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Full text of "Zeitschrift für deutsche Philologie"

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ZEITSCHRIFT 



FÜR 



DEUTSCHE PHILOLOGIE 



HEBAÜSasaEBEN 



VON 



Dr. ernst hopfner und Dr. JULIUS ZACHER 

PBOTIHZIALSOHULaAT IN KOBLBITZ' PBOP. A. D. UNTVBBSIlll ZU HALLE 



NEUNZEHNTEB BAND 



HALLE, 

VKBLAG SEB BUCHaANDIilTNa DES WAISBNHAÜSXS. 

188 7. 



INHALT. 



Seite 

Ein niederrheinischer bericht über den Orient. Von Eöhricht nnd Meisner 1 
Der verirte soldat, ein drama des 17. Jahrhunderts. Yon Johannes Bolte .... 86 
Eine englische Wallensteintragödie in Deutschland. Von Johannes Boltc... 93 
Zur kritik des Nibelungenliedes. VII. Kleidung und bewafnung. Von Emil 

Kettner 97 

Zur sagen- und legendenlitteratur. Von Adolf Seelisch 114 

Zur Wechselwirkung des volks - und kunstdramas im ausgehenden 17. und begin- 
nenden 18. Jahrhundert. Von Georg Ellinger 119 

Die gedichte der Ava. Von P. Piper 129. 275 

Muspilli V. 82. Von J. Zacher 196 

Steinhöwels Aesop. Von Hermann Knust 197 

Quellenstudien zur litteraturgeschichte des 18. Jahrhunderts. 1. Zu Wieland. 

2. Zu Lessing. Von J. Minor 219 

Die composition des ethnographischen teils der Grermania des Tacitas. Von 

Gustav Kettner 257 

Zum Annolied. Von Emil Kettner 321 

Die Ronsdorfer mundart. Von E. Holthaus 339. 421 

Die Gregoriuslegende. Von Adolf Seelisch „ 385 

Die volkstümlichen grundlagen des minnesangs. Von Arnold Berger 440 

Litteratar. 

Zwei lateinische bearbeitungen des Hartmannschen Gregorius. (Amoldus Lube- 
censis, ed. von Buchwald, und Anonymus ed. Schmeller; angez. von 
Ad. S eelisch 121 

Deutsche drucke älterer zeit, herausg, von W. Seh er er; angez. von Georg 
Ellinger 240 

H. Henkel, das Goethesche gleichnis; angez. von Gust. Kettner 249 

Ludwig Steub, zur namen- und landeskunde der deutschen Alpen; angez. 
von Ludw. Tobler 252 

Gottschick, über Boners fabeln; angez. von K. Kinzel 255 

Ed. Bodemann, von und über Albrecht von Haller; angez. von H. Hol- 
stein 256 

W. Wilmanns, beitrage zur geschichte der älteren litteratur. 1. Der sogenante 
Heinrich von Melk; angez. von Joseph Seemüller 309 



IT INHALT 

Seite 
Beiträge zur qaellenknnde der alten deutschen litteratur von Karl Bartsch; 

angez. von F. Bech 379 

A. Mahn, grammatik und Wörterbuch der altprovenzalischen spräche; angez. 

von H. Suchier 383 

Altdeutsche predigten, herausg. von Ant. Schönbach; angez. von F. Bech 486 
Gunnlaugssaga Ormstungu, herausg. von E. Mogk; angez. von H. Gering.... 494 
Walther von der Vogelweide, textausgabe von W. Wilmanns; angez. von 

K. Kinzel 501 

Beiträge zur ältesten geschichte des bistums Metz, von Ose. Doering; angez. 

von G. Ellinger 504 

Register von E. Matthias ?. 505 



EIN NIEDERRHEINSCHER BERICHT ÜBER DEN 

ORIENT. ^ 

Der nachfolgende text ist uns erhalten in einer handschrift des 
Kölner Stadtarchivs, welche früher die Signatur nr. 261 trug, jezt mit 
M. G. nr. 1 bezeichnet ist. Sie besteht aus 72 blättern in 4®, von 
denen 2x6 je eine läge bilden; die schriftzüge sind die des beginnen- 
den fünfzehnten Jahrhunderts. Der anfang fehlt und muss mindestens 
den umfang einer läge gehabt haben; die eingangsworte sind: „woin- 
heit in die Jueden ind in die Heyden, dat sy dese dry coeninge 
keucheler heyssen." Auf den ersten vier blättern wird erzählt, dass 
die drei könige von Bethlehem wieder in ihr land zogen, dort stern 
und krippe aufrichteten und viele für das Christentum gewannen, dass 
Maria mit dem kinde in eine höhle, dann nach Ägypten floh und von 
dort wieder heimkehrte. Auf blatt 4 begint in kürzerer redaction als 
bei Johannes von Hildesheim die bekante legende der heil, drei könige ; 
am schluss auf blatt 21 findet sich ein gebet an sie , dann folgt eine 
lücke und auf blatt 22 in ununterbrochener reihe von derselben band 
geschrieben der text, welchen wir hier geben. 

Auch dieser ist nicht volständig , wie aus dem abkürzenden 
schluss: „etc. etc." und aus der einleitung zu erkennen ist, wo auf 
eine vorausgehende aber nicht erhaltene geographie des heiligen landes 
verwiesen wird, und zerfält in zwei teile. Der erste gibt eine Schil- 
derung der länder und städte des morgenlandes , der sitten und reli- 
gionslehren ihrer bewohner und einen bericht über einige wichtigere 
ereignisse, während der zweite eine naturgeschichte der erwähnten län- 
der enthält; der erste ist bereits von Ennen in Benfeys Orient und 
Occident, Leipzig 1862, I 452 — 480, 627 — 647 veröffentlicht wor- 
den, der zweite jedoch bis jezt unbekant geblieben. Wir hätten uns 
zwar mit der herausgäbe des lezteren abschnittes begnügen können, und 
unsere aufgäbe wäre dadurch erheblich leichter geworden, aber wir 
beschlossen das ganze zu geben, da die ausgäbe des ersten teiles 
nicht nur schwer erreichbar ist, sondern auch, wie eine zweimalige 
coUation ergab, an ungenauigkeit leidet und keine genaueren erläu- 
terungen enthält 

ZKlTBCHa. F. DBUTBOHB FUILOLOOIB. BD. XIX, 1 



2 BÖHRICHT UND MEISNER 

Der wert unseres berichts nach seiner sprachlichen seite ist 
unschwer zu erkennen; er ist ein wichtiger beitrag zur geschichte des 
niederdeutschen dialects , wie er in Köln gesprochen wurde , voll eigen- 
tümlicher bildungen und seltener werte. Nicht geringer ist seine bedeu- 
tung für die geschichte der stadt Köln und ihrer vielfachen beziehun- 
gen, die sie als handelsstadt mit den häfen der Levante, als das deutsche 
Rom mit den heiligen statten Palästinas verknüpfte. Seit dem zweiten 
kreuzzuge bis in die zeit des Interregnums sehen wir die Kölner mit 
ihren schiffen an den gewaltigen heerfahrten gegen die muselmänner 
in Portugal und Spanien, Accon und Damiette ibeteiligt, und auch 
seitdem gegen mitte des dreizehnten Jahrhunderts der eifer für die 
kreuzzuge in Deutschland erlosch, und die hauptinteressen Kölns sich 
mit der entwicklung der Hansa verknüpften, sind die beziehungen dieser 
Stadt mit dem morgenlande doch nicht verloren gegangen. Im jähre 
1224 ist der bekante reisende und missionar Johannes de Piano Car- 
pini in Köln nachweisbar, er wird 1241 provinzial der Minoriten in 
der provinz Köln, predigt das kreuz gegen die Mongolen, bricht im auf- 
trage des papstes Innocenz IV. am 16. april 1245 von Lyon auf, um den 
Mongolen das evangelium zu verkündigen und trift in Breslau mit sei- 
nem reisegefährten Benedictus Polonus zusammen ; ^ dieser leztere stat- 
tet dann auf seiner rückreise durch Köln einem Prälaten ausführlichen 
bericht über die erlebnisse und ergebnisse der reise ab.^ Im jähre 1303 
begleitet der Kölner Franziscaner- provinzial Arnold den missionar und 
späteren erzbischof von Peking Johannes de Monte Corvino in den fer- 
nen Osten, ^ doch wissen wir leider nicht, ob er mit aufzeichnungen 
in seine heimat zurückgekehrt ist. Ferner ist nicht zu zweifeln, dass 
dieselbe religiöse begeisterung, welche einst die drei könige an die 
krippe zu Bethlehem führte , auch viele Kölner im vierzehnten Jahrhun- 
dert als pilger dorthin getrieben haben wird. Und dafür, dass Köln 
in dem beneideten besitz jener berühmten reliquien seine beziehungen 
zum heiligen lande besonders gepflegt und sie schliesslich im Interesse 
der eigenen politischen und religiösen bedeutung auszubeuten verstan- 
den hat, so dass die rheinische metropole auch der hauptwallfahrtsort 
für Deutschland und seine nachbarländer wurde, ist unser bericht ein 
treffender beweis ; denn er bildet , wenn auch nicht die alleinige grund- 
lage , so doch eine hauptquelle der berühmten legende von den heiligen 
drei königen , wie sie uns in dem bekanten buch des Johannes von Hil- 
desheim* vorliegt und in predigten, tractaten, liedern und Volksbüchern 
überall verbreitet den rühm Kölns verkündigt und befestigt hat. Ebenso 
wichtig ist aber auch unser bericht für die kritik eines anderen wer- 
tes, welches im vierzehnten Jahrhundert für die geschichte der pilger- 



KIEDeR&HEIN. BERICHT ÜB. D. ORIENT 3 

reisen und der geographie eine hervorragende bedeutung hat, nämlich 
des reise Werkes Ludolfs von Suchern; diese schrift, sehr oft von spä- 
teren ausgeschrieben, ist von allen Palästinareisenden und gelehrten, 
wrelche mit der geschichte des „lateinischen Orients" sich beschäftigen, 
als eine hauptquelle anerkant und benuzt worden. In allerneuster zeit 
hat unser lieber freund prof. W. A. Neumann in Wien, von dem die 
anregung zu dieser publication ausgegangen ist, in einer ausserordent- 
lich gründlichen studio, auf die wir wegen genauerer angaben einfach 
verweisen, dieses abhängigkeitsverhältnis zvrischen Ludolf und unserem 
berichte klar gestelt.^ Er hat nämlich aus einer Breslauer und Dan- 
ziger handschrift ein bisher unbekantes buch Ludolfs reconstruiert und 
bewiesen, dass dieser eine deutsche ausgäbe seiner reisebeschreibung 
bald nach der c. 1350 — 1361 verfassten lateinischen besorgte, dass die 
erstere mit Zuhilfenahme der lezteren und Zusätzen dann später latei- 
nisch übersezt resp. bearbeitet worden ist; in beiden ausgaben, der 
lateinischen ursprünglichen wie der deutschen späteren, ist die benutzung 
unseres berichts unwidersprechlich klar, besonders aber des zweiten 
teiles, den Neumann nicht kante, aus dem grosse stücke zum teil 
wörtlich, zum teil verkürzt in die deutsche ausgäbe übergegangen sind. 
Es wird genügen diese bedeutung unseres textes kurz festgestelt zu 
haben; die genauere durchführung , wo und wie weit Johannes von Hil- 
desheim und Ludolf ihm folgen, würde nur möglich sein durch die 
wähl verschiedener schriftgattungen und durch den Widerabdruck um- 
fangreicher stellen aus den genanten werken. 

Der wichtigen litterarischen Stellung, welche unser bericht ein- 
nirat, entspricht auch die fülle seiner materiellen angaben, welche 
schon von Neumann hervorgehoben sind^ und von uns in den anmer- 
kungen, so weit als nötig scheint, erläutert werden. Allerdings wird 
mancherlei bekantes , fabelhaftes und auch irriges erzählt , aber es bleibt 
doch eine statliche reihe interessanter und wichtiger nachrichten für 
die geschichte der orientalischen Verhältnisse, der geographie und der 
missionen' übrig; nur ist zu bedauern, dass wir sie bei dem man- 
gel ausführlicherer arabischer uns zugänglicher werke nicht genügend 
controlieren und genauer beleuchten können, und dass auch die occi- 
dentalischen gleichzeitigen berichte so äusserst spärlich sind und für 
diesen zweck wenig ergeben. Je empfindlicher diese lücke für uns 
einerseits ist , um so mehr wird das Interesse an unserem texte gestei- 
gert , und es wird späteren forschungen vielleicht gelingen , das unver- 
kürzte ganze aufzuspüren und seine Stellung im kreise der übrigen 
verwanten relationen schärfer zu bestimmen, namentlich wäre dies für 
den sicher stark verkürzten zweiten teil, die naturgeschichte des orientS; 

1* 



ROHBICHT T7ND MBISNEB 



ZU wünschen, da diese die erste in deutscher spräche überhaupt und 
auf autopsie beruhend des berichterstatters eigenes werk ist.® 

Dieser nent sich selbst nicht und ist auch durch keinerlei com- 
bination sicher zu ermitteln, doch gibt er sich durch den dialect wie 
das lokalpatriotische interesse, überall die spuren der heil, drei könige 
zu suchen und zu finden, unzweifelhaft als Kölner zu erkennen. Man 
könte zweifeln, ob nicht der Verfasser ein kaufmann war, wegen der 
fülle von details über das leben und die feste am hofe des sultans, 
die schwerlich ein kleriker so kennen lernen konte , wegen einer gewis- 
sen objectivität in der erzählung ohne bedeutendere anspielungen auf 
Worte der schrift, kirchengeschichte und tradition, aber die vielen fabu- 
lositäten von wunderbaren mensch engattungen, die gelehrten erörterun- 
gen und genauen angaben über die secten, ihre religionsansichten und 
trachten lassen doch unschwer den kleriker erkennen. Nun liesse sich 
freilich annehmen, dass der Verfasser zweierlei berichte vor sich gehabt 
und später redigierend zusammengezogen habe , und gewisse widerholun- 
gen, die verschiedene zeit der abfassung der beiden teile (der zweite 
teil ist im Orient geschrieben,^ der erste im abendlande) scheinen diese 
annähme gewissermassen zu bestätigen, aber wir halten eine entschei- 
dung darüber bei dem fragmentarischen Charakter des ganzen für 
bedenklich. Nicht unpassend wäre die Vermutung, dass wir vielleicht 
in Ludolf von Suchem , welcher fast zu derselben zeit den Orient bereiste, 
den Verfasser zu finden hätten, aber die grosse Verschiedenheit der in 
frage kommenden berichte macht diese annähme, wie schon Neumann 
ausführlich dargetan hat, hinfallig. ^^ Wir erfahren nur, dass unser 
Kölner gegen 1338 in Ägypten war, nach dem mai 1340 in Täbris 
und kurz vor 1348 in Armenien; während der Judenverfolgungen in 
Köln (1350) wird er zu hause und mit der redaction seines berichts 
beschäftigt gewesen sein. 

Als quellen für diesen müssen wir in erster Knie die autopsie 
und mündliche erkundigung bezeichnen, welche beide an einzelnen stel- 
len sich deutlich erkennen lassen. Merkwürdig ist, dass das reisebuch 
des John von Maundeville sich als quelle nicht nachweisen lässt, 
obgleich unser autor mit ihm in vielen nachrichten sich trift, aber 
diese berührung ist nur aus der benutzung gleicher quellen zu erklä- 
ren. Ebensowenig sind die berühmten berichte der Mongolenmissionare 
Marco Polo , Busbruyk , Johannes de Piano Carpino , Johannes de Monte 
Corvino, Ordoricus, Johannes de Marignola von ihm benuzt; aus der 
ganzen reichen pilgerlitteratur finden wir nur einen leisen anklang an 
den bericht von Thietmar. Deutlich ist jedoch die benutzung des 
berühmten auch durch John von Maundeville ausgeschriebenen wer* 



NIEDEBBHEIN. BERICHT ÜB. D. OBIEIVT 5 

kes von Haython. ^* Was unser berichterstatter über die fabelhaften 
menschenklassen im fernen osten zu berichten weiss, wie Sciopodes, 
Monoculi, Acephali, Cynoscephali , Panotii, Anthropo- und Ichthyo- 
phagi, Pygmaei, Amazones usw. ist aus Isidorus Hispalensis/^ die 
nachrichten über den priester Johannes und Muhammed stammen aus 
den darauf bezüglichen litterarisch weit verzweigten Sagenkreisen , doch 
sind die hierüber gegebenen mitteilungen so wenig significant, dass sie 
eine bestirnte Variation nicht deutlich erkennen lassen. 

Zum schluss sprechen wir unsern besten dank der direction des 
Kölner Stadtarchivs für die äusserst liberale bereitwilligkeit aus, mit 
der sie uns das manuscript zur durchsieht übersante, und besonders herrn 
prof. Zacher, welcher uns durch eine reihe sprachlicher erläuterungen 
wesentlich untertüzte. Wir wünschen, dass diese volständige Veröffent- 
lichung der Wissenschaft nützen und weitere nachforschungen anregen möge. 

Anmerkungen* 

1) Vgl. die ausgäbe des Jean de P. im EeciieU de voyagesIV, 474, 477, 481. 

2) Wir machen hier auf die bisher übersehene interessante stelle der Chron. 
regia Colon, (ed. G. Waitz) 291 aufmerksam, worin es heisst, dass 1247 die beiden 
missionare mit dem antwortschreiben des Mongolenchans an Innocenz IV. zurück- 
kehrten; dann fahrt die quelle fort: „Cujus epistolae teuerem et tocius processum 
itineris summo labore et periculis confecti unus eorundem fratrum Minorum Bene- 
dictus nomine Polonus genere, sicut vidit et audivit, cuidam praelato et quondam 
scolastico Coloniensi historiarum non ignaro, cum transitum per Coloniam faceret, 
Viva voce (et) dilucide explanavit, quao libello special!, quem iidem fratres de ortu 
et ritu ceterisque circumstantiis Tartaroirum retulerunt, ipso fratre oretenus singula 
declarante sunt adjecta." 

3) Germann, Die Kirche d. Thomaschristen 170; Wadding, Ann. Minor. III, 
44 § 10; Marcellino da Civezza, Storia delle mission. Francescan. Uli 136. Der 
bekante Jerusalemfahrer Wilhelm von ßaldensele starb in Köln (Ludolf von Suchem 
ed. Deycks 81; vgl. Neumann in Les archives de Torient latin II, 311, 349); wir 
wissen aber leider das jähr nicht. 

4) Nach 1364 abgefasst (Neumann 327). Näheres siehe in unserem anhange. 

5) Les archives de Torient latin II, 305 — 377; über Ludolf vgl. Tobler, Bibl. 
geogr. Palaestinae Leipz. 1867, 39 — 41; unsere Deutsch. Pilgerreisen 564 — 565. 

6) Les arch. 318: „Malgre los erreurs de Chronologie qu'il commet, son livre 
ne devra pas moins etre consulte, comme une source de premior ordre, ä cöte de 
ceux des ecrivains orientaux, pour tout ee qui a trait aux moeurs, aux ceremonies 
des pays qu'il a visites, ä la vie de cour des princes d'orient et tout particuliere- 
ment du sultan Nasir ed-din." 

7) Vgl. Andrie Marie, Missions Dominicaines dans l'extreme Orient, Paris - 
Lyon 1865, I, 24 — 34: Marcellino da Civezza, Storia delle niiss. Francescane III, 
580—631; Germann, 168—226; Mosheim, Histor. eccles. Tartar. Heimst. 1741, 
90 — 198. 

8) Die erste deutsche grosse naturbeschreibung ist bekantlich das Buch der 
Natur von Konrad v. Megenberg, unserer naturgeschichte (1349 — 1850) genau 



6 RÖHBICHT UND MEI8NEB 

gleichzeitig. Vor unserem Verfasser geben nur Thictmar 52 — 53 und Burchardos 
de Monte Sion 86 fgg. ansätze zu einer naturgeschichte Syriens; die ausfuhrlichste 
beschreibung verdanken wir Jacob von Vitry (Histor. Orient. 1099 — 1107). 
9) „Vort so weyst hie in disme lande braym." 

10) S. 325— 326. 

11) Am besten herausgegeben von Louis de Backer, L'extreme Orient an 
moyen age, Paris 1877, 125 — 253. 

12) Origin. XI, c. 3, 13 — 24. Fast genau dieselben nachrichten meist aus 
Plinius und Solinus geschöpft finden sich bei Augustinus , De civitate Dei XVI c. 8; 
Honor. Augustodun., De imagino Mundi III c. 12 — 13; in der Epist. presb. Job. 
(Zarncke, De epistola presb. 35; Epist. presb. 910 — 911; vgl. ebenda De presbytero 
177 — 178 die stellen aus dem Tractat. pulcherrimus), in der Histor. de proeliis des 
archipresb. Leo (Zacher, Pseudocallistheaes 138, 168) und in der Hist. oriental. des 
Jacob von Vitry (Bongars; Gesta Dei per Francos Uli — 1112). 



Anhang. 

ZU DER DKEIKÖNIGSLEGENDE DES JOHANNES 

VON HILDESHEIM. 

Die grundlage der obigen legende bildet die bekante psalmstelle 
(70, 10 — 11) und das apocryphe evangelium infantiae,^ doch sind die 
dort gegebenen erweiterungen der canonischen kindheitsgeschichte immer 
noch ohne bedeutenden umfang. Als zweite etappe müssen wir das 
apocryphe buch des Seth,^ unter dessen namen viele Schriften gingen,' 
bezeichnen, welches Johannes Chrysostomus in einer kritisch freilich 
nicht unbedenklichen homilie auszieht,* die der berühmte Albertus 
Magnus mit derselben ausführlichkeit widerholt. ^ Die namen der drei 
könige^ fehlen hier, ebenso wie in unserem Kölner bericht, und der 
des berges Vaus ; ' die ersteren sind jedoch schon in sehr alten quel- 
len nachweisbar, während der leztere mit den daran geknüpften mit- 
teilungen über die fürsten von Vaus ® erst bei Johannes von Hildes- 
heim erscheint ^ und noch einer befriedigenden erklärung hart. Um die 
almählige entstehung dieser legende genauer verfolgen zu können , wird 
es zunächst einer Untersuchung derselben , wie sie im dreizehnten Jahr- 
hundert sich gestaltet hatte, bedürfen, dann aber einer sorgfältigen 
vergleichung aller übrigen handschriftlich vielfach erhaltenen texte. Wir 
geben, ohne den geringsten anspruch auf volständigkeit zu erheben, 
hier eine kleine übersieht derselben, indem wir mit d. die deutschen, 
mit 1. die lateinischen bezeichnen. Es finden sich handschriften in: 
Bamberg (d. E. VE, 11; XV saec); Basel (d. E: A. V. 14; 1476); 
Brandenburg (1. herausgegeb. von Köpke im progr. des dom-gym- 
nasiums 1878 mit wertvoller einleitung); Brixen (d. herausgegeb. von 
Ign. Vinz. Zingerle, Von den heyl. drey künigen . . . Innsbruck 1855); 



NIBDERRHBIN. BERICHT ÜB. D. ORIENT 7 

Cambray (1. ms. theol. 481; Jurist. 632); Cöln (d. Stadtarchiv; vgl. 
oben s. 1); Donaueschingen (d. nr. 451; XVsaec); Douay (1. hist. 
sanct. Chart. 8®); Erlangen (1. nr. 399; 1385); St. Gallen (d. nr. 985 
und 987; XV saec); Haag (1. XIII saec. herausg. von Floss, Drei- 
königsbuch, Köln 1864, s. 116 — 128); Hamburg (mehrere codd., 
worüber Staphorst, Hamburg, kirchengesch. IC, 369); Heidelberg 
(d. , bearbeitet von G. Schwab , Die legende von den heil, drei königen, 
Stuttgart und Tübingen 1822 ; vgl. s. 202 — 206 die genauere beschrei- 
bung); Klagenfurt (1. Studienbibliothek nr. 58, von Neumann 375 note 
293 citiert); ^München (deutsche: nr. 54, XIV— XV saec; 535, 
XVsaec; 4886, XVsaec; 5134, XVsaec; lateinische: nr. 101, 
XVsaec; 629, XIHsaec; 2941, 1410; 3254, XV saec; 3580, XV 
saec; 4143, XVII saec; 4755, XVsaec; 5866, XVsaec; 5884, 
XV saec; 5932, XV saec; 8248, XV — XVI saec; 8832, XV saec; 
9544, 1544; 17227 XIV saec; 18427, 1466; 18621, XVsaec; 21627, 
1450; 23788, 1419; 23839, 1434; 24571, XV saec; 26636, XVsaec, 
26688, 1490; 26700, XIV— XV saec; 26921, 1416; Olmütz (1. XV 
saec von Zarncke , D.Priester Johannes in d. Abhandl. der Königl. Sachs. 
Gesellsch. d. Wissensch. , phil. histor. klassel876, 155 citiert und mit 
wichtigen bemerkungen begleitet); Oxford (1. Univ. 33, XV; Balliol 
College 349); Eom (1. Eegin. Christ. 522 chart. 1434; Palatin. 859); 
Strassburg (d. ms. theol. ohne nummer); Trier (d. 212, XVsaec); 
Wolfenbüttel (1. 22. 23 Aug. 4^ 137 Gud., wo nach gütiger mit- 
teilung des oberbibliothekars prof. dr. von Heinemann ein an den bischof 
Florentius von Münster gerichteter brief vorausgeht). Die litteratur 
über die ganze legende ist bei Winer , Bibl. Realwörterbuch s. v. Stern 
d. Weisen, ausführlicher in Ulysse Chevalier, Repertoire biograph. 
1442 — 1443 zusammengetragen, dem wir nur noch Thilo, Codex apo- 
cryph. Novi Testam. Lipsiae I, 1832, XXXH— XXXIII und 388 — 389 
mit den dort^ gegebenen nachweisen hinzufügen können. 



Anmerkungen* 

1) Thilo, Cod. apocr. Novi Test. I, 71—73; vgl. ebenda I, 255 das Prot- 
evangel. Jacobi Minoris. 

2) Die nach Thilo I, 389 nicht mehr existiert. 

8) Fabricius, Cod. pseudep. Vet. Testam. I, 139 — 158; II, 49 — 55. 

4) Fabricius, Cod. pseud. I, 153 — 154; Migno, Patrolog. gracca LVI, 637. 
Hier erscheint zum. ersten male der name „Mens Victoriaiis." 

5) Opp. Lugduni 1651 , IX , 24. 

6) Lateinisch: Caspar, Melchior, Balthasar, griechisch: Appellius, Amerus, 
Damascus, hebräisch: Magalath, Galgalath, Sarracin, aethiopisch: Kyssad, Aunos- 
son, Albetir; daneben werden noch andere namen genant: Malmustro, Salef, Thar- 



8 RÖHRICHT UND MEISNER 

sis; Ator, Sator, Peratoras (vgl. darüber die sorgföltigsten oachweise bei Crombach, 
Priraitiae gentium, Colon. Agripp, 1654, 172 — 199; Flosa, Dreikönigsbuch, Köln 
1864, 117; Oppert, Der Priester Johannes. Berlin 1864, 15). 

7) Er wird mit dem „Mons Victoriaiis" identificiert , aber wie ist der name 
entstanden? Zingerle 9 meint, er sei gleichbedeutend mit Kaus (d. i. Kaukasus) 
oder in folge eines Schreibfehlers so viel als Imaus (d. i. Himalayagebirgo). 

8) Johannes erzählt (s. 10) , sie seien 1200 nach Accon gekommen mit chal- 
däisch und hebräisch geschriebenen büchern (s. 11) über die geschichtc der drei 
könige; diese seien dann übersezt worden in welsche spräche, aus denen dann die 
vorliegende legende unter heranziehung anderweitiger nachrichten hervorgegangen 
sei; die Triersche handschrift nr. 212, welche wir verglichen, gibt als Zeitpunkt 
dieser Übersetzung genau 1312 an. Jedenfals wissen wir aus der ganzen geschichte 
der kreuzzüge und des heil, landes dieser zeit nichts von den hcrren von Vaus aus 
Indien; die erzählung ist einfach erfunden. Crombach 210 — 211 bringt die geschichte 
des königs Balthasar aus Vaus mit der eines berühmten südfranzösischen geschlecbts 
der Baux zusammen (vgl. auch Johannes v. Hildesheim 21), so dass man an die 
entstehung des namens aus einer wappensage denken könte, und Barthelemy in 
seinem Inventaire chronol. et anal, des chartes de la maison de Baux, Marseille 
1882 planche I — IV, XV gibt in der tat das dreikönigswappen : stem und kreuz, 
wie es bei Johannes von Hildesheim beschrieben wird. Der name Baux ist aus 
Balcis entstanden, gab also wegen der ersten hälfte den hinweis auf Balthasar, ver- 
wandelte sich dann in Baucio. Ein Baymundus de Balcis erscheint als zeuge in 
einer Urkunde des heil, landes 1105 bei Eoziere, Cartul. du S. Sepulcre 182, ein 
Hugo und E. de Baucio 1216 in einer Urkunde für die Templer als „ dominus Mas- 
siliae" (Winkelmann, Acta inedita imperii I, 117), ein Eaimundus de Baucio 1234 
mit demselben Charakter (Paoli, Codice diplom. I, 125). Die zahl der durch die 
höchsten würden und ämter ausgezeichneten mitglieder dieses geschlecbts und zwar 
in der mitte des vierzehnten Jahrhunderts, die hier in betracht komt, ist sehr 
gross, wie Barthelemy in der einleitung ausfuhrt; es wäre daher gewagt hier an 
eins derselben eine bestimtere combination zu knüpfen. 

9) Crombach 691 erwähnt auch unser legendenbuch , bemerkt aber, dass er 
wegen der vielen fabulositäten es nicht habe als quelle benutzen können. 



(fol. 22.) Dar na dat geschreven is van deme heiigen lande ind 
van allen landen over mer, van bürgen ind van steden, die da ynne 
gestanden haint ind noch steent, nu volcht hema, wat koninckgen, 
hertzougen, forsten, greven, heren, patriarchen, buschoffe, abbate, 
canoniche, paflFen ind moniche, wilcherhande lüde euch da yne haint 
gewoent ind noch wonent bis up disen dach, ind van yrme gelouven 
ind partyen ind van all yrme wesen, van kirsten ind beiden ind van 
joeden. 

Zo dem ersten licht Jhernsalem mitten in dem heiigen lande ind 
licht ouch nütz in der werelt,^ as man hie spricht, fnd dat hait van 

1) Diese ansieht findet sich auf grund einer falschen Übersetzung und Inter- 
pretation von Ezech. 5, 5 und besonders Psalm 74, 12 fast in allen pilgerschriften ; 



NIEDBRRHEIN. BERICHT ÜB. D. ORIENT 9 

alders geweist der joeden, ind darna was id der kirsten ind nu is id 
der heyden; mer an deme koninckryche alre nyest wonent kirsten. 
Vort van desem konincl^ryche van Jherusalem intgain dat vesten^ staint 
alle die koninckryche van Indiaen, ind da is priester Johan here over 
ind die lüde sind alle kirsten. Vort intgain dat suydoist by India 
staint die koninckryche van Nubien ind vanTharsis,^ ind die lüde sint 
euch kirsten, ind dannen wairen Melchior ind Balthasar, tzwene der 
heiligen dryer conincge, die unsme heren yre oflfer brachten zu Betle- 
chem. Vort intgain dat nordynoist da licht dat koninckrych van Geor- 
gien ind dat koninckrych vanAbtas,^ ind die lüde, die da wonent, die 
sint vroeme [ind] starcke kirsten. Vort licht dar intgain dat nordyn dat 
keserych van Greken ind dat koninckrych van Armenien, ind die lüde, 
die da wonent, sint euch kirsten. Vortme alle dise lüde, die in die- 
sen koninckrychen wonent, die sint kirsten, mer sy en synt nyet alle 
gelyche gude kirsten, sy synt mit etzlichen articulen ind puncten 
gescheiden, as herna geschreven steit. Vort alle dese koninckge de 
sint yre yecklich wael so mechtich, as der soldain, mer dat yrre eyn 
dem andern nyet gelegen en is van wasser ind van woystenyen ind 
ander hindernisse. Vort alle die kirsten, die in disen landen wonent, 
dat sint partyen, so dat yrre geyn gelouflft as der ander, ind heischent 
Latini, Suriani, Indiani, Nubiani, Armenii, Greci, Georgiani, Nesto- 
rini, Jacobite, Maionite,^ Copti, Ysini,^ Maionini^ ind Soldini.' AI 
dese partyen van kirsten, wa de wonent, die haint alle yre kirchen 
Sonderlingen ind er geyn® en geit in des andern kirche. Vort prie- 
ster Johan is kirsten, ind is here over India, ind is mechtiger, ind 

die tradition glaubte sogar den weltmittelpunkt genau an einer bestirnten stelle in 
der Golgatliakirche angeben zu können, aber diese ward zu verschiedenen Zei- 
ten ganz verschieden fixiert (T. Tobler, Golgatha 39, 262, 277, 326—329, 347, 
356, 359). 

1) oesten? 

2) Tharschisch, welches nach 2. Chron. 9, 21; 20, 36 — 37 in der nachbar- 
schaft von Nubien gesucht wurde, im mittelalter in der Mongolei (Yule, Kithay 
I, 205 fg.). 

3) Abchasien. 4) Maroniten. 

5) Abyssinier; bei Thietmar 49: Issini geschrieben, in Ludolfs von Suchein 
Descriptio (ed. Neumann 369): Ysyni. 

6) Auch sie werden in der eben genanten Descriptio 369, aber sonst nir- 
gends, erwähnt als „heretici ad ritum Nestorii se tenentes sed tamen circumcisione 
carentes." 

7) Descriptio 369: „de regno Tharsensi, de quo et erat unus trium regum 
seu Magorum"; sie können nur mit den weiter unten (s. 16) genanten Nicolaiten 
identisch sein nnd werden somit nicht erwähnt. 

8) ihrer keiner. 



10 BOHBICHT UND MEISNEB 

meire here, dan der keser van Komen/ ind wanee he here wirt over 
India, so wirt eme der name mit, dat he heist priester Johan, ind 
also schryfft he in allen synen brieven, dat he geynen groiszer name 
cn kan gewissen , dan eyn priester. Want van eyns priesters macht 
wirt hemell ind helle up geslossen ind zo, ind wane eyn priester syne 
arme uprecht, so vallent alle keser ind konich up yi-e knee. Ind die 
beste stat, die in India licht, die heysch Sowa,* ind alda so woent 
priester Johan, ind wie kostlich ind schoin syn palase synt ind syne 
wonunge, da were lanck af zo sagen, beyde van goulde ind van ge- 
steynze; ind dat en is geyn wonder, wie man alle dinck gilt ind ver- 
koufft mit zey ebenen in papyre,^ ind goult ind silver, dat (fol. 23) blyfift 
cleynode ind zo vassyn. Ind in alle den landen van India ind van Tar- 
tarien da gilt man ind verkouflft alle dinck mit cleynen stucken papyrs, 
de sint getzeichent darna,' dat sy sint vergoulden. Ind wan eyn man 
so vil van den stucken bette van papyre, die getzeichent weren, die 
nyet langer en moichten weren, so gifft man nuwe umb die alden 
ain cost ind wederspraiche. * 

Vort die lüde, die in India wonent, die sint kirsten, ind haint 
eynen patriarchen, die heyscht Thomas, deme sint sy gehoirsam, ge- 
lych wir deme pase, ind wan die buschof die priester wyet, so bimt 
he den priester mit eyme geloenden^ ysen, dat is scharff, van deme 
vurheufde neder bis an die nase, ind die wende blyft eme bis an den 
doit ind dat zeichen da mit.^ Ind dat doent sy zo eyme zeichen, dat 
der heilige geist quam in die apostelen mit vuyre. Vort alle die mo- 

1) Diese und aUe folgenden nachrichtcn über den priester Johannes führen 
auf die benutzung des in zahlreichen handschriften und bearbeitungen verbreiteten 
presbyterbriofes , ohne dass sie sich genau und wörtlich daraus nachweisen Hessen. 
(Zarncke, Der Presb. Johannes 156 — 157.) 

2) Es kann nur Saba in Arabien gemeint sein , aus dem einer der drei könige 
nach der legende stamte, aber die spätere erzählung verlegte den ort nach Indien. 
An das bei Marco Polo c. 19 als wohnsitz einer der drei könige genante Sabada, 
südlich von Teheran, zu dem sich die Variante Sava findet, ist hier also, wie 
prof. Güdemeister uns mitteilt, nicht zu denken. 

3) Über die auch weiter unten erwähnte Verbreitung von papiergeld bei den 
Mongolen handeln auch Marco Polo, Rec. de voyages II c. 23; Rubruik ebenda 
s. 329; Haython 126; der brief des erzbischofs von Sultanijeh bei Louis de Backer, 
L'extreme Orient 337, 341 — 342; vgl. auch Ludwig Schlözer, Kritisch - historische 
Nebenstunden. Göttingen 1797, 159 — 171; Klaproth, M^m. relatifs a TAsie 1824 
— 1828 I, 375). 

4) Ohne kosten und Widerspruch. 

5) d. i gloenden, glühenden. 

6) Germann, Die Kirche der Thomaschristen, Gütersloh 1877 hat unseren 
bericht sowie die darauf weiterbauende legende von den drei königen leider nicht 
benozt. 



NIEDERRHEIN. BERICHT ÜB. D. ORIENT 11 

niche haldent sich na sent Antlionis ind sent Macharius orden, ind dra- 
gent lange wyde ruwe peltze, ind gra mentell, ind cleyne kogeln op 
deme heufde, die sint vur offen. Vort die ritter in India haldent sich 
uyssermaissen reynlich an allen dyngen , ind jagent ind beyssent , ind 
dragent kostlige cleider ind kostlige gülden gurdele, ind dragent euch 
bogen, kocher ind pile, wa sy hien rydent of gheent, ind en wissen 
geyn ungemach, dan allit wallust. Vort die vrauwen ind jonfrauwen 
van India sint alze unsuverlich, ind sint bruyn; wie ryche ind wie 
kostlich yre cleider, ind ir [cleyder] gesmyde, die sy van goulde ind 
van edelen steynen haven, da were lanck af zo sprechen; ind ir clei- 
der sint siecht gewort, van phynem goulde, as van garne,^ ind sint 
gesneden as vrauwen rogkelyn, dar under draint sy ander cleyder, die 
sint van bleychen deiche , die sint van edelem krude berougt , dat man 
sy over alle die straissen wail nicht, wa eyne vrauwe geit of ryt; mer 
die rockelyn sint altze rychligen besät mit perlen ind mit edelen stey- 
nen; ind van anderm cleynoide der vrauwen, wie schone ind ryche sy 
sint, da were vele ave zo sprechen. Vort alle priester in India, wan 
die misse willent dein, so komen die priester, dyaken ind subiaken* 
von dryn wegen zosamen ind zo deme altare, zo eyme zeichen, dat 
die dry heiige koninckge quaraen van dryn wegen ind van dryn landen 
zo samen zo Betlehem zo der kribben. Vort alle die lüde in India 
synt vil kleynre, dan andre lüde, ind haint kintliche spräche, ind mögen 
geynen vorst lyden. Ind wanne sy yrgen willent uysser yrme lande, 
so voerent sy mit yn lange ruwe peltze van Sonderlingen edelen die- 
ren, die sy andoent in vreemden landen, ind me upper wert, we die 
lüde cleyne sint. 

Vort dat^ laut van India suitwert sint mit groissen broichen 
ind mit wasser gescheiden [sint]. Ind die moniche ind kouflude, die 
da af ind zo pleyen zo komen, die sprechent, dat die lüde, die nyest 
deme paradise wonent, die sint alle douff, ind werden also geboiren, ind 
synt alle wyse kouflude. Ind wat sy dryvent of geldent of verköuffent, 
dat doint sy mit zeichenen, ind die (fol. 24) haint sy as gerade as 
spräche. Ind also doufwerdent sy geboeren, ind dat van deme grym- 
me des firmamentz, dat sich also wecht;^ want sie sprechent, dat id 

1) lediglich, gänzlich gewürkt nur aus goldfäden. 

2) Diaconen und Subdiaconen. 

3) 1. die. 

5) d. i. bewegt, „dannen hüb ih mih sän | . . ♦ | der werlt an da:?; cnd^ | da 
der werlt nabe stat | und der himel umbe gät, | als umbe die ahsen da^ rät." Lam- 
precht, Alexander ed. Kinzel, V, 5490 u. anm. Jung. Titurel ed. Hahn 4747 (= alter 
druck 4849). 



12 RÖHBICHT UND MEISNER 

alzo gruwelichen snell unib louffe as eyn molensteyn, ind ouch spre- 
chent sy, dat die sunne des morgens mit so gruwelichen brochen * up 
geit, dat des geyn minsche gelyden en könne, die des nyet en were 
gewoynt.* Vort sprechont sy, dat da vil groisser broiche syn, da 
wasent yne groisse roir ind riet, dat man da van huys ind schif af 
macht. Vort in andern werden weist ^ as edel krudt, as man op der 
erden vyndt ; * mer da sint alzo vil böser ind groisser slangen ind 
wurme; ind anders were all gekrude edelre ind gemeynre, dan id nu 
is. Vort sint da alze vil wert, da man goult ind silver vyndt, mer 
dat breugent die lüde priester Johannen. Vort by India in dat suitoist 
da sint lüde by eynre spannen lanck , ind die broider ind kouflude gel- 
dent die, ind brengent sy koninckgen ind heren, ind verkoufent sy yn, 
wie dure dat sy willent. Ind die kleyne lüde en essent nyet in yrme 
lande, dan same, die is geschafft as hanfsame, ind des samen moissen 
die kouflude mit yn nemen, mer wanne die lüde des nyet en essent 
so stervent sy zehantz. Mer sy en haint geyn spraiche, as lüde, die 
man verstain kunne, dan sy pypelent under sich as muse. Ind dat 
laut is dat nyeste laut deme paradise, ind die kouflude saint, dat die 
lüde in deme lande ind da by in andern landen groisse noit hain van 
kraenen.^ Vort by deme lande is eyn ander wert, ind die lüde, die 
da wonent, en haint geyn heufft. Mer yre ougen ind yre mont, die 
steint in an der burst.^ Vort sint in India ander wert; die lüde, die 
da wonent, die lüde haint groisse oeren, ind sint dünne, ind sint so 
grois, dat sy alle ir lyf wael da mit bedeckden.^ Vort is eyn ander 
laut in India, da wonent lüde, die haint heufde as honde;® ind in 
deme lande wart gedoet sent Thomas der apostell. Vort in eynem 
andern werde wonent lüde, die en haint nyet me dan eynen voys, ind 
die is dünne as eynre gans, ind is so breydt, dat sy sich da mit 
bedecke nt intghain de sonne ind vur den rayn ind vur die wilde dier, 
ind sint snell ind zo male guet schützen.^ Vort sint in India ander 
wert, da ynne wonent lüde, die haint so cleyne munde, dat sy all 

1) Mhd. gebrech, braht, gebrechte =-• lärm, getöse. Grimm Myth.*, 2, 601, 
619; 3, 218; Schröer, Zu Goethes Faust 1, 1. 

2) Die quelle dieser wunderbaren nachricht, welche auch Joh. von Hildes- 
heim 16 widerholt, war nicht zu ermitteln. 

3) wächst. 

4) 1. nerne (nierne) envyndt. 

5) kranichen. Vgl. Bartsch, Herzog Ernst s. CLXX fg. 

6) Eudolf von Ems. Vgl. Doberenz, ztschr. f. deutsche phil. 13, 177, 209. 

7) Bartsch, Herzog Ernst s. CLXX. 

8) Bartsch, Herzog Ernst s. CXLI. 

.9) Bartsch, Herzog Ernst e. CLXIX fg. 



NIEBERRHEIN. BESICHT ÜB. D. ORIENT 13 

spyse irs lyfs moissen sufen mit pipen. Ind alle dise vurgeschriven 
lüde sint in alre konincge ind vursten hoven by andern luden, ind sint 
ryche gude kouflude, ind sint all gecleyt mit peltzen van manicherhande 
schonen edelen dyeren, ind sint alremeist snoide kirsten, ind haldent 
sich na gelouven der hern, da sy mit wonent, ind diese lüde dunckent 
uns as seltzen as wir sy. 

Ind vort durch alle dese lant koempt man in dat laut, da dat 
roide mer steit, ind uys derae roiden mer vlust eyn vlus, ind dat geit 
in die vloit, dat da koempt uys deme paradise, dat durch Egipten 
geit bis zo Allexandryen, dar koempt dan alle komenschaf * wider van 
India. Ind daromb gift der souldain priester Johanne zyns, want alle 
dese wert ind lant, die he vurgeschreven (fol. 25) steint, da is here 
over priester Johan. Ind van anderen seltzenen luden, dieren ind 
voigelen ind rychdom, die in priester Johans lande sint, da were vill 
af zo sprechen. Vort dat konickrich van Nubien, da Melchior uys 
was ind da koninck was, die unsme hern offerde goult, ind dat is 
ouch intgain dat suydoist, ind da is euch priester Johan here over, 
ind die lüde heischent in allen landen Nubiani, ind dat sint da die 
beste kirsten, ind die spreclient Caldeischs ind schryvent Caldeischs, ind 
in allen landen over mer haint sy dat vurgain * van andern kirsten , ind 
haint in allen landen da yre Sonderlinge kirchen ind kirchove, as dye 
Vriesen zo Aiche,^ in ere des heiligen conincgs Melchior, van des 
lande sy sint. Ind alle yre priester, wan die misse doint, so haint 
sy croenen van goulde of van silver op yren heufden, darna mallich 
vermach,* dat doint sy zo eyme zeichen, dat die dry heilige konincge 
unsme hern eren offer gekroent brachten. Vort dat lant van Tharsi, 
da Jaspar konink was, da is ouch here over priester Johann, ind die 
lüde sint as swartze as Moir, ind heischent da in allen landen Sol- 
dyns ind haint eyne eigen spräche under sich. Ind die lüde in deme 
lande, ind in wat lande sy wonen, di machent ind malent in allen 
yren kirchen unsen hern got ind alle heiigen swartz under deme ain- 
gesichte, ind den duvell wys, want sy selver swartz sint, ind sint ouch 
snoide kirsten. Ind darumb en haint sy nyet so grois ere van andern 
kirsten, as die lüde van dern lande van Nubien. Ind diser lüde buschof 
ind priester, wanne die misse willent dein, so haint sy eynen gülden 
Sternen boven deme altair, zo eyme zeichen, dat eyn sterne voirte die 

1) kaufmannschaft. Lübben, mnd. wb. 2, 520*. 

2) vorangehen, vorrang. 

3) Bei Job. v. Hildesheira, der wider diesen ganzen abschnitt entlehnt hat, 
„sicut Prisones Aquisgrani", öfter übersezt. 

4) nach jegliches vermögen. 



14 BÖHRICHT UND MEI8NEB 

heilige dry koninckge van eren landen zo Betlehem ond zo der krib- 
ben. Vort so is priester Johan herre over virtzich koninckrycli ^ ind 
da allit snoide kirsten wonent, ind die heischent in deme lande Nesto- 
rini, ind die bekeerde paes Leo* ind ouch andere heilige, ind sy wider 
velen in eren ungelouven , ind darumb so hait sy got sere verdiliet, ind 
sint un werde heyden ind kirsten, ind wonent under priester Johanne 
ind under deme keser van Tartarien, ind levent under eyn ain* twanck 
ind ain zyns as joeden, ind haint in kürten jairen all yre laut verloi- 
ren, so dat sy selve geynen hern noch koninck en haint, mer sy 
wonent under andern heren. Ind van disme lande was Balthazar, der 
heiliger dryer koninck eyn, ind wider synen licham gaf sent Helena 
sente Thomase deme apostelen,* doe sy die heiige dry koninckge sa- 
mende, ind da licht noch sent Thomas in eyme werde, dat heyscht 
Egsowa.^ Mer van allen dyngen, die man hie van eme leist, da en 
is nyet an, mer id hait wilnee wail gewaist,® doe he lach in eyme 
andern lande , want he nu licht mit snoden ketzeren. Ind die en haint 
geyne ere, as andere lüde haint, die yrgent op andern werden der 
tzwyer werder heiiger dreyer koninckge lande sint. 

Vort wonent da in allen landen ander snoide kirsten, die gein 
eygen laut en haint noch hern, as herna geschreven steit, mer die 
wonent mit andern luden in andern landen. Zo deme yrsten wonent 
da snoide kirsten, die heischent Jacobiten ind die en geloyvent 
nyet an die heilige dry konincgo , noch sonder (fol. 26) lingen an die 
beilige dryveldicheit, ind daromb sanent ' sy sich mit eyme vynger ind 

1) Nach der Epist. presb. Job. (Zaracke, Der Priester Job. Leipzig 1879, 
910) über 72 provinzen. 

2) Leo IX. 3) ibnen, obne. 

4) 1. den. — Dieser zng feblt in der ältesten redaction der legende beiFloss 
118 und ist neu; auffaUend ist aucb, dass von einer translation nach Mailand hier 
nirgends die rede ist; unser Verfasser bat also diese nicht gekaut. Zur sache 
vgl. Crombach 589—92. 

5) Der name komt sonst nicht vor, ist aber obne zweifei identisch mit dem 
in der dreikönigslogende genanten EgryscuUa; für ScuUa erscheint als Variante 
Seuwa, Sowa (Zarncke, Der Presbyter Job. 158 — 159). Woraus aber wider Egry- 
scuUa entstanden sein mag, ist ganz unsicher. Bei Honorius Augustudon. , De ima- 
gine Mundi III, c. 12 werden zwei inseln bei Indien Cbrisa und Argare genant, und 
es könte angenommen werden, dass der leztere name in Egry stecke, aber dies ist 
ganz unsicber. Ebensowenig wird der schon bei Marco Polo erwäbnte name einer 
chinesischen provinz Erghigul zu combinieren sein. Als begräbnisort des S. Tho- 
mas wird sonst Edessa, Ulna in dessen nähe und die inselMailan genant (Germann, 
40-41, 46, 165—167). 

6) es ist weiland wol gewesen. 

7) segnen. 



niedehrhein. bebicht üb. d. oriekt 15 

yre priester, dyaken ind subdyaken steint zo samen over deme altair, 
ind nement ligen* dat sacrament na yrre wysen, ind dat doint sy in 
eyn zeichen, dat die heilige dry koninckge zo eynre zyt samen zo 
Betlehem unsme heren yren offer brachten. Vort wonent da in den 
landen snoide kirsten, die heischent Copti, ind die wonent alremeist 
in Egipten, ind die haint eyn Sonderlingen boich , dat heischent sy sent 
Peters heymelcheit,^ ind haldent dat in eren missen as epistolen, ind 
haldent dat ewangelium, dat Nycodemus beschreif,^ ind haint eygen 
buschoffe, ind yre priester haldent durch alle dat jair in allen missen 
van den heiligen dryn koninckgen. Vort wonent in den landen ander 

snoide kirsten, die heischent Maionite* ^ also of 

eyne spynne of eyn worm da yne wurde gesyen ind of die sunne schien 
durch ein loch. Ind yre priester scheiden wael wyf ind man van eyns 
willen, id were deme andern lief of leit. Ind die priester ind diaken 
haint elige wyf, ind haldent des dages eyne misse van sent Thomase, 
ind des andern dages van den heiligen dryn koninckgyn, ain zo kir- 
missen ind zo paischen.^ Vort wonent da andere snoide kirsten in 
deme lande ind die heischent Tsini; ^ wan man yr kinder douft ind 
kirsten macht, dan broet® der priester yn eyn cruce vur dat houft, 
up dat man sy Sonderlingen da by kenne, as gut kirsten willent sy 
syn, ind die wonent alremeist in Egipten, ind gelouvent des, dat ir 
noch as vil soele werden, dat sy mit der macht moigen komen zo 
Babilonien, da der souldain woent. Ind ir eyem soele erae eynen mit 
eme danne draigen,^ dat ir dan so vill sali syn, dat geyn steyn noch 
kalck da blyven en soele. Ind na der geburt unss hern drutzien hondert 
ind eyn ind viertzich jair,^® doe sloich man die kirsten in deme lande, 

1) geliehen = gleicherweise? 

2) ntarig aotpla edd. Schwartze et Petermann , Berol. 1851 ; das Evang. Petri 
siehe bei Fahricius, Cod. apocr. Nov. Testam. I, 374—376; die Apocalypsis Petri 
ebenda I, 940—942. 

3) Thilo, Cod. apocryph. N. Testam. I, 487 fgg. 

4) Maronitae. 

5) Lücke in der handschrift. 

6) ohne an kirchweih und ostern. 

7) Die ohen s. 9 erwähnten Abyssinier. 

8) brüht, brent. 

9) 1. ir eyn . . . eynon stein = und jeder von ihnen soll sich einen stein 
mit ihm von dannen tragen. 

10) Dies datum ist neu. Wir wissen nur, dass sultan Malik an-Nasir Mu- 
hammed die Christen freundlich behandelte (Marcellino III, 299, 311 — 314), schüzte 
und sogar in seiner nächsten nähe hatte (sein vezier Kerim ed-din war christlicher 
abkunft), weil sie tüchtiger und brauchbarer waren, besonders aber weil er aus 
eifersacht muslimen den eintritt in höhere stellen glaubte vorenthalten zu müssen. 



16 BÖHRICfiT CKD MEISKER 

as man hie in der sterveden die joeden sloich,* doe verraden die lüde 
van Egipten dise lüde, darumb dat sy des gelouven hatten, dat ir so 
vell werden soulde. Doe sprach die souldain: Id were seiden eynich 
dach, he endede wael dusent voeder steyne drain ind voeren zo syme 
buwe, ind ee eynen steyu in manichen steyn geslagen of stucke, also 
vele en konde der lüde des dages nyet werden geboeren, ind da mit 
so stilte he dat volck, dat sy nyet en wurden erslagen. Vort wan 
diser lüde priester yre misse uyss havent, so sainent sy dat volk, dat 
sy got bewaire ind geleyde in allen dyngen, as he die heiige diy ko- 
nincge voirte ind geleyte ain schaden ind we zo synre kribben. 

Vort wonent da andere snoide kirsten in deme lande, ind hei- 
schent da Maionini;^ wat wercks of dyncks die begynnent, so spre- 
chent sy , in den name goitz ind in yre * der heiligen dryer konincge sy 
dit werck begont. Vort wonent da andere snoide kirsten in den lan- 
den, ind die heischent meister Antiochien of Nycolaten* ind is Son- 
derlingen by Antiochien, die gelouven da Sonderlingen als starck, dat 
eyn man nummer der senden, die he doit, intgain en kunne geboes- 
sen, noch euch die wyf, ind of eyn den andern eyns dincks bede ind 
eme dat weygerde. Mer diser lüde en is geyn so arm, sy en geven 
mallich dry armyssen^ broitz des dages in goitz ere ind der heiliger 
dryer konynge. 

Vort dat koninckrych van Georgien ind dat koninckrych van 
Abtas, die lygent in Orienten int gain dat nordyn, ind die lüde, die 
da wonent, die sint kirsten, ind synt in den wapen alze vroeme, ind 
heischent Georgiani, ind sint (fol. 27) alze starcke lüde, ind haint 
eyne eygen spraiche , ind dy e geent ind rydent durch die laut mit grois- 
sen scharen, as Vriesen, ind voirent eynen vanen of eyn bangere mit 
yn, wa sy hien zeint, ind da steit an gemailt sentGeorgius bilde, ind 
danne af heischent sy Georgiani, ind varent ind zeynt durch des soul- 

Die erbittemng der lezteren, welche sogar das gerücht verbreiteten, der sultan 
wolle Christ werden, stieg, als er den Christen das tragen weisser turbane gestat- 
ten wolte; er muste darauf verzichten und konte nicht hindern, dass 1321 — 1322 
60 kirchen niedergerissen wurden und 1326 — 1327 eine schwere Christenverfolgung 
ausbrach (Weil, Gesch. d. Chalifen IV, 412; Marcellino lU, 708 — 717). 

1) Also hat der Verfasser diesen abschnitt in der heimat nach dem grossen 
sterben niedergeschrieben; in Köln trat die pest am 18. dec. 1349 zuerst auf (Hoe- 
niger, Der schwarze Tod in Deutschland 22). 

2) Vgl. oben s. 9, 16. 

3) 1. eere ? in honorem , zu ehren ? 

4) Diese secte wird in den pilgerschriften niemals erwähnt und ist nur aus 
Offenbar. Johann. 2, 6, 15 (vgl. Apostelgesch. 6, 5) bekant; sie wird schwerlich 
unter diesem namen im vierzehnten Jahrhundert noch bestanden haben. 

5) d. i. almosen. 



NIEDEBRHEIN. BSBICHT ÜB. D. ORIENT 17 

daiüs lant ind alre heyden sonder zoll vry ind mit gemache, daromb 
dat sy den heyden, die zo Mecha ind by oren landen wonen ind in 
den woystenyen, des de besser syn.^ Ind die moniche ind geistliche 
lüde van dem lande, die haldent sich na sent Anthonys ind sent Ma- 
charius orden , ind dat synt die moniche , die zo sent Kathrynen wonent 
under deme berge zo Synay, ind wa dese lüde hien varent, da syngen 
sy leyson van den heiligen dryn koninckgen , dat sy die geleyden durch 
berge ind woystenye, ind is eyn alze grois konickrych ind heischt 
overste Georgien. Vort dat koninckrych van Abtas, dat heischt neder- 
ste Georgien, ind hiesch van alders Armenien , ind die meiste deill van 
dem lande sint hoe berge, ind in deme lande is die berch, da archa 
Noe upstointy^ ind dar en kan geyn minsche up komen van snee, ind 
den berch syt men hoe boven andern bergen, ind van der archen en is 
nicht up deme berge, dan id steit da als eyn lanck verbrant boum^ 
ind dat saint die lüde, die in deme lande wonent, dat da noch van 
der archen sy. Vort in deme lande is eyn ander lant, dat heischent 
die lüde da Hey missen,* ind dat lant is wale vunf milen breyt ind 
lanck, mnb dat lant ind in deme lande geyt up eyn duyster nevell bis 
in den hemell , so dat man up den middach geyne sonne en kan gesyen, 
wan he dar over geit , ind all umb desen nevell wonent lüde ind euch 
in deme nevell, also dat man umher in deme nevell wael pert weyen 
ind haynen kreyen> Ind nye en wart dat gehoirt noch gelesen, dat eyn 
mynsche qweme in den nevell, da die lüde ynne woent, of uys deme 
nevell qweme zo den, die da buyssen wonent, nochtant en is nyet da 
tuschen, dat emant hyndern mach. Ind aU umb den nevell wonent 
lüde, want da is altze vill weyden. Ind die lüde lesent da waill, dat 
do Magomecht all dat lant wan mit der macht, dat doe all de kirsten 
vlujrn in die berge, ind die beiden zeigen in na mit wyven ind mit 
kinden ind mit all yrme goede, as ir sede, wan sy mit der macht 
yrgent treckent, da sy moegen blyven. ' Ind doe hatten sy die kirsten 

1) Diese nachricht ist ohne zweifei übertrieben und nicht zu belegen. 

2) Vgl. darüber ausführliche nachweise bei Fabricius, Cod. pseudep. N. Test. 
II, 63—72. 

3) Joh. V. Hildesheim (ed. Köpke) s. 26 , der diesen ganzen abschnitt entlehnt 
hat, schreibt: terra Heysensis (Varianten: Henyssen, Henysseni). Unser autor, der 
hier aus Haython (ed. Louis de Backer) 146 geschöpft hat, meint wie dieser offen- 
bar die georgische provinz Hamsen (vgl. ebenda 428—429); prof. Gildemeister 
mochte an die bei Moses von Choren e (ed. Wiston) 354 genante gegend Hambasi 
in Albanien hierbei erinnern. Von einer gegend dauernder finsterniss in dem Mon- 
golenlande spricht Marco Polo III c. 52, aber an diese ist hier nicht zu denken. — 
Vgl. Pseudo-Callisth. ed. Müller 2, 39 fgg. Zacher, Pseudocall. s. 133. 140 fg. 

4) pferde wiehern und bahne krähen (hört). 

ZBITBOHSIFT F. DEUTSCHE PHILOLOOIE. BD. XIX, 2 



18 BÖHBICHT UND BfEISNBB 

in eyn ort des lantz gedrongen^ iüd doe die Mrsten sagen, dat sy 
nyet konden intkomen, doe rieffen sy got an ind sent Georgias ind 
die heiige gemyde ^ dry konincge , die wairen do zo Constantynopo- 
lyn, umb dat got sy umb ere wille erloiste van den heyden, doe 
steich dis duyster nevell up an den hemell all umb die stede, da 
de heyden lagen, also dat van der tzyt bis an desen dach nye 
mynsche us deme nevell intquam, of dar in quam bis an desen 
dach. Ind danne af heischent die lüde Georgiani,* ind synt vroim 
lüde ind starck, ind geent ind rydent zo samen mit groissen weyde- 
ligen schairen, as Vreysen. Ind wa heen sy alsus vaerent, da haint 
sy eynen vanen of eyn banyere, da steent an gemailt die heilige dry 
koninck; ind den dach ind die tzyt, do sy alsy* wurden erloist, den 
begeent sy alschoin, wa sy sint; ind sonderüngen dese tzwene koninck- 
gyn* van Georgien synt altze vill starker, dan des souldains laut. 
Mer der souldain ind euch vort all die heyden levent mit groisser list 
mit in, ind mit gemache. Ind wa sy hene varent ind zeint,* da syn- 
gent sy, wie sy wurden van den beiden erloist. 

Vort dat keyserrych van (fol. 28) Greken, ind hait me dan 
tzwey hondert dachvart lanck geweist ind breyt, ind alda hait zo gehoirt 
al den Babylonien, Asia, Egypten, Turbia,® Armenia, Cilicia, Achaya 
ind Macedonia ind die groisse stat Antiochia, ind altze vele andere 
laut, dat dye Greken haint verloiren van der tzyt, dat sy sich satten 
wider den stoill van Eomen ind wider dat keyser rych van Komen, ind 
sich mit deme gelouven danne af keerden, ind nu woent yre keyser 
zo Gonstantinopolyn, ind alda haint sy euch eynen patriarchen, ind deme 
synt sy gehoirsam^ as wir deme patriarchen van Bornen, ind dat is 
unse pays, ind die stucke ind articule ind alle puncten, da sy met 
wairen gescheiden, de sint alsus. Zo deme yrsten en gelouvent sy 
nyet, dat eynich vegevuyr sy, ind euch en gelouvent sy nyet, dat 
der heilige geist qweme van deme vader ind van deme soene zosa- 
men, mer van deme vader alleyne; mer nu sint sy wider komen 
in den rechten gelouven ind gehorsam worden deme stoill van Romen' 

1) Mhd. gemeit, mnd. gemeit, gem^t, d. i. statlich, treflich; [oder: Lgeminde 
d. i. lieben]. 

2) Diese ganze erzählung ist nur eine stark ausgeschmückte widerholnng der 
von Haython 146 gegebenen nachricht; dort wird als könig der Perser, welcher 
die Georgianer unterwerfen wolte, Sapores genant. 

3) alse, also. 4) 1. koningkrych. 5) d. i. ziehen. 6) Turcia. 
7) Innocenz Y empüng auf dem algemeinen concile zu Lyon (1274) die gesan- 

ten des griechischen kaisers Michael Falaeologus zum zwecke der unterhandlang 
einer volstandigen widerVereinigung der griechischen mit der römischen klrche; 
diese kam jedoch factisch nicht zu stände (vgl. Pachymeres , Mich. Palaeolog. Y 



KIEDEBBHEIN. BERICHT ÜB. D. ORIENT 19 

in kürten jairen ind in pays Innocentius zyden. Vort yre priester 
haint elige wyf ind lange berde. Ind wanne sy eynen buschof kesent, 
den kesent alle dye paffen van den geschichten / ind dan vcrt syn wyf 
in eyn cloister, ind dan en koempt he nyet me zo yr; mer wanne sy 
wilt, id sy dach of nacht, so mach sy zo eme komen ind myt eme 
slaiffen, sonder widerspräche. Vort so synt dye Greken wail dat dird 
deyde* in deme jaire, so dat sy geyn vleisch en essent; mer sy essent 
anders des dages as ducke, ^ as sy willent. Vort in eren landen, da 
sy selve gerichte haldent , da en dodent sy geynen mynschen van geyn- 
releyhande Sachen, men schirt eme af den hart, ind dat is da groisse 
schände , as he is , wanne man eyme eyn oir af snyt. Ind wat he dan 
gestoilen hette, dat gilt he sevenvalt, of he sitzt eyn jaire in deme 
persune.* Vort we den andern doit sleit, dem heuwet men af hende 
ind voysse ind bricht eme die ougen uys. Vort der Greken cleyne- 
donge ^ is alremeist dunckell blay, ind yre cleyder sint lanck ind wyt, 
ind haint ouch lange wyde mauwen.® Ind haint up deme heufde geyne 
koigelen, sonder sy haint breyde hoede van swartzem viltze. Vort die 
vrauwen haint zo male rychlige cleyder van goulde ind van perlyn, 
die man da vyndt. Vort die gemeyne cleyder der vrouwen up deme 
lande, dye sint wys van cleynen lynendoiche, ind der mede cleyder 
sint wyde lange kedell/ ind dye sint up den gurdell geseumt als alven.® 
Ind yre kirchen haldent sy alze reynlich, ind dye steent all den dach 
voll rouchs van wyrouch. Vort dye priester syngent drywerff^ in der 
wechen misse des morgens, mer des donrestags syngent sy misse na 
der vespertzyt zo eyme zeichen, dat Christus des aventz machde sel- 
ver van eme selver dat erste sacrament Ind wannee sy misse syn- 
gent of lesent, so en mois nyemant by dem altaire stain, so snyt der 
priester eyn oblate uyss deme siechten broide, ind dat broet saynt he 
dan ind gyt allen luden, ind dye oblate leycht der priester in eyne 
vergoulden plateelP® ind deyt dar en boyven^^ eynen vergoulden Ster- 
nen, ind dye is geboicht,^^ ind bedeckt dat mit eyme reynen deiche, 
ind dreyt dat zo samen up deme heufde als eirligen*^ mit kertzen ind 
mit wyrouche all umb dye kirche, ind dat doient sy zo eyme zeichen, 
wye de sterne brachte dye heilige dry konincge zo deme gewairen^* 
goide. Vort so doint sy in den keelch wyn ind wasser, (fol. 29.) dat 

c. 11). Über spätere unionsversuche vgl. Raynaldi Annal. 1314 § 1 — 7; 1337 §31 
—32; 1339 § 19—43; 1343 § 11. 

1) nach Zufall. 2) deile? d. i. Va- 3) as dicke = so oft. 

4) franz. prison. 5) 1. kleydonge. 6) ermel. 7) kittel. 

8) alba, das weisse Chorhemd der geistlichen. 9) dreimal. 

10) ital. piatollo, schüssol. 11) darüber. 12) gebogen, convoxus, rund, 

13) ganz herrlich. 14) wahren. 

2* 



20 BÖHBICHT UND MBISNBB 

warm is. lud wan man leest dat ewangelium, dat dnydt der dyake 
dem voulke, ind wan der priester koempt zo der stillen/ die synget 
ho schoinre dan dye praefacie.* Vort in deme tzweelften dage syngent 
sy missen in latyne in ere der beiliger dryer konincge. Vort in eren 
eygenen landen da haint sy in eren kirchen gude docken, mer wa sy 
under andern hern wonent, da sleynt sy eyn houltz, als eyn bouge,* 
mit kunst, da zeichent sy met yre getzyde van dem dage, ind wan id 
hoigezyde is, so sleynt sy eyn yseren mit dem houltze, ind dat boultz 
is lanck, ind dat legent sy up dye schouldern, ind sleynt dar up mit 
tzwen siegen, ind danne af clyngt dat ysern. Vort all Greken, sy syn 
ryche of arm, dye en dragent geyne hosen noch schoin,* mer Strün- 
ken,^ dye synt zomail reynlich, md synt gemacht van roedem leder of 
van swartzen leyder, ind dat is vur dye hitzde van der sonnen. 

Vort dat konin ckrych van Armenyen lycht recht van Damasco 
bis an Antiochien, ind heyscht an der eynre syden des souldayns, ind 
ander ® syde des Türken lant , ind halt by der disden syden ' Tar- 
taryen, ind by der under syden dat mer lygen, ind dye lüde, dye 
da ynne wonent, synt kirsten, ind synd Sonderlingen vroym lüde 
in den wapen,^ ind yre priester haldent all dinck in der missen as 
wir, mer sy'doint olich^ ind wasser ind wyn zosamen in den keelch, 
ind essent vleisch in payschavende , ind dat is nu vergaen. Vort 
so haint sy eynen heiligen, den erent sy also sere, ind dye was 
eyn ritter, ind hiesch Sergius, ind den heischent sy da sen Ser- 
kys, in is eyn anroyffer in den stryden,*® in den vastent sy altzo 
sere , so dat geyn kint en is , dat esse in syme avende , ind also strenge 
vastent sy euch den advent, ind in pays Johans zyden^* was da eyn 
koninck, dye hiesch Leo,^^ ind hatte suster des konicks vanCecilien, 
ind eyn alze vroym man, ind mechtich, ind hadd© all syne nabuyr all 
umb betwungen, dat sy eme gaven zyns, ind der souldain hatte in zo 

1) zum canon missae. Schmeller- Frommann 2, 750 fg. 

2) praefatio, die collecte der messe. 3) pauke. 4) schuhe. 
5) strumpfe, ohne füsslinge. 6) 1. andersyde = auf der anderen seite. 
7) auf dieser seite. 8) tapfere männer in den waffen. 

9) öl. 10) gott um hilfe im kämpfe anrufender. 

11) Johannes XXII; aus dieser zeit sind vielfache Unionsversuche zwischen 
der armenischen und römischen kirche zu erwähnen (Kaynaldi Annal. 1318 §8 — 17; 
1321 §8—14; 1323 § 7—9; 1341 § 44 — 71; 1351 § 1 — 20). 

12) Leo V. Über die damals häufigen kriege zwischen Armenien und Aegyp- 
ten vgl. Eaynaldi Annal. 1318 § 17; 1334 § 11; 1335 §32 — 33; 1336 §40—42; 
1337 § 24; 1345 §7 — 8; 1347 §20—29; 1350 § 30; ferner Marcellino HI, 526 — 
552; Fetermann, Beitr. zur Gesch. d. Kreuzzüge aus armen. Quellen. Berlin 1860, 
178 — 185; Recueil armenien (Rec. des hist. des croisades) 468, 704 — 709; Weil 
IV, 333—336, 350—351. 



NIEDBRBHEIN. BEBICHT ÜB. D. ORIENT 21 

male lief ind alze sere vur ougen, ind dede allit, dat he woulde. Ind 
in den selven zyden hatte koninck Philips von Franckrych* laissen 
preytgyn ind kungeden eyne gemeine overvart, so dat he Jerusalem 
ind dat heilige lant woulde wjrnnen , ind bat den konick van Armenien, 
dat he deme souldain woulde upsagen den vreeden, ind doe bat der 
souldain den konick van Armenien, dat he yem sechte, in wat mais- 
sen dat geschiet were, want he woulde yem doch allit dat dein, dat 
he weulde, ind woulde yem up geven beyde, stede lant ind slosse mit 
gemache, dye he yem doch af wynnen seulde mit arbeyden. Ind doe 
mainde yn der konick van Franckrych, dat he des kirsten gelouven 
umb nyet en vergese noch verzege , ind mainde yn so höe , dat he den 
vreden upsade deme souldain , ind doe nam der souldane al der besten 
Türken ind Tatteren doichtere zo wyven, de umb Armenien wairen 
gesessen, ind dye hulpen doe deme souldain up den koninck van Ar- 
menien. Ind die andere naber velen met zo, dye der koninck van 
Armenien vurtzytz hat verdreven, ind wonen eme af dye erlige burch 
Layas,* der da in allen landen geyn gelych en was, ind wonen eme 
me dan vyerhondert sloss ind stede af bis zo eyme groissen wasser zo,^ 
als grois als der Eyn grois is , ind alda geynge eyne alze groisse lange 
brucge over, ind licht eyn cloister up, dat synt Praemonstratenses, ind 
die werden ind zo brachen die brucge, anders betten sy doe alle Ar- 
menien gewonnen. Ind sy verstoirden die eirlige stat Tarsis, die vill 
groisser is ind was dan Coelne, ind die noch van deme verstoirnisse 
woeste is. Ind uyss der selver stat was sente (fol. 30) Pauwels geboi- 
ren der apostell.* Ind yn deser stat up deme marte^ koempt eyn born 
ujrs eyme steyne, dye is so grois ind so clair, dat al die lüde ind 
dyer genoich haint zo dryncken, ind dye born is vort geleydt in alle 
straissen van der stat, ind machent dye stat zo male rejnlich ind 
schein, ind alle dye huys van yn, da ynne en wonent nyet vill kir- 
sten. Mer wye schoin ind wye starck dye stat hait geweist, ind wye 

1) Die kreuzpredigt hatte seit 1310 nicht geruht (vgl. Rajmaldi Annal. 1310 
§41; 1311 §52 — 71; 1312 §22, 50; 1313 §1 — 6; 1319 §16—21; 1320 §21 — 
24; 1322 §39— 45; 1323 §1 — 7, 10—12; 1325 §30; 1331 §20 — 30; 1332 § 1—7, 
23—25; 1333 § 1 — 20; 1334 § 7 — 13; 1335 § 29 — 35; 1345 § 3 — 10; 1348 § 29 
— 30). Interessante nachrichten über eine 1339 nach Cairo geschickte französische 
gesantschaft (vgl. die sonstigen nachrichten bei Weil IV, 352 — 353) finden sich in 
BibHoth. de Fecole des chartes 1859, 503—509 und 1875, 588—600. 

2) Lajazzo, welches zweimal von den Aegyptem erobert ward (Kaynaldi An- 
nal. 1322 §33—40; Petermann 178) und 1337 (Eaynaldi Annal. 1337 §24; vgl. 
1336 §40—52; Weil IV, 351); das leztere jähr ist hier gemeint. 

3) Offenbar der Sihon. Die im folgenden gegebenen geographischen details 
machen es wahrscheinlich, dass der autor um diese zeit selbst Armenien bereist hat. 

4) Apostelg. XXII, 3. 5) markte. 



22 BÖHBICHT UND MEISNEB 

schoine pallaso, kirchen ind huys da ynne gestanden haint, da is won- 
der of zo sprechen. Vort doe der koninck van Armenien alsus starck 
orlogede mit deme souldane, ind doe en quam der koninck van Franck- 
rych nyet eme zo helpen. Ind doe der koninck van Armenien alle 
syne lant hatte verloiren in pays Benedictus zyden, doe gaf sich 
koninck van Armeynien in gnade des souldayns, also dat der souldain 
behielt al dat lant, dat he eme af hatte gewonnen ind gaf eme dortzo 
des jairs druhondert dusent floryne zo zynse/ ind van den zyden, dat 
Akers ind Jherusalem verloiren wurden,* in geschach den kirsten nye 
groiszer schade ind jaraer van heyden, as zo der zyt ind zo allen 
zyden, wan dye koninck van Franckrych dede preytgen eyne oververt, 
ind danne af nye nyet en wart, so wurden dye kirsten in der heyden- 
lande erslagen ind verdreven, as hie in der sterveden dye joeden. 
Ind do baiden dye kirsten in deme lande, dat got deme koninck van 
Franckrych under syne hende as vill sente, dat he yrre vergese. Ind 
zehantz begonte dat groisse urlouge tuschen deme koninckge van Enge- 
laut ind deme koninckge van Franckrych,^ ind do giengen lange tzjrt 
da alle dye kirsten in deme lande wuUen ind barvois, as hie in deme 
stiUen vrydage, ind baden got, dat he dem koninckge van Franckrych 
synen rechten loin geven woulde, want he sy alsus hette verderflFt. 
Ind noch gelouvent dye lüde over mer, dat al den widerstois, den dye 
lüde hatten in de urlouge, dat eme got dat darumb dede ind umb 
der sende wille, dye he ducke ^ alda under den kirsten hatte gedain. 
Ind na deme richte sich der koninck van Armenien wider up,* ind 
tzwene hertzougen van kinck, ind daden den Turcken groissen schai- 
den, me dan in zo voirentz geschiet was. Ind da lyes in der soul- 
dane mit begain.^ 

Vort dat lant dat nu heischt Armenien dat heischt in der 
schryflft Cecilien. Ind sint sonderliügen vele berge in deme lande. Ind 
alda wast uyssermaissen vill vruchte, ind dye koninge, fursten ind hern 
in deme lande haldent sich zo maile reynlich mit gülden gurdelen ind 
myt anderm gesmyde, ind voiren gerne kochere , pyle ind bogen by sich, 
sy synt ryche of arm , zo allen zyden , ind wan man ist in eren hoven, 
so engifft man nyet tzwen in zwen zo samen in eyn schutteil,® sonder 
men drayt gantze gense ind groysze schaif gebraden ind gesoden up 

1) Vgl. Weil IV, 351. 2) 1339. 3) viel. 

4) Nach Leo V. tode folgten rasch auf einander Constantin , Guido und Con- 
stantin; unter den beiden lozteren erfochten die Armenier mannigfache vorteile 
(Petermann 183—184). 

5) damit liess ihn der sultan gewähren. 

6) Schüssel. 



NIEDEBBHEIN. BBBIOHT ÜB. D. OBIENT 23 

die tafeil, ind dar van snyt all man van wie wilt, ind also doent sy 
allen vleische, wilde ind zam, ind brengent dat alle zo samen up dye 
tafell mit groissen stucken, dat man also dar af snyt. Mer wilde 
hoinre indduven, dye gifft man den luden in dye schuttelen, as hie in 
disme lande. Vort der vrauwen cleider sint altze kostlich van perlyn 
gemacht. Vort dye ritter dragent alle syden gewant, ind yre elender 
sint lanck ind wyt, in alre wyse, as dye heiige dry konincge droegen, 
doe sy unsme hern den offer brachten. 

Vort so sint over mer andere Mrsten , ind dye sint geboiren uys 
deme koninckrych van Jerusalem, ind dye heischent da Suriani, want 
dat lant dat wilnee ^ was (fol. 31) ind hiesch Judea, dat heischt Surra,* 
ind danne af vort so heischent sy Suriani. Ind euch heischent sy in 
deme ^ die gegurte kirsten , want* anders da geyne kirsten gaint gegurt. 
Ind diese kirsten begaint alda alze vroligen sent Barbaren avent^ 
in deme lande , da sy wonent. Ind alsdan so sent yrre eyn deme andern 
den samen, den hee over jaire soulde seyen in synen garden, ind haint 
dat reynlichen uys eyme becher in den andern gelacht zo samen. 
Vort dese kirsten swerent da up got ind up dye heiige dry konincge 
vur gerichte, als hie dye lüde up den heyligen. Vort sint da andere 
snoide kirsten in deme lande, ind dye heischent da Mandopolos,* 
dye stejoit ind strygent ind geynt ouch zo samen mit wyven ind mit 
Mnden [zo samen], ind koment winter noch sommer nummer yn huys, 
ind gaint ouch mit groissen schairen van eyme dorpe zo deme andern, 
ind machent dinck, da sy af sich generent, noch ere wyfen brengent 
kint in den huysen. Ind blyvent ouch nyet langer dan dry dage up 
eynre stat, ind wurden sy yrgent lancger gehalden, so sturven sy, ind 
weren ouch dry dage in deme huysse, dar sy sturven. Ind dese lüde 
haint under sich eyn eynige spräche, dye nyeman en kau verstain, dan 
sy onder sich; mer sy verstaint doch wail andre lüde spraiche, ind 
nummer en kyvent^ sy onder sich. Ind vynt eyn wyf yren man by 
eyme andern wyve of ein wyf yren man by eyme andern manne, mer 
kan he dat gedoen, he doet eme dat selve widerumb ind nyet mer 
wort dar na. Ind so geent sy zo samen wynters ind somers van eynre 
stede zo der andere, ind lygent zo velde mit groisser scharen dages 

1) weiland, ehemals. 2) Suria. 

3) in deme — want = deshalb — weil. 

4) Christian! de cinctura unterschieden sich von den Muslimen in der tracht 
nur durch einen wollenen gürtel , daneben werden auch Gürtel - oder Thomaschristen 
genant (Tobler, Denkblätter aus Jerusalem 336—337, 340). 

5) 3. decemb. 6) Die zigeuner. 

7) Mhp. kiben, kifen, nhd. keifen, scheltend zanken, altercari. 



24 BOHBICHT UND HEIBNBB 

ind nachtes mit pyfen ind mit bongen^ as vur eyme Blosse , ind stelent 
zo maile sere, wat sy essen of dryncken. Ind war sy koment vur eyn 
grois dorp, ind da machent sy eyn kaffende spiU,' so dat alle dye lüde 
uyss louffent, ind dar under stelent sy, wat man essen ind dryncken 
sali. Vort dise lüde by so wat lüde sy koment, sy syn kirsten of 
heyden, we lange dat sy by eyn sint, so lange haldent sy sich euch 
na yrme seden an essen ind an drincken, an vasten ind an vure,^ ind 
en haint geynen hern noch priester; mer under wat kirsten yre wyf 
kinder brengent, na yrme seden laissent sy dye douffe intfain, mer 
under wat kirste sy synt des sondages , geynt sy alle zosamen zo kir- 
chen mit pyfen ind mit bongen, ind haldent eyne misse van den hei- 
Ugen dryn konincgen, dat sy got umb eren wille geleyde ind behoede, 
wair sy tuen varent durch berge ind woystenye. Vort under wat kir- 
stenen dise lüde sterven na yrme gelouven, laissent sy sich berichten 
ind begraven. Ouch so haint dye heyden dye heiige dry koninge in 
eren, want in allen kirchen, dye sy van den kirsten haint gewonnen 
of dye woeste synt, al den heiigen, dye sy da gemailt vyndent, den 
stechent sy dye ougen uys ind snydent in dye nase af , mer der heiiger 
dryer konincge bilder dfe laissent sy gaintz stain. Vort Person, dat 
sint ouch beiden , mer sy beden sich ^ wale mit den kirsten in eynre 
kirchen, ind dye sprechent, dat na een tzyden, doe dye dry konincge 
wurden gevoirt van den oesten in dat westen, darna en wurde nye 
der Sterne gesyen, dye in yrme lande heischt van deme geleyde. 

Vort in deme lande van over mer^ dragent alle lüde Sonder- 
linge tzeichen , dat man waell syt , van wat kune ® of van wat gelou- 
ven sy synt. Ind dise tzeichen sind (fol. 32) lange doicher, dye da 
dye lüde vTyndent umb yre heuft vur dye hitzde der sonnen, ind dye 
heyden haint umb yre heuft eyn lanck wys gebleicht deich, ind dat 
deich heischt da eyn hamema,^ ind dye kirsten haint ouch da eyn 
lanck deich, ind dat is bla stryfetich, ind dye joeden dragent umb yre 
heuft eyn lanck gele deich, ind dye Samaritani eyn roit deich.® Vort 
in den landen van over mer en synt nyet alleyne gedeylt dye kirsten 
van deme gelouven, mer ouch de joeden, ind wonent manicherhande 

1) pauken. 

2) Mhd. kapfe-spil; mnd. kape-spil, schanspiel. 

3) Mhd« mnd. viro, foier, feiortag, festtag. 

4) beten sich; niederfränk. medium. Grimm gramm. 4, 37. 

5) Im Orient, bes. gelobtes land. 6) goschlecht. 

7) Arab. imäma, das zum turban zu windende tnch. 

8) Über die zn verschiedenen zciten verschiedenen färben der turbane von 
Nicht -Muslimen siehe die genauen angaben bei Neumann 364 — 365 note 184 und 
WeU IV, 269-273. 



KIEDEBBHEIN. BESICHT ÜB. D. OBIENT 25 

kirsten, ind ouch wonent da manicherhande joeden, Samaritani, Sade- 
cey ind Osey, ind dis synt alle komen van Habraham, ind sy hassent 
sich me under eyn, dan dye gedeilte kirsten.* Vort so wonent ouch 
joeden in deme konincryche van Jhenisalem, ind dat lant heischt Judea, 
ind dan af heischent sy in der schryft Judei, ind heischent in duyt- 
schem joeden, ind dye haldent Moyses ee, as alle lüde wale wissen, ind 
dye arbeyden da in deme lande, ind machent Sonderlingen edel kmyt,* 
da man cleyder mit macht, ind sy weschent lynen cleyder ind bley- 
chent doich , as da eyn sede is. Ind ouch woycherent sy wale , mer sy 
en moessen geyne wapen ^ halden zo pande. Vort so is Jherusalem 
vunf milen van Samaria, ind heischt dat konickrych van Israhell, ind 
Jherusalem hiesch dat koninckrych van Judea. Ind in deme lande ind 
zo deme lande ind koninckrych gehoirte gesleychte, dye koren eynen 
eygenen koninck, ind dat was Jheroboam, ind dye dyede* sy doe anbe- 
den gülden kalver, [ind] as man danne af lyest in der bybilen. Ind want 
dat koninckrych gehoirte zo Samaria, des heischent alle dye joeden, 
dye da ynne woinden, Samaritani, ind dye en willent mit den joeden 
geyne gemeynschaf hain, ind sint den altze gehas, ind essent swynen 
vleisch den andern zo zorn. Vort so sint da andere joeden in dem 
lande, dye heischent Saducey, dye haldent sich eyn deill an Moyses 
ee, mer sy en geloyvent nyet, dat dye doiden sollen upstain, as dye 
andere joeden doent, mer der en is nyet viell, nochtant en willent sy 
mit joeden of mit Samaritanen geine gemeynschaf en haven.^ Vort 
da wonent andere snode joeden in deme lande, dye heischent Osey,^ 
dye verdilient da alle lüde, ind en laissent dye da nyet leven, ind dye 
nement yre moder ind yre sustern zo wyven, up dat ir desde me 
werde, ind sy haint under in eynen praelaten/ deme synt sy gehoir- 

1) Der hier folgende abschnitt scheint nur eine erweiterung der nachrichten 
Thietmars zu sein (Quatt.-Peregrinat. ed. Laurent 1873, 51 — 52), doch ist diese ent- 
lohnung wegen der dürftigen notizen des lezteren und bei dem mangel anderer deut- 
licher beweise nicht ganz sicher anzunehmen; wahrscheinlicher ist, dass hier ein 
zwischen Thietraar und unserem berichte stehendes mittelglied, welches wir nicht 
mehr besitzen, benuzt worden ist. 

2) sie! Vielleicht ist zu lesen kamelot oder kornit? Weinhold, frauen^ 2, 
250. Alwin Schultz, höf. leben 1, 261. Eilhart v. Oberge Trist. 2079. 

3) dürfen für ausgeliehenes geld nicht waffen als faustpfand (lombard 
annehmen. 4) 1. dede , d. i. that , machte sie anbeten ; fecit eos adorare Yitu- 
los. Vgl. 3 Eeg. 12, 28 fgg. 5) Wörtlich aus Johann. 4, 9. 

6) Bei Thietmar 52 sind die Essäer gemeint, hier aber in folge lautlichen 
Zusammentreffens die Assassinen, die jedoch zur zeit, da der Verfasser schrieb, 
längst durch die Mongolen ausgerottet waren. Die Descriptio (ed. Neumann) hat 
unsem bericht etwas erweitert. 

7) Senän war der titel ihres Vorstehers. 



26 ROHBIOHT UND MEISNEB 

sam bis in den doit; ind heischt he yemant doeden, dat doent sy altzo 
hant, ind heischt he sy gain in eyn wasser of in eyn vuyr, dat doint 
sy an widerspräche. Ind van desen is beyde heyden ind kirsten vil 
schaden geschiet, darumb verdilient men sy alze sere, wa man sy 
vreyscht. 

Vort in allen landen over mer en is nyet der kirsten noch der 
joeden geloyve^ gedeilt, ind euch is da der heyden geloyveind yre ee 
manicherhande wyse gedeilt van heyden, as herna geschreven steit, 
dat sint Sarraceny, Tartaren, Pagani, Türken, Persen, Tsmahelite, 
Sarraceny ind Agartini.^ Ind dat is eyn alt name ind eyn volch; ind 
dye joeden ind dye beiden sint komen van tzwen broidern, van Ysaac 
ind van Ysmahele, ind van Tsmahelis zyden woynden dye da in den 
woystenyen, ind wairen doUe lüde, ind hatten geynen geloyven noch 
ouch geyne ee, ind na der geburt uns hern echthondert int tzwey ind 
vunftzich jaire, doe Eraclius dye keyser zo Komen was,® ind doe was 
eyn pais da, dye hiesch Pelagius, by deme was ejn monich, der 
(fol. 33) hiesch Sergius, ind deme en gaf der pais nyet as he woulde, 
ind voir so van mistroyste over mer, ind dede sich by dese duUe bei- 
den, ind nam zo eme eynen kneecht, eynen hirden , der dye camele plach 
zo hoeden , ind dye hiesch Magomet, ind was eyn simpell doli mynsche, 
da dreif he so vill behendicheit mit, so dat he eme erwarf dye her- 
tzougynne van Arabien zo eyme w>ve, ind hielt dye doli lüde da an, 
dat sy yn hilten vur eynen got, ind prietgede also vill van Magomet, 
dat he der kirstenheit zo zorne zoich met all deme lande mit der 
macht zo Anthiochia, ind streit da mit den kirsten. Ind dye verloiren 
den stryt, ind da bleif dort keser Eraclius,* ind doe bleif Magomet ind 
dye heyden da woynen in deme lande bis an desen dach. Ind zo den 
zyden en hatten sy nochtant geynen ee noch geloyverr, ind doe machde' 
Sergius eyn eygen boich van Magometz wegen, ind dat boech hiesch 
Alcoranus,^ da steyt ynne geschreven yre ee. Ind dat boech is geschre- 

1) 1. alleyne gedeilt, mer ouch. 

2) Offenbar ist zu lesen Agareni, wie „Ysmahelite" ein synonymum für Sara- 
ceni, die also viermal als verschiedene religionssecten aufgeführt werden! 

3) Heraclius regierte von 610 — 641, Pelagius II von 578 — 590. Dieser an 
schweren irtümern überreiche abschnitt von Muhammed ist aus irgend einer der ^im 
mittelalter unendlich weit verbreiteten Muhammedf^^beln entlehnt, über welche Prutz, 
Culturgesch. der Kreuzzüge, 72 — 88, 513—518 mit grosser gründlichkeit gehan- 
delt hat. 

4) Der kaiser floh nach der unglücklichen schlacht bei A'iznadin vor Khaled, 
dem feldherrn der Muslimen, nach Antiochien (Drapeyron, L'empereur Heraclius, 
Paris 1869, 344). 

5) Die im mittelalter über die lehre Muhammeds verbreiteten Schriften siehe 
bei Prutz 1. c. 513-518. 



NIEDEBBHEIN. BESICHT ÜB. D. OBIENT 27 

ven als propheten, dat nyemant en kan verstain, doch he spricht in 
deme boeche , men soile halden Jhesum, Marien son, vur eynen prophe- 
ten, den Magomet hatte mit deme heiligen geiste in synre moider lyve, 
ind also as ene got hatte gesant , dat he Moyses ee soulde verstoeren, 
ind den geloy ven , den Jhesus hatte gepreytget ind geleert. Vort so soul- 
den dye heyden geloyven an got ind an sent Michiele^ ind an synen 
legaten Magomete, ind halden dje ee, dye got ene mit syme boeden 
Magomete hadde gesant, ind wie den wail heilt, der soulde besitzen 
dat paradys, dat alse lustlich is mit alze vil schoinre vrauwen, der he 
eyne mach kesen. Vort Jhesum, Marien son, sal man halden vur eynen 
Propheten, want he sali sitzen nyest Magomet in deme paradyse, ind 
he vil wonders dede in syme leven ind na syme dode, inde den dye 
joeden doiden umb has, ind in deme driden dage stoint he up van 
deme doide , den neme Magomet by sich in den hemel. Mer he en sy 
nyet gewaire got ind mynsche, we dat preetgede, den soulde man 
steynigen. Ind daromb laissent dye beiden noch alda der kirsten kir- 
chen unverstoirt. Vort dye kirsten, dye under den heyden wonent, dye 
gebruchen nu alda yrs gelouven ain^ hyndernisse, mer nyeman en 
mois mit deme andern kyven^ umb synen gelouven, ind ouch egeyn* 
kirsten da preetgen offenbaire. Vort so gebuyt Magomet den heyden, 
dat sy umber nyet swynen vleisch essen soilen, noch ouch wyn drincken, 
noch ouch van geynen dyeren essen, id sy wilde of zam, dat sy selve 
nyet en haint gedoidt. Vort soilen sy sere vasten den donrestach, 
mer des aventz essent sy wale vleisch, ind dartzo wat sy haint, ind 
Sonderlingen wan man des aventz ouch dartzo roift up eyme turne, 
dat man geve orlof zo essen. Vort bedent sich^ dje heyden zo samen 
V zo seven zyden des dages ind der nacht , ind so roift man up eyme 
turne, dye dartzo synt gesät, dat mallich anbede got ind synen bei- 
den Magometen, ind haldent ind doent dye ee, dye in got mit eme 
hait gesant, ind in der stat, da eyn dan is, id sy in huysse of in 
velde, so velt he up dye erde, ind dat is eyn gemeyne sede, eyn ryde 
of ge, so hait Sonderlingen eyn yecklich by eym eyn tapyt^ dar zo 
der tzyt dan mallich up velt ind beet sich,"^ ind dat tapyt is gemacht, 
dar na dat mallich vermach, ind dye laissent alle hern riddere ind 
vrauwen na dragen ind voeren. Vort wan sy geynt , da yre kirgen ^ 

1) Ist offenbar eine Verwechslung mit S. Gabriel; lezteror wird als der ver- 
mitler der Offenbarung zwischen gott und dem propheten im Koran oft genant. 

2) Mhd. äne = ohne. 3) streiten. 

4) engein? mhd. enkein = und auch kein Christ darf da öffentlich predigen? 

5) Niederrhein, medium, sich beten = beten. 

6) teppich. 7) Medium , betet. 8) kirchen. 



28 RÖHBICHT UND BfEISinSB 

synt, so weschent sy sich, so sy reynste moigen, all den lyf, ind geent 
bairvois in dye kirche, ind neman en spricht (fol. 34) myt deme an- 
dern noch sy en groissent sich nyet. Mer sy bedent sich * intgain dat 
sudent, as dye kirsten intgain dat oesten. Vort yre kirchen en sint 
nyet gemailt, mer sy synt wys. Ind dar sint wael boeche* ynne, ind 
eyne steynen suyill steit intgain dat suden, da sy sich wider bedent* 
Vort wanne sy willent bygeten,* so vastent sy bis avent, so weschent 
sy all yren lyf, ind geint den np eynen bergh, dye yn der nyeste is, 
ind bekennet da goide ind sente Michaele ind synen beiden Magomete 
ind yrem priester all yre senden mit groisme ruwen. Vort so en lais- 
sent sy geynen kirsten in yre kirche gain, mer wer dar in geit, der 
mois beiden werden, of sy hauwent in zo tzwen stucken, ind giessent 
dat bloit in dye kirche, ind zient dye stucke blodich durch dye kirche, 
ind da mit is sy wider gewyet.^ Vort dat wir heischen eyne kirche^ 
dat heischent dye beiden eyn misschida.^ Vort so haint sy van yrre 
rechter ee seven elige wyf ind sevfen bywyf unelich. Vort is da eyn 
gemeyne sede, dat man dye wyf gilt wider ere aldern, ind wye dan 
euch me vergolden mach, dye krycht euch me schoinre wyve. Vort 
eyn man mach syn wyf mit eren willen wale laissen vairen, mer we 
sy dan zom ersten begryft, der mach sy behalden, mer dan mach sy 
die man nyet wider nemen. Ind den seden haldent sy [zo den seden] 
alzo vaste. Vort spricht Magomet in synen boichen,"^ wilch man, der 
vill wyf hait , ind liest ® der eyne eyme geistlichem manne umb dye 
liefde goitz, deme seilen in dem paradyse hundert wyve wider werden 
gegeven, want dat betzuge Jhesus, der groisze prophete, ind darumb 
laissent vill beiden ir wyf van yn geistlichen luden, as hie eyn man 
giet etzwat vur syne sele. Ind man liest, dat Magomet ind syne[n] 
boethen ind Sergius mit alsus gedain reden kregen dye beste wyf van 
all deme lande. Vort dye edell ind ryche wyf dye haint yre Sonder- 
lingen gesynde ind yre gemach, ind ein wyf mit der andere geyne 
gemeynschaf hait, id en sy dat yrre eyne zo der andere Sonderlingen 
of by eyn komen können, mer der man geyt zo yr dagis ind nachtes, 
wan he wilt. Vort dye arme beiden, dye in cleynen husern wonent, 
dye slaiffent allit in yren kleidern up natten,^ ind da lygent umb alle 
yre wyf ind kinder in yren kleidern, mer sy sint als sere reynlich ind 

1) Medinm, beten. 2) bücher, inschriften. 

3) gegen die gewendet sie beten. 

4) mhd. bihten (bi-jüiten), beichten. 

5) Die hier erwähnte sühne ist als sitte im mnslimischen Orient nicht nach- 
zuweisen. 6) Moschee. 7) Ist im koran nicht zu finden. 

8) Hesse, überliesse. 9) matten? 



NIEDEBBHBIN. BBBIOHT ÜB. D. OBIEKT 29 

wys, ind da hoirt man des nachts manichen kyf^ van wyven ind 
schryen van kindern, doch is id da so gemeyne, das nyeman dar up en 
acht, ind eyn man helt da eyn wyf ind kindere alze lichte, want dat 
broit is alz goitz koufs, ind dye lüde en moegen nyet vill essen ind 
dryngent nyet dan wasser. Vort wanne etzliche planete regnyert, so 
royflfent dye lüde up den knen des nachtes, dat mallich kinder mage 
Wille, ^ id sy eyne gude zyt in der planete. Vort wan eyn kint wirt 
geboiren, dat eyn knecht is, dat besnyt man, as eynen joeden; in den 
dach, dat id wirt geboiren ind besneden, den dach ert dat kint all 
syne dage up dat hoigetzyde ind jairgetzyde. Vort is da eyn sede 
in deme lande, wilch man syner macht maget eyn kint, dye maget 
ind dat Mnt synt beyde vry. Vort is da eyn sede in deme lande, dat 
alle erve velt up dat eiste kint , mer is (fol. 35) id nyet duchdich , so 
ervte dat wyste ind dat beste. Ind daromb zeint sich all joncge lüde 
da mallich boven den andern an wysheit ind an duchden. Vort wilche 
lude,^ man of wyf, mit overspele da werdent begryffen, den heuwet 
men in tzwey stucke, ind da en is geyne bede vur.* Vort haldent sy 
da vur eyn recht, wilch heyden of joede mit eyme kirsten wiflf of eyn 
kirsten mit eynre joedynnen of heydynnen wurde begryffen, dye heu- 
wet men beyde in tzwey stucke, ind da en is geyne bede vur. Vort 
dye beiden leigent yre doiden up dye reechte syden, ind gravent sy int- 
gain dat suden, ind beschryent dye virtzich dage^ na joedschem seden. 
Vort hatten dye heyden eynen oversten van yrme ee, dye hiesch eyn 
calipha, deme wairen sy gehoirsam, as wir deme paise; dye calipha 
woende zu Baldach,® mer doe dat wart gewonnen, sedir sint dye ca- 
liphen vergancgen. Vort haint dye beiden alda buschove , dye heischent 
da cadide,^ ind dye haint da in deme lande groisse macht. Vort so 
haint dye heyden by yn priester, ind die moigen anders nyet syn, dan 
der bischove soene. Ind wanne da eyn edel here of eyn rych man 
stirft , synre wy ve eyne of tzwa, die yn dat leste hatten, ind wedev^en 
willent blyvent,® dye geit izo deme buschof , ind heischt eme mit rechte 
dartzo, dat sy yn^ moesse machen, dat sy ein kint dragen moesse. 
Ind des en mach he nyet weygern, he en moesse id dein, ind heischt 
sy dat mit ynnicheide , he moes des nachtz gain mit rechte up des maus 

1) zank. 2) ein jeder kinder zeugen möge. 

3) welche leute, mann oder frau, da in ehebnich betroffen werden. 

4) bede = nhd. bitte; dagegen hüft keine bitte. Aber vielleicht soU bede 
gemeint sein = böte; dafür wird keine busse, keine entschädigungsleistung ver- 
stattet. 5) angenblicklich nur noch eine woche. 

6) Bagdad. 7) Kadi. 

8) blyven. 9) 1. he yr? 



30 BÖHRIOHT UND MBISNEB 

graf mit deme wyve, ind machent sy da, dat sy eyn kint drage. Ind 
wirt dat kint eyn kneicht, dat wird eyn priester, ind is id eyn doch- 
ter, dat bereyt der buschof dar na, dat de moider is, mer dat wyf 
moes dan wedewe blyven all ere dage, want sy na deme bischof gey- 
nen man haven mach. Vort under den heyden wonent moniche, non- 
nen, clusener, begynen, betgarde,^ swestern, ind vill geistlicher lüde, 
beyde wyf ind manskinne, dye sich mit manicherhande wysen mit 
tuscheryen^ generent, as in desem lande.^ Vort so gaint da tuscher 
in deme lande mit yser gebenden ind besmeet, de da sprechent, dat 
sy yre vader ind moider haint gedoet, as he in disme lande. Vort so 
gaint* da in deme lande pilgeryme, die zo den heiligen steden geint, 
ind blynden mit honden, dye volleyst^ dartzu gevent ind biddent, dat 
sy pilgeryme maetze^ moegen gain as hie. Vort so wonent da eyn- 
sedell Sonderlinge ind clusener "^ in den woestenyen , die nyet en ple- 
gent uys gain ind nyemant zo en sprechent, dan eyns in deme jaire, 
want ire boiden,^ die in deme lande biddent, die sprechent, dat Ma- 
gomet zo allen zyden mit yn sprege, ind die haldent dye heiligen da 
vur alze heilige lüde. Ind alze vill man ind wyf louflfent dar ind 
doent sich in yre gebet. Ind die wyf, den yre man gestorven synt, 
die vragent, wie it eren mannen gee in deme paradyse, ind of he dat 
eyt^ vill schonre wyve have, ind of in id sere verlancge, dat sy 
eme na kome. Ind wan die zyt dan koempt eyns in deme jaire, 
dat sy den luden antworden sollen, ind dat is by sent Lambrechtz 
dage,^® ind so is zu den clusen me louffens van allen luden, dan 
hie zo Aiche,^^ ind des avens, wan alle dye lüde dartzo samen all 
sint komen, so geynt dye clusener nackt usser den clusen ind sleynt 
sich mit geysselen, dat yn yre lyf bloedt. Ind den volgent dan alle 
die lüde na ind schryent, as hie daden dye gesell (fol. 36) broider,** 
ind dan blyvent dye clusener des nachtz in der kirchen, ind wes man 
dan des morgens vraigt den clusener, dat eme all dat jair bevoilen 
is, des bescheide he dan, ind den clusener wirt altze vil bracht ind 

1) Beghino, Begharde; über sie vgl. Eaynardi Anoal. 1312 § 17 fgg. 

2) täuschoreien , betrügereien , Schelmereien. 

3) wie hier die clerici vagantes. 

4) gehen dort (gaben, beisteuern heischend) walfahrer. 

5) die hilfe dazu geben. 

6) bitten um gaben, damit sie in pilgerweise walfahrten können, wie hier- 
zulande. 

7) Offenbar sind nicht muslimische, sondern christliche einsiedler gemeint, 
obschon der Verfasser sie ausdrücklich als muslimische bezeichnet. 

8) boten. 9) mhd. da et, ob er da etwa ? 10) 17. sept. 
11) als hierland nach Achen 12) geisler -brüder. 



NIBDBBBHBIN. BERICHT ÜB. B. ORIENT 31 

gegeven. Vort sint da altze vil andere tuscher, as wale as hie, da 
vil ave were zo sprechent. 

Vort so vairent die gemeynlichen in die stat zo Mecha ind euch 
dye beiden, da Magomet lycht begraven, ind die stat lycbt van Babi- 
lonien, as die souldain woent, wale vunflBndtzwentzich dachvart durch 
die woystenye van Arabien, dar sy nummer mynsche noch voigell seynt. 
Ind die vart is alle jaire in deme auste, in der groiszer hitzden, durch 
den birnenden sant. Ind in der zyt herent^ die camele ind synt bloes, 
ind die bemalent sy dan, ind inachent korve van subtilen roiden, ind 
hancgen die by die camele, ind da is ynne allis, des sy behovent up 
deme wege, ind varent durch die woystenye mit groissen schairent 
vur die dyere ind die boese wurme ind vur die wilde lüde, dye in 
*der woystenyen wonent. Mer all die lüde, dye da vairent, die koment 
nyet half weder heym van der groiszer hitzden ind van gebruche Was- 
sers,* dat sy doit lygent mit groiszen heuffen in der woistenyen, ind 
die helt man als heilich; mer in des payss Benedictus^ getzyden lies 
der souldain also kostliche cisternen ind bum machen in der woyste- 
nyen, wa men dye gemachen konde. Vort wan dye heyden koment zo 
Mecha, so doent sy alze luclychen yre byget,* ind geynt dan inMago- 
metz tempell, ind bedent sich,^ ind brengent yren oflfer. Ind wan sy 
dan wider heym willent, so wirft mallich eynen steyn wider den tem- 
pell, zu eyme zeichen, dat sy also all yre senden van yn geworpen 
haint , ind da mit steuvent ® sy den duvell, ind vairent dan wider heim 
mit alze groiszer vreuden, ind en achtens dan nyet, wanne dat sy ster- 
vent. Ind wie da geweist ' hette , des beroempt sich all syn gesiechte. 
Vort sprechent sy da, dat dye tempell, da Magomet hien liet, dat 
were dat yrste huys, dat hie of da ye minschen hende gebuweden, 
ind in deme huysse hatte Adam gewoent, ind van Magometz lycham 
en syt man dar nyet, mer al an deme gewolve syt man wale hancgen 
gülden gewant,® ind wat da ynne is, des en weys nyeman, mer all der 
kirsten horche over mer haldent, det yn de swyn zom lösten an syme 
ende zo ryssen.^ Vort vill pilgerym, wan sy zo Mecha in deme tem- 

1) hären sich. 2) gebrech, mangel an wasser. 

3) Benedict XU. (1334 — 1342) kann nur gemeint sein ; die nachfolgende 
angäbe ist neu. 

4) dann verrichten sie ganz glücklich ihre beichte. 

5) niederfränk. medium. 6) stenent? steinigen? 

7) wer da gewesen war. 

8) Die hier gegebenen nachrichten finden sich in vielen pilgerbüchern des 
dreizehnten Jahrhunderts bereits ausführlicher wieder. 

9) aber alle bürgen (gewährsmänner) der Christen jenseits des meeres (im 
Orient) halten dafür, dass ihn die schweine zulezt an seinem ende zerrissen haben. 



32 BÖHBICHT UND HEISNBB 

pell geweist synt, die sint dan so ynnich, dat sy dan niet mar ertze 
dinck^ sien willent, ind da sint dau Sonderlingen huys, in wilchen 
huyssen dat yn behentlichen gehulpen wirt, dat sy asdan* nummer en 
gesien. Ind die geint dan bidden in deme lande mit hunden as blynde 
pylgerym, ind den wirt dan alze vil gegeven. Ouch vairent die beiden 
euch pilgeryns Yose zo Jherusalem zo deme tempell, den sy beischent 
in der beiligen rotscben.^ Ind wan sy dar willent, so sprechent sy, 
wir willen zo Jberusalem in der beiligen steynrotscben; eyn want 
in deme tempell is eyn cleyne steynrotscbe , ind di is umb bemacht 
altze bebende mit ysern gadern , ind by deser rotseben slief Jacob , ind 
van deser rotseben steint eyn leyder, die gienck bis in den bemell, da 
die engell up ind af stegen^ ind da wranck Jacob mit deme engell, 
ind up deser selver rotseben oflferde Melcbisedecb broit ind wyn, ind 
up deser rotseben steint der engell, do David (fol. 37) unsen bem got 
batte erzornt, ind wonscbet s^n swert, ind doe be dat volck batte neder 
geslagen. Ind up diser rotseben wart onse bere in den tempell geof- 
fert, ind Symeon nam yn doe in syne armen , ind up der roetscben ver- 
brante dat vuyr des bemels den offer, ind up deser rotseben sas uuse 
bere ind lierde die joeden, doe yn Maria ind Josepb batten verlorn, 
ind up deser rotseben wart Maria geoffert, ind vill wonders bait got 
overmitz syne gotbeit ind mit synre mynscbeit gedain, mit ind yn derer 
rotschen. Ind in deme tempell, da die scbryft af spricbt, den tempell 
beiscbent die beyden zu der beiligen rotseben, ind soeckent dat van 
verren landen. Ind die joeden baldent oucb den tempell in altze grois- 
ser eren, mer die beyden baint nu den tempell under sieb, ind en 
laissent kirsten nocb joeden dar yn gain, ind sy geynt selve altzyt 
barvois in den tempell, ind baint den in altze groisser eren. 

Vort wilt eynicb kirsten beiden werden, da en twingt yn nye- 
mans zu, mer of in* weit beiden werden, dan^ brengent sy vour yren 
buscbof ind die beiscbt cadi,^ so vraicbt der buscbof den kirsten, of 
he dat wille dein van mistroiste^ of umb gave, ind beriebt yn also 

1) irdische dinge. 2) 1. alsdan. 

3) Es ist die Sachramoschee in Jerusalem gemeint (la röche == es-Sacbra, 
der felsen). Die hier gegebenen nachrichten, welche zum teil John von Maunde- 
ville schon hat, Ludolf von Suchern ed. Deycks 75 wörtlich unserem berichte ent- 
lehnt hat, finden sich sonst in keiner pilgerschrift zusammen, aber in vielen ver- 
einzelt wieder (Tobler, Topographie von Jerusalem I, 540 — 545, 571). 

4) eyn. 5) den. 

6) Die ceremonie der aufnähme eines Christen in den Islam wird von Schiit- 
berger (ed. Neumann 130 — 135) ganz anders geschildert, augenblicklich ist sie viel 
einfacher. 

7) aus Verzweiflung, wegen glaubenszweifel. 



NIEDEBRHEIN. BERICHT ÜB. D. ORIENT 33 

als dincks, ind of he sich wille bas beraden, ind wilt die kirsten dar 
ummer vort varen, so sprach^ der buschof, „sich, wat du does, ich 
en Wille noch en mach nyemans mynre ee weygern", ind setzt dan 
den kirsten up eyn cameill, da louft eyn knecht by ind roift, dat alle 
lüde got gebenedyen ind synen boden Magomete, want die^ kirsten 
dar sy komen van verren lande, ind have sich gegeven in ere heiige 
ee. Ind dat volvort dan der kirsten up deme camele, ind so brengt 
sy den kirsten dan in eyn kalt bat in eyn huys, ind weschent yn, ind 
doent eme dan ander kleyder an, ind setzent eme dan eyn hamonien^ 
up dat heuft, ind haldent in vort vur eynen heyden, mer so is he da 
so unwert, as hie eyn joede die kirsten is worden, ind gelouvent eme 
nummer wale , ind euch en geven sy eme nyet eynen drunck wassers, 
he en konde id wale verdienen. Vort kirsten moniche ind canoniche 
ind alle paflFen moegen lesen ind syngen in yren kirchen, wie sy wil- 
lent, mer sy en moessen nyet preytgen den heyden. Vort die joeden, 
die under den heyden wonent, dye en synt nyet also wert als die 
kii'sten. Vort koufmanschaf, die in des soldayns laut koment mit 
schiffen of mit geleyden,* die en moegen sy nyet verkouflfen, man en 
schryve yrste deme soldane,^ wat koufmanschaf sy hain. Ind wess yn 
dan af lust, dat sendt man eme ind verkouft dat ander. Mer der 
kouflude arbeit ind cost wirt dan den koufluden altze wale belaicht,^ 
ind die kouflude rident ind geynt altze stoultz van kleydern ind van 
kleynoide. Mer altze sere is dat bewart, dat nyeman en kan komen 
uys deme lande ain oirlof, da lanck ave were zo sprechen. Vort 
wan eynich koninck of herre syne beiden sendt an den soldane, of 
wanne enich grois koufman dar koempt, deme doent des soldayns ampt- 
lüde alsze schone pert mit guldem gereyde, ind intfaint die alze erli- 
chen, ind sendent die alze erlichen an den soldane, da louft dan eyn 
boide by ind roift, dat mallich got love ind Magomet, dat sy so erlige 
hern haint, ind doent groiszen kirsten konincgen yre beiden senden, ind 
darzu groisse vursten zu yn koment. Vort die kirsten en moessen 
geynen wyn oflfenbaire veyle haven, mer wynbem, die synt wale da 
oflfenbaire veyle in den steden, ind die sint alze kleyne gele. Vort synt 
da SU verliehe ind reynliche tavernen,'' da man goet wasser verkouft, 
(fol. 38) als hie guden wyn. Ind we dat beste wasser heit, dar koment 
die lüde alre merst, ind in den tavernen steint süvem standen vol 



1) spricht. 2) denn der (dieser) christ. 3) vgl. oben s. 24. 

4) anf galeeren. 

5) wenn man nicht zuvor dem sultane geschrieben hat. 

6) mnd. belagt; sehr gut bezahlt. 7) ital. tavema, schenke. 

ZBITSOUB. F. DBUT80UE PHILOLOGIE. BD. XIX. 3 



34 BÖHBICHT UND MEISNER 

Wassers, ind da louft dat wasser uys kleynen pypheu. Ind die stände 
synt behancgen, ind die tavernen synt bestreuwet mit manicherhande 
edelen gecrude. Ind da lygent dan die heyden umb ind syngent ind 
synt alze vrolichen. Ind da synt dan vil erben/ ind wynters ind 
somers so is alle yre sanck van spryngenden burne, as hie van der 
mynnen, ind dan laissent sy heilen alze erlige spyse, ind taverne syn 
iingemach vur dat wasser indgeynt, ind is emant da, die kyven* wilt, 
so en buyt eme eyn ander van des souldayns wegen, dat he have syn 
gemach, so en dar^ dan nyemant me sprechen eyn wort, want dan 
hette he groisse pyne zo brechen.* Vert alle herberge up deme lande, 
die sint da wale lustich, mer da en is geyn gemach,^ ind da is alze 
wale zu essen. ind zu dryncken, ind die hern moessen beyde gewant 
ind andere gereytschaf mit yn brengen ind voeren , want die lüde geynt 
des nachtz me dan des dagis umb der groisser hitzden wille der son- 
nen. Vert die gemeyne cleyder van deme laude , die sint alle van wys- 
sen deichen alze reynlich, ind sint lanck bis up die erde ind wyt, ind 
haint lancge wyde mauwen^ over die hende, mer die edele hern ind 
ritter haint alsulche wyde lange cleyder, ind da geint oven bairen' van 
golde durch, besät mit edelen steynen altze kostlich. Ind der vrau- 
wen cleyder sint van sydenen ind güldenen gewande altze köstlich, ind 
malen die naele® up den henden roet, ind die vrauwen haint nyet 
dan eyne vleychte up deme heufde , ind die bewyndent sy alze kostlich, 
ind byndent eyn deich vur den mont ind eyn vur dat vurhoefk, ind dat 
is altze köstlichen, so dat man^ yn nyet en syt dan dye engen. Vort 
alle die lüde, dye in den steden wonent, die sint ryche wyse konflude, 
ind geven vil almoesen armen kirsten luden ind euch beiden. Vort 
die kirsten ind die beiden, die in den steden wonent, die verdragent 
wael, ind mallich bewerrit sich nyet mit deme andern mit syme gelou- 
ven,^® want dat gerichte is da altze hart ind strenge. Vort die gemeyne 
lüde, die up den dorpern wonent, die haldent euch yre dinck altze 
reynlich, mer sy sint altze doU,^^ ind willent unwissende sin, ind sy 
en wissent euch van geyme dinge zo sagene, dau as sy hoerent ind 
lerent van eren alderen, want sy en haint preytger noch priester. 
Ind wa sy hien gient, da haldent sy die hende up den rucge. 

1) synt da dan vil erbere? betragen sich dann dort sehr anständig. 

2) scheltend zanken. Der sinn des vorhergehenden satzes ist unklar. 

3) wagt. 4) hohe strafe verbrochen. 
5) bequemlichkeit. 6) ermel. 

7) it. barra, fz. harre, nhd. sparre, harre, = riegel, querstreifen, s. s.36. 

8) nägel. 9) 1. man van. 

10) keiner feindet den andern an wegen seines glaubens. 

11) sehr dumm. 



NIEDBBBHEIN. BEBICHT ÜB. D. OBIBNT 35 

Vort na der geburt unss hern druytzien hondert in eyn ind 
viertzichstem jaire, doe bestoent die groissze stervede in der heyden- 
schaf,* ind doe en sturven geyne kirsten, mer heyden ind Türken, doe 
drogen die beiden ind die Türken over eyn, so dat sy kirsten weiden 
werden, up dat sy nyet en sturven. Ind do begunten doe die kirsten 
mit zo sterven, ind doe qwamen des soldayns knechte van Indien, ind 
sprachen, dat dat sterven bette dni jair geweyst in India, ind dat 
dierde deil van den luden en were da nyet levendicb bleven. Ind so 
bleven die beiden ind die Türken as sy wairen, ind da sturven wale 
dusent lüde da eyn starf. * Vort van andern seden ind wesen der bei- 
den da were vil af zo sprechen ind all yre ee, ind euch haint alle 
hern ind capittelle da beschreven.^ 

Vort wie dae eyn here is over die beiden , die heischt da Melecb, 
(fol. 39) ind heischt in andern landen souldain. Ind wae he woent, 
dat heischt Babilonien, ind so wa der payss woent, dat heischt Borna, 
ind hait under eme dat laut van Egipten ind dat lant Suria ind dat 
lant Syrien ind Arabien, Philistram ind Galileam, ind alle die stede, 
die da ynne sint. Vort hait der souldane under eme den koninck van 
Damascho ind den koninck van Gazara,* die en ervent nyet me, ind 
setzet, wen he wilt, ind wannee he wilt. Ind do Akers was gewon- 
nen, da starf ave der soldane, die dar war, die hiesch Melecb Saphe- 
raf ,** doe koeren die vursten ind die hern eynen soldane, den wanscha- 
pesten* mynschen, den sy konden vynden, umb eren spot, ind den 
zogen do zo yn die vursten ind die hern, ind alre mallicb wolde yn 
by yem hain, do vergiencgen da alle die lant, ind nyeman en behielt 
nyet in steden noch in dorpern pilgeryme noch kouflude,^ doe lachte 
sich der soldane in gerichte myt helpen des gemeynen volcks ind 
richde, wie clagen wolde, ind lies zom yrsten synen eygenn son hau- 

1) Die grosse pest, welche 1348 — 1349 das abendland verheerte, trat in 
Ägypten 1346 — 1347 auf; wenn der Verfasser diese hier im äuge hat, so liegt 
wider ein gedächtnisfehler vor. Neumann will aber hier eine andere vorausgegan- 
gene grosse Sterblichkeit in Ägypten gemeint wissen (Les archives de Torient latin 
n , 316). 

2) eyn starf = an derselben epidemie. 

3) und auch haben dort alle bestimte herm und versamlungen (??) 

4) Es sind natürlich nur gouvemeure gemeint. 

5) Malik al-Aschraf (bei Haython 230» dem unser bericht folgt , Mellecas- 
seraph genant) ward am 12. dec. 1293 ermordet (WeillV, 188). 

6) Nhd. wanschaffen = misgestalt, hässlich. 

7) Nach dem fall Accons erlitt der handel von Ägypten besonders durch die 
päpstlichen verböte eine Zeitlang empfindlichen schaden, doch ward er von den 
abendländischen handelsstaaten hald wider aufgenommen (Heyd n, 24 — 68). 

3* 



36 BÖHBICHT UND MBISNRB 

wen in tzwey stucke,* ind darna alle vursten ind hern, wat gerouft 
hatte, darumb viel al dat lant mit eme da zo, ind wart der meiste 
bere, die ye soldane hatte geweist. Vort is id waire, dat dis soldane 
is eyn heslich minsche* van lyve, ind was kurt ind dicke, ind hatte 
eyn altze grois hoeft, ind eyne krumme nase, ind eyuen kürten haltz, 
ind groisse ougen, ind was scheif, ind gienck krumpt, ind was lam, 
also dat eme eyne haut by der syden hienck, beneden die knye, ind 
syne name was Melech Mesor,* ind so wanschaffen as he was buyssen 
anme lyve, noch wonderligen was he van duechden ind wyscheide 
van en bynnen. Ind syne cleyder na synre groiszer herschaf en wai- 
ren nyet altze ryche, ind wairen van wyssem sydem gewande, ind da 
gienckgen durch bairen * van goulde , ind die wairen alle umb besät 
mit edelem gesteyntze ind manicherhande wys. Syn hamone • ind syn 
deich, dat he umb dat heuft hatte ^ dat was uyssmaiszen cleyne ind 
subtyll, ind van cleyme syden ind van goulde gemacht. Vort wan he 
Parlament hatte mit hern, die zo eme wairen gesät, so was syne 
camer, syn bette, ind syne wapen, ind all der wapen, die umb yn stoen- 
den, so ryche ind kostUch van goulde ind van edelen steynen, dat da 
nyet af zo sprechen en is. Vort wilche vurste of here , die zo eme 
qwam, wae he was, die meiste drywerf vur eme neder Valien ind 
küssen die erde vur synen voessen ind stain zo lancge vur eme up 
den knyen, bis he in heischt wider up stain. Vort des soldanys pal- 
lais, dat was in der stat van Alkarye, ind lach up eynre steynrut- 
schen, die en was nyet ho, ind up der selver stat woende Pharao, da 
Moyses ind Aaron die zeichen daden, da man in der bibelen af leyst. 
Ouch so was der soldane as cleynlich® van essen ind van drincken, 
as yemant anders , ind seiden slief he , id en qweme eme dan beson- 
der zo , dat were ouch dagis of nachtz, ind dan so lachte he sich neder. 
Vort wanne he groiszen hof hatte, den plach he zo essen mit synen 

» 

1) Davon wissen wir aus den muslimisohen qneUen nichts. 

2) Die hier gegebene Personalbeschreibung führt auf autopsie; in den musli- 
mischen quellen wird nur gemeldet, dass sein äusseres wenig imposant war; „er 
war klein, hatte flecken im äuge und ein übel am rephten fnss, so dass er kaum 
mit demselben auftreten konte und immer entweder auf einen stock oder an einem 
Mamluken sich stüzte" (Weil IV, 411). 

3) Malik Nasir ed-din Muhammed Ihn Eelawün bestieg am 14. dec. 1293 den 
tron, ward am 1. dec. 1294 durch Malik al-Adil Zein ed-din Eetboga Mansuri 
verdrängt (Weil IV, 191, 198), aber am 7. febr. 1299 restituiert, verlor am 5. april 
1309 abermals die regierung durch absetzung (Weil IV, 222, 279), die er jedoch 
zum dritten male am 5. märz 1310 zurückempfing und bis an seinen tod (in der 
nacht vom 6.-7. juni 1341) behielt (Weil IV, 299, 409). 

4) Vgl. s. 34. 5) turban vgl. s. 33. 6) so gering. 



mEDEBBHEIN. BERICHT ÜB. D. OBIENT 37 

konincgen , ind mit synen vursten ind hern , buschove , praelaten , ritter 
ind knechte ; ind man satte die mallich na synre wys sunderlinge, ind 
mallich hatte da syne eygenn kuche syn pallais ind synen sali, ind 
dat was dan manicherhande (fol. 40) wys getziert van goulden ind van 
silver, ind was altze kostlich, ind gemailt van der materien, wie Joseph 
wart verkouft, ind wie Jacob qwam in Egipten, ind wie Moyses ind 
Aaron da die zeichen daden ind vorten dat volck van Israhel over dat 
roide mer. Vort so was der sali en buyssen gemailt mit manicher- 
hande materien van koninck Allexandre, ind so hatte die Soldane alle 
koninckge ind vorsten ind hern mit eme gecleyt , ind dan syn son , die 
na eme soulde soldane werden, die hatte dan ouch altze vill hern 
ind ritter mit eme gecleyt van manicherhande giüden gewande, dat 
dartzo Sonderlingen gemacht ind geheilt was, ind dat en droegen sy 
dan nyet lancge. Vort des soldayns meiste hof , die was allewege by 
sent Margreten daghe,^ so qwamen alle die vursten, hern, ritter, 
knechte, kouflude, kirsten ind beiden, alle lüde zo deme hove, ind alre 
mallich na synre stait, so he schoinste konde.^ Ind dar qwamen dan 
vill wonderlicher seltzenen lüde, ind vill wonderlicher dier ind vögele, 
die up der erden weren, ind da sach man dan manichen wonderlichen 
mynschen, diere ind vögele, die na manicherhande wyse wairen gelert, 
mallich na synre kunst. Ind man sach da mannichen schonen pavluyn,^ 
die die heren hatten upgeslain, ind die dar veile qwamen, ind ouch 
sach man da manich hande seltzen rychliche koufmanschaf van allen 
landen in der werelde, ind van allen as eyn minsche mach gedencken, 
die up die tzyt Sonderlinge wairen gehalden. Ind dan sach man da 
manicherhande ryche schone cleynoide, die deme soldane dan wurden 
gesant. Vort van desen vorsten ind hern, doe de alsus zo hove qwa- 
men, dan brachte mallich mit eme fyne kostliche vas, beyele van sil- 
ver ind van goulde , ind synen eygenen koch , deme gaf man dan wilde 
in^ zam, as vil as he des nemen wolde, ind kochdc dat dan na syns 
hern willen ind na synen lusten, ind eyn yecklich koch brachte da 
syne kneechte, vas ind gereytschaf mit eme, ey eyn besser ind rycher 
dan der ander, ind alle lüde qwamen dar, der eyne stoultzer ind rych- 
liger, dan der ander, zo hove, ind alle die vursten ind hern brachten 
mit yn yre valken, yre hunde ind yre liebarde, ind vort so wat sy 
seltzens hatten van lüde, van voigelen, van dieren, ind vort, wat mal- 
lich seltzens hatte van cleynoide, van dieren ind van luden. Vort 
wanne die hoff zu vespern * solde syn , doe qwamen alle den dach kir- 

1) 13. joli. 2) Beschreibangen kostspieliger feste des sultans vgl. boi 

Weil rv, 369—371. 3) pavillon, zeit. 4) vorlezte der sieben cano- 

nischen hören, nachmittäglicher hanptgottesdienst. 



38 BÖHBICHT UND MBISNBB 

sten, joeden ind heideu, van allen zongen, die iu der werelt sint, ind 
sungen yrre eyn Da deme andern eynen sanck ind eynen lof van goide 
ind van deme soldane, ind stonden alt vur deme pallais , da hoirt man 
manichen wonderlichen sanck, ind wanee eyne partye sanck, so swegen 
alle ander lüde, do antworde der soldane ind danckde goide, dat he 
eme die ere hatte gegeven , ind bat sy alle , dat sy got vor eme beden. 
Yort wanne dat man da essen gienck , so sloich man up die tamburen, 
ind die blasmien^ cleyn ind grois der was da so vele, dat nyeman 
deme andern zo konde gesprochen; so qwam der soldain alze herlich, 
ind syne soldern giencgen vur eme alle mit wapenn van golde. Ind 
wanne der soldain ind andere vursten ind hern in den sale zo samen 
qwamen, dan was vur dem sale dan gedeckt eyne lancge taiffell, die 
stoind vol hecken heyde van golde ind van silver, so gaf man den 
vursten ind den hern wasser, ind wanne der soldain dan sitzen gienck, 
so henck (fol. 41) he an synen haltz eyne lancge rye van edelen stey- 
nen, ind eyn yecklich steyn hatte an eme Sonderlinge deicht ^ ind macht, 
ind hatte vur der hurst eynen smaragdus, as hreyt as eyne haut, ind 
alle syne cleyder wairen besät mit edelen steynen. Vort syne tafell 
was dryer grede hoere^ dan die andern, ind intgain syne tafell was 
eyne ander tafell, da stoende up dieffe vas van goulde vol wassers, ind 
in deme wasser da stoent ynne eyn glas vol wassers , wanne he soulde 
dryncken. Vort by der andere syden des souldayns sas der koninck 
van Damascho / ind by der andere syden sas der koninck van Gazara,^ 
mer die sayssen eynen graet nedere dan der soldain. Ind tuschen den 
konincgen sas der son, die na eme soldain solde syn^ ind dan der 
heydensche buschof , ind yre cleydunge was dunckel bla, ind gra byrete 
up den hofden. Vort nyest synre tafelen da sayssen die vursten ind 
heren ind die edelsten, die da wairen, ind intgeyn der tafelen sayssen 
dan vremede hern ind legaten, die zo deme soldane wairen gesant 
ind den hof weiden sien, ind alle lüde sayssen darna na eren werde, 
ind dan zu eynre andere tafelen saissen kirsten ritter ind kouflude. 
Vort so brachte de meiste vurste deme soldane zessen in alze groissen 
gülden vassen, ind die satten de vur den soldain up die tafell, so wyste® 
he dan , wat he essen wolde , so namen sy dan die vas wider, ind sat- 
ten die up eyne andere tafell, ind sneit eme dan, wat he wolde ind in 
hatte geweyst, ind wat eme dan gesneden was, dat bachte^ he up 
dat broit ind dat broit vort vur yn in eyn cleyn plateell van goulde, 

1) d. i. basunen = posaunen. 2) tugend, kraft. 

3) um drei stufen höher. 4) gouvemeur Tengiz. 

5) wahrscheinlich gouverneur Altunbogha, der in dieser zeit vielfach erwähnt 
wird. 6) mhd. wisete, zeigte. 7) lachte = legte? 



NIEDERBHEIN. BERICHT ÜB. D. ORIENT 89 

da nam he mit van deme vleisch, dat man eme vur brachte, ind warp 
dan wider up dat gnlden plateell, da dede man eme^ credencie mit^ 
der ghien/ de eme die spyse brachte. iDd wat dan in deme vasse 
me bleif, dat aissen die ghene, die bj der taiffelen stonden ind war- 
den. Vort die andere koninck ind vursten, buschoflfe, hern, rittere, 
ind knechte die dartzo wairen gesät , die giencgen in eren eygen kuche 
mit alze schonen vassen, ind hoilden da mit mallich syme hern, wat 
eme was bereyt, yrre eyn na mit deme andern gemache.* Vort alle 
der dranck, der da was, dat was pnr kalt wasser, mer id was zomale 
goit ind gesunt, ind dat dranck man uyss alze schonen vassen , gemacht 
van manicherhande formen, de mallich mit eme hatte bracht. Mer 
der soldane dranck uyss eyme glase. Vort hatte der soldane vur eme 
up der tafeln cleyne schuttelen, die waren van eyme eyre,^ die was 
groin, wat man eme vur brachte van essen ind van drancke, ey dede 
man da af in dat vas , ind was dan yet vergifnisse ® da ynne , so bür- 
sten die vas, ind alsuche vas koment van India, ind wie die gilt,*^ 
deme wycht man die vas intgain goult. Vort van anderen zungen ® 
ind andern schonen rychen cleynoide, die up den tafelen stonden, da 
were lanck af zo sprechen. Vort wanne man dat yrste gerichte brachte, 
so wairen da meister, die hatten basunen van goulde, die blesen nyet 
luder , da man nauwe ^ moichte hoeren over den sali , ind dan der 
nyest qwamen alle meister, die spill künden ind hatten van allen zun- 
gen ind van allen landen, ind da was manich wonderlich spill ind luyt, 
ind alle yre spill was van goulde of van silver (fol. 42) mit steynen 
besät alze koslich. Vort na den speien qwamen dan man ind wyf, die 
soDgen van allen landen ind van allen zungen, ind yrre eyn sanck na 
deme andern, ind da hoirt man manichen wonderlichen sanck, ind man 
sach da manich wonderlich cloynoide van mannen ind van wyven uys 
allen landen. Vort wanne man die tafell up nam , so qwamen die lüde, 
die tumelen^® ind schricken^^ künden ind kougelen** konden ind 
dantzen, da was dan manich wonderlich dautz ind spill. Vort na 
disme dantze ind speie qwamen alle die wonderliche dinck van luden, 
da man ave liest van India, ind die spilden ind soncgen mallich na 
synre wysen, ind da was dan manich seltzen wonderlich mynsche ind 
euch manich wonderlich kleit. Vort dar nest qwamen lüde mit won- 

1) 1. : da nam he van d. vi . . . lud warp id dan ... da dede eme. 

2) credencie dein <» ital. far la credenza, securitatias gratia cibos praegn- 
stare. Da Gange. Grimm wb. 1, 639. 5, 2135. — damit credenzte ihm. 

3) derjenige. 4) yrre eyn na deme andern mit gemache? 
5) erze, metalle. 6) vergiffcong. 7) verkauft. 

8) aus anderssprachigen ländem. 9) mhd. mnd. nowe, mit not, kaum. 

10) seiltanzen. 11) springen. 12) gaukelkünste machen« 



40 BÖHRICHT UND MBI8NBB 

derlichen dieren, die up der erden sint, ind die daden dan ouch yre 
kunst, as sy yre meister hadde gelert; vort dar nyest stonden up dan 
alle vursten, hern, rittere ind kneechte ind alle ryche kouflude yrre 
eyn na deme andern , ind brachten yre meisten ^ mit den valken ind 
mit den honden , ind die hatten zomale kostliche halsbende ind hufen ' 
ind hafkens bonge,' ind wyseden die deme soldane, of in des yet laste, 
ind nam he dan eynchen valken , so gaf he yem dan so yiU wider, 
dat he genoich hatte. Ind doe alle die dinck alsus wairen gedain, do 
vrachde der soldain alle, die da saissen^ mallich na syme leyve, ind 
umb syn wyf, ind was dan alze vrolich ind gesellich mit in allen, ind 
des selven vrachden sy den soldain wider , doe satte sich mallich, wat 
he in vragen woulde. Yort wan dat was gedain, so gaf man dan 
manicherhande cruyt ducke ind viU uys alze kostlichen vassen. Ind 
wanne dat gedain was, so stont der souldain up ind bat sy alle, dat 
sy got vur in beden ind dat sy anderwerf dar mit lieve moesten 
komen zusamen. Do reit mallich wider war he wolde, ind die hof 
hatte gewert echt dage, dat man moichte sprechen den soldane mit 
willen. Yort hatte der soldane me dan dnihondert elige wyf, ind yele 
me was der uneligen wyve van allen landen, die waynden alle snn- 
derlich mit yrme gemache, darna dat mallich was ind he sy euch lief 
hatte. Darna hatten sy ouch gesinde , ind deso wyf en sach nummer 
mynsche^ dan wannee alsus hof was, so sayssen sy vur yren vursten 
mit andern vrauwen, de in zu hoirten. Die vursten ind die hern^ die 
zu hoeve qwamen, dye brachten ouch mallich syne wyf up rosbairen.* 
Ind wannee die vrauwen zu hoeve qwamen , so indeckde dan mallich 
syne antzlitz, ind yre haltzgelt ^ ind yre cleynoide machde dan mallich 
vur den andern van goulde ind van andern steynen, wie sy rychste 
ind schoinste konden. Ind wanne die vrauwen giencgen essen, die 
saessen all up der erden up güldenen küssen, ind alle die erde was 
alschoin bedeckt mit manicherhande deichen, ind de tafelen, die da 
wairen, da die vrauwen an saissen^ die wairen eyns vois hoe boven 
der erden , ind den gaf man alze kostlich zu essen , ind alle die vrau- 
wen hatten yre kostlich drinckvas ind yre schencken mit in bracht, 
nochtant dat des up deme pallais alze vil was. Yort die vrauwen, die 
(fol. 43) deme soldane zu gehoirten^ die en saissen dan nyet up der 
erden, ind sy saissen so hoe , dat man sy sach boven allen luden. Ind 
den dienden alle die edelsten ind die besten , recht as man eynen afgot 

1) meister. 2) (falken-) hauben. 

3) buoge, trommel, habichts (falken-) trommel, habichtschelle? 

4) von rossen getragene bahre, tragbare sanfte. 

5) halsgolt, goldne halskette, halsschmnck^ torques. 



NIEDEBBHEIN. BERICHT ÜB. D. ORIENT 41 

an bede, alsus was yre dienst, ind eyn yecklich wyf des soldayns 
hatte alle den dach vur yr mit yren vrunden ind mit yrre partyen, 
darna dat dan mallich was geboiren, ind dan mallich was gezeert^ ind 
behancgen mit kostlichen cleynoide, de were lanck ave zu sprechen. 

ünde na der gehurt unss hern druytzien hondert ind echt 
ind virtzich jaire up sent Stephans dage,^ do nam der soldane syn 
beste elige wyf, die was doichter des konincks van Damascho, doe 
was do so groes hof, dat in lancger zyt geyn ways man en künde 
vynden in alle deme lande, ^ also was id zu deme hove allit verbrant.* 
Da giencgen alle vrauwen mit bioessen heufden mit yrme cleynoide, 
wie mallich bas künde ind rycher vur den andern, ind dar moesten 
komen al lüde in deme lande, kirsten, Juden, beiden, kouflude ind 
pUgeryme, werentlich ind geistlich, ind yecklich moeste dantzen achter 
der stat; darna hatten sich alle lüde gecleit, wie sy schoenste konden. 
Ind die hof werde eynen maynt; ind wanne man die bruyt voirte van 
eyme pallase zo deme andern^ so wairen alle die straissen overdeckt 
ind behancgen mit güldenen deiche, ind yur der bruyt giencgen konincge 
ind leyten yr ross, ind alle vursten ind hern die giencgen alle vur yr 
zu voysse. Ind wie kostlich ind schone die bruyt ind yre ross was 
gezeert, da were vill af zu sprechen. Ind na der bruyt volgeden dan 
alle vrauwen gainde , mallich mit syme schoinsten cleynoide , ind darna 
volgeden alreleye zungen mit eren getzirden cleydern, ind mit dantze 
ind mit speie, ind da was so groes gedranck, dat nyeman des anders 
en konde geschoenen , so vil spiltz was vur der bruyt ind na der bruyt, 
dat nyeman deme andern zu gesprochen kan, ind alle straissen stonden 
vol rochs van edelen crude. Vort darna volgede der soldain, die hatte 
up syme heufde eynen krantz van loirbern. Vort vur wat kirchen sy 
hovezoigen,* sy weren kirstenhern, beiden of joeden, da stonden die 

1) geziert. 

2) 26. december. So bestirnt das datum klingt, das jähr mindestens ist unrich- 
tig, vielleicht durch Schreibfehler; die hochzeit erfolgte nach arabischen quellen 
im jähre 1338 — 1339, doch wird uns leider der name jener tocbter des gouverneurs 
von Damascus Saif ed-din Abu Said Teugiz nicht genant. Der leztere muste zur 
ersten entbindung seiner tochter (20. juli 1338 — 9. juli 1339) nach Cairo kommen; 
der aus dieser ehe entsprossene söhn Malik as - Salich Salach ed-din Salich bestieg 
14 jähr alt am 22. aug. 1351 den tron (Weü IV, 381 , 490). Zwei tochter Malik 
an-Nasirs hatten sich 1338 — 1339 an zwei söhne des gouverneurs verheiratet 
(Weil IV, 381 — 382). 3) dass (dergleichen) durch lange zeit in keiner weise 
man nicht finden konte in dem ganzen lande. 

4) Durch brant zerstört, vertilgt = alles frühere von pracht wurde dadurch 
vertilgt, in Vergessenheit gebracht? oder: verbrangt =* so war bei diesem hoffeste 
alles mit prangen (gepränge, pracht) erfült. 5) vor welchen kirchen auch 

sie mit dem hofzuge (dem festzuge) vorüber kamen. 



42 BÖHBICHT UND HEISNBB 

priester ind die paffen ind maniche moniche gegurt ind sangen. Ind 
wanne der soldain ind die brnyt intgain die priester qwamen j so namen 
sy ere krentze van eren houfden , ind negen goide ^ ind den priestem ; 
ind alle Inde hatten mallich yren eigenen hof , ind da plach man mal- 
lichs Sonderlinge na syme seden. Yort wanne der souldain alsus hof 
hatte gehat, so hoirte he zu hantz selver rechenschaf alze nauwe'van 
allen luden, den ampt bevoilen was van allen dingen. Yort waiinee 
nyet hoffs in was , so gaf man des soldayns wyven des morgens yleisch« 
wilde ind zam, vur sich ind ere jonfrauwen. Mer deme andern gesinde 
vanme hove deme gaf man zom mainde * gelt vur yre kost Yort die 
vursten ind die hem , die vremde wairen , wanne die zu hove qwamen, 
die hatten an den voyssen schein,* geslagen van goulde, wanne die 
von yren perden traden, so dede man yn ander schein an van leyder, 
ind die güldenen '(fol. 44) schein droich man in na, ind yre cleyder 
wayren wyt ind lanck van geslagen güldenen gewande, ind all dat 
gereyde van yren perden ind van yren rossen was van goulde, ind in 
beyden syden der perde, vur by den sedelen, da hiencgen secke, die 
wairen gemacht as netz van goulde, ind in den secken was dat beste 
van goulde ind van steynen, dat sy hatten. Yort die soldern zo voesse, 
die sint steetlichen up deme pallase, dages ind nachtz, ey eyne par- 
tye mit deme banyer. Yort die seidener, die pert haint, die rydeni 
all morgens up dat pallais ind haldent da so lancge, bis der soldain 
wilt essen gain; so rydent sy ind koment zu vesper zyt wider. Ind 
wilt der souldain dan uyss ryden, dat dede he des morgens mit deme 
dage of des aventz na completen. Yort plach der soldain tzwer in 
deme jaire uyss zu ryden, dat was in deme mertze ind in deme auste, 
wan de krauen ind die voigell plient uyss zu strygen over,^ so leist^ 
he dan by dat wasser, dat Nylius heischt, dat durch Egipten vluyst, 
tzwa of dry milen lanck seen boven,^ wan de ryf werdent da vairen 
tzwene® ind groisse krauen ind euch andere veigell. Ind wanne die 
krauen ind voigele vairen in die boven, so verbuydt® dan der souldane 

1) neigten sich vor gott 2) ganz genau. 3) monatlieh. 

4) schuhe. 

5) over mer? mhd.: swenne die krancche unde die vögele pfiegent ü^ ze stri- 
chen über mer = nhd. wenn die kraniche und anderen vögel pflegen über meer 
fortzuziehen. 6) lässt. 

7) mnl. bouw, bouwe, messis. Eilian s. 86*, clevisch: koerenbonwt, messlB. 
Teuthouista 12*. Mnd. bawe, mhd. bü, ackerbesteUung und dessen erträgnis; ^bo 
lässt er zwei oder drei meilen lang emtefelder säen.^ 

8) wenn die reif werden, dann fahren (fliegen) dahin schwane und grosse kra- 
niche usw. 

9) gebietet den fürsten, entbietet die fürsten. 



NIEDEBBHEIN. BBBICHT ÜB. D. OBIENT 43 

alhn vursten, hern ind rittern, die valken hatten , up eyne stunt.^ 
Ind wanne der soldane des morgens woulde ryden y so giencgen ind reden 
alle de lüde ind die seidener zo voeren uyss der stat. Ind sy * wairen 
alle huys beslossen as lancge, bis der soldane heym was, ind so biel- 
den ind stonden all die souldener zu perde ind zu voysse an beyden 
syden des weychs mit yren wapen ind mit eren swerden getzoigen, so 
qwam der soldain dan mit synen helpendieren , da wairen up gemacht 
berchfrede ind wairen getzunt mit cleynen roiden/ ind dat erste hel- 
pendier was verdeckt, ind dat berchfrede was betzoigen mit gelen syden 
gewande. Ind dat ander helpendier was verdeckt mit swartzer syden, 
ind dan wairen tzwey helpendier, die wairen zu samen gemacht mit 
ysern ketten, die wairen bedeckt mit roiden.* Tuschen yren berchfre- 
den was eyne rossbaire,^ also dat man gienck van ejrme bercbfreden 
up dat ander, ind die rossbaire was geschaffen as eyne käste, ind was 
all umb offen, ind was bynnen beslagen mit goulde ind mit silver, ind 
diet ten ^ was altze wale overgoult , ind in der rosbairen sas der soul- 
dain ind syn liefste son, ind syne valken ind vögele, ind euch etzelige 
voigelhunde, ind uyss' deme helpender en boven stont syn banyer, 
dat was roit, ind by deme helpender giencgen alle syne overste soul- 
dener ^ mit manicherhande schonen wapen van goulde ind mit geroich- 
den^ swerden, ind dar na reden alle vursten, hern, ind die oversten, 
ind wan die soldain qwam uys d^r stat, da al die souldener hielten 
ind stonden an beyden syden des weges , so groitte he alre mallich by 
namen an eynre syden, ind syn son an der andre syden des weyges. 
Ind wen he^® dan Sonderlings mit eme ryden, ind die vreymde wairen 
hatte, ^^ die volgeden mit, ind die andern bleven halden. Ind wan der 
souldane van allen luden was , so deilten sich all die lüde zu perde ind 
zu voysse, der reit (fol. 45) eyn deil vur ind ein deil achter ind eyn deil by 
beyden syden, ind lagen all umb die stat, da de souldane dan wolde 
syn, tzwa of dry milen all umb die stat in dorpern, want da wairen me 
dan hondert dusent pert, ain^* andere soldener, die zu voysse da lagen. 
Nochtan wairen all dese pert ind lüde da lichter zu halden, dan die 
dusent man gewapent. Ind alsus was al dat volck, dat da umb lach, 

1) gleichzeitig. 2) so? 3) umzäunt mit dünnen ruten. 

4) ruten. 

5) zwischen ihren «asteilen befand sich eine sanfte, (rosshahre, tragbahre), 
so dass man auf dem boden dieser sanfte von einem castell zum andern gehen konte. 

6) die tent? (mud. und mhd. =» tentorium) =» und das über die rossbahre 
gespante zeit war schön vergoldet. 

7) np? 8) also mamluken* 9) mhd. gerahten, emporgerichteten. 

10) welche? qui? 

11) 1. hatten » und die ausländische waaren hatten. 12) ohne. 



44 BÖHBICHT UND MEISNBB 

SO was da eyn sede, in wat huys eyn man lach eyns jairs, dar schreif 
he eyn zeichen , dar en moechte des andern jairs nyenian yn komen , dan 
die selve, die da ynne hatte gelegen, id en were dan mit synen wil- 
len, ind nyeman en geschach ungemach, dat all dat lant meiste ToireD 
mit camelen, mit mulen ind mit eselen, dach ind nacht, spyse ind 
Yoider ind wes man behoifde, ind allen luden ind perden gaf man 
genoich. Her neman en meiste ryden noch gain da der souldain was, 
an oirlof syns oversten , dan des nachtz moiste he wider komen nnder 
syn banier. 

Yort wan sich der souldain ind dat volck dan scheiden/ dat 
gelies,' as all die werelt by eyn were zu samen komen, ind wanne 
die sonne wider die rosbare scheyn, dat sach man altze verre. Vort 
wan der souldane qwam, dar he blyven woulde, so nam man die 
berchfrede van den helpenderen, ind satte die umb des souldayns pav- 
luyn, ind planckde da in tuschen,' ind machde dat alze vaste, ind da 
sloigen dan alle vursten, hern ind ritter yre pavluyn verrens umb, 
want alle lüde haint pavluyne, mallich na synre macht, dat gellest^ 
dan, wie dae eyne groisse stat ste, ind alle valken ind regere hatten 
yre gemach umb des souldains pavluyn. Yort wan der souldane wilt 
sien vlegen die valken, da die boven wassent,^ dat dede he morgens 
mit dage, so reit der souldane up eyne ende mit synen besten valken, 
ind die andere vursten ind hern reden mit eren valken war sy woul- 
den, wanne man dan die valken vlegen lies, so en künde nyeman ge- 
beeren van schryende der valkener^ ind dan in deme mitmorgen, wan 
der souldane dan wider qwam in syn pavluyn, so lachte dan der soul- 
dane up die erde vur den pavluyn so wat he gevancgen hatte, dar 
lachten dan alle die vursten ind hern so wat sy gevangen hatten mit 
eren valken , ind so besach dan der souldain alle die valken, ind vrachde 
na eren namen, ind groite alle valkener by namen. Ind wan dan alle 
die voigele ind krauen zu samen qwemen, so en sach nye minsche so 
vele voigele ind kranen an eyme houffe, dan nam mallich syn kranen 
ind voigele wider, ind aissen^ alle vur deme souldane, ind dan sachte 
mallich van synen valken. Yort wan dat gedain was, so reden' sy 

1) von einander schieden. 

2) mhd. gelie^, das sah ans, als ob alles volk auf einen fleck wäre zusam- 
men gekommen. 

3) und verplankte, verpallisadierte die Zwischenräume. 

4) sieht aus (vgl. anm. 2) und s. 60. 

5) wenn der sultan wolte die falken da fliegen sehen , wo die ernten wachsen. 

6) assen. 

7) ritten sie zu fischen mit adlem (fischadlem, falco ossifragus). 



inEDEfiRHBIN. BERICHT ÜB. D. OBIBKT 45 

vyschen mit aeren , ind mit andern voigelen die dartzu gemacht waren ; 
dan satten sy lancge dieffe netz in dat wasser, die dar zu gemacht 
wairen, Nilus, dat durch Egypten vluyst, dan Hessen sy vlegen die 
vischaeren ind die andere voigele, so voeren die meisten mit schiffen 
in dat wasser tuschen den netzen, ind schreyden^ die voigele, ind lach- 
ten^ die mit groissen Tischen in dat wasser, da schoissen dan die 
vogel na, so vluen dan alle die andere vische in die netz, ind so 
vischden sy dan dat wasser up ind neder, ind yingen me vische, dan 
alle andere lüde künden verdoin,^ dan sach man manichen seltzenen 
Tisch, (fol. 46) Yort wanne dat da was gedain, so jage der souldain 
dan wilde esell, die bleven stain Tur den honden, as eyn swyn, sprunc- 
gen over die honde ind OTer die pande,^ ind was altze lustlich. Ind 
jageden sy grois wilt , des Tiencgen sy as vill , dat des all lüde genoich 
hatten. Yort wan alle dese dinck gedain wairen , dan qwamen sy wider 
zu den boTon,^ da hatten dan sich die Toigele ind die kranen wider 
gesamelt, so Tiencgen sy dan Toigele ind kranen, ind behielden die 
leTendich, ind reden eyn mile of tzwa her ind dar, ind Messen dan Tle- 
gen die gerTalken uys , ind worden TOgele genoich , so qwamen sy wider 
zer haut. Mer woulde der Talken eynich rumen in der lucht,^ so 
schre der souldane ind syne meister zo ersten, den schrey kanten alle 
die andern meister wael, ind die schrey qwam bynnen enyre stunden 
OTer tzwa of dry milen Tan ejn^e zu deme andern, dan namen all die 
Talken des gerTalken^ wair, ind wa sich dan der gerTalke hien Merde, 
dar schölten eme ® all die leTondige ® Talken yre leTcndige kranen , die 
sy dartzu hatten gehalden, da Termoede he sich mit,^^ dat in dan die 
meister wider Tiencgen, so wairen sy dan alze Trolich. Mer spreyte 
der Togell den zagel in tzwey in der lucht,*^ so weren sy alle unTro, 
so en dorste nyeman wider komen, e he were gCTaucgen, mer wie in 
wider brachte, deme wart syn arbeit wael geloent. Yort wan der 
souldain dan wider heym wolde, so en hatte eyn minsche mit deme 
andern nyet gekreycht,^' ind wie dat gedain hatte, dat were grois 
misdaen geweist. Yort wan der soldan dan wider qwam, so reden ind 

1) riefen. 2) 1. lochten = lockten. 3) verzehren. 

4) mnd. pant, strick ^ netz. Lübben 3, 298. 5) zu den erntefeldern. 

6) fortziehen, fortfliegen; wolte einer der falken in der laft fortfliegen. 

7) mhd. gervalke» girvalke, herodins, der in weiten kreisen fliegt, bis er 
auf seihe beute herabstösst. 

8) schössen ihm zu, überwiesen ihm. 9) levendige ist wol zu tilgen. 

10) damit (mit dem stossen auf die für ihn losgelassenen kraniche) ermüdete 
er sich so. 

11) aber breitete der vogel den schwänz in zwei teile aus in der lufU 

12) gestritten, streit gehabt. 



46 BÖHRICHT T7ND HEISNEB 

giencgen eme intgain alle die seidener ind lüde, die in der stat wai- 
ren bleven. Vort darna wan he yrgent woulde ryden urab lust up dat 
velt, so meisten die joncge lüde vnr eme rennen, ind dartzu hatten sy 
krumme steve , wan der ball up die erde qwam , dat sy yn da mit 
wider up sloigen; mer wie den ball zu der erden liess komen, die 
hatte verlorn. Vort so meiste eyne ander partye sprengen mit eren 
perden durch reyfen van houltze , die wairen boven die erde gehancgen, 
ind wie den reyfen roirte , de hatte ouch verlorn. Vort was ejrn ander 
partye, die satten eyne zeichen ind Schüssen darna in deme rennen. 
Vort so hatte he pert^ die wairen as grois as perde van 12 marken,^ 
die hieschen Arabs, ind die louffen altze sere, dat man dar up hyrtze 
ind binden af jaget , ind rydet die rantman ^ dan vur deme volcke ind 
sprencgde da mit over die zeichen, die dartzu wairen gemacht. Mer 
wie die pert zu rechte nyet en künde geronnen, die verloes up dem 
perde alle syne synne, als lange he da up sas. Vort wairen dan da 
andere meister^ die machden drachen mit kunst, die vloigen in der 
lucht ind blesen vuyr, die leiten sy in der lucht mit snoeren, 
wie sy woulden, ho ind neder. Vort wan alsus der souldane ryden 
woulde, so hatten al vremde kouflude yre ryche koufmanschaf uys 
gelacht up deme velde, da sach man dan manich rych schein 
cleynoit. Ind wat dan der souldane dar af woulde hain, dat bracht 
man eme up syne pallais, ind darna galt dan, wie wolde.* Vort 
wanne die kouflude dan wider heym woulden ind namen urlof van 
dem soldane, so gaf man eycklichem eynen brief an eynen amptman^ 
wa he hien woulde, die dingde (fol. 47) dan die koufimanschaf, die der 
souldane hatte van eme genomen, ind gaf eme dan wider van des 
souldayns gülden,* kruyt, zucker, of bouwalle, of syden gewant, of wat 
in deme lande guetz^ was, of wat he woulde wider gelden,® ind en 
hatte des der amptman niet, so goulden sy,^ wat sy woulden, ind dat 
machde in der amtman qwyt ind vry; mer nummer en galt he valken 
noch koufmanschaf mit gelde, mer allit eyne koufmanschaf umb die 
andere,^ ind dede den koufluden also, dat sy eme danckden. 

Vort buwede der souldain alze gerne , ind da was he selver by, 
ind woulde selve meister da an syn, ind wat he bürge buwede, die 

1) im werte oder preise von 12 mark. Über pferdepreise im 13. und 14. jh. 
vgl. Max Jahns, ross und reiter. Lpz. 1872. 2, 105 fgg. Alwin Schultz, das höfi- 
schp leben 1, 392. 12 mark ist ein geringer preis. 

2) der rennmann, rennreiter. 

3) und darauf kaufte dann, wer wolte. 

4) als des sultans bezablung. 5) gutes, wertvolles. 

6) oder was er zum ersatze geben wolte. 7) kauften sie. 

8) sondern durchweg eine kaufmannswaare durch die andere. 



NIBDEBBHEIN. BBBICHT ÜB. B. OBIENT 47 

liess he wider brechen neder zu eynre zyt. Vort die lüde, die zu 
Akers ind zu Armenien^ wairen gevancgen, die meisten alda buwen 
muren ind drain kalck ind steyne, ind der was me dan sees dusent, 
die alle kirsten wairen, vursten, bern, ritter ind templere, beide van 
mannen ind euch van andern wonderlichen luden, moniche ind paffen 
van manichen landen, die da wairen gevancgen, den diede man guet- 
lichen, ind die giencgen zu samen dess nachtz slaiffen in eynen grois- 
sen hof , da hatten sy alle gemach under sich, mer yrre geyn en konde 
los werden, ind sy hatten groisze partye under yn, wanne sy des 
aventz zu samen qwamen, ind sy wurden gehalden up eyn wider pant,* 
ind sy meisten arbeiden, wie ryche of edell sy wern, as wale as eyn 
arm man, ind man gaf in gelt des maindtz vur yre cost ind cleyder, 
dat sy genoich hatten. Ind wie nyet arbeiden eu moichte, den ver- 
lies man der arbeit, ind mallich gienck essen in syn huys, mer des 
nachtes meisten sy zusamen in der behalt slaiffen, doch wan id son- 
dach of hoigetzyde was , so en daden sy niet^ ind hatten eyne schone 
eygen Mrche, da lach sente Barbara ind hatte yre eygen kirche 
ind priester,^ ind liessen sich da gesunt ind siech berichten ind 
geruen as sy zu lande [weren],* ind ouch gaf der souldain den 
joeden, die da gevancgen wairen, orlof, dat sy behielten eren 
sabbait, ind dede den gevancgenen alze goitlichen, sy wern ge- 
sunt of siech. Vort hatte der souldain eyne schone liberye,^ de 
wairen die bibell ind ewangelia, ind vort alle kirsten boiche beyde 
van geistlichen ind wereltlichem gerichte , ind he dede diese boiche 
van latyne in heydenschaf setzen. Vort so wanne der souldain 
besas eyn slos of eyne burch, so was dat syn sede, dat he alle 
wege tzwene pauweluyne up sloich, den eynen wys, den andern 

1) Diese stelle, welche auch Ludolf von Suchern (vgl. 54, 59, 89) wider 
benuzt hat, ist die einzige, welche über das Schicksal der bei der eroberung Accons 
(18. mal 1291) und auf dem siegreichen feldzuge gegen Klein Armenien gefangenen 
Christen nachricht gibt; aus den so zahlreichen berichten über jene ereignisse 
glaubte man bisher schliesscn zu dürfen, dass, wenigstens bei der einnähme von 
Accon, kein Christ, vor allem kein ritter und kein mönch, am leben gelassen 
wurde. 

2) sie wurden in gefangenschaft behalten (nicht getötet) auf entgelt, d. h. 
in hofnuDg, dass sie würden losgekauft werden. 

3) Die S. Barbarakirche in Oairo wird auch von John von Maundeyille 
erwähnt; vgl. Ludolf 54 und Niccolo da Poggibonsi, libro d'oltramare ed. Alb. 
Bacchi della Lega, Bologna 1881 II, 92, 247 (1345). 

4) L gerwen, = und liessen sich da gesunde und kranke das sacrament 
spenden und das messgewand anlegen, als ob sie in der heimat w&ren. 

5) librairie, bücherei. 



48 BÖHBICHT UND MEISNEB 

gele, ind den gelen nare der burch dan den wyssen; ind wonl- 
den dan die lüde nyet soenen,* so sloich he np eynen roiden pav- 
Inyn, ind dan en woulde he nyet soenen, ind woulde euch da van der 
burch nyet, he en hette synen willen; ind wat slos he wan, dat dede 
he umb eren wille, ^ ind lies allit dat da ynue , dat he da vant. Ind 
der souldain helte gerne vrede mit s^nen näheren, he en wurde dan 
mit noit dartzu gedrongen. Yort cloistern ind geistlichen luden ind 
Sonderlingen up dem berghe zu Syna, den was he alze gut. Vort 
wale VI jair vur syme doide * begonten syne laut intgain yn zu dein,* 
ind was eyne gemeyne gereichte , he were kirsten worden , ind mit den 
landen vielen zu die konincgen van (fol. 48) Gazara ind syn eiste son ind 
vervolchden die kirsten da altze sere,^ wa sy woinden, in dorpern of 
in steden, ind des souldayns son sloich doit eynen kirsten, ind den 
dede he mit gerichte hauwen in tzwey stucke. Yort der koninck van 
Gkizara, die zubrach den kirsten eynen wech, die gienck up den berch 
zu deme cloister, da unse here die virtzich dage vastet ind virtzich 
nacht, ^ ind dede den kirsten alze vill leitz. Ind doe dede der soul- 
dane synen eygenen son mit gerichte hauwen in tzwey stucke , ind 
der koninck van Gazara ind alle syne helper vluen ewech, so dat 
nyeman en wiste war sy bleven. Yort hatte der souldane eynen 
knecht, die hiesch Tenghes,^ ind was eyn Türke, ind was vroim, so 
dat eme der souldain gaf des konincks deich ter van Damasco, ind was 
so ryche^ dat he altzjt reyt mit tzweelf dusent perden^ ind wart so 
böse doe, as he zu.voerens ye guet gewas, ind dede den kirsten me 
leitz dan yn ye was geschiet, ind verboit, dat die kirsten njret en 
soulden ryden dan alleyne up eselen. 

Yort doe man schreyfif na der geburt unss hern druyttzienhon- 
dert ind vier ind virtzich jaire, doe hoef sich up dat urlouge tuschen 
dem konincge van Hispanien ind der konincgynnen van Sycilien,® van 

1) und wolten dann die leute (ihre Streitigkeiten) nicht versöhnend zum 
austrage hringen, dann wolte er den streit nicht beilegen. 

2) um der ehre wiUen. 

3) also 1335 in folge seiner milde gegen die Christen; vgl. oben s. 15 — 16. 

4) ihm entgegen zu handeln = sich gegen ihn aufzulehnen. 

5) Diese nachricht ist wie die folgenden neu. 

6) Quarentana (Euruntul); auch diese nachricht ist neu und von Ludolf 87 
benuzt worden. Eine fast gleichzeitige sorgfältige beschreibung dieses berges ohne 
unsere detaiis gibt Niecola da Poggibonsi I, 323—326. 

7) Tengiz. 

8) Der ganze folgende bericht ist unhistorisch (Neumann 317). Die königin 
Ton Sicilien war natürlich nicht Muselm&nnin , hat also aucji niemals eine walfahrt 
nach Mekka unternommen. Wir wissen von der königin (Sancia) von Sicilien 



NIEDEBRHEIN. BERICHT ÜB. D. ORIENT 49 

Marroch ind deme konincge van Granait, ind doe qwam die selve 
konincgynne vanSycilien zu deme souldain, ind nam rait van eme, ind 
bat yn umb hulpe, ind voir durch Barbarie, ind brachte deme souldane 
so vill rychlichs cleynoitz, dat van Salomonis zyden nye hern so rych 
kleynoit en wart bracht, ind sy brachte eme ouch dry hondert groysze 
ros van Hispanien mit güldenen cleyder overdeckt , ind die konincgynne 
zoich zo Mecha, da Magomet begraven licht, ind bynnen des so ver- 
samelde der souldane all syn laut, ind doe die konincgynne doe wider 
quam, doe giencgen yre intgain man ind wyf, ind der souldane qwam 
de ind wyste sy alle syn schoinste cleynoit, dat he hatte, ind da was 
vil Scheins cleyder ind cleynoitz, ind was grois hof. Ind doe die 
konincgynne doe in qwam, doe sy zu lande woulde, do gaf ere der 
souldan manich sunderlich kleynoit, ind des en woulde sy niet me dan 
ejaien gülden haven, den Eraclius hatte gewonnen van Cosdras, ind 
den haven hatte Magomet gewonnen van Eraclius, doe he den stryt 
verloes, ind nam van eme eyn vyngern ^ ind andere cleynoit, dat die 
konincgynne «van Sabba hatte geoffert in Salomonis tempell zu Jeru- 
salem , dat in der koninck schätze van Egipten was bleven bis up desen 
dach. Vort hatte die konincgynne mit yn bracht me dan hondert apo- 
steten,* die alze gude paffen hatten geweist, der en woulde der soldan 
nyet beeren, ind verwan^ sy mit yrre eygen regulen, die sy gehat 
hatten, mit alze vill boechen, die sy wider den heiigen gelouven hat- 
ten gemacht. Vort wider riet der souldane der konincgynne, dat sy 
geyne urlouge bestände mit deme konincge van Hispanien ind mit den 
kirsten , ind versachte yre syne helpe, ind sachte yr all dinck zu vorens, 
as id ir darna quam. Vort in den zyden was (fol. 49) der koninck 
van Damasco der koninckgynnen vurste rait,* ind hoffde, dat sy yn 

(t 21. Jan. 1344; vgl. bei Marcellino da Civezza III, 325 ihre grabschrift) , dass 
sie den sultan bat, die heil, statten in Jerusalem, welche seit anfang des XIV. Jahr- 
hunderts den Franziskanern zugewiesen worden worden waren (Marcellino III, 298; 
vgl. Tobler, Golgatha 522 — 523), für immer zu überlassen (Marcellino III, 311 — 
314, 325; vgl. die darüber ausführlich orientierende bulle in Eaynaldi Annal. 1342 
§ 23). Vielleicht wird der Verfasser eine darauf bezügliche gesantschaft San- 
sias im sinne gehabt haben. Was hier erzählt wird, bezieht sich vielmehr auf die 
gesantschaft, welche der Merinido Abu 1 Hasan Ali von Marokko im jähre der 
Hedschra 738 (30. juli 1337 — 20. juli 1338) an den sultan mit pforden, wajffen und 
kostbaren Stoffen als gesehen ken schickte. Dieser gesantschaft unter Arif ihn Jahja 
schloss sich auch als Mekkapilgerin eine prinzessin des Abu »Said an (Ihn Khal- 
doun, Hist. des Berberes ed. Mac Guckin de Slane IV, 240; Weil IV, 352; Neu- 
mann 317); über andere gesantschaften , welche in Cairo unter Malik an-Nasir ein- 
trafen, vgl. Weil IV, 352—354; Neumann 317—318. 

1) fingerring. 2) apostaten, abtrünnige. 

3) besiegte sie, überführte sie. 4) vornehmste rat. 

ZKITSCHBIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XIX. 4 



50 BÖHRICHT UND MEISNRB 

soulde nemen ^ zo eyme manne, ind sy lies yn in derae wayne. Ind 
wie groisze ere he yr dede, ind wat he yr gaf, da were lanck ave zu 
sprechen. Ind sy voir mit groiszer eren wider in yre lant. Vort na 
der geburt unss hern druytzienhondert in deme eyne ind virtzich- 
stem jaire up sent Georgio avent zo vesper tzyt,* doe brante eyn 
straisse zo Damascho. Do rief der koninck , dat dat die kirsten hatten 
gedain. Ind doe sloigon die heyden die kirsten all doet, jonck, alt, 
man ind wyf, so dat da vlueu all die kirsten in de berghe, ind all die 
amptlude viencgen die kirsten, ind die hielt man levendich, ind dat 
gemeyne volck sloich die kirsten gemeynlich doit, ind dit werde eynen 
mayndt. Ind dar na up sent Servatius avent zoich der souldain 
Yur Damasco mit all den kirsten, die he haven moichte, ind lies 
doe den koninck van Damasco uys heilen,^ ind dede den bynden up 
eynen esell, ind lies nemen all syne schätze, des alze vill was, so dat 
id geyne zale was, ind dede den koninck sleyffen achter der stat, ind 
dede in doe wider heilen, ind gaf yn doe den kirsten zo Babylonien na 
eren willen, ind den erdrenckde* doe eyn koufman vanNarbona,* ind 
verdreif des konincks doichter , syn wyf ind alle yre gesiechte ind par- 
tye. Ind men vant alze vill brieve by deme koninckge ind synre 
doichter, die wider den souldane wairen, wie dat wyf eme soulde ver- 
geven.^ Ind do sachten die kirsten doe, dat man vyren seulde sent 
Petronillen dach ^ gelych deme paisch dage. 

Vort wonen in der heydenschaf Sonderlinge heyden, die hei- 
schentPagani,® ind die haint geyne ee noch geloyvent, mer wat sy des 
morgens yrst sient, dat bedent sy an all den dach, nochtant dat sy 
nyet da by en sint, ind dise Pagani wonent^ alre yrst by Damasco, 

1) nehmen würde. 

2) 22. aprU. Die arabischen quellen geben als das jähr 9. juli 1339 — 27. juli 
1340 und melden, dass Tcngiz die Christen beschuldigte, dio feuersbrunst veranlasst 
zu haben, um an ihnen grausame erpressungen zu üben (Weil lY, 383). Marcel- 
lino da Civezza 717 erwähnt ohne genaue Jahresangabe aus einer ungedruckten 
Chronik auch diese Verfolgung; vgl. noch Baynaldi Annal. 1351 § 25. 

3) 12. mai. Die Verhaftung erfolgte durch den Emir Tuschtumir (WeillV, 389). 

4) Nach arabischen quellen ward Tengiz in Alexandrien gepeitscht und gefol- 
tert, dann erdrosselt oder vorgiftet am 18. oder 19. juli 1340 (Weil IV, 392). 

5) Über den handel von Narbonne nach Ägypten vgl. Hoyd, Lcvantehandel 
I. 364; II, 432— 433, 461, 484; Les archivos de Torient latin UA, 159. 

6) ihn solto vergiften. 

7) 31. mai. Warum, ist nicht ersichtlich, man könte denken, weil es der 
todostag des Tengiz war, aber dem widersprochen dio obigen daton. 

8) Welche secte hier gemeint sei, bleibt unsicher (vielleicht dio Drusen?); 
John von Maundcvillc nont alle Mongolen, welche dem Chan unterworfen sind, 
pagani. 9) wonton. 



NIEDEBRHEIN. BERICHT ÜB. D. ORIENT 51 

ind wairen alze wyse behende meister in allen wercken; mer sy synt 
nu sere vergangen, want der souldain en woulde nyet, dat emant 
wonende in deme lande , die nyet geloigte * an got, die hemell ind 
erde hatte geschaffen. Vort wonent da andere heyden, die heischent 
Türke, ind die wonent in eyme lande, dat heischt Turkia. Ind dat 
haint sy den kirsten af gewonnen, ind recht * van Damasco bis zo An- 
tiochia ind an Constantinopolen , ind is eyn alze schoin guet lant, van 
vrucht ind van körne, van wasse ind van boum wollen, ind hait vill 
hoger berghe ind ouch vill slechter vellt,* ind hait ouch alze vill 
houltz ind alze guden kouflf; mer da en sint nyet vill groisser stede 
noch dorpern in deme lande, ind haint geynen hern. Mer wie da eyn 
burch hait, wat he da äff gekrygen kan, dat is syn, ind alsus al die 
huys ind kotten,* die vur den bürgen steent, die sint steyne ind sint 
gewolft, so dat sy sonder sparren sint ind kalke, ouch so en sint da 
nyet vill bum ^ in deme lande , mer die cisternen , die sint reynlich, 
ind wilt da yne alze guet^ Vort der Türke spraiche ind yre cleyder 
die sint als der heyden, want sy woinent by den heyden, ind so hal- 
dent sy sich by deme geloyven. Ind want sy ouch wonent by kirsten, 
dat (fol. 50) Greken heischent, so dat eyn Türke wale nympt eyns kir- 
sten wyf, ind eyn wyf eynen kirsten man, ind wanne sy kinder haint, 
so volget der son dem vader in deme gelouven ind die doichter der 
moider. Vort die groiste ind die beste stede, die in Turkyen lygent, 
dat sint Anthiochia, Candelor,' Satalia,^ Sichki,^ Stalbonnire,^^ Alce- 
lot ^* ind Salef ,^^ ind ouch vill groiszer stede ind cloister haint in deme 
lande gelegen, die nu alle vergancgen ind woiste sint. Vort in Anthi- 
ochia wonent Türke, mer die stat is alremeist woeste, ind die Türken 
gevent deme souldane zyns van der stat, want sy sin is, die wan he 
af den kirsten, ind is eyn uysser maissen schoin stat, ind is wyt ind 

1) geloifde. 2) reicht. 3) ebener f eider. 

4) nhd. kothe, kate; nl. kot, engl, cot, kleines ärmliches haus. 

5) brunnen. 

6) und in dem lande gibt es sehr gutes wild. 

7) Candelor, westlich von Tarsus an der küste. 

8) Auch Attalia genant, westlich von Candelor. 

9) Sicki, Siquinum, Sequin, südlich von Laranda , südwestlich von Tarsus an 
der küste. 

10) StaUimuri in nächster nähe, westlich von Sicki, bei Ludolf 35, der hier 
wider copiert, Scalnun (Saltinun, Scabinir) geschrieben. 

11) vgl. unten s. 53. 

12) Seleph, Selefkia, frühere Johanniterburg am gleichnamigen flusso. Das 
datum, wann diese städte ausser Antiochien in die bände der Türken fielen, ist 
genau nicht zu ermitteln. 

4* 



52 KÖHMCHT UND MEISNER 

lanck ind licht under eyme berge, da licht uppe eyne alze schoin 
burch up eyme steyae, die hait der souldain besät mit heyden, ind 
vur der burch lach der souldain zien jair, ind die burch was gewon- 
nen, ind up deme berge is alze vill wyltz, dat pliet da over zo stry- 
chen, ind doe die kirsten waynden in der stat, die plagen dat wilt zu 
wern,^ dat sy id dreven in die stat ind jaden up der straissen. Vort 
durch die stat ind vur der stat vluyst eyn alze grois wasser, ind venckt 
alze vill vische , ind die saltz man, ind voirt die in dat laut mit grois- 
sen houffen, ind da is noch eyn portze, ind die hiescht* portze, ind 
da is eyne alze lancge steyne brucge, ind up der brucgen streyt her- 
tzouch Godart^ manichen stryt, ind by der stat was eyne brucge, as 
vur genant is, ind by der brucgen qwam he in die stat, doe he die 
wan, da he eyn jair vur hatte gelegen, as noch achter in der stat 
gemailt steyt. Ind da vant he dat sper under der erden, dat unsme 
hern durch syne side gienck an deme cruce, dat nu der keyser hait, 
ind dat wysde sent Andreas. Vort hait die stat lencgde wail eyne 
halve myle van sent Peter* bis zu sent Pauwels,^ ind hait altze schone 
breyde Strassen ind ouch vill schoinder kirchen ind cloister. Ind da 
steyt eyn alze schoin grois moynster, ind da is sent Peter patrone, da 
he wart geholt, ind da steyt noch syn stoill , da he wart up gesät, ind 
alze luste schoin pallais ind huys steynt da noch, die woeste sint, da 
vill were ave zo sprechen. Vort boven der stat licht eyn ho berch, 
die hiescht in yrre zunge der zwartze berch,* ind da en weyst geyn 
houltz dan y vem ^ houltz, da man die bogen ave macht, ind dat hoilt 
man verre, ind vort dat in all dat laut. Vort haint die Türken eyn 
ander stat, die hiescht Satalia, ind dat is eyn schoin stat, ind is dry- 
veldich gemuret mit graven, recht as id wern dry stede. Ind in eynre 
stat wonent kirsten, die vyrent sondage, ind in der andere stat wo- 
nent joeden, die virent saterstage, ind in der dirder stat wonent 
Türken, die virent vrydage, ind da is eyn bilde, dat mailde seüt 

1) abzuhalten. 2) heisst. 

3) Gottfried V. Bouillon. Der ganze absclinitt, welcher die eroberung behan- 
delt, ist aus einer der zahlreichen kleineren quellen des ersten kreuzzugs entnom- 
men, aber nicht charakteristisch genug, um diese deutlich widererkennen zu 
lassen. 

4) Die cathedrale von Antiochien, in welcher die fleischteile des körpers 
Friedrich I beigesezt wurden. 

5) Ein sehr oft in den Urkunden des heil, landes erwähntes kloster (vgl. die 
genaueste beschreibung bei Wilbrand v. Oldenburg ed. Laurent 172 -— 173). 

6) In den pilgerschriften und kreuzzugsquellen Montana nigra genant. 

7) mnd. iven holt, eibenholz. 



NIBDEREHEIN. BBKICHT ÜB. D. ORIENT 53 

Lucas na unss vrauwen.^ Ind da by deit unse here alze groisze zei- 
chen in deme lande, ind vur deser stat is nu eyne nuwe stat, da sint 
ynne cloister broider, die doent goitz dienst alze schein. Ind da wa- 
nent alze ryche kirsten kouflude, ind dese stat was des buschofifs van 
Ortosa.* Vort haint die Türken eyne (fol. 51) ander stat, die hiesch 
van alders Ephesus, ind hiescht nu Alcelot,* dese stat hait gelegen 
tuschen tzwen berghen. Ind vur der stat koempt eyn wasser recht uss 
der stat, ind Sonderlingen springt id uysser der erden, ind dat wasser* 
is so grois, dat id wale dryfft eyne molen, ind hait vill guder vische, 
ind boven der stat up eyme berghe is nu begryffen eyne nuwe stat ind 
eyne groisse kirche, ind die is gedeckt mit blye.^ Ind in der kirchen 
in deme chore by deme groissen altair is eyn graf in eynre Steinrut- 
schen, da gienck yn sent Johan ewangelista, und in qwam niet wider 
uyss.^ Ind in deser stat was sent Johan buschoff, ind deyde vill zei- 
chen, ind dese kirche is nu der Türke koufhuys.''^ Ind wie dat graf 
wilt sien, die giflft eynen Venedier,^ ind da is nu die meiste koufman- 
schaf van allen landen, ind alles dinges is da vill, ind men verkoufft 
dat allit in der kirchen. Ind in der zyt, doe der koninck van Enge- 
laut ind van Franckrych hegenden orlougen,^ doe levede die kirsten 
edel vrauwe, der die stat mit yrme manne hatte geweyst, ind hielt 
da herberge, ind hatte veyle wyn, den sy den kirsten verkouchten. 

1) Diese notiz erweitert Ludolf 35 durch die angäbe, dass ausserdem noch 
in Born und Constantiijopol ganz gleiche von Lucas gemalte bilder gezeigt wurden. 
Über die sage von bildem desselben vgl. besonders die ausführlichen nachweise in 
Manni, Del vero pittoreLuca, Florent. 1764; Schlichter, Ecloga histor., qua fabula 
de Luca pictore exploditur, Halis 1734. 

2) Tortosa (Aradus) an der syrischen küste. Diese angäbe ist neu und 
interessant. 

3) Der name ist aus Altoluogo entstanden (so nämlich hiess das mittelalter- 
liche Ephesus) und zwar in folge einer Volksetymologie , welche die früher gebräuch- 
liche bezeichnuug von Ephesus: ayiog d^eoXoyog (nämlich S. Johannes), da ayiog 
häufig in aX abgekürzt wurde, leicht in alto-luogo umbildete (Heyd I, 590 — 591). 

4) Es ist der Mäander gemeint. 

5) Die Türken erbauten neben dem alten verlassenen Ephesus mehr landein- 
wärts eine neue stadt; die S. Johanneskirche lag auf dem burgberge innerhalb der 
Stadt (Heyd 1. c). 

6) Über die sage, dass Johannes im grabe noch lebe, vgl. die nachweise bei 
Winer, ßealwörterbuch s. v. 

7) Nach Wilhelm von Boldensele (Zeitschr. des bist. Vereins für Niedersach- 
sen 1852, 240) war die kirche damals in eine moschee umgewandelt worden. 

8) eine zechine. 

9) 1339. 



54 RÖHBICHT UND MEISMEB 

Ind der Türke, der sy wan, der hiesch Zabalyn/ da singent sy noch 
af iu Turkyen. Vort van deser stat by deme mer da is nu eyne nuwe 
stat begryffen, die heischt ouch Alcelot, die is der Türke, mer da 
wonent alre meist ryche kouflude, die kirsten sint, ind da sint vill 
kirchen ind cloister, ind zu der stat koment alle lüde van allen landen, 
ind da is koufmanschaf veyle, dat van Tartaryen ind van andern lan- 
den koempt. Vort niet verre van der stat is eyn grois wasser, as 
der Eyn, ind dat koempt van Tartarien ind vluyst durch Turkien, ind 
dar up koempt syde ind syden gewant, cruyt, wais* ind manicherhande 
ander ryche koufmanschaf. Vort doe Zalabyn ^ doit was, ind syne Mn- 
der zu eren jairen qwaraen, doe verhielten* die morder, dieve, boyse 
lüde, die verdreven wairen, ind voiren mit den Türken in ander lant 
roufen.^ Ind dar qwamen do zo hirden, ind ander gebure, ind kirsten 
van den dorpern, ind die wairen vill boyser, ind die roufden in morden 
allit, dat sy wysten, ipd do vur der sterveden qwamen dartzo ver- 
lovenn moniche, ind die wairen noch arger dan alle die andern. Ind 
doe die sterve da begunte,* doe royfden die alle kirchen, ind Hessen 
nyet achten,' id were cloister of altare, ind voeren zo Constantinopo- 
len, ind beroufden dair sente Sophien tempell, ind alle heiltum wur- 
pen sy ewech, ind namen all dat cleynoit, dat sy vonden, ind got 
dede da groysse zeichen by, want war des cleynoits qwam, da bestoint 
den luden dat bloit gainc, ind dat werde,® ind wart so grois geruchte 
af , dat sy heyden Türken noch kirsten in yre sloss Hessen komen. Ind 



1) Als eroberer von Ephesus (1308) wird Saisan genant (Zinkeisen, Gesch. 
des Osman. Reichs I, 91; von Hammer, Gesch. des Osman. Reichs I, 81; Muralt, 
Essai de chronol. byzant. II, 499; Leboau, Hist. du bas empire ed. Brosset XIX, 
163 — 164), und dieChron.de Ramon Muntaner (Buchon, Chron. etrang. 466) erzählt, 
dass die Türken bei ihrer eroberung die reliquien von S. Johannes den Genuesen 
„ä Phoc^e en gage pour avoir du ble" schickten. Der hier genante Zabalyn ist 
offenbar identisch mit dem türkischen heerführer Zalabi, Jaalabi, welcher in den 
jähren 1313, 1314 und 1340 durch seine corsarenflotte besonders den Genuesen viel 
schaden zufügte, aber dass er auch Ephesus erobert habe, sagt keine quelle. (Heyd 
I, 601—602). 2) wachs. 

3) Zabalin. 4) hielten diese zurück, behielten diese bei sich. 

5) rauben. 

6) Der schwarze tod trat im griechischen reiche im frühjahr 1347 auf (Le- 
beau, Hist. du bas -empire ed. Brosset XX, 234 — 235); in demselben jähre eroberte 
Caiitacuzenus durch Überrumpelung Oonstantinopel , doch fehlen in den besten 
quellen die hier gegebeneu details (Lebeau 1. c. 214 — 215; vgl. Raynaldi Annal. 
1347 § 27). 

7) achter? Hessen nichts zurück, nichts verschont V 

8) blot ga(i)nc; da überfiel die leute die rote rühr (lienteria, dysenteria), 
und das währte (dauerte an). 



NIEDERBHEIN. BERICHT ÜB. D. ORIENT 55 

do voeren sy in Cecilien, in die beste stat, ind hiesch Messina,* ind 
dar en was dat geruchte noch nyet komen, in die suchte bestont in 
allen landen, ind die lüde sturven dar af, ind wurden ouch rasende. 
Mer doe dat geruchte van in qwam, doe wui-pen die lüde all schone 
cleynoit van (fol. 52) goulde ind van silver ind van syden gewande 
ind van edelen steynen up die straisse, ind dat wart zotreden mit kar- 
ren ind mit perden, nyeman en dorste noch en woulde des eyt^ 
neman, mer zo deme lesten reden ^ de wysten van deme lande, dat 
man dat heiltum ind cleynoid wider sante, da id genomen was, ind 
wat der rasender lüde noch levede, die sloigen sy doit, ind verbran- 
ten die schif, ind doe wurpen sich die hern ind die groisze stede 
zu samen, ind der pais preytgede dat cruce wider sy,* ind wunnen 
den Türken des lantz wider af.^ 

Vort sint da ander heyden, ind die heischent in Latyne Tartari, 
ind in duytsche heischent sy Tatteren, die qwamen up na der gehurt 
uns hern tweylfhondert ind eychte ind seyszich ^ jair , dat wairen ouch 
dolle lüde, ind koeren eynen smit ' zu eyme hern, die hatte eynen 
broider, die hiesch Halaom, ind wairen yrme hern altze groisze under- 
dain, wen hie hiesch deden syne eygen kinder, of wat he doin hiesch, 
dat daden sy ain widerspraiche , ind zoich mit yn mit der macht, ind 
wan ® ind bedwanck alle die werelt in Orienten bis up die Donauwe in 
Östrych, do reden mit die templere ind die konincge van Armeynien 
ind ander kirsten, die geloyfden sich zosamen intgain die heyden. 
Vort dese Tatteren wairen alle dolle lüde, ind woynden in den woyste- 
nyen, ind sint altze wanschaffen ,^ sy hainde^® breyde schuldern, breyde 
antzlitze ind cleyne ougen, ind wan sy lachent, so en syt men in der 
engen nyet, ind dye man haint altze wenich haire an deme barde, ind 

1) Die pest verbreitete sich dort seit anfang october 1347 (Häser, Lehrb. 
der Gesch. der Medicin 1882, III, 177 fgg.; herr oberstudienrat prof. dr. Heyd 
machte uns auf diese wichtige steUe aufmerksam) , uud zwar durch ein schleppung; 
zwölf genuesische schiffe, welche aus dem von den Mongolen belagerten Eaffa 
flohen , brachten sie mit. Sonst spricht von der pest in Messina nur noch Henric. 
de Hervordia ed. Potthast 269 , 273. 

2) mhd. iht, etwas. 3) rieten. 

4) vgl. Raynaldi Annal. 1343 § 1 — 11; 1344 § 1 — 2. 

5) Es 'kann nur die glänzende eroberung von Smyrna gemeint sein (28. octbr. 
1344; vgl. Raynaldi Annales 1344 §3—7; Hoyd I, 589). Der Verfasser hat also die 
erwähnten ereignisse chronologisch falsch combiniert. 

6) Offenbar ist zu verbessern 1258. 

7) Diese notiz findet sich nur bei Rubruik 261, dessen benutzung durch 
unseren autor sonst sich nicht nachweisen lässt. 

8) gewann, eroberte. 9) hässlich, vgl. oben 35, 6. 
10) haint, haben. 



56 BÖHRICHT UND MEISNEB 

en haint geyne ee, mer sy bedent an den undoitlichen got. Ind all 
die manicherhande kirsten, die vur steynt, die wonent in yrme lande, 
ind wie van Tatteren wilt kirsten werden, die mach dat doiu offenbair, 
ind da sint nu altze vill kirchen ind cloister in deme lande, broider 
ind paffen, die brengent dar die rjche kouflude, darna dat sy mallich 
lief hait, ind da is nu eyn gemeyne sede in allen steden ind dorpern 
das landtz, dat alle kirsten, heyden ind joeden koment zusamen in eyne 
Stadt mit yrme buschove ind prestern, ind die buschove ind priester 
steynt up eyme hoen stoile ind prietgent van deme untdoitlichem goide 
ind van deme kirsten gelouven , wie sy beste können. Ind wanne eyna 
partye der priester geprietget hait, so stiget dan die ander up den 
stoill ind widerprietget dat. Ind da sitzent dan die Tatteren , man 
ind wyf, jonok ind alt, ind hoerent dat, ind die joden plient zom ersten 
zo preytgen, ind die wurden af gelacht. Vort die vier orden, as priet- 
ger, mynre broider,^ Augustine ind Carmelyter, die geldent* kinder 
umb yre gelt, die da all zungen sagen können. Ind die kouflude gevent 
in euch reysige kinder, up dat sy alle spräche leren. Vort die Tatte- 
ren haint euch kleyder as die lüde van Armenien, mer sy haint up 
den heufden eynen kürten nedern hoet van viltze, da steyt vur uppe 
eyne veder van eynre alsteren, die sint da alze wert, die brengent da 
die kouflude van verren lande, ind wie der vedern nyet kan haven, 
die nympt eyne ander veder van eyme andern vougell, ind mois ummer 
eyne veder up syme heufde hain, want yr yrste here verlois eynen 
stryt, ind vlo do in eynen busch, da sayssen alsteren up den boumen, 
(fol. 53) ind doe eme die vyande na volgeden bis an den busch, doe 
spraichen sy zu samen , were dis mynsche eyn recht mynsche ind were 
in deme husche, so seulden in ummer die alsteren melden, ind sagen 
synre nirgen herumb, so satten die hern van den Tatteren, dat eyn 
yecklich Tatter eyne veder van eynre alsteren of van eyme andern 
vögele van gehoirsamheit seulde dragen, ind sint noch gehoirsam yrera 
hern van deme geboide. Ind war sy tzient, da nemen sy mit yn 
wes yn noit is, da sy sich van generent. Ind war sy sint of lygen 
vur slosse, dar lygent sy als lancge, bis sy dat gewynnent, ind die 
wyf schiesschent als sere as die man. Vort wan sy yre doichter wil- 
lent beraden/ die reut up den mart * vur die lüde mit eynen boichen,^ 
ind schiesschent, ind wie dan alre beste schuyst, die koempt alre jrrst 
zo manne. Mer wa die Tatteren sint uyss yrem lande by konincgen 
ind hern, da sint sy verdries,^ ind yn en genoicht nyet. Ind in den 

1) Minoriten. 2) kaufen. 3) -verheiraton. 4) markt. 

5) bogen. 6) verdriessig. 



NIBDERBHEIN. BERICHT ÜB. D. ORIENT 57 

landen verkeuft man mit papyirstücken,^ as in vurgenanten landen, 
wie da van gesacht is , ind machent all dat goult ind silver zo vassen 
ind zo cleynoide, ind in deme lande is gut vrede. Ind in deme lande 
sint ouch vill rycher koufmanschaf, ind wilch koufman eyns in dat 
lant komen mach , die hieft all syne dage davan genoich. Ind die lüde, 
die dar willent, die moissen zemale verre umb zien, want der souldan 
en liest sy nyet die riechde* durch syn lant zien, want die heyden uys 
syme lande, die vairent selver dar. Ind alle dinck sint da ryche ind 
guet ind gutz koufs. Vort wan die Tartaren mit der macht uys treckent 
zo velde, so en koment sy niet wider, sy en haven yren willen of sy 
en syn doit geslagen. Ind haint cleyne pert, ind wanne sy ouch vliont, 
so doent sy groiszen schaden in der vlucht mit schiessen, ind dat kun- 
nen sy zomale wale, ind rydent gerne mit cleyme sterop ind die 
kurt.^ Vort wie da eyn here is over die Tartaren, die hiescht da yme 
lande der keyser van Kathagien,* ind syn recht name is der groisse 
hunt.^ Ind den namen hait he, wanne he keyser wirt, want he sich 
mit allen hern in Orienten hait umb gebyssen.^ Ind nu is eyn ver- 
bunt tuschen dem keyser ind priester Johan, so dat des eyns yrste 
son nympt da des andern doichter, want doe die Tartaren yrst uys 
brachen, do wunnen sy in af alze vill landtz ind sloigen synen sun 
doit in eyme stryde. Nu haint sy dese vruntschaf gemacht under sich, 
ind dat qwam zo van den heiligen dryn konincgen, ind da were lanck 
ave zo spi'echen. Mer nu is der keyser van Kathagien der rychste 
ind weldichste, der nu in der werelt is. Ind der souldane ind alle hern 
over mer en sint nyet so ryche as he alleyne ys, want he is here 
over alle die lant, da Assverus koninck was, ind is ouch here over 
alle die lant, die Darius ind Balchasar hatten. Vort hait he dat 
koninckrych ind die stat van Nyneve ind Mesopotanien. Ind da vluyst 
umb eyn vlos uys deme paradyse , dat heischt Tigris. Vort die groisze 
stat van Nyneve, die is alze sere vergancgen, ind hait mit eynre syden 
gelegen wider eynen bergh, ind mit der andere syden lanxt eyn grois 
wasser, ind dat koempt ouch uys deme paradise, dat heischt (fol. 54) 
Eufrates, mer alle die huys van der stat en haint nyet by eyn gele- 
gen, ind haint alle tuschen deme berge ind wasser lanx gelegen as eyn 
straisse. Ind haint ouch verre van eyn gelegen , also dat dar vill wyn- 

1) Vgl. oben s. 10. 2) directe, gerades weges. 

3) sterep? = stegercp? und reiten gern mit kleinen stoigebügeln , und 
diese kurz. 4) Kithai. 

5) Genau so, nur ohne die hier folgende begrtindung, etymologisiert John 
von Maundevüle. — [Uchan, d. i. Grosschan; ital. can(e) grande]. 

6) herumgebissen. 



58 BÖHBICHT UND MEISNER 

gartz ind ander buwe land tuschen hait gelegen, ind dan ever^ huys 
zo samen gelegen mit groiszen heufen, ind nyeman en konde dartzo 
komen by beyden syden van deme berghe ind wasser, ind hatte zo 
voerentz schone muren gehat, turre ind ouch schoine portzen, ind 
haint ouch da vill schoinre kirchen ind kirstencloister gehat, ind die 
Tatteren wonen^ die stat zu leste, ind Halaon, des keysers broider, 
bleyf da doit.* Vort hatte der keyser alle die stede van India, die 
der Römer wairen, ind hatte vill schoinre laut, de AUexander hatte, 
ind hatte ouch under die berghe, da AUexander die joden ynne besloes, 
ind die hoet mau sere, dat sy nyet uys en brechen.* Vort so hatte 
der keyser alle die laut, die Nabugodonosor hatte, ind vort hait he 
dry andere stede, dat men meynt, dat die dry besser sint, dan alle 
des souldayns laut, ind die sint alsus genant Baldach, Tauris^ ind 
Cambeloch. Vort die stat Baldach was der beyden calefeu, ind dat 
was yre pais,^ ind wie na Magomete wirt geboeren, den heischent die 
heyden calefa, recht as die kirsten den pais, die sint na sent Peter. 
Vort in den zyden, doe die Tatteren alsus alle lant wonnen mit der 
macht, doe was eyn koninck zu Armenien, die hiesch Aita,'' die reyt 
mit willen umb gnade an den keyser, ind die templere rieden mit. Ind 
do vreude sich der keyser alze sere, dat van so verren lande kirsten 
konincge zo eme reden umb gnade, ind he entfienck die altze schone, 
ind bleuven by eme twey jair, ind doe sy heyra woulden, so lies sy 
der keyser kiesen, wat sy bidden weulden, dat soulde geschien. Doe 
baden sy yn, dat he mit syme volke kirsten wurde, ind dat id eyne 
ewige vruntschaf were tuschen den kirsten ind Tatteren, ind dat he 
Baldach wunne, ind dat he wider wunne Jherusalem ind dat heilige 
lant, ind dat he dat den kirsten geve, ind alle dese dinck dede der 
keyser alze zohantz , ind gaf in brieve , wie sy die hain woulden , ind 
beval syme broider Balaon, dat he mit yn rede ind wunne dat heilige 
lant. Doe die qwamen zu Nyneve doe starf he.® Vort bevall he zien 

1) ever, auer, aber = wider. 2) gewaDnen, oroborten. 

3) Aus Haython 188. 

4) Haython 143; dieselbe erzählung findet sich in der Alexandersage und oft 
(Zarncke, De epistola, quae sub nomine presb. Johannis fertur 1875, 36; Eubruik 
266, 268—269, 381, 382; John von Maundeville; vgl. Zacher, Pseudocallisthenes 
1867, 165 — 166, 172). 

5) Täbris und Peking. 6) pabst. 

7) Haython, Hethum (vgl. Haython 177; Zarncke, Der Priester Johannes, 
Leipzig 1876, 75 — 78). 

8) Der folgende abschnitt über die erobernng Bagdads und den Untergang des 
Chalifen ist aus Haython entlehnt (181 — 182); dieselbe quelle hat auch John von 
Maundeville benuzt. Unseren bericht haben dann wider Ludolf 57 — 58 und Joh. 
V. Hildesheim 31 ausgeschrieben. 



NIEDERBHEIN. BERICHT ÜB. D. ORIENT 59 

heufluden, der hatte yecklich under eme dryssich dusent Tatteren, die 
zoichen vur Baldach , ind sturmeden dat drissich dage ^ ind nacht son- 
der underlais, ind wunnen die stat, ind sloigen all dat doit, dat da was, 
ind viengen den calefen levendich, ind brachten den vur den kejser 
ind vur den templere. Ind all syne schätz, des was so vill ind so 
grois, dat da geyn rainsche was, die so vill grois hatte gesion. Ind 
der keyser ind die templere verwonderden sich van deme schätz, ind 
vrachden den calephen, warumb dat he nyet as vill lüde en hette 
besoult mit deme schätze, dat he die stat hette gewert; doe sprach der 
calephe, dat hette eme gedain böse rait, want sy hatten eme gesacht, 
die wyf soulden wale die stat behalden vur den Tatteren; doe satten 
sy den calefen wider in syne kamer, ind wurpen golt ind steyne, ind 
sprachen eme: alsulchen man, die Magometz ee lerede, ind der heyden 
got were , die en solde niet essen , dann goult ind steyne. Ind also 
levede he bis an den druytzienden dach , ind namen so vil groisz schätz 
ind cleinoitz in der stadt, dat noch all dat laut rych da van is. (fol. 55) 
Ind en is nyet vele vas van goulde noch van silver in deme lande, 
id en sy geweist zu Baldach. Ind darna en wart den heyden geyn 
calephe wider bis an desen dach. 

Vort by deser stat Baldach eyne halve mile wegs, da lycht 
groisze Babilonia, so na, dat man wale bescheidet die stucke van 
deme turne ind van den palasen. Ind wie grois ind schone die stat 
is geweist, dar vindt man alze vill ave geschreven. Mer da en is 
neman in deme lande, die da geweist have, want da is altze unreyns 
broichs ^ tuschen , want Babilonien hait gelegen up eyme groiszen was- 
ser des paradys, ind dat heischt Eufrates. Ind dat weyst eyns in deme 
jair so grois, dat all dat lant verre daromb is gestreuwet,^ ind doe 
man die stat wan, do groven die vyant so vil graven wale eyne mile 
all umb die stat, ind Hessen datwasser durch die graven, dat sy dar- 
over woyden.* Ind dat wasser wirt zomale unreyne, wanne id in die 
graven koempt. Ind in den broichen sint vill quoider^ wurme, dat 
nyeman da en kan af komen, ind nyeman en deit dar eynche macht 
an; ind wan dat wasser grois wirt, so koment vill rycher koufman- 
schaf, darzo schiffe uys India, ind wairen so na by der stat hyn, dat 
sy die muren van den palasen wal sient. Ind nu is. Babilonia over 
gelacht,^ ind heischt Baldach, ind is nu der bester stede eyne in der 
werelt. Ind we grois, schoin ind rych sy is, da were vill ave zo 
sprechen. Vort so hait der keyser eyne stat, di is vill rj^cher ind 

1) Ludolf (ed. Neumann 371): 40 tage. 2) bruchland. 

3) bedeckt. 4) wateten. 5) quader, böser schlangen. 

6) über den fluss und die sümpfe hinüber gelegt. 



60 RÖHRICHT UND MEISNER 

schoinre, die hiescht Cambelech; wie manich dusent brucgen da 
over geent, ind wie vill rycher ind starker die is, da were vil ove zo 
sprechen. Vort so hait der kejser eyne stat, die hiesch in der schryf 
Sufis,^ ind heischt dan nu Tauris, ind in der stat woinde koninck 
Assverus, ind da was der hof, ind da geschach dat wonder, da man 
ave leist. Ind in der stad is der dürre boum,^ da man van spricht, 
da der keyser syüen schilt sali an hancgen, ind man sait, dat die boum 
have alda gestanden van Abrahams getzyden, ind nyeman en weis, 
wat bomns dat id sy, mer he steyt ind blyft allit in eynre maissen, 
ind en vergeit noch in vervuylt nyet, ind van alders is des lantz vill 
da mit gewonnen ind verloiren , want id van alders eyn sede is geweist, 
ind haldent dat noch vaste, wanne eyne here of eyn koninck is geweist 
so starck, dat he wider den hern des lantz ind der stat synen schilt 
an den boum hieng , den haldent sy vur eynen groiszen hern , mer was 
eyn here wael in der stat mit gewalt, ind en konde he synen schilt 
nyet gehancgen an den boum, so en hielten sy yn niet vur eynen hern. 
Ind den boum haint sy nu alze starck ind vaste umb gemacht ind 
behoit alze sere. Ind wie vil stryde van hern ind konincgen umb 
desen boum is geschiet, da were vil ave zo sprechen, ind is vill ave 
beschreven. Vort so iss dis keysers hof vill rycher , den Assverus hoff 
was, ind hait des jairs eyns da eynen hof umb die tzyt, as he geboi- 
ren wart. Ind wanne he yrgent ryden wilt, so treckt syn volk zo 
allen syden me dan sees milen breyt, so dat all stede ind dorpem 
darumb voll lygent, ind en können nyet zo samen komen noch geryden. 
Mer die wysten ind oversten, die rydent by deme keyser, ind war he 
rydt durch stede of dorp, da geliest ^ id as yd birne, van rouche, die 
da koempt van gudem krude, so dat die rouch up sleit as eyn nevell 
(fol. 56) van deme krude. Vort so rydt die keyser up eynre rossbai- 
ren tuschen tzwen helpendieren , da sitz by yem syn eiste son, syne 
valken ind syne lieveste hunde, ind wie schein dierosbaire is, da were 
vill ave zo sprechen. 

Vort na der gehurt unss hern druytzienhondert jair ind virtzich,* 
doe liefde der virde keyser, die in Tartarien geweyst hatte ,^ ind was 

1) Susa, 

2) Vgl. über diesen besonders auch Rubruik 386; Louis de Backer zu Hay- 
thon 364—367; Röhricht, Beitr. I, 111; v. Zezschwitz, Der Kaisertraum d. Mittel- 
alters 164 — 165. Nach den meisten pilgerberichten, auch noch nach Schiltberger 
(ed. Neumann 113 — 114) ist er bei Hebron zu suchen. Grimm, mythol.* 2, 800. 

3) sieht es aus als ob es brenne. Vgl. s. 44. 

4) Joh. V. Hildosheim 31, der hier wieder eopiert, schreibt 1341. 

5) Gemeint ist Hasan ihn Timurtasch der Kleine, gründer der dynastie der 
Tschobaniden; vgl. darüber besonders Neumann 318. 



NIEDEBBHEIN. BERICHT ÜB. D. ORIENT 61 

eynkurt dicke man, ind eyn vroim, ind was wyss, oitmodich* ind got- 
voirtich, die quam do zo der stat Tham'is, da koninck Assverus woende. 
Ind so is da eyn sede in deme lande, so wanne dar eyn keyser koempt, 
id sy in stat of in dorpern, so geent eme intghain alle man ind wyf, 
jonck ind alt, mit pyffen ind bongen ^ dantzende, umb det sy den key- 
ser vrolichen enfiencgen, ind ouch mallich mit synre gaven, ind eyn 
yecklich na synre macht, darna hat he ryehe is. Ind doe die keyser 
also zo Thauris qwam, doe giencgen eme ouch intgain die mynrebroi- 
der mit yrme cruce, ind mallich gaf eme eynen appell, ind spraichen, 
sy en moesten goult noch silver van rechte haven. Ind doe der key- 
ser wart bereycht, wat lüde die lüde wern, doe lies he die rosbare 
stain ind bat die broider, dat sy zo eme qwemen, ind he dede synen 
hot nit gane sy af,^ ind nam die eppele mit groiszer oitmodicheit,* ind 
as da van, ind gaf ere syme soene ind allen hern, ind bat die broider, 
dat sy soulden komen zo syme hove, ind he lies machen eyn tafeil 
intgain die syne, ind zo synre tafelen clam man up dry grede, ind an 
deme oversten grade sas der keyser, keyserynne, ind syn eiste son. 
Vort an deme andern grade sayssen koninck ind konincgynne. Ind in 
dem dirden grade saissen hertzougen ind vursten ind all sulche edel 
vrauwen. Ind wie schein ryche dat pallais was van goulde ind van 
gesteyntze, dat en kan geyn man begryfiFen. Vort under deme essen 
wairen keugeler^ ind meister van manicherhande kunsten mit manicher- 
hande dieren ind mit voigeleu, die [sy] dartzo gemacht wairen, dat sy 
dat volk vrolich soulden machen. Ind doe man gessen hatte , doe spra- 
chen die broider gratias, ind doe der keyser wart bericht wat sy 
spraichen, doe wart eme altze lieve, ind lies die broider by sich sitzen, 
ind leis eme benedicite ind gratias vur sprechen an sinre zungen, ind 
dede dat zohantz schryven, ind wair he qwam, da heilt he benedicite 
ind gratias, ind alle lüde mit eme bis an desen dach.^ Vort war der 
keyser koempt, dar moys man eme under deme essen lesen alle die 
stucke ind wonder, die got hait gedain in deme lande, da Nabugodo- 
nosor ind Asswerus, Arfaxat' ind Balthasar, ind AUexander hern ge- 
weyst haint, da he nu alleyne here over is, ind danckde oitmoidichen 
goide, dat he eme die hirschaf mit gnaden gegeven hau' 

1) demütig. 2) trommeln, pauken. 

3) tat seinen hut nicht gegen sie ab. 4) dcmut. 5) gaukler. 

6) Der ganze bericht spricht dafür, dass der Verfasser augenzeuge gewesen 
sein muss ; bei den zahlreichen beweisen einer gewissen anhänglichkeit an christliche 
sitte und lehre, welche bei mongolischen chanen historisch nachweishar sind, ist 
unsere erzählung nicht als übertrieben anzusehen. 

7) vgl. Judith 1, Ifgg. 



62 RÖHBICHT UND MEISNER 

Vort SO halt der keyser me velkener dan der sooldain, ind in 
syme lande levent ^ die hunde latz,' des sy anderswa niet en doent 
Ind wa he hien zuyt, dae jaget men vur eme ind beyst, so dat neman 
en kan gesien of gehoeren vur den hunden. Yort halt der keyser alze 
vil sunderlinge lant, dat allet sint bevlossen^ wart, ind euch sunder- 
linge lüde ynne wonent. Vort is da eyn soudüriich wert, da en wo- 
nent nyeman dan joncge jonfrauwen, ind die haint eyne konincgynne, 
ind in dat en qwam nieinan , (fol. 57) mer sy senden yren vronden 
boiden, ind zo deme koment sy wale ^nr dat lant, mer sy rydent uys 
deme lande mit gewapenden ind mit groissen schairen , ind sy sint altze 
ryche ind starck, ind schiessent wale mit boichen/ ind wanne die 
koninckginne wilt, da rydt sy altze stoultz mit. Ind war yre eyniche 
by konincge of by hern blyft, da en mach sy nyeman van eynchen 
dingen an sprechen, mer kuyst yrre eyne eynen vrunt, den haint alle 
die andern lief, mer wan sy mit kinde werdent gain, so verliesent sy 
yrre sterckden eyn grois deill. Ind sint bruyne jonfrauwen, ind haint 
lanck bruyn hair, ind haint up deme heufde sleychten böigen van goulde,^ 
ind sint alze gesellich ind vrunthoult,^ ind sint grof van leden,^ ind 
wa sy sint, da wirt in veil gegeven, mer sy en heischent nyet, want 
sy selver genoich haint Ind yre cleider, cleynoit, boiche, pyle,® die* 
zomale scheine ind kostlich, ind vairen uysme lande ind wider yn , wan 
sy willent. Ind wanne er eynre wirt eyn doichter, die behaJdent sy 
in deme lande by yn, ind ist eyn son, den laissen sy beiden uysse/® 
bis he zo synen mundigen dagen koempt Yort by deme lande wonent 
wyf, die rydent euch mit den jonfrauwen mit wapenen, ind die man 
blyvent da heyme, ind spinnent ind hoident die kinder. Yort by deme 
lande intgain dat oesten is eyn ander lant, da vryent de jonfrauwen 
ind die vrauwen die knechte ind die man , as hie die knechte de maide. 
Yort hait die keyser eyn ander lant, da wonent alze cleyue lüde van 
oesten ind van Orienten, die klagent, dat sy groisze noit haint van den 
krauen, wan sy over strygent.^^ Vort hait die keyser eyn ander lant, 
die lüde haint eynen afgot, den malent sy noch groiszer in deme 
lande of wae sy wonent, den man hie sent Gristofels maylt, ind den 
afgot haint sy in altze groiszer eren, so dat sy sich selver doident umb 
synen willen. Ind wan sich eyn mait wilt doiden, die henckt eyn 

1) gevent? 2) geben die hunde laut. 

3) umflossen, überschwcmt. 4) bogen. 5) einfache goldreifo. 

6) gefälUg, dienstfertig. 7) gross von gliedern. 

8) bogen, pfoile. 9) 1. die sint. 10) hüten, auswärts erziehen. 

11) über die Pygmäen s. Berger de Xivrey, traditions teratologiques. Paris 
1836, s. 101 — 108. 



NIEDEBBHEIN. BEBICHT ÜB. D. OBIENT 63 

scharp metz^ an den haltz, da gient dan alle jonfrauwen vur ir, as 
he vur eynre bruyt, ind dat dry dage over alle die stat mit all deme 
speie, dat man vinden kan; so geit sy dan in deme tempell vur den 
groiszen afgot, ind snyt yr selver den hals af, da gebaicht^ sich danne 
all yre gesiechte. Ind wie ouch desen afgot wilt eren mit syme goide, 
die offert ind brengt eme dat beste ind schoinste cleynoit, dat he heit, 
ind die lüde van deme lande sprechent, dat in deme tempell hancge 
me cleynoitz van gouldo ind van steynen , dan in eynchme lande moige 
syn. Vort bait der keyser eyn ander laut, ind die lüde, die da wonent, 
die en essent nyet dan mynschen vleisch , ind die lüde varent in deme 
lande, ind gelden^ all lüde, knechte ind mayde, die nyet en doegen, 
ind mestent die, ind villent* die als swyn, ind verkouffen sy ouch up 
den märten up den bencken.^ Vort hait der keyser eyn ander laut, 
dat heischt da datparadys, ind die lüde sprechent da, dat nyest deme 
paradyse in der werelt geyn lustiger laut en sy. Ind wie dar gehoir- 
sam is syme oversten, der mach dar in komen, ind wie des ver- 
dient, dat he dar in koempt of in dat laut, des vreuwet sich all 
syne gesleechte, ind darumb is da alremallich deme keyser gehoir- 
sam ind getruwe boven allen andern. Vort hait der keyser eyn 
ander laut, die haint sulchen gelouven, wanne dat eyn minsche 
stirft, dat syne sele dan vare in eyn wilde diere, ind is id eyn 
guet minsche geweist in syme leven , so vert syne sele (fol. 58) in eyn 
edel diere, ind is he böse geweist, so vert sy in eynen wolf of in 
eynen vois of in eyn ander unedel dyere, ind des wiltz is da so vill 
ind sint also zam, dat sy geent den luden in yre huys, ind die lüde 
doent in alze guetlichen, want sy haldent dat also, dat yren aldern 
seien sollen syn in den dieren, ind nyeman en dar sy vancgen, darumb 
strygent^ all die dere zam ind wilde zo deme lande. Vort die keyser 
hait eyn ander laut, ind die lüde, die da wanent, die haint claen up 
yren vyngern, scharper ind groiszer dan eyn aere, dat sy da mede 
wilt vancgen, ind werent sich intgain die groisze diere, ind sint altze 
snell, also dat sy die diere af loufent, ind die lüde essent roe vleisch. 
Vort hait die keyser eyn ander laut, dat is bevlossen,'' ind die lüde, 
die da wonent, die swymment under deme wasser, ind vancgen vische 
ind essent die roe, as eyn otter. Vort hait der keyser eyn laut, ind 
dat is nu kirsten worden, dahaint sy dat vur eynen seden, so wannee 
eyn wyff kint hait, so en liet sy nyet dan dry wechen in deme bette, 

1) messer. 2) da rühmt sich dann. 3) kaufen. 4) schinden. 

5) auf den markten , auf den fleischbänken. 

6) streichen, ziehen. 7) überschwemt. 



64 RÖHRICHT UND MEISNER 

ind die man die andere dry, ind wie hie ir vur deit, so doit sy eme 
na. Vort alle dese wonderlinge seltzen lüde sint da altzyt in der 
konincge ind in der hern hove; die dar koment ind gesant werdent, 
die dunckent, dat wir tzienvalt seltzenre sin, dan sy uns ummer dunc- 
kent. Vort van andern landen ind van rychdum ind weylden ind wun- 
der, die der keyser hait, dat en kan nyeman wale beschryven noch 
geuyssern. Vort so sint over mer sunderlinge heyden, die heyschent 
Persy, ind die en haint geyhe ee/ mer sy bedent sich* wale mit den 
kirsten in yre kirchen, ind sy wonen by heyden of by kirsten, wie in 
alre nyest wonent, na des gelouven levent sy; ind dat laut heischt 
Persen, da moissen durch broider ind kouflude, ind alle lüde, die in 
India willent, die moissen zusamen zien mit groissen schairen, want 
die heyden, die da zo voerent woenden, die Hessen die broider noede 
durch yre laut zien , in die broider meisten ander cleyder an dein ; ind 
wanne sich alsus die kouflude ind die kirsten versament, so sament 
sich euch die andere heyden dar intgain, ind en kunnen sy dan die 
kirsten nyet betwingen, dat sie wider keren, so heyschen sy yn alze 
grois gut, dat sy moegen vairen, ind nement doch wenich, mer sy 
heischent waill dusent gülden, ind nement myn dan tzwentzich, ind 
anders en dürren sy den kirsten nyet arges zo kern vur deme keyser. 
Darna dat vur gesprochen ind geschreven is van den landen van 
over mer ind van den steden ind van den luden, die da ynne wonent, 
ind van den konincgen, vorsten ind hern, ind van eren landen, so 
volget nu darna, so wie die laut sint gelegen. Zu deme yrsten so 
sal man wissen, dat dat laut van over mer is wunderlich gestalt, ind 
licht alre meist in den berghen. Ind up sulchen enden en kan man 
niet wale wynter noch somer underscheiden, ind up sulchen enden in 
den bergen is id altzyt winter, ind altzyt somers ind winters licht id 
da all voll snees, ind den sneo sleent die lüde zo samen hart, ind voe- 
rent den in die stede, ind verkouffent den den hern , dat sy eren dranck 
da mit koelen. Mer dar vergeint id zo hantz, ind wan id alsus (fol. 59) 
sere kalt is up den bergen , so is id euch so groisse hitzde under 
deme berge, dat id nyeman gelyden kan. Vort raynt id da altze sei- 
den in deme lande. Mer in Egipten en raynt id nummer me, winters 
noch somers, ind wanne id eyns raynt of tzwir in deme somer, so is 
den luden zo male wale zo moide , ind so wannee id des wynters tzwir 
of drywerf raynt, also manich jair darna en kan geyne dure tzyt ge- 
werden. Mer wanne id niet en raint des wynters, so wirt id lichte 
dure tzyt, want da en kan geyn körn over dat jair gewern van sent 

1) keine eigne religion. 2) niederrhein. medium. 



NIEDEBBHEIN. BERICHT ÜB. D. OBIElTr 65 

Michaels dage.^ Vort so weyst da gras ind kruyt, ind dan begint ouch 
da zo wassen weysse ind gersta, also dat sy zo midwinter haint eren 
am-* Mer des ^somers en kan geyn groen kruyt gewassen van der 
groisser hitzden, man mit wasser en werde id dan bewart, id en wase 
ouch da, dae die sonne niet zo kunne komen. Vort so sint des win- 
ters da vil ertbevincgen,^ mef die en sint niet in allen steden of zo 
allen stonden, ind sy sint ouch alre meist des nachtz, ind da sint vil 
grosser stede ind bürge ave * vervallen ind vergangen , ind vill berge 
deuten sich danne af intzw^y, ind so drivent die lüde alze groiszen 
jamer, ind so werpent die wyf all ere cleynoit ewech. Mer so wanne 
dat vergancgen is , so hoilent sy dat wider, ind des dages gient all die 
lüde as hie up den stillen vrydach, ind doent groisze boysse ind vastent. 
Vort al den winter us duiret ^ [id] da ain rain des nachtz. Vort wanne 
id des winters eyns raynt, so weyst gras, kruyt ind körn eyns dagis 
of eyns nachtes me dan eyne spanne lanck. Vort van Xni dages ® 
bis vastavent so wasent da rosen ind bonen ind alsulchen kruyt. Mer 
ertze die vint man da seiden. Vort in deme mertze ind in deme 
aprille ind in deme meye so ist dat körn da ryf , mer up sulchen enden 
ee ind up sulchen ende langer ind spader, darna dat lant neder ind 
hoe is. Ind up sulchen enden helt man wynbern over den wynter up 
den stocken mit kunst. Ind up sulchen enden steyt die aide vrucht 
up den boumen bis die nuwe zo koempt, ind allet up eynen boumen. 
Vort alle winter sint da erbern "^ ind ander kruyt, da sich die lüde 
mit koelent. Vort alle körn en siet® men nyet dan tzwey vingerbreyt 
in de erde, so dat id nyet in der erden en verbirne. Vort in deme 
aprile bis zo sent Michaels missen is da so groisze uyssermaissen hitzde 
der sunnen, ind die verbroet all gras ind kruit , dat des winters gewa- 
sen is, id en have Sonderlinge stede, da die sonne niet by könne ko- 
men. Vort alle die lüde die rydent ind gient van vespertzyt bis 
an den morgen die nacht. Vort van midmorgen bis zo vesper so syt 
man seiden of nummer minschen up straissen of up velde, ind wan 
eynich wint is, die weyet so sere up straissen ind up velde, so dat 
nyeman den andern en kan gesien vur deme stove. Ind wan eynich 
wint koempt van westen, dis iss kalt, so dat den die lüde wale lydent, 
mer wan he koempt uys oysten of uys suden, die is also heis, dat 

1) aasdauern vom S. Michaelstage ab? 2) ernte. 

3) erdbeben. 4) da -ave == davon, dadurch. 5) dauert. 

6) dertiendag, der dreizehnte, der erste nach dem zwölften, ist niederdeut- 
sche und niederrheinische benennung des 6. Januar. Lübben, mnd. wörterb. 1, 509*. 
Haltaus, jahrzeitbuch der Deutschen des Mittelalters s. 77. 

7) erdbeeren. 8) säet. 

KSITSCH&. F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XIX. 5 



66 RÖHBICHT UND MEISNER 

nyeman en kan da blyven. Vort in densteden, da bedeckent die lüde 
die straisse b'oven mit doiclien of mit behenden natten/ dar na dat 
mallich (fol. 60) vermach, ind reyngent die straissen. Ind dan sint 
da arme, die dragent da kalt wasser, kruyt ind kalde vruchte, up dat 
sich die lüde da mit koelen, ind sint ander arme lüde, die dragent 
wir euch ind cyraeamon* in pannen mit vuyre, so dat ummer die strais- 
sen altzyt voll rouchs sy, dat is 3rre naroncge. Vort wanne die lüde 
geynt up den straissen , so haint sy berouchde ' deiche vur yre nase. 
Vort so haint sy docken* beroucht, die sy des nachtz umb yre bet 
zient, umb guden roch zo ruchen. Vort alle jonfrauwen ind vrauwen 
malent sich under den ougen , ind dat wert as lancge , bis sy schryent, 
so vergeit id yn dan. Vort alle jonfrauwen ind vrauwen en haint niet 
me dan eyne vleichte, ind die bewindent sy schein mit perlen ind 
goulde ind andern gesteyntze. Vort alle der jonfrauwen schein ^ die 
sint zomale neder, ind alle alze kostlich. Vort alle maus ind vrauwen 
cleyder die sint na mallichs lantz seden gemacht. Vort so is da alze 
reynlich lynwade , want der vlais ^ weyst tzweyr in deme jaire , ind is 
guetz koufs, ind der vrauwen cleyder sint gerne encge ind wys, na 
mallichs seden, ind euch na Frantzosen seden, ind der vrauwen hemede 
sind lanck, so dat sy eyn spanne of tzwa gaint vur alle cleyder, ind 
dat vur die cleyder geit, dat is kostlich beniet,'' besät mit goulde of 
perlen, ind wan die edel vrauwen rydent, so drait in eyn yre hemede 
na by deme perde. Ind wan sy gaint, so nement sy dat hemede under 
den arm, ind yre mayde draint yn dat achter deill na. Ind all vrau- 
wen ind jonfrauwen, edel ind unedel, sint da altze unstede,® ind des 
enschaimpt sich nyeman, ind is eyn gemeyne sede. Vort aldie vorsten, 
ind der^ aldern zo Akers haint gewoent, ind ritter ind kouflude ind 
yre vrauwen, die dragent cleyder as in Franckrych, ind die vrauwen 
noch erliger, ^® wan sy zo hove sint. Mer wan sy anders rydent up 
der straissent of gaint, so dragent sy gemeynlichen swartze mentell, 
ind die haint sy gedragen van der tzyt, dat Akers wart gewonnen, 
ind willent die dragen als lancge, as bis dat unse herre got wider 
koempt in dat lant.^^ Vort alle brulofte ^* sint da alze kostlich, 

1) feinen matten, natte = matte. Eilian 412 \ 

2) 1. Gynamon, zimmt. 

3) mit Weihrauch beräucherte. 

4] mäntel, mäntelähnliche umhänge in glockenform. Theutonista 52*. 
5) schuhe. 6) flachs. 7) benaiet, benäht. 

8) unbeständig, treulos. 

9) die, deren vorfahren zu Akers gewohnt haben. 

10) herlicher. 11) wird auch von Ludolf 46 berichtet. 

12) hochzeiten. 



NIEDEBBHEIN. BESICHT ÜB. D. OBIENT 67 

nochtan ^ dat id dach is , so drait man altze vil kertzen vur der brayt, 
ind da syt man manich schoin cleynoit, ind darna, dat man ind wyf 
zo samen koment, so essent of drinckent sy seiden zo samen. Mer 
des nachtes slaiffent sy zo samen, ind wan sy kinder haint , de haldent 
sy altze köstlich^ mallich na synre macht, bis an die tzyt, dat man 
yre git eynen man. Vort wie den andern zo gaste hait, dat is des 
aventz, ind des pleget men altze wall. Vort so is da manicherhande 
broit,^ ind dat gutz koufs. Vort alle spyse gilt^ man da up deme 
marte bereyt, wilde ind zam, wes eyn minsche begert, ind des giitz 
koufs. Ind ain* konincge ind vorsten so en is nyeman so ryche, die 
in syme huysse backe. Mer alle ridder ind hern geynt yrme gesinde 
des mayndtz gelt vur yre cost , mer broit ind vleisch gif man in van 
hoeve, ind wan sy buyssen sloss sint.^ Ind alle dinck van cleydern 
ind van spysen is da zu male reynlich, anders en künden die lüde die 
hitzde nyet gelyden^ noch genesen. Vort die kirsten drinckent da 
wyn, ind die heyden puyr wasser, ind dat is (fol. 61) altze gutz ind 
gesunt. Vort over all dat laut enhait nyeman bürge noch vesten, dan 
alleyne der souldane, ind konincge ind hern van dem lande. Mer die 
hern ind ritter wonent in dorpern up deme lande mit groisser lust in 
yrem eygenen gude, ind hoven, ind jagent ind beyssent, ind wissen van 
geynme ungemache, ind helpent yrem herschaf , wan des noit is. Vort 
machent die lüde altze schone groisze suyle van steynen, altze lichte, 
wan sy haint formen van houltze, wie dicke of wie lanck eyne suyl 
of eyn steyn soele syn , ind backent dan cleyne steyne , die sy lesent 
by deme wasser, ind die, backent sy in cleynen stucken , ind doent die 
stucke in die formen, ind giessent darup eynre hande wasser, dat dartzo 
gemacht is , ind so besteit die forme zelhantz "^ ind wirt hart, ind wan 
men die formen up duet, so blyvent die sule stain® ind die steyne 
lygen, ind also macht man in India lichtligen groisze schone bürge. 
Vort die erde in deme lande is zomale lois,^ ind dat koempt van 
groiszer hitzden, ind wanne da raynt eyns of tzwer, so vallent as 
groisze droffen, ind raynt so sere, dat eyn minsche so balde nas wirt, 
ind euch dat die vloit also grois dan wirt, ind dat wasser, so van den 
bergen louft in die dale, ind van der vloit under wylen dorpen ind 
stede verderven, ind is dan euch zu male unreyne. 

1) obschon. 2) brot. 3) hält man zum verkauf. 

4) ohne, abgesehen von. 

5) auch wenn sie ausserhalb des Schlosses smd? 

6) aushalten, noch gesund bleiben. 

7) zehant, sogleich. 8) stehen. 
9) lose, locker. 



68 RÖHRICHT UND MEISNRR 

Vort alle vursten, hern, ritter ind knechte in allen landen bis 
zo India, die sprechent all Frantzois, mer die gebure up den dorpen 
die sprechent yre lant spraiche. Vort all guet , dat die hern da haint, 
dat is lienguet, ind da moissen sy ridder af werden. Wan die tzyt is, 
ind wan sy ritter werden seilen, eynen mayndt zo voerentz,^ so sament 
sich alle vursten ind hern, ind syne mage, ind alle, die he gebidden 
kan, ind rydent altze schein achter der stat, ind geit dan lygen up 
eyne altze schein bette, so koment dan die edelste hern, die da sint, 
ind nement in up, ind cleydent yn mit altze schonen cleydern, ind gur- 
dent eme up syn swert ind syne spoiren, ind rydent achter der stat 
altze kostlich , of yeman kome , die yt arges up in sage , dat he nyet 
ridder werden moege. Ind dan des andern dages so macht man in 
dan ritter, as he zo lande, ind so haint sy dan groiszen hof, ind so 
moissen sy sich vort halden , dat [id] nyet quoitz ^ werde van yn ge- 
schiet ^ of gebeert , ind also wan sy dan up steynt van deme bette, ind 
laissent sich dan zieren , also moissen sy dan up stain ^ van alre undait 
ind unducht. Vort alre ritter seit, dat sint da dusent besauten, der 
geldent IX eynen gülden,^ da mit haldent sy tzwey pert, ind rydent 
des dages tzwir up dat pallais, ind der knecht solt geit up ind neder, 
ind wan sy mit den hern in der jaigt of mit den wapenn buyssen® 
slos lygent, so gift man yn hovespyse ind voider. Vort in allen kir- 
sten landen is eyn sede, dat man geynen ritter, die vreymde is, gey- 
nen zoult "^ en versait , wie is begert ; ind wie guder bände ® will syn, 
die hait id da altze gut van allen hern, deme sy kompanye doent, die 
sint^ da zelhantz^^ wale, wat in deme man zo dein steit.^^ Vort in 
des souldayns lande en wissen die ritter van geyme stechen noch van 
torneye,^^ niet dan jagen ind beyssen ind wallust yrs lyfs, mer da 
die kirsten vursten ind hern ind ritter waynent,^^ da yre aldern haint 
zo Akers gewoent, die stechent ind hoiflfent^* zo male kostlich. Vort 
en mach der souldain noch geyne kirsten koninck geven eyme kirsten 

1) zuvor. 2) mhd. quädes, schlimmes, nihil maU. 

3) geschehen. Teuthonista 36^ s. v. id heft sich gehoirt. Kilian 172*. 

4) afstän, abstehen. 

5) Diese angäbe ist von der grössten Wichtigkeit als ein bestimtes zeugnis 
für den im XIV. Jahrhunderte äusserst niedrigen cours des Byzantiners; vgl. nähe- 
res in Les archives I, 440. 

6) ausserhalb des Schlosses. 7) sold. 

8) von guter, edler abkunft. 9) sient, sehen. 

10) zehant, sogleich. 

11) was ihnen dem manne zu tun zusteht, wie es sich für sie ziemt den 
mann zu behandeln. 12) tumier (tournoi). 

13) wohnen. 14) die turnieren und halten hoffeste. 



NIEDEBBHEIN. BERICHT ÜB. D. ORIENT 69 

ritter eyncherhande gewalt zo deme/ id en sy mit rade der andern, 
of id en sy dan, dat sich dat volck partye.* Vort en mag geyn man 
gedoet werden van eyme ritter, he en sy zo eme rade^ gewyst, da 
man (fol. 62) yn over wysen moege syne schult. Vort mois man eyns 
in der wechen lesen vur deme souldane of für den andern kirsten 
konincgen aller lüde gevencknisse ind euch yre schoult. Vort haint 
<alle konicge, kirsten ind beiden, die danne af rente* haint, dat sy 
schryvent alle misdait, die in eren zyden geschient ind [die] in eren 
landen.^ Vort sint da alle andere lüde, die beschryvent alle misdaet, 
die die ritter doent, ind wan des zyt is, so besyt man* dan dat vur 
den luden, ind da en is geyne bede noch gut vur, dan sleichtz an lyf.^ 
Vort so sint da die gerichte zu male strenge, den rychen ind den ar- 
men, mallich na syme schoult, ind wer den andern doit sleit, dat en 
is anders geyne boisse, dan der lyf,^ id en kome dan zo van groiszer 
ungesichte of van ungelucke.^ Ind wan yemau van ungelucke wurde 
doit geslagen, den sprechen dan^ des doiden nyeste maige, ind spre- 
chen vur gerichte den an, ind wanne he dat vreyscht/® so brevet he 
dan den magen, dat he in bessern wille.^^ Vort wan da eyn wirt 
gewont,^* so beschryfft der richter dan die wonde, wie die was gestalt, 
ind so wa he stirfft, so vracht man dan, of he der wunden gestorven 
sy of nyet, were he der wunden gestorven, dar na rieht man dan. 

Vort all seyden spill, die sint da geschaffen, as sy van alders 
geweyst sint, ind is in disme lande besser ind behender. Vort alle 
dienste^^ sint da na mallichs seden, ind dat van manichhande luden, 
ind dat en kan nyeman begryffen.^* Vort alrehande kruyt, syde, syden 
doiche, ind steyne, ind manich stucke ^^ en mach da nyeman verkouffen, 
sy en sin da yrst gesien van den luden, die darzo gesät sint, ind is 

1) dorne? gericht; gericht zu halten und auszuüben? 

2) partei nehme, aufständig werde. 

3) vor einer sitzung der ratmannen. 

4) leute , die davon einkommen hahen, dass sie 

5) geschieht. 

6) und dagegen hilft keine bitte und kein geld, sondern es geht schlech- 
terdings ans leben. 

7) dafür gibt es keine andere busse als das leben. 

8) es sei denn geschehen durch schweren zufall (ungeschichte) oder durch 
Unglück. 9) 1. an = nehmen in anspruch. 

10) erfährt, vemimt. 

11) so beurkundet er dann den vcrwanten, dass er für ihn busse geben wolle. 

12) verwundet. 

13) leistungen, zu denen man verpflichtet ist. 

14) erschöpfend in werte fassen. 

15) mancherlei waaren (besonders schnitwaaren , zeuge). 



70 RÖHRICHT UND MEISNER 

grois pyne ^ up gesät , of id valsch sy. Vort all gelt van moentze en 
vergient niet * an gewicht , mer sy blyvent in aldem gesetze. Vort 
under den kirsten ind heyden sint alsulche Privilegien ind vryheide, 
so wanne id eyme kirsten verungeluckde,^ so dat he dat up vlue,* 
sali he dan dar af ,^ so mois der overste richter zo den heiligen swern, 
dat eme syn lyf blyve, ain ^ men setzt in, ind gif man eme wasser ind 
broit bis an syn ende. Vort wan man eynen minschen doeden wilt, 
den beschryent die vrunt gelycher wyse, of he up bedde gestorven 
were. Vort wan man eynen guderhande'' man sali doeden, deme vol- 
gent richter ind scheffen na, barbeynich^ ind bloiss heuftz ind mit 
eyme hemede an. Vort is da eyne gemeyne sede under kirsten, joe- 
den ind heyden, wan eyn minsche doet is, so schryent die vrunt 
zomale sere, ind da sint aide wyf , die dryvent groisze jamer , ind wanne 
eyne sanck der bedroifnisse uys is, so roifent des doiden vrunt ouch 
eyne wyle, ind die aide wyf roufent yre hair uys van groiszem ruwem,^ 
ind so dat sy kale sint. Vort die man die koufmanschaf ^® over mer 
her koempt, dat is cruyt, zuker, perlyn, syde ind syden deiche, ind 
ouch manicherhande andere ryche koufmanschaf. Vort koufmanschaf, 
die man wider over mer up gene syde brengt, dat is scharlachen, ind 
gewant, buntwerck,^^ ysen, bly, groisze res van Hispanien, groisse 
docken van Venedien; ind van duytschme lande koempt dar^* hart 
lym,^^ dar man böigen mit macht, ind dar koment ouch valken.^* 

Darna dat vur gesprochen ind geschreven is van den luden, die 
in deme lande ^^ van over mer, van eren seden ind van (fol. 63) eren 
deden, nu voulget herna van den deren. Ind man sali wissen, dat 
alle diere wilde ind zam over mer sint, as hie in disme lande, ind 
sint vil schonre ind groiszer dan hie, da sint lewen, lebart, eynhorn, 
panther, onager, salomander, ind so wat hie herna geschreven steit, 
wie sy sint gestalt ind yre namen. Ein lewe is eyn edel dier ind is 

1) strafe. 2) vergehen nicht, verschlechtem sich nicht. 

3) wenn einem Christen das misgeschick begegnete (dass er jemanden tötete). 

4) vlie, Lübben 5, 273*» fg. und so, dass er das beilegen wolle, sühnen wolle. 

5) soll er dann davon, d. h. dessen ledig werden. 

6) 1. ane (Lübben 1, 86*) man setzt in, ind man gift eme = aber man sezt 
ihn fest, und man gibt ihm. 7) vornehmen, von guter abkunft. 8) barfuss. 

9) trauer. 10) 1. vort die koufmanschaf, die over mer herkoempt. 

11) Pelzwerk. 12) dahin. 

13) hart(t)rugelin? = hartriegel, oder kornelkirschholz (comus). Vgl. harte- 
rugeliniz, sauguinarius ; aus Bonner glossen des 11. jahrh., bei Hoffmann, althochd. 
glossen 8. 32. Et tant Sarasin traire älor ars de cornier (bogen aus kornelholz). 
Chans. d'Antioche VI, 33. 

14) Diese angaben, bisher ganz unbekant, sind von der grössten Wichtigkeit 
für die geschichte des mittelalterlichen Levantehandels. 15) sint. 



NIBDBBBHBIN. BERICHT t)B. D. OBIENT 71 

waell in disme lande gesein in sinre nature, ind is ouch wale beschre- 
ven in den boichen. Eyn liebart is eyn reyn dier, ind ist anders nyet 
dan virs^ vleisch, ind is zam, ind rydt gerne hinder eynen minschen, 
ind is ouch gerne schein verdeckt as eyn valke, ind man mois id 
reynlich halden, ind is gesellich, ind hait sulche nature, wanne syn 
meister slieft, so en liest id neman by synen meister gaen. Eyn eyn- 
horn en is nyrgen dan in India, ind men spricht, dat id zu male 
grois sy, ind syn hörn sy altze swair, ind sy zu male scharp, ind id 
sy eyn altze schein dier, ind sy bla van varwen, ind syn heuft sy as 
eyn zogen heuft, ind syne voesse als swyns voesse, ind mach niet 
lyden unreynicheit. Eyn panther is eyn cleyn dier, ind is zomale 
suverlich van hairen, ind is van aller varwen as eyn raynboige, ind 
ruycht wael, ind wan id doit is, so haint die vursten ind hern yre 
veU gerne by yren bedden, ind die roch is gut wider alle quoide* 
dinck, ind sint anders nirgent dan in India, ind willent ouch niet 
essen dan edel kruyt , also up dat al diere na syme adem eme volgent. 
Ind wan id zornich wirt , so verderft id wale lüde ind diere van groiszer 
hitzden des cruytz,* die eme uys syme adem koempt, ind wa dit pan- 
ther hin geit, da vlient aUe dier vur eme ind boese wurme. Eyn 
antholopos* is eyn altze schein lustlich diere, ind is geschaft as 
eyn bück, ind hait voesse as eyn hunt, ind horner as eyn bück, ind 
die sint scharper dan eyne sege, so dat id wal eynen boum da mit 
af snede. Ind is gerne by vliessenden wasser, ind da syt he synen 
Schemen, so springt id her ind dar, ind is vrolich intgain synen Sche- 
men. Ind da sint ouch dan cleyne zune mit cleynen roiden, ind da 
bewerret* id sich gerne, ind so wirt id gerne gevancgeu. Ein tigris 
is eyn edell dier, mer id is zu male schedelich, ind is so boise ind 
snell, dat id geyn minsche en kan gevaen, ind wan men eme die jonc- 
gen genemen kan, so en blyvent sy niet me in deme lande, ind wan 
id dan die lüde vynt,^ die umb gelt eme die joncgen willen nemen, 
die nement mit yn vil groiszer spegell, ind wan sy die joncgen genoy- 
men haint, so setzent sy eyn spegell in die stat wider, ind bestrycht 
da mif die joncgen, ind wan die alden koment, so rugent® sy, ind 
sient in den spiegell, so en haint sy dan zo deme yrsten geyne achte 
darup, ind wenent, dat sy der joncgen eyn, ind jaget vort up dat 
spor, ind wan dat koempt over die lüde, die dat spiegell haint gesät, 
ind dat dier syt ouch an den eynen, ^ ind weynt,*^ dat id vonden have 

1) frisch. 2) quäde, bösen, üblen dinge. 3) krautes. 

4) antilope? vgl. Berger de Xivrey, tradit teratol. s. 299 fg. Bochart, Hie- 
rozoic. 2, 3, 22 s. 913. 5) verwickelt. 6) finden? 7) bindet zugleich. 

8) brüllen. 9) auch bei denen einen spiegül? 10) wähnt. 



72 BÖHRICHT UND MEISNEB 

tzwey joncgen, ind wirt also van deme röche/ (fol. 64) dat id spilt* 
lancge tzyt, ind loift umb den spiegell. In der selver wyse loift id 
umb so manichen spiegel dat id joncgen hait gehat,^ ind wan dat dier 
wient,* die joncgen zo samen zo brengen, da wirt id dan so unledich^ 
over, dat die lüde dan also van danne koment, ind wanne sy dan 
sient, dat sy also umb der jongen wille sint bedrogen, so loift dan 
dat selve dier van ruwen^ uys deme lande, ind en toempt nummer 
wider in dat lant; anders en kan man sy nyet verderven noch verdry- 
ven. Ein salomander is eyn cleyne dier, ind wirt seiden levendich 
gefienj ind woent in der woystenyen in deme birnenden® sande, ind 
zucht da joncgen in der erden, ind hait vill beyn as eyne rupe, ind syn 
vell wys as eyn hermelyn, ind en verbruet sich niet in vuyre, ind id 
.vernuwet sich alle jair van eme selver, ind is cleyne ind subtyl as 
syden deich, ind men gift* den hem da mit cruyt^^ na deme essen, 
ind wan sy slaiffent of slaiffen gain. Eyn onager^^ is gerne in woy- 
stenyen, ind is geschaffen as eyn esell, ind is suverlich, ind die joncgen, 
dat sone sint, die wirpt he uys mit synen zenden an^^ den ersten 
son, ind of der yrste sterve, so en wirpt he den yrsten noch niet uys, 
ind wie des wiltz ist,^^ de en machs nyet behalden in syme lyve. 
Eyn wider, der wilde is, is geschaft as eyn zam, ind is groiszer, ind 
is van hairen as eyn re, ind wirt gerne vingers dief vet over synen 
lyf, ind hait groisze horner, ind geynt zu samen as zame schaif, ind 
loifent intgain eynen cleynen wall of eynen boum, dat he zubricht, 
und intgain hunde en wert id sich niet. Eyn belech^* is eyn dier, 
ind is geschaft as eyn rekalf, ind syne zonge is zomaile scharp ind 
lanck, ind hait up synre zuncgen so scharpe tzwacken,^* dat id damit 
leckt Schorfen^® van boumen, ind so wan it wirt gejaet, so blyft id 
stain vur den honden ind wert sich mit der zongen, ind so wirt id 

1) roke, mke = acht haben, sorge, nachforscliung; und es geschieht so, in 
folge solcher nachforschung. 

2) verwendet, verschwendet. 

8) um so viele spiegel als es junge hat gehabt. 

4) winnet, sich abmäht. 5) beschäftigt, occupatus. 

6) aus schmerz. Vgl. Berger de Xivrey s. 523 fgg. 

7) = gevän, gevangen. 8) brennend, heiss. 

9) giftit? der satz bleibt unkl^ir. 10) gemüse, gewürze. 11) waldesel. 
12) ohne. 13) wer von dem wilde ist. 

14) Dieser namo ist nicht aufzufinden gewesen. Ob man an belette (franz. 
wiesei) oder an eine verschreibung für fehed (arab. die unze) denken soll, ist 
zweifelhaft. Zum 4inglück ist auch die ganze beschreibung des tiers zu wenig 
bestirnt. Gemeint ist wol eine antilopenart. 

15) nägel, spitzen. 16) 1. schorsen, it. scorza, fz. ecorce, rinde. Diez 

1, 374. Kilian 571*. 



NIEDBBBHBIN. BERICHT ÜB. D. ORIENT 73 

geschossen, ind wan id doit is, so wirt syne zunge siecht as eyns 
andern diers, ind men en ist net, dan van^ der zungen, danne af wer- 
dent die lüde stark ind kone af.* Ein schuphant* is gehehert* as 
ein hirtz, ind is vur^ hoere dan achter, ind hait voesse as eyn pert, 
ind eynen hals van XII voessen lanck, ind hait eynen hover * up syine 
rucgen, ind men pliet eme eynen rinck in syne nase zo hancgen, ind 
dat dier macht man zam wie man wilt, ind is eyn edell dier, ind 
sint gerne in der konincge hovO; so wan man da ist zu sale, so sticht^ 
man kertzen up syn lyf ind in die horner, so lucht id dan over all 
den sali. Eyn bufle is gestalt as eyn grois vreysch^ oysse, ind hait 
groisze breyde horner, ind hait wenich hairs, ind syne huyt is vin- 
gers dicke, ind wanne die zam,^ so sint sy sanf modich, ind wan man 
sy melcken wilt, so roeft man in mit yrem rechten namen, ind dan . 
af werdent kese as hie mager rintvleisch geschaft, ind^^ man die 
jaget, 80 sint sy so böse, dat sy deme jeger ind den honden ind ^^ 
die stede navolgent, ind wie dan eyn roit cleyt an hette, deme vol- 
gent sy na in syn huys. Eyn helpendier** is eyn grois groifF unge- 
schaffen dier, ind so vinden ^^ in India so merrer ind groisser , dat hait 
hair ind weyet^* as eyn pert, ind is so gelychen gedoet ind verderft 
as eyn pert,^^ ind ist (fol. 65) in eyme dage me dan Xu sumbern^^ 
ever^^ ind Iin werf*® so vill kave,^^ ind wanne id zu velde koempt, 
so hauwent die lüde eine groisze boume vur, die id ist, ind sine zende*^ 
sint also grois, dat id zo der erden niet en kan gelancgen, ind men 
hencgt eme eynen sack vur syne nase, ind dar over nympt id, wat id 
essen sali, ind wan id drinkt, so mois id zo male dieffe in deme was- 
ser stain, ind drinckt wael tzwa amen^^wassers zu eynre zyt, int wirt 
so zam, wan syn meister eme pyft, dan dantzt id, ind wan syn meister 

1) nichts, als von. 2) kühn davon. 

3) Ein solcher tiername ist ans keiner spräche nachzuweisen; höchst wahr- 
scheinlich ist er aus Surafa (giraffe) an die form elophant herangehildet. 

4) 1. gehoemot, gehörnt. 5) vorn. 6) höcker. 7) steckt. 
8) friesisch? vgl. s. 74 (11). 9) sint. 

10) 1. ind wan. 11) 1. in. 12) elefant. 

13) 1. to vinden, zu finden in Indien um so häufiger und grösser. 

14) wiehert. 

15) und hat dieselhen tugenden und fehler wie ein pford? 

16) Summer, simmer, eigentlich ein aus stroh geflochtener korb, dann ein 
hohlmass, dessen Inhalt aber genau sich für die damalige zeit nicht feststellen lässt. 
Der Nürnberger süraraer enthielt 5 viertel oder 16metzen; vgl. Frommann -Schmel- 
ler, Bayr. Wörterb. II, 283. 

17) hafer. 18) mal. 19) spreu. 20) zahne. 

21) ame, ein mass von 100 Kölnischen quart. Theuthonista 7'. Lübben 1, 
74 ^ nhd. ohm. 



74 BÖHBICHT UND MBISNBB 

spricht, dat id die lüde heische wilkome, so nicht id den luden mit 
deme heufde, ind wanne syn meister spricht, dat id sterve, so velt id 
neder, ind wan he spricht, dat id van deme doide up stee, so steit id 
wider up. Ind hait eynen haltz ind sail ^ as eyn swyn, ind syne oren as 
eyn wan,* ind is so starck, dat man eme wale macht eyn berchfrede up 
den rüge, ind is getzuynt^ van cleynen roiden, ind is buyssen ind 
bynnen bedragen mit deiche,* ind is beneden wyt ind boven encge, ind 
hait dru geboyne,^ da is ynne des konincks bette ind synre gereytschaf,^ 
ind wal tzwentzich man gewapent, ind alsulche dinck, as sy da mit 
af werpent ind schiessent , ind syn meister sitzt eme tuschen den oren, 
ind hait eynen ysern hamer, dae he id mit vort dryft, ind up syme 
halse sitzent wal VI man mit gemache, ind hait voesse as eyn hunt, 
. ind nale as eyn minsche , ind hait der middelster lede '^ nyet in den 
beynen, ind daromb en kan id sich niet zer erden gebougen, ind wan 
man mit eme zo stryde sali varen, so mois man id wapenen; ind wie 
eme wysen of roiden wyn gift zo drincken,® so wirt id zornich, ind 
schuwet^ dan nyemans. Ind so haint dan die viande groisze was mit 
gluenden kolen, ind schyvent dat vas mit den koelen vur die schützen, 
ind dan verbirnent sy sich, ind dat^^ sy vallent. Ind syne jongen 
sint merre dan eyn vriesch oesse,^^ ind all syne beyne en doigen niet, 
mer [dan] die zende,^* die van India koment, ind die sint so grois, dat 
geyn man yrre eyn en kan gewegen. Vort sprechent vil lüde , dat id 
sich nyet neder en können gelougen,^^ des en is niet, ind wan id up 
steit of nider lycht, dat luyt^* as eyn huys dat neder velt. Ind die 
jongen die id krycht, die mois id brengen up werden up dem mer,*^ 
ind mois sy hoiden vur dem dragen,^^ want geyn diere en hassent 
sich mer, dan dat helpendier ind der drage. 

Eyn drache^' is eyn su verlieh diere, over syn lyf van varwen 
as eyn raynboiche, eyn houft as eyn wynt,^® vloigel as eyn vleder 
muys, indvlucht kurt,*^ ind wan sy reyent,*® so byssent sy sich doit, 

1) mhd. zagel, zail; mnd. zagel, sagel = schwänz. 

2) wanne. 3) umzäunt. 4) belegt mit tuch. 
5) Stockwerke. 6) ausrüstung. 7) gelenke. 

8) und wer ihm (und wenn man ihm) weissen oder roten wein zu trin- 
ken gibt. 

9) scheuet, fürchtet. 10) mhd. unz da;; = bis. 

11) grösser als ein friesischer ochse. 

12) alle seine knochen taugen nichts, aber die zahne. 

13) legen könne. 14) lautet, klingt. 
15) auf inseln im meere. 16) drachen. 

17) vgl. Megenberg s. 268 fgg. 18) winthunt. 

19) fliegt kurze zeit. 20) tanzen , sich begatten. 



NIBDEBBHBIN. BERICHT ÜB. D. ORIENT 75 

anders sege man sy seiden, sy sint vergiftich, ind wan eynre wirt 
gevancgen, deme sleit man syn honft af ind greyft den rump.^ Eyn 
cameile is grois ind grof,^ ho as eyn man gereiken kan, id hait 
eynen langen haltz, kurte oren, syn buych grois, syne dye Heyne, ^ 
id haet eynen hover up syme rügen, cleyne voesse, zwa claen as eyn 
oysse an eyme voysse, ind is sanfmodich, so dat eyn kint wael be- 
twingt X cameell, ind sy en staint sich ouch niet geyne wys,* ind sy 
groiszent sich as lüde recht, dat dat eyne myrret ^ zo deme andern, ind 
sy sich also verstaint. Ind wanne sy wilde sint, so sint sy alze ver- 
virlich,* ind drinckent niet dan eyns in dryn dagen, ind essent wenich, 
ind dragent, wat man yn up leet, ind wan syn meister id zuycht, so 
ladet ^ id sich needer, ind wanne id geladen is (fol. 66) ind syn mei- 
ster spricht, so steit id wider up, ind hait groisz swill® under der 
hurst indknyeen, ind is doU,^ so dat id nyet en kan gerachen wa id 
eyns is geweist wider umb,^® ind die joncgen die gaint sere.ind schry- 
dent wyde, ind in deme auste so entfeit en ir hair gantz, so dat sy 
Weis sint over all den lyf, ind moigen dan geyne kelde lyden. Eyn 
dromedarius is geschaft na alre wys as eyn camele, mer id is get^^ 
groiszer ind hoer, ind geit mee ind schrydt wyde,** ind wie da uppe 
sitzt, die wandelt des dagis so verre as he wilt. Eyn buse*^ is 
geschaft as eyn liebart , ind wan id jonck is , so en kan men id niet 
gekennen vur eyme liebart, ind is grois as eyn jagehunt, ind springt 
in weiden ind buschen as eyn eychorn van eyme boume up den andern, 
ind wan id eyn jair alt is , so wen id dan roirt mit den claen , der 
mois bloen** van scharpgeit synre claen, ind moicht ouch wael ster- 
ven, ind is geyne artzedie wider. Ind wan man id jagen wilt, so mois 
man haven eyn halpender *^ mit berchfreden, ind gewapent, ind bestelt 
dat*® in die weide,*'' ind behangent dan die boume mit netzen, ind so 

1) vergräbt den rümpf. 2) dicke und gross, so hoch als ein mann rei- 

chen kann. 3) sein bauch dick, seine schenke! dünn. 

4) und sie entziehen sich auch nicht dem von ihnen verlangten, in keiner 
weise? 5) murt, brumt. 6) schrecklich, in schrecken setzend. 

7) latet, lässt es sich nieder. 8) Schwielen. 9) und ist dumm. 

10) so dass es den ort, wo es einmal gewesen ist, nicht widerum erreichen, 
finden kann. 11) gibt, iht, iet = etwas. 21) wyder, schreitet weiter aus. 

13) Kan nur die wilde katze sein ; vgl. Victor Hehn , Kulturpflanzen und Haus- 
thiere, Berlin 1877, 543. Prof. Ascherson erinnert uns, dass nach Hartmann (vgl. 
Zeitschr. der Gesellsch. für Erdkunde, Berlin 1868, 56) der altägyptische namo für 
die unze basu hiess, doch hält er dies nur für ein zufälliges lautliches zusam- 
mentreffen. — Elsäss. bise, Schweiz, busi, schwäb. buse; niederd. puse; niederl. 
poes; engl, puss; dän. puus; norweg. puse; irisch pus; weitverbreitete benennung 
der katze. Grimm, wörterb. 2, 562. 14) 1. blöden, bluten. 

15) elefant; vgl. s. 73. 16) besezt das mit bewafneten. 17) wälder. 



76 BÖHRICHT UND MEISNEB 

vangt mant waill. Ind id velt wail, dat sy zornich werden ind jagent 
honde ind lüde bis zo deme helpendier , ind dan koempt id zom lestent 
in die netze, ind dan slaynt syt ind schiessen id bis as lange , dat sy 
id krygen, ind die lüde voirtent id zo male sere. Eyn cocodrillus 
is also grois as eyn oisse, ind is zomale starck ind vervirlich/ ind is 
gebeert ^ as eyn wolf , ind woent in Egipten, in deme groiszen wasser, 
dat Nilus heischt, ind koempt uis deme Paradyse, ind wat id begryft 
van minschen of van dieren, dat zuyt id alzemale in dat wasser, ind 
wat id begryft bynnen deme wasser, dat zuyt id up dat lant, ind is 
up deme lande as eyn wolf ind in deme wasser as eyn otter, ind dat 
dier en kan ma^ nyet verdilien, ind die jongen mach* eme wale 
nemen, of men kan, ind is so starck, dat is groisze schif umb stülpt, 
ind in den zyden, doe Akers gewonnen wart, da was ein cocodril, ind 
deme hatten sy syne zende uys gebroichen, ind hiengen eme eyne 
steyn an syne zageil, ind wie starck dat id was, ind wie modich, da 
mit machden sy id zam; ind eme giengt* altzyt da eyne wurm,* ind 
van naturen ' alle den selven dieren eyn sulchen wurm na , ind die 
selve wurm kruyft eme so lange in dat wasser na , bis dat id yn gryft 
ind yn slint vur eynen visch, in die wurm bis® eme dan syne hertz 
in tzwey, ind dan so stirft id, ind van disme diere steit vil geschreven 
in vitas patrum.^ 

Vort die pert die over mer sint, die sint cleyne ind alt^® van 
XVI marken of van XII, ind sint stark ind vroim ind snell, ind die 
groisze ros koment uys Hispanien ind van Venedien, ind dar koment 
andere pert van India, die sint euch van XVI marken, ind sint snell, 
ind wie sy kan rennen, die mach wale hyrtz ind binden darup stechen, ^^ 
ind neman en hait der pert, dan die floryne^* in des soldains behove,^* 
ind wie sy niet en kan geronnen, die verliyst all syne synne da uppe. 
Vort alle zame diere sint da as hie, ind sint gerne groiszer, ind schaif 

1) schrecklich. 2) ghehert? animatus, Kilian 161% mhd. geherze = 

beherzt, kühn; zu unterscheiden von: gehehert, s. 73 anra. 4. 3) man. 

4) 1. mach man: kann man ihm wol rauben, wenn man das versteht. 

5) 1. gieng. 6) sc. na. 7) sc. gat. 8) beisst. 

9) Es ist die unter genau diesem titel vielfach gedruckte samlung gemeint, 
welche auch Eosweidius, Lugd. Batav. 1617 herausgegeben hat; sie enthält aber 
über das crocodill nur drei kurze unbedeutende notizen. Es ist interessant , dass 
auch P. Fabri, Evagator. ed. Hassler III, 134 bei seiner beschreibung des croco- 
dills auf dieselbe samlung verweist. Quelle für die hier stellende naturbeschrei- 
bung, wie es scheinen möchte, ist sie aber nicht. 

10) ind alt = und durchweg. 

11) der kann wol auf ihnen hirsche und hindinnen (ereilen und) tod stechen. 

12) ? vgl. rantman s. 46. 

13) in des sultaDs angelegenheit. 



NIEDEBRHEIN. BERICHT ÜB. D. ORIENT 77 

ind zegen die haint des jairs tzmr joncgen, ind up etzligen steden 
niet dan eyns as hie ; ind all dat vette , dat die schaif in des souldains 
huys haint in deme lyve, dat haint sy in deme zale,^ also dat ander, 
wilen der zale van den schaiflFen also vill wyden* hait as der ruper* 
zo male. (fol. 67) Vort van vill andern dieren, die da sint ind hie 
seltzen, da were vill ave zo sprechen. 

Nu is gesprochen van vill dieren, nu will ich sagen van der 
jaigt; die over mer is. Die jagehonde die dar sint, die sint gestalt 
Wen ind her as hie, ind ey* tzwene hunde haint eynen kneecht, ind 
die euch anders met^ en deit, dan der honde wart, ind die baedt^ 
sy ind kempt sy ind helt sy zomale reynlich mit allen dingen , ind die 
honde lygen dags ind nachts in seylen up natten,^ ind des morgens 
ind des aventz so leydent sy die knecht mit den seylen up dat velt 
ind laissent sy dan loiflFent,^ ind nummer en essen sy anders dan ger- 
sten broit. Mer wilch herre die eynen hunt lief hait, den deit he 
heilen vur die tafell ind wirpt eme eyn schuttelbroit ^ vur. Vort en 
louflfent da geyne honde ledich, ind wan die hern willent jagen, so 
nement sy allit hondert of tzwey^^ gebure uys den dorpem, ind be- 
setzen eynen busch mit honden, ind die honde van vernes^^ mit lie- 
bart, ind in den busch gaint dan die honde mit den geburen ind klop- 
pent ind royffent, ind so louft dat wilt dan uys den buschen, ind so 
yangen dan die honde dat diere, want die honde sint zo male snell, 
ind wat wiltz den honden intloiflft, dat koempt vur die liebarde, dat 
sy dan vancgen. Ind eyn libart is van sulcher naturen, so dat he 
springt ni spruncge, ind so wat he dan nyet en vengt, dat liest he 
vort vairen, ja^* dat id ouch by yem stonde of lege, ind geit her ind 
dar, ind is zo male gromich,^^ ind so volget eme sin meister na, mer 
he en dar eme niet neken,^* bis als lange dat id selver widerumb kere. 
Ind da sint geyne wynde ^^ in deme lande , ind dar werden winde 
gesant van dissyte des mers, ind die en können zo sommer nyet geloyf- 
fent, mer des winders louffent sy ouch wenich. 

1) zagel, schwänz. 2) ebensoviel weite hat, ebenso breit ist. 

3) 1. rump, ruinpf, körper. 4) ie. 5) 1. niet. 

6) badet. 7) matten , vgl. s. 66 anm. 1. 8) 1. loiffen. 

9) schottelbrot, mhd. schüij^elbrot, mlat. scutellarium , brot, das als schüssel 
oder teuer gebraucht wird, auch als serviette, um die fettigen bände abzureiben. 
Lübben 4, 127 ^ 

10) sc. hondert. 

11) gemeint zu sein scheint: und fem von den hunden. 

12) selbst wenn es sogar bei (neben) ihm stünde. 

13) zornig. 14) nahe kommen. 
15) Windhunde. 



78 BÖHBICHT UND MEISNEB 

Vort vogell over mer sint da as hie, wilde ind zam, ind wie 
dat lant me upperwert is/ so sy schoinre ind groisser sint, ind die 
lüde so die hoire sint, so sy cleynre sint,* ind die vogell, die da ge- 
meyne sint ind hie seltzen, dat sint aren, struys, pellicanus, flameus, 
coturnices, francolyn, papagay, fenix, coradrius/ ind vill andere 
vogell. 

Eyn aer* is eyn schein voigell, ind edell, ind niet altze grois, 
as all lüde wail wissen, in sulchem lande sint sy dartzo gemacht,* 
dat man damit beyst ree,^ ind zo eyme are gehoirent tzwene meister, 
den dragent tzwene knechte tzwa krucken'' na, die sy ander die aren 
setzent. 

Ein struys is ein grois voigell, ind so vurder* so groiszer, 
ind sint zam as kranen , ind yr lyf is as grois as eyne tunne , ind hait 
eynen langen haltz as eyn kraene, ind eynen snavell as eyn gans, ind 
dicke beyn as eyns minschen arm, ind die sint eme bloes, ind hait 
vedern ind vluycht niet, mer^ he louft sere.^® Ind wan he wilde is, 
so jaget men yn mit honden. Ind ander synen vlogelen staint eme 
scharpe zwacken, ^^ langer ind scharper dan hanen spoiren, ind wan 
man yn jaget, so heuwet he^* sich mit den zwacken, dat man in 
spart.^^ Ind wan he wilde in der woestenyen is, so lait he syne eyer 
in den birnende sant, ind lait darap eynen steyn, up dat sy nyemant 
en sie, ind ghient dan beyde samen boven die eyr stain,^* ind sient 
intgain die sonne, also dat wider schyn koempt van der sonnen ap die 
eyer, ind dan af koment die joncgen ais also snell, dat in all yre 
(fol. 68) dage die schalen van den eyern blyvent stain ap deme heufde; 
ind hait zornige ougen ; euch so vint man wenich guder eyr van struys- 
sen, ind sy sint merre^* dan eyns minschen heuft, ind wa sy sint, da 
essent sy gern gersta, ind vort wat man yn gift, ind Sonderlingen, 
wa man pert besleit, da sint sy gerne, ind da gift man yn die aide 
ysen, die essent sy gerne. 

Eyn pellicanus is eyn grois voigell, ind is als eyn krane, ind 
hait syne jongen altze lief, so dat he die van groisser liefden zoryst 
ind sy doit, so byst he sich dan selve, ind oflfent syne lyf tuschen 

1) und je mehr das land aufwärts liegt, desto. 

2) und die menschen, je höher hinauf sie wohnen, desto kleiner sind sie. 

3) charadrius. 4) adler. 

5) abgerichtet. 6) rehe beizt. 7) krückstöcke. 

8) je weiter hin. 9) aber. 10) rasch. 

11) nägel, spitzen. 12) haut er sich. 13) spürt,* seine spur findet. 

14) und gehen dann beide zusammen über die eier stehn. 

15) grösser. 



NIBDERRHEIN. BERICHT ÜB. D. ORIENT 79 

synen ribben mit deme snavel , ind liest syn bloit louffen up die joncgen, 
so werdent sy wider levendich. 

Eyn flameus* is eyn voigell, die steetz by deme wasser is, 
ind is suverlich , niet zo grois ind niet zo cleyne , ind ye eyne wysse 
veder by eynre roider. 

Eyn coturnix* is as eyn hoin, ind is groisser nid gar, ind 
hait eyn roit heuft, ind is edelre dan velthoyn, ind sint da so gemeyne 
as eynche * vögele , ind euch gutz koufs , also dat man wale up etz- 
ligen enden [wale] dry umb eynen Venedier gilt, ind die lüde upme 
lande haint ir, ind gevent yn wyn, ind byndent sy intvelt up eynen 
stock, also lock* men den andern uys, ind wan dan zam ind wilde by 
eyn koment, die byssent sich alze ser, so dat sy mit gantzen houfen 
doit blyvent, ind wan sy diser voigell eyn haint/ dat sych wale wern 
kan, dat helt man vort, ind hait dat zo male lief. Ind dise vogell 
lies got den kindern van Tsrahell komen, doe sy in der woystenien 
waeren of sy vleisch luste, want id is Sonderlingen gut wilbrait zo 
essen. 

Ein franckolyn* is altze eyne duve,^ ind hait vedern as eyn 
vasain, ind is gerne in körne as eyn wachtele, ind hait eynen seltzen 
roif, ind de vogell is die edelste in deme lande, ind die vencg® men 
mit gamen. 

Eyn papagay is eyn cleyne,^ ind hait groin vedern, ind hait 
kürten vloch, ind liert wale alle spräche an eyme jair, ind eme west 
eyn roit rinck umb den hals , dan en spricht he niet , ind is eyn kranck 
voigel up den beynen, id behilp^^ sich wael mit dem snavell, ind die 
lüde machent sy zam in ysern husen, ind verkouflFent die mit groiszen 
houfen, ind gevent tzwae umb eyne^^ Venedier, ind en können niet 
verre gevlegen. 

Eyn fenix^^ en hait neman vil in deme lande gesien, mer die 
hern over mer haint wael vedern van eyme fenix, ind ervent die an 
yre Mnt, ind die sint so suverlich van also seltzen varwen, dat nye- 
man kan dan** af gesprochen, men spricht, dat sy in Arabien sin ind 
nyrgent anders. 

1) flamingo. 2) wachtel (rothuhn?) 3) irgendwelche. 

4) lockt. 5) und wenn sie einen dieser vögel haben. 

6) frankolinhuhn (francolinus vulgaris). 7) taube. 

8) fi&ugt. 9) sc. voigel. 

10) behilft. 11) einen. 

12) Über dieses fabelhafte tier handelt sehr ausführlich John von Maundeville. 

13) 1. dar. 



80 BÖHRICHT UND MEISNEB 

Ein carodrius^ ist geschaft as eyne ante, ind altze lief ind 
wert, ind die sint in India, ind wan eyn minsche in eynre groiter 
suchden^ licht, so hoilt man den snavell da van in des siechen munt, 
ind die suicht* eme all dat böse uys syme lyve, ind as lange, as dat 
der voigell lyt,* so lange is da raste in deme minschen, ind wan he 
da van liest, ^ so ist des minschen troist uys. 

Vort hoynre, duven ind alle zame voigell sint da geschaft as 
zame voigell , ind sint gerne get ^ groiszer , ind die honre van India 
haint lyf as kranen, sy sint nyet so ho ind haint roide heuft, vedern 
as eyn sperwer, wan sy sich muyst.' Ind van andern voigelen die 
over mer gemeyne sint , da were lanck af zo sprechen. 

(Fol. 69) Vort so sint hie voigell, die over mer seltzen sint, as 
storke, der sint da niet vill, sy en werden dar bracht. Ouch so en 
sint da niet vill gense, dan in der hern hoven, die da wonent up 
deme lande. Vort swailwen koment dar in deme mertze as hie. Vort 
so is da eyn cleyne vogell, die vlücht up dem wasser, ind nert sich da, 
ind heisch ® ysere nbr an t,^ ind umb den voigell vracht man vill in 
der hern hoyve, wa sy zo samen komön. Vort so en sint in deme 
lande van over mer cleyn vogell, ind ouch zomaile wenich, ain^^ 
by Babilonien was eyn sperwers nist, wan da sint so vill grois- 
zer aeren, so dat da geyn voigell blyven kan. Mer all die gerval- 
ken,^^ die in deme lande sint ind in Orienten, die koment dar uys 
Norwegen ind van Vlayndern, ind den luden, die die brengent, den 
deit der souldane altze gutlichen, ind sturent*^ die voigell sich, so 
dat yrre eyn sturve, deme dede he genoich vur den gestorven voigell. 
Ind nyeman en kan mit valken gebeyssen vur den aeren up deme was- 
ser, der valken en were dan zu male vele, ind mit eyme sperwer doet 
man wat man wilt, gerynge mit cleyner^^ dingen, ind so wanne die 
valken quemen, so en were der sperwer kunst nyet. 

Vort in deme lande van overmer sint alle boume as hie, nur 
alle vrucht en kan da nyet geweren as hie, men en halde sy mit 
kunst, want vill vruchte vuylent da up den boumen; vort alle vrucht 

1) charadrius, brachvogel. Vgl. Jacobs zu Aelian 17, 13. W. Grimm, Vri- 
danc» s. LXXXVIfg. 

2) grosser krankheit. 3) sangt. 4) lidet, leidet, erträgt. 
5) lässt. 6) etwas. 7) in der mauser ist. 8) lieisst. 
9) eisvogel, alcedo ispida? vgl. Megenberg s. 202. 

10) ano, ausgenommen nur. 

11) gervalke , girvalke. Vgl. s. 45. 

12) 1. storent, nhd. stören, und bedrängen die vögel einander. 

13) deinen; unerheblichen, geringen. 



NIEDEBBHEIN. BERICHT ÜB. D. ORIBKT 81 

dat da gemeyne is ind hie seltzen, dat ceder, cipreshoultz , sichim,^ 
aloe, adams epple, paradys eppell, peflFer, bruynsilyen houltz, figen, 
zuker, rys, wyrouch, bouwolle, misnus, car üblen, palme, timedynen,* 
speragen, ind fistuken. 

Ceder is eyn edel boum, ind is hoirre dan eyne danne, ind is 
also geschaft, ind ruycht starck, ind hait eppell as eyne danne, ind 
sint groiszer. Ind wa ceder weyst, da en mach geyne boyse wurm 
noch vergift sin, ind weyst wael hondert voesse ho in die lucht, ee 
he eynichen andern ast kryge, ind were dat houltz dusent jaire in 
wasser, id en vergeit noch en vuylt niet, ind is zu male hart zo hau- 
wen, id en sy mit kunsten, of oüch zo snyden. 

Cypres is euch ho ind edel, ind is na alre wyse geschaft as 
ceder, mit röche ^ scheydent sy sich. 

Palme ist altze ho boum, ind weyst wonderlingen, zom ersten 
gaint all este uys der erden so lanck so grois as sy werden seilen, 
ind danne koempt der stam as he werden sali, ind weyst vunftzich 
jair, alle jaire II voesse, ind all zweigen^ oven umb den boum, ind 
wan he L jair alt is, so wasent eme dan tzwyge Sonderlingen, ind da 
by vrucht, ind dat heischent dattelen, ind dringent uys deme boume 
as wynbern in der vasten, ind die druven sint zo male grois, ind sul- 
cher druven hencgt der boum voll oven ind unden, ind die palmen, 
die die pilgrime her brengent, dat sint jonge loden^ van den boumen, 
ind die tzwelgen sint zomal grois. 

Hoult Sichim^ dat is gelych eychen houltz, ind is swartz as 
pech, ind zuyt alle kelde ind vucht^ uys der erden, ind neympt en 
boven® altze volP edelcheit van der sonnen, ind verdryft all geswele,*^ 
ind man schryft dar yn as in ways , ind van kelden en kan id in deme 
vuyre nyet verbirnen. 

Brunsylien houltz^* weyst alre meist da riet is in den wer- 
den ^^ in dem roiden mer, ind vil anders roitz houltz an margh.^^ 

(Fol. 70) Houltz Aloe en kan nyeman wissen, wa dat wasse, 
dan mit groiszen stucken koempt id gevlosseu uys deme wasser, dat 

1) sethim. 2) timiamen? 3) durch geruch. 

4) zeigen, zweige. 

5) clevisch laide, mhd. late, sprössling, schössling. 

6) Ö'^üip, sethim, nach Gesonius acazienbaum. Mimosa nilotica. Vgl. 
Megenberg s. 846. 7) feuchtigkeit. 

8) oberhalb, über der erde. 9) 1. vil. 10) geschwulst. 

11) Vgl. über diesen wichtigen handelsartikel das nähere bei Heyd II, 576 — 
580. Über die deutsche aus dem romanischen stammende benennung vgl. Diez, 
roman. wörterb.* 1, 81 fg. Caesalpinia sappan? 

12) wächst allermeist da, wo es röhr gibt auf den inseln. 13) ohne mark. 

BBITBOBB. F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XTX. 6 



8i^ KÖURICUT UND MEISNKR 

da koempt uys deme paradyse, waut dat weyst^ ind is geschaft as 
eyn durre boum, die van eyme berge in wasser sy gevallen. 

Paradys eppelP die waseut up eynem boum, die hait geyne 
tzwelgen, mer he bait louver^ wael VI of VII voesse lanck, ind die 
sint groin des winters ind somers, ind der wint zo sleit die blader, 
ind da liangent vill appel by eyn up den boumen, ind die appel sint 
as soesse butter zo essen, ind haint mitten eyn cruciflx stein* ind 
moegen ouch niet wern^ geyne wys. 

Adams eppell^ dat is eyn altze schone vrucht, ind gele goult 
vaer, ind sint zomale grois, ind haint eyne wende recht of eyn min- 
sche dar in have gebissen, ind buyssen'' zomale schone, ind is bynnen 
bitter, ind die lüde gelouven da, dat Adam ind Eva in der vrucht dat 
gebot briechen in deme paradyse, ind die eppell wasent up ejrme 
groiszen boume, ind sint ryf zo midwinter, ind die blader sint winters 
ind somers groin. 

Arausen® is ouch eyne schone vrucht, ind gele, ind so grois 
as hie, ind da bynnen is, dat koilt^ alre meist, ind en buyssen en dogen 
sy niet, ind sint ouch ryf zo midwinter, ind alle jar steit nuwe ind 
aide vrucht zo samen up den boumen, ind die lover altzyt groin. 

Lymons,^^ eyn cleyn vrucht is id, ind is^^ grois as eyn ey, 
ind weyst in buschen, ind dan af mach^^ man gude saissen,^* da eynen 
nu schon ave lust zo essen, ind sint ouch zo winter ryflf, ind die 
busch ouch alzyt groin. 

Festuken^* wayssynt up eyme boume geschaft as eyn birboum, 
ind die vrucht is gelych eynre hasennusse,^^ ind hait rode varwen, 
ind yrre is genoich in allen apoteken, ind vursten ind hern die plent 
yrre zo essen wan sy vasten, ind der boum is gerne groin. 

Pharaonis vygen,^® de man manichen kouf da van vindent, 
ind sy doegen nyet zo essen , want sy wasent uys eyme harden boume, 
geschaft as eyne lynde. 

1) wächst. 2) Vgl. Low, Aramäische Pflanzennamen 336, Megenberg 

s. 312. Musa paradisiaca, pisang, paradiesfeige, adamsfeige? 3) laub, blätter. 

4) Dasselbe bemerkt John von Maundeville und Niccolo da Poggibonsi, Libro 
d'Oltramare II, 193. 5) währen, können nicht dauern. 

6) Vgl. V. Hehn 330, Megenberg s. 312; Citrus aurantium decumana, pom- 
pelmusbaum , adamsapfelbaum ? 

7) aussen. 8) orangen. Megenberg s. 318: „aranser, von dem paum 
arans, der ze latein orangus heizt, und trinket man ir saf für die hitz sumerzeiten 
in wälhischen landen." 9) kühlt. 10) citronen. 11) 1. is as, 

12) dar af (daraus) macht. 13) 1. salsen, saucen, mlat. salsa. 

14) pistazien, arab. fistuk, sizilianisch fastuca. 15) haseinnss. 

16) Vgl. über sie besonders Niccolo da Poggibonsi II, 190; Low 386. Ficus 
sycomorns. 



NIEDERRHEIN. BERICHT ÜB. D. ORlENO? 8S 

Caruble^ is eyn vrucht, gescbaft as schoiden/^ ind die kre- 
mer plient sy achter deme lande ^ veyle zo dragen, ind heyschent 
romische scheiden, ind wan die ryf sint, so sint sy alze soysse, ind 
danne af lettert* men honich, dat is swartz. 

Peffer** weyst^ up rosenbuschen, dat is sonder louver,'' ind 
die zweigen sinfc satgroin, ind der peflfer weyst iimb die tzwelgen as 
ertz,^ ind is wys, ind wan he ryf is, so streuft men yn af, ind lait in 
in die sonne, so wirt id swartz, ind die tzwych altzyt bitter, ind men 
mach da van altze gude sayssen, ind sulche lüde sprechent, men mache 
dan den peffer mit rouche swartz, ind so der peflfer me entgain Orien- 
ten weist, ^ so he besser is ind edeler, ind all ma^^ machs genoich 
krygen, want he weist zo male gemeyn in buschen. 

Sperage^^ weyst bynnen eynre nacht langer eynre spannen, 
ind is gelych hoppen, ind den ist man mit oley,^^ ind die zo bricht 
eynen minschen den steyn inme lycham , ind verdryft alle boysheit van 
deme minschen, ind eme wasent gerne dorn, so en douch id niet.^^ 

(Fol. 71) Boum wolle ^^ weyst in knoppen ^" up buschen, 
ind sint wael zien knee hoe, ind die louver sint gescbaft as kese,^^ 
ind eyne knoppe hait vier körn, ind daromb steit die wolle, ind die 
korner setz man vort, ind siet^^ die knoppe as hie körn in dat laut. 

Eys is wys as weysse, ind weist in soinigen^® landen, wan 
he ryf is, so stampt man in mit wasser, dat eme die huyt af geit, 
ind hangent in dan in die sonne, so is he dan vort wys. 

Zuker^® weyst under berghen in sleychtem *^ lande, ind up 
velde ind by vliessenden wassern, ind weyst in riete, ^^ die heischen 
canamilla,^^ in der weist vill, ind sint ho, dicke dan eyn dume, ind 
hait vill lede by eyn stain. In dem mertze snyt man dat riet af, ind 
suyt*^ dat dan uys, koempt wasser, gescbaft as hier wirtz, ind doet dat 
in vas van zeelsteyne^* gebacken, ind sint boven wyt unden eyn cleyn 

1) Holl. karoben boom, fz. caroube, johannisbrod. 

2) beschaffen wie schoten. 3) durchs land hin. 

4) luttert, läutert. 5) Vgl. Heyd H, 634 — 640. 6) wächst. 

7) ohne blätter. 8) wächst um die zweige wie orbsen? 

9) und je weiter nach dem morgenlande hin der pfeflFer wächst, desto. 
10) man. 11) sperhagen , Megenberg s. 348; asparagus? 

12) öl. 13) und ihm wachsen gern dornen, dann taugt er nicht. 

14) Vgl. Heyd 11, 572—575. 15) knospen, knoten, knotten. 

16) und die blätter sehen aus wie käse. 

17) säet. 18) sonnigen? 

19) Vgl. Heyd H, 665—675. 20) ebenem. 

21) wächst in röhren. 22) mlat. canamella. Vgl. Ducange s. v. 

23) si8det. 24) Ziegelstein. 

6 *^ 



84 RÖHBICHT UND MEISNEB 

loch, dar sticht man stro yn, ind liest sy stain eyne zyt, so wirt sy 
hart, ind dat nas, dat durch dat cleyne loch louft, dat is honich, ind 
dat middelste dat is zuker, ind dat overste is seym. Vort dat riet 
canamilla alsns gesneden is in deme mertze, so liest ^ man vill riet 
stain, die setz man in die erde neden, ind bedeckt die boven mit 
erden, die steint dan also by deme wasser den somer over, ind dan 
by sent Lambreichtz dage ^ so lait man die riet in die erde as wyn- 
stocke, ind as manich lit,^ as in eyme riet is, so manich nuwe riet 
weyst da wider uys, ind brengt grois guet in, ind da is zo male 
groiss arbeit da an. Ind wilch man da hait eynen knecht, die eyn 
Schalk is, den sendt he dar, der mois arbeyden nacht ind dach, ind 
men engift eme niet dan wasser ind broet, want die arbeit en wilt 
geyne raste hain, ind da sint dan lüde zo gesät, dat mallich wal 
arbeyde, ind gevent den schelken groisze sleyge, ind en gevent yn 
geynen loin, wan sy heym geent, ind sulcher schelke sint da under 
wylen hondert of tzwey; mer wilch knecht da eyns geweyst hait,* der 
der,^ wat he mach, up dat he niet wider dar kome. Vort weyst in 
deme lande dryer hande zuker , dat yrst zucker , dat hie vur ^ weyst, 
dat is vet ind swartz, ind dat hait man in der apoteken. Vort dat 
ander zuker, dat under' weist, dat is roit, ind dat doit man up spyse. 
Vort dat dirde, dat recht gain Orienten weist, dat is wys, ind so he 
me Upper wart weyst,® so he besser ind wysser is. Ouch weyst in 
deme lande dryerhande hoenich, dat yrsten parsent* die lüde uys 
carublen, ind is swartz , dat ander louft uys zuker, ind is roit, ind dat 
dirde machent die byen, ind is geschaft as hie. 

Pupoen^® is eyn vrucht, ind is lanck as tzwey ganseyer, ind 
sint gele, ind wie da van ist, die mois id schelen as eyn appel, ind 
is kalt, ind men mois id essen mit heyssen hoynich, of id verkoelde 
eynen minschen zomale ser bynnen. Ind dat weist in deme lande, dat 
got den joeden gegeven hatte, dar sy Josue brachten, ^^ ind doe en 
rainde id ouch niet me hemelsch broit,^^ ind alle joden moyssen der 
vrucht hain yme jaire eyns, ind die boime sint winters ind som- 
mers, ind arme joden generent sich da van, dat sy der vrucht hoilen 
moegen. 

1) läset. 2) 17. September. 3) glied. 

4) einmal gewesen ist. 5) 1. der doit. 

6) hier vorn. 7) 1. unden, unten wächst? 

8) aufwärts wächst. 9) pressen. 

10) melone, lat. pepo. 11) brachte. 

12) Numeri 11 , 5. 



NIBDEERHBIN. BEBICHT ÜB. D. OEIENT 85 

Yort gailgain, cedewer ind genuver* weyst da allit in 
wurtzelen, (fol. 72) ind so sy me zo India wart^ sint, so sy heys- 
ser sint. 

Wirouch^ dringt uys boumen as smaltz, ind die boum sint 
geschafk as wyden, ind up allen enden dringt der wyrouch so uys. 

Tymeamen* weyst up groisme krude, ind is geschaft as ver- 
brante aeren inme kome hie zo sommer, ind steit zo samen mit 
groiszen heuffen, ind wan dat kruydt ryf is, so machent die lüde eyn 
langeroige,^ da binden sy vil bende in, ind zient die durch dat cruyt, 
dat blyft dan kleven, ind dat druckent die lüde dan zo samen as was,^ 
dat heisch ent sy tymeamen. 

Misnus^ is eyn cleyn gele sois kruit, ind is gutz koufs, ind 
vill lüde stervent dar van, dat sy zo vill essent, want id is zomale 
soysse. 

Vort wasent da manicherhande boume, getrude ind vrichte, 
die da gemeyne sint ind hie seltzen, ind hie manich kruyt boume ind 
vruchte, die hie gemeyne sint ind da seltzen, as kirsen, ertze,^ yssels- 
kii'sten,** da sonderlicgen vill af were zo sprechen. Ouch so en weyst 
da gein boichen houltz noch mandelboum. 

Safferain^® den plantzent die lüde in Arragonien, as man ie^^ 
dat ullouch,^^ ind weist ouch nirgent me, ind is weyst gantze velt 
voll, ind eyn houft^^ mit eynre blomen, geschaft so greis as eyne 
zydelose,^* ind sy is wys ind bla, ind ey^^ eyn bloim hait dry 

1) Galanga minor (Alpinia officinarum , Hance), eine wurzel; zedoar, arab. 
djedwar oder zedwar, der iivurzelstock von Curcuma Zedoaria, Koscoe; zingibor offici- 
nalis; vgl. die genauen nachweise über diese wichtigen handolsartikel bei Heyd II, 
591—593; 658-- 659; 600—604. Megenberg: galgan 368; zitwar426; ingwer (hol- 
länd. gember, clevisch genguor) 425. 2) nach Indien hinwärts. 

3) Vgl. Heyd II, 656 — 658. Megenb. 376. 

4) mlat- thyiniama. Megenb. 348. 

5) mlat. riga, fz. rogc, raye, reihe, furche. 6) wachs. 

7) Es kann nur die aprikose gemeint sein, die in Syrien mischmusch, in 
Ägypten mismus heisst. 8) hcrtekirsen, herzkirschen ? 

9) wissolkirsen , Weichselkirschen? 10) vgl. Heyd II, 645 — 646. 

11) 1. hie. 12) rheinische benennung einer lauchart. „Üen gcrtenern 

ir ullach und zwibeln gein Binge zu füren. — Der schiffer, der da? uUach- (ulloch-) 
schif fürte." Aus Frankfurter archivalicn vom j. 1453, bei Lexer, mhd. wb. 2, 1721. 
Aus der gemma gemmarum, gedruckt zu Köln 1507 (Wörterbuch, meist Kölnischen 
dialectes): „eyn hoefft cypels offt vllocks." Diefenbach, gloss. lat. gcrm. med. aeta- 
tis s. 84* s. V. bulbus. Vgl. altniederl. ulck, ulch, cepa. Kilian 690*. 

13) haupt, köpf. 

14) beschaffen, so gross wie eine zeitlose (Colchicum autumnale). 

15) je. 



86 BÖimiCHT UND MElSNEIl , NXJDDKBIUIEIN. BEUICUT ÜB. D. OBIENT 

lange vesen ^ in deme hertzen,^ ind dat is safferayn, wan dat syne 
zyt is, ind dan brengent die lüde blomen ind nement dar uys saf- 
ferayn. 

Vort so weyst hie in disme lande braym,^ ind is da uysser 
maissen lief ind wert, ind etzlige kouflude uys Vlandem/ brengent 
dar erden potte mit erden, da cleyne struncke van braim ynne sint 
geplantzt; we dat kan over mer brencgen, die gift dat as dure as 
he wilt, ind da is dan vil zosoikens hern,^ die den strunck van deme 
braim willent besien; ind arme lüde, die geynen strunck en können 
brencgen, die brencgent die bloymen. Ind danne af birnent sy was- 
ser, dat is altze lief in den apoteken, ind is dure. Ind die selve lüde 
brencgen her wider roide bern, der allit velt da voll wasent, da man 
scharlachen mit verweit ,^ ind van der snoder' koufmanschaf wjrnnent 
sy altze vil gutz, ind die koufmanschaf en wissen ouch alle lüde nyet 
etc. etc. 

Datum anno domini m® cccc^ octavo in vigilia palmarum. 

1) fasern (staubfäden). 2) mitten innen. 

3) Dieser namo ist nicht sicher zu bestimmen. An bram (brombeere) oder 
brionia ist natürlich nicht zu denken. Teuthonista bietet 38**: „brame, gynster, 
brimmen: gencsta, tramaricia." Da es eine einheimische pflanze ist, die nach dem 
Oriente ausgeführt wird, so mag demnach wol gemeint sein genista tiuctoria, färbe- 
ginster, holländisch: akkerbrem, eine niedrige staude mit gelben bluten, deren 
blute, kraut und samen officinel sind oder waren. 

4) Über den flandrischen handel vgl. Heyd II, 708 — 712. 

5) zosoikens (mnd. totokens) van hörn = besuchens von herren. 

6) Gemeint ist nicht eine pflanze, sondern die auf der kcrmeseiche (quercus 
coccifera) lebende kermesschildlaus, coccus ilicis; berühmt war namentlich in Gent 
gefertigter und gefärbter scharlach. Alwin Schultz, das höfische leben 1, 269 fg. 

7) nihd. suoede, von der geringwertigen waare. 

BERLIN. RÖHRICHT UND MEISNER. 



DER VERIRTE SOLDAT, EIN DRAMA DES 17. JAHR- 
HUNDERTS. 

In band 15, s. 503 dieser Zeitschrift beschrieb ich gelegentlich 
eine Berliner handschrift (Ms. Germ. Quart 436. — 1 bl. und 82 s. 4®), 
welche ein titelloses Schauspiel enthält und oflfenbar einer komödianten- 
bande des 17. Jahrhunderts angehört hat. Damals war mir unbekant, 
dass dies selbe stück in neuerer zeit nach einer anderen handschrift 



B0LTI5, DER VEUillTE SOLDAT 87 

gedruckt worden war; da ich nun seither noch einige weitere spuren 
seiner einstigen Verbreitung und beliebtheit gefunden habe, wird ein 
eingehen auf diese um so mehr am platze sein, je weniger aufmerk- 
samkeit man bisher dem repertoire der fahrenden Schauspieler in der 
zweiten hälfte des 17. Jahrhunderts geschenkt hat. Seit Gottscheds Ver- 
zeichnis ist eigentlich nur die geschichte der oper bei den musikhisto- 
rikern gegenständ der wissenschaftlichen forschung gewesen; Goedeke, 
welcher für die bearbeitung des lateinischen und deutschen dramas bis 
1620 in so musterhafter weise die wege gebahnt hat, sah sich durch 
die weite verstreutheit des oft in blossen theaterzetteln bestehenden 
oder in unbeachteten handschriften versteckten materials veranlasst, 
die dramatische litteratur der späteren zeit knapper und fragmenta- 
rischer zu behandeln, ein mangel, den die nachtrage Wellers nicht zu 
ersetzen vermögen. 

Das erwähnte Berliner Schauspiel ist auch in einer handschrift 
der kaiserlichen Studienbibliothek zu Laib ach (nr. 280. — 70 s. 4*^) 
vorhanden. Hier führt es den titel: „der verirte Soldat oder des 
glucks probier-stain" und ist von zwei Krainern, Martin Höndler 
und Melchior Harrer, zwischen 1650 und 1673 dem grafen Auersperg 
gewidmet; wahrscheinlich gehörten dieselben der „kompagni der hoch- 
deutschen komödianten" an, welche im juni 1671 Laibach besuchte und 
der behörde „eine aktion" dedicierte. Den text dieser handschrift hat 
im jähre 1865 P. von Eadics (Agram, F. Suppan) mit einer einlei- 
tung über die pflege der dramatischen kunst in Laibach während des 
17. und 18. Jahrhunderts veröffentlicht, doch scheint seine Publikation 
trotz der sachkundigen besprechung Eeinhold Köhlers im Literari- 
schen ceutralblatt 1866 (49) 1290 — 1292 in Deutschland wenig bekant 
geworden zu sein. — Eine dritte handschrift endlich, von welcher ich 
durch die gute des herrn dr. Alexander von Weilen eine kollation 
mit dem gedruckten texte erhalten habe, liegt in der Wiener hofbiblio- 
thek (ur. 13 158. — 23 bl. 4^). Sie entstamt der samlung Castellis und 
ist wahrscheinlich von derselben band geschrieben wie die jüngst von 
J. Meissner ^ veröffentlichte bearbeitung von Shakespeares Kaufmann 
von Venedig. Über zeit und ort ihrer entstehung orientiert uns ein 
vermerk am anfange: „Geschrieben von Gabriel Möller ^ ad a. 689 d. 
25. Februarij in Dresden" und ein gleicher am Schlüsse: „Gabriel Möl- 
ler d. 28. februari ad 1689." Dieser Gabriel Möller, welcher 1703, 
1708 und 1710 als direktor der sächsischen hofkomödianten aus Wei- 

1) Die englischen komödianton zur zeit Shakespeares in Osterreicli 1884 
8. 127 fg. 

2) nicht Moller, wie der gedruckte katalog und Meissner lesen. 



88 BOLTE 

mar Berlin besuchte, gehörte damals noch der in Dresden weilenden 
truppe Johann Veitheims an. Noch ein späterer besitzer hat seinen 
namen in dem manuscripte verewigt: „D. Hoflfraan Dir. Comicus. 
A. 1723." Meissner erkent in ihm mit recht jenen Hoflfmann wider, 
welcher eben in dem jähre 1723 durch eine heirat mit der witwe des 
jüngeren Elenson direkter einer scbauspielerbande wurde. ^ 

Die abweichungen der Berliner und der Wiener handschrift von 
der ausgäbe von Eadics aufzuzählen, würde nicht die mühe lohnen; sie 
betreflfen nur kleinigkeiten des ausdrucks und der Wortstellung. Wenden 
wir vielmehr unsre aufmerksamkeit nun einen augenblick dem inhalte 
des Stückes zu, welches uns ganz in die Sphäre der orientalisierenden 
historiscben romane jener zeit versezt. Auf verläumderische anklagen 
hin hat der persische könig Selim seinen söhn Selimor zu töten befoh- 
len, indes hat ein freund des prinzen diesem statt des giftes einen 
Schlaftrunk gereicht und ihn dann aus dem grabe gerettet. Seine ver- 
lobte, die türkische prinzessin Aribane, bewegt inzwischen auf die nach- 
richt vom tode Selimors ihren vater, den sultan Soliman, zum kriege 
gegen den grausamen könig. Hier begint die handlung des Schauspiels. 
Selim führt seine weichenden truppen wider in die Schlacht und gerät 
dabei mit der amazonenhaften Aribane selbst ins handgemenge. Den 
unterliegenden rettet der totgeglaubte Selimor, der verkleidet und 
unerkant unter dem namen Oromachus auftritt und seine verlobte 
gefangen nimt. — Der 2. und 3. akt spielen in der resideuz Nicäa. 
Selim entbrent in liebe zu der schönen gefangenen, welche übrigens 
ganz als gast am hofe behandelt wird, und beauftragt seinen lebens- 
retter Oromachus , die prinzessin zu einer heirat mit ihm zu überreden. 
Aber dieser vermag sich der geliebten gegenüber nicht länger zurück- 
zuhalten und gibt sich zu erkennen. Als sie vor freude in ohnmacht 
sinkt, komt der argwöhnische Selim hinzu und lässt Oromachus in den 
kerker werfen , wo er in Wahnsinn verfalt und in ganz Lohensteinischen 
tiraden rast, ohne sich von seinem vertrauten Ormon beschwichtigen 
zu lassen. Man höre eine probe: 

Oromachus. 
Ich will dem höUengott die Sache selbst auftragen, 
Ob ich nicht recht genug mein vater hab zu schlagen 

Ormon. 
Ach Selimor, mein söhn, hört mich doch nur ein wort. 

1) Vgl. M. Fürstenau, Zur geschichte der musik und dos theaters am hofe 
zu Dresden 2, 303. 



D£R VEBIBTE SOLDAT 89 

Oromachus. 
Mein ankerloses sclüflf kann hier ja nicht verbleiben, 
Es muss mit gantzer macht den schwefelfluss durchtreiben. 

Ormon. 
So, Charon, eile fort und halte deinen hund, 
Der heulende bewacht den heissen höUenschlund. 

Oromachus. 
Was acht ich, Cerberus, dein heulen oder bellen? 
Was Styx, was Acheron mit ihren schwefelwellen? 
Ich will in einer stund mit dieser meiner band — 

Ormon. 
Gesetze schreiben vor — 

Oromachus. 

dem richter Rhadamant. 
Nun will ich an den ort, da die verdammten sitzen, 
Allwo der grosse stein den Sisyphus macht schwitzen, 
Da wo der Tityus den höUengeier nährt. 
Wenn er die leber ihm zum öfteren verzehrt. 

Ormon. 
Ach Selimor, hört auf euch länger so zu stellen. 

Oromachus. 
Keisst, schlagt und macht mich los, ich muss jezt nach der höUen. 
Krach, brich, es muss entzwei — 

Ormon. 

Ihr götter, helfet hier! 

Oromachus. 
Ich will hinfüro sein gleich wie ein wildes tier. 

(Er roisst die ketten entzwei und läuft rasend ab.) 

Unterdes aber haben sich die freunde des priuzen gegen 
Selim und seinen schurkischen ratgeber Ajachmur vereinigt, Aribane 
tritt verkleidet als gesanter ihres vaters auf und erhält von Selim 
das versprechen, Selimor solle, wenn er noch am leben sei, wider zu 
gnaden aufgenommen werden; Selimor, „der in liebe ganz verirte (= 
irre gewordene) soldat", wie er mit hinweis auf den titel genant wird, 
erscheint, erhält in ihren armen seinen verstand wider und söhnt sich 
mit seinem vater, der natürlich auf Aribane verzichtet, aus. Der 
intriguant wird in die Verbannung geschickt. 

Dass mit den starken bühneneffekten , welche die zeit liebte, 
nicht sparsam umgegangen wird, erhellt aus der Inhaltsangabe. Die 
motive, die Verkleidungen, das belauschen von monologen, das häufige 
ä part, die darstellung der raserei, sind freilich nicht neu, aber 



90 BOLTE 

leidlich geschickt verbunden , wie auch die exposition ziemlich gelungen 
ist. Hervorheben möchte ich, dass trotz des glücklichen ausgangs ein 
komisches element ganz fehlt. Die häufig recht geschraubte spräche 
verrät bildung, besonders mythologische kentnisse. 

Die form unsres Stückes ist in der regel prosa und erhebt sich 
nur an einzelnen stellen, wie an der angeführten und an den aktschlüs- 
sen, zu alexandrinern, die Radios nicht immer erkant hat. Auch einige 
offenbar für den gesang bestirnte stellen in kürzeren versen (s, 25. 29. 
71) begegnen uns. Man könte versucht sein, auch für die übrigen 
Partien eine ursprüngliche metrische fassung anzunehmen, da wir von 
andren dramen, wie von dem sterbenden Papinianus des Andreas Gry- 
phius, wissen, dass sie von den fahrenden schauspielern ihres metri- 
schen gewandes entkleidet und in prosaischer gestalt dem publikum 
vorgeführt wurden. Man hatte sich eben seit dem auftreten der eng- 
lischen komödianten einerseits und der italienischen oper andrerseits 
in Deutschland vielfach daran gewöhnt, für das gesprochene drama 
die ungebundene rede zu verlangen, während das versmass und der 
reim iramermehr auf das musikalische drama beschränkt wurde. Frei- 
lich die Schauspiele des herzogs Heinrich Julius von Braunschweig 
befremdeten zuerst so, dass umdichter wie Herlitz und Sommer ein- 
zelne von ihnen in die gewohnte form der kurzen reimpaare zwängten, 
und noch 1631 wurden die niederdeutschen scenen von Rists eben 
erschienener Irenaromachia von Erasmus Pfeiffer aus der prosa in verse 
umgesezt;^ aber seit der mitte des Jahrhunderts war das umgekehrte 
regel. Indes ist es mir nicht gelungen, ein solches metrisches original 
für den verirten liebessoldaten ausfindig zu machen, es müste denn die 
noch zu erwähnende oper sein, welche jedoch erst 1684 genant wird. 
Ebensowenig vermag ich ein ausländisches vorbild, etwa einen franzö- 
sischen roman im geschmacke Calprenedes oder des fräuleins von Scu- 
dery oder ein italienisches Schauspiel, nachzuweisen. Den Verfasser 
mit Radios in den beiden dedicatoren der Laibacher handschrift von 
1671 zu suchen, berechtigt uns nichts; schwerlich hätte Radios selbst 
so zuversichtlich geurteilt, wenn er die andern handschriften gekaut 
hätte. 

Wenige stücke des ausgehenden 17. Jahrhunderts können sich an 
beliebtheit mit unsrem drama messen, das sich fünfzig jähre hindurch 
auf dem bühnenrepertoire erhielt. 1673 am 24. juni wm*de, wie Pür- 
stenau^ mitteilt, zu Dresden im italienischen garten der kurfürstin 

1) Vgl. Gaedertz im Jahrbuch des Vereins für nd. Sprachforschung 7, 106 und 
Bolte ebenda 11, 157 fg. 

2) A. a. 0. 1 , 243 und 307. 



DER VERIBTB SOLDAT 91 

die comödie „der verirrete liebessoldat" genant agiert. Ebenso figuriert 
„der verirte soldat" in dem Verzeichnis der stücke, welche Johann 
Veitheim im Januar und februar 1690 vor dem sächsischen hofo zu 
Torgau zur darstellung brachte. Von einem 1684 zu Weissenfeis 
aufgeführten und gedruckten Singspiele „Oromachus und Arybane, oder 
die irrende liebe" fol. kenne ich weiter nichts als den von Gottsched^ 
aufbewahrten titel; wahrscheinlich war es eine metrische bearbeitung 
der hauptaktion, wie auch der dichter der Hamburger oper „Florette" 
von 1683 bekent: „Die invention dieses Singspiels hat man von einem 
bekanten und berühmten manne zum teile geborget, zum teil nach 
erforderung des Singspiels geändert." ^ Eine darstellung der haupt- 
aktion selbst fand ums jähr 1710 in Köln statt. Das vier quartblät- 
ter starke programm,^ in welchem „der principal der königlich Gross- 
britt. und Churfürstlich Braunschweigisch Luneburgischen würcklichen 
hoflfacteurs," Leonardus Andreas Denner, welcher früher in der truppe 
der witwe Veitheims mitgespielt hatte, bürgermeister und rat der 
freien reichsstadt Köln zur auffährung einer hauptaktion, „genannt: 
Der im krieg verirrte , und in der lieb verwürrte Soldat", gehorsamst ein- 
ladet, enthält ausser der in alexandrinern abgefassten einladung selbst 
und einem musikalischen prologe zwischen Diana und Flora fünf arien 
der beiden weiblichen rollen Aribane und Albia, darunter zwei ita- 
lienische. Auch im auslande suchten die deutschen Schauspieler damals 
ihr Publikum. Donners Schwager Johann Spiegelberg, welcher im 
winter 1718/19 mit einer bände hochdeutscher komödianten in Kopen- 
hagen verweilte, spielte dort am 12. Januar 1719 den sterbenden 
Papinianus und montag den 23. Januar „eine galante, modeste und 
sehenswürdige aktion, genandt: Des glückes probierstein, oder 
der im krieg verirrte, und in der liebe verwirrte liebessoldat." „Nach 
endigung dieser admirablen hauptaktion", fahrt der theaterzettel * fort, 
„soll zu desto mehrer gemüths Vergnügung, eine recht lustige nach- 
comödie den völligen schluss machen, genandt: Die vier verliebten 
geister." Von einer um 1720 in Stockholm, offenbar wiederum durch 
Spiegelberg, der 1732 auf einer kunstreise in Norwegen starb, veran- 

1) Nötiger Vorrat 1, 249. 

2) Der Hamburger oper liegt zu gründe Chr. Weises 1668 veröffentlichtes 
prosadrama „Die triumphierende kouschheit", welches K. Halling, Altdeutsche Schau- 
spiele. 1. bändchon. Breslau 1833 widorum unter dem titel „Florette" erneuert hat. 

3) Berlin, königliche bibliothek Yp 5022 nr. 7. 

4) Abgedruckt bei E. C. Werlauff, Historiske antegnelser til L. Holbergs 
l3-8tspil, 1. bind. Kjöbenhavn 1838 s. 198. Vgl. Th. Overskou, Den dansko skue- 
plads 1, 136 (1854) und J. Huitfeldt, Christiania theaterhistorie s. 38 (1876). 



92 BOLTB, DER VEBIBTE SOLDAT 

stalteten aufführung haben wir künde durch ein von G. E. Klemming^ 
verzeichnetes programm: „Der im kriege verirrte, in der liebe ver- 
wirrte und endlich von seinen eigenen afifekten bestraflfte Selim könig 
in Persien, oder die heldenmüthige printzessin Arbiane (so!)." Noch 
anders variierte Spiegelberg den titel unsres Stückes, — denn dies ist 
zweifellos gemeint — als er in Hamburg seine abschieds Vorstellung 
am 1. december 1724 gab: „Die verwirrte liebe, oder der um eines 
vermeinten prinzen (lies: prinzen vermeinten) tod vollführte krieg und 
liebessieg. Am schluss ein lustiges nachspiel: Arlequin, ein lächerlicher 
ambassadeur von dem kaiser aus dem mondenreich." ^ 

Leicht mögen bei weiterer nachforschung aufschlüsse über die 
quelle und die Verbreitung unseres Schauspiels zu tage gefordert wer- 
den. Aber auch andre bühnenwerke dieser periode bedürfen einer 
genaueren betrachtung, so wenig lohnend zunächst die ausbeute in 
ästhetischer hinsieht scheinen mag. Eine Vorstellung von der mannig- 
faltigkeit des repertoires am Schlüsse des 17. Jahrhunderts gewährt das 
allerdings erst um 1720 niedergeschriebene dramenverzeichnis , durch 
dessen bekantmachung sich Meissner kürzlich ein verdienst erworben 
hat. Es wäre von Interesse, näheres zu hören über die Verdeutschun- 
gen der italienischen dr amen Giacomo Andrea Cicogninis, derOron- 
tea regina d'Egitto, Venezia 1649 u. ö.,^ der Adamira ovvero la 
statua deir onore. Venezia 1657 u. ö.^ und der Gelosia fortunata,^ 
ebenso über den mehrfach genanten „Kronenstreit zwischen Aurora 
und Stella, Prinzessinnen zu Barcelona"^ und manche andre. Gegen- 

1) Sveriges dramatiska litteratur tili och med 1875 s. 539 (1879). 

2) Schütze, Hamburgische theatergeschichte, 1794 s. 52. 

3) Eine deutsche handschriftliche bearbeitung weist J. M. Wagner im Sera- 
peum 1866, 320 nach. Aufführungen in Dresden 1660 und 1679 bei Fürstenau 1, 
206. 253; vgl. L. Allacci, Dramaturgia 1755 s. 7. 584. 

4) Eine handschriftliche Übersetzung im Serapeum 1866, 319. Aufführung 
in Dresden 1684 bei Fürstenau 1, 271; in Kopenhagen 1707 oder 1710 bei Werlauff, 
Historiske antegnclser til L. Holbergs lystspil 1, 197. 

5) Serapeum 1866, 319: eine Übersetzung von Künickhl und Christoph Bli- 
mel zu Innsbruck 1662. Aufführungen in Dresden am 29. Oktober 1671 und im 
febr. 1679 bei Fürstenau 1, 233. 253, in Lüneburg 1680, 22. juli von sächsisch - 
lauenburgi sehen komödianten (Deutsche bühnengenossenschaft 11 nr. 49 s. 530. 1882) 
und in Frankfurt a. M. am 18. Oktober 1741 (E. Mentzel, Archiv f. Frankfurts 
geschichte n. f. 9, 457. 1882). 

6) Eine handschrift in der Wiener hofbibliothok nr. 13516, eine andre Sera- 
peum 1866, 320 nr. 12. Aufführungen in Danzig um 1690 nach A. Hundt, Alt- 
preussische monatsschrift 4, 380. 677 (1867), in Dresden am 24. Januar 1676 nach 
Fürstenau 1, 248, in Frankfurt a. M. am 24. august und 4. december 1741 nach 
E. Mentzel a. a. o. 9, 453. 460. Vgl. ferner Jahrb. der d. Shakespearegesellschaft 
19 , 152 nr. 122. 



BOLTE, ENGL. WALLENSTBIN IN DBÜTSCHL. 93 

Über den zahlreichen nachahmungen englischer, italienischer und fran- 
zösischer Vorbilder erscheint der von den deutschen buhnendichtern 
gelieferte beitrag nur gering. Ganz vereinzelt ist der fall, dass sich 
noch ein deutsches stück des 16. Jahrhunderts, wie die tragödie von 
der Lisabetha (oder vom Lorenz) des Hans Sachs, über den dreissig- 
lährigen krieg hinaus auf dem repertoire erhielt.' 

BERLIN. JOHANNES BOLTE. 



EINE ENGLISCHE WALLENSTEINTKAGÖDIE IN 

DEUTSCHLAND. 

In den Baltischen Studien vom jähre 1836 (HI, 2, 254 — 257) 
ist ein auf der landschaftsbibliothek zu Stettin befindlicher theaterzet- 
tel des 17. Jahrhunderts abgedruckt, welcher die aufführung einer tra- 
gödie Wallen stein auf dem Berlinischen rathause ankündigt. Er 

begint: 

„Montags den 3. September 

Soll denen respective hochgeneigten Liebhabern der Teutschen Schau- 
spiele zu sonderbarem Wohlgefallen präsentiret werden, 

Die Welt- bekannte Historie 

von dem 

Tyrannischen General Wallenstein." 

Darauf folgt das personenverzeichnis und ein ausführliches summarium, 

zulezt die bemerkung: 

„Nach dieser Haupt -Action soll zur Kurtzweil beschliessen ein 
lustiges Nachspiel, genannt 

Die drei seltsame Berge. 
Der Schauplatz ist auf dem Berlinischen Rath- Hause, 
und wird um 4 Uhr angefangen." 
Dem Verfasser der Geschichte des königlichen theaters zu Ber- 
lin (1877), A. E. Brachvogel, den man freilich auch in andern fällen 
der Oberflächlichkeit zeihen muss, ist dies drama, obwol sein Inhalt 
mehrfach in Zeitungsartikeln^ reproduciert wurde, unbekant geblieben. 

1) Die tragödie vom Lorenz (in Kellers ausgäbe 8, 366) wurde 1646 und 
1676 am Dresdener hofe aufgeführt (Furstenau 1, 107. 249), ebenda 1675 ein fast- 
nachtspiel von Hans Sachs (Fürstonau 1, 80). Auch die 1665 in Schneeberg agierte 
komödie von der standhaften Yiolanta (Furstenau 1^ 225) ist vielleicht mit dem 
drama des Hans Sachs aus dem jähre 1545 (8, 340 ed. Keller) identisch. 

2) Aufgezählt bei Georg Schmid, Die Wallensteinliteratur 1626 — 1878 in 
den Mitteilungen des Vereins f. Gesch. der Deutschen in Böhmen 17, 104 nr. 429 



94 BOLTß 

Da auf dem zettel weder eine Jahreszahl angegeben noch die schau- 
spielertruppe genant ist, sezte der anonyme herausgeber in den Bal- 
tischen Studien die aufführung in „die erste hälfte des 17. Jahrhun- 
derts", also wenige jähre nach der ermordung Wallensteins; wir wer- 
den sogleich sehen, ob mit recht. 

Zunächst ist auffallend , obwol meines wissens bisher noch nicht 
bemerkt, die Übereinstimmung, welche sich zwischen unserer Berliner 
hauptaktion und der 1639 erschienenen „Tragedy of Albertus Wallen- 
stein" des Engländers Henry Glapthorne^ findet. Dieser nämlich hat 
sich nicht wie sein Vorgänger Vernulaeus^ damit begnügt, eine rheto- 
risch ausgemalte darstellung des geplanten Verrates und der ermordung 
des Friedländers , wie sie in verschiedenen berichten den Zeitgenossen 
bekant wurden, auf die bühne zu bringen, sondern er hat auch meh- 
rere frei erfundene züge, darunter eine liebesintrigue , in die historische 
handlung eingeflochten. Er gibt, der geschichtlichen Wahrheit zuwider, 
dem Wallenstein zwei erwachsene söhne. Der älteste, Friedrich mit 
namen, bewirbt sich, von dem lustigen rittmeister Neuman unter- 
wiesen, um die gunst der tochter des herzogs Bernhard von Weimar, 
um nach dem willen des vaters die mit dem herzog angeknüpfte Ver- 
bindung noch mehr zu befestigen. Die leidenschafb des andern sohnes, 
Albertus, dagegen richtet sich auf Isabella, das tugendhafte kanmier- 
mädchen seiner mutter; vergeblich machen ihm Neumann und Frie- 
drich Vorstellungen über das unwürdige seiner neigung, auch den dro- 
hungen seines vaters gegenüber bleibt er fest. Endlich stelt ihm die- 
ser frei, die hochzeit mit Isabella zu feiern, wenn er sich verpflichte, 
sie dann vor dem anbruche des nächsten tages zu töten. Wie er dies 

uud430. — Zu den ebenda unter nr. 420— 431, 1066 — 1072, 1369 fg. (bd.21, bei- 
lage zu beft 2, s. 32 und bd. 23, beilage zu heft 2, s. 19) aufgeführten Wallenstein- 
dramen vor Schiller trage ich ausser den unten zu erwähnenden nach: eine Jesu- 
itenauffülirung „Albertus Fritlandiae dux** Wurzburg 1701, einen Fridlandus 1761 
und 1762 (Müncbenor königliche bibliotbek , Bavarica 4° nr. 2196) , eine Aufführung 
in Nürnberg um 1750 (A. von Eye, Zs. f. deutsche kulturgeschichte n. f. 2, 700. 
1873); ferner einen italienischen monolog Wallensteins vor seinem ende, den ein 
zeitgenössischer bewunderer, graf Pulvio Testi (1593 — 1646), verfasste und G. M. 
Thomas aus einer Münchener handschrift herausgab (München 1858. 4<^), und ein 
böhmisches trauerspiel „Albrecht Wenzel von Waldstein, herzog von Friedland" 
von Wenzel Tham (um 1790. J. Jungmann, Historie literatury ceske 1849 s. 407). 

1) London 1639 (nicht 1634) und 1640; wider abgedruckt in The Old English 
Drama, Lond. 1825, band 2 und in H. Glapthomes Plays and Poems, Lond. 1874, 
2, 1 — 80. 

2) Fritlandus, Lovanii 1637 (exemplare in Gent und München). Editio U. 
Lovanii 1646 (Antwerpen. Brüssel). In N. Vernulaei Tragoediae ed. 11. Lov. 1646 
2, %9— 1040. 



ENGL. WALLENSTEIN IN DEÜTSCHL. 95 

ansinnen entsezt zurückweist, erscheint die herzogin und beschuldigt 
Isabella eines diebstahls. Wallenstein befiehlt , sie sogleich zu hängen, 
und als Albertus die geliebte gegen den henker verteidigt, stösst er 
selber den söhn nieder. Als ob die rohe und vor keiner grausamkeit 
zurückschreckende natur Wallensteins noch nicht schwarz genug gemalt 
wäre, tötet er bald darauf noch einen pagen, der ihn auf das geheiss 
der herzogin aus dem schlafe weckte. Das Berliner scenar hat hier 
noch „ein lustiges interscenium von dem koch und einem besolfenen 
reuter , welche Wallenstein will henken lassen" ; dagegen fehlen ihm 
der schluss von III 3, IV 2 und Vi. Im übrigen ist die Übereinstim- 
mung eine volkommene, nur dass die l. und 2. scene des ersten akts 
ihre stelle getauscht haben und mehrmals eine scene Glapthornes in 
zwei oder drei auftritte zerlegt ist. 

Dass das deutsche Schauspiel aus der englischen tragödie herstam- 
men muss, welche trotz aller blutigen greuel eine geschickte und der 
bühnen Wirkungen sichere band verrät, ist klar. In Deutschland wäre 
(vor 1639!) ein so freies schalten mit den personen und ereignissen der 
allerjüngsten Vergangenheit nicht denkbar. Wallenstein als vater zweier 
erwachsenen söhne, als raörder des einen, ebenso die Verlobung des 
andern mit einer tochter Bernhards von Weimar, das alles kann nur 
in einer viel späteren zeit ersonnen sein , oder an einem orte , wohin 
nur eine ungefähre künde der fernen ereignisse drang und wo zugleich 
eine langgeübte dramatische technik die dichter gelehrt hatte, auch in 
historische stoflfe ein romantisches dement hineinzutragen, selbst auf 
kosten der geschichtlichen treue. Mithin war die Berliner hauptaktion 
aus dem englischen übersezt und bietet einen neuen beleg für die jüngst 
von J. Meissner^ hervorgehobene tatsache, dass bis ins 18. Jahrhundert 
hinein das repertoire der umherziehenden schauspielerbanden in Deutsch- 
land, abgesehen von den italienischen Vorbildern, stark durch das eng- 
lische drama beeinflusst war. 

Nun finden sich über die anwesenheit von komödiantentruppen 
in BerUn während der zweiten hälfte des 17. Jahrhunderts nur spär- 

1) Jahrbuch der deutschen Shakespearegesellschaft 19, 142 (1884). — So 
gehen auch von den vier dramen, welche das in der Altprenssischen monatsschrift 
2, 228 (1865) beschriebene Danzigor manuscript enthält, mindestens zwei auf eng- 
lische originale zurück: auf Machins schon früher von Ayrer in gereimter form 
verdeutschten „Stummen ritter" (vgl. Tittmann, Schauspiele aus dem 16. Jahrhun- 
dert 2, 131 fg.) und auf die posse der englischen komödianten vom unsichtbar 
machenden steine, welche auch Ayrer mit Machins Schauspiel verband (Tittmann, 
Schauspiele der englischen komödianten , 1880 s. 235 und LIV, ferner meine anmer- 
knng in den Märkischen forschungen 18, 201. 1884. Fürstenau 1, 231. 243 fg. 271.) 



96 BOLTB, ENGL. WALLBNSTEIN IN DBÜTSCHL. 

liehe nachrichten; die erste ausführlichere* stamt aus dem juni des 
Jahres 1690, wo zugleich Sebastian di Scio und der direkter der kur- 
sächsischen hofkomödianten , Johann Veitheim, die erlaubnis erhielten, 
in Berlin und sonst im lande Vorstellungen zu geben. Zu diesem jähre 
aber stimt das datum unsres zetteis vortreflich; denn 1690 fiel der 
3. September nach dem julianischen kalender, der damals in Branden- 
burg noch immer galt, auf einen montag. In demselben jähre* hatte 
Veitheim schon im laufe des Januars oder februars, wie M. Fürstenau, 
Zur geschichte der musik und des theaters am hofe zu Dresden 1, 307 
(1861) mitteilt, vor dem sächsischen hofe zu Torgau die tragödie Wal- 
lenstein von A. A. von Haugwitz aufgeführt. Es liegt also die 
annähme nahe, dass Veitheim diesen Wallenstein in Berlin widerholt 
habe, und dass uns in dem erwähnten zettel ein programm dieser Vor- 
stellung und eine Inhaltsangabe des Haugwitzschen Stückes, welches 
ebenso wie Rists Wallenstein ^ verloren ist, erhalten sei; doch stehen 
dieser Vermutung mehrere bedenken entgegen. Haugwitz, über dessen 
leben kürzlich Hübner ^ in einer sorgfaltigen arbeit licht verbreitet hat, 
bezeichnet den Wallenstein 1684 in der vorrede zu seinem Prodromus 
poeticus als sein bestes werk und hoft, dass er „dasjenige satsam 
ersetzen werde, was dem Soliman und der Maria Stuarda gefehlet." 
Hätten wir aber denselben in dem stücke des Berliner programms wider- 
zuerkennen, so würde dem dichter höchstens der rühm eines gewanten 
Übersetzers zukommen, während sich ein derartiges plagiat ihm sonst 
nicht nachweisen lässt. Nach seinen gedruckten dramen zu schliessen, 
war sein Wallenstein in alexandrinern abgefasst, auch allegorische ge- 
stalten und Chöre werden nicht gefehlt haben; von alledem hatte das 
Berliner stück wol nichts, es war offenbar wie die meisten (Schau- 
spiele der fahrenden komödianten in prosa geschrieben. Nun könte 
zwar Veitheim ausser dem Haugwitzschen Wallenstein auch eine ältere 
tragödie gleichen titeis auf seinem repertoire gehabt haben , indes spricht 
der umstand, dass nicht wie sonst auf seinen ankündigungen die kur- 
fürstlich sächsischen hofkomödianten genant worden, wol mehr daför, 
dass der gleichzeitig in Berlin weilende Sebastian di Scio durch die 

1) Plümicke, Entwurf einer theatergeschichte von Berlin, 1781 s. 61. Brach- 
vogel a. a. 0. 1, 47. 

2) Nach den ausfahrungen von Gaedertz, Niederdeutsches jahrb. 7, 102 fg. 
(1882) steht zu bezweifeln, ob Rists entwurf überhaupt vollendet und veröffent- 
licht wurde. 

3) Der Lausitzer dichter Aug. Ad. v. Haugwitz, progr. Trarbach 1885 
(nr. 417). Entgangen ist Hiibner die gelegentliche besprechung des Soliman von 
P. Lichtonstein im Anzeiger f. deutsches altertum 9, 290. 



ZÜB KRITIK D. NIB.-L. VII. KLEIDUNG. BEWAPNÜNG 97 

bearbeitung des englischen dramas dem Wallenstein seines konkurren- 
ten Veitheim den rang abzulaufen suchte. Überliefert ist wenigstens, 
dass beide damals in der Vorführung von Gabriel Bollenhagen s Amantes 
amentes in Berlin wetteiferten.^ Vielleicht bringen fernere nachfor- 
schungen nach den wanderzügen der schauspielertruppen hier grössere 
Sicherheit. In welchem Verhältnisse ein in Bremen von „sächsischen 
hochdeutschen komödianten" dargesteltes Schauspiel „Der verratene Ver- 
räter oder der durch hochmut gestürzte Wallenstein , herzog von Pried- 
land" * und ein andres in einem zu anfang des 18. Jahrhunderts abge- 
fassten Verzeichnis genantes „Der wunderlich general Wallenstein, 
dessen leben und tod" ^ zu Haugwitz und dem Berliner stücke von 
1690 stehen, darüber unterlasse ich es Vermutungen zu äussetn. 

BERLIN. JOHANNES BOLTE. 



ZUE KEITIK DES NIBELUNGENLIEDES. 
Vn. KLEIDUNG UND BEWAFNUNG. 

Die in den bisherigen Untersuchungen auf das Nibelungenlied 
angewante kritik hat uns so weit einen einblick in die entstehung des- 
selben gewärt, dass wir drei hauptstufen seiner entwicklung unter- 
scheiden können: 1) die ältere dichtung, 2) die schon im höfischen 
Charakter gehaltene bearbeitung des mitleren dichters, 3) die als jün- 
gere dichtung bezeichneten späteren erweiterungen. Nachdem wir die 
mitlere dichtung in zahlreichen grösseren abschnitten kennen gelernt 
und eine anschauung von ihrer weiten ausdehnung gewonnen haben, 
müssen wir vorläufig von dem versuch einer genaueren feststellung 
ihres umfanges abstehen. Denn näher liegt die aufgäbe, die bisher im 
algemeinen als jüngere dichtung bezeichneten bestandteile auf ihre 
Zusammensetzung und ihren umfang hin zu untersuchen, um dann 
später von diesen grundlagen aufsteigend uns wider den älteren teilen 
zuzuwenden. Ich sehe daher im folgenden von irgendwelchen Unter- 
scheidungen innerhalb deijeuigen dichtung ab, welche den jüngeren 
dichtem vorlag, und bezeichne jene einfach als das original. 

Als eine der auffallendsten eigentümlichkeiten der jüngeren dich- 
tung erkanten wir bei zahlreichen gelegenheiten die Vorliebe äusser- 
lichkeiten detailliert darzustellen, eine verliebe, welcher die tendenz 

1) Gaedertz, Gabriel Rollenhagen 1881 s. 83. 

2) Dnntze, Geschichte der freien stadt Bremen 4, 582 (1851). 

3) Jahrbach der doutschun Shakcspoaregcsollschaft 19, 151 nr. 103. 

SBITSOHB. P. DBUT80UE PHILOLOGIE. KD. XIX. 7 



98 E. KETTNER 

ZU gründe liegt, den von der höfischen geselschaft in bezug auf luxus 
und lebensformen gemachten ansprächen gerecht zu werden. Diese 
neigung, die schon dem mitleren dichter nicht fremd ist, tritt in den 
jüngeren teilen geradezu als herschend auf und hat die gestaltung des 
stoflfes vorzugsweise bedingt. Die eigenart verschiedener dichter wird 
uns hier am deutlichsten sichtbar werden, wenn wir für unsere Unter- 
suchung einen gegenständ wählen, der einerseits ein so äusserlicher 
ist, dass wir für den grössten teil der von ihm handelnden abschnitte 
einen jüngeren dichter als Verfasser voraussetzen dürfen, und der ander- 
seits so häufig berücksichtigt wird, dass eine Untersuchung über ihn 
am leichtesten auf die Unterscheidung verschiedener dichter führen wird. 
Ich wähle daher die darstellungen der kleidung und bewafnung, um 
sie nach der in den früheren abhandlungen befolgten methode durch- 
zugehen. Auch hier wird es also unsere aufgäbe sein — unabhängig 
von der Lachmannschen Unterscheidung echter und unechter Strophen — 
die über kleidung und bewafnung handelnden abschnitte des ganzen 
Nibelungenliedes zuerst in bezug auf das material, sodann in bezug 
auf die form zu vergleichen. 

I. Das material. 

Bei der Zusammenstellung des materials können selbstverständ- 
lich nicht alle die zahlreichen stellen berücksichtigt werden, an denen 
überhaupt von kleidern und waffen geredet wird , sondern die beobach- 
tungen werden sich vorzugsweise auf diejenigen erstrecken, aji denen 
wir ein aus einem hervorragenden Interesse für diesen gegenständ ent- 
springendes verweilen bei denselben finden, das sich entweder in dem 
umfang der behandlung oder in dem anführen von Spezialitäten zeigt. 

Anfertigung der kleider. 

1. 

Vorbereitungen zur schwertleite Siegfrieds I 31* 32*. Für Sieg- 
fried und die 400 schwertdegen arbeiten viele schöne Jungfrauen: vil 
der edelen steine die frouwen leiten in daz gölt, Die sie mit porten 
wolden wurJcen üf ir wät, 

Auszug Siegfrieds und seiner genossen I 63* — 67*. Siegfried 
bittet seine mutter um geziemende ausstattung (63*). Auf ihre zusage 
(64*) dankt er und gibt die zahl der auszustattenden an (65*). Schöne 
frauen arbeiten tag und nacht an der kleidung (66*). Siegmund gibt 
dazu das ritterliche gewand, speziell brünnen, helme, schilde (67*). 

Yorbereituugen zu Günthers hoffest. 11 261* — 263* do wart 
vil michel flUen von sehcenen frouwen getan (261*) Mü wmte und mit 



ZUB KRITIK DES NIB. - L. VH. KLEIDÜNG. BEWAPNÜNG 99 

gebende, daz si da solden tragen. Ute (262*) liess durch ir Tande liebe 
kleider anfertigen für frauen, Jungfrauen, junge einheimische recken 
und für die fremden (263*). 

Vorbereitungen zur fahrt nach Isenstein IV 340*— 359* (360*, 1). 
Durch Günther veranlasst (340*) betont Siegfried sehr nachdrücklich 
die notwendigkeit einer glänzenden ausstattung (341*). Darauf macht 
Günther seiner Schwester einen besuch, um mit ihr die nötigen anord- 
nungen zu treffen. Mit allen formalitäten wird die anmeldung, die 
Vorbereitung, der empfang volzogen (342* — 347*). Die beiderseitigen 
äusserungen über den zweck der reise, die zahl der teilnehmer, die 
vorrätigen stoflfe (345*. 346*. 349*. 350*) schliesst Günther mit der 
erklärung, dass er und seine reisegefährten (ich selbe vierde) je zwölf- 
fache kleider (zum dreimaligen wechseln am tage) brauche (351*). 
Dreissig Jungfrauen arbeiten sieben wochen an den kleidern, Kriemhild 
selbst schneidet sie zu. Es werden verwant steine, arabisches gold, 
weisse seide von Arabien, grüne von Zazamank, seide von Marokko, 
von Libyen, kohlschwarze pfelle mit hermelin gefüttert, bezug von 
fremder fische häuten (352* — 357*). Die beiden, durch einen boten 
aufgefordert, kommen und besichtigen die kleider und danken den 
frauen (359*. 360* 1). 

Eüdegers Sendung nach Worms. XI 1094*— 1096* 1102* (1104). 
Büdeger hat das anerbieten Etzels, ihm seinen verrat zur Verfügung 
zu stellen, zurückgewiesen und will nur das eigne, ihm vom könig 
geschenkte gut verwenden (1092. 1093). Auf Etzels frage nach dem 
Zeitpunkt seiner abreise erklärt er mit derselben noch zögern zu müs- 
sen, da er zuvor waflfen und gewand bereiten lassen muss für sich und 
seine 500 mannen (1095*), so prächtig wie man noch nie bei boten 
eines königs gesehen (1096*). In Wien werden die gewänder angefer- 
tigt (1102* vgl. 1104). 

2. 

Es sind hiermit alle die stellen besprochen, die mehr enthalten 
als die algemeine notiz, dass kleider bereitet werden, die von dem her- 
gang beim bereiten etwas erzählen. Diese sind, wenn wir von den 
auch sachlich für sich allein stehenden strophen 1092. 1093. 1104 
absehen, sämtlich jüngere zusätze, wie früher nachgewiesen ist.^ In 
dem original wird bei den darstellungen der abreise und der Vorberei- 
tung zu den festen die anfertigung der kleider nur kurz und formel- 
haft algemein berührt, so 1348, 4 do hiez er in bereiten harte herlich 
geward, 

1) Vgl. abh. n und IV in bd. XVI und XVII. 



100 E. KETTNER 

Die vorliegenden von jüngeren dichtem stammenden Schilderun- 
gen sind sich aber nicht alle ähnlich. Die darstellung des vierten lie- 
des unterscheidet sich von allen anderen durch ihren umfang und durch 
die genaue ausfuhrung des details. Sie gleicht der des elften liedes in 
zwei beziehungen. Hier wie dort wird der Vorgang nicht als eine 
selbstverständliche handlung aufgenommen, sondern als etwas neues, 
wichtiges nachdrücklich hervorgehoben. Man vergleiche: 
340* Diu mcßre wesse ich gerne, sprach der künic do, 
e wir hinnen füeren {des wcer ich harte frd\ 
waz tvir Meider solden vor Prünhilde tragen, 
diu uns da wol zmmenj Sifrit, daz solt du mir sagen, 
1094* Do sprach der künic riche: nu wenne weit ir vam usw. 
1095* Do sprach aber Rüedeger, e wir rümen daz lant, 
wir müezen e? bereiten wäfen und gewant. 
Damit stimt weiter überein, dass der dichter die grosse und 
bedeutung des aufwandes recht vor die äugen zu fähren sucht: die 
handelnden sehen in dem glänz der ausstattung eine besondere ehre. 
Dies drückt sich in der darstellung im algemeinen und besonders in 
den stellen aus: 
341*, 3. 4 des sulen wir richiu kleider vor den frouwen tragen^ 

daz wirs iht hohen schände, so man diu mcere hoere sagen, 
351* FrouwCj merket rehte, waz ich iu sage usw. 
daz wir äne schände rumen Prünhilde lant 
1096* Swä man mich ze Burgonde und die mine sehe, 
daz ir isUcher danne wol des jehe, 
daz nie künec d^heiner also manegen man 
so verre baz gesande, dan du ze Bine habest getan 
Ganz anders wird bei der erzählung von dem auszug Siegfrieds 
auf diesen gegenständ wie auf etwas selbstverständliches übergeleitet: 
63* Und helfet mir der reise in Burgunden lant. 
Jene eben bezeichnete tendenz ist wahrzunehmen, macht sich 
aber weit schwächer geltend : 

63*, 2. 3 daz ich und mine recken haben solch gewant, 
daz also stolze recken mit eren mügen tragen. 
Vgl. auch 64. 

Sehr algemein sind die Schilderungen der Vorbereitungen zu den 
beiden hoffesten in I und II gehalten. 

Wollen wir nun für diese abschnitte uns die frage nach dem 
Vorhandensein mehrerer dichter stellen, so müssen wir 340* fg. mit 
1095* fg. zusammen von den anderen trennen und kommen somit auf 
die Vermutung, dass die zusammengestelten abschnitte das produkt von 



ZUR KRITIK D. NIB.-L. VIT. KLEIDÜNG. BEWAFNÜNG 101 

wenigstens zwei dichtem sind , von denen der eine sich vor dem ande- 
ren durch grösseres interesse am gegenstände, durch genauere detail- 
kentnisse und also auch durch grössere individualisierung in der dar- 
stellung auszeichnet. 

Ausführliche beschreibung des äusseren. 

1. 

Zur ausstattung Siegfrieds und seiner genossen (I 69*. 72 — 75) 
gehören schöne rosse mit goldgeziertem reitzeug (69*, 1). Älle^ ir 
gewant (rüstung und kleider) was von roteme golde, vr gereite wol 
getan (72). Sie führen neue, lichte, breite schilde und schöne helme 
(73), ferner lange Schwerter und scharfe gere — Siegfrieds ger ist 
wol zweier spannen hreit ^ und hat eine furchtbar scharfe schneide (74). 
Ihre rosse tragen goldfarbene zäume und seidne brustriemen (75). 

Ausstattung Günthers, Siegfrieds, Hagens, Dank warts beim ein- 
zug in Brunhilds bürg. IV, 384* — 387*. Behte in einer mäze den 
helden ml gemeit von snehlanker varwe ir ras und ouch ir cleit 
wären vil geliehe , ir Schilde wol getan: die lühten von den handen 
den waetUchen man (384*). Dazu kommen Sättel, mit steinen besezt, 
und schmale brustriemen mit goldnen schellen (385*). Dann heisst es 
weiter: Mit im kom do Dancwart und ouch Uagene. wir hoeren sagen 
nuere, wie die degene von rähenswarzer varwe truogen nchiu Tdeit 
ir Schilde wären niuwe, michel^ guot unde hreit (386*). An ihrem 
gewande sind indische steine (387*). 

Brunhilds ausrüstung. IV 407. 408*. 413—416* 418. 419* 
Brunhild lässt sich einen guten schild bringen und legt eine goldene 
brünne an (407); ausserdem ein seidenes waffenhemde aus libyschem 
pfelle, undurchdringlich für wafifen, mit lichten borten (408*) und gold- 
stäbchen besezt (413*). Ihr schild ist sehr gross, von gold, mit stahl- 
spangen belegt (414*); die schildfessel ist eine mit grünen steinen 
geschmückte edle borte (415*); er ist unter den buckeln drei spannen 
dick und so schwer, dass kaum vier männer ihn tragen können (416*). 
Der ger ist schwer und gross mit furchtbar scharfer schneide (418), 
viertehalb messe wiegt seinmetall, kaum drei können ihn tragen (419*). 

Ausstattung der frauen beim empfang Günthers und Brunhilds 
IV^ 530— 536. Die pferde haben goldne sättel (530) und anderen 

1) Breite des ger-eisens, der spitze, ßol. ed. Grimm 279, 8: Oigir fürt in 
8%ner hant am spanne braiten ger, San - Marte , zur waffenkunde des MA. (Quedlbg. 
Lpz. 1867) B. 169. 



102 R. KETTNRR 

goldschmuck; an den zäumen leuchten edelsteine (531). Die frauen 
tragen gebende und reiche gewänder, die Jungfrauen sind wol geziert 
(532). Diese tragen kostbare pfelle, gute gewänder, die zu der schö- 
nen färbe ihres teints recht passen (533), kleider von zobel und her- 
melin, armspangen (534), stofife von hellen, lebhaften färben, edd rocke 
ferrans von pfelle üz AraViy darüber schöne, kostbare, lange gürtel 
(535), brustspangen (536). 

Zu Siegfrieds jagdausrüstung (VIII 892*— 897*) gehören ein 
grosser, starker, breiter ger, ein zier wäfen^ das bis auf die sporen 
reicht , ein schönes goldnes hörn (892*). Sein rock ist auz schwarzem 
pfelle, sein kostbarer hut von zobel, sein köcher mit borten geziert 
(893*) und mit einem pantherfeil überzogen; sein bogen ist so stark, 
dass er allein ihn mit der band, jeder andere ihn nur mit einem ant- 
werk spannen kann (894*). Sein ganzes gewand ist mit dem hellen 
feile eines liidmes gefüttert oder verbrämt , das mit goldstäbchen besezt 
ist (895*). Er trägt Balmung (896*) und fuhrt im köcher pfeile mit 
goldnen tüUen und mit spitzen, die wol hende breit sind (897*). 

Ich füge noch die diesen darstellungen ganz verwante beschrei- 
bung der betten XVII 1762 — 1764 hinzu. Hier werden erwähnt kost- 
bare betten, lang und breit, scnöne kissen aus liehtem pfelle von Arraz ; 
Oberdecken (hettedach) aus arabischer seide mit leuchtenden streifen 
besezt, unterdecken (declachen) von hermelin und schwarzem zobel 

(1764). 

2. 

Für die kritik dieser Schilderung müssen wir zunächst als lei- 
tenden gesichtspunkt eine erscheinung ins äuge fassen, welche wir nach 
dem, was wir bisher vom original kennen gelernt, konstatieren kön- 
nen. Wenn wir von den stellen 533 fg. und 1763 fg., deren Origina- 
lität wir anzuzweifeln noch keinen grund hatten, absehen, so finden 
wir in dem original von eigentlichen Schilderungen so viel wie gar 
nichts. Auch da, wo wir dieselben für ganz angebracht halten wür- 
den, sind sie unterlassen. Oder der dichter begnügt sich mit einem 
gelegentlichen hinweis auf guotiu kleider u. ä., hebt auch wol einige 
besonders charakteristische teile der Meldung und des schmuckes, wie 
schapely bouge^ borten, steine^ hervor, ohne sich indess auf weitere 
ausführungen einzulassen (vgl. z. b. die hoffeste in lEL VI. XVII, den 
empfang in XV). Auffallend ist es besonders, dass in dem ganzen 
zweiten teile trotz der so häufig sich bietenden gelegenheit nur an 
zwei stellen eine kurze Schilderung der wafifen vorkomt. An der einen 
stelle war sie durch die Überlieferung gefordert, nämlich XV 1640, 
aber auch hier ist sie nicht einmal so detailliert wie in der Thidreks- 



ZUR KRITIK DES NIB.-L. VH. KI.EIDUNG. BKWAPNüNO 103 

saga (c. 370). An der anderen stelle, XVP 1722, ist sie sachlich 
motiviert, denn die angäbe der merkmale, an denen Kriemhild das 
Schwert Siegfrieds erkent, durfte füglich nicht unterbleiben. Als blos- 
sen schmuck und aus eigener erfindung hat der dichter nichts derarti- 
ges hinzugetan. 

Betrachten wir nun unter diesem gesichtspunkt die vorliegenden 
Schilderungen, so müssen wir die im ganzen am algemeinsten gehal- 
tene I 72 — 75 für original erklären; auch haben wir schon früher 
zahlreiche beziehungen zu anderen stellen des Originals bemerkt (vgl. 
die parallelentabelle zu abh. IV bd. XVII). Nur die etwas ungeheuer- 
liche angäbe über die grosse von Siegfrieds ger fält aus diesem Cha- 
rakter und erregt daher zweifei an ihrer Zugehörigkeit zum original. 

IV 384* — 387* enthält bestimte angaben über färbe, Schmuck- 
stücke, herkunft der stoffe. Wir stehen daher nicht an es als jüngere 
dichtung zu bezeichnen. 

IV 407 schliesst mit einer ganz einfachen, aber genügenden 
Schilderung der ausrüstung ab: sie hiess sich zum streite ihr gewand 
bringen, eine goldne brünne und einen guten schild. Wenn es dann 
408* weiter heisst , dass sie ein kostbares waffenhemde anlegte , dessen 
Schilderung in 413* wider aufgenommen ist, wenn ferner 414* fg. erzählt 
wird, wie ihr gesinde den schild herbeiträgt, wie prächtig, wie unge- 
heuer derselbe war , so begint etwas neues , in welchem wir den zusatz 
eines jüngeren dichters erkennen. 

Auch der abschnitt IV** 530 — 536 hat nicht den Charakter der 
einheit. Die Schilderung des äusseren bei pferden, frauen, mägden ist 
530 — 632 algemein gehalten. Ferner stelt 532 wie 278 frauen und 
mägde neben einander und schliesst ganz entsprechend ab. Endlich 
ist in str. 532 das weibliche gesinde schon gekleidet und ist im begriff 
die pferde zu besteigen, man bringt ihnen ja bereits die dazu erforder- 
lichen gerate. Mit str. 533 aber begint die detaillierte beschreibung von 
der tleidung der Jungfrauen, und die darstellung geht sehr bald über 
in eine erzählung von dem ankleiden, wie sie speziell in 534 — 536 
enthalten ist Wir werden aus diesen gründen berechtigt sein, 530 — 
532 für original, 533 — 536 für nachdichtung zu erklären. 

Die Schilderungen in VIII 892* — 897* stimmen in der art der 
detaillierung , namentlich in bezug auf die auswahl des materials so 
sehr mit den eben als jüngere dichtung bezeichneten abschnitten über- 
ein, dass wir sie ebenfals für zusätze gleicher art ansehen können. 

Haben wir somit festgestelt, was als original, was als jüngere 
dichtung anzusehen ist, so tritt nun die frage nach der einheit oder 
mehrheit der nachdichter an uns heran. 



104 E. KETTNER 

Zunächst ist eine ganz eigentümliche erscheinung besonders 
beachtenswert. Die pfeile Siegfrieds haben spitzen, die wol handbreit 
sind — das ist eine Übertreibung.^ Und solcher Übertreibungen 
kommen noch einige vor. Siegfrieds ger, der nach 74, 3. 4 wol 
zweier spannen hreit ist, muss demgemäss eine ungeheure grosse haben. 
Noch riesenmässiger muss sich der dichter den schild, den ger und 
den stein, die sich Brunhild bringen lässt, gedacht haben. Altertüm- 
liche waflfen werden zwar von den höfischen dichtem als gross und 
ungefüge geschildert,^ und zur zeit des nachdichters mögen schilde, 
auf welche man sich lehnen oder auf denen ein toter getragen werden 
konte , schon fast ganz ausser brauch gewesen sein. Dass dieser umstand 
aber einen späteren dichter zu solchen Übertreibungen veranlasst, ist 
ein so vereinzelter fall , dass es nur derselbe dichter gewesen sein kann, 
der diesen zug hineingebracht hat. 

So ist denn also der zusatz zu der Schilderung von dem äusse- 
ren des in Worms ankommenden Siegfried , ferner die beschreibung der 
ausrüstung Brunhilds und der jagdausrüstung Siegfrieds von einem 
jüngeren dichter verfasst. Nicht von ihm rührt her die schon früher 
als Zusatz erkante strophe 922. Denn der Verfasser dieser Strophe 
achtete nicht darauf, dass Siegfried ein besonderes jagdgewand trägt. 
Also ist doch wol der dichter, welcher Siegfrieds jagdgewand schil- 
dert und welcher sich hierin in Übereinstimmung mit der angäbe des 
Originals (916, 3) befindet, als der ältere anzusehen (vgl. bd. XVII 
s. 165 fg.). 

Der ältere von diesen zwei nachdichtern ist auch der, welcher 
die Schilderung von Siegfrieds ausrüstung 72 fg. in 74 erweitert hat. 
Betrachten wir diese Schilderungen näher und vergleichen 69* und 67* 
dazu, so müssen wir es höchst auffallend finden, dass zweimal sodicht 
hintereinander die Schilde und helme sowie die rosse mit ihrem gold- 
geschmückten reitzeug erwähnt werden. Die lezte erwähnung ist unzwei- 
felhaft original, die erste zusatz. Sie ist zusatz jedenfals des jüngeren 
nachdichters. Denn der ältere, der 72 fg. durcharbeitete und sich mit 
dessen inhalt näher vertraut machte, kann nicht wol angaben, die er 
hier vorfand, unmittelbar vorher widerholt oder auch stehen gelassen 
haben. 69* schliesst sich dem zusatz 63"^ fg. an , dieser ganze zusatz 
hat also den jüngeren nachdichter zum Verfasser. 

1) Dass Siegfrieds bogen jeder andere als er selbst nur mit einem antwerk 
spannen kann, ist noch erträglich, vgl. Schultz, Höt Leben II, 174. 

2) Z. b. der schild Plippalinots und der schild and sper von Erecs Schwie- 
gervater. Vgl. Schultz, H. L. I 74. 



ZUR KRITIK D. NIB.-L. VH. KLEIDUNG. BEWAFNUNG 105 

Hiernach lässt sich auch der Widerspruch in 384* — 387* lösen. 
Wenn nach 384* alle vier helden weiss, nach 386* aber Dankwart 
und Hagen schwarz gekleidet sind, so ist das ein beweis von der 
arbeit zweier Verfasser. Dass die mit dem ganz beziehungslosen Mit 
im beginnende str. 386* der zusatz eines jüngeren nachdichters ist, 
hat die grössere Wahrscheinlichkeit. Wir werden vielleicht das richtige 
treffen, wenn wir den an dieser stelle hervortretenden älteren dichter 
mit dem oben bezeichneten identifizieren. 

Seltene stoffe. 

gemalt (genagelte C) riche p feile 1234* 2. pfelle uzer Libtä 
408*, 3. liehte pfelle von Arras 1763, 1. 2. liehte pfelle geworht in 
Ardbm 11 ^'^^ 2. edel rocke ferrans von pfelle üs Ärabi 535, 3 — 
Arabische szden 353*, 1. 1763, 3. siden von Zazamanc 353*, 2. 
siden von Marroch und von lAUän 355*, 1. 

Pelzwerk: hermme vederen 356*, 2. Kleider von zoiel und 
von härme 534, 1. Declachen hermin und von stvarzem zöbele 1764, 1. 2. 
Hut von zöbele 893*, 3. eines ludmes Mute 895*, 1, fremder vische 
Mute bezog 354* 1. 

Arabisches gold 357*, 1. 

Steine von India 387*, 1. 

Eine vereinzelte erscheinung würde bei diesem material nicht 
bestimmend sein, wol aber das zusammentreffen von mehreren. Beson- 
ders eigentümlich ist nun an diesen stellen 1) das angeben der heimat 
der Stoffe, 2) die Zusammenstellung der färben schwarz und weiss. 
Diese beiden erscheinungen treffen zusammen bei folgenden stellen. 
Die Strophen 353* — 355* weisen die meisten fremdländischen namen 
auf; 356* werden kohlschwarze pfelle , mit hermelin gefüttert , erwähnt. 
In dem abschnitt 533 fg. kommen pfelle aus Arabien und kleider von 
hermelin und zobel vor. In den strophen 1763. 1764 finden wir genant 
Arraz und Arabien, dazu hermelin und schwarzen zobel. Diese drei 
stücke würde man hiernach auf einen Verfasser zurückführen dürfen. 

Ihnen stehen zunächst 408*. 413* fg. und 892*— 897*. In dem 
ersteren abschnitt wird wie in 355* Libyen als heimat kostbarer Seiden- 
stoffe genant, im zweiten haben wir wider die Zusammenstellung von 
^inem schwarzen pfelle und dem lichten pelz eines ludern, 

Solte die beweiskraft jener merkmale als zweifelhaft erscheinen, 
so lehrt dasselbe auch eine betrachtung des Inhalts und des durch ihn 
beeinflussten baues einiger strophen. 



106 



E. KETTNRR 



536. 

1. Ez wart in fürgespenge 
manic schosniu meit 
gencet vil minnecliche. 

2. es mohte ir wesen leit, 
der ir liehtiu varwe 
niht luhte gerb der wat, 

3. so schcenez ingesindes 

nu niht Jcüneges Jcünne hat 



1764. 

1. Declachen hermm 

vil manegiu man da sach 
und von swarzem wobeie, 

2. dar under si ir gemach 
des nahtes schaffen solden 
unz an den lichten tac. 

3. ein Jcünec mit swie gesinde 
nie so herlich gelac. 



Also an beiden stellen 1) eine bestirnte angäbe über die art der 
ausstattung, 2) eine algemeiue bemerkong in bezug auf die mit dieser 
ausstattung bedachten, 3) ein algemeiner schluss, der negativ die vor- 
züglichkeit hervorhebt. 

Die Strophenschlüsse: 

533, 4 er wcere in swachem murote, der ir deheiner wcere gram, 
415*, 4 er müeste wesen Mene, dem diu frouwe wurde holt 

535, 4 den cdelen juncfrouwen was vil hoher vröuden M, 
896*, 4 der herliche jegere was vil hohe gemuot. 

Es ist hiernach wol kaum zu bestreiten, dass die stücke IV 340* 
— 359*. 408*. 413* fg. IV *^ 533 — 536. VIII 892*— 897*. XVII* 
1763. 1764 von einem dichter, und zwar, vyrie 892* fg. (s. den vori- 
gen abschnitt) beweist, von einem der ältesten dichter unter den jün- 
geren verfasst sind. 



Bei dieser Zusammenstellung des materials , welche hiermit ihren 
abschluss findet, könte man vielleicht ein näheres eingehen auf die 
bewafnung vermissen. Allein die anschauungen , welche wir über das 
aussehen des gerüsteten ritters aus dem Nibelungenliede erhalten, sind 
nichts weniger als mannigfaltig. Eigentliche Schilderungen der bewaf- 
nung kommen ja auch mit ausnähme der besprochenen, die wir mit 
ausschluss zweier stellen sämtlich für jüngere dichtung erklären muss- 
ten, im Nibelungenliede nicht vor. In bezug auf angäbe einzelner 
teile der waffen sowie auf den gebrauch seltnerer benennungen zeich- 
net sich der zweite teil vor dem ersten durch eine grössere fülle aus, 
ausdrücke wie halsperge, helmvag u. a. finden sich nur hier. Doch ist 
diesem umstand für unseren zweck keine weitere bedeutung beizulegen, 
weil in dem ersten teil verhältnismässig sehr wenig, in dem zweiten 
sehr viel von waflfen und kämpf geredet wird. 



ZUR KRITIK D. NIB.-L. VH. KLEIDUNG. BEWAPNUNG 107 

Eesultate. 

Durch die angestelten beobachtungen haben wir eine anzahl 
stellen der jüngeren dichtung aufgefunden, die sich als zusätze von 
mindestens zwei nachdichtern erwiesen. 

Den gleichen Verfasser mussten wir annehmen für I 74, 3. 4. 
IV 340*— 359* 384* (?) 408*. 413*— 416*. 418. (?) 419. IV^ 533 
— 536. VIII 892*— 897*. XI 1095*. 1096*. XVII 1763. 1764. Der 
Verfasser dieser stellen ist ein älterer nachdichter. 

Jünger als diese sind I 63*— 67*. 69*. IV 386*. VIII 922, 
wahrscheinlich auch 1 31*. 32*. II 261*— 263*. 

n. Die Parallelen. 

Das jezt gewonnene resultat wird erst als gesichert angesehen 
werden können, wenn wir für die eben zusammengestelten stücke her- 
vorragende Übereinstimmungen im ausdruck beigebracht haben. Zugleich 
wird hierdurch eine erweiterung unserer bisherigen anschauungen über 
die ausdehnung der älteren und jüngeren bearbeitung ermöglicht werden. 

Diese Übereinstimmungen brauchen nicht bloss in der Identität 
des dichters ihren grund zu haben, sie können ebensowol durch nach- 
ahmung entstanden sein. Denn selbstverständlich haben die bearbeiter 
das bestreben gehabt, den ton der vorläge zu treffen und haben des- 
halb auch die ausdrucks weise derselben zum teil sich angeeignet. Ver- 
einzelte Übereinstimmungen, namentlich in formelhaften ausdrücken für 
öfter widerkehrende handlungen und umstände sind deshalb für die 
Identität der dichter nicht beweisend. Wo wir dagegen finden, dass 
eine anzahl von abschnitten durch eine reihe von parallelen direkt und 
indirekt mit einander verknüpft ist, wo diese abschnitte ferner solche 
sind, die schon wegen gleicher sachlicher eigentümlichkeiten als ver- 
want erkant sind, da werden wir auch dieselbe autorschaft behaupten 
müssen. 

Nach diesen gesichtspunkten die parallelen mit einander ver- 
knüpfend erhalten wir zunächst drei gruppen , wie die angehängte tabelle 
veranschaulicht. 

Die stellen der ersten gruppe sind uns aus den früheren 
abhandlungen als mitlere dichtung, also als original bekant, sie sind 
mit wenigen ausnahmen auf den jenen abhandlungen beigefügten tabel- 
len angegeben und deshalb hier nicht widerholt, nur die dort fehlen- 
den sind nachgetragen. 

Die parallelen der zweiten gruppe bestätigen die enge ver- 
wantschaft der abschnitte, welche die anfertigung der kleider für Gun- 



108 K. KETTNRR 

ther und die ihn begleitenden beiden, die bewafnung Brunhilds, die 
kleidung der Jungfrauen Kriemhilds, die jagdausrüstung Siegfrieds, die 
kostbare einrichtung der betten in Etzels bürg schildern. Sie bestä- 
tigen ferner den Zusammenhang dieser abschnitte mit den Zusätzen zu 
der Schilderung von dem äusseren des in Worms einziehenden Siegfried 
und zu der orzählung von Eüdegers abreise nach Worms. Sie lassen 
uns auch den gleichen Ursprung erkennen bei mehreren stellen aus 
der erzählung von Siegfrieds fahrt zu den Nibelungen (IV*) und bei 
einigen strophen von XIV, welche Schilderung von bewaihung und 
kämpf enthalten. Sachliche gründe kommen hier wie dort hinzu. Dort 
wird in str. 475* die ausstattung ganz ähnlich motiviert wie an den 
s. 8. 9 besprochenen stellen. Hier wird str. 1535* trotz der kürze der 
Schilderung in ähnlicher weise wie an den schon früher dem älteren 
bearbeiter zugesprochenen stellen auf das detail eingegangen: die her- 
liche färbe des wicgewant (hier nicht rüstung im algemeinen, sondern 
entweder waflfenrock oder waffenhemde) und das rote bamier werden 
besonders hervorgehoben. Ausserdem zeigen noch andere strophen von 
XIV, die nicht von kleidung und bewafnung handeln,^ auffallende ähn- 
lichkeit mit einigen teilen der älteren bearbeitung. Es beweisen die 
parallelen dieser gruppe zusammen mit den sachlichen beobachtungen, 
dass sich an das original eine ausgedehnte nachdichtung angeschlossen 
hat, dass dasselbe von. einem bearbeiter zusätze erhalten hat, welche 
später noch vermehrt und erweitert sind. 

Der grösste teil der stellen, welche wir im algemeinen als jün- 
gere nachdichtung bezeichnet hatten, vereinigt sich zur dritten 
gruppe. Die hier zu tage tretende mehrfache Übereinstimmung beweist, 
dass auch die stücke, zu denen die angeführten stellen untrenbar gehö- 
ren, einem Verfasser ihren Ursprung verdanken. Freilich beruht hier 
die Übereinstimmung nicht auf der gleichheit oder ähnlichkeit so cha- 
rakteristischer formen wie in der zweiten gruppe — eine folge der 
unbedeutenderen Individualität des jüngeren bearbeiters. Dennoch ist sie 
deutlich genug erkennbar. Die bereits im ersten teile der abhandlung 
als jüngere nachdichtung betrachteten grösseren zusätze in der ersten 
hälfte des ersten liedes sowie der zusatz am schluss des zweiten liedes 
lassen sich jezt mit Sicherheit für ein produkt des zweiten nachdich- 
ters erklären. Ihnen müssen noch einige vereinzelt stehende strophen 
angeschlossen werden. Strophe 357*, die innerhalb eines vom älteren 
bearbeiter herrührenden absclinittes steht, wird durch das in drei Ver- 
sen hintereinander folgende bereiten ^ bereit^ bereit als eine nicht 

1) Auf der tabelle in klammern gesezt. 



ZUR KRITIK D. NIB.-L. VH. KLEIDUNG. BEWAPNÜNG 109 

geschickte eiüfägung gekenzeichuet. Die übrigen stellen 329*. 1102*. 
1349* sind mit einander und mit dem abschnitt 63* fg. durch paral- 
lelen verknüpft, so dass man auch bei ihnen auf den gleichen Verfas- 
ser schliessen darf. 

Nicht alle aufgefundenen parallelen sind in diesen drei gruppen 
enthalten; eine anzahl übereinstimmender stellen bleibt noch übrig, 
mit denen sich nicht in der gleichen weise operieren lässt, weil die 
einen von ihnen nur nach ahmungen der anderen sind. An solchen 
stellen werden gewöhnlich in formelhaften ausdrüken handlungen und 
umstände von algemeinem Charakter erwähnt. Kriterien für die erkent- 
nis der nachahmung gewähren namentlich folgende ßille : 1) wenn eine 
mehrzahl zusammengehöriger stellen mit mehreren anderen ebenfals in 
naher nachbarschaft befindlichen stellen übereinstimt, 2) wenn sie mit 
solchen stellen übereinstimmen, die schon als original nachgewiesen 
sind und eine grössere ähnlichkeit, also eine engere verwantschaft 
untereinander zeigen, 3) wenn sie der parallelstelle gegenüber einen 
formalen oder sachlichen mangel zeigen. 

In dem zuerst angegebenen Verhältnis befinden sich folgende 
stellen, an denen der ältere bearbeiter sich in drei aufeinanderfolgen- 
den Strophen (in IV**) nach einem abschnitt des Originals (in VI) 
gerichtet hat. 

VI 728, 2. 3 suochen guotiu Jcleider, diu besten diu man vant, 

diu ir ingesinde vor gesten solde tragen, 

IV** 533, 1, 2 Si truogen rtche phelle, die besten die man vant 

vor den fremden recJcen 

VI 741, 2 manegen phelle spcehe, guot und wol gesniten 
IV^ 535, 1 Vit manegen gürtet spcehe, rieh unde lanc 

VI 775, 2 da wart vil wol gezieret manec vrowe unde meit 
IV** 534, 2 da wart vil wol gezieret manec arm unde hant 

Weiter gehören hierher : 
IV* 528, 3. 4 daz si den solden warten, die in da solden Jcomen, 

da wart uz der valde richer wcete vil genomen, 
II 262*, 3. 4 von den stolzen rechen, die da solden Tcomen, 

dö wart uz der valde vil rtcher hleider genomen. 

jIV** 534, 2 da wart vil wol gezieret manec arm unde hant 
I VI 775 , 2 da wart vil wol gezieret manec vrowe unde meit : Meit 
II 263*, 2 da mite wart gezieret vil frouwen unde meit : Meit 

(IV* 534, 3 mit pougen oh den siden, di si solden tragen. 
jIV 354*, 3 die dacten si mit siden, so si si solden tragen. 
II 262*, 1 Mit wcete und mit gebende, daz si da solden tragen. 



110 E. KBTTNER 

Der Verfasser jener zusatzstrophen zum zweiten Med hat, wie 
hier deutlich zu sehen, das Nibelungenlied, wie es aus der hand des 
ersten bearbeiters hervorgegangen war, vor sich gehabt, denn er ahmt 
vom original 528 nach, von der älteren nachdichtung 634. Bei dem 
lesen von 534, 2 wurde er an die ihm auch bekante stelle 776, 2 
erinnert. 

Der zweite fall ist wahrzunehmen bei folgenden stellen: 
XV 1593, 4 u. ähnl. öfter da wart michel fllzen von schcenen wiben 

getan — stets abschliessend. 
II 261*, 4 do wart vil michel fUzen von schcenen frouwen getan — 

überleitend. 
[III 278, 3. 4 hundert oder merCy die truogen richiu kleit. 

ouch gie da nach ir tohter manic wcetlichiu meit 
lIV** 532, 3. 4 Jcomen die vil schone und truogen richiu hleit, 

dar Jcom ouch wol gelieret vil manic wceflichiu meü 
IV 396*, 3. 4 wol hundert oder mere : gezieret was ir lip, 

die geste wolden schouwen diu wcetUchen tmp. 
XII 1234*, 1 Hundert unde viere : die truogen rtchiu Meit 

von gemalt riehen phellen. 

Das dritte kriterium können wir bei folgenden stellen anwenden : 
XVin 1858, 1. 2 Bloedelines rechen die wären alle gar, 

in tüsent halspergen hurohen si sich dar 
XIV 1463*, 1. 2 Die Nihlunges helde Jcomen mit in dan 

in tüsent halspergen. 
XIX 1978, 1. 2 Do sluoc der videldere, daz über des Schildes rant 

drcete daz gespenge von Vollceres hant 
II 213*, 1 Do flouc daz schiltgespenge von Sifrides hant. 

Die Strophe 1463* enthält nichts sachliches als die erwähnung 
der Nibelunge, sonst nur redensarten. 213* unterscheidet sich von 
1978 durch die abgerissenheit und durch die dürftigkeit des ausdrucks, 
mit welcher jenes gleiche moment eingeführt ist; was sonst noch in 
der Strophe steht, ist völlig überflüssig, ihr hauptzweck scheint die 
anbringung Dankwarts zu sein. 

Die stellen 396* 3. 4. 1234*, 1. 1463*, 1. 2. 213*, 1 sind 
also nachahmungen von stellen des Originals; von welchem jüngeren 
dichter sie herrühren, lässt sich hier nicht entscheiden. 

Mehrere parallelen habe ich unberücksichtigt gelassen, weil sie 
mir für eine Verwendung in dieser Untersuchung zu formelhaft erschie- 
nen. Man kann sie mit grösserem recht für traditionelle Wendungen 
als für stilistische eigentümlichkeiten ansehen. Solche stellen sind: 



ZUR KRITIK D. NIE. -L. VII. KLEIDUNG. BEWAPNÜNG 111 

den vanen zude holde der Tcüene spilman 195*, 2. den ger si hohe 
ztActe 4,27, 3. den schilt vil balde zucte 458*, 3. den schilt vil holde 
zacte der snelle degen guot 2285, 2. Ferner: Nu wos ouch ir gesinde 
geziert ols im gezom 343*, 1. sich kleidete ir gesinde mit vUze wol 
als im gezom 650*, 4. die wurden so gekleidet ols in doz wol gezom 
1226, 2*. Hierher gehört namentlich auch die häufig widerkehrende 
Wendung die fruogen swert enhont. 

Besultate. 

Nach den beobachtungen über die sprachlichen analogieen der 
behandelten abschnitte können wir jezt konstatieren, dass zwei jün- 
gere dichter das von dem mitleren dichter zu einem ein- 
heitlichen kunstepos ausgestaltete Nibelungenlied erwei- 
tert haben. Die dichtung des älteren dieser beiden ist weit indivi- 
dualistischer gehalten, sie ist die poetisch wertvollere und scheint viel 
umfangreicher zu sein. 

Zur besseren Orientierung möge hier eine Übersicht folgen über 
die behandelten jüngeren stellen, geordnet, soweit dies möglich, nach 
ihren Verfassern. 

Vom ersten jüngeren dichter sind verfasst 74. 340* — 359* 
(360*, 1) ohne 357*. 384* (?). 408*. 413* — 416*. 418. 419*. 425. 
444*. 458*. 465*. 475*. 533 — 536. 892*— 897*. 1095*. 1096*. 1472. 
1498. 1535*. 1552*. 1763. 1764. 

Vom zweiten jüngeren dichter sind verfasst 31*. 32*. 63* — 67*. 
69*. 261*— 263*. 329*. 330*. 357* 1002*. 1349*. 

Nicht von dem älteren dichter sind verfasst 386*. 922. 

Zweifelhaft ist der Verfasser von 396* 776*. 1234*. Denselben 
Verfasser scheinen 776* und 1234* zu haben, sie schliessen sich in 
ganz entsprechender weise an die voraufgehende Strophe an. 

Ein grund für diese wenigen zweifelhaften Strophen einen ande- 
ren Verfasser als jene beiden anzunehmen liegt nicht vor. 

in. Erweiterung. 

Viele von den oben angegebenen stellen gehören gewissen ab- 
schnitten verschiedenartigen inhalts an , von denen jeder einzelne durch- 
aus den eindruck eines zusammengehörigen ganzen macht. Es tritt 
daher jezt die aufgäbe an uns heran , zu untersuchen , wie weit die für 
jene einzelnen strophen oder kleineren stücke nachgewiesene dichtung 
sich innerhalb der sie enthaltenden abschnitte ausdehnt. 

Zu I 31* 32*. Der abschnitt 23*— 44* ist ein einheitliches gan- 
zes nach inhalt und form. Leicht fält in die äugen die geringe indi- 
viduelle belebung der handlung und die durchgehende armut im aus- 



112 E. KETTNER 

druck. Diese zeigt sich namentlich in einem sichselbstwiderholen, 
wodurch mehrere innenparallelen entstehen. Solche sind: 

24*, 3 des wurden sU gelieret sines vater lant. 

39*, 4 des wart mit lobe gelieret allez Sigmundes lant. 

28*, 4 den fremden unde den künden gap er ros unde gewant 
38*, 4 den fremden unde den Jcunden bot man eren da genuoc. 

30*, 3. 4 des teilte vil ir hant. 

des sack man vil der vremden zuo in rUen in daz lant 
40* 3. 4 den gap so vil sin hant 

dö liebte in diu reise ^ daz si Icomen in daz lant. 

Die Strophen laufen meist in veralgemeinerungen oder sonstige 
nichtssagende bemerkungen aus. Charakteristisch für den Verfasser 
treten die fahrenden stark in den Vordergrund. Der abschnitt 23* — 
44* ist also vom zweiten jüngeren dichter verfasst. 

Zu 63* fg. An eine teilung des abschnittes 61* — 67* wird nie- 
mand denken, wir können daher 61*— 67* und 69* als werk des zwei- 
ten jüngeren dichters bezeichnen. 

Zu n 261*— 263* Strophe 259 bildet einen sehr deutlich aus- 
gesprochenen schluss. 260* ist daher der anfang eines neuen Stückes 
und gehört zu 261*— 263*. Dass die formelhaften Wendungen ffir die 
darstellung des algemeinen inhalts aus dem original und der ersten 
jüngeren dichtung entlehnt sind, ist schon oben gezeigt. In den spe- 
zielleren angaben stimt dieses stück mit I 23* — 44* überein , welchem 
es auch sonst sehr ähnlich ist. 

260*, 1, 3 Der wirt . . . hiez . . sidelen. 
32*, 3 der wirt der hiez do sidelen. 

261*, 3 er wolde hochgezUe durch liebe friunde hän. 
28*, 2 er wolde hochgezUe mit lieben friunden hän. 

262*, 3* von den stolzen recken. 
32*, 2* den jungen stolzen rechen. 

263*, 1 Durch ir hinde liebe hiez si bereiten kleit, 
41*, 3 durch ir sunes liebe si teilte rotez golt. 

Die autorschaft des zweiten nachdichters ist somit für 23* fg. 
wie für 260* fg. völlig gesichert. 

Zu IV 444*. 458*. 465*. 475* Diese wenigstens zum teil unent- 
behrlichen stellen bestimmen als den Verfasser des abschnittes 444*— 
480* den ersten jüngeren dichter. Wir können zu ihnen noch eine 
andere stelle hinzufügen, die mit einer stelle des XIV. liedes überein- 



ZUR KBITIK D. NIB.-L. VII. KLEIDUNG. BEWAFNUNG 113 

stimt , für welche die autorschaft des ersten jüngeren dichters bereits 
festgestelt ist. 
465*, 4. 456* 1 daz was wöl hehüdet, do vant er innerthdlben stän 

Einen ungefüegen^ der der burc phlac. 
1534*, 4. 1535* 1 e daz mans vollen gerte, man sach wöl gewäfent stän 

Den snellen videlcere, den heim er üf gebant, 
Dass dieser abschnitt auch zusätze erhalten haben kann, ist 
nicht ausgeschlossen ; doch macht die darstellung einen im ganzen sehr 
einheitlichen eindruck, so dass grössere erweiterungen sich kaum auf- 
finden lassen werden. Für einen späteren zusatz könte man 481* — 
489* halten, da dieser abschnitt eine handlung von etwas unfeinem 
Charakter darstelt. Dem widerstreitet aber eine vielfache parallelver- 
knüpfimg. 

450*, 4 daz ir mich habet gesendet, sult ir der Jcüniginne sagen 
XI 1213*, 4 in wil behalten Hagne^ das sol man Kriemhilte sagen. 

484*, 3. 4 dem wart so vil gegeben, 

das die armen alle muosen froelichen leben. 
Xn 1313*, 3. 4 da wart hin gegeben. 

man sach des küneges helde so rehte vroeliche leben, 

487* Do sprach von Troneje Hagne: frouwe, iu si gescit, 
€0 hat der Jcünec von Eine golt unde Jcleit 
also vil ze gebene, daz wir des haben rät^ 
das wir von hinnen füeren iht der Prünhilde wät 

XI 1215* Bichiu Jcüniginne^ zwiu klaget ir das golt? 
iu ist der künec Etzel so großdichen holt, 
gesehent iuch shi ougen, er git iu also vil^ 
das irz verswendet nimmer. 
1219*, 2. ^ ja fuort ich von lande des minen also vil, 

das wirs üf der sträzen haben guoten rät. 

488*, 2. 3 ni* lät mir erfüllen zweinzec leitschrm 

von golde und ouch (von) siden , daz geben sol min hant. 
XII 1313*, 2. 3 der hiez da leere machen vil manic leitschrin 

von Silber und von golde da wart hin gegeben. 
vgl. auch 416*, 3' von stäle und ouch von golde 

Dass 481* fg. zusammen mit dem ganzen voraufgehenden abschnitt 
sowie mit den angeführten Zusätzen zu XI und XII von dem älteren 
umdichter verfasst ist, kann somit nicht bezweifelt werden.^ 

1) 484* das in C fohlt, stimt, wie man sieht, ebenso mit 1313* überein wie 
das in C stehende 488*. 488*, 2 lautet nach C ich wil mit mir hirmen füeren 
zwemzec schrtn zeigt also eine grössere Verschiedenheit von 1313* wie die fassung 

ZEIT8CHR. F. DEUTSCHE FUILOLOUIB. BD. XIX. 8 



114 SEELISCH 

Zu 408* fg. Das verhalten Dankwarts und Hagens Brunhild 
gegenüber steht ganz im einklang mit den äusserungen Hagens 417* 
426*. Die leztere strophe zeigt ausserdem ihre verwantschaft mit 
444* fg. 

446*, 3 jariäj sprach Hagne, waz haben wir getan 
426*, 3 ioäfen^ sprach Hagne, waz hat der hünec ze trüt. 
Auch diese stellen und mit ihnen selbstverständlich die reden Dank- 
warts, also die strophen 408*. 409* 413* — 426*, sind somit eigentum 
des ersten jüngeren dichters. 

Zu XI 1095*. 1096* gehört notwendig 1094*. 

Zum schluss halte ich es für geboten hervorzuheben, wie die 
vorliegende Untersuchung trotz der Verschiedenheit ihrer methode zu 
ganz ähnlichen ergebnissen wie die kritik Lachmanns geführt hat: 
die als zusätze der beiden jüngeren dichter erkanten stellen fallen hn 
wesentlichen mit den von Lachmann für interpolationen erklärten zu- 
sammen. Die diflerenzen sind sehr gering. Zur älteren nachdichtung 
gehören von den „echten'' strophen zunächst 533 — 536. 1763. 1764, 
d. h. diejenigen, bei denen die nachahmung des stils des Originals am 
stärksten ist, ferner 74. 1472. 1498, bei denen die möglichkeit einer 
blossen boarbeitung des Originals vorliegt. Ausserdem wahrscheinlich 
noch 418, sicher wol 425. Zur jüngeren nachdichtung gehört nur 922, 
eine strophe, über deren echtheit Lachmann selbst zweifei gehabt hat 

MÜllLHAUSEN I. TIICR. EMIL KETTNER. 



ZUE SAGEN- LTND LEGENDEN- LITTERATUK. 

1. 

Kaiserohronik 10957 — 11148 Massm. = Diemer 335, 12 — 341, 6 

wird der tod des kaisers Julian erzählt. Dieser hatte auf seinem Fer- 
sorzuge dem abte Basilius, der ihn nicht gastfreundlich aufgenommen 
hatte, schonungslose räche angedroht: als der bedrängte abt zur heil, 
juugfnui betet, erscheint ihm diese und verheisst ihm tröstend hilfe. 
Nuu ruhte in des abtes müuster der leiehnam des fürsten Mercorins, 
der lieber in den tod gegangen als seinem glauben untreu geworden 

in A. Al;»o ^ibt A im a]^>iuoiuon don ursprünglichen toxt, und hat speziell 484* 
orhalten> ddu? der wt>ni^>r unbefangene reilaktor C getilgt hat. Zamcke könte den 
|viissus in seiner einleitung XIV« XV ^Als rrünhild — Günther und Hagen'' nach- 
gerade wv^l streichen. 



ZUR SAGENLITTBRATDR 115 

war; dieser wird von Maria ins leben zurückgerufen, nimt schild und 
Speer von seinem grabmale, sizt zu ross und reitet dem kaiser nach, 
den er bei nachtzeit — nicht, wie die geschichtliche überlieferuug lau- 
tet, in einer Schlacht — durchbohrt; nach volbrachter tat kehrt er ins 
grab zurück, das sich über ihm schliesst. Den speer fand Basilius, 
^Is er bald darauf nachschaute, noch blutgeförbt. Ahnlich berichtet 
den hergang die Legenda aurea XXX E und, etwas ausgeschmückt, 
Vincentius Bellovacensis im Speculum historiale XIV. c. 43 nach dem 
berichte des bischofs Amphilochius von Iconium. 

Die sage, dass Julian den tod durch die band des Mercurius 
gefunden habe, ist weitverbreitet. Vom „Mercurius miles et martyr" 
erzählt es die chronica Sigeberti Monum. Germ. VI. 302, 63, und, 
weniger deutlich, Otto von Freising IV. 8 sowie Mon. Germ. XXV. 
s. 302, 30. Die Überlieferung weiss noch mehr vom heil. Mercurius: 
sein leichnam liegt in Benevent, wohin er am 15. mai 760 unter dem 
abt Gratianus übergeführt wurde, Chron. montis Casin. I c 9 = MG. 
VII. 586, 25; und zusammen mit dem heil. Georg und Demetrius soll 
er a. 1098 die Christen Antiochias in einer schlacht gegen die saracenen 
unterstüzt haben (MG. IX. s. 393, 55). 

Sigebert a. a. o. fügt hinzu , dass dem heil. Basilius von Caesa- 
rea die tatsache der tötung des kaisers durch Mercurius geoffenbart 
sei; von diesem umstände kam wahrscheinlich der name Basilius in 
die Überlieferung, nicht, wie Massmann III s. 861 will, von dem 
durch Julian geschändeten märtyrer Babylas (Babillas bei Vinc. Bellov. 
XIV. 31). 

Den namen Mercurius scheint Massmann III s. 880 für eine 
Verwechslung mit oder eine Verstümmelung aus dem namen des „Maris 
episcopus Calc(h)edoniae" anzusehen; das ist höchst unwahrscheinlich. 
Wie mochte man aber gerade auf den namen desselben gottes kommen, 
der in der kehr, in der vorhergehenden erzählung als „Mercurius der 
msere", als „koufman" die rolle des „tievel" und „abgot" zu spie- 
len hat? 

Aus den erhaltenen werken Julians geht eine bemerkenswerte 
verliebe desselben für Mercur nicht hervor; denn wenn er (ed. Span- 
heim s. 374 C) die beteurungsformel „beim Hermes und den Musen" 
braucht, wenn er einen redner „freund des Hermes" (s. 354 C), die 
redekunst „rennbahn des Hermes" (s. 377 C) neut, wissenschaftliche 
autoritäten geradezu als „seinen Hermes" bezeichnet (s. 383 C; 421 B; 
490 C) und noch öfters (z. b. s. 132 A; 150 C; 179 B; 182 C; 225 B; 
230 C fgg. 315 C. 317 fgg.) meist in beziehung auf die redekunst, 
gern in allegorisierenden hindeutuugen auf homerische stellen (s. 51 B; 

8* 



116 SEELISCH 

307 D) des Hermes gedenkt: so ist das alles bloss rhetorische fioskel. 
Trotzdem ist es Überlieferung, dass er besonders gern zu diesem gotte 
gebetet habe (Anunian. Marcell. XVI, 5,5; Kehr. 10833 u. ö.), eine 
Überlieferung, in der blos die rednerischen liebhabereien des kaisers 
einen metaphorisch -poetischen ausdruck erhalten. Bei dieser Überlie- 
ferung wäre es immerhin möglich , dass man dem heidnischen ^abgott" 
des apostaten einen christlichen Mercurius gegenüberstellen wolte und 
diesem zugleich das rächeramt übertrug. 

Vielleicht aber ist die Übereinstimmung nur eine zufallige ; Mer- 
curius ist auch in christlicher zeit noch als eigenname gebraucht wor- 
den; um 346 war ein Mercurius bischof von Soissons (Gams, series 
episc. eccl. rom. s. 132 und M. G. XXV s. 21, 10); papst Johann 11 
(consecriert am 31. december 532, begraben am 27. mai 535, Jaff6 
s. 73) hiess ebenso (M. G. XIII s. 76, 35 und 686, 15), wird daher 
auch kurzweg als „Mercurius papa" angeführt (M. G. XXII s. 289, 15); 
und noch im jähre 1083 trägt ein mönch den namen des alten heiden- 
gottes (M. G. XI s. 241, 50). 

2. 
Thomas Wright^ „a selectiou of latin stories^^ London 1843, 

(= bd. Vin der von der Percy- Society veröflfentlichten samlung der 
„Early English Poetry, Ballads, and populär literature of the middle 
ages"), bietet häufig alte lateinische bearbeitungen von erzählungen, 
die uns aus unsern schuUesebüchern und sonstwie gute alte bekante 
sind. Das reichhaltige ms. Harleian. nr. 463, fol. 11 zum beispiel ent- 
hält eine genau stimmende und ausserdem eine etwas abweichende fas- 
sung der reizenden geschichte Boccaccios, wie der pflegesohn des ein- 
siedlers, der noch nie ein mädchen gesehen hat, zum erstenmal holde 
Jungfrauen erblickt und nun durchaus ein paar von diesen niedlichen 
„gänschen" gekauft haben will: diese fassungen stehen bei Wright 
nr. LXXVni „de heremita iuvene" und III „de filio regis, qui nun- 
quam viderat mulieres." Dasselbe manuscript bietet das motiv zu 
Harras , dem kühnen Springer (nr. V „ de saltu Templarii ") und zu 
Simrocks gedieht „der apfelschnitz." (XLVIII „de Carole et de tribus 
filiis eins"). Mit Grimms märcheu von den drei boten des todes hat 
nr. XXXni „de tribus praemunitionibus" eine alte verwantschaffc. Hage- 
dorns „Johann der muntre Seifensieder" deckt sich genau mit nr. LXX 
„de thesauro invento" (MS. Arundel. Nr. 506, fol. 48), ebenso Th. Heils 
„schwank vom teufelholen" mit nr. LXXVII „de advocato et diabolo** 
(aus dem „Promptuarium exemplorum", vgl. auch Chaucers „Prere's 
Tale"). Der „seltsame Spazierritt" von Hebel, den auch Lafontaine HI 1 



ZüB SAGENLITTEBATüB 117 

und Byron („The countryman and the ass") bearbeitet haben, stamt 
aus Joh. Bromyards ^^ Summa Praedicantium^ s. v. „Judicium divinum" 
und steht bei Wright als nr. CXLIV „de sene et asino." Die erzäh- 
lung „ de congregatione bestiarum" (Wr. nr. LXin , aus Ms. Harlei. 
nr. 219, fol. 24 und Ms. Arundel nr. 292, fol. 14 mitgeteilt), ist das 
muster zu Eückerts gedieht „des hahn Gockels begräbnis." Und ist 
es nicht ergötzlich, wenn man Fritz Eeuters schnurre „de Gaus'han- 
del" (,^ Läuschen un Rimels^'' I 122) schon in den würdigen mittelal- 
terlichen Miauten Ms. Arundel nr. 52, fol. 113 und 506, fol. 46 (bei 
Wright nr. XXVII „ de rustico et agno ") prangen sieht ? der schöne 
Spruch aus nr. LVI. 

Si quis amat ranam, ranam putat esse Dianam 
möge den beschluss unseres lustigen Spazierganges in dem irgarten der 
lateinischen erzählungen des mittelalters bilden. 

3. 

Grimm myth.^ II 574 

spricht von drachen der altdeutschen sage , die als schrecken der mensch- 
heit von beherzten beiden erlegt werden; es ist bekant, dass auch die 
drachentöter der christlichen legende auf heidnische muster zurück- 
gehen. Der gefeiertste dieser christlichen heroen ist der ritter Georg; 
aber auch die Clemenslegende erzählt, wie dieser apostelschüler in Metz 
den drachen Grauly („GroUy" in dem 1697 gedruckten ceremoniale der 
Metzer kathedrale, gewöhnlich Graouilli, sichtlich vom deutschen „grau- 
lich"), welcher auf der höhe von Chievremont sein Standquartier hatte 
und täglich zwei Jungfrauen verzehrte , besiegt und seitdem als getreuen 
begleiter mit sich geführt habe; [eine ähnliche fassung der sage bei 
Vinc. Bellov. spec. bist. IX. c. 42]. Bildlich dargestelt ist diese legende 
in der 6glise St. Eucaire zu Metz auf einem alten Wandgemälde aus 
dem jähre 1523 , sowie in der Metzer kathedrale. 

Ähnliche drachensagen und -bilder finden sich in Tarascon an 
der Ehöne; dort ist der name des drachen „Tarasque" oder „T6rasque", 
was sichtlich aus dem ahd. ^^traccho'''' verwelscht ist. In Eouen, wo 
St. Komanus einen drachen durch umwickelung mit der stola bändigt, 
befindet sich in der Komanuskapelle der kathedrale eine drachenfigur; 
dort heisst der drache „gargouille^^ was in der heraldik einen dra- 
chen- oder Schlangenkopf bezeichnet (= j^gringole^)^ und dann, weil 
die brunnen röhren und Wasserspeier oft die gestalt eines drachenkopfes 
haben, zur bedeutung eines j^deversoire d^une gouUiere^ komt.^ 

1) In Vendöme (vgl. BuUetin de la societö d'archeologie et de l'histoire, 
Metz 1865« s. 41) heisst der drache „le dragon de la Boche -Tarpin, nach dem 



118 SEELISCH, zun SAGENLITTEBATUR 

Wie nun überhaupt die erzählungen der heil. Schrift und der 
legendarischen Überlieferung gern in den mysterien dramatisch dar- 
gestelt werden, so hat man in Metz auch die Clemenssage als myste- 
rium aufgeführt, und die drachentötung spielt darin nicht die geringste 
rolle (vgl. das altfrz. „Mystere de St. Clement", publ. nach einer 
Metzer hs. von Charles Abel, Metz, bei Kousseau - Pallez , 1861, 
s. 83 fgg.)- Aus demselben bedürfnis mimischer darstellung der legende 
entstand auch der im XI. jh. zuerst nachzuweisende gebrauch, in Metz 
bei der Marcusprocession am 25. a])ril [ausser dem wappen und dem 
Panzerhemde des streitbaren bischofs Bouchard d'Avesnes] eine drachen- 
figur aufzuführen ; ^ der maire von Woippy muste das Ungetüm tragen, 
und die bäcker, an deren Wohnungen der zug vorbeikam, waren ver- 
pflichtet, ihm brödchen und backwerk — für die armen — in den 
rächen zu stecken.^ Dieser brauch dauerte bis 1786, und in der 
faschingszeit tauchte das ungeheuer auch in diesem Jahrhundert noch 
auf. Eine abbildung der lezten Graouillifigur steht in der „Mstoire 
de Metz, des P. P. Benedictius Dom Jean Frangois et Dom Nicolas 
Tabouillet^\ Nancy 1769 s. 261. 

Ich möchte nun Prost nicht zustimmen, der („fitudes sur l'histoire 
de Metz; I. Les Legendes", Metz, bei Rousseau - Pallez 1865) die 
entstehung der drachensage und der procession nicht über das 11. jh. 
hinaufrücken will; vielmehr ist dies umhertragen von figuren, seien es 
götterbilder , seien es opfertiere , altdeutscher brauch (Grimm 1. 1. I 52. 
I 41 anm.); und der in scherzhafte form gekleidete tribut der bäcker 
an die armen erinnert uns an zahlreiche ähnliche sitten in Deutsch- 
land. Die procession mag vor dem XI. jh. nicht historisch nachweis- 
bar sein, älter ist sie sicher; ja, wenn wir uns, durch die namen ver- 
anlasst, für den deutschen Ursprung der sitte entscheiden würden, 
müsste sie sogar sehr alt sein. 

f eisen, wo er gehaust hatte, oder le dragon de St. BienheurSj de St, Ändri-leB- 
Villiers, de St. Bertrand-de-Comminges, nach den heiligen, die ihn besiegt hat- 
ten; in Poitiers wird er humoristisch das „gute würmchen", la bonne Sainte-Ver- 
mine genant; unklar ist mir die bezeichnung chai/r sale, „gesalzenes fleisch", die 
er in Troyes führt. 

1) Anfänglich war dies wol bloss ein dracheukopf (caput draconis, Metzer 
ceremoniale aus dem XII. jahrh., manuscr. der Metzer bibl. 67), dann eine verzerte 
figur mit dickem köpf, glotzaugen und wanst , sowie mit beweglichen , gierigschnap- 
penden kinladen: wahrhaft eine „effigie monstrueuse, ridicule, hydense et terrible 
aux petits enfants", wie Rabelais Pantagruel IV. cap. 59 sagt. 

2) Beim eintritt in die abtei St. Arnonld peitschten die kinder mit raten 
auf die figur ein, bis sie in stücke gieng, woraus sich ergibt, dass dieselbe jähr- 
lich erneuert wurde. Symbolisch wird diese ganze sitte auf die besiegong satans 
durch das Christentum bezogen. 



ELLINQER, VOLKS- U. KUNSTDRAMA 119 

Dieser ableitung der Metzer Grauly - procession aus deutscher 
sitte stelt sich aber ein bedenken entgegen ; abgesehen davon , dass wir 
uns nach den neuesten Untersuchungen kaum noch der patriotischen 
Illusion hingeben dürfen-, dass einmal in Metz die deutsche spräche die 
herschende war, ist zu berücksichtigen, dass der umzug von riesen- 
und drachenbildern in Frankreich und Belgien, also auf romanischem 
gebiet, häufiger vorkomt* Auch in Antwerpen wurde der „ lange Wap- 
per'* (Wolf „niederländ. sagen" s. 452) in buntester ausstaffierung auf- 
geführt, wenn fürstlichkeiten die stadt besuchten; noch Napol6on I. 
wurde mit diesem volksschauspiel erfreut: „memoiren der gräfin K6mu- 
sat", übs. von A. Ebeling, Köln 1880, I 196. 

METZ, JUNI 1886. ADOLF SEELISCH. 



ZUB WECHSELWIRKUNG DES VOLKS- UND KUNST- 
DRAMAS IM AUSGEHENDEN 17. UND BEGINNENDEN 

18. JAHRHUNDERT. 

In meinen Vorbemerkungen zu der ausgäbe des Puppenspiels 
Alceste, XVHI. 3 dieser Zeitschrift, habe ich auf die tatsache hinge- 
wiesen, dass es fast allein die puppenspieltexte sind, die uns wichtige 
rückschlüsse auf das völksdrama des ausgehenden 17. und beginnenden 
18. Jahrhunderts gestatten. Derartige rückschlüsse würden noch einen 
höheren grad von Wahrscheinlichkeit besitzen, wenn es gelänge, in den 
puppenspieltexten typische Situationen nachzuweisen, welche auch von 
dem kunstdrama der zeit benuzt worden sind. Eine solche typische 
Situation scheint mir in dem Puppenspiel Alceste vorzuliegen. Kasper 
wird von einem mädchen verfolgt, das er aber nicht will (vgl. die 
scene Im 1. akt zwischen Gretel und Kasper); als er nun eine andre 
findet, die er gern heiraten will, fragt ihn diese erst, ob er auch 
geld und vermögen habe, worauf Kasper seine sämtlichen habseligkeiten 
aufzählt.^ 

Ganz dieselbe Situation findet sich in einem singspiel Christian 
Reuters: Des Harlequins Hochzeit -Schmauss.^ Hier wird Harlequin 

1) Zur erinnerung an einen von Marcellus getöteten drachen trag die geist- 
lichkeit von Notro-Dame in Paris bis zum jähre 1730 in den bittprocessionen eine 
grosse drachenfigur umher, in deren rächen das volk fruchte und kuchen warf 
(Bulletin s. 40) ; auf einen ähnlichen brauch weist es hin , wenn in Poitiers das 
„gute wtirmchen" auch „la grande gueuU'^ genant wird. 

2) S. 291 V. 899 fgg. 

3) Des Harlequins Hochzeit -Schmauss. In einem Singe -Spiele vorgestellet. 
(L'Honneto Femme Oder die Ehrliche Frau zu Plissine ( in Einem Lust -Spiele | vor- 



120 ELLINGER, VOLKS- ü. KUNSTDRAMA 

von der Ursel verfolgt , die ihn gern heiraten möchte. (Entr6e IV.) Er 
aber will sie nicht, weil er Lisette liebt. Zu ihr geht er und trägt 
ihr seine band an. 

Entree Vm. 
Harlequin. Lisette. 
Harlequin. 
Hier steh ich schon vor dir mein Schatz mit Seel und Leib | 
Du hast mich ja geruflft | mein süsser Zeit -vertreib. 
Wenn ich schaue dein Gesicht | 
Weiss ich nicht wie mir geschieht | 
Ich schwitze 
Vor Hitze | 
Sag I wiltu seyn mein Weib? 

Lisette. 
Dieweil ich endlich doch muss nehmen einen Mann | 
So stündestu mir wohl für allen andern an | 
Wüsst ich nur wie reich man dich 
Schätzet I sage | kannst du mich 
Mit Ehren 
Ernehren | 
Da liegt am meisten dran.* 

Harlequin. 
Gar recht | ich habe gar ein treflich Heyraths Gut | 
Erst I ein schön Seiden Kleid | dann einen neuen Hut 
Einem silbern Biesem- Knopf 
Einen küpfern Wasser - Topf 
Vier Wannen 
Zwey Kannen 
Verzieh | es kommt noch mehr. 
Ein blaues Hochzeit -Kleid mit rothem Fleck geflickt 
Ein Gürtel um den Leib | mit Schwäntzen schön gestickt | 
Einen Mantel trage ich | 
Ellenlang das putzt warlich | 
Ein ßantzen 
Mit Frantzen 
Schickt sich auch wohl darzu. usw. 

gestellet | und aus dem Französischen übersetzt von Hilario. Nebenst Harlequins Hoch- 
zeit- und Kind-Betterin Schmause. Plissine | Gedruckt in diesem Jahre.) Natürlich 
behaupte ich nicht etwa, dass Router aus dem Puppenspiel: Alceste geschöpft habe. 
1) Vgl. Alcesto, V. 899. Aber du bist doch wol reich? Sag an, was du hast 
BERLIN. GEORG ELLINGER. 



121 

LITTERATUK. 
Zwei lateinisclie 1)ear1)eitnngen des Hartmanselien Oregorins. 

Arnoldi Lubecensis Gregorius peccator, de teutonico Hartmanni 
de Ane in latinum translatns. Herausgegeben von Dr. Gustav von Buch- 
wald, Kiel, Ernst Homann 1886. XXV nnd 127 s. S^. 3 m. 

H. Leo hatte in den „blättern für literarische Unterhaltung" 1837 s, 1431/32 
brachstücke einer bearbeitung des Hartmanschen Gregorius mitgeteilt, welche er 
von einem einbände der Berliner bibliothek abgetrent hatte. Die pergamenthand- 
Bchrift gehörte in das 12. bis 13. Jahrhundert; die verszeilen waren bloss durch 
punkte hervorgehoben, absätze fanden sich nicht. Hatten Leo und Grimm („lat. 
ged. des X. und XI. jh." Göttingon 1838 s. XL VII) diese lateinische bearbeitung 
noch für Hartmans original angesehen , so ergab sich doch bald , dass es bloss eine 
Übersetzung aus dem deutschen sein konte, vgl. Lippolds Leipziger diss. 1869 s. 6. 
Jezt ist nun eine dem 15. Jahrhundert entstammende hs. der ganzen lateinischen 
Übersetzung im kloster Bödeken zu Paderborn aufgefunden und von herrn dr. von 
Buchwald veröffentlicht worden. Aus dieser hs. erfahren wir , dass Arnold von Lübeck 
Hartmans gedieht für den herzog Wilhelm von Lüneburg zwischen den jähren 
1209 — 1214 in vier büchern übersezt hat. Arnold, abt des Benedictinerklosters 
St. Johann in Lübeck , ist schon bekant als Verfasser der „Chronica Slavorum", die 
Lappenberg in den Monum. Germ, herausgegeben hat und die auch in einem sepa- 
ratabdruck Hannover 1868 erschienen sind; ich werde diese chronik mit „ehr." 
eitleren, citate ohne weitere angäbe beziehen sich auf buch und vers des „Grego- 
rius peccator." 

Welche gefühle der Sympathie muste das Schicksal eines findlings in dem 
herzen eines mannes wecken, der von seiner frühsten Jugend gestehen muss: „Pater 
mens et mater mea dereliquerunt me, dominus autem suscepit me" (ehr. IV. 13) 
aber trotzdem dass verwantes Schicksal verwante saiten in seinem herzen anschlug, 
gieng der fromme und sitteneifrige mann doch nur mit unlust an die darsteilung 
eines stoffcs, in dem der zufall die gröbsten fleischlichen sünden häuft, und an die 
Übersetzung eines gedichtes, das einen laien, einen weitmann zum Verfasser hatte; 
das ganze genre der dichtung und des stiles machte ihm misbehagen; der durch 
klassische Studien und kirchliche erziehung zum latinisten gebildete mann mochte 
auf die deutschen verse wie auf eine müssige Spielerei in barbarischer spräche 
herabblicken. Dies ist der sinn seiner werte im prologus: „usum legendi talia non 
habemus, et modum locucionis incognitum formidamus." „locttdo*^ kann nicht 
„spräche** bedeuten, sondern nur „rodoweise, stil", und neigt zu der bedeutung 
„gerede" („iam nunc cesset locucio" 11. 887 und IV. 871 , beidemal formelhaft ver- 
bunden mit der zeile „in vestro vadam placito"). Das „talia" und „formidamus" 
der vorrede zeigt etwas von oben herab, das „ignotum et arduum opus" des nach- 
wortes in bescheidenerer weise den ästhetischen Widerwillen des lateiners gegen den 
deutschen, besonders aber des klerikers gegen den laien. Der in praefat. folgende 
satz „quod ex relacione veridica intollexi, ad edificacionem auditorum propu- 
labo, et res si qua mihi mistica corde datur" bestimt aufs deutlichste den Stand- 
punkt des Übersetzers seinem original gegenüber. Es kann meiner ansieht nach 
keinem zweifei unterliegen, dass der herausgeber sich getäuscht hat, wenn er die 
angezogenen stellen nicht auf den Inhalt, sondern die spräche des Hartmanschen 
gedichtes bezieht und daraus schliesst, Hartman habe „erst ins lateinische übersezt 



122 SBBIilECH 

werden müssen, um am hofe des Lünoburgcr Herzogs verstanden zu werden" 
(s. XIV), nnd Arnold selbst als niederdeutscher sei mit dem oberdeutschen Hart- 
mans nicht gut fertig geworden (s. XVI). Vielmehr entziehen sich die gründe, aus 
denen Wilhelm von Lüneburg die Übersetzung wünschte, noch unserer kentnis; 
und die Übersetzung Arnolds zeigt nirgends ein mis Verständnis des Originals. Die 
einzige stelle, die man als solches auffassen könto, dass er nämlich I 405 das „wei- 
nende" Hartm. 365 auf den ratgeber statt auf die um rat nachsuchenden bezieht, 
ist sicherlich eine absichtliche äuderung. 

Im Vorwort nun hat der herausgeber die Grcgorlogende besprochen. Er 
verfolgt sie bis zu „Indiens sonnigen fluron und dem zöpfetragenden Cliina", leitet 
ihre entstehung aus einem „ethnologischen gesetz menschlicher entwicklung" ab und 
hält sie für „eine reminiscenz aus der praehistorie." Weil das thema der sage 
„der ausgesezte" ist, scliliesst er auf das bestehen des aussetzungsrechtes bei den 
betreffenden nationen, das auf einen alten seelencnlt zurückweisen soll, und findet 
in der art der rettung spuren eines rohen tierfetischismus. An der gcschwisterehe 
aber erkent er, dass die bildung der sage in eine zeit hinaufreicht, wo wir noch 
auf ,,der culturstufe der neger" standen. Die sitütere busse des beiden schliesslich 
beraht auf dem rechte der talion , das durch christlichen oiniiuss gemildert erscheint. 
— Ich muss nun gestehen, dass ich für meine person einen viel skeptischeren 
stand])unkt einnehme; ich werde hoirentlicli bald in dieser Zeitschrift in der läge 
sein, meine ketzerischen ansichten weiter auszuführen; das eine glaube ich jezt 
schon behaupten zu können, dass der herausgeber bei seinen interessanten Unter- 
suchungen wol nicht stets die erforderliche kritik geübt hat, das mögliche, doch 
unbewiesene zu schnell für eine wissenschaftliche tatsache ausgibt und darauf kühne, 
weitgeliendo folgerungen aufbaut; z. b. bleibt er den grundlegenden beweis für den 
Ursprung der Gregorlegende aus der Odipussage s. XIII schuldig, die vennutung 
eines rohen tierfetischismus iu der rettung des ausgesczton gerade durch einen 
fischer ist ohne jede solide grundlagc usw. 

Während die sage vom iierausgober reich bedacht ist, ist die philolo- 
gische Seite in seiner ausgäbe sehr zurückgetreten; ich will versuchen, wenigstens 
einiges davon nachzuholen. 

Vergleichen wir zunächst die jüngere, volständige handschrift mit der älte- 
ren fragmentierten, so ergibt sich das „quarduanus" der leztern, was so vielen 
streit hervorgerufen hat, als fohler für „triduanus"; die andern ab weichungen sind 
ganz unbedeutend; unsichere stellen des Berliner frgm. kimnen jezt sicher emen- 
diert werden ; dann sind einzelne ausdrücke vertauscht (I 958 „everterat" : Berliner 
frgm. „vastaverat"), und werte unigestelt (1 %1 „sola vix": „vix sola"; I 963 
„omnia tenet": „regit omnia"; II 19 „et venerat": „veneratque"). Jedenfals bedin- 
gen diese abweichungen keine vt^rschiedenheit der recension, und es liegt kein 
grund vor, mit herrn von Buchwald an eine zweite, von Arnold selbst herrührende 
redaction zu deoken. 

Der text der Paderborner hs. zerfält in vier bücher, die wider in capitel 
zerlegt sind; es wäre sehr praktisch gewesen, wenn über jeder seite die nummer 
des buches, über jedem capitel die entsprechenden verse Hartmans angegeben 
wären. Der herausgeber hat die hs. in der Schreibweise und teilweise auch in der 
Interpunktion textgetreu veröffentlicht und nur offenbare Schreibfehler verbessert 
Dies princip ist nicht ganz consequent durchgeführt; es sind noch folgende fehler 
der hs. unverbessert geblieben: I 91 „qui" f. „cui"; I 717 „vivere" f. „visere"; 
I 864 „corrupit" f. „corripuit" ; II 23 „ornatis" f. „ornatus" ; U 402 „vacat" f. „mi- 



ÜB. ARNOLDI GBEGOB. ED. V. BUCHWALD 123 

cat"; II 418 „nutis" f. „raitis"; H 708 „dicere" f. „discere"; II. 1125 „captims„ 
f. „captivus"; IV 4 „erratur" f. „errata" (vgl. IV 1145 „sie errata corrigere"); 
IV 5 „baculus" f. „baiulus" (vgl. Luc. 14 , 27 „qui non baiulat crucem suam") ; 
epil. z. 9 „ciuus" f. „cuius." Vielleicht sind dies nur druckfebler; und deshalb 
mögen an dieser stelle gleich noch folgende fehler, die sicher dem setzer zur 
last fallen , verbessert werden : I 23 „congaudebat" f. „congaudebant" ; I 503 „ega- 
mus" f. „egemus"; I 47 „iuspiria" f. suspiria" ; I 513 „hoc" f. „hec"; II 174 „pro- 
poscerat" f. „poposcerat" ; II 304 „prabet" f. „praebet"; II 936 „isti" f. „istis"; 
II 1164 „ contendebrant '* f. „contendebant"; IV 97 „obiurgens" f. „obiurgans"; 
IV 105 „istem hominura" f. „istum hominem"; IV 1048 „ colladantiuni" f. „collau- 
dantium"; IV 1091 „visuram" f. „visurum**; IV 1221 „infunderis« f. „ infundis.« 
Sinstörende interpuuktionsfehler : I 347 ist das schliessende anführungszeichen zu 
streichen und erst nach 351 zu setzen; IV 60 ist das komma zu tilgen, IV 67 
das komma nicht hinter „manibus", sondern nach „rastrum" zu rücken. 

Die Übersetzung Arnolds schliesst sich im gange der erzäh- 
Inng eng an Hartman an; es finden sich nur ganz unbedeutende abweichungen: 
z. b. stirbt bei H. die königin von Aquitanien gleich bei der gehurt der zwillinge, 
bei A. I 32 erst „post multos annos" ; I 251 fgg. weiss die Schwester erst gar 
nicht, wer sie entehrt hat; II 458 fgg. bittet Gregor den zufällig getroifonen 
fischerknaben wirklich um Verzeihung, bei H. bleibt es bei der absieht; II 827 fgg. 
fehlt das versprechen einer heirat Hartm. 1489 u. ä. Aber diese fälle verschwinden 
gegenüber der peinlichen genaüigkeit, mit der der Übersetzer jeden gedanken, jede 
reflexion^ jede metapher H. , sogar oft dessen Verweisungen auf seine quelle nach- 
zubilden und das ihm vorliegende bild zug um zug zu copieren bestrebt ist. Da 
indessen eine metrische Übersetzung nicht wortgetreu sein kann, so wird sich für 
den text Hartmans nichts sicheres aus ihr ergeben. Ich hatte in dieser ztschr. 
XVI 276 — 283 zwei recensionen der Gregorhss. nachzuweisen gesucht, m und n, 
die beide die echte lesart Hartmans gewahrt haben können, wenn auch die recen- 
sion m wenigstens von Interpolationen frei ist. Arnolds hs. nun, die noch in die 
lebenszeit Hartmans hinaufreicht, liegt vor der schoidung in die beiden recensio- 
nen. Die vv. 1149 — 1156 und 3431 — 3438, die ich als interpolationen nachgewie- 
sen habe, kante auch Arnold nicht, vgl. II 482^ und IV 894, dagegen wol die 
nur in m erhaltenen vv. 1521 — 1524, vgl. II 863. An den w. 654 und 821 fgg. 
dagegen hat, wie ein vergleich mit I 828 und II 83 zeigt, die recension n Hart- 
mans hand bewahrt. 

Arnold, hat aber nicht bloss getreu übersezt, sondern auch noch von dem 
seinigen zugesezt; von diesen erweiterungen gegenüber Hartmann wird der 
Zusatz biblischer reminiscenzen und algemeinchristlicher bezüge 
bei einem übersetzenden abte um so weniger befremden können, als sich manche 
schon im original finden; neu ist I 112 — 115 die empfehlung der Marien Verehrung, 
I 167 — 175 und 185 — 215 die nach casuistik schmeckende vergleicbung des incestes 
mit dem ersten sündenfall und die im predigtton abgefasste ausmalung des con- 
flictes zwischen fleisch und vernünftigem gewissen; neu sind ferner die biblischen 
anklänge I 287 fg. (Lazarus), 617 (Petrus), 039 (Salomon), 644 (Abraham), II 381 
(Samson und Dalila), 674 („vita angelorum socia"), 931 (Abraham und Isaac), 

1) II 843 „Hunc nobis fluctus appulit" vgl. mit 1162 „der tiuvel hat in her 
braht" weist entweder auf eine andere lesart in Arnolds vorläge, oder ist (wahrschein- 
licher) eine euphemistische änderung. 



124 SEELISCH 

m 442 (Matth. 12, 31), IV 277 (Caiphas), 446 (Matth. 5, 15), 1212/13 (Cain und 
Judas). 

Wie auch in den Chronica Slavorum oft genug der geistliche Verfasser und 
der kanzelton in sclbstbekentnissen , Strafpredigten, frommen betrachtangen und 
Wundergeschichten (ehr. IV 14 fgg.) durchbricht: ebenso finden sich in den Chronica 
sowie im Grogorius sehr zahlreiche klassische citate nnd beziehungen auf 
das altertum, die das urteil Lapponbergs s. 8 rechtfertigen, „eum intor homines 
saeculi XII et XIII litcratissimos referendum esse." Aus dem Gregorius gehört 
hierher die beziehung auf die pythagoreische symbolische deutung des Y II 615 fgg., 
dessen unterer strich die naive zeit der kindheit bezeichnen soll, während die 
obern arme den Scheideweg andeuten, vor den der mann gestelt wird, eine bezie- 
hung, die ihm wol aus Lactantius 6, 3 bekant geworden war; femer die erwahnung 
des Cupido II 1117, 1196 des Achill, 1277 — 1284 des Achill und Hector, und das 
klassische citat IV 1121. Die metaphorischen ausdrücke I 941 „aculeus**, 943 „mi- 
narum spinae", 11 1188 „leoni (sie) ferocior" u. a. vorraten fleissiges Studium der 
klassischen muster, denen er sogar graecismen wie „est videre" IV 1190 entnahm. 

Betreffen die bis jezt erwähnten zusätze nur die anerzogene bildung des man- 
nes, so sind für seinen angeborenen Charakter viel bezeichnender eine anzahl von 
Zusätzen, in denen sich Arnold als einen mann von dichterischem sinn und 
von natürlichem, offenem blick für das leben und seine freuden ofiehbart 
So scheint mir dio crsetzung von indirekter rode des Originals durch direkte der 
Übersetzung II 89 und IV 512 fgg. (umgekehrt II 96) dem wünsche nach dramati- 
sieruug, d. h. anschaulichkeit entsprungen zu sein, und zur plastischen belebuDg 
der erzählung scheinen die vielen wenn auch nur kurzen vergleiche dienen zu sol- 
len, mit denen er seine erzählung aufpuzt; so finden sich vergleiche mit einem 
scorpion I 942, mit dem glücksrade 11 459, mit der „garrula comix*^ 11 580 
und 614, mit einem vogel oder fisch, der der lockspeise folgt (11 1125), mit dem 
feuerpfeil der liebe II 1142, mit einer bratschüssel („clybamis'*) IV 765, mit 
einer „lanypas^ (IV 1072, vgl. ehr. III 5 „velut lucoma ardens et lucens"), 
endlich mit Sperlingen, die dem netz entfliehen IV 1207. Und welch liebens- 
würdiges gomüt, welche lebensfreude und welche klarheit des blickes mnss der 
mann besessen haben, der II 302 — 313 dio mutterliebe, II 348 — 357 das arm- 
selige leben der tischer, II 1325 fg. den frieden", 1370 fg. das familienglnck, 
1397 fgg. die freiorwahl , III 122 das ritterlich - behagliche leben mit so anschau- 
lichen bildern ausmalen und schildern konto! Wir werden unwilkürlich an die 
chronica Slavorum erinnert, wo auch kostbare geschenke mit sichtlichem beha- 
gen nach zahl imd stoffen aufgezählt werden (I 3; IV 8), und das schöne bild der 
in der sonne schimmernden weissen und roten, am first vergoldeten zelte nicht 
unberücksichtigt bleibt (I 4); wir erkennen den Arnold wider, der in seinem 
goschichtswerk III 5 tracht, heringsfang und pfcrdezucht bei den dänen beschreibt, 
den in 9 das bunte Jahrmarktstreiben bei der kaiserwahl höchlichst fesselt und 
den VI 4 das in strömen vergeudete hier sichtlich dauert; der sich für reisebeschrei- 
bungen (V 19 fgg. VII 8 fgg.), sitten und gcwohnheiten fremder Völker, ja selbst 
für die sekte der verrückten assasinen (IV 16) interessiert. 

Die spräche Arnolds ist nicht gerade die beste, ^ aber verhältnismässig nicht 
schlecht; sie ist an guten mustern gebildet und daher nicht ohne „color laUniAs'^'y 

1) Z. b. II 889 „ lacrimatus *^ = weinend; III 325 „mi domina'*; auch genna- 
nismen finden sich, so das ihrzen des abtes II 554. 725. 1099. 



ÜB. ABNOLDI GBEOOB. BD. V. BUCHWALD 125 

sein Stil entbehrt weder der kraft noch des schwunges, ebensowenig aber eines 
gemütlichen reizes, der den frieden der Mosterzelle widerspiegelt; wie sinnig, tief 
empfanden und anheimelnd ist z. b. der eine ausdruck „arridente veris tempore" 
ehr. IV 8! Genauer auf seinen stil und seine ausdrucksweise einzugehen, würde 
den rahmen dieser abhandlung überschreiten; doch würde eine eingehende Unter- 
suchung interessante parallelen zwischen dem Gregorius und der Slavenchronik 
ergeben, sowol im bevorzugten oder vom gewöhnlichen abweichenden gebrauch ein- 
zelner Wörter („tripudium" 11 811; „poena timoris s. mortis" I 228, 285, „contra- 
didit" m 192, „manere" = mhd. „sizzen" I 925. II 170. IV 466; „prosapia" 
n 914, „dextrarius" II 749, ehr. V 27), als auch in der an Wendung bestimter for- 
meln („ nunc his finem faciamus " 11 1 , ehr. IV, 1) und constructionen (z. b. der 
aayndetischen Verbindung zweier substantiva, „forma rebus" I 129, „sensus mores" 
IV 851 , „spinas vopres" IV 990 , der vertauschung des relativs mit dem demonstra- 
tiv im zweiten teil eines relativsatzes II 1309, epil. z. 9 u. a.). 

Es bleibt schliesslich noch die metrische form der Übersetzung zu 
besprechen. Grimm hatte a. a. o. s. XL V/VI an eine strophische form gedacht ; 
diese Vermutung hat sich nicht bestätigt. Ferner hatte er vermutet, dass die iam- 
ben aus älteren leoninischen hexametern überarbeitet seien; er hatte aus dem frgm. 
schon 5, Bechstein Germ. 16, 106 durch leichte conjectur einen 6. hexameter her- 
gestelt. Jezt zeigt sich, dass die Übersetzung ein ganz unorganisches ge- 
misch von hexametern und viermal gehobenen Zeilen darbot. 

Das herschende metrum ist das der viermal gehobenen reimzeile, 
gewöhnlich iambisch mit der Senkung beginnend , doch auch nicht selten trochäisch 
mit der hebung. Zuweilen ist die Senkung mehrsilbig, I 342 „apud homines culpa 
per^nnis erit", so auch I 256. 323. 383. 476. 553 usw.; besonders zwei vocale sind 
oft zu verschleifen , I 390 „absorbeat", 392 „häbeo", 394 und 689 „consUii[s]", 543 
„studeas", II 544 „pötuissem", 1148 „postpösuerat", IV 532 „diütinum." Ander- 
seits kann eine Senkung am anfang oder am ende ausfallen , doch nur selten ; am 
anfang I 256 „frater carissimc'S 344 „Heu me tam miseräm", 542 „Qui sie preci- 
pue"; II 178 „sed täntum ünicäm", 733 „Quid equitäntibüs*', 734 „Vel quid ludon- 
tibus" (735 ist zur vervolständigung noch ein „quid" einzuschieben). Am ende: 
I 488/9: „vix Invenitür, | difficile öbservatür"; II 654/5 „piscatöris quem me | cre- 
dunt homines genuisse." Elision und hiat werden nicht beachtet: I 265 „clämetne 
an süeät**; 267 „hominüm ad täliä." Der reim wird nur selten als schlagreim auf 
drei Zeilen ausgedehnt (15 — 7; 487—489; II 390—392; III 75-77) und ist 
stets männlich, gewöhnlich rein; nur zweimal findet sich eine leicht erklärliche 
assonanz: II 471 „respiciat: iudicet", 11 1363/64 „renuas : socies." Er braucht 
sich nur auf den vocal der lezten silbe zu erstrecken: I 253 „constrixcrit" : „ali- 
quis"; 338 „paiiter'* : „homines.** Ein reim fürs äuge ist e : ae (I 330 „lacrimae : 
dicere", so im ersten buch noch 62. 336. 594. 644. 806. 878. 890. 915. 919). Sel- 
ten ist der rührende reim: I 58. 278. II 202. 419. IV 469. 794. 

Im anfange ist dies metrum noch sehr unbeholfen angowant, es finden sich 
noch genug holprige betonungen, die man nur selten (wie II 1030 durch Umstel- 
lung in: „fuisse hunc extränoüm") durch ganz leichte emendation verbessern 
kann; bei grösserer Übung wird die handhabung dieses versmasses immer geschickter. 

Auch einzelne verse, die sich dem gesetz der hebung nicht fügen, wie I 255. 
287. 413. 554 — 560. 578/79. 662, werden almählich immer seltener; ganz vereinzelt 
findet sich eine reimlose zeile. (I 220. 255. 412. — I 97 ist durch die steUung 
„volo verba dicere " der reim herzustellen , ebenso ist I 963 nach anleitung der Ber- 



126 SEELISCH 

liner hs. ,,teDet omnia^' zn stellen und damit der reim zn schaffen; v. 964 mnss 
dann „omnia*' gestrichen werden). 

Mit diesen gehohenen vorsen wechseln nun ganz wilkürlich leoninische 
hexameter; Lippolds Vermutung a. a. o. s. 6, das gedieht sei vierhebig in den 
erzählenden, leoninisch in den roflectiorenden stellen, hat sich nicht bestätigt. 
Hexameter stehen: I 30 — 49 (38/39 incorrect); 64—67; 72—81; 86 — 91; 102— 
126 (107 ist zu verbessern „et verbis sis moderatus"); 210—217; 415 — 416; 423 
—426; 479 — 486; 590—591; 666 — 679. II 1 — 14; 252—263; 399—426; 555 — 
578; 663 — 670; 1243 — 1244. 111277 — 280. IV 1221 (citat); 1260—1263 („Quia" 
1260 zu streichen). Nach der arsis des dritten fusses steht syllaba anceps (I 108 
„extentä**, 114 „maria** u. ö.), und diese stelle reimt dann mit dem ausgange der 
verszeile; nur zweimal (I 118/19 und 120) fehlt dieser binnenreim, dufür reimen 
die beiden Zeilenschlüsse. Diese form war dem Verfasser sichtlich geläufiger, vgl. 
die künstlichen leoniner am Schlüsse des zweiten buches der slavenchronik und 
ebenda V 24, V 30, VII 13 u. ö. 

Ganz frei ist das metrum I 1 — 29. 50 — 63. 82—85. 92—101. 217—236. 
Zum teil herscht darin ein dacty lischer rhythmus , der z. b. 119 einen ganzen hexa- 
meter hervorbringt, teils ist er quantitierend wie 52. 206/7. 235. 255. Dactylische 
reihen stehen auch III 467 — 480. An allen diesen stellen ist (mit ausnähme von 
I 220 und III 467/68) der reim gewahrt, und es finden sich überschlagende 
(1146/48), verschlungene (I 181/83; 182/84. III 473/75; 474/76), umschliessende 
(I 163/66; 171/74; 175/78) und rührende reime (III 469/70; 477/78). 



Durch den fund der Paderborner hs. wird eine schon länger bekante latei- 
nische bearbeitung des Gregorius wider Interesse erwecken, die ein muster von 
geschmacklosem schulwitz ist und insofern der Übersetzung Arnolds als folie dienen 
kann: ich meine die 453 hexameter, die Schmeller in Haupts ztschr. 2, 486 fgg. 
nach einer Münchener hs. des XIV. jh. mit correcturen von Haupt veröffentlicht hat. 

Der Inhalt dieses gedichtes folgt im wesentlichen der erzählung Hartmans, 
und einzelnes erinnert geradezu an das original, so „prudens vir" 47. 51. 65. 74 
= „der wise man" H. 321. 384. 485; im algemeinen aber ist die widergabe frei 
und so finden sich in den details viele abweichungen , z. b., dass der „vir prudens", 
nicht die Schwester die herschaft übernimt und die aussetzung des Mndes besorgt, 
und vieles andere. 

Die spräche ist nicht so gut wie die Arnolds; das beweisen quintanerfeh- 
ler wie „consulerat" 48, „capuerunt** 112, germanismen wie „spiritus'* in der 
bedeutung „geist, gespenst** 382 u. ä. Besser ist die pro so die und die metrik. 
Die quantität der einzelnen silben ist im ganzen richtig bestimt, die fehler gegen 
die prosodie in den v. 1. 42. 189. 190. 201. 229. 254. 335. 388. 396. 408 hat Haupt 
durch leichte änderungen beseitigt, hinzuzufügen ist noch v. 295, wo es statt 
„dedit*' : .,tradit" heissen muss. Aus der silbernen latinität hat der versificator 
sich die kürzung des o im dual („duo" 373. „ambo** 42. 448, aber 445 als 
anceps), m der 3. decl. (27. 34. 175. 259. 266. 301. 370. 429), in der 1. ind. act. 
(271. 284. 293. 328. 334), in partikeln (113. li6. 358) und im abl. gerund, angeeig- 
net (32. 383; daher auch 417 „mätrem mirando" zu stellen, da die Verlängerung 
„in arsi et caesura^ nicht anstössig ist). Dehnung in arsi l&sst der dichter 
4 mal im 5. fuss (206. 390. 450 und daher 343 zu dulden), 40 mal in der penthe- 



ÜBBB ABNOLDI GREGOR. ED. V. BUCHWALD 127 

mimeres, besonders vor folgender interpunction,* und einmal (262) in der ncben- 
cäsur der hephthomimeros zu. Die zwei stellen, wo ä auch in der thesis des vier- 
ten fusses verlängert wird, 351 und 150, hat Haupt mit recht verbessert; dagegen 
hätte er v. 79 nicht eine solche Verlängerung in der arsis des zweiten fusses durch 
conjectur herstellen , sollen , vielmehr ist zu schreiben: 

... „Mater reginä, celatum non negat ortum." Und ebenso 206: 
„transmisit multä, transmiserat et vice versa" . . 
Eine olision findet sich im ganzen gedichte nicht, denn v. 239 ist „et" zu strei- 
chen; daher sind Verbesserungen mit Zuhilfenahme von olisiouen, wie sie Haupt 
253. 301. 343. 431 versucht hat, sehr bedenklich. Der hiat wird nicht gemieden: 
98. 110. 155. 170. 210. 300. 412. Wie daher Haupt 272 einen hiat durch conjec- 
tur gewagt hat, so darf man wol 204 „non notum" mit hiat ergänzen und 450 die 
Umstellung „quem laudat terra, et quem" usw. sich gestatten. Vereinzelt finden 
sich leoninischo hexameter: 39, 66, 153, 312, 313, 405, 422, 424, 427, 431, 451, 
453 ; daher kann man 298 einen dreizehnten leoniner herstellen , indem man „solatur'' 
f. „solatus" schreibt (derselbe fehler 157 „imbutus" f. „imbuitur"). Keim innerhalb 
des verses findet sich 44; 220/21; 319/20; 383; 416; 430; 437. Zwei hexameteraus- 
gänge reimen V. 245/26; 267/68; 358/59; 365/66; 379/80; 403/4; 420/21; 56/57 
142/43; die beiden lezten sind rührende reime; gern steht im hexameterschluss das- 
selbe wort assonierend: „parentes** : „parentura" 90/91: so noch 131/32; 161/62; 
198/99; 392/93; 450/51. Überschlagende reime treifen wir in den v. 7/9; 16/18; 
49/51; 184/86; 188/90; 205/7; die vier lezten sind rührend; auch die assonanz 
„casta** : „castra" 240/42 gehört hiehor. Im algemeinen werden die reime häu- 
figer,- je weiter das gedieht vorrückt. Manche formen desselben sind nicht ohne 
Ziererei; und dieselbe künstelei zeigt sich in der auwendung der alliteration, 
die bei Arnold sich fast gar nicht findet, hier sich geradezu vordrängt. Es allite- 
rieren nämlich: er 13; cl 255. 393/94; qu 403; p 71. 73/76. 306/7. 400. 406. 452; 
pr 23. 36. 415; f 45. 93. 251; v 5. 59/60; 1 150; m 62; n 19/20. 244/45; r 18. 
31/32. 253. 

Die band Schrift des gedichtes ist eine höchst liederliche abschrift; das 
zeigen die lesefehler 92. 231. 446, die falsch aufgelöste abbreviatur „tamen" für 
„tantum'* 237. 289. 333 und die zahllosen corrupten stellen, die auf schritt und 
tritt die conjectur herausfordern: 30 stellen hat Haupt durch zusatz eines einzigen 
wertes verbessert, 7 durch Streichung, 8 durch Umstellung.^ Mit an Wendung der- 
selben mittel und unter berücksichtigung der oben entwickelten metrischen gesetze 
ergibt sich noch folgende nachlese zu den Hauptschen emendationen : 

1) In der cäsur areis wird verlängert: -a G. 194. 207. 261. 286. 290. 294 (nach 
sicherer emendation). 304. 322. 353. 367. 448 ohne folgende interpunktiou , mit einer 
solchen 164. 262. 272. 273. 342. 354. 413. 419. -at nur vor folgender intcrpunktion : 
31. 109. 150 (dagegen ist 115 die vcrhingerung von -at in der thesis des 4. fusses feh- 
lerhaft und es ist zu schreiben: ,,propinquat et perspeculatur.**). -e: 225. 281. 344. 
360. 369. 390; vor Interpunktion: 32. 239, 2G5. 311. 324. 34:{. 415. 442. -U: 110. 
298. -0: 384. 

2) Durch Zusatz: 33. 57. 63. 70 („poseat" hinzuzufügen, ist hier die einfachste 
Verbesserung). 78. 105. 130. 135. 143. 144. 150. 166. 181. 186. 232. 238. 249. 267 
272. 276. 279. 292. 322. 331. 333. 347 (nicht „o*', sondern „i** ist einzuschieben). 
355. 368. 409. 419. Durch Streichungen: 76. 167. 267. 281. 315. 392. 404. Durch 
Umstellungen: 78. 174. 291. 359. 360. 366. 384. 400. 



128 SEELISCH, ÜBER ABNOLDI GREGOR. ED. V. BDCHWALD 

18 „rex recto ritu sua regna regendo tenebat." 
83 f. „tabulam" nicht „capsam", sondern nach 178 ,,archam/' 
128 „iste f. „ista." 
163 .. „tristitie, vix extorquens. illi Grego probra." („GregÖ" auch 210; 

„pröbra** 154). 
222 ,,nt lupus est ovibus, nrsas capris, leo damis'* mit derselben messung 
wie 236. 244 u. ö. 

309 f. „renovarem**: „revocarem." 

310 „sed peccatores contrito corde fatentes." 

333 „Hospitis hinc petit ut miser illa nocte quiescat." 

343 .. „A piscatore. Sol occidit sol oriturque." 

353 fgg.: „nee pira nee pomä creverunt, sed neqiie möra.** 
„illa fuit causa, cur rupem viserit illam** 
„nullus homo, quoniam fuit iste locus sine fructu.^' 

Nach „möra**, „brombeeren**, ist also ein punkt zu setzen; 355 ist Haupts ände- 
rung „uUus'* f. „nullus" unnötig; 354 hat die hs. „uUa": Verwechslung von u 
und i findet sich merkwürdiger weise noch öfters: 246. 249. 279. 

Soll ich nun schliesslich den s t i 1 des gedichtes beurteilen , so macht er den 
eindruck geschmackloser schulfuchserei , die ihre gelehrsamkeit nicht breit genug 
auspacken kann und mit künsteleien prunkt. Von den reimen und alliterationen 
war schon die rede: dazu korat das akrostichon v. 1 — 17, in dem der titel des 
gedichtes „Gregorius peccator** versteckt wird. Höchst gesucht sind die parechesen 
und paronomasien : „aggreditur, transgreditur , exequitur" 40/41, „rexit, direxit, 
correxit" 108, „moror, moritur" 62, „acies acuuntur** 193, „et se, adse, in se" 
400—402, „miserator, misereri, misoris" 407 — 409; dieselben Wörter werden (vgl. 
„committere" 24/25, „diligere** 34/35, „rumpere" 64) so gehäuft, dass man nicht 
weiss, ob es Ungeschick oder absieht war; mit dem asyndeton sinverwanter werte 
wird 122. 197. 214. 250. 314 u. ö. geradezu unfug getrieben. Ebenso gesucht sind 
die biblischen bezüge: (281 Lot; 312 Petrus, Matthäus, Dismas, Maria Magdalena; 
361 Elias, Moses) und citate (83/84 = 2. Mos. 2, 3; 95 = Matth. 14, 25; 309 == 
Matth. 9, 13); von den klassischen anspielungen gilt das erst recht: 302 spielt auf 
Met. 1 5 an, v. 30 auf das Horazische „non omnis moriar**, 27 ist citat ausHeroid. 
2, 85. Wie geschmacklos ist es, dass die unglückliche mutter und frau Gregors, 
nachdem sie erst in rabulistischer sophistik die complicierten yerwantschaftsverhält- 
nisse ausgemalt hat, in die sie geraten ist, dann ihr ganzes mythologisches wissen 
von ähnlichen incesten auskramt (280 fgg.) ! Die kröne der geschmacklosigkeit aber 
ist die stelle 97 — 106, in der der versifex um entschuldigung bittet, dass er den 
namen seines beiden nach dem bedürfnis des verses in Gre, Grego, Gregori mit 
beliebige» prosodie umändern will: diese geistreiche auseinandersetzung gehört in 
die erzählung wie Pontius Pilatus ins Credo. 

METZ, JUNI 1886. ADOLF SEELISCH. 



Halle a. S. , Buchdruckerei des Waisenhauses. 



DIE GEDICHTE DER AVA. 

1. JOHANNES. 2. DAS LEBEN^JESIL''^ 3. , DER ANTICHRIST. 
f'f^^' c i' ' y 4 j)^g jtJNGSTB GERICHT. 

I. Johannes. 

[G r, a H 130] Nv fule wir mit finnew 

Sagen von den dingen, 
Wie die zit aneviewch, 
Daz di e zergiench. 
5 Daz geschach in terra prömiffionis, 
daz riche was do herodis. 
In der zlt gefchach 

Mich^les Wunders gemach. 
In galilea was ein gut man 
10 (zacharias was fin nam) 
Bi der burch ze Nazareht, 
Sin wlp hiez Elizabeth. 
Iz warn friv tovgen 

Rain vor gotes ovgen, 
15 Den levten warn li minnefam, 
div tvgnt in von gote quam. 
Wir fagen iv von rehte 

von ir beider geslaehte. 
Er was zv einem 6wart erchorn 
20 von grozzen vorderen geborn. 
Zv iher«*salem in daz templum 

da folt er got dienen nach frum, 
Dienen fin wochen. 

er het fin gebet gefprochen 
25 An der ahtoden stete; 

Cot gewert in flner geböte. 
Div ftat hi°z im abyas, 
alfo faget vns lucaf. 

5 az in Daz a. ras.; gel in gefchach a. ras., f a. ras, v. h, ch ans corr. 
6 cuscerU m riche vertoücht. 12 p in wip aus b corr, 25 stete 26 gebet. 

ZEITSGHBIFT F. DBUT8CHB PmLOLOGIB. BD. XIX. 9 



130 PIPBB 

Div vrowe div was tugnthaft, 
30 In ir ivngede vnberbaft, 
[H 131] Wir fagn iz vil rebte: 

fi was von Aarones geflaebte. 
In ir alter fi gewan 

den aller grozziften man, 
35 Der was zeware 

gotes vorl5faBre, 
Er was ein herborn des bimeles 

Yüde ein vsenen def ewigen chunigel. 
[G l^ b] In der fselben zite, 

40 do famten üch div liute, 
Do gie der vil gftt man 
In daz gotes büs dan 
AI ein beflozzen: 

got bet fin nibt vergezzen. 
45 Er betet vmbe di llvte 
mit micbeler gvte. 
Do facb der altberre 
einen engel bere 
Zefwentbalben fin ftan, 
50 er fpracb zedem beiligen man: 
„Nibt enfvrhte du dir! 
zewar icb fag iz dir, 
Du folt einen fvne gewinne/», 
des ficb manige mendent. 
55 Wines trincbet er nibt 

Ynde von div truncbenbait gefcbibt. 
Zewar fag icb dir daz, 

fin tugnt ift als belyas, 
Dv folt des gewis fin, 
60 Jobannes ift der name fin." 
Der berre im furbten began, 

er fpracb: „icb bin ein alt man. 
Min wip ist vnberbaft, 

vil lange ane mannes winefcbaft, 
65 Wie mag icb gelovben 

div grozzen gotes tovgen?" 

38 £in def aus n corr. 39 zite 40 liute 42 u in h&s tmterpimkt, 43 e 
in ein coir., aus s? 51 onfvrht 64 winefchaf. das f ist verunscht. 



DIE GEDICHTE DBB AVA 131 

Der engel fprach zv den itunden: 

^din zunge fi gebunden, 
Ez fi dir lieb oder lait, 
70 ich fage dir div warhaft. 
£) iz allez fi ergan, 

du ne moht der rede niht gewalt han." 
Danne gie her zacharias, 
daz livt allez da vor was, 
75 Do folt der herre bredigen, 
do mäht er niht gereden. 
[H 132] Des nam da alle befvnder 

div lüte michel wunder. 
[G 1"", a] Da in dem lande was ein magt, 
80 daz ift uns dicche gefagt, 
Div was von fipper triwe 
Chunne dirre frowen. 
Si was geborn von yelTe ftamme, 
fit wart fi gotis amme 
85 In Magetlicher reine, 

daz enwart nie wip deheine. 
Darnach wart zeware 

an dem fehlten manode 
Der engel gefant, 
90 gabriel der wigant. 
In di burch ze Nazareijh, 

alf iz hie gefchriben ftet, 
Zv der chunigfnne; 
div het hvs dar inne 
95 Ynde 8ch cheiferllch chunne, 
li ift aller wibe wunne. 
Do der eogel in gie, 

alfo er iz an gevie, 
Er fprach: „aue, gratid, plena, 
100 gegruzzet wis du, Maria! 
Got wil wonen mit dir, 

gefegent fiftv von mir 
In allen ziten 

vnder andern wiben!" 



72 han mit haken uberg. 100 Maria 104 Hier folgt ein bild von der 
Verkündigung: Gabriel steht vor Maria, 

9* 



132 PIPEB 

106 Wunder nam daz magedin, 
waz div rede mohte lin. 
[G 1^, b] Div rede dühte fi aoe wane 

fo harte faeltföBne, 
Di ir der engel brahte; 
110 vil fülle & gedahte 
Mit folher diemf te, 

do erchom div gute. 
Do der engel daz gefach, 
fus er ir zv fprach: 
115 „Ninen furhtu dir! 

gefegent fiftu von mir 
Ze allen ziten! 

vor allen wiben 
Haftu ain befvnder 
120 vor got genade fvnden." 
[H 133] Do fprach der angelws: 

„vber dich chumt [firitm fawctws, 
Er befchatwet din wamben, 
du halt ein chfnt enphangen. 
125 Ecce cowcipies et paries filium, 

er wir geheizzen der gotis fun, 
Jefus genendet, 

elliv werlt fich fin mendet. 
Er wir zeware 
130 ein gewaltich heilare, 
Im git ze eren 

den dauidis fedem, 
In iacobes hts 

da rihfent inne ihefus 
135 In etemum d ultra, 

daz gelSbe mir, Maria !^ 
„Wie mach daz fln", fprach div magt, 

„daz du mir halt vor gesagt, 
Daz ich chint gewinne? 
140 Mannes ich niht erchenne. 
Von div hat mich michel wunder, 

fol ich werden muter dar vnder?" 
Do fprach der angelws: 

117 n in ziten. aus r corr, 122 fpc fcs. 141 wnnde. 142 v in vnder. 
Unterpunkt, 



DIB GEDICHTS DEB AVA 133 

„daz wurchet tfiritus fawctws. 
145 Ich bau dir mer zefagene : 
Elizabet din gelegene 
[G 2', a] Von alten dingen 

daz fl fol chint gewinnen 
(Daz üt der fehlte manod) 
150 daz iz gotes gebot. 

Von der mäht du wizzen dabi, 
daz got niht vnmuglich fi." 
Do fpmch fände Marie: 

„an got bin ich zwtvels vrie, 
155 Ich gelovbe finen gewalt 

vber iunge Yude vber alt." 
Si fprach: „ecce ancilla domini, 

nach dtnen warten gefcheh mir!" 
Div frowe hftb fich dannen 
160 in ein ander burch gegangen, 
In ein hüs da inne was 

daz wip zacharias. 
Do wonten di guten, 
di reinilten mvter, 
165 Vntze got wolde, 

daz elizabet gebern folde. 
[H 134] Do fi daz chindeltn gewan, 

des frevt fich vil manich man, 
Frivnde nnde mage 
170 di famten fich dar zeware, 
Si nanden in zacharias. 

vil fchir iz verwandelt was: 
Sin muter hiez biten des, 
fi hiezzen in Johannes. 
175 Da ward ein ftrit vmb den namen 
von den di dar warn chomen. 
Si fprachen: „der nam fseltfen ill, 

in dem geflsehte niemew fo geheizzen ift." 
Do winchte zacharias, 
180 wand iz im wol chunt was, 
Der herre niht erwant, 

146 gelegene 150 z in daz aus r corr. u. rad. 150 l. daz ist 153 Marie 
157 fprach. 164 mvter 165 wolde 172 ver wandelt 174 Johes 175 na~ 
177 ift 181 nih er want. 



134 



PIPER 



er nam ein tauel In di haut, 
Er fchreib den namew des chindes: 
er heizzet Johannef. 
185 Do daz chint wart befniten, 
alf iz was do bi den fiten, 
[6 2% bj An den faelben Hunden 

Sin Zunge ward enbunden. 
Do fprach zacharias, 
190 des heiligen geiftes er vol was, 
Er wtffaget alfus 

den falme benedictus, 
Ze mettin finget man daz lobfanch; 
Nu fage wir fin gote danch! 
195 Nv wuhs daz chint, daz ist war, 
vntz iz chom vür ahte iar. 
Do hüb er fich in die w&fte, 

got nam er ze tröfte. 
Daz was ein michel wunder 
200 an einem lungern chinde, 

Niewan daz in erlevhtet hete der gotef fchin, 

daz iz wol mohte fin: 
Vil iunch was Im der lip, 
Idoch hub er den ftrit 
205 Mit finem fliffche; 

daz chom von dem heiligem geilte. 
Man lilt von finer wsete, 

daz er niht gewandes hsete 
Wan vz olwentew har geflöhten, 
210 dar zv fterchet in min trahtin. 
Man lilt von Johanne, 
dem heiligem manne, 
[H 135] Er hütte finer finne, 

got wonte dar inne, 
215 Er az vnchudiges maz, 

ia hat bezaichenunge daz, 
Hewfchricchen vncfe rörhonich, 

darzf fljerchet in der heilige Christ. 
Lutzel was daz flifch an Gnen Übe: 

184 vor heizzet ist sp und der anfang eines r durchstrichen, also: sprach 
197 Indie 199 wunder 201 fchin. mit haken uberg. 203 waz 217 vn (ohne strich). 



DIE GEDICHTE DEB AVA 135 

220 daz liez er durch di gotis liebe. 
Man lift von Johanne, 

dem heiligem manne: 
Zv Im chom der gotis fun gegan, 
mit im er chofen began, 
225 Daz er t5fen gienge 

\nde di rlvfsere enphienge. 
[G 2"", a] Er fprach : ,,fo dv tSfeft in dem wazzer, 

fo nefoltv des niht vergezzen, 
Ob fwem dv feheft div tovben, 
230 daz foltu mir gelovben, 
Daz üt der allermaüte, 

der da töfet in dem heiligen geifte. 
Wir lefen von Johanne, 
dem heiligem manne, 
235 Er gie in der wfte, 

di menige er tröfte. 
Er fprach: „fw6r mit der riwe 

befüht gotes triwe, 
Dem nahent wsorliche 
240 div himelifchen rtche." 
Jerufalemsere 

di horten div gtten ma^re 
Von Johanne, 

dem heiligem manne. 
245 Si fanden dar zwene man, 
facerdotem wnde leuitan, 
Daz fi erf^ren die maire, 

oberz chrift wsere, 
Oder her helyas, 
250 oder ieremias, 

Oder deheiner der wiffagen: 

„wa für ful wir in habn?" 
Des antwrt in iefa 
Johannes baptifta: 
255 „Ich fag iv daz war ift, 

ich en bin iz niht chrift, 
[H 136] Ich en bin iz niht helyas, 
Noch ovch ieremias. 

223 fun. 242 g\^tcn. 



136 PIPER 

Nv vernemt iz mit Anne: 
260 ich bfnz ein rvffende ftimme 
Inder wfte der rlwe 

vnc?e chvnd gotes triwe." 
Do frageten fi den guten man, 
war vmbe er wser tSfen gegaw. 
265 Des antwrt iefa 

Johannes baptifta: 
[G 2"", b] „Ich tovfe in dem wazzer, 

ich wil mich nihtes vermezzen, 
Swie ii varen durch di tnde, 
270 ich vergib niht di funde; 
Der di mag vergeben, 

der iA gehaizzew daz 8wig leben. 
Des erchennet ir niht, 

5ch bin des wirdig niht, 
275 Daz ich an iinem gefchüche 
zerlofe daz gerieme. 
Zwene furften do waren, 

die bi den felben iaren 
Des riches pflagen, 
280 alf man noch höret fagen. 
Div buch nennent fi fvs: 

her ödes \nde philippus. 
Der was einer vergibt: 
er h§t ein fchönez wip, 
285 Bi der gewan er ein tohter, 

div im niht lieber fin mohte. 
Di z6h er mit 6ren, 

er hiez fl vil wol l§ren 
Wunders alfo vil 
290 daz chunichlich faitfpil. 
Si fpranch alf ein fpilwip, 
vil gevüge was ir lip. 
Vnlanch zites ergiench, 
daz philippus verfchiet. 
295 Herodes was ein vbel man; 
ich wsen in lüften began 
Sines brvder wibes minne 

259 v*nemt. 276 zer lofe 280 n in noch aus f rad. 292 waz 



DIB GEDICHTE DEB AVA 137 

(daz waren vnJttnne), 
Daz was div herodia, 
300 div gehanchte im iefa. 
[H 137] Johannes der gewsere, 
der here tovfaere, 
Div h^rat er irrete, 
mit fralte er fi werte. 
305 Er fprach zv herode: 

„iz gezivhet zv dem tode, 
[G 3', aj Zeware des wart vf mich ! 

fine wirt dir nfmmer müdich." 
Daz was der frowen vngemach, 
310 daz er da wider iht fprach. 
Von ir rate daz ergie, 

daz man den heiigen vie, 
Man fürt In dannen alfo fram 
zv herode in ein infulam; 
315 In eines charchaeres nöte 

da brahten fi in zv dem tode. 
Do Johannes l§rte 

got, an di bredige fich niemen ch§rte. 
Alf er wart gevangen, 
320 do chom got gegangen 
Ynde lerte alle geliche 

arme unde riche 
Inden bürgen \nde Inder wfte: 
vil manigen er da tröfte. 
325 Do Johannes daz vernam, 

daz got faelbe ISren began 
Indem faßlben lande, 

zwen iunger er dar fände, 
Daz fi daz erf^ren, 
330 ob erz der chunftig wa^re, 
Oder ob fi fnden ziten 

eines anderen folden biten. 
Des antwrt in der hailant: 

„Ivch hat Johannes hergefant; 
335 Nu fehet alumbe 

div zaichen Ynde div wunder. 

306 nach zy ist h tmd der anfang eines e rad. (es solle wol irrig herode 
ge8dmd)en werden au8 v, 305). 318 got. 



138 PIPER 

Di haltzen werdent gende, 

di toten erftende, 
Di tovpen gehörent, 
340 di armen werdent geleret, 
Di blinden gefShende, 

di menige ift worden dehente. 
Nu faget Johanne, 

dem Asetigem manne, 
345 Daz di vil fselig fint, 

di an mir niht gewirfert ßnt." 
[6 3', b H 138] Do chert er lieh zedem anderen 

Vnd fprach von Johanne: 
„Wen fuht ir In der wfte, 
350 der evch fo wol trotte 
Mit finer heiligen lere? 
ern ift niht ein röre, 
Der üch nah den vnden neiget 
ynde von dem winden weihet; 
355 Er ift ein ftaetiger man, 

er hat finem ftrlte wol getan. 
Er lebt vil harte 

mit lutzelem zarte 
Ynde was vil ftaete 
360 mit fcherphim gewsote. 
Swer di linden wat hat, 

In der chunige hofe er gat. 
Des en tet Johannes niht, 
von div ift er got lieb: 
365 Irn muget vnder wibe chinden 

deheinen grozzern man vinden.'' 
Do inden ztten gelach 

herodis geburde tach. 
Do für der wütrich tyrannws 
370 indie ftat herodis fus 
Zv der wirtfchefte; 

die begfench er mit chrefte. 
Mit fpil und mit fange, 
mit phelle wol bevangen. 
375 In finer gebürt zite 

337 Dihaltzen 341 gofehende 344 manne 372 gl in begiench a, reis, v. n 



DIE GEDICHTE DEB AVA 139 



(daz maere chom vil wite), 
Do der chunich ze tiJIche gefaz, 
da fchaln vil manich goltvaz. 
Do wart div tohter ffrgeladet; 
380 vil wol fpilt div maget. 
Si begunde wol fingen 

fnsellichlichen fprfngen 
Mit herphin \nde mit glgen, 
mit orgenen Ynde mit l^ren 
385 In chmiichlichem gserwe 
vor aller der menige. 
[G 3"", a] Do fprach der chunich herodes 

fraife fines libes: 
„Wol geuellet mir dtn fpil, 
390 vernim waz ich dir lagen wil: 
Nu bit mich mines riches 
fwas dir fin geliche, 
[H 139] Ez n lait oder lieb, 

daz wil ich dir verfagen niht. 
395 Do fprach di tohter ftille : 

„Müter, waz ift din wille?" 
Des antwürt iefa 

div valawtinne herodia: 
„Dv bite niht anders 
400 Wan daz hupte Johannes. 
Daz foltu biten abflahen, 

in difen fal tragen 
Vor der menige vf difen tifch, 

ynde wizze daz iz min wille ift." 
405 Danne gie di maget ftan 

fvr den fraiflichen man, 
Si fprach: „chunich, ich bite dich, 

des foltv geweren mich, 
Daz en ift niht anders, 
410 wan daz hovpt Johannes, 
Daz haiz du im abflahen, 

her für dich tragen. 
Setzen vf difen tifch, 

wizze, daz mir daz lieb ift." 

378 golt vaz. 399 anders 



140 PIPER 

415 Der chunich tr5richlichen fprach 
ze der frowen fvs vncfe lach: 
„Mir ilt innechlichen lait, 

daz ich hevt fwür difen ait, 
Idoch wil ich erfüllen, 
420 allen dinen willen." 
Do hiez er zw§n line man 
ZV dem charchaere gan, 
Daz ß dem herren flügen 

daz hübet ab Yude iz dar trügen 
425 Für alle di menige 

dem wibe ze geben e. 
[G S"", b] Do Johawwes verftund , daz f m ier tot 

nahent, vf hüb er fin hende zegot. 
Er was uil innechlichen frö, 
430 got enphalh er fin feie do. 
Si zuhten den herren für di tür, 
do wart fin heiligez lehn ftr. 
Daz hfbet fi im abnamen, 
dem chunige 11 iz gaben. 
435 Do gab erz dem wirfiftem wibe 

mit dem aller heiligiftem Itbe, 
[H 140] Der ane chriil ie geborn wart 

vnefc durch gotes reht erflagen wart. 
Des mendent indem himele 
440 di engelifchen menige, 

Sich frevt 5ch div heilige chiülenhait. 

fin lob ift w6rt Ynde brait 
In himel ynde in erde, 
ia ift der gotes werde 
445 An alle rede zeware 
vns ein helfare. 



II. Leben Jesu. 

[Vll5^a Z.11 D229] Do got hie in erde 

geborn wolte werden, 
do hiez er i^ uor fagen 

424 ab. 428 nahent/ 435 de wirßAem wibe 437 wart 442 hait überg, 
1 Do Q GotV en orden. Q 2 wolt V woldo werden. G 3 hiz V vor G 
i? fMi G 



DIE GEDICHTE DEB AVA 141 

yfaiam den wiffagen 
5 xxnde ander propheten, 
daz; er if willen hete, 
Da; in ein magit gebare^ 

daz; iz; defte gel5plicher wäre, 
fwenne i; darnach gefchahe^ 
10 daz man in mennis gefahe; 
wan diu magit ungeborn 

ril manige wcrlde het verlorn, 
da? da; wider tan wrde 

mit der magitlichen geburte. 
15 Si was aller magede heriit 
uon diu da; 11 aller erift 
dar an vol wonete, 

da; fi gehei;en habete, 
da; 11 gotes maget wäre 
20 unde alle; manchunne uerbare 
;allen werlt wnnen: 

fi was reine u;en unde innen. 
[G 4', a] Gabriel der angelus 

der erfcein in dem hus. 
25 Do hete got einen alten 
uil reinen gehalten 
ze helfe der magde 

ir notdurft zegebene, 
ir gemahelen fi in [D 230] hie;; 
30 dar umbe er nie ne lie;, 
er ne dienet ir mit triwen, 

alfo mit rehte finer fr5wen. 
Do wart der engel gefant 

4 ainon Iinen wiffagen. G 5 Elyas der gut vn ander f pheten. G 6 if] 
nnen G 7 Da? In ein maget gebaere. G 8 fehlt G 9 fwenne] daz G gefahe/ V 
gefchsBlie. G 10 fehlt G 11 nach Wan ist wsBre du/rchstrichen, nach div maget 
ist ras,, vn in vngehorn. ist a. ras, mit andrer dinte, aber von ders, hand G 
ungebome V uil man werde uerlorne/ V verlorn. G 13 Daz danne G wü.rde. G 
14 mit G magetlichen gebürde G 15 Si G maget herefte. G 16 von div G 
drAe. G 17 wonte G 18 gehaizzen böte. G 19 fi G wasre. G 20 Ynde G 
manchunde V manchune vcrbsere. G 21 Ze aller werlde wunne. G 22 rein ^zzen 
vfi inne G 23 Gabriel G angls! V 24 er fchein in G de V hus; V bvf. G 
25 höt G einen G 26 vil reinen behalten. G 27 Zebelfe G 28 Ir G noturfte! 
ze gebinne.V 29 fi in G lin in, das fin u. ras. v, £\: V 30 umb G nibt 
enliez. G lie?. V 31 Er dinet ir mit triwen. G 32 alf von rebt finer frowen. G 
83 Do G g in engel a. ras. t?. be V 



142 PIPER 

;e galyle in daz lant 
35 (div burch hie^ naijaret, 

der gemahele hie^ iofeph) 
fH 14lJ TJ6 der magde reine, 

do Q in dem gademe fa? eine, 
fi bette umbe da? heil der werlte, 
40 do chom ir, des fi gerte, 
der heilige fpiritus fanctus 

der enphiench ir die wambe fus, 
er befcatewet ir lichnamen: 
do wart fi fwanger ane man. 
45 Da ne was hirat, 

noh manlich rat, 
noh werltllch geluft, 

noch nehein honchuft. 
diu magit wart uil wol geeret, 
50 ir chiufke gemeret, 
ir magetüm gehalten 

mit gnaden manichualten, 
do der da gherbergote 
der fi gebildote 
55 alfo geiftlichew [V 115'', b] fi in enphie, 
fo wi^^et da? diu geburte ergie. 
Jedoch getrüpte fi da?, 

da? fi eine da fa?. 
do fprach fancte Gabriel: 
60 „niht furhte du dir! 
i? ift dir wol ergangen, 

du haft ein chint enphangen, 
[G 4', b] danne wahfet ein man, 

der wirt gehei?en got fun, 

34 galilee indaz G in dar V 35 durch V Nazareth. G 36 gemahel G 
Jofoph. G 37 magede reine. G 38 do fi faz aleine. G 39 bat vmb G hall G 
wcrlt«/ V worlde. G 40 def fi da gßrte. G gerte. V heihg G spc. fcs! V fpc. 
fcs G 42 den G ir feUt G di G wambe. V fus fehlt V 43 befchatewot G 
ir den G lic | hnamen! V lichnam. G 45 Dane G h^at. G 46 noch G 

47 Noch G werdich gel/ V 48 dehain hochchuft. G 49 diu | magit V Di ma- 
get G vil G geret ! V 50 chevfch gemeret G 51 magtüm V behalten. G 52 ge- 
naden manichvalten. G 53 geherbsBrgte. G 54 der fi heto gebildete. G 55 geilt- 
lich fo fi enphie. G 56 div gebürd G 57 Jdoch betr&bt G 58 fi In ein da 
fach. G eine. V 59 fprach Lj fce V fanctus gabriel. G 60 en furht G 62 ein 
chint G 63 Da von waehfet ein G 64 gehei^^en gotef G 



DI£ GEDIOHTE DBB AVA 143 

65 Jefuf wirt or genennet, 

des elliu werlt mendet 
div magit gelobte ime da:;; 

der gotes fun fa mit ir was. 
Do diu magit des uerftunt, 
70 da:; i:; chom uone got 
nnde der hailige atem 

entfwebete ir [D 231] den lichnaraeu 
uon den ufizen un^e an den wirbel, 
do gihite der himel 5U der erde, 
75 da? wart da ^^eftet fein 

do er fprach daz wort fin. 
danne hfip lieh diu magit 

(da? ift unf öch 6 gesaget) 
in di burch iuda, 
80 in da? hus ?acharya; 
da uant ü inne 

ein wip mit liehteme finne, 
[H 142] der wambe was beuangen 

mit dem guten Johanne. 
85 do ir ftimme fi uernam, 
iefa ü wilTagen began. 
Si fprach: „von welcher gewrhte chumet mir, 

da? du chome ?v mir, 
müter mines herren? 
90 min chint wil dih eren, 
da? mendet fich ine mir, 

i? hat fich gecheret hin ?e dir." 
do chulte fi diu frowa 
Sanc^a MaBia. 

65 Wirt er fehlt G genent V 66 elliv G wolt V wa9rld sich G raendH! V 
67 Div maget gelobt G im G 68 der fehlt V de G gotis G dotes, aus e 
corr, V famt V was ; V 69 Do div maget daz verftund G 70 i?] er G von G 
71 Vnd G heiligo G 72 enfwobt ir lichnamen. G 73 Von den fuzzen vntz an 
d«n wirvel. G 74 gehlrte G zu d«r G 75 Dos G ?efte V fchin. G 76 er 
fMt V fi fprach din wort müzze war an mir fin. (fin. überg.) G 77 danno hüp | 
fich V Danno hüb G div maget G 78 unf fehlt G ego | faget ! V 6 gefaget G 
79 ze iuda. G 80 Indaz haz hus. zacharia. G 81 vant fi innen. G 82 wip mit 
(innen. G 83 bevangen. G 84 mit dem gutem Johanne G 85 Do fi ir ftimmo 
v*nam Gt uernam. V 86 fi G began G 87 von wiv G wehleher V mir. V mir. G 
88 chumeft her zv mir. G 89 mines G 90 min chint wil dich dron. G 91 in 
mir. G 92 i? a. ras. V hintze dir. G 93. 94 Zv ein and* fi giengen. mit chuffo 



144 



PIPEB 



[G *^j a] 95 fi fprach : „got hat finor diuwe gedaht" 

unde fanch Magnificat; 
fi Taget unde fanch 

got gnade unde danch. 
uil michel mandunge was da. 
100 danach wonete fi da 
eines manodes :;it, 

des frevten fich diu heiligem wip. 
Do diu heiligen t5gen, 

diu da ergan was über unfer frowen, 
105 Jofebe rehte chunt wart getan, 

des erchom fich der hailige man. 
er wolt t5gelichen 

der frSwen gefwichen, 
der engel ime ^u fprach 
[D 232] 110 in dem flafe, da er lach, 

er faget ime ^e wäre 

da:; da; chint uon dem hailigen geifte enphangen 
Do iz; got wolde [waere. 

unde i; werden folte, 
115 Jofep der gute 

die magit er dannin ufirte 
in die burch 50 bethlehem, 

da diu geburt folt ergen. 
daz; heten die [V 116', a] wiffagen 
120 gechundet uor manegem tage, 
do was uon allen enden 
michel werlt dar gefendet, 

fi fich geviengci). Hier ein bild. M. tmd E. umfangen sich; rechts imd links in 
der ecke zwei tücher an einem stocke aufgehängt, unten am rande der seite steht, 
dwrch den schnitt beschädigt: hie halfent fich vnf* vrowe vtt fand elTabet G 93 fro- 
we V chuA V 95 hat fehlt G finer dirae G 96 Vfl G fanch. V magnificat G 
97. 98 fehlen G 99 VU G 100 vnfer frowe belaib iefa. G 101 Eines G zit. G 
102 freoten V div heiigen wip; V 103 Do di heiligen tovgen. G klein d am 
ramde V 104 ergangen waren an unferr vrowe. G 105 Jofeph iz chant werde G 
106 fich fehlt G heilige G 107 wolde togenlichen. G 108 frowen gefwichen. G 
109 im ZV G 110 in G flaffe G 111 fagt im zeware. G ze wäre. V 112 chint 
von G heiige geift G enphangen fehlt G wiere. üherg. G wsere. V 113 Do 
ez G klein d am rande V 114 vn daz chint w'don folde. G 115 Jofeph der 
g&te G 116 div maget danne fürte. G 117 Indi G 118 da dev geburde folde 
ergen. G 119 heten di wiffagen. G 120 vor manigen tagen. G 121 von G 
122 weit V Wide G 



DIE GEDICHTE DER AVA 145 

der luden ein vil michel craft, 
Gl fcolten werden ijiiifhaft 
125 ?e den Eomifken riehen, 

da ne mohte niemen dem anderen entwichen. 
Do iofep begunde weruen 
mnbe di herberge, 
[H 143] do ne liez in niemen in. 
130 got gab im den gefin, 

da:; er den efel ijeiner chrippe treip; 

diu here magit da beleip. 
da uunden li ein rint; 

da wart geborn da; frone chint, 
135 mit den tSchen umbe hebet 
in die chrippe geleget. 
[6 4"", b] do entweich der efel unde da; rint, 

fi erten le fa da; frone chint. 
Der da lach an dem lüfte, 
140 der hat in finer haut alle himelifke chrei'te, 
den bifie der magde wambe, 
der iJl noch umbeuangen 
in himele unde in erde; 

da; er gebot da; mufe werden. 
145 do erfcein ein engel alfo h§r 

an dem vel[D 233] de ;e betlehem, 
er faget den hirten, 

die da wacheten über ir chorter, 
da; da geborn wäre 
150 der werlt hailare. 

123 luden ein G chraft. G 124 fi folden w'den zinfhaft. G 125 römifchen 
riehen. G riehen V 126 da moht niem de and*n entwichen. G 127 klein d am 
rcmde V Do fehlt G Jofeph G w*ben. G 128 vmbe di h*bergen G 129 enliez 
in G in. G 130 im den fin. G 131 zv einer G traib. G 132 div G maget G 
belaib. G 133 a iw da cmf raswr von? Do funden li ein rint. Darnach noch 
d wnd anfang eines o am zeilenschluss G 134 do G geboren daz chint. G 135 
tfchenyinbG 136 in di G 137 entwech V entwaich d* G un daz rint. G 

138 damit §rten G. daz frone chint. G Hiernach das hild von der gehurt: Maria 
liegt auf der erde und streichelt das in gelber hrippe auf grünem kraute liegende 
hmd, Joseph steht dabei und schaut dasselbe am>. Hinten ein gelbes rind und 
ein brauner esel, 139 Der G lag G lüfte G 140 chreft® V der wielt 

aUer himelifch' chrefte. G 141 bevio G maget wambe G 142 üt fehlt V 

umbevangen. G 143 In himel vn in erden. G 144 m&ft w*den. G 

145 erschein G Engel V 146 neide V 148 di da wachten vber ir 

h§rte. 149 gebome waere G 150 der waörlde hailaere G. Hiemach das verkün- 

XSIT80HB. P. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XIX. 10 



146 FIPEB 

Dar nach pi einer wile 
do fahen fi feinen 
[G 5", a] der engel ein uil niichel craft, 

fi wurden da dienefthaft 
155 mit michelen eren 
unferem herren. 
do fanch da; her himelifk 

Gloria in excelfis. 
Die hirte niene erwunten, 
160 des morgenes fi in nun den. 
waere unfor lier;e gut, 

fo mähten wir fehon dieumüt! 
an dem erften tage, 

all'e ich uemomen habe, 
165 do wart gebrieuet da; chint 

;e rome umbe einen phenninch. 
durch gotliche geflahte 

fo ne gecherter nie uon meneflicheme rehte. 
E er uns wrde gefendot, 
170 er wart e gurchundet 
[H 144J in octauiaues ;iten 

uor heidinifcen luten. 
iz was ein herlich dinch: 
fi fahen ;e rome ein rinch 
175 gen umbe den funnen, 

u; einem huf floz ein ole brunne. 
da; be;eichenot da;, 

da; er ein wäre; lieht was 

dufungsbild: oben ein engel mit grünen flügeln liest eifiem auf den stab sich stützen- 
den hirten die Verkündigung vor, mit dem finger deutend. Unten ein widder, ein 
hund %md ein schwein. Die zum bilde geJuyrige erklär ung am untern rande der 
Seite ist abgeschnitten G 151 bi G wilc. G 152 fi IcbinoD. G feinen V 153 ein 
vil G chraft. G 154 fi wrde da dienfthaft. G 155 michel V eren. G 156 vnfcrn 
Uoben lierrcn. G 157 er hiraelifke. V himUfch. G 158 Glil V Gla G in Ü 
159 niht erwanden. G IGU def morgens fi in fanden. G 161 vnfer hcrtze G 
162 fo mohte wier G dicmvt. G 163 Andern eriten G 164 alf ir v'nomen ha- 
bet. G 165 Da ward ze Korne gebrievot G 166 daz cbint vmb einen phen- 
ninch. G ein phennich! V 167 gotlich geflsehto. G 168 do ne cherter nie tod 
bimlifchcm gefliehte (fliehte überg.) G 161) Er vns werde gefendct. G 170 d wart 
er gcchimdet. G 171 octauianis ziten. G 172 von haidcnifchcn Kten. G 173 iz] 
Daz G bcrliüh dinch. G 174 Si G zeronie einen rinch. G 175 Gen vmbe die 
funne. G 176 für ein hüs HOz ein briinnc. G 177 boheichenot Y bezaichent 6 
nacfi daz. ist noch ein d angefangen G 178 ein G liht G 



DIE GEDICHTB DER AVA 147 

unde diu obereften gnade 
180 an angenge unde an ende ze wsLve.y 
Do da? chint geb[V 116', b]orn wart, 

ein fterne ie fa gefehen wart, 
der brahte ein unchunde^ lieht; 
do ne ;wieueloten niht 
185 in dem felben ^ite 

die [D 234] heidenifken lute. 
Sich hüben dri chunege 

her ^eierofolima 
ennen oftert uerre, 
190 di wifte der felbe fterne 
uij ir lande; 

dabi fi da? erchanden, 
[G 5', b] da? der chunic hailant 

chomen was in unfer lant. 
195 Do ilten die herren 

?e ierufalem oberen, 
fi begunden uragen 

die wifen, di da waren, 
übe da? kint mare 
200 da geborn wsere, 
chunich der iudene, 

liethuaz der tagende, 
do für da? msere über al, 
da? niemen hal, 
205 da? got geborn was; 

die ubelen getröpte daz. 
do fraift i? Herodes, 

er was fun des ewigen todes. 
do hie? er im gewinnen, 

179 Vfi di obriA genade. G 180 an anegonge vn an ende zewar. G 

181 Do 182 ein Hern da G wartt. G 183 braht ein vnchundez liht. G unch 
unde? V 184 zwivelten G 185 der G zite. G 186 di heidenifcho \He. G 
187 h^ben drie chunige. G 188 her zv iheruralomo. G 189 Jennen G verre. G 
190 wiAe G fterne. G 191 Vz ir felbes lande. G 193 chunic (das lezte c rad.) V 
chunich G 194 chom was in vnfer G 195 Do ilton di G 196 ^eierulalen V zv 
iherulalem cheren. G 197 vragen. G 198 di wil'en G 199 Ob daz chint msere. G 
200 da gebome wäre. G 201 Chunich der iuden liht G 202 was allir tognit. G 
208 f^ G msere vber G 204 daz iz nieman en hal. G 206 di vbelen betrübte 
daz. G 207 fraifcht ez herodes. G 208 fvnder des ewige todes. G 209 im 
gewinnen. G 

10* 



148 PIPBE 

210 die diu buch chunden, 
der uil ungehiure; 

er befvvr fi uil tefire, 
[H 145] daz fi im fageten, 

wie fi gelefen habeten 
215 nach ir wanen, 

wanne Crift chome. 
Si fprachen alle gemaine: 

„er chumet ijunferme haile; 
iij chut div fcriptura: 
220 „«uon betlehem iuda 
da ze dauides hus 

da uert da; chint u;, 
der iTrahel rihtet, 

der werlt er aller phliget." " 
225 Got weiij, herre, 

nune wi^^en wir niht mere. 
ob er noch geborn fi, 

des frage du di chunige dri, 
die öfteren gefte, 
230 di fagen uns von criste." 
Do hie; er ilen gengen 
die chunige gewinnen, 
[G b^j a] er bat fi fagen maere, 

obe crift geborn wsere, 
235 den ir fternen 

den fah er gerne, 
wa er an uienge, 

da; er uf gienge, 
übe fin geuer[D 235] te wsere erlich 

210 di di biicch chunden. G 211 Der uil vngehiwre. G 212 er befwr fi vil 
tiwre. (w aus vv corr,) G 213 z m daz mit häkchen uberg. V fi in Tagten. G 
214 hatten. G 215 Nach wane wenne chrift chome. G 216 daz er daz v'nsBnie. 
(ae aus corr.) G 217 klein s am ramde V Si G gemein. G 218 chumt z? 

vnferm heile. G 219 Ez fp^chet div fchrift iefa. G fc^ptura. V 220 ze.bethlehem 
iuda. G 221 Datze G da? V dauidis hus. G 222 vert G chint vtz. G 

223 isfl V 224 Vn der werlde aller phlihtet. G philiget. V 225 Gotwaiz chu- 
nich here. G 226 wizze wir mere. G 227 ß. G 228 chunig dri. G 229 Die 
öfteren G 230 di fagent G chrifte. G crifte ; V 231 er balde fpringen. G 

232 di dri chunige im bringen. G 234 ob chrift G 235 ir fteme. G 236 den 
f»he er gerne G 237 vienge. G 238 fo er vf G 239 Ob fin geverte wäre 
h'Hch. G 



DIB GEDICHTE DBB AVA 149 

240 anderem ftirne gelich. 
do der ungute 

i^ alle? erfindote, 
do hie; er ü dane gen 
Tuchen da ze betlehem. 
245 do li hurlöp namen 

unde li ;e wege chomen, 
do erfcein in ein liehter fterne, 

den fahen li gerne, 
do gienger liner rihte 
250 ;er aller gefihte 
über die hailigen ftat, 

da da; kint ane lach. 
Da div mäter ane faz, 
da geftunt da; liehtua;. 
255 do zugen li abe ir gewant, 

li giengen inda; hus famt, 
da uunden ü inne 

die müter mit dem chinde. 
[H 146] ß geftunten ir bi, 

260 fi uielen nider alle dri, 
vile wole li gebetten, 

danach li ime gebeten 
golt ;aller erift, 

wände er ift chunich herift; 
265 wiröch vil wol ge;imit, 

fwa man got opfper gibet, 
[V 116"", a] da; gaben fi im umbe da;, 

da; er warer got was. 
Do gaben fi im zelefte 

240 oder anderen fternen gelich. G 241 vng&te. G 242 ez allez faint 
erfüre. G 243 darnen gen. G 244 bedehem. V Suchen daz chint ze bethlehem. G 
245 Do fi vrlöp genam. G 246 vn vf den wech quam. G 247 Do erfchein in ein 
Ijjiter G 248 ü alfo gerne. G 249 giench er on rihte. G 250 zv ir G 251 i?or 
Vber ist f getilgt G di heiligen G 252 chint G Mnt | ane lach / V 253 fehlt V 
254 geltund daz lieht vaz. G da:; liehtuaz/ do | zagen Y 255 Da G ab ir G 
256 vfi giengen in daz hus enfamt. G inda^ | hus V 257 fnnde fi inne. G 

in in Inne/ dti/rch dcmiherstellung des accentes aus m corrigiert V 258 div 

muter mit ir chinde. G 259 Si geftunden ir bi. G 260 viellen G dri. G 

261 Vil wol fi gebaten. G in Y em zugenähtes loch im perg., doch fehlt nichts. 

262 darnach fi gaben. G 263 got Y ze aller erfbe. G 264 wan er ilt chnnich 
aller herfte. G 265 Wiroch G gezimt. G 266 daz oppher git. G 267 im] gotY 
ymbe G 268 warer] wsere | mennifce Y got was. und 269. 270. 271. und daz er 



150 PIPER 

« 

270 aller r5ch befte, 

Di röten mirren vmbe daz, 
daz er warer mennifce was. 
[G 5"", b] Vns hete der pfalmifta 

gefaget uon chrifte, 
275 da^ er die fundigen diet 

ne lie?e under wegen niht. 
dri chunige here 

die fcolten crift eren, 
fi brahten gebe msere, 
280 tiure unde fwsere, 
da? golt uon Arabya 

da? was ergangen ie fa. 
Do fi do gebetten, 

eine naht fi fich enthabeten, 
285 ein fconer engel in erfcein, 

er ceiget in einen anderen wech hine heim, 
da? fi niene ch[D 236]omen hine widere 

ze dem ungetriuwen chunege, 
der mit finem lifte 
290 wolde flahen criften, 
der fich ge?echinet hat 

an des tieueles getat, 
der alle die wirret 

unde uil uli?echlichen irret, 
295 di der ?e gute gent 

unde fin dienefb heften, 
lieben, mine herren, 

des fcult ir got flegen, 

warer in 272 fehlen V 272 menlcli G Oben auf sp. 5^, 6 das bild der h, drei 
könige, dei'en einer kniet. Sie bringen der fronenden Maria mit dem kinde auf 
dem schösse gaben in gefässen. Darüber ein roter, siebenzackiger stem. G. 273 
Uns het der pfalmifte. G. 274 gefaget von chrifte. das zweite g aus h corr, G. 
275 di G 276 ne feUt; liez vnd* wegen niht. G 277 Drie chnnig hören. G 

278 die fehlt; folden chrift eren G erift V 279 brahten gäbe G 280 tiwre vfl G 
281 van arabia. G 282 ie fa. V iefa. G 283 Do G gebaten. G 284 ein G 
fi fich da enhabten. G 285 Ein i'choner engel in erfchein G 286 er zaigt in 
eine andern wech hin haim G 287 fi niht chomen. e. G 288 zedem vngetriwen 
chunige. G 289 mit iinen liften. G 290 flahen wolde chriften. G 991 gezöi- 
chent hat G 292 tievels ftat. G 293 di G 294 unde fehlt G vil fliazech- 
lichen irret. G 295 Die hin zegot gent G 296 unde fehit G finen dineft 

begent. G 297 Lieb min herren G 298 fult ir G 



DIE GEDICHTE DER AVA 151 

da? wir den uermiden, 
300 fo wir heim ilen, 
[Q 6', a] fo megen wir mit gefunde 
chomen heim ?e lande, 
[H 147] hinze paradyfe 

u^er dirre freife. 
305 do fi du befunden 

der iuden luterunge 
unde 11 da getageten, 

alf iij diu ö habete, 
nier^ech tage unde naht, 
310 iofep ire mit triuwen phlach, 
do fürt er fi uone bethlehem 
in die burch ?e ierufalem. 
do ilten 11 ?e dem templo oberen, 
da uunden 11 einen wifen herren. 
315 Synieon der alte, 

derae bete got den Ion behalten, 
da? er in niht uon der werlt enname, 

e er den gotes fun gefahe. 
diu fr5we gap da? chindelin 
320 dem herren an den arme fin. 
do er den gotes fun enphie, 

alter im uon den ögen gie, 
do gefach er heiterlicheu, 
def lobter got den riehen. 
325 fi hie? in tragen fcone 
ze dem altere frone, 
da? er ime täte 

alfe i? diu 6 habte. 
do brahten fi mit finne 

299 v'miden. G 300 heim ilen. G 301 mug wir mit G 302 chorii Y 
haim G 303 Zedern fronen padife. G 304 vz dirre werlde freife. G 305 Do 
Q. do erfunden G 306 der ivden Ivterunge. G 307 getagenten ! V Vn fi da 
betagten. G 308 alf in div. e. fagte. G 309 Viertzich tag. vn G tage ! V 

310 iofeph ir mit t'wen G 311 Er fürt fi von bethehera. G 312 indi G ieru- 
fale. V 313 ilten G zede G cheren G 314 fundcn ß. einen G 315 den alten. G 
316 dem het G Ion G 317 in niht von der w'lde naeme G 318 gefaehe. G 
319 r in frowe a. ras. v. o V Div frowe gab daz chindelin. G 320 h*ren anden 
arme fin'G 321 enphie G 322 daz alter im vomlen G 323 gefah er haitt'li- 
chen. G 324 des lopt er G riehen. G 325 in tragen fchone. G 326 z^ dem 
alter G 327 Daz er da mit taste. G 328 alf iz div. e. haete. G 329 ß mit 
ßnne. G 



152 PIPKB 

330 daij Opfer zu dem chinde: 

?ua tubeu uf den gotes p 237] tisk; 
Symeon fanc: „Nunc dimittis." 
[G 6', b] Mit in wonete ein wip, 

diu habete gehalten ir lip 
335 mit michelen eren 

uiere unde ah?ech iare, 
da^ was Anna prophetilTa, 

diu chunte in uns gewilTe, 
li was tohter phanuel 
340 unde was geborn de tribu alTer. 
Jofeph unde Symeon 

die beten michel wnderon. 
Symeon i^ niemen ne hal, 

er fprach : „di?e ift ein urftende unde ein ual." 
[V 116^ b H 148] 345 er fprach ze der magde hgre, 

da^ durch ir feie 
ein fwert fcolte gen; 

da mait ir die gotes martyr ane uerften. 
do fiz allez gehorte, 
350 dannen li cherten 
in die burch ze na^aret, 

alfe iz hie gefcriben ftet. 
Do was uile niwens uor im geborn, 
der vil lange was erchorn, 
355 da^ ein fterne wäre, 

der uor dem funnen üf gienge. 
er was ein haiter lieht va^, 

330 opher zv dem chinde. G 331 Zwo tvben vf den gotis tifch. G. tiske! V 
332 fanch Nüc G dimittis/ V Am schluss der spalte ein hild: in einer bogenwÖl- 
hung halten Symeon (mit priesterkut) und Hanna (mit heüigenschein) das Tci/nd 
(über dem ein gefäss mit rotem flämmchen schwebt) über einen teppigbedeckten aüar. 
Hinter Hanna steht Maria mit einer taube. 333 it in V Mit im wonte ein wip. G 
334 div het behalten iren lip. G 335 Mit micheln eren zeware. G 336 vier vfi 
ahtzich G ha?ech V 337 Si hiez anna yphetiffe. G yphetiffa! V 338 div 
chundet in vns G 339 thohter V phanuel G 340 vn G von tribu G de t*bu V 
341. 342 Symeon vfi iofeph. michel wunder G. hete. G 343 neimen V niemen 
hal. G 344 er fprach dirre ift ein val. Yfi ovch ein urftende in ifrahel maniger 
menige. G und« V 345 zv G 346 ir Tele. G 347 Ein fwört folde (ePwas ver- 
kkxt) gen. G fcoltegen! V 348 mugt ir gotif martir an v*lldn. G 349 Daz fl 
iz G 350 cherte. G 351 Indi G nazareth G 352 alf iz hie gefchriben ftet. G 
353 Do was vil niwes geborn. G 355 Daz er ein G waere. G 356 der vor dem 
funne vf gienge G 357 haitt'lihtez vaz. G 



DIE GEDICHTE DEB AVA 158 

in der wüfte lerter da?, 
fwer fo mit triwen 
360 fine funde wolte riwen, 
dem warliche 

nahte i^ gotef riche. 
Do Itunt iz nnlange, 

§ heßode wart geuangen 
365 in den romifken landen, 

;uei iar lag er inpanden. 
do er en dannen praft, 

wi Inijel der chinde genas, 
diu in ijwein iaren 
370 da gebom waren! 
[G 6^ a] er hie? fi elleu erflahen ; 

da? [D 238] mufen diu armen wip chlagen. 
Da? under uür Jofeph der gute, 
mit der engelifken hüte. 
375 fi hüben lieh beidu eines nahtes enfamet 
unde fürten da? chint in egiptlant. 
wolten wir iz merchen, 

i? mähte unlich in dem heiligen fterchen. 
do da? chint in da? laut chom, 
380 nehein apgot gan?e da ne beftunt. 
da dinoten fi im ze wäre 

fibentehalp iare, 
un?e herodes uerfciet. 

358 in der wfte lert er daz. G 359 mit triwen. G 360 fin fvnde wolde 
beriwen. G 361 Daz dem werliche. nahet daz himehiche. G 362 g in gotef aus 
d rad, V riche; V 363 klein d am rande V Do geltund iz vnlange G 364 e 
fMt, herodes G gevangen. G 365 In Eomifchen G 366 zway G inden ban- 
den. G 367 Do er danne gebraft. G 368 wie lutzel G genas V 369 Die inner 
zwayn iaren G 370 da geboren waren G 371 elliu f Iahen. G 372 def muften 
div armev wip chlage. G Hiernach ein hild: könig auf dem tron, davor ein kriegs- 
knecht, mit dem seh/werte auf em an den beinen gehaltenes kvnd zielend, dahinter zwei 
fr€Men, eine mit einem kinde, die andre sich das haar raufend G 373 kl. d am 
rcmde V vnder für G 374 mit engelifcher hüte G 375 hüben G beidu auf 
ras, von dannen V fehlt G enfamet.] gan. beidev fampt togenlichen dan. G 376 Vn 
fArten G in egipten lant. G 377. 378 wolde wir iz merchen zehant. Vfl mit ßnne 
errechen. iz moht uns wol an d'e gelovben fterchen. (eben üherg.) G merchen. V 
379 chint in G 380 dehaln aptgot beftund davon. G da ne beleip / V 381 Da 
dienten 382 sibenthalb G Darnach büd: Maria mit dem kvnde auf dem esel, 
dabei ein deutender kriecht, dahinter Joseph mit kästen, 383 unze fehlt G 

Herodes v'fchiet. G 



154 PIPBE 

der heilige Engel da? geriet, 
[G6\ b H 149] 385 da? fi den gotes werden 

fürten widere in die ifrahelifken erde. 
Dannen über driu iar 

do uür diu matt, da? ift war, 
zeiner tult hin? ierufalem, 
390 fi bat da? chint mit ir gen. 
do fi gebette, 

uil wol fi getagete. 
do i? alle? was ergangen, 

do hüp fi fich dannen, 
395 do uerga?en fi lewes 

des obriften chuniges. 
Do fi chomen under wegen 

unde ir herren weiten phlegen, 
do uermiften fi des chindes; 
400 uil harte erchomen fi des. 
do ilten fi widere gen 

in die burch ?e ierufalem. 
Do giengen fi in da? templum, 

da uunden fi den gotef fun : 
405 Sin gebaerde div was gotlich, 

fin vrage div was willich. 
Do fi ir liebez chint erfach, 

vil erchomechlichen fi do fprach: 
„Sage, liebez chint, mir, 
410 waz haft du begangen an mir? 
Din vater ynde ich 

drie tag habe wir gefuhet dich. 
Wie fule wir daz verft§n, 

daz du mit vns niht woldeft g§n?" 

384 engel daz geriet. G 385 werden. G 386 wider vf yirahelifch erdeD. G 
erde; V 387 kl. d am rcmde V Danne vber zway iar. G 388 für div maget G 
389 Zv einer tult ze Ierufalem. G 390 fi G Ir gen. G gen V 391. 392 fehlen G 
394 hüben 11 G 395 Do v^gazzen fi Uwes. G 396 des heiligen chindes. G chu- 
niges; V 397 kl. d am rande V ß. waren vnder G 398 vü ir h'ren wolden 
phlegen G 399 v'miften fl G 400 vil G fi G 401 Do ilten R wider gßn. G 
402 Indi G burh he ierufale; V 403 kl. d am rode V R Indaz G templa / V 
404 funden G gotef un. V gotis fvn. G. Hiernach ist in V ein blatt ausgeschnit- 
ten, bis v. 669. 407 er fach G 414 Hiernach am ende der spalte ein hUd: Chri- 
stus im tempel auf einem tron, rechts v/nd links Juden mit spitzen hüten, je zwei 
in ganzer figur zu sehen. 



DIE OEDICHTE DER AVA 155 

[G7', a] 415 Sin antwürte div was gotlich: 

„war vmbe fflcheftu mich! 
Ich fol billtch phlegen, 

fwaz mir m!n vater hat gegeben." 
Do iach er oflfenbare 
420 an den hfmelifchen vater zeware. 
Zwelf iar was er alt, 

do offent fich fin gewalt 
Si baten in mit in gSn, 

ff en liezzen in da niht heften, 
425 Si förten in mit gfte 

ZV der rehten haimute 
Indi burch zenazareht. 

ez enwart e noch fit 
Nie dehein man 
430 flner müter fo gehorfam. 
Von danue vber ahtzehen iar, 
daz ift alzoges war, 
[H 150] Do was fin alter gezalt 

zwelf tage und drlzzech iar alt. 
435 Do für er zvdem iordane, 

getöft ward er ane wane 
Von fände Johanne 

dem heiligen manne. 
Alf er in daz wazzer gie, 
440 ein ftimme üch hör nider lie 
Ze des töfers gehörde 
von der oberiften hohe. 
[G 7', bj Div ftimme fprach zedem fvne, 

im wser wol glichet an im. 
445 Er hiez uns daz vil rehte hörn, 
waz vns fin gflt wolde leren. 
Do het vns got der gvte 
gereffet inder finflute, 
Daz er des riwe hete, 
450 daz er den menfchen ie gebildete. 

415 gotlich 427 zenazareht 428 en wart. e. noch feit. 430 fogehor- 
fam. 437 i£ n fände steht auf angefangnem J 438 Bild: Jesus nackend, auf 
seinem köpfe eine taube, rechts wnd links von ihm unten zwei fische, wasser fliesst 
von ihm, links steht Johannes, rechts ein engel. Die erklärende Unterschrift am 
unteren rande der spalte ist abgeschnitten. 443 zed^m 



156 PIPEB 

Daz ward vns vergolden 

von finem gewalte, 
Wan er des riwe het enphangen, 
do er in daz wazzer was gegangen 
455 Waffchen vnfer funde, 

dös wart Johannes vrchunde: 
Do fach er ob im fweben, 

daz en ful wir niht vber heben, 
Den heiligen geift alf ein toben, 
460 wir fuln iz Johanni geloben, 
Wand er daz herhörn vj^as, 
daz fagt vns zacharias. 
Do wart er gelaittet 
iefa in arbeite 
465 Von dem heiligen geifte, 

daz gefchach durch vns allermeifte, 
In die wfte zeinem berge, 

da er bechört wolde werden. 
Daz tet fin g&t vmbe daz, 
470 daz er vns gelobet defte baz. 
Do vaftet er alle 

viertzich tage volle, 
Daz er entranch noch az; 

vil vserich was fin der fathanas, 
475 Wand er gemerchet habte, 

daz er fich von allen fundere enthabte. 
[H 151] Der tivel alfo freiffam 

In die wfte er engegen Im quam, 
Er fprach: „nu heiz difen ftain 
480 ob du welleft got fin, 
Werden zq brote." 

der tievel want, ob er in des genöte, 
[G 7"^, a] Daz er im ovch mer volgete 

an dem im wol behagete. 
485 Do antwürte im do got, 

di heiligen fchrift er Im do bot: 
„Ez enwirt 5ch niht alein genöte 

gefürt mit dem bröte 
Der lip noch div feie, 

453 enphangen 463 Do 465 geilte 467 berge 476 fond'e 479 ilain 
481 brate 489 feie 



DIB GEDICHTE DER AVA 157 

490 Sunder fie frevt div gotes lere, 
Div von gotes mnnde get; 

vil fselich ift der 11 verftet!" 
Do dem tievel do miTfegie, 
Anders er iz anevie: 
495 Er fürt den gotes werden 
vf ein wlntpergen, 
Er fprach: val hin nider von mir! 

niene wiftet iz dir: 
Di engel her gahent, 
500 fchone fi dich enphahent. 
Ja fprichet der pfalmifte 

von dir iesM xprifte, 
Daz dm fvzze noch din bein 
niht en ferig der ftain." 
505 Des ant^rt fm der gut 
mit degenlichem müt: 
„Dv folt dinen herren 

niht gar zeverre 
Mit ehernen dingen bechorn, 
510 des wirdeftv Kht verlorn." 
[G 7% b] Dar nach fürt er in fchöne 

vf einen berch hohen, 
Er zeigt Im algeliche 
di IrdüTchen riche: 
515 „Val nider vnde bete mich an! 
ditz v^rirdet dir als vndertan." 
Des antwrt Im der gvte 
mit micheler demvte: 
„Nu tvbehalten dinen rat 
520 \nde val zerukke, fatanat! 
[H 152] Du folt anblten den rainen 
got herren alterfaiuen." 
Do liez er In da, 

di engel dienten Im fa. 
525 Da wart der tlvvel gefchendet. 

492 Bild: der teufel mit schwänz, flügeln, hörnern und abgesonderten zehen 
steht vor Christus, auf die steine deutend. 493 Do 497 fprach. 499 nach 
gahent. ist fchone durchstrichen am ende der z. 510 oben auf der folgenden 
spalte büd: der teufel auf einem romanisc/ten tempelbau versucht den herrn. 511 
Dar 516 Bild: der teufel steht vor Jesus, welcher drohend die hand erhebt. 



158 



PIPBB 



da mit fi div rede verendet. 
[G S\ a] Nv geb vns got die finne, 

daz wir fvr bringen 
Von vnferm^ herren chrifte, 
530 wie er nach der töfe ftifte 
Ein ander chriftenhait, 

di wühs fit vnde ift nu berait. 
Zv zim chom alSrfte. 
\ andreas der herfte. 

535 Johannes ftabat, 

den gotes fun er ften fach, 
Er fprach: „ecce agnus dei!" 

ZV finen Ivngern zweln, 
Daz er daz lamp wfere, 
540 daz der wserlde funde naeme. 
Beide giewgen li Im nach. 

der gotes fun vmbe fach, 
Er fraget, was fi fühten? 

fi fprachen, fin wonuwge, oberf geruhte. 
545 Er hiez fi nah im gSn, 

er liez fi iz fehen \nde verften. 
Daz was div zehent hora, 

do chom der gut andrea. 
An dem anderem tage, 
550 alf ich vernomen hab, 
Do chom der gut petrus, 
den braht andreas fus. 
Do er ZV got gie, 

wie wol er in enphie! 
555 Er fprach: „du bift fvn iohanna!" 
do oflfent fich iefa, 
Daz er ein tobe waere 

\nde der fvn der obriften genade. 
Do gie vnfer hailant 
560 ze galilee indaz laut. 
Da vand er einen gut man, 
geheizzen philippus fan, 
Der braht von betfaida 



527 Nv 532 fit. 533 alerfte 537 fp»ch. 544 te in geruhte überg, 553 zv. 
555 fp*ch. 558 der] er 561 einer 



DIE 6EDICHTK DBB ATA 159 

einen waren ifrahelita. 
[H 153] 565 Nv fprichet ein gramaticus, 

Iz wsBre bartholomeus. 
[G 8*^, b] AlJCßr zvgot gle, 

vil wol er In enphie, 
Er fprach, daz er an valfch were 
570 Yn.de an gutem gelouben fsehe. 
Do gle er vf bi dem mere, 
do merte fich fln here. 
Do vand er zebedeum 
vnde fin zwene fvn, 
575 Jacobum vnde Johannen, 
zwen gut manne. 
Si volgeten ovch chrilte, 

der ein wart ewangelifte. 
Dar nach chom thomas, 
580 der fit ein zwivlsere was, 
Der braht den anderen iacobuw, 

er was chriftes mfimen fuu. 
Symon braht iudam, 

felbe ladet er Matheuw ewangdiftam. 
585 Er machet mit chrefte 
grozze wirtfchefte. 
Da fah man zeware 

vil manigen fvndare. 
Daz niden di gliffenaere 
590 vnde di fcribsGre. 

Si fprachen, daz iz chrill wsere 

ein frevnt der fvndaere. 
Der da chom zelefte, 

der was niht der befte, 
595 Der was der ermifte man, 
von dem ich ie veniam, 
Daz was Judas fcariotis, 
ir fvlt des fin gewis, 
Er fach div gotis g^te, 
600 er moht fin gemüte 
Zv Im niht cheren, 

569 were 570 fashe 581 e in andere aus § corr. 588 fvndare 

598 des] den 



160 PIPER 

er heizet finen herren. 
In Im hüb fich michel nit: 

finen fcheppher verriet er fit. 
605 Do waren di zwelf herren, 
di mit got waren, 
[G 8% aj Jungern di finen, 

daz heilige Ingefinde, 
[H 154] Dar zv erweiten waren 

610 zwen vnde fibentzich herren. 
Die man an manigen enden 

folde fürfenden 
Ze chaftellen vnd zeburgen, 
fwa Ir durf wrde, 
615 Swa got bredigen wolde, 

daz n daz chunden Mden. 
Vber ein iar nach finer tovfe 

da ward er ze einer brovtlöfte 
Geladen, ynde die Ivnger fln 
620 di heten lutzelen win. 
Do fprach div gftte 

des hailandes müter: 
„Vil lieber fvne min, 
hie ift verzert der win 
625 Ze dirre wirtfcheffce, 

nu erzaige din gotlich chrefte." 
Do fpmch der wandelt vrie 

ZV fände Marien: 
„Wip, höre her zv mir, 
630 was gehört daz zfmir oder zvdir? 
Hernach chumt div zlt, 

wildu merchen, gut wip, 
Daz ich vil wol erzaige dir, 
waz ich han von dir." 
635 Do hiez fi di dineftman 
ir fvn wefen vndertan. 
Da ftvnden fehf chruge ftainein, 

di fvlten fi algemain, 
Siguzzen dar in wazzer, 
640 gotes gewalt vefter, 

605 Do 606 waren 619 Ivnger. 633 dir 



DIE GEDICHTE DER AVA 161 

Wan ez ward der befte wln, 

der dehainer mohte üii. 
Au dem ahtoden tage, 

alf wir iz yernomen haben, 
645 Do gierige er an einen berch hohen, 
da erzeigte er fin fchone 
[G S^^j b] Gotltch , mit finen drin lungeren, 

di er von den andern wold befunderew, 
Daz ain was petrus, 
650 daz ander Johannes vnefe Jacobus. 
Si fahen da vil michel wunne, 

fin antlutze wart liehter danne di funne, 
Sin gewsete wizzer dann der fne, 
des en fahen R niht e. 
[H 155] 655 Vnder dev mit In was 

Moyfes Yhde helyas. 
Si hörten hie nidene 

ein ftimme von hlmele 
Vil willechlichen zv dem fvn, 
660 er hiez daz wir vemsemen In. 
Peter bat den gotes fvn da, 

daz er warhte driv tabemacwla. 
Dar nam der gotes fun 
ZV Im fine Ivnger, 
665 Er fprach: „wir fuln varen ze ierufalem, 
dalz allez fol er gen, 
Daz vns die wiffagen 

chunten In Ir tagen. 
Da [Y 117', a. D 239] git man der magde fun 
670 den haiden unde den iuden. 
uil fere fi in uillent, 

11 marterent in uil grimme, 
nach maniger not 
fo lidet er den tot, 
675 dar nach an dem triten tage 

643 tage 645 an zu auf corr. 652 fnnne. überg, 662 r in warhte 
uberg, 665 lern, iiberg. 669 mit git hegint V wider, git man des menlchen 
fvn. G 670 den beiden vn den dieten. G 671 Vil fer fi in villent. G uil- 

tent/ V 672 Si G in mit grimme. G 673 manichvaltiger not. G 675 drit- 
tem G 

ZBITBOHEIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XIX. 11 



162 PIPER 

fo erftet er uon dem grabe. 
Diu rede was in ze tief, 

fi ne uerftunten ir niht, 
iedoch dahten 11 der ^v. 
680 du nahten R iericho. 

bi dem wege faz ein plinter man, 

uil lüte er rufen began, 
er fprach: „fili dauid, 

nu wis du mir genadicb!" 
685 Die da nur fSren 

die hieben in boren. 
[G 9', a] sumiliche inftnovten, 

uil harte fi im drouten, 
fi baten in fwigen, 
690 11 fprachen, lln rufen mähte niemen erliden. 
Do 11 in fweigten iemere, 

fo rüfter lutere: 
„fili dauid, 

erbarme dich über min lip!" 
695 do er zv im chome, 

uil wol er in uernam, 
er hie^ da? er im fagete, 
wes er gebeten habete. 
do fprah der plint bi dem wege: 
700 „herre, da? ich gefehe!" 
[H 156] unfer herre lobte da?, 

da? er des fca?es niene bat, 
er fprah: „diu gel5be hat ernert dich! 
nu gench her[D 240] naher unde gellch 

676 erftet er von dem grab. G grabe, V 677 kl, d am rcmde, V Div G 
in zetief. G 678 fi v^itunden fich ir niht. G 679 Jdocb G dar zv. G 680 do G 
li in G 681 Bi G ein blint G 682 vil G 683 dauid V Er fprach ihefu 
dauidis fvn. (Tvn. dwrchstrichm) chint. G 684 Mache mich gefehnde ich bin blint. G 
genadich; V 685 Di G für fiiren. G foren V 686 di hiezzen in hören. G 
687 Sumlich geffci&nden. G 688 vil harte fi im droten. G 689 in fwigen. G 
690 fi fprachen fehlt G fin rufen moht niem erliden. G erlieden; V 691 M, d 
a. rande V So fi in fweigeten iemer. G fwegten V 692 fo rief er ie l&ter vfi mör. G 
693 Fili dauit nu fich. G 694 erbarme dich (d aus f corr,) vber mich. G 695 
V im quam. G 696 vil G in v'nam. G 697 im G 698 wef G 699 Der bUnt 
fp^ch h*re ich vlehe. daz ich zehant gefehe G 701 Daz lobt vnfer trehÜn. G 

702 fchatzes niht enbat in. G 703 fp*ch din gelovb ernert G 704 ginch hin 
vfl nhe. G 



DIE OEDICHTB DER AVA 163 

705 hinnen nur mere 

an dem libe unde an der feie!" 
Da:; ich in Tage da:; ift war: 

ein burch hie:; famaria, 
dar chom er müder gegangen, 
710 er fa? über einen brunnen. 
die boten giengen in die burch, 

fi wrfen def in was dürft, 
do chom ein wip gegangen, 
fi weit fcephen den brunnen. 
715 11 ne mohtes niht gedenchen, 

er bat li ime des brunnen gefcenchen. 
nach uil manegen werten, 

alf ich fagen horte, 
du faget er ir da; 
720 da:; er was chunftige meffias. 
Do chomen fine lungere, 

fi begunden fich wnderen, 
wa; er fo genote 

mit dem wibe geredet hete. 
725 Niht langer fi da ne fa?, 

fi lie da ligen da; brunne ua;. 
[G 9", b] uil drate fi danne lief, 

hei, wie lute fi rief! 
„nu ne fumet iuch langer niht, 
730 nu ift chomen ein liht, 
uor der burch ift ein man, 

der faget mir alle; da; ich han getan, 

705 Hinnen für G 706 an libe. vn an feie. G liebe V feie, V 707 kl d 
am rande V Daz ich iv G fage / V war G 708 ein G heizzet G 709 Dar 
chom vnfer herre. G a in gegangen / a. ras, v,eY 710 zv einem brunne here. G 
711 Di innger G in di G gingen V 712 Si würfen irn (n eigentümlich; ver- 
schrieben aws e?) notdurft. G 713 wip G 714 vi! wold fchepphen (feephen V) 
des bronen. G 715. 716 Er bat fi im def brunne fchenchen. fi mohten fin niht 
gedenchen. G 717 Nach vil manigem worte. G 719 Do fagt er ir daz erz 
was. G 720 de chumftig meffyas. G 721 fin iunger. (darnach f rad.) G 722 fie 
nam des grozzes wnnder. G 723 Was G 724 mit dem wibe chofte. G 725 fi 
da £blz. G 726 fi liez da nider daz brunnevas. G liegen V Oben auf der näch- 
sten spalte büd: ein weib mit eimer am Ziehbrunnen mit rolle, dach, eimer, hat 
eme giesskamie in der hand. Jesus et'hebt belehrend den finger, G. 727 Vil drat G 
728 heja wie fi rief. G 729 Nu fomet evch niht. G nih langer/ V 730 vnf 
Ift chomen ein michel li«ht. G 731 Vor G ein G 732 fagt mir waz ich G 

11* 



164 PIPER 

durch fine gute tet er da;; 

daz er daz tet funder laz, 
735 er lerte [V 117', b] mih uil fcone 

uon fexte un^e none. 
nu wi??et da;; i; war ift, 

e? ift der heilige chrift." 
G. fagete rehte da; er was 
740 der chunftige meffias. 
Do fi da? wip uernamen, 

fi ilten dare gahen, 
fi enphiengen in mit [D 241] eren, • 

fi begunden in phlegen, 
[H 157] 745 da!5 er durch fine gute 

ein lu^el da getaete. 
da was der heilige crifte 

rehte ijeweir tage fhfte, 
uil wol er fi lerte, 
750 die burch er al becheret. 
Do weite unfer herre 

^e der heidenfcefte cheren, 
do chom er zv ijwein bürgen, 

der hie? einen tyri unde fydon. 
[G 9""; a] 755 dannen u? lief ein wip, 

uil lute fi ime nach rief: 
„fili dauid, 

nu wif mir genadich ! 
min tohter ift beheftet 
760 mit micheler uncrefte." 
unfer herre i? über horte, 

die ?ewelf poten in noten, 

733 fin gute G 734 fehlt V 735 er lerte | mih uil fcone/ V Erldrt mich 
fchone. G 736 von foxto vntz hintz none. G 737 Nv G 738 er ift der oil 
heilige G 739 Si fag in reh G 740 chunftig meffyas. G meffias; V 741 wip 
v'namon. G 742 ß begunden dar G 743 in mit minne. G 744 ß. befanden an 
in gedingen. G phelegen. V 745 fin gute. G 746 ein lutzel da gedsehte. G 
747 heiüg chrift. G reht zwayer tage frift. G 749 Vil G lerte. G 750 di 

ftat er alle becherte. G becheret; V 751 Do wol vnfer. vnfer herre. G 752 rf 
der heidenifchen diet chßren G beiden fcef- | te cheren. V 753 zv fehlt V »weiii 
burgon. G 754 di hiezzen tyrus vn fydon. G hei? V & V 755 Danne &A 

wip lief. G 756 vil Ivt fi im G 757 Si fp»ch fiU dauit. G 758 nu /ÖW G 
wis mir genedich. G 759 Min G 760 vnchrefte. G 761 Vnfer G «■ ab« 
hört. G 762 ßn iunger in noten. G 



J 



DIB 6EDI0HTB DEB AVA 165 

da; er umbe fahe 

unde des wibes pete nername. 
765 er fprach: „ich ne bin niht gefendet 
ze den haidenifken enden, 
funder ich chom umbe da;; 

durch da? ifrahelifke lut da? da uerlorn was." 
innen diu da? wip uür in lief, 
770 an dem wege fi uür in uiel, 
R fprach: „fili dauid, 

erbarme dich über mih uil arme? wip!" 
„Da? nift niuht gut, 
da? man da? prot 
775 neim den chinden 

unde werfe i? den hunden." 
des antwrte im da? wip fa: 
„herre du haft uil war; 
iedoch chomen ?e helfe 
780 die brofeme den weifen, 

die uon des herren tifke choment, 

die hungerigen hunde Jl nement." 
?e finen uü?en fi ßch p6t, 

fi chlagete im weinunde ir nöi 
785 do fprah der heilige crift: 

„owi wip, michel din [D 242] gelSbe ift! 
alfo du welleft fo gefcehe dir, 
getrottet uar du uone mir 
in allem dinem fere, 
790 da? ne werre dir niemer mere." 
[H 158] Dei buch fagent unf fuf : 

ein burch hie? zefariuf, 

763 vmbe fsehe. G 764 vn des wibes rede v'nsBme. G 765 fp*ch ich bin niht G 
gefendet V 766 zedenhaidenifchen G 767 Sunder bin ich choni durch daz. durch 
daz vol daz v*16rn was. G 768 l^ut V 769 div daz wip ftr gie. G 770 ze 
ftzzen fi Im viel. G 771 Si fp»ch h're erbarme, dich üb' mich arme. G 773 Er 
fp»ch def ift niht not / daz man daz heilige bröt. G 775 Neme von den chinden. G 
n in den (ms m rad. V 776 vü werf iz den G 777 Def G Im daz wip far. G 
778 uil fehlt G 779 chomet zehelfe. G 780 di brofem den wselfen. G 781 von 
def h'ren tifche G 782 di G hund iz G 783 Zv finen fvzzen fi fich bot. G 
784 chlagt im wainende fin G 785 fprach der heilig chrift. G 786 owe wip 
wie gröz din glovb ift. G 787 Alf G gefchehe G 788 var du von G 789 
dinem 790 da? ne fehlt G gewerre dir nimmer G mere; V 791 kl. d a. rde. V 
Piv buch fagnt vns alfus. G 792 ein G cefari'». G 



166 PIFBB 

dar chom er gegangen 

mit anderen finen iungeren, 
[6 9^, b] 795 er bat 11, da; fi im fageten, 

alfe 11 uernomen habeten, 
wa:^ die lute redeten 

umbe den Tun def mennifken. 
„Nv fprechent fumiliche fuf, 
800 du lift Johannes, 

fo fprechent fumiliche da;, 

du fift Elyas, 
fo fprechent fumliche da;, 

du fift Jeremias, 
805 oder etlicher der wiffagen; 

da uür wellent fi dich haben." 
Def [V 117^ a] antwrte in alfuf 

unfer herre iefus: 
„nu fult ir mir fagen, 
810 uur wa; ir mich weit haben." 
des antwrte ime petruf, 

der was ein prelatuf: 
„vil wol wei; ich, wer du biß, 

du bift der heilige crift, 
815 def lebentigen gotes fun, 

der uns uon himele chom." 
Do fprach der heilige crifte: 

„uil falich, Simeon, du bift! 
i; ne hat dir niht eroflfenot 
820 ne weder fleifk noch plüt, 
funder min uater der da ift 

qui habitat in c^lif. 

793 Da chom er milder gegangen. G 794 finen iongeren. G 795 Er 
bat daz fi im Tagten. G 796 alf fi Iz vernom (uenomen Y) hatten. G 797 Vn 
des niht enliezzen. G 798 wen di levt des menfche chint hiezz@ cUm leete wort 
überg. G 799 kl n a. rde. V fumlich Itte. G 800 Johannes bedtte. G 

gOl 804 Sumlich haizzet dich helyam. ettlich ieremiam. G 805 ettiichen der 

wiflagen. G 806 für G 807 kl d a. rde. V Do fprach aber alTus. G 808 
vnfer G 809 ir mir G 810 wa für wellet ir mich haben. G 811 antwit im 
petrus. G 812 ein platns. G 813 waiz G ieh V werdu G 814 bift/ V 
heilig chrift. G 815 Des lebntigen gotis fvn. G 816 er in der a. ras, r/ef V 
vnf von himol G chom non himele; V 817 fp'ch G chrift G 818 ryinon tu 
fselig du bift. G 819 Ez hat dir niht geoffenot. G 820 weder din Moh sooh 
din blut. G 821 min vat* G 822 7 (= et) qui G incelis. G 



J 



DIB GEDICHTE DBB AVA 167 

noch die helle porten 

di ne geftent niht uor dinen Worten. 
825 ih beuilehe an dem linne 

;e lofene unde zerblnden 
Inder erde Ynde in dem himele, 

def ne fi dir niht widere, 
ich gibe dir die [D 243] fluijele des himiles, 
830 uil gewaltich fift du if allef." 
er fprach: „ich wil üf dich ftiften 

die chriTtenheit rihten, 
du bift der allerbefte, 

geleit an die grünt fefte, 
835 ein ftein wirf tu genenet, 

uil maniger diu noch mendet!" 
[G 10', a] Do ladet in ein fiech man, 

er hie; in bitten, 
da? er durch Jine gute 
840 in uon der michel fuhte nerte. 
Do er in da; huf chom 
unde er e;;en began, 
[H 159] in dem felben müfe 

chom dar ze hufe 
845 ein funtige; wip, 

alfe i? an der rede chut. 
fi brahte ir falbe, 

fi gie chriftes halbe, 
ü gie hinder im ;ü, 
850 nider chinite fi du, 
fi weinote uil fü;e 

an die gotes ud;e, 
mit trahenen fi fi badete, 
mit der falben falbete, 

823 der helle porte G 824 geftent vor dinen Worten. G 825 h in ih aus 
z rad, V Ich enphilhe dir zedinen l'Innen. G 826 zerlofen vn G zerbinden bis 
827 vn fehlt V 827 indem himele. G 828 da enfi dir G 829 gib G di flvzzel des 
himeles. G 830 vil G fiftv Tm alles. G 831 er fprach fehlt G vf G 832 di G 
berihten. G 833 Dv G aUer hefte. G 834 grünt vefte. G 835 Ein ftain wir- 
deftu genennet. G 836 vil G fich din G t in mendet/ aus n rad, V 837 — 840 
fehlen G 841 in daz hus q*m. G chom Y 842 vn G 843 muf hus. G 844 da 
zehus. G 845 Ein G wip. G 846 alfiz G qnit. G 847 Si braht ir falben. G 
848 halben. G 849 hinder im zv. G 850 chniet ß do. G 851 Si weinte uil 
ff zze. G 852 ß bot ßch zegotis füzzen. G 853 traBheren fi flv G 854 fehU V 



168 PIPER 

855 mit ir uahfe fi fie wifkte, 

uil lieblichen fi fi chufte. 
ich wei:; inf der bedahte, 

der in dar brahte; 
er dahte in finem mute: 
860 wäre dirre gute 
ein rehter propheta, 
alfe ich gedahte, 
erre chante da; wip, 

ir was uil funtich der lip. 
865 er fprach da; wäre 

ein gemeinen fundarin. 
Do fprach chrifl; ;e dem manne 
uone finen gedanchen: 
[G 10", b] „hör here Symeon, 

870 du folt ein urteile tun: 
nu waren ;ewene arme man, 

die feiten fca; gelten, 
der eine befundert 
der folt uif hundert, 
875 der ander dar engegene 
fibinftunt ;ehene. 
do [D 244] uerlie? er in die fculde, 

da; fi ime waren holde, 
durch uil michel minne 
880 die felben phenninge. 
nu fage du mir, fimeon, 
zeige dinen wiftüm, 

855 uahfe | fi fie V Mit dem har fis wiffchete G 856 vü liblich fi fiv G 
Büd: Christus am tische y rechts zwei, links ein Jude mit spitzkappe. Zu füssen 
die Sünderin (mit heiligenschein) , die füsse waschend. Auf dem tische äpfel, fisch, 
m£sser, brot. Die dazugehörige Unterschrift am Schlüsse der spalte ist abgeschnit- 
ten G 857 Des dinftes ninder gedahte. G 858 Symon der in G 859 Er gedaht 
In finem mvte. G 860 wasre G 861 Ein G f phete. G 862 alf G gedaht hete. G 
863 Er erchande wol daz wip.G 864 ir ift fundich der (d«r V) lip. G 865 daz 
fi zeware G 866 ein fundaerinne wsBre. G fundarin; V 867 M, d a, rde, V 
Do fp'ch G manne G 868 bore her fymon danne. G 869 Du fold ein yrteil 
maelden. G 870 zwen man folden gelden. G 871. 872 fehlen G 872 na(h 
fca? ist ! rad, V 873 Der ein fold hefunder. G 874 phenninge fünfhundert G 
875 der an || der dar V Der and* folt niwan fumftzich. G 876 fymon wie duncht 
dich. G 877 Do liez er in di fchulde. G 878 fi im wsBren G ho^de / V 879 
Durch grozz minne. G 880 di fselben phenninge. G 881 Nu zaige dinen 

wiftvm. G 882 vn fage mir fymon. G 



DIE OBDIOHTB DBB AVA 169 

weder den herren 

folte minnen mere?" 
885 er fprach: „fo ich uerftein mach, 
dem er mere nergap." 
do fprach got [V117'', b] ije der ftunde: 
„du hafl; fin reht uunden. 
[H 160] ich chom hiüte her ^e dir, 
890 noch fa wa?er gäbe du mir, 
def du hafl genüge, 

daz ich min fuzze twch ; 
auer duoch fi fi mit den brunnen, 

der ir uon deme herijen was enfprungen, 
895 R wirkte fi mit ir hare, 

daz ziuhet ^e der groijen minne ije wäre. 
Do ich hiute her in din huf gie 

unde ich ?u dem mufe gephie, 
da^ ift dir felbem wol chunt, 
900 du ne chufte mir niht minen munt; 
aue chufte fi mine uü^e, 

da? ?uhet ?e der merre ffize. 
Do ich hidte hie gefaz;, 

du ne gäbe du mir das; oleua;, 
905 da:^ ich ze note 

min houbet gefalbote, 
aue da? wip, di du fihefl, 
unde fi fundich hai?eft, 
diu brahte ir falben 
910 reine gehalden, 
[6 10"", a] fi falbete mine fü^e, 

883 Wederre G 884 minnen verrer. G 885 fp*ch fo ich mich v^ftan 
mach. G 886 dem er da mer vergeben hat. G 887 zeden ftunden. G 888 du 
haft iz reht er fanden. G nun | den / V 889 heut G zv dir. G 890 iefa 
wazzer gaBb du mir. G 891 Des haltu genüch. G ge | nüge.' auer dnoch Y 

892 fehU V 893 Si twcK mir aber mit dem brunne. G brun | nen/ der V 

894 der vondem hertzen was enfprnnge. G was | enfprungen/ V 895 Si wifTche 
fi mit dem har. G hare/ | daz Y 896 da mit erzaiget ß mir di mlnne gar. G 
minne/ V 897 kl d a. rde. V hivt G hem in huf V in din hvs (her fehlt) G 
898 vll ich daz ezzen angevie. G 899 felber G 900 chult niht minen G 901 Sichuite 
mir aber min fvzze. G 902 da mit erzeiget fi ab' di minne fvezze. G fnze; Y 

903 kl. d a. rde. Y hivt G gefaz G 904 do ne gaeh du mir daz öle vaz. G 

905 zenöte. G 906 min hopt G 907 Aber daz wip di dv da fiheft. G 908 vn 
EL fündig haizzeft. G 909 Di braht G 910 reine behalden. G 911 min 

füzze, G « 



170 PXPBB 

der ftanch wart ffi^e, 
da; eruullet wart, da; huf, 
uil gut ftanch gie dar u;." 
915 Do bliht er üf an da; wip, 
do fprach der ewige lip: 
[D 245] „nu wis tu, wip, enbunten 
uon allen dinen Tunten! 
durch dine minne 
920 fo la; ich dich uaren hinnen 
ane dine funde, 

nu uar in gotes munde!" 
Swa er hine cherte, 
die tunben er lerte, 
925 die armen er trofte, 

die behaften er lofte, 
er half der wa;er fuhte, 

die chrumben er rihte, 
er entflo; die touben oren, 
930 er lie ü wol hören, 
die mifelfuhtigen er nerte, 

da; fi in ne tertte, 
er hie; die ftummen fprechen, 
er temperote die frechen, 
[H 161] 935 er hie; den uergihtigen gan, 

fin bette in iin huf tragen. 
Do chom der unfer hailant 
in ein unchundi; laut, 
diu lute namen diu chindelin, 
940 fi brahten li an unferen trahtin. 
du betragtes die alten, 

912 der fmach was fo f^zze G 913 erfallet h&s. G 914 vil gftt 

waz gie dar vz. G u? ; V 915 kl. d a. rde, V blicht er vf G ^np. G 916 
fp'ch G ewig lip. G 917 Nv wis tohter onbundcn. G 918 von G dlnen fnn- 
den. G 919 di minne. G 920 fo lazz ich dich hinne G 921 di G 922 nu 
fehlt; var in gotis G munde; V 923 kl. s a. rde, V hin chörte. G 924 di 
tumben er lorte. G 925 Di arm er trotte. G 926 di G löfte. G 927 wazzer 
fuhte. G 928 di G h in rihte / aus t rad. V 929 Er entflöz der tuben ören. G 
930 liez ii G gehören. G 931 Di mifelfuhtigen G 932 im nine terten. G 

933 dieltumben G 934 tempei^te V gefenftet (das zweite t a. ras,) di G 

935 nach r m uergihtigen ist ein h rad. V di v'gihten G 936 tragen; V ir 
bette in ir htse tragn. G 937 Do chom vnfer heilant G 938 in ein ynöhun- 
des lant. G 939 Div levt G dlv chindelin G 940 fi brahtens für vnlem 

tr»htin. G 941 Do betragte ^ di alten. G 



DIB GBDIOHTB DBB AVA ITl 

C hieben die uorderen gehalten, 
uil harte fif bedro;, 

in wart uil manich wider fto;;. 
945 do enphiügen fi crift mit minnen, 
er hie; R dare 5Ü bringen, 
uil holtlichen er fi ane fach, 

vil minnechlichen er in 5Ü fprach, 
er fprach daij fi wßoren 
950 die erben der himelifken gnaden. 
[G 10^ b] Do [V 118', a] chom er iefa 

in ein chaftel, da; hie; bethania. 
da enphiengen in inne 

zvvi wip mit gutem finne. 
955 diu eine [D 246] hie; Martha, 
diu ander Maria, 
fich hete maria geledeget 

unde gefriety « 

fi fa; fu;e 
960 ;u den gotes fü;en, 
uil gerne fi horte 

fwa; er gutes lerte. 
Martha gie umbe 

den geften dienende, 
965 geteilet was der ir fin, 

iedoch geftunt fi bi in, 
fi fprach: „min uil liebe, 

mir ne hilfet niemen dienen, 
ich hau michel forgen 
970 uon dem abent un; an den morgen, 
nu gebiut du marien, 

942 R hiezzen fi dl w'den behalten. 943 Vil harte fin £iy verdröz. G 

944 vil maniger G ftöz. G 945 Do onphie fi chrilt mit minno. G 946 e m 
dare halb rad. V dar bringen. G 947 Vil holdechüchen fi bis 948 er fehlt V 
in ZV rp»ch. G 950 di G himelifchen genad*o. G gnaden; V 951 Do G ie fa/ V 
952 in ein chaftel heizzet bethania. G 953 in inne. G 954 zwei wlp G finne. G 
955 Di ein hiez. martha. G 956 di ander hioz maria. G 957. 958 Maria fich 
h&t erlediget vfi gefriot. G 959 uil ftzze. G 960 nach gotes ist lerte/ durchr 
strichen V fft^en/ 1 uil gerne V zv den gotis füzze. G 961 Vil G hörte. G 

962 des filzzen gotis wörte. G 963 alumbe. G 964 dienunde. G 965 gete*- 
let V Geteüt G ir G 966 ge in ge | ftunt a. ras. V idoch geftdnde ß, bi in. G 
967 81 fprach herre min vil lieb. G 968 mir on hilfet niemS dienen. G 969. 970 Von 
dem abnt vntz anden morgS han ich michel forgen. G 971 gebivt dv Marien. G 



172 PIPBB 

da; Ji mir helfe dienen." 
Do fprach der heilige chrift: 
„uil noturfl da; dieneft ift, 
975 iedoch hat din fwefter 

erweit da; aller befte." 
martha danae giench, 

;e deme dieneft fi uiench, 
un;e unfer herre da fa;, 
980 maria da mit im was. 
[H 162] Die heiligen ;welf poten 

eines tages giengen fi mit gote, 
da fahen fi einen blinden man, 
ir einer fragen began, 
985 uon welcher gewrchte 
der felbe blint wrte. 
du fprach der heilige chrift: 

„ich fage iu rehte, waz i; ift: 
i; nift uon finen funden, 
990 noch uon finem chunne, 
[6 11', a] diu gotes werch hie in erde 

fuln uon ime gelSbet werden." 
Do er dar ;ü chom, 

fine fpeichelen er nam, 
995 dar ;ü nam er erde, 

er temperote fi werde, 
[D 247] er ftreich i; dem blinden 

über diu ovgen an der tingen, 
er hie; in ;e fyloe gan 
1000 wafken finiu engen, 
er fprah: „du folt gefehen 



972 mir G dienen. G dienen; V 973 fp»ch der heilig G 974 vil not- 
durft G 975 Jdoch hat din G 977 Martha danne G 978 zedera G geviench. G 
979 Di wil vnfer h*re da faz. G fa? V 980 Maria da mit Im G 981 Die G 
heiigen V zweifboten. G 982 eines G gienge £i mit got. G 983 Do fahens G 
984 einer in vragen G 985 Von welher gebnrde. G 986 f»lbe blinde "(Irrde. 

987 Do fp*ch G heilig G 988 fag iv reht G 989 Iz en ift von finer fände G 
990 finem 991 Div gotis G en erden. G . 992 von im gelobt G gelobet 

(t aus n rad.) werden; V 993 zv im q»m. G 994 Sin fpeichel G 995 zv G erde. G 
996 tempert fi der vil wMe. G 997 iz dem blinden. G 998 vber div ovgen 

(ov I vgen das erste v rad, V) ander tinnen. G 999 in G 1000 wadcben fin 
ovgen Dan. G 1001 Er fp»ch G 



DIB OEDICHTE DEB AVA 173 

unde folt i; iemer gote iehen." 
Da? was uil feiere getan, 

gefehende wart der felbe man. 
1005 du i:; diu lute gefahen, 
uil harte ß erehomen, 
li fragten in genote, 

uon wiu er fin gefune bete. 
Do fprach der gefehende: 
1010 „ich bin fin got iehente. 
hie uür für ein man, 

ein bor er temperen began, 
füre mineu 5gen er i? ftreicb, 
diu blintheit mir entweich. 
1015 er biez; mich i; abe wafken ^e aineme fe, 
ich ne fach niht §, 
er gab mir miniu ougen, 
ich wil an in gelouben. 
[Vll8',b. Gll',b] Do i^ die iuden gehorten, 

1020 11 fragten in gnote, 
uone Werne er def iahe, 
da? er fo wol gefabe. 
du fprach der petelare, 
da? er if got iahe: 
1025 „Jefuf na?arenus, 

der gebot i? alfuf, 
da? ich da? liebt fahe 
unde ich if got iahe, 
[H 163] dem bin ich immer iehent, 
1030 daz ich wart gefehende." 

1002 iehen; V vn folt fin imm* got beiehen. G Bild: Jesus berührt die 
äugen des vor ihm knienden blinden. Am untern rande der spalte steht: hie 
machet er den blinden gefenit {so; d, i, gefeint). 1003 uil fchire G 1004 gefe- 
hent ward G 1005 Do ez di Ivte erfahen. G 1006 fi begund'e zv im gaben. G 
1007 firageten in genote G 1008 von wem er daz geliben bsete. G 1009 fp'cb 
der gefehente. G 1010 fehlt V 1011 vur für ein G 1012 bor | er V ein erde 
er G 1013 Ftr miniv ovgen G ogen | or V ftreicb V 1014 div blintheit mir fa G 
entwe- | ich/ V 1015 michs abwafchen. zede fe. G wafken/ zeai | nemo V 

1016 engefach G 1017 mir | miniu V mir miniv ovgen. G 1018 in gelovben. G 
gelonben,' V 1019 Do daz di ivden hörten. G o 15 (D nicht eingetr,) V 1020 
li G in genote. G 1021 der lezte strich des m in wome aus e rad, V Von 

wem er des iaehe. G 1022 gefaehe. G 1023 Do fp'cb der betelaßre. G 1024 if ] 
fin G lebend waere. G 1025—1028 fehlen G 1025 na?aren9/ V 1029 d«m V 
immer bis 1030 ich feihlt V 1030 nach ich ist c rad. G 



174 



PIPBB 



Do chomen fi den friunden ijft, 

uil harte notigoten fi ße du, 
ob der betelare 

uone geburte blint wäre. 
1035 li fprachen ifi wäre, 

daz er blint wsere, 
fi ne weffen aue niht, 

uon wem er habet da? liht. 
Do giengen fi ime auer zu, 
1040 fi notegoten in du, 
da? er in rehte fagete, 

uone weme er gefune habete. 
du fprach [D 248] der arm man, 

uil lute er brahten began: 
1045 „Jefuf na?arenuf 

der gebot i? alTuf. 
ich was ein betelare, 

weit ir i? nu hören, 
lop dir, heiliger chrift, 
1050 du der uns uon gote chomen bift, 
da? ich han mineu ougen, 

ich wil an dich gelouben." 
Uil harte fi in ftouten, 

den fi*iunten fi drouten, 
1055 fi taten im da? ?e leide, 

fi namen im die gemeinde, 
fi wrfen in v? der ftra?e, 

fine weiten in darine niht la?en. 
Do er uon dem wege chom, 

1031 U. d a. rdfe. V fi | den V vrevnden zv. G 1032 vil hart ß In 

notigten dv. G fi | fie V 1033 Ob er betelsere. G 1034 blint \ wäre/ V von 
gebürd blint wasre. G 1035 ia zeware. G 1036 blint geborn wäre. G wae- | re/ V 
10376 Sin enweffe aber G 1038 von G er nu biete daz lieht. G ha | bet V 

liht; V 1039 Q. im aber zv. G zu/ | fi V 1040 vn notigeten in dv. G 1041 in G 
fagete/ | uone V 1042 von wem er daz liht G 1043 Do fp*ch der arm mit 

twange wef müt ir mich fo lange. Ich han evz hevt chunt getan. G 1044 vil vaft 
er do rufen began. G 1045 Ihc V Er fprach ihc nazaren9. G 1046 alfus. G 1047 be- 
telsere. G 1048 nu weit ir hören daz maere. G 1049 Lop ß der heilig G 1050_du 
fehlt, der vns von got bechomen ift. G 1051 mi'niv ovgen. G 1052 an in 

gelovben. G 1053 U, v a. rde, V Vil hart fi in enfnevten. G 1054 den 

frivnden fi do drevten. G 1055 Si taten im daz ze laide. G 1056 fi G 

gemaine. G 1057 würfen in vz der ftrazze. G 1058 fi enwolten in daran niht 
lazze. G laijen ; V 1059 wege | chom / wie harte V von G quanu G 



DIB GEDICHTE DEB AVA 175 

1060 wie Ifte er brsehten began! 
wie harte er fi genei^ite, 
uil lute er 11 reifte. 
[G 11"", a] er züg iij alle^ ijeren 

chrift fime herreu. 
1065 Do chom der heilige chrift, 
der der armen troft ift, 
er fragte den armen man, 

war umbe er wsere uz getan, 
er fprah: „ich was hie beuor ein plint man, 
1070 da^ pu^te mir ein gut man, 
Jefuf na^arenus, 

der gebot iz alfuf, 
[H 164] durh da^ ahten 11 min, 

iedoch pin ich iemer der fcalch fin." 
1075 Do fprach der heilige chrift: 
„waift du noch, wer er ift, 
ob du in gefaheft, 

du fin iunger wereft?" 
hin naher trat der arm man, 
1080 uor liebe er weinen began: 
„wie gerne ich in gefehe, 
da^ ich ime ueriahe!" 
„nu giench her nach mir, 
uil wol ge^eige ich in dir, 
1085 nu wi^eft da^ iz war ift: 

mit dir chofet der i? ift." 
der plint da ze wege gie, 

für got er nider uiel, 
er bette [D 249] in mit herben. 



1060 feUt V 1061. 1062 fehlen G 1062 lute | er V 1063 er ?u/ i? V 
Er zoh iz G ze eren G 1064 fime | herren ; V f inem G 1065 heilig G 

1066 armer troft 1067 fragt G arm G 1068 vmb er wjer vz G 1069 Er 
fp*ch G bevor blint. G 1070 daz b&zzt mir ein gut chint. G nach gut ist e 

rad. V 1071 na^aren«) .' V Jefus G 1072 er G alfus. G 1073 Durch daz aehtent G. 
min. G 1074 ich bin doch imm* der fchalch fin. G falich fin ; V 1075 Jcl d a. 
rde. V 1076 waiftu G 1077 in gefsBhoft. G 1078 daz du fin ivnger wsBreft. G 
1079 Hin G 1080 vor lieb G 1081 Er fp»ch wio G in f«he. G 1082 im 
veriaehe. G 1083 ginch G' naher zv mir. G 1084 uil fehlt G in G 1085 Nv 
wizze G iz G 1086 der mit dir redet der ift is. G 1087 blint G zewege G 
1088 ffr G nider viel. G 1089 Er betet in an von hertzen. G 



176 PIPER 

1090 er lobte in mit Jinen werchen, 
uil gütlichen er in ane fach, 

er uolget iemer mere nach, 
über uier^ec tage 

uor finen marterlichen tage 
1095 do chom er in bethaniam, 

^wei wip erbaten in da, 
da^ ir bruder gnas, 

der dri tage begraben was. 
du [V 118% a] iij die iuden gehorten, 
1100 uil harte fi erchomen, 
11 ilten fich befenden 

in allen den enden 
die lukken propheten, 

da^ R in uerriehten. 
[Gll", b] 1105 Dofprach der bifkolf cayphas, 

def da; ambahte was, 
er läget in da; ial war, 

iz wäre be;;er getan, 
da; eine fturbe 
1110 denne da; eilen diu werlt uerlorn wrde. 
;u ;in chom pylatuf, 

der underwant fich def rates, 
den gefprach iudas, 

der fin chamerare was, 
1115 er fprach, ob fi in weiten miten, 

da; er uerriete. 
du puten 11 ime ;e minnen 

dri;ech phenninge. 
du uerriet er ßnen herren, 

. 1090 er lobt in mit gvten wichen. G 1091 Vü gvtlich G 1092 er volget 
im immer G nach; V 1093. 1094 fehlen G 1093 Jcl v a. rde.Y 1095 bethanifi/V 
Darnach chom er I betania G 1096 zway wip enbaten in da. G 1097 genas G 
1098 der vier tage G 1099 Do daz di ivden erhörten. G geboten/ V 1100 
vil G erchomen G 1101 Si G 1102 in G 1103 Di luglichen ypheten. G 
fpheten .'V 1104 fi in verrieten. G uerriehten ; V 1105 biffchof caiphas. G 1106 dea G 
ampt daz iar was. G 1107. 1108 Daz iz wsßre bezzer getan, daz der ain man. G 
1109 Alfo ein erfturbe. G 1110 denn elKv div werlde v^durbe. G denne da; | ei- 
len V 1111 Zv im G ?u ?in | chom V pylatuf; V pylatus. G 1112 er vnd'want G 
des G 1113 iudas. G 1114 fin chamerser G 1115 fp»ch G fl in weiden mieten. G 
1116 in in verriete. G 1117 Si buten im zeminne. G min | nen/ V 1118 dri«- 
zech phenninge. G 1119 Do verriet er (r am n rcid,) finen G 



SIE GEDICHTE DER AVA 177 

1120 des enkalt er uil lere. 
[H 165] du was unfer herre gegen 

in eine burch diu hie; eflfrem, 
da entwalt er fiben tage, 
du ijegie er lieh auer fa. 
1125 do chom er widere in bethaniam, 

do emphiengen in maria unde martha. 
Do er ;e dem inpize gelaz, 
Maria braht ein ole ua;, 
mit dem heren balTamum 
1130 falbet fi den gotefun 
die uü:;e unde da; houbet, 

fi het in gegarwet an den tot. 
Daz pemurmelote iudas, 

der fin lagere [D 250] was, 
1135 er fprach: „pe;;er wäre, 

da; man i; den armen gabe.^ 
do fprach der heilige chrift: 

„Maria, wi gut din werch ift, 
da; du ane mir haft getan! 
1140 des folt du iemer lop han 
in allen den enden 

\ fwa man mine martyr iemer erchennet." 
Da getwalt er die naht 

un;e an den anderen tach. 
[G 12', a] 1145 du fante unfer herre 

fine lungere zwene, 
da; fi ime eine efelinne brahten, 
fi legeten dar üf ir gewante. 
„ob iemen da widere fi, 

1120 def G er fit vil fere. G 1121 Bo wold vnfer herre gen. G 1122 in 
ein burch hiez e£Erem. G 1123 tag. G 1124 do zaigt er fich aber da. G 1125 
wider zebethania. G bethaniä/ Y 1126 do enpbiench in Maria ull martha. G maria.' 
unde martha; V 1127 JU. d a. rde. V zedem inbiz G gefaz Y 1128 MaBia Y 
ein 61 yaz. G 1129 balfamu. G V 1130 ü dorn gotes Tun. G 1131 Di fazze 
Yfi fin hfbet. G 1132 in gegerwet inden tot. G tot, Y 1133 kl d a. rde. Y 
bemnrmelet iudas. G 1134 fin lagasre G 1135 fp^ch daz iz bezzor wsBre. G 

1136 giBbe. G 1137 fp^ch G 1138 wi gut din G 1139 an mir G 1140 def G 
immer lön G 1142 da man min marter bechennet. G 1143 Da entwalt er di G 
JU. d a. rde. Y 1144 vntz anden andern G 1145 Do fand vnfer G 1146 Uner 
inngar zwöoe. G 1147 im ein eflinne brashten. G 1148 daz ß dar vf leiten ir 
gewdte. G 1149 Ob iv da iemen wider fi. G 

zBiTBcmtprr f. sbutbche Philologie, bd. xix. 12 






178 PIPER 

1150 fo fprechet ir da bi, 
ir bedurfte der herre, 

da^ läget ir in ^ware." 
Do fa? er uf die efelinne, 
mit ir liuf da^ iungedi. 
1155 du reit er ^e ierufalem, 

rine iuugereu hie; er mit im gen. 
diu menege was gröblich, 

der antuanch was uile wumiechlich. 
die da nach füren, 
1160 da? lop fi hüben, 
di da uüre füren, 

da; felbe lop fi haben, 
fi fprachen al geliche: 

„gefegenot fiftu, chint dauides!" 
[H 166] 1165 die i; da uor weffen, 

die brachen ab dem b5me die hefte, 
an den wech fi fie legeten, 

dem efele fi ftrouten. 
di diu ;ewei ne heten 
1170 die würfen ir gewate. 
[V 118^ b] fi enphiengen in mit eren 

den cheifer aller henren, 
fi fprachen al geliche: 

„lop fi dir chrift der riebe!" 
1175 Do gie der gotefun 

;e ierufalem in da; templum. 
do heten fi ;ir leide 

dar in gefüret [D 251] ueile 

1150 fo fult ir fprechen dabi. G 1151 bedürfe G 1152 faget in zeware. G 
1153 }d, d a. rde, V 1153. 1154 Hin giengen ii mit finne. vfi brahten di eflinne. 
Alf ÜL fi do brahten. mit irm gewande fis bedahten. G 1155 Do G hintz G 

1156 fin iunger G mit im gon. G 1157 DIv monig was grözlich. G 1158 der 
antvanch vil wunnecblich. G 1159 Di darnach f&ren. G 1160 daz gotes lob ^ 
hüben. G nouch da? ist felbe durchstrichen V 1161 Didavor giengen. G 1162 
daz felbe H begiengen. G 1163 fp'^chen alle geliche G 1164 gefegent Iiftu I 
dauidis riche. G 1165 Der ez da vor (befte du/rchstrichen) weite. G 1166 der 
brach ab di bowm elte. G 1167 fi fi leiten. G 1168 dem efel G. Itrevten. G 

1169 Der der zwiger niht en hete. G 1170 der warf ün gewsete. G 1171 in 
fehlt G 1173 alle geliche. G 1174 dir imd ch in chrifb auf verwischter steUe Y 
riche. V fi dir G riche. G riche. V 1175 kl. d a, rde. V gotes fun. G 

1176 ihrPm in G templü.' V 1177 fi inder weile. G 1178 daz ingefuret veüe. G 



DIB GBDICHTB DBB AVA 179 

beidu rinder unde Icaf, 
1180 uil gar zewarf er in da^. 
er fluch fi u;, 

die tuben hiez er tragen uz, 
[6 12', b] er fprach da^ ii, wäre 

ein hol der feachere. 
1185 du hie; er i; reinen, 

er chot er wolt i; haben eine, 
den tach was er dar iune, 

du enthieler einen blinden. 
Def anderen tagef uil frü 
1190 du brahten fi ime ein wip ;ü, 
die heten fi uunden 

an totlichen funden. 
uil fro 11 du waren, 
da fi mit ir füren, 
1195 fi wanten da; fi mähten 

den wiftum uberbrahten, 
ob er fi nerte, 

da; im diu e da; werte, 
unde hie; er fi fteinon, 
1200 fo ne wäre niuht der gotefun. 
Do giengen fi in da; templum, 

da uunden fi den gotefun, 
;e des wibes gefihte 

befulehen fi im da; gerihte, 
1205 fi baten in da; er fagete, 
wa; diu e habete. 
Do fprach er durch fine gute, 

1179 Beidev fchaf vfl rinder. G 1180 dar inne liez er iz ninder. G 1181 Er 
flug iz allez dar vz. G 1182 di tvben hiez er tragen vz. G 1183 fp'ch G 

fz G nach wsere ist ein und der schafl eines h durchstrichen G 1184 ein G fcha- 
chsBre. G 1185 Dohiez G reinen. G 1186 er fp*cb er wold iz habn eine. G 

1187 tach. V darinne. G 1188 do erlebter einen blinden. G blinden; V 1189 
Des andern tages vil frv. G 1190 do G fi im ein wip zv. G 1191 Diheten fi erfnn- 
den. G 1192 an den totliben G 1193 Vil vro fi do G r in waren.' aus n 

rad, V 1194 da? Q, mit irffuren. G 1195 wanten.' V Siwanten G G. maeh- 
ten G 1196 wifta V wiftum vber prashten. G 1198 im div. 6. G 1199 Vn 
hieize (das zweite 1 später evngeschr.) G fteinen. G 1200 fo were er niht der 
gutes fan. G d?r V 1201 Dogiengez in daz templü. G 1202 funden G gotes 
fyn. G 1203 ?e- | des V wibes G gefihte V 1204 bewlhen fi im G 1205 Si- 
baten in G bat V fagte. G 1206 div e G 1207 fin g&te. G 

12* 



180 PIPER 

fwer die § habet behütet, 
der folte fi fteinen, 
1210 anderf neheiner. 
[H 167] Do fi da^ uernamen, 

unwirdlichen fi fahen, 
fliehen fi begunden, 

^e den turn fi u? drangen. 
1215 da ne beftunt inne nehain lip 
wane chrift unde da; wip. 
do fcreip der gotef werde 

mit den uingeren an der erde, 
uil lang er nider nihte, 
1220 dar nach er üf blihte, 
[D 252] du fprach er ;e der gemeinen : 

„wa fint die dich weiten fteinen?" 
[G 12'', a] Do fprach da; funtige wip: 

„hie nift, herre, nehein lip." 
1225 du fprach da; ewige lieht: 

„ich uerteile din euch niht. 
nu denche an die feie 

unde ne funde niht mere. 
;e wäre fagen ich i; dir, 
1230 dine funde fint uergeben dir." 
Alf ich uernomen habe 

uor dem tultlichen tage 
du begurte fich der gotefun, 
du dwoger finen lungeren 
1235 die uu;e unde die hende; 

do wolt er i; alle; enden 

1208 di e biet behHe. G 1209 fold fiftainen. G 1210 yn ander dehai- 
ner. G neheiner; V 1211 uernanen / V v'namen. G 1212 vnwerdichlichen 11 G 
1213 Plihen G 1214 ze der tur fi vz G 1215 Dar inne beftvnde dehain lip. G 
1216 wan G und« V vfl G 1217 fchreib G gotes G 1218 dem vinger vf G 
1219 Vil G nichte. G 1220 vf G 1221 Do fp*ch er zv der gemein. G 1222 wa 
fint fi di G ftaine. G fteinen; V 1223 fp»ch G funtig wip. G 1224 en ift 
dehein lip. G 1225 Do fp*ch daz ewige liht. G 1226 Yerteil dich och G 

1227 gedench G din G 1228 vn en fvnde niht me. G 1229 Zewar G hinter 
fagen ist t rad, V fag ich dirz. G ich i? di?/ V 1230 din fvnd fint v*geben 
dir. G dir; V 1231 Alf ich iz v'noiä hab. G 1232 Yon G tutlichen V 

tultlichem G 1233 Do G gotis fun. G 1234 er twich finen ivngeren fchon. G 

1235 unde| die hende/ amanfang der eeüe ist de durchstrichen V Ir fvzze yn ir G 

1236 do wolderz G 



DIE GBDICHTB DBB AVA 181 

in riner heiliger minne, 

er lerte fi du mit tiefeme finne. 
Do chnit er [V 119', a] uil füze 
1240 uüre finer iungeren fAi^e. 
# du fprach fancte peter: 

„du ne gedweft mir niemer!" 
Do fprach got der riebe: 

„fo ne gewinneft du niemer tail in minem riche." 
1245 des antwurte ime über lut 
peter der fin tmt: 
„mine hende und min houbet, 

da^ fi der herre g erloubet." 
du dwger in allen 
1250 nach ein ander, 
de i; alle; waf getan, 

fm gewate er an fich nam, 
do fa; er ^e müfe, 

begunde mit in chofen: 
[Gl2^,bHl68] 1255„under iu ift ein man, 

der mich hat uerraten.'' 
die herren alle erchomen, 

fi dahten, wer er waBre. 
Do wincten fi einem chin [D 253] de 
1260 deme g^ten Johannen, 
• er lienete uf finen brüllen, 
fin minne was feite, 
da? er in erfdre, 
welher i? wäre. 

1237 finer heiligen minne. G 1238 er lert fi do mit tiefen ßnne. G finne; V 
1239 chniet er vil füzze. G 1240 ze finer ivnger ffzzen. G 1241 DoG fände G 
1842 h're da entwehit mir fi nimmer. G niemer; V 1243 riebe. G 1244 gewin- 
neftv dehain teil in minS riche das Uzte wort üherg, G 1245 der V Des ant- 
w&rt im vber l?t. G der gotis trat. G 1247 Min G vfi G hvbet. G 1248 daz 
n dir herre erlobet. G her | re e erloabet/ Y 1249 twch er in G 1250 di 
fvsse ane fchalle. G nach | ein Y 1251 ez G was G 1252 er mit zeichen (a) 
Off» rande nachgetr, Y fin wat er aber an G 1254 er begande mit In G Unten 
quer Über beide spalten bild v. h. abendmahl: Jesus in der mitte hinter dem tisch, 
an seiner brüst JoTumnes, rechts und links je 6 jü/nger. Auf dem tische: becher, 
fiaekt lammeskopf, brote, gefässe, messer. G 1255 Ynder ev ift ein G 1256 der 
vil vbel hat getan. Der hat mich verraten, fwie wol ich in getsBte. G 1257 Si 
erdiom alle zeware. G 1258 fi gedahten G 1259 winchten fi einem manne. G 
1260 Johanns/ Y den gätem fände Johanne. G 1261 Der leinte yf finer brafte. G 
1262 fin minne waren veDbe. G 1263 in er füre. G 1264 w»re. G 



182 PIPER 

1265 do fprach der heilige chrill: 
„under iu ^weluen er ift, 
dem ich peute da:; prot, 

der hat mir gegarwet den tot.'' 
du iudaf der diep * 

1270 uon den anderen feiet, 
do ne twalt got niht; 

du geberhtelot er da^ obrill lieht, 
du lerte fi chriit dar inne 
uon finer heiligen minne. 
1275 Dar nach wihte er da^ prot, 
den leinleuen er i; pot, 
er fprach: „di^e ift ware^ min fleifk, 

dar ^ü gecreftige iuch der heilige geift, 
da; ir difeu tougen 
1280 uil rehte geloubet, 
unde da; ir i; chundet 

allen minen chinden, 
fo wit fo diu werlt ift, 

da; i; uüre iüch gegeben ift." 
1285 Do nam der unfer heilant 
den kelich an die haut, 
[G 13", a] er fprach: „di;e fcult ir trinchen 

unte fult fin miner gehugede gedenchen, 
da; i; min plfit ift, 
1290 da; ufire die funde der werlte gegeben ift." 
Do fprach der unfer thretin 

;ü den lungeren fin: 
„iz ift ein wile da; ir mich fehet 
unde da; ir min chume ueriehet, 

1265 fp^ch G heiüg G 1266 vfider ev zwelfen G 1267 bevte G bröt G 
1268 beraittet G tot. G 1269 Bo iudas G 1270 von den andern gefchiet. G 
1271. 1272 fehlen G 1273 lejte V Do lert ß G inne. G 1274 von finer G 
minne; Y 1275 gefegnt er daz brot. G 1276 einleven er daz gebot. G 

1277 fp^ch ditz ift min warez fleiTch. G fle|fk/ V 1278 zv chreftig evch chriftG 
1279 diiiv tvgen. G 1280 vil G gelovbet. G 1281 Vfi bit ivch iz chunden. G 
1282 cbinden. G 1283 So wit fo div werlde G 1284 iz durch ivch gegebn ift. G 
ift; y 1285 nam vnfer hailant. G 1286 chelch indi hant. G 1287 fcult | if in 
miner gehugede {diese 4 worte äwrchstrichen) ir trinchen/ nn | te fnlt {hMimack i 
rad) V fp^ch ditz fult G 1288 vfi fult fin in min' gehngde gedencb'e. G fuuk 
fult ist i rad. Y geden | eben.' Y 1289 min blut G 1290 daz f^ der w^de fnnde 
gegebin ift. G 1291 A;Z. d am rde, Y Do fp^ch iz vnfer trsBbtin. G 1292 le den 
lungeren fin. G 1293 ein wil G 1294 vn dar zv min chvm v'iehet. G nerhet/ V 



DIE GEDICHTE DEB AVA 183 

1295 darnach ne fehet ir min niht, 
fo wirt becheret iuwer lieht, 
fo fehet ir mich denne, 

uil chur^lich iTt iij den[D 254] ne, 
[H 169j fo uar ich offenliche 
1300 in minef uater rihe, 

fo ne fraget mich niemen denne 

war ich uaren welle." 
Phi[Vll9', b]lippuf uon bethfayda 
der antwurte ime fa, 
1305 da? uile gerne fahe 

wer der uater wäre, 
er fprach trurlichen: 

„du frageft chintlichen; 
ich unde der uater min 
1310 uil ungefceiden ful wir fin. 
ich pin in ime unde er in mir, 
uil wol geloube du i? mir. 
Ir birt mine uriunte, 

ob ir tut dei ich gebeute. 
1315 der fcalch ne mach wi?en niht, 
wa; deme herren fi liep. 
durch da; nenne ich iuch uriunt min, 

wände ich iu chunt fol fin." 
Nu ;in chofet auer got: 
1320 „i; nift nehein merre gebot, 
denne da; ir ouch minnet; 

alfo ich iuch hau geminnet. 
doch nift nehein merre minne 

1295 en fehet ir mich G 1296 wir verchert Iwer liht. G 1297 mich aber 
danne. G 1298 vil chürtzlich ü% ilt danne. G 1299 yar ich ich {das zweite durch- 
strichen) G 1300 in mines yater riche. G 1301 Sone fragt mich niein denne. G 
1302 Taren wolle. G 1303 Phihppns von bethfaida. G 1304 antwfirt Im iefa. G 
1305 Daz er vil gerne fsshe. G 1306 wen er zevat* i»he. G 1307 Er fp»ch trow- 
riehliche. 1308 du vrageft chIntlichen.G 1309 vü G vater min. G 1310 vil vnge- 
fchaiden ful wir fin. G 1311 bin in im. vfi er in mir. G 1312 vil wol foltv daz 
gelovben mir. G mir ; V 1313 kl ia, rdeY Ir fit min frivnde. G 1314 tut 
daz ich ev gebivte. G 1315 Der chneht enmach gewizzen G 1316 dem G 

n leit oder lip. G 1317 Da durch heiz ich ivch freüde min. G 1318 daz ich 
ev fol chnnt fin. G fin; V 1319 Hu V kl h am rcmde V Do fprach iz aber 
got. G 1320 ez enift dehein grozz* gebot. G 1321 Denne daz ir an einand' 
rnimiet. G über i m ir ist kl e rad. Y 1322 alf ich evch han geminnet. G 
1328 Doch en i& d^hain merer minne. G 



184 PIPER 

uone wibe noch uone manne, 
1325 danne man durch fines uriuiltef not 
den lip gebe in den tot. 
[G 13', b] da:; han ich durch iuch getan, 

da^ fult ir uor iuweren ougen han." 
Do fprach unfer herre: 
1330 „der fcalch nift niht mere, 
denne ün herre ift, 

uon deme er gefendet ift. 
da; ich hinet han getan, 

daz Mt ir immer mer began 
1335 mit gehugede miner minne, 

fo wahfent iu di hailigen finne. 
fo erflagen wirt der hirte, 

fo zefprenget üch daz corter. 
mineu uil lieben chindelin, 
1340 ich ne fol niht langer mit iu fin, 

ein [D 255] niuwe? gebot da; gib ich iu, 

da; diu minne fi imder iu, 
da; man erchenne da bi, 

da; ir min iungere weit fin." 
[H 170] 1345 Do fa;en die herren, 

uil trurich fi waren, 
fancte peter gehie;, 

def er niuht war ne lie;, 
er wolt an der erde 
1350 mit im leben oder fterben. 
„mich ne le;;et if nehein not, 
ich pin garrewer in den toi" 

1324 von wibe noch von (nane Y) G 1325 Denn daz man dnreb friyndes 
not G 1326 lip G inden tot. G 1327 evch G 1328 ir vor Iwren ovgen G han; V 
1329 kl d am rde, V fp»ch vnfer herre. G 1330 fchalch en ift G re in mörre. 
auf ras. v. e G 1331 fin G 1332 von dem G 1333 heint G 1334 fehU V 
1335 gehungede Y miner | minne / Y Der gehngde miner minne. G 1336 wach- 
fent ev di heiligen finne. G finne.' | fo Y 1337 hirte. G 1338 zefprenget | 
fich Y fo zerfprenget (z a. ras. v. c) üch div fchafherte G 1339 chinde | lin/ Y 
Miniv liebiv chindelin. G 1340 ich fol niht lenger mit iv fin. G 1841 Ein 
niwez gebot daz gib ich ev. G 1342 div minne fi vnder iv. G 1348 dabi. G 
1344 ir min ivnger wellet fin. G 1345 kl d a. rde. Y Di herren alle zew^re G 
1346 vil tröwriges hertzen waren G 1347 Sant peter im gehiez. G 1348 des 
er niht warliez. G 1349 vf der erden. G 1350 mit im lehn G b «i fterben/ 
aus n corr, Y 1351 Mich enletzet fin chein not. G i in if aus £ rad, Y 

1352 bin garwer in den tot. G tot; Y 



DIE GBDIOHTB DBB AVA 185 

Got Taget im, alfe i^ was, 

er fprach: „hinet ritetet dich fatanas 
1355 alfam wei:;e, 

da? folt tu wol wijen. 
nu la din nerme;;en dich fin, 

drie ftonte uerlougeneft du min, 
S der hau hinat craige, 
1360 da; lag ich dir ;e wäre." 
Vf Hunt unfer herre iefuf, 

er fprach zu zin: „eamuf!" 
du was i; uile fpate, 

do gieng er an den berch oliueti 
1365 mit drin finen iungeren, 
die nam er befundere. 
.do gieng er alterfeine 

fo man mach gewerfen mit einem Haine. 
[G 13% a] Sin houbet er neicte, 

1370 fin breode fich erzeigte 
mit michelem fere 

den oberüten herren. 
do [V119'', a] ran dem gotes werden 
der fwei; an die erde, 
1375 der was plüt uare, 

er pleichet al garwe: 
„herre uater, min got, 
nu fol ich liden tot! 
mäht i; iemer fuf fin, 
1380 da; genaren diu chint min! 
uil willeg ift der geifl;, 
unchreftich ifi; da; fleifk, 

1353 Dot y kl g am rde. Y Tagt im alf G 1354 er fprach fehU G 

hinaht rittert G dich doppelt Y fathanas. G 1355. 1356 fehlen G wei^e.'j dai^Y 
1357 dtn v'mezzin G fin. G 1358 driftund v'longenelt da min. G 1359 £ der 
hau hinaht ohr»e. G 1360 Tage G dir zeware. G wäre; Y 1361 itand vnfer 
h're iho. G 1362 fp^ch zeden finen. eam^ G 1363 Do G iz vü G 1364 
giench er anden G 1365 finen inngern. G J366 di G befunden G 1367 Yfi 
gianch er alterfaine. G 1368 fo man gew'fen mag mit eine ftaine. G 1369 Sin 
h&ht er goiaiget. G 1370 brode G erzaiget. G 1372 dem obriftem G 

1874 fwaiz andi erden. G 1375 blüt yar. G 1376 er was erblichen algar. G 
1877 Taf m!n G nater. min Y 1378 liden den tat. G 1379 Moht iz immer 
ftts geftiu G 1380 daz doch gensfin div chint min. G din c|hint min/ Y 

1881 Yü wimch G 1382 vil onchrettig G fleifch. G 



186 PIPER 

unde fwi 1:5 umbe min not fi, 
alle du welleft fo mu^e i? fin." 
1385 Hine [D 256] widere gie der heilant, 
die boten er flauende uant, 
er fprach: „peter, trüt min, 

du ne wil niht wachende fin 
eine lu^el wile? 
1390 wie harte fi ilent, 
die mich gebent fehlere 
[H 171] in die hende der fundare!" 
uon dem felben werte 
erchomen fi harte, 
1395 dannen hüben fi fich feiere. 
[G 13% b] do fragter gotef fun, 

wie manic fwert ße bieten? 

fi fprachen^ da:; fi ;ewi beten, 
des genücte den guten. 

1400 

Dannen hüben fi fich fament, 

mit in gie der heilant. 
da was michel truren. 

fi chomen de torrente cedron. 
1405 da was ein garte, 

dar ilten fi harte, 
mit ftangen unt mit fakelen 

da uiengen fi den gotefun. 
mit in lief iudas, 

1383 Vn fwie G vmb G 1384 nach alfe ist % rad. V alf G fo muzziz 
fln. G Büd: gott vater sieht aus der sowne auf den auf dem berge vor einem 
baumzweige knienden söhn, unten am ra/nde der spalte steht: hie bat vnP h^e finen 
vat hie .... nus ihc G 1385 Hin wider G 1386 di ivnger er flaffen vant. G 
1387 Er fp»ch peter tart min. G 1388 newil G ßn. G 1389 Ein wenig wile. G 
1390 üent V fich wie vaft fi ilent. G 1391 Di G gebnt fchire. G 1392 indi G 
fundaere. G 1393 Von dem faelben werte G 1394 ß vil harte. G 1395 hiben fi 
fich fehler do. & waren vil unvro. G 1396 fraget der gotes fnn. di felben zwelf lan- 
ger. G 1397 manich fwM fi G ma | nie fwet Y 1398 fi fprachen hie fint zwei 
ze fiiete. G 1399. 1400 Johannes vn Jacob, vil wol in des genüget. G g&ten; Y 
1401 M. d a. rde, V hüben G enfamt. G 1402 mit in G heilant G 1403 
trwren. G 1404 hintz torrente G 1405 ein G 1406 üten & yU harte. Di 
inden daz v'nam. vil balde fi dar quam. G 1407 vfi mit fachein. G 1408 den 
gotef fan ß. da viengen. G Büd: Judas küsst den herm, hinter dem em jünger 
steht. Hinter dem Verräter Juden mit spitzhut. Am untern ranäe der spaUe steht: 
hie viengen die ivd*n vnr*n herren. G 1409 Mit in gie ivdas. G 



DIB GEDICHTE DEB AVA 187 

1410 der der wirfifte was. 
maifter er in nante, 

daz; man in dabi bechante. 
er chufte finen herren, 
des encalt er uil lere. 
1415 du fprach unfer herre iefus: 

„friunt, wie chumeft du alfuf?" 
Do fragte der gotefun 

die iuden, wen ü fuhten. 
ß fprachen: „iefum na;arenum.^ 
1420 er fprach: „en ego Aim." 
[G 14', aj uon dem felben warte 

erchomen R fo harte, 
da; ß ;erukke uielen, 

des erholten fi (ich feiere. 
1425 do uiengen li im die hende 
mit ueftem gebende, 
under diu ougen fi fpiren, 

owi, wie lute fi fcrieren! 
fi taten im ubele fto^^e, 
1430 liege uil [D 257j groije. 
do wolt er durch unfich hören 
manegen itewiz bofen. 
[Hl72] fi wanten i; warin wol ergen, 
fi fürten in ;e ierufalem. 
1435 Iz was ferre nahtes, 
fi hüten ir rehtes. 
fi heten uiur gemachet, 

da was da; dinch gefcafet; 
fi heten i; uerfcrannet, 

1410 der ir yor wifer was. G 1411 in 1412 in dabi erchante. 
1413 Erchulte finen G 1414 des enkalte er vil G 1415 Do fp^'ch vnfer herre 
ihc. G 1416 vrevnt wie chumftv fus. G alfuf , V 1417 kh d am rande V 
fragt G gotes Tun. G 1418 diivden G fvhten. G 1419 ih'm nazarenü. G 1420 
fprachen ego V er fp^ch. ego G 1421 Von G nach werte, ist er durchstrichen G 
1422 ß. vil harte. G 1423 ß zerucke vielen. G 1424 fi Hchire. G 1425 Si viengen 
im di G 1426 mit veltem G 1427 o in ougen aus g rad, Y Ynder di ovgen 
& im fptten G 1428 owe wi lüt ^ fchriten. G 1429 im vbel ftözze. G 1430 
yfi maoig lieg grdzze. G 1431 Dv G vns G 1432 manigen itwiz böfen. G 
1433 Siwanten ez fol im wol erggn. G 1434 fürten in zeierafalem G 1435 verre G 
1436 htten ir G 1437 Si hdten fiwer G 1438 dinch gefchaffet. G 1439 Sihe- 
ten fleh y'fehranohet. G uerfcrannet/ Y 



188 riPBB 

1440 mit rigelen uerfperret. 
fi uürten in in den urit hof, 

da ruhten n den bifcof. 
Do f&rten 11 den guten 
gebundenen iju der glüte. 
1445 da Muten gen&ge^ 

die habeten i; ze hübe, 
da; fi den gebunden fahen gan, 
der lo gro;eu ^eichen habe getan. 
[Vll9^ b] Ime was heiz unde kalt, 

1450 riniu wizze waren manichualt. 
fi fragten unferen herren 

uon finer lungeren lere, 
fi Q)rahen da; nide weiten haben, 
da; fie a;en ungedwagen 
1455 unde da; er fich uermaze 
in dem fale da er fa;e, 
ob fi i; ;eftorten, 

er wolt i; auer ;iraberon. 
da; fprach der uil wife 
1460 uon Quem Übe, 
[G 1 4', b] ob er uon in erllurbe, 

da; er auer lebentich wurde. 
Danah uil unlange 

chom ün trut peter gegangen, 
1465 iohannes in inliez, 

da; in niemen danne ne ftie;. 
do wart if ein wip geware, 
uil lüte rief fi dare, 

1440 verfperret. G 1441 fürten In inden frithofe. G 1442 b in bifcof; 
o. ras. V. d V bifchofe. G 1443 kl d a. rde, V fürten G g&ten. G 1444 ge- 
bunden ZV der glnte. G 1445 Da ftdnd manich man. G 1446 den des wunder 
nam. G 1447 fahngan. G 1448 grozziv zaichen het getan. G getan; V 

1449 Im was haiz vfi ehalt G z m heiz a. ras, V 1450 ün witz G manichnflt/ V 
manichvali G 1451 vrageten vnrern G 1452 von G funger G 1453 Si woklen 
daz zenide habn. G 1454 fi azzen vngetwagen. G 1455 Vfi G vermaz. G 1456 
indem fal G faz. G 1457 in zeftorten. G 1458 er wold in wider zimbe^ G 
1459 Do fp»ch der vil wife. G 1460 wan von finem G 1461 von in G 

1462 aber lebntich wurde. G wurde; Y 1463 Danaz Y Darnach vnlange G 

1464 fine Y fin trotpeter gegangen G 1465 in inliez. G 1466 in niem dannS 
ftiez G 1467 Das zweite v in wart aus a corr. Y wart ün ein wfp gewar. G 
1468 villaut rufit 11 (f auf ras. von d) dar. G 



DIB OEDIOHTB DER AVA 189 

daz er ir einer wäre, 
1470 den fi mit im Jkhe. 
des lougenote er do. 

Daz wip ruft im aber zf , 
fi fprach: „ei, difen galileifcen man 
[D 258] den fach man mit im gan, 
[H 173] 1475 er ne lougen ef nie fo harte, 

er was in dem garten, 
da man finen maüter fie, 

ich fach wa er mit im gie. 
I; wart ime fit ein wi^e, 
1480 do lougenot er mit fli;e, 
im ne fcach nie fo leide, 

do lougenote er mit eiden. 
da; was diu drite Itunde, 
fin herre Tah umbe, 
1485 uil gätlichen er fach, 

niuweht er im zu fprach. 
der haue ie fa crate, 

peter fich uerdahte, 
waz er habet getan, 
1490 do ilter weinende dane gan. 
mit piterme fere 

fo chlaget er iz iemer mere. 
Swa; uon dem erilen ;ite 
uone manne ode uon wibe 
1495 guter lute uure gie, 

uil luzel unfich da; uerlie, 
[G 14% a] un;e got finen fun fante 

1469 da V Ir G waere. G er w m einer wäre / a. ras, V 1470 ^ da mit 
im liehe. G 1471 Des logent der herre. daz er fin vnfchuldich wsBre. Daz er des 
niht en i»he. daz er in le gefsehe. 1472 fehU Y; Daz G da/riMich noch in Qu vil fere 
loYgent er dfl. 1473 Si fp^ch difen galileifchen man. 1474 fah G f m G 

1475 ErloYgent nie foharte. G 1476 indem G 1477 meiitor vie. G 1478 fah G 
mit im gie. G 1479. 1480 Er lougnt ab' mit flizze. iz wart im fit ein weitze. G 
longo not y 1481 lach V Im gefcbah nie folaide G 1482 do longent er mit 
dem eide. G 1483 div dritte ftnnde G 1484 fin herre der fach vmbe. G 

1485 VU gütlich G 1486 niht er im z^ G 1487 Der han fari chrsete. G {das 
i der sübe ri ist eigentümlich geschrieben; vgl 1641. 1662) 1488 bedahte. G 

1489 hete G 1490 wenende V ilt er weinende danne G 1491 bitteren 1492 
fcoh läget V do chlagt erz imm'mere. G 1493 von den ^rfben ziton. G 1494 
wibe V von mannS od' von wlben G 1495 Gut' lüte furgie G 1496 vil 
Intzel vns daz v'yie. 1497 Vntz got finen fan fände G 



190 PIPER 

2;e den eilenden landen, 
die ubelen is; uerholn waf, 
1500 mit der gedulte er umbe gurtet was, 
fwaz fo ie fanden 

uon den erlten Hunden 
uon iemen was getan, 

da; müTe alle; über in gan. 
1505 Sie cholten in die naht 
un;e an den tach, 
do heilen fi in pinten, 

fi Uten in fenden 
dem bifcolf unde den grauen, 
1510 die da geweltich waren, 
do wolte unfer herre 

dennoch liden mere. 
fi hieben den wifen 

uillen mit den [Y 120', a D 259] rifen, 
1515 mit turuinen befemen 

f lugen fie den gotefun. 
Ingreffuf pylatuf, 

den gotefun fragter fuf : 
„fag mir uon dinen tugenden, 
1520 biftu chunic der luden? 
[H 174] und ob du der gotefun bift, 

fo fich da; dft mich i; niene uerfwigeft." 
vnfer herre fwigte auer do, 
Pilatus fprach im auer 2;u: 
[Gl4^b] 1525 „war umbe fwigeftu nu? 

1498 ZV dem eilenden lande G 1499 Di vbelen ©z G ih V v'holn was. G 
1500 gednlt er vmbeg&rt was G 1502 von den erften G 1503 Do was 

getan. G 1504 müs G vber in G gan; V 1505 Si cholten in di G 1506 
vntz an den fchonen tach G 1507 ßi n (in aus m rad,) Y hiezzen ft in binden. G 
1508 fenden V fi ilten in G 1509 Den biffchofen vfi den graven. G 1510 di 
da gewaltich G 1511 wolt vnfer herre G 1512 dannoch G mere. G 1513 hiez- 
zen den wifen. G 1514 villen mit dem rife. G 1515 durnlnen G 1516 fi 
daz vnfer leben. G Bild: Christus an einer stange stehend wird rechts und links 
von zweien mit hesen geschlagen, Blutstropfen bedecken ^m. Am unteren rande 
steht: hie fing man vnfem h*ren mit gefeien, hie flagellät. . 1517 Do chom gegan- 
gen pilatus. G 1518 den gotes fnn vragt er fus. G 1519 Sage mir von ^dinen 
tungeden. G 1520 chunich der iadene. G inden/: V 1521 Vnd G gotes fnn 
fift. G 1522 fihe G dn michs niht v*fwigeft. G 1523 h're fpN5h niht do. G 

1524 pilat<^ V im aber zv. G 1525 Warumbe fwigeftn. (nu fehU) G 



DIB GEDICHTE DEB AVA 191 

ich mag tir fcaden oder frumen, 
dinef todes 

uil gewaltich pin ich des." 
Do fprach unfer herre: 
1530 „dines gewaltes nift nich mere 
war der dir geben ift; 

durch der mennifken genilt 
durch da; chom ich ze wäre 

in den gewalt der fundare." 
1535 Daunen gie der graue, 

er ne woltin niemer fragen, 
er fprach ze den hufgenozzen, 

ob fi in weiten la^en. 
er fprach an der ftunde, 
1540 da; er neheine fcache ane im funde, 
an der er fahe, 

da; er des todes wert wäre. 
„Ich hau ;wene fach man, 

der eine hei;et barraban, 
1545 der fult ir einen nemen 

unde fult in der hoch;ite geben." 
fi fprachen alle barraban, 

der folt da; leben hau, 
den uorderoten fi ;e dem libe^ 
1550 Jefum ;e dem tode. 
An den ftunden 

rSfen fi begunden, 
fi fprachen, fwer in lizze, 

der ne folt fiu niht genie;en. 
1555 fi fprachen algemeine, 

1526 ich mag dir frum od' fchaden nv. G frumen.' V 1527 Dines lebens 
oder dines todes. G 1528 vü gewaltich bin ich fin aUes. G des ; V 1529 fp*ch 
vnfer G 1530 dines G ift niht mer. G 1531 Wan der dir gegeben G 

1532 menfchen genlit. G 1533 zeware. G 1534 inden (das zweite n at^ r corr.) G 
fyndare. G 1535 Bannen G grave. G 1536 er en wolt in niemer vragen. G 
1537 fp»ch ZV den hvsgonozzen. G 1538 fi in weiden lazzen. G 1539 ander G 
1540 dehein fache funde. G 1541 and«r V faehe. G 1542 wasre. G 1543 zwen 
fchachman. G 1544 der haizzet einer G 1545 ir einen G 1546 vn fult in 
der hohzit G 1548 der fehlt, folde daz lebn G 1549 Dervorderten fi zedem 
Übe. G 1550 zv G ferner : Sibegunden fchrien vil Ivte. nim in. nim in. chrevtz 
(h Überg,) in hevte. G 1551 An de felben Hunden. G 1552 rufen G. G 

1553 wer in liezze. G 1554 der folt fin G geniezzen. G 1555 alle gemain. G 



192 PIPEB 

er tete wider [D 260] dem cheifer. 
(i begunden lute fcrien, 

(i fprachen: „tolle, tolle, crucifige eum!^ 
Alf er da; gehörte 
1560 da; fi im droaten, 
do fprach pylatus, 

wander ein gelihfenare was, 
[Q 1 5', a] er hie; in dar gan, 

er fprach y er wolte aertragen 
[H 175] 1565 fuaf fo fi im taten, 

da; er dar ane (talde ne heti. 
Do waten fi den gfiten 

in einen phellel roten, 
in fine hant eine roren, 
1570 fi taten im alfo einem tören, 
uf fin houbet die crone, 
die tr5g er nil fcone, 
uil walTe waf fi damin, 

durch unfich laid i; min trahtin. 
1575 vil harte fi fich frSten, 

uor in fi nider chniten, 
fi gruozten in uil abele, 

11 fprachen: „heil wiltu, chunich der luden !^ 
Def nift nehein lougen, 
1580 n uer[Vl20% b]bunden im fineu ougen, 
11 ;ugen in an die itra;e, 

da riebe unde arme ra;en, 
mit michelem buhe, 

uil harte fi im fingen, 

1556 tot G den G 1557 l&te fchrien. G 1558 fi fprachen fehU, crucifige 
cmcifige enm. G tolle, tolle, eoni. V 1559 erhörte. G 1560 II im dröten. G 1561 
pilatS. G ^jlB,W V 1562 wan er ein glifnsr G 1563 in G gen. G 1564 er fp^ch 
er wold y'tragon. G 1565 Swaz II im taten. G 1566 daz er des dehein fcholde 
hate. G 1567 vaiten fi den guten. G 1568 in ein phellin röten. G 1569 fin G 
ein rören. G 1570 im als einem tören. G 1571 8i iazten im vf ein chrön. G 
1572 di trAch er vU fchöne. G 1573 VU washlTe fi was dümin. G 1574 tob trag 
ti min tnehtin. G trahtin ; V 1575 fi fich vrevten. G 1576 f^ fn fi nider chni»- 
ten. G nid«r V 1577 Sigruzzten in vil vhele. G 1578 ß fprachn gegrozt wif 
du chunich, überg, d' ivden G luden; Y 1579 Des en üt dehein lovgen. G 1580 
y'hnnden (y aus b corr,) im div ovgen. G 1581 Si zvgen in an di ftraiM. G 

1582 da arm vfi riche fazzen. G 1583 wffen. G 1584 vn mit groizem r&fea. 
Vil hart fi in blowen daz muAen di IVte fchowen. G 



DIB GEDICHTE DER AVA 193 

1585 11 hieijen in wiflagen, 

wer in hete geflagen. 
Die unfaligen lute 

die warhten ein cruce, 
da fi den guten 
1590 vil crimme an ertoten, 
da; holz lach ze wäre 

in einem wiare, 
do fi i; gewarhten, 

do legeten 11 i; uf den gotefun. 
1595 Do hete er über fich genomen 

danne unf die funde waren comen 
uon dem erAem wibe 
in dem paradyfe. 
an dem hol^e hüp [D 261] fich der tot, 
1600 an dem hol^e geuiel er got lop. 
[G 15% b] do trüg er iz ie fa 

an einen berch, heilet caluaria, 
mit im trüg i; symeon, 
er habetes lu^elen Ion. 
1605 Daz cruce fi geftahten, 

fine hende 11 im gerahten, 
da wurden uier nagele 
durch criften geflagene 
[H 176] durch fine hende, 

1610 daz laider durch unfer funde, 
durch die fu^e fine, 

da? wolt er durch unfich liden 
itewi:5e genüge; 

mit michelem bühe, 

1585 vn hiezzen G 1586 in Met geflagen G 1587 Di vnfsBligen Ifte. G 
1588 di worhten ein chrevtze G 1589 Dar an Jli G guten V 1590 mit grimme mohte 
ertdten. G 1591 holtz lag zeware. G 1592 in einem wigaere. G 1593 fi iz geworh- 
ten. G 1594 do legten fi iz vf vnfern traehtin. G 1595 Do het G 1596 dann 
vns di G warn chom. G 1597 Von G erften wibe. G 1598 in dem padife. G 
1599 holtz hÄb G 1600 holtz da tot in got. G 1601 trug G iefa. G 1602 vf 
einen G hiczet V hiez G 1603 im trüg iz fymon. G 1604 er het fin aber 
lutzel G Ion; V Büd: Jesus trägt gebückt das kreuz, vor ihm ein Jude mit spitz- 
hut, hinter ihm Simon G 1605 Daz G ffcahten. G 1606 ün G fi in rah- 

ten. G 1607 wrden dri nagel. G 1608 chrift geflagen. G 1609 fin G 1610 
leid er G fiTnde V 1611 Vn och durch di fuzze fin G 1612 wold G vns 
liden. G 1613 Itwizze genüge. G genüge V 1614 wffen. G 

SBIT80HB. V. DBI7T80HB PHILOLOOIB. BD. XIX. 13 



194 PIPER 

1615 uil harte frouten fi fich, 
fi fprachen: „nu ftich 
abe dem cruce, 

fo geloube wir dir." 
[6 15"", a] Do fprach er da? in durfte, 
1620 da!5 uernamen die furAeu, 
neheinef leides fi ne bedro?; 

ich wane man ijefamene go? 
ezzich und gallen 

dar ?ü rieten fi alle, 
1625 daz i? im fcancte 

unde in damit trancte. 
Iz warin lait oder liep, 

er ne wolte ön niht. 
do heten fi in gehangen 
1630 zwifchen zwein fchachmannen. 
der eine hin ze ime fprach, 

finer funden er lach: 
„nu gehuge min, herre miner, 
fo du chumeft in din riche!" 
1635 er fprach: „?e wäre fage i? dir: 

du bift hiute in paradyfo mit famt mir. 
Do fprach der ander fchachman: 

„dlv red was vbel getan, 
Mohter iemer frum wefn, 
1640 fo w8Br er fselbe genefen." 
Des antwrte im farl 

der gut fchachaere: 
„Swaz fo ich lide, 

daz ift umb min fvnde; 

1615 Vil G frevten fi fich des. G 1616—1618 H fprachen ginch her ab. 
fi fili9 d'i es. G 1616 ftich V Bild: Christus am kreuz schaut auf die links 

stehende Maria. Aus händen, fassen und seite fliesst bhU, Bechts steht Johan- 
nes. Am untern rande des hlattes steht: hie martert man vnPn h^ren. G 1619 in G 
1620 v*namer di G 1621 Deheines G fi verdröz. G 1622 waene G zefamen 
goz. G 1623 Ezzich vn G 1624 da? ?d V zv. G fi G 1625 Daz man imz 
fchanchte. G 1626 vn in G tranchte. G 1627 Ez w8Br in G lip. G 1628 em 
wolt fin trinchen niht. G 1629 he | ten V in G 1630 zwifchen zwein fchaeh 
fehlt V 1631 hin | ze V Der ein hintz im G 1632 finer G dr ver lach. G 
1633 nuge | huge V Gedench min lieber herre min. G 1634 chnmit G in- 1 

din y in daz rieh din. G 1635 zewar fag ich G 1636 hiat I padif mit mir. G 
mir, V 1637—1648 fehUn V 



DIE GEDICHTE DER AVA 195 

1645 Daz er lidet den tdt, 

des entwlnget in dehein not 
Wan fin einvaltiglv gute 

durch des menfchen note. 
Da? plftt uon abele 
1650 da? ruofte in di hohe 
räche an fineme brSder, 
i? ne geftilte niemer, 
un?e unf der niu adam 
fines uater hulde gewan, 
1655 da? er da? plüot an die erde liez, 
all er Abrahame gehie?, 
[H 177] da? plut rSfte iemer mere : 

„nu wis genadich, [D 262] herre!" 
[G lö"", b] Under da? cruce was gegangen 
1660 fin müter unde fante Johannes, 
do fprach der gotef fun 

?e fante maBien: 
„fich, wip, di?e ift din fün!" 
da? maint er an fich felben, 
1665 da? er da? chorter wäre, 
da? er uon ir name. 
diu gotheit was der angel, 

den uerüant der alt flange 
ime wart da gare gelonot 
1670 dar würgete der ewi[Vl20% a]ge tot. 
Hin ?e dem iungeren er fich cherte, 

den er geminnet hete: 
„fich, di?e ift min müter." 
do beualch er die guten 
1675 fante Joanne 

1647 g&te G 1649 blut von G 1650 rufet in G 1651 Each G finem 
bruder. G 1652 ez engeftillet nimmer G 1653 Vntz vnf der niwe G 1654 fines 
vater G 1655 blüt G di G liez. G 1656 alf erz abrahamen G gehei?/ V 
1657 bl&t r&ft imm'mer G 1658 genaedich G herre, V 1659 Ander V ünder G 
chrftce chom gegange. G 1660 mut V mvter vfi fände Johannef. G 1661 fp^ch der 
gotis fun. G 1662 zv finer mut* fände Marien. G 1663 wip ditz G dIn 

fvn. G fnn wip/ V 1664 meint G 1665 chörder wsBre. G 1666 von ir 

nsame. G 1667 Div G Vor angel ras, v. na, rvie es scheint G 1668 v*flant G 
1669 Im G gar gelonet. G 1670 da erwrget in der ßwige tot. G wargete V 
1671 Hintz dem ivnger G chert. G 1672 geminnet hßt. G 1673 ditz G 

din mat' G 1674 bevalch G di G 1675 Sancto Johanne. G 

13* 



196 PIPER, DIE GEDICHTE DER AVA 

fi beidu ein audere. 
Do huber ain Itimme, 

do lerte unf die uiande minnen, 
er fprach: „nu uergip in, herre uater got, 
1680 fi ne wi?;en wa fi tont." 
i^eiuer fexte da; ergie, 

da; maniu an den galgen hie. 
da uaht er in agone 

da; chanf un;e an die none. 
1685 do wart gefceiden der ftrit, 

do gefigte unf der liep, 
er fprach: „i; ift aluerendot!" 

do giengi; an den tot, 
do gefchiet fin heiligiu feie 
1690 uon dem liplichen fere. 
durch unfich leider die not: 

nu fehet, wi ir im fin lonot! 

1676 beidev an ein ander. G andere ; V 1677 hub er ein G 1678 da- 
mit lert er vns dl veinde minne. G 1679 Er fp'ch nu v*gib in vat* gut G 
1680 fi enwizzen niht waz fi tvnt. (n aus t cor.) G 1681 Zeder 1682 man 
in anden G 1683 Do vaht er in G 1684 den champh vntzan di G 1685 ward 
gefcheiden den Itrit. G 1686 gefigt vns der ewige lip. G 1687 iz ift allez 
v*endot. G 1688 gieng iz anden tot. G 1689 Do fehlet fin heiligev G 
1690 von dem lichamcn fere. G 1691 vns leid er di G 1692 wie ir im fin 

lönot. G lonon; V 

(Schluss folgt.) 



MUSPILLI V. 82 
bietet die handschrift: lossan, sih ar der: le:::\\uazzon fcdl imo ha- 
uar sin lip piqueman. Welche w^örter reimen hier? welches ist als 
überzählige hebung zu streichen? Schon 1832 bemerkte Schmeller, dass 
V. 73 die handschrift Jcilutit bietet, während der Verfasser, auf 
himilisca hörn reimend, kihlutit gesprochen haben muss. Dass hleo 
allein für „grab, grabhügel, grabmal" genügt, beweisen älteste glossen, 
wie j,tumolus, sepulcrum: hleo'' Gl K. ßa. j,mausoleum^ sepulchrum: 
Uaeo, crap."' ßa. Steinmeyer - Sievers 1, 262, 206 und Helj. 5805: ^^the 
engil im uppan them hleuue gisat.^ Demnach wird zu schreiben sein: 
sih lossan dr demo hlewe, oder: sih lossan dr dSn hl^wen; scdl 
imo dmr sin lip piqueman. So auch wird die in alliterierenden gedich- 
ten, und auch im Muspilli übliche synonyme entsprechung erhalten: 
V. 81 arsten — moltu, 82 lossan — hlewe (n), 

HALLE. J. ZACHEB. 



197 



STEINHÜWELS AESOP. 

Obwol Steinhöwels^ Aesop keine originalschöpfung ist, welche 
der litteratur neue bahnen eröfnet hätte, lohnt es doch der mühe auf 
die bis dahin nur unvolkommen bekante geschichte eines buches ein- 
zugehen, das seiner zeit eine so gute aufnähme fand, dass es nicht 
nur mehrere male wider abgedruckt, sondern auch vielfach, direkt und 
indirekt, übersezt wurde. Dauernd ist dieser, fast möchten wir sagen 
enthusiastische, beifall freilich nicht gewesen, ganz bei seite gelegt 
hat aber die zeit das werk so wenig , dass es noch in unserm Jahrhun- 
dert fern von seiner heimat eine neue Übersetzung und in seinem vater- 
lande eine neue aufläge, wenn auch nur für gelehrte, erlebt hat. 

Die erste um 1480* s. 1. a. et typ. (bei Sorg in Augsburg, 
Hain nr. 325) erschienene ausgäbe wurde nach Hain zweimal in glei- 
cher weise (Hain, nr. 326 u. 327^), sodann von Leeu 1482 in opido 
Goudensi (H., nr. 328) und 1486 Antverp'ie (H., nr. 329) wider aufgelegt. 

Bei dieser aufzählung ist indessen eine ausgäbe übersehen wor- 
den. Wir meinen diejenige, von welcher sich ein abdruck in der 

1) Die nachrichten über sein leben zusammengestelt von A. v. Keller im 
51. bde der biblioth. des Stuttgart, litter. Vereins, 1860: Steinhöwels Decameron, 
s. 673—676. 

2) Auf diese Jahreszahl schliessen wir , da das buch die zuerst 1474 in Mai- 
land herausgekommene Vita Esopi per Kimicium (s. L. Hain, Repertor. Bibliogr. 
Stuttg. 1821 , nr. 274) enthält und 1482 von Leeu abgedruckt wurde (H. nr. 328). 
Will man darauf gewicht legen , dass die Mailänder ausgäbe von 1476 die 5. fabel, 
wie Steinhöwel seine dritte, mit De lupo et hirco überschreibt, während der druck 
von 1474 De lupo et trago sezt, so kann man den Zeitraum, innerhalb dessen das 
buch erschienen sein muss, noch um zwei jähre kürzen. 

3) Von dieser ausgäbe besizt das brittische museum zwei exemplare: 167. f. 12 
und G 7831. Jenes zeichnet sich dadurch aus, dass zwei selten desselben (bl. 16** 
nnd 21") verdruckt sind. Daher hat sich an bl. cij* (16*), welches mit mittebat 
q q m (Oesterleys Steinhöwel, Stuttg. litt. Verein, bd. 117 (1873) s. 30, z. 28) 
endet, das terprotari nosciebatdes bl. CVII* (21*) z. 1 (Oesterl. a. a. o.) anzuschlies- 
sen, und an diese seite, welche mit acccpissot lycurg® (Oesterl. s. 31, z. 16) schliesst, 
widerum longo tristatus est (Bl. CHI •, 17 *, z. 1. Oesterl. a. a. o.). Die mit Execro 
(Oesterl. s. 38, z. 4) beginnende b seite dos blmes cij endlich solte erst der auf 
interfici (Oesterl. a. a. o.) ausgehenden b seite des 20. blattes (cvj) folgen. Der 
rückentitel des wol in der ersten hälfte unseres Jahrhunderts gebundenen buches 
sagt: Aesopi | Pabulae | Typis | Ant: | Sorg. | Aug: | Vindel. 1 S. A. | , der 1883 
gedruckte band des bibliothokskatalogs vermutet das buch sei an genantem orte bei 
Erhardt Batdolt 1490 herausgekommen. 



198 KNUST 

bücherei des brittischen museums unter dem zeichen C. 19. d. 5 (1884) 
befindet. Bl. 1* ist unbedruckt, ßl. 1**: Esopvs (ein holzschnitt). Bl. 2": 
Vita Esopi fabulatoris clarissimi e greco latina per Eimicium | facta ad 
reuerendissimum patrem dominü Cardinalem. | Bl. 21* (C VI*) Registrum 
fabularum Esopi, in librum primum. Bl. 21^ beginnen die fabeln des 
Eomulus. l Bl. k iij (67'): Finit qrt9 Esopi nee plures ei** libri inue- 
niunt' licet plures ei^ | fabule adhuc reperte sint, qua^ alique sunt 
osequenter posite | Fabule Esopi antique extrauagätes dicte sequütur. 
Bl. mij^ (80^): Registrum fabularum pdictarum extrauagantium. Nach 
dem register : Sequütur fabule noue Esopi ex transiatione (sie) remicij 
Bl. n ij (86 ^) : Registrum fabularü pdictarü qs Eemicius trästulit | Bl. 
n iij* (87'): Sequüntur fa. auiani qrü registrü post subiungitur | Bl. p 
ij', (100'): Fabularum Auiani antedictarum Registrü sequitur. | Bl. p 
ij\ (100^): Hortatio Prima ad sapiäm et veram amiciciam ex | Adel- 
fonso. I Bl. 114** (q VIII): Finis diuersarum fabularum. Gotische 
buchst. ; grosse anfangsbuchst, und holzschnitte. 42 zeilen auf der vol- 
len Seite , z. b. bl. 8 ^ Nach dem bibliothekskatalog des britt. museums 
in Strassburg bei Heinrich Knoblotzer 1485 erschienen. 

Inhalt dieser fabelsamlung ist : 1) die mehrmals erschienene vita 
Esopi per Riraicium facta (H. nr. 274 usw.), d. i. eine Übersetzung des 
von Planudes (erste hälfte des 14. jahrh.) abgefassten lebens des Aesop;^ 
— 2) 80 fabeln des Romulus in 4 büchern von je 20 nummern * mit 
deren versifizierter fassung des sogenanten Anonymus Neveleti;* — - 
3) 17 Fabule extravagantes* Esopi antique; — 4) 17 der hundert von 
Renücius übersezten fabeln Aesops, nämlich nr. 2, 3, 5, 7, 10, 15, 21, 
40, 43, 53, 68, 70, 74, 90, 97, 100 und 18; ^ — 5) 27 der 42 fabeln 

1) J. N. Neveletus, Mythologia aesop. Prancofurti 1610, s. 4—82. 

2) Diese einteilnng unterscheidet sich von der gewöhDlichen dadurch, dass 
sie die 8. fabel des zweiten zur 13. fabel ihres ersten buches macht, und im vier- 
ten buche, welches sonst 22 fabeln hat, dessen 13., 14. und 22. nicht bietet, dage- 
gen aber als nr. 20 diejenige, welche als nr. 18 des Appendix zu Oesterleys aus- 
gäbe des Romulus (Berlin 1870) aufgeführt wird. 

3) A. a. 0. s. 486—527. 

4) Wol mit bezug auf den kanon des Eomulus so genant. VTie aus einer 
nicht ganz richtig geworteten bemerkung Schmidts in dessen ausgäbe der Disciplina 
clericalis, Berlin 1827, s. 25, erhell^ finden sich diese fabeln auch als samlung ver- 
eint in der Breslauer handschrift, nach welcher das genante werk des Petrus Alfonsi 
veröffentlicht wurde. 

5) Während in Steinhöwel fast jeder dieser fabeln eine moralische lehre zu 
anfang und am ende beigegeben ist, haben alle mir bekanten ausgaben der Über- 
setzung des Eemicius, welche hierbei in betracht kommen können (d. h. die oben 
angeführten und die von 1479 und 1480, so wie die wahrscheinlich römische von 



STEINHÖWELS AE80F 199 

Avians,! indem deren nr. 4, 10, 12, 16, 21, 23, 24, 30, 32, 34, 36 — 
39 und 40 ausgelassen sind; — 6) Fabule collecte d. i. 15 (richtiger 
16) geschichten der Disciplina clericalis des Petrus Alf onsi, ^ 7 der 
Facetie Poggii^ und endlich, als 23., die Fabula de vulpe et gallo et 
canibus.* So erhalten wir im ganzen 164 fabeln. 

Einer kleinen änderung unterworfen erschien derselbe text in 
Esopi appologi siue mythologi cum | quibufdam carminum et fabularum | 
additionibus Sebastiani Brandt. (Bl. 1'). Impressi Basilee ope- | ra et 
impensa magistri Jacobi de Phortzheim : An- | no dominice incamatiöis 
primo post quindecim cen- | tesimum. (leztes bl.) Dieses buch bringt 
in seinem ersten teile (123 bl.) den oben angegebenen text Steinhöwels, 
jedoch mit dem unterschiede, dass am ende des 3. buches der fabeln 
des Eomulus die von Steinhöwel nicht aufgenommenen des Anonymus 
Neveleti mit beigäbe einer prosaischen fassung derselben folgen, d. h. 
De judeo et pincerna latrone und De cive et milite servientibus uni 
domino.* Dagegen werden nr. XV, XVI, XVIII und XIX der Fabule 
collecte ausgelassen. Überdies geht jeder von Steinhöwel nur in prosa 
mitgeteilten fabel diese selbst oder eine auf sie bezügliche moral in 
distichen voran (d. h. den fabeln von buch III , 8 u. 20 ; IV, 1 — 20 ; 

1476, Hain nr. 276, 277 nnd 270) nur eine am ende. Dem sinne nach entspricht 
diese immer der Steinhö welschen am anfange. Der bezeichnete unterschied zwischen 
beiden texten scheint daher auf eine vom Uhner arzte vorgenommene änderung zu 
deuten. 

1) Nevelet a. a. o., s. 454— 485. 

2) Nr. 1 = Diso. clor. H, 7-10 und III—IV, 1 ; nr. 2 = XVI, 1—10; 
nr. 3 = XVII, 1 — 12; nr. 4 = XVIII, 1 — 8; nr. 5 = XX, 1—8; nr. 6 = XXm, 
1-6; nr. 7 = VIH, 1-4; nr. 8 = XII, 6=XIII, 6; nr. 9 = XXIV, 1 — 6; 
nr. 10 = XII, 1—4; nr. 11 = XIV, 1—8; nr. 13 =. X, 6—8; nr. 14 = XI, 
1 — 4; nr. 15 = XX, 1 — 8. Nr. 12 musste in diesem nachweise übergangen wer- 
den, weil es sich in dem uns erhaltenen texte der Discipl. der. nicht findet. Das 
ist natürlich kein grund anzunehmen, das Steinhöwel vorliegende exemplar habe die 
geschieh te nicht enthalten. Dass sie im mittelalter umlief, beweist ihre 1315 von 
Adolphus versifizierte fassung bei P. Leyser, Historia Poetarum et Poematum Medii 
Aevi, Halae Magdeb. 1721, s. 2008fgg., 35 dist. 

3) 1. Nr. XVI auf bl. 158** der Pacetiae in Poggii Opera, Argentine 1513; 
2. nr. XVII auf bl. 157»; 3. nr. XVIII auf bl. 158»; 4. nr. XIX auf bl. 161»>; 
5. nr. XX auf bl. 157**; 6. nr. XXI auf bl. 160 ^fg., jedoch mit ausnähme des Schlus- 
ses: Id quoque vera relatione etc. Dieser scheint, wie das „adicimus" andeutet, 
von Steinhöwel hinzugefügt zu sein, ist auch ohne Übersetzung gelassen worden. 
7. nr. XXn auf bl 161 \ 

4) S. Vulpes et Gallus gallinaceus in Aesopi Phryg. fabulae auct. J. Came- 
rario, Tubingae 1538, bl. 110. 

5) Nevelet a. a. o., s. 527 — 530. 



200 KNTJST 

Extravag., Kemicii und coUecte), so wie andererseits jeder von Stein- 
höwel nur versificiert gegebener fabel Avians eine prosaische fassung 
derselben. Dem so abgeänderten werke (von 123 bl.) folgen, eingeleitet 
durch eine vorrede Sebastian Brants, die von ihm zusammengestelten 
fabeln in distichen und prosa, zuweilen mit angäbe ihrer quellen, als 
Ovid, Horaz, Juvenal usw. (77 bl.). 

Seinen lateinischen Aesop übersezte Steinhöwel selbst ins Deut- 
sche „nit wort vis wort, funder fin vfs fin ze lob und ere dem 

durchlauchtiglten fürlten vnd herren Herren Sigmunden herczogen zu 
Oester reich." Dabei sendete er dem buche einige werte über dessen 
nutzen und die bedeutung der fabeln überhaupt voraus, fugte auch 
ausserdem noch eine „Entfchuldigung fchrybens lychfertiger fchimpfred" 
(Oesterl. s. 342 fg.) ein. Original und Übersetzung wurden zusammen 
von Joh. Zeiner in Ulm s. a. herausgegeben (H. nr. 330). 

Allein erschien darauf der deutsche text, aber mit beigäbe der 
„hiftori figifmunde der tochter des fürften Tancredi von Salemia vnd 
des iunglings GwiAardi" ^ s. 1. a. et typ. (Günth. Zainer in Augsburg 
H. nr. 331) und bei Anton Sorg in Augsburg 1483 (H. nr. 335), sodann 
ohne die genante zugäbe dreimal s. 1. a. et typ. (H. nr. 332 — 334) 
und sechsmal in Augsburg, nämlich zweimal bei J. Schobsser 1485 
und 87 (H. nr. 336 fg.), dreimal bei J. Schönsperger 1491 (H. nr. 338), 
1496, aber ohne seinen namen (H. nr. 339) und 1498 (H. nr. 340), 
endlich noch bei J. Froschower 1504 (A. Gödeke , Grundriss der Gesch. 
der deutsch. Dichtung 1862, s. 139). 

Zusammen mit einer deutschen Übersetzung von Brants fabeln 
kam diejenige Steinhöwels nach Gödeke a. a. o. zuerst wahrscheinlich 
1508 heraus, sodann in Freib. im Br. bei Joann. Fabr. 1535 (Gödeke 
a. a. 0.), ferner 1539 bei St. Graff unter dem titel: Efopus leben | vnd 
fabeln : mit fampt den fabeln Auiani : | Adelfonfi , vnd etlichen fchimpff- 
reden Pogij. Darzu vßzüge | fchSner fabeln vn exempeln doctors Seba- 
ftian Brant | alls klärlich mit fchSne figurn vn regiAern vßgeftriche. 
Ebd. 1545 und 1555,^ ferner nach Gödeke a. a. o. noch 1569. Wie 

1) S. Steinhöwels übers, des Decameron IV, 1, Kellers ausg. 8.247 — 256. 

2) Die von Graif herausgegebenen ausgaben enthalten in ihrem ersten teile 
nicht etwa, wie man vermuten könte, eine Übersetzung des von Sebast. Brant abge- 
änderten Steinhö welschen Aesop, sondern einen so genauen abdruck von dessen 
deutschem texte, dass wir selbst die bemerkung dieses ersteren zu der achten latei- 
nischen, von Steinhöwel nicht ühersezten und bei Graff nicht mitgeteilten fabel des 
8. buches des Komulus (Oesterl. s. 152) hier lesen (Bl. XLV *> der ausg. 1545 u. 55. 
Die mir zugängliche ausgäbe von 1539 ist unvolständi?). Dass Grajff die von Stein- 
höwel seinem buche nachgesezten „Gemainen Punkten der Maturi dis Buchlins** 



STEINHÖWELS AESOP 201 

für diese ausgäbe, so muss ich auch für diejenigen von Frankfurt 1608, 
0. 0. 1616, Erfurt 1617 und Frankfurt 1622 auf die genante autorität 
verweisen. Die lezte ausgäbe dieser art kenne ich jedoch wider aus 
eigener anschauung : Der gantze | Lehr- vn Sinreiche Fabeldichter | Efo- 
pus: I das ill, | Das gantze Leben vnnd | fabeln Efopi: | Samt einem 
Anhang der Fabeln | Auiani usw. Alles mit fchSnen Figuren zu besse- 
rer Ein- I bildung in Druck gegeben, (holzschnitt) | Zu Bafel, Anno 
1676. 452 s. ohne das register von 12 s. Kl. oct. Hier fält die bemer- 
kung über die 8. fabel des 3. buches fort, in folge dessen zählt dies 
buch jezt richtig 19 nummern. Auffallen muss dass die fabeln Stein- 
höwels und Brants unter einander gemischt werden, zunächst nämlich 
treffen wir hier die des ersteren bis zu den aus Kemicius entlehnten 
(s. 72 — 226), dann folgen die fabeln Brants als der ander teil (s. 227 

— 363) und endlich schliessen die fabeln Auiani - Adolfonsi ab (s. 364 

— 452). 

Widerabdrücke des Steinhö welschen Aesop bis zu den fabeln 
Avians: 1) Erneuerter Efopus: | das ift: | Das gantze Le- | ben und 
Fabeln Efopi, fo \ ihme pflegen zugeeignet werden | (holzschnitt) | Alles 
klärlich und nutzlich zu- | fammen getragen, und anjetzo | an vielen 
Orten verbef- | fert. | Zuvor niemals alfo gedruckt, s. 1. a. et typ. 238 s. 
kl. oct. 

2) Der wahre | und Erneuerte Efopus, | das ist: | Das ganze 
Leben usw. (aber : zugeeignet zu werden), s. 1. a. et typ. 240 s. kl. oct. 
Den ersten dieser beiden drucke sezt der bibliothekskatalog des brit- 
tischen museums ins jähr 1600, eine bemerkung im buche selbst sagt: 
Printed probably at Nuremberg circa 1550. The Cuts are by Virgil 
Solis. (f 1563.) Die zweite ausgäbe, deren holzschnitte sehr abge- 
nüzt sind , lässt derselbe katalog um 1800 gedruckt werden. Sie unter- 
scheidet sich von der ersteren ausser dem drucke selbst besonders 
dadurch, dass sie von s. 231, wo die „Neue Fabeln gedieht durch 
Kemitium " enden bis ans ende s. 240 eine „ Kurzweilige Zugabe " 
bringt: Was ist das Lachen (mit anecdoten aus Valerius Maximus 
[z. b. IX, XII, ext. 6] u. a.) s. 231; Der seltsame Eeimer s. 233; Der 
alte Wirth, Der bedachte arme Bürger, s. 234; Der lüsterne Edelmann, 
S.235; Neue Brillenmacher -Kunst (ein ganz kurzer auszug der 63. hi- 
storie Eulenspiegels); Der sorgfältige Schuldmann , Bezahlungs - Vermit- 
telung, s. 237; Der verspottete Kath, s. 238 und der plumpe Bauer, 
S. 239. 

UDd ein register zwischen Stoinhöwels einleitung und das leben Aesops sezt , bedarf 
kaum der erwähnung. 



202 



KNUST 



Ein zwar noch auf Steinhö weis Aesop beruhender , aber oft ver- 
änderter druck liegt uns vor in : Neu - vermehrter | Aesopus : | Sein 
Lebens -Lauff, und alle ihm zugeschriebene, wie auch ande- | rer be- 
rühmten Männern lehr -reiche | Fabulen: Nebft D. M. Lut. Vorrede. | 
Zu der Jugend Ergetzlichkeit , Lehr- | und Warnung auffs neue auß- 
gefertigt. | (Holzschnitt) | Gedruckt bey Thomas von Wiering , im | gfil- 
den A, B, C, in Hamburg, s. a. (1730 nach dem schon angeführten 
katalog). . 184 s. ohne das nicht paginierte register von 6 s. Duodez, 
151 gezählte fabeln. Von der abteilung der fabeln nach ihrer herkunft, 
wie wir sie bei Steinhöwel sehen, ist hier nur noch eine spur übrig 
geblieben, welche zugleich für die unzweifelhafte beziehung dieser 
samlung zu der Steinhöwelschen zeugnis ablegt. Es weirden nämlich 
die der 97.* nummer folgenden bezeichnet als: Neue Fabeln | Gedicht 
durch Eimitium | welche dem Efopo auch zugefchrieben werden. Hier 
treffen wir alle diejenigen fabeln, welche Steinhöwel aus Eemitius ent- 
lehnte. Von denen Avians werden aber nur noch die 24. (als 108.), 
117. (als 110.) und 130. (als 112.) mitgeteilt, von den „gesammelten*' 
endlich gar keine. Dagegen bringt dieser text noch folgende: 

Nr. 107)^ Vom Zwerg und Jupiter. 
109) Vom Lerchen. 
111) Vom Waldtbruder und einem Bauren. 

113) Vom Raben und Wölffen. 

114) Der Fuchs und Wiesel. 

115) Ein ungeschmückt Pferd. 

116) Von einem Vater und seinen Kindern (Nevel. Aes. nr. 174). 

117) Zween Esel. 

118) Ein Bauer und Reuter. 

119) Ein Pferdt und Esel (Nev. Aes. nr. 125). 

120) Vom Fuchs und Igel. 

121) Vom Fejertag und Wercktag. 

122) Ein Hund und Wolff (Nev. Aes. nr. 35). 

123) Ein Hund, Hahn und Fuchs (Nev. Aes. nr. 36). 

124) Von Mäusen (Odo von Ceringtonia s. Jahrb. für roman. u. 
engl. Literat., 9. Jahrg., 1868, s. 142, nr. XXVI, Kirchhoff, 
Wendunmuth, VH, 105). 

1) Genauer 96, da bis za dieser nummer alle von Steinhöwel nnter Bomulns 
und Extravag. mitgeteilten fabeln mit ausnähme der im deutschen texte nicht vor- 
handenen ni, 8 abgedruckt worden sind. Dabei begegnet es dem zabler mitunter, 
dass er in die Zählung seiner vorläge übergeht, so folgen auf nr. 29 unerwartet 
nr. 10 — 17 in Übereinstimmung mit Steinhöwels 10 — 17 des 2. buchea. 

2) 114 nach richtiger Zählung. 



8TEINHÖWELS AESOP 203 

Nr. 125) Ein Haußvater und Hund. 

126) Ein Fuchs und Bauer. 

127) Zweene Hunde. 

128) Vom Weib und Artzt. 

129) Ein Esel der oft seinen Herrn verändert (Nev. Aes. nr. 45; 
Kirchhoff VH, 149). 

130) Ein Fledermauß und Wiesel (Nev. Aes. nr. 109). 

131) Eind Wildtschwein und Fuchs (Nev. Aes. nr. 54). 

132) Ein Maulesel (Nev. Aes. nr. 140). 

133) Zween durstige Frosch (Nev. Aes. nr. 19). 

134) Vom Vogelsteller und Lerchen (Nev. Aes. nr. 46). 

135) Zweene Hunde und ein Koch. 

136) Ein Fuchs, Esel und Low (Nev. Aes. nr. 116). 

137) Vom Hauß- Herren und seinen Hunden (Nev. Aes. nr. 23; 
Kirchhoff VH, 120). 

138) Ein Ochsentreiber und Hercules. 

139) Vom Esel ders Heiligthum trug (Nev. Aes. nr. 261). 

140) Eine alte und junge Mauß, Katze und Han. 

141) Von einem Wandersmann. 

142) Vom Vater, Sohn und Esel (Asinus vulgi). 

143) Der Welt Danck (Nev. Aes. nr. 173, Kirchhoff VII, 73). 

144) Sperling. 

Vorangeschickt ist dem buche auf der rückseite des titelblattes 
ein „Judicium Dr. Mart. Lutheri über den Fabeln Esopi, in der Auß- 
legung des 101. Psalms."* und sodann s. 3 — 8 die „Vorrede des Doctor 
Martini Luther." (zu Etliche Fabeln Aesops von LXither verdeutscht 
samt einer schönen vorrede 1539).^ 

So ist das buch im laufe der zeit mehr und mehr verändert 
worden, bis in unsern tagen eine neue ausgäbe desselben in der latei- 
nisch-deutschen fassung als 117. band der bibliothek des Stuttgarter 
litterarischen Vereins (1873) wider erstanden ist. 

Kurze zeit nachdem Steinhöwel seine deutsche Übersetzung vol- 
lendet hatte, arbeitete bruder Julian Mache an einer französischen. Sie 
scUiesst sich eng an das original an, lässt jedoch von den fabule col- 
lecte nr. XIII, XIV und XVI aus. Nach Brunet^ wurde sie zu wider- 

1) S. Luthers Werke, herausg. von J. K. Irmischer, Erlangen bd. 39 (1846) 
8.33, z. 16—22. 

2) Werke, bd. 64 (1855), s. 350 — 353, mit ausschluss der drei absätze, die 
mit: Darüber, Darurob und Was sonst beginnen, s. 352 fg. 

3) Manuel du Libr. 5 Ed. Paris, bd. I (1860), sp. 93 fg. 



204 KNTJST 

holten malen aufgelegt: 1) Lyon, Mathis Suez 1484; 2) ebd. 1486; 
3) ebd. par P. mareschal et B, Chaussard 1499; 4) s. L a. et typ.; 

5) Paris, s. a., par la Yefue J. Trepperei et J. Jehannot (um 1520); 

6) Paris, s. a., par A. Lotrain; 7) Lyon, Cl. Nourry et P. de Yingle; 
8) Lyon, par la Veufue de feu B. Cliaussard 1531; und 9) Anuers par 
J. Le Graphier, pour Gregoire Bont 1532. 

Auf Machos französischer Übersetzung beruht die englische, 
welche von Caxton ^ in demselben jähre wie der erste druck jener, 
d. h. 1484, herausgegeben wurde. Gleich ihrem originale lässt auch 
sie nr. XIII, XIV und XVI der fabule coUecte aus, fügt aber den aus 
Poggio entlehnten Facetiae noch vier andere in Übersetzung bei, näm- 
lich 1) diejenige der Contentio duarum meritricum de tela linea,^ 
2) De Florentino qui equum emerat.^ 3) De duorum contentione pro 
eodem insigni armorum* und 4) De temerario qui asinos curabat^ 
Abgeschlossen wird endlich mit zwei englischen schwanken, welche, 
da sie culturgeschichtlich nicht ohne bedeutung sind, hier eine stelle 
finden mögen. 

There was in a certayne towne a widower wowed a wydowe 
for to have and wedde her to his wyf and at the last they were agreed 
and sured togyder. And whem a yonge woman , beynge servaunt with 
the wydowe , herd therof she came to her maystresse and seyd to her: 
„Alias, maystresse, what have yedoo?" „Why?" sayd she. „I have 
herd say" sayd the mayde, „that ye be assured and shalle wedde 
suche a man." „And what thenne?" sayd the wydowe. „Alias, sayd 
the mayde , „I am sory for yow by cause I have herd saye that he is 
a perillous man, for he laj'^e so ofte and knewe so moch his other wyf 
that she deyde therof. And I am sory therof that yf ye shold falle 
in lyke caas." To wliome tbe wydowe answerd and sayd: „Forsothe 
I wold be dede, for ther is but sorrowe and care in this world." This 
was a curteys excuse of a wydowe. 

Now thenne I wylle fynyshe alle these fahles wyth this tale 
that foloweth whiche a worshipful preest and a parsone told me late. 
He sayd that there were dvellynge in Oxenford two prestes, bothe 
maystres of arte of whome that one was quyck and coude putte hym 
seif forth, and that other was a good symple preest. And so it hap- 
ped that the mayster that was perte and quyck was anone promoted 

1) W. Blades, The Life and Typography of W. Caxton, London VoL II 
(1863), s. 158. 

2) Poggii Florentini Opera Argentinae Joh. Knoblovch 1513, bl. 164**. 
3)B1. 173^ 4)B1. 177». 5) Bl. 165^ 



STBINHÖWELS AESOP 205 

to a benefyce or tweyne and after to prebendys and for to be a dene 
of a grete prynces chappel, supposynge and wenynge that bis felow, 
the siuiple preest, shold never have be promoted, but be alwey an 
annuel or, at the most, a parysshe preest. So after longe (it happed) 
that this worshipful man , this dene , came rydynge into a good paryssh 
with a X or XII horses, lyke a prelate, and came into the chirche of 
the sayd parysshe and fond there this good symple mau , somtyme bis 
felawe , whiche cam and welcomed hym lowely. And that other badde 
hym „Good morowe, mayster Johan" and toke hym sleyghtly by the 
band and axyd hym where he dwellyd. And the good man sayd: „In 
this paryssh." „How", sayd he, „are ye here a sowie preest or a 
paryssh preste?" „Nay, sir", said he, „for lack of a better, though 
I be not able ne worthy, I am parson and curate of this parysshe." 
And thenne that other avaled bis honet and said: „Mayster parson, 
I praye yow to be not displeasyd. I had supposed ye had not be 
benefyced. But, mayster'', said he „I pray yow, what is this bene- 
fyce worth to yow a yere." „Forsothe", sayd the good symple man, 
„I wote never, for I make never accomptes therof, how wel I have 
had hit four or fyve yere." „And knowe ye not", said he „what it 
is worth. It shold seme a good benefyce." „No forsothe", sayd he, 
„but I wote wel what it shalle be worth to me." „Why", sayd he, 
„what shalle hit be worth?" „Forsothe", sayd he, „yf I doo my 
trewe dylygence in the eure of my parysshes in prechyng and techynge 
and doo my parte, longynge to my eure, I shalle have heven therfore, 
and yf theyre sowles ben lost or ony of them by my defawte I shall 
be punysshed therfore. And herof am I sure." And with that word 
the ryche dene was abasshed and thought he shold be the better and 
take more hede to bis eures and benefyces than he had done. This 
was a good answere of a good preest and an honest. And here with 
I fynysshe this book translated and emprynted by me william Cax- 
ton usw. 

Wie die englische, so hat auch die niederländische zuerst 1485 
in Antwerpen, wahrscheinlich bei Leeu (H. 361), dann 1498 in Delft 
bei H. Eckert (H. 362) herausgekommene Übersetzung den französischen 
text zur Voraussetzung. Ausserdem dass in ihr, wie natürlich, die von 
ihrem originale unterdrückten nummern XIII, XIV und XVI der fabule 
collecte fehlen, bringt sie auch, ich urteile nach der Delfter ausgäbe, 
deren nummern X — Xll und XVII — XIX nicht. 

Welcher text des Steinhöwelschen Aesop die grundlage der böh- 
mischen 8. 1. a. et typ. vermutlich in Prag 1487 oder 88 erschienenen 



206 KNUST 

Übersetzung (H. 363) bildet, bin ich ausser stände zu sagen, ebenso, 
wie sie sich zu ihrer quelle verhält. Ich kenne das buch nur aus 
Hains angäbe. 

Besser als über die so eben angegebene bin ich über die spa- 
nische Übersetzung unterrichtet, obgleich ich die geschichte derselben 
mit dem wenig erbaulichen geständnisse beginnen muss, die beiden 
ältesten ausgaben derselben, die von Saragossa 1484 (H. 358) und Bur- 
gos 1495 (H. 359) nicht gesehen zu haben. Da sie sich indessen von 
der Sevillaner vom jähre 1526 dem Inhalte nach nicht unterscheiden wer- 
den, so wird meine unbekantschaft mit ihnen kein hindernis sein, ihr 
Verhältnis zum originale zu beurteilen. Bevor ich jedoch darauf ein- 
gehe, will ich die mir bekanten drucke derselben etwas genauer be- 
schreiben. 

1) Libro del sabio 7 clarissi | mo fabulador ysopo hy | storiado 
2 annotado | 1526 unter einem in 4 abteilungen zerlegten bolzschnitte. 
Leztes blatt: Acabäse las fabulas de ysopo cor | regidas y emendadas 
7 nueuamente annotadas por los margines | Impressas en la muy noble 
ciudad de Seuilla por Jacobe crom | berger aleman. Ano de mil. d. 7 
xxvj. a. X. dias de Abril. 4^. 80 gezählte blätter, die rückseite des 
ersten und lezten Mattes unbedruckt. Got. buchst. 46 z. auf der vol- 
len Seite. Signat. von a ij — kiiij, ohne kustoden. Viele holzschn. — 
2) Mit demselben titel, aber unter einem in 6 abteilungen zerlegten 
holzschnitte erschien eine andere ausgäbe dieses Aesop „en la imperial 
ciudad de Toledo en la casa de Juan de Ayala 1547." 4^ 71 gezählte 
blätter. Die rückseite des ersten und lezten blattes bedruckt. Got. 
buchst. 46 z. auf der vollen seite. Signat. von a ij — i iiij. Kustoden. 
Der druck ist längst nicht so gut wie derjenige der Sevillaner ausgäbe ; 
ebensowenig die holzschnitte, denn für sie sind diejenigen ihrer Vor- 
gängerin wider gebraucht worden, haben aber, weil abgenuzt, nicht 
mehr kräftige abdrücke gegeben , auf denen überdies , was früher links 
stand, hier sich oft rechts zeigt und umgekehrt. In bezug auf die 
spräche bemerken wir, dass all die Wörter, welche jezt h gegen f auf- 
weisen, dem älteren brauch aber noch 1526 treu geblieben waren, 
ihn hier aufgegeben haben, wir finden daher: hare, hijos, hambriento 
usw. — 3) Von dieser aufläge ist die „en Sevilla en casa de Sebastian 
Trugillo" 1562 herausgekommene ein so genauer abdruck, dass fast 
immer die selten beider sich decken, auch die holzschnitte meist die- 
selben sind. Doch wird gegen das ende von Aesops leben eine stelle: 
XJna muger - desta manera (1547, bl. 16; 1526, bl. 18; Oesterley, s. 37, 
z. 8 — 36) ausgelassen. Aber wir müssen hier die geschichte dieser 



STEINHÖWELS AESOP 207 

Übersetzung unterbrechen, um auf ihr Verhältnis zum originale über- 
zugehen. 

Was bei diesem spanischen texte von besonderem interesse ist, 
ist der umstand, dass er auch das nur deutsch abgefasste vorwort^ 
Steinhöwels zu seinem Aesop s. s. 5 gibt. Deshalb lesen wir hier die 
von Steinhöwel auf seine Übersetzung niedergeschriebenen worte, als 
ob sie sich auf die spanische bezögen: no que sean sacadas (las fabu- 
las) de verbo ad verbum: mas cogiendo el seso real segun comun 
estilo de interpretes por muy mas clara y mas evidente discussion y 
clarificacion del texto: y aun algunas otras palabras anadidas y otras 
quitadas y exclusas en muchas partes por mayor ornato y eloquencia 
mas honesta y provechosa. La quäl dicha vulgarizacion y traslada- 
miento se ordeno por y a intuitu 7 contemplacion y servicio del muy 
illustre y excelentissimo senor don Enrique infante de Aragon y de 
Cecilia: duque de Segorbe: conde de Erapurias: y senor de Valdeuxon: 
y visorey de Cataluiia.* Diese lezten worte deuten Nicolaus Antonio,* 
Mendez,* dessen „segun se dice" jedoch einen leisen zweifei anzudeuten 
scheint und Oesterley^ dahin, dass die Übersetzung von dem Infanten 
selbst gemacht worden sei. Allerdings muss zugegeben werden, dass, 
will man nicht die Verfasserschaft vieler bücher des 14. Jahrhunderts 
in frage stellen, die ausdrücke „fiso" und „mando faser" für jene zeit 
als gleichbedeutend mit „fiso" angesehen werden müssen.® Daraus 
folgt aber noch nicht die berechtigung, eine am ende des 16. Jahrhun- 
derts geschriebene, viel ausführlichere Versicherung in gleicher weise 
zu nehmen. Es dürfte dies ebensogut ein irtum sein wie die andere 
aus obiger angäbe von Nicolaus Antonio hergeleitete behauptung , unter 
jenem Heinrich von Aragonien sei der 1445 gestorbene speziell unter 
diesem namen bekante prinz zu verstehen.'^ Es muss vielmehr ein 
später lebender gemeint sein, wahrscheinlich derjenige, welcher nach 
G. de Zutita® 1478 einen aufstand in seinem Segorbe unterdrückte. 

1) Wenn Oesterley s. 3 von „vorrede und sonstigen beilagen" spricht, so ist 
das nicht ganz richtig, sofern nur die „ Entschuldignng schrybens lychfertiger 
sebimpfred** nicht übersezt worden. 

2) 1526, bl. 11*. 

3) Biblioth. Vetus ed. Bayer Matriti, vol. 11 (1788), s. 243. 

4) Fr. Mendez, Typographia espatlola Madrid 1796, s. 288. 

5) S. 3. Möglicher weise folgte Oesterley übrigens nur Nicolaus Antonio. 

6) A. de los Bios, Historia crit. de la Literatura espatl., Madrid, vol. lY 
(1863), 8.291, anm. 

7) Znrita Anales de la Corona de Aragon, 9^ago9a, vol. lU (1610), s. 297. 

8) Anales, vol. IV (1610), s. 294. 



208 KNUST 

Damit, dass wir die persönlichkeit aufgefunden haben, für welche die 
übersetzuug angefertigt wurde, ist es uns aber noch nicht gelangen, 
auch deren Verfasser zu entdecken, denn wer dieser gewesen, wird 
schwerlich je nachgewiesen werden können. Wir müssen uns dabei 
beruhigen, dass ein weiter nicht bekanter Spanier uns eine arbeit hin- 
terlassen hat, welche für die geschichte der fabel und der spanischen 
spräche nicht ohne bedeutung ist. Im ganzen folgt sie ihrem originale 
ziemlich treu, nimt aber auch einige änderungen vor. So tauschen die 
bei Steiuhöwel lezte und achte fabel des 3. buches ihre stellen. Fer- 
ner werden gegen das ende hin einige fabeln umgestelt und 3 ein- 
gefügt : nr. XVII Del diablo y de la vieja mala (Conde Lucanor , Enx. 
XLII) , nr. XXI Del ximio y de las nuzes , und nr. XXII Del padre y 
del hijo que yvan a vender el asno (Asinus vvlgi, Gödeke in Benfeys 
Orient und Occident, Göttingen, bd. I (1860), s. 531 fgg., nachtrag 
dazu, s. 733). Die zahl der fabulae coUectae stelt sich daher auf 26, 
die des ganzen buches auf 167 fabeln. Das genauere darüber gibt die 
unten angefügte tabelle. 

Um zwei tafeln vermehrt kam dieser text heraus als: Las fabu- 
las I del clarissimo y | sabio fabulador Ysopo, nueua | mente emenda- 
das. I A las quales agora se anadieron al- | gunas nueuas muy gracio- 
sas, hasta | aqui nunca vistas ni imprimidas. | Gon su vida, maneras, 
costübres | y muerte : y mas vna Tabla de | lo que en este libro va | 
declaradp. | MD. XL VI. | Wappen des buchhändlers mit der Umschrift: 
Ees parvae crescunt concordia. | Vendense en Enueres por Juan | Steel- 
sio, en el escudo de Borgona. Sehr schmales 12®. 211 gezählte blät- 
ter mit 5 blättern Tabla. Signat. von A 2 — S 7. Latein, buchst 30 z. 
auf der vollen seite. Kustoden. 

Die den vier fabulas anadidas beigegebenen sind: 

La XXVn Del leon y del raposo. 

En una provincia uvo un raposo muy justo, y de tan buen 
consejo y dotrina, que siempre le plazia an dar en compania con todos 
los animales mansos y benignes que hallava en el campe, tanto que 
los otros, como quier que veyan en el muy buena crian9a y mucha 
humildad, sospechavan que alguna vez no bolviesse a sus naturales 
costumbres, y dixeronle: „Que es la cosa que andas de contin(u)o en 
nuestra compania como sean tus costumbres y las nuestras contrarias?** 
Eespondio el raposo: „Siempre oy dezir que la mayor parte de las 
costumbres suele dar la crian9a y no el lugar, ca (bl. 204* -) no se 
sigue (de) necesidad que las obras del que continuamente mora en 



STEINHÖWBLS AB80P 209 

algun sancto lugar, ajan de ser siempre santas, ni siempre malas las 
del que mora en lugar vicioso. Porque si assi faesse que el lugar 
fuesse causa de ser las cosas buenas o malas, el que matasse alguu 
hombre eu el templo seria innocente , y el que matasse en justa batalla 
no seria sin culpa. E por quanto mi naturaleza es enganosa y de 
rapina, plugome mucho conversar con vosotros que soys mansos y 
humildes de cora9on , porque con las vuestras mejorasse mis costum- 
bres." T ellos, vista su buena conversacion y las discretas maneras, 
acojeronlo de mejor gana en su compania. Acaescio que Uego la fama 
de aqueste raposo al leon que reynava sobre todos los animales de 
quatro pies, y oyendo cosas tan singulares de su discrecion y justicia, 
embio luego por el. E passados algunos dias mandole Uamar y dixole: 
„Nuestros reynos son tan grandes que sin discretos visoreyes no pue- 
den ser bien governados, y porende conociendo tu discrecion y bon- 
(bl. 204^—) dad assi por fama como por obra delibero de encomendarte 
el principal cargo de todas mis tierras." Eespondio entonees el raposo : 
„No plega a Dios, senor muy poderoso, que tu magestad haga cosa 
tan vergoufosa, ca yo nunca jamas tuve oficio real, al quäl sola- 
mente deven ser subidos los muy nobles y entendidos. Tu alteza 
podra poner en sus reynos diez mil mejores que yo, de los quales tu 
magestad podra ser mas a su grado servido, como mas esperimentados 
en los tales servicios." Quanto mas el raposo desviava el honor, tanto 
mas crescia al rey la gana de gelo encomendar, y mandole so pena 
de la fidelidad deviesse acceptar luego aquel cargo. AI quäl respondio 
el raposo: „Senor muy excelente, no deve ser tomado para tal regi- 
miento y cargo salvo el cruel y sobervio, que ni estima a ninguno, ni 
perdona a nadie, los quales traen a su desseo o de los reyes quanto 
enprendieron, o el que es tan prudente y experimentado que con su 
cordura y con tu favor sepa regir, conformandose con el tiempo, y 
sepa llevar con gran manera las condiciones de tus natura- (bl. 205* — ) 
las , teniendo respecto a la qualidad de las personas y de los negocios, 
segun que cada uno es. Empero el vergonfoso y benigne mas es para 
mal criar los vassallos que para hazer los subjetos, y las mas vezes 
el pueblo los tiene en poco. Porende si tu alteza me ama, consien- 
tame bivir solitario y pacifico, que mucho mejor me sera que bivir 
Ueno de malicia & invidia de tus yasallos, siendo apartado de las tri- 
bulaziones que consigo trae el querer governar." Oyendo aquesto el 
leon dixo: „Tan deliberado tengo de ser en aquesto servido de ti que 
ninguna escusacion te puede salvar de no ace(p)tar lo que te tengo man- 
dado.'' Bespondio el raposo: „Pues la postrimera voluntad de tu 
sTenoria es aquesta, y lugar de resistencia no ay, solamente te pido 

KBITSOHB. F. DBUTSOHE PHILOLOaiE. BD. XJX. 14 



210 KNUST 

aquesta merced, que, si de mi governacion te dixeren algunos mal, 
no creas a nadie sin que yo sea oydo y sepas la verdad por entere, 
ca entre los regidos y regidores siempre uvo malicias y odios, espe- 
cialmente que los nobles teniendo por agravio que tan baxa persona 
como yo soy ensal9ada, soy cierto murmuraran siempre de mi, y dende 
adelante sea fecho lo que mandares. E si (bl. 205^ — ) esto que te 
süplico en tu fe me prometieres, sere yo seguro, y con entera volun- 
tad seras servido de mi/' Kespondio el leon: „Sobre mi fe real te 
asseguro de hazer lo que pides." E assi lo ordeno sobre todo el the- 
soro real y sobre todos los nobles y cavalleros del regno, y quanto 
mas lo experimentava en servicio y consejo tanto mas le amava por 
SU virtud y Valencia. De lo quäl todos los del reyno estavan tan 
indignados y Uenos de yra que avido entre ellos consejo deliberaron 
de apartar el amor del rey contra el raposo y ordenarle la muerte. 
E firmado el consejo por todos, fueron un dia a palacio y fallaron las 
viandas muy escogidas que estavan aparejadas para el comer y servicio 
del rey y furtandolas muy cautelosamente pusieronlas en la posada del 
raposo sin saber el dello cosa alguna. E quando el leon vino ham- 
briento, mandado luego que le fuesse traydo el comer, no fallaron 
vianda alguna , por lo quäl fue movido a yra. E viendo esto los fami- 
liäres que se hallaron en el consejo de destioiyr el raposo el quäl era 
absente en aquella sazon comen^aronle de mirar unos a otros. (bl. 206* — ) 
Comen^o el uno dellos de fablar con gesto manso y simples palabras: 
„Obligados somos por fidelidad y razon de desenganar al rey de qual- 
quier cosa que pueda serle danosa, aunque aya muchos que en ello no 
reciban plazer, ca es cosa cierta que el raposo mando tomar la carne 
que para el manjar del rey estava ordinada y la mando llevar a su 
casa." Eespondio un otro: „No es de creer que el mandasse tal cosa 
ni es tal su condicion, con todo es bien que se sepa que el hombre 
no se puede conocer sino por las obras, y si tal cosa el hizo por 
cierto digno es de pena." Dixo et otro : „Nunca pensara yo tal de 
persona tan virtuosa y dada tanto al servicio de Dios, y si tal cosa 
el hizo creer se puede que hara qualquier cosa en desservicio del rey." 
Uvo otro que dixo: „Por cierto dende que le vi le tuve por malicioso 
y por persona muy dissimulada que falsava su condicion." Dezia otro : 
„No deve ser el el que pregonava que era gran pestilencia exercitar 
oficio real, ca si el fuera no tomara tan grande cargo el quäl no es 
possible que pueda sufrir." Dixo otro: „Agora conozco que no ay 
(bl. 206** — ) en quien se pueda cosa alguna fiar quando este tan mise- 
ricordioso, tenido por sancto, ha cometido cosa tan fea.^^ Bespondio 
un otro: „Vosotros hablays tanto que, si Uega a sus oydos, quitara 



STEINHÖWBL8 AESOF 211 

el hurto de donde le tiene y quedareys todos confusos, mejor es embiar 
a SU casa y tomarle con el hurto en las manos." Tanto dieron a 
entender al rey con sus razones fingidas que el uvo de creer lo que 
dezian y mando traer ante si el raposo. E como aquellos que lo tenian 
a gana fueron los mas dellos por el y truxeronle con gran verguen^a. 
E quando fue delante el rey preguntole: „Dirne, falsario vellaco, que 
es de la carne que yo mande guardar para mi?" — „Senor", respon- 
dio et raposo, „al cozinero la di para que la aparejasse para tu mage- 
stad." Mando luegö llamar el rey al cozinero y preguntole que hiziera 
(de) la carne que le avia entregado el raposo. Kespondio el como 
aquel que era de los del consejo contra el raposo: „Senor, nunca tal 
cosa me dio ni la vi." Entonces dixeron todos al rey: „Mande tu 
alteza yr a su posada, y si culpa tiene alli se vera la verdad." Man- 
dolo el rey assi , y fiie (bl. 207 * — ) uno de los del consejo alla y truxo 
al rey la carne que ende hallo. Dixo entonces uno de los consejeros 
del rey al quäl se Uamava lobo que era tenido por muy verdadero y 
en el consejo contra el raposo no avia sabido cosa ninguna: „Senor, 
si los que te yerran no son castigados siempre se hallara quien te haga 
semejantes desvarios, y jamas sabras de ninguno cosa para le poder 
castigar, sabiendo que assi passan los pecados sin penitencia." Enton- 
ces movido de yra el leon raaudo que el raposo fuesse puesto en pri- 
siones. El otro dia Uegaron todos los privados enemigos del raposo al 
rey, y dixo el uno dellos: „De raaravillar es de la discrecion y saber 
del rey, nuestro senor, como le pudo enganar un tal falsario y ladron 
como este." — „Mas es de maravillar", dixo un otro, „que su alteza 
no manda poner en orden en saber la verdad y en castigar lo que el 
mesmo ha visto y sabido." Embio entonces el rey uno de ellos a la 
prision para que viesse en que manera de palabras se podia escusar el 
raposo, el quäl como bolvio trastoco las palabras y dio forma como 
de SU relacion el rey quedasse mucho (bl. 207* — ) mas inclinado de 
lo que estava primero, tanto que todo turbado mando que le truxessen 
y le matassen , en lo quäl los enemigos no fueron negligentes. Sabiendo 
la madre del leon que por mandado del rey sacavan a matar el raposo 
mando prolongar la sentencia hasta averlo ella consultado con su hijo. 
La quäl muy a priessa fue a palacio por hablar al rey y dixole : „ Que 
ofensa tan graude fue , hijo senor , la que el raposo te hizo porque tan 
cruelmente y subita le mandas matar, hombre de tanto consejo, y de 
qnien mas que de otro estavas honrrado y servido?" Contole el leon 
todo el negocio como avia acaecido. Dixole entonces ella: „Muy 
aqnexada sentencia es la que contra el mandas executar. Que9a si 
delante ti oyesses su causa le ternias por bueno y te arrepentirias de 

U* 



212 KimsT 

aver sido tan aquexado^ ca para inatar deves mucho tardar. Piensa 
bien lo que hazes primero y no te arrepentiras de ello. Y esto espe- 
cialmente a los reyes que tienen potestad absoluta de la muerte y de 
la vida, ca la muger en su marido reposa, el hijo en el padre, el 
discipulo en el maestro , y todo el reyno junto en su rey (bl. 205 ' — ) 
el quäl deve con gran diligencia inquerir de sus subditos y por sus 
merecimientos galardonar a cada quäl de ellos y penar a los malhe- 
chores y no consentir ni oyr informaciones falsas de malignas personas 
que son causa de pervertir el estado real. Considera pues, hijo, que 
tus privados y subditos por los honores y dignldades acostumbran de 
se teuer odios mortales, por lo quäl no deve el rey de ligero creer a 
ninguno sin saber la verdad por entere. Cierta soy que recebiste del 
raposo servicios, y ha sido siempre muy fiel y leal. Y por quanto lo 
has preferido a todos los grandes ellos embidiosamente lo hau acusado 
y con tu inconstancia por Interesse de un pedago de carne, que las 
mas vezes un perro la come, (has) olvidado todos quantos servicios 
del has recebido y has condenado el que presumo que es innocente. 
No es por cierto cosa de rey juzgar sin oyr el culpado al quäl tu 
diste tan gran parte de gloria que heziste que todos le oviessen embi- 
dia. Ten delante ti, fijo carissimo, que dende que Dies crio el mundo 
de los sabios tienen embidia los necios , los injustos de los (bl. 208* — ) 
justos, y los villanos de los que son de noble linaje y generacion. 
Considera que tuviste aqueste por justissimo y bueno del dia que le 
mandaste que govemasse tu tierra, y ten por cierto que los que des- 
sean matar tienen poco cuydado de tus Interesses y no dessean 
otra cosa salvo vengar sus conceptos y apetitos iniquos, aunque dellos 
se siga a ti el dano. Porende deves castigar los que cautelosamente 
amaron de lo echar a perder por embidia y tan iniquamente le diflfei- 
maron, y no temas tu cargo ninguno de su pecado y los que lo oye- 
ren retraerse hau de no hablar enganosas palabras al rey. Por tanto 
manda restituyr al raposo en su oficio y honra y no receles de averle 
enojado, conozca el que tienes tu gana de ver la verdad y castigar la 
malicia, ca assi como el amigo puede ser tu enemigo assi podra ser 
que el enemigo podra ser tu amigo.'^ Bespondio entonces el leon a 
SU madre: „Por cierto, senora, muchas vezes experimente al raposo y 
siempre lo halle leal y muy fiel y halle en el maravillosas costumbres, 
porende tengo gana de restituyrle en su primero estado y su (bL 209* — ) 
bivir con su parecer y el mio.'' E luego embio el rey por el raposo 
y en su presencia confesso averle enojado sin culpa & hizole reladon 
de quanto del se avia hablado. Dixo: ^^Yo te restituyo al estado pri- 
mero donde te puse, pues lo meresee tu lealtad.^^ Dixo el raposo con 



STBIKHÖWELS ABSOP 213 

muchos sospiros y Uoros: „Perdone tu magestad mis errores y no de 
lugar a palabras de maliciosos Uenos de embidia y crea solamente a 
mis palabras y obras. Cierto soy que mis adversarios no cansaran de 
rebolverme contigo, creyendo que podran acabar la segunda vez lo que 
no pudieron la primera y no dexaran de susurrarte al oydo por qui- 
tarme la vida y poner confusion en tu estado." Respondio el leon: 
„Verguen9a tengo de averte ofendido, mas no me quiero avergonfar 
de pedirte perdon, pues indiscretamente crey y neciamente procure de 
quitarte la vida la qnal me sera tan cara como la propria mia^ pues 
conozco tu inocencia y su malicia y mi necedad." T fue entonces el 
raposo restituydo en su estado primero y al doble mas privado del rey. 
(Bl. 209 ^ Zu gründe liegt Del leon 6 del anxahar (corrupcion de 
la palabra xahar^ y con el articulo axahar, que vale tanto como 
chacal 6 lobo cerval) religiöse, cap. XIV von Calila 6 Dymna, siehe 
Escritores en Prosa anteriores al Siglo XV p. D. Pascual de Gaydn- 
gos, s. 67 — 69, Madrid 1860, bd. LI der Bibliot. de Autor, espan., 
übersezt aus Directorium humane vite alias parabole antiquorum sapien- 
tum, s. 1. et a., cap. XIII.) 

La XXVni De la paloma y raposa. (Bl. 209**—) 

No deve presumir de dar consejo 
a otro quien para si no lo tiene. 

Tenia un(a) paloma su nido en un arbol muy alto en el quäl 
con mucho trabajo Uevava el comer a sus hijos y al tiempo que sacava 
los hijos llegava una raposa al pie de aquel arbol y amenazavala tan 
terriblemente y cruel que de miedo la paloma por salvar la vida dava 
los hijos a la raposa para que los comiesse. E como lo viesse un 
paxaro que estava en otro arbol delante uvo compassion de la forma 
que la paloma echava a sus hijos y dixole : „Manzilla es y dolor de ver 
tu crueldad y trabajo y hazes de miedo lo que no sufre razon ni na- 
tura. Porende te aconsejo que quando la raposa viniere y te amena- 
zare como suele hazer le digas: „Amiga, si aca pudieres subir donde 
yo estoy mi temor sera justo y la causa de mi crueldad assaz razon- 
able, y podran tanto tus amenazas que te dare 6n esse punto mis 
hijos; y si aquesto no puedes hazer, por cierto en vano trabajas de 
amenazar a quien esta seguro de ti." T dado aqueste consejo , se bol- 
vio a su arbol el paxaro. (bl. 210* — ) Viniendo el tiempo que la 
paloma sacava los hijos llego la raposa al pie del arbol y comen90 de 
amenazar y bravear como solia. Bespondio la paloma: „Amiga mia^ 
el amenazar es por de mas a quien bive en lugar seguro. Si puedes 



214 KNUST 

subir aca donde yo estoy ofrezco desmampararte en esse punto mis 
hijos, donde no, toma paciencia, que no los delibero perder tan oruel- 
meute sin ver la causa porque/' Quando vio la raposa que la paloma 
tenia nuevo consejo dixole: „Si me dizes quien te dio este cousejo 
ofrezco te de nunca te enojar ni pedirte mas tus hijos/^ Bespondio la 
paloma: ,,Esse paxaro que esta alli delante en esse arbol en la orilla 
del rio/^ Y dexando la paloma fue la raposa al paxaro y hablandole 
con palabras muy dulces y amigables le dixo: „Amigo, dime, si gozes, 
quando te da el viento del lade derecho, donde pones por reposar la 
cabe9a?" Respondiole et paxaro: „Debaxo de la ala izquierda, y 
quando me da en el lade izquierdo pongola so la derecha." — „E 
quando te da por todo el cuerpo, donde la pones?" Dixo el paxaro: 
„Detras en la cola." Kespondio entonces (bl. 210*" — ) la raposa: „Esso 
tengo yo por gran maravilla y no lo podria creer si no lo viesse. T 
si lo hazes te digo que no ay ave en el mundo tan discreta ni que 
tanto sepa guardar a si mesma." Entonces el paxaro de vanaglorioso 
y de nescio por demostrar su saber puso la cabe§a entre las alas escon- 
dida cabe la cola, y viendolo assi la raposa cubierto asio del en un 
salto y dixole: „Amigo, bueno fuera que supieras consejar a ti mesmo 
como presumiste de aconsejar a los otros." (Bl. 211*. Erzählt nach De 
la gulpeja 6 de la paloma 6 del alvaravan, 6 es capitulo del que da 
consejo ä otri 6 non lo tiene para si, cap. XVIII von Calila 6 Dymna, 
a. a. 0. s. 78, Directorium usw., cap. XVII.) 

Während der so eben angeführte druck die fabeln des buches 
um zwei vermehrt, finden wir einige weniger in: Libro | de la Vida, | 
T Fabulas | de el sabio , y clarissimo Fabulador Isopo. Con las Fabu- 
las, senten- | cias de diverses, y graves Autores. | Agora | de nuevo 
corregido y enmendado, | con las anotaciones en las | margenes. | Zei- 
chen des buchhändlers , daneben: Flieg. 23 und Ano 1728. | Con Licen- 
cia. En Madrid: A Costa de D. Pedro | Joseph Alonso de Padilla, se 
hallarä en su Im- | prenta, y Libreria, vive en la calle de Santo | 
Thomas, junto al Contraste. 8®. 175 gezählte blätter ohne 8 bl. Tabla 
und 3 bl. Prologo. 29 z. auf der vollen seite. Lat. buchst. Sign. 
§2 — Y4. Kustoden. Die hier weggelassenen fabeln sind; 1) Avians 
XXV: De la tempestad y de la oUa, 2) die lezte der fabul. collect: 
Del padre y del hijo que yvan a vender el asno, und 3) die vier fabu- 
las anadidas. So bleiben im ganzen 161 fabeln. Abgedruckt wurde 
diese ausgäbe in : Fabulas de la vida del sabio usw. | Madrid | En la 
imprenta de Don Antonio Espinosa. | A costa de la Beal Compania de 
Impresores y Li- | breros del Beyno. s. a. (1800?). 8**. 352 s. ohne 



STBINHÖWBLS ABSOF 215 

die Tabla von 16 s. und den Prologo von 6 s. 29 z. auf der vollen 
Seite. Sign. § g 2 — T 4. Kustoden. Eine andre aufläge unter glei- 
chem titel: Madrid MDCCCII. | Por Don Pldcido Barco Lopez | Con 
las licencias necessarias. Nur ausnahmsweise decken sich die selten 
dieses und des vorhergehenden druckes nicht. 

Wie in Deutschland dieser ursprünglich nicht für kinder bestimte 
Aesop im vorigen Jahrhundert für sie umgearbeitet wurde , so auch in 
Spanien in den: Fabulas | de Esopo, Filosofo moral, | y de otros famo- 
ses Autores. | Corregidas de nuevo. | Con las Licencias necesarias. | Bar- 
celona. Por los Consortes Sierra y Marti, | plaza de S. Jayme. Ano 
1796. Rückseite: holzschn. eines Esopvs. 8^ S. 3fg.: Prologo; s. 5 
— 86 Vida usw.; s. 86 fg. Nota del Editor (einige bemerkungen über 
Aesop und die art wie dieser text für kinder in neueres Spanisch 
gebracht worden); s. 88 — 364 die fabeln. 29 z. auf der vollen seite. 
Sign. B — Z 2. Kustoden. Holzschnitte. 

Das leben Aesops wird hier in 28 kapitel geteilt, dagegen aber 
werden die fabeln, deren im ganzen 166 sind, ohne irgend welche 
abteilung und Zählung gelassen. Dem Inhalte nach unterscheidet sich 
jedoch dieser druck von dem früheren erst gegen das ende hin. Denn 
sieht man davon ab, dass er manchmal die fabeln anders anordnet als 
seine Vorgänger, vier einschiebt (nr. 21: El astuto Cazador y el incauto 
Xilguero s. 118; nr. 49: La Zorra, el Gallo y los Perros, s. 156 — 158; 
nr. 89: El Asno Doctor, s. 219 — 221; nr. 144: El Eaton y el Gato, 
8. 316 fg.) dafür aber III, 8, undKemicius, 16, auslässt, so können wir 
sagen, er enthalte bis zur 152. fabel alle, welche der ursprüngliche 
Steinhöwel bis zu den Fabul. Adelf. nr. 9 bringt. Yon jener fabel an 
aber tritt eine solche änderung ein, dass sie nur aus einer tabellari- 
schen Übersicht volständig ersichtlich werden kann. Ich verweise daher 
auf die weiter unten beigegebene tabelle. 

Die bis dahin aufgeführten spanischen Übersetzungen Steinhöwels 
sind als solche mehr oder weniger bekant, nur sehr wenige unter den 
lesern dieses artikels, um nicht zu sagen keiner von ihnen aber dürfte 
wissen , dass das buch auch ins Katalonische übertragen worden ist in : 
Faules | de Isop, | Filosof moral | preclarissim, | y de altres | famosos 
Autors. I Corregides de neu , e | historiades ab myor claredat , que | fins 
vuy se sien vistes. | Preceheix la vida de Isop, | dividida en Capitols, 
y en Estampas | representada. | La declaraciö y sentencia de las Fau- 
les, se I troba ä la fi de cada uua dellas. | Barcelona: En casa Matheu 
Barcelö Estamper. s. a. (1808?) Kückseite: holzschn. des Esopvs wie 
in der 1796. ausg. 8^ Prolech al Lector, Übersetzung des Prologo 



216 KHUST 

der 1526. ausg., 6 s. La vida de Isop, s. 1 — 70; Las faules de Isop 
in 8 büchern zu 21, 20, 20, 20, 19, 16, 26 und 24 fabeln, im gan- 
zen also 166 fabeb, s. 71 — 343. Folgt noch eine Taula de Faules auf 
9 s. 29 z. auf der vollen seite. Sign. A 2 — Z 2. Kustoden. Holz- 
schn. der 1796. ausg. 

Gleich der spanischen in Barcelona 1796 erschienenen ausgäbe 
unseres buches teilt diese das leben Aesops in 28 kapitel , bringt auch, 
freilich nicht immer in derselben Ordnung, unter ihren 166 fabeln nur 
eine einzige (VIII, 14), deren Inhalt sich nicht in jener findet. Es 
kann also, da der katalonische druck ohne Jahreszahl gelassen ist, die 
frage entstehen, welcher von beiden der ältere ist. Obwol nun die 
Faules de Isop nicht nur mit ihrer Übersetzung von Steinhöwels vor- 
rede zur ausgäbe von 1526 statt derjenigen zur ausgäbe von 1796, 
sondern auch mit der von dieser nicht beachteten einteilung und Ord- 
nung ihrer fabeln der gemeinsamen quelle beider bücher am nächsten 
stehen, glaube ich doch den spanischen text als den älteren ansehen 
zu müssen, denn es scheint mir richtiger anzunehmen, der Verfasser 
des 1796. Aesop, welcher seine Vorgänger jedenfals kante, habe diese 
ohne hilfe des katalonischen textes bearbeitet, als er habe den lezteren 
seinem buche zu gründe gelegt und dabei sätze aus seinen spanischen 
Vorläufern herübergenommen. 

Wenn demnach beide texte das leben Aesops in 28 kapitel tei- 
len, der katalonische aber den früheren darin sich mehr nähert, dass 
er deren prolog und einteilung aufweist, so rührt dies nicht daher, 
dass er ihnen näher stand, sondern vielmehr daher, dass er neben der 
in Barcelona veröffentlichten ausgäbe auch noch die früher erschiene- 
nen benuzte. Doch unterscheidet sich die katalonische Übersetzung 
dadurch nicht allein von ihrer unmittelbaren Vorgängerin, sondern 
auch noch dadurch, dass sie deren El Asno Doctor (s. 219 fg.) und 
El Hombre y las Mugeres (s. 277 fg.) bei seite lässt, wol aber De la 
Tempestat y de la 01a an der richtigen stelle Avian oder Vn, 25 
bringt, endlich auch noch gegen das ende hin sehr abweicht und zwar 
gerade von dem punkte an, wo die 1796. ausgäbe sich von der älte- 
sten zu trennen begint. Doch stelle ich dies besser in einer tabella- 
rischen Übersicht dar, besonders weil sich damit zugleich anschaulich 
machen lässt, wie sich gegen das ende des buches das Verhältnis des 
Originals zu der ältesten spanischen Übersetzung und dieser zu der 
ausgäbe von 1796 gestaltet. 



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218 KNÜST, BTEINHÖWELS AE80P 

Demnach fügt der spanische text von 1526 die XVII. XXI. und 
XXII. fabel ein, Isopo von 1796 lässt die X.— XVII., XX., XXTIT— 
XXV. des 1526. textes aus, fügt aber nr. 156, 158, 159 und 161 — 
166 ein, Isop endlich übersezt die febeln von Isopo von 1796 mit aus- 
nähme von nr. 156, so wie er auch die von 1796. Isopo ausgelassene 
nr. XXV des 1526. textes wider aufhimt. 

Eine kleine probe dieses ganz unbekanten buches möge diesen 
artikel beschliessen. . 

S. 198 Faula 12 (Llibre quint) De una Rata y de un 6at. 

En aquell temps era un senyor de Rat que envia un Ratö per 
misatger ab una lletra ä un senyor de Gat, en lo qual tots los dies 
havia questions y plets, prometent al dit Bato donarli bon salari y 
ferlo principal de sa casa. Y lo Ratö no pensant lo engany del senyor 
Rat, pren ses Uetres, y comensä de fer son cami. Y quant lo Ratö 
fonch prop de un bosch, estiguö entre si pensant, Lo salari quem 
donarä lo senyor, be es suficient, y la promesa que me ha fet be me 
agrada, emperö lo viatge es molt perillös y sospitös, perque allä ahont 
jo vaitg ä portar aquestes Uetres, ö fer la ( — 19. 9) misatgeria, mes 
amarä ä mi que no ä las lletras, ni misatgeries, y per tant, si eUs 
tenen questions y plets entre ells, que se partesquen. Perque apres 
que jo rebia alguu dany ö mort lo dit senyor no mo satisfard: amor 
de senyor, aygua en cistella. Aquesta faula nos amonesta que qui 
avant nos guarda arrera cau. 

S. 338 Llibre vuitö Fabla 21 Del Porch senglä y del Ase. 

Un Ase se burlava de un Porch senglä y lo Porch senglä posantse 
en furia li reganyava las dents, y digu6 al Ase, mereixeries que jo te 
maltract6s, y encara que tu ho merescas, indigna cosa seria de mi lo 
fero , y aixi burlat tant que vulgas ; fero pots sens tenir pör de castich, 
puig lo menyspreu fas jo de tu, te posa en salvo. Ensenya aquesta 
faula, que treballem ä no fer ni dir cosas indignas de nosaltres encara 
que las oigam ö que las sufriam. Los mals y pernicio ( — 339) sos 
homens sovint se alegran de poderse venjar dels homens de be que los 
fan alguna resistenicia. Imitöm als Cavalls y ä las grans bestias, que 
menysprean los Gossos que Uadran contra de ello. Es cosa de grans 
cors lo menysprear las injurias. 

LONDON. HERMANN KNUST. 



219 



QUELLENSTUDIEN ZUK LITTERATURGESCHIOHTE DES 

18. JAHRHUNDERTS. 

L Zu Wieland. 

1. Der unzufriedene. 

Die Bremer Beiträger behandeln mit verliebe das thema der Ver- 
wandlungen: oflfenbar nach dem muster von Ovid , dessen metamorpho- 
Ben durch die zahlreichen nachahmungen ersezt wurden , denn von 1711 
bis 1763 weiss Degen keine Übersetzung des römischen dichters zu 
verzeichnen. 

Zachariäs zweites komisches epos „Verwandlungen" (zuerst 
erschienen in den Bremischen Beyträgen 1744 und 1745, I. band, 

3. stück 208 fgg., 4. stück 299 fgg., 5. stück 454 fgg., 6. stück 594 fgg.; 
abgedruckt mit Varianten in den Poetischen Schriften, Braunschweig 
1772 I 93 fgg.) behandelt zuerst diesen stoflf. Der held des gedichtes 
ist der pudergott, welcher die schöne Selinde keinem andern gönt und 
die Zauberin Armida um ihren beistand angeht: er erhält von ihr ein 
band, das jeden verwandelt, den er damit berührt. So verwandelt der 
pudergott seine nebenbuhler bei Selinden den einen in einen mops, den 
andern in einen wind, den dritten in einen raben, den vierten in ein 
wütendes beer, die gouvernante aber in einen papagei. Wie in allen 
von Zachariä nach Popes vorbild gedichteten komischen epen wird auch 
hier von andern geistern eine gegenmine ins werk gesezt : der gott der 
Stutzer nimt sich des nebenbuhlers an. Zulezt entscheidet auch hier 
ein kämpf der götter, in welchem der pudergott vor dem schutzgott 
Selindens unterliegt . . . Der hauptreiz liegt für den dichter sichtlich 
in der darstellung des actes der Verwandlung: wie die einzelnen per- 
sonen aus dem menschlichen zustand in den tierischen übergehen, wird 
jedesmal ausführlich geschildert. 

Schon der folgende band der Bremischen Beiträge (H. band, 

4. stück s. 307 fgg., 5. stück s. 403 fgg., 6. stück s. 435 fgg.) brachte 
ein Seitenstück zu dem komischen epos von Zachariä: „Der Unzu- 
friedene" von J. A. Schlegel. Schlegel hatte es von vornherein 
nur auf zwei gesänge abgesehen; aber während der arbeit wuchs seine 
lust, die teilnähme des publikums nahm gleichfals zu und so dehnte 
sich das ganze ^ etwas gar zu lang, über acht gesänge aus. Es bildet 
auch den hauptbestandteil der „vermischten gedichte" von J. A. Schle- 
gel, deren zweiten teil es fast ganz ausfült: noch um diese zeit (1787 
— 1789) wurde das gedieht von freunden begehrt. Schlegel änderte 



220 MINOR 

jezt noch an dem plane, der in der ersten fassung nur auf wenige 
gesänge voraus bestirnt war, gab dem Charakter der heldin eine 
bestirntere und für die fabel vorteilhaftere färbung, und überarbeitete 
das ganze gedieht, besonders aber den eingang, welcher in den Bre- 
mischen Beiträgen gar zu sehr nach Lafontaine und Geliert schmeckte. 
Schlegel knüpft als der erste von vielen Vorgängern die reihe 
der Verwandlungen an die unbeständigen wünsche eines unzufriedenen. 
Der unzufriedene ist ein typischer Charakter, welchen sowol Rabener 
als das lustspiel der zeit und die moralischen Wochenschriften mit ver- 
liebe schildern. Die Bremer Beiträge haben eine fast stehende rubrik 
für auf Sätze in prosa und versen, welche die klagen der menschen über 
die verschiedensten übelstände zurückweisen: mit echt Leibnitzschem 
Optimismus und durchdrungen von dem christlichen bewustsein, dass 
gott alles gut gemacht habe, widerlegen sie klagen über die einrich- 
tung der weit, über die kürze des menschlichen lebens, über die 
schlechten zeiten, über die Undankbarkeit der menschen usw. Einen 
solchen unzufriedenen nun, einen weltschmerzler, wie wir heute sagen 
würden, fuhrt uns auch J. A. Schlegel vor, und man muss sagen, 
dass er seinem Faust ganz kräftige worte in den mund legt: 
„Denn was ist jeder Mensch? Nichts als ein Sisyphus, 
Der ewig Steine wälzt. Kaum lernt er Silben stammeln: 
So lernt man ihn, zur Müh die jungen Kräfte sammeln. 
Wenn schwankend noch sein Fuss den kleinen Körper trägt: 
So wird ihm schon die Last der Arbeit aufgelegt. 
Kaum fühlt er, dass er ist: so fühlt er seine Blosse, 
Des Mangels Schrecklichkeit, und seines Elends Grösse; 
Da er den Unterhalt erst von der Erd erzwingt, 
Den sie nur ihm versagt, und Thieren willig bringt. 
Bey Arbeit fängt er an, die Nahrung zu erwerben, 
Bey Arbeit wird er grau, bey Arbeit muss er sterben. 
Er ist vom Zeus verdammt, noch stolz auf seine Pein, 
Sein Sklav, der Thiere Sklav, der Pflanzen Sklav zu seyn; 
und sein durch langen Fleiss schon abgenutztes Leben, 
Wenn er es brauchen will, bey Schmerzen aufzugeben; 
Und eh hat ihm ein Tag noch keine Lust gebracht. 
Als bis er sein Gefühl durch Arbeit stumpf gemacht. 
Beglückte Nachtigall, die du mich singend störest, 
Frey hin und wider hüpfst, und freudig scherzen lehrest! 
Mich lehrest du umsonst, beglückt und sorglos seyn. 
Dein schmetternder Gesang dringt in mein Herz nicht ein. 
Ich bin ein Mensch. Mein Stand verschliesst es stets den Freuden. 



QÜBLLBNSTÜD. Z. LIT.-OBSOH. D. 18 JH. 221 

Dein Schicksal, Nachtigall, ist Scherzen; meines Leiden, 
Du freust dich unbesorgt, fühlst nie das Joch der Pflicht, 
Und des Gewissens Drohn stört dein Vergnügen nicht. 
Dich quält kein Wunsch; dir ist die nächste Lust die beste. 
Dir baute die Natur die prächtigsten Paläste 
In allen Sträuchen auf; denn jeder Strauch ist dein. 
Sie schmücken sich von selbst. Du aber nimmst sie ein. 
Und wechselst, wenn du willst. Dich kann kein Richter drücken. 
Du musst dich nie, wie wir, vor deinem Räuber bücken. 
Den vieler Armuth erst so reich, so gross gemacht. 
Und danken, wenn er dich doch um dein Gut gebracht. 
Was fehlt dir, das du brauchst? ^ Was kannst du wohl verlieren? 
Wovor der Mensch erschrickt, das darf dich gar nicht rühren, 
Verläumdung kränkt dich nie, dein Glück stürzt nie der Neid. 
Du singst zu deiner Lust, nicht für die Ewigkeit, 
Des Nachruhms Raserei ist ganz vor dir verborgen- 
Die sorgende Natur erspart dir alle Sorgen, 
Und wenn dir eine bleibt: So ist es die allein. 
Des Lobes Gegenstand far alle Welt zu seyn. 
Nie darfst du, eh du stirbst, vor deinem Tode beben, 
Wenn du hier ausgelebt, schreckt dich kein zweytes Leben. 
Besäss ich nur das Glück, das dir der Himmel gab! 
War ich ... ! Halb bricht diess „ich" das Unvermögen ab." 
Zeus erhört seinen wünsch, verwandelt ihn in eine nachtigall: er 
muss als solche im käfig zeuge sein, wie sein nebenbuhler bei der 
schönen Phryne siegt. Wider unzufrieden wünscht er sich ein hecht 
zu sein: aber er wird als solcher im netze gefangen. Als bäum wohnt 
er dann einem verliebten steldichein bei; als hirsch trent er die lie- 
benden von einander und wird von Phrynens pfeil getroffen. Als löwen 
quält es ihn immer nur den tyrannen und wütrich spielen zu müssen. 
Endlich wird er in eine schöne, Cynthia, verwandelt: bei dieser Ver- 
wandlung verweilt der dichter. Sie gibt ihm gelegenheit die eitelkeit, 
gefalsucht und koketterie der schönen zu verspotten. Sogleich puzt 
und ziert sich Oynthia, spiegelt sich im bach und sucht der ehemals 
geliebten, nun aber hässlich befundenen Phryne ihren Thyrsis weg- 
zukapern. Es gelingt ihr nicht, und im verdruss über die mislun- 
gene bewerbung wünscht sie eine eule zu werden. Aber die Verwand- 
lung geht nicht mehr vor sich, die schöne Cynthia wird vielmehr wider 
zu dem unzufriedenen Agenor und muss eine Strafpredigt des erzürnten 
Jupiter anhören : „Wer selbst das glück , das ihm gehört zu bestimmen 
wagt, der wünscht ein gott zu sein." 



222 MINOR 

Auch hier, und noch mehr hier als bei Zachariä, bildet die 
beschreibung der verschiedenen Verwandlungen den haupteflfekt des ge- 
dichtes. Manche sind ganz treflich gelungen; z. b. die erste, in wel- 
cher Agenor zur nachtigall wird. 

„Wie? Hemmt ein grössrer Schmerz den Ausbruch seiner Schmerzen? 
Versperrt die Wehmuth sich in dem beklemmten Herzen? 
Er spitzt voll Angst den Mund; die Zunge strengt sich an, 
Und fühlt doch, dass sie nicht vernehmlich sprechen kann. 
Sie zwingt sich, und kann nichts als einen Laut erzwingen, 
Der halb der Sprache gleicht, und halb der Vögel Singen. 
Fast wie die Aelster sonst, nach langem Unterricht, 
Nicht ganz wie Aelstern schwatzt, nicht ganz wie Menschen spricht. 
Wenn wir, da arbeitsam, wo wirs nicht werden sollen. 
So, der Natur zu Trotz, die Sprache geben wollen. 
Sein zugespitzter Mund sucht sich zurückzuziehn. 
Je stärker er sich zwingt, je schärfer spitzet ihn 
Ein höhrer Zwang itzt zu. Umbeugt durch zähe Binden, 
Steht schon die Lippe starr, und kann nur schwach empfinden, 
Da sie doch zum Gefühl, zu sanfter Küsse Lust, 
So zart bereitet war. Das Kleid lebt auf der Brust, 
Zertheilt sich, und wächst an. Das Kleid lebt auf dem Kücken, 
Treibt Wurzeln , und wächst ein. Er bückt sich , und , im Bücken, 
Verliert sein Leib die Kraft, sich wieder zu erhöhn. 
Liegt schief, und kann nicht mehr, wie vormals, aufrecht stehn. 
Er will die eine Hand hinauf zum Munde führen. 
Die andre hinter sich, den Bücken zu berühren; 
Er will, und sieht, dass er zween Flügel ausgestreckt. 
Vor Aengsten bebt sein Herz. Er flieht , durch sich erschreckt. 
Er läuft, doch nein, er hüpft. Zu leicht auf seinen Füssen, 
Glaubt er erstaunt die Last des Körpers zu vermissen. 
Er will um Hülfe schreyn, und gluchst, als Nachtigall, 
Gluchst, und bewundert selbst den angenehmen Schall, 
Des eignen Halses Kunst. Gelockt durch seine Lieder, 
Fliegt manche Sie herbey und lässt sich bey ihm nieder. 
Doch da das Schrecken sich in ihm noch nicht zerstreut, 
Verscheuchen sie ihn nur durch ihre Freundlichkeit, 
Er steht, besieht sich oft, sinnt nach, besieht sich wieder, 
Fühlt seine Leichtigkeit, den neuen Bau der Glieder. 
Soll er den Flügeln traun? Soll er die Lüfte scheun? 
Er schlägt die Flügel auf und zieht sie wieder ein. 
Doch endlich wagt er sich, und fliegt hart bey der Erde! 



QUELLBNSTÜD. Z. LIT. -GESCH. D. 18. JH. 223 

Neugierig wartet er, ob er nicht fallen werde. 

Die unerfahme Maus, die zu der Preystadt flieht. 

Und vor des Erbfeinds List sich nun gerettet sieht, 

Wagts kaum, ihr kleines Haupt nur halb hervorzuheben; 

und zieht es schnell zurück. Drauf traut sich, doch mit Beben, 

Ihr ganzes Haupt hervor. Itzt sieht die kühnre Maus 

Sich nochmals sorgsam um. Dann springt sie schnell heraus. 

So sorglos hüpfet sie, als ob sie nie gezaget: 

Wie dieser sich erst nicht, dann halb, dann völlig waget, 

und da er immer mehr sich von der Erd entfernt 

Zuletzt so muthig fliegt, als hätt ers längst gehörnt. 

J. A. Schlegel, ein geschickter versificateur, welcher nach geeig- 
neten Stoffen trachtete , wolte noch eine ganze reihe ähnlicher dichtun- 
gen liefern. Er schreibt an Gieseke (Archiv für Literaturgeschichte 5, 
63 fg.) : „Ich habe noch verschiedene Projecte im Kopfe , vornemlich 
eine Verwandlung eines Tieres in einen Menschen, die mir der Herr 
Steuerrevisor so eingebunden hat. Ich muss sie doch deswegen zu 
Rathe ziehen. Es ist mir beygefallen eine Schöne in einen Orangen- 
baum und ihren eifersüchtigen Liebhaber in eine Biene, die ihn umflat- 
tert; oder einen Uhu, der eine singende Nachtigall verfolgt, 
in einen Antiquitätenkrämer, und die Nachtigall in einen 
Dichter zu verwandeln, und zeigen dass ihr alter Hass 
noch anhält; oder einen Papagey einer unwitzigen Schönen in einen 
geschwätzigen Stutzer, und da er ihr untreu wird, sie in eine Bild- 
säule zu verwandeln. Zu welcher rathen Sie mir; nur fürchte ich dass 
sie alle zu weitläuftig sein werden und zu Verwandlungen der Thiere 
in Menschen lassen sich die Ursachen so schwer finden." Nur den im 
zweiten satze angezeigten plan hat Schlegel zum entzücken seiner 
freunde (a. a. o. 65) wirklich ausgeführt: in der aetiologischen fabel 
„Die Eule und die Nachtigall, eine Verwandlung" (Bremer 
Beiträge , IV. band , 3. stück 1747, s. 204 fgg.). Die nachtigall , von 
der neidischen eule verfolgt, wird zu ihrem schütze von Apoll in einen 
menschlichen poeten verwandelt: auf ihre beschwerde verwandelt die 
göttin der dumheit auch die eule in einen menschen, aber in einen 
pedanten. Hier finden wir also die Verwandlung von tieren in menschen. 

Auch andere Bremische Beiträger folgen nun in fabeln dem vor- 
gange Schlegels: Gellerts Chloris (1746 zuerst gedruckt; Werke 1839 
I 49) zürnt ihrem liebhaber aus eifersucht und bittet Venus um einen 
leichten tod: als ihr freund ins zimmer tritt und sie begütigt, will sie 
vergebens ihren wünsch zurücknehmen: sie wird von Venus in eine 
taube verwandelt. In der Dreyerschen fortsetzung der Bremischen Bei- 



224 MINOB 

träge steht (V. band, 4. stück 1749, s. 322 fgg.) „eine Verwand- 
lung": in den fabelhaften Zeiten, in welchen alle wünsche kräftig 
waren, findet ein liebhaber sein mädchen schlafend und wünscht sich, 
damit ihm nichts versteckt bleibe, ein floh zu sein; in ihrem schösse 
lässt er sich dann durch den blossen wünsch in einen mann. zurück- 
verwandeln. Auch Kretschmann (sämmtliche Werke, 6. bd., 309 fg.) 
behandelt das thema unter demselben titel wie J. A. Schlegel: sein „Un- 
zufriedener", Veit Eulenspiegel , steigt zu immer kühneren wünschen 
empor: um die last der menschheit abzuschütteln, wünscht er sich 
erst ein wurm, dann ein engel, endlich ein gott zu sein. Da strahlt 
ihm aus wetternacht die flammenschrift entgegen: 
„Der Thoren Wünsche zu befriedigen, 
Ist selbst die Gottheit nicht allmächtig gnung." 
Wie früher bei Wieland (s. unten) war das ganze blos ein träum, aus 
welchem Veit gebessert erwacht. 

Selbst in die lyrik hat sich das motiv eingang verschalt in 
Klopstocks ode „Der Adler oder die Verwandlung" (Hempel 
5, 79 fgg. aus dem jähre 1749): der zärtliche, fühlende Jüngling bittet 
die mutter natur, ihn in eine nachtigall umzuschaffen; aber auch jezt 
klagt er weinend die nacht durch und bittet, nicht glücklicber gewor- 
den, den donnerer Jupiter, ihn in einen adler zu verwandeln.* 

Mit dem algemeinen thema der „Verwandlungen" steht das beson- 
dere von Pygmalion, welcher den stein belebt, in Zusammenhang. 
Es ist in Frankreich schon vor ßousseaus monodrama durch Hyacinthe 
bearbeitet worden. Durch J. A. Schlegels „Unzufriedenen" wurde Bod- 
mer bestimt, seine erzählung von Pygmalion und Elise zu schrei- 
ben (Frankfurt und Leipzig 1747): sie ist mir nicht zugänglich. Ein 
urteil J. Elias Schlegels und vergleichung mit Hyacinthe findet man 
in einem briefe an Bodmer , A rchiv für Literaturgeschichte 14 , 56 fg. ; 
J. Elias Schlegel selbst hat die gerügten fehler in seiner cantate 
„Pygmalion" (Werke herausgegeben von Job. Heinrich Schlegel, 
4. teil, 1766, s. 208 fg.) zu vermeiden getrachtet. Wieland weite, 
offenbar durch Rousseau angeregt, eine oper Pygmalion schreiben. 
Schiebeier dichtete nach Ovid eine parodistische bailade (Zeitschr. für 

1) Diese ode deklamierte Herder in Darmstadt (Erinnerongen I, 115) und 
gewann sich durch seine deklamation wie durch seine predigt die braut. Wenn 
sich dann Herder in der „Bilderfabel für Goethe" (aus Herders Nachläse 1, 46 fgg.) 
selber als falken einfährt, so liegt es nahe anzunehmen, dass Goethes und Mercks 
Sticheleien, auf welche jene bilderfabef antwortet, sich auf Herders deklamation 
der Klopstockschen ode „Der Adler" und die Wirkung, welche er durch dieselbe 
erreichte, bezogen. 



QUELLBNSTÜD. Z. LIT. -GESCH. D. 18. JH. 225 

deutsche phil. 15, 171); J. G. Jacobi (vgl. Archiv f. literaturgesch. 
4, 327) in der zeit der Nouvelle Heloise, des neuen Menoza, der 
neuen Arria, des neuen Amadis usw. auch einen „neuen Pygma- 
lion", welcher im ersten hefte des Mercur für 1774 (s. 26 fgg.) zu fin- 
den ist: der bildner Cynthio hat Rosette, welche ihm als modell zu 
seinen Venusbildern gedient hat, verlassen; er zieht sich in die ein- 
samkeit zurück und formt in tiefer reue eine Magdalena, welche aber 
wider die züge von Eosette annimt; trotz fasten und beten umschlingt 
er, von liebesglut erfasst, sein bild um es zum leben zu erwärmen — 
es lebt und ist Rosette, die ihm in die einsamkeit gefolgt ist. In Goe- 
thes „Künstlers" Erdewallen" umfasst der künstler die himlische 
gestalt seiner Venus Urania mit bräutigams gewalt. Bei Schiller 
ist das bild des Pygmalion, „der einst mit sehnendem verlangen den 
stein umschloss", in früheren und späteren zeiten beliebt (Triumph der 
Liebe; Semele; Die Ideale). 

Wielands „moralische Erzählungen" (1752) sind durch die in 
Thomsons Jahreszeiten eingefiochtenen erzählungen angeregt (ausge- 
wählte Briefe 1, 95); aber schon vorher, heisst es, hätte ihm Bodmers 
„Pygmalion und Elise" etwas ähnliches eingegeben. Unter „etwas ähn- 
liches" ist ohne zweifei die vierte seiner erzählungen zu verstehen, welche 
unter dem titel „Der Unzufriedene'' das thema der Verwandlungen 
auf eine Wieland eigentümliche art behandelt. Der titel ist derselbe wie 
bei J. A. Schlegel. Aber das ganze ist, recht nach der weise der 
Wielandschen Jugenddichtungen, in einen träum, eine vision, eingeklei- 
det: Zohar träumt dass ihm Firnaz, der gute geist, erscheine und nach 
seinem sehnsüchtigen begehren frage. Zohar aber ist alles überdrüssig 
und wünscht sich — widerum bezeichnend für den jungen Wieland — 
Verwandlung seines landes in eine zauberau von der art der länder der 
seligen, in welcher alles schöne auf erden vereint ist. Widerum 
unzufrieden, wünscht und erhält er die herschaft über alle länder der 
erde : er wird übermütig , ein eroberer (Klopstock !) ; greift ein auf seine 
freiheit stolzes volk an, welches sich zur Währung seiner freiheit hel- 
denmütig widersezt und ihn schlägt. Zulezt wünscht er sich in einen 
Schmetterling verwandelt zu sein ; wird aber als solcher von einer dohle 
aufgezehrt Er erwacht und erkent, dass er das glück bloss in sich 
suchen dürfe, wenn er das wahre finden wolle. 

Entfernter anklingend sind die Verwandlungen in Wielands 
Märchenerzählungen. Zerbin im „Idris" (3. buch) sucht seine 
geliebte; er bedient sich eines talisman, welcher ihm gestattet sich in 
alle tiergestalten zu verwandeln. In dem „Stein der Weisen" muss 
könig Marke erst in einen esel verwandelt werden , ehe er den stein der 

ZBITBOHBIFT F. DSÜTSCHB PHILOLOaiE. BD. XIX. 15 



226 MINOB 

weisen finden soll ; in dem eselsstande erfährt er , dass er nur betrogen 
werde; seine rückverwaudlung in einen menschen bewirkt zugleich auch 
seine heilung von dem aberglauben. 

Auch in dem Singspiele der zeit, wie Weisses „Verwandelte 
Weiber'' zeigen, findet man ähnliches; aber hier liegt ein englisches 
Vorbild zu gründe.^ 

Für die gongoristische bailade waren Verwandlungen ein wil- 
kommener stoflf; die travestierende behandlung Hess man mit verliebe 
dem Ovid und seinen Verwandlungen zu teil werden (Zeitschr. f. deut- 
sche phil. 15, 169 fgg.): Vgl. z. b. Schiebelers Pygmalion (a. a. o. 
171 fg.); seine Verwandlung der Jungfrauen in elstern (a. a. o. 172 fg.). 
Auch H. L. Wagner hat eine romanze „Die verbotenen Ver- 
wandlungen'' im Almanach der deutschen Musen 1775, s. 7 fgg. 
(Erich Schmidt, H. L. Wagner ^ 24 fg.) veröffentlicht. 

Tieck in den Straussfederngeschichten (Schriften 8, 101; 9, 243) 
erzählt die „merkwürdige Lebensgeschichte Sr. Majestät 
Abraham Tonelli, in 3 abschnitten." Die geschichte eines schnei- 
dergesellen aus Wien, der in den besitz einer wur!zel komt, durch 
welche er sich in alle tiergestalten verwandeln kann. Er komt dadurch 
auch an den hof des persischen königs und des sultans; im rausche 
aber wird ihm die wurzel gestohlen und er muss sich durch Sibirien 
durchbetteln. Widerum in den besitz eines kleinodes gelangt, eines 
Steines, durch welchen er geister eitleren kann, verliert er es abermals 
und verarmt gänzlich. Zum dritten male erhält er eine perle, durch 
welche er in gold verwandeln kann und der Schwiegersohn des kaisers, 
zulezt selbst kaiser wird . . . Als quelle gibt Tieck selber (Schriften 6, 
vorr. s. XXX fg.) einen jener schlicht und schlecht geschriebenen romane 
aus dem anfange des 18. Jahrhunderts an, welcher in seiner treuher- 
zigkeit die albernsten geister -erscheinungen, Wundertaten und Verwand- 
lungen vortrug und ohne alle Ironie so recht für den bedarf träger und 
sinlicher menschen geschrieben war. Nur den ton , aber nichts von den 
tatsachen will Tieck geändert haben. E. T. A. Hoff mann beabsich- 
tigte den spass fortzusetzen : Werke (Hempel) 15 , 478 fgg. findet sich 
der anfang. 

Zulezt muss Goethe genant werden, dessen „Liebhaber in 
allen Gestalten" das motiv der Verwandlungen und des unzufrie- 
denen andeutet: „Ich wollt' ich war' ein Fisch" ... „Ich wollt', ich 

1) Lindners „Lehrreicher Zeitvertreib in Ovidianischen Ver- 
wandlungen" (Leipzig 1769) komt nach dem bei Degen 3, 181 gesagten für uns 
nicht weiter in betracht. — Aus der stürm- und drangzeit könte Klingers , Der- 
wisch" angeführt werden. 



QÜELLENSTUD. Z. LIT. -GESCH. D. 18. JH. 227 

war' ein Pferd "... „ Ich wollt' ich wäre Gold " usw. Aber Goethe 
ist durch das Volkslied angeregt, in welchem die Verwandlung des lieb- 
habers in alle möglichen tiergestalten und der wechselnde wünsch des 
unzufriedenen liebhabers , der geliebten unter dieser oder jener gestalt 
näher zu kommen , oft widerkehrt : vgl. von Loepers anmerkung zu den 
Gedichten P, 278 fg. und von Biedermann, Goetheforschungen 2, 344 
fgg. Auch an „Lili's Park" und „Sehnsucht" muss in diesem 
Zusammenhang erinnert werden. ^ 

Bei längerer aufmerksamkeit werden sich gewiss noch andere 
behandlungen desselben tema auffinden lassen: mein hauptzweck war 
die abhängigkeit des Wielandschen „Unzufriedenen" von dem A. Schle- 
gelschen nachzuweisen. 

2. Selim und Selima. 

Um den sublimen Charakter der Wielandschen Jugenddichtung 
zu erkennen, gibt es kaum ein besseres beispiel als diese erzählung, 
in welcher das glück zweier liebenden durch die blindheit des mannes 
wol beeinträchtigt aber nicht zerstört wird, bis ihr schutzgeist der 
liebevollen Selima ein mittel gibt , den blinden Selim sehend zu machen. 
Gerade die Situation des blinden ehemannes gab den dichtem der zeit 
gern zu Spötteleien anlass; man lese das folgende gedieht Hagedorns 
(Eschenburgs ausgäbe 4, 131): 

Der Blinde. 
Ein Blinder ist glücklich zu schätzen, 
Ist seine Gemahlin nur schön. 
Wie muss ihn ihr Schmeicheln ergötzen I 
Er wird nichts Verdriessliches sehn. 
Besuchen ihn ihre Bekannten; 
Was kann wohl verbindlicher sein? 
Er hält sie mit Eecht für Verwandten, 
Und ladet sie selber oft ein. 

Verspürt er ein Kauschen von Küssen, 
So denkt er, mein Weib ist getreu. 
Wenn Andre das Gegentheil wissen, 
So steht ihm der Zweifel noch frei. 
So wachsen die zärtlichsten Triebe, 
Die Beide zusammengesellt, 
Weil lüsterne Blindheit die Liebe 
Gewiss und am längsten erhält. 
Wieland kante diese Spötterei, welche nur in der älteren aus- 
gäbe der Hagedornschen lieder und bei Eschenburg zu finden ist, recht 

15* 



228 MINOR 

gut: er gedenkt ihrer in den Abderiten (I. buch, 12. kapitel; Hempel 
7, 73): „Der gemahl der schönen Thryallis war, ohne blind zu sein, 
so glücklich, als Hagedorn einen blinden schätzt, dessen gemahlin 
schön ist." Auch die quellen, aus welchen er später im Oberen die 
birnbaumgeschichte in so ganz anderem tone erzählte, sind ihm wol 
damals schon bekant gewesen . . . Und doch fasst er hier die Situa- 
tion ganz ernsthaft, würdevoll und sogar feierlich auf: ein zeichen, 
wie stark ihn Elopstock damals in die idealistische richtung gedrängt 
hatte. Wir wissen jezt (Anzeiger f. d. Alterthum 12, 89) aus seinem 
eigenen munde, dass die erzählung Selima „durch Lesung der Empfin- 
dungen eines Blindgebohrnen [in Bodmers neuen kritischen Briefen] und 
ein gewisses stück des Babillard entstanden" ist; aber auch an EHop- 
stocks ode „Salem" erinnert sie, wie schon Erich Schmidt bemerkt 
hat, noch in anderem als in dem titel. 

Als nachfolger Wielands in der moralischen erzählung muss der 
Kammelburger Pfeil (über ihn Archiv 7, 524 fgg. 8, 223 fgg.) gelten, 
dessen „moralische erzählungen" 1757 in Leipzig bei Lankischens Erben 
erschienen sind. Am anfange steht „Das Gesicht des Mirza" nach 
Wieland. Mercier in seinem Bonnet de Nuit hat widerum unter dem 
titel „Die beste Welt, Traum" die Pfeilsche bearbeitung ins franzö- 
sische übersezt. 

3. Nadine. 

Es darf zur rechtfertigung Wielands bemerkt werden, dass die- 
ses mutwilligste seiner gedichte nicht blos , wie er angibt , „ eine erzäh- 
lung in Priors manier ", sondern diesem direkt nachgebildet ist Priors 
gedieht ist überschrieben „ The Dove " (S. Johnson , the works of the 
englisch poets XXXII s. 243 fgg.)i trägt das motte aus Virgil „Tan- 
taene animis coelestibus irae?" und dient dem satz des Virgil scherz- 
haft zum belege: Venus hat ihre lieblingstaube verloren; Cupido trau- 
ert mit ihr und will sie ihr wider schaffen. Als constable und als 
Wachleute verkleidet ziehen sie und ihre leute aus , die taube bei Chloe 
(der typische renaissancename der schönen bei Prior) zu suchen. Es 
ist nacht: sie begehren einlass, finden Ohloe im bette und Cupido 
überreicht die anklageschrift. Chloe gibt ihm erlaubnis alles durch- 
zusuchen. Als er die taube nirgends findet, kehrt er an ihr bett zu- 
rück: sucht die taube auf ihrer brüst, greift tiefer und ruft freudig 
aus : „Venus , ich finde deinö taube , denn ich berühre ihre federn." 

Ähnlich ist auch „Der entwafl&iete Amor" (Love disarmed; a. a. o. 
235 fgg.)' hier föngt eine schöne, die widerum Chloe heisst, den lie- 
besgott, der sich auf ihrem busen zur ruhe gesezt hat, ein, entwaf- 
net ihn und regiert seitdem die weit. 



QUELLEMSTUD. Z. LIT.-OBSCH. D. 18. JH. 229 

Bei Prior ist noch manches zu finden: z. b. a. a. o. 32, 287 
eine nachbildung der verse des sterbenden Hadrian, „animula vagula 
blandula"; 33, 28 fgg. A Ballad of the not browne mayde usw. 
Sein einfluss auf Wieland, der ihn so oft nent, verdiente näher 
untersucht zu werden. 

Ähnliche themen wurden übrigens auch von andern Anakreon- 
tikern (vgl. auch oben s. 224 „Eine Verwandlung") behandelt, z. b. 
nach Zappi von Gleim (sämmtliche Werke, herausgegeben v. Körte 2, 
366 fg.). 

Die Liebesgötter. 

Hundert kleine Liebesgötter 
Spielten einst im Bosenthal; 
Einer aber fragte: „Brüder, 
I^liegen wir denn nicht einmahl?" 

Augenblicks sah man ihn fliegen. 
Wie ein Vogel flog er auf, 
Flog na<5h Chloens Augenbraunen, 
Setzte sich zurecht darauf: 

Sähe sich in ihren Augen, 

Heller als in einem Bach; 

Alle seine Brüder flogen. 

Wie ein Bienenschwarm, ihm nach! 

Auf der Stirn und auf den Lippen, 
In den Augen, auf dem Haar, 
Aufeder kleinsten Stelle sassen 
Liebesgötter, Paar bei Paar! 

„ Seht doch ", rief ich zu den Freunden, 
„Meine liebe Chloe, seht, 
Ihr Gesicht ein Theil der Götter ! " — 
Einer aber kam zu spät; 

Suchte flatternd eine Stelle, 
Fiel, als er sich Mühe gab 
Einzudringen , auf den Busen 
Ueber Hals und Kopf hinab. 

Baffte sich zusammen, suchte 
Sich zurechte, kehrte sich 
Zu den Brüdern, sagte: „Brüder, 
Welcher sitzt so gut, als ich?" 



230 MINOB 

4. Musarion. 

Über die literarhistorischen Voraussetzungen dieses gedichtes hat 
sich Wieland widersprechend geäussert. Dem vorwürfe der romantiker 
(Böttiger, Literarische Zustände und Zeitgenossen 1, 255) hielt er die 
frage entgegen, ob irgend eine nation ein so erfundenes und compo- 
nirtes gedieht habe, wie seine Musarion. Aber schon die geselschaft, 
in welcher er den namen aufführt (er nent vorher auch Agathon und 
Idris erfunden), macht uns bedenklich, da die erfindung im Agathon 
jedenfals nicht gross, im Idris aber ganz gering ist. Schiller gegen- 
über, wie dieser am 21.juli 1787 an Körner schreibt, gestand er denn 
auch, dass die erste idee einem fremden muster entlehnt sei. Damit 
wird er kaum eine andere dichtung gemeint haben als das lehrgedicht 
„Alma or the progress of the mind" von Prior (a. a. o. 33, 140 f gg.), 
denn in einem briefe vom 29. august 1764 an Salomon Gessner (aus- 
gewählte Briefe Zürich 2, 251) erwähnt er unter den sujets, die er 
zukünftig zu behandeln gedenke, „Musarion, eine art von komischem 
lehrgedicht , im Gout der Alma des Prior , welches die bekehrung eines 
platonikers, und die Widerlegung des ganzen phantastischen Systems 
dieses weisen mannes enthalten soll." Aber die Übereinstimmungen 
mit dem englischen gedieht sind keineswegs gross. Wie Wielands Mu- 
sarion besteht dasselbe aus drei gesängen und das ganze ist in eine 
humoristische Unterredung mit einem freunde eingekleidet, welche ent- 
fernt etwa an die disputation der philosophen bei Wieland erinnern 
kann: doch ist m'cht zu übersehen, dass bei Prior der dichter selbst 
redet und das erzählende element überhaupt fehlt. Nur lehre und bei- 
spiele werden vorgetragen. Der gedanke wird 9,usgeführt, dass die 
seele ihren sitz nicht im köpfe, sondern bei jedem menschen in dem 
gliede habe , welches das Werkzeug der in ihm herschenden leidenschaft 
ist. Also bei verschiedenem alter, neigungen, sitten, nationen, Wis- 
senschaften auch an verschiedenen orten Höchstens die dreitei- 

lung und den gedanken philosophische lehren in humoristischem tone 
vorzutragen, verdankt Wieland seinem vorbilde. 

Die geringen Übereinstimmungen erklären siclj am einfachsten 
daraus, dass das gedieht nach dem ersten ansatze liegen blieb. Wie- 
land erzählt bei Böttger (a.a.O. 177): „Von Musarion war nur ein 
fragment fertig, das lange in meinem pulte lag, ohne dass ich sehr 
darauf achtete. Einmal komme ich darüber und finde beim neuen 
durchlesen, dass sich doch wol etwas daraus machen Hesse." Jezt 
stand das vorbild Priors wahrscheinlich nicht mehr so lebendig vor 
Wielands äugen; jezt wurde das komische lehrgedicht zu einer grie- 



QUBLLENSTÜD. Z. LIT. -GESCH. D. 18. JH. 231 

chischen erzählung und „die philosophie der grazien" bildete nur den 
kern des ganzen. 

Für den erzählenden bestandteil aber hat Wieland allenthalben 
anleihe gemacht. Zunächst wol bei dem Lucianischen Timon von Atheji : 
wie dieser hat Phanias sein geld verprasst, seine freunde und Danaen 
verloren. Er zieht sich, wie Timon, weltfeindlich und verbittert, mit 
struppigem hart in die einsamkeit zurück, wo er in geselschaft zweier 
Philosophen verwildert. Vielleicht hat auch die ballade „Edwin und 
Angelina" auf ihn eingewirkt, welche Goldsmith in seinem „Landpre- 
diger von Wakefield" mitteilt und Goethe in seinem Singspiel „Erwin 
und Elmire" benuzt hat; dort hat Angelina den geliebten durch ihre 
quälereien in die einsamkeit getrieben, in welcher er als eremit lebt; 
sie besint sich aber, folgt ihm nach und gewint seine liebe wider. 

Eine andere quelle gibt uns Wieland selbst an die band. Böt- 
tiger (a. a. 0. 1, 154) verzeichnet aus Wielands gespräch: „Zum Musa- 
rion gab Wielanden ein brief aus dem Aristänetus die erste veranlas- 
sung." Den briefen des Anstauet und Alciphron verdankte er schon 
im Agathen viel in bezug auf den ton. Von Alciphron hatte bereits 
Gottsched (1734) in den Schriften der deutschen geselschaft den 3. und 
4. brief des ersten buches übersezt; dann brachte der zweite band der 
Bremischen Beyträge 2, 245 fgg. 250 fgg. Übersetzungen aus Alciphron 
(I. buch 34. brief) und Aristänet (I. buch 24. brief). Zwanzig auserlesene 
briefe des redners Alciphron verdeutschte 1747 Kriegel; endlich lieferte 
Herel eine volständige Übersetzung der briefe des Alciphron (1767) und 
Aristänet (1770). Wieland benuzte ausser den Bremischen Beiträgen 
wol auch eine französische Übersetzung : Lettres d'Aristnete aux - quelles 
on a ajoutö les Lettres choisies d' Alciphron, traduites du grec, (Lon- 
dres 1739); welche Geliert in seiner abhandlung „von dem guten 
geschmacke in briefen" freilich nur denen empfiehlt, welche diese 
„aufgeweckten briefe" nicht im original lesen könten. 

Für uns komt hier wol hauptsächlich der 24. brief des ersten 
buches in betracht, welcher in den Bremischen Beiträgen übersezt wor- 
den war. Dort lässt Aristänet eine geliebte Musariun an ihren lieb- 
haber Lysias schreiben: sie hat ihre anbeter versammelt, welche ihr 
alle darüber vorwürfe machen, dass sie sich einen so unangenehmen 
und verdriesslichen menschen zum liebhaber auserkoren habe; sie aber 
erklärt ihnen, dass sie Lysias liebe und aus den andern sich nichts 
mache; sie sezt sich auch sogleich hin, ihm das zu schreiben, und 
bittet ihn bald zu kommen. . Ähnlich hat auch Wielands Musarion sich 
von einem gecken den hof machen lassen, folgt aber jezt dem Pha- 
nias, um ihn zu bekehren und für sich zu behalten. 



232 MINOR 

Aber auch ein brief Alciphrons , der nämliche , welchen die Bre- 
mer Beiträge in Übersetzung brachten, ist nicht ohne einfluss auf Wie- 
lands dichtung geblieben. Dort stelt Thais ihren liebhaber Euthyde- 
mus zur rede , welcher sich in den köpf sezt ein philosoph zu werden, 
sich wie ein solcher kleidet und gebärdet, und mit stolzen vornehmen 
schritten an ihrem hause vorübergeht, ohne sie zu beachten. Sie bit- 
tet er möge das verdriessliche wesen ablegen ; ein sauertöpfischer sophist 
habe ihm diese dinge vorgesagt — aber dieser sophist habe sich frü- 
her lang genug um sie bemüht und sei noch jezt in eine andere sterb- 
lich verliebt ... In diesem Sophisten finden wir zugleich die Philoso- 
phen vorgebildet, welche dem Phanias den köpf verrückt haben und 
so schlecht nach ihren lehren handeln. Dass bei ihrer entlarvung eine 
stelle aus dem Tom Jones vorschwebt, hat schon Loebell bemerkt. 

5. Die Wielandschen Singspiele und Goethes Iphigenie. 

Dass zwischen den Wielandschen Singspielen und Goethes Iphi- 
genie ein äusserer Zusammenhang zu bestehen scheint, hat zuerst Her- 
mann Grimm vermutet; Bernhard Seuffert in seinem aufsatze „Der 
junge Goethe und Wieland " hat bei besprechung der Goetheschen Far9e 
gegen Wieland den stil der Iphigenie mit dem der „Alceste*' in paral- 
lele gebracht. Ich richte mein hauptaugenmerk auf die technik der 
beiden dichtungen und dichtungsarten. 

Diese technik ist zunächst durch den Charakter des Singspieles 
bedingt, in welchem Wielaud die Italiener als meister erkante: die 
kunst der Arien suchte er, wie er an Jakobi schreibt, dem Metastasio 
abzulernen. Das Wielandsche Singspiel besteht aus dem recitativ, den 
arien und dem chor. Das recitativ ist in freien jambischen versen 
abgefasst, welche sich mit verliebe dem fünffüssigen Jambus nähern. 
Die arien sind strophisch gegliedert:^ meist drei strophen, von wel- 
chen die dritte im metrum und Inhalte eine blosse widerholung oder 
Variation der ersten ist. Dieselbe form des da-capo, welche sich 
auch in der cantatendichtung nachweisen lässt, findet man in Goethes 
gedieht „Erster Verlust" (Loeper I^ 37). Duette und terzette kommen 
bei Wieland vor, aber nie singen mehr als zwei stimmen zusammen. 
Die anwendung des chores ist beschränkt und immer ist sein erschei- 
nen motiviert: in „Alceste^' erscheint er bei dem opfer. 

1) Nur in der überhaupt unvolkommenen „Aurora" (Werke, Hempel 40, 
805 fgg.), welche noch ganz den Charakter des monodrama an sich trägt, nähert 
sich das recitativ bloss der strophischen arie an einzelnen stellen, ohne in eigent- 
liche Strophen überzugehen. 



QUBLLBNSTUD. Z. LIT.-GBSCH. D. 18. JH. 233 

Aber nicht bloss Metastasio, auch Euripides ist Wielands Vor- 
bild. Wie Klopstock mit seinem David ein christlicher Sophokles werden 
wolte, so will es Wieland mit seineu Singspielen dem Euripides wett 
machen; ja er sezt in den briefen über die „Alceste" sein stück über 
das Euripideische. „Nichts als Euripides und Metastasio gelesen und 
dann lyrische dramata gemacht, aber immer wider zur muse des gött- 
lichen Metastasio zurückgekehrt." ünwilkürlich näherte sich die form 
des Wielandschen Singspieles der griechischen tragödie, um so mehr 
als Wieland auch stoffe aus der griechischen mythologie am passend- 
sten fflr das Singspiel hielt. In den romanen hatte er griechische Phi- 
losophen, in seinen erzählungen griechische götter vorgeführt: für das 
Singspiel dachte er die griechischen heroen und halbgötter zu verwer- 
ten; auch Pygmalion solte an die reihe kommen. 

Zunächst zwang ihn die musik sich kurz und knapp zu fassen: 
die kunst wenig worte zu machen hielt er besonders in einem lyrischen 
Schauspiel für ungleich grösser als die kunst schön zu reden. Seine 
Singspiele erscheinen uns deshalb mager in bezug auf die äussere hand- 
lung; sie enthalten aber viel seelisches, welches sich dem gesang leicht 
zum ausdruck darbietet. Episodische handlungen sind ebenso wie epi- 
sodische Charaktere ausgeschlossen: schon die rücksicht auf das perso- 
nal des „singenden theaters", welches meist nur aus wenig personen 
bestand, gebot beschränkung auf wenige hauptpersonen , welche man 
höchstens durch eine vertraute ergänzen durfte. Einheit des ortes und 
der zeit ist gesetz, wird aber wie von den französischen tragikern 
umgangen: in der Alceste besteht sie darin, dass die handlang in 
oder vor dem palast vor sich geht. Im übrigen ist scenenwechsel aus 
einem technischen gründe selbst innerhalb des aktes häufig: man hat 
nämlich für die monologe in recitativform aus den monodramen und 
melodramen die Vorliebe bewahrt und führt lieber eine person im Selbst- 
gespräch ein als mehrere im dialoge zusammen. Besonders der ein- 
gangsmonolog , welcher uns den beiden oder die heldin in einem stürm 
aufgeregter empfindungen vor äugen stelt und durch welchen sich Wie- 
lands Singspiel deutlich von der französischen tragödie unterscheidet, 
welche eine Unterredung des beiden mit seinem vertrauten einleitet, 
fehlt in keinem seiner lyrischen dramen. 

An diese form des drama und an keine andere schliesst Goe- 
thes Iphigenie sich an. Sie ist , wie die Wielandsche Alceste auf einen 
wink der herzogin gedichtet wurde, eine hofdichtung. Ihr stoflf ist den 
antiken herscher- und heroengeschlechtern entnommen, aus welchen 
Wieland seine stoffe wählte. Die erste fassung ist ein mittelding zwi- 
schen vers und prosa, aber von ausgesprochen jambischem rhythmus 



234 MINOB 

und ebenso leicht wie später die Proserpina in jambische verse abzu- 
teilen , welche den Wielandischen recitativversen entsprechen : erst nach 
dem erscheinen des Lessingschen Nathan hat Goethe den mut gehabt 
die verse der zweiten fassung, welche sich wie die Wielandschen 
den 5 füssigen jamben nähern , wirklich in dieses versmass umzuschrei- 
ben. Wir finden ferner bei Goethe wie bei Wieland die verliebe für 
die monologe; den typischen Eingangsmonolog, welcher sich durch die 
seelische beweguug von dem blos referierenden vortrage der Euripi- 
deischen Iphigenie bedeutsam unterscheidet. Wir finden wenig äusser- 
liche, viel innerliche handlang; an einigen stellen lyrischen Charakter; 
knappe composition; wenig personen; beobachtung der einheiten. 

Man lese den folgenden monolog der vertrauten Alcestens , Par- 
thenia, der ganz an den stil der Iphigenie erinnert: 

„Mit bangem Herzen, selbst des Trostes dürftig, den 

Ich gebe, geh' ich, meine Thränen 

Admetens Thränen zu vermischen. 

Dank sei den Göttern! Diese Linderung 

Ist doch nicht länger ihm versagt 

Nicht mehr versunken in betäubende 

Verzweiflung, hat sich an der Hand 

Der Freundschaft seine Seele wieder aufgerichtet 

Er fühlt sich wieder selbst, kann weinen, findet Trost 

In mitgeweinton, schwesterlichen Zähren, 

Sogar ein Sonnenblick von Hoffnung kämpft 

Aus seinem trüben Aug hervor, seitdem 

Alkmenens Sohn, dem nichts unmöglich ist, 

Ihn Hoffnung fassen hiess. 

Allein zu bald verschlingt den ungewissen Strahl 

Des Grames düstre Wolke wieder. 

Er sinkt zurück in seinen vorigen 

Trostlosen Kleinmuth. Ach , in diesem Zustand ists, 

Wo er der Freundschaft sanfte Hand am meisten 

Vonnöten hat. — ewig theurer Schatten! 

Wie kann ich besser meine Liebe dir beweisen, 

Als wenn ich, was du liebst, erhalten helfe." 
Und nun sezt eine arie ein, des Inhaltes: der ist nicht vom Schicksal 
ganz verlassen, dem in der not ein freund erscheint 

Aber die Übereinstimmungen gehen noch weiter. Wieland und 
Goethe, beide ringen mit Euripides. Und die art, wie sie das drama 
neu zu beleben suchen, ist dieselbe; die entgegengesezte zugleich yon 
der Lessingschen. Lessing behält die antiken Charaktere und empfin- 



QUBLLBNSTUD. Z. LIT. -GESCH. D. 18. JH. 235 

dangen bei und kleidet sie in ein modernes kostüm, rückt sie in die 
gegenwart: seine Marwood ist eine nene Medea, sein Masaniello soite 
ein moderner rasender Hercules werden, sein Odoardo ist ein bürger- 
licher VirgiJiius. Wieland und nach ihm Goethe schlagen den entgegen- 
gesezten weg ein: sie behalten die äussere Verwicklung der begeben- 
heiten und damit auch das griechische kostüme bei, aber sie legen dem 
antiken stoff und dem antiken Charakter moderne empfindungen unter. 
Sie verinnerlichen und vertiefen das , was sie aus der antiken dichtung 
übernommen haben; sie suchen die lösung der Verwickelungen von 
innen heraus und nicht von aussen zu bewirken. 

Wieland hat diesen weg zum ersten male in der „wähl des Her- 
kules" eingeschlagen. Der Herkules der sage ist nach aussen geteilt 
zwischen der wollast und tugend, er muss sich für eine der beiden 
entscheiden und ihr folgen — durch diesen ganz äusserlichen Zwiespalt 
sucht die griechische sage eben das innere zu versinbildlichen. Wie- 
land dagegen legt den Zwiespalt in die brüst des beiden: er ist durch 
die liebe zu Dejanira schon in inneren streit mit sich selbst verwickelt, 
ehe ihm die woUust die Dejanira anbieten kann. Er ist der mann mit 
den zwei sich bekämpfenden seelen in einer brüst, wie alle beiden 
Wielands seit dem Araspes, Don Sylvio u. a. Ein äusserer conflikt 

ist in einen inneren veiivandelt Ebenso in Goethes Iphigenie. Die 

Iphigenie des Euripides ist äusserlich zweifach geteilt zwischen den 
Tauriern und den Griechen. Die Goethesche Iphigenie ist auch in 
innerem Zwiespalt begriffen , in dem kämpf zwischen Wahrheit und lüge. 

Ebenso charakteristisch, wenn auch nicht immer glücklich, 
weicht Wieland in der „Alceste" von Euripides ab; besonders in zwei 
punkten : 

Erstens: bei Euripides fordert Admet von seinem siechen vater, 
dass er sich für ihn opfere; bei ihm weiss Admet, dass seine gattin 
sich für ihn opfert und er lässt es geschehen. Der antike dichter fin- 
det seine rechtfertigung in der seinem publikum mächtig innewohnen- 
den staatlichen idee: Admet durfte vor den Athenern fordern, dass 
vater und gattin sich für ihn opfern, weil er selber zum besten seines 
Volkes leben muss . . . Anders Wieland. Er darf für dieses politische 
interesse bei seinem publikum kein Verständnis hoffen; für seine eigene 
moderne empfindung ist diese motivierung anstössig. Er dichtet, recht 
im geschmack seiner zeit, ein duett zwischen Admet und Alceste, in 
welchem Admet seinen schmerz um Alceste nicht überleben zu können 
fürchtet: dieses duett aber ist ein direktes seitenstück zu den duetten 
zweier liebenden im raessias oder in Klopstocks öden (vgl. „Selmar 
und Selma"), in welcher zwei liebende sich streiten, ob und wie der 



236 HiNOB 

eine den tod des andern ertragen würde. Ist hier die Verfeinerung der 
antiken erapfindungen mehr nach dem geschmack des 18. jahrhmiderts 
als nach dem modernen geschmack überhaupt geschehen, so ist dies 
noch mehr in der weichlichen kinderscene der fall. Wieland, der ein 
zärtlicher vater war, gibt der Alceste zwei kinder, wie er sagt: weil 
er damals selber nur zwei hatte. Er benuzt sie zu einer rührenden 
kinderscene, wie sie wol durch die Lessingsche Miss Sara angebahnt, 
damals aber noch eben nicht häufig waren. Um Admet zu bewegen, 
dass er ihre stelvertretung gestatte, holt Alceste die kinder mit den 
Worten: ,, kannst du, wenn du dein volk vergessen kannst, vergessen 
dass du vater bist!" — Aber dieser rühreffekt ist auf Überrumpelung 
des Zuschauers berechnet und keineswegs am platze. Denn da die wähl 
nur ist, ob die kinder den vater oder die mutter verlieren sollen^ müste 
Admet bei dem zarten alter der kinder um so mehr das opfer der mut- 
ter verschmähen. 

Zweitens : Bei Euripides holt Herkules die Alceste aus der Unter- 
welt, um die verlezte gastfreundschaft zu sühnen, welche er durchsein 
lautes und burschikoses auftreten im hause des Admet, das durch Alce- 
cestens todesgang eben in tiefe trauer versezt war , beseitigt hat. Dem 
Übersetzer Shakespeares war dieses auftreten des Herkules an sich ein 
greuel; und die sühnung der verlezten gastfreundschaft erschien ihm 
mit recht für uns moderne ein zu schwaches motiv. Er suchte auch 
hier zu verinnerlichen, zu vertiefen; war aber nicht glücklicher als in 
dem ersten falle. Er macht den Herkules zu einem Vorkämpfer der 
tugend : weil er überaill für die tugend kämpft , holt er auch die Alce- 
ste zurück. Ein leeres ideal moralischer volkommenheit beseelt den 
mann, welcher in der antiken mythologie als die lebensvolste Verkör- 
perung der physischen manneskraft erscheint. Aus dem griechischen 
Herkules wird ein moralischer Herkules des 18. jahrh.; ein Herkules - 
Grandison, wie Goethe spottet. Und leider fehlt es ihm auch nicht an 
behaglichen, spiessbürgerlichen zügen, welche ihren Schöpfer Wieland 
recht deutlich verraten: schon im eingangsmonolog spricht dieser Wie- 
landsche Herkules seine Sehnsucht aus , sich bei seinem freunde Admet 
künftig nach volbrachten taten zur ruhe zu setzen. 

Wir können die arbeit , welche Wieland an der Alceste volbracht 
hat, in drei worte zusammenfassen: er modernisiert, er verinnerlicht, 
er idealisiert. Und das tut gerade auch Goethe in seiner bearbeltung 
der Iphigenie des Euripides. Aber Wieland versteht unter dem moder- 
nen das 18. Jahrhundert: aus rücksicht auf seine verdorbenen Zeitgenos- 
sen leistet er ausdrücklich verzieht auf die Wahrheit der unverftlschten 
natur; seine ideale sind die abstrakten seiner zeit; die innerlichkeit 



QUBLLSNSTUD. Z. LIT. -GESCH. D. 18. JH. 237 

seines Singspiels geht nicht tiefer als die seiner eigenen person. Goethe 
sezt das rein - menschliche , algemein gültige an die stelle und dringt 
so zu dem höchsten ziele vor , wo Wieland nur den weg gewiesen hatte. 
Dass er aber Wieland auf demselben gefolgt ist, lassen uns selbst die 
fehler des Vordermannes deutlich erkennen. 

Wieland war kein dramatiker; er sagt von sich selbst, er habe 
immer zu sehr in der ideenweit gelebt, um zum dramatiker tauglich- 
keit zu haben. In der Alceste bewährt sich dieser satz: sie steht 
dramatisch betrachtet kaum höher als Klopstocks David. Wenn sich 
in diesem biblischen drama die personen auf der scene mit gott im 
himmel oben besprechen: so kniet hier ebenso unsinlich und unfassbar 
Alceste nieder um sich den todesgöttern zu weihen und sofort fühlt 
sie ermattung, den tod in den ädern. Ein solcher tod aus freier band, 
dessen Ursache wir nicht sehen und kennen, ist aber völlig undrama- 
tisch. Die einzige art, diesen vorgang auf der modernen bühne dra- 
matisch darzustellen, war die: Alceste einen regelrechten Selbstmord 
auf oder hinter der scene begehen zu lassen . . . Und dennoch : der- 
selbe Idealismus der behandlung, welcher die Alceste bei Wieland an 
einem unsinliehen und unfassbaren übel zu gründe gehen lässt, ver- 
ursacht auch bei Goethe die Verweisung der furien von der bühne, an 
welcher schon Schiller anstoss genonmien hat : hier wie dort ein leiden, 
dessen Ursache wir nicht kennen und sehen. Goethe hat dem Vorwurf 
vorzubeugen gewusst durch den visionären, monolog des Orest, in 
welchem der Wahnsinn eine liebliche gestalt annehmen kann und uns 
wenigstens die Wirkung vor äugen geführt wird, wenn wir auch die 
Ursache nicht kennen. Ich irre wol nicht, wenn ich die anregung zu 
dem Selbstgespräch des Orest in der folgenden Vision zu finden glaube, 
in welcher Admet die Alceste am ufer des Lethe irren sieht, wo ihr 
eben die schale der Vergessenheit gereicht wird: 

Admet. 

„0 Jugendzeit, o goldne Wonnetage 

Der Liebe, schöner Frühling meines Lebens, 

Wo bist du hin ? — Ists möglich ? bin ich der, 

Der einst so glücklich war? So glücklich einst. 

Und jetzt so elend ! Ohne Grenzen elend. 

Wenn nicht die Hoffnung, bald Alceste, dir 

Zu folgen, meine Qual erträglich machte. 

Wo bist du? — Irrst du schon, geliebter Schatten, 

Um Lethes Ufer? — Ach! Ich seh' sie gehen! 

In trauriger Majestät geht sie allein 



238 MINOR 

Am dämmernden Gestad'; ihr weichen schüchtern 
Die kleinern Seelen aus, sehn mit Erstaunen 
Die Heldin an. — Der schmale Nachen stösst 
Ans Ufer, nimmt sie ein. — Der Schleier weht 
Von ihrem Nacken. — 0, nach wem, Geliebte, 
Unglückliche, nach wem siehst du so zärtlich 
Dich um? — Ich folge dir, ich komme! — 
Weh mir! Schon hat das Ufer gegenüber 
Sie aufgenommen! Liebreich drängen sich 
Die Schatten um sie her; sie bieten ihr 
Aus Lethens Fluth gefüllte Schalen an. 
hüte dich, Geliebte! Koste nicht 
Von ihrem Zaubertranke! Ziehe nicht mit ihm 
Ein ewiges Vergessen unsrer Liebe ein! ' 
flieh y geliebter Schatten, fliehe! 
Ich unterläge dem Gewicht! 
Von diesem schrecklichsten der Schmerzen. 
Noch lebt Admet in deinem Herzen; 
Dies ist sein Alles! entziehe 
Dies einz'ge, beste Gut ihm nicht!" 
Und zulezt vergleiche man die folgenden stellen, in welchen der auch 
bei Euripides angedeutete Gedanke einer milden, den menschen wol- 
woUenden weltlenkung in einer an Goethes Iphigenie unverkenbar 
anklingenden form zum ausdruck gebracht wird: 

„Die Götter haben Mitleid 
Mit unserer Schwachheit, hören nicht 
Gelübde, von Verzweiflung 
Der Liebe ausgepresst" 
oder: „mäss'ge dich, Admet! 

Erzürne nicht die Mächte, die uns trennen! 
Vielleicht, dass die Geduld, womit wir ihrem Willen 
Uns unterwerfen, ihre Strenge mildert. 
Vielleicht erweicht sie — " 
So algemeine und noch dazu nicht einmal richtige gründe, wie 
man gegen die annähme einer abhängigkeit Goethes von Wieland vor- 
gebracht hat, werden die aufnähme dieser hypothese wol bei derjenigen 
erschweren oder verzögern, welche sich nach dem belieben für oder 
gegen eine meinung entscheiden imd sich schliesslich doch der mehr- 
zahl fugen , aber nicht hindanhalten. Weit besser als auf seichte innere 
gründe hätte man sich auf den äusseren umstand berufen können, dass 
die Wielaudsche Alceste (vgl. Burkhardt, Grenzboten 4. juli 1873 nr. 27 



QOBLLENSTUD. Z. LIT.-OESCH. D. 18. JH. 239 

s. 13 fg.) einige monate nach der ersten auffuhrung der Iphigenie auf 

dem herzoglichen liebhabertheater verspottet wurde. Aber entscheidend 

ist auch das nicht, selbst wenn Goethes mitwirkung uicht in zweifei 

gezogen wird (vgl. Düntzer, Karl August I, 75). Verspottete doch 

Goethe damals auch im „Triumph der Empfindsamkeit" seinen Werther; 

trotzdem er, wie K. J. Schröer (Kürschners Nationallitteratur band 88 

s. XVI fg.) so scharfsichtig nachgewiesen hat, „der Wertherstimmung 

damals durchaus nicht so sehr entrückt war, als man gewöhnlich 

annimt." 

n. Zu Lessing. 

1. Lessings urteil über den Goetheschen Werther. 

Lessings urteil über den Goetheschen Werther läuft bekantlich 
in dem satz aus (Hempel XXI, 587): „Glauben sie wol, dass je ein 
römischer oder griechischer Jüngling sich so und darum das leben 
genommen? Gewiss nicht. Die wussten sich vor der Schwärmerei 
der liebe ganz anders zu sichern; und zu Sokrates zeiten würde man 
eine solche e^ i'qcjrog y£croxfj, welche tl roXfißv Ttaqä (pvacv antreibt, 
nur kaum einem mädelchen verziehen haben. Solche kleingrosse, ver- 
ächtlich schätzbare originale hervorzubringen, war nur der christlichen 
erziehung vorbehalten, die ein körperliches bedürfnis so schön 
in eine geistige volkommenheit zu verwandeln weiss. Also, 
lieber Goethe, noch ein capitelchen zum Schlüsse; und je cynischer 
je besser." 

Es lässt sich nachweisen, dass sich Lessing hier dem Goethe- 
schen Werther gegenüber in eine paradoxe raeinung vertieft hat, welche 
keineswegs die seinige war. Am 22. nov. 1780 verzeichnet Leisewitz 
in seinem tagebuch (Heinemann, zur Erinnerung an Gotthold Ephraim 
Lessing s. 140): „unsere geselschaft bestand aus Lessing, Schmid, 
mir und Kuntsch. Wir waren ungemein aufgeräumt , radotirten , lach- 
ten , philosophirten , seladisirten und verbanden die beiden letzten dinge 
in einem discurs über die liebe. Ich behauptete, alles bei der 
eigentlichen liebe laufe auf physische bedürfnisse heraus, 
Lessing war anderer meynung." 

Dadurch werden wir von neuem gewitzigt, Lessings briefliches 
urteil über den Werther so streng und ernst zu nehmen, wie es Bie- 
dermann im ersten bände des Goethejahrbuchs und neuerdings wider 
in den „Goethe -Forschungen, neue Folge" getan hat. 

2. Zum Philotas. 
B. A. Wagner in seinem resultatreichen programm „Zu Lessings 
spanischen Stadien" (Berlin 1883) hat nicht bemerkt, dass Lessing im 



240 ELLINGEB 

Philotas dasselbe tema behandelt wie Calderon im „standhaften Prin- 
zen." Dort wird Don Fernando, prinz von Portugal, in der schlacht 
gefangener des königs von Fez, der ihn mit achtung behandelt, aber 
nm* gegen die herausgäbe der christlichen festung Genta freigeben will 
Fernando schickt seinen bruder Henrique zu dem könig von Portugal 
mit dem auftrage: er solle handeln wie er muss, d. h. die festung 
nicht herausgeben. Der könig stirbt aus gram über die nachricht und 
befiehlt in dem testamente die festung gegen freilassung des Infanten 
herauszugeben: als abgesanter seines sohnes und nachfolgers, Dom 
Affonso , erscheint Henrique noch einmal in Fez mit dem auslieferungs- 
dokumente. Fernando aber, welcher nicht will dass eine christliche 
festung in die bände der beiden falle, zerreisst dasselbe. Dadurch ent- 
fesselt er den zorn des königs von Fez, der ihn nun nicht mehr als 
freund, sondern als feind behandelt. Trotzdem bleibt Fernando stand- 
haft, bis er den mishandlungen erliegt. Sein tod entscheidet den sieg 
seiner partei .... Der weitere verlauf bietet keine analogie mit Les- 
sings Philotas mehr. 

Keine der bisher nachgewiesenen quellen zu dem Lessingschen 
Philotas weist eine so genaue Übereinstimmung wie diese. 

WIEN. J. MINOB. 



LITTERATUK. 



Deutsche Drucke älterer Zeit in Nachbildungen, herausgegeben von 
dr. Wilhelm Scherer 9 0. ö. Professor der deutschen Sprache und Litteratnr 
an der Universität Berlin. Berlin, G. Grotesche Verlagsbuchhandlung. 

Die vorliegende samlung ist mit ausserordentlicher freude zu begrüssen, da 
durch dieselbe eine reihe seltner einzeldrucke, welche bisher gemeiniglich entweder 
gar nicht oder nur mit gröster Schwierigkeit zu benutzen waren, der wissenschaft- 
lichen arbeit leicht zugänglich gemacht worden sind. Die faksimilierung ist durch 
die Sorgfalt des herausgebers mit der grösten genauigkeit überwacht; die ausstat- 
tung, welche die Verlags handlung den einzelnen bänden gegeben hat, ist Tortref- 
lich. Jedem band ist eine vorrede vorausgeschickt, in welcher in knapper weise 
alles , was zur Orientierung über das betrefiEende werk , sowie über den originaldruck, 
der der facsimilierung zu gründe liegt, nötig ist, zusammengefasst wird. 

I. Die Septemberbibel. Das Neue Testament , deutsch von Martin Luther. 
Nachbildung der Ausgabe vom September 1522. Zum vierhundertjährigen Geburts- 
tag Luthers. Mit einer einleitung von Julius Eöstlin. 1883. (Subscr. m. 50.) 

Die reihe eröfnet, wie biUig, Luther und zwar mit der SeptemberbibeL — 
Die einleitung von Jul. Eöstlin beschäftigt sich zunächst mit der entstehungs- 
geschichte dieses Neuen Testaments. Nach einer kurzen Charakteristik von Luthers 
Utterarischer tätigkeit vor seinem besuch in Wittenberg, geht er auf diesen lezte- 
ren über, um dessen bedeutung für Luthers entschluss, die bibel zu übersetien, 
darzulegen. Merkwürdigerweise unterlässt es aber Eöstlin, bei der auseinander- 
setzung über die veranlassung von Luthers kurzem auf enthalt in Wittenberg, den- 



ÜBBB SOHEBEB, DBÜTSOHE DRÜCKE ALT. ZEIT 241 

jenigen verfall zu erwähnen, der doch wahrscheinlich die hauptursache der reise 
Luthers war. Als motiv dersclhen erscheinen in der einleitung nur die gerüchte, 
durch welche Luther von der tumultuarischen art und weise unterrichtet wurde, in 
welcher manche seiner wirklichen oder scheinbaren anhänger den kämpf gegen das 
alte kirchenwesen aufnahmen.* Dagegen wird mit keinem wort der handel Luthers 
mit Spalatin erwähnt, bei dem man doch zum mindesten zugestehen wird, dass 
er, wenn nicht der hauptgrund, so doch ein wesentlicher grund des plötzlichen 
besuches in Wittenberg war. Erzbischof Albrecht von Mainz hatte, während er 
sich nach aussen hin als den reformfreundlichen kirchenfnrsten darstelte , den ablass- 
handel in Halle widerhergestelt. Luther, der über diesen schreienden Widerspruch 
zwischen worten und werken tief empört war, schrieb gegen den erzbischof die 
Schrift: Wider den neuen Abgott in Halle. Noch bevor die schrift indessen abge- 
sant war, erhielt Luther durch Spalatin die nachricht, dass der kurfürst die her- 
ausgäbe des buches verbiete; und da Luther in einem heftigen und drohenden 
schreiben Spalatin den bestimten auftrag gab, die schrift, die er ihm einschickte, 
Melanchthon zum druck zu übergeben, so wagte es Spalatin nichtsdestoweniger, 
die schrift vorläufig zu unterschlagen. Wenn nun Luther unmittelbar darauf auf 
einige tage nach Wittenberg komt, so ist doch der schluss nicht abzuweisen, dass 
dieser verfall ihn hauptsächlich zu seiner reise veranlasst hat. 

Dieser auf enthalt in Wittenberg ist nun , wie bereits oben angedeutet, für 
die entstehungsgeschichte der bibelüber Setzung ungemein wichtig. Denn seit seiner 
rückkehr arbeitet Luther an der Übertragung des Neuen Testaments; es ist daher 
höchst wahrscheinlich, dass seine freunde in Wittenberg ihn zu dieser arbeit drin- 
gend aufgefordert haben, er selbst führt den entschluss, die Bibel zu übersetzen, 
später ausdrücklich auf den Zuspruch Melanchthons zurück. 

Nach der darlegung der entstehungsgeschichte verweilt der verf. kurz auf der 
vorlutherischen , 1466 zum ersten mal gedruckten und bis 1522 vierzehnmal in ver- 
schiedenen ausgaben herausgekommenen Bibelübersetzung , der in lezter zeit interes- 
sante Untersuchungen gewidmet sind, aufweiche ich an dieser stelle zurückzukom- 
men gedenke. Das ungelenke und unverständliche deutsch dieser Übertragung wird 
8. 3 mit Luthers Neuem Testament verglichen — ein vergleich, der natürlich zu 
gunsten Luthers ausfält. Nach einem ausblick auf die Übersetzung des Matthäus - 
evangeliums , welche Luthers freund Lange begonnen hatte , sowie auf Luthers grie- 
chische Studien mit Melanchthon, geht der verf. auf die spräche Luthers über, er 
berührt kurz den einfluss der sächsischen kanzleisprache und verweilt dann aus- 

1) S. 2 : Zugleich nahmen neue Btreitschriften gegen päpstliche theologen und 
gegen kirchliche misbräuche, wie namentlich das messopfer und die klostergelübde, 
seine zeit und kraft in anspruch. Dazu versezten nachrichtcn , die er von den seinigen 
erhielt, ihn in Spannung und stelten ihm neue aufgaben. Dort traten jezt männer an 
die spitze der bewegung, welche in ihr und besonders im kämpf gegen jenen gottes- 
dienst und das mönchtum eifrig und bald ungestüm weiter trieben. Für den kämpf 
mit geistigen wafiEien wolte Luther eben durch jene Schriften weiteres licht geben. Im 
äusseren vorgehen jener führer aber sab er bald eine gefährliche neigung zu gewalt- 
tätigkeit, zur rücksichtslosigkeit gegen schwäche und unreife, zu tumult und aufruhr. 
Ss Hess ihm keine ruhe mehr: er muste sich persönlich die Verhältnisse ansehen, per- 
sönlich die seinen dort beraten und ermahnen. So erschien er zu anfang dezembcrs 
plötelich auf einige tage unter ihnen und gab dann, auf die Wartburg zurückgekehrt, 
eine „treue vermahnung vor aufruhr und empörung'* heraus. 

SBITBOHB. F. DEUTSCHE PHILOLOOIB. BD. XIX. 16 



242 BLLINGEB 

führlich bei Luthers bestreben, algemeiii verständlich in der spräche des Volkes zu 
reden. Die sprachlichen bemerkungen hätte man gern etwas ausführlicher gewünscht^ 
was sich wol hätte ermöglichen lassen, ohne dass der Charakter einer vorrede 
darüber verloren gegangen wäre. Der verf. beschränkt sich darauf, eine reihe von 
ausdrücken anzuführen, in denen sich der unterschied zwischen der spräche des 
16. Jahrhunderts und unserm Sprachgebrauch manifestiert. Es hätte aber wenig- 
stens doch mit einem wort auf die durchgreifenden Verschiedenheiten hingewiesen 
werden sollen, z. b. auf den ablant. Der ablaut steht im wesentlichen auf der 
mhd. stufe. Nur ganz sporadisch zeigen sich die ausätze zum nhd. ablaut So hat 
z. b. die ablautsreihe i ei i i fast durchweg die mhd. (bairische; ich brauche hier 
nicht auf neuere teorien über die diphthongierung des i einzugehen) form beibehal- 
ten; sie lautet also: ei ei i i. Aber einmal findet sich im sing, präteriti bereits 
die nhd. form: erschyn, Matth. I. 1. (V. 20.)* Das könte man für einen druck- 
fehler halten, zumal Luther, wenn er die form auch in den ausgaben des N. T. 
von 1524 und 1526 stehen Hess, sie in den späteren gesamtausgaben (1545) in 
erschein umänderte ; ^ allein wir finden andrerseits einmal ey im plur. prät. : schreyen 
(3. pers. plur. praet. Lucas , IV (v. 41) , so dass wir deutlich sehen , wie hier die 
ausätze zur ausgleichung der formen vorhanden sind. Dagegen fehlen solche ansätze 
der formausgleichung bei der dritten abteilung der ersten ablautsreihe, wo sie 
sonst ebenfals im ersten viertel des 16. Jahrhunderts vorkommen; sie lautet in der 
Septemberbibel regelmässig i a u u(o). Vielleicht könte man aus einer einmal vor- 
kommenden Schwankung der zweiten abteilung der ersten ablautsreihe schliessen, 
dass in der ersten ablautsreihe überhaupt schon eine Unsicherheit des Sprachgefühls 
eingetreten wäre ; es findet sich einmal bi'ochen als 3. pers. plur. prät. Evang. Joh. 
XIX (v. 33). Indessen liegt es hier näher an einen druckfehler zu denken, da auch 
sonst o statt a gedruckt ist und umgekehrt (z. b. Bömer Y absatz 2 zeile 1 fiach 
für noch), oder an ein vorsehen des setzers, da unmittelbar vorher hrochen (ohne 
ge) als part. präteriti steht. 

S. 7 wird über Luthers auffassung der einzelnen Schriften, sowie über die 
anordnung des ganzen berichtet. Mit bewunderungswürdiger kühnheit spricht Luther 
in den vorreden sein urteil über die einzelnen bücher aus. Unter den evangelien 
gibt er dem Johannes -evangelium bei weitem den Vorzug. Weil das Johannes - 
evangelium wenig werke von Christo, aber viel seiner predigt berichte, die drei 
synoptischen aber umgekehrt, so sei das Johannes -evangelium „d(AS eynige zartte 
recht hewht euangelion wnd den cmdern d/reyen weyt für eu ziehen und hoher su 
heben^j wie denn auch nach seiner meinung S. Pauli und Petri episteln über die 
drei ersten evangelien zu stellen sind. Ebenso spricht er auf das deutlichste seine 
abneigung gegen den Jakobusbrief und insbesondere gegen die Apokalypse ans und 
fasst seine Schätzung der einzelnen bücher folgendermassen zusammen : Summa \ 
Sand Johannis Euangeli vnd seyne erste Epistel \ Sanct Pauius Epistel | sonder- 
lich die zu den Eomem \ Galatem \ Ephesern \ vnnd Sanct Peters erste Epistd \ das 
sind die hucher \ die dyr Christu/ni zeygen | vnd alles leren \ das dyr zu wissen not 
vnd selig ist | oh du schon kein ander buch noch lere nummer sehist noch horist | 
Darumb ist sanct Jakobs Epistel eyn rechte stroem Epistel gegen sie \ denn sie 
doch keyn Euangelisch ort an ir hat. 

1) Die form: ersohyn oder erschien komt auch sonst bei Luther neben ertehnn 
vor, z. b. n. Mos. 16^ 10. Vgl. Dietz, Wörterbuch xu M. L. deutschen Sohxiftan t. 688. 

2) Vgl. Opitz, Sprache Luthers, s. 19. 



ÜBER SCHBBEB, DBÜTSHE DRÜCKE ALT. ZEIT 243 

Nach dieser seiner anschauung von dem wert der verschiedenen Schriften hat 
Luther nun auch die ursprüngliche reihenfolge derselben verändert.^ Während sich 
Hebräer- und Jakobusbrief den Paulinischen briefen unmittelbar anschlössen, sezt 
Luther die beiden lezteren mit dem Judas -brief und der Apokalypse an das ende, 
mit der ausdrücklichen erklärung, dass die vier Schriften den vorhergehenden 
yf gewissen hewbtbüchern des newen Testaments** nicht gleichwei-tig seien. Auch in 
dem register der bücher werden die vier lezten Schriften nicht nummeriort und zwi- 
schen ihnen und den vorhergehenden büchern ist ein grösserer absatz gemacht, so 
dass Hebräer-, Jakobus- und Judasbrief sowie die Apokalypse schon hierdurch 
gewissermassen als apokrypbisch bezeichnet werden. 

Zu den s. 8 verzeichneten kleinen versehen und auslassungen Luthers muss 
nachgetragen werden, dass Matthaeus, c. IX (v. 17) die worte: „und die schlauche 
kommen um" fehlen.* Auch in späteren gesamtausgaben fehlen diese worte; Luther 
muss sie aber vor sich gehabt haben, denn sie finden sich in der ausgäbe des 
£ra8mus, s. 18: xal ol aoxol änoloOinai, 

Nicht zuzustimmen vermag ich, wenn der verf. s. 8 sagt, dass Luther in 
keiner randbemerkung polemische beziehungen ausgedrückt habe. Ganz abgesehen 
davon, dass bei der lebhaftigkeit, mit der damals der religiöso gedanke alle gemü- 
ter beherschte, jedermann bei den fortwährenden hinweisen auf die „guten werke 
ohne glauben*^ die beziehungen auf die werkheiligkeit der päpstlichen kirche erken- 
nen muste,^ — so findet sich auch direkte polemik gegen den papst und seine 
anhänger, vgl. Matth. c. V zu: „at*/f loset.** Also thut der Papisten hauff\ sa^en \ 
dise gepott Christi seyen nicht gepott sondern redte. Cap. XV zu „gott geben etc." 
odder \ Es ist dyr nutzer \ wenn ichs zu opfer gebe \ wie die Ca/nones Uzt leren von 
testamenten \ vnd stiffttmgen, Cap. XXIV zu „grewel,** Diser grewel für got mus 
ein seihon euserlich ansehen der heylickeyt fxvr der wellt haben \ da mvtt die recht 
heilickeyt verwüstet wi/rt \ wie des Bapsts regiment vor zeytten der vuden und hey- 
den abgotterey waren. Auch sonst finden sich in den randbemerkungen interessante 
beziehungen auf gleichzeitige begebenheiton ; so z. b. Matth. c. IX zu: „Nimant 
flickt** mit disen wortten weyset er sie von sich als die \ so seyne leer \ von solcher 
freyheytt seyner iunger \ nicht versiwnden \ vnd spricht ma/n künde alte Meyder 
nicht mit newen läppen flicken \ denn sie halten doch den stich nit \ das ist | man 
kv/nde dise newe leer nit mit allten fl^yschlichen hertzen begreyffen. Und wo man 
sie fleyschlichen hüten predige \ werde es nwr erger \ wie ma/n itzt sihet | dz so ma/n 
geistliche freyheyt leret | mast sich das fleisch die freyheit an \ zu seynem mutwülen. 
Man könte bei dieser bemerkung ebensowol an die heirat des priesters zu Vatterode 
im Mansfeldischen als an die Erfurter unruhen denken; am nächsten wird es aber 
liegen, sie als eine 'später hinzugefügte, gegen die widertäuferischen und bilder- 
stürmerischen tendenzen , die Luther nach Wittenberg zurückriefen , gerichtete bemer- 

1) während sie in der parallelstelle Marcus II (y. 22) stehen. 

2) Vgl. Matth. c, VII zu „ thuV^ Hie foddert Christus auch den glawben \ denn 
too nit glawb ist \ thut man die gepot nitt \ Ro, 3. vnnd alle gutte werck nach dem sehet/n \ 
on glawbenn geschehenn \ seyn sund. Dagegen auch wo glawb ist \ müssen recht gutte 
wettk folgen | . . . . Der glawb aber reynigt das hertz. Act. 15. vnd solche fromkeytt 
steht vest wider alle wind | das ist alle macht der hellen \ denn sie ist auf den felsz Chri- 
stum durch den glawbenn gebawet. Gutte werck on glawben \ seyn der törichten iunk/rawen 
lampen on de. Femer : Luc. XIH. zu „trachten.** Das sind die on glawben \ mit wercken 
tieh muhen gen hymel zu komen. VgL auch die bemerkung Matth. 26 zu „gtttt werck,** 

16* 



244 BLLINGER 

kung aufzufassen. — Herrlich tritt uns Luthers glanbensmut , sein entschloss, für 
das evangelium in den tod zu gehen , aus einer randbemerkuug entgegen , Lncas XII 
zu „fewr.^ Er redt nach dem sprich wortt | ich will eyn fetor cmtzuMden \ das ist 
ich mü eyn vnfrid annchten durchs Etuingelion etc. Und tooU es were schon 
geschelien \ aber ich musz zuuor meyn leben dran setzen \ vnd mich verlemget dar- 
nach. — Wie in den randbemorkungen , so hat Luther auch in einer vorrede seinem 
hass gegen das papsttum kräftigen ausdruck gegeben.^ 

Diese vorreden zu dem ganzen werk , sowie zu den einzehien büchem enthal- 
ten mit die schönsten stücke, die Luther geschrieben, die tiefsten herzenstöne, wie 
sie uns so unmittelbar nur noch aus der postillo, aus seinen briefen und einigen 
flugschriften entgegenquellen. Der tiefe glaube , in welchem der reformator vor der 
Offenbarung sich beugt und zugleich die unabhängige kiinheit, mit der er dem 
geoffenbarten wort gegenübersteht, die fülle der gedanken und die Schlichtheit und 
herzlichkeit des ausdrucks — das alles vereinigt sich hier; und man kann nicht 
ohne bewegung die herlichen werte lesen, mit denen die vorrede zu dem ganzen 
werk schliesst : Ja wo der glawbe ist \ kan er sich nit halten \ er beweiset sich | 
bricht eraus | vnnd bekennet vnd leret solch EuangeUon für den leuUen vnd waget 
seyn leben dran { Uwnd alles wa^ er lebet vnd thutt \ das richtet er eu des nehisten 
nutz I yhm zu helffen \ nicht alleyn auch zu solcher gnade zu kamen \ sondern OMch 
mit leyb \ gut \ vnd ehre \ wie er sihet \ das ihm Christus than hat \ vnd folget aiso 
dem exenipel ChrisH nach \ Das meynet auch Christus \ da er zwr letze heyn ander 
gepot gab \ den/n die liebe \ daran man erkennen solte \ wer seyne iunger weren 
vnd rechtschaffene gUwbigen \ denn wo die werck vnd liebe nicht eraus bricht \ da 
ist der glawbe nicht recht \ da hafftet das Ikumgelion noch mt \ vnnd ist Christus 
nicht recht erkant. Sihe \ nu richte dich alszo ynn die bucher des newen testa- 
ments \ das dm sie auff disze weysze zu leszen wyssest. 

II. Das älteste Faust -Buch. Historia von D. Johann Fansten, dem weit- 
beschreiten Zauberer und Schwarzkünstler. Nachbildung der zu Frankfurt am Main 
1587 durch Johann Spies gedruckten ersten ausgäbe Mit einer einleitnng von 
Wilhelm Scherer. 1884. 20 m. 

Die faksimilierung des Faustbuches ist nach dem exemplar aus der bibliothek 
Salomon Hirzels ausgeführt worden; an einzelnen stellen, wo die seiten zu sehr 
vergilbt waren, ist ein auf der Stolbergischen bibliothek befindliches exemplar zur 
ergänzung hinzugezogen worden. 

Die ausgezeichnete einleitung Scherers liefert ungemein wertvolle beitrage zu 
einer inneren erforschung des Faustbuches und zu einer scheidong der verschiede- 
nen schichten. Ich kann mich hier etwas kürzer fassen^ da ich demnächst ausführ- 
licher auf diese vorrede zurückkommen muss. Nach einem kurzen hinweis auf die 
beglaubigten tatsachon aus Fausts leben , unterscheidet der Verfasser in den Überlie- 
ferungen des 16. Jahrhunderts über Faust drei schichten, (s. IX) eine oberrheinische, 

1) Am schluss der Yorrede zum Römerbrief: Das letzt Capitel m^ eyn grüß Capi- 
tel I Aber darunter vermischt er gar eyn edle warmmg für meneehen Ur$n \ dU da nehm 
der JEuangeliechen lere einfallen vnd ergemis anrichten | gerad als kette er gewinUeh «rj#- 
hen I das aus Rom vnd durch die Romer komen sollten | die verfuriaehm ^rgerUcken Otm^ 
nes vnd decretales vnd das gantz gesehumrm vnd geumrm mensehUeher geeetaen mtd gepot- 
ten I die itzt alle weit erseufft vnd dise Epistel vnd alle heyUge sehrift emmpt dem gegst 
vnd glawben vertylget haben \ das nichts mehr da blieben ist l denn der Abgott \ Bemeh \ des 
diener sie hie Sanet Fatdus schult \ Gott erlose vns von yhnen \ Amen, 



ÜBEB SOHEBBB, DEUTSCHE DRÜCKE ALT. ZEIT 245 

eine Wittenbergische und eine Erfurter Überlieferung — die leztere, wie sie in 
den fünf erzählnngen der Berliner ausgäbe von 1590 niedergelegt worden ist. In 
der Wittenberger und oberrheinischen Überlieferung wird Fausts gestalt offenbar 
herabgedrückt, in der Erfurter wird sie idealisiert; dort sieht man in ihm nur den 
schliesslich vom teufel geholten zauberer und Schwarzkünstler, hier macht man ihn 
zu einem typischen Vertreter des humanistischen geistes , wie er in dem Erfurt des 
Eoban und Crotus seinen sitz hatte. ^ 

Der Verfasser des Spiesschen Faustbuches hat aus der oberrheinischen und 
der Wittonberger Überlieferung geschöpft. Offenbar waren ihm eine reihe von anek- 
doten über Faust zugekommen, die er in einer höchst kläglichen weise verarbeitete. 
Da ihm dieses sein material wahrscheinlich nicht genügte, so schrieb er aus astro- 
logischen und geographischen handbüchem eine reihe von stellen ab und tischt die 
physikalische und astrologische Weisheit als Offenbarungen des Mephostophiles an 
den wissensdurstigen Faust auf,* die topographischen stellen benuzt er, um in der 
plattesten art Fausts reisen zu illustrieren. Er hat alles mögliche getan, um die 
leser sein disparates material als solches so deutlich als möglich erkennen zu lassen ; 
so hat er hin und wider erzählungen über einen gegenständ aneinandergereiht, die 
sich gröblich widersprechen, wie denn z. b. über Fausts sinlichkeit s. 196 und 197 
(cap. 57) zwei ganz verschiedene traditionen nebeneinander stehen. Diese klägliche 
redaktion erleichtert uns aber ungemein die Scheidung der einzelnen schichten. 
Scherer unterscheidet auch hier eine edlere und unedlere auffassung der gestalt des 
Faust. Diese Verschiedenheit der auffassung tritt uns z. b. entgegen bei den bei- 
den berichten über die forderungen, welche Faust an den teufel stelt. In dem 
einen bericht (s. 16 c. IV) „ist Faust nur im algemeinen begierig, geistermacht 
auszuüben und über geistermacht zu verfügen, was lediglich auf Zauberei hinaus- 
läuft.** In dem andren aber (s. 12 c. III) fordert er von dem teufel, dieser solle 
„jm da» jenig, so er von jm forschen würd, nicht verhalten. Auch dass er 
jm cmff alle Interrogatorien nichts vnwarhafftigs respondiern wölk." Hier also 
tritt der forschertitanismus in den Vordergrund, Faust ergibt sich dem teu- 
fel, um die Wahrheit zu finden und derselbe gedanke wird denn auch in der 
verschreibung Fausts an den teufel näher ausgeführt: (s. 21 c, VI) Nach dem 
ich mir furgenommen, die Elementa zu speculieren, vnd aber auß den Gaa- 
hen, so mir von oben herab hescheert, vnd gnedig mitgetheüt worden, solche 
GeschicJcligkeit in mei/nem Kopff nicht befinde, vnnd solches von den Menschen 
nicht erlehmen mag, 8o hob ich gegenwertigem gesandtem Geist, der sich Mepho- 
stophiles nennet, ein Diener deß Hellischen JPriMzen im Orient, mich vnter geben, 
auch denselbigen, mich solches zvherichten vnd zu lehren, mir erwehlet, der sich 
auch gegen mi/r versprochen, in allem unterthenig vnnd gehorsam zuseyn. 

Aber auch diese erzählungen, in denen Fausts gestalt in einer edleren auf- 
fassung erscheint, hat der Verfasser des Faustbuches in seine darstell ung hinein 
verarbeitet, d. h. er hat sie in seiner unglaublich albernen weise nacherzählt und 
seine kläglichen moralischen betrachtungen darüber ausgegossen. Wesentlich anders 

1) Bei dieser gelegenheit trägt der teufel die aristotelische lehre von der ewig- 
keit der weit vor (s. 76. [C. 22.] die Welt, mein Famte, tat unerboren vnd vnsterblieh), 
im entschiedenen gegensatz zu dem vorhergehenden capitel (s. 71), wo ein schöpfungs- 
bericht im anschluss an die bibel gegeben wird. Der leztere ist offenbar' aus einer 
Practica abgeschrieben, da dieselben sehr häufig mit einem biblischen Schöpfungsbericht 
beginnen. 



246 ELLINGBB 

aber gestaltet sich das Verhältnis , wenn in diesen platten schwall nüchterner redens- 
artcn plötzlich worto von einer erhabenen gewalt der poesie hineintönen. Das ist 
der fall bei den bekanten beiden stellen , einmal s. 6 (c. 11) „name an sich Adlers 
Flügel, wolte alle Grund am Himmel vnd Erden erforschen^ nnd znm andern die 
vergleichung Fansts mit den Titanen und Lucifer. (S. 19 e. V.) Beide stellen 
widersprechen so entschieden dem ton, in welchem das ganze buch abgefasst ist, 
dass man annehmen muss, sie seien erst später nach der Vollendung des ganzen 
buches eingeschoben. Scherer nimt dies nur von der ersten stelle an (s. XV) ; und 
in der tat ist die tatsache bei dieser stelle besonders deutlich zu erkennen, da die- 
selbe die construktion des satzos, in den sie eingeschoben ist, unterbricht. Aber 
auch bei der zweiten stelle scheint mir die einschiebung unverkenbar. 

Woher stammen nun diese spuren einer gewaltigen und tiefen erfassung des 
innersten kems der Faustsage? Scherer konstatiert ausdrücklich einen unterschied 
zwischen diesen spuren und den Erfurter geschichten: (s. XV) „der Erfurter Faust 
ist poet, humanist: dieser hier vereinzelt auftauchende Faust ist ein weltdurchfor- 
scher, ein titanischer philosoph; er streift an das, was uns die gestalt geworden 
ist.'^ Aber die Erfurter geschichten geben uns sicher doch nur einen ausschnitt aus 
dieser (der Erfurter) Überlieferung ; und selten nicht auch diese züge des weltdurch- 
forschendon , titanischen gelehrten mit dem bilde , wie es uns aus der Erfurter über- 
liofrung entgegentritt, zu vereinigen sein? Würde nicht die Vermutung nahelie- 
gend sein, dass alle diese grösseren züge einer Überlieferung angehören? und 
dass diese tradition, die vielleicht schon schriftlich fixiert war, dem Verfasser des 
Spiesschen Faustbuches nach der Vollendung seiner arbeit bekant wurde, der dann 
einige stellen daraus entnahm, um durch deren nachträgliche einschiebung sein 
buch zu verzieren? 

Ich will diese Vermutung, die sich mir schon vor einigen jähren aufdrängte, 
hier nicht näher ausführen. Aber ich glaube, dass auf diesem wege sich noch 
manches über die quellen des Spiesschen Faustbuches würde auffinden lassen. 

Nachdem der verf. noch s. XXI fgg. eine schöne ausföhrung der in der lit- 
teraturgeschichto , s. 302 in der kürze angedeuteten tatsache gibt, wie Faust in 
allen stücken der gegensatz Luthers wird, charakterisiert er kurz die weitere epi- 
sche Überlieferung der Faustsage, zuerst die unmittelbar sich anschliessenden bear- 
beitungen und ausgaben, sodann das buch Widmanns, die bearbeitung des lezteren 
durch Ffitzer und den auszug des Christlich Meinenden. Schliesslich wirft er noch 
einen blick auf Marlowe und die an sein stück sich anschliessende entwicklnng des 
Volksschauspiels. 

lU. Passional Christi und Antichristi. Lucas Cranachs Holzschnitte mit 
dem Texte von Molanchthon. Nachbildung einer in der Einleitung sub A. 1 bezeich- 
neten Originalausgabe. Mit einer Einleitung von Prof. D. G. Kawerau. 1885. 5 m. 

Unter der masse der reformatorischen flugschriften nimt das Passional Christi 
und Antichristi eine besondere Stellung ein. Während die meisten andren flug- 
schriften sich an ein verhältnismässig gebildetes publikum wanten , wurde durch das 
Passional auch demjenigen, der nicht lesen konte, die polemische tendenz klar 
gemacht. Auf der einen seite der bilder war Christus zu sehen, sein leiden und 
sein dulden, auf der andren derpapst, sein weltliches gepränge und seine hofüfthrt 
So war es schon allein durch die holzschnitte möglich, dem gemeinen mann deut- 
lich zu machon , wie sehr der stathalter Christi von Christus selbst abgewichen sei, 
ja wie er sich in das grade gegenteil des herrn verkehrt habe. 



ÜBBB SCHEBEB, DEUTSCHE DRÜCKE ILT. ZEIT 247 

Die einleitung von G. Kaweran verfolgt zunächst die Vorgeschichte des pas- 
sionals. Eine Zusammenstellung Christi mit dem papst und eine durchgeführte ver- 
gleichung beider im sinne des passionals findet sich zuerst in einer Streitschrift 
Wiclifs: de Christo et suo adversario Antichristo. Hier finden wir die einzelnen 
punkte, wie sie nachher im Passional ausgeführt werden, schon bis ins einzelne 
vorgebildet und in einer reihe von zwölf scharfen Antithesen wird der gegensatz 
zwischen Christus und dem papst dargetan. Wenn nun auch ein direkter einfluss 
der Schrift Wiklifs auf die abfassung des Passionals nicht anzunehmen ist, so ist 
doch eine indirekte beeinflussung um so deutlicher, da die mittelglieder , durch 
welche der gedänke einer im einzelnen durchgeführten confrontierung des papstes 
mit Christus dem Lutherschen kreise zukomt, sicher von Wiklif beeinflusst sind. 
Dieser einfluss lässt sich z. b. in den traktaten des böhmen Matthias von Janow 
nachweisen, in welchen sich ebenfals eine comparatio Christi et Antichristi findet. 
Dagegen verwirft der verf. mit recht die erzählung (s. IX), dass „im jähre 1404 
zwei junge englische theologen, eifrige anhänger Wiclifs, in Prag in einer reihe 
von ausgestelten gemälden den grellen contrast zwischen der armut Christi mit sei- 
nen aposteln und der prunkenden Üppigkeit des papstes mit seinen cardinälen ver- 
anschaulicht haben sollen", — ohne doch damit in abrede zu stellen, dass in hus- 
sittischen kreisen solche gegeuüberstellungen des papstes und des hoilands in bild 
und wort ausgeführt worden sind. Dafür , dass solche bildlichen darstellungen die- 
ses gegenständes in vor reformatorischer zeit existierten , werden s. X fgg. zwei bemer- 
kenswerte Zeugnisse angeführt. 

Dagegen vermisse ich die anführung einer bis ins einzelne durchgeführten ver- 
gleichung zwischen papst und Christus aus der ersten hälfte des 15. Jahrhunderts. Sie 
findet sich in einer der wuchtigsten Streitschriften des 15. Jahrhunderts , der Confu- 
tatio primatus Papae.* Diese schrift ist noch vor dem schluss des Basler concils, 
ungeföhr um 1443 — 45 geschrieben; sie versezt uns in die zeit, in welcher die 
besten und patriotischsten männer Deutschlands durch römischen pfafifentrug auf 
der einen, trägheit und Indolenz auf der andren seite ihre hofnungen auf eine 
durchgreifende reform der kirche völlig zu nichte werden sahen. Aus dieser Stim- 
mung getäuschter hofnungen heraus und voll patriotischen zornes ist die Confutatio 
geschrieben. Während im ersten teil desselben aus der Bibel und aus den kirchen- 
vätem dargetan wird, dass Christus nie einem seiner diener weltliche gewalt über- 
tragen habe, führt der zweite teil an der band der geschichte aus, wie die päpste 
immer mehr rechte an sich gerissen , sich immer mehr und mehr gewalt angemasst 
hätten, wie in folge dessen durch sie die kirche völlig verderbt worden sei und in 
derselben die scheusslichsten misbräuche überhand genommen hätten, die dann einzeln 
angeführt werden : (a. a. o. s. 562) Et hoc totum , quod ad huiusmodi partialibus imo 
schismaticis Regibus extorquere poterant libro VI. Decretalium et Clementinis pro 
iuribus a Christo collatis conscribi fecerunt et sie diuiso vel vacante Impcrio ad 
ulteriora processerunt , reseruantes sibi omncs electiones, et dignitates , quantumque 
Canonice dispositas: imo collationes beneficiorum, nihilominus grauantes Episcopa- 
tus et beneficia, cum annatis, et caeteris symoniacis exactionibus , pro confirma- 

1) Gedruckt bei Goldast, Monarchia, bd. I b. 557 — 563. Man schreibt sie 
gewöhnlich dem Gregor von Heimburg zu; ich habe aber schon in der Historischen 
Zeitschrift, neue folge bd. XX s. 271 darauf hingewiesen, dass Gregor aller Wahrschein- 
lichkeit nach der Verfasser der Confutatio nicht ist. Ich denke an einem andern orte 
ausführlicher auf diese frage zurückzukommen. 



248 ELLINQEB, ÜBEB SCHBBEB, DEUTSCHE DBUCKB XLT. ZEIT 

tionibus, quae alias ad Imperium pertinebant, nt sie Papae exhanriant thesanros 
mundi, quasi imperio non contenti sint usurpato. Et merito nostri Papae se pos- 
suut dicere et scribere vicarios Ciiristi et Petri, praemissis attentis: quasi ab eis 
acceperint totum ausum gloriandi de plenitudino potestatis, quem tamen ausum 
Paulus insipientiam dixit 2. Cor. 2. — Praedicta cpilogizantes videre pote- 
runt, quid intersit inter Christum Dominum et Yicarium snum, 
worauf dann die vergleich ung folgt: 

Christus enim regnum mundanum exclusit: 

Vicarius illud ambit, 
Christus regnum fugit oblatum, 

Vicarius ingerit, ut habeat negatum. 
Christus se negauit constitutum secularem iudicem: 

Vicarius praesumit iudicare Caesarem. 
Christus se subdit Caesaris vicario, 

Vicarius Christi se praefert Caesari, imo toti mundo. 
Christus appotentes primatum reprehendit, 

Vicarius de primatu etiam cum tota Ecclesia contendit. 
Christus in die Palmarum in asino equitasse legitur, 
Vicarius pomposo equitatu non contentus est, nisi dextra strepa ab Impera- 

tore teneatnr. 
Christus discordes Judaeos et gentes in unum regnum Ecclesiasticum congre- 

ganit, 
Vicarius Germanos olim concordes saepe seditionibus conturbauit. 
Christus innocens patienter iniurias pertulit 
Vicarius reus Ecclesiae et imperio ininriari non cessat. 

S. XII fgg. führt der Verfasser im einzelnen weiter aus, wie seit 1518 in 
Luther immer mehr und mehr der gedanke überhand nahm, dass er im papst den 
leibhaftigen antichrist zu bekämpfen habe. Diese anschauung ist es, welche seine 
Schrift : an den christlichen adel behorscht und der Verfasser weist mit recht darauf 
hin, dass wir in einzelnen stellen derselben direkt den stoff für Lucas Cranachs 
bilder beisammen haben. Ferner wird auf die schrift Luthers gegen Ambrosins 
Catharinus verwiesen, (unmittelbar vor seiner reise zum Wormser reichstage verfasst), 
wo eine vergleichung zwischen papst und Christus ganz wie im Passional gege- 
ben wird.* 

Über die ontstehungsgeschichte des Passionais sind wir sehr schlecht unter- 
richtet. Jedenfals aber dürfen wir aus den dürftigen nachrichten, die uns darüber 
zu geböte stehen, den sicheren schluss ziehen, dass Luthers anteil daran ein ver- 
hältnismässig geringer war. „Die idee des ganzen , sagt Kawerau s. "^T fg. , war 
seinen Schriften entlehnt , Cranach hatte den plan des Werkes mit ihm beraten und 
seine völlige Zustimmung gefunden, vermutlich würde er auch direkt an den Unter- 
schriften zu den bildern gearbeitet haben, wenn nicht Worms und Wartburg ihn 
dem Wittenberger freundeskroise entzogen hätten. So übernahm Melanchthon, 
unterstüzt von Schwertfeger diese arbeit.^ Das ganze fand, als es vollendet war, 

1) Dagegen bestreitet der vf. s. XV fg, mit recht das alter einer reihe von dlBtl- 
chen, in denen die vergleichung zwischen Christus und papst durchgeführt wird und 
die angeblich schon 1500 verfasst sind; der vf. weist nach, dass dieselben erst nach 
der zweiten ausgäbe des Passionais verfasst sind, da sie dieselbe benutzen. 

2) wie aus einem brief Luthers (de Wette 11. 9) hervorgeht. 



G. KETTNBB, ÜBEB HENKEL, DAS GOETHESCHE GLEICHNIS 249 

Luthers volste billigling. Als Verfasser der nDterschriften wird daher Luther nicht 
bezeichnet werden dürfen." 

S. XX — XXXI folgt ein sorgfaltig gearbeitetes Verzeichnis der ausgaben und 
imitationen des Passionais. S. XXXI fg. werden einige ^nachwirkungen desselben in 
der polemischen litteratur dm 16. Jahrhunderts angegeben. Ungern vermisst man 
bei der lezteron aufzählung den hinweis auf Naogeorgs Fammachius. Denn mit 
ausnähme von Nikiaus Manuels Fastnachtsspiel sind die gedanken des Passionais 
nirgends mit solcher dramatischen kraft verwertet worden, wie bei Naogeorg. Im 
Fammachius ist es Christus selbst, der, nachdem er das wesen des papsttums nach 
allen selten geprüft hat, sich überzeugt, dass es so nicht weiter gehen könne und 
der dann in kurzen, wuchtigen Sätzen die einzelnen momente seines erdenlebens 
mit dem wandel des papstes vorgleicht. * 

Ich schliesse mit dem aufrichtigen wünsch, dass das dem horausgeber und 
dem Verleger gleich sehr zur ehre gereichende unternehmen einen rüstigen fortgang 
haben möge. 

SONDEBSHAÜSEN, AM 25. JULI 1886. GEOBG ELLINGEB. 



U« Henkel, Das Goethesche gleichnis. Halle a. S. Buchhandlung des Wai- 
senhauses. 1886. IV, 147 s. 8«. 1,60 m. 

Die arbeit, ein erweiterter abdruck der programme des gymnasiums in See- 
hausen von 1883 und 1885 , zerfalt in zwei hälften , eine kleinere (s. 1 — 58) , welche 
die abhandlung und eine grössere (s. 59 — 147) , welche die samlungen enthält. Es 
würde nichts geschadet haben, wenn der leztero teil fehlte; ohne jede bemerkung 
(wie auch Goethe -Jb. VII, 343 hervorgehoben ist) werden nach den stichworten 
eine reihe Goethescher gleichnisse zusammengestelt ; ganz mechanisch sind z. b. 
s. 11 gleichnisse zu keim, blatt, rosenknospe, blume, strauss, blute, frucht usw. 
in extenso mit der stelle, in der sie stehen, aufgeführt. Cui bono? Die samlung 

1) Fammachius, I. 1. 

Christus. Hie nihil est spei. 

Fastum, potentiaro, et mundi ambit glorias 
XJnde et in omnibus aduersum mihi ponet gradum. 
Ego pauper uixi, ille erit ditissimus. 
Ego salutis viam commonstraui hominibus, 
At ille operam dabit, ne quis eam Intelligat. 
Oharas ego mihi animas habui mortalium, et 
Ut viverent, morte mea effeci lugubri, 
Quas perdidisse summum ille putabit lucrum. 
Ego Magistratus omnes atque Caesarem 
Obedientia obseruaui dobita, 
Orbis Monarchas ille et Frincipes viros 
Fedibus premet et indignis tractabit modis. 
Ego abjectus discipulorum laui pedes, 
Ille ad pedum haud quosuis admittet oscula. 
Ego pacem suasi et promoui maxime, 
Ille etiam inter pacificos dissidia seret. 
Ego gloriam nomenque fugi regium, 
Miris aliorum ille inuadet regna artibus.^etc. 



250 0. KETTNIEB 

soll den zweck haben, uns von dem umfange des gebietes, ans dem Groetbe seine 
gleichnisso entnimt, eine anschauung zu geben; aber — ganz abgesehen von der 
„wol aufzuwerfenden frage^S welchen wert überhaupt eine solche rein quantitative 
Vorstellung hat — dann muste sie volständiger sein, als sie eingestandenermassen 
ist, am besten wäre sie rein statistisch angelegt, wobfi dann die einzelnen epochen 
und werke Goethes genauer zu berücksichtigen waren, gesichtspunkte, die verf. 
gänzlich ignoriert. 

Im gegensatz zu dieser unverarbeiteten samlung enthält der erste teil eine 
ansprechende, klare und lebendige Charakteristik des Goetheschen gleichnisses. Vor- 
aufgeschickt ist eine darstellung der ansieht Goethes über die tiefere bedeutong des 
gleichnisses , eine kürzere Schilderung von der Verwendung desselben bei Homer und 
eine ausführlichere vom gebrauche Shakespeares. In dem lezteren abschnitt schliesst 
sich Henkel im wesentlichen an Eümelins auffassung an, doch führt er die in dessen 
Shakespearestudien gegebenen andeutungen selbständig aus. Eine sehr wesentliche 
eigenschaft des Shakespeareschen gleichnisses hat er ebenso wie jener ganz übersehen, 
nämlich die bedeutung desselben für die Charakteristik der person, welcher es 
in den mund gelogt wird, und ihre augenblickliche stimnmng. Erst hierdurch 
erhält es seine volle dramatische kraft. Man vergleiche z. b. was neuerdings Karl 
Werder in seinen nicht genug zu rühmenden Vorlesungen über den Macbeth (Ber- 
lin 1885) s. 62 fg. über den unterschied der bilder , in denen sich bei Macbeth und 
Macduff die cmpörung über Buncans ermordung ausspricht, bemerkt hat. Die 
übliche behauptung, dass Shakespeares gleichnisse zu oft ins hyperbolische fallen 
(Henkel s. 17), wird durch eine derartige schärfere berücksichtigung der Situation, 
zu deren ausdruck sie dienen , wesentliche einschränkung erfahren müssen. Hier 
hätte schon Vi scher s aesthetik* bedeutsame fingerzeige geboten, namentlich HI, 
1227. 1231. 1235 — 38, wobei ich besonders auf die s. 1237 gegebene meisterhafte 
Interpretation des von Henkel s. 21 ohne weitere bemerkung angeführten wahrhaft 
ungeheuren bildes aus Macbeth aufmerksam mache. 

Shakespeare und Homer worden dann neben der bibel als die hauptmuster 
Goethes für einen teil seiner gleichnisse nachgewiesen. Interessant ist die notiz, 
dass eine Shakcspoarische hyperbel, die nach Eümelins behaniptung bei Goethe 
undenkbar sein solte, sich ganz ähnlich oder noch gesteigerter im Goetz findet. 

Don eigentlichen kern des buches bildet der folgende teil, in dem Henkel 
vortreflich das vorfahren Goethes in dem weitaus grösten teil seiner gleichnisse, 
welche er ohne anlehn ung an ein bestirntes Vorbild geschaffen hat, schildert. Aus 
einer fülle von geschickt verbundenen einzelzügen weiss Henkel ein lebendiges und 
anschauliches bild von dieser wichtigen soite der Goetheschen kunst zu entwerfen. 

Er zeigt uns, wie Goethe seine bilder nur selten erfand, sondern aus der 
Wirklichkeit und meist aus der weit seiner eignen ansehauungen, ja aus den nnmit- 
telbaren erlebnissen des tagcs schöpfte, wie gross und reich das Weltbild ist, das 
wir aus all diesen bildern gewinnen, und wie massvoll er sie doch im einzel- 
nen anwantc , wie sorgsam er häufungen oder gar ketten von bildern und katachre- 
sen vermied. In der ausführung lernen wir die realistische treue und die innere 
Wahrheit, die Vorliebe für ruhige epische dötailmalerei ohne rücksicht auf strenge 

1) Es macht in einer wissenschaftlichen arbeit einen wunderlichen eindmek, 
wenn aus dem rem an Auch Einer ein urteil Yischers über ein berüchtigt bild in 
Rom. u. Jul. citicrt wird, welches Henkel schon in der aesth. HI, 1232 und in dem 
buche über Goethes Faust s. 97 hätte finden können. 



ÜBER HENKEL, DAS 60ETHESCHE GLEICHNIS 251 

responsion mit dorn verglichenen, aber auch ohne ein zn tode hetzen des bildes, 
endlich eine ganz homerische naivetät bewundern; kurz wird auf die verschiedene 
behandlang in den verschiedenen entwicklungsphasen des dichters hingewiesen. Die 
personificierende mctapher, die sprichwörtliche bildlichkeit der rede, die entwicklung 
des einfachen Vergleichs zur allegorischen und natursymbolischen lyrik werden liebe- 
voll eingehend geschildert. Was für gegenstände und Vorgänge Goethe durch gleich- 
nisse veranschaulicht , wird genauer angegeben , besonders interessant ist der versuch, 
namentlich an der band der briefe zu zeigen, „wie Goethe die geheimnisse des 
eignen gefÜhls - und geisteslebens mit dem lichte der gleichnisse zu erhellen weiss.*^ 

Nur wenige züge wünschte ich in dem treflichen bilde teils schärfer gezogen, 
teils geändert, teils hinzugefügt. 

Dem Verfasser ist es offenbar hauptsächlich darum zu tun, ein algemeines 
bild zu gewinnen. Leider hat darunter die genauigkeit etwas gelitten. Es wäre 
doch wol nötig gewesen, die algemeinen andeutungen über den stilwechsel des dich- 
ters in den einzelnen werken etwas zu detaillieren. Wie leicht ferner die unbestim- 
ten angaben des Verfassers zu falschen annahmen verleiten müssen, zeigt seine 
äusserung: dem sparsamen gebrauch von ausführlichen gleichnissen (nur 2) in Her- 
mann und Dorothea gegenüber verwende Goethe in den dramatischen stücken des 
klassisch - idealen stils eine grössere anzahl ruhig entfaltenden und verweilenden 
epischen Charakters. Indessen nach 0. Henke im progr. der realschulo zu Mül- 
heim a/R. 1880, s. 18 enthält die Iphigenie doch auch nur 4 derartige gleichnisse!! 

Auch hätte der Verfasser sich der frage nicht entziehen sollen, wie weit die 
einzelnen bilder in die atmosphäre des betr. werkos hineinpassen. In Herm. u. Dor. 
z. b. scheint mir der kurze vergl. VIII, 94 so stand er starr wie ein marmorbild 
nicht eben glücklich aus der antike (vgl. z. b. Verg. Aen. VI, 471 nee magis ... . 
maveturt quam si ,.., stet Marpesia cautes) in diese schlicht- bürgerliche deutsche 
handlang übertragen zu sein. — Wenn ferner Orest seine freude mit der über- 
strömenden quelle des Parnasses vergleicht, so entspricht das gewiss ganz der 
anschauung der weit, die er vertritt; ob aber v. 1132 die wÖlfe, welche um den 
bäum harren , auf den ein reisender sich rettete nicht mehr das bild ungarischer, 
als idealer griechischer landschaften wachrufen, möchte wol zu fragen sein; bei 
Homer erscheinen die wölfe nirgends so wild. — Ein muster dafür, wie der dich- 
ter in den gleichnissen die umgebende natur sich widerspiegeln lässt, gibt Schillers 
braut von Messina: die ganze eigenart des Sicilischon landes tritt uns lebendig 
in denselben entgegen. 

Ebenso wie die eigentümliche weit der einzelnen dichtung soll man den Cha- 
rakter, die erfahrungen, die Stimmungen der sprechenden person in dem gleichnis 
widerfinden. Es war zu untersuchen, wie weit das Goethesche diesen forderungen 
entspricht! Ich möchte beispielsweise auf den grösseren vergleich Herm. u. Dor. 
VI, 90 verweisen. Mit volstor psychologischer Wahrheit lässt Goethe den richter 
an eine erscheinung anknüpfen, welche die jüngste Vergangenheit unauslöschlich 
seinem gedächtnisse eingegraben haben muste. 

Die anschauung, welche die bilder in uns wecken, ist mit nebenvorstellungen 
vorknüpft, sie ruft bestimte empfindungen hervor; gewisse bilder können wir uns 
ohne eine damit verbundene Stimmung nur schwer denken. Das dichterische gleich- 
nis hat hierauf rücksicht zu nehmen; das gesamtcolorit des bildes hinterlässt uns 
oft einen tieferen ein druck, als die einzelnen züge, die der vergleichung dienen. 
Schon Vergil hat — im gegensatz zu Homer — in seinen meisten grösseren gleich- 



252 L. TOBLEB 

nissen die einholt der Stimmung mit dem verglichenen gewahrt.* Wie stelt sich 
Goethe zu diesem gesetz? 

Henkel wird mir hier entgegenhalten, dass Goethe mehr dem naiven verfah- 
ren Homers folge und wird auf die heispiele hinweisen, die er s. 35 zusammen- 
gestolt hat. Ja, wenn ich nur wirklich etwas von „unbefangener, rücksichts- 
loser naivetät^ darin finden köntel Um von den fällen abzusehen, wo bewuste 
nachabmung vorliegt, sind die meisten gleichnisse dieser art ganz offenbar teils 
humoristisch, teils geradezu parodis tisch gemeint. Verf. ahnt wol s. 36 
etwas von dieser bedeutung der gleichnisse, in den meisten fallen ist sie ihm aber 
gänzlich entgangen. So z. b. wenn Goethe an &au v. Stein schreibt: ich komme 
mir vor wie jenes fei'kel, dem der franzos die knupperig gebratene hau/t abgefres- 
sen hatte, wnd es vneder in die küche schickte, um ihm die zweite anbraten zu 
lassen — wer in aller weit wird denn da ernsthaft von unbefangener homerischer 
naivetät reden ! Henkel bedenkt gar nicht , dass Goethe nicht einmal einen algemei- 
nen Vorgang aus dem natur- und menschenleben , sondern eine lustige anekdote 
zur vergleicbung heranzieht ! Ähnlich ist es , wo er zum vergleich seiner zartesten, 
schmerzlichsten empfindungen derb in recht niedere Sphären greift, an ratten, alten 
käse usw. denkt — , wer sieht denn nicht ^ dass der moderne dichter, indem er 
so das höchste mit dem tiefsten verknüpft, sich humoristisch befreit! — 
Parodistisch aber sind vielfach die der bibel nachgebildeten vergleiche, z. b. 
das komisch feierliche wort an Herder s. 24 oder gar die äusserung an Lavater s. 25. 

Fasse ich zum schluss alles dasjenige, was ich an Henkels behandlung des 
Goetheschen gleichnisses vermisse, zusammen, so scheint mir der mangel seiner 
arbeit darin zu liegen, dass er die gleichnisse zu äusserlich und algemein, los- 
gelöst von dem engen Zusammenhang, in dem sie zu dem einzelnen werke oder 
wort des dichtcrs stehen, betrachtet, zu wenig auch die Wirkung ins äuge fasst. 
die sie auf den leser haben müssen. 

Beiläufig bemerke ich, dass der Goothesche vergleich der Shakespearischen 
tragödien mit den vom winde bewegten blättern aus dem buche des 
Schicksals zwar wol mit dem verf. s. 32 auf Herder zurückzuführen , aber jedesfals 
nicht von dem titel der Herderschen schrift „fliegende blätter von deutscher art 
und kunst^^ abzuleiten ist; der sinn der lezteren bezeichnung ist doch ein völlig 
verschiedener. Vielmehr möchte ich annehmen, dass für Herder und dann durch 
ihn auch für Goethe die Schilderung massgebend war, welche Vergil (Aen. IH, 
442 — 452) von dem orakel der Sibylle gibt: auf einzelnen blättern nieder- 
geschrieben ' liegen die schicksalssprüche zuerst in klarer Ordnung, aber der 
wind wirbelt sie durcheinander, dass sie wirr umherfliegen und nun ein 
rätsei sind. 

BCHÜLPFOBTA. GUSTAV EETTNBB. 

Zur Namen- und Landeskunde der deutschen Alpen. Von Dr. Ludwig 
Steub. Nördlingon, Beck. 1885. IV, 174 s. n. 2,80 m. 

In diesem bändchen sind eine anzahl meistens kleiner aufsätze gesammelt, 
welche der Verfasser, seit 30 jähren mit ethnographischen forschungen auf dem 

1) Z. b. wenn er die am Acheron sich drängenden seelen der toten mit den 
schaaren der Zugvögel im herbste, die zur rückkehr in die oberweit bereiten mit den 
summenden bienen in sonniger Sommerzeit, den Aeneas mit einem entlaubten eiehbaum 
(Aen. VI, 309—12; 707 — 9; IV, 441 — 46.) vergleicht. 



ÜBEB STEÜB, NAMENKÜNDE D. ALPEN 253 

gebiete des alten RäticDs, besonders Tirols beschäftigt, in Zeitungen (meistens der 
Allgemeinen Angsbnrger) hat erscheinen lassen. Er selbst nent sich in der vorrede 
einen blossen dilottanten in der Sprachwissenschaft und wünscht z. b. s. 76, dass 
andere die Studien machen, die er selbst nicht gemacht habe und jezt nicht mehr 
unternehmen könne. Es entsteht daher die frage, ob das was er auf jenem gebiete 
geleistet hat, wert war noch einmal gedruckt zu werden und ob es auf besprechung 
in einer wissenschaftlichen Zeitschrift anspruch machen kann. Aber gerade die 
anspruchlose, oft mit liebenswürdigem humor gewürzte, zuweilen allerdings an 
etwelche leichtfertigkeit streifende art, mit der er seine gedanken, oft auch nur 
flüchtige einfalle vorbringt, erleichtert einem recensenten seine pflicht, wenn sie 
doch einmal ausgeübt werden soll, und da der Verfasser selbst als kritiker gegen 
andere aufgetreten ist, so wird er sich gefallen lassen^ mit demselben masse gemes- 
sen zu werden. Da es sich um eine reihe kleiner arbeiten handelt, so kann auch 
die kritik nur eine samlung zerstreuter bemerkuugen sein, die dem referenten eben 
auch so eingefallen siud wie dem Verfasser manche von seinen behauptungen , und 
welche zum teil die dem referenten nahe liegende erforschung schweizerischer 
orts- und geschlechtsnamen betreffen, soweit diese eben auch dem gebiete der 
„deutschen alpen" angehören. 

Dass in Tirol (wie in Graubünden) rätische Ortsnamen vorkommen , unterliegt 
keinem zweifei; aber wenn dies (s. 4) damit bewiesen werden soll, dass Ortsnamen, 
die von Romanen und Deutschen stammen, uns klar seien, also die unklaren eben 
ratischen Ursprung haben müssen, so ist das mittelglied des Schlusses nicht ganz 
richtig; denn nicht alle Ortsnamen, welche wir im algemeinen nach stoff und form 
als romanisch oder deutsch zu erkennen glauben, sind auch im einzelnen, ihrer 
bildung und bedeutung nach „klar^ und wir erinnern den Verfasser an die ihm wol 
bekante tatsache, dass umgekehrt früher viele namen als rätisch galten, die nun 
als deutsch oder romanisch erkant sind. — Dass nach den Bätiern zunächst Roma- 
nen den grösten teil von Tirol besezten und auch bis an die berge hinauf anbauten, 
also den nachfolgenden Deutschen in lezterer beziehung wenig zu tun übrig Hessen, 
mag der Verfasser in seinem ersten aufsatz („Die Entwicklung der deutschen Alpen- 
dörfer ^) gegenüber einer andern ansieht mit recht behaupten; dagegen bestreitet 
er in einem spätem aufsatz (s. 139 fgg.) die herkunft der VII und XIII deutschen 
gemeinden in der Lombardei von spätem bairischen colonien und sieht in ihnen 
reste von Goten und Longobarden; in Tirol selbst ist ein teil (der nordwestliche) 
nicht bairisches, sondern schwäbisches Sprachgebiet (s. 72). Sehr zweifelhaft und 
schwierig zu erklären sind besonders Ortsnamen, die an der grenze des roma- 
nischen und deutschen Sprachgebietes liegen; was in dieser beziehung von Tirol, 
gilt ebenso von der gränze zwischen alamannischem und burgundischem Sprach- 
gebiet in der westlichen Schweiz, und wo Ortschaften jener gegend doppelten 
(deutschen und französischen) namen tragen, ist es meistens schwer die priorität 
des einen oder des andem zu erkennen; dasselbe gilt in Graubünden zwischen 
deutsch und rätoromanisch und zum teil sogar im kanton Tessin und dessen nach- 
barschaft zwischen deutsch und italienisch. 

Die eigenen Worterklärungen des Verfassers , besonders von romanischen Orts- 
namen, entbehren einer sichern methode und sind oft sehr unwahrscheinlich; nicht 
nur ist dabei von lautgesetzen (vollends ausnahmslosen!) keine spur, sondern der 
Verfasser springt auch mit den romanischen ableitungssilben gar zu frei um. Dass 
bei den bildungen auf -mo und -dlo zum teil deutscher einfluss mitgewirkt habe, 
ist eher möglich, als bei denen auf -etto und -acdo (s. 135). Richtig scheint die 



254 TOBLBR, ÜBER BTEÜB , NAMENKUNDE DBB ALPEN 

bemerkuDg (s. 62), dass spätere romanische Ortsnamen bei den Deutschen keine 
accentverschiebung mehr erlitten haben. Ferner gibt der Verfasser (s. 79 — 84) einige 
brauchbare beitrage zu seinen „oberdeutschen familiennamen", z. b. -mer als Ver- 
kürzung von -meier, -her, -ger aus -hauer, -gauer (wenn nicht aus -mger). Bemer- 
kenswert sind auch parallolnamen (scheideformen) auf -auer und -er, "taler und 
'tler (s. 82); -mler kann aus -müller, -ster aus -steter verkürzt sein; dagegen bezweifle 
ich -zer aus -hauser (s. 83). — Merkwürdig ist die ausspräche von r vor dentalen 
= seh (s. 75) und die beibehaltung dos -e in der deklination (ebd.). — In den 
namen der drei Jungfrauen (Nomen) zu Meransen könte 'hert statt -^bett blosser 
druckfehler sein, und Simrock (Mythol.* s. 335) gibt wirklich auch für jenen ort 
-bett, aber Stark erklärt umgekehrt -bett aus -bert (Bertha), so dass dieses eine 
ältere nebenform sein möchte. 

Ich schliesse mit einzelnen bemerkungen über deutsche orts- und geschlechts- 
namen, besonders solche, die auch in der Schweiz vorkommen. Atzwang (s. 21) 
kann nicht wol vom personnamen Atzo kommen, da dann die form Atzen — ein- 
getreten wäre; es wird also appellativ Atz = „atzung, weide" anzunehmen sein. 
Zu Tablaten (22), name eines tirol. dorfes vgl. TablcU bei St. Gallen. Zu Apfcd- 
tern (29. 90) vgl. Schweiz. Affoltern, auch enthalten in der Zusammensetzung Affel- 
trangen, zusammengezogen aus Affolter-wangen; vgl. Apfdtrang s. 90. 157. Das- 
selbe -Wangen (dat. pl. von wang wiese) steckt in Schweiz. Wiesenda/ngen , zusam- 
mengezogen B.VLB Wisentwangen , von Wisent y bison, welches der Verfasser (8.157) 
schwerlich richtig in dem Ortsnamen Wörnsmühle findet, da schon die entstehung 
des personnamens Wirnt aus Wisent zweifelhaft ist. — Den geschlechtsnamen 
Htmziker erklärt Verfasser (s. 81) aus Hundsecker, was schon lautlich bedenken 
erweckt; der gleichlautende Schweiz, geschlechtsname komt vom Ortsnamen Httnzi- 
kon, zusammengezogen aus Hunzvnghofen, (bei den hofen der nachkommen des 
Htmzo). Dagegen nehme ich bereitwillig die erklärung des auch in Luzem vor- 
kommenden namens Segesser aus Seegasser (s. 84) an , da es nicht wol von Schweiz. 
Segesse sense kommen kann. Zweifelhaft ist dagegen wider Wanner aus Wagner, 
da es auch „wannenmacher " (korbflechter) bedeuten kann und wahrscheinlich mit 
diesem sinn in Luzem und Bern vorkomt. — Dass die tirolischen Weistümer coTm- 
renz und cohärenzen für gränze, grämen setzen (s. 103), ist in der tat merkwür- 
dig , aber doch wahrscheinlich nur halbgelehrte umdeutung. Die von Gatschet auf- 
gestelte erklärung des namens Falschmatte (im Berner Oberland) aus mlat. faictUa 
im sinn von „Mahd" (s. 111) ist selbst „falsch", vgl. desselben Ortsetymolog. For- 
schungen s. 244 und die dort citierten angaben von Bochholz in der Argovia 1860 
s. 94 fgg. , wo auch eine sage erwähnt wird , die sich auf (abermals falsche) deutung 
des namens aus falsch ^= falsus bezieht, und eine reihe romanischer Ortsnamen 
der deutschen Schweiz aufgezählt werden, zum teil mit Verweisung auf die „Bäti- 
sche Ethnologie" des Verfassers, der seinerseits jene arbeit von Eochholz nicht zu 
kennen scheint. — Ob der Ortsname Bolderschwang im AUgäu (s. 157) den namen 
des gottes Balder enthalte, ist sehr fraglich; Balderen, name eines teiles der Albis- 
kette bei Zürich, bezieht sich wahrscheinlich nur auf einen menschlichen BaUheriy 
ob wol die endung unerklärt bleibt. 

ZÜBICH, MARZ 1886. LUDWIG TOBLBB. 



KINZEL, ÜBER OOTTSCHICK, BONEB 255 

Gottsehiek , Über Boners fabeln. Programm [nr. 68] des Kaiserin - Augusta - 
Gymnasiums zu Charlottenburg 1886. 32 s. 4°. 

Der Verfasser hat sich seit mehr als zehn jähren mit der Bonerforschung 
beschäftigt. Drei seiner arbeiten handeln von den quellen, eine von der Zeitfolge 
in der abfassung von Boners fabeln und über die anordnung derselben (vgl. Jah- 
resbericht f. germ. phil. 1880 nr. 794. 795 und 1881 nr. 718). Sein recensent, 
A. Schönbach, gleichfals auf diesem gebiete bewandert, ist widerholt einigen sei- 
ner aufstellungen entgegengetreten. Die neue arbeit ist im wesentlichen eine nach- 
lese, in welcher Gottschick sich mit seinem gegner auseinandersezt , angriffe 
abweist, früher behauptetes richtiger stelt und manches neue beibringt. Es liegt 
uns fem über das einzelne in eine discussion einzutreten; wir wollen uns genügen 
lassen, auf die resultate hinzuweisen. 

Was die verschieden beantwortete frage nach der abfassungszeit des Edel- 
steins angeht, so handelt es sich um die Interpretation einiger verse der vorrede 
und des Schlussworts. Schönbach meinte die werte 185, 38 (Pfeiffer) 

sm sei hevinde niemer we 
gesprochen von dem herrn von Kinggenberg, welchem das werk gewidmet ist, nur 
auf einen verstorbenen beziehen zu können. Mit recht zeigt Gottschick, dass sich 
hierfür kein beweis erbringen lasse, dass der Zusammenhang vielmehr dagegen 
spreche und es wahrscheinlich mache, Boners Edelstein sei vor 1340, dem tode 
des herrn von Kinggenberg, gedichtet. Ebensowenig lässt sich erweisen, dass das 
werk ursprünglich weniger als 100 fabeln umfasst habe. — unsere litteratur- 
geschichten stimmen daher auch darin überein , das buch vor 1340 zu setzen. ' 
Martins correctur in Wackemagels litteraturgeschichte 2. aufl. s. 465 hat den Ver- 
fasser zu einer irtümlichen auffassung verleitet, die in dem ausdruck allerdings 
liegt: „er, der zwischen 1320 und 1349 dichtete." Gemeint ist hier nur, dass des 
dichters name bis 1349 urkundlich bezeugt ist, nicht aber, dass er am Edelstein 
bis 1349 arbeitete. 

Nachdem Gottschick dann kurz die frage nach den dialektischen eigen tüm- 
lichkeiten des dichters gestreift und sich dahin ausgesprochen, die Untersuchungen 
Schochs schienen die ansieht Pfeiffers zu bestätigen, dass bei Boner die altscbwei- 
zerische mundart in ihrer naturwüchsigen gestalt walte und seine spräche von der 
rein mittelhochdeutschen abweiche: lässt er eine erneute eingehende Untersuchung 
über die entstehung der einzelnen fabeln folgen. Er ist mit Schönbach darüber 
einverstanden, dass Boner seine fabeln nicht in der folge der handschriften gedich- 
tet, sondern nach Vollendung der einzelnen fabeln absichtlich Umstellungen vor- 
genommen und so die jezt vorhandene anordnung bewerkstelligt habe. Im übrigen 
aber weicht er von ihm erheblich ab und sucht bei besprechung aller einzelnen 
gedichte wahrscheinlich zu machen, dass Boner zuerst die Anonymus-, darauf die 
Avianfabeln, inzwischen und zum teil nachher die übrigen gedichtet habe. 

Gegen Schönbach bringt er dann neue gründe für die ansieht vor, dass Boner 
den Avian als quelle für 22 fabeln benuzt hat und nicht etwa die Apologi Aviani 
genante prosaauflösung der fabeln Avians oder eine andre derselben nahestehende. 
Bei dieser gelegenheit wird auf einige andre quellen aufmerksam gemacht. 

Zum schluss zählt Gottschick die sitlichen lehren Boners auf, um dadurch 
Scherers behanptung als hinfällig zu erweisen, was der Verfasser über sitliche 

1) Warum Gottschick Scherers werte „um 1330" und „gegen 1330" in gegen- 
satz bringt, verstehe ich nicht. 



256 HOLSTEIIT, ÜBBR BODSMANN, HALLXB 

dinge zu sagen wisse, sei ärmlich. Aus dieser anfzählnng erhelt aber nur, dass 
er über vielerlei gesprochen habe. Dies aber kann nicht in frage kommen, wenn 
man bedenkt, dass ja die zahl seiner gedichte hundert ist. Nicht der ist reich, 
welcher viel besizt. Hier hat sich der Verfasser seine arbeit entschieden zu leicht 
gemacht, und zwar eine arbeit, die gewiss sehr interessant werden kann, wenn 
man die andre behauptung Scherers hinzunimt: „über das bekante ABC der kirch- 
lichen moral ist er nirgends hinausgekommen.'^ Vor allem muss doch hier getrent 
werden, was von klugheitsregeln und algemeinem menschenwitz Boner ohne wei- 
teres aus seinen quellen herübemahm , und was er an selbständiger ältlicher lebens- 
auffassung hinzutat; dann erst wird die frage zu entscheiden sein, ob er arm an 
solcher war, und ob das vorgetragene der kirchlichen moral seiner zeit entsprach. 

Dankenswert wie die ganze arbeit ist die Zusammenstellung der sprichwört- 
lichen und volksmässigen Wendungen Boners am schluss. 

FBIEDENAU, DEN 20. JULI 1886. KABL KINZBL. 



Von und über Albrecht von Hallor. Ungedruckte Briefe und Gedichte Hal- 
lers sowie ungedruckte Briefe und Notizen über denselben. Herausgegeben von 
Eduard Bodemann. Hannover, Karl Meyer, 1885. XY u. 223 s. n. m. 4,50. 

Als zur hundertjährigen gedächtnisfeier Albrecht von Hallers im jähre 1877 
eine umfassende denkschrift erschien, erfreute auch L. Hirzel die freunde der deut- 
schen litteratur mit einem beitrag über Hallers bedeutung als dichter. Dieser schö- 
nen gäbe Hess er 1882 eine ausgäbe von Hallers gedichten folgen, der er eine 
vortrefliche abhandlung über Hallers leben und dichtungen vorausschickte. Obwol 
Haller in dieser arbeit eine erschöpfende Würdigung seiner Verdienste gefunden hat, 
so konten doch die bisher unbekanten wertvollen briefe Hallers nicht benozt wer- 
den. Diese briefe hat der Vorsteher der königlichen öffentlichen bibliothek zu Han- 
nover, rat Bodemann, vor einiger zeit gefunden und auf mehrfachen wünsch in dem 
vorliegenden buche veröffentlicht. Es sind im ganzen 105 briefe Hallers , und zwar 
87 an J. G. Zimmermann, meist aus den jähren 1754 und 1755, 11 an seinen 
freund und landsmaun J. B. Sinner und 7 an seine tochter Emilie gerichtete. 
Ausserdem werden eigne notizen Hallers, sein leben betreffend, die Zimmermann 
zum teil schon für seine biographie Hallers (Zürich 1755) benuzte, und vier aus 
seiner Jugendzeit stammende gedichte zum ersten male veröffentlicht. Die genan- 
ten 5 abteilungen bilden den ersten teil des vorliegenden buches. Der zweite teil 
enthält zunächst 15 von verwanten und freunden Hallers an Zimmermann gerichtete 
briefe aus den jähren 1777 und 1778, die sich der leztere für eine zweite volstan- 
dige, aber nicht erschienene biographie seines grossen lehrers erbeten hatte. Zu- 
lezt folgen noch ein nachruf A. v. Störcks auf Haller und 15 verschiedene notizen 
Zimmermanns über Haller. 

Diese der Vergessenheit entrissenen schätze bilden ein wertvolles material 
für einen neuen biographen Hallers. Aber der herausgeber hat sich nicht mit dem 
einfachen abdruck der vorgefundenen Schriftstücke begnügt, sondern er hat auch in 
anmerkungen trefliche biographische notizen über die in den briefen erwähnten per- 
sonen hinzugefügt, die teilweise schon in seinem Leben Zimmermanns (Huinover 
1878) erwähnung ffnden. Vielfach werden auch briefe Hallers an Sinner, die Bossler 
in seinem buche „Die Gründung der Universität Göttingen" (Götlüigen 1855) ver- 
öffentlichte, nach dem original ergänzt oder berichtigt. 

Das vorliegende buch vdrd den vom herausgeber angestrebten zweck, zur 
aui^schung des andenkens an Haller zu dienen und für die weitere kentnis und 
Würdigung desselben förderlich zu sein , gewiss erfüllen. S. VU z. 6 v. u. ist die 
jahrzahl 1877 für 1777 zu setzen. 

WILHELMSHAVEN. H. HOLSTBOf. 



Halle a. S. , Bachdiackorei des Waisenhauses. 



DIE COMPOSITION DES ETHNOGRAPHISCHEN TEILS 

DER GERMANIA DES TACITÜS. 

Mit welcher logischen schärfe Tacitus den stoflf seiner Germania 
gegliedert und wie feinsinnig er dabei den Zusammenhang zwischen den 
verschiedenen teilen der ersten hälfte herzustellen verstanden hat, ist 
zuerst von Joh. v. Grub er in seiner (auch für die einzelerklärung 
noch jezt wertvollen) ausgäbe dieser schrift (Berlin, Dümmler 1832), 
sodann noch eingehender in seiner abhandlung „über plan und zweck 
in Tac. Germ." (in v. d. Hagens Germania HI 1839 s. 74 — 91) ent- 
wickelt worden ; von ihm hängen direkt oder indirekt die angaben über 
den gedankengang bei den späteren herausgebern ab. Nur selten hat 
man veranlassung von seiner scharfsinnigen und klaren analyse abzu- 
weichen, der logische auf bau ist im ganzen mit musterhafter Sorgfalt 
nachgewiesen. 

Aber freilich: mit diesem nachweis ist die erkentnis der com- 
position der Taciteischen schrift noch keineswegs erschöpft. Tacitus 
wolte nicht blos auf den verstand , sondern zugleich auf die empfindung, 
die Phantasie seiner leser wirken: er componiert deshalb nicht blos 
nach logischen, sondern wesentlich auch nach rhetorischen gesetzen. 

Am wenigsten genügt jene verstandesmässige gliederung, um 
die composition des zweiten ethnographischen teiles zu verstehen. Sie 
liefert uns hier eigentlich weiter nichts , als das allereinfachste geogra- 
phische anordnuugsprincip. Aber wie Tacitus in allen seinen werken 
den stoflf mit bewuster kunst bis ins einzelnste ausgestaltet, so hat er 
auch hier sich nicht begnügt, die schier zahllosen Völker einfach in 
lokaler reihenfolge aufzuzählen und dabei bald diesen bald jenen zug, 
der ihm in seinen quellen entgegentrat, von ihnen mitzuteilen — nein, 
er hat die Schilderungen der einzelnen Völker in inneren zusanmien- 
hang gesezt, die Charakteristiken derselben so entworfen, so geordnet, 
dass sie den leser tief und nachhaltig bewegen und für seine anschauung 
zu einem wirkungsvollen gesamtbilde sich vereinigen. 

Bedeutsam ist schon die art, wie Tacitus in der 

A. Einleitung c. 28. 29 
die Schilderung der Völker des eigentlichen Germanien durch die erör- 
terung der frage nach der nationalität der Völker an der süd- und 
westgrenze vorbereitet. 

ZSIT80HBIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XIX. 17 



258 O. KBTTNBB 

I. Er begint mit den fällen, in denen eine Verschiebung der 
nationalen grenzen denkbar ist. Es sind drei: 

1) Dass die Helvetier und Boier einst über den Rhein gegan- 
gen sind, kann nicht wunder nehmen: der fluss bildet dort^ keine 
natürliche grenze , und die sitze waren damals noch herrenlos und unge- 
schieden; jezt erinnert nur noch der name des landes an die alten 
bewohner, sie selbst sind verschwunden. 

2) Die ein Wanderung des pannonischen Stammes der Osi erscheint 
zweifelhaft und jedesfals bedeutungslos. 

3) Die beiden wichtigsten gallischen grenz Völker aber, Treve- 
rer und Nervier, sind sogar eifersüchtig auf die von ihnen bean- 
spruchte germanische abstammung und dünken sich dadurch über die 
Gallier erhaben. 

Die ganze Schilderung durchzieht die einheitliche idee der unbe- 
rührbaren nationalen kraft der germanischen Völker. Auf das schärfste 
hebt Tacitus hier die Widerstandsfähigkeit der germanischen nationali- 
tät allen einwand erungen gegenüber hervor. Die drei Völker, von denen 
er spricht, werden gewissermassen in einer grossen dreigliedrigen 
Periode aufgezählt, 1. und 2. bilden eine art concessiven Vordersatzes 
zu 3., Tacitus gibt das eindringen jener beiden stamme zu, da es 
nur vorübergehende oder gar keine bedeutung hat, um dann um so 
nachdrücklicher umgekehrt die fähigkeit germanischen wesens, andere 
Völker sich zu assimilieren, an den Nerviern und Treverern zu zeigen. 
Dieser innere Zusammenhang tritt, soweit dies bei dem aphoristischen, 
jede ausgedehntere periodenbildung verschmähenden satzbau des autors 

möglich ist , auch äusserlich hervor : mit credibüe est sed incer- 

tum est fasst er die beiden ersten satzcomplexe in einer descensio zu- 
sammen, um dann mit Treveri et Nervii circa affectationem Oermani- 
cae originis ultra amhitiosi sunt den abschliessenden hanptgedanken 
scharf und nachdrücklich steigernd einzuführen. 

n. Der grundgedanke dieses teiles der einleitung wird dann auf 
das deutlichste auch in dem zweiten teile festgehalten. — Tadtus wen- 
det sich in ihm zu den grenzvölkern von unzweifelhaft germanischer 
nationalität am Mittel- und Unter -Rhein. Dire Schilderung leitet 
direkt zu dem ersten hauptteile, der beschreibung der westhälfte des 
inneren Germaniens über, zwischen diesen beiden abschnitten besteht, 
wie wir sehen werden, ein geschlossener Zusammenhang. 

1) Tacitus sagt allerdings hier nur ganz algemein quaniuXum emm avnms 
obstdbat, weist aber c. 32 zu anfang nochmals auf diese steUe zurück mit den Wor- 
ten certum iam alveo Bhenum, quiqtie termmus esse sufßciat üsipii ac Tencteri 
coltmt. 



COMFOSITION BEB GERMANIA 259 

1) Tacitus begiüt mit der südlichsten Völkergruppe am linken 
ufer , den (auch bei Caesar und Plinius ^ — aber von jedem in ver- 
schiedener reihenfolge — zusammengefassten) Vangiones, Triboci, Ne- 
metes (im Elsass un(^ in der Pfalz) , ohne indessen weder ihre gesamt- 
lage noch ihre läge zu einander irgendwie zu bestimmen. Er sagt nur 
im anschluss an den gedanken des vorigen teils ipsam Rheni ripam 
haud dubie Germanorum populi colunt, V. T. N. 

2) Dass es ihm nur hierauf — auf die ungetrübte germanische 
nationalität dieser grenz Völker — ankomt, geht deutlich auch aus der 
form hervor, in der er die weiter nördlich auf dem linken ufer fol- 
gende Völkerschaft bespricht. Ne Ubii quidem, quamquam Romana 

colonia esse meruerint origine eruiescunt. Daneben betont er das 

vertrauen, das man ihnen schenken kann, und die Selbständigkeit, die 
sie gemessen. 

3) Ebenso erwähnt er bei den (chattischen) Batavern im Bhein- 
delta, dass sie zwar pars imperii Romani geworden, aber doch von 
jeder art von leistung für Kom frei sind und nur als bundesgenossen 
für kriegsfalle verwendet werden. 

4) Endlich die Mattiaker, das einzige volk, zu dem die reve- 
rentia imperii Romani über den Khein hinüber gedrungen ist, sind 
in eodem oisequio wie die Bataver, nur mente animoque mit den Kö- 
mern verbunden. 

Nur anhangsweise (non numeraverim inter Gernmniae populos) 
fügt Tacitus die hauptsächlich gallischen bewohner der agri decumates 
hinzu. Auch hier vergisst er nicht — ähnlich wie 1,1 bei der ein- 
wanderung der Helvetier und Boier — zu betonen, dass jener grenz- 
strich keinen bestimten herren hatte, dass es ferner abenteuernde und 
durch not tolkühne einwanderer waren, die ihn besezten, und dass er 
jezt erst nach anlegung des limes als eine ausbuchtung des reiches und 
ein teil der provinz angesehen werde (habetur) . 

So ist die ganze Schilderung der grenzvölker von einer einheit- 
lichen idee durchzogen; sie ist darauf berechnet, in dem leser auf das 
nachhaltigste von vornherein den eindruck zu erwecken, dass Germa- 
nien als eine völlig in sich abgeschlossene Völkergemeinschaft dasteht, 
dass die nationale Selbständigkeit derselben unangetastet geblieben ist 
und dass alle versuche einer romanisierung höchstens zu einer ganz 
lockeren politischen Verbindung geführt haben. Anderseits wird auch 

1) Caes. b. g. I, 51 (anders IV,' lO. VI, 25); Plin. IV, 17, 106 (wo eben- 
fals sofort die übler und dann — nach emschub der Gubemi — die Batavi fol- 
gen). — Vgl. Zeus 8, die Deutschen und die nachbarstämme s. 217 — 220. 

17* 



260 G. KETTNER 

geflissentlich das vertrauen, welches man diesen stammen in folge 
ihrer bewährten römer - freundlichen gesinnung entgegenbringen kann, 
hervorgehoben. 

Über diese äussere umwallung mit rein und i. g. selbständig 
gebliebenen , aber den Eömern geneigten germanischen Völkern fahrt . 
uns nun Tacitus in das eigentliche Deutschland. Auch hier geht seine 
beschreibung zwar von der geographischen reihenfolge aus, aber auch 
hier wird die leztere nur ganz leise angedeutet ; sein ziel ist vor allem 
die Charakteristik der einzelnen Völker in planmässigem zusanmaenhang 
durchzuführen und durch dieselbe die in der einleitung geweckte Stim- 
mung des lesers festzuhalten und zu vertiefen. 

B. Die westhälfte c. 30— 37. 

I, Von der südwestgrenze Germaniens, an die uns soeben die 
Schilderung der linksrheinischen Völker geführt hatte und die für den 
römischen leser ja auch der wichtigste, aus der geschichte des lezten 
Jahrhunderts bekan teste teil des landeswar, hebt die beschreibung an; 
sie folgt dem rechten ufer des Bheins von Süden nach norden (abschluss 
c. 35 zu anfang: hactenus in occidentem Germaniam novimus). 

1) Das bild des ersten Volkes, welches er erwähnt, der Chat- 
ten, malt er mit so liebevoller Sorgfalt aus, wie keins von den fol- 
genden: es wird ihm zu einem Idealbild eines germanischen volkes 
überhaupt, zu dem bilde eines echten kriegervolkes. — In drei teilen 
baut sich dasselbe auf In zwei kurzen Sätzen , aber schon in poetisch 
gehobener spräche hebt er den geschüzten^ sitz der Chatten auf dem 
Hercynischen Waldgebirge und ihre körperki'aft hervor. Dami folgt 
eine breit ausgeführte darstellung ihres kriegswesens, der strengen Ord- 
nung in ihrem beere, der planvollen kriegsführung, welche den Tacitus 
direkt an römische art erinnert, und eine nachdrückliche anerkennung 
der bedeutung, welche sie dem fussvolk beimessen. Um den leseni 
ein möglichst anschauliches bild eines gut organisierten heerwesens zu 
geben, scheut sich Tacitus nicht, es bis in ganz typische einzelheiten 
auszumalen. 2 Das ganze wird endlich auf das wirkungsvolste abge- 

1) Vgl. Chattos stu)s saltus Hercynius prosequütir siimU ctc defpomb und den 
gogensatz ceterae ci/vitates, in quaa Germania patesdt. 

2) Tacitus gebraucht gern dieses — doch etwas schablonenhafte — mittel, 
um lebendige anschaulichkeit zu erreichen. Besonders seine Schlachtschilderungen 
Iiaben dadurch für unser gefühl oft etwas schulmässig - rhetorisches erhalten. Am 
meisten tritt es in seiner ersten historischen schrift, dem Agricola hervor; z. b. die 
uuermüdliche tätigkeit des feldherrn in c. 20, sowie namentlich einzelne scenen der 
Schlacht am borg Graupius werden ganz typisch geschildert, ja hier zum teil die 
färben, wie Woelfflin nachgewiesen hat, aus den — ebenfals ziemlich algemein 
gehaltenen — schlachtbildem des Sallust entlehnt. Aber auch die späteren sohrif- 



COMPOSITION DER GERMANIA 261 

schlössen durch die stark rhetorisch gefärbte ^ Schilderung des sich zu 
dieser halb römischen planmässigkeit der kriegsführung gesellenden 
wilden germanischen kriegsbrauches , der bei andern Völkern nur ver- 
einzelt vorkomt, bei den Chatten ganz algemein ist, nämlich sich so 
lange das haar nicht zu scheren oder einen eisernen ring zu tragen, bis 
man einen feind getötet. In dem bilde der chattischen berserker, die 
diese tracht auch darüber hinaus noch beibehalten und so sich bis ins 
greisenalter an jenes gelübde binden, erreicht diese furchtbare kriege- 
rische Wildheit ihren höhepunkt. 

So eröfhet Tacitus seine beschreibung der eigentlichen germa- 
nischen Völker. Wer möchte in diesem packenden anfang die bewuste 
künstlerische absieht des Schriftstellers verkennen? 

2) Die Schilderung der Usipier und Tencterer, welche in c. 32 
zusammengefasst werden, sezt das begonnene planmässig fort. Ihre art 
erscheint wie eine notwendige ergänzung zu derjenigen der Chatten. 
Ebenso wie dort betont Tacitus zunächst die Sicherheit des Wohnsitzes: 
certum iam alveo Rhenum quique terminus esse sufficiat colunt. Aber 
wenn er uns in den Chatten ein volk kriegerischer fusskämpfer 
zeichnete, so sind die Tencterer ein echtes reitervolk; in rhetorischer 
Steigerung entwickelt er, wie hier Mnd, jüngling, greis zu rosse sich 
tumle , wie rosse das hauptstück des erbes seien , das nicht der älteste, 
sondern der kriegstüchtigste erhalte. 

3) Die erwähnung der weiter nördlich wohnenden Chamaver 
und Angrivarier, welche das ehemals den Bructerern gehörende 
land besezt haben, gibt dem Tacitus veranlassung, davon zu berichten, 
wie die lezteren in mörderischem kämpfe durch die n achbar stamme 
fast aufgerieben seien. Mit grausamem behagen verweilt er bei dem 
blutigen, durch die huld der götter den Kömern gewährten Schauspiel 
und schliesst daran den charakteristischen wünsch: maneat, quaeso, 
duretque gentihus si non amor nostri, at certe odium sui, quando urgen- 
Uhus imperii fatis nihil iam praestare Fortuna maius potest quam 
hostium discordiam. Dass er hier jenen sonst nicht weiter bekanten 
bruderkrieg erwähnt, ist nur aus dem bisher verfolgten gedankengang 
recht zu erklären. Zur speciellen Charakteristik der hier genanten Völ- 
ker trägt ja jenes factum nichts bei; wol aber komt die erwähnung 
desselben gerade an dieser stelle auf das beste den empfindungen ent- 
gegen, welche -die eigentümliche darstellung der beiden vorhergehenden 

ten zeigen oft solche nach der Schablone ausgemalte partien; vgl. z. b. das vorgehen 
des Antonius Primus in der zweiten schlacht bei Betriacum (Hist. III, 17). 

1) Dies erkent auch Halm an (controv. stellen der Geimania s. 27 des sep. - 
abdmckes). 



262 a. KBTTNEB 

Völkergruppen in dem römischen leser erwecken muste: sie bringt 
gewissermassen die conclusio zu den dort gegebenen praemissen! Als 
furchtbare, den Eömem durchaus gewachsene, ja fast unangreifbare 
kriegsvölker hatte er die Chatten, die Usipier und Tencterer geschil- 
dert: nun zeigt er, wie dies trotzige volk sich selbst zerfleischt, und 
spricht es offen aus , dass hierauf die einzige hofnung der Eömer beruht. 

Man sieht gerade an dieser stelle recht deutlich, dass es dem 
Tacitus nicht sowol auf eine individuelle Charakteristik der einzelnen 
Völker als darauf ankomt, die ihm bei einer ganzen gruppe derselben 
entgegentretenden interessen seiner Zeitgenossen wirksam zu benutzen, 
lebhafter zu erregen und in seinem sinne zu lenken. 

4) Nachdem nur beiläufig einige unbedeutende Völker (gentes 
haud perinde memoratae) im rücken der vorigen genant sind , wird 
cap. 34 die reihe der Völker an der nordwestgrenze Deutschlands mit 
den Frisen geschlossen.^ Auch bei ihrer betrachtung verfolgt er den- 
selben gesichtspunkt , den wir bisher beobachteten, nämlich die unan- 
greifbarkeit der germanischen nordwestgrenze in das volle licht zu 
rücken. Die Charakteristik des volkes selbst tritt hier noch mehr wie 
bei 3 in den hintergrund; erfahren wir doch von den Frisen schlech- 
terdings nichts weiter als die einteilung in minores und maiores (die 
sonst nie von ihnen, sondern — auch bei Tacitus später, Annal. XI, 19 
— von ihren nachbaren, den Chauken^ angeführt wird). Wie Tacitus 
bei den vorhergenanten Völkern vor allem die kriegerische furchtbar- 
keit in den lebendigsten färben ausmalte, so hier die Unnahbarkeit der 
natur. Das land der Frisen wird vom Ehein umsäumt und umfasst 
ausserdem ungeheure seen; wol haben römische flotten sie befahren, 
wol fehlte es dem Drusus nicht an kühnheit, in jene geheimnisvolle 
weit, wo man säulen des Hercules gefunden zu haben meinte, einzu- 
dringen , aber der ocean selbst lehnte sich dagegen auf und fromme 
scheu hielt von weiteren forschungen zurück. 

11. So hat Tacitus um den westen Germaniens innerhalb der 
Eheinlinie einen zweiten noch stärkeren völkerwall gezogen. Er wen- 
det sich nun zu den Völkern, die nördlich und östlich von den genan- 
ten wohnen (cap. 35 — 37). 

1) Schweizer - Sidler rechnet sie bereits zur folgenden reihe. Die geogra- 
phische läge könte dafür sprechen, indessen diese ist dem Tacitus, wie ich sc^on 
mehrfach hervorhob, nebensächlich, dagegen verknüpft er sie stilistisch auf das 
engste mit den vorhergehenden Völkerschaften, behandelt sie femer, wie ich oben 
zeige, im Zusammenhang mit diesen und macht endlich, wie schon erwähnt, erst 
hinter ihnen bei c. 35 z. anfg. stilistisch einen abschnitt. 

2) Vgl. Zeuss s. 137 u. 139. 140. — J. Pramner, Z. f. d. östr. G. 1877 s. 840 
nahm eine Verwechslung dos Tac. an; doch vgl. Mommsen, R. G. V, 115, anm. 2. 



COMFOSITION DER OEBMANIA 263 

1) Wie vorher bei der Schilderung der Chatten sogleich kräftig 
der ton angeschlagen wurde, der dann in dem ganzen abschnitt fest- 
gehalten werden solte, so geschieht es auch hier bei den Chauken 
(c. 35). Wie jenes das ideal eines kriegsvolkes, so ist die- 
ses das ideal eines friedensvolkes. Es ist tapfer und stark, 
waflFen und beer sind in bereitschaft , mann und ross in grösster zahl; 
aber ohne begehren, ohne leidenschaft, ruhig und abgeschlossen leben 
sie dahin, raub und plünderungszüge kennen sie nicht, durch gerech- 
tigkeit schützen sie ihr weites land, ohne gewalttat behaupten sie ihre 
überlegene Stellung unter den anderen Völkern. Artet hier die Schil- 
derung nicht fast in abstracto Idealisierung aus? Wie nahe es 
lag, diese entfernteren germanischen Völker, von denen man doch selbst 
bei persönlichem besuch jener gegenden nur eine flüchtige und unbe- 
Btimte kentnis erlangen konte, in einseitiger beleuchtung darzustellen, 
zeigt hier recht deutlich das beispiel des Plinius (h. n. XVI , 1 , 2 — 4). 
Er kent aus eigener anschauung die Springflut an der nordseeküste, 
und nun erscheint ihm das land der Chauken wie ein abbild des alten 
chaos, wo erde und wasser in wirrem durcheinander sich nicht unter- 
scheiden lassen, ihr leben als das nackte, öde menschendasein in ste- 
tem existenzkampfe mit der natur. Der „scharfe gegensatz" ^ zwischen 
den beiden Schilderungen verliert sein auffallendes, wenn man in den- 
selben die manier erkent , von einzelnen , zufalligen beobachtungen oder 
mitteilungen aus das ganze bild eines volkes einseitig als typus eines 
bestimten zustandes der menschheit zu entwerfen. 

2) Ähnlich wie zu den Chatten, so sezt auch zu den Chauken 
Tacitus ein bei gemeinsamem grundzuge doch contrastierendes bild zur 
ergänzung hinzu. Es sind die südöstlich von ihnen wohnenden Che- 
rusker (c. 36). Zeichnete er uns in jenen ein volk, dessen friedens- 
liebe an seiner kraft und kriegsbereitschaft einen starken rückhalt hat, 
so in den lezteren ein solches, dem sein einseitiges friedliches, gerech- 
tes und massvolles verhalten gewalttätigen nachbarn gegenüber ver- 
hängnisvoll geworden ist : sie sind von den Chatten besiegt und werden 
jezt verachtet. Ihr Schicksal teilen ihre nachbaren , die Fosen. — Wie 
übertrieben diese meinung von der Ohnmacht der Cherusker ist, zeigt 
Zeuss s. 106. Den grund der Taciteischen darstellung werden wir am 
ende dieses abschnittes sehen. 

3) Ganz ähnlich schildert Tacitus (c. 37) die im N. 0. am ocean 
sich hinziehenden Cimbern. Auch sie sind jezt ein „unbedeutender 
Staat"; nur aus den alten lagerspuren mag man noch die alte grosse 

1) Zenss s. 140: Übrigens geben auch die naclirichten in den späteren Schrif- 
ten des Tacitus selbst ein wesentlich anderes bild^ vgl. die stellen bei Zeuss a. a. o. 



264 G. KETTNEB 

des Volkes und die glaubwürdigkeit seines einstigen gewaltigen aus- 
zuges ermessen. 

Die ganze zweite völkerreihe ist offenbar in scharfem gegen- 
satz zur ersten charakterisiert. Wird dort die unangreifbarkeit 
der stamme an der Kheingrenze geschildert, so hier umgekehrt die 
harmlosigkeit der hinter ihnen wohnenden. Und gerade die Völker, 
welche einst der schrecken Koms waren, die Cherusker und Cimbern, 
sind jezt die ungefährlichsten von allen. Das lässt uns den zweck, 
welchen die Schilderung des Tacitus verfolgt, deutlich erkennen. Wie 
aus jenem abschnitt der leser einen schluss auf die Schwierigkeiten 
und gefahren eines angriffskrieges gegen Deutschland von der Westseite 
her ziehen muste, so muste er aus diesem abschnitt die Überzeugung 
gewinnen, dass jezt kein angriff von den germanischen stammen selber 
drohte, dass von den hintermännern jener Völker an der grenze kein 
vorwärtsdrängen mehr zu fürchten wäre. 

So sieht man, wie sich die ganze bisher besprochene erste hälfte 
der Völkertafel auch innerlich in einem grossen zweigliedrigen — oder, 
wenn man die mit dem folgenden in engem gedankenzusammenhang ste- 
hende einleitungmithinzunimt, dreigliedrigen — absatz zusammenschliesst. 

Jezt wird, meine ich, auch die bedeutung des vielfach als eine 
abschweifung empfundenen Schlusses von cap. 37 völlig klar. Wie Taci- 
tus kurz vor dem Schlüsse des ersten abschnittes, nach der Charak- 
teristik der kriegerischen Völker, in dem gedanken an einen etwa in 
Zukunft drohenden zusammenstoss zwischen Römern und Germanen in 
jenes finstere gebet ausbrach, so blickt er am Schlüsse des lezten 
abschnittes mit bitterer empfindung, mit herbem spott zurück auf die 
für Rom so demütigende zweihundertjährige geschichte der kämpfe bei- 
der Völker; refrainartig kehrt dieselbe empfindung wider. Was er im 
vorhergehenden indirekt, durch die spräche der tatsachen, gesagt 
hatte, das spricht er nun am Schlüsse auch direct aus; wie in einer 
parabase wendet er sich selbst zu den lesern und zeigt ihnen in jenem 
kurzen geschichtlichen rückblick, der so nachdrücklich an die unmittel- 
bare gegenwart angeknüpft ist {ex quo si ad alterum imperatoris Tra- 
iani consulatum computemus)^ durch den vergleich dieser reichsfeinde 
mit den gefährlichsten anderen reichsfeinden , namentlich denen im 
Orient, die aussichtslosigkeit und damit die zwecklosigkeit einer acti- 
ven Politik gegen Deutschland. 

C. Die osthälfte, die Suebenvölker ca. 38 — 45. 
Der neue teil ist auch stilistisch scharf gegen den vorigen abge- 
grenzt. Mit dem Übergang Nunc de Suebis dtcendum est, quorum nan 



COMPOSITION BEB OBBMANIA 265 

una, ut Chattorum Tencterorumve gern: maiorem enim Germantae par- 
tem ohUnent usw. und dem schluss c. 45 hie Suebiae finis fasst er die 
zweite grössere hälfte als einen teil für sich zusammen , durch den ein- 
gang stelt er ihn dem ersten, welcher durch die erwähnung der zu 
anfang desselben genanten Völker bezeichnet ist, gegenüber. Auch 
durch diese scharf hervortretende gliederung ist die bedeutung des 
Schlusses von c. 37 als eines epilogs fühlbar gemacht. 

Da die Völker, zu denen er nun übergeht, mit ausnähme der 
nachher unter II zu nennenden Donauvölker dem politischen gesichts- 
kreis der Römer ferner lagen, so tritt diese beziehung hier Szwar nicht 
völlig zurück , aber doch mehr in den hintergrund , und der Schriftstel- 
ler sucht nach anderen gesichtspunkten , um das völkergewirr zu glie- 
dern und die einzelnen gruppen dem interesse seiner leser näher zu 
rücken. 

Der politische gesichtspunkt wird, sagte ich, von Tacitus nicht 
ganz aus den äugen gelassen. Er wird vor allem schon dadurch fest- 
gehalten und der Zusammenhang zwischen den beiden hälften der 
beschreibung dadurch gewahrt, dass der algemeinste, vorhersehende 
eindruck der ganzen nachfolgenden Schilderung auf den leser der eines 
schier unabsehbaren völkergewimmels und eines Volkstums von seltener 
arsprünglichkeit , kraft und teilweisen widheit sein muste. 

Diesen lezteren eindruck hervorzurufen dient sogleich die Vor- 
bemerkung in c. 38 über die allen Sueben im unterschiede zu den 
anderen Germanenstämmen eigentümliche haartracht; sie werden dadurch 
schon in ihrer äusseren erscheinung als ein barbarenvolk gezeichnet. 
Der Seitenblick auf Rom (am schluss) muste dem leser das furchtbare, 
kriegerische dieses aufputzes noch mehr zum bewustsein bringen. 

I. Tacitus fahrt uns nun zuerst in das innere, zu dem kern 
des Suebenvolkes (cap. 39 — 41; abschluss: et haec quzdem pars Sue- 
borum in secrettora Germaniae porrigitur). Drei Völkergruppen sind 
es auch hier wider, die er zu einer reihe zusammenfasst : die Semno- 
nen, Langobarden und die sieben durch den gemeinsamen Nerthus- 
dienst verbundenen Völker. Über die läge dieser drei gruppen den 
zulezt erwähnten Völkern gegenüber erfahren wir ebenso wenig ein wort 
wie über ihre läge zu einander — so völlig tritt der geographische 
gesichtspunkt dem Tacitus hinter anderen zurück! Ganz plötzlich und 
unvermittelt hört der leser bei den Nerthusvölkern von einer insula 
Oceani und mag sich nun daraus den ungefähren schluss bilden , dass 
Tacitus von S. nach N. die Völker im 0. der zulezt genanten aufzählt. 

1) Die Semnonen (c. 39) nent er zuerst als Caput Sueborum. 
Sie sind das älteste, edelste, ausgedehnteste und angesehenste volk 



266 Q. KETTNEB 

derselben. Neben der macht ist vor allem der seltsame, schauerliche 
cultus in dem nationalheiligtum , in welchem der alwaltende gott selbst 
gegenwärtig gedacht wird, mit den lebendigsten färben ausgemalt, 
zum teil in feierlichem, poetischen ausdruck (bekantlich ist ein satz 
ein so guter hexameter — auch dem wortaccente nach — dass Tacitus 
schwerlich unbewusst in denselben hineingeraten sein kann, zumal er 
auch direkte anklänge an Vergilsche verse enthält; man vergegenwär- 
tige sich , wie derartige halbe citate in modernen prosaschriften auf den 
leser wirken!). 

Das bedeutendste volk, welches der ganzen reihe gleichsam die 
Signatur gibt , ist an die spitze gestelt , ebenso , wie im vorigen abschnitt 
die erste reihe mit den Chatten, die zweite mit den Ghauken eröfiiet 
wurde. 

2) In einem kurzen satze, mehr beiläufig, berührt er die Lan- 
gobarden (c. 40). Der hauptnachdruck falt auf ihre kriegerische kühn- 
heit und stärke. Die Verknüpfung mit den Semnonen ist ähnlich durch 
den gegensatz volzogen, wie die der Tencterer mit den Chatten, der 
Cherusker mit den Chauken : contra Langobardos paudtas nobtlUat usw. 

3) Um so länger verweilt dann Tacitus wider bei der Schilde- 
rung derNerthus-völker (c. 40). Wie er den unangefochtenen besitz 
der macht bei den Semnonen hervorhob, wie er bei den Langobarden 
sagte proelns et periclitando tuti sunt, so bemerkt er hier zunächst 
fluminihus ac silvis muniuntur. In den Vordergrund aber tritt hier 
wie bei den ersteren die beschreibung eines geheimnisvollen cultus; 
der Nerthusdienst bildet in allen stücken ein gegenbild zu dem des 
Semnonengottes. Hier wie dort eine mitten unter ihrem volk persön- 
lich weilende gottheit, dort männlich, hier weiblich, dort unnahbar 
sich abschliessend, mit furcht und demut unter furchtbaren opfern 
geehrt — hier freundlich den menschen sich nahend, unter fröhlichen 
festen gefeiert und dabei doch zulezt in unheimliches dunkel sich hül- 
lend, allen denen, die sie schauen, den tod bringend und so schliess- 
lich doch auch geheimes grauen weckend. 

So schildert Tacitus den mittelpunkt Germaniens gleichsam als 
ein grosses adyton. 

Um diesen mittelpunkt legen sich nun in drei streifen die wei- 
teren Suebenvölker im süden (an der Donau) , im osten und im norden 
(am meere). 

IL Die Donauvölker. (Gap. 41 — 43 saMus et vertices man- 
tium insederunt). 

1) Die Hermunduren, den Eömem ergeben und mit densel- 
ben in lebendigem verkehr. Die sonst so strenge aufsieht über die 



COMPOSITION DBB GERMANIA 267 

reichsgrenze * wird bei ihnen nicht gehandhabt, sie konunen über die 
Donau, wo es ihnen beliebt, bis tief hinein in die provinz. Und ^ die 
Eömer können ihnen ruhig dies vertrauen schenken „während wir ande- 
ren Völkern nur unsere waffen und lager zeigen, haben wir diesen 
unsere häuser und villen geöfnet, ohne ihre begierde zu wecken (non 
concupiscentihus),^ Dem gegenüber deutet Tacitus in scharf pointier- 
ter weise an, dass die Eömer selbst in das land derselben nicht auf 
die dauer tiefer eindringen konten: in Hermundurts Albis oritur , flu- 
men inclitum et notum olim; nunc tantum auditur. Man hat diese 
angäbe über die quelle der Elbe als unrichtig oder doch ungenau geta- 
delt — als ob es dem Tacitus auf die geographische notiz als solche 
auch nur im mindesten ankäme und nicht vielmehr ausschliesslich auf 
die bedeutung, die sie für den Zusammenhang hat, in dem er sie gibt! 

2) Die Varistor, Markomannen und Quaden fasst Tacitus 
zusammen als die gegen die Donau gerichtete frons Germaniae. Macht 
und tapferkeit dieser stamme werden ausdrücklich anerkant, daneben 
wird der wesentlich durch geld erkaufte einfluss Roms hervorgehoben. 

3) Zu dieser Völkerreihe müssen auch noch die in der ersten 
hälfte von c. 43 zusammengestelten Marsigni, Buri, Osi, Cotini 
gestelt werden, obwol sie Gruber und Schweizer -Sidler zu den ostvöl- 
kern rechnen. Tacitus sezt sie offenbar in engsten Zusammenhang mit 
den zulezt genanten : sie schliessen das gebiet derselben im rücken ab ^ 
und sind ihnen zum teil tributpflichtig. Auch fasst ja Tacitus in c. 28 
die Osi noch als Donauvolk auf, wenn er von den eadem utriusque 
ripae bona malaque spricht. Die grenze gegen die ostvölker v^ird 
scharf gezogen durch das continuum montium iugum^ die gebirgskette 
vom Riesengebirge bis zu den kleinen Karpathen , von der es ausdrück- 
lich heisst dirimit scinditque Suehiam; was südlich liegt, gehört noch 
zum Donaugebiet. — Eingehender behandelt Tacitus keinen von den 
hier genanten vier stammen; ist doch auch ihre germanische abkunft 
teils zweifelhaft (von den Marsigni und Buri sagt er vorsichtig nur 
Sermone cuUuque Sueios referunt)^ teils sicher abzuweisen; dazu sind 
sie zum teil nicht einmal selbständig. — So erscheinen sie nur wie 
ein anhang zu den unter 2 genanten. 

Auch die betrachtung dieser Völkerreihe verfolgt wider einen 
— hier ja naheliegenden — gesichtspunkt. Von individueller Charak- 
teristik ist kaum die rede; alles dreht sich im wesentlichen um die 

1) Über diesen sian des sine custode vgl. MüUenhofF, D. A. I, 215. 

2) terga Marcomannorum Quadorumque clauäAmt. Mit ähnlichem ausdruck 
fügt Tacitus c. 34 in der reihe der rechtsrheinischen Völker (a tergo cluchmt) einige 
unmittelbare hintermänner ein. 



268 G. KBTTNEE 

frage, welches Verhältnis Kom an diesen Völkern gewonnen hat, womit 
indirekt auch angedeutet wird, welches Verhältnis es zu ihnen gewin- 
nen kann. Alle stehen sie zu ihm in freundlichen beziehungen oder 
in einer gewissen abhängigkeit ; aber wenn so keine gefahr von ihnen 
droht, so ist doch auch keine aussieht auf Unterwerfung vorhanden, 
selbst bei den von Born am stärksten beeinflussten Marcomannen und 
Quaden; wenn es von ihnen heisst: iam et extemos reges patiuntur, 
so wird bei den den Quadeu tributpflichtigen Völkern gerade das als 
beweis ihrer nicht germanischen nationalität betont, quod tributa pa- 
tiuntur. 

So erinnert die Charakteristik dieser Donauvölker unverkenbar 
an diejenige der Völker auf dem linken ßheinufer. 

III. Die ostvölker, jenseits des gebirgskanmies bis zum meere 

(cap. 43). 

Es sind wider drei gruppen: die Lygier, die Gothonen und 
dicht am ocean die ßugier. 

Ausführlicher behandelt werden eigentlich nur die zu den Lygiern 
gehörenden Harier und Nahanarvalen. Sie, die im inneren Germaniens 
wohnen, repräsentieren noch einmal die eigentümliche germanische 
götterverehrung und furchtbare kriegerische Wildheit. Die leztere wird 
gerade hier in abenteuerlich phantastischer weise zur darstellung ge- 
bracht: in dem gespensterheer der Harier hat nicht bloss Baumstark^ 
in seiner bekanten masslosen art , sondern auch Halm ' starke rheto- 
rische Übertreibung gefunden. 

In der Charakteristik der Gothonen und ßugier spürt man bereits, 
dass die beschreibung sich dem ocean nähert: der zug, welcher nach- 
her in der Charakteristik der seevölker den mittelpunkt bildet, das 
erga reges obsequium, wird hier schon vorbereitet, und mit den Wor- 
ten, durch die Tacitus diese eigenschaft bei den Gothen einleitet: 
trans Lygios Gothones regnantur, paullo tarn additdiuSy qua/m ceterae 
Germanorum gentes weist er selbst deutlich auf das folgende hin. 

IV. Die seevölker (cap. 44. 45). 

1) Die Suionen. Nachdem Tacitus die eigentümliche einrich- 
tung ihrer schiffe, welche ebenso kühn als praktisch erscheint, rein 
sachlich beschrieben hat, entwickelt er ihre Charakteristik ganz in 
theoretisch-construktiver weise und in engem Zusammenhang mit 
der auffassung der zulezt genanten Völker; durch die worte unus impe- 

1) Eos I, 47. n, 494. 

2) Controv. stellen s. 21 fg. 



COMPOSITION DEB OEBMANIA 269 

ritat nullis iam exc&ptmiihus ^ non precario iure jparendi weist er 
offenbar auf die oben angeführte stelle zurück. 

Weil sie ein seevolk sind , ist bei ihnen , im unterschiede zu den 
anderen germanischen stammen, et opibus honos. Das hat wider knech- 
tung durch einen ^anz despotisch auftretenden herscher zur folge. Da 
sie ferner durch den ocean vor feindlichen einfallen geschüzt sind, und 
Schwerter in müssiger band leicht zum Übermut verleiten, so hält der 
könig die waffen verschlossen und zwar — was so recht den despotis- 
mus charakterisiert und von Tacitus auch in algemeinem satze begrün- 
det wird — unter der hut eines Sklaven. 

Ich meine: man braucht sich nur den gedankengang dieser 
Schilderung einmal recht vor äugen zu halten, um in dieser kette von 
folgerungen das künstlich gemachte der ganzen darstellung sofort zu 
erkennen. Wie nahe dem Römer eine solche construktion lag — die 
ja immerhin auf einigen tatsächlichen anhaltspunkten basieren mochte — 
lässt sich aus einer merkwürdigen parallelstelle erkennen, die meines 
Wissens bisher übersehen ist; ja ich möchte behaupten, dass sie dem 
Tacitus direkt vorgeschwebt hat. Cicero erörtert in de rep. n, 3, 5 
— 4, 9 die rücksichten, welche nach seiner meinung den Romulus 
bewogen haben , Rom nicht unmittelbar an der meeresküste zu erbauen, 
und entwickelt dabei genauer die unheilvollen folgen, welche aus einer 
maritimen läge zu erwachsen pflegen. Er erwähnt u. a., dass durch 
alle die dinge , quae vel capiuntur vd importantur^ die patria instüuta 
schwinden, dass der cultus agrorum et armorum aufgegeben werde 
usw. In anderen consequenzen weichen beide von einander ab, aber 
man darf deswegen doch keineswegs die beziehung des Tacitus zu Cicero 
leugnen und damit das schulmässig-rhetorische in der Schilderung 
des ersteren abschwächen wollen; vielmehr weist er gerade in einem 
punkte, in dem er sich von ihm unterscheidet, deutlich, fast wie durch 
ein citat , auf sein Vorbild hin. Cicero erwähnt 3,6, dass die see- 
städt^ vielen gefahren ausgesezt seien nam terra continens adventus 
hostium non modo exspectatos, sed etiam repentinos .... denurdiat] 
maritimus vero ille et navalts hostis ante adesse potest, quam quis- 
quam venturum esse suspicari queat usw. Es scheint mir nicht zwei- 
felhaft, dass Tacitus hieran gedacht hat, wenn er sagt, es drohe keine 
gefahr, quia subito s hostium incursus prohihet Oceanus. Gerade 
solche dem belesenen verständlichen anspielungen, solche leise corrigie- 
renden citate sind ganz in seiner manier.* Er construiert wie Cicero, 

1) Man vgl. nur aus dieser schrift: c. 9 deörum maxime Mercwrinim colimt 
in anlehnung und doch im gegensatze zu Caes. b. g. VI, 17 (auch VI, 21); c. 15 
quotiens bella non meunt, non muUum venatibus, plus per otitwi trcmsigtmt i. gegs. 



270 G. KBTTNEB 

aber er construiert selbständig unter berücksichtigung der speciellen 
Verhältnisse. — Der satz ferner otiosae armatorum manus facüe lascp- 
viunt ist ein locus communis. Bekantlich lässt schon Homer den Odys- 
seus, als er dem Telemach befiehlt die waffen in der halle vor den freiem 
zu bergen, diesem raten, er möge das wegnehmen damit erklären und 
entschuldigen: avrdg yccQ «qp^Axerat ävÖQa aidrjQog (tt, 294; t, 13), 
was ein dichter aus Tacitus zeit, Valer. Flacc. Arg. V, 541 vndergibt 
namqtce virum trahit ipse chalyhs. 

Mit der Schilderung des starren meeres und der nie untergehen- 
den sonne schliesst Tacitus wirkungsvoll seine darstellung des nörd- 
lichsten Volkes von Germanien ab — die grenze des gewaltigen landes 
fält hier zusammen mit der grenze der natur! illuc usque, et fama 
Vera, tantum natura. 

2) Hob Tacitus bei den Suionen die liebe zum besitz hervor, 
so wird diese eigenschaft bei dem nächsten volke, den Aestiern, 
noch genauer entwickelt: frumenta ceterosque fructus patientius quam 
pro solita Germanorum inertia lahorant. sed et mare scrutantur, Lez- 
terer ausdruck dient auch Agric. 30 zur bezeiehnung der gier, iam et 
mare serutantur sagt Calgacus von den Eömern. So fügt Tacitus die 
Charakteristik dieses volkes in den Zusammenhang ein. So weiss er 
ferner geschickt auch das, was er über den bernsteinhandel , über die 
natur des harzes usw. zu sagen hat (und jeder römische leser verlangte 
hier darüber eine nachricht) in eine gewisse innere Verbindung mit der 
Charakteristik zu bringen und über die bedeutung einer blossen antiqua- 
rischen notiz zu erheben; er knüpft es unmittelbar an die citierten 
Worte an: ac sali omnium sucinum .... legunt 

3) Wie bei ihnen die liebe zum besitz, so erreicht bei den 
Sitonen ^ der despotismus, den wir bei den Suionen fanden, die höchste 

zu b. g. VI, 21. rV, 1. Die sehr häufigen einfachen anspielungen auf Caesar über- 
gehe ich — Tacitus hat z. b. sogar den gerühmten tibergang von der kleidnng zur 
keuschheit c. 18 nach Caes. b. g. VI, 21 a. e. gebildet — , um noch auf das Ver- 
hältnis zu Plinius in der beschreibung des bernsteins c. 45 hinzuweisen: er benuzt 
ihn zum teil wörtlich und corrigiert ihn (vgl. Müllenhoff, D. A 215). 

2) Ich glaube nicht, dass, wie man anzunehmen pflegt, Tacitus sich dieses 
Volk neben den Suionen in Scandinavien wohnend denkt. Es ist wenig wahrschein- 
lich, dass er erst die insel der Suionen bis zu dem äussersten meere, welches er 
selbst als abschliessende grenze einführt {quo cmgi cluäique terrarum orbem . . . 
fides)f verfolgt, dann sich mit den Aestiern zu dem dexdrwn Suebid maris Utus 
wendet und nun wider zu jener insel zurückkehrt. Ich möchte eher schliessen, 
dass er die Sitonen ebenfals auf dieses östliche ufer der ostsee, nördlich von den 
Aestiern versezt. Auch daraus, dass er nach den Sitonen schliesst hie SuMae 
finis und dann zu den Völkern des fernen Ostens übergeht, lässt sich, meine ich, 
folgern, dass er mit einem östlich wohnenden volke die Schilderung der Sueben 



COMFOSITION DBB OEBMANIA 271 

Steigerung: sie lassen sich sogar die herschaft eines weibes gefallen. 
Tacitus drückt diese Steigerung direct aus cetera similes uno diffe- 
runt, qtwd femina dominatur: in tantum non modo a libertaie, sed 
etiam a Servitute degenerant. 

D. Schluss: die grenzvölker im osten, c. 46. 

I. Drei halbwilde stamme, Peuciner (oder Bastarner), Vene- 
der, Fennen werden zusammengefasst. Die Wohnsitze sind auch hier 
nicht genauer angegeben, nur dass die Veneder in dem bergigen und 
waldigen lande zwischen den beiden anderen wohnen, wird gesagt; 
stüschweigend geht Tacitus auch hier wider von S. nach N. — Die 
Charakteristik ist auch hier wider bedingt durch das gesetz der Steige- 
rung. Die Peuciner zeigen in der lebensweise noch die meiste ähn- 
lichkeit mit den Germanen, sind aber in schmutz versunken, die Vene- 
der haben schon viel von den sitten der Sarmaten angenommen und 
sind eine wilde räuberhorde, endlich die Fennen sind der reine typus 
des culturlosen menschen. Durch das im Zeitgeschmack ausgemalte bild 
dieser existenz (mit betonung ihrer relativen Überlegenheit über das 
loos des culturmenschen) schliesst Tacitus seine Schilderung Germaniens 
ab, um nur noch 

n. ganz kurz und natürlich skeptisch im schlusssatz an die 
erwähnung der noch halb tierischen menschen die der märchen- 
haften tiermenschen ^ zu knüpfen. 

So hat Tacitus die Völker Germaniens bis zu den äussersten 
grenzen der Völkerkunde seiner zeit verfolgt, im N. bis dahin, wo sie 
an den grenzen der natur halt macht, im 0. bis dahin, wo jede civi- 
lisation ein ende hat, ja wo das gebiet der menschen weit in das reich 
der märchen verdämmert. 

Überblicken wir nun noch einmal das ganze bild und suchen wir 
uns die kunst des Schriftstellers klar zu machen, indem wir die mit- 
tel, die er bei der entwerfung desselben anwante, im Zusammenhang 
betrachten. 

beendet. Der ausdruck Sidonibiis Sitonv/m gentes contwmantwr braucht uns nicht 
zu beirren; sie stossen, grenzen an die Sutanen kann er ganz gut auch von dieser 
vorsteUung aus sagen. Wo eine unmittelbare berührung ausgedrückt werden 
soll, verbindet sich contmuari wol mit iungi — ein beweis, dass es selbst eine 
weitere, algemeinere bedeutung hat oder doch zulässt. Vgl. Cic. de nat. d. 2, 45, 
117 aer mari continuatus et iunctus est . . . summa pars caeli, quae aetheria dici- 
tar, . . . cum aeris extremitate coniungitur. 

1) Vgl. Baumstark i. d. Eos I, 47, doch möchte ich mir weder seine aus- 
drücke , noch seine consequenzen aneignen. 



272 0. KBTTNBE 

Auffallen muss vor allem die grosse Sorgfalt, mit welcher er 
die verwirrende fülle des stoflFes klar und übersichtlich zu gliedern 
gestrebt hat. Tacitus zerlegt sich das ganze land in zwei grosse hälf- 
ten, diese selbst zerschneidet er wider in drei und fünf streifen ; inner- 
halb der so gewonnenen teile werden dann mit nur zwei ausnahmen 
streng symmetrisch drei grössere Völker oder gruppen von kleine- 
ren unterschieden. Ich bemerke hierbei ausdrücklich, dass ich niemals 
aus Vorliebe für eine zahlonspielerei die trichotomie ^ künstlich in den 
text hineingetragen habe; wo ich mehrere Völker zu einer gruppe 
zusammenfasse, geschieht es im unmittelbaren anschluss an das ver- 
fahren des Schriftstellers selbst. 

Zwar leiten ihn bei dieser gruppieioing des Stoffes zunächst 
topographische gesichtspunkte , indessen lässt er sie nur soweit hervor- 
treten, dass der leser dadurch ungefähr über die läge der einzelnen 
Völker im algemeinen orientiert ist. Genauere angaben zu machen ver- 
bot sich bei dem grösten teile der behandelten Völker bei der Unsicher- 
heit der römischen kentnisse von jenen ländern von selbst; aber auch 
da, wo es dem Tacitus möglich gewesen wäre, die grenzen schärfer 
zu ziehen — bei den west- und süd Völkern — unterliess er es. Ahn- 
lich pflegt er ja auch in seinen Schlachtschilderungen das ganze äussere 
gerippe, die bestimmung des terrains, der aufstellung und der bewe- 
gungen der truppen sehr nachlässig zu behandeln , so dass ihn Monun- 
sen nicht mit unrecht den unmilitärischsten historiker^ genant hat 
Mag sein , dass er für diese dinge an sich keinen sinn besass , jedesfals 
waren sie ihm für den hauptzweck seiner geschichtsschreibung neben- 
sächlich. Und wie der Schriftsteller selbst, war auch das publikum 
seiner zeit gegen dieselben durchaus gleichgiltig. Selbst der moderne 
leser, soweit er nicht rein wissenschaftliche zwecke verfolgt, pflegt 
trotz seiner geographischen Schulung, seiner gewöhnung an kartogra- 
phische anschauung, auf genauere geographische angaben bei Schilde- 
rungen ferner gegenden kein zu grosses gewicht zu legen, ja zu 

1) Dass Tac. die 30 bücher der Historien (12) und Annalen (18) in heiaden 
und diese wider in triaden gegliedert hat, macht Woelfflin Hermes XXI, 1886, 
s. 157 — 159 wahrscheinlich. 

2) B. G. y, 165, 1. — Allen römischen historikem mit ausnähme des Cae- 
sar spricht den militärischen sinn ab L. Spengel, über das erste bach der Annal. 
des Tacitus (Abhdl. d. Münchener Akad. phil. bist cl. VII, 3, 723—25). Wie 
gleichgiltig aber selbst Thukydides , der gewöhnlich als mnster eines gewissenhaften 
bistorikers galt, gegen die historische treue in solchen dingen ist, hat nenerdings 
an der vielgerühmten erzählung der belagerung von Plataeae in ergötzlicher weise 
Müllor-Strübing nachgewiesen (Fleckeisens Jahrbb. 1885, 288 fg.): Thukydides 
scheut sich gar nicht, ein Idealbild einer belagerung zu entwerfen. 



COMFOSITION DEB GEBMANIA 273 

detaillierte bestimmungen dienen mehr dazu, die anschauung zu ver- 
wirren als zu fixieren und prägen sich ausserdem doch fast nie ein. 
Vollends nun in jener zeit kann man sich das eigentlich geographische 
Interesse nicht gering genug denken.^ 

So hat Tacitus also in der Germania alles topographische so 
flüchtig behandelt, als dies, ohne die klarheit des bildes zu trüben, 
nur irgend möglich war. Nicht die linien sind ihm in diesem bilde 
die hauptsache, sondern das colorit. Ein charakteristischer zug wird 
bei jedem volke in lebhaften färben ausgemalt. Er greift dazu solche 
Züge und zustände heraus, welche das lebendige Interesse des römi- 
schen lesers wecken musten, eigenschaften , die gerade für das Ver- 
hältnis der einzelnen Völker zu Kom von Wichtigkeit waren, zustände, 
die eine algemeine ethische oder politische bedeutung hatten; das bloss 
antiquarische, welches nur auf eine stumpfe neugier wirkt, tritt fast 
völlig zurück, von dem curiositätenkram des Plinius findet sich kaum 
eine spur. 

Meist begnügt sich Tacitus mit einem hauptzuge bei jedem 
volke. Und was das charakteristische für seine darstellung ist: diesen 
hauptzug hält er im wesentlichen bei den Völkern , die er zu einer reihe 
vereinigt, fest, jedoch ohne sich zu widerholen; in wolberechneter nuan- 
cierung, ergänzend, steigernd lässt er ihn widerkehren. So werden die 
zunächst ganz äusserlich, local gebildeten gruppen auch innerlich ver- 
bunden und heben sich wirkungsvoll von einander ab; wir erhalten 
eine farbenreiche skizze und werden doch nirgends durch eine bunt 
wechselnde mannigfaltigkeit von färben verwirt und zerstreut. Aus 
der blossen chorographie mit ihren zerstückten einzelheiten wird so 
ein künstlerisch abgerundetes bild. 

Es lässt sich nicht leugnen, dass Tacitus in dem streben nach 
Zusammenhang in den einzelnen teilen dieselben oft zu einseitig auf- 
fasste und etwas gewaltsam verband, ja gelegentlich auch seiner phan- 
tasie sich überliess und in wilkürliche construktionen sich verlor. Das 
künstlerische bild wird immer leicht ein künstliches werden. Im 
ganzen aber möchte ich trotzdem die Wahrheit der einzelnen von ihm 
angeführten züge nicht bezweifeln; er wird hier wol ähnlich verfahren 
sein, wie z. b. in den historien, wo er, wie Mommsen nachweist, bei 
der katastrophe des Otho wie ein tragoediendichter „seinen beiden zu 
adeln und zu heben verstanden hat, ohne eigentlich an der überliefe- 

1) Vgl. namentlich E. Egli, feldzüge in Armenien (in Büdingers Untersuchun- 
gen zur röm. kaisergeschichte bd. I. Leipzig 1868) III. Würdigung der geogr. anga- 
ben bei Tacit. s. 325—343, besonders s. 333. 340. 

XBIT80HS. F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XIX. 18 



274 O. KETTNBR, COMFOSITION DBB GERMANIA 

rung zu rücken, bloss durch die kunst der colorierung und gruppie- 
rung der tatsachen" und wo er jener „colorierung zu liebe die Zeich- 
nung nicht positiv, aber durch weglassen wesentlicher zöge entstelt 
hat."* In der Germania wäre es ja auch schwer, wo nicht unuiöglich 
gewesen, bei einer so grossen anzahl von Völkern, von denen die Kömer 
doch meist nur ungenaue künde haben konten , stets das wirklich wesent- 
liche zu finden und hervorzuheben, mindestens die aus wähl der charak- 
teristischen zöge muste fast überall dem eigenen ermessen des Schrift- 
stellers überlassen bleiben, und dass Tacitus diese entscheidung nach 
künstlerischen gesichtspunkten traf, entspricht ganz dem künstlerischen 
Charakter ^ seiner geschichtsschreibung überhaupt. 

Eine solche kunstvolle beschreibung Germaniens zu geben, war 
das eigentliche ziel des Tacitus; wie jedes kunstwerk trägt seine Ger- 
mania schliesslich ihren zweck in sich selbst. Dass dieselbe aber zugleich 
bestimten einzelnen Interessen des tages entgegen kam , den algemeinen 
Stimmungen der zeit, wie den augenblicklichen wünschen, hofnungen, 
befürchtungen rechnung trug, ja wahrscheinlich zunächst durch eine 
ganz bestimte Veranlassung^ hervorgerufen wurde, liegt auf der hand. 
So kann man sich nicht wundern, wenn man der Germania gewisse 
tendenzen, algemein ethische und specielle politische, hat unterlegen 
wollen und können. Alle die dadurch hervorgerufenen auffassungen 
haben zum teil recht; falsch ist es nur, sie auf die Germania als gan- 
zes übertragen zu wollen. 

SCHULPFORTE. GUSTAV EETTNEB. 

1) Hermes IV, 312. Mommsens ausführungen sind in diesem punkte auch 
durch die zahllosen Untersuchungen, die sie hervorriefen, unter denen die von 
J. Gerstenecker (progr. des Maximilians -gymn. in München 1882) wol die gpründ- 
lichste ist, nicht widerlegt worden; vgl. gegen lezteren u. a. F. Euntze, beitrage 
zur geschieh te des Otho-Vitellius-krieges, progr. d. gymn. in Karlsruhe 1885. 

2) Eine ebenso scharfe als liebevolle Schilderung desselben gab znlezt Bänke 
in seiner eingehenden „Würdigung und kritik der geschichtsschreibung des Gomel. 
Tac." in den kritischen analekten zur alten geschichte (Weltgeschichte HL, 2, 280 
fgg., besond. 317 — 18). 

3) Dierauers Vermutung über diesen äusseren anlass (in Büdingers Unters. 
1868 I, 35 A. 3) wird u. a. von 0. Hirschfeld, Z. f. d. östr. G. 1877, 815 gebilligt 
Scher er führt dieselbe Vermutung (ohne rücksicht auf Dierauer) G. d. dtschn Litt, 
4. 724 als eine schon seit anfang der sechziger jähre ausgesprochene ansieht Mül- 
lenhoffs an. 



275 



DIE GEDICHTE DER AVA. 

(Schluss.) 

Owi, MaRia MagDaLENa, 
wi geftonte du ie da, 
1695 da du dineu herren gSten 

fahe hangen unde bluten 
unde du fahe an ilnem libe 
die geftochen wnden! 
[Gl6', a] wi mohteft du uertragen 
1700 die laitlichen chlage 
[H 178j finer trut muter 

fancte Mam [D 263] en der guten, 
wie manigen ^aher 11 gaben 
ze dem felben male 
1705 diniu chufken ovgen, 

min uil lieben frSwen ! 
do du fuT fahe handelon 

din unfuldigen fun, 
do man in marterote alfo fere 
1710 da^ fleifk da; er uon dir genomen hete! 
Owi, iofep der gute, 

do du minnen herren ab dem cruce hübe! 
hete ich do gelebet, 

ich hete dir uafte ^ü gechlebet 
1715 ;e der piuilde here 

mines uil lieben herren. 
Owi, nychodemus! 
wane moht ich dir 

1693 Swi V Owi G maria magdalene G 1694 wie geMnd du ie vor dem 
fere G 1695 da dir V Do du dinen hertzenguten. G 1696 Ssehe G vn G 1697 Vfi 
du Iffih an finem ISbe. G 1698 di durchftochen fiten. G 1699 Wie mahteA? iz 
v'tragen. G 1700 di leidichlichen G 1701 Sinei mutor fände Marien. G 1702 
fce V der hSren vn der vrien. G 1704 zedem G 1705 Diniv chivfche 

ovgen. G 1706 min vil liebiv frowe. G 1707 Du du üahe fus handelen. G 

1708 din vnfchuldigz chindelln. G 1709 Do man marteret G 1710 daz fleifch G 
von G genom G hete; V hete. überg, G 1711 Swi V Owi Jofeph der gute G 
1712 do fehlt, du got ab dem chrevce hübe, (b gleicht ernenn d) G 1713 Hiet 

ich dv G 1714 hiet dir zv G 1715 here. V pivilde G 1716 mins vil 

Üben G BÜd: Joseph trägt den vom kreuze genommenen Jesus. Das hlut fliesst 
noch. Maria und Joharmes steh/n rechts und links G 1717 Swi nychodem9/ V 
Owe Nichodeme G 1718 dir etew | a^ V wane feTüt moht ich dir ze heb werden. G 

18* 



276 PIPER 

etewa^ liebes erbieten 

1720 ze lone unde ze mieten, 

da? du in habe hübe 

unde in fo fcone begrSbe. 
Do got gewan 

dar umbe er her in werlt chom, 
1725 do lie? er iinen lichnamen 
?u der erde begraben; 
[G 16"^, b] die tj6 der erde warden waren, 

da? in die emphiengen 
da? was alfo geordenot, 
1730 diu erde was geheiligot. 
Do er do ?ewene tage 

geröwet in dem grabe, 
in der frifte 

do ?eftorte er die helle uefte. 
1735 er uür mit levven chreflen, 
die grintel müfen breiten, 
die gaifte ungehiure 

di fprachen in dem uüre, 
wer der wsere, 
1740 der fo gewaltichlichen chome: 
„er bringet unf ein michel lieht, 
er ne wonet hie mit unf niht, 
neheine funde habete er getan, 
er ne mach hie niht beffcan." 
[H 179] 1745 An der ftunde 

do gefigt er an dem helle hunde, 
fine ch[V 120^ bjiwen er im brach, 

1719. 1720 Zelon vfi zemieten. wie gerne ich iz taste. G 1721 In abe 

hübe. G 1722 vn in fo fchon begrübe. G 1723 got allez daz gewan. G 

1724 werlt | chom .' V er in dife w*lde q»m. G 1725 finen lichnam. G 1726 
er I de V indi erde G 1727 Die zv erde worden G 1728 in di enphiengen. G 
1729 was /'(ßÄZ< V geordenot/ | diu V geordenet. G 1730 divG geheiligot; V gehe- 
liget. G 1731 er zwen G 1732 gerwt in G 1733 frifte/ | do V der felben vriAe. G 
1734 do fem zeftörte er der helle vefte. G 1735 levv | en V fftr G lewen 

crefte. G 1737 di G möften G 1738. 1739 Di geüte indem fiwre di fpra- 

chen vngehiwre G 1739 Si fprahen wer da wsere. G 1740 gewaltlch queme. G 
1741 bringet vns ein G liht. G 1742 ern wont hie mit vns G 1743 Dehein G 
hat G 1744 er mag G 1745 Ander faelben G nadh ftunde amifamg eines g 

rad, G 1746 do fMt gefigt er andem G 1747 Sin chiwe er im duich- 

bracli G 



DIE GEDICHTE DER AVA 277 

uil michel leit ime da gefcach, 
ich wei^ er in pant 
1750 mit finer ^efwen hant, 

er warf in an den [D 264j helle grünt, 

er leit ime einen bouch in finen mnnt, 
daz dem felben gule 

alle^ane offen ftunte da^ mule, 
1755 fwer durch fine funde 

chome in fine flunden, 
da^ der freifliche hunt 

niht geluchen mege den mnnt, 
i^ er in durch pihte unde durch pu^e 
1760 lines vndanches mflzze lazzen. 
Do ne wolte er niuht uermiden, 

do chert er fich ^e den finen, 
die in der uinfter waren; 
ein niu^ lieht fi fahen, 
1765 uil harte frSten fi fich des, 

fi fprachen: „aduenifti defiderabilif!" 
[G 16"", a] Er fprach: „min erbarmede mich ne lie;, 

ich taete alfo ich iu gehie?, 
ich han durch iuwere not 
1770 erliten einen crimmechlichen tot. 
die mich habent geminnet, 
di wil ich fdren hinnen, 
fwer hiute hie beftat, 

des ne wirt niemer nehein rat 
1775 in defme helle fere, 

1748 vil G lait im G gefcach V gefchach. G 1749 Ich waen or in 

bant. G 1750 mit finer gewaltiger G 1751 in ander G grünt. G 1752 im 
einen zol in JUne mat. G 1753 govle G 1754 alle^ane fehlt offen ftvnd daz 

mvle. G 1755 durch die funde. G funde V 1756 Chom in Hnen G fl iw flunde. 
auf ras, G 1757 fraiflich hunt G 1758 niht mug gelovchen fine munt. G 1759 
und« V pu?e; V er durch hiht vn durch büzze. G 1760 fehlt V 1761 Done 
wold er niht v*miden. G 1762 er chert fich gegen den finen. G 1763 Di Inder 
vinAer G 1764 ein niwez liht G 1765 Vil G frevten fi fichs. G 1766 defi- 
derabilif; V fi fprachen.' G d'fid*ahilis. G Bild: Christus mit kreuz umd fahne 
an der halle tii/r. Aus feuerflammen treten Adam und Eva hervor. G 1767 Er G 
min hserinde mich niht G enliez. wntergesch/r. G 1768 tet alf ich ew G geheiz / V 
1769 ewer G 1770 einen herwen tot. G 1771 Di mich habnt geminnet. G 

1772 di G füren von hinne. G 1773 hevt hie G 1774 enwirt nimm' rat. G 
1775 difem G 



278 PIPBE 

defne gewife ich nimer mere." 
Do fürt er fi alle 

mit herege uon der helle, 
er gab in allen geliche 
1780 wider fin riche, 

die fi uon fculden heten uerlorn; 

do was geftillet fin ^orn. 
Wol du heiliger wiftüm, 
wifliche; hertüm, 
1785 obriftiu magencrafl, 

himelifkiu herfcaft, 
dit^e werch was gehalten 

diner gute unde dinem gewalte, 
[H 180] da? du in [D 265] fo guten 
1790 erchukteft uon den toten! 
Do erftunt er uon den toten 
mit libe unt mit feie. 
[G 16"^, b] die des grabes hüten 

die wrten alfo die toten, 
1795 du diu feie unde diu gotheit 

widere genam die mennefheit. 
in die burch fi liefen, 

fi fageten unde riefen 
ein forhtlich msere, 
1800 da? er ereftanden wsere. 
du buten fi in ?e miten 

filber unde golt da? rote, 
da? fi in uerholne 
fageten uerftoln, 

1776 den gewifich G grwife V nimm' mere. G mere ; V 1777 fürt G 1778 mit 
her von G 1779 Ergab in G geliche. G 1780 finiv G 1781 Di ^ von fchnlden 
heten v'lorn. G 1782 fin zorn ; G ?orn ; V 1783 Uol V Wol dir G 1784 wif lichez G 
1785 Obriftiv magnchraft. G 1786 himelifchiv herfchaft. G 1787 Ditz G 

behalten. G 1788 gute/ V diner gut vn dinem G 1789 in fo guten. G 

erchuckeft von den toten. G toten; V 1791 erftund G von dem tode G 1792 mit G 
unde mit G Dann noch: Den dier erlofte. vn vns allen zetroite. G Oben auf der 
spalte bild: Christus sizt mit kreuz und fahne auf dem grabe, dessen deckd auf- 
geht. BaruMter ligen zwei gepanzerte kriegsknechte G 1793 Die ö hübten. G 
1794 r in wrten aus a rad, V wrden alfdi toten. G 1795 Do die G vfi di got- 
heit. G 1796 wider (r aus n rad.) nam di menfchait. G 1797 di G 1798 Tag- 
ten vn riefen G 1799 Ein frolich maere G 1800 erftanden G 1801 Do 
bvten fi in zemiete. G 1802 filber / golt daz rote. G 1803 in v'hohi. G 
1804 fagten fin v'Aoln. G 



DIB GEDICHTE DER AVA 279 

1805 da? fi des uaXte iahen, 

. da^ in die lungeren da nemen. 

An der iudeu famp^tage 

die frSwen fa^^en pi dem grabe. 
MaBia magdalena 
1810 diu bette un^e none. 
du daz ofter^it füre wart, 

du gie fi an den marchet, 
fi choften [V 121', a] bigmenten, 
fo wolten ir herren falben, 
1815 mit heilen trsehen tet fi da?, 

uil chume gelebete fi die naht« 
Nv wil ich iu gellen, 

die i? uernemen wellen, 
wer die waren 
1820 di mit ir giengen. 
[G 17', a] da? felbe wäf Maßia 

magdalena, 
die dir unfer herre hailant 
erlofte mit finer gewalt 
1825 uon den ubelen gaiften, 

ir chlage was aller maifte. 
da? ander was Masia, 

des heilandes niftela, 
diu yfacches tohter, 
1830 Jacobef fwefter. 
da? drite was falme. 

fi chomen en fa[D266]met ?e dem re. 
[H 181] Do ftunten abtöten 

fr5wen die guten, 
1835 wi fi den michelen ftein 

1805 ß. des vaAe iaohen. G 1806 in di ivngor da nssm. G 1807 Ander 
ivden famztag. G 1808 di vrowen fazzon bi dem G 1809 Maria magdalene G 
1810 div betet vntz zenone. G 1811 Do daz ofterzit f Erwarte. G 1812 do G fi G 
marchte. G 1813 choufte her pigmenten. G 1814 ß wolt ir G falben G 

1815 hoizzen G 1816 vil ob vme gelebet ü di G naht; V 1817 ivG 1818 di 
iz v*nem G 1819 di waren G 1820 ir da giengen. G 1821 — 1826 Daz 

was Marie magdalene. di vnfer hailant 6. Loft mit finem gewalt. von den gei- 
lten manichvalt. G 1827 Das G Maria. G 1828 des hailandes niftel da. G 
1829 Div yfaacf tohter. G tohter; V 1830 vn Jacobes G 1831 dritte G folo- 
me. G 1832 dlG enfamt zedem G re; V 1833 Avnden 11 vn ahton. G 1834 di 
reinen vrowen vfl trabten. G 1835 Wie G michel ftain. G 



280 PiPEB 

mähten gewelzen in ain, 
da? fi dannen chomen, 

da? fi die iuden nine fajhen. 
Do funden fi da fi?en 
1840 ein engel wi?en 
mit lichtem gewate, 

fi fahen ouch ein roten, 
ir antlu^e feein fcone, ^ 
uil harte fi des erchomen. 
1845 Der engel fprach ?e den wiben: 
„ir ne dürfet niht zwiuelen! 
. den ir weit falben, 

der ift hie erftanden. 
ir ne fult i? niht uerdagen, 
1850 ir fult i? peter fagen 
[G 17', b] und anderen fin iungeren, 

da? fi nine zwiuelen, 
da? i? alfo ergangen ift, 

fo i? iu uil diche uorfaget ift." 
1855 Die fr 8 wen giengen dannen, 
die boten 11 befanten, 
fi fageten in diu msere, 
da? ereftanden wäre, 
„unf chunten die engele 
1860 die gotef urftende!" 
die boten i? gerne horten, 

uil chume fi i? geloupten. 
Maria magdalena 

diu ne bette niht mere, 
1865 da? ne lie fi durch freife 

1836 mohten goweltzen inein. G 1837 Do fi 1838 fi di ivden niht en 
fahen. G faehen; V 1839 fi G ßtzen. G 1840 einen G wizzen. G 1841 liebten 
gowete. G 1842 och einen roten. G 1843 anthitze fchein fehone. G 1844 vil 
hart fi G erchomen; V Bild: zwei engel sitzen auf dem schwarzen grabe, beide 
mit rauchfass, der rechte noch mit einem scepter. G 1845 Der G fp*ch zeden 

wiben G 1846 ir nedurft G zwivelen. G 1847 ir G 1849 d m uerdagen/ 
auf ras. von g V Ir fult G v*dagen. G 1850 petem G 1851 Vü 6 finen 
iungeren. G 1852 niht entzwivelen. G 1853 engangen G 1854 alfiz ev vor 
gefaget ift. G ift; V 1855 ie V Di vrowen G 1856 di Imger fi befanden. G 1857 
Tagten in div 1858 daz er erftanden waere. G 1859 Vnf G di engel. G 1860 di 
gotis trftende. G 1861 Di ivnger G horten. G 1862 vil chüm fl inz gelovb- 
ten. G 1863 Maria magdalene G 1864 di enbeitet niht me. G 1865 freife! V 



DIE GEDICHTE DER AYA 281 

noch durch die naht egefe, 
fi chomen ein lu^el uor tage 
hine widere t,vl dem grabe 
mit michelen ruchen 
1870 begunden fi in füchen, 
uil fere clageten fi da; 

daz fi ne weffen wa er was. 
Do ftunt fi alterfeine, 

fi begunde harte weinen, 
1875 da:; houbet nec[D267]hte fi in daz grap, 
da ir herre inne lach, 
[H 182] die trahene dar in runneu, 

uon ir herije fpranch der brunne, 
fi uorhte da:; ir herre 
1880 da uerftoln wäre. 
Do der morgen üf gie, 

unfer herre in [V 121', b] den garten gie, 
in den amer gereizt er ir den lip, 
er fprach: „wa:; waineft du, wip?" 
1885 MaRia :;eruke fach, 

uil gutlichen er ir zu fprach, 
fi want Tfi wäre, 

iz wäre ein gartenare. 
fi nante ir herren, 
1890 fi wainote ie mere unde mere. 
[G 17^ a] unfer herre fprach ir auer :;ü: 

„wip, wa; waineft du nu?" 
fi fprach: „da; ich waine aKo fere, 
daz tun ich minen herren, 

1866 di naht oLfe. G 1867 chom ein lutzel vor tage G 1868 hin wider 
ZV G 1869 michelem riichen. G 1870 begunde G in G 1871 Vil Ter chlagt 
Vi daz. G 1872 fi ne weffe G was; V 1873 alter feine/ V Mnd Q. alterfaine. G 
1874 hart wainen. G 1875 hovpt naigtes in. G grab. G 1876 ir her inne lag. G 
1877 Di trseher dar in G 1878 von ir hertze G brunne G 1879 Si vorht 

daz ir G 1880 da verAolen wsere. G 1881 Do G vf G 1882 grarten V 
vnfer G indem G 1883 armer V Indem iamer ertzent er ir den lip. G 1884 
er fp*ch G weineftv wip. G wip, V 1885 Maria zerucke G 1886 vil gut- 
lichen fi fprach. G 1887 Siwante zeware. G 1888 er wser iz ein gartnsere. G 
1889 Sinant ir G 1890 fi weint ie mer uü mer. G Bild: Christus mit dem 

kreuz, zu seinen fassen Marias hinter ihr ein haum, zunschen ihnen eine blume G 
1891 Vnfer G ab' zv. G 1892 wip G waineA dv. (nu fehlt) G 1893 wein 
alfo före. G 1894 tvn G minen G 



282 FIPEB 

1895 der mir ift hie genomen, 

ich ne wei; war er ift chomen; 

mahtu mir fin frume lln, 

ich gibe dir al die habe min." 

Er fprach: „noli flere, 

1900 nu ne weine nie mere!" 

Maida er fi nante, 

uil wol fi in pechante, 

ii geftunt im bi, 

G. fprach: „6 bone rabi!" 

1905 „nu ne rüre mich", fprah er, „niht, 

ich ne chom noch ^u minem uater niht: 

du folt den iungeren fagen 

da:; fi nihten chlagen, 

petere unt den anderen, 

1910 da:; ich pin erftanden, 

da^ fi chomen in galile, 

dar wilich fore in gen." 

MaRia ie fa dane gi, 

dar nach er ir wider gie. 

1915 :5wei wip im wider giengen, 

die uu:5e fi im uiengen, 

fi chuften alfo fuo^e 

die wunden an den uu^en. 

[G 17^, b] MaRia nie[D 268]nerwant, 

1920 e fi di iunger uant, 

[H 183] fagete in zware, 

da:; erftanden wäre. 

„i:; fahen miniu ougen, 

ir fult iz wol geloben, 

1925 Surrexit dominus!" 

1895 Der ilt mir hie genom. G 1896 ich en weiz G chom. G 1897 Mäht 
du mir frum fin. G 1898 alle di hab min. G 1900 niht en wein niht mar. G 
1901 Maria er fi nande. G 1902 zo hand fi in erchande. G 1903 Si ftund im 
nahen bi. G 1904 fi fp^ch Raboni. G 1905 Er fp»ch rvre mich niht. G 

1906 en chom G ze mine vat* niht. G 1907 lungere V iungem fagn. G 1908 
niht en G 1909 Petro vn G 1910 fag in ich G. erftanden. G 1911 in gali- 
lee. G 1912 da G vor in G 1913 Maria fari danne gie. G 1914 ir G 1915 
Zwei wip Im G giegen. G 1916 di fuzze fi im geviengen. G 1917 Sichuften 
im alfo fuzze. G 1918 di G fuzzen. G 1919 Maria niht erwant. G 1920 %. 
fi dl ivnger vant. G 1921 Si fagt In zeware. G 1922 daz er erftanden w»re. G 
1823 In fahen miniv ovgen. G 1924 ir fult mir iz gelovben, G 1925. 1926 /feÄ- 
len G dns/V 



DIE GEDICHTE DEB AYA 283 

daz ift unfer herre iefuf. 
Zwene fine iungeren 

hüben llcli non den anderen, 
der efne waf ein alt man, 
1930 uil harte er gahen began, 
da; eine was ain iungelinch, 

uil harte liuf er far lieh, 
iedoch müf er biten, 

der alte gab im galaite 
1935 ;e des grabef inuerte, 

daij waf peter der gute hirte. 
In dem grabe fi funden 

;ewei touch diu waren fundser gewunden, 
da:; eine umbe fin houbet, 
1940 da; hat michel getougen, 

da; ander umbe ßnen lichnamen; 

11 hüben iz uz dem grabe, 
den liuten Ii i; ;eicten, 

ie fa fiz gelovbeten. 
1945 welich wunder mach des iemen haben, 

da; er reftunt uon dem grabe, 
der la;aro da; leben gap, 

der dri tage toter in dem grabe lach; 
unde da die einlef herren 
1950 in dem beflo;en hufe waren, 
wie fin lichnam here 

in da; huf chome 
ane uenfter unde ane ture, 

da ftechet ein [V 121% a] rigel uore? 

1927 Zwene ITner iunger. G 1928 von den andern. G 1929 ain was 

ein G 1930 vil harter G 1931 Daz ander was ein iungelinch. G 1932 vil 
▼alt lief er für fich. G 1933 mfiA er biten. G 1934 1 in galaite/ aus h rad., 
und ai a. ras. v. o V im goleitte. G 1935 grabes in vort. G 1936 was peter 
VD d' hirte. G 1937 — 1944 stehen hinter v. 1956 in G. 1937 grab fi fvn- 

den. G 1938 zwei tuch fvndor gebunden. G 1939 ein vmb ßn höbet. G 

1940 togen. G 1941 vmb finen G 1942 hüben G vz dem grab. G 1943 lev- 
ten fi iz zeigten. G 1944 iefa ßz wol gelovbten. G 1945 we vor lieh fehlt in 
V, doch ist eine lücke dafür gelassen. Debeinon man des wunder hab. G 1946 
nach grabe ist n rad. V daz er erftund von dem grabe G 1947 gäbe. G 1948 
der vier tag in dem grabe läge ; G d®m V 1949 a in da a. ras. v. u V Vfi 

da di einlef G 1950 beflozzen indem huf waren. G 1951 fin G höre. G 

1952 indaz h&s bequeme. G 1953 An venfter vü ane tvre G 1954 da ein rigel 
üteodiet fnr. G 



284 PIPER 

1955 do fprach unfer herre, 
da^ in fride wäre. 
Sin ftimme was uil heilchlich, 

uil harte erchomen fich, 
fi wanten ze wäre 
1960 daz iz ein geift wsere. 
[G 18', a] des antworte der gute 

ir gedanch unde ii* mute: 
„ia ne hat der geift 

weder pein noch fle [D 269] ifk. 
1965 tut uf iuwereu 5gen iuweren fin 
unde fehet da:; ich it, pin!" 
do ne ^wiueloten fi niht, 
thomas was da niht. 
[H 184] Unfer lieber herre 

1970 derre feein in darnach feiere, 
er fprah, e fi fith weffen, 

da; man fprichet an der miffe: 
„pax uobis!" 

alfiz gefcriben ift. 
1975 du fprach unfer herre 
?u dem ijwiuelare: 
„nu gench her naher ;u mir! 
ein urchunde gib ich dir. 
nu nim dinen uinger 
1980 unde lege in in mine wunden, 
unde fih i^ mit den ougen 
fo mahtu it, gelouben." 
Da antwurhte ime thomas, 
wander geueftenot was: 

1955 vnfer G nach herre. ist daz in fr durchstrichen G 1956 wäre; V 

waere. G 1957 Sin ftimme was vil lierlich. G 1958 vil G er chom ß. fich. G 
1959 Si wanden zeware. G 1960 da iz V ein G 1961 antwrte G 1962 vfi 
ir mute G 1964 bein G fleifch. G 1965 ogen/ V Tvt vf iwre ovgen vfi 

fin. G 1966 vn G bin. G 1967 zwiuelten H G 1968 thomas V thomas 
der was G 1969 Vnfer G 1970 der fehlt, erfchein im G fchire. G 1971 
fprach e fi iz weffen. G 1972 fp^chet and* meffe. G 1973 uob7 V vobis G 
1974 alf iz gefchriben G 1975 Do fp»ch vnser G 1976 zv G zwiulare. G 

1977 Nv ginch her thomas zv mir G 1978 ein vrchund G dir G 1979 Nt 

nim dinen vinger. G 1980 unde fehlt legen in min G 1981 Gefihftu mit der 
ovgen. G 1982 gelouben, V fo mahtu iz wol gelowben. G 1983 Des antjtrt 
im G 1984 wan der do geveften G 



DIB GEDICHTE DEB AVA 285 

1985 „ich geloube i; durch not, 

du bift mine herre unde min got!" 
do fprach unfer trahtin, 

do maneter die eilenden chint fin : 
„uil falich piftu, thomas, 
1990 wände du mich gefehen haft; 
ane di fint uil falich 

die mich geloubent unde mich nine gefahen." 
Do chomen fl alle fament 
:;e galilee in da:; laut 
1995 uf einen berch uil hohen 

da betten fi an unferen herren 
unde fin heiligiu müter. 

du erfcein in der gute, 
er ^eicte in fine wunden 
2000 in fuoze unde in banden, 
[G 18', b] er fprach: „mir ift geben widere 

der gewalt hie in erde unde in himele. 
einen geheiz tun ich iu, 

da? ich wil wonen mit famt iu 
2005 die ijit der werlt lebenef, 

uil gewif fult [D 270] ir wefen def." 
Do er du enden wolde, 

du tet er aKo er folte, 
?e müfe gie der gotefun 
2010 mit finen lieben lungeren, 
do raffte er die herren, 

da:; fi ungeloubich waren, 
er fprach: „ir fult mit gewalte 
uaren in dem lante 

1985 gelovb G 1986 und« V min h*re vü min G 1987 fp»ch vnfer trseh- 
tin. G 1988 er er meint di G fin. G 1989 VU faeHg biltu G 1990 d m du 
ciua t corr, V wan du G 1991 Aber G fint vil faelig* .getan. G falich V 

1992 und* V geiahen; V di mich gelohnt vn nie gefahn. G 1993 Do chom G 
ikmt. G 1994 zegalilee in G laut G 1995 Vf^inen G vü G 1996 bettenf 
unfem G 1997 und« V Vn fin heüig G 1998 da erfchain in G 1999 zaigt 
in Im wunden G 2000 und« V an fuzzen vfi an banden G • 2001 fp*ch mir ift 
gegebn wider G 2002 erde/ V der gewalt in erde vfi in himel. G 2003 Ein 
geheizze G ev. G 2004 wonen bi iv. G 2005 Di zit der werlde endes G 

2006 yU G ir wefn des. G def; V 2007 er iz do G 2008 do G alfer folde. G 
2009 Ze mÄs G gotes fun. G 2010 mit finen liben iungern. G 2011 rafQte V 
reffet G di G 2012 vngelovbich G 2013 fp*ch ir fult mit G 2014 varen in 
di lande. G 



286 piPEB 

[H 185] 2015 tSfen unde bredegen 

beidu den uater unde den fun 
unde den heiligen geift, 

der geleret iuch aller meift, 
wie ir fult eruullen 
2020 minef uater willen, 
^ehen tage.bitet min, 

un^e Mt ir infamet fin, 
fo fent ich iu ^e wäre 
einen anderen troftaere." 
2025 Do was fin müter [V 121% b] Maria 
unde endereu üneu hiwen, 
er fprach: „ich ne la^e iuch niht weifen 

in dirre eilenden freifen, 
ich chüme widere iju iu, 
2030 minen troft geift gibe ich iu." 
[G IS"", a] Do fcied er uon den herren, 

uil trurich fi waren, 
mit amere fahen fi ime nach, 
ein engel in zu fprach: 
2035 „der uon iu geuaren ift, 

der chümet her widere da^ ift crift, 
ein gewaltiger urtailare, 

daz; wi^et wol ze wäre!" 
Vnf faget yfaias, 
2040 weleh der antuanch was, 
do unfer lieber herre 
für in finer lere 

2015 Tovfen vfi predigen. G 2016 beidiv den vater vn G 2017 Vn G 
2018 gelort ivch G 2019 Ir G ervuUen. G 2020 mines vater G 2021 bltet min. G 
2022 vntz G ir enfamt fin. G 2023 fendo ich ev zeware. G 2024 einen andern 
troftaere. G troftaere ; V 2025 Da G 2026 Da G fin G maria G 2026 vfi ander ßn dieme 
fa. G 2027 Er fp'ch ich lazz ivch niht wöiTen. G 2028 Das zweite r m dirre aus e 
rad, V in ditz eUendes G ä)29 chum wider zv iv. G 2030 ge | ift V ieh iui; V 
minen troit gib ich ev. G Bild : Oben im bilde sind Christi fasse mit den ton/nden 
zu sefm, rechts und links zwei da/rauf deutende engel. Unten Maria und die 
apostel, auf die sich zwei schwa/rze flammen hertnederlassen. Die erktärung am 
tmteren rande ist abgeschnitten. G 2031 Do fchied G von den h'ren. G 2032 
vil trowrich G 2033 iamer G im G 2034 ein G In zv G 2035 von ev 
geuam G 2036 chumt herwider des fit gewif. G 2037 Ein G vrtoilffire. G 

2038 daz fult ir wizzen zeware. G 2039 kl, rot v am rde. Y Vns G 2040 
welch der antvanch was G 2041 vnfer G 2042 far in fin ere. G 



DIE GEDICHTE DEB AYA 287 

uon düTeme eilende 

2;e den himelifken landen. 
2045 die engel da waren, 

in finem dieneft fi füren, 
neheiner helfe was ime dürft niht, 

unfer herre da uon [D 271] unf feiet, 
do enphiengen in die lüfte, 
2050 er für in finer gotlichen crefte 
ze himele alfo fcone, 

da? gefcah in einer none. 
In den himelifken choren 

da wunderoten fich die engelifken herren, 
2055 wer der wsere, 

der uon edome chome. 
„fin lip ift zebrochen, 

fin gewate durch ftochen, 
befprenget mit plüte, 
2060 des wunderote unfich note." 
[H 186] Def antwurte in dare 
crift unfer herre: 
„nu uernemen algemeine, 
ein torkelen trat ich eine^ 
2065 ich han mit minem gewalte 
den mennifken gehalten 
uone hellichlicheme fere. 
ich fagiu ouch mere, 
ich han in miner gute 
2070 iuch geueftenote 
[G 18"", b] wider dem tiuelichen ualle, 

ich bildete iuch alle 

2043 Von difem G 2044 dem himlifchen lande. G 2045 Diengel di 

da G 2046 finem dineft ü füren G 2047 Dorf was im deheiner helfe niht. G 
2048 vnfer G von in fehlet. G 2049 in di G 2050 für in gotlicher chrefte. G 
2051 himel G fchone. G 2052 gelchach zenone G none; Y 2053 kl i am 
rcmde Y Inden himelifchen choren. G 2054 cherren.' Y da wnndert di himli- 
fchen G 2056 der da von edom qvaBmo. G 2057 Sin G 2058 gewaet gar dorch- 
Aochen. G • 2059 mit dem plüte. G 2060 des wnnd^t vns durch not. G 2061 
la. rot d a. rande Y Des antwrt In lari. G 2062 chrilt vnfer h*re. G 2063 

Y^nemt aUe gemafn. G 2064 ein preffe trat ich alterfain. G 2065 minem 

gewalt. G 2066 menfchen behalten. G 2067 Vor hellechlichem G 2068 lag 
iv dannoch G 2069 Daz ich in miner gdte G 2070 ivch geveftenöt. G 2071 
tievlfchem valle. G 2072 gebildet ivch G 



288 piPBE 

in miner magencrefte 
ze dirre herfceft. 
2075 Ich ne chume iu niht eine, 

ich pringe iu ein mandunge, diu ift gemeine, 
mit iu fuln püwen miniu chint, 

diu noch in eilende ßnt, 
11 niei^ent al geliche 
2080 mit iu diu himelriche." 
Wir lefen uon der afcenfione, 

da^ fi wsere frolich unde fcone, 
mit rehte was fi frolich, 
du der chunich himelifk 
2085 den finen ferechuiant 

mit [D 272] figennunfte über want, 
der im fin [V 122', a] lant hete berSbet, 

fin liute uil lange getübet, 
un^e er felbe her chom 
2090 unde ime den rüp angewan. 

ne müf er du wole frolichen uaren, 

in fin riche mit dem felben lichnamen, 
den er uon der magde 
enphangen hete, 
2095 den er fo hete behüte, 

da:; niemer mere mennifke ne tut 
über al unde über al 

da:; in nieniht bewal, 
ne müf er in du mit eren 
2100 in fin riche füren. 
Kehte tet diu gotheit, 

2073 Inminer magenchrefte. G 2074 herfceft, V zedirre her fchefte. G 
2075 kl i am rde Y en chvm ev niht eine. G 2076 ich bringe ev ein gemein. G 
2077 iv G bowen miniv chint. G 2078 di G in dem eilende fint. G 2079 
niezzent alle gelich. G 2080 mit iv daz himelrich. G 2081 Wier G von der 
vf vert. G 2082 di wasr vrolich vn reht G 2083 Si was ovch von reht fro- 

lich. G 2084 do der himlifche chunich. G 2085 Der finen verch viant. G 
2086 mit fignuft vberwant. G 2087 Der im fin lant het berovbet. 2088 fin 

Itte vil lange betavbet. G ßn lant V 2089 Vntz er Mbe her q*m. G 2090 vfi 
im dem rop angewan. G 2091 Do muft er frolich. G 2092 varen in fin riche. G 
2098 Mit dem faelben lichnamen. G 2094 den er von der maget wold enphahen. G 
2095 behüte/ V behüt. G 2096 nimmer mer menfch getvt. G 2097 und« V 
Vber G vn vber al. G 2098 daz in nie niht bewal. G 2099 Do mnft er in 
wol mit oren. G eren V 2100 in fin G füren. G n in fären; a. ras. V 

2101 kl rot R a. rde. V Eeht G div G 



DIB GEDICHTE DER AYA 289 

do er die arbait, 
da:; er in an die ftat fürte, 
die nie mennifke ne gerürte. 
2105 dar umbe fol wip unde man 

unde fwer iht uernemen chan, 
[H 187] mit mute ioh mit munde 
da:; gotef lop chunden, 
daz; der heilige criffc 
2110 ander finen engelen ift 
[G 19', a] in dem hohiften himele 

in eines menniTken bilede. 
Do die einlef herren 

gewarteten unfereme herren, 
2115 un^e in die obriften chore 
do mufen fie hören, 
in die burch fi cherten, 

uil lu:5el fi lerten, 
unz er fi in finer gnade 
2120 den heiligen geift liez; enphahen. 
uil lu:5el was ir flaf unde ir maz, 

uil harte temporoten fi da:;. 
Die trurigen herren 

in einem beflozzen hufe [D 273] fi waren 
2125 durch der iuden forhte, 

die e da:; mein worhten. 
du fa:5en die guten, 

fie hüben ir gemüte 
mit amer unde mit fere 
2130 nach unferme herren, 
alle ir finne 

2102 di arbeit er lait. G 2103 in G di G fürte. G 2104 die | nie V 
menfch gerurte. G 2105 Darvmbe G wip vfi G 2106 vn G v*nemen G 

2107 Mit hertzen vfi mit munde G 2108 gotes lob G 2109 heilig chrift G 
2110 vnder finen engel G 2111 höhlten himele. G 2112 in eins menfchen 

bilde. G bilede; V 2113 Do di G 2114 gewarten vnferin h*ren. G 2115 Vntz 
in di G chore G 2116 muften fi hören. G 2117 di G fi cherten. G 2118 
vil lutzel ^ l§rten. G 2119 Gl iner gnade/ V Vntz fi in ünen genaden. G 

2120 geift woldö enphahe. G 2121 Lutzel was ir flaf vfi ir maz. G 2122 da?; V- 
vil G tempten fi G 2123 Di tririgen G 2124 in einem G hvs waren. G 

2125 iuden forhte. G 2126 di e G mein G 2127 Do fazzen di gute. G 

2128 fi hüben ir gemüte. G 2129 iamer vfi mit feren. G 2130 vnferem har- 
ren. G 2131 ir finne. G 

SBITSOHB. F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XIX. 19 



290 piPBR 

waren gecheret in line minne, 
fwigente fi fa^en, 
uil tiefe fi dahcten, 
2135 wa^ ir herre der gute 
mit in geredet hete. 
In dem ijehenten tage 

do er uon in was geuaren, 
do fa? da^ ingeJlde 
2140 zwain^ech unde 2;ehenzech manne unde wibe 
in dem beflo^en huf, 

ir ne chom neheine; dar u;. 
def tagef an der triten wile 
do trofter die fine, 
2145 antiquif in temporibuf 

do chom in der fpiritus fanctus, 
mit fiurinen jungen 
die boten er enijunte, 
[Gl9',b] mit der inneren hi^e 

2150 er brahte in forhete iouch gute gewizzen, 
[H 188] fterche rat unde uemunft, 
[Vl22', b] uil creftich waf diu ane dunft. 
du got mit finem wiftüme 
finen eilenden wolt Ionen, 
2155 uil harte erchomen fi Jich, 

iz waf plikche unde tonere gelich. 
Do fi die gebe enphiengen, 
uil drate R u:; giengen, 
in die burch fi cherten, 

2132 in Hn minne. G 2133 fahen/ V Swigende G. fazzen. G 2134 dahe- 
ten/V vil tiejffe ß gedahten. G 2135 giite. G 2136 in G hite. G 2137 An- 
dern zehenem G 2138 von in G gevarn. G 2139 ingeffnde. G 2140 zwein- 
tzig Yli hund't manne. G 2141 beflozzen hvs. G 2142 Ir enchom deheiner dar 
vz. G 2143 tagef/ V Des tages zeder dritten wil. G 2144 trolle er di finen. G 
nne/ V 2145 Der alt (t a. ras., v. n?) inden iaren. G 2146 fpc fei/ V do 
chom der beilig geilt zeware. Hie chamt der heilig geift. aller gnten dinge toI- 
leiA. G 2147 In fiwrinen zvngen. G 2148 fin iunger er en ZYnde. G 2149 In- 
nern hitze. G 2150 braht in wibt vö witze. G 2151 rat/ V Sterch. rat vfl 
vemvll. G 2152 vil chreftig was fin andonll. G. Büd: eme ta/nbe läsH sid^ führ 
weg dwch rote striche cmgedeiUet) auf die jünger nieder, m deren mitte Pelrw 
mit grossem Schlüssel. G 2153 Do G mit Ünem wiftym. G 2154 ftnen inngem 
wolde Ionen. G 2155 nil fehlt G 2156 ufi V gelich , Y ez ward bleczen vfi 
doner glich. G 2157 M. rot d am ramde Y £ (da^mach ist i fad,) di gab 

2158 vil drat fi vz G 2159 Indiburch Jß chörten, G 



DIE GEDICHTE DBB AVA 291 

2160 uil rehte fi lerten, , 
fi begunden ie fa bridegen 

beidiu den uater unde den fun 
unde den heiligen geift 

der geleret nnlich [D 274] aller meift. 
2165 du iz die liute gefahen, 
11 ilten dar gaben, 
fi Wanten zware, 

da? fi trunchen waeren 
uon dem niuwen wine 
2170 got bete gefront di fine. 
do giengbif in not, 

fi waren alle uerwandelot 
uon den niuwea trancbe, 
da:; in got felbe fancte. 
[G 19% a] 2175 cbofon fi begunden 

mit allen jungen, 
den tach fi lerten, 

fwa fi hine cherten. 
an dem anderen tage, 
2180 alfo ich uernomen habe, 
du becherten fi an der ftunt 

mere denne driu tüfen 
manne unde wibe, 

got bete gefterchet die fine. 
2185 Judas der trugenare 
fin ftul ftunt lare, 
uon den heiligen geifte da:; bechom, 

da; fi uunden einen man, 
die felben hufkenofce 
2190 die namen in mit lo:;e, 

2160 vil G 2161 begunden fari bredigen. G 2162 beidiu feMt den vater 
vli den ftne, G 2163 Vft G 2164 der uns lert G 2165 Do daz div Ifte 
erfahen. G 2166 ^ begunden dar gaben G 2167 Siwanten zeware. G 2169 Von G 
niwen wine. G 2170 het ge freut di flnen. G 2171 Do gieneh fiv fin not. G 
2172 fi G v'wandelot. G 2173 Von dem niwem G 2174 in G fchanchte. G 
2175 begunden V Reden ?\ G 2176 aUe den G 2177 l§rten. G 2178 hin G 
2179 dem felben G 2180 alf G vemomen hab. G 2181 Do G fi zeder 

ftond. G 2182 mer G driv tvfent. G 2183 ne m Manne aus m corr. G vn 
och wibe. G 2184 het G di finen. G fine; V 2185 Jvdas der trugnare. G 
2186 Sin G Hunde noch laere. G 2187 Von dem G geift daz q'^m. G 2188 
fanden einen G 2189 hfs genozze. G 2190 in G lozze. G 

19* 



292 piPEE 

line name der hie^ mathias^ 

uone gote er dare erweit was. 
Diu ?ale was eruullet, 
fancte peter daz gebot, 
[H 189] 2195 da; fi folten ilen 

tihteu unt fcriben, 
die criftenheit leren 

de uita unferef herren; 
fo Ji in diu ende 
2200 wurden gefendet, 
da; fi folten bredegen 

da; heilige euwangelium. 
Do berieten fi fich feiere, 
du erweiten fi, uiere, 
2205 da; eine was Lvcas, 
da; ander Marcuf, 
da; tritte matheuf, 

da; uirde Johannes. 
Matheuf buplicanuf 
2210 der dihtote alfuf 
der gute hirte 

uone gotef geburte, 
er ;alt unf vil rehte 
[D 275] criftef geflahte 

2215 uon anegenge un;e iungefb, 

er fcreip Über generationif. 
[G 19^, b] Marcuf der gute 

den nam petruf in fine hüte, 
uon der toufe er unf fagete, 
2220 uil lu;el er uerdagete 

2191 Sin nam hiez Mathyas. G 2192 von got er darzv G was; V 2193 kl. 
d a. rde.Y Div zal ward erfuUet. G 2194 fce V fant G 2195 folten/ (Uen 
feUt) V da? fehlt Si Mden G 2196 vfi fchriben. G 2197 Zv der chriftenlicher 
16re. G 2198 daz leben vnfers G 2199 in div G 2200 würden G gefendent/ V 
2201 lolden predigen. G 2202 di heiligen ewangelie. G enwangelinm; Y 

2203 fi fich Ichiere. G kl. rot d am rde. V 2204 do G viere. G 2205 dn 
was iucas. G 2206 d' and' G 2207 der dritte Joh'es. G 2208 nad^ nirde ist 
r rad. V d* vierd Math's. G 2209 Mathevs publican9. G 2210 tihtet alfus. G 
2211 g&t hirte G 2212 von gotes gebärde. G 2213 uns vil G 2214 Christes 
geflsBhto. G 2215 Von G vntz zeiangilt. G 2216 er fchreib. Liber genera- 
tiüis. G generationif i V 2217 Marcus der giite. G 2218 petrus in £ln hüte. 6 
2219 Von der tofe G 2220 d m uerdagete/ a. ras. v. gY vil lutsel er verda^ 
(d auf ras. v. f ) G 



DIE GEDICHTE DEB AVA 293 

uon unferem herren 

fwaij traf ije finen eren. 
der wart fit gefehen 

under den uieren uehen 
2225 der felbe fcribare, 

da:; ein leu wäre, 
der unf gefagen chunde 
uon gotes urftende. 
Darnach fcribet lucaf, 
2230 uone chintheite der maget was, 
er uinghan ijware 

uon dem tdfare. 
er wart fit gefehen 

under [V 122'', a] den uier uehen 
2235 da? er ein rint wäre, 

der unf fagete uon dem fere, 
wie der waltende got 

an der werlt wart gemarterot. 
Johannes apollolus 
2240 der begundef aKuf 
[H 190] uon dem angenge un^e an daz trume, 
er fcreip: in principio erat uerbum. 
er wart euch gefehen 
under den uier uehen, 
2245 da? er ein are waere 
der zeoberifte füre, 
mit ;wain finen uederen 

fl5ch er Tfi den himelen, 
da fach er menegeu wunter, 
2250 diu fcreip er befunter, 

2221 Von vnferm G . 2222 fwaz er traf von finen G 2223 fit G 2224 
ynder den vier vehen. G 2225 faßlbe fchribere G 2226 daz er ein lew waere. G 
2227 vns wol fagen G 2228 von gotis vrftende. G urftende; V 2229 Daroach 
fchreib Lucas. G 2230 von chintheit er magt was. G 2231 viench an ze wäre. G 
2232 von dem tjfere. G 2233 ward fit G 2234 vnder den vier vehen. G 

2235 trint V ein G waere. G 2236 vns faget von dem fere. G 2237 gewaltig 
got. G 2238 avf der erde ward gemartirot. G 2239 Johannes {darnach ras, eines a) 
apls/ V Johannes G 2240 begund fin aKus. G 2241 angenge/ V Von dem 
anegenge vntz an daz drum. G 2242 fchreip. In p'ncipio erat v^bum. G 2243 
gefehen / V Der wart fit gefehen. G 2244 vnder den vier vehen. G 2245 ein G 
2246 der aller obrift f^re. G 2247 zwein finen vederen. G 2249 fah G manigiv 
wondor. G 2250 div fchreip er befunder. G 



294 FIFBB 

def muget ir fin uil gewif, 

er fcreip ein buch de ift apocalypfis. 
Si taten iz; durch not, 

fi wurden ie fa gefunderot, 
2255 man fante fi in diu ende 
die heiden bredegende, 
[G 20', a] allenthalben in diu laut, 

in gebot daz; der heilant, 
da; n alle die enphiengen, 
2260 di an die riwe giengen. 
Do ftunt i:5 unlange, 
peter uür dannen 
[D 276] in ein burch diu hieij antyoch, 
da wart er inne ein bifcof. 
2265 uil wol er da leret, 

uil manege er da becherte, 
fit wart er dar in rome 
,^ ein gewaltiger patrone. 

^cT.^.. '';;/; i Nu fculen wir beuinden ti^-i^^B '. 

/tfo/;/i%frr;r' ^^ ' 2270 in dirre heiligen gotes minne, ^ 

>>-^-^-^^- wi fich der geift uon der hohe 

mifket in unfer brode, 
wie er her nider iju unf gat, 
alfe diu gefcephede geftat 
2275 an dem libe unde ^n der feie, 
daz wellen wir iuch leren, 
nu tut uf diu inneren oren, 

diu uferen fulen i^ hören, 
vnfer fleifkich erde 

2251 Des mugt ir fin vil gewis. G 2252 apocalypfis; vor y ras. eines a V 
er fchraib daz buch. Apokalipfis. G 2253 kl. rot s am rde. V tatenz G not. G 
2254 fi wurden fari G 2255 fand fiv in di ende, {darnach raswr eines n) G 2256 
den haiden predigunde. G 2257 allen thalben V in div G 2258 in gobot dfif 
felbe der hailant. G 2260 di riwe G giengen { V 2261 Do geftund iz vn- 

lange. G 2262 fant peter gie von danne. G 2263 In er bur''ch (d, i. burech) 
hiez antyoch. G antyoch', V 2264 ward er inne biffchof. G' 2265 Vil 6 

lerto. G 2266 vil manigen G bechörte. G 2267 er in Romo. G 2268 pa- 
trone; V 2269 Nv ful wir bevinden. G 2270 in der heiligen G 2271 Wie G 
in der G 2272 miffchet in vnler brode. G 2273 zv vns G 2274 alf di 

gefchephde G 2275 libe vfi G feie. G 2276 welle G evch Uren. G 2277 
Nv G vf di Inneren (in oben anrad, V) oren. G 2278 di vzzem ful ir hdren. G 
hören, V 2279 fleifchig erde. G 



DIB GEDICHTE DES AYA 295 

2280 diu fol getemperot werden 
mit dem geilte der forhte; 

alfo mif uor worhte, 
wil er unfich iteniuwen. 

fo leitet er unfich ifi der heiligen riuwe, 
2285 diu fol unf leren, 

wi wir got fulen phlegen. 
[H 191] dannen chomet uns dieumüt 

unde gedigenliche^ müt. 
wol fwigente haben wir den armen geift, 
2290 alfe du, herre, wol weift, 
den du unfich lerteft, 

du du uf den berch mit dinen lungeren cherteft, 
ein gebe uil t&ire, 

diu mifket fich ijü unferem flüre, 
2295 da? ift geift der gute, 

der ^untet unfer gemüte, 
[G 20', b] da? i; uf ;ü gote get, 

alfo da^ fiür in finer nature geftet. 
da:; pringet unf frSde unde gedingen, 
2300 da^ wir den nahiften minne. 
danne loben wir got, 

gefcihet [V122", b] unf liep oder not, 
fo haben wir eben dolunge, 
dar nach chum ein hellunge. 
[D 277] 2305 fo fin wir ze wäre 

reht miteware. 
So chum unf da? gewi:5ede 
daz temperote unfer ne:;;ene, 

2280 dlv G getempert werden. G werden,' V 2281 geiA der vorhte. G 
2282 alf er vns erfte verworht. G 2283 vns iteniwen. G 2284 leit er vnf ze 
der riwe. G 2285 d in diu auf ras, von a V Div G vns G 2286 wie wir G 
flehen. G 2287 Danne chumt di demvt. G 2288 vfi degenlichen gyt. G 

2289 Swigent habe wir G 2290 alfo G 2291 d°n V vnf lerteft. G 2292 do 
dv vf den perch cherteft. G . 2293 Ein V Sin gab vil tiwre. G 2294 div 

mifchet fich zv vnferm fiwre. G 2295 ift der geift der gvte. G 2296 zivhet 

vnfer gemüte. G 2297 vf zv got get. G 2298 fiwer in finer nat'e geftöt. G 
2299 bringet vns frevd vD gedinge G 2300 daz {hier un du/rcJistrichen) G naßh- 
ften minne. G 2301 Danne lobe wir got. G got ,' V 2302 gefchiht vns lieb 
oder not. G 2303 hab wir Swige G 2304 hellunge V darnach chumt ein G 
2305 So fi wir reht mitowsare. G 2306 daz wizzet alle zeware. G 2307 ^ in 
gewi^ede/ aw b rad. Y chumt vns danne div gewizzede. G 2308 div tompet 
(das zweite t aus r rad,) vnfer nezzende. G 



296 PIFBB 

fwa 11 uon gote geflozen ift, 
2310 uil wol gerainet fi crift. 
fciencia heilet du tagende, 

diu unf uon der gebe chumet, 
diu leret uuf denne, 

daz wir uns rehte bechennen. 
2315 dannen chumet unf paciencia 

den uienden uergebe wir iefa; 
uon der rawe chumet unf ein ne^ene, 

diu ift michel be^^er, 
da:; wir mit den trahenen füze 
2320 wafken gotef füze 
mit der faligen MaRieN, 

def ne fcule wir niemer gezwiuelen; 
So chumet unf fortitudo, 

dem lüfte uuoget er fich ^ü. 
2325 fwer fich uf wider gote heuet 

we uafte er in denne wider nider fleht! 
er leret unf in allen gaben, 

da; wir alle die werlt uerfmahen. 
dannen chumet unf chufke, 
2330 gefterchunge maifte 
[H 192] an dem mute unde an dem libe, 
diu heilet rehte underfcide, 
diu leret unf geren, 

def unf got gerne wil geweren, 
2335 def ewigen lebennef, 

uil hungerich werden wir des. 
[G 20^, a] Damach chumet unf der rat, 

der ift uil falich der in hat, 

2309 ü von gvt geflozzen G 2810 vil G gereinet ß. chrift. G 2311 
Scientia heizzet div tugent G 23J2 div vnf von got chumt. G 2313 Div lert 
vns denne. G 2314 vnf G erchennen. G 2315 Danne chnmt vns patientia. G 
2316 das erste e in uienden a. ras, V veinden vergeh wir fa. G 2317 Von G 

chumt vns ein nezzode. G 2318 div G 2319 trshen fuzze. G 2320 wafifchen gotes 
fuzze. G 2321 faßligon Marien. G 2322 des en fvl wir niht zwivolen. G 2323 chumt 
vnf G 2324 luft fvget G zv. G 2325 das zweite e in heuet/ aus t corr, V vf vider got 
hevet. G 2326 wi G in danne nider fleht. G 2327 lert uns in G 2328 alle 
die I wir alle die V wir all div werldo v^fmaehen. G 2329 Danne chumt vns ohivf- 
fche. G 2330 gefterchuug aUer meiA. G 2331 m&t. vn an dem lihe. G 2332 fo 
habe wir rehtiv triwe. G 2333 Di lert vns gerne. G 2334 des vnf got wil gewem. G 
2335 Des ewigen lebnf. G 2336 des; V vil hungrig werde wir def. G 28S7 r m 
Darnach a. ras, t?. n V chumt vns G 2338 er üt G fslich der in hat G 



DIE GEDICHTE DER AVA 297 

der leret anf gehorfamen, 
[D 278] 2340 fo wir lin willechlichen arm. 

uon dannen chumet unf gedinge 

ije den himeliTken dingen, 
fo chumet mif homilitaf, 

die bringet miT benignitaf ; 
2345 fo fcol diu erbarmede uon unf gan 

über einen iegelichen man. 
Dife tugende bringet unf der rat, 

unTer gebucht der der gebe chunde hat, 
durch die himele er fi füret, 
2350 fo li nah gote cheret, 
fo fuln in die füchen, 

uon fwem er lin rüchet 
in den himelifken choren, 

der rat der fol 11 füren, 
2355 fi fenent fich nach finem gewalte, 

fo ift diu gebe behalten. 
Do gefamenent fich danne 

5wa getriwe genannen, 
da^ ift I]piritus intellectuf, 
2360 da? [V 123', a] unfer heijet uernunft. 
wie wol fi fich fägent, 

ob fi diu werlt niene trübet! 
unfer wille fi füret, 

da fi der wiftüm ruret, 
2365 fwer def gelmeket, 

diu fuze ift unerechet, 
unfer wille unf da? eruert, 

ob imez diu fände nine wert, 

2339 lert vns gehorfam. G 2340 f in willenchlichen G 2341 Von danne 
chamt vns G chumet chumet unf gedin | ge / Y 2342 zv den himelifchen G 

2343 chumt yns humilitas. G 2344 di G vns benlgnitas. G 2345 fol di? bier- 
mede von vns G 2346 vber einen iglichen G man ; V 2347 Dif tugnt bringet vns G 
2348 vnfer gehngde der gab G 2349 di himel er ß foret. G 2350 nach got 

chöret. G 2351 in di fuhon. G fuc | hon I V 2352 von G fin geruchet. (c 
au8 g rad,) G 2353 himlifchen choren. G 2354 fi füren. G 2355 finem 

gewalte G 2356 div gäbe G behalten; V 2357 So gefamont fich dannen. G 
2358 zwo G 2359 fps V fpc G intellectus. G 2360 daz wir heizzen vemüft. G 
2361 fogent G 2362 div G niht trubent G 2363 unfer V Vnfer G füret. G 
2364 fi G rvret. G 2365 gefmecchet. G 2366 di fvzze ift vnerrecchet. G 

2367 wüle/ V Vnfer G vns daz orweri G 2368 ob iz di G vnf niht erwert. G 



298 PIPER 

da; er geuahet deu lift, 
2370 wa:} diu oberifte gute ift, 
uil fu^e 11 ßch under minnet, 

da; chumet uon lietheme finne. 
fo hat uns diu hucht behalten 
ein teil uon finem gewalte, 
2375 da muzen wir hören 

da ne mach niemen den anderen uerrer geleren. 
[G20^b. H193] fwer fo nach gote chumet, 

der hat ßch dar [D 279] gefrümet, 
chumet er anderes dare, 
2380 fo ne tut i; niemen deheinen wäre. 
So bringet unf diu uernunft zu, 

da; heizet meditacio, 
diu leret denne, 

da; wir got erchenne, 
2385 fo beginnen wir in minnen 
mit liehteme finne, 
fo haben wir da; lutere gewizede, 

da; ift da; reine her;e. 
So chumet sapientia, 
2390 die bringet temperantia; 
fo fi wir iufticia, 

heilich werden wir fa. 
fo haben wir mandunge, 

die ne mach gezellen dehein ;unge. 
2395 diu git unf longanimitaf, 
fo richefet an unf pax, 
fo haben wir fride gewunnen, 

fo lin wir der forhte entrannen, 

2369 gevaBhet G 2370 div obrift gilt G 2371 Vil fvzze G. fich vnd* minnent G 
2372 churat von lihtem finne. G 2373 ha* div gehugde vnf behalten. G ' 2374 
ein G von G 2375 Daz muzze G 2376 dane mag nlem d'n and'n verrer G 
geleren, überg. G 2377 got chumt. G 2378 fich reht dar geturnt G 2379 
Chumt er anderf dar. G 2380 fo tut fin niem dehaim war. G 2381 uemnnit/ 
zä/ V bringet vns div vmunit zv. G 2382 einz daz haizzet meditatio. G 2383 
Divlort vns G 2385 beginne wir in minnen. G 2386 mit lihtem rinne. G 

2387 hab wir di Inttern gewlzzen. G 2388 rein hertze. G 2389 ebmnt vnf 

fapientia. G 2390 div banget tempantia. G 2391 So fin wir iufticia G 2392 
heilig G wir G 2393 hab G 2394 daz iinemag gezehi dehein G 2395 Di 
git vns longanimitas. G 2396 fo rihfent an vns G 2397 fridege wannen/ V 
hab G 2398 fi wir G vorht G 



DIE GEDICHTE DEB AVA 299 

So ften wir uil hohe, 
2400 fo meg wir got phlegen, 
ob diu erfte tugent 

uon unferem herzen niene chumet, 
da:^ ift fpirituf timorif, 

def megen wir fin gewis, 
2405 fweme fi entwichet 

der tivvel in bef liehet, 
Daz wirt der hohifte val 

in da; tieffifte tal. 
alfo geualte diu hochuart 
2410 den engel, da; er wart ein hellewarte, 
er warf den mennifken zware 

lehrte halp tufent iare 
uon dem oberiften liehte, 

er brahte in 150 nihte 
2415 un;e unf got getrofte 

uon der uinftere er unfich lofte 
in uoller llner gnaden. 

nu fprechen wir amen. 



m. Der anticlirist. 

[G 21, 'a. D 280] In dem iungiften ;ite 

r fo nahet unf des antechriftef riche, 

fo beulet diu erde, 

da ne fol niht ane werden, 
5 uil michel wirt diu not, 

2399 Vil höh wir danne gelten. G 2400 muge wir G flehen. G 2401 Ob div 
erfte tugnt. G 2402 von vnferm hertzen niht enchumt. G 2403 fpi V f pc G 
timorif V timoris. G 2404 mug G finge wis .'V iin G 2405 entwichet der | 
hohifte V Swem G 2406 fehlt V 2407 Daz wirt fehlt V wal/ V h6»»fte G 
2408 in daz tiefe G 2409 gevalt dIv hohvart. G hochuart V 2410 den engel 
da? er | wart/ da? er wsere ein V den engel da? ein tivel er wart, (ein tivel steht 
rechts mit emschaltungszeichen am rande) G 2411 Ein (helle hier durchstrichen) 
warfo den mefchn zeware. G 2412 fehfthalb tvfent iare G 2413 Von dem 
obriften liht G 2414 er braht in zeniht. G 2415 Vntz vns got getrofte. G 

2416 do er vnf von der vinfte lofte. AM G 2417. 2418 feh^ G amen; V 

1 Begint in V cmf s, 123', a £f. 42, in G auf 8. 21', a oben, iungiften | 
?ite/ V ANder iungiften zite. G 2 riche/ | f V fo wirt d* ant*ixix rihfen G 

3 beüthet div G 4 ane | werden /V dane G nih G w'den. G 5 Vü G div 
ndt. G 



300 FIFBB 

« 

da? uiehe lit alle? tot, 
[H 194] diu harmfcare get [V 123', b] über al, 
def liütef wirt ein gro? ual. 
So ftent up al geliche 
10 mit geftrite diu riebe, 
nebein laut üt fo cbleine, 

man ne mu?e in denne teilen, 
marcbe unde biltüm, 

grafcefte unde ber^ocbtüm, 
15 da? teilet man cblaine, 

i? nie?ent zwene oder dri uur einen 
mit grimme unde mit fere, 

fo rtet i? darnab iemer mere. 
So borte wir danne 
20 banne über banne, 
wir boren alle ftunde 

uermainfamunge. 
des wirt da? riebe alle? uol, 

fo uliebent die guten ze walde in diu fleinbol, 
25 fo ne macb iu niemen gefagen 
die not, diu ift in den tagen. 
So beuet iuwer boubet unde iuwer bende, 

fo nabet unf diu wäre urftende, 
fo ful wir alle unferen berren 
30 uil innecblicben flegen, 
da? wir in dem wige 

nibt uerlazen an dem ewigen libe. 
So ünt die uil falicb, 

die denne fint umbaticb, 

6 da? I uiehe V vihe liget G tot. G 7 get | über al/ V Div hamfchar 
get vber G 8 des levtea wirt ein vil grozz* val. G 9 vf alle geliche G 10 mit 
Arit div riebe. G 11 Dehein G chlein. G 12 man mvzze iz danne tailen G 
13 Marke vn biftvm. G 14 grafchefte vfi hertzen tum. G 15 chleine. G 16 2fwen 
oder dri für eine. G 17 Daz niezzent mit grimme un mit fere. G 18 Der 

zweite strich des n in darnach auf ras. v. i Y fo Aet iz darnach ünm'mere. G 
19 höre G danne V 20 banne vn vber banne. G 21 hören G 22 Termefn- 
famunge. G 23 Des wMont div riebe elliv vol. G 24 fo fliehent die guten indi 
hol. G 25 nemag G niem gefagn. G 26 div not di iA in G 27 hebt vf 
iwer hopt vfi ew* hende G 28 nahent vns di vrAende. G 29 f o | fo ful das 

zweite fo durchstrichen V herren V wir vnfern G 30 vil innechllchen G 81 In 
dem wige. G 32 iht v'zagen andem ewigem libo. G 33 ßnt di yil Mig. G 
34 di denne fint vbrig. G 



DIB GBDIOHTB DEB AVA 801 

P 281] 35 daz faget unf got hie, 

du er mit dem cruce zeder martir gie. 
fwer denne niene ^uhet chint, 

wi falich die mit gote fint! 
fi behutent ir chufke unde ir magetüm, 
40 def habent fi ewichlichen rüm, 
[G 21', bj den hat er al geliche 

gebriuet fineu riche 
;e den cbunchlihen eren, 

fi fint gemahelen def oberiften herren. 
45 do nift niht getriwe 

diu frSwe der diuwe, 
noch der man dem wibe, 
fi ledent al mit nide. 
fo ha:;;0t fi in danne^ 
50 fam tut der herre den manne, 
alfe ift der man dem herren, 
[H 195] fwi gut im fi da? lehen, 
fo richfenot diu irrecheit, 

fo truret elliu diu crifteneheit. 
55 vil michel not unde leit 

lidet denne diu crifteneheit. 
uone ferigen mute 

dorrent die guten, 
bedruchet wirt diu menige, 
60 fo chumet uns ingegene 
der uon dane geborn ift, 

der ift genennet antchrilt 
An dem iungiften ende 

35 fagt YDS G 36 do er mit chmce zv d'r marter G gie überg. G 
87 niht en zivchet chfnt. G 38 wie lÜBBlig G hlntze got fint. G 39 Di behaltent 
irn magetym. G 40 def (f a, ras. v. n), V des habntf Ewichlichen Mm. G 

41 allen geliche G 42 gebrievet finiT ifche. G 43 chunichlichen @ren G 

44 def gweimäl V ^ fint gemahel vnfers h'ren. G 45 So ift danne niht triwe. G 
46 dev frowe der di'^we. G 47 wibe. G 48 lehnt alle mit nide. G 49—52 
So hazzet der vater den fun. alTo mtz er hin wider tvn. Sam tat der herre dem 
man. alfo ift der man dem h'ren gram. Swi gdt fm fi daz lebn. er wold iz vmb 
den tot gebn. G 50 iamtut Y 53 rihfent diY irrecheit G 54 fo trwrigt 
elliv di chriftenhait. G 55 vfi lait G 56 danne di ch^ftenhait G 57 Vor 
ferigem mäten. G 58 di G 59 Gedmcchet G div G 60 chomt vns 

engenige. G 61 von dan G 62 d' antixpift. G antchrift/ Y 63 An dem 
iongften ende G 



3013 PIFBB 

fo wirt uns gefendet 
65 olyas unde enoch, 

die gewarnen doch, 
e da; zit ane ge, 

da; unf der wütrich befte. 
uil grimmech wirt diu not, 
70 fi ligent beide uon ime tot 
So getan gefturme ift michel reht, 

fo def tieueles cheneht 
mit gewalte uure gat^ 

hie, wie uafte er unf beftat 
75 mit manegen [Y 123% a] sinen lifben! 
die aller wirfißen, 
arme unde riebe 

er mute li alle gelicbe, 
10 2r, a| er entlibet in [D 282] niht, 

80 der guten geltet uil chume iht 
S<> heizet er uerbieten 

unde heilet li mieten, 
das; niemen geloube 
über lut noch tougen 
85 au der magde Tun 
iancte maidEN. 
So beginnet er ^eichenon» 

fi wmnent« er G gtotefinou 
auer diu ziaolien^ diu er tut^ 
^0 diu ue Gint oiemen gdt 
er ue kuchec niht den (oten« 

ovch ue machet er niht den ftein ;e brote, 
dä^ w;i^er uihc ce dem wine> 
dä^ uerhilt er ü ilne« 



^i ^u; Vi j^Hv'ttdci' V (Kv >a v> 9(> ü wanMBfc m 110^ 6 67 £. du 
Uu «ii Attc >:^. V* o8 wOtcrwh Wit^. G <>:> VU ^nmaiKh G di 6 70 bede 
\\>u IUI V« U iturm v> cviic 7:^ <) im im um» a eorr. T ^une fo des 

<v oiuhM tu vi ^v t^viV^ ^il ctioitt 51 $4 Iteiaait « rtittea. G 82 ?fi 

tk«>43h4^vv i> vi S^t uu>m vi S4 >tH}r tue nov'tt :;u|p». G iSk 8l^ An dm magde 

i>4u «\uUv MüiK'u. ivi .^K«« ^«UKioU v(iga. v.> übt) V $7 «khim tln. G 88 we- 

U^fc V^ ^\»H^A i^u, vi ^ V!M vi>^ V« >h« >M^ tiOC iS ;M> dl tMi Ifart wdi&miNk 6 

VI vhuv^s^fc V« ^ki wuxi. vi i^ vvii Oll :iti*cüft gr tfaui G te4e , Avy. 6 



DIE GBBIOHTB DBB AVA 303 

95 mit gewalte er 11 tSbet, 

un^e ß an in gelSbent. 
Er richefont, da^ ift war, 

rehte uierdehalp iar 
in alen den enden, 
100 da got gie bredigende. 
[G 21-, b. H 196] uil michel wirt fin gewalt, 

lineu wizze werdent manichualt, 
er heizet fi ftechen, 

mit chrSwelen gebrechen, 
105 der vil ungeheiüre, 

der bratet ii in dem fiüre, 
für diu tier er Ii leget, 

mit den befemen er Ii flehet^ 
mit hunger tut er in uil not, 
110 in diu waij^er er fi fenchet. 
öwi, wi uelte fi fint! 

da; liden al diu gotes cMnt. 
So ers denne aller minnilte wanet, 
der tot im nahet, 
115 finer ubermüt 

uellet der tot, 
fo nift denne niht mere 

ni war dumahtigiu becherde. 

95 gewalt er fi tovbet. G 96 vntz G in G 97 rihfent G 98 reht 
en YoUen vierdhalpiar. G 99 allen G nach enden ist da got du/rchstrichen G 

100 predigen. G 101 Vil G wirtfin gewalt. G gewat/ V 102 fin witze werdent 
manichvalt. G 103 ftechet/ V haizzet G 104 mit den chrewln G 105 nnge 
heiüre/ V vngehiwre. G 106 er brastet ß bi dem fiwre. G 107. 108 fehlen G 
109 t5t G vil G 110 in div G 111 we wi vefte £i fint. G 112 lident 
aUez gotes chlnt. G 113 So er fin danne minnifb wssnt. G 114 im zt nahet. G 
115. 116 Sin vberm&t in uellet. der tot in bechrellet. G 117 Sone üt danne G 
118 niewan dnm»htigey becherde. G Unten quer über die seite ein hüd: Christus 
mit fOmf wtmden tmd ghrie segnet triumphierend. Oben rechts ein enget aus der 
wölke mit kreuz wnid speer, liiiks emer mit nageln, dornenkrone und palme. Unten 
rechts Maria wnd ein posaunenengel, links Johannes im feUkleide und ein posau- 
nenengel kniend. Auf spalte 21^, h sind vor dem bilde noch 6 Zeilen leer, auf 
denen nwr em blaues initial -N steht, daneben sind zwei Zeilen radiert. 



304 PIPER 

IV. Das jüngste gericht. 

[G 22', a- D 283] Nu fol ich rede rechen 

uil uorhtlichen 
uon dem iungiften tage, 
alf ich uernomen habe, 
5 unde uon der ewigen corone, 
die got gibet 7J6 lone, 
fwelehe wole geftriten, 

an dem iungiften ^iten. 
Finf^ehen zeichen gefcehent, 
10 fo die wiften iehent, 

wir ne uernamen nie niht mere 

uon fo bitterme fere. 
fo bibent allez da der ift 

fo nahet unf der heilige crift. 
15 An dem erften tage 

fo heuet fich diu chlage, 
fo wirt da^ ijeichen da ^eftunt: 

diu wazer fmiegent fich an den grünt, 
uier^ech clafter iz inget, 
20 einen tach iz alfo geftet.. ^ 
An dem anderen tage, 
da^ ful wir iu fagen, 
[H 197] fo get iz auer wider uz, 

uil hohe leinet i^ fich wider hüf, 
25 fo biginnet i? pellen 

mit michelen wellen, 
da; iz alle die horent, 
die den fin dare cherent. 



1 lü. rot n a. rde. rec- | hen/ V Nv G ich reht errecchen. G 2 uil 

fehlt G Yorhtlihen fprechen G 3 iangüten | tage / V Von dem iimgftem tage G 
4 v*nomen G 5 uon | der V Vn von G chrone G 6 lone/ | fwelehe V di 
got git zelone. G 7 Den di wol geftriten t. G 8 ;iten; Y in den longilten 
^ten. G 9 kl, rot f am rande Y Fumfzehen zaichen gefchehent G 10 alf die 
wifen iehent G 11 Wir habn y'nom nie mere. G 12 von fo bitterüchem fere. G 
13 Iz bidwet G daz dar ift G 14 d«r V uns G cbrift. G 15 An G Srften G 
tage/ alfo ich uernomen habe/ Y 16 hebet G di vngehabe. G 17 wirt G 

fazeftunt. G 18 div wazzer fmigent G ande grüt. G 19 Yirtzich chlafter u 
inget. G 20 einen G 21 An G andern G 22 fule wir ev G 23 get abr 
iz wider vz. G 24 vil hob laint iz fich wider vf. G 25 beginnet G bellen. G 

26 mit (der dritte strich des m tmd das i a. ras,) Y mit michelem wallen. G 

27 di horent G 28 di G fin dar chSrent. G 



DIB OEBIOHTE DEB AVA 305 

[V 123", b] über elüu diu riebe 

30 fo Aet is; uorhtlichen. -^c- 
An dem driten tage, 

alfe ich uernomen habe^ 
fo wider fld^et ob der erde 
daz wazer al ze berge; 
35 wider get im der ftram, 

da; übet wip unde man, 
fo truret allez da; [D 284] der üt, 
wände da; urteile nahen üt. ; 
An dem morden tage 
40 fo heuet fich diu chlage, 
[G 22', b] fo heuet fich uon gründe 

uifke unde alle; mer wnder. 
ob dem mere 11 uehtent, 
uil lute fi brahtent, 
45 fo wirt des luzet rat 

fwa; flo;en unde grat hat. / ^ 
An dem uinfen tage 

fo wirt ein mere chlage, 
fo heuet fich da; geuügele, 
50 daz 6 fleuch under himele, 
ufen da; geuilde, 

iz fi ;am oder wilde, 
fi wufent unde weinent 
mit michelem gefcreie, 
55 fi bizzent unde chrouwent, 
ein ander lihouhent, 
def tagef harte ;ergat 

fvvaz uettech unde chla hat. -'2. 
So chümet uil rehte mit fere 

29 Vber elliv div riche. G 30 h m uorhtlichen.' a. ras, v. la V forht- 
liche. G 31 An G dritten G 32 alf ich iz v^nomen hab. G 33 flutet V So 
fluzzeA ob der erde G 34 wazzer alT zeberge. G 35 So wider G im G 36 wip 
vn G 37 trÄret G 38 uerteile das erste e rad, V wan G vrteil G ift. G 
39 An G vierden Q ta, m tage, verwischt G a in tage aus u rad, V 40 hebet G 
div G 41 hebt fich von dem G 42 uifke unde fehlt G merwunder. G 43 
uehtent V mer fi vehtent. G 44 vil Ivt fi brsBhtent. G 45 wirdet des lutzel G 
46 fiozze vfi G hat/ V 47 An G fvnften G 48 wirt grozzer G 49 geuü- 
gele V hebt G gevugel. G 50 flovch vnder himel. G 51 Vf G 52 od«r V 
ez G 53 wdfent -vfi G 54 mit michelem gefchraye. G 55 bizzent vnde chro- 
went. G 56 an ein G fi howent. G 57 tages G zegat. G 58 fwaz (z aus 
B corr,) veilch vfi chla G hat; V 59 So chumt mit rehte. G rehte V fere/ V 

ZXITSOHBIFT F. DEUTSCHE PmLOLOGIE. BD. XIX. 20 



306 piPBE 

60 tach der fehfte: 

der himel fich uerwandelot, 

er wirt tunchel rot, 
an den manen uude an dem funnen 
fleht man michel wunder, 
65 der tach wirt alfe uorhtlich, 

in die erde bergen fi fich. S 
[H 198] An dem fibenten tage 

fo wirt der luft alen wage, 
fo uihtet an da^ trüm 
70 diev uiende an da? firmamentum, 
diu wazer dar widere 

diu flnt under dem [D 285] himele, 
an dem manen unde an dem funnen 
fihet man michel wunder, 
75 fo höret man diche 

doner unde bliche, 
fo crimmet fich zeware 

der arme funtare, 
deme fin gewiz^ede da? faget, 
80 da? gotes hulde niene habet. 
[G 22"", a] An dem ahtoden tage 

fo wirt diu erde elleu enwage, 
an der ftunde 

fo erweget fich uon gründe, 
85 fo ne mach niuht def geftan, 
des uf der erde fol gan, 
fo truret wip unde man, 

fi ne mach getroften nieman. /' e 
An dem niuten [V 124^ a] tage, 

60 mit fere der fehfte. tach fehlt G 61 himel wirt verwandelöt. G 62 tun- 
chel vn rot. G 63 fminen/ (das lezte n aus t corr.) V dem mane. vä and, 
funne. G 64 da fiht man G 65 alfo forhtüch. G 66 indi G v'bergent ä G 
67 An G iibentem G 68 wirt G alle enwage. G 69 vihtet andaz drnm. G 
70 die wind un daz firmametü. G firmamentül V 71 Div wazzer G wider. G 
72 di da fmt vnder dem himel. G 73 andem andem {das zweite mal dtirchstr,) 
manen/ un V vn ander funnen. G 75 diche. V vil dicche G 76 vfi blicche. G 
77 r in zeware/ aus a rad. V So ernimit lieh zewar G 78 arm fondsere. G 
79 Dem fin gewizzen daz faget G 80 daz er G hulde (u am r corr,) niht habt. G 
habet; V 81 An G ahtem tage G 82 div erde emv G 83 derfelben ftunde. G 
84 fo fehlt G von abgrunde. G 85 Sone G niht des beftan. G 86 vf G 
folde G 87 trwret wip vfl G 88 fi ne mag getroften G 89 An G niwendg G 



DIE aEBICHTE BEA AVA 307 

90 alfe ich uernomen habe, 
breftent die fteine, 

da^ gefcihet uor dem urteile, 
fi chlibent lieh enuiereu, 
fo zeiget i? allez fchiere, 
95 da; uurhtet wip unde man 

uüde fwer iht uerften ehan. r 
An dem zehenten tage, 

uil luzel M wir da; oblagen, 
fo zeuallent die bürge, 
100 die durch rüm geworeht wurden; 
berge unde uefte 

daz muz allez ^ebreften, 
fo ift got ze wäre 

ein rehter ebeneare. , V 
105 An dem einleften tage, 

def ful wir unfich wol gehaben, 
fo zerget uil feiere, 

da diu werlt mit ift gezieret: 
golt unde ülber 
110 unde an [D 286] der manech wunder, 
nuf ken unde bouge, 

da; gefmide der fr5wen, 
goltuaz unde filber ua?, 

chelche unde chierch fcaz, 
[H 199] 115 fo mu; da; allez zergen, 

da; uon liften ift getan, 
nu wizet da; iz warist: 

iz zerget unde wirt ein ualewifk. 
An dem zwelften tage 
120 ^^ fo hilfet unf da; uihe chlagen, 

90 alf ich iz vernomen hab. G 91 So zerbrestent di Aaine. grozz vn 

chleine. Daz gefchiht vor dem vrteil. G 93 chliebent G en vier tail. G 94 
fehU G 95 erfurhtet wip vn G 96 unde fMt G d* lieh iht v'ften G 97 An G 
zehenden G 98 vil Intzel G 99 zervaUent di G 100 di durch rvm gebo^em 
wrden. G. 101 un G 102 muz G 103 zeware. G 104 ebeneare / V ein G 
ebnsere. G 105 Andern einleften G 106 fo fule wir vns G gehabn. G 107 
zerg§t vil fchiere. G 108 div werld ift mit geziret. G 109 go m golt a. ras, 
V, na V vn G 110 vn maniger flahto wunder. G 111 Nufche vn bovge. G 
112 gefmid G frowen. G 113. 114 fehlen G 115 müz aUez daz zergan. G 
116 von G 117. 118 fehlen G 119 An G 120 fo hilft vns daz vihe 

ehlagn. G 

20* 



308 piPBÄ 

fo diu tier gent uz dem walde, 

da? uihe uf dem uelde, 
uil lute fi rerent, 

fo fi zefamene cherent 
[G 22"", b] 125 mit luteme gefcraie 

ingengeu dem urteile. - ■? 
An dem drit^entem tage 

fo ne mach fich niemen wol gehaben, 
fo tönt fich diu greber üf, 
130 diu gebaine machent fich dar üz 
alle gemeine 

ingegen dem urtaile, 
iz ill allen den forhtlich, 

die gewizzen fint der funden ane fich. ' 8 
135 An dem uiercehten tage 

fo Wirt diu biterfte chlage, 
fo gent diu lute alle uz, 

ir ne bellet nehenez in deme hus, 
fi wüfent unde weinent 
140 mit l&teme gefcreige 
in dem felben dinge 

fo zergent ime die finne, 
fo ne mach neman gefagen 

die not, diu ift in den tagen, 
145 über fvven got des uerhenget, 

da:; fich fin leben dar gelenget. 
So chämet der uinfzehente^tach 

fo nahet unf der [D 287] gotes flach, 
fo fculn alle die erfterben, 
150 die der ie geborn wurden, 

121. 122 So get daz vihe vf dem velde daz tier **z dem walde. G 123 nach 
fi ist ein r rad, V Vil lote G 124 zefamen G 125 Mit lotem gefchreie. G 

126 urteile/ V gegen dem vrteile. G 127 An dem drizehendem G 128 föne 
mag G niem G gehabn. G 129 dev G vf. G 130 dev gebein G her^z. G 
131 gemeine. G 132 gein dem vrteüe. G 133 Daz G vorhtlich. G 134 d«r V 
fich; V di gwizzen habnt d* funde an G 135 An dem viertzehende G 136 div 
bitrift G 137 gent di levt G °z. G 138 fo heftet niemen indem hvs. G 

139 wüffeut vn weinent. G 140 mit michelem gefchreie. G 141 Inden felben 
dingen. G 142 in di G 143 Sone mag ev niem G 144 di not di da ift in G 
145 Vber fwen des got vehenget. G 146 fin lehn dar lenget. G 147 So 

chumt der fumfzohende G 148 fo nahent vnf G 149 fo fculn alle die (erfter- 
ben die fehlt) der ie ge | bom wurden V fuln G 150 di da geborn werdent G 



DIE GEDICHTE DEB AVA 309 

alle gemeine 

uor dem [G 124', b] urteile, 
fo heuent lieh uier winde 
in allen den enden, 
155 ein fiür fich enbrennet, 

da^ dife werlt uerendet, 
da^ lüteret i^ allez, 

fo brinnet Hein unde holze, 
wazzer unde buhele, 
160 die der fint under dem himele, 
fo chumt der iungifte tach 
alfo feiere fo ein braflaeh. 
[H 200] So chomen uon chriAe 

die uier euangelüte 
[G 23', a] 165 daz gebeine ü chukent, 

die toten li wechent, 
fo famenent fich mit eren 

lip und feie, 
da; üt uil wunnechlich, 
170 die guten fint dem funnen gelich. 
Die engel uürent föne 

da; cruce unde die corone 
uor chrifte an da; taegdinc, 

da; werdent fo reichilichiu dinch. 
175 So chumet chrill riche 
uil gewaltichlichen, 
der § tovgen in die werlt chom, 

da fihet in wip unde man, 
im iJt fin fcare uil breit, 

151 gemain. G 152 uordem | urteile/ V vor G vrteile. G 153 hebnt 
(e avs corr.) G vier winde. G winde/ in | allen V 154 in G 155 Ein 

fiwer G an brennet. G 156 wUde v^fwendet. G 157 Itttert G 158 brin- 
net ftain vfi holtz. G 159 nach b in buhele/ ist ein h rad, V vfi huhele. G 
160 dida fint vnd* dem himele. G 161 iungüt G 162 aK fchir fo ein brä ze 
der andern flahe mach, (das lezte wort überg.) G 163 xpe/ V So choment von 
chriAe. G 164 die vier ewangelifte. G 165 gebein fich chucchet. G 166 di 
toten (darnach ein t rad.) fi wecchent. G 167 famet G eren (mit fehlt) G 168 lip 
vH G 169 wunnechlich. G 170 d«m V gelich; V di G fint der funne 
glich. G 171 furent fchone. G 172 chrutze vfi di chrono. G 173 xpe V 
Vor G tagedinch. G 174 forgechlichev G 175 xpe V So chumt xpifb der 
riche. G 176 vil gewaltichliche. G 177 e. t&gen in di werlde q»m. G 178 in 
wip. vn G 179 fin fchar vil brait. G 



310 PIPER 

180 wander die uerfmacheit leit 
uon finen uianden, 

da wil er iz anden. 
So chumet in den lüften 
in finer magen crefte, 
185 er rihtet dem herren 
unde dem chnehte 
der frSwen unde der diuwe, 
fo ift ze fpate diu riwe, 
die wir haben folden, 
190 ob wir genefen wolden, 
fo werdent die vilharte geret, 

die hie uon der weit cherent, 
die fizent da [D 288] ineben gote 
in der fcare der zwelfpoten, 
195 wände fi durch gotes rainne 
uerchurn wertliche wunne. 
die fint alle geheiligot, 

die wirferen fint erteilot. 
So wirdet der uil gut rat, 
200 die die werft gezogenlichen haut, 
die gotes nie uergazen, 

do fi ze wirtfcefte fazen. 
doch wil ich iu fagen da bi, 
wie der leben fol getan iin: 
[G 23', b] 205 Si fulen got minnen 

uon allen ir finnen, 
uon allem ir herzen, 
uon allen ir werchen, 
[H 201] fi fulen warheit phelegen, 

180 wand er hie die fmahait lait G 181 Von flnen yianden. G 182 daz 
wil er dann anden. G anden, V 183 chumt got Inden lüften. G 184 in i5ner 
magnchrefte G 185 herren / V So rihtet er rehte. dem herren vfl dem chnehte. G 
187 ufl V frowen vfl der diwe G 188 zefpate di riwe. G 191 werdent di 

vil harte geeret. G 192 di von der werlde fint gecheret. G ' 193 Di fitzent da 
enneben got. G 194 in G fchar G zwelf boten. G 195 gotüininne G 

196 verchüren zer gaBnchlich G 197 fint G geheiliget. G 198 di vbelen 

fint verteilet. G erteilot; V 199 wirt G vil gÄt G 200 di div werlt gezo- 
gen hat. G 201 Daz fi gotes niht v*gazzen G 202 fo fi zewirtfchefte fazzen. G 
203 da bi/ V ev G dabi. G 204 fin! V fin G 205 fuln G minnen. G 

206 von G finnen. G 207 Von G irm hertzen. G 208 wachen/ V in 

allen im G 209 fuln der G phlegen. G 



DIE GEDICHTB DEB AVA 311 

210 ir almüfen wol geben, 
mit mazen ir gewant tragen, 

mit chufke ir § haben, 
befcirmen die weifen, 
die geuangen lolen, 
215 fi fulen den uianden uergeben, 
gerihtes ane miete phlegen, 
den armen tmi gnade, 

die eilenden phaben, 
li fulen ze chirchen gerne gen, 
220 pihte unde püze beften. 
fwer niht uaften ne mege 

der fol fin almüfen [V 124^, a] geben, 
ne mege er def niht gewinnen, 
finen befemen fol er bringen, 
225 da mit er lieh reine, 

der ift aller faligifte , der fine funde weinet. 
Swer daij mit triwen begat, 
def wirt da uil gut rat, 
ze dem fprchet der gotefun: 
230 „uar ze miner zefwen! 
uenite benedicti, 

mines uater riebe ift iu gerihtet." 
[D 289J Dag gefcihet an dem iungiften zorne, 

da fceidet diu helewe von dem eherne, 
235 diu guten ze der zefewen, 
daz fint die genefen, 
di vbelen ze der winfteren, 

210 almufn G gebn. G 211 mazze irgewant tragn. G 212 mit chevfch 
ir e. habn. G 213 befcrmet V Befchirmen di G 214 gevangen G 115 fulen- 
den V fuln G vianden v^gebn. G 216 miet G 217 tun genade. G 218 
di G enphahen. G 219 gerne gerne | gen/ V fnln G gen. G 220 bihte vn 

buzze beA§n. G 221 vaften mege. G 222 fin almuTen G 223 f in def auf 
ras, «. r V g i/n gewinnen/ a, ras. v. d Y Enmuge G des G gewinnen G 
224 finen befem G bringen. G 225 Damit G reinige, {zweite i aus e corr.) G 
226 weinet; V Swerdet der uil gut rat/ | Swer da? mit [das überflüssige du/rch- 
strichen) V der ifb aller fasliglt. d* fin funde be (weinet üherg,) G 228 des G 

vil g&t G 229 gotefun / V Zvdem fpricht der gotes fun. G 230 vart er zv 
miner zefewen. G 231 Venite G benedicti V 232 mins vater rieh ift ev G 

gerihtet; V 233 hl. rot d a. rde. Y gefchiht ädem iungiftem G 234 helewe/ 
(von dem chorne fehlt) diu guten ze | der (zefewen bis 237 ze der fehlt) V da 
fchaidet man daz ome von dem (chorne unterg.) G 235 Di gvten G 236 iint G 
237 winfteren. G 



312 PIPBB 

G. werdent al gewindet 
an dem urone tenne, 
240 dar denche Iwer fo welle! 
So fprichet got mit grimme 

ze finen wider winnen, 
er zeiget in fine wunden 

an den uuzen unde an den henden, 
[G 23", a] 245 uil harte fi blütent, 

fi ne megen da niht widere gebieten, 
uon fineme rehte fprichet in zu: 

„mines willen ne wolt ir niht tun, 
ir hetet min uergezen, 
250 ir ne gäbet mir trinchen noch e^^en, 
felede noch gewate, 

übel waren iuwere getate! 
dem tieuele dienote ir mit flize, 
mit im habet diu ewigen wize!" 
[H 202] 255 Da ift der tieuel uon helle 

mit manegeme finem gefellen, 
fo uahet er die armen, 

vil luzel fi im erbarment, 
mit chetenen unde mit feilen 
260 er bintet ^ algemeine, 
er füret Q. mit grimme 

^u anderen finen gefinden 
in den tot, 

ane tuwale lident Q. iemer not 
265 mit peche unde mit fwebele, 

da dwinget Q. furder des tieueles ubele. 

238 gewindet / | an V di werdent alle gewindet. G 239 fronen G 240 dar 
an gedenche fwer der welle. G fwer | fo V 241 grimme/ | ze V mit grimme. G 
242 ZV finen G winne. G 243 fi | ne V in fin G 244 den | henden/ V an 
fuzzen vn an henden. G 245 Vil G blÄtent. G 246 ü nemvgen dar wider 

niht gebie (ten überg.) G 247 Von finem G er in zv. G 248 mines G en 
woldet ir G tvn. G 249 min v*gezzen. G 250 irn gabt mir wed* trieben 

noch G 251 Seide G gewaete. G 252 vbel G ewre G 253 tievel dSnet G 
mit flizze. G 254 wize; V mit im habt och di ewigen weitze. G 255 W. rot 
d a, rde. V Da ift der tfvel von d' helle. G 256 manigem finem G 257 v«- 
het G di G 258 lutzel fi im G 259 cheten vll G 260 bindet er fi aUe 
gemein. G 261 fürt fi G 262 zv anderem finem gefinde. G 263 Inden ewigen 
tot. G 264 twal lident fi imm' G 265 becche vn G 266 ubele, V twinget 
fiv d's tivvelf vbele. G 



DIE GBDIOHTB DER AYA 313 

Da ne hilfet golt noch fcaz^ 

§ bedahten wir iz ba;! 
da ift uiur unde fwebel, 
270 wir Jlurben* gerne unde muzen leben, 
dürft unde [D 290] hunger, 

aller flahte wunder, 
froft unde fichtüm 

get unf alle tage zü^ 
275 fiurin gebende 

dwinget unf die hende, 
machet unf die uuze 

harte unfuze, 
mit uiur warwen feilen 
280 bindet man fi beide, 
man fchenchet unf den win, 

des wir gerne ubere mohten fin, 
e^ziich unde gallen, 

fam fi uiures wallen, 
[G 23^, b] 285 eijzen hai^en fi unf gebent, 

daij ift pech unde fwebel, 
uil gro^ wirt unfer fmer^e, 

die wurme e^^ent unf da? her^e, 
da; ift unf gewizzenheit, 
290 diu tut unf alfo michel leit. 
[Si fi^echent vns zedem nabele 

mit eüntnen gabelen. 
Ir angefiht tvt vns vil w§, 

gut W3er vns, mohte wir zergSn! 
295 Durch Jinseh gelufte 

ffcechent fi vns an di brufte. 
Einen wrm, haizzet afpis, 

des fult ir fin vil gewis, 

267 blaiies D in Da rad. aus ? Y Dane G fchatz. G 268 S. bedsdhte 

wir iz G 269 fiwr vn G 270 göm wir müzzen lebn. G 271 und« hunger V 
▼fl G 272 vfi aUer G 273 Froft vnde fihtvm. G 274 vns G zv. G 275 
Fiwiin G 276 twinget vnf G 277 Man machet vns di fvzze. G 278 hart 
vnfuzze. G 279 fivervarwen G 280 mä G 281 vns den win. G 282 wir 
gemer vber G iin. G 283 vfi G 284 bi dem fiwer erwallen. G 285 hai?eu V 
heizzen ß. vns gebn. G 286 vfi G 287 Vil G feme^e/ V vnfer finertze. G 

288 nach wurme anfang eines gnmdstricJies radiert V wurm G vnfer hertze. G 

289 vnfer gwizzenhait G 290 di t*t vns G lait. G 291—314 fdilen V. 
291 Nach R. ist ftizelz dmchstrichen, ftechent mit // am rande nachgetragen Q 



314 PIPEB 

Der ander baülifcus, 
300 der gilt vnrehtez hvs, 
[H 203] Div wir ofte taten, 

do wir fin ftat beten, 
Aitter daz grüne 

def git er vnf genüge, 
305 Er fpiet ez fnden munt, 

er tvt vnf alt funde chunt. 
Die wir niht chlagten 

den bihtern di wir baten; 
Da? gefvn der vbeln geilte 
310 daz ift witze aller meift, 

Vil micbel weinen mit allen nöten; 

ettwenne febent fi di toten 
In abrabames parme, 

daz babnt fi ze barme.] 
315 So der tieuel [V 124% b] dane geuert, 
uile wol unfer dich uert, 
fo feinet uns fcone 

diu edele perfone, 
ficb zaiget got mit minnen 
320 allen finen cbinden: 
fo fint die arbeit fftre, 
fo finge wir zwire 
alleluia daij fro fancb, 

wir fagen got gnade vntfe dancb, 
[G 24"', a] 325 wir loben gotes ere 

mit libe unde mit feie. 
Do uabet ane, da? ift war, 

Jubileuf da; gftte wunne iar, 
fo beginne wir minnen 
330 di inren flnne, 
uernunft unde ratio, 
diu edele meditatio, 

315 So G tievel danne vert. G 316 wie wol vnfer dinch da vert G 

317 Da fchinet vns fchone. G 318 di edelG pfone/ V 319 zeiget G minne. G 
320 chinden V finen cbinden. G 321 fint di arbeite fur. G 322 wir zwire G 
323 alleluia | da? V da^ fehlt G fro fancb G 324 fehlt V 325 ere/ | mit V 
326 libe vfl G feie G 327 uabet | ane V So vabet an G U. rot d a. rdt, V 

328 iubileus daz gät wunne G g^te | wunne V 329 beginne/ (wirdwfiime /isWO V 
831 uernunft 1 unde V Vernunft, vfl G 332 dev edel G 



DIE GEDICHTE DER AVA 315 

da mit erchenne wir crift, 

d^ er i? allez ift, 

335 fo habe wir uil michel wunne 

fo fi wir fiben ftunde fconer denne der funne. 
^ü der felben fcone 

fo gibet uns got ze lone 
eine [D 291] uil ftatige iugende 
340 unde manige herliche tugende, 
wir fulen ftarche werden, 

weiten wirdi berge 
zebrechen alle i^ glas, 
ze wäre lag ich iu da?, 
345 die craft habent da diu gotef chint, 
die hie mit fli^e gut fint. 
[H 204] Do habe wir da? ewige lieht, 
neheines Jichtümes niht, 
da ift diu uefte winefcapht, 
350 diu müteft trutfcapht, 
diu chunechlic ere, 

die haben wir iemermer, 
da? unfagelich Ion 

in dem himelifchen tröne 
355 habent die gotes erben, 

die danach weiten werfen, 
emphiliehe wir hie die funde, 

wir fin da fneller denne die winde. 
Nu uernemet alle da bi: 
360 da fit edele unde fri, 

da ne dwinget iuch funde noch leit, 
da? ift diu gan?e friheit, 

333 chrift. G 334 der iz (daz fehlt G) 335 hab wir michel G 336 
ftunde/ V wir fin fibnftunt fchoner d'nn di fun (ne. überg,) 337 Zv G fchone.G 
338 git vns G zelone. G 339 Ein ftsBtiv iungnt. G 340 vn vil manigiv h^lich 
tugnt. G 341 fuln fo ftarch werden G 342 wolde wir di berge G 343 alf G 
344 zeware G iv G 345 Di chraft habnt da div gotes chint. G 346 fint ' V 
di G flizze G 347 kl. rot d am rande V So G ewige lieht G 348 dehein 
fichtum ift da niht. G 349 div vefte wunnefchaft G 350 die miltifte trvt- 

fchaffc. G 351 Die chunichlich G 352 habe wir immermere. G 353 unf age- 
Uch V Daz ßwichlich 16ne. G 354 fehlt V 355 ha | bent V Habnt di G 

356 di dar nach wellent werben. G 357 Fliehe G di G 358 wir G danne di 
winde. G 359 kl. rot n am rande V Nv v'nemet G dabi G 360 fit ir edel 
vfi vri. G 361 Da twinget evch wed' fvnde noch lait G 362 da ift div rehte 
vrShait G 



316 PIPER 

da erge:;et unf got feiere 

aller der fere, 
[G 24', b] 365 die wir manege ftunden 

liten in eilende. 
Da ift da? ewige leben, 

daz ift unf alzoges gegeben, 
crift vnfer hertüm, 
370 unf er uernunft unde unf er wiftüm 
der ift gecheret an in, 

uil edele ift unfer fin, 
unfer herze unde unfereu 5gen 

fehent die gotes tougen, 
375 uil zirlich wirt da? felbe lieht, 

iz ne wirt zera[D 292]nclich niht. 
Da; habent allez diu gotes chint, 

diu hie diemöte fint, 
die ir fcephare lobent 
380 unde hie ir uianden uergebent, 
die uerfmahent [V 125', a] hie nidene, 

fwi fo 11 da ze himele 
mit gote geren ze habene, 

da ift uil gut ze lebenne, 
385 da wirt ir gelSbe ain warheit, 

ir gedinge mit habenne ein ficherhait, 
Ir minne vil fnnechliche. 

li fint den engel gelich, 
daz habent fi an ende. 
390 nu wefent uil wol gefunde 
in der felben rawe, 

dar mfizet ir chomen. AMEN. 

363 ergezzet vns G fehlere. G 364 aller ynferr fere. G 365 manige 
ftunde. G 366 Mten In difem G 367 lebn. G 368 uns G 369 Chrift G (vnfer 
hertum feUt V) 370 4iernunft V vnfer vernunA vfi vnf* wilfcvm. G 371 gechS- 
ret G In. G 372 vil edel G fin. G 373 Vnfer hertze vü vnfer G 374 di 
gotis togen. G 375 Vil zierlich wirt ir liht. G da? | felbe lieht/ iz ne wirt da; 
felbe {das zweitemal da? felbe dttrchstrichen) V 376 en wirt zergaenoblteh G 

niht; V 377 kl rot d am rande V Daz allez habnt dev G chint G 378 di 
hie demutig fint. G 379 Di hie ir fcheppher lohnt. G 380 vil ir veinden hie 
v^gebnt. G 381 Di v^fmasht fint hie niden. G 382 fwie G zehunele. G 383 got 
gereut zehabene. G 384 zelebene. G 385 Ir gelovhe ein warhait. G 386 ge- 
dinge ein habnde ßch'hait. G 387 fehlt V 388 fint G gliche. G 389 habnt ß. 
an ende G 390 wefet vil G 391 In di felben rwe G 392 m&set Ir chomen, 
aMEN;: V da muzzet ir chom. amen. G 



DIE GEDICHTE DES AVA 317 

Dizze buch dihtote 
zweier chinde müter, 
395 diu fageten ir difen fin, 

michel mandunge was under in. 
der mfiter waren diu chint liep, 
der eine uon der werlt fcieht. 
'^ ^nu bitte ich iuch gemeine, 
400 michel unde chleine, 
fwer dize buch lefe, 

daz er finer feie gnaden wunfkende wefe. 
^'umbe den einen, der noch lebet 
unde er in den arbeiten ftrebet^ 
405 dem wunfket gnaden 

undör müter, da; ift ava. 

393 — 406 fehlen m G 393 kl. rot d am rande, e in chinde cms o corr. 
399 ichiuch 406 ava .,. 

Zu dem vorstehenden abdrucke der gedichte der Ava nach erneu- 
ter vergleichung beider handschriften bemerke ich noch folgendes. Die 
handschrift , welche ohne zweifei den älteren text bietet , ist die Yorauer 
(Y). Dieselbe ist 47 cm hoch, 33 cm breit und in je zwei columnen 
auf der seite beschrieben. Die initialen sind abwechselnd blau und rot 
gemalt. Die zweite handschrift (G) hat die grosse von 150x238 mm. 
Sie ist in 4 lagen von je sechs, und einer von vier (im ganzen also 28) 
doppelblättern geheftet und ebenfals zweispaltig geschrieben , jede spalte 
zu 40 Versen. Die initialen sind ebenfals abwechselnd blau und rot. 
Sie liegt jezt als manuscript nr. 10 in der bibliothek der oberlausitzi- 
schen geselschaft der Wissenschaften zu Görlitz. Nachrichten über die- 
selbe sind im kataloge dieser bibliothek n. 549 gegeben. Der früheste 
bekante besitzer war der prof. Schwarz zu Altdorf (vgl, Catal. Biblio- 
thecae Schwarzianae) , aus dessen Versteigerung sie J. A. Will erstan- 
den hat. Yorn steht auch noch die bezeichnung: Ex Bibliotheca Wil- 
liana R. 111. 19. Nr. 10. Das genauere s. bei Hoffmann, Fundgr. I, 
127 fgg. Besonders schön ausgemalte initialen, die mithin hervor- 
ragende abschnitte andeuten sollen, stehen 1', a, 1; 3% b, 21 ; 21', a, 1; 
22% a, 1 ; 24'', a, 1. Auf den vorder - und rückdeckeln stehen Schrei- 
bereien des 16. Jahrhunderts, auf dem rückdeckel die deutschen geböte 
und ein lateinisches gebet an Maria. Die erste und lezte seite der 
handschrift (besonders 1', b und 56% a) sind etwas verdorben. Die 
Seitenzahlen von Diemers (D) und Hoffmanns (H) drucken sind bei- 
gefugt. Der rest von 56% a und ganz 56% b sind leer, ebenso die 
zwölf lezten reihen von 24% b. 



318 PIPBB 

Die in meinem texte cursiv gedruckten buchstaben sind auflösun- 
gen von compendien der handschrift, und zwar sind es die gewöhnlichen: 
n und en durch strich über dem buchstaben bezeichnet, er = ' (vgl 
V. 5), pro = f (vgl. V. 5), ihrl'm = iherw/alem, vn(Ze = vfi, fp*ch = 
fprach (99. 537. 555 u. o.), grä = gratia (99), angFs = angelus (121), 
fpc res (122), scipies (125), 7 (125), dnl (157), Johes (174), d*n (175), 
tyrann^ (369), q'm (478), p (469), ihü (502, d*r (525), d'i (537), 
ew*ngliftam, tab^nacFa (662) usw. Zu beachten ist dass V stets ein.', 
G stets einen punkt am versschlusse hat; abweichungen sind von mir 
stets notiert. V unterscheidet ? und z, G nicht, beide unterscheiden 
f und s. Die anfangswörter der ungeraden verse beginnen in G mit 
majuskel; die verse sind abgesezt. 

Die Görlitzer handschrift umfasst s. 1* — 24' unsre gedichte, 
und 8. 24^ — 56^ a das sogenante evangelium Nicodemi. Das leztere 
gedieht wird ja von andrer seite ediert werden, und ich kann mich 
begnügen, auf die bemerkungen von Hoffmann, Keiffer (Marienlegen- 
den) , J. Haupt (Buch der Väter und Buch der Märtyrer) , Eeinsch und 
Wülcker zu verweisen. 

Bildliche darstellungen sind in diesem lezten teile nicht enthal- 
ten , wol aber im ersten. Da dieselben von nicht unbedeutendem Inter- 
esse sind, so habe ich sie photographisch vervielfältigen lassen und 
werde sie demnächst der öffentlichkeit übergeben. 

Bei dieser gelegenheit will ich noch einige streifen einer hand- 
schrift des 14. Jahrhunderts bekant geben, welche ebenfals stellen des 
evangeliums Nicodemi enthalten. Die Verweisungen gebe ich nach den 
stellen der Görlitzer handschrift, so dass man dieselben in einer künf- 
tigen ausgäbe des gedichtes leicht wird einordnen können. 

a. ein doppelblatt, zweispaltig: 
r, a (= 48', b, 27) 

Daz wir den tot gemeine t*ge 

Den noch faltu mir nie fage 
Wene der mefche iritirbet 

Daz daz vleifch vortirbet 
W^den lie denne zcu nichte 

r, b (= 48", a, 16) 

Des todes wirt vns nin 

Die feie uiel den felbe 
We lie dem vleifche n 

Durch des vleische 
Vü nam die groze v 



DIE GEDICHTE DES AVA 319 

V, a (= 48^ b, 5) 

Die feie zcu der helle 

In daz tife gevelle 
Do choufte fie got der gute 

vz mit fune blute 
Wan anders do nieht gefchö 
r, b (48% b, 24) 

Diz wort gelproche bete 

Do h' der werlde began 
Wir machö eins man 

Noch vnfem bilde geftalt 

Do h' die menfcheit fach 

gevalt 
2', a (= 46% a, 35) 

Leucius vn carine 

Jettweder die fchrift fine 
Gabe den iuden do 

Jofeph vn nichodemo 
Sie wäre wizer de ein fne 
2% a (= 46% a, 11) 

Merkz waz wir uch ha gelart 

Jdoch ir w'dz noch becart 
— ie Hein herte ir fiet 

zcu der iungeften zciet 
Do w'det ir blinden fehede 
2% b (= 46% b, 24) 

Vn I de geilte getoufet 

Do w*den fie denne mite 
Vö adams vber trite 

Gewafche vn gereinet 
Sie fprache durch got v*ei 
2% b (= 46% b, 1) 

In fine heiige phlege 
Do mite vure fie after we 

zcu berge l die luft ho | ge 
Die iude wurde vnvro 

vn fp'che alle befunder. 

b. ein streifen von einem und einem halben blatte: 
r, a (= 46% a, 7) 
Vn fo vor härtet 

Daz ir luzzil wartet 



320 PIPER, DIB OBDIOHTB DBB AVA 

r, b (= 46", a, 37) 

Waz ir ?tz hliat getan 
Wold ir des zcu ruwö fla 
r, c (== 48', b, 23) 
In dem i 
Stürben 
V, a (= 48^ b, 30) 
fune 

föne knechte 
V, b (= 46', a, 31) 

Vroude ober alle wüne 
Dir M mefchlich kOne 
V, c (= 46', b, 20) 
In dem yordane 

In de here namen drin. 

c. ein Schnitzel, wol zu b gehörig: 

r (= 48% a, 12) 
verboten fpife 

fcheppher im vor bot 
V (= 48% b, 1) 

Indem d* tot vorbor 
Des vleifches vfi 

d. streifen eines doppelblattes : 

1', a (= 46', a, 33) 
Diner ymmer mere 
Wen du bift lobebere 
1', b (46', b, 22) 

Die ein war got fin 

W de drillunt befoufet 
1% a (= 46% a, 9) 

An der wiffagen wort. 

Die ir vil dicke hat gehört 
r, h(= 46% a, 39) 

Ir muget es uch wol irholn 
Crifte muzet fin bevoln 
2% a (= 48', b, 25) 

Da vö hat vns ihus irlolt 
vn hade vns alfo vorboft 
2', b (= 48% a, 14) 

Vfi irarnte des vleifches 

Des alle die w'lt inkeldS m : : 



EMIL KETTNEB, ZUM ANNOLIED 821 

2^ a (= 48% b, 3) 

Daz vleifch zcu der erde 
Mufte wider werden 
2% b (= 48", b, 32) 

Vb* got irgen vö rechte 
We h' in liner ftete 
Die handschrift hatte alfo je 30 Zeilen auf einer spalte. 

ALTONA, DEN 14. MÄEZ 1881. P. PIPER. 



ZUM ANNOLIED. 



Die Untersuchungen, welche Wilmanns über das Annolied ange- 
stelt hat und welche er in dem kürzlich erschienenen zweiten hefte 
der „Beiträge zur Geschichte der älteren deutschen Literatur" ^ ver- 
öffentlicht, haben ihn zu mehreren neuen resultaten geführt, von 
denen die wichtigsten folgende sind: 1) In den dem Annolied und der 
Kaiserchronik gemeinsamen teilen ist das Annolied quelle der Kai- 
serchronik. Das Annolied hat diesen stoff zum grösseren teil einer den 
Gesta Trevirorum nah verwanten, aber älteren trierischen geschichte 
entnommen. Dieselbe quelle hatte auch der chronist noch neben dem 
Annolied als vorläge. 2) Nicht die uns erhaltene Yita Annonis, son- 
dern eine ältere und einfachere, die vorläge der unsrigen, ist die quelle 
des Annoliedes. 3) Die abfassung des Annoliedes fält in das jähr 1077 
oder 1078. 

In meinen „Untersuchungen über das Annolied", welche im 
IX. bände dieser Zeitschrift s. 257 — 337 erschienen sind, hatte sich 
mir dagegen folgendes ergeben. 1) Eine deutsche gereimte reichschro- 
nik ist vom dichter des Annoliedes wie vom Chronisten benuzt für die 
übereinstimmenden teile. 2) Die Vita Annonis, in der uns überliefer- 
ten form, ist die quelle des Annoliedes. 3) Das Annolied ist bald 
nach 1105 gedichtet. 

Es handelt sich also hier um differenzen, die sowol für die 
ästhetische beurteilung des Annoliedes , als auch für die anschauung 
von seiner litterargeschichtlichen Stellung und historischen bedeutung 
von Wichtigkeit sind. Daher fühle ich mich veranlasst, mich noch 
einmal mit diesem gegenständ zu beschäftigen. — Beginnen wir mit 

1) Beiträge zur geschichte der älteren deutschen litteratur. Herausg. von 
W. Wilmanns. Heft 2. tJber das Annolied. Bonn, Ed. Webers vorlag (Jul. Flitt- 
ner). 1886. 163 s. 8^ 8 m. 

ZBIT80HS. F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XIX.. 21 



322 EMIL KBTTNBB 

der prüfang des Verhältnisses des Annoliedes zur Kaiser- 
chronik. 

Wo in der früheren Untersuchung bei den übereinstimmenden 
oder sich ähnlichen stellen die ursprünglichkeit der fassung in frage 
kam, fiel die entscheidung fast überall zu gunsten des Annoliedes aus; 
nur an sehr wenigen stellen erwies sich die fassung der Kaiserchronik 
als bessere Überlieferung. Also ergab sich , dass beide aus der gleichen 
quelle geschöpft haben, diese vorläge aber am wenigsten verändert im 
Annoliede ist. 

Bei diesem ergebnis wird es nicht leicht sein, gegen die ansieht 
von Wilmanns viel gegengründe von durchschlagender ki-aft geltend zu 
machen. Ausserdem ist diese ansieht im algemeinen gut begründet; 
dass man in seiner argumentation dies oder jenes im einzelnen anfech- 
ten könte, komt im vergleich dazu wenig in betracht. 

Die Übereinstimmungen, welche er zwischen den Gesta Trevi- 
rorum und dem Annolied nachweist, sind höchst auffallend. Beide 
beginnen mit Ninus und Semiramis, die in den gesta innerlich, im lied 
nur äusserlich mit dem folgenden verbunden sind. In beiden werden, 
im lied allerdings noch weniger historisch, Caesars kämpfe besprochen, 
zuweilen mit fast wörtlicher Übereinstimmung, wie es z. b. im eingang 
der erzählung von Caesars kämpf um Trier in den gesta heisst: ubi 
per totum fere decennium in pugnando frustra laboravit — und von 
seiner Unterwerfung Deutschlands im Annolied 

273 da aribeiti Gesar, daa ist war, 
mer dan cm jhar, 
so her die meinstreinge man 
niconde nie heduingan. 

In dem einen herscht Trier über quinque urbes nobilissimas in 
ripa Beni fluminis constitutas, darunter auch Köln; in dem anderen 
steht Köln an der spitze von fünf Städten im Bheinlande, darunter 
auch Trier. Nach der erzählung von den kämpfen Caesars, nach der 
erwähnung des Augustus und Drusus bringen beide die legende von 
Eucharius, Valerius und Maternus. Dagegen fehlt dem Annolied die 
erzählung, welche die gesta im anschluss an Caes. bell. gall. V, 3, 4 
bringen. Erst 509 im zusanmienhang mit Augustus wird Trier über- 
haupt genant. Die Kaiserchronik hat einen jener erzählung der gesta 
entsprechenden, aber an allerlei entstellungen reichen bericht; dennoch 
sagt sie nachher noch einmal: Triere was ain burch alt 21, 5 ebenso 
wie im Annolied 509 , ebenso wie in diesem verbunden mit erwähnung 
der weinleitung, die die Trierer nach Köln hin ausführten. 



-ZUH ANNOLIED 323 

Mit keinem dichter des altertums zeigt das Annoiied mehr 
bekantschaft als mit Lukan , sowol im zweiten teil bei der Schilderung 
des grossen reichskrieges als im ersten in der darstellung von Caesars 
kämpf gegen Pompejus an stellen, die fast sämtlich beiden gedichten 
gemeinsam sind — „ein nicht zu unterschätzendes argument, dass der 
erste teil des Annoliedes nicht von einem anderen Verfasser ist als der 
zweite" (Wilm. s. 77). 

Dass das von Wilmanns dargelegte Verhältnis nicht geringe 
Wahrscheinlichkeit hat, wird niemand, der seinen ausführungen folgt, 
bestreiten. Aber dennoch muss man bei einer vergleichung der paral- 
lelstellen an der richtigkeit desselben zweifeln. 

Bedenken erregen die beiden abschnitte von 479 — 516, also 
gerade der teil, wo der dichter auch nach Wilmanns ansieht änderun- 
gen sich erlaubt hat. Den Zusammenhang in seiner vorläge, also der 
trierischen geschichte, hat er hier durchbrochen: „er hat die alte Verbin- 
dung gelöst, Köln zu ehren" (Wilm. s. 48). Diese absieht Köln zu ehren 
tritt an mehr als einer stelle dieser abschnitte ganz unverkenbar hervor, 
aber merkwürdigerweise bleibt der Chronist darin hinter dem dichter zu- 
rück, auch an stellen, die sonst stark übereinstimmen. Man könte sich 
damit abfinden, dass ein dichter, den Köln nicht hervorragend interessierte, 
an den stellen, die vom lobe Kölns handelten, einige abstriche machte. 
Aber Ursache zu Ungunsten Kölns zu ändern hatte der Chronist nicht; 
er war ja kein Trierer und zeichnet Köln an einer stelle ganz selb- 
ständig bedeutungsvoll aus: si zieret elliu frenkisMu laut sagt er 21, 12 
von der Stadt. Nun hatte er freilich nach Wilmanns noch eine latei- 
nische quelle, ebenfals die trierische geschichte, die ihn also möglicher- 
weise zu solchen änderungen angeregt hätte. Aber auch eine solche 
quelle zugegeben, so werden doch einen dichter, der es sich offenbar 
so bequem wie möglich machte, nicht kritische bedenken bewogen 
haben, wegen ganz unbedeutender differenzen die ihm vorliegenden 
verse umzudichten. Es ist also von vornherein das wahrscheinlichere, 
dass da, wo im Annolied die darstellung der umstände darauf berech- 
net ist, Köln hervorzuheben, der dichter des Annoliedes eine der Kai- 
serchronik entsprechende Überlieferung umgeändert hat. — Grössere 
auszeichnung Kölns im Annolied, geringere in der Kaiserchronik liegt 
nun vor von folgenden stellen. Von der gründung Kölns heisst es: 

Annol. 485 du wart gesant heirro Ägrippa, 
daz her diu lant birehta, 
daz her eini hurg worhte 
ci diUj daz in dad liuth vorte, 

21* 



324 EMIL KBTTNEB 

Kaiserchr. 21, 5 Ägrippa wart dö gesant, 

daz her ze Rine herihte daz lant, 
aine hurch worhte dö der herre 
Bomaeren ze eren. 

Nach dem Annolied ist die gründung Kölns der ausgesprochene 
zweck der sendung Agrippas, die Kaiserchronik weiss von einem ihm 
80 erteilten auftrage nichts. 

Über die weinsendung sagt das Annolied: 

514 den herrin dl ci minnin^ 
die ci Kolne wärin sedilhaft. 
vili michil was diu iri craß. 

Es erscheint hiernach , als ob die Überlegenheit der Kölner die Ursache 
jenes dienstes war. In der Kaiserchronik heisst es dagegen: 

21, 22 michel was der Bomaere chraft 

In Trier wie in Köln ist eine römische besatzung, die chronik rühmt 
die kraft der Bömer, die sich in solchen leistungen zeigt. Es sind 
dies stellen, wo wir wegen des Inhaltes genötigt sind, an dem eigent- 
lichen text festzuhalten, während man ja allerdings bei den anderen, 
die sonst gegen die abhängigkeit der Kaiserchronik von dem Annolied 
angeführt werden, wegen der eigentümlichen Überlieferung des Anno- 
liedes zu zweifeln berechtigt ist. 

Dass hier tendenziöse änderungen gemacht sind, wird bestätigt 
durch abweichungen anderer art. 

Die Kaiserchronik erzählt nicht nur an den eben besprochenen 
stellen, sondern schon nach dem bericht von der Unterwerfung der 
Franken die gründung von ßheinstädten durch Caesar, wie Wilmanns 
meint : das erste mal in Übereinstimmung mit der trierischen geschichte, 
das zweite mal in Übereinstimmung mit dem Annolied. (Wilm. s. 60.) 
Die Kaiserchronik hat nach ihm an jener stelle den alten Zusammen- 
hang bewahrt, den das Annolied aus dem angegebenen gründe gelöst 
hat. Wenn nun der Chronist an jener früheren stelle sich nach der 
trierischen geschichte gerichtet hat, woher hat er dann dort die namen 
der sedelhove? Am nächsten liegt die antwort: aus dieser trierischen 
geschichte. Aber dafür bieten die Gesta Trevirorum nicht den gering- 
sten anhält, denn nach diesen herschte Trier schon vor der herschaft 
der Eömer über fünf der edelsten Eheinstädte, darunter Mainz und 
Köln. Oder hat der Chronist die namen der sedelhove erfunden , indem 
er eine anzahl von Eheinstädten , die er für besonders alt hielt, unbe- 
denklich aufzählte? Wie solte er in diesem fall darauf kommen zu 
sagen, dass Caesar (d. h. Drusus) Mainz gründete und Mainz gegen- 



ZX7M ANNOLIED 325 

Über ein kastell, also rein zufallig eine richtige historische tatsache 
hineinzubringen, indem er noch Kastei anführt? Will man ihm wirk- 
lich so viel selbständige historische kentnisse zutrauen , so bereitet doch 
ein blick auf den text , den die beiden dichtungen an dieser über Mainz 
handelnden stelle bieten, neue Schwierigkeiten. 

Annol. 503 Meginza was du ein kastelj 
ir gemdrthe manig helit snel, 

Kaiserchr. 13, 2 Magenze ain stat gut 

Oppenhaim ir ze hüte, 
dö worhte der helt snel 
ingegen Magenze ain castel, 
ain bruke worht er da ubern Bin. 
wi mäht diu burch baz geztret sin. 

Das wort castel, mit Mainz zusammengestelt , kann offenbar ursprünglich 
nur bezeichnet haben die stadt Kastei , das castellum Drusi (Mattiacum), 
den brückenkopf von Mainz. Demnach ist die fassung des Annoliedes aus 
jenen versen der Kaiserchronik hervorgegangen. Denn man wird doch 
nicht umgekehrt glauben wollen , dass der Annodichter werte und reime 
so wählte, dass trotz der algemeinheit ihres inhaltes ein bearbeiter mit 
leichter änderung die angäbe einer speciellen historischen tatsache dar- 
aus machen konte. Hierzu kommt noch, dass die fassung des Anno- 
liedes auch an sich den eindruck macht, als ob sie durch änderung 
älterer verse entstanden wäre. Der zusatz iz gemerthe manic helit 
snel ist ziemlich nichtssagend und ausserdem genau derselben art wie 
der zu Colonia: da wärin sint herrin maniga 490, also auch an einer 
stelle , wo wir änderung älterer verse durch den dichter des Annoliedes 
annehmen musten. Die möglichkeit aber, dass die notiz der Kaiser- 
chronik nicht im Annolied gestanden, aber durch eine textverderbnis, 
bei welcher die verse in zwei zusammengezogen wurden, herausgestos- 
sen sei, ist hier gar nicht denkbar; denn was hätte das kleine Kastei 
zwischen den fünf grossen Eheinstädten Worms, Speier, Mainz, Metz, 
Trier gesolt? 

Diese Widersprüche gegen die ansieht von Wilmanns, die sich 
gerade aus denjenigen zwei abschnitten herleiten lassen, für welche 
ein zweifei an änderungen einer vorläge, welcher art sie auch gewesen 
sein mag, ganz ausgeschlossen ist, führen uns, so lange nicht eine 
lösung beigebracht werden kann, auf die ansieht von der benutzung 
einer gemeinsamen deutschen quelle zurück. 

Die quellennachweise , die Wilmanns beibringt, würden sich 
dann zum teil auf diese vorläge beziehen, auch die bekantschaft de8 



326 EMIL EETTNEB 

Annodichters mit jener trierischen geschichte würde sich damit vereini- 
gen lassen, ebenso wie sie auch beim Chronisten wol angenommen wer- 
den kann. Freilich gerade der abschnitt, der vorzugsweise für diese 
auf die Kaiserchronik bezügliche annähme entscheidend sein würde, die 
geschichte von der einnähme Triers, steht mit der voraufgehenden 
erzählung von der völligen Unterwerfung der Franken und der grün- 
dung der sedelhove in schlechtem zusammenhange und vermag bei der 
ziemlich konfusen darstellung, bei der barbarisierung der namen Indu- 
ciomarus, Cingetorix und Labienus in Dulzmar, Signator und Labian 
uns wenig von der direkten bekantschaft mit einer lateinischen geschichte 
überzeugen. Diese erzählung des Chronisten scheint eher auf eignen 
ungenauen kentnissen oder auf mündlichen mitteilungen eines anderen 
zu beruhen. Würde man dieses zugeben, so brauchte man auch an 
den Worten Triere was am burch alt keinen anstoss mehr zu nehmen. 

Was ferner Lukan betrift, so wäre es nicht so sehr auffallend, 
wenn ein gedieht, in welchem von der Pharsalusschlacht erzählt wird 
und hierbei stellen der Pharsalia zur Verwendung kommen, von einem 
anderen dichter benuzt wird, der ebenfals mit diesem dem mittelalter 
wol bekanten autor etwas vertraut ist. 

Von der planmässigkeit endlich, die Wilmanns für den ersten 
teil des liedes nachweist, ist in dem eigentlich chronikartigen abschnitt 
doch nicht viel wahrzunehmen. Der dichter sagt: Köln ist eine der 
hehrsten bürgen, es ist entstanden in der zeit der heidenschaft. Dies 
veranlasst ihn von der heidenschaft zu erzählen, über deren geschichte 
eine Übersicht zu geben , deren Charakter freilich sehr oft nicht gewahrt 
wird. Dabei geschieht auch einiger städtegründungen erwähnung: 
ausser der von Ninive und Babylon noch der von den trojanischen bei- 
den herrührenden im abschnitt 371 — 396 und später der gründungen 
des Caesar und Augustus, wo jedoch die Kaiserchronik sich reichhal- 
tiger zeigt. Sonst aber berichtet der dichter, nachdem er von Ninus 
und Semiramis gehandelt, mit Zugrundelegung des traumes Daniels^ 

1) Der träum Daniels ist für die poetische behandlung der yier weitreiche 
ganz geeignet und unzweifelhaft ein beliebtes bild für dieselben gewesen. Deshalb 
ist seine einfügung hier gerechtfertigt. Er schliesst sich auch gar nicht so schlecht, 
wie Vi/'ilmanns meint (s. 47) , an das vorhergehende an ; denn mit der Zerstörung 
Jerusalems durch die Chaldaoer, also durch Nebukadnezar, steht der in den ddm 
(175), d. h. unter der regierung seines sohnes Belsazar, geschehene träum im 
natürlichen zusammenhange. Bei der besprechung des das Eömerreich bezeichnen- 
den ebers verursacht die deutung des einen homes auf den antichrist eine kleine 
absch weifung ; sonst aber ist nichts daran auszusetzen, dass der dichter nach der 
deutung des tieres und seiner eigenschaften auf den römischen senat, als den eigent- 
lichen Inhaber der regierungsgewalt im republikanischen Bomerreich übergeht. 



ZOM ANNOLIED 327 

von den aufeinanderfolgenden weitreichen der Babylonier, der Perser, 
der Griechen, der Eömer, geht weiter zu den deutschen stammen, 
erklärt, so weit es ihm möglich, ihre namen, erzählt von ihrer her- 
kunft, auch von ihrem Zusammenhang mit den Griechen, von ihren 
beziehungen zu den trojanischen helden, schliesslich von ihrer einver- 
leibung in das Kömerreich. Auch hierbei verfährt er nichts weniger 
als planmässig. Ganz unmotiviert komt er z. b. auf einzelne abenteuer 
Alexanders, auf Ulixes, auf die Cyklopen zu sprechen. Dass er viel 
eingehender als von den übrigen reichen von dem römischen handelt, 
dass unter den kriegen der Eömer mit fremden Völkern nur die mit 
den Deutschen ausführlicher dargestelt sind (Wilm. s. 8), werden wir 
ganz Jjegreiflich finden, wenn wir als seine quelle eine reichschronik 
voraussetzen , die wie so oft auctf die lateinischen Chroniken eine welt- 
geschichtliche einleitung hatte. Dagegen teilt der dichter von den Pran- 
ken weniger mit als von den anderen deutschen stammen (vgl. Wilm. 
s. 36), das meiste, was er in den sie behandelnden abschnitten sagt, 
bezieht sich auf homerische und virgilische helden ; dass er bei der 
erwähnung von Troia nicht unterlässt auch von diesen etwas mitzutei- 
len, ist durchaus dem Charakter dieser ganzen darstellung angemessen. 

Die ausfährlichkeit in der behandlung und die häufigen abschwei- 
fungen lassen es als näher liegend erscheinen, dass der dichter einen 
ihm dargebotenen stoflF ohne grosse änderungen aufnahm, als dass er 
sich aus kompendien, aus Hieronymus, Isidor, Virgil, Servius, aus 
lateinischen Chroniken oder ähnlichen werken die von ihm für brauch- 
bar erachteten notizen sammelte. 

Von grösserer bedeutung als diese frage , für deren eingehendere 
prüftmg mir nicht das erforderliche material zu geböte steht, ist die 
andere nach dem Verhältnis des Annoliedes zur Vita Annonis. 
Ihre beantwortung gibt uns aufschluss über die zeit, der das Annolied 
angehört, wie über seinen wert als historisches denkmal. 

Das werk des Siegberger mönches (MG. SS. XI, 462 — 514) ist 
eine tendenzschrift , die den nachweis führen soll, dass der Stifter des 
klosters, dem der Verfasser angehört, würdig sei unter die zahl der 
heiligen aufgenommen zu werden. Mönchischer geist verleugnet sich 
nirgends in der auffassung. Der held ist zu einem mönchischen ideal 
geworden; alles was für das Vorhandensein solcher mönchischen tugen- 
den dem Verfasser zu zeugen schien, ist sorgßLltigst zusammengetragen; 
alles was als zeugnis von beweisen göttlicher gnade , von wundern und 
prophezeihungen benuzt werden konte, ist reichlich ausgebeutet wor- 
den. Dagegen herscht nach Wilmanns im liede „ein ganz anderer 
geist'', „und selbst wenn man der rücksicht auf den verschiedenen 



328 EMIL KETTNEB 

leserkreis den bedeutendsten einfluss beimessen möchte, würde sich der 
tiefwurzelnde gegensatz nicht begreifen lassen." (Wilm. s. 90.) 

Worin besteht nun dieser tiefwurzelnde gegensatz? Zunächst 
würdigt das lied auch Annos weltliche bedeutung, d. h. es sagt einmal 

599 als ein lewo saz her vur din vtmstin 

und ein andermal 

629 Vili seltdiche diz riche cdliz stunt^ 

du dis girihtis plag der heirre gut^ 
633 wilich rihtere her were, 

daz quam wUini mere: 

van Griechin unt Engdantin 

die Mninge imi gebt santin. 

so dedde man von DenemarMn, 

von Vlanterin unti Riuzilanti. 

Ausserdem erwähnt das lied nichts von Annos prophezeihungen 
und Wundertaten, die er bei seinen lebzeiten volbrachte — es fasst 
also, wie Wilmanns meint, den lebenden Anno durchaus als menschen 
auf. — Im übrigen aber schildert auch das lied Anno vorzugsweise als 
einen unvergleichlichen geistlichen, hebt weit mehr als all sein anderes 
tun seine „im kleinen und einzelnen wirtende barmherzigkeit" (Wilm. 
s. 65) hervor. 

Fassen wir, um hier einen festen Standpunkt zu gewinnen, zu- 
nächst die persönlichkeit des Verfassers des liedes ins äuge und fragen, 
was er mit seinem liede beabsichtigte. 

Mag man dem Annolied als dichtung einen nur relativen oder 
einen absoluten wert zusprechen, man wird nicht leugnen, dass sein 
Verfasser poetische anläge hat. Als dichter unterscheidet er sich sehr 
wesentlich vom biographen. Auf detail konte er sich nicht viel ein- 
lassen, nach gesichtspunkten zusammenfassend zu veralgemeinem und 
so das bedeutungsvolste zur Wirkung gelangen zu lassen muste sein 
bestreben sein. Auch gestattete er sich zuweilen abweichungen aus 
ästhetischen gründen (s. z. b. Wilm. s. 79 zu v. 754 fg.). Weiter ist 
bei ihm, der wol auch ein Siegberger mönch oder sicher ein dem klo- 
ster sehr nahestehender geistlicher war und als solcher einen panegy- 
rikus auf Anno schrieb, ein tieferes Interesse für den gefeierten vor- 
auszusetzen; vieles, was zu dessen rühme beitrug, wird er gehört und 
sich angeeignet, auch wol in seiner phantasie noch erweitert haben. 
Es kann uns schon deshalb gar nicht wundern, wenn er manches 
freier, ja selbst mit etwas grösserer Übertreibung als der biograph 
behandelt. 



ZUM ANNOLIED 329 

Ist nun aber der zweck des liedes derselbe wie der der Vita? 
Der biograph will den gelehrten klerus mit hilfe eines sehr umfang- 
reichen beweismaterials von der heiligkeit Annos überzeugen, wobei er 
sogar zuweilen die rolle des apologeten übernimt, er bemüht sich mit 
der kritik sich auseinanderzusetzen oder ihren etwaigen angriffen vor- 
zubeugen, bei besonders bedenklichen fällen beruft er sich auf das 
Zeugnis seiner brüder oder seines abtes. 

Das lied wendet sich gleich in seinem eingang an das volk: 

Wir hörten ie diTike singen 

von (Uten dingen^ 

wi snelle helide vuhten, 

wi si veste bürge brechen, 

wi sich liebiu winiscefle schieden^ 

wi riche Mnige al segiengen, 

„Wendet euch ab von den alten weltlichen gesängen, die nur 
von kämpf, hass und Zerstörung melden, wendet euch dem himlischen 
zu, an das ihr wider gemahnt seid durch die zeichen, die Christ durch 
seinen heiligen , den bischof Anno getan hat !" Dadurch wird sogleich 
die tendenz des liedes als eine erbauliche, sein Charakter als ein 
religiöser bezeichnet. Und nachdem der dichter glücklich bei seinem 
helden angelangt ist, spricht er sich noch einmal ganz bestimt über 
den zweck aus: 

575 Den vili tiurltchen man 

müge wir nu ci bispili havin, 

den als ein spiegil anesin. 

die tugint unti wärheiti wollen plegin. 

Der heilige Anno soll uns für unser leben ein vorbild sein, ein 
Vorbild in seinem gleich gerechten wandel vor gott und den menschen, 
in seinem Charakter und in seinem wirken, in seinen prüfungen und 
leiden (die mit denen Christi verglichen werden 671). Folgen wir 
getreulich diesem vorbilde, so lohnt uns der heilige reichlich mit der 
wunderbaren macht, die ihm der gütige gott zu unserem ewigen heile 
verliehen hat. 

Indem der dichter uns Anno in diesem sinne darstelt, hat er 
nicht nötig uns erst noch zu beweisen, dass Anno ein heiliger ist; er 
sezt voraus, dass niemand daran zweifelt. Als leuchtendes Sieben- 
gestirn stehen uns die heiligen kölnischen bischöfe da und Annos stern 
ist der helste darin: 

573 untir df' andere bräht er stnen schtm^ 
alsi der jächant in diz gMini vingerlin. 



330 EMIL EETTNEB 

Liesse man sich allein durch diese verschiedene auffassnng 
bestimmen, so würde man der Vita in bezug auf das alter die erste, 
dem liede die zweite stelle anweisen müssen. Aber Wilmanns führt 
verschiedene gründe an, aus denen er das entgegengesezte Verhältnis 
folgert. 

Im liede tritt, um mit dem äusserlichsten zu beginnen, die 
disposition deutlicher hervor als in der Vita. Dies ist insofern rich- 
tig, als in der Vita die fülle des stoflFes öfter die Übersicht hindert, 
die disposition verwischt und den Verfasser zu abschweifungen veran- 
lasst, wogegen sie im liede in folge der beschränkung und eines dem 
dichter nicht abzusprechenden geschickes wider durchsichtiger wird. 
Im algemeinen läuft die disposition der Vita der des liedes parallel. 
Eine besonders charakteristische durchbrechung einer älteren anordnung 
des Stoffes findet Wilmanns in der abweichung, welche die Vita im 
vergleich zu Annol. 599 und 629 fg. zeigt. Die erstere der zwei stel- 
len, die schon citierte als ein lewo saz her vur din vuristin steht im 
zusammenhange mit angaben, welche sich an Vital, 7 anschliessen. 
Nach dem Wortlaut von 599 zu urteilen, müste in der von beiden Ver- 
fassern benuzten älteren Vita hier Annos auftreten in einer fürstenver- 
samlung oder dergleichen geschildert gewesen sein, ein zug, der dem 
mönchischen biographen nicht recht gefiel und den er deshalb I, 16 
„möglichst unter werken der frömmigkeit und demut versteckte und 
nur als äusseren schein gelten liess." (Wilm. s. 69.) Ich wüste nicht» 
was uns hindern solte, die bei Wilmanns angegebenen stellen aus I, 2 
und 1,5, zusammen mit der erzählung von Annos auftreten vor Hein- 
rich III (I, 6) für den grund jener Charakteristik anzusehen, wobei 
man ja immerhin auch eine berücksichtigung von I, 16 zugeben kann. 
Der ausdruck als ein lewo saz her vur din vuristin verlangt nicht die 
Voraussetzung einer entsprechenden längeren Schilderung, er ist moti- 
viert durch die Präzision der antithese als ein lamh gtnc her untir 
diurftigin 600. Ausserdem ist noch in betracht zu ziehen, dass die 
Vita sich auf eine zusammenhängende gedrängte Charakteristik nicht 
einlässt, sondern nur bei gelegenheit das charakteristische hervorhebt 

Im Zusammenhang hiermit lässt sich auch die zweite stelle 
629 fg. erledigen. Wir müssen jedoch hierzu uns zuvor die disposition 
in der Vita vor äugen halten. Der hauptgesichtspunkt für den biogra- 
phen in 1 , 2 — 7 ist Annos gleich gewissenhafte erfüllung seiner pflich- 
ten gegen gott und die menschen. Dann geht er über ad vitae ejus 
instituta describenda , was der dichter durch m sini siddi wärin gidän 
bezeichnet und wofür er nun eine kurze, gedrängte Charakteristik fol- 
gen lässt. Der biograph spricht nach einander von Annos predigt 



ZUH ANNOLIED 331 

(cap. 8), von seinen werken der barmherzigkeit (cap. 8 — 11), von sei- 
nem bischöflichen gericht (cap. 12), von seiner kirchlichen disciplin 
(cap. 13. 14). Hierauf handelt er über Annos Verdienste um seine 
diözese/ nämlich über die bereicherung der diözese (vgl. auch cap. 4) 
und über seine Stiftungen von Mrchen und klöstern (cap. 15 — 28). 
Daran anknüpfend berichtet er von den Anno hieraus erwachsenden 
ehren (cap. 29. 30) und mühen (innumerabiles pro aecclesia sudores etc. 
cap. 31 fg.). Zu jenen ehren rechnet er ganz besonders die geschenke, 
welche Anno von fremden Völkern erhielt. Diesem abschnitt der Vita 
nun, der von Annos Verdiensten um seine Mrche handelt, entspricht 
im liede der abschnitt 629 — 644. Wilmanns fasst den Inhalt dessel- 
ben zusammen unter dem thema: Anno als Mrchenfürst (Wilm. s. 71). 
Man kann das gelten lassen. Freilich scheint mir diese auffassung mit 
ihrer Vermischung des geistlichen und weltlichen dementes etwas mo- 
dern , und ich zweifle , ob der dichter auf den reichsregenten , den meh- 
rer der diözese,* den Stifter der klöster diesen begriflF angewendet haben 
würde. Enger ist jedenfals der Zusammenhang in der Vita, und hätte 
der dichter die beziehung beibehalten, welche in ihr die geschenke 
haben, so würde das ganze stück von 605 an bis 644 unter einen 
hauptgesichtspunkt fallen, indem es dann nur von Annos geistlicher 
tätigkeit handeln würde. 

Die eben besprochenen stellen sind es auch , welche eine abwei- 
chung von der durch die Vita überlieferten Charakteristik Annos 
enthalten. Schon der vergleich der Vita und des liedes in bezug auf 
die disposition muss uns an der Originalität der stellen 599 und 629 fg. 
bedenklich machen , noch mehr aber der vergleich der beiden werke in 
bezug auf ihren zweck. Auch eine ältere Vita, die von Siegberger 
mönchen, inspiriert vom abte Keginhard, verfasst war, konte nur den 
zweck verfolgen, dem gelehrten klerus die heiligkeit Annos zu bewei- 
sen und würde daher in demselben geiste wie die uns vorliegende 
geschrieben gewesen sein. Auch für eine solche waren notizen über 
Annos auftreten als weltlicher herscher nur von sekundärem wert. 

1) Hactenus nobis in descriptione vitae vel morum Deo dilecti pontificis occu- 
patis , jam tempus est aperire , qualiter quantumque per enm profecerit in angmento 
divinae servitutis aecclesia Coloniensis etc. Schluss von cap. 14. 

2) Wilmanns bezieht die werte manig eigin her ci Kolni gewan 639 fälsch- 
lich auf Annos persönlichen reichtum, in solchem sinne würden sie kein lob ent- 
halten und daher in das lied gar nicht hineinpassen; gemeint kann nur sein, was 
die Vita nach Lambert in cap. 4 sagt : ex quo Colonia fundata est , unius nunquam 
episcopi studio . . . tantum opes et gloriam crevisse Coloniensis aecclesiae — und 
cap. 19 erzählt die Vita, wie Anno den pfalzgrafen Heinrich zwang Siegberg dem 
erzbistum abzutreten. 



332 EIOL KBTTNEB 

Anders stelt sich dazu das lied. Anno soll dem volke ein vorbild in 
jeder beziehung sein; dass er trotz, seiner mönchischen demut es yer- 
stand wie ein könig im reiche zu walten, dass er die grösten welt- 
lichen aufgaben mit kraft und ehre ausführte, muste hervorgehoben 
werden, wenn er dem volke als ein imponierendes vorbild erschei- 
nen solte. 

Weiter können wir, wenn wir den zweck des liedes recht fest- 
halten, es nicht auffallend finden, dass der dichter nichts von Annes 
wundern und prophezeihungen erwähnte. Irgendwelche beweise für seine 
heiligkeit bedurfte er nicht , vorbildliches aber liegt in jener gnadengabe 
gottes nicht, und mitteilungen über dieselbe passten daher auch nicht 
in den rahmen des liedes. Hatte er ja doch noch viel grössere beweise 
für die herrlichkeit seines heiligen. 

Drei erzählungen enthält das Annolied in seinem zweiten teile. 
Die erzählung von der vision Annes 695 — 710 entspricht der darstel- 
lung der Vita n, 24; die erzählung vom träum Annos 711 — 756 folgt 
ziemlich genau der Vita ü, 25, die hier nach einer kurzen selbstän- 
digen Zeitangabe in ihrem bericht völlig mit Lambert übereinstimt. 
Aus beiden geschichten erfahren wir, wie bereits dem lebenden inmit- 
ten seiner leiden göttliche Verkündigungen der künftigen herrlichkeit 
ZU teil wurden ; gerade dadurch erhalten die prüfungen und leiden 
Annos, von denen der dichter erzählt, erst die rechte beleuchtung. 
Die dritte erzählung 787 — 850, die von einer Wundertat des verstor- 
benen Anno berichtet, stimt mit Vita III, 24 überein; über ihre bedeu- 
tung wird später zu reden sein. In der erzählung von dem träume 
geht Anno die erkentnis seiner schuld nach dem dichter von selbst 
auf, wird nicht wie in der Vita erst durch einen anderen geweckt, 
gewiss „eine sachlich unbedeutende, aber poetisch sehr v^irksame 
änderung" (Wilm. s. 79), die Anno in einem noch günstigeren lichte 
erscheinen lässt. Freier wie hier und zum teil veralgemeinernd 
bewegt sich der dichter der Vita gegenüber in der erzählung von der 
Vision. So bestirnt er nicht näher den ort derselben, die nach der 
Vita Anno bei seiner rückkehr von Saalfeld zwischen Hersfeld und 
Siegberg hatte , sondern spricht nur im algemeinen von einer reise nach 
Saalfeld; den namen Siegbergs, der in der Vita nur ganz nebenbei 
erwähnt wird, auch noch anzubringen, war für ihn in anbetracht sei- 
nes Publikums von untergeordneter Wichtigkeit ; oder vielleicht bemerkte 
er ihn gar nicht, da er wusste, dass das ereignis nichts mit Siegberg 
zu tun hatte, und achtete nur auf die im eingang stehenden werte 
Salevelt devenit, die er mit her reit ci Scdevelt in Dtmnge lant wider- 
gab. Ein grösserer unterschied von dem bericht der Vita liegt sonst 



ZUM ANNOLIED 333 

nur darin, dass er Anno bei dei der vision so schwer werden lässt, 
dass man sechzehn rosse vor seinen wagen spannen muss — er hatte 
es eben mit einem unkritischen publikum zu tun, bei dem er solche 
vergröberungen anbringen durfte und dem auch wol mit solchen sachen 
gedient war. Den drei mönchen, welche der abt Anno zur beichte 
und zur besprechung über die Ordnung seiner angelegenheiten sendet, 
macht er nur algemeine mitteilungen über den Charakter der vision, 
die kaum hinausgehen über die werte des liedes 699 fg. 703 fg. Was 
er im einzelnen sah, erfahren weder sie noch sonst ein mensch in der 
weit (nicheimmo weriltUchtm manne 702): Nee poterat uUa precan- 
tium (d. h. der drei mönche) importunitate in hoc adduci, ut eorum 
quae viderat, vel minimum eis communicaret , hoc solum ad omnem 
inquisitionem eorum dolens praetulit: Vae, vae misero mundo, vae 
misero mundo! Es ist also gar nicht davon die rede, „dass drei Sieg- 
berger mönchen doch diese gnade zu teil wurde" (Wilm. s. 79), auch 
etwas von dem gegenständ der vision zu erfahren. 

Wesentlich freier ist die erzählung des wunders gehalten, das 
an Yollbrecht geschah. Jedenfals war diese geschichte unter den mön- 
chen, die Anno verehrten, mehr als alle anderen bekant, und schon 
deshalb brauchte sich der dichter, wenn er auch den bericht der Vita 
vor sich hatte, nicht so ängstlich an diesen zu halten. Ausserdem 
hätte es schon einer grösseren aufmerksamkeit bedurft, diesem weit 
ausgesponnenen bericht immer treu zu bleiben. Auch hier erzählt er, 
da er nicht die kritik zu scheuen hatte, mit viel mehr Sorglosigkeit 
und Unbefangenheit als der biograph. Durch eine abweichende auflfas- 
sung Vollbrechts hat die erzählung ein höheres poetisches Interesse 
erhalten.^ Der Vollbrecht der Vita ist von vornherein ein verwor- 
fenes Subjekt, ein homo nequissimus wie ihn die Vita nent, der in 
einem plötzlichen wutanfall den teufel anruft. Im liede dagegen 
erscheint er nur als unseliger verblendeter, als ein vili tumber man, 
„in dem der entschluss, sich dem schütze des teufeis zu vertrauen, 
erst almählich reift und dann eines abends in der einsamkeit zur 
ausführung komt" (Wilm. s. 85). Während er in der Vita wenig Inter- 
esse erweckt, vermag er im lied ein gewisses mitleid zu erregen — 
offenbar ein zeichen für die ursprünglichkeit des berichtes der Vita 
gegenüber dem des Annoliedes , nicht umgekehrt, wie Wilmanns meint. 

Ausserdem sind es noch zwei punkte von grösserer Wichtigkeit, 
die nach Wilmanns in dieser erzählung für die ursprünglichkeit des 
liedes beweisend sein sollen. „Nach dem liede geht die heilung in 

1) Dieselbe erscheinung wie 753 fg. 



334 EMIL KSTTNBB 

einer kirche unter dem beistand von pfaffen vor sieb, nacb der Tita 
auf freiem felde" — die pfaflfen verhalten sich passiv dabei (Wilm. 
s. 81. 83). Das erstere ist eben das natürlichere , das zweite hätte 
einer besonderen motivierung bedurft; die störend gewirkt hätte. Nach 
der Vita war ferner „aus der ganzen gegend das volk zusammengeströmt 
und hatte durch seine fürbitte die heilung bewirkt. Aber das lied 
weiss von dieser menge gar nichts.^ Ich finde hier keinen wesentlichen 
unterschied, denn auch im Annolied heisst es: 

835 harti irquämin si sich des iibiralj 
si hedditin ci gote in crücestcd. 

Verschieden im lied und in der Yit-a ist die Stellung dieses wan- 
ders in der Ökonomie des ganzen. Dem biographen ist es als das 
gröste wunder der schlagendste beweis für die heiligkeit Annes; jedem 
zweifei an diesem wunder sucht er sorgfältig entgegenzuarbeiten. Dem 
dichter ist es das glänzendste Zeugnis von der macht des heiligen Anno, 
der strafen und lohnen kann, und hierdurch uns alle zum himmel lei- 
tet (vgl. auch 771 fg.), als ein Werkzeug des gütigen gottes, der uns 
durch seine holden in sein schönes paradies emporzieht. 

Wer nach diesen auseinandersetzungen anerkent, dass die abwei- 
chuBgen des Annoliedes von der Tita in dem Charakter und dem plan 
der dichtung sowie in algemeinen poetischen rücksichten ihren grund 
haben, wird nicht mehr die annähme einer älteren Vita als vorläge für 
das lied verlangen und zugeben, dass die Vita vom jähre 1105 vom 
dichter benuzt ist. 

Hiermit wird auch die Zeitbestimmung hinfällig, welche 
Wilmanns für das Annolied aufstelt, die ansetzung seiner abfassung in 
das jähr 1077 oder 1078. Versuchen wir jedoch, ob sich die frage 
nach der abfassungszeit nicht unabhängig von der bisherigen Unter- 
suchung beantworten lässt. Dieser versuch wird vielleicht am besten 
gelingen, wenn wir die frage dahin präzisieren: welche anschauung hat 
der dichter, welche hat der biograph von den Zeitverhältnissen, in 
denen Anno lebte? Wer zeigt hier die grössere historische treue? 

Hier kommen in betracht die stellen , an denen der dichter von 
Annos regentschaft und seinem Verhältnis zu den nachbarreichen , so- 
dann von dem reichskrieg, den er erlebte, redet. 

Wenn der dichter den zustand des reiches unter Annos regent- 
schaft als vili seltcliche 629 bezeichnet, so kann man diese auffassung, 
obgleich sie den Verhältnissen nicht entspricht, berechtigt finden bei 
jemandem, dem die späteren traurigen Zeiten vorschwebten. 

Über die geschenke, die Anno von fremden fürsten erhielt (An- 
noL 633 — 638. Vita I, 30), habe ich bereits in der früheren abband- 



ZTTM ANNOLIBD 395 

lang (bd. IX s. 260 fg. 300 fg.) eingehender gesprochen , so dass ich 
mich hier kurz fassen kann. Das lied berichtet von geschenken aus 
Dänemark, England, Flandern, Griechenland, Bassland; die Vita spricht 
von Dänemark, England, Oriechenland , Polen. Den geschenken, wel- 
che Anno von Dänemark und England erhielt, liegt nach der Tita eine 
freundschaft mit den königen zu gründe , die entweder persönlicher oder 
diplomatischer natur ist ; die griechischen geschenke haben den Charakter 
von offiziellen ehrengaben für Anno als den herren der gesanten , welche 
er selbst an den griechischen kaiser geschickt hat ; nur die aus Deutsch- 
land stammende königin von Polen, welche Anno Saalfeld übergab, 
hat ihn aus hochachtung besucht. Gegen diese angaben lässt sich 
schwerlich etwas wesentliches einwenden. Dagegen hat man allen grund 
der mitteilung des liedes über die geschenke aus Bussland die glaub- 
würdigkeit abzusprechen. Naiver erscheint eS; wenn das lied diese 
geschenke aus dem eindruck erklärt, den Annos vorzügliche reichsver- 
waltung in fremden ländern machte; während die Yita bei den mei- 
sten dieser Schenkungen ganz spezielle motive angibt. Der bericht der 
Yita über diesen gegenständ ist unbestreitbar historischer gehalten als 
der des liedes. 

Über die ein Wirkung, welche der krieg auf den schon kranken 
Anno ausübte , sagt Lambert (SS. V, 239) und mit ihm die Yita 11, 20, 
nachdem beide auf das thema der von gott an seinem auserwählten 
volzogeuen läuterung gekommen sind: Primum, meto hello Saxo- 
nicO; fratrem ejus Wecel Magadaburgensem archiepiscopum , et conso- 
brinum ejus Bucconem Haiberstadensem episcopum, tempestas invol- 
vit gravissimae persecutionis. Contra hos cum non satis impigre regi, 
tocius Saxonicae gentis exterminium anhelanti, opem ferret, naturae 
profecto legibus et carnali affectione inhibitus, invisus ei suspectusque 
efiicitur , perjurii ac pei-fidiae insimulatur. Der biograph fügt noch eine 
ganz kurze bemerkung hinzu, dann folgt bei beiden der aufstand der 
Kölner (Yitall, 21). Der biograph komt aber sehr bald wider auf 
den krieg zu sprechen ü, 23: Ad omuem autem doloris et moeroris 
plenitudinem illa novae confusionis miseria, quae per omnes angulos 
regni se dilatare jam incipiebat, tanto acerbius cordis ejus intima teti- 
git , quanto res ad generale totius aecclesiae discrimen spectabat. Nam 
feritate barbarica confligentibus inter se Francis et Saxonibus, 
immiscebant se fide dubia nunc bis nunc illis Suebi gensque Baioa- 
riorum^ fiebantque caedes, incendia simul et rapinae per omne 
regnum Teutonicum. Darauf folgt eine betrachtung über das ver- 
derbliche des hiermit verbundenen streites zwischen dem papste und 
dem könige, und hieran schliesst sich: His angoribus vir, cui nil Deo 



836 BMIL EETTNXB 

carius, adeo coartatus et excoctus undiqiie ut etiam taederet eum 
vivere. 

Hierzu vergleiche man nun aus dem Annolied den abschnitt 
673 — 694 : Dar nah ving sich ane der ubäe strit, 

des mantg man vtrlös den liph, 

d& demi vierden Heinriche 

virworrin wart die riche. 

morthy roub unti brant 

civüriin hirichin unti lant, 

van Tenemarc uns in Äpuliam, 

van Kerlingin uns an Ungerin. 

den nitnan nimohte widir sten, 

dbi si wdtin mit trüwin unsamit gen, 

die stiftin heriverte groze 

widir nevin unti hüsgenoze, 

diz riche allig bikerte sin gewefine 

in sin eigin inädere^ 

mit siginunftUcher ceswe 

ubirwant iz sich selbe, 

dcus di gidoußin lichamin 

umbigravin ciworfin lagin 

d äse den bellindin, 

den grawin waUhundin, 

du dag ni truite Us&nen Seint Änno^ 

du bidroz üne lebin längere. 
Ich habe den Wortlaut der drei berichte zusammengestelt , um 
ihre yergleichung zu erleichtern. Nach derselben dürfen wir nur den 
ersten, den Lambert gibt, als den zeitverhältnissen entsprechend, also 
als historisch richtig bezeichnen. Es kann sich, wenn der krieg in 
irgend einer beziehung zu Annes Leben stehen soll^ nur handeln um 
ein bellum Saxonicum, d. h. um die grosse reichsexekution , die Hein- 
rich lY im jähre 1075 gegen die Sachsen durchsezte und zu der ein 
algemeines reichsheer von seltener stärke aufgeboten wurde. Der krieg 
wurde entschieden durch den sieg Heinrichs bei Homburg an der ünstrut 
am 9. juni 1075, im october erfolgte die Unterwerfung der Sachsen, 
Anno starb am 4. december dieses Jahres. 

Der biograph nimt zwar die obige notiz Lamberts auf, ist sich 
aber nicht im klaren, dass Anno nur den Sachsenkrieg erlebt hat; 
denn er lässt auch noch in seine zeit den grossen reichskrieg fallen , wie 
er erst nach der wähl Rudolfs 1077 entbrante. Auch über diesen zeigt 
er sich nicht näher unterrichtet , er weiss nur , dass der kämpf zwischen 



ZUM ANNOLIED 33? 

könig und papst mit ihm zusammenhängt, und so schildert or ihn 
denn im algemeinen als ein bellum omnium contra omnes , in phraseo- 
logischen Wendungen lässt er die vier deutschen hauptstämme auf ein- 
ander losschlagen. 

Der dichter sagt von einem Sachsenkriege überhaupt nichts. 
Wie nah zwei der angesehensten sächsischen fürsten seinem heiligen 
standen, scheint er nicht einmal in der Vita gelesen zu haben, in wie 
freundlichen beziehungen sich ebenderselbe zu den Sachsen befunden 
hatte, scheint er gar nicht erfahren zu haben. Denn höchst auffallend 
ist das wegwerfende urteil, das er im ersten teil über die Sachsen 
ausspricht. Während er bei jedem der anderen stamme mehrere rühm- 
liche eigenschaften aufweist und zugleich zeigt, wie tapfer sie gegen 
Caesar kämpften, hebt er bei den Sachsen nur ihren wankelmut und 
ihre treulosigkeit hervor, die ihnen aber im kämpf gegen Caesar 
schliesslich doch nichts half. Ein Verehrer Annos, der zugleich sein 
Zeitgenosse war oder überhaupt etwas mehr von ihm wusste als einige 
möncliische exercitien oder ein paar alberne wundergeschichten , hätte 
dessen freunde sicher nicht so geringschätzig behandelt, auch nicht 
ein derartiges urteil eines anderen zu dem seinigen gemacht. Der 
Sachsenkrieg ist bei ihm völlig zusammengeflossen mit dem grossen 
bürgerkriege , und in dessen darstoUung zeigt sich der dichter durch- 
aus unselbständig, abhängig vom biographen; nur statt des regnum 
Teutonicum und der vier stamme gibt er die vier grenzländer im nor- 
den und Süden, im westen und Osten des Imperium Bomanum an, und 
nicht bloss die stamme wie in der Vita, auch die nächsten verwanten 
kämpfen mörderisch gegen einander. Erst in den ereignissen der acht- 
ziger jähre wird man einen dieser Schilderung entsprechenden zustand 
finden. 

Angesichts dieser darstellung des krieges wird jeder zugeben 
müssen, dass der dichter jenen begebenheiten , welche Anno erlebt, 
mindestens ebenso fern stand wie der biograph, dass also die Zeit- 
bestimmung, welche Wihnanns für das Annolied aufstelt, das jähr 
1077 oder 1078 falsch ist, und dass die abfassungszeit des liedes viel 
später angesezt werden muss. Und ich wüste nicht, was uns liindern 
solte, anzunehmen, dass das lied bald nach 1105, in welchem jähre 
die Vita vollendet wurde, entstanden ist. 

Es bleibt nun allein noch die stelle zu erwägen, wo der dich- 
ter von Mainz sagt: 

505 da ist nü dere küningc wichtümy 
dis iiaJbis senitstul. 

SRITHCIIK. F. DKUT80HK PlIILOLOOIB. BD. XIX 22 



338 EMIL KBTTNBB, ZUM ANNOLIED 

Diese angäbe muss unzweifelhaft auf die zeit des dichters passen. Denn, 
auch wenn man eine ältere reimchronik als vorläge für diesen abschnitt 
annimt und jene bemerkung schon in diese hinaufrücken will, so behielt 
sie der dichter doch nur dann bei, wenn sie auch noch für seine zeit 
galt. Doch ist, da gerade in dem diese bemerkung enthaltenden 
abschnitt der Annodichter seiner vorläge gegenüber freier verfährt als 
an anderen stellen; es das wahrscheinlichste; dass sie vom dichter 
selbst stammt. Die weihungen der lezten zeiten waren die Rudolfs 
1077 zu Mainz ; Konrads 1087 zu Aachen, Heinrichs V 1099 zu 
Aachen. Der dichter gehörte offenbar zur päpstlichen partei, die bei- 
den lezten weihen konte er als von gebauten geistlichen volzogen, 
nicht für gültig ansehen. Die weihe Heinrichs Y hatte für ihn und 
seine gesinnungsgenossen erst ihre rechte bedeutung empfangen, als 
sie in Mainz im anfang des Jahres 1106 von den päpstlichen bischöfen 
widerholt wurde. Bei dieser gelegenheit sprachen auch die gesanten 
des päpstlichen Stuhles von neuem den bann über Heinrich lY aus 
und bewirkten seine absetzung. Man irt wol nicht, wenn man hierauf 
die zweite bemerkung, dass des papstes senüsttU (stuhl des geistlichen 
gerichtes) in Mainz sei, bezieht. Wir lesen über diese Vorgänge in 
Mainz in Ekkehards chronik (SS. VI 230. 231) ad a. 1106: Medianto 
Heinrico juniore tantus apud Mogontiam factus est in natali domi- 
uico totius regni Teutonici conventus , quantus per multa annorum cur- 
ricula nusquam est visus. Ibi supervenientes apostolicae sedis 
legati, episcopus scilicet Albauus cum Constantiensi , sententiam 
anathematis in Heinricum seniorem, dictum imperatorem, a tot sibi 
succedentibus apostolicis sepius sepiusque promulgatam scriptis simul 
et dictis testificantes universam multitudinem, immo totam toto orbe 
diffusam ecclesiam ab ejus communione, Christi et beati Petri aucto- 
ritatO; multis jam annis sequestratum confirmabant. Darauf gehen die 
fürsten nach Ingelheim und zwingen den kaiser die insignien an seinen 
söhn auszuliefern. Hoc ordine Heinricus, illius nominis quintus, pri- 
mum a patre , deinde ab universis Germaniae principibus in regem jam 
secundo clectus, ab apostolicis quoque legatis per manus im- 
positioncm catholice confirmatus, acceptis tarn ab episcopis 
quam laicis juxta morem patriae sacramentiS; regnare coepit Diese 
Vorgänge sind dem dichter sicher noch in frischer erinnerung gewesen, 
und daher können wir die abfassung des Annoliedes in das jähr 1106 
oder in die zu allernächst darauf folgende zeit setzen. 

MÜHLIIAUSEN I. THÜK. EMIL KETTNER. 



339 



DIE RONSDORFER MUNDART. 

Einleitung. 

Die Ronsdorfer mundart gehört zu dem Bergischen dialekte, 
welcher bekantlich eine mittelstellung einnimt zwischen dem Niederfrän- 
kischen und Niederrheinischen. Während südlich von der Benrather 
linie (siehe „Das Rheinische Platt" von Dr. G. Wenker, mit einer 
sprachkarte der Rheinprovinz) alle inlautenden t, p^ k verschoben wor- 
den sind, sind sie im Bergischen unverschoben mit einigen ausnahmen. 
Die meisten davon finden sich beim t; eine anzahl von anlautenden 
wie von in- und auslautenden t sind verschoben, von denen sich einige 
wenige nur durch entlehnung aus den südlicheren mundarten erklären 
lassen (vgl. bei den „Consonanten" über t). 

Auch die beim p vorhandenen Verschiebungen des in- oder 
aaslautes dürften zum teil als entlehnungen bezeichnet werden. Beim Je 
ist die Verschiebung charakteristisch in den Wörtern: ech, mechy deck, 
sech^ uech; rechnen hört man neben dem un verschobenen reknen, tie- 
chen (nie tieken)^ aber rächen, kröchen, röichern sind wahrscheinlich 
entlehnt. 

Wie die südlichen mundarten die Ronsdorfer beeinflusst haben 
in der lautverschiebung, so sind die naheliegenden Westfälischen mund- 
arten in andrer beziehung merkbar, besonders in der diphthongierung 
einzelner vokale und in dem gebrauche des alten dual für den plural 
der 2. person plur. des persönlichen und besitzanzeigenden fürwortes. 

Nach den von Wenker gezogenen grenzlinien der Bergischen 
dialekte gehört Ronsdorf zum Remscheider dialekt, es liegt genau auf 
der nördlichen grenze desselben. Aber die angeführten kenzeichen des 
Remscheider dialektes stimmen nicht mit den Ronsdorfer eigentümüch- 
keiten überein. Gemeinsam ist den mundarten von Remscheid und 
Ronsdorf der gebrauch von jöt und önk, aber in den andren eigentüm- 
lichkeiten, dem gebrauch des akkusativ mech, dech auch als dativ 
{göf mech dat) und in der pluralbildung der Verkleinerungsform {hänks- 
kes, dökskes) steht die Ronsdorfer mundart den nördlichen Mettmanner 
und Wülfrather dialekten gleich und trent sich bestimt von dem Rem- 
scheider. 

Wir besprechen und verzeichnen nun die laute, welche in der 
Ronsdorfer mundart vorkommen. 

Vokale: lange : ä e e t ö ö ü ö ö ü 
kurze laqeiqouööü 
Diphthonge: ai ei öi au ou öü ue üe ie. 

22* 



340 nOLTHAüS 

Offnes und geschlossenes e, o, ö werden scharf unterschieden, 
ähnlich ist es natürlich auch in der ausspräche des hochdeutschen in 
jener stadt. Dass die kurzen i, u, ü nicht ganz so rein und energisch 
gesprochen werden, wie die entsprechenden langen laute, ist algemein 
deutsch, wie es sich hier widerfindet. Die diphthonge ai und ei sind 
nicht etwa gleichwertig, wie in der Schriftsprache, sondern wesentlich 
von einander verschieden: der anfangslaut des ai ist ein tiefes ^, fast 
dem a nahe kommend, dagegen der des ei ist geschlossenes e. Au 
und ou unterscheiden sich ebenso, das erstere begint mit offnem, das 
andre mit geschlossenem o. Öi begint mit geschlossenem ö, öü mit 
offnem 6*. Je ist nicht zeichen für langes i, sondern diphthong. 
Konsonanten : dentale : d t f s (f ist stimhaftes s) 

labiale : b p w f 
palatale: — k g eh 
nasale: m n ^ (zeichen für ng). 
d und t, b und p sind wie in der Schriftsprache schlaglaute, ebenso i, 
aber das g ist, wie durch seine Stellung angedeutet wird, ,stimhafter 
reibelaut. ch ist der dem g entsprechende stimlose laut, von dem die 
bekanten beiden arten des ich- und acfe- lautes vorkommen. 

Die t, p, Je sind natürlich aspiriert. 

TF und f sind labiodental, sogar in hwelen, Jcwdlmy twetien, 
twaiy aber in diesen beispielen ist das w nicht mehr stimhaffc. 

Die vorhandene arbeit, von der ein teil als seminararbeit fiir 
das germanistische seminar zu Bonn eingereicht worden ist, entstand 
unter der stetigen, fördernden teilnähme meines verehrten lehrers, prof. 
Wilmanns, und ich kann nicht umhin, ihm, dem ich so viel anregung 
und förderung verdanke, hier widerum meinen dank auszudrücken. 



Die Yokale. 

I. german. kurzes a, 

1) Als kurzes a erhalten in heute offner wie geschlossener silbe. 

Jcälen (sprechen, ahd. challön schwätzen), Mämer, schräben, 
äpely knäpen^ schnäpen, täpen, läpen, bläfert (falsche münze, vgl. 
blappert bei Weigand u. Frisch), räfen^ schäfen, flädem, käte, präten 
(mürrisch sein), rate, ßselöwent (fassnacht, vgl. vaselnacht und vastel- 
nacht), täsen (tasten), opäsen (aufpassen), tagen (zanken, tahjan got), 
bäkes (backhaus), haken ^ scJtträkes (nachher, adv. bis strakes), laichen. 

half, fälf, arm, färf {tsLYhe), wärm, ämt^ fläm, läm^ töf, 
schlag, dä^is (tanz), bäjik, bräfik^ kän^ Za/* (geschmacklos , ohne salz, 



RONSDORFER MÜNDART 341 

ahd. laffan wahrscheinlich zu löflFel, lepil), glät^jat^ schtät^ hläs^ äst^ 
last, jäz (herb, bitter), schnäk; 

albern^ gälpen (heulen, weinen; ahd. galpon bellen), schpälken 
(mutwillen treiben), ärbet, trampeln, darjjzen^ Izarfie (kante), hazen. 

Ein a ist erhalten, algemein ndd., welches hd. zu o geworden 
war, in: foH (skal, soll), fan (von), wal (wol), vgl. Weinhold § 30. 

2. Dehnung der alten kürze ist eingetreten. 

A. In offner silbe. 

d) substantiva, heute noch offne silbe erhalten: 

stälen (rauster für näherinnen, bein, fuss von geraten, vgl. Lüb- 

ben IV, 353), hamer, adel (jauche), fadem ^ laden (sbst.), schwadem, 

fadel^ fader ^ hagel, kragen, schrägen (gesteil für metzger), wagest, 

Iahen (bettuch, mnd. lakan), fahe (sache), fape (saft, vgl. ahd. saph, 

ae. sap), frafen (rasen , vgl. wraso mnd. u. mhd. im Hessischen frafen\ 

wäter. 

ß) heute geschlossene, im altdeutschen offne silbe: 

han (hano), raf (hraban), macht (maged), häs (haso). 

y) auch altdeutsch geschlossene silbe; die dehnung ist vielleicht aus 
den flektierten formen in den nominativ gedrungen. 
Tcaf (engl, chaff = spreu), dak^ schwak^ schap (ahd. scaph, 
mlat. scapum), fat^ nat, 

ö) starke verba der IV. klasse. 
laden y opladen^ dragen, faren, grawen. 

e) schwache verba. 

schämen, heschfaden (heiraten) , ^a^ew , klagen, fägen^ schmäken^ 
maken, kraken, baten (vgl. köln. u. hess. mundarten: badde = nutzen, 
helfen), schawen. 

Ferner: fake (oft, von fach, erst räumliche bedeutung, dann 
auch auf die zeit übertragen), tefämen, dran (daran), an (vorsilbe an-). 

B. In geschlossener silbe, mehrfache konsonanz. 

Dehnung ist eingetreten vor r und ch + konsonant. 

a) hat (hart), at (art), aden (arten), schwat (schwarte), gan 
(garn), kar (karre), kal (karl), gaden (garten), wären (warten). 

Nicht gedehnt sind: schwat (schwarz), hat (hart), trotzdem sie 
wie die übrigen das r verloren haben. 

b) ase (achse), was (wachs), wasen (wachsen), flas (flachs). 

3. Der umlaut des kurz gebliebenen a ist kurz q: 
dqke^ qke^ t^en, fert^len (zählen, erzählen, taljan), k^nen, dode- 
nen (von da, von dannen), hqser, fleische (fremdwort, umlaut schon 



342 HOLTHAÜS 

mhd.) , tesche (fremdwort , vgl. zäschen) , d^ten (taten , vgl. teten mhd.), 
qwer (aber, vgl. mndfr. avir, aver), r^en (rasten, v. rastjan). 

Mßy 9^fßj ^^^f' (schelle; dazu vgl. sch^l = schale, apelschel, 
unregelmässig entwickelt), /^Z/* (salvia) , ^n (ende und enge), gewqnt, 
verwqnt (gewöhnt, wanjan), schtreii, dprf^ h^rpst, fs (= als, umlaut 
unorganisch entstanden), bgt^ Metschhöüer (steinkugel bei kinderspielen, 
dqt (tat, tet), n^z (netz). 

Jieksel, heißen (halbes mass), denken ^ gewqnde (gewohnheit), 
bqflksken, he^Jcen (händchen), schw^riel^ hq^isehen (handschuhe) , erwen^ 
mqrken^ f^rwer, erger ^ Iqste, Iqstich, ratschen (zu rät). 

4. Dehnung macht umgelautetes a vorwiegend zu geschlossenem e. 

ekel, elent^ efel^ ßgen^ ßfen (auszupfen, vgl. mnd. vesen, Lüb- 
ben V, 245, dazu das sbst. fes)^ gegen, hewen, legen, schnegel (snegel, 
schnei ndd., vgl. snäke), hech (hagi, hecke), reknen^ el^ hepe (vgl. 
happe ahd., hepe mhd., heipe ndd. Lübben II, 243), ketel (kessel), 
lepel (lepil, löflFel), heker (becher), beke (bach, beke mnd.), elster^ 
sehlech (schlage), sehleger, dreger (träger), drech (tragbahre), schrech 
(schräg) , /ecÄ (säge), schetlich, negelsehes (nelken == nagelken). 

Vor r ist dafür offnes e eingetreten: neren, keren (kaijan), 
hering. Die Wörter nemlieh^ mene, fpf>el sind in dieser form wahr- 
scheinlich der Schriftsprache entlehnt; neben /^e&e? erscheint oft die 
form zähel^ selten man für mene. 

5. Die a vor einem cht werden zum diphthongen ai, indem das ch 

verschwindet unter zurücklassung eines i. 

faite (sachte, adv.), nait (nacht), mait (macht), paüen (pach- 
ten), paiteTy schlauen (sclilachten) , schlauer, schlaithüs^ schmaiten 
(schmachten = hungern), schmait (hunger). 

Diesen haben sich im vokalwandel angeschlossen: brait, brai- 
ten (brachten), dait^ daiten (dachten), welche im germanischen ein 
langes ä besassen; brdhta^ dähta. 

Auch vor W, Id wird a diphthongiert und zwar zu au, 

ault^ aulen (alt, alten), aulsche (die alte), baul (bald), hatden 
(halten), gehault^ kault^ fault (salz), schpault^ schpaulen (spalten), 
schaulen on waulen (schalten und walten), schaul (schalte, riegel), 
gewault (gewalt), Waul (der ort „Wald"); ebenso gehört dazu navil 
(nadel, ndd. nolt, ahd. nälda). 

In dem werte wqlbern ist wahrscheinlich wald zu watd gewor- 
den und dieses nachher gekürzt. 

(Über den fall der dentaUs vgl. unter den konsonanten.) 



BONSDOBFEB MüNDABT 343 

Die verba schielen und fqlen haben im praeterituin mit rückum- 
laut schtaulden, taulden (vertaulden). 

6. Während langes a regelmässig zu o geworden ist, finden sich 
nur wenige, unregelmässige spuren dieses Übergangs beim kurzen a. 

Im sing, praet. der starken verba I. a. b. c. ist a zu o gewor- 
den wahrscheinlich durch den einfluss der entsprechenden pluralformen, 
in denen das o lautgesetzlich entwickelt ist. 

y^wgf, böfi (band), fpröri^ drönk, ßn (fand), gewön, befön, fÖJiJCy 
schtörik, kWm, schwöm, hölp. 

Gedehnte ö sind aus dem plural in den Singular für altes kurzes 
a eingedrungen in: göf, trot^ föt^ öt^ fröt, vergüte föch (sah), lös^ 
loch (lag), hröky schprök, schtöl^ nöm^ Itöm, 

Einzelne beispiele des Übergangs von a zu o sind: schnorhen 
(schnarchen) und tro0^ von denen das leztere vielleicht entlehnt sein 
dürfte. 

Dehnungen des aus ä entstandenen o sind enthalten in: 

söderschfach {saturday^ sarastag), pöschen (ostern, vgl. afr. pas- 
ques), schröm (schramme). 

IL german. langes a. 

1. Der algemein md. und ndd. Übergang von a zu ö ist auch in 
der Konsdorfer mundart die regel. Vgl. Weinhold § 90. 

Beim plural praet. des starken verb. I. a. b.: föten, lögen ^ hrö- 
ken^ schpröhen^ schtölen^ fröten, löfen^ göwen, tröden^ vergüten, 
fögen (sahen), nömen^ hörnen. 

Ferner röt (rat), plögen, brödenj schtröfen, schtröfe^ schtrölen^ 
jömem(yoii ahd. iämar, aber nhd. jämmer), kröm, krömfrau (Wöch- 
nerin), möl, mölen^ mölUt (malzeit), prölen^ pöl^ mönt^ mönat^ mön- 
dach, schpön, schlöpen, schöp^ schpröke, föt (sbst. saat), schfröte, blöfen, 
blös (blase), döniöls, dröt (draht), möfe (raass), not (naht), öwent 

Bei folgendem r ist das a, welches natürlich zunächst zu jö 
wurde, auf dieser stufe stehen geblieben, während es in den andren 
fällen sich zu geschlossenem ö weiter entwickelte. Vgl. die bei Wein- 
hold § 90 angegebenen reime. 

wör (wahr, adj. und war, verb.), wören^ wöret (wahrheit), 
Jdör^ Idören (schnaps), jör, geför^ hpr^ schwör (schwer), schören 
(von scheeren). 

In einigen fremdwörtern wiejpZöw, kwäl, tafel^ rar^ par und in 
wdnsen^ schtat (aufwand, der politische körper) ist das a unverändert 
erhalten, vielleicht ist hier einfluss der Schriftsprache anzunehmen, 



344 HOLTHAÜS 

2. a. Der umlaut des langen a muss in einigen Wörtern früher 
eingetreten sein als der Übergang zu ö. Er erscheint als langes e: 

scher (scheere), (jncdich, merchen, derhaulen (dar); in schwör 
ist kein umlaut eingetreten, wo er doch am platze wäre. 

Ferner ist geschlossenes e umlaut des a in: kwelen, Tees, schpe- 
der (später), schpet. 

b. Gekürztes altes a erscheint als ä und als o; hier muss also 
die kürzung in einigen Wörtern auch dem wandel zu o vorausgegan- 
gen sein. 

a: halbes (barfuss), hän (haben). 

o: brömelter (brämbere), schton (stehen, stän), gpn (gehen, gän), 
schlpn (slän), gedön (getan, gedän), vgl. die ähnlichen kürzungen im 
englischen: done, gone. 

3. ä + j ist erhalten als ai: haien (bähen v* bäjan), draien 
(drehen v. dräjan), Jcrai (kv^he), hraien (kräjan), malen (mähen, mäjan), 
naien (näjan), naiersche, qrgelsdraier (nähorin, orgeldreher). 

III. german. kurzes e. 

1. unverändert erhalten als offnes e in Wörtern wie: herchj 
besem^ dreschen, deniy den, de (artikel), ^t, frech, gestern, he (er), 
net, mez (messer), rephuen, Schwester, felwer (selber), y^seZ, schpek, 
zeit , f^s , weit y wech (weg). 

2. Dehnung ist eingetreten vor r + dental und r + liquida, 
wobei der offne vokal wegen des r erhalten blieb, r selbst ist später 
gefallen. 

Beispiele: et (erde), epel (erpel), het (herde), wet (wert), 
weren (werden), feschte (ferse), geschte (gerste), fesch (vers), enz 
(ernst), fan fen (von ferne), gen (gern), ken (kern), sehten (stern). 

Im vergleich mit den ähnlichen dehnungen unter ä solte man 
auch erwarten, dass e vor chs gedelmt sei, davon ist aber keine spur 
vorhanden; nicht gedehnt ist es in den beiden Wörtern ses (sechs), 
weseln (wechseln). 

Mit der dehnung in offner silbe verbindet sich regelmässig die 
erhöhung zu geschlossenem e. Starkes verb. I, a, b. praesens, bei I, a 
auch das particip. 

gewen, gegewen, treden, getreden^ eten gegeten, vergeten, lefen 
gelefeUj breken, schpreken, schtelen, nemen, freten^ schicken; nicht 
gedehnt ist das praesens /ei^cw (sitzen) wegen des^' im praesens: sidjan, 
da dasselbe aber im ptc. nicht vorhanden war, so konte da regelrecht 
dehnung eintreten : gefeten. Die dehnung ist wahrscheinlich wider auf- 



RONSDOEPEB MUNDABT 345 

gegeben helfen (seh an, sen, sön), gejen ptc. Das particip von liegen 
weist ebenfals gedehntes e auf: gelegen (gelegen mhd.). 

Schwaches verb. heden^ hedeln^ wewen, lewen^ flegen. 

Ferner: feder^ fledermüs, jeder ^ leder, ren (regen), retlich (rede- 
liche), fese (sense; das n ist daraus im ndd. und nfrk. frühe gefallen, 
vgl. seise, sese), schel (schelah neben schilh ahd.), schwewel^ weder 
(wetter), wehe (woche, ahd. wehha), mel (melo, mehl). 

3. Die e, denen ein cht oder K, Zd folgte, sind zu ai diphthon- 
giert, rait (recht), schlait (schlecht), knait (knecht), /Zai^ew (flechten), 
oprait^ gailt (geld), gailen (gelten, hat die bedeutung kaufen angenom- 
men), fallt (feld), mailen (melden), Eberfail (Elberfeld), Larierfail 
(Langenfeld), schiwenfail(t) scheibenfelt = schützenfeit. 

4. In einigen Wörtern ist das e abweichend entwickelt worden. 

a. Es erscheint als a in: häte (herz), trape (treppe), tär 
(theer). 

b. Als ^ in: ptter (peter), piterzelich (petersilie) , irikes (dinte 
afr.. encques, euere), hitschen (gehäuse des samens bei äpfeln, aach. 
mundart: ketsch). 

c. Ferner abweichend von andern ist ahd. melm (Tatian) zu 
mölm (staub) geworden. 

d. Abweichend von den Wörtern unter 2. ist in einigen fremd- 
wörtern ie statt e eingetreten : Jciesche (kirsche) , hrief (breve) , tieJce 
(theke). Ähnlich tien (10), vgl. nfrk. ein, nid. tien. 

IV. german. langes e. 

Nur in wenigen Wörtern vorhanden, erscheint als e, ie, e. 

a. her (herr) einfluss des r; gekürzt ist das e in Iprche. 
ewich^ re haben geschlossenes e, daneben komt iewich vor. 

b. schnie (schnee), Jclie (klee), ße (see), tie (thee), wie (weh), 
hier (mal, ahd. kera, ker.) enkieren (einkehren), verkiert (verkekrt), 
bekieren^ ieschte, ieschtens (eristo), driesch (Grimm , Wb. s. v. Vgl. 
nd. dresch, drisch Lübben I, 573. holld. dras, drasland?), friesem 
(vgl. Aach, freessem = grind. fressem Lübben V, 527), friet (holld. 
wreed), tiewen (zehe, ahd. zehä, nd. tewe), tief (mutterhund, nd. tewe, 
dewe, holld. teef), schlie (verlegen; mhd. sie?) 

ie für e ist schon früh eine eigentümlichkeit des nfränk. dialek- 
tes gewesen. Vgl. darüber Weinhold § 100. 

In folgenden Verbformen: gies^ giet (gehst, geht), dies^ diet 
(tut), schties^ schtiet (steht), schlies^ schliet (schlägt), dries^ driet 
(trägst, trägt) und Äes, het (hast, hat) weist das ie zurück auf langes 
e, oder ndfrk. ei, welches nach Weinhold § 362 und Möller aus ä, also 



346 HOLTHAÜS 

durch Umlaut entstanden ist; die formen schlies^ dries können spätere 
analogiebildungen sein. 

Uns unbekanten Ursprunges ist winie = wann (vgl. holld. waneer), 

V. german. kurzes i. 

1. Altes i in geschlossener silbe ist regelmässig zu e gesenkt; 
diese bevorzugung des e vor dem i ist fürs md. und ndd. algemein und 
charakteristisch, vgl. Weinhold §56: herien (binden), hUnk (blind), dl^, 
dr^tien , f^rien (finden) , f^iier^ Mtiern (hindern) , Mrik (kind) , M^he, M^en^ 
Uflks^ r^^h (ring und rind), schweiien^ schte^Jcen^ drS^Jcen^ w^^cen^ twe^en^ 
wenhel (kramladen), w^riter (winter). 

h^n^f^n^ Ä^w, p^n (vgl. engl, pin), tSn (zinn), schtSm (stimme, 
stibna), dente^ fl^nte^ penfei ^ mindern ^ schpente (spinne), schp^nen^ 
Mnen (binnen), gremich^ hemel^ schlem, scMmd, tSmpen (zipfel, vgl. 
schles. 0ümpel^ Weinhold schles. wb. 110**), 0Smer^ tSmern^ t^merman. 

b^tj mUk (milch; vgl. melk = junge tragend, von kühen), 
scMlty felwer (silber), welen (subst. und verb.), schpSl, schtH ^{still und 
stiel), Mrke, kerke, 0^rkel, gr^fel^ schSf^ schrSfl, scM^ß^ f^ß» 9^flf 
reberij Upe, h^den^ drede, m^del, Mter, schmSt (schmied), mSt^ schr^^ 
Uez , hezte (hitze), Uze^ r^zen^ schp^ze^ feten^ bStschen (bisschen), 
wStman^ w^tfrau, d^stel^ Mste^ Ust^ meste (misthaufe), w&ew (vermis- 
sen), ßsch, freschy mischen ^ waschen ^ desch, 6Z^ew, schien j schtrS- 
keriy wekeln^ ^m schM {= gesund), ^cÄ, sicher. 

2. Das zu e gesenkte i wird gedehnt und verändert sich dann, 
wie die langen e zu le, vgl. unter IV; diese Umwandlung ist sehr 
spät eingetreten, hier (Mrne, ahd. bira, bire), frieden (zu beachten ist, 
dass ie als diphthong gesprochen wird!), lieren (lehren und lernen), 
liewern (liberare, liefern), liegen (ligjan), fiewen (7), schpielen, scMie- 
wel (Stiefel), wieder, wiech (wiege), wies (wiese), niegen (9), verlieden 
(vergangen, ptc. von got. leipan, die andren formen sind nicht erhal- 
ten), twien (zwirn), biet (biss), driet, gliei, scktriek, schpliet (vgl. von 
spliten), wid (wirt), wief schaßt wieten (wissen). 

Dehnung des i zu dem langen i, ohne vorhergehende vokal Ver- 
änderung ist ausnahmsweise eingetreten in : tmen (imbe = biene), Mken, 
bektken (vgl. ndd. kiken, Lübben), ktpe (ndd. kipe, tragkorb), ß (wir), 
grilachen (ndd. griflachen in Lübben, auch grimlachen). 

3. Das ^ vor den konsonanten cht und U, Id ist wie a und e 
zum diphthongen geworden, und zwar zum ei im unterschiede von ai. 

gefeit (gesiebt) , opreiten (aufrichten) , weit (mädchen v. wiht ahd.), 
leitf Im (liegt, liegst v. ligist, ligit), weiU (wild). 



BONSDOBFEB MUltDABT 347 

Diese diphthongierung ist aber nicht folgerecht durchgeführt 
worden, vgl. nit (nicht), geschickte^ helt, schelt, unter 1. 

4. Unregelmässig ist i entwickelt zu ö meist bei einem voran- 
gehenden w, aber auch in anderen fallen: töschen (zwischen), otiertö^ 
sehen (inzwischen), pf (ob), jöt (ihr, der alte dual jVif), ÖnTt (dual ink 
= euch), göts, göt (giebst, giebt), rönen (rinnen), wös (wüsste), wösen 
(wüssten). 

Zu (ou) ist das i durch die benachbarte labialis geworden: 
föuf (5), föftien (15), fofzich (50), wös (wüste), wosen; Jcuemen 
(kommen) hat dann noch das o gedehnt und diphthongiert. 

5. Statt der verlorenen alten i sind in der mundart eine anzahl 
neuer entstanden, meist junge bildungen: gtbdn (lachen, vgl. Aach, 
giffeln, holld. gybeln), Ttmbeln (kleine Stückchen abbrechen, engl, to 
nibble, gnibble, auch in Aach.), schntbeln (bohnen schneiden, papier 
schneiden, hoUd. snippeln, Aach, scbuippel. Dazu: schntbelowent ^ pa- 
ptrschmbel)y wtpen (auf und nieder bewegen, schaukeln, wippein vgl. 
Lübben V, 736). wtpJces (dumme streiche), Mpe (ziege, vgl. hippiein 
Gr. Wb. IV, 2), ttpen (anrühren, vgl. Lübben IV, 548: tipkanne, mhd. 
tüpfeln, tüpfelfarren , altengl. bedypian, neuengl. to tip, Aach, tippen, 
tuppen, vgl. Kluge 351), öm Mpen (vgl. kipe = tragkorb. Lübben 
n, 465 = umwerfen), wtkel (hals, kragen), proßt (frz.), schlawU (hals, 
kragen; Gr.Wb.), Unt (= band, das; vgl. Lübben II, 701. Gr. Wb. 
lind = hast, band), hw%t, Jett (frz.), d^zken (klein. Mnd), Mckepach 
(vgl. huckepack Weigand I), bester (düster), verbistert (verwirt, vgl. 
nd. bisteren = umherirren, bister = verwildert in Lübben I, 344), 
hntte (kreide, zu kneten?), kiBeln (ahd. chizzilön, holld. kittein, engl, 
to kittle), fispeln (flüstern, ebenso in Aach.), schmähe (kl. zweig, stock, 
vgl. smick = schnür Lübben IV), schttpel (Aach, stipp = stütze, holld. 
stippein engl, stipple), tnpen (abgenuzte schuhe, holld. trip. zu trip- 
pen = hinken). 

Zu 1. ist zu ergänzen ew, em = in, in dem. ew, em = ihn, 
ihm ; vokalsenkung wahrscheinlich eingetreten , um in von ihn scheiden 
zu können. Ferner er^ ere = ihr, ihre. 

VI. german. langes i. 

1. Unverändert erhalten in Ronsdorf sind die folgenden: htsen 
(regenschauer; märzlnsen^ mhd. bise, frz. la biso Gr. Wb. 11), lUwen 
(bleiben), Itten (beissen), dtJc (teich), ßn (fein), fis (empfindlich, vgl. 
holld. vies?), fndach (freitag), fnwen (reiben), fil (feile), hilin (hlleich, 
hochzeit, Verlobung), f/er (eifer), il (eile), xfer (eisen), is (eis), iseln^ 
fllsich^ gltk (gleich), hngen (ndd. krigen), ül/'(leib), Vik(e) (leiche). Um 



348 HOLTHAUS 

(leim), Unticchen (vgl. leinzeichen. Gr. Wb. hoUd. lidteeken), rtmen^ 
rtten (reissen), 7'tden (reiten), scäT/* (scheibe) , schUm (schleim), schliken 
(schleichen), schnwen (schreiben), schm, sclünen^ fit (seide), verschU- 
ten (schleissen) , schrmten (werfen) , schltk (regenivurm) , schmden , schptr 
(halm; grasschpTr^ engl, spire, holld. spier), schpUten (mhd. splizen, to 
split engl., ndl. splijten. Kluge Wb.), schttgen^ schtriken^ schtlfte 
(stärke: amidon frz.), sc/ift/* (steif), scJitrTpen (streifen), schtrU^ tit (zeit), 
wit^ wtfen^ wtn, wTden (weiten). 

1. Kürzung des langen i ist eingetreten: 

a. st. V. II 2. 3. pers. sg. praes. grtp^ g^^ps^ grtpt. Jnt^ lüts^ 
Wt. hUf, bttfs^ hlift Weiteres und ausnahmen siehe über das verhal- 
ten des imperativs. 

b. im pronom. possessiv, sm^ mm^ dtn tritt kurzes i ein, wenn 
dieselben im satze unbetont sind (adjectivisch gebraucht). Plural s% 

Einzeln: w%t (weiss), wtten (kalken), gl^ßich (geizig), gizTuds. 
Die Präposition hi hat, wenn unbetont, kurzen vokal: WifM d* mue- 
der! Jcastu nit ddb% hUwen? wU (weit) hat als komparativ wider, 

3. % ist wie nhd. diphthongiert, aber zu ei, nicht zu ai, 

a. oifne silbe: gedeien^ drei^ frei^ Meien^ rei (reihe), beü^ brei, 
schreien^ schneien^ schpeien^ feien (sichten von sijan), weien (wei- 
hen), feint. 

b. die gruppe icht zunächst verkürzt, dann wie die gruppe ^cht 
behandelt vgl. V, 3: leichten (vgl. köln. bichten), deite (dichte), leü 
(liht, leicht), die Wörter „heitel^ neit (neid), gescheit^ haben sich in 
bezug auf den vokal den obigen angeschlossen. OflFenbar unter dem 
einfluss des nhd. entstanden die ei in: meile^ schwein^ weil^ leibhaftich. 

VII. german. kurzes o. 

1. Es erscheint als kurzes oflFnes o, wenn der folgende konso- 
nant eine muta, ein r oder einfaches l ist: grqf (grob), hqf^ qfl^ 
qpst^ dqp (topf), dildqp (kreisel), fqpen (zum narren halten), kqp^ 
schtqpen (stopfen;, schfqpeln^ tqp (zopf, in der bedeutung „spitze"), 
schtrqp (schleife), ^qpen (Aach, soppen; to sob engl, eintunken), hqhj 
hrqhen (stück), flqJcen^ g^^e^ IqJcen^ rqk^ schtqk^ schqheln (schau- 
keln, vgl. ndd. schoken Lübben Wb.), schtqkfarf. (Aach, stopfarf, der 
fensterkitt der glaser), schprqJc (ndd. sprok = leicht brüchig, Weiland 
Wb. II), dqch^ nqch^ trqch (trog), dql^ fql (voll), hnql (knollen), 6^ 
(hohl, saftlos, ndd. bell Lübben I, 380). 

hqrgen^ hqn (hörn), hqrf^ hqrgen^ scMqrch^ Bqrn (ortsname), 
frqsch^ Jcqsen (kosten), gqt, pqt^ schpqt^ schtqtern. 



BONSDOBFEB MÜNDABT 349 

Wenn dem o jedoch ein w, m oder l + konsonant folgt, ist es 
zu geschlossenem o geworden. An eine einwirkung der schriftspräche? 
welche da auch geschlossenes o spricht, ist wol nicht zu denken. 

döner^ tön^ fön (sonne), mönstern (monstrare, zur aushebung 
gehen), fröm^ gölt^ hölprich^ holt, geholpen^ poltern^ scMölpern^ schtoh^ 
fölk^ wölke ^ wölf^ möt (molt; kofemot = kaffeesatz, vgl. ae. melde, 
ahd. molte, dazu m(jl, maulwurf). 

Ferner die fremd Wörter: hörei (allium porrium), ölk (Aach. 
ölich, ndd. olie, ollige, Lübben III, 224. v. lat. allium). 

2. Der umlaut des o erscheint, der vorhandenen Spaltung ge- 
mäss, als offnes und geschlossenes ö. 

a. Offnes ö: k ansehen (körnchen), kröehen (husten), i^öpe (köpfe), 
bröksken (stücklein), hinsehen (hörnchen), kprfken^ frpsehe^ Ppi^i 
rpke, schtöke^ böke^ öfter, glöksken^ flöksken usw. 

b. Geschlossenes ö: holten (hölzern), tönsehen ^ wölf^fös (sonst, 
umlaut unerklärlich). 

3. Dehnung des alten kurzen o ist eingetreten. 

a. Vor r in offner und geschlossener silbe; das o wird natür- 
lich offen gesprochen, boren (bohren), geboren^ verlören^ geschoren^ 
gewören^ bot (bord, brett), öt (ort), wöt (wort), dön (dorn), kön 
(körn) , mön (morgen) , nicht gedehnt ist bloss hön (hörn) ; lautlich hat 
sich diesen vorgenanten angeschlossen das wort dör (tor) das thor. 

b. Ferner erscheint gedehntes o in offner silbe als langes, ge- 
schlossenes 0. 

böden^ bögen ^ döböwen (dadroben), dröpen (tropfen), holen 
(hol6n und halön im ahd.), höpen^ höl^ Owen (oben und ofen), koken j 
öpeny föle^ döbel (würfel), schöken (bein, fuss, zu schocken Lübben IV), 
löky knöken. 

Der umlaut dieser gedehnten o ist entsprechend langes p und ö. 

bprken (bohrer), bpden (bordieren), wpt^ dörken (thörchen), 
kpner (körner), pt (orte), dpn (dornen); geschL ö: löker^ döbelsehen^ 
öwes (Öfen). 

Aber wo die formen, welche umlaut haben, Verkleinerungssilben 
angenommen haben, ist der kurze, ungelautete vokal vorhanden: 

wötseheny kpnsehen ^ hpls^ hplt 2. 3. pers. sg. von holen ^ drpp- 
ken^ lpksken,y knpksken. 

Der umgekehrte fall, dass die umgelautete form grade zugleich 
den gedehnten vokal enthält, findet sich bei einigen Wörtern aus 1. 
gröf — gröwery höfy höf (plural) , troch — tröch (pl. tröge). 



350 H0LTHAÜ8 

4. a^ Das alte o vor cht und It ist wider diphthoogiert. 
maut^ mauten (mochte, mochten), dauter (tochter). gotd^ gou- 

len (galt, galten, vgl. ndd. gölten; bedeutung „kaufte«). 

b. Nach der dehnung des o ist in einigen Wörtern noch die 
spätere diphthongierung zu ue eingetreten. 

knuep (knöpf), muer (möhre), witel^ t^mden (wolte), fud^ fuden 
(solte), Huen^ Jiuenen (konte), fuegel (vogel). 

Vgl. darüber unter VJJLL. ö zu ue. 

Der umlaut dieses ue ist üe^ z. b. Jcnüepe^ wüelj wüelen (conjct.), 
Teilen^ füel^ füegel^ müerJcen. 

5. Abweichend von der regelmässigen lautentwicklung ist o in 
einigen Wörtern zu u geworden: hübein (hobeln), ßit (fort), fliUsehen 
(gleiten, von der band gehen, vgl. flöten Lübben V); ähnlicher vokal- 
wandel ist nachgewiesen bei Weinhold mhd. gr. § 74. 

VIII. german. ö. 

1. Unverändert erhalten in den formen des praet. st. v. IV. 
dröch^ drögen (trugen), schLöch, schlögen; dagegen haben diph- 
thongiert fuer (fuhr) und wues (wuchs). Einzeln öm (oheim). 

Ebenso im praet. st. v. III. ahd. ö^ ou^ gotisch au. 

schöt^ schoten (schoss), göt^ guten (goss), rök (roch), Tcröp (kroch). 

2. Die hauptmasse der alten ü (= ahd. uo^ 6^ got. 6 und au) 
ist jedoch zu ue diphthongiert. Diese richtung des o zum u hin ist 
alt; Weinhold § 114. got. ö: hlueni (blume), bhiet (blut), buek (buch), 
fluek (fluch), flu^t (flut), fuet (fuss), gluet (glut), htcef^ huen^ huet^ 
Mueh (klug), hu^ (kuh), mueA.^ schtuely duek (tuch), uer (uhr), tue (zu), 
buen (bohne), mueSj muesen (musste), brueder^ Tcuelten^ huesten, mue- 
der (mutter), ru^pen (rufen), schpuelen, Ouedesdach (mitwoch), fluem 
(trüb, holld. wlöm), dazu fremdwörter: schuel, hruen. got. au: huech 
(hoch), nuet (not), bluet (bloss), bru£t (brod), flue (floh), gniet (gross), 
luen (lohn), duet (tod), truest (trost), uer (ohr), schuft (schöss), schu£- 
nen (schonen), schtueten (stossen). 

Diese diphthongierung ist eine sprachlich junge entwicklung, 
welche die umliegenden dialekte, weder das Westfälische, noch das 
Nfrk. teilen; ausser den german. ö, au haben an dieser entwicklung 
auch einige der gedehnten ^, U teil genommen. Vgl. VUi. 3. c. IX. 2. 

Die gedehnten ö müssen an ausspräche den alten ö gleich gewe- 
sen sein, und sie hätten deshalb alle die diphthongierung zu ue erlei- 
den müssen; aus unerkantem gründe bUeben jedoch die meisten gedehn- 
ten ö als ö erhalten. Die gedehnten und diphthongierten ö finden sich 



BONSDOKFBB MUNDABT 351 

vorzugsweise in einsilbigen Wörtern, ebenso die ue aus -5, au^ viel- 
leicht hat sich darnach die Spaltung zuerst entwickelt (beim heutigen 
stände des ue ist diese Scheidung aber nicht rein durchgeführt). In 
den, dem ö und U folgenden konsonanten konten wir keinen grund 
für die trennung finden. 

3. Als umlaute dieser langen ö finden sich langes u. kurzes ö, üe. 
Das erstere nur für die beispiele unter 1. schoten^ roken^ hrö- 

pen^ drögen^ schlögen. 

Das zweite in den beispielen unter 2, so lange der vokal in 
offner silbe steht: brüeder^ hüeJcery flüe, hüener^ hüetey MüeJter^ Tcüe, 
femer: füeren^ afüeren^ rüeren^ rüer (röhre), bües (böse), gehüer^ hüe- 
i-en (gehör, hören), lüeden (löthen), lüefen (lösen), Mnüefd (kleiner 
kerl; nasenkot), änbüefen {et füer anlüden: anzünden v. bötjan). 

Wenn dagegen dem vokale doppelkonsonanz folgt, so erscheint 
kurzes ö als umlaut des ö: hlömhen, hoksken^ röpt (ruft), schpölschen 
(spule), schtölschen ^ döksken (tüchlein), brötschen; ebenso kurzer vokal 
in: gröter (grösser), gröde (grosse), möten (müssen). Vgl. 4. 

4. ö ist nur in wenigen beispielen verkürzt worden: göt (gut, 
als praedicativ. adj., dagegen attributiv: gttet, gueden regijlmässig), 
möt (muss), dön (tun), genöch (genug), Osten, Nur möt hat umlaut: 
möten ^ Infinitiv. 

IX. german. kurzes u. 

1. Altes u in geschlossener silbe ist zu ö geworden. Diese 
Veränderung ist dem niederdeutschen Sprachgebiet eigentümlich; die 
anfange davon vgl. Weinhold § 74. 

döfikel^ förihen^ grÖJiJc (grund), ho^ (hund), kodiert (100), Miier, 
jÖTi, Ttönden^ Ttörist (kunst), mönk^ plönder, rönk (rund), schtröjik, schtönt 
(stunde), bedröriken^ Ö^er (unter), wörik (wund), wöriern (wundern), ge- 
fönt (gesund), pönk (pfund), erfönen (erfunden), gebörien (gebunden), 
geßhien usw. 

dorn, hWmpen, nömer^ schtöm, brömen, hömpelny gedölt, pSlwer 
(pulver), schSlt, scMlder (schulter); börch^ g^rgel^ gÖrJce, wörm, wörf, 
pöpe, löß (neben lout = luft), drifk, f röcht ^ geröch^ zöch (zug), böter ^ 
flös^ fös (fuchs), gös (guss), lösty schös (schuss), böschy nözen^ bökse 
(hose), bot (holld. bot, ndd. but), wönsch (wünsch). 

Der umlaut dieses u ist, dem o^ entsprechend, ein ö (nhd. ü) 
börgcTy borgen^ dörch (durch), dörpel (türschwelle, ndd. durpel, dorpel 
Lübben I, 552), gönen^ görgeln, glök^ Mte^ honen, kr ölen (krölkqp; 
== kräuseln; holld. ud. krul, kruUen Lübben 11, 582), klönel (schlech- 
ter läppen, holld. klongel), löflen^ löstich (lustig), wöscÄe. (spatz ; holld. 



352 HOLTHAÜS 

mosch, musch, lat. musca, frz. mouche?), nözlich^ nöter (besser, nützer), 
mötsche (mutze), öuer sehte (unterste), ömstank (umstand), pöpken^ pöU 
werkest y pöfielj pöbeln (bündel tragen, vgl. engl, to pundle) pöt (puits 
frz.), röm on töm (rund umher), eröm (herum), röstich, rötschen (mhd. 
rutschen, zu rütten, rütteln s. Kluge Wb.), schöpe (spaten, vgL schop, 
schup, ndd. schuppe Lübbeu IV, 152), schötel (schüssel), schaden (schüt- 
ten), sölen (sollen), schtörmisch, stök, wärm, 

2. Kurzes u ist gedehnt worden, nachdem es sich überall in o 
verwandelt hatte, es verändert sich daher von da an wie die alten ö, 
während die alten ü unverändert blieben. Vgl. X. 

duescht (durst), wuescht (wurst), nuet (nuss), schprueh (spruch), 
duegen (taugen, dugan), wuet (wurde), schpezbuef (bube), schtuef (stube), 
flu£k (fluch), fluehen, kuegel, fuemer (sommer). 

Der umlaut dieses ue ist gleich dem des tie aus ö, teils üe in 
offner silbe, teils kurzes ö in geschlossener silbe. Vgl. Viil, 3. 

schprüeJce, flüeke, küegelsches, schtüeflcen (! ausnähme), nüäe. 
nötschen, schpröksken. 

3. In einigen Wörtern hat ein folgendes r die Veränderung des 
zu q verursacht; der umlaut dieses q ist natürlich ö. 

bqscht (brüst und bursche), kqt (kurz), schnqrbat, schqte (schürze), 
wqtel ( Wurzel), trqp (truppe); höschken (bürschlein), kpter (kürzer), 
wötelscheriy tröpken (kleine truppe). 

4. Das u vor cht ist diphthongiert, cä fölt dabei. 

klout (küchenzange , vgl. klocht, klucht, ndd. zu cleowan spal- 
ten.) lout (aus locht, nebenform des fränkischen für loft)^ ondout (zu 
dugan , taugenichts) , sehlout (schlecht = zweig). Diesen hat sich d^nge- 
schlossen y f out , f outen (suchten von mhd. suochen). 

Der umlaut dieser Wörter ist meist öi: ondöitc, schlöite^ Joit, 
ßiten; von lout komt der umlaut nicht vor, aber von der daneben 
bestehenden form loft: löfttch, löfien. 

Im vergleich mit den übrigen vokalen, bei denen vor cht eine 
diphthongierung eingetreten ist , selten wir erwarten , dass auch vor Id 
dieselbe sich fände; aber das ist nicht regelmässig der fall; formen wie 
göult (gold), schöult (schuld) hört man wol in Ronsdorf, aber meines 
Wissens sind sie weit seltener; die geläufigen sind golt, schöU. Ein 
umlaut öl vor Id ist mir nicht bekant. 

5. Eine anzahl von Wörtern ist noch zu verzeichnen, die zum 
teil neubildungen der mundart sind, zum teil Wörter, deren tl aus' 
einem alten ü entstanden ist, die aber schon früh neben den alten for- 
men vorhanden waren, was aus ihrem vorkonmien in andren dialekten 
geschlossen werden kann. 



BONSDOBFEB MTJNDABT 353 

bUbeln (schwätzen), hUfdn (spazieren), dUfelich (ae. dysig, ne. 
dizzy, ndd. dusich Lübben , Kluge, yoü düfel Schwindel), flutschen (vgl. 
VII, 3. b.), knUfen (schlagen, von knüwen = ftuste), lUpich (ver- 
schlagen, listig), lüstern (engl, to listen, ae. hlystan, ndd. lüsteren, 
hlld. luistern und mhd. lüstern), lüster (ohr), hapüt (zerbrochen frdw.), 
rUte (holld. glasruit, ndd. rute Lübben IV, 536 zu nhd. raute), Schü- 
ben (mahnen), vgl. ndd. schuppen Lübben IV ? dazu: schüpniJcel (der 
mahnende), schrüben (engL to scrub = scheuern, reinigen), schiüfen 
(alte pantoffel, vgl. holld. slof, ndd. slüpen == schleichen Lübben IV, 
252) schtüken (arm wärmer , vgl. ndd. stüch, stauch, mhd. stüch), 
betüpen (betrügen; vgl. frz. duper, engl, to dupe), oiierdüken (unter- 
tauchen, nur verb. trans.), tüfeln (zausen). 

Umlaut dieser Wörter ist selten, schrüber (werkzeug zum „schrü- 
ben"), rutschen, schlüfJces. 

6. ünregelmässig erscheinen in einigen Wörtern w, denen keine 
unumgelautete form mehr zur seite steht ; sie stehen zum teil in offner 
Silbe und sind gedehnt: Jcüken (md. kuchin, küken, kiken, Schade Wb.; 
holld. kuiken, engl, chicken), aber kükelhän, büren (= heben, ahd. 
burjan) , drüch (= trocken, ahd. truchan , trokken ; nid. droog , nd. drög, 
ags. dryge) , mür (mürbe) , schpüren (merken). 

kurzes ü haben: küp (mutze, frz.) und düchtich (tüchtig), beim 
lezteren nhd. einfluss: düchtich neben dem echt fränkischen deftich 
aus demselben stamme; beide worte in Konsdorf nebeneinander, das 
erstere nur in beziehung auf geistiges, das andre nur bei Sachen 
gebraucht. 

X. german. langes ü, 

1. Meist unverändert erhalten, brün^ brüt, dunen ^ füst^ füteln 
(täuschen, betrügen), hüt^ krüs^ krüt, krüpen (kriechen), kül (loch, 
holld. kula, ndd. kule Lübben 11, 592), scht^^ül (Steinbruch), Muten 
(kloss, hld. kluit, vgL Lübben II, 494), lüber (verbreitet, bekant), 
lünen (launen), lüs, düren^ dw/ (taube), düfenty drw/" (traube) , brü~ 
ken, brüfen^ fülj küm^ mür (mauer), mws, lüter (immer, von lauter, 
daneben die kürzung lüter), nü, plüdern, prüm (pflaume, prunus), 
rüsch, rüschen, schür, schnüte, schüm, schnüwen (schnauben), schüwen 
(eigentlich altes m, das aber im ndd. sehr früh schon zu ü geworden 
war, vgl. holld. schuiven), schtüken, schrüf, schtrük, schtrüs, trürich, 
trüren, tuschen, uzen (zum narren halten), üt (aus, unbetont im 
satze Üt). 

Fremdwörter: büschen (bund stroh, frz. le bouchon), prüsen 
(messen, vgl. prusten Lübben III, 363 von lat. prosit). 

ZSIT8CHBIFT P. DEUTSCHE PmLOLOGIE. BD. ZIX. 23 



354 HOLTHAUS 

Der umlaut dieses ü ist ü (lang): füste^ Jcrüder^ düfken^ hilf er ^ 
müs^ mürJcenj lüs^ fürlich, fiibern (säubern), schtrüker^ schürhen^ büdel 
(ahd. putil, mhd. biutel, Schade Wb.). Fremdwort: küwen (frz. cuve). 

2. Einige kürzungen des langen vokals sind vorhanden. 

US (uns, vgl. aengl. üs, neuengl. us), dobUten (draussen, bütan), 
üt^ nU^ lüter, wenn dieselben im satze unbetont sind. 

Ferner rupe (raupe), rüpich, schüster^ buk (buch). 

Der umlaut dazu ist kurzes ü: hüksken. Dazu stelt sich eine 
anzahl von langen w, deren Verkleinerungsformen umlaut mit kürzung 
verbunden zeigen, krüpt (von krüpen 3. ps. sg. praes.), külschen,, prüm" 
ken^ schnüs (schnüte), schfrüksken, schüfein (zu schüwen), ebenso hat 
sich angeschlossen: bül (beule). 

Fremdwörter: plüm (federbusch, la plume), krÜ0 (kreuz). 

3. Wenn dem ü kein konsonant folgte, ist es zu ou diphthon- 
giert: hoUj houen (bü, büen), trouen, fou, fouichy rou; ausnähme: 
nü. Umlaut dieses ou ist öi (selten vorkommend): geböilichkett^ tröir&i 
(trauring^, röich (ruhig), geböide. 

XI. german. ai, 

1. Altes ai (ahd. ei) ist erst zu e, dann in Eonsdorf zu ie 
geworden, wie alle übrigen e, vgl. IV. 

Met (heiss), hietewai, Äies (heiser), Mefer, kliet (kleid), mtestenSf 
miester (meister), beschieden (bescheiden = antworten), friesem (kopf- 
grind, vgl. Aach, freessem; zu fressem Lübben V?), arbieden (arbei- 
ten), fliesch^ kqlmies (kohlmeise) , /iejp^ (seife) , fiewer (nd. seiver, sei- 
veren, holld. zeveren), teke (eiche), iekön (eichhora), wieke (nd. weke, 
Lübben ; = lampendocht), tiechen (zeichen), tiechnen, diech (teig), iegen 
(eigen), hiemet (heimat), tehiem^ nqhiem (zu, nach hause), schtien 
(stein, daneben steiikül)^ kiener (neben kener) ^ ien (1), cdlienj rien 
(rein, neben reri)^ klien (comparativ, kUnder)^ mienuri, fiel (seil), did 
(teil), dielen (teilen), micTy mie (mehr). 

Der Singular praet. st. v. 11. hat als vokal ebenfals te regel- 
mässig, biet (biss), riet (riss), schmiet (warf), liet (litt) ^ schtiech (stieg), 
kriech (erhielt)^ blief (blieb) ^ schrief (schrieb)^ schien (schien); aus 
dem sing, ist dieser vokal in den plural übertragen: lieden^ bieten^ 
Schmielen usw. 

2. Nur wenn dem ai kein konsonant folgt, ist es unverändert 
erhalten: ai (das ei), wai (weisbrot, vgl. weck), lai (schieferplatte, 
holld. lei, as. laia. Gr. Wb.), laiendpker^ hai (= nebel, vgl. engl, haze?), 
twai (2). 



BONSDOBFBR MUNDABT 355 

Das einzeln stehende daimpen (dampfen, rauchen) ist entlehnt 
aus den nördlich angrenzenden westfäl. mundarten , vgl. Koch , Werdener 
Mundart. § 24. 27. 

3. Altes ai erscheint in der E. inundart als ei. 

beiZy herein ^ leidenschaß ^ leit (als subst. dagegen adj. lief), 
heit (heide, die), Heidt (ortsname), schdt (messerscheide), geist^ kreis j 
reizen j leisten^ schmeicheln^ zeigen j geheim^ gemein j kleinichkeit^ mei- 
nen (neben mienen^ mienun). Die vorhandene Spaltung der alten ai 
ist nicht erst in unsrer mundart entwickelt, sondern viel älter. Ver- 
gleichen wir die vorgeführten Wörter im mittelniederdeutschen (Lüb- 
ben), so finden wir dieselbe trennung, wenn auch mit einigen Verschie- 
denheiten von dem heutigen stände in der mundart von E. : wo hier 
ei erhalten ist, überwiegt auch im mnd. das ei, wo hier ie entwickelt 
ist, findet sich dort vorwiegend e. 

Während altsächsisch aus jedem älteren ei ein e wurde, erhielt 
das altnicderfränkische einen teil der ei; vgl. Heyne as. u. andfr. gram- 
matik § 10. 

Ein teil der ei in der mundart sind ohne zweifei in folge des 
einflusses der Schriftsprache entstanden , z. b. geisi^ kreis, reizen^ schmei- 
cheln, zeigen, leidenschaft und die ableitungen auf -keit, 

Ei findet sich vor dentalen und vor liquiden, vor denselben 
konsonanten tritt auch ie auf; deshalb glauben wir nicht, dass der 
grund der Spaltung in den folgenden konsonanten liege, eher vielleicht 
in einem diflFerenzierungsbestreben, da bei gleicher entwicklung manche 
Wörter zusammenfallen würden. Man vergleiche : leit (das leid) — liet 
(das lied), heit (die heide) — hiet (heiss), geist — giest — gies (gehst), 
geheim — tehiem (zu hause), scheit — schiet (schiesse), heits — hiets 
(du bissest). 

Einige kürzungen des alten ai sind zu verzeichnen: 
h^ten (heissen): twede (zweite), enige (einige), ^ns, & neben 
iemol = einmal, en — ien^ kener — kiener je nach der betonung 
im Satze. 

Xn. german. au (ou) und a + w. 

1. Au ist durch die mittelstufe ü zu ue geworden, wie alle 
andren ö, vgl. VIIL 

druem^ duepe (taufe), gluewen (der glaube), kuepen (kaufen), 
kuepman, Ivsf (laub), luepen (laufen), puefen (pausen), schmucken 
(smöken, rauchen), uech (äuge) neben ouch, uech (auch) neben öch. 

Der Umlaut dieser Wörter ist üe: ophüepen (häufen), gluewen 
(verb. glauben), düepen (taufen), drüemen, lüeper, püesken (kl. pause), 

23* 



356 HOLTHAUS 

füemen (säumen von säum = rand), küeper^ schtüewer^ schtüewen 
(stäuben). 

2. Altes au ist erhalten, wo demselben kein konsonant folgte: 
blau, dau (thau), verdauen, flau (ohnmächtig, holld. flauw, zu 

lau ahd. läo, hläo), fr au, jau (schlau, ndd. gowe, gauwe = schnell, 
listig Lübben IL), jauman^ genau ^ getau (bandstuhl, ae. getav), hatten 
(haujan). 

Hauen (die klauen), mau (ärmel, mhd. mouwe, auch ndd.), 
tauen (eilen). 

ferhauten = verkauften ist wahrscheinlich eine späte entleh- 
nung aus der Schriftsprache, in der das f gefallen ist. 

Der umlaut dieses au ist regelmässig pü: 

hlfiüen^ drflüen^ frftüen, frftüt (freude), frfiülein, frfiüken, 
hßü (heu), schtrfiü, schtrfiüen (streuen), klflüen (stehlen), mfluken 
(kleiner ärmel). 

3. Unregelmässig ist in einem kleinen teil der Wörter mit altem 
au ein 6u entstanden: houm (bäum), daneben regelrecht huem, rouben 
(rauben), houpman, schouschpieler, zoubevj zoubem. Bei den lezteren 
ist der einfluss der Schriftsprache unbestreitbar, bei den ersteren ist 
er wenigstens wahrscheinlich Ursache der abweichenden entwicklung. 

Als umlaut dieses ou findet sich öi: röiber, röichern^ böimken, 
öichsken (äuge); derselbe umlaut beim ou aus ü, vgl. X. 3. 

4. Kürzungen des au sind zugleich mit dem umlaut verbunden 
bei den beispielen aus 1., wenn doppelkonsonanz folgt: lopt (läuft), 
glöft (glaubt), höpt (kauft), dopt (tauft), drömt, drömden (träumt, 
träumten). 

Dagegen sehmöJct (ohne umlaut), puest (3. p. sg. von puefen) 
und seht Pf (staub , vgl. mfrk. stoppe Wernher v. Niederrhein). 

XIII. g er man. tu {io, ie). 

Schon im althochdeutschen war eine Veränderung des alten iu 
eingetreten, die je nach dem dialekt verschieden durchgeführt wurde. 
Vor folgendem a wird im fränkischen iu zu tb, dagegen im oberdeut- 
schen nur vor dentalen und ä, nicht regelmässig vor labialen und gut- 
turalen. Braune, Beiträge I. 

Die heute in der Bonsdorfer mundart vorhandene Spaltung scheint 
auf verschiedener formausgleichung zu beruhen. 

1. Iu ist erhalten und heute zu öi geworden in: 
böigen (beugen), beröien^ döiwel, gröilieh, köien (kauen, ae. ceo- 
wan, ne. to chew), löiten (leuchten), löite (laterne), Möien (knäuel, 



BONSDOBFER MÜNDABT 357 

engl, clew, ahd. chliuwa, ae. cl^we), nöi (neu), nöilich^ schoten^ schlöi- 
nich, ßnfzen^ föile, tröi, zöigen. 

Als entwicklungsreihe von iu zu öi ist anzusetzen: iu — ü, — 

•• •• * 

— 0%. 

2. Das alte iu hat in einigen Wörtern nicht die Senkung zu ö, 
öi mitgemacht, sondern ist als ü erhalten: 

tüch (zeug), hülen (heulen), ferner st. v. m 2. 3. p. sg. du 
früst, hfi früst (friert), bedrüt (betrügt), fli^t (fliegt), lüt (lügt). 

Ebenso in einigen Wörtern vor r, wo das ü als diphthong üe 
gesprochen wird: düer (teuer), schüer (scheuer), schtüer und schlüetel 
(Schlüssel). 

3. Vokalkürzungen können wir verzeichnen, a) bei erhaltenem 
ü: lut (leute), dat. plur. lüden ^ bedüden (bedeuten), bül (beule) , /wgfe? 
(säuel — seuel?) b) mit Senkung zu ö: frörik (freund), ömes^ nömes 
(jemand, niemand). 

4. Als ie erscheinen in Konsdorf: 

a) alte tu, welche früh zu io, ie geworden sind: bieden (bieten), 
dienen, bedriegen (betrügen, neben bedrüegen), fliegen, f riefen (frie- 
ren), gieten (giessen), Tcriech (krieg), lief (lieb), liet (lied), riemen^ 
schiefe schiefen (schiessen), schtiefader (Stiefvater), liegen neben lüegen. 
b) Alte ie (ia); der vokal des praeterit. der verba redupl. z. b. : kiel 
(hielt), schliep (schlief), blies (blies), schtiet (stiess), riep (rief). 

Dagegen haben die späte Spaltung zu ie nicht erlitten : ge% ho% 
fon (giGiig? hieng, fieng) wegen der eingetretenen vokalkürzung. Die 
lezteren haben das o in folge Verwechslung und analogie mit st. v. I 
fand = fori usw. erhalten. Wenn auch diese ie schon ahd. fast bei 
denselben Wörtern im fränk. dialekt entwickelt sind, so ist doch nicht 
anzunehmen, dass das ahd. ie sich darin unverändert erhalten habe. 
Ndd. ist algemein das ahd. ie zu e geworden, und wenn auch das fränk. 
vielleicht am längsten alte ie bewahrte, so ist doch spätestens im 
15. Jahrhundert der übertritt von ie zu e algemein ausgeführt, vgl. 
Heinzel, Nfrk. Geschäftssprache. Das heutige ie ist der mundart eigen- 
tümlich, eine junge entwicklung, der alle e gleichviel welchen Ursprungs 
sich unterwarfen. 

Unregelmässig entwickelt ist deistach, woneben öfter dejistach 
= dienstag; ähnliches vgl. Weinhold § 136. 

Die konsonanten. 

I. Dentalreihe. 
1. German. J5 im anlaut hatten die folgenden Wörter, die mit d 
heute anlauten: djenken^ danken, dan, dak^ d^Cj di, dat, dfikel, djeken^ 



358 ' HOLTHAÜS 

d^erfJ deuj destd, gedeien^ dik, din, doner ^ dfir^ dörch^ dön, dcHden^ 
gedolt^ düfentj draien, drfikseln, dr fischen^ drfiüj dreij drSde^ dr&ien, 
dröt, drüf, dienen u. a.* 

Das inlautende d geht auf german. j^ zurück in: he^de^ hrSdCj 
gröde (hitze, breite, grosse; gebildet mit der got. endung -tja, ahd. 
-ida), iedem (eidam), verlieden {got leipan)^ bn^der, didvsden (toten), 
schnueder, fadem y vermieden ^ opladertj schaden, schwadern^ ädel, he- 
schtädeny gnfidich, Mieder, feder^ jeder , leder^ schntden, Jconden (der 
künde), öder, ödem, leiden ^ frieden u. a. 

Tritt dieses d in den auslaut , so wird es stimlos , wie auch die 
andren d: heit (heide f.), Miet, auU, laultj brüt, fut (fort), mönat^ 
duety mönt, mort, wfit^ ßt; die endung der 3. pers. sg. praes. hfi 
schlfipt, hörnt ^ fröcht usw.; schon ahd. zu i geworden. 

Ausnahme twe^en ahd. dwingan, vgl. Weinhold § 187. 

2. Ein german. d im anlaut hatten folgende Wörter: 

dau (thau), dauter^ dach^ danen (adj.), datiS, dramich (schwül), 
damp, dfily del (adv. abwärts, nieder, got. dal; und subst. hausflur), 
desch^ dlJc, diep^ dier, dql, don (dön, tuon)^ dqp, dom^ donkel, döbd 
(mhd. topely dopel, vgl. Schade Wb.), dßrpel (vgl. Schade, ndrhein. 
dörpel, türschwelle), dopen (topf), döiwel, duef, dür (tür subst., teuer 
adj.), duet, drußm, duepe, dUJien (z. tauchen, ahd. tüchen, ndd. dwÄen), 
düren^ düf, duegen {dugan^ taugen),' e?weA, dreien, drtwen, drOgen^ 
dröpen, drück, driesch (hlld. dras, brach liegendes land) , bedriegen usw. 

German. d im inlaute findet sich in der endung des praet. der 
schwachen verba: häden, frfliden, hülden^ meinden, Jcierden, rürden; 
aber nach stimlosen konsonanten ist dieses d zu t assimiliert worden: 
leften, brukten, lachten^ frqchten, faiten (sagten), f outen ^ faten (sezten). 

Ferner: arbieden^ bände , treden, riden, bieden, Jciedel (kittel), 
grieden (gerate, ahd. gfira^t hausrat) , guedestach (mitwoch, von Wodan, 
vgl. engl. Wednesday), böden, beden, bedeln, bMen (beten, betteln, 
bitten), bröden, fader, gaden, enläden, weder y fedich (fertig, von 
fart), fladermüs, wlden^ older (söUer), Jcriider, biidely schlieden (Schlit- 
ten) u. a. Im auslaute muste regelmässig t entstehen. 

Endung der 3. pers. plur. praes. in den verben: hanty ßntj 
gqnty stqnt, schlqnty Jent, donty zurückgehend auf altes -and. 

Endung des ptc. praes. werent, feint. 

Ferner: arbet, blicety fluet, gluet, guet, glaty bßt, maet, rwe^, 
sehr et, schdt, wetman, schpet, wity tU, ftty schtrUy wqret (Wahrheit), 
horierty kqt^ gedolty scholty gefolgt, röt, föt, not, wüt, krüi, hüt^ bruäy 
gailt, fallt y gliety hiemet (heimat) usw. 

1) Yokalkürze ist, ausser in besonderen fällen, unbezeiclmet gelassen. 



BONSDORFEB MUNDABT 859 

Das d nach n hat meist eine andre entwicklung genommen, vgl. 
unter den liquiden und nasalen. 

Abgefallen ist das d nur in dem bindeworte on = und. 

3. Germanisches t anlautend ist regelmässig erhalten in: 

tagen (got. tahjan, zanken), tasen^ trape, trampeln j tapen 
(zapfen), ta^k (zahn, ahd. zant), täl, tauen (eilen, köln. zauen, ahd. 
zanvjan, machen, bereiten?), tarn (zahm), tische, tefamen, tßer^ tem- 
pen, ten, trfiken, temern, twTfeln (neben zwifeln)^ twfide, tU, tien, 
tiewen, tiekel (tegula), twien (zwirn), tiechen, tqpy twöjf, töschen, tüchj 
tüfeln (zu mhd. züs, züsen), tun u. ä. 

Inlaut: a) alte ^-Verbindungen, die auch hd. unverändert blie- 
ben, achten j gfiste (hefe), beter, destel, gestern, kmste (schmutz), löi- 
ten (leuchten), meste (misthaufen), keste usw. 

b) einfaches t^ nhd. verschoben zu 55. 

schötel, wäter, rlten, löten ^ Mten, eten, freten, ketel, meten, 
hlten, schmUen, möten, ströte^ möte, buten, schtueten^ scMüetel, föten 
(sassen), kqten (hütte, ae. cot). 

c) doppel t nhd. verschoben zu 0. 

käte, föen, ffiten, schnüte, rate, late (ahd. latta, ae. lattu, 
schmale hölzerne stange), häte (ahd. herza, got. hairtö), schqte (schürze). 

Es ist, wie ersichtlich, gleichgültig gewesen, ob ursprünglich 
einfaches oder geminiertes t in einem werte war; käte, feten, freten, 
die auf tt zurückgehen, haben sowol einfaches t erhalten als water, 
rtten, Mten, Die ahd. regel, dass bei stimhaften konsonanten die 
gemination verschwindet (wagjan — bewegen) , bei stimlosen aber erhal- 
ten bleibt (sidjan — sittan — sitzen), ist also für die an der grenze 
des ndd. liegenden mundarten nicht aufzustellen. 

Inlautendes t nach einem 5 wird in Konsdorf nicht ausgesprochen. 

täsen (tasten), r^esen (rasten), kqsen (kosten), prüsen (niessen, 
ndd. prusten Lübben Wb.), bei huesten, trüesten wird das t gehört. 

Auslautendes t. 

a) in konsonantverbindung : acht^ ast, fracht, geft, schreft, nestj 
qft, hqscht (brüst), füst, hrait, dait, nait, schlait, knait, leit (leicht), 
gefeit (gesiebt), geist, schlout, duescht, wüest usw. 

b) einfaches t, ßt (es), fat, nät^ schwät, pqt^ mot (muss), fuet, 
praeterita: schöt, göt^föt^ vergöt usw. 

Vor allem wichtig sind die unverschobenen t der pronomina dat, 
W(xt^ ebenso das, dem neutrum der adjektiva zukommende t in lent^ 
kient (einaz^ keinaz)^ aber verschoben in alles , nie allet und in allen 
andren adjektiven: wat nöies^ niks schlaues u. a., vgl. dazu Weinhold, 
mhd. gr. § 197. 



360 HOLTHAÜS 

Die hd. Verschiebung des t ist aber in folgenden Wörtern ein- 
gedrungen. 

Anlaut: mpdn, e^U^ zelem^ zemer, eemerman (als eigenname; 
aber daneben steht temerman^ temern, temerploLg)^ zwlfeln^ eilen ^ isochj 
zeigen, zoubernj zöigen. 

Eigentümlich verhält sich die endung -tig bei den Zahlwörtern. 
Stets heisst es tw&ntich^ aber fiezich, fofzichj siewenzichj achaichy nie- 
genzich; wider anders sind: dressichj sfiksich; un verschoben sind auch 
Uen (10), drütien^ fietien, foftien usw. 

Im inlaut ist t verschoben: 

a) zu jSf in: hazen, krazen, schw^zen, wälzen ^ sckgzen^ fizen 
(erbsen), h^ze (kerze), hezde (aber Äirf, htetewai), r^zen^ schpeze^ fezen^ 
gizichj nozen, üzen^ hlezen, schprüze^ föifzen, Mzeln (neben nozen sbst, 
das adj. nöter = besser). 

b) zu s: h^ser^ hüesen, gase, gäsJcen, f^sel. 

Bei einem teile dieser beispiele mit verschobenem t ist wahr- 
scheinlich nicht bloss beeinflussung von dem südlicher liegenden dia- 
lette, sondern auch von der Schriftsprache anzunehmen. 

Auch im auslaut ist t verschoben zu z und zu s. 

schäz, häz (harz), geffiz, njez, mfiz (messer), jez, Hez^ trqz, 
schtolz. 6aZ6es (baarfuss) , bas (gut, nur attributiv; en hafen jong) ^ vgl 
oben über alles usw. 

Ein ursprünglich nicht vorhandenes t ist in der mundart ein- 
geschoben worden in: f fischte (ferse), schpente (spinne), hosckt (bursche). 

4. Das in der Ronsdorfer mundart erscheinende f{s) geht, ausser 
den schon angeführten fällen , in denen es durch Verschiebung entstand, 
auf german. / (s) zurück. 

Es ist im anlaute stets stimhaft. 

fah, falf, faz, farjjk, fai, fahe, tefämen, fäpe, fddd^ feten, 
f fiten y ffisel, fen, felwer, ffilwer (selber), fetienj ffinfcen, fenken, fefl, 
fese, y?w, ßit (seite, mhd. Site, verkürztes *), fflrgen^ fon^ fondach, 
gefüllt y fügen, für, füget, föster, faite, faien, ß, fie (see),fid (seil), 
fiewen, fiepe, fiel (seele), fouich, fouher, füeJcen, fölen, fuemer, Joüe, 
foifzen usw. 

Im inlaute nach kurzem vokal ist es meist stimlos: 

faselowentj praseln, wfiseln, mesen^ mese^ pesen. 

Stets stimlos vor oder nach stimlosen konsonanten: 

wfiste, gfiste, fenster, elster, hqspes (dummer junge), bohsey deih' 
sei, schnäJcsen, wiksen. 

Nur in wenigen fallen ist s inlautend nach kurzem vokal 
stimhaft: 



B0N8D0BFEB MÜNDABT 361 

a) grUfeln, hUfeln, tufeln, späte mundartliche bildungen von 
Verben mit langem stamvokal mhd. grasen, züsen. 

b) wenn dem s eine liquida vorangeht: penfei, zenjen, bönfel, 
hölfen usw.; geht aber u voraus, so ist s stimlos: da^sen (tanzen), 
schafisen (schanze, holzbündel), lansam. 

Nach langem vokal ist aber das inlautende s meist stimhaft: 
^fely lefen, w%fen, Uöfen^ düfent, leife^ reifen, keif er, f riefen^ 

verliefen, hiefer, puefen, Jcnüefel, frafen. 

Ausnahme bilden fese^ wäfen; bei beiden ist vor dem 5 ein 

konsonant gefallen, s war früher stimlos. 

Das auslautende s, stets stimlos, entspricht german. /in: 
haJces (backhaus), hlaSy daJcs, hanes, glas, gras, schpas^ hos-- 

pes, wäSy fläs, ndSj häs, Jcrqps, IqSy müs^ hüs, ßs, Joes, hös^ Mos 

(Nicolaus), löSy Jcöbes, Jtrüs, Jcreis, reis, wies, rues, sehniegöis, 

bües usw. 

Neben diesem alten s findet sich eine ziemliche anzahl junger, 

der mundart eigentümliche 5, die alle stimlos gesprochen werden. 

a) Im inlaut, eingeschoben vor die Verkleinerungssilbe -Jcen, 
wenn der stamm auf Je, ch ausgeht. hueJt, böJcsJcen, stfiJcsJcen, stöJcs- 
Tcen, IftJcsJceny brßJtsJcen, hfiJtsJcen, rftksTten, trfieJisJcen, 

b) Im auslaut, in der pluralbildung der Verkleinerungswörter auf 
-ken und -sehen. böJcsJcen — bfiJcsJces, IfiksJces, JcfipJces, Jcfirfkes, brät- 
scheSj hötsches, flötsehes, bßseJiJces, wfitsehes, scJipfinsehes, Jiüskes, für- 
Joes, tmpkes, dickes usw. 

Ferner zeigen adverbia und pronomina dieses 5: 
sehtrakes (nachher), mols (einmal), firges (irgend wo), le^ks, 
raits, ens, (es) (einmal), fjötens (besonders), ömes (jemand), nömes, 
dökes (mhd. dicke = oft) , bereits, beits (beide) — endlich atchüs (adieu). 

5. Der scÄ-laut hat in ßonsdorf im grossen und ganzen die- 
selbe ausdehnung , wie im nhd. eine kleine anzahl nur sind mehr gebil- 
det worden, sk ist überall zu seJi geworden, während das s in sl, 
sm, sn, sp, st, sw, nur im anlaute seh wurde, im inlaut aber als s 
erhalten. blieb. seJiaz, schari, schötel, schaden, schap, schawen, schel, 
scJwlt u. a. fische, rasch, meschen, weschen, tuschen, mensch, fesch, 
desch u. a. schlaiten, schlaf, schluken; schmant, schnitten, schmike; 
Schnake, schnapen, schmden; schwadern, schwat, schwät, schpalken, 
schpanen, schpas; schtachel, schtal, schtam usw., aber raspel, Jwspes, 
kasper — ast, fast, schuster. 

Bloss in paschtur ist der scÄ-laut eingedrungen. 

Der mundart eigentümlich ist das seh in folgenden ßlllen: 



362 HOLTHAUS 

a) Verkleinerungssilbe -sehen: brötscheny hötschen^ flötschen, 
spfifischen usw. 

b) wenn dem alten s ein r vorangieng; das r ist oft in der 
Konsdorfer mundart gefallen, zuweilen auch erhalten: ffisckte (ferse), 
g'eschte (gerste), fßsch (vers), duescht^ hqscht^ te iescht (zuerst), iesch- 
tens, Jcoschte (kruste), du tv^csch (wirst), ariersch (anders), hefo^ersch^ 
söderschtach, donerschtach , ö^erschte (unterste), öwerscMCy hörgerschlüt, 
h^eJcerschgefql u. ä., vgl. ähnliche scä- bildungen bei Weinhold mhd. gr. 
§ 205. 

c) aulsche (die alte), nötschierich (neusgierig gebildet statt neu- 
gierig, mpsch (moos), mötsche (mutze). Das erste, aulschoy ist ent- 
standen in anlehnung an die bezeichnung der frauen nach dem namen 
ihres mannes: Hoppe — de Hoppesche, de Seipsche, de Burmqnsche, 
de HoUüsche. 

In einigen Wörtern ist altes s zu geworden, wie es in nörd- 
licheren mundarten und namentlich im holländischen oft geschehen ist. 

0äbel, mfrön (safran), zeszich (stück land 3600 n')i Ziti Fiter 

(St. Peterstag), piterzelich (petersilie), zqpen^ zftte (sorte), zddat neben 

foldat, 

IL Die labialreihe. 

1. Das alte german. 6 ist unverschoben erhalten in: 

halbes, hdkes^ ba^i, horch, hraiiJc, harih^ bedeln, heiien^ hröden, 
hfirch, hfiser, hßste, h fiter, hfit, h^esem^ hrfiu^n, hleh, hle^Tc, blez, böden, 
bögen, breiten, briet, beke, bewen, beden, beher^ btbel, lufen, bUen, 
bqk, bqrgen^ bqrn^ bqscht, buk, buch, büfeln^ büschen (bouchon frz.), 
brqJcen, brüfen, bret, brün, brüt usw. Anlautend ist keine ausnähme 
vorhanden. 

Im inlaut aber ist weit vorwiegend der schlaglaut in den reibe- 
laut übergegangen, der schon früh im altsächsischen und gotischen 
vorhanden war; vgl. dazu Weinhold § 162. 176. 

hawer, schäwen, firwen^ ffilwer, felwer, gewen^ bEwen^ lewen, 
ewen, hewen^ newen, wewen, schwewen, bltwen, schriwen, rivoen 
(neben frtwen), drtwen, scherwel^ verdfirwen, schtfirwen^ ffirwen, 
gfirwen, öwen (oben), löwen, schnütven, schrüwen, schüwen, schtüwen, 
fiewer, liewern, ßewen, griewen (ahd. griubo, ndd. grieve, speck- und 
fettstückchen) , giewel, schtüewer (abstäuber), üewer, glüewen (verb.), 
gluewen (subst.), üewel, bedrüewen, Mewen, darwen, kalwern^ s(ü- 
wen usw. 

Dazu komt noch eine reihe von Wörtern , deren b in den auslaut 
trat , und daher stimlos und zu f wurde ; in den flektierten formen 
erscheint auch das w: lief, liewer; grqf, gröwer^ Tcalf^ hfilwer u. a. 



RONSDOBFEB MUNDABT 363 

Dagegen ist h inlautend erhalten worden: 

a) nach kurzem vokal in: drbet, schqben^ rSben (rippen, geht 
auf altes bb zurück, das in Ronsdorf aber wie einfaches b behandelt 
ist), hubein (hobeln). 

b) Nach langem vokal ist b erhalten: schnabel, zabel^ bzbelj 
lübeTy rouben, röiber, köbes, döbel, zouber, schtröiben. Bei den meisten 
dieser beispiele hat man wahrscheinlich recht, sie für entlehnungen aus 
dem nhd. zu halten. Jcöbes = Jacobus frdw. 

Ferner gibt es noch eine zahl junger neubildungen , die ein b 
im inlaute haben: schj^ich, kj^eln (zanken), Jcmbeln, gibein (lachen), 
schmbeln, schntbelowentj schruben, bübeln, rüblich y Schüben, schibeln. 

Tritt die alte media b in den auslaut , so wird sie zur stimlosen 
Spirans f: af, luef, schtuef, öf (ob), gr^öfy korf^ schtqf (staub), l^f^ scMf, 
half, dfirf, raf, Tcälf elf, lief, prüf, f^lf (salbei). 

Hierher gehört auch die 1. 2. 3. p. praes. sg. und das perfect 
der verba, die w im inlaute aus altem b haben: 

gewen: gef, göf bewen: bef, befs, beft, beften. bliwen: Ulf, 
blief. schnüwen: schnüfs, schnüft; glüewen: glüef, glöfs, glöft. lewen: 
lef, lefs, left, leften; drtwen: dr^ft, drief u. a. 

Zuweilen falt das f ganz: ech gef, du göts, hß göf, bltf — blts^ 
blU (bleibt). ferJcauten = verkauften, glauten = glaubten. 

2. Die tenuis p ist aspiriert, aber unverschoben erhalten: 
Anlaut: pape, praten, pan, plat, paken, plätschern, pelen, 

pen^ peken, penfei, pesen, prenz, plestern, pilen, ptrkes, pUsen, 
pftken, pQst, pqt, pöten (pflanzen), plögen, prölen, plonder, pöfiel, 
peitsche, paiten und in vielen andern besonders fremdw. 

Inlaut. Es erscheint stets einfaches p, gleichgültig ob altes 2? 
oder (pj =) pp zu gründe liegt: duepe (daupjan), ruepen (hröpjan), 
dröpen (tropfo), luepen^ kuepen, fiepe, schilpen, dßrpel, schlöpen, 
fäpe, äpe, ptpe, höpen, öpen, schepel, kipe, flpen, grtpen; hepe (ahd. 
happa, mhd. hepe). 

Ebenso nach kurzem vokal: dröpeln, schöpe, hupe, hupe, fupen, 
rUpe, lupich, schtöpen, schtppeln, nppen, zfipen, wipen, ntpen, ttpen, 
ömMpen, schUpen, kepen, Upe. 

Auslaut: scharp, knäp, träp, schap, rip, ipp, strpp, dörp (Ro^- 
strop = Ronsdorf), trpp, kpp, schqp, kömp, stup, öp, diep, urloup, huep, 
kuep, rüep (rübe), begriep (begriff) — küp (frz.), vgl. Weinhold §168. 

Die Wörter „schef pqfer, pafen, grefel, k^mfen^ sind offenbar 
nicht altes eigentum der mundart, sondern entlehnt. 

3. Die anlautende spirans w geht auf german. w zurück, 
nur bei einigen Wörtern auf hw: waken, wäl, wa^k, was, wäsen^ 



364 HOLTHAUS 

wäfer, wagen ^ wäl, wdn, gewfinty Wßseln^ wj^en, wfich^ tvfihenf 
Wfir^ wßlen, wßt^ w^eln^ welen, we^Jc, we^iken, weschen, weiikelj we- 
der ^ wewen^ wehe, wiJcse, wtpen^ wU, wikel, gew^ter, wln, wönen, 
wqlberny wfit, wpr (wahr, war), wölke ^ wolf n, a. — wät^ wo, wi, 
Wfi^ wtt. 

Inlautendes w seheint nur in ewieh erhalten. Sonst ist es gefal- 
len, oder mit dem vorangehenden vokal zu einem diphthong verschmol- 
zen, vgl. vokale unter XII, 2. 

albern hat b aus altem w; das wort scheint aber entlehnt aus 
dem hd. Jcüwen, frdw. cuve frz. hat das w erhalten, während es nhd. 
zu b geworden ist Jcübel. tiewen (ahd. z§hä zehe. ae. tä.) scheint das 
w für h angenommen zu haben, vgl. ähnliches Weinhold § 181. 

In den Wörtern nerwen^ nerwich, polwer (aus dem latein.) hat 
die mundart das hd. stimlose f in w verwandelt. 

Ebenso in öwen =: ofen, vgl. Weinhold § 162. b für f i. md. 

Im auslaut ist w gefallen direkt nach einem vokal stehend: 
sclmie, frue, schtrüe, knie, — Ebenso nach l und r: g^l (gelb), mür 
(mürbe), gär, kal — aber erhalten als stl. f in: farf,fälf, pölf (phu- 
liuui T.). 

Zum anlautenden w ist noch zu bemerken, dass die Verbindung 
wr das w nicht ganz verliert, sondern zu fr wiri: fräsen (wraso), /rf- 
wen (reiben), fremeln (den faden reiben), freien , frauen (vgL wring- 
maschiene), vgl. Weinliold § 180. 

Das german. f zeigt sich erhalten im anlaute : 
fären, fan, fläs, fät, fädemj fäke, fäder , falsch, färfy flach, 
ffit, fesch j ferier, feder, fegen, feien, fezen, fil, ftn, flisich, filz, fouf 
foSy gefpr, füt, folk, folgen, fuet, fuegel, frö^k, from, friefen^ frie- 
den, frei, fliesch, f{uck, flqken, flqt, flegel usw. 

Die vorhandenen inlautenden f me in strofe, kofcj kofer (kaf- 
fee, koflfer) scheinen nicht altes eigentum der mundart zu sein. 

In einigen neugebildeteu Zeitwörtern ist f aus altem w entstan- 
den : schnüwen — schnüfeln (dazu schnüfken = prise), ähnlich knif- 
fen, knüfeln aus dem sbst. knüwen (faust) und schlafen (alte pantoifel). 
Andre neubildungen sind: müfich^ kfifen (bellen), gafen, pufen. 

Die heutigen auslautenden f sind meist aus german. b entstan- 
den; nur wenige gehen auf german. /"zurück wie: wolf, Zö/* (mhd. luf ?), 
Äa/" (spreu, ae. cäf), Za/* (ohne salz, zu ahd. laflFan?). 

Aus dem latein. v entstand das f in brief, bräf. 



BONSDOBFEB MÜNDABT 365 

III. Die gutturalreihe. 

1. Der stimhafte reibelaut g entspricht regelmässig dem germ. g. 
ga% gafd, glas, gras, gaden, gan, gär, gefß, gestern, grfinze, 

gewen, g^gen, gfiste, geft, gref, grefel, gremtch, giz^ glzJc, gieten, got, 
gqtj guet, gqn, genoch, gor gel, gfile, gruet, gröde, glök, gnfidich, gre- 
len, grqlj gro^k, gruet, grqf, grasch usw. 

Inlaut: hägel, jagen, mOgen, wagen, knagen, schrägen, drä- 
gen, fägen, firger, h findigen, fegen, legen, schnegely liegen, kngen, 
schiigen, bqrgen, fqrgen, folgen, orgel, bögen, frögen, schwöger, wögen^ 
börger, fügen usw. 

Einige inlautende german. h sind ebenfals, gemäss einer alge- 
mein niederfränkischen neigung zu dem entsprechenden stimhaften g 
geworden, vgl. Weinhold § 223. 

früe — früeger, huech, hüeger] nö — nöger, föch — fögen 
(sahen), geschoch — geschogen. 

Im auslaut muss das g natürlich den stimton verlieren, und zu 
cÄ werden, gedrach, dach, bfirch, schlech, drech , schrech , fech (säge), 
trqch, borchj genoch , fröch, plöch, fliech, kriech^ wiech (wiege), diech, 
uech (äuge), blach (blägen, kinder), aber ausnähme: kluek (klug). 

Inlautendes g ist ganz gefallen in: ren (regen), mfin (morgen 
adv.), fait, faxten; lait, laiten; vgl. Weinhold §225; dazu 6m (brücke), 
teröi (zurück). 

2. Die german. tenuis k ist unverschoben, aber aspiriert. 
Anlaut: kalfj kalk, kam, Ä;aw (sbst. u. verb.), knap, klam, karite, 

kaie, Mamer, klapen, kla^^ kräken, kralen, kra^k, kra^is, kfinen, 
kfilner, kfite, krfips^ kfifen, kfil, kßn, kfize, kfiren, kefik, ken, kerke, 
keste, knagen, knait usw. 

Inlaut: kj = kk der altdeutschen stamme wird behandelt wie 
einfaches k: fakel, füeken, schmäken, baken, danken, jake, paken, 
schtrakes, wakeln, mäken, fäke, läken, kerke, kueken^ schicken, beker, 
breken, schpreken, kunken, schliken, schtrlken, Mken, gliken, brüken, 
rüken, schöken usw. 

Verschoben ist k zu ch, nie im anlaute, aber in- und auslau- 
tend: ech, uech (auch), mech, dech, fech, rfichen, krochen, tiechen, 
röichern, rechnen, (daneben hört man oft reknen), flach y frech, brochy 
geroch. 

Auslautendes k ist un verschoben erhalten in: armenak, dak, 
schwäk, drfik, flfik, schpfik, blek, dik, pek, Itk, päkj dik, schUk, 
bqk, schtqk, folk, schtro^k, drok, hök, lök, buk, schtrük, schtök, glök, 
tUk^ schtiek, schpruek, duck usw., welches zum teil auf einfaches k 



366 HOLTHAüS 

(wie dak^ schwäJc^ peJtj dth^ lök usw.) zum teil auf doppel-S (Jbqlc^ 
rqh^ schtqk u. a.) zurückweisen, die im hd. verschieden, hier aber 
ganz gleich entwickelt worden sind. 

Zum verschobenen k ist noch zu ergänzen die endung -lieh. 

3. Ch komt im anlaut nicht vor. 

Einige inlautende ch, die aus k verschoben sind, haben wir 
schon erwähnt, andre inlautende ch weisen auf die alte spirans hh zu- 
rück, wie in lachen ^ nöchde^ beichten. 

Ebenso einige auslautende ch = german. h: schmäch^ nqch, 
huech. Vor dentalen ist dies ch gefallen; unter den vokalen a, e, i 
sind die meisten fälle aufgezählt, hinzuzufügen sind noch: maut (mohte), 
schlout, lout (schlucht, luft), qsen, ffis, Wfiseln, nit (nicht), löiten, 
löite (leuchten). 

Ein aus k verschobenes ch ist ebenso gefallen in sotU (suchte) 
von süeken. 

4. Anlautendes h der mundart entspricht genau dem german. ä. 
(hl, hn, Ar ist zu l, n, r geworden wie hd). hüeren, huech, 

hfiü, hauen, haulen, huep, huen, huet, hiemet, heilich^ heü, holtj höte, 
hölpen, hülen, hubein, hüt^ hüSj hodel, hös, höpen^ hökj hoi^j ho^ert^ 
hilifij hqn, hqf usw. 

Anlautendes h ist gefallen in den adverbien: erodier (herunter), 
erop (herauf), erüt (heraus), eren, eraf^ komerüt, schpreneraf. 

Ebenso ist es in Zusammensetzungen gefallen: HoUUsen (Holt- 
hausen), Dawerkusen (Dabringhausen), Lüterkusen (Lüttringhausen). 

Im auslaute ist h gefallen in früe^ nö (früh, nah). 

Im iniaute in: fen (sehen), reien (rlhan), f^dch (fähig), hh ist 
erhalten, vgl. 3. 

Die halbvokale, liquiden und nasale. 

1. w. Ein halbvokalisches w ist in der Eonsdorfer mundart 
nicht mehr vorhanden. Über den konsonanten vgl. oben. Die anlau- 
tenden Verbindungen kw und hw in den Wörtern küemen und huesten 
haben das w verloren. In - und auslautendes w ist gefallen in : beröien, 
köien, tröi, nöi, rou, röich. 

2. j. Im anlaut ist altes j erhalten in: jagen ^ jömem^ jö, 
jo^f jomfer^ jau, jauman. Aus einem früheren diphthong eo (io) ist 
es entstanden in jez, jeder; dagegen ömes (vgl. jemand), nömes (nie- 
mand), j im inlaut zwischen vokalen ist nicht mehr spirantisch, son- 
dern j-konsonant: maien^ naien, baten ^ kraien. 

Die Verbindungen von konson. + j^ welche konsonantengemina- 
tion erzeugten und daher im hd. anders entwickelt sind, als die ent- 
sprechenden einfachen konsonanten , müssen sich im fränk. dialekt weni- 



BONSDORFER MÜNDABT 367 

ger deutlich abgehoben haben. Bei vielen Wörtern scheint, nach dem 
Stande unsrer mundart zu urteilen , das j einfach gefallen zu sein. Bei- 
spiele dazu, wenn auch wenige, gibt Heyne, kl. as. und andfr. gram. 
s. 32. Vgl. schmecken — schmähen, hafjan — Mwen u. a. beispiele 
unter den einzelnen konsonanten t^ p^ h. 

3. l, Wechsel zwischen l und r ist zu verzeichnen in halbes 
(baarfuss), armenak (almanach), l ist gefallen in es (als). Die beispiele 
der diphthongierung eines vokals vor l sind unter den einzelnen vokalen: 
aidty gailtj weilt; so verschiedenartige Wirkung des l ist zu erklären durch 
die annähme, dass der helle vokal in den lezteren fallen die hellere aus- 
spräche des l verursachte, welche selbst, widerum nach der dehnung 
des vokals, den zweiten teil desselben zu i machte; ähnlich bei dl : aul. 

Steht die Verbindung Id oder U im inlaute, so muss das d, t 
stets fallen: die lösung des Zungenverschlusses beim l klingt ähnlich 
und steht auch im bezug auf die organe dem bei d, i sehr nahe, daher 
schien eine ausdrückliche artikulation derselben unnötig. Im auslaut 
ist Id = U stets gehalten. Jiaulen, schaulen, waulen, Jcault — kau- 
len, schpauU usw. 

4. r. Merkwürdig sind einige gr im inlaute statt r: grasch 
(rasch), grismel (reismehl); ferner fr in fräsen j friwen, vgl. unter w. 
Inlautendes r vor dentalen ist gefallen; beispiele bei den vokalen. 

Wie nach dem l im inlaut die dentalis falt, so auch nach r, 
z. b. weren (werden), wären (warten), eren war (irdene waare). 

Der grund dieser eigentümlichkeit ist derselbe wie beim l. Aus- 
lautendes r bei den pronomen ist gefallen: we (wer), de (der), döfe 
(dieser), örike (possessiv, inker = euer), ufe (unser), fi (wir), wie es 
im ganzen gebiete des ndd. und im englischen ebenfals gefallen ist; 
vgl. as. we^ wi^ ae. we usw. In M (hier) findet sich schon ahd. und 
mhd. die form ohne r, 

5. m. Altes m ist erhalten in fadem, schwadern, h^esem, ödem. 
Zu n geworden in müen , muhme ; gefallen ist m in fouf (5). n ist zu 
m geworden in jomfer, amt usw. (assimilation). 

6. n. Anlautend erscheint es auch in der Verbindung kn: knu- 
fen, knägen. Gefallen ist inlautendes n vor und nach dentalen lauten: 
fese, üs^fös (sonst), Heren (lernen), morges (morgens), owes (abends). 

Eine für die mundart von ßonsdorf wie für den ganzen nfränk. 
dialekt eigentümliche Wandlung hat das durch eine dentalis gedeckte n 
erlitten. Über die Verbreitung des wandeis vgl. Weinhold § 219. 
G. Wenker: „das rheinische Platt." u. den „Sprachatlas." 

Die durch ein g gedeckte nasalis hat sich schon früh in den 
dunklen guttural - nasal ^i^ bezeichnet durch ng oiei gg verwandelt, im 



368 HOLTHAUS 

fränk. dialekt hat sich auch der durch eine dentalis gedeckte nasal, 
welcher sonst unverändert blieb, in den gleichen gutturalen nasal ver- 
wandelt. (In einem grossen teil des fränkischen auch jedes ungedeckte n). 
In der Konsdorfer mundart steht es folgendermassen : 

a) altes nd: a^ier, ^eiiern, a^ersch, herien^ hle^h^ harilCj haiid, 
lankj farik, scha% ferba^k^ wa^k, tankj be^ely e^^ feiien^ hejierny wenh 
we^eriy hefo^erschy grorih^ horik^ moriTc^ po^iky rofiTc, schto^, scMonßn, 
W09ik, woriern^ eno^er (mittagsschlaf, zu untarn, undern mittag). 

Ausnahme bildet: gefönt, gesund; bei allen übrigen ist die den- 
talis gefallen, nachdem das n sich verändert hatte. 

b) altes nt: haute (kante subst.), weiter (winter), o^er (unter). 

c) hraris (kränz), schassen, datis, horist (aber Jconschtök). 

d) re9i (neben rien), kleti (neben klien), maschi^^ aipfiis (anis). 
Zu den Wörtern auf nd ist noch zu bemerken, dass die, deren 

nd auslautet, also hier als nk gesprochen wird, (das k wird deutlich 
gesprochen!), im plural das k verlieren, harik — he>i (bände), tatHc — 
tevi^ wank — weii^ gro^k — grihi^ honk — Äcwg, wetik — weii. 

Das n ist vermöge einer alten neigUDg der nördlichen Franken 
zu grösserer und häufiger anwendung der hinterzunge und des hinteren 
gaumens in ihrer spräche zu n geworden, dann erfolgte in den mei- 
sten fällen der fall der dentalis: ander — arider — arier. 

Da im auslaute statt des alten nd ein rik gesprochen wird, so 
ist anzunehmen, dass, nachdem die Veränderung von w zu ^ begonnen, 
bald kein d, sondern dafür ein gf, und zwar schlaglaut, gesprochen 
wurde; dies muste im auslaut zu k werden. 

ander — arider — ariger — arier] heute wird kein g mehr nach 
dem n gesprochen , es ist stumm geworden , wie in den meisten gegen- 
den Deutschlands, (hririen^ fi^en^ nicht bringen ^ ß^gen. 

Die plurale wie he^^ teri^ weri usw. erklären sich mit hilfe des 
gefallenen alten plural -e; Jiende^ he^de^ t^erige^ he^ie, heti. 

Das g muste bereits aus der ausspräche verschwunden sein, als 
das e fiel, dann war die Veränderung des rig zu rik nicht mehr möglich. 
Ebenso ist das wort schau (schände) zu erklären: schände^ schände^ 
scharige ^ schnrie, scha9i. 

Die Veränderung von n + dental ist nicht vorgegangen in fol- 
genden Wörtern: schmant (rahm), dente^ schpente, konden^ plonder^ 
bant^ bände ^ feint (aber plural feti). Das ist ein zeichen dafür, dass 
die ßonsdorfer mundart auf der grenze zwischen fränkischem und west- 
fälischem gebiete liegt. 

(Schluss folgt.) 



369 

LITTERATUR. 

W* Wilmanns, Beiträge zur Geschichte der älteren deutschen Litte- 
ratur. Heft 1. Der sogenannte Heinrich von Melk. Bonn, Eduard 
Webers vorlag (Julius Flittner) 1885. 62 s. kl. 8«. n. m. 1,50. 

Die wolbekanten gedichte, welche Heinrichs von Melk namen tragen, seien 
nicht ein werk des 12., sondern des 14. Jahrhunderts, beziehen sich nicht auf nieder- 
österreichische, sondern auf ungarische Verhältnisse — das ist der hauptinhalt der 
paradoxie , welche Wilmanns in diesem hefte aufzustellen und zu verteidigen unter- 
nommen hat. 

Die composition des büchleins stelt vermutlich im grossen und ganzen den 
weg dar, auf welchem Wilmanns zu seiner neuen — überraschenden — ansieht 
gelangt ist. Zuerst also hervorhebung von motiven des dicbters, welche ~ nach 
Wilmanns — in den rahmen des 12. Jahrhunderts nicht hineinpassen. 

Heinrich kenne den minnesang „als eine herkömliche Unterhaltung der ritter- 
lichen geselschaft." (S. 6.) Wilmans selbst will übrigens dabei nicht zu lange ver- 
weilen, da die ansichten über die historische entwicklung des minnesangs, insbeson- 
dere bezüglich der östlichen gegenden, noch in der schwebe seien. Ich meinesteils 
möchte nur fragen, ob Heinrichs motiv etwa besser in das 14. jahrhuüdert passe? 

Es ahme bereits die bäuerin die tracht der vornehmen dame nach, ja sogar 
die arme taglöhnerin (s. 6 fg.), gelbe kopfbänder und schleier (s. 7) werden genant; 
auch die schleppen seien bedenklich (s. 8). Allerdings steht Heinrich mit seinen 
klagen über hoffahrt der niederen stände im 12. Jahrhundert vereinzelt: das ganze 
13. hingegen widerhalt in Osterreich vom mannigfachsten tadel , der in jener bezie- 
hung über die bauern ergossen wird. Heinrich weiss davon zu sagen, dass bäue- 
rinnen höfische moden sich aneignen, er kent den lieblingstadel gegen die bauern, 
welchen das 13. Jahrhundert im munde führt (Er. 424 die gebour die sint nidic) — 
aber von den zahkeichen, ganz bestimten details, in welchen sich bei Neidhart, 
dem Stricker, Wemher dem gärtner, Helbling der ständische gegensatz zuspizt, 
ihrer Meldung, bewafnung, ihren gelüsten nach Standeserhöhung, den wegen, die 
sie dabei gehen, davon bei Heinrich nichts. Ich möchte damit hauptsächlich das 
eine betonen , dass wir nicht daran anstoss nehmen dürfen , wenn kulturverhältnisse, 
deren gipfel einer späteren zeit angehört , Jahrzehnte früher schon angedeutet wer- 
den, dass vielmehr alles auf die näheren details ankomt; und gerade ans diesen 
kann die bisherige ansieht über Heinrichs zeit nicht nur verteidigt, sondern auch 
gefestigt werden. So klagt ja schon Heinrich über verfall der ritterlichkeit (man 
vgl. 354 fgg.), wie das ganze 13. Jahrhundert hindurch Walther, der Stricker, Ul- 
rich , Helbling. Allen diesen aber schwebt der typische begriff der höfischen „freude" 
vor. Bei Heinrich fehlt er noch. Wenn nun Wilmans an der nennung gelber kopf- 
binden im 12. Jahrhundert anstoss nimt, so übersieht er einen wesentlichen unter- 
schied: aus den stellen bei Heinrich erkent man, dass die färbe bei reichen leuten 
als vornehme mode galt. Gerade die späteren zahlreichen Zeugnisse deuten aber 
darauf hin, dass sie im 13. Jahrhundert bereits anstössig geworden war; das leuch- 
tet aus den stellen bei Berthold hervor, wird ausdrücklich von Etienne v. ßourbon 
gesagt (bei Schulz Höf. Leb. I, 185), ebenso im Meraner Stadtrecht Zs. VI, 425. 
Zwischen Heinrich und den späteren liegt ein wandel der zelten, dessen anfange 
gerade aus Heinrichs angäbe begreiflich werden. Oder: Er. 354 fgg. wird das 
anstössige, rücksichtslose prahlen mit liebesaffairen , mit heldentaten gerügt; das 
13. Jahrhundert liefert genügende parallelen. Wie charakteristisch und altertümlich 

ZBITBOHB. V. DBUTBOHB PHILOLOGIE. BD. XIX. 24 



370 SEEMÜLLEB 

ist abor der gegensatz, den Heinrich anfügt: da toirt selten fwr brächt, wie geta- 
ner sterche der sul phlegen, der vndei* den tievel müze streben. So ist denn in 
dem ansfall gegen den putz, den sich weiber niederen Standes gestatten, gerade 
die für Wilmanns besonders bedenkliche nennnng der armen tageumrchen bezeich- 
nend: sie deutet an, dass in der ganzen stelle nicht eine al gemeine sitte der 
zeit gemeint war, die in so auffallendem grade etwa, wie für die österreichischen 
Satiriker der späteren zeit das aufstreben des bauernstandes hervorgetreten wäre. 
Was Heinrich meinte, konte zu jeder zeit statfinden: dass er dergleichen verein- 
zelte ersch einungen aber hervorhob, ist gerade für den österreichischen ritter des 
12. Jahrhunderts, wie es Heinrich war, charakteristisch (s. Heinzel, einl. 17). 

In ganz gleicher weise beurteile ich eine andere einwendung: Prl. 53 deute 
Heinrich auf woleingerichtete bordelle. Es dünkt nun Wilmanns unglaublich , dass 
derartige einrichtungen , welche ausdrücklich und deutlich erst für das 13. Jahrhun- 
dert und für die Universitätsstadt Paris belegt seien, drei menschenalter früher 
schon in der entlegenen mark Österreich bestanden haben sollen (s. 11 fg.). Er hat 
aber hier wider eine erscheinung späterer zeit in ihrer vollen ausbildung ohne wei- 
teres in die frühere übertragen. Dabei ist immer noch nicht Wilmanns grundvor- 
aussetzuDg geprüft: dass nämlich mit den mouchelcellen und dem innern chämer- 
line örtlichkeiten gemeint seien, die nicht in dos priesters wohnhause selbst sich 
befinden. Dagegen spricht aber sehr bestirnt der unmittelbare anschluss der scene 
von der ankunft des wegemüden Wanderers (Prl. 69) : er bittet um einlass , er sieht 
lichterglanz in des wvrtes chemnäten. So kann das Zechgelage und was darauf 
folgt, wol nur in der eigenen behausung des geistlichen vor sich gegangen sein. 
Sie hcisst deswegen müchelcelle, weil sein treiben ein heimliches ist, und Prl. 53 
sam in den tiefen IwppeUen ist blosse vergleichung. lujppelle könte dabei immerhin, 
wie Wilmanns will, auf das wort lupalia zurückgeführt werden; nur ist man kei- 
neswegs gezwungen dabei an „wol eingerichtete bordelle" zu denken. 

Ferner: das wort chuelhous Er. 908 (950), in der Schilderung der höllenqua- 
len, setze voraus, dass der gebrauch der dampf bäder in Deutschland bereits im 
12. Jahrhundert algemein bekant gewesen sei. So war es auch. Ich verweise 
auf Zapperts abhandlung im Archiv f. Kunde öst. Geschq. 21 : die Verwendung des 
Wortes stuba, stupa für badezimmer deutet auf heisse bäder: Zappert 68 fgg., 15 fg., 
aedificium ... quod stv/pam vel pirale (=pyrale, hypocaustum) vocant; eaHefaeto- 
res werden urkundlich im 11. und 12. Jahrhundert erwähnt (ebda 71). Allerdings 
geschah bis zum 12. Jahrhundert die schweisserzeugung durch erhizte luft (ebda 
s. 64), erst von da ab unter einfluss der nordöstlichen länder (ebda s. 64) durch 
bogiessen erhizter steine mit wasser; das älteste deutsche litterarische zeugms 
dafür ist die stelle bei Thomasin 6674. 

Endlich: Prl. 543 (552) deute auf das Vorhandensein eines weltlichen gelehr- 
tenstandes. Das ist doch wahrlich zu viel geschlossen: ein solcher gelehrter, der 
nicht priester ist — wie ihn die stelle meint — ist ja der laie Heinrich selber. 
Wilmans erklärt selber später s. 31, dass Heinrich an dieser stelle an sich selbst 
gedacht haben könne. Damit entfält doch gewiss jede notwendigkeit, dieselbe ver- 
algemeinemd auf das Vorhandensein eines weltlichen gelehrtenstandes zu deuten. 
Mich dünkt, Wilmans sei hier — unbewusst — eine petitio prindpü unterlaufen: 
das Vorhandensein eines solchen Standes würde freilich gut zu den positiven yermu- 
tungen, die er später über die person und zeit des dichters ausspricht, passen. 

Alle die genanten Widersprüche in den antiquarischen Verhältnissen — urteilt 
Wilmanns — habe Heinzel teils nicht erwogen , teils überhaupt nicht berüoksiGhtigt 



ÜBER WILMANNS, HEINE. V. MELK 371 

Aber auch die bestirnten beziehnngen, welche Heinzels „mit grossem und dankens- 
wertem fleisse" geführte Untersuchung zwischen dem inhalte der dichtung und den 
religiösen und kirchlichen richtungen des 12. Jahrhunderts aufgedeckt zu haben 
glaube, seien „entweder nicht beweisend" oder beruhten „auf vorgefasster meinung 
und wilkürlicher deutung" (s. 12 fg.). 

1) Die religiösen Streitfragen über das abendmahl und dessen giltigkeit, von 
denen das 12. Jahrhundert berührt wurde, zeigten sich bei Heinrich nicht. 

In diesem punkt muss wol Wilmanns selbst die schwäche seiner argumenta- 
tion ganz besonders fühlen. Er läugnet die beziehungen auf Gerhoch , welche Hein- 
zel annahm, weil Heinrich nicht die teilweise an ketzerei stossenden lehren Ger- 
hochs, sondern das enthalte, was der kirchenlehre gemäss sei. Aber kann Wil- 
manns läugnen, dass gerade die Streitfragen des 12. Jahrhunderts unmittelbarsten 
anlass für Heinrich bieten musten, das, was er über das abendmahl sagt, vorzu- 
bringen? Er hat kein einziges wort für den nachweis solcher anlasse im 14. Jahr- 
hundert. Warum heben gerade Gerhoch und Heinrich das der kirchenlehre gemässe 
in der vergleichung dessen hervor, was die person des Spenders zur giltigkeit 
einerseits der taufe, andrerseits der Eucharistie hinzubringt (s. 15fg.)? Warum 
verbinden gerade Gerhoch und Heinrich die lehre von der giltigkeit des von einem 
geweihten priester dargebrachten opfers mit der ansieht über die „unsichtbare" 
communion (s. 16) ? Solte Wilmanns wirklich meinen , dass hier , wo er noch immer 
die grundsteine seiner polemik legt, jemand diese Widerlegung der gerade in den 
theologischen ausführungen besonders kundigen Untersuchungen Heinzeis für stand- 
fest halten werde? Heinzeis „evidenter beweis" für Heinrichs abhängigkeit von 
Gerhoch bleibt nach wie vor unangetastet: denn die art, wie Heinrich seine ansieht 
von der „unsichtbaren" communion mit dem vorhergehenden verbindet, muss in 
der tat eine „verquickung" heissen (Heinzel s. 28, dagegen Wilmanns s. 16). 

2) Was Heinzel von den beziehungen zwischen Heinrich und Gerhoch in 
rücksicht auf ihre polemik gegen die kanoniker sage, treffe nicht zu. Denn die 
gleiche polemik habe auch später erhoben werden können (s. 16 fg.). Das ist aller- 
dings möglich. Aber Wilmanns fühlt, dass damit noch nichts bewiesen sei; er 
versucht demnach zu zeigen , dass die beiden massgebenden stellen a) Er. 187 fgg. 
und b) Prl. 619 — 642 überhaupt nicht auf die kanoniker bezogen werden dürfen. 

Zu a). Denn Heinrich sage Er. 244 fg. , dass er bisher gegen weltgeistliche 
und mönche gerodet habe (jphaffen wnt mtmiche). Auf mimiche könne doch nur 
187 fgg. gehen ^ die kanoniker aber seien nicht mönche. Allerdings müsse auffallen^ 
dass Heinrich, nachdem er 55 — 70 (ausdrücklich) gegen die bischöfe, 71 -186 
gegen die „priester" gesprochen hat, es versäume, 187 fgg. damit einzuleiten, 
dass er ebenso wie früher die Objekte seines tadeis bestimt nenne. Darum hält 
Wilmanns eine lücke zwischen 184 — 187 für „sehr wahrscheinlich." Aber all dies 
ist nur dann notwendig , wenn eben 187 fgg. und nur das auf die mönche bezo- 
gen werden mtiste. Doch ist gerade in diesem abschnitte nichts enthalten, was 
inhaltlich eine solche beziehung notwendig verlangte; vielmehr passt das hier 
gesagte am besten eben auf die kanoniker. Im vorausgehenden teile 71 fgg. aber ist 
nirgends ausdrücklich zwischen weltgeistlichen und mönchon geschieden: er trift 
beide stände damit. Aus 244 fg. darf daher nicht das einteilungsmotiv für die ganze 
stelle 55 — 242 geholt werden. Und nur, indem Wilmanns in der disposition der- 
selben von Heinzeis ausführungen abgeht — er nent sie überdies selbst s. 53 „nicht 
gerade unrichtig" — erhält er eine handhabe, die unbequemen kanoniker bei seite 
zu schaffen. Er bewegt sich in einem cirkel: erst wenn das gedieht aus anderen 

24* 



372 SEEHÜLLEB 

gründen ins 14. Jahrhundert versezt werden könte, käme seine disposition der stelle 
in ernstlichere erwägnng. 

Zu b). Ich gebe zu, dass Hoinzels müheToll gewonnene deutnng dieser 
stelle unsicher ist. Noch weniger überzeugt aber Wilmanns. Meines erachtens 
durfte er überhaupt nicht eine an sich dunkle stelle, die überdies zweimal lücken- 
haft ist, ohne dass er neue sichere anhaltspunkte zu ihrer erklärung beibrachte, zu 
einem glied in der kette seiner beweisgründe machen. Er wie Heinzel stimmen 
darin überein, dass ein tadel gegen weltUche beschäftigung der geistlichen mit 
ackerbau ausgesprochen sei. Ich mache darauf aufmerksam, dass der sinn nach 
ganz anderer richtung gedreht würde, wenn man nach 619 (628) punkt sezte und 
80 getäniu frihait auf das unkeusche leben der geistlichen bezöge (tn 617 wären 
natürlich die fürsten), und will damit zeigen, dass die schlecht überlieferte stelle 
mit den augenblicklich zu geböte stehenden hilfsmitteln sehr verschieden aufgefasst 
werden kann. 

So sei denn gezeigt , dass Heinrichs auslebten über das abendmahl der bezie- 
hung auf das 12. Jahrhundert entbehren, dass Heinrich an keiner der beiden stel- 
len, in welchen Heinzel polemik gegen die kanoniker suchte, von diesen geredet 
habe. Nun aber erhebe sich eine Schwierigkeit: was Heinrich von den keuschheits- 
Sünden der gcistlichkeit sage, passe nirgends so gut hin, wie in das 12. Jahrhun- 
dert. Da es also mislich sei — schliesst Wilmanns weiter (s. 23 fg.) — diese 
auslassungen Heinrichs auf eine andere zeit als das 12. Jahrhundert zu beziehen, 
so müsse der irtum darin liegen^ dass man sie auf deutsche Verhältnisse bezog. 
Wie, wenn man die objekte der satire anderswo als in Deutschland suchte? Hier 
beginnen die positiven teile der arbeit. 

Strenge genommen brauchten wir Wilmanns gedankengang nicht weiter zu 
verfolgen: denn es kann vernünftigerweise der ausweg, den Schauplatz der von 
Heinrich getadelten Verhältnisse anderswo als auf deutschem boden zu suchen, nur 
dann betreten werden, wenn das übergewicht der gegengründe die beziehung auf 
das 12. Jahrhundert und auf Deutschland verbietet. Ich für meinen teil kann aber 
den gegengründen weder gewicht, noch weniger übergewicht beimessen. Aber er 
flicht in das bauwerk seiner neuen hypothese noch so manches ein, was einerseits 
zu ihrer stütze, andererseits zur beseitigung der herschenden ansieht dienen soll, 
dass der nachprüfende auch auf die folgenden erörterungen näher einzugehen ver- 
pflichtet ist. Zunächst sollen zwei motive betrachtet werden, welche ihn in der 
meinung, ein anderes land als Deutschland sei gemeint, bestärken: 

1) Nirgends sei der k als er erwähnt;^ keine äusserung der teilnähme an 
dem grossen kämpfe zwischen Friedrich I und dem papsttum. Damit wird aber 
verlangt, dass Heinrich ein politischer dichter gewesen sei. Mit welchem rechte? 
Es ist mir doch wol noch gestattet, im sinne der älteren ansieht diese erscheinung 
verstehen zu wollen; man bedenke: ein laie, ritterlicher gehurt, am abend seines 
lebens so stark beeinflusst von religiöser Willensrichtung — seine Vergangenheit 
einerseits, seine gegenwart andrerseits konten so ineinanderwirken , dass er einer 
entscheidung zwischen kaiser und papst geflissentlich auswich. Ich kann mir im 
gegensatz zu Wilmanns sehr wol vorstellen, dass gerade ein mensch, wie Heinzel 
ihn zu schildern versuchte, eine solche haltung einnahm. Ich finde ein direktes 
Zeugnis dafür in Er. 398 fg. 

Börne, aller werlde hoiiptstat, 
diu hat vr alten vatera nicht 

1) Aber Er. 326 doch wol ausdrücklich das reich? 



ÜBBB WILMANKS, HBINB. V. MELK 373 

Heinzel sah hierin eine anspielung auf den tod Eugens 1153. Wilmans deutet 398 
— 434 als „rekapitulierenden schluss der einleitung": wie sich gebühre, beginne 
er mit Rom und dem papst, diesem stelt er die fürsten gegenüber — denn der 
kaiser gieng ihn bei den ausserdeatscben Verhältnissen y die seiner satire zu gründe 
liegen, nichts an; dann rede er von den bischöfen, den geistlichen richtern, von 
deren untergebenen; es folgen weltliche: bauem, kaufleute» die ritterliche gesel- 
Bchaft, die hörigen, von den vornehmen abhängigen leute. Eine so spezielle bezie- 
hung, wie Heinzel sie annehme, passe nicht zu dem algemeinen Charakter der 
ganzen stelle (s. 57) ; er hingegen erkenne eine anspielung auf die Verlegung der 
päpstlichen residenz nach Avignon (14. jahrh.). Ich gebe Wilmanns zu, dass — 
wie er ebenfals s. 57 hervorhebt — der ausdruck für den von Heinzel gesuchten 
gedanken sonderbar wäre , auch ich meine , dass der Wortlaut zu allererst auf abwe- 
senheit des papstes von Rom deutet: da bietet sich aber in erwünschtester weise, 
dass Alexander HI. von 1161 ab Rom verlassen hat. Eberhard von Salzburg aber 
steht (mit Gerhoch) im schisma auf selten Alexanders gegen den kaiserlichen gegen- 
papst Viktor IV (f anfang 1164). Eine solche boziehung ist keineswegs „zu spe- 
ciell" ; denn der abschnitt 398 fgg. fügt sich in der tat nicht , wie schon Heinzel 
gesehen hat, in seinen einzelheiten einer strengeren disposition. Selbst die gedan- 
kenfolge, die Wilmanns aufstelt, zeigt das deutlich, auch er muss zugeben, dass 
der ausdruck 398—402 und 403 — 408 „nicht direkt auf das ziel zuführt", dass die 
darstellung dadurch „etwas Schillerndes" erhalte (s. 57). Jedesfals wird man aber 
einräumen wollen, dass die deutung auf Alexanders aufenthalt in Frankreich ohne 
weiteres zi^m Wortlaut der stelle und besser noch — durch die historisclien bezieh- 
hungen, die sie ermöglicht — zum ganzen der gedichte passt. Heinrich hat dann 
nämlich in der tat — in umschreibender form — des kaisers gedacht; hat der 
trauer über die verworrenen kirchlichen Verhältnisse ausdruck gegeben, ohne einen 
unmittelbaren tadel des kaisers damit zu verbinden. 

Ganz dieselben Verhältnisse, die ihn verhinderten, deutlich oder öfters vom 
kaiser zu reden, legten ihm auch die gleiche Zurückhaltung dem papste gegenüber 
auf: s. 28 fg. nimt aber Wilmanns auch dieses schweigen als einen beleg für seine 
hypothese in anspruch. 

2) Prl. 623 fg. (632 fg.) nent er in der aufzählung zuerst Ungarn , dann Böh- 
men, dann erst Deutschland; hier liege auch der erste äussere fingerzeig, an wel- 
ches ausserdeutsche land man zu denken habe (s. 25). Wilmanns selbst hat die- 
sen grund nicht von vorneherein zu einer stütze seines gebäudes gemacht, sondern 
ihn erst accessorisch verwendet. 

3) Die macht und pracht der römischen kirche sei Heinrich ein greuel. 
Darum sähe er lieber die priester in der niederen Stellung, wie sie vielfach in der 
griechischen kirche sich zeigt. Das schliesst er, nachdem er einmal sein augen- 
merk auf Ungarn geworfen hat, aus der umstrittenen, schlecht überlieferten stelle 
Prl. 629 fgg., von der besser wäre zu sagen: wir verstehen sie nicht (vgl. oben s. 370). 

Durch solche gründe nun — ich glaube nichts wesentliches übersehen zu 
haben — soll die geläufige ansieht , es handle sich um deutsche Verhältnisse, erschüt- 
tert sein. 

Nunmehr könne, was Heinrich über das im engeren sinn unsitliche leben der 
priester sage, sehr wol auf spätere zeit bezogen werden. Direkter beweis für 
Ungarn als das lokal der satiron ist nicht geliefert, so bemüht sich denn Wilmanns 
wenigstens zu zeigen, dass Heinrichs klagen auf ungarische Verhältnisse passen. 
Nun weisen die Zeugnisse, die er beibringt, zwar gerade auf das 13. Jahrhundert 



374 SEEMÜLLEB 

als in welchem die priesterehe in Ungarn an der tagesordnung gewesen sei (s. 25 fg.). 
Aber „die geringe kultur und der jammervolle zustand Ungarns unter den lezten 
Arpaden bieten keinen geeigneten hintergrund für die dichtung" (s. 27). So zeigt 
er denn, dass auch im 14. Jahrhundert und zwar durch den zahlreichen griechisch- 
orientalischen klerus priesterehen dort häufig waren. Ich versetze mich nochmals 
auf Wilmanns Standpunkt und frage, ob man annehmen dürfe, dass Heinrich von 
verheirateten oder unzüchtig lebenden priestern so oft gesprochen habe , ohne anzu- 
deuten, dass sie ja an und für sich schon ausserhalb des rahmens der römischen 
kirche standen? Doch da fält mir bei, dass sein Heinrich ohnedies nicht auf 
gutem fuss mit Bom steht, dass er eigentlich ein ketzer oder nahezu ein solcher 
sei. Davon noch mehr. 

Soweit die betrachtungen über zeit und ort der gedichte. 
Der neuen hypothese gemäss werden dann die persönlichen Verhältnisse 
des dichters ins licht gesezt. Heinrich soll einem orden angehört haben, der zwar 
nicht der Franciskaner- orden war, diesem aber nahe stand. Denn er verlange 
armut und demut von allen geistlichen: Er. 231 fgg., 959 fgg. (1001 fgg.). Die 
erste stelle wird ihrer einleuchtenden, beziehungsvollen bedeutung, die zuerst Hein- 
zel klar stelte, entkleidet, in die zweite wird die f orderung der demut hineingelegt. 
Armut ferner predige Heinrich auch den laien: hier sind jene stellen algemeinen 
Inhalts, über den unwert irdischer guter für das ewige leben — ansichten, die von 
jeher typisch waren — herangezogen worden. Was Heinzel auf die kanoniker deu- 
tete, gehe auf die Dominikaner: zugrunde liege die bekante feindseligkeit zwischen 
den beiden orden. Ja, es zeige sich eine art gegensatz zu den papisten, indem 
Heinrich gegen die schleppen der geistlichen eifere (Er. 214 fg.) , Johann XXTI aber 
1318 gegen die Pseudo-Minoriten (die spiritualen) spreche, welche „auffallende 
kurze und schäbige kutten mit kleinen kapuzen" trugen (8.87)! Was für eine 
„andere genossen schaft mit ähnlichen grundsätzen" das nun war, welcher Heinrich 
angehörte, weiss Wilmanns nicht. Die Franciskaner selbst, etwa ihr ordo tertius, 
der weltleute enthielt (s. 36), seien es kaum gewesen, denn sonst hätte er doch 
wol irgendwie auf den h. Franciscus hingewiesen (s. 38). 

Man finde in der tat spuren der ketzerei bei Heinrich. Zunächst (und zwar 
in scharfem gegensatz gegen die Franciskaner) keine wundersucht, noch rellquien- 
verehrung (s. 38 fg.) : wo er den söhn an das grab dos vaters führe , heisse es 
Er. 690: nü gedenche cm die siwne, 

wie er dir antwwrten solde, 

ob ez der nätüre rehte verdolde, 

oder oh sin got wolde verhengen. 

Ich wil die rede niht lengen: 

ich spriche für in umt mit im . , 

So sichere er sich die Wirksamkeit des rhetorischen kunstmittels , ohne das „recht 
der natur" anzutasten. Die zeile 693 oder oh sm got wolde verhengen, die doch 
das wunder als stathaft erklärt, wird nicht beachtet. 

Ferner: weil nur Paulus sant heisse, die büsserin Maria bloss als Mcvria diu 
mzze bezeichnet, sonst aber von heiligen nicht geredet werde ,* achte er die hei- 
ligen nicht. Die bibel hingegen citiere er um so öfter. Was ist es aber mit der 
starkbetonten gewv/rchte siner häiligen Er. 969 (1011)? 

1) Er. 988 (1030), 989 (1031), Prl. 394 (403) stehen nach WihnannB in inter- 
polierten abschnitten. Vgl. später. 



ÜBEB WILMANNS, HEINB. V. MELK 375 

Die Polemik endlich gegen ausschweifungen und übergriffe der priester wird 
zu einem kämpf gegen „die weltliche macht der kirche" gestempelt (s. 39). 

Aus diesen gründen stehe Heinrich der "Waldenser sekte nahe. Zwar ver- 
werfe diese auch gänzlich die Seelenmessen , bei Heinrich finde sich aber wenigstens 
geringschätzung derselben (das wird aus Er. 861 fg. erschlossen). 

Nachdem es nun Wilmanns dahin gebracht, berührung mit den Waldensom 
herauszufinden, zeigt er wider, wie Ungarn im 14. Jahrhundert ein geeigneter boden 
für dergleichen erscheinuDgen war. 

Allerdings muss er selbst — mit unfreiwillig komischer Wirkung — schrei- 
ben: „Die Übereinstimmung des dichters mit ansichten der ketzer zeigt sich mehr 
in dem, was er verschweigt, als in dem, was er ausspricht" (3.40). Aber auch 
dafür gibt es eine erklärung : der höchst prägnanten deutung , die er später s. 46 
von der zeile Er. 945 (987) da sint die gedanch alle vri gibt, präludierend, fügt 
er nämlich s. 40 hinzu: „Hätte er nicht in einer zeit gelobt, in der die inquisition 
den freien ausdruck der ge danken bedrohte , so würden wir vielleicht stärkere ab wei- 
chungen von den lehren der kirche gewahren." 

So verberge denn auch Heinrich seine eigene ketzerische meinung in der 
wichtigen stelle Er. (885) — (927). Es ist jene, welche Heinzel als interpoliert aus- 
geschieden hat; Wilmanns erklärt sie für echt. Wenn wir diese annähme vorläufig 
gelten lassen und der Überlieferung folgen, so ist Wilmanns deutung des Zusam- 
menhanges ohne zweifei die einzig mögliche: Heinrich nehme hypothetisch an, wie 
es wäre, wenn es keine ewigen strafen gäbe, wenn der sünder bloss der anschauung 
gottes verlustig gienge; dann schildere er in wirksamer Steigerung die höllenstra- 
fen. Aber dagegen wende ich mich und das erkläre ich für eine petitio, dass 
Wilmanns nunmehr schliesst, es sei Heinrichs wirkliche meinung, dass es keine 
hölleustrafen gebe, es habe hier Heinrich — seiner ketzerei wol bewusst — seine 
eigentliche ansieht hypothetisch verhült. Wie wäre denn sonst die energie zu ver- 
stehen, mit der er im folgenden „zur Steigerung" die hölle schildert? Wäre das 
auch nur geschehen, um seine eigentliche ketzerische meinung noch besser zu ver- 
hüllen? Nochmals, sagt Wilmanns, deute Heinrich Er. 935 (977) und 809 fg. — 
jedesmal hypothetisch — auf jene ketzerei, die beidemale widerum seine eigene 
Überzeugung sei. Muss man dagegen nicht mit viel grösserer innerer Wahrheit her- 
vorheben, dass er öfter noch und ohne hypothetische form auf die hölleustrafen 
hinweist? 

Überdies aber ist meines erachtens Heinzeis kritik der stelle durch Wilmanns 
gegengründe nicht erschüttert worden. Ich gebe zu: die zeilen (885) — (920) kön- 
nen in der tat hypothetisch aufgefasst werden; die Steigerung durch die folgende 
Schilderung der ewigen strafen wäre in der tat vorhanden und die rhetorische com- 
position des abschnittes (885) — 934 (976) in nuce schon 809 fg. angedeutet; 935 
(977) ferner wäre viel verständlicher, wenn es auf die näher gelegene ausführliche 
stelle (885 fgg.) — statt nach Heinzel auf 809 fg. — hindeutete; 885 (927) endlich 
brauchte nicht geändert zu werden. Aber entscheidend bleibt (921 fgg.): 

nü geswige wir der grözzen not, 
dar den verworchten ist gedrot, 
die si in der helle müzzen liden, 
unt läzen die rede nü belihen, 
(925) wie möcht in immer wirs geschehen, 
die got nimmei' sulen gesehen. 



376 SEEMÜLLBB 

Hier steht ausdrücklich, dass Yon den höllenstrafen nicht mehr die rede sein solL 
Und gleich darauf 886 fgg. (928 fgg.) die lange und eindringliche Schilderung der- 
selben. Wilmanns glaubt dadurch, dass er nach (924) kolon sezt, den Widerspruch 
aufzuheben: (921 — 924) seien wider nur hypothetischer Vordersatz, und er über- 
sezt 8. 42: „Übergehen wir auch die grosse not . . . und lassen es dabei bewenden: 
wie könte denen , die gott nie schauen sollen , je schlimmeres geschehen I *^ Aber 
auffassung und Übersetzung sind unrichtig: zunächst würde Heinrich (921) — (926) 
genau das widerholen, was er schon (912) — (917) gesagt hat; ferner, und vor 
allem, ist die stehende bedeutung des nü in solchen formelhaften Schlüssen, die 
zugleich Übergänge sind, ausser acht gelassen : nü geswige wi/r . . und läzze die 
rede nü belihen heisst demnach: „jezt wollen wir also von ... schweigen ... und 
dieses thema lassen." Diese einwendung muss auch für denjenigen bestehen, der 
Wilmanns neuer hypothese sich anschliessen, der mit Wilmanns den abschnitt 
(885 fgg.) gerade deswegen bewahren weite , weil er ketzerisch sei — ein haupt- 
grund, warum ihn Heinzel ausschloss. Ich mache auf einen ferneren Widerspruch 
zwischen der Interpolation und den echten teilen aufinerksam: die läugnung der 
höllenstrafen sezt die lehre voraus , dass am jüngsten tage keine „auferstehung des 
fleisches" statfinde (man vgl. das citat aus Hugo v. St. Victor bei Heinzel s. 136: 
quidam putant animas corporalibus poenis cruciari non posse nisi per corpora et 
in corporibus manentes, Quapropter a corporibus exutas animas wullas alias poe- 
nas sustinere credunt nisi eas solum, quas conscientia intus accusatrix vrroget)\ 
von dieser spricht aber ausdrücklich Heinrich 795 fgg. : nü gib ich minem vläische 
die vil unsceligen gehäizze: so ich ez an dem jungistem tage wider nim, so müz 
diu arme sele mit sampt im chomen zuo dem tödlichem lebene. 

Wilmanns fragt s. 43 , wie ein iuterpolator dazu gekommen sein solle , einen 
satz (z. 921 fgg.) hinzuschreiben , der mit dem unmittelbar folgenden in handgreif- 
lichem Widerspruch stehe? Die frage ist aber zuerst so zu stellen: wie kann der 
satz (921 fgg.) wegen seines Widerspruchs mit dem folgenden echt sein ? Und erst 
jezt, wenn man die Interpolation anerkant hat, erhält jene frage berechtignng. Wer 
nun das haeretische, das in der stelle liegt, mit Heinzel und Wilmanns anerkent, 
ferner die stilistische form des satzes nü geswige wir . . . beachtet, wird geradezu 
vermuten, dass die stelle in bewusstem gegensatz zu Heinrichs höUenschilderung 
und in der absieht, dieselbe zu beseitigen, eingeschoben worden sei. Ich hebe die 
stilistische anlehnung von (886) an 886 (928) hervor. In des interpolators sinne 
müste dann das gedieht wol mit z. 935 (977) fortgesezt werden.^ 

1) Auch die interpolation , die Heinzel in Prl. (316) — (324) annahm, wird von 
Wilmanns verworfen. Den hauptgrund ^ Heinzeis , dass (319 fgg.) nicht bei Beda stehe, 
entkräftet er damit, dass das citat aus Beda sich nicht auf diese Zeilen, sondern 
auf die vorhergehenden beziehe, dass man daher nach (318) punkt seten müsse (s. 60). 
Aber Heinzel scheint auch diese möglichkeit erwogen zu haben, wenn er (s. 153) sagt, 
dass die angezogenen worte, auch wenn sie bei Beda stünden, hier unmöglich citiert 
werden konten. Sie passen in der tat nicht hierher, vollends nicht, wenn man, wie 
Wilmanns tut, 316 fgg. (325 fgg.) darauf folgen lässt. Zwischen (316) — (824) und 
350 (359) — 354 (363) besteht inhaltliche verwantschaft; vgl. insbesondere (320) und 
350 (359); wie femer (316 fgg.) an 313, so schliesst sich 350 fgg. an 849; hier wie 
dort geht das citat aus der schrift voraus. In den Zeilen (316) — (824) ist also der 
Inhalt des folgenden abschnittes 316 — 357 zusammengezogen. Hierin sehe ich die ab- 
sieht der interpolation, und zweifelhaft ist mir nur, ob nicht schon 318 — 815 zu ihr gehören. 



ÜBER WILMANNS, HEINB. V. MELK 377 

Die Vorstellung von Heinrichs ketzerei ist in Wilmanna so fest geworden, 
dass er nicht bloss stellen, die ihres haeretiscben inhalts wegen dem dichter abge- 
sprochen werden, für diesen retten, sondern zwei andere — Er. 181 — 186 und 
Prl. 358 (367) — 427 (436) — in denen der orthodoxe Standpunkt hervorgekehrt 
wird, als interpolationen eines rechtgläubigen bearbeiters ausscheiden will s. 46 fgg. 
Er gibt selbst zu , dass er die unechtheit der stellen nicht beweisen könne , er per- 
sönlich aber sei von der interpolation überzeugt: bei der umdrehung der gesamten 
forschungsresultate, die in dieser schrift vorgenommen wird, dünkt mir das nur 
folgerichtig. Wenn er aber seine zweifei „wol begründet" nent, so wird er gewiss 
auch einräumen, dass ihm hierin nur derjenige folgen kann, der bis dahin seinen 
ausführungen zugestimt hat. Wem diese nicht genügen, der wird beide stellen 
nicht nur für unbedenklich halten, sondern als notwendige glieder des Zusam- 
menhanges auffassen. 

Zur Sicherung der ersten derselben möchte ich noch darauf hinweisen, dass 
die unmittelbar vorausgehenden verse Er. 174 — 180 

dar umhe heb wir tms ze ruffe 
175 unt sprechen ez sid got missecemen, 

daz wir der misse vernetnen, 

die wir so nicht sehen leben, 

noch den segen so rechte geben, 

als si von rechte solden: 
180 dar umbe si wir in erbolgen. 

wahrscheinlich anders aufzufassen sind, als Heinzel und Wilmanns lehren. Ich 
sehe in den Zeilen nicht eine andeutung, dass wir ein ärgernis geben, wenn wir 
die messe sündhafter priester anhören; es ist vor gott nicht strafbar, dass wir 
solche messe hören, sondern gott zürnt über die unwürdigen darbringer des opfers 
(als wenn stünde: ez sul gote missezemen, daz vnr der misse vernemen müzzen), 
Z. 176 ist der zu betonen. Dann schwindet auch der schein eines Widerspruchs zu 
181 fgg. — den Heinzel s. 21 zugibt und durch einen nicht leicht zu ergänzenden 
nebengedanken zu beseitigen sucht — ; die folgenden Zeilen werden vielmehr zu 
einem notwendigen zusatz: „Es ist ein ärgernis vor gott, dass wir in die läge kom- 
men, die messe unwürdig lebender priester anzuhören. Immerhin aber — wenn 
gottes wort und die priesterweihe des opfernden am altar zusammenwirken, so ist 
gott in der messe unter den bänden eines Sünders ebenso gewiss gegenwärtig, als 
wenn der heiligste mann, der je priester ward, opferte." — 

Wir wundern uns daher nicht mehr, dass Wilmanns zusammenfassend in der 
heutigen gestalt der gedichte das werk eines orthodoxen bearbeiters sieht, und die 
Vermutung ausspricht, der arme chnecht Hainrich, der am schluss der erinnerung 
sich nenne, sei nicht der dichter, sondern der fromme bearbeiter. Die sachlichen 
gründe, die er anführt — dass die heiligen, die h. Maria hier vom ketzer Hein- 
rich angerufen werden sollen — können für niemand, der seine vorhergehenden 
äusserungen ablehnt, beweisend sein. Allerdings aber gebe ich ihm zu, dass der 
schluss in herkömlichen phrasen sich bewegt und dem tone der kräftigen Schilde- 
rung des himmelreichs gegenüber matt und schwach klingt. Er hat den Charakter 
einer subscriptio: als solche kann sie vom Verfasser herrühren, aber auch von einem 
Schreiber, jedesfals ist sie der abfassung des gedichts ganz oder ziemlich gleich- 
zeitig. Ich gestehe daher, dass mir der name Heinrich und der zusatz von Melk 
nicht ganz sicher scheint, betone aber, dass es schliesslich ziemlich gleichgiltig ist, 
ob wir den dichter so oder so heissen — sein persönliches wesen, seine dichte- 



378 SEEMÜLLEB, ÜBBB WILMANNS HBINB. V. MELK 

rische fähigkeit, die äussere Stellung seiner person und seiner dichtnng innerhalb 
der kulturrichtungen des 12. Jahrhunderts hat Heinzel gewiss richtig umschrieben. 

Wilnianns schrift ist mir ein psychologisches rätsei. Ich habe mich verge- 
bens bemüht ein wort der lösung zu finden, das der achtung, die ich vor der per- 
son und der wissenschaftlichen leistung des Verfassers hege, angemessen wäre. 
Ich kann nur vermuten, dass verschiedene zweifei sachlicher art, die ihm hier 
und dort bei der lektüre aufstiegen, alzurasch zur paradoxen hypothese vom 
späten ungarischen Ursprung der gedichte zusammenschössen. Man kent den ver- 
führerischen reiz solcher paradoxien. Es ergab sich nun eine möglichkeit hier, 
eine möglichkeit dort und es begannen die umdeutungsversuche. Wer der schrift 
schritt für schritt nachgeht — wie ich es hier tat — der wird unfehlbar den ein- 
druck erhalten, als hätte er eine art logischen exercitiums durchzumachen. Der 
leser möge daher verzeihen, dass ich in dieser anzeige in den ton einer r^- 
tation verfallen muste. 

Wie vieles hat dabei Wilmanns ausser acht gelassen, was für jeden, der sich 
seiner meinung anschliessen wolte, noch gegenständ schwerer bedenken sein müste; 
so den antagonismus zwischen priestern und laien in dem buhlen um frauengunst 
(vgl. Heinzel , s. 28 fg.), eine erscheinung, die auf den vorstellungskreis der Carmina 
burana hinweist; das hervorheben des Standesunterschiedes (Heinzel, s. 34); die 
anspielung auf kriegerische betätigung der geistlichen (ebda. s. 34); die klösenunge 
Er. 22 fg. Vollends aber das völlige hinweggehen über die altertümlichkeiten der 
sprachlichen form, über die deutlichen formalen Übereinstimmungen mit anderen 
denkmälcrn des 12. Jahrhunderts: mit bestem recht ist das schon von anderer seite 
DLZ 1886 , s. 884 hervorgehoben worden. Die reihe altertümlicher Wörter bei Hein- 
rich, die dort gegeben wurde ^ liesse sich leicht vermehren; ich möchte hier nur 
Wilmanns noch fragen, ob er den ausdruck Uet Er. 437, 447 als bezeichnung didak- 
tischer dichtungen im 14. Jahrhundert nachweisen kann. 

und soll die litterarhistorische Stellung der gedichte im 14. Jahrhundert und 
in Ungarn etwa begreiflicher sein, als im 12. und in Deutschland, speziell in 
Osterreich? Wilmanns freilich schliesst sie an die durch Neidhart, den Meier Helm- 
brecht, Ulrich von Lichtenstein , Konrad von Haslau, denHelbling bezeichnete reihe. 
Aber wo herscht ein Zusammenhang zwischen dem volständig weltlichen Charakter 
dieser gedichte und dem bitteren ernst , der ascetisch religiösen richtung Heinrichs? 
Wilmanns würde die gedichte als ein wunder anschauen, wenn sie ins 12. Jahrhun- 
dert gehörten. Für mich wären sie ein entschieden grösseres wunder im 14. Wo 
ist hier die finstere intensität religiöser gesinnung , wie sie sich etwa Er. 728 fgg.» 
892 fgg. ausspricht ? Bei seiner verglcichung Heinrichs mit den späteren südöst- 
lichen didaktikern und Satirikern durfte er mit einem schein des rechts einzig und 
allein den Teichner nennen (den er auffallender weise gar nicht heranzieht). Auch 
das ist ein mann von tiefer innerer religiosität , der über seinen glauben viel nach- 
gedacht und gelesen hat. Aber die vergleichung darf nicht weiter gehen: hier ist 
der dichter des 14., dort der des 12. Jahrhunderts! Hält Wilmanns es für mög- 
lich, den Verfasser der Erinnerung und des Friesterlebens in die zeitliche nnd 
örtliche nachbarschaft eines dichters zu setzen, bei dem einerseits ein schämen der 
alten ritterlichen idee noch fortlebt, andrerseits das aufgehen dieser idee in alge- 
mein moralischen anschauungen so deutlich sich ausprägt? 

Mag man vom Inhalt oder von der form ausgehen — von keinerlei seite pas- 
sen die gedichte in Wilmanns netz. 

KLAMM, IN NIEDER -OST., 5. AÜG. 1886. JOSEPH SEEMÜLLSB. 



BECH, ÜBER BARTSCH, ZT7R QUELLENKUNDE 379 

Beiträge zur Quellenkunde der altdeutschen Literatur von Karl 
Bartseh. Strassburg. Verlag von Karl Trübner. 1886. VIII, 392 s. 8. n. 8 m. 

Seit einer reihe von jähren geht Bartsch mit dem plane einer „Quellenkunde 
der altdeutschen Poesie" um, welche ein Verzeichnis sämtlicher uns erhaltener poe- 
tischer denkmäler in deutscher spräche bis zum jähre 1500 umfassen soll, mit angäbe 
sämtlicher handschriften und fragmente sowie der orte, an denen etwas davon 
gedruckt ist. Als probe eines solchen Verzeichnisses ist am Schlüsse des oben 
genanten buches s. 359 — 385 ein teil des A. veröffentlicht. Ein solches unterneh- 
men auszuführen ist heutzutage wol kaum jemand so befähigt wie K. Bartsch, 
welcher mit seltenem fleisse, mit ungemeiner raschheit und gewantheit auf germa- 
nistischem gebiete sich zu bewegen versteht und eine belesenheit sich erworben 
hat, wie sie nur wenige besitzen. Sicher werden, wenn das ganze erst zur Vollen- 
dung gelangt sein wird, die Studien der fachgenossen dadurch ungemein gefördert 
werden. 

Die vorliegende schrift liefert in dem vorausgehenden teile teils eine reihe 
unedierter Sachen , darunter einige die das Interesse der gelehrten in höchstem grade 
zu erregen geeignet sind; teils fördert sie zu schon herausgegebenen Schriften neues 
material zu tage; endlich sucht sie durch widerholte prüfung oder vergleichung 
bereits benuzter quellen verschiedene altd. denkmäler in kritischer hinsieht zu 
berichtigen. 

Der Verfasser begint mit einer aufzählung und besprechung der handschriften 
von Wernhers Maria. Das Karlsruher bruch stück der von Feifalik mit C bezeich- 
neten handschrift hat er von neuem verglichen und die abweichungen von Mones 
druck hier mitgeteilt; sodann lässt er einen volständigen abdruck der in seinen 
bänden befindlichen Heidelberger bruchstücke folgen, auf die Feifalik erst im 
anfange seiner ausgäbe rücksicht genommen hat, aber in einer weise, dass man 
dort von der beschafFenheit der Überlieferung sich nur schwer ein bild machen kann. 
S. 58 — 59 endlich folgt eine volständige mitteilung des von Schmeller gefundenen 
und von Keinz erkanten Münchener bruchstückes (Cgm. 5249. nr. 2). 

S. 60 — 86 beschäftigen sich mit der kritik von Flore und Blanscheflur. 
Teils wird hier die Überlieferung zu retten gesucht, teils wird sie auf andere weise 
gebessert; auch werden einige von Sommer übersehene lesarten aus der Heidelber- 
ger handschrift beigebracht. V. 1220 fg. ist überliefert : wan ich mac lenger niht 
vertragen \ des seres des ich hin überladen; Sommer ändert den ser; Bartsch 
will verladen statt überladen; ob aber das leztere dem dichter geläufig war, ist 
doch zweifelhaft; ich möchte das zweite des streichen: des seres ich hin iiberladen. 
In gleicher weise hat Bartsch vers 1868 zu halten gesucht: den schätz sie umh die 
maget nämen, den hrähten sie ze hove gar, wo vielleicht noch umh die maget in 
umh sie zu ändern ist; ebenso liesse sich v. 747 die Überlieferung halten: nach der 
liehe sie häten, — V. 4960 ist das überlieferte gemerren noch zu belegen mit einer 
stelle ans der interlinearversion der benediktinerregol in Cod. Stuttgart, theol. 4°. 
nr. 230 (aus dem anfange des 13. jahrh.) , dort findet sich nach einer mitteilung 
Franz Pfeiffers fol. 35** merrim, augere; auch gemerren, adaugere gehört hierher 
in den Marienliedern bei Haupt ztschr. 10, 86, 30, das W. Grimm und Lexer nicht 
richtig gedeutet haben mit „verhindern." — V. 5015 wahrt Bartsch die Überliefe- 
rung daz er niht vertörte; ich vermute daz ern iht vertörte. — V. 5158 ist noch 
für joch schon von Haupt vorge- schlagen, wie Sommers anmerkung zeigt.* 

1) Ich ergreife die gelegenheit um an zwei anderen stellen mich gegen den text 
von Sommer zu erklären; v. 55 sezt er mit mit libes senfte überwunden; überliefert ist 



380 BBCH 

S. 87 — 94 folgt abdruck der Karlsruher handschrift des Wein schwelg , auf 
die zuerst Ad. v. Keller in seinen altd. haudschriften nr. 2 , s. 18 aufmerksam 
gemacht hat. Sie ist inzwischen schon benuzt worden von Lucae in seiner jüngst 
erschienenen ausgäbe dieses gedichtes. ^ 

S. 95 — 106 werden von Volmars Steinbuche drei neue handschriften 
nachgewiesen: eine Vatikaner, eine Wernigeröder und eine Bamberger; alle drei 
sind von Lambel in seiner ausgäbe noch nicht benuzt worden. Von der ersten sowie 
von der dritten worden die abweichenden lesarten mitgeteilt. 

S. 107 — 156 hat der herausgeber seine recension des zweiten von J. Strobl 
herausgegebenen bandes der predigten Bertholds, welche zuerst in den göttin- 
gischen Gelehrten Anzeigen erschien (1881 , s. 140 — 182) , widerholt und zwar in 
grösserem umfange, namentlich hie und da auch neuen kritischen apparat hinzu- 
gefügt. Dafür werden ihm alle diejenigen danken, denen seine erste recension 
schwer zugänglich gewesen ist. 

S. 157 — 167 werden mehrere sehr ansprechende Verbesserungsvorschläge zum 
Engelhard mitgeteilt, die von dem feinen Sprachgefühl des Verfassers und seiner 
Vertrautheit mit des dichters spräche zeugnis geben. Die stelle 2731 — 32, an der 
Haupt verzweifelte, hat eine glückliche herstellung erfahren. Nur darin hat es der 
herausgeber versehen, dass unter den besserungen, die er in seinem handexemplare 
eingetragen , sich einige finden , die schon bald nach der erscheinung von Haupts 
ausgäbe erbracht wurden in dessen Zeitschr. 4, 555 — 557; so v. 1136 verJtölne far 
verholen; v. 2094 erläzen für erloesen; v. 2411 ze Übe schone für ze libes schoene; 
V. 3184 — 85 vr trüehen sorge für trüben ser; v. 4879 kert für keret; v. 5318 tnir für 
vor; — bei bi ein v. 3202 hätte auf W. Grimm z. Athis A. 96 und auf Haupt zu 
Neidh. 72, 15 rücksicht genonmien werden können. 

S. 168 — 170, wozu noch s. 386 zu vergleichen ist, wird ein fragment von 
72 versen aus der paraphrase des hohenliedes mitgeteilt, die wir von Bruno von 
Schönebeck besitzen. Das stück ist um so wertvoller, da es offenbar noch dem 
14. Jahrhundert angehört und vielfach einen bessern teit bietet als die bis jezt ein- 
zige handschrift in Breslau , die aus dem 15. Jahrhundert stamt. Die in Weinholds 
Germanistischen abhandlungen erschienene schrift von A. Fischer: Das Hohe Lied 
des Brun von Schonebeck, kent dieses fragment leider noch nicht. 

mit UJite und mir UM; mit Ithtsenfte wird gestüztt durch Friedr. von Sonnenburg ed. 
Zingerle I, 61 lihtaenfte w$nee nü vervät gein vrecheit sunder som (vgl. Bartsch Ger- 
man. 25, 115) und Rudolf v. Ems Weltchron. bei Schütz I, 121, 10 durch das er änre 
kinde leben Vnde ir grözcn ungevuoc Durch groze Ithtaenfte vertruoe, — V. 6185 muis 
es heissen: une st ez bewarte, daz es iemen ivurde innen; Sommer liest niemen mit der 
handschrift. 

1) In bezug auf diese ausgäbe bemerke ich hier gelegenüioh folgendes: Bei dem 
in V. 344 erwähnten romanhelden Curäz, von dem wir jezt „fast nichts wisaen**, konte 
der herausgeber auf Rudolf von Rotenburg in MSH. I, 83* (38) verweisen, ebenso auf 
Boppe ebenda II, 382^ (22) sowie auf ein dem Tanhäuser beigelegtes gedieht 11, 86* 
(9); vgl. Massmann Kaiserchr. III, s. 1091. — V. 261 setze ich nach volgröt ein punkt, 
nach in göz ein komma; wan man scheint mir vom Schreiber modernisiert aus wan der 
(= 80 wer); zeiner not ist in der Übersetzung verwischt, auch in der anmerkong nner^ 
läutert geblieben; den seltenen ausdruck finde ich noch in dem Trudberter Hohenliede 
124, 21 und im Tristan 19310. 



ÜBER BARTSCH, ZUR QUELLENKUNDE 381 

S. 171 — 175 enthalten die gereimte vorrede zu einem noch dem 13. Jahrhun- 
dert angehörigen Kräuterhuche. Den text hat Bartsch nach 5 handschriften 
kritisch berichtigt. 

Sehr dankenswert ist die hierauf folgende mitteilung eines längeren fragmen- 
tes unter dem titel Ritterpreis, s. 176 — 195. Bisher waren nur wenige verse 
daraus bekant geworden durch W. Grimm in dessen heldensage s. 281 und J. Grimm 
in dessen Kl. Schriften 7, 509. Es besingt unter anderem den preis von 12 rittern, 
an welche von einer frau, wahrscheinlich der personification einer hohen tugend, 
ehrenschwerter verteilt werden. Jedes schwert führte, wie man aus der anläge 
des ganzen leicht erkent, seinen besonderen namen; so heisst das des 9. ritters 
Alchtebile; das des 10. Widegiz (vgl. den heldennamen Witigisen in der raben- 
schlacht, den Grimm Heldens. 196 auf Witigis zurückführt); das des 12. Wihunc. 
In dem texte, wie ihn der herausgeber gestaltet hat, ist für die Schwerter des 9. 
und des 11. ritters kein name zu finden. Aber das liegt an der falschen auffassung 
der Überlieferung. Da wo von dem 11. ritter die rede ist, v. 79 fg., muss es offen- 
bar heissen: 

dit swert dat sölt ir dran durch mich, 

her Walpole min her Friderich! 
it is genant der Spigel usw. 

In der handschrift steht it ir statt it is, wofür Bartsch sit ir geschrieben und der 
s^gel auf Walpole bezogen hat. Ebenso war wol der text von v. 38 fg. zu schonen : 

van miner hant nemt hin dit swert 

dat ich hl dran, den Vreisen, 

Urin herzin Jean wal eisen usw. 
Über den schwertnamen Vreise vgl. Grimm D. Heldens. 267 und 274. Der name 
Spiegel erinnert an gewisse blankgeschliffene Schwerter , aus denen man die Zukunft 
und anderes zu schauen vorgab, vgl. Haupts Ztschr. 15, 249; Meister Sigeher in 
MSH. II, 362 (V, 2); Frauenlob Spr. 247. Ausserdem möchte ich noch an folgen- 
den stellen eine andere auffassung des textes geltend machen : v. 52 — 53 liesse 

sich auch so lesen: 

her emoil ie nit der Uste sin 

zu striten, zu turneien — 

Die handschrift hat der beste; Bartsch wü wen der beste für nit der beste. — Fer- 
ner lese ich v. 55 — 56 so : 

und swaz man numet ritters werc: 
da enhat sin lif diekein verber c; 
überliefert ist wert : verbert , was doch keinen sinn gibt; vgl. Haupt Ztschr. 3, 7, 22, 
eine stelle aus einem sprachlich verwanten gedichte derselben zeit, der darstellung 
eines minnehofes nach einer bemerkung in den historischen Volksliedern I, s. 8: 

Hait hey gewerkit reychte minnen (hs. wn eyn) werc, 
Dey wärheit hait des geyn verberc. 

Die buchstaben c und t werden im auslaute der Wörter auch v. 51 und 101 vom 
Schreiber des ritterpreises verwechselt. — V. 142 — 143 lese ich: dat si der werlde 
hulden %md remen mben kumen bi; in der handschrift werde, wofür Bartsch wer- 
den vermutet. — V. 207 — 208 lese ich hilde : wilde statt hilde : wüde, — V. 280 — 
281 ir rmmt wnt ouch ir wangen \ roich von rosin blude (vgl. Erlösung in der 
German. 3, 471, 37); die handschrift hat rieh für roich. — V. 304 schreibt Bartsch : 
si sprach: lieve mimte; aber die Überlieferung hat noch geseUehin (= gesellechvn) 
nach sprach, und der überlieferte vers hat dieselbe länge wie 319 und 322; mit 



382 BECH 

lieve mmne werden auch anderwärts noch männer angeredet, so z. b. in Qraf Bndolf 
[25, 17] Bonifait, suze minne! und in Unser Franen Klage ed. Milchsack 909 
Johannes, liebiu minne! — V. 420 fg. lese ich: breiden unde meren | tr eren schätz 
tmde hört \ kan des ritters name vort; in der handschrift hroiden. — Anch die for- 
men dutZf duzse, duzhe in v. 297, 313, 368, 440, für welche Bartsch dutsch, dut- 
sehe gesezt hat, sind wol im dialekte des dichters begründet, ebenso twcuiüm, das 
333 für twatschuren ,^ und hazzelir das 245 für batschellvr überliefert ist; v. 367— 
368 steht simder veltz : weltz in der handschrift; Bartsch ändert swnder valsch : 
toalsch; doch vgl. German. 3, 401 (42) velz goit und 403 C149) veh hertze, sowie 
über welz = weihisch German. 30, 258 und Biegers Elisabeth s. 36. 

S. 196 — 206 werden zu den von J.Haupt und Franke erwähnten quellendes 
Väterbttches neue nachgewiesen; vgl. Schönbach im Anzeiger für d. Altertum 7, 
164 fg. Am schluss wird ein Eegensburger bruchst. mitgeteilt, das in oberdeut- 
scher mundart geschrieben ist. 

S. 207 — 228 folgen zwei bruchstücke aus Heinrichs von Neustadt Got- 
tes Zukunft. Das eine stamt aus der fürstlich waldburgischen bibliothek in Zeil 
und gehört dem 15. Jahrhundert an; das andere, welches von K. Roth im 4. bänd- 
chen seiner beitrage unter dem irreführenden namen „Evangelium des Nikodemus* 
gedruckt ist, gehört dem 14. Jahrhundert an und findet sich jezt in der Münchener 
Staatsbibliothek. In betreff des leztcren ist dem herausgeber die bemerkung in 
Zarnckes Centralblatt a. 1875, s. 1614, entgangen. Zu beiden fragmenten sind 
unter dem texte die Varianten der Heidelberger handschrift angemerkt. 

S. 229 — 245 ein Idsteiner und ein Wernigeröder bruchstück aus dem Eenner. 

S. 246 — 262 werden zu dem von Milchsack in den beitragen von Paul und 
Braune 5 , 548 fg. herausgegebenen gedichte Der sele cranz 8 neue handschriften 
nachgewiesen; Milchsack hat zu seiner ausgäbe nur zwei handschriften und einen 
alten druck benuzt. Bartsch gibt dem gedichte, der Heidelberger und der Strass- 
burger handschrift folgend, den titel: Der Tugenden Kranz. Von der Strass- 
burger und den beiden Wiener handschriften werden, da sie in Milchsacks ausgäbe 
noch keine Verwertung gefunden, die Varianten mitgeteilt. Am schluss dieses 
abschnittes bringt Fr. Keinz noch ein kleines bruchstück desselben gedichtes, das 
darum von Wichtigkeit ist, weil es noch dem 13. Jahrhundert angehört. 

Auf s. 263—267 findet sich eine abschrift der Wolfenbüttler Hs. Aug. 29. 6. 
quart. Bl. 59 — 60, enthaltend das Gänselob des Königs vom Odenwalde, 
bisher nur nach einer Münchener handschrift bekant. Am schluss wird das Verhält- 
nis beider handschriften besprochen. 

S. 268 — 274 sind zwei pergamentstreifen des 14. Jahrhunderts abgedmckty 
auf denen die namen der tugenden und der laster vermerkt und mit reim* 
Sprüchen versehen sind; beide befinden sich im besitz des herausgebers. 

S. 275 — 301 stehen auszüge aus dem bis jezt so gut wie unbekannten Ba- 
seler Meistergesangbuche, das noch dem 15. Jahrhundert angehört. Lesens- 
wert ist hier namentlich die berichtigung in betreff des meistersängers Liebe von 
Giengen s. 278; s. 287 — 288 trift man drei Strophen vom Kanzler = MSH 2, 
388^, 390% 390**; 295—297 ein gedieht, in welchem die ge werke charakterisiert 
werden ; s. 297 — 298 ein anderes , in dem zwei seltene monatsnamen erscheinen, 
so nachfender »» deccmber, welches vielleicht aus nachwvnter entstelt ist, denn so 

1) Vgl. Lexer II, 317 s. v. quatsehiurey wo aus der Minnebnrg die form futUM- 
aüren vermerkt ist, und Haupt Ztschr. 3, 9, 89 geqt*etzit. 



ÜBER BABTSOH, ZUR QUELLENKUNDE 883 

heisst der december bei Johann von Posilge in den Sriptores rer. Pruss. III, 833 
a. 1412 (== s. 261 ed. Voigt -Schubert): Item was der nochwinter so weich, das 
euhant noch wywnachtin d/y wassvr uffin worin; dazu würde auch stimmen die 
bezeichnung der ander winter bei Weinhold Die d. Monatsn. s. 61. Ebenso ent- 
spricht dem hier genanten afterougst (s. 298, 35) bei Weinhold 1. 1. s. 32 der ander 
ougst.^ 

Hierauf folgen: s. 302—804 ein deutsches Kyrieleison; — s. 305—310 
Yolkslieder, zumeist einer handschrift der Baseler Universität entnommen, aus 
dem 16. Jahrhundert. — S. 311 — 333 lieder der mystiker aus einer handschrift 
der Stadtbibliothek zu Kolmar, dem 15. Jahrhundert angehörig. — S. 334 — 354 
verschiedene stücke geistlichen inhalts aus einer jezt der Strassburger Universitäts- 
bibliothek angehörigen sammelhandschrift vom jähre 1428, derselben, aus 
welcher Birlinger im 9. bände der Alemannia das leben und die wunder der klaus- 
nerin Elisabeth von Rüthy herausgegeben hat; schliesslich s. 355 — 359 ein bruch- 
stück eines dramas, dessen inhalt die räche bildete, welche Titus und Vespasian 
an den Juden, dann an Nero nahmen; es besteht aus zwei papl er blättern, welche 
die herzogliche bibliothek in Gotha auf bewahrt. 

ZEITZ, IM JULI 1886. FEDOR BSOH. 



A^Mahn, Grammatik und Wörterbuch der Altprovenzalischen Sprache. 
Erste Abtheilnng: Lautlehre und Wortbiegungslehre. Köthen 1885, 
Paul Schettler. VIII, 315 s. n. m. 6. 

Es ist bekant, dass der begründer der Eomanischen Sprachwissenschaft für 
das Provenzalische eine ganz besondere verliebe gehabt hat. Nicht nur hat er der 
Provenzalischen litteratur mehr aufmerksamkeit als irgend einer andern geschenkt, 
er hat auch in der grammatik der Eomanischen sprachen die spräche der Trouba- 
dours so eingehend und gründlich behandelt, dass es recht schwer ist, ihn gerade 
auf diesem gebiete zu übertreffen. Wenn nun dennoch eine Provenzalische gram- 
matik veröflEentlicht wird, so erwartet man, dass ihr Verfasser die erst neuerdings 
bekant gewordenen und Diez noch nicht zugänglichen litteraturwerke heranziehen, 
vor allem dass er auf grund der urkundensamlungen die Provenzalischen mundarten 
erforschen und darstellen und so Diezens arbeit nach der einzigen wesentlichen 
gelte ergänzen wird, worin sie unvolständig geblieben war. 

Leider hat Mahn weder jenes noch dieses geleistet. Die neuere litteratur, 
auch die grammatische, ist von ihm gar nicht berücksichtigt worden, und z. b. von 
der Albigen ser Chronik wird noch die alte Faurielsche ausgäbe, nicht die ausgäbe 
Paul Meyers, benuzt. Der frage nach der mundartlichen gestaltung des Provenza- 
lischen wird mit keinem werte gedacht, und wenn mundartliche formen angeführt 
werden, so geschieht dies allemal so, dass der leser im unklaren bleiben muss, 
was es mit denselben für eine bewantnis habe. Daher muss man dem, der sich in 
die Provenzalische spräche hineinarbeiten möchte, nach wie vor die beschäftigung 
mit Diez empfehlen. Mahns grammatik ist für den anfänger schon deshalb 
unbrauchbar, weil dieser nicht einmal daraus lernen kann, dass die Troubadours 

1) Bei Weinhold vermisse ich noch den namen näehmän für Juni; vgl. Rössler 

Die Stadtrechte von Brunn s. 376 unten : zcu Znoim in dem näehmän der Juniue 

%»t genant. 



384 SüCniER, ÜBEB MAHN, ALTPBOV. GBAKM. 

zwei verschiedene e- laute und zwei verschiedene o- laute streng in den reimen 
gesondert haiton und dass es daher ganz unzweifelhaft ist, dass larc oder plenis- 
sonan in den alten Frovenzalischcn grammatiken den offnen laut nnd dass estreit 
oder semissonan den geschlossnen laut bedeuten. 

Indessen hat das buch auch seine guten selten, nur werden dieselben erst 
für den kenner der Frovenzalischcn spräche nutzbar. 

Das von ihm verwertete material hat Mahn recht sauber und gründlich ver- 
arbeitet, und die jedem werte beigesezte etymologie zeugt von der bekanten gelehr- 
samkeit des Verfassers auf diesem gebiete. Nur wundert man sich, dass dieselbe 
etymologische erläuterung in extenso widerkehrt, so oft das betreffende Provenza- 
lischo wort wider erwähnt wird: was dem epischen stile Homers ang^'messen ist, 
wirkt in einem wissenschaftlichen werk auf den aufmerksamen leser fast beleidigend. 
Der hauptnutzen des buches liegt in der samlung von beispielen zu den verschie- 
denen teilen der laut- und formenlehre. Diez hat sich oft mit wenigen beispielen 
begnügt und auch bei diesen die citate gewöhnlich unterdrückt: Mahn bringt eine 
reichhaltige samlung mit genauen citaten, und sein alphabetisches Verzeichnis der 
unrcgelmässigen verba und ihrer formen wird beim nachschlagen auch neben Diez 
zuweilen wilkommene auskunft geben. 

In der lautlehre hat Mahn auch den Germanischen, Keltischen und Iberischen 
Sprachstoff übersichtlich geordnet , und hinter der lautlehre , die von den einzelnen 
Frovenzalischcn lauten ausgeht, nochmals die sprachlichen Vorgänge unter alge- 
meinc gesichtspuukte gebracht, eine neuerung, die als nachahmenswert zu bezeich- 
nen ist. 

Einzelnes zu berichtigen ist hier nicht der ort. Im vorbeigehen sei auf die 
erklärung des deutschen hros aus dem keltischen (s. 25) und auf die conjectur giba für 
das gotische ana^ Xeyofxevov aibr, dessen existenz von Mahn geläugnet wird (s. 37), 
hingewiesen. Bei maistre , Baimbaut und liam s. 50. 109 hat Mahn übersehen, dass 
in diesen werten ai und ia stets zwei silben bilden (einsilbig ist ai in der Altfran- 
zösischen form maistre). Das seltsame misverständnis , welches Diez dazu verfuhrt 
hatte unter dia (tag) ein Gotisches piits (knecht) zu vermuten , solte nicht widerholt 
werden, nachdem dasselbe längst beseitigt worden ist (Bomania V, 113). ctzesmaff 
picardisch achesmer, ist aus schisma zu erklären, und die nebenformen adestnar 
und aesmar gehören in das von Mahn nicht behandelte kapitel von den Provenza- 
lischen mundarten. adesar komt nicht von adhaesiAS (s. 14), und puta kann nicht 
aus jputa entstanden sein (s. 30), woraus nur *poda hätte werden können, negueis 
enthält kein unus (s. 39), da das wort nur zwei silben zählt, aus ist auso, nicht 
audeo (s. 43). Auch ist zuweilen der ausdruck zu beanstanden, z. b. s. 187: „coc 
aus Ff. coxi, indem die silbo si ganz abfier', und s. 189 zu atuiizia, lat. 0€cidd>am: 
„scheinbare anomalien rühren von alten untergegangenen Infinitiven her.** 

HALLE. - BXBMANS SUOHISB. 



Halle a. S., Baclidrackeix>i des Waisenhansed. 



DIE GEEGORIUSLEGENDE. 

I. 

Um die mitte des XL Jahrhunderts taucht eine erzählung auf, 
die seitdem von bekanten und unbekanten Verfassern oft bearbeitet wurde 
und mehrere Jahrhunderte hindurch nicht aufgehört hat, zu fesseln und 
beliebt zu sein; nach dem namen, den ihr held in der französischen 
und deutschen dichtung trägt, dürfen wir sie als die Gregorius- 
legende bezeichnen. Wenn wir nur die wesentlichsten züge hervor- 
heben, so berichtet sie von der unkeuschen liebe zweier geschwister; 
ein knäblein, die frucLt dieser liebe, wird auf dem meere ausgesezt, 
wird aber gerettet, erhält den namen Gregorius und wächst in einem 
kloster auf; der jüngling, durch einen zufall über seine herkunffc belehrt, 
verlässt das kloster, wird ein tapferer held, befreit seine mutter von 
den sie bedrängenden feinden und heiratet sie unwissentlich. Ein unge- 
fähr führt zur entdeckung des Sachverhaltes, worauf sich die beiden 
schuldigen zu strenger busse zurückziehen. Auf die verdemütigung 
folgt die erhöhung des Gregorius: durch gottes stimme wird er zum 
papst berufen und regiert mit grosser Weisheit und frömmigkeit. 

Ist diese legende eine unmittelbare Schöpfung des mittelalters 
oder eine vermittelte bearbeitung einer bereits vorhandenen sage? 
ist sie etwa bloss die anpassung einer verwanten, vielleicht antiken sage 
an den christlichen geist? 

Eine gewissermassen sich aufdrängende ähnlichkeit der legende 
von Gregorius mit der sage von Oedipus legt die annähme einer ver- 
wantschafb beider nahe, eine annähme, die heute wol noch die her- 
schende ist. Und allerdings sind die Übereinstimmungen nicht wegzu- 
leugnen: Oedipus wie Gregorius, beide werden von den eitern ausge- 
sezt, aber gerettet und in der fremde erzogen; beide kommen in ihr 
Vaterland, ohne es zu erkennen, befreien es aus schwerer bedrängnis 
und erhalten, da der fürst des landes tot ist, die band ihrer mutter; 
beide verlassen, als das unheil an den tag gekommen, ihr land und 
strafen sich auf das strengste für die schuld, in welche sie wider wis- 
sen und willen verstrickt worden sind. 

Indessen ist zu erwägen , ob die abweichungen nicht schwerer 
wiegen. Den unterschied in der sitlichen Weltanschauung beider erzäh- 
lungen zunächst ganz bei seite gesezt, zeigt sich in der Gregorlegende 

KBITSOHR. F. DBUT8CUE PHILOLOGIE. HD. XIX. 25 



386 SEELISCH 

eine Steigerung, insofern als der held der gesehichte einem incest ent- 
stamt, so dass Scott mit einem gewissen recht urteilen konte: „St. 
Gregory's story is more liorrible than that of Oedipus" {Poetical workSy 
Paris 1838, I, 309), und dass nach Koquettes gefühl („deutsche lit. 
gesch." I. 73) „das grässliche der antike hier durch neue zutaten noch 
überboten ist." Anderseits zeigt sich eine minderung in der christ- 
lichen fassung, weswegen sie Littr^ („Journal des savants" 1858, 
februarheft s. 69) nur un pale reflet der Ödipussage nennen wolte, 
nämlich das fehlen des vatermordes. 

An versuchen, namentlich das leztere zu erklären, hat es nicht 
gefehlt. Albert Heintze (progr. Stolp 1877, s. 9 fgg.) versucht eine 
sitlich - religiöse lösung. Als dem Laios wegen der knabenschändung 
an Chrysipp der sogen der ehe versagt worden sei , habe die strafe nicht 
etwa in der entziehung des kindersegens bestanden, sondern darin, 
dass der söhn als f^ögcf^og vlog (Find. Ol. 2, 39) in das verderben des 
vaters mit hineingezogen sei; dies eben, dass die gottheit den in der 
leidenschaft ausgestossenen fluch des Pelops sich zu eigen mache, sei 
der sitliche grundfehler des heidnischen altertums; im Christentum^ 
dessen gott wol ein eifriger, aber kein unsitlicher gott sei, werde diese 
auffassung unhaltbar , und deshalb habe das ganze stück der sage weg- 
fallen müssen. Demgegenüber muss festgehalten werden, dass der 
vatermord auch ohne diese ableitung aus der schuld des Laios dem 
Chrysipp gegenüber, die wesentlich erst euripideisch ist, (Preller gr. 
myth. n, 347), in der alten sage bestand und in der christlichen hätte 
beibehalten werden können; wie bequem das angieng, hat Lippold 
(Leipz. dissert. 1869 s. 51) ausfuhrlich dargelegt; der vatermord als 
solcher ist im Christentum nicht undenkbar , wie die Julianlegende zeigt, 
die sich sachlich ebenso mit dem ersten teil der Ödipussage deckt wie 
die Gregorlegende mit dem zweiten, ohne dass deshalb mit Greith 
(Spicilegium vattcanum Frauenfeld 1838, s. 155) an einen gescMcht- 
lichen Zusammenhang zu denken wäre.^ 

1) Dem ritter Julian prophezeit ein hirsch, er werde vater und matter töteD, 
was er auch wirklich unwissentlich tut. Zur busse errichtet er ein prächtiges hos- 
pital zur aufnähme von reisenden, die als bezahlang bloss ein pater noster för die 
Seelen der unglücklichen eltorn zu beten hatten; vgl. Vinc. Bellovac. spec. hist. IX 
cap. 115; Gesta Eomanorum c. 18; Legenda anrea ed. Steph. Gueynart Lügd. 
1504 XXX D fgg. ; in der litteratur behandelt von Lope de Yega ei animal profeta 
und in zwei spanischen romanzen bei Duran, Romancero generäl 11 332 fgg.; anspie- 
lungen auf die gastfreundschaft des gode Herherjowr in Chaucers Canterbury Tales 
V. 342, und Boccaccio Decam. tag 2, nov. 2. Vgl. „John Dnnlops gesch. der 
prosadichtungen", übers, v. Felix Liebrecht, Berlin 1851, s. 222 und Paul- 
Braune, beitrage z. gesch. d. deutsch, spr. u. lit. 2, 201. 



DIE GREGOBIÜSLEGENDE 387 

Eiöen anderen- und zweifelsohne geschickteren weg zur lösung 
der frage hatte Lippold a. a. o. s. 51 eingeschlagen. Er wies auf die 
fassung der Ödipussage bei Suidas s. OidlTtovg und bei Cedren ed. Bekk. 
s. 45 hin , worin die misheirat zur hauptsache gemacht wird , Laios, 
von den Thebanern abgesezt, im kämpf um seinen tron fält, und die 
Sphinx zu einem hässlichen weihe vermenschlicht wird. Entschiedener 
als. es geschieht , konte er auch auf die darstellung Hygins sich bezie- 
hen, wo Periboia den Oedipus beim waschen (cum vestes ad mare lava- 
ret fab. 66) auffindet, also an eine aussetzung auf dem meere zu den- 
ken ist: deutlich bezeugt eine solche der schol. zu Eurip. Phoeniss. 
26 fgg. — Nun ist die Oedipussage im altertum in so viele und so 
abweichende darstellungen verzweigt, dass Lysimachos darüber ein eige- 
nes Sammelwerk, die owaycoy^ QrjßaiyKxiv Ttaqadd^oxv schreiben konte 
(Schol. Apoll. Khod. III 1178, ed. Keil 477, z. 13 und 17). Daher 
scheint es bedenklich, von dieser nach Schneide wins ausdruck „albern 
verzerten sagenform" des spätesten altertums anzunehmen, dass gerade 
sie aus der unmasse von Varianten herschend geworden sei , die gewöhn- 
liche darstellung in Vergessenheit gebracht und allein sich ununterbro- 
chen bis ins mittelalter erhalten habe. Der faden, mit dem Lippold 
altertum und mittelalter zu verknüpfen sucht, ist sehr dünn, und ich 
ffirchte, er reisst leicht. Ein geschichtlicher Zusammenhang beider 
sagen ist vielmehr bloss eine möglichkeit, die noch nicht einmal die 
Wahrscheinlichkeit für sich hat, eine möglichkeit, die bis jezt noch 
unbewiesen, vielleicht überhaupt unbeweisbar ist. 

Kann uns also weder der religiöse erklärungsversuch Heintzes 
noch die geschichtliche Verknüpfung Lippolds befriedigen, so bleibt 
noch die möglichkeit einer sozusagen ästhetischen vermittelung beider, 
die in der Gregorlitteratur hie und da auftritt. „Denken wir uns", 
(so sagt Lippold s. 51), „dem ersten erzähler der Gregorlegende die 
ganze Ödipussage vorliegend"; dann konte er, um dem Interesse seiner 
zeit entgegenzukommen, die abstammung aus einem incest einfügen; 
er konte die aussetzung auf das meor für die aussetzung im walde ein- 
setzen, um durch die beziehung auf Moses seinen hörern bekantes zu 
bieten; er konte den vatermord weglassen , um die greuel nicht zu sehr 
zu häufen, und die Sphinx durch eine belagerung ersetzen, um dies 
heidnische fabelwesen zu beseitigen ; er konte seinen beiden zwar nicht 
heroisieren, aber canonisieren — und vras hätte er nicht alles gekont, 
wenn nur nicht die Voraussetzung, der erzähler habe die ganze Ödipus- 
sage gekaut, eine blosse Vermutung wäre, und wenn es nur die art 
mittelalterlicher erzähler wäre, an ihre stoflfe mit solcher ästhetischen 
kritik heranzutreten; noch weniger entspricht es ihrem geschmacke, in 

25* 



388 SEELISCH 

SO geschickter, ja meisterhafter weise ihre Überlieferung zu modeln, 
iliro spuren zu verdecken. Kurz , ich will die möglichkeit eines Zusam- 
menhangs zwischen Ödipussage und Gregorlegende nicht geradezu ver- 
neinen, aber ebensowenig kann ich diesen Zusammenhang als bewiesen 
ansehen; und auf eine unbewiesene annähme darf man nicht weitere 
Schlüsse bauen. Für uns begint, wenn wir uns auf den boden des 
tatsächlichen stellen, die geschichte unserer legende um die mitte des 
XL Jahrhunderts; gegen di(3 ableitung derselben aus dem altertum dür- 
fen wir uns um so eher skeptisch verhalten, da wir hiefür treflfliche 
Vorgänger haben. Jacob Grimm schon hatte sich darüber gewun- 
dert , dabs Greith Oedipodie und Hiobsage mit dem Gregor zusammen- 
stelte, „deren unähnlichkeit , bei einiger Übereinstimmung, am tage 
liegt." (Gott. gel. anz. 1838, s. 140 = Kl. schrftn. 5, 277.); Moritz 
Haupt fand keinen grund, „die geschichten, die sich um blutschande 
drehen, in bausch und bogen aus der Ödipussage abzuleiten" (Vhdl. d. 
Berl. akad. 1860, s. 243); selbst L. Constans (La legende cFOedipe 
Paris 1881) gibt s. 128 die möglichkeit zu, dass beide unabhängig von 
einander seien, und Comparetti (Edipo e la mitologia comparata, 
Pisa 1867, s. 89) urteilt geradezu: Fra questi racofdi e VEdipodea 
non esiste certamente vemn rapporto di derivazione che sia dimostrcbbiU. 

Man wird meinen ausführungen vorwerfen, dass sie wesentlich 
verneinend seien: sie hätten aus den abweichungen geschlossen, dass 
beide erzählungen nicht verwant zu sein brauchten, hätten aber noch 
nicht die Übereinstimmungen erklärt. Ich will versuchen, diesen man- 
gel auszugleichen. 

Zu allen zelten hat sich die phantasie der Völker darin gefeilen, 
zusammengehörige , sich ergänzende oder aufeinanderfolgende naturkräfbe, 
auf späteren stufen begriffe , ideen , staatliche oder religiöse Verhältnisse 
als verwante personen nebeneinander zu stellen: so sonne und mond, 
licht und finsternis, tag und nacht, sommer und vnnter, leben und 
tod. Die ablösuDg solcher gegensätzlichen potenzen ist nun gewöhnlich 
eine gewaltsame, selten oder nie geht sie ohne kämpf vor sich; mytho- 
logisch - concret ausgedrückt: die verwanten geraten in leidenschaft- 
lichen kämpf, sei es nun ein kämpf der waflfen, sei es ein kämpf der 
liebe, und daraus entstehen erzählungen von verwantenmorden und 
incesten; man denke an den stürz des Kronos durch Zeus, an den 
weltzerstörenden streit der Äsen und Muspelsöhne und die dem Bag- 
narök folgende neue weltfrist, an die ermordung Sifrits durch seine 
mägen usw. Dieser personen und mythen bildende trieb der mensch- 
lichen phantasie erlischt mit dem abschluss der göttersage durchaas 
nicht; er fährt fort, in der holdensage, in der volkstümlichen erzfth- 



DIE GBEGOBIüSLEGENDE 389 

lang, in märchen und Volkslied erzählungen von greueltaten, mord und 
blutschande zwischen nahen verwanten zu bilden. Cyrus und Komulus 
werden von ihren angehörigen dem tode preisgegeben und von den 
tieren des waldes gerettet; und um auch von blutschande zu sprechen, 
Lot und seine töchter erzeugen Ammi und Moab (1. Mos. 19, 31 — 38); 
in der Völsungasaga stamt SinQötle von Sigmund und Signe, bruder 
und Schwester, ab; Kiuyras zeugt den Adonis mit seiner eigenen töch- 
ter Smyrna (Pind. Pyth. 2, 15), und die griech. erotiker wissen viel 
zu erzählen von der unkeuschen liebe des Leukippos und Kaunos zu 
ihren Schwestern, des Klymenos zu seiner tochter und des Periander 
zu seiner mutter (Parthenios 7€eQt sqcütltkSv 7ta^r]f^dT0)v c. 5, 11, 13, 
17); von allen diesen sagen ist durch die raffinierte Schilderung des 
Ovid (Metam. 10, 7. a. a. 1, 235; rem. am. 99) das Verhältnis der 
Myrrha zu ihrem bruder am bekantesten geworden; wenn ich mit die- 
sem die unreine liebe des Antiochus zu seiner mutter Strato nike und 
die Schandtat, welche Davids söhn Ammon seiner Schwester antat, zu- 
sammenstelle, so folge ich darin einem „berühmten muster", dem 
Camoes (os Lus. 9, 34). Diese statliche reihe von erzählungen , die noch 
ins unendliche vermehrt werden könte , wird man sicher nicht in einen 
geschichtlichen Zusammenhang, in ein direktes verwantschaftsverhält- 
nis bringen können ; vielmehr bezeugt die massenhaftigkeit der beispiele 
nur, dass alle diese sagen einem und demselben triebe der mensch- 
lichen Phantasie entsprungen sind; und so glaube ich auch, dass die 
Ödipussage und unsere legende mit ihren Verästelungen dieselbe 
psychologische wurzel haben, aber nicht wie blatt, blute und 
frucht demselben zweige entsprossen. Wenn die christliche legende 
belege für die gnade gottes finden wolte, wie leicht muste die phan- 
tasie — ich sage nicht, wie Cholevius („gesch. d. deutsch, poesie nach 
ihren antiken elementen" I, 168) die „unreine phantasie und das müs- 
sige gefühl", sondern ich sage : wie leicht muste die fromme phantasie, 
die mit zittern ihr heil wirken wolte, und die schwache phantasie, die 
an der leiter der göttlichen gnade zum himmel emporzuklimmen hofte, 
gerade an den grässlichsten greueltaten die macht der erbarmungen 
gottes nachweisen mögen! und welche greueltaten sind grässlicher als 
die Sünde am eigenen blute ! ^ So ist eine unmittelbare , primäre ent- 
stehung der Gregoriuslegende aus einer, wenn man will, kränklichen 

1) Vgl. Comparetti a. a. o. s. 87 : L'origine di esse sta nelV idea cristiana 
della misericordia divina e della remissione de' peccati pei meriti di Cristo ai pen- 
Uti e confessi. Questa idea ponendo che non vi sia sl orribile delitto, ne vita 
d^tiomo tcmto contamincita da colpe, die non possa con un pentimento siticero otte- 
ner perdono della inßnita clemenza, metteva in moto la fantasia traducendosi in 
leggende che popölavano il paradiso di deliUtu)si d'ogni sorta, Quhidi i leggendari'^ 



390 SEELISCH 

und schwachen gemütsstimmung sehr leicht denkbar, ohne dass wir sie 
erst nach Böotien zu tragen haben, um sie von dort, mit der klassi- 
schen etiquette gestempelt, als volgiltige waare zurückzubeziehen. 

Noch in anderer weise äussert sich der den vcrwantschaftssagen zu gründe 
liegende trieb der menschlichen seele. Unsere phantasio hat nicht bloss eine nei- 
gung zum erhabenen, grossartigen, grausigen; sie hat auch einen zug zum rätsel- 
haften, zu spielen des witzes: 

Phantasie, das ungeheure riesenweib, 

hatte stehen neben sich zum Zeitvertreib 

witz, den zwcrg. 

Daher erklärt es sich, wenn die Verwirrung in den verwantschaffcsverhältnissen, 
welche eine kühne phantasie erschuf, dem Scharfsinn der hörer gern als eine zu 
lösende aufgäbe, als ein zu entwirrender knoten vorgelegt wird. Das gescliieht in 
der form der spitzfindigen enigmes geneälogiques , bei welchen die darbiotung in 
gestalt von grab Schriften, die als epigramme in Lcssingschem sinne die erwar- 
tung spannen, aber die lösung verschweigen, besonders begünstigt ist. Alle diese 
grabschriften knüpfen an einen wirklichen verfall an , setzen ihn wenigstens Yoraus, 
und sind sämtlich nach demselben recept verfertigt. 

Bereits Massmann wies in Mones anz. 2, 238 aus Berckenmeyers vermehrtem 
ciirieusem antiqxiarius , Hamburg 1792, s. 94 und 508 deren zwei nach; die eine, 
anscheinend verderbte, stamt aus Hamburg: 



Wunder über Wunder, 

Hier ligen dran (dre?) dorunder (:) 

Vater, Sohn unde Moder, 



Sästory Dochtor unde Broder, 

Mann un Wyffj 

Denn Seelen un van Uff. (dre seelen 



Die andre grabschrift ist französisch: ^**^ ^^^ ^^0) 



Ci git Je fils, ci git la mere, 
a git la fille avec le Fere, 



Ci git la soeur, ci git le Frere, 
Ci git la Femme, et le Mari, 



Et vC y a que trois Corps icy. 

Diese stamt von einem grabstcin aus Alincourt bei Paris nach Massmann; nach 
Alessandro d' Anco na {ßcelta di airiositä letterarie inedite o rare dal secolo XIII 
al XVIL Dispeyisa 99: La leggenda di Vei'gogna e la leggenda di Giuda, Bo- 
logna 18G9) soll Arlincourt ein inllaggio fra Amiens e Abbeville sein; ein Arlin- 
court gibt es aber meines wisseus in ganz Frankreich nicht; d'Ancona dachte 
anscheinend an Hallencourt, depart. Sommo; jedenfals kann aber nur gemeint sein 
das dörfchen Alincourt dep. Aisne, arrond. St. Quentin, canton Moy, kaum das 
noch unbedeutendere dörfchen Alincourt dop. Ardennos, arrond. Eethel, canton 
Louisvillc. Diese boidon Inschriften beziehen sich also auf ein Verhältnis zwischen 
söhn und mutter, welchem eine tochter entstamt; der söhn ist zugleich vater, bra- 
der und ehemann, die mutter zugleich eliefrau, die tochter zugleich Schwester; alle 
drei sind zusammen begraben. — ücnau dieselbe Inschrift führt Caspar Meturas im 
Hortus Epitaphiorum aus Clermont an (Ancona s. 50), und in der provinz Bour- 
bonnais will Julie Medrano {La silva curiosa cn que se tratan diver sas cosas soti- 
Ussimas y cimosas 1583) eine ganz ähnliche gelesen haben, die sich auf einen 
tatsächlichen verfall, die Verheiratung zweier geschwister, beziehen soll: 

cristiani ngurgitano di esempi siffaiti, nei quali Vorrwe dei delitti imcufinoH e 
tale che vei'amente solo una clemenza inßnita ha forza di pei'donarsi, Fra ques^, 
come e naturale, figurano in varie guise parricidii ed incesti usw. 



DIB GBEGOBIUSLEOENDE 391 

Cy-gist la fUle, cy-gist le pere, 

Cy-gist la soBfu/r, cy-gist le frere, 

Cy-gist la femme, et le mary, 

Et si fC y a gue deux corps icy, (Liebrecht s. 290.) 
Miliin Äntiquites nationales tom. III sect. XXVIII s. 6 führt eine entsprechende an 
aus der eglise coUegiale von Ecouis (nicht ißconis, wie Ancona s. 48 schreibt, 
gemeint ist das alte Escovium, dep. de l'Eare); dort liegt dör Überlieferung nach 
ein graf von Ecouis begraben, mit ihm seine tochter Cäcilia, die er unwissentlich 
mit seiner eigenen mutter erzeugt und unwissentlich geheiratet hatte. Hier lautet 
die inschrift: 

Ci git Venfant, d git le pere, Ci git la femme et le mari, 

Ci git la sosuVf ci git le frere, H ne sont que deux Corps id. 

(Constans s. 120.) 
Auch die prosaische Vergognalegende , die d' Ancona a. a. o. veröffentlicht hat, bie- 
tet zum schluss eine inschrift auf dem grabe der beiden sündigen, die sich in der 
kirche der hl. Praxedis zu Kom befinden soll: Qui giacciono dv£ corpi morti, madre 
e figlittolo (padre e figliuola?), e fratello e sirocchia, e moglie e marito , nati di 
^an baronaggio deUo reame di Faragona, e sono in paradiso. 

Es zeigen uns also die Inschriften in epigrammatischer kürze, 
die sagen in epischer breite erzählungen , die alle nach derselben rich- 
tung zusammenlaufen, aber nicht von demselben punkte ausgehen. 
Wenn aber die entstehung der Gregorlegende aus der Ödipussage geleug- 
net wurde, so ist damit eine vergleichung beider nicht ausgeschlos- 
sen; vielmehr ist es sehr fruchtbar, sie nach ästhetischen oder theo- 
logischen gesichtspunkten in parallele zu stellen. In lezterer hinsieht 
hat die vergleichung Kudolf Schreiber in den „theol. Studien u. kriti- 
ken" 1863, heft 2, 266 — 297 am verständigsten durchgeführt. Andere 
kritiker haben ihr urteil über die legende durch confessionelle verurteile 
zu gunsten der antiken sage trüben lassen; es ist eigentlich selbstver- 
ständlich, dass die christliche erzählung mit den äugen ihrer zeit, d.h. 
mit katholischer auffassung gelesen werden muss , wenn man ihr gerecht 
werden will; Heintze dagegen fühlt sich s. 18 „unangenehm berührt" 
durch die idee der werktätigen busse und redet sich über die merita 
superäbundantia und ähnliche „die grundidee trübende menschliche 
zutat" (s. 23) in den hellen dogmatischen eifer hinein; Barthel („leben 
und dichten Hartmans von Aue", Berlin 1854 s. 4) findet die erzählung 
wegen der „krassen erbsündentheorie" „wol gar etwas abstossend." 
Das ist ein ebenso grober methodischer fohler, als wenn man die Scho- 
lastik mit dem massstabo Kants oder Hegels bemessen wolte; im 
gegenteil kann man vom katholischen Standpunkt aus noch am ehesten 
dem alten Görres beipflichten, der sie („deutsche Volksbücher", Hei- 
delberg 1807, s. 244) „eine der besseren legenden, religiös untadelhaft 
und dabei poetisch, romantisch und in ihrer art vollendet" nent; man 
wird dem urteil Diederichs in der „russ. revue" XVH, 123 heitre- 



392 SEELISCH 

ten können: „die legende binterlässt bei dem leser, der das denken 
und fülilen mittelalterlicher menschen in sich nachklingen lässt, das 
gefühl der befriedigung über ihre lösung." 

In ästhetischer beziehung hat wol Gervinus I, 551 das här- 
teste urteil über sie gefält, wenn er sagt: „wem eine fromme sage 
von so roher erfindung und so blöder religion poetisch oder erbaulich 
ist, mit dem ist auch über den wert ihrer behandlung nicht zu strei- 
ten ; der wird dann philosophie und Weisheit in der ungelenken legende 
suclien und die alten Ödipusgedichte dagegen herabsetzen.*^ Ich weiss 
nicht, ob der Vorwurf der befangenheit , den Gervinus hier zwischen 
den Zeilen gegen Görres ausspricht, sich nicht noch mehr gegen ihn 
selbst kehrt, der sich in die auffassuugsweise der damaligen zeit nicht 
versetzen konte oder mochte. 

II. 

Wenn wir die Gregoriuslegende von dem hintergrunde des altertums 
losgelöst haben, so müssen wir sie nunmehr im mittelalter wider befestigen. 

Die französische bearbeitung, die bekantlich Hartmanns muster 
ist, hat Littro a. a. o. märzheft s. 143/44 wegen der stehengebliebenen 
assonanzen und wegen der boziehungen auf eine vorläge (Luzarche 4, 3; 
10, 3; 96, 13; 118, 12) als die Umarbeitung einer älteren , dem XI. jh. 
angehörigen fassung in reine reime erkant. Der.ausgang des XL jh. 
fand also die sage schon abgeschlossen vor. Und in dieser zeit lagen 
alle bedingungen vor, aus denen sie sich bilden konte; die geistesströ- 
mungen, die dies Jahrhundert bewegen, spiegeln sich in ihr wider, ja 
sogar einzelne historische tatsachen vergleichen sich leicht mit charak- 
teristischen Zügen dieser legendarischen geschichte. 

Dies gilt schon von den Verhältnissen, die den lebensnerv der 
legende ausmachen: Streitigkeiten über inceste, heiraten in 
verbotenen graden, vorwickelte verwantschaftsverhältnisse 
überhaupt erfüllen das ganze Jahrhundert, angefangen von der 
ganz algemeinen forderung Heinrich H. , alle wegen zu naher verwant- 
schaft verbotenen eben aufzulösen,^ bis zu den bedenken, die sich in 
einzelfaUen gegen die Vermählungen Conrads von Austrasien mit Ma- 
thilde , Heinrich HI. mit Agnes von Poitou und Conrad H. mit Gisela 
erhoben (Giesebrecht H, 79. 371. 222); auf den faU des grafen Otto 
von Hammerstein hatte schon Lippold verwiesen. Einmal trat diese 
frage sogar in den Vordergrund des öffentlichen Interesses. 

Das römische recht, die computatio civilis , bestimt die grade 
der verwantschaft zweier personen nach der zahl der ihre entstehung 

1) Vgl. Constantini abbatis SymphorieDsis vüa AdaJheronis H c. 15 — 17. 
Mon. Germ. I\\ s. 663/64. 



DIE GBEOOBIUSLEGENDE 393 

bewirkenden generationen : tot sunt gradus, quot sunt generationes ; 
vgl. Instit. III, 6. pr. §1 — 7; L. 10. § 9 fgg. Dig. de grad. et affin. 
XXXVm, 10. Das kanonische recht dagegen, d. h. in diesem falle 
das vom hl. stuhl approbierte germanische recht bestimt sie in der Sei- 
tenlinie nach dem grade der verwantschaft beider zu den nächsten 
gemeinsamen ascendenten : vgl. causa 35. quaest. 5. cap. 2. — Alex. IL 
Epist. 2; epist. 27. — tom IX Conc. p. 1140 und p. 1181. Dieser unter- 
schied der bestimmung erklärt sich, wenn man bedenkt, dass es sich 
für den Juristen hauptsächlich um die succession und das erbrecht, für 
den canonisten um die Verheiratung handelt.^ 

Die florentinischen rechtsgelehrten nun hatten die frage aufge- 
worfen, ob kirchlicherseits eben zwischen nahen verwanten zugelassen 
werden dürften, wenn man die verbotenen grade nach justinianischer, 
nicht nach canonischer computation rechnete , und die juristische fakul- 
tät in Kavenna hatte diese frage unter berufung auf eine misverstan- 
dene stelle des hl. Gregor (lib. XII, epist. 31, intorr. 5 und 6) bejaht 
(1065). Dies gutachten wurde der gegenständ heftiger angriffe; Petrus 
Damiani schrieb eine Streitschrift dagegen ^ und rief die entscheidung 
des apostolischen Stuhles an ; es fanden zwei Lateranconcilien statt, auf 
welchen auch Juristen ihre stimmen abgaben, und auf welchen diese 
s. g. haeresis incestuosorum in der theorie verurteilt wurde; fak- 
tisch fanden eben zwischen nahen verwanten noch zahlreich statt, und 
erst Gregor VII. führte die beseitigung dieses misbrauch es. durch. ^ 

In damaliger zeit nun, wo kleriker und laien über diese frage 
stritten, wo Frankreich, Italien und Deutscliland hochgradig davon 
ergriffen waren, wo dieser streit in viele familien eingriff, mochten 
erzählungen von blutschande ebenso interessant sein, wie in heutiger 
zeit die von Paris zu uns gekommenen ehebruclisdramen ä la Divorgons, 
Es ist sogar der fall nicht ausgeschlossen, dass ein wirklicher verfall, 
dass jemand mit seiner mutter in blutschande lebte, den nächsten 
anstoss zur bildung unserer erzählung gab.^ 

1) Vgl. Corpus Juris Canonici per regulas naturali ordine digestas, au,ctore 
Ja. Fetr. Gibert, Colon. Allobr. 1735, tom. III, p. 108. 

*2) Äd Joawnem Caesenatensem et D, D. Ärchidiaconum Bavennatem de 
parentelae gradibus, in der gesamtausg. seiner werke Paris bei Cliastellain 1642 
tom. III, opusc. Vin, p. 77 — 83. 

3) Das beste über diese haeresie bietet Fleury, histoire ecdesiastique , tom. 
XIII. Paris 1713, livre 61, chap. 14 p. 152—156; die angaben bei Greith s. 158 
sind durch druckfehler und andere versehen entstelt. 

4) Viel später können wir einen wirklichen fall derart nachweisen. In Erfurt 
heiratete ein junger mann ein mädchen, das er unwissentlich mit seiner mutter 
gezeugt hatte; zu Moses Zeiten wäre er des todes schuldig gewesen (3. Mos. 20, 11 



394 SEELISCH 

Aber auch in anderer beziehung noch lag unsere legende in der 
mitte bis ende des XL jh. sozusagen in der luft. Es kann keinem 
zweifei unterliegen, dass sie, frei von jeder allegorischen oder gar sati- 
rischen absieht (vgl. das urteil Luzarches s. 6) , im gegensatz zu leicht- 
fertiger Jongleurpoesie die macht der busse verherlicht, und dass die 
art, in der die busse vor sich geht, eine gewisse strenge herbigkeit 
zeigt, die oft an selbstquälerei streift. Unschwer erkennen wir luerin 
den einfluss der damals so mächtigen richtung von Clugny. Dane- 
ben aber tritt ein chevaleresker zug in der legende hervor, der ritter- 
lichem leben und ritterlichem stände sein volles recht zugesteht, ja 
sogar mit einer gewissen wärme von ihm und von den freuden des 
weltlebens überhaupt spricht. Genau dasselbe schwanken zwischen 
heiterer weltlust und banger sorge um das Seelenheil war 
damals an der tagesordnung, zumal in Aquitanien, wohin unsere ge- 
schiclite verlegt ist und wohin in der tat alle beziehungen weisen. 
Dort scherzte neben dem ernsten cluniacenser der Jongleur, in die rau- 
schenden feste der ritterlichkeit und der minne tönte das glöckchen 
des eremiten hinein, der üppigsten lebenslust trat die strengste ascese 
zur Seite, und mancher ritter zog nach dem heiligen lande, um wirk- 
liche oder vermeinte Jugendsünden abzubüssen. (Giesebrecht U, 363 — 
365.) Nach alledem möchte ich mir als abschliessenden redactor der 
sage einen südfranzösischen ritter denken, welcher der richtung von 
Clugny zugetan war, aber doch theologisch nicht genug geschult war, 
um den fehler zu erkennen, den er begieng, indem er für ein unbe- 
wustes verbrechen seinem beiden eine so schwere busse aufbürdete; 
denn busse ohne schuld ist ein unding: 
Mai qui pecce par ignorance, 

n'afiert pas grant peneance. (Guill. d'Anglet. p. 163.) 
Aus diesem gesichtspunkt erklärt es ^ch vielleicht, dass die geistlichen 
legendarien der Gregorsago geflissentlich aus dem wege gehen; es ist 
ein richtiges gefühl, wenn ihr Constans s. 130 eine forme laique ä 
presque cJievaleresque zulegt. 

Ist es also tatsache, dass die Stimmung der zeit dem leitmotiv 
der legende entgegenkam, so sind anderseits verschiedene nebenmotive 
leicht als nachklänge aus der hl. schrift oder der legende zu 
erkennen. 

und 17); die Erfurter theologenconferenz liess ihn vernünftigerweise lanfen. Wu 
besitzen hierfür das unverdächtige Zeugnis Martin Luthers, ihm nacheiz&hlt in den 
„tischreden", III. bd. sub „Ohrenbeichte", Erlanger ausg. bd. 59, s. 77; von seiner 
eigenen feder niedergeschrieben in den JSnarrationes in Geneam c. 36, Erlanger 
ausg. der opp. exeget. liit. 9, s. 23 — 26. 



DIE GREG0BIÜ6LEGENDE 395 

Die aussetzungsgeschichte nahm man wol ebendaher, woher 
HeUodor, der sophist von Emesa, den man mit dem gleichnamigen 
bischof von Tricca verwechselt hat, in den Aethiopica 11, 31. IV, 48 
die einkleidung entnahm , dass die königin von Aethiöpien ihr kind nebst 
einem ringe und einer binde, auf der die umstände seiner geburt 
geschildert waren , im wasser aussezte : nämlich aus 2. Mos. 2 , 1 — 10. 
Wenigstens scheint mir diese herleitung weniger künstlich als wenn 
Leo („Blätter für lit. unterh." 1837, -s. 1432) an die aussetzung Sigurds, 
des Sohnes von Sigemund und Sisilia, in der Vilkinasaga erinnert und 
die mythen vom Sceaf anzieht, jener alten gewohnheit, mit der man 
sich Verbrecher, deren justificierung man vermeiden wolte, zu entle- 
digen verstand und leichnarae, deren ixiaofxa man entfernen wolte, 
ihrem Schicksal auf dem meere überliess (Grimm KA 701). Vielmehr 
ist die ähnlichkeit der aussetzung Gregors mit der des Moses eine so 
handgreifliche, dass sie sich mehr als einem der späteren bearbeiter 
aufdrängte (z. b. „deutsche volksb." von Simrock XII, 91: „ein 
anderer Moses"). Biblischen Ursprungs sind ferner die den wundern der 
apostel nachgebildeten krankenheilungen Gregors durch wort oder 
berührung (Luz. 109, 17 fgg.; Hartm. 3612). Auch selbständig hat 
Hartman noch aus der bibel die erzählung bereichert, indem er die 
Selbsterneuerung der speise in den gefiissen der reisebegleiter Gr. 
auf der Komfahrt aus 1. Kon. 17, 16 übernahm. 

Andere anklänge an unsere erzählung finden sich in der legende; 
so in der von Vincenz von Beauvais Spec. bist. XXI, c. 7 nach Sigi- 
bert berichteten erzählung von Genebaudus, den Kemigius zum epis- 
copus Laudunensis machte; dieser hatte als bischof noch mit seiner 
frau, die er verlassen hatte, einen söhn Latro und eine tochter Vulpe- 
cula erzeugt ; deshalb verschliesst ihn Eemigius in eine zelle und über- 
nimt selbst die leitung seiner diöcese; nach 7 jähren verkündigt dem 
büsser ein engel, seine sünden seien ihm vergeben, und die türe öfnet 
sich, ohne dass das davor gelegte siegel verlezt wird; aber Genebau- 
dus lässt sich erst zum verlassen seines kerkers bewegen , als Eemigius, 
vom engel aufgefordert, ihn abholt. 

Legendenhaften Charakter trägt ferner der zug, dass die gl ecken, 
die ja im mittela