleuchten. — Als ich ins Institut kam, wurde 
ich sehr freundlich aufgenommen und mir mitgeteilt, in was ich unter- 
richtet werden sollte. Eine der ersten Fragen des Herrn Direktors 
aber war, ob ich nicht modellieren wollte, denn viele Blinde modellieren. 
Ich war darüber sehr erstaunt und bejahte. Nachdem ich mir in 
kürzester Zeit die Stachelschrift, sowie die Braille'sche Voll- und 
Kurzschrift angeeignet hatte, machte ich den ersten Versuch im 
Modellieren. Ich erhielt ein Stück Modellierten und begann, erst 
zaghaft und schüchtern, bald aber immer zuversichtlicher, zu formen. 
Meine ersten Erzeugnisse waren einfache, glatte Gefäße mit Henkeln. 
Binnen kurzem versah ich diese Gefäße mit Eichenblättern und Eicheln, 
dann formte ich bauchige Gefäße, Krüge mit Epheublättern, dann 
allerlei Werkzeuge, Weinblätter mit Trauben, Tiere, Hunde, Bären, 
auch menschliche Figuren, die freilich recht mangelhaft waren. Auch 
an Blumen, besonders Rosen und Margariten wagte ich mich, ver- 
zierte bauchige Gefäße mit Weinlaub und Trauben, dann mit ver- 
schiedenen anderen Blättern, kerbte in die »Krügel« die Rinde ein, 
daß sie wie Baumstümpfe aussahen; endlich versuchte ich auch Flecht- 
werk nachzubilden. Ohne die geringste fremde Anleitung und Unter- 
weisung hatte ich zu modellieren begonnen, niemand gab mir auch 
nur einen einzigen Fingerzeig. Man sah es im Blindeninstitute aber 
nicht mehr gern, daß ich modellierte, lehrte mich noch den Gebrauch 
der Schreibmaschine für Sehende und dann mußte ich Stuhlflechten 
lernen, worin ich es aber zu keiner Fertigkeit brachte. Nachdem ich 
ein volles Jahr — von Anfang Mai 1901 bis Mitte Juli 1902 — in 
der Anstalt gewesen, verließ ich dieselbe. Im August 1912 machte 
ich meine erste Ausstellung mit und wurde als Autodidakt auch 
prämiiert. Ich hatte mich sehr vervollkommnet und begann auf weiteren 



Seite 46. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 4. Nummer. 

Ausstellungen die allgemeine Aufmerksamkeit des Publikums, aber 
auch der Presse auf mich zu lenken. — Ich erhielt in Prag und Aussig a. E. 
je eine silberne, in Olmütz eine goldene, auf der I. internationalen 
Jagd-Ausstellung zu Wien wieder eine silberne Medaille. Alles weitere 
dürfte aus den Berichten der verschiedenen in- und ausländischen 
Zeitungen wohl zur Genüge bekannt sein. 

Nun erübrigt mir nur noch einige Worte über die Art und Weise, 
wie ich arbeite, zu sagen. Ich benütze keine Werkzeuge, sondern 
forme alles, auch das Komplizierteste, frei in der Hand. Vasen und 
andere Gefäße werden stückweise aufgeführt, ebenso größere Figuren, 
die sämtliche hohl gearbeitet sind. Die Rinde kerbe ich mit den 
Fingernägeln ein, ebenso die Zähne der Blätter; Blattrippen werden 
mit den Fingern eingedrückt, Flechtw^erk wird aufgelegt, Rosen und 
andere komplizierte Blumen werden blattweise zusammengefügt. Selbst 
die Köpfe und Gesichter der menschlichen und Tier-Figuren arbeite 
ich nur mit den Fingern heraus. Alle nötigen Handgriffe und technischen 
Vorteile mußte ich mir durch viele Übung aneignen. Trotzdem kommt 
es heute noch vor, daß mir eine Arbeit nicht gelingt und ich selbe 
dreimal wiederholen muß, bevor es endlich gelingt. Es ist nur natür- 
lich und selbstverständlich, daß mir keramische Arbeiten besser ge- 
lingen als figurale, weil diese letzteren an sich viel schwieriger sind 
und ich zu ihrer Fertigstellung — freilich zu den rein keramischen 
Arbeiten auch — gar keine Hilfsmittel habe. — Gearbeitet habe ich 
mit Modellierton, Wachs, Porzellan, Chamotte und Terracotta, welch 
letzteres Material ich noch heute benütze. 

V. österr. Blindenfürsorgetag (Blindenlehrertag) Wien 1914. 

Mit Rücksicht auf die Wichtigkeit dieser Tagung für die fortschreitende 
Entwicklung des Blindenunterrichtes und der Blindenfürsorge in Öster- 
reich wurden die Landesschulräte zufolge Erlasses des Ministeriums 
für Kultus und Unterricht vom 5. März 1914 eingeladen, die Blinden- 
anstalten auf die Abhaltung dieses Tages aufmerksam zu machen und 
die Direktionen derselben ermächtigt, wo dies erforderlich erscheint, 
die Tage vom 9. bis zum 11. Juli d. J. schulfrei zu geben. — Der 
n. ö. Landesausschuß hat zur Abhaltung der Tagung den Landtagssaal 
in Wien I, Herrengasse 1 3, mit Nebenräumlichkeiten zur Verfügung gestellt. 

flus den Anstalten. 

Im Tirol- Vorarlbergischen Blindeninstitute in Innsbruck wurde die 
Leitung in eine pädagogische und eine administrative geteilt. Erstere hat Herr 
Direktor O. Tröyer, letztere Herr Stadtpfarrer J. Vinatzer inne. 

— Das Blindenpensionat in Abbazia befindet sich seit 1. Jänner d. J. 
nicht mehr in der Villa »Celestina«, sondern in der Villa »Belvedere«. 

flus den Vereinen. 

Dem Jahresberichte über das »Asyl für blinde Kinder« in Wien XVII für 
das Jahr 1913 entnehmen wir, daß in demselben 25 Pfleglinge aus Österreich und 
Ungarn untergebracht waren und für die Aufnahme in Blindenanstalten kindergarten- 
mäüig vorgebildet wurden. Die Mittel hiezu brachte neben den Stiftungserträgen der 
»Verein der Kinder- und Jugendfreunde« mit dem Obmanne Herrn kais. Rat Direk- 
tor S. Gerber an der Spitze durch Mitgliederbeiträge, Subventionen und Spenden 
auf. Die Leitung des Asyls obliegt der bewährten Kraft der Frau J. Pupovac. 

Herausgeber: Zentralverein für das österreichische Blindenwesen in Wien. Redaktionskomitee: K. Bürklen, 
J. Kneis, A. y. Horvath, F. Uhl. — Druck von Adolf Englisch, Purkersdorf bei Wien. 




I.Jahrgang. Wien, Mai 1914, 5. rSumnner. 



^ Der Blinde trägt in seinem Gebrechen einen Empfehlungsbrief M 
^ mit sich, den er nicht erst vorzuweisen braucht, denn die ruh- M 
^ rendsten Worte desselben stehen ihm im Angesichte geschrieben. ^ 

^ K. B. ^ 

Absolute und relative Blindenhäufigkeit in 

Österreich. 

Dr. A. Toi dt, Salzburg. 

Zu dem unter obiger Überschrift in der 3. Nummer dieser Zeit- 
schrift, Seite 30, erschienenen Aufsatze möchte ich mir folgende 
Bemerkungen erlauben, welche dartun sollen, daß die dort angeführten 
Ergebnisse der Volkszählung vom Jahre 1910, soweit sie die Blinden 
betreffen, leider keineswegs auf Vollständigkeit Anspruch erheben 
dürfen. Im Kronlande Salzburg war nämlich nach der am 31. Dezember 
1910 durchgeführten Volkszählung vom hohen Landesausschusse bei 
den einzelnen k. k. Bezirkshauptmannschaften des Landes sogleich ein 
genauer Auszug sämtlicher in den Listen als »blind« eingetragenen 
Personen veranlaßt worden, um die nötige statistische Grundlage für 
das zu errichtende Salzburger Blindenheim zu erhalten. Dabei ergaben 
sich im Ganzen 179 (nicht, wie es im genannten Aufsatze heißt, 178) 
im Lande ansässige, bezw. nach demselben zuständige (aber eventuell 
auch zeitlich oder dauernd auswärts wohnende) Blinde. Nun hat aber 
der Salzburger Blindenfürsorgeverein auf Grund einer schon einige 
Jahre vorher durchgeführten Zählung der Blinden des Landes, sowie 
der alljährlich einlangenden Unterstützungsgesuche von Blinden einen 
Kataster hergestellt und da ergab sich beim Vergleiche mit den aus 
den Volkszählungslisten hergestellten Auszügen, daß in den letzteren 
41 dem Vereine als notorisch blind bekannte, am 31. Dezember 1910 
im Lande oder auswärts wohnende Salzburger nicht als blind einge- 
tragen waren. 

Es ist eine merkwürdige, jedem Augenarzte wohlbekannte Tat- 
sache, daß so mancher, der kaum mehr die Handbewegungen vor 



Seite 52. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 5. Nummer. 

seinen Augen wahrzunehmen, ja selbst nicht mehr hell und dunkel 
genau zu unterscheiden vermag, doch nicht als »blind« gelten will, 
sondern sich seiner Mitwelt gegenüber nur als »schwachsichtig« be- 
zeichnet; die Gründe hiefür scheinen verschiedenartiger, oft recht 
eigentümlicher Natur zu sein. 

Daß aber auch die die Volkszählungslisten ausfüllenden Organe 
speziell bezüglich der Rubrik »Blindheit« häufig nicht genau genug 
vorgegangen sind, dafür sprechen beispielweise folgende Tatsachen: 

So waren aus dem städtischen Versorgungshause in Salzburg nur 
7 Pfleglinge als Blinde eingetragen worden, während unser Verein 
wenige Tage vorher allein 9 arme Blinde in dieser Anstalt mit Weih- 
nachtsgaben zu beschenken gehabt hatte; 3 vollständig blinde Pfleg- 
linge eines geistlichen Versorgungshauses in der Stadt Salzburg waren 
sämtlich nicht als blind eingetragen worden. Namentlich fehlten die 
meisten der in auswärtigen Blindenanstalten untergebrachten, nach 
dem Lande Salzburg zuständigen Zöglinge, welche doch als »dauernd 
abwesend« hätten ausgewiesen sein sollen; nur 5 derselben waren in 
den Salzburger Volkszählungslisten enthalten, während die übrigen 10 
darin nicht zu finden waren. Nach der Volkszählung wären von den 
gezählten 179 Blinden 31 nicht im Lande heimatsberechtigt gewesen; 
unserem Vereine dagegen waren zu Silvester 1910 unter den 220 blinden 
Salzburgern 39 als anderwärts zuständig bekannt; es waren also 
hauptsächlich die nach anderen Ländern zuständigen Blinden über- 
sehen worden. 4 Blinde waren zugleich als taubstumm ausgewiesen; 
dem Vereine waren zu gleicher Zeit 6 solche bekannt. Sehr bezeichnend 
für die Ungenauigkeit der Eintragungen ist der Umstand, daß bei 
einem blinden Knaben der Strich in der Rubrik »blind« fehlte, dafür 
aber bei seiner recht sehtüchtigen Mutter eingesetzt war! 

Nun ist aber zu bedenken, daß im Lande Salzburg durch die 
Tätigkeit des Blindenfürsorgevereines die Blinden viel bekannter sind, 
als wohl in manchem anderen Lande, wofür namentlich beweisend 
ist, daß in den regelmäßigen Sanitätsausweisen früherer Jahre nur 
beiläufig die Hälfte (!) aller Blinden angegeben erschienen (so beispiels- 
weise im Sanitätsausweise des Jahres 1900, aus dem bekanntlich 
Herr Direktor Wagner seinerzeit die Daten für seine ausführlichen 
statistischen Arbeiten geschöpft hat, nur 118). Daraus muß geschlossen 
werden, daß in allen Kronländern die Zahl der tatsächlich vorhandenen 
Blinden die Zahl der bei der Volkszählung ausgewiesenen noch be- 
trächtlich mehr übertrifft, als im Lande Salzburg und daß daher die 
für letzteres Land angegebene, auffallend hohe relative Häufigkeit 
der Blindheit (82.79), in der Wirklichkeit in manch anderem Kronlande, 
in dem die Verhältnisse scheinbar viel günstiger liegen, gewiß auch 
erreicht, bezw. überschritten wird; die Blinden wurden eben da als 
weniger bekannt noch viel weniger gezählt. So muß denn auch leider 
angenommen werden, daß die Durchschnittszahl der auf 100.000 
Einwohnerin Österreich entfallenden BHnden tatsächlich eine wesent- 
lich höhere sein muß, als 67.36. Jeder, der sich eingehender mit 
den Blindenverhältnissen in seiner Heimat beschäftigt, wird das 
bestätigen und mir zustimmen müssen, daß immer wieder Personen 
auftauchen, die schon seit langer Zeit blind sind, den Blindenfürsorge- 
vereinen und Behörden aber noch nicht als solche bekannt waren. 



5. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 63. 

Ich kann meine Ausführungen aber doch mit einer erfreulicheren 
Tatsache und einem hoffnungsvollen Ausblick in die Zukunft schließen, 
indem ich feststelle, daß — wenigstens im Lande Salzburg — die 
Besserung der Blindenziffer in den letzten 30 Jahren eine recht 
beachtenswerte ist. Im Jahre 1880 hat nämlich die Volkszählung nach 
genauer Überprüfung durch die damaligen Salzburger Augenärzte 
Herrn und Frau Dr. Kerschbaumer für das ganze Land Salzburg 
mit 163.570 Einwohner 250 Blinde ergeben; das wären 153 auf 
100.000 Einwohner, wobei aber vielleicht noch ein oder der andere 
Blinde übersehen worden war. Im Jahre 1910 ergab die durch uns 
möglichst richtiggestellte Zählung bei 214.737 Einwohnern 220 Blinde, 
also nur mehr 102 auf 100.000. Es ist zweifellos, daß diese beträcht- 
liche Besserung der zunehmenden Erkenntnis der Bevölkerung zu 
verdanken ist, daß ein Großteil der Erkrankungen und Verletzungen 
der Augen vermieden, bezw. durch rechtzeitige, sachgemäße Behand- 
lung der Heilung zugeführt werden kann. So ist z. B. bei uns in 
Salzburg die Besserung in der Erkrankungs-, namentlich Erblindungs- 
ziffer der »Augeneiterung der Neugeborenen« durch die fortgesetzte 
Belehrung der Bevölkerung und die obligatorische Ausübung des 
Crede'schen Schutzverfahrens eine ganz unleugbare. Es sollte demnach 
nicht zu den letzten Aufgaben eines zielbewußten Blindenfürsorgewesens 
gehören, auf die möglichste Bekämpfung der zahlreich vermeid- 
baren Erblindungsursachen hinzuarbeiten und auch die dies- 
bezüglich etwas laxen Behörden immer wieder auf die Notwendigkeit 
und den eminenten Nutzen derartigen Wirkens für das Wohl des 
Volkes und des Staates aufmerksam zu machen. 



Kärntnerische Blindenstiftungen. 

Hans Puschnig, Klagenfurt. 

In dem schönen Alpenlande Kärnten teilen sich in der Aufgabe, 
für das Wohl der Lichtlosen zu sorgen, die kärntneriche Landesbehörde 
und ein privater Wohltätigkeitsverein (Verein für Blindenfürsorge in 
Kärnten) dahin, daß dieser die Versorgung erwachsener, sei es nun 
in der Erziehungsanstalt ausgebildeter BUnder oder in reiferen Jahren 
des Augenlichtes verlustig gewordener Personen in mannigfachster, 
den örtlichen Verhältnissen angepaßtester Weise entweder durch 
Internierung und Beschäftigung in den Heimen*) oder durch Be- 
schaffung von billigem Arbeitsmaterial, eventuell Vertrieb der von 
außenstehenden Blinden erzeugten Waren, durch Zuwendung von 
Unterstützungen an arbeitsunfähige Blinde usw., usw. durchführt, 
während jene die Erziehung, den Unterricht, die gewerbliche Aus- 
bildung jugendlicher Blinder aus den Mitteln des in Verwaltung des 
Landes stehenden Blindenfonds bestreitet, bezw. soweit die Zinsen 
dieses Kapitals nicht ausreichen, das Fehlende aus Landesgeldern ersetzt. 



*) Für erwachsene Mädchen besteht derzeit kein eigenes Heim, sondern diese 
sind in der sehr geräumigen Erziehungsanstalt untergebracht, woselbst auch die 
männlichen Zöglinge sich zu den Mahlzeiten einfinden, ferner auch andere gemein- 
same Räume, wie Kapelle, Bad usw. benützen. 



Seite 54. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 5. Nummer. 

Die Grundlegung des eben erwähnten Fondes, dessen weitere 
Entwicklung hier in kurzen Zügen verfolgt werden soll*) fällt noch in 
den Morgen jenes lichtvollen Tages, der auch den Nichtsehenden 
unseres Vaterlandes Belehrung und Ausbildung brachte. Im Jahre 1826 
widmete nämlich der Hofarchivs-Direktor Megerle von Mühlfeld 
den Erlös zweier Schriften im Betrage von 328 fl. 16 kr. und 93 fl. 54 kr. 
der Fürsorge für die Blinden Kärntens und Krains und seinem 
Beispiele folgte Adolf Bäuerle, der ebenfalls das Erträgnis einer 
Druckschrift von 367 fl. 30 kr. dem gleichen Zwecke zuwendete, dem 
des weiteren noch einige private Spenden, ferner Polizeistrafgelder 
zuflössen, so daß das für die Fürsorge kärntnerischer und krainerischer 
Blinde bestimmte, mit dem Namen »Ilyrischer Blindenfond« bezeichnete 
Kapital im Jahre 1869 bereits die Höhe von 6136 fl. c. M. erreicht hatte. 

Allein, um an die Errichtung einer eigenen Anstalt für Blinde 
in Kärnten oder Krain denken zu können, waren die vorhandenen 
Mittel weitaus zu unbedeutend und so traf man denn das Überein- 
kommen, aus den Zinsen des Blindenfonds die Kosten für die Unter- 
bringung abwechselnd eines Blinden Kärntens und Krains in der Linzer 
Blindenanstalt zu bestreiten. Mit der Errichtung besonderer Landes- 
regierungen für Kärnten und Krain ergab sich naturgemäß auch die 
Frage bezüglich Teilung des ilyrischen Blindenfonds, die auch 1881 
erfolgte und wobei auf Kärnten der Betrag von 4509 fl. 44 kr. abfiel. 
Die Fürsorge für die Blinden der beiden Kronländer Kärnten und 
Krain geht von da ab jede ihren besonderen Weg und in der Ge- 
schichte des Blindenwesens Kärntens bildet gerade diese Zeit einen 
Wendepunkt von nachhaltigster Bedeutung. Mit Ende des Jahres 1880 
nimmt sich die Gemeindevertretung der Landeshauptstadt Klagenfurt 
aufs wärmste der Blindensache an und versteht es, auch rings im 
Lande eine beträchtliche Anzahl großmütiger Blindenfreunde und 
-Wohltäter zu gewinnen. Die 100. Wiederkehr des Jahrestages der 
Thronbesteigung des großen Habsburg-Lothringers w^eiland Kaiser 
Josef II. glaubte sie auch dadurch in angemessener Weise würdig 
feiern zu können, daß sie für die später einmal zu errichtende Blinden- 
anstalt in Kärnten den Betrag von 500 fl. aussetzte. Von S. M. Kaiser 
Franz Josef I. erhielt die Stadtgemeinde um diese Zeit zur Schaffung 
eines Blindenfonds den Betrag von 500 fl. Reichliche Summen flössen 
diesem Fonde auch durch die in Stadt und Land eingeleiteten 
Sammlungen zu, wobei vor allem die Geistlichkeit und die Lehrerschaft 
durch ihren warmherzigen Opfersinn sich namhafte Verdienste erwarben. 
(Erträgnis ihrer Sammlung 958 fl. 8 kr.) Auch an die Sparkassen trat 
man mit der Bitte heran, dem Blindenfonde Unterstützungen aus ihren 
Gebarungsüberschüssen zu gewähren. Die meisten Sparkassen des 
Landes ließen diese Bitte nicht ungehört und haben ihre wohlwollende 
Gesinnung für die Blindensache bis zum heutigen Tage bewahrt, 
wovon die alljährlichen hochherzigen Spenden, die nun statt dem 
Blindenfonde dem Vereine für Blindenfürsorge zugewandt werden, 
ein rühmliches Zeugnis ablegen. Zu den großmütigsten Spenderinnen 
unter ihnen zählt die kärntnerische Sparkasse in Klagenfurt, die ihre 



*) Genauere Aufschlüsse hierüber sind dem ersten Berichte der Landes- 
Blindenanstalt in Klagenfurt, dem auch diese Daten entlehnt sind, zu entnehmen. (1901). 



5. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 55. 

ansehnliche Reihe von Widmungen, die sie bis in die fernste Zukunft 
hinein noch fortsetzen möge, mit einer dem Blindenfonde zugewiesenen 
Spende von 1000 fl. im Jahre 1881 begann und neben alljährlichen 
kleineren Spenden anläßlich ihres fünfzigjährigen Jubiläums am 
12. Februar 1885 den Blindenfond um die beträchtliche Summe von 
25.000fl erhöhte. Die nächste größere Widmung dieser Sparkasse erfolgte 
bereits wieder im Jahre 1891 im Betrage von 5000 fl. Dank dieser 
und der Großmut anderer Körperschaften und privater Wohltäter 
konnte man 1891 bereits einen städtischen Blindenfond in der Höhe 
von 87.000 ü. ausweisen, zu dem noch der ilyrische kam, der inzwischen 
auf 1 1 .000 fl. angewachsen war. Eine abermalige wesentliche Bereicherung 
erfuhr der städtische Blindenfond durch die infolge allerhöchster 
Entschließung im November 1893 angeordnete Überweisung von 
20.000 fl. aus den Erträgnissen der Staats-Wohltätigkeits-Lotterie. Aber 
auch der ilyrische Blindenfond wurde noch durch einige Legate hoch- 
angesehener Persönlichkeiten um namhafte Beträge vergrößert. Um 
die Mitte der neunziger Jahre erfolgte seine Vereinigung mit dem 
städtischen Blindenfonde, dessen Verwaltung nunmehr die Landes- 
behörde übernahm. Der längst gehegte Wunsch, für die in Kärnten 
heimatberechtigten blinden Kinder im Stadtbezirke Klagenfurt eine 
eigene Erziehungsanstalt zu errichten, konnte wohl erst durch die letzte 
große Spende einer hochedlen Menschenfreundin, der Frau Franziska 
Lemisch, geb. Rainer, deren Name in der Geschichte der Humanität 
im Herzogtume Kärnten mit unauslöschlichen Lettern geschrieben steht, 
seiner Erfüllung zugeführt werden. Genannte Dame bedachte in ihren 
letztwilligen Verfügungen den Blindenfond mit dem Betrage von 
100.000 K in Barem und außerdem noch mit dem Erträgnisse des 
sogenannten »Rainerhofes«, dem stattlichsten Gebäude unserer Stadt, 
welch letzterer aber von den Söhnen der verewigten Frau Lemisch 
1901 mit 120.000 K abgelöst wurde. 

Kurz vor Eröffnung der provisorisch in den Räumen des alten 
Krankenhauses 1898 untergebrachten Erziehungs-Anstalt für Blinde 
betrug der gesamte Blindenfond 408.429 K. 

Das Bedürfnis nach einer weiteren Ausgestaltung der Unterrichts- 
und Erziehungsanstalt, die 1901 bereits den für sie und die Taub- 
stummenanstalt*) errichteten stattlichen Neubau bezog, zu einer Be- 
schäftigungs- und Versorgungsanstalt nahm von Jahr zu Jahr an 
Dringlichkeit zu und es mußte mit aller Entschiedenheit daran gedacht 
werden, auch zur Beschaffung der Mittel für diesen neuen Zweig der 
Blindenfürsorge in Kärnten die nötigen Schritte einzuleiten. An eine 
hinlängliche Unterstützung seitens des Landes, das sich durch Über- 
nahme der Sorge um die Erziehung und den Unterricht der Binden 
in finanzieller Hinsicht eine wesentliche Mehrbelastung aufgebürdet hat**), 
konnte füglich nicht gedachf werden. So blieb denn kein anderer 
Weg offen, als der der pr^ten Wohltätigkeit. Das größte Verdienst 
um das Zustandekommen dieser neuerlichen Wohlfahrtsaktion zum 
Besten der Lichtlosen erwarb sich zweifelsohne der durch seine 



*) Blinden- und Taubstummenanstalt sind der großen Ersparnisse wegen 
vereint, jedoch nur in administrativer Hinsicht. 

**) Aus Landesmitteln wird das Gehalt des Direktors aber auch andere Aus- 
gaben, wozu die Zinsen des Blindenfonds nicht mehr ausreichen, bestritten. 



Seite 56. Zeitschrift für das österreichische BUndenwesen. 5. Nummer. 

augenärztliche Geschicklichkeit als auch durch seinen von edelster 
Menschenfreundlichkeit beseelten Geist gleich berühmte Ophtalmologe, 
Herr Primarius Dr. O. Purtscher, dem es geradezu ein Bedürfnis zu 
sein scheint, dort noch als warmherziger Menschenfreund hilfreich 
einzugreifen, wo es aller ärztlichen Wissenschaft und Kunst versagt 
bleibt, die Erhaltung eines so kostbaren Gutes, wie das des Augen- 
lichtes zu ermöglichen. Im Herbste 1905 hielt Herr Primarius Dr. 
Purtscher im Landesmuseum einen Vortrag über das Thema »Blind- 
sein und Blindenfürsorge«, um in weitere Kreise Interesse für dieseu 
Gegenstand zu verpflanzen. Noch im selben Jahre erfolgte die Grün- 
dung des »Vereines für Blindenfürsorge in Kärnten«, der in wirklich 
Staunen erregend kurzer Zeit eine solche Anzahl von Mitgliedern 
aller Stände aufzuweisen hatte, wie das wohl bei kaum einem zweiten 
Vereine der Fall sein dürfte. In den Gründerlisten, die mit jedem 
der folgenden Jahre sich um ein Beträchtliches erweiterten, finden 
wir die Namen der ersten und angesehensten Familien unseres Landes 
verzeichnet. Auch nur eine ganz bescheidene Anzahl der bedeutendsten 
Gründer namentlich anzuführen, würde weitaus den Ramen dieser 
Zeilen überschreiten. Das gesamte Gründungskapital betrug 1906 bereits 
34.590 K, wozu noch kleinere Spenden und Jahresbeiträge kommen, 
welche mit Schluß des ersten Vereinsjahres ein Vermögen von 
37.750 K ausmachten. 1907 wuchs es schon auf 70.840 K, 1908 auf 
140.460 K, 1909 auf 153.060 K an. Die Zunahme in den folgenden 
Jahren ist eine stufenweise ähnlich fortschreitende, wobei allerdings 
die Kosten für die Errichtung des modern ausgestatteten Blinden- 
Männerheimes eine wesentliche Verringerung des Barbestandes der 
Vereinskasse ausmachen. Zum Schlüsse muß auch noch der allerletzten 
großen Spende dieses Vereines gedacht werden, die ihm durch Zufluß 
der Nachlassenschaft der Advokatswitwe Frau K. Weil, Wien, heuer 
im Betrage von rund 200.000 K erwuchs. 

Zum Blindenbibliothekswesen. 

K. Satzenhofer, Wien. 

Unter diesem Titel hat Herr Hans Puschnig in der Märznummer 
dieses Blattes einen sehr guten und den Tatsachen entsprechenden 
Artikel veröffentlicht, dem ich vom Standpunkte der Blinden-Leih- 
bibliothek des k. k. Blin den- Erziehungs-Institutes in Wien nur 
noch einige ergänzende Worte hinzufügen möchte. 

Der von der genannten Bibliothek im Jahre 1910 in Schwarzdruck 
herausgegebene Katalog Avar, Avie dies schon seine ganze Anlage zeigt, 
in erster Linie für deren sehende Mitarbeiter bestimmt und erst in 
zweiter Linie und nur so lange als Hilfsmittel für die blinden Leser 
gedacht, als noch kein Katalog in Punktdruck vorlag, denn nur ein 
solcher kann diese vollkommen befriedigend über den Bücherbestand 
einer Blindenbibliothek orientieren. Seit Anfang 1913 veröffentlicht 
nun die Blinden-Leihbibliothek des k. k. Blinden-Erziehungs-Institutes 
ihren reichhaltigen Katalog in Punktdruck und zwar vorerst den über 
schöne Literatur. Es erscheinen monatlich vier Seiten in Blindenschrift, 
welche den Abonnenten auf die in der Druckerei des k. k. Blinden- 



5. Nummer. Zeitschritt für das österreichische Blindenwesen . Seite 57. 

Erziehungs-Institutes erscheinende Zeitschrift »J. W. Klein«, die meistens 
auch Leser der Bibliothek des genannten Institutes sind, gratis ge- 
liefert und an alle anderen Interessenten für wenige Heller abgegeben 
werden. Wenngleich dieser Katalog erst bis zum Buchstaben »I« ge- 
diehen ist, bietet er mit seinen 64 Seiten Inhalt doch heute schon 
eine so reiche Auswahl, daß wohl jeder Leser genügend viele Werke 
zur Befriedigung seines Lesebedürfnisses darin zu finden vermag. 

Außerdem wird unsere Bibliothek vom Juli d. J. an regelmäßig 
alle ihre neuen Bücher in dem Organe des Ersten österreichischen 
Blindenvereines bekanntgeben und hofft damit, mindestens das gleiche 
Ziel wie die Hamburger Zentralbibliothek durch ihre Veröffentlichungen 
in den »Mitteilungen des Vereines deutschredender Blinder« zu erreichen, 
denn es steht zu erwarten, daß es in absehbarer Zeit keinen gebildeten 
Blinden in Österreich geben wird, der nicht Mitglied des erstgenannten 
Vereines ist und somit auch dessen Organ liest. Ist aber dieses Ziel 
erreicht, dann wird es auch keinen Blinden in Osterreich geben, der 
nicht stets über die reichen Geistesschätze orientiert wäre, die ihm in 
unserer Bibliothek offen stehen. 

— Herr Direktor O. Troy er (Innsbruck) schreibt zu derselben Sache: 
Bezüglich der in Punktdruck erschienenen Werke möchte ich einen 
Vorschlag machen. Ich halte es für ein dringendes Bedürfnis, daß ein 
Katalog in Punktdruck herausgegeben werde. In demselben sollten 
sämtliche Punktdruckbücher aller Verlagsanstalten Österreichs, Deutsch- 
lands und der Schweiz mit Preisangaben verzeichnet sein. Jedes folgende 
Jahr müßte ein Nachtrag, auch wieder alle Neuheiten enthaltend, 
erscheinen. Die Schwarzdruckkataloge sind für die Mehrzahl der 
Blinden von sehr geringem Werte. Ein einmaliges Vorlesen reicht 
nicht aus und die sehende Umgebung des Blinden hat in den meisten 
Fällen weder Zeit noch Lust, den Inhalt eines oder gar mehrerer 
Kataloge mehrmals durchzulesen. Der Blinde muß oft eine mürrische 
Abweisung erdulden oder oft lange Zeit warten, bis endlich jemand 
sich dazu herbeiläßt. Auch kann der Blinde nicht jedes Jahr an alle 
Anstalten die Bitte um Zusendung des Kataloges richten und so 
bleiben den meisten Blinden die Werke der Wissenschaft und der 
Unterhaltung verschlossen, weil sie einfach von deren Existenz nichts 
wissen. Besonders wichtig wäre ein Verzeichnis aller wissenschaftlichen 
und musikalischen Werke, wenn die Herausgabe eines Universal- 
kataloges auf zu große Hindernisse stoßen sollte. Wenn sich auch der 
einzelne Blinde keine Bibliothek anschaffen kann, so würde er sich 
dann doch das eine oder andere wissenschaftliche oder musikalische 
Werk kaufen. Vielleicht ließe sich der »Verein zur Förderung der 
Blindenbildung« für die Sache gewinnen. 

V. Österr. Blindenfürsorgetag (Blindenlehrertag) Wien 1914. 

An die Teilnehmer an der mit dem diesjährigen Blinden- 
fürsorgetage verbundenen Ausstellung. In der am 26. v. M. 
stattgefundenen Ortsausschußsitzung zur Vorbereitung des V. Blinden- 
fürsorgetages wurde ich mit der Aufstellung der mit dieser Tagung 
verbundenen Ausstellung betraut. Obwohl in der vom Ortsausschuß 
bereits im Jänner verschickten Einladung als Endtermin für die 



Seite 58. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 5. Nummer. 

Anmeldung von auszustellenden Lehr- und Lernmitteln etc. der 
30. April angegeben wurde, sind bis heute noch äußerst wenige 
Anmeldungen eingelaufen. Da aber zur klaglosen Abwicklung der mit 
einer solchen Ausstellung verbundenen Vorarbeiten eine hinlängliche 
Zeit nötig ist, so möchte ich die P. T. Aussteller ersuchen, ihre An- 
meldungen baldigst vorzunehmen. Anmeldungen nach dem 
15. Mai können überhaupt nicht mehr berücksichtig werden. 

Friedrich Demal, Fachlehrer in Purkersdorf. 

Ergänzung zu dem Artikel »Gegenwärtiger Stand der Blindenfürsorge-Ein- 
richtungen in Österreich« in Nr. 4. Der auf Seite 44, Zahl 16 angeführte Verein 
führt den Titel : »Unterstützungs verein der selbständigen Blinden in Prag« und zählt 
100 blinde und 10 sehende Mitglieder. Das Vereinsvermögen beläuft sich auf 
13.000 K. Obmann: Anton Ruzicka. — Der Verein »Deutsche Blindenfürsorge in 
Böhmen« zählt 3149 Mitglieder und besitzt ein Vermögen von 19.280 K (ohne Bau- 
und Agitationsfonds). 

flus den Hnstalten. 

— Der Unterrichtsminister Dr. Ritter von Hussarek erschien am 24. April d.J. 
in Begleitung des Sektionschefs von Madeyski und des Ministerialrates von 
Braitenberg im k. k. Blinden-Erziehungs-Institute in Wien II und nahm 
von sämtlichen Einrichtungen der Anstalt, dem Klassenunterrichte und Werkstätten- 
betriebe eingehend Kenntnis. Besondere Aufmerksamkeit widmete er dem Museum 
des Blindenwesens. Nach mehr als zweistündigem Aufenthalte beendete der Minister 
die Inspektion der Anstalt und sprach dem Direktor derselben, Regierungsrat 
Alexander Meli, seine volle Befriedigung über die gemachten Wahrnehmungen aus. 

— Linz. (Kirchenmusik in der Ignatiuskirche.) »Musica Divina«, Monats- 
schrift für Kirchenmusik, Wien, schreibt im Aprilheft 1^14: Zum vierzigstündigem 
Gebete am 22., 23. und 24. Februar wurden zur Aufführung gebracht: Dritte Messe 
in Es von A. Faist, Kempter Missa in D, op. 9; A dur Litanei von Witt, Herz Jesu- 
Litanei von Mitter er; »O vos omnes« von Witt; Benedic anima mea« von Eden- 
hofer (23); Nimis horati sunt« von Wolfsgruber; »Constitues« von Edenhofer (24). 
Wer hat das gesungen ? Der Chor der Blindenversorgungsanstalt. Allen Respekt vor 
diesen Leistungen! Herr Direktor Hochwürden Geistlicher Rat Anton M. Pleninger, 
der seine Schutzbefohlenen in allem zu tüchtiger Arbeit anhält, kann zufrieden sein 
und Herrn Lehrer Wolfsgruber, dem musikalischem Leiter, darf man vom Herzen 
zu den schönen Erfolgen gratulieren. Es sei auch das noch betont: Der Chor singt 
Tag für Tag zur Messe vierstimmige deutsche Lieder und die Wahl der Texte und 
Lieder verdient alle Anerkennung. Auch der Chor des Blindeninstitutes (Schule) 
singt mehr als 80 Lieder. Wie man hört, wird der Chor auch die Gesänge der 
Karwoche in der Ignatiuskirche besorgen. Und nun rechne sich jeder die Unsumme 
von Mühe und Arbeit und die große Liebe zur Kirchenmusik aus, dann gehe er 
hin und tue desgleichen. Man möchte dieses Programm an manchem Chor aufhängen, 
wo Dirigent und Sänger ihre Noten das erstemal sehen, wenn der Auftakt zum Kyrie 
gegeben wird und dann noch immer nicht soviel herauslesen als unsere blinde Schar 
herausfühlt; jeden Katecheten oder Lehrer aber möchte man herzlich bitten, wenigstens 
ein Viertel von den 80 Liedern, die unsere Blinden singen, mit den Kindern zu üben. 

Rus den Vereinen. 

— Zentralverein für das österr. Blindenwesen. In der am 14. April statt- 
gefundenen Ausschußsitzuns.' machte Präsident K. Bürklen folgende Mitteilungen. 
Zur Veranstaltung des Blindenfürsorgetages wurde dem Vereine vom k. k. Ministerium 
für Kultus und Unterricht eine Subvention von 800 K bewilligt. Der Verein unter- 
nimmt gemeinsam mit dem Reichsdeutschen Blindenverband eine Aktion zur Er- 
langung von Gebührenermäßigung für Blindenschriftsendungen im Zwischenstaats- 
verkehr. Einem Ansuchen um einen Reisezuschuß für einen Blinden zur Teilnahme 
am Fürsorgetage wurde im Prinzipe stattgegeben. Die Geschäftsordnung wurde 
durchberaten und wird der Generalversammlung zur Genehmigung vorgelegt werden. 
Eine lebhafte Debatte entwickelte sich über die Berechtigung der Teilnahme als 
stimmberechtigte Mitglieder am Fürsorgetage, doch wurde ein Beschluß in dieser 
Sache zur Ermöglichung einer nochmaligen Aussprache nicht gefaßt. 

Herausgeber: Zentralverein für das österreichische Blindenwesen in Wien. Redaktionskomitee: K. Bürklen, 
J. Kaeis, A. t. Horvatb, F. Uhl. — Druck von Adolf Englisch, Purkersdorf bei Wien. 




1. Jahrgang. Wien, Juni 1914. 6. Mummer. 



i p 

M „Ob blind oder sehend: Wir unterscheiden uns von einander ^ 

^ nicht durch unsere Sinne, sondern durch den Gebrauch, den ^ 

^ wir von ihnen machen, durch die Einbildungskraft und den ^ 

m Mut, womit wir ^A(^eisheit jenseits unserer Sinne suchen." ^ 

|s Helene Keller. W 

Was haben uns die österreichischen Blindenfür- 
sorgetage (Blindenlehrertage) bisher gebracht? 

Vor dem im Juli d. J. in Wien stattfindenden V. österr, Blinden- 
fürsorgetage erscheint es wohl angebracht, obige Frage zu stellen und 
die Antwort darauf zu geben, indem wir die Anregungen verzeichnen 
und die Erfolge anführen, welche die vorausgegangenen Tagungen 
zeitigten. 

Es war im Jahre 1889, also vor 25 Jahren, als der I. österr. 
Blindenlehrertag in Prag zusammentrat. Der Wunsch nach einer 
gemeinsamen Beratung der österreichischen Blindenpädagogen Avar 
bereits mehrmals auf den allgemeinen Blindenlehrerkongressen, zuletzt 
in Köln (1888) laut geworden und die beabsichtete Erlassung eines 
Gesetzes über Unterricht und Erziehung blinder Kinder vonseite des 
Ministeriums für Kultus und Unterricht drängte alle Lehrer und Freunde 
der Blinden, sich in eigenster Sache öffentlich zum Worte zu melden. 
Mit Begeisterung nahmen alle österreichischen Blindenanstalten durch ihre 
Vertreter an dieser Veranstaltung teil, um welche sich Direktor R.M.Ritter 
von Klar (Prag) das größte Verdienst erwarb. Eine gediegene Leistung 
war das Referat des Direktors Helletsgruber (Linz) »Organisation 
der österreichischen Blindenanstalten«. Der Referent berührte damit 
grundlegende PVagen des Blindenbildungswesens und wies als einzige 
Möglichkeit, die Blindenbildungsfrage zu lösen, die Errichtung von 
Blindenanstalten in entsprechender Zahl nach. Mit dem folgenden, 
einstimmig gefaßten Antrage war dem Gesetzentwurfe der Regierung, 
welcher noch einmal nach der bereits als undurchführbar erkannten 



Seite 64. Zeitschrift für das Österreichische Blindenwesen. 6. Nummer. 

Verquickung des Unterrichtes von Vier- und Vollsinnigen zurückgriff, 
das Urteil gesprochen. Es lautete: 

Der I. österr. Blindenlehrertag richtet an das Ministerium für 
Kultus und Unterricht die Bitte, dasselbe wolle in erster Linie die 
Errichtung von Blinden-Erziehungs-Instituten in jenen Ländern, wo 
solche entweder nicht oder in nicht genügender Zahl vorlianden 
sind, mit aller Kraft bewirken, da nur diese Anstalten imstande 
sind, der blinden Jugend jene Erziehung, jenen Unterricht und jene 
praktische Ausbildung fürs Leben zu bringen, deren sie so unab- 
weisbar notwendig bedarf und nur insolange die Errichtung solcher 
Institute noch nicht erreichbar ist, möge der Unterricht der blinden 
Kinder in der allgemeinen Volksschule angeordnet werden.« 

In einem weiteren Antrage wurde an die Regierung die Bitte 
gerichtet, den Blindenanstalten die Eigenschaften von gewerblichen 
Fachschulen zuzuerkennen und dieselben zur Ausstellung von Lehr- 
und Arbeitszeugnissen zu berechtigen. Auch die Herstellung billiger 
und guter Lesebücher und Lehrmittel für den Blindenunterricht wurde 
in Erwägung gebracht und diesbezüglich Vorschläge gemacht. 

Der durch die erfolgreich und würdig verlaufene Versammlung 
in Prag entflammte Eifer führte schon im nächsten Jahre (1890) zum 
II. österr. Blindenlehrertage in Linz, auf welchem unter dem 
Vorsitze des Direktors A. Helletsgruber nahezu dieselben Themen 
wie in Prag zur Verhandlung standen. Als neue Fragen wurden der 
Unterrichts- bezw. Institutszwang, die soziale und materielle Stellung 
der Blindenlehrer, die Würdigung der Blindenpädagogik an den 
Lehrerbildungsanstalten und die Fürsorge für die Spätererblindeten 
in Verhandlung gezogen. Die Anregung, die folgenden Tage zu 
österreichisch-ungarischen auszugestalten, brachte keinen Erfolg und 
bedauerlicherweise unterblieb auch die Festlegung einer entsprechenden 
Geschäftsordnung. 

Der Eifer und die Begeisterung, welche sich auf den ersten 
Blindenlehrertagen zeigte, trug reiche Früchte, trotzdem es während 
der folgenden 16 Jahre zu keinem neuen Tage kam. Welche Bedeutung 
den Beschlüssen von Prag und Linz beizumessen ist, ergibt sich aus 
der äußerst regen Tätigkeit auf dem Gebiete der Blindenfürsorge in 
der Zeit von 1890 bis 1906, in welchem Jahre es erst wieder zu einem 
Wiederzusammentritte kommen sollte. 

Vor allen beschäftigtem sich die Landtage mehrerer Länder mit 
der Blindenunterrichtsfrage und es kam zur Gründung einer Landes- 
Blindenanstalt in Klagenfurt (1898), wie zur Erweiterung der Landes- 
Blindenanstalt in Brunn (1891) und der n. ö. Landes-Blindenanstalt in 
Purkersdorf (1893 und 1903). Der Klar'schen Blindenanstalt in Prag 
wurde im Jahre 1897 ein Kindergarten angegliedert. Die Erkenntnis von 
der Notwendigkeit der Errichtung besonderer Unterrichtsanstalten für 
Blinde brach sich endgültig Bahn und der Gedanke, sich mit dem 
Notunterrichte in der Volksschule oder in Blindenklassen zu begnügen, 
wurde fallen gelassen. Die in Linz besprochene Anregung, Später- 
erblindete beruflich auszubilden und auf diese Weise der arbeitenden 
Menschheit wiederzugeben, fand Verwirklichung mit der Eröffnung der 
»Anstalt zur Ausbildung von Spätererblindeten« in Wien XIX (1898) 



6. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 65. 

In großzüsjiger Welse setzte die Fürsorge für die erwachsenen 
Blinden ein, denn in rascher Aufeinanderfolge erstanden folgende An- 
stalten : Versorgungs- und Beschäftigunganstalten in Graz (1891), Ver- 
sorgungs- und Beschäftigungsanstalt für männliche Blinde in Linz (1893), 
Versorgungshaus »Franzisko Josephinum« in Prag (1893), K. F. J. Blinden- 
Mädchenheim in Brunn (1894), M. Przybram'sches Blinden-Mädchenheim 
in Wien XIII. (1895), Blinden-Arbeiterheim in Wien XIII. (1896) und 
Blinden-Mädchenheim »Elisabethinum« in Melk (1901). 

Die Errichtung dieser Anstalten war zum größten Teile der 
Tätigkeit neu gegründeter Fürsorgevereine zu verdanken, von denen 
1894 der Blinden-Wohlfahrtsverein in Mähren und Schlesien, 1895 der 
Verein zur Fürsorge für Blinde in Wien und der Blindenheimverein 
in Melk, 1896 der Verein zur Ausbildung von Spätererblindeten in 
Wien ins Leben gerufen wurden. Auch in anderen Kronländern, wie 
in Salzburg (1903), in Tirol (1904) und in Kärnten (1906) bildeten sich 
Blindenfürsorgevereine, welche die Mittel für Errichtung von Anstalten 
zu beschaffen suchten. 

Auch die Blinden selbst suchten an der Vertretung ihrer Interessen 
teilzunehmen und schlössen sich 1897 im »I. Blinden-Unterstützungs- 
vereine« und 1904 im Blinden-Unterstützungsvereine »Die Purkersdorfer« 
in Wien zusammen. Schließlich kam es zur Gründung der Zentral- 
bibliothek für Blinde in Wien (1901), welche sich die geistige Förderung 
der Blinden zur Aufgabe stellte. 

Schließlich führte die Aufklärung der Öffentlickeit über die 
Tätigkeit der Blindenlehrer zu einer richtigen Einschätzung ihrer 
mühevollen Arbeit und damit auch zur materiellen Besserstellung. 

. Diese rege und außerordentlich erfolgreiche Tätigkeit war wohl 
in erster Linie der Tatkraft und Begeisterung tüchtiger Fachmänner 
und der allgemeinen Opferwilligkeit zu verdanken, doch wirkten die 
Beschlüsse der beiden ersten Blindenlehrertage hiebei vielfach richtung- 
gebend, so daß ihre Nachwirkung in dem Erstandenen nicht zu ver- 
kennen war. Die Vertreter der österreichischen Blindensache konnten 
also auf wichtige Ergebnisse ihrer Bemühungen zurückblicken, als sie 
Jahre 1906 zu einer neuen Versammlung in Graz zusammentraten. 
Schon auf der Linzer Tagung war Graz als nächster Versammlungsort 
in Aussicht genommen worden, doch hatte sich der Zusammentritt 
durch widrige Verhältnisse so lange hinausgeschoben. Eine jährliche 
Zusammenkunft, wie sie ursprünglich geplant war, erschien weder 
notwendig, noch empfehlenswert. Vielleicht waren auch der gegebenen 
Anregungen so viele, daß sie erst verarbeitet werden mußten, ehe das 
Bedürfnis nach einem neuen Tage dringend wurde. 

Die beiden ersten Tage waren »Blindenlehrertage« genannt worden, 
obwohl bereits auch Vertreter von Fürsorgeanstalten und Blindenfreunde 
zu den Teilnehmern zählten und auch reine F"ürsorgef ragen zur Ver- 
handlung standen. In Graz meldeten sich nun nicht nur Vertreter der 
Fürsorgeanstalten und Blindenfreunde, sondern auch Blinde selbst, 
lebhafter zum Worte und erwirkten die Umwandlung des Titels 
in »Fürsorgetag«, welcher Bezeichnung in Klammer die Ergänzung 
»Blindenlehrertag« beigefügt wurde. Das Wirkungsgebiet des Tages 
wurde damit nicht erweitert, sondern nur genauer festgelegt. Aller- 



Seite 66. Zeitschrift für das österreichische Bhndenwesen. 6. Nummer. 

dinors traten mit den Themen über Blindheitsverhütung, über die 
Erwerbs- und Versorgungsverhältnisse der Blinden und die Propaganda 
auf dem Gebiete des Blindenwesens mehr die Fürsorgefragen in den 
Vordergrund. Doch auch unterrichtliche Fragen, wie die Lesebuchfrage, 
wurden behandelt und ein umfassender Organisationsentwurf über das 
österreichische Blinden-Erziehungs-, -Unterrichts- und -Fürsorgewesen 
geliefert; ebenso in einer Resolution die gesetzliche Regelung der 
Blindenbildung und Fürsorge gefordert. 

Als wichtigstes Ergebnis der Grazer Tagung ist die Einberufung 
einer En quete betreffend die Förderung des Blindenfürsorge- 
wesens zu betrachten. Der Durchführungsausschuß dieses Tages hatte 
nämlich in einer Petition an die Regierung und den Reichsrat in 
umfassender Weise alle Forderungen nach einer zeitgemäßen Reform 
des Blindenwesens in Österreich zusammengefaßt und damit nicht 
nur eine Druckschrift von dauerndem Werte geschaffen, sondern auch 
die Regierung bewogen, aus ihrer Passivität herauszutreten. Die von 
der Regierung im April 1909 einberufene Enquete erörterte die Schaffung 
neuer Erziehungsanstalten für Blinde, die Erlassung einheitlicher Lehr- 
pläne, die Schaffung von Arrnen- bezvv. Fürsorgegesetzen, durch 
welche die Existenz der erwerbsunfähigen, altersschwachen Blinden 
sicherzustellen wäre, die Abänderung des bestehenden Gebühren- 
gesetzes, betreffend wohltätige Stiftungen, Herabsetzung der Porto- 
gebühren für Blindenbüchersendungen, Gewährung von Fahrpreis- 
ermäßigungen für Blinde u. a. Führte diese Beratung in den wesent- 
lichen Punkten auch zu keinem Ergebnisse, so war doch schon mit 
der aufklärenden Arbeit, welche sie leistete viel getan und die Zu- 
erkennung der Befugnis an mehrere Blindenanstalten zur Ausstellung 
von rechtsgiltigen Lehrzeugnissen sowie die Berufung eines Fachmannes 
für das Blindenfürsorgewesen in das k. k. Ministerium für Kultus und 
Unterricht, die Einstellung eines Kredites zur Förderung des Blinden- 
wesens bedeuteten positive Erfolge. 

Rüstig schritt nach der Grazer Versammlung die hauptsächlich 
durch Privatmittel geförderte Blindenfürsorge vorwärts. NeueUnterriclits- 
anstalten erstanden in Innsbruck (1907) und in Czernowitz (1908), 
während andere erweitert und die Brünner Anstalt verländert wurde. 
Für blinde Mädchen wurde ein Heim in Prag-Kampa (1908), für blinde 
Männer ein Heim in Klagenfurt (1907) errichtet. Von F'ürsorgevereinen 
bildeten sich der Blinden- und Taubstummenfürsorgeverein in der 
Bukowina, der Verein »Deutsche Blindenfürsorge in Böhmen« (1908) 
und der Landesverein zur Erziehung der Blinden im Königreiche 
Böhmen (1909). Die Blindenvereinigungen in Wien riefen eine Musikalien- 
Leihbibliothek (1906) und die Produktivgenossenschaft für blinde Bürsten- 
binder und Korbflechter (1907) ins Leben. Im Jahre 1908 trat in Prag 
die Kommission für internationale Blindenstatistik zusammen. 

Auf diese reichen Erfolge konnte bereits hingewiesen werden, 
als sich im Jahre 1909 die Blindenpädagogen und Bündenfreunde 
in Brunn zu einer neuen Tagung versammelten. Diesmal kamen als 
spezielle Unterrichtsf ragen folgende zur Verhandlung: Die Lesebuch- 
frage; Formen und Reformen des Blindenunterrichtes; zeitgemäße 
Aussrestaltung- des Orofelunterrichtes in den Blindenanstalten. Mit dem 



6. Nummer. Zeitschritt für das österreichische Blindenwesen. -Seite 67. 

Vortrag-e »Der Geist des modernen Blindenwesens« wurde abermals 
die Reform des gesamten Blindenbildungs- und Versorgungswesens 
angeregt. Schließlich erörterte man die soziale Stellung der Blinden, 
ihr Erwerbsleben und ihre Mauptberufe, die Musik und das Klavier- 
stimmen. 

Nahezu fünf Jahre sind seit der Brünner Tagung verflossen und 
auch diese sind nicht ohne Fortschritt auf dem Gebiete des Blinden- 
wesens vorübergegangen, wenn das Geschaffene auch nicht gerade 
als Ergebnis des F'ürsorgetages anzusehen ist. Es ist da besonders 
der Deyl'schen Blinden-Erziehungsanstalt in Prag (1910) und der 
Deutschen Blindenschule in Aussig (1913) sowie der Gründung des 
Vereines »Zentralbibliotliek für Blinde in Österreich« (1912) zu gedenken. 

Ohne Frage können die bisher veranstalteten Blindenfürsorgetage 
(Blindenlehrertage) die Popularisierung verschiedener Ideen, die Auf- 
klärung der Öffentlichkeit über die wichtigsten Fragen der Blinden- 
fürsorge für sich in Anspruch nehmen. In manchen Fragen wirkten die 
Beratungen nicht nur richtunggebend, sondern entscheidend und führten 
zu positiven Ergebnissen. Damit haben sie ihre Aufgabe wohl erfüllt 
und ihre sich durch manches Hemmnis durchringende Wiederkehr 
zeigt, da(3 sie für das Blindenfürsorgewesen unseres Vaterlandes zur 
unentbehrlichen Notwendigkeit geworden sind. K. B, 



Das k. k. Blinden-Erziehungs-Institut in Wien 

auf der Weltausstellung für Buchgewerbe und 

Graphik in Leipzig 1914. 

Von Seiten der Ausstellungsgruppe »Schule und Buchgewerbe« 
wurde das Institut bereits im Herbste vorigen Jahres um seine Be- 
teiligung an dieser epochalen Ausstellung angegangen. Das Institut 
wäre zwar in der Lage gewesen, einen eigenen Pavillon zu füllen, da 
es aber die sehr hohen Kosten der Aussteller hätte tragen müssen, 
so war zu erwarten, daß derartige Anregungen ohne Erfolg bleiben 
würden Daher mußte sich das Institut begnügen, die vom Direktor 
der städtischen Blindenanstalt in Leipzig, Gustav Görner, eingerichtete 
Gruppe »Blindenunterricht« zu fördern. Außer in dieser, der vierten 
Abteilung der Sonderausstellung »Schule und Buchgewerbe«, ist es 
noch an der dritten Abteilung (Spechen, Singen, Musik) und an der 
sechsten Abteilung (Kind, Lehrer und Schule in Kunst und Karikatur) 
beteiligt. Im österreichischen Pavillon sind endlich als an einer vierten 
Stelle eine Reihe von Schriften in Blindendruck ausgestellt, die- hier 
gewissermaßen von heimischen Boden aus zeigen, daß das k. k. Blinden- 
Erziehungs-Institut und damit das Blindenwesen Österreichs überhaupt 
in seiner Kulturarbeit einen ersten Platz beanspruchen darf. Kann es 
sich doch rühmen, die Stätte zu sein, wo an der ältesten Anstalt 
deutscher Zunge der erste deutsche Blindendruck im Jahre 1811 erschien, 
dem anderwärts solche erst anfangs der zwanziger Jahre folgten. Von 
diesem angefangen sind namentlich Kleins zahlreiche Versuche, die 



Seite 68. Zeitschrift für das österreichische Bhndenwesen. 6. Nummer. 

im Rahmen gerade dieser Ausstellung von großem Interesse sind, 
ausgestellt. Besonders hervorgehoben seien auch die Proben der 
Klein'schen Stachelschrift in mehreren Sprachen der Monarchie (deutsch, 
ungarisch, böhmisch und polnisch). Insgesamt hat die Anstalt mehr 
als 100 zum Teile sehr seltene Gegenstände aus dem Museum des 
Blindenwesens zur Verfügung gestellt, von den genannten Reliquien 
aus Kleins Zeit bis zu den Tafelbellagen aus den enzyklopädischen 
Handbuche und einer photographischen Aufnahme des im Institute 
gedruckten und verlegten deutsch-französischen Wörterbuches. Die 
zweite Veröffentlichung der Gruppe »Schule und Buchgewerbe« führt 
als Mitarbeiter aus den Kreisen der Blindenwelt Direktor Görner, 
die königl. Landes-Blindenanstalt in Chemnitz- Altendorf und Regierungs- 
rat Meli in Wien an. Die Zentraldirektion der k. k. Schulbücherverläge 
in Wien und Prag hat eine schöne Kollektion von im k. k. Blinden- 
Institute gedruckter Lehr- und Lesebücher in ihrer Kollektivausstellung 
exponiert, so daß auch die Druckerei des k. k. Blinden-Erziehuugs- 
Institutes mit ihren musterhaft hergestellten Blindendrucken an her- 
vorragender Stelle vertreten erscheint. 

So wird das österreichische Blindenwesen durch das mehrgenannte 
Institut in würdiger Weise in Leipzig repräsentiert sein. 



Eine Blinde als Geschäftsfrau. 

J. Umlauf, Brunn. 

Eine Blinde als Geschäftsfrau gehört wohl zu den Seltenheiten, 
Eine solche lernte ich in meiner Heimat in Nordmähren kennen. In 
Neudorf — einer kleinen Gemeinde im mährischen Gesenke — lebt 
und wirkt diese bescheidene, arbeitsame, blinde Gemischtwarenhänd- 
lerin A. Christ. Als praktische Frau kennt sie die Bedürfnisse der 
Ortsbewohner, nach Tunlichkeit erfüllt sie gerne die bescheidenen 
Wünsche und hat ihr Geschäft darnach eingerichtet. 

In der ganzen Umgebung ist sie bekannt und wird oft — und 
das mit Recht — demjenigen als Muster hingestellt, der, unzufrieden 
mit seinem Berufe, über schlechte Zeiten jammert. 

An einem schönen Sommertage ging ich nach Neudorf, um mich 
von der Sachlage zu überzeugen, wie die Blinde ihrem Berufe nach- 
kommt. An Wochentagen nachmittags konimen nur sehr wenige Käufer. 
Sie war daher auch nicht im Geschäfte, sondern saß vor ihrem Hause. 
Ringsumher lauter Wiesenduft und Sonnenschein. Da ich mich vom 
Dorfwege entfernte und zu ihrem Hause einlenkte, erhob sofort ein 
kleiner Haushund — ihr treuer Wächter — sein Gekläffe. Ich grüßte 
die brave Frau und nachdem sie meine Absicht erfahren, ging sie 
mit mir ins Geschäft. Ich war erstaunt. — Alles in bester Ordnung; 
die meisten Waren hatte sie schon zum Verkaufe vorbereitet. Auch 
ich kaufte einiges ein und entfernte mich erst, als ich einige Zeit mit 
der geschäftstüchtigen Blinden geplaudert hatte. 

Seitdem trachte ich, wo es nur möglich ist, den Blinden den 
Rat zu geben, ihr Können und ihre jungen Kräfte zu nützlicher Arbeit 
zu verwerten. 



6. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 69. 

Glücklich ist jener Bliiide, der seinen Erziehern wahre Geniüts- 
bildun^ und praktische Kenntnisse zu verdanken hat. Seine Bemühungen 
werden nach und nach von verschiedenen Kreisen gefördert und der 
Erfolg wird gewiß nicht ausbleiben. 

V. Österr. Blindenfürsorgetag (Blindenlehrertag) Wien 1914. 

Der Ortsausschuß hat bereits das Programm des Tages festgesetzt und 
wird dasselbe in nächster Zeit zur Kenntnis der angemeldeten Teil- 
nehmer bringen. Mit dem Tage wird ein Bli ndenkonzert, eventuell 
auch ein Ausflug in die Wachau (Melk) oder auf den Schneeberg 
verbunden sein. 

— An die P. T. Aussteller ergeht das Ansuchen, die Ausstellungs- 
objekte längstens 2 Wochen vor der Veranstaltung einzuschicken 
und zwar an die Adresse: »Verwaltung der n. ö. Landes-Fondshäuser«, 
Wien I, Herrengasse 13, mit dem Vermerk »Blindenfürsorgetag«. Gegen- 
stände, die nach dem I.Juli eintreffen, können bei der Austeilung 
nicht mehr berücksichtigt werden. Portoauslagen sind aus eigenem 
zu decken. Um die rechtzeitige Drucklegung des Ausstellungsver- 
zeichnisses bewerkstelligen zu können, wird weiters das Ersuchen 
gestellt, das Verzeichnis der auszustellenden Gegenstände bis längstens 
20. Juni direkt an meine Adresse zu schicken und mir ebenfalls bis 
zum genannten Zeitpunkt mitzuteilen, ob eine mit dem Namen des 
Ausstellers versehene Tafel (Schild) gewünscht oder selbst mitgebracht 
wird. Kleine Schildchen zur Bezeichnung einzelner Gegenstände 
sind — wenn überhaupt nötig — selbst beizustellen. 

Friedrich Demal, Fachlehrer in Purkei^sdoii. 

Rn unsere Mitarbeiter. Die Julinummer erscheint anläßlich des 
V. österr. Blindenfürsorgetages (Blindenlehrertages) als Festnummer. 
Unsere verehrten Mitarbeiter werden gebeten, uns ihre Beiträge 
längstens bis 15. Juni 1. J. zukommen lassen zu wollen. Die Schriftleitung. 

Personalnachrichten. 

— Professor Eduard Suess f. Mit diesem am 26. April 1. J. verstorbenen 
Gelehrten ging eine auch für das Blindenblildungswesen Niederösterreichs bedeutungs- 
volle Persönlichkeit dahin. Der Verewigte war von 1870 — 1874 Referent ffn das 
Schulwesen im n. ö. Landesausschusse und seiner Wirksamkeit an dieser Stelle ist 
die Gründung der »N. ö. Landes-Blindenschule in Ober-Döbling bei Wien« zu danken, 
welche sich später zur »N. ö. Landes-Blindenanstalt«, jetzt in Purkersdorf bei Wien, 
entwickelte. Mit der Geschichte dieser Anstalt wird der Name Suess für immer 
verknüpft bleiben. 

flus den Anstalten. 

— Die bekannte Pianistin und Musikschriftstellerin Frau A. v. Newald-Grasse 
erfreute am 25. Apiil d. J. die Zöglinge der n. ö. Landes-Blindenanstalt in Purkersdorf 
mit ihren ausgezeichneten Darbietungen auf dem Klavier und deklamatorischen 
Vorträgen. Reicher Beifall lohnte die edle Dame, die es sich zur Aufgabe macht, 
den Blinden Stunden des besten Kunstgenusses zu bieten. 

— Dieselbe Dame hielt am folgenden Tage im k. k. Bli n<i en -Erziehungs- 
Institute in Wien II ihren alljährlichen Vortrag, in prächtiger Weise durch die 
Pianistin Frl. R. Labuske sowie die Herren Hofmusiker G. Kinzel und W. Kl ei necke 
(Solo-Cellist der Hotoper) unterstützt. 

— Konzert Luilwig Moser. Am 24. Mai lernten die Besucher und Zöglinge 
der n. ö. Landes-Blindenanstalt in Purkersdorf einen blinden Künstler von 
ganz besonderer Qualität kennen. Herr Moser brachte, unterstützt von seiner Frau, 



Seite 70. Zeitschrift für das österreichische Bündenwesen. 6. Nummer. 

einer vortrefflichen VioHnspielerin, nur eigene Komposition zu Gehör, welche nach- 
haltende Wirkung auf die Zuhörer ausübten. Herrn Moser wäre eine gerechte 
Würdigung seines Talentes zu wünschen. 

— Eine glänzende Probe ihres musikalischen Könnens legten am 23. April l.J. 
die Pfleglinge der Versorgungs- und Beschäftigungsanstalt für erwachsene 
Blinde in Wien VIII ab. In einem sorgfältig gewählten Programm war ihnen 
Gelegenheit geboten, ihr Talent auf den verschiedenen Gebieten der Musik zu zeigen 
und zugleich mit dem wärmsten Mitgefühl bei den Zuhörern ungeteilte, aufiichtige 
Bewunderung wachzurufen. Die vom Kapellmeister A. Kraus für das Blindenorchester 
komponierte Ouvertüre »Des Meeres und der Liebe Wellen« bildete einen wirkungs- 
vollen Eingang. Ein paar herzige Stückchen für drei Zithern verrieten feine Nüan- 
cierung im Spiel. Mit Ruhe und Fertigkeit wurde Webers »Grande Polonaise« auf 
dem Klavier erstaunlich exakt vorgetragen; nicht minder der gemütvolle zweite und 
der neckische dritte Satz des Trios op. 49 von F. Mendelssohn, wobei sowohl Geige 
als auch Cello und Piano ausdrucksvoll hervortraten. Die Duette »Herbstlied« und 
»Das Ährenfeld« vom gleichen Komponisten brachte Fräulein Wacha mit ihrer 
Partnerin in vollendeter Weise. Volle Entfaltung fand ihre Stimme, sowie die aller 
anderen Sänger bei der Glanznummer des Abends, einem Chor aus Mendelsohns 
»Christus». Der Chor entzückte durch seine herrliche Steigerung und kein Mißklang 
störte den Genuß, den die armen und doch so reichen, so wunderbar mit anderen 
Fähigkeiten entschädigten Blinden dem Ohr und Gemüt bereiteten. 

— Privat-Blindenlchranstalt Linz. Am 6 April 1:^14 wurde anläßlich der 
bischöflichen Visitation und Religionsinspektion durch den hochw. Herrn bischöflichen 
Kommissär Domkapitular und päpstlichen Protonotar Msgr. Dr. Josef Lohn inger 
die neue vom Hof-Orgelbaumeister Johann Lachmayr in Urfahr-Linz erbaute Orgel 
in der Institutskapelle in feierlicher Weise eingeweiht. Anläßlich der Kollaudierung 
des neuen, klangreichen Werkes durch den Herrn Komponisten und Domkapell- 
meister Ignaz Grub er wurde am 5. Mai den Zöglingen der beiden Linzer Blinden- 
anstalten der e.'-hebende Genuß eines Orgelkonzertes zu Teil, das auf alle Anwesende 
großen, nachhaltigen Eindruck hervorbrachte. Am 2., 12. und 14. Mai durften die 
Zöglinge der Beschäftigungs- und Versorgungs Anstalt für erwachsene Blinde den 
Darbietungen eines ausgewählten Programmes durch unseren heimatlichen Meister 
der Orgel, Domorganisten Professor Franz Neuhofer lauschen. Auf der vom Hof- 
Orgelbauer Josef Mausach er in St. Florian im städtischen Volksgarten aufgestellten 
und nach Rußland verkauften trefflichen Orgel, welche unsere Zöglinge bereits bei 
der Generalprobe für die grandiose »Christus«-Aufführung bewundern konnten, spielte 
Herr Neuhofer Kompositionen für die Orgel von Bach, Habert, Reiter, Kienzl, Frank 
Frysinger und eine freie Phantasie über Themen aus den fünften Sinfonien von 
Beethoven und Brückner. Die hohe Kunst beider Linzer Orgelmeister übte auf unsere 
blinden Zöglinge tiefgehenden Einfluß aus und erregte allgemeine Bewunderung. 
Herzlichen Dank beiden edlen Blindenfreunden für diesen Genuß! 

Rus den Vereinen. 

— Ehrung des Bl inden vaters J. W. Klein. Am 13. Mai, dem Todestage 
des Begründers des Blindenunterrichtes in Österreich -und Deutschland J. W. Klein 
begab sich eine Deputation des Blinden-Unterstützungsvereines »Die Purkersdorfer« 
in Wien V, bestehend aus den Herren: K. Bürklen, Direktor der n. ö. Landes- 
Blindenanstalt in Purkersdorf und Ehrenpräsident des Vereines, F. Uhl, Obmann, 
F. Gabriel, Rechnungsführer, F. Hermann, Schriftführer und F. Bartosch, Sekretär 
des Vereines, auf den Zentralfriedhof und legte einen Kranz mit Schleife auf den 
Sockel des Denkmals nieder. Obmann F. X. Uhl hi^lt eine Danksagung im Namen 
der Blinden Österreichs. Sodann schilderte Herr Direktor K. Bürklen die Verdienste 
und das Wirken J. W. Klein 's und trug ein von ihm verfaßtes Gedicht, das die 
segensreiche Tätigkeit des österreichischen Blindenvaters verherrlicht, vor. 

— Zentralverein für das österreichische Blindenwesen. Samstag, 
den 20. Juni 1. J., 5 Uhr, findet in Wien VIII, Josefstüdterstraße 80, eine Aus seh u ß- 
sitzung statt. Tagesordnung: Aufnahme neuer Mitglieder. Blindenfürsorgetag. Fest- 
nummer der »Zeitschrift«. Ermäßigung der Portogebühren für Blindenschriftsendungen 
im zwischenstaatlichen Verkehre. Vorbereitung für die am 10. Juli 1. J. stattfindende 
Generalversammlung. 

Herausgeber: Zentralverein für das österreichische Blindenwesen in Wien. Redaktionskomitee: K. Bürklen, 
J. Kneis, A. r. Horvath, F. Uhl. — Druck von Adolf Englisch, Purkersdorf bei Wien. 




I.Jahrgang. Wien, Juli 1914. 7. Mummer. 

Geh' nicht vorbei . . . 

Ein Maientag vom Himmel lacht 
Und überglänzt das alte Wien. 
Ein Ehepaar geht Arm in Arm 
Der Vorstadt enge Gassen hin, 
Seit wenig Wochen Mann und Frau. 
Was W^under, daß ihr Herz so voll. 
Im Frühling ihres Eheglücks, 
Von stiller Freude überquoll. 
An dunklen Toren geht's vorbei. 
Aus Höfen glänzt das erste Grün, 
Aurikeln rot, Narzissen ^veiß, 
Im Topf am offnen Fenster blüh'n. 
Mit Jauchzen tobt der Kinder Schar 
Im Uebermut von Haus zu Haus. 
Die Alten blicken lächelnd nach. 
Die Sonne trieb auch sie heraus. 

Da zuckt mit einemmal im Arm 

Des Manns die zarte Hand der Frau, 

Weckt ihn aus stillem Sinuen auf, 

Indem sie leise spricht: »Da schau! 

Geh' nicht vorbei! Am Steine hier 

Beim Haustor sitzt ein blindes Kind, 

Eins von den Kleinen, die so sehr 

Ans Herze Dir gewachsen sind!« 

V/ie sonst das Elend finster macht 

Und sich auf's Herz legt, dumpf und schwer, 

So leuchtend glänzt ein Sonnenblick 

Aus dieser Menschen Augen her. 

»Ein blinder Knabe«, ruft er froh 



Seite 76. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 7. Nummer. 

Und sieht in seiner Frau Gesicht. 

»Nun — und — soll der auch unser sein? 

Denkst Du der eig'nen Kinder nicht?« 

»Die schenkt uns Gott zur rechten Zeit«, 

Sagt sie. »Doch solang' wir allein 

Und selbst darüber lasse uns 

Der armen Blinden Eltern sein!« 

Sie treten zu dem Kinde hin 

Und dann mit ihm ins dunkle Haus 

Und eh' noch eine Stunde um 

Den Knaben an der Hand heraus. 

Gleich einem Schatz aus Gottes Hand, 

So führen sie das blinde Kind 

Ins enge Heim zu andern hin, 

Die ihrer harren, arm und blind. 

Viel Jahre ziehen sie noch aus 

Und geh'n an keinem Kind vorbei. 

Das sie voll Liebe nicht geprüft, 

Ob es nicht eins der ihren sei. 

Noch oft tut ihres Hauses Tür 

Sich segnend auf, schließt keinen aus. 

Und keiner geht, der segnend nicht 

Geweiht der Blinden Elternhaus. 

Wer war der Mann? Wer w^ar die Frau, 

Die solchen Gottesdienst getan? 

Noch lebt ihr Werk lichtspendend fort. 

Frag' nur bei Öst'reichs Blinden an. 

Und kommst Du an das Gräberfeld 

Des neuen Wien, so still und w^eit. 

Und suchst die Stellen wo sie ruh'n, 

Die Großen der vergang'nen Zeit, 

Dann nenn' den Ehrennamen nur. 

Frag', wo der »B 1 i n d e n v a t e r« liegt 

Mit seiner Frau. Und sei gew^iß, 

Ein jeder Dir die Antwort gibt. 

Geh' dann auch Du nicht ohne Gruß 

Der Lieb' und Ehrfurcht an dem Stein 

Vorbei, der einen gold'nen Namen trägt. 

Den Namen: »Johann Wilhelm Klein«. 

K. Bürklen. 

Gesprochen am Grabe J. W. Kl eins anläßhch einer vom Blinden-Unterstützungs- 
vereine »Die Purkersdorfer«; in Wien V veranstalteten Gedenkfeier. 



7. Nummer. 



Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 



Seite 71 



Niederösterreichs Anteil an der Entwicklung des 
österr. Blindenbildungs- und Fürsorgewesens. 

In Wien, der alten Kaiserstadt am Donaustrand, die nach lebens- 
kräftiger Überwindung böser Zeiten vor hundert Jahren wieder zum 
Mittelpunkte Europas geworden war, stand die Wiege der österreichischen 
Blindenfürsorge. Der im ersten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts 
gemachte Schritt zur Unterweisung Blinder hatte im zweiten Jahrzehnt 
bereits zu einem großen Erfolge geführt. Wien besaß seit dem Jahre 
1816 eine staatliche Lehranstalt für Blinde. Sowohl mit den Anfängen 
der Blindenbildung als auch der Fürsorge ist der Name Johann 
Wilhelm Kleins, des »Blindenvaters«, unauflösbar verknüpft. Der erste 
Versuch dieses edlen Mannes, einen blinden Knaben namens Jakob 
Braun aus Brück a. L. zu unterrichten, fällt in das Jahr 1804. Dieser 
Unterricht geschah nach einer »selbst ausgedachten Methode«. »Denn 
da zur damaligen Zeit« sagt Klein, »außer dem durch Haüy in Paris 
errichteten Blindeninstitute, noch keine andere Anstalt dieser Art 
vorhanden war, in welcher alle gewöhnlichen Lehrgegenstände für 
Blinde anwendbar gemacht werden, ich aber die Pariser Anstalt näher 
kennen zu lernen, keine Gelegenheit hatte, so war ich genötigt, in 
den meisten Fällen die Hilfsmittel zu diesem neuen Unterricht selbst 
zu erfinden und mich so nach und nach dem vorgesteckten Ziele zu 
nähern. Die guten Anlagen dieses ersten Zöglings und die schnellen 
Fortschritte desselben gestatteten, diesem Versuche eine weitere Aus- 
dehnung zu geben und eine Probe aufzustellen, wie weit Blinde über- 
haupt unterrichtet werden können.« 




K. k. Blinden-Erziehungs-Institut in Wien II. 

Anmerkung: Die diesem Artikel beigegebenen Abbildungen verdanken wir dem 
freundlichen Entgegenkommen der betreffenden Anstaltsdirektionen. Die Schriftl. 



Seite 78. 



Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 



7. Nummer. 




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7. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 79. 

Im Jahre 1808 wurde Klein in den Stand gesetzt, sich seiner 
Aufgabe ausschließlich zu widmen. Es wurden ihm mehrere blinde 
Kinder auf öffentliche Kosten übergeben, die Anstalt erhielt einen 
eigenen Fond und ein Haus mit Hofraum und Garten. Achtjährige 
aufopferungsvolle Arbeit Kleins und die Förderung der jungen 
Institution durch die Behörden ließen aus diesen Anfängen das 
»K. k. Blinden-Erziehungs-Institut in Wien« erstehen. 

Wir haben in J. W. Klein nicht nur den Gründer der ersten 
Blindenbildungsanstalt zu sehen, die er während einer vierzigjährigen 
Direktionstätigkeit zu hoher Entwicklung brachte, sondern auch den 
Begründer einer Blindenunterrichtsmethode, die heute noch zum großen 
Teile in Geltung steht. Sein 1819 erschienenes »Lehrbuch zum Unter- 
richte der Blinden« gibt Zeugnis davon. Ebenso der von ihm her- 
rührende Grundstock des Blindenmuseums. Aber Klein wurde außerdem 
auch der Schöpfer einer modernen Fürsorge für die erwachsenen 
Blinden. Konnte er auch in dieser Beziehung seine Gedanken nicht 
ganz nach Wunsch verwirklichen, so schuf er doch mit der »Ver- 
sorgungs- und Beschäftigungsanstalt für erwachsene Blinde 
in Wien« (1829) ein heute noch bestehendes Werk, welches sich so 
vortrefflich seiner früheren Gründung anreihte, daß man später 
Avenigstens inbezug auf einen Teil der Blinden mit Recht von einer 
»Fürsorge von der Wiege bis zum Grabe« sprechen konnte. 

Die Gründungen des Blindenvaters J. W. Klein blieben mehr 
als ein halbes Jahrhundert die einzigen Fürsorgeeinrichtungen für 
Blinde in Niederösterreich und wurden für die Errichtung ähnlicher 
Anstalten in anderen Kronländern richtunggebend. Erst mit der Ver- 
allgemeinerung des Volksschulbildungswesens seit dem Jahre 1869 
erwachte das Interesse für die Blindenbildung von neuem. Nach der 
Errichtung des »Isr. Blindeninstitutes in Wien«, das, wie einst 
die Anstalten Kleins, sein Erstehen der privaten Wohltätigkeit verdankt, 
griff zum erstenmale ein öffentlicher Faktor in das Blindenfürsorge- 
wesen ein, die n. ö. Landesverwaltung. Im Jahre 1873 errichtete diese 
Behörde, welche es sich mit dem Beschlüsse vom 25. November 1872 zur 
Aufgabe stellte,»jedes arme blinde Kind auf Kosten des Landes erziehen zu 
lassen«, die Landes-Blindenschule in Ober-Döbling bei Wien und baute sie 
in großzügiger Weise zu der heutigen »N. ö. Landes-Bündenanstalt 
in Purkersdorf« aus. Mit Stolz kann das Land Niederösterreich auf 
diese Schöpfung hinweisen, denn heute wird durch eine von der 
Landesverwaltung und der Schulbehörde veranlaßte Schulbeschreibung 
blinder Kinder nicht nur eine genaue Statistik der schulpflichtigen 
Blinden geführt, sondern es ist auch die Möglichkeit geboten, allen 
unterrichtsfähigen blinden Kindern des Landes in der genannten 
Anstalt den Segen eines gedeihlichen Unterrichtes, einer entsprechenden 
Erziehung und einer beruflichen Ausbildung zuteil werden zu lassen. 

Dem Beispiele der Landesverwaltung folgend, nahm die Gemeinde 
Wien mit der Einrichtung einer Schulabteilung für blinde Kinder 
(1884) angegliedert an eine Volksschule, ein Werk in Angriff, das 
allerdings in den Anfängen stecken blieb, denn dieses Externat wurde 
nicht ausgebaut und umfaßt auch heute noch nur eine Klasse, in 
welcher blinde Kinder aller Altersstufen sitzen. Einen weit sfrößeren 



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Zeitschrift für das österreichische BHndenwesen. 7. Nummer. 




7. Nummer. 



Zeitschritt für das österreichische Blindenwesen. 



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Seite 82. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 7. Nummer. 

Erfolg erzielte der Verein von Kinder- und Jugendfreunden, indem er 
im Jahre 1885 ein »Asyl für blinde Kinder in Wien« erstehen 
ließ, welches bis heute die kindergartenmäßige Vorbildung blinder 
Kinder in tadelloser Weise besorgt. 

Ist mit den angeführten Bildungsanstalten eine ausreichende 
Vorsorge für die Erziehung, den Unterricht und die berufliche Aus- 
bildung blinder Kinder in Niederösterreich getroffen worden, so haben 
die letzten fünfundzwanzig Jahre ebenso reiche Früchte auf dem Gebiete 
der Fürsorge für erwachsene Blinde reifen lassen. 

Vor allen wurde durch die Errichtung der »Anstalt für Später- 
erblindete in Wien XIX« (1898) jener Unglücklichen gedacht, 
welche eine entsprechende Ausbildung in einem Blindenberufe in den 
Unterrichtsanstalten nicht genießen können und dann der blinden 
Mädchen, indem das »M. Przybram'sche Blindenmädchenheim 
in Wien XIII« (1891) und das »Mädchen-Blindenheim »Elisa- 
bethinum« in Melk a. D.« erstanden. Moderne Ideen zur Ver- 
besserung der Erwerbsmöglichkeiten arbeitsschwacher männlicher Blinder 
kamen zur Verwirklichung bei dem im Jahre 1896 eröffneten »B linde n- 
Arbeiterheim in Wien XIII« und durch die Einrichtung der 
»Offenen Werkstätte der Produktivgenossenschaft blinder 
Bürstenbinder und Korbflechter in Wien VIII«. Den Blinden 
geistiges Brot zu bieten, eröffneten die »Leihbibliothek des k. k. 
Blinden-Erziehungs-Institutes in Wien« (1895) und die »Zentral- 
bibliothek für Blinde in Österreich, Wien I« (1903) ihre Pforten. 
Hiezu kam als notwendige Ergänzung die »Musikalien-Leih- 
bibliothek in Wien V« (1906). 

Es wäre noch der stattlichen Anzahl von Vereinen zu gedenken, 
die sich zur Herbeischaffung der Mittel für Gründung und Erhaltung 
der genannten Anstalten in Wien und Niederösterreich bildeten. Aus 
ihnen seien nur der »I. öst. Blindenverein in Wien VIII« und der 
»Blinden -Unterstützungsverein »Die Purkersdorfer« in 
Wien V« hervorgehoben, weil in diesen die Blinden sich zur Selbst- 
hilfe zusammengeschlossen haben und der »Zentralverein für das 
öst. Blindenwesen« welcher gegenwärtig Vertreter nahezu aller 
österreichischen Blindenbildungs- und Fürsorgeanstalten, wie Fürsorge- 
und Blindenvereine umfaßt und nunmehr seinen Sitz in Wien hat. 

Wie stark sich die Anziehungskraft Wiens durch sein vor- 
geschrittenes Blindenbildungs- und Fürsorgewesen nicht nur auf die 
österreichischen Kronländer, sondern auch auf das Ausland, namentlich 
auf Deutschland äußerte, mit welchem die österreichischen Fachleute 
heute wie früher in innigster Verbindung stehen, zeigt die Abhaltung 
des »I. und XIII. internationalen Blindenlehrerkongresses« in 
den Jahren 1873 und 1910. 

Es würde zu weit führen, die Arbeit der durch lange Jahre an 
der Spitze der niederösterreichischen Anstalten gestandenen und 
heute noch stehenden Fachmänner wie Klein, Pablasek, Meli, 
Heller, Libansky u. a. auf den verschiedenen Gebieten der Blinden- 
bildung und Fürsorge eingehender zu würdigen. Der Ruf dieser Namen, 
welcher weit über die Grenzen Österreichs hinausgedrungen ist, gibt 
Zeugnis_^von dcr^Bedeutung^ihrer Träger im Blindenwesen. 



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7. Nummer. 



Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 



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Zeitschrift für das österreichische Bhndenwesen. 



7. Nummer. 



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Wie wir aus vorstehenden übersichtlichen Ausführungen ersehen, 
ist der Anteil Wiens und Niederösterreichs an der Entwicklung des 
österreichischen Blindenwesens ein großer und entscheidender gewesen. 
Das Stammland der Monarchie ist heute der Sitz von 6 Anstalten, 
3 Bibliotheken und 10 Vereinen. Fast alle Systeme von Bildungs- 
und Fürsorgeeinrichtungen für Blinde sind vorhanden. Schon aus dieser 
Tatsache erhellt die Bedeutung Niederösterreichs auf diesem Gebiete. 



7. Nummer. 



Zeitschrift für das österreichische Blindemvesen. 



Seite 85. 



Im Bewußtsein, an der Spitze aller Kronländer zu stehen, ist es nicht 
nur zur Wiege der österreichischen Blindenfürsorge geworden, sondern 
bildet auch heute den Mittelpunkt derselben. K. B. 




Maria Theresia von Paradis. 

Ein Gedenkblatt. 
Von Emanuel Scheib, Fachlehrer am Privat-Blindeninstitute in Linz a. D. 
Am 15. Mai d. J. sind es 155 Jahre gewesen, daß Maria Theresia 
von Paradis das Licht der Welt erblickte. Sie war die Tochter des 
österreichischen Regierungsrates JosefAnton von Paradis, der, am 
24. Juli 1733 geboren, sich außer seiner verdienstlichen Beamten- 
laufbahn auch literarisch betätigte. Er ist der Verfasser der Ver- 
teidigungsschriften der im Jahre 1768 bestandenen Theatralunter- 

Anmerkung: Die vortrefiliche Aufnahme der im Pri v. Blindeninstitute in Linz 
befindhchen Büste von Maria Theresia von Paradis verdanken wir der ganz be- 
sonderen Güte des Herrn K. Steinparze r, akad. Maler und Photograph m Lmz a. D. 



Seite 86. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 7. Nummer, 

nehmung wie auch einer Übersetzung von Kornbeks »Memoire sur 
une decouverte interressante pour la conversation des vaisseaux«. 
Es ist bedeutungsvoll für des Mädchens ganzes späteres Leben, daß 
ihr schon in der Wiege kaiserliche Huld zuteil wurde. Das Bestreben 
Kaiserin Maria Theresias, verarmte, adelige Familien zu unterstützen, 
dürfte der Grund sein, daß diese edle Herrscherin an dem Kinde die 
Taufpatenstelle übernahm. Doch nicht lange konnte es das Glück 
seines Augenlichtes genießen. Kaum 2 Jahre 11 Monate alt, verlor 
es sein Sehvermögen, sei es nach einer zweckwidrigen Behandlung 
eines Hautübels oder infolge eines plötzlichen Schreckens. Man erzählt 
nämlich, es sei im Hause ihres Vaters eines Nachts ein entsetzliches 
Geschrei: »Feuer, Diebe, Mörder« erhoben worden, worauf der Vater 
in höchster Bestürzung Mutter und Kind verlassen und nach Degen 
und Fistole gegriffen habe; das Kind aber sei sogleich erblindet. Nun 
wandte sich das Innenleben des Kindes ganz der so reichen Welt der 
Töne zu. Durch die häufigen Besuche von Kirchen wurde ihr ungemein 
empfänglicher Sinn für den Gesang und die Musik überhaupt geweckt. 
Die freudig aufmerksam gewordenen Eltern ließen sie nun in Gesang 
und Klavier unterrichten. 

Damals hatte auf die Entwicklung des Klavierspieles neben 
Mozart niemand anderer größeren Einfluß ausgeübt als Leopold 
Kozeluch, der auch ihr Lehrer wurde. Er studierte zuerst in Prag 
Philosophie, wandte sich aber dann ganz der Musik zu. Durch sein 
geschmackvolles Spiel und treffliche Lehrmethode wurde er selbst 
in den höchsten Kreisen als Lehrer gesucht. Kaiser Josef II wählte 
ihn zum Musiklehrer für Erzherzogin Elisabeth, erste Gemahlin des 
nachmaligen Kaisers Franz II , der ihn nach Mozarts Tode an dessen 
Stelle zum k. k. Hofkapellmeister und Hofkompositeur ernannte. Ihm 
verdankt auch das Pianoforte sein Aufkommen. So nahm er keinen 
Schüler an, der sich nicht auch zu einem Fortepiano entschließen wollte. 

Maria Theresia von Paradis machte so große Fortschritte, daß 
sie als elfjähriges Kind in der Augustinerkirche in Wien als Sopra- 
nistin Pergolese's »Stabat mater« sang und sich selbst auf der Orgel 
begleitete. Alles war aufs tiefste ergriffen und voll des Staunens, 
Kaiserin Maria Theresia, die in einer Loge Gesang und Spiel mit 
angehört hatte, verlieh ihrem Patenkinde eine Pension von jährlich 
200 Gulden zu weiterer Fortbildung. So wurde sie nunmehr auch in 
Sprachen, Geographie nnd Geschichte unterrichtet, rechnete vorzüglich 
und lernte schließlich auch ihren Gedanken schriftlichen Ausdruck zu 
geben. Der berühmte Mechaniker und Erfinder der Schachmaschine 
von Kempelen, der überdies auch dramatischer Dichter war, verfiel 
auf den Gedanken, dem blinden Fräulein Typographie zu lernen. Er 
schnitt zuerst lateinische Lettern aus Pappendeckel, dann unterrichtete 
er seine Schülerin in der Kenntnis der einzelnen Buchstaben und im 
Buchstabieren. Als sie darin völlig bewandert war, verehrte er ihr 
einen förmlichen Druckereiapparat, nämlich einen kleinen Kasten mit 
Lettern und einer Presse. Voll Eifer und dankerfüllten Herzens machte 
sie sich ans Werk und druckte bald darauf an ihren Wohltäter, dem 
sie zeitlebens dankbar war, folgenden Brief: 

»Wohlgeborner, hochzuverehrender Herr! Hier sehen Sie die 
Erstlinge, wodurch Sie ihre blinde Schülerin bis zum möglichsten Grade 



7. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 87. 

beseligt und, beinahe möchte ich sagen, mit einem Sinne bereichert 
haben. Ich fühle, wie ich soll, die Wichtigkeit ihrer ausnehmenden 
VVolilthat. Es sind aber Empfindungen, die in der Tiefe meines Herzens 
liegen und durch das Gewühl der Freude und überströmenden Dank- 
barkeit sich nicht zum Munde emporarbeiten können. Wäre gleich 
meine Denkungskraft in ordentlicher Reihung der Gedanken und in 
der Stärke des Ausdruckes wirklich schon geübter, als es zur Zeit 
noch nicht ist, so würde ich doch immer nur eine matte Schilderung 
meiner innerlichen Regungen darlegen. Möchte ich vielmehr eine Welt 
versammeln können, um ilir das rührendste Schauspiel zu zeigen, wie 
Ihnen, mein theuerster Wohlthäter, eine menschenfreundliche Thräne 
im Auge zittert, indem Sie die ersten Charaktere lesen, die Sie mich 
durch ihre unvergeßliche Sorgfalt selbst zusammenzusetzen gelehrt 
haben ! Das Bewußtsein, sich als Urheber von dem geschaffenen Glücke 
eines Mädchens zu sehen, dem die Vorsicht eines der wichtigsten 
Sinne versagt hat, muß einem Manne von Ihrer edlen Denkungsart 
der einzige und größte Lohn sein. Erlauben Sie mir überdies, Sie als 
meinen zweiten Vater zu verehren. Ich habe keine erhabeneren Begriffe, 
als von dem Namen eines Vaters, und nur unter diesen wird ihres 
theuersten Geschenkes sich ewig erinnern Ihre glücklichste, dankbarste 
Tochter M. T. Paradis. Wien, den 15. Junius 1779.« 

Dieser Brief, den die junge Dame im Alter von zwanzig Jahren 
geschrieben, zeigt gleichzeitig ihre hohe geistige Entwicklung und Ihre 
Ausdrucksweise. ÜlDerhaupt erschienen all ihre Kenntnisse und Fertig- 
keiten der damaligen Zeit begreiflicherweise wie ein Wunder, denn 
der Blinde schien ja nur ausersehen zu sein, vom Mitleid ernährt zu werden. 

Zeitgenossen berichten folgendes: Sie ging in dem von ihr be- 
wohnten Hause so sicher wie eine Sehende umher, verfertigte Spitzen, 
schob gerne und niclit ohne Glück Kegel ; sie liebte das Theater 
leidenschaftlich und trat selbst in Liebhabertheatern mit viel Beifall 
auf. Auch tanzte sie, besonders in jüngeren Jahren, kunstreiche Menuette, 
bie bemerkte die Annäherung fremder Personen und urteilte richtig 
über deren Entfernung, Form und Größe. Beim Eintritt in ein fremdes 
Zimmer, in dem sie noch nie gewesen, wußte sie gleich, ob es groß 
oder klein wäre; war sie bis in der Mitte desselben angekommen, 
konnte sie auch seine Form angeben. Auf der Straße bemerkte sie 
es gleich, wo eine Seitengasse kam, gab die Fensterzahl der Häuser 
an, im Freien unterschied sie Gebäude, Bäume und Gärten und ob 
letztere mit Planken oder Staketen umgeben waren. Die Stoffe und deren 
Farbe zu ihrer Kleidung wählte sie immer selbst. Mit besonderer 
Vorliebe besuchte sie das kaiserliche Antiken-Kabinett, wo sie mittels 
ihres feinst ausgebildeten Tastsinnes ihren Schönheitssinn an Büsten, 
Gegenständen aller Art, wie an Münzen bilden konnte. 

Während sie ihre Sprachstudien in Französisch und Italienisch 
wie auch den Unterricht in Geschichte und Geographie mit bestem 
Erfolge fortseszte, betrieb sie noch vor allem Klavierspiel und Gesang, 
beides in virtuoser Weise. Insbesondere zogen ihre selbständigen, 
musikalischen Kompositionen das Interesse der Kunstwelt auf sich. 

Zu dieser Zeit erregte Mesmer durch seine Inaugural-Dissertation : 
»De planctarum infiuxu« und später durch die Lehre von dem tierischen 



Seite 88. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 7. Nummer. 

Magnetismus ungeheuere Sensation, umsomehr, als es ihm gelang, 
nach dieser Methode einige gelungene Kuren auszuführen. Maria 
Theresia von Paradis litt an schwarzem Star, außerdem noch an 
konvulsivischen Bewegungen in den Augen ; auch soll ihr ein hart- 
näckiges Leber- und Milzleiden große Schmerzen verursacht haben. 
Der kaiserliche Leibarzt Freiherr von Störck behandelte sie durch 
zehn Jahre und erklärte schließlich ihr Übel für unheilbar. Nun erbat 
sich Mesmer, sie durch den tierischen Magnetismus zu heilen. Er 
nahm sie nebst zwei anderen blinden Mädchen in sein Haus auf. 
Schon nach einigen Monaten soll er sie auf einem entschiedenen Weg 
der Besserung gebracht, ja geheilt haben, was allerdings von anderer 
Seite aufs heftigste bestritten wurde. Mesmer schreibt in seiner 
»Darstellung des tierischen Magnetismus« :■ »Die ganze medizinische 
Fakultät überzeugt sich von dieser Tatsache und der Vater der Ge- 
heilten zögert nicht, die an seiner Tochter vollführte Wunderkur in 
allen öffentlichen Blättern Europas gebührend und dankbar bekannt 
zu machen.« Um so auffallender ist es. daß die Eltern, nachdem 
Freiherr von Störck und Professor der Augenheilkunde und Star- 
operateur Barth erklärt hatten, sie sehe nichts, ihr Kind zurückver- 
langten. Nachdem sich diese aber wiederholt weigerte und es mit 
ihrer Mutter zu einer heftigen Szene kam, drang Herr von Paradis 
mit einem Degen in der Hand ins Ordinationszimmer nnd forderte 
sein Kind zurück. Das Fräulein blieb trotzdem. Wahrscheinlich 
war es die schließlich leicht zu verstehende Sehnsucht, die immer 
stärker werdende Hoffnung, das Sehvermögen zu erhalten. Endlich 
kam unterm 2. Mai 1777 durch den Leibarzt der Kaiserin die Ver- 
fügung, »mit diesem Betrüge ein Ende zu machen«. Halb Europa 
war in dieser Angelegenheit interessiert. Mesmer behauptete schließlich, 
sie stelle sich nur blind, — da er sie doch geheilt — um die von der 
Kaiserin bewilligte Pension behalten zu können. Doch seine Niederlage 
war so völlig, daß er Wien verlassen mußte. Nach fast halbjahriger Ab- 
wesenheit kehrte das unglückliche Mädchen wieder zu ihren Eltern zurück. 
Im Jahre 1784 trat sie, 25 Jahre alt, mit ihrer Mutter eine 
Konzertreise nach Deutschland und der Schweiz an. Ihr virtuoses 
Spiel; ihr ungemein rührender Gesang und der Ausdruck, den sie in 
jeden Ton zu legen wußte, ergriff wundersam alle Gemüter. Sic wurde, 
wo sie nur auftrat, der Mittelpunkt der Gesellschaft, wo sie unter 
Gelehrten, Musikern, Dichtern und Staatsmännern durch ihre geistreichen 
Gespräche und ihr vornehmes Auftreten ihr Unglück leicht vergessen 
machte. Der glänzende Erfolg ermutigte sie 1785, versehen mit einer 
Empfehlung ihrer kaiserlichen Taufpatin an deren Tochter Königin 
Maria Antoinette, zu einer Reise nach Paris. Hier erhielt sie ebenso 
herzliche wie ausgezeichnete Beweise kaiserlicher Huld und Gnade, daß 
die Pariser Gesellschaft sich zu überbieten suchte, sie in ihren Salons 
zu hören. Dabei sah und hörte sie auch der Arzt Valentin Hauy und 
es ist ja zu bekannt, daß Maria Theresia von Paradis wenn nicht 
gerade die einzige Ursache, so doch der letzte Anstoß sein sollte, 
daß im selben Jahre noch die erste Blindenanstalt der Welt gegründet 
wurde. Nach einem ungefähr halbjährigen Aufenthalte reiste sie mit 
Empfehlungsschreiben ersten Ranges an die Königin von England, 
die Minister und andere angesehene Persönlichkeiten nach London, 



7. Nummer. 



Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 



Seite 89. 



spielte wiederholt vor der königlichen Familie und genoß die aus- 
gezeichneste Behandlung. Sie spielte auch im Carlton house, wo sie 
der damalige Prinz von Wales, der nachmalige König Georg IV., mit 
dem Violoncell begleitete, im Panthenon und in anderen großen 
Konzerten. Die bedeutendsten Männer, wie die großen deutschen 
Virtuosen Abel, Salomon und Fischer wetteiferten, ihr gefällig zu sein. 
Im Frühjahre 1786 mußte sie wegen des ungünstigen Klimas England 
wieder verlassen. Sie begab sich nun nach Brüssel, wo sie ebenfalls 
bei Hofe spielte und vollsten Beifall erntete. Besonders als sie zum 
erstenmale die von dem erblindeten deutschen Dichter Pfeffel für sie 
gedichtete Kantate, von ihr in Musik gesetzt, zur allgemeinen Rührung 
sang. Des heute etwas eigen anmutendenTextes halber, sei diese mitgeteilt: 



Ich war ein kleines Würmchen, 
Noch kaum vier Spannen groß 
Und pickt' in einer Laube 
An einer gold'nen Traube 
Auf meiner Mutter Schoß. 

Da stieg ein schwarzer Drache 
(Die Mutter sah ihn nicht) 
Aus einer faulen Pfütze 
Und blies, wie fahle Blitze 
Sein Gift mir ins Gesicht. 

Da ward es plötzlich dunkel 
Und einsam um mich her: 
Es konnten meine Augen 
Kein Licht mehr in sich saugen 
Die Sonne schien nicht mehr. 

O Mutter, liebe Mutter! 
Rief ich der Guten zu. 
Und hing an ihrer Wange: 
Wie bang ist mir, wie bange ! 
Wo bin ich, wo bist du ? 

Sie netzte mich mit Tränen, 
Rief den im Himmel an. 
Bat Menschen mir zu helfen, 
Und keiner konnte helfen 
Von allen die mich sahn. 

So schlich ich lang im Finstern 
An ihrer Hand umher. 
Entwöhnt vom bunten Tande, 
Fand nie mein Geist die Bande, 
Worin er lag, zu schwer. 

An einem Feste Gottes, 
Als ich ein Lied ihm sang, 
Da hört' ich Flügel schwirren, 
Und eine Stimme girren. 
So sanft wie Flötenklang. 

Sie sprach: Ich bin der Engel 
Der süßen Harmonie, 



Der oft den Menschenkindern, 

Des Lebens Gram zu lindern. 

Schon seine Harfe lieh. 

Du kennest mich; auf Erden 

Hieß ich Cäcilia, 

Mein Lob sang Popens Laute 

Und Seher Franklin baute 

Mir die Harmonica. 

Heil dir! Zu deinem Tröste 

Bin ich herabgesandt. 

Sie faßt mir Hand und Kehle, 

Und eine neue Seele 

Durchströmte Kehl' und Hand. 

Sie schied. Auf meinem Schöße 

Fand ich ein Saitenspiel ; 

Sein Laut verdräng mein Leiden, 

Mein Busen schmolz in Freuden 

Und Harmonie, Gefühl. 

Einst spielt' in dem Tempel 

Das heil'ge Meisterstück 

Des großen Pergolese; 

Da hörte mich Therese 

Und sorgte für mein Glück. 

O lebte sie ! Doch schweige, 

Mein allzuschwacher Schmerz ! 

Fand ich in Süd und Westen 

Nicht Menschen, die mich trösten, 

Nicht Balsam für das Herz? 

Süß ist's, wenn seine Zymbel 

Ins Mark der Seele dringt 

Und dann ein edler Hirte 

Der Völker, eine Myrte 

Mir um den Scheitel schlingt. 

Doch süßer, traute Freunde, 

Ist euer Händedruck, 

Sind eure sanften Tränen, 

Ja diese, diese krönen 

Mich mehr, als Perlenschmuck. 



Seite 90, Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 7. Nummer. 

Noch im selben Jahre errang sie auch in BerHn laute, nnbestrittene 
Erfolge und kehrte endlich nach zweijähriger Abwesenheit ruhmgekrönt 
nach Wien zurück. Kaiser Josef beschied sie zur Audienz und entließ 
sie nach einem längeren Gespräche über ihre Reise und Lebensver- 
hältnisse mit folgenden Worten: »Ich freue mich, ihre persönliche 
Bekanntschaft gemacht zu haben, nachdem ich sie als Komponistin 
schon lange kenne. Ich wünsche nichts mehr, als daß unsere Wiener 
Damen, die kein gleiches Hindernis wie sie zu besiegen haben, eben 
soviel Bildung und ein so reiches Wissen besäßen. Meine Mutter war 
Ihre wohlwollende Freundin. Wenn sie je meiner bedürfen sollten, 
so vergessen sie nicht, daß der jetzige Kaiser ihr Sohn und Erbe ist.« 

Fortan lebte Maria Theresia von Paradis bis an ihr Lebens- 
ende in Wien. Im Gegensatze zu Fräulein Josef a Auernhaimmer — 
ebenfalls eine berühmte Pianistin ihrer Zeit — konzertierte sie nur 
noch einigemale öffentlich, in den Jahren 1786 und 1790 in den 
Tonkünstler-Akademien. Dafür widmete sie sich ganz der Komposition 
und dem Unterrichte. Sie hatte schon früher einige tüchtige Klavier- 
spielerinnen durch freundschaftlichen Unterricht herangebildet, ent- 
schied sich aber nach dem Tode ihres Vaters eine Musikschule zu 
gründen. Hier lehrte sie nicht nur Klavierspiel sondern auch Gesang 
und Generalbaß. Die auserlesene Zuhörerschaft, die sich zu den 
Schulervorführungen einfand, konnte nicht genug über die Leistungen 
der Spielenden staunen. Selbst Mädchen von 9 bis 11 Jahren spielten 
die schwersten Sonaten mit großer Fertigkeit, Reinheit und einem 
Andruck, daß alle Erwartungen übertroffen wurden. Fräulein von Paradis 
lehrte aber auch mit beispielloser Geduld und unermüdlichem Fleiße, 
Den Begriff der Noten und ihrer Zeichen, wie wir sie schreiben, 
erhielten sie durch ausgeschnittene Noten von Kartonpapier, die mit 
schwarzen Papier überzogen und auf gleiche Weise auf gepappte fünf 
Linien mit Leim befestigt waren. Mit diesen erhabenen und zum 
Tasten geeigneten Noten gab sie den ersten Unterricht. 

Ludwig August Frankl zählt in seiner Biographie »Maria Theresia 
von Paradis« folgende musikalische Schöpfungen auf: 

»Zwölf Lieder, auf ihrer Reise in Musik gesetzt«, 1786 in Leipzig 
erschienen; im gleichen Jahre das Fantasiestück für Klavier: »An 
meine entfernten Lieben«. Vier »Clavier-Sonaten« waren schon früher, 
im Jahre 1778, in Amsterdam erschienen. In Wien veröffentlichte sie 
»Bürgers Leonore«, melodramatisch vom Klavier begleitet, 1790; ein 
einaktiges Drama: »Ariadne und Bachus«, zu dem ihr Reisebegleiter 
Johann Riedinger den Text geliefert hatte; es wurde 1790 im 
National-Theater mit großem Erfolge aufgeführt; mit nicht minderem 
Erfolge ein Jahr später die Operette: »Der Schul-Candidat«. In Paris 
erschienen 1791 : »Zwölf Sonaten für Ciavier«, in zwei Heften. Im Jahre 
1792 gab sie in Wien eine »Trauer-Cantate auf den Tod Leopold's des 
Gütigen« heraus. Das National-Theater brachte zum Besten der Soldaten- 
witwen eine große Kontate von ihr zur Anhörung, unter dem Titel: 
»Deutsches Monument Ludwig's des Unglücklichen am ersten Jahres- 
tage des Todes Ludwig's des XVI. Eine Oper von ihr: »Rinaldo und 
Alcina«, kam im Jahre 1797 in Prag zur Aufführung, 

Die Beurteilung all' ihrer Werke zeigt große Verschiedenheiten, 
Während nach damaligen Berichten die Kompositionen reichsten Beifall 



7. Nummer. Zeitschritt für das österreichische Blindenwesen. Seite 91. 

fanden, — so stand in der »allgemeinen musikalischen Zeitung«, 
April 1810, von ihren Cantaten und Opern: ». . . . alles Werke, die 
Geist und Kunst verraten. Besonders zu rühmen ist darin die Führung 
des Gesanges und der Reichtum an Melodien — schreibt Caroline 
Pichler in ihren »Denkwürdigkeiten«, daß sowohl Fräulein von Paradis 
wie auch die Komponistin Marianne Marti nez (geb. 1740, gest. 1812) 
»sich nicht über, ja kaum an das Mittelmäßige« erhoben hätten. 

Nach einem fast 65 jährigen, reichen Leben starb sie am 
1. Februar 1824 im Hause »zum Schab' den Rüssel« in der Rothen- 
thurmstraße. In dem Kästchen, das ihr berühmtes Tagebuch enthält, 
befindet sich auch ihr Testament, datiert vom 21. Jänner 1821, das 
Ludwig August Frankl der Linzer Privat-Blindenlehranstalt zur »Auf- 
bewahrung« gewidmet hat. Sie bestimmt darin, daß »mein entseelter 
Körper christkatholischem Gebrauche nach, und zwar in das Grab 
meines Vaters am Kirchhofe außer der St. Marxer Linie znr Erde 
bestattet« werde, ferner daß eine heilige Messe gelesen werde, wofür 
der Priester 20 Gulden erhalten soll. Nachdem dem Armeninstitute 
und dem Normal-Schulfonde je 5 Gulden zugesprochen wurden, ge- 
denkt sie großmütig ihrer Wirtschafterin, Marie Anna Diwald, und 
deren Nichte, der Küchenmagd und ihres Dieners. Ihrem Oheim, 
Christoph Levasori Della-Motta vermachte sie 200 Gulden, ihrem 
Cousin Franz Xaver Levasori Della-Motta, dem die Linzer Anstalt 
die Überlassung der Büste und des Tagebuches der Verschiedenen 
zu danken hat, 100 Gulden. Zum Universalerben ernennt sie aber 
den Hauptzollamts-Expedientcn Johann Riedinger, »weil er auf 
meiner musikalischen Reise mich und meine Mutter begleitete, als ein 
uns ganz fremder Mann unser Bestes ohne allen Eigennutz besorgte, 
nach meiner Eltern Tode aber sich für mein Wohl ganz aufopferte, 
auch seit mehreren Jahren zu unserer gemeinschaftlichen Haushaltung 
und an den eingeschafften und nun vorhandenen Möbeln, Effekten 
und Fahrniße die Hälfte beitrug«. 

Leider ist uns ihr Grab nicht erhalten geblieben. Aber auch ein 
anderes Grab ist im selben Friedhofe verschollen, das Grab eines 
warmen, teilnehmenden Verehrers ihrer Kunst: Wolfgang Amadeus 
Mozart. 

Ludwig August Frankl. 

Von Siegfried Altmann, Lehrer an der isr. BHndenanstalt in Wien XIX. 

Genau zwei Jahrzehnte sind dahingegangen, seit Ludwig August 
Frankl sein Auge zum Todesschlummer geschlossen hat, — er, der zu 
den populärsten Gestalten gehörte, von dem aber die Gegenwart kaum 
mehr als den Namen kennt. Ereignisreich war der Zeitraum, den sein 
Leben, dessen hervorragendsten Momente jetzt an unserem Blick vorüber- 
gehen sollen, durchmaß. 

Frankls Wiege stand in Chrast, einem kleinen, böhmischen 
Bischofstädtchen, das in jenen Gegenden des Elbegebietes liegt, deren 
Landschaft das Entzücken eines Landmannes und eines Landschafters 
bilden kann. Liebliche Gefilde wechseln mit Wald und Auen reich ab, 
die Fernen — weit und lohnend — weisen mäßige und begrünte Ge- 



Seite 92. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 7. Nummer. 

birgsketten auf. Das ganze Bild bietet viel äußere Anregung und wer 
da den Trieb nach künstlerischer Betätigung in sich trägt, der kann 
hier unvergängliche Eindrücke sammeln. In solcher Umgebung verlebte 
der Dichter die Kindheit in glücklichen, u^enn auch bescheidenen Ver- 
hältnissen. Des Dichters Vater zählte zu jenen Männern, »deren frommer 
Wunsch es ist, das, was ihnen selbst abgegangen, an den Söhnen 
realisiert zu sehen«. Zur näheren Charakteristik der Eltern sind die 
Momente spärlich gegeben, doch läßt das wenige, das aus deren Leben 
mitgeteilt wird, auf ein reiches Gemütsleben und auf eine tiefgründende 
Religiosität schließen. 

Den ersten Unterricht erhielt der Knabe im Hause der Eltern, wo 
er neben der deutschen auch die tschechische Sprache erlernte. Durch 
einen Hauslehrer und katholischen Pfarrer in den literarischen Gegen- 
ständen wohl vorbereitet, wurde er zu Ende 1823 Schüler des Piaristen- 
gymnasiums in Prag, wo er durch seine historischen und stilistischen 
Aufgaben — freilich aber immer wieder nur durch diese — die 
Aufmerksamkeit seiner Lehrer aul sich lenkte. Doch der Ernst des Lebens 
pochte schon in der allernächsten Zeit an der Tür des Jünglings an. 
Nach dem 1825 erfolgten Tode seines Vaters sollte er als ältester Sohn 
Leiter im Geschäfte — einem Tabakdistriktsverlag — werden. Da aber 
dieser Plan zu Frankls Freude keine feste Gestalt annahm, so ging er, 
sich selbst überlassen, nach Leitomischl, um am dortigen Lyceum 
Philosophie zu hören. Schon der Sommer des folgenden Jahres bildete 
einen entscheidenden Wendepunkt in Frankls Leben. Auf einer Ferien- 
reise nach Wien übergab er dem Freiherrn von Hormayr ein episches 
Gedicht »Jan Pancir«, durch dessen Abdruck im »Archiv 1828« dem 
jungen Poeten der Weg in die Literatur gebahnt war. 

Unter poetischen Beschäftigungen und historischen Arbeiten voll- 
endete er jetzt eifrig die vorbereitenden Studien und als es galt, ein 
bestimmtes Fach als Lebensberuf zu wählen,e ntscloß er sich zur Medizin. 
Im Herbste des Jahres 1828 bezog Fr an kl die Wiener Universität. 
Beständig mit Not und Armut ringend — wie es ja eigentlich schon 
selbstverständlich ist, daß die »goldene Jugendzeit« berühmter Männer 
von Bitternissen erfüllt sein muß — waren es nur der Glaube an sich 
selbst und die Kraft seines unbeugsamen Charakters, die ihn so aufrecht 
erhielten. Wie ganz ihn auch der Kampf ums Dasein in Anspruch 
nehmen mochte, die Freude am Schönen und Großen konnte in dem 
jungen, feurigem Herzen nicht getötet werden. Die Lust zum Fabulieren 
war nun einmal geweckt und der Funke des poetischen Schaffens glomm 
fort und fort — bis der Genius prächtig in dem Gedichte »Das Habs- 
burglied«, einer chronologischen Folge historischer Balladen, hervorbrach. 
Das Buch zeigt unverkennbar Frankls kräftige Anlagen, führte ihn 
bald in die besten Kreisen ein und brachte ihn mit vielen hervorragenden 
Persönlichkeiten in Verbindung, von denen er ganz besonders Hammer- 
Purgstall, der ihm auch zum Studium orientalischer Sprachen anregte, 
kennen und schätzen lernte. In kurzen Zwischenräumen erschienen dann 
»Epische und lyrische Dichtungen« und »Morgenländische Sagen«. Mit 
jedem Schritt, den er machte, läuterte sich sein dichterisches Schaffen; 
das rhetorisch Phrasenhafte, das Überschwängliche verlor sich immer 
mehr, bis es ihm gelang, ein reines Kunstwerk zu bilden, in dem sich 
die schöne Form mit dem poetischen Gehalt verband: »Christoforo 



7. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 93. 

Colombo«. An viel Anerkennung fehlte es auch diesmal in den weitesten 
Kreisen nicht. Und zu manchen schon früher erhaltenen Auszeichnungen 
sandten jetzt Genua und Chrast ihr Ehrendiplom. 

Eine besondere Rolle im Entwicklungsgange Frankls spielte seine 
Reise nach Italien. In Padua erwarb er sich auf Grund seiner lateinisch 
abgefaßten, physiologisch-psychologischen Dissertation »Über den Einfluß 
der Phantasie« die medizinische Doktorwürde, welchen Anlaß einer 
seiner Freunde, Faustino Canas aus Cagliare benutzte, ihm »den zwei- 
fachen Lorbeer des Arztes und Dichters« in Versen zu überreichen. 
Nun durchquerte Fr an kl das Land der Sehnsucht, machte fruchtbare 
historische und literarische Studien und hatte die anregendsten Be- 
rührungen mit Torwal dsen,Nicolini,Leopardi,Marsano,Cantu 
und Cardinal Mezöfanti, die teilweise zu innigen und anhaltenden 
Bekanntschaften führten. Freundschaftlicher Verkehr, Genuß der Kunst, 
literarische Besprechungen und wissenschaftliche Unterhaltung waren es, 
welche auch seinen späteren Reisen, auf denen er A. v. Humboldt, 
Meyerbeer, Gutzkow, Alexis, Mundt u. a. kennen lernte, einen 
besonderen Hintergrund liehen. 

Des Dichters Plan, sich nach seiner Rückkehr aus Italien um eine 
Sekundararztstelle zu bewerben, scheiterte. Und so leistete er frohgemut 
den gleichzeitig an ihn ergangenen Einladungen des Wiener Konser- 
vatoriums und der Israel. Kultusgemeinde, hier die Stelle eines Archivars, 
dort die eines Professors der Ästhetik anzunehmen, Folge. Nun war 
Frankl in seinen eigentlichen Beruf gestellt — und konnte so fortan 
neben seinem Amte der schönen Literatur leben. 

In der folgenden spannungsvollen, ereignisreichen Ära, deren 
Signatur das Erwachen des nationalen Gedankens, das Ringen für Freiheit 
auf politischem und geistigem Gebiete bildete, begründete Frankl die 
»Sonntagsblätter«, in denen er, der vorkämpfende Optimist unermüdlich 
und wach für die Hebung des literarischen und geistigen Lebens sich 
mühte. Nah und fern verstand er bedeutende Mitarbeiter für diese einzig 
nennenswerte belletristische Wochenschrift Wiens im Vormärz zu ge- 
winnen. Mit Grillparzer, Bauern feld, Lenau, Raimund, Grün 
und Ebert traten da jüngere Talente, zu denen damals auch Hebbel 
noch zählte, in Wettbewerb, die unser Dichter stets lanzierte. 

Die »Sonntagsblätter« wandelten sich zu einer politischen Chronik, 
als Frankl mit hoffnungstrunkener Seele eintrat in den Kampf um die 
unveräußerlichen Menschenrechte in den Märztagen des Sturmjahres 1848. 
Begeistert begrüßte er den Völkermorgen mit dem damals in vielen 
Tausenden von Abdrucken verbreiteten und von mehr denn zwanzig 
Komponisten vertonten ersten zensurfreien Gedicht »Die Universität«. 

Der Frühling des Jahres 1856 führte den Dichter über Meere und 
Wüsten nach Jerusalem, das er Ende Mai erreichte. Hier erfüllte Frankl 
die Mission des Lehrertums. Im Auftrage einer reichen Wiener Wohl- 
täterin gründete er hier eine Volksschule. Eine Fülle von Anregungen 
brachte ihm auch diese Reise, deren Frucht die Werke »Nach Jerusalem« 
und »Aus Ägypten« sind. Wie es bei tief angelegten Naturen ist, fühlte 
Frankl sich bei der Abfassung der beiden Bücher nach der wissen- 
schaftlichen Richtung ebenso stark hingezogen, wie nach der poetischen. 
Und so setzte er dem großen Publikum, das die Verhältnisse des Orients 
bisher nur in verklärtem Lichte gesehen, eine Brille auf Die zwei Bände 



Seite 94. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 7. Nummer. 

fanden — in fast alle Sprachen übersetzt — große Verbreitung und 
erregten viel Aufsehen. 

Auf der Höhe seines dichterischen Schaffens steht Frankl in dem 
Epos »Der Primator«, in welcher Schöpfung — wie auch in der sich 
anreihenden stattlichen Zahl — er die Mittel seines Talentes reich ent- 
faltete. Ohne die Erscheinungzeit strickte zu beachten, seien erwähnt: 
»Don Juan de Austria«, »Tragische Könige«, »Gusle«, eine Übersetzung 
serbischer Nationallieder; ferner die satyrischen Gedichte »Hippokrates 
und die moderne Medizin«, »Die Charlatane«, »Flippokrates und die 
Cholera« — und die »Biographien berühmter Zeitgenossen«. — — 

Fortsetzung tolgt. 

Das blinde Kind. 

Kennst Du ein Wort, das zu Dir spricht 
Gleich innig: »Sei mir gut gesinnt, 
Hilf mir, behüt' und führe mich«, 
Als wie das eine W^örtchen: »Kind«? 

Ich weiß ein zweites Wörtchen wohl, 
Das inniger noch zu Dir fleht 
Und dessen hilflos zager Ton 
Dir wehmutsvoll zu Herzen geht. 

Zum ersten süßen hellen \Vort 
Klingt es wie Grabgeläute: »Blind«. 
Nun denke beide Dir vereint 
Und sprich sie aus: »Ein blindes Kind«. 

Und frage Dich: Kann ein Geschöpf 
Auf dieser Welt gleich inniglich 
Dich anfleh'n und mit größ'rem Recht: 
»Hilf mir, behüt' und führe mich«? 

K. Bürlilen. 



Das Taubstummenblindenheim in Wien XIII. 

Hauptlehrer Hans Kneis, Schriftführer des Fürsorgevereines 
für die Taubstummblinden in Österreich. 

An der äußersten Westgrenze unserer lieben Kaiserstadt, um- 
geben von den bewaldeten Anhöhen des herrlichen Wienerwaldes, 
umjubelt von Vogelgesang, da liegt das Heim der armen, bedauerns- 
werten Menschen, welche das Grün nicht schauen und die Vogel- 
stimmen nicht hören können, das Taubstummblindenheim. 

Eine schmucke Villa beherbergt hier namenloses Unglück und 
ist doch andererseits wieder ein Ankerplatz für die so schwer Heim- 
gesuchten. 

Es ist ein bescheidener Anfang, welcher aber einen trostreichen 
Ausblick für die Zukunft erlaubt. 

Eine traurige Statistik erzählt ganz trocken von über 500 Taub- 
stummblinden in Österreich und genauere Erkundigungen ergeben die 



7. Nummer. 



Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 



Seite 95. 



schreckliche Gewißheit von dem Elend der meisten dieser doppelt 
Unglücklichen. 

Da mag wohl mancher denken, es sei diese kleine, bescheidene 
Anstalt nur »ein Tropfen auf einen heißen Stein«. 

Aber es ist immerhin ein Tropfen und viele Tropfen werden die 
Glut des Unglückes kühlen. Gar so klein ist der Tropfen doch nicht, 
wenn man den Wert auch nur eines Menschenlebens bedenkt und 
auch weiß, daß das Heim derzeit 7 Kinder beherbergt und daß edle 
Menschen bestrebt sind, diese Kinder aus der geistigen Finsternis zum 
Himmelslichte, aus der Grabesruhe und aus dem Nichtstun zum Leben 
zu führen. 

Wohl hat vor etlichen Jahren die Welt gestaunt, als eine Selbst- 
biographie der taubstummblinden Amerikanerin Helen Keller erschien 
und Kunde gab von bisher Unerhörtem. Die ganze gebildete Welt 
nahm lebhaftesten An- 
teil und Helen Keller 
wurde ein — Salon- 
ereignis — , eine Sen- 
sationsnummer. 

Uns Blindenleh- 
rern war Helen Keller 
aber mehr als das; uns 
war sie ein Stern, ein 
Leitstern für weitere 
Aufgaben und ein Be- 
weis für ungeahnte Er- 
ziehungsmöglichkeiten. 
Auch an Laura Bridg- 
man erinnerte man 
sich wieder und ließ ihr 
Recht widerfahren. 

An Versuchen, einzelne Taubstummblinde zu erziehen, fehlte es 
nicht, ja fast in jeder unserer Blindenanstalten sind Fälle vorgekommen, 
wo derartiges mit schönen Erfolgen unternommen wurde. Das Verdienst, 
zum erstenmale einige Taubstummblinde zum Zwecke des gemeinsamen 
Unterrichtes vereinigt zu haben, gebührt dem Königreiche Schweden, 
wo eine edle Dame, Frau Elisabeth Anrep-Nordin im Jahre 1886 
mit 4 Zöglingen in Skara den Grund zur ersten europäischen Taub- 
stummenblindenanstalt gelegt hat. Diese Anstalt wurde 1832 nach 
Venersberg verlegt und beherbergt unter der Leitung der genannten 
Dame über 100 Zöglinge. Die mit dem XIII. Blindenlehrerkongresse 
in Wien 1910 verbundene Ausstellung von Lehr- und Lernmitteln und 
von Zöglingsarbeiten enthielt eine reichhaltige und lehrreiche Samm- 
lung aus Venersberg. 

Der Grund zur zweiten europäischen Taubstummenblindenanstalt 
ist mit der Aufnahme der etwa 11 Jahre alten Herta Schulz ins 
Oberlinhaus gelegt worden (1887). Pastor Hoppe und Herr Riemann 
leisteten ganz außerordentliches und überzeugten durch die glänzendsten 
Erfolge von der Bildungsfähigkeit der Dreisinnigen. Es entstand die 
zweite Anstalt auf dem Kontinente in Nowawes a. d. Spree, welche 
für 60 ZögUnge einfach aber mustergiltig eingerichtet ist. 




Taubstummenblindenheim in Wien XIII. 



Seite %. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 7. Nummer. 

Wenn sich das Sprichwort »Aller guten Dinge sind drei« be- 
wahrheiten soll, so stehen der dritten europäischen Taubstummblinden- 
anstalt, unserem bescheidenen Heim, die Auspicien besonders günstig. 

Es wurde schon früher gesagt, daß in einzelnen Blinden- und 
Taubstummenanstalten Taubstummblinde mit Erfolg unterrichtet wurden. 
So war es Pipetz in Graz und Godai in Purkersdorf, welche auf 
diesem Gebiete anerkannt Gutes wirkten. Als in der Taubstummen- 
anstalt in Linz ein taubstummes Kind an Netzhautschwund erblindet 
war, da regte sich in dem Lehrer dieser Anstalt, Hochwürden Herrn 
Paul Schneiderbauer, mächtig der Wunsch, sich dem Dienste der 
Taubstummblinden zu widmen. 

Es wird sich vielleicht später einmal die Gelegenheit ergeben, 
in dieser Zeitschrift Näheres über die ersten Anfänge mitzuteilen. 

Der erste Schüler Hochw. Herrn Schneiderbauers war Johann 
Lehn er aus Deutsch-Böhmen, für den der »Deutsche Lehrerverein 
in Böhmen« durch den früheren Landtagsabgeordneten Franz Legier 
100 Kronen an Hochw. Herrn Schneiderbauer übermitteln ließ. 
Gegenwärtig zahlt die »Deutsche Landeskommission für Kinderschutz 
und Jugendfürsorge in Böhmen« für diesen Zögling monatlich 20 Kronen. 

Nach mühevoller Arbeit und vielen schweren Kämpfen mit des 
Lebens Not und mit dem wechselvollen Schicksal war Seh neiderbau er 
so weit, den Johann Lehn er einer Kommission zur Prüfung vorzuführen. 

Herr Präsident der Zentraldirektion der k. k, Schulbücherverlage, 
Dr. Franz Heinz, uns Blindenlehrern schon lange Jahre her als warmer 
Freund und eifrigster Förderer der Blindensache rühmlichst bekannt 
und Herr Hofrat, k. k. Landesschuünspektor Dr. Karl Rieger waren 
die Leiter der Kommission ; Herr k. k. Regierungsrat und Direktor des 
k. k. Blinden-Ejziehungsinstitutes, Alexander Meli, sowie Herr Direktor 
Druschba vom k. k. Taubstummeninstitute prüften. 

Für den Erfolg dieser Prüfung spricht die Tatsache, daß man 
von nun an den Gedanken an die Gründung einer eigenen Anstalt 
festhielt. Noch war aber die Zeit nicht gekommen. Obwohl von der 
hohen k. k. Unterrichtsbehörde tatkräftigst unterstützt, hatte Hochw. 
Herr Schnei derbauer noch manche Schwierigkeiten zu überwinden. 
Im Jahre 1912 waren bereits vier Zöglinge. Für zwei Zöglinge widmete 
das hohe k. k. Ministerium für Kultus und Unterricht eine Jahressubvention 
von zusummen 1 500 Kronen und für einen Zögling zahlt Seine Durch- 
laucht Fürst Johann II. von und zu Liechtenstein jährlich 500 Kronen, 

Schneiderbauer war bis hieher Mieter in Wien XIII, Kendler- 
gasse 18. Da leuchtete plötzlich ein heller Stern; Fortuna war an den 
Rechten gekommen. Ein unbekannt bleiben wollender Wohltäter 
spendete zum Ankaufe eines eigenen Hauses den namhaften Betrag 
von 56.000 Kronen mit dem Wunsche, daß durch einen Verein die 
juridische Person gegeben werde. Die Villa eines Bruders des Herrn 
k. k. Hofschauspielers Sonnenthal wurde käuflich erworben. 

Außer den bereits genannten Herrn waren es noch Herr k. k. 
Regierungsrat und Universitäts - Dozent Dr. Wilhelm Jerusalem, 
derselbe Philosoph und Pädagoge, welcher schon vor mehr als 20 Jahren 
an Laura Bridgmann die Psyche einer Taubstummblinden analysiert 
hatte, Herr Dr. S. Krenberger, Direktor einer Spezialanstalt für 
Schwachsinnige, jetzt Direktor des israel. Taubstumraeninstitutes in 



7. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 97. 

Wien und Mitherausg^eber der Zeitschrift »Eos« und Hochw. Herr 
Dr. Karl Mayer, welche den Aufruf zur Gründung eines Vereines erließen. 

Die konstituierende Versammlung fand am 8. Dezember 1912 
in Wien statt und zur Leitung wurden alle genannten Herrn, ferner 
der Direktor der n. ö. Landes-Taubstummenanstalt in Wiener-Neustadt, 
Herr Karl Baldrian und der Schreiber dieser Zeilen berufen. Schon 
die erste Ausschußsitzung hatte sich mit der Kooptation von neuen 
Ausschußmitgliedern zu befassen; es waren: Herr k. k. Hofrat a. D. 
Hugo Ritter von Chlumecky, dann die ärztlichen Autoritäten Herr 
Dr. Gustav Alexander, k. k. Universitätsprofessor, Herr Universitäts- 
Dozent Dr. Hans Lauber und der juridische Berater, Herr Hof- und 
Gerichtsadvokat Dr. Robert Klimosch, ferner Frau Baronin Elvira 
von Troilo, Obervorsteherin-Stellvertreterin des k. k. Offizierstöchter- 
Institutes und Frau Architekt Rosa Hofmeier der guten Sache 
gewonnen worden. 

Zur ersten Austattung des Heimes bewilligte eine edle, ebenfalls 
unbekannt bleiben wollende Wohltäterin die Verwendung eines Teiles 
des von ihr gestifteten und derzeit hinterlegten Legates. 

Die bald einlaufenden Mitgliedsbeiträge und Spenden, die Er- 
trägnisse aus einem Vortrag des Herrn k. k. Regierungsrates Dr. Wilhelm 
Jerusalem in der »Urania« und dem Reinertrag eines vom Kammer- 
sänger Herrn Leo Slezak zugunsten des Vereines veranstalteten 
Konzertes, ferner die Ergebnisse aus einem Ansichtskartenversande 
und anderer Arten von Sammlungen gaben dem Vereine die Mittel 
zur Adaptierung des Heimes in die Hand. Mit Stolz kann der Verein 
auf seine Erfolge blicken und sein Institut den beiden ersten euro- 
päischen würdig anreihen. 

Hochwürden Herr Schneiderbauer ist Direktor und besorgt 
mit einer geprüften Kindergärtnerin den Unterricht; die Hauswirtschaft 
führt die Schwester des Direktors, Frl. Schneiderbauer, in uneigen- 
nützigster und aufopfernster Weise. 

Über die Einrichtung des Hauses sowie über die Art des Unter- 
richtserteilens wird in einer der nächsten Nummern dieser Zeitschrift 
voraussichtlich Raum gefunden werden. 

Vieles ist bereits geschehen aber noch stehen wir am Anfang. 
Soll unser junger Stamm nicht einem harten Froste oder einem langen 
Siechtum zum Opfer fallen, so müssen alle Berufenen, und da wohl 
in erster Linie die Leiter und Lehrer der Blinden- und Taubstummen- 
anstalten uns unterstützen, edle Menschenfreunde uns zuführen und 
auf diese Art und Weise helfen, eine neue Stufe der Kultur zu ersteigen 
zur Ehre Gottes, aus Liebe zu unserem schönen Vaterlande Osterreich, 

unsere jüngste Blindenanstalt, die „Deutsche 
Blindenschule in flussig a. E." 

Eröl^net am 21. September 1913. 

In allen Ländern der Welt schuf das Blindenelend humanitäre 
Anstalten, in denen die Blinden zunächst ein Heim fanden. In der 
Erkenntnis des Unrechtes, das im Zwang zur Bettelei lag, errichteten 
die Staatsbehörden, die Blindenfürsorgevereine und einzelne Personen 



Seite 98. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 7. Nummer. 

Blindenheime. Für die deutschen Blinden in Böhmen trat Bezirlis- 
hauptmann Klar als hilfreicher Freund und unvergeßlicher Wohltäter 
auf. Seine Anstalt wurde das erste Blindenheim in Böhmen und gab 
den Lichtlosen die Stätte eines friedvollen Lebens. Aber noch hielt 
sie ihr Leiden im tiefen Dunkel des stets gefühlten Unglücks. Die 
Langeweile der Beschäftigungslosen tötete ihre Lebensfreude, raubte 
ihnen die frohe Empfindung ihres gesicherten Heimes und lastete 
gleich schwer auf ihrer Seele. In der Welt draußen, wo Staat und 
Land hilfreiche Hand boten, bestanden längst Fachschulen, in denen 
die Blinden, ihrer Befähigung angemessen, die nicht anders verteilt 
ist wie bei den Sehenden, ein Gewerbe lernten, in geregelter Tätigkeit 
Arbeit fanden und ihren Lebenszweck. Sie wurden Korbflechter, 
Tischler, Musiker und viel anderes mehr, nach der Zweckmäßigkeit 
des Berufes und wo es anging auch nach ihrer Neigung. 

In der deutschen Blindenfürsorge in Böhmen hat Klars würdiger 
Nachfolger, Direktor Wagner, mit Hilfe seiner gleich unermüdlichen 
Gattin die Blindenfachschule geschaffen. An das Klar'sche Blinden- 
heim wurde eine Fachschule angegliedert, in der die Blinden Be- 
schäftigung lernten und das Gelernte verwenden konnten. Dadurch 
erst wurde das Blindenheim in seinem natürlichen Berufe vervollkommnet 
und wirklich eine Stätte, in der die Blinden ein Ziel für ihr Leben 
und einen Zweck ihres Daseins gewannen. 

Die Bestrebungen Wagners gingen noch weiter. Er kannte den 
Bildungsdurst seiner Blinden und hegte den Wunsch, die Blindenfür- 
sorge so auszubauen, daß seinen Schützlingen die Möglichkeit offen 
stehen könne, von frühester Kindheit an bis zur Erwerbsfähigkeit, 
vom Kindergarten bis zum Austritt aus der Fachschule, eine Bildung 
und Erziehung zu genießen, die sie nicht nur in die Lage versetzen 
würde, ihr gesichertes Auskommen zu haben und so gleichwertige 
Mitglieder der Gesellschaft zu sein, sondern ihnen auch die lang 
entbehrte Volksschule ersetzen müßte. Der Verein »Deutsche Blinden- 
fürsorge« nahm den Gedanken der Blindenvolksschule zun) Gegen- 
stande seiner Arbeit und hat ihn nun verwirklicht. 

In der Nähe der Stadt Aussig, die selbst den Grund und Boden 
schenkte und deren opferwilligen Bürgern die Errichtung der Schule 
zunächst zu verdanken ist, erhebt sich auf einem grünbewachsenen 
Hügel das neue Haus der Blinden. Dunkles Nadelholz umschirmt es 
und Sonne liegt auf ihm gebreitet. Ein frischer Wind umspielt es, 
wie es frei über der Stadt liegt, als leuchtende Krone für die Menschen 
dieser Stadt, die es aus Liebe bauten und warmem Mitgefühl. 

Die Volksschule der Blinden repräsentiert sich schon von außen 
als einfaches und durchaus gelungenes Bauwerk. Auf beiden Seiten 
führen Treppen zu dem vorgebauten Hauseingang, hinter dessen 
Schwelle eine großangelegte Diele den Besucher empfängt. Wie über- 
haupt die breite Treppenanlage, die Zimmer, die Gänge von einer 
wohltuenden Raumweite sind, den blinden Kindern, die ja hier mehr 
als ein Heim und eine Schule, den ganzen Schauplatz ihres jungen 
Lebens, finden müssen, freie Beweglichkeit und wenigstens den Hauch 
des flutenden Lichtes gewähren. Der Projektant und Erbauer der 
Schule, Architekt Foehr, war auch hier auf den Zweck des Hauses 
bedacht, auf die besonderen Eigentümlichkeiten der Blinden, ihr 



7. Nummer. 



Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 



Seite 99. 



feines Raumgefühl, das ihnen oft das Augenlicht ersetzen muß. Die 
ganze Anlage ist auf einer gründlichen Erkenntnis des Blindenwesens 
aufgebaut und macht dadurch, ebenso wie durch die Architektenkunst, 
die ihm die innere und äußere Schönheit gab, dem Erbauer alle Ehre, 
Eine äußerst glückliche Lösung der Terrainschwierigkeiten fand 
Architekt Foehr in der Errichtung von Halbstöcken- Der vordere und 
der rückwärtige Trakt sind so angelegt, daß die aufsteigende Treppe 
vom Halbstock des rückwärtigen Traktes zum Stockwerk des Vorder- 
hauses führt. Die Räumlichkeiten des Hauses sind weiter sehr geschickt 
angeordnet, Im Souterrain liegen Waschküche, Keller, das Heizhaus 
für die Zentralheizung und die Warm- und Wasserleitung und die 
Heizerwohnung. Darüber, im Halbstock die auf das modernste einge- 










richtete Küche mit Speisen- und Vorratskammern. Zu ebener Erde 
ist die Wohnung für den Hausmeister und die anderen Bediensteten 
angelegt, während im anderen Flügel ein isoliertes Krankenzimmer 
und mehrere Reservezimmer untergebracht sind. Der erste Halbstock 
enthält das Speisezimmer, einen schönen Raum, an den sich wieder 
ein geräumiger Saal als Spiel- und Wohnraum für die Kinder an- 
schließt. Im ersten Stockwerke liegen die Lehrmittelzimmer, die schon 
jetzt einen bemerkenswerten Bestand aufweisen, und die Unterrichts- 
räume, die auf modernste Weise und natürlich ohne die sonstigen 
optischen Behelfe eingerichtet sind. 

Die Schlafzimmer, die in den höheren Stockwerken liegen, sind 
mit einer einfachen Eleganz eingerichtet. Das Möbel aus heilem Zirbel- 
kieferholz entspricht allen praktischen Anforderungen und bietet den 
freundlichsten Anblick. Blumen stehen auf den Nachtkästen und dicht 
gefüllte Wäsche- und Kleiderschränke sorgen für alle Bedürfnisse. 
Ein großer Turnsaal mit einer Vortragsbühne und einer Galerie, auf 



i 



seite IW^^^ Zeitschritt Tut das österreichische Blindenwesen^^^^T^Nummen 

der eine Orgel steht, zwei Musikzimmer, ein Fröbelzimmer, in dem 
die Blinden in ihrem Formensinn augebildet werden sollen, und ge- 
sonderte Waschräume ergänzen die vorteilhafte innere Ausgestaltung 
der Schule. 

Nicht nur mit freudigem Herzen wurde hier gegeben, um den 
Blinden ein vollkommenes Heim zu bieten, sondern auch mit tiefem 
Verständnis für die Ziele der Blindenerziehung. Der Garten und der 
anschließende Wald, in dem auch ein Turn- und Spielplatz angelegt 
wurden, schaffen den Kindern freie und gefahrlose Bewegung, ge- 
wöhnen sie an selbständiges Handeln und leiten sie hinüber zu dem 
Leben der gesunden, sehenden Menschen, 

Die Schule, die mit dem präliminierten Kostenvoranschlag von 
250.000 Kronen, der nicht überschritten wurde, erbaut wurde, ist so 
angelegt, daß sie in späteren Jahren leicht erweitert werden kann. 
Heute hat sie einen Fassungsraum für dreißig Kinder, durch den 
Anbau von Flügeln wird sie aber auch siebzig Schülern Platz bieten 
können. Der ganze Komplex ist jedoch noch zur Aufnahme weiterer 
Bauten geeignet, sodaß einst, wie es der Wunsch der Förderer der 
Blindenfürsorge ist, um die Blindenschule eine Blindenkolonie ent- 
stehen kann, die den ausgelernten Schülern die Möglichkeit geben 
wird, ihrem Erwerbe nachzugehen, ohne den Erleichterungen, die ihr 
Leiden erfordert, entsagen zu müssen. Besonders diejenigen, die 
hier geschult und fachlich ausgebildet, trotzdem eine Selbständigkeit 
nicht erlangen können, werden in der künftigen Kolonie auf dem 
Kleischer Berge ihr Heim und ihre Welt finden. 

Die Schule, die nun hier steht, ist ihnen alles; ein frischer, nie 
versiegender Trunk für ihren Durst nach Bildung, ein Heim und ein 
Weg zur Menschheit, die bisher nur Mitleid gab, statt Arbeit. 

Oskar Stein. 

Die Schulbeschreibung blinder Kinder im Lande 
Niederösterreich und die Aufnahme solcher in 
die n.ö. Landes-Blinden-flnstalt in Purkersdorf. 

Von Karl Bürklen, Direktor der n. ö. Landes-Blinden-Anstalt in Purkersdorf bei Wien. 

Als eine der Hauptursachen, warum auch in Ländern, wo in ent- 
sprechender Weise für den Unterricht und die Erziehung blinder schul- 
pflichtiger Kinder vorgesorgt erscheint, eine Anzahl derselben den 
bestehenden Anstalten nicht oder zu spät zugeführt wird, liegt in der 
Unkenntnis, ob und wo derartige Anstalten sich vorfinden und wie die 
Aufnahme in dieselben erlolgt. 

Das Land Niederösterreich, damit nicht nur an der Spitze 
aller Kronländer unserer Monarchie, sondern in einer Reihe mit ganz 
wenigen Kulturländern der Erde stehend, hat es sich zur hoch- 
herzigen Pflicht gemacht, kein blindes Kind ohne entsprechende 
Bildung autw^achsen zu lassen und eine Unterrichts- und Erzie- 
hungsanstalt errichtet, in welche alle im Lande heimatberech- 
tigten schulpflichtigen Blinden Aufnahme zu finden vermögen. 
Um nun in Kenntnis der Zahl und des Aufenthaltes alier schulpflichtigen 



7. Nummer. Zeitschrift für das österreichische BUndenwesen. Seite 101. 

Blinden des Landes zu gelangen und sie den Anstalten zuführen zu 
können, wurde im Einvernehmen zwischen der Landesvertretung und 
der kompetenten Schulbehörden eine Schulbeschreibung der Nichtvoll- 
sinnigen zur Durchführung verordnet und das Aufnahmeverfahren in die 
Anstalten derart geregelt, daß obgenannte Übelstände sich in der 
Zukunft auf das Mindestmaß werden beschränken lassen. 

Bereits im n. ö. Landesgesetze vom 25. Dezember 1904 wurde der 
Ortsschulrat verpflichtet, jene Kinder, welche wegen eines geistigen oder 
körperlichen Gebrechens die öffentliche Volksschule nicht besuchen 
können, also auch die blinden, taubstummen und schwachsinnigen Kinder 
in ein separates Verzeichnis aufzunehmen und dieses Verzeichnis 
sofort dem Bezirksschulrate vorzulegen, der die namhaft gemachten 
blinden, taubstummen und schwachsinnigen Kinder dem Landesausschusse 
bekanntzugeben hat. 

Diese allgemeine Bestimmung wurde im Jahre 1908 im Einvernehmen 
zwischen dem n. ö. Landesausschusse und dem k. k. n. ö. Landesschulrate 
ergänzt und das bei Behandlung der Schulbeschreibungsverzeichnisse 
und für die Zöglingsaufnahme einzuhaltende Verfahren grundsätzlich 
geordnet. (VBl. des LSR. 1908, Stück XIV, XV und XVI). 

Die Schulbeschreibung betreffend, lauten die Bestimmungen 
folgendermaßen: 

Auf Grund der alljährlich stattfindenden Aufzeichnung 
der volksschulpflichtigen Kinder und der Verzeichnisse der 
Schulleitungen über die Aufnahme in die Volksschule sind 
von den Ortsschulräten die gesetzlich vorgeschriebenen Ver- 
zeichnisse der im Schulsprengel wohnenden volksschulpflich- 
tigen blinden und taubstummen Kinder streng gesondert 
anzulegen und in allen Rubriken vollständig und genau aus- 
zufüllen. 

Für diese zusammenzustellenden Verzeichnisse wurden eigene, durch 
den k. k. Schulbücherverlag in Wien zu beziehende Tabellenformulare 
festgesetzt und zwar Tabelle E für die blinden und Tabelle F für die 
taubstummen Kinder. 

Diese Tabellen verlangen folgende Angaben: 1. Familien- 
und Tauf(Vor)name des Kindes. 2. Geburtsdaten des Kindes 
(Tag, Jahr, Ort). 3. Heimatsgemeinde des Kindes. 4. Art des 
bisher genossenen Unterrichtes. 5. Name und Stand (Beschäf- 
tigung) der Eltern oder deren Stellvertreter (Vormund). 
6. Wohnung (Wohnort, Straße, Hausnummer). 7. Vermögens- 
verhältnisse. 

Für jedes blinde Kind ist vom Ortsschulrate auch die 
Heimatberechtigung zu ermitteln und im Verzeichnisse in 
einer besonderen Rubrik ersichtlich zu machen, eine äußerst 
notwendige Ergänzung, da die Zuständigkeit infolge der Kompetenz der 
Landesvertretungen für die Errichtung von Anstalten für Nichtvollsinnige 
bei der Aufnahme in diese Anstalten eine ausschlaggebende Rolle spielt. 

Damit die Schulbehörden die Evidenz über die schul- 
pflichtigen blinden Kinder nicht verlieren, macht der Landes- 
ausschuß durch die Direktion der zuständigen Landes- 
anstalt von jeder Neuaufnahme in die Landesanstalt und 
von jeder Entlassung eines schulpflichtigen Kindes aus der- 



Seite 102. Zeitschrift für das österreichische BHndenwesen. 7. Nummer. 

selben dem zuständigen Bezirks- und Ortsschulrate Mitteilung, 
Die betreifende Mitteilung ist vom Bezirks- und Ortsschulrate 
sofort in das nach § 22 des n. ö. Landesgesetzes vom 
25. Dezember 1904 anzulegende Verzeichnis aller schul- 
pflichtigen Kinder einzutragen. 

Längstens bis zum 7. Lebensjahre sollen blinde Kinder einer ent- 
sprechenden Unterrichts- und Erziehungsanstalt zugeführt werden, denn 
nur in diesen Anstalten sind die entsprechenden Mittel bereit gestellt 
und werden die entsprechenden Methoden zur Anwendung gebracht, 
durch welche auch die Gesichtslosen zu gebildeten, leistungsfähigen und 
mit ihrem Lose ausgesöhnten Gliedern der menschlichen Gesellschaft 
herangezogen werden können. Wer nur einigermaßen Einblick in das 
Wesen der Heilpädagogik nimmt, wird begreiflich finden, daß nur 
Spezialanstalten diese Aufgabe mit Erfolg zu erfüllen vermögen und es 
kann, solange ein gesetzlicher Anstaltzwang nicht besteht, nicht dringend 
genug die Einsicht der Eltern und aller diesen Kindern Nahestehenden 
angerufen werden, trotzdem eine Trennung von ihren Schmerzenskindern 
den ersteren manche Überwindung kosten sollte, deren rechtzeitige 
Unterbringung in eine entsprechende Anstalt nicht zu versäumen. Ver- 
zögert sich die Unterbringung oder unterbleibt sie gänzlich, so hat den 
Schaden davon nicht nur die Familie und die Gemeinde, sondern das 
blinde Kind selbst am schwersten zu tragen. 

Der Landesausschuß von Niederösterreich, welcher auf nachstehend 
angeführtem Wege zur Kenntnis der durch die Schulbeschreibung 
namhaft gemachten blinden Kinder gelangt, hat das Aufnahmsvertahren 
in die Landesanstalt derart geregelt, daß den Eltern die Unterbringung 
blinder Kinder nach jeder Richtung hin leicht gemacht erscheint. 

»Die ausgefüllten und vom Bezirksschulrate in bezug aut 
ihre Vollständigkeit geprüften Verzeichnisse der einzelnen 
Ortsschulräte hat der Bezirksschulrat zu sammeln und nach 
blinden und taubstummen Kindern gesondert vor Schluß des 
Kalenderjahres unmittelbar an den Landesausschuß einzu- 
senden.« (Sind in einem Bezirke keine volksschulpflichtigen blinden 
oder taubstummen Kinder verzeichnet worden, so teilt der Bezirksschulrat 
auch dies dem Landesausschusse mit.) 

Der Landesausschuß leitet die Verzeichnisse der blinden 
Kinder an die Direktion der n. ö. Landes-Blindenanstalt in 
Purkersdorf bei Wien. 

Die Direktion dieser Anstalt erläßt hierauf an die Auf- 
enthaltsgemeinden der für eine allfällige Aufnahme in Betracht 
kommenden Kinder die Einladung zur Einbringung der Auf- 
nahmsgesuche. Die Festsetzung des Termines zur Einbringung der 
Gesuche ist der Direktion zu überlassen. Für diese Einladung bleiben 
diejenigen Kinder außer jeder weiteren Berücksichtigung, welche nicht 
nach Niederösterreich zuständig sind, welche das 10. Lebensjahr über- 
schritten haben, welche bereits eine andere Spezialanstalt besuchen, 
endlich solche, bezüglich deren die Nichteignung zur Aufnahme bereits 
festgestellt erscheint. 

Die n. ö. Landes-Blindenanstalt in Purkersdorf bei Wien 
ist eine aus Landesmitteln erhaltene, dem Gebiete der Volks- und 
Bürgerschule angehörige Lehr- und Erziehungsanstalt. Die Anstalt hat 



7. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 103. 

den Zweck, den in Niederösterreich heimatberechtigten bh'nden Kindern 
beiderlei Geschlechtes eine entsprechende Schulbildung zu vermitteln, sie 
zu sittlich-religiösen Menschen zu erziehen und ihnen den zu ihrer Selbst- 
ständigkeit ertorderlichen Unterricht in der Musik oder in den für einen 
gewerblichen Beruf notwendigen Kenntnissen und Fertigkeiten zu bieten. 

Die Dauer der Ausbildung beträgt: Acht Jahre Schulbildung und 
vier Jahre Berufsbildung. 

In die genannte Anstalt werden nur solche blinde Kinder aufgenom- 
men, die kein anderes Gebrechen aufweisen, gesund und bildungsfähig sind. 

Die Aufnahme erfolgt mit dem vollendeten siebenten Lebenjahre 
und ist nur bis zum vollendeten zehnten Lebensjahre zulässig. Der 
Eintritt findet am Beginne jedes Schuljahres statt. Kindern, die im Ver- 
laute des sechsten oder siebenten Lebensjahre oder später das Gesicht 
verloren haben, kann der Eintritt in die Anstalt unmittelbar nach der 
Erblindung auch vor Erreichung des siebenten und nach Vollendung 
des zehnten Lebensjahre gestattet werden; in diesen Fällen ist der 
Eintritt auch während des Schuljahres zulässig. 

In erster Linie werden in der Anstalt solche Kinder aufgenommen, 
die in einer Gemeinde des Landes Niederösterreich das Heimatsrecht besitzen. 

Die in Niederösterreich heimatberechtigten blinden Kinder haben 
nach Maßgabe der Raumverhältnisse der Anstalt bei erwiesener Mittel- 
losigkeit oder Armut Anspruch auf unentgeltliche Verpflegung (Wohnung, 
Kost, Kleidung, ärztliche Behandlung, Medikamentenbezug) und Aus- 
bildung in der Anstalt. 

Ist die Voraussetzung für die unentgeltliche Aufnahme nicht oder 
nur teilweise erfüllt, so ist für solche Kinder für die Dauer ihres Auf- 
enthaltes in der Anstalt die ganze Verpflegsgebühr von 600 Kronen 
oder die halbe Verpflegsgebühr von jährlich 300 Kronen zu entrichten. 

Der Besuch des Unterrichtes kann auch außerhalb der Anstalt 
wohnenden blinden Kindern gestattet werden. Für bemittelte Extern- 
schüler, die nicht in Niederösterreich heimatberechtigt sind, ist ein 
Unterrichtsbeitrag von 100 Kronen jählich zu leisten. 

Nach Maßgabe der Raumverhältnisse kann die Anstalt ausnahms- 
weise auch andere als nach Niederösterreich zuständige Kinder, jedoch 
nur gegen eine fallweise zu bestimmende Verpflegsgebühr, welche min- 
destens mit 600 Kronen jährlich zu bemessen ist, aufgenommen werden. 

Die Gesuche um Aufnahme von blinden Kindern in die 
Landesanstalt sind an den Landesausschuß des Erzherzogtums 
Österreich unter der Enns zu richten und bei der Direktion 
der n. ö. Landes-Blind enanstalt in Purkersdorf einzubringen. 

Dem Aufnahmsgesuche, welches von den Eltern oder deren Stell- 
vertretern, aber auch vom Ortsschulrate, von der Volksschulleitung, der 
Gemeindevorstehung, dem Bezirksarmenrate,, dem k. k. Bezirksgerichte 
usw. eingebracht werden kann und in letzterem Falle stempelfrei ist, 
sind folgende Beilagen anzuschließen: 

1. Der Altersnachweis. 2. Der Heimatschein. 3. Der Impf- 
schein. 4. Ein ärztliches Zeugnis, welches zu enthalten hat: 

Bei einem blinden Kinde, a) Ob das Kind auf einem oder beiden 
Augen erblindet ist; b) von welcher Art (Bezeichnung der Augenkrank- 
heit) die Erblindung ist; c) seit wann die Erblindung besteht; d) von 



Seite 104. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 7. Nummer. 

welchen Ursachen und aus welcher Krankheit die Erblindung herrührt; 
e) ob das Kind körperlich und geistig gesund und von anderen Ge- 
brechen Irei ist. 

5. Etwa vorhandene Schulnachrichten (Schulzeugnisse). 6. Ein 
Armuts- bezw. Mittellosigkeitszeugnis bei Ansuchen um einen 
ganzen bezw. halben Freiplatz, 

Das Armuts- bezw. Mittellosigkeitszeugnis ist von der Gemeinde- 
vorstehung auszufertigen und vom Bürgermeister, dem Pfarramte, der 
k. k. Bezirkshauptmannschaft (magistratisches Bezirksamt), bei Realbesitz 
auch vom k. k. Bezirksgerichte zu bestätigen. Ein mit einem Armuts- 
oder Mittellosigkeitszeugnisse belegtes Gesuch ist Stempel frei. 

Gemäß des Statutes der Landes-Blindenanstalt muß jedes Kind, 
um dessen Aufnahme angesucht wurde, vorerst auf seine körperliche 
und geistige Aufnahmeeignung untersucht werden. Von dieser Unter- 
suchung kann in keinem Falle abgesehen werden. Sie wird vom Direktor 
oder einem Lehrer der betreffenden Anstalt und in der Regel in der 
Anstalt oder an einem anderen, namhaft zu machenden Untersuchungs- 
orte vorgenommen. Außerdem findet noch eine Untersuchung des Augen- 
zustandes durch den Augenarzt statt. 

Die Direktion der Anstalt erläßt in einer eigenen Zu- 
schrift die Aufforderung zur Vorführung der Kinder an die 
Eltern oder Vormünder im Wege der Vorstehungen der Auf- 
enthaltsgemeinden. 

Die Untersuchung auf die Aufnahmeeignung geschieht unentgeltlich. 

Die Direktion der Anstalt ist ermächtigt, den Eltern und Vor- 
mündern gänzlich mittelloser Kinder, die aus Anlaß dieser Untersuchung 
etwa erwachsenden Fahrkosten aus der Anstaltskasse dann zu vergüten, 
wenn diese Fahrkosten für die Hin- und Rückreise zusammen den Be- 
trag von drei Kronen überschreiten. 

Die Aufnahme der blinden Kinder steht dem n. ö. Landes- 
ausschusse nach Anhörung der Anstaltsdirektion zu. Die Vor- 
lage der bei der Direktion eingelangten Aufnahmsgesuche erfolgt mittels 
eines summarischen Ausweises über alle Aufnahmswerber unter Beigabe 
der Untersuchungsbefunde. Der Landesausschuß entscheidet nunmehr 
über Aufnahme oder Abweisung sowie auch darüber, ob ein Kind 
unentgeltlich oder gegen Entrichtung einer Verpflegsgebühr in die Anstalt 
aufzunehmen ist und bestimmt fallweise für die nicht nach Nieder- 
österreich zuständigen Kinder unter Bedachtnahme auf ihre und ihrer 
Eltern Vermögensverhältnisse die Höhe der zu entrichtenden Verpflegs- 
gebühr. Von der Entscheidung werden die Gesuchsteller durch 
den Landesausschuß in Kenntnis gesetzt. 

Mit diesen im Jahre 1908 in Kraft getretenen Vor- 
schriften über die Schulbeschreibung blinder Kinder sind die 
weitestgehenden Maßnahmen zu deren Eruierung getroffen 
und der n. ö. Landesausschuß hat durch das vorgeschriebene 
Aufnahmsverfahren den Eltern solcher Kinder jede nur mög- 
liche Hilfe zur Unterbringung ihrer Kinder in die Landes- 
Blindenanstalt an die Hand gegeben. Wenn trotzdem noch 
immer eine Anzahl blinder bildungsfähiger Kinder den Segen 
eines geregelten, erfolgreichen Unterrichtes und einer ange- 



7. Nummer. Zeitschrift für das Österreichische Blindenwesen. Seite 105. 

messenen Erziehung entbehrt, so kann der daraus herzu- 
leitende Vorwurf keineswegs diese Behörde treffen, sondern 
muß auf gewisse, leider immer noch obwaltende Verhältnisse 
im Elternhause und in der Gemeinde zurückfallen. 

Zur Verhütung der flugeneiterung der 
Neugeborenen. 

(Ein Merkblatt für Mütter.) 

Gefertigter hat in seinem am XIII. Blindenlehrerkongresse in Wien 
im Jalire 1910 gehaltenen Vortrag über die Augeneiterung der Neu- 
geborenen zur Verhütung derselben den Vorschlag gemacht, »es sollte 
behördlicherseits jede Hebamme stets mit entsprechenden gedruckten 
Belehrungen versehen werden, von denen sie jeder vor einer Ent- 
bindung stehenden Frau mit eindringlichen Worten ein Exemplar zu 
übergeben verpflichtet wäre. Es könnten in diese Belehrung auch 
anderweitige Ratschläge, welche die Pflege der Wöchnerin sowohl, 
wie des Neugeborenen betreffen, aufgenommen werden«. (Vgl. Kongreß- 
bericht S. S. 85 und 334.) Leider stellte sich die Ausgabe eines 
derartigen Merkblattes durch das k. k. Ministerium des Innern für 
sämtliche Kronländer der Monarchie zugleich infolge der Sprachen- 
schwierigkeiten als undurchführbar heraus. Nun hat sich aber der 
k. k. Landes-Sanitätsreferent von balzburg, Herr Dr. Baldi, in dankens- 
werter Weise dieser Sache angenommen und infolge dessen gelangte 
am 5. Juni d. J. eine vom k. k. Landes-Sanitätsrate in Salzburg verfaßte 
»Belehrung über Mutter- und Säuglingsschutz und über das Auftreten 
der Bindehautentzündung der Neugeborenen« in vorläufig ca. 6.000 
Exemplaren (entsprechend der jährlichen Geburtenzahl im Lande 
Salzburg) an sämtliche Hebammen zur Verteilung; die Hebamme 
hat sich nun von jeder Graviden den Empfang dieser Belehrung be- 
stätigen zu lassen. Diese Belehrung enthält auf einem vier Druck- 
seiten umfassenden Blatte in gemeinverständlichen Sätzen zunächst 
einen Abschnitt über »Schutz und Verhalten der Mutter in der 
Schwangerschaft« dann einen Abschnitt über »Schutz, Pflege und 
Ernährung der Säuglinge« und der dritte Abschnitt handelt über die 
»Sorge für die Augen der Kinder«. Letzterer entspricht in vereinfachter 
Form jener »Belehrung« welche über Antrag des um die Bekämpfung 
der Erblindungsursachen im Lande Salzburg hochverdienten Arztes 
J. Wilzensauer, vom Primaraugenarzte Dr. Gampp in vortrefflicher 
Weise verfaßt, von der k. k. Landesregierung im Jahre 1900 an alle 
Arzte und Hebammen, die Seelsorgegeistlichkeit, die Schulleitungen 
und Lehrpersonen des Landes zur Verteilung gelangt war. 
Der III. Absatz der neuen »Belehrung« lautet jetzt: 
»Sorge für die Augen der Kinder. (Die Bindehautentzündung 
der Neugeborenen.) Ein großer Teil der Blinden hat das Augenlicht 
durch eine eitrige Augenentzündung verloren, welche die neugeborenen 
Kinder befällt. Wird jedoch dieser Erkrankung von allen Seiten die 
richtige Aufmerksamkeit geschenkt, so ist sie fast in allen Fällen 
leicht heilbar. Es ist daher eine ernste Pflicht der Eltern, sich von 



Seite 106. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 7. Nummer. 

der Verhütung, dem Auftreten und den traurigen Ausgängen dieser 
Krankheit belehren zu lassen, um gegebenen Falles dieser Belehrung 
gemäß handeln zu können. 

Um diese verderbliche Augenkrankheit zu verhüten, ist jede 
Hebamme verpflichtet, nach entsprechend vorgenommener Reinigung 
der Augen des Kindes eine Einträufelung in dieselben zu machen. 
Man weigere sich nicht, diese Einträufelung vornehmen zu lassen, da 
sie ja für das Auge vollständig unschädlich ist. Auch achte man 
peinlich darauf, daß ja nicht verunreinigte Finger, Tücher oder der- 
gleichen, insbesondere, wenn sie mit dem sogenannten Wochenfluß 
der Wöchnerin beschmutzt sind, in die Nähe der kindlichen Augen 
gebracht werden. 

Entwickelt sich aber trotzdem die Augenentzündung, so sind 
die Erscheinungen derselben so auffallend und deutlich, daß sie gar 
nicht übersehen werden können. Die Erkrankung beginnt meist am 
dritten oder vierten Tage nach der Geburt, selten früher, manchmal 
sogar erst einige Wochen später und zwar zuerst meist nur an einem 
Auge. Die Kinder vermögen bei heller Beleuchtung die Augen nicht 
zu öffnen, stärkerer Tränenfluß stellt sich ein, die Lider beginnen 
anzuschwellen und sich zu röten und die Lidspalte ist schon mit 
gelblichen Krusten verklebt. Die Schwellung wird von Tag zu Tag 
größer, aus der Lidspalte dringt gelber, rahmiger Eiter, der beim 
raschen Offnen der Lider oft weit hervorspritzt (daher Vorsicht, daß 
hiebei nichts in das eigene Auge komme). Sind nicht von vorneherein 
beide Augen erkrankt, so lege man das Kind auf die Seite des 
erkrankten Auges, damit der Eiter nicht über die Nase in das gesunde 
Auge fließe. Auch darf das gesunde Auge nie berührt werden, bevor 
man die Hände nicht gründlich gewaschen hat. 

Weil während des Bestehens der Gelbsucht, welche alle Neu- 
geborenen befällt, die Tränenflüssigkeit auch gelblich gefärbt ist, und 
dieselbe nach dem Verschwinden der Gelbsucht, ohne daß etwas 
dagegen angewendet wird, wieder die normale Farbe annimmt, glauben 
viele, der gelbe, rahmige Eiter und die Lidschwellung hänge auch 
mit der Gelbsucht zusammen und werde mit dem Verschwinden der 
letzteren von selbst ohne Schaden für die Augen aufhören. Das ist 
aber eine irrige Ansicht, welche schon hunderten von Kindern das 
Augenlicht gekostet hat. Bemerkt man also Schwellung der Lider 
und eitrige Absonderung aus der Lidspalte, so rufe man sogleich 
den Arzt, denn nur so wird es möglich sein, die Augen des Kindes 
vor Erblindung oder ernstlichem Schaden zu bewahren. Sollte der 
Arzt aus irgend einem Grunde nicht sogleich erscheinen können, so 
wickle man dem Kinde beide Arme an den Körper, damit es sich 
mit den Händchen nicht in die Augen fahre und dabei die Hornhaut 
verletze oder den Eiter des erkrankten Auges in das gesunde über- 
trage. Ist die Eiterung reichlich und sind die Lider schon stark 
angeschwollen, so ziehe man vorsichtig jede halbe Stunde, ohne Druck 
auf den Augapfel, die Lider auseinander und wische den hervor- 
quellenden Eiter mit in reines Wasser (am besten gekochtes und wieder 
erkaltetes Wasser) getauchten Watte- oder Leinwandbäuschchen vor- 
sichtig ab und wasche sich hernach sofort die Hände. Erwähnt muß 
werden, daß die Eiterung der Augen trotz richtiger und sorgfältiger 



7. Nummer. Zeitschrift für das Österreichische Blindenwesen. Seite 107. 

Behandlung- oft bis gegen vier Wochen andauert und daß sie manchmal 
auch einige Tage vollständig aufhört, — besonders wenn die Kinder 
an Durchfall erkranken — um dann später wieder in gleicher Stärke 
aufzutreten. Man verliere daher nicht sofort das Vertrauen zum Arzte, 
wenn die Eiterung lange andauert und rufe ihn sogleich wieder, wenn 
nach einigen Tagen scheinbarer Besserung die Eiterung wieder auf- 
tritt. Bei dieser Gelegenheit muß eindringlich erwähnt werden, daß 
alle Personen, welche sich mit der Pflege Neugeborener befassen, die 
Augen des Kindes stets nur mit vorher gewaschenen Händen berühren 
sollen. Man hüte sich vor Übertragung von Eiter aus dem erkrankten 
Auge des Kindes in das eigene, weil man dadurch selbst ein höchst 
langwieriges Augenleiden bekommen, ja unter Umständen sogar die 
Sehkraft verlieren kann. Daher vermeide man, das Kind zu küssen, 
es zu sich ins Bett zu nehmen und hüte sich beim Reinigen den er- 
krankten Augen mit den eigenen zu nahe zu kommen, da beim Offnen 
der Lidspalte der Eiter oft hervorspritzt. 

Ebenso wichtig ist es auch, sich anzugewöhnen, jedesmal, so oft 
die Hände mit den erkrankten Augen des Kindes oder dessen Wäsche 
in Berührung kamen, dieselben aufs peinlichste mit Seife in einem 
nur hiezu dienendem Gefäße zu waschen, eine Vorsichtsmaßregel, 
welche bei allen übertragbaren und ansteckenden Krankheiten anzu- 
wenden ist. Watte und Leinwand, welche beim Reinigen der Augen 
in Verwendung waren, sollen sofort verbrannt werden, auf daß ja 
niemand mehr damit in Berührung komme. Hat aber jemand das 
Unglück, sich trotzdem etAvas in die Augen gebracht zu haben, so 
suche er sogleich einen Arzt auf.« 

Es steht wohl nicht zu bezweifeln, daß die neuerliche Aktion der 
Salzburger Landesregierung zu großem Nutzen und Segen gereichen 
kann und wird, und es ist zu hoffen, daß nun auch die Regierungs- 
behörden der übrigen Kronländer Österreichs und anderer Staaten 
dem Beispiele Salzburgs folgen werden. Vielleicht faßt der demnächst 
stattfindende »V. österr. Blindenfürsorgetag« den Beschluß, den ein- 
zelnen Landes-Regierungen die Hinausgabe derartiger Merkblätter 
dringendst anzuempfehlen. Dr. A. Toldt. 

Lehrer und Schüler in der Blindenanstalt. 

(Gutgemeinte Worte an junge Blindenlehrer.) 

J. Umlauf, Lehrer an der mähr.-schles. Landes-Blindenanstalt in Brunn. 

Es ist eine wohl von Jedem anerkannte Tatsache, daß jede 
Erziehungs- und Unterrichtstätigkeit ein schweres Beginnen ist; es 
steht demnach namentlich der zukünftige Berufserzieher — der Lehr- 
amtskandidat — vor schwierigen Fragen. Fleiß, guter Willen sind 
unbedingt notwendig, damit er sich durch das eingehende Studium 
der Methodik und Erziehungslehre und in praktischer Hinsicht dadurch 
vervollkommne, daß er der Führuug eines erfahrenen Schulmannes 
unterstellt werde. Von diesem lernt er, wie man während eines langen 
Jahres vorzugehen habe, wie das Erziehungswerk mit dem Unterrichte 
zu verknüpfen sei. Es ist nicht Aufgabe dieser Zeilen, diese Fragen 
umständlich zu erörtern. — 



Seite 108. Zeitschrift für das Österreichische Blindenwesen. 7. Nummer. 

Wenn schon eine Einführung des jungen Lehrers in den Unter- 
richt der Sehenden sich als unbedingt notwendig erweist, so gilt dies 
in erhöhtem Maße von dem jungen Blindenlehrer, 

Die Blinden genießen ihre Erziehung und Ausbildung in Inter- 
naten und da heißt es nicht nur Lehrer sondern auch Erzieher zu sein 
und da muß sich der junge Erzieher vor Augen halten, daß seine 
blinden Zöglinge durchs lange Jahr mit all ihren Wünschen, Leiden, 
und Freuden ganz an ihren Lehrer und Erzieher angewiesen sind. 

Darüber allseitig zu schreiben, würde weit den Rahmen über- 
schreiten und kann es daher nur meine Aufgabe sein, ein kleineres 
Gebiet in Erörterung zu ziehen und zwar will ich die Frage beant- 
worten, welche Mittel er anwenden muß, um das Vertrauen seiner 
Zöglinge zu erringen. — 

Jeder Mensch empfindet beim Betreten einer Blindenanstalt eine 
innere Erregung und auch Mitleid; diese Gefühle lassen in ihm die 
besten Absichten aufkommen. Gewiß wird auch der zukünftige Blinden- 
lehrer gerne seine Kräfte in den Dienst der Blindensache stellen und 
doch wird er häufig erfahren müssen, daß seine Bemühungen ihn seinen 
Pfleglingen nicht näher brachten. Die Ursachen hievon sind äußerst 
mannigfaltiger Natur. Die häufigste Ursache ist der noch nicht ganz 
erfaßte Zustand des Blindseins. 

Die Blindheit ist es, die den Zögling oft stundenlang an einen 
Ort fesselt, denselben wunschlos läßt, die ihn so hilflos verschlossen, 
so teilnahmslos und still macht, 

Die Blindheit erzeugt mangels vermittelnder Vorstellungskreise in 
vielen Dingen eine von der Art der Sehenden oft abweichende Auffassung. 

Der junge Blindenlehrer muß daher trachten, die Eigenart des 
Blinden und die damit zusammenhängenden Willens- und Gefühls- 
äußerungen kennen zu lernen. Durch seine Tätigkeit muß er den 
Blinden aus seiner Welt herausreißen und seinem Willens- und Ge- 
fühlsleben jene Richtung geben, die sich den realen Verhältnissen in 
weitestgehender Weise nähert. 

Zu den wichtigsten Obliegenheiten sowohl der Lehrer als auch 
der anderen Aufsichtspersonen gehört liebevolle Behandlung, sogar 
auch bis zu einem gewissen Grade ein Entgegenkommen und die 
Bereitwilligkeit, dem Blinden zu helfen und beizustehen. Die blinden 
Kinder müssen zu dem Bewußtsein gelangen, daß ihre Erzieher es 
jederzeit mit ihnen gut meinen, daß die Maßnahmen derselben die 
Selbständigkeit und Tüchtigkeit der Zöglinge bezwecken. 

Nachfolgend sei nun einiges angeführt, was der junge BÜnden- 
erzieher beachten muß. Der Blinde sitzt gerne, er liebt das Beisammen- 
sitzen ; er macht verschiedene Bewegungen mit den Armen, mit dem 
Kopfe, ja mit dem ganzen Körper. Auch mancherlei Unarten beim 
Essen, Gehen und bei anderen Gelegenheiten sind ihm eigen. Anfangs 
hat er große Furcht vor Spaziergängen. Schlechte Wege, Steine, 
kleine Gruben, im Winter Schnee und Eis machen ihm den Spazier- 
gang zur Qual. 

Beachte dies alles und wache über seine Gesundheit! 

Läßt er etwas fallen, stoßt er an Jemanden an, steht er nicht 
ganz gerage in der Reihe, geschieht ihm irgend ein kleines Malheur, 
so sei darob nicht böse. Sei ihm gut! 



7. Nummer. Zeitschrift für das österreichische BHndenwesen. Seite 109. 

Bringe ab und zu den Kleinen irgend ein, wenn auch ganz ein- 
faches Spielzeug z. B. aus Kartonpapier ausgeschnittene Gegenstände, 
Papiermühlen, Kugeln, Holzspulen, Papierrädchen, Bälle, Pfeifen u. dgl. 

Den größeren Schülern bringe die ersten Frühlingsboten, im 
Sommer Blumen, Pflanzen, verschiedene lebende Tiere, im Herbste 
Früchte und im Winter allerlei praktische Dinge aus der Anstalt 
oder selbst aus deinem Besitze. Zeige ihm, wie man diese Dinge gebraucht. 

Belebe deinen Unterricht durch kleine Erzählungen aus dem 
Leben, durch Hinweis auf die heimatlichen Verhältnisse des Schülers, 
durch das Volkshed.*) 

Dulde keine Unordnung in seinen Schulsachen, in seiner Lade, 
in seinem Kasten und sieh immer darauf, daß er überall und unter 
allen Umständen auf Anstand hält. 

In freien Stunden setze Dich zu ihm, plaudere mit ihm über 
nützliche Dinge und lies ihm etwas vor. 

Besorge in deiner freien Zeit manche deiner Arbeiten (z. B. 
Korrektur der Schularbeiten) in Anwesenheit deiner Schüler. 

Verbiete ihm nicht, frei im Garten zu turnen ! Beachte, welche 
Zöglinge turnen, und richte dich danach! 

Bleibe entweder selbst als Hilfe bei ihnen oder bestimme 
jemanden dazu! 

Bete mit ihnen ! Trachte sie aufzurichten, ihren Glauben zu ver- 
tiefen, damit ihr Vertrauen zu Gott felsenfest sei. 

Während der Schulzeit gehen einige Schüler zur Firmung. Bittet 
dich einer, du mögest ihm als Pate gehen, so erfülle diese Bitte. 
Wird einer deiner Schüler krank, so besuche ihn in der Kranken- 
anstalt. Nach Jahren wird er dir Tag, Stunde und alles angeben, was 
du ihm damals getan. — 

Wohl mußt du. um all das zu tun, viele deiner freien Stunden 
opfern, wohl mußt du auf manches Vergnügen verzichten ; bedenke, 
daß in der Blindensache der Satz gilt : »Hilf dem Blinden von der 
Wiege bis zum Grabe!« 

Zur Willensbildung. 

A. Zier fuß, Fachlehrer an der n. ö. Landes-Blindenanstalt in Purkersdorf. 

»Die Willensbildung ist das große Hauptstück der Erziehung: 
Charaktervolle, sich selbst beherrschende, frei das Gute und Rechte 
wollende Menschen bilden, das ist die vornehmste und höchste Auf- 
gabe, die menschlicher Tätigkeit überhaupt gestellt werden kann.« 
So urteilt der im Jahre 1908 verstorbene Berliner Professor Friedrich 
Paulsen in seiner trefflichen »Pädagogik« über die Willensbildung. 

Bei uns Deutschen legt die Pädagogik, wenigstens die praktische, 
noch immer das Hauptgewicht auf die Verstandesbildung. Die Willens- 

*) Schon durch Jahre trachte ich, daß meine Schüler während des Schul- 
jahres so nebenbei (also nicht in der Gesangsstunde, in welcher der Musiklehrer 
größere Werke einstudieren muß) in den kleinen Pausen oder am Inspektionstage 
vier bis fünf Volkslieder erlernen. Diese Lieder werden dann während der Pausen, 
z. B. zwischen 11 und 12 gesungen. Als ich nach vielen Jahren einen ehemahgen 
Zögling frug, was ihn am meisten an die Schulzeit erinnere, gab er zur Antwort: 
>Die Schullieder, die ich einst gesungen, singe ich heute noch gerne*. 



Seite 110. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 7. Nummer. 

bildung, die eigentliche Erziehung, tritt dagegen weit in den Hinter- 
grund. Das ist zum Teil schon in unserem Volkscharakter begründet; 
dem Deutschen sind gründliches Indietiefegehen und wissenschaftliche 
Gelehrsamkeit tief eingepflanzt. Wir brauchen uns dessen auch gar 
nicht zu schämen. Einen zweiten Grund mögen wir in dem geschicht- 
lichen Werden unserer Schulen finden. Das Schulwesen lag durch 
Jahrhunderte fast ausschließlich in der Hand der Klöster und später 
auch des welthchen Klerus. Und die Kloster- und Lateinschulen waren 
wohl der Typus der Schule für Verstandesbildung. 

Anders bei unseren nördlichen Vettern, den Engländern. Hier 
wurde seit jeher der Willensbildung viel größeres Augenmerk zuge- 
wendet. Die Internatserziehung, die in England eine viel größere Rolle 
spielt als bei uns, legt auf die Willensbildung viel mehr Gewicht; ja 
selbst die englischen Colleges sind eigentlich mehr Erziehungsanstalten 
als reine Studienanstalten. Daß in Amerika die Ansichten dieselben 
sind wie in England, mag folgender Ausspruch Roosevelts zeigen: 
»Charakter ist für die Rasse wie für das Individium weit wichtiger 
als Intellekt«. 

Diese Überzeugung gewinnt auch bei uns seit einer Reihe von 
Jahren immer mehr Boden. Immer mehr ist man bestrebt, unsere 
Lernschule zu einer Erziehungsschule zu machen. Freilich wird, was 
Willensbildung anbelangt, die allgemeine Volksschule immer nur Teil- 
arbeit leisten können; zu mächtig sind die Faktoren, die außerhalb der 
Schule die Entwicklung des jungendlichen Willens beeinflußen. Viel 
günstiger liegen die Verhältnisse bei der Internatserziehung. Hier ist 
es, wenn auch nicht vollständig, so doch zum großen Teil möglich, 
schädliche Einflüsse von den Zöglingen fern zu halten. Freilich dürfen 
dabei die Schattenseiten der Internatserziehung nicht vergessen werden. 

Durch drei Mittel wirkt die Erziehung auf den sich entwickelnden 
Willen ein: durch das Beispiel, die Zucht und die Lehre. Über die 
Macht und die Wichtigkeit des Beispiels hier viele Worte zu machen, 
erscheint überflüssig. Dasselbe gilt von der Lehre, die überdies noch 
den geringsten Anteil an der Willensbildung hat. So bleibt als 
wichtigstes Mittel der Willensbildung die Zucht. Diese wird ihre Be- 
deutung naturgemäß im Internat am wirkungsvollsten entfalten können. 
Darum erscheinen die folgenden Ausführungen, die sich im Wesent- 
lichen an das eingangs erwähnte Werk Paulsens anlehnen, gerade 
in einer Zeitschrift für Blindenanstalten, die durchwegs Internate sind, 
wohl am Platze. 

Was ist nun Zucht? Das Wort hat gewöhnlich einen unangenehmen 
Klang. Man denkt dabei an das Zuchthaus,* an strenge, schwere 
Strafmittel, kurz an einen äußeren Zwang. In diesem Sinne versteht 
nun die Pädagogik das Wort keineswegs. Zucht im erzieherischen Sinn 
ist die Gewöhnung des zu bildenden Willens zu bestimmtem Wollen 
und Handeln. Es liegt in der Macht des Erziehers, den kindlichen 
Willen in bestimmte Richtung zu lenken, ihn zu erziehen. Die Be- 
tätigung jeder Kraft schafft eine gewisse Geneigtheit, diese Betätigung 
zu wiederholen. Ist nun durch Übung eine dauernde Disposition zu 
einer bestimmten Handlung geschaffen worden, so ist diese Handlung, 
oder diese Art des Handelns zur Gewohnheit, zum Habitus geworden. 
Da es der Erzieher gar wohl in der Hand hat, einzelne Betätigungen 



7. Nummer. Zeitschritt für das österreichische Blindenwesen. Seite 111. 

herbeizuführen, so kann er durch Wiederholung derselben auch einen 
-bestimmten Habitus des Wollens und Handelns im Zögling schaffen. 
Dazu ist allerdings ein gewisses Verhältnis zwischen Erzieher 
und Zögling Bedingung, nämlich Gehorsam und Autorität. 

Gehorsam ist nicht etwa eine vereinzelte Beugung oder Unter- 
werfung des kindlichen Willens unter die Macht des Erziehers, sondern 
das dauernde Verhältnis der Unterordnung. Die Voraussetzung dazu 
auf Seite des Erziehers ist die Autorität. 

: Ihre Wurzel hat sie in der Überlegenheit des Erziehers. Diese 

kann eine dreifache sein: physisch, ökonomisch und geistich-sittlich. 
Die physische Überlegenheit mag vielleicht unbewußte Grundursache 
jeder Autorität sein. Schließt sie doch die Möglichkeit des Gezwungen- 
werdens in sich. Aber auch Schutz und Hilfe, die der physisch Über- 
legene gewähren kann, spielen dabei, besonders im zarteren Alter, 
eine große Rolle. Die ökonomische Überlegenheit finden wir bei Herr 
und Knecht, Arbeitgeber und Arbeitnehmer, bei Vorgesetzten und 
Untergebenen. Die höchste Form der Überlegenheit wird natürlich der 
haben, der erfahrener, kenntnisreicher, tüchtiger ist, der den besseren 
Willen, die bessere Einsicht hat, der Rat und Anleitung geben kann, 
kurz, der dem Zögling geistig-sittlich überlegen ist. Gleicht sich dieses 
Verhältnismitzunehmendem Alter des Zöglings mehr und mehr aus, so wird 
doch der Grundton des früheren Verhältnisses, die Ehrfurcht, zurück- 
bleiben. Ohne Ehrfurcht keine Erziehung. Leider ist es in diesem 
Punkt mit der heutigen Jugend sehr schlecht bestellt. 

Die wichtigsten Mittel der Willensbildung sind Lohn und Strafe. 
Da fällt zunächst auf, daß die Belohnung gegenüber der Bestrafung 
eine sehr untergeordnete Rolle spielt. Warum? Die Antwort ist ein- 
fach. Das Gute soll man um seiner selbst willen tun; die gute Tat 
trägt die Belohnung in sich. Eine äußere Belohnung ist ein Plus an 
Erfolg, das nur gar zu leicht die Wirkung hat, den Willen zu ver- 
bilden, die Belohnung als das Ziel der guten Tat hinzustellen ; fällt 
die Belohnung weg, so fällt auch der Ansporn zur guten Tat weg. 
Diese Gefahr darf nicht übersehen werden. 

Eine weit größere Rolle bei der Erziehung spielen die Strafen. 
Über die Bedeutung und über die allgemeinen Eigenschaften der 
pädagogischen Strafen braucht wohl nicht viel gesagt zu werden. Die 
Strafe hat den Zweck, den Geboten und Verboten, kurz den An- 
ordnungen des Erziehers Geltung zu verschaffen, willkürliche Über- 
tretungen zu ahnden. Keinesfalls darf die Strafe die Form der Rache, 
der Befriedigung des persönlichen, subjektiven Gefühles, annehmen. 
Eigentlich sollte man sich nur der natürlichen Strafen bedienen ; jede 
ungehörige Handlung sollte durch ihre Folgen die Bestrafung bringen. 
Leider steht es so, daß man mit den natürlichen Strafen nicht aus- 
kommt. Jede Erziehung muß künstliche Strafen zu Hilfe nehmen. 

Die beste, oder eigentlich besser die günstigste Erziehung wird 

die sein, die der wenigsten Strafen bedarf. Wo viel gestraft werden 

>\rnuß, ist irgend etwas nicht in Ordnung; entweder sind die Zöglinge 

besonders verdorben und unbotmäßig, oder es mangelt an Autorität. 

"Möglichst wenig Strafen, der Strafen schließlich ganz entbehren können, 

das mußdasZiel der Erziehung sein. Die beiden wichtigsten Mittel dazu sind: 

wenig Verbote und Gebote, Strenge und Konsequenz in der Durchführung. 



Seite 112. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 7. NummeF. 

Jedes Gebot trägt in sich schon die Möghchkeit der Nichterfüllung^ 
besser als gebieten ist entsprechend anleiten. Noch ärger ist's bei Vei'- 
boten. Diese tragen geradezu den Reiz zur Übertretung in sich. 
Besser als verbieten ist verhüten, die Möglichkeit zur Übertretung 
nehmen. Damit fällt dann auch die Notwendigkeit zu strafen fort. 

Der wichtigste Teil der Willensbildung beschäftig sich mit der 
Anwendung der Strafen. Konsequenz und Strenge sind hier die beiden 
Forderungen, deren Erfüllung allein im Stande ist, die Strafen wirk- 
sam, damit aber zugleich mit der Zeit auch überflüssig zu machen. 
Alles Drohen, viele Reden, Ermahnen, Moralisieren usw. hilft nichts» 
wenn die nötige Konsequenz in der Anwendung der Strafen fehl! 
Der Zögling muß wissen, woran er ist. Der unkonsequente Erzieher 
verleitet ihn geradezu zu der Spekulation: Wag' ich's? Wag' ich's 
nicht? Der Zögling weiß nicht, wie weit er gehen darf, wieviel ihni 
der Erzieher durchgehen lassen wird. Er ist in einem beständigeft 
Erproben, wie weit die Gutmütigkeit, oder besser Schwäche seines 
Erziehers reichen wird. Eine dann plötzlich eintretende strenge Be- 
strafung, zu der der Erzieher doch endlich gezwungen ist, empfindet 
das Kind natürlich als Ungerechtigkeit, ja sogar Härte. 

Das ist eben vielleicht der größte Vorzug der natürlichen Strafei, 
daß sie konsequent ist. Die Natur schilt nicht, droht nicht, ärgert sich 
nicht; aber mit unabänderlicher Sicherheit tritt die Folge der Handlung 
ein. Ich kann mir nicht versagen, hier Paulsens schönes Beispiel einer 
natürlichen, konsequenten Strafe anzuführen : Die Eisenbahn. Wer zu 
spät kommt, darf nicht mitfahren. Das ist wie ein ehernes Naturgesetz. 
Die Eisenbahn droht nicht, schilt nicht, ärgert sich nicht; alles das 
tut nur der schwächliche Erzieher. Nur das, was dieser nicht tun 
würde, tut sie: sie läßt den zu spät Gekommenen zurück, er darf nicht 
mit. Das erzieht. Bei dem Millionenverkehr ist die Zahl der zu spät 
Kommenden verschwindend klein. 

Das sollte sich jeder Erzieher zum Muster nehmen, besonders 
aber der Lehrer in einem Internat. Es gibt da so viele Dinge, die 
jeden Tag immer und immer wieder gesagt werden müssen, kleinere 
(und wohl auch größere) Übertretungen und Verfehlungen, die nahezu 
jeden Tag wieder vorkommen. Der Kampf dagegen ist ein aufreibender 
und für den unkonsequenten Erzieher auch aussichtsloser. Zu fester 
Ordnung hilft eben nichts, als konsequente Strenge. Der Zögling sollte 
das Bewußtsein haben, auf eine absichtliche Verfehlung folgt unbedingt 
Strafe. Da darf es kein Handeln, kein Markten geben. Nur die Über- 
zeugung von dem sicheren Eintreffen der Strafe wird von der Ver- 
fehlung abhalten. Die Nachsicht reizt nur zu der oben schon ange- 
führten Überlegung: Wag' ich's oder wag' ich's nicht? Wie weit darf 
ich gehen? All die vielerlei Fälle des Internatslebens, die nur bei 
strenger Konsequenz zu beseitigen sind, bei Nachsicht aber zur un- 
versiegbaren Quelle täglich sich wiederholender Ermahnungen und 
Bestrafungen werden, sind jedem, der längere Erfahrung in der Inter- 
natsaufsicht gewirkt hat, zur Genüge bekannt. Die Ursache der nervenauf- 
reibenden Arbeit, des täglich, ja stündlich sich wiederholenden Kampfes 
immer wieder gegen dieselben Schwächen, gegen dieselben Unarten 
und Fehler ist zum großen Teile im Lehrer selbst zu suchen, nämlich 
in seinem Mangel an konsequenter Bestrafung. 



7. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 113. 

Ein Beispiel noch aus dem Anstalsleben möge dies erhärten. 
Sind die Zöglinge zum Kirchengang angestellt, so werden bald einige 
zu sprechen beginnen, u. zw. zunächst noch leise. Sprechen aber fünf 
oder sechs leise miteinander, so muß ein anderer, um verstanden zu 
werden, schon etwas lauter sprechen. Sprechen aber einmal einige 
etwas lauter, so müssen wieder andere noch lauter sprechen usf. Das 
ist eine Schraube ohne Ende. Der Schluß ist ein Schreien und ein 
Lärmen, daß der beaufsichtigende Lehrer geradezu brüllen muß, um 
überhaupt gehört zu werden. Auf ein in den Lärm geschrieenes Macht- 
wort wird das Sprechen natürlich auf einen Augenblick verstummen, 
dann aber geht die Sache von vorne an. Ohne eine strenge und be- 
sonders konsequente Bestrafung wird sich das Spiel bei jedem 
Kirchengange wiederholen. Der Lehrer kommt aus dem Ärger nicht 
heraus. Sind an diesem Zustande nur die Zöglinge schuld? Gewiß 
nicht. Ist das erste leise Sprechen einiger geduldet worden, so ent- 
wickelt sich die Steigerung des Lärmes notwendig von selbt, ohne 
daß dann irgend ein lauter Sprecher mit Recht zur Verantwortung 
gezogen werden könnte. Geht aber endlich dem Lehrer die Geduld 
aus und er verhängt über einen scheinbar besonders Lauten eine 
Strafe, so fühlt dieser sich mit Recht unschuldig bestraft, weil zehn 
oder zwanzig andere ebenso laut gesprochen haben wie er. Die Strafe 
wird dann als Härte empfunden. Es gibt nur ein wirksames Mittel 
dagegen: konsequent den Anfang bekämpfen- Wird beim Anstellen 
gesprochen, so ist beim Mittagessen Stillschweigen. Die Strafe ist eine 
nahezu natürliche: die jetzt mangelnde Ruhe muß später gleichsam 
nachgeholt werden. Sie wird von keinem Zögling als ungerecht 
empfunden werden und, einigemale wiederholt, sicher die gewünschte 
Wirkung haben. Ein einzelner Vorlauter wird natürlich leicht einzeln 
zu bestrafen sein. So ließen sich noch viele Fälle anführen, wobei 
auch nicht übersehen werden darf, daß manche Ausnahmen, manche 
besonders zu behandelnde Fälle vorkommen werden. In der Haupt- 
sache jedoch wird man nur mit Konsequenz und Strenge eine ent- 
sprechende Ordnung erzielen können. Und ein Internat ohne strenge 
Ordnung ist ein Unding, sollte eigentlich gesperrt werden. 

Und nun noch eins. Welcher Lehrer ist beliebter, angesehener bei 
den Zöglingen, welcher hat mehr Achtung und Autorität, der immer 
redende und ewig ermahnende oder der konsequent und streng strafende? 
Gewiß der letztere. Die Zöglinge empfinden es bald als Wohltat, wenn 
sie genau wissen, woran sie sind. »Ein ganzer Gehorsam ist viel leichter 
als ein halber.« Der nachsichtige, unkonsequente Erzieher läßt den 
Zögling beständig im Zweifel, wie weit er gehen darf. Jede neue Ver- 
suchung stellt ihn wieder vor die zweifelhafte Frage: Soll ich, soll ich 
nicht? Der Zögling weiß nie, woran er ist. Und diesen Zustand empfindet 
er als quälend, wenn er sich auch der Ursache nicht so ganz bewußt ist. 

Also Konsequenz und Strenge ist das Haupterfordernis einer 
guten Zucht. Erst wenn der Lehrer auf diese Weise eine gute Zucht 
hergestellt hat, wenn seine Zöglinge einmal gut diszipliniert sind, dann 
wird er allmählich die Zügel lockerer lassen, dann wird an die Stelle 
der Strenge die Milde treten können. Diese Milde wird dann aber 
auch von den Zöglingen geschätzt und nicht als Schwäche ausgelegt 
werden. Wer erst nachsichtig ist und mit der Strenge wartet, bis ihm 



Seite 114. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 7. Nummer. 

die Zöglinge über den Kopf gewachsen sind, der wird dann auch 
mit seiner verspäteten Strenge keinen Erfolg haben, ja wahrscheinlich 
dann als ungerecht und grausam angesehen werden. Dies ist eine 
Tatsache die besonders von jungen Lehrern beherzigt werden soll. 
Gleich mit Strenge anfassen, dann erst allmählich lockerer lassen ; 
aber ja nicht umgekehrt! 

Es ist vielleicht nicht ganz ungefährlich, in der Jetztzeit die 
Forderung nach konsequenter Strenge in der Erziehung auszusprechen. 
Leben wir doch im Zeitalter des Kindes! Nun, das wird hoffentlich 
auch wieder einmal anders werden. Man wird die zum großen Teil 
überspannten Forderungen allmählich wieder aufgeben und langsam 
auf ein natürliches Maß beschränken. Treten doch zahlreiche Schäden 
dieser verweichlichenden Erziehung schon offen zu Tage und von 
mancher Seite schon ertönt ein ernster Warnungsruf. Man beginnt 
allgemach einzusehen, daß man durch diese »zärtliche Pädagogik«, 
durch diese sentimentale, übertriebene Humanität am allerwenigsten 
dem Kinde selbst nützt. Wie soll ein Kind, dem jede Schwierigkeit, 
jede Unannehmlichkeit von überbesorgten Erziehern sorgfältig aus 
dem Wege geräumt wird, von dem niemals eine wirkliche Anstrengung, 
wirkliche Selbstbeherrschung oder Selbstüberwindung verlangt wird, 
später einmal im Leben bestehen ? Ist es verwunderlich, wenn es bei der 
ersten unbedeutenden Krise, die ihm das Leben bringt, halt- und 
kraftlos zusammenbricht? 

Das Leben wird immer schwerer, der Kampf ums Dasein immer 
härter, immer rücksichtsloser; das Kind aber macht man immer 
weniger widerstandsfähig, immer weniger lebenstüchtig. Das Leben 
ist unnachsichtig, mit strenger Konsequenz rächt es jede Verfehlung, 
jedes Versäumnis; nur in der Erziehung, in der Vorbereitung auf das 
Leben soll von Strenge, von Konsequenz nichts zu spüren sein! Von 
den Opfern dieser verfahrenen Humanität berichten uns fast täglich 
die Zeitungen. 

Braucht aber schon der Sehende so viel Kraft und Ausdauer, 
um den rauhen Kampf ums Dasein bestehen zu können, wie viel mehr 
ist es für den Blinden nötig, daß er in seiner Jugend gestählt werde, 
befähigt werde, den Widerwärtigkeiten des Lebens nicht kraftlos 
gegenüberzustehen, sondern den Kampf mit ihnen mutig aufzunehmen! 

Eines noch! Gerade der Blinde, der selbst heute noch auf 
Schritt und Tritt Vorurteilen begegnet, sollte mit aller Strenge dazu 
angehalten werden, in keiner Weise Anstoß zu erregen. Da darf nichts 
als kleinlich hingestellt werden, nichts zu unbedeutend sein. Wie viel 
im Leben hängt oft von Kleinigkeiten, ja von Äußerlichkeiten ab! 
Das Auftreten, die Art sich zu bewegen, zu sprechen, zu grüßen usf. 
ist oft bestimmend für die ganze Zukunft eines Blinden. Wäre es da 
nicht angezeigt, auf diese Dinge, besonders auch auf die unschönen 
Gewohnheiten der Blinden mit größerer Strenge zu sehen, statt es 
bei den mehr oder weniger sanften Ermahnungen bewenden zu lassen? 
Wie vielen Blinden mag in dieser Beziehung schon großer Schaden 
durch die zu große Nachsicht ihrer Erzieher erwachsen sein! 

Ein erwachsener, hochgebildeter Blinder, der in jeder Beziehung 
seinen Mann stellt, sitzt beispielsweise in durchaus vornehmer, ge- 
bildeter Gesellschaft und — bohrt den Finger bis zum ersten Glied 



7. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 115. 

ins Auge. Ein anderer, ebenfalls hochgebildeter Blinder sitzt in gleicher 
Gesellschaft — hingelümmelt über drei Sessel. Wer ist Schuld? Gewiß 
nicht der arme Blinde, der ja das Unschöne seines Verhaltens nie 
gesehen hat. Schuld ist der Erzieher, der ihm in der Jugend aus 
übergroßer Nachsicht solche Dinge angehen ließ. Da erscheint die 
Frage wohl überflüssig, wer dem Blinden mehr nützt, wer wahre 
Humanität betätigt, der, der dem jungendlichen Blinden solche Unarten 
angehen läßt, oder der, der durch konsequente Strenge ihn vor solchen 
Verstößen bewahrt. 

Ein Rückblick auf die vorstehenden Ausführungen ergibt die 
Forderung in der Erziehung überhaupt, besonders aber in der Erziehung 
der uns anvertrauten Blinden, die Zöglinge widerstandsfähig für den 
Kampf ums Dasein zu machen, sie zu aufrechten, lebenstüchtigen 
Menschen heranzubilden. Damit aber dieses schöne Ziel erreicht werden 
kann, ist von der Erziehung jede sentimentale, falsch verstandene 
ZärtUchkeit, jede allzunachsichtige Weichlichkeit fernzuhalten und an 
deren Stelle zielbewußte, konsequente Strenge zu setzen. Das ist dann 
keine falsche, sondern wahre Humanität, die unseren Schützlingen auch 
wirklich fürs Leben nützen wird. 

Die Anfänge des Kartenlesens in der Blindenschule. 

Blindenlehrer A. J. Rappawi, Brunn. 

»Man muß langsam eilen, 
Zeit zu verlieren scheinen, 
um sie hernach zu gewinnen.« 
Dr. Josef Mich. 

In der Erdkunde hat es die Blindenschule unstreitig weit gebracht. 
Die von der Hand des Lehrers stammende, oft mühevoll zustande ge- 
brachte Reliefkarte wurde durch die billige und zweckmäßige Papier- 
karte rasch verdrängt. Nicht so rasch und gut ist es aber mit der Me- 
thode des Geographieunterrichtes gegangen. Indem man vielfach den 
Grundsatz »Vom Nahen zum Entfernten« auch im erdkundlichen Unter- 
richte der Blindenschule beachtet und dem Lehrvorgang der öfifentlichen 
Volks- und Bürgerschule »vom Schulzimmer zum Weltall« vielfach blind 
nacheiferte, kam man unwillkürlich ab vom Wege der pädagogisch 
begründeten Methode und nahm Zuflucht zur bequemen Schablone. 
Dieser Tatsache nachgehend, erinnern wir uns ganz besonders jener 
üblichen Methode, die eine Einführung in das Kartenlesen durch die 
Behandlung des Grundrisses des Schulzimmers und des AnstaUsgrund- 
stückes vorkehrt. 

Dieser Vorgang ist widernatürlich, da er sich einesteils dem oben 
gebrachten Ausspruche, andernteils der Methode des Unterrichtes in 
konzentrischen Kreisen mechanisch anpaßt, ohne einer durch natürliches 
Erleben erreichten, praktischen Anschauung billigerweise Rechnung zu 
tragen. Mit wenig Interesse verfolgen die Schüler der Mittelstufe das 
Abmessen des Schulzimmers nach Schritten und Metern; mechanisch, 
oft ohne wirkliche Überzeugung, nehmen sie die Bestimmung der Welt- 
gegenden im abgeschlossenen Räume vor; mühen sich ab in der Be- 
trachtung der wenig Aufmerksamkeit weckenden, oft unzugänglichen 
Umgebung des Anstaltsgebäudes u. dgl. 



Seite 116. Zeitschrift für das österreicliisclie Blindenwesen. 7. Nummer. 

Ein ganz anderes Bild wird uns in Verfolgung des bezeichneten 
Zweckes jene Blindenklasse gewähren, die der Methodiker vor allem 
in die Umgebung des Schulortes führt, um seine, diesen Weg des natür- 
lichen Auslebens dankbar und lernfreudig begrüßende Schülerschar an 
den sich selbst darbietenden erdkundlichen Erscheinungen zu belehren 
und für das Kartenlesen vorzubereiten. 

Am Felde bezeichnen uns Raine, Graben und Grenzsteine die 
Grenzen der Anwesen, die aufgehende und untergehende Sonne belehrt 
über die Lage der Weltgegenden und dies ermöglicht wieder die Er- 
kenntnis von der Lage der Dinge zu einander. Wir zeigen nicht un- 
praktischer Weise wie bisher die Himmelsgegenden einfach im Schul- 
zimmer mit der Hand, sondern schreiten im Freien in den verschiedenen 
Weltrichtungen, gehen also der Sonne entgegen, wandern von Norden 
nach Süden u. dgl. Durch Gehen, Tasten, Hören gelangen die Blinden 
zur natürlichen Erkenntnis der Biegungen und Krümmungen der Wege, 
Straßen, Bäche und Flüsse, Eisenbahnen; lernen die Länge und Breite, 
ja den Umfang eines Teiches kennen und gewöhnen sich an das Ab- 
schätzen der Größen und Entfernungen. 

Diese Orientierungsübungen bahnen einen verständnisvollen Geo- 
graphieunterricht an. Deshalb gehört der Blindenlehrer mit seinen Zög- 
lingen in den ersten Erdkundestunden ins Freie. Die daselbst gewonnenen 
Erfahrungen werden jedesmal in einer unserem Zwecke nähertretenden 
Weise, vor allem in der Modellierstube verwertet. Ungezwungen und 
ungesucht verfertigen die Blinden in der Stube für das Tonformen ihre 
erste Landkarte. In dem weichen Ton wird das Flußbett gegraben, durch 
eine entsprechende Vertiefung der Teich bezeichnet. Straßen, Schienen- 
wege, Alleen, Wald, Feld und Wiese, Felsen, Berge, Gebirge, Häuser, 
Dörfer u. v. a. finden ihre unterschiedlichen Zeichen und ihre zugehörige, 
auch in der Entfernung wohl beachtete Stellung neben-, über- und unter- 
einander. Jeder praktische Schulmann muß zugeben, daß unsere Schüler 
an solche und ähnliche Arbeiten nicht nur freudig, sondern auch ver- 
ständnisvoll schreiten. 

In der kurz skizzierten Anwendung des im Freien Erlebten haben 
wir das Gebiet der unterrichtlichen Unterweisung durch weitestgehende 
Selbstbetätigung betreten und den Wert der Arbeitsschule voll erkannt. 

Ohne den Ausdruck »verkleinerter Maßstab« zu kennen, werden 
die Anfänger des erdkundlichen Unterrichtes, wie angedeutet, von selbst 
darauf kommen, das im geographischen Versuchsfeld Beobachtete und 
unter der Anleitung des Lehrers Erkannte und Benannte als kleines 
Reliefbild herzustellen. Daß hiebei auch die bei Blinden nicht zu missende 
Einbildungskraft eine Rolle spielen wird, ist klar. In den besprochenen 
Modellierübungen werden wir bei einzelnen sogar auf eine feinere Be- 
obachtungsgabe kommen. Sie werden für die Auffassung des Verhält- 
nisses der Entfernung ein gutes Verständnis zeigen und den erwähnten 
verkleinerten Plan in der räumlichen Anordnung der Gegenstände ziemlich 
deutlich und korrekt zustande bringen. 

Diese Übungen erst öffnen uns wieder den Lehrsaal. In diesem 
wird den Schülern die Karte des Bezirkes oder Kreises, zuerst am besten 
jene der Umgebung des Anstaltsortes vorgelegt. Mit Hilfe der im Freien 
gewonnenen Anschauungen und Vorstellungen, die im Modelliersaale 
bereits eine plastische Darstellung durch künstliche Zeichen und Gruppie- 



7. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 117. 

rungen erfahren haben, wird das Ablesen der geographischen Zeichen 
auf dieser Karte einem klaren Verständnis begegnen. Dem letzteren 
gesellt sich das Interesse zu. Vor Freude und Vergnügen lächelnd werden 
sich die Blinden aut der Karte bald orientieren und mit Ausdrücken 
wie »da waren wir«, »das kenne ich«, »hier haben wir mit der Meß- 
schnur gemessen«, »dort haben wir die Weltgegenden bestimmt», da 
begann der Wald» die vorausgegangene Mühewaltung im Freien lohnen. 
Das bisher Gesagte läßt sich in die Schlagworte zusammenfassen: 

1. Orientierungsübungen an dankbaren Stellen des Bezirkes mit 
der Richtung einzelner Objekte angepaßten Wanderungen, z. B. Wan- 
derung auf der sich von Osten nach Westen hinziehenden Bezirksstraße, 
Durchquerung eines Waldes, Besteigung eines Berges, Durchwaten des 
Baches u. ä. 

2. Verwertung des Beobachteten in dem Modellierunterrichte. Wahl 
der besten Zeichen für die in diesen Unterweisungen schon vorbereiteten, 
richtigzustellenden geographischen Gruudbegriffe; Beobachtung der ver- 
hältnismäßigen Raumeinteilung und der relativen Größenverhältnisse . . . 
(Überhöhung unvermeidlich). 

3. Vermittlung der geographischen Grundbegriffe im erdkundlichen 
Unterricht. Hilfsmittel: Erhabene Idealkarte, Einzelndarstellungen: Berg, 
Insel, Dorf und Stadt u. ä. Die letzleren müssen meist von der fleißigen 
Hand des Blindenlehrers aus Ton, Gips, Papiermasse, Holz u. a. herge- 
stellt werden. 

4. Übergang zur Umgebungs-, Bezirks- und Landkarte. Die letztere 
soll in vierfacher Darstellung vorliegen und zwar als Fluß-, Gebirgs-, 
Städte- und Eisenbahnkarte. Anmerkung: Das Üben am Sandkasten und 
Zurückkehren zum Modellierbrette wird mitunter eine Notwendigkeit sein. 

5. Behandlung des durchgenommenen Lehrstoffes im Modellier- 
saal behufs selbständiger und endgültiger Einprägung der Kartengebilde 
durch Nachbilden der ganzen Bezirks-, beziehungsweise Landkarte mit 
allen darauf vorkommenden Merkmalen wie Stadt, Dorf, Fluß, See, 
Gebirge, Eisenbahn, Paß, Ebene u. dgl. Die so von der Hand des blinden 
Schülers hergestellte Reliefkarte zeugt von der Güte des Unterrichtes 
und von der Auffassungsgabe des Schülers zugleich. Die Übung fällt 
selbstverständlich erst in das 4. Quartal des 3. Schuljahres. Bemerkens- 
wert erscheint es noch, daß die lernenden Schüler auch 2 bis 3 Bahn- 
fahrten in dankbare Landesgebiete machen sollen, um das volle Interesse 
zu wecken und ein gutes Verständnis anzubahnen, — 

Die Lektionen vom Grundrisse des Schulzimmers, des Anstaltsge- 
bäudes nnd seiner Umgebung erscheinen für die Erdkunde als über- 
flüssig und können in einem entsprechenden Zeitabschnitte der geometri- 
schen Formenlehre insoferne besser angewendet werden, als man mit 
den entsprechenden Messungen auch das Zeichnen im verjüngten Maß- 
stabe zweckdienlicher verbinden kann. 

Die Erfahrung lehrt, daß gerade dieser Vorgang die die Aufmerk- 
samkeit der Schüler nicht immer fesselnde Raumlehre belebt, da er die 
Anwendung der geometrischen Wahrheiten in Form des praktischen 
Vermessens und sofortigen Nachzeichnens zuläßt. Das ist Erziehung zur 
Brauchbarkeit im Leben, Verwertung erworbener Kenntnisse und 
Fertigkeiten. 



Seite 118. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 7. Nummer. 

Zum Schlüsse noch eines: Der erdkundHche Unterrichtsbetrieb der 
BHndenschule lehrt, daß sich jede Anstalt ihre Bezirks- und Landes- 
karten wohl am besten selbst herstellt (druckt), da es meist schwer wird, 
daß die Zentralstelle für Kartendruck den verschiedenen Wünschen über 
die Besetzung des einzelnen Kartenblattes mit Orten und Eisenbahnen 
z. B. entsprechend gerecht werden könnte. Diesem Belange entspräche 
wohl die Einführung eines mehrwöchentlichen Lehrkurses zwecks Her- 
stellung von Blindenlehrmitteln. Die Blindenlehrer würden diese zeit- 
gemäße Einrichtung gewiß gerne begrüßen. 

Sammelt Streichholzschachteln! 

Fachlehrer Friedrich Demal, Purkersdorf. 

Alte Liebe rostet nicht! Obwohl Nichtraucher, liebe ich die Streich- 
holzschachteln schon volle 30 Jahre, nämlich als Spielzeug! Schon als 
kleiner Knabe führte ich mit ihnen — in Ermanglung eines teuren Bau- 
kastens — die gewagtesten Bauten auf und jetzt als Blindenlehrer merke 
ich mit Freuden, daß auch meine Schüler gerne darnach greifen, um 
sich zu zerstreuen und ihren Phantasiebildern greifbare Form zu geben. 

Wie ich gleich zeigen werde, sind diese Schachteln im Unter- 
richte so gut wie im Spiele zu gebrauchen. Die Hantierung mit ihnen 
weckt und stillt im Kinde den Tätigkeitstrieb, fördert die Handgeschick- 
lichkeit und macht den Unterricht interessant, lauter Forderungen der 
»Arbeitsschule«. 

Ich habe mir erlaubt, eine jcleine Auswahl aus Zündholzschachteln 
hergestellter Gegenstände beim kommenden Blindenfürsorgetag auszu- 
stellen. Die meisten Sachen sind »Phantasieschöpfungen« meiner Ele- 
mentarschüler, wie man aus den aufgeklebten Schildchen entnehmen 
kann. Andere wieder wurden zu Spiel- oder Unterrichtszwecken unter 
Anleitung des Lehrers von Schülern hergestellt. Selbstverständlich ließe 
sich die Anzahl der Objekte leicht verzehnfachen, doch genügt das 
Wenige, um zu zeigen, daß sich mit diesen Dingerchen manches machen 
läßt. Folgende Ausführungen mögen das noch erhärten, wobei ich der 
Kürze halber in Schlagworten reden will : 

1. Kindergarten und Orientiernngsübungen: 

Mit einer Schachtel: Die Schachtel legen, aufstellen; ein wenig 
aufmachen; links, rechts; die Schachtel ganz herausschieben, hinein- 
schieben. Steinchen hineingeben, herausnehmen, klappern damit, wie viel 
sind drinnen? Wo ist an der Schachtel 1., r., o., u., v., h..^ 

Mit zwei Schachteln: Ineinanderschieben (zwei Hülsen und eine 
Schachtel), die eine auf, neben die andere legen: 1., r., v., h.! 

Mit drei Schachteln: auf- und nebeneinanderlegen: welche ist 
1., r., mitten.'' o., u., mitten.^ v., h., mitten; Jedes Kind erhält 2 bis 3 
Schachteln zum Sortieren von Samen, Perlen usw. 

2. Spiel für die Kleinen: 

Wie schon die Kleinsten mit den Schachteln interessant zu spielen 
verstehen, zeigen ja einige ausgestellte Sächelchen : Die Schachtel mit 
einigen Kugeln wird zum »Nest mit Eiern«, die Schachtel mit schief- 



7. Nummer. Zeitschrift für das Österreichische Blindenwesen. Seite 119. 

gestecktem Hölzchen zur >Kanone«, einige zusammengesteckte Schachteln 
werden zum »Zug« usw. 

Die ersten Schultage! Wie schwer sind sie für die Kleinen und 
auch für den Lehrer! Mein erstes Beruhigungsmittel ist: Schnell jedem 
der Kinder einen Haufen Schachteln geben! Bald werden sie zu spielen 
versuchen und dabei Angst und Trennungsweh überwinden und bald 
zum Lehrer, der wie der »große Bruder« mitspielt, Vertrauen lassen. 
Auch später noch kann man oft zu den Schachteln Zuflucht nehmen, 
nicht nur beim wirklichen Unterricht, sondern auch um etwa eine an- 
strengende Rechenstunde durch eine Spielpause in zwei Teile zu zer- 
legen usw. 

3. Anschauungs-Unterricht: 

In einer Schachtel ist Hafer: Futtertrog für Tiere. Die Schachtel 
wird mit Ton gefüllt: So macht man Ziegel. Schachteln werden im 
Viereck oder kreisförmig zusammengestellt: Gartenmauer, Hot. Sie werden 
in bekannter Art aufeinandergelegt: So baut der Maurer (Schachteln = 
Ziegel, Wachs zwischen jeder Schichte = Mörtel.) Von einer Bank zur 
anderen eine Schachtelkette legen: Brücke. Schachteln stufenweise legen: 
Stiege usw. 

4. Rechnen : 

Die Schachteln sind vorzügliche Zählobjekte und gute Veranschau- 
lichungsmittel für die Entwicklung der Rechenoperationen (ähnlich zu 
gebrauchen wie der Tillich'sche Rechenapparat), z. B. : 4 Schachteln 
werden zu je 2 zusammengesteckt, daraus ergibt sich: 2 -[-2, 4 — 2, 2X2, 
2 in 4, V2 von 4. Jedes Kind handelt selbst ! Kann es einen schöneren 
Arbeits-Rechenunterricht geben? Oder: Der Lehrer gibt jedem Kinde 
Münzen in die »Geldbörse«: Sie gehen einkaufen! Wie schön läßt sich 
dabei das Wegzählen, das Enthaltensein zeigen! In einer höheren Klasse: 
Die Schachtel ist ein Prisma : Berechnung von Oberfläche und Inhalt ; 
Berechnung des mittels der Schachtelform erhaltenen Gips- oder Ton- 
prismas nach Oberfläche und Inhalt, Bestimmen des absoluten und 
spezivischen Gewichtes. 

5. Lesen : 

Die neugelernten Buchstaben werden von den Kindern durch Aul- 
kleben von Wachskügelchen auf die Schachteln dargestellt. Beste Ein- 
prägungsart! Hat das Kind mehrere Buchstaben gemacht, kann es mit 
dem »kleinen Setzkasten« auch Wörter schreiben. 

6. Spiel für geschicktere Kinder: 

Herstellung von Tisch, Sessel, Schulbank, Wiege, Leiter, Viadukt, 
Krämerbude mit Laden, Wegweiser, Häuschen usw. Auch Legefiguren: 
Quadrat, Rechteck, Kreuz, Lateinbuchstaben: I F E L H, Ziffern u. v. a. 

»Das waren die Vorteile, nun aber die Schattenseite!« ruft mancher 
Leser aus. Ich werde sie zu belichten trachten : 

»Mit der einzigen Schachtelform läßt sich wenig machen.« 
Nun, gar so wenig doch nicht, wie ich bewiesen habe. Einen Schleußner- 
oder Anker-Steinbaukasten können die Schachteln freilich nicht ersetzen, 
aber was will man von einem Spielzeug mehr verlangen, das nichts 
kostet? Die Schachteln sollen auch gar nicht allein, sondern neben den 
üblichen Baukasten Verwendung finden, auch in der freien Zeit, um auf 



Seite 120, Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 7. Nummer. 

billige Art mehrere Kinder zu gleicher Zeit beschäftigen zu können, ohne 
dabei auch den Verlust teurer Steine befürchten zu müssen. — Etwas 
mannigfaltiger läßt sich übrigens die Anwendung der Schachteln ge- 
stalten, wenn man — wie es ja auch bei anderen Baukasten geschieht 
— Hilfsmittel wie Stäbchen, Brettchen, Pappstreifen, Garnspulen, 
Schnüre usw. benützt. 

>Die Schachteln sind zu leicht, die Baulichkeiten stürzen 
daher leicht!« Da füllt nan sie einfach mit Ton oder Steinchen (leichte 
Kinbergartenbeschäftigung !), man schiebt se ineinander, fügt sie ähnlich, 
wie der Maurer die Ziegel legt, und wenn das noch zu wenig : man 
klebt sie mit Wachs aufeinander, ähnlich wie es Direktor Zech bei 
seinen in Düsseldorf ausgestellten Gegenständen empfiehlt. 

»Die Kinder nehmen die Schachteln in den Mund und 
fügen sich etwa Schaden zu!« 

.Utan svafel och fosfor, giftfri! Und wer sich trotzdem fürchtet, 
möge sie mit Lack überziehen, wie man es mit Landkarten usw. macht. 

Ich glaube hiermit bewiesen zu haben, daß sich die Streichholz- 
schachtel im Blindenunterricht gut verwerten läßt und daß man nur im 
Sinne der modernen Unterrichtsgrundsätze handelt, wenn man ihr zum 
Nutzen und zur Freude der Kinder im Unterrichtsgetriebe ein bescheidenes 
Plätzchen einräumt. Darum zum Schlüsse nochmals: 

Sammelt Streichholzschachteln! 



Willkommgruß 

an die Besucher des Blinden-Mädchenheims »Elisabethinum« in Melk a.D. 

Verfaßt von dem Pflegling des Heimes Berta Rost. 

O seid willkommen, edle Menschenfreunde ! 
So grüßt Euch jubelnd die beglückte Schar, 
Der Eure Liebe, Euer segnend Walten 
Ein heller Stern auf dunklem Pfade war. 

Ihr habt erschlossen uns der Bildung Pforten; 
Des Geistes herrlich Reich ist uns erhellt. 
Wir danken Euch, wenn wir uns schaffend freuen 
Am Wunderbau der lichten Gotteswelt. 

Willkommen Euch in uns'rer engern Heimat, 
Wo einst der Babenberger Wiege stand, 
Wo ruhmumkränzt und poesieumsponnen 
Sich Melk erhebt am grünen Donaustrand. 

O hehrer Tag, der uns vergönnt, zu grüßen 
Euch hier im Heim, das Liebe sich erwählt 
Zum ew'gen Wohnsitz. O, verweilet gerne, 
Wo jeder Stein von Liebe Euch erzählt. 

Und höher schwellen der Begeist'rung Wogen, 
Führt uns Erinn'rung in vergang'ne Zeit, 
Und unverwelklich blüht in uns'rem Herzen 
Die Blume treuer Lieb' und Dankbarkeit! 



7. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 121. 

Der I. österreichische Bindenverein. 

Die unleugbare Tatsache, daß die stetig fortschreitende Blinden- 
bildung und die damit eng verknüpfte Steigerung erwerbfähiger Blinder 
sich im schärfsten Gegensatze zu dem leider auch heute noch fast 
ausschließlich geltenden Prinzipe der geschlossenen Fürsorge befinden 
und die große Masse hilfsbedürftiger Blinder fast gänzlich unberück- 
sichtigt läßt, hat den Gedanken nach Selbsthilfe, nach einem Zusammen- 
schlüsse bereits am Ende des vorigen Jahrhunderts nicht nur in 
Deutschland sondern auch bei uns in die Reihen der selbständigen, 
auf die Betätigung ihrer Kenntnisse und Fähigkeiten angewiesenen 
Blinden getragen und zunächst (1 3. Dezember 1897) zur Gründung des 
I. Blindenunterstützungsvereines für Niederösterreich geführt. Das Ziel 
dieses, vorerst als f.andesverein wirkenden Verbandes von Blinden 
war es, seine Mitglieder in Not und Krankheit zu unterstützen, ihre 
berufliche Tätigkeit zu fördern und deren Lebensinteressen in sozialer 
und wirtschaftlicher Richtung mit allem Nachdrucke zu vertreten, und es 
ist dem Vereine in seinem unermüdlichen Vorwärtsstreben auch ge- 
lungen, manch schönen und bedeutenden Erfolg zu erringen. Schon 
1901 erfolgte die Gründung einer gesetzlich anerkannten und sicher 
fundierten Krankenkasse für Wien, als Versicherung für Krankheits- 
und Begräbniskosten und 1903 reihte sich, behufs Hebung des Absatz- 
gebietes selbständiger Handwerker und Förderung der musikalischen 
Berufe die Errichtung einer Verkaufs- und Arbeitsvermittlungsstelle an. 
1907 rief der Verein die Produktivgenossenschaft für blinde Hand- 
werker in Wien ins Leben, welche sich als die erste und bis vor 
kurzem einzige Schöpfung ihrer Art in der gesamten Blindenwelt 
darstellt. Stark nach innen durch den festen Zusammenschluß seiner 
Mitglieder, angesehen und geachtet durch das Wohlwollen und die 
Unterstützung zahlreicher sehender Freunde, hat sich der Verein auch 
die Anerkennung seitens der leitenden Kreise im Blindenwesen erworben ; 
bei den österreichischen Blindenfürsorgetagen in Graz und Brunn, bei 
der vom k. k. Unterrichtsministerium zur Hebung des österreichischen 
Blindenwesens einberufene Enpuete sowie beim 13. Blindenlehrer- 
kongresse in Wien trat der Verein für eine Verbesserung der Blinden- 
fürsorge im modernen Sinne ein und auch bei den beiden deutschen 
Blindentagen in Dresden und Braunschweig, an deren Veranstaltung 
er regen Anteil nahm, erwarb er sich die volle Anerkennung der 
deutschen Leidensgenossen. So wurden in mühevoller Arbeit die festen 
Grundlagen zu einer mächtigen, alle Blinden Österreichs umfassenden 
Organisation geschaffen, welche in der am 17. Februar 1913 erfolgten 
Ausgestaltung zum L österreichischen Blindenverein ihren Ausdruck findet. 

Im Sinne der bisherigen Bestrebungen ist es Aufgabe des Ver- 
eines, das körperliche und geistige Wohl der Mitglieder durch Hebung 
der Erwerbsmöglichkeiten, durch Gewährung von Unterstützungen, 
durch Befriedigung des geistigen Bedürfnisses usw., zu fördern. Der 
Verein zählt gegenwärtig 9 Ehrenmitglieder, 43 Gründer und Stifter, 
410 unterstützende, 245 blinde Mitglieder und zahlreiche Wohltäter 
und Freunde. In allen größeren Städten des Reiches haben tüchtige 
und opferfreudige Blinde das Amt eines Vertrauensmannes und die 
Propaganda für den Verein übernommen und außerdem wird durch 



Seite 122. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 7. Nummer. 

das seit Jänner 1914 in Punktdruck erscheinende Vereinsorgan »Die 
V^ereinsmitteilungen« ein festes Band zwischen den Mitgliedern einer- 
seits und ihnen und der Vereinsleitung andererseits geknüpft. Auch 
das ist gewiß ein großer Erfolg, denn es ist die erste in einer so 
großen Auflage erscheinende Blindendruckschrift, welche neben be- 
merkenswerten Nachrichten aus der Blindenwelt und dem Vereinsleben 
auch praktische Winke und Ratschläge für das Leben der Blinden in 
Beruf und Öffentlichkeit bringt. So hat der I. österreichische Blinden- 
verein in seinem kaum einjährigem Bestände bereits überall tiefe 
Wurzeln gefaßt und er wird sicherlich bald durch eine über das ganze 
Reich ausgebreitete und festgefügte Organisation seiner hohen und 
schweren Aufgabe, der sozialen Hilfeleistung im Sinne einer freien 
Blindenfürsorge, gerecht zu werden vermögen. A. v. H. 



Zwei Gedic±ite von Marie Prade. 

Die Verfasserin ist 1875 in Trauten au in Böhmen geboren, 
erblindete und ertaubte mit zehn Jahren. Die von ihr verfaßten 
Gedichte und Prosaskizzen sind von tiefer Empfindung und verraten 
ein starkes lyrisches Talent. 

Betrachtung. 

Mir flüstert's in der Seele Tiefen leise 
Und gern mag ich der Mahnung Wort versteh'n : 
»Wie Du gestellt im weiten Erdenkreise, 
Zu welchem Schicksal Du auch auserseh'n. 
Was Dir die Welt auch beut in ihrer Fülle, 
Zum Guten wie zum Bösen kannst Du's werten. 
Dir ward der Geist, Dir ward ein freier Wille. 
Nun wähle selbst Dir den Gefährten.« 

Maiglöckchen. 

Maiglöckchen waren's, die Du mir gegeben 

Als ersten Gruß vor langer schöner Zeit. 

Die Zeit schwand hin, der Abschied kam mit Beben, 

Du bist entrückt mir nun so fern, so weit. 

Kurz war die Lust, doch süß, die uns beschieden, 
Ein wonnetrunk'ner, duft'ger Frühlingstag, 
Ein Glück, so voll und tief, wie es hienieden 
Das Menschenherz nur je empfinden mag. 

Und sollte uns die Frucht auch niemals reifen. 
Die jener Lenz so blütenreich versprach, 
Mocht' auch ein Frost die zarten Blumen streifen, 
Daß vor der Zeit ihr junges Leben brach, 

Es bleibt mir doch ein seliges Empfinden, 
Gemischt mit Wehmut ein verborg'nes Glück, 
Tief in der Seele still geheimen Gründen 
Als sanfter Trost für immerdar zurück. 



7. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 123. 

Der gold'ne Mai, der Seelenfrühling »Liebe«, 
Er hat auch mir dereinstens hold gelacht! — 
Maiglöckchen waren's, deren junge Triebe 
Als erste Gabe Du mir dargebracht. 

Maiglöckchen sind es, die in ihrer Blüte 
Nun wiederum mir still das Herz erfreu'n, 
Maiglöckchen sind es, die mir im Gemüte 
Den einst'gen Mai, den Lebenslenz erneu'n. 

Ludwig Moser. 

Ein blinder Künstler. 

Am 26. August 1869 erblickte Ludwig Moser als Sohn des ver- 
dienstvollen Offiziers und Radetzkykriegers Ludwig Moser, Ober- 
PostkontroUor, das Licht der Welt in Linz. Da es Abend war, trug 
die Geburtshelferin das Kind unvorsichtigerweise zum Licht und man 
nimmt an, daß es von dieser Stunde des Augenlichtes beraubt war. 
Eine von Prof. Hofrat Stellwag- Carion vorgenommene Operation 
brachte nicht den gewünschten Erfolg; das Kind blieb blind. Es wurde 
in das Linzer Blinden-Institut gebracht, absolvierte dasselbe in den 
Jahren 1876 — 1884 und erhielt dort auch den ersten Klavierunterricht. 

Ein fabelhaftes Gedächtnis machte den kleinen Ludwig Moser 
zum Stolz' der Anstalt. Kapellmeister Retschetz vom H.Infanterie- 
Regiment, welcher an dem Kinde ein bedeutendes Talent feststellte, 
führte bereits einige Kompositionen des zwölfjährigen Knaben (»Klänge 
aus der Heimat« und »Idylle« für großes Orchester) auf. Bald darauf wurde 
der Knabe auch als Organist im Garnisons-Spitalskirchlein verwendet. 

Seine besondere Begabung brachte es mit sich, daß Moser einen 
Freiplatz am Mozarteum in Salzburg erhielt und daselbst unter Direktor 
Hummel große Fortschritte machte. Im Jahre 1891 wurde ihm die 
hohe Auszeichung zu teil, vor Ihrer kaiserlichen Hoheit Erzherzogin 
Marie Valerie auf Schloß Lichtenegg mit großem Erfolge konzer- 
tieren zu dürfen. Nach der Übersiedlung nach Wien wurde er Schüler 
von Anton Brückner und Josef Labor, welcher ihn die Musiknoten- 
schrift für Blinde lehrte und für die Staatsprüfung vorbereitete, 1895 
und 1896 erwarb Moser die staatliche Lehrbefähigung für Klavier und 
Orgel und veranstaltete, nachdem er im k. k. Blinden-Erziehungs- 
Institute in Wien hospitiert und das Klavierstimmen erlernt hatte, aber 
keine öffentliche Anstellung erhalten konnte, eine Konzertreise in 
Österreich und Deutschland, auf welcher ihn seine Frau, eine vortreffliche 
Violinspielerin, begleitete. 

Ludwig Moser entwickelte bisher als Komponist eine große 
Fruchtbarkeit und betätigte sich hiebei auf den verschiedensten Ge- 
bieten. So besitzen wir von ihm eine Reihe von Violinkonzerten, Klavier- 
sonaten, Kammermusikwerke, Orgelpräludien, Lieder, eine Messe und 
eine Symphonie. Seine Kompositionen sind von tiefem Gehalt und 
zeigen reich quellende Empfindung. Ein Beweis hicfür das Lied »Der 
blinde Seher«, das wir zur Charakteristik seiner Musik aufgenommen 
haben. Eine Anzahl seiner Kompositionen wurde vom »Museum für 
das Blindenwesen in Wien« erworben. 



Seite 124. 



Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 



7. Nummer. 








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7. Nummer 



Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 



Seite 125. 




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Seite 126. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 7. Nummer. 

Konzert bei den Blinden. 

Ich weiß nicht, wie es kommt, daß eben jetzt, 
Da sich die Maienpracht entfaltet 
In seltner Schönheit — die Erinnerung 
Vor meinem Aug' ein Bild gestaltet, 

Das mir ans Herz greift mit derselben Macht 
^Vie damals, als ich's wirklich schaute 
Und mir so heiß, wie kaum jemals vorher. 
Vom Aug' des Mitleids Träne taute. 

Ich seh' vor mir den Saal und höre noch 
Die vollen Klänge ihn durchrauschen, 
Und seh' die Menschen seltsam ernst und still 
Den süßen, holden Liedern lauschen. 

Und manch, ein Antlitz seh' ich wie verklärt 
Von einem inner'n Himmelslichte. 
Wie sich ein tiefes Leid in Wehmut löst. 
So bebt's in manchem Angesichte. 

Blind sind die Hörer, ihrer Augen Licht, 
Erloschen ist's, die Ärmsten leben 
In ewiger Nacht. Die schöne Gotteswelt, 
Was kann sie ihnen nun noch geben ? 

Aus tiefster Seele mußt' ich preisen da 
Die Trösterin Musik, die süße. 
Daß sie ein Echo aller Schönheit doch 
Ins Herz der armen Blinden gieße. 

So sollte wohl der Reiche denken oft 

An aller Armen Not und Plage 

^Vie ich der Blinden heut' gedenken muß 

An diesem wunderholden Maientage, g^^si Sklenaf 

Die dreizehnjährige Verfasserin dieses Gedichtes gibt einer Empfindung Aus- 
druck, welche sie gelegentlich eines Konzertes in der n. ö. Landes-ßlindenanstalt 
in Purkersdorf im Mai 1913 hatte. 



V. österr. Blindenfürsorgetag (Blindenlehrertag) 

Wien 1914. 

Der Versammlungsort, das n. ö. Landhaus in Wien I, Herrengasse 13. 

Dem in den Jahren 1516 bis 1518 erbauten n. ö. Ständehause 
wurde in den Dreißigerjahren des vorigen Jahrhunderts seine heutige 
Gestalt gegeben. Durchschreitet man die Einfahrt von der Herren- 
gasse des einfachen aber architektonisch vornehm Avirkenden vorderen 
Teiles des Landhauses, so gelangt man in den großen viereckigen 
Hof mit dem Brunnen und dem Aufgang zum Sitzungssaale im Hinter- 
grunde. Der Hof war im Sturmjahre 1848 der Schauplatz tobender 
Massenversammlungen und vom Brunnen aus wurden die Reden gehalten. 



7. Nummer. 



Zeitschrift für das österreichische Biindenwesen. 



Seite 127. 



Im ersten Stocke des Hintertraktes befindet sich der Landtags- 
sitzungssaal. Derselbe diente auch schon im ersten Landhause 
der gleichen Bestimmung, nur seine Ausschmückung erfuhr im Jahre 
1710 eine durchgreifende Veränderung. Von dem berühmten kaiser- 
lichen Hofmaler Antonio Beduzzi rühren die die Decke und Wände 
zierenden herrlichen Fresken her, welche in allegorischer Darstellung die 
damals bekannten vier Weltteile, die Flüsse, bezw. Flußgötter der öster- 
reichisch-spanischen Reichsländer, die Austria usw. versinnbildlichen. 

Der Zugang zum Sitzungssaale geht durch den Herrensaal, der 

seinen Namen da- 

von hat, daß sich 
daselbst die Mit- 
glieder des Herren- 
standes zu ihren 
Beratungen versam- 
melten. Er ist durch 
ein lebensgroßes 
Bild des Kaisers aus 
der Künstlerhand 
Vitas und durch ein 
Kolossal - Gemälde 
Meister Jung wirths 
bemerkenswert, das 
eine Sitzung des 
letzten Kurienland- 
tages darstellt. Zu 
den historisch be- 
sonders erinnerungs- 
reicheii Nebenräum- 
lichkeiten gehört der 
schon im Altgebäude 
bestandene Ritter- 
saal. Der in diesem 
prächtigen Räume 
aufgestellte Justiz- 
thron, von dem aus 
der Landmarschall 
oder Landunter- 
marschall die Sen- 
tenzen des Land- 
marschalTschen Ge- 
richtes verkündete, 




M. ö. Landhaus in Wien I. 



ist aus dem Jahre 1637. Von dieser Stelle aus wurde unter anderen 
dem Verschwörer Franz Grafen Nadasdy als Herrn von Schloß und 
Gut Pottendorf im Jahre 1671 der Spruch seiner Entadlung verkündet. 
Im Jahre 1689 empfing Kaiser Leopold I. in diesem Saale den türki- 
schen Gesandten in feierlicher Audienz. 

Im Prälatensaale, der gleichfalls aus dem XVI. Jahrhunderte 
stammt, tagten seinerzeit die geistlichen Würdenträger der nieder- 
Obiges Bild wurde uns in freundlichster Weise vom »Verein für Landeskunde 
für Niederösterreich« zur Verfügung gestellt. Die Schriftleitung. 



Seite 128. Zeitschrift für das österreichische BHndenwesen. 7. Nummer. 

österreichischen Stifte unter dem Vorsitze des jeweiligen Abtes von 
Melk. Daran erinnern die an der Decke angebrachten Stiftswappen. 
Erwähnenswert ist ferner ein hier aufgestellter riesiger Ofen aus dem 
XVII. Jahrhundert stammend, den Graf Breuner 1847 aus der Gegend 
von Krems hieher schaffen ließ. Ein zweiter solcher Ofen befindet sich 
auch in der Feste Hohensalzburg. Das gotische Zimmer, das 
gegenwärtig als Buffetraum für die Abgeordneten in Verwendung steht, 
diente anfänglich als Vorhalle und wurde später den Amtsdienern als 
Aufenthaltsort zugewiesen. Interessant ist die gotische Deckengewölbe- 
konstruktion, deren Rippen so geordnet sind, daß sie ein leises 
Flüsterwort aus einer Ecke in die andere leiten, ohne daß es im 
Gelasse selbst vernommen werden kann. 

Von den angeführten Räumlichkeiten werden der Landtagssitzungs- 
saal zu den Verhandlungen, der Ritter- und Herrensaal für die Aus- 
stellung benützt werden. 

Programm: 

I. Vorversammlung am 9. Juli 1914 um 6 Uhr abends: 
1. Begrüßung durch den Obmann des Ortsausschusses. 2. Wahl der 
Leitung des Tages. 3. Beratung und Festlegung der Geschäftsordnung 
für die Blindenfürsorge(Blindenlehrer)tage. 4. Festsetzung der Tages- 
ordnung tür die fünfte Tagung. 5. Wahl des Komitees zur Bestimmung 
des nächsten Tagungsortes. 

II. Hauptversammlungen: 10. Juli, Beginn 9 Uhr vormittags. 
1. Begrüßung durch den Ehrenpräsidenten. 2. Ansprache durcli den 
Präsidenten. 3. Begrüßung durch offizielle Persönlichkeiten. 4. Vorträge: 
a) Kais. Rat Heller-Wien: »Die Arbeit der Blinden«; b) Haupt- 
lehrer Gigerl-Wien: »Die österreichische Prüfungsvorschrift für die 
Befähigung zum Lehramte an Blindenschulen und ihre zweckentspre- 
chende Abänderung im Sinne der Heranbildung tüchtiger Blindenlehrer. 
12 — l Uhr: Pause. 1. Uhr: Fortsetzung der Verhandlungen: c) Hof rat 
V. Chlumetzky-Brünn: Erörterung folgender Punkte: 1. Erlassung von 
Fürsorgegesetzen. 2. Weitere Herabsetzung des Postportos für 
Punktschriftsendungen. 3. Begünstigung für Blinde bei Reisen auf der 
Eisenbahn. 4. Bekämpfung der Subsumierung der Blinden mit 
Geisteskranken und Idioten unter die Objekte der Fürsorge. 5. Die 
Stellung des Blinden im Rechtsleben; d) Direktor Bürklen-Purkers- 
dorf: »Die Trennung von Schul- und Berufsbildung in den 
Blindenbildungsanstalten«. Schluß der Verhandlungen: 3 Uhr. Zwischen 
3 — 5 Uhr: Generalversammlung des Zentralvereines für das öster- 
reichische BHndenwesen. 5 — Va^ Uhr: Blindenkonzert im Beethoven- 
saale I. Strauchgasse 4, gegenüber dem Landhause. Bei demselben 
wirken mit: Orchester und Chor der »Versorgungs- und Beschättigungs- 
anstalt für erwachsene Blinde in Wien VIII«; der Zöglingschor der 
»n. ö. Landes-Blindenanstalt in Purkersdorf« ; Liedersängerin Fräulein 
Leopoldine Rotter; Gesanglehrer Herr Josef Herx; Komponist Herr 
Rudolf Braun; k. u. k. Hoforganist, Kammervirtuose usw. Herr Josef 
Labor. 8 Uhr: Zusammenkunft in einem noch bekanntzugebenden Garten- 
restaurant. 

11. Juli, Beginn 8 Uhr vormittags. Vorträge: a) Lehrer 
Altmann-Wien: »Die theoretische Möglichkeit und praktische Not- 



7. Nummer. 



Zeitschrift für das österreichische Blindenwcscn. 



Seite li:9. 



wendigkeit des Ausbaues der bestehenden und der Erschließung neuer 
Blindenberufe.« b) Nebenreferate: Musiklehrer Bartosch-Wien: 
»Blinde Organisten in Österreich.« Dr. Elias-Triest: :^Der Blinde als 
Sprachlehrer.« 12 — 1 Uhr: Pause. 1 Uhr Fortsetzung der Verhand- 
lungen: c) Hauptlehrer Kneis-Purkersdorf: »Der Blindenlehrer und 
die Blindenfürsorge«, d) Nebenreferat Uhl-Wien: »Wert und Wich- 
tigkeit des Zusammenschlusses der Blinden in Österreich«, 
e) Lehrer Rappawi-Brünn: »Die Gartenarbeit als erziehendes Moment 
der Blindenanstalten«. Wahl des Ortes für die nächste Tagung. Schluß 
der Verhandlungen: i/a^ Uhr. 4 Uhr: .Besichtigung des Museums 
des Blindenwesens im k. k. Blinden-Erziehungs-Institute, II. Wittelsbach- 
straße 5. Im Anschlüsse gemütliches Beisammensein im Garten dieser 
Anstalt. Freies Büffet. Konzert der Blindenkapelle Karl Eichler. 

Während der Tagung ist in den Nebenräumlichkeiten des Ver- 
sammlungslokales eine Ausstellung von Lehr- und Lernmitteln 
und Arbeiten der Blinden den Teilnehmern unentgeltlich zugänglich. 

Vormittag, 9. Juli d. J. können die Blindenanstalten in Wien und 
Purkersdort besichtigt werden. 

Bei einer genügenden Zahl von Anmeldungen ist für Sonntag, den 
12. Juli d. J. ein gemeinschaftlicher Ausflug in die Wachau oder auf 
den Schneeberg in Aussicht genommen. 



Unrechtes Mitleid. 



»O armes Kind, 
Du bist ja blind!« 
So hört man oft 
Ganz unverhofft 
Vor Haus und Stufen 
Das Mitleid rufen. 

»Seht ihn nur an 
Den blinden Mann !« 
Dies Wort, in Hast — 
Unangepaßt 

Entschlüpft's dem Munde 
Als Mitleidskunde. 



Das ist nicht recht, 
Ja bitter schlecht. 
Des Mitleids Wort 
Zerstört sofort 
Die Lust, das Scherzen 
In zarten Blindenherzen. 

Führ ihn den Weg, 
Zeig' ihm den Steg 
Zu Freud und Lust 
Und unbewußt 
Wirst du ihn stützen. 
Nicht Worte, Werke nützen. 
A. J. Rappawi. 



Personalnachrichten. 

Vize-Bürgermeister von Wien Josef Rain. Der »Zentral- 
verein für das österreichische Blindenwesen« macht freudige Mitteilung 
von der am 5. Juni 1. J. erfolgten Wahl seines verehrten Mitgliedes, des 
Herrn Landtagsabgeordneten und Stadtrates Josef Rain zum Vize- 
Bürgermeister der Reichshaupt- und Residenzstadt Wien. Herr Vize- 
Bürgermeister J. Rain kennt als langjähriges Direktionsmitglied der 
»Versorgungs und Beschäftigungsanstalt für erwachsene Bünde« in 
Wien VIII die Wünsche der Biindenfreunde und Bedürfnisse der Blinden. 
In warmherziger Weise trat er stets für die Interessen derselben ein 
und seine Worte vom IV. österr. Blindernfürsorgetag in Brunn, mit 



Seite 130. Zeitschrift für das österreichische Blindenwcscn. 7. Nummer. 

denen er die Wahl Wiens als nächsten Versammlungsort begrüßte, sind 
in lebhafter Erinnerung. Zur Vorbereitung der Wiener Tagung ist er 
selbst im Ortsausschusse tätig und der Tag wird sicherlich seine An- 
wesenheit freudigst begrüßen können. Daß Herr Vize-Bürgermeister 
J. Rain auch in seiner neuen Stellung der Blindensache ein treuer 
gütiger Förderer bleiben wird, datür bürgt sein edles Herz und seine 
unermüdliche Arbeitskraft. Möge durch ihn dem österreichischen Blinden- 
wesen noch reicher Segen erwachsen ! 

Ehrendomherr Ignaz Flandorfer in Wien-Döbling feierte 
am 21. Juni 1. J. sein goldenes Priesterjubiläum. Vom Iahrel873 
bis 1879 war der Jubilar Religionslehrer an der n. ö. Landes-Blinden- 
schule (jetzt n. ö. Landes-Blindenanstalt) in Purkersdorf). Als Frucht 
seiner segensreichen Wirksamkeit als Blindenlehrer ist die Herausgabe 
des »Großen Katechismus für Blinde« zu betrachten, welcher von der 
k. k. Hof- und Staatsdruckerei in Wien in Perl-Großantiqua gedruckt, 
im Jahre 1879 erschien und lange Jahre in den Blindenanstalten in Ver- 
wendung stand. Indem wir dem allgemein verehrten Jubilar in Erinnerung 
an seine Wirksamkeit auf dem Gebiete des Blindenunterrichtes die herz- 
lichsten Glückwünsche zu dem seltenen Feste darzubringen, wünschen 
wir ihm noch viele Jahre ungetrübter Schaffenskraft. 

Österreicher bei einem Vortrage Helene Kellers. Helene Keller, das 
tanbblinde Mädchen Nordameril<as, pflegt in den Städten Amerikas unter Assistenz 
ihrer gewesenen Lehrerin Miß SulHvan Vorträge schöngeistigen InhaUs zu halten. 
So sprach sie unlängst auch in Mil'vaukee über das Thema »Das Herz und die 
Seele«. Dem Vortrage hat auch die an den Arzt Dr. Kreutzer verheiratete Tochter 
des Direktors der mährischen Landes-Blindenanstalt in Brunn, Herrn kais. Rates 
Franz Pawlik mit ihrem Gatten angewohnt. 

Rus den Vereinen. 

In der am 20. Juni 1. J. stattgefundenen Ausschußsitzung des »Zentral- 
vereines für das österreichische Blindenwesen« wurden 12 neue Mitglieder 
aufgenommen. Die Entwicklung des Vereines wie der Zeitschrift nimmt einen er- 
freulichen Fortgang. Bezüglich der Ermäßigung der Portogebühren für Blindenschrift- 
sendungen ist vom k. k. Handelsministerium die Zusage gemacht worden, auf dem 
Wcltpostkongresse in Madrid für die Ermäßigung einzutreten. Ebenso hat de k. k. 
n. ö. Statth.ilterei zugesagt, die Zusammenstellung eines Katasters der Blindcn- 
stiftungen für Nieder-Osterieich zu fördern. Die der Generalversammlung vorzu- 
legende Geschäftsordnung wurde in einem Punkte ergänzt. Schließlich werden einige 
in der Generalvertiammlung zu stellende Ausschußanlräge beraten. 

Mitteilungen. 

Generalversammlung des Zentralvereines für das 
österreichische Blindenwesen. Dieselbe findet am 10. Juli 1. J., 
um 3 Uhr, im Landtagssitzungssaale in Wien I., Herrengasse 13, mit 
folgender Tagesordnung statt: I.Protokoll. 2. Tätigkeitsbericht. 3. Kassa- 
bericht. Bericht der Revisoren. 4. Ausschußanträge. 5. Eventuelles. 

Druckfehlerberichtigungen. 

S. 66 in Nr. 6 soll es bei der angeführten Petition an die Regierung nicht 
»Druckschritt« sondern »Denkschrift« von dauerndem Werte heißen. 

Seite 95, Zeile 13 von unten dieser Nummer soll es statt 1832 heißen »1892«. 
Seite 100 dieser Nummer soll es im Titel der Abhandlung »Schulbeschreibung« 
heißen: ». . . und die Aufnahme solcher Kinder . . .« Seite 112, Zeile 6 — 5 von unten, 
soll heißen ». . . in der Internatsaufsicht hat . . .« statt ». . . in der Internatsaufsicht 
gewirkt hat . . .« 

Herausgeber: Zentralverein für das ö.sterreichische Blindenwesen in Wien. Redaktionskomitee: K. Bürklen, 
J. Kneis, A. v. Horvalh, F. Uhl. — Druck von Adolf Englisch, Purkersdorf bei Wien. 



7. Nummer. 



Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 



Seite 131. 






r 



Der Zentralverein für 
das Ost. Blindenwesen, 

der Herausgeber dieser Zeitschrift bittet alle 
Blindenfreunde um Unterstützung seiner Bestre- 
bungen zur Förderung der gesamten Interessen 
der Blinden durch Beitritt. 



Mitgliedsbeitrag 2 K. .". Zeitungsbeitrag 2 K. 
Sitz des Vereines: Wien Vlll., Josefstädterstraße 80. 



Rufgabe des Vereines. 

Zusammenschluß aller Blindenanstalten und Fürsorge- 
institutionen zur gemeinsamen Förderung der Blindenfür- 
sorge. Die Tätigkeit der einzelnen Anstalten und Vereine 
bleibt unbehindert und es wird jede Konkurrenz, nament- 
lich was die Propaganda für materielle Unterstützungen 
betrifft, vermieden. Der Zentralverein beschränkt sich in 
letzterer Hinsicht lediglich auf die Beschaffung der zur 
Durchführung seiner Rufgabe notwendigen Mittel. Die 
Öffentlichkeit wird durch den Zentralverein mit dem je- 
weiligen Stande der Blindenfürsorge bekannt gemacht und 
ganz allgemein zur Mitwirkung aufgerufen. Schließlich bildet 
der Verein eine Zentralstelle für Auskünfte und Vermitt- 
lungen in allgemeinen Blindenangelegenheiten und zur 
Durchführung von gemeinsamen Aktionen zum Wohle 
der Blinden. 



■^ 






Seite 132. 



Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 7. Nummer. 



Rechen- 
tafel 




von 
BüPhlen 




icr* 



Vorteile der Rech'e'ntajfel. 

Geringer Umfang : Geschlossen: 20^'6 cm, 3 cm hoch. Geöftnet: 40^'.:6 cm, l'/, cm hoch, — 
Geringes Gewicht: 1-15 kg. — Beste Ausnutzung der Rechenfläche: 425 cm^. — Große 
Typenzahl: 281 Typen. — Übersichtliche Anordnung der Typen. (Siehe Zeichnung!) — 
Besondere Ei^nun^ iür das Bruchrechnen. -- Möglichkeit des Rechnens mit be- 
nannten Zahlen. — Einrichtung für des alöebraische Rechnen. — Brailletypen oder 
arabische ZifJerzeichen nach Wahl. — Geringer Preis: 20 K. — Billige Bröänzun^ 

der Typenklammern. 

Bestellungen Übernimmt: Direktor Karl Bürklen, Purkersdorf. 

Einrichtung für das elementare Reebnen mit ganzen und gebrochenen Zahlen (Dezimalzahlen) 

und mit Ziffern für die gebräuchlichen Münzen und Maße. 

Type A mit Braillezeichen. Type B mit arabischen Zifferzeichen 

Zeichen für die 
gebräuchlichen 

Münzen und 

Maße, zugleich 

Ergänzung zu den 

Zifferzeichen. 



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4(d) 
3 

2(b) 



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7 (g) 
6 (f) 






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Rechenzeichen. 



7. Nummer. 



Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 



Seite 133. 




Ä 



Die Besucher des V. öst Blindenfürsorgetages (Blinden- 
lehrertages) in Wien 1914 werden Gelegenheit haben, den 




blinden Modelleur 



HUBERT MOÜDRY 

aus Littau in Mähren an der Rrbeit zu sehen. 




Die Arbeiten Moudry's sind von künstlerischem Werte 
und empfehlen sich bei ihren mäßigen Preisen vor- 
züglich zu Geschenken. 





Seite 1S4. 



Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 



7. .Nummer 



Verordnungsblatt für das Volksschulwesen in der Markgrafschaft Mähren. Jg. 1914. St. IX. 

Der Erlaß des k. k. mährischen Landesschulrates vom 22. April 1914, 

Z. 11.416, empfliehlt die Broschüre: 

Die Erzieta£ i Minien Kinäes ii Eliernliaise 

von R. J. Rappawi, Lehrer der mährischen 
Landes-Blinden-Erziehungsanstalt in Brunn. 

Selbstverlag, Brunn, Zeile 59. 



Mit Fostzusendung SO Heller. 



Zur Massenverbreitung geeignet. 



B9NK-U.ST0CKSCHEREN 

Werkzeuge zum Gebrauch für Blinde 
erzeugt als Spezialist 

F. Reh Nfg. Alois Schmitt 

Wien IV, Mayerhofgasse 5. 



Musikalien - Leiliinstitut 

des Blinden-Unterstützungsvereines 
»Die Purkersdorfer« in Wien V., 
: — : Nikolsdorfergasse Nr. 42. : — : 

r« Blindendrucknoten werden an r^ 
f^f Blinde unentgeltlich verliehen! 1^1 



! 1 1 ! I ! ! ! 1 ! 1 ! i 1 ! ! ! ! ! ! ; 

Wir machen die Besucher 

d. Blindenfürsorgetag-es 

besonders aufmerksam 

auf den 

„Musilibau- 
:: hasten :: 
für Blinde" 

vom Direktor H. Graf 
in Bielefeld. 

Dieses wertvolle Beschäf- 
tigung-s- und Lehrmittel 
für Blindenanstalten wird 
auf der Ausstellung zum 
I . Male gezeigt werden. 



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Seit 1894 be- 
währen sich 
auch in d. Blin- 
denschulen 

jBttig"- 



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Schulbänke u. 
Schulmöbel. 





Wirkliche Wolilfeilheit. hohe Haltb.-irkeit nnd vom 
Zweck bedingte schlichte und echte Gebrauchsformen! 



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1. Jahrgang. 



Rugust Wien, 1914. 



8. Nummer. 



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^ Arbeitstage voll rüstiger Plage || 

^ sind die besten von allen Festen. ^ 

^ F. Schanz. ^ 

Der V. österr. Blindenfürsorgetag (Blindenlehrer- 
tag), Wien, 9.— 11. Juli 1914. 

Tage wertvoller Zusammenarbeit, kameradschaftlicher 
Aussprache und erhebender Festfreude sind vorüber. Ohne 
Überhebung kann gesagt werden: Österreich hatte noch keinen 
solchen Fürsorgetag, wie den eben verflossenen; lange wird 
er in der Erinnerung der Teilnehmer fortleben und seine 
Nachwirkung wird eine starke und bedeutungsvolle sein. 

Was in Österreich auf dem Gebiete des Blindenwesens Klang 
und Namen hat, war auf dem Tage vereinigt. Gegen 300 Teilnehmer 
und Gäste hatten sich zu demselben eingefunden, sämtliche Anstalten 
und Vereine des Reiches waren auf ihm vertreten. So ergab sich 
denn im vornehmen Rahmen des Landtagssitzungssaales ein Bild wie 
es sich nicht schöner denken läßt, ein Bild regster Anteilnahme und 
anspornender Arbeitsfreude. Selbst über den Meinungsverschieden- 
heiten schwebte der einigende Gedanke des gemeinsamen Vorwärts- 
strebens zu einem gleichen Ziele. Und so war denn das Ergebnis der 
Beratungen ein allseitig befriedigendes, der Ansporn zur Verwirklichung 
alter Wünsche und neuer Gedanken. 

Schon die auf den 9. Juli, um 6 Uhr abends, anberaumte Vor- 
versammlung wies einen gefüllten Saal auf. Nach der Begrüßung 
durch den Obmann des Ortsausschusses Regierungsrat A. Meli fand 
die Wahl der Leitung des Tages statt und lieferte folgendes Ergebnis: 
Ehrenpräsident: Rektor P. M. Hersan, Präsident: Regierungsrat 
A. Meli, I. Vizepräsident: Direktor K. Bürklen, II. Vizepräsident: 
Direktionsmitglied J. Hager, HL Vizepräsident : Obmann A. v. Horväth, 
Schriftführer: Fachlehrer A. Zierfuß, Lehrer S. Altmann und Lehrer 
A, Melhuba. Die vom Ortsausschusse ausgearbeitete Geschäfts- 
ordnung für die österreichischen Blindenfürsorgetage (Blindenlehrer* 



Seite 142. Zeitschritt für das österreichische Blindenwesen. 8. Nummer. 

tage) sowie die Tagesordnung für die Verhandlungen fanden die 
einmütige Zustimmung der Vorversammlung. 

Am 10. Juli, 9 Uhr vormittags, begannen die Hauptverhand- 
lungen, die mit einer warm empfundenen Begrüßung des Ehren- 
präsidenten P, Hersan eingeleitet wurden. Tiefe Bewegung rief es 
hervor, als Präsident Meli zu einer Trauerkundgebung für den dahin- 
geschiedenen Thronfolger das Wort ergriff und den Antrag stellte, 
an Seine Majestät den I-Caiser mit dem Beileid die innigsten Gefühle 
der Ergebenheit und Treue aller Teilnehmer des Tages telegraphisch 
zu übermitteln. 

Nach dieser ergreifenden Kundgebung machte Präsident Meli 
Mitteilung von der Wahl folgender Ehrenmitglieder des Tages: 
Ministerialrat von Braitenberg, Hofrat von Chlumetzky, Kaiserl. 
Rat Gerber, Präsident Dr. Heinz, Kaiserl, Rat Heller, Präsident 
von Herdliczka, Präsident Kuffner, Präsident von Managetta, 
Kaiserl. Rat Pawlik, Hofrat Rieger und Exzellenz von Roza. Im 
Anschlüsse hieran begrüßte der Präsident die erschienenen Vertreter des 
Unterrichtsministeriums(MinisterialratvonBraitenbergundRegierungs- 
ratFieger), des Min isteriumsdesInnern(Ministerial Sekretär von Wessely), 
desHandelsministeriums (Sektionsrat A n ger er), des Arbeitsministeriams, 
der n. ö. Statthalterei (Hofrat Ritter von Keller), des Landes Nieder- 
österreich (Landesausschuß Bielohlawek und Kunschak), der Ge- 
meinde Wien (Vizebürgermeister Rain) und folgende Gäste: Aus 
Salzburg Oberlandesrat Holter, aus Böhmen Prof. Dr. Deyl, aus 
der Bukowina Landtagsabgeordneter Chisanovici, aus Ungarn 
Direktor Adler und Verwalter Vitak, aus Deutschland die Direktoren 
Schulrat Brandstaeter und Bechstein, schließlich die Direktoren 
von Taubstummenanstalten Druschba und Kraft und den Direktor 
des Taubstummenbindenheimes P. Schneiderbauer in Wien. 

In seinen Begrüßungsworten erinnerte Präsident Meli an die 
historische Tatsache, daß vor hundert Jahren die Zöglinge J. W. Kleins 
in demselben Saale konzertierten, in dem nun die Verhandlimgen 
abgehalten werden. Im Geiste des Begründers des österr. Blinden- 
bildungs- und Fürsorgewesens mögen also auch die Verhandlungen 
des Tages gehalten sein, zum Wohle der Blinden, zur Ehre unseres 
Vaterlandes. 

Als erster der Gäste ergriff Ministerialrat von Braitenberg das 
Wort, um die Wirksamkeit des Unterrichtsministerium auf dem Gebiete 
des Blindenbildungswesens darzulegen. Mit freudiger Zustimmung 
wurden die in Aussicht gestellten Aktionen begrüßt. Namens. des n.ö. 
Landesausschusses sprachen die Landesausschüsse Bielohlawek und 
Kunschak herzliche Worte der Begrüßung, für die österreicliische 
Taubstummenlehrerschaft sprach Direktor Druschba. 

Hieran schloß sich die Verlesung der schriftlich eingelangten 
Begrüßungen von Direktor Wagner- St. Moritz, Präsidenten Kuffner- 
Wien, Regierungsrat Ulbrich-Melk, Dr. Toi dt- Salzburg, Vorstand 
Weiß-Temesvar und Direktor Bai dus-Düren. 

Nun konnte in die Tagesordnung eingegangen werden und 
kais. Rat Heller nahm zu seinem Vortrage: »Die Arbeit der Blinden« 
das Wort. In psychologischer Tiefgründigkeit behandelte er die 



8. Nummer. Zeitschrift Kir das österreichische Bhndenwesen. ^leite 14o. 

Bedeutung^ der Arbeit für den Gesichtslosen und erntete mit seinen 
Ausführungen reichsten Beifall. 

Die erste Debatte löste das nun folgende Referat des Haupt- 
lehrers Gigerl aus: »Die österreichische Prüfungsvorschrift für die 
Befähigung zum Lehramte an Blindenschulen und ihre zweckent- 
sprechende Abänderung im Sinne der Heranbildung tüchtiger Blinden- 
lehrer«. Seine Ausführungen gipfelten in der Forderung nach einer 
Erweiterung und Vertiefung der Vorbereitung: zum Blindenlehreramte, 
wobei das k. k. Blinden-Erziehungs-Institut in Wien als Lehrerbildungs- 
anstalt empfohlen wurde. Die aufgestellten Forderungen wurden von 
mehreren Rednern als zu weit gehend bezeichnet und daher zum 
Studium dieser Frage ein Komitee (Gigerl, Pleninger, Pawlik) ge- 
wählt, das längstens bis zum nächsten Fürsorgetage hierüber zu be- 
richten hat. Die ausgearbeiteten Vorschläge sollen außerdem den 
Blindenanstalten zur Begutachtung vorgelegt werden. 

Nach der Mittagspause wurde in die Verhandlung des Referates 
Hofrat von Chi umetzky, welcher mit Rücksicht auf seinen leidenden 
Zustand nicht persönlich erschienen war, eingetreten. Beim Punkte 1. 
»Erlassung von Fürsorgegesetzen« wurde die Frage der geschlossenen 
und freien Fürsorge erörtert, den Punkten 2. »Weitere Herabsetzung 
des Postportos für Punktschriftsendungen«, 3. »Begünstigung für Blinde 
bei Reisen auf der Eisenbahn«, 4. »Bekämpfung der Subsumierung 
der Blinden mit Geisteskranken und Idioten unter die Objekte der 
Fürsorge« zugestimmt und bez^üglich des Punktes 5. »Die Stellung des 
Blinden im Reclitsleben« Vorschläge zur Erleichterung bei der schrift- 
lichen Abwicklung von Rechtsgeschäften durch Blinde gemacht. Mit 
den Ausführungen des Direktors Bürklen über »Die Trennung von 
Schul- und Berufsbildung in den Blindenbildungsanstalten« an welche 
sich ebenfalls interessante Erörterungen knüpften, fand die Arbeit des 
ersten Verhandlungstages programmäßig ihren Abschluß. 

Am 11. Juli, vormittags, brachte Lehrer Altmann mit seinem 
Thema »Die theoretische Möglichkeit und praktische Notwendigkeit 
des Ausbaues der bestehenden und der Erschließung neuer Blinden- 
berufe«, für das der Referent reichen Beifall erntete, eine äußerst 
aktuelle Frage zur Erörterung. Sowohl diesem Hauptreferate als auch 
den Nebenreferaten von Musiklehrer Bartosch: »Blinde Organisten 
in Österreich und Dr. Elias: »Der Blinde als Sprachlehrer«, folgten 
höchst wertvolle Auseinandersetzungen und führten zu einer Reihe 
wichtiger Beschlüsse. Zur eingehenden Beratung und Durchführung 
der Vorschläge Altmann wurde ein Komitee (Altmann, Dehm, 
von Horväth, Mayer, M-Mell, Pleninger, Schumann und Uhl) 
gewählt. 

Der Nachmittag dieses Tages war ausgefüllt mit den Vorträgen 
von Hauptlehrer Kneis: »Der Blindenlehrer und die Blindenfürsorge«, 
von Obmann Uhl: »Wert und Wichtigkeit des Zusammenschlusses der 
Blinden in Österreich« und von Lehrer Rappawi: »Die Gartenarbeit 
als erziehliches Moment der Blindenanstalt«. Wie alle vorhergehenden 
Referate erweckten auch sie das ungeteilte Interesse der Versammlung. 

Schriftliche Anträge waren gestellt worden von Horväth 
»Sozialversicherung«, Dr. Toldt-Salzburg über »Merkblätter für junge 



Seite 144. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 8. Nummer. 

Mütter«, von päd. Leiter Troyer-Innsbruck über die »Zulassung von 
blinden Lehrern zum Lehramte« und vom Bibliothekar Salzenhof er- 
Wien zu dem Referate von Chlumetzky über »Portoermäßigung- von 
Blindendrucksendungen«. Sämtlichen Anträgen wurde zugestimmt. 

Nachdem noch die Einladung der Stadt Salzburg zur Abhaltung 
des nächsten Tages im Jahre 1917 freundlichst begrüßt und Salzburg 
als nächster Versammlungsort bestimmt worden war, schloß Präsident 
Meli mit Dankesworten an alle Teilnehmer und die Mitglieder des 
Ortsausschusses, welche die Vorbereitung des Tages durchgeführt 
hatten, den V. österr. Blindenfürsorgetag. Anspraclien des Direktors 
Pleninger-Linz und der Blinden Lampl und Uhl lohnten dem 
Vorsitzenden die vornehme Leitung der denkwürdigen Tagung. 

Reiche Arbeit war mit den Verhandlungen geleistet 
worden. Kurzgehaltene Referate und eingehende Debatten 
ermöglichten die Behandlung einer Fülle von btoff und 
führten zu Beschlüssen, deren Durchführung allerdings noch 
großer Anstrengungen bedürfen wird. Aber sicher wird 
Segen auf diesem Werke ruhen, das in schöner Gemein- 
samkeit von Österreichs Blindenlehrern und Blindenfreun- 
den in Angriff genommen wurde. 

Die mit der Tagung verbundene Ausstellung von Blindenlehr- 
mitteln und Blindenarbeiten, welche den ungeteilten Beifall der 
Besucher fand, würdigen wir in der nächsten Nummer in einem 
besonderen Artikel. 

Nach der Arbeit vereinten in den Abendstunden gesellige Ver- 
anstaltungen die Teilnehmer des Tages, So fand am 10. Juli, 5 Uhr 
nachmittags, im Beethovensaale (gegenüber dem Landhause) ein 
B lindenkonzert statt, das als Glanzpunkt der Tagung bezeichnet 
werden muß. Die Tagespresse Wiens*) äußerte sich darüber mit 
folgenden Worten, welche in der Musikstadt Wien doppelt ehrenvoll 
klingen. 

»Seit dem Beginne der Fürsorge für die Blinden ist es allwärts 
bekannt, daß diesen unseren armen Mitmenschen, welchen die herr- 
lichste Gabe der Natur versagt ist, durch die Gnade Gottes ein 
anderes wichtiges Organ bedeutend entwickelt wird, das Gehör, welches 
ihnen ermöglicht, auf dem Gebiete der Tonkunst ganz merkwürdige 
und auffällige Resultate zu erzielen. Daß sie aber infolge ihrer natür- 
lichen Begabung und ihres unermüdlichen Fleißes auch mit den 
Sehenden wetteifern können, bewies das heute nachmittags im Beethoven- 
saale anläßlich des Blindenfürsorgetages stattgehabte Konzert. Die 
Landesblindenanstalt in Purkersdorf und die Blindenversorgungsanstalt 
in Wien hatten sich vereinigt, um das zahlreich versammelte Publikum, 
zumeist Mitglieder des »Tages«, mit künstlerischen Leistungen zu 
erfreuen, die außer stürmischem Beifall im allgemeinen, im einzelnen 
Bewunderung erregten. Zunächst war es das Orchester der Blinden- 
versorgungsanstalt, welches unter der Führung seines Kapellmeisters 
Alois Kraus, sorgfältig einstudiert, die Prometheusouvertüre von 
Beethoven und später die von Leitermeyer arrangierte »Faust«- 
Phantasie (mit einem besonders schönen Violinsolo) in tadelloser 



*") Reichspost, Musikreferent G. v. B. 



8. Nummer Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 145. 

Weise vortrug. Die weiteren Gesamtleistungen wurden geboten von 
den Zöglingen der Landesblindenanstalt in den präzis durchgeführten 
Chorgesängen: »Gott grüße dich«, »Donaulied« und einige Fragmente 
aus dem Liederspiele »Der alte Kreuzfahrer« von dem Musiklehrer 
Büllik selbst, welchem besonders die gleichzeitige Verteilung der 
Lieder der Kinder und der Kreuzfahrer in der gleichen Melodie und 
mit verschiedenen Texten hervorzuheben ist und zu welchem ein 
Zögling den verbindenden Text sprach. Die weiteren Chöre derselben 
Anstalt: »Abendlied«, »Der Finke« (von Ehrlich) und »Der Lenz ist 
da« (von Goller) unter Leitung des bewährten Fachlehrers Anton 
Krtsmary, selbst ein Schicksalsgenosse seiner Schüler, bildeten ge- 
radezu Meisterleistungen. Sehr schwierig in der Stimmführung blieben 
die Sänger und Sängerinnen fest und sicher im Einsatz, Takt und 
Figuration. Nicht minder war aber auch der gemischte Chor von den 
Pfleglingen der Versorgungsanstalt, der unter Leitung des Chormeisters 
Jaromir Herle und mit der vorzüglichen Klavierbegleitung des 
Pfleglings Hans Mlakar die herrlichen Tanzperlen: »Alt-Wien« von 
Launer, von Kremser gefaßt, in ebenso feinfühliger als mustergültiger 
Weise vortrug, wobei zum Schlüsse bei dem Worten: »Gott erhalte 
unsern Kaiser« das gesamte Publikum sich unter frenetischem Beifall 
erhob, — Als Gäste waren erschienen Herr Josef Herz, Gesangs- 
lehrer am israelitischen Blindeninstitute, der sich selbst am Flügel 
begleitend, Loewes »Prinz Eugenlied« und zwei Lieder eigener Kom- 
position vortrug, dann die uns wohlbekannte Sängerin und Gesangs- 
lehrerin am k. k. Blindeninstitute Fräulein Leopoldine Rotter, welche 
Schuberts »Nonne«, Brahms »Feldeinsamkeit« und Pfizners »Verrat« 
mit blühend frischer Stimme, sicherem Ansätze und mit der jedem 
Liede entsprechenden künstlerischen Eigenart vortrug und endlich die 
zwei ebenfalls blinden Künstler, der berühmte Hoforganist Josef Labor 
und dessen gewesener Schüler, Musiklehrer Rudolf Braun, welche im 
Doppelspiele auf 2 Flügeln eine Egalität und Virtuosität entwickelten, 
die an die einstigen Brüder Thern erinnerte. Sie trugen eigene Kom- 
positionen vor; ein klassisch gearbeitetes figurenreiches Scherzo in 
Kanonform von Labor und drei moderne, reizende und melodiöse 
Sätze : Scherzo, Adagietto und Walzer (das erstere besonders gelungen) 
von Braun. Menschlich ergriffen verließen die Zuhörer den Saal; denn 
sie mußten erkennen, mit welch' reichem Danke die Pfleglinge die 
Fürsorge ihrer Mitmenschen lohnen!« 

Ein zweites Konzert fand zur Begrüßung der Besucher am 11. Juli, 
5 Uhr, im k. k. Blinden-Erziehungs-Institute statt, wobei die Zöglinge 
unter Leitung der Musiklehrer Bartosch und Haindl Chöre und 
Orchesterstücke in mustergültiger Weise zum Vortrage brachten. Mit 
dem Besuche in dieser Musteranstalt des Reiches war auch eine Be- 
sichtigung des einzig dastehenden Blindenmuseuras verbunden, 
wobei Direktor Meli interessante Erläuterungen gab. Ein gemütliches 
Beisammensein im Anstaltsgarten, während dessen die Blindenkapelle 
Eichler konzertierte, machte den Abschluß der Veranstaltungen. 

Der für den 12. Juli in Aussicht genommene Ausflug nach Melk a. D. 
und die Fahrt durch die Wachau konnten infolge des hohen Wasser- 
standes in der Donau leider nicht stattfinden. 



Seite 146. Zeitschrift für das österreichische Rlindenwesen. 8. Nummer. 

Zur Erinnerung an den Tag ließen sich die Teilnehmer im Hofe 
des Landhauses photographisch verewigen. Vergleicht man das Bild 
mit dem des Prager Blindenlehrertages (1 889), so findet man nur mehr 
vier Männer (Heller, Meli, Mracek und Pawlik) von damals vor. 
Ersieht man daraus, daß diese Herren etwas älter geworden 
wären, so mag man sich sagen, daß sie es »in Ehren« geworden sind. 
Wer von den jetzigen Teilnehmern wird dies nach weiteren 25 Jahren 
von sich sagen können ? Eine besonders freundliche Note erhält das 
dieser Nummer beigegebene Bild durch die seitlich sichtbaren Pfad- 
finder, welche sich um die Führung der blinden Teilnehmer sehr 
verdient gemacht haben. K. B. 



Ludwig August Frankl. 

Von Siegfried Altmann, Lehrer an der isr. Blindenanstalt in Wien XIX. 
Fortsetzung und Schluß. 

Über den Dichter Frankl dürfen wir den ungleich größeren 
Menschen nicht vergessen. Wie Wien seinem rührigen Wirken das 
Schiller- und Beethoven-, Mozart- und Lenau-, Grün- und Gluckdenkmal 
zum Teile verdankt, so steht die große Kulturwelt in seiner Schuld 
durch jenes all' seine Werke überragende Denkzeichen, das er sich auf 
der Hohen Warte in dem isr. Blindeninstitut begründet hat. Fast nahe 
den Tagen, die der Psalmist als Grenz- und Markstein des menschlichen 
I^ebens bezeichnet, ging Frankl mit der Begeisterung eines Jünglings 
an die Gründung dieser erlösenden Bildungsstätte, die er gleichsam als 
Wiegengeschenk für den Kongreß der Blindenlehrer und Blindenfreunde 
ins Leben rief. Wie schön sprechen die Worte eines seiner Verehrer im 

*Palast der Nacht«. 
Und wenn im Leben Du sonst nichts vollbracht. 
Entzogen Dich dem rauschenden Getriebe, 
Nicht mitgeschlagen jene heil'ge Schlacht, 
Belebt von Seelenschwung und reinstem Triebe — 

Und nur gegründet den Palast der Nacht, 
Gemildert I^eiden, so unendlich trübe, 
Dein Angedenken wäre schon vermaciit 
Der Nachwelt, daß es unvergessen bliebe. 

Doch anders spricht der Mund des Weltgerichtes: 
»Er war ein Mann der Freiheit und des Lichtes, 
Nach Hohem streben war sein Lebensziel. 

Und ob Jahrhunderte im Wirbel schwinden, 
Zwei Monumente werden laut es künden: 
Das Sohillerbild — der Blinden Lichtasyl.« 

Der Lebensabend lud den Dichter zur Einkehr in sich selbst ein; 
doch nicht in starrer Zurückgezogenheit verlebte er ihn. Nach wie vor 
bildete den Mittelpunkt des Wiener Kunstlebens sein gastlich Haus, wo 
Amerling, Saar, Pichler, Weilen, Franzos, Mosenthal, Greif, 
Brandes, Björnson u. a. innig verkehrten. 



8. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 147. 

Am 12. März 1894 fand das Leben Frankls, dessen ehrenvolles 

Wirken der ihm verliehene Adelstitel »Ritter von Hochwart« wohl bestens 

kennzeichnet, seinen Abschluß. Von Ferdinand von Saar stammt die 

folgende ^ , , ■ r r r- i . 

»urabschriftauftrankl«. 

Es war ein Dichter, der uns schied, 
Wie Harfenton erklang sein Lied. 

Den Wirken edler Menschlichkeit 
War seines Daseins Kraft geweiht. 

So lebt mit seines Namens Ruf, 
Was er im Geist und Herzen schuf. 



Ludwig August Fr an kl war ein Bewegungsdichter, ideal und voll 
dithyrambischen Schwunges. Zu den Pfadfindern zählt er nicht; er hat 
nichts zu unserer Weltanschauung beigetragen. Zu bereichern aber 
vermag er uns. Ein kräftiges, ästhetisches Bewußtsein begleitete ihn stets 
auf seinen Gängen in das Land der Poesie. Und alle Töne weiß er 
anzuschlagen: Drang und Pein der Jugend, Scherz und Satyre, wie 
idyllisches Behagen. Seine Reden sind Kunstwerke und seine literarischen 
Porträts — meisterhaft gezeichnet — werfen tür die Literaturgeschichte 
einen wertvollen Gewinn ab. Seine Werke sind nicht allgemein bekannt. 
Sie erscheinen uns heute vielfach fremd, weil wir eben nicht das Ver- 
ständnis für die Ideale seiner Zeit haben und für die Art, wie man um 
sie kämpfte. Jahre voll Umsturz und vielfacher Entwicklung sind über 
sie hinweggegangen. Aber wie vieles Frankl auch fehlen mag, um 
klassisch zu sein, das eine steht fest: es ist ihm mehr und vor allem 
Tieferes gelungen, das an Hoheit der Gesinnung und schlichter Größe 
bei der Schar Mitstrebender nicht gefunden wird. 

Generalversammlung 

des „Zentralvereines für das österr. Blindenwesen" in Wien. 

Die Generalversammluno^, welche am 11. Juli 1. J., ^/.^Q Uhr früh, 
im Landtagssitzungssale stattfand, wurde vom Präsidenten K. Bürklen 
mit einer kurzen Begrüßung eröffnet, vom Schriftführer J. Kneis das 
Protokoll der letzten Generalversammlung verlesen und dieses verifiziert. 

Der Vorsitzende erstattete hierauf einen Tätigkeitsbericht über 
das vergangene Vereinsjahr. Wie er ausführte, ging die neue Vereins- 
leitung nach ihrer Wahl daran, den Ausschuß des Vereines durch 
Kooptierung derart zu ergänzen, daß sämtliche Anstalten und Vereine 
im Ausschuß vertreten wären. Es gelang dies auch fast vollkommen, 
denn heute stehen nur mehr das > Francisco Josephinum in Prag«, das 
»Blinden-Mädchenheim in Prag-Kampa«, die «Blindenanstalt in Lem- 
berg«, der »Fürsorgeverein in Czernowitz« und der »Verein der selb- 
ständigen Blinden in Prag« außerhalb des Vereines. Nach der engeren 
Fühlungnahme, welche in der letzten Zeit mit diesen Institutionen 
genommen wurde, ist die Hoffnung gegeben, auch sie für den Zentral- 
verein zu gewinnen. Der Verein weist gegenwärtig die Zahl von 



Seite 148. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 7. Nummer. 

123 Mitgliedern auf. Durch Werbung kann diese noch bedeutend er- 
höht werden. 

Die Vereinsleitung legte sich für ihre Arbeit, die in fünf Aus- 
schußsitzungen (28. VI. 1913, 8.x. 1913, 3.1. 1914, 14. IV. 1914 und 
20. VI. 1914) in Angriff genommen und zum Teil erledigt wurde, einen 
Plan zurecht und arbeitete eine Geschäftsordnung aus, welche eine 
klaglose Durchführung der gestellten Aufgaben sichern soll. Zur Er- 
langung des statistischen Materials, über welches ein Zentralverein 
verfügen muß, wurde zur Anlegung einer Berichtssammlung ge- 
schritten. Fast alle Anstalten und Vereine entsprachen in entgegen- 
kommendster Weise dem Ansuchen um Überlassung von Jahresbe- 
richten. Als zweite Aufgabe wurde die Anlegung eines Katasters 
für Blindenstiftungen in Österreich ins Auge gefaßt. Zur Erlangung 
des betreffenden Materials hat die k. k. n. ö. Statthalterei, sowie eine 
Anzahl von Ausschußmitgliedern in anderen Kronländern ihre Mit- 
wirkung zugesagt. 

Zur Verbesserung der Erwerbs- und Versorgungsverhältnisse der 
Blinden wurde eine diesbezügliche Petition an die kompetenten Fak- 
toren in Niederösterreich überreicht. Es wurde in erster Linie mit 
Absicht das Land Niederösterreich hiefür gewählt, da hier die Ver- 
hältnisse noch am günstigsten liegen und ein Erfolg leichter zu erreichen 
ist. Selbstverständlich wird der Zentralverein sich in dieser Sache auch 
für andere Kronländer zur Verfügung stellen, falls daselbst unsere 
Ausschuß- und Vereinsmitglieder eine solche Aktion wünschen und 
entsprechend unterstützen. 

Gemeinsam mit dem »Reichsdeutschen Blindenverband« unter- 
nahm der Zentralverband eine Aktion zur Herabsetzung des Post-, 
p ort OS von Blindendrucksendungen im zwischenstaatlichen Verkehre. 
Auf eine diesbezügliche Eingabe hin hat das k. k. Handelsministerium 
in freundlichster Weise zugesagt, auf dem diesjährigen Weltpost- 
kongresse in Madrid für die Gewährung unserer Bitte einzutreten. 

Dem in der vorjährigen Generalversammlung erteilten Auftrage 
zur Veranstaltung des V. österr. Blindenfürsorgetages ist die 
Vereinsleitung mit Eifer nachgekommen, hat die Konstituierung des 
Ortsausschusses veranlaßt und in demselben an der Vorbereitung des 
Tages fleißig mitgearbeitet. 

Den schönsten Erfolg hat die Vereinsleitung mit der Schaffung 
des Vereinsorgan es, der »Zeitschrift für das österr. Blindenwesen« 
aufzuweisen. Dasselbe hat in der kurzen Zeit seines Bestandes nach 
jeder Richtung hin eine höchst erfreuliche Entwicklung genommen, 
wofür den Mitarbeitern herzlichst Dank gesagt wird. Als Notwendig- 
keit erweist es sich nur noch, in allen Kronländern ständige Korre- 
spondenten zu besitzen, die sich unter den Vereinsmitgliedern sicherlich 
finden werden. Liegt es doch im Interesse aller Anstalten und Vereine, 
durch unsere Zeitschrift mit regelmäßigen Berichten an die Öffent- 
lichkeit zu treten. 

Nachdem der Vorsitzende noch kurz die Förderung der 
arbeitenden Blinden durch Veröffentlichung ihrer Adressen im 
Vereinsorgane, die Auskunftsvermittlung und Teilnahme bei fest- 
lichen Gelegenheiten durch den Zentralverein berührt hatte, erstattete 



8. Nummer. Zeitschritt für das österreichische BHndenwesen. Seite 149. 

Kassier O. Stoklaska den Kassabericht, welcher in der nächsten 
Nummer veröffentlicht werden soll. 

Der Mitgliedsbeitrag beträgt wie früher 2 K. Der Zeitungsbeitrag 
von 2 K ist ein freiwilliger. 

Zur V^ereinfachung der Kassaführung ergab sich die Notwendig- 
keit einer Neuwahl des Kassiers. Als Kassier wurde Herr F. Demal- 
Purkersdorf, als Revisor Herr O. Wanecek-Purkersdorf gewählt. Herr 
O. Stoklaska verbleibt Ausschußmitglied. 

Die der Generalversammlung vorgelegte Geschäftsordnung 
wurde ohne Debatte angenommen. 

Nun erfolgte durch den Schriftführer J. Kneis die Mitteilung des 
Ausschußantrages auf Ernennung folgender Ehrenmitglieder des Vereines: 
Herr Hofrat H. Ritter von Chi u metzky-Brünn, Kais. R^at Direktor 
S. Heller-Wien und Kais. Rat Direktor F. Pa wlik-Brünn. In ein- 
mütiger Würdigung der Verdienste der Genannten um den Zentralverein 
und das österr. BHndenwesen wurde diesem Antrage die Zustimmung 
der Versammlung zuteil. 

Mit Dank an alle Teilnehmer schloß hierauf der Vorsitzende die 
Generalversammlung. 

Die Dankesworte, welche das Ausschußmitglied A. von Horväth 
an den Präsidenten K. Bürklen für seine unermüdliche Arbeit beider 
Leitung des Vereines richtete, wurden von der Versammlung beifälligst 
aufgenommen. Der Präsident dankte hiefür und bat um fernere Unter- 
stützung seitens aller Mitglieder des Vereines, der mit der Durchführung 
der Beschlüsse des V. österr. Blindenfürsorgetages (Blindenlehrertages) 
eme neue schwierige Aufgabe übernommen hat und daher der Mit- 
arbeit aller Gutgesinnten bedarf 

flus den Anstalten. 

— N. ö. Land es- Blind enan stal t in Purkersdorf. Aus dem Jahres- 
berichte dieser Anstalt, der ein anschauliches Bild der Wirksamkeit in derselben 
gibt, entnehmen wir folgendes: Das Berichtsjahr 1913/14 brachte durch das am 
17. Juli 1913 erfolgte Ableben des Unterrichtsreferenten im Landesausschusse Herrn 
Ernest Schneider der Anstalt einen schweren Verlust. An die Stelle des Ver- 
ewigten trat Herr Landesausschuß Karl Kunschak, dessen für die Kinder des 
Volkes warm fühlendes Herz die sicherste Gewähr für eine tatkräftige Förderung 
unserer Anstalt und des Blindenwerkes im allgemeinen bietet. Möge es dem neuen 
Herrn Referenten vergönnt sein, unter seiner Oberleitung die Anstalt zu jener Höhe 
geführt zu sehen, auf die sie Dank der Munitizenz der hohen Landesverwaltung und 
der vereinten Bemühungen aller in derselben Tätigen, gelangen kann. Das Schuljahr 
1913/14 nahm einen ungestörten Verlauf und zeitigte durch die Inspektion seitens 
des Herrn Landesschulinspektors Hofrat Karl Freiherr von Kummer die erfreuliche 
Tatsache der Anerkennung der Lehrtätigkeit durch den n. ö. Landesschulrat und 
das k. k. Ministerium für Kultus und Unterricht. Mit der Einführung des neuen Lehr- 
planes trat eine ausgibige Stundenvermehrung ein, welche zur Erzielung günstiger 
Unterrichtsresultate wesentlich beitrug. Dem Anstaltsberichte sind vorangestellt die 
Stoffverteilungspläne für die ersten vier Schuljahre, 1., 2. und 3. Klasse. Mit diesen 
auf Grund des Lehrplanes vom Jahre 1911 vom Lehrkörper der Anstalt 
ausgearbeiteten und praktisch erprobten Stoffverteilungsplänen für die ersten vier 
Schuljahre (die weiteren sollen folgen) wird den Fachkollegen ein wichtiger Beitrag 
zur praktischen Unterrichtsführung an Blindenanstalten übergeben. Als Grundsätze 
der Verteilung wurden möglichste Konzentration und Beschränkung des Stoffgebietes 
angesehen. Nur für den Leseunterricht wurde reicherer Stoff zur Auswahl gestellt. 
Selbstverständlich ist die Aufarbeitung des Stoffes keine bindende, sondern wird von 
Zeit und Umständen beeintiußt sein. Dem Klassenlehrer bieten die Pläne eine 
wesentliche Erleichterung und geben einen raschen Überblick über die Arbeit in der 



Seite 150. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. ' 8. Nummer. 

Klasse. Ihre Einhaltung sichert ein lückenloses Weiterschreiten in allen Unterrichts- 
fächern und schließt planlose Wiederholungen aus. Der Unterricht wurde in fünf 
aufsteigenden Klassen, der Fortbildungsunterricht in zwei Klassen erteilt. Die 
Durchführung des neuen Lehrplanes mit der vermehrten Stundenzahl machte man- 
cherlei Verschiebungen im Stundenplane notwendig. Eine größere Erweiterung erfuhr 
namentlich der Handfertigkeitsunterricht bei den Knaben. Das Mädchenturnen wurde 
einer weiblichen Hilfskraft zugewiesen. Der Lehrkörper der Anstalt besteht aus den 
Direktor, 14 Lehrkräften und 2 Werkmeister. Der Zöglingsstand betrug am Ende 
des Schuljahres 98 Zöglinge. Hievon standen 71 Zöglinge in der Schul-, 27 in der 
Berufsbildung. Die Berufsbildung erfuhr insofern eine Erweiterung, als die Gärtnerei 
in den Berufsbildungsplan aufgenommen wurde. Die dem Anstaltsgärtner zur Aus- 
bildung zugeteilten zwei schwachsichtigen Zöglinge machten erfreuliche Fortschritte 
und erweist sich die Gärtnerei bereits jetzt als für Schwachsichtige gut mögliche 
und zuträgliche Beschäftigung. An die fünf austretenden Zöglinge wurde nicht nur 
die übliche Ausstattung an Kleidung und Wäsche, sondern auch ihre Ersparnisse 
und Spenden verabfolgt. Es gelang, zwei der Austretenden (Bürstenbinder) im Blinden- 
Arbeitevheim in Wien XIII. unterzubringen. Ein Musiker und Klavierstimmer wird 
ebenso wie ein musikalisch sehr begabtes Mädchen selbständig das Fortkommen 
zu finden suchen. Einer Maschinstrickerin wird zur Ermöglichung ihrer Tätigkeit 
eine Strickmaschine nach Hause mitgegeben. Aus dem »Unterstütungsfonds für ent- 
lassene unbemittelte Zöglinge« wurden im Jahre 1913 55 Zöglinge mit monatlichen 
Sustentationsbeiträgen in der Gesamtsumme von 5.244 K und 17 Zöglinge mit ein- 
maligen Unterstützungen, Summe 620 K bedacht. Die fachliche Betätigung des Lehr- 
körpers war eine äußerst rege. Die vom Landesfonds für die Anstalt zu bestreitenden 
Kosten betrugen im Jahre 1913 103.554 K. 

— Wie der Jahresbericht 1913 der Odilien-Blindenanstalt in Graz 
anführt, waren in der Erziehungsanstalt 58 Zöglinge, im Männerheime 29 männliche 
Blinde und im Mädchenheirae 30 weibliche Blinde untergebracht. Die mit "der Er- 
haltung dieser Anstalten verbundenen Leistungen sind so große, daß trotz des Ver- 
einsvermögens von 1,086.019 K. von welchem jedoch nur 450.496 K als ertragsfähig 
zu bezeichnen sind, die Opferwilligkeit der Blindenfreunde und Wohltäter Steiermarks 
von neuen angerufen werden muß. Der Leiter sämtlicher Anstalten ist Direktor 
Dr. J. Hartinger, der Obmann des Odilien-Vereines zur Fürsorge für die Blinden 
Steiermarks Domkustos Dr. F. Freiherr von Oer. 

flus den Vereinen. 

— Der »Fürsorgeverein für Taubstummblinde in Österreich« 
in Wien XIII hat seinen ersten Jahresbericht ausgegeben, aus welchem die Arbeit bei 
Schaffung und Organisierung des Taubstummblindenheimes, das bereits 7 Pfleglinge 
beherbergt, zu ersehen ist. Die Entwicklung dieser segensreichen Schöpfung für 
die Dreisinnigen Österreichs ist eine höchst erfreuliche und es wäre nur zu wünschen, 
daß der Fortgang ein eben solcher bleibt. An der Spitze des Vereines steht der 
edelgesinnte Präsident Dr. F. Heinz, das Heim leitet Direktor P. P. Schneiderbauer. 

— Aus dem Jahresbericht 1913 des »Vereines zur Fürsorge für Blinde« 
in Wien ist zu ersehen, daß das von diesem Vereine geschaffene Kaiser Franz 
Josef-Blindenarbeiterheim in Wien XIII unter der Leitung des Verwalters K. Rosen- 
mayer 25 internen und 12 externen blinden Handwerkern Erwerb, bezw. Unterkunft 
bietet. Leider sind die Arbeits- und Wohnräume bereits zu klein, um alle arbeits- 
willigen Blinden aufnehmen zu können. Der Barvermögenstand beträgt 13.166 K. 

Briefkasten. 

— Auf mehrere Zuschriften: Sie finden die Festnummer prächtig 
und haben den Wunsch, jede Nummer so ausgestattet zu sehen. Diesen Wunsch hätten 
wir auch, leider aber nicht die Mittel hiezu. Immerhin ist aus der Festnummmer zu 
ersehen, was sich aus unserer »Zeitschrift« machen ließe, wenn wir nicht auch ein 
bißchen rechnen müßten. 

^ »Gegner«: Es gibt einen edlen Wettstreit, welcher der Sache nur dienen 
kann. Aus diesem Grunde fassen wir eine Meinungsverschiedenheit auch nicht als 
»Gegnerschaft» auf oder vielmehr nur in dem Sinne, daß das Bessere der Feind 
des Guten ist. Für eine derartige »Feindschaft« werden wir Ihnen nur dankbar sein. 

— K. M. in P. Sie erhalten die »Zeitschrift« als Mitglied des Zcntralvereines 
auch dann, wenn sie den Zeitungsbeitrag nicht zu leisten imstande sind. 

Herausgeber: Zentralverein für das österreichische Blindenwesen in Wien. Redaktionskomitee: K. Bürklen, 
]. Knei«, A. v. Horv.nih, F. Uhl. — nruck von Adolf Englisch, Purkersdorf bei Wien. 




1. Jahrgang. Wien, September 1914, 9. Nummer. 



1 ^ 

^ Laßt uns fest zusammenhalten, ^ 

^ In der Emtracht hegt die Macht; ^ 

^ Mit vereinter Kräfte W^alten ^ 

^ Wird das Schwerste leicht vollbracht. ^ 

Aufruf. 

unser teures Vaterland steht im Kampfe mit erbitterten 
Feinden. Groß werden die Anstrengungen sein müssen, um 
die Gegner niederzuringen, groß aucin die Hilfsbereitschaft, 
mit der alle, die nicht in den Kampf gezogen sind, zusammen- 
stehen müssen, um die Not des Krieges zu lindern. 

Wendet sich heute der Wohltätigkeitssinn der Öffentlich- 
keit in erster Linie unseren tapferen Soldaten und deren 
zurückgelassenen Familien zu, so wird doch bald auch die 
Sorge um die Erhaltung der uns nahestehenden Blinden an 
uns herantreten. 

Wir richten daher an alle Fürsorgeinstitutionen für Blinde 
in unserem Vaterlande die inständige Bitte, in den kommenden 
schweren Zeiten unserer Blinden eingedenk zu bleiben und 
namentlich dort, wo Mittel zur Verfügung stehen, mit Unter- 
stützungen an die im freien Erwerbe stehenden Blinden, 
welche von der wirtschaftlichen Lage wohl zunächst betroffen 
werden dürften, nicht zu kargen. 

Seien wir alle tätig und opferfreudig in dem Gedanken 
an eine siegreiche Überwindung aller Schwierigkeiten, mit 
doppeltem Eifer tätig auf dem Gebiete, in das uns die Be- 
stimmung gestellt hat, in der 

Fürsorge für unsere Blinden! 



Seite 156. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 9. Nummer. 

Die Ausstellung am V. öst. Blindenfürsorgetag. 

O. Wanecek, Purkersdorf. 

Blindenlehrertag benannte der Nebentitel die jüngste Biinden- 
fürsorgetagung. Daraus konnte erwartet werden, daß dem teilneh- 
menden Blindenlehrer Anregung für seine stille Lehrarbeit in der 
Schulstube geboten werde. Wenn er nun tatsächlich mit manchem 
Neulande der Unterrichtspraxis bekannt wurde, so war die Ausstellung 
eine der wertvollsten Veranstaltungen dazu. Sie konnte diesem einem 
Zwecke aber nur dann entsprechen, wenn die Beschicker das Prinzip: 
»Nur das Neue bekannt machen« beachteten. Tatsächlich war nun 
jede ausstellende Anstalt bemüht, ihr individuelles Bild in den ein- 
geschickten Objekten zu geben. Nur eine unter ihnen mußte von 
diesem Grundsatze etwas abweichen, wenn sie als Lehrmittelzentrale, 
als Blindendruckverlag und als Wahrerin des historischen Gutes im 
österreichischen Blindenwesen ihre Schätze zeigen wollte. So mußte 
das k. k. Blindenerziehungsinstitut teilweise in der Art der Gegen- 
stände eine notwendige Sonderstellung einhalten. Die Einheitlichkeit 
litt darunter nicht im mindesten. Die ungünstigen Raumverhältnisse, 
die ohnehin ein Auseinanderreißen des organisch Zusammengehörenden 
bedingt hätten, konnten dergestalt zweckmäßig ausgenützt werden. 

Aber nicht obigem Zwecke allein sollte die Ausstellung dienen. 
Sie mußte ein wirksames Propagandamittel sein. Bot sie jedem 
Blindenlehrer eine Fülle von Neuheiten, so trat sie jedem Besucher 
als Beweis dessen gegenüber, was oft und oft auf der Tagung erörtert 
wurde: als Beweis der Leistungsfähigkeit der Blinden. 
Die Vollkommenheit der Lehrlingsarbeiten können keinen Zweifel 
darüber bestehen lassen. Die moderne Saloneinrichtung aus Peddig- 
rohr, künstlerisch innerhalb eines Vestibulabschlusses gruppiert, von 
den Zöglingen des Wiener israelitischen Blindeninstitutes verfertigt, 
erregten Staunen. Nicht weniger die Erfolge, die diese Anstalt in der 
Uhrmacherei erzielt. All diesen Arbeiten reihen sich die des k. k. 
Blindenerziehungsinstitutes und der n. ö. Landesblindenanstalt — 
Bürsten- und Korbwaren — würdig an. Ein lobendes Wort sei auch 
den meist vergessenen Handarbeiten unserer Mädchen gezollt. 

Die Arbeiten aus dem Handfertigkeitsunterrichte ließen die 
interessantesten Schlüsse auf die Lehrart in unseren Blindenschulen 
ziehen. Bewiesen uns einerseits die von den geschickten Fingern 
unserer Zöglinge nachgeformten, alltäglichen Gebrauchs- und Zier- 
gegenstände in welch anregender, lebensfroher Weise gerade das 
Modellieren in allen unseren Anstalten betrieben wird, so bestätigten 
uns unter andern namentlich die vielen Lebensformen aus der Natur, 
die wir wohl als Unterrichtsillustrationen ansehen dürfen, daß das 
Prinzip der Arbeitsschule alle österreichischen Blindenschulen durch- 
drung^ hat. Überflüssig wäre es, einzelnes nennen zu wollen. Nur 
an den kleinen Künstler der Grazer Odilienanstalt sei erinnert. Wie 
weit es übrigens der Blinde auf diesem Gebiete bringen kann, zeigen 
die durchaus künstlerischen Arbeiten H. Mo u drys, welcher im Aus- 
stellungssaale arbeitete. 



9. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 157. 

Die anderen Handfertigkeitszweige traten gegen das Modellieren 
quantitativ, keineswegs aber qualitativ zurück. Das k. k. Blinden- 
Erziehungsinstitut und die Purkersdorfer Anstalt brachten namentlich 
im Holzarbeiten hübsche Sammlungen heraus. Neben einzelnen Arbeiten, 
die bloß formalen Zwecken dienten, sah man in bunter Menge Kleider- 
rechen, Gewürzkästchen, Spielgeräte, Eier- und Lampenzylinderhälter 
u. s. w., Dinge also, die durchgehends die Bedachtnahme auf das 
praktische Leben bezeugen. Nicht minder reichhaltig waren die Papp- 
arbeiten vertreten. Die Eisen- und Blecharbeiten des israelitischen 
Institutes fanden ebensoviel Beifall wie die Perlarbeiten des kaiser- 
lichen. Ein wunderschönes Dorfmodell verfertigten die Zöglinge der 
erstgenannten Anstalt. 

Auch die kleinsten unter unsern Kleinen arbeiteten wacker mit. 
Zu nennen sind namentlich die Kindergartenarbeiten des Asyls für 
blinde Kinder in Wien. Die außerordentliche Verwendbarkeit des 
Schleußnerschen Baukasten bewiesen die mannigfachen, zusammen- 
gesetzten Bauwerke, von den Zöglingen der einzelnen Anstalten aus- 
geführt. 

Zeigten diese Arbeiten, wie weit eines Blinden Tüchtigkeit 
gesteigert werden kann, so wurden wir in den neuen Lehrbehelfen 
mit äußerst praktischen Wegbereitern zu einem gediegenen Wissen 
bekannt. Die Lehrarbeit, mit Hinopferung der freien Zeit, der Kraft 
und wohl auch manches Stückes Geldes geleistet, schuf hier eine 
Menge von Lehrbehelfen, die kennen zu lernen nicht allein dem 
interessierten Fachmann nützen kann. Den, in den Rittersaal ein- 
tretenden zeigte sich unmittelbar der große, prächtige Plan von Pur- 
kersdorf (Lehrer Posch); neben ihm der neue Rechenapparat Direktor 
Bürklens, der Braillezahlen verwendet. Links auf einem Seitentische 
zeigte Fachlehrer Demal in allerliebster Weise, wie originell die 
Kleinen mit Zündholzschachteln zu bauen verstehen. Daran reihten 
sich die außerordentlich schönen Lehrerarbeiten A. J. Rappawis 
Aus der Fülle der Gegenstände mögen als besonders beachtenswert 
genannt sein: die Werkzeugtafeln (Schuster, Schlosser, Maurer, Bauer, 
Tischler), Pläne für die Heimatkunde, tastbare Zifferblätter, die Gegen- 
überstellung zweier Thermometer mit Celsius und Reaumureinteilung, 
Lehrbehelfe für die Geometrie (zerlegbare Körpernetze aus Blech) 
und Warentafeln für den gewerblichen Unterricht. 

Das k. k. Blindenerziehungsinstitut füllte mit seinen Objekten 
den ganzen Herrensaal. Von den Lehrbehelfen fielen außer einem 
großen Kirchenmodell einige sehr beachtenswerte akustische Lehr- 
mittel für den Naturkundeunterricht auf. Von großem unterrichtlichem 
Werte müssen ferner die handlichen, zerlegbaren Landkarten sein. 
Auch hier ist die große Menge der geometrischen Lehrmittel zu 
erwähnen, die in ihrer Beweglichkeit ideal genannt werden müssen. 
In Verbindung mit dem Knotenstab wurde die De maische Reclien- 
maschine gebracht, die die fortlaufende Zahlenlinie beachtet. Eine 
Anzahl Schreibapparate wurde gezeigt, auf denen der Blinde F"lach- 
schrift zu schreiben befähigt ist. Außer den allbekannten Lehr- und 
Lernmittel fanden sich verschiedene Druckschriften aus der eigenen 
Druckerei, darunter approbierte Lesebücher. Der Auswahl vollkom- 
inener Schülerarbeiten dieses Institutes wurde schon gedacht. 



Seite 158. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 9. Nummer. 

Das große zerlegbare Modell der Purkersdorfer Landes-Blinden- 
anstalt fand namentlich bei den Blinden viel Beifall. Die Größe einer- 
seits, die bis ins Detail präzisierte Arbeit anderseits, machen es auch 
zu einem Anschauungsmittel ersten Ranges. Der Landesausschuß von 
Salzburg stellte das Modell des zu bauenden Blindenheimes zur Ver- 
fügung, ebenso die Pläne dazu. Der anheimelnde Stil, in dem es 
gehalten ist, wird es zu einer Zierde Salzburgs, die Einteilung der 
Räumlichkeiten zu einem behaglichen Heime werden lassen. 

Das Musee Valentin Haüy in Paris war unter anderm vertreten 
durch Tafeln mit der Notenschrift der Sehenden und den bekannten 
Autoprofesseur von Thib er ge. Direktor H.Graf aus Bielefeld hatte 
das erste Exemplar seines »Musikbaukastens für Blinde« zur Aus- 
stellung gebracht. Die Möglichkeit, daß der Blinde mit diesem Appa- 
rate Musikstücke nach Vorlage oder frei zu »setzen« vermag, macht 
denselben sowohl für den Musikunterricht als auch die freie Beschäf- 
tigung äußerst wertvoll und fordert als Neuerfindung die Beachtung 
der Blindenlehrer in vollstem Maße. Auf die Legespiele für Blinde 
von der Firma Richter & Cie., Wien, sei ganz besonders hin- 
gewiesen, denn sie versprechen ein äußerst wertvolles Beschäftigungs- 
mittel abzugeben. Die Firma Urbansky, Wien, stellte eine Kollek- 
tion Kunstblumen aus, die in ihrer außerordentlich naturgetreuen 
Nachbildung als Unterrichtsmittel sehr zweckdienlich sein dürften. 
H. Moudry verwendete bei seinen Arbeiten die von der Firma 
Günther Wagner zur Verfügung gestellte neue Modelliermasse 
»Nakiplast«. 

Interessante, von den landfäufigen Ziffern abweichende Ergeb- 
nisse zeitigten die beiden Tabellen Direktor Bürklens über die 
Blindenhäufigkeit in Österreich. Ihr Inhalt ist den Lesern dieser Zeit- 
schrift schon bekannt. Sowohl die k. k. als auch die Purkersdorfer 
Anstalt stellten Serien von Bildern aus, auf denen Augenblicke aus 
dem Anstaltsleben festgehalten waren. Wir sehen das lustige Bade- 
leben in der Sommerfrische, die Zöglinge beim Ausgang u. dgl. 
Gelegentlich des Besuches der Ausstellung erhielten die Teilnehmer 
an Druckschriften: Die »Festnummer der Zeitsckrift für das öster- 
reichische Blindenwesen« und die Mitteilungen »Von unsern Blinden« 
mit reichem Inhalt. 

Überdenken wir die bunte Reihe der Eindrücke, die uns die 
Ausstellung hinterließ, rechnen wir nach, was Neues uns bereichert 
hat, so müssen wir die zielbewußte und geschmackvolle Anordnung 
als teilhabend an unserm Gewinne nennen. Nur in dieser Übersicht- 
lichkeit konnte eine solche Fülle für den Beschauer nutzbar werden. 
Fachlehrer Friedrich Demal ist mit einer besonderen Sachfreude und 
Tatkraft an seine Arbeit gegangen, die ihm trotz der geringen Zeit, 
über die er verfügen konnte, voll und ganz gelungen ist. Bleibende, 
geistige Bereicherung schöpfte wolil jeder Besucher, vornehmlich aber 
der Blindenlehrer aus ihr. Rechnen wir dazu die goldenen Worte so 
manches Vortrages, den hohen Gewinn, den die Besichtigung der 
Sammlung des k. k. Blinden-Erziehungsinstitutes zeitigte, so müssen 
wir sagen, daß die Tagung für den Blindenlehrer nicht weniger war, 
als was die in Angriff zu nehmenden Fürsorgemaßnahmen zu werden 
versprechen: »Ein voller Erfolg.« 



9. Nummer. Zeitschrift für das österreichische BHndenwesen. Seite 159. 

Die Blinden Österreichs nach Zahl und 
Geschlecht. 

Wir sind in der Lage, die durch die k. k. statistische Zentral- 
kommission verarbeiteten Ergebnisse der Volkszählung vom 31. De- 
zember 1910 inbezug auf Zahl und Geschlecht der Blinden in Österreich 
veröffentlichen zu können und geben damit unserer Blindenfürsorge 
ein äußerst Avichtiges Material in die Hand. Die von der Kommission 
aus der Zählung gezogenen allgemeinen Folgerungen lauten : 

»Die körperlichen und geistigen Gebrechen sind von 1869 an, 
also seit der Geltung des gegenwärtigen Volkszählungsgesetzes, ge- 
zählt worden, jedoch waren 1869 nur die Blinden und Taubstummen, 
1880 auch die Irrsinnigen und Blödsinnigen, 1890 statt der letzteren 
beiden die Irrsinnigen und Blödsinnigen getrennt von den Kretins, 
Gegenstand der Zählung. Bei der Zählung 1890 hatte man die Be- 
obachtung gemacht, daß die Angaben namentlich über die Geistes- 
kranken und Kretins sehr ungenau waren und wenig Vertrauen ver- 
dienten; auch die Abgrenzung zwischen Blödsinn und Kretinismus, 
teilweise auch zwischen diesen und der Taubstummheit, steht nicht 
fest. Anläßlich der Zählung 1900 wurde daher von jeder Erhebung 
körperlicher und geistiger Gebrechen abgesehen. Erst 1910 wurde, 
einem offenbaren Bedürfnisse und dem bei der Pariser Tagung des 
Internationalen Statistischen Institutes 1909 ausgesprochenen Wunsche 
entsprechend, auch um die Fürsorge für Blinde und Taubstumme 
wenigstens durch Feststellung des Umfanges dieser Übel zu erleichtern, 
wieder eine Zählung von Gebrechen vorgenommen, aber eingeschränkt 
auf die körperlichen Gebrechen und in der Aufarbeitung ergänzt durch 
die zugleich Blinden und Taubstummen. Die für Haushaltungsvorstände 
und Zählungskommissäre schwer erkennbaren geistigen Gebrechen 
wurden beiseite gelassen. 

Die Zahl der Blinden hatte Ende 1869: 11.329, Ende 1880: 
20.094, Ende 1890: 19.264 und Ende 1910: 19.244, dazu 572 zugleich 
Taubstumme und Blinde betragen, also zuerst um 8.765 oder 7 vom 
Hundert jährlich zugenommen, dann um 830 oder 0'41 vom Hundert 
jährlich abgenommen, in den letzten 20 Jahren aber wieder um 552 
oder 0.14 vom 100 Hundert jährlich zugenommen. Im Verhältnis zur 
Bevölkerung ist seit 1880 eine stetige Abnahme zu bemerken. 

Die Zahl der Blinden ist im Verhältnis am höchsten in Dalmatien 
1910 ebenso wie 1869. In der Zwischenzeit waren die Anteilzif^ern 
1880 von Salzburg und Kärnten, 1890 nur von Kärnten höher. An 
zweiter Stelle folgt auch 1910 Salzburg, dann Steiermark und Istrien. 
Diese Länder zeigen aber ebenso wie alle übrigen außer Dalmatien 
und Triest eine Abnahme gegenüber 1890, die in Kärnten, Tirol und 
Mähren am stärksten ist. Im Staatsdurchschnitte sind mehr männliche 
als weibliche Blinde gezählt worden, doch nimmt die Spannung ab. 
In Niederösterreich, Karten und Mähren haben aber die Blinden einen 
Frauenüberschuß, der 1890 auch noch in Steiermark und Schlesien 
vorhanden war. Der auffällige Männerüberschuß in Triest ist 1910 
nicht mehr so groß, als er 1890 war.« 



Seite 160. Zeitschrift für das österreichische BHndenwesen. 

Übersicht. 



9. Nummer. 



Länder 



Auf je 100.000 anwesende 
Personen entfielen Blinde 



1869 



1880 


1890 


75 


72 




73 


111 


95 


149 


91 


97 


83 


130 


112 


78 


87 


77 


67 


95 


69 


90 


86 


97 


90 


88 


59 


91 


79 


96 


87 


85 


74 


88 


77 


79 


72 


111 


110 


91 


81 



Auf je lOC'O 
männliche ent- 
fielen weibliche 
Blinde 



1890 



19101) 



Niederösterreich 

darunter Wien 

Oberösterreich 

Salzburg 

Steiermark 

Kärnten 

Krain 

Triest 

Görz und Gradisca 

Istrien 

Tirol 

Vorarlberg 

Böhmen 

Mähren 

Schlesien 

Galizien 

Bukowina 

Dalmatien 

Im Durchschnitt 



)■ 59 
} 

} 53 

57 
56 
55 



56 

60 
65 
53 

72 

71 

113 

69 



1.031 


6 


1.020 


4 


984 


1 


725 


3 


1.064 


2 


1.000 





827 





521 


7 


738 


6 


767 


7 


719 





619 





959 


8 


1.075 


3 


1.040 


7 


835 


6 


681 


2 


606-6 


907-3 



1.055-8 
1.104-5 
979-9 
703-7 
812-8 
1.165-5 
902-7 

623-8 
865-9 
710-5 

729-7 
744-7 

9820 

1.173-4 

965-7 

927-2 
852-1 
846.0 
947-5 



I) Mit Einschluß der 285 
taubstummen Personen. 



nännlichen und 287 weiblichen (zusammen 572) zugleich blinden und 



Zahl und Geschlecht der Blinden nach Ländern und 
politischen Bezirken. 



Länder Blinde 

politische Bezirke ">• w. zus. 

Niederösterreich 

Stadt Wien 772 833 1.605 

„ Waidhofen a. d. Y. 1 . 1 

„ Wiener Neustadt . 24 15 39 

Amstetten 16 13 29 

Baden 21 13 34 

Brück a. d. Leitha ... 19 13 32 

Floridsdorf Umgebung . 12 8 20 

Gänserndorf 19 16 35 

Gmünd 16 8 24 

Hietzing Umgebung . . 53 71 124 

Hörn 16 16 32 

Korneuburg 13 12 25 

Krems 23 20 43 



Länder 

politische Bezirke ™- 

Lilienfeld 7 

Melk 12 

Mistelbach 21 

Mödling 18 

Neunkirchen 16 

Oberhollabrunn .... 25 

Pöggstall 5 

Sankt Polten 23 

Scheibbs 18 

Tulln . • 23 

Waidhofen a. d. Thaya . 12 

Wr. Neustadt (Landbez.) 34 

Zwettl 21 

Summe . 1.240 

(Fortsetzung folgt.) 



Blind 


e 


w. 


zus. 


5 


12 


43 


55 


27 


48 


13 


31 


14 


30 


27 


52 


1 


6 


29 


52 


16 


34 


15 


38 


13 


25 


19 


53 


24 


45 


1.284 


2.524 



9. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 161. 

Ein Denkmal zur hundertjährigen Feier der 
Geburt Richard Wagners. 

Von Rudolf Pernklau, Linz. 

Rieselt, ihr Quellen und rauschet ihr Bäche! 
Ist ja der Fruhlino^, der freundliche Mai! 
Endet das Spiel nicht auf flimmernder Fläche, 
Niedliche Vöglein, im Walde so frei. 
Zierliches Volk dort im zweigichten Zelt, 
Ihr sollt es zwitschernd verkünden der Welt, 
Fliegend durch Meer und durch Zonen: 
Liebe und Lenz hat begonnen ! 

Innig begrüßen die lauschenden ieelen. 
Ewige Sonne, dein wachsendes Licht, 
Grüßen mit Wonne den Morgen, den hellen. 
Er ist's, der siegend das Dunkel durchbricht. 
Nennt mir den Mann, den der Tag uns gebar, 
Der sich erhob als gewaltiger Aar 
Endlose Höh'n zu ersteigen. 
Recht uns und Tugend zu zeigen! 

Hörst du nicht klingen in Ost, wie im Westen, 
Oben im Norden, wie unten im Süd, 
Lob und Gesänge, ersonnen vom Besten? 
Lüfte, sie horchen dem herrlichen Lied. 
Äther und Firn selbst im wogenden Strahl, 
Neigen entzückt sich dem wonnigen Schall. 
D'rum nicht versäumt, ihr Getreuen, 
Ehrender Kunst euch zu freuen. 

Ringt euch zum Licht, ihr gepriesenen Helden! 
Taucht aus den Tiefen vernichtender Nacht! 
Alle die Wunder, ihr sollt sie uns melden. 
Nennen des Zaubers bezwingende Macht. 
Nehmt uns gefangen im seligen Schau'n, 
Herrliche Ritter und züchtige Frau'n, 
Ängstlich nicht weicht, ihr Gestalten, 
Unter des Lichtes Gewalten. 

Sag' doch, wer lehrt dich den Musen zu dienen, 
Edler Tribun aus dem Römergeschlecht? 
Ruh', dich, o rastloser Schiffer, gewinnen? 
Lüsterner Ritter, dir, Tugend und Recht? 
Offen zu streiten im Gottesgericht, 
Held, wer gebot dir's für Unschuld und Pflicht? 
Elendem Trugesgebaren 
Namensgeheimnis zu wahren? 

Götter und Riesen, wer lieh Euch das Leben? 
Rief euch, ihr Recken, aus ragendem Saal? 



Seite 162. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 9. Nummer. 

Irdischen Tandes Gewinn zu erstreben, 
Neidischem Nib'lung zur nagenden Qual? 
Dauernd verfallen dem feindlichen Fluch, 
Ewigen Hasses verheerendem Spruch : 
Rächend stets werd' euch zum Leide 
Rheingold's geraubtes Geschmeide. 

Ist's wohl ein Traum, der mich täuschend betrogen? 
Naht sich nicht Walhall's erkorene Schar? 
Glänzende Jungfrau'n, sie kommen gezogen, 
Drängend zu hemmen der Schwester Gefahr. 
Ehrengepanzert mit Brünne und Speer, 
Straft sie der Götter gewaltiger Herr. 
Nun wird im Schlaf dir zum Schleier 
Ingrimmig lechzendes Feuer. 

Brausender Jüngling, was willst du erjagen 
Eber und Wolf im gewaltigen Dräu'n? 
Laß' erst das Schwert, das dein Vater getragen, 
Unter dem Hammern sich fügend, erneu'n. 
Nimm dir des Drachens beträchtlichen Sold, 
Gönne dem Feind nicht das gleißende Gold, 
Eilend durch Flammen und Schrecken 
Nah' dich, das Weib zu erwecken. 

Trübsal verkünden und traurige Wehen, 

Redende Nornen im treulichen Rat: 

Immer nicht sonnt euch an Walhall's Bestehen, 

Selige Götter, die Dämmerung naht! 

Trotzig verwegene Heldengestalt, 

Arglos selbst sinkst du in Todesgewalt, 

Nothung wird bald sich erheben. 

Um zu vernichten dein Leben. 

Namenlos Liebe verlangendes Leiden, 

Dem zu entrinnen euch niemals gegönnt, 

Ist zum Bescheid euch, ihr schwelgenden Beiden, 

Selig vergessend, im Tranke versöhnt. 

Ohn' sich zu trennen in drängender Not, 

Löscht sich das Leid nur im liebenden Tod. 

Dürstendes Minneerzeigen 

Endet im ewigen Schweigen. 

Doch, was nun fesselt auf's neu mir die Sinne? 
Inbrünstig lauschend, was hält uns gebannt? 
Ehre und Preis sei dir heilige Minne! 
Meistersangs Kunst mach' es Weltenbekannt. 
Ehre und Preis sei dem herrlichen Manne, 
Ihm der so großes und Hehres ersann. 
Siegreich im Lichte geboren. 
Trotzt er den finsteren Toren. 



9. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 163. 

Emsig nur schaffet, ihr strebenden Geister, 
Ruft uns zur Folge im freudigem Fkig, 
Sing nur, mein Ritter, im Kreise der Meister, 
Irrtum nicht fürchte durch Merkers Betrug. 
Nimm dir in Dichters erwachendem Traum 
Grünend die Lorbeer'n vom duftendem Baum, 
Eva in bräutlicher Wonne 
Reicht sie entzückt dir Lohne. 

Priesterlich Höchstes in brünstigen Stunden, 
Andächtig Lauschenden Avird es zuteil. 
Ruh' und Genesung im reinsten Gesunden, 
Strahlt der Erlösung erbarmendes Heil. 
Ihr, die versunken in Sorge und Qual, 
Freudig verlangt nach dem sühnenden Mahl : 
Allen sollt froh ihr verkünden: 
Lieb und Erlösung von Sünden. 

Völker, sie kommen und Völker, sie gehen, 
Ob sie im Licht, ob in Nacht sie und Wahn, 
Neue Geschlechter, sie werden erstehen. 
Ringend nach Glück auf bedrohlicher Bahn. 
Immer doch, wo nur im fröhlichen Klang 
Chöre erklingen und stolzer Gesang, 
Hört man durch Lieder und Weisen, 
Allkunst, dich. Herrliche, preisen. 

Ruhm sei dem trefflichen Meister des Schönen! 
Donnernder Jubel dem tönenden Wort! 
Was er geschaffen im wagenden Können, 
Ahnungsvoll zieht es die Seele mit fort. — 
Greift in die Saiten mit jauchzender Lust! 
Niemals versiege das Lied in der Brust, 
Ewig den Meister zu ehren. 
Ruhmreich im Lichte der Sphären. 

Anmerkung zum vorstehenden Gedicht: 
Wer jeder Zeile ersten Laut, 
So wie sie reihweis aufgelDaut. 
Zusammenstellt, der wird bemerken: 
»Die Namen sind's von Wagners Werken«. 

Rudolf Pernklau, der Verfasser vorstehenden Gedichtes, ist zu 
Linz am 16. Jänner 1881 geboren, erblindete durch Augenentzündung 
der Neugeborenen, trat am 15. September 1886 in die Privat-Biinden- 
lehranstalt in Linz, wurde außer in Korb- und Sesselflechten mit vor- 
züglichem Erfolge in Klavier , Orgel- und Zitherspiel ausgebildet. Nach 
Vollendung der Schulbildung trat er am 14. Juli 1894 in die Blinden- 
beschäftigungsanstalt in Linz zur weiteren Ausbildung ein, die er am 
10. OktolDcr 1909 verließ, um in Linz selbständig zu werden. Pernklau 
ist Organist an der Ignatiuskirche (ehemaliger alter Dom) und vielge- 
suchter Klavierlehrer, der stets mit seiner ehemaligen Bildungsstätte 
im inniofen Kontakte steht. 



Seite 164. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 9. Nummer. 

Gründung u.Verwaltung von Blindenbibliotheken. 

Von K. Satzenhofer. 
(Preis K 3.50. Zu beziehen durch den Verfasser, Wien 11/,, Wittelsbachstraßc 5.) 

Der I. öst. Blindenverein in Wien hat sich ein großes Verdienst 
damit erworben, dem Verfasser die Herausgabe des oben bezeich- 
neten Buches ermöglicht zu haben, denn die Blindenliteratur ist damit 
um ein äußerst wertvolles Werk bereichert worden. Der Verfasser, 
welcher seit Gründung unserer größten Blindenbibliothek durch lange 
Jahre im Betriebe derselben steht und auf einer Studienreise im Vor- 
jahre die Blindenbibliotheken in Deutschland näher kennen lernte, 
Avar wohl der Berufenste, in dieser Sache das Wort zu ergreifen. Er 
hat es mit einer Gründlichkeit und Sachkenntnis getan, die uns 
Achtung vor seiner Leistung abzwingt. Wir können ihm nur danken, 
daß er seine reichen Erfahrungen und praktischen Kenntnisse der 
Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat. 

Das Buch umfaßt alles, was für Blindenbibliotheken von Bedeu- 
tung und Wert ist. Der Einfluß der Blindenbibliotheken auf die all- 
gemeine Bildung und auch auf die soziale und wirtschaftliche Stellung 
der Blinden wird in der Einführung überzeugend dargelegt und sowohl 
zur Förderung der bestehenden als Gründung neuer Bibliotheken auf- 
gerufen. Wenigstens jede Hauptstadt eines Landes oder einer Provinz 
sollte eine Blindenbibliothek besitzen. Satzenhofer verweist aber 
sehr richtig darauf, daß nicht allein das Vorhandensein von Biblio- 
theken, sondern deren Zugänglichkeit und Benützung für die Blinden 
von entscheidender Bedeutung ist. Er tritt deshalb für eine Porto- 
ermäßigung der Blindenbüchersendungen im Verkehr zwischen den 
Blindenbibliotheken, Blindenanstalten und Blindenvereinen mit ihren 
Lesern ein. »Die Erreichung dieses höchst erstrebenswerten Zieles«, 
sagt er, »darf demnach von den in der Blindenfürsorge führenden 
Personen niemals aus dem Auge verloren werden, dann wird und 
muß es schließlich gelingen, die maßgebenden Behörden von der 
Gerechtigkeit und Notwendigkeit dieser Forderung zu überzeugen und 
für ihre Gewährung zu gewinnen, denn erst dann wird sich der volle 
Segen unserer Bibliotheken über das ganze Reich verbreiten.« 

Sein Vorschlag zu einer brauchbaren Portoermäßigung, welche 
bei einem Gewichte von über 1 kg kräftig einsetzen sollte, würde 
den gegebenen Verhältnissen am besten entsprechen und wäre ein 
großer Fortschritt zum Ideale der Portofreiheit für Büchersendungen 
im Verkehre mit Blindenbibliotheken. 

Der Verfasser entwirft weiters ein Bild von der Lage und Ein- 
richtung eines besonderen Bibliotheksgebäudes und von der Auf- 
stellung des Büchermaterials. Bezüglich des letzteren Punktes ist er 
ein grundsätzlicher Gegner einer Gliederung nach Fachgruppen, denn 
er hält sie für Blindenbibliotheken als absolut unzweckmäßig. Ihm 
erscheint vielmehr die stete alphabetische Einordnung des gesamten 
Bücherbestandes und seines steten Zuwachses als das einzig richtige 
System, mit dem er in 20 jähriger Praxis als Bibliothekar die aller- 
besten Erfahrungen gemacht hat. Von Abteilungen erklärt er vier als 
notwendig und zwar: 1. Für geschriebene Bücher (Manuskripte.) 



9. Nummer Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 165. 

2. Für g-edruckte Bücher. 3. Für Musikalien und 4. Für Zeitschriften. 
Zur Evidenzhaltung und für den Ausleihbetrieb sind notwendig : der 
Standorts-, der Zettel- und die Druckkataloge, letztere in Schwarz- 
und Punktdruck. Den Punktdruckkatalog gliedert Satzenhofer in 
drei Abteilungen und zwar für schöne Literatur, belehrende und 
wissenschaftliche Werke und für Musikalien. Bei größern Werken 
belehrenden Inhaltes soll eine möglichst knappe, auf Bände aufgeteilte 
Inhaltsübersicht gegeben werden. Sehr empfehlenswert ist es auch, 
die Verzeichnisse neu einverleibter Bücher in den bei den großen 
Blindenvereinen periodisch erscheinenden Mitteilungen zu veröffent- 
lichen, weil dadurch die Kenntnis von den neuen Bücherschätzen in 
den Blindenbibliotheken rasch und verhältnismäßig billig einer großen 
Anzahl von Blinden vermittelt werden kann. 

Bei der Ausgestaltung der Blindenbüchereien soll auf die Ver- 
wertung der Kurzschrift das größte Gewicht gelegt werden. Sie als 
alleinige Schriftart für die Bibliotheken festzusetzen, erscheint dem 
Verfasser mit Rücksicht auf die freiwilligen Mitarbeiter bei der Über- 
tragung von Schwarzdruckwerken in Punktschrift unmöglich. »Der 
handschriftlich hergestellte Teil unserer Bibliotheken wird daher immer 
einen großen Bestand in Vollschrift aufweisen und diejenigen Blinden, 
welche die Kurzschrift nicht mehr lernen wollen oder können, brauchen 
sich nicht zu sorgen, daß sie durch das Bestreben, die Kurzschrift zu 
fördern, um ihre Lektüre kommen könnten. Die Beschaffung von 
Lesestoff in Kurzschrift bleibt demnach zum guten Teile den Blinden- 
druckereien überlassen, und deren Aufgabe wird es sein, alle über 
den Schulbedarf der Unterstufe hinausgehenden Bücher nur mehr in 
Kurzschrift zu drucken.« 

Der Verfasser gibt nun eine ausführliche Erläuterung zur Bücher- 
beschaffung durch Ankauf und die Unterstützung sehender Mit- 
arbeiter, wobei er die Heranziehung von Sträflingen zum Bücher- 
schreiben ausschließt. Schließlich bespricht er ebenso gründlich den 
Ausleihbetrieb der Bibliotheken. Seine Forderung, der Bibliothekar 
einer Blindenbibliothek soll ein Blinder sein, kann nur aufs wärmste 
unterstützt werden, Kapitel über die Lesestatistik und die Reinhaltung 
und Desinfektion der Bücher beenden das höchst übersichtlich gehal- 
tene und instruktive Werk. 

Ich kann es am Ende meines kurzen Auszuges nur von neuem 
empfehlen. Wenn man inbetracht zieht, daß der Absatz unserer 
Blindenliteraturwerke nicht einmal die Druckkosten deckt, der geistigen 
und physischen Arbeit des Verfassers also nur ein idealer Lohn 
werden kann, so ist es unsere Pflicht, wenigstens diesen an den Ver- 
fasser absustatten, indem wir die Fundgrube seines Werkes ausnützen. 
Wer irgendwelche Beziehungen zu Blindenbibliotheken hat, wird das 
Buch im Besitz haben und es immer wieder zur Hand nehmen müssen, k. B. 



Kriegshilfsdienst. 



Die seit Beginn des Krieges eingeleiteten Bestrebungen zur Teil- 
nahme des k. k. Blinden-Erziehungs-Institutes in Wien an der in 
Österreich organisierten Kriegshilfe hat zu nachfolgenden Ergebnissen 
geführt. 



Seite 166. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 9. Nummer. 

Die k. k. n. ö. St att h a 1 1 er ei hat unter dem 8. August d. J. 
der Instituts-Direktion eröffnet : 

»Die k. k. Statthalterei nimmt das Anerbieten der Anstalt mit 
60 eingerichteten Betten für die Unterbringung verletzter oder rekon- 
valeszenter Militärpersonen zu sorgen, wobei auf solche mit Augen- 
verletzungen das Hauptgewicht gelegt wird, zur Kenntnis. Hievon 
wird u. a. die Bundesleitung vom Roten Kreuze in Kenntnis gesetzt, 
welche die Direktion rechtzeitig vom Belage der Anstalt verständigen 
wird. Die Unterbringung der Zöglinge in der Ferienkolonie bei Ybbsitz 
während der Zeit des Belages mit Verwundeten wird gleichfalls 
genehmigt unter der Voraussetzung, daß die Räume heizbar und 
auch für die kältere Jahreszeit geeignet sind.« 

Mit den 60 Betten werden selbstverständlich dem Roten Kreuze 
auch die Küche, der Speisesaal, die Bäder u. s. w. zur Verfügung 
gestellt. Die Gebäude der Ferienkolonie sind in allen Teilen gut heizbar. 

Das Kriegs hilfsbureau des k. k. Ministeriums des 
Innern hat folgende Zuschrift an die Direktion des Institutes ge- 
richtet : 

»Laut einer am heutigen Tage h. o. durch Frau Marie Meli 
gemachten Mitteilung beabsichtigt das k. k. Blinden-Erziehungs-Institut 
am Anstaltsgebäude einen Aufruf anzubringen, mit welchem die Haus- 
frauen gebeten werden, im Institute Wollreste abzugeben, welche 
dann von den Blinden für Zwecke des Roten Kreuzes (Socken, Schnee- 
hauben u. dgl. für die Soldaten) verarbeitet werden. Die Erzeugnisse 
sollen dann dem Roten Kreuz abgegeben werden. 

Diese beabsichtigte zweckmäßige Heranziehung der Blinden zum 
Kriegs-Hilfsdienste wird sowohl seitens der Gesellschaft vom Roten 
Kreuze als auch vom Kriegshilfsbureau des Ministeriums des Innern 
freudigst begrüßt. 

Wegen der Affichierung des oberwähnten Aufrufes an dem 
Institutsgebäude ebenso wegen eventueller Verbreitung dieses Aufrufes 
durch Plakatierung oder im Wege der Presse wolle die verehrliche 
Direktion die Bewilligung bei dem zuständigen magistratischen Bezirks- 
amte wirken. 

Für die Gesellschaft vom Roten Für das Kriegshilfsbureau des k. k. 

Kreuze: Ministeriums des Innern: 

Rudolf GrafTraun. Liechtenstein. 

Die Direktion fordert nun alle blinden Handarbeiterinnen auf, 
sich wegen Übernahme solcher Arbeiten: wollener Fußsocken, Puls- 
wärmer, Schneehauben u. dgl. mit Frau Regierungsrat Marie Meli 
im k. k. Blinden-Erziehungs-Institute in Verbindung zu setzen (täglich 
von 3 — 6 Uhr nachmittags). Es wird für die Herstellung dieser Be- 
kleidungsgegenstände aus Fürsorgemitteln des Institutes ein ange- 
messener Lohn bezahlt, so daß auch die etwa durch die Kriegs- 
lage weniger beschäftigten blinden Handarbeiterinnen einen 
sicheren Verdienst aus ihrer Arbeit finden können. Die 
Namen der hilfsbereiten Blinden werden seinerzeit veröffentlicht werden. 
Wien, August 1914. 

Die Direktion des k. k. Blinden -Erziehungs-Institutes. 

Herausgeber: Zentralverein für das österreichische Blindenwesen in Wien. Redaktionskomitee: K. Bürklen, 
J. Kneis, A. v. Horvath, F. Uhl, — Druck von Adolf Englisch, Purkersdorf bei Wien. 




1. Jahrgang. 



Wien, Oktober 1914. 



10. Mumnner. 



^ »O, weil ihr selbst an eurem Leib und Gut ^ 

^ Noch nichts gelitten, eure Augen sich ^ 

^ Noch frisch und hell in ihren Kreisen regen, ^ 

^ So sei euch darum unsre Not nicht fremd.« ^ 

^ (Der junge Melchthal in W. Teil von F. v. Schiller.) ^ 



Zur geistigen Beschäftigung der in Heimstätten 
lebenden Blinden. 

Regierungsrat P. Hermann Ulbrich, Direktor des Blindenheimes in Melk. 

Geehrter Herr Schriftleiter! Wenn ich als Laie für die Mitteilung 
persönlicher Erfahrungen um gastliche Aufnahme in Ihrer geschätzten 
Zeitschrift bitte, so geschieht es nicht in der Absicht, andere zu be- 
lehren und durch unzeitige Mitteilsamkeit die berechtigte Kritik Ihrer 
fachlich gebildeten Mitarbeiter herauszufordern, sondern nur aus dem 
Grunde, weil ich die Meinung anderer hören und mir ihre Erfahrungen 
zu nutze machen möchte. Gelänge es mir, mein Thema in ihrer Zeit- 
schrift zur Diskussion zu bringen, so wäre mein Zweck erreicht. 

Sie selbst kennen die Geschichte und die mit ihr zusammenhängende 
Organisation des Melker Mädchen-Blindenheimes; diejenigen jedoch, 
welche der Anstalt ferne stehen, dürfte ihr Betrieb hie und da 
befremden und ich werde vielleicht das mitleidige Lächeln zünftiger 
Blindenpädagogen erregen. Ich will dann herzlich mit ihnen lachen, 
weil das Lachen — die Gesundheit fördert. Nun zur Sache. 

Vor 13 Jahren wurde ich bei der Eröffnung des Melker Mädchen- 
Blindenheimes mit der pädagogischen Leitung der Anstalt betraut. 
Mein damaliger, schon längst im Grabe ruhender fachmännischer Berater 
bestimmte meine Aufgabe dahin, daß ich den Fortbildu ngs - 
Unterricht zu erteilen hatte. Art und Umfang dieses Unterrichtes 
seien meiner Einsicht überlassen. 

Unterricht hatte ich nun damals freilich schon durch länger als 
ein Vierteljahrhundert erteilt, aber nur in der klassischen Philologie 



Seite J72. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 10. Nummer. 

am Gymnasium; für den Unterricht blinder, der Schule längst ent- 
wachsener Mädchen bestand mein ganzes pädagogisches Rüstzeug 
in der spärlichen Kenntnis des Blindenwesens, die ich mir durch die 
Lektüre einschlägiger Schriften, zunächst der Enzyklopädie von Meli 
und durch den Besuch einiger Blindenanstalten angeeignet hatte. Die 
jedoch der Analogie mit dem mir anvertrauten Blindenheim ent- 
behrten. Das wertvollste Stück dieses armseligen Rüstzeuges war wohl 
mein schon seit der frühesten Jugend reges Mitgefühl für die armen 
Blinden, verbunden mit der in meiner hochgradigen Kurzsichtigkeit 
begründeten Furcht, einmal selbst zu erblinden. Das Interesse für die 
Blinden, die Liebe zu ihnen, die ja alle Schwierigkeiten üb.erwindet, 
kann ich, wenn ich jetzt auf die erzielten Resultate zurückblicke, 
wohl als meine verläßlichsten Wegweiser bezeichnen. 

Geistige Beschäftigung schien mir für das Melker Blindenheim 
um so höhere Bedeutung zu haben, als wenigstens ein Teil der Pfleg- 
linge geradewegs von der Erziehungsanstalt in noch jugendlichem, 
bildungsfähigen Alter in die Heimstätte übersiedelt. Hier soll doch 
wenigstens das mühsam in der Schule erworbene Wissen bewahrt 
werden. Der Blinde bedarf ja als Mittel gegen die Langweile mehr 
als der Sehende immer wieder der Zufuhr geistiger Nahrung und 
wahres Lebensglück kann ihm nur dann erblühen, wenn er imstande 
ist, sich geistig auf eine höhere Stufe emporzuschwingen, anstatt im 
groben Sinnengenuß das Ziel seiner Wünsche zu erblicken. Bildung muß 
seinem Geistesfluge die Schwingen lösen. Geistige Beschäftigung muß 
vor allem in einem Mädchen-Blindenheime dem verderblichen Medisieren 
steuern und den unnützen Klatsch und Tratsch verdrängen. Quando con- 
veniunt Ludmilla, Sibylla, Kamilla, discutiunt et ab hoc et ab hac et ab 
illa. Die Folgen davon sind ja bekannt. Wahre, im Glauben und Gottver- 
trauen begründete Bildung bildet neben reger Arbeitslust bei Genüg- 
samkeit und Bescheidenheit den reichsten Schatz fürs Leben. Beim 
Stricken von Strümpfen, beim Häckeln von Vorhängen oder beim 
Einflechten von Rohrsitzen findet der Geist der blinden Arbeiterin 
nicht die nötige Nahrung; auch das Gebet wird ihr wohl Trost und 
Vertrauen fürs Jenseits, aber keine Befriedigung fürs irdische Dasein 
bieten. Selbst Gesang, Musik, die vornehmste Erholung für die Blinden, 
können, abgesehen davon, daß sie nur in freien Stunden gepflegt 
werden, doch nur als schöne Beigabe zu den notwendigen Kenntnissen 
gelten.*) Erst wirkliche Geistesarbeit bietet dem Blinden jene 
innere Befriedigung, jenes geistige Wohlbefinden, wie es der Sehende, 
weil er zu sehr der Außenwelt zugänglich ist, nur selten empfindet. 
Der Blinde sehnt sich daher nach geistiger Nahrung und ist jedem 
dankbar, der sie ihm reicht. Eines unserer lernbegierigen Mädchen 
hat die Frage, was ihm denn das viele Lernen, darunter auch 
das Studium der lateinischen Sprache, nützen solle, einfach mit der 
Bemerkung zurückgewiesen: » Mir bereitet das Lernen an und für sich 
schon Genuß«. 



*) Das Gebiet der Musik, die in unserer Heimstätte unter der besonderen 
Leitung einer musikalisch gebildeten Klosterfrau die eifrigste Pflege findet, bleibt 
von meinen Betrachtungen im vorhinein ausgeschlossen. Ich begnüge mich damit, 
ihre große Bedeutung für geschlossene Blindenanstalten hervorzuheben. 



10. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 173. 

Von diesen Gedanken getragen, habe ich vor 13 Jahren den 
»Fortbildungsunterricht« in der Melker Heimstätte in Angriff genommen. 
Es war mir dabei vom Anfang klar, daß der Unterricht von jedem 
streng schulmäßigen Anstriche frei sein, also vor allem jegliches Prüfen 
vermieden werden müsse; ich hätte sonst meinen Pfleglingen Aufregung 
statt Anregung, Steine statt Brot geboten. Meine Zuhörerinnen zeigten 
sich anfangs nach ihrer bekannten Eigenart sehr reserviert; aber sie 
gewannen schon in wenigen Tagen das Zutrauen, folgten gern meiner 
Einladung, über das, was ihnen unklar geblieben sei, Fragen zu stellen 
und es entwickelte sich daher bald eine Diskussion mit den fähigeren 
Teilnehmerinnen. Trotzdem kann ich den Vorgang füglich nicht als 
»Unterricht« bezeichnen und will daher fortan nur von Vorlesungen 
und Vorträgen reden. 

Ich habe diese Vorträge und Vorlesungen auf bestimmte 
Tage und Stunden u. zw. immer in die durch die Hausordnung bestimmte 
Arbeitszeit verlegt und mit einer Orientierung der Pfleglinge über die 
Lage der Heimstätte begonnen, dann die Lage der Stadt Melk an- 
geschlossen *) und im Laufe der Jahre die neue Rechtschreibung, 
Geschäftsaufsätze, deutsche Literaturgeschichte, die österreichische 
Geschichte, Geographie, Vaterlandskunde, Erdgeschichte, Arithmetik, 
die Elemente der Geometrie, Botanik (im Sommer), Mineralogie (im 
Winter), Gesundheitslehre Haushaltungskunde, kurz alle Gebiete des 
allgemeinen Wissens behandelt und die Religion im Anschluß an 
die Besprechung der einfallenden kirchlichen Feste wiederholt. 

Dabei habe ich folgenden Vorgang eingehalten. Von jeder 
Vorlesung wurde zunächst ein wesentHcher Teil für die Fortsetzung 
des laufenden Gegenstandes verwendet. Hieran schlössen sich Bilder 
und kurze Beschreibungen aus anderen Gebieten, zum Schluß die 
Mitteilung wichtiger, allgemein interessierender Tagesneuigkeiten, um 
meine Blinden mit der Welt und ihren Ereignissen in Verbindung zu 
erhalten, der Abwechslung halber gelegentlich auch Anektoten, Scherze 
und Rätsel. 

Ich will hier bemerken, daß ich seit 13 Jahren kein Buch, keine 
Zeitschrift und auch keine Zeitung zur Hand genommen habe, ohne 
zunächst meiner Blinden zu gedenken, daß ich auf dem Wege zum Heim 
gern eine oder die andere Blume pflückte oder sie vorher dem Stifts- 
garten entnahm, um sie den Blinden zu zeigen, so daß ich nur selten 
mit leeren Taschen bei meinen Blinden erschienen bin. Ich erwähne 
auch, daß mir die reichhaltigen naturhistorischen Sammlungen 
des Stiftsgymnasiums zur Auswahl von Demonstrationsobjekten immer 
zur Verfügung standen. 

Für das Vorlesen rein belletristischer Schriften habe ich sofort zu 
Beginn meiner Tätigkeit eine hochgebildete Dame gewonnen, welche 
zweimal in der Woche nach sorgfältiger Vorbereitung pünktlich in 
der Heimstätte erscheint und von den Blinden als geschickte Vorleserin 
freudig begrüßt wird. Das Anerbieten einer Dame, welche den Vorlese- 
stoff vom Standpunkte der eigenen Unterhaltung wählen wollte, habe 
ich dankend abgelehnt. 

*) Mein verstorbener Freund Libansky hat mir hiezu als willkommenen Behelf 
eine sorgfältig verfertigte große Reliefkarte gespendet und die im Entstehen begriffene 
Lehrmittelsammlung der Heimstätte auch durch andere wertvolle Stücke vermehrt. 



Seite 174. Zeitschrift für das österreichische Blindenwe^en. 10. Nummer. 

Die Ansicht gewisser Leute, der Blinde brauche nur so viel zu 
lernen, als er im Leben verwerten könne, halte ich auch heute noch 
für verkehrt; aber ich sah bald ein, daß ich mit meinen Vor- 
lesungen über das Ziel geschossen hatte. Ich hatte in meinem Über- 
eifer nicht genug erwogen, daß alles Lehren und Lernen auch in 
einem Mädchen Blindenheime schließlich doch seine Grenze haben 
müsse, daß einerseits meine Zuhörerinnen bis an ihr Lebensende in 
der Anstalt verbleiben, anderseits zu den alten immer wieder neue, 
jüngere Pfleglinge hinzukommen, die dann mit den alten nicht gleichen 
Schritt halten können. Ich mußte auch die Wahrnehmung machen, 
daß die Nachrückenden überhaupt weniger vorgebildet waren als die 
zehn Auserwählten, welche die Heimstätte zuerst bezogen hatten. 
Mein Auditorium war schon nach wenigen Jahren ein buntes Gemisch 
von gebildeten, von minder gebildeten und von geistig beschränkten 
Mädchen. Die intelligenten Köpfe wandten sich dann mit Vorliebe 
bestimmten Fächern zu, so daß ich allerlei Spezialistinnen vor mir 
hatte. Nach dem Abschlüsse des ersten Dezenniums betrieben unter 
22 Pfleglingen 3 mit Vorliebe Arithmetik und .Formenlehre und lösten 
gern einfache Gleichungen und Aufgaben über den pythagoräischen 
Lehrsatz; andere befaßten sich am liebsten mit der Geographie und 
orientierten sich leicht auf dem Reliefglobus und auf den Reliefkarten; 
wieder andere interessierten sich für Geschichte und Vaterlandskundc; 
einige qualifizierten sich für das Deklamieren deutscher Gedichte; — 
und das waren nicht immer gerade die Intelligenteren, wohl aber die 
brauchbarsten Mitglieder des häuslichen Dilettantentheaters. 

(Fortsetzung folgt.) 



Kriegs-Blindenanstalten. 

Hauptlehrer Hans K n e i s, Purkersdorf. 

Der gegenwärtige Krieg mit all seinen Schrecken und seinen 
traurigen Folgen für Einzelne und ganze Familien nötigt naturgemäß 
den Gedanken an Linderung der Not, an weitere Fürsorge auf. Wie 
alles, hat aber auch die Fürsorgetätigkeit fortschrittlichere Formen 
angenommen; doch auch aus der Geschichte der früheren Zeit können 
wir wertvolle Anregungen aufgreifen und auf neuer Grundlage neu 
gestalten. 

Zu den verschiedensten Verwundungen zu welchen schon die 
ältesten Kriege führten, zählten die Verletzungen des Auges und 
deren Folgen, teilweise oder gänzlicher Verlust des Sehvermögens. 

So war als Folge der Kreuzzüge durch Ludwig IX dem Heiligen 
von Frankreich im Jahre 1260 in Paris das »Hospital Quinze-Vingt« 
für erblindete Krieger gegründet. Auch die Feldzüge 1813 — 15 brachten 
viele Erblindungen mit sich und erweckten in den Herzen der Preußen 
den Wunsch, ihre Dankbarkeit den braven Soldaten zu bezeigen. Es 
wurden Sammlungen eingeleitet an deren Spitze meist höhere Militärs 
traten und aus deren Ergebnissen »Anstalten für erblindete Krieger« 
teils neugegrünet, teils bestehenden Blindenanstalten angegliedert 
wurden. Man nannte solche Anstalten »Kriegs-Blindenanstalten«. Ihr 



10. Nummer Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 175. 

Hauptzweck war, die erblindeten Soldaten anzuleiten, Handarbeiten 
zu erlernen, um einen Teil ihres Lebensunterhaltes selbst verdienen 
zu können. Manche dieser Kriegs-Blindenanstalten sind nach Erfüllung 
der selbst gestellten Aufgaben verschwunden, andere haben sich durch 
Umgestaltung in Blindenunterrichtsanstalten verwandelt. Kriegsblinden- 
anstalten bestanden in Berlin, Breslau, Königsberg i. P., Marienwerder 
und Münster. 

Haben aber schon frühere Kriege solche Maßnahmen notwendig 
gemacht, um wie viel mehr noch muß jetzt bei der veränderte Kriegs- 
führung mit ihren modernsten Waffen und bei der ungeheuren Zahl 
der braven Streiter an derartige Maßregeln gedacht werden. 

Gerade die heutige Kampfesweise legt uns den Gedanken an 
viele Erblindungen nahe. In Erde eingewühlt oder in Schanzgräben 
liegen unsere tapferen Schützen und trotzen dem Feinde. Oft nur der 
Kopf ist sichtbar und so das beste Ziel für den Gegner. Daß zahlreiche 
Verletzungen der Sinneswerkzeuge insbesonders der Augen und ihrer 
Nebenorgane damit verbunden sein werden, erscheint leichtverständlich. 
Erfolgt nun Erblindung, so braucht der Brave nicht zu verzagen, es kann 
und soll ihm geholfen werden. Er wird nicht mehr in einem Armen- 
hause oder in einer Versorgungsanstalt geistig und körperlich dahin- 
siechen, er wird nicht um das tägliche Brot betteln müssen, er ist 
noch jung, er braucht sich nur an eine neue Lebensweise zu gewöhnen, 
er kann arbeiten und wird den Segen dieser Arbeit an sich selbst 
verspüren, verschönt durch das Bewußtsein, dem Vaterlande das 
große Opfer gebracht zu haben. 

Sind die bestehenden Blindenanstalten für frühzeitig Erblindete 
auf wenige Handwerke beschränkt, so erweitert sich der Kreis der 
für »Spätererblindete« möglichen Handwerke und geistigen Berufe 
dadurch ganz bedeutend, daß die Betroffenen ja nicht mehr neu. 
sondern nur umlernen brauchen. Es können Werkzeuge, die ihnen 
liebgeworden sind, oft durch kleine Abänderungen den Blinden hand- 
gerecht gemacht und neue ersonnen werden. Auch auf den Gebieten 
der geistigen Berufe wird der seines Augenlichtes Beraubte das 
weiteste Entgegenkommen bei Behörden und Privaten brauchen und, 
was selbstverständlich ist, auch finden. Eine Konkurrenz durch die 
Blinden zu befürchten, wäre erstens verfrüht, weil bei jedem Berufe 
Abgänge zu ersetzen sein werden und meist solche in Betracht kommen, 
die früher als Sehende das Handwerk ausgeübt haben; zweitens 
wäre eine solche Furcht höchst unpatriotisch ja unmenschlich. 

Noch ist die Zeit zur Verwirklichung der angedeuteten Ideen 
nicht gekommen, aber sie steht nahe vor uns und wir wollen helfen, 
eine neue Zeit vorzubereiten. Die Opfer werden nicht allzu groß sein, 
wenn man bedenkt, daß wir nicht eine lebenslängliche Versorgung 
der erblindeten Vaterlandsretter ins Auge fassen wollen, sondern 
eine kurze Zeit der Unterbringung zum Zweck der Erlernung oder 
des Umlernens einer schon gewohnten Arbeit. 

Wir geben der Familie wieder ihren Ernährer, wir geben dem 
Vaterland einen vollwertigen Staatsbürger wieder und wir tragen 
damit einen Teil unserer Dankesschuld an jene ab, welche ihr Leben 
einsetzten für unser geliebtes Vaterland. 



Seite 176. 



Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 



10. Nummer 



Die Blinden Österreiciis nach Zahl und 
Geschlecht. 



Länder 
politische Bezirke 



Blind 



(Fortsetzung.) 

Länder 
poUtische Bezirke 



Oberösterreich 



Stadt Linz 

„ Steyr 

Braunau am Inn . . . . 

Eferding 

Freistadt 

Gmunden 

Kirchdorf a. d. Krems 

Linz (Landbezirk) . . 

Perg 

Ried im Innkreis . . 

Rohrbach 

Schärding 

Steyr (Landeezirk) . . 

Urfahr 

Vöcklabruck .... 

Wels 

Summe 



56 
2 

17 
10 
13 
16 
11 

17 
9 
26 
17 
13 

27 
22 
13 
15 



74 
3 

16 

9 

13 

15 

8 

16 

9 

18 

11 

9 

30 

21 

6 

22 



284 280 



Salzburg 

Stadt Salzburg .... 26 16 

Hallein 8 10 

Salzburg (Landbezirk) . 25 20 

Sankt Johann 19 9 

Tansweg 7 7 

Zell am See 19 12 

Summe . 104 74 

Steiermark 

Stadt Graz 112 90 

„ CilU ...... 3 3 

„ Marburg 9 15 

„ Pettau 1 1 

Brück a. d. Mur .... 10 9 

Cilli (Landbezirk) ... 51 42 

Deutschlandsberg ... 23 11 

Feldbach 31 21 

Gonobitz . 6 7 

Graz (Landbezirk) ... 36 36 

Gröbming 11 16 

Hartberg .19 11 

Judenburg 22 11 

Leibnitz 26 23 

Leoben 21 18 

Liezen 14 16 

Luttenberg 4 10 

Marburg (Landbezirk) . 36 26 

Mürzzuschlag 18 9 



Blinde 



130 
5 

33 
19 
26 
31 
19 

33 
18 
44 
28 
22 

57 
43 
19 

37 

564 



42 

18 
45 
28 
14 
31 
178 



202 

6 

24 

2 

19 
93 
34 
52 
13 

72 
27 
30 
33 
49 

39 
30 
14 
62 
27 



Murau 14 

Pettau (Landbezirk) . . 36 

Radkersburg 12 

Rann 28 

Voitsberg 17 

Weiz 26 

Windischgratz 18' 



19 
27 
15 
17 
8 

18 
14 



33 
63 
27 
45 
25 

44 
32 



Summe . 604 393 1.097 



Kärnten 

Stadt Klagen fürt ... 28 40 

Hermagor 9 

Klagenfurt (Landbezirk) 28 

Sankt Veit 17 

Spital 10 

Villach 13 



6 
22 
21 
18 
21 

18 



Völkermai kt 17 

Wolfsberg 10 8 

Summe . 132 154 

Krain 
Stadt Laibach 17 25 

Adelsberg 18 

Gottsche 18 

Gurkteld 10 

Krainburg 20 

Laibach (Landbezirk) . 17 

Littai 7 

Loitsch 15 

Radmannsdorf 8 

Rudolfswert 14 

Stein 22 

Tschernembi 10 

Summe . 176 166 

T r i e s t . 101 62 



Görz und Gradiska 



Stadt Görz 



18 

9 

22 



Görz (Landbezirk) . 

Gradiska 

Monfalcone .... 

Sesana 8 

Tolmein 18 

Summe . 79 



19 
6 

12 
9 

17 

70 



68 

15 
50 
38 
28 
34 

35 

18 

286 



42 



9 


27 


16 


34 


15 


25 


11 


31 


24 


41 


9 


16 


12 


27 


6 


14 


18 


32 


13 


35 


8 


18 


66 


342 



I st r i en 



Stadt Rovigno 



11 



163 



11 

37 
15 
34 
17 
35 
149 



20 



10. Nummer. 



Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 



Seite 177. 



Capodistria .30 19 49 

Lussin 14 17 31 

Mitterburg, Pisino ... 22 13 35 

Parenzo 23 12 35 

Pola 31 25 56 

Vecrlia 21 10 31 

Volosca 32 24 56 

Summe . 184 129 313 



Tirol 

Stadt Innsbruck .... 24 15 39 

„ Bozen 8 8 16 

„ Rovereto .... 8 8 16 

„ Trieut 15 9 24 

Ampezzo 13 4 17 

Borge 16 10 26 

Bozen (Landbezirk) . . 26 18 44 

Brixen 9 9 18 

Bruneck 10 8 18 

Cavalese 17 7 24 

Cles 27 11 38 

Imst 7 6 13 



Innsbruck (Landbezirk) 23 13 36 

Kitzbühel 17 12 29 

Kufstein 7 11 18 

Landeck 10 9 19 

Lienz . . • 6 14 20 

Meran 9 12 21 

Mezolombardo 6 3 9 

Primiero 10 1 11 

Reutte 8 6 14 

Riva 13 4 17 

Rovereto (Landbezirk) .25 22 47 

Schlanders 1 8 9 

Schwaz 9 7 16 

Tione 15 U 26 

Trient (Landbezirk) . . 23 20 43 

Summe . 362 266 628 

Vorarlberg 

Bludenz 18 9 27 

Bregenz 18 9 27 

Feldkirch 11 17 28 

Summe . 47 35 82 

(Fortsetzung folgt.) 



Heilpädagogik in den Bildungsanstalten 
für Kindergärtnerinnen. 

Im Hinblick auf die von verschiedenen berufenen Seiten wieder- 
holt erfolgten Hinweise, daß die mit der Ministerialverordnung vom 
Jahre 1886 erlassenen Bestimmungen, betreffend die Bildungskurse für 
Kindergärtnerinnen, nicht mehr ausreichen, um den Zöglingen dieser 
Kurse die den gegenwärtig an eine Kindergärtnerin gestellten An- 
forderungen entsprechende Ausbildung zu bieten, hat der Minister 
für Kultus und Unterricht mit Verordnung vom 3. Juli 1914, Z. 3632, 
neue Bestimmungen erlassen, welche den Ausbildungsplan für Kinder- 
gärtnerinnen wesentlich erweitern und ergänzen. Als eine für unsere 
Blindenfürsorge bedeutungsvolle Ergänzung ist die Aufnahme der 
»Elemente der Heilpädagogik« in den Lehrplan zu betrachten. 
Wo es die Verhältnisse gestatten, sollen nämlich die zukünftigen 
Kindergärtnerinnen üher das Wesen der Erziehung nicht voll- 
sinniger (blinder, taubstummer und schwachsinniger) 
Kinder durch einige Stunden von einem hiefürbesonders 
geeigneten Fachmann belehrt werden. 

So bescheiden und bedingungsweise diese Maßregel zur Durch- 
führung empfohlen wird, ist sie trotzdem mit Freuden zu begrüßen. 
Zeigt sie doch dafür, daß fachmännische Anregungen von der Be- 
hörde nicht unbeachtet gelassen, sondern nach Möglichkeit berück- 
sichtigt werden. Zu Ostern 1912 tagte in Wien der I. österr. Kinder- 
gärtnerinnentag, auf dem unter vielen interessanten Vorträgen auch 
ein Referat über die »Kindergärtnerin als Erzieherin nichtvollsinniger 
Kinder« erstattet wurde. In seiner Ansprache begrüßte damals der 
k. k. Minister für Kultus und Unterricht Dr. M. Ritter Hussarek von 



Seite 178. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 10. Nummer. 

Heinlein mit ausdrücklicher Freude jenen Gegenstand, welcher sich 
mit der Stellung der Kindergärtnerin als Erzieherin nichtvollsinniger 
befaßte. 

Der Referent Direktor K. Bürklen betonte in seinem Vortrage 
hauptsächlich die Notwendigkeit von eigenen Kindergärten (Vorschulen) 
für Nichtvollsinnige. Besonders bei Blinden resultiere aus den Unter- 
bleiben einer entsprechenden Ausbildung im vorschulpflichtigen Alter 
ein nie wieder gut zu machender Verlust für die Sinnes- und Geistes- 
bildung der Gesichtslosen. Da aber die Gründung solcher Vor- 
schulen, mehr noch aber die Zuführung der nichtvollsinnigen Kinder 
zu denselben, großen Schwierigkeiten begegne, wies der Vortragende 
auf die Notwendigkeit der Unterbringung der nichtvollsinnigen Kinder 
in die allgemeinen Kindergärten hin, für welchen Zweck jede Kinder- 
gärtnerin eine entsprechende Vorbildung zu genießen hätte. 

Folgende Leitsätze wurden nach dem mit großem Beifalle auf- 
genommen Referate zum Beschlüsse erhoben. 

I. Soll die Ausbildung nicht vollsinniger Kinder von sicherem 
und bestmöglichem Erfolge begleitet sein, so hat sie schon im vor- 
schulpflichtigen Alter zu beginnen. 

IL Zu diesem Zwecke wären, soweit derartige Einrichtungen noch 
nicht getroffen sind, »Vorschulen« für blinde, taubstumme und schwach- 
sinnige Kinder zu errichten, in denen die Kinder, die noch im vor- 
schulpflichtigen Alter stehen, kindergartenmäßig erzogen werden. 

III. In der »Vorschule« hätten sich geprüfte Kindergärtnerinnen 
zu betätigen, welche für die Erziehung nicht vollsinniger Kinder eigens 
vorgebildet sind. 

IV. Das k. k. Ministerium für Kultus und Unterricht sei zu er- 
suchen, nach Bedarf Vorsorge zu treffen, daß Kindergärtnerinnen vor 
einer staatlichen Prüfungskommission sich einer Prüfung unterziehen 
können, auf Grund welcher sie bei günstigem Erfolge zur Erziehung 
blinder, taubstummer oder schwachsinniger Kinder für befähigt er- 
klärt werden. 

V. Solange nicht die notwendige Anzahl von Vorschulen besteht 
oder der Besuch einer solchen unmöglich erscheint, ist der Besuch 
eines allgemeinen Kindergartens seitens viersinniger oder schwach- 
sinniger Kinder, falls dieselben eine entsprechende Berücksichtigung 
durch die Kindergärtnerinnen erfahren können, aufs wärmste zu em- 
pfehlen. 

VI. Das k. k. Ministerium für Kultus und Unterricht sei zu er- 
suchen, eine Weisung zu erlassen, in der gesagt wird, daß auf Grund 
des § 3, Absatz 2 des M.-E., Z. 4711, vom 22. Juni 1872, blinde, 
taubstumme oder schwachsinnige Kinder vom Besuche eines Kinder- 
gartens grundsätzlich nicht ausgeschlossen werden dürfen. 

VII. Bei der Ausbildung der Kindergärtnerinnen ist auf Belehrungen 
über die Erziehung viersinniger und schwachsinniger Kinder durch 
Fachmänner bedacht zu nehmen. 

Der letzte Punkt kommt mit eingangs angeführter Verordnung 
nunmehr zur Durchführung. Möge auch den anderen eine wohlwollende 
Beachtung zuteil werden. 

Herausgeber: Zentralverein für das österreichische Blindenwesen in Wien. Redaktionskomitee: K. Bürklen, 
J. Kueis, A. T. Horvath, F. Uhl. — Druck yon Adolf Englisch, Purkersdorf bei Wien. 




I.Jahrgang. Wien, November 1914. 11. Nummer. 



f Wohltaten sind keine Rechte. Dessen sollen die Blinden ein- g 

^ gedenk bleiben. Aber ebensowenig dürfen Rechte als Wohltaten B 
^ „, ... , ^ 

^ ausgelegt werden. Das müssen wir Sehende gegenüber den m 
^ ^ 

HS; Blinden festhalten. K. B. § 

Zur geistigen Beschäftigung der in Heimstätten 
lebenden Blinden. 

Regierungsrat P. Hermann Ulbrich, Direktor des Blindenheimes in Melk. 

(Fortsetzung.) 

Ein Mädchen hatte mich sogar um Unterricht in der lateinischen 
Sprache gebeten, um die in der Kirche vorkommenden Gebete ver- 
stehen zu können; ich habe der Wissensdurstigen im Laufe von 
4 Jahren dann und wann eine halbe Stunde gewidmet, habe sie so 
ziemlich mit dem Lehrstoffe des Untergymnasiums vertraut gemacht 
und sie sogar weit über das erwünschte Ziel hinausgeführt; fast das 
gleiche, allgemeine Interesse erregte immer nur die deutsche, nament- 
lich die österreichische Literaturgeschichte, zunächst wohl wegen der 
mit den kurzen biographischen Notizen verbundenen Leseproben aus 
den Werken der hervorragendsten Dichter und Prosaiker, Ich habe 
dabei die Wahrnehmung gemacht, daß dem Blinden das Anhören einer 
Schiller'schen Ballade auch dann einen Genuß bereitet, wenn er den 
Inhalt nur mangelhaft oder gar nicht erfaßt; er läßt eben den 
Rhythmus und den Wohlklang der gehobenen Sprache auf sich wirken. 

Nun rate mir aber einer der geehrten Leser, wie unter solchen 
Umständen ein »Fortbildungsunterricht« einzurichten sei, zumal wenn 
man als Gymnasialdirektor von Amts wegen nur 2 bis 4 Stunden 
wöchentlich zur Verfügung hat, auf einen Stufenunterricht also nicht 
eingehen kann. 

Im ganzen wurden bei diesem meinem Vorgange die begabten 
und gebildeten Zuhörerinnen doch immer zu viel auf Kosten der 
anderen beschäftigt. Die armen Geschöpfe sind übrigens so gut geartet 



Seite 184. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 11. Nummer. 

und so dankbar, daß sie ruhig zuhören und an ihrem Strumpfe fleißig 
weiter stricken, auch wenn sie dem Vorleser nicht zu folgen vermögen ; 
die Pädagogik ist aber doch auf dem Holzwege. 

Ich habe auf meinen pädagogischen Irrgängen bald einsehen 
gelernt, daß man da nur ganz leicht verdauliche und abwechslungs- 
reiche Kost verabreichen dürfe und daß die Dosis möglichst beschränkt 
werden müsse. Es ergab sich ferner von selbst, daß einzelne Diszi- 
plinen wegen der nachrückenden Pfleglinge wiederholt behandelt, im 
Interesse der älteren Insassinnen jedoch immer in neuer Form, mit neuen 
Proben und neuen Beispielen versehen werden müssen. So wurde z. B 
die Weltgeschichte in Bildern und die österreichische Literaturgeschichte 
schon zweimal absolviert. Im ganzen und großen habe ich jedoch in 
Ermangelung eines besseren an meinem ursprünglichen Plane fest- 
gehalten. Auf das Tempo der Durchführung hat die Abnahme der 
physischen Kräfte freilich retardierenden Einfluß genommen. 

Neben diesen mündlichen Vorlesungen und Vorträgen habe ich 
vom Anfang an auf schriftliche Übungen Gewicht gelegt. Ich habe 
von den Mädchen wenigstens einmal in jedem Halbjahre einen in 
der freien Zeit geschriebenen Aufsatz über ein der Leistungsfähigkeit 
entsprechendes Thema verlangt, damit ihnen die Übung im schrift- 
lichen Gedankenausdruck, in der Anwendung der Satzzeichen, im 
Rechtschreiben, vor allem wenigstens im mechanischen Schreiben der 
Braille'schen Punktschrift nicht verloren gehe. 

Besprochen und korrigiert werden diese schriftlichen Aufsätze 
einzeln im Sprechzimmer, im Anschluß an die Vorlesungen. Besonders 
gelungene Arbeiten pflege ich ohne Angabe der Verfasserin, die von 
den Kolleginnen freilich bald erraten wird, als Musterleistungen der 
ganzen Runde vorzulesen. 

Von der Anwendung der schwerfälligen Heboldschrift habe ich 
bald abgesehen, dafür aber einigen Mädchen mit gutem Erfolge 
unsere Kursivschrift oder die Lateinschrift beigebracht. Die Mädchen 
benützten dabei metallene, mit einem verschiebbaren Lineale versehene 
Unterlagen, welche nach meinen Angaben vom Wiener Mechaniker 
Steflitschek konstruiert waren. Es war das ein recht undankbares 
Unternehmen, weil die Fertigkeit, wenn die Schrift nicht fortwährend 
geübt wird, doch sofort wieder verschwindet; wohl aber habe ich dabei 
eine für zünftige Graphologen recht interessante Beobachtung gemacht. 
Die Schriftzüge meiner Schülerinnen bekamen nämlich im ganzen den 
Charakter meiner eigenen Schrift; nur eine der Schreiberinnen pro- 
duzierte auffallender Weise die unbeholfenen Schriftzüge einer alten 
Frau. Ich fand dieselbe Schrift dann in einer brieflichen Mitteilung, 
die von ihrer Mutter eingelaufen war, und das im 3. Lebensjahre 
erblindete Mädchen hatte die Schrift seiner Mutter doch nie zu Ge- 
sicht bekommen! Seit vier Jahren benützen die Mädchen mit einer 
durchwegs großen Geläufigkeit die Picht'sche Schreibmaschine zur 
Anfertigung der Aufsätze und zur Korrespondenz mit ihren Angehörigen. 
Im Hinblick auf den niedrigen Kostenpreis und die einfache Kon- 
struktion wäre die Picht'sche Schreibmaschine sehr empfehlenswert, 
wenn das aus Kautschuk hergestellte Typenrad sich nicht immer 
allzu rasch abnützen würde. 



11. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 185. 

Für die schriftlichen Arbeiten pflegte ich den Mädchen eine 
Reihe von Themen — hie und da mit Dispositionen — vorzulegen. 
Der Erfolg war höchst ungleiclimäßig. Die Fähigeren wetteiferten 
miteinander in der Anfertigung derartiger Aufsätze und lieferten ihrer 
mehr als ich verlangt hatte. Die im Laufe der Jahre zu gewaltigen 
Stößen aufgehäufte Sammlung enthält so manche Musterleistung von 
stilistischer Gewandtheit und Korrektkeit, wie sie auch von einem 
Abiturienten des Gymnasiums nicht immer erreicht wird. Die minder 
Befähigten zeigten hingegen vor diesen Aufsätzen eine geradezu 
unüberwindliche Scheu und konnten sich auch mit den einfachsten 
und leichtesten Themen nicht abfinden. Ich erwähne beispielsweise: 
Meine Ankunft in Melk. — Um was ich Gott immer bitte. — Mein 
schönster Ausflug. — Der schönste Tag meines Lebens. — Unsere 
Tagesordnung. — Meine erste heilige Kommunion. — Was ich täte, 
wenn ich reich wäre. — U. dgl. 

Um die Schwachen aufzurichten und die Zaghaften zu ermutigen, 
überließ ich dann das Thema ganz ihrer freien Wahl und lenkte 
ihre Aufmerksamkeit auf kleine Episoden aus den Vorlesungen und 
aus der Privatlektüre. Aber da hatte ich nicht mit der zügellosen 
Phantasie und mit der Eitelkeit mancher Blinden gerechnet, die sich 
mit Vorliebe über Erscheinungen verbreiten, welche in den Kreis 
der Wahrnehmungen des Auges fallen. Hier ein Beispiel. Eines der 
Mädchen beschrieb in einem stilistisch fast einwandfreien Aufsatze 
ein Kornfeld im Juni. Da wurde nicht nur sehr eingehend das Wogen 
der Halme mit den Wellen des Meeres, sondern auch das Kornfeld 
selbst mit einem bunten, blumendurchwirkten Teppiche verglichen; 
denn aus der grünen Saat ragten in regelmäßigen Reihen (!) blaue 
Korn-, rote Mohn und gelbe Dotterblumen (!) hervor. Die Blinde 
hatte also den Anblik eines farbenprächtigen Bildes genossen, wie 
er uns Sehenden niemals gegönnt ist. Das war noch ein unschuldiges 
Thema. Kühner war in einem Aufsatze (Der Tod des Helden im 
Schlachtengewühl) die Schilderung des Kampfes, in welchem der 
Held auf einem Berge von Leichen, um welchen das Blut in Srömen 
kreiste, in dem Momente von der feindlichen Kugel durchbohrt wird, 
als er das Marienbild küßt, welches ihm die Mutter beim Auszug in 
die Schlacht um den Hals gehängt hatte. Höchst farbenprächtig und 
lebhaft war in einem andern Aufsatze der Brand einer Prärie mit 
einer flüchtenden Herde von Büffeln, Löwen und Tigern geschildert. 
Den Höchstpreis erzielte jedoch »Der mitternächtliche Friedhofbesuch 
bei Mondenschein«. Die Blinde hat da Gespenster, die Seelen der Ab- 
geschiedenen, zwischen den Grabhügeln wie die Kohlweißlinge auf 
einem Krautfelde umherhuschen gesehen, so daß ihr schließlich ganz 
»entrisch« zu Mute wurde. Das ganz unfähige Mädchen hatte sich 
den von Schreibfehlern wimmelnden Aufsatz von einer »Freundin« 
diktieren lassen. 

Manchmal wurden auch abgeliefert, die mir weniger durch Originali- 
tät als durch Einfachheit imponierten., z. B. bekannte Fabeln und kurze 
Erzählungen, die wörtlich abgeschrieben waren. Einmal fand ich auf 
meinem Schreibtische die regelrecht ausgestellte Quittung über 
K 26.50, welche die Schreiberin angeblich von der Kollegin N. N. 
als zurückgezahltes Darlehen samt den sechsperzentigen Zinsen richtig 



Seite 186. Zeitschrift für das österreichische BHndenwesen. 11. Nummer. 

empfangen zu haben bestätigte. Ich war über derartige Transaktionen 
unter meinen Pfleghngen recht unangenehm überrascht; doch erwies 
sich die Quittung als eine Übung zu den früher behandelten Geschäfts- 
aufsätzen. 

Eine Niederlage hat mich also auf diesem Gebiete zum Rück- 
zuge gezwungen. Ich habe die schriftlichen Aufsätze nach und nach 
ganz freigegeben und auf ihre regelmäßige Ablieferung verzichtet. 
Diejenigen Pfleglinge, welche Lust und Liebe zur Sache haben, er- 
freuen mich heute noch mit schönen Leistungen ; die anderen will ich 
nicht mehr ängstigen oder zum Verbrechen des Betruges verleiten ; 
sie mögen ihre freie Zeit der Lektüre widmeq. 

Noch schlechter ist es mir bei diesen schriftlichen Übungen 
auf dem Gebiete der Poesie ergangen. Schon unter den ersten 
Pfleglingen hatte ich zwei poetisch veranlagte Mädchen entdeckt. Ich 
ließ sie gern den Pegasus besteigen und glaubte dazu auch andere 
einladen zu wollen. Da stürmte aber sofort eine ganze Kavalkade 
auf mich ein, ich wurde mit »Gedichten« förmlich bombardiert, auch 
von solchen Mädchen, die absolut keine poetische Ader besaßen. Der 
Dichterwut dieser Unberufenen Einhalt zu tun, hat mich einen ziemlich 
schweren Kampf gekostet. Schließlich haben sich die wilden Reiterinnen 
zurückgezogen, allerdings nicht, ohne über meinen Mangel an Ver- 
ständnis für ihre Dichtkunst zu schmollen. Drei Auserwählte haben 
seither manche Probe wirklicher poetischer Begabung abgelegt und 
für Hausfeste, auch für die leider nur kurzlebige, von Anton Rappawi 
herausgegebene »Kunstwarte« nette Beiträge geliefert. Ein von Anny 
von Newald vertontes, der blindenfreundlichen Königin und Dichterin 
Carmen Sylva gewidmetes »Abendlied« hat der Tonkünstlerin und 
der Dichterin sogar ein eigenhändiges Dankschreiben eingetragen. 

Die Lektüre ist und bleibt immer die einfachste und natürlichste 
geistige Beschäftigung der Blinden. Meine Blinden lesen gern und 
lesen viel, fast zu viel. Wenn ich an schönen Frühlingstagen oder 
im Sommer zur freien Zeit die Heimstätte besuche und sowohl den 
Arbeitssaal als auch den großen schönen Garten verödet und überall 
eine geradezu unheimliche Ruhe finde, weil die Mädchen in ihren 
Zimmern sitzen und lesen, dann muß ich ihnen immer wieder nahe 
legen, daß es besser und gesünder ist, im Garten spazieren zu gehen, 
als in der Stube »Geschichten« zu verschlingen. Eine meiner Blinden 
hat einmal in einem Aufsatze das schöne Wort geprägt: »Wer nicht 
liest, der lebt nicht«. Im ganzen hat sie ja recht; doch gilt auch 
hier die Warnung des Weisen: »Ne quid nimis«! Das Übermaß 
schadet da ebenso sehr wie eine minder einwandfreie Wahl. Daß 
durch die Privatlektüre das religiöse und moralische Gefühl der 
Blinden nicht geschädigt werden darf, ist selsbtverständlich. Unsere 
Blinden sind vor dieser Gefahr dadurch geschützt, daß sie ihre Lektüre 
aus der gut geleiteten, reichhaltigen Bibliothek des k. k. Blinden- 
Erziehungsinstitutes in Wien beziehen, Dadurch daß die Direktion 
dieses vornehmen Institutes ihren Bücherschatz auch auswärtigen 
Blinden zur Verfügung stellt, verbreitet sie Segen bis in die Ferne 
und spendet Wohltaten, für die ihr der Blindenfreund nicht genug 
danken kann. 



11. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 187. 

Ich bin übrigens der Ansicht, daß man bei der Wahl der Lektüre 
nicht zu engherzig vorgehen und daß man bhnden Jungfrauen, 
welche längst über die Zwanzig hinaus sind, vor allem die Perlen 
der deutschen Literatur, die Dramen unserer Klassiker, nicht vor- 
enthalten dürfe. Ich beschränke mich daher zumeist darauf, den 
einzelnen Pfleglingen diejenige Lektüre zuzuweisen oder zu empfehlen, 
welche ihrem Bildungsgrade entspricht. Nach dieser Richtung muß 
die Lesewut der Blinden wohl eingedämmt werden; sie vergeuden 
sonst, auch wenn sie weiter keinen Schaden leiden, die freie Zeit mit 
solcher Lektüre, für welche ihnen das Verständnis fehlt; denn prunk- 
volle, blühende Sprache lockt sie an, ob sie nun selber lesen oder 
sich vorlesen lassen. Eine ungebildete Blinde kann stundenlang lesen, 
ohne den Inhalt des Gelesenen auch nur im geringsten zu erfassen. 

Ich bin mit der Mitteilung meiner Erfahrungen am Ende 
angelangt. Wer mich auf meiner blindenpädagogischen Wanderung 
begleitet hat, kann mit überlegenen Lächeln an mich die Frage richten; 
»Sehen Sie jetzt ein mein Lieber, daß man ein Blindenheim 
nicht mit einer Blindenschule verwechseln darf?« Ganz richtig; 
ich stelle aber die Gegenfrage: »Was schadet es unseren blinden 
Mädchen, wenn ihnen selbst bis ins späteste Alter die Illusion 
erhalten bleibt, daß sie immer in einer Art Schule weiterleben, so 
daß sie zwar nie um einen Urlaub ersuchen, wohl aber sich immer 
auf die im Juli regelmäßig wiederkehrenden »Ferien« freuen?« Ich 
tröste mich damit, daß kein Feldzug ohne Verlust und ohne Schlappe 
verläuft, selbst bei unseren deutschen Helden in Frankreich nicht. 
Ein wirkliches Debacle habe ich nie erlitten ; im Gegenteil, ich habe 
mein Ziel erreicht, ich habe meine Blinden so viel als möglich geistig 
beschäftigt, und wenn im Laufe der Jahre unter unseren Pfleglingen 
Symtome von Unzufriedenheit mit der Behandlung seitens der das 
Hauswesen führenden Klosterfrauen oder seitens der Kolleginnen, 
oder Zeichen von Unzufriedenheit mit der in der Heimstätte gebotenen 
Verpflegung zutage traten, dann sind die Klagen immer nur von den 
geistig minderwertigen oder geistig trägen Mädchen ausgegangen ; 
die geistig beschäftigten Pfleglinge sind immer zugleich auch die 
fleißigsten und geschicktesten Arbeiterinnen, sie sind auch die zu- 
friedensten und glücklichsten Insassinnen der Heimstätte. 

Wenn ich meine Mitteilungen zum Schlüsse nun noch in Thesen 
fassen darf, dann ist folgendes der langen Rede kurzer Sinn: 

1. Blinde, die sich in geschlossener Pflege befinden, sollen neben 
und außer der physischen Arbeit so viel als möglich auch geistig 
beschäftigt werden. 

2. Die geistige Beschäftigung muß ohne merklichen Zwang und 
in möglichst anziehender Weise geboten werden. 

3. Den Stoff für die geistige Beschäftigung bieten, wo es die 
Verhältnisse gestatten. 

a) die Vortragsweise, mit Demonstrationen verbundene Wieder- 
holung des in der Schule erhaltenen Unterrichtes aus allen 
Gebieten des Wissens in leicht faßlicher, möglichst anregender 
Form, beschränkt auf Mitteilung und Diskussion, mit Aus- 
schluß alles Prüfunofswesens, 



Seite 11 



Zeitschrift für das österreichische BHndenwesen. 



11. Nummer, 



b) die Mitteilung der wichtigsten Tagesereignisse unter besonderer 
Rücksichtnahme auf das bildende Moment, 

c) das Vorlesen aus dem Bereiche der schönen Literatur und der 
Belletristik, 

d) die Anleitung zu schriftlichen Übungen über Themen, die zur 
freien Auswahl vorgelegt werden, und die das Selbstgefühl 
der Blinden schonende Besprechung und Verbesserung der 
Elaborate, 

e) die Pflege empfehlenswerter Privatlektüre zum Zwecke der 
Bildung und Unterhaltung. 

Melk, Ende August 1914. 



Die Blinden Österreichs nach Zahl und 
Geschlecht. 



(FortsetzunfT.) 



Länder 
politische Bezirke 



Blinde 



Böhmen 



Stadt Prag . . 
,, Reichenberg . 



171 



Asch 15 

Außig 27 

Beneschau 31 

Bischofteinitz 10 

Blatna 18 

Bömisch Brod 16 

Bömisch Leipa .... 32 

Brandeis a. d. Elbe . . 10 

Braunau 22 

Brüx 15 

Budweis 45 

Caslau 21 

Chotebof 11 

Chrudim 40 

Dauba 8 



186 
11 

9 
26 
30 
19 
14 

10 
16 
11 
24 
25 

50 
26 

7 
24 

7 



Deutschbrod 21 18 

Deutsch Gabel .... 9 7 

Dux 16 16 

Eger 17 11 

Falkenau 20 21 

Friedland 16 

Gablonz a. d. Neiße . . 19 

Grashtz 17 

Hohenelbe 10 

Hohenmauth 17 



Hofowitz 31 

Humpoletz 12 

Jicin 26 

Jungbunzlau 26 

Kaaden 8 



357 
19 

24 
53 
61 
28 
32 

26 
48 
21 
46 
40 

95 
47 
18 
64 
15 

39 
16 
32 
28 
41 



12 


28 


24 


43 


7 


24 


16 


26 


39 


36 


23 


54 


14 


26 


23 


49 


16 


42 


6 


14 



Länder 

poHtische Bezirke '"• 

Kamenitz a. d. Linde . 14 

KapHtz 15 

Karlsbad 9 

Karolinental 22 

Kladno 20 

Klattau 27 

Königgrätz 17 

Königinhof a. d. Elbe . 18 

Königliche Weinberge . 29 

Kolin 23 

Komotau 23 

Kralowitz 11 

Krumau 17 

Kuttenberg 31 

Landskron 8 

Laun 13 

Ledec 18 

Leitmeritz 22 

Leitomischl 16 

Luditz 2 

Marienbad 6 

Melnik 12 

Mies 14 

Moldauthein 6 

Mühlhausen 13 

Münchengrätz 10 

Nachod 14 

Neubydzow 16 

Neudek 13 

Neuhaus 13 

Neupaka 15 

Neustadt a. d. Mettau . 14 

Pardubitz 26 

Pilgram 15 

Pilsen 41 

Pisek 26 



10 


24 


18 


33 


17 


26 


25 


47 


18 


38 


30 


57 


19 


36 


13 


31 


46 


75 


15 


38 


25 


48 


8 


19 


20 


37 


19 


50 


10 


18 


15 


28 


16 


34 


22 


44 


6 


22 


4 


6 


5 


11 


10 


22 


10 


24 


7 


13 


19 


32 


8 


18 


18 


32 


20 


36 


18 


31 


17 


30 


24 


39 


13 


27 


24 


50 


15 


30 


38 


79 


37 


63 



11. Nummer. 



Zeitschritt für das österreichische Blindenwesen. 



Plan 10 13 23 

Podebrad 20 17 37 

Podersam 14 7 21 

Policka 7 10 17 

Prachatitz 22 26 48 

Preßnitz 8 11 19 

Pfestitz 14 12 26 

Pfibram 20 13 33 

Raiconitz 20 23 43 

Raudnitz 7 9 16 

Reichenau a. d. Knezna 21 16 37 

Reichenberg (Landöez.) 23 19 42 

Rokitzan 19 21 40 

Rumburg 7 11 18 

Saaz 11 15 26 

Sankt Joachimstal ... 9 9 18 

Schlan 37 29 66 

Schluckenau 15 19 34 

Schüttenhofen 23 12 35 

Selcan 9 14 23 

Semil 22 16 38 

Senftenberg 14 15 29 

Smichow 104 100 204 

Starkenbach 12 6 18 

Strakonitz 30 23 53 

Tabor 27 24 51 

Tachau 10 7 17 

Taus 10 13 23 

Tepl 6 3 9 

Teplitz 23 30 53 

Tatschen 20 15 35 

Trautenau 26 25 51 

Turnau 13 9 22 

Warnsdorf 2 7 9 

Wittingau 10 7 17 

Zizkow 13 14 27 

Summe . 2.032 1.987 4.019 

Mähren 

Stadt Brunn ...... 116 141 257 

Iglau 5 2 7 

„ Kremsier .... 5 6 11 

„ Olmütz 4 5 9 

,, Ung. Hradisch . . — — — 

„ Znaim 6 6 12 

Auspitz 16 17 33 

Bärn 11 6 17 

Boskowitz 27 35 62 

Brunn (Landbezirk) . . 33 33 66 

Datschitz 15 22 37 



Gaya ... • 13 

Göding 38 

Großmeseritsch .... 6 

Hohenstadt 19 

Holleschau 14 

Iglau (Landbezirk) ... 4 

Kremsier (Landbezirk) . 18 

Littau 9 

Mährisch Budwitz ... 19 

Mährisch Kromau ... 15 

Mählisch Ostrau .... 16 

Mährisch Schönberg . . 8 

Mährisch Trübau ... 18 

Mährisch Weißkirchen . 18 

Mistek 18 

Neustadt! 12 

Neutitschein 23 

Nikolsburg 11 

Olmütz (Landbezirk) . . 24 

Prerau 16 

Proßnitz 13 

Römersadt 6 

Sternberg 27 

Tischnowitz 9 

Trebitsch 19 

Ungarisch Brod .... 24 

Ung. Hradisch (Landbez.) 26 

VVallachisch Meseritsch . 18 

Wischau 20 

Wsetin 13 

Znaim (Landbezirk) . . 37 

Summe . 769 



Schlesien 

Stadt Troppau .... 12 

„ Bielitz 7 

,, Friedek 3 

Bielitz (Landbezirk) . . 21 

Freistadt 27 

Freiwaldau 19 

Freudenthal 14 

Friedek (Landbezirk) . 33 

Jägerndorf 9 

Teschen 29 

Troppau (Landbezirk) . 17 

Wagstadt 12 

Summe . 203 197 



Seit 


e 189. 


19 


32 


34 


72 


12 


18 


22 


41 


24 


38 


19 


23 


13 


31 


17 


26 


13 


32 


17 


32 


17 


33 


8 


16 


28 


46 


14 


32 


13 


31 


15 


27 


22 


45 


18 


29 


24 


48 


33 


49 


36 


49 


13 


19 


22 


49 


18 


27 


22 


41 


20 


44 


32 


58 


19 


37 


36 


56 


11 


24 


28 


65 


912 


1.681 


14 


26 


9 


16 


3 


6 


22 


43 


23 


50 


14 


33 


10 


24 


36 


69 


23 


32 


30 


59 


7 


24 


6 


18 


197 


400 



(Fortsetzung folgt.) 



Hilfe am rechten Ort. 

Der »Zentralverein für das österr. Blindenwesen« wendet sich in 
dem Bestreben, die vorhandenen Hilfsquellen für unsere Blinden nach 
der wahren und größten Hilfsbedürftigkeit hinzulenken, mit nach- 
stehendem Aufrufe an alle Blindenfürsorge-Institutionen in Österreich. 



Seite 190. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 11. Nummer. 

Rufruf. 

Begreiflicherweise wendet sicli der Blick jedes Blindenfreundes 
in diesen schweren Zeiten mit verdoppelter Sorge seinen Schützlingen, 
den unbemittelten Blinden, zu, die, selbst in normalen Verhältnissen 
einen mühseligen Kampf ums Dasein kämpfend, jetzt, wo alle verfüg- 
baren Mittel zur Linderung der durch den Krieg verursachten Not 
zufließen, und die Erwerbsverhältnisse selbst für die Sehenden ungemein 
schwierige sind, dem Elende preisgegeben werden. Es unterliegt wohl 
keinem Zweifel, daß die lokalen Blinden-Fürsorge- und Blinden-Vereine 
in Osterreich alle ihre Kräfte anspannen, um diejenigen Blinden, die 
in Heimen untergebracht oder sonst ihrem Schutze anheimgestellt 
sind, nach Tunlichkeit zu versorgen, allein durch die Entziehung der 
Arbeits- und Absatzgelegenheit für die erwerbsfähigen Blinden wächst 
die Zahl der Hilfsbedürftigen sehr bedeutend und so kann es kommen, 
daß mancher dieser Vereine nicht mehr in der Lage ist, für den Be- 
darf in seinem Wirkungskreise aufzukommen. Die Mittel, welche für 
die Blindenfürsorge zur Verfügung stehen, sind ja bei uns nicht 
gleichmäßig verteilt. Es gibt Vereinigungen, die infolge günstiger Um- 
stände größere Vermögenswerte ansammeln konnten, dagegen dürfte 
es bei anderen kleineren und jüngeren Vereinigungen damit schlechter 
bestellt sein. 

Um nun eine Ausgleichung dieser Mittel für Kriegsdauer in die 
Wege zu leiten, tritt der »Zentralverein für das österr. Blindenwesen«, 
der sich durch seine Organisation für eine derartige Aktion berufen 
fühlt, an die vermögenden Korporationen mit der ergebenen Bitte 
heran, den minder bemittelten und besonders stark in Anspruch ge- 
nommenen Vereinigungen Geld zu Unterstützungszwecken zu über- 
weisen, wenn es not tut, selbst unter Heranziehung des Kapitals, leih- 
weise, ohne Verzinsung, eventuell auch geschenkweise, zu überlassen, 
wie dies in hochherziger Weise der »Verein zur Versorgung und Be- 
schäftigung erwachsener Blinder in Wien VIII« bereits tut. Kommen 
ruhigere Zeiten, so wird sich ja die Möglichkeit der Refundierung 
wieder bieten. Es erscheint jedoch als ein Gebot der Menschlichkeit, 
daß die kräftigeren Wohlfahrtseinrichtungen hier für die schwächeren 
aufkommen, denn nur dann ist zu erwarten, daß die allgemeine Not- 
lage unter den Blinden gelindert werde, denn aus der privaten Wohl- 
tätigkeit oder anderen Quellen zu schöpfen, ist, wie oben gesagt, jetzt 
ganz ansgeschlossen. 

Zur Erzielung einer gedeihlichen Arbeit und Verständigung unter 

den Fürsorgeorganisationen richtet der unterfertigte Verein an die 

vermögenden Korporationen die Bitte um gütige Mitteilung, in welcher 

Weise sie den notleidenden Vereinen unter die Arme greifen könnten, 

an die minder- und unbemittelten Organisationen aber das Ansuchen, 

bekannt zu geben, wie groß die Zahl der von ihnen zu unterstützenden 

Blinden ist, wie viel sie aus eigenem tun können und welcher Mittel 

sie eventuell noch bedürfen. Mit diesen gefälligen Mitteilungen als 

Grundlage wird es möglich sein, gegenseitig entsprechende Vorschläge 

erstatten zu können. 

Die Leitung des »Zentralvereines für das 

österr. Blindenwesen«. 



11. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 191. 

Wir können die Begründungen dieses Aufrufes mit einigen 
Worten ergänzen, die sich gegen die Gefahr wenden, daß heute auch 
die private Wohltätigkeit gegenüber den Bhnden in falsche Bahnen 
gelenkt wird. 

Wohltätigkeit ist nicht dasselbe wie Wohlfahrtspflege; 
die Wohltätigkeit richtet sich auf den Einzelnen, allenfalls auf einen 
fest umschriebenen Kreis notleidender Einzelpersonen, um die nun 
einmal bestehende Not zu lindern, während die Wohlfahrtspflege das 
ganze Gebiet der sozialen Fragen umfaßt und sich auf diesem vor- 
zugsweise vorbeugend betätigt, damit die Übel nicht entstehen oder 
anwachsen. Aber wie in der Wohlfahrtspflege die Einzelperson ihrer 
ethischen Pflicht zur Mitarbeit in der Regel nur innerhalb der 
Vereinsorganisation gerecht werden kann, so vermag auch auf 
dem engeren Gebiete der Wohltätigkeit der Einzelne nur im Rahmen 
einer sachgemäß arbeitenden Organisation etwas Gutes zu leisten. 
Damit soll nicht der milden Hand, die sich beim Anblick großen 
Leides willig öffnet, eine F"essel angelegt werden. Es liegt in den 
sittlichen Grundlagen des Wohltuns, daß man dem Armen um des- 
willen gibt, weil ein innerer Trieb dazu drängt. Aber es soll erreicht 
werden, daß der natürliche Instinkt der Hilfsbereitschaft unter voller 
Sicherung seiner werktätigen Kraft mehr und mehr den Verstandes- 
erwägungen untergeordnet werde, die darauf gerichtet sind, die Hilfe 
auch an die rechte, wenn nicht würdigste, so doch bedürftigste Stelle 
gelangen zu lassen. Die f r eie ,Mi 1 dtäti gke it aber handelt ihren 
eigenen Absichten entgegen, wenn sie über die Beziehungen hinaus- 
geht, die der Geber persönlich zu dem Empfänger herzustellen in 
der Lage ist. Es ensteht dann stets die Gefahr, daß die Hilfe falscher 
Art ist oder daß die Hilfe an eine einzelne Stelle von vielen Seiten 
kommt, während andere unberücksichtigt bleiben, oder daß sie über- 
haupt an eine Stelle gerät, die weder würdig noch bedürftig ist. Die 
freie Mildtätigkeit muß stets darauf ausgehen, ihre Hilfe zu indi- 
vidualisieren; ihre Pflicht erstreckt sich daher nicht allein auf das 
Geben, sondern auch auf das sorgfältige Erforschen aller im' Einzel- 
falle bedeutsamen Umstände. Daraus ergibt sich von selbst, daß 
gemeinhin die freie Mildtätigkeit ihren gewollten Zwecken nur dann 
gerecht wird, wenn sie im örtlich begrenzten Bezirk sich betätigt. 

Es ist neuerdings vielfach über »Entartung der Wohltätigkeit« 
geschrieben worden unter Bezugnahme auf die »Basare«, »Wohl- 
tätigkeitsfeste« und »Blumentage«. Hinsichtlich der freien Mildtätig- 
keit indes ist weniger über »Entartung« als über Gedankenlosig- 
keit zu klagen. Man soll auch beim Wohltun nicht vergessen, daß 
man eine soziale Verantwortung damit übernimmt. Denn man gibt 
doch nicht nur, um sich selbst das befriedigende Gefühl zu schaffen, 
Gutes getan zu haben, sondern der warmherzig Empfindende will 
durch seine Spende wirkliche Not lindern. Wer eine offene Hand 
hat und gern gibt, der soll auch die Mühe nicht scheuen, sich gründ- 
lich in die Not einzuweihen, der er steuern will. Er wird dadurch 
viel Einsicht gewinnen und sicher noch mehr zum Geben geneigt sein 
als vorher; und das Bewußtsein, am rechten Fleck geholfen zu haben, 
wird ihm dann sicher ein reicher Lohn für eine verhältnismäßig kleine 
Mühe sein. 



Seite 192. Zeitschrift für das österreichische Blindenvvesen. 11. Nummer. 

Der »Zentralverein für das österr, l^lindenwesen« ist jjeneigt, 
selbst Spenden privater Wohltäter für die Blinden cnto^e<j^enzunehmen 
oder den Wohltätern die richtigen Wege für eine gedeihliche Hilfs- 
bereitschaft zu weisen, 

Personalnachrichten. 

Blindenlehrer Johann Puschnig. f Der Blindenlehrer dei- kärnt. Landi-s- 
Blindenanstalt Herr 'Johann Pu sehn ig ist am 19. Oktober, im 31. Lebcnsjahie, 
seinem langen Siechtum erlegen. Mit ihm verliert die Anstalt eint n gewissenhaften, 
von großer Pflichttreue i nd lauterem Charakter erfüllten Mitarbeiter. 

Er wirkte an der kärntn. Blindenanstalt, die seine Ausbildung zum Blinden- 
lehrer ermöglichte, seit 1909 als Hilfslehrer für literarische Fächer. Die freundlich- 
wohlwollende Förderung, die dem Verewigten von Seite des k. k. Blindeninstitutes, 
besonders seitens des Herrn Regieiun;;srat Alex. Meli zuteil wurde, ermöglichte 
ihm die Ablegung der Lehrbefähigungsprüfung vor der Prüfungskommission in Wien, 
welche Prüfung Pu sehnig mit sehr gutem Erfolge bestand. Von 1911 an wurde 
Puschnig zur selbständigen Führung der Oberklasse berufen. In dieser Stellung hatte 
er Gelegenheit, seine reichen Kenntnisse und Fähigkeiten in den Dienst der BHnden- 
erziehung zu stellen. Seine Dienstleistung war hingebungsvoll und von Ei folg gekrönt. 

Er war Schicksalsgenosse seiner Schüler und mußte den Leidensweg all- 
mählicher Erblindung bis zu Ende gehen. Ohne Murren ertrug er sein schweres Los 
und konnte noch glückliche Stunden empfinden, wenn seine ehrlichen Bemühungen 
im Blindenerziehungsdienste Früchte zeitigte. Gar manche wertvolle Anregung ging 
von dem Verstorbenen aus und zeugte von gründlichem Wissen und tiefem Einblick 
in das Blindenwesen. Seine Ansichten und Bemühungen um die Schaffung einer 
Blindenstenographie und sachgemäßer Unterlagen und Lehrbehelfe für den Sprach- 
und Fortbildungs-Unterricht waren vielversprechend und aussichtsreich. Wäre ihm 
ein freundlicheres Los beschieden gewesen, so hätte er der Blindensache manchen 
guten Dienst leisten können. Es blieb ihm versagt. Im l*'iühjahre vergangenen Jahres 
schon stellten sich schwere Anzeichen eines ernsten Herzleidens ein, welchem Leiden 
Puschnig auch erliegen mußte. 

Ein treuer, ehilicher und lieber Kollege ist mit ihm dahingegangen. Die Blinden 
aber haben einen ihrer Besten verloren. Auch der Zentralverein trauert um ein 
treues Mitglied, unser Blatt um einen emsigen Mitarbeiter. R. M. 

— Am 11. Oktober laufenden Jahres feierte der Wiener Universitätsprofessor 
Regierungsrat Dr. Wilhelm Jerusalem seinen 60. Geburtstag. Der auf phylosophisch- 
psychologischem Gebiete tätige Gelehrte iDefaßte sich u. a. auch mit der Erforschung 
der Seelentätigkeit der Taubst: mm-Blindcn. Beweis dafür ist seine im Jahre 1890 
erschienc-ne Studie über Laura Bridgman und sein Verkehr mit der jetzt lebenden 
amerikanischen Taubblinden Helene Keller, der er bereits mehrere Abhandlungen 
gewidmet hat. Sein Interesse für diese Sache bewog ihn auch zum Eintritte in den 
Ausschuß des »Fürsorgevereines für Taubstummblinde in Österreich«, in welchem 
er in stets hilfsbereiter Weise tätig ist. Möge dem hervorragenden Gelehrten und 
Menschenfreund noch ein langes ergebnisreiches Wirken beschieden sein. 

flus den Anstalten. 

Unsere Anstalten und der Krieg. 
Das k. k. Blinden-Erziehungs-Institut in Wien 11 hat im Einverständ- 
nis mit dem »Roten Kreuz« und dem Ministerium des Innern eine Aktion zur Ver- 
fertigung warmer Bekleidungsstücke für unsere Soldaten durch blinde Strickerinnen 
unternommen, die vom besten Erfolge begleitet ist und zum Zwecke hat, sowohl 
Wiener als auswärtige Blinde, Frauen und Mädchen, die sich jetzt auch in Notlage 
befinden, durch Arbeitszuweisungen zu unterstützen. Auch Frauen blinder Arbeiter 
(Klavierstimmer, Korbflechter, Musiker u. s. w.), die gegenwärtig nahezu keinen Ver- 
dienst haben, können sich da gut bezahlte Strickarbeiten holen. Bis nun wurden an 
das Kriegsfürsorgeamt über 1500 Stücke, darunter 500 Schneehauben, 300 Leibbinden, 
400 Paar Socken u. s. w. abgeliefert. Diese unendlich wohltätige von Frau Regierungs- 
rat Marie Meli unternommene und geleitete Aktion, welche berufen ist, den ein- 
zelnen Blinden oder ihren Familien wenigstens teilweise Hilfe zu bringen und ihnen 
gleichzeitig das erhebende Bewußtsein zu geben, an dem großen allgemeinen Helfen 
durch ihre flinken Hände auch teil zu haben, hat schon zahlreiche Gönner gefunden, 
die diese Unternehmen durch Geld- oder Wollspenden (über 200 Kilogramm) unter- 



11. Nummer Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 193. 

stützten. Die einlaufenden Arbeiten für die Soldaten, die wöchentlich abgeliefert 
werden, sind im k. k. Blinden-Institute' II., Wittclsbachstraße 3, zu sehen und werden 
daselbst gütige Wolle- oder Geldspenden dankend entgegengenommen. 

— Die Verwaltung der Blinden-Versorgungs- und Beschäftigungs- 
anstalt in Wien, Josetstädterstralfe 80, hat in ihrem Anstaltsgebäude 6 Betten für 
kranke Krieger mit voller Verpflegung und Wartung zur Venfügung gestellt. Ferner 
wurde auf Verlangen Ihrer Exzellenz der Gräfin Berchthold ein Schlafsaal für 
20 leichtverwundete Krieger im Anschlüsse an das Spital im Leopoldinum zur Be- 
nützung eingeräumt. 

N. ö. Landes- Blindenanstalt in Purkersdorf. Der Lehrkörper dieser 
Anstalt hat den Beschluß gefafit, die von den Mitgliedern für die Kriegsfürsorge monat- 
lich freiwillig geleisteten Beiträge gegenwärtig zur Beschaffung von warmen Bc- 
kleidunos.,tücken für unsere Soldaten zu verwenden. Diese Sachen werden von den 
weiblichen Zöglingen der Anstalt gearbeitet, so daß auch diese in der Kriegsfürsorge 
mittätig sein können, was sie mit Begeisterung und doppelten Fleiß erfüllt. Haupt- 
lehrer Demal hat in den Ferien einen Kurs für Krankenpflege mitgemacht und wirkt 
in der freien Zeit bei der Pflege der in Purkersdorf befindlichen verwundeten Sol- 
daten mit. 

— Die Blindenanstalten in Linz. Nach den sturmbewegten Tagen des 
Sommers, welcher für die Beschäftigungs- und Versorgungsanstalt Einquartierungen 
von Reservisten brachte, konnte die Blinden-Lehranstalt am 16. September glück- 
lich eröffnet werden. Täglich findet nun in der Institutskapelle eine Kriegsandacht 
statt, heilige Messen und Komunioncn werden auf dem Altare der Nächstenliebe 
aufgeopfert. Die Kleinen wollen auch nicht müßig sein. Sie zupfen mit grof?>em 
Eifer die gespendete Leinwand zu Scharpie, die Mädchen beider Anstalten arbeiten 
an warmen Wintersachen, Schneehauben, Kniewärmern und Socken, um sie unseren 
braven Soldaten ins kalte Feindesland als einen Gruß von den Blinden nachzusenden. 
Natürlich bilden diese Kriegsereignisse auch den Inhalt der betreffenden Lehr- 
gegenstände. Besond'rs das ergreifende Manifest unseres geliebten Monarchen »An 
mein Volk« wurde in der 3. Klasse besprochen und memoriert. Obwohl auch 
in Linz mehr als 2000 Verwundete in öffentlichen Gebäuden Aufnahme finden, ist 
bisher, wohl aus dem Grunde, weil beide Anstalten bereits im Betriebe sind, von 
der Militärbehörde noch kein Ansuchen um Aufnahme von Verwundeten gestellt 
worden. Als Durchzugsstation zur Aufnahme von Flüchtlingen aus Galizien wurde 
die Beschäftigungsanstalt bereits in Anspruch genommen. Die Bitten um Aufnahme 
in diese Anstalten von früheren auswärtigen Zöglingen der Linzer Anstalt aber 
auch anderer Blinden-Unterrichtsanstalten sind bei dieser ernsten Zeit besonders 
zahlreich. Selbst verheiratete Zöglinge, die bisher selbständig waren, wurden 
interemistisch aufgenommen. Geldaushilfen, Materialvorschüsse, Wohnungsbeiträge 
und andere Unterstützungen werden im Ausmaße der vorhandenen Mittel gerne gewährt. 

Trotzdem es heißt: inter arma silent musae, bekam der Chor der Beschäftigunes 
und Versorgungsanstalt, obwohl noch nicht vollständig von den Ferien 
zurückgekehrt, Gelegenheit zur Betätigung. Bei der am 20. September in dt r Stadt- 
pfarrkirche stattgefundenen Kriegsandacht besorgte er den musikalischen Teil (lauret. 
Litanei, Tantum ergo). Die folgende Woche brachte wieder viel Arbeit. Im Karme- 
literinnenkloster wurde vom 26. bis 29. September das 300jährige Jubiläum der Selig- 
sprechung der heiligen Theresia durch ein Triduum festlich begangen, wobei unsere 
Zöglinge reichlich in Anspruch genommen wurden. Im letzten Augenblicke noch 
wurde unsere Mitwirkung zur Kriegsandacht am 27. September in der Ignatiuskirche 
erbeten. Da eine Teilung nicht möglich war, so sangen an diesem Tage die Zöglinge 
der Blinden-Lehranstalt in der Karmelitinnenkirche die Herz-Jesu-Litanci von Josef 
Grub er und Tantum ergo von Kollegen Georg Wolfsgruber. 

In diesen Tagen musikalischer Betätigung geht in der Beschäftigungs- und 
Versorgungsanstalt ein schönes Werk aus der Hoforgelbauanstalt des Herrn Lach- 
mayr in Urfahr seiner Vollendung entgegen. Mit größter Sehnsucht wird das 
Studium wertvoller Orgelkompositionen erwartet und der Ertrag der ersten Auf- 
führung, die zugleich von dem Können der Spieler Zeugnis geben soll, wird einem 
Zweig der Kriegsfürsorge zugewendet. Das ist die Kriegsspende derer, die außer 
ihrem Gebet und ihrer Hände Arbeit sonst nichts zu den Opfern der großen Zeit 
beizusteuern vermögen. S c h e i b. 

— Während die kärntn. Landes-Blindenanstalt in Klagenfurt füi 
Zwecke eines Epidemiespitales reserviert und bis auf weiteres gesperrt tileibt, stehen 



Seite 194. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 11. Nummer. 

die angegliederten Heime (Männer- und Mädchenheim) in vollem Betriebe. Die Be- 
schäftigungen im Mädchenheim stehen im Zeichen des Winterfeldzuges, da warme 
Kleidungsstücke für die Soldaten angefertigt werden. 

Direktor R. Mayer wurde dekretmäßig mit der Leitung der Sammeltätigkeit 
zu Kriegsfürsorgezwecken in Klagenfurt betraut. 

— D i e K 1 a r's chen Blindenanstalten. In Aussig hatte ein erfinderischer 
Kopf die naive Idee, unsere deutsche Blindenschule daselbst als Infektionsspital 
heranziehen zu wollen, welches Ansinnen selbstverständlich glatt abgelehnt wurde. 
Nachdem sich dei gleichzeitige Betrieb einer Blindenanstalt mit dem eines Kranken- 
hauses absolut nicht verträgt und die Blinden im Kriege unserer Fürsorge noch viel 
bedürftiger sind als im Frieden, wurden unsere drei Anstalten nach Beendigung der 
Ferien im vollen Betriebe eröffnet. Bei in Prag vorhandenen drei Gebäuden wurde das 
Hradschiner Haus des Kindergartens vollständig geräumt, der Kindergarten im Turn- 
saale der Hauptanstalt untergebracht und das leergewordene Gebäude samt Garten 
für Zwecke der Kriegsfürsorge gänzlich zur Verfügung gestellt, um den außerordent- 
lichen Bedürfnissen in patriotischer Weise Rechnung zu tragen. 

— Mähr. -schles. Landes-B 1 i nd e nan s tal t in Brunn. Der Landes- 
hauptmann von Mähren, S. Exzellenz Otto Graf Seren yi, hat als Präsident des 
Patriotischen Landeshilfsvereines vom Roten Kreuze für Mähren die Blindenanstalt 
gleich vom Anbeginn der Kriegswirren als Spital füz Verwundete in Aussicht ge- 
nommen und nachdem durch Kommissionen die vorzügliche Eignung dieser Anstalt 
für genannte Zwecke anerkannt worden war, wurde Anfangs September 1914 die 
Anstalt für 200 verwundete Krieger eingerichtet. Sämtliche Zöglinge, die während 
der Ferien in der Heimat waren, wurden verständigt, bis auf weiteres über den 
Winter zuhause zu verbleiben. Den ganz Unbemittelten und auch jenen Zöglingen, 
die keinen Familienanschluß haben und bei den Mitzöglingen gegen Entgeld den 
Ferienurlaub zugebracht haben, wurden für diese Zeit von der Anstalt Sustentations- 
bciträge bewilligt. Die Unterbrechung des Unterrichtes wird jedenfalls während der 
ganzen Kriegszeit dauern. Vom Anstaltspersonal sind 3 Lehrer und 4 Diener zur 
militärischen Dienstleistung eingerückt. 

Die Blindenanstalt hat nun seit den ersten Tagen des Monates September als 
Zweigspital des Roten Kreuzes nur verwundete Krieger beherbergt. Seit einiger 
Zeit mußten hier statt der Verwundeten an der Ruhr erkrankte Soldaten aufge- 
nommen werden. Die Verpflegung der Kranken, der Pflegerinnen und der Sanitäts- 
mannschaft wird von der Anstalt selbst besorgt. Die Kranken gehören verschiedenen 
Truppengattungen aus allen Kronländern der Monarchie an; aber auch reichsdeutsche 
Krieger sind hier zur Pflege. Der Direktor wohnt mit seiner Familie selbstverständ- 
lich im Gebäude. 

Das alte Gebäude der Blindenanstalt ist somit zum Lazarett geworden. Aber 
auch die neuerbaute große Blindendenanstalt, in welche wir im nächsten Jahre über- 
siedeln sollten, wird rasch zum Verwundetenspital für zirka 2000 Personen ein- 
gerichtet und wird etwa in 8 Tagen auch schon seinem Zwecke übergeben werden. 
Die mähr. Landes-Blindenanstalt wird somit in großartigem Maßstabe zur Kriegs- 
hilfsaktion herangezogen werden. Das weibliche Pflegepersonal der Anstalt ist mit 
dem Nähen notwendiger Wäschesorten beschäftigt. Die blinden Zöglinge werden zu 
Arbeiten aus dem Grunde nicht herangezogen, weil der gehinderte Verkehr mit 
denselben während der Beurlaubung für ein rascheres Arbeiten und Expedieren 
nicht günstig wäre. 

Der Kaiser Franz Josef Jubiläumsverein zur Unterstützung der mäimlichen 
Blinden in Mähren und Schlesien hat für Unterstützungszwecke an Notleidende der 
Stadtgemeinde Brunn einen Betrag von 1000 Kronen gewidmet. Für unsere Blinden 
hat die Kriegsfurie gewiß auch sehr schwere Zeiten gebracht; die Blinden werden 
jedoch in Gottesergebung ausharren, bis wieder Österreich-Ungarn und dem ver- 
bündeten Deutschen Reiche die vom Sieg umstrahlte Sonne des Friedens aut- 
tauchen und die Humanität mit ihren wärmenden Strahlen das Herz der Blinden 
erfreuen wird. 

Kais. Rat Direktor F. Pawlik betätigt sich auch noch als Oberkommandant- 
Stellvertreter und Kompaniechef der Schützenwehr der Brünner bürgerlichen Schützen- 
gesellschaft in Ausübung des Sicherheitswachdienstes in der Landeshauptstadt Brunn. 

Herausgeber: Zentralvereiu für das österreichische Blindenwesen in Wien. Redaktionskoniitee: K. Bürklen, 
J. Kneis, A. t. Horvath, F. Uhl. — Druck von Adolf Englisch, Furkersdorf bei Wien. 




1. Jahrgang. Wien, Dezember 1914. 12. Nummer. 

sg »Gesegnet d'rum, ihr Lehrer, Leiter, ^ 

^ Soll Euer edles Wirken sein ; ^ 

^ In dunkle Seelen zaubert \veiter 

gl Beglückend Licht in Nacht hinein.« 



^ 



L. A. Frankl. 



Schlußwort zum I. Jahrgang. 

Mit dieser Nummer schließen wir den ersten Jahrgang unserer 
Zeitschrift. Wer beim Erscheinen der ersten Nummer an Notwendig- 
l\eit, Wert und Lebensfähigkeit eines Blattes für das österreichische 
Blindenvvesen zweifelte, wird durch den nunmehr vorliegenden Jahr- 
gang eines Besseren belehrt sein. Der reiche Inhalt und die staatliche 
Zahl der Mitarbeiter zeigen von der Erfüllung der im Geleitworte aus- 
gesprochenen Hoffnung, ein geistiges Bindeglied zwischen den ver- 
schiedenen Fürsorgeinstitutionen für Blinde in unserem Vaterlande zu 
finden, einen Sprechsaal für die Interessen unseres weitverzweigten 
Blindenwcsens zu eröffnen. 

Mit berechtigtem Stolze können die verehrten Mitarbeiter unserer 
Zeitschrift auf die Tatsache blicken, ein rein vaterländisches Fach- 
blatt, das keine Zeile aus fremden Zeitschriften zu entlehnen brauchte, 
geschaffen zu haben. Ihnen allen müssen wir heute mit dem Hinweis 
auf diese Genugtuung — denn kUngenden Lohn vermögen wir ihnen 
nicht zu bieten — herzlichen Dank sagen für ihre Mühe und Auf- 
opferung und um treue Gefolgschaft für die Zukunft bitten. 

Mit dem vorliegenden Jahrgange ist ja erst der Anfang — aller- 
dings ein schöner und hoffnungsreicher — gemacht. Jeder kommende 
Jahrgang soll neuerlich den Beweis für das ernste Streben, die Rührig- 
keit und die Tüchtigkeit unserer Fachleute liefern. Das Interesse unserer 
Leser, die Aufmerksamkeit weiterer Kreise und der große Dienst, wel- 
cher damit unserer Blindensache erwiesen wird, ermuntere uns alle zu 
fortgesetzter gemeinsamer Arbeit auf dem betretenen Wege. Allen 
Freunden unserer Zeitschrift Glück auf für ein neues Jahr! 

Die Schriftleitung. 



Seite 200. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 12. Nummer. 

Die Ehrenmitglieder des „Zentralver- 
eines für das österr. Blindenwesen". 



Hofrat H. Ritter von Chlumetzky. 

Leiden oder triumphieren, 
Amboß oder Hammer sein. 

Diese Goethe'schen Worte haben doppelte Geltung für das Schick- 
sal des Hofrates von Chlumetzky, welcher durch den Verlust zweier 
Sinne aus einer glänzenden Laufbahn als politischer Beamter gerissen, 
sich eine Lebensaufgabe schuf, deren rastlose Erfüllung unserer vater- 
ländischen Blindenfürsorge zum größten Segen gereicht. Wir können 
und wollen hier nur einen kurzen Abriß der Tätigkeit dieses Vor- 
kämpfers für die Blindensache geben, denn aus ihr leuchtet am hellsten 
die Persönlichkeit und der Charakter des Mannes hervor. 

Zahlreiche Studienreisen in Österreich, Deutschland und der 
Schweiz verschafften Hofrat von Chlumetzky ein tiefes und scharfes 
Urteil im Blindenwesen im allgameinen und desjenigen Österreichs im 
besonderen, um demselben durch zahlreiche Veröffentlichungen in 
Fachblättern und in der Tagespresse Ausdruck zu verleihen. Vor allem 
nahm er kräftigen Anteil an der Blindenfürsorge seines engeren 
Heimatlandes Mähren durch Förderung des K. F. J. Blinden-Mädchen- 
heimes und des K. F. J. Jubiläumsvereines zur Fürsorge für männliche 
Blinde in Brunn, in deren Verwaltungen er bis heute tätig ist. Die 
Universalität seines Geistes griff jedoch weit über die Grenzen dieser 
Betätigung hinaus. Mit großem Interesse beteiligte er sich bereits im 
Jahre 1903 an der Gründung und Ausgestaltung der Zentralbibliothek 
für die Blinden in Österreich, in deren Ausschuß er als Delegierter des 
k. k. Unterrichtsministeriums tätig ist und förderte dieses Werk durch 
öffentliche Vorträge, für die er reichen Beifall erntete. 

Aber nicht nur die Hebung der Geistesbildung der Blinden stellte 
Hofrat von Chlumetzky sich als Ziel seines selbstlosen hochherzigen 
Wirkens, sondern auch die materielle Blindenfürsorge hat in ihm ihren 
energischesten und edelsinnigsten Vorkämpfer gefunden. Beim Blinden- 
fürsorgetag in Graz (1906) stellte er eine Reihe wichtiger Anträge, 
welche in einer an die verschiedenen Ministerien zu richtende Petition 
die Bedürfnisse und Wünsche einer modernen Blindenfürsorge zu- 
sammenfaßt und die Einberufung einer Enquete über diese Materie 
dringend empfahl. Die von ihm ausgearbeitete Denkschrift führte dann 
auch im April 1909 zu der vom k, k. Unterrichtsministerium einberufenen 
Enquete über das österreichische Blindenwesen, die von entscheiden- 
dem Einflüsse für die weitere Entwicklung derselben war und wichtige 
Fortschritte (Einstellung einer Post für das Blindenwesen in den Unter- 
richtsetat usw.) zeitigte. 

Auch bei den letzten Fürsorgetagen in Brunn (1909) und Wien 
(1910) setzte Hofrat von Chlumetzky seine Bemühungen zur Er- 



12. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 201. 

Weiterung und Ausgestaltung des Erreichten mit nie erlahmendem Eifer 
fort und wurde deshalb in dankbarer Würdigung seiner großen Ver- 
dienste vom Zentralverein zum Ehrenmitgliede ernannt. Schon im 
Jahre 1909 hatte der I. österr. Blindenverein die gleiche Ehrenschuld 
an ihn abgetragen. 

Weit über Österreich hinaus zeigt sich der nach vorwärts strebende, 
rastlos arbeitende Geist dieses seltenen, in seinem körperlichen Ge- 
brechen wahrhaft bewundernswerten Mannes tätig, Hofrat von Chlu- 
metzky ist Mitschöpfer der großen deutschen Blindentage, deren 
zweiter, in Braunschweig, ihn zum Ehrenbeirate ernannte und hüben 
wie drüben nennen zahlreiche Blinde seinen Namen mit Verehrung 
und Dankbarkeit. Eine huldvolle Anerkennung von allerhöchster Seite 
ward von Chlumetzky zu teil durch seine Ernennung zum k. k. Hof- 
rate, für welche Gnade er in einer von S. M. dem Kaiser gnädigst 
gewährten Audienz dem Monarchen seinen Dank darbringen durfte. 

Kaiserl. Rat Direktor S. Heller. 

Von Siegfried Altmann. 

Keine Sphäre des Lebens ist so leicht einem Eindrucke zu- 
gänglich, wie die Welt der Schule; aber auch keine ist so undankWr 
und vergeßlich wie diese. Da bedarf es schon einer gesunden Energie 
und eines schöpferischen Wirkens, um in das Reich dauernder Werte 
aufzusteigen. Beide Momente nun, Kraft zum Fortwirken des Gedankens 
und inniger Zusammenhang zwischen Persönlichkeit und Lehre, ver- 
einigen sich in der Person jenes Mannes, der heute der Nestor der 
Blindenpädagogik ist: in Direktor Heller. Und die Tatsache, daß sein 
vorjähriges Doppelfest der Vollendung 40 jähriger Tätigkeit und seines 
70. Geburtstages einem großen Kreis von Freunden und Gesinnungs- 
genossen Gelegenheit bot, ihm glückwünschend die Hand zu reichen 
und ihm zu sagen, mit welcher Teilnahme man sein öffentliches Tun, 
seine ersprießliche Wirksamkeit begleite, ist Beweis genug, wie sehr 
sein Name nicht nur in der pädagogischen Welt geläufig ist. 

Der eigene Lebenslauf ist der weiseste Richter, der mit gerech- 
ten Zungen spricht — lehrt der älteste Dichter, Hiob; auch hier soll 
das Leben sprechen. 

Geboren am 25. Oktober 1843 als Sohn armer Eltern in dem 
del. Böhmerwaldstädtchen Tachau, nahm ihm schon früh ein hartes 
Leben die scheinbar selbtverständlichen Freuden der Jugend. Mit sieben 
Jahren verlor er den Vater und mit ihm die Hoffnung auf einen sicher 
geregelten Bildungsgang. Zwar besuchte er die Schulen seiner Vater- 
stadt, dann aber war er, seinem Bildungshunger preisgegeben, im 
wesentlichen auf autodidaktische Förderung angewiesen. Gezwungen, 
sich selber den Boden einer materiellen Existenz zu schaffen, erteilte 
er Privatunterricht und betätigte sich zeitweilig als Gehilfe seines 
Lehrers. Dieses erste Tasten hatte für Heller einen unverlierbaren 
Wert; es enthielt die Ansätze und Keime zu seinem späteren Beruf. 
Doch die rastlose Arbeit und der stete Kampf mit der täglichen Sorge 
blieben nicht ohne nachteilige Folgen für seine körperliche Gesundheit; 
sie warfen ihn für lange Zeit auf's Krankenlager. Solche Menschen 



Seite 202. Zeitschrift für das österreichische Blindcnwesen. 12. Nummer. 

werden später innigste Schätzer dessen, was ihnen selbst abgegangen 
ist, und dieses an den Mitmenschen realisiert zu sehen, wird ihr 
frommer Wunsch. So sind auch die ursprünglichen Neigungen Hellers 
darauf gerichtet gewesen, der leidenden Menschheit zu helfen. Solch 
einem Herzensbedürfnisse erschien der Beruf eines Arztes am besten 
zu entsprechen und Heller begann 1861 an der Olmützer medizinisch- 
chirurgischen Fakultät das Studium der Heilkunde. Auf die Dauer 
vermochte ihn dasselbe jedoch nicht anzusprechen und schon nach 
kurzer Zeit ging er an die Verwirklichung seines schon früher gefaß- 
ten Planes, Lehrer zu werden. 

Nach Absolvierung des Pädagogiums in Olmütz wandte sich 
Heller nach Wien. Hier folgen die Jahre seiner eigentlichen Entwick- 
lung, in denen sich das Ziel seines Daseins am deutlichsten formuliert, 
Eine Lehrstelle an einer Volks- und Fortbildungsschule und die im 
Verein mit dem bekannten August Christian Jessen begründete Zeit- 
schrift »Osterr. Jugendblätter,« in der er eine Heimstätte für seine 
Gedanken fand, boten ihm nun reiche Gelegenheit, sein pädagogisches 
Talent zu entfalten und zu befestigen. Zu gleicher Zeit eröffnete er 
auch seine literarische Laufbahn mit Gedichten und Erzählungen, in 
denen er durch die Fülle origineller Gedanken, wie durch die Form- 
vollendung der Sprache imponierte. 

Mit der 1873 erfolgten Ernennung zum Direktor des Israelitischen 
Blinden-Listitutes Hohe Warte begann für Heller eine neue Epoche 
— die Zeit seiner Meisterjahre. Er verknüpfte seine Interessen jetzt 
dauernd mit den Fragen der Blindenpädagogik; ihrer Erforschung 
und der Mithilfe an ihrem Ausbau gilt von da an sein Lebenswerk. 
Und wenn solcherart der Pädagoge Heller den Poeten Heller fast 
ganz in Vergessenheit gebracht hat, so kann dies nicht wundernehmen; 
denn Poesie und Gelehrsamkeit können selten zu gleicher Zeit in 
die Erscheinung treten, gleich den zwei Eimern, von denen der eine 
nur aufsteigen kann, wenn der andere sinkt. 

Die bis nun verflossenen vier Jahrzente der Wirksamkeit Hellers 
sind ganz ausgefüllt von einem angestrengten Suchen und scharfen 
Beobachten. Sein wissenschaftliches Tätigkeitsfeld ist ein sehr aus- 
gedehntes; schon seine typhlopädagogischen Abhandlungen allein, 
die heute das Dutzend weit überschritten haben, würden einen statt- 
lichen Band ergeben.*) 

Nur in ganz allgemeinen Umrissen, im knappsten Überblick — 
denn die journalistische Eile kann ja einem solchen Schaffen nicht 
gerecht werden — seien zum Beschluß die leitenden Gedanken, die 

*). »Das Prinzip der Unmittelbarkeit in der Blindenschule.« »Die Blindenbildung 
in ihrer Beziehung zum Leben.« »Prinzip der Wechselwirkung in der Blindenschule.« 
»Psychologische Grundlegung der Blindenpädagogik.« »System der Blindenpäda- 
gogik.« Die »Bildungselemente der Blinden.« »Das Bewußtsein als Faktor der 
Blindenbildung.« »Oualifikationsnachweisungen an den Bildungsmitteln der Blinden- 
schule.«» Akkomodationsfähigkeit der Blinden in ihrer Bedeutung für das Leben. 
»DieAufgaben der Blindenbildung«. Entwicklungs-Phänomene im Seelenleben der 
Blinden.« »Die Blindenpädagogik in Lehrerbildungs-Anstalten.« »Die soziale Stellung 
der Blinden. Prophylaktische Maßnaiimen für Später-Erblindete.« »Einführung in 
die Lehre vom Tasten.« »Die Arbeit der Blinden.« »Modellieren und Zeichnen in der 
Blindenschule.« Ferner: Verschiedene Arbeiten im Blindenfreund, in Sammelwerken, 
u. a. — 



12. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 203. 

seine Untersuchungen beherrschen, überschaut. Zuvörderst aber sei 
noch des Denkzeichens gedacht, das sich Heller in der Anstalt zur 
Ausbildung von Später-Erblindeten begründet hat, deren segensreich 
fortschreitenden Entwicklung seine große Arbeitskraft in der uneigen- 
nützigsten Weise dient. — 

Von der Überzeugung durchdrungen, daß die Blindenpädagogik 
nicht aus der allgemeinen Pädagogik deduziert werden dürfe, vielmehr 
als besonderes System notwendig und berechtigt sei, weil sie ihre 
eigentümlichen Gesichtspunkte hat, unter denen sie alle Gegenstände 
ihrer Forschung betrachtet, haben seine aus diesem Bestreben erwach- 
senen Anregungen vielfach zu den teilweise tiefgründenden Wand- 
lungen beigetragen, die sich in den letzten 40 Jahren auf dem Gebiete 
des Blindenwesens vollzogen haben. Die Grundformeln seiner auf 
erkenntnistheoretischer und psychologischer Basis aufgebauten Unter- 
suchungen sind nicht aus Prämissen gefolgert, nicht logisch erarbeitet, son- 
dern organisch gewachsen. Und durch die Art, in der er so seine 
Gedanken entwickelt und die Fundamente zu legen sich anschickt, wei- 
sen ihm seine Schriften eine eigene Stellung als Blindenpädagoge an, 
von dem das Nietzschewort gilt: 

»Ich wohne in meinem eigenen Haus, 
Hab' niemanden nie nichts nachgemacht.« 
Und darum wird Heller (nicht bloß als Zeiterscheinung) in der 
Entwicklungsgeschichte des Blindenwesens nie zu umgehen sein. — 

Kais. Rat Direktor F. Pawlik. 

Mit der Ernennung des kais. Rates Direktor F. Pawlik zum Ehren- 
mitgliede brachte der »Zentralverein für das österr. Blindenwesen« 
seinem ehemaligen Präsidenten, der sich nicht nur das Hauptverdienst 
um die Gründung des Vereines erwarb, sondern demselben auch zehn 
Jahre hindurch vorstand, den Dankeszoll dar, Treue mit Treue vergeltend. 
Aber kais. Rat Pa wl ik zählt auch zu den ältesten Blindenpädagogen 
Österreichs. Im Jahr 1851 geboren, finden wir ihn nach dreijähriger 
Tätigkeit im Lehrfache bereits 1878 als Blindenlehrer, seit 1888 als 
Direktor an der mähr.-schles. Landes-Blindenanstalt in Brunn tätig. 
Namentlich seine letztere Stellung sollte für die Anstalt, an deren Spitze 
er berufen wurde, von Bedeutung werden. Unter ihm erfuhr diese Anstalt 
eine bedeutende räumliche Erweiterung und ihre Ausgestaltung auf 
fünf Schulklassen und eine Fortbildungsabteilung. Der gesamte Unter- 
richt wurde inbezug auf Stoff wie Methode auf moderne Grundlagen 
gestellt, neue Unterrichtsgegenstände (Kurz- und Notenschrift, Hand- 
fertigkeiten) wurden eingegliedert, Lehrmittelsammlung wie Bibliothek 
erfuhren eine große Bereicherung, eine Blindendruckerei wurde neu 
eingerichtet. Damit hielt die Erweiterung der gewerblichen Ausbildung 
gleichen Schritt und die Musikpflege in der Anstalt blieb den alten 
Traditionen treu. Den Gipfelpunkt dieser organisatorischen Arbeit 
erreichte kais. Rat Pawlik mit der Verländerung und dem vor der 
Vollendung stehenden Neubau seiner Anstalt. 

Kann kais. Rat PaAvlik schon mit Genugtuung auf diese erfolg- 
reiche Wirksamkeit in seiner Anstalt zurückblickjen, so ist damit seine 



Seite 204. 



Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 



12. Nummer. 



Tätigkeit für die Blindensache keineswegs erschöpft. Von größter 
Bedeutung ist seine Mithilfe bei der Fürsorge für die erwachsenen 
Blinden, denn hauptsächlich seiner Anregung sind die Gründung des 
»Wohlfahrtsvereines der Frauen und Mädchen in Mähren und Schlesien« 
und die Errichtung des »Blinden-Mädchenheinies« in Brunn zu danken. 
In der allgemeinen österreichischen Blindenfürsorge ist namentlich 
der Rolle zu gedenken, die kais. Rat P a wl i k auf den österreichischen 
Blindenlehrer- und Blindenfürsorgetagen spielte, von welchen er den 
vierten dieser Tage in Brunn als Präsident leitete. 

An den Schluß dieser kurzen Würdigung setzen wir die von 
kais. Rat Pawlik auf dem Grazer Fürsorgetage gesprochenen Worte, 
mit denen er seinen Grundsatz für ein gedeihliches Zusammenwirken 
aller Blindenfreunde charakterisierte: 

Gemeinsame Arbeit, gemeinsame Tat, gemeinsames »Vorwärts« 
aller Männer und Frauen, die an der Beglückung und Ausbildung 
der Blinden oder in der Fürsorge für die Blinden unter Aufbietung 
ihrer Lebenskraft in irgend einer Weise arbeiten, das sei unser 
Schlagwort!« 



Die Blinden Österreichs nach Zahl und 
Geschlecht. 



Länder 
politische Bezirke 



G a 1 i z i e n 

Stadt Lemberg 96 101 

„ Krakau 41 82 



Hiala 17 

Bobrka 41 

Bochnia 31 

Bohorodezanv 31 

Borszezöw 36 

Brody 80 

Brzesko 42 

Brzezany 60 

Brzozöw 33 

Buczacz • . . 43 

Chrzanöw 36 

Cieszanow 16 

Czortköw 36 

Dabrowa 24 

Dobromil 26 

Dolina .38 

Drohobycz 73 

Gorlice 18 

Grodek Ja<.;ie]lonski ... 20 

üryböw 28 

Horodenka 51 

Husiatyn 24 



37 
13 
30 
21 
29 

26 
63 
17 
29 



(Schluß.) 



Blinde 



197 

123 



16 


33 


26 


67 


27 


58 


31 


62 


49 


85 


67 


147 


39 


81 


43 


103 


21 


54 


37 


80 



73 
29 
66 
45 
55 

64 

136 

35 

49 



2V 
39 


bb 
90 


29 


53 



Länder 
politische Bezirke ■"■ 

Jaroslau 40 

Jaslo 21 

Jaworöw 34 

Kalusz 34 

Kamionka Strumilowa . 63 

Kolbuszowa 23 

Kolomea 38 

Kosuw 42 

Krakau (Landbezirk) . . 27 

Krosno 36 

Lancut 29 

Lember;^ (Landbezirk) . 35 

Limanowa 22 

Lisko 34 

Mielec 29 

Mosciska 27 

Myslenice 19 

Nadworna 29 

Neumarkt 2.9 

Neusandez 32 

Nisko 12 

Oswiecim 11 

Peczenizyn 10 

Pilzno .' 13 

Podgörze 13 

Podhajce 39 

Przemysl 46 



Blinde 




\v, / 


'"• 


51 


91 


25 


46 


32 


66 


25 


59 


54 


117 


26 


49 


45 


83 


24 


66 


19 


46 


33 


69 


34 


63 


54 


89 


17 


39 


27 


61 


29 


58 


11 


38 


30 


49 


33 


62 


31 


60 


32 


64 


12 


24 


20 


31 


4 


14 


17 


30 


17 


30 


34 


73 


50 


96 



12. Nummer. 



Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 



Seite 205. 



Przemyslany 34 35 69 

Przeworsk 15 16 31 

Rawa Ruska 29 24 53 

Rohatyn 45 40 85 

Ropczyce 27 33 60 

Rudki 18 15 33 

Rzeszöw 54 65 119 

Sambor 25 28 53 

Sanok 58 45 103 

Saybusch 43 43 86 

Skalat 66 51 117 

Skole 20 13 33 

Sniatyn 32 30 62 

Sokal 52 ■ 36 88 

Stanislau 52 36 88 

Stary Sambor 30 15 45 

Stryj 36 19 55 

Strzyzöw 18 14 32 

Tarnobrzeg 17 16 33 

Tarnopol 57 47 104 

Tarnöw 29 51 80 

Thumacz 48 26 74 

Trembowla 34 32 66 

Tiirka 33 23 56 

Wadowics 27 28 55 

Wieliczka 14 24 38 

Zaleszczyki 48 36 84 

Zbaraz 40 39 79 

Zborow 20 19 39 

Zloczow 49 40 89 

Zöikiew 49 28 77 

Zydaczöw 37 22 59 

Summe . 2.884 2.674 5.558 

Bukowina 

Stadt Czernowitz .... 56 54 110 

Czernowitz (Landbezirk) .31 40 71 

Gurahumora 27 10 37 

Kimpohing 26 25 51 

Kotzman 18 22 40 

Radautz 32 17 49 

Sereth 13 15 28 

Storozynetz 30 14 44 

Suczawa 11 17 28 



Waschkoutz a. Czeremosch 8 13 

Wiznitz 30 16 

Zastawna 14 7 

Summe . 296 250 



D a 1 m a t i e n 

Benkovac 21 32 

Cattaro 36 24 

Curzola 33 19 

Imotski 25 16 

Knin 26 13 

Lesina 16 13 

Macarsca 27 26 

Metkovic 3 6 

Ragusa 16 12 

San Pietro 14 13 

Sebenico 30 24 

Sinj 43 45 

Spalato 55 42 

Zara 48 36 

Summe . 393 321 



21 

46 

21 

546 



53 
60 
52 
41 
39 

29 
53 
9 
28 
27 

54 
88 
97 
84 
714 



Übersicht nadi Ländern. 

Niederösterreich . . . 1.240 1.284 2.524 

Oberösterreich .... 284 280 564 

Salzburg 104 74 178 

Steiermark 604 493 1.097 

Kärnten 132 154 286 

Krain 176 166 342 

Triest 101 62 163 

Görz und Gradiska . . 79 70 149 

Istrien 184 129 313 

Tirol 362 266 628 

Vorarlberg 47 35 82 

Böhmen 2.032 1.987 4.019 

Mähren 769 912 1.681 

Schlesien 203 197 400 

Galizien 2.884 2.674 5.558 

Bukowina 266 250 546 

Dalmatien 393 321 714 

Summe . 9.890 9.354 19.244 



Ein blinder flal. 

Die deutsche zoologische Station in Rovigno, pflegt einen blinden 
Aal, der schon durch vier Jahre gehungert hat, noch immer. Am 
17. März 1910 lag das Tier mit einer schweren Kopfwunde am Rande 
des Süßwasserteiches. Der Aal lag mit der vorderen Hälfte seines 
Körpers am Land. Vom Kopf W'ar ihm der ganze Oberkiefer bis zu 
den Mundwinkeln hin samt den Augen weggerissen und die Hirnhöhle 



Seite 206. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 12. Nummer. 

lag frei. Die Wunde blutete noch frisch. Man nahm das Tier in der 
Hand mit nach Hause und setzte es in ein leerstehendes Becken des 
Seewasseraquariums, denn der Aal verträgt ja Meerwasser und Süß- 
wasser gleich gut. 

Die Wunde war nach ein paar Tagen ausgeheilt und das augen- 
lose Tier schwamm mit großer Vorsicht in seinem Käfig herum. All- 
mählich hob sich der Unterkiefer, da ihm ja das Widerlager fehlte, 
und stellte sich vor die Mundöffnung. Nach dieser Verletzung war es 
für den Aal natürlich ganz unmöglich, feste Nahrung zu sich zu nehmen. 
Es wurde auch nie versucht, ihm etAva fein zerriebenes Fleisch zu rei- 
chen. Er lebt nur von den im Meerwasser gelösten organischen Ver- 
bindungen, welche durch die Kiemen aufgenommen werden und so 
sein Leben erhalten. 

Da ihm die Augen fehlten, hat er niemals versucht, sich tags- 
über in dem Geröll am Grunde des Beckens zu verkriechen, wie dies 
die gesunden Aale machen. Vielmehr hängt er fast immer wie ein 
Sprenkel (gebogene Rute zum Vogelfange) nahe der Wasseroberfläche 
mit dem Kopfe nach oben. Niemals ruht er auf dem Boden aus. Seine 
Schwimmbewegungen sind sehr langsam, fast vorsichtig. Berührungen 
weicht er sofort nach vor- oder rückwärts sehr behend aus. Für Sonnen- 
licht scheint er nicht empfindlich und macht einen apathischen Ein- 
druck. Da er sich beim Schwimmen normal hält, höchstens um eine 
Kleinigkeit schief hängt, scheinen die Gleichgewichtsorgane nicht 
nennenswert verletzt zu sein. 

Personalnachrichten. 

Regier un'gsrat F. H. Ulbrich in Mell< sah sich durch andauernde 
Kränklichkeit genötigt, seine Stelle als Direktor des Mädchen-Blindenheimes »Elisabe- 
thinum« und seine Ausschußstelle im Blindenheimverein niederzulegen. Daß damit 
dieser hochverdiente Blindenfreund unserer Sache nicht verloren ist, geht aus folgen- 
den Zeilen hervor, mit denen er seine diesbezügliche Mitteilung begleitet: »Von 
unseren Blinden zu scheiden, fällt mir sehr schwer, ja ich bin es nicht im Stande. 
Sollte ich daher noch einmal so weit gesunden, daß ich das Elisabethinum besuchen 
kann, so werde ich die Pfleglinge als alter Freund sehr gern und vielleicht öfter, 
als es mir in der letzten Zeit möglich war, besuchen, um ihnen vorzulesen und in 
einer oder der andern Disziplin kleine Vorträge zu halten.« Gott gebe, daß sich 
diese Hoffnung bald und für lange Zeit erfülle ! 

— Die Blindenvereinigung in Crefeld im Rheinland hat Ende Oktober d. J. 
den Direktor des k. k. Blinden-Erziehungs-Institutes in Wien, Regierungsrat 
Alexander Meli, in Kenntnis gesetzt, daß sie ihn in Würdigung seiner Verdienste 
um die Blindenfürsorge zu ihrem Ehrenmitgliede ernannt hat. 

— Fachlehrer Fr. De mal, welcher nunmehr 15 Jahre als Blindenpädagoge 
an der n. ö. Landes-Blindenanstalt in Purkersdorf wirkt, wurde zum Hauptlehrer 
ernannt und in die IX. Rangklasse der n. ö. Landesbeamten befördert. 

— Auszeichnung. Sr. Majestät der Kaiser hat der als Blindenfreundin 
bekannten Pianistin und Schriftstellerin Anny v. Newald- Grasse die bronzene 
Ehrenmedaille des roten Kreuzes huldvollst verliehen. 

Hus den Rnstalten. 

— N. ö. Lande s-B lindenanstalt in Purkersdorf. Eine Weihnachts- 
freude bereiteten sich die Zöglinge dieser Anstalt, indem sie 1000 Päckchen mit 
Zigarren, Tabak, Zucker, Kaffee, Bürsten u. s. w. als Weihnachtsspende für die Sol- 
daten im Felde herstellten und jedem Päckchen zwei kleine Kerzen und ein Blatt 
in Stachelschrift mit einem Spruch und ihrem Namen beilegten. Diese Spenden 
wurden in der Art von den Zöglingen selbst geleistet, daß sie auf einen Teil jener 

Herausgeber: Zentral verein für das österreichische Blindenwesen in Wien. Redalctionskomitee: K. Bürklen, 
J. Kneis, A. v. Horvath, F. ühl. — Druck von Adolf Englisch, Purkersdorf bei Wien. 




2. Jahrgang. Wien, Jänner 1915. 1. Nummer. 



^ Die Methode des Blinden-Unterrichts entstehet und ordnet ^ 

m m 

^ sich erst nach und nach durch die praktischen Erfahrun- ^ 

^ gen von Männern, die sich diesem Geschäfte aus innerem ^ 

Wi Triebe widmen. j. w. Klein. ^ 



Grundsätze für die Einrichtung einer 
modernen Blindenfibel. 

Von Direktor K. Bürklen, Purkersdorf. 

Von den Anforderungen an das erste Lesebuch der Sehenden, 
die Fibel, bezüglich Sprache, Schrift und Inhalt können nicht alle 
prüfungslos für eine Blindenfibel übernommen werden. Nicht nur die 
verschiedenen Lebensverhältnisse, in welchen sich sehende und blinde 
Kinder befinden, spielen hiebei eine Rolle. Viel schwerer fallen die 
Tatsachen ins Gewicht, daß wir es in der Blindenschule mit einer ganz be- 
sonderen Schrift und einem ganz eigenartigen Lesevorgang, dem Tastlesen 
zu tun haben. Es erscheint bei der Bedeutung, welche die Fibel für 
den gesamten Elementarunterricht besitzt, von ganz besonderer Wichtig- 
keit, sich über die Anlage einer modernen Blindenfibel klar zu werden. 

Wenn man zwischen dem Lesenlernen der sehenden und blinden 
A B C-Schützen einen Vergleich ziehen will, so erscheint die Beibringung 
der mechanischen Lesefertigkeit in der Blindenschule ungleich schwieri- 
ger. Das bedarf wohl keiner Begründung für den Elementarlehrer 
blinder Schüler. Da aus diesen Ursachen die Erlernung des Schreibens 
der Punktschrift in den österreichischen Blindenschulen nicht im ersten, 
sondern im zweiten Schuljahre stattfindet, haben wir es bei einer 
Blindenfibel mit einem reinen Lesebuche zu tun. Schon darin liegt 
eine Abweichung von den Fibeln für Sehende, welche fast durchwegs 
mehr die Schreib- als die Leseschwierigkeit berücksichtigen, also Schreib- 
Lese-Fibeln sind. Wir haben darin, ebenso wie in dem Wegfall der 



Seite 212. Zeitschrift für das österreichische Blindcnwesen. 1. Nummer. 

Großbuchstaben, dem Vorhandensein einfacher Zeichen für Doppellaute 
(ei, au usw.) sowie phonetischer Schreibungen (ch, seh,) eine Entlastung 
zu sehen, die dem Verfasser einer Blindenfibel nur willkommen sein 
kann, aber auch darin wieder auf eine besondere Anlage dieses Lehr- 
behelfes hinweist. 

Aus Rücksicht auf die Sprachentwicklung in der Schule in einer 
Fibel diejenigen Laute und Lautverbindungen voranzustellen, welche 
die geringsten Sprechschwierigkeiten bieten, um nach und nach zu den 
schwierigeren Lauten und ihren Verbindungen fortzuschreiten im Sprach- 
und Leseunterricht, also das phonetische Prinzip, ist in der Blinden- 
schule von ganz besonderer Bedeutung. Der Blinde erlernt die Sprache 
nur durch das Gehör, die Gesichtsbeobachtungen der Sprachbewegungen 
entfallen bei ihm. Die Folge davon sind eine Reihe von Sprachfehlern, 
mit denen die blinden Kinder in den Unterricht eintreten und eine 
erhöhte Schwierigkeit beim Lautieren, welchen Übelständen nur durch 
phonetisch einwandfreie Lautentwicklung begegnet werden kann. Daß 
hiebei die an Taubstummen geübte Lautiermethode, Erfassung der 
Stellungen und Bewegungen der Sprechwerkzeuge durch das Gefühl 
usw. eine besondere Beachtung verdient, hat bereits Direktor Kunz 
(Blindenfreund 1909, S. 34) hervorgehoben. Heute, wo die richtige Laut- 
entwicklung im Elementarunterrichte Vollsinniger als ein Haupterfor- 
dernis betrachtet wird, kann sie der Blindenlehrer umsoweniger ablehnen. 

Betrachtet man die uns zur Verfügung stehenden Blindenfibeln 
auf diese Forderung hin, so finden wir nur in einer (Peyer, Hamburg 
1906) den phonetischen Aufbau berücksichtigt. In allen andern fehlt 
jede Spur davon. Allerdings ist für die Blindenschule kaum eine rein 
phonetische Fibel mit ihren Anhäufungen sinnloser Lautverbindungen 
zu wünschen, sondern es empfiehlt sich bei größerer Berücksichtigung 
des phonetischen Prinzips im Sprachunterrichte für die Fibel der gol- 
denen Mittelweg: phonetischer Aufbau, aber unter möglich- 
ster Vermeidung sinnloser Wörter, also nicht Phonetik um 
jeden Preis. Bedeutungsloser Lesestoff wird der Entwicklung der 
mechanischen Lesefertigkeit wegen nicht ganz umgangen werden können. 

Was die Lautgewinnung anbelangt, so ist die An- 
knüpfung an Empfindung s- und Nachahmelaute, wie sie die 
modernen Fibeln für Sehende aufweisen der früher üblichen 
Normalwörtermethode unbedingt vorzuziehen, denn auch 
damit entspricht man am besten den phonetischen Forderungen. 

Dem Mangel physiologischer Kenntnisse über das Tastlesen der 
Blinden ist es zuzuschreiben, daß alle bisherigen Fibelverfasser in den 
Grundzügen der Anlage der bei Vollsinnigen gebräuchlichen Fibeln 
gefolgt sind, trotzdem sich wohl jeder sagen müßte, daß Gesichts- und 
Tastlesen auf verschiedenen Voraussetzungen beruhen und wesentlich 
verschieden sind. Das, was Dr. Th. Heller über das Tastlesen bei Blinden 
klar gestellt hat, genügt wohl nicht, sollte aber doch auch nicht acht- 
los übergangen werden. Älteren Fibelverfassern fehlte zu einer dies- 

In Österreich: Messner-Linhart, Fibel für Blinde. Pawlik: Fibel (in 
böhmischer Sprache) 1896, 1909. In Deutschland: Riemer u. a., Fibel für deut- 
sche Blindenschulen (Vereinsfibel) 1889. Dürener Blindenanstalt, Fibel für deutsche 
Blindenanstalten 1892. Haase, Fibel für den ersten Leseunterricht der Blinden, 
1904. Peyer, Fibel für Blinden, 1906. 



1. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 213. 

bezüglichen Berücksichtigung allerdings jede Grundlage. Auffallend ist 
es jedoch, wie sie die Verschiedenheit der Linienschrift der Sehenden 
und der Punktschrift der Blinden übersehen konnten. Sind doch fast 
ajle bisher erschienenen Blindenfibeln nichts weiter als Übertragungen 
von Schreib-Lese-Fibeln für Sehende. Schon ein flüchtiger Blick in die 
Anordnung der Zeichen a, m, i, m, v, w usw. genügt, um diese Tat- 
sache zu bestätigen, wenn auch die Vorausteilung des a als einfachstes 
Zeichen auf eine Anordnung nach der Leseschwierigkeit hindeuten soll. 
Die Ursache hiefür liegt in der mangelnden Klarstellung der Lese- 
schwierigkeit der Punktschriftzeichen, denn sonst hätte man nicht die 
Schriftzeichen der Sehenden für das Auge und die Punktzeichen für 
die tastenden Finger des Blinden in der Lesefertigkeit einander gleich- 
stellen können. Die größte Berücksichtigung der Leseschwierigkeit findet 
man noch in der Fibel von Haase, denn er beginnt mit den ein- bis 
dreipunktigen einfachen, a, b, 1, aber schon in der Folge verschwindet 
jeder weitere Hinweis darauf Wenn P eye r von seiner Fibel behauptet, 
daß sie die Tastschwierigkeiten beachtet, da sie die Buchstaben, die leicht 
zu verwechseln sind, nicht zu gleicher Zeit einführt, so hat er einem 
richtigen Gefühle in allzugroßer Beschränkung und vielleicht gerade in 
entgegengesetzter Richtung zufolgen versucht. 

Um bei der A usarbeitung einer Lesefibelfür Blinde 
eine Reihung der Buchstaben nach ihrer Leseschwierig- 
keit vornehmen zu können, muß also erst diese klargestellt 
sein, denn nur auf dieser Grundlage kann ein halbwegs 
einwandfreier Gang eingehalten werden. Meine diesbezüg- 
lichen Untersuchungen (Blindenfreund 1913) stellen einen Versuch hiezu 
dar. Ohne Frage muß die Anordnung der Zeichen nach 
ihrer Leseschwierigkeit in einer modernen Blinden fi bei 
mehr Berücksichtigung finden als bisher. 

Auch die Bestrebungen neuer Fibelpädagogen inbezug auf den 
Fi bei in halt werden in der Zukunft für den Elementarunterricht in 
der Blindenschule nicht zu übersehen sein, um auch aus der Blinden- 
fibel ein wirkliches Lese- und Kinderbuch zu machen. Der Anreiz, welchen 
heute kindertümliche und reizvolle Abbildungen in den Fibeln für 
Sehende bilden, muß bei der Blindenfibel leider wegfallen. Umso- 
mehr soll der Lesestoff aus dem unmittelbarsten Leben 
der blinden Kinder gegriffen sein, ihnen durch Interesse 
am Lesestoff über die mechanischen Schwierigkeiten des 
Lesens hinweghelfen und ihnen mit dem Lesen nicht Qual, 
sondern Freude machen. Das dürre Ödland der Wortgruppen 
in unseren heutigen Fibeln, die sich zu einer sinngemäßen Verarbeitung 
absolut nicht eignen, müssen einem dem blinden Kinde naheliegenden 
und abwechslungsreichen Lesestoff Platz machen. Den Versuch, in den 
Fibel zusammenhängenden Stoff aus dem Erfahrungskreise des Kindes 
zu bieten, hat bereits Peye r unternommen. Daß er bei diesen Bestreben 
jedoch den Beginn mit dem Märchen, »Bremer Stadtmusikanten« macht, 
entspricht nicht ganz seiner Absicht. Wir haben übrigens nach dieser 
Richtung hin in einigen modernen Fibeln für sehende Kinder (Gamsberg, 
Göbelbecker, Kolar u. a.) gute Vorbilder. 

Freilich wird man gegen eine derartige Konzentration des Fibel- 
stoffes auf den äußerst beschränkten Anschauungs- und Erfahrungskreis 



Seite 214. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 1. Nummer. 

unserer blinden Elementarschüler das eintönige abwechslungsarme Leben 
in unseren Internaten hinweisen können. Aber man darf dabei nicht 
vergessen, daß wir im gesamten Elementarunterrichte, hauptsächlich 
aber im Anschauungsunterrichte im Sinne eines Erlebnisunterrichtes die 
Vorarbeit tür das, was in der Fibel an Lauten, Merksätzen usw. geboten 
wird, zu leisten haben. Ohne diese Grundlegung und Verbindung wird 
der Inhalt der Fibel den Kindern immer nur mechanischer interesse- 
loser Lesestoff bleiben. Fibel und Elementarunterricht stehen im innigster 
Zusammenhang. Und gerade weil die Fibel meistens bestimmend auf 
den Elementarunterricht zurückwirkt, könnte uns eine einwandfreie 
moderne Fibel nur vom größten Nutzen sein. 

Es gäbe noch eine lange Reihe vqn Fragen, die der Verfasser 
einer Blindenfibel bereinigt wissen möchte, besonders jene, welche der 
Eigenart eines ersten Blindenlesebuches entspringen und die in der 
allgemeinen Fibelliteratur nicht zur Erörterung gelangen. Ich habe im 
Vorstehenden nur die grundsätzlichen Fragen berührt, gegenüber denen 
die anderen von untergeordneten Bedeutung erscheinen. Wer die vor- 
handenen Blindenfibeln daraufliin durchsieht oder gar nach einer von 
ihnen arbeitet, wird Gutes wie Mangelhaftes in ihnen erkennen, das 
Gute zu verbessern und das Mangelhaite zu beheben trachten. Und 
nur dadurch kann der Wunsch nach einer modernen Blindenfibel Er- 
füllung finden. 

Für unsere Kriegsblinden. 

Das große Interesse, welches sich in der Öffentlichkeit den unglück- 
lichsten Opfern dieses grausamen Krieges, den erblindeten Soldaten, zu- 
wendet, ist ein erfreuliches Zeichen für die Tätigkeit unserer Fachkreise 
nach dieser Richtung hin. 

Schon jetzt stehen wir vor der traurigen Tatsache einer 
sehr großen Zahl von Erblindungen der im Felde stehenden 
Soldaten. In allen Spitälern Wiens finden sich solche Unglückliche; das 
als Spital eingerichtete k. k. Blinden-Erziehungs-Institut in Wien II beher- 
bergt eine Anzahl erblindeter Soldaten und aus den größeren Provinz- 
städten wurde uns ebenfalls eine Reihe von Erblindungsfällen bei Kriegs- 
kranken gemeldet. Der Dekan der medizinischen Fakultät in Budapest, 
Prof. Dr. Emil von Groß faßt sein Urteil über die Kriegserblindungen in dem 
Satz zusammen: »Ich kann sagen, daß die unverhältnismäßig große 
Zahl der an beiden Augen im Kriege erblindeten eine natürliche Folge 
der modernen Kriegführung ist«. Und Augenarzt Dr. A. Toi dt schreibt, 
nachdem er über zwei Fälle totaler Erblindung berichtet: »Einseitige 
Erblindung gibt es leider nur allzuviele!« Wir stehen also am Beginn 
einer Fürsorgetätigkeit mit neuen schweren Aufgaben. Gebe Gott, daß 
wir ihr gerecht zu werden vermögen! 

Vor allem erscheint es notwendig, die Öffentlichkeit wie die amt- 
lichen Stellen auf die Wege zu leiten, auf denen die erblindeten Sol- 
daten nach Möglichkeit einer neuen Existenz zugeführt werden können. So 
hat denn der I. österr. Blindenverein in Wien VIII auf Anregung des 
Herrn Holrates H. Ritter von Chlumetzky sich an das k. k. Ministerium 
des Innern mit dem Ersuchen gewendet, dasselbe möge die Leitungen 



1. Nummer. Zeitschrift für das österreicfiische Biindenwusen. Seite 215. 

von Spitälern und Rekonvaleszentenheimen durch die politischen Landes- 
stellen anweisen lassen, die bei ihnen in Pflege befindlichen erblindeten 
Soldaten über die einzelnen Blindenbildungsanstalten und Fürsorgevereine 
für Blinde und Erblindete behuis Erlangung von Ratschlägen zur Er- 
lernung eines Blindenhandwerkes aufzuklären. Das genannte Ministerium 
hat in umgehender Erledigung diesem Ansuchen vollinhaltlich stattge- 
geben und folgenden Erlaß an die politischen Landesstellen hinausgegeben. 

Z. 9. 134/S. Wien, am 12, Dezember 1914. 

Der 1. österr. Blindenverein, der es sich zur Autgabe stellt, das 
traurige Los der im Felde erblindeten Soldaten tunlichst zu lindern 
und erträglicher zu machen, hat sich an das Ministerium des Innern 
mit dem Ersuchen um Förderung seiner Bestrebungen gewendet. 

Im Sinne dieses Ersuchens sind die Verwaltungen aller Kranken- 
und Rekonvaleszentenanstalten, in welchen kranke, bzw. verwundete 
Soldaten Aufnahme finden, einzuladen, die in Betracht kommenden 
Pfleglinge darauf aufmerksam zu machen, daß Blinde in den Gewerben 
des Bürsten- und Korbmachens, Stuhl- und Mattenflechtens in Blinden- 
instituten ausgebildet werden und sich dann durch Ausübung eines 
dieser Gewerbe selbständig fortbringen können. Auch ist dem Kranken 
die Erlernung der Blindenschrift zu empfehlen und nahezulegen, sich 
behufs näherer Auskünfte an die in ihren Heimatländern befindlichen 
Blindenanstalten sowie behufs Gewährung von Geldunterstützungen 
oder Versorgung an die bestehenden Blindenfürsorgevereine zu wenden. 
Das vom genannten Vereine zusammengestellte Verzeichnis der öster- 
reichischen Blinden-Erziehungsanstalten und Blindenfürsorgevereine 
liegt bei. 

Schließlich wird die k. k. Statthalterei-Landesregierung aufge- 
fordert, den Blindenanstalten und Blindenfürsorgevereinen die Obsorge 
für die erblindeten Soldaten eindringlichst nahezulegen, damit das Los 
dieser Unglücklichen gemildert und verhindert wird, daß sie der 
Armenpflege zur Last fallen. 

Der k. k. Minister des Innern: 
H e i n o 1 d m. p. 

Durch diese Aktion der Aufklärung dürfte sowohl den erblindeten 
Soldaten wie auch der Fürsorge für dieselben ein wichtiger Dienst er- 
wiesen worden sein. Die inbetracht kommenden Anstalten und Vereine 
werden sich ohne Zweifel der patriotischen Pflicht, ihr Möglichstes 
auch für unsere Kriegsblinden zu tun, bewußt sein. Als erste Stätte 
der Humanität hat sich das k. k. Blinden-Erziehungs-Institut in Wien II 
den erblindeten Soldaten aufgetan. In demselben wurden bisher nicht 
nur zehn erblindete Soldaten gepflegt, sondern man vermochte die 
Unglücklichen auch zu beruhigen, zu trösten, zu helfen und so den 
gesunkenen Lebensmut und die Erkenntnis zu wecken, daß der Er- 
blindete durchaus nicht vergessen wird und nicht dem Sckicksal 
bürgerlicher Unbrauchbarkeit verfällt. Auch Versuche, sie in ein Blinden- 
handwerk einzuführen, wurden bereits gemacht. Dieser Hauptaufgabe,, 
die Kriegsblinden durch Arbeit wieder dem Leben zurückzugeben, unter- 
ziehen sich bereits mehrere Blindenanstalten in Wien und in der Provinz 
und auch der I. österr. Blindenverein in Wien hält es für seine patrioti- 



Seite 216. Zeitschrift für das österreichische Biindenwesen. 1. Nummer. 

sehe Pflicht und sein satzungsmäßig festgelegtes Recht, seine Wirksam- 
keit auf die im Felde erblindeten Soldaten auszudehnen, welche, wenn 
auch für den AugenbHck der Not entzogen, doch später sicherlich unter 
denselben schwieligen Lebensbedingungen ihre Existenz finden werden, 
wie es Tausende von Blinden tun müssen. Auf dieses Ziel hat der Verein 
in einem von der Tagespresse veröffentlichten Aufrufe hingewiesen, 
welcher die Gründung eines Fondes für diesen Zweck anstrebt. Es ist 
nämlich heute schon ersichtlich, daß die Mittel der für Blinde bestehenden 
Fürsorgeinstitutionen den Anforderungen nach Ausbilduug und Beschäf- 
tigung der erblindeten Soldaten nicht gewachsen sein werden, da die 
Fürsorge für die Jugendblinden ja im gleichen, wenn nicht vermehrten 
Umfange, bestehen bleibt. 

In dieser Erkenntnis ist man also auch schon von mehreren Seiten 
am Werke, die Öffentlichkeit zur Hilfe für die Kriegsblinden aufzurufen. 
Die diesbezügliche Aktion des I. österr. Blindenvereines ergab bisher 
eine Sammlung von 1 800 K. Der damit begründete Fonds soll zur Er- 
richtung eines provisorischen Heimes und der Ausbildung von Kriegs- 
blinden als Handwerker in den Werkstätten der »Produktivgenossenschaft 
der blinden Bürstenbinder und Korbflechter«, eventuell auch als Klavier- 
stimmer und Musiker verwendet werden. 

F'rau Luise Gräfin Pötting-Persing, geboren Gräfin P o d- 
stadsky -Liechtenstein, k. k. Feldmarschalleutnantswitwe, hat dem 
I. österr. Blindenvereine Papiere im Werte von 20.000 K mit der aus- 
drücklichen Bestimmung zugewiesen, daß das Erträgnis derselben zur 
Ausbildung in einem Blindenberufe sowie zur Unterstützung von im 
Felde erblindeten Soldaten verwendet werden soll. Es wird hiedurch 
dem Vereine ermöglicht, auf Grundlage dieses Kapitales und der Er- 
trägnisse aus verschiedenen Aktionen des Vereines für die erblindeten 
Soldaten dem gestellten Ziele näherzutreten. Möge das edelsinnige Bei- 
spiel dieser holien Aristokratin Nachahmung finden. 

Im gleichen Sinne wie der genannte Verein ist der »Verein zur 
Ausbildung von Spätererblindeten in Wien I, behufs Erweiterung seiner 
Anstalt in Wien XIX tätig. 

Als Ehrendenkmal sozialer Hilfsbereitschaft muß die Sammlung 
der »Neuen Freien Presse< für die im Felde erblindete 
Angehörige des Her res bezeichnet werden, denn sie brachte in 
wenigen Wochen den erblindeten Soldaten ein Weihnachtsgeschenk von 
100.000 K. Zwei hochherzige Wiener Damen, Frau Anna Thor seh 
und deren Tochter Baronin Melanie Ferstel faßten den Entschluß, 
sich an die Spitze einer Aktion zu stellen, die darauf abzielt, jenen 
Angehörigen des Heeres, die durch Verwundungen im Felde des Augen- 
lichtes beraubt M^urden, eine neue bürgerliche Existenz zu schaffen. Die 
beiden Damen übersandten der »Neuen Freien Presse« den Betrag 
von je 10.000 Kronen und stellten sich damit an die Spitze einer 
Sammlung, welche schon jetzt so reichliche Früchte trägt. Ueber die 
Verwendung dieser Gelder ist vorläufig noch nichts bekannt, doch 
kann es bereits mit Genugtuung und Dank erfüllen, daß sie vorhanden 
sind und sich hoffentlich noch bedeutend erhöhen, um nach Bedarf dem 
edlen Zwecke zugeführt zu werden. 

Im »Neuen Wiener Tagblatte« rief Herr Regierungsrat H. Käm- 
merer ebenfalls zu Sammlungen für die erblindeten Soldaten auf und 



1. Nummer Zeitschrift für das österreichische BHndenwesen. Seite 217. 

regte hiebei die Schaffung von Bündenpensionen an. In Salzburg ist der 
unermüdliche Blindenfreund Dr. A. Toi dt für die Kriegsblinden tätig 
und hat für seine Absichten auch die dortige Presse gewonnen. Wir 
müssen jetzt schon einer Ehrenpflicht nachkommen, indem 
wir unserer Tagespresse den Dank für ihr erfolgreiches 
Eintreten in dieser humanitären Sache ausdrücken. 

Als schön und wahrhaft menschlich sollen auch die Worte fest- 
gehalten werden, mit deuen die »Fachzeitung für die österr.-ung. Korb- 
warenindustrie« den Aufruf des I. österr. Blindenvereines begleitet. »Hat 
schon« — heißt es darin — >der Blinde in Friedenszeiten ein Anrecht 
auf Erlernung und Ausübung eines ihm möglichen Handwerkes, um wie 
viel mehr der im Krieg erblindete Soldat, der dort sein Leben in die 
Schanze schlug, um den daheimgebliebenen Mitbürgern ein ruhiges 
Dasein zu ermöglichen. Es wird zwar auch jetzt noch kleinlich denkende 
Fachleute geben, die ob der Unterweisung von im Kriege erblindeten 
Soldaten in unserem Gewerbe ihr Geschrei erheben werden, allein hierum 
haben wir uns nie bekümmert und werden uns auch künftighin nicht 
darum bekümmern.« 

Die Weihnachtszeit ließ der Kriegsblinden besonders gedenken. 
Der I. österr. Blindenverein bereitete 19 ganz oder teilweise erblindeten 
in den Spitälern Wiens liegenden Soldaten durch Geldunterstützung und 
Geschenke eine kleine Weihnachtsfreude. 

Frau Professor Johanna Bergmeister wies aus dem Ertrage der 
von ihr veranstalteten Wenckebach- Vorlesung in der »Urania« in Wien 
für Weihnachten der im Felde eiblindeten Angehörigen des Heeres den 
Betrag von 1 00 K zu. 

Über die den erblindeten Soldaten im k. k. Blinden-Erziehungs- 
Institute bereitete Weihnachtsfeier berichten wir an anderer Stelle. 

Wenn wir den Bericht über die Fürsorge für unsere 
Kriegsblinden mit einem Wunsche schließen dürften, so 
ist es der, daß diese Aktion, in der heute bereits so viele 
edelgesinnte Kräfte tätig sind, die sicherlich für die Sache 
das Beste wollen, sich nicht zersplittern sondern gemein- 
sam einem Ziele zustreben möge: Viribus unitis! 

„Erziehe und behandle das blinde Kind nicht 
anders als ein sehendes". 

Der Satz kehrt als Grundsatz in fast allen Abhandlungen über die 
Erziehung blinder Kinder für Eltern und Lehrer wieder. Diesem Rat- 
sshlage folgt dann gewöhnlich eine lange Reihe von Anweisungen wie 
das blinde Kind besonders zu behandeln ist, also anders als das 
sehende. 

Darin liegt wohl ein Widerspruch und in der gebrauchten Allge- 
meinheit kann also der Satz keine Geltung haben. Das Erziehungs- 
ziel soll bei blinden wie sehenden Kindern das gleiche sein, d. i. mög- 
lichste Vervollkommnung zum Guten, Wahren und Schönen. Zur Er- 
reichung dieses Zieles bedarf es aber infolge des Gebrechens bei blinden. 
Kindern besonderer Erziehungsmittel und besonderer Wege 



Seite 218. Zeitschrift für das österreichische BUndenwesen. 1. Nummer. 

Wer erzieherischen Einfluß auf Blinde im Kindes- und Jünghngsaher zu 
nehmen hat, fühlt oft genug die Unzulänglichkeit des eingangs ange- 
führten Satzes und bedauert, daß die Psychologie des Blinden noch so 
wenig erforscht ist, denn ohne tiefere Erkenntnis seines Seelenlebens 
tappen Eltern wie Erzieher bei der Behandlung Blinder immer wieder 
im Dunkeln. 

Der Satz wäre daher so zu begrenzen: »Begehe dem blinden 
Kinde gegenüber keine Erziehungsfehler durch Gewähren- 
lassen und Erfüllung aller Wünsche, indem du stets an sein 
Gebrechen und seine Hilflosigkeit denkst, halte dir das 
Ziel der Erziehung zur Selbständigkeit, zur physischen 
Brauchbarkeit und moralischen Tüchtigkeit vor und dann 
wähle zur Erreichung die Mittel und Wege, welche das 
Gebrechen der Blindheit offen läßt!« K. B. 



Helene Keller für das Taubstummblindenheim 

in Wien. 

Die berühmte amerikanische Taubstumblinde Helene Keller, 
welche durch einen Wiener Freund von der Gründung des Taubstumm- 
blindenheims erfahren hat, äußerte sich in einem Briefe an einen der 
Wiener Förderer des Unternehmens folgendermaßen über diese Anstalt : 
»Ich bin in meinem tiefsten Innern erfreut von der neuen Anstalt für 
Taub-Blinde in Wien zu hören, und ich danke Ihnen und allen denen 
von ganzem Herzen, die sich für das schöne Werk interessieren. Das 
sind wirklich arme kleine Kinder, die aller Liebe, aller Hingabe und 
aller Fürsorge bedürfen, damit sie ein menschenwürdiges Dasein ge- 
winnen. Ich bin überzeugt, daß jeder, der sich vorstellt, wie mitleids- 
würdig ihr Schicksal, wie doppelt hart ihr Unglück ist, großmütig bei- 
tragen zur Unterstützung der Schule, die ihnen neues Licht und neue 
Hoffnung zu geben bestimmt ist. Ich selbst war einst ein verlassenes 
Kind der Finsternis, ein hilflos verirrtes Wesen in einer dunklen und 
kalten Welt. Ich wußte nicht, daß ich liebte und geliebt werde. Während 
die andern Kinder spielten, habe ich geseufzt, mich gehärmt und ver- 
gebens nach den Dingen gesucht, deren ich bedurfte. Da endlich hat 
eine Hand die meine berührt und brachte ihr eine Lichtbotschaft. Und 
siehe da! Nun wußte ich von Liebe und empfand die unaussprechliche 
Wonne der Befreiung. Ich wünsche dasselbe Glück für alle meine kleinen 
Brüder und Schwestern, die so wie ich, doppelt beraubt sind. Ich weiß, 
daß alle, die heiterblickende Kinder ihr Eigen nennen, Kinder, die sich 
fröhlich tummeln, die lachen, Küsse geben und bekommen, daß all 
diese glücklichen Eltern sich bemühen werden, diesen minder glück- 
lichen Kindern zu Hilfe zu kommen. Ich weiß, daß alle diejenigen, die 
helfen können, auf den Notschrei der kleinen Schiffbrüchigen hören 
werden und sie glücklich in den Hafen der Liebe und Erkenntnis 
bringen werden, in den Hafen, denn die neue Anstalt in Wien für sie 
bedeutet. Mit warmer Hochachtung und mit dem herinnigen Wunsch, 
daß ihr edles Werk Erfolg habe, bin ich aufrichtig die Ihre Helene 
Keller.« — 



1. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 219. 

Personalnachrichten. 

Karl Uehlein f. Mit dem am 25. Dezember 1914 in Wien verstorbenen 
Wohltäter aller Armen und Unglücklichen K. Uehlein ist ein warmherziger Freund 
der Blinden dahingegangen. Besonders trauern um ihn die Zöglinge der n. ö. Landes- 
BMndenanstalt in Purkersdorf, denen er jedes Jahr sowohl zu Weihnachten auch als 
am Schlüsse des Schuljahres und bei Ausflügen Geschenke zukommen ließ. Auch sonst 
ließ er kaum eine Fürsorgeinstitution für Blinde in Wien unbedacht. Gottes Barm- 
herzigkeit und ein seliges Ende bei dem hohen Alter von 85 Jahren wurde ihm dafür 
zuteil. Es ist nicht daran zu zweifeln, daß er auch durch Stiftungen für Blinde seinen 
Namen für immer auf der Tafel der Wohltäter Wiens verewigte. 

Die durch mehrere Jahre am Asyl für blinde Kinder in Wien XVII mit be- 
sonderem Erfolge tätig gewesene Kindergärtnerin Berhardine Nowotny hat 
sich nunmehr der Erziehung taubblinder Kinder gewidmet und eine Stelle als Kinder- 
gärtnerin im Taubblindenheime in Wien XIII angenommen. 

— Regie rungs rat P. H. Ulbrich wurde anläßlich des Rücktrittes von der 
Direktion des Mädchen-Blindenheimes ia Melk für sein selbstloses, ersprießliches 
Wirken auf diesem Posten der beste Dank und die vollste Anerkennung des 
n. ö. Landesausschusses ausgesprochen. 

— Regierungsrat A. Meli. Der Blindenunterstützungs-Verein »Die Purkers- 
dorfer« in Wien macht Mitteilung von der Ehrung des verdienstvollen Direktors 
des k. k. Blinden-Erziehungs-Institutes in Wien II. Am Dienstag den 15. Dezember 1914 
erschien eine Deputation obgenannten Vereines, bestehend aus den Herren Obmann 
U h 1, Obmannstellvertreter Hatschka, Schriftführer Hermann, und Vereinssekretär 
Bartosch, bei Herrn Regierungsrat Direktor Alexander M e 1 1 und überreichte ein 
prachtvoll ausgestattetes Ehrendiplom. Obmann Uhl hielt an den Gefeierten eine 
tiefdurchdachte Ansprache, in der er die vielen Verdienste hervorhob, die sich Herr 
Regierungsrat Direktor Meli um das gesamte Blindenwesen in Österreich erworben 
hat. Tiefgerührt dankte der berühmte Blindenpädagoge Österreichs für die Einnennug 
zum Ehrenmitgliede. 

Aus den Anstalten. 

— K. k. Blinden-Er zi ehungs-Institut in Wien II. Weihnachts- 
feier für erblindete Soldaten. Zu diesem am 23. Dezember 1914 ver- 
anstalteten Feste hatten sich eingefunden: die Gemahlin des Statthalters Baronin Anka 
B i e n e r t h, Prinzessin Hanna Liechtenstein, der Präsident des Hilfsvereines vom 
Roten Kreuz Graf Thurn, Gräfin Irma Palffy, Baron und Baronin Biedermann, 
die Hofräte Graf Steinach, Doktor Ri eger, v. K el 1 er, als Vertreter des Kriegs- 
fürsorgeamtes Oberstleutnant R v. Jasinsky, für das Pfadfinderkorps Präsident 
Sektionschef Baron Parisini und Oberleutnant Teuber, für den Berirk Leopold- 
stadt Gemeinderat Geltz, Schriftsteller Hugo v. Hofm a n n s th a 1 u. v. a. Nach- 
dem die Zöglinge das Weihnachtslied gesungen hatten, begrüßte Regierungsrat A. 
Meli die Anwesenden und führte in einer formvollendeten Rede aus, wie schwer 
das Schicksal sei, das die im Kriege erblindeten Soldaten betroffen habe. Pflicht 
aller sei es, ihr Los zu erleichtern und dieser Pflicht werde sich das Vaterland nicht 
entziehen. Mit herzlichen Worten gab er den Soldaten die Versicherung, daß sie 
bezüglich ihrer Zukunft nicht besorgt sein müssen, er erinnerte sie an das, was sie 
bereits in der Anstalt erlernt haben und wies auf die von den erst seit wenigen 
Monaten Erblindeten hergestellten Gebrauchsgegenstände hin, die im Saale ausgestellt 
waren. Beredte Worte des Dankes fand Regierungsrat Meli für die Faktoren, wel- 
che die heutige Feier ermöglicht, für die Pfadfinder, welche die Anstaltsleitung so 
wacker in ihrer Obsorge unterstützt und in seelischer Beziehung viel zur Aufmunterung 
der blinden Krieger beigetragen haben. Dann machte er die Mitteilung, daß der Kaiser, 
als er von der heutigen Feier erfuhr, für jeden Soldaten ein Geschenk geschickt 
habe, ein in Gold geprägtes Bild des Monarchen, und schloß mit einem begeistert auf- 
genommenen Hoch auf den Kaiser. Die Zöglinge, Soldaten und Gäste stimmten die 
Volkshymne an, worauf der fürsterzbischöfliche Ordinariatssekretär, Konsistorialrat 
M e r in k y vortrat und in herzergreifender Ansprache das Licht von Bethlehem als 
den Trost der Zukunft für die erblindeten Soldaten heranzog, ihnen von gläubigem 
Gottvertrauen predigte und sagte : »Ihr habt in treuer Pflichterfüllung für das Vater- 
land mehr verloren als das Leben ; das Augenlicht habt ihr geopfert für die Größe 
Österreichs, von dem wir wünschen, daß es ewig bestehen möge. So lange es Öster- 
reich gibt, wird eurer gedacht werden.« 

Nun wurden die Soldaten zu den Geschenktischen geführt. Für jeden waren 
eine Taschenuhr mit Schlagwerk, ein Sparkassebuch mit 200 K Einlage, vollständige 



Seite 220. Zeitschrift für das österreichische Bhndenweseh. 1. Nummer" 

Zivilkleidung, Wäsche, Bücher in Blindenschrift, Musikinstrumente, Rauchwaren und 
andere Gegenstände, die sie selbst gewünscht hatten beschert. Die anwesenden Damen 
und Herren unterhielten sich mit den Soldaten, erläuterten ihnen die Gegenstände und 
betrachteten ihrerseits mit großen Interesse das Geschenk des Kaisers. Es ist eine 
Goldmünze mit der Prägung des Jahres 1915 in der Größe eines Füntkronenstückes 
und hat den Wert von 50 Kronen. Nachdem die Geschenkpause vorüber war, trat 
ein erblindeter Soldat, Korporal mit der Einjährig-Freiwilligendistinktion, Andreas 
Woloszczak, ein Ruthene, vor und hielt in deutscher Sprache eine Dankrede, in 
der er sagte: »Wir haben soviel verloren; die Schönheit der Welt, der Natur, der 
Fluren und Felder sind für uns mit einem schwarzen Schleier verdeckt, jedoch wir 
klagen nicht. Es ist uns das Leben geblieben, der Verstand, das Gehör, die Sprache. 
Und damit müssen wir ersetzen, was uns fehlt. Wir hoffen, daß wir weiterkommen 
und uns mit dem, was uns geblieben ist, dem Vaterlande noch nützlich erweisen 
werden. Das gibt uns die Kraft, unser Schicksal zu ertragen.« Redner dankte besonders 
den väterlichen Direktor der Anstalt Regierungsrat Meli, den Pfadfinderkameraden, 
dann den Spendern und Gästen für die am heutigen Abend bewiesene Fürsorge. 

— N. ö. Landes-Blindenanstalt in Purkersdorf. Rotes Kreuz- 
Konzert. Die kunstliebenden Bewohner Purkersdorfs genossen mit diesem am 
13. Dezember 1914 stattgefundenen Konzert ein musikalisches Ereignis ersten Ranges. 
Von den hochherzigen Künstlern der k. k. Hofoper hatten sich in selbstloser Weise 
Herr G. M a i k 1, Fräulein C. Jovanovic und der Cellovirtuose Herr W. Klein- 
e c k e dem patriotischen Zwecke zur Verfügung gestellt. Daß sie mit dem Herzen 
sangen und spielten, verdoppelte den außerordentlichen Erfolg. Herr G. Mai kl er- 
zielte mit dem Lied aus demEvangelimann, der »Morgenhymne« von Hensche! und 
der Gralserzählung aus Lohengrin, Fräulein C. Jovanovic mit dem »Volkstümlichen 
Lied« von Schumann, dem »Czardas< aus Zigeunerbaron und der »Arie« aus Regiments- 
tochter einen Beifall, wie er in dem schönen Festsaale der Blindenanstalt noch 
selten gehört wurde. Von den andern Mitwirkenden gebührt vor allem Herrn 
W. Klei necke für sein seelenvolles Spiel auf dem Cello — »Air« von Bach 
»Romanze« und »Polonaise« von Popper — Dank und reiche Anerkennung. Aber 
auch die Zöglinge der Anstalt hielten sich mit der Vorführung von patriotischen 
Märschen und Liedern höchst wacker und legten damit Zeugnis ab für die schönen, 
Unterrichtserfolge der mitwirkenden Musiklehrer der Anstalt, Herr A. Krtsmary 
Herr F. Büllik und Herr K. Jeraj, von denen sich letzterer als musikalischer 
Leiter des Konzertes ein besonderes Verdienst erwarb. Lehrer O. Wanecek 
sprach in vorzüglicherWeise G. Hauptmanns ergreifendes Gedicht: »O, du mein 
Vaterland«. Am Schlüsse des Konzertes sprachen ein verwundeter Soldat und der 
Präsident des Roten Kreuzes, Herr Bürgermeister Dr. Hild, in bewegten Worten 
den mitwirkenden Künstlern den Dank aus. 

— Christfest. Mit dem am 23. d. M. abgehaltenen Weihnachtsabend feier- 
ten die zahlreich erschienenen Freunde und Gönner dieser Anstalt in Gemein- 
schaft mit den blinden Kindern und ihren Angehörigen ein wahres Friedensfest. Die 
Weihnachtsfeste der Anstalt zeichnen sich seit einer Reihe von Jahren durch ganz 
besondere Leistungen der Zöglinge auf musikalischen und deklamatorischen Gebiete aus 
So war es auch diesmal. Große Anerkennung errang sich Lehrer O. Wanecek 
mit dem von ihm verfaßten Weihnachtsspiele »1914«, zu dem Musiklehrer F". Büllik 
ein flottes Marschlied und ein Briefduett komponiert hatte und das in vortreftlicherWeise 
von den Zöglingen wiedergegeben wurde. Die von Musikfachlehrer Krtsmary ein- 
studierten Chöre und das von dem k. k. Hofmusiker K. Jeray geleitete Zöglings- 
orchester boten ebenfalls prächtige Leistungen. 

Die besondere Bedeutung des diesjährigen Weihnachtsfestes wurde von dem 
Anstaltsdirektor K. Bürklen und in Erwiederung von Landesschulinspektor Hofrat 
Ritter von Kummer, Landesrat Dr. A. F~ r e y, Bürgermeister Dr. H. H i 1 d als Vertreter 
des Bezirksschulrates und Pfarrer K. D o c z k a 1 i k hervorgehoben. Ganz besonders 
wurde betont, welch großes Verdienst sich der n. ö. Landesausschuß und die An- 
staltsleitung damit erworben hat, daß auch während der Kriegszeiten der vollkom- 
men normale Betrieb der Anstalt, die als Stätte wahrer Humanität den armen blin- 
den Kindern des Landes nun zum doppelten Segen wird, gesichert wurde. Tief er- 
griffen verließen alle Teilnehmer des Festes dieses Haus der Liebe und Menschlichkeit. 

— Versorgungs- und Beschäftigungsanstalt für erwachsene 
Blinde in Wien VIII. Konzert für verwundete Soldaten. Eine Regung 
schönen Mitgefühls hat die Pfleglinge dieser Anstalt bewogen, verwundeten und 



1. Nummer. Zeitschrift für das Österreichische Blindenwesen . Seite 122. 

kranken Kriegern, die gegenwärtig daselbst untergebracht sind, aus eigenem eine 
musikahsche Unterhaltung zu bieten. Die Anstalt hat — wie wir bereits berichteten ~ 
einen ihrer großen Säle dem Verwundetenspital des Leopoldineums und auch des 
Maria Theriesien-Hospitals zur Verfügung gestellt. Es sind dort 27 Soldaten unter- 
gebracht. Diesen zu Ehren sowie auch den andern bewegungsfähigen Verwundeten 
des Leopoldineums, die hiezu besonders eingeladen waren, veranstaltete das Orchester 
und der gemischte Chor der Blinden unter Leitung des Direktors und Verwalters 
O. K. Stoklaska am Donnerstag den 17. Dezember nachmittags, eine Musikpro- 
duktion, die viel des Unterhaltenden und Schönen bot, die anwesenden Verwundeten 
sichtlich erfreute und mit erstaunlicher Sicherheit verschiedene Musikstücke zu 
Gehör brachte. Es wäre ein besonderes Kapitel, die außerordentliche rhythmische 
Feinfühligkeit, mit der die Blinden musikalische Stimmungen im Orchester, am 
Klavier und in gemischten Behören zum Ausdruck bringen, gebührend zu würdigen. 
Das dankbare Publikum hatte daran sicherlich große Freude. Unter den Anwesenden 
befanden sich der Präsident der Anstalt, Rektor P. H e r s a n, Vizepräsident und 
Primarius des Leopoldineums Dr. Viktor Kienast, Pfarrer Plohn, Bezirksrat 
Rankel, Baronin Rosenzweig und andre. 

— In der Blindenversorgungs- und Beschäftigungsanstalt starb nach längerem 
Leiden die Blinde Johanna Hausknecht, 60 Jahre alt, nach 36. jährigen Aufenthalte 
in der Anstalt. — Neu aufgenommen wurden : Adolf Stradinger, Katharina E x i 1 1 e r 
und Marie Koppensteiner. — Der Stand mit Ende dieses Jahres beträgt: 
101 Pfleglinge (47 männliche, 54 weibliche). — 

— Anstalt zur Ausbildung von Spätererblindeten in Wien XIX. 
Diese Anstalt, deren Bestehen und Ausgestaltung in den kommenden Jahren von 
besonderer Bedeutung für die erblindeten Soldaten sein wird, erhielt von ihrem 
Gönner Baron Gustav Springer wie seit einer Reihe von Jahren neuerdings 20.000 
Kronen als Spende zugewiesen, Die reiche Gabe spricht deutlich genug für die 
Hochherzigkeit dieses selbstlosen Philanthropen. 

— Blindenlehranstalt in Linz. Konzert. Der bekannte Musiklehrer, 
Komponist und Domorganist Franz Neuhof er schreibt über das am 29. November 
1914 im Festsaale der Blinden-Beschäftigungsanstalt zugunsten der Kriegsfürsorge 
ftattgefundenen Konzert, das von den Zöglingen der Lehr- und der Beschäftigungs- 
anstalt unter Leitung des Lehrkörpers des Institutes ausgeführt wurde, folgendes: 

Der Erfolg der Veranstaltung war, sagen wir es gleich, ein ganzer und voller 
welcher hauptsächlich dem Wirken des unermüdlich tätigen und tüchtigen Musik- 
lehrers Herrn Fachlehrer Wo Ifg ruber zu danken ist. Da aber ein solches Wirken 
auch von der Leitung des Instituts entsprechend unterstützt und gefördert sein 
muß, so sei aus diesem Grunde dem Hochw. Herrn Direktor P 1 e n i n g e r wärmstens 
gedankt, denn hauptsächlich dadurch ist es möglich geworden, daß die Anstalt 
jetzt über einen geräumigen Festsaal verfügt, in dem Herr Orgelbaumeister 
J. L ach m ayr vor kurzem eine zweimanualige Orgel aufgestellt hat, welche sich 
bei dem Konzerte aufs vorteilhafteste bewährte. ^A as die Leistungen der Zöglinge 
der Lehranstalt anbelangt, so sangen sie den »Türkischen Marsch« von W. Briem 
und »Prinz Eugen« mit Klavierbegleitung (J. Lengauer) recht frisch, sicher und 
mit sehr guter Textaussprache; ganz außerordentüches bot aber der Frauen- und 
Männerchor der Beschäftigungsanstalt, von dessen Darbietungen einige geradezu 
als konzertfähig erklärt werden müssen. Besonders gilt dies von dem schwierigen 
gemischten Chore von E. Grieg: »Herbststurm« und den Chören aus Elias: »Der 
Herr ging vorüber« mit Klavierbegleitung, und »Heilig« für Frauen-Solopuartett und 
gemischter Chor mit Orgel. Der Frauenchor brachte »O Herr, ich bin nicht würdig«, 
von Goller rührend schön, wobei besonders die beiden Solistinnen durch die Rein- 
heit und schöne Tongebung auffielen. Der nur einfach besetzte Männerchor wagte 
sich sogar an die Männerchöre aus dem »fliegenden Holländer« von R. Wagner 
und man muß sagen, jeder der Sänger füllte seinen Platz vollwertig aus. — Sehr er- 
freulich ist der Umstand, daß die Anstalt außer diesen guten Chören auch in den 
Zöglingen: G. Brie dl, J. Lengauer und Pernklau vorzügliche Musiker hat, 
die sich als Klavier-, beziehungsweise Orgelspieler überall hören lassen können, 
und welche teils in Einzelnvorträgen oder zusammen am Klavier und an der Orgel, 
teils als Begleiter tadellos ihres schwierigen Amtes walteten. Bei der Glanznummer des 
Programmes »Herbststurm« von E. Grieg begleitete der allseits bedankte Leiter 
des Konzertes, Herr Fachlehrer Wolf gruber den Chor selbst am Klavier, ebenso 
besorgte er die Orgelbegli^itung beim »Heilig« von Mendelsohn. Zum Schlüsse 
wurde unser »Gott erhalte« von allen Anwesenden mit Orgelbeglcituny gesungen. 



Seite 222. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 1. Nummer 

Möge der schöne Erfolg dieser Veranstaltung den begeisterten blinden Sängern 
und Musikern ein mächtiger Ansporn für ihre weitere musikalische Beteiligung sein! 

Das Konzert war aus den geladenen Kreisen des Klerus, Beamtenschaft, Lehr- 
stand und Bürgerschaft sehr gut besucht. Am Mittwoch, 2. d. M. wurde es ge- 
legentlich der Kaiserfeier bei Eintrittspreisen wiederholt. Nach Abzug der Kosten 
konnten 350 K an das Kriegsfürsorgeamt abgeliefert werden, 

Für den 9. Dezember 1. J. war vom Direktor eine Aufführung des Konzertes 
nur für geladene Verwundete geplant. Das k. u. k. Stationskommando Linz sendete 
jedoch folgende Zuschrift: 

»Mit Bezug auf die dortige Zuschrift Z. 940 von 3. 1. J. beehrt sich das Stations- 
kommando für die Einladung von Verwundeten zu dem am 9. 1. M. stattfindenden 
Konzert bestens zu danken, ist aber leider aus ärztlichen Rücksichten nicht in der 
Lage, die Beteiligung von Verwundeten zu gestatten.« 

In der Beschäftigungsanstalt ist auf Ersuchen der Militärbehörde der Raum zur 
Aufstellung von 150 Betten für Verwundete zur Verfügung gestellt. 

— Od i lie n-B linde na nstalt inGraz. Die Aufführung eines Weihnachts: 
festspieles am 20. Dezember 1914 war der Kriegsfürsorge gewidmet. Das Spiel, 
welches einen erhebenden Verlauf nahm und einen hübschen Ertrag für den patrio- 
schen Zweck lieferte, ist eine Dichtung der blinden Kindergärtnerin der Anstalt Lina 
Galitsch, welche zu dem Erfolge besonders zu beglückwünschen ist. 

— Francisco-Josephinum in Prag. Frau Direktor Wagner hat die 
Veranlassung getroffen, daß außer den weiblichen Pfleglingen der Klar'schen Blinden- 
anstalt auch die des Alterversorgungshauses »Francisco-Josephinum« am Smichow 
zu Strickarbeiten herangezogen werden. Die hiefür nötigen Garne wurden sowohl 
von Frau Direktor Wagner dem Versorgungshause als auch der Klar'schen Anstalt 
unentgeltlich zu Verfügung gestellt. Die blinden Mädchen arbeiten selbstverständlich 
vollkommen unentgeltlich. 

Mitteilung. 
Zentralverein für das österr. Blindenwesen. Die p. t. Ausschußmit- 
glieder werden zu der am Dienstag, den 12. Jänner 1915, um 5 Uhr, in der Ver- 
sorgungs- und Beschäftigungsanstalt für erwachsene Blinde in Wien VIII, Josefstädter- 
straße 80, stattfindenden Ausschußsitzung höflichst eingeladen. Tagesordnung: 
Mitteilungen. Hilfe für die durch Kriegsnot betroffenen Blinden. Fürsorge für die 
Kriegsblinden. Blindenfürsorgetag 1914. Allfälliges. 

Der blinde Russe. 

Von einer erschütternden Begebenheit berichtet ein Feldpostbrief, den der 
kürzlich gefallene Leutnant Richard Eh r eure i ch, von Beruf Schauspieler, an seine 
Kollegen vom BrUnner Stadttheater gerichtet hat. Ehren reich hat Befehl erhalten, 
eine Häusergruppe am San in Galizien in Brand zu setzen. An fünf Stellen wurden 
die Ortsränder angezündet — heißt es im dem Briefe — und dann rannten wir 
in unsere Dekungen. Atemlos langten wir an und ich brauchte gar keine Meldung 
zu überbringen. Die Tatsache sprach für die Durchführung des Befehles. 

Da plötzlich kam eine hohe Gestalt langsam aus dem Feuermeer auf uns 
zu und wir erkennen beim Näherkommen einen Russen. Wir rufen und winken ihm 
zu. Er bleibt nicht stehen, sondern geht langsam an uns heran, hoch aufgerichtet, 
eine Hand etwas vorhaltend, wie tröstend. Was tun? War er wahnsinnig? Oder 
wollte er sich ertjeben? Als er auf 30 Schritt nahe war, blieb er stehen und rührte 
sich nicht mehr. Unbeweglich wie aus Stein gemeißelt. Mein Nachbar wollte schießen. 
Im letzten Moment hielt ich ihn noch zurück. Es war klar, mit dem Russen war 
es nicht ganz richtig. .Also zwei Mann mit Bajonett auf, heraus und ihn holen. Sie 
kamen zu ihm und führten d-en Wehrlosen zu uns in die Deckung. Er war blind. 
Ein seitlicher Streifschuß war ihm durch beide Augen gegangen. Er war im Dorf 
vergessen worden, und als er das Knirschen des Feuers hörte, instinktiv weggegangen. 
Merkwürdigerweise äußerte er gar keinen Schmerz. Er wurde sorgsam verbunden 
und neben mir hin gesetzt, bis ein Abschub erfolgen konnte. Ich gab ihm zu trinken 
und rauchen und betrachtete ihn dann genauer beim Schein meiner Taschenlampe. 
Er hatte sehr intelligente Züge, war etwa 45 Jahre alt und trug einen Ehering. Ich 
fragte ihn, wie er hieße, erhielt aber keine Antwort. Nun wiederholte ich meine 
Frage französisch. Er horchte auf und gab mir dann Antwort. Unaufgefordert er- 
zählte er mir nun alles mögliche, im reinsten Französisch. Er hatte vier Kinder 
und war Juwelier in Sebastopol. 

Herausgeber: Zentralverein für das österreichische Blindenwesen in Wien. Redaktionskomitee: K. Bürklen, 
J. Kneis, A. v. Horvath, F. Uhl, — Druck von Adolf Englisch, Purkersdorf bei Wien. 




2. Jahrgang. Wien, Februar 1915. 2. Nummer. 



^ «Die Vorstellung eines Unglückes ist noch immer etwas ganz ^ 

^ anderes als das Unglück selbst, wenn es mit der furchtbaren ^ 

^ Gewißheit seiner Gegenwart eintritt, und für das größte Unglück, ^ 

^ das mich in meiner Person treffen könnte, halte ich Blindheit.« ^ 

£ (Briefe an eine Freundin.; W. V. Humboldt. sk 



Die Depression der später Erblindeten. 

Von kais. Rat Direktor Heller, Wien. 

Der Zustand jener Unglücklichen, welche im Jünglings- oder Mannes- 
alter die Sehkraft einbüßen, ist fast ausnahmslos von einer eigenartigen 
Gemütsdepression begleitet. 

So mannigfach von den Lebensverhältnisseti, sowie von Bildung 
und Temperament die Intensität und die Ausdrucksformen auch bedingt 
sein mögen, in welchen diese Depression hervortritt, so ist sie doch 
ihrem Wesen nach immer in dem Gegensatze zwischen dem Leben 
und Wirken in der Fülle des Lichtes und der Selbstbestimmung einer- 
seits und dem Leben in der Umnachtung und der Hilfslosigkeit andrer- 
seits begründet. 

Diesen Gegensatz fügt der Erblindete immer mehr in das Bewußt- 
sein durch den Vergleich zwischen Einst und Jetzt ein und 
es ist interessant und erschütternd zugleich, zu beobachten, wie mannig- 
fahig diese Vergleiche angestellt und durchgeführt werden. In der langen 
Erscheinungsreihe, welche solche Beobachtungen darbieten, bilden gerade- 
zu mathematisch-nüchterne Berechnungen und Abschätzungen der ver- 
lorenen Qualitäten und Erwerbungen, sowie phantastische Über- 
treibungen dieses Verlustes und der durch denselben hervorgerufenen 
Übel die entgegengesetzten Pole. 

Bemerkenswert und bezeichnend ist es, daß meist die bis- 
her einem geistigen Berufe Angehörigen es sind, welche sich in un- 
gerechtfertigten Übertreibungen verlieren und durch dieselben sich die 
Stimmung verderben, die Energie herabsetzen. 



Seite 228. Zeitschrift für das österreichische BHndenwesen. 2. Nummer. 

Diese Vergleichungen, welche auf die Gemütsdepression der Er- 
blindeten eine so bedeutende Einwirkung ausüben, sind keineswegs 
vorübergehende, sie sind permanente, oft geradezu beherrschende 
Aktionen. Sie werden nicht allein zur Gewohnheit, sondern auch zum 
Bedürfnis. Durch die Wiederholung erfahren die Resultate dieser 
Vergleiche oft mannigfache Veränderungen besonders dadurch, daß die 
in den Zustand der Blindheit hinübergenommenen Fähigkeiten und Er- 
werbungen dem Erblindeten immer minderwertiger erscheinen und in 
seiner Einbildung zu einem kümmerlichen Rest zusammenschrumpfen, 
den der Unglückliche mit der letzten Hoffnung fortwirft. 

Um die Berechtigung hierzu zu verstärken, kommt es oft genug 
vor, daß der Erblindete Vorkommnisse in seinem Leben — auch in 
dem anderer — aufsucht und heranzieht, welche beweisen sollen, wie 
das unerbittliche Schicksal sein Leben entzwei gerissen, ihn zur Verein- 
samung verurteilt hat. 

Über dieses düstere Bild breitet sich jedoch sofort jene Verklärung, 
welche von der himmlischen Lichtquelle ausgeht, die wir das Göttliche 
im Menschen nennen, wenn auf Grund eingehender Nachforschimgen 
bezeugt werden kann, daß — insofern sittlicher Ernst dem Erblindeten 
innewohnt — dieser nicht der buntwechselnden Erscheinungswelt mit 
ihrem Licht- und Farbenzauber nachtrauert, sondern seine Losreißung 
von der Berufstätigkeit, seinen Ausschluß aus den Reihen der nützlich 
wirkenden Menschheit, seine Verurteilung zu einem inhaltslosen Leben, 
seine Überantwortung an die fürsorgende Erbarmung beklagt. 

Und ebenso darf mit voller Bestimmtheit behauptet werden: Jene 
Vergleiche, welche so sehr geeignet sind, die schmerzliche Sehnsucht 
der später Erblindeten nach lichtvollen, arbeitsfreudigen Tagen zu einer 
unstillbaren zu machen, aus dunklen Tiefen das Gespenst der Langweile 
zu rufen, das die Tage zu Ewigkeiten ausdehnt, jene Vergleiche, welche 
die Zukunft mit Bildern der Lebensqual erfüllen, sie müssen nicht zu 
selbstquälerischen Grübeleien werden und als solche durch endlose 
Wiederholungen unabänderlich zur kontinuierlichen Depression 
führen. Die fatalistische, die traditionell-sentimentale Auffassung des 
Zustandes der Blindheit und seiner Konsequenzen hat in unsern Tagen, 
da die wissenschaftliche Blindenpädagogik die Aufforderung: „B e s i e g u n g 
des Unglücks durch die Lehre" zu ihrer Devise erhoben hat, da 
sie immer neue Methoden und Hilfsmittel zur Begründung und Er- 
weiterung der Leistungsfähigkeit der Blinden schafft, jede Berechtigung 
verloren. 

Das Vorurteil zu besiegen, daß der Verlust des Sehvermögens den 
davon Betroffenen zur Untätigkeit, Abhängigkeit und zur Bevormundung 
verurteilt, ist unsere Pflicht, weil uns die psychologische Untersuchung 
der Depression des später Erblindeten zu der oben dargelegten Über- 
zeugung führt, daß das Unglück des Lichtberaubten nicht in der herab- 
gesetzten Genußfähigkeit, sondern in der vermeintlichen Aufhebung der 
Leistungsfähigkeit besteht. 

Trostworte, und wären sie noch so tief empfunden, noch so herz- 
lich vorgetragen, werden dieses Vorurteil nicht überwinden; im Gegen- 
teil, sie werden gleich jenen Vorkommnissen, die wir konstatiert haben, 
dazu verwendet werden, den Vergleichen eine neue Richtung und der 
Depression eine neue Begründung zu geben. 



2. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 229.. 

Befreiung von der unheilvollen Gemütsdepression, Errettung aus 
dem Elend, welches diese dem Erblindeten bereitet, bringt einzig und 
allein die Tat! 

Und diese Tat kann nur in der Wiedergabe der Arbeitsfähig- 
keit auf gewerblichem und geistigem Gebiete bestehen. 

Hundertfache wissenschaftliche Beobachtungen haben unzweifelhaft 
erwiesen, daß schon durch die Anbahnung der Arbeitsfähig- 
keit in jenen Vergleichen, welche das Gemüt so tief erschüttern, eine 
Hemmung eintritt, durch welche die strenge Gliederung von Ursachen 
und Wirkungen, die den Zweifel erweckt und zur Verzweiflung führt, 
zerrissen wird und daß durch die zunehmende und endlich erlangte 
Arbeitsfähigkeit die Gegensätze zwischen Einst und Jetzt an Zahl, an 
Intensität und Wirkung stetig abnehmen. 

Das erwachende Bewußtsein des später Erblindeten, daß er die 
Leistungsfähigkeit wieder gewinnen könne, welches jene wohltätige 
Hemmung hervorbringt, bewirkt noch eine andere psychologische Er- 
scheinung von höchster, snnierender Bedeutung. Dieses Bewußtsein löst 
nämlich eine Freudigkeit aus, welche die Stimmung dauernd be- 
einflußt und ihr den melancholischen Charakter benimmt. Diese Freudig- 
keit breitet sich in weiterer Entwicklung der Arbeitsfähigkeit über alle 
Seelenvorgänge des Erblindeten aus, sie begründet sein Selbstvertrauen, 
seine Selbständigkeit und seinen Schaffenstrieb vom neuen und baut 
die sicherste Schutzwehr gegen die Wiederkehr der Gemütsdepression auf. 

Die Verhinderung jener Vergleiche mangels innerer 
Berechtigung kann nur durch Arbeit in dieses Wortes wahrer 
Bedeutung, also nur durch die planmäßige, streng gefügte Anordnung 
der Kräfte zur zielbewußten und vollendeten Hervorbringung von Lebens- 
werten, nicht aber durch eine Beschäftigung erreicht werden, welche 
zum Zeitvertreib unternommen wird. 

Somit muß die Arbeit in den Dienst einer Berufs er füllung 
treten, wenn sie ihre erlösende Macht über die Depression des später 
Erblindeten bewähren soll. 

Eine unabweisbare Forderung ist es, daß die Ausbildung der 
später Erblindeten nicht durch Unentschlossenheit und unfruchtbare 
Experimente verzögert werde, wodurch Zeit und Gelegenheit zu jenem 
unheilvollen psychischen Prozeß, der den Ausgangspunkt unserer Be- 
trachtung bildet, geboten und der Nährboden bereitet wird, auf welchem 
die Schwermut wohl gedeiht. 

Vor einem Forum von Autoritäten auf dem Gebiete der Augen- 
heilkunde wurde mir Gelegenheit, die Ansicht zu begründen und aus- 
zuführen,* (laß die Ausbildung schon im Vorstadium der ErbHndung, 
am besten sofort, sobald der Verlust oder die Herabsetzung des Seh- 
vermögens vom Arzte prognostiziert ist, in Angriff genommen werden soll. 

Die Zustimmung welche mir aus der illustern Versammlung 
zuteil geworden, wurde werktätig auch dadurch erwiesen, daß im Sinne 
meines Vortrages seitdem viele Patienten an die von mir begründete 
Anstalt zur Ausbildung von später Erblindeten empfohlen 
wurden Die Behandlung derselben hat zu Ergebnissen geführt, die 

*) »Prophylaktische Maßnahmen für später Erblindete.« Vor- 
trag, gehalten in der Wiener opthalmologischen Gesellschaft am 14. November 1910. 



Seite 230. Zeitschrift für das österreichische Biindenwesen. 2. Nummer. 

psychologisch von Bedeutung sind und einen neuen Weg in der Blinden- 
pädagogik bahnen dürften. 

Es hat den Anschein, als ob die Gemütsdepression durch niclits 
so sehr hervorgerufen, oder, wenn sie schon eingetreten ist, durch nichts 
so sehr verstärkt werden könnte, als durch den Versuch einer heil- 
pädagogischen Behandlung vor der gänzlichen Erblindung, also in einem 
Stadium, da die Hoffnung auf Wiedergewinnung des Sehvermögens — 
mindestens für den Blinden selbst — noch mit Recht fortbesteht. 

Aber das Bedürfnis des Patienten, das Sehorgan in seinen 
Leistungen zu entlasten und die unwillkürliche Übung, die mangelhaften 
Gesichtswahrnehmungen durch Nachtasten zu kontrollieren und zu 
ergänzen, haben bereits in jenem Stadium wirkungsvoll und richtung- 
gebend, ja vorbildlich dasjenige eingeleitet, was der Blindenlehrer zu 
unternehmen hat. Wenn er diese von der Natur vorgezeichnete Methode 
ausbildet, so gehen nach und nach in die Qualitäten des Tastens, die- 
selben durchdringend, die Qualitäten des Sehens über und der Umwand- 
lungsprozeß vollzieht sich so allmählich, so in der Form einer Natur- 
notwendigkeit, daß anstatt depressiver Empfindungen das Interesse des 
Erblindeten erregt, ihm die Befriedigung eines neuen Besitzes verschafft wird. 

Durch einen derartigen Vorgang wird ein Ausgleich bewerk- 
stelligt, der von der Blindenpädagogik auf allen Gebieten als ein höchster 
Erfolg angestrebt wird. 

Und diese Wohltat wird zur Erlösungstat erhoben, wenn sich die 
Ausbildung das Ziel stellt, den später Erblindeten so auszurüsten, daß 
er sein Berufsleben ganz oder auch nur teilweise dort wieder anzu- 
knüpfen vermag, wo das grausame Geschick es entzwei gerissen. 

Wem es vergönnt ist, einen von Depression einst niedergebeugten 
Erblindeten nun hocherhobenen Hauptes, mit freudiger Zuversicht die 
liebgewordenen Bahnen zielbewußt wieder beschreiten zu sehen, und 
wer sich sagen darf, an diesem Werke einen Anteil zu haben, der mag 
empfinden, daß es nichts Höheres gibt, als sein Leben in den Dienst 
der Humanität zu stellen. 

Zur Versorgung unserer Kriegsblinden. 

Die Fürsorgeaktion für die im Felde erblindeten Soldaten ist bereits 
soweit vorgeschritten, daß sie die Fachmänner hauptsächlich im Hinblicke 
auf die Art der Durchführung zu wertvollen r\ußerungen veranlaßt. 

So schreibt Hofrat Ritter von C h 1 u m e t z k y (Brunn) hiezu folgendes : 
»Es wird sich nun darum handeln, die Frage, betreffend die Art 
der Hilfeleistung für die erblindeten Soldaten in zweckentsprechender 
Weise zu lösen und da werden sich sehr erhebliche Schwierigkeiten 
entgegentürmen. Vom Standpunkte des modern denkenden ßlinden- 
freundes aus erscheint wohl keine Form für die Lösung geeigneter, als 
diejenige, die durch die Ausbildung der sich hierzu eignenden Erblindeten 
in einem Gewerbe und sohin in der Scliafifung selbständiger Erwerbs- 
existenzen gegeben ist, und diese Auffassung kommt auch schon jetzt 
sowohl in der Presse als auch in den Kreisen der an der Fürsorge- 
tätigkeit Beteiligten allgemein zum Ausdrucke. An eine Armenfllege oder 
almosenhaft geschlossene Fürsorge, insoweit arbeitsfähige Individuen in- 



2. Nummer. Zeitschritt für das österreichisclie Blindenwesen. Seite 231. 

betracht kommen, denkt niemand, der im modernen Blindenwesen Be- 
scheid weiß, und der Anonymus, der neulich in der »Neuen freien Presse« 
aut das große Pariser Blindenhospital »Quinze Vingt« als auf ein auch bei 
uns nachahmenswertes Vorbild hinwies, hat wohl keine Ahnung von den 
Einrichtungen und dem Wesen dieser großen Fütterungsanstalt. Auch 
nicht von dem ungeheuren Vermögen, über welches sie verfügt. 

Was mich anlangt, so trete ich natürlich auch für die Ausbildung der 
erblindeten Soldaten zu Handwerkern oder für einen sonst gangbaren 
Blindenberuf ein. Den Unterricht in der Punktschritt erachte ich für alle als 
selbverständlich, kann mich aber gewisser Bedenken gegen eine weit- 
gehende Zuführung der neuen Schicksalsgenossen auf das Gebiet selb- 
ständiger Erwerbstätigkeit nicht verschließen. Diese Bedenken gründen 
sich auf die Tatsache, daß es schon heute schwer ist, nur für den geringen 
Bruchteil der arbeitsfähigen Blinden, die sich einem Blindenberufe widmen, 
wirklich ausreichende Arbeit mit entsprechendem Absatz zu finden. Die 
meisten unter diesen, ausgenommen vielleicht die Klavierstimmer, führen 
doch nur eine höchst kümmerliche Existenz, die eben nur dem genügen 
kann, der sehr bescheidene Ansprüche ans Leben stellt. Das wissen 
wir ja alle. Nun soll eine erkleckliche Anzahl neuer Bewerber um das 
nämliche Brot mit einem Schübe auf den Plan treten und überdies in 
einer Zeit, in welcher, wie es nach dem Kriege zweifellos sein wird, eine 
tiefgehende wirtschaftliche Depression zur Herrschaft gelangt. Der Kampf 
ums Dasein in der härtesten Form wird da sämtliche produzierende 
Kreise ergreifen, mag auch der Krieg manche Lücken in sie reißen. Es 
werden noch immer mehr als genug Menschen, gesunde, kräftige, sehende 
Menschen übrig bleiben, die sich vergebens um Arbeit umsehen werden. 
Wer wird da auch noch die Lage der blinden Arbeiter ins Auge fassen.'' 
Noch lauter als bisher wird bei den brotneidigen Gewerbetreibenden 
der Ruf erschallen: »Die Blinden sollen betteln gehen, wie die Tausende 
von andern Krüppeln, die der Krieg dazu gemacht hat«. Und dieser Rut 
wird Anklang finden in der allgemeinen Not. Deshalb möchte ich dringend 
raten, bei Inangriffnahme und Durchführung des Planes, die erblindeten 
Soldaten erwerbsfähig zu machen, mit größter Vorsicht vorzugehen. 
Namentlich erscheint es sehr bedenklich, den armen Teufeln, die man 
über ihr trauriges Los trösten will, zu große Hoffnungen in Betreff der 
Gestaltung ihrer Existenz als blinde Gewerbetreibende zu machen. Man 
würde sie der bittersten Enttäuschung aussetzen und aus der Charybdis 
in die Scylla stürzen. Von einer blinden Generalisierung wird ja über- 
haupt sicherlich keine Rede sein. Man wird im Gegenteile jeden einzelnen 
der neuen Schicksalsgenossen eindringlich um seine Wünsche und seine 
Fähigkeiten befragen und mit ihm darnach vorgehen; aber auch da darf 
man in den Leuten keine sanguinischen Regungen erwecken, mufj sie 
vielmehr zur Geduld ermahnen und auf die Schwierigkeiten und Ent- 
behrungen aufmerksam machen, die ihnen bevorstehen. Sehr verfehlt 
wäre es auch, diejenigen erblindeten Krieger, die auf eine ärarische 
Invaliden- Versorgung Anspruch machen, durch das Hinüberziehen auf 
das Erwerbsgebiet der Gefahr, diese einzubüßen, auszusetzen. Mir sind 
die Absichten der maßgebenden militärichen Kreise in dieser Beziehung 
sowie die diesbezüglichen Vorschriften nicht bekannt, aber die Annahme 
ist naheliegend, daß das Militär-Ärar sich durch die Aussicht auf die 
Schaffung einer Erwerbsquelle für die erblindeten Soldaten ausErsparungs- 



Seite 232. Zeitschrift für das österreichische Blindeinvesen. 2. Nummer. 

rücksichten bestimmen läßt, den inbetracht kommenden Leuten die 
Invaliditäts-Gebühr abzusprechen. Das muß entschieden vermieden vi'erden 
uud deshalb empfehle ich dringend, daß der Zentralverein schon bei 
Zeiten die erforderlichen Erkundigungen beim Militär einziehe und dort 
hinsichtlich der erblindeten den Soldaten aus ihrer Erwerbstätigkeit erwach- 
senden Chancen aufklärend wirke. Um die neuen Schicksalsgenossen 
für einen Blindenberuf imd in der Punktschrift auszubilden, dafür werden 
wohl die gesammelten Mittel ausreichen, ob dann aber noch etwas übrig 
bleiben wird, um die Bedürftigen, deren Zahl gewiß eine bedeutende 
sein wird, zu versorgen, möchte ich bezweifeln. Es ist daher eine große 
und schwere Aufgabe, welche der in Rede stehenden Hilfsaktion harrt. 
Sie wird aber auch dann eine segensreiche sein, w^enn sie nur teilweise 
zu Erfolgen führt. Man muß sich nur immer gegenwärtig halten, daß 
jedes Menschenwerk unvollkommen ist. Es wird schon freudigst zu 
begrüßen sein, wenn nur nicht zu viele der Erblindeten dem Bettelstabe 
verfallen; aber aucii da muß auf das Ziel mit vernünftigen Mitteln und 
mit Ausdauer losgegangen werden« 

Der sich mit den ärarischen Versorgungsbezügen erblindeter 
Soldaten befassende Teil vorstehender Ausführungen kann schon heute 
dahin beantwortet werden, daß eine Superarbitrierung Kriegs- 
erblindeter durch die militärischen Behörden vor Kriegs- 
abschluß nicht stattfin den wird. Bis zu diesem Zeitpunkte bleiben 
also erblindete Soldaten im Genüsse der ihnen zustehenden Militärbezüge. 
Beim Übertritte in den Zivilstand sollen sie die Invalidengebühr und 
eine Verwundetenzulage, die zusammen jährlich ungefähr 300 K betragen 
dürften, erhalten. Den traurigen Mut, diese geringe Entschädigung für 
ein namenloses Unglück den Betroffenen aus irgend einem Grunde zu 
entziehen oder zu schmälern, kann selbst ein stahlgepanzerter Fiskus 
nicht aufbringen. 

Viel schwerwiegender sind die Bedenken gegen die dauernde 
Eingliederung und Beschäftigung Kriegsblinder ins Gewerbe. Es 
wird hiezu nicht nur großer Mittel bedürften, welche den zuständigen 
Anstalten und Vereinen zur Verfügung zu stellen sind, sondern es wird 
die alte Frage um das >Recht des Blinden auf Arbeit« endgültig geregelt 
werden müssen. Gerade die Lage dei im Kampfe ums Vaterland er- 
blindeten Krieger wird schwer in die Wagschale zugunsten der Blinden- 
arbeit fallen und trotz aller Gegegenströmungen wird es zu einer befrie- 
digenden und hoffentlich endgiltigen Lösung dieser Sache kommen müssen. 

Einen weitgehenden Votschlag für die gewerbliche Ausbildung 
und die notwendige Bereitstellung von Mitteln hiezu übermittelt Direktor 
Vinko Bek (Agram) unserem Blatte mit nachstehenden Zeilen. »Da die 
Kroaten der Monarchie nur in Agram einen Blindenverein haben — 
Drustva Sv. Vida — , welcher sich der Kriegsblinden kroatischer Nationa- 
lität annimmt, ist es sicher, daß er für eine größere Zahl erblinderter 
Soldaten zu sorgen haben wird. Nachdem wir nun sehr wenige Mäcene 
zählen und das Volk ohnedies viel für seine tapferen Krieger tut, 
schlugen wir hier zur Versorgung kriegsblinder Soldaten einen Weg vor, 
der sicher zum Ziele führen könnte. Durch den Grafen Miroslav Kulmer 
tat man hier Schritte, damit das Kriegsministerium einen jeden Kriegs- 
blinden auch nach der Heilung als Kranke behandelt und 



2. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 233. 

zwar solange, als er in der hiesigen Blindenanstalt seine 
Ausbildung genießt. Die auf jeden Kriegsblinden entfallende Erhal- 
tungsgebühr sollte dem Blindenverein zufließen. Es wäre dies ein ähnlicher 
Vorgang wie beim »Roten Kreuz«, das für jeden Verwundeten einen 
bestimmten Betrag per Kopf und Tag erhält. Ich enthalte mich hier 
jeder weiteren Begründung umsomehr, als alle wissen, mit welchen 
Schwierigkeiten ein Blindenverein schon unter normalen Verhältnissen 
zu kämpfen hat, um sein segenvolles Werk durchzuführen. Dringt selbst 
die vorgeschlagene Idee durch, so wird es noch immer Lücken geben, 
die der privaten Wohltätigkeit zu schließen überlassen bleiben. Mutig 
zur Arbeit!« 

Im Anschlüsse an den Artikel über unsere Kriegsblinden in der 
vorigen Nummer verzeichnen wir noch eine weitere Reihe von Aktionen, 
welche sich einerseits mit der Beschaffung der notwendigen Mittel zur 
.-Fürsorge für Kriegsblinde, andererseits mit deren praktischer Ver- 
wendung befassen wollen. 

Das unter dem Protektorate Ihrer k. u. k. Hoheit der durchlauch- 
tigsten Frau Erzherzogin Zita stehende Kriegsfürsorgeamt des k. u. k. 
Kriegsministeriums richtet an alle warmfühlenden Menschen den drin- 
genden Apell, mitzuhelfen, damit für die armen Kriegsinvaliden (Offiziere, 
Militärbeamte und Mannschaften) ein bleibender Hifsfonds gebildet 
werden könne. Die Hilfsaktion, welcher dieser Fonds zu dienen hätte, 
insoweit hiefür nicht schon die k. u. k. Kriegsverwaltung Vorsorge zu 
treffen in der Lage ist, sollte sich neben andern Invaliden auch auf 
die Fürsorge für erblindete Soldaten und Offiziere erstrecken. 

Weiters wurde am 30. Dezember 1914 von der k. k. n. ö. Statt- 
halterei Vertreter der Blindenfürsorgeeinrichtungen zur Einleitung einer 
Hilfsaktion für die im Felde erblindeten Soldaten zu einer Beratung 
geladen. Nach einem eingehenden Berichte des Regierungsrates A. Meli 
über seine Erfahrungen bei den im k. k. Blinden-Erziehungsinstitute 
untergebrachten blinden Soldaten und Anhörung der andern anwesenden 
Fachleute wurden die Richtungslinien für die Durchführung der Hilfs- 
aktion in folgender Art festgestellt. In der Fürsorge für die Kriegs- 
erblindeten ist das Hauptgewicht auf die Zuführung derselben zu den 
Blindenberufe zu legen, um sie durch angemessene Betätigung der 
arbeitenden Menschheit zu erhalten. Die Berufswahl soll bei möglichster 
Individualisierung unter Berücksichtigung des früheren Berufes und der 
materiellen Verhältnisse sowie des Willens des Erblindeten geschehen. 
Außer der möglichst freien Einzelfürsorge, müsse für die wirtschaftlich 
Schwachen, Alleinstehenden und körperlich Untauglichen an die Unter- 
bringung in Anstalten gedacht werden. Der Vorschlag zur Erriciitung 
eines militärisch organisierten Invalidenhauses für erblindete Soldaten 
wurde jedoch als veraltete Form der Versorgung abgelehnt. 

Zur Durchführung dieser Autgabe bildete sich unter dem Vorsitze 
des k. k. Hofrates Felix Grafen Steinach das »Fürsorgekomitee 
für Kriegserblindete bei der k. k. n. ö. Statthalterei«, das 
am 9. Jänner 1915 nach Wahl des Regierungsrates A. Meli zum Ge- 
schäftsführer sofort an die Arbeit ging. Es werden vor allem Versuche 
gemacht werden, einen Überblick über die Zahl, wie die Verhältnisse 
der erblindeten Soldaten zu gewinnen. Die Kriegsvervvaltung soll gebeten 



Seite 234. Zeitschrift für das österreichische Biindenwesen. 2. Nummer. 

werden, die Superarbitrierung derselben erst in einem entsprechenden 
Zeitpunkte vorzunehmen. Nach MögHchkeit sollen die erblindeten 
Soldaten dem k. k. Blinden-Erziehungs-Institute als Aufnahmszentrale 
zugeführt werden, wo sie bis zu ihrer Heilung und Behebung ihrer 
seelischen Depression verbleiben sollen, um dann an die bestehenden 
Fürsorgeinstitutionen für Blinde zur beruflichen Ausbildung und weiteren 
Beschäftigung abgegeben zu werden. Inwieweit die bestehenden Anstalten 
und Vereine für eine solche Übernahme inbetracht kommen können, 
soll ein Rundschreiben an dieselben ermitteln. Es wurde hiebei dem 
Bedenken Ausdruck gegeben, daß die Anstalten und Vereine für Blinde 
den damit verbundenen Neuanforderungen aus eigenen Mitteln nicht 
werden genügen können, da sie heute kaum für die vorhandenen 
Blinden hinreichend sorgen können. Das Komitee wird sich also auch 
mit der Beschaffung von Mitteln, die durchaus keine geringen sein 
werden, befassen müssen. 

Dem Komitee gehören außer den bereits genannten Herren an: 
Kais. Rat Direktor S. Heller, Schriftsteller Hugo von Hofmanns- 
thal, Obmann A. von Horvath, Landesausschuß K. Kunschak 
(Vertreter: Direktor K. Bürklen) und Oberstabsarzt Dr. Pick. 

Auch m Böhmen wurde eine derartige Aktion eingeleitet, wie 
nachstehende Notiz anzeigt: In der Statthalterei m Prag fand am 
26. Jänner 1. J. zur Bildung eines für die Fürsorge für die erblindeten 
Soldaten einzusetzenden Komitees eine Sitzung statt, an der Statthalter 
Fürst Thun, der Präsident der Landesverwaltungskommission Graf 
Schön bor n, Vertreter des Landeshilfsvereines vom Roten Kreuz 
sowie die der Militärkommandanten von Prag und Leitmeritz und andre 
Persönlichkeiten teilnahmen. Bei der Bildung des Komitees wurde 
Weihbischof Dr. Frind zum Vorsitzenden und zum Geschäftsführer 
der Oberbeamte der Böhmischen Sparkasse Karl Dedera, Obmann- 
stellvertreter des Kuratoriums der Klarsehen Blindenanstalt, gewählt. 
Dem Komitee wurden vom Statthalter die bisher für die erblindeten 
Soldaten eingelangten Beträge übergeben Der Statthalter erbat sich die 
Erlaubnis, als außerordentliches Mitglied des Komitees den Sitzungen 
beiwohnen zu können. Ein gleiches Ersuchen stellte der Vizepräsident 
des Landeshilfsvereines vom Roten Kreuz Dr. Schedlbauer für den 
genannten Verein. 

Die Fürsorge für die im Kriege Erblindeten 

in Ungarn. 

Aus dem gegenwärtigen Kriege mit seinen Millionenschlachten von 
unerhörter Vehemenz, Hartnäckigkeit und Vernichtungsgewalt wird eine 
weit größere Zahl von Invaliden hervorgehen, als jemals aus früheren 
Feldzügen. Leider bestätigt sich diese Befürchtung schon jetzt auch in 
Bezug auf die Blindgeschossenen. In dieser Voraussicht hat der Landes- 
verein der Blindenfürsorge in Ungarn es sofort als seine berufsmäßige 
Pflicht erkannt, mit den Blinden der Heimat auch die im Kriege Erblin- 
deten aus den Fesseln ihrer Hilflosigkeit zu befreien und einem tätigen 
und dadurch menschenwürdigen Leben entgegenzuführen. 



2. Nummer. Zeitschrift für das österreichische BHndenwesen. Seite 235. 

Auf Grund der Ausschußbestinimung vom 25. Oktober 1914, 
wurden vorläufig im hauptstädtischen Institut der Blindenfürsorge, VII., 
Herminenstraße 7, geeignete Räume zur Autnahme heimatsberechtigter 
blinder Soldaten abgesondert und eingerichtet wo sie liebevoll empfangen 
werden und ihr Gemüt zunächst Beruhigung findet. Unterricht in mancher- 
lei Handwerken und Künsten gibt ihnen die Befähigung wieder, sich 
selbständig ihr Brot zu verdienen und die Möglichkeit, die Bedürfnisse 
des Geistes nach vielen Richtungen zu befriedigen. 

Die Anmeldungen und Aufnahmen sind im Zuge. 

(Aus der Vorstandssitzung des Landesvereines der Blindenfürsorge, 
Budapest, am 15. Jänner 1915.) Prof. Adolf v. Szily, kön. Hofrat 

Vizepräsident. 

Zu demselben Gegenstande schreibt Kollege S. Alt mann: 

Seit einigen Wochen bin ich damit beschäftigt, zu ermitteln, wo 
und wie viele im Kriege erblindete Soldaten geflegt werden. 

Unter dem gesammelten Material habe ich zwei Ausschnitte, welche 
die folgenden Äußerungen des Dekans der medizinischen Fakultät in 
Budapest, Prof, Dr. Emil von Groß, enthaltend: 

» . . . . Ich kann .... sagen, daß die unverhältnismäßig 
große Zahl der an beiden Augen im Kriege Erblindeten 
eine natürliche Folge der modernen Kriegführung ist. Allein in der 
unter meiner Leitung stehenden ersten Universitäts-Klinik haben wir ja 
in den ersten drei Kriegsmonaten zwölf an beiden Augen unheilbar er- 
blindete Verwundete gepflegt .... 

Schon aus diesem einen Datum geht hervor, daß in den Spitälern 
der Hauptstadt (Budapest) und des Landes sich eine große Zahl 
von' Kriegserblindeten befindet, deren Versorgung eine gemein- 
schaftliche Pflicht des Staates und der Gesellschaft ist.« 

Die Sammlung des »Pester Lloyd« für die im Kriege erblindeten 
Soldaten schreitet vorwärts. Schon sind 10.000 Kronen erreicht! Ein 
Beweis, daß die opferwillige Gesellschaft ein Verständnis für den großen 
Verlust hat, den die im Kriege erblindeten Soldaten erlitten haben. Nun 
kommt die Kunst zur Hilfe der eingeleiteten Aktion! Frau Nelly Hirsch- 
Rad ö, eine Meisterin der Illustrationskunst, hat mir ein Kunstwerk zur 
Verfügung gestellt. Zwei Blessiertenträger: Sanitätssoldaten tragen einen 
am Auge schwer Verwundeten iu die Augenklinik. Ein zweiter mit ver- 
bundenen Augen wird von einem am Arm Verwundeten in die Klinik 
geführt. Das Tor der Klinik ist weit geöffnet; eine schlanke hohe Frauen- 
gestalt empfängt die Verwundeten; aus dem Gebäude strömt helles Licht 
— Symbole der Heilung. Noch nie hat eine Künstlerin ihre Aufgabe 
so gut verstanden und so meisterhaft ausgeführt, wie in diesem Falle. 
Die Franklin- Gesellschaft hat die Reproduktion übernommen, und die 
Kriegsfürsorgekommission wird die Korrespondenzkarten für die 
im Kriege Erblindeten in Vertrieb setzen. 

Blindenfürsorgetag (Blindenlehrertag) Wien, 1914. Die Druck- 
legung des Verhandlungsberichtes über diesen Tag verzögerte sich durch 
die widrigen Zeitverhältnisse. Die Mitglieder des Ortsausschusses be- 
schäftigen sich in einer am 12. Jänner 1. J. abgehaltenen Sitzung mit 
dieser Frage und faßten diesbezüglich einen Entschluß, durch den die 
Herausgabe des Berichtes nunmehr gesichert erscheint. 



Seite 236. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 2. Nummer. 

Hus den Anstalten. 

N. ö. Land es-B lind enanstalt in Purkersdorf. Soldatendank an die 
Zöglinge. Die Liebesgaben, welche die Zöglinge dieser Anstalt den im Felde stehen- 
den Soldaten zu Weihnachten entboten, erreichten die Truppen der Ostarmeen in 
Russisch-Polen und zwar sind es unsere unvergleichlich tapfer kämpfenden Bundes- 
genossen aus dem deutschen Reiche, denen sie zukamen. Eine Reihe von Feld- 
postkarten von westfälischen, brandenburgischen und schlesischen Regimentern zeigen 
von der freudigen Aufnahme, welche die geringen, aber so herzlich gemeinten Gaben, 
fanden. Einige Zuschriften seien als Dokumente aus schwerer, aber großer Zeit 
festgehalten. 

»Die Kompagnie dankt herzlich für die heute eingetroffenen Weihnachts- 
gaben und wünscht den gütigen Spendern viel Glück im neuen jähre.« 

Schmidt, Lt. d. L. 

»Mit vielen Dank bestätige ich den Erhalt der werten Gabe (Bürstej. Daß 
alle, sogar liebe Blinde, mit uns sind und ihren Teil beitragen zu der Erfüllung 
unserer großen Aufgabe, tut uns Kriegern im kalten Rußland wohl und flößt uns 
Mut und Vertrauen ein. Möge Gott Euch dafür lohnen!« 

Mit herzlichem Gruß Alois Pasch, Wehrmann. 

»Mein lieber Junge ! Im Namen meiner Kompagnie, an die Deine Weihnachts- 
gabe gelangt ist, danke ich Dir herzlichst. Wir kämpfen mit den lieben Öster- 
reichern zusammen in treuer Waffenbrüderschaft und werden es den Russen 
schon anstreichen. Hoffentlich erhältst du diese Karte, die ich Dir aus dem 
Schützengraben schicke.« Weinberg. Lt. 

»Lieber Spender! Heute erhielt ich bei der Liebesgabenverteilung Dein 
kleines Paket Zigarien mit dem schönen Spruch für Österreichs Waffen. Es ist 
ja freilich an uns Deutsche gekommen, aber auch wir sind dafür dankbar. Mit 
Gruß von unseren schweren Geschützen und dem Wunsche für den Sieg der 
Österreicher und Deutschen der Kanonier H. Hulsch.« 

»Hierdurch teile ich Dir, mein unbekannter Freund mit, daß ich Deine 
Liebesgabe erhalten habe. Gerade weil es aus Österreich kam, war die Freude 
doppelt groß. Wir sind stolz, mit österreichischen Kameraden in enger Fühlung 
zu sein.« Herzliche Grüße! G. Leipold. 

»Lieber Freund! »Heil dir, du Reich, dem keines gleich, mein Vaterland mein 
Österreich!« — Wahrlich, ein schöner Spruch auf unser treues Nachbar- und Bundes- 
land! Deine Gabe ist zu uns gelangt und wir haben uns darüber sehr gefreut. Ob 
wir hier mit der Waffe in der Hand kämpfen, ob Ihr daheim Eurer Hände segens- 
reiches Werk den Soldaten im Felde widmet, wir dienen alle nur für die Erkämpfung 
des Friedens und für die Freiheit Österreichs und Deutschlands. Dankbaren Herzens 
gedenken wir Euer, denen das Schicksal das Licht des Auges, nicht aber den 
Sonnenschein im Herzen versagt, denen die kunstgeül)te Hand das erhabene Be- 
wußtsein gibt, mitzuhelfen am Wohle der Soldaten und des Valerlandes. Nimm 
von einem deutschen Soldaten herzlichsten Dank und aufrichtige Grüße entgegen. 
Es lebe Euer geliebter Kaiser Franz Josef und sein treuer Bundesgenosse unser 
deutscher Kaiser.« Unteroffizier H. Liebe. 

»Habe soeben Deine Liebesgabe erhalten und sage hiermit meinen herzlichsten 
Dank. Es sind noch mehr Pakete aus Eurer Anstalt hier zur Verteilung gekommen 
und die, welche sie erhalten haben, werden in nächster Zeit alle ihren noch Dank aus- 
sprechen. Wir sind ein Teil der Kolonne aus Berlin und Hamburg. Der Schreiber 
ist ein Familienvater mit drei Kindern aus Berlin und wenn ich einst wieder in 
die Heimat komme, werde ich Deiner gedenken.« Landwehrmann < ). Kuhrt. 

»Teile mit, daß ich die Bürste als Liebesgabe erhalten habe und sage besten 
Dank. Der beiliegende Spruch wird befolgt. »Ö Nikolaus o Nikolaus, dir ziehen 
wir noch die Jacke aus!« Die Bürste tut gute Dienste, denn hier ist es sehr 
schmutzig.« San.-UnterofT. R. Conrad. 

»Für gesandte Bürste, die in unserem Offiziersstand als Kleiderbürste will- 
kommene Aufnahme gefunden hat, sage ich herzlichsten Dank. Wir haben uns 
darüber sehr gefreut; ebenso über das beigelegte Schreiben. Den Russen werden 
wir schon den Marsch noch tüchtig blasen. Wir kämpfe n hier zusammen mit unseren 
österreichischen Kameraden. Beste Grüße aus dem Schützengraben 

Oft. Stellv. H. Tröger.« 

»Ihre Liebesgabe ist eben hier eingetroffen und durch Losung mir gegeben. 
Ich danke Ihnen bestens für Ihre Gabe, weil diese von allen am nützlichsten 
erscheint. Mit Eßwaren, Zigaretten etz. sind wir reichlich versorgt. Dieselben kann 



2. Nummer Zeitschrift für das österreichische BUndenwesen. Seite 237. 

man hie und da auch noch kaufen, aber eine so nützhche Sache ist in dem von 
den Russen ganz verwüsteten Land goldeswert. 

Außerdem hat Ihre Liebesgabe für mich noch eine größere Bedeutung, als 
Sie sich das denken könnten. Ich bin nämlich Pole! Da wir von unserem 
lieben Lande ganz getrennt sind und unsere Angehö-igen nicht einmal durch 
Zeitungen auffinden können, habe ich gemeint, es findet sich kein Wesen, welches 
an uns denkt. Umso überraschender und lieber ist uns Eure Liebesgabe. 

Gott wird unserem ehrlichen Kriege helfen und mit seiner Hilfe wird ge- 
opfertes »Gut und Blut für unsern Kaiser, Gut und Blut fürs Vaterland« zum 
allgemeinen Wohle der ganzen Menschheit dienen.« Kadett K. Bajorel. 

Von unseren Truppen: 

»Dank und Grüße senden 
Für die Weihnachtsspenden 
Öst'reichsche Soldaten, 
Begeistert zu Ruhmestaten! 
Besonders gerührt durch die liebe Sammlung in Ihrer Anstalt, danke ich im 
Namen der Mannschaft auf das Herzlichste.« Heger, Oblt. 

»Im Namen unserer überaus erfreuten und dankbaren Mannschaft danken 
herzlichst für die gesendeten Liebesgaben. 

Johann Graf Wilczek. Scholz, Hptm. 

»Für die praktische Gabe, die einen Kanonier sehr freute, meinen innigsten 
Dank. Mit Freuden stehen wir im Felde für Kaiser und Vaterland! Heil und Sieg!« 

Prof. K. Stegl, Oblt. 

— Ti r.-V or a r 1 b. Blindeninstitut in Innsbruck. Das Schuljahr 
wurde an dieser Anstalt am 4. November mit 13 männlichen und 6 weiblichen, 
zusammen 19 Zöglingen eröffnet. Die Eröffnung verzögerte sich durch die Annahme, 
daß man mit der Unterbringung von verwundeten Soldaten werde rechnen müssen; 
doch trat dieser Umstand nicht ein. Das Weihnachtsfest wurde daselbst im engen 
Kreise am 26. Dezember 1914 gefeiert. Am 10. Jänner 1. J. brachten die Zöglinge im 
Reservespitale in der k. k. Lehrerbildungsanstalt vor den verwundeten Soldaten ein 
Weihnachtsspiel zur Aufführung. Die blinden Mädchen stricken Heißig für die 
Krieger im Felde. 

— Deutsche Blindenschule in Aussig a. E. Das zweite Schuljahr 
ist daselbst mit 24 Zöglingen in zwei Klassen im vollen Betriebe. Der Verein »Deutsche 
Blindenfürsorge in Böhmen«, welcher in den letzten Jahren so namhafte Auf- 
wendungen zu machen hatte, wird als Erhalter dieser Anstalt kräftige Anstrengungen 
machen müssen, damit bei der Ungunst der Zeiten keine Hemmung dieses humani- 
tären Werkes eintritt. 

— Mähr, schles. Landesblindenanstalt in Brunn. Weihnachts- 
feier im Rekonvaleszentenheim der Anstalt. Mittwoch den 23. Dezember 
V. J. fand in dieser Filiale der Landeskrankenanstalt eine erhebende Weihnachtsfeier 
statt Die kranken Soldaten versammelten sich im Festsaale, wo ein hoher, reich 
geschmückter Christbaum stand und mannigfache Weihnachtsgaben für 220 Personen 
ausgebreitet lagen. Einige in Brunn und Umgebung domizilierende blinde Mädchen 
mit der Konzertsängerin Fräulein Pokorny trugen passende Gedichte, dreistimmige 
Chöre und Soli vor, die von den Institutslehrern Herren Umlauf und Kubiczek 
am Klavier und Harmonium begleitet wurden. Kaiserl. Rat Direktor Pawlik hielt 
eine vom militärischen Geiste getragene patriotische Ansprache in deutscher, tsche- 
chischer und magyarischer Sprache und dankte im Namen der Soldaten dem bei 
der Feier anwesenden Landeshauptmann, Sr. Exzellenz Grafen S e r e n y i als Präsidente 
des Roten Kreuzes und des Landesausschusses, für seine Menschenfreundlichkeit 
und Fürsorge, auch allen Frauen und Herren, die mit rührender Sorgfalt an dem 
Zustandekommen der Feier mitgewirkt haben, und den behandelnden Ärzten für ihre 
Hingabe. Mit einem dreifachen Hoch auf Se. Majestät den Kaiser und Absingen der 
Volkshymne wurde die patriotische Ansprache geschlossen. Sodann wurden die 
Soldaten mit den Gaben und je einer Krone bar bedacht und erfreuten sich dankbarst 
an den reichlichen Geschenken. An der Feier nahmen teil die Damen: Kuczera, 
Plenk, Smrczek, Kratochwil, Pawlik und Tochter sowie die Herren: Oberlandesrat 
Dr. Hogenauer, Krankenanstaltsdirektor Dr. Kuczera, Primär Dr. Engelmann mit 
seinem Assistenten, Rechnungsdirektor Kratochwil, die Offiziale Metysch und Sed- 
laczek, Leutnant Österreicher u. v. a. Der Landeshauptmann mit den Komitee- 
damen nahmen die Verteilung vor. 



Seite 238. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 2. Nummer. 

flus den Vereinen. 

Zentralverein für das österreichische Blindenwesen. Ausschuß- 
sitzung am 12. Jänner 1915. Vor Eingang in die Tagesordnung gedachte der Vor- 
sitzende K. Bürklen des Verlustes, welcher die Blindenlehrerschaft durch den Tod 
des Kollegen H. Puschnig in Klagenfurt betroffen hat. Neu aufgenommen wurden 
in den Verein Dr. R. Puschnig und Fräulein B. Heinke (Brunn). Damit ist die 
Mitgliederzahl auf 125 angewachsen. In den Ausschuß wurde Herr F. Gebhardt 
als Vertreter des Blindenvereines »Lindenbund« kooptiert. 

Die Aktion, welche die Vereinsleitung mit dem Aufrufe vom 15. Oktober 1914 
unternahm, zeitigte leider kein positives Ergebnis. Alle angesprochenen Anstalten 
und Vereine, bis auf die Versorgungs- und Beschäftigungsanstalt in Wien VIII, er- 
klärten, mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln kaum das Auslangen zu 
finden. Sie sind also nicht in der Lage, eine allgemeine Hilfsaktion zu unterstützen, 
werden aber in ihrem Wirkungskeise zur Linderung der Not unter den vom Kriege 
betroffenen Blinden ihr Möglichstes tun. Die Debatte über die Fürsorge für die 
Kriegsblinden, an welcher sich besonders kais. Rat S. Heller, Direktor O. H. Stok- 
laska, Hauptlehrer J. Kneis und Lehrer S. Altmann beteiligten, zeitigte mit den 
brieflich gegebenen Anregungen des Hofrates H. Ritter v. Chlumetzky vollkommene 
Übereinstimmung über Ziele und Durchführung dieser Aktioa. Mit Bedauern wurde 
die bereits eingerissene Zersplitterung in dieser Aktion festgestellt und der Hoffnung 
Ausdruck gegeben, durch Aufklärungen bei den amtlichen Stellen und in der Öffentlich- 
keit die Fürsorge für Kriegserblindete auf moderne Grundlagen verwirklicht zu 
sehen, ohne daß dadurch der allgemeinen Blindenfürsorge Abbruch geschieht. 

Für unsere Kriegsblinden. 

— Konzert für erblindete Soldaten. Zugunsten der im Felde er- 
bhndeten Soldaten veranstaltetete am 15. Jänner 1. J. die beiden Sängerinnen Baronin 
Stillfried und S. Figliani im kleinen Konzerthaussaal einen Lieder- und 
Duettenabend, dem Erzherzogin Annunziata beiwohnte. Außerdem wohnten der 
Veranstaltung Gräfin Wrbna, Gräfin Draskovich, Gräfin Brandis, Graf Sternberg, 
Baronin Dobrzvnsky und Gräfin Seile.'-n bei. Die Vorträge wurden mit Rossinis Stabat 
mater (Duett Sopran- Alt) eingeleitet. Dann sang Baronin Stillfried Werke von 
Gluck, Marcello und Lieder von Brahms, Wolf und Henschel, während die Altistin 
S. Figliani eine Arie aus »Gioconda« von Pouchielli und Lieder von Schubert, 
Brahms und Richard Strauß zu Gehör brachte. Den Schluß bildete das herrliche 
Duett aus dem 2. Akt von Verdis ».Aida«. Die Konzertgeberinnen fanden lebhaften Beifall. 

— Akademie für im Felde Erblindet e. Der »Kaiser Franz Joseph- 
Jubiläums-Frauenverein« veranstaltete Sonntag, den 17. Jänner 1. J. im Festsaale 
des Hotel Continental (Taborstraße) zugunsten der im Felde erblindeten Soldaten 
eine Akademie. 

— Spendensammlung der »Neuen freien Presse«. Diese Sammlung 
hat mit Ende Jänner 1. J. eine Höhe von 185.000 K erreicht. 

Zerschossene Zweikronennoten als Spende für erblindete 
Soldaten. Im gegenwärtigen Kriege hat man schon von mancherlei merkwürdigen 
Lebensrettungen gehört, von Zufällen, die ein todbringendes Geschoß aufgehalten 
oder abgelenkt haben. Der eine Krieger verdankt die Rettung einem Medaillon, das 
er zur Erinnerung an seine Lieben trug, der andre einer Uhr, die von der Kugel 
zerschmettert worden ist, der dritte einem Gebetbuch, das er in der Brusttasche barg, 
und nun wird uns der Fall mitgeteilt, daß ein Päckchen Zweikronennoten einen 
gefährlichen Schrapnellsplitter abgewehrt hat. Ein vom Kriegsschauplatz in den 
Karpathen nach Wien zurückgekehrter Unteroffizier schreibt dem Neuen Wiener 
Tagblatt: Mein Kamerad Feldwebel Gabriel .... eines Landsturmbataillons wurde 
bei einem Gefechte in den Karpathen von einem Sprengstück eines russischen 
Schrapnells derart getroffen, daß seine in der Hosentasche befindliche Geldbörse 
samt Inhalt durchbohrt wurde, während er selbst unverletzt blieb. Da auch der Soldat 
im Felde in manchen Gegenden Geld sehr gut brauchen kann, habe ich ihm das 
zerrissene Papiergeld zum vollen Werte ausgewechselt. Nach Wien gekommen, sende 
ich der Redaktion das Geld ein, damit es dort für eine der Sammlungen (ich glaube, 
am besten für die im Felde erblindeten Soldaten) verwendet werden.<v Dem 
Schreiben lagen vier Stück Zweikronennoten und 19 Stückchen von zerrissenen 
Noten bei. Von den Noten ist nur eine, die allerdings in der Mitte auseinander- 
gerissen ist, ganz, während an den anderen dreien die Ecken weggeschossen sind. 

Jlerausgeber: Zentralverein für das österreichische Blindenwesen in Wien. Redaktionskomitee: K. Bürklen, 
J. Kneis, A. v. Horvath, F. XJhl. — Druck von Adolf Englisch, Purkersdorf bei Wien. 




2. Jahrgang. Wien, März 1915. 3. Mummer. 



^ »Wir wollen prüfend schau n und forschend sinnen, ® 

^ Was mildern mag der Götter finstern Groll, W^ 

^ Die Pfade derer gilt es zu entwirren, ^ 

^ Die hilf- und lichtlos durch das Leben irren.« ^^ 

1 L. A. Frankl. ^ 

S^ ^ 

Das Jugendspiel in der Blindenanstalt. 

Von Hauptlehrer Friedrich Demal, Purkersdorf. 

Bald wird es wieder Frühling und der wärmende Sonnenstrahl 
und die knospende Natur treibt jung und alt ins Freie! Touristen und 
Sportler, Pfadfinder und Wandervögel, sie alle packt ein unwiderstehlicher 
Drang, der Drang, sich in Gottes herrlicher Welt zu tummeln. Ja, und 
nicht einmal eine Sünde ist es mehr heute, es so zu treiben! Noch vor 
20 Jahren erschien ein radelnder und rodelnder Student, ein fußball- 
spielender Jüngling dem gestrengen Professor als ein verlorener Sohn, 
als lockerer Vogel, mit dessen Sitten und Leistungen es unmöglich weit 
her sein könne. 

Wie anders ist es heute ! Eltern, Lehrer und Schulbehörden wett- 
eilern miteinander, den Tätigkeitstrieb des Kindes zu befriedigen und 
das Jugendspiel emporzuheben. Und sie tun gut daran. Nicht nur 
verschönert eine derartige Erziehungsweise die einmalige Jugendzeit, 
sie stärkt auch Leib und Geist und macht sie widerstandstähig gegen 
die hohen Anforderungen des modernen Lebens, von denen des modernen 
Krieges gar nicht zu reden. 

Bleibt der Blinde auch von den Strapazen des Krieges verschont, 
so bedarf er doch nicht minder eines widerstandsfähigen Körpers, um 
nicht im Kampfe um das tägliche Brot zu unterliegen. Ist die Pflege 
des Jugendspieles für die sehende Jugend als nützlich anerkannt 
worden, so ist sie für jugendliche Blinde geradezu notwendig, da 
ihr Körper größtenteils schwächlicher und sie selbst sich zur körper- 
lichen Bewegung meist ablehnender verhalten als vollsinnige Kinder. 



Seite 244. Zeitschrift für das österreichische Biindenwesen. 3. Nummer. 

Im Vorjahre besuchte ich einen Jugendspielkurs, bei dem Volks- 
und Bürgerschullehrer theoretisch und praktisch im richtigen Betriebe 
des Jugendspieles unterwiesen wurden. Im Folgenden will ich nun einen 
kleinen Beitrag zum »Jugendspiel in der Blindenanstalt« liefern und 
stütze mich dabei auf die im obigen Kurse erworbenen Kenntnisse und 
meine praktischen Erfahrungen als Blindenlehrer. 

Wenden wir uns nun den einzelnen Spielen zu, wollen aber — 
aus Raumrücksichten — von der genauen Aufzählung der Spielregeln 
absehen, da diese ja in jedem Spielbuche nachgesehen werden können. 

Die Jugendspiele kann man einteilen: 1. in Ballspiele, 2. in Lauf- 
und Kampfspiele und 3. in volkstümliche Übungen. In jeder der drei 
Gruppen gibt es wieder: a) Spiele, die für Blinde absolut ausgeschlossen 
sind, b) solche, die von Blinden ohneweiters gespielt werden können 
und c) solche, die für unsere Zwecke umgestaltet werden müssen. 

1. Ballspiele. 

a) Absolut ausgeschlossen für Blinde sind: Ball über die 
Schnur, Meta, Schlagball mit Freistätten und mit oder ohne Einschenker, 
Fuß- und Faustball (nämlich als Spiel zweier Parteien), Steh-, Prell- 
und Feldball, Kricket und Hokey, Feder- und Tamburinball, Hüpfball, 
Sautreiben, Kreisfußball, Turm- und Korbball. 

b) Ohne weiters können von Blinden gespielt werden: Balljagd, 
Eilboten- und Schleuderball. Da das bloße Aufzählen der Spielnamen 
keinen Nutzen bringt, so will ich die für Blinde brauchbaren Spiele 
auch kurz erklären. 

Bei der Balljagd bilden die Schüler zwei Stirnkreisreihen. Ein 
Schüler in jeder Reihe (etwa der größte) erhält einen Fußball. Aul das 
Kommando »los!« wandert der Ball entweder links oder rechts im 
Kreis herum. Die Partei hat gesiegt, bei welcher der Ball zuerst zum 
Ausgangspunkt zurückkehrt. 

Bedeutend schwieriger für Blinde ist eine zweite Art, bei der 
die zwei Kreise ineinander geschachtelt sind, so daß zwischen je zwei 
Schülern der einen Partei ein Gegner steht, also: 1er, 2er, 1er, 2er 
u. s. f. Ein 1er bekommt einen Ball und der gegenüberstehende 
2er. Die Bälle gehen nach erfolgtem Kommando nach gleicher Richtung 
von einem 1er zum andern und von einem 2er zum andern, bis einer 
der Bälle den andern erwischt. Beide Arten sind sehr lustig und 
erfordern Geschicklichkeit im schnellen Fassen, denn plumpst der Ball 
nur einmal zu Boden, so kann diebetreffende Partei kaum mehr den 
Zeitverlust einbringen. Natürlich kann man auch statt der Bälle andere 
Sachen verwenden : einen Kürbis, eine Schachtel, ein Stück Holz. Nur 
müssen sie schwer zu fassen sein, dürfen aber dabei kein großes Ge- 
wicht haben, um gegebenenfalls die Zehen nicht zu sehr zu beleidigen. 

Beim Eilbotenball stehen die Schüler in zwei Stirnreihen 
gegenüber. Die zwei gegenüberstehenden größten Schüler beginnen 
und geben den Ball weiter zum nächsten und so weiter bis zum untersten, 
sagen wir z. B. bis zum Zehnten. Die Zehner laufen schnell mit dem 
Ball herauf bis zu den Einsern und reihen sich neben ihnen an. Nun 
wird der Ball wieder weitergegeben bis zu den Neunern, Jetzt laufen 
die Neuner mit dem Ball herauf und reihen sich oben an und geben 
den Ball den Zehnern, Einsern, Zweiern u. s. w. bis zu den Achtern. 



3. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 245. 

Die laufen wieder herauf u. s. f., bis die Einser herauflaufen müssen 
und die ganze Reihe wieder steht, wie sie anfangs war. Die Reihe hat 
gewonnen, wo dies zuerst zutrifft. Als Abart kann man das Spielauch 
von zwei Flankenreihen spielen lassen. Dabei werden die Bälle ent- 
weder über die Köpfe hinweggereicht oder durch die gegrätschten 
Beine hindurchgerollt. Ebenfalls ein sehr anregendes Spiel, das auch die 
Blinden gerne spielen werden. 

Der Schleuderball ist ein großer Faustball mit einer Leder- 
schhnge, bei welcher man den Ball hält und in Schwung versetzt und 
so weit als möglich schleudert. Sehen auch die Blinden ihren Erfolg 
nicht, so kann ihnen ja der Lehrer das Resultat bekannt geben oder 
er läßt den Werfer die Schritte vom Stande bis zum geworfenen Ball 
abzählen. 

c) Die Ballspiele, die für Blinde umgeändert werden 
müssen sind: Wander- und Reiterball. 

Beim Wanderball stehen die Schüler in einer etwas geöffneten 
Stirnkreisreihe und geben den großen Ball herum, links und rechts im 
Wechsel (ähnlich wie bei ^Ringlein, du mußt wandern«). Außen läuft 
ein Fänger dem Balle nach und sucht ihn zu haschen oder zu Boden 
zu schlagen. Das wird ihm umso schwerer gelingen, je mehr ihn die 
im Kreise stehenden necken und den Ball einmal langsam einmal rasch 
weitergeben. Da man nun wohl von außen leicht in den Kreis hinein- 
sehen, aber nicht -greifen kann, so muß der blinde Häscher in 
den Kreis hineintreten und fortwährand tastend und jedem Geräusche 
genau folgend hurtig dem Balle nachgehen. 

Beim Reiterball wird ebenfalls eine Stirnkreisreihe gebildet 
und zu zweien abgezählt. Die Einser sind die Reiter und schwingen 
sich unter großem Hallo auf die gekrümmten Rücken der Zweier, der 
Pferde. Die Stirnreihe ist nun ziemlich weit geöffnet. Der große Ball 
wird von einem Reiter zum andern geworfen. Fällt er dabei hinunter, 
so ergreifen die Reiter die Flucht und die Pferde suchen einen der Reiter 
mit dem Ball zu werfen. Gelingt es, so werden jetzt die Reiter zu 
Pferden. Gelingt es nicht, so müssen die Pferde ruhig weiter dienen. 
Da es für Blinde fast unmöglich ist, den Ball auf 2 — 3 m sicher zum 
Nächsten zu werfen, so muß für Blinde das Spiel dahin geändert werden, 
daß die Stirnreihe geschlossen bleibt und dafS der Ball nicht geworfen, 
sondern von einem zum andern gereicht wird. Das Bewerfen mit 
dem Balle wird am besten ein Halbsehender übernehmen. 

2. Lauf- und K a m p f s p i e I e. 

a) Als nicht geeignet möchte ich nennen; Tag und Nacht, 
Schneidezack oder Kreuzhaschen, Kauerhaschen, Barrlauf, Fahnenbarr- 
lauf und Hüpfender Kreis. 

b) Als für Blinde geeignet können folgende Laufspiele bezeichnet 
werden : Schwarzer Mann, Fuchs aus dem Loch, Urbar, Geier und Henne, 
Letztes Paar vorbei, Drittabschlagen, Katze und Maus, Haschen, Schlag- 
laufen, Ringender Kreis, Zielreißen, Stabwinden, Tauziehen, Jakob, wo 
bist du, Plumpsack, Diebschlagen, Kreislaufen, Kettenreißen und Hink- 
kampt. Ich glaube, diese Spiele sind so bekannt, daß man darüber 
nicht viel Worte verlieren braucht. Freilich sind nicht alle gleich gut 
für Blinde geeignet. Spiele wie ; Geier und Henne, Zielreißen, Stab- 



Seite 246. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 3. Nummer. 

winden, Tauziehen, Plumpsack, Hinkkampf können von ihnen so gut 
wie von Sehenden gespielt werden, während bei andern doch eine 
gewisse Gefahr bleibt. Z. J3. können bei Schwarzer Mann, Letztes Paar 
vorbei, Haschen, Katze und Maus zwei Blinde so heftig aneinanderprallen, 
daß es Funken gibt. Andere Spiele wieder sind für Blinde nicht 
so interessant wie für Sehende, weil ihnen die schnelle Übersicht 
über den momentanen Stand des Spieles fehlt. So kommt beim Dritt- 
abschlagen meist ein scheußlicher Durcheinander heraus, weil der Blinde 
unmöglich rasch wissen kann, wo zwei oder drei stehen. Der intelligente 
total Blinde wird dabei zu seinem Unbehagen zum dummen Kerl oder 
armen Hascherl degradiert, während sein etwa Schwachbegabter 
aber schwachsichtiger Kollege König ist. 

3. Volkstümliche Spiele. 

Hieher gehören : Diskus-, Ger- und Sperwerfen, Tauhangeln, 
Eilbotenlauf, Wettlauf (sowohl als Dauer- als auch als Schnellauf), 
Hindernislaufen, einige Sprungarten, Gewichtheben, Stein- und Kugel- 
stoßen und Trockenschwimmübungen. Auch hier wird bei einigen 
Spielen — wie etwa Schleuderballwerfen, Gewichtheben, Stein- und 
Kugelstoßen — der Blinde dem Sehenden kaum nachstehen, während 
er beim Schnell- und Eilbotenlauf, beim Hindernisrennen und Springen 
stets den Kürzeren ziehen wird. Bei anderen wieder — wie bei Diskus-, 
Ger- und Sperwurf — wird er mindestens in ä st hetischer Beziehung 
zu kurz kommen, da es ihm versagt bleibt, das Gerät in schönem Bogen 
vorübersausen zu sehen. Ein Z i e 1 1 r e f f e n ist natürlich auch ausgeschlossen. 

Was nun das Wettlaufen, besonders das Schneilaufen angeht, 
wäre es wohl gerade für Blinde ein äußerst gesundes Spiel, das ihm 
mehr Sicherheit in Gang und Haltung und rascheren Blutumlauf verleihen 
könnte. Aber leider fehlt meist dazu der richtige Platz. Denn der 
verhältnismäßig kleine Turnsaal und so auch der Garten mit seinen 
vielfach gewundenen Wegen taugt nicht dazu. Dazu gehört eine große, 
hindernislose Wiese. 

Spiele, die sich besonders für Blinde eignen, sind noch: Das 
Verstecken und Suchen, das Topfschlagen und Blinde Kuh. Besonders 
letzteres ist auch für Blinde recht unterhaltend und schärft ihre Sinne. 
Schon in der gewöhnlichen Form — innerhalb einer Kreisreihe mufi 
ein Kind ein zweites haschen — heißt es auf jedes Geräusch gut achten. 
Noch wertvoller für Blinde ist eine andere Form. Die »blinde Kuh« 
muß nämlich die Namen der Spieler dadurch erraten, daß diese mit 
verstellter Stimme ein Tier nachahmen (Gehörsübung!) oder — 
als 3. Form: Die Schüler sind von der »blinden Kuh« durch betasten 
zu erkennen (Tastübung!). Die Frisur, die Größe u. dgl. werden oft 
schon als Erkennungsmerkmale genügen. 

Wenn wir nun das bisher Gesagte kurz zusammenfassen, so 
können wir sagen : Es gibt eine ganz stattliche Anzahl von Spielen, die 
auch von Blinden und zwar im Freien gespielt werden können. Für 
viele aber bietet 1. die Blindheit eine unübersteigbare Schranke, 
wozu noch 2. meistens das Fehlen eines besonders für Lai^f spiele 
geigneten Turnplatzes kommt. 

Und so komme ich zum letzten Punkt meiner Ausführungen: 
Welche Ersatzspiele könnten für die aus obigen Gründen entfallenden 



3. Nummer Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 247. 

Jugendspiele eingeführt werden? Diese Ersatzspiele sollen für das Kind 
womöglich dieselben Vorteile bieten, wie die eigentlichen Jugend- 
spiele, nämlich Bewegung in freier Luft, Kräftigung des Körpers, 
Anregung des Geistes. Dabei sollen sie interessant sein, so daß 
sie — und das ist eigentlich die Hauptsache — vom Kinde gern gespielt 
werden. Sie sollen aber, trotzdem sie dem blinden Kinde Bewegung 
schaffen, doch für dasselbe nicht gefährlich sein. Das können nur Spiele 
an Geräten sein. Ich führe einige an: Schwebebaum, Schiffschaukel, 
Bodenschaukel, Ringelspiel, Stelzengehen und Brettschaukel. 

Der Schwebebaum ist als Turngerät wohl bekannt. Niemand 
wird aber bestreiten, daß er auch außerhalb der Turnstunde, bloß als 
Spiel, gute Dienste leisten kann und daß ihn die Zöglinge fleißig 
benützen würden. Wir wissen doch, wie gerne sich sehende Buben auf 
Geländern und Straßentraversen produzieren. Dies könnten die Bünden 
auf ganz ungefährliche Weise auf dem Schwebebaum. Gewiß würde er 
ihnen vieles von ihrer Ungeschicklichkeit und Ängstlichkeit nehmen, 
zumal man ihn mäßig ansteigend einrichten kann. Also, jede Anstalt 
besitze einen Turnsaal- und einen Gartenschwebebaum ! 

Die Schiffschaukel ist ein lustiges Spielgerät für jung und 
alt. Sie ist an jedem Reckgerüst anzubringen und faßt 1 — 4 Personen. 
Da andere — größere — Kinder die kleineren zu schaukeln hätten, so 
wird dabei auch die im Arbeitsunterricht geforderte Hilfsbereitschaft 
und der Gemeinsinn gefördert. Selbstverständlich ist bei diesem Spiele 
Vorsicht und Aufsicht nötig! Natürlich kann das Schiff oder der 
Sitz beliebig mit dem Schwebereck oder den Ringen vertauscht 
werden. 

Für die ganz Kleinen ist die Bodenschaukel empfehlenswert. 
Sie vertritt das so beliebte Schaukelpferd und unterscheidet sich 
von diesem auch nur dadurch, daß die Kufen statt des Pferdes zwei 
Bänkchen tragen. Sie beschäftigt zugleich 4 — 6 Kinder: 4 Fahrgäste 
und 2 motorische Kräfte. Freilich wird sie sich besonders als Stuben- 
und Winterspiel eignen, kann aber auch, auf ein Brett gestellt, im 
Garten, in frischer Luft benützt werden. Denken wir nur an unsere 
kleinen Kerle wie sie im Aufenthaltszimmer oft gelangweilt und 
beschäftigungslos herumsitzen und meist schon nach 4 Uhr einnicken I 
Wie freudig würden sie dieses Falirzeug begrüßen ! 

Das Ringelspiel in seiner primitivsten Form ist billig und 
leicht in jedem Turnsaal und Garten aufzustellen. Es besteht aus zwei 
gekreuzten, an den Enden Sitze tragenden Balken, die (wie eine 
Deklinationsnadel) um eine lotrechte Achse drehbar sind. Vorteil: 
Die 4 Insassen unterhalten sich prächtig und lernen — aber auch 
verlernen - — das Gruseln. Die Antauch er haben doppelten Nutzen: 
Sie kräftigen ihre Muskel und können ohne Gefahr (da sie eine 
Führung haben) schnell laufen. Es ergeben sich hier manche 
Variationen: Die Schüler stehen nahe dem Mittelpunkt: Sie brauchen 
viel Kraft, gehen aber nur langsam ; gegen den Rand hin ist es um- 
gekehrt. Also auch der Physikunterricht mit der Lehre von den Maschinen 
und der goldenen Regel der Mechanik profitiert dabei spielend. Ahnlich 
wie beim Rundlauf können die Kinder gehend und laufend ver- 
schiedene Schrittarten üben, auch während der Fahrt auf- und absitzen 



Seite 248. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 3. Nummer. 

u. dgl. mehr. Zu diesem Zwecke wird man am besten die Sitze herunter geben 
und durch bequeme Griffe ersetzen. 

Über das Stelzengellen möchte ich nur erwähnen, daß es für 
Knaben und Mädchen gleich unterhaltend und absolut gefahrlos ist, 
wenn der kleine Gernegroß zuerst ein wenig das Terrain studiert und 
wenn er nicht an Größenwahn leidet. Eine zweifache Vergrößerung 
(10 und 20 cm) dürfte genügen und ist mit nur ein Paar Stelzen 
erreichbar. 

Die Brettschaukel — - über eine ganz tief gestellte Reckstange 
oder einen Zimmerbock wird einfach ein langer, fester Laden gelegt, 
an dessen Enden je ein Kind im Reitsitz Platz nimmt — zeigt streng 
physikalischen Charakter und führt uns »spielend« in die Lehre vom 
gleich- und ungleicharmigen Hebel ein! Sind Kraft und Last gleich 
groß, machen wir auch Kraft- und Lastarm gleich lang. Ist ein Knirps 
leichter, so muß ihm dafür der schwerere einen längeren Hebelarm 
einräumen. Der Dicke legt einen kleinen Weg zurück, der Kleine aber 
steigt hoch empor, um im nächsten Augenblick ebenso tief zu sinken ! 
So bei »sitzender Lebensweise«. Als Spiel- und Turngerät zugleich 
dient sie dann, wenn das Brett in mehr als Reichhöhe angebracht 
wird. Die Kinder schaukeln dann einander im Streckhang hängend. 
Das stärkt Mut und Muskel und ist — was beim Spiele immer die Haupt- 
sache ist — sehr lustig. In dieser Form (sagen wir als Streckschaukel) 
wird es sich empfehlen, seitlich je zwei Griffe anzubringen. 

In meinen Ausführungen habe ich zu beweisen gesucht, daß auch 
der Blindenlehrer bei der Leitung von Jugendspielen nicht in Verlegenheit 
zu kommen braucht, da L viele Spiele ohneweiters von den Sehenden 
herübergenommen, 2. viele Spiele leicht für Blinde eingerichtet werden 
können, 3. da es nicht schwer ist, ohne allzugroße Kosten solche 
Geräte herzustellen, an welchen Bewegungsspiele zum Ersätze jener 
ausgeführt werden können, die bei Blinden wegen des körperlichen 
Gebrechens und auch wegen Mangels eines geeigneten Platzes nicht 
durchzuführen sind. 

Nur so können auch wir in der Blindenanstalt stets gleichen 
Schritt mit den diesbezüglichen modernen Bestrebungen der gesamten 
Jugendpflege halten. Als Ziel möge uns stets vor Augen bleiben: 
Das feste und ernste Bestreben, unsere Schützlinge so gesund und 
fröhlich und glücklich zu machen und zu erhalten, als nur in 
unseren Kräften steht, 

Zur Versorgung unserer Kriegsblinden. 

Es wurde bereits in einem früheren Artikel darauf hingewiesen, 
daß die im Kriege erblindeten Soldaten auf Bezüge von Seite des 
Staates Anspruch besitzen und zwar beruht derselbe auf der Zuerkennung 
einer Invalidenpension, einer Verwundungszulage und der 
Versorgung im Invaliden haus. Das Gesetz über die Militär- 
versorgung der Personen des Heeres, der Kriegsmarine und der Landwehr 
vom 27. Dezember 1875, das durch Gesetze aus den Jahren 1891 und 1896 
wohl ergänzt, im Wesen jedoch nicht berührt wurde, enthält die näheren 
Bestimmungen hierüber. \A^ir führen die wichtigsten derselben an. 



3. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 249. 

Invalidenpension. Anspuch auf diese bleibende Pension haben 
Soldaten und Unteroffiziere, gleichgültig wie lange ihre Dienstzeit währt, 
wenn sie dienstuntauglich w'urden infolge Verwundung vor dem Feind 
oder infolge von Kriegsstrapazen ; infolge von Geistesstörung, Fallsucht, 
Erblindung an beiden Augen oder infolge einer durch Lähmung 
herbeigelührten Hilflosigkeit; infolge äußerer Beschädigung, die ohne 
eigenes Verschulden in Ausübung des Dienstes eingetreten ist, oder 
infolge anderer beliebiger Gesundheitsstörung, die durch die Eigentümlich- 
keit des Militärdienstes sowie durch epidemische oder endemische Krank- 
heiten oder durch ansteckende Augenkrankheit hervorgerufen 
wurde. 

Während aber Soldaten und Unteroffiziere die zehn Jahre aktiv 
gedient haben, die Pension bekommen, wenn sie hloß zu allen Militär- 
diensten untauglich geworden sind, die bürgerliche Erwerbsfähigkeit 
aber außer Betracht bleibt, so bekommen bleibende Invaliden- 
pension die Soldaten mit weniger als zehnjähriger Dienst- 
zeit nur dann, wenn sie auch für immer bürgerlich erwerbs- 
unfähig geworden sind. 

Wer bei der Superarbitrierung zwar als invalid (militärdienstuntauglich), 
jedoch noch als bürgerlich erwerbsfähig erklärt wird, kann sich innerhalb 
fünfjahren zu einer neuen Superarbitrierung melden. Ergibt 
diese, daß er infolge eines Gebrechens dienstuntauglich erklärt wurde, 
erwerbsunfähig geworden ist, so bekommt er dann die Invalidenpension. 

Es gibt auch eine Invalidenpension, die vorerst nur auf eine 
bestimmte Zeit zuerklärt wird. Findet man nämlich bei der Superar- 
bitrierung, daß der Soldat wohl vorläufig militäruntauglich und erwerbs- 
unfähig ist, daß aber eine teilweise Besserung und infolgedessen ein 
bestimmtes Maß von Militärtauglichkeit und von Erwerbsfähigkeit erwartet 
werden kann, dann wird ihm die Pension vorläufig auf bestimmte Zeit 
zugesichert, und zwar auf min destens ei n J ahr und auf höchstens 
drei Jahre. Vor Ablauf dieser Zeit kommt er wieder zur Superar- 
bitrierung und dann wird eine neue Anordnung getroffen. 

Das Gesetz bestimmt, daß »Kriegsjahre doppelt zählen«, das heißt 
nämlich, daß für jeden Feldzug ein Jahr zur Dienstzeit zugerechnet wird. 
Da aber auch mit Zurechnung dieses einen Jahres die Dienstzeit von 
zehn Jahren in den allermeisten Fällen nicht erreicht wird, so ändert 
diese Zurechnung nichts. 

Die im Jahre 1 875 festgesetzten Militärinvalidenpensionen sind sehr 
gering. Sie sind nach der Charge abgestuft, und zwar nach der Charge, 
die der Soldat wirklich bekleidet hat. Die Titularch arge gibt kein 
Anrecht auf höhere Pension. War zum Beispiel jemand Infanterist- 
Titularkorporal, so bekommt er nur die Pension des Infanteristen. 

Die Pension beträgt für den 

Soldaten ohne Charge 6 Kronen monatlich 

Gefreiten 8 „ „ 

Korporal 10 „ „ 

Zugsführer .... 1 2 „ „ 

Feldwebel 14 „ „ 

Entscheidend ist nur, ob man »bürgerlich erwerbsfähig« ist; ob 
der Invalide Einnahmen hat, die nicht aus der vollen Betätigimg normaler 



Seite 250. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 3. Nummer. 

Arbeitskraft stammen (Zinsen eines Vermögens, Invalidenrente aus der 
Angestelltenpensionsversicherung , Unterstützungen), ist gleichgültig. 

Verwundungszulagen. Außer der Invalidenpension setzt das 
Gesetz auch Verwundungszulagen fest. Die Verwundungszulage ist 
von der Invalidenpension ganz unabhängig und wird auch dann bezahlt, 
wenn der Soldat trotz der Verwundung bürgerlich erwerbsfähig geblieben 
ist. Es gibt also Leute, die nur Invalidenpension, andere, die nur die 
Verwundungszulage und wieder andere, die Invalidenpension und 
Verwundetenzulage bekommen. 

Die Verwundungszulage ist gleich hoch, ob der Soldat eine 
Charge hatte oder nicht. 

Es gibt Verwundungszulagen von K 8, von K 16 und von K 23.33 
monatlich. 

Soldaten, die durch feindliche Waffen oder sonstige Kriegsapparate 
verwundet und infolgedessen dienstuntauglich wurden, bekommen 
K 8 monatlich. 

Wer infolge Verwundung eine Hand oder einen Fuß verloren hat, 
bekommt K 16 monatlich. 

Wer eine Hand oder einen Fuß nicht gebrauchen kann und dadurch 
erwerbsunfähig wird, sowie wer am Kopf, an der Brust, oder 
am Unterleib so schwer verwundet wurde, daß eine vollständige 
und bleibende Störung der Verrichtungen wichtiger Lebensorgane ein- 
getreten ist (die Erwerbsunfähigkeit spielt diesmal keine Rolle), bekommt 
ebenfalls K 16 monatlich. 

Wer infolge Verwundung zwei Gliedmaßen verloren hat oder a n 
beiden Augen erblind et ist oder nur sehr große Gegen- 
stände in allernächster Nähe erkennt oder nur die Helle 
vom Dunkel unterscheiden kann, bekomm tK 23.33 monatlich. 

Ebenso wie der Bezug der Invalidenpension beginnt der Bezug 
der Verwundungszulage am Ersten des Monats, der dem Beschluß der 
Superarbitrierungskommission folgt. Die Verwundungszulage endet mit 
der Auswanderung aus Österreich-Ungarn und mit dem Tode, der 
Bezug der Invalidenpension nur mit dem Abgang aus dem Invalidenstand. 

Auf die Invalidenpension kann man verzichten ; wenn nämlich 
eine Kommission findet, daß der gewesene Soldat wahrscheinlich noch 
zwei Jahre am Leben bleibt, so kann dem Mann auf sein Verlangen 
eine Abfertigung statt der Pension gegeben werden. Die Abfertigung 
beträgt vierundzwanzigmal so viel als die Monatspension, also für den 
Soldaten ohne Charge K 144, für den Gefreiten K 192, für den Korporal 
K 240, für den Zugsführer K 288, für den Feldwebel K 336. Einen 
Verzicht auf die Verwundungszulagen und eine Abfertigung für diese 
gibt es nicht. 

Versorgung im Invaliden haus. Wer im Militärdienst 
erblindet ist oder so schwer verletzt wurde, daß er eine besondere 
Pflege und Aufsicht benötigt, hat Anspruch, in ein Militär- 
invalidenhaus aufgenommen zu werden. Er bekommt dann 
Unterkunft, Kost, Kleidung und die Löhnung nach der 
Charge, die er innegehabt hat, ferner die Verwundungs- 
zulage. 



3. Nummer. Zeitschritt für das österreichische Blindenwesen. Seite 251. 

Nach diesen Bestimmungen hat jeder an beiden Augen 
erblindete Soldat unter allen Umständen Anspruch auf 
die Verwundungszulage von monatlich K 23.33 und außer 
dieser entweder auf die Invalidenpension, nach der Charge 
K 6 — 14 monatlich, oder auf die Versorgung im Invaliden- 
hause (Unterkunft, Kost, Kleidung und Löhnung nach der 
Charge.) Es ist außer Frage, daß letztere Versorgung der geringen 
Invalidenpension weit überlegen ist, und es besteht daher die Gefahr, 
daß die erblindeten Soldaten vor allem auf die Unterbringung in einem 
Invalidenhause Anspruch erheben werden. Das Streben der moder- 
nen Blindenfürsorge, unsere Kriegsblinden zur Arbeit und 
zu einem Berufe zurückzuführen, wäre damit illusorisch 
gemacht und wirverweisen jetzt schon unsere Fachkreise 
auf diesen Umstand, dessen üblen Folgen nur durch ent- 
sprechende Abänderungen des Gesetzes, die auch bereits in 
anderer Hinsicht notwendig erscheinen, begegnet werden 
kann. 

Neben der Erblindung wird bei der Versorgung von Militärpersonen 
auch die durch die Kriegsfolgen hervorgerufene Herabsetzung des 
Sehvermögens beachtet werden müssen. Hiefür erscheint nachstehende 
Weisung der Militärbehörde an die Superarbitrierungskommissionen 
von Wichtigkeit : 

»Anläßlich vorgekommener Fälle, daß dienstuntauglich gewordene, 
einer besonderen Pflege zwar nicht mehr bedürftige, aber noch nicht 
im Vollbesitze der Erwerbsfähigkeit stehende Mannschaftspersonen im 
Superarbitrierungswege ohne Invalidenpension beurlaubt, beziehungsweise 
entlassen wurden, hat das Kriegsministerium mit Erlaß vom 22. Jänner 
1. J. verfügt : 

1. Mannschaftspersonen, die infolge Verwundung oder 
Erkrankung als vorübergehend oder dauernd dienstun- 
tauglich superarbitriert werden, dürfe nnur dann aisbürger- 
lich erwerbsfähig bezeichnet werden, wenn die vorüber- 
gehende oder dauernde Verminderung der Fähigkeit zur 
Ausübung ihres bürgerlichen Berufesweniger als 20 Prozent 
beträgt. 

2. Die Superarbitrieiungskommissionen sind auszuweisen, den 
Grad der Erwerbsunfähigkeit von nun an in Prozenten zu bestimmen 
und hiebei mit größter Bedach tnahme auf alle in Betracht 
kommenden Verhältnisse vorzugehen, damit eine Schädi- 
gung der Mannschaft zuversichtlich vermieden werde.« 

Landeskomitee für Kriegsblindenfürsorge 
in Böhmen. Prag. 

Mitglieder: Statthalter Fürst Franz Th u n - H oh en st ei n, Prä- 
sident der Landesverwaitungskomission Adalbert Graf Schön bor n, 
Präsidium des Landeshilfsvereines vom Roten Kreuze. 

Vorsitsender : Weihbischof Dr. Wenzel Frind. 



Seite 252. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 3. Nummer. 

Geschäftsleiter: Karl Dederra, Oberbeamter der böhmischen 
Sparkasse und Obmannstellvertreter der Direktion der Klar'schen 
Blindenanstalt. 

Diesem Komitee gehören weiter noch an die ärztlichen Vertreter 
des 8. und 9. Militär-Kommandos, Major Müller und k. u. k. Ober- 
stabsarzt Prof. Dr. Pecirka, sowie nachstehende Herren: Prälat des 
hochwUrdigen Prämonstratenserstiftes Strahow Method Zavoral, die 
Professoren der Angenheilkunde der beiden Prager Universitäten 
Prof. Dr. El sehn ig und Dr. Deyl, Direktor Emil Wagner der 
Klar'schen Blindenanstalt, Dr. Karl Peterka, Kuratoriumsmitglied 
des »Franzisko-Josephinum«, Wilhelm Schwippel, Dircktionsmitglied 
der Deyl'schen Blindenanstalt, Karl Rauter, Direktor der Aussiger 
Blindenschule, und kais. Rat Hugo Schick. 

Der Landeshilfsverein vom Roten Kreuze hat zunächst 10 Frei- 
plätze für blindgeschossene Krieger an der Klar'schen Blindenanstalt 
errichtet; letztere ist nach vorangegangenen Adaptierungen bereit, 
weitere 50 Kriegsblinde des Mannschafts- und 10 des Oftiziersstandes 
resp. gleichgestellter Gagisten aufzunehmen. 

Insoferne die Raumverhältnisse es gestatten, werden auch Kriegs- 
blinde anderer Kronländer zur Ausbildung aufgenommen werden können. 



Die Fürsorge für die im Kriege Erblindeten 

in Ungarn. 

Konferenz unter dem Vorsitz des Grafen Tisza. Unter 
Vorsitz des Ministerpräsidenten Grafen Tisza und im Beisein von 
Vertretern der Ministerien des Handels, des Kultus, der Landesver- 
teidigung und des Innern, der Militärbehörde, des Roten Kreuzes, des 
Blindenunterstützungsvereines sowie des Kriegshilfsamtes wurde am 12. 
Februar I. J. im Ministerpräsidium in Budapest eine Konferenz zur Be- 
sprechung der Maßnahmen zur Unterstützung der im Kriege 
erblindeten Soldaten abgehalten. 

Der Vorsitzende Ministerpräsident Graf Tisza wies darauf hin, 
dal3 die Zeit gekommen sei, um die nötigen Ma(3nahmen im Interesse 
der im Laufe des Krieges am schwersten betroffenen Erblindeten vor- 
zusehen. Einerseits zur Besprechung der nötigen Maßnahmen, anderseits 
um eine entsprechende Institution ins Leben zu rufen, habe er die 
heutige Konferenz einberufen. Die Versorgu ng erblindeter Sol- 
daten sei eigentlich Aufgabe des Staates, welcher derselben 
auch gerecht werden wird. Bis dahin sei jedoch deren materielle 
und moralische Unterstützung durch die Gesellschaft not- 
wendig. Die Aufgabe sei die, für die Unglücklichen so zu sorgen, daß 
sie den Schicksalsschlag leichter ertragen. Die Mittel hiezu seien: 
erstens die seelische Behandlung, damit die Erblindeten, mit der ge- 
änderten Situation versöhnt, zu der Erkenntnis gelangen, daß sie auch 
weiterhin in der Gesellschaft als nützliche Mitglieder derselben Platz 
finden, zweitens jener Teil der der Blindheit angepaßten Ausbildung, 
welcher dieses Platzfinden ermöglicht und erleichtert. 



3. Nummer. Zeitschrift für das Österreichische BHndenwesen. Seite 253. 

Hierauf sprachen Universitätsprofessor Emil Groß, Gräfin Emil 
Desewffy und die Staatssekretäre Klebeisberg und Vargha 
zum Gegenstand. 

Es wurde beschlossen, die erblindeten Soldaten vorläufig ihrer 
Muttersprache entsprechend in drei Krankenhäusern, und zwar in 
Budapest, Klausen bürg und A gram unterzubringen, wo die Un- 
glücklichen nebst einer entsprechenden Behandlung mit Inanspruch- 
nahme berufener Persönlichkeiten der Gesellschaft auch einer ent- 
sprechenden seelischen Fürsorge teilhaftig würden. Weiter wurde 
beschlossen, mit dem Verein zur Unterstützung von Blin- 
den ein Abkommen h i n s i c h 1 1 i c li der Ausbildung der aus 
dem Kranken hause entlassenen erblindeten Soldaten zu 
treffen. 

Schließlich versicherte der Ministerpräsident der Konferenz, daß 
er sich jederzeit wärmstens für die Sache der erblindeten Soldaten 
interessieren und im Interesse der guten Sache jederzeit gern zu 
Diensten stehen werde. 

Ungarn ist zu der einheitlichen und großzügigen Aktion, welche 
mit dieser Konferenz eingeleitet wurde, nur zu beglückwünschen. 



Regierungsrat P. Hermann J. Ulbricht. 



Ein Herz, das warm für alles Gute und Schöne der Welt, 
aber auch für alle Unglücklichen dieser Erde, darunter besonders für 
unsere armen Blinden, schlug, ist stille geworden und hat, nachdem 
es bereits Jahre hindurch dem regen Geiste seine heiße Quelle nur 
mehr zögernd und stockend lieh, zu schlagen aufgehört, Regierungs- 
rat P. H. Ulbrich, der Begründer und langjährige Direktor 
des Mädchen-Blindenheimes »Elisabetium« in Melk, ist nicht 
mehr. Ein Herzschlag hat am 21. Februar 1. J. seinem arbeits- und 
segensreichen Leben ein Ziel gesetzt. Mit ihm ist ein Mann edelster 
Gesinnung im Priesteramte, ein Erkenner und Erfasser der innerlichen 
Werte der Menschheit, ein hervorragender Schulmann und ein selbst- 
loser Freund und Führer der Blinden dahin gegangen. Neben seinen 
trauernden Mitbrüdern und Schülern steht in Schmerz und Ver- 
zweiflung eine Schar blinder Mädchen, denen er ein Heim fürs Leben 
schuf, wie es kein zweites in Osterreich gibt, denen er mehr als 
Führer und Berater, denen er Vater war. Was sie ihm in die Gruft 
zur ewigen Ruhe nachrufen, das fühlen alle, die diesem Manne hohen 
Wissens und tiefster Seelengüte nahetreten durften. Auf welchen 
Gebieten menschenfreundlicher Betätigung sein Name auch mit Ehren 
genannt wird, das alle Zeiten überdauernde Denkmal seines Wirkens 
wird das Mädchen-Blindenheim, die Stätte seiner Liebe für die Blinden, 
bleiben. Als Lohn für dies Werk höchster Nächstenliebe werden 
sich an seiner Seele die Worte unseres Heilandes erfüllen: »Was Du 
an meinen Brüdern und Schwestern getan hast, das hast Du mir getan !» 



Seite 254. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 3. Nummer. 

P. Hermann Johann Ulbrich, Benediktiner des Stiftes, wurde 
am 25. April 1847 zu Tschenkowitz in Böhmen o^eboren, erlernte als 
Sohn armer Eltern zuerst das Weberhandwerk, absolvierte aber dann 
mit ausgezeichnetem Erfolge das Gymnasium in Olmütz, die theolo- 
gischen Studien in Melk und die philosophischen Studien an der 
Universität in Wien, wurde im Jahre 1877 Professor der klassischen 
Philologie am k. k. Obergymnasium in Melk und versah hier außer 
seinem Lebensberufe hintereinander im Jahre 1877 das Amt eines 
Konviktspräfekten, 1882 — 1884 das des Stiftsgastmeisters, 1877 — 1884 
auch das des Gymnasialbibliothekars. 1884 — 1887 war er Konvikts- 
direktor, seit 1887 auch Stiftskämmerer, bis er dieses Amt 1899 
zurücklegte, um für die Schaffung des Blindenlieimes Zeit zu gewinnen. 
Vom Jahre 1887 an hat er als Mitglied der Gemeindevertretung die 
Errichtung des Mädchen-Blindenheimes in Melk nach Kräften gefördert. 
Seit 1887 Direktor des k. k. Stiftsgymnasiums, mußte er diese Stellen 
nach langjähriger Erfüllung wegen Kränklichkeit niederlegen. Als 
äbtlicher Sekretär und Leiter des Blindenheimes bot ihm selbst der 
Ruhestand eine Fülle von Arbeit. Erst Ende des vorigen Jahres 
vermochte er den Weg zum Heime nicht mehr zurückzulegen und 
übergab die Leitung desselben jüngeren Händen. 

P. H. Ulbrich erfuhr vielfache Ehrungen. Er wurde zum 
k. k. Regicrungsrat, bischöflichen Konsistorialrat von St. Polten und 
Ehrenbürger von Melk und in seinem Geburtsorte ernannt, sowie mit dem 
Ritterkreuz des Franz- Josefsordens ausgezeichnet. Die ihm zugedachte 
Ehrenmitgliedschaft im Zentralvereine für das österr. Blindenwesen 
sollte er nicht mehr erleben. 

Neue Bücher in der „Zentralbibliothek für Blinde in Österreich". 

Unter den Persönlichkeiten, welche durch Übertragung von 
Schwarzdruckwerken in dieBraillesche Punktschrift die geistigen Interessen 
der Blinden in nicht genug hoch anzuerkennender Weise fördern, haben 
sich in der letzten Zeit besonders zwei Brünner Damen, Stiftsdame 
Creszenzia Freiin von Buschmann und Fräulein Bärbel Heinke, 
besonders rühmlich hervorgetan, indem sie eine sehr bedeutende Anzahl 
solcher Werke für die genannte Bibliothek abschrieben, die sich sowohl 
durch die Gediegenheit des Stoffes, als durch die strenge System- 
mäßigkeit und Korrektheit der hierbei ausschließlich zur Anwendung 
gelangten Kurzschrift auszeichnen. Wir fühlen uns daher auf das An- 
genehmste verpflichtet, den beiden hochherzigen Damen hierfür im 
Namen der Leser innigsten und wärmsten Dank zu sagen, mit der 
inständigsten Bitte, in ihrem edlen und segensreichen Tun auch weiter- 
hin zum Wohle der Blinden fortzufahren: 

Fräulein Heinke, eine Wohltäterin, die schon seit Langem den 
Bücherschatz der Blinden ansehnlich bereichert und auch sonst auf 
dem Gebiete des Blindenwesens Hochverdienstvolles leistet, hat in der 
Zeit von 1910 bis 1914, also in vier Jahren, neuerdings nicht weniger 
als 56 Werke mit zusammen 200 Bänden geliefert, es sind folgende: 
Bitte ruf: Napoleon I. 3 Bände. 
Berger: Hofrat Eysenhardt, 2 Bände. 
Bischof: Amalie Dietrich, 7 Bände. 



3. Nummer. Zeitschrift für das österreichische BHndenwesen. Seite 255. 

B öl sehe: Abstammung des Menschen, 2 Bände; Stammbaum der Tiere, 2 Bände; 

Im Steinkohlenwald, 2 Bände; Der Mensch der Vorzeit, 2 Bände; Stunden 

im All, 6 Bände. 
Darwin: Die Entstehung der Arten, 14 Bände. 
Ernst: Vom grüngoldenen Baum, 2 Bände. 
Frauce: Streifzug im Wassertropfen, 2 Bände; Liebesleben der Pflanzen, 1 Band; 

Bilder aus dem Leben des Waldes, 2 Bände. 
Flöricke: Kriechtiere und Lurche, 2 Bände; Deutsches Vogelbuch, 14 Bände. 
Goethe: Italienische Reise, 12 Bände. 
Goltz; Der jungen Türkei Niederlage und die Möglichkeit ihrer Wiedererhebung, 

1 Band. 

Gregor o vi us: Die Insel Elba, 1 Band; Die Insel Capri, 1 Band, Aus der Cham- 
pagna von Rom, 1 Band; Der Ghetto und die Juden von Rom, 1 Band; 
Lucrezia Borgia, 6 Bände. 

Gomperz: Essays, 5 Bände; Jugenderinnerungen, 1 Band. 

Jaeckel: Indische Reisebrieie, 5 Bände. 

Haeckel: Aus Insulinde, 4 Bände. 

Hedin S. : Von Pol zu Pol, 6 Bände; Vom Nordpol zum Äquator, 6 Bände. 

Häuser: Die Freiheitskriege 1813-1815, 16 Bände. 

Hei gel: Politisehe Hauptströinungen im 19. Jahrhundert, 3 Bände. 

Hesse: Hermann Lauscher, 2 Bände; In der alten Sonne, 1 Band. 

Hauser: Fra Ignoto, 2 Bände. 

Hofmann T. A.: Der goldne Topf, 2 Bände. 

Humboldt A.: Auf dem Orinocostrom, 2 Bände; Bekenntnisblätter, 3 Bände. 

Lorm: Der Naturgenuß, 3 Bände; Die Muse des Glücks, 1 Band. 

Lau ff: Die Brinschulte (Novelle), 6 Bände. 

Marschall: Spaziergänge eines Naturforschers, 8 Bände. 

Moltke: Der deutsch-französische Krieg 1870 — 71, 7 Bände. 

Raabe: Novellen: Frau Salome, 2 Bände, und die Apotheke zum wilden Mann, 

2 Bände. 

Roth: Geschichte der christlichen Balkan-Länder, 3 Bände. 

Stifter: Novellen: Der Kondor, das Haidendorf, 1 Band, und Prokopus, 1 Band. 

Straßburger P.: Streifzüge an der Riviera, 3 Bände; Blumen des Hochgebirgs, 

2 Bände. 
Satzenhofer: Gründung von Blindenbibliotheken, 2 Bände. 
Schaukai: Großmutter, 2 Bände. 

Teichmann: Fortpflanzung und Zeugung, 2 Bände; Leben und Tod, 2 Bände. 
Wettstein: Botanik, 5 Bände. 
Zahn: Die Mutter (Novelle), 1 Band. 
Meyer R. M.: Anleitung zur deutschen Lektüre, 1 Band. 

Frau Baronin Buschmann, die erst im Frühjahre 1914 die 
Braillesche Punktschrift und die deutsche Kurzschrift erlernte und darin 
sehr rasch eine große Vollkommenheit erreichte, hat im Sommer und 
Herbst des genannten Jahres nachstehende Werke übertragen: 

Verschiedene Novellen von Paul Heyse, Gogol, M. von Ebner-Eschenbach 
und einigen modernen spanischen Autoren in deutscher Übersetzung, 5 Bände. 
Bö Ische: Festländer und Meere, 2 Bände. 
Flöricke: Säugetiere fremder Länder, 2 Bände. 
Hedin: Von Pol zu Pol (2. Folge), 6 Bände. 

Die Bücher werden unentgeltlich verliehen in der Bibliothek Wien IX., 
WähringergUrtel 136. 



Seite 256. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 3. Nummer. 

V. Blindenfürsorgetag (Blindenlehrertag), Wien, 1914. Der 

Stadtrat der Gemeinde Wien hat nacli einem Berichte des Vizebürger- 
meisters J. Rain zur Deckung der Kosten des abgehaltenen Tages 
einen Beitrag von 800 K bewilligt. Der damit bekundeten Munifizenz 
der Gemeindevertretung Wiens gebührt der Dank aller Blinden und 
Blindenfreunde Österreichs. 

Personalnachrichten. 

Silberne Hochzeit. Am 17. Februar 1. J. feierte der Direktor der Klar'- 
schen Blindenanstalt in Prag Emil Wagner und dessen Gemahlin johanna 
das Fest der silbernen Hochzeit. Das segensreiche Walten eines Ehepaares 
in unermüdlicher Hingabe an das Wohl der Blinden ist seit Alois und Rosina Klar 
Tradition in der Klar'schen Blindenanstalt. Wie das Jubelpaar diese Cberlieferung 
erfüllt hat, sehen >vir an der aufsteigenden Entwicklung dieser Anstalt und der Gründung 
der »Deutschen Blindenschule« in Aussig. Der Wunsch, welchen die österreichischen 
Blindenfreunde dem Paare zu seinem Ehrentage entbieten, ist ein aufrichtiger und 
inniger, 

»Golden die Herzen, silbern die Haare, 

Blühe aufs neue 

Liebe und Treue 

Noch auf lange, Jahre um Jahre!« 

Schon am Vorabende des Ehrentages überraschten die Zöglinge der Anstalt 
das Jubelpaar mit einem hübschen, stimmungsvollen Ständchen. Die -eigentliche 
Feier fand am 17. d. M. im Festsaale der Klarsehen Anstalt statt, wo sich das 
Direktorium, die Beamtenschaft, die Zöglinge sowie viele Freunde und Bekannte 
der Gefeierten um .'''.,12 Uhr versammelt hatten. Das eintretende Jubelpaar wurde 
mit einem stürmischen »Hoch« empfangen, worauf der Chor ein weihevolles Lied 
zum Vortrag brachte. Nun trat der Obmann des Direktoriums Herr kaiserl. Rat 
Städl vor das Jubelpaar und brachte in herzlichen Worten die Glückwünsche und 
den Dank des Direktoriums zum Ausdruck. Herr Verwalter Fus gratulierte im 
Namen der Beamtenschaft worauf Direktor Rauter die Glückwünsche der Aussiger 
Blindenschule darbrachte und in seiner kurzen Ansprache besonders betonte, daß 
es dem rastlosen Arbeitseifer des Jubelpaares gelungen ist, in verhältnismäßig kurzer 
Zeit ganz Bedeutendes auf dem Gebiete der Blindenfürsorge zu leisten, wie da sind: 
Die finanzielle Fundierung des Klarsehen Institutes, die Einführung des modernen 
Betriebes der Blindenarbeit, der herrliche Neubau des .Anstaltsgebäudes, die Er- 
weiterung des Kindergartens und endlich die Gründung der Deutschen Blinden- 
schule in Aussig. 

Nun kamen die lieben Kleinen des Kindergartens zum Worte, mit einem 
hübschen, von einem Taubblinden der Anstalt verfaßten Gedichtchen und über- 
reichten einen Blumenstrauß. Zwei Schüler der Aussiger Schule wußten ebenfalls 
kleine Gedichtchen aufzusagen, ein Mädchen der Klarsehen Anstalt gratulierte und 
dankte im Namen der deutschen, ein erwachsener Zögling namens der tschechischen 
Blinden der Anstalt. Von der Überfülle der Beweise der Anerkennung und der 
Zuneigung sichtlich ergriffen, dankte Herr Direktor Wagner jedem einzelnen Redner 
in seiner einfachen, ungeschminkten Art, womit die Feier ihr Ende fand.. Als 
Beweis der allseitigen Wertschätzung liefen aus nah und fern zahlreiche Draht- 
glückwünsche ein, darunter auch viele von Blindenanstalten. Wir möchten dem 
Jubelpaare auch unserseits den Wunsch fürs fernere Leben mitgeben, der im Ge- 
dichtchen des Aussiger blinden Mädchens so hübsch zum Ausdrucke kommt: 

Heute liegt der Tag im Glanz des Silbers. 
Gott füge, daß in künft'ger Zeit. 
Er so wie heute froh sie finde, 
Wenn er im Golde sich erneut. 

— Raimund Swoboda f. Am 26. Jänner 1. J. starb in Wien nach langem 
Leiden Raimund Swoboda, ehemaliger Obmann und Ehrenmitglied des I. österr. 
Blindenvereines, Besitzer des goldenen Verdienstkreuzes und Klavieretablissement- 
besitzer. Am 31. August 1S67 in sehr bescheidenen Verhältnissen geboren, kam er 
in schon vorgerücktem Alter in das k. k. Blindeninstitut in Wien, wo er zuerst dem 



3. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 257. 

Korbflechterhandwerke zugewiesen, sich später der Musik und dem Klavierstimmen 
mit allem Fleiße widmete. Als Zitherlehrer, Kapellmeister der I. Wiener Blinden- 
kapelle und Klavierstimmer wußte er durch unermüdliche Ausdauer und rastloses 
Streben sich einen großen Kundenkreis zu sammeln und begann dann einen Klavier- 
handel, in dem er es durch seine reele Geschäftsgebahrung wie durch seinen Fleiß 
zu einem wohlhabenden Manne brachte. 

Als Mensch, Geschäftsmann wie als Blindenfreund erfreute sich der Ver- 
storbene allgemeiner Wertschätzung und Achtung und mancher Blinde, dem er in 
unauffällig bescheidener Form Gutes erwiesen, wird dem Toten ein dankbares 
Angedenken bewahren. Bei der Gründung des I. Blinden-Unterstützungsvereines 
für Niederösterreich nahm er regsten Anteil und wurde 1897 zum Obmannstell- 
vertreter, 1900 zum Obmann gewählt, welches Amt er bis zu seiner Erkrankung 
im Jahre 1910 inne hatte Mit strenger Gewissenhaftigkeit und unerschütterlicher 
Pflichttreue führte Swoboda den Verein durch die in den Kinderjahren des Vereines 
sich erhebenden Gefahren einer glücklichen Entwicklung entgegen und er fand 
durch seine im Jahre 1908 erfolgte Ernennung zum Ehrenmitgliede wie dutch die 
1909 stattgehabte Auszeichnung den wohlverdienten Lohn und die Anerkennung 
von höchster Stelle. 

Ein tückisches Nervenleiden hatte Swoboda gezwungen, sich von den 
Vereinsgeschäften völlig zurückzuziehen, und jetzt hat der Tod diesem braven Manne, 
dem für alle Blinden als Muster der Schaffenskraft und Pflichterfüllung voranleuch- 
tenden Menschenfreunde die Erlösung gebracht. Aber auch nach seinem Hinscheiden 
wird der Name Swoboda in der Geschichte des I. österr. Blindenvereines in 
ewig dankbarer Erinnerung fortleben. Seine Liebe, seine Anhänglichkeit an seine 
Leidensgefährten wirkt über das Grab hinaus, denn er hat dem Vereine ein Legat 
von K 10.000 zugedacht. Der Verein wird bestrebt sein, diese hochherzige Widmung 
im Geiste des Verstorbenen zu verwenden, ihm zur immerwährender pietätvoller 
Erinnerung, den Blinden aber zum Segen. A. v. Horvath. 

Professor A. Birnbacher f. Am 24. B'ebruar 1. J. verschied in Graz der 
außerordentliche Universitätsprofessor Dr. Alois Birnbacher, ein hervorragender 
Fachmann anf dem Gebiete der Augenheilkunde, im 66. Lebensjahre. Der Verewigte 
war durch viele Jahre Augenarzt der Odilien-Blindenanstalt, welchen Dienst er in 
selbstloser Weise unentgeltlich versah. 

— Frau Anny von Newald-Grasse hat I. k. H. der Frau Erzherzogin 
Zita ein zeitgemäßes »Lied der Schutzengel« (Wiegenlied) zugeeignet. Worte wie 
Musik rühren von dieser vielseitig begabten, stets hilfsbereiten Blindenfreundin her. 
Das prächtige Lied wurde bereits bei musikalischen Aufführungen im Mädchen- 
Blindenheim und in der n. ö. Landes-BHndenanstalt in Purkersdorf mit großem 
Erfolge gesungen. 

Aus den Anstalten. 

— Mädchen-Blindenheim »El is abeth i num« in Melk. Im Saale 
dieses Heimes wurden am 14. und 15. Februar 1. J. musikalische Au ff üh r.un gen 
veranstaltet, deren Erträgnis den verwundeten Soldaten in Melk zufloß. Die Pfleg- 
linge des Heimes beteiligten sich daran mit den Chören : »Gott, meine Zuversicht« 
von F. Schubert und »Röselein, Röselein« von B. Rothlauf, für welche höchst 
gelungenen Vorträge sie großen Beifall ernteten. 

— Privat-Blinden-Lehranstalt in Linz. Am Mittwoch, 20. Jänner 
1. J., besuchten 72 Fräulein des Apostolates bei St. Ursula in Linz in Begleitung 
ihres hochw. Herrn Direktors Dr. Alois Hartl die Blindenbeschäftigungsanstalt. 
Nach Begrüßung und kurzem Einleitungsvortrag durch den Anstaltsdirektor A. M. 
Plenin ger besichtigten die Gäste die Arbeiten der männlichen und weiblichen 
Zöglinge. Im Vortragssaale fand sodann eine Wiederholung des Konzertes vom 
29. November 1914 statt, das gleichfalls großen Beifall tand. Am 24. Jänner 1. J. 
erhielten wir in derselben Anstalt wieder Besuch durch 60 Hortzöglinge dreier 
Jugendorganisationen von Linz. Das Programm wurde in ähnlicher Weise wie beim 
ersten Besuche durchgeführt. Die Herren Hortleiter dankten zuletzt in herzlichen 
Worten dem Direktor, Herrn Fachlehrer Wolf gruber und allen Mitwirkenden 
und versprachen, im Sinne der Worte des Direktors autklärend für die Sache der 
Blinden zu wirken. Weitere Besuche werden liald folgen. Die Sammlung für die 
Kriegsblinden wird bei uns immer noch fortgeführt. Bereits ist der erste im 



Seite 258. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen, 3. Nummer. 

Felde erbUndete Soldat zur Aufnahme angemeldet. Herr Fachlehrer Emanuel S c h e i b 
mußte bis Ende März einen Krankheitsurlaub nehmen, den er in Südtirol ver- 
bringen wird. 

flus den Vereinen. 

— Blinden-Unterstützungsverein »Die Purkersdorfer« in Wien V. Dieser unter 
dem Obmanne F. Uhl stehende Verein veröffentlicht seinen Rechenschaftsbericht 
über die Geschäftsgebahrung im Jahre 1914. Das Vereinsvermögen belauft sich am 
Ende dieses Jahres auf K 18.121. Für Unterstützungen an Blinde wurden K 1772 
ausgegeben. Als Stifter traten dem Vereine bei die Herren: R. Wiener, Ritter 
von Welten, Regierungsrat A. Meli, Hauptlehrer F. Demal und D. Ch an- 
Speyer. 

Für unsere Kriegsblinden. 
Fünfzigtausend- Kronen-Spende des Barons Louis Rothschild 
für dieSammlungder»NeuenFreien Presse« zugunsten im Felde er- 
blindeter Angehöriger des Heeres. Baron Luis R o th schi 1 d hat heute 
den Betrag von 50.000 K für die Sammlung der »Neuen freien Presse« zugunsten der 
im Felde erblindeten Angehörigen des Herres übermittelt. Dank dieser hochherzigen 
und großmütigen Zuwendung hat unser Fonds für erblindete Soldaten die Höhe von 
einer Viertelmillion bereits überschritten. Unaufhörlich laufen größere und kleinere 
Spenden für den edlen Zweck ein und beweisen, wie intensiv das Schicksal unserer 
Kriegsblinden die gesamte Öffentlichkeit beschäf^tigt. Es ist kein uferloses Meer, in 
das diese Spenden versinken und versickern. Hoffentlich wird die Zahl der Kriegs- 
blinden sich in solchen Grenzen halten, daß die Widmung unmittelbare, fast physisch 
wahrnehmbare Wirkungen auf das Schicksal des einen oder des anderen unserer 
blinden Krieger ausüben wird. Wir sind der sicheren Zuversicht, daß die Spenden 
für unsere Sammlung zugunsten erblindeter Soldaten auch weiter in so reichem Aus- 
maße herbeiströmen werden wie bisher. Die Sammlung soll und wird nicht abge- 
schlossen werden, ohne daß die soziale Existenz sämtlicher Helden, die ihr Augen- 
licht im Kampfe für uns alle eingebüßt haben, sichergestellt sein wird. Mit Ende 
Februar hat die Sammlung eine Höhe von 285.000 K erreicht. 

— Von den freiwilligen Beiträgen der n. ö. Landesbeamtenschaft für 
Kriegsfürsorgezwecke wurden vorläufig K 500 für die Blindenhilfsaktion bestimmt, 

— Der Lehrkörper der n. ö. Landes-Blindenanstalt in P\irkers- 
d o r f beschloß, die von den Mitgliedern zur Kriegshilfe geleisteten Beiträge, für 
welche bisher Kälteschutzmittel angekauft und ihrem Zwecke zugeführt wurden, nun- 
mehr den erblindeten Soldaten zuzuwenden. Diese Spenden sollen abwechselnd dem 
»L österr. Blindenverein« und dem Blinden-Unterstützungsverein »Die Purkersdorfer« 
in Wien zur entsprechenden Verwendung zur Verfügung gestellt werden. 

— Konzert zugunsten der im Kriege erblindeten Soldaten. Die 
Klaviervirtuosin Fräulein O. Kricka veranstaltete im Vereine mit anderen Kunst- 
kräften Dienstag den 9. Februar 1. J. im kleinen Musikvereinssaale in Wien ein Kon- 
zert, dessen Ertrag dem L österr. Blindenvereine zufloß. Außer den von Frl. Kricka 
vorgetragenen Klaviertrios von Schumann und Smetana, gefiel besonders M. Schillings 
Melodrama »Das Hexenlied«, bei dem Herr V. Kutschera in ausgezeichneter 
Weise seine Spechkunst zeigte. Weiters wirkten mit: Professor R. Fitzner (Violine) 
und E. Walter (Cello). 

— Wohltätigkeitsveranstaltung. Zugunsten im Felde erblindeter 
Soldaten fand Mittwoch den 10. Febiuar 1 J. im Kaufmännischen Saale, Wien I., 
Johannesgasse, unter gefälliger Mitwirkung der Opernsängerin Fräulein Henny Dima 
eine Dilettanten-Theaterakademie statt. Nebst Einzelvorträgen gelangten das Alt- 
wiener Stück »Geigen« von Olly Grauaug und Peter Herz zur Uraufführung. 

— Am 5. Februar 1. J. fand im mittleren Saale des Konzerthauses in Wien ein 
Kammerkonzert zugunsten der im Felde eiblindeten Angehörigen 
des Herres statt, dessen Ausführende Moritz Violin, Kammersänger Franz 
Steiner, Engelbert Röntgen (Cello), und die Hofmusiker Paul Fischer (Violine), 
Alexander Wunderer (Oboe), Franz Behrens (Klarinette), Karl S t i e g 1 e r (Hörn) 
und Bruno Wesser (Fagott) waren. Es gelangte eine kleine Suite für Geige allein 
von Moritz Violin durch k. u. k. Hofmusiker Paul Fischer zur Uraufführung. Das 
weitere Programm lautete: Brahms, Vier ernste Gesänge; Beethoven, Variationen 

Herausgeber: Zentralverein für das österreichische Blindenwesen in Wien. Redaktionskomitee: K. Bürklen, 
J. Kneis, A. v. Horvath, F. Uhl, — Druck von Adolf Englisch, Purkersdorf bei Wien. 




2. Jahrgang. 



Wien, April 1915. 



4. rSummer, 



^ »Ta diese F'insternis wird schwinden, ^ 

^ Einst bricht ein ew'ger Morgen an. ^ 

^ Dann würd' ich alle seh'n und finden, ^ 

^ Die hier den Blinden wohlgetan.« ^ 

5w Elisabeth Fischer. !§ 




Zu dem Nachrufe in der vorigen Nummer 



Seite 264. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 4. Nummer. 

flugenverletzungen und Erblindungen im Kriege. 

K. k. Universitätsprofessor Regierungsrat Dr. O. Bergmeister, Wien. 

Die Augenverletzungen der Soldaten im Felde stellen fast ausnahms- 
los Schußverletzungen dar. Unter der großen Zahl von Aiigenverletzungen, 
welche ich zu Gesicht bekam, fand sich nur eine Stichverletzimg und 
eine Rißquetschwunde infolge Sturzes. Die Stichverletzung hatte sich , 
der betreffende Soldat selbst beigebracht. Eine Kavalleriepatrouille war 
im Walde abgestiegen und hatte sich am Boden gelagert, um ihr Mittags- 
brot zu verzehren. Plötzlich wurde sie von Kosaken überfallen. Ein 
Dragoner, der das geöffnete Taschenmeisser in der Hand aufsprang, glitt 
hiebei aus und stürzte wieder zu Boden, wobei er sich das Messer in 
das rechte Auge stieß. Das Auge konnte durch Ausschneiden der vor- 
gefallenen Regenbogenhaut und durch Entleerung der gequollenen Linse 
— des Wundstares — gerettet werden. 

Die Schußverletzungen des Auges entstehen wie allgemein durch 
Gewehrschüsse, Schrapnellgeschoße oder Granatsplitter, mitunter auch 
durch Pulverkörner, Staub, Sand, Erde, Steinsplitter, welche durch ein- 
schlagende Schrapnelle oder Granaten gegen das Gesicht geschleudert 
werden. Die Schwere der Verletzung hängt wesentlich davon ab, ob es 
sich bloß um einen Streifschuß, um eine Kontusion des Auges oder aber 
um einen Durchschuß oder Steckschuß handelt. Im letztern Falle findet 
sich kein Ausschuß, sondern das Geschoß ist in größerer oder geringerer 
Entfernung vom Auge irgendwo im Körper stecken geblieben. 

Doch auch solche, anscheinend gefährliche Verletzungen können 
günstig ablaufen. Gleich zu Beginn des Krieges bekam ich einen Ver- 
wundeten auf meine Abteilung, der in Hegender Stellung einen Einschuß 
am Kopf in der Gegend des linken Scheitelbeines erhalten hatte. Das 
linke Auge war vorgetrieben, aber dessen Sehkraft erhalten. Das Geschoß 
hatte das Vorderhirn und die Augenhöhle hinter dem Auge ohne Ver- 
letzung des Sehnerven passiert. Das Röntgenbild zeigte eine russische 
Gewehrkugel mit der Spitze nach oben, in umgekehrter Richtung zum 
Einschuß, vor der Halswirbelsäule, hinter der hinteren Rachenwand. Patient 
hatte anfangs Schlingbeschwerden, die rasch abnahmen. Er hat das 
Spital längst geheilt verlassen. 

Hingegen sind wieder anscheinend leichte Streifschüße für das Seh- 
vermögen des betreffenden Auges nicht selten verderbenbringend. Ab- 
gesehen davon, daß hiebei häufig die Weichteile in der Umgebung, in 
der Ohr-, Jochbogen- und Wangengegend, an den Lidern verletzt er- 
scheinen, führt der Streifschuß ohne äußerlich sichtbare Verletzung des 
Auges durch die Quetschung und Erschütterung des Augapfels zu 
innerlichen Blutungen, Netzhautabhebung, Abreißung der Regenbogenhaut 
mit oder ohne Linsenverschiebung, zur Zerreißung der Aderhaut, kurz 
zu Verwundungen, welche nur bei genauer Untersuchung mit dem 
Augenspiegel gewürdigt werden können, die aber im Stande sind, eine 
bleibende Schädigung, eventuell dauernde Erblindung, des betreffenden 
Auges hervorzurufen. 

Wenn wir nun alle Verletzungen überblicken, welche den Augen- 
verletzungen zuzuzählen sind, so lassen sich etwa folgende Gruppen 



4. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 265. 

aufstellen, wobei es sich von selbst versteht, daß es sich in Wirklichkeit 
meist um kombinierte Verletzungen handelt : 

1. Verletzungen des Augapfels selbst. 

2. Verletzungen der Schutz- und Anhangorgane des Auges, der 
Lider, des Bindehautlelles, des Tränenapparates, der Augenmuskel. 

3. Verletzung der Augenhöhle, der knöchernen Umrandung und 
der Wandungen derselben und ihres Inhaltes, wozu außer dem Auge 
selbst und seinen umgebenden Weichteilen auch der Sehnerv bis zu 
seinem Eintritt in die Schädel höhle gehört. Diese Verletzungen können 
mit Verletzungen der Nachbarhöhlen so der Nasen-, Stirn-, Siebbein-, 
Keilbein- und Highmorhöhle, endlich auch der verschiedensten Teile 
des Gesichts- und Hirnschädels sowie des Gehirnes selbst je nach der 
Richtung des Schußkanales kombiniert sein. 

4. Störungen des Sehvermögens durch allgemeine Schockwirkung, 
meist vorübergehender Natur. 

Derartige Nervenschockwirkungen sehen wir z. B, bei Soldaten die 
durch den Luftdruck eines Granatschusses in die Höhe gehoben und 
dann zu Boden geschleudert wurden. 

5. Beeinfiußung des Sehvermögens durch einen Gehirnschuß mit 
nachfolgenden Hirnabzeß, der durch Fortleitung Sehnervenentzündung, 
sogenannte Stauungspupillen hervorruft, deren Diagnose mit dem Augen- 
spiegel meist Anlaß zur operativen Eröffnung des Schädeldaches gibt 
zwecks Entleerung des Abzeßes oder auch zwecks der Extraktion 
eines in das Gehirn eingedrungenen Projektiles, dessen Sitz aus dem 
Röntgenbilde konstatiert wird. 

6. Sehstörungen resp. Erblindungen in Folge Gehirnschußes mit 
Verletzung solcher Gehirnteile, welche direkt mit der Sehfunktion in 
Beziehung stehen, wie Hinterhauptslappen, Traktus, Optikus etc.; selbst- 
redend verlaufen solche Verletzungen nicht selten tötlich. 

Zum Glücke finden wir neben den zahlreichen schweren Augen- 
verletzungen auch leichtere, weniger gefährliche vor, die eine günstige 
Prognose gestatten. 

Eine solche Verletzung ist z. B. die Tätowierung des Gesichtes, 
der Augenlider und des Auges (der Bindehaut und Hornhaut) durch 
eingesprengte Pulver- und Sandkörner beim Einschlagen eines Schrapnells 
oder einer Granate in den Erdboden. Diese zahlreichen kleinen Körnchen, 
welche in der Oberfläche des Auges stecken bleiben, rufen anfangs 
große Lichtscheu und Schmerzen hervor, können aber in einigen Wochen 
ohne wesentliche Störung einheilen. Selbstredend werden größere Körnchen 
operativ entfernt, ebenso Eisen-, Blech- und Kupfersplitter, die in der 
Hornhaut stecken. Fremdkörper die die Hornhaut durchschlagen, in die 
vordere Kammer gelangen und die Linse verletzen, erregen Wundstar 
und häufig auch durch Infektion der Wunde Entzündung. Bei Eisen- 
splittern gelingt die Entfernung mit den Elektromagneten. Solche Augen 
sind zu retten. Häufig müssen in solchen Fällen vorgefallene, in der 
Wunde eingeklemmte Partien der Regenbogenhaut ausgeschnitten, mit- 
unter auch die verletzte gequollene Linse früher oder später aus dem 
Auge durch Einstich entleert werden. 

Die Heilung solcher komplizierter Verletzungen dauert länger und 
kann, wenn gleichzeitig eine Infektion der Wunde vorhanden, gefahr- 
drohend werden. Gefährlich ist die Sache auch, wenn selbst kleine Splitter 



Seite 266. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 4. Nummer, 

durchschlagen und in das Innere des Auges, in den hinteren Augenraum 
(Glaskörper) gelangen. Die Einheilung solcher Fremdkörger im Innern 
des Auges ist infolge der mit eingedrungenen Intektionskeime von einer 
schleichenden oft schmerzhaften Entzündung begleitet, die zur Erblindung 
und Schrumpfung des Auges und hiedurch wieder zur sympathischen 
Erkrankung und Gefährdung des zweiten Auges führt, die geeignet ist, 
mit völliger beiderseitiger Erblindung zu enden. Es kann mit Bestimmtheit 
gesagt werden, daß bei sorgfältiger Überwachung solcher Fälle in einem 
Spital die sympathische Erkrankung durch die rechtzeitige Entfernung 
(Emuleation) des verletzten Auges sicher vermieden wird. 

Nicht selten ist die Durchtrennung und Zerreißung der Augenhäute 
so ausgedehnt, daß der Augeninhalt (Glaskörper Linse etc.) unter mehr 
oder weniger starker Blutung austritt. Hier bleibt meist nichts anderes 
übrig als das zertrümmerte Auge zu entfernen (primäre Enukleation) oder, 
wenn bereits infolge der Infektion Eiterung (Panophthalmitis) aufgetreten 
ist, die spontane Abstoßung und Vernarbung mit dem Ausgang 
in Phthisis bulbi abzuwarten. 

Häufig finden wir in solchen Fällen gleichzeitig Rißwunden an den 
Lidern und umgebenden Weichteilen des Gesichtes mitunter, mit Zer- 
trümmerung der knöchernen Umrandung der Augenhöhle und Los- 
sprengung von Knochenteilen, die von dem Geschoße mit in die Augen- 
höhle hineingerissen wurden. Leider haben wir es bei einer nicht geringen 
Zahl von Fällen mit Erblindung, resp. Verletzung beider Augen, zutun ; 
dahin gehören gewisse Gehirnschüsse, Durchschüsse in der Schläfengegend 
mit Verletzung beider Sehnerven, resp. der hinteren Augenabschnitte, 
ferner Schüsse in der mittleren Stirngegend in der Nähe der Nasen- 
wurzel mit Zertrümmerung oder doch schwerer Verletzung beider Augen, 
wobei die Art der V^erletzung die Erhaltung des Sehvermögens von 
vornherein ausschließt. 

Diesen Armen gebührt unsere Aufmerksamkeit in ganz besonderem 
Grade, da mit dem Absschluß der Spitalsbehandlung durch Heilung resp. 
Vernarbung der Wunden die Sache nicht abgetan sein kann. 

Sowie es Schulen für Einarmige gibt, welche diese 
geschickt undselbständig für allerlei Hantierungen machen 
so ist es unsere? flicht, denimFelde gänzlichErblindeten 
durch die Blindenschule einen neuen Lebensinhalt zu 
geben. Ihr gesunkener Lebensmut muß neu aufgerichtet 
und gehoben werden durch das Bewußtsein, daß auch ein 
Blinder noch ein selbständiges und nützliches Mitglied 
der Gesellschaft ist, daß er arbeiten und durch die Arbeit 
Brot verdienen kann. Die Nacht die den Blinden umgibt, 
beginnt sich in dem Momente zu erhellen, als er nicht nur 
durch das Gehör durch die Stimme seinerUmgebung, Nach- 
richten empfängt, sondern sich dieselben selbst unabhängig 
durch das Lesen der B linde nschrift ver seh äffen un d durch 
Schreiben derselben weiter geben kann. Die Blinden, bei 
denen sich durch Übung alle übrigen Sinne, insbesondere 
Gehör- und Tastsinn zu oft staunenswerter Feinheit steigern, 
müssen dadurch, daß man sie Selbstbetätigung lehrt, mit 
der Zeit mit ihrem Schicksale ausgesöhnt und dadurch 
heiter, glücklich und zufrieden gemacht werden. 



4. Nummer Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 267. 

„Ich habe nicht das Glück gehabt." 

Peter R o s e g g e r. 

Was war das für ein frischer, lustiger Junge! Alle Schönheiten 
der Welt saugte er in sein helles blaues Auge und strahlte sie wieder 
zurück, wenn er lachend sprach und scherzte! Die Landschaften die 
er auf seine Palette legte, hatten gleichsam doppeltes Leben, das aus 
der Natur und das aus seiner Seele. Es gibt Menschen, die alle Lust 
der Welt durch ihre Augen eintrinken. So einer war Gustav und er 
feierte seine Sonntage nur auf Flur und Bergen. Wie freudig war er, 
als er im Sommer des vorigen Jahres einberufen wurde zu seinem 
Regiment; nun ging es ja in die schöne, lichte, weite Welt hinaus. 
Dann schrieb er heim von den malerischen Schönheiten der ungarischen 
Pußten und der Karpathen. Dann hörte man eine Weile nichts von 
ihm — endlich war er wieder da. An einem nebelfrostigen Dezember- 
tag waren die Züge der Verwundeten angekommen. Gustav kauerte 
auf einem Bunde Stroh, sein Kopf mit weißen Linnen über und über 
verbunden, die Fäuste preßte er sich ins Gesicht. — Ein Schrappnell. 
Die Augen zerstört, alle beide. Er weint nicht. Auf die Fragen, 
wie es den gekommen sei, sagte er nur: »Ich hab' nicht das Glück 
gehabt.« — Er .meinte das Glück, vor der Front zu fallen. Er blieb 
liegen im Lazarett, denn Verwandte hatte er nicht. War er doch nur 
ein lustiger Student gewesen. Eines Volksschullehrers Waise, die ein 
Heim nie gekannt, auch nie vermißt, da ja doch die schöne lichte 
Welt das trautsamste Heim ist. — Nun lag er auf dem Stroh. In den 
Höhlen seiner Augen schmerzte es, aber das war nichts gegen den 
Jammer seiner Seele. »Ich habe nicht das Glück gehabt» . . . Einem 
Freund betastete er Kopf und Gesicht und stöhnte auf: »Sie haben 
Augen, Sie haben Augen!« Ein Selbstmordversuch wurde vereitelt, 
und in der nächsten Nacht, als alles um ihn ruhte, der Genesung 
entgegenatmete, schrie Gustav auf — im Schmerz über sein verlorenes 
Licht, das keine Morgensonne wiederbringt. 

Das ist einer jener Unglücklichen, die mit zerstörtem Auge vom 
Felde zurückkommen. Die Ärmsten der Armen. — Der Staat ist schon 
befragt worden, was mit diesen Unglücklichen geschehen soll. Er hat 
bis jetzt keine Antwort gegeben. Wird er ihnen Lehrstätten bauen, 
daß sie, in Blindenarbeit unterrichtet, ihr Brot verdienen können? Oder 
wird er ihnen auf Märkten und an den Kirchtüren das — Sammeln 
milder Gaben gestatten ? Oder werden aus freiem Antrieb Menschen, 
die es wirklich sind, sich zusammentun und Mittel schaffen, um den 
lichtlosen Invaliden das Leben möglich und erträglich zu machen? 

Ach Gott, wie das wohl täte jetzt, ein reicher Mann zu sein! 
Ein Heim zu stiften für jene Hunderte von armen Blinden, die der 
Tod unbarmherzig zurückschickt in ein freudloses Leben. Oder wollte 
jeder, der sich seines Augenlichtes freut, und der nichts an sich so 
ängstlich zu schützen sucht als diese heilige Himmelsgabe, wollte 
jeder jetzt eine Krone spenden, um das Leben jener in der end- 
losen Nacht auch nur halbwegs erträglich zu machen? 

Aber die Krone allein kann ihr Leid, kann unser Mitleid nicht 
stillen. Bringen wir ihnen Ehre und Liebe entgegen, wo und wie immer 
wir können. 



Seite 268. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 4. Nummer. 

Die Fürsorge für die Kriegsblinden. 

A. von Horvath, Wien. 

Wenn uns die Sorge um das Schicksal der im Felde erblindeten 
Soldaten ganz besonders gewaltig ans Herz greift, so mag dies wohl in 
dem Gedanken liegen, daß es sich hier um eine vermehrte Hilflosigkeit 
derjenigen handelt, welche ihr bestes und edelstes Lebensgut, ihr Augen- 
licht, für die Ehre und den Bestand unseres Vaterlandes hingegeben 
haben. Es ist ein jäher, unvermittelter Sturz aus dem Licht in ewige 
Umnachtung, ein Zustand, welcher sich durch schwere Nervenerschütterun- 
gen, durch tiefe seelische Depression oft genug zu dumpfer Verzweiflung, 
zum einzigen Wunsche nach Selbstvernichtung steigert ! Was uns aber 
hier in so erschütternder Weise vor das Auge tritt, was uns zu rascher 
Hilfe drängt, es ist, wenn auch nicht in seiner Form und Ursache, doch 
in seinen Wirkungen dasselbe, was sich alltäglich geräuschlos, abseits 
vom Getriebe der Welt, in ungezählten Fällen wiederholt, es ist das 
Schicksal der Später-Erblindeten, welche mitten in ihrem Berufe, in ihrem 
Schaffen, durch Krankheit, Unfall u. s. w. plötzlich erblinden oder durch 
eine starke Verminderung ihrer Sehkraft ihren Beruf nicht mehr erfüllen 
können ! Die Öffentlichkeit muß immer durch das Massenhafte und 
sensationell erscheinende Unglück aufgerüttelt werden, bis sie sich aufrafft, 
helfend einzugreifen und so hat sie auch hier fast gänzlich der Später- 
Erblindeten vergessen, indem sie meint, mit der ohnehin spärlichen 
Fürsorge für die jugendlichen Blinden genug getan zu haben. Auch die 
Blindenpädagogen, in deren Hand bis vor kurzer Zeit die Blindenfürsorge 
fast ausschliesslich gelegen war, haben begreiflicherweise nur dieser ihre 
Aufmerksamkeit zugewendet und so besitzt Österreich erst seit etwa 
12 Jahren einen einzigen Verein mit einer Anstalt, welcher sich die 
Ausbildung von Später-Erblindeten zur Aufgabe gestellt hat, leider aber 
auch nicht annähernd der überaus großen Zahl Hilfesuchender eine 
solche zu bringen vermag. Eine lebhaftere Hilfstätigkeit auf diesem Gebiete 
setzte erst ein, als die Blinden zur Selbsthilfe griffen, sich zu Verbänden 
zusammenschlössen, wie dies in der größten und bedeutendsten Organi- 
sation, dem seit 1897 segensreich wirkenden Ersten österreichischen 
Blindenverein in Wien zum Ausdrucke kommt. Diese Vereinigung ist 
bestrebt, durch materielle Unterstützung in Not und Krankheit, durch 
Vermittlung von Arbeitsgelegenheit in allen Blindenberufen, ganz besonders 
durch seine Werkstätten, durch Abnahme von Blindenerzeugnissen, durch 
Zuführung von Lektüre etc., das körperliche und geistige Wohl der 
sich selbst überlassenen, in keiner geschlossenen Fürsorge befindlichen 
Blinden zu fördern. 

Wir haben in Österreich nur ein einziges Heim für alte erwerbs- 
unfähige Blinde in Prag, zwei Versorgungs- und Beschäftigungsanstalten in 
Wien und Prag, ein Blindenarbeiterheim und die Werkstätten der 
Produktivgenossenschaft für blinde Bürstenbinder und Korbflechter in 
Wien, welche auch Spätererblindeten zugänglich sind, alle übrigen Be- 
schäftigungsanstalten sind Blindeninstituten angegliedert und dienen in 
allererster Reihe zur Aufnahme entlassener Zöglinge dieser Anstalten. 
Vor allem ist es die Genossenschaft blinder Handwerker, welche als 
Ideal der Blindenfürsorge die freie Selbstbetätigung der Blinden zu ihrem 



4. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 269. 

Prinzipe macht und bemüht ist, die zersplitterten, im Einzelkampfe unter- 
liegenden Arbeitskräfte zu gemeinsamer und nutzbringender Arbeit zu 
vereinigen ; aber auch diese vermag, infolge ihrer bescheidenen Mittel 
und des geringen Verständnisses seitens der für Arbeitsbeschaffung 
ganz besonders in Betracht kommenden Faktoren (Staat, Land, Gemeinde), 
nur einem kleinen Teil dieser arbeitsfähigen und arbeitswilligen Blinden 
die Garantien für ihr Fortkommen zu bieten ! 

Aus diesem Mangel an Fürsorge für die Spätererblindeten, denen 
fast nur die öffentliche Armenpflege als Zuflucht übrig bleibt, erklärt 
sich eben die nicht zu leugnende Schwierigkeit einer Fürsorge für die 
Kriegsblinden. Keine der bestehenden Einrichtungen wird ohne Unter- 
stützung aus neu zu schaffenden Hilfsquellen weder finanziell noch 
räumlich in der Lage sein, die keineswegs leichte Lösung dieser Aufgabe 
zu übernehmen und kein im Blindenwesen Erfahrener wird sich die 
Hilldernisse verhehlen, welche sich dieser Fürsorge, im modernen Sinne 
aufgefaßt, entgegenstellen. Die derzeitige Hilfsaktion des k. k. Blindjen- 
erziehungsinstitutes in Wien kann doch nur als ein Notbehelf, als ein 
Provisorium, keineswegs aber als eine abgeschlossene angesehen werden, 
schon deshalb nicht, weil das genannte Institut nach Beendigung des 
Krieges doch wieder seinem durch Statut und Stiftungen festgelegten 
Zwecke, der Erziehung blinder Kinder, zugeführt werden muß. 

Die Kriegsblinden erwerbsfähig zu machen, ihnen die Möglichkeiten 
zu geben, das Erlernte auch nutzbringend zu verwerten, ihnen ihr Fort- 
kommen durch Abnahme der erzeugten Waren und durch Geldunter- 
stützungen zu erleichtern, sie in den den Blinden heute in reichem 
Maße zur Verfügung stehenden Hilfsmitteln zu unterweisen, welche 
ihnen geistige Anregung und den Verkehr mit der sehenden Welt 
ermöglichen, sie aus ihrer seelischen Depression zu befreien, die in 
ihnen erstorbene Lebensfreude wieder zu erwecken und die abgerissenen 
Fäden der früheren Tätigkeit mit einem neuen Leben der Arbeit zu 
verknüpfen, das ist die Aufgabe und das Ziel der Fürsorge für die Kriegs- 
blinden und diese decken sich vollständig mit jenen, welche die Fürsorge 
für die Spätererblindeten zu erfüllen hat! 

Die Lösung dieses Problems findet vor allem in der psycholo- 
gischen Niedergedrücktheit wie in der ganz außerordentlichen Dif- 
ferenzierung der privaten Verhältnisse ihre größten Hindernisse. Dies 
zeigt sich in dem Augenblicke, wo die erblindeten Soldaten sich ihres 
Zustandes bewußt werden. Der Jammer, der sie bei Erkenntnis ihres 
Unglückes überfällt, ist grenzenlos und es bedarf wohl der größten 
Mühe, sie zu trösten und einigermaßen aufzurichten. In den Spitälern 
scheint man diese Unglücklichen möglichst so lange über ihren Zustand 
zu täuschen, bis sie nach Heilung ihrer Wunden der Blindenfürsorge 
übergeben werden solllen ; wie aber sollen diese nun dem Elende be- 
gegnen, wie und wo sollen die Kriegsblinden Trost und Hilfe finden? Sie 
glauben sich für das Leben gänzHch verloren uud halten sich für nutz- 
los und überflüssig, es muß ihnen also vor allem erwiesen werden, daß 
auch der Blinde das Recht, ja die Pflicht zu leben hat, daß auch der 
Blinde ein nützliches und gleichberechtigtes Mitglied der Gesellschaft 
ist, es muß den Kriegsblinden praktisch bewiesen werden, daß sie, falls 
Familienväter, auch als solche weiter ihre Pflicht erfüllen können und 



Seite 270. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 4. Nummer. 

müssen und daß sie, noch jünger und unverheiratet, ihr Anrecht auf 
ein freies bürgerhches Leben durchaus nicht aulzugeben brauchen, in- 
soferne sie bestrebt sind, zu arbeiten ! Wo aber können sie diese Ein- 
drücke tiefer und nachhaltiger gewinnen, als im Verkehre mit erwach- 
senen, im Leben stehenden Blinden.^ An solchen Blinden, die sich eine 
selbständige Existenz errungen, sich vielleicht einen eigenen Hausstand 
gegründet haben, müssen sich die Haltlosgewordenen anlehnen und 
langsam emporrichten, an den Starken, Erfahrenen müssen sich die 
Schwachen erheben ! Deshalb wäre es sicherlich sehr zweckmäßig, die 
aus der Spitalsbehandlung entlassenen blinden Soldaten tunlichst rasch 
in enge Fühlung mit selbständigen Blinden zu bringen, es wären aber 
dabei allzu große Ansammlungen von blinden Soldaten zu vermeiden, 
damit nicht die gefaßteren von den mehr verzagten, die arbeitswilligen 
von den minder arbeitsfähigen lähmend beeinflußt werden. 

Wir glauben, daß der Gedanke der Errichtung von kleinen provi- 
sorischen Blindenkolonien im Anschlüsse an offene Werk- 
stätten, Heime oder Versorgungsanstalten nicht von der Hand zu 
weisen wäre, ebenso wie auch die Unterbringung einzelner Kriegs- 
blinder bei verheirateten Blinden. 

Sehr erschwert wird diese Fürsorge auch durch den ungemein 
verschiedenen Bildungsgrad und durch die mannigfaltigste gesellschaft- 
liche Zugehörigkeit der blinden Soldaten im Zivilstande, in welchen sie 
naturgemäß wieder zurückzukehren wünschen. Während man es bei 
früheren Kriegen in der Regel mit Berufssoldaten zu tun hatte, wirft 
die allgemeine Wehrpflicht alle Gesellschaftsklassen unterschiedslos in 
den Krieg und so setzen sich denn auch die Invaliden aus den ver- 
schiedensten Berufsständen zusammen. Wir haben es hier mit dem 
einfachen Taglöhner, dem minderbemittelten Bauern, dem intelligenten 
Kaufmann oder Handwerker, dem gebildeten Privatbeamten und manch' 
anderen Unterschieden zu tun. Wenn aber auch bei der geringen Aus- 
wahl der Blindenberufe sich die Mehrzahl der Kriegsblinden dem Hand- 
werke wird zuwenden müssen, so wird doch genau zu sichten sem, 
welche dem Bürstenbinden, welche dem Korb- und Stuhlflechten, dem 
Klavierstimmen, dem Maschinschreiben, dem Telephondienste, welche 
der Musik, eventuell dem Unterrichte zuzuführen sind. Wenn irgendwo, 
so ist gerade hier das Vorgehen nach einer Schablone zu vermeiden 
und je mehr und genauer man hier individualisiert, desto schöner wird 
der Erlolg, desto sicherer die Gewähr für das künftige Fortkommen 
sein! Auch die örtlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse, in welche 
der Kiiegsblinde zurückkehren soll und auf welche er seine künftige 
Existenz aufbaut, sind eingehend zu prüfen, um den für ihn am meisten 
Aussicht bietenden Beruf auszuwählen. Von ungemein großem Werte 
ist es, die Kriegsblinden möglichst ihrem früheren Berufe nahezubringen, 
was beim I^andwirt, Kaufmann, Privatbeamten vielfach erreicht werden 
kann, wenn sie sich einmal als Blinde zurechtgefunden haben. 

Die Wiedereinsetzung des Blinden in seine frühere Tätigkeit ist 
doch sicherlich die idealste Lösung der Fürsorge für die Spätererblindeten ! 

Die Aussichten, im Gewerbe einen hinreichenden und für einen 
bescheidenen Haushalt genügenden Verdienst zu erreichen, sind nicht 
gerade die schlechtesten, vorausgesetzt, daß hier die maßgebenden 



4. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 271. 

Faktoren, vor allem der im höchsten Maße verpflichtete Staat, Länder 
und Gemeinden, durch Zuwendung von Arbeit helfend eingreifen. Die 
schon erwähnte Blindengenossenschaft und das Blindenarbeiterheim 
müßten zweckmäßig ausgestaltet und durch entsprechende Subventionen 
gekräftigt werden, in den Provinzstädten wären im Anschlüsse an die 
bestehenden Blindenbeschättigungsanstalten offene Werkstätten zu er- 
richten, in welche alle dem Handwerke zugeführten Kriegsblinden Arbeit 
oder doch den Absatz ihrer Erzeugnisse finden. Dies aber wäre eben 
nur dann zu erreichen, wenn die genannten Körperschaften die Garantien 
schaffen, daß diese Arbeitsstätten auch die notwendige Arbeit gewähren 
können. Es ginge wohl nicht an und wäre gänzlich verfehlt, die künftigen 
kriegsblinden Invaliden aut Kosten der anderen Blinden zu beschäftigen ! 

So tief erschütternd und beklagenswert auch das Los der erblindeten 
Soldaten zweifellos ist, pekuniär werden sie ihren blindgeborenen oder 
im späteren Alter erblindeten Schicksalsgefährten gegenüber meist im 
Vorteile sein, weil sie doch mit einer bestimmten Invalidenrente rechnen 
können. Bei aller Teilnahme für die erblindeten Krieger, bei aller Be- 
wunderung tür deren Todesmut, dart man doch nicht derer vergessen 
welche unbeachtet in stiller Ergebenheit, jahrelang, vielleicht ihr ganzes 
Leben hindurch, das gleiche Schicksal ertragen müssen! Am Schlüsse, 
sind doch beide blind und maßgebend für das weitere Fortkommen 
ist, wem die günstigeren Existenzbedingungen geboten werden! 

Es ist zu erhoffen und zu erwarten, daß Staat, Land und Gemeinde, 
jetzt, wo einmal das Unglück aktuell und kraß vor Augen steht, ihre 
Pflicht erkennen und einsehen, daß die einfachste, billigste und würdigste 
Form der Blindenfürsorge die Zuwendung von Arbeit ist und daß 
dieses schwierige Problem überhaupt mit einem Schlage, wenigstens, 
was die männlichen Blinden betrifft, gelöst werden könnte, wenn diese 
Faktoren unter Beiseitesetzung der bisher üblichen Offertausschreibungen 
nur einen kleinen Teil ihres Bedarfes an Bürsten und Körben in den 
Blindenwerkstätten decken würden ! 

Dieser Gedanke, von uns wiederholt ausgesprochen, ist durchaus 
nicht so absurd, wie er manchem, dem die Blindenfürsorge mehr auf 
der Zunge als am Herzen liegt, erscheinen mag, denn in manchen 
deutschen Stadtverwaltungen, insbesondere in Berlin und auch in der 
deutschen Heeresverwaltung, ist dieser Gedanke längst praktisch durch- 
geführt worden. 

Ein großes Gewicht ist auf eine gründliche und den Gewerbe- 
gesetzen entsprechende Ausbildung der Kriegsblinden im Handwerke 
zu legen, damit kein Pfuschertum erzeugt und dieselben vor eventuellen 
Angriffen sehender Konkurrenz geschützt sind. Man dart sich nicht 
damit begnügen, dem blinden Soldaten in möglichst gedrängter Zeit 
die notwendigsten Handgrifte beizubringen und sie dann halbfertig 
hinauszugeben. Da die Mehrzahl der Kriegsblinden sich aus solchen 
vom flachen Lande oder aus kleineren Orten zusammensetzen dürfte 
und auch wohl die meisten von ihnen Verwandte besitzen werden, so 
ist anzunehmen, daß die Mehrheit derselben in ihre Heimat zurück- 
zukehren wünscht, um dort das Erlernte praktisch auszuüben, deshalb 
müssen sie auch mit allen notwendigen Kenntnissen und wenn irgend 
möglich, mit dem Meisterrechte ausgestattet sein. 



Seite 272. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 4. Nummer. 

Wenn also die Ausbildung der Kriegsblinden im angedeuteten 
Sinne durchgeführt wird, wenn eine genügende Arbeitszuwendung durch 
die mehriach genannten Faktoren erfolgt, dann ist die Hoffnung berech- 
tigt, daß der allergrößte Teil dieser Unglücklichen zu einer freien und 
selbständigen Existenz gelangen wird, zumal sie ja in ihrer Invaliden- 
rente einen fördernden Rückhalt besitzen. Es dürfte somit nur ein 
kleiner Teil wirtschaftlich schwacher Soldaten übrig bleiben, welche 
einer geschlossenen Fürsorge in einem Heime bedürfen ; diese aber 
könnten leicht in den bestehenden Beschäftigungsanstalten für Blinde 
untergebracht ,werden, so daß die Gründung eines dauernden eigenen 
Heimes für Kriegsblinde sich als keine Notwendigkeit ergibt, umsomehr, 
als die großen Kosten der Gründung und Erhaltung derselben in keinem 
Verhältnisse zu dem erzielten Erfolge stünden. 

Wenn also auch manche und große Schwierigkeiten in der Für- 
sorge für die Kriegsblinden zu überwinden sein werden, so ist dieselbe 
doch unter den angeführten Gesichtspunkten einer glücklichen Lösung 
zuzuführen, besonders mit Berücksichtigung der Invalidenrente, mit welcher 
der Staat bei Einbringung moderner Gesetzentwürfe nicht allzu sehr 
kargen können wird. Die Freude des Lichtes kann das Vaterland seinen 
braven blinden Verteidigern nicht mehr geben, wohl aber einen Teil 
ihres Lebensglückes kann und muß es ihnen wieder aufrichten, indem 
es sie durch hinreichende materielle Hilfe wieder zu freien Bürgern 
macht, wie sie es früher waren ! 

Über diese Invalidenrente müssen die Kriegsblinden, soferne sie 
geistig vollwertig sind, immer ihr freies Verfügungsrecht behalten ; sie 
darf niemals wider ihren Willen an irgendeine Form der Fürsorge ge- 
bunden werden, denn diese Rente soll sie in Verbindung mit ihrer 
Arbeit instandsetzen, den bereits gegründeten Hausstand zu erhalten 
oder auch einen solchen zu begründen. 

Die hier entworfenen Richtlinien der Fürsorge für die im Felde 
erblindeten Soldaten sind vollkommen identisch mit denen für die 
Spätererblindeten und vielleicht ist jetzt der Augenblick gekommen, 
diese beiden Fragen gemeinschaftlich zu lösen. Was für die Kriegs- 
blinden geschaffen werden soll, kann auch diesen Unglücklichen zugute 
kommen unb die jetzf reichlich fließenden Gelder könnten wohl auch 
diesen beiden Kategorien der Blinden Hilfe bringen ; mindestens sollte 
jetzt schon bei Verwendung dieser Hilfsmittel, welche ja nicht zur 
Gänze ausgegeben, sondern zum Teile als Hilfsfonds angelegt werden 
dürften, darauf Rücksicht genommen werden, diese Kapitalien nach 
Absterben der Kriegsblinden der allgemeinen Blindenfürsorge, d. h. 
der Unterstützung von in keiner geschlossenen Fürsorge sich befindenden 
Blinden zuzuführen. 



Mährisches Fürsorgekomitee für 
erblindete Krieger. 

Auf Anregung des Landeshauptmannes wurde in ganz Mähren 
eine großzügige Aktion ins Leben gerufen, die sich die Beschaffung 
der nötigen Geldmittel für die Besorgung künstlicher Gliedmaßen für 



4. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 273. 

die aus dem Kriege heimkehrenden Invaliden und für die möglichste 
Versorgung erblindeter Krieger als Ziel gesetzt hat. Unter dem Vor- 
sitze des Landeshauptmannes wurde kürzlich ein aus Ausschußmit- 
gliedern des Roten Kreuzes und Vertretern unserer opferwilligen Be- 
völkerung bestehendes Komitee gebildet, das, um an alle Bevölkerungs- 
schichten herantreten zu können, in eine deutsche und eine czechische 
Sektion geteilt, das aufgestellte Arbeitsprogramm durchzuführen hat. 
Es werden Sammlungen eingeleitet und insbesondere auch größere 
Veranstaltungen unter Heranziehung heimischer und auswärtiger Kunst- 
hräfte im Tlieater und in Konzertsälen, Vorlesungen interessanter 
Vorträge, Kirchenkonzerte usw. in Aussicht genommen. Der Landes- 
schulrat hat Sammlungen in allen Schulen Mährens bewilligt. Der 
Verein der Solomitglieder des Stadttheaters, der Brünner Männer- 
gesangverein, der Kirchenmusikverein und die Reichsorganisation der 
Hausfrauen haben sich in den Dienst dieser großzügigen Aktion ge- 
stellt und auswärtige Künstlerinnen und Künstler haben bereitwillig 
zugesagt, ihr künstlerisches Können dieser Fürsorgeaktion zu widmen. 
Gilt es doch, den am schwersten betroffenen Kriegern unserer Armee 
das Dasein zu ermöglichen, und deshalb ergeht schon jetzt an die 
Gesamtbevölkerung Mährens der Aufruf, ihre in dem großen Kriege 
oft bewiesene Opferwilligkeit dieser Fürsorgeaktion nicht zu versagen. 
Das Präsidium des F"ürsorgekomitees hat Landeshauptmann Otto Graf 
Serenyi übernommen; zu seinen Stellvertreterinnen wurden Baronin 
Bley leben und Gräfin Serenyi bestellt. In die deutsche Sektion 
sind eingetreten: Dr. Stephan Freiherr von Haupt als Vizepräsident, 
Frau Katharina Wacht als Geschäftsführerin, Kommerzialrat Dr. Hugo 
Gerstmann als Schriftführer, Dr. Jakob Eckst ei n als Kasseverwalter, 
weiter Theatersekretär Bondi, Direktor Friedrich Fuy, Frau Frida 
Gerstmann, Jonas Low- Beer, Oberlehrer Wilhelm Ruzicka, 
Statthaltereirat Max Schön, Frau Rosa Steinschneider, Viktor 
Suchanek Edler von Hassen au, die Frauen Marie Seh wetz, 
Mizzi Tandler und Baronin Temnitschka, 



flus den Anstalten. 

N. ö. Landes-Blindenanstalt in Purkersdorf. Rotes-Kreuz- 
Konzert. Ebenso wie das im Dezember v. J. stattgefundene, nahm auch dieses 
zweite, dem Roten Kreuze gewidmele Konzert einen überaus glänzenden Verlaut. 
Als Stern des Abends war die k. k. Hof- und Kammersängerin Frau Elise Elizza- 
Frei erschienen und sang in bezaubernder Weise die große Arie aus Traviata. Der 
nicht endenwollende Beifall zwang die hochherzige Künstlerin zu mehreren Zugaben, 
die in steigendem Malie bejubelt wurden. Neben ihr errang sich Herr Viktor Heim 
durch den Vortrag der »Hindenburgballade« rückhaltslose Anerkennung, an welcher 
auch der Komponist, Herr A. Blümel, am Klavier, teilnahm. Von den anderen 
Liedern, die Herr Heim in trefflichster Weise sang, fanden zwei stimmungsvolle 
Kompositionen: »Nachts auf Posten« von I. V. v. Wöß und »Reiterlied« von Lise 
M. Mayer, besonderes Gefallen. Von höchster Wirkung auf das Publikum war auch 
das unvergleichliche Flötenspiel des k. k. Hofmusikers Ary van Leeuwen. Er 
spielte in vollendetster Weise Stücke von Friedrich dem Grol.sen, Gluck, Mozart und 
Chopin. Hofmusiker K. Jeraj ehrte Goldmarks Andenken durch meisterhafte Wieder- 
gabe der »Suite« für Violin und Klavier, wobei er wie Herr van Leeuwen von Herrn 
K. Frühling auf dem Klavier ebenso meisterhaft begleitet wurde. Besonders zu 
bemerken ist der schwungvolle Vortrag des Prologes durch Herrn O. Wanecek und 
die Mitwirkung des Orchesters und Chores der Anstaltszöglinge. Von den Vorträgen 
des letzteren gefielen vor allem drei Chöre, welche ihre Uraufführung erlebten. 



Seite 274. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 4. Nummer. 

(»Lied der Schutzengel« von Anny v. Newald -Grasse, »Die Donauvvacht und 
die Wacht am Rhein« von E. Filz und »Deutschösterreichisches Hundeslied« von 
A. Krtsmary). Zum Schlüsse brachte ein aus Purkersdorfer Damen zusammen- 
gestellter Frauenchor mit bester Wirkung Chöre von Schubert, Beethoven und 
Hummel zu Gehör. Dem Konzerte, das von einem zahlreichen distinguierten Publikum 
besucht war, und dessen musikalische Leitung in den bewährten Händen des Hof- 
musikers K. Jeraj lag, wohnte auch Landesausschußreferent L. Kunschak mit 
dem Vorreferenten Landesrat Dr. A. Frey bei. 

— Die Zöglinge dieser Anstalt haben für heuer auf den üblichen Maiausflug 
verzichtet, um für den dadurch ersparten Betrag den im Felde stehenden Soldaten 
»Ost er gaben« (500 Bürsten) zuwenden zu können. 

— Soldatendank an die Zöglinge der n. ö. Landes- Blindenanstalt 
in Purkersdorf. Im Anschlüsse au die in 2. Nummer veröffentlichten Zuschriften 
geben wir noch eine Auswahl aus den Soldatenbriefen wieder, mit welchen die im 
Felde stehenden österreichischen und deutschen Krieger für die erhaltenen Liebes- 
gaben dankten. 

Von unseren Truppen: 

„Jeder von uns allen gibt der Größe unseres Vaterlandes sein Restes. Daher 
hat uns Ihre, eines armen Blinden, rührende Anteilnahme doppelt gefreut, die Sie 
uns durch Ihr Geschenk machten. Herzlichen Dank." C. Schirn, Hptm. 

Von deutschen Truppen: 

»Unter den österreichischen Liebesgaben, die unserem Regimente zugegangen, 
erhielt ich hocherfreut Ihren schönen Weihnachts- und Neujahrsgruß und erwidere 
denselben freundschaftlichst. Den Verhältnissen entsprechend haben wir Weihnarhten 
ganz angenehm verlebt und sind mit frohen schönen Hoffnungen ins neue jähr ein- 
getreten. In treuer Waffenbrüderschaft mit den österreichischen Kameraden haben 
wir manch herrlichen Erfolg erzielt und hoffen wir bald auf ein günstiges Endresultat 
für unsere Waffen.« Gefr. H. Hanck. 

Mein lieber B . . . ! »Gut und Blut für unsein Kaiser, Gut und Blut für's 
Vaterland!« Mit diesem Wahlspruch sandtest Du Deine Gabe an die Front. Wenn 
Du wüßtest, was Du da für eine Saite in unserem Herzen hast anschlagen lassen. 
Worte können das kaum wiedergeben. Wo so eine Op^'erfreudigkeit herrscht, an 
der sich alles, alles beteiligt, da muß doch das Vollbringen und Gelingen bei uns 
sein. Ihr Lieben, Lieben daheim, unseren herzlichsten Dank für Eure Gaben. Tief 
ergriffen waren wir, als wir lasen, wer die edlen Spender waren. Habt Ihr Lieben 
in Eurer Anstalt unser aller herzlichsten Dank und seid alle gegrüßt von einem 
sächsischen Soldaten im Polenlande. Feld. W. Lindner. 

»Ihren Brief werde ich mir als Andenken aufbewahren und denselben sofort 
nach Hause senden. Teilen Sie mir mit, was Sie sich wünschen, denn ich möchte 
Ihnen gern Gegenfreude machen. Vielleicht ein Nähkästchen oder irgend etwas. 
Also bitte, teilen Sie mit es mit. Ich werde dann sofort an meine Frau schreiben, 
daß sie es Ihnen aus Deutschland schickt. Viele Grüße aus Rul.^land sendet 

Unt. Off. R. Conrad.* 

— Privat-Blinden-Lehranstalt Linz. Die große Wohltäterin und 
Freundin unserer Blinden Frau Auny v. Newald-Grasse erfreute am Donnerstag, 
18. Februar 1. J. im Vortragssaale der Blinden-Beschäftigungsanstalt die Zöglinge 
beider Anstalten und geladene Blindenfreunde wieder mit einem Konzert. In reicher, 
gelungener Auswahl führte die gefeierte Pianistin und Schriftstellerin 8 M\isikstücke, 
davon 2 hübsche Eigenkompositionen und 10 Recitationsnummern verschiedenen 
Charakters vor. Die dankbaren Zöglinge gaben in musikalischer Form ihre Gefühle 
kund, indem sie verschiedene Klavier-, Orgel- und Gesangsstücke zum Vortrage 
brachten, die den lauten Beifall der edlen Dame fanden. 

Bei dem Wohltätigkeitskonzerte, das für die in der Staats-Oberreal- 
schule untergebrachten verwundeten Krieger im Festsaale dieser Schule am Donnerstag, 
den 4. März, 1915 vom Delegierten des k. k. Kriegsfürsorgeamtes H. Ernst Prutzek 
veranstaltet wurde, hatten die Zöglinge der Beschäftigungsanstalt unter den 10 
Nummern 4 Hauptnummern übernommen, welche sämtlich bei den zahlreichen 
Verwundeten die aus Ungarn, Kroatien, Polen und Deutschland waren, bestens 
gefielen. Zum Schlüsse unterhielten sich unsere Zöglinge mit den Verwundeten in 
liebenswürdigster Weise und spendeten dadurch ebenfalls Trost und Mut. 



4. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 275. 

Einer freundHchen Einladung folgend hielt der Anstaltsdirektor H. Ant. M. 
Pleninger am 10. März 1. J. bei der Monatsversammlung des Apostolates der 
christlichen Töchter im Eestsaale des Ursuiinenklosters hier im Reisein des Lehr- 
körpers der Anstalt einem Vortrag über Eiziehung und Unterricht der Blinden mit 
Vorführung einiger blinden Mädchen in den speziellen Blindenfächern. Die Fräulein 
des Apostolates erfreuten uns dann durch liebliche Vorträge auf dem Klavier, 
Harmonium und im Gesänge. P. 

— Aus der Odilien-Blindenanstalt in Graz wird uns berichtet: 
In unserer Anstalt konnte bis jetzt der Betrieb noch in vollem Umfange aufrecht 
erhalten werden. Nur sind wir jetzt auf einen engen Raum zusammengedrängt, und 
hat die Tages- und Stundeneinteilung eine durchgreifende Änderung erfahren müssen, 
weil wir eine zweite Anstalt in unsere Räume aufgenommen haben, das katholische 
Lehrerkonvikt (zusammen 71 Personen), welches seine Räume dem Roten Kreuze 
zur Verfügung stellte. 

Unsere Blinden sind von begeistertem Patriotismus erfüllt und verfolgen mit 
größter Neugierde und Spannung den Gang der weltbewegenden Ereignisse. Wohl 
blickt infolge der Teuerung bei uns Frau Sorge zum Fenster herein, doch hoffen 
wir die Krise mit Gottes Hilfe zu überstehen. Nötigenfalls sind unsere Blinden auch 
zu Entbehrryigen bereit. Der Maiausflug, den unsere Anstalt bisher alljährlich ver- 
anstaltet hat, wird heuer natürlich entfallen. Auch in unserem Handwerk macht 
sich der Krieg stark bemerkbar, da die Waren bedeutend weniger Absatz finden. 
Besonders klagen die auswärtigen Ijlinden Handwerker über Mangel an Bestellungen. 
Früher haben wir ihnen die Waren, die sie nicht absetzen konnten, abgekauft, 
jetzt aber ist dies nicht möglich, da wir selbst schon große Vorräte auf^gespeichert 
haben. Einen auswärtigen Blinden, Martin Dolar, Klavierstimmer in Wien, der bei 
uns ausgebildet worden ist, haben wir für die Dauer des Krieges in unsere Anstalt 
aufgenommen. 

Wir haben bisher zwei blinde Krieger zur Ausbildung im Handwerk über- 
nommen. Sie lernen natürlich auch die Blindenschrift, der eine empfängt auch 
Zitherunterricht. Wegen Raummangels können sie aber nicht in der Anstalt wohnen. 

Unsere blinde Dichterin, Kindergärtnerin Frl. Lina Galitsch, ist an Neurose 
erkrankt und mußte auf längere Zeit beurlaubt werden. Das von ihr verfaßte patrio- 
tische Weihnachtsspiel fand begeisterte Aufnahme. 

Hus den Vereinen. 

— Verein »Zentralbibliothek für Blinde in Österreich«, Wien. 
In der am 4. März 1. J. abgehaltenen Ausschußsitzung wurde vom Obmann, Re- 
gierungsrat Dr. Glossy der Bericht über das abgelaufene Vereinsjahr erstattet, da 
die Generalversammlung im Hinblick auf die Zeitverhältnisse erst im Oktober 1. J. 
stattfinden soll. Das Vereinsvermögen beträgt bei 4.500 K. In der vom Vereine 
erhaltenen »Zentralbibliothek« wurde eine gründliche Revision durchgefühlt. Der in 
Punktdruck erscheinende Katalog soll allen Blinden Österreichs unentgeltlich 
zur Verfügung gestellt werden. Den Damen Heinke, Baronin Buschmann, 
Höfgen -Berger und Sindl wurde für ihre große Mühewaltung bei der Über- 
tragung von Büchern in Punktdruck der Dank der Vereinsleitung zum Ausdruck 
gebracht. 

— Der Bericht des Vereines zur Versorgung und Beschäftigung 
erwachsener Blinder in Wien für das Jahr 1914 gibt uns Einblick in seine 
Tätigkeit, welche sich vor allem auf die Erhaltung und Verwaltung der großen 
Anstalt in Wien VIII erstreckt. Es wurden daselbst 100 Blinde (47 männliche und 
53 weibliche) verpflegt und beschäftigt. Der Vermögensstand erhöhte sich durch 
hochherzige Zuwendungen auf 1,107.324 K, die Zahl der Mitglieder betrug 105. 

Das Direktionsmitglied Herr Johann Hager wurde anläßlich der Vollendung 
seines 70. Lebensjahres in einer Sektionssitzung herzlichst beglückwünscht; gleich- 
zeitig wurde ihm für seine bereits 20 Jahre dauernde aufopferungsvolle und ersprieß- 
liche Tätigkeit als Finanz- und Wirtschaftsreferent der Anstalt der beste Dank aus- 
gesprochen. Direktionsmitglied Herr Josef Rain wurde aus Anlaß seiner Erwählung 
zum Vizebürgermeister der Stadt Wien lebhaft beglückwünscht. 

Über die Kriegsfürsorgetätigkeit, welche der Verein entwickelte, wird berichtet: 
Soweit es Zweck und Satzungen unseres Vereines gestatteten, trugen wir zur 



Seite 276. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 4. Nummer. 

Linderung des Notstandes bei; wir beteiligten uns an den Widmungen für Blinden- 
vereine, gewährten vielen blinden Bittstellern kleinere Aushilfen und — seit Ende 
August andauernd bis jetzt — drei allwöchentlich wechselnden Blinden das Mittag- 
essen in unserem Hause. Wir betätigten auch dem Staate gegenüber unsere Pflicht, 
indem wir um den Betrag yon 104.000 K Kriegsanleihe zeichneten und uns bald 
nach Beginn des Krieges erbötig machten, sieben verwundete oder kranke Soldaten 
in unserem Hause und auf unsere Kosten vollständig zu verpflegen. Dieses Anerbieten 
wurde an den berufenen Stellen mit Dank angenommen und schon im September 
erhielten wir durch das Maria Theresia-Hospital pflegebedürftige Krieger zugewiesen. 
Diese, unter der Leitung des Fräuleins Margarete Stoklaska stehende Pflegestätte 
erfuhr eine wesentliche Erweiterung, als wir auf Veranlassung Ihrer Exzellenz der 
Frau Gräfin Nandine Berchtold im November dem Vereine »Leopoldineum« 
einen Schlafsaal auf der Männerabteilung für 17 Verwundete einräumten, für deren 
Verpflegung wir die allgemein festgesetzte Vergütung beziehen. 

Die bewährte Leitung der Anstalt durch den Direktor O. H. Stoklaska 
überwand bisher alle ungünstigen Wirkungen des Krieges, die sich auch in der 
Fürsorge für seine Pfleglinge bemerkbar machten. 

— Der »Verein für Blindenfürsorge in Kärnten« (Klagenfurt) 
meldet in seinem Geschäftsbericht für das Jahr 1914: Nach einer seit seiner Gründung 
stetig fortschreitenden günstigen Entwicklung hat der Verein durch den im Sommer 
ausgebrochenen Weltkrieg eine empfindliche Störung seiner Tätigkeit erfahren. Es 
mußte die beabsichtigte Errichtung eines Altenheims zurückgestellt werden, weil 
die zur Verfügung stehenden Geldmittel mit Rücksicht auf neue, an den Verein 
herantretende Aufgaben als nicht ausreichend befunden wurden und unter den 
obwaltenden Verhältnissen keine Aussicht vorhanden war, diese Mittel in absehbarer 
Zeit entsprechend zu kräftigen. Auch mußte die geplante Einrichtung einer Blinden- 
werkstätte in Völkermarkt einem späteren Zeitpunkte vorbehalten werden. Dagegen 
wurde der Betrieb der Bürstenbinder-Werkstätte im Männerblindenheime, der 
Maschinenstrickerei, der Sesselflechterei etc. voll aufrecht erhalten und es fanden 
die Erzeugnisse aller dieser Fabrikationszweige befriedigenden Absatz durch die 
Verkaufstelle des Vereines. Das Vereinsvermögen beträgt 204.349 K. 

Mitteilung. 

Die p. t. Mitglieder des >Zentralve reines für das österreichische 
Blindenwesen« wollen zur gefälligen Kenntnis nehmen, daß die für das Frühjahr 
geplante Generalversammlung, der Zeitverhältnisse wegen erst im Herbste 1. J. 
abgehalten werden wird. 

Für unsere Kriegsblinden. 

GroßeAkademie im ungarischen Ministerium. Zugunsten der im 
Felde Erblindeten fand am 28. Februar 1. J. unter dem Protektorate der Erz- 
herzogin Marie Valerie in den Räumen des ungarischen Ministeriums in Wien 
eine große Wohltätigkeitsakademie statt. Mitglieder des Kaiserhauses sowie die 
ersten Persönlichkeiten des Reiches waren dem Rufe des Patronessenkomitees ge- 
folgt, an dessen Spitze die Gemahlin des Ministers des Aeußern, Baronin Olga B u r i a n, 
unermüdlich tätig war. So bot den abends der Festsaal im ungarischen Ministerium 
— jener Raum, der so oft die ungarischen Delegationen beherbergte, — den Schau- 
platz für einen in gesellschaftlicher wie in künstlerischer Beziehung hochinteressanten 
Abend, der durch den intimen Rahmen in dem er abgehalten wurde, sich zu einem 
gesellschaftlichen Ereignis gestaltete. 

Den Reigen der Vorträge eröffnete Geheimer Rat Graf Geza Zichy — der 
berühmte einarmige Musiker — , der sein Komposition »Liebestraum« in bezaubern- 
der Weise vortrug. Frau Lucille Marcel-Weingartner sang sodann — von ihrem 
Gatten Felix von Weingartner mit subtilster Wirkung begleitet — die Arie des 
Cherubin aus »Figaros Hochzeit«. Die Pracht ihrer Stimme und der vollendete Vor- 
trag der Künstlerin erzielten gleich große Wirkung, die sich in stürmischem Beifall 
äußerte. Hofschauspieler Georg Reimers trug Rudolf Presbers Gedicht »Im Lazarett« 
vor, welches das Schicksal eines im Felde Erblindeten ergreifend schildert. Der 
Künstler legt all seine Gefühlswärme in den Vortrag, der wie ein Appell an die 
Gesellschaft zugunsten der Unglücklichen klang und tiefe Wirkung übte. Dr. Jenö 
Hubay, der ungarische Meistergeiger, spielte — von Herrn Otto Schulhof be- 
gleitet — Schubert-Wilhelms »Ave Maria« mit innigstem Gefühlsausdruck und 
brachte sodann einen reizenden Alt- Wiener Walzer »Fliederbusch«, den er für den 



4. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 277. 

Abend komponiert hatte, sowie seine Masurka (Cracovienne) zu Gehör. Komponist 
und Virtuose konnten zu gleichen Teilen an dem reichen Beifall tür die gebotenen 
Vorträge teilhalten. Hofschauspielerin Lilli Marberg trug hierauf Leo Stembergs 
»Die Mütter« und Wildgans' »Das Lächeln« vor. Sodann betrat Frau Marcel, vom 
Publikum lebhaft akklamiert, abeimals das Podium, um in dankenswertester Weise 
eine Lücke im Programm auszufüllen, die durch Absage des erkrankten Hofopern- 
sängers Piccaver entstanden war. Die Künstlerin sang das Gebet »Tosca«, von 
Weingartner am Klavier begleitet. Nach einer kurzen Pause folgten Klaviervor- 
träge der bereits rühmlich bekannten fünfzehnjährigen Pianistin Fräulein Grete 
Hinterhofer, die mit staunenswerter Technik Schumanns Studien nach Kaprizen 
von Paganini und Liszts Ungarische Rhapsodie Nr. 12 zum besten gab. Frau Marcel 
sang datm noch Lieder von Liszt, Schumann und Weingartner und Lilli Marberg 
brachte, von Weingartner auf dem Piano begleitet, Hans*Müllers Dichtung »Straufs- 
walzer« zum Voitrag. Das Programm wurde durch die »Ungarische Phantasie« vom 
Grafen Geza Zichy beschlossen, die der Komponist im Verein mit Dr. Jenö Hubay 
spielte. 

Um das Zustandekommen der nach jeder Richtung hin glanzvollen Unter- 
haltung haben sich vom Patronessenkomitee neben Baronin Burian die Gemahlin 
des Statthalters Anka Baronin B i e n e r t h, Frau Regierungsrat Professor Berg- 
meister und Gräfin Ella Forgach besonders verdient gemacht. 

— Erzherzogin Blanka und der blinde Soldat. Erzherzogin B 1 a n k a, 
die Gemahlin des Generalinspektors der Artillerie, Erzherzogs Leopold Salvator, ist 
in den Militärspitälern eir häufiger Gast und verwendet einen großen Teil ihrer Zeit, 
um nach den Verwundeten und Kranken zu sehen, ihnen Mut zuzusprechen und sie 
durch reichlich gespendete Liebesgaben zu erfreuen. Namentlich im Garnisonsspital 
Nr. 2 am Rennweg pflegt die Erzherzogin besonders oft zu erscheinen und ganze 
Nachmittage bei den Soldaten zuzubringen. Kein Wunder, wenn die braven Krieger 
durch die herzliche Teilnahme, die die hohe Frau jedem einzelnen entgegenbringt, 
tief gerührt sind und den Besuchen der Erzherzogin mit großer Freude entge,.:;en- 
sehen. Bei ihren Rundgängen besucht die Erzherzogin regelmäßig auch die Abteilung, 
in der durchwegs reichsdeutsche Kriegsverwundete untergebracht sind, und wendet 
jedem einzelnen von ihnen ihre Teilnahme zu. Namentlich ein Korporal, Otto 
Hessen, wird stets von ihr mit Blumen bedacht. Der Arme, der aus Düsseldorf 
stammt und 27 Jahre alt ist, hat sich in den Kämpfen in Frankreich und zuletzt in 
den Karpathen das Eiserne Kreuz erworben, aber durch einen Schuß das Augen- 
licht verloren. Hoffentlich wird die Kunst der Aerzte bei diesem jungen Helden 
nicht erfolglos sein und ihm die Sehkraft wiedergeben. Als die Erzherzogin bei ihrem 
Besuch die Abteilung betrat, spielte Hessen gerade mit seinem Kameraden Bernhard 
Schick, der im Kriege ein Auge verloren hat, Domino. Und nun spielte sich eine 
rührende Szene ab. Erzherzogin Blanka sprach die beiden Soldaten in ihrer gütigen 
Weise an und fragte sie, ob sie nicht mit ihr eine Partie spielen wollten. Die Sol- 
daten unterbrachen, tiefbewegt über die Anteilnahme der hohen Frau, das Spiel und 
die Erzherzogin erzählte ihnen, daß sie in früheren Jahreu oft Domino gespielt habe 
und jetzt probieren wolle, ob sie es noch könne. Und richtig: während sonst Hessen, 
der es gelernt hatte, zu spielen, ohne die Steine zu sehen, im Wettkampf mit seinen 
Kameraden als Sieger hervorging, gewann die Erzherzogin diesmal die Partie, die 
etwa eine Viertelstunde währte. Die Erzherzogin verließ nach anderthalbstündigem 
Aufenthalt das Spital, indem sie äußerte, sie würde, wenn ihre Besuche den Ver- 
wundeten Freude machten, kommen, so oft sie es wünschten. Dem hohen Gast 
wurden von den Soldaten stürmische Ovationen dargebracht. 

— Verein für Blindenfürsorge in Kärnten (Klagen fürt). Ein 
besonderes Feld der Tätigkeit und gleichzeitig eine weitere Inanspruchnahme seiner 
Mittel erwächst diesem Vereine aus der Notwendigkeit, für im Kriege Erblindete 
Vorsorge zu treffen. Die k. k. Landesregierung und das Komitee für Kriegsblinden- 
Fürsorge in Wien traten diesfalls mit Anfragen an den Verein heran und dieser 
sagte in voller Würdigung der humanen und hochpatriotischen Bedeutung dieses 
neu zu schaffenden Zweiges der Blindenfürsorge seine tatkräftige Mitwirkung zu. 
Es wird demnach in Kürze die Übernahme einer Anzahl von Kriegsblinden in die 
Fürsorge drs Vereines und damit eine bedeutende finanzielle Belastung desselben 
erfolgen. 

— Die Sammlung der »Neuen Freien Presse« zugunsten im 
Felde erblindeter Angehöriger des Herres hat sich bis Ende März 1. J. 
auf 325.000 K erhöht. 



Seite 278, Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 4. Nummer. 

— An dem Rüclcauf-Gedenk abend, den Frau A. Bricht-Pyllemann 
am 3. März 1. J. im kleinen Musikvereinssaale zugunsten der Fürsorge für im Felde 
Erblindete veranstaltete brachten die Herren R. Fitzner und Professor 
Foll die Violinsonate Rückaufs zur Aufführung. Das Erträgnis dieses Abends im 
Betrage von K 1650 wurde dem Statthalter Freiherrn von Bienerth übergeben. 

— In dem von F. S c h i e p (Gesang) und \^ Robitschek (Klavier) gemeinsam 
zugunsten der im Felde erblindeten Soldaten Dienstag den 9. März 1. J. 
im neuen Vortragssaale der k. k. Gesellschaft der Musikfreunde veranstalteten Kon- 
zert gelangten Werke von Schubert, Beethoven, Gustav Mahler, Chopin, Löwe und 
Liszt zur Aufführung. Die Begleitung der Gesänge besorgte Professor Karl Lafite. 

— Der Wiener Pianist Karl Her ring gab am 9. März 1. J. im kleinen Konzert- 
saale in Wien einen Klavierabend, dessen Reinerträgnis er der Hilfsaktion für die 
im Kriege erblindeten Soldaten widmete. 

— Wohltätigkeitsakademie. Zn Gunsten der im Kriege erblindeten 
Soldaten wurde Sonntag, den 21. März laufenden Jahres im neuen X'ortragssaale der 
Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, eine Akademie abgehalten. Mitwirkende: 
Frau Dr. von I w o n s k i (Gesang), Konzertsänger Adolf Führe r, Schriftsteller Otto 
Meixner und Komponist Louis Dite. 

— Vorlesung Artur Schnitzlers. Am 30. März 1. J. fand im kleinen 
Konzerthaussaale in Wien eine Vorlesung Artur Schnitzlers aus eigenen Werken 
statt. Der gesamte Ertrag dieser Vorlesung wurde zu gleichen Teilen der Sammlung 
für die im Felde erblindeten Krieger, der Kunstfürsorge-Aktion und der Aktion für 
(jie notleidenden Familien einberufener Aerzte gewidmet. 

Die Binde. 

Ballade von K. Dank wart Zwerger. 

»Kam'raden, tut mit die Binde fort! »Lieb Mutter, tu mir die Binde fort! 

Das war ein heiß Turnier!« Lieb Mutter, mach mich sehn!« 

Kam'raden sagten ein warmes Wort. Die Mutter schweigt, verschluckt ein Wort, 

Die Binde ließen sie mir. Die Binde ließ sie stehn. 

Wir stoben, wir schnoben. Mann wider Mann, Wir stoben, wir stürmten, die Fahne voran, 

Wir haben ganze Arbeit getan ! Mutter, wir haben die Arbeit getan: 

Sieg ! Sieg ! . . . Ein Sausen, ein Schrei — Sieg ! Sieg ! . . . Ein Sausen, ein Schrei — 

Und war vorbei . . . Und war vorbei . . . 

So brach die Nacht, die Nacht herein — So brach die Nacht, die Nacht herein — 

Wann wird denn wieder Sonne sein? Wann wird denn wieder Sonne sein? 



»Frau Schwester, nehmt mir die Binde fort! 

Frau Schwester, seid so lieb!« Auch ich trank einstens das Sonnenlicht 

Frau Schwester saget ein weiches Wort, Und sah des Werdens Pracht, 

Die Binde aber blieb. Ich trage keine Binde nicht, 

Wir haschten, wir hieben mit Hussa und Und doch, und doch ist's Nacht. 

Braus, Wir stürzten, wir stürmten die Todeshöh'n, 

Da rannten die Hunde und rissen aus. Meine Sonne starb so namenlos schön: 

Sieg! Sieg! . . . Ein Sausen, ein Schrei — Sieg! Sieg! . . . P2in Sausen, ein Schrei — 

Und war vorbei . . . Und war vorbei . . . 

So brach die Nacht, die Nacht herein — So brach die Nacht, die Nacht herein — 

Wann wird denn wieder Sonne sein? Wird nie mehr — nie mehr Sonne sein . . . 

(Aus P. Roseggers >Heimgarlen«.) 

Verschiedenes. 

Berufe für erblindete Soldaten. Das französische Blatt »La guerrc 
soziale« verlangt dringend ein Gesetz, das den erblindeten Soldaten zwei Berufs- 
zweige im Staatsdienst vorbehält, nämlich den Telephondienst und die Stellen der 
Masseure in den öffentlichen Spitälern. Die private Wohltätigkeit müsse hier aus- 
geschlossen werden, da die Erfahrung beweist, wie elend die Lage der Blinden in 
den bisher üblichen Blindenberufen, wie Klavierstimmer, Korbtlechter u.s\v., infolge 
der Engherzigkeit der Bevölkerung sei. 

Daß diese Vorschläge durchführbar sind, zeigt Japan, welches nach dem 
Kriege mit Rußland seine erblindeten Invaliden vielfach dem Masseurberufe zugeführt 

Herausgeber: Zentralverein für das österreichische Blindenwesen in Wien. Redaktionskomitee: K. Bürklen, 
J. Kneis, A. r. Horvath, F. Uhl. — Druck von Adolf Englisch, Purkersdorf bei Wien. 




2. Jahrgang. Wien, Mai 1915. 5. Nummer. 



I ^ 

^ »Erbarmung ist das Aug' der armen Blinden, | 
^ Durch das allein sie Licht und Leben finden.« i 

^ Mina Herbst. ^ 

Die Frau des Blinden. 

»Das Mitleid ist die letzte Weihe der Liebe, 
vielleicht die Liebe selbst.« h. Heine. 

Es ist Bestimmung der Geschlechter, sich gegenseitig zu ergänzen, 
im Zusammenleben von Mann und Frau in der Ehe diejenigen Eigen- 
schaften besonders zu entwickeln, welche im anderen Teile weniger oder 
gar nicht ausgebildet sind. Schon die Arbeitsteilung in diesem Zusammen- 
leben zeugt dafür. Dadurch ist aber eine gegenseitige Abhängigkeit 
beider Eheteile von einander begründet, die in einer harmonischen Ehe 
allerdings nicht fühlbar wird. Aber auch außerhalb der Ehe gibt es kein 
völliges Alleinstehen der Geschlechter, denn mehr oder minder gerät 
auch der Junggeselle und das Fräulein in größere oder geringere Ab- 
hängigkeit von der Gegenseite. Das starke Geschlecht, wie wir Männer 
uns zu nennen belieben, vor allem. Und daher ist schon vom praktischen 
Standpunkte aus das Gebot zur Ehe zu achten. Gehe hin und suche 
Dir eine Frau! Eine schöne Ehe ist die heiligste Gemeinschaft auf Erden. 

Gilt dies auch für den Bhnden? Sicherlich ! In gewisser Beziehung 
sogar doppelt ! 

Die Hilflosigkeit des blinden Mannes bedingt seine Abhängigkeit 
von irgend einem Menschen, der ihn nicht nur auf seinen Wegen leiten 
und ihm in der Sorge um das leibliche Wohlergehen hilfreiche Hand 
bieten, sondern ihm auch ein Leitstern in geistiger und moralischer 
Hinsicht sein soll. »Dem, der des Gesichtes entbehrt, entgeht ein großer 
Teil des Wahren«, sagt Seneca. Wie not tut also einem blinden Manne 
ein Wesen, durch dessen Seele er das zu empfangen vermag, was ihm 
sonst unerbittlich verloren ginge, das innerlichste Wesen von Wahrheit, 
Schönheit und Liebe. Und kann der Blinde dies Wesen in jemand 
anderen finden, als in einer Frau? 



Seite 284. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 5. Nummer. 

Fr. Wedekind läßt seinen geblendeten Simson zu Delila sagen: 
>Geblendet brauch' ich Liebe. Brauch' sie, weil ich 
Als Blinder hilflos bin. 
Weil Liebe nur für alles, was ich leide. 
Mir so viel Trost gewährt, daß ich mich nicht. 
Des Leidens müd, in die Zisterne stürze. 
Durch meine Blindheit sind wir so vertauscht, 
Daß ich das Weib bin, und daß du der Mann bist. 
Blind weiß ich nicht, wie ich auf andre wirke. 
D'rum brauch' ich Liebe, brauch' Gelegenheit.« 
Diese Verse zeigen etwas kraß die Notwendigkeit des Anschlusses 
für einen Blinden an ein weibliches Wesen, das allerdings keine Delila 
sein darf und auch gewöhnlich keine solche ist Davor sichert der Funke 
von Mideid, der in dem Herzen eines jeden Weibes schlummert und 
von der Liebe zu dem reinsten Opferbrand entfacht werden kann. 

Selbst ein Gewaltmensch wie O. Ranges »Holman« in dem Romane 
»Die lange Nacht« vermag des Ewig-Weiblichen nicht zu entbehren. 
»Marie Sturm — heißt es da — hatte er sich zweifellos schon 
auserwählt, als er sein Augenlicht noch besessen. Er brauchte ein Instru- 
ment, eine Verbindung mit der Umwelt, das so ungemein empfindlich, 
so außerordentlich achtsam war, Nerven, so hellhörig wie die ihren, ein 
Gemüt, so zärtlich, wie das dieses jungen Geschöpfes. Er holte Wärme 
von ihren Händen, er sog Kraft aus ihrer Güte. Die Begegnung mit 
ihrem Herzen linderte wilde Entbehrungsqualen. Ihre Nähe war so be- 
schwichtigend, die Stille, die sie umgab, so tief, daß sie die heftigen 
Stürme seines Herzens zum Schweigen brachte.« 

Das Mädchen ist der einzige Lichtblick im dunklen Dasein des 
Erblindeten, allerdings nur ein kurzer Sonnenstrahl, der rasch wieder 
verschwindet. 

Man hat gegen die Ehe blinder Männer mit sehenden Frauen 
schwere Bedenken geäußert. Mag man die Ehen zwischen Blinden selbst 
oder zwischen blinden Mädchen und sehenden Männern, die ohnedies 
fast gar nicht vorkommen, auch ernstlich widerraten, dem Zusammen- 
schluß ersterer für das Leben, kann man höchstens in einem Punkte, 
dem der Nachkommenschaft, und selbst hier nur mit der größten Be- 
schränkung entgegentreten. Solange es Frauen gibt, welche das Opfer 
einer Blindenehe auf sich nehmen können und wollen, wird es solche 
Ehen geben und die Tatsachen geben Zeugnis von der Treue und dem 
Glück solcher Bündnisse. 

Ein Opfer bleibt die Ehe für die sehende Frau eines blinden 
Mannes immer. Das ergibt sich schon aus den anders gearteten Ver- 
hältnissen, unter denen sich Sehende und jene zusammenschließen. Ein 
Beispiel dafür ist der Dichter G. K. Pfeffel, der in Straßburg das treflliche 
Weib kennen lernte, das ihn auf dem dunklen Pfade durch sein langes 
Leben mit treuer aufopfernder Liebe geleiten solhe, Magarete Cleophe 
Divoux, die Tochter eines ihm verwandten Kaufmannes. Auf dem 
einen Auge schon ganz erblindet, verlobte er sich im Jahre 1758; aber 
kurze Zeit darauf zerstörte eine akute Krankheit auch das andere Auge 
völlig. Pfeffel gab der Geliebten ihr Wort zurück; aber diese schloß 
sich nur um so inniger an den Unglücklichen an, und so wurde 1759 



6. Nummer. Zeitschrift für das österreichische BÜndenwesen. Seite 285. 

die Verbindung gesciilossen, welche dem edlen Mann in vollem Maße 
das häusliche Glück bet'eitete, dessen er doppelt bedürftig war. 

Man muß W. Korolenkos Studie »Der blinde Musiker« lesen, 
um die Liebe eines sehenden Mädchens zu einem von Kindheit an 
Blinden als »natürlich« verstehen zu lernen. Nur aus einer solchen 
innigen und hingebungsvollen Liebe erwächst die Kraft für die schwere 
Aufgabe, welcher die Frau in der Ehe mit einem blinden Manne gegen- 
übersteht. Je merkwürdiger die durch das Gebrechen bedingten Eigen- 
tümlichkeiten des blinden Gatten, je größer seine Unselbständigkeit, je 
schwankender sein seelisches Gleichgewicht, desto schwieriger die daraus für 
die Frau erwachsende Verantwortung und ihre erlösende Tat. Nur eine Frau 
in ihrer Schmiegsamkeit und Ausdauer ist solcher Arbeit fähig. 

In JaneEyre aus dem Romane C. Beils »Die Waise von Lowood« 
ist ein Typus hiefür gezeichnet. »Ich weiß«, sagt diese Frau von ihrem 
Zusammenleben mit dem blinden Manne, »was es heißt, ganz für und 
mit dem zu leben, den man auf Erden am meisten liebt. Nie stand 
eine Frau ihrem Manne näher, als ich dem meinigen, nie konnten Mann 
und Frau geistig und körperlich so eng mit einander verwachsen sein, 
wie wir beide. — Eduard blieb die ersten zwei Jahre unserer Verbindung 
blind. Vielleicht war es dieser Umstand, der uns einander so nahe 
brachte, der uns so eng aneinander knüpfte, denn ich war dazumal 
sein Auge, wie ich jetzt noch seine rechte Hand bin. Er sah die Natur, 
er las die BiJcher durch mich und nie wurde ich müde, für ihn zu sehen 
und ihm die Felder, Bäume, Städte, Flüsse, Wolken zu schildern. Nie 
wurde ich müde, ihm vorzulesen, nie, ihn dahin zu führen, wohin er 
gehen wollte, für ihn zu tun, was er getan wissen wollte. Und es lag 
in meinen Dienstleistungen ein großes, einziges, wenn auch schwer- 
mütiges Vergnügen, weil er diese Dienstleistungen in Anspruch nahm 
ohne eine peinliche Scham oder ein Gefühl der Demütigung. Er liebte 
mich so wahr, daß es ihm nie sauer ankam, meine Dienste in Anspruch 
zu nehmen ; er fühlte, daß ich ihn so zärtlich liebte, daß, wenn er sie 
forderte, er nur meinen liebsten Wünschen nachkam.« 

Unglück veredelt und läutert. Und das Leid, das selbst in der 
glücklichsten Blindenehe wie ein milder Stern in das gemeinsame Leben 
strahlt, führt über die Kleinlichkeiten des Alltages hinaus in eine reine 
von aller Selbstsucht freien Höhe. S. Farina (Blinde Liebe) schildert 
diese Reinigung einer Ehe, die in Brüche zu gehen droht, durch die 
Erblindung des Mannes mit folgenden Worten : »Die beiden Herzen, 
welche ehedem allem irdischen Ungemach, allen kleinlichen Widerwärtig- 
keiten so zugänglich gewesen, hatten sich allem verschlossen, was nicht 
aus der Höhe kam. In diese beiden Seelen, welche früher die Empfind- 
lichkeit, der Zorn verbittert hatte, war eine neue Kraft und mit ihr ein 
Geist des Friedens eingekehrt ; dem scharfen, mit Nadelspitzen geführten 
Kleinkrieg waren das Mitgefühl der Hingebung und die zarte Dank- 
barkeit eines unglücklichen gefolgt. Man atmete jene wohltuende Luft 
im Hause, welche die Widerwärtigkeiten des Unglücks erträglich macht, 
es herrschte jenes Schweigen, jene milde Stimmung, man vernahm jene 
feierlichen Worte, die vom Himmel zu kommen und uns allen das eine 
Wort : »Mut« zuzurufen scheinen, — und dann das andere Wort, das 
aus dem Herzen hervorquillt und durch Tränen hervorbricht, während 



Seite 286. Zeitschrift für das Österreichische Blindenwesen. 5. Nummer; 

ringsum verzweiflungsvolles Schweigen herrscht, — das Wort: >Wir 
sind unglücklich, lieben wir uns also!« 

»O, der Schmerz macht groß, er verleiht dem Menschen etwas 
Göttliches.« 

Wie eine leuchtende Wunderblume blüht aus dem Dunkel der 
Krankenstube den Beiden die Liebe, die sie so lange gesucht und nicht 
gefunden hatten, empor. 

Daß es übrigens auch Grenzen für das Zusammenleben einer fein- 
fühligen Frau mit einem blinden Manne gebe, zeigt uns B. Björnson 
in seinem Romane »Auf Gottes Wegen.« Ragni, eine Frau, »zu gut für 
diese Welt« wird ihrem blinden Manne, an den man sie ungefragt 
fesselte, von einem anderen Manne entführt. Als sie mit diesem ver- 
heiratet, aus Amerika zurückkehrt, wird ihr der »Walfisch« -^ als solcher 
ungeschlachter und unsympathischer Patron ist der Blinde charakteri- 
siert — von den ihr feindlich gesinnten V^erwandten »in den Weg 
geworfen«, und geht sie darüber zugrunde. 

Auch MathyinE. Guad^s Roman »Im Recht.^« bringt den Opfermut 
nicht auf, dem blinden Manne, dem sie sich in einer heißen Aufwallung 
von Edelsinn aufdrängte, ihr Leben zu weihen. Der Blinde erlöst sie 
von den Banden der Ehe durch einen freiwilligen Tod. 

Von diesen Frauen der Selbsterkenntnis ist noch ein weiter Weg 
zur Untreue und Hinterlist, wie sie der Derbheit früherer Zeiten ent- 
sprechend, H. Sachs oder der moderne Wedekind als literarisches 
Motiv verarbeiteten. 

Von den Liebeswerken der Frauen ist die treue Hingabe an einen 
blinden Mann wohl eine der größten. Dementsprechend soll die Achtung 
der Frau des BHnden sein, welcher Gesellschaftsschichte sie auch an- 
gehören mag. Am tiefsten fühlt sie wohl der blinde Gatte selbst und 
es sind keine leeren Worte, die ein königlicher Blinder (Georg V., 
König von Hannover, y 1878) im Dankgefühle mit nachstehendem Ge- 
dichte an ßeine Gemahlin richtete. 

Nichts ist der Mensch. 

Nichts ist um mich ! Des Lebens süße Gaben 
Verbittert mir des Schicksals Tyrannei ; 
Ich lebe noch und bin doch schon begraben, 
Blind oder tot ist ziemlich einerlei. 

O, könntet Ihr der Sehnsucht Grad ermessen ! 
Das tote Auge sucht den weiten Raum ; 
Da ist kein Halt, es muß die Welt vergessen, 
Das Leben flieht, — ein schöner Morgentraum. 

Es ist kein Schmerz dem Schmerze zu vergleichen. 
Der Tod ist immer uns ein Augenblick, 
Doch blind dahin im Glanz der Sonne schleichen. 
Das ist der Erde größtes Mißgeschick ! 

Dies hat nur der verstanden und empfunden. 
Der solche Lust, des Sehens Glück entbehrt ; 
O schöne Zeit, für immer mir entschwunden. 
Und keine Hoffnung, daß sie wiederkehrt! 



5. Nummer Zeitschrift für das österreichische BHndenwesen. Seite 287. 

Der Quell des Lichts für immer ausgeloschen ! 
Ich sehe nicht des Lebens frische Pracht ; 
Dort liegt vielleicht, vom Frührot übergössen 
Ein grünend Land ; — ich starre in die Nacht. 

Ein lauer Wind weht lieblich mir entgegen, 
Ein Paradies von Blumen schlürf ich ein. 
Das Auge sucht, doch Nacht ist allerwegen. 
Ein undurchdringlich' Dunkel hüllt mich ein. 

Vielleicht, vielleicht, und immer nur vermuten 
Und immer nur ein ewiges Vielleicht. 
Vielleicht erlöschen jetzt der Sonne Gluten, 
Indes die Nacht die Erde überschleicht. 

Es glänzt vielleicht der Sterne mild Gefunkel, 
Ein Lampenmeer, vom Schöpfer angefacht. 
Vielleicht, vielleicht; ich starre in ein Dunkel 
Und starre ewig, ewig in die Nacht. 

Und nur ein Bild aus jenen schönen Zeiten 
Hat sorglich sich die Seele eingeprägt. 
Es lächelt mild und will nicht von mir weichen. 
Seitdem der Flor sich um die Augen schlägt. 

Die andern fliehen flüchtig wie die Wellen, 

Kein Bitten und kein Flehen hält sie fest. 

Nur eins bleibt noch auf meines Kerkers Schwellen : 

Ein Engel, der mich nie verzweifeln läßt. 

Ich hielt es treu, weil mir's nicht zu ersetzen ; 
Ich grub es tief in meinem Heizen ein. 
Arm ist die Welt mit ihren Schätzen, 
Arm, bettelarm! ich nenn' Marie mein! 

Ein Jeder liebt, sein höchstes Gut zu zeigen, 

Und prahlt mit dem, was ihm der Himmel gibt : 

Blind bin ich wohl, doch such' ich meinesgleichen. 

So lange mich Marie nur noch liebt! 

Darum einen Ehrenkranz auf das Haupt jeder Frau eines 
Blinden für ihrem stillen Opfermut und ihre befreiende Liebe ! 

K. Bürklen. 

Der Zusammenschluß der Heilpädagogen 
Österreichs im Jahre 1872. 

Viele Jahrzehnte nach Gründung der ersten Anstalten für Vier- 
sinnige (Taubstummeninstitut in Wien 1779, Blindeninstitut in Wien 1804) 
hing der Fortschritt des Bildungswesens der Abnormen an einzelnen 
wenigen Personen. ImBlindenbildungswesen finden wir neben J. W. Klein 
und A. P. Klar kaum ein Dutzend Fachleute, deren Namen heute 
noch fortleben. Über einige Fachschriften, den brieflichen Verkehr und 
gelegentliche Besuche ging das Bedürfnis nach einer Aussprache nicht 
hinaus. Erst das allgemeine durch das Reichsvolksschulgesetz vom Jahre 



Seite 288. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 5. Nummer. 

1869 hervorgerufene Interesse auch an der Ausbildung der Viersinnigen, 
das Eingreifen der Tagespresse, deren man sich auch von Seite der 
Fachleute zu bedienen begann, und das große Ereignis der Weltaus- 
stellung in Wien (1873) ließen den Gedanken an eine Versammlung 
der Heilpädagogen erstehen. Es war ohne Zweifel der Direktor des 
k. k. Blindeninstitutes in Wien M. Pablasek, welcher mit seinem Buche 
»Die Fürsorge für die Blinden von der Wiege bis zum Grabe« schon 
seit dem Jahre 1867 eine umfassende Erneuerung des österreichisciien 
Blindenfürsorgewesens nach seinen Ideen angeregt hatte und nur aus 
leicht einzusehenden Gründen eine öfifentliche Besprechung dieser An- 
gelegenheit herbeizuführen suchte. Sein Gedanke fand auch im ersten 
europäischen Blindenlehrerkongresse (1873) Verwirklichung, wenn er 
selbst dabei auch nicht die führende Rolle inne hatte. 

Die diesem Kongresse vorlaufenden Ereignisse mochten Pablasek 
in Beschränkung seiner ursprünglichen Absicht geneigt gemacht haben, 
auf die Idee eines Zusammenschlusses der österreichischen Heilpädagogen 
einzugehen. Es ist wohl anzunehmen, daß diese Idee von dem ehema- 
ligen Taubstummenlehrer und Herausgeber des »Heilpädagog" F. Hübner 
in Wien ausging und von Pablasek und dem Direktor des isr. Taub- 
stummeninstitutes in Wien, J. Deutsch gut geheißen wurde. Die Ge- 
legenheit zum Zusammentritte gab der V. allg. öst. Lehrertag in Klagenfurt 
(1872). Der von den genannten drei Männern gezeichnete Aufruf sah 
für diese Zusammenkunft die Gründung einer »Heilpädagogischen Sektion« 
und die Behandlung des Themas vor: »Welche gesetzlichen Bestimmungen 
sind bezüglich der Erziehung und Bildung der abnormen Kinder bei den 
maßgebenden Behörden anzustreben?« 

Pablasek begründete diese Unternehmung später folgendermaßen: 
»Da die a. h. Entschließung vom 28. April 1846 den Bereich der Wirk- 
samkeit der Volksschule auch auf die abnormen Kinder ausdehnt und 
das Gesetz vom 14. Mai 1869 die Lehrerbildungsanstalten verpflichtet, 
ihre Zöglinge dort, wo sich dazu Gelegenheit findet, mit der Methode 
des Unterrichtes für Taubstumme und Blinde, sowie mit der Organi- 
sation gut eingerichteter Kleinkinderbewahranstalten oder Kindergärten, 
welche auch abnorme Kinder aufnehmen, bekannt zu machen, und diese 
Lehrerbildungsanstalten sich dem allgemeinen österreichischen Lehrertage 
angeschlossen, so haben wir es für zweckmäßig erachtet, uns gleichfalls 
demselben anzuschließen und unter der kollektiven Bezeichnung »heil- 
pädagogische Sektion« eine besondere Abteilung für die Interessen der 
abnormen Kinder zu bilden. Zu diesem Behufe ergingen an die österrei- 
chischen Heilpädagogen die Einladungen zu dem V. allgemeinen 
österreichischen Lehrertag nach Klagenfurt. Am 30. August 1872 fand 
daselbst die Vorbesprechung und am 31. d. M. die Hauptversammlung 
statt, bei der sieh Fachmänner und andere von dem Gegenstande an- 
gezogene Menschenfreunde in erfreulicher Anzahl einfanden.« Die Wahl 
des Obmannes fiel auf Pablasek, die des Schriftführers auf H üb n er. 

Pablasek beantwortete in seinem Referate die Frage: »Was ist 
in Osterreich für die Bildung der Blinden bisher getan worden und was 
soll noch weiter für dieselben geschehen.'^« und entwickelte dabei einen 
weitausgreifenden. Plan bezüglich der Ausgestaltung der bestehenden 
Institute und der Gründung von Blindenanstalten in allen Kronländern, 
welche noch solcher entbehren. Die Sache der Taubstummen wurde 



5. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 289. 

vom Taubstummenlehrer M. Berger, die der schwachsinnigen und 
verwahrlosten Kinder von P. Hübner beleuchtet. 

Die in Klagenfurt ins Leben getretene »Heilpädagogische Sektion« 
war als ein dauernder Zusammenschluß gedacht, denn bereits im November 
desselben Jahres fand in Wien im Beisein fast aller Wiener Fachleute 
die erste Plenarversammlung statt, bei welcher Statuten aufgestellt und 
die Leitung vervollständigt wurde. Obmann: Pablasek, Stellvertreter: 
J. Deutsch, Schriftiührer : P. Hübner und F. Ent lieh er. Pablasek 
begründete abermals die Pflicht für die Lehrer abnormer Kinder in 
Österreich, aus der Zersplitterung ihres Wirkens herauszutreten und ihre 
Kräfte zu vereinigen, um in gemeinsamen Beratungen die jeweiligen 
Zustände und die zeitgemäßen Erfordernisse der Bildung dieser Unglück- 
lichen zu besprechen, die wünschenswerte und mögliche Hilfe zu erwägen 
und durch Anregungen und Vorschläge, durch Besprechung in öffent- 
lichen Blättern, durch Aufrufe oder Bitten nach Kräften anzubahnen, in 
Gang zu setzen und mit Gottes und guter Menschen Hilfe zur Aus- 
führung zu bringen. Die » Heilpädagogische Sektion« sollte von den kom- 
petenten Behörden in Fragen der Erziehung und des Unterrichtes ab- 
normer Kinder, der Anstalten und Lehrkräfte für dieselben gehört 
werden, sich der Sektion, so oft dies im Interesse der Sache wünschens- 
wert und derselben förderlich erachtet wird, als Beirat bedienen und 
ihr Wirken in anbetracht des humanen Zweckes und der gemeinnützigen 
Sache huldvoll ermutigen und unterstützen. 

Dies der vielversprechende Anfang des Zusammenschlusses der 
österreichischen Heilpädagogen. Und das Ende.^ Einerseits wurde durch 
den großen europäischen Blindenlehrerkongreß in Wien die Arbeitskraft 
der Wiener Fachleute vollauf in Anspruch genommen und in breiteres 
■Fahrwasser gelenkt. Als dieses für die Blindensache bedeutungsvolle 
Ereignis verrauscht war und bei manchen Teilnehmern das Gefühl der 
Zurücksetzung und Verbitterung zurückgelassen hatte, fiel das in Angriff 
genommene Werk hauptsächlich durch den Widerstreit persönlicher 
Interessen der Teilnehmer, die sich nicht verstehen konnten und mochten, 
in sich zusammen. Es dauerte wieder dreißig Jahre, ehe die österrei- 
chischen Blindenpädagogen den Mut zum Zusammenschluß im >Verein 
der Blindenlehrer und Blindenfreunde« (jetzt: »Zentralveiein für das 
österreichische Blindenwesen<) fanden und ihn verwirklichten. Die Blinden- 
lehrertage in Prag (1889) und Linz (1890) waren hiezu die Vorläufer 
gewesen. 

Der »Heilpädagogischen Sektion« vom Jahre 1872 aber läßt sich 
nur wie eines »totgeborenen Kindes« gedenken. 

Zur Verwendung der Lehrmittel in der 
Blindenschule. 

Die Forderung nach Veranschaulichung im Blindenunterrichte 
kann nicht stark genug betont werden und in der Theorie findet sie 
an den Blindenpädagogen warme Vertreter. Die dem Blinden ent- 
zogene Erscheinungswelt soll ihm durch die Tastempfindung wie durch 
Benützung der anderen noch intakten Sinne nahegebracht werden. 
Das kann nicht durch Beschreibung- — und wäre es auch die aus- 



Seite 290. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 5. Nummer. 

führlichste und zutreffenste — , sondern muß vor allem durch taktile 
Betrachtung (Anschauung) geschehen. Die von einer Seite als genügend 
erachteten durch Beschreibung gebildeten Surrogatvorstellungen der 
Dinge der Umwelt müssen für den Unterricht entschieden abgewiesen 
werden, wenn der Blinde von unserer realen Welt ein halbwegs richtiges 
Bild bekommen will. Also tatsächliche Betrachtung der Dinge 
und in möglichst größtem Umfange. 

Allerdings erwächst aus dieser Forderung eine Aufgabe, die 
von der Blindenpädagogik in ihrem Umfange kaum noch erfaßt, viel 
weniger erfüllt ist. Man braucht nur den Tastvorgang mit dem Sehen, 
die Mühseligkeit und Langsamkeit des Betrachtens durch die Finger 
mit dem blitzartigen Erfassen durch das Auge in Vergleich zu ziehen, 
um zu erkennen, welche Umstände und welcher Zeitaufwand mit der 
Aufnahme durch die Tastempfindung verbunden sind. Hiezu kommt, 
daß die meisten Dinge gar nicht im Tastbereiche des Blinden liegen, 
sich dieser Art der Betrachtung als allzu groß oder allzu klein ent- 
ziehen und nur als verkleinerte oder vergrößerte Modelle dargeboten 
werden können. Aus diesen Umständen ergibt sich der so eng begrenzte 
Anschauungs- und Vorstellungskreis der blinden Kinder. 

Zur Abhilfe dieses Übelstandes wurde der Anschauungsunterricht 
in den Blindenschulen eingeführt und demselben durch Betrachtung 
alles Erreichbaren eine breite Basis zu geben versucht. Grundbedingung 
hiefür ist neben der weitestgehenden Ausnützung der in der Umgebung 
des blinden Schüler befindlichen Naturobjekten eine reiche Lehrmittel- 
sammlung. Nach dieser Sammlung wird vielfach auch der Stand 
des Unterrichtes in den Blindenanstalten beurteilt, freilich mit der 
stillschweigenden Voraussetzung, daß die so reichlich vorhandenen 
Lehrmittel auch entsprechend zur Verwendung kommen. 

Wie steht es nun aber mit der Ausnützung der Ver- 
anschaulich u n g s o b j e k t e im B 1 i n d e n u n t e r r i c h t e ? Schon 
am Stundenplane ist die erste Unzulänglichkeit in dieser Hinsicht zu 
entdecken, denn wir haben ungefähr dieselbe Zahl von Stunden für 
den Anschauungsunterricht wie in der Volksschule, das heißt bei der 
bereits betonten Umständlichkeit der Erfassung durch die Tastem- 
pfindung eine höchst ungenügende. Der methodische Vorgang beim 
Anschauungsunterrichte ist ebenso von der Volksschule herüber- 
genommen, so daß der Unterrichtserfolo^ einer solchen Stunde kaum 
ein Bruchteil jenes bei sehenden Schülern erzielten sein kann. Dazu 
die Fülle des Stoffes im Lehrplane — ganz wie in der Schule für 
Sehende. Soll die Betrachtung eines Gegenstandes bei blinden Kindern 
gründlich geschehen, so muß sie einzeln oder zu zweien, darf höchstes 
in Gruppen von vier Schülern vorgenommen werden. So kommt es, 
daß der Lehrer, der an den zu verarbeitenden Stoff denken muß, zur 
Eile drängt, gegen seine bessere Einsicht auf Kosten richtiger Vor- 
stellungen seiner Schüler. 

Hiezu kommt noch, daß der blinde Schüler die meisten An- 
schauungsobjekte, die sich dem Sehenden tausend und Million Male 
vor Augen stellen, außerhalb der Schulstunden fast gar nicht mehr 
in die Hand bekommt. Woher soll er also klare Vorstellungen erlangen, 
da ihm diese bei Sehenden sich stets wiederholende Betrachtung 
unmöglich ist.? 



5. Niimmef. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 291. 

Nur die Vertiefuung der Veranschaulichung und gründ- 
liche Ausnützung der zugänglichen Naturobjekte und Lelir- 
mittel kann da Abhilfe schaffen. Eine ausgiebige Vermehrung 
der Stundenzahl für den Anschauu ngsunter rieht wird Schwierig- 
keiten begegnen, da der Stundenplan in den Blindenanstalten ohnedies 
gut besetzt ist, doch sollten für den Anschauungsunterricht daselbst 
jedenfalls mehr Stunden angesetzt sein, als in der Volksschule. In 
den Ansschauungsstunden selbst könnte die Ausbildung einer 
methodischen Betrachtungsweise viel Zeit gewinnen lassen. 
Vorläufig fehlt hierfür jede Anleitung, woher es kommt, daß jeder 
Blindenlehrer sich erst nach langer Praxis darin zurecht finden muß, 
wie er seinen Schülern ein Objekt in kürzester Zeit, ohne jedoch 
flüchtig zu sein, gründlich betrachten lassen soll. Auch in dieser Sache 
müssen alle Erfahrungen immer wieder von neuem gemacht werden, 
weshalb es allen Kollegen nicht dringend genug empfohlen werden muß, 
auch über scheinbar geringfügige methodische Praktiken sich Aufzeich- 
nungen zu machen und diese zum Nutzen ihrer Nachfolger, die ihnen hie- 
für höchst dankbar sein werden, bekannt zu machen. Sehr wichtig erscheint 
es ferner, die Anschau u ngsobjekte den blinden Schülern auch 
außerhalb der Schulstunden zugänglich zu machen, da für 
eine öftere Vorführung die Zeit in der Klasse umzureichend ist. Dies 
ist allerdings in der Blindenschule wieder mit bedeutend größeren 
Schwierigkeiten verbunden als in der Schule der Sehenden, wo Bilder- 
schmuck auf den Gängen und in den Klassenzimmern, auch Aus- 
stellungen, die Betrachtung geradezu aufdrängen. Außerdem muß 
beim Betasten der Anschauungsobjekte der damit verbundenen Gefahr 
für die Schüler und an die starke Abnützung der Objekte selbst 
gedacht werden. Besonders letztere darf aber keinen Grund für eine 
zu geringe Benützung derselben bilden, denn schließlich haben die 
Lehrmittel nicht den Zweck, schön geordnet in den Kästen zu liegen, 
sondern sollen möglichst oft in die Hände der Schüler kommen. 

Die beste Gelegenheit hierfür bietet sich außerhalb der Unterrichts- 
sfunden durch eine wechselnde Ausstellung der Lehrmittel in 
den Aufenthaltsräumen der Schüler. Eigens dafür bestimmte 
Tische und Wechselrahmen, in entsprechender Höhe an den Wänden 
angebracht, bieten die Möglichkeit dazu. Voraussetzung einer nutz- 
bringenden Betrachtung der ausgestellten Objekte durch die Schüler 
ist die Anleitung durch eine sehende Person (Lehrer, Aufseher), un- 
bedingtes Erfordernis die Reinigung der Hände der Zöglinge nach 
der Betrachtung benutzter oder sonst gefährlicher Objekte. Von Zeit 
zu Zeit können auch einige freie Stunden zum Besuche des Lehr- 
mittelsaales selbst benützt werden, denn die Zöglinge zeigen 
eewöhnlich für diesen Raum das o^rößte Interresse und nehmen neue 
wie bereits bekannte Objekte gerne in die Hand. 

Nur durch eine derartige öftere und gründliche Verwendung der 
Lehrmittel im Unterrichte wie außerhalb desselben kann der den Blinden- 
lehrer so oft und so peinlich überraschenden Tatsache gesteuert 
werden, daß selbst die Schüler der oberen Klassen von häufig vor- 
kommenden Dingen nur mangelhafte und unklare Vorstellungen oder 
zweifelhafte Surrogatvorstellungen besitzen. K. B. 



Seite 292. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 5. Nummer. 

Bekenntnisse. 

Hauptlehrer J. K n e i s, Purkersdorf. 

Unseren Idealen lebten wir und suchten stets uns zu vervoll- 
kommnen und unser Schoßkind, das Blindenwesen, auszugestalten. In 
stiller Zurückgezogenheit gaben wir uns, oft unbeachtet und in unseren 
Absichten vielfach verkannt, dennoch Mühe, den armen Lichtlosen den 
Weg zu zeigen und ihnen Führer zu sein auf ihren dunklen Pfaden. 
Es waren jene Blinden, die man als natürlichen Prozentsatz hingenom- 
men, denen man Hilfe bringen mußte. Leider ott nur allzuabgesondert 
arbeiteten wir und — »Hand auis Herz« — freuten uns, wenn wir in 
dem einen oder dem anderen Punkte den übrigen Anstalten vorraus 
waren, anstatt an die gleichmäßige Entwicklung aller Anstalten Hand 
anzulegen. Kritiklos, daher wenig fortschreitend hüteten wir jedes Zauber- 
wort der Pädagogik. Wir " wurden uns gegenseitig Fremdlinge und 
Diplomaten, welche mit hundert Worten mehr zu verschweigen wissen, 
als mit einem deutschen Wort gesagt sein mußte. So war es ! 

Die Vererbungstheorie anerkennt und begründet bis zu einem 
gewissen Punkte die Tatsache, daß Fehler eher als Vorzüge auf die 
Nachkommen übergeben. Warum sollte unser Blindenwesen eine Aus- 
nahme machen } Unsere Vorgänger aber hatten mancherlei begründete 
Ursache ihre eigenen Wege zu gehen. 

In der Jetztzeit dagegen dürfte sich die Sache insofern geändert 
haben, als die meisten unserer Anstalten ihren Bestand legal gesichert 
haben. Und nochmals tritt die Gefahr der Vereinsammung heran, indem 
man die Bemühungen erkennen kann, stets etwas neues zu ersinnen, 
was sonst keine Anstalt aufzuweisen vermag. 

Es wäre zumindest indolent, wollte man, nur um auch ein Stecken- 
pferd zu haben, die Errungenschaften anderer absichtlich übersehen und 
neuen Phantomen nachspüren. Einzelne Vorzüge bestehen selbstver- 
ständlich und sollen dankbar hingenommen, aber nicht als persönliches 
Verdienst gepriesen und zur Erreichung einer Priorität ausgenützt werden. 

Halten wir Einkehr und Umkehr, denn wir stehen vor einer 
größeren Zukunft, welche Treue und Heldenmut vorbereiten hilft. 

Wir sehen die Sonne echter Kultur emporsteigen und siegen über 
Unkultur und Überkultur, über Ost und West. 

Diese Kultur — keine Fata morgana — sie ist erstrebenswert und 
uns müßte man fluchen, wollten wir unser Gebäude antik der Nachwelt 
vererben, weil wir aus Eigenliebe den Ausbau verhindert oder aus 
falscher Pietät uns gescheut haben, die bekannten Fehler zu verbessern. 

Aus unserem Innern muß der Antrieb kommen und durch die 
Umwelt muß unser Werk Form und Gestalt erhalten. Das Geschick 
stellt uns auf die Probe ! Wer wird siegen } Ganz plötzlich stellt uns 
die Weltgeschichte vor eine neue Aufgabe und diese könnte der Prüf- 
stein sein, ob wir reif sind zur Einigkeit. 

Viele unserer freudig in den Kampf gezogenen Helden finden den 
Weg in ihr Heim nicht mehr allein, sie finden aber auch allein nicht 
mehr den Weg zu sich selbst, den Weg in ihr Inneres und von da 
zurück in die Welt, welche ihnen den allergrößten Dank schuldet. 



5. Nummer. Zeitschrift für das österreichische BUndenwesen. Seite 293. 

In den meisten Fällen galt unsere bisherige Tätigkeit den kleinen 
Blinden und erhielt dadurch einen Beigeschmack der Kinderstube. Erst 
die Fürsorge für die aus der Anstalt Entlassenen gab einen weltmännischen 
Anstrich; und nun gar in neuester Zeit müssen wir unserer Aufgabe 
einen Staatsgedanken zugrundelegen. Nicht als ob unsere bisherige Ar- 
beit seitlich dieses Gedankens gegangen wäre — wissen wir doch alle 
genau, welche Wege unsere Erziehungstätigkeit stets eingeschlagen hat 
— sondern eine neue Erscheinungsform ist damit gemeint. 

Für den Staat haben unsere neuesten Schützlinge geblutet und 
der Staat wird seine treuen Söhne nicht verlassen. Er kann die Auf- 
gabe lösen und wir Blindenlehrer bieten Herz und Hand und erwarten, 
daß diese ebenso ehrlich angenommen werden, wie sie geboten. 

Provisorische Vorsorge für Kriegsinvalide. 

Zu den Ausführungen über »Versorgung unserer Kriegsblinden« 
(Nummer 3, Seite 248) geben wir folgende Ergänzungen. 

Das provisorische Budget enthält auch die Ermächtigung, an 
die während des Krieges oder durch denselben invalid gewordenen 
Mannschaftspersonen sowie die Hinterbliebenen der während des 
Krieges oder durch denselben gefallenen, verschwundenen oder ver- 
storbenen Mannschaftspersonen, sofern sie auf die Unterstützung an- 
gewiesen sind, für die Dauer des Krieges und sechs Monate 
nach demselben außer der gesetzmäßigen militärischen Ver- 
sorgung besondere provisorische Unterstützungen auszuzahlen. Es 
sollen danach an provisorisclier Invalidenrente erhalten: 

1. per Jahr 60 K. Unterstützung jener Invalide, dessen Erwerbs- 
fähigkeit in seiner früheren Beschäftigung mindestens um 20, jedoch 
um weniger als 50 Prozent abgenommen hat; 

2. per Jahr 120 K. Unterstützung jener Invalde, dessen Erwerbs- 
fähigkeit in seiner früheren Beschäftigung um 50 bis 100 Prozent 
abgenommen hat; 

3. per Jahr 180 K. Unterstützung jener Invalide, der zu welcher 
Arbeit immer unfähig ist; 

4. per Jahr 60 K. Unterstützung die legitime Gattin des nach 
den Punkten 1, 2 oder 3 eine Unterstützung erhaltenden Invaliden; 

5. per Jahr 36 K. Unterstützung jedes, auch außerhalb der Ehe 
geborene Kind des nach den Punkten 1, 2 oder 3 eine Unterstützung 
erhaltenden Invaliden, und zwar die Knaben bis zum 16., die Mädchen 
bis zum 14. vollendeten Lebensjahr; 

6. per Jahr 60 K. Unterstützung der Vater, die Mutter, der Groß- 
vater und die Großmutter des nach den Punkten 1, 2 oder 3 eine 
Unterstützung erhaltenden Invaliden, doch kann die Unterstützung die- 
ser Familienmitglieder zusammen 120 Kronen nicht übersteigen. 

Als F'amilienmitglieder können — im Sinne der militärischen Ver- 
sorgungsgesetze außer den einen Anspruch auf Erziehungsbeitrag be- 
sitzenden Kindern — nur jene in Betracht kommen, die der Invalide 
erhalten hat und die zur Zeit der Unterstütznng der zur Behebung der 
Unterstützung Berechtigte erhält. 

Eine spätere definitive gesetzliche Regelung der Invaliden- 
unterstützung, wird vorbehalten. 



Seite 294. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 5. Nummer. 

Augenverletzungen und Erblindungen im Kriege. 

Hofrat Professor Dr. Emil v. Groß hielt in Budapest vor großem 
Publikum einen Vortrag über »Augenverletzungen und Erblindungen im 
Kriege«. Professor Groß sagte unter anderm : Die Anzahl der Augen- 
verletzungen ist in den Kriegen der letzten Jahrzehnte in stetem An- 
steigen : Im Amerikanischen Freiheitskriege betrugen die Augenverlet- 
zungen 0'3 Prozent aller Verwundungen ; im Deutsch-französischen 
Kriege 1870 71 1 Prozent, im Russisch-japanischen Kriege 2 Prozent, 
im Balkankriege noch mehr. Eine weitere Zunahme ist im gegenwärtigen 
großen Kriege zu bemerken. Allein in der Budapester Universitäts- 
Augenklinik Nr. I wurden im ersten halben Jahre des Krieges über 500 
Augenverwundete gepflegt, von denen 6 Prozent an beiden Augen 
und 60 Prozent an einem Auge erblindeten. Dies ist eine Folge der 
modernen Kriegsführung. Die überwiegende Mehrzahl der Augenver- 
letzungen sind Schußwunden. Die sagittalen Schüsse durch das Auge sind 
zumeist tödlich, den frontalen fällt ein Auge oder beide zum Opfer. 
Wenn der Splitter aus Eisen ist, gelingt mitunter die Entfernung mit 
dem Magneten. Manchmal wird der Fremdkörper eingekapselt, zumeist 
führt er aber zu Entzündungen. Die tiefen Entzündungen des Auges, 
die durch Verletzungen entstehen, bilden eine Gefahr für das andere 
sehende Auge ; deshalb muß das unheilbar erblindete, schmerzhafte 
Auge im Interresse des anderen Auges rechtzeitig entfernt werden. Es 
spricht für die gesunde Vernunft und Heldenhaftigkeit unserer Soldaten, 
daß die Operation nie verweigert wird. 

Im Lazarett. 

Rudolf Presber. 

Tief, tief im Garten, den mit zauberischen 
Schneekünsten rings auf Heclcen und Büschen 
Der strenge Winter schmückt — ein Lazarett. 

An weißen Wänden eisern Bett bei Bett ; 

Und FrühHng rings und Blumen auf den Tischen. 

In sauberer Leinenjacke, blau und weiß, 
Humpelt ein Blonder her mit Stock und Kr icke. 
Am Fenster dort ein kleiner Lauscherkreis, 
Ein Landwehrmann erzählt von Russ(;ntücke. 
Ein andrer klemmt als Hochlands-Dudelsack 
An seine Brust mit wundem Arm ein Kissen ; 
Und jener dort erzählt, wie der Kosak, 
Der auf ihn schoß, alsbald ins Gras gebissen. 
Still, offnen Augs, tief in den Linnen drin, 
Ein knoch'ger Brauner, Hals und Bein verbunden. 
So liegt er, wunschlos, schweigend viele Stunden. 
Dann flucht er plötzlich leise vor sich hin: 
»Wir heben sie schon aus, die Russennester !<' 
Ein Lachen flattert hell und kindlich froh — 
Dort spielt ein kleiner Ungar Domino 
Um einen Weihnachtsapfel mit der Schwester. 

So Saal um Saal. Und keiner schilt und klagt, 
Und jeder weiß doch eines Leids Geschichte. 
Wohl spiegelt sich der Schmerz, der heimlich nagt. 
In manchem blaß entspannten Angesichte ; 
Wohl sprengt ein Seufzer hier, so weh und tief. 
Aus wunder Brust die Fesseln der Verbände ; 



5. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 295. 

Wohl zittert dort ein oft (feles'ner Brief 

Im müden Griff der wetterbraunen Hände ; 

Doch nur ein Wort von Marsch, Alarm und Schlacht, 

Und wie der Feind vermaß sich und erfrechte — 

Und unter weißer Stirn das Auge lacht : 

Geduld, wir sprechen uns noch — im Gefechte! 

Stolz auf mein Volk, das in der Wunden Schmerz, 
Und angerührt von des Vernichters Hippe, 
Noch Zuversicht im Aug' und auf der Lippe, 
Den Tod verhöhnend trägt den leichten Schmerz, 
Schritt ich der Schwester folgend aus dem Saal 
Und ward des Wegs, der Treppe kaum gewahr. 
Ein Türchen sprang; ich stand mit einemmal 
In einem Stübchen, das voll Sonne war. 

Da saß in seiner Joppe, blau und weiß, 

Ein starker Bursch vor einer Schreibmaschine, 

Und übte tastend sich mit ems'gem Fleiß. 

Starr lag der Einst in seiner blassen Miene. 

Die Finger sprangen sicher und geschwind. 

Die Augen aber irrten leer ins Weite. 

Und leise sprach die Schwester mir zur Seite : 

»Die Kugel traf den Sehnerv. Er ist blind.« 

Er hatt's gehört und ließ die Hände ruhn : 

»Zur Schlacht bin ich verdorben wohl für immer, 

Von Gottes Sonne floh der kleinste Schimmer. 

Nacht ist es nun. 

Was hilft's dem Wehrlosen die Fäuste ballen, 

Dem Schicksal fluchend, wild und freventlich. 

Umsonst sind mir die Binden abgefallen. 

Das Licht hat keine Grüße mehr für mich. 

Mehr bin ich- nicht, als die ich hier bediene, 

Zu der ich, tastend mich, vom Lager kroch. 

Maschine bin ich worden, nur Maschine, 

Im Dunkel sitz' ich hier — und doch . . . und doch . . .« 

Still war's im Kaum, da er ein Weilchen schwieg. 

Dann, leise tastend mit der rechten Hand 

Auf seine Brust nach dem rot-weißen Band : 

»Gott Lob, das Letzte, was ich sah, — war Sieg!« 

Vorgetragen beim Wohltätigkeitskonzert zu Gunsten der im Felde Erblindeten 
im Palais des kgl. ung. Ministeriums in Wien, 1. März 1915. 

Personalnachrichten. 

150. Geburtstag J. W. Kleins. Am IL April 1. }. jährte sich zum 
150. Male der Geburtstag Johann Wilhelm Kleins, des > Vaters der 
BHnden«. Von den Leitungen des k. k. Blindenerziehungsinstitutes und 
der Versorgungs- und Beschäftigungsanstalt für erwachsene Blinde in 
Wien wurde das Andenken des Gründers dieser beiden Anstalten durch 
Niederlegen von Kränzen auf das Ehrengrab Kleins auf dem Zentral- 
friedhofe geehrt. In der n. ö. Landes-Blindenanstalt in Purkersdorf wurde 
dieser Tag mit einer internen Gedenkfeier begangen. 

— Lehrer G. Posch. Erkrankung im Felde. Der als Einj. Freiw.- 
Korporal im Felde stehende Lehrer der n. ö. Landes-Blindenanstalt in Purkersdorf 
G. Posch ist während der Kämpfe in den Karpathen an einem ruhrartigen Zustande 
erkrankt und wurde in das Barackenspital in Zsolna (Ungarn) gebracht. Außerdem 
sind ihm in der Winterkälte drei Finger und drei Zehen erfroren. 



Seite 296. Zeitschrift für das Österreichische Blindenwesen. 5. Nummer. 

Aus den Anstalten. 

Blinden-Mädchenheim »Elisabethinum« in Meli«. Hier starb der 
Pflegling Magdalena Einrahmhof, ehemaliger Zögling der n. ö, Landes-Blinden- 
anstait in Purkersdorf, im jugendlichen Alter von 26 Jahren. 

— Tir. - Vorarlb. B 1 i n d e ni n s t i t u t in Innsbruck. Aus diesem Insti- 
tute berichten die »Innsbrucker Nachrichten«: Was die armen blinden Knaben im 
hiesigen Blindenheim unter der zielbewußten Leitung ihres Direktors Pfarrer 
Vinatzer von Pradl leisten, zeigt die von ihnen selbst erbaute Rutschbahn im 
Garten des Instituts. Ein Erdunterbau mit Brettern belegt, Schienen und ein Roll- 
wagen bilden die Rutschbahn, ein Hauptvergnügen für die Ärmsten. Schneidig 
fahren die Blinden auf dieser von ihnen selbst gebauten Bahn. Und wenn es hie 
und da einen » Zusammenstoß -^ gibt, wird der Unfall nicht ernst genommen. Herz- 
liches Lachen der Kinder offenbart dem Zuschauer die Freude, welche dieselben 
an der Rutschbahn haben. Die weniger »Schneidigen« beschäftigen sich im Garten 
mit Erdausheben und Erwischenspiel. 

— Blind en Versorgungshaus »Francisco-Josephinum-^ in P[rag. In 
dieser von der Böhmischen Sparkasse gegründete Anstalt versuchte das Direktorium 
die Erfordernisse tunlichst mit der Unzulänglichkeit der verfügbaren Geldmittel in 
Einklang zu bringen. Die Erhaltung zeigt erhebliche Mehrausgaben, wobei die Be- 
schaffung von Vorräten zu berücksichtigen sind. Die Böhmische Sparkasse widmete 
für den Betrieb neuerdings den Betrag von 19.000 K. Der Pfleglingsstand ist gegen 
das Vorjahr um 24 gesunken und zeigte am Schlüsse das Jahres 1914 im ganzen 
102 Blinde, je rund die Hälfte Deutsche und Tschechen. Das Alter von 10 ver- 
storbenen Pfleglingen bewegt sich zwischen 47 und 79 Jahren. 

In der Zusammensetzung des Direktoriums, als dessen Obmann kais. Rat 
Direktor J. Homolka fungiert, ist durch das Ableben des Direktors Dr. K. Strzizek 
leider eine fühlbare Lücke entstanden. 

Aus den Vereinen. 

Der Verein von Kinder- und Jugendfreunden in Wien XVII erstattet 
den üblichen Jahresbericht über das von ihm erhaltene »Asyl für blinde Kinder« 
für das Jahr 1914. Aus demselben ist zu entnehmen, daß infolge der widrigen Zeit- 
verhältnisse der Mitgliederstand abermals gesunken und das Einkommen geringer 
geworden ist. Immerhin verbleibt ein Mitgliederstand von 2656. Die finanzielle Ge- 
bahrung schließt mit einem Mehrbedarfe von 2476 K, zu dessen Deckung der 
Stammfonds herangezogen werden mußte. Es ist daher notwendig, daß des von 
Frau J. Pupovac mustergiltig geleiteten Asyles von edlen Menschenfreunden durch 
Spenden, Widmungen und Legaten gedacht wird. Bei der am 12. April 1. J. ab- 
gehaltenen Jahresversammlung des Vereines wurde der bisherige Ausschuß, mit 
kais. Rate Direktor S. Gerber an der Spitze, wieder gewählt. 

Für unsere Kriegsblinden. 

Erzherzogin Blanka und die Mutter des erblindeten Soldaten. 
Frau Erzherzogin Blanka, von deren Besuchen im Garnisonsspitale Nr. 2 in Wien 
wir bereits in der vorigen Nummer berichteten, erfuhr bei einem neuerlichen Besuche 
zufällig, daß der reichsdeutsche Unteroffizier Otto Hessen, der durch einen Schuß 
an beiden Augen erblindet ist, für den gleichen Tag den Besuch seiner Mutter, 
die eigens aus Deutschland gekommen ist, erwartet. Unteroffizier Hessen, von 
Beruf Mechaniker, ist ein besonderer Schützling der Frau Erzherzogin. Kaum hatte 
sie von dem bevorstehenden Besuch erfahren, als Erzherzogin Blanka dem Spitals- 
kommandanten Oberstabsarzt Dr. Fi i seh bekanntgab, sie wolle die Mutter des 
Unteroffiziers Hessen, ehe die Frau ihren Sohne sehe, allein und unter vier Augen 
sprechen, um sie vorzubereiten und ihr Fassung durch gütiges Zureden zu bringen. 
Frau Hessen kam Samstag nachts in Wien an und Sonntag früh um halb 9 Uhr 
fuhr Erzherzogin Blanka beim Spital vor. Sie traf Frau Hessen, die tiefgebeugt 
war, hat sie doch im Vorjahre den Gatten und den zweiten Sohn durch den Tod 
verloren, an. Frau Erzherzogin Blanka und die Mutter des Erblindeten blieben 
eine halbe Stunde unter vier Augen, und die Erzherzogin wußte derart auf das Gemüt 
der wohl schlichten aber klugen und energischen Frau einzuwirken, daß sie getröstet 
und aufrecht das Zimmer voll heißen Dankgefühles gegen die gütige Erzherzogin 
verließ und dann ihrem Sohn mutig und gefaßt gegenübertreten konnte. Oberstabs- 
arzt Dr. Frisch hatte Vorsorge getroffen, daß das erste Beisammensein der Mutter 



5. Nummer. Zeitschrift für das Österreichische BHndenwesen. Seite 297. 

und des erblindeten, nunmehr einzigen Sohnes unjrestört bleibe. Frau Hessen hegt 
das tiefste Dankgefühl gegen die Erzherzogin. Die hohe Frau bestand darauf, Frau 
Hessen nochmals vor ihrer Rückreise zu sehen und lud sie ein, sie auf dem 
Schlosse Wilhelminenberg zu besuchen. Frau Erzherzogin Blanka bedang sich aus, 
Frau Hessen, sobald sie den Besuch machen wolle, im Wagen abholen zu lassen. 

— Der Kaiser hat dem »Vereine zur Fürsorge für Blinde in Wien« 
zum Zwecke der Erweiterung des Kaiser Franz Joset-Arbeiterheimcs behufs Unter- 
bringung von vor dem Feinde erblindeten Soldaten den Betrag von 2000 K bewilligt. 
Zu dem gleichen Zwecke hat Frau Therese Landgrätin zu E"ürstenberg in Wien 
den Betrag von 1000 K, der Privatier Herr Anton Stern in Wien den Betrag von 
12.000 K gespendet. Bürgerschuldirektor J. Heinold in Purkersdorf hat die von 
ihm gesammelte Summe von 126 K dem gleichen Zwecke zugewendet. Der Landes- 
verein Nicderösterrcich >^Rotcs Krenz« stiftete 10 E'reiplätze für Kriegsblinde an 
dem oben genannten Heime. 

— Die von der »Neuen Freien Presse« zugunsten im Felde erblindeten An- 
gehöriger des Heeres gesammelten Spenden sind mit Ende April 1. J, auf 350.000 K 
gestiegen. Der bisher eingelaufene Betrag wurde dem k. k. Ministerium des Innern 
übergeben, welche Stelle ihn dem gedachten Zwecke zuführen soll. 

— Dr. Peter Rosegger in Graz hat dem Direktor K. Bürklen den Betrag 
von 10 K für einen erblindeten Soldaten zukommen lassen. 

— Wohltätigkeitskonzert. Die Konzertsängerin Frau Irma v. Pathy- 
Waldherr und der Pianist Alexander Freiherr v. Eder gaben am 9. d. im neuen 
Kammermusiksaal des Musik verein sgebäudes in Wien zugunsten des Kaiser Franz 
Josef-Blinden-Arbeiterheims für im Felde erblindete Soldaten ein stark besuchtes 
und erfolgreiches Konzert. Die Sängerin brachte im Verlaufe des anregenden Kon- 
zertes ein reiches Programm zum Vortrage. Der gerne gehörte Pianist Baron Eder 
leitete das Konzert mit der großen Sonate Es-dur, op. 31, Nr. 3, von Beethoven 
ein und spielte dann Stücke von Gluck-Brahms, Schubert, Schumann und Chopin 
mit Geläufigkeit und anerkennenswerter Vortragskunst. Beide Konzertgeber fanden 
viel Beifall. 

— Völkerchor- Festkonzert. Am 15. April fand im großen Musikvereins- 
saale das Völkerchor-Festkonzert zugunsten der im Felde erblindeten Soldaten statt, 
in welchem Konzertsänger Viktor Heim, Opernsänger Adolf Luß m an n, Louis 
1 1 1 i n g (Carltheater), Hofmusiker Eduard M a d e n s k i und andere Kunstkräfte mit- 
wirkten. Den Prolog sprach F"rau General Jozsa Podhajsky-Javor. Außerdem 
trugen unter anderen Angehörige von vier verschiedenen Nationen in Original- 
kostümen die »Vülkerhymne« (unter persönlicher Leitung des Autors Friedrich 
Kratky) gemeinsam vor. 

— Der vom Österreichischen Zweigverein des Deutschen 
Schriftstellerverbandes in Wien im Festsaale des Gewerbevereines veran- 
staltete Festabend zugunsten der im Felde Erblindeten verlief äußerst animiert. 
Alfred Haas las stimmungsvolle Dichtungen, Gräfin M. F. O b e rn d o r ff entzückte 
mit der reizenden Novelle »Der Waldi und sein Major«; dann trug Frau Grete von 
Urbanitzky mit hinreißendem Schwung mehrere ihrer neuesten Kriegslieder vor. 
Herr Hermann Benke beschloß die literarischen Darbietungen mit dem meister- 
haften Vortrag der Parabel »Zwei Gräber« von Marie v. Ebner-Eschenbach. 
Im musikalischen Teil brillierte der siebenjährige Violinvirtuose Max Rosthal und 
F. Berger. Opernsängerin Fräulein Lucie Ivanovic sang bezaubernd mehrere 
Lieder, wovon »Nach Norden«, Text von Rhea Rolf, Musik von A. Th. Bruder, 
ganz besonders gefiel. Nach der Arie der »Regimentstochter« wurden der Künstlerin 
pi achtvolle Blumenspenden gereicht. Am Schluß sang noch Herr Rolf v. Koerber 
die Sterbeszene aus Puccinis »Tosca« und den »Lenz« von Hildach mit machtvollem 
Organ. 

— Am 21. März fand im Kammermusiksaal der Gesellschaft der Musikfreunde 
eine Akademie zugunsten der erblindeten Soldaten statt. Schriftsteller Otto M ei x n er 
brachte Dichtungen verschiedener moderner Meister zum Vortrage, alle dem hehren, 
ernsten Zweck der Veranstaltung angepaßt. Der Haupteil des Abends fiel dem jungen 
Komponisten Louis Dite zu. Frau Dr. v. Iwonsky trug Lieder mit einschmei- 
chelnder Einfachheit und innigem Gefühl vor. 

— Dr. Viktor Ebenstein veranstaltete Mittwoch den 28. April im kleinen 
Musikvercinssaale zugunsten von im Felde erblindeten Soldaten ein Konzert, für 



Seite 298. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 5. Nummer. 

welches die Herren k. k. Hofmusiker Prof. Ary van Leu wen und Anton Ruzitska 
sowie der Konzertsänger Viktor Heim ihre Mitwirkung zugesagt hatten. Das Pro- 
gramm enthielt Kammermusikwerke, Lieder und Solostücke für Klavier von Brahms, 
Reger und Schumann), welch letztere JDr. Viktor Ebenstein vortrug. 

— Die Frauenortsgruppe »Hietzing« des Deutschen Schul- 
vereines hielt am 19. April in Hopfners Parkhotel in Hietzing eine große Wohl- 
tätigkeitsakademie ab, deren Reinerträgnis den im Felde erblindeten Soldaten und 
wohltätigen Zwecken des Deutschen Schulvereines zufloß. 

— Über Kriegsblinde. Vortrag von Regierungsrat A. M el 1 in der Wiener 
Urania. 29. April 1. J. Der Vortragende, Direktor des k. k. Blinden- Institutes und 
Leiter der Kriegsblinden-Zentrale, erzählt von den Soldaten, welche ein unseliges 
Geschick um ihr Augenlicht gebracht hat. Er berichtet, wie sie im Blinden-Institut 
aufgenommen werden, in welcher Weise sich bei ihnen nach der tiefen seelischen 
Erschütterung, die ihr Unfall in ihnen hervorgerufen, wieder Zuversicht und Mut auch 
für das neue Leben einstellen, das sie nun beginnen müssen. Züge von ergreifendem 
Heldentum, von echtem Soldatengeist haben sich da gezeigt. Der Vortragende be- 
richtet ferner, was für Zukunftsmöglichkeiten diese blindgeschossenen Soldaten haben 
und wie die bisherigen Pfleglinge der Anstalt an die Gründung ihres neuen Lebens 
gehen. Ein reiches Bildermaterial eigänzt die Ausführungen des Vortrages. 

— Hofburgschauspieler Franz Höbling gab Montag den 26. April im kleinen 
Konzerthaussaale einen zweiten (letzten) jungösterreichischen Dichterabend zugunsten 
der im Felde Erblindeten. 

— Der Verein österreichischer Schriftsteller und Journalisten veranstaltete 
Samstag den 10. April im Vortragssaale des Wissenschaftlichen Klubs einen Vor- 
leseabend des bekannten Wiener Lyrikers A. G r ü n e w a 1 d. Fräulein H ö 1 1 e r i n g 
trug aus dessen Gedichtsammlungen und A. Grünewald persönlich aus seinem 
Balladenbuch vor. 

— Erträge aus Kinovorstellungen wendeten für erblindete Soldaten zu: 
Das Kärntner Kino und das Kino in der Ausstellungsstraße im Prater. 

— Aus Abbazia wird uns berichtet: Der Pianist Josef Fl ig I veranstaltete hier 
vor einigen Tagen zugunsten der im Felde Erblindeten ein Konzert, das einen 
glänzenden Verlauf nahm. Die Veranstaltung führte dem genannten wohltätigen 
Zweck eine namhafte Summe zu. 

— Schon Vorjahren ist die »Fr a u e n y e r e i n i g u n g für soziale Hilfs- 
tätigkeit in Wien« für das Erlernen und Üben der Blindenschrift durch Sehende 
eingetreten. Jetzt nimmt die Vereinigung diese Tätigkeit im Interesse der erblindeten 
Soldaten wieder auf. In ihrer vor kurzem stattgehabten Generalversammlung wu-de 
ein dahingehender Antrag des Vorstandes angenommen, nachdem die Vorsitzende 
Frau Johanna Schwiedland die Notwendigkeit und den Wert der Aktion in 
warmen Worten dargelegt hatte. Sie betonte, wie rasch nnd leicht die Blindenschrift 
zu erlernen sei — wenige Stunden genügen hiezu — , und welche Wohltat es für 
die geistige Not der Blinden bedeute, wenn ihre Leihbibliotheken mit Lesestoff 
bereichert werden. 

Mitteilung. 

Zentralverein für das österreichische Blindenwesen. Die p. t. Aus- 
schußmitglieder werden zu der am Dienstag, den 18. Mai 1. J. 5 Uhr in der Versorgungs- 
und Beschättigungsanstalt für erwachsene Blinde in Wien Villi, Josefstädterstraße 80, 
stattfiindenden Ausschußsitzung höflichst eingeladen. Tagesordnung: Mitteilungen. 
Aufnahme neuer Mitglieder. Kassabericht. Fürsorge für die Kriegsblinden. Allfälliges. 

Verschiedenes. 

Eine Erbschaft des ärmsten Blindeninstituts Wiens. Das 
k. k. Bezirksgericht in Wien III erläßt folgende Erinnerung: Die am 15. Jänner 1915 
verstorbene, in Wien wohnhaft gewesene Hausbesitzerin Frau Mina von Lukacs 
hat in ihrem Testament folgende Verfügung getroffen: »Mein Haus Jacquingasse 
Nr. 16 gehört meinen beiden Großnichten Alice Pech er und Martha Biro, so lange 
selbe am Leben sind, nach beider Tode geht es an das ärmste Blindeninstitut Wiens 
über; sollten mich meine beiden Schwestern Marie und Anna überleben, haben beide 

Herausgeber: Zentralverein für das österreichische Blindeuwesen in Wien. Redaktionskomitee: K. Biirklen, 
J. Kneis, A. v. Horvath, F. Uhl. — Druck yon Adolf Englisch, Purkersdorf bei Wien. 




2. Jahrgang. Wien, Juni 1915. 6. Nummer. 



m ^ 

J »Dein Schicksal werde nie gescholten ! ^ 

§ Zwar raubt's Dir Phöbus gold'nen Strahl ^ 

^ Doch hat Dir diesen tausendmal ^ 

^ Sein gold'nes Seitenspiel vergolten.« ^ 

^ G. A. Bürger an die blinde M. Th. v. Paradis. ^ 

Der Magnetiseur Dr. Mesmer und das blinde 
Fräulein M. Th. von Paradis. 

Es sind im März hundert Jahre her gewesen, daß in der stillen 
Bodenseestadt Mersburg ein betagter Mann die Augen schloß, dessen 
Name heute noch die wissenschaftliche Welt mit dem Namen »Entdecker« 
belegt, während ihn andere zu den »Schwindlern und Schwärmern« zu 
Ende des achtzehnten Jahrhunderts zählen. Es ist dies Dr. Franz A. 
Mesmer, der Entdecker des »tierischen Magnetismus.« Ein geborener 
Schwabe, studierte er an der Wiener Universität die Medizin und übte 
von der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts an seine Praxis daselbst aus. 
Er benützte wie auch andere Ärzte den Magnet zu Heilzwecken heilte 
aber später durch bloßes Auflegen der Hände, womit er große Erfolge 
erzielte und weit bekannt wurde. Sein Aufenthalt in Wien erreichte im 
Jahre 1778 ein unliebsames Ende. Der Anlaß hiezu, welcher geradezu zur 
europäischen Sensation wurde, war die Heilung von Blindheit durch 
Magnetismus an mehreren Mädchen, von denen die eine, Marie Theresia 
von Paradis*), die Tochter eines hohen Beamten war und später als 
blinde Musikerin großen Ruf erlangte. Diese angeblichen Heilungen von 
Blindheit durch den Magnetismus erregten in Wien und ganz Deutsch- 
land das größte Aufsehen und einen Widerstreit der Meinungen, der 
bis heute nicht geklärt ist. Wir wollen vorerst die hierüber erhaltenen 
Berichte selbst sprechen lassen. 

Aui einer Reise nach Bayern hatte Mesmer im Jahre 1776 den 
churbayrischen Geheimen Rat P. von Osterwald, nach dessen durch den 

*)Siehe den Aufsatz von E. Scheib: »Maria Theresia von Paradis« im 
I. Jahrg., 5 Nummer, der »Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen.« 



Seite 304. Zeitschrift für das österreichische BHndenwesen. 6. I^ummer. 

den Druck öftentlich kundgemachtem Zeugnis, auf dem Wege einer 
Magnetkur von der an Blindheit grenzenden Blödsichtigkeit vollständig 
befreit. Die Ungläubigkeit, mit welcher man trotzdem Mesmer nach 
seiner Rückkehr nach Wien begegnete, suchte er durch eine eklatante 
Heilung des schwarzen Staares zu brechen. 

»Ich suchte mir zu meinem Zwecke nun unter andern Kranken 
das Fräulein Paradis aus,« sagt er in seinem diesbezüglichen Memoire, 
»und nahm noch eine gewisse Zwelferine, die 19 Jahre alt war und 
seit ihrem zweiten Jahre ebenlalls an einem vollständigen schwarzen 
Staare erblindet war, hinzu.« Noch eine dritte Kranke nahm Mesmer 
zugleich mit den beiden vorgenannten in Behandlung. Es war dies ein 
junges Mädchen, ein Fräulein Ossine, die 18 Jahre alt war und als 
Tochter eines österreichischen Offiziers von der Kaiserin eine Pension 
erhielt. Diese drei Kranken waren nebst anderen in Mesmers Hause 
untergebracht. 

»Ich war so glücklich, sie alle drei heilen zu können«, berichtet 
Mesmer über seine Behandlung. Wie die Heilung vor sich gegangen 
sein soll, findet sich in einem, dem Vater der Par ad is zugeschriebenen 
Berichte dargestellt. 

»Mesmer fing seine Behandlung des Fräuleins von Paradis am 
20. Januar 1873 an. Seine ersten Erfolge bestanden in Röte und Hitze 
des Kopfes; sie hatte dann auch Zittern in den Schenkeln und Armen ; 
sie verspürte im Nacken ein leichtes Reißen, welches den Kopf nach 
hinten zog und welches, indem es allmählich stärker wurde, den Augen 
eine convulsivische Erschütterung verursachte. Am zweiten Tage seiner 
Behandlung brachte Mesmer eine Wirkung hervor, die alle diejenigen 
Personen, welche dabei als Augenzeugen gegenwärtig waren, aufs höchste 
überraschte. Er richtete seinen Stock gegen ihre Figur, die in einem 
Spiegel reflektirt wurde und zu derselben Zeit, während welcher er den 
Stock hin- und herbewegte, folgte auch der Kopf der Kranken diesen 
Bewegungen. Diese Empfindung war so stark, daß sie selbst die geringsten 
Änderungen in der Bewegung des Stockes anzeigte. Man bemerkte bald, 
daß die Hin- und Herbewegung der Augen sich abwechselnd verminderte 
und verstärkte und zwar in einer sehr empfindlichen Weise ; ihren viel- 
fachen nach innen und nach außen gerichteten Bewegungen folgte häufig 
eine vollständige Ruhe ; letztere wurde seit dem vierten Tage vollkommen 
und die Augen nahmen ihre naturgemäße Lage ein, was zu der Be- 
obachtung Gelegenheit gab, daß das linke viel kleiner war als das rechte. 
Bei fortgesetzter Behandlung wurden sie beide einander gleich. Das 
Zittern der Glieder hörte wenige Tage darauf ebenfalls auf. Allein sie 
empfand am Hinterkopf einen Schmerz, der durch den ganzen Kopf 
ging und heftiger wurde, weil er sich vorne festsetzte. Als er an die 
Stelle gelangte, an der sich die Sehnerven vereinigen, schien es ihr zwei 
Tage hindurch, als teile sich ihr Kopf in zwei Hälften. Dieser Schmerz 
folgte nun den Sehnerven, indem er sich ebenso wie diese teilte. Sie 
beschrieb ihn als ein Stechen mit spitzen Nadeln, die, indem sie sich 
allmählich vorwärts gegen die Augäpfel hin bewegten, sie zu durchbohren 
und sich dort zu vervielfältigen schienen, indem sie sich auf der Netzhaut 
ausbreiteten. Diese Empfindungen waren oft von Erschütterungen 
begleitet. — Der Geruch der Kranken war seit mehreren Jahren geschwächt 
und es fand aus der Nase keine Aussonderung mehr statt. Ihie Behandlung 



6. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 305. 

verursachte ihr innerlich in der Nase und den benachbarten Teilen eine 
Anschwellung, die in 8 Tagen aufhörte und zwar in Folge einer massen- 
haften Aussonderung einer grünen zähen Marterie ; sie hatte zu derselben 
Zeit eine außergewöhnlich starke Diarrhöe ; die Schinerzen in den Augen 
vermehrten sich und sie klagte über Schwindel. Herr Mesmer hielt 
dies für die Wirkung der ersten Lichteindrücke. Er ließ nun die Kranke 
in seinem Hause bleiben, um bei ihr die nötigen Vorsichtsmaßregeln 
zu treffen. 

Die Empfindlichkeit dieses Organs wurde derart, daß sie, obwohl 
sie auf den Augen eine dreifache Binde trug, dennoch genötigt war, 
sich in einem dunkein Zimmer aufzuhalten, zumal der geringste Licht- 
eindruck, der auf alle Körperteile ohne Einfluß blieb, sie derart angriff, 
daß sie zu Boden fiel. Der Schmerz, den sie in den Augen empfand, 
veränderte allmählich seine Beschaffenheit. Anfangs war er allgemein 
und brennend, woraus in der Folge lebhaftes Jucken wurde, welches 
sich schließlich in eine Empfindung verwandelte ähnlich der, wie wenn 
man mit einem zarten Pinsel über die Netzhaut gefahren wäre. 

Diese fortschreitenden Wirkungen veranlaßten Herrn Mesmer zu 
der Annahme, daß die Kur bereits genügend vorgeschritten sei, um der 
Kranken einen ersten Begriff vom Lichte und seinen Veränderungen 
zu geben. Er nahm ihr die Binde ab und ließ sie in einem dunkeln 
Zimmer; dann forderte er sie auf, achtzugeben auf dasjenige, was 
ihre Augen, vor die er abwechselnd weiße und schwarze Objekte brachte, 
empfinden würden. Sie beschrieb die Empfindung, welche ihr die 
Ersteren verursachten, als solche, wie wenn man ihr in den Augapfel 
feine Nadelspitzen einführte, deren schmerzhafter Eindruck seinen Weg 
nach dem Gehirn nähme; dieser Schmerz und die verschiedenen Em- 
pfindungen, welche ihn begleiteten, vermehrte und verminderte sich im 
Verhältnis zu dem Grade der Helligkeit der vorgebrachten Objekte. 
Durch diese allmählichen und entgegengesetzten Wirkungen brachte er 
die Kranke zu der Erkenntnis, daß die Ursache derselben von außen 
her komme und daß sie eben in diesem Punkte sich von jenen unter- 
schieden, die sie früher verspürt hätte. So gelangte er denn dahin, ihr 
den Unterschied des Lichtes und dessen Mangel, sowie dessen Steigerung 
begreiflich zu machen. Um seine Unterweisung fortzusetzen, zeigte ihr 
Herr Mesmer verschiedene Farben. Sie bemerkte, daß das Licht viel 
sanftere Eindrücke gäbe; sie unterschied sie bald bei Vergleichungen, 
aber ohne ihre Namen behalten zu können, obwohl sie ein sehr glück- 
liches Gedächtnis besaß. Beim Anblick der schwarzen Farbe sagte sie 
traurig, daß sie gar nichts mehr sehe und daß diese sie an ihre Blindheit 
erinnere. In den nächsten Tagen dauerte der Eindruck eines Gegenstandes 
auf die Netzhaut nach dem Erblicken desselben noch eine Minute fort, 
und zwar in der Art, daß sie, um einen andern Gegenstand unterscheiden 
zu können und ihn nicht mit dem ersteren zu verwechseln, sie genötigt 
war, so lange als ihr erster Eindruck noch vorhielt, die Augen zu be- 
decken. Sie unterschied in einer Dunkelheit, in der die anderen Personen 
nur sehr schwer sahen. Allein allmählich verlor sie diese Fähigkeit, 
nämlich als ihre Augen mehr Licht vertragen konnten. Da die Muskeln 
zur Bewegung der Augen bis dahin ihr zu Nichts gedient hatten, so 
war es nötig sie in dem Gebrauch derselben zum Bewegen der Augen 
zu unterweisen. Dieser Unterricht, dessen tausendfältige Schwierigkeiten 



Seite 306. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 6. Nummer. 

man nicht wiedergeben kann, war um so mühseliger, als er zuweilen 
von melancholischen Antällen, eine Folge der Krankheit, unterbrochen 
wurde. 

Am 9. Februar versuchte Herr Mesmer ihr zum ersten Male 
menschliche Gestalten und Bewegungen zu zeigen. Er stellte sich also 
in dem dunkeln Zimmer selbst vor sie hin. Sie erschrak, als sie die 
menschliche Figur erblickte. Die Nase schien ihr daran lächerlich und 
während mehrerer Tage konnte sie dieselbe nicht erblicken, ohne in 
lautes Gelächter auszubrechen. Sie verlangte einen Hund zu sehen, den 
sie öfters liebkoste. — Der Anblick dieses Tieres schien ihr viel an- 
genehmer als der des Menschen. — Wenn sie nicht die Namen der 
Gegenstände wußte, zeichnete sie die Gestalt ganz genau mit dem 
Finger. Einer der schwierigsten Unter Weisungspunkte war sie zu lehren, 
anzurühren, was sie sah und diese beiden Fähigkeiten mit einander zu 
verbinden. Da sie keine Vorstellung von der Entfernung hatte, so schien 
ihr alles mit den Händen greifbar, wie weit auch die Entfernung sein 
mochte. Auch schienen ihr die Gegenstände in dem Maße größer zu 
werden, als sie ihr näher kamen. Die fortdauernde Übung, zu der sie 
behufs Überwindung ihrer Ungeschicktheit angehalten wurde und die 
die große Zahl von Dingen, die sie kennen zu lernen hatte, verursachte 
ihr oft derartigen Mißmut, daß sie fast ihren früheren Zustand mit 
Bedauern vermißte und zwar um so mehr, als man zur Zeit ihrer 
Blindheit ihre Geschicklichkeit und ihren Geist bewunderte. Allein ihre 
natürliche Heiterkeit ließ sie solcher Stimmung bald Herrin werden 
und die unausgesetzte Fürsorge des Herrn Mesmer bewirkte weitere 
Fortschritte. So kam sie unvermerkt dahin, das helle Tageslicht zu 
ertragen und auf jede Entfernung die Gegenstände zu unterscheiden ; 
nichts entging ihr, selbst nicht bei Figuren in Miniaturmalerei, deren 
Züge und Haltung sie nachzumalen pflegte. Sie besaß sogar eine be- 
sondere Gabe mit überraschender Genauigkeit aus der Physiognomie 
den Charakter aller derjenigen Personen zu erkennen, die sie zu Gesicht 
bekam. — Als sie zum ersten Male den gestirnten Himmel erblickte, 
gab sie Staunen und Bewunderung zu erkennen. Und seit diesem 
Augenblicke erschienen ihr alle Dinge, die ihr als schön und angenehm 
geschildert wurden, viel weniger schätzenswert als der Anblick der 
Sterne, für die sie entschiedene Vorliebe und Begeisterung kund gab. 

Fortsetzung folgt. 

Österreichs Anteil an der deutschen Fach- 
literatur des Blindenwesens. 1802 — 1914. 

Direktor K. Bürklen, Purkersdorf. 

Da es bis jetzt weder eine Bibliographie des Blindenwesens, 
noch auch nur eine übersichtliche Zusammenstellung der Fachschriften 
der deutschen Blindenliteratur gibt, ist es nicht leicht, den Anteil der 
österreichischen Fachleute an dieser Literatur genau abzuschätzen. 
Ich habe daher den Versuch unternommen, alle vom Jahre 1802 bis 
1914 von österreichischen Fachleuten auf dem Gebiete des Blinden- 
wesens erschienenen Schriften, Abhandlungen, Aufsätze usw. — mit 



6. Nummer Zeitschrift für das österreichische BUndenwesen. Seite 307. 

Ausnahme von kürzeren Notizen — zu verzeichnen und sie nach- 
stehend zu veröffentlichen. Um der im Titel gekennzeichneten Absicht 
gerecht zu werden, griff ich nicht zu einer Anordnung nach Sach- 
gebieten, wie sie eine Bibliographie erfordert, sondern wählte die 
Anführung nach den Verfassernamen in alphabetischer Reihenfolge. 
Abgesehen davon, daß Schriften meistens unter dem Autornanfen 
gesucht werden, gibt diese Anordnung zugleich ein erschöpfendes 
Bild von dem Wirken der betreffenden Fachleute auf literarischem 
Gebiete. 

DaßdieliterarischeBetätigungderösterreichischen 
Blindenpädagogen, Blinden freunde und der Blinden 
selbst für dasdeutscheBlindenwesenvongroßerundaus- 
sch laggeben der Bedeutung ist, zeigt uns nicht nur eine 
Reihe von grundlegenden Werken und selbständigen Ar- 
beiten, sondern auch von Abhandlungen in den Kono-reß- 
berichten und Fachorganen. Sie sind das Ergebnis der kollegialen 
Zusammenarbeit der deutschen Fachleute seit Begründung des deut- 
schen Blindenwesens, die auch heute noch eine so innige und befruch- 
tende ist, daß eine Trennung ganz unmöglich erscheint. 

Zur Begründung der vorstehenden Behauptung gebe ich vorerst 
eine orientierende Übersicht über diese Arbeiten. 

In der österreichischen Blindenliteratur lassen sich mit deutlicher 
Schärfe zwei große Abschnitte abgrenzen und zwar: 

1. Die ersten 50 Jahre als Zeit der von einzelnen 
Stellen ausgehenden Werbung für die Blinden Sache, 

2. Die Zeit einerallgemeinen, umfassen den u ndreichen 
Blindenliteratur, angefangen von der Mitte des vorigen 
Jahrhunderts bis zur Gegenwart. 

Die Hauptarbeit der ersten Periode wurde von dem Begründer 
des österreichischen Bündenunterrichts- und Fürsorgewesens J. W. Klein 
geleistet. Außer seinen Berichten über den ersten Versuch mit dem 
Unterrichte Blinder und über das von ihm gegründete Institut, ließ 
er im Jahre 1819 ein grundlegendes Werk, sein%> Lehrbuch zum Unter- 
richte der Blinden« erscheinen, das fast ein Jahrhundert lang keine 
Erneuerung fand. Seine »Geschichte des Blindenunterrichtes« (1837) 
bildet hiezu eine wichtige Ergänzung und mit der »Anleitung zur 
zweckmäßigen Behandlung blinder Kinder im Kreise ihrer Familien 
und in der Schule ihrer Wohnorte« (1836) leistete er der Blinden- 
unterrichtssache unvergängiiche Verdienste. In diesen seinen Haupt- 
schriften beschränkt er sich durchaus nicht auf den Blindenunterricht. 
sondern erschöpfte nahezu alle Blindenfürsorgefragen, um mit einer 
weiteren Reihe kleinerer Schriften Einzelgebiete zu behandeln. Kleins 
Veröa'entlichungen entwuchsen der Praxis und enthielten sich so sehr 
aller Spekulation, daß sie bis in die Gegenwart in ihren Grundzügen 
in Geltung geblieben sind. 

Neben Klein gewann nur noch der Name Alois Klar's Bedeu- 
tung. Seine schriftstellerische Tätigkeit besöhränkte sich allerdings 
auf Berichte über die beiden Prager Anstalten und einige kurze Ab- 
handlungen über Versorgungsfragen. Führen wir schließlich noch einige 
kleine Schriften und Aufsätze von Gaheis, Dolezalek, Gauß, 



Seite 308. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 6. Nummer. 

Müller, Sechter und Weinolt an, so sind damit alle Verfasser 
aus dem ersten Abschnitte unserer Blindenliteratur genannt. 

Die zweite Periode der Blindenliteratur, die uns einen immer 
stärker anschwellenden Strom von Erscheinungen brachte, ei-öft'nete 
M. Pablasek. Einigen Berichten über die von ihm geleitete Wiener 
Anstalt folgte sein Hauptwerk »Die Fürsorge für die Blinden von der 
Wiege bis zum Grabe« (1867), eines der umfassenden Werke unserer 
Literatur, das aber trotz in manchem geänderten Standpunktes und vieler 
Ergänzungen an das »Lehrbuch« Kleins nicht heranreichte. Der ziem- 
lich fruchtbaren Feder Pablaseks entfloß noch gegen Ende seines 
Wirkens (1883), ähnlich wie wir dies auch bei Klein finden, eine 
ziemlich große Verbreitung erlangende Schrift über die »Erziehung 
blinder Kinder im Elternhause und in der Volksschule«. Vorher (1872) 
hatte F". Entl ichcr eine Schrift mit gleichem Inhalt erscheinen lassen, 
außer welcher wir aber von diesem Fachmanne nur einige kleine Auf- 
sätze aus späterer Zeit besitzen. Von den Zeitgenossen Pablaseks traten 
nur J. Oppel mit der Behandlung von besonderen Sachgebieten, 
J. Schwarz, P. Hübner als Schriftleiter des kurzlebigen »Heilpäda- 
gogen« und L. A. Frank! in kleinen Werbeschriften hervor. Weiter 
hinaus reicht die literarische Betätigung W. J. Binders mit einer 
Reihe von Abhandlungen über verschiedene Stoffe, sowie A. Hell et s- 
gr u ber mit einigen Vorträgen und bis in die neueste Zeit J. Lib ansky. 
Von diesem eifrigen Fachschriftsteller besitzen wir eine große Zahl 
von Aufsätzen und Berichten in Zeitschriften, welche sich fast aus- 
nahmslos mit allgemeiner Propaganda für die Blindensache beschäftigen, 
jedoch auch einige größere Schriften (»Erziehung blinder Kinder in den 
ersten Lebensjahren«, 1882, »Die Ausbildung der Blinden in der 
Österreich-ungarischen Monarchie«, 1886, »Die Blindenfürsorge in 
Österreich-Ungarn und Deutschland«, 1898), welche dem damaligen 
Stande des Unterrichts- und Fürsorgewesens entsprechend gehalten sind. 

Die schriftstellerische Wirksamkeit der vorgenannten Fachleute 
fällt in die Zeit des großen Aufschwunges des Volksschulbildungs- 
wesens und erstreckt sich hauptsächlich darauf, auch den Blinden 
ein entsprechendes Bildungsrecht zu sichern, was vorerst nur unter 
Mitwirkung der Volksschule möglich erschien, bis die Erfahrung ge- 
wonnen war, daß nur eine ganz spezielle Fürsorge Hilfe bringen kann. 
Ihre Werke befassen sich fast noch ausschließlich mit allgemeinen 
Blindenfürsorgefragen und beleuchten nur selten abgegrenzte Gebiete. 
Erst die letzten Jahrzehnte brachten uns eine größere Spezialisierung 
bei tieferem Eindringen in die Sache, ohne daß dabei irgend ein 
wichtiges Gebiet außeracht blieb. Ja, wie wir wissen, gaben sie uns 
mit dem »Handbuch« das umfangreichste enzyklopädisch angelegte 
Buch der Blindenliteratur überhaupt. Die Höhepunkte dieses reichen 
Schaffens tragen die Namen S. Heller und A. Meli. 

Mit der ersten Erforschung der psychologischen Grundlagen der 
Blindenbildung sind S. Heller und dessen Sohn Dr. Th. Heller aufs 
ehrenvollste verbunden. Die »Studien zur Blindenpsychologie« (1904) 
von Dr. Th. Heller und eine lange Reihe von Abhandlungen von 
S. Heller sind heute noch die einzigen Arbeiten, welche dieses 
dunkle Gebiet zu durchleuchten versuchten. S. Heller's Fachschriften 
über die verschiedensten Gebiete der Blindenbiidunsr und Fürsorge 



6. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 309. 

tragen neben einer vollendeten sprachlichen P'orm durchwegs den 
Stempel des Bestrebens, den Stoff geistig zu durchdringen, aus wissen- 
schaftlicher Beobachtung heraus neue Ziele und neue Mittel zur Er- 
reichung derselben zu finden. 

Durchaus auf realem Boden steht dagegen A. Meli. Ihm haben 
wir nicht nur die geschichtliche Erforschung des Blindenwesens — 
hauptsächlich durch Beiträge im »Blindenfreund* und in der »Geschichte 
des k. k. Blinden-Erziehungs-Institutes« (1904) — sondern auch die 
allseitigste Behandlung desselben im »Handbuch« (1910), zu danken. 
Dieses in seiner Art einzige Werk sichert, trotzdem die größere Zahl 
der Mitarbeiter Deutschland nnd dem Auslande angehört, seinem 
Verfasser das Verdienst, der österreichischen Blindenliteratur einen 
Weltruf gegeben zu haben. Aus der großen Zahl seiner schrift- 
stellerischen Schöpfungen heben sich dann noch die Sammlung von 
methodischen Abhandlungen im »Blindenunterricht« (1910) und »Kurze 
Ratschläge und Winke zur Erziehung blinder Kinder« (1913) heraus, 
indem sie gegenüber älteren Werken gleichen Inhaltes die gewandelten 
Anschauungen des modernen Blindenwesens klar zum Ausdrucke 
bringen. 

Es wäre nun neben den Genannten noch eine stattliche Reihe 
von österreichischen Fachautoren anzuführen, welche sich teils selbst- 
ständig, teils in Anlehnung an Vorbilder, in den verschiedensten 
Richtungen, zum größten Teile aber auf eine allgemeine Propaganda 
gerichtet, in den letzten Jahrzehnten betätigten und noch betätigen. 
Um eine störende Namenhäufung zu vermeiden, verweise ich auf die 
folgende Anführung. Hier sei nur festgestellt, daß die österreichische 
Blindenliteratur einen schönen Aufschwung genommen, der zu den 
besten Hoffnungen für die Zukunft berechtigt. An das nach den Ver- 
fassernamen alphabetisch gereihte Verzeichnis setze ich schließlich 
die ohne Angabe eines Autors erschienenen Schriften sowie Sammel- 
schriften, Versammlungsberichte usw. Von den Jahresberichten der 
Anstalten erwähne ich nur die wichtigsten, führe aber die darin ab- 
gedruckten Aufsätze im folgenden Verzeichnisse unter dem Verfasser- 
namen an. Bei Erscheinungen, welche mehrfach abgedruckt wurden, 
ist die zunächst erreichbare Quelle angegeben. 

Ritmann Siegfried, Lehrer am Isr. Blindeninstitute in Wien. 

S. Hellen. Biogr. Artikel. Zeitschrift f. d. öst. Blindenwesen, I. Wien 1914. 

L. A. Fnankl. Biogr. Artikel. Zeitschrift f. d. öst. Blindenwesen, I. Wien 1914. 

Die theoretische Möglichkeit und die praktische Notwendigkeit des Ausbaues 

der bestehenden und der Bpschließun^ neuer Blindenberufe. Vortrag. 

V. öst. Blindenfürsorgetag, Wien 1914. Bericht. 
Bartosch Josef, Musiklehrer am k. k, Blinden-Erziehungs-Institut in 

Wien. 
Der Musikunteppicht. Artikel in Meli: Der Blindenunterricht, Wien 1910. 
Über die Ep'wepbs= und Lebensverhältnisse der Blinden Wiens mit 

besonderer Berücksichtigung der Musiker. XIII. Blindenlehrer-Kongreß, Wien 

1910. Bericht. 
Vorschläge zur Hebung des Gesangunterrichts an Blindenanstalten. 

Blindenfreund, XXXI, XXXII. Düren 1911, 1912. 
Vorschläge zur Ausgestaltung des Musikunterrichtes. Blindenfreund, 

XXXII. Düren 1912. 
Blinde Organisten in Österreich. Vortrag. V. öst. Blindenfürsorgetag, Wien 

1914. Bericht. 



Seite 310. Zeitschrift für das österreichische BHndenwesen. 6. Nummer. 

Bergmeister, Dr. Otto, Universitätsprofessor in Wien. 

Au^enärztliche Beobachtung in der n. ö. Landes-Blindenschule. Jahres- 
berichte dieser Anstalt, I, II. Wien 1877, 1884. 

Zwei wichtige Brblindungsui*sachen. Zeitschrift f. d. öst. BHndenwesen, I. 
Wien 1914. 
Bergmeister, Dr. Rudolf, Augenarzt in Wien. 

Einiges aus der Tätigkeit des Augenarztes an einer Blindenanstalt. Wiener 
med. Wochenschrift. Wien 1911. 
Binder Emil, cand. phil. in Graz. 

Die Raumvopsteliungen der Blinden. Eos, I. Wien 1905. 

Studien zur Blindenpsychologie von Dr. Th. Heller. Besprechung. Eos, 1. 
Wien 1905. 
Binder Wenzel J., Religionslehrer am k. k. Blindeninstitut in Wien. 

Zur Blindenfrage in West=Österreich. Bündenfreund, III. Düren 1883. 

Mathias Pablasek f. Blindenfreund, III. Düren 1883. 

Das blinde Kind in der Volksschule der Sehenden. Christlich- pädagogische 
Blätter. Wien 1883. 

Das Sinnenvikariat. Vortrag. V. Blindenlehrer-Kongreß, Amsterdam 1885. 
Bericht. 

Bericht über die BIinden=Vorschule in Neulerchenfeld bei Wien und über 
den Kindergarten für blinde, vorschulpflichtige Kinder in Unter= 
Döbling bei Wien. V. Blindenlehrer-Kongreß, Amsterdam 1885. Bericht. 

De caecis ernditis . . . H. A. Fricke. Bericht des k. k. Blinden-Institutes, 
Wien 1890. 

Beschäftigungsplan für den Kindergarten in Wien. Blindenfreund, XIV. 
Düren 1894. 

Andachts- und Gebetbücher für Blinde. Katholische Erziehung. Kirchenbesuch. 
Ministrieren der Blinden. Wien: Asyl für blinde Kinder (B. und Spolz), Wien: 
Blindenklasse in Neulerchenfeld. Artikel im »Handbuch«, Wien 1900. 
Branky Franz, Professor an der k. k. Lehrerbildungsanstalt in Wien. 

Sprichwörter und Redensarten über »blind«, die Blinden und die 
Blindheit. Blindenfreund, VIII, Düren 1898. 

Mythisches über Blindheit. Patron oder vielmehr Patronin der Blinden. Hans 
Sachs. Seelenblind und seelentaub. Sprichwörter und Redensarten. Steigerung 
des Adjektivs »blind«. Volkskundliches über die Blindheit. Artikel im »Hand- 
buch«. Wien 1900. 
Breunig, Dr. Gerhard von, Augenarzt in Wien. 

Die Augenentzündung neugeborener und jene skrofelkranker Kinder. 
Wien 1869. 
Brunner, Dr. Moritz, Direktor der Isr. Taubstummenanstalt in Wien. 

Psychologische Studien an Taubstumm=Blinden. Wie soll man über 

■ Helene Keller denken ? Blindenfreund, XXVIII. Düren 1908. 
Buresdl Richard, Fachlehrer an der mähr.-schles, Landes-Blinden- 
anstalt in Brunn. 

Die psychopathisch Minderwertigen im Blindeninstitute und die Not- 
wendigkeit der Errichtung besonderer Abteilungen für dieselben. Vortrag. 
IV. öst. Blinden-Fürsorgetag, Brunn 1909. Bericht. 
Bürklen Karl. Direktor der n. ö. Landes-Blindenanstalt in Purkersdorf. 

Samuel Heinikes Gespräche mit Blinden«. Blindenfreund, XXX. Düren 1910. 

Das Wesen der Blindenbildung. Jahresbericht der n. ö. Landes-Blinden- 
anstalt. Purkeisdorf 1911. 

Farbenpapier für die Stachelschrift. Blindenfreund, XXXI. Düren 1911. 

Geographische Lehrmittel im Blindenunterricht. Zeitschrift für Lehr- 
mittelwesen. Wien 1911. 

Beziehungen zwischen den Unterrichtsmethoden für Vollsinnige und 
Viersinnige. Österr. Schulbote. Wien 191L 

Die Schulbeschreibuug blinder und taubstummer Kinder im Lande 
Nieder-Österreich und die Aufnahme solcher Kinder in Spezialanstalten. Zeit- 
schrift für das österr. Volksschulwesen. Wien 1911. 

Wie Blinde lesen, schreiben und rechnen. Mit Abbildungen. Österr. 
lUustr. Zeitung. Wien 1911. 



6. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 311. 

Die Berücksichtigung den Blinden bei der zu schaffcuden Sozialver- 
sicherung in Ö-.terreich. Blindeiifreund. XXXII. Düren 1912. 

Blinde bei der Arbeit. Mit Bildern. Urania. Wien 1912. 

Das schwachsichtige Kind in der Volksschule. Zeitschrift für das österr. 
Volksschuhvesen. Wien 1912. 

Welcher Schrift gehört die Zukunft im Elementarunterrichte? Österr. 
Schulbote. Wien 1912. 

Untersuchungen über die Lesbarkeit der Braille'schen Punktschrift» 
zeichen. Blindenfreund, XXXIII. Düren 1913. 

Zur Kritik der Braille'schen Punktschrift. Blindenfreund, XXXIII. 
Düren 1913. 

Die Veranschaulichungsmittel im geographischen Unterricht bei 
Blinden. Geogr. Anzeiger. Frankfurt a. M. 1913. 

Die Kindergärtner. n als Erzieherin nicht vollsinniger Kinder, Vortrag. 
Kindergärtnerinnentag, Wien 1912. Bericht. 

Zum 40 jährigen Bestände der n. ö. Landes^Blindenanstalt. Jahresbe- 
richt der n. ö. Landes-Blindenanstalt. Purkersdorf 1913. 

Blinde und taubstumme Kinder in der Volksschule. Schulbote. Wien 1913. 

Josef Libansky f. Blindenfieund, XXXIII, Düren 1913, Eos, IX, Wien 1913. 

Friedrich Entlicher f. Blindenfreund, XXXIII. D iren 1913. 

Der Zentralverein für das öst. Blindenwesen. Zeitschrift für das öst. 
Blindenwesen. Wien 1914. 

Gegenwärtiger Stand der Blindenfürsorge=Einrichtungen in Osterreich. 
Zeitschrift für das öst. Blindenwesen. Wien 1914. 

Absolute und relative Blindenhäufigkeit in Österreich. Statist. Tabelle. 
Zeitschrift lür das öst. Blindenwesen. Wien 1914. 

Was haben uns die öst. Blindenfürsorgetage (Blindenlehrertage) bisher ge- 
bracht ? Zeitschrift für das öst. Blindenwesen. Wien 1914. 

Schulbeschreibung blinder Kinder im Lande Niederösterreich und die Auf- 
nahme solcher Kinder in die n. ö. Landes-Blindenanstalt in Purkersdorf. Zeit- 
schrift für das öst. Blindenwesen. Wien 1914. 

Niederösterreichs Anteil an der Entwicklung des öst. Blindenbildungs- und 
Fürsorgewesens. Zeitschrift für das öst. Blindenwesen. Wien 1914. 

Die Trennung von SchuU und Berufsbildung in den Blindenbildungsan- 
stalten. Vortrag. V. öst. Blindenfüi sorgetag. Wien 1914. Bericht. 

V. öst. Blindenfürsorgetag (Bliidenlehrertag), Wien 1914. Zeitschrift für das 
öst. Blindenwesen. Wien 1914. 

Heilpädagogik in den Bildungsanstalten für Kindergärtnerinnen. Zeit- 
schrift für das öst. Blindenwesen. Wien 1914. 

(Fortsetzung folgt.) 

über Lehrmittel im tierkundlichen Unterricht. 

Lehrer O. Wanecek, Purkersdorf. 

Selbst die ausgezeichnetste Lehrmittelsammlung wird dem tier- 
kundlichen Unterricht nicht alle Hilfsmittel zur Verfiigung stellen 
können, die der Lehrer braucht, um aus dem toten Ding das lebende 
zu erklären. Das ausgestopfte Tier oder das Modell kann nur die 
körperliche Form bieten. Von dieser erst kann schließend und erwägend 
weiter geschritten werden; das leblose Organ muß in seiner Tätigkeit 
— innerlich wenigstens — geschaut werden. Die Schultafel kann 
dieser Forderung wenigstens soweit gerecht werden, daß auf ihr die 
zeitlichen Momente einer Lagenänderung festgehalten werden können. 
Darauf muß natürlich der Blindenunterricht verzichten. Hier heißt 
es aus dem in einer mehr oder minder zufälligen starren Form ver- 
harrenden Organ die Tätigkeit, die es vollbringt, erschließen. Daß 
ein solches Erschließen der Verstandesschulung in hervorragender 
Weise dient, steht wohl jenseits jedes Zweifels. Es fragt sich nur. 



Seite 312. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 6. Nummer. 

ob dadurcli tatsächlich und in allen Fällen klare Vorstellungen er- 
zielt werden. Da uns aber ein möglichst lückenloser Ausbau des 
Vorstellungskreises das um und auf des Unterrichtes darstellt, da 
ferner eine Sache nur an Denkwerten gewinnen kann, wenn sie in mög- 
lichster Anschaulichkeit zum Bewußtsein gelangt, wird namentlich 
der Blindenunterricht in der Tierkunde an Stelle der abstrakten 
Denkarbeit des Erschließens die gewiß nicht minder wertvolle An- 
eignungsart durch Vorführung der klaren Tatsachen betonen müssen. 

Die Vorführung von Bewegungen, sei es am lebenden Tier oder 
an entsprechenden Lehrbehelfen, ist für den Blinden uuterricht nicht 
zu umgehen, weil dem Bündgebornen fast alle Apperzeptionshilfen 
mangeln. Das Gehörorgan, durch das er wohl hauptsächlich Vor- 
stellungen von Bewegungen erhält, vermag sicherlich nur ein ver- 
schwommenes Seelenbild zu erzeugen. Es vermag die Gegenstände 
die Dauer und Intensität der Bewegungen zu beurteilen; die tatsächliche 
Art, die Funktion der die Bewegung bedingenden Organe wird dem 
Blinden erst durch den Tastsinn aufgehellt. Es handelt sich also 
darum, dem Blinden lebende Tiere oder entsprechende, bewegliche 
Lehrmittel in die Hand zu geben. Nun sind lebende Tiere meist 
durchaus nicht die besten Lehrbehelfe. Sie wären es^, wenn sie sich 
nicht sträubten von zwanzig Händen angegriffen zu werden, wenn sie 
gerade das machten, was der Lehrer braucht, wenn sie gleichsam 
für den Unterricht dressiert werden könnten. Bedeutend erfolgreicher 
wird der Lehrer daher bewegliche Lehrmittel verwenden, wenn diese 
die Tätigkeit langsam und riclitig darzustellen vermögen. Ein beweg- 
liches Modell aus Draht mit Schanierchen, vwi Tuch überspannt, 
läßt beispielsweise den Schwimm fuß der Gans in Tätigkeit sehen, 
ein ähnliches die Flughaut der Flattertiere. Wie einfach und schön 
zeigt eine Schlange aus Gummi die sonst gar nicht so einleuchtende 
Art des Schlängeins bei den Kriechtieren! Das bewegliche Modell 
zeigt unseren Zöglingen wie es durch den Körperbau bedingt ist, 
daß die Tagfalter die Flügel im Zustande der Ruhe senkrecht zum 
Leibe zusammenfalten, während die Schwärmer diese flach zurücklegen, 
so daß die Vorderflügel die hinteren überdecken. Erwähnt sei der 
eigene Körper des Schülers, der immer wieder zur Veranschaulichung 
herangezogen werden muß. 

Wenn auch das lebende Tier in der minderen Zahl von Fällen 
als einführendes Lehrmittel zu verwenden sein wird, so darf der 
Blindenunterricht nicht kurzweg auf sie verzichten. Der Unterrichtsgang 
vom beweglichen Lehrmittel zum lebenden Tier, vom Verstandenen 
zum Wiedererkennbaren wird unseren Unterricht äußerst befruchten. 
Und wie wird der umgekehrte Vorgang das Lerninteresse des Schülers 
steigern. Das Kind, dessen ganze Aufmerksamkeit darauf gerichtet 
ist, ein zappelndes Etwas festzuhalten, erfährt: »Nun wollen wir 
kennen lernen, wieso das Tier eine solche Kraft auf zu bringen 
vermag. Warum die Schlange auch ohne Beine so schnell am Boden 
dahinzueilen vermag u. s. w.« 

Manches freilich wird am lebenden Tier selbst gut erkennbar 
sein. So z. B. die Schwimmbewegung des Frosches. Das zutrauliche 
Häschen läßt sich wohl betasten und die Kinder erkennen das durch 



6. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 313. 

die läng-eren Hinterbeine bedingte Hüpfen. Selbst der Fisch lehrt in 
der Art, wie er sich aus den festhaltenden Händen loswinden will, 
das Fortschnellen im Wasser. 

Eine unorleich höhere Bedeutung haben lebende Tiere als aku- 
stische Lehrmittel. Wenn dem sehenden Kinde die- Farbenpracht der 
Naturkörper tief eingeprägt wird, wenn der naturgeschichtliche Unterricht 
bei den Sehenden soviel Wert auf Kenntnis der Farbenwelt legt, dann ist 
es nicht zuviel, wenn der Blinde die Tonwelt in der Natur, das 
wundervolle Brausen der Lebensorgel in Wald und Flur kennen lernen 
soll. Nicht kalt und teilnahmslos soll er mitten in der Welt von 
Schall und Klang leben, auf jeden Vogelgruß, auf jedes geheimnis- 
volle Rauschen von irgendwo her aus dem verlornen Weiten sich 
nicht das traurige Eingeständnis machen müssen: »Das kenne ich nicht«. 
Wohl wird sich der Unterricht auf ein bescheidenes Ausmaß beschränken 
müssen. Heutigentags wird eine derartige Kenntnis dem Blinden meist 
nur auf dem Wege der gelegentlichen Belehrung zu kommen können. 
Ein Lehrmittel einer vielleicht nicht allzu fernen Zukunft mag das 
Grammophon sein. Vorläufig muß sich der Lehrer darauf beschränken, 
heimat- und naturkundliche Wanderungen auch in diesem Sinne 
auszuschroten. 

Landeskommission für Kriegsblinde in Ober-Österreich, 

Am 21. März 1. J. hat sich in Linz die Landeskommission 
zur Fürsorge für heimkehrende Krieger bei der k. k. Statt- 
halterei in Linz gebildet, welche unter dem Vorsitze Sr. Exzellenz 
des Herrn k. k. Statthalters Erasmus Freiherrn von H andel bereits 
ihre Tätigkeit begon'nen hat. Der Schul- und Arbeitsausschuß dieser 
Kommission unter dem Obmannc Herrn Handelskammerpräsidenten 
Richard Hof mann hat sich auch die Wahrnehmung der Angelegen- 
heiten der Blindenerziehung und Fortbildung im Berufs- und Familien- 
leben, beziehungsweise die Unterbringung der Kriegsblinden in 
Heimstätten zur Aufgabe gesetzt und als Fachmann hiezu Herrn 
Blinden-Lehranstaltsdirektor Anton M. Pleninger bestimmt, 

Fragen bei der Lehrbefähigungsprüfung für den Blindenunterricht. 

Linz, 3. Mai 1915. Vorsitzender: Landesschulinspektor Dr. F. 

Rimmer, Prüfungskommisär : Direktor A. M. Pleninger, 

Scliriftlich: »Die Ursachen der Erblindung«. »Inwiefern kann 

die Blindenanstalt für die im Kriege Erblindeten sorgen.?« Beide 

Fragen vom Vorsitzenden gegeben. 

Probelektion: »Der Apfelbaum«, behandelt mit den Kindern der 

III. Klasse (5. — 8. Schuljahr) im Freien, 

Mündlich: »Probeschreiben in Klein- und Brailleschrift, Lesen 

des Brailledruckes. 

Lebensgeschichte Kleins und M, Th. v, Paradis. 
Die Bedeutung des Arbeitsprinzipes für die Blindenschule. 
Das Tasten, physiologisch psychologisch behandelt. 
Die Literatur des Blindenwesens im engeren Sinne, 
Die deutschen und österreichischen Blindenlehrertage mit be- 
sonderer Rücksiclit auf den XIII. Blindenlehrerkongreß.« 



Seite 314. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 6. Nummer. 

Personalnachrichten. 

— Dem Augenarzt an der n. ö. Landes-Blindenanstalt in Purkersdorf Herrn 
Dr, Rudolf ß e r gm e i s t e r, derzeit als Kommandant des Epidemiespitales in Skotschau 
im Felde stehend, wurde in Anerkennung vorzüglicher und aufopferungsvoller Dienst- 
kistung vor dem Keinde das Kitterkreuz des Franz-Joscfsordens am Bande des 
Militärverdienstkreuzes verliehen. 

— Herr O. W a n e c e k, Lehrer an der n. ö. Landes-Blindenanstalt in Purkersdorf 
legte die Lehrbefähigungsprüfung für den Blindenunterricht vor der k. k. Prüfungs- 
kommission in Linz unter dem Vorsitze des Herrn I^andesschulinspektors Dr. Franz 
Kimmer mit Auszeichnung ab. 

— Am 25. Dezember 1914 starb an Herzschwäche ruhig und gottergeben im 
Altersheime des Klosters Nazareth bei Lambach, Ob. Ost., der älteste ehemalige 
Zögling der Blindenanstalt in Linz Mathias Öhlschuster. Er dürfte überhaupt 
der älteste, noch lebende Blinde Österreichs gewesen sein, da er bereits am 2. 
November 1829 zu Offenhausen, Ob. Ost. geboren wurde, also noch vor Sr. 
Majestät unseren geliebten Landesvater, den er glühend verehrte. Von 1836 bis 
1859 war er in der Erziehungsanstalt, lernte fleißig, war ein guter Sänger und 
tüchtiger Stricker. Mit seiner Hände Arbeit vei diente er sich seinen Lebensunterhalt, 
noch unterstützt durch seine von ihm geschätzte Anstalt. Jährlich im Frühjahre 
l)esuchte er seine Bildungsanstalt, um zu den hohen kirchlichen Festen unsere 
hervorragende Dommusik zu hören, nebstbei aber auch andere musikalische Genüsse 
sich zu verschaffen und uns in den zwei Anstalten durch seinen Gesang zu erfreuen. 
Nicht nur auf seine Geistesbildung war er bedacht, sondern auch Ordnungsliebe 
und Reinlichkeit sowie Anstand und ein gewißes feines Benehmen zeichneten ihn 
aus. Groß und Klein freute sich auf seine Besuche, da er viel aus der Chronik des 
des Hauses und der Blindenbildung in Ob. Ost. erzählte. Möge ihm jetzt das ewige 
Licht leuchten ! 

flus den Anstalten. 

— K. k. Blinden-Er Ziehungs-Institut in Wien II. Erzherzog 
Karl Stefan bei den Kriegsblinden. Am 2. Mai 1. J. erschien Herr Erzherzog 
Karl Stefan im k. k. Blinden-Erziehungsinstitute, um sich von dem Stande der 
dort untergebrachten Kriegsblinden zu unterrichten. Es hatten sich zum Empfange 
eingefunden: Ministerialrat von Braitenberg vom Unterrichtsministerium, Käm- 
merer Graf Th um vom »Roten Kreuz«, die Ärzte und das Lehrpersonal der Anstalt 
sowie die Pflegerinnen. Der Erzherzog wurde von Regierungsrat Meli begrüßt und 
unternahm dann einen Rundgang durch sämtliche Lokale des Rekonvaleszenten- 
heimes. Er sprach jeden der .Verwundeten und Kriegsblinden an, erkundigte sich 
über die Verhältnisse der Letzteten auf das genaueste und versprach, nach Kräften 
für deren angemessene Fürsorge zu wirken. P'r wohnte einer Schreibunterrichtsstunde 
bei, wo Hauptlehrer E. Gigerl die nötigen Autklärungen bot. Sodann verfügte er 
sich in die Werkstätten, um die blinden Soldaten bei ihren Beschäftigimgen zu 
beobachten. Nach zweistündigem Aufenthalte verließ der Erzherzog unter dem Aus- 
drucke seiner B( friedigung über das Wahrgenommene das Institut. 

Am 7. Mai waren das Komitee für Kriegsblinde und Taubstumme des Kriegs- 
fürsorgeamtes zu einer Besichtigung der Anstalt eingeladen. An dieser nahmen teil 
der Vorstand des Kriegsfürsorgeamtes FML. Löbl, der Komiteeobmann Hof.'-at 
Graf Ste in ach, die Komiteemitglieder Professor Di mm er, Hofrat Professor Doktor 
Fuchs, Gesandter Baron Riedl. Karl Mayer, Professoi- Doktor Sachs und 
kaiserlicher Rat Siegfried Franz Weil, ferner die Herren Rittmeister Graf Wurm- 
brand-Stuppach vom Roten Kreuz, Primarius Dr. Wittmnnn und der Chefarzt 
des Instituts Linienschiffsarzt Dr. Uhlik. Der Hauptzweck der Fürsorge erstreckt 
sich auf den Unterricht im Lesen und Schreiben und wird in allen Landessprachen 
erteilt, und zwar in deutscher Sprache vom Hauptichrer Gigerl, in czechischer 
Sprache vom Lehrer Melhuba, für Polen, Ruthenen und Rumänen vom Lehrer 
Halarevici vom Czernowitzer Blindeninstitut, für Schreibmaschine von Frau 
Chamrath. Weitere Unterrichtszweige bilden der Hamiwerksunterricht in der 
Korbflechterei mit ihren Nebcnzweigen, Unterricht im Klavierstimmen und in 
einzelnen Musikinstrumenten, wie Violine, Laute, Gitarre und Kavier, welche teils 
von verschiedenen Handwerksmeistern, teils von geprüften Lehrern der betreffenden 
Zweige erteilt wird. Vor kurzem waren sechzehn Kriegsblinde auf dem Lande, wo 
sie in der Realität des Instituts bei Ybbssitz Anleitung erhielten sich im Freien 
selbständig zu bewegen, Hindernisse zu erkennen, ihnen auszuweichen und selbst 
weniger gute Landwege mit Sicherheit zu begehen. Die Teilnehmer an der Be- 



6. Nummer. Zeitschrift für das österreichische BHndenwesen. Seite 315. 

sichtigung waren von dem Ergebnisse in hohem Grade befriedigt. Sie konnten den 
vollen Eindruck gewinnen, daß die in der Anstalt untergebrachten Kriegsblinden 
sich bereits dank der aufopfernden Fürsorge des Direktors Meli und der anderen 
Lehrpersonen mit ihrem traurigen Lose einigermaßen ausgesöhnt haben. Ein Teil 
der in der Anstalt untergebrachten Kriegsblinden, insbesondere die Verheirateten, 
wird nach Erlangung der nötigen Fertigkeiten zu ihren Familien zurückkehren. Die 
Mitglieder des Komitees widmeten sich jedem einzelnen der Kriegsblinden. Vor 
dem Abschiede übergab FML, Löbl namens des Komitees einen größeren Geld- 
betrag zur sofortigen Verteilung an die Kriegsblinden. 

— Blindenanstalt in Linz. Am 6. Mai 1. J. besuchten 50 Schülerinnen 
der 3. Klasse des öffentlichen Mädchen-Lyzeums und Reform-Realgymnasium Linz 
mit ihrer Klassenvorsteherin Frl. M. Buraschi beide Blindenanstalten und wohnten 
einzelnen Unterrichtsstunden, Arbeits- und Musikvorführungen bei. In liebenswürdiger 
Weise verkehrten die Besucherinnen mit unseren Zöglingen, beschenkten dieselben 
reichlichst und verbrachten so Sehende wie Blinde einige anregende Stunden. Die 
Lyzealdirektion sandte ein herzliches Dankschreiben samt Spende für die Orgel. 

flus den Vereinen. 

— Zentralverein für das österreichische BHndenwesen. Aus- 
schußsitzung am 18. Mai 1915. Der Verein betrauert den Hingang seines verdienst- 
vollen Mitgliedes Regierungsrat P. H. Ul brich. Als Mitglieder sind dem Vereine 
beigetreten: Die Herren M. Lehn er, B. Fürst und K. Rosen may er, Fräulein 
J. Weiß, dann der Verein »Zentralbibliothek für Blinde in Österreich« und der 
»Verein zur Fürsorge für Blinde« in Wien. Als Vertreter letzteren Vereines wurde 
Herr Verwalter K. Rosenmayer in den Ausschuß zugewählt. Der Mitgliederstand 
ist damit auf 128 gestiegen. Der Vermögensstand beträgt 2751 K 70 h gegen 
2854 K 49 h am 1. Jänner 1. J. Zur Bestreitung der Kosten für das Vereinsorgan 
wird an einige Stellen um Gewährung eines Zuschusses herangetreten werden. In 
Vertretung des Ausschußmitgliedes Herrn Regierungsrates .A. Meli erstattete Herr 
A. Melhuba Bericht über die Drucklegung des Berichtes vom V. öst. Blinden- 
fürsorgetage. Der gegenwärtige Bestand der Kriegsblindenfürsorge wurde eingehend 
besprochen und der Beschluß gefaßt, bei dem zu schaftenden Beirat im k. k. Ministerium 
des Innern eine Vertretung des Vereines zu erwirken. Des Kuratorium der J. Sin- 
gerschen Schulstiftung soll ersucht werden, im nächsten Jahre ein Reisestipendium 
für einen Wiener Blindenlehrer auszuschreiben. Der zur Ausspeisung armer Blinder 
in Wien bestimmte Betrag von 100 K wird dem I. öst. Blindenvereine, dem Blinden- 
Unterstützungsvereine »Die Purkersdorfer« und dem Blindenverein »Lindenbund« 
zugewendet. 

— Fürsorgeverein für die Taubstumm blinden in Österreich. 
Am 25. April fand im Vortragssaale des »Wissenschaftlichen Klubs« in Wien die 
3. Generalversammlung des Vereines statt. Nach der Eröffnung durch den Herrn 
Präsidenten Dr. Franz Heinz gab dieser einen ausführlichen Bericht über die 
Tätigkeit des Vereines im abgelaufenen Vereinsjahre. Aus diesem Tätigkeitsberichte 
ist zu entnehmen, daß 10.000 Kronen dazu verwendet wurden, die Anstalt außen 
und innen herzurichten und auszugestalten. Im April v. J. konnte im Beisein der 
Mitglieder des Taubstummenlehrertages die Eröffnung vorgenommen werden. Diese 
lieben Besucher und später die Teilnehmer an dem in Wien stattfindenden Kurse 
zur Heranbildung von Lehrkräften für schwachsinnige Kinder sprachen ihre Be- 
wunderung über das hier Gesehene unverhohlen aus. 

Herr Präsident Dr. F. Heinz sprach öffentlich den herzlichsten Dank aus 
dem hohen k. k. Ministerium für Kultus und Unterricht für die verliehene Jahres- 
subvention von 1500 K und dem hohen k. k. Ministerium des Innern, welches von 
den Erträgnissen der Staatswohltätigkeitslotterie einen Betrag von 4000 K zur Ver- 
fügung stellt ; ferner dankte er dem n. ö. Landesschulrate, dem k. k. Bezirks- 
schulrate von Wien und dem Herrn k. k. Bezirksschulinspektor für den 13. Bezirk 
für das wohlwollende Interesse. Herzlich gedankt wurde auch dem Herrn Kammer- 
sänger Leo Slezak, der im abgelaufenen Jahre zugunsten des Vereines im großen 
Konzerthaussaale ein glänzend verlaufenes Konzert veranstaltete. Der Dank wurde 
dann noch ausgesprochen dem Herrn Präparator Albert für Schenkung einer 
großen Zahl der für den Unterricht so notwendigen Lehrmittel, den an der Anstalt 
wirkenden Personen, den Ausschußmitgliedern und allen edlen Spendern und Wohl- 
tätern der Anstalt. Herr Direktor Dr. Kren berger erstattete einen beifälligst 
aufgenommenen Kassabericht und erntete für seine große Mühewaltung einen 



Seite 316. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 6. Nummer. 

besonderen Dank. Herr Direktor Schneiderbauer brachte sodann einen Schul- 
bericht, welcher die erfreulichsten Fortschritte der Zöglinge erkennen läßt. Hauptlehrer 
Kneis sah sich wegen der allzugroßen Bescheidenheit des Vorredners veranlaßt, 
einige als Blindenlehrer in der Anstalt selbstgemachte Beobachtungen bekanntzugeben. 
Herr Oberstabsarzt, k. k. Universitätsprofessor Gustav Alexander beantragte, daß 
über jeden Zögling Listen (Standesblätter) an;^elegt werden^ in welche die Beobachtungen 
der an den Taubstummblinden interessierten Spezialisten als: Mediziner, Psychologen, 
Taubstummen- und Blindenpädagogen, aufgezeichnet werden sollen. Der Antrag wurde 
angenommen und die schon in bescheidener Art bestehenden Standesblätter werden 
in diesem Sinne ausgestaltet werden. In dem Überwachungsausschuß wurden die 
Herren k. k. Regierungsrat und Direktor des k. k. Blinden-Erziehungs-Institutes 
in Wien, Alexander Meli, Karl Baldrian, Direktor der n. ö. Landes-Taub- 
stummenanstalt in Wiener-Neustadt und Herr Gemeinderat Franz Hub er aus Wien 
wiedergewählt. 

Herr A. Druschba, Direktor des k. k. Taubstummen-Instituts in Wien 
trat dafür ein, daß an dem Taubstummenblindenheim die Lautsprache nur dann 
gelehrt werden soll, wenn nach den Erfahrungen des praktischen Pädagogen be- 
gründete Aussicht auf Erfolg bestehe. Auch für Reklamemachen machte Herr 
Direktor Druschba sehr beherzigenswerte Vorschläge. Ihm wurde für seine Aus- 
führungen, sowie für seine Bemühungen um das Zustandekommen des Besuches 
des Taubstummenlehrertages der beste Dank ausgesprochen. 

Die älteren Zöglinge geben Anlaß, daß man sich rechtzeitig mit dem Gedanken 
an eine seinerzeitige Eru'eiterung der Anstaltsform befassen sollte ; gedacht sei an 
eine Ait Asyl, in welchem ehemalige Zöglinge des Heimes jene Beschäftigung aus- 
üben sollen, welche sie in der Anstalt erlernt und die ihnen Befriedigung und einen 
kleinen Verdienst schaffen könnte. 

Herr Stabsarzt, k. k. Universitätsdozent Dr. Hans La üb er spricht im Namen 
der Versammlung dem hochverdienten Herrn Präsidenten den wärmsten Dank aus. 

Herr Präsident betont die Schwierigkeiten der Geldbeschaffung in der Kriegszeit, 
die Knappheit der Geldmittel und stellt an alle die Forderung regster 
Tätigkeit im Werben von neuen Mitgliedern und Wohltätern. Mit einem begeistert 
aufgenommenen 3 maligen »Hoch« aut Se. Majestät und nach Absingung der Volks- 
hymne wird die Versammlung geschlossen. 

Der Verein ist gerne bereit, soweit der Vorrat reicht, seinen 1. und 2. 
Jahresbericht an Personen, welche sich für die Taubstummblinden interessieren, zu 
versenden. Wien XIII., Linzerstraße 478. 

Für unsere Kriegsblinden. 

— Die Sammlung der »Neuen Freien Presse« zugunsten im Felde 
erblindeter Angehörigen des Heeres hat mit Ende Mai 1. J. die' Höhe von 385.000 K 
erreicht. 

— Wohltätigkeitsakademie für erblindete Soldaten und das 
Filialspital des Patr i o t i s ch en H i If s ver e in es vom Roten Kreuze 
in Niederösterreich. Unter dem Protektorat der Reichsgräfin A. Maria von 
und zu Mirbach fand am Dienstag den 4. Mai, im Festsaale des Hotel Continental, 
Wien II., eine große Wohltätigkeitsakademie statt, bei der folgende Kunstkräfte 
mitwirkten: Baronesse Frieda Meinhardt, Opern- und Konzertsängerin Elly 
Schneider, Harfenvirtuosin Steffi Goldner, Direktor Hermann Benke, könig- 
licher Opernsänger N. Schwarz, Schriftsteller R. Benda, das Emmerich- 
Quartett (Fritz Kollmann, Gustav Hör mann, Karl Krieglstein und 
Professor Franz Emmerich), Pianist Leo Freund und der jugendliche Komponist 
L. v. Linden-M atachi ch, Schüler des Professors Emmerich. 

— Der Ertrag des von Vortragsmeisterin Lina Rollert zugunsten der im 
Kriege Erblindeten am 7. April veranstalteten Leseabends und der Erlös des 
demselben Zwecke geweihten Gedichtes »Das letzte Bild« von Fritzi v. Rupprecht 
ergaben zusammen 625 K. Diese Summe zu der die Erzherzoginnen Rainer und 
Isabella je 50 K. spendeten, wurde dem Blindenmännerheim zum Zwecke ver- 
mehrter Aufnahme von Kriegsblinden zugeführt. Den Weiterverkauf des Gedichtes 
für diesen Zweck hat die Kunst- und Buchhandlung Hugo Heller, 1. Bezirk, 
Bauernmarkt 3, übernommen. 

— Kürzlich fand im dichtgefüllten Festsaale des Restaurants L c m b a c h e r, 
Wien III., eine Akademie statt, die zu Gunsten erblindeter Krieger von der 



6. Nummer. Zeitschrift für das österreicliische Blindenwesen. Seite 317. 

Tischgesellschaft »Hörringstüberl beim Lembacher« veranstaltet wurde. In den Dienst 
der edlen Sache hatte sich der Männ'.rchor »Werner von Simens« unter der 
Leitung des Chormeisteis August Micza, sowie die Hauskapelle d'?s Männerchovs 
unter der Dirigierung des Kapellmeisters Herrn Franz Bernatschek gestellt. 
Wohlverdienter Beifall lohnte die Darbietungen der Opernsänge-in Fiäulein Sofie 
Capek, der Herren Anton Hübner (Harfe), Franz Maretschek (Violine), Fr. 
Richter (Cello), des Konzertmeisters Eduard Seidl (Violine), des Komponisten 
Ferdinand Rebay (Klavier) und des Gesangshumoristen Ferdinand Raab. Dienstag, 
den 28. v. M., erschien beim Vorstande des Kriegsfürsorge-Amtes, FML. von Löbl, 
eine Deputation der Tischgesellschaft, bestehend aus den Herren Kontrollor der 
Hof- und Staatsdruckerei Josef Hörring und Hauptmann von Sattler und über- 
gaben das Reinerträgnis der Akademie im Betrage von 1900 K. 

— Zur selben Zeit gab die Gesangsmeisterin Maria Hauler -Hagen ein 
Schülerinnenkonzert zugunsten der im Felde erblindeten Soldaten, das 
glänzend verlief und sicli eines zahlreichen Besuches erfreute. Durch besonderen 
Beifall wurden Frau Schwarz-Haßler, Andorff, Marmorek und B a c h r i c h 
bedacht. 

— Aus dem Erträgnisse des von Frau Dr. Paula Bresina am 17. Mai 1. J. 
veranstalteten Lieder- und Balladenabendes wurde ein Teil für die im 
Felde erblindeten Soldaten bestimmt. 

— In der am 29. Mai 1. J. stattgehabten Generalversammlung des Deut sehen 
V olks th eater ver ein es wurde auf Antrag des Herrn Viktor Silberer be- 
schlossen, den Reingewinn des abgelaufenen Spieljahres von Kronen 11.334.74 auf 
die Summe von 20.000 Kronen abzurunden und diesen Betrag den Zwecken der 
Kriegsfürsorge zu widmen. 5000 K wurden hievon der Fürsorge für erblindete 
Soldaten zugewendet. 

Das letzte Bild. 

Fritzi von Rupprecht 

Es gehen Tage durch das Tor der Welt, 
Die erzgeschient und stahlgepanzert schreiten, 
Die Trommel ruft und die Trompete gellt — 
Die Nächte sind von düstrer Glut erhellt. 
Die Nächte schweigen — und sind Ewigkeiten. 

Die Zeit ward groß und schuf sich ihr Geschlecht, 
Die Männer stehen an der Heimat Grenzen, 
Sie stehen Seit' an Seite, Herr und Knecht, 
Mit ihrem Leibe schützen sie das Recht 
Und sterben lachend hin in ihren Lenzen. 

Und Lasten, wie sie keiner ehmals trug, 

Die tragen Frauen nun mit blassen Händen, 

Sie tragen sie mit Stolz und stark genug. 

Um aus dem übervollen Opferkrug 

Beim Trinken keinen Tropfen zu verschwenden. 

Die Zeit hat uns gewappnet und gestählt, 
Wir schauen Wunden ohne zu erheben, 
Wir haben uns das bittre Schau'n erwählt. 
Um allen, die zermartert und zerquält, 
Den Glauben an das Leben neu zu geben. 

Doch eines ist, das uns erzittern macht. 

Das scheue Trostwort stirbt, noch ungesprochen. 

Wenn, heimgekehrt von treugelaner Wacht, 

Ein Blinder starrt in seine ew'ge Nacht, 

Vom Schicksal weggeschleudert und zerbrochen. 

Die Toten haben's besser. Schlaf ist gut. 

Die andern lernen alle wieder lachen, 

Sie leiden in der sanften Liebe Hut, 

Sie bau n ihr Leben auf mit neuem Mut — 

Nach wildem Traum ein friedvolles Erwachen. 



Seite 318. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 6. Nummer. 

Die Blinden aber starren in den Tag, 

Sie greifen tastend in das Dunkle, Leere, 

Sie horchen auf der dumpfen Stunden Schlag, 

Sie warten, daß ein Wunder werden mag, 

Auf daß es alles nicht gewesen wäre ! 

Ihr armes Denken kreist in Qual und Not 

Um jenes letzte Bild, das es empfangen — 

Die Erde und der Himmel blutig rot. 

Und Haß und Grau'n und Wut und Blut und Tod — 

Und alles jäh von tiefer Nacht umfangen. 

Das ist des Krieges allergrößtes Leid 

Und allergrößte Pflicht, die zu erfüllen. 

Mit uns'rer Hände sanfter Sorgsamkeit, 

Mit uns'rer Liebe Opferfröhlichkeit 

Laßt langsam uns das böse Bild verhüllen. 

Wir wollen mit Geduld und Stein um Stein, 

Ein neues Bild der Welt für sie erbauen, 

Von dessen Liebesglanz ein warmer Schein 

Ausstrahle in ihr lichtberaubtes Sein, 

Und ihnen wiedergebe — das Vertrauen. 

Verschiedenes. 

— Ein Fall von Seelenblindheit. Über einen merkwürdigen Fall von 
teilweiser Seelenblindheit wird in der »Deutschen Medizinischen Wochenschrift« 
berichtet. In das Festungslazarett von Mainz wurde im August des vorigen Jahres 
ein Wehrmann eingeliefert, der beim Entgleisen einer Feldbahn zwischen zwei 
Puffer geraten war. Er war für einige Zeit bewußtlos gewesen, hatte Blut aus Nase 
und Mund verloren und zeigte am Hinterkopf eine sechs Zentimeter lange tiefe 
Wunde. Er klagte über heftige Schmerzen, besonders im Kopf, und vermied peinlich 
jede Bewegung. Nach Heilung der Wunde wurde er zunächst auf die Ohrenstation 
verlegt, da das hervorstechendste Symptom Schwerhörigkeit war. 

Später kommt er auf die Nervenstation, da er eine Schädigung des linken 
temporalen Großhirnteiles erlitten zu haben scheint. Der fünfunddreißigjährige 
schwächliche Mann, seinerzeit Maurer, lernte in kurzer Zeit sehr gut vom Munde 
ablesen ; er versteht so alles, was man zu ihm sagt, aber er erkennt manches nicht, 
weder gedruckte, noch geschriebene Schrift, noch seine eigene Handschrift. Infofge 
von Blutungen in beiden Hinterhauptslappen und Schläfenlappen und den von 
hieraus nach dem Klangbildzentium ziehenden Bahnen verschlechtert sich das 
Krankheitsbild während der Beobachtung. Anfangs kann der Patient noch einige 
Buchstaben richtig benennen, später nicht mehr. Nur im Anfang liest er einmal 
seinen Namen und einige Male den Buchstaben ,,Z." Er schreibt einen Brief an 
seine Frau und kann ihn nachher nicht lesen ; er ist also wortblind. Wie er die 
Buchstaben als solche erkennt, aber nicht benennen kann, das heißt die Wortbilder 
für diese Symbole verloren hat, so ist es auch mit denen für manche Gegenstände 
der B'all. Für , .Taschentuch" sagt er ,,zum Wischen"; als man ihm eine Brille vor- 
hält: „zum Sehen", Bleistift: „zum Schreiben". Auf die Worte: „Portemonnaie", 
„Hand", „Messer" kommt er in der ersten Zeit erst nach einer Weile, auf das Wort 
,, Faust" überhaupt nicht. Den Arm nennt er zuerst »Faust«, dann richtig. Bilder 
vom Hahn und Küchlein nennt er »Huhn« ; Das Mutterschaf bezeichnet er als „Kuh", 
ein junges Schaf als ,, kleine Kuh", Esel als ,, Pferd", Schwefelholzkästchen und Zünd- 
hölzer als „Schwefelholz". Ein Messer nennt er in der ersten Zeit richtig ,, Messer", 
auf das Wort ,, Klinge" aber kommt er nicht. Zunächst handelte es sich also um 
die Unfähigkeit, Wortbilder auf optischen Wege auszulösen, während die Fähig- 
keit, Gegenstände zu erkennen, vollkommen erhalten war. 

Später entwickelte sich der Zustand so daß der Kranke manche Gegenstände 
auch begrifflich nicht oder nicht mehr erfalSt. Man zeigt ihm zum Beispiel einen 
Schlüssel, aber er weiß nicht, was man mit ihm macht; erst als man ihm seine 
Funktion erklärte, sagte er richtig ,, Schlüssel". Gewisse Vögel, Taube, Storch, 
Schwan, scheint er auf Bildern nicht als solche zu erkennen, ebensowenig in späterer 
Zeit ein Portemonnaie, Messer oder Uniformknopf. Erst als man ihm diese Gegen- 
stände in die Hand gab, erkannte er sie nach einigem Betasten und bezeichnete 

Herausgeber: Zeutralvereiu für das österreichische Blindenwesen iu Wien. Redaktionskomitee: K. Bürklen, 
J. Kneis, A. v. Horvath, F. Uhl. — Druck von Adolf Englisch, Purkersdorf bei Wien. 




2. Jahrgang. Wien, Juli 1915. 7. Nummer. 



J »Es verstimme nie dich der Gedanke: Du seist blind, ^ 
i Da der Menschheit beste Götter, Lieb' und Glück, es ^ 
^ gleichfalls sind.« ^ 

^ ^ J. B. Alxinger an die bliode M. Th. v. Paradis. ^ 

Der Magnetiseur Dr. Mesmer und das blinde 
Fräulein M. Th. von Paradis. 

(Fortsetzung.) 

Die große Zahl von Personen aus allen Ständen, welche sie anzu- 
schauen kamen, ließ in Herrn Mesmer die Befürchtung rege werden, sie 
möchte dadurch außerordenthch angegriften werden ; seine Vorsicht veran- 
laßte ihn daher, in dieser Hinsicht Vorkehrungen zu treffen. Seine Gegner 
machten sich diesen Umstand zu Nutze, ebenso auch die Ungeschicktheit 
und Unfähigkeit der jungen Person in der Auffassung von Begriffen, 
um die Tatsache der Heilung anzufechten. Allein Herr Mesmer ver- 
sichert, daß das Sehorgan in seiner Vollkommenheit vorhanden ist und 
daß sie in dessen Gebrauch vollständig sicher werden würde, wenn sie 
es mit Fleiß und Ausdauer üben werde«. 

Das Aufsehen, welches die Heilung einer Staarblinden erregte, war 
ein sehr großes. Mesmer erzählt darüber: 

»Der Vater und die Mutter des Fräuleins Paradis, die Zeugen 
ihrer Heilung waren und der Fortschritte, welche sie im Gebrauch der 
Augen machte, waren beflissen, dieses Ereignis und ihre Befriedigung 
darüber bekannt zu machen. Man lief in Masse zu mir hin, um sich 
der Sache zu vergewissern und jeder zog sich, nachdem er die Kranke 
einer Art von Prüfung unterzogen, in Bewunderung zurück, wobei man 
mir die schmeichelhaftesten Dinge sagte. — Die beiden Präsidenten der 
Fakuhät, die durch das wiederholte inständige Bitten des Herrn Paradis 
dazu veranlaßt wurden, begaben sich an der Spitze einer Deputation 
dieser Körperschaft zu mir und gesellten, nachdem sie diese Dame 
geprüft hatten, laut ihr Zeugnis dem des Publikums bei. Herr v. Störk 



Seite 324. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen, 7. Nummer. 

(Leibarzt der Kaiserin), einer dieser Herren, der die junge Person ganz 
speziell kannte, da er sie während 10 Jahre ohne irgend welchen Erfolg 
behandelt hatte, drückte mir seine Genugtuung über eine so interessante 
Kur aus und zugleich auch sein Bedauern, daß er so lange gesäumt 
habe, die Wichtigkeit einer solchen Entdeckung durch sein Beipflichten 
zu unterstützen. — Mehrere Ärzte, jeder für seine Person besonders, 
folgten dem Beispiel ihres Chefs und erwiesen der Wahrheit dieselbe 
Huldigung. Nach solchen so unanfechtbaren Schritten glaubte Herr 
Paradis seine Anerkennung dadurch ausdrücken zu müssen, daß er 
dieselbe ganz Europa durch eigenhändige Schriftstücke zur Kenntnis 
gab. — Er ist es, der seiner Zeit in den öffentlichen Blättern die 
interessanten Details der Heilung seiner Tochter bestätigt hat. Zu den 
Ärzten, die zu mir kamen, um ihre Neugierde zu befrieden, gehörte 
auch Herr Barth, Professor der Augenheilkunde und Staaroperateur. 
Er selbst hatte zweimal anerkannt, daß die Jungfer Paradis sich der 
Fähigkeit zu sehen erfreue. — Dieser Mensch, den die Mißgunst ver- 
blendet hatte, wagte im Publikum auszusprengen, daß das Mädchen 
nicht sehe, imd daß er sich selbst davon überführt hätte. Er unter- 
stützte diese Angabe damit, weil sie die Namen von Gegenständen, die 
ihr gezeigt wurden, entweder nicht kannte oder verwechselte. Man 
antwortete ihm von allen Seiten, daß er hierbei die bei Blindgeborenen 
oder in zartem Jugendalter blind Gewordenen unvermeidliche Unfähig- 
keit mit der bei solchen Blinden vorhandenen Unkenntnis in einen 

Topf werfe, welche vom Staar operirt seien. »Wie kann ein Mann 

sagte man ihm — von Ihrem Beruf einen so starken Irrtum zu Tage 
fördern.?« Allein seine Unverschämtheit antwortete auf Alles das mit 
der gegenteiligen Versicherung Das Publikum konnte ihm noch so oft 
wiederholen, daß 1000 Zeugen zu Gunsten der Heilung Aussagen ab- 
gegeben hätten: er allein hielt seine Verneinung aufrecht und verband 
sich damit mit Herrn Ingenhouß. 

Diese beiden Individuen, die anfangs von allen verständigen und 
ehrenwerten Personen als Narren angesehen wurden, gingen sogar soweit, 
eine Kabale anzuzetteln, um das Fräulein Paradis meiner Sorgtalt zu 
entziehen und zwar in jenem Zustande der Unvollkommenheit, in welchem 
sich damals noch ihr Sehvermögen befand; zu hindern, daß, wie es 
hatte geschehen sollen, das Mädchen Ihrer Majestät vorgestellt würde 
und so den von ihnen behaupteten Betrug unwiderruflich glaubhaft zu 
machen. Man unternahm es zu diesen Behufe, dem Vater der Paradis 
durch die Furcht, er würde sehen, daß die Pension seiner Tochter und 
mehrere andere Vorteile, die in Aussicht gestellt waren, sistirt werden 
würden, den Kopf heiß zu machen. In Folge dessen verlangte er also 
seine Tochter zurück. Diese nun zeigte ihm, im Einverständnis mit ihrer 
Mutter Widerstand und drückte ihre Furcht aus, ihre Heilung könnte 
unvollständig bleiben. Man drang in sie und diese Widerwärtigkeit, die 
ihr ihre Krämpfe von Neuem zuzog, verursachte ihr einen argen Rückfall. 
-— Derselbe hatte indessen für ihre Augen keine nachteiligen Folgen ; 
sie fuhr in dieser Beziehung fort, sich in deren Gebrauch zu vervoll- 
kommen. Als der Vater, der immer noch durch die Kabale in Aufregung 
gehalten wurde, sie in der Besserung sah, erneuerte er seinen Schritt ; 
er verlangte mit Heftigkeit seine Tochter zurück und zwang seine Frau, 
Erstere zum Gehorsam zu nötigen. Die Tochter widerstand, und zwar 



7. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 325. 

aus den nämlichen Gründen wie zuvor. Die Mutter, die dieselben bis 
dahin unterstützt und mich gebeten hatte, ich möchte die Torheiten 
ihres Gatten entschuldigen, kam am 29. April zu mir mit der Benach- 
richtigung, daß sie stehenden Fußes entschlossen sei, ihre Tochter nach 
Hause zu nehmen. Ich antwortete ihr, daß sie über Letztere zu verfügen 
habe, aber daß sie, falls sich neue Zufälle einstellen sollten, auf meine 
Beihilfe verzichten müße. Diese Erklärung wurde von ihrer Tochter gehört ; 
sie regte ihre Empfindlichkeit und sie verfiel wieder in einen Krampf. 
Sie wurde durch den Grafen von Pellegrini, einen meiner Kranken, 
unterstützt. Die Mutter, die ihr Geschrei hörte, verließ mich ungestüm, 
riß ihre Tochter mit Wut aus den Händen jener Person, welche ihr zu 
Hilfe geeilt war und sagte: >Unglückliche ! Du bist also auch mit den 
Leuten in diesem Hause im Einverständnis!« und warf sie in ihrer 
Heftigkeit mit dem Kopf gegen die Wand. Alle Zufälle dieser Unglück- 
lichen stellten sich von Neuem ein. Ich lief auf sie zu, um sie aufzuheben ; 
die Mutter, die immer noch in ihrer Wut tobte, warf sich auf mich, um 
mich daran zu hindern und überhäufte mich mit einer Flut von Schimpf- 
reden. Ich entfernte diese nun durch Vermittlung einiger Personen aus 
meiner Familie und näherte mich ihrer Tochter, um ihr meine Fürsorge 
zu widmen. Während ich mich mit ihr beschäftigte, hörte ich von Neuem 
wütendes Geschrei und wiederholte Anstrengungen, um abwechselnd die 
Tür des Zimmers, in welchem ich mich befand, aufzumachen und zu- 
zuschlagen. — Es war Herr Paradis, welcher durch eine Dienstbotin 
seiner Frau benachrichtigt worden war und sich bei mir mit dem Degen 
in der Hand eingefunden hatte; er wollte in das Gemach eindringen, 
während mein Diener ihn fern zu halten suchte und sich der Tür ver- 
sicherte. Es gelang, diesen Rasenden zu entwaffnen und er verließ mein 
Haus, nachdem er tausend Flüche gegen mich und meine Familie aus- 
gestoßen hatte. Seine Frau war an einer andern Stelle in Ohnmacht 
gefallen und ich ließ ihr die nötigen Hilfeleistungen zu Teil werden. 
Einige Stunden darauf zog sie sich zurück. Aber ihre unglückliche Tochter 
bekam Erbrechen, Krämpfe und Wutanfälle, welche das geringste Ge- 
räusch und insbesondere der Ton der Glocken mit Heftigkeit erneuerte. 

— Sie war sogar in ihre frühere Blindheit zurückgefallen durch 
die Heftigkeit des Stoßes, welchen die Mutter ihr versetzt hatte, dergestalt, 
daß ich Anlaß hatte, um den Zustand ihres Gehirns besorgt zu werden. 

— Das waren für sie und für mich die verhängnisvollen Folgen dieser 
angreifenden Szene! Es wäre mir ein Leichtes gewesen, durch das 
Zeugnis des Grafen Pellegrini und dasjenige von 8 Personen, welche 
bei mir gewesen waren, — der Nachbarn zu geschweigen, welche in 
der Lage waren, die Wahrheit zu bekräftigen, gerichtlich den stattgehabten 
Unfug feststellen zu lassen ; allein einzig beschäftigt damit, wenn es 
noch möglich war, das Fräulein Paradis zu retten, ließ ich alle Mittel, 
welche die Justiz mir an die Hand gab, unbeachtet. Meine Freunde 
vereinigten sich vergebens, um mir die Undankbarkeit, die diese Familie 
gezeigt, und die fruchtlosen Erfolge meiner Arbeiten vor Augen zu 
führen ; ich beharrte auf meinem erstmaligen Entschluß und ich würde 
mich glücklich zu schätzen gehabt haben, wenn ich durch Wohltaten 
die Feinde der Wahrheit und meiner Ruhe hätte besiegen können. 

Ich erfuhr am nächstfolgenden Tage, daß Herr Paradis, um seine 
Ungebühr zu bemänteln, die empörendsten Verleumdungen auf meine 



Seite 326. Zeitschrift für das Österreichische Blindenwesen. 1. Nummer, 

Kosten in Umlauf setzte und immer im Hinblick auf seine Absicht, 
seine Tochter zurückzunehmen und das Gefährliche meiner Heilmittel an 
ihrem Körperzustand zu erweisen. 

Ich erhielt nun wirklich durch Herrn Hofarzt Ost eine schriftliche 
Verfügung des Herrn v. Störk, in seiner Eigenschaft als erster Arzt, 
welche von Schönbrunn, den 2. Mai 1777 datiert war und mich anwies, 
»mit diesem Betrug ein Ende zu machen« (es waren das seine eigenen 
Worte) und das Fräulein Paradis ihrer Familie zurückzugeben, falls 
dies ohne Gefahr geschehen könnte. 

Wer hätte glauben können, daß Herr v. Störk, welcher durch eben 
jenen Arzt von allem, was bei mir vorging, recht wohl unterrichtet war 
und der seit seinem ersten Besuche zweimal noch zu mir gekommen 
war, um sich von den Fortschritten der Kranken und von der Nützlichkeit 
meiner Mittel selbst zu überzeugen, in Beziehung aut mich einen so 
beleidigenden und verächtlichen Ausdruck anzuwenden sich erlaubte? 

— Ich hatte im Gegenteil Anlaß zu glauben, daß er, da er wesentlich 
zu dem Behufe an seinen Platz gesetzt war, um eine Wahrheit dieser 
Art anzuerkennen, ihr Verteidiger sein würde. Ich wage sogar zu sagen, 
daß es für ihn, als Präsidenten der Fakultät, mehr aber noch als Ver- 
trauensmann Ihrer Majestät die erste von seinen Pflichten gewesen wäre, 
in dieser Sache ein Mitglied der Fakultät, von dem er wußte, daß es 
frei war von jeglichem Vorwurfe, und das er hundertmal seines Wohl- 
wollens und seiner Achtung versichert hatte, zu beschützen ! — Ich 
antwortete übrigens auf diesen wenig überlegten Befehl, daß die Kranke 
außer Stande sei, ohne der Gefahr preisgegeben zu werden, einen 
Transport auszuhalten. — Die Todesgefahr, welcher das Fräulein Paradis 
ausgesetzt war, hatte ohne Zweifel ihrem Vater das Gewissen gerührt 
und ihn zum Nachdenken veranlaßt. Er bediente sich nun bei mir der 
Vermittlung zweier schätzbaren Personen, um mich zu veranlassen seiner 
Tochter meine Fürsorge angedeihen zu lassen. — Ich ließ ihm sagen, 
solches wtirde unter der Bedingung geschehen, daß weder er noch seine 
Frau sich mehr in meinem Hause blicken ließen. 

Meine Behandlung übertraf in der Tat meine Hoffnungen und 
neun Tage genügten, um vollständig die Krämpfe zu beschwichtigen 
und die Zufälle zu beseitigen. Aber die Blindheit blieb die nämliche. 

Vierzehntägige Behandlung brachte auch sie zum Weichen und 
versetzte das Sehorgan wieder in den Zustand zurück, in welchem es 
sich vor jenem Zwischenfalle befunden hatte, ich verwendete nun noch 
weitere vierzehn Tage in ihrer Unterweisung, um die Kur zu vollenden 
und die Gesundheit völlig zu befestigen. — Das Publikum kam nun, 
um sich von der Genesung zu überzeugen, und jeder gab mir ins- 
besondere, sogar schriftlich, neue Zeugnisse der Befriedigung darüber. 

— Herr Paradis, der von dem günstigen Zustande seiner Tochter 
durch Herrn Ost versichert worden war, — letzterer verfolgte nämlich 
auf Betreiben des Paradis und mit meiner Genehmigung die Fort- 
schritte der Behandlung, — schrieb meiner Frau einen Brief, in welchem 
er ihr für ihre mütterliche Fürsorge dankte. Er richtete auch die nämliche 
Danksagung an mich, indem er mich bat, hinsichtlich der Vergangenheit 
seine Entschuldigung entgegenzunehmen ; er schloß seinen Brief mit 
der Bitte, ihm seme Tochter heimzusenden, um sie die Landluft genießen 
zu lassen, da er im Begriffe wäre, aufs Land zu gehen ; späterhin würde 



7. Nummer. Zeitschrift für das österreichische BHndenwesen. Seite 327. 

er sie zu mir zurücksenden und zwar so oft, als ich es für die Fortsetzung 
ihrtM- Unterweisung für nötig erachten würde. Er hoffe, daß ich die Güte 
Ilaben würde, ihm auch ferner meinen Beistand zu widmen. Ich hielt 
ihn für einen Mann von Verläßlichkeit und schickte ihm seine Tochter 
am 8. Juni zurück. Am folgenden Tage schon erfuhr ich, daß seine 
Familie sich Mühe gäbe, in der Stadt auszubreiten, die Tochter sei immer 
noch blind und litte noch wie zuvor an Krämpfen, und daß sie (nämlich 
die Familie) die Tochter als blind und mit Krämpfen behaftet ausgäbe, 
indem sie dieselbe zwinge, Krämpfe nnd Blindheit zu simulieren. Diese 
Nachricht erfuhr nun anfangs von Seiten jener Personen, welche sich 
vom Gegenteil überzeugt hatten, vereinzelte Widerlegungen ; allein sie 
wurde aufrecht erhalten und durch eine dunkle Kabale, deren Werkzeug 
Herr Paradis war, glaublich gemacht, ohne daß es mir möglich war, 
durch die achtungswertesten Zeugnisse ihrer Verbreitung Einhalt zu tun, 
wie das des Herrn Sp 11 mann, Hofrat und Direktor der Staatskanzlei, 
der Herren Räte Molitor und Um lauer, kaiserl. Arzt; der Herren 
V. Boulanger und v. Heufeld und der Barone v. Colmbach und 
V.Weber, welche unabhängig von mehreren anderen Personen persönlich 
fast alle Tage meine Heilungsprozeduren und deren Wirkungen zu be- 
obachten Gelegenheit hatten. So ging man denn sogar soweit, trotz 
meiner Ausdauer und meiner Arbeit die höchst authentisch dargetane 
Wahrheit mit betrügerischen Angaben oder doch wenigstens mit höchst 
unwahrscheinlichen Dingen auf eine Linie zu stellen. Man kann sich 
wohl denken, wie sehr ich von dem rachsüchtigen Bestreben meiner 
Gegner, mir zu schaden, und von der Undankbarkeit einer Familie, die 
ich mit so vielen Wohltaten überhäuft hatte, verstimmt werden mußte. 

— Nichts desto weniger fuhr ich während der 6 letzten Monate des 
Jahres 1777 fort, die Heilung des Fräuleins Ossine und Zweifer ine 
zu Ende zu führen; bei welch' letzterer, wie man sich erinnern wird, 
das Augenleiden noch viel bedenklicher war als bei Fräulein Paradis. 

— Ich setzte auch noch die Behandlung der andern Kranken, die mir 
übrig geblieben waren, insbesondere der des Fräulein Wipior, die 
neun Jahre alt war und auf einem Auge einen Auswuchs der Hornhaut, 
bekannt unter dem Namen Staphylome hatte, mit Erfolg fort. Diese 
hornartige Erhöhung, die 3 — 4 Linien hoch war, beraubte sie des Seh- 
vermögens auf diesem Auge. Ich bin glücklich dazu gelangt, diesen 
Auswuchs soweit zu beseitigen, um ihr die Möglichkeit zu gewähren, 
von der Seite zu lesen. Es blieb ihr nur noch ein leichtes Netz im 
Zentrum der Hornhaut zurück und ich zweifle nicht, daß ich auch 
dieses hätte vollständig beseitigen können, wenn die Umstände es mir 
gestattet hätten, ihre Behandlung länger fortzusetzen. Allein erschöpft 
von meinen zwölf Jahre hintereinander betriebenen Arbeiten, mehr aber 
noch von der seitens meiner Gegner genährten Gehässigkeit, und ohne 
für meine Studien und Mühen eine andere Genugtuung erlangt zu haben 
als jene, welche die Mißgunst mir nicht rauben konnte, glaubte ich 
damals meinen Mitbürgern meine Schuldigkeit erwiesen zu haben und 
beschloß daher in der Überzeugung, daß man mir dereinst mehr 
Gerechtigkeit widerfahren lassen würde, auf Reisen zu gehen, in der 
alleinigen Absicht, mich von der Ermattung zu erholen, wie es mir not 
tat. — Allein um, soviel an mir lag, dem Vorurteil und den Verleumdungen 
zuvorzukommen, traf ich Anstalten, damit während meiner Abwesenheit 



Seite 328. Zeitschrift für das österreichische BUndenwesen, 7. Nummer. 

Fräulein Ossine und die Zwelferine bei mir zurückbleiben könnten. 
Ich habe später die Vorsicht gebraucht, dem Publikum den Beweggrund 
für diese Anordnung zu sagen, indem ich nämlich bekannt machte, 
diese beiden Personen hielten sich zu dem Zwecke in meinem Hause 
aut, damit ihr Zustand in jedem Augenblicke festgestellt werden könnte, 
um der Wahrheit als Stütze zu dienen. Sie sind dort, von meiner Ab- 
reise an gerechnet, 8 Monate verblieben und erst in Folge höherer 
Weisung von dort weggegangen«. 

Wir haben bisher Mesmer selbst gehört, der den ihm heiß- 
gewordenen Boden Wiens verließ und nach Paris übersiedelte, um dort 
mit seiner Lehre vom tierischen Magnetismus und seinen Heilungs- 
versuchen die wissenschaftlichen Kreise wie die Öffentlichkeit noch weit 
mehr zu erregen und schließlich in ländlicher Stille den Kampt um 
seine Entdeckung noch lange weitertoben zu sehen. Verschollen und 
vergessen legte er sein weißes Haupt im März 1815 zur Ruhe. Er.st 
der Dichter und »Geisterseher« Justinus Kerner erinnerte wieder an 
ihn und brach für ihn eine Lanze, während andere seine Lehre heftig 
bestritten. Ist die Lehre vom Magnetismus heute schon bereits geklärter, 
so schwankt heute immer noch das Charakterbild ihres »Entdeckers«. 

Vor allem würde uns die Beantwortung der Frage interessieren : 
»Hat Mesmer wirklich jene drei Mädchen von der Blindheit geheilt?« 
Die Wahrscheinlichkeit spricht dagegen. Fräulein v. Paradis lebte noch 
lange als »Blinde« weiter und von den beiden anderen Mädchen ging 
jede Spur verloren. Das Gutachten hervorragender Ärzte Wiens, wie 
Störk, Barth, Ingen hous muß uns mehr gelten als die befangene 
Darstellung Mesmers. Es ist ja auch nach ihm nicht gelungen, Blindheit 
durch Magnetismus zu heilen. Daß Fräulein von Paradis über die 
Vorgänge im Hause Mesmers niemals etwas berichtete, ist wohl er- 
klärlich. Ob ein Grund dafür vorhanden war, den Schleier des Ver- 
gessens über ihre damaligen Erlebnisse zu breiten, — wie manche an- 
nehmen — wird wohl niemals aufgehellt werden. 



Österreichs Anteil an der deutschen Fach- 
literatur des Blindenwesens. 1802 — 1914. 

Direktor K. Bürklen, Purkersdorf. 
(Fortsetzung.) 

Castelli Ignaz F., Schriftsteller in Wien. 

Buschreibung der feierlichen Übergabe der großen goldenen Verdienstmedaille 
samt Kette an Johann Wilhelm Klein. Wien 1840. 

Chlumetzky Hugo, Ritter von, Hofrat in Brunn. 

Das Blindenbibliothekswesen in Österreich. Vortrag auf dem VII. Delegierten- 
ta;^e des »Zentralverbandes der deutsch-österr. Volksbildungsvereine«. Wien 
1908. Protokoll. 

Der erste deutsche Blindentag in Dresden. Blindenfreund, XXVIIl. Düren 1908. 

Ein Wort über die Lorm'sche Handzeichensprache für Taubblinde. Blinden- 
freund, XXVIIl, XXIX. Düren 1908, 1909. 

Die Blindenfürsorge und der Staat. Österr. Rundschau, XI. Wien 1909. 

I. Deutscher Blindentag in Dresden. Vortrag. IV. östeir. Biindenfürsorgetag, 
Brunn 1909. Bericht. 

Punktschriftliteratur. Zeitschrift f. d. öst. BUndenwesen, I, Wien 1914. 



7. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Bhndenwesen. Seite 329. 

pjlassung von Fürsorgegesetzen. Weitcrc Herabsetzung des Postportos für 

Punktscliriftsenduni^en. Begünstigung für Blinde bei Reisen auf der Eisen- 
bahn. Hckämpfun^r der SuhsummiLrunif der Blinden mit Geisteskranken 
und Idioten unter die Objekte der Fürsorge. Die Stellung der Blinden im 
Rechtsleben. Vortrag. V. öst. Blindenfürsorgetag, Wien 1914. Bericht. 

Demal Friedrich, Hauptlehrer an der n. ö. Landes-Blindenanstalt in 

Purkersdorf. 
Raumlehre im Unterrichte der Blinden. Jahresbericht der n. ö. Landes-Blindcn- 

Furkersdorf 1910. 
Die „kleine" russische Rechenmaschine. Blindenfreund, XXXIII. Düren 1913. 
Sammelt Streichholzschachteln. Zeitschrift f. d. öst. Blindenwesen, I. Wien 1914. 

Dimmer, Dr. Friedricli, Universitätsprofessor in Wien. 

Die häufigsten Erblindungsursachen und deren Verhütung. Vortrag. Öst. 
Hlindcntärsorgetag, Graz 1906. Bericht. 

Dolezalek Anton, Lehrer am Prager Blindeninstitut. Direktor des 
l^linden-Erziehungsinstitutes in Pest. 

Nachricht von der Verfassung des Blindeninstitutes in Pest. Pest 1836. 

Anweisung, blinde Kinder von der frühesten Jugend an zweckmäßig zu be- 
handeln. Ofen 1839. 

Ansichten über die Erziehung der Zöglinge einer Blindenanstalt, über die 
Versorgugsanstalten für Blinde u. a. Pest 1840. 

Elias, Dr. Feruzzio, Triest. 

Der Blinde als Sprachlehrer. Vortrag. V. öst. Blindenfürsorgetag, Wienl 914. 
Bericht. 

Elschnig, Dr. Anton, Universitätsprofessor in Prag. 

Albinismus. Atrophia nervi optici. Auge, vom Standpunkt des Blindenlehreis. Augen- 
entzündung, ägyptische, skrophulose, sympatische. Blenorrhoea neonatorum. 
Blindheit, allgemeine, angeborene, zeitweilige. Blutsverwandtschaft der Filtern. 
Cataracta complicata. Chorioiditis. Diphtheritis. Erbamaurose. Gliom. Intoxi- 
cation. Iritis. Jugendblindheit. Kerataconus. Kryptophthalmus. Kurzsichtigkeit. 
Megalophthalmus. Mikrophthalmus. Netzhautablösung. Nystagmus, i'ockenhlind- 
heit. Pupillenreaktion. Retinalatrophie. Retinitis pigmentosa. Sehnerventzündung. 
Star. Verletzungsblindheit. Artikel im Handbuch. Wien 1900. 

Entlicher Friedrich, Direktor der n. ö. Landes-Blindenanstalt in Pur- 
kersdorf. 

Das blinde Kind im Kreise seiner Familie und in der Schule seines Wohn- 
ortes. Wien 1872. 

Die Blindenanstalten Deutschlands und der Schweiz. Wien 1876. Selbstverlag. 

Zur gemeinsamen Blindenschrift. Organ der Taubstummen- und Blinden-An- 
stalten. Friedberg 1876. 

Geschichtliches über die n. ö. Landes-Blindenschule. Jahresbericht der n. ö. 
Landes-Blindenschule. Wien 1877, 1884. 

Pädagogische Reise-Reminiszenzen. Ost. Schulbote. Wien 1880. 

Die Blindenklasse. Blindenfreund, IX. Düren 1889. 

Blindenanstalten der im Reichsrate vertretenen Königreiche und Länder. Tabelle. 
Wien 1896. 

Das Blindenheim. Vortrag. IX. Blindenlehrer-Kongreß, Steglitz-Berlin 1898. 
Bericht. 
Fischer, D. J. O., Wien. 

Dissertatio inauguralis ophthalmologica pertractans flmauroses. Vindo- 
bonae 1844. 
Frankl, Dr. Ludwig, August Ritter von Hochwart, Schriftsteller in Wien. 

Blindheit und Poesie. Studie. Das Blindeninstitut auf der Hohen Warte. Wien 1873. 

Zur Blindenstatistick im öst.-ung. Kaiserstaate bezüglich der Juden. Hcil- 
pädagog, II. Wien 1873. 

Maria Theresia von Paradis. Biographie. Linz 1876. Blindenstalt. 

Friedmann Moritz, Rabbiner in Wien. 

Der Blinde in dem biblischen und rabbinischen Schrifttume. Das Blinden- 
institut auf der Hohen Warte. Wien 1873. 



Seite 330. Zeitschrift für das österreichische Blinden wesen. 7. Nummer. 

Freißauff von Neudegg F.. k. k. Hauptmann, 

Beschreibung der Ektypographie für Blinde. Wien 1837. 
Fröhlich, Dr. Richard, Augenarzt in Wr.-Neustadt, 

Blenorrhoea gonorhoica. Buphthalmus. Hydrocephalus, Masern. Mikrocephahe. 
Scharlach." Skrophulose. Turmschädel. Typhus. Artikel im »Handbuch«. Wien 
1900. 
Fuchs, Dr. Ernst, Universitätsprofessor in Wien. 

Die Ursachen und Verhütung der Blindheit. Wiesbaden 1885. J. F. Bergmann. 

Fuchs Wilhelm, Lehrer am k. k. Biinden-Erziehungsinstitut in Wien. 

Die Verwendung des russischen Rechenapparates in der Elementarklassc der 

Blindenschule. Blindenfreund, XVII. Düren 19o7. 
Der russische Rechenapparat. Von unseren Blinden, II. Wien 1908. 
Das k. k. Biinden-Erziehungsinstitut in Wien. Kurzgefaßte Schilderung. Von 

unseren Blinden, II. Wien 1909. 
Eigentümlichkeiten und Behandlung des blinden Kindes im vorschulpflichtigen 

''fllter. Der Blindenunterricht. Wien 1910. 
Zum 60. Geburtstage des Direktors fl. Meli. Beilage zu »Von unseren Blinden«, 
III. Wien 1910. 
Funke Gustav, Direktor der k. k. Lehr- und Versuchsanstalt für Korb- 
flechterei in Wien. 
Blindenarbeit. Blindenfreund 1904. 
Gaheis Franz, Magistratssekretär, Priester der frommen Schulen in Wien. 

Kurzer Entwurf zu einem Institut für blinde Kinder. Wien 1802. 
Gauß Joh. Mart., Direktor der Haupt- und Industrieschule in Kor- 
neuburg. 
Dank und Bitte an mein edles, geliebtes großmütiges Ungarn zur Beförderung 
der auf der Landstraße zu Wien Nr. 34 anfkommenden Blindenanstalt. 
Preßburg 1808. 
Gigerl Emmerich, Hauptlehrer am k. k. Blinden-Erziehungsinstitute 

in Wien. 

Handgymnastik. Bericht des k. k. Institutes. Wien 1893/94. 

Die Hand, ihre Kräftigung und Schulung durch Finger- und Handgelenk. Gym- 
nastik im Dienste des Blindenunterrichtes. Blindenfreund, XV. Düren 1895. 

Über das Blindenwesen in Österreich-Ungarn im allgemeinen und über das 
der letz'en Zeit im besonderen. Blindenfreund, IX. Düren 1900. 

Die Braille- oder Punktierschreibmaschine (System Hall) in der BUndenschule. 
Blindenfreund, XXIV. Düren 1904. 

über den Wert und die Notwendigkeit der Propaganda auf dem Gebiete des 
Blindenwesens mit Berücksichtigung der österreichischen Verhältnisse. Vor- 
trag. Ost. Blindenfürsorgetag, Graz 1906. Bericht. Graz 1906. 

Aus Salzburg. Blindenfreund, XXVII. Düren 1907. 

Blindenpädagogik in der Lehrerbildungsanstalt. Von unseren Blinden, VI. 
Wien 1913. ^ ^ 

Die österreichische Prüfungsvorschrift für die Befähigung zum Lehramte an 
Blindenschulen und ihre zweckentsprechende Abänderung im Sinne der 
Heranbildung tüchtiger Blindenlehrer. Vortrag. V. öst. Blindeniürsorgetag 
Wien 1914. Bericht. 

Das Handturnen in der Blindenschule. Blindenfreund, 1914. 

Der Sprachunterricht. Die gewerbliche Betätigung der Blinden. Die Schrift der 
Blinden im allgemeinen. Handgymnastik. Technik des Lesens. Artikel im 
»Blindenunterricht«. Wien 1910. 

Gehörübungen. Handgymnastik. Artikel im »Handbuch«. Wien 1900. 

Goldstein Ignaz, Lehrer in Wien. 

Zur Kurzschrift. (Mit Alphabet.) Heilpädagog, II. Wien 1872. 
Haindi Josef, Musiklehrer am k. k. Blinden-Erziehungs-Institut in Wien. 
Über die Verhältnisse und Aussichten blinder Klavierstimmer in Osterreich. 
Vortrag. Öst. Blindenfüi sorgetag, Graz 1906. Bericht. Graz 1906. 

(Fortsetzung folgt.) 



7. Nummer. Zeitschritt für das österreichische Blindenwesen. Seite 331. 

über berufliche Ausbildung und Fürsorge der in 
der Jugend und im späteren Alter Erblindeten. 

Obmann Franz X. Uhl, Wien. 

Viel Gutes und Nützliches ist in Bezug auf berufliche Ausbildung und 
Fürsorge für die Blinden im allgemeinen geschaffen worden, doch verbleibt 
immerhin auf diesem Gebiete noch ein großes Stück Arbeit zu verrichten. 

Es ist erwiesen, daß in der Jugend Erblindete das anhaftende Un- 
glück leichter ertragen, da sie vielleicht nie gesehen oder nur ganz 
kurze Zeit so glücklich waren, die Schönheiten der Welt zu schauen. 
Das blinde Kind gewöhnt sich schon in der frühesten Jugend 
an das Denken. Gedächtnis, Gehör- und Tastsinn werden frühzeitig 
geschärft; alles, was um das Kind herum geschieht, wird es mit 
Interesse wahrzunehmen versuchen. Angenommen: ein blindes Kind 
wird mit vollendetem 6. Lebensjahre in eine Blindenerziehungs-Anstalt 
gebracht, so kann es die im Reichs-Volksschulgesetze vorgeschriebenen 
8 Schuljahre absolvieren und bei musikalischer Begabung zur Erlernung 
der Musik gleichzeitig mit dem Schulbesuche herangezogen werden 
und gleich dem sehenden Kinde das Lehrziel der Volks- und Bürgerschule 
erreichen, so daß es nach Vollendung des 14. Lebensjahres einen 
selbst erwählten, dem Blindenwesen entsprechenden Berufe zugeführt 
werden kann. Nun beginnen für den Blinden zur Erlernung eines 
Handwerkes die gewerblich vorgeschriebenen 3 — 4 Lehrjahre; nach 
Erlernung des Berufes hat der Blinde zumeist noch Gelegenheit, in 
der Erziehungs-Anstalt 1—2 Jahre zu verbleiben, um ein giltiges Ge- 
hilfenzeugnis zu erlangen; solch ein blinder Handwerker kann nach 
Entlassung aus der Anstalt entweder in einer öffentlichen Blinden- 
werkstätte, in einem Blindenarbeiterheim, selbst bei einem sehenden 
Meister als Gehilfe Arbeit erhalten oder aber, wenn die Mittel hiezu 
vorhanden sind, das Gewerbe selbständig als Meister betreiben. In 
der Regel bleibt ein solch blinder Handwerker bei seinem erlernten 
Gewerb*e; kann er außerdem Musik, so trachtet er sich durch diese 
ein Nebeneinkommen zu verschaffen. Die Klavierstimmer verlegen 
sich ganz auf das Stimmen. Tatsache ist, daß Musik und Klavier- 
stimmen für den Blinden viel erträglicher sind als ein Gewerbe, weshalb 
es in vielen Fällen vorkommt, daß blinde Handwerker, die auch be- 
gabte Musiker sind, sich ganz der Musik widmen; dies ist ganz 
besonders in größeren Städten wahrzunehmen. 

Die Musik ist es, die den Blinden in die Welt einführt, ihn erbaut, 
zerstreut, ihm Freunde und Gönner zuführt und auch einen Verdienst 
bringt, weshalb es sehr empfehlenswert wäre, wenn alle unsere Blinden- 
erziehungs-Anstalten ganz besonderen Wert darauf legen würden, die 
begabten blinden Kinder in Musik und im Lesen und Schreiben der 
Braille'schen Notenschrift auszubilden. Es ist eine irrige Anschauung 
einiger Herren Blindenpädagogen, die da glauben, die Musik sei es, 
die den Blinden auf eine schiefe Lebensbahn oder gar ins Verderben 
führe. Auch bei blinden Handwerkern hätte man dies zu befürchten. 
Verfehlungen liegen in der Regel erfahrungsgemäß in der Individualität 
eines Menschen und sollte in der nun so weit vorgeschrittenen Zeit 
ein solches Vorurteil gänzlich schwinden. Blinde Musiker, Klavier- 



Seite 332. Zeitschrift für das österreichische BHndenwesen. 7. Nummer. 

Stimmer und Flandwerker sind zumeist bestrebt, im öffentlichen Leben 
als brauchbare Mitglieder der bürgerlichen Gesellschaft ihr Fortkommen 
zu suchen und auch zu finden, weshalb sich die Fürsorge für dieselben 
gerade nicht so schwierig gestaltet. 

Wie sieht es nun mit der beruflichen Ausbildung und der Fürsorge 
für die im späteren Alter Erblindeten aus? 

Zunächst muß der jammervolle Zustand, in dem sich ein solch 
unglücklicher Mensch befindet, näher erörtert werden. Man versetze 
sich in die trostlose Lage und in das schrecklichste Unglück, das 
einen Menschen treffen kann, so plötzlich vom klaren goldenen 
Sonnenlicht, hinabgestoßen zu werden in ewige Nacht, in eine Finsternis, 
aus der es kein Entrinnen gibt. Ein solch unglückliclier Mensch ist der 
Verzweiflung nahe, Gemüt und Seel.enleben ist auf das tiefste herab 
gestimmt. Man glaube ja nicht, daß ein im Alter Erblindeter sich mit 
seinem Unglücke so ganz aussöhnt; es wird vielmehr immer eine 
wunde Stelle in seinem Herzen verbleiben, die nie so ganz heilen 
und vernarben wird. Dies kennzeichnet ganz besonders die leichte 
Erregbarkeit und Nervosität. Gewiß verdienen diese unglücklichen 
lichtlosen Mitmenschen unser innigstes Mitgefühl, doch mit diesem 
allein ist es nicht abgetan. Wir müssen helfend und tröstend einzuwirken 
versuchen, sie in ein neues Leben einführen und ihnen womöglich 
durch Erlernung eines Berufes eine Existenzmöglichkeit verschaffen. 

Nun liegt folgende Frage vor: Sind alle im späteren Alter Er- 
blindeten auch gewillt, einen gewerblichen Beruf zu erlernen? — 
Nein! — Der Verfasser dieses Artikels, der seit 18. Jahren im BHnden- 
wesen tätig ist, hat die Erfahrung und Überzeugung gewonnen, daß 
viele im Alter Erblindete, wenn ihnen geraten wurde, ein Gewerbe 
zu erlernen, dies entschieden ablehnen; nur in wenigen Fällen ist es 
möglich gewesen, diese Unglücklichen zur Erlernung eines Gewerbes 
zu bewegen. Wir dürfen und können einem im Alter Erblindeten, der 
sich weigert, ein Handwerk zu erlernen, dies nicht übel aufnehmen. 
Einerseits ist es ja wirklich eine schwere Aufgabe, im vorgeschrittenen 
Alter auf's neue zu lernen, andererseits hat der im späteren Alter 
Erblindete nicht die gesetzlich vorgeschriebene Lehrzeit, woraus auch 
hervorgeht, daß er nach der Gewerbeordnung nicht als Gehilfe aner- 
kannt wird, daher auch niemals Meister werden kann. 

So ist es sehr oft der Fall, daß ein im späteren Alter Erblindeter 
sein bereits erlerntes Handwerk sehr bald wieder aufgibt. Die Gründe 
hiefür sind sehr leicht erklärlich, 

1.) Fehlt die gewerbegesetzliche Berechtigung hiezu, 2.) die 
Geldmittel, um ein selbständiges Geschäft betreiben zu können. Mühe 
und Kosten sind in solchen Fällen fruchtlos, denn das Handwerk 
ernährt den im Alter Erblindeten nicht, und es ist selbstverständlich, 
daß dieser sich von seinem Berufe abwendet, um auf leichtere Art 
durch Inanspruchnahme der Mildtätigkeit hochherziger Menschen sein 
Leben zu fristen. 

Selbst wenn man sie in die bereits bestehenden Arbeiterheime 
und Blindenwerkstätten unterbringen wollte, würde auch dies Wider- 
spruch erregen, da ja viele dieser Unglücklichen verheiratet sind, eine 
Familie haben, in irgend einem Orte seit ihrer Geburt leben, wo sie 



7. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 333. 

vor ihrer Erblindung einen anderen Beruf ausübten und sich von dem 
alten mit Recht liebgewordenen Heimatsorte nicht trennen wollen. 
Es wäre auch eine Härte, würde man so gegen diese armen Mit- 
menschen vorgehen und sie zwangsweise von ihren Liebsten auf Erden 
losreißen. Und selbst wenn man gewillt wäre, dem blinden Arbeiter 
die erforderlichen Rohmaterialien zur Verfertigung seiner Erzeugnisse 
zu übermitteln und diesem dann durch Errichtung einer großen Waren- 
halle in der Hauptstadt Absatz zu verschaffen, wäre dies sehr um- 
ständlich. Bemerkt sei nur noch, daß die Zahl der Blinden eine viel 
zu große ist, die Geldmittel aber viel zu gering sind, um die erforderliche 
Anzahl von Heimen und Werkstätten ins Leben rufen zu können. 
Berufliche Ausbildung und Fürsorge erreichen daher nicht immer den 
gewünschten Erfolg, denn hier handelt es sich auch darum, die Orts- 
und Lebensverhältnisse dieser Unglücklichen zu berücksichtigen. 

In Erwägung dieser für das Blindenwesen so tief einschneidenden 
Angelegenheit hat'der Blindenunterstützungs- Verein »Die Purkersdorfer« 
in Wien schon im November 1908 im Abgeordnetenhause eine Denk- 
schrift in 516 Exemplaren eingebracht. In dieser Petition wurde 
die Regierung gebeten, entweder im Verordnungswege oder durch 
Herausgabe eines Sondergesetzes die dem Blindenwesen entsprechenden 
Gewerbefragen zu regeln und die im späteren Alter Erblindeten von 
der vorgeschriebenen Lehr- und Gehilfenzeit zu befreien. In Anbe- 
tracht d'es größten Unglückes dieser bedauernswerten Menschen und 
mit Rücksicht darauf, daß dem Blinden nur sehr wenige Berufe 
offen stehen, ist diese Bitte ein Gebot der Notwendigkeit und ein 
humanitärer Akt. Es wurde von einflußreichen Abgeordneten über Be- 
treibung von Seite des Vereines demselben mitgeteilt, daß im Ver- 
ordnungswege die Freigabe der Gewerbe, die dem BUndenwesen ent- 
sprechen, nicht erfolgen werde und ein Sondergesetz auch nicht 
herausgegeben wird. 

Sache des Zentral-Vereines für das österreichische Blindenwesen 
wird es sein, diese Angelegenheit in Erwägung zu ziehen und die 
notwendigen Schritte hiezu einzuleiten; vielleicht gelingt es bei der 
hohen k. k. Regierung durch eine genaue begründete Denkschrift etwas 
zu erreichen; umsomehr, da ja viele brave Söhne Österreichs in diesem 
größten aller Kriege -auf dem Felde der Ehre für unser geliebtes 
Vaterland das kostbarste Gut, das Augenlicht, verloren haben. 

Sollte die hohe k. k. Regierung nicht geneigt sein, dieser ge- 
rechten Bitte zu willfahren, müßte wohl darauf Bedacht genommen 
werden, für diese armen unglücklichen Soldaten zu sorgen, ihnen eine 
Existenzmöglichkeit zu bieten. Es geschah bei früheren Kriegen, daß 
man dieser^armen Lichtlosen gar bald vergaß und ihnen höchstens 
ein gnädigstes Wohlwollen schenkte, indem man ihnen eine Lizenz 
für das Drehorgelspiel verlieh und glaubte, so die Pflicht und Schuldig- 
keit getan zu haben. Solche Blinde wurden ohne ihren Willen zu 
Bettlern gemacht. Da sie jedoch ihre Wege nicht allein gehen konnten, 
bedurften sie eines Führers, der häufig zwischen Mein und Dein nicht 
unterschied, den Blinden bestahl und betrog. Es muß also eine 
bessere Fürsorge für unsere Kriegsblinden einsetzen. Der Verfasser 
dieses Artikels regt nun folgendes an: 



Seite 334. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 7. Nummer. 

Es werde an den Staat herangetreten, den im späteren Alter, 
also auch den im Kriege Erblindeten die Konzession eines Tabak-, 
Zigarren- und Postwertzeichen-Verschleißes zu gewähren, außerdem 
zu gestatten, daß sie auch noch alle in dieses Fach einschlagenden 
Artikel verkaufen dürfen. Staat, f.and und Gemeinde wären heran- 
zuziehen, die Mittel zu bewilligen und zwar: der Staat dadurch, daß 
er die Trafik und die übrigen Artikelbeistellt; das Land: indem es 
dem Betreffenden Geldunterstützung zum Ankaufe der zum Geschäfts- 
betrieb nötigen Mobilarien gewährt und die Zuständigkeitsgemeinde 
unentgeltlich ein Lokal auf Lebensdauer zur Verfügung stellt. 

Selbst in dem kleinsten Orte könnte dadurch ein solch armer 
Blinder sein Fortkommen finden. 

Man sage uns nicht, daß dadurch das Einkommen der Kaufleute 
arg geschädigt werde. Hat doch der arme Blinde mehr, als alle 
Schätze der Welt wert sind, verloren und wird und darf kein Mensch 
diese Existenzberechtigung bekämpfen. Ist doch jeder Geschäftsbetrieb, 
im Grunde genommen, einem anderen gegenüber, der ein ähnliches 
oder gleiches Geschäft führt, ein Konkurrent. Würde man diese gewiß 
von Herzen gut gemeinte Anregung in Betracht ziehen, sie zur Durch- 
führung bringen, so hätte man in der Blindenfürsorge einen großen 
Schritt getan, vielen Blinden ein menschenwürdiges Dasein geschaffen. 

Der Verfasser dieses Artikels erwartet nun, daß alle Vereine 
und Organisationen, die im Zentral- Verein für das österreichische 
Blindenwesen vertreten sind, diese Aktion energisch in die Hand, 
nehmen und dieselbe zum Wohle unserer durch den Krieg so em- 
pfindlich unglücklich gewordenen Mitmenschen zur Durchführung bringen. 

Beirat in Angelegenheiten der Fürsorgeaktion 
für heimkehrende Krieger. 

Im Ministerium des Innern in Wien fand am 7. Juni 1. J. die 
erste Sitzung des Beirates statt, der in Angelegenheiten der Fürsorge- 
ahtion für heimkehrende Krieger bestellt worden ist. Minister des Innern 
Dr. Freiherr v. Heinold eröffnete die Versammlung mit einer An- 
sprache, die in klarer und übersichtlicher Weise die Absichten der 
Regierung auseinandersetzte. Nach einer Begrüßung der Mitglieder 
des Beirates machte der Minister eine Scheidung der in Betracht 
kommenden Maßnahmen in drei Gruppen. Der Minister hob mit dank- 
barer Anerkennung die umfangreiche und wichtige Vorarbeit hervor, 
die dank privater Initiative von zahlreichen Körperschaften, Verei- 
nigungen und auch von Einzelpersönlichkeiten geleistet worden ist, 
wies aber darauf hin, das unabhängiges Nebeneinanderarbeiten zu 
einer Zersplitterung der Kräfte führen, namentlich auch im Gefolge 
haben könne, daß einzelne Fürsorgegebiete überreich bedacht werden, 
während andere, nicht minder wichtige, leer ausgehen. Planmäßiges 
Zusamenwirken ist daher einer der Zwecke der Aktion der Regierung. 
Dabei schien eine länderweise Organisation vorteilhafter als eine streng 
zentrale und es wurden demgemäß Landeskommissionen gebildet. 

Im weiteren Verlaufe seiner Ausführungen kam der Minister auf 
die Kriegsblindenfürsorge und die Kriegssammlung der »Neuen 



7. Nummer. Zeitschrift iür das österreichische Blindenwesen. Seite 335. 

Freien Presse« für im Felde erbiindete Angeliörige des 
Heeres zu sprechen, die dank der Hochherzigkeit der Spender ein 
so glänzendes Ergebnis geliefert hat, das sich von Tag zu Tag steigert. 

Diesbezüglich sagte Freiherr v. Heinold: Insbesondere erlaube 
ich mir die Aufmerksamkeit der Herren auf eine Angelegenheit zu 
lenken, mit der ich sie in nächster Zeit befassen möchte. Sie betrifft 
die Kriegsblindenfürsorge. Von Seiten der »Neuen Freien Presse« 
ist mir das nahmhafte Ergebnis der Sammlung für Kriegsblinde zur 
Verfügung gestellt worden. Demselben edlen Zweck wurde auch eine 
reichliche, durch Exzellenz Baronin Burian aufgebrachte Spende ge- 
widmet. Über die Verwendung dieser Beträge wird im Einvernehmen 
mit Vertretern der Spender in nächster Zeit Beschluß zu fassen sein. 
Ich wäre den Herren für eine sorgsame Prüfung dieser Frage und für 
Ihren Ratschlag sehr dankbar«. 

Freiherr v. Heinold schloß seine programatischen Ausführungen 
mit der Bitte an den Beirat, durch eifrige Unterstützung der Aktion 
des Ministeriums ein für Staat und Volkswirtschaft hochbedeutsames 
Friedenswerk verwirklichen zu helfen. 

Mit besonderer Teilnahme wurde schließlich die Anregung des 
Ministers aufgenommen, die ihm anheimgestellte Verwendung der durch 
Sammlungen erzielten Beiträge für die Kriegsblindenfürsorge durch 
ein Kuratorium regeln und zunächst ein Statut für diesen Fonds ent- 
werfen zu lassen. 

Das Statut des Kuratoriums der Kriegsblindenstiftung befindet 
sich bereits in Ausarbeitung. Im Beirate für diese F'ürsorgeaktion be- 
finden sich Regierungsrat Direktor A. Meli und kais. Rat Direktor 
S. Heller. 

Eine Million für die Kriegserblindeten 
in Ungarn. 

Der Anreger der Bewegung für die Kriegserblindeten, 
Herr Professor Emil von Groß, erstattet in der nach- 
folgenden Zuschrift an den »Pester Lloyd« seinen ab- 
schließenden Rechenschaftsbericht über seine Tätigkeit im 
Interesse dieser großzügigen Aktion, die ihren Erfolg seiner 
Initiative dankt. 

Sehr geehrter Herr Chefredakteur! 
Infolge eines Aufrufes des Herrn Oberstabsarztes Rotte nberg 
hat der »Pester Lloyd« seinerzeit binnen wenigen Wochen 16.000 
Kronen für einen im Kriege an beiden Augen unheilbar erblindeten 
Soldaten gesammelt. Anläßlich des Abschlusses dieser Sammlung 
lenkte ich — gleichfalls im »Pester Lloyd« — die Aufmerksamkeit 
der ungarischen Gesellschaft darauf, daß es in den Krankenhäusern 
beider Staaten der Monarchie noch viele andere Soldaten gibt, die 
im Kriege ihr Augenlicht verloren haben. Ich regte daher eine ein- 
heitlich organisierte Aktion für die Kriegserblindeten an, deren Ertrag 
an die Landes-Kriegsfürsorgekommission und speziell ihren geschäfts- 
führenden Vizepräsidenten Herrn Elemer von Simontsits geleitet 



Seite 336. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 7. Nummer. 

werden sollte. Die Presse hat diese Anregung mit dem größten Ent- 
gegenkommen und mit vollem Eifer aufgegriffen und es stehen nun- 
mehr etwa eine Million Kronen für die Aufbesserung des Schick- 
sals der Kriegserblindeten zur Verfügung. Ich glaube nicht fehl- 
zugehen, wenn ich die Zahl der im Kriege erblindeten Sol- 
daten ungarischer Staatsangehörigkeit auf etwa achtzig schätze. 
Es scheint, daß in den ersten fünf Monaten des Krieges unverhältnis- 
mäßig mehr Verwundungen solcher Art vorgekommen sind als in den 
zweiten fünf Monaten. 

Im Sinne der Beschlüsse einer unter dem Vorsitze des Minister- 
präsidenten stattgehabten Enquete sind die Kriegserblindeten, die eine 
spezielle Behandlung nicht mehr benötigen, im Hilfsspital der Kunst- 
gewerbeschule gesammelt worden, wo sie durch die vom Unterrichts- 
minister delegierten Heilpädagogen in gewerblichen Arbeiten und im 
Lesen und Schreiben unterwiesen werden. Die Aufgabe, die Lebens- 
und Arbeitslust dieser Unglücklichen zu erregen und wachzuhalten, 
übernahmen edelsinnige Damen unter Führung der Gräfin Emil 
Dessewffy. 

Seit Kriegsbeginn wurden 46 blinde Soldaten auf der meiner 
Leitung unterstehenden ersten Universitätsaugenklinik behandelt. Die 
letzten 3 wurden heute an die Sammelstelle abgegeben und seit zehn 
Monaten ist es heute das erstemal der Fall, daß wir keinen 
einzigen blinden Soldaten ungarischer Staatsangehörigkeit 
pflegen. (Ein an beiden Augen blinder, am rechten Arm amputierter 
und ohrenkranker russischer Offizier gehört in eine andere Kategorie.) 
Der Ajzt hat diesen gegenüber seine Tätigkeit beendet und übergibt 
nunmehr dem Heilpädagogen das Heft. Das Schicksal unserer Patienten 
wird mich aber auch weiterhin interessieren. In der Weisheit des 
Ministerpräsidenten und im Sachverständnis seiner berufenen Ratgeber, 
der Heilpädagogen des Unterrichtsministers, sind die Bürgschaften 
dafür gegeben, daß für das künftige Schicksal dieser Opfer des Krieges 
in richtiger Weise gesorgt werden wird. 

Getreu dem Grundsatze der Universität, dessen Wesen die freie 
und voraussetzungslose Forschung ist, beehre ich mich, im Anschlüsse 
an diese Zeilen einen Betrag von 200 Kronen zu übersenden mit 
der Bitte, diese bescheidene Summe zu einer Preisausschreib u ng 
für die beste Arbeit zu verwenden, die sich mit der Frage der 
zweckmäßigstenFürsorgefürdasSchicksalderiniKriege 
erblindeten Soldaten beschäftigt. Der Umfang der Arbeit 
soll höchstens V4 bis 1/2 Druckbogen stark sein und die Mitglieder 
der Jury könnten Gräfin Emil Dessewffy, Direktor Karl Her odek, 
Graf Kuno Klebelsberg, Klara Radö, Elemer von Simontsits, 
Professor Adolf von Szily und ein ausländischer Fachmann 
sein. Die Redaktion des »Pester Lloyd« ersuche ich, die Preisarbeiten 
einzusammeln und die seinerzeitige Veröffentlichung der preisgekrönten 
Arbeit zu übernehmen. 

Schließlich beehre ich mich, der Sammlung des »Pester Lloyd« 
die Spende einer ungenannt sein wollenden hochherzigen 
Witwe im Betrage von 2000 Kronen anzuschließen. 

Damit nehme ich aucli Abschied von dieser Aktion, deren 
weiteres Schicksal in den besten Händen ruht. 



7. Nummer Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite S3^. 

Was die ungarische Gesellschaft an Opferwillen für die Kriegs- 
erblindeten geleistet hat und noch leisten wird, ist ein Beweis 
unserer holien Kulturstufe und eines der schönsten Unterpfande 
unserer nationalen Zukunft. Emilv. Groß, 

* Universitätsprofessor. 

Im Sinne der Intentionen des Herrn Professors Emil von Groß 
schreibt die Redaktion des »Pester Lloyd« hiemit einen Preis von 
zweihundert Kronen für die beste Arbeit über die zweck- 
mäßigste Fürsorge für die Kriegserblindeten aus. Maxi m al- 
umfang der Preisarbeit ist ein halber Druckbogen. Die Preisarbeiten 
sind bis spätestens 15. August an den Chefredakteur des »Pester 
Lloyd« einzusenden. Die preisgekrönte Arbeit wird seinerzeit im »Pester 
Lloyd« vollinhaltlich abgedruckt werden. 

Personalnachrichten. 

— Rücktritt desHofratesProfessorDr. E. Fuchs vomLehramte. 
Wie wir erfahren, beabsichtigt der ordentliche Professor der Augenheilkunde an der 
Wiener Universität und Vorstand der zweiten Universitäts-Augenklinik im Allgemeinen 
Krankenhause Hofrat Dr. Ernst Fuchs, aus Gesundheitsrücksichten mit Ende des 
Sommersemesters von seinem Lehrberufe zurückzutreten. Hofrat Dr. E. Fuchs hat 
durch sein bedeutendes Werk »Ursachen und Verhütung der Blindheit« auch auf 
dem Gebiete der Blindenfürsorge segensreich gewirkt. 

— Am 16. Juni 1. J. starb in Wien die barmh. Schwester von hl. Vinzenz 
von Paul Emerentiana (Leopoldine) Magerl im 34. Lebensjahre. Sie war durch fünf 
Jahre im Mädchenheime der Odilien-Blindenanstalt in Graz mit großem Eifer und 
Erfolg tätig. Nach Kriegsausbruch versah sie freiwillig den Krankendienst in mehreren 
Soldatenspitälern Wiens, erkrankte Mitte Mai an einer schmerzhaften Nierenentzündung, 
welcher sie trotz der aufmerksamsten und aufopferndsten Behandlung von Seite der 
Ärzte und der liebevollen Pflege seitens ihrer Mitschwestern erlag. 

flus den Hnstalten. 

— N. ö. Landes-Blindenanstalt in Purkersdorf. Die Zöglinge 
dieser Anstalt hatten heuer freiwillig auf den alle Jahre stattfindenden Maiausflug 
verzichtet und von der dadurch ersparten Summe den im Felde stehenden Soldaten 
Liebesgaben zugewendet, wofür sie namentlich von deutschen Truppen eine große 
Zahl von Feldpostkarten mit rührenden Dankesworten erhielten. Der Anstaltsreferent 
L. Kunschak ermöglichte zur Belohnung der patriotischen Wirksamkeit der 
blinden Kinder nun trotzdem einen Ausflug derselben auf die Hochramalpe bei 
Purkersdorf, welcher am 27. d. M. stattfand und den Zöglingen Gelegenheit gab, 
sich daselbst in echt kindlicher Weise mit Spiel, Gesang und Musik zu vergnügen. 
L. Kunschak nahm selbst in Begleitung des Landesrates Dr. Frey und des 
gesamten Lehrkörpers an dem prächtig gelungenen Ausflüge teil und trennte sich 
erst am Abend von den ihm lieb gewordenen blinden Kindern, nachdem er den 
ganzen Nachmittag, in wahrhaft väterlicher Weise für alle sorgend, in ihrer Mitte 
verbracht hatte. Allen Teilnehmern brachte der Ausflug einen Freudentag in schweren 
Zeiten. 

Am 22. Juni 1. J. hatten die größeren Zöglinge Gelegenheit, an einer seltenen 
und ergreifenden Feier mitzuwirken. Im k. u. k. Reservespital Nr. 12 in Wien XIV 
fand nämlich an diesem Tage durch den Feldbischof Bjelik die Firmung von 30 
verwundeten Soldaten statt, wobei die Zöglinge mit dem Musiklehrer F. Büllik an 
der Spitze die lateinische Messe von Griesbacher in vollendeter Weise zur 
Aufführung brachten und viel Lob für ihre vortrefflichen Leistungen ernteten. 

— Privat-Blindenlehranstalt Linz. Entsprechend dem vielfach ge- 
äußerten Wunsche : „Bringet Blumen den Verwundeten," besuchten einige unserer 
Zöglinge aus den verschiedenen Klassen wieder einzelne Spitäler und brachten aus 
unserem großen Anstaltsgarten eine Fülle duftender Fliederstränße. So war dies am 
14. Mai 1. J. im Roten Kreuz Spital in der Kaiser Franz Josef Schule der Fall. Da 
stellten sich die Kleinsten ein. Große Freude hatten die Kranken über diesen lieben 
Besuch und bald waren die Sträuße verteilt. Die Kleinen zeigten dann den tapferen 



Seite 338. Zeitschrift für das Österreichische BHndenwesen. 7. Nummer. 

Soldaten, wie Blinde Lesen und Schreiben lernen und erfreuten sie noch anderwärts. 
Herzlichst dankten die Verwundeten den Blinden und der Schwester und freuen 
sich schon auf den nächsten Besuch. Am folgenden Tage überraschten einige Kinder 
der II. Klasse mit den Herrn Fachlehrer Scheib und Baumgartner die kranken 
Soldaten im Reservespitale des Volksgartens mit Blumen. Ebensolche Freude wie 
am Vortage brachten unsere Blinden hier. Bald prangte bei jedem Bette ein Strauß ! 
Auch hier erfreuten unsere Kinder die Tapferen durch Darbietungen aus verschie- 
denen Schulfächern. Dafür erzählten die Krieger gar Manches aus ihren Kämpfen. 
Am 27. Mai d. J. war das Notreservespital im Kloster der Karmeliten an der Reihe 
der Besuche. Kinder der letzten Schuljahre spendeten jedem Krieger aus unserem 
Garten und zeigten wie sie in den einzelnen Gegenständen unterrichtet werden. 
Auch entspann sich bald eine lebhafte Unterhaltung und gar manche genaue Unter- 
suchung der Verwundungsstelle brachte vielfache Belehrung und Hochschätzung 
unserer Feldgrauen. Die gewonnenen Eindrücke werden beim Unterrichte wieder 
verwendet und entflammen neuerdings die patriotischen Gefühle. Mit dem Ver- 
sprechen, der Tapferen gar oft besonders im Gebete zu gedenken, nahmen die 
Kinder mit der Schwester Abschied. 

Große Freude herrschte am 17. Mai bei uns, als in der Frühe unser zahmes 
Reh in lustigen Sprüngen über die Bahnböschung daher kam und eilends zur ge- 
wohnten Futterstätte lief. Fast einen Monat war es abwesend, unbekannt wo. Ganz 
ausgehungert kam es wieder zu den Blinden und erfreut Groß und Klein durch sein 
zu trauliches Wesen. 

Das heurige Schuljahr wird mit einem Festgottesdienst am 29. Juni geschlossen, 
worauf die Zöglinge soweit es möglich ist, in ihre Heimat auf Ferien gehen. 

— Die Odilien-Blindenanstalt in Graz im Jahre 1914. Dieser Bericht 
entwirft trotz der Kriegszeiten ein erfreuliches Bild von der Lage der Anstalten, 
welche durch die humanitäre Wirksamkeit des >Odilienvereines zur Fürsorge für 
die Blinden Steiermarks« erhalten werden. In der Erziehungsanstalt mit 3 Schul- 
k'^^sen und einer Lehrlingsabteilung waren 55 Zöglinge (33 Knaben und 22 Mädchen), 
'™ Männerhem 28 männlich, im Mädchenheim 30 weibliche Blinde untergebracht. 
^'^Leitung dieser Anstalten führte Direktor Dr. Josef Hartinge r. An der Spitze 
des Odilienvereines, der über ein Vermögen von insgesamt 1,105.368 K verfügt, 
steht Dominik Graf Des Enffans d' Avernas. Der durch die gesteigerten An- 
forderungen im Jahre 1914 entstandene Kassaabgang mußte durch ein schwebendes 
Darlehen gedeckt werden, 

Hus den Vereinen. 

— Verein zur Ausbildung von später Erblindeten in Wien. 
Bei der am 21. Juni 1, J. abgehaltenen Generalversammlung erstattete kais. Rat 
Direktor S. Heller Bericht über die von ihm geleitete Anstalt zur Ausbildung der 
später Erblindeten. Derselben wurden in letzter Zeit zwei Kriegsblinde zur Ausbildung 
zugewiesen. Der in der Kriegsblindentürsorge in Ungarn tätige Graf Anton Zichy 
besuchte die Anstalt und drückte seine vollste Befriedigung über die Einrichtung 
und segensreiche Wirksamkeit derselben aus. Der Berichterstatter gedachte be- 
sonders des edlen Gönners der Anstalt, des Baron Gustav von Springer, welcher 
auch im Jahre 1914 dem Vereine den Betrag von 20.000 K als Spende zuwandte. 
Das Vereinsvermögen beläuft sich mit Einschluß von Haus- und Einrichtungswerten 
auf 264.695 K. Vorsitzender Exz. H. Ritter von Roza brachte dem Leiter der 
Anstalt den Dank der Versammlung für seine aufopfernde Tätigkeit zum Ausdruck; 
Ausschußmitglied Direktor K. Bürklen gedachte seiner segensreichen Bestrebungen 
auf dem Gebiete der Kriegsblindenfürsorge. Schließlich wurde die Wiederwahl 
sämtlicher Ausschußmitglieder vorgenommen und die Zuwahl des Herrn Leopold 
Herz genehmigt. 

Für unsere Kriegsblinden. 

— Das Kriegsfürsorgeamt des k. u. k. Kriegsministeriums erläßt einen Aufruf 
an alle Frauen und Mädchen des Reiches zur Bildung eines »Frauen-Kronenfonds«, 
durch den ein bleibender »Invalidenfond« gebildet werden soll, der den schwer- 
verletzten Kriegern, darunter auch den des Augenlichtes Beraubten, ein Hilfsborn 
werden soll. Das Damenkomitee weist eine Reihe vornehmster Namen auf. Spenden 
für diesen Fond sind zu richten an das Kriegsfürsorgeamt in Wie n IX. Berggasse 16. 

Herausgeber: Zentralverein für das österreichische Blindenwesen in Wien. Redaktionskomitee: K. Bürklen, 
J. KneU, A. t. Horvath, F. Uhl. — Druck Ton Adolf Englisch, Purkersdorf 'bei Wien. 



ZEITSCHRIFT 

FÜR DAS ÖSTERREICHISCHE 

BLINDENWESEN. 



2. Jahrgang. Wien, August 1915. 8. Numnner. 



^ I 

^ »Dem, der des Gesichtes entbehrt, ^ 

i entgeht ein großer Teil des Wahren.« ^ 

^ Senoca. X 

^ is 

WS Ss 

Rechtsgeschäfte der Blinden. 

Ein neuer Beweis dafür, wie unsicher die gesetzlichen Bestimmungen 
über die Abwicklung von Rechtsgeschäften durch Blinde sind, zeigt deutlich 
von der Notwendigkeit möglichster Klarstellung in dieser Hinsicht. In 
einer kürzlich ergangenen Entscheidung von grundsätzlicher Bedeutung 
spricht sich das Leipziger Reichsgericht über die zu beobachtende Form 
bei der Errichtung des Testaments von Blinden aus. Die Frage wird 
gerade in der Jetztzeit erhöhtem Interesse begegnen, da ja leider eine 
ganze Anzahl der tapferen Kriegsteilnehmer durch unglückliche Ver- 
wundungen erblindet ist. Der höchste Gerichtshof hat enschieden, daß 
ein Blinder, der schreiben kann, trotz seiner Blindheit das von ihm durch 
mündliche Erklärung vor Gericht oder vor einem Notar errichtete 
Testament unterschreiben muß. Sonst ist es nichtig. Im vorliegenden 
Streitfalle handelt es sich um folgendes: 

Im Juni 1913 starb in Potsdam der Kaufmann M. Er hinterließ 
ein Testament, das vor einem Notar und zwei Zeugen errichtet ist und 
in dessen Eingang es heißt: »Herr M. ist blind und erklärt auch, blind 
zu sein « Unterschrieben ist das Testament von M. nicht. Die durch 
das Testament in ihren Erbrechten benachteiligten Kläger fochten es 
gegenüber der als Erbin eingesetzten Beklagten an. Sie sind der An- 
sicht, daß das Testament nichtig sei, weil es weder die Unterschrift des 
Erblasseis noch eine von ihm abgegebene Erklärung enthalte, daß er 
nicht schreiben könne. Das Landgericht Potsdam und ebenso das 
Kammergericht zu BerHn sind dieser Auffassung beigetreten und haben 
das Testament für nichtig erklärt. Auf die von der Beklagten hiegegen 
eingelegten Revision führt das Reichsgericht aus: Für die letztwilligen 
Verfügungen der Blinden hat das Bürgerliche Gesetzbuch ebensowenig 
wie für ihre sonstigen Willenserklärungen besondere Formvorschriften 



Seite 344. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 8. Nummer. 

gegeben. Das Blindentestament unterliegt daher den allgemeinen Testa- 
mentsformen. Daraus ergibt sich einerseits, daß Blinde, da sie Geschrie- 
benes nicht lesen können, nur in der Form der mündlichen Erklärung 
vor Gericht oder Notar ein Testament errichten können, und anderer- 
seits, daß auch das Testament des Blinden den Vorschriften des § 2242 
des Bürgerlichen Gesetzbuches genügen, also insbesondere entweder vom 
Blinden eigenhändig unterschrieben werden oder die Feststellung seiner 
Erklärung, daß er nicht schreiben könne, enthalten muß. Es ist niclit 
richtig, wie die Beklagte meint, daß die Unterschrift des blinden Testators 
unter dem Tastamentsprotokoll jeglicher Bedeutung entbehre. Nach der 
Auffassung des Lebens bildet die Unterschrift die entgültige Bestätigung 
der Genehmigung des Protokolls. Diese Bedeutung wohnt aber auch der 
Unterzeichnung des Protokolls durch einen Blinden, wenn auch nicht 
in dem Maße wie der Unterschrift eines Sehenden bei. Der Blinde kann 
nicht wie der Sehende die Richtigkeit des Niedergeschriebenen selbst 
kontrollieren, er kann auch nicht eine Unterschrift in dem Sinne leisten, 
daß er selbst bewußt seinen Namen an eine bestimmte Stelle setzt. 
Immerhin bleibt die Unterschrift auch bei dem Blinden das, was sie 
nach dem Gesetz vorstellen soll, ein von dem Testator selbst gesetztes 
sinnfälliges Zeichen seines Einverständnisses mit demjenigen, was in dem 
Protokoll enthalten ist. Das Bedenken, das aus dem Umstände entnommen 
w^erden könnte, daß der Blinde die Stelle nicht sieht, auf die er seinen 
Namen setzt, entfällt bei der Aufnahme öffentlicher Urkunden, weil hier 
die Zuziehung der Urkundsperson die Gewähr dafür bietet, daß dem 
Testator nicht ein Schriftstück unterschoben wird, auf das sich seine 
Genehmigung nicht bezieht. Abgesehen davon steht das Bürgerliche 
Gesetzbuch auf dem Standpunkt, das Blinde an und für sich rechtsgültig 
eine Unterschrift abgeben können. Hieraus ergibt sich, daß der Blinde, 
wenn er schreiben kann, das Testament auch unterschreiben muß. Daraus 
folgt weiter, daß, wenn er zu schreiben nicht imstande ist, auch der 
Ersatzformvorschrift des § 2242 Absatz 2 des Bürgerlichen Gesetzbuches 
genügt werden muß. In solchem Falle muß also der Blinde erklären, 
daß er nicht schreiben könne, und diese Erklärung muß im Testaments- 
protokoll festgestellt werden. — Zur nochmaligen Prüfung der Frage, 
ob diese Erklärung vorliegendenfalls nicht dem Protokoll zu entnehmen 
sei, ist die Sache an das Kammergericht zurückverwiesen worden. 

Diesen aktuellen Fall vor Augen, erachten wir es für notwendig, 
an die einschlägigen Gesetzesbestimmungen in Österreich zu erinnern. 
Unseren Lesern wird folgende Zusammenstellung über die gesetzlichen 
Vorschriften willkommen sein, die auf die Abwicklung von Rechts- 
geschäfte durch Blinde im allgemeinen Bezug nehmen. Wir verdanken 
dieselbe der Güte des Herrn Hofrates von Chlumetzky, welcher sie 
für seinen Vortrag auf dem V. österr. Blindenfürsorgetage gehaltenen 
Vortrage »Die Stellung des Blinden im Rechtsleben« zusammenfaßte. 
Sie lauten : 

1. Bei Rechtsgeschäften unter Lebenden: Gesetz vom 
25. JuH1871, R.-G.-Bl. Nr. 76, betreffend das Erfordernis der notariellen 
Errichtung einiger Rechtsgeschäfte: § 1. Die Giltigkeit der nachbezeicli- 
neten Verträge und Rechtshandlungen ist durch die Aufnahme eines 
Notariatsaktes über dieselben bedingt; e) aller Urkunden über 



8. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 345. 

Rechtsgeschäfte unter Lebenden, die von Blinden errichtet werden, 
sofern sie das Rechtsgeschfäft in eigener Person schHeßen. 

§ 56 d. Notariatsordnung (Gesetz vom 25. Juli 1871, R.-G.-Bl. 
Nr. 75) : Bei der Auhiahme eines Notariatsaktes müssen, wenn eine der 
Parteien blind ist, zwei Aktszeugen beigezogen werden; ausgeschlossen 
von der Mitwirkung als Aktszeugen sind unter anderen diejenigen, 
welche nach ihrer Körper- oder Geistesbeschaffenheit ein Zeugnis ab- 
zugeben unvermögend sind (auch Blinde). 

§ 59. Notariatsordnung: Bei der Aufnahme eines Notariatsaktes 
mit einem Blinden müssen die Aktszeugen sowohl bei der Erklärung 
der Parteien über die in den Akt aufzunehmenden Bestimmungen, als 
auch bei der Vorlesung des Aktes seinem ganzen Inhalte nach und bei 
der Einwilligung und Unterzeichnung von Seite der Parteien gegenwärtig 
sein; daß dies geschehen ist, muß in dem Akte ausdrücklich angeführt 
werden. 

Der Notariatsakt wird nicht ersetzt durch die gerichtliche oder 
notarielle Legalisierung der Unterschrift eines Blinden auf einer Rechts- 
urkunde (Entscheidung des Obersten Gerichtshotes vom 24. Februar 1876, 
Z. 2080, Slg. Nr. 6094). Es ist also das Wechselakzept eines Blinden 
mangels Notariatsaktes ungiltig (Entscheidung vom 31. Oktober 1878, 
Z. 6145, Sammlung wechselrechtlicher Entscheidungen von Dr. Czele- 
chows'ky Nr. 227, Sammlung der Entscheidungen des Obersten Ge- 
richtshofes zu den Notariatsgesetzen von Dr. Gesselbauer Nr. 133), 
obwohl gemäß Art. 94 Wechselordnung (kais. Patent vom 25. Jänner 
1850, R.-G.-Bl. Nr. 51) Wechselerklärungen, die statt des Namens mit 
Kreuzen oder anderen Zeichen vollzogen sind, Wechselkraft haben, wenn 
die Zeichen gerichtlich oder notariell beglaubigt worden sind. 

Die Fähigkeit Blinder (insoweit sie sonst nicht in der Handlungs- 
fähigkeit beschränkt sind) zur Schließung mündlicher Rechtsgeschäfte 
ist durch die angeführten gesetzlichen Bestimmungen nicht eingeschränkt. 

2. Letztwillige Anordnungen Blinder (Testamente): 

a) außergerichtliche, mündliche: §584 allgemeines bürger- 
liches Gesetzbuch: »Einem Erblasser, der die zu einem schriftlichen 
Testamente erforderlichen Förmlichkeiten nicht beobachten kann oder 
will, steht frei, ein mündliches Testament zu errichten.« Ein außer- 
gerichtliches mündliches Testament kann also der Blinde errichten; er 
müßte gemäß § 585 allg. bürgerl. G.-B. »vor drei fähigen Zeugen, die zu- 
gleich gegenwärtig und zu bestätigen fähig sind, daß in der Person des 
Erblassers kein Betrug oder Irrtum unterlaufen ist, ernstlich seinen 
letzten Willen erklären; es ist zwar nicht notwendig, aber vorsichtig, 
daß die Zeugen entweder alle gemeinschafdich oder ein jeder für sich 
zur Erleichterung des Gedächtnisses die Erklärung des Erblassers ent- 
weder selbst aufzeichnen oder sobald als möglich aufzeichnen lassen. 
Eine mündliche letzte Anordnung mnß, um rechtskräftig zu sein, auf 
Verlangen eines Jeden, dem daran gelegen i.st, durch die überein- 
stimmende mündliche Aussage der drei Zeugen oder, wofern einer aus 
ihnen nicht mehr vernommen werden kann, wenigstens der zwei übrigen 
bestätigt werden«. Blinde können gemäß § 591 allg. bürgerl. G.-B. bei 
letzten Anordnungen nicht Zeugen sein. 



Seite 346. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 8. Nummer. 

c) schriftliche: ist der blinde Erblasser zu schreiben 
fähig, so kann er ohne Zweifel selbst nach der Vorschrift des § 578 
allg. bürgerl. G.-B. gütig testieren. § 578 sagt: »wer schriftlich und ohne 
Zeugen testieren will, der muß das Testament oder Kodizill eigen- 
händig schreiben und e ige nh an dig mit seinem Namen unterfertigen; 
die Beisetzung des Tages, des Jahres und des Ortes, wo der letzte 
Wille errichtet wird, ist zwar nicht notwendig, aber zur Vermeidung 
der Streitigkeiten rätlich«. Da die zitierte Bestimmung für die Giltigkeit 
eines schriftlichen, ohne Zuziehung von Zeugen verfaßten letzten Willens 
dessen eigenhändige Niederschrift und Unterfertigung fordert, also be- 
sonderen Wert auf die charakteristischen Zeichen der eigenen Hand- 
schrift legt, wird eine mit Schreibmaschine geschriebe, wenn auch eigen- 
händig handschriftlich unterschriebene und noch viel weniger eine mit 
Schreibmaschine geschriebene und unterschriebene Erklärung des letzten 
Willens Giltigkeit haben (Urteil des Landesgerichtes in Wien vom 
2. Dezember 1911, Cg VIII 141/11; Mitteilung im Justiz-Ministerial- Ver- 
ordnungsblatte S. 227/1912). Im übrigen ist das Material, auf dem und 
das Werkzeug mit dem das eigenhändig handschriftlich geschriebene, 
und unterschriebene Testament verlaßt wurde, für dessen Giltigkeit 
belanglos. 

Ist der blinde Erblasser auch nicht zu schreiben fähig 
kann er aber doch seinen Namen schreiben, so müßte er ge- 
mäß § 579 a. b. G.-B. ebenso wie in dem Falle, wenn er, selbst schreib- 
kundig, den letzten Willen von einer anderen Person niederschreiben 
ließe, die letztwillige Urkunde eigenhändig unterfertigen; er müßte 
ferner vor drei fähigen Zeugen den Aulsatz als seinen letzten Willen be- 
stätigen und zwar müßte er gemäß § 581 a. b. G.-B. den Aufsatz von 
einem Zeugen in Gegenwart der anderen zwei Zeugen, die 
den Inhalt eingesehen haben, sich vorlesen lassen und bekräftigen, 
daß derselbe seinem Willen gemäß sei. Endlich sollen auch die Zeugen 
sich entweder inwendig oder von außen, immer aber auf die Urkunde 
selbst und nicht etwa auf einen Umschlag als Zeugen des letzten Willens 
unterschreiben. 

Kann der blinde Erblasser nicht einmal seinen Namen 
schreiben, so muß er gemäß § 580 a. b. G.-B. nebst Beobachtung der 
in den §§ 579 und 581 a. b. G.-B. vorgeschriebenen Förmlichkeiten an- 
statt der Unterschrift sein Handzeichen und zwar in Gegenwart aller 
drei Zeugen eigenhändig beisetzen. Zur Erleichterung eines bleibenden 
Beweises, wer der Erblasser sei, ist es auch vorsichtig, daß einer der 
Zeugen den Namen des Erblassers als Namensunterfertiger beisetzt. Der 
Schreiber des letzten Willens kann in allen Fällen zugleich Zeuge sein. 
Blinde können gemäß § 591 a. b. G.-B. in letzten Anordnungen nicht 
Zeugen sein. Würden daher zur Errichtung eines letzten Willens zwei 
fähige Zeugen und ein Blinder als Schreiber und dritter Zeuge zuge- 
zogen w^erden, so wäre der letzte Wille ungiltig. Dagegen kann der 
Schreiber des letzten Willens, sofern er nicht zugleich Zeuge ist, blind 
sein; er wird die letztwillige Urkunde des Erblassers auch mittels 
Schreibmaschine herstellen dürfen, da bezüglich der durch eine andere, 
vom Erblasser verschiedene, Person verfaßten letztwilligen Anordnungen 
nicht das Erfordernis der handschriftlichen Herstellung im engeren Sinne 



8. Nummer. Zeitschrift für das österreichische BUndenwesen. Seite 347 

des Wortes aufgestellt ist (Entscheidung des Obersten Gerichtshofes 
vom 30. April 1912, Rv. I 369/12, Mitteilung im J.-M.-V.-Bl. S. 228/1912). 

c) Vor Gericht kann der blinde Erblasser, wie jeder andere, 
schriftlich oder mündlich testieren. Die Vorschrilten, die für das Gericht 
in den §§ 587—590 a. b. G.-B. aufgestellt wurden, sollen hier nicht er- 
örtert werden, weil sie nichts besonderes für die letztwilligen An- 
ordnungen Blinder enthalten. 

d) Letztwillige Anordnungen Blinde rvoreinemNotar. 
§ 72 Notariatsordnung: Ist der Erblasser blind, so müssen auch in 
diesem Falle die in § 59 Notariatsordnung gegebenen Vorschriften 
beobachtet werden, nämlich § 59: »Bei der Aufnahme eines Notariats- 
aktes mit einem Blinden müssen die Aktszeugen sowohl bei der Er- 
klärung der Partei über die in den Akt aufzunehmenden Bestimmungen, 
als auch bei der Vorlesung des Aktes seinem ganzen Inhahe nach und 
bei der Einwilligung und Unterzeichnung von Seite der Partei gegen- 
wärtig sein. Daß dies geschehen, muß in dem Akte ausdrücklich ange- 
führt werden«. Notwendig sind auch hier 2 Aktszeugen (§ 56 Notariats- 
ordnung); ein Blinder wird nicht Aktszeuge sein können (§ 57 Notariats- 
ordnung). 

3. Im gerichtlichen Verfahren kommt den Blinden, insoferne 
sie handlungsfähig sind, im Zivilprozeßverfahren (Streitverfahren) 
auch die Prozeßfähigkeit zu; sie können, insoweit nicht der Anwaltszwang 
im allgemeinen besteht, vor Gericht ohne Vertreter klagen und geklagt 
werden. 

Dagegen werden Blinde im Streitverfahren nur in beschränktem 
Maße als Zeugen vernommen werden dürfen, da § 320 Zivilprozeßord- 
nung vorschreibt: P. 1.: »Als Zeugen dürfen nicht vernommen werden 
Pers*onen, die zur Mitteilung ihrer Wahrnehmungen unfähig sind oder 
die zur Zeit, auf welche sich ihre Aussage beziehen soll, zur Wahr- 
nehmung der zu beweisenden Tatsachen unfähig waren.« Mit Rücksicht 
auf diese Bestimmung werden Blinde auch nur in beschränkter Weise 
als Parteien zum Zwecke der Beweisführung vernommen werden dürfen, 
weil gemäß § 380 Z.-P.-O. die Bestimmungen über den Beweis durch 
Zeugen auch auf die Vernehmung der Parteien zum Zwecke der Beweis- 
führung Anwendung zu finden haben. 

In gleicher Weise ist im Strafverfahren die Vernehmung und 
Beeidigung blinder Zeugen eingeschränkt: § 151 P. 3 Strafprozeßordnung: 
»Als Zeugen dürfen bei sonstiger Nichtigkeit ihrer Aussagen nicht ver- 
nommen werden: Personen, die zur Zeit, in der sie das Zeugnis ablegen 
sollen, wegen ihrer Leibes- oder Gemütsbeschaffenheit außer Stande 
sind, die Wahrheit anzugeben« (z. B. bei dem Indentitätsbeweise). 
§ 170 St.-P.-O.: »Folgende Personen dürfen bei sonstiger Nichtigkeit 
des Eides nicht beeidet werden, P. 5: welche an einer erheblichen 
Schwäche des Wahrnehmungs- und Erinnerungsvermögens leiden.« 

Bezüglich der im deutschen Reiche und in anderen Ländern 
freltenden Bestimmungen verweisen wir auf das eben erschienene aus- 
gezeichnete Werk »Rechtliche Fürsorge für die von Jugend 
an körperlich Gebrechlichen« von Dr. K. Schwarz, Verlag: 
Duncker & Humblot, München und Leipzig, das wir in der nächsten 
Nummer ausführlich besprechen werden. 



Seite 348. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 8. Nummer. 

Zum Problem der Krjegsblindenfürsorge. 

Kaiserlicher Rat, Direktor Franz Pawlik, Brunn. 

/^Haben auch nicht umsonst Brot genommen von 
jemand, sondern mit Arbeit und Mühe, Tag und Nacht 
haben wir gewirkt, daß wir nicht jemand unter Euch 
beschwerHch wären.« IL Thess. 3, 8. 

Das Thema, wie man unsere geblendeten Krieger wieder in den 
Kreis wirkender Kräfte zurückführen könne, wurde schon vielfach erörtert. 
Doch kann es nicht nutzlos sein, wenn man dasselbe immer noch weiter 
in Erwägung zieht. In den Wirrnissen der Kämpfe der Gegenwart mit 
allen ihren Abstufungen und Erscheinungen bleibt naturgemäß dem 
großen Kreise der Gesellschaft wenig Zeit übrig sich mit Ruhe, ein- 
dringlicher Beharrlichkeit und nachhaltig in den Dienst des Unglücks 
zu stellen und so eine der dringendsten Pflichten der Menschheit zu 
erfüllen. Es können nur Einzelne sein, die mit Verständnis und Liebe 
für das Wohl der Unglücklichen einzutreten vermögen und die sollen 
gehört werden. Alle Gebiete des großen Kriegs-Leidenfeldes liefern eine 
liolie, wichtige Aufgabe für die Lösung der Hilfsprobleme ; aber das 
Gebiet der Kriegsblindheit erheischt in seiner erschütternden Art ent- 
schieden die ausdauerndste Tätigkeit und Mithilfe des Menschenfreundes. 
Hier mit ausgiebiger, rationeller Hilfe einzusetzen ist nicht nur Bedürfnis, 
sondern auch Gebot. Der Ruf unserer Blindenpädagogen und Blinden- 
freunde wies bereits der ergreifenden Hilfstätigkeit die richtigen Wege ; 
es erging auch von maßgebenden Stellen der Ruf an die Bevölkerung, 
durch Beiträge das finanzielle Rückgrat der Hilfsaktion sicherzustellen. 
Und erfreulich wachsen in allen Ländern der Monarchie die Summen, 
die zu Gunsten der ärmsten Kriegsblinden verwendet werden, zu gewaltigen 
Dämmen, an denen sich die furchtbaren Unglückswogen brechen sollen. 

Es handelt sich jedoch darum, welche Wege einzuschlagen sind, 
wie die Frage der Rehabilitierung der Betroffenen am zweckmäßigsten 
zu lösen wäre, um voraussichtlich zu einem befriedigenden Ziele zu gelangen. 

Nach vollzogener theiapeutischen Behandlung der Augenverletzungen 
in den Spitälern ist es eine selbstverständliche Sache, die Kriegsblinden 
den Blindenanstalten, — ob Erziehungsanstalten oder Arbeitsanstalten im 
engeren Sinne ist einerlei — zur Ausbildung anheimzustellen, wo an 
erster Stelle mit der psychopathologischen Behandlung der Leidenden 
einzusetzen wäre. 

Es gilt den gebrochenen Lebensmut zu heben, das seelische Rück- 
grat aufzurichten, den Willen zu stählen und die Perspektive der Zukunft 
den Kranken lichtvoller zu gestalten. Wenn auch jeder gute Mensch 
und Menschenfreund Trost zu spenden vermag, so wird der Blinden- 
pädagoge, der in der Führung der Blinden erfahrene Blindenfreund, 
doch den eigenartigen Weg besser und eindrucksvoller zu betreten in 
der Lage sein. Mit diesen Bestrebungen wird die Anleitung und Unter- 
weisung behufs Aneignung der Blindenschrift und des Lesens derselben, 
die Bekanntmachung mit manchen dem Unterrichte dienenden Spezial- 
apparaten Hand in Hand gehen. 

Die Pflege der Musik kann in manchen Fällen bei vorhandenen 
Fähigkeiten und Neigungen soweit sich dies vom Erfahrungsstandpunkte 



8. Nummer. Zeitschrift für das österreichische BHndenwesen. Seite 349. 

rechtfertigen läßt, eine willkommene Stütze zur Aufrichtung des Leidenden 
bieten. Das Hauptaugenmerk wird nach Ablaut des Vorbereitungsstadiums 
jedoch dem für's Leben praktischen Teile, der Erwerbsfähigmachung, 
zugewendet werden müssen. 

Ein rasches, flüchtiges, oberflächliches Präparieren für einen Erwerb- 
zweig könnte nicht als hinreichende Fürsorge angesehen werden. Es soll 
den Kriegsblinden Gelegeheit geboten werden, das Gewerbe so gründlich 
als möglich zu erlernen und mit allen Wissenswerten so ausgestattet 
zu sein, daß man mit einiger Sicherheit aut das künftige Gedeihen 
des Betreffenden schließen könnte. Unser Invalid soll ja in praxi et de 
jure als fertiger Meister da stehen. Die Haltung von Lehrlingen und 
Gehilfen soll ihm ermöglicht und in späterer Entwicklung seinem Unter- 
nehmen eine Erweiterung und wirtschaftliche Festigung gewährleistet 
werden. Zu diesem Zwecke müßte die dermal gesetzlich normierte mehr- 
jährige Ausbildungsdauer als Lehrling und Gehilfe eingehalten werden. 
>Mit Arbeit und Mühe, Tag und Nacht haben wir gewirkt, daß wir 
nicht jemand unter Euch beschwerlich wären !-< 

Gewiß kann diese für junge Menschen in normalen Zeiten be- 
rechnete Dauer für einen älteren Unglücklichen, der mit allen Fasern 
die Wiedereinreihung unter schaffende Kräfte ersehnt, eventuell zu einem 
pualvollen Martjn'ium werden ; doch dürfte, so lange das Ministerium 
nicht Ausnahmseinrichtungen schafft, eine willkürliche Verkürzung dieser 
Zeit als Beeinträchtigung der wirtschafdichen Kraft des blinden Kriegers 
nicht im Interesse der Sache liegen. Aber nicht allein die Überwindung 
aller Schwierigkeiten in der manuellen Fertigkeit kann als richtung- 
gebendes Moment gelten ; der beste und kunstfertigste Handwerker 
wird heute vergeblich den Kampf mit der Konkurrenz aufnehmen, wenn 
er nicht auch einen gewissen Grad Bildung, namentlich kaufmännischer 
Bildung, besitzt. Gerade dieses ist eine zwingende Notwendigkeit unserer 
Zeit. Es werden nicht alle Kriegsblinden von Haus aus über ein not- 
wendiges Maß von Bildung verfügen ; und wenn auch, Lücken werden 
sich immer vorfinden. Ein Angliedern einer teilweisen höheren Schul- 
bildung, etwa eines Fortbildungsunterrichtes an die gewerbliche Aus- 
bildung würde gewiß vom großen Nutzen für die blinden Krieger- 
Gewerbsleute sein. Ein Geschält mag noch so klein, die Arbeitslust 
noch so groß sein, eine ausgiebige gewerbliche Bildung ist heutigentags 
nicht zu entbehren. Aus diesem Grunde wird die technische Ausbildung 
der Kriegsblinden mit der Hebung ihres geistigen Niveaus Hand in 
Hand gehen müssen. »Das Wissen ist Liebe und Licht und das Sehen«, 
sagt Helene Keller. Dies spräche entschieden gegen eine zu rasche 
Absolvierung der Ausbildungszeit. Unseren Kriegblinden wollen wir eine 
Befriedigung atmende Zukunft sichern und das erfordert eine jahrelange 
Ausbildungszeit ; sie sollen in jeder Richtung tüchtige Handwerker werden, 
die trotz des im Kampfe für Vaterlands Größe gebrachten schweren 
Opfers auf gesunder Grundlage fußend, mit Freuden alle die Mühselig- 
keiten des neuen Existenzkampfes gerne auf sich nehmen. Es ist menschlich, 
daß sich diese Menschen unaussprechlich nach der Heimat sehnen ; aber 
die neue Lebensbedingungen spendende Ausbildungsanstalt müßte in 
dieser Hinsicht unnachsichtlich auf dem richtigen und vernünftigen 
Standpunkte bestehen. 



Seite 350. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 8. Nummer. 

Welche Gewerbe und wie weit auch das Klavierstimmen oder gar 
der Unterricht in der Musik bei den Kriegsblinden zu berücksichtigen 
wären, muß der Beurteilung der individuellen Eignungsfähigkeit über- 
lassen werden. Das Blatt »Guerre Sociale« verlangt dringend für Frank- 
ein Gesetz, das den erblindeten Soldaten zwei Berufszweige reservieren 
würde, nämlich den Telelondienst und die Stellen der Masseure in den 
öffentlichen Spitälern, Die private Wohltätigkeit müsse hier ausgeschloßen 
werden, da die Erfahrung beweist, wie elend die Lage der Blinden in 
den bisher üblichen Blindenberufen, wie Klavierstimmer, Korbflechter, 
Bürstenmacher usw. intolge der Engherzigkeit der Bevölkerung sei. 

Unserer Ansicht nach ist dies eine ganz unzutreffende Aburteilung 
der Blinden-Ausbildungslähigkeit der Blindenanstalten. Der erstere 
Vorschlag wäre wohl diskutabel und könnte unseres Erachtens auch in 
Österreich von Staats wegen in dieser Hinsicht gerade für die Kriegs- 
blinden etwas vorgesorgt werden. Doch die Behauptung im Nachsatze 
ist vollständig unzutreffend und widerspricht unseren erfreulichen Tat- 
sachen und Erfahrungen. Unsere Blindenanstalten sind gewiß einer ganz 
anderen Überzeugung. Bekannt ist jenes Wort, daß der Dichter das 
deutsche Volk da zu suchen habe, wo es in seiner Tüchtigkeit zu finden 
ist, nämlich in seiner Arbeit. Von allen Ständen darf der Handwerker- 
stand diesen Ausspruch auch besonders auf sich mit beziehen. Und 
gerade dies paßt auch vollinhaltlich auf unsere Blindenhandwerker. 
Tüchtig und wohlausgerüstet müssen sie da stehen und das Andere 
wird sich schon finden. 

Jede Blindenanstalt wird Beweise liefern können, daß auch der 
blinde Handwerker, wenn seine Ausbildung eine nach allen Richtungen 
sorgfältige und gründliche war und, wie dies ja allgemein geschieht, 
eine weitere Förderung seitens der Anstalt stattfindet, gut, ja sehr gut 
gedeiht und ein befriedigendes Auskommen und dabei innere seelische 
Zufriedenheit mit seinem Los und Leben findet. Seine freiheitliche Ent- 
wicklung ist dabei die Hauptsache. Für jenen kleinen Prozentsatz der 
fürs freie Leben Mindertauglichen, weiß jede Mutteranstalt noch Mittel 
und Wege, um sie in den sicheren, schirmenden Hafen der modernen 
Blindenfürsorge zu bringen. 

Wir sind überzeugt, daß bei den vielen, wirklich ausnehmend 
liebevollen Vorkehrungen, die im Interesse der Kriegsblinden überall 
in herzerhebender Weise getroffen werden, sich mit der heilenden Zeit 
Gedanken des Friedens und der Hoffnung in die Herzen dieser Schütz- 
linge senken und Bitterkeit und Unmut darin keinen Boden finden 
werden. Sie werden zufrieden sein mit ilirem Los und ihr Denken wird 
sich mit Zuversicht dorthin richten, von wo ihnen aller Segen kam, von 
wo sie auch alle Kraft empfingen, ihre Sorgen zu tragen. Sie werden 
zur Überzeugung gelangen, daß die Kette von Glück und Verdienst, 
wenn sie auch in manchen Fällen unterbrochen schien, denn doch eine 
so festgefügte ist, daß der Tüchtige den Anker der Hoffnung vertrauensvoll 
an ihre Glieder knüpfen kann. Und diese Stimmung des Friedens, den 
das Leben unserer kriegsblinden Schützlinge atmen wird, soll dann der 
schönste Lohn für alle Menschenfreunde sein, die zur Ermöglichung des 
schweren Werkes der Aussöhnung mit dem Schicksal und der Beglückung 
unserer tapferen Helden beigetragen haben. 



8. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Bhndenwesen. Seite 351. 

Österreichs Anteil an der deutschen Fach- 
literatur des Blindenwesens. 1802—1914. 

Direktor K. Bürklen, Purkersdorf. 
(Fortsetzuncf.) 
Heller Hermann, Verfasser des biographischen Lexikons »Mährens 
Männer der Gegenwart«. 
Ein Wohltäter der Ärmsten. Leben und Wirken des Grafen Wladimir Mittrowsky. 
Brunn 1892. Selbstverlag. 
Heller, Dr. Theodor, Direktor der Privat-Erziehungsanstal für nervöse 
und geistig abnorme Kinder in Wien. 
Studien zur Blindenpsychologie. 1895. Neuausgabe 1904. Leipzig. Engelmann. 
Offenes Rntwortschreiben zu Dr. Th. Hellers Studien zur Bhndenpsychologie. 
Blindenfreund XXV. Düren 1905. 
Heller Simon, Direktor des Isr. Blindeninstitutes in Wien. 

Das Prinzip de: Unmittelbarkeit in der Blindenschule. Vortrag. II. Blindenlehrer- 
Kongreß, Dresden 1876. Bericht. 
Der Gedankenausdruck in der Blindenschule. Blindenfreund 1. Düren 1881. 
Die Blindenbildung in ihrer Beziehung zum Leben. Vortrag. IV. Bhndenlehrer- 

Kongreß, Frankfurt 1882. Bericht. 
Die Rede in der Blindenschule. Blindenfreund, II. Düren 1882. 
Psychologische Fragen. Blindenfreund, II. Düren 1882. 

Das Modellieren und Zeichnen in der Blindenschule, ßlmdenfreund, IV. und 
V. Düren 1884 und 1885. In Buchform: Hannover 1890. Verem zur Forderung 
der Blindenbildung. 
Das Prinzig der Wechselwirkung in der Blindenschule. Vortrag. V. Blmden- 

lehrer-Kongrcß, Amsterdam 1885. Bericht. 
Die Psychologische Grundlegung in der Blindenpädagogik. Vortrag. Vi. 

Blindenlehrer-Kongreß, Köln 1888. Bericht. 
Die Blindenpädagogik an den Lehrerbildungsanstalten. Vortrag. Ost. Bhnden- 
Ichrer-Kongreß, Linz 1890. Bericht. „ ... , ,on-. 

System der Blindenpädagogik. Vortrag. VII. Blindenlehrer-Kongreß, Kiel 1891. 

Bericht. ^ . , , at u 

Die Blindenbildung und ihre Bedeutung für die Erziehung des Menschen- 
geschlechtes. Blindenfreund, XII. Düren 1892. , , ,^ n 
Die Bildungselemente der Blinden, Vortrag. VIII. Blindenlehrer-Kongreß, 

München l895. Bericht. ^^^ ^,. , , , 

Heilpädagogische Momente der Blindenbildung. Vortag. IX. Blindenlehrer- 
Kongreß, StegUtz-Berlin 1898. Bericht. .^ „,. , , , 

Das Bewußtsein als Faktor der Blindenbildung. Vortrag. X. Blindenlehrer- 
Kongreß, Breslau 1901. Bericht. 

Entwicklungsphänomene im Seelenleben der Blinden und ihre Konsequenzen 
für die Blindenbildung. Vortrag. XI. Blindenlehrer-Kongreß, Halle a, S. 19U4. 
Bericht. ,. ,,,. 

Erfolge der pädagogischen Sehübungen bei Sehstörungen. Vortrag. Berlin-Wien 
1906. Urban und Schwarzenberg. 

Die Qualifikationsnachweisungen an den Bildungsmitteln der Blindenschule. 
Vortrag. XII. Blindenlehrer-Kongreß, Hamburg 1907. Bericht. 

Zur Einführung in die Lehre vom Tasten. Blindentreund, XXIX. Düren 1909. 

Die soziale Stellung der Blinden. Vortrag. IV. öst. Blindenfürsorgetag, Brunn 
1909. Bericht. 

Die sittliche Erziehung der Blinden. Blindenfreund, XXIX. Düren 1909. 

Die flkkomodationsfähigkeit der Blinden in ihrer Bedeutung für das Leben. 
Vortrag. VIII. Blindenlehrer-Kongreß, Wien 1910. Bericht. vvix' 

Prophylaktische Maßnahmen für später Erblindete. Blindenfreund, XXIX 

Düren 1911. ,,,. ,_,, r. • u,. 

Die Arbeit des Blinden. Vortrag. V. öst. Blindenfürsorgetag, Wien 1914. Bericht. 
Helletsgruber Anton, Direktor des Blindeninstitutes in Linz. 

Maria Theresia von Paradis. Biographie von L. A. Frankl. Linz 1876, Blinden- 
anstalt. 



Seite 352. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 8. Nummer. 

Organisation der österreichischen Blindenanstalten. Vortrag. Ost. BHnden- 
lehrer-Kongreß, Prag 1889. Bericht. 

Institutszwang. Bericht über das Privat-Blindeninstitut in Linz. Linz 1893. 

Fürsorge für die entlassenen ausgebildeten Zöglinge. Bericht über das Privat- 
Blindeninstitut in Linz. Linz 1893. 

Hitsdimann Friedrich, 

über die Prinzipien der Blindenpädagogik. Langensalza 1895. H. Beyer und 
Söhne. Pädagogisches Magazin, 69. Heft. 

Horvath, Auo^ust von, Obmann des I. öst. Blindenvereines in Wien. 
Zeitgemäße Blindenfürsorge in Österreich. Vortrag. Öst. Blindenfürsorgetag, 

Graz 1906. Bericht. 
Zrm Erwerbsleben der Blinden. Vortrag. IV. öst. Blindenfürsorgetag, Brunn 

1909. Bericht. 
I. öst. Blindenverein. Zeitschrift f. d. öst. Blindenwesen I. Wien 1914. 

Hübner Paul, Lehrer vom k. k. Taubstummeninstitut in Wien. 

Der Heilpädagog. Zeitschrift für Erziehung taubstummer, blinder, schwach- 
sinniger und besserungs bedürftiger Kinder. Wien I. 1871, II. 1872. Pichlers 
Witwe & Sohn. 
Jerusalem, Dr. Wilhelm, Universitätsprofessor in Wien. 
Laura Bridgman. »Vom Fels zum Meer.« 1889. 
Laura Bridgman. Neue freie Presse. Wien 22. August 1889. 
Laura Bridgman. Erziehung einer Taubstumm-Blinden. Eine psychologische 

Studie. Wien 1890. A. Pichlers Witwe & Sohn. 
Laura Bridgman. Blindenfreund, X. Düren 1890. 
Helene Keller. Neue Freie Presse. Wien 23. Juli 1894. 

Selbstbiographie einer taubstummen Blinden. Blindenfreund, XIV. Düren 1894. 
Marie Heurtin. Erziehung einer Blind- und Taubgeborenen. Öst. Rundschau III. 

Nr. 33 und 36. Wien 1901. 
Laura Bridgman. Artikel im Handbuch. Wien 1900. 

Juräsek Gabriel, Klavierstimmer in Laibach. 

Der Blinde als Klavierstimmer. Vortrag. IV. öst. Blindenfürsorgetag. Brunn 
1909. Bericht. 
Kaltner Eduard, Lehrer am k. k. Blindeninstitut in Wien. 

Der Blinden- und Taubstummenunterricht. Teilbericht der Gruppe XXIV 
der Wiener Weltausstellung 1873. Wien 1873. 

Kerschbaumer, Dr. F., Augenarzt in Salzburg:. 

Die Blinden des Herzogtums Salzburg nebst Bemerkungen über die Ver- 
breitung und die Ursachen der Blindheit im allgemeinen. Wiesbaden, 1886. 

Kindermann K. 

Was kann der Lehrer für ein blindes Kind tun? Reichenberg 1890. 

Klar Alfred. 

Hieronimus Lorm. Gedenkblatt in »Bohemia«. Prag 1901. 

Klar Alois Paul, Direktor der Klar'schen Blindenanstalt in Prag. 

Nekrolog des Prokop Ritter von Pletzer und Wohnsiedl. Prag 1826. 

Denkwürdigkeiten des Prager Privat-Institutes für arme blinde Kinder und 
Augenkranke. 1831 Prag. 

Staduten der Versorgungs- und Beschäftigungsanstalt für erwachsene Blinde 
in Böhmen. Prag 1833. 

Genügen Blindenerziehungshäuser dem obersten' Zwecke der Humanität r 
Organ der Taubstummen- und Blindenanstalten IV. Friedberg 1858. 

Warum sollen Blinden Erziehungsinstitute und Blinden-Versorgungsanstalten 
stets getrennt bleiben? Organ der Taubstummen- und Blindenanstalten. IV. 
Friedberg 1858. 

Versorgungsanstalten oder Fonds für Entlassene. Organ der Taubstummen- 
und Blindenanstalten. V. Friedberg 1859. 

Wie weit reichen gegenwärtig die auf dem Gebieted es Blindenversorgungs- 
wesens gemachten Erfahrungen ? Organ der Taubstummen- und Blinden- 
anstalten. VI. Friedberg 1860. (Fortsetzung folgt.) 



8. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 363. 

Das Kyriale in Punktdruck. 

Besprochen von Fachlehrer A. Krtsmäry, Purkersdorf. 
Im bekannten Punktdruckverlag Alexander Reuß, Strai3burg- 
Stockfeld i. E. ist vor kurzem das Kyriale in Punktdruck erschienen. 
Herr A. Reuß, der Herausgeber der Punktdruck-Monatsschrift »Die 
Musik-Rnndschau« hat mit d"iesem Buche die Reihe seiner interessanten 
Veröftentlichungen um ein wertvolles Stück bereichert. Der katholische 
blinde Organist und Kirchensänger wird ihm dafür besonderen Dank 
wissen, bedeutet doch für diesen das Werk einen unentbehrlichen 
Behelf in seiner beruflichen Wirksamkeit, 

Das Kyriale, oder O rdi n ari u m - Miss ae ist eine Sammlung 
gregorianischer Choralgesänge, wie sie seit fast anderthalb Jahr- 
tausenden in der kathoHschen Kirche beim Meßopfer Verwendung finden. 
Jeder Musiker, der sich im Choralgesang umgetan hat, weiß, wie 
schwer sich diese Melodien dem Gedächtnis einprägen und wie leicht 
sie wieder vergessen werden, ja fast scheint es ein Ding der Unmög- 
lichkeit, all diese hundert und aberhundert feingegliederten Tongruppen, 
die dem oberflächlichen Hörer so ähnlich klingen und die doch in 
ihren melodischen Wendungen und rhytmischen Bildungen so unendlich 
mannigfaltig unterschieden sind, in steter Gedächtnisbereitschaft zu 
haltenr Nur in langjähriger Beschäftigung mit dem gregorianischen 
Choral, nur durch tiefeindringendes Ergründen seiner Bildungsgesetze 
gelingt es in ernster, unermüdlicher Arbeit, sich den gregorianischen 
Choral als geistigen Besitz zu eigen zu machen. Das vorliegende Buch 
erleichtert und verkürzt diese Arbeit wesentlich. Der blinde Organist 
braucht jetzt seinen jeweiligen Bedarf nur dem Kyriale zu entnehmen, 
memoriert und harmonisiert die Melodien und ist auf diese Weise 
imstande, den gestellten Anforderungen zu genügen. — Noch einfacher 
liegt die Sache für den blinden Kirchensänger; ist er nur überhaupt 
im Choralgesang geschult, so macht es ihm gar keinerlei Schwierig- 
keiten, die Melodien ebensogut wie sein sehender Kollege glattweg 
vom Blatt zu singen. 

Das Punktdruck-Kyriale ist um 5 Mark durch den Verlag Alex. 
Reuß zu beziehen. Das Buch hat Groß-Format; der Wort- und Noten- 
text ist auf schönem Papier klar und deutlich gedruckt. Beim Wort- 
text kommt die Vollschrift zur Anwendung. Das Werk zerfällt in zwei 
Teile: eine Einleitung, 18 Seiten, und das eigentliche Kyriale 
samt lateinischem Index, 76 Seiten umfassend. Der vollständige Titel 
des Werkes lautet: Kyriale oder O r di n ari u m- Mi ssae (Meß- 
ordnung), nach der vatikanischen Ausgabe in den heutigen 
Notenzeichen übertragen von Dr. Fr. X. M athi as, Organist der Dom- 
kirche zu Straßburg. V. Auflage. Mit Genehmigung des hochwürdigen 
Ordinariats Regensburg. Regensburg. Rom. New- York und Cincinnati. 
Verlag von Friedrich Pustet, des heiligen apostolischen Stuhls und 
der heiligen Kongregation der Riten Typograph. 1908. In Pun^tdruck 
übertragen und mit deutschen Erläuterungen versehen von Alex. Reuß, 
Blindendruck-Verlag Straßburg i. E., Stockfeld 1915. Auf der Rück- 
seite des Titelblattes findet sich die Approbation der Schwarzdruck- 
Ausgabe, welche lautet: »Diese Ausgabe stimmt in allem mit der 
typischen vatikanischen Ausgabe überein, obwohl die moderne Noten- 



Seite 354. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 8. Nummer. 

Schrift angewandt wird. — Regensburg, 20. Februar 1908. — M. Hub er 
Generalvikar.« 

Die Einleitung des Buches beginnt mit einer kurzen Vorrede 
des Herausgebers der Schwarzdruck- Ausgabe, des Herrn Dr. Mathias, 
der darin die Grundsätze darlegt, die ihn bei der Bearbeitung des 
»Kyriale Roman um in modernem Gewände« geleitet haben. In den 
sich daranschließenden Vorbemerkungen zur Punktdruck-Ausgabe sagt 
Alex. Reuß: »Wir haben das vorliegende Kyriale wort- und noten- 
getreu aus der Schwarzdruckvorlage übertragen und glauben, die Dar- 
stellung auch dem Sinne gemäß so klar wiedergegeben zu haben, 
daß der Organist sich in ihr ohne Schwierigkeiten zurechtfinden wird. 
Die besonderen Zeichen der Punktdruck-Ausgabe sind unseres Er- 
achtens zur Wiedergabe des Schwarzdruckes völlig ausreichend.« Das 
ist im allgemeinen richtig; auch gilt es nur ganz wenige »besondere 
Punktschrift-Zeichen« zu merken. Sehr erwünscht wäre es aber, wenn 
die nicht jedem geläufigen Ausdrücke: Pressus, Quilisma u.a., sowie 
die Zeichen der Schwarzdruck-Ausgabe: Sternchen, Querstrich über 
den Noten u. a. eine wenigstens kurze Erklärung gefunden hätten. 

Volles Lob verdient das deutsche Inhaltsverzeichnis nebst An- 
merkungen; jenes entspricht dem Index am Ende des Buches und 
ermöglicht eine rasche und leichte Orientierung; diese stellen eine 
deutsche Gebrauchsanweisung der einzelnen Melodien dar. Gewiß, 
mancher der lateinischen Sprache unkundige Blinde wird eben für 
diese deutschen Erläuterungen dem Herausgeber dankbar sein. Eine 
Tabelle der Kürzungen und technischen Bezeichnungen und eine glück- 
licherweise schmal geratens Rubrik »Errata« vervollständigen den ein- 
leitenden Teil. 

Durchblättern wir nun noch flüchtig das Ordinarium-Missae. Da 
finden wir zunächst die Melodien zur Austeilung des Weihwassers 
»Asperges me« bezw. »Vidi aquam«. Den Hauptteil bilden die ver- 
schiedenen Messen mit Kyrie, Gloria, Sanctus, Agnus Dei und Ite 
missa est zu den Arten und Graden der kirchlichen Zeiten und Feste. 
Es sind im ganzen 18 verschieden graduierte Choral-Messen. Ihnen 
folgt die authentische Credo-Melodie, außer dieser noch drei 
weitere, im Laufe der Zeiten in Gebrauch gekommene Melodien zum 
Glaubensbekenntnis. Eine größere Anzahl von Kyrie-, Gloria-, Sanctus- 
und Agnus Dei-Melodien stehen je nach Art des Amtes oder dem 
Grad der Feierlichkeit noch außerdem zur Verfügung. 

Einen besonderen Abschnitt des Kyriale bilden die Choral- 
Melodien während des Totenamtes. Es folgen alsdann die allen Messen 
gemeinsamen Tö ne : die Melodien der Orationen, der Prophetien, der 
Epistel, des Evangeliums, der Praefationen etc. — den Beschluß des 
Kyriale bilden die Melodien des »Alleluja« während der österlichen 
Zeit in den acht Tönen, und zwar zum Introitus, zum Offertorium und 
zur Kommunion. 

Man sieht, ein reicher Inhalt! Und doch stellt das Kyriale nur 
den ersten Teil jener Sammlung gregorianischer Choralgesänge dar, 
deren zweiter und dritter Teil als Gradnale, bezw. Vesperale in 
absehbarer Zeit im gleichen Verlage in Punktdruck erscheinen werden. 
Zum Schlüsse noch eine Bitte an den rührigen Punktdruck-Heraus- 
geber, die Bitte um noch einen vierten Teil: eine allgemein ver- 



8. Nummer. Zeitschrift für das österreichische BHndenwesen. Seite 355. 

ständliche Schule des Choralgesangs. Diese hätte in erster Linie 
von der richtigen Ausführung des gregorianischen Chorals zu handeln, 
müßte aber auch das Wissenswerteste über die Choral-Notation und 
über die Kirchentöne enthalten und könnte endlich noch einige Be- 
merkungen über die geschichtliche Entwicklung und liturgische Be- 
deutung des gregorianischen Chorales bringen. Dieser Magister choralis 
bildete dann gleichsam den Komentar und Schlußstein der vorange- 
gangenen Choral bücher-Trilogie. 

Ein solches Gesamtwerk böte dem blinden Kirchenmusiker für 
seine berufliche Tätigkeit ein Rüstzeug von größtem Wert. Bewehrt 
mit diesem und im Besitz einer zweckentsprechend gediegenen, in der 
Blindenanstalt erworbenen kirchenmusikalisbhen Vorbildung, wäre der 
Blinde vorzüglich befähigt und vollkommen berechtigt, als vollgiltiger 
Bewerber um jeden Chorsänger-, Organisten-, ja selbst Chorregenten- 
Posten an hatholischen Kirchen in die Schranken zu treten. Es ist an 
dieser Stelle vielleicht nicht unangebracht, wieder einmal die kirch- 
lichen Behörden auf die Leistungsfähigkeit der Blinden im musikali- 
schen Kirchendienste nachdrücklich aufmerksam zu machen und 
daran die Bitte zu knüpfen, den befähigten Blinden, denen ja 
bis heute nur wenige Intelligenz-Berufe erschlossen sind, auf jenem 
Gebiete liebevolle Berücksichtigung angedeihen zu lassen, auf welchen 
sie durch Neigung und Begabung hingewiesen, anerkanntermaßen das 
Gleiche zu leisten imstande sind, wie ihre sehenden Mitbewerber. 

Dem Vollsinnigen wird der Kampf ums Dasein kaum je durch 
den Blinden erschwert, wohl aber ist das Gegenteil häufig der Fall ; 
in besonders rücksichtswürdigen Fällen müßte denn doch Wandel 
geschaffen werden, das wäre ein Gebot der Gerechtigkeit und — der 
Menschlichkeit ! 

Personalnac±»richten. 

Der Kaiser hat dem Landesschulinspektor Hofrat Dr. Karl F. 
Edler von Kummer in Wien aus Anlaß der von ihm erbetenen 
Versetzung in den dauernden Ruhestand das Komturkreuz des Franz- 
Josefsordens verliehen. Hofrat von Kummer hat während seiner Tätig- 
keit als Landesschulinspektor dem Blindenunterrichtswesen das größte 
Interesse entgegengebracht und noch im Vorjahre hatte sich die ihm 
unterstellte n. ö. Landes-Blindenanstalt in Purkersdorf seines Inspektions- 
besuches zu erfreuen. Mit Hofrat von Kummer scheidet eine der 
hervorragendsten Persönlichkeiten aus dem Schulleben Österreichs. Seine 
wissenschaftliche Bedeutung, sein tiefer Einblick in das Schulleben, sein 
vornehm edles Wesen, seine religiöse Überzeugung und patriotische 
Begeisterung haben ihn in den Reihen der Lehrer und Schulfreunde 
Verehrer geschaffen, die ihn jetzt nur mit Schmerz und Bedauern aus 
dem aktiven Dienste scheiden sehen. 

— Lehrer Martin Lehn er, welcher seit Beginn des Schuljahres 1914/15 aus- 
hilfsweise an der n. ö. Landcs-BHndenanstalt in Purkersdorf tätig war, wurde zur 
Dienstleistung der n. ö. Landes-Taubstummenanstalt in Wien XIX zugewiesen, nach 
dem dortigen Dienstantritt jedoch bei der Musterung als diensttauglich befunden 
und ist bereits als Einjährig-Freiwilliger eingerückt. 

flus den Anstalten. 

— K. k. Blinden -Er Ziehungs-Institut in Wien. Erzherzog Karl 
Stefan erschien abermals in diesem Institute, um die dort untergebrachten Re- 



Seite 356. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 8. Nummer. 

konvaleszenten, darunter 36 erbHndete Soldaten zu besuchen und zu beschenken. 
Jeden der Blinden sprach der Herr Erzherzog an und widmete jenen, die er noch 
nicht kannte, besondere Aufmerksamkeit. Er versprach, den schwergetroffenen 
Kriegern nach Kräften fürsorglich beizustehen und die von ihnen vorgebrachten 
Bitten nach Möglichkeit zu erfüllen. Schließlich übergab der Erzherzog dem Leiter 
der Kriegsblindenzentrale, Regierungsrat A. Meli, einen größeren Geldbetrag für 
die Blinden und stellte seinen neuerlichen Besuch in Aussicht. 

— Die n. ö. Landes-Blindenanstalt in Purkersdoif im Schuljahre 
1914/15. Diese Anstalt blieb Dank der tatkräftigen Förderung seitens des n. ö. 
Landesausschusses (LA. L. K u n schak) auch während der abgelaufenen schweren 
Kriegszeit eine Heim- und Zufluchtsstätte, ein wahres Vaterhaus für die blinden 
Kinder Niederösterreichs. Trotz mancher widrigen Verhältnisse wurde am 15. Sep- 
tember I9l4 der Anstalts- und Unterrichtsbetrieb bei einem erhöhten Stande von 
105 Zöglingen im vollen Umfange aufgenommen und nach allen Richtungen hin 
gesichert. Obwohl sechs Anstalsbedienstete unter die Fahnen gerufen wurden, nahm 
das Schuljahr einen ungestörten Verlauf und wurde mit einer Feier am 15. Juli 1. J. 
geschlossen. Der Unterricht wurde in fünf Schulklassen und zwei Fortbildungsklassen 
erteilt. Neben der beruflichen Ausbildung der älteren Zöglinge in Musik, Klavier- 
stimmen, Bürstenmacherei und Korbflechten bewährte sich die Neueinführung der 
Gärtnerei für schwachsichtige Zöglinge in den Berufsbildungsplan. Der Ernst der 
Zeit wirkte auf die Zöglinge vielfach erzieherisch. Die Notwendigkeit der Unter- 
ordnung, Genügsamkeit in der Lebensweise, Sinn für Körperpflege, patriotisches 
Empfinden, Vaterlandsliebe und Gottvertrauen traten ihnen klar vor Augen und 
wurden mit redlichem Willen geübt. Der Gesundheitszustand der Zöglinge war 
während des abgelaufenen Schuljahres ein außergewöhnlich guter. Die wenigen Fälle 
von vorübergehenden Erkrankungen Ijetrafen bereits belastete Zöglinge und besser- 
ten sich nach kurzer Zeit. An den »Unterstützungsfonds für entlassene unbemittelte 
Zöglinge« wurden im Kriegsjahr 1Q14 erhöhte Anforderungen gestellt. Es erhielten 
aus demselben 59 ehemalige Zöglinge monatliche Sustentationsbeiträge in der Ge- 
samtsumme von 5.415 K und 24 ehemalige Zöglinge einmalige Unterstützungen. 
Summe 638 K. 

Der von der Direktion ausgegebene Jahresbericht gibt ein übersichtliches 
Bild über die Tätigkeit in dieser größten Blindenerziehungsanstalt Niederösterreichs. 

— Schulabteilung für blinde Kinder in Wien XVI. Ferien- 
kolonie. Das unter dem Protektorate der Frau Baronin Anka Bienerth stehende 
Ferienkoloniekomitee teilt uns mit, daß der Leiter der Blindenabteilung Oberlehrer 
Rudolf L ehn er, am 19. d. eine größere Anzahl blinder und kränklicher Kinder 
zum Sommeraufenthalte nach dem reizenden Orte Gnadendorf bei Mistelbach geführt 
hat. Der dortige Bürgermeister J. Klampfl sorgte bereitwilligst für die Anweisung 
der nötigen Lebensmittel, und die Milchgenossenschaft stellte dank der Fürsprache 
des Ausschußmitgliedes E. Schuster ein leerstehendes Landhäuschen gegen ge- 
ringes Entgelt zur Verfügung. Zur Erleichterung der Ausspeisung, welche Frau Ober- 
lehrer Lehn er leiten wird, machte sich die Vorsteherin der Kochkistenaktion der 
Rohö, Frau Melanie Zaek, erbötig, dem Unternehmen eine größere Kochkiste 
beizustellen. Auch die Direktion der k. k. Staatseisenbahngesellschaft bewilligte sofort 
für diese Kolonie eine Regieanweisung Wien-Mistelbach und retour. Allen Gönnern 
und Wohltätern sei auf diesem Wege der heißeste Dank gezollt. 

— Tir-Vorarl. Blindeninstitut in Innsbruck. Das Schuljahr wurde 
in diehem Instutute am 8. Juni 1. J. geschlossen. Fünf Zöglinge bleiben über Sommer 
in der Anstalt ; vier davon haben ihre Heimat im Kriegsgebiete. 

flus den Vereinen. 

— I. Ost. Blindenverein in Wien VIII. Wie aus dem Rechenschafts- 
bericht über das Jahr 1914 zu entnehmen ist, zählt der Verein gegenwärtig 10 Ehren- 
mitglieder, 25 Gründer, 24 Stifter, 422 unterstützende Mitglieder, 274 blinde Mitglieder 
und zahlreiche Wohltäter und Freunde. Durch Aussendung von ßausteinurkunden, 
Künstlerkarten, Kalendern etc., war der Verein in der Lage, einerseits seinen zahl- 
reichen Blinden in ihrem jetzigen schweren Existenzkampfe, der durch den Rück- 
gang des wirtschaftlichen Lebens und durch die enorme Teuerung ein doppelt 
schwerer ist, durch Gewährung von Geldunterstützungen, Abgabe von Rohmaterialien, 
zu Hilfe zu kommen, andererseits der Erwerbung eines Vereinshauses näher zu 
treten. Die Produktivgenossenschatt blinder Handwerker, die wichtigste Schöpfung 
des Vereines, in deren Werkstätten 17 Blinde ununterbrochen Erwerb finden, und 



8. Nummer Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 357. 

welche unter den gegenwärtigen starken Preissteigerungen des Rohmateriales schwer 
zu leiden hat, bedurfte aueh in diesem Jahre der kräftigsten Unterstützung durch 
den Verein. Durch die Arbeitsvermittiungsstelle wurde in 289 Fällen an Klavier- 
stimmer, Musiker, Sesselflechter etc., Arbeit vergeben und 3378 Kronen 51 Heller 
an hilfsbedürftige Blinde teils in Geld, teils in Arbeitsmaterial verteilt. Viel An- 
klang und Interesse fand das vom Vereine in diesem Jahre zum erstenmale heraus- 
gegebene Organ »Die Vereinsmitteilungen«, welche viermal im Jahre in einer AuHage 
von 300 Exemplaren den Mitgliedern kostenlos zugehen. Die Blindenkrankenkasse 
leistete in 15 Fällen 447 Kronen 60 Heller Krankenunterstützungen und ist es dank 
der hochherzigen Spende eines Ungenannten, welcher dieser Kassa 1000 Kronen 
widmete, möglich, aus dem Zinsenerträgnisse dieser Spende weitere vier Freiplätzc, 
welche eine Befreiung von den Krankenkassenbeiträgen in sich schließen, für be- 
dürftige Mitglieder derselben zu schaffen. Der Verein, an dessen Spitze Obmann 
A. V. Horvath steht, besitzt ein Vermögen von 41.446 K. 

— Blindenheim-Verein in Melk, Der unter dem Protektorate I. k. u. k. 
Hoheit Erzherzogin Marie Valerie stehende Verein versendet seinen 19. Jahres- 
bericht, dem ein Nachruf von Direktor K. Bürklen »Was war Regieruni^srat 
P. H. Ulbrich den Blinden und der Blindensache ?« vorangestellt ist. An Stelle 
des Verewigten wurde in der Generalversammlung am 8. Juli 1. J. der bisherige 
Administrator Prof. F. Weber zur Leitung des vom Vereine gegründeten Mädchen- 
Blindenheimes berufen. Für Frau Gräfin Triangi trat Frau Emma Gräfin Mac 
Caftry als Präsidentin an die Spiltze des Damenkomitees. Das Heim beheibergte 
am Schlüsse des Jahres 1914 24 blinde Mädchen. Sechzehn Iiievon genoßen Landes- 
stipendiem, sieben wurden aus Vereinsmitteln erhalten, während für einen Zahl- 
ptlegling ein privater Kostenbeitrag geleistet wurde. Der durchschnittliche Erhaltungs- 
beitrag eines Pfleglings stellte sich für einen Tag auf 1 K 54 Heller (gegen 1 K 
52 i. J. 1913), der Verpflegsbeitrag auf 82 h (gegen 73 h im Vorjahre und gegen 
40 h zur Zeit der Eröffnung der Anstalt). Die Pfleglinge stellten sich namentlich 
durch ihre Handarbeit gern und eifrig in den Dienst der Kriegsfürsorge. Das Vereins- 
vermögen setzt sich aus Geldwerten in der Höhe von 245.469 K und Real- und 
Mobiliarbesitz von 166.871 K zusammen. In seiner mustergiltigen übersichtlichen 
und vornehmen Fassung bildet der ausgegebene Bericht eine würdige Fortsetzung 
der früher erschienenen. 

Für unsere Kriegsblinden. 

— Am 15. Juli fand im k. k. Bli ndeninstitut in Wien eine Vortrags- 
akademie für die erblindeten Soldaten statt, bei welcher in liebenswürdiger Weise 
die Damen: Grete D i e r k e s, Lea Gregor, Poldi Wilczek, die Herren: Fried- 
rich Becker, Rudolf K u m p a, Richard Waldemar, sämtlich Mitglieder des Carl- 
theaters in Wien ihre hohe Kunst in den Dienst der guten Sache stellten. Um das 
Arrangement machte sich Frl. Elli Dutzmann, ebenfalls Mitglied des Carltheaters, 
verdient. Die Klavierbegleitung hatte liebenswürdigst Herr Dr. Karl Fi gl über- 
nommen. Es war rührend zu sehen, wie die armen blinden Krieger sich an den 
überaus schönen Darbietungen erquickten. 

— Konzert des Wiener Männergesangsvereines in dern. ö. 
Landes-Blindenanstalt in Purkersdorf. Der 4. Juli 1915 war durch die 
Wehr schildweihe und das Konzert des Wiener Manne r gesang- 
vereines ein Ehrentag, wie ihn genannte Anstalt noch nicht sah und kaum mehr 
sehen dürfte. Die Anstalt mit ihrem prächtigen Park genoß nämlich die Ehre, für 
große Festlichkeiten zugunsten des Roten Kreuzes und erblindeter Soldaten einen 
entzückenden Rahmen abzugeben. Zu dem Konzerte, welches der Wiener Männer- 
gesangverein daselbst gab, hatten sich fast alle in Wien anwesenden Mitglieder 
des Vereines mit dem Vorstande Dr. H. Krückl und die beiden Chormeister 
V. Kehldorfer und K. Luze eingefunden. Auf dem Bahnhofe erwartet, wurden 
sie in die Blindenanstalt geleitet, wo zur Begrüßung der Zöglingschor das »Gott 
grüße dich« von Mücke sang. 

Die Festlichkeiten begannen mit der Weihe des Wehrschildes, welcher das 
Wappen von Purkersdorf und in der Umrahmung die Worte »Aus eiserner Zeit« 
und lorberbekränzte Schwerter zeigt. Nach dem Vortrage der patriotischen Lieder- 
reihe »Der Kaiser ruft« von K. Stiegler, gespielt vom Waldhornquartett gleichen 
Namens, sprach Fräulein A. Fraß einen stimmungsvollen Prolog. Bürgermeister 
Dr. H. H i 1 d begrüßte vorerst den Wiener Männergesangverein, welcher nach dem 
Besuche zur Einweihung der Schöffelwarte im Jahre 1869 heute zum zweitenmale 



Seite 358. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 1 . Nummer. 

In Purkersdorf erschienen sei, diesmal einem hohen edlen Zwecke dienend, der 
Mithilfe bei der Aufrichtung unserer im Kampfe verletzten Krieger. Den Wehrschild, 
dessen Erträgnis den Hinte:bliebenen der Gefallenen zufließt, übernahm er dankend 
in die Obhut der Gemeinde. Pfarrer K. D o c z k a 1 i k erläuterte ebenfalls den Zweck 
der Festlichkeit und nun sagte Herr Vorstand Dr. K r ü c k 1, wie sehr es den Verein 
freue, nach dem schönen Purkersdorf und in diese prächtige Anstalt gekommen zu 
sein, um mitzuhelfen an dem Liebeswerke für unsere tapferen ' Soldaten und ihre 
Hinterbliebenen. Er schloß mit dem Wunsche, Österreich möge wie der geweihte 
Wehrschild und der Wehrmann in seiner eisernen Rüstung hart werden, einer Welt 
von Feinden zum Trotz. Brausende Zurufe folgten diesen herzerquickenden Worten 
und nun wurden von den Rednern und den Ehrengästen die ersten die ersten Nägel 
in den Schild geschlagen, während der Zöglingschor eine Komposition von Musik- 
fachlehrer A. Krtsmäry »Deutschösterreichisches Bundeslied« vortrug. 

Das Konzert brachte ein auserlesenes Programm, wie »Zum Walde« von 
Her back, »Nachtgesang im Walde« von Schubert (beide Stücke mit Waldhorn- 
begleitung). »An Österreich« von Kehldorfer, »Die Tiroler Nachtwache« von 
Heuberger, »Abschied hat der Tag genommen« von Neßler, »Wenn zwei sich 
gut sind« von Kremser und eine Anzahl von patriotischen Liedern, lauter Stücke, 
die eine zündende Wirkung auf die Zuhörer ausübten. Das Hornquintett Stiegler 
trug in gewohnter meisterhafter Weise Stücke von Abt, Richter und Schu- 
mann vor. 

Es läßt sich schwer der Eindruck schildern, welchen der seltene Besuch 
dieses so vornehmen und weltbekannten Vereines auf das" Publikum, das sich aus 
den besten Kreisen von Purkersdorf und Umgebung, aus verwundeten Soldaten und 
blinden Kindern zusammensetzte, hervorbrachte. Das herrliche Wetter, der im 
Sommerglanz leuchtende Park erhöhten neben den Darbietungen die feierliche 
Stimmung so sehr, daß sich Herzen und Hände öffneten und sich ein über alles 
Erwarten günstiges Erträgnis des Festes ergab. Außer den Vertretern der Regierung, 
Bezirkshauptmann kais. Rat W immer, der Gemeinde und vieler Vereine war die 
Zahl der Festgäste eine so große, daß sie nicht namentlich angeführt werden können. 
Außer der rührigen Arbeit des Komitees, zu weichem auch die meisten Mitglieder 
des Lehrkörpers gehörten, wurde besonders der Tätigkeit des Anstaltsdirektors 
K. Bürklen gedacht, dem wohl der Hauptteil am Gelingen dieses für Purkersdorf 
unvergeßlichen Festes zuzuschreiben ist. 

— Die Spendensammlung der »Neuen Presse« zugunsten im Felde 
erblindeter Angehöriger des Heeres nähert sich der halben Million. Sie beträgt 
Ende Juh 1. J. 470.000 K. 

— Hochherzige Spende. Ein ungenannt sein wollender Wohltäter hat dem 
k. u. k. Kriegsministerium 25.000 Kronen zur Verfügung gestellt mit der Bitte, den Betrag 
zugunsten im Kriege erblindeter und solcher Soldaten zu verwenden, welche zwei 
oder mehrere Gliedmaßen verloren haben. 

Das Auge. 

Valeska C us i g. 
Aus Licht geformt, Und schaut voll Demut 

Aus Licht geboren — In schweigender Nacht 

Aus Sonnenflammen Des Sternenglühens 

Zum Schauen erkoren — Zauberpracht! 

Trinkt es voll Lust In Jubel erzitternd. 

Des Himmels Blau, Daß alles ich seh' — 

Umkost' in Wonne Erfühl' ich bebend 

Die blühende Au Das tiefe Weh 

Der Brüder ; denen im Schlachtendrang 

Des Auges Helle in Nacht versank — 

Sie gaben das Licht für das Vaterland — — — 

Das Schicksal nahm es als heilig Pfand ! 

O Heimat, sorge, daß himmlisch Geleucht 

Von unermessener Liebesnacht 

Die Seelen der Helden strahlend durchglüh', 

Und ihnen erhelle die irdische Nacht — — — 

»Für alle Welt«. 

Herausgeber: Zentralverein für das österreichische Blindenwesen in Wien. Redaktionskomitee: K. Bürklen, 
J. Kneis, A. v. Horvath, F. Uhl. — nruck von Adolf Englisch, Purkersdorf bei Wien. 




2. Jahrgang. Wien, September 1915. 9. Numnner. 



I Leeres Mitleid und Bedauern J 

8 Hilft und stärkt den Blinden nicht. ^ 

Ig S' 

^ Gib ihm Können und Vertrauen, ^ 

I Bringe ihm durch Arbeit Licht! J 

i K. B. ^ 

Weidengärten bei Blindenanstalten. 

Empfiehlt sich die Anlage von Weidengärten bei Blindenanstalten, 
die Korbflechter ausbilden? Wie haben sich diesbezügliche Versuche 
bewährt.^ Welche Vorbedingungen sind für eine derartige Anlage er- 
forderlich.? Wie werden Weidengärten angelegt und betrieben.?" 

Diese Fragen sind schon öfters gestellt, zusammenfassend jedoch 
noch nicht beantwortet worden. Die Zweckmäßigkeit einer Weidenanlage 
in Verbindung mit der Korbflechterei in einer Blindenanstalt ist eine 
klar in die Augen springende. Wenigstens sollte ein Versuchsbeet dieser 
Art in jeder Anstalt vorhanden sein, denn der Korbflechterlehrling muß 
vom Anbau und der Erzielung des wichtigsten Materials, der Korbweide, 
das Wissenswerteste aus eigener Anschauung kennen lernen. Wo es 
nur irgendwie möglich ist, soll man es jedoch bei einem Lehrbeet nicht 
bewenden lassen, sondern an die Anlage einer größeren Kultur gehen. 
Vor allem wieder den ersten Zweck, die Unterweisung der Lehrlinge, 
vor Augen, von denen manche später auf dem Lande ihren Beruf aus- 
üben und vielleicht selbst Gelegenheit zum Weidenbau finden können. 
Aber auch aus rein praktischen Gründen. In den Korbflechtereien der 
Blindenanstalten wird heute fast nur mehr ^mit geschälter Weide ge- 
arbeitet. Das teure Material muß auch den Anfängern in die Hände 
gegeben werden. Wieviel geht dabei nicht zu Grunde! Oder man spart 
an dem Material und der Lehrling findet nicht die notwendige Arbeits- 
gelegenheit. Für jeden Fall ist die grüne Weide ein weitaus billigeres 
Material für die erste Lehrzeit als die geschälte, und daher für diesen 
Zweck besonders zu empfehlen. Waren aus grüner Weide werfen aller- 
dings einen geringeren Gewinn ab, als die aus geschälter Weide, und 



Seite 364. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 9. Nummer. 

mitunter ist der Absatz grüner Ware nicht leicht. Vielfach ist es aber 
auch umgekehrt, eben von den örtlichen Verhältnissen abhängig. Aber 
die grüne Weide läßt sich ja schälen und wo dies gesciiieht, bringt die 
Erlernung dieses Herrichtens des Materials für die Lehrlinge neue An- 
regung und neuen Gewinn. Soweit die Möglichkeit geboten ist, 
sollte also bei jeder Blindenanstalt mit Korbflechterei 
ein Weidengarten vorhanden sein oder eine solche Anlage 
in Angriff genommen werden. 

Ein lehrreiches Beispiel für die Verwirklichung dieser Forderung 
bietet der Weidengarten bei der n.ö. Landes-Blindenanstalt in Purkers- 
dorf, welches Institut in nächster Nähe eine bis vor wenigen Jahren 
verpachtete Bergwiese besitzt. Mehrmals sollen auf derselben Versuche 
zum Weidenbau gemacht worden — und mißlungen sein. Ein von der 
k. k. Lehr- und Versuchsanstalt für Korbflechterei in Wien eingeholtes 
Gutachten lautete jedoch günstig und so wurde denn vor vier Jahren 
der Anfang mit einem Versuchsbeete gemacht. Von den fünf gepflanzten 
Weidensorten, für die die genannte Anstalt in bereitwilligster Weise 
und kostenlos die Stecklinge zur Verfügung stellte, bewährten sich be- 
sonders zwei Sorten (Salia purpurea glauka und Salia rubra), die nun 
in größerem Ausmaße angepflanzt wurden, und zwar sollten jährlich 
ungefähr 500 m- bepflanzt werden. Die gegenwärtig über 1000 m- große 
Anlage lieferte bisher an 2000 kg grünen Ruten, im letzten Jahre über 
1000 kg, bei einer Neuanlage sicher ein gutes Ergebnis, das sich in den 
nächsten Jahren, wo die Weidenstöcke ihre volle Ertragsfähigkeit er- 
langen werden, bedeutend erhöhen dürfte. Die Arbeiten in dieser An- 
lage wurden, abgesehen von der ersten Anlage, bei der die Zeit drängte, 
von den Korbflechterlehrlingen und dem Werkmeister geleistet. Als 
wertvoll erwies sich hiebei, daß fast alle Lehrlinge noch über größere 
oder geringere Sehreste verfügten; als hemmendes Moment zeigte sich 
jedoch die Abneigung der Blinden gegen schwerere körperliche Arbeit 
im Freien. Abgesehen von diesem mit der Zeit zu überwindenden 
Hindernis erwies sich die Anlage als durchaus vorteilhaft und der Ver- 
such kann als vollkommen gelungen bezeichnet werden. 

Vorbedingung für die Anlage eines Weidengartens ist ein geeig- 
netes Grundstück in der Nähe der Anstalt. Da die Bebauung und Pflege 
durch die Korbflechter geschehen soll, genügt ein Grundstück von 
mäßiger Größe. Außer nassen Niederungs- und Torfboden eignen sich 
die meisten Böden zum Anbau der Weide. Besonders zu empfehlen ist 
sandiger Lehmboden mit mäßiger Feuchtigkeit, nicht unter 50 cm tief. 
Doch gedeiht die Weide auch an Orten (Flußufern, verlassenen Weihern 
usw.) die zu anderen Kulturarten unbrauchbar sind. Jedenfalls soll der 
zu bebauende Boden vorerst durch Versuche auf seine Eignung erprobt 
werden, was durch Anlage eines kleinen Versuchsbeetes leicht geschehen 
kann. Bezüglich der anzupflanzenden Weidensorten, bezw. der Begut- 
achtung der Anlage, wende man sich vertrauensvoll an die k. k. Lehr- 
und Versuchsanstalt für Korbflechterei in Wien XVIII, Währinger- 
straße 194, deren Direktor Prof. G. Funke, ein äußerst tüchtiger und 
rühriger Fachmann, in zuvorkommendster Weise seinen Rat zur Ver- 
fügung stellen wird. 

Die Bearbeitung des Bodens hat tunlichst im Herbste oder im 
Laufe des Winters zu geschehen, damit der Boden durchfriert und im 



9. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 365. 

Frühjahr iein gelockert ist. Das Rigolen des Bodens geschieht durch 
Umspaten und zwar so, daß die verunkrautete, doch nährstoffreiche 
Oberschiclit nach unten zu liegen kommt und der Untergrund nach oben, 
um so eine unkrautfreie Oberschicht zu erhalten. Bei der Bearbeitung 
ist darauf zu aciiten, daß der aufgeworfene Boden mit Schaufel oder 
Haue zerkleinert wird. Steine, Wurzeln u. dgl. entfernt werden. Ist eine 
Bewässerungs- oder Überschwämmungsmöglichkeit vorhanden, so ist diese 
so einzurichten, daß das Wasser möglichst gleichmäßig die Anlage be- 
deckt und leicht zu- und abgelassen werden kann. 

Die Bepflanzung der Anlage durch die Weidenstecklinge hat im 
Frühjahre zu geschehen. Hiezu sei bemerkt, daß die k. k. Lehr- und 
Versuchsanstalt über Ansuchen die notwendigen Stecklinge kostenlos 
überläßt. Das Pflanzen der Stecklinge erfolgt in Reihen von 30 bis 50 cm 
Breite, in denen die einzelnen Setzlinge 10 bis 15 cm voneinander ent- 
fernt stehen. Der enge Verband liefert dünne kürzere Ruten, während 
der weitere Verband zur Zucht von Spaltweiden sowie Bandstöcken 
dienen kann. Die Stecklinge werden entlang der Setzschnur senkrecht 
in den Boden gesteckt und zwar vollständig, so daß nichts mehr heraus- 
ragt. Zur Schonung der Hand verwendet man bei dieser Arbeit auch 
Setzholz und Handschutzleder. 

Ist die Anlage bepflanzt, so ist die wichtigste Arbeit in der Zeit 
des Wachstums das Reinhalten der Anlage von pflanzlichen und tieri- 
schen Schädlingen. Über Ernte und Herrichtung der Weidenruten bis 
zur Verarbeitung zu sprechen, erscheint an dieser Stelle, w^o nur die 
Anregung zur Anlage eines Weidengartens gegeben wird, vertrüht. Es 
ist der Zweck dieser Zeilen erfüllt, wenn da oder dort ein solcher Ver- 
such gemacht würde. Für den, der ihn unternehmen will, führen wir 
noch zwei wertvolle Behelfe an, die ihm eine ausführliche Darstellung 
bieten: 

G. Funke: Lehrbuch für Korbflechter. Wien, 1910. Preis K 2.—. 

J. A. Krähe: Lehrbuch der rationellen Korbweidenkultur. Lim- 
burg a. L., 1913. Preis M 6.80. 

Österreichs Anteil an der deutschen Fach- 
literatur des Blindenwesens. 1802 — 1914. 

Direktor K. Bürklen, Purkersdorf. 
(Fortsetzung.) 

Klar Rudolf M., Ritter von, Direktor der Klar'schen Blindenanstalt 
in Prag. 
Über die Husbildung und die Fürsorge für die Spätererblindeten. Vortrag. 
Ost. Blindenlehrer-Kongreß, Linz 1890. Bericht. 

Klein Johann Wilhelm, Direktor des k. k. BlindeninstituteS in Wien. 

Beschreibung eines mit einem neunjährigen Knaben angestellten gelungenen 
Versuches, blinde Kinder zur bürgeilichen Brauchbarkeit zu bilden. Wien 
1805. Herausgeber des ^--Magazins tür Armenhilfe«. II. Aufl. 1807, III. 1811, IV. 
1822. 

Über die Eigenschaften und die Behandlung der Blinden. Wien 1809. 

Lieder für Blinde und von Blinden. Wien 1827. Neue Aufl. 1845. K. k. Binden- 
institut. 



Seite 366. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 9. Nummer. 

Lehrbuch zum Unterrichte der Blinden, um ihren Zustand zu erleichtern, sie 
nützlich zu beschäftigen und sie zur bürgerlichen Brauchbai keit zu bilden. 
Mit 9 Kupfertafeln. Wien 1819. C. Schaumburg & Co. 

Das Blindeninstitut zu Wien. Wien 1822. 

Aus welchen Gesichtspunkten müssen die Anstalten für Blinde und Taub- 
stumme betrachtet und beurteilt werden? Wien 1824. 

Wie können Blinde angemessen versorgt und beschäftigt werden? Wi n 1826. 

Über das Verhältnis des Blinden zur ihn umgebenden Welt. Wien 1830. K 
Gerold. 

Nachricht von dem k. k. Blindeninstitute und von der Versorgungs- und 
Beschäftigungsanstalt für, erwachsene Blinde in Wien. Wien. 1836. K. Gerold. 

Die Anstalten für kleine und erwachsene Blinde in Wien. Wien 1832. 

Geschichte des Blindenunterrichtes und der den Blinden gewidmeten An- 
stalten. Wien 1837. A. Pichlers Wwe. 

Das Haus der Blinden mit seiner inneren Einrichtung. Beschreibung des neuen 
Gebäudes der Versorgungs- und Beschäftigungsanstalt für erwachsene Blinde 
in Wien. 1838 Wien. Mechitaristen. Kongregations-Buchhandlung. 

Die Anstalten für Blinde in Wien. I. Das k. k. Institut für blinde Kinder. II. 
Die Versoigungs- und Beschäftigungsanstalt für erwachsene Blinde. Wien 
1841. Versorgungsanstalt für Blinde. 

Über Blindenunterricht. Wien 1844. 

Anleitung zur zweckmäßigen Behandlung blinder Kinder von der frühesten 
Jugend an in dem Kreise ihrer Familien und in der Schule ihrer Wohnorte. 
Wien 1836. K. k. Blindeninstitut. Weitere Auflagen 1843 und 1845. 

Über fühlbare Schriften und Bücher für Blinde. Wien 1847. 

Gymnastik für Blinde. Wien 1847. 

Klein, Dr. S., Augenarzt in Wien. 

Blind. Blindenfreund, 1900. Nachdruck aus der »Neuen freien Presse« v. 29.111. 1900. 

Kneis Johann, Hauptlehrer an der n. ö. Landes-Blindenanstah in 
Purkersdorf. 

Der Geographieunterricht in der Blindenschule. Bericht der n. ö. Landes- 
Blindenanstalt. Purkersdorf 1909. 

Etwas vom Zeichnen. Blindenfreund, XXXII. Düren 1912. 

Der Blindenlehrer und die Blindenfürsorge. Vortrag. V. öst. Hlindenfürsorgetag, 
Wien 1914. Bericht. 

Kriegsblindenanstalten. Zeitschrift f. d. öst. Blindenwesen I. Wien 1914. 

Das Taubstummenblindenheim in Wien XIII. Zeitschrift f. d. öst. Blinden- 
wesen I. Wien 1914. 

Knoblodi G., Regierungsrat in Graz. 

Mein Mutterl. Blindenfreund, XXXIV. Düren 1914. 

Kofränyi Adolf, Dr., Anstaltsarzt in der mähr.-schles. Landes Blinden- 
anstalt in Brunn. 
Über die Behandlung der Augenkrankheiten in der mähr.-schles. Landes- 
Hlindenerziehungsanstslt in Brunn. Festschrift. Brunn 1909. 

Kratzer Anton, Direktor der Odilien-Bündenanstalt in Graz. 

Rupert Zeyringer. Biographischer Artikel im Jahresbericht der Odilien-Blinden- 

anstalt. Graz 1899. 
Zur Blindenfürsorge in Österreich. Blindenfreund XXVIII. Düren 1908. 

Kraus Siegmund, Lehrer am Isr, Blindeninstitut in Wien. 

Zur methodischen Behandlung der Luft in der Blindenschule. Blindenfreund XX. 

Düren 1900. 
Physik in der Blindenschule. Blindenfreund XXI und XXII. Düren 1901 und 1902. 

Kremla Heinrich, k. k. Professor in Klosterneuburg. 

Chemische Zeichen, Formeln und Formelgleichungen in Blindenpunktschrift. 
Blindenfreund XXXIV. Düren 1914. 

Krieger Ignaz, Musiker in Wien. 

Der Bünde als Klavierlehrer. Jahresbericht des 1. Blinden-Unterstützungs-Vereines 
für Niederösterreich. Wien 1913. 



9. Nummer. Zeitschrift für das österreichische BHndenwesen. Seite 367. 

Krtsmäry Anton, Musikfachlehrer an der n. ö. Landes-Blindenanstalt 
in Purkersdorf. 

Die Notenschrift für Blinde. Neue mtisikaHschc Presse. V. Jahrgang 1896. Heft 52. 

Über Wert, Ziel und Zweck des Musikunterrichtes an Blindenanstalten, Neue 
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Zur Musikpflege in der n. ö. Landes-Blindenanstalt. Bericht der n. ö. Landes- 
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Landesmann Marie. Brunn. 

Dr. phil. Heinrich Landesmanns (Hieronimus Lorm) leiclt faßliche und einfach 
ausfülnbare Fingerzeichensprache für Taubstumme, Taubblinde und Schwer- 
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Labor Josef, Musiklehrer am Isr. Blindeninstitut in Wien. 

VorschläLje zu Verbesserungen der Braille'schen Musikschrift. Blindenfreund 
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Die Punktnotenschrift für Blinde. Vortrag. Ost. Blindenlehrer-KongieI3>, Linz 
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Libansky Josef, Direktor der n. ö. Landes Blindenanstalt in Purkersdorf. 

Die I. niederösterreichische Landes-Vorschule für blinde Kinder. Organ der 
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Ein Ausflug nach Dresden. Organ der Taubstummen- und Blindenanstalten XX. 
Friedberg 1875. 

Die Blindenschrift. Organ der Taubstummen- und Blindenanstalten. XXI. Fried- 
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Die technische Ausbildung der Zöglinge in den österreichischen Blindenanstalten. 
Organ der Taubstummen- und 131indenanstalten. XXIV. Friedberg 1878. 

Über Blindenerziehung. Der öst. Kinderfreund Wien 1878. 

Einiges über die Braille'sche Punktschrift und die dazu nötigen Druckapiiarate. 
Organ der Taubstummen- und Blindenanstalten. XXV. F~riedberg 1879. 

Die Blindensache in Österreich, Organ der Taubstummen- und Blindenanstalten. 
XXVI. Friedberg 1880. 

Die musikalische Ausbildung der Blinden in Österreich. Organ der Taub- 
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Der beste Weg um Beschäftigung für Blinde zu finden. (Aus dem Englischen 
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Üler die Erziehung blinder Kinder in den ersten Lebensjahren. Wien 1882. 
K. Gräser. 

Über den Schulbesuch blinder Kinder in Österreich-Ungarn. Wien 1883. K. Gräser. 

Die Blinden in Japan. Blindenfreund IV. Düren 1884. 

Die Zahl der Blinden in Österreich-Ungarn. Blindenfreund IV. Düren 1884. 

Die Korbflechterei als Hausindustrie. Blindenfreund VI. Düren 1886. 

Die Ausbildung der Blinden in der öst.-ung. Monarchie. Wien 1886. K. Gräser. 

Die Blindenbildung in Österreich. Blindenfreund VIII. Düren 1888. 

Das Blinden-Versorgungshaus „Franzisco-Josephinum" in Prag. Blindenfreund 
VIII. Düren 1888. 

Bericht über den Stand und die Zukunft der Blindenbildung in Österreich- 
Ungarn. Vortr;ig. VI. Blindenlehrer- Kongreß, Köln 1888. Bencht. 

Die Blindenfürsorge im niederösterreichischen Landtage. Blindenfreund IX. 
Dünn 1889. 

[)cv ös'erreicliische Blindenlehrertag in Prag. Blindenfreund IX. Wien 1889. 

Die bisherigen Resultate der Blindenbildung in Österreich. Vortrag. Öst. 
Blindenlehrer- Kongreß, Prag 1890. Bericht. 

Statistik der Gebredilichen in Österreich. Blindenfreund X. Düren 1890. 

Zweiter österreichischer Blindenlehrertag in Linz 1890. Blindenfreund X. 
Düren 1890. 

Die soziale Stellung der Fachlehrer der lehrberechtigten technischen und 
Musiklehrer an Blindenschulen. Vortrag. Öst. Blindenlehrer-Kongreß, Linz 1890. 
Berieht. 

Die Lage der Blinden in Deutschland. Was bleibt für sie zu tun noch übi ig r 
Preisschrift. Düren 1S;2. I lamel'sche Bnchdruckerei. 

Über die Erziehung der Blinden in Amerika. Blindenfreund XII. Düren 1892. 

Zum Anstaltszwang für Blinde und taubstumme Kinder in Österreich. Blinden- 
freund XII. Düren 1892. 



Seite 368. Zeitschrift für das österreichische BHndenwesen, 9. Nummer. 

Ausbildung eines taubstummblinden Mädchens. Hlindenfreund XV. Düren 1895. 
Die Blindenfürsorge in Österreich-Ungarn. I51indenfreund XVII. Düren 1897. 
Die Blindenfürsorge in Österreich-Ungarn und Dentschland. Wien 1898. 

A. Pichlers Witwe & Sohn. 
Sei dem Blinden ein fluge. Sonderabdruck 1899. 
Des Blinden Schicksal einst und jetzt. Bericht des Blinden-Heimvereines in 

Melk, IV. 1900. 
Die Eröffnung des Mädchen-Blindenheims »Elisabetliinum« in Melk. Blinden- 

f'eund XXI. Düren 1901. 
Das Mädchen-Blindenheim in Melk als Werk moderner Blindenfürsorge in 

Österreich. Bericht des Blinden-Heimvereines in Melk V. 1901. 
X. Blindenlehrerkongreß in Breslau. Zeitschrift f. d öst. Volksschulwesen XII. 

Wien 1901. 
Der gegenwärtige Stand der Blindenfürsorge. Öst. Charitashlatt I. Wien 1901. 
Verein der Blindenlehrer und Blindenfreunde in Österreich. Blindenfreund XXIII. 

Düren 1903. 
Statistisches aus Frankreich. Blindenfreund XXlll. Düren 1903. 
Das Blindenheim in Melk. Zeitschrift f. d. öst. Volksschulwesen XIV. Wien 1903. 
Bilder ans der Blindenwelt. Bericht des Blinden-Heimvereines in Melk VII. 1903. 
Ernstes und Heiteres aus der Blindenwelt. Bericht des Blinden-Heimvereines 

in Melk VIII. 1904. 
Geschichtliches über die n. ö. Landes-Blindenanstalt in Purkersdorf. Bericht 

der n. ö. Landes-Blindenanstalt. Purkersdoif 1905. 
Der gegenwärtige Stand der Blindenfürsorge im Erzherzogtume Österreich 

u. d. Enns. N. ö. Landes-Amtsblatt III. Wien 1907. 
Beiträge zur Erziehung blinder Kinder. Pädagogische Rundschau XXI und XXII. 

Wien 1907, 1908. 
Blindenfürsorge der Stadt Wien. Blindenfreund XXVIII. Düren 1908. Zeitschrift 

für Kinderschutz und Jugendfürsorge III. Wien 1911. 
Über die wirtschaftliche Selbständigkeit der Blinden Öst. Charitashlatt VIII. 

Wien 1908. 
P'inrichtungen zur Fürsorge für die aus den Schulen entlassenen Blinden. 

Zeitschrift f. d. öst. Volksschulwesen XIX. und XX. Wien 1908, 1909. 
Nachrichten aus der Blindenwelt. Öst. Charitashlatt IX, X. Wien 1909, 1910. 
Bilder aus der Blindenwelt. Blindenfreund XXIX, XXXII. Düren 1909, 1912. 

Pädagogische Rundschau XXIV. Wien 1910. 
Johann Schwarz Biographie. Kunstwarte, Brunn 1910. 
Zwei österreichische Blindenfreunde. F. Z. Linde, H. Ulbrich. Kunstwarte. 

Brunn 1910. 
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Betteln der Blinden. Korbflechter Markus Makowski. Melk. Purkersdorf Lemberg. 

Artikel im »Handbuch«. Wien 1900. 

Meisinger Franz, Religionslehrer vom k. k. Blinden-Erzieliungs-In.stitut 
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Der Unterricht in der Naturgeschichte. 

Die Religion in der Blinden-Erziehungsanstalt. Artikel in Meli: Der Blinden- 
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J. G. Knie's Briefe an J. W. Klein. Blindenfreund, XI. Düren 1891. 

P2ine Stimme für die Kurzschrift. Blindenfreund, XI. Düren 1891. 

Johann Wilhelm Klein's Stacheltypenapparat. Anhang im Bericht des VII. 
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Von der internationalen Musik- und Theaterausstellung in Wien. Blindenfreund, 
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Eine Flachschrift aus dem Jahre 1825. BHndenfreund, XIII. Düren 1893. 

Das Papier zum Blind<ndruck. Blindenfi eund, XIV.' Düren 1894. 

Über die lokale Situation von Blindenanstalten. Zeitschrift f. d. öst Volksschul- 
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Über den Kontakt des blinden Kindes mit der Natur. Bericht des k. k. 
Blinden-lnstitutes. Wien 1894. Blindenfreund, XVI. Düren 1896. 

Gebt den Blinden Arbeit. Propa^andaschrift. Wien l899. K. k. Blinden-Institut. 



9. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Bhndenwesen. Seite 369. 

Meli und Matthics: Von den Museen des Blindenwesens. Blindenfreund, XIX. 

Düren 1899. 
Enzyklopädisches Handbuch des Blindenwesens. Wien und Leipzig, 1899 und 

1900. A. Pichlers Witwe & Sohn. 
Blinde Schauspieler. Blindenfreund, XX. Düren 1900. 
Jose! Glötzlt- Blindenfreund, XX. Düren 1900. 
Anton Moritz Gröpler. Blindenfreund, XX. Düren 1900. 
Die Nowaksche Blindenschreibmaschine. Blindenfreund XX. Düren lOOo. 
Blinde Leser. (Fiat Lux). Wien 1901. K. k. Blinden-Institut. 
Zur Bibliographie des Blindenwesens. Blindenfreund XXII. Düien 1902. 
Stenographiermaschine von Lafaurie. Blindenfreund XXII. Düren 1902. 
Braillemaschine. Blindenfreund XXII. Düren 1902. 
Ein Versuch zur Gründung einer Blindenanstalt in Preußen vor dem Auftreten 

Haüys in Berlin. Blindenfreund, XXIII. Düren 1903. 
Die Bibliothek für Blinde des k. k. Blinden-Erziehungsinstitutes in Wien, l^lu^hlatt. 

Wien 1903. K. k. Blindeninstitut. 
Die Ausstellung von Lehrmitteln, Blindenarbeiten u. a. auf dem Kongresse in 

Brüssel. Blindenfreund, XXIII. Düren 1903. 
Aus alter Zeit. Blinde Holzschnitzer. Der erste deutsch- Blindenlehier und sein 

Schüler. G. Niesen und R. Weißenburg. Blindenfreund XVI und XXIV. Düren 

1896, 1897. Zeunes erste Schrift XXIV, 1904. 
Über die Grundlagen zur Darstellung einer Geschichte des Blindenwesens. 

Vortrag. XI. Blindenlehrer-Kongreß Halle a. S. 1904. Bericht. 
Geschichte des k. k. Blinden-Erziehungs-lnstituts in Wien. Wien 1904. K. k. 

Blindeninstitut. v^-ixr 

Meli und Brandstaeter : Zur Angelegenheit : Denkmal Kleins. Blindenfreund XXIV. 

Düren 1904. 
Jubiläumsfeier des k. k. BHnden-Erziehungs-Institutes in Wien. Blindenfreund, 

XXIV. Düren 1904. 

Der Blinde im Bilde. Blindenfreund, XXV. Düren 1905. 

Zur Hygiene der Blinden-Unterrichtsmittel. Blindenfreund, XXV. Düren 1905. 

Notwendigkeit und Voraussetzungen einer Geschichte des Blindenwesens. 

Eos I. Wien 1905. 
Meli A und die Abgeordneten: Axmann, Dr. Geßmann, Dr. Chiari: Die Blmden- 

sache im österreichischen Reichsrate. Antrag vom H.Juni 1905. Blindenfreund, 

XXV. Düren 1905. 

Fortschritte auf den Gebiete des Blindenwesens in Österreich seit dem II. öst. 
Blin<lenlehrerta'4e in Linz. Vortrag. Öst. Blindenfüisoigetag. Graz 190(5. Bericht. 

Über Blindenfürsorge. Blindenfreund XXVI. Düren 1906. Eos II. Wien 1906. 

Das Museum des Blindenwesens in Wien. Handbuch für Lehrer an heilpäda- 
gOL^ischen Anstalten. Graz 1906. 

Blindenunterricht. Wien 1910. A. Pichlers Witwe & Sohn. 

Handfertigkeiten und Arbeiten verschiedener Art. Über Literatur des Blinden- 
wesens. Artikel in Meli; Der Blindenunterricht. Wien 19l0. 

Achilles Daniel Leopold, ein blindgeborener Gelehrter in Lübeck. Ein Lebens- 
bild. Kunstwarte 111, Brunn 1910. 

Die Blinden und die Landwirtschaft. Blindenfreund, XXXI. Düren 1911. 

Blinde Mädchen in der Hauswirtschaft. Blindenfreund, XXXI. Düren 1911. 

Kurze Ratschläge und Winke zur richtigen Erziehung blinder Kinder. Wien 
1913. K. k. Schulbücherverlag. 

Vor hundert Jahren. Das Tagebuch Jakob Brauns, des ersten Schülers J. \V. 
Kleins. Von unseren Blinden VII. Wien 1914. 

Das blinde Kind als Objekt des Kinderschützers. Vortraj. Von unseren 
Blinden VII. Wien 1914. 

Der XIV. Blindenlehrer-Kongreß in Düsseldorf 1913. Eos VI. Wien 1914. 

Baukasten. Ferienkolonien für blinde Kinder. Tohleutner Matthias. Klein J. W. 
Prag: Piivat- Institut für arme blinde Kinder und Augenkranke. Artikel im 
»Halidbuch«. Wien 1900. 

(Fortsetzung folgt.) 



Seite 370. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 9. Nummer. 

Reditlidie Fürsorge für die von Jugend an körperlidi 
Gebredilichen. 

Von Dr. Kurt Schwarz. 
(Verlag von Duncker und Humblot, München und Leipzig.) 

Ein Werk deutscher Wissenschaftlichkeit und GründHchkeit, ge- 
schrieben aus dem Geiste und Herzen eines Menschenfreundes Hegt 
mit diesem wertvollen Buche vor uns. Es handelt von der Jugend, die 
mit körperlichen Gebrechen, sei es nun mit einem oder zugleich mit mehreren, 
beschwert ist, also vor allem von blinden, tauben, stummen und krüppel- 
haiten Kindern. In diesem Rahmen werden alle Rechtsfragen berührt, 
auf die das Gebrechen einen Einfluß ausüben kann, dabei von dem 
zweifachen Gesichtspunkt ausgehend: bedingen die durch das Gebrechen 
geschaffenen vom Normalen abweichenden Zustände besondere Maßnahmen 
zum Schutze der Gebrechlichen oder auch zum Schutze der Allgemein- 
heit im Verkehr mit ihnen oder lassen sie doch solche als wünschens- 
wert erscheinen. Die Schlußfolgerungen, zu denen der Verfasser bei der 
Begründung der Forderungen zugunsten der Gebrechlichen kommt, sind 
goldene Worte für alle Freunde und Erzieher Nichtvollsinniger: 

»Wir wollen«, sagt er, »ihnen in erster Linie das Glück der Ge- 
sundheit und den Segen der Arbeit spenden. Aus kranken, bedrückten, 
verbitterten, müßigen, hilflosen Almosenempfängern wollen wir gesunde, 
freudig schaffende, zufriedene, selbständige, nützliche Glieder der mensch- 
lichen Gesellschaft machen. Wir wollen sie herausreißen aus geisttöten- 
der Untätiglceit zu einem Berufe, der ihr Leben ganz ausfüllt. Wir wollen 
sie befreien von dem schwer auf ihnen lastenden Gefühl des immer- 
währenden Nehmens und sie zu dem beseligenden Geben befähigen. 

Erreichen wir dieses hohe Ziel, so erweisen wir damit dem Vater- 
lande einen noch weit größeren Dienst. Wir erziehen Volksgenossen, 
die unzufrieden mit sich und aller Welt durch ihre menschenunwürdige 
Untätigkeit, zu der sie ein grausames Geschick verdammt hat, gemein- 
gefährlich zu werden drohen, zu brauchbaren tüchtigen Staatsbürgern. 

Wer diese hohe ethische und soziale Bedeutung der Gebrechlichen- 
fürsorge einmal recht erfaßt und empfunden hat, wer sich einmal so 
recht hineinversenkt in das schreckliche Elend der ihrem Schicksal 
hilflos überlassenen Gebrechlichen und sich dabei die hieraus der All- 
gemeinheit drohende Gefahr lebendig vor Augen hält, der wird nicht 
nur als kalt berechnender Steuerzahler, sondern vielmehr als warm 
ft'ililender Mensch dem weiteren Ausbau der Gebrechlichen fürsorge zu- 
stimmen und selbst gern nach Kräften an demselben mitarbeiten. 

Möchten deren immer mehr werden und ihrer Tätigkeit reicher 
Erfolg beschieden sein zum Wohle j^ener Gebrechlichen und zum Besten 
unseres Volkes!« 

Ist mit diesen Sätzen die Tendenz des Buches gekennzeichnet, so 
zeigt uns ein gründliches Studium den überaus reichen, mit Quellen 
belegten Inhalt. Besonders wertvoll für uns sind die Abschnitte über 
die Sonderbeschulung und den Anstaltszvvang für gebrechliche Kinder, 
über den Einfluß dieser Maßregeln auf die Erwerbsfähigkeit der Ge- 
brechlichen, über die Fürsorgepflicht der Eltern, über die ßeiufe, die 
Versicherungspflicht und -berechtigung, sowie die Rechtsstellung der 
Gebrechlichen, und die Verhütung der Gebrechen. 



9. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 371. 

Im letzteren Kapitel wäre nur die Angabe über die Blindheitsab- 
nahme in Österreich dahin richtigzustellen, daß die Zahl der Blinden 
daselbst nicht nach der übernommenen Statistik von 8'3 (1871) auf 
5 4 (1900), sondern von 9-— (1880) auf 67 (1910) gesunken ist. 

Die Notwendigkeit der Sonderbeschulung der Nichtvollsinnigen 
ist in folgende, nicht oft genug zu wiederholende Forderung zusammen- 
gefaßt: 

»Daß die Nichtvollsinnigen nicht mit Nutzen am Unterricht der 
normalen Kinder teilnehmen können, daß sie vielmehr den letzteren 
nur stören, ist so selbstverständlich, da ihnen Gesicht bzw. Gehör, die 
wichtigsten Verständigungsmittel zwischen Lehrer und Schüler, fehlen, 
daß darüber keine weiteren Worte zu verlieren sind. Das sieht ja jeder 
ein, der es nur einmal versucht hat, wenn auch nur gauz kurz, sich 
in die Lage eines blinden oder taubstummen Schülers hineinzudenken. 
Auch sind die Erfolge, welche die für sie ausgebildete Spezialpäda- 
gogik bei ihnen erreicht hat, so glänzend, daß sie für sich selbst 
sprechen und keiner weiteren Rechtfertigung bedürfen. Der Unterricht 
in der Volksschule ist für solche Kinder nur ein völlig unzulänglicher 
Notbehelf, mag er auch für sie immer noch besser sein als gar keiner, 
weil sie sonst zu Hause einsam und ganz verkümmern, während ihnen 
nicht selten schon durch den geregelten Schulbesuch allein eine große 
Wohltat erwiesen wird, wenn sie auch aus dem Unterricht nicht den 
vollen Nutzen zu ziehen vermögen. 

Es ist dies ja nur zu leicht verständlich, sind bei ihnen doch 
schon ganz andere Mittel nötig, damit sie mit dem Lehrer und den 
Mitschülern verkehren können. Die Blinden können in der Normal- 
schule an allen den Lehrfächern nicht mit Erfolg teilnehnem, zu denen 
das Auge erforderlich ist, vor allem also nicht am Schreib- und An- 
schauungsunterricht. Seitdem vor nunmehr über 100 Jahren die ersten 
schönen Erfolge in der Sondererziehung solcher Nichtvollsinniger erzielt 
wurden, traten die Blinden- und Taubstummenlehrer mit nimmer er- 
lahmenden Eifer für die Sonderbeschulung ihrer Schützlinge ein. Diese 
Forderung wird auch heute sicher überall anerkannt und man ist all- 
seits bemüht, dafür zu sorgen, daß für die nichtvollsinnigen besondere 
Schuleinrichtungen vorhanden sind, wenn auch weitaus noch nicht 
überall das letzte Ziel, der Sonderschulzwang, erreicht ist. Nur durch 
die SpezialUnterweisung ist es möglich, den größten Teil dieser Un- 
glücklichen gleich den unausgebildeten Krüppeln, die, wenn sie auch 
noch an Glücksgütern Mangel haben, als die geborenen ja sogar pri- 
vilegierten Bettler erscheinen, erwerbsfähig zu machen.« 

Das Werk ist für alle, die es mit der Fürsorge Gebrechlicher zu 
tun haben, unentbehrlich und wird daher den Weg in deren Hände 
nehmen. Im besonderen freuen wir uns, daß der Verfasser auch unsere 
junge Zeitschrift als Quelle benützt hat. K. B. 

Heilpädagogik in den Lehrerbildungsanstalten. 

Wie aus dem 40. Jahresbericht des n. ö. Landes-Lehrerseminars 
in St. Polten zu ersehen ist, soll die Lehrerbildungsanstalt dieses 
Seminars in nächster Zeit eine durchgreifende Änderung erfahren. Die 
beabsichtigte Umgestaltung strebt in erster und letzter Linie eine dem 



Seite 372. Zeitschrift für das österreichische iSlindenwesen. 9. Nummer. 

Berufe des Volksschullehrers angemessene Vertiefung der Ausbildung 
der Lehranitszöglinge an. Die Vorbereitungsklasse, die nach dem der- 
zeitigen Lehrplane der Anstalt mit den Jahrgängen nur in einem losen 
Zusammenhange steht, soll als erster Jahrgang der Bildungsanstalt 
organisch angegliedert und den auf diese Weise gewonnenen fünf 
Jahrgängen ein sechster angeschlossen werden. 

Der für dieses Reformwerk entworfene Lehrplan sieht auch die 
Abhaltung von Sp ezi a Ik u r s e n aus dem Gebiete der Heilpädagogik 
mit folgendem Ziele vor: »Ausreichende Bekanntschaft mit der Er- 
ziehung und dem Unterrichte schwachsinniger, taubstummer und blinder 
Kinder, mit der Organisation der Kindergärten und der Erziehungs- 
anstalten für sittlich verwahrloste Kinder und mit sonstigen Ein- 
richtungen der Jugendfürsorge.« 

In einem zehnstündigen Kurse soll im fünften oder sechsten 
Jahrgange aus der B 1 i n de n p äd ago g ik behandelt werden : Wesen, 
Ursache und Grad der Erblindung. Folgen der Blindheit in körperlicher 
und geistiger Beziehung. Das blinde Kind im vorschulpflichtigen Alter. 
Der Unterricht der Blinden in den Spezialanstalten und dessen Ent- 
wicklung. Anleitungen zur angemessenen Behandlung des blinden 
Kindes während seines Aufenthaltes in der Volksschule der Sehenden. 
Von der Fürsorge für die Blinden im allgemeinen mit Berücksichtigung 
ihrer gewerblichen Betätigung. Mitteilungen über den Bestand von 
Spezialanstalten für Blinde sowie über Bedingungen zur Aufnahme in 
dieselben. Auf die einschlägige Fachliteratur ist hinzuweisen. — Es 
ist dies jener Stoff, welcher im Erlasse des Ministeriums für Kultus 
und Unterricht vom 22. März 1913, Z. 14013, betreffend die Regelung 
der speziellen Unterrichtskurse zur Einführung der Zöglinge der Lehrer- 
und Lehrerinncn-Bildungsanstalten in die Blinden- bezw. Taubstummen- 
pädagogik, angegeben ist. 

Die wie an obengenannter Anstalt, so auch bereits an mehreren 
anderen Stellen in Angriff genommene Erweiterung der Lehrerbildung 
regt auch die Frage der Blindenpädagogik in den Lehrerbildungs- 
anstalten neu an. Weniger inbezug auf den Umfang, den dieser Lehr- 
gegenstand einzunehmen hat, als inbezug auf den Zeitpunkt, der für 
denselben zu wählen ist. Die Einführung einer größereren Zahl von 
Kursen aus dem Gebiet der Heilpädagogik in den Lehrerbildungs- 
anstalten — neben der Bünden- und Taubstummenpädagogik wird 
bereits die Erziehung und der Unterricht schwachsinniger, verwahrloster 
sowie mit Sprachgebrechen behafteter Kinder berücksichtigt, die Jugend- 
fürsorge im allgemeinen usw. — hat die Zeit für die einzelnen Kurse 
bereits sehr beschränkt. Mit Rücksicht darauf, da(3 der Volksschul 
lehrer kaum mehr in die Lage kommt, Unterricht an blinde Kinder 
zu erteilen, genügen 10 bis 12 Stunden zur allgemeinen Orientierung 
der Lehramtskandidaten über den Blindenunterricht und die Blinden- 
fürsorge. In welchem Jahrgange jedoch sollen diese Stunden abgehalten 
werden? Der Erlaß des Unterrichtsministeriums sagt darüber: »Um 
die Zöglinge des IV. Jahrganges nicht zu sehr zu belasten, empfiehlt 
es sich, einen der Kurse, am vorteilhaftesten den Blindenunterrichts- 
kurs, in den III. Jahrgang zu verlegen.« Diese Verlegung erscheint 
nun in der Praxis nicht nur nicht vorteilhaft, sondern direkt schädigend, 



9. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 373. 

nachdem bei den Lehramtskandidaten des III. Jahrganges die nötige 
geistige Reife und pädagogische Vorbildung, welche die Behandlung 
eines Spezialgebietes der Pädagogik erfordert, noch nicht vorhanden 
ist. Es wäre daher auch bei der Erweiterung der Lehrerbildung auf 
fünf oder sechs Jahre dahin zu streben, den Kurs in der Blinden- 
pädagogik für jeden Fall in den letzten Jahrgang zu verlegen, in dem 
die Kandidaten sich bereits in der Unterrichtspraxis Vollsinniger be- 
tätigen, auf die beim Blindenunterricht so vielfach Bezug genommen 
werden muß. 

Der für das katholische Lehrerseminar in Wien ministeriell ge- 
nehmigte Lehrplan für sechsjährige Lehrerbildungsdauer enthält über 
die Kurse im Heilpädagogik als Bestandteil der allgemeinen Erziehungs- 
und Unterrichtslehre folgende Bestimmung: 

Die Zöglinge des V. und VI. Jahrganges werden in Kursen von 
je 10 Stunden mit der Methodik der Erziehung und des Unterrichtes 
von taubstummen, blinden und schwachsinnigen Kindern bekannt ge- 
macht. Die Kurse werden auf den V, und VI. Jahrgang verteilt. Bei 
dem theoretischen Unterrichte sind die vom k. k. Ministerium erlassenen 
Verordnungen zu beachten. (Ministerialerlaß vom 22. März 1913, 
Zahl 14.013). 

»Die Zöglinge des VI. Jahrganges sind mit der Organisation von 
Kindergarten und von Erziehungsanstalten für sittlich verwahrloste 
Kinder, mit der Jugendfürsorge und deren einzelnen Zweigen, durch 
Besuch solcher Anstalten und Einrichtungen bekannt zu machen.« 

Wie wir sehen, wurden in den beiden genannten Anstalten die 
Kurse in der Heilpädagogik an die richtige Stelle gesetzt. 

Die Zahl der Kriegsblinden. 

Verzeichnen wir die auf Vermutung und den ersten vorläufig 
natürlich ungenauen statistischen Erhebungen beruhenden Angaben 
über die Zahl der Kriegsblinden, so ergeben sich mannigfache Wider- 
sprüche, Bei Beginn des Krieges konnte angenommen werden, daß 
bei der modernen Kriegführung und Waffenwirkung die Zahl der Er- 
blindungen eine verhältnismäßig große sein werde. Dagegen mußten 
als günstig die rasche Hilfe und die operativen Heilungen, welche 
bei Augenverletzungen eine große Rolle spielen, inbetracht gezogen 
werden. Konnten sich also diese beiden Umstände in ungünstiger und 
günstiger Wirkung die Wage halten, so blieb immer noch die Tat- 
sache bestehen, daß bei den kämpfenden Millionenheeren, selbst wenn 
eine perzentuelle Herabsetzung der Erblindungsgefahr bei Verwun- 
dungen und sonstigen Erkranknngen im Felde stattfinde, die Zahl der 
Kriegsblinden eine verhältnismäßig hohe sein werde. 

Dem gegenüber teilte Regierungsrat Meli (Wien) in einem Vor- 
trage mit, daß die Zahl der Kriegsblinden in Österreich glücklicher- 
weise nicht so bedeutend sei, als man gefürchtet und angenommen 
habe. Nach den Erhebungen des Kriegsministeriums befinden sich in 
den Heilanstalten der österreichischen Reichshälfte zirka 100 blinde 
Soldaten und zwar sowohl hieher als nach Ungarn gehörige. Zieht 
man die in Ungarn zuständigen mit 30 Mann ab, so bleiben 70, die 
unserer Fürsorge zufallen. Daß diese Zahl nicht genau und auch 



Seite 374. Zeitschrift für das österreichischt- Blindenwesen. 9. Nummer. 

nicht abschließend sein kann, ist begreiflich. Eine neuerlich an- 
geordnete Zählung' wird neues statistisches Material bringen. 

Hofrat Professor Dr. Emil v. Groß (Budapest) führte in seinen 
Vortrag über »Augenverletzungen und Erblindungen im Kriege« fol- 
gendes an: Die Anzahl der Augenverletzungen ist in den Kriegen 
der letzten Jahrzente in stetem Ansteigen: Im Amerikanischen Frei- 
heitskriege betrugen die Augenverletzungen 0.3 Prozent aller Ver- 
wundungen; im Deutsch-französischen Kriege 1870/71 1 Prozent, im 
Russisch-japanischen Kriege 2 Prozent, im Balkankriege noch mehr. 
Eine weitere Zunahme ist im gegenwärtigen großen Kriege zu bemerken. 
Allein in der Budapestcr Uni versitäts- Augenklinik Nr. I wurden im 
ersten halben Jahre des Krieges über 500 Augenverwundete gepflegt, 
von denen 6 Prozent an beiden Augen und 60 Prozent an einem 
Auge erblindeten. 

Diese ungünstige Annahme berichtigte später Hofrat von Groß, 
indem er sagt: »Es scheint, daß in den ersten fünf Monaten des 
Krieges unverhältnismäßig mehr Verwundungen solcher Art vorge- 
kommen sind als in den zweiten fünf Monaten. Ich glaube nicht fehl- 
zugehen, wenn ich die Zahl der im Kriege erblindeten Soldaten 
ungarischer Staatsangehörigkeit auf etwa 80 schätze. 

Schulrat Matthies (Berlin-Steglitz) teilt mit, daß nach einer 
allgemeinen Erhebung des preußischen Kriegsministeriums die Zahl 
der Kriegsblinden (Mannschaften und Offiziere) in Deutschland ohne 
Sachsen, WUrtemberg und Bayern bis Mitte April d. J. auf 300 an- 
zunehmen ist. Nimmt man für die vorgenannten Bundesstaaten, ent- 
sprechend den sonstigen Erfahrungen, ein Drittel hinzu, so ergibt sich 
für das deutsche Reich gegenwärtig (Juni 1915) die Zahl von etwa 
400, so daß wir, auch wenn der grausige Krieg bald aufhören sollte, 
immerhin wie in den Freiheitskriegen 1815 mit im ganzen 500 deut- 
schen Kriegsblinden rechnen müssen. 

Diese auf einer besseren statistischen Grundlage beruhenden 
Angaben, werfen wohl auf die früher angeführten günstigen Annahmen 
für Österreich-Ungarn einen dunklen Schatten. Es wird allerdings noch 
lange dauern, ehe wir über diese Frage Klarheit gewinnen können. 
Bezüglich einer allgemeinen Beantwortung sei aber noch auf folgendes 
verwiesen. 

Ganz übersehen wurde bei der bisherigen Abschätzung der Zahl 
der Kriegsblinden mehrere Tatsachen, die erst nach Abschluß des 
Krieges in Erscheinung treten werden. Sind schon die bereits ge- 
machten Erhebungen unvollständig und ungenau, da zur Zeit derselben 
bereits eine Anzahl von Kriegserblindeten aus den Spitälern entlassen 
und außer Evidenz geraten war, so ist mit Sicherheit anzunehmen, 
daß auch außer diesen aus verschiedenen Krouländern eine wahr- 
scheinlich beträchtliche. Zahl überhaupt nicht gemeldet wurde. Die 
absolute Zahl der Kriegsblinden heute anzugeben, ist schon deshalb 
nicht möglich, weil ja niemand das Ende des Krieges voraussehen 
kann. Haben wir dasselbe jedoch glücklich erreicht, so besteht auch 
dann noch die Gefahr weiterer Erblindungen, denn auch die gegen- 
wärtig als geheilt betrachteten Augenverletzungen werden noch zu 
Erblindungen führen oder in vielen Fällen eine der Blindheit gleich- 
zusetzende Verminderung der Sehkraft mit sich bringen. Schließlich 



9. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Bhndenwesen. Seite 375. 

ist der erblindeten Soldaten zu gedenken, die sich heute noch in 
feindlicher Gefangenschaft befinden und deren Zahl sich bei den 
sanitären Mißständen in Serbien und Rußland nur erhöhen dürfte. 
Erst nach deren Rückkehr und nach dem langsamen Abklingen der 
kriegerischen Ereignisse werden wir die genaue Zaiil der erblindeten 
Krieger feststellen können. Gott erspare uns, vor dieser Zahl zu er- 
schrecken, denn es ist zu fürchten, sie werde groß, nur allzugroß sein. 
Für jeden Fall größer als die Zahl, auf welche wir bisher die Rüstung 
unserer Kriegsblindenfürsorge in Osterreich gestellt haben. 

Knapp vor Schluß der Nummer entnehme ich dem Geschäfts- 
bericht des »Blindenfürsorgevereines« für die Provinz Schlesien nach- 
stehende Angaben: 

»Bei dem Aufgebot von Millionenheeren und der Art der modernen 
Kriegführung steht zu erwarten, daß aus dem gegenwärtigen Kriege 
mehr Invaliden heimkehren werden als aus den früheren. Insbesondere 
haben die Augenverletzungen nach den vorläufigen Schätzungen Sach- 
verständiger eine bedeutende Steigerung erfahren. Während sie im 
Kriege von 1870/71 nur 0,9 Prozent aller Verwundungen betrugen, 
wuchs der Prozentsatz im Kolonialkriege auf 1,8 Prozent, im japa- 
nischen Kriege auf 2,2 Prozent, wogegen er im gegenwärtigen Kriege 
auf 8 Prozent angenommen wird. Nach den Erfahrungen der Breslauer 
Kgl. Universitäts-Augenklinik kam es in etwa 10 Prozent der Kriegs- 
verletzungen an den Augen zu doppelseitiger Erblindung, während 
in etwa 90 Prozent nur ein Auge verloren ging. In ungefähr 77 Pro- 
zent der Fälle führte die Verletzung eines Auges zu dessen Erblindung, 
und für die übrigen 23 Prozent führte die Verwundung auch noch 
größtenteils zu einer schweren Sehstörung des Auges. In 43 Prozent 
wurde die Herausnahme des Augapfels notwendig, um eine Erkrankung 
des zweiten Auges zu verhüten. Die Kopfschüsse mit Gehirnverletzung 
oder Läsion der Augenhöhle führten in weit über der Hälfte der 
Fälle zu Sehstörungen. Auch Schädelbasisfrakturen bedingten in 
einigen Fällen einseitige Erblindung durch Brüche im Bereich des 
Orbitaldaches. Alle diese Tatsachen zeigen die große Gefährdung des 
Sehorgans bei der Art der heutigen Kriegführung und berechtigen leider 
zu dem Schluß, daß trotz der staunenswerten Erfolge der Augen- 
heilkunde die Zahl der erblindeten Krieger überraschend groß sein wird.« 

K. B. 

Superarbitrierung und Versorgung von Kriegsblinden. 

Um bei der Entlassung der Mannschaftspersonen mit Invaliden- 
pension eine Unterbrechung im Bezug der Militärgebühren noch sicherer 
zu vermeiden, als dies schon durch die bisherigen Verfügungen er- 
zielt wurde, hat das Kriegsministerium Weisungen erlassen, denen, als 
für Kriegsblinde besonders wichtig, folgendes zu entnehmen ist: 

Wenn einem Mann die Invalidenhausversorgung gebührt 
(bei erblindeten Soldaten ist dies stets der Fall), ist diese seitens der 
Superarbitrierungskommissionen und der Militärkommanden unbedingt 
zu beantragen, beziehungsweise zuzuerkennen, auch wenn der An- 
spruchsberechtigte vorläufig auf sie gegen Bezug der Invalidenpension 
verzichtet. Der bezügliche Verziclit ist seitens der Suberarbitrierungs- 
kommission im Superarbitrierungsakt zu vermerken ; das Militär- 



Seite 376. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 9. Nummer. 

kommando hat in seinem Beschluß und im Anweisungsauftrage fest- 
zustellen, daß der Invalide Anspruch auf die Invalidenhausversorgung 
hat und daher auch späterhin jederzeit die Aufnahme in ein Militär- 
invalidenhaus verlangen kann. Gleichzeitig ist dem Invaliden vorläufig 
die Invalidenpension flüssig zu machen. Wenn in solchen schon bis- 
her vorgekommenen Fällen der Verzichtleistung auf die Invaliden- 
hausversorgung Superarbitrierungskommissionen und Militärkommandos 
nicht in der vorangeführten Weise vorgegangen sind, dürfen hiedurch 
die betreffenden Mannschaftspersonen in dem ihnen gesetzlich zu- 
stehenden Rechte, späterhin dann immer die ihnen gebührende Auf- 
nahme der Invalidenhausversorgung in Anspruch zu nehmen, nicht 
verkürzt werden. 

Mitteilungen von militärischen und nicht militärischen Anstalten 
über den Erfolg der Nachbehandlung (Hebung der Erwerbs- 
fähigkeit) von Kriegsinvaliden können zwar einen Behelf für die 
Beurteilung solcher Fälle durch die Superarbitrierungskommissionen 
bieten; letztere haben jedoch ihren Befund über den Grad der Fähig- 
keit zur Ausübung des bisherigen Berufes der Nachbehandelten un- 
bedingt auf Grund der durch sorgfältige eigene Prüfung jedes Falles 
gewonnenen eigenen Überzeugung festzustellen. Hiebei ist zum Bei- 
spiel nicht außeracht zu lassen, daß Blinde oder einer besonderen 
Pflege und Aufsicht bedürftige etc. auch dann unbedingt gesetz- 
lichen Anspruch auf die Invalidenhausversorgung haben, 
wenn sie durch die Nachbehandlung zu irgend einer Er- 
werbstätigkeit befähigt worden sein sollten; daß Invalide, 
die sich bei den Nachbehandlungen einem neuen Berufe zuwenden 
mußten, als »lOOYo berufsunfähig, arbeitsunfähig« zu bezeichnen sind 
(da sie eben zu ihrem bisherigen Beruf gänzlich u nf äh ig wurden); 
daß auch bei einer durch die Nachbehandlung wiedererlangten höheren 
Fähigkeit zum bisherigen Beruf die Arbeitsleistung solcher Invaliden 
in vielen Fällen doch nicht nach demselben Maß bewertet werden 
kann wie vor der Beschädigung, 

Personalnachrichten. 

— Lehrer i. R. Moriz Lacomf. Am 8. August 1. J. starb in Wien der 
ehemalige Zitherlehrer der n. ö. Landes-Blindenanstalt in Purkersdorf, M. La com. 
Seine Tätigkeit an dieser Anstalt erstreckte sich auf die Jahre von 1881 bis 1911. 
Der seit langer Zeit schwer Leidende konnte sich also noch die letzten Jahre der 
verdienten Ruhe erfreuen. L a c o m war als Zithervirtuose und Komponist bestens 
bekannt. 

— Auszeichnung. Der als k. k. Oberleutnant seit Kriegsbeginn im Felde 
stehende Revident der n. ö. Landes-Blindenanstalt in Purkersdorf, Bernhard F ü r s t 
hat für sein tapferes Verhalten vor dem Feinde die allerhöchste belobende An- 
erkennung (Signum laudis) erhalten. 

— Fachlehrer A. Zier fuß von der n. ö. Landes-Blindenanstalt in Purkersdorf 
wurde bei der Musterung als diensttauglich befunden und ist als Einjährig-Freiwilliger 
auf Kriegsdauer zum Landwehr-Infantrie-Regiment Nr. 1 in Wien eingerückt. 

— Einjahrig-Freiwilligen-Korporal Lehrer G. Posch ist genesen und steht 
bereits wieder bei demselben Regimente in Dienst. 

flus den Anstalten. 

— K. k. Blinden-Er Ziehungsinstitut in Wien II. Die sofort mit 
Kriegsbeginn von Frau Regieiungsrat Meli im Einvernehmen mit dem Patriotischen 
Hilfsverein vom Roten Kreuze und dem Kriegsfürsorgebureau des Ministeriums des 



9. Nummer Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 377. 

Innern eingeleitete Al<tion zur Beschaffung von Kälteschutzmitteln 
ist mit Ende Mai vorläufig zum Abschlüsse gebracht worden. Es wurden dem 
Kriegsfürsorgeamt im k. u. k. Kriegsministerium 12.207 Stücke bezw. Paare ab- 
geliefert, welche Gegenstände fast ausschließlich von blinden Mädchen und Frauen 
erzeugt worden sind. Natürlich waren auch sämtliche älteren weiblichen Zöglinge 
des k. k. Blinden-Erziehungs-Institutes, sowie eine Anzahl der Knaben, die zu diesem 
Zwecke eigens stricken lernten, mit solchen Arbeiten beschäftigt. Es wurden her- 
gestellt : 4149 Paar Socken, 1900 Schneehauben, ber lOOO Leibbinden, 764 Schals, 
über 2600 Paar Pulswärmer, nahezu lOOO Paar Fäustlinge und diverse andere warme 
Kleidungsstücke. Für die Herstellung dieser großen Menge von Kälteschutzmitteln 
wurden an blinde Frauen und Mädchen, ferner an die Angehörigen Blinder nahezu 
4000 K an Löhnen ausgezahlt, so daß diese Aktion einem zweifachen Zwecke diente 
und zwar dem patriotischen und dem Zwecke der Arbeitszuwendung an Blinde. 

Durch zahlreiche Geldspenden wurde es möglich, nicht nur das erforderliche 
Material zur Arbeitsbeschaffung sondern auch die sehr günstig angesetzten Stück- 
löhne zu bezahlen Auch auswärts Wiens lebende Blinde konnten mit lohnender 
Arbeit versehen werden, und in fast allen Kronländern waren blinde Arbeiterinnen 
mehrere Monate hindurch beschäftigt. Mehrere blinde Mädchen hatten auf Arbeits- 
lohn verzichtet. 

Die dieser Wollaktion zugefloßenen Wollspenden betrugen über drei Meter- 
zentner gute Schafwolle und Garne verschiedener Art, so daß diese Zuwendungen 
allein über 4000 K Wert repräsentieren. 

Der Leiterin der Aktion standen die Fräulein Hauptlehrerin Mathilde Meli, 
Paula und Alice Meli und der Jurist Eugen Meli helfend zur Seite. 

Das k. u. k. Kriegsministerium Kriegsfürsorgeamt hat sich veranlaßt gesehen, 
an Frau Regierungsrat Meli ein von Exzellenz Löbl gezeichnetes Dankschreiben 
zu richten, dem wir folgendes entnehmen: 

>Euer Hochwohlgeboren hatten die besondere Liebenswürdigkeit, eine große 
Kälteschutzaktion im Blindeninstitute einzuleiten, welche ein überraschendes Er- 
gebnis lieferte und Zeugnis ablegte für den patriotischen Sinn und die Opfer- 
willigkeit der Teilnehmer an dieser Aktion. 

Das Kriegsfürsorgeamt erlaubt sich. Euer Hochwohlgeboren für die Durch- 
führung dieser Aktion und die Leitung der damit zusammenhängenden Arbeiten 
den wärmsten und verbindlichsten Dank zum Ausdrucke zu bringen. 

Euer Hochwohlgeboren haben durch dieses patriotische Wirken dem Kriegs- 
fürsorgeamt reiche Spenden von Kälteschutzmitteln zugeführt, welche stets sofort 
an die Truppen im Felde weiterbefördert wurden, wodurch die Kälteschutzaktion 
des Kriegsfürsorgeamtes eine wesentliche Förderung und Unterstützung erfahren hat«. 

Außerdem wurde die Leiterin der Aktion mit einer für treue Mitarbeiterschaft 
gestifteten kunstvollen Brosche bedacht. 

Über einhundertfünfzig Feldpostkarten brachten den Teilnehmern der Aktion 
den Dank unserer tapferen Soldaten für die Gaben der Blinden. 

Es ist bereits die Absicht vorhanden, bei noch weiterer Dauer des Krieges 
eine neue Aktion in dieser Richtung im k. k. Blinden-Erziehungs-Institute einzuleiten. 

— Privat-Blindenlehranstalt in Linz. Anläßlich der Wiedereroberung 
Lembergs fand am 24. Juni 1. J. nach vorausgegangenem feierlichem Dankgottes- 
dienste eine erhebende Schulfeier mit folgender Ordnung statt: Eröffnungs- 
ansprache des Direktors. „Radetzky-Marsch", dreistimmiger Kinderchor von Briem, 
„Kaiser Franz Josef L" Gedicht von Janischfeld. ,, Selbsterlebtes", Vortrag des 
Kriegsblinden Alois Huber. „Ruhmlose Helden", Gedicht von Kernstock. ,, Deutsche 
und österreichische Hymne". Die beiden Vorträge erregten unter den Anwesenden 
eine mächtige Wirkung und werden einen dauernden Eindruck hinterlassen. Große 
Begeisterung erzielten besonders die fesselnden Schilderungen der Kämpfe, Stra- 
pazen und Siege durch den Kriegsblinden Alois Hu ber, der in gewandter Form 
erzählte. 

Am 5. Juli 1. J. machten die Zöglinge der Töchterschule des Ursulinnen- 
klosters in Begleitung zweier Lehrpersonen der Erziehungsanstalt einen Abschieds- 
besuch und verbrachten mit den in den Ferien hier bleibenden Zöglingen einen 
angenehmen Abend. 

— Mädchen-Blindenheim „Elisabethinum" in Melk. Daselbst starben 
die Pfleglinge Berta Hab er 1er, geboren 1871, und Anna Kummer er, geboren 
1885, beide ehemalige Zöglinge der n. ö. Landes-Blindenanstalt in Purkersdorf. 



Seite 378. Zeitschrift für das Österreichische Blindenwesen. 9. Nurrimer 

Für unsere Kriegsblinden. 

— Landeskommission für Kriegsblinde in Ober- 
Österreich. In der Sitzung des Arbeitsausschußes der Landeskommission 
zur Fürsorge für heimkehrende Krieger am 22. Juni 1. J. erstattete der 
der Vorsitzende nach eingehender Vorarbeit des Anstaltsdirektors 
Anton M. Pleninger einen ausführlichen Bericht über die Kriegs- 
blindentürsorge, der mit großem Beifalle zustimmend zur Kenntnis ge- 
nommen wurde. 

— Sammlung der »Neuen Freien Presse« zugunsten 
im Felde erblindeter Angehöriger des Heeres. Die Anreger 
dieser Sammlung, wie das Blatt selbst, begingen am 20, August 1. J. 
einen Ehrentag, denn die Spenden für den bezeichneten Zweck über- 
schritten an diesem Tage eine halbe Million Kronen. Wir beglück- 
wünschen das Blatt zu diesem schönen Erfolge und danken im Namen 
der Blindenpädagogen und Blindenfreunde für die Hilfe, welche es einer 
großen und edlen Sache geliehen hat. Hoffentlich erleben wir Dank 
dem Edelsinne und der Opferwilligkeit der Öffentlichkeit bald die volle 
Million. 

Die ,,Neue Freie Presse" eröffnete eine neue Sammlung für Kriegsblinde 
und zwar für die vom Kommerzialrat Heinrich Grimm in Wien angeregte Errich- 
tung eines Kriegsblindenheims. 

— Unter dem Protektorate der Gräfin Johanna Hartenau fand am 15. August 
1. J. ein Wohltätigkeitsfest im Wiener Konzerthausgarten statt, dessen Rein- 
erträgnis teilweise der Fürsorge für erblindete Krieger zugewendet wurde. Hiebei 
wirkten mit: Fräulein E. Anhalt von der Volksoper, Fräulein C. Nagelmüller, 
Fürstin Maria v. Swiatopolt-Mirska, Trude Voigt und Frau E. Werner vom 
Theater in der Josefstadt, ferner Herr F. Berger, Herr J. Weiß von der Dresdener 
Oper, Herr F. Wreede und Herr Kapellmeister G. Windhopp. 

— Der Ertrag des Wehrzeichens in Gablitz, welches am 15. August I. J. 
unter Mitwirkung von Mitgliedern des „Schubertbundes" aus Wien enthüllt wurde, 
ist zum Teile erblindeten Soldaten gewidmet. 

Verschiedenes. 

— Der Hund als Blindenführer. Eine herzergreifende Szene, welche 
den Beweis erbringt, das Hunde nicht nur treue Hausgenossen, sondern sich auch 
— trotz des starken Wagenverkehrs in den Straßen Wiens — als Blindenführer be- 
währen, kann man täglich auf dem Neulerchenfelder Großmarkte wahrnehmen. Gegen 
V28 Uhr früh erscheint daselbst täglich ein junger, zirka 21 jähriger, vollständig er- 
blindeter Mann, der an einer Handleine von einem Hunde geleitet wird. Der un- 
glückliche Mann, der infolge einer schweren Erkrankung auf beiden Augen voll- 
ständig erblindet ist, hat diesen Hund — eine Polizeihundrasse — selbst groß ge- 
zogen und derart abgerichtet, daß er nur die Namen der Geschäftsleute, zu denen 
er sich begeben will, zu nennen braucht und das Tier seinen Herrn zu dem ange- 
gebenen Ziele führt. Besonders interressant ist, wenn der Hund, welcher seinen 
erblindeten Herrn mit der Leine fortzieht, die Straße übersetzen muß. Kommt ein 
Wagen entgegen, bellt der Hund, zieht seinen Herrn auf die Seite, wo er auf einem 
ungefährlichen Platze stehen bleibt. Er wartet so lange, bis der Weg frei ist, dann 
erst geht er weiter. 

— »Blind« im Kriegsleben. In der Soldatensprache spielt das Wort »blind« 
keine unbedeutende Rolle; man spricht dort vom »blinden« Gehorsam, der geleistet 
wird, ohne die sittliche Beschaffenheit der befohlenen Sache zu untersuchen. Der 
Wachtmeister sagt im »Wallenstein« von seinem Feldherrn: »Das Wort ist frei, die 
Tat ist stumm, der Gehorsam »blind«. »Blinder« Lärm ist ein irrtümlicher Sammel- 
ruf. Der Ausdruck zeigt uns ganz deutlich, daß wir es in diesem Falle mit einer 
ursprünglich nur dem militärischen Gebiet angehörenden Bezeichnung zu tun haben; 
das Wort »Lärm« ist aus »Alarm« hervorgegangen, und diesem liegt der lateinische 
Kommandoruf »Adarma!« (»Zu den Waffen«) zugrunde. 

Herausgeber: Zentralverein für das österreichische Blindenwesen in Wien. Redaktionskomitee: K. Bürklen, 
J. Kneis, A. v. Horvath, F. Uhl. — Druck von Adolf Englisch, Purkersdorf bei Wien. 




2. Jahrgang. Wien, Oktober 1915. 10. Nummer. 



J »W^as für eine Freud' soll ich wohl haben können, ^ 
^ der ich des Sonnenlichtes beraubt bin ?« ji 

® Tobias 5, V. 12. g^ 



flus dem Stammbuche 
Maria Theresias von Paradis. 

Fachlehrer Emanuel S c h e i b, Linz. 

Ist auch die heutige Zeit, in der die Geschichte mit Blut und Eisen 
geschrieben wird und die Zukunft jedes Gemüt in Atem hält, nicht so 
geeignet, RückbHcke zu halten, so führt uns doch das Stammbuch unserer 
berühmten Österreicherin in Zeiten zurück, wo auch halb Europa in 
Flammen gehüllt war und ein Napoleon die Welt in Atem hielt. 

Freilich sind hier die politischen Verhältnisse weniger hervorge- 
hoben; konnte ja Paradis nur im Wettstreite der edlen Geister Siegerin 
sein. Doch daß sie hier wirklich Großes leistete, zeigen die verschiedenen 
Lobeshymnen ihrer begeisterten Verehrer und Verehrerinnen, die nicht 
nur schmeichelhafte Worte, sondern wahre Herzenstöne aufrichtiger Be- 
wunderung fanden. Daß dies ehrwürdige Andenken in die Hände der 
Linzer Blindenlehranstalt kam, verdankt diese dem Kusin Maria Theresias 
Felix Levasori della Motta, Herrschaftsbesitzer von Ottensheim bei 
Linz, wie auf dem Bilde der Innenseite der Schatule zu ersehen ist. In 
der Schenkungsurkunde an den damaligen Direktor der Anstalt, Peter 
Westermayer, der um das Stammbuch und die Büste gebeten hatte, 
schreibt della Motta: »Sie werden nicht verkennen, daß mir als nahen 
Blutsverwandten der Therese von Paradis, der von ihren würdigen 
Eltern auferzogen, mit ihr deren Liebe und Sorgfalt gleich einem Bruder 
teilte, der Zeuge und Genosse ihrer edlen Denk- und Handlungsweise 
war, ihr Stammbuch, abgesehen als Beleg von der durch ihre bewun- 
derungswerten Eigenschaften sich allgemein erworbenen Teilnahme und 
ihrer von in jeder Beziehung ausgezeichneten Personen anerkannten 
Verdienstlichkeit, bloß nur als Familienstück von hohen Interesse hegen 



Seite 384. 



Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 



10. Numme'r. 



muß; — doch ist es mir, als sehe ich die VerbHchene vor mir schweben 
und treundHch anerkennen, daß ich keine Nichtachtung, sondern viel- 
mehr eine Erhöhung meines dankbaren Gedächtnisses an Tag lege, wenn 
ich mit Beseitigung je- 
des selbstsüchtigen Ge- 
dankens dieses Buch 
dem Blinden-Institute, 
dessen würdiger Vor- 
stand Sie sind, zu einem 
bleibenden Denkmal 
mit dem innigsten Wun- 
sche verehre, daß ihre 
Eleven daraus die be- 
ruhigende Überzeugung 
schöpfen mögen, wie 
weit es die Stärke und 
Beharrlichkeit des Gei- 
stes zu bringen vermag, 
wie der Verlust des 
Augenlichtes die geisti- 
gen Genüsse erhöhe, 
wie die allwaltendeVor- 
sehung reichlich auf 
einer anderen Seite 
wieder einsetzt und sie 
in ihrer Weisheit uns 
einerseits zu entziehen 
für gut fand und so 
slcts liebevoll für ihre 
Kinder sorgt, daß also 
Ihren Eleven meine 
teure selige Kusine zum 
tröstlichen, nachahmen- 
den Musterbilde dienen 
möge.« 

Das Stammbuch ist an 230 goldberänderte Quartblätter stark und 
in rotem Saffian gebunden. Am oberen Deckel Ist in einem grünen 
Schilde eine goldene Lyra eingepreßt. Der Rücken des Buches zeigt den 
Titel und die Jahreszahl 1803, doch sind die ältesten Blätter schon vom 
Jahre 1774, das letzte 1821 datiert. Sie wurden wahrscheinlich, wie es 
früher der Brauch war, einzeln gesammelt und dann im erstgenannten 
Jahre zu einem Buche vereinigt. — Von den Persönlichkeiten, die sich 
hier eintrugen, sind vom einfachen Bauer bis zum geistlichen Würden- 
träger, von der Schülerin bis zum berühmten Professor und Gelehrten, 
wie auch die verschiedenen Vertreter der schönen Künste verewigt. 

Gleich das erste Blatt zeigt ein Aquarellbild, vom Maler Johann 
Jungh zum 15. Mai 1803, dem 44. Geburtstag, gewidmet. Es zeigt in 
mittelmäßiger Ausführung einen Felsen, in dessen Mitte auf einer 
Mamortafel unter zwei ineinandergeschlungenen Kränzen die Inschrilt: 
»Denkmal der Freundschaft« zu lesen ist. Auf dem Felsen — umsäumt 




lö. Nummer. Zeitschrift fiir das Österreichische Blindenwesen. Seite 385 

von zwei Palmen — befindet sich eine Urne mit einer Lyra. Hinter dem 
Felsen treten zwei weibliche Gestalten genienhaft hervor, von denen die 
eine zur Lyra die Worte zu singen scheint, die unterhalb schön kalli- 
graphisch geschrieben sind: 

>Von Harmonie durchdrungen, 

Von Sympatie umschlungen 

Will ich an Freundeshand durch's Leben gehn.« 
Ähnliche Widmungen enthält das Buch noch von Theresens Paten- 
kind Pauline und deren Schwester Ernestine de Boscalle, letztere mit 
prächtigen Charakterköpfen, Marie Dobler mit einem Engelskopf, 
Henriette Ludwig geb. Lötz mit dem Porträt Popes. Julie Petrovich 
widmete eine Tuschdarstellung eines Blinden, der sich mit seinem Stabe 
forttastet, Ernestine Löhr eine landschaftliche Skizze, Nanette Sprinz 
einen gezeichneten Blumenstrauß. Durch eine interressante Tuschskizze, 
einen Wald mit zwei vorbeireitenden Gestalten, bereicherte der Bruder 
des Idyllendichters Salomon Geßner das Stammbuch. Auf der Rück- 
seite des Blattes ist zu lesen: 

»Zum freundschaftlichen Andenken der Madame und Madmoiselle 
Paradis von Konrad Geßner.« 25. März 1786 zu Dresden. 

Ist es ja an und für sich wiedersinnig, einer Blinden ins Stamm- 
buch zu schreiben oder gar Bilder zu widmen, so möchte ich gerade 
daraus den Schluß ziehen, daß Fräulein Par ad is auf ihre Mitmenschen 
gar nicht den typischen Eindruck einer Blinden gemacht hat. Es war 
die Hochachtung und Huldigung vor dem Triumpfe der menschlichen 
Kunst über die Natur. Besonderen Dank müssen wir einer Dame, 
Faustine Parmentie, zollen. Sie porträtierte nämlich Paradis mit flüch- 
tigen Bleistiftstrichen bei deren Aufenthalt in Paris im Jahre 1784 und 
setzte die Worte dazu: »E la mia amica, amici se non la trovate bene, 
credete ch'ella e miglio nel mio core.« Sie ist im Buch noch durch ein 
iranzösisches Gedicht vertreten. Nach diesem auf der Außenseite des 
Schatulendeckels sichtbarem Bilde war Paradis jedenfalls eine bedeuten- 
dere Erscheinung als die realisierte und fast erschreckend wirkende 
Darstellung in der Wachsbüste, wie sie in Nummer 7 des 1 . Jahrganges 
dieser Zeitschrift abgebildet war. 

Von den Inschriften des Stammbuches interessieren uns vor allem 
zwei. Aut dem einen Blatt sind einige verwelkte Blumen befestigt und 
darunter steht in sehr deutlicher, fester Schrift von ihrer eigenen Hand 
geschrieben: »Blumen, gesammelt aut dem Grabe meiner lieben Mutter 
in Baden den 21. Juni 1805. Maria Theresia Paradis.« Sie war eine 
geborene Levasori della Motta und hieß Rosalia; sie starb in 
Baden an den Folgen einer Lungenkrankheit, 55 Jahre alt, am 25. Mai 
1794. Das beigegebene Bild zeigt das wertvollste Blatt des autge- 
schlagenen Stammbuches. Auf dem zweiten Blatt steht ein Gedicht : 
»An meine Freundin Maria Theresia von Paradis, als am Vorabend 
ihres Namenstages, 1809, der Kanonendonner zu ihrer Kränkung 
den Frieden mit Napoleon verkündete ! 

Gottes Segen wünsch' ich Dir, o Beste ! 

Heut zu Deinem freudenreichen Feste — 

Freudenreich ist es der halben Welt — — 

Wenn's Dir auch gleich nicht gefällt. 



Seite 386. Zeitschrift für das Österreichische Blindenweäen. 10. Nummer. 

Will der Kaiser uns den Frieden schenken, 
Dürfen wir uns nicht darüber kränken. 
Er kennt seine Landesvaterpflicht, 
Wir hingegen seine Gründe nicht. 

Sollen Schmerzenstränen länger fließen ^ 
Brüder länger noch ihr Blut verspritzen ? 
Nur etwa im ungewissen Wahn, 
Daß man noch den Feind bezwingen kann t 
Doch wenn wir im Wahne uns betrügen — — 
Und am Ende gänzlich unterliegen — 
Sprich, zerstörte solch ein Mißgeschick 
Jede Freude nicht und jedes Glück.? 

Laß die Herrscher immerhin sich zanken, 
Ihre Siege lösen nicht die Schranken, 
Die die Freundschaft um uns her gewebt 
Und der Ruhm, für den der Sieger lebt. 
Lohnt niclrt unsre Sorgen, unsren Schrecken, 
Kann erschlagene Brüder nicht erwecken. 
Selbst von dem erkämpften Überfluß 
Bleibt am Ende uns doch kein Genuß. 

Deinem Feste danken wir den Frieden, 
Friedensengel ! Dir war es beschieden, 
Dir, die jeder Zwist so sehr betrübet. 
Die die Eintracht mehr als Reichtum liebet. 
Laß uns Teure fernerhin hinieden 
Unsere Zeit verleben in dem Frieden, 
Der von jeher uns so tröstend war 
In des Lebens Ruhe und Gefahr.« 

Diesem geschriebenen Blatte ist ein gedrucktes angefügt, das wegen 
seiner welthistorischen Bedeutung hier dem ganzen Wortlaut nach an- 
geführt wird: 

Außerordentliche Beilage zur Wiener Zeitung Nr. 1 58. 

Wien, den 14. Oktober 1809. 

Heute um Mittag hat Se. Exzellenz der Herr Regierungs-Präsident 
folgendes Schreiben von Sr. Exzellenz dem Herrn General-Gouverneur 
von Oesterreich erhalten : 

Herr Präsident! 

Ich beeile mich, Ihnen beigefügte Abschrift eines Tagesbefehles 
bekannt zu machen, aus dem Euer Exzellenz die frohe Neuigkeit ent- 
nehmen werden, daß der Friede heute Morgens um 9 Uhr unter- 
zeichnet worden ist. Ich habe Befehl, ihn dem Publikum durch eine 
Salve von hundert Kanonenschüssen bekannt zu machen; lassen Sie 
ihn unter Trompetenschall verkünden. 

Ich bevollmächtige Sie, den Tagesbefehl, den ich die Ehre habe 
Ihnen zu übersenden, sogleich in beiden Sprachen drucken und an- 
schlagen zu lassen. 



10. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 387. 

Ich erneuere Ihnen, Herr Präsident, die Versicherung meiner 
persönlichen Gesinnung und meiner hohen Achtung. 

Der Divisions-General, 

Reichsgral und General-Gouverneur: 

F. Andreossy. 

Tagesbefehl. 
Schönbrunn, den 14. Oktober 1809. 

Der Friede wurde heute Morgens um 9 Uiir zwischen dem Herrn 
Grafen von Champagny, Minister der auswärtigen Geschäfte Sr. 
Majestät des Kaisers der Franzosen, Königs von ItaHen, und dem 
Herrn Fürsten von Lichtenstein, Bevollmächtigten Sr. Majestät des 
Kaisers von Österreich, unterzeichnet. 

Die Herren Marschälle werden diese Neuigkeit durch Artillerie- 
Salven verkünden lassen. 

Der Fürst von Neuchatel, 
Major-General 
Alexander.« 



Unterzeichnet : 



Die übrigen Inschriften des Stammbuches sind größtenteils in deut- 
scher, dann französischer, englischer, lateinischer, italienischer und eine 
in türkischer Spraciie. Sie verherrlichen in Prosa und Poesie die virtuose 
Kunst, ihre Geistes- und Herzensbildung, ihre Anmut und die vollendeten 
gesellschaftlichen Formen, wodurch sie selbst vor gekrönten Häuptern 
erscheinen konnte. Damit suchen sie die Besitzerin über den Verlust 
des Augenlichtes zu trösten. Gleichzeitig lassen sie die Spuren ihrer 
Reise vertolgen, die die Künstlerin durch Böhmen, Deutschland, die 
Schweiz, Frankreich, England und Belgien führte. Auch ergibt sich daraus, 
daß sie nicht, wie allgemein angenommen wurde, erst im Jahre 1784 
ihre Kunstreise begann, sondern schon ein Jahr Irüher. 

Nur wenige Aufzeichnungen belassen sich mit Erlebnissen außer 
der Kunst. Beim Durchblättern findet man eine Episode ihrer Reise 
verzeichnet, wo ein biederer Bauer, Johann Georg Mathe im Dorfe 
Heydena bei einem Wagenunlall ihnen bereitwilligst beistand. Er schrieb 
am 27. März 1786: »Da ich den Hilfsbedürftigen gerne beistehe, so habe 
ich Sie gerne aufgenommen.« Theresens Freund und Reisebegleiter 
Riedinger erklärte dies selbst mit folgender Anmerkung: »In der 
Nachbarschaft dieses Dorfes, etwa anderthalb Stunden von Dresden, 
links der Straße nach Böhmen, brach ein großes Rad an unserem Wagen; 
obiger Bauer kam dazu, brachte uns nach dem Dorfe, bewirtete uns in 
seinem wohlgebauten Hause, indessen er den nach Pirna geschleppten 
Wagen reparieren ließ und uns grüne Waren und Fleisch von da zurück 
brachte. Sein braves Weib war während den anderthalb Tagen, die wir 
da zubrachten, die Köchin und Stubenmagd der Frau und Fräulein 
Para d i s.« 

(Fortsetzung folgt.) 



Seite 388. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 10. Nummer. 

Österreichs Anteil an der deutschen Fach- 
literatur des Blindenwesens. 1802 — 1914. 

Direktor K. Bürklen, Purkersdorf. 
(Fortsetzung.) 

Meli Mathilde, Hauptlehrerin am k. k. Blinden-Erziehungs-Institut in 

Wien. 
Das Lesen der Blinden. Meli: Der Blindenuntenicht. Wien 1910. 
Der Turnunterricht. Meli: Der Blindenuntenicht. Wien 1910. 
Der Unterricht in der Maturlehre. Meli : Der Blindenunterricht. Wien 1910. 
Eindrücke vom internationalen Kongreß zur Verbesserung des Loses der Blinden 

in Kairo 1911. Blindenfreund, XXXII Düren 1911. 
Haben die Araber eine Reliefschrift für Blinde gekaunt und angewendet? 

Vortrag von A. Zeki-Bey. Blindenfreund, XXXI. Düren 1911. 

M. M. (Meli Marie, Direktorsgattin in Wien.) 

Louis Braille. Häkeln. Maschinnähen. Netzen. Rähmenarbeit. Spinnen. Stricken. 

auf der Maschine, Stricken. Teppichknüpfen. Artikel im „Handbuch". Wien 1900. 

Meßner Anton, Lehrer am k. k. Blinden-Erziehungs-Institut in Wien. 

Methode und Lehrmittel für den Rechenunterricht in der Elementarklasse 

in Blindenanstalten. Blindenfreund XI. Düren 1891. 
Anschauungsunterricht in der Blinden-Elementarklasse. Blindenfreund, XVIII. 

Düren 1898. 
Über die Kurzschrift in der Blindenschule, Vortrag. Ost. Blindenlehrer-Kongreß, 

Linz 1890. Bericht. 
Die Blinden-Elementarklasse. Blindenfreund, XVIII und XIX. Düren 1898, 1899. 
Unsere Punktschriftfibel. Von unseren Blinden I. Wien 1908. 
Setztafel für Brailleschrift. Von unseren Blinden I. Wien 1908. 
Die Orientierung der Blinden. Bericht des k, k. Blinden-Institutes Wien 1890. 
Meli: Der Blindenunterricht. Wien 1910. 

Moudry Hubert, Modelleur in Littau. 

Wie ich als Blinder Modelleur wurde. Zeitschrift f d. öst. Blindenwesen. Wien 1914. 

Mracek Anton, Direktor der Deyl'schen Blinden-Erziehungs-Anstalt 

in Prag. 

Rudolf Maria Ritter von Klar. Francisco-Josephinum in Prag. Klar'sche Ver- 

sorgungs- und Beschältigungsanstalt für erwachsene Blinde in Prag. Artikel 

im »Handbuch ^''. Wien 1900. 

Müller K. L., Privatsekretär in Wien. 

Neu erfundene Schreibmaschine. Wien 1823. 
Neugebauer K., Übungslehrer in Olmütz, 

Förderung des Turnunterrichtes bei den blinden Kindern. Vortrag. IV. öst. 
Blindenfürsorgetag, Brunn 1909. Bericht. 

Newald-Grasse Anny von, Schriftstellerin in Melk. 

Blinde als Zuhörer. Zeitschrift f. d. öst. Blindenwesen 1. Wien 1914. 
Niemczynski August, Fachlehrer an der mähr.-schles, Landes-Blinden- 
anstalt in Brunn. 

Johann Schwärzt Blindenfreund, XIX. Düren 1899. 

Organisationsentwurf über das öst. Blinden-Erziehungs-Unterrichts- und Für- 
sorgewesen. Vortrag. Öst. Blindenfürsorgetag, Graz 1906. Bericht. 

Der Geist des modernen Blindenwesens. Vortrag. IV. öst. Blindenfürsorgetag, 
Brunn 1909. Bericht. 

Flaschenhülsen aus Stroh. Alois Edler von Janecek. Koffererzeugung. Mähren. 
Schlesien. Artikel im »Handbuch.« Wien 1900. 

Nowak Wilhelm, Lehrer am Isr. Blindeninstitut in Wien, 

Das naturgemäße Modellieren im Dienste des Anschauungsunterrichtes der 
Blindenanstalt. Blindenfreund, XXV. Düren 1905. 



10. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 389. 

Nowotny Bernhardine, Kinderg:ärtnerin am Taubstummblindenheim 

in Wien. 

Mahnwort an die Besucher von I^lindenerziehungsanstaltee. Zeitschrift f. d. 
Kindergartcnwesen. Wien 1914. 
Oppel Johann, Lehrer am k. k. Blindeninstitute in Wien. 

Zur Geschichte, Methode und Verteilung des geographischen Unterrichtes in 
BHndenanstalten, insbesondere im BHndeninstitut zu Wien. Organ der Taub- 
stummen- und Blindenanstalten XXVI. Friedberg 1880. 

Die Naturgeschichte in Blindenanstalten. Vortrag. IV. Blindenlehrer-Kongreß, 
Frankfurt a. M. 1882. Hericht. 

Geographische Reliefkarten. Blindenfreund, II. Düren 1882. 

Notizen über geographische Reliefkarten. Blindenfreund, III. Düren 1883. 

Fortschi itt der Blindensache in Österreich. Blindenfreund, III. Düren 1883. 

Die Sprache der Blinden. Anhang zum Berichte über den VI. Blindenlehrer- 
Kongreß, Köln 1888. 

Untersuchungen der Idee über eine eigentümliche Blindensprache und die 
Sprache der Blinden. Bericht des k. k. Blinden-Institutes. Wien 1890. 
Pablasek Matthias, Direktor des k, k. Blinden-Institutes in Wien. 

Geschichte, Chronik und Statistik des k. k. Blinden-Erziehungs-Institutes. 
Wien 1864. A. Pichlers Witwe & Sohn. 

Johann Wilhelm Klein. Ein Vortrag zu dessen hundertjähriger Jubelfeier. 1865 
Wien. k. k. Blinden-lnsUtut. 

Die Jubelfeier des k. k. Blindeninstitutes zu Wien. Organ der Taubstummen- 
und Blindenanstalten XI. Friedberg 1865. 

Die Fürsorge für die Blinden von der Wiege bis zum Grabe. Wien 1867. 
Bcck'sche Universitätsbuchhandlung (A. Holder). 

Lehrmittel für Blinde von Moritz Riesner. Organ der Taubstummen- und 
Blindenanstalten XIII. Friedberg 1867. 

Die Schule der Blinden bei der Pariser Weltausstellung. Organ der Taub- 
stummen und Blindenanstalten XIV, XV. Friedberg 1868, 1869. 

Mitteilungen aus der Blindenwelt. Organ der Taubstummen- und Blinden- 
anstalten XVII. Friedberg 1871. 

Was ist in Österreich für die Bildung der Blinden bisher getan worden und 
was soll noch weiter für dieselben geschehen? Vortrag am Allg. öst. Lehrer- 
taae in Klagenfurt 1872. Heilpädagog II. Wien 1872. 

Die Entstehung des Blinden-Institutes zu Mailand. Heilpädagog II. Wien 1872. 

Referat über einen neu eifundenen Punktierapparat. Bericht des k. k. Bhnden- 
institutes. Wien 1873. 

Der Kongreß in seinen Beziehungen zu der Wiener Weltausstellung. Anhang 
im Berichte des I. europ. Blindenlehrer-Kongreß. Wien 1873. 

Über den Musikunterricht in der Blindenschule. Vortrag. Blindenlehrer-Kongreß, 
Wien 1873. Bericht. 

Blindenunterricht. Bericht über das öst. Unten ichtswesen. Weltausstellung 1873 
II. Teil. Wien 1873. 

Die Blindenschule auf der Wiener Weltausstellung. Organ der Taubstummen- 
und Blindenanstalten XX. Friedberg 1874. 

Die Blindenehe. Organ der Taubstummen- und Blindenanstalten XXI. Friedberg 
1875. 

Die Trennung der Geschlechter in Blindeninstituten. Organ der Taub- 
stummen- und Blindenanstalten XXI. Friedberg 1875. 

Die Blinden-Bildungsanstalten, deren Bau, Einrichtung und Tätigkeit. Wien 
1876. A. Holder. 

Der Blindenunterricht in der Volksschule der Sehenden. Jahresbericht des 
k. k. Blindeninstitutes. Wien 1882. 

Erziehung und Unterricht blinder Kinder im Elternhaus und in der Volks- 
schule der Sehenden als Vorbildung für die Blindenanstalt. Wien 1883. 
K. k. Schulbückerverlag. 
Pawlik Franz, Direktor der mähr.-schles. Landes-Blindenanstalt in Brunn. 

Über Blindsein. Blindenfreund,. VIII. Düren 1888. 

Festschrift zur 50 jährigen Jubelfeier des mähr -schles. Blindeninstitutes in 

Brunn. Brunn 1896. Blindenanstalt 
Die Ausübung der Massage durch Blinde. Blindenfreund, XVI. Düren 1896. 



Seite 390. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. lO. Nummer. 

Ist eine Organisation der Blindenlehrer, der Blindenanstaltsbeamten und im 
weiteren Sinne auch der Blindenfreunde bei uns notwendig ? Vortrag. Ost. 
Blindenfürsorgetag, Graz 1906. Bericht. 
Petzelt Anton, Blindenlehrer in Wien und Graz. 

Notensystem für Nichtsehende, begründet auf die in ganz Deutschland ein- 
geführte Druckmaschine. Organ der Taubstummen- und Blindenanstalten XIV. 
Friedberg 1898. 

Petzelt's Moon'scher Schreibapparat. Organ der Taubstummen- und Blinden- 
anstalten XV. Friedberg 1869. 
Pipetz Gustav, Fachlehrer an der Landes-Taubstummenanstalt in Graz. 

Handbuch für die Lehrer an heilpädagogischen Anstalten Österreichs. Graz 
Seit 1903 fortgesetzt. Selbstverlag. 

Handtastsprache für Taubblinde. Tabelle. Graz. Selbstverlag. 
Podloucka F., Kontrollor der Landes-Gebäranstalt in Brunn. 

Die Esperantosprache im Dienste der Blinden. Vortrag. IV. öst. Blindenfür- 
sorgetag, Brunn 1909. Bericht. 
Posch! Josef, Lehrer am k. k. Blinden-Erziehun^s-Institut in Wien. 

Die Zentenarfeier des k. k. Blinden-Erziehungs-Institutes in Wien. Wissen 
für Alle. Wien 1904 

Entwicklung und gegenwärtiger Stand des Blindenwesens in Österreich. 
1804-1904. Tabelle. Wien 1904. K. k. Blindeninstitut. 
Zur Geschichte und Charakteristik des modernen Blindenwesens. Wien 1904. 
K. k. Blinden-Institut. 

Der neue Wiener-Ziffer-Rechenapparat mit Braille-Typen. Blindenfreud, XXVIII. 
Düren 1908, 

Aus der Anstalt. Von unseren Blinden 1, II. Wien 1908, 1909. 

Der Geschichtsunterricht. Meli : Der Blindenunterricht. Wien 1910. 

Die Schrift der Blinden. Illustrierte Zeitung. Leipzig l9ll. 
Pusdinig Johann, Lehrer an der kärntnerischen Landes-Blindenanstalt 
in Klagenfurt. 

Kärntnerische Blindenstiftungen. Zeitschrift f. d. öst. Blindenwesen. Wien 1914. 

Zum Blindenbibliothekswesen. Zeitschrift f. d. öst. Blindenwesen. Wien 3 914. 
Rappawi Anton, Fachlehrer an der mähr.-schles. Landes-Blinden- 
anstalt in Brunn. 

Die Blinden-Lesebuchfrage. Vortrag. Öst. Blindenfürsorgetag, Graz 1906. Bericht. 

Österreichischer Blindenfürsorgetag in Graz. Blindenfreund, XXVII. Düren 
1907 und Eos II. Wien 1907. 

Festbericht über die Grundsteinlegung des zweiten Gebäuder der Klar'schen 
Blindenanstalt in Prag 190T. Prag 1907. Klar'sclie Blindenanstalt. 

An die Eltern sehender Kinder. Flugblatt. Brunn 1907. Selbstverlag, 

Gedenket der armen Blinden ! Gedichte von Blinden und Blindenfreunden. 
Brunn 1907. Mähr.-schles. Blindeninstitut. 

Die Kunstwarte. Jahrbuch für Dichtungen von Blinden und Blindenfreunden. 
Brunn I 1908, II 1909, III 1910. Selbstverlag. 

Sonnenjahre des Schaffens und Werdens. Beiträge zur neuesten Geschichte des 
öst. Blindenwesens seit dem Grazer Blindenfürsorgetage 1906. Festschrift. 
Brunn 1909. 

Formen und Reformen des ßlindenunterrichtes. Vortrag. IV. öst. Blinden- 
fürsorgetag, Brunn 1909. Bericht. 

Kathi Hügel. Eine Taubblinde. Kunstwarte. Brunn 1910. 

Regierungsrat Alexander Meli. Biographie. Kunstwarte. Brunn 1910. 

Die Gartenarbeit als erziehliches Moment der Blindenanstalt. Vortrag. V. öst. 
Blindenfürsorgetag, Wien 1914. Bericht. 

Geistesleben der Blinden. Eos X. Wien 1914. 

Die Anfänge des Kartenlesens in der Blindenschule. Zeitschrift f. d. öst. 
Blindenwesen. Wien l9l4. 

Aus der Unterrichtspraxis. Die Forelle. Stundenbild. Zeitschrift f. d. öst. Blinden- 
wesen. Wien 1914. 

Die Erziehung des blinden Kindes im Elternhause. Brunn 1914. Selbstverlag. 

Angewandtes Modellieren in der Blindenschule. Blindenfreund, XXXIV. Düren 1914. 

Naturfreuden der Blinden. Brunn 1914. Selbstverlag. (Fortsetzung folgt) 



10. Nummer. Zeitschrift für das österreichische BUndenwesen. Seite 391. 



Kriegsblindenheime. 



Die Bewegung zur Gründung von Kriegsblindenheimen hat einen 
solchen Umfang angenommen, daß sie auch von fachlicher Seite Be- 
achtung verdient. Die Persönlichkeit des Erzherzog Karl Stephan, 
welcher als eifrigster Förderer dieses Gedankens gilt, gibt dieser Be- 
wegung eine besondere Bedeutung. 

Am 23. August 1. J. erschien der vom Kaiser zum Protektor 
über das gesamte Kriegsfürsorgewesen bestellte Erzherzog im Allge- 
meinen Krankenhause in Wien, um die auf der zweiten Augenklinik 
befindlichen Kriegsblinden und an den Augen verletzten Krieger zu 
besuchen. Der Erzherzog wurde vom Direktor des allgemeinen Kranken- 
hauses Dr. Med er, dem Direktorstellvertreter Dr. Lasch, dem der- 
zeitigen Leiter der Klinik Professor Dr. Josef Meiler, dem Inspektions- 
offizier Oberleutnant Dr. v. Medinger und der Oberschwester 
Kordiana sowie dem in der Blindenfürsorge eifrig tätigen Kommerzial- 
rate Heinrich Grimm empfangen und in die Krankensäle geleitet, 
wo der Erzherzog jeden einzelnen Patienten ansprach, sich die Art 
der Verletzung und die Umstände, unter denen sie erhalten wurden, 
und die Aussichten einer teilweisen Wiederherstellung Bericht er- 
statten ließ. Der Rundgang in den Krankenzimmern der Kriegsblinden und 
Verwundeten auf der zweiten Augenklinik dauerte fast zwei Stunden. 

Nach dem Rundgange hatte der Erzherzog mit den genannten 
Herren eine Besprechung, in der er, wie schon während der Gespräche 
mit den Blinden, das größte Gewicht darauf legte, daß die Blinden 
nach ihrer Entlassung aus der ärztlichen Pflege in einer Weise ver- 
sorgt werden, die ihrer Individualität entspricht. Er wies darauf hin, 
daß die Zahl der Blinden, die durch den Krieg das Augenlicht ganz 
verloren oder doch in einem Maße eingebüßt haben, daß sie in phisi- 
scher und sozialer Hinsicht den vollständig Erblindeten gleichzuhalten 
sind, derzeit überhaupt nicht festzustellen sei. Sie sei aber größer, als 
man allgemein annehme, und deshalb müsse auch die Blindenfürsorge 
im breitestem Umfange tätig sein. Der Erzherzog vertrat die Ansicht, 
daß die im Kriege Erblindeten auf keinen Fall und in keiner Form der 
öffentlichen Mildtätigkeit überwiesen werden dürfen. Diebreite Wohltätig- 
keit müsse sich der Blinden annehmen, aber in einer Weise, daß diese 
Kriegsopfer in ihrer Menschenwürde nicht herabgesetzt werden und 
ihr Leiden vergessen können. Die private Mildtätigkeit müsse hier des- 
halb mithelfen, weil neben der staatlichen Fürsorge durch die privaten 
Mittel eine größere Bewegungsfreiheit der Blinden erzielt werden kann, 
sowohl hinsichtlich der Erwerbsmöglichkeiten, die sich ihnen bieten, 
wie auch bezüglich der Freizügigkeit. Dieser Auffassung Icann man 
zunächst dadurch gerecht werden, daß man jenen Blinden, die einen 
Besitz haben, diesen tunlichst sichert. 

Erzherzog Karl Stephan wies darauf hin, daß durch Entlastung 
verschuldeten Besitzes und kleine Besitzvergrößerungen in vielen Fällen 
dem Blinden die ihm durch Erziehung und Lebensauffassung zunächst- 
liegende Zukunftsgestaltung gesichert werden kann. Jene Blinde, die 
eine derartige Unterlage nicht haben, und erst in der Blindenschule 
für einen neuen Beruf erzogen werden müssen, werden eine ganz 



Seite 392. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 10. Nummer. 

andere, individualisierende Behandlung erfahren müssen. Der Erz- 
herzog erklärte sich als einen Gegner der Kasernierung der Blinden. 
Dadurch werde ihnen ein monotones Leben geschaffen, das ihnen zu 
viel Zeit und Gelegenheit gibt, über ihr Schicksal nachzudenken, ander- 
seits aber auch erfahrungsgemäß Unzukömmlichkeiten entstehen läßt, 
die bei allen derartigen Zusammenlebenden unvermeidlich sind. Ander 
seits bringe es wieder Mißstände mit sich, wenn man die Blinden sich 
allzusehr überläßt. Sie können sich in den seltensten Fällen die not- 
wendige geistige Nahrung verschaffen, sie können aber auch nicht 
durch einen ihren Fähigkeiten und inzwischen erworbenen Kenntnissen 
entsprechenden Verdienst zu einer Bessergestaltung ilirer Lebenshaltung 
gelangen. Für diese müßten Heimstätten geschaffen werden, die bei 
aller Wahrung der Individualität und Freizügigkeit ein gewisses Zu- 
sammenleben von gleichartigen Kriegsblinden ermöglichen. Solche 
Heimstätten müßten in jedem Lande, in jeder größeren Stadt geschaffen 
werden, damit die Eigenart jedes einzelnen Kriegsblinden nach seiner 
Volkszugehörigkeit und persönlichen Veranlagung geschützt werde. 
Dann werde der Blinde dort nicht nur die ihm gewohnte Umgebung 
finden, die auf sein Denk- und Gefühlsleben heilsam wirkt, sondern 
auch die entsprechende Arbeit und die möglichste geistige Fortbildung. 

In dem Gespräche bemerkte der Erzherzog, daß die Schaffung 
dieser Kriegsblindenheimstätten der privaten Fürsorge in größtem Maß- 
stabe ans Herz gelegt werden könne, und sprach sich in anerkennenden 
Worten über die Sammlung für diesen Zweck aus, die im Sinne der 
von Kommerzialrat Heinrich Grimm geführten Aktion eingeleitet wurde 
und die der Erzherzog im Interesse dieser unglücklichsten aller ver- 
wundeten Krieger in die gedeihlichsten Bahnen gelenkt zu wissen 
wünscht. Der Erzherzog forderte sodann Herrn Professor Dr. 
Meiler auf, seine Ansicht über die Frage der Blindenversorgung 
rückhaltlos zu äußern, und zog auch die anderen Herren zu einem 
Meinungsaustausch heran, wobei festgestellt wurde, daß die Auffassung 
des Erzherzogs in ideeller und praktischer Beziehung den gangbarsten 
Weg zu einer allseits befriedigenden Lösung des wichtigen Problems weist. 

Professor Dr. Melier hat seine Ansichten über die Errichtung 
von Kriegsblindenheime auch bereits in der Tagespresse in folgender 
Weise bekanntgegeben: »Die Anregung, ein Heim für Kriegsblinde 
zu schaffen, kann nicht warm genug begrüßt und nicht schnell und 
kräftig genug gefördert werden. Man denke nicht, daß man mit der 
Auszahlung einer Rente allein genug für den Blinden getan habe. 
»Die Blindheit macht uns abhängig, jede Abhängigkeit aber, auch die 
wohltuendste, drückt nieder.« Dieser Ausspruch des blinden Guilbeau 
beleuchtet mit wenigen Worten die traurige Lage des Blinden, weist 
uns aber auch den Weg, wie wir am besten helfen können: Machen 
wir den Blinden so unabhängig als möglich. Die Grundbedingung 
dafür ist ein eigenes Heim. Javal, der berühmte französische Augen- 
arzt, hatte dss Unglück, völlig zu erblinden. Was führt er in seinem 
Buche »Der Blinde und seine Welt«, das er als Blinder schrieb, als 
größter Segen für einen Blinden an? Das eigene Heim. »Solange ich 
noch Praxis ausübte, habe ich hin und wieder einem Patienten, der 
Gefahr lief, sein Augenlicht zu verlieren, geraten, er solle sich ein 
eigenes Haus zum Bewohnen kaufen, damit er nicht plötzlich aus- 



[: 10. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 393. 

ziehen müsse. Denn ein Umzug bedeutet für einen Blinden fast eine 
Katastrophe.« Also auf, kaufen wir unseren bedürftigen Kriegsblinden 
ein Haus, das ihnen gehört, von dem niemand sie weisen kann, in 
welchem sie jede Stiege und jede Tür kennen und in dem sie sich 
ohne jegliche fremde Hilfe bewegen können; wo sie ohne Sorgen um 
die Miete ihrer Beschäftigung nachgehen und wo sie vielleicht auch 
ihr Familienglück begründen können! Allen Reichen möchte ich es 
zurufen: Was würdet ihr geben, wenn Geld es ungeschehen machen 
könnte, falls es von eurem Sohn hieße: 

.... Der Quell des Seh'ns ist ausgeflossen, 
Das Licht der Sonne schaut er niemals wieder? 
Wohlan, so gebet dies für die Unglücklichen, denen für euch, 
für eure Sicherheit das Licht der Sonne, »des Ärmsten allgemeines 
Gut«, geraubt wurde und die nun in der Nacht im ewig Finstern 
sitzen müssen.« 

Über die Einrichtung dieser Heime äußert sich Dr. Meiler fol- 
gendermaßen: »Aus verschiedenen Äußerungen ist zu entnehmen, daß 
in manchen Köpfen über die Gründung von Heimen für Kriegsblinde 
unrichtige Anschauungen herrschen, die geeignet sind, das diesbezüg- 
liche Unternehmen in Mißkredit zu bringen. Es soll daher ausdrücklich 
festgestellt werden, daß es niemandem einfällt, sozusagen eine Zwangs- 
internierung (Kasernierung) der erblindeten Krieger in Massenheimen 
zu befürworten, wo sie vielleicht durch eine mehr oder weniger strenge 
Hausordnung und durch Verpflichtung zur Beobachtung verschiedener 
Vorschriften empfindlich in ihrer persönlichen Freiheit beeinträchtigt 
würden. Gerade das Gegenteil wird bezweckt. Die Unabhängigkeit 
der Blinden soll durch dieses Ehrengeschenk ihrer glücklicheren Mit- 
bürger gehoben, ihr Leben angenehmer gestaltet werden. Was kann 
der Staat für diese Unglücklichen tun? Er trägt zunächst dafür Sorge, 
daß die Leute einen Beruf erlernen, und später wird er sich wohl 
darauf beschränken müssen, ihnen durch Auszahlung einer Rente ein 
erträgliches Auskommen zu sichern. Wie hoch die Rente sein wird, 
ist mir nicht bekannt. In Deutschland soll sie zwischen 1200 und 1400 
Mark schwanken. Der Verdienst eines Blinden bei Ausübung eines 
Berufes ist begreiflicherweise auch nur gering. Schon aus diesen Zahlen 
ergibt sich, daß zur Verbesserung des Loses der Kriegsblinden und 
zur Verschönerung ihres Lebens der privaten Wohltätigkeit noch ein 
sehr großes Feld der Betätigung freigelassen ist. Die Heimstätten für 
erblindete Krieger sind als Stiftungshäuser in der Weise gedacht, daß 
sie jenen Blinden, die sich darum bewerben, seien sie nun allein- 
stehende Personen oder Leute mit Familie, freie Wohnung gewähren. 
Gerade aus den arbeitenden Kreisen der Großstadt werden sich genug 
Bewerber finden, die glücklich sein werden, von einer solchen Stiftung 
gebrauch zu machen. Daß ein gewisser Grad von Vereinigung Blinder 
große Vorteile für sie bietet, ist allen Fachmännern bekannt. P'ür ge- 
meinsame Vorlesungen, Musik, gemeinschaftliches Turnen und vieles 
andere könnte in solchen Heimstätten leicht vorgesorgt werden, so 
daß die Blinden, wenn sie von ihrer Erwerbsarbeit in ihr Heim zurück- 
kehren, daselbst auch eine geistige Zerstreuung finden, die ihnen sonst 
gewiß nicht zuteil werden könnte. Würden solche Heime zunächst in 



Seite 394. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 10. Nummer. 

solchen Städten errichtet werden, wo schon Blindenanstalten bestehen, 
so könnten durch den Zusammenhang mit diesen Anstalten sowohl 
in materieller Beziehung (Verschaffung von Erwerb) als auch in ideeller 
Hinsicht noch weitere Vorteile erreicht werden. Detailfragen zu be- 
sprechen (Zahl, Ort und dergleichen) ist verfrüht. Denn zuerst muß 
Geld dafür verhanden sein, viel Geld. Geld nicht bloß, um ein Haus 
zu kaufen oder zu bauen, sondern auch, um mit den Zinsen des 
Kapitals den Betrieb zu erhalten.« 

Legen die Worte Sr. k. u. k. Hoheit, des Herrn Erzherzogs 
Karl Stephan in klarer und, vom fachmännischen Standpunkt be- 
trachtet, in vollauf richtiger und zutreffender Weise die Grundzüge 
einer zukünftigen Kriegsblindenfürsorge fest, so bieten die Ausführun- 
gen des Herrn Dr. Meiler trotz aller gegebenen Einzelheiten kein 
klares Bild. Am erfreulichsten wirkt von allen Stellen, die bisher in 
dieser Sache gesprochen haben, die Abweisung der »Kasernierung« 
der erblindeten Soldaten. Es wäre auch der unglücklichste Gedanke, 
die »Kriegsblindenanstalten« aus den Freiheitskriegen wieder aufleben 
zu lassen. Die Gestaltung der gedachten zukünftigen »Kriegsblinden- 
heime« schwankt jedoch in den bisher veröffentlichten Ausführungen 
hierüber zwischen einem »Stiftungshaus für Kriegsblinde« bis zu »Ein- 
zelnhäuschen im landesüblichen Stile und Ausmaße, ein Gärtchen dazu, 
ein Stück Acker, eventuell auch einen Holzschupfen oder Ziegenstall« 
für den einzelnen Kriegsblinden. Es läßt sich also in diesem Rahmen 
sowohl ein Wohnhaus als ein Pensionat, ein Arbeiterheim oder auch 
eine Bauernwirtschaft denken. Die Versorgung soll der Individualität 
des Kriegsblinden entsprechend, also sowohl einzeln als auch im Zu- 
sammenschluß von Kriegsblinden, geschehen. Nehmen wir auch noch 
die sozialen und nationalen Schwierigkeiten in unserem Vaterlande 
hinzu, so wäre die Stimme freudigst zu begrüßen, die einen Ausweg 
aus dieser Wirrnis zu einer segensvollen Verwirklichung der Kriegs- 
blindenfürsorge findet und schafft. Bei den verschiedenen Ansichten, 
welche gegenwätig über diese Sache herrschen, läßt sich nur hoffen, 
daß auf dem Wege, der bis zur Lösung der Frage führt, sich die not- 
wendige Klarheit, Einsicht und einträchtige Zusammenarbeii ergibt. 
Ohne diese Vorbedingungen wird kein Werk entstehen, das dieser 
großen Sache gerecht zu werden vermag. 

Der Verein zur Fürsorge fürBlinde in Wien hat, wie er in 
den Tagesblättern bekannt gibt, ebenfalls den Beschluß gefaßt, ein H e i m 
für Kriegsblinde zu schaffen und dem schon bestehenden Blinden- 
arbeiterheim in Wien anzugliedern. Dieser Verein hat schon im Monat 
Februar einen Aufruf zur Sammlung von Spenden zu dem vorbe- 
zeichneten Zweck veröffentlicht. Wie das in nächster Zeit zur Ver- 
öffentlichung gelangende Verzeichnis der Spender, an deren Spitze 
der Kaiser steht, zeigen wird, überschreiten die Spenden dermalen 
schon den Betrag von 53.000 K. Sobald die Behörde, bei der sich 
die eingesendeten Spenden für Kriegsblinde konzentrieren, dem 
Verein den erbetenen Zuschuß zum Bau des Heims für blinde Sol- 
daten zugewendet haben wird, beabsichtigt der Verein auf Grund 
eigener Erfahrungen und Vorschläge bewährter Fachleute zum Bau 
des Kriegsblindenheims, für das die Baupläne bereits vorliegen, zu 
schreiten. 



10. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 395. 

Weidengärten bei Blindenanstalten. 

Wir erhalten folgende Zuschrift, der wir mit Vergnügen Raum geben : 
Hochgeehrter Herr Direktor! 

Unter diesem Titel wurde in der letzten Nummer dieser Zeitschritt 
die Anlage von Weidengärten bei Blindenanstalten warm befürwortet. 
Ich halte es nicht tür überflüssig, an der gleichen Stelle darauf hinzu- 
weisen, daß der Landesverein der Blindenfürsorge in Ungarn 
einigen seiner Filialinstitute im Lande, in welchen die Korbflechterei 
industriemäßig ausgeübt wird, schon seit Jahren Weidengründe angegliedert 
hat und kultiviert. Es geschieht somit aus Erfahrung, daß ich mich den 
schon an sich überzeugenden Argumentationen Ihres fachkundigen Mit- 
arbeiters anschließe. 

Es gereicht mir aber auch noch zum besonderen Vergnügen, 
hiemit zugleich der Umsicht unseres ausgezeichneten Verwalters, Herrn 
Rudolf Vitar Anerkennung zu zollen, der sogleich bei der Gründung 
und Organisation unserer Provinzfilialen in dem eigenen Betrieb der 
Weidenzucht eine wesentliche Sicherung der Konkurrenzfähigkeit des 
von den Blinden ausgeübten Korbflechtergewerbes erblickte. 

So wurde zuerst vor nahezu zehn Jahren auf seine Veranlassung 
und mit Beihilfe seines Freundes, des Filiale-Verwalters Peter Eck in 
Szeged am Ufer der Theiß ein Weidengebiet von 10 Joch erworben 
und so erfolgreich bearbeitet, daß selbst im laufenden Jahre die 
ungünstige, durch Überschwemmung beeinträchtigte Ernte bisher schon 
8000 kg Ruten beträgt, und etwa noch 1500 kg einzuheimsen sein 
werden. Ferner wurde im Jahre 1910 von der Stadt Szombathely 
(Steinamanger) für die dortige Filiale ein Weidengrund von 6 Joch 
erworben. Trotzdem hier, die Veredlung des Gewächses auf Schwierig- 
keiten stößt, beläuft sich der jährliche Ertrag an brauchbarer Weiden- 
rute schon auf 1500—2000 kg.' 

Schließlich wurde auch das Filialinstitut in Eperies im Jahre 1913 
mit einem Weidengrund von 10 Joch bedacht. Hier geschah es, daß 
die Leiter den ernstlichen Versuch machten. Blinde zur Bearbeitung zu 
verwenden. Man fand jedoch einerseits, daß hiebei der Schaden an 
verdorbenen Kleidern und Schuhen in keinem Verhältnis zum Wert 
der geleisteten Arbeit steht und andererseits, daß diese Beschäftigung 
zum großen Teil in rauher Jahreszeit für die Blinden hygienische Nach- 
teile hat. 

Allein trotz der Behandlung der Weidengründe durch besonders 
bezahlte Kräfte ist das Unternehmen lohnend und durchaus empfehlens- 
wert. Bei uns wird der Bedarf der blinden Korbflechter nun schon zum 
überwiegenden Teil durch eigene Weidenzucht gedeckt. Das auf diese 
Weise gewonnene Material läßt an Qualität nichts zu wünschen übrig 
und stellt sich um etwa 40% — in diesem Kriegsjahr um mehr als 
öOo/o — billiger als das durch Kauf erworbene. 

Durch freundliche Publikation dieser Zeilen in Ihrer geschätzten 
Zeitschrift werden Sie den Landesverein der Blindenfürsorge in Ungarn 
zu wirklichem Dank verpflichten. 

Mit hochachtungsvollem Gruß Ihr herzlich ergebener 

Hofrat A. v. Szily. 
Budapest, den 27. September 1915. 



Seite 396. Zeitschrift für das Österreichische Blindenwesen. 10. Nummer. 

Personalnachrichten. 

— Seine k. und k. Apostolische Majestät haben mit Allerhöchster Entschlie- 
ßung vom 16. Auiiust d. J. dem mit dem Titel und Charakter eines Hofrates 
bekleideten ordentlichen Professor der Augenheilkunde und Vorstande der zweiten 
Augenklinik an der Universität in Wien Dr. Ernst Fuchs anläßlich der von ihm 
erbetenen Übernahme in den dauernden Ruhestand das Komturkreuz des Franz 
Joseph-Ordens mit dem Sterne a. g. zu verleihen geruht. 

— Dem langjährigen Rechnungsführer am k. k. Blinden-Erziehungs-Institute, 
Herrn k. u. k. Oberleutnant i. d. Res. Adolf Kranz des Festungsartillerie-Regi- 
mentes Nr. 1 in Wien wurde in Anerkennung seines tapferen Verhaltens vor dem 
Feinde das Militärverdienstkreuz III. Klasse mit der Kriegsdekoration verliehen. 

— Demeter R u s c e a c, Leiter des Blindeninstitutes in Czernowitz, welcher 
seit Kriegsausbruch sich in Wien authielt, ist als Einjährig-Freiwilliger zum 22. Land- 
wehr-Intantrieregiment eingerückt und befindet sich gegenwärtig in Margitta (Ungarn). 

— Einjährig- Freiwilliger Georg Posch, Lehrer an der n. ö. Landes-Blinden- 
anstalt in Purkersdorf wurde zum Kadetten befördert und zur Dienstleistung in 
das Gefangenenlager Spratzern bei St. Polten zugewiesen. 

— Der Ersatzreservist des k. u. k. Feldjägerbataillons Nr. 27 Herr Georg 
Halarevici, Blindenlehrer aus Czernowitz, wurde mit Erlaß des k. u. k. Kriegs- 
ministeriums vom 29. 7. Abt. S. Nr. 15733 dem k. k. Blinden-Erziehungs-Institute zur 
Dienstleistung als Instruktor der kriegsblinden Polen, Ruthenen und Rumänen zugeteilt. 

Weiter wurde als Instrucktor für jene Kriegsblinde, welche sich dem Klavier- 
stimmberufe zu widmen beabsichtigen (dermalen sind es sechs) vom k. u. k. Kriegs- 
ministerium der Gefreite des Infantrie-Regimentes Nr. 6 Ludwig Chladek (Klavier- 
macher von Beruf) dem k. k. Blinden-Erziehungs-Institute zugewiesen. M. 

-T- Der Klavierstimmlehrer Rudolf Hölbl der n. ö. Landes-Blindenanstalt in 
Purkersdorf, welcher als Zugsführer im Felde steht, hat sich am 26. September 1. J. 
mit Frau Marie P o k o r n y in Wien vermählt. Aus diesem Anlasse spendete er einen 
Monatsgehalt dem Christbaum- und Vergnügungsfonds der Anstalt. 

— Im Mädchen-Blindenheim »Ejlisabethinum« in Melk starb am 
12. September 1. J. der Pflegling Berta Rost, ein ehemaliger Zögling der 
n, ö. Landes-Blindenanstalt in Purkersdorf, im 27. Lebensjahre. Berta Rost, ein 
braves, gemütvolles Mädchen, war einer jener Pfleglinge, die sich unter der Anleitung 
des verewigten Direktors P. H. Ulbrich, in der Poesie betätigte und hübsche 
Beweise für diese Veranlagung lieferte. 

Aus den Anstalten. 

— N. ö. Landes-Blindenanstalt in Purkersdorf. Das Schuljahr 1915/16 
wurde am 15. September 1. J. mit 103 Zöglingen eröffnet. Trotzdem der Unterrichts- 
betrieb durch die militärischen Einberufungen bereits empfindliche Störungen erleidet, 
bleibt die Anstalt, Dank der blindenfreundlichen Entschließung des n. ö. Landes- 
ausschusses, ihrem humanitären Zwecke erhalten. Es ist damit wohl die Hoffnung 
gegeben, daß das neubegonnene Schuljahr einen für die blinden Kinder Nieder- 
ö&terreichs segensreichen Verlauf nimmt. 

Karl Bartos, von 1908 — 1935 Zögling der Anstalt unterzog, sich am 25. Sep- 
tember 1. J. im altehrwürdigen Stifte Klosterneuburg der Aufnahmsprüfung in die 
kirchenmusikalische Abteilung der k k. Akademie für Musik und darstellende 
Kunst. Er hat die Prütung gut bestanden und wurde in den zweiten Jahrgang auf- 
genommen. Wir freuen uns aus ganzem Herzen dieses schönen Erfolges und unsere 
Segenswünsche begleiten den jungen strebsamen Mann auf seinen Lebenswege. 

— Privat-Erziehungs- und Heilinstitut für arme blinde Kinder 
und Augenkranke in Prag. Dieses unter dem Oberdirektor Weihbischof Dr. 
W. Frind stehende und von Direktor K. Klar geleitete Institut beherbergte im 
Jahre 1914 75 Zöglinge. Die finanzielle Lage war trotz der Kriegszeiten keine un- 
günstige ; das Vermögen des Institutes beträgt 437.317 K. Der ausgegebene 
107. Jahresbericht erwähnt der besonderen Verdienste des Musikdirektors Professor 
J. Lupert um die Veranstaltung eines öffentlichen Konzertes im Strahower Fest- 
saale und der vom Direktor Klar veranstalteten Passionsspiele. Die Zöglingn waren 
durch Herstellung von Kälteschutzmitteln auch in der Kriegsfürsorge tätig. 

— Blindeninstitut in Czernowitz, Daselbst findet kein Unterricht 
statt, da seit der Befreiung der Stadt von den Russen das Institut als Feldspital 
eingerichtet ist. Von der früheren Leitung wurde die Abhaltung von Kursen für 
erblindete Soldaten ruthenischer und rumänischer Nationalität angeregt, doch ist 
diese Frage noch in Schwebe. 



10. Nummer Zeitschrift für das Österreichische Blindenweseh. Seite 39?. 

Für unsere Kriegsblinden. 

— Ge Werbefreiheit für die Kriegsblinden. Am 7. Sep- 
tember d. J. wurde im k. k. Handelsministerium eine interministerielle 
Besprechung über eine zu erlassende kaiserliche Verordnung betreffend 
die Gewerbetätigkeit der Kriegsbeschädigten abgehalten. Zu derselben 
waren erschienen : Vertreter des Kriegsministeriums, des Landes- 
verteidigungsministeriums, des Ministeriums des Innern, des Finanz- 
ministeriums und des Ministeriums für öffentliche Arbeiten. Das 
Ministerium für Kultus und Unterricht entsandte als Vertreter die 
Regierungsräte Dr. Kr ei big und Meli. Es wurde in Aussicht ge- 
nommen, den blinden Kriegsbeschädigten die volle Ge- 
wer b e f r e i h e i t z u g e w ä h r e n . M. 

— Mitglieder unseres Kaiserhauses für die Kriegs- 
blinden. Neben dem an anderer Stelle verzeichneten Besuch Sr. 
k. u. k. Hoheiten Erzherzog Karl Stephan bei den Augenkranken 
im Allgemeinen Krankenhause in Wien ist ein neuerlicher Besuch 
dieses edelsinnigen Gönners der Kriegsblinden im k. k. Blinden-Er- 
ziehungs-Institut in Wien zu melden. Zu gleichem Zwecke fanden 
sich die Erzherzoginnen Isabella, Alice und Gabriele daselbst 
ein. Erzherzog Karl Stephan wendete der Sammlung für ein 
Kriegsblindenheim den Betrag von 5000 K zu. 

— Geburtstagsfeier Sr. M. des Kaisers bei den Kriegsblinden. 
Am Vorabend des Gebuitstat^es Sr. Majestät des Kaisers vereinigten sich die im 
k. k. Bllnden-Erziehungs-Institute in Wien untergebrachten KriegsbHnden, die rekon- 
valeszenten Soldaten und das Anstaltspersonal zu einer schlichten internen Feier, 
welche außerdem nachstehende Herren mit ihrem Besuche beehrten : Generalstabs- 
arzt Dr. Gooß. Primarius Dr. Widmann vom Vereinsreservespital Nr. 9, 
Regierungsrat Ritter von Roth, Hauptmann P a w 1 i c k, die Oberleutnants, Inspektions- 
offizier Bellak, Kranz und Oppenheim. Nach dem gemeinsamen Abendessen 
im Anstaltsgarten hielt Herr Direktor Regierungsrat Meli an die Anwesenden eine 
warmempfundene Ansprache, welche in ein dreifaches Hoch auf Se. Majestät den 
Kaiser ausklang, worauf zuerst die Osten eichische, dann die deutsche Volkshymne 
gesungen wurde. Musikvorträge eines Quintettes des Deutschmeisterschützenkorps 
wechselten mit Scharliedern, von Kriegsblinden gesungen. Herr Musiklehrer Haindl 
erfreute die Zuhörer durch den Vortrag einiger heiterer Lieder ; ganz besonderen 
Anklang aber fanden die innigen Wienerlieder, welche der kriegsblinde Deutsch- 
meister Karl Lege zum Besten gab. Gewiß wird dieser schöne Abend, der ein Bild 
einträchtigen kameradschaftlichen Beisammenseins zeigte, allen Teilnehmern in 
angenehmer Erinnerung bleiben. 

Der 18. August wurde durch einen Gottesdienst in der Anstaltskapelle 
gefeiert; anschließend hielt Herr Regierungsrat Meli an die im Festsaale ver- 
sammelten Kriegsblinden eine die Bedeutung des Tages würdigende Ansprache. 
Mit der Absingung der Volkshymne endete diese Feier. 

Als eine Art Nachfeier zu Kaiseis Geburtstag veranstalteten Beamtinnen der 
Telephonzentrale II in Wien IX., Berggasse Nr. 35 im Institutsgarten eine Soldaten- 
jause, wobei die Kriegsblinden mit Schokolade, Backwerk, Obst, Zigarren und 
Zigaretten reichlich bewirtet wurden. Um das Zustandekommen dieser Veranstaltung 
haben sich nachstehende Damen besonders verdient gemacht : Frau [Direktor 
Nowotny, die Fräulein Cemus, Kaliasch, Müller, Pawelek, Rumpier, 
Schuch, Eleonore und Hansi Trippeisdorf, Vinczek und Wahl. Fräulein 
Hermine Schuch erfreute die Anwesenden durch den Vortrag ernster und heitc er 
Gedichte. Nachdem Herr Regierungsrat Meli im Namen der Anstalt den Damen 
für ihre außerordentliche Liebenswürdigkeit gedankt hatte, sprach auch der Kriegs- 
blinde Emil Hamm den Damen für die Veranstaltung des gemütlichen Nachmittags 
den besonderen Dank im Namen seiner Kameraden aus. 

— Wohltätigkeitsakademie in Gloggnitz. Zugunsten der im Felde 
erblindeten Soldaten veranstaltete Sonntag den 29. August 1. J. im Hotel Baumgarten 
in Gloggnitz die Gloggnitz-Reichenauer Kurgesellschaft einen musikalischen Abend, 



Seite 398. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. lO. Nummer. 

um dessen Zustandekommen sich vor allem Fräulein B. Adler sehr verdient 
machte. Aus dem reichhaltigen, mit künstlerischem Geschmack zusammengestellten 
Programm seien besonders hervorgehoben die Mateina-Schülerin Fräulein F. Alten- 
stein, die Pianistin G. Adler. Herr R. Etlinger (Viohne) und Herr W. Winkler 
(Violoncell). Für den heiteren Teil sorgte in liebenswürdiger Weise Herr E. Oster- 
mann mit seinen Liedern zur Laute. Zur Einleitung des genußreichen Abends 
trug das kleine Fräulein Grete Bach Kriegsgedichte von Presber mit über- 
raschendem Verständnis vor. Es konnte dem guten Zweck ein nahmhafter Betrag 
gesichert werden. 

— Wohltätigkeitskonzert in Innsbruck. Das von Fräulein Josefine 
Stapf unter Beihilfe der staatlich geprüften Musiklehrerin Fräulein Luise Ziealer 
veranstaltete Wohltätigkeitsfest im Pechegarten zugunsten der blinden Krieger^hat 
dank der rührigen Damen und edlen Wohltäter, den schönen Reinertrag von 770 K 
ergeben. Es wurde eingeleitet durch niedliche Kinderspiele, vorgeführt von Fräulein 
Stapf. Hochw. P. Werner hielt eine schöne, warmempfundene Ansprache. Dann 
nahm das Mihtärkonzert, das Herr Kapellmeister Mühlberger dirigierte, seinen 
Anfang. Weithin über die Wüten hörte man die schönen Klänge und den Ruf der 
wackeren Soldaten : Menschen, kommt und opfert auch eine kleine Gabe für die 
ärmsten unserer Kameraden! Zum Gelingen des Festes und dem schönen Rein- 
ertrage trugen auch die edlen Geldspenden und die Lieferung von Geschenken an 
Waren verschiedener Innsbrucker Firmen bei. 

— Die Sammlung der >Neuen Freien Presse« für im Felde erblindete 
Angehörige des Heeres hat Ende September die Höhe von 637.000 K erreicht. 

Für unsere blinden Soldaten. 

Margarete Bruch. 

Kommt, Brüder, Schwestern ! Wege gilt's zu finden, 

Sehr zarte, stille: Wege zu den Bünden. 

Bezwingt der Stimmen Überschwang und Helle. 

Wir überschreiten eine heil'ge Schwelle. 

Zu Leiden gehn wir, also martervoll. 

Daß sie kein Sterblicher vermehren soll. 

O grüßt die Augen, diese toten, leeren. 

Grüßt sie mit Ernst und königlichen Ehren. 

Und euer Gruß soll stillen Glocken gleichen. 

Die nächtens schwingen über Weihnachtsreichen, 

Und euer Wort in all dies stumme Fragen 

Den Glanz der Welt und ihre Schönheit tragen. 

Behutsam, unter Stille ganz versteckt, 

Daß es nicht unlöschbares Heimweh weckt. 

Legt Blumen in die stille Hand des Blinden, 

Daß er in Duft und Formen Gott mög' finden. 

Und bringt Musik. Sie öffnet mehr denn Worte 

Und Blumen uns des ew'gen Lichtreichs Pforte. 

Sie wird uns mit den blinden Brüdern laden 

In einen Himraelsgarten, voll der Gnaden, 

In dem die toten Augen wieder sehn 

Und selig über bunte Fluren gehn . . . 

Drum kommt, ihr alle ! Unsre Welt zu geben 

Den Lichtberaubten, daß mit neuem Leben 

Ihr dunkles Land sich schmücke. Und der Schein 

Von unserer Liebe soll ihm Sonne sein. 

»Vom Fels zum Meer.« 

Verschiedenes. 

• — Ermäßigung der Erb- und Schenkungsgebühren 
für humanitäre Stiftungen. Zu den in der Öffentlichkeit be- 
sonders häufig und mit großem Nachdrucke aufgestellten Forderungen 
gehört seit langem das Begehren, daß die Errichtung von Stiftungen 

Herausgeber: Zentralverein für das österreichische Blindenwesen in Wien. Redaktionskomitee: K. Bürklen, 
J. KJieis, A. T. Honrath, F. ühl. — Drnck ron Adolf Englisch, Purkersdorf bei Wien. 




2, Jahrgang. Wien, Movember 1915. 11. Nummer. 



IS ^ 

S »Im Kampf für Dich, o Vaterland, gab ich ^ 

^ der Augen Licht. ^ 

®i Wie meine Pflicht ich tat, tu Deine nun: m 

® Verlaß mich nicht! ® 

^ K. B. äl 

Zur Versorgung der Kriegsblinden. 

Hauptlehrer Friedrich D e m a 1, Purkersdorf. 

Eine der brennendsten Fragen, vor die uns der gegenwärtige 
Riesenkrieg stellt, ist die Sorge um die Kriegsblinden. Das namenlose 
Unglück dieser lichtlosen Helden rührt die ganze Menschheit. Daher 
die vielen Sammlungen und künstlerischen Veranstaltungen zu ihren 
Gunsten, die zahlreichen fachmännischen und behördlichen Ratschläge 
und Maßnahmen zur Klärung und Milderung ihrer Lage. Fast keine 
Zeitungsnummer, die nicht wenigstens eine kleine Notiz über Kriegs- 
blinde brächte. Daß wir Blindenlehrer da nicht abseits bleiben, ist 
wohl selbstverständlich und wurde bereits vielfach durch Wort und 
Tat gezeigt. Wir wollen dabei unseren bisherigen Schützlingen gewiß 
nicht untreu werden und diese werden wohl ohne Eifersucht billigen, 
daß wir unsere Kräfte auch ihren neuen Leidensgefährten — leider 
vielfach zugleich Konkurrenten — leihen wollen. 

So will auch ich, einem inneren Drange gehorchend, versuchen, 
durch diese Zeilen einen bescheidenen Stein zu dem Werke der 
Nächstenliebe zu widmen, selbst auf die Gefahr hin, schon Gesagtes 
nochmals zu sagen, 

Soll man die Kriegsblinden in ihrer Familie belassen? Soll man 
sie in Heimen unterbringen? Soll man ihnen Einfamilienhäuser bauen ? 
Sollen sie die bisherigen Blindenberufe oder neue erlernen? Auf alle 
diese und viele andere Fragen paßt ein »Ja« und ein »Nein«. Es 
kommt eben darauf an, wer und was der Kriegsblinde ist. Eines 
schickt sich nicht für alle ! 



Seite 4Ö4. Zeitschrift für das österreichische BHndenwesen. 11. Nummer. 

Zweck dieser Zeilen soll sein, in die bisher p^emachten Vorschläge 
Sichtung und Ordnung zu bringen, vielleicht auch noch Neues 
hinzuzufügen. 

Bei Erziehung und Unterricht blinder Kinder kann man ohne- 
weiters generalisieren. Jedes blinde Kind gehört zur zweckmäßigsten 
Entwicklung seiner geistigen und körperlichen Kräfte in eine Blinden- 
anstalt. Nicht so leicht ist die Frage der Ausbildung und Versor- 
gung der Spätererblindeten, also auch der Kriegsblinden, gelöst. Hier 
kommt viel auf die Person des Blinden an und auf die Verhält- 
nisse, aus denen er stammt. Ich möchte da folgende Einteilung machen: 
Kriegsblinde (total oder teilweise erblindet): 

A) Reiche, 

B) Arme: 1. mit Verwandten: a) alter Beruf, 

b) neuer Beruf, 

c) ohne Beruf. 
2. ohne Verwandte: a) alter Beruf, 

b) neuer Beruf, 

c) ohne Beruf. 
Die ersten Schritte in der Fürsorge für die Kriegsblinden 

sind für alle Gruppen gleich: Vollständige Heilung der körperlichen 
Schäden unter augenärztlicher Aufsicht, Hebung der Gemütsdepression 
durch Zusprechen von Trost, Hinweis auf Leistungen anderer Blinder, 
viel Gesellschaft und Zerstreuung, besonders durch Arbeit und geistige 
Beschäftigung, mithin auch Bekanntmachung mit den Hilfsmitteln 
Blinder für Lesen, Schreiben u. s. w. Hiebei wird der Schwachsich- 
tige dem ganz Blinden gegenüber weit im Vorteil sein, selbst wenn 
sein Sehrest noch so klein ist. Er wird sich, wie unsere schwach- 
sichtigen Schüler, stets auf seine Augen verlassen. Und recht so, falls 
dies ärztlicherseits nicht mißbilligt wird. Nur niemanden künstlich zum 
Blinden stempeln! So manche Eltern pressen ihre fast normalsich- 
tigen Kinder in eine Blindenanstalt und denken dabei nur auf die 
momentane Versorgung, während sie ganz vergessen, daß dadurch 
ihr Kind nur die geringe Wahl zwischen einigen, oft nicht einmal recht 
lohnenden Berufen hat und zeitlebens mit den Vorurteilen zu kämpfen 
haben wird, die man leider auch noch heute gegen Blinde hegt. Was 
hier von den Kindern gilt, gilt auch von halberblindeten Soldaten. 
Wenn nur irgend möglich, soll er sich als Sehender fühlen: Wie ein 
Sehender lesen und schreiben und womöglich seinem früheren Berufe 
nachgehen, wobei ihn je nach dem entsprechende Brillen oder Lupen 
unterstützen können. Für ihn wird dies von größtem Vorteile sein, 
aber auch im Interesse aller total Erblindeten (ob Kriegs- oder 
Friedensblinden), muß diese Ausscheidung streng verlangt werden, 
um die ohnehin überlasteten Blindenberufe nicht noch mehr zu ge- 
fährden. Ist der Prozentsatz der zweifelhaft Blinden in Unterrichts- 
anstalten wohl einerseits nicht gar klein, so können wir anderseits 
bestimmt annehmen, daß sich kein verletzter Krieger unnötigerweise in 
die Reihen der Blinden drängen wird. Und so können wir von den nur 
teilweise Erblindeten ganz absehen und nur die total oder fast 
total Erblindeten im Auge behalten. 

Diese können nun wieder reich oder arm sein, wobei beide 
Eigenschaften alle Grade in sich schließen können. 



11. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 405. 

Der reiche Kriegsblinde ist unter diesen Unglücklichen wohl 
noch — wenigstens den äußeren Verhältnissen nach — der Glück- 
lichere. Denn wenigstens vor einem bleibt er verschont: vordem Ge- 
spenste der drohenden Not. Aber auch sonst gestaltet sich sein 
neues Leben freundlicher: Hat er Verwandte, so werden sie ihn mit 
Liebe schützen und ihm jede Art von Zerstreuung bieten: Gesellschaft, 
Spiel, Theater, Musik, Literatur, Reisen u. s. f. Ist er oh ne Verwandte, 
so werden es ihm seine Mittel jederzeit gestatten, einen Gesellschafter 
oder Freund an sich zu fesseln, der ihm über trübe Stunden hinweg- 
hilft und ihn in obgenannter Art zu zerstreuen sucht. In manchen 
Fällen wird er sogar den etwa früher innegehabten Beruf wieder 
aufnehmen können, unterstützt durch Verwandte, Freunde, bezahlte 
Schreiber, Buchführer, Aufseher, Werkführer u. s. w. Auch zur Erlernung 
und Ausübung eines neuen Berufes stehen ihm mehr Mittel und 
bessere Verbindungen zur Verfügung, als dem Mittellosen, kurz, der 
reiche Kriegsblinde wird sich ohne Inanspruchnahme der Öffentlich- 
keit in seinem neuen, lichtlosen Dasein zurechtfinden. Wir können 
daher bei der weiteren Besprechung auch von ihm absehen- 

Wie die allgemeine Blindenfürsorge wird sich auch die Kriegs- 
blinden-Fürsorge nur mit Mittellosen aller Grade zu befassen haben. 
Diese sind, wie schon erwähnt, vorerst vollständig zu heilen, ihre 
Gemütsverstimmung ist zu beheben, sie sind in der Schrift der Blinden 
zu unterweisen und sollen einen neuen Beruf erlernen oder in ihrem 
alten umlernen. Meiner Meinung nach (siehe auch Ungarn !) geschieht 
dies am besten in der Blindenanstalt (Verein) jenes Landes, dem sie 
angehören. Denn hier fühlen sie sich bald heimisch, Lehrer und Werk- 
meister meistern Sprache und Sitte der Heimat, die Angehörigen 
können sie leicht besuchen, sie bleiben so mit dem Anstaltsleiter für 
die fernere Zukunft am leichtesten in Verbindung. 

Bei den mittellosen Blinden wird es von größtem Einflüsse 
sein, ob der Betroffene nähere hilfsbereite Verwand te (Frau, Kinder, 
Eltern, Geschwister) hat oder nicht. Ist das erstere der Fall, so meint 
es die Vorsehung noch gut mit ihm und die öffentliche Fürsorge hat 
wenig zu tun. Die Liebe und Sorge der Familie umgibt ihn, zerstreut 
ihn und läßt ihn das bitterste seines Schicksales vergessen. Die Ver- 
wundetenzulage und eine anständige Invalidenpension wird ihn vor 
äußerster Not schützen. (Es ist zu erwarten, daß der Staat denen, die 
ihr Teuerstes für ihn geopfert haben, zum Dank dafür auch ein 
sorgenloses Leben garantieren wird). 

Mit Hilfe der Familie wird mancher zu seinem früheren Be- 
rufe greifen und ihn wieder ganz oder teilweise ausüben können, 
so z. B. Versicherungsbeamte, Agenten, Vertreter, Maschinenschreiber, 
Telephonbeamte, Blindenlehrer (auch erblindete Volksschullehrer 
könnten zu solchen ausgebildet werden), Musiker und Musiklehrer, 
Professoren (Religions-, Geschichts- und Sprachlehrer), Priester (als 
Katecheten, Prediger und Beichthören), Juristen, Dolmetsche, dann 
natürlich auch Bürstenbinder, Korb-, Matten- und SesseWechter, 
Klavierstimmer, Seiler, Weber, aber auch Masseure, Badewärter, Fisch- 
netz- und Hängemattenflechter, Schuhmacher (siehe schwedische An- 
stalten!) U.S.W. Bei den letztgenannten und fast allen Handwerken 



Seite 406. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 11. Nummer. 

Überhaupt stelle ich mir die Sache so vor (und denke dabei freilich 
mehr an die Großstadt oder die Nähe dieser): Bei jedem Hand- 
werke kommen Handgriffe vor, die auch von Blinden ausgeübt werden 
können. Es könnten nun bei Großbetrieben dem Kriegsblinden jene 
Teilarbeiten zugewiesen werden, die er von früher her kennt und auch 
jetzt noch auszuführen imstande ist und zwar entweder als Heim- 
oder Fabriksarbeiter (Heim ist hier als Familie aufzufassen). Natijrlich 
müßte durch den Staat die leidige Unfallversicherungsfrage im gün- 
stigen Sinne gelöst werden. Von anderen Berufen möchte ich noch 
erwähnen: Landwirt, Hauer, Schweizer (im Großbetrieb für melken, 
Käse- und Buttermachen), Gärtner, Kaufmann, Händler verschiedener 
Artikel, Hausierer, Holzschneider. Führen wij ein Beispiel kurz aus: 
Ein Tischlermeister (kann auch auf dem Lande sein) kommt als Kriegs- 
blinder in seine Werkstätte heim. Als Sachverständiger von früher 
übernimmt er die geistige Leitung der Werkstätte und die Aufsicht 
über seine Arbeitskräfte (was er nicht sieht, sieht seine Frau oder der 
Werkführer). Ist der Betrieb wenigstens mittelgroß, so wird sich auch 
für ihn manche Arbeit finden: hobeln, sägen, bohren, leimen, nageln, 
schrauben. Machen doch sogar unsere Zöglinge im Handfertigkeits- 
unterrichte solche Arbeiten und oft nicht einmal übel. Ein erfinderischer 
Kopf wird manche Vorrichtung ersinnen, die ihm die Augen ersetzt. 
Die Gesellen vollenden die Arbeit. 

Noch leichter ist die Sache natürlich bei solchen von Fabriken 
vergebenen Arbeiten, an denen sich die ganze Familie als Heim- 
arbeiter beteiligt: Knopfmachen, Gürtelschnallenerzeugen, Papiersack 
kleben, Puppenhaare machen etc. Da übernimmt der Blinde einfach 
die Arbeit, die ihm sein Gebrechen gestattet. 

Viele Kriegsblinde — wohl die meisten — werden einen neuen 
Beruf ergreifen müssen. Das wird entweder einer der typischen 
Blindenberufe sein, den er dann — aber nicht bei bloß mehrwöchent- 
licher, sondern nach grü ndlicher Ausbildung — voll und ganz aus- 
üben kann, oder er kann sich auch einem andereren Berufe zuwenden, 
wobei natürlich die obgenannten Einschränkungen (Zuweisung be- 
stimmter Teilhandgriffe, Unterstützung durch Familienangehörige) Platz 
greifen müssen. Außer den bereits genannten Berufsarten wurden 
noch von anderer Seite vorgeschlagen : Schenkung eines Häuschens 
mit Wirtschaft, Verleihung einer Tabaktrafik, eines Postwertzeichen- 
oder Salzverschleißes. Gewiß sehr empfehlenswerte Vorschläge, die 
aber auch an Bedingungen geknüpft sind: Zum Häuschen gehört 
mindestens eine Person, die die Bewirtschaftung gründlich versteht; 
bei der Führung einer Tabaktrafik kann der Blinde selbst nur so 
weit eingreifen (ohne betrogen zu werden) daß es einem Nichtstun 
nahe kommt. 

Die den bereits genannten Gruppen angehörenden Kriegsblinden 
haben Familienanschluß und werden diesen kaum aufgeben und 
ein Kriegsblindenheim beziehen wollen. Und sollte dieses mit 
den größten Freiheiten und Annehmlichkeiten ausgestattet sein : es 
bleibt eine leise zwingende Uniformierung und kann die erwärmende 
Behaglichkeit des Familienlebens nicht ersetzen. Wie drängen unsere 
neunzehnjährigen Jünglinge aus der Bildungsanstalt und wie viele 



11. Nummer. Zeitschrift für das österreichische BHndenwesen. Seite 407. 

Unzufriedene gibt es in den Heimen der erwachsenen Blinden ! Die 
Freiheit — »sie ist doch kein leerer Wahn!« 

Anders steht es mit jenem, hoffenthch kleinen Teile der Kriegs- 
blinden, die noch den Verlust eines anderen Körperteiles 
oder schweres Siechtum zu tragen haben. Sie sind zur Ausübung eines 
Berufes wohl gänzlich untauglich und wären am besten in einem 
Heime aufgehoben. Aber werden selbst diese Ärmsten in ein Heim 
wollen, wenn sie Familie haben und eine halbwegs entsprechende 
Invalidenrente? Ich bezweifle es. Höchstens, wenn ihre Familie mitdarf. 

Was sich über jene Kriegsblinden sagen last, die keine Ver- 
Avandten haben, ist größtenteis bereits in den obenstehenden Aus- 
führungen enthalten. Auch sie können entweder den alten oder 
einen neuen Beruf ergreifen oder müssen auf jegliche Tätigkeit 
verzichten. 

Der selbständige Betrieb des früheren Berufes wird für sie 
kaum möglich und wenig lohnend sein, da sie — wir sprechen ja 
jetzt von den Armen — aller Mittel und der ergänzenden, tatkräftigen 
Mithilfe von Verwandten entbehren. Was sie aber nicht allein aus- 
führen können, wäre Avohl in einem großzügig angelegten Blinden- 
heim möglich, wo man ja Werkstätten — sagen wir Werkstättchen — 
für alle möglichen Arbeiten einrichten und als Pflegepersonen Vertreter 
verschiedenster Handwerke wählen könnte. Das wäre das anzustrebende 
Ideal: Der Kriegsblinde übt sein altes, liebgewonnenes Hand- 
werk aus und unseren »Friedensblinden« entfällt die peinliche 
Konkurrenz. Aber in der Wirklichkeit wird es meistens umlernen 
heißen; denn diese verwandtenlosen Blinden brauchen Selbständig- 
keit in ihrem Berufe und diese ist wohl nur in den bekannten 
Blindenberufen zu erlangen. Leider sind sie, wie wir wissen, nicht 
immer lohnend genug. Mancher wird — in seinem Drange nach 
Freiheit — als selbständiger Arbeiter beginnen, nach Jahren der 
Enttäuschung aber seine Zuflucht in einem Heime suchen. Also auch 
diese werden das Heim brauchen. 

Die zwingendste Notwendigkeit bleibt aber das Heim für die 
letzte und unglücklichste Gruppe der Kriegsblinden : für die mittel- 
losen, alleinstehenden und siechen Blinden. Das Heim, das 
für alle andern Gruppen gleichsam der letzte Rettungsanker bleibt 
— »der Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe« — für diese 
Ärmsten muß es die erste Zufluchtsstätte sein und auch 
bleiben. Wir alle — Staat und Öffentlichkeit — haben keine hei- 
ligere Pflicht, als alles aufzuwenden, um diese Helden, die das kost- 
barste für uns hingaben, ein recht wohnliches Heim in des Wortes 
vollster Bedeutung zu schaffen. 

Aus den vorliegenden Ausführungen geht hervor, daß es Kriegs- 
blinde geben wird, die auf die Aufnahme in ein Kriegsblinden- 
heim verzichten werden, andere wieder, die unbedingt darauf 
angewiesen sein werden. Für eine dritte Gruppe, für jene nämlich, 
die weder die Familie missen wollen, noch auf die Vorteile eines 
gemeinsamen Heimes verzichten können, bleibt noch der goldene 
Mittelweg zwischen Familie und Heim übrig, nämlich die offene 
Werkstätte. Die Blinden arbeiten tagsüber in einer gemeinsamen 



Seite 408. Zeitschrift für das österreichische BUndenwesen. ll. Nummer. 

Werkstätte und genießen alle Vorteile derselben (billiger Einkauf, 
sicherer Absatz etc.), wohnen aber außerhalb derselben, entweder bei 
fremden Familien oder bei ihren eigenen, wobei die Idee des Ein- 
familienhauses derart durchgeführt werden könnte, daß sich eine 
ganze Kolonie von Häuschen um das gemeinsame Werkstätten- 
gebäude gruppiert. 

Die eingangs angeführten Gruppen von Kriegsblinden werden 
sich nach der Versorgungsmöglichkeit in folgenderweise verteilen : 

Verbleib in der Familie werden wahrscheinlich anstreben: A, 
B 1 a, b, c. 

Aufnahme in ein Heim werden wahrscheinlich anstreben: B 2 
a, b, c. 

Aufnahme in eine offene Werkstätte können anstreben: 
jede Gruppe, ohne c. 

Diese Zeilen sollten, wie schon anfangs erwähnt, die Versorgungs- 
möglichkeiten der Kriegsblinden ordnen und weiters beweisen, daß 
das Problem mit einer kategorischen Forderung: »Die Kriegsblinden 
o-ehören in ein Heim« oder: »Den Kriegsblinden Einfamilienhäuser!« 
nicht abgetan ist. Unser Hauptgrundsatz wird bleiben: Indivi- 
dualisieren! 

flus dem Stammbuche 
Maria Theresias von Paradis. 

Fachlehrer Emanuel Scheib, Linz. 
(Fortsetzung.) 

Eine im Hause ihrer Eltern auferzogene Marie Fischer schreibt 
ihr am Todestage ihres Vaters einen Trostbrief, da Therese zu ihren Ver- 
wandten Phillebois geflüchtet war und krank lag. Sie war nun mit 
diesem Tage ganz verwaist, da ihre Mutter schon früher gestorben war. 
Zum Zeichen ihrer Dankbarkeit trugen sich auch Theresens Schü- 
lerinnen mit teils sehr schönen Zeichnungen und Versen ins Stammbuch. 
So nennt sich Nanette von Schön feld im Jahre 1794, Franziska 
Dolansky im Jahre 1809, Marie D ob 1er im Jahre 1814 ihre dank- 
bare Schülerin; ebenso im Jahre 1818 Emilie Mahlstein er und Nanette 
Sprinz. Marie Wagner im Jahre 1821 zeigt ihre Dankbarkeit mit 
folgenden Versen: 

>Wenn ich durch harmonische Töne 
Einst manch fühlend Herz erweichte, 
Manche stille Kummerträne 
Vom geliebten Aug' verscheuchte, 
O, wem dankt' ich dann die Wonne } — 
Wem als Dir, die gleich der Sonne 
Nicht nur selbst beglückend strahlt. 
Sondern, wenn dem Aug' sie sich auch birgt 
Doch durch Ihrer Sterne mildes Flimmern wirkt.« 
Daß Theresia nicht nur unterrichtete, sondern durch ihre Persön- 
lichkeit auch erzieherisch einwirkte, kann man aus den Worten der 
Schwestern Henriette und Antoinette von Keresztury entnehmen. Es 
sind dies wahrscheinlich die Töchter des Geschichtsforschers Alois Josef 
von K. und Schülerinnen der Paradis: 



11. Nummer. Zeitschrift für das österreichische BHndenwesen. Seite 409. 

»So wie sich die Knospe, von der Sonne gewärmt und vom Taue 
getränkt, zur Blume entfaltet, so entfaltet sich mein Herz und Geist, 
von der Wärme freundschaftlicher Sorge und Zärtlichkeit zur Reife ge- 
bracht. Der Gärtner unterstützt jene mit Stäben und reinigt sie von jedem 
verderblichen Insekte, das an dem Stengel nagt und mit früher Ver- 
welkung ihr droht. Sie waren unser Gärtner, der die schwankende Blume 
durch Grundsätze in Religion und Tugend unterstützte, der unsern 
Seelen von jedem Flecken reinigte, der früh oder spät die Wurzele 
angreifen und die Blume untergraben konnten. Doch wie kann sie die 
Sorgfalt des Gärtners lohnen .? Daß sie ihm mit ihrem Gerüche ergötzet, 
sich sanft an seinen Busen schmiegt, dies ist der Dank, dem ihm die 
schwache Blume geben kann; wie klein für seine Sorgfalt, wenn nicht 
der Herr des Gärtners höhere Preise für diejenigen bestimmt hätte, die 
Knospen zu wohlriechenden Blumen heranzogen.« 

Wohl ein schönes Denkmal, das sich Paradis in den Herzen 
ihrer Schülerinnen gesetzt ! 

Der berühmte Orgel- und Instrumentenmacher wie auch Erfinder 
der »Melodika«, einer Verbindung eines Flötenregisters mit dem Klaviere, 
Josef Andreas Stein, verspricht ihr in Augsburg am 26. Dezember 1783: 

>Ich werde dem Fräulein von Paradis eines der besten Forte- 
piano verfertigen, weil ich's selbsten fühle, daß Sie es würdig.« 

V^on den nun folgenden Inschriften stammen die meisten von mehr 
oder minder berühmten schriftstellerischen Persönlichkeiten oder Musikern, 
die als kleine literarische Reliquien unser Interesse erwecken. 

Schon der 19. Februar 1783 findet Fräulein Paradis auf Reisen 
und zwar in Karlsruhe. Hier trägt sich der am dortigen Gymnasium 
tätige Professor Wilhelm Friedrich Wucherer mit folgenden Worten ein: 

»Immer ersetzt die gütige Vorsehung das, anscheinend von ihr» 
manchen Personen zugefügte Unrecht in reichem Maße. Sie, Freundin, 
sind ein redender Beweis davon. Immer möchte die selige Ruhe Ihre 
Tage versöhnen, die Ihr unvergleichliches Talent in die Seelen aller 
Ihrer Zuhörer gießt.« 

Darunter schrieb: 

»Handeln macht den Mann und den Menschen. Leisewitz.« 

Am 13. November 1783 finden wir verzeichnet: 

»So unvergleichlich schön und reizend gespielt, daß ich als Zu- 
hörer, Bewunderer, Verehrer und Freund mich unabänderlich zu nennen 
die schätzbare Ehre habe. Freiherr von Wunschwitz 

Obrist in Mannheim. 

In Straßburg, 1784, lernte sie den ebenfalls durch seine Bildung 
bekannten Blinden Weißen bürg kennen, mit dem sie schon von Wien 
aus in Briefwechsel stand. Er schrieb mit roter Tinte, fast einen Viertel- 
Zentimeter hohen lateinischen Buchstaben gut leserlich: 

»Man bedauert uns, daß wir nicht sehen. Freundin, sehen wir denn 
wirklich nicht.!*« 

Ebenfalls in Straßburg am 20. Jänner 1784 wurde dies Blatt 
beschrieben: 



Seite 410. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. ll. Nummer. 

»Der Geist und das Talent, wodurch du Künstlerin 
(Homeren gleich des Lichts beraubt) 
So groß und so berühmt geworden, 
Fährt in kein Band und ruht auf keinem Orden. 
Zur Steuer der Wahrheit geschrieben vom Kapellmeister Schön fei d. 

Drei Tage später trug sich Simon Friedrich K oberwein ein, der 
1784 gerade im Straßburger Theater Vorstellungen gab: 

»Wenn Sie, beste Freundin, die ganze Welt zum Feinde hätten, 
so würde ein einziger Saitenklang Ihrer unnachahmlichen Kunst sie be- 
kehren und zu Freunden machen. Wenn alle Menschen so viel fühlen 
durch ihr Spiel, so gerührt werden wie ich, so ist kein Glück mehr zu 
erdenken, das nicht ihr eigen ist.« 

Franz Christian Lers e, Goethes Jugendfreund, wird durch Theresens 
Kunst an die Worte Shakespeares erinnert: 

>Der Mann, der keine Gefühle für Musik hat und durch die Har- 
monie süßer Töne nicht gerührt wird, ist zu Verrätereien aufgelegt, sein 
Geist ist finster wie die Nacht und seine Neigungen schwarz wie der 
Erebus. Man traue keinen solchen Menschen. Kolmar, 26. Jänner 1784.« 

Ebenda begegnet ihr der im Alter erblindete Dichter Gottlieb 
Konrad Pfeffel, der sich im Album zweimal mit lateinischer, über 
einen Viertel-Zentimeter hoher, gut leserlicher Schrift eintrug: 
>Noch gestern nannt' ich dich Therese, 
Doch heute tauft' mein Herz dich um; 
Heut, da ich ganz in deinem lese. 
Führ' ich dich in das Heihgtum 
Der Sympatie, an die wir glauben. 
Hier weih' ich dich zur Freundin ein; 
Und könnt' ich dich der Mutter rauben. 
Du müßtest mir auch Mutter sein.« 
Und aut einem zweiten Blatte: 

>0 weh, Therese, weh' dem Mann, 
Der nicht vor Wonne, dich zu hören. 
Wie wir des Augenlichts entbehren 
Und Ohr und Herz nur werden kann!« 

Die Gattin Pfeffels Margarette, geborene Divoux, widmete den 
Doppelvers: 

»Dies Leben und ein Aschenkrug 
Sind für die Tugend nicht genug.« 

Jakob Sarasin, ein bekannter Baseler Industrieller schrieb am 
6. Feber 1784: 

»Worte können uns nicht taugen, 
Weil sie jeder geben kann. 
Sieh mit Deines Geistes Augen 
Uns für Deine Freunde an.« 

Vier Tage darauf in Zürich, besingt die Gefeierte der Schweizer 
Kanzelredner, Schriftsteller und Dichter Johann Kasp. Lavater in fol- 
genden Versen: 



11. Nummer. Zeitschritt für das österreichische ßlindenwesen. Seite 411. 

»Für eine Lust, die Gott uns nimmt, 
Gibt er uns tausend Freuden. 
Zu hohen Ehren dort bestimmt 
Ist, wer hier viel soll leiden. 

O misse willig das Gesicht ! 

Es kann dir nicht entgehen ! 

Bald wirst du in dem reinsten Licht 

Die reinsten Wesen sehen. 

Wir, die wir sehend heißen, ach! 
Was müssen wir oft schauen; 
Die Täuschung geht uns vor und nach, 
Erfüllt uns oft mit Grauen. 

Sei ruhig . . . dereinst siehst du nur 
Daß dir gleich sanft und Reine! 
Von keinem Laster, keine Spur, 
Von keinem Leiden Keine. 

Ich geh' und finde Ohren viel, 

Die deine Kunst entzücket! 

Manch Herz, dem bald dein Herz gefiel. 

Warm an dein Herz gedrücket. 

Nicht klein ist deines Lebens Glück, 
Doch, was ist Glück auf Erden! 
Gott, wenn sich dem entwölbten Blick, 
Nur Engel zeigen werden!« 

Der Oberst Ferdinand Baron von Geramb, der Dichter, Frei- 
schärler gegen Napoleon im Jahre 1805, bekannt durch sein eigenartiges 
Duell auf dem Ätna, zuletzt Generalabt des Trappisten-Ordens, wurde 
mit Paradis am 14. März 1784 zu Lyon bekannt und schrieb in ihr 
Tagebuch: 

>Pour prolonger vos destinees 

Je forme les voeux les plus doux 

Puisse le ciel propice augmenter vos annees 

Vous trouverez le reste en vous.« 

(Fortsetzung folgt.) 

Österreichs Anteil an der deutschen Fach- 
literatur des Blindenwesens. 1802 — 1914. 

Direktor K. Bürklen, Purkersdorf. 
(Fortsetzung.) 

Rauter Karl, Direktor der Deutschen Blindenschule in Aussig. 

Die Linienschriftfibel von Entlicher. Blindenfreund, XXIII. Düren 1903. 

Aus Kärnten. Festschi ift. Brunn 1909. 

Verein für Blindenfürsorge in Kärnten. Blindenfreund, XXXII. Düren 1912. 
Redlidi C. und G., Bonvicinl. 

Über das Fehlen der Wahrnehmung der eigenen Blindheit bei Hirnkrankheiten. 
Wien 1908. 



Seite 412. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 11. Nummer. 

Redlich Ernst, Lehrer am k. k. Blinden-Erziehungs-Institut in Wien. 
Stille Welt. Trautenauer Zeitung. Trautenau 1910. 
flus der Anstalt. Von unseren Blinden. Wien 1910. 
Reuß August von, Universitätsprofessor in Wien. 

Über die Blindheit und ihre häufigsten Ursachen. Wien 1904. 
Rosenmayer Karl, Verwalter des Blinden- Arbeiterheimes in Wien. 
Über Einrichtung und Geschäftsbetrieb in Männerheimen. Vortrag. Ost. 
Blindenfürsorgetag, Graz 1906. Bericht. 
Rotter Leopoldine, Kindergärtnerin am k. k. Blinden-Erziehungsinstitut 
in Wien. 
Über den Handarbeitsunterricht der Mädchen. Meli: Der Blindenunterricht. 

Wien 1910. 
Kindergartenbeschäftigungen. Meli: Der Blindenunterricht. Wien 1910. 
Josef Kainzf Von unseren Blinden III. Wien 1910. 
Über die spezifischen Beschäftigungsmittel in der Blindenvorschule. Von 

unseren Blinden V. Wien 1912. 
Das blinde Kind im vorschulpflichtigen Alter im öffentlichen Kindergarten. 
Eos IX. Wien 1913. 
Rozek Johann A., Landesschulinspektor in Graz. 

Appius Claudius. Asconius Pedianus, Bach J. S. Beitl J. R. BeHsar. Boltze. 
Brandolini A. Brosmann L. Brunn. Castello-Branco C. Cieco d. T. Curti d. T. 
Demodokos. Demokritos. Diesing K. M. Diototus. Drusus G. Dulon F. L. 
Erlach F. von. Euler L. Exner Th. Fischer E. Fischer J. S. Fritzeri A. Galileo. 
Gambasius J. Garin L. Garzaner A. Georg V. Gonelli. Grotus A. Hamilton. 
Händel G. F. Hertel J. Ch. Holman J. Homer. Huber F. Jablanczy A. K. 
Johann von Luxemburg. Johannes Ferdinandus. Käferle J. Kehl J. B. Kirsch- 
gäßner M. Kurmbhorn C. Lnndino F. Lauer. Löbel. Mancop R. Milton J. 
Moser S. Muleasses. Odilia. Odipus. Oppins Ch. Ossian. Paradis M. Th. von. 
Petrus d. V. Pfeffel G. K. Risius H. Romiglacus. Salinas d. F. Schmid M. J. 
Schönberger M. U. Sengers J. Steiermark. Thamyris-Timoleon. Xenocritus. 
Zizka J. von T. Artikel im »Handbuch.« Wien 1900. 
Satzenhofer Karl, Bibliothekar in Wien. 

Schreib- und Druckpapier für Blinde. Von unseren Blinden I. Wien 1908. 
Das Esperanto unter den Blinden. Von unseren Blinden II, IV. Wien 1909, 1911. 
Der erste deutsche Blindentag in Dresden. Eos VI. Wien 1910. 
Zum Blindenbibliothekswesen. Zeitschrift f d. öst. Blindenwesen. Wien 1914. 
Gründung und Verwaltung von Blindenbibliotheken. Wien 1914. Selbstverlag. 
Scheib Emanuel, Fachlehrer an der Privat-Blinden-Lehranstalt in Linz. 

Marie Theresia von Paradis. Zeitschrift f. d. öst. Blindenv»esen. Wien 1914. 
Sdiillerwein Johann, Lehrer am k. k. Blinden-Erziehungsinstitut 
in Wien. 
Der Modellierunterricht der Blinden, insbesondere im k. k. Blinden-Erziehungs- 
institut in Wien. Bericht des k. k. Blindeninstitutes. Wien 1890. 
Schimmer Gustav A., Wien. 

Blinde und Taube der im Reichsrate vertretenen Königreiche und Länder nach 
der Volkszählung vom 31. Dezember 1869 iu Vergleichung zur Bevölkerung. 
Separatabdruck aus dem 1. Hefte des XVIII. Jahrgangs der »Mitteilungen aus 
dem Gebiete der Statistik«. Wien 1871. 
Schneiderbauer Paul, Direktor des Taubstumm-Blindenheimes in Wien. 
Taub, stumm und blind zugleich. Berichte über Unterricht und Erziehung 
Dreisinniger. Wien 1909. Selbstverlag 
Sdiwarz Johann, Direktor der Blindenanstalt in Brunn. 

Die deutsche Punktschrift. Organ der Taubstummen- und Blindenanstalten, XXV. 

Friedberg 1879.. 
Zur Frage des doppelseitigen Druckes der Punktschrift, ßlindenfreund, I. 

Düren 1881. 
Der Übertritt des blinden Arbeiters in praktische Leben, ßlindenfreund, I. 

Düren 1881. 
Anleitung zur Erziehung, Bildung und Versorgung der Blinden. Handschrift. 
Purkersdorf. 



11. Nummer. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. Seite 413. 

Sedlter Simon, Musiklehrer am k. k. Blindeninstitut in Wien. 

Musikunterricht für BHnde. Wien 1819. 
Singer Dr. Kaspar, Wien. 

Das Geistesleben der Blinden. Vortrat^. Wien 1876. A. Holder. 
Spicka Anton, Lehrer an der mähr.-schles. Landes-Blindenanstält 
in Brunn. 

Ein nichtsehender Violinspieler und Komponist. Blindenfreund, XXI. Düren 1901. 
Stein Dr. Friedrich, Prag. 

Rudolf Maria Ritter von Klarf- Blindenfreund, XVIII. Düren 1898. 

Stein O.. Prag. 

Deutsche Blindenschule in Russig a. E. Zeitschrift f. d. öst. Blindenwesen I. 
Wien 1914. 
Taucher Alois, Lehrer an der Landes-Taubstummenanstalt in Graz. 

Taubblinde. Artikel im »Handbuch<'. Wien 1900. 
Toldt Dr. Anton, Augenarzt in Salzburg. 

Gründung eines „Vereines zur Fürsorge für Blinde im Herzotitum Salzburg". 
Blindenfreund, XXIV. Düren 1904. 

Aufklärung der Bevölkerung über den jetzigen Stand des Blindenwesens; Ver- 
anstaltung von Wanderversammlungen; Aufstellung eines Blindenlehrers als 
Wanderredner. Vortrag. Öst. Blindenfürsorgetag, Graz 1906. Bericht. 

Aus Salzburg. Blindenfreund, XXVII. Düren 1907. 

Die flugeneiterung der Neugeborenen, die Erblindungsgefahr durch dieselbe 
und deren Verhütungsmöglichkeit. Zeitschrift für Kinderschutz- und Jugend- 
fürsorge II. Wien 1909. 

Zur Verhütung der flugeneiterung der Neugeborenen, bezw. der Erblindung 
durch dieselbe. Vortrag. XIII. Blindenlehrer-Kongreß, Wien 1910. Bericht. 

flugenschutz der Neugeborenen. Blindenfreund, XXXIII. Düren 1913. 

Absolute und relative Blindenhäufigkeit in Österreich. Zeitschrift f. d. öst. 
Blindenwesen I. Wien 1914. 

Zur Verhütung der flugeneiterung der Neugeborenen. Zeitschrift f. d. öst. 
Blindenwesen I. Wien 19l4. 
Trentsensky Josef, Buchdrucker in Wien. 

Neuste Erfindung zur Erzeugung von Schriften en haute-relief für Blinde. 
Druckprobe. Wien 1836 Selbstverlag. 
Clhl Franz. Obmann in Wien. 

Dir Musik als Hauptberuf der Blinden. Vortrag. IV. öst. Blindenfürsorgetag, 
Brunn 1909. Bericht. 

Wert und Wichtigkeit des Zusammenschlusses der Blinden in Österreich. 
V. öst. Blindenfürsorgetag, Wien 1914. Bericht. 

Die Entstehung der Blindenorganisation in Österreich. Bericht des Blinden- 
Unterstützungsvereines »Die Purkersdorfer«. Wien 19l4. 
üibrich P. Hermann, Direktor des Mädchen-Blindenheimes in Melk. 

Das Mädchen-Blindenheim in Melk. Eine Skizze über die Entstehung und 
Einrichtung des Institutes. Melk 1901. Blindenheimverein. 

Marie Kaiser ■f. Nachruf für einen Pflegling. Bericht des Blindenheimvereines in 
Melk VII. Melk 1903. 

Josef Triletyf. Bericht des Blinden-Heimvereines in Melk X. Melk 1906. 

Die Erweiterung des Mädchen-Blindenheimes in Melk. Bericht des Blinden- 
heimvereines in Melk XV. Melk 1911 

Zur Beschäftigung der in Heimstätten lebenden Blinden. Zeitschrift f. d. öst. 
Blindenwesen I. Wien 1914. 
Uibrich Hermann Dr., Privatdozent in Prag. 

Die Verhütung der Blindheit. Vortrag. IV. öst. ßlindenfürsorgetag, Brunn 1909. 
Bericht. 
Umlauf Josef, Fachlehrer an der mähr.-schles- Landes-Blindenanstalt 
in Brunn. 

Zeitgemäße Ausgestaltung des Orgelunterrichtes an Blindenanstalten. Vortrag. 
IV. öst. Blindenfürsorgetag, Brunn 1909. Bericht, 

Lehrer und Schüler in der Blindenanstalt. Zeitschrift f. d. öst. Blindenwesen I. 
Wien 1914. 



Seite 414. Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen. 11. Nummer. 

Vock Marie, Hauptlehrerin am k. k. Blinden-Erziehungsinstitut in Wien. 

Der Handarbeitsunterricht für blinde Mädchen. Blindenfreund, IV. Düren 1884. 

Beiträge zur Geschichte, Stellung und Methode des Rnschauungsunterrichtes 
bei Blinden Tätigkeitsbericht des k. k. Blindeninstitutes. Wien 1890. 

Handfertigkeitsunterricht durch Fröbelarbeit. Bericht des k. k. Blinden- 
institutes. Wien 1890. . A . m ^ • ^ 

Säkular-Jubelfeier des k. k. Blinden-Erziehungsinstitutes in Wien. Ost. Illustrierte 
Zeitung XIII. Wien 1904. 

Das flUerleikästchen. Von unseren Blinden I. Wien 1908. 

Das Wichtigste über die Braille'sche Punktschrift. Meli : Der Blindenunterricht. 
Wien 1910. ,,. , ^ , ..-^. 

Anschauungsunterricht. Kindergarten für Blinde. Kindergartenbeschaftigungen. 
Sinnesübungen. Artikel im »Handbuch«. Wien 1910. 
Wagner Emil, Direktor der Klar'schen Blindenanstalt in Prag. 

Die Entwicklung des Blindenwesens in Böhmen seit dem Jahre 1898. Blinden- 
freund, XXIII. Düren 1903. .. . 

Beiträge zur Blindenstatistik Österreichs. Blindenfreund, XXIV. Düren 1904 

Statutenentwurf für einen Verein der österreichischen Blindenanstalten und 
Blindenfürsorgevereine. Vortrag. Ost. Blindenfürsorgetag. Graz 1906. Bericht. 

Beiträge zur Blindenstatistik Deutschlands, Österreichs, Norwegens und der 
Schweiz. Blindenfreund, XXVI. Düren 1906. .. . , t u 

Beiträge zur Blindenstatistik Deutschlands, Österreichs usw. in den Jahren 
188^0, 1890 und 1900. I., IL, III. Prag 1906. Selbstverlag. _ 

Statistische Blindenerhebung und gegenwärtiger Stand der Blindenstatistik in 
Europa samt Änderungsvorschlägen. Vortrag. XII. Blindenlehrer-KongrelS, 
Hamburg 1907. Bericht. ixr •• v 

Stellung der Blindenanstalten zu neuen Blindenberufen. Vortrag. IV. ost. 
Blindenfürsorgetag, Brunn 1909. Bericht. , , u t ^ 

Blindenfürsorge. Sonderabdruck aus dem »Jahrbuch der deutschen Jugend- 
fürsorge«. Prag 1909. Selbstverlag. 
Die Geschichte der Klar'schen Blindenanstalt in Prag von 1832-1907. Prag 1909. 

Selbstverlag. . . ... ,. ^- i ni-^^^r, 

Bericht über die Schlußberatung der Kommission für internationale Blmden- 

statistik in Prag 1908. Prag 1909 Klarsehe Blindenanstalt. 
Bericht über die Tätigkeit der Kommission für internationale Blindenstatistik. 

Vortrag. XIII. Blindenlehrer-Kongreß, Wien 1910. Bericht. 
Statistisdies Referat. XIV. Blindenlehrer-Kongreß, Düsseldorf. Düren 1913. 

Wanecek Ottokar, Lehrer an der n. ö. Landes-Blindenanstalt in 

Purkersdorf. 
Die Ausstellung am V. Ost. Blindenfürsorgetag. Zeitschrift f. d. Ost. Blinden- 
wesen I. Wien 1914. 
Weinolt Franz, Prag. 

Denkwürdigkeiten aus dem Leben Alois Klars. Prag und Leitmeritz 1835. 
Zeiringer Dr. Rupert, Direktor der Qdilien-Blindena