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v 



ZEITSCHRIFT 

FÜR 



DEUTSCHES ALTERTHÜM 



UND 



DEUTSCHE LITTERATÜR 



UNTER MITWIRKUNG 



vo» 



KARL MÜLLENHOFF und WILHELM SCHERER 



HERAUSGEGEBEN 



VON 



ÜJAS STEINMEYER 



FÜNFUNDZWANZIGSTER BAND 

DER NEUEN FOLGE DREIZEHNTER BAND 



THE 

HILDEBRAND 
LIBKARY. 



BERLIN 
WEIDMANNSGHE BUGHHANDLUNG 

1881 



^, 




a. -^ q\q'^ 



INHALT. 



Seit« 
Zwei lateinische metrische Versionen der legende von Placidns-Eusta- 

chius. II Eine version in hexametern, von Varnhagen ... 1 

Zu den Garolingischen rythmen, von Seiler 25 

Die behandlun^ des e bei Maerlant, von Franck 30 

Der aoftact in den liedern Wolframs von Eschenbach, von Möller . 50 

Nachtrag über den Heinersdorfer stein, von Henrici 57 

Beschreibung einer seereise von Venedig nach Beirut im jähre 1434, 

von demselben 59 

Sprach vom römischen reich aus dem jähre 1422, von demselben . 71 

Nibelangenhs. U, von KhuU 77 

Jeroschinfragmente, von Nigg 80 

Zu Schiller und Körner, von Jonas 81 

Walahfrid Strabus über deutsche spräche, von Dummler 99 

Zu s. 28, von Seiler 100 

Die diclitungen Rulman Merswins. 5. Epilog, von Denifle .... 101 

Die Dresdner Iweinhs., von Henrici 123 

Schiltebürger als name des todes. zu Iwein 7162, von demselben . 127 

Zur Marienlyrik, von Schröder 127 

I Bruder Hans 127 

II Die Mariengrfifse 129 

Über die entwicklung des Peter- Squenz- Stoffes bis Gryphius, von Burg 130 

Zur Herodias-sage, von Schwartz 170 

Die Heliand vorreden, von Wagner 173 

Zu Walther und Hildegunde, von Schönbach 181 

Bemerkungen zu der reise von Venedig nach Beirut, von Krause . . 182 

Kleine mitteilungen, von Seiler 188 

1. Zu Zs. 22, 422 f 

2. Zum Memento mori v. 115—122 

Wolframs Titurellieder, von Stosch 189 

Zum Wigalois lu, von Schön bach 207 

Reimpredigt, von demselben 213 

Ahd. eigennamen, von Löhner 214 

Der klang der beiden kurzen e im mhd., von Franck 218 

Ein coDSonantisches auslautgesetz des gotischen aus dem accent er- 
kürt, von Kock 226 



INHALT 

Seite 

Za Rlopslocks ode ao Ebert, too Schmidt 232 

Sassafras, tod demselben 234 

Die erste bearbeitang der Emilia Galotti, von Werner ...... 241 

Zq Zs. 25, 170 ff, von Laistner 244 

Zwei bruchstöcke geistlicher dichtang, von Tragi 245 

Fragment eines niederdeutschen Tristant, von Titz 248 

Eine lateinische osterfeier, von Kummer 251 

Fragmente eines 6echischen Rosengartens, Ton Titz 253 

Neue bruchstQcke des Edolanz, von Schönbach 271 

Predigtbruchstflcke v, von demselben 288 

Strickers Frauenlob, von Kummer 290 

Fragmente von Rudolfs Weltchronik, von Balke und Fuhlhage ... 302 

Eine homelia de sacrilegiis, von Gaspari 313 



ZWEI LATEINIS»:i!E METRßCHE 
TEESI»>>rE^' I«£R LEG£NT»E VOX PLAdDCS- 

ETSTACHirS. 



CarifC LI häima^ TnjMrt> »(f«n nmoAe. 



ÜSfbf si!jici»5 cTT^fCts? P&at>i«« ie ?- ftamtn^ kikte. 







IL f . ft. A. une kUe HL 



2 LATEINISCHE EUSTACHIUSLEGENDEN II 

Tempore Trajani studii cultura prophani 
auch distichen möglich sind,^ 

Die hs., der ich den nachstehenden (ext entnehme, befindet sich 
auf der Bodlejana und trägt die Signatur Laud. Mise. 410. ich 
setze sie in das W jh,, wie es auch Coxe in seinem cataloge tut, 
möglicher weise ist sie noch älter, sie stammt nach Coxes angäbe 
aus einem carthäuserkloster bei Mainz, abschrift des textes, von 
dem ich mir bei meinem letzten aufenthalte in Oxford nur kurze 
notizen machen konnte, verdanke ich Mr George Parker, der als 
sorgfältiger arbeitet bekannt ist. Herr dr Neubauer vermittelte 
mit bekannter gefälligkeit die sache. 

Beide von mir mitgeteilte Versionen gehen auf die in den AASS 
aao. s. 123/f abgedruckte griech. prosa zurück, von der die lat. 
prosa ebenda nur eine mehr oder weniger wörtliche Übersetzung 
ist. doch ist die Version in distichen eine sehr freie bearbeitung, 
während die version in hexametem sich viel genauer, häufig wört- 
lich, soweit es angeht, an die vorläge hält, doch hat der Verfasser 
der Version in hexametem den Virgil ziemlich stark benutzt, in- 
dem er phrasen und formen, bisweilen sogar ganze verse mit nur 
geringen modificationen aus diesem dichter seiner arbeit eingefügt 
hat. ich habe mir die folgenden stellen notiert: 

AuscultaDS Placidus haec rursum volvitur arvis (107) 
Excussus curru moribuDdus volvitur arvis (Aen.x 590). 

> die vierte metrische bearbeitung ist die in disiiehen, die fünfte 
die von Dümmler Zs, 23, 273^ nach einer Feroneser /u, mitgeteilte, 
ßachträglich eine bemerkung zu v. 112 der version in distichen, wo ich 
den namen Codrus angezweifelt habe. Reinhold Köhler hatte die Hebens- 
Würdigkeit, mir darüber folgende bemerkung zugehen zu lassen : Xodras 
in aere fuit ist ganz richtig, Sie haben nicht daran gedacht dass Codrus 
— nach dem Codrus des Juvenal iil 203 und 208 — bei den lat. dichtem 
des mittelalters für einen sehr armen menschen, wie Croesus für einen 
sehr reichen, nicht selten gebraucht wird, auch ü. 214 haben wir den 
Codrus wider.* die angezogene stelle aus Juvenal lautet vollständig: 
Lectus erat Godro Procola minor, luceoli mx, 
Ornamentam abaci; nee non et parvolus infra 
Gantharua et recubans sub eodem marmore Chiron; 
Jamque vetus Graecos servabat cista Ilbellos, 
Et divini opici rodebant cannina muret. 
Nil habuit Codrus: qoia enim negat? .... 
in der griech. und lat, prosa der AASS fehlt der name auch an der 
zweiten stelle» 



LATEINISCHE EUSTACHIUSLEGENDEN II 3 

Uxorique saae cuncta haec ex ordine pandit (129) 
ÄDchisen facio certum remque ordine pando (Am. in 179) 
Suscipit Anchises atque ordine singula pandit (Am. vi 723). 
'Cumque Aurora polo radiis dimoverat umbram (173) 
Umentemque Aurora polo dimoverat umbram (Am. 

III 589, IV 7). 
Regnator Olynipi (187) = Aen. n 779, vii 558 (ein sonder- 
barer titel für Christus). 
Omnes dum mare velivolum sani superassent (284) 
Despiciens mare velivolum terrasqtie jacentis (Am. i 224). 
Valde gemens pneros lacrimis affatur obortis (294) 

lacrimis ita fatur obortis (Am. xi 41). 

Hei mihi, qualis eram, quantum mutatus ab illo (328) 

Hei mihi, qualis erat, quantum mutatus ab illo (Am. ii 274). 

Contigit, ille ut nanta fuisset morte peremptus (369) 

Ut veuere, vident indigna morte peremptum (Am. vi 163). 

Omnes explorat, Placidus si vescitur aura (380) 

Quem si fata virum servant, si vescitur aura (Am. i 546). 

Maris arva (387) arva Neptunia (Aen. vm 695). 

Ille ego non sum, nee tali me dignor honore (452) 

Tum Venus: band equidem tali me dignor honore (Am. 

i 335). 
Ille illos omittens omnibus oscula libat (471) 
Oscula libavit nautae (Am. i 256). 

Dahin gehört femer der gebrauch von olli = illi (64 usw.), 
arbos (324), beide formm bei Virgil, des infinitivs dominarier 
(749), ebm falls bei Virgil (Aen. vu 70), und einiges andere. 

Daneben finden sich einige stellen, die aus einer andern quelle 
zu stammm scheinm, ohne dass ich dieselbe nachweisen kann, 
auch der ganze folgende vers klingt wie entlehnt: 

Ulque diem Titan et noctem Cynthia comet (95). 

Verstöfse gegen die quantitdt finden sich nur sdtm; dagegm 

haben viele verse keine regüreehte cäsur. — die Schreibung habe 

ich ebmso geregelt wie in der ersten version. — den litteratur- 

nachweism von Knust, Köhler und mir füge ich jetzt noch bei 
Germania xxv 132. 

Mein freund Lütjohann, jetzt in Kiel, ist mir auch bei bear- 
beitung dieses textes behilflich gewesen. 



LATEINISCHE EUSTACHIUSLEGENDEN II 

Incipit Vita et Passio Beati Eustachii et Uxoris Filiorumque 

ejus. (fol. V) 

ßex aeteroe poli, muodani rector et orbis, 
Exaudire tuum servutn dignare precantem, 
logeDium ut mihi concedas et verba loquelae, 
Quo valeam Placidi depromere facta beati. 

5 Temporibus romaoa quis Trajaous in urbe 
Regnabat mundum antiquo fallente dracone, 
Miles erat quidam, Placidus de nomine dictus. 
Militis ille fuit princeps custosque catervae, 
Insignis factis et nobilitate micabat, (foL T) 

10 Et pollens opibus, captus sed daemonis astu, 
Justitia comptus, meritorum dote refulgeus; 
Judicio injusto damnatos eripit ille, 
Pauperibus multo solamine subveniebat, 
Nudis dat vestes, alimentis pavit egentes. 

15 Omnes consolans angustia quos retinebat, 
Quamvis gentilis complevit opus pietatis, 
Nescius et domini mandata secutus ubique 
Justum Cornelium exemplis fuit ille imitatus. 
Huic vivens fuerat sub cultu daemonis uxor, 

20 Aequalique viro vita per cuncta manebat; 
Ex illis etenim mares bini generantur. 
Aspectu pulcher fuit bic et fortis in armis, 
Undique barbarica atque illi gens subdita stabat. 
Ille primis industris erat venator ab annis. 

25 Sed dominus pius et clemens, qui semper ubique 
Quos novit dignos fieri sibi convocat ad se, 
Hujus opus non spernit, sed mercede rependit, 
lUius et meutern vero de fönte rigavit, 
Tuncque modo tali tulit ex cultu simulacrum. 

30 Contigit, ut quadam de more die peragraret 
Venatum montes turba comitante vasallum. 
Ecce, greges stantes cervorum cernit ibidem, 
Quos, ut doctus erat, circumdabat agmine magno; (fol, T) 
Insidiis positis illos canibus sequebatur. 

^ Militibus cunctis cervorum indagiae captis 

29 simulacra ht. vgl, v, 124 



LATEINISCHE EUSTACHIUSLEGENDEN U 5 

Apparebat ei subito speciosior unus, 
Quique sua superans alios pinguedine cervosv 
De grege qui fugitans alio silvain repetivit, 
Atque cito cursu loca per deasissima vadit 

40 Quem Placidus zelo nimio comprendere anhelaU 
Atque suum linquens agmen paucos tulit ad se; 
Cum simul bis illum grandi studio sequebatur. 
Omnibus bis lassis Placidus tunc solus anbelat 
AfTectu nimio cupiens comprendere cervum. 

45 Nam pietate dei quod non lassante caballo 
Spissus eum locus ullus non tardabat euntem. 
Quin alacri citius cursu cervum sequeretur, 
Agmine de cuncto tunc ipse remotus abibat. 
Cervus in altam conscendens rupemque ibi stabat; 

50 Tunc Placidus sine militibus properabat eodem. 
Undique prospiciens rupem coepit cogitare, 
Insidiis potuisset quis adquirere cervum. 
Sed dominus se venantem captare malebat. 
Non ut Cornelium per Petrum ad se revocavit, 

55 Sed veluti Paulum, qui se ipsum persequebatur, 
Quemque suo fecit monstratu ex hoste superbo 
Ipse sibi fidum famulum dignumque ministrum, (foL 3') 
Ipse modo Clemens Placidum convertit eodem. 
Staute diu Placido pastum miranteque cervi 

60 Hoc de venatu sese voluit retinere. 

Tunc illum dominus monuit, quo fortis adesset, 
lUius et molem cervi non ipse timeret. 
Antea quique asfnae Balaam dedit ora loquelae, 
Ipse hominis cervo sermones addidit olli. 

65 Cornibus in mediis et ei crux aurea fulsit, 
Quae splendore suo solis radios superabat; 
Atque suam formam monstrans ibi Christus lesus, 
Quique per os cervi inscitiam Piacidi increpat ullro: 
'0 quid tu venatu me, Placide, insequebare? 

70 Ecce« Salute tui ad praesens animal veniebam; 
Christus enun sum, cui servis tu nescius ipse. 
Conspexi, tua pauperibus quae dona dedisti, 
Et mihi te volui cervum captare per istum, 
Retibus atque meis te ducere ab hoste maligno. 



LATEINISCHE EUSTACHIUSLEGENDEN U 

75 Non modo fit jastum, meus ut famulus simulacris 
Serviai inmundis, qui factis vivit amoenis. 
Haud aliam ob causam terrenum corpus inivi, 
Ni geous humanum ut salvarem ex fraude maligni.' 
Haec audisset cum Placidus terrore repletus, 

so Lapsus equo ruil ad terram, ceu mortuus esset. 
Una hora transacta in se rediens cito surgit (fol, V) 
Cautius illa volens spectacuia cuncta videre, 
Quae fuerant sibi de pietate dei patefacta. 
Tristis dum secum tacitus coepit cogitare, 

85 Visio quam vidit haec quid portendat amoeoa, 
Tunc studuit dominum sincera mente precari: 
^0 bone rex coeli, dignare mihi tua verba 
Pandere, quae stulto mihi per cervum loquebare, 
Ut cognoscere quoque modo in te credere possim.' 

90 Tunc pius et clemens dominus dicebat ad illum: 
^Auribus intentis, Placide, auscultare memento. 
Ast ego sum dominus, terrae qui machina feci, 
Et coeli solus firmamina tota peregi; 
Lucem de tenebris, lymphas terrisque removi, 

95 Utque diem Titan et noctem Cynthia comet 
Jussi, necnon et coelis ego sidera pinxi; 
Alta maris firmans et quicquid vivit in orbe; 
Postremum formavi hominem de cespite ruris, 
Illius inque manus donabam cuncta creata. 

100 Qui ruit in mortem mox suasus ab hoste veterno; 
Exin stirps sua sub serpentis erat dominatu, 
Donec terrenum decrevi sumere ^corpus, 
Cum quo celsa crucis conscendi robora promptus, 
Et quod concessi tumuii sub jure teneri. 

105 Deinde die terna surrexi daemone TJcto, (foL 4') 
Ac genus humanum inferni de fauce reduxi.' 
Auscultans Placidus haec rursum voivitur arvis; 
Cordis ab affectu Christum Tocitabat et infit: 
^Credo equidem mundi factorem te fore, Christe, 

110 Errantes qui convertis per lumina vitae, 
Optatam qoi das et vitam morte sepultis.' 

92 machina hat dm* verfantr für nmttr, flur. f^halim 



LATEINISCHE EDSTACHIUSLEGENDEN U 

lllius ut dominus vidit cor, dieit ad illam: 

^Si credis, Placide, at propera festinus ad urbem, 

Pontificem summum conqairere ait tibi cura, 

115 Christi qui populi dignus modo pastor habetur. 
lUum posce, tibi quo det baptismatis uodam, 
Sordibus ablutus de cunctis ut merearis 
Regoa videre dei, quo gaudent agmina coeii/ 
Respondens Placidos dombo et dicebat ad illum: 

120 ^Christa, jubes, haec ostenta ut mea femina noscat, 
Sicque meis possim natis haec dicere dicta?' 
Dicit ei dominus: *Has Ulis paode loquelas, 
Ut credant et suscipiant purgamioa vitae. 
Quis dum vos eritis loti ab cultu simuiacrum, 

125 Tu statim pedibus ne tardes huc repedare. 
Hie iterum apparebo tibi, dicamque futura, 
Quae tibi provenient cito pro mundamine mentis.' 
Credulns his Placidus verbis sua tecta revisit, 
Uxorique snae cuncta haec ex ordine pandit, (fri. 40 

190 Quaeque sibi Christus monstrabat montibus altis. 
lila haec auscultans nimium se corde resultat, 
Atque suum dominum vocitans dicebat ad illum: 
^Domne meus, Christum sie vidisti cruciflxum, 
Quem Christi populi semper recolunt et adorant; 

135 Solus enim is verus deus est, qui cuncta creavit, 
Hesternae noctis ego quem per somnia vidi, 
Necnon talibus et verbis mecum fabulatur: 
**Mox ad me venietis, tu simul atque tuus vir, 
Necnon vobiscum vestros subducite natos". 

140 Eli nunc cognovi, quoniam ipse est Christus lesus, 
Qui tibi per cervi voluit se ostendere formam, 
Ut magis ilUus mireris tu pietatem. 
Ecce, necesse manet baptismum quaerere sanctum 
Nos, quo gens mundata micat Christo numerata/ 

145 Respondens Placidus tunc et dicebat ad illam: 
4s mihi sie dicit, montis quem in culmine vidi.' 
Ex stratis surgunt ambo mediantibus umbris, 
Omnibus illorum famulis somnoque sopitis, 

121 tiqae hs. 133 sie] si Ja. 



8 LATEINISCHE EÜSTACHIUSLEGENDEN II 

Binas atque soas secum soboles referebant, 

150 Adque sacerdotem pergebaDt Cbristicoiarum ; 
Cuncta et ei promunt miracula, quae sibi visa 
De Christo fuerant, se et baptizare rogabant 
nie haec auscoltans alacri de corde manebat, (fol, 50 
AltithroDO laudes et magnis vocibus infit: 

155 Xaus et gloria sit tibi, mundi Christe redemptor, 
Omnes qui salvare cupis, nee perdere quemquam 
Ex Ulis vis, qui dominum te credere quaerunt.' 
Ulis tunc statim baptismi arcana retexit, 
Et consignat eos baptizans nomine trino. 

160 Ac Placido Eustacbium nomen donabat habere, 
Majoremque suum natum Agapitum vocitabat, 
Atque aliud pulchrum notat nomen Theophistum, 
Illius uxori nomen posuit Theophistam. 
Tunc illos una confirmans chrismate Christi, 

165 Dimittens illos domino commendat, et inquit: 
%it dominus semper vobiscum, Christus lesus, 
Qui dignatus erat vos ad sua regna vocare, 
Et sedem vobis dedit in caelestibus aulis. 
Vos precor ob Johannem, quo dominum rogitetis, 

170 Consors ut vestri valeam sine fine manere.' 

Tunc simul ad proprium tectum redeunt in eadem 
Nocte, et magnificas domino grates referebant. 
Cumque Aurora polo radiis dimoverat umbram, 
llico et Eustachius paucos homines tulit ad se; 

175 Ac silvam repetit, cervos et quaerere jussit, 
Et montem notum solus sine milite adibat, 
, Adque locum properat, quo Christus ei antea fulsit. (fol. y) 
Ast dignatus erat Christus sua verba replere, 
Atque suam formam illi praesentabat amoenam. 

180 Aspiciens hoc Eustachius terram petit imam, 
Vocibus aitisonis Christum dicens vocitabat: 
Te solum verumque deum modo, Christe, fatebor, 
Qui cum patre deo regnas, cum spiritu et almo. 
Credo equidem nunc, quod pater est et filius hoc est, 

185 Spiritus inde etenim quod nunquam discrepat almus; 

162 alio hi. 163 Theopistim kt. 



LATEINISCHE EUSTACHIDSLEGENDEN II 9 

Has tres personas unum esse deum bene nosco. 
Idcirco rogitans rogo te, regnator Olympi, 
Ut mihi digneris promissa exponere verba.' 
Tunc Uli Christus dementer dixit lesus: 

190 ^0 felix Eustachi, qui lotus renitebis 
Purgatusque salutiferi baptismatis unda, 
Ecce, tuum modo praedonem, zabulum, superasti, 
Ex mortali homine imraortalis et efflcieris. 
Nuncque tuae fidei fuerit virtus patefacta, 

ld5 Ecce, parata manent hostem certamina contra 
Anüquum, magna quoniam turbabitur ira 
Ilie adversmn te, quia tu illum deseruisti. 
Idcirco erga te cupit exercere furorem 
Ille suum, fraudesque snas tibi pandet amaras. 

200 Te decet hie sufferre meo pro nomine multa 
Adversa, accipias ut caeli praemia regni; (fol. 60 
Et, sicut exaltatus, adhuc nimium renitebis 
Multis diyitiis vanis opibusve caducis. 
Sed pauper rebus debes fore tempore parvo, 

ao5 Ut tua clarescat ciare patientia cunctis. 
Deliciis iterum veris polies et amoenis, 
Tollere quas tibi nuUa valet fraus hostis avari; 
Non ergo tua deflciet modo virtus amoena. 
Nee ocuius tuus ad priscüm se vertat honorem; 

210 Et velut invictum cupiebas te fore semper, 
Exque tuis inimicis sumere magna trophaea, 
Terreno regi sicuti serrire studebas, 
Tali namqne modo debes certare malignum 
Contra hostemque illum pedibus calcare studere, 

215 Atque fidem veram regi servare perenni. 

Temporibus monstratur in bis in te alter et lob; 
Te mollire hostis cupit in temptamine multo, 
Viribus e cunctis sed eum superare memento. 
Est opus, ut verae fidei callem teneas nunc, 

220 Et zabuli insidias contra quo praeiia misces. 
Ad cor si tibi perveniet biasphemia nulla, 
Te tunc inveniet raptim pietas mea magna, 

195 et te parta ht, 206 statt deliciis wol divitiis %u Inen 



10 LATEINISCHE EUSTACHIUSLEGENDEN U 

Ac rursum cilius te gloria prisUna captat.' 

TuDc iterum Euslachio Christus sie dixerat Jesus: 

225 ^Vis tibi promissum cito nunc temptamen adesse, (fol 60 
Eztremo aa hoc ferre tuae sub tempore vitae?' 
Eustachius domino respondens didt ad illum: 
Te rogo, Christe hone, ut sie eveoiant tua dieta; 
Et uobis modo eertamen digoare parare, 

230 Quod fac Qos et posse pati cum mente beoigna, 
Fraudibus ullis ne faciat dos ille malignus 
Acceptam verae fidei dimittere callem.' 
Olli respondit dominus cum voce serena: 
^Vobiscum semper maoeo vestrasque guberaaos 

235 Mentes.' Haec diceos Christus conscendit ad astra. 
Eustachius de monte redit, sua teeta requirit, 
Uxorique suae promens sibi credita dicta. 
TuQc domioum poscunt pariter cum poplite curfo 
Dicentes: 4d nobis fit tua, Christe, voluntasT 

240 Postea transactis paucis nam deinde diebus 
Accidit, illius ut tectum morbus vacuasset, 
Olli nee uUus famulus nee serva remausit. 
Eustachius temptamen tunc sibi sensit inesse 
Promissum, dignas domino gratesque rependit, 

245 Uxoremque suam, quo firma mente maueret, 
Admonuit, nee illo deficeret laboratu. 
Tuncque mori illius raptim coepere caballi, 
Illius omne pecus pestis eonsumpsit amara; 
Quicquid ei vivens fuerat mors omnia sumpsit. (fol 7') 

250 Eustachius patienter tunc haec cuncta ferebat; 
Uxoremque suam tollens binas sobolesque, 
Deque suo templo discessit nocte latenter. 
Hoc fures aliqui perversi conspicientes 
Invadunt tectumque hinc omnia diripientes, 

255 Aurum, gemmas, vestes, argentique metalla. 
Rebus eis mundi de cunctis nilque remansit 
Vestibus exceptis, velati quis fuerant tunc. 

Contigit ut gens romana istis forte diebus 
Cum simid Augusto celebraret gaudia magna 

224 isQ8 hi. 



LATEINISCHE EDSTACBIUSLEGENDEN II 11 

260 lUo proque trophaeo, in Persis quod fuit actooL 

Rex tunc illius et proceres miraDtur abesse 

Tantis laetitiis Placidum, quia miliiis ille 

Princeps atque magister erat per tempore multa. 

Tunc illam caute josserunt qaaerere ubique, 
265 Sed nusquam iBTentus. Hagis illos terror habebat, 

Quod tarn consuminata fuit cito cuacta facultas 

liliuSf et nusquam praesens ipse apparuisset. 

Eustachio conjunx sua tunc dicit Theopbista: 

*0 quid, domne, locis nos expectarous in istis? 
270 Nunc nostros natos binos nos accipiamus; 

His exceptis nil nobis superesse videtur. 

Ecce, necesse manet nos binc abscedere longe, 

Derisum ne simus eis, qui nos bene noscunt/ (fol, 7^ 

Nocie superveniente ad se pueroa revocamnt, 
275 Necnon Aegypti oupiunt invadere regna. 

Ast hinis transactis cursibus inde dierum 

Ad mare deveniunt, puppimque intrare volebant. 

luTeniunt navim, statimque hanc ingrediuntur. 

Contigit, ut princeps nautarum barbarus esset; 
2S0 Illios in navim ascendunt, maris alta secabant 

Uxorem Eustacbii cymbae dum eonspicit herus, 

Illius in magno fuerat deceptus amore, 

lila fuit vultu quoniam nimium speciosa. 

Omnes dum mare velivolum sani superassent, 
285 Tunc classis dominus naulum deposcit ab illis. 

Uli nil tenuere, ob naulum quod dare possent; 

Uxorem Eustacbii tenuit pro pignore nauli. 

Conspiciens hoc Eustachius tunc ßrmiter illam 

Com manibus retinens, et secum ducere anhelat. 
290 Nautarum princeps sociis tunc innuit ipse. 

De prora Eustachium ut mersarent in maris alta. 

nie Tidens boc uxorem dimisit, et ibat, 

Tristis et infantes secum tulit, inde recessit. 

Valde gemens pueros lacrimis affatur obortis: 
295 *Heu, datur externe mater nunc vestra marito.' 

Pergens cum gemitu quandam pervenit ad undam 

268 theopbistiin kt. 281 heroe hs. 289 haoelat ki. 



12 LATEINISCHE EUSTACHIUSLEGENDEN II 

Horrifici fluvii, quam invadere non fuit ausus (fol, 80 

Cum natip ambobus ob iram fluminis alti. 

Unum bumero toUens, aliumque in litore linquens 

300 Illum, quem collo teouit, Irans aequpra ponit, 
Ac statim repedans, alium ut puerum revocaret. 
Cumque teneret iter medii fluctus, leo statim 
Adveniens rapuit natum, quem quaerere ?enit, 
Necnon et rapido cursu siivas repetivit. 

305 nie revertens et prolem lacrimis quaeritabat. 
De illo desperans alium servare cupibat, 
Illum sed lupus arripiens per devia cursat^ 
Eustachiusque videns boc stans in fluminis unda, 
Et lacrimans crines capitis divellere coepit. 

310 Plangens atque ululans voluit se in gurgite mergi, 
Sed pietas domini illum constantem fore fecit^ 
lUius et mentem fidei cum robore firmans. 
Illum quem raptat puerum leo servat amoene; 
Pastoresque leoncm, cum portare viderent 

315 Infantem vivum illum, cum canibus sequebantur; 
nie dei nutu puerum dimisit ab ore 
Inlaesum, et Silvas vacuus sine pondere adibat. 
Ast aliam prolem, ingens quem lupus arripiebat, 
Agricolae sanum rapuere ex fauce lupina. 

320 Pastores et aratores nam contigit esse 

Ex uno vico, pueros qui suscipientes (fol, 8*) 
Cara nutribant illos cura genitorum. 
Haec vero Eustacbius nescit, sed pergit et infit: 
*Hei mihi, qui quondam florebam ut fertilis arbosi 

325 Vivo modo orbatus natis uxore perempta. 

Hei mihi, quam magnis opibus quondam fruitabarl 
More hominis peregrini impellor ducere vitam. 
Hei mihi, qualis eram, quantum mutatus ab illo 
Milite, qui quondam fueram dux agminis almi, 

330 Et qui septus eram magnis turbis populorum! 
Amissis natis nunc et sine conjuge solus 
Cogor in ignotis terris, heu, quaerere victum. 
Sed tu, Christe, meos gressus comitare benigne, 

306 cupibat io hi., ebenso netdbat (S63) und venibat (729) 



LATEINISCHE EUSTACHIÜSLEGENDEN U 13 

Atque meas lacrimas Clemens dignare videre; 
335 Nam bene te memini quondam mihi, Christe, loquentem, 

Quod veris deberem exemplis Job imitari. 

Sed mihi majora incumbunt certamina mentis; 

Omnis ei quamvis fuerit diatracta facultas, 

At tarnen illi concessum fit stercus in aula; 
340 Ast ego de nota patria procul exul abibo. 

nie tenebat amicos etsi ficla loquentes, 

Sed tarnen illi solamen verbi referebant. 

Heu, mala quam solamina donabant mihi beluae 

Inmites, mihi quae natos caros rapuerel 
345 nie etenim si ramos non in prole tenebat, (fol 90 

At tamen illum firma manens in conjuge radix; 

His ego dimissis solus superesse videbor/ 

Haec dicens dominum sincera mente precatur: 

'Christe, tuum famulum ne despice multa querentem, 
350 Infandae sed pone meo ori claustra loquelae, 

Ne yerbis ullis valeam te offendere fictis. 

Ex oculisque tuis non me facias procul ire, 

Jamque meis dignare maus imponere finem.' 

Haec dixit lacrimans. Quendam vicum repetivit, 
355 Omnis cui populus nomen dedit esse Dadyscus. 

Ille suis manibus ibi victum quaerere coepit. 

Post aliquod tempus cumque ille maueret ibidem, 

Hujus enim vici proceres illum posuere 

Custodem illorum frugum segetumque magistrum. 
360 Ille hinc accipiens mercedem vixit ibidem 

Ter quinos annos. Alio oppiduloque fuere 

lUius enutriti infantes valde decori; 

Quod fratres fuerint, nescibat neuter eorum. 

Navis enim dominus secum tulit ad sua tecta 
365 Uxorem Eustachii, sed Christus eam tuebatur, 

Ille quod illam non potuisset tangere amore 

Inlicito, sed casta manebat tempore in omni 

lllo, quo disjuncta suo fuit exque marito. 

Contigit, ille ut nauta fuisset morte peremptus; (fol 90 
370 Tunc Theophista beata sui compos remanebat. 

339 stercoris aula hs. 



14 LATEINISCHE EDSTACHIUSLEGENDEN II 

Accidit bis qaoque temporibus, quod geQS iniinica 
Imperium romaDum invaderet hoste superbo. 
TuDC regem retinens angustia magna timoris 
Ex tarn terrifico concursu geoüs amarae; 

375 Nescius ipse manens animo, qua ri poluissel 
Pellere barbaricam gentem de fluibus iUis. 
Tunc illi in meutern venit Placidi bona virtus, 
Praefatos hostes qua sternit saepius ipse. 
Tuncque sui regoi rex omni gente vocata 

.%0 Omnes exploraf, Placidus si vescitur aura. 
Hoc omnes illi sese nescire fatentur. 
Nam rex miliübus cunctis ad se revocatis 
Omnia terrarum regna explorare jubebat, 
Omnibus illis promittens dare munera larga, 

385 Si quis eum prius iavenlum et sanum sibi ferret. 
Tunc regis raptim famuU de rege regressi 
Per terras Placidum quaerebant et maris arva. 
Tunc elenim regis senri duo Talde capaces, 
Antiochus quorum unus nomine fit vocitatus, 

390 Acatius miles nomen sed et alter habebat, 
Qui Placido fidum famuiatum saepe ferebant, 
Hi studiose illum quaerentes forte venere 
Ad vicum, segetum quo custos ipse manebat. (fol 100 
lllos Eustachiusque yidens pariter comitantes, 

395 lUorum ex incessu nam bene novit eosdem. 
Tunc prior illi in mentem conversatio venit; 
Inde gemens dominum poscebat sie quoque dicens: 
^0 caeli rex, qui dignatus es omnibus illis, 
Qui fuerint in te credentes, ferre salutem, 

400 Spero equidem, quod me, Telut hos agnoscere dabas, 
Uxoremque meam facias ita, Christe, videre; 
Namque meos natos sumpsisse feras ego novi, 
Sed me fac illos, caeli rex, posse videre 
Inque die illo, cum mundus de morte resurget.' 

403 Tunc ex arce poli vox illi missa locuta est: 
*0 tantum, Eustachi, confidens mente maneCo. 

390 Acatius. der latein, prosatext in den AASS hat Achacius, 
der griech, yixaxios, die tat, metrische oertion i Acbaius (v, 233) 
400 dabas] habebaa Ar. 



LATEINISCHE EDSTACHIUSLEGENDEN II 15 

Cum oatU sanis citius tibi redditur uxor, 
Invenies statumque priorem tempore in isto. 
Horum judiciique die majora videbis, 

410 Ac ibi repperies caeleetis gaudia regni, 

Per gentesque toam nomen Tulgabitur omnes.' 
Auscultans hoc Eustachius terrore repletos. 
Atque videns iilos homines ad se venientes 
TuDC demum coepit dinoscere clarius illos. 

415 Uli iilum clare sed dod agooscere quibant, 
Ulum adeuDtes ei verbis affantur amicis: 
'0 freier, valeT Et econira respoaderat ille: (fol. W) 
^Pax Sit vobiscum, cari fratres et amiciT 
Idem rursus eum coepere viri rogitare, 

420 Advena si vicis aiiquis mansisset in Ulis 
Cum natis binis comitante et conjuge cara, 
Qui Placidus fuerit proprio de nomine dictus. 
'Si nobis illum ostendas, te dona manebunt.' 
Eustachius rogat illos, quid de illo voloissent. 

425 Hierum dicunt quod et esset fldus amicus, 

Atque illum quaesissent non per tempora pauca. 
Eustachius rursum respondit eis quoque dicens: 
'Namque virum talem non novi in finibus istis; 
Temporibus multis moror hoc vico peregrinus/ 

430 Inque suum hospitium gaudens induxerat illos, 
Et pergens illis conquirere munera Bacchi, 
Ut potaret eos, quoniam grandis fuit aestus. 
Atque domus domino dixit, cum quo ipse manebat: 
'Hos homines notos mihi noTeris esse et amicos; 

435 Idcirco mihi praesta escas et dona Lyaei. 
Atque scies haec de mercede mea tibi reddi.' 
Is gaudens illi dat quicquid poscit ab illo. 
Tunc illis Tescentibus Eustachius lacrimare 
Coepit, et egrediens tectum, facieque lavata 

440 Hospitium rursum rediens, illisque ministrat. 

Inter seque viri praedicti verba ferebant: (foL 11*) 
'Iste vir illi quam par est quem quaerimus ipsit 
Militis ille fuit forsan dux atque magisler/ 

435 ligei h». 



16 LATEINISCHE EUSTACHIUSLEGENDEN II 

Unus enim aspicieos aliam sie dicit ad illum: 

445 Filius in coUo fuerit si forte cicatrix, 

Uli in hello quae quondam fuit ense peracta, 
Tunc illum Placidum cum vera mente teneto/ 
lUius inspiciunt coUum, Terum hoc fore discunl. 
Tum flentes illum amplexantur, eique loquuntur: 

450 ^Militis esne magister tu, Placidusve vocaris?' 
Econtra lacrimis respondens ille profusis: 
41le ego Don 8um, nee tali me digoor honore/ 
Tunc illi in cenrice ostendunt Tuloera fern, 
Agminis atque ducem afBrmant illum fore quondam, 

455 Deque suis natis et conjuge multa rogabant. 
Cum magna tandem pulsus vi vera fatetur; 
Uxorem dicit cum natis esse peremptam. 
Inter se flentes haec illi dum fabulantur, 
Hujus enim vid cives veniunt simnl illo, 

460 Et vulgus velut ad spectamen venit ibidem. 
Civibus Ulis promere tunc coepere viri illi 
Virtutem Placidi, quam fortis et esset in armis, 
Divitiis cunctis quam clarus ante fuisset, 
Extremoque ducem dicunt illum fore plebis. 

465 Tunc illi mirari se coepere coloni, (foL IV) 
Quod tarn magnus eis vir sub mercede ministret. 
Hique viri Eustachio regis decreta ferebant, 
Olli imponeotes vestes multum pretiosas, 
Atque viam pariter terni coeptam rapuere. 

470 Tunc illi cives illum simul assequebantur; 
Ille illos omittens omnibus oscula libat. 
Dumque iter arriperent, illis edissere coepit, 
In quali forma Christum conspexit lesum, 
Quoque modo baptizatus sit nomine trino, 

475 nie modo Eustachius quali et fuerit vocitatus; 
Atque suos casus ex ordine cuncta ferebat 
Ter quinis etenim transactis deinde diebus 
Perveniunt pariter gaudentes regis ad aulam. 
Praefati regis famuli ingrediuntur ad illum; 

480 Inventum Placidum dicebant adfore ibidem. 

446 ense] esse hs. 476 falsch, da su casus gehörig 



LATEINISCHE EUSTACHIUSLEGENDEN II 17 

Tunc nimium gaudens graditur rex obvius ilH, 

Et ruit illius in Collum dans oscula et ilU. 

Omnis eum cum voce salutat deinde senatus. 

TuDC regi et cuncto populo depromere coepit 
485 Ipsius ex discessu, casibus atque misellis, 

Ad mare quoque modo uxorem sibi nauta tuHsset, 

Qualiter a beluis pueri et capti periere; 

Atque suos casus rege auscultante canebat, 

Omnes et cunctis illos populis patefecit. (fol, 12') 
490 Tunc rex atque sui proceres omnis quoque vulgus 

Illius adventum gratanter suscipiebant. 

A cunctis rogitatus priscum accepit honorem, 

Militis atque fuit factus princeps, velut ante. 

Rex illi narrat hostem sua regna tenere, 
496 Econtra et raptim bellum debere parari. 

nie etenim totum regis superaspicit agmen; 

Ad bellum hoc sibi sufficiens non esse videbat. 

Omnes per regni vicos misitque per urbes, 

Omnibus ex illis tirones jussit adesse. 
600 Accidit ad vicum regis venisse legatos, 

Eustachii quo nutriti fuerant duo nati, 

Civibus ex illis juvenes binos repetentes. 

Tunc cives illi donant illos peregrinos, 

Infantes rapuerunt quos de fauce ferarum, 
605 Regis ad obsequium, fuerant quia valde decori. 

Tirones cuncti ante ducem pariter veniebant, 

In numerum caute quos omnes sistere jussit. 

Aspiciens omnes vidit juvenes ibi stantes 

Illos, quos cuncti reputant fieri peregrinos. 
510 Illorum ut speciem conspexit, eos sibi fecit 

Esse ministros, quo manibus sibi pocula ferrent 

Deinde dies post paucos miÜtiam revocavit, 

Agmen disposuit, bellum committere coepit. (fol, 12^) 

Hostes exuperans de finibus expulit illis, 
516 Illos trans fluvium sequi tur, qui dictus Idaspis. 

Necnon ulterius gradiens cum milite multo 

Hostes occidit, terram est populatus eorum. 

495 ptrare A«. 
Z. F. D. A. neue folge XUI. 2 



18 LATEDÜSaiE EXStäCmCSLKSSWES U 

CIteriBs o^teas Hhifi inndere regia 
Ex iiqUi donki neam pcf i fit ad ipsaB, 

930 Qoo pkiale dei eonjiix saa carta ■nnebal. 
In cyJMJMi Mb firi ^aae miaiifit boito. 
Eoftarhif poneait ibi eaai aiilile nagiio, 
AgBiae eaai täte paaiinH 3h tres qaoque ioiet, 
nie locus qaaaiani ipeciocas lalde videuur. 

SS Joxta.bortaai Eartarhn faeraot lealoria fixa, 
Qoo Tbeopbiala be^a soam caraiaiD relinebaL 
Fraedkti jareiies anIris tedo aMrabaatur 
Ignari, qaod et ipsa foisscl aeUr eomra. 
Dam aiedisBle die hospitio pariter recubareat, 

590 Inter se coepere soos dispoBere casus, 

Qaoqae modo Ulis accidit ia jaTcnilibos annis. 
Auribus intentis geniürix baec Terba recepit 
Tone seaior frater fratri dixit jmiiori: 
*Nam aiemini, mihi quid puerilibos accidil annis. 

585 Nerope mens princeps fnerai pater agminis ante, 
Mater enim mea valde fait facie speciosa; 
Pulcher erat Jnnior ¥0110 nimiom mihi frater. (fol. 13') 
Nocte domo digressi nos seciim rapientes 
Ad mare perveoinnt, unam na?im ingrediuntur, 

540 Ignari, cursom quo vellent teadere eoeptum. 
Cumque maris cuneti inlaesi superavimos aita, 
Mater oon fuerat mea aobiscuai comitata. 
Nescio, quae malefida iliam fortaaa tulisset 
Nos noster pater arripiens flens coepit abire; 

545 Ad quendam fluvium nobiscum cuaM|ue veniret, 
nie meam fratrem collo imposmit juniorem, 
Illum trans undas portat me in litore linquens. 
Cumque ilerum fluraen repedaret me revocare, 
Ecce, meum fratrem lupus arripit, inde recessit. 

560 Ante meus pater ad me quamque venire valeret, 
De Silva veniens leo me subito rapiebat. 
Pastores me diripuere ex fauce ferina; 
Deinde fui hoc vico nutritus, scis sicut ipse. 
Nescio, quid de patre meo vel fratre sit actum.' 

538 domam A#. 540 ignaras fa. 



LATEINISCHE EUSTACHIUSLEGENDEN O 19 

555 Audiit haec frater junior fratrem aeDiorem 
Narrantefn, coepit lacrimaa effuodere dicens: 
*No9CO Cais de verbis me esse tuum quoque fratrem; 
Nanque Yiri, qai me nutribant, hi mihi dicont 
Me quondam fore direptum de dente lupino/ 

560 Se tunc amplexantes, inque vicem oscula donant 
lUorum dum verba audiret mater eorum, (fal. 13^ 
Atque videret eos inter se fundere fletus, 
Illius intellexit eos ambos fore natos. 
Militis tUa die veniens alio aate magistrum, 

565 lilius inplorans pietalem, sie quoque dicens: 
HRomanae mulieris tu miserescito, domoe, 

Ut me digneris patriae deponere priscae, 
Quae captiva fui vicis bis tempore multo.' 
Haec inter Terba aspiciebat cautius iilum, 

570 lilius m coUo vidit fore vuinera ferri. 
Inde suum vere cognoscens esse maritum 
IHius ante pedes ruit, et flens dicit ad ilium: 
^0 bone domne, tuam miseram ne spernito servam, 
Atque tuam Clemens vitan mihi pande priorem. 

575 Credo equidem Placidum te militis esse magistrum. 
Quem dominus Christus per cervum ad se revocavit. 
Te praesul lotum Christi baptismate summus 
Eustachium vocitans, consignans chrismate sacro. 
A domino accepisti qui temptamina multa; 

580 Omnibus atque tuis amissis rebus opimis, 

Uxoremque tuam cepisti, ego quae fueram ipsa. 
Ad mare cum natis veniebas denique binis; 
Nayim ingressus in Aegyptum descendere mallens. 
Nauta ibi me retinebat eo, quod barbarus esset, 

585 Et me captivam secum duxit loca ad ista. (foL 140 
Testor enim Christum, qui cuncta abscondita novit, 
Quod non ille unquam, nee vir me polluit alter, 
Sed pietas domini castam servavit adhuc me. 
Signa tibi praedicta habeo, sed die mihi veram 

590 Rem per virtutem Christi, quem credimus ipsi/ 
Audiit Eustachius haec, necnon cautius illam 

566 nmlieri hi, 581 accepisti ht, 

2» 



20 LATELMSCUE ELSTACHIUSLEGEKDEN II 

Perspiciens didiciu quod et ipsa foret sua coQJux. 
Laetitiam ob niiniam lacrimas efTundere coepit, 
Ulam amplexans osculatur eam quoque dicens: 

5^ ^Gloria, laus et honor tibi sit, bone Christa, redempU 
Omnes qui temet semper solaris amantes.' 
Tunc domiooque suo dixit Theophista beata: 
'Domne, ubi sunt nostri nati?' Cui dixerat ille: 
'Sunt etenim consumpti ex beluis morte cruenta.' 

OM lilonim interitum narrabat ei manifeste. 

TuDC iterum Eustachio dixit Theophista sacrata: 
^Laudemus Christum, qui dos conferre volebat; 
Spero, quod ipse facit nostros dos Doscere natos.' 
TuDC rursum Eustachius respondit ei quoque dicens 

005 'De beluis illos sumptos fieri tibi dixi. 

Tu ad praeseDS illos te posse videre fateris?' 
lila iterum verbis respoodit valde modestis: 
'Nempe die hesterna, casula dum forte mauerem, 
Audivi narrare duos, quid contigit illis, (foL H"") 

610 Inter se quosdam juvenes juvenilibus auDis; 
Inde scio, quooiam Dostri sunt hi quoque uati. 
Uli igooraDtes sed adhuc fratres fore sese, 
Ni deprompsisset sermo fratris seoioris. 
Tu cogDOSce, dei pietas üt qualis in illis, 

615 Ex propriis verbis se aguoscere qui dedit illos. 
Posce illos; illi tibi quae sunt vera fatentur.' 
Eustachius jussit pueros ad se revocare, 
Atque rogans illos, qui vel nali unde fuissent 
Uli et ei causam promuut ex ordine cunctam, 

tiSid Erga illos quae facta fuit puerilibus annis. 
Inde suos coguovit eos tieri bene natos. 
Ambos amplexans illis dat basia cara, 
Atque modo simili illis mater et oscula libat; 
IHorumque humeros retinentes fletibus almis 

625 Magnilicas Christo domino grates referebant 
Pro magna pictate sua, quam contulit illis, 
Laudibus altisonis simul hora dcque secundi 
l'siiue poli medium Phoebus dum currit in 

62T almisonis hs,; s» wird virihicht auch r. 624 
SM ifsen sein 



LATEINISCHE EUSTACHIUSLEGENDEN II 21 

Dum festina haec fama per agmen convolat omne, 

630 lllorum iDventu gaudebat militis omnis 

Turba magis, quam barbaricae ex gentis superatu, 
Atque sequeute die soliemnia magna ceiebrat 
Pro ducis inventu uxoris necnon puerorum, (fol. 15') 
Et Christo laudes canit iilius ob pietatem. 

635 Barbaricam Eustachius postquam gentem superavit, 
Ac multam Tictor praedam subduxit ab illa, 
Laetitia laetus niroia ad romana revertit 
Imperia, et secum ducens sibi munera cara, 
Captivos mukös retinens alia atque trophaea. 

610 CoDtigit, Eustachius Romam prius iode veuiret, 
Ad mortis portas Caesar Trajanus ut isset, 
Atque alius romana rex surrexit in arce 
Barbarus atque ferox, Adrianus qui vocitatur. 
nie venire ducem Eustachium dum sensit ab hoste 

645 Ulius et socios portantes magna trophaea, 
lllorum surrexit in occursum comitante 
Hultimoda turba, ut Romanis mos fuit ante 
Sollemnes celebrasse dies ob tale trophaeum. 
Multa rogat rex Eustachium super actibus illis, 

650 Qui hello fuerant ex illo fortiter acti; 

Multa rogans ex conjugis ac prolum agnitione. 
Tunc epulas alacres extendit laetus abunde. 
Inque sequente die pergens ad templa deorum, 
Munera pro tantis soliemnia ferre triumphis. 

6S5 Dona daturus rex intravit ApoIIinis aedem; 
Substitit Eustachius spernens oracula Phoebi. 
Ad se tunc revocans illum rex dicit ad illum: (fol. 150 
*Cur non sacra feres dis immortalibus alma 
Barbaricae pro magnifico gentis superatu, 

660 Conjugis ob carae inventum necnon puerorum?' 
Caesaris econtra verbis respondit at ille: 
'Oro meum dominum Christum, qui regnat Olympis 
Omnipotens cum patre deus spiritu simul aimo, 
Illum ex ore meo semper manet hostia laudis, 

665 Ad patriam qui me dignatus erat revocare, 

652 abinde hs. 



32 LATEINISCHE EUSTACHIUSLEGENDEN U 

Uxoremque meam ac proprios reddit mihi natos. 
NoD aiium dominum colo aecve deum scio quoquam, 
Ni qui factor erit caeli, quique arra peregit.' 
Commotiis nimiam tunc rex Adrianus in iram 

670 Jussit ei statim de lumbis solvere zonam, 
Ac illum veiuti damnatum adstare jiibebat. 
Illius uxorem et natos ibi fecit adesse, 
Et verbis illos blandis terroribus atque 
De cultu vero voluit snbducere Christi. 

675 Sed nee terror eos nee blandimenta valebant 
Ulla fide ex rera summi diveliere Christi. 
Cognoscens mentes firmas fore Caesar eorum 
Tunc omnes illos inducere jussit arenam, 
Atque leoni illos immiti dat lacerandos. 

680 nie sed accurrens mitis pervenit ad illos 

Summi ttens caput, orare illos ceu voluisset, (fol, W) 
Ac statim citus ex iUa discessit arena. 
Nam rex aspiciens, illis quod belua fuisset 
Innocua, incendique bovem tunc jussit aenum. 

685 Machina forte bovis stetit illic aerea magna, 
Et sanctos illos huc introduoere jussit. 
Undique conreniunt populi spectacula ad ista 
— Christicolae necnon incredula gens fuit illic — , 
Sanctorum ut possint mortem et tormenta videre. 

690 Horrendam inducti pecudis formam rogitabant 
Sancti carnifices spatium dominum rogitandi. 
Aereus ille fuit bos magno accensus ab igner. 
Tuncque suas tendunt palmas, ac talibus orant 
Vocibus altithronum, caeli qui conditor extat: 

695 *0 bone Cbriste, poli qui orbem ditione gubernas, 
Qui nobis dignatus eras ostendere temet, 
Ac Toluisti ad tantum nos revocare triumphum, 
Tu, deus omnipotens, audi nos te rogitantes. 
Novimus ex pietate tua fore vota peracta 

700 Nostra, locis ex diversis quod nos revocati 
Sortibus una sanctorum merebamur inesse. 
Te, solum verumque deum, nos deinde precamur, 
Qui tribus pueris solamen in igne dedisti 
Illis, et firmae firmans firmamina mentis, 



LATEINISCHE EUSTACHIUSLEGENDEN II 23 

TOS CoDfer opem nobis diTinae tu pietatis, (fol W) 
Nosque per ignes ut tua regna intrare queamus. 
Reliquiis nostris tribnas baec muno^a grata, 
Ut quicumque suis precibus aostri memorantur, 
Quique petunt veniam ex te per suffragia nostra, 

710 Partem cum nobis io caelis se quoque gaudent 
Almam et cum sanctis aliis semper retioere, 
Terrenisque bonis bic sufficienter abundent. 
In mare vel veuient Ulis si siqua pericla, 
Seu fluviis aliis aliquod patiuntur amarum, 

715 Auxiliumque tuum poscunt per nomina nostra, 
lUorum exaudire preces dignare beoigne» 
Deque suis illos tu diripe, Cbriste, periclis. 
Io maculas peccati si suadente maligno 
IncideriDt, necnon nos in sua vota vocabunt, 

720 Illorum clementer tu peccamina solve. 

Quique tibi laudes reboant nostri in memoratu, 
Ulis auxilium largire tua ex pietate, 
In quali fuerint depressi cumque labore. 
Et nobis concede, deus, firmamina cordis, 

725 Hnjus ut ignis non nobis terror dominetur. 
Sed nostras animas caelo per tale trophaeum 
Adfer, corporibus tribue et magnalia dona, 
Unius illa simui capiat quo fossa sepulcri.' 
Haec illis orantibus alma venibat ad iilos (foL IT) 

790 De caelis illos confortans vox ita dicens: 
'Sic vobis fuerit, dominum sicuti rogitastis, 
Necnon bis donis cumulantur et altera dona 
Vobis idcirco, quoniam zabulum superastis, 
Atque boni facti bellatores domini estis. 

735 lllius et passi pro nomine multa fuistis 
Adversa; in nullis estis quoniam superati, 
Sub pedibus sed quod temptamina cuncta teristis^ 
Ecce, venite dei festine nunc benedicti, 
Cum sanctis caeli capturi praemia regni, 

740 Proque caducis aeternum munus retinentes, 
Quod vobis fuit ante paratum tempora mundi, 
In quo debetis gaudere per omnia saecla.' 
Auribus haec sancti gratanter suscipiebant, 



24 LATELMSCHE EUSTACHIUSLEGENDEN II 

Ac laudes domino pro tali munere reddunt. 

745 Aerea Vulcani intrarunt inceodia laeti; 
Extinctus nimii statim fit fervor et ignis. 
Hymnisonis dominum resonant concentibus illi, 
Atque suas animas caeio cum laude remittuot. 
Corporibusque nihil potuit dominarier ignis^ 

750 Nee saitim capitum potuit perstringere erinem. 
Post tres deinde dies venit rex impius illo, 
Quo fuerant Uli passi cum corpore sancti, 
Atque bovis jussit moiimina magna recludi, (fol IT) 
Reliquiis ut conspiceret quid tunc foret actum 

755 De sanctis, quas credidit ustas esse per ignem, 
Non parvam secum ducens turbam popuiorum. 
Sanctorumque videntes integra membra manere 
Credebant et adbuc illos anima vegetari. 
Rex illos jussit coram producere sanctos. 

760 Omnes adstantes ibi nam mirantur, ab igne 
Illorum quod caesaries non tacta fuisset. 
Horrescit rex tale videns mirabile Signum 
Impius, atque suam multum tristis petit aulam. 
Ast alius domino gaudens populus canit hymnum^ 

765 Quique aderant omnes una sie voce ferebant: 
^Est dominus deus [unusj et altus Christicolarum, 
Non alius deus est in caelis sed neque in arvis, 
Ni is soius, quem Christicoiae recolunt et adorant^ 
In se credentum ex membris qui depulit ignem, 

770 Ut nee Ulla coma ex illis fuit igne cremata.' 
Occulte vero veniebat credula turba, 
Corpora sanctorum rapiebat noctis in umbra, 
Atque loco pariter posuit reverenter amoeno. 
Asperitas postquam fuerat finita malorum, 

775 Basilicamque ibi Christicoiae sanctis fabricarunt, 
Laudibus inducunt dignis huc ossa beata, 
Magnificis et honoribus illa fovere sepulchro. (foL 180 
Illorum semper soUejpnia deinde celebrant 
Nempe die prima mense incipiente Novembre. 

780 Eustachi! certamen hoc est et vita beata, 
lUius uxoris necnon geminum puerorum. 



LATEINISCHE EUSTACHIÜSLEGENDEN II 25 

Quique tenent in mente iliorum nomina semper, 
A domiQoque petunt veniatn meritum per eorum, 
Auxiiium citius domiDi accipiunt sibi gratum, 
785 Ut vox de caelo promisit eis prius alto, 

Quae fuit a Christo dimissa per aethera pura, 
Est cui gioria, laus et honor, decus atque potestas, 
Qui deus in summis caelorum trinus et unus 
Regnat et exstat cuQcta per immortalia saecla. 

Amen. 
Finit feliciter. 

786 pura toll wol kaum zu vox (785), sondern zu aethera gehören, 
welche form der Verfasser fälschlich für neutr. plur, hielt; vgl. ma- 
china v. 92. 

Greifswald. H. VARNHAGEN. 



ZU DEN CAROLINGISCHEN RYTHMEN. 

AEbert bat im verein mit Zarncke zu den von Dümmler 
Zs. 23, 261 (T edierten rythmen der carolingischen zeit eine reihe 
von berichtigungen geliefert Zs. 24, 144 ff. wenn durch dieselben 
auch der text der gedichte wesentlich verbessert worden ist, so 
bedürfen doch immer noch einige stellen der nachhilfe; auch 
ist hie und da nicht ganz das richtige getroffen worden, daher 
seien mir die folgenden nachtrage gestattet. 
II 2 hte malet tiimim omni tempore 
quem nee dies nox nee ulla preterit 
qiiod non uino saturatus titubet etc. 
Ebert verbessert in z. 2 quam, das wäre: ^jener wird zu jeder 
zeit lieber wein wollen ^ als dass ihm weder ein tag noch eine 
nacht vorbeigienge, ohne dass' usw. abgesehen von der ge- 
schraubtheit des ganzen satzes, steckt in z. 2 ein logischer fehler; 
es mOste heifsen quam dies aut nox ulla pretereat. daher möchte 
ich conjicieren : calet uino und quem beibehalten. — 3, 4 ist sie 
statt nunc zu lesen. 

III 33 Debellauit für debellatas nach Judith 2, 12 — 3, 15, 
dessen Inhalt die worte debellauit multas gentes zusammenfassen. — 
14, 1. die rede ist von Vagao, dem kämmerer des Holofernes, 



26 ZU DEN CAROUNGISCHEN RTTHHEN 

welcher alleiB die kahnheit bat, in das zeit des ermordeten hinein- 
zugehen, Jad. 14, 13. 14. lies daher praetumetUer. 

IV. der eigenname Asuerus kommt in diesem rythmus je 
zweimal mit der betonong Ä9uerus (3, 4. 11, 3) und ijuems 
(1, 2. 4, 2) vor. Ebert hält diesen Wechsel für unmO^ch and 
Amenu für die einzig richtige betonung; er stellt daher die bei- 
den stellen mit der entgegengesetzten betonong um: Asuero ser- 
uiunt und Asuemm poposcü. allein pöpoMdt am schlösse des 
Verses ist noch unannehmbarer als Asuerus; Ebert selbst gibt s. 145 
die Übereinstimmung von wort- und versaccent am schlösse des 
Verses wie vor der caesur als regel an; und eine solche unregel- 
mäfsigkeit der betonung findet sich an dieser stelle im ganzen 
rythmus nicht, mit ausnähme von tgyptum 9, 1. diese ausnähme 
zeigt dass die eigennamen — wol unter einwürkung der griechi- 
schen betonung, wie in vi — freiere betonung zulassen, dass 
also auch Asuerus an sich nicht unannehmbar ist. — nun stellt 
aber Ebert zu v 7, 1 den grundsatz auf: dass ein Wechsel der 
betonung in eigennamen in demselben gedieht sich überhaupt 
nicht annehmen lasse, wäre diese behauptung begründet, so 
liefsen sich die beiden stellen 1, 2 und 4, 2 leicht durch ein- 
fache Umstellung (ceperat Asuerus und Asuerus rex) heilen, ohne 
dass damit ein anderweitiges rythmisches gesetz verletzt würde, 
wie bei der von Ebert vorgeschlagenen Umstellung, indessen, 
wenn dasselbe gedieht bei appellativen tonwechsel eintreten lässt, 
wie föstea vi 7, 5, postea 23, 5; düerum vi 30, 1, alteram 10, 2. 
12,2, so sieht man keinen rechten grund, warum eigennam^i, 
deren betonung doch um nichts fester steht, vielmehr bei ihrem 
selteneren gebrauche sich unsicherer einprägte, nicht dieselbe 
freiheit geniefsen sollen, in der tat findet sich dies gesetz auch 
in VI keineswegs ganz durchgeführt und Ebert selbst lässt fol- 
gende abweichungen passieren: 19, 2 Pannönie, neben 37, 4 
Pdnnonie, 38, 1 Adrianus neben 40, 1 Adrianüs; schwebende 
betonung dürfte hier kaum zur erklärung ausreichen. 

IV 6, 3 will Ebert folgendermafsen interpungieren: fiUa fratris 
Mardochei nomint, Bester Hebrea; er zieht nomine zu Mardochei, 
weil es 9, 1 heifst: Judeus ille Mardochcus nomine, übersieht aber 
dass an der zweiten stelle Mardoeheus apposition zu Judeus ist, 
an der ersten Mardodtei jedoch nicht etwa apposition zu fratris, 
sondern von filia fratris abhängiger genetivus possessoris. eine 



zu DEN CAROLINGiSCÜEN RVTHMEN 



solülic uubere beslimmung nie nomine kauo otin ubertiaupl blofs 
tu einen) appositiv stebendeu worte gesetzt werden; man kaan 
niclit sagen 'die bruderslochter des Mardocheus mit QBinea'. 
noch unsiüDi^er wilre 'die lochte r ibres bruders, Mardocheus mit 
nameu'. tum ubrrQuss beifst die stelle im bibelteite Esther 2, 7 : 
fHi fuit nittriiius filiae fraltii swi Edisstie, qiiae nllero nomitie 
taeabatvT Esther, dagegen v. 5: rrot «tV Judaevs, uocabulo 
Marihdiatus. wir müssen also bei der Dtlmmlerschen interpuQC- 
linn /ilia fratris Mardochei. noniine Heiter stehen bleiben. — 
12,4 Deler, ur publice liir deieanhir publicae. — 16,4 xpotidtt. 
Aufserdem scheinen rylhmi causa noch einige unisiejtungen 
notwendig: 13, 4 impltlw omnis tmitas; 15, 1 reyina deum 
poilulat: 15, 4 Ntnii'e ptrletrUa; 16, 3 a'cius prosHwl. 

V 9, 3 t'n inferuo nach Luc. 16,22; torqutlur heiTst bier 
nicht 'wird gescbleiidert ', sondern ist gleich cnidari Luc. IC, 
23.25. — die erste bellte des verses ist umzustellen: quas höh 
tribtät, pro mici»; die ungewöhnliche Wortstellung veranlassle die 
Verderbnis. Eberls zweifelnder Torschlag pro wicit pania, quaa 
wgouit statuiert erstens einen in diesem gedichte sonst feblen- 
dra auDact und weicht tweitens vom texte der Vulgala v. 21 
citpitni sahirari de midf et nemo tili dabat weiter ab, als die 
Qberheferten worte. 

VI 3. Eberts änderung illie ist uunUtig uud unrichtig, deno 
ptrpentare beirst nicht anschauend beiracbteu, was es heifsen 
Rillste, sollte illic richtig sein, sondern überlegend erwägen, der 
birscb befindet sich an! dem hoben telsengiplel; Placidas llber- 
legl, was er mit ihm machen, dh. wie er ihm beikommen soll. — 
5, 2 ist (nntutn in landein tu bessern. — 6, 4 ei tola domus 
äina, uiri et femi'm. — 9, I Vicinorüm non uatens will E. um- 
strlleB zu non milens niciHärum, unnötiger weise, denn wenn 
Inlil eötiiägem 9, 2, et pericüla 20, 4, imperatör 19. 4. 40. 4. eo~ 
gtlabät 14, 2 gestaltet sind, wird man wol auch gegen uicinoriim 
Dichts einwenden kUnnen. — 9, 2 für lulit etwa mmpsit? — 
9,5 »I irel in Eijypto, E. ire oder ivit'? aber ire neben exiuit 
ist schwerlich denkbar: vt tit oder peryens in Egi/ptum. — 15, 4 
iai iiaque zu trennen in ila qui; vgl. 17, 1 yui sie. — 21, 1 
«brcNt; dwH mit dem conj. auch 2, 1. 3, 1. 14, 1. 19, 1. 25, 1. 
2S) 3. — 26, 3 familinm ; das .iuge des Schreibers irrte von 
diuieiat ab. — 28. 4 orlum. E. 'da sonst h geschrieben wird, 



28 ZU DEN CAROLINGISCHEN RYTHMEN 

hortum'; unrichtig, Tgl. ec für haec 7, 1. 12, 3, ospicium 18, 3, 
ospes 18, 5. 24, 1. — 34, 3 entweder quae fQr quod oder ein 
comma hinter uirtutem mit ergänzung von factum est. — 34, 5 
periuit; vgl. 9, 5. 33, 1. 38, 1. 

VI 42 und 43. in SG fehlt 42, 4 und 43, 1—4. diese verse 
betrachtet Zarncke daher als interpoliert, Ebert wegen der griechi- 
schen betonung dbyssum in 43, 2 als erweiternden einschub 
durch den dichter selbst, indes liegt auf der band dass für den 
Schreiber die Versuchung nahe lag, auf das exandi preces eorum 

42, 4 sofort das exauditus est 43, 5 folgen zu lassen, wodurch 
scheinbar eine prägnante responsion hergestellt wurde; weil die 
fraglichen verse nichts wesentliches zu enthalten schienen, so 
schien ihre weglassung möglich, allein 43, 4 ist nicht wol ent- 
behrlich, in dem verse ruft der märtyrer feierlich gott an, seine 
und seiner angehOrigen bitten zu erhOren; hierauf folgt dann 
passend die anzeige der erhOrung durch den donner. in 42, 4 
dagegen bittet Eustathius' um die erhörung derjenigen, welche in 
Zukunft an seinem grabe beten werden, der Schreiber von SG 
verkannte diesen unterschied und liefs auf das ^erhöre' alsbald 
ein 'er wurde erhört' folgen, ohne zu bedenken dass jenes sich 
gar nicht auf die erhörung des bittenden selbst bezieht. — - wie 
bei Zarnckes ansieht die widerholung von 41, 4 in 42, 2 'nicht 
anzunehmen' sein soll, vermag ich nicht zu durchschauen ; durch 
die interpolationsannahme wird der widerholte vers 42, 2 doch 
nicht aus der weit geschafft. 

Wenn der Schreiber von SG also durch zusammenziehung 
von 42 und 43 seine vorläge gekürzt hat , so hat er sie 44, 5 
durch einschiebung von mtiltis erweitert, das ist wenigstens aus 
demselben gründe wahrscheinlich, den Ebert für die echtheit von 

43, 2 vorbringt; amen hat griechische betonung: 

et ibi semper flörent uirtutibiis, amen, 
bei einem so überaus gebräuchlichen worte nahm SG daran an- 
stofs und schob deshalb das flickwort multis ein, wodurch amtn 
aus dem vers hinausgedrängt wurde. 



Ich knüpfe noch einige bemerkungen zu den neuerdings 
(Zs. 24, 151 — 157) von Dümmler veröffentlichten rythmen an. 
IV De laude dei hat folgendes versmafs: 



zu DEIN CAROLINGISCHEN RYTHMEN 29 

elision ist die regel (1, 1. 6, 1. 7, 2. 9, 1. 12, 1. 18, 2. 19, 1. 
20, 1). aber daneben findet sich auch hiatus (11, 1. 18, 2. 
20, 1), der in der cäsur selbstverständlich gestattet ist (1, 1. 15, 2. 

18, 2). — 1, 1 ist saecula mit syncope zu lesen saecla; in 18, 1 
bilden die beiden ersten silben von Samaritana zusammen eine 
hebung, also Terschleifung nach art des deutschen. 

Auftact im ersten verse jeder Strophe ist an sich nicht wahr- 
scheinlich, weil dann der erste buchstabe, der bei der alphabeti- 
schen composition gerade hervorgehoben werden muss, in die 
Senkung gekommen wäre, so ist er auch an der einzigen stelle, 
wo er vorkommt, 22, 1 leicht durch änderung des canehant in 
taumnt zu beseitigen; das präsens ist durch 4, 1. 7,2. 10,2 
usw. geschützt, aber auch im anfang des zweiten verses findet 
sich auftact nur 4, 2 und 16, 2, und an beiden stellen ist er 
unsicher, indem an der ersten das präsens ne uoretur morsibus, 
daudii ora quis feris wegen des präsens im vorhergehenden verse 
gröfsere Wahrscheinlichkeit hat, an der zweiten de zu streichen 
sein durfte. 

Für die zweite hälfte des verses ist der auftact dagegen durch 

19, 1 sichergestellt; die übrigen stellen sind zweifelhaft. 3, 2 
und 10, 1 sind et und a wol zu streichen; auch 11, 2 kann aus- 
gestrichen werden; über 17, 2 unten, der auftact der zweiten 
▼ershälfte wird auch vor die cäsur geschoben und verleiht dann 
der ersten hälfte klingenden ausgang, so dass regelmäfsige tro- 
chäische tetrameter entstehen, so 15, 1. 16, 1. 2. 

Die form des rythmus gestattet also zwischen der ersten 
und zweiten hälfte jedes verses die einschiebung einer Senkung, 
welche sowol vor als nach der cäsur stehen kann. 

Im einzelnen ist aufser dem erwähnten noch folgendes zu 
verbessern: 2, 2 vermute ich parricidae quis pio, parricida in 
der bedeutung kindesmOrder (s. Georges). — 5, 1 Est. — 6, 1 
flentihus nach Exod. 14, 10; die Wortstellung ist verschränkt 
für flentibus, fluetus inter uiantibus, quis rectum iter dedit? — 
9, 2 saltu. — 10, 2 potentem. — 11, 1 wol lugente. — 11, 2 
ex sepukro. — 14, 1 matre. — 17, 1 que ist nicht nur tiber- 
flüssig sondern anstöfsig, weil es kaum geeignet erscheint, die 
hebung zu tragen, also Regi quis mit Streichung des quis in 
17, 2. für transitum ist transitu im sinne von exitu de uita erfor- 
derlich (iv Reg. 20, 1). — 20, 1 lamentata pamulos; 2 lactentes quis 



30 ZU DEN CAROUNGISCHEN RYTHMEN 

infanies eoronauü pottmodum. — Strophe 21 ist in beiden verseD 
metrisch corrupt und ak eine spätere iDterpolatioo anzusehen, 
den dichter hatte sein latein beim x im suche gelassen, der 
interpolator brachte durch etnschiebung dieser Strophe das ge» 
dicht flufserlich auf die der zahl der buchstaben entsprecheiide 
Strophenzahl 23. — 22« 2 OMcmdau in eadu ad dexiram pofra. — 
23^ 1 Zdo euius deiu pater p^st fuinquaghUa dm (für xl also l) : 
durch den eifer dh. in folge der eifrigen fOrsprache wessen. 

Rythmus i und ii sind im ganzen in Ordnung und rythmus m 
aufzubessern wflrde bei der beschaffenheit desselben nicht der 
mühe wert sein, i 4, 2 vermute ich expeienda; 11,3 pandä. 
u 5, 1 ist turbam zu lesen und quamqut s= er quam. 11, 1 und 3 
weifs ich nicht zu bessern, im übrigen ist dieses fühninanle 
fluchgedicht inhaltlich von allen vieren bei weitem das interes- 
santeste und gelungenste. 

Trarbach a Mosel, juni 1880. F. SEILER. 



DIE BEHANDLUNG DES e BEI »lAERLANT. 

Anzeiger v 77 habe ich vermutungsweise angedeutet dass 
im mnl., trotz der schon herschenden dehnung von ursprüng- 
lich kurzem e in offenen silben, ein unterschied obwalte zwi- 
schen diesem und ursprünglich langem e, und dass selbst inner- 
halb des gebietes des letzteren noch unterschiede zu statuieren 
seien, im folgenden beabsichtige ich dieser frage der mnl. laut- 
lehre durch eine genauere erOrterung des Maerlantschen gebrauches 
näher zu treten und das damals angedeutete zu berichtigen oder 
klarer darzulegen, ich richte meine Untersuchung in der weise 
ein, dass ich — wie gewis berechtigt ist — das Vorhandensein 
strenger regeln bei M. voraussetze und darum die ausnahmen 
einer näheren betrachtung unterwerfe, als strenge regel wäre 
es hier anzusehen, wenn nur ganz gleiche e-laute unter einander 
gebunden würden, die ausnahmen von einer solchen regel wer- 
den sich uns als nicht gering darstellen, und zwar ohne dass 
wir sie ganz oder auch nur zum grOsten teile auf schuld der 
Überlieferung schieben könnten; wir werden viehnehr erkennen 



DIE BEHINOLUNG DES < BE1 1 



*' 



iats mar eine regel deutlich iiei M. obwaltet, aber doch keine 
an atreoge, dass er ausDahmeii tiavou absolut zu vermeiden for 
Dotwendig erachtet hatte, ich behalte vorläufig die aao. gegeben« 
classilicatiDTi nebst deu bezeicbnungen bei. 

e und f fallen, wie allgemein im mnl-, zuBammen; es be- 
darf dafür kiiiner beispiele. itiese beiden « ta der «iehuung •=' ^ 
kflnnen sowol mit € (^^ hd. «'I als auch mit e' (hd. ti] reimen, 
iber von vorne hcreio behauple ich dass dies verhältDismUfsig 
fiel zu etilen geschieht, als dass darum auf gleichheil der laute 
gvschlossen werden künnte. ich liabe mir alle l^lle, in denen 
ttti die binduug antraf, notiert, es mag mir einzelnes etilgaugen 
»io, aber sicher nicht so viel, dass dadurch an dem endreEUlIat 
etnas umgestufsen werden kOnnle. bei einer genaueren betrach- 
tung der einschlägigen steilen wird sich auch manches anders 
gesulten, als es auf den ersten blick erscheint, zunächst be- 
trachten wir 

l| e' : A Alei. 1, 519 Acre» (dominus) : decfM-, 6Ö5 Ae- 
gAfrnt :(ere»i; 2, 157 Aere (eiercitum) ;«re; 778 leere : «re; 
5, 635 r«ruifre : Aere (dominum) fallt mit Wahrscheinlichkeit fort; 
7,263 qhm-f.mtm; 309 Aer? (dominus) -.ghere; 7, 419 vencerm: 
pncrm; aufserdem noch keren : verm im gekreuzten reime 4, 560. 
S2. — Troy, 3949 «ee aitlic dal dit Jiere kere j ende htm my ende 
nyita htre / ende onse vriende met GoHe levtn. zuuHchst ist mit 
der fnriante met goede stall mei Code zu lesen, auch der 2 vers, 
der so kaum einen sinn gibt, ist zweifellos verdorben; es stand 
venntitlicli lalf wj en mijne htre d. i. in mint ere. ein hier vor- 
tdglicb passender ausdruck. uir liahen somit in UOOO von 
diesem werku gedruckten versen keiuen einzigen fall des reimes 
^ : e*. — Nat. bl. 2, 651 lere : evere ende here (acc. plur.). jedes- 
ftUs ist ahd. per, ags. biir, Kil. beer gemeint; von bere (ursus) 
mUfite der acc. plur. auch btrm lauten, es liegt also eine der 
im mal. nicht ungewühulicben pleonastisrhen ausdrucksweis«! 
vor. oder es gilt für beide wOrter der im DWB 3, 17 gemachte 
DDterscbied, der auch bei Kil. durchleuchtet, wenn er ever atie- 
drtlcklich mit aper, verres silvesiri» Ohursetzt, — 12, 165 
m wighe» e» hi seghevri ter were l mde tiejagkel jiriß ende er». 
die Varianten VAB haben ughevri sere, das latein vittoriosue tit 
in baUo, paeem rteonciliat. der fall ist also an und für sich zum 
wenigsten zweifelhaft, wir «erden uns aber für die lesuog der 



32 DIE BEHANDLUNG DES e BEI MAERLANT 

Varianten entsclieideD , da sonst im ganzen werke die bindung 
von e* : e* nicht vorkommt. M. hat sich also auch diesmal der- 
selben vollständig enthalten. — Rb. 33023 tote so voren statu 
int here j hi starf, of befiilt die ere. C und F lesen für die 
ere : de toerre (die were). die lesart der Varianten ist gut, da 
das gegenleil auch Verliesen die toere lautet, was M. gehört, 
lässt sich darnach nicht bestimmt entscheiden, wenn auch in 
ansehung der Seltenheit von e^ : e^ were die grOfsere wahrschein« 
lichkeit für sich hat. jedesfalls ist die stelle zu den zweifelhaften 
zu zählen, aufserdem findet sich nur noch 8479 die tni dient 
dien sal ic eren / ende die mi ontoerd, dien sdic deren, die worte 
entsprechen 1 Regum 2, 30 quicumque glorificaverit me, glorificabo 
eum, qui autem contemnunt me, erunt ignohiles, und wir dürfen 
vielleicht vermuten dass M. hier von einer älteren geläuGgen Über- 
setzung gebrauch machte, wenn er nicht etwa in wörtlicherer 
Übersetzung oneren statt deren schrieb, beides liegt graphisch 
gar nicht weit von einander ab. ganz gewis aber hindern die 
beiden fölle nicht zu constatieren dass auch in diesem 34000 
verse zählenden werke das bestreben herscht, der genannten bin- 
dung aus dem wege zu gehen. — Heimel. liefert ein beispiel 
(169) hier omme radic elken heere / dat hi te dommelike niet en 
vertere usw. — Franc. 2191 gods here : metter ere; 5285 van 
Gode onsen here : in begere; 7396 ons heren : in dijn begeren. 
hier wird jedoch im zweiten verse wol bekei^en zu lesen sein; 
10225 verteert : weder keert. 

Aus dem Spieghel bist, haben wir eine an und für sich 
stattliche anzahl von fällen zu verzeichnen, die aber doch im 
Verhältnis zum umfang des werkes noch gering ist. und nicht 
einmal wird alles vor einer eingehenden kritik bestehen bleiben. 

1', 41, 5 leeren : begheren. die Variante hat ebenso, und e8 
ist an der lesung nichts auszusetzen. — l^ 12, 10 soe versaemde 
ten beginne / npten coninc hären here. j jeghen hare quam Syseras 
ter were. die worte sind mir unverständlich, man erwartet, 
wenn nicht eine andere Verderbnis vorliegt, mit bestimmtheit 
hare here (exercitum suum). das latein. (3, 57) gewährt keinen 
anhält haec mulier liberavit Israel de manu Sabin regis Äsorum 
exercitus illius duce Sysara per manum mulieris Jael interfecto. 
— 1% 15, 21 landsheren : sonder sceren. es lässt sich nichts 
gegen die stelle sagen, doch mag immerhin bemeritt werden dass 



DIE BEHANDLUNG DES e BEI MAERLANT 33 

ionder scerm flickausdruck ist. — l^ 55, 41 deren : leeren, die 
▼aiiante liest ebenso, und wir haben keine berechtigung die stelle 
aniuzweifeln. — T, 32, 51 doen .... dere : an minen Here; 
1% 75, 5 gheweert : hekeert. beidemal liegt nichts anstöfsiges vor. 

— 3', 18, 53 met groter eere : ghere. besser passen würde met 
groten (h)ere. das latein lässt die wähl zweifelhaft. — 3\ 2, 43 
enik Wandelen die streden / uptie mure vander stedeti ; / ende so 
madUich was dat here j entie gramseap van omen Here j dat daer 
die porters standen ter toere / dat dat en halp min no mere. ge- 
rade der umstand dass hier zwei fsdle zusammentreffen, macht 
die stelle um so verdächtiger, die fügung ist denn auch sehr 
wenig geschickt, die einfachste änderung, welche die sache in 
Ordnung bringt, würde folgende lesart ergeben uptie mure van- 
der sieden j daer die porters standen ter were. / ende so machtich 
was dat here / entie gramseap van onsen Here / dat dat en halp 
mn no mere, aus dem latein lässt sich auch in diesem falle 
keine entscheidung treffen. — 3S 47, 145 gaet hetien dat mi niet 
en vertere / die gramseap van onsen Here, dass etwa versere zu 
lesen sei ist nicht anzunehmen nach dem latein (19, 29) ne*me 
ob iniuriam tuam celestina ira consumat. — 3^ 18, 41 d'a- 
postek ons Heren : sonder sceren. hier wäre allenfalls nur wider 
der flickausdruck anzumerken. -^ 3', 37, 15 ende dat si mochten 
fferteren, dat gaven kern dl die hoeftheren, mit dem letzten aus- 
drucke sind die maiores domus gemeint, und da diese kurz vor- 
her (vers 12) hovetmanne van der zale genannt sind, so bleibt 
gegen die stelle nichts einzuwenden. — 3^, 93, 217 es spot ende 
seeren I voer aUe princen vor allen heren hat wider nichts an- 
stöfsiges. — 4*, 27, 11 coninc Hnghe bracht echter were / etide 
besät Kard den here j binnen Lodine met groten here j eene maent 
ende oec mere. abermals treffen hier zwei föUe zusammen, die 
sich jedoch noch viel einfacher auf das vermutlich richtige zu- 
rückführen lassen, man lese c. H. 6. e, w. / ende besät met gro- 
ten here / binnen lodine Karel den here usw. wenn wir auch 
weiter keinen grund haben, an einer derartigen stelle zu bessern, 
so muss doch eine so geringfügige änderung gerechtfertigt er- 
seheinen, sobald wir sehen werden dass würklich in der bindung 
^ : ^ etwas lag, was M. veranlasste ihr aus dem wege zu gehen. 

— 4*, 65, 17 /« blidere so waren wi sere j ic was in wille ende 
m fßiere. latein (26, 40) citerioris ripe accolae ductorum mearum 

Z. F. D. A. neue folge XIII. 3 



34 DIE BEHANDLUNG DES BEI MAEBLANT 

mixti contubernio letiorem cetnm fecere. ego studio visendi ul- 
ieriora transüum matnrabam. gegen die Übersetzung ist nichts 
zu sagen; aber wer kann wissen, ob nicht an stelle von sere 
ein anderes wort mit (ghere oder) gare reimte, zb. in mehr wört- 
licher Übertragung te hl. so was die scare? — 4*, 67, 111 fönt- 
siene metter macht ons Heren j Heden van so cranker weren. 
(2, 41) homines irreverentes deiiciendos dei auxilio, zu cran- 
ker weren liegt keine veranlassung vor, während das bezeichnende 
irreverens unübersetzt bleibt, es stand vielleicht eeren dort. — 
die bindung kann nicht beanstandet werden 4% 79, 61 ende ghi 
dor dese grote heren j uwes vleeschs wille niet wilt ontberen; 4\ 
83, 55 doe sine retiten waren verteert j heefti kern te rove ghekeert; 
4*, 30, 41 dat wildi Sterken ende zweren j met sinen princen met 
sinen heren, — in einer noch übrigen stelle bekommen wir durch 
die vorliegenden beobachtungen eine handhabe, um einen zweifei 
zu beseitigen. 4S 39, 37 elc verloes daer also sere / van sinen 
Volke, van siere ere, die Brabanter yeesten, in denen diese stelle 
auch aufgenommen ist, haben (11 4637) van sinen volke, van sinen 
here, und dies möchten die herausgeber auch in den Spieghel 
einsetzen, auf die angeführten worte folgt dat si jegen vremde 
viande j niet ne consten hare lande / vort bescermen, es geht dar- 
aus hervor duss ere hier sehr wol erklärt werden kann als ^an- 
sehen, blühender zustand, macht', und wir werden nun nicht 
daran zweifeln dass es hier das ursprüngliche ist. mit dem latein 
stimmt es ganz gut (25, 35) et ita eomm vires attennate sunt, 
ut iam nee suos terminos ab extraneis tueri possent. 

Es wird uns nicht verwundern, wenn in den strophischen 
gedichten die bindung häufiger auftritt, da sie einmal, wie wir 
schon sahen, nicht durchaus unmöglich war, so liefs sie sich 
hier, wo 8 resp. 5 gleiche reime erforderlich waren, nicht leicht 
umgehen. Wp. M. 1 str. 15 bekeert usw. : verteert usw.; str. 
44 lerefi : sceren : eren : deren : keren; str. 61 gheleerde : keerde : 
eerde (terra) ; begheerde; 2, 221 ontberen : leren usw.; 2, 258 here 
usw. :were usw.; str. 14 leren usvf. :ghedereti usw.; 323 spere: 
here usw.; Oversee str. 1 here (dominus) ; spere : were : onnere: 
mere; Kerk. kl. str. 14 verkeert : geeert : geleert : onverseert : ge- 
meert (ligati) : seert : verweert (in weelden) : eert ; Disputac. str. 
19 versweren usw. ; tonneren; str. 39 begereti usw. ; leren usw.; 
Str. 45 Heren usw. : omberen usw.; Vvrouden str. 2 Heren 



DIE BEHANDLUNG DES 6 BEI MAERLANT 35 

usw. : deren; str. 30 Here usw. ; dere usw.; str. 33 Heren usw. 
: Beeren, 

2) e^ : e^ Alex. 3, 117 gheheten : vermetm; 917 hi cusset 
[ende] hi helset bede : stede. bede oder ende — bede heifst hier nichts 
anderes als et. in vielen derartigen fallen passt sowol bede als 
mede; und bei der bekannten Willkür der Schreiber sind beide 
ohne zweifei häufig Terwechselt worden, wir werden denn in 
diesen Untersuchungen auch mehrmals in die läge kommen, beide 
zu vertauschen, hier würde mede viel eher der gewöhnlichen 
ausdrucksweise entsprechen und zugleich e^ : e^ herstellen. — 
955 ghebede : sede (diceret); 10, 919 van valscen ede : onvrede. 
die letztere stelle ist nicht ganz in Ordnung, doch glaube ich 
dass die beiden Wörter wol am richtigen platze stehen. — 10, 413 
heten si : eten et. es liegt eine reimspielerei vor, in folge deren 
man den fall nicht ganz nach dem gewöhnlichen mafsstabe beur- 
teilen darf, ich notiere noch 6, 333 vrihede : gereede, wie in 
der handschrift steht, nicht als mitzählend, sondern nur um die 
Bemerkung daran zu knüpfen dass hier und unter ähnlichen Ver- 
hältnissen et zu schreiben ist, also vriheide : ghereide. die endung 
'hede hat, wie wir weiter unten sehen werden, c*, vrihede : ghe- 
rede wäre also e^ : e\ da aber die formen mit ei eben so ge- 
wöhnlich sind, so ist unter diesen umständen bei genauen dich- 
tem immer ei zu wählen. — Troy. 207 bevredeti : sceden. die hs. 
bat verleden (undeutlich) : scryden. es fällt mir zwar keine ge- 
nügende besserung ein (vielleicht beleden : sceden) ; allein wenn sich 
nicht gesicherte beispiele für die zulässigkeit von e^ : e^ in diesem 
gedidite finden, so kann ich auch obiges nicht annehmen, zumal da 
der erste vers den gedanken des franz. Originals nicht einmal genau 
widergibt, und die änderung an sich keine grofse Wahrscheinlich- 
keit hat — 1390 vresen : desen, die verse fehlen bei Blommaert, 
WO das ganze anders gewendet ist. und offenbar haben wir dort 
das richtige, da die fügung in der grofsen handschrift ganz un- 
sinnig ist. sie entstand vermutlich, indem der Schreiber aus 
Übereilung al te samen statt al te hande setzte und sich dann 
weiter, so gut es gieng, mit den reimen behalf ohne rücksicht auf 
Situation und sinn. — 5S28 mede : gherede. bede würde hier den 
genauen reim herstellen, vgl. das oben gesagte. — 6044 teken : 
wehen, der text ist schlecht, die Variante hat viel besser tekijn : 
wreken die vriende sijn; wir brauchen also keinen anstand zu 

3* 



36 DIE BEHANDLUNG DES e BEI MAERLANT 

Drlimen, diesen fall zu eatfernen. ein vollständig Ubeneugeodes 
beiÄpiei haben wir aUo nicht für e^ : e* in diesem werke, in 
welchem auch e^ : e^ gemieden ist. ein gleiches resultat wer- 
den wir ferner sofort für Nat. bl. bekommen, und diese merk- 
würdige consequenz kann doch wol nicht mehr als zufail be- 
trachtet werden. 

Nat. bl. 2, 1721 thaer ghesceden : boven »inen o^nkden. 
VAB lesen hovm sinen oghen beden, was mir auch besser su sein 
scheint; jedesfalis ist die stelle zweifelhaft — 3, 1899 dock 
vUechier somwijl menech hene in corien dachvaerden ende in 
denen, die lesart von VA doch volghet hi somwilen somick enen 
ist entschieden vorzuziehen, die ganze Überlieferung führt darauf 
dass so oder ähnlich ursprünglich stand und also gleiche e-laute 
gebunden waren, aufserdem habe ich noch zwei fälle notiert, 
die zweifelhaft erscheinen könnten: 2, 2081 keten (casae) :heten 
und 3390 een dier niet clene : van Herten comen of van dienen, 
von kete ist mir die etymologie unbekannt; doch weist auch 
Kilians Schreibung keete auf ^scherplang' e, dh. auf den laut, der 
von dem des gedehnten e (zachtlang) unterschieden ist KU. 
scheint in der bezeichnung dieser laute ziemlich consequent su 
sein (e und ee), und wenn er auch öfter für gedehntes e ee setzt, 
so stellt er dann doch die form mit einfachem e daneben, bei 
keete findet sich aber kein kete, unter dem zweiten worte denen 
sind dammae verstanden (de genere cervomm vel dammarnm), Kil. 
hat nur deyn, deytiken, eine form, die wider aus dem franz. daine 
entlehnt ist. vgl. auch Weigand unter ddmbodc. wir haben hier 
mithin entschieden e\ und so bleibt kein einziger sicherer fall 
im ganzen werke. 

Rb. 6731 vermede (parccret) : gherede, BD haben im zweiten 
verse mede^ C wendet die ganze stelle anders und liest im zweiten 
vers aldaer ter siede, die fassung des textes ist an und für sich 
übrigens gut. — 12378 seide : laditer deide, der et-laut füre" 
ist bei M. nicht erwiesen, wir müsten also sede : dede annehmen. 
allein B und C haben übereinstimmend und sehr gut adkter 
leide statt lachter deide. — ein älinliches lautverhciltnis haben wir 
19087 leyde (posuit) : siede, wo wir, so lauge nicht andere be- 
weise beigebracht sind, für M. lede : siede annehmen müssen. C 
liest wider ganz anders, aber ohne gewähr. — 33965 die hfe- 
ranne troosten hem mede / np etie dinc te hären lede. zwar hat 



DIE BEHANDLUNG DES e BEI MAERLANT 37 

lar C kern beede; dasselbe ist aber entschieden vorzuziehen.^ 
ganz ohne anstofs sind dagegen zwei noch übrige stellen, und 
somit ist die bindung zuzugeben : 7085 wart geheeten : tri wetm 
und 9469 ter sieden : van htm beden. 

Ich verzeichne noch 15331 bieten (balare) : heten, nach den 
verwandten ahd. plazan (mit welcher berechtigung Martin zu 
Rein. 2082 pldzan schreibt, weifs ich nicht), bair. blässen ist zu 
vermuten dass dem wort ursprünglich kurzer vocal zukommt. 
allein schon aus Kil. können wir sehen dass in diesem worte 
der laut sich entschieden von dem gewöhnlichen abhob, er schreibt 
ausdrücklich bl^en, die beste auskunft erhalten wir aber aus 
De Bo Westvlaamsch idiotikon s. 287. wir erfahren hier dass 
eine besondere ^schwere* ausspräche des e, wie sie im jetzigen 
dialect im allgemeinen nur vor r vorkommt, aufserdem auch 
wenigen anderen Wörtern ohne r und darunter gerade bieten eignet. 
De Bo nennt dieses e eben das ^bietende', es hat heute nach 
ihm den klang von franz. e in pere. 

Heimel. enthält in seinen mehr als 2000 versen keinen ein- 
zigen fall dieser art. 

Franc. 2145 kern beden : daer ter steden. beden kann kaum 
ricbiig sein; vgl. 2167. — 2337 teniger steden : van vleesceliker 
9ndeneeden. es ist klar dass statt ondersceden ein anderes sub- 
slantivum stehen muss, vermutlich oncunsceden; vgl. 2234.^ — 
2017 wet harde nerensteliker bede; / ghint haer hi in de clove 
kde 1 vem den mtire und 5597 dat hi dat dede / te hant in een 
vier ende sede (dixit). man sieht aus den zwei stellen dass in 
dieser ausdrucksweise sowol legghen als doen gebraucht werden 
konnte, wenn wir die zwei praeterita lede (leide) und dede um- 
gekehrt anwenden, so bekommen wir beide mal reinen reim bede : 
dede und leide : seide. es ist ja leicht möglich dass der Schreiber 
zweimal den gleichbedeutigen ausdruck gewählt hat. — 6377 stede : 
arebede, in der hs. ist sowol stede als hede im ersten verse zu 

* ich verweise hier nochmals auf die notwendigkeit einer antersuchang 
4ti Rümbijbelhandschriften. wäre sie in genügender weise angestellt, so 
d&rften wir an mancher stelle weniger in zweifei sein, oben wagte ich 
mich nicht durchaus für G zu entscheiden, da ich betreffs des relativen 
wertes dieser hs. nicht sicher bin. 

* wie ich nachträglich sehe liest auch Verwijs Bloemlezing uit mtd- 
delii. diefaters u'65 vers 154 oncuusheden. 



38 DIE BEHANDLUNG DES e BEI HAERLANT 

leseD. eines ist aus dem anderen corrigiert, ohne dass man 
sehen kann, welches gelten soll. — 10547 med$:ghelede gehört 
dem abschreiber an, dem es beliebte, am schlösse zwei Terse 
anzuhängen. 

Spieghel bist. 1*, 34, 15 over zonde souden sijt heimi s(m- 
den 8i vleesch van zwinen eten. zu vermuten over zonde souden 
sijt houden / of si vleesch van zwinen eten souden hiefse zu weit 
gehen, obwol das eine aus dem anderen leicht entstehen könnte. — 
\\ 19, 69 stede: leide, 'so wörtlich in der hs., doch unTerständ- 
lich' sagen die herausgeber. es lässt sich kaum herstellen, da 
auf jeden fall verse verloren gegangen sind. — l^ 38, 15 dus 
moesten si sceden sonder vrede. / te wighe selten si hem bede. hier 
könnten wir durch Umstellung zu hilfe kommen dus moesten si 
sonder vrede sceden, — V, 56, 105 entien sesten endic hier mede I 
die sevende die spreect oec gereede. diese verse sind kaum zu er- 
tragen, sie stören sehr übel den Zusammenhang und dttrflen wol 
interpoliert sein von einem Schreiber, welcher die construction 
nicht gleich begriff. — 1% 12, 41 dattem sine windbraeuwen beede 
I versaemden in deti ghesceede / boven der nesen, sine ogen beede / 
waren van scoenre gestadechede, es folgt dann noch ganz un- 
sinnig und von den herausgebern auch entfernt ende sifn ogen 
scone ende gestadechede. wir könnten in 43 und 44 einfach ei 
lesen; aber besser passt mede statt beede, wenn nicht, wie es 
fast scheint, die ganze stelle eine stärkere corruption erfahren 
hat. — Vj 38, 35 gheeft ons brieve, wi scriven ter stede / dai 
wi saghen ende horden beede. hier haben wir vermutlich wider 
die gewöhnliche Verwechselung, beede steht aufserdem 2 verse 
vorher am Schlüsse ; 1. mede. — dieselben worte scheinen zu ver- 
tauschen zu sein \\ 58, 21 dat hi tonge ende lippen at / ende 
so haddi sine ogen beede jhadde hijs gehat mogenthede. es wäre 
zwar wider ei möglich, ich glaube aber nicht dass wir damit aus- 
kommen, auch ogen ist falsch; die herausgeber setzen banden. 
im latein heifst es id ipsum de membris stiis facturus, ende — 
mede würde genau dem id ipmm entsprechen, freilich ISisst sich 
auch daran denken dass einmal in Übereinstimmung mit membris 
im reime lede gestanden habe. — 1*, 40, 13 gherechtecheit soutu 
leden / also wel tusscen tween beden ist mir nicht klar. — ohne 
anstofs ist 3\ 18, 71 wareth si Lumbaerde gheheten:wi weten. — 
3*, 34, 39 ende alse mi dan die slaep verwan j daer ic jegen vacht 



DIE BEHANDLUNG DES e BEI MAERLANT 39 

nochlan j lagen tnine aerme magre lede / cume uptie hlote aerde 
mede. / van episen ende van dranke gerede / swigic best hier ter 
siede, da ende — mede im vorletzten vers wider der gewöhnliche 
ausdruck sein würde, und gherede nichts als ein flickwort ist, so 
hatte ich auch hier mede vermutet, und wUrklich bringen die 
hinter der ii partie jetzt verOfTeutlichten Varianten das wort an 
dieser stelle van spise ende van dranke mede. ob aber im vor- 
hergehenden verse mede für den sinn das richtige wort ist, ob 
die widerholung desselben in den zwei versen hinter einander 
H. zugeschrieben werden darf, und ob dieselben auch sonst ganz 
in Ordnung sind, kann noch stark bezweifelt werden, das latein 
(17, 43) ist hier nicht genau widergegeben nuda humo vix he- 
reniia ossa collidebam. — 3*, 43, 7 heleghe (sanctos) : sceleghe 
(solides), vers 3. 4 reimen selvere : scatdelvere, 9. 1 1 lijnwevere: vort- 
gwere. wir haben also hier wider eine reimspielerei und müssen 
dieser die bindung zu gute halten. — 3\ 34, 63 so staerc so 
vast so besnedeti j was ighelove van kern beden. es geht ein reim 
mit e^de voraus, und wenn sich auch widerholung desselben reim- 
klanges Öfter bei H. findet, so dürfen wir ihm doch zutrauen 
dass er sie nicht allzu leicht zugelassen habe und darum um so 
eher vermuten dass hier reines e^ gereimt war. mit einsetzung 
von besceden für bestuden wäre geholfen, beide ausdrücke kommen 
auf dasselbe heraus ^wolgeordnet, woleingerichtet* und 'zugestutzt, 
woleingerichtet*. dass die Wörter verwechselt wurden zeigt Wp. 
H. 1, 297 hets mefiich onbesceden swijn te priesterscap gheresen, 
wo eine Variante onbesnedeti liest, hieher gehörige beispiele für 
besceden sind noch besceden in sijn leven Sp. A\ 2, 64 ; in sijn 
sprdcen besceden 4^ 2, 66; dat ghi sijt wijs, ghetrouwe ende 
bescheyden Melib. 821; na eens bescedem priesters rade Prosa 
s. 63. — 3\ 44, 113 dese keyserinne soe hadde beede j soe diende 
alse Marthe dede (latein 19, 25 sed in Martina illa regina utmm- 
que complevit, et ministravit nt Martha usw.) ist nicht zu bean- 
standen. — 3*, 7, 75 ende dattu braecs dat maec gerede / dattu 
anebedes mede / dat brec te sticken. Vincent. (22, 6) adora qnod 
incendisti, incende quod adorasli. die Übersetzung, wie sie hier 
vorliegt, hat die würkung bedeutend abgeschwächt, indem sie 
ganz unnötiger weise die scharf pointierte ausürucksweise ab- 
stumpft, soll M. nicht geschrieben haben dattu braecs dat ane- 
bede, und die änderuug einem naseweisen Schreiber angehören? — 



40 DIE BEHANDLUNG DES e BEI MAERLANT 

3*, 7, 99 des eoninx zustren warm hede / doe ghedoqpt upier 
stede. wir können hier getrost mede lesen; Vincent (22,6) sagt 
nur et sorores eins, und waren es würklich zwei? es ist von 
Chlodwig die rede. — 3", 52, 55 beheten : weten. wenn hem fe- 
heten die bedeutung ^sich bekehren, sich offen bekennen' in der 
tat zukommt, so ist gegen die stelle nichts einzuwenden. — 
3", 49, 13 Puppijn van Harstale dede hem heidenimet eerm dragm 
ende leggen hede j te Coelne in die goede stede. lies mede fQr hed$. — 
die umgekehrte änderung wird wol vorzunehmen sein 3*, 52, 63 
Leuwen ende Tyheriuse mede j vinc hi ttiaren groten lede. — ohne 
anstofs ist 4*, 13, 51 waren leden : verseeden. — 4*, 21, 65 mde 
droegene lichte . . . met enen aerme ende lede / in des caninx 
Ogiers stede scheint nicht ganz in Ordnung zu sein. Vincentius 
(25, 15) hat nur et portavit eum solo hrachio in earcerem oppidi 
(wo sich allerdings auch Ogier befindet), dede wäre wenigstens 
ebenso gut, oder besser als lede, — die verse 4*, 30, 66 die nu 
Fransoise heten j dat coemt daer bi als wijt weten fehlen in der 
hs. und sind aus Brab. y. eingefügt, es könnte ursprQnglich 
men — heetimen weet gelautet haben; aber gerade Aefen : toefew 
haben wir schon öfter angetroffen. — 4S 65, 53 dese Willem . . . 
hi wan I twee sonen ende ene dochter hede. / nu gheviel ene wanr- 
derlichede. hier ist kaum et anzunehmen, sondern es liegt gewis 
wider die bekannte Verwechselung vor. — 4', 77, 117 daermen 
hem messe dede, ende hi aldus ten hroedren seide. nach dem latein 
(26, 57) ecclesiam . . . intravit nhi Strato compositus his qui ade~ 
rant fratrihns ait zu urteilen, ist die stelle nicht in Ordnung, 
statt messe dede mag eine Übersetzung von Strato compositus, 
also wol im reim leide gestanden haben. 

Zwei Wörter sind noch besonders wegen ihrer bindung zu 
erwähnen: spene (papilla, über) und vornehmlich slepen. das 
erstere reimt 1\ 41, 55 :alleetie, und 3\ 40, 49 zu rene, Kil. hat 
allerdings speene und sogar speyne mit Verweisung auf spene; aber 
das ei könnte dasjenige sein, welches sich in niederländischen 
mundarten häufig für gedehntes e findet und vor dessen aufnähme 
sich Kil. wol nicht ganz gewahrt haben wird, so viel ich weifs, 
ist der etymologie nach nur e^ möglich; hd. spen, spene (auch 
spunne, spünne, sptme, spüne) alln. speni, — slepen habe ich vier- 
mal im reim notiert, es zeigt sich immer mit e^ gebunden. 
slepen mit e' = hd. schleifen war gewis im mnl. vorhanden^ 



DIE BEHANDLUNG DES 6 BEI MAERLANT 41 

aber es fragt sich, ob nicht noch ein anderes wort daneben 
existiert hat. KU. verzeichnet wider sl^n neben sleipen. das 
bdI. hat slepen mit ^zachtlaug' e, aber nur in intransitiver be- 
deutung neben dem transitiven sleepen (De Vries en te Winkel 
Woorden]ijst voor de spelling der nederlandsche taal). woher 
dieses 'zachtlange' e? die bescbränkung des einen wertes auf 
transitive, des anderen auf intransitive bedeutung kann differen- 
lieroDg sein, wie denn auch Kil. slepen transitiv hat. aber dass 
auch die einftthrung des ^zachtlangen' e ein künstlicher sprach* 
Vorgang sei, ist doch sicher nicht anzunehmen. Weigand leitet 
unser schleppen von nd. slipen {=^ hd. schleifen) ab. hat eine 
solcbe Verkürzung des vocals bei herübernahme niederdeutscher 
Wörter analogien ? schon eher liefse sich eben an ein slepen mit 
QrsprOnglich kurzem vocal denken, eine freundliche mitteilung 
von prof. Cosijn bestärkt mich in meinen Vermutungen, die 
oben angeführte Unterscheidung zwischen slq^en und sleepen ist 
nach ihm blofs doctrinärismus. der groningische dialect kennt 
Bvr slepen (mit ^zachtlang' e) transitiv und intransitiv, auch De 
Bo hauptsächlich slepen und ableitungen mit ^zachtlang* e, die 
existenz von slepen muss nach diesen daten als gesichert be- 
trachtet werden, als grundform wäre slipön anzunehmen. 

Als sehr merkwürdig muss es angesehen werden dass selbst 
in 4eD strophischen gedichten e* : e^ kaum angetroffen wird, wo 
wir doch dem gebrauche von e* : e* häuflg begegneten, bleet {bBL- 
IH) : ghereet usw. Disput. 309 kommt nicht in betracht, und 
einer der eben erwähnten fälle von slepen in Oversee str. 6 muss 
wenigstens zweifelhaft bleiben, aufserdem ist nur einmal diep- 
hede gebunden : brede, gherede, veede usw. Clausule str. 35. 
und selbst dieser fall wird noch dadurch gemildert erscheinen 
dass diephede gemeinschaftlich mit allen anderen reimwOrtern 
anfser dem einzigen veede die nebenform mit ei zulässt, während 
aDerdings die endung -hede selbst, wie wir gleich unten sehen 
werden, sich sonst streng innerhalb des lautes e* hält. 

Die Statistik weist also aus dass ursprünglich kurzes e in 
offenen silben sowol mit e^ als mit tP selten gebunden wird, von 
den verhältnismäfsig wenigen ausnahmefallen ist ein gutes teil 
noch ohne Schwierigkeit zu beseitigen; bei vielen sind wir so- 
gar gezwungen, die richtigkeit der betreffenden reimwörter aus 
anderen erwägungen anzuzweifeln, die dann meist auch leicht 



42 DIE BEHANDLUNG DES e BEI HAERLANT 

zar herstelluDg der ideDtischea laute fttbren.. bei der allgemeüi 
faerschenden Unsicherheit der Überlieferung ist selbst nicht un* 
möglich dass sogar der noch bleibende rest nicht YoUstflndig von 
M. herrührt. 

Ehe wir uns näher darauf einlassen, die resultate aus diesen 
ergebnissen zu ziehen, haben wir noch einen kurzen blick auf 
das verhalten von e unter einigen besonderen umstanden lu 
werfen, zunächst erwähne ich einige germanische eigennamen, 
die ebenfalls eine bemerkenswerte consequenz zeigen und immer 
richtig mit e* reimen. Zweden : sieden Sp. 4^ 38 , 63 usw. ; 
hene : Zwene 3", 93, 5 usw. ; Bremen : aiunemen 3% 93, 15; Denen : 
wenen (assuefacere) 4\ 40, 12; : schenen A\ 46, 51; : qnenen 
A\ 66, 29. was unter dem reimworte sleeneti A\ 21, 76 zu 
Terstehen ist, weifs ich nicht, ebenso ist mir dormeenen un- 
klar in A\ 56, 60 st dorreden etide dormeeiien. der Stellung 
nach müste es ein Präteritum sein, also von dorminen, welches 
^durchgraben, durchwühlen' bedeuten könnte, unmöglich ist dies 
nicht, kann aber nicht so ohne weiteres angenommen werden. 

Ebenfalls zeigt sich die festeste consequenz bei e in der 
Stellung vor r -|- dental, dass bindungen wie begheert : keert und 
begheerde : keerde vermieden werden, ist aus den früheren aus- 
führungen schon zu entnehmen, aber auch solche Wörter, welche 
wurzelhaft r -|- dental haben , in denen also die dehnung nur 
folge der svarabbakti sein kann, binden sich nicht mit ursprüng- 
lich langem laut, also mit e^. wie gewöhnlich die reime weeri 
(dignus) : begheert, eerde (terra), heerde (pastor) : verteerde uä. auch 
sein mögen, man wird darum doch diese Wörter nicht als bin- 
dungen zu keert, keerde uä. verwendet flnden. 

Selten findet sich e als umlaut von d, es reimt mit langem 
e und zwar sowol mit e* als mit ^, und dies kann uns für die 
nähere ergründung der ganzen frage wichtig werden, mere 
(nuntium) : ere Rh. 7341; were (esset) : ere usw. Wp. H. 1, 64; 
VDoekenere : eere usw. 1, 370; ebenso wie letzteres ist wol zu 
beurteilen caiicderen : ter eeren Sp. 4\ 40, 29 (kurz vorher reimt 
cancelier : hier) ; drossele : behete Alex. 4, 918; alreneest : gheest, 
meest usw. Wp. M. 2, 243 ; ähnlich 426. der beurteilung ent* 
zieht sich reten : geseten Oversee 39, da die etymologie von rate 
unbekannt ist. zuweilen findet sich in den liss. ein derartiges e 
auch mit kurzem e gebunden in stellen wie onwerde : ververde 



DIE BEHANDLUNG DES e BEI MAERLANT 43 

(terruit) Sp. 3*, 41, 16; onverveert : toeert Troy. 3933; were 
{esset) : smere Nat. bl. 2, 1957. in solchen fallen ist jedoch 
immer a anzunehmen, also onvervaert, smare usw., wie beinahe 
durchgängig in den hss. auch geschrieben wird. Nat. bl. 4, 47 
steht aber falsch smeere : sere, hier haben V und B das richtige 
tmare : tware, der Alex, bietet jedoch auch den fall tregm : 
pkgea (1, 683), das erste wort in transitiver bedeutung Hräge 
machen', ob wir vielleicht sal in mllen zu verändern und in 
(regen das alte wort »s alts. iregan, ags. tregian (vgl. altn. tregr) 
widerzuerkennen haben, ist eine frage, die wenigstens verdient 
aufgeworfen zu werden, im Sp. bist, l^ 48, 33 gebraucht M. 
dies verbum gleichfalls (partic. getreget : gheseget), jedoch in der 
bedeutung *unmut empfinden'. 

Das e der aus dem romanischen entlehnten verba auf eren 
stellt sich zu gedehntem e, mit solcher regelmäfsigkeit, dass die 
wenigen abweichenden fälle nicht anders zu betrachten sind, wie 
die ausnahmen bei germanischen Wörtern auf -ere. von bin- 
dongen wie sturbeeren : eeren (honore) Sp. l^ 39, 7, gekeert : 
gkevisenteert 3\ 27, 95 habe ich überhaupt nur 5 aus diesem 
werke und zwei unsichere aus dem Alex, notiert, ich bin nicht 
ganz sicher, ob sie in den anderen werken gar nicht vorkommen, 
es scheint jedoch so zu sein, dagegen sind reime wie deren : vi- 
fiteren, tebarenteerl : verweert oder auch regnert : wert (dignus) 
Oberali sehr gewöhnlich. 

Das e in anderen fremden Wörtern und namen allerlei art 
schliefst .sich mit Vorliebe an langes e, und dem folgen auch 
solche eigennamen wie Gierherd (Gerbert) zb. : geerd (^=^ geeert) 
Sp. 4% 32, 49. doch fliefst hier mehr Willkür ein, was auch 
nicht zu verwundern ist, da ja diese Wörter eher eine beliebige 
aossprache zuliefsen. und M. erlaubt sich sogar gerade in dieser 
beziehung noch gröfsere freibeiten, wenn er zb. nach belieben 
den nominativ Daniel und Danieel gebraucht, kein wunder, 
wenn er sich auch gebogene formen mit der geringeren Ver- 
schiedenheit, die dann in den e-lauten sein konnte, gestattete. 
menestrek zeigt übrigens couslant e\ woraus wol auf einen fest- 
stehenden nominativ menestrel zu schliefsen ist. 

Versuchen wir es jetzt aus diesen tatsachen Schlüsse zu 
ziehen. 

Der reim Worte auf ere, sowol mit e^ als mit e^, sind sehr 



44 DIE BEHANDLUNG DES e BEI MAERLANT 

viele, wären die laute nun gleich, so mttsten auch, absolut ge- 
nommen y mehr der reime auf ere e* : e' haben , als e^ ; e^ und 
^ : ^ zusammengenommen, dass dies aber nieht der fall sei, 
zeigen eigentlich schon deutlich genug die angeführten aus« 
nahmen in ihrer verhältnismäfsig geringen zahl, denn der reim 
auf ere ist beinahe einer der gewöhnlichsten, und wir haben es 
mit einigen hundert tausend versen zu tun. wir wollen jedoch 
ein Zugeständnis machen, es wäre nämlich sehr wol m^kglicli 
dass aus der poesie derjenigen Zeiten her, in welchen e^ noch 
entschieden kurz war, gewisse bindungen eine typische beliebtheit 
erhalten hätten, solche typen bestehen in der reimgeschichte 
häufiger, und die Terskunst der altniederländischen dichter hflngt 
sehr gern am althergebrachten und einmal durch die Vorgänger 
gegebenen, aber auch dann müste das Verhältnis immer noch 
ein beinahe gleiches bleiben. 

Das würkliche Verhältnis lässt sich noch anschaulicher aus- 
drücken, im 4 buche der 1 partie des Sp. bist., welches 1530 reifln- 
pare zählt, kommen 29 reime von e^ : e^ mit der form -ere (-erem), 
äO von e':e* vor, daneben kein einziger von e^:e^, bei e^:«P 
konnte man unter Voraussetzung der gleichheit des lautes nicht 
mit bestimmtheit annähernd gleiches Verhältnis zwischen deo 
bindungen e^ : ^ und e^ : e^ -|- e' : e^ erwarten; aber sicher dürfte 
es doch nicht so sein, wie es sich tatsächlich in dem genannten 
buche darstellt, unter etwa 200 zweisilbigen reimen mit e (ab- 
gesehen von denen auf -ere) kommt nur der einzige erwähnte 
fall jpeiie : allene vor, die übrigen binden e* : e* oder f? : e". 

Manchmal kann man sogar fast den dichter beobachten, wie 
er den als mangelhaft erkannten bindungen aus dem wege geht, 
er sagt Sp. 1^, 2, 49 die quamm jeghen Cyrus met here / die Per- 
siene verloren die were; P, 48, 9 hoe Judas Madtabeus sijnherBJ 
versleghen hadde met grotet^ were; 3^, 7, 2 d* Alemanne .... 
verloren dien zege entie were; j haer coninc hleef mids int here, 
in all diesen fällen wäre das gewöhnliche wort ere gewesen, aber 
M. setzt an seiner stelle were, mit geringerer Sicherheit konnte 
man für den anderen fall anführen Sp. 3% 68, 61 alse kern Ayeiolf 
80 leede dede / so mmde hi Rome die stede, und nicht dede so 
lede. wer aber achtsam den gebrauch des dichters von mede 
und bede zb., welche in vielen fällen beide passen würden, be- 
obachtet, der wird auch für diesen fall die belege bemerken. 



DIE BEHANDLUNG DES $ BEI MAERLANT 45 

Oberiiaupt kann sich schon bei sorgsamer beobachtUDg einzelner 
reimwürter niemand der erkenntnis verschliefsen dass unterschiede 
in den lauten obwalten, die geringe zahl der ausnahmen kann 
man unmöglich für zufall halten ; es kann kein zufall sein, wenn 
einige werke (von den gröfseren Troyen und Nat. bl., denen 
sidi dann am nächsten Rh. anschliefst) von beiden fallen voll- 
ständig rein gefunden werden; es kann auch kein zufall sein, 
wenn selbst in den schwierigen Strophen zwar häufiger zu e^ : e* 
gegriffen, aber von e^ : i? so zu sagen gar kein gebrauch gemacht, 
wird, wenn zb. in zwei auf einander folgenden Strophen (Wp. 
M. I9 56 und 57) die b- reime einmal \tdjt (membra), darperhede, 
mede, ongkestadichede, onvrede, das andere mal bescede, bede (am- 
bobus), ede, ghelede, veede lauten. 

Einen weiteren deutlichen beweis gewähren die Wörter 
mit der endung -hede. die nominative -heit, --hetde und -hede 
kommen neben einander vor, und danach die verschiedenen 
casus mit et und 6. a priori wäre anzunehmen dass -hede 
nur monophthongierung von heide sei, da im mnl. alle ei mo- 
nophthongiert werden können, dann aber wäre in den forr 
men auf hede f? zu erwarten, dieser laut ist nun aber nicht 
darin vorhanden, im gegenteil, sie binden sich mit unverrückter 
regelmäfsigkeit mit e*; sie bilden ein sehr grofses contingent 
der reime (zb. 43 unter den 1530 reimparen von Sp. 1*), 
weichen aber nie von dem gebrauche ab: entweder -Aktdt zu eS 
oder -A«t(ie zu et, niemals -htdt zu 1?. sie haben also offenbar 
kein e". es wäre trotzdem nicht unmöglich dass es doch neben- 
formen von -heide wären, der vocal könnte sich bei der minder- 
tonigkeit des suffixes geändert, verkürzt oder verdünnt haben, 
allein es bleibt noch eine andere möglichkeit zu erwägen, häufig 
fehlt in der endung das h, und wenn dies auch selbst bei h^it 
wol vorkommt, so kann man sich doch bei formen wie swarede, 
teonede, waermede usw. kaum des gedankens an das suffix got. 
-ifia, ahd. -ida erwehren, ahd. warmida gäbe regelrecht nl. toaer- 
miede, ehe es zu waermte wurde, die beiden suffixe, wenn sie 
nd»en einander bestanden, konnlen sich vermischen, im all- 
gemeinen wurde -ede als nebenform zu -heide gefasst, daher in 
den meisten fallen mit h; es erhielt aber den vocalklaug von 
'ida. so erklärt sich auch, weshalb äufserst selten, oder viel- 
leicht nie, der nominativ -heet erscheint, sondern regelmäfsig 



46 DIE BEIIANDLDNG DES e BEI MAERLANT 

-hede, führend doch -heit häufiger ist, als -heide. heei mit e> 
würAe nicht zu den anderen casus mit e* gepasst haben, und 
etwa h^t aufzunehmen, gieng einesteils wegen seiner flüchtigkeit, 
andererseits neben dem vollen -heit nicht an. die tonverstSlrkung, 
welche dem sulllx -ede, wenn es gleich -ida ist, im reim zufilllt, 
kann nach dieser erklärung nichts auffälliges haben, zumal auch 
die endung -nede in graefnede ua., welche Grimm (Gr. 2, 246 
als m -|- ida erklärt, mit -ede reimt, eine frühere betonong wdr~ 
fnUa brauchten wir nicht einmal heranzuziehen, für die geaufserte 
meinung dürfen wir vielleicht auch noch anführen dass im guten 
mnl. die Substantive auf te viel seltener auftreten, als später, viel- 
leicht war das, was man tDaerm(^)de sprach, in der scbrift, resp. 
in der poesie unter voaermede verstanden, ähnlich wie im reim ja 
auch nur leringhe uä. vorkommen, wohin wir aber auch das 
suffix stellen, so viel ist sicher dass sein e von dem, welches es 
als unbecinflusste nebenform von -heit haben müste, abweicht, 
und die trotz der nebenformen mit ei bewahrte regelmäfsigkeit 
in seiner bindung ist ein um so sicherer beweis für die in dieser 
Untersuchung statuierten unterschiede, wer sich der mühe unter- 
ziehen wollte, sämmtliche substautivc auf hede, die in Maerlants 
werken im reim stehen, zu zählen, und sie dann hundert oder 
gar tausend mal mit mede, lede, dede und ähnlichen wor- 
tern, die ursprünglich kurzen vocal haben, gebunden ßlode, 
ohne ausnähme — es sei denn dass sie mit et erscheinen — , 
der wünle nicht länger zweifeln weder dass die endung kede 
selbst nur ^zachtlang' e habe, noch auch dass die bindung 
von dem, was wir e^ und e* genannt haben, von M. vermieden 
wurde. 

Ich habe von vorne herein nicht nur einen unterschied 
zwischen gedehntem und langem e gemacht, sondern innerhalb 
des letzteren wider 2 arten unterschieden: 1) das f vor r und 
2i f* «-i hd. ei, es fragt sich, ob wir l>erechtigt waren, letzteren 
unterschied zu statuieren, ob wir mit den zwei classen, gedehntem 
und organisch langem vocale, nicht auskommen, es scheint dass 
man würklich noch eine di(ferenz in den lauten fand. Uten- 
bri^cke zb., der Verfasser der 2 partie des Sp. bist., reimt un- 
bedenklich f *re : Ar, zeigt aber deutlich das bestreben e* ; e" zu 
vermeiden, im ersten buch kommen zb. 11 reime der ersten 
an vor« während in dem ganzen werke die 2 art nur durch 



DIE BEHANDLUNG DES e BEI MAERLANT 47 

4 zweifelhafte fälle vertreten ist.^ auch von dem umgekehrten 
meine ich die spuren zu erkennen, dass e* : t^ weniger anstofs 
gibt, wie e^ : e*, so zb. im Ferguut. hier darf man auch wider 
an das oben berührte Verhältnis in Maerlants strophischen ge- 
dichten erinnern, welches auf grOfsere strenge gegen e* : e* weist, 
als gegen e* ; e*. 

Die tatsachen stehen also fest; es bleibt jetzt noch eine er- 
klarung zu suchen, es fragt sich, ob der unterschied in der 
quantität oder qualität des lautes gelegen ist. ich glaube nicht 
dass ich mit der Anz. v 77 gemachten und hier der bequemlich- 
keit wegen beibehaltenen Classification in gedehntes e, alid. i und 
ahd. et das richtige getroffen habe, einige umlaute von langem d, 
und das wort sweer zb. (socer, ahd. swehttr), welches sein durch 
contraction entstandenes e mit e* bindet, durchbrechen diese an- 
ordnung. so wird es wahrscheinlich dass wir nur von einem 
gegensatze zwischen gedehntem und organisch langem e zu 
sprechen haben; innerhalb dieser classen sondern sich dann 
wider die e, welche von einem r gefolgt sind. 

Bei diesem stände der dinge liegt es am nächsten, die er- 
klämng in der Verschiedenheit der quantität zu suchen, ganz 
kurz ist zwar ursprüngliches e und It in offenen silben nicht 
mehr, denn dann mtisten alle mnl. dichter ungenau reimen, aber 
ein unterschied in der quantität kann, wenn die vocale in offenen 
Silben sich auch schon verlängert haben, doch immer noch be- 
stehen, wie man ja sogar heute im nl. noch zwischen 'scherp- 
lang* und ^zachtlang' e unterscheidet, dass zwischen d und a von 
den mnl. dichtem kein unterschied gemacht wird, beweist nichts 
dagegen, denn auch nnl. sind sie zusammengefallen, aber schwerer 

' 2', 30, 21 (er scheden : tevreden, ich nehme keinen anstand im ersten 
reree ter Mieden zu setzen. Vinc. 12, 81 ted dei Providentia aliquando 
üffuit auxiUum adventutque Gregorii, aus dem verfolg geht hervor dass 
Gregor keineswegs in der absieht gekommen war den streit, von welchem 
die rede ist, zu scheiden, ter scheden kann darum nur misverstandnis eines 
abschreibers sein. — 2*, 51, 33 gebede .gerede, hier vermuteten die heraus- 
geber schon dass nach dem latein im ersten verse in bede zu setzen sei. 
dies wird nun um so wahrscheinlicher. — 2', 24, 19 baden om genade 
bede : dede kann man höchst einfach bessern mit daden om genade bede. 
es bleibt dann nur noch übrig 2', 54, 25 allene eigene in vorsen, die an 
sich nichts verdächtiges haben, das latein ist freilich nur sehr gekürzt 
widergegeben. 



48 DIE BEHANDLUNG DES « BEI MAEBLANT 

i^It schon ins gewicht dass auch, wie zweifellos feststeht, ö und 
0, die doch ebenfalls im nnl. noch unterschieden werden, vid 
freier sich binden, als die verschiedenen arten von e. man konnte 
gegen die annähme auch etwa anführen dass — während auch 
bei den alten Schreibern schon die heutige methode durch- 
leuchtet, in offenen silben gedehntes und langes e durch e und 
ee zu unterscheiden — doch auch für das erstere nicht selten 
ee gefunden wird, man wird aber auf diese schreibermaniery 
aus der allerdings hervorgeht dass e^ nicht mehr kurz gewesen 
ist, nicht die behauptung bauen dürfen dass die dehnung bei e 
völlig mit der organischen länge zusammengefallen war. es ge- 
hörte vermutlich schon damals, wie noch heute, ein feineres ohr 
dazu, die zwei klänge genau zu unterscheiden, hiezu trat dann 
vielleicht auch noch ein geringer qualitätsunterschied, der beim e 
bedeutender, als beim o und vielleicht auch je nach dem diaiect 
gröfser oder geringer war. für eine derartige Voraussetzung, 
dass das gedehnte e eine ansehnliche zeit hindurch auf einer 
stufe stand, die es noch von völliger länge trennte, sprechen 
auch noch andere gründe, zunächst der umstand dass in der 
neueren spräche noch einige fälle bestehen, in denen der vocai 
nicht zur länge durchgedrungen, sondern kurz geblieben, oder 
zur kürze zurückgekehrt ist. dann scheint häufig die Ortho- 
graphie darauf hinzudeuten, obwol von absoluter kürze nicht 
mehr gesprochen werden kann, finden wir häufig geschrieben hi 
nemt, hi ghenest, spelde uä. neben neemt, speelde usw., und solches 
haften der kürze, oder rückkehr zu derselben herscht gerade im 
wfl. diaiect. dieses, der quantitätsunterschied, in Verbindung 
vielleicht mit einer geringeren Verschiedenheit in der qualitflt, 
wird doch die Ursache gewesen sein, weshalb M. und mit ihm 
viele andere den reimen von dehnung mit länge bei $ mehr aus 
dem Wege giengen, als bei anderen vocalen. dass dann der 
vocalklang vor r sich noch als besondere classe absonderte, das 
wird uns eine bemerkung De Bos in seinem vortrefflichen buche 
erklären, derselbe unterscheidet 3 arten von langem e 1) ^zacht- 
ang' (dh. vom etymologischen standpuncte aus: gedehntes). 
2) 'scherplang' (dh. organisch langes). 3) 'schweres' d. i. wie e 
in frz. pere, das letztere nun hat da statt, wo auf ein ursprüng- 
lich kurzes eeinr folgt, also sowol in erde, perd, werd ab in 
weren usw., aufserdem nur in einigen wenigen werten, die ent- 



DIE BEHANDLUNG DES e BEI MAERLANT 49 

weder klangnachahmend sind, wie das oben erwähnte bieten, 
oder in denen doch einmal ein r auf den vocal folgte, welches 
später umgesetzt wurde, und dann noch in einigen fremdwörtern, 
nicht also bei langem e vor r; dies bleibt ^scherplang'. trotz- 
dem müssen wir unbedingt die Veränderung des vocals auf rech- 
nung des folgenden r schreiben, wie De Bo es auch andeutet, 
die verbalendung eren in roman. Wörtern stellt er zu langem e, 
bemerkt aber dass sie in einigen gegenden auch den schweren 
laut bat. nach seinen angaben wechseln nun allerdings die 
klänge nach den verschiedenen gegenden, nicht aber geht aus 
denselben hervor dass irgendwo auch langes e durch das folgende 
r afQciert sei. allein das ist auch nicht notwendig, die angaben, 
welche er macht, genügen meines erachtens vollkommen, um die 
tatsachen aus dem mnl. zu erklären, es unterschieden sich ur- 
sprünglich kurzes und langes e schon durch die quantität und wol 
auch durch die klangfarbe. deshalb galt die allgemeine regel, 
die laute nie, auch nicht vor r, zu binden, diese sehen wir im 
allgemeinen H. befolgen, allein e vor r wurde afficiert und ver- 
änderte seinen klang in der weise, dass sein unterschied von i 
nicht mehr so grofs war, wie Vor anderen consonanten. in folge 
dessen erschien die bindung von er : er nicht so bedenklich als 
sonst e : i, auch diese grOfsere freiheit sehen wir bei M. schon 
durchleuchten, stärker noch bei Utenbroeke und anderen, dass in 
irgend einer gegend der laut ^ sich weiter von er entfernt habe 
als sonst ^ von e abstand, ist kaum anzunehmen, und deshalb mag 
wol die beobachtung, als ob einige eher ^ : i als er : er reimen, 
auf teuschung beruhen, so deutlich wie das umgekehrte ist wäre 
dies doch keinesfalls zu bemerken, wenn es nicht zufall ist dass 
M. hltien verschiedene mal mit i in den reim setzt, db. wenn 
nicht nur dieselbe freiheit darin liegt wie in der hier und da 
stattfindenden bindung von er : er, und wenn wir ferner an- 
nehmen dürfen dass klangnachahmende Wörter ihren laut nicht 
leicht verändern, so ist auch der schluss gestattet dass e bei M. 
ungefähr den laut hatte, den De Bo als 'schweres e* bezeichnet, 
dasselbe Verhältnis gilt noch heute in einem teile Flanderns, De 
Bo erwähnt es beispielsweise von Ipre. 

Dies etwa müssen die Ursachen derjenigen tatsachen sein, 
welche wir in diesem aufsatze beobachtet haben, tatsachen, aus 
denen wir zwar kein gesetz formulieren konnten, welches von 
Z. F. D. A. neae folge XIII. 4 



50 DIE BEHANDLUNG DES e BEI MAERLANT 

irgend einem der mnl. dichter ganz strict befolgt worden wäre, 
die wir aber trotzdem ohne mühe aus ihrem gebrauche heraus 
wahrzunehmen vermochten. 

Dieselben tatsachen geben uns auch einen mafsstab dafür, 
in wie weit wir a priori bei M. genauigkeit in der technik, spe- 
ciell in der reinheit des reiraes annehmen müssen, die Unrein- 
heit, welche durch den verschiedenen klang der e-laute bewttrkt 
werden konnte, war auf jeden fall eine der mildesten, die sich 
denken lassen, unter diesen Verhältnissen müssen wir für die- 
jenigen werke, in welchen der dichter selbst diese geringfügige 
ungenauigkeit ganz meidet, die äufserste strenge voraussetzen, 
ohne dass uns die einzelnen ausnahmen in den anderen gedichten 
ihrerseits geradezu berechtigen, auch seltene fcille von Unreinheit 
des reimes stärkerer art für möglich zu halten. 

Die beobachtungen geben uns im allgemeinen das bild eines 
mannes, der sich zwar bestrebte strengen regeln nachzufolgen, 
aber doch nicht mit derjenigen Sorgfalt zu werke gieng, die 
immer wider nachbessernd auch die geringsten spuren von un- 
regelmäfsigkeiten zu tilgen sucht, diese Sorgfalt vermisst man 
Öfter bei Maerlants arbeiten. 

Bonn, februar 1880. JOHANNES FRANCK. 



DER AUFTACT IN DEN LIEDERN WOLFRAMS 

VON ESCHENBACH. 

Die freiheit, mit welcher Wolfram von Eschenbach den auF- 
tact in seinen liedern behandelt, reizt zu einer Untersuchung, 
von deren ergebnissen man bei der geringen anzahl der lieder 
sich allerdings nicht zu viel versprechen darf, unter den sieben 
echten liedern Wolframs sind fünf tagelieder. die übrigen zwei, 
Lachmann s. 5, 16 — 33 (Ein totp mac wol erlouben mir) und 
8. 7, 11 — 40 (Ursprinc blnomen, hup üz dringen) sind völlig 
regelmäfsig gebaut und geben zu keinen bemerkungen anlass. 
auch von den tageliedern gewährt das dritte s. 5, 34 — 6, 9 (Der 
Helden minne ir klage) einer auf die art der behandlung des auf- 
lactes gerichteten Untersuchung keine ausbeute, abweichend ist 



AUFTACT IN DEN LIEDERN WOLFRAMS V. ESCHENBACH 51 

in diesem liede biofs der fünfte vers jeder Strophe, die erste 
derselben bat in diesem verse auftact, die zweite Strophe nicht: 
doch erklärt sich das fehlen hier ohne Schwierigkeit aus dem 
fortgange der rede. 

Der betrachtung bleiben somit nur die vier tagelieder 3, 
1 — 4, 7 (Den morgenblic bi wahters sänge erkös); 4, 8 — 5, 15 
(Sine kldwen durch die wölken sint geshgen) ; 6, 10 — 7, 10 (Von 
der Zinnen ml ich gen), und 7, 41 — 9, 2 (Ez ist nu tac). im 
znerstgeoannten liede haben wir eine eilfzeilige, oder wenn man 
die verse 8 und 9 jeder Strophe als eine durch cäsur gebrochene 
langzeile zusammenfasst, eine zehnzeilige Strophe von 3 -f- 3 + 4 
Versen, der erste vers des ersten Stollen jeder Strophe hat aüf- 
tact, dem ersten verse des zweiten Stollen fehlt er. der zweite 
vers beider Stollen hat durchaus den auftact. der dritte vers 
des ersten Stollen jeder Strophe entbehrt des auftactes, beim 
zweiten Stollen ist der dritte vers in der zweiten und dritten 
Strophe mit auftact versehen, in der ersten Strophe fehlt derselbe 
auch hier (es geht der sinn von dem frühem verse in den 
nächsten hinüber.) allenfalls liefse sich das schema so denken: 
im ersten Stollen vers 1 mit, vers 3 ohne auftact, im zweiten 
Stollen umgekehrt vers 1 ohne, vers 3 mit auftact: wenigstens 
ist dies in der zweiten und dritten Strophe durchgeführt, nach 
der ersten Strophe, deren vierter vers (d. i. der erste des zwei- 
ten Stollen) freilich lückenhaft überliefert ist, wäre auftact nur 
in dem ersten verse des ersten Stollen anzunehmen, dem sei 
wie immer, wir werden auf eine Strophe mit ungleichen Stollen 
geführt. — der abgesang zeigt Verschiedenheit des auftactes nur 
in seinem efsten verse, der in der ersten und dritten Strophe 
ohne auftact erscheint, in der zweiten ihn hat (vielleicht zur 
markierung der anrede). 

Weiter geht die freiheit in dem liede 4, 8 — 5, 15. der auf- 
tact wechselt sehr häufig, so dass überhaupt nur zwei verse 
durch alle fünf Strophen hierin ganz gleich gebaut sind, näm- 
lich der zweite vers des ersten Stollen, der des auftactes immer 
enträt, und der erste vers des abgesanges (vers 7 der ganzen 
Strophe), der den auftact immer hat. in analogie stehen ferner 
die verse 3. 6 und 8, d. i. die dritten verse der beiden Stollen, 
und der zweite vers des abgesanges. in allen drei versen steht 
Strophe 2 ohne auftact auf der einen, die Strophen 1. 3. 4. 5 

4* 



52 DER AÜFTACT IN DEN LIEDERN 

mit auflact auf der andern seite» ^ in verwandter weise ordnen 
ßich die Strophen in vers 5 (dem zweiten verse des zweiten 
Stollen), indem Strophe 4 den auftact hat, die Strophen 1. 2. 3. 5 
seiner entbehren; und in vers 9 (dem dritten verse des abge- 
sanges), indem die Strophe 5 hier ohne auftact auftritt, die Stro- 
phen 1. 2. 3. 4 mit demselben, je zwei Strophen einer-, drei 
Strophen andererseits treten zusammen in den versen 1. 4. 10 
(dem ersten verse der beiden stollen und dem letzten des ab- 
gesanges). in vers 1 sind Strophe 1 und 5 ohne, Strophe 2. 

3. 4 mit auftact; in vers 4 Strophe 2 und 3 ohne, Strophe 1. 

4. 5 mit auftact; in vers 10 endlich Strophe 1 und 2 ohne, 
Strophe 3. 4. 5 mit auftact. 

In dem liede 6, 10 — 7, 10, dessen Schema sich also dar- 
stellt: 3-|"3 + (4 4-4 + l) verse, ist bezüglich des auftactes 
alles in Ordnung bis auf die verse 1.3. 10 jeder Strophe, vers 1 
bat keinen auftact in Strophe 1. 2, besitzt ihn in Strophe 3. 
vers 3 finden wir ohne auftact in Strophe 1, mit auftact in 
Strophe 2 und 3. so steht auch bei vers 10 eine Strophe den 
beiden andern gegenüber: Strophe 2 hat da keinen auftact, wol 
aber haben ihn die Strophen 1 und 3. da vers 3 noch zum 
ersten Stollen gehört, würden wir sogar innerhalb eines und 
desselben Stollen verschiedene behandln ng des auftactes haben, 
indes erklärt sich das fehlen desselben in vers 3 der ersten 
Strophe aus dem fortgange der rede, und ebenso in vers 10 der 
zweiten Strophe, was vers 1 betrifft, so fehlt der auftact in den 
beiden ersten vom Wächter gesprochenen Strophen; die dritte, 
die nach kurzer erzählung den ritter redend einführt, setzt den 
auftact vielleicht der bessern hervorbebung wegen. — doppelter 
auftact (s. zu MSF 154, 21) in zeile 7 der ersten strophe (6, 16). 

Wir kommen zu dem liede 7, 41 — 9, 2. in allen Strophen 
desselben gleich behandelt sind die verse 2. 3. 4. 7. 12. auch 
vers 1, indem er in allen vier Strophen gleich viel silben zählt; 
während aber in den Strophen 1. 2. 4 die binnenreime dieses 
Verses stumpf ausgehen und der zweite und dritte versteil dann 
mit auftact anhebt, sind sie in strophe 3 klingend, in folge 
dessen im zweiten und dritten versteile der auftact entfallen 
muss. so lassen sich auch die verse 8 und 10 als allen atrophen 

' durch aofnahme der lesart von G (4, 25) wörde der achte vers aas 
dieser gmppierang gelöst 



WOLFRAMS VON ESCHENBACH 53 

gleich gemessen betrachten, wenn man nämlich im achten verse 
der dritten Strophe obe der dreisilbig (dh. als eine hebung mit 
xwei umgebenden Senkungen) mit schwebender betonung lesen 
darf, und ebenso im zehnten verse der vierten Strophe weme wiU. 
es bleiben abweichend die dem abgesange angehörigen verse 5. 
6. 9. 11, bei denen wider eine Ordnung nach gruppen statt- 
findet dieselbe stellt sich wie folgt dar: 

vers 5 ohne auftact in Strophe 1. 4, mit aultact in Strophe 2. 3. 

vers 6 ohne auftact in Strophe 2. 4 (in 4 fortgang der rede), 

«mit auftact in Strophe 1. 3. 

vers 9 ohne auftact in Strophe 1. 2, mit auftact in Strophe 3. 4. 

vers 11 ohne auftact in Strophe 1. 2, mit auftact in Strophe 3. 4. 
In dieser mehrfach widerkehrenden gruppierung der Strophen 
eines liedes je nach dem Vorhandensein oder fehlen des auftactes 
in einzelnen verszeilen darf man vielleicht ein kunstmittel Wolf- 
rams erblicken, dies aber nur für die tagelieder, und auch von 
ihnen schlagen nicht alle ein: das lied 5, 34 haben wir schon 
froher ausgeschieden, und im liede 3, 1 klingt die gruppierung 
nur an, man möchte sagen, Wolfram sei erst daran, sie für sei- 
nen dichterbrauch zu erfinden. 

Das zuletzt betrachtete lied 7, 41 ist auch sonst merkwürdig, 
es tritt in seiner ganzen durchführung ab von den zumal in 
ihrem Schlüsse verwandten beiden tageliedern 4, 8 und 6, 10. 
die vielen waisen (vers 1 und 3 je am Schlüsse, dann vers 7. 
8. 9. 11) fallen ebenso auf, wie die nach art eines leiches an- 
gefangene und dann abgebrochene gliederung des abgesanges. 
es ist jedesfalls das originellste der tagelieder Wolframs, und 
man begreift, wie Walther sich gerade durch dieses zu seinem 
eigenen, einzigen tageliede angeregt fühlen konnte (Lachmann 
ZQ Walther 89, 20). die waisen zwar sind bei Walther durch 
das ^verstecken der reime' ersetzt, aber die gruppierung des 
auftactes hat er Wolframen abgelauscht: und dass hiezu keine 
geringe kunst gehörte, wird sich nachher bei der betrachtung 
des unechten liedes 9,3 — 10,22 ergeben, dessen Verfasser in 
diesem puncto sein Ungeschick am deutlichsten verrät. 

Über den auftact in Walthers tageliede hat Wilqpanns in 
seiner Waltherausgabe s. 43 gehandelt, für meinen zweck muss 
ich anders auf die sache eingehen, ganz gleich behandelt sind 
blofs vers 2, sowie die ersten hälften der verse 3. 7. 8: alle 



54 DER AÜFTACT IN DEN LIEDERN 

haben in allen Strophen den auflact. die Strophe ist eine zwei- 
teilige von zweimal vier versen. wir dürfen also zwischen dem 
«rsten und dem zweiten teile im bau analogie vermuteo, die 
allerdings nicht ins kleinste gewahrt zu sein braucht, in der 
tat finden wir von den fünf unzweifelhaft echten Strophen vier 
der erübrigenden einen gegenüber geordnet in den versen 1 
und 5, d. i. dem ersten verse der beiden Strophenteile, in vers 1 
ist auftact in Strophe 4, keiner in Strophe 1. 2. .3. 5. vers 5 
dagegen hat, mit umgekehrtem verhiiltnis, auftact in Strophe 
1 . 2. 3. 4, keinen in Strophe 5. die anordnung 4 : 1 erscheint 
ferner in den zweiten hälften der verse 4 und 8 jeder Strophe. 
vers 4 hat da auftact in Strophe 1. 2. 4. 5, keinen in Strophe 3; 
vers 8 ist mit auftact verschen in Strophe 1. 2. 3. 5, entbehrt 
seiner in Strophe 4. gruppierung von drei gegen zwei Strophen 
zeigt sich in den zweiten hSllften der verse 3 und 7, in der 
ersten hfllfte von vers 4, und im ganzen verse 6. in der zwei- 
ten halfte von vers 3 erscheint der auflact in Strophe 1. 2. 5, 
fehlt in Strophe 3. 4. hiezu tritt vers 7 in seiner zweiten hälfte 
in analogie: auftact in Strophe 2. 3. 5, fehlt in strophe 1. 4. 
die erste hulfte von vers 4 zeigt (im gegensatze zur ersten hallte 
des achten verses) auftact in strophe 2. 5, nicht in strophe 1. 
3. 4. in vers 6 stehen, abweichend von dem entsprechenden 
verse 2 der ersten Strophenhälfte, die Strophen 3. 4. 5 mit auf- 
tact den ohne denselben auftretenden Strophen 1. 2 gegenüber« 
fassen wir zusammen, was sich uns ergeben hat: so weit Un- 
gleichheit im auftacte waltet, analogie des baues je zweier, in 
den beiden Strophenhälften einander correspondierender verse, 
dabei einmal umkehrung des gruppenverhältnisses, zweimal aber 
fallenlassen der analogie — so zeigt sich Walther auch in die- 
sem puncte seines tageliedes nicht als Wolframs blinder nach- 
ahmer, sondern als selbständiger bildner. die kunstreiche durch- 
führung des verwickelten Schemas wird keinem entgehen. 

Wilmanns hat bekanntlich zwei Strophen dieses tageliedes 
athetiert diese sechste und siebente strophe, deren unechtheit 
er aus innem gründen dartut, lassen sich auch aus äufsern an- 
fechten. * nämlich in beiden Strophen hat vers 1 auftact, der 
sonst nur die vierte strophe auszeichnet; und ebenso haben ihn 
die Zeilen 7 und 8 nach der cäsur, wo gerade die vierte strophe 
denselben fehlen lässt. es sollte wol der bau der vierten strophe 



WOLFRAH» VON ESCHENBACH 55 

iraniert werden, wodurch aber das metrische. gesammtbild des ge- 
dichtes alteriert ward. 

Das Wolfram zugeschriebene lied 9, 3 — 10, 22 hat Lachmann 
zwar in den text aufgenommen, aber auf eine bemerkung Wacker- 
nagels, ^dass es nichts als ein armseliges gemisch zusammenge* 
wttrfelter gedanken und worte eines nachabmers sei', für unecht 
erklärt. Bartsch in seiner ausgäbe des Parzi?al und Titurel, ein- 
leitung s. jui, behauptet, Lachmann beanstande das lied mit un- 
recht, eine prüfung desselben würde diesen ausspruch nicht 
haben aufkommen lassen, die einheit des ganzen ist verfehlt, 
indem der Verfasser des liedes die in Strophe 1 und 2 einge- 
haltene anrede der geliebten von Strophe 3 an mit der anfüh- 
ning derselben in dritter person vertauscht, ohne ersichtlichen 
grund. an ausdrücken ist zu bemerken: guot wip 9, 3, auch 
voo dem Verfasser des liedes s. xii z. 21 benutzt, stammt aus 
Wolframs liede 7, 14. 29 vgl. güetlich wlp 7, 24, daz guote wtp 
89 9. liebez ende 9, 13 ist entlehnt aus 7, 32. ein vlins von 
ionrestrdlen möht ich zollen malen hdn erbeten, daz im der 
herte entwiche ein teil 9, 32 — 35 ist vielleicht reminiscenz aus 
Wilb. 12, 16 — 18 ein herze daz von flinse ime donre gewahsen 
tMere, daz mUeten disiu mcere, die tauige rose (aham ein towic 
rose röt 9, 38) liebt Wolfram in vergleichen allerdings (Parz. 
24, 10. 188, lOf. 305, 23. Tit. 110, 1. Wilh. 144, 3. 195, 5. 
270, 20), doch im zusammenhange mit den andern gründen für 
die unechtheit des uns beschSiftigenden liedes muss ihr auftreten 
in demselben als nachahmung erkannt werden, war doch dem 
Schreiber der handschrift K des Willehalm die tauige rose so in 
der feder, dass er sie 393, 24 ganz sinnlos anbrachte. — das 
wichtigste aber ist dass der Verfasser des liedes 9, 3 — 10, 22 
bei dem versuche, die von Wolfram erfundene gruppierung des 
auftactes sich anzueignen, kläglich gescheitert ist. unstatthaft 
war der versuch von vorne herein, da das lied keine tagweise 
ist und, so viel wir urteilen können, Wolfram nur in tagweisen 
den auftact in der oben dargelegten freien art zu bebandeln sich 
erlaubt, und wie sieht die reibenordnung der auftacte in dem 
unechten liede aus? die eilf-, genauer zehnzeilige Strophe lässt 
abweichungen des auftactes zu in den versen 2. 3. 5. 6, und 
in der zweiten hälfte von vers 10, dh. im zweiten und dritten 
verse der beiden Stollen, und im letzten verse des abgesanges. 



56 DER AÜFTACT IN DEN LIEDERN 

die verse 3 und 6 sind analog behandelt; es fehlt ihnen der 
auflact blofs in Strophe 5, während die Strophen 1 — 4 and 6 
ihn haben, (in dieser Strophe 5 geht von vers 3 der sinn in 
die nächste seile hinüber, mit vers 6 beginnt ein neuer sali.) 
vers 2 hat auftact in Strophe 1. 2. 5, enträt desselben in Strophe 
3. 4. 6. vers 5 ist ohne auftact in Strophe 1. 2. 3. 6, mit 
auftact in Strophe 4. 5. da die verse 2 und 5 in analogie stehen 
solhen, ßillt schon das verschiedene gruppenverhältnis auf. in- 
dem ferner in vers 5 der mangel des auftactes überwiegt, wäre 
für vers 2 im allgemeinen Vorhandensein desselben zu fordern; 
dies ist aber blofs durchgeführt in Strophe 1. 2: in Strophe 4 
ist das Verhältnis umgekehrt, beide verse sind ohne auftact in 
Strophe 3. 6, und beide mit auftact in Strophe 5. das durch- 
einander ist vollständig, am bedenklichsten ist das fehlen des 
auftactes in der zweiten bälfte von vers 10 der vierten Strophe, 
während die übrigen fünf Strophen ihn an dieser stelle haben, 
denn es treten dadurch zwei hebuugen unvermittelt zusammen 
und muss für Strophe 4 eine waise angenommen werden, wäh- 
rend für die andern fünf Strophen in der zehnten zeile cäsur 
besteht, über die unechtheit des liedes 9, 3 — 10, 22 sdieint 
mir also ein zweifei nicht obwalten zu können. ^ 

' Paul (Beilr. 1,203(1) scheidet das lied in zwei teile von je drei 
Strophen und sieht in der vierten bis sechsten strophe eine Ton anderer 
band herrührende malte fortsetzung des ursprünglich mit den ersten drei 
Strophen abgeschlossenen liedes. hieroit kann man sich einverstanden er- 
klären: von der Verschiedenheit des inhaltes und tones der beiden lied- 
hälflen überzeugt man sich leicht, und wem an den ersten drei Strophen 
als einem für sich bestehenden Hede etwas gelegen ist, der wird es gerne 
sehen dass durch jene Zerlegung die (von Paul in anderer weise als von 
mir dargelegten) Unebenheiten des metrischen baues aus dem ursprünglichen 
strophcnbeslande verschwinden, aber wenn dieser forscher nun weiter die 
ersten drei Strophen für Wolfram in anspruch nimmt, so kann ich ihm nicht 
folgen, sondern muss dabei stehen bleiben dass wir das werk eines nach- 
ahmers vor uns haben. Pauls argumentation hebt nur das hervor, was in 
diesen ersten drei Strophen wolframisch klingt; wobei es nicht einmal rieh- 
i\g ist dass die vierte bis sechste Strophe *nicht eine spur von der weise 
Wolframs' enthalten: denn gerade die vierte bringt die Hauige rose' ao. 
hingegen hat Paul versäumt, nach der Stellung zu fragen, welche der ersten 
liedhälfle unter Wolframs übrigen liedern zukäme, als ein in sich abge- 
schlossenes ganzes genommen, stehen die Strophen t bis 3, wie schon aus 
den citaten, die ich oben im texte gegeben habe, erhellt, in einem abhingig- 
keitsverballDisse zu dem liede 7, 1 1—40. wie in diesem spricht der dichter 



WOLFRAMS VON ESCHENBACH 57 

Für unanfechtbar wird die hier vorgetragene ansieht von 
der anordnung des auftactes nach gruppen in Wolframs tage- 
liedern nicht zu halten sein: das der Untersuchung gebotene 
material ist zu dürftig, aber ich denke, mit den gewöhnlichen 
gründen, die man für das dem Strophenschema widersprechende 
fehlen des auftat^tes anführt, wird man weder bei Wolfram noch 
bei Walther auskommen, die ungleichen Stollen aber, auf die 
ans die betracbtung von Wolframs tageliede 3, 1 geführt hat, 
sollten einmal im zusammenhange untersucht werden, wo Lach* 
mann in liedern Walthers ungleiche Stollen zuliefs, war es un- 
schwer, die gleichheit herzustellen, s. Wilmanns, Walther s. 67 
(zu 1, 1). 77 (zu 24). 83 (zu 41,4); und es bleibt noch aus- 
znniachen, ob und wann Ungleichheit der Stollen bei guten dich- 
tem zulässig sei. 

in 9, 3—35 die geliebte mit guot wip an ; wie in diesem verlangt er von 
ihr dass sie seinem liebessehnen ein liebez ende bereiten möge; und wenn 
die schlasspointe in beiden gedichten verschieden gewendet wird, in 7, 
11 — 40 der dichter noch auf erhörung hofft, wahrend in 9, 3—35 höchstens 
TOD einem eingreifen gottes eine umslimmung der spröden geliebten er- 
wartet wird, so trifft es sich für den Verfasser des letztern liedes besonders 
ODglficklich dass ihm auch bei diesem anlaufe, den er zu einer original- 
leistung nimmt, eine reminiscenz aus Wolframs Willehalm (sieh oben) in 
den Schlussworten die feder führt, einem dichter von der Selbständigkeit 
und dem selbstbewustsein Wolframs mag man manier, nimmer wird man 
ihm dass er sich selbst copiere nachweisen, es bleibt also dabei dass auch 
die ersten drei Strophen des liedes 9, 3 — 10, 22 einem nachahmer gehören 
— einem nachahmer allerdings, der sein vorbild genau studiert hat. 

Wien, 8 juni 1880. RICHARD MÜLLER. 



NACHTRAG ÜBER DEN HEINERSDORFER 

STEIN. 

Durch briefliche mitteilungen , die mir (Iber die Inschrift 
gemacht sind, bin ich jetzt in der läge, dem, was wir Zs. 2^, 
455fr ausgeführt hatten, noch einiges teils ergänzend teils be- 
richtigend hinzuzufügen, zur erläuterung der lithographischen 
tafel habe ich zunächst noch zu bemerken dass an der linken 
Seite des zweiten Zeichens der ersten reihe sich eine ganz gering- 



5S NACHTRAG ÜBER DEN HEINERSDORFER STEIN 

fügige Vertiefung findet, in der richtung nach links oben, ao 
dem stein selbst ist diese Vertiefung wegen der dunkleo förbung 
des gesteins nicht zu erkennen, sie ist schwach zu sehen auf 
flieinem gipsabguss. auf dem papierabklatsch, den Henning und 
HolTory genommen hatten, muss sie auch sichtbar gewesen sein, 
der ganzen form nach, die auf dem stich nicht ganz getroffen 
ist, kann man diese Vertiefung nur für eine zufällige halten, 
besonders da die fortselzung des rechten astes nach links unten 
sichtbar ist. ich habe daher die obere Vertiefung mit einem 
fragezeichen versehen. 

Die aussage des försters Müller habe ich trotz ihrer be* 
stimmtheit doch jetzt grund für unzuverlässig zu halten, der 
mann ist allerdings seit dem anfang der 60er jähre in seiner 
jetzigen Stellung; aber wie mir herr pastor Pfitzner aus Buckow 
bei ZüUichau freundlichst mitteilte, ist er selbst schon vor dem 
fOrster in seinem amte gewesen, gleich nachdem herr Pf. sein 
amt angetreten hatte, führte ihn der damalige, jetzt verstorbene 
pastor Wehrhan von Heinersdorf zu dem stein und zeigte ihm 
die inschrin im ringe, danach hat dieselbe in der tat schon 
existiert, bevor Müller ins amt kam. ich meine dass die aus- 
sage des horrn pastors Pfltzner, als eines wissenschaflHcb ge- 
bildeten, unbedingt mehr glauben verdient als die des wenig 
gebildeton fOrsters, um so mehr als hr Pfitzner mir noch andere 
nachrichten hat zu teil werden lassen, die meiner meinung nach 
die angeJogenheit völlig aufticllen. 

Die tOchtor des genannton pastors Wehrhan, deren zwei 
in ZüUichau, eine (frau pastor Krüger) zu Neubruch bei Wronke 
lobt, vorsichern dass sie den stein lange ohne inschrift gekannt 
haben, bis ihr vater eines tages ihnen die nachricht brachte dass 
eine inschriri in den stein eingoliauen sei; ein gemeinsamer 
Spaziergang dortliin führte ihnen die neue inschrift vor äugen. 
Hockers antoil an dor ontstohung dei* inschriften wird nun auch 
durch oino nachricht do^s horrn pastors Pfitzner klar, der letz- 
tere borichtet, or habe selbst den mann gekannt, der die obere 
inschrift auf gohoifs dos horrn von llnruh eingemeifselt hat. 
dieser mann« namens Mattnor, war jähre lang factotum auf dem 
gute und wurde oft zu dergleichen arbeiten, die geschick er- 
forderton, gebraucht; er starl> 1865 zu Buckow, also im pfarr- 
dorfe dos horrn pastors Pfitzner. dieser gibt auch ganz bettinnt 



NACHTRAG OBER DEN HEINERSDORFER STEIN 59 

ao dass Hecker die untere inschrift später ausgestemmt habe; 
da DUO an des Försters aussage, dass er Hecker bei der arbeit 
getroffen habe, füglich nicht gezweifelt werden kann, so scheint 
es dass des försters irrtum aus Heckers falschen aussagen her- 
rObrt 

Endlich scheint sich auch aufzuhellen, wer die inschrift ge- 
liefert hat. herr pastor Pfitzner teilte mir mit: gebildete per- 
sonen^ die mit der von Unruhischen familie seit langen jähren 
auf vertrautem fufs stehen , wissen dass der ehemalige besitzer 
der Nicolaischen buchhandlung zu Berlin, Veit mit namen, dem 
alten herrn von Unruh, mit dem er in briefwechsel stand, auf 
dessen wünsch die inschrift geschickt hat; dieselbe bedeute: 
Veit fecit, auf diese deutung habe ich schon Zs. 24, 462 anm. 
hingewiesen und was gegen dieselbe spricht angeführt ein mann 
namens Veit (oder ähnlich) hat, wie ich ermittelte, nie die Nico- 
bische buchhandlung besessen, wol aber hat es einen buch- 
händler Veit zu Berlin gegeben, der seiner zeit berühmt war. 
das geschäft desselben gieng — wenn ich recht berichtet bin 
1858 — in andere bände über und wurde später nach Leipzig 
verlegt, wo es noch jetzt unter der firma Veit & cie. besteht. 
Veit war ein vielseitig gebildeter mann, der akademische Studien 
(gescbicbte und philologie) gemacht hatte; er ist Verleger be- 
rahmter hebräischer werke (Zunz usw.) gewesen und war selbst 
Jude. Veit starb am 5 februar 1864 zu Berlin, wenn in der 
tat die inschrift von diesem buchhändler Veit herrührt, dann 
gewinnt die deutung derselben als hebräischer buchstaben eine 
sehr bedeutsame stütze. 

Tegernsee, den 22 juli 1880. ERNST HENRICI. 



BESCHREIBUNG 

EINER SEEREISE VON VENEDIG NACH 

BEIRUT IM JAHRE 1434. 

Die hs. Arundel 6, Plut. clxiii D, des British musetim, pa- 
pier folio, ist durchweg von einer hand des 15 jhs. zweispaltig 
geschrieen, der inhaü ist folgender: 



60 BESCHREIBUNG EINER SEEREISE 

1. Eine Übersetzung der goldenen huUe, foL V — 26^ 

2. Gedicht vom römischen reich. 

3. Hie hebt sich aon das puch geDaot prouinciale (enthält 
die bischofssitze etc. der Christenheit), fol. 29' — 40^ 

4. Hie hieben sich an die orden die der Romisch kunig 
Sigmund! hat lassen malen zu constintz in der kircheo 
zu den augustinern, foL 40' — 42'. 

5. Wie man den ablas vordienen soll, fol. 42' — 44'. 

6. Der applas von dem heyligenu grabe, fol. 44' — 48^ 

7. Vonn dem appias zw Bambergk, fol. 48' — 50'. 

8. Vonn dem applas zu Rom, fol. 50' — 53'. 

9. Eine seereise von Vetiedig nach Beirut vom jähre 1434 ; 
gleichzeitig datierung der hs. 1460, fol 53' — 58'. 

10. Chronik der kaiser. an fang: Hie hebet sich an die vor- 
rede vber die Cronicken der Romer die prüder Mertein 
ein penitencier vnd Caplan des pabsls hat geschrieboD, 
fol. 59'— 173'. 

11. Chronik der pähste bis Eugenius iv, fol. 174' — 241'. 

12. Trojanerkrieg des Guido de Columna in deutscher Über' 
Setzung, fol. 242'— 342'. 

Dahinter steht noch angefangen: Hie hebt s, aber die hs. bricht 
damit ab. 

Der codex ist dem Brit. mus. von Henry Howard^ in JYor- 
folk geschenkt u)orden. 

Ich teile im folgenden die oben genannte reise nach Beirut 
mit, welche kulturhistorisch besonders ititeressant ist. die abkUr- 
Zungen der hs. sind aufgelöst, falsche u)orttre7inungen berichtigt 
und die interpunction hinzugefügt, wo ich von dem text der hs. 
abzuweichen genötigt war, ist die lesart derselben stets in den an- 
merkungen angeführt, die letzteren sollen im übrigen nur dazu 
dienen, das Verständnis zu erleichtem, die vorkommenden italie- 
nischeti seemannsausdrücke habe ich nach bestem vermögen zu er- 
klären gesucht; aber es ist mir nicht gelungen, für alle eine be- 
friedigende erklärung zu finden, die absätze, welche sich im 
folgenden finden, sind der hs. eigen. 

Anno doniini millesimo quadringentesimo tricesimo quarto 
adi ^ octavo septembrio für ich von Venedig auß vber mer mit 

* Ks a die, a offenbar in romanücher bedeutung *■ tat, ad 



BESCHREIBUNG EINER SEEREISE 61 

Ueben gallein, der gingen vier geio Alexandria vnd vier gein 
Barotti vnd ein gein trypolim vnd ein gein iaffo, vnd ich für 
mit den vier gallein genn barutby. Do was Capitonio inischer*5 
lorenzo^ minio vnd patro^ mischcr luca dudo. auff der selben 
galleyn für icb, vnd darauff waren anderbalb bundert Ruderer 
TDod funfitzig scbutzen vnd ein Comita ^ der das scbiff regirt 
myi acbt seyner gesellen, die nacb den cartben vnd den Sternen 
fareo, vnd ein pedotta^ der das wasser mist niyt eynem pleylO 
an eyner langenn snur, das er weys alweg, wie tiff das wasser 
ist, oder wo er in dem mer ist; das vindt er do pey, vnd smirt 
das pley vnd lest binab, so klep der sandt vnten an dem pley. 
Do siebt er, ob es gryssig oder rotvar ist, Do pey er denn weys, 
Inn was gegent er denn ist; vnd eyner, der das scbiff wendtl5 
binden an dem Tbymon^, vnd ein gesworner patron, der das 
Schiffs wart, ob es icht pruck bat oder zu wenig oder zu vil 
geladen sey. vnd man hat eynenn prister, der spricht allnacbt 
«in Collecten^ vonn vnnser frauwen vnd eyne von sant peter, 
vnd lest alle suntag ein truckne mesß^ vnd gesegent das weycb-20 
wasser. mer so hat man eynen Schreiber, der beschreibt yder* 
man sein Ion vnd was man ein ledt vnd auß ledt Inn das schiff. 
Mer so hat man ii koch, die da kochen den berrn. vnnd mer 
man hat eynen Richtr vnd eynen pateP^^; wenn sie kumen In 
caw dehystria^^ am widerfarn, vnd wer den zu dem andern zu 25 
sprechen hat, der thut das vor dem Richtter, vnd so muß man 
ym thun ein genug oder sicherbeyt. warumb ist, die weyll sy 
auff dem mer sein? wann wen sie an das lant kumen. So ist 
all man frey. vnd mer man hat ii pusaunner vnd drey pfeyffer, 
vnd wen sie fam tzw eyner stat. So pfeyffen sye auff, und wen ao 
Man essen will zu morgens vnd zu nachts; Vnd so die nacht 

* hM. mischr', die stark %tuammenge%ogene form üt fr», Ursprungs, 
vgL Die% Etym, wb. i i. 383. in der Schweiz sa^te man früher misser 
siaU messire ' hs. loti'enzo ^ «a ital, il padrone > ital co- 

nrilo, hefehlshaber der ruderknechte auf den galeeren * pedoto, pe- 
doUo, pedotia «■ Steuermann ^ il timone =» Steuerruder * 'collecta, 
oratio, quam is qai clero vei monachis praeest, finito et expleto qoolibet 
canonico officio, velat omniam astantiam vota et preees in uoam colligens, 
publice et voce altiori recitat* (Du Gange) ss ital, coUetta, gebet, das 
in die messe eingelegt wird * i. Du Gange s, v. missa sicca 
'^ «■ itaL bidello, frz. bedeaa, sp, prov. bedel, mlat. bedellas 
" Capo d'Istria 



62 BESCHREIBUNG EINER SEEREISE 

her get. So pfcyffen sey, das sich die andern gallein darnach 
wissen zu richtteu. vnd ein scbalko ^\ das ist ein außgeber, 
der kaufft ein für die herschafft vnd wider rechet dem patron. 

35 vnd vier knecht, der koren zwen dem patron vnd zwen dem 
Capilani, vnd ein kon^ ^^. Also das ich rechent, das gesatzten 
vnd genant person au(T eyner galein müssen sein, das ytzlicber 
sein ampt hat, Bey drithalb hundert person, au kaufileut vnd 
an pilgram; der sint auch ofTt bey funfTtzig, also das ein galein 

40 fürt bey dreyhundert person ; vnd ein vyscher vnd ein smyd vnd 
eyn tzymmerman, eynu schuster, ein schnyder vnd ein barbir. 
Do dar nach schreyb ich, wie ein galein gestalt ist. So ist ein 
ygliche gallein grosser achtzig schryt langk vnd tzweintzig schryt 
weydt, vnd auff yder seyten In der galein sein xxv penck, do 

45 man auff rudert, vnd aufT yder benck drey Rudrer; vnd so sitzt 
vor yder penck ein schütz, vnd so hat ein galein vier lochr, 
do man hinab steigt. 

Daz erst loch oben an der galein, vnd do ligt der hern 
kleyder vnd trüben jnn. Das ander loch das heyst sentna ^\ 

50 das ist der keler, vnd do leylt wein, prot vnd fleysch vnd fysch 
jnnen. Vnd das drit loch heyst mania porta de schrina ^^ da 
ligt jnne allerley kaufTmanschaft, die sie allcnthalbin ^^ holen 
vnd hin vber bringen. Vnd das vierd loch heyst manla porta 
dei Sarthy ^ % do ligt jnnen seylcr vnnd segeltucher vnd oben 

55 in dem popen ^^ do sitzen dye herren vnd haben ein lebich ob 
jnn, das es nicht geregen mag aufT sy. vnd so sytzt der pe- 
dotta in dem keUn ^^ schifilein bey dem seyle, do er das wasser 

^ :s itaf, scaico, vorschneider , kiichenmeister *' ich finde 

keine befriedigende auflötung für dies wort, der haken hinter n 
dient sonst zur hezeichnung von er ^* itaL senlina, jetzt in der 

regel bezeichnung für den ort im schiffe, wohin aller unrat abßiefst, 
afrz, wird mit sentine, seDtaine auch ein kleines fischerboot bezeich- 
net, vgL Du Cange s. v. sentina. — heifst das erste loch etwu fon- 
tepuzzolo? vgl. anm. 80 *' manla ist wol ilal. manuglia «a tat 

roanülea, manucula, manticla, welches l) einen langen ärmel (Piauius), 
2) drücker, scheere in der katapulte (yHruvius) bezeichnet. Du Cange 
führt x^*^^^ ^^ <z//e glosse dazu auf. die lesung manla ist sicher, da 
gleich darauf mala geschrieben ist, — schrina = ital. scrigna, gewöhn- 
lich scrigno, Schub käsichen, c» lat. scnnium *^ hs. enihalin " ks. 
der Sarthy. das letztere ist plural zu il sarto c» Schneider '^ ital, 
poppa fem., port, span. popa >= puppis '^ »« dem bald folgenden 
kallein, also *galeere* 



BESCHREIBUNG EINER SEEREISE 63 

myt myst, vad so sitzt der Comitu aufT der trüben vorn am popen 
TDd sieht was not am tuch vnd ann seyiern sey vnd sieht aueh 
den Stern vnd die Carthen an, darnaeh er vert. vnd der vnter60 
patron Sitzt mytten in der kailein vnd sieht ob das sehyff woU 
geladen sey oder auff die seyten bang, vnd so sitzt der zym- 
merman vorn jn der proben ^^ vnd arbeyt wes not ist an den 
Rudern vnd an der gallein vnd der sehrina*^^ in dem loch, do 
alle kaufTmanschafTt jnnen* ligt. vnd so sitzt der keiner in dem ^2^5 
keller vnd der koeh vnd der schalko bey dem hert vnd des Ca- 
pitaners kneeht, der do hat der kleyder, sitzt vnden vntter 
dem popen, also das ein yder sein stat hat vnd weis, wo er 
sitzenn soll. 

Item so hat der mastpauro, der do gericht siet, an yder 70 
seyten funff seyler, die heist man le sarthe2^ die halten den 
paumen, das er steet^'^. vnd so hat der siegelpaum dreyerley 
tocber. Das erst heist man la wela^^ das thut man an, wenn 
ein sehlechter kleyn wint ist. Das ander tueh heyst man ter- 
tzerola '^ das thut man an, wenn das grosser wint ist, das man 75 
sorg batt, es zereys den paumen, wan das tueh tertzerola ist 
nicht alß groß vnnd vecht nicht als vil wintz als das ander. 
Das iiite tuch heyst papafigo ^^, das ist vierecket vnd ist thun ^^ 
vnd kurtz, vnd das thut man an, wen ein gross wint ist, das 
man sorgt, es preehen pet^^ Hawmen. vnd so sein am segell-80 
paum, der vber twereh ist, zwey seiler, die heyst man sc^te^^^, 
vnd das ander an der lincken seyten heyst lortza^^ vnd das ann 



** es gibt provenz. tpan. pori. proa, ital. prua = lat. prora, das 
»erderteil des schiffes. aber im ital. marit gibt es auch il provero, der 
Vorderruderer, und dieses settt eine form prova voraus; davon also unser 
woH '^ ks, schrioä '' hs, der dem '^ ital. le sarte, nur plur., 
seile, die den mast halten ^* hs, 8(et stect ** ital, la vela aa das 
segel *' ital, il terzeroolo, terzaruolo (zu il terzo der dritte) ist das 
stagsegel '^ ks, papasigo. es ist ital, pappafico, port. papaflgo, span, 
papahigo, das focksegel. Du Gange erklärt: Papafigo, vox Italica. Bern- 
kardi de Breydenbach Iter Hierosolym. pag. 243: *Unde maximus in galea 
ortiis fuit clamor invocaatiom Deum Sanctosque omnes et vota repromit- 
teotiam, oode et illud tunc expansum fuit velam, papafigo Italico serroone 
cognomiDatam , qaod non nisi in extreroo periculo et altimo exicio appo- 
nitar'. Naatis nostralibus papefif vel paquefic, maius velam mediani mali 

*' «• dünn '' BS beide, mastbaum und raa ^ plur, zu ital, 
losta ^ ruhe, stillstand, zu sostare hemmen ^* ital, Torza, das seil 



64 BESCHREIBUNG EINER SEEREISE 

der Rechten seyten heyst potza ^\ ynd das seyll, das am eck am 
segl herein get, das heyst kaynola^s, vud das hin auß geet 

85 am eck, das heyst mantikio^^. das klein seyll an dem Bawmen 
das heyst Außolo^^ vnnd mit dem selbenn seyll do ledt man 
alle spetzerey myt vnnd enttledt das dinnen ist vnd zeucht auch 
das teyll am tuch, das da heyst potza, aufT, \^'enn man nicht vast 
Mryll faren, vnd man zeucht leut daran auff, die sich verschulden, 

90 also das man dasselb mer nutz den der anndcrn keins. Item so 
dan die nacht her get, So stet der Comitu aufT vnd hebt an zu 
sprechen zw den lewten: ^Stct auff zu hören das gotz wert' 
So antwort ydr man: ^gepeut!' So spricht der Comitu diese 
hernach geschrieben antiphonen: ^Virgo mater ecclesiae^^ in terra 

95 porta gloriae ^^ Esto nobis refugium aput patrem et fliium.' So 
spricht seyn gesellen dy andern hernach : ^Virgo ^^ clemens rirgo 
pya, virgo dulcis o maria, Exaudi, Christe, omnes; ad te mariam 
confugimus.' So spricht der Comitu wieder: 'Gloriosa dei mater, 
cuius natus est ambitor, ora pro nobis bis omnibus, in te con- 

looßdimus.' So hebt an der priester vnd spricht versiculum: 'Dignare 
me laudare te, virgo sacrata.' Respondetur: ^Da michi virtutem 
contra hostes tuos.' Collecta: ^Omnipotens sempiterne deus, qui 
gloriose virginis matris marie corpus et animam^', vt digoum 
fylij tui habitaculum efQci mereretur^^ spiritu sancto cooperante 

105 praeparasti : da, vt eins commemoracione letamur, et eins pya 
inter^essione ab instantibus malis et a morte perpetua atque 
subytania lyberemur per Christum dominum' etc. Oremus^ ^Deus, 
qui sanctum petrum appostolum tuum super aquam ambulantem 
ad te^^ venire fecisti, Da et^^ famulis tuis super mare nauigantibus, 

HO in tuam misericordiam confidentibus, vt misericordia tua jubeat» 
ad X ystmata^i sine impedimento inColume [valeas] perueoire. 
Visita, quesumus, domine, galeam istam et omnes ynsidias^^ inimicj 

iinks an der raa, porL or^a (nur seemannsausdruck), die linke seile dei 
Schiffes, span. orza, frz. orse, ourse *cötc gaache da vaisseaa, cordage k 
l'exiremite gauche de la vergue, ilal, orza, prov. orsa, da moyeo ntolan- 
dais laris, bavarois lurz b== gauche* (Scheler Dict d'Hymol, franpaise) 

'' woher? die richtige form ist wol das mehrmals vorkommende 
portza ^ woher? '* vielleicht verschrieben oder dialectischf ital. 
maoico griff', handhabe ^^ woher? ^ hs. ecclesia, gloria, Vir 

" hs. anima '* ks. eflicime metur *• hs. atc *^ hs. vt 
*^ vor ystmata ist hoc durch unterstreichen getilgt, was bedeutet des 
wort? ** dahinter steht es durch puncte getilgt 



BESCHREIBUNG EINER SEEREISE 65 

ab ea longe repeile, angeli tui saocti babitent in ea, qui ^^ dos 
JQ pace castodiant ^S et benedictio tua sit super nos semper. 
deus, qui conünet muDdum, da nobis mare quietum et ventuinll5 
secundum; perducat dos ad portam ^^ salutis sioe jmpedimeDto et 
liberal nos ab omDi malo et de maDu iDimicorum Dostrorum. Tu 
es benedictus io secula seculorum, ameo. Noctem quietam et 
finem perpetuum coDcedat dos diuioa maiestas, pater et filius 
et Spiritus saDctus, ameu/ So mao diese gotz worter gesprocbeD 120 
hatt, 80 spricbt der Comitu, io welscb der CapytaDy^®: ^VDd der 
patron VDd die herD begero eyn guten nacht von eucb, vnd 
Rieht eur seyler vnd thut gute wart in dem proben, vnd ein 
selige nacht dem^^ tymon vnd dem der den tymon went.' vnd 
wen man diese wort gesprochen hat, Vnd so muß der gesellen 125 
eyner sitzen jn dem pope ob eynem puchßlein^^ vnd sieht an 
den Sternen vnd an dem puchslein, ob er recht var vnnd schreyt 
ymer dar: 4a santa via, la bona via', vnd vmber dar, das ist 
*ein beyliger guter weck', vert er aber vnrecht aufT die lincken 
seyten ^^ So spricht er : 'faporlza'. ^^ Vert er aber auf die Rech- 130 
ten seyten, So spricht er: 'fa lorcha'. ^^ vnd der selb geselle 
bat ein orglass an eynem arm, vnd do weys er wye vill or ist 
Tod wie vill or er vert. vnd der selbenn gesellen mues yder 
ein halbe nacht also sitzen ob dem puchslein, sunderlich ob man 
die nacht vert. 135 

Vnd so dar nymant Reden laudt noch singen laut, vnd 
ydennan muß still sein. Vnd eyner ob dem tymon vnd zwen 
voren in der gallein dye müssen sich vmbsehen, ob sey kein 
pergk sehen, oder ob sie icht veindt vernemen, vnd vier gesellen 
mytten, die da die lewt ann rulTen zu den saylern, also das man 140 
pey der nacht ghar ordenlich muß sein, vnd wenn das der lach 
her pricht, zwo orr vor, ^^ so weckt der Comitu die Rudrer auff 
zu Rudern, ob das der wint klein wer; vnd yder gesell musß 
ein halbe nacht sitzen ob dem puchßlein vnd eyn ob dem tymon. 
Item da hernach schreyb ich, in wie vill tagen wir dar kumen 145 

*^ Hm, quis, s durchgestrichen ** hs. custodiat ** /. portum? 

*• dh, womit man im welschen den capitän bezeichnet *' lis. 

des *•' dh. dem kompass. derselbe wurde 1302 von Flavio Gioja in 
seiner jetzigen gestalt erfunden *• vor seyten ist hant durch puncte 
getilgt ^ vgl. anm. 31 und 32 *' dh. zwei stunden vor tages- 

anbruch 

Z. F. D. A. neae folge XIII. 5 



66 BESCHREIBUNG EINER SEEREISE 

mit winde Tnd an wint ¥on Tenedig bis genn Banitti, vnd wie 
Till tagreys sindi, die man Tert mit winde etc. Item tod Te- 
nedig for wir gen pola. ^' Das ist zwey hundert meji, die für 
ich in iij tag ann wint myt der nachL wen nicht wint ist. So 

150 Tert man die nacht auch myt Rudern, aber nicht g^ntz, man 
leyt oflt in pergenn ^^ still, item von pola piß geenn Zara ^^ 
ist drey hundert meyll, die für ich in dreyen tagen Tnd ein- 
halben. Do kaufft wir speys, Tnd zwischen pola Tnd zara Vnnd 
ist ein perg ^\ der heyst golffo de pola. auff dem perg besucht 

155 man dye Ruderer Tnd die schützen Tnd die gesellen; ob eyner 
entrinn, so schreyb der gein Venedig dem signor denotte^^ das 
er schiebt schergen in der stat. wo man den sehe ein solche 
gestalt Tnd solche cleyder. So solt man in Tahen nnb das gelt^ 
Tnnd darnach so schlug mao in myt geyselen von sandt marxs 

160 biß an den Rygal,^^ Tnd muß dennoch das gelt wider geben» 
das man^* ym geben bat too der galleyn etc. Item Ton Zan 
gein kurfu ist dreybundert meyU ^nd man Tert sy mit windt in 
zweyen tagen myt der nacht. Tnd darzwischen leyt ein slat die 
heyst Agonis^S die selb stat leyt An dem windischen gepirg 

165 Tud ist Tntter dem keyser, vnd vou dannen kumen die korallen 
die reser^d, die grebt man jo dem selben gepirge, vnd do selb 
stest das Tngrisch lant ann. Item von kurfu ^^ gen modon ist 
vierhundert meyll, vnnd man vert sie mit windt in dreyen tagen 
myt der nacht. Aber myt Rudern kumen sie kaum jn tzehen 

170 tagen myt der nacht halt. Item von modon gen Coron ist vier 
hundert meyll, ^^ vnd man vert sie mit windt, als ob geschrieben 
-steet 

Item von Coron genn Rodes^'- ist dreybundert meyll, vnd 

u pola^ fetiung an der tüdspitze Jstriens ^^ von bergen abzuleiteH, 
also hafcn ^ in Dalmatien '* personenname? nach der scheint 
etwas zu fehlen *• Ponte Rialto am Canale grande zu FenedigT 
^^ man fehlt in der ht. ^ welche Stadt ist dies? sie muss etwa in 
Montenegro liegen; ich habe an Czernagorzen gedacht »• mir un- 

verständlich, die hs, bietet es deutlich ^^ vor kurfu steht noch: modon 
gen Goren, aber durch puncte getilgt '* Modon an der südwestspitze 
der Peloponnes, Coron genau fünf meilen davon am meerbusen von Coron. 
hier muss notwendiger weise ein irrtum vorliegen, ich vermute, es ist 
etwas ausgefallen, und zwar erst die entfemung von Modon nach CaroHy 
und dann eine andere Station auf dem wege nach Rhodus, etwa auf 
Creta: die entfernung würde dann stimmen ** Modus 



BESCHREIBUNG EINER SEEREISE 67 

die selb stat ist kriesch vnd ist frey vnd wooenn die teutscbenn 
berren dar jmien, vod die streyten all tag wider die beyden auffl75 
dem Wasser. Vnd ist zu mercken, das die gallein Stiegen newr 
in fanff steten ab mugen werffen ^^ das ist pola vnd kurfu, 
HodoD, Coron vnd Rodes, vnd do man menigklicber zw vert den 
zu deo andern. 

Item von Rodes ist biss gen barutti^^ funflhundert meylll80 
grosser, vnd man vert sy myt windt redtlicben jn ^^ dreyen tagen. 
vnd es ist zu mercken, so man gen Barutto kumpt, So muß man 
eynenn poten^^ baben von dem soldan zu geleyt, das yderman 
frey in das ertricb mag geen. vnd so schiebt man aucb gein 
damasco eynen potenn von der venediger wegen gein dem Con- 185 
sulo, das ist vntter der venediger gewerb <^7. vnd so baben die 
▼enediger ein geselz, das man nicbtt lenger dar zu Baruto sein 
dann dreyssig tag, sy laden oder laden nicbt. Vnd welcbe ga- 
lein vert pey der ^^ für den Capitany, der ist verfallen. Damacb 
in der Capitany der berscbafft^^ furgipt. oder welbe galein vert 190 
ee zw eyner stat denn der capytany, der ist aucb verfallenn. 
oder welcbe Galein ver zu eyner stat, do der Capitany nicbt 
vert, der ist aucb verfallen, vnnd wen sie wieder farn, so varn 
sie zu keyner stat zw, es wer dann not von speyss oder von 
der armen lewt wegen, die dar aulT sein Ruderer. Summa vonn 195 
Venedig bis genn Barutto ist zweytausent zweyhundert meyl 
wekcfaer. vnd wenn man die specerey lett, so tregt man alle 
specerey für das tor an dass wasser, vnnd wen man auß tregt. 
So ist eyner von des Soldans wegenn vnd bat ein boU eysenn, 
das vor spitzig ist, vnd do myt stick er jnn die seck, das er 200 
will wissenn, was specerey mau bin aus für, das man nicbt 
ander dingk furre, dan das sie kauflen. So ist zw wissen, das' 
man eym yglicbem Ruderer zw solt gipt eynn monadt gemeinigk- 
licben drey ducaten, etlichen mer, darnach eyner stercker vnd 
redlicher ist; Wann vill alter lewt daraulT seint, dy da Rudren.205 
So gipt man eynem schützen vier ducaten, vnd ist zu mercken, 

^ stiegen abwerfen bedeutet hier: die landungstreppe auf das land 
setzen, vor anker gehen •* Beirut, der hafenplatz für die grofse 

karawanenttrafse, welche ans Persien über Damascus führt •• Äi. jm 

•• soldan ist vor poten durch puncte getilgt '^ dh. die f^enediger 
treiben handel dahin "• verderbt •• hinter herschafft ist vorgeben durch 
puneie getilgt das erstere bedeutet hier: Obrigkeit 

5* 



68 BESCHREIBUNG EINER SEEREISE 

das man ino essen vnnd trincken nicht gipt, Sundern man gipt 
yr ydem vj votz protz ^<^ Tber den andern tag, vnd das wigt 
man bey dem gewicht , vnd das prot ist zwyrnt gepacken vnd 

210heyst piscbotto'S also das es woll dreyssig oder vyrtzig iar alt 
wirt Item die her nach geschrieben amptleuten, den gipt man 
essen vnd trincken zu yrem soldu Item aufT eyoes Capytanyen 
gallein müssen sein vier schützen, die müssen sein von gente- 
lomen '^ aus Venedig, den gipt man Ir ydem ein monadt x du- 

215caten zu soldt, vnd die selben gentelomen müssen den Capita- 
nyer bewarn, vnd was er sie heyst, das müssen sie bey leyb vnd 
bey gut thun, oder er pringt sy vor der herschafft vmm das 
geltf das sie gebnn müssen. 

Item so gipt man dem Comitu ein gedingt gelt, sy faren 

220lanck oder kurtz, das gelt gab man dem Comitu auff der vor- 
geschrieben galeiu, was dreyssig ducaten ein auszyhen. ^^ Item 
so gipt man dem pedotta, Das ist der, der das wasser mist, so 
sy zu lande ^^ faren '^ wollen, ein monet"^ ein guldenn. 

Item so gipt man dem patron zu Radon '\ das ist der 

225gesworn patron, der dye gallein versieht myt laden vnd ent- 
laden, fl.'S 

Item so gipt man dem schreyber, der alle dingk verscfareykt, 
ein 11. 

Item So gipt man dem koch, der denn herrn besunder kocht, fl* 

230 Item So gipt man dem vntter koch fl zwen ducaten vnd 
essen vnd drincken all monedt. 

Item so gipt man dem schalcko, das ist dem außgeber auff 
der Galein fl. iii ducaten, essen vnd trincken vnd ein stat in 
der gallein, do er etwas hinleg vonn kaufl'manschaffL 

235 Item so gipt man dem keiner fl. 

Item "^^ so gipt man dem fontepuzoU ^^ zwen ducaten, das 
ist, der der herren kleyder Innen helt vnd bewart. 

'® unze hier ein gröfteres gewicht *" = ilaL biscotto -■ biseuitj 
hier schiffszuneback ^^ ilaL il geotiiaomo der edelmann "** ü» 

stelle ist offenbar verdorben; es hat wol gestanden: das gelt, das man 
gab. — ein auszyhen ist eine seereise ''* ror lande ist lät durch puncie 
getilgt ^^ faren zweimal , das erste mal durch puncte getilgt 

'® = für einen monat " was heifst dies? '• es fehlt die angäbe 
der summe hier und öfters '** hs. Ite ^ ich kann keine auskunft 
über das wort geben; puzzolo wäre tat, puteolus; vielleicht nannie 
man so die kleiderbehälter auf den schiffen 



BESCHREIBUNG EINER SEEREISE 69 

Item So gipt man des Capitani vnd patrons knecht fl. 2. 
ducaten vnd ein ducaten, darnach als sie redlich sindt. 

Item So ist zw wissenn, das man den vorgeschriebenn ampt-240 
leoten gipt mer dann anndern^^ lewten, wan der schrina^^ 
keiner, koch, schalcko vnd patron sein schützen gleich als woU 
als die andern; wie sie nicht helfenn die seyler richtenn. So 
thon Si doch nottigers dan daß selb, wann scholt man zu den 
selben ampleuten schützen dingen, so betten sie zw eng. vnnd245 
ein yder schntz mues selber habenn ein armprost, pfeyll vnd ein 
platen, das ist er alles gepunten. 

Item So hat ein gallein newr ein hert, do man auff kocht, 
vnd aaff dem selben hert kochen woll bey hundert pcnrson das 
essenn, vnd der hert ist kaum eyner claftern lanck vnd breyt,250 
aber esß ist zu mercken, das ye vier oder funff Ruderer vnd 
schützen essen miteinander aus eynem hauen, wann solt yder 
kochenn, so wer es der hert zu klein, wann man ^^ kocht den 
herren besundere darauff vnd brett auch darauff. 

Item ann demselbenn hert ist ein huner korpf, der stet 255 
gein merwartz. Do hat man albeg ein hennen oder virtzig vnd 
Copawn. ob das sach wer, das der wint so lang weret, das sie 
nicht zu lande mochttenn vnd das sie nicht frisch fleysch moch- 
ten kauffen, So essen dan die herren dieselbenn huner, das sie 
doch nicht fleysch mangelten, vnnd auch desgleichen myt vi- 260 
schenn; wan sie nicht frysch fisch gehabenn mugen. So habenn 
sie ein gesaltzt visch, heyschen Tumy, die recht man gern a 
pola Bey dem schola ^*. vnd man tar aulT dem hert nicht kochen 
wen grosser windt ist von fewrs wegen, vnd man muß das fewr 
gar woll bewarn des nachts, das icht schaden geschehe. 265 

Item So ist zu barutto ein kleynes keppellein, do lisst man 
denn cristen messe Innen. Do hat sandt Jörg der ritter jnnen 
gewont. vnd da pey ist ein steynen pruck myt eynem swipogen, 
Do erstach sandt Jörg den lindwurm, vnd durch dieselb prucken 
do flewßt ein suess wasser in das mer, vnd ist ein vnterscheidt270 
in dem mer, das man woll sieht, wo das suess wasser an das 
mer stozt, vnnd rint doch ineinander, vnd die kirch ist alle 
zostort, vnd man mueß heymlich meß lesen von der heyden 
wegen. 

•* hs. ann •* hs. schrinam •' fehlt in der hs. ^* a pola = in 
der Stadt Pola; was bedeutet recht und was ist der schola? 



70 BESCHREIBUNG EINER SEEREISE 

275 liem so maD dann die specerey hat gekauin zu damasco. 
So ledt man dieselben specerey auff kemelteren vnd sendt oft 
bey viertzig oder bey funffUig, die miteinander genn durch das 
gepirg, vnd ein knecht damit« vnd das selbig thier mag gar wol 
geleyden hunger vnd durst, vnd ist gar groß, lanckhekig vnd 

290arbeyt gar vast. vnnd wen sie kumen an die stat, do man sy 
ab ladenn will, So kan man sie nit derreichen, vnd so thut 
der knecht den tyren ein zeichen myt dem mund, vnd von stundt 
an So legt es sich nyder; So let man sy dan abe. vnd das 
thyr ist auch gar gern prot, wann man nicht alweg futr furenn 

2S5mag, das sy essenn, vnnd yst oft vngessenn vnd onn trincken 
woll^^ drey tag. 

Item so belt man kemellthir, die gar palt lauffenn, do man 
botschafft darauff schiebt, vnd das selb thyr ysset nicht anders 
denn prot, vnd wenn man ein heyden auß schiebt in botschaOt, 

2iM So hat er alleweg ein prot oder vier vnd ein legelein myt zucker- 
Wasser, vnd wenn err Reyt, So schneyt er das prot zw pysse- 
lenn, vnd wen das tyer hungere, so went es den hals hinumb 
zu dem heyden vnd gucgt aulT. So wurft er dann dy pißlein 
des protz eines nach dem anndern hinein, vnd ruet nicht vnd 

295 laufft offt dreyssig oder viertzig meyll wellischer in eym tage. ^^ 

Finitum et completum per me Johannem Schumann de 
lutzenburg anno domini millesimo quadringentesimo sexagesimo 
feria secunda post exaltatioois ^' sancte crucis. 

•• vor woll steht in der hs. noch: woll trincken •• räum für 

3 Zeilen^ danach die notiz des Schreibers, unter derselben rot: 

e 

e e 

seh 
*' hs, exuitationis 

Berlin, den 6 februar 1S80. ERNST HENRICI. 



SPRUCH VOM RÖMISCHEN REICH 71 



SPRUCH VOM RÖMISCHEN REICH AUS DEM 

JAHRE 1422. 

/m folgenden teih ich aus der oben s. 60 heschrtebeneti 
foliohs. Arundel 6 des British mnseum ein gedieht mit, das eigent- 
lich auf diese hezeichming keinen anspruch erheben kann, denn es 
ist nur von historischem interesse, der text wurde genau nach 
der hs. gegeben, doch sind die wenigen eompendien derselben auf- 
gelöst, falsche Worttrennungen berichtigt und die interpunction hin- 
zugefügt, mehrere stellen verstehe ich nicht. 

In dem spruch vindt man war auff^ das Römisch reich 
Im anfang gesetzt sey VDd wie das her komen sey. 

GEystliche ertzuodung warer mynnenD, 

Got herr, tzundt an das flammen prinnen 

GemeingkUch für alle cristenheyt. 

Was ich vor ye han geseyt, 
5 Das ist alles gewesen ein schimpff. 

Ich furcht erst grossen vngelimpfif, 

Der vnter den hossen will aulT stan, 

Als ich Tor olTt gemeldet hann, 

Das man die seck^ pillich het deutten, 
10 Die cristen glauben also scheutten 

Und leyder reichen n thut als weyt. 

Ir secht waran es ytzundt leyt, 

Das woldt ich yezü ertzelen. 

Hort zu vnd lat her prellen. 
15 Zw den tzeiten do Octauianus 

Reichßnet der erst augustus, 

Dem rufft lucas auß seyen^ teytell 

In seynem andern Capitell: 

Exijt edictum, 
20 Er wolt wissenn zale vnd sum, 

Das menigklich in der werlt wurd tzelt. 

Wer sich ytzunt des gleichen stell 

* aaff war hs., durch zeichen umgettelU ' /. seckl ; der sinn der 
zeile ist mir Jedoch unklar ^ L sey Den 



72 SPRUCH VOM RÖMISCHEN REICH 

Vnnd sieb auss> augustus oennet 

Vnd bey dem oame oicbt erkennet, 
2S Wie der name sey komen ber, 

Dammb merck meyne wort vnd 1er: 

Er beist ein merer alletzeyt 

Denn namen man eynem keyser geyt 

Vnd recbtenn kuniglichen scball; 
dO Also nennet man die nocb all 

Biß nocb beut auff diesen tag. 

Das nymant nicht wol gewissen mag, 

Wie lang sie beleybenn der keysertbum 

Denn Romiscben forsten zu Rom. 
35 Nacb cristi gepurt dreybundert iar 

Und Eylfer mer, das wisset für war, 

Damacb wurden sie verscbaltten, 

Das sie nicbt mer sollten waltten 

Eyner keyserlicbenn wall. 
40 Das gescbacb durcb suntlicb vall. 

Merkt, yr furstenn, diesen coppell^ 

Der wonet genn Constantinopeil 

Gleicb als man ein kunig erweit. 

Als eucb bernacb wirt ertzelt, 
45 Wie das du belyben sey 

Das die furstenn bestanden dapey 

Der wall, ob das ymant wundertt, 

Zweyntzig iar Tnd aucb sechshundert 

Ist belieben in der teutschen bant. 
50 teutsch zunge, piß gemant. 

Das dir die ere nicbt werde entzogen! 

Suntllche boffart wurden betrogenn 

Romer vnd aucb die kriechenn. 

Secbt wie der gelaub ytzundt begynt siechen, 
55 Dartzu Cristenlich gepott. 

Ert noch den almechltigen got, 

Vnd tret nicbt von der kur, 

Demmet den ketzerlicben schawer 

Vnd secht an gottes bantgethatt; 

' /. auch * die construction dieser und der folgenden seilen ist 
unklar 



SPRUCH VOM RÖMISCHEN REICH 73 

60 Laß^ hocbfart vnd neyt, das ist meyn rat, 

So wirt auch nicht entzogen das. 

Als ich in eyner Cronick laß, 

Wie lublich begabt sie teutscbe zunge, 

Der grünt vnd der vrsprunge 
65 Will ich ertzelen, ob ich kann. 

Hyt denn kurfursten heb ich ann, 

Der siebend^ sindt, die ich kenne. 

Drey ertzpischoff, die ich nenne: 

Heintz, cOlen vnd darzu Trier, 
70 Als keyser karell das geuiell, 

Die gewalt suUenn habnn in der cantzley 

(Ir teutschen, merckt diese krey), 

Doch vgUcher in seyner prouintz. 

Noch sind mer redlicher printz, 
75 Die macht nach keyserUchen stat: 

Sachsen das marschalckamptte in hat. 

Der truckseß ist pfaltzgraue pey Rein, 

Der von brandenburgk soll kamerer sein. 

Denn vierdenn nennen ich euch^ sueß: 
80 Kunig pinterna-^ boheymus. 

Welenn ein den man krönen soll. 

Wer inn darzu tut gcuallen wol: 

Das beyst ein kunig der Romisch kronn, 

Den sollen wir pillich haltten schonn 
85 Hit aller vnnser gehorsame. 

Altzeit Augustus ist sein name; 

Doch das er sey teutscber zungen, 

Sust menigklich ist der wal verdrungen. 

Er soll sein streng, gerecht vnd frum, 
90 an ^ geuerde gleicher scbirmung, 

Vnd setzen die cristenheyt in frydt. 

Des sullenn ym gehollTenn sein seyne gleder<^. 

Die dem reich do sind gewant, 

Die myr ertzeygent^ sindt bekant, 
95 DaraufT des reichs gruod ist gesetzt, 

' /. Lasst 2 /. sieben ' ks, euch ich, durch zeichen umgestellt 
* mir unklar, vielleicht verdorben aus Pincerna kunig^ * vor an ist Alle 
durch flehen getilgt • der reim erfordert glid ' versiehe ich nicht 



74 SPRUCH VOM RÖMISCHEN REICH 

Die sehen wie man ytzundt letzt 

Das reich der heyligenn cristenheyt. 

Das solt von denn haben gelayt, 

Wann teutsche zunge ist dartzu gestifft, 
100 Das die andern zungenn vbertrifl 

Hyt fursten grauen freyen, 

Die ich altzeyt will bekreyen 

Vnd hie ertzelen wer die sint: 

Pfaltzgraue pey reyn eins fursten kindt, 
105 Luttringen vnd dartzu braunstzweyg, 

Swaben nach Ritterlicher eyle 

Das sind des reichs vier hertzogen. 

Vier marggraue vnbetrogen: 

Brandenburg vnd auch meychsen, 
HO Merhern sich^ man auch gleyssenn; 

Der wirdt^ marggraue von lottringen. 

Nu sieht man her dringenn 

Wier* lantgrauen mjt grosser wirdt: 

Von doringen, hessen myt gezirde, 
115 Der uon leuchttenberg mit erschein 

Vnd der in elsaß zu eßeßheym. 

Also sint ir noch woU vier 

Vnnd vier burggrauenn nennt man myr: 

Meydburgk vnd nureinbergk, 
lao Reyneck^ vnd dortzu strumbergk. 

Noch sindl vier grauen bey dem reich: 

Von klefT vnd Swartzpurck bede gleich, 

Von lunpurck vnd von Tusiß, 

Westerburg "^ ich dartzu myß, 
125 Der wiordt*^ ist voun allewalden. 

Vier Rittor thut man haltten: 

Der ein ist von andlau *, 

Von stnmdeck den ken ich schon. 

Der drit ist von roeldingen« 
130 Prawenburg* sieht man dringen. 

* L Mcht * L xxttAi ' /. Vier * mntreit tier wutnämng äes 
Hht4^ in den IMenttt * 4inf arm U esterwafä^ im der «Aeii grmf' 
sdkätft Leinfn^n « 99 e t t m r^ mr f: * L \\ttdx * im Vnier-Eismss, krtig 
Sthleitt^dt ^hi e$ .iniimt^ Fnmenhmr^ mm frist'ken kmf 



SPRUCH VOM RÖMISCHEN REICH 75 

Vier stet: der erst heyst Cesaris, 

Augspurck nennt man sie ytzunt gewiß, 

Hentz, ach, Ittbegk. 

Vier dorffer banner ich auff steck: 
135 Bambergk vnd sletstat, 

Vlme, hagenaw dartzu wat. ^ 

Mer vier des reichs gepauwern: 

Colnn« Regenßpurgk an trauren, 

Constantz vnd Saltzpurg ich auff raytz, 
140 Das sindt vier mechtig paurn myt witz; 

Der grünt soll das reich auch haltten. 

Nu ist der glaub leyder gespaltenn, 

Das dem reich grossen schadenn pringt, 

Die keytzerey myt dem glauben ringt 
145 Wider gollich ere vnd wirdt, 

So ist Ordnung vnd gezirdt, 

Das man doch pillich wenden thut. 

Ir stoltzen Fürsten woU gemut, 

Gedenck^ an alle ewern stat, 
150 Handelt die sach nach weysen rat, 

Doch das die ketzer wem vertrieben; 

Secht ann wie lang seyt yr belieben, 

Das yr seyt der höchst senat, 

Wann keysers wall von euch zu gat, 
155 Das doch ein grosse wirdt heyst. 

Darumb, yr teutschen, seyt gereytz. 

Das yr waren l.ben .ilf^ 

Kumpt trostlich ytzundt zu hilff. 

So rat ich das, keyser Sigmundt, 
160 Habe die fursten lieb auß rechttem grundt. 

Wann sie vonn bebstlichen wesen 

Besunder hat auß gelesen , 

Kuniglich krön, darnach solttu dich betrachtten 

Vnd nach hilff der teutschen achten, 
165 Die man dir freuntlich teylt hat myt. 

Heb an, flehe, gepewt vnd pit. 

Tu auff den schätz, silber vnd golt, 

^ /. Tat ' /. Gedenckt ^ an der stelle der puncte je ein 

kucKstabe undeutlich; vor ilf scheint b zu stehen; unverständlich 



76 SPRUCH VOM RÖMISCHEN REICH 

Vnd gib der Ritterschaft iren solt. 
Auch sprich deon fursten gutlich zu« 

170 Damit die cristenheyt kumpt wider in rw 
Durch der fursten hilff vnd crafft, 
Vmb cHstenliche Ritterschafft 
Vnd auch vmb manig lebendig schar. 
Der die herolt nement war. 

175 Der was an tzall vnd vbenill. 
Der Wappen ich blaßmyrn will. 
Als ydem seynem stat do zymmet 
Hann ich getrachttet vnd gestympt 
Nach der rechtten visiment 

180 Durch fursten vnnd auch ander gent. 
Von golde, siibervarb vnd gestein 
Verwapent adenlich vnd reyn: 
Der schar daucbt ich mich^ gemeyt. 
Nu will ich sagen vnderscheyt 

185 Der Wappen ein teyll, ob ich kann, 
Wie cleydet was maniger stoltzer man. 
Hundert tausent man do sach, 
Als mir manig herolt das vergach, 
Auff das mag sprechen ich, 

190 Ains dem andern was nicht gleich. 
Als do man schylt vnd heim verpant, 
Vil manig tyer ich do bekant 
Bede 2 tzam vnd dartzu wildt, 
Auf pirg, gestreuß vnd auff geuildt 

195 In Sprüngen, gengen ich sie vand 
In spur, in pellen vnd in Rampand. 
Ir was auch manges gepochen 
In last vnd auch auff getzogen ; 
Ein teyl stunden in schonn in stagk, 

200 Ains das stundt, etlichs das lach. 
Zeltten, trabn, Esell vnnd mauU; 
Geturnet, gepfert, gerste vnd sewU; 
Vnd manig schilt gewolkenyrt, 
Vme geben vnd gestagnyrt, 

^ micht hs. ' Bedem hs. 



SPRUCH VOM RÖMISCHEN REICH 77 

205 Schilt kucben vnd auch das roch. 

Schilt iD schilt sach man auch, 

Vnnd manger schilt durch plencket 

Swer ploß in pundt geschrencket ^ 

Vnd manig wappen das nicht wirt ertzelt, 
210 Domyt gewappent was manig helt; 

Also was beheym walt durch strewt, 

Des sich manig hertz vnd mut erfrewet. 

Die schar, die man da thut sehenn, 

Als myr die herolt des verjehenn, 
215 Do was grosser gewalt vnd vbermacht;^ 

Wie sich das biß her hat gesacht, 

Das will ich nu zu mall vertragenn 

Und von der sach nichts mer sagenn 

Doch die rede, die ich denn fursten ^ 
220 Die soll damit haben ein ennde. 

Die stuck verkündet offenbar 

Do man tzalt viertzenhundert iar 

Vnd zweyvndtzentzig iar da pey. 

^ die UUten Zeilen sind mir unklar * in der hä, steht macht in 
der folgenden zeile ' die stelle ist wol verderbt; es scheint ein vers 
SU fehlen, auch am ende mangelt vielleicht einer 

BerUn, den 6 april 1880. ERNST HENRICI. 



NIBELÜNGENHANDSCHRIFT U. 

Durch die gUte meines freundes Alfred Heinrich, gymnasial'' 
lekrers in Cilli, erhielt ich die möglichkeit, das folgende bruchstUck 
einer neuen Nibelungenhandschrift zu veröffentlichen. 

Das pergamentblatt befindet sich im besitze des herm Planer, 
kaufmanns in Innsbruck, der es zufällig in einem bilde, in wel- 
chem es <üs hinteres deckblatt verwendet war, auffand; es ist in 
klein-quart und stammt aus dem 13 jh. ursprünglich war es ein 
doppelblatt, wie der über den mittelbug, in welchem sich 5 löcher 
zur aufnähme des fadens befinden, hinausreichende teil des weg- 
geschnittenen gegenblaltes zeigt, an den vier ecken des blattes be- 
finden sich löcher, die vom durchschlagen der nägel herrühren, 
wie sich aus den umgebenden rostflecken ergibt. 



78 NIBELUNGENHANDSCHRIFT U 

Auf jeder seite befinden sich 28 zeikn je einen langten ent- 
häutend, jede zeile beginnt mit einem gröfsem, rot durchstrichenen 
bnchstaben; die strophenanfdnge sind durch rote tmtialen, wekhe 
nach ausweis der Urnen vorgeschriebenen kleinen buchstaben später 
gemalt sind, gekennzeichnet, die schrift ist deutlich und reget- 
mäfsig, nur die letzte zeile der ersten seite hat durch abschaben 
erheblicher gelitten; der text schliefst sich im ganzen enge an den 
von C an. 

Ich lasse den diplomatisdi genauen abdruck folgen. 

Seite I. 

1212,3 ^zwi? sold ich mine vienden lan so michel gvt 

ich weiz wol waz div vrowe mit dem schätze getvt 

1213 VD prehten si in hintz den hivnen ich wil gelvben daz 
er wrde doch zerteilet niht wan ?f mioS haz 

si habent vch niht d^ rofTe die in solden tragen, 
in wil behalten hagene daz sol man chrimhilde sags 

1214 do si v^nam div mere do wart ir grime leit 
ez wart vch den chvngen allen drien geseit 

si woldenz g'ne wenden do des niht geschach 
Rudeg^ der edele dar zv herlich sp'ch 

1215 vil richiv chvneginne zwiv chlaget ir daz golt 
iv i(l d^ chvnich etzel in d' maze holt 
gesehent ivch siniv vgen er git iv also vil 

daz irz zerteilet nimmer def ich iv seide fwere wil. 

1216 do fp'ch div chvneginne vil edel Rvdeger 

ez gewan nie chvneges tohter die richeit mer. 

denne d^ mich hagene ane hat getan. 

da chom d' (tarche Gernot hin zv d' chemenate gega 

1217 mit gewalt des chvneges fluzel ftiez er an die tvr 
golt daz chrimhilte reichte er h^tr. 

ze driezech tvfent marchen od^ dennoch paz 
hiez er nemS die geste lip was Gvnther daz 

1218 do sp'ch vö pechlaren d' Gotelinden man 
ob ez min vrowe allez mohte han. 

swaz sin ie wart gefvret vö nibelvnge lant 

sin gervret nim^ marche min noch d^ chvnegine hant 

^ HolUmann 1295. ßarUch 1*272. 



NIBELUNGENHANDSCHRIFT U 79 

1219 Lat ez nemen vrowe fw' ez g^oe haben wil 
ich praht vz minem lande des minen also vil 

Seite II. 

daz wir (in vf d^ Ilraze haben gvten rat 

vn vnfer chofte hinne mit vollen hMichen flat 

1220 da vor l aller wile erfvUet wrden zwelf fchrin 
des aller peilen goldes daz I d^ werke mohte fin 
heten noch ir maide daz fvrt man vG dan 

mit der chvneginne daz and^ mvfte fi da lan. 

1221 gewalt des vbelen hagenen d^ dvhte Fi zeftarch 
si het ir opfer goldes noch wol tvfent march 
daz teilte fi d^ feie irf vil libeu man. 

daz dvhte Rvdeger T vil grozen triwen getan. 

1222 do sp*ch div vrowe chrimhilt wa nv frivnde min 
die durch eilende ze hivne wellen fin 

vn mit mir fulen rieten i etzelen lant 

die nemS golt daz mine vü chvfTen rolT vn vch gewät 

1223 des antwrt ir fchlre d^ marchrave ekkewart. 
sit ich iwer geflnde ie vu erste wart. 

so entw*ich ich iv nie triwen sp*ch d' chfne degen 
\ü wil iv imm^ dfoS die wile wir bseide geleben. 

1224 ich wil vch mit mir fvren hvndert min^ man. 
d' ich iv zedienste wol mit triwen gan. 

wir fin vngefchseiden ez tv denn d' tot. 

d' rede neig im chrimhilt do irz d^ helt fo wol erbot 

1225 do zoch man die more fi wolden varen dan. 
do wart vil michel wseine vo vrivnden getan 
vrow vte div gvte vn manich fchone meit 

die erzaigten daz in were nach d^ chvneginne laeit 

1226 hvndert fchoner maide div vrowe mit ir nam 
die wrdet fo gechlaidet. als in daz wol gezam. 

1220, 4 über tl von mvde ist ein querttrich 1221, 2 dat o iiber 
T in tvCent ist mit roter färbe nachgetragen 1223,4 geleben] ge aus 
b« eorr, 1224, 4 über neig ein kleines a, nach im zwei buchstaben, 
fon denen der letzte gewis t war, wegradiert 

Graz, am 4 august 18S0. DR FERDINAND KHULL. 



80 JEROSCHINFRAGMENTE 



JEROSCHINFRAGMENTE. 

Im kreisarchive zu Amberg befioden sich 5 halbe, Tor jähren 
▼OD acten, in welche sie miteiogebuDdeD waren, losgetrennte 
pergamentblL, von denen zwei dermafsen zerschnitten sind, dass 
nur mehr versreste gelesen werden können, ursprünglich be- 
fasste jede (quart-)seite zwei columnen zu 32 Zeilen aus der 
Deutschordenschronik des NvJeroschin. auf der Torderseite des 
ersten blattes befinden sich ?. 2092 — 2123 sowie die anfangs- 
buchstaben der w. 2124 — 2153 (citiert nach Strehlkes ausgäbe 
im 1 bände der Scriptores rerum Prussicarum), auf der rQck- 
seite T. 2186—2217. bl. 2 enthalt vorn v. 10449—10478, rück- 
wärts 10538 — 10569, das zerschnittene dritte bl. auf der Torder- 
seite T. 22921 — 22950 ohne die anfange der Zeilen (auch die 
Überschrift nach 22939 ist nicht vorhanden); die rflckseite, auf 
welcher 23015 — 23046 standen, jedoch mit fehlenden versenden, 
ist völlig abgerieben, die Vorderseite von bl. 4 bietet die vv. 
25051—25078 und die anfangsbuchsUben von 25079—25110, 
die rückseite die Schlüsse der vv. 25111 — 25142 und die voll- 
ständigen Zeilen 25143 — 25173. ähnlich wie das dritte hl. ist 
auch das fünfte zerschnitten; es ergänzt das vierte, indem es 
vorne die reste von 25079 — 25110, rückwärts die anfange von 
25111—25142 enthält. 

Im allgemeinen stimmen die bruchstücke, orthographische 
differenzen abgerechnet (wie yn statt in, her statt er, cü statt 
zit, vries statt vriez, irging statt irginc usw.), mit Strehlkes texte 
überein. nur folgende abweichungen wären zu bemerken: 2101 
sam für ah. 2215 nicht e yntet für nicht intet. 10562 Er 
sprach ist daz wir ah für er sprach: 'Ich rate, daz u>ir ab, die 
rote Überschrift nach v. 25057 lautet: mit nun vnd zwencig 
brudrefi vnd mit gar vil volkis (brndren nnde vil volkis Strehlke). 
25158 vugir für vuer. 25159 vngehugir für vngehuer. 25165 
blik für pflic. 

HANS NIGG. 



zu SCHILLER UND KÖRNER Bl 



ZU SCHILLER UND KÖRNER. 

Die kOnigi. bibliothek zu Berlin hat kürzlich 224 Original- 
briefe Christian Gottfried Körners an Schiller von dem auto- 
gnphensammler herm KUnzel in Leipzig angekauft wie nach 
der Torrede zum zweiten bände der Goedekeschen ausgäbe des 
briefwechsels zu erwarten war, ist die nachlese aus der ver- 
gleichang des gedruckten textes mit den originalen nicht gerade 
Ton bedeutendem wert, dennoch wird ein neuer herausgeber 
an den originalen nicht Torübergehen dürfen, da nun leider, 
wie ich Ton herm professor Goedeke erfahre, eine neue aufläge 
des hriefwechsels auf lange zeit hinaus nicht in aussieht steht, 
80 will ich hier aus den originalen einige besserungen und nach- 
trige für die besitzer der alten aufläge verzeichnen und zugleich 
die aofmerksamkeit der forscher auf den erwähnten neuen wert- 
▼oUen erwerb der königlichen bibliothek richten. 

Manches hat Goedeke mit bedacht fortgelassen, und ich gebe 
ihm selbstvm*ständlich zu dass zumal in Körners briefen nicht 
jedes wort an sich von bedeutung für uns ist. aber gerade für 
diesen briefwechsel scheint mir unbedingte Vollständigkeit doch 
von wert; zumal die richtige auswahl nicht von vorn herein nach 
einem festen principe getroffen war, und Goedeke auch wider 
nichts weglassen wollte, was in der ersten aufläge einmal ge- 
dnickt war. auch sagt Fielitz (Archiv für litteraturgeschichte 
V 127) mit recht dass die auslassungen im Verhältnis zum um- 
fange des buches und der masse des an sich unwichtigen, das 
naturgemäfs doch darin steht, so verschwindend klein sind, dass 
om ihretwillen von dem ziele, die originale in allen einzelheiten 
getreu herzustellen, nicht abgewichen werden sollte. 

Was aber für einen künftigen herausgeber einer neuen auf- 
läge gilt, gilt nicht in gleicher weise für mich; hier kann es sich 
versUndiger weise nicht darum handeln genau die ausgäbe nach 
den originalen bis auf die kleinsten einzelheiten durchzucorri- 
gieren und aufserhalb des Zusammenhanges eine menge kleiner 
an sich unwichtiger sätze nachzutragen , sondern ich habe mich 
auf die Verbesserung einiger fehler und auf die ausfüllung einiger 
Z. F. D. A. neue folge XIII. 6 



82 ZU SCHILLER UND KÖIUNER 

lUcken zu beschränken, in denen das ausgefallene mir von Wichtig- 
keit erscheint. 

Als eine pflicht betrachte ich es, hier ausdrücklich henror- 
zuheben, wie bei der vergleichung der ausgaben mit den origi- 
nalen, die leider Goedeke nicht vorlagen, die weit gröfsere ge- 
nauigkeit der Goedekeschen ausgäbe gegenüber der ersten aufläge 
des briefwechsels deutlich zu tage tritt. 

Im briefe vom 14 august 1785 lies am schluss: Bundes 
Grufs von meiner Frau und Schwägerinn (statt Beider 6ruf$). 
— im briefe vom 31 december 1786 ist ein wunderliches ver- 
schreiben Körners zu constatieren. er hat am schluss statt des 
eigenen namens in der Unterschrift den namen des adressaten 
Schiller gesetzt. Goedeke vermutete, Schiller sei accusativ, und 
es sei zu lesen: Alles grüfst Schiller, dem widerspricht das 
original, das nach dem wort grüfst einen punct zeigt und nach 
einem absatz erst als Unterschrift das wort Schiller aufweist, auch 
müste der accusativ nach Körnerscher Schreibweise ScMUem 
heifsen. — im briefe vom 2 Januar 1787 lies: Ich bin sehr auf 
die Antwort von Ch, begierig (statt von G), Ch. ist natürlich 
auf Charlotte von Kalb zu deuten. — im briefe vom 24 juli 1787 
lies: dass die verdrüfslichsten Besuche gemacht sind (statt 
verdrie/slichen). 

Aus dem jähr 1788 bemerke ich zunächst dass der bei 
Goedeke vom 4 juni datierte brief, wie Goedeke bereits in den 
berichtigungen nachgetragen hat, vom 4 Januar datiert werden 
muss. nach Körners abkürzungen kann jan. und jun. sehr 
leicht verwechselt werden, hier aber zeigt das original deutlich 
Jan. auch treten als beweis für diese datierung die schluss- 
worte des briefes vom 17 juni hinzu, die bei Goedeke fortgelassen 
sind: Meinen letzten Brief mit dem Joumalphn hast Du dock 
erhalten? diese worte zeigen dass diesem briefe Körners brirf 
vom .3 juni unmittelbar vorangegangen war. — im briefe vom 
13 Januar 1788 lies: aus untrklicher Kleimuth (statt wirklichem). — 
im briefe vom 2 may 1788 ist der absatz, welcher beginnt: Deinen 
Entschluss wegen Götz usw. vor den bei Goedeke voranstehenden 
absatz zu stellen, unter den- gevattern der Emma Körner lese 
ich: der alte Wagner (statt die alte). — im briefe vom 
31 october 1788 lies: die Aussöhnung des Menelaos (statt 
die Aufführung) und in dem nach trag vom 2 november lies: 



zu SCHILLER UND KÖRNER 83 

0kne natürlich zu seyn (statt unnatürlich). — im briefe vom 
19 december 1788 ist im origioal das datum verscbriebeo. es 
steht da von Körners band: \9 Sept. erst von fremder band 
ist mit roter tinte December darüber gescbrieben. 

Im briefe vom 30 Januar 1 789 lies : der ZmammetAang mit 
ikm Folgenden immer schwer werden (statt schwerer). — im briefe 
Tom 19 febr. 1789 lies: bis zur Karrikatur blofs (statt blafs) 
und: Henke (statt Hanke), am scbluss ist vor der grufsformel 
ein absatz fortgefallen, aus dem icb wenigstens die erste bälfte 
hier nachtrage: Die göttingische Recension von den Niederlanden 
habe tcft noch nicht bekommen können. Ich schreibe Dir gleich, 
sobald ich sie gelesen habe. — der brief, welcher bei Goedeke 
Tom 14 april datiert ist, ist im original vom 12 datiert. — das 
undatierte blatt, welches bei Goedeke dem briefe vom 24 oct. 
folgt, liegt im originale auch vor. die originale sind in späterer 
zeit mit roter tinte nummeriert. schon derjenige, welcher diese 
nummern geschrieben hat, hat das blatt fälschlich hier einge- 
schaltet (vgl. Archiv für litteraturgesch. iv 99). 

Im briefe vom 28 may 1790 schalte vor den Worten: Wir 
leben jetzt usw. folgende worte ein : Für Hnber weifs ich keine 
Adresse als entweder unmittelbar nach Maynz, wie ich jetzt schreibe, 
oder an Herrn Geheimen Rath Johann Ludwig Willemer in Frankfurt. 

Aus dem briefe vom 16 juni 1791 ist vieles ausgelassen. 
ich erwähne hier nur folgenden satz : Was sagst Du zu Wielands 
Peregrin? Der Schluß ist nicht so interessant als einiges von 
dem vorhergehenden. 

In dem briefe vom 4 juni 1792 lies: Knnstpedanten (statt 
Kunstgedanken). — zwei briefe aus diesem jähre sind bei Goedeke 
ganz ausgelassen, ich schalte sie hier ein. 

Dresden den 19 Okt. 92. 

In Eil ein Paar Worte über Mirabeau. Die Idee gefällt mir 
sehr. Vielleicht liefsen sich auch Anmerkungen dabey machen, 
wenn es verlangt würde. Willst Du vorläufig bei Deinen Be- 
kannten unter den Buchhändlern darüber anfragen, so geschieht 
mir ein Gefalle, Die Mefs Catalogos von Ostern und Michael 
habe ich noch nidu, und das Buch selbst muss erst verschrieben 
werden. Hier ist jetzt ein Buchhändler Gefsner, der zu der Zür- 
cher Handlung gehört und viel Unternehmungsgeist hat. Mit die- 
sem werde ich auch sprechen. 

Lebewohl, nächstens mehr. Viele Grüfse 

Dein K. 
6* 



84 ZU SCHILLER UND RÖRNER 

Unter den genannten Buehhdndlem kenne ick nur CSmina. 
Doch giU es mir gleich, wenn sie nur bezahlen. Eben sehe idh 
im Otter Messkatahgus dass es nichts ist. Rochow, ein fa- 
moser Erzieher, hat es schon Ostern mit Antnerkungen übersdzt 
herausgegeben. 

Dresden d. 4 J\op. 92. 

Nur ein Paar Zeilen heute über das Nothwendigste. Nächstens 
wuhr. Pezold plagt mich um sein Manuscript über den Magnetis- 
mus. Er hat keine Abschrift davon behalten und bittet Dich nd^st 
vielen Grüfsen es ihm baldigst wiederzuschicken. 

Von Zerbst habe ich nun die 3000 Thlf. erhalten und diefs 
ist alles. Weber schreibt mir im Vertrauen, Ayrer habe mir 12000 
Thlr. vermacht gehabt, habe aber nachher mir nur die Interessen 
davon legiren und das Kapital der Handlung lassen wollen. Dieß 
hat die Tante als ehrenrührig für mich nicht zugeben wollen. 
Dass ich also meine Reputation bey den alten Weibern in Zerbst 
erhalte, kostet mich eine hübsche jährliche Rente. Denn um siA 
aus der Affaire zu ziehen hat der Onkel das Legat — ganz weg- 
gestrichen. — Lebewohl und schreib bald. Vid Grüfse von uns 
allen und an Dich von U. u. D. 

Dein Körner. 

Liest Du denn wirklich ein Publicum? Und schadet Dirs nicht? 

Im briefe vom 20 dec. 1793 ist nach dea worteo immer 
höher steigen folgender absatz ausgelassen : Ich schicke Dir von 
der Copie der verlangten Briefe so viel fertig geworden ist. Das 
übrige folgt nächstens. Blofs die Antworten auf meine Briefe und 
was nicht aesthetischen Inhalts ist, habe ich weggelassen. Vergiss 
nicht mir die Briefe an den P. v. A. zu schicken. 

Im briefe vom 11 jan. 95 sind hinter den Worten: Auch 
Sachtrieb klingt hart folgende bemerkungen Körners fortgelassen : 

5. 14^ wäre nicht Härte besser als Rigidität. 

S. 18^ statt dynamischen vielleicht Macht der Empfindungen. 

S. 20 für Genesis Entstehung. 

S. 21 für Consummation Vollendung. 

S. 27 (Fläche in Flachheit) für Fläche wünschte ich ein andres 
Wort etwa wie Deutlichkeit. 

S. 27^ Species kann auch wohl hier durch eine von beyden 
Arten gegeben werden. 

Nodi fällt mir ein, dass S. 18** bey dem was vom Noth- 
wendigen und Zufälligen gesagt ist, vielleicht das Anwendung 
findet, was ich beym lUen Brief bemerkt habe. 

Im briefe vom 27 april 1795 sind die worte fortgefallen: 

Von Humbolden höre ich gar nichts mehr. Frage ihn doch, uhi- 

rum er mir gar nicht schreibt. Lebewohl. 



zu SCHILLER UND KÖRNER 85 

Im briefe fom 23 febr. 96 lies: das Nichtich (statt Nichtig). 
— im briefe vom 12 april 96 schalte vor und nach der unter- 
sdirift noch ein: Mündlich bald mehr. Lebewohl und halte Dich 
brav. Herzliche Grüfse von M. u. D. an Euch Beyde 

Dein Kömer. 

Göthen sage recht viel schönes von uns. Wir freuen uns 
sehr ihn wieder zu sehen. Die Hören bleiben diefsmal lange aus. 

Im nächsten briefe fehlen ebenfalls vor der Unterschrift einige 
Worte, lies: Mittwoch Nachmittag in Jena. Du erhältst noch 
einen Brief von mir. Herzliche Grüße an Lottchen von uns allen. 
Göthen sage recht viel schönes von uns. M. u. D. grüfsen und 
freuen sich über Deine bessere Gesundheit. 

Dein Kömer. 

Es ist noch eine Möglichkeit usw. 

Statt des datums Dresden den 13 Jun. 96, lese ich im ,ori- 
ginal: den 15. 

Ein brief vom 15 juli 96 ist bei Goedeke fortgelassen, er lautet : 

JVfir einen herzlichen Willkommen für den kleinen Weltbürger, 
und unsre besten Wünsche für Deine Frau. Da sie das Kind 
ausgetragen hat, so dächte ich, wäre auch von ihrer Schwächlich- 
keit weniger zu fürchten. Vielleicht wird sie nun erst gesunder, 
wenn die Wochen vorbey sind. Auch hat sie noch einige gute 
Monate vor dem Winter zur Erholung. Sag ihr recht viel herz- 
liches von uns. Aber wie solls werden, wenn die beyden Jungen 
zu lärmen anfangen. Nun noch meinen dazu, und wir müssen 
aUe aus dem Hause laufen. 

Heute nichts mehr. Ich stecke in Acten bis an den Hals. 
Lebe recht woM und schreibe bald den weiteren Erfolg. 

Dein Kömer. 

Im briefe vom 17 april 97 lies: Minna hat ihr begegnet 
(statt ist). 

Im briefe vom 16 jan. 99 hat Goedeke den schluss fort- 
gelassen, in der vorrede jedoch in aussieht gestellt dass die wei- 
teren bemerkungen KOrners Ober den Wallenstein vielleicht für 
den liebhaber in einer Zeitschrift nachgetragen werden würden, 
da dies meines Wissens bisher noch nicht geschehen ist, schalte 
ich sie hier ein: 

Nun zu dem, was mir bey einzelnen Stellen eingefallen ist. 

Pieeol. 1 J. 11 Sc. Illo. 

Ich habe einen Einfall — Gieht uns Terzky 
Nicht ein Bankett heut Abend? 



86 ZU SCHILLER UND KÖRNER 

Ist es gut, dass Ilh hier dem WdlL diesen Wink giebt? 
Wäre es nicht hesser, wir hörten davon erst im 2ten Acte? 

In ebendieser Scene Illo: 

Du wirst auf die Siemenstunde warten. 

Hier möchte ich nicht gern die Idee außommen lassen als 
ob W's UnentscMossenheit sidi bhfs auf astrologische Vorurtheile 
gründete. Seine Antwort scheint mir der Astrologie ein zu grofses 
Gewicht zu geben. Eine Vertheidigung seiner Liebhaberey ist zwar 
hier ganz an ihrem Platze; aber es sollte doch zugleich ange- 
deutet werden, dass diese Liebhaberey ihn nicht beherrscht, dass 
sie mehr ein Spiel ist, womit er solche Menschen wie lUo und 
Terzky und vielleicht auch sich selbst täuscht, wenn die bessern 
Triebfedern nicht zum Bewufstseyn kommen. Vielleicht wäre nach 
dieser Scene ein kurzer Monolog an seiner Stelle. 
II A. l Sc. Illo 

Er seine alten Plane aufgegeben. 

Diese Stelle dürfte vielleicht irre führen, wenn man W. nicht 
schon besser kennte. Illo mag immer glauben, was er hier sagt. 

II j4. 7 Sc. 

Dass mit dieser Scene ein Act schliefsen sollte, hast Du selbst 
schon gefühlt ; aber andere Gründe haben Dich bestimmt, die Tafd- 
scene unmittelbar darauf folgen zu lassen. Gleichwohl bedarf 
man nach der Spannung in dem Monolog der Thekla durchaus 
einen Ruhepunkt, und die Scenen bey der Tafel verlieren zu sehr, 
wenn sie nicht einen Act anfangen. Lieber würde ich 6 Acte 
machen. 

8 Sc. 

Für den Verfälscher der Urkunde bitte ich um irgend einen 
andern Namen. Ich habe keinen Beruf, mich für den hiesigen 
Neumann zu interessiren, und ich begreife, wie er Dir eingefallen 
seyn kann, da Du für einen Schuft einen Namen swJUest. Aber 
es würde mich verdriefsen, wetm mancher eine besondere Absicht 
bey der Wahl dieses Namens vermutete. Und bey der jetzigen 
litterarischen Klätscherey könnte diefs leicht geschehen. Der Ge- 
danke an ein so armseliges Subjekt darf bey einem Kunstwerk 
dieser Art gar nicht aufkommen. Ich wenigstens mag auch nicht 
einen Augenblick dabey an ihn erinnert seyn, 

III J. Sc. 1 

Vorausgesetzt dafs Du nach obigem Vorschlage im Anfange 
des 2 Akts noch eine Scene zwischen W. und Max einschUtetest, 
so würde sich in dieser Scene Vortheil davon ziehen lassen. 

IV Act. 

Die Planeten Bilder wünschte ich schon am ScMuss der 1 Scene 
durch einen Vorhang verdeckt, der in der siebenden Scene zum 
Theil von der Gräfinn weggezogen werden könnte. Seni könnte 
den Vorhang vorziehen, indem Terzky hereinträte. 



zu SCHILLER UND KÜRNER 87 

3 Sc. fr all 

Von meiner Handschrift nichts, Dich straf ich Lügen, 

Verliert nickt W. durch diese Äufsernng?- Zudem ist dieser 
Umeiand, den ich nicht besonders wichtig finde, schon im ersten 
Act erwähnt. 

5 Sc. fFrangel 

Seine Freyheit 

Fertheidigte der Baltische Neptun, 

Ist diese SteUe wohl passend zu dem Charakter und Ton des 
Sckwedenl 
7 Sc. fTall. 

Hetzt diese Zunge nicht an mich, ich bitte euch. 

Sind diese Ausdrücke nicht hier fast zu hart? 

Ebenda Gräfinn: 

Heifst man Dich morden — gewagt und ausgeführt. 

Eine Stelle die entbehrlich scheint. 

Ebend, JFalL 

es hielten mir 
Die KimigHchen Söhne selbst das Becken, 

Prüfe doch ja diese Stelle noch einmal, Sie hat für mich 
etwas störendes an diesem Platze, 

Ebend, Gräfinn: 

Denn lange bis es nicht mehr kann behilft sich diefs Geschlecht. 

Eine treffliche Stelle, nur wünschte ich diefs lieber von Max 
SIC einer andern Zeit, ah von der Gräfinn zu hören. 

Ebend, Wallenst, 

selbst den Fiirstenmantel, den ich trage, 
Ferdank* ich Diensten, die F erbrechen sind, 

Ist es noch in den Gränzen der Wahrscheinlichkeit diefs W. 
eagen zu lassen? 

Ebend. fTall. 

Recht stets behält das Schicksal, 

Der Ausdruck erscheint hier noch zu dunkel, 

Y ji. 2 Sc. Max, 

das bleibt niemals übrig. 

Diese ganze Stelle scheint noch einer Nachhilfe zti bedürfen. 
Sie hat etwas Dunkles und einen Mangel an Nachdruck, besonders 
am Schlüsse. 

6 Sc. Buttler 

in allen Mannestiefen schwer zu leiden. 

Das Wort hat etwas Gesuchtes, was mir an dieser Steüe 
auffälU. 

Ebend. Buttler 

Nur von ihm trennen? 0, er soll nicht leben', 

Ist es gut, dass B, diefs hier so deutlich sagt? Besonders 
da er nachher noch dunkler darüber spricht. 



8S ZU SCHILLER UND KÖRNER 

6 Sc, Max. 

f^är^s möglich, Fater — als gerettet sehn? 

Diese Stelle hat für mich etwas zu hartes für Maxens Cha- 
rakter. Das darauf folgende: 'Du steigst durch seinen FaK fände 
ich hinlänglich, 

Wallenstein i Act 9 Sc. fTall. 

Religion ist in der Thiere Trieb, 

Diese Worte haben etwas dunkles, das den Nachdruck schwächt. 

n ^ct 1 Sc, fTall, 

Und wie des ff^aldes liederreicher Chor. 

Diefs Bild scheint mir nicht ganz dem Charakter und der 
Situation angemessen, 

Z Sc. fr all. 

Mit Blumen sieh den fTeg bestreut sehen. 

Auch ein Bild, das ich an der Stelle nicht erwartet hätte. 
Uebrigens fragt sichs, ob W. damit anfangen sollte, dass ein andrer 
bestimmt ist Frieden zu machen, ob diefs vorzüglich auf die ITA- 
rassiers würken kann, ob nicht die gleich darauf folgende Stelle 
damit in Widerspruch stehe? 

6 Sc. ff all. 

Er sog sich schwelgend voll an meiner Liebe Brüsten. 

Das Bild scheint für die leidenschaftliche Situation zu aui- 
gemahU. 

Eben d. 

ff^eit offen liefs ich des Gedankens Thor, 

Derselbe FaU, Die ganze Stelle dünkt mir zu bilderreich. 

Ebend, ff^all. 

Nicht jedem siemts auf seiner schmalen Bahn, 

Eine Widerholung des Vorhergehenden unter einem andern 
Bilde. Ueberhaupt würde diese Bede durch einige Abkürzungen 
gewinnefi. Es macht auch, däucht mich, keinen günstigen Bin- 
druck, dass W, so lange bey dieser stolzen Idee verweilt. Die 
Skansion Arktür (aQutovQog) dürfte sich schwerlich rechtfertigen 
lassen, 
9 Sc, Max. 

Ein GeiH fährt in sie, die Erinnyen 
Ergreifen sie. 

Wäre es nicht besser dieser Idee, die ich durchaus nicht 
missen möchte, einen andern Ausdruck zu geben, der mehr zu 
dem Costüme des Stückes %ind zu der Cultur passte, die man bey 
Max voraussetzen kann? 

11 5c. Ma^x, 

Alle Schwerdter, die ich hier 
Enlblöfst tntiss sehen, stächen mir im Busen, 

Das Wort stdcken macht mir hier eine Dissonanz. 



zu SCHILLER UND KÖRNER 89 

in Act 2 So. Gordon. 

Tiefsinnger tourd* er, das ist wahr 
Er machte sich Katholisch, 

Ist dieser Zug wohl von aesthetischer Wirkung? Gleichwohl 
könnte er hier die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Auch wünschte 
ich den Ausdruck anders. 

S Sc. Buttler 

Ein grofser Rechenkünstler war der Fürst, 

Eine von dm Stellen, wo Buttler meines Erachtens zu detit- 
lieh spricht. 

Ebend. Buttler 

Es denkt der Mensch die freye That sau thun. 

Diefs sieht einer Rechtfertigung Buttlers gleich. Ich möchte 
ihn aber weder weiß noch schwarz sondern wie eine dunkle Nebel- 
gestidt im Hintergrund. 
». Sc. 

Wenn ich über Buttler Recht habe, mufs dieser Monolog ganz 
iMfUet5en. Auch wäre Gordons letzte Rede in der vorhergehenden 
Seme ein guter Schluss des dritten Acts. Soll ein Monolog bleiben, 
so wünschte ich, dass ihn die Erbitterung über das Bewusstseyn 
seiner verletzten Pflicht endigte. Was nachher kommt, bezieht 
sieh hlofs auf Egoismus und Nothwehr, und ist daher trotz der 
schönen Verse von schwächerer Wirkung. 

vr Act 2 Sc. Deveroux 

Kamm Maedonald. Er soll nicht länger leide n. 

Eine Aufserung, die mir nicht recht für Deveroux zu passen 
seheint. Ernst kann es nicht wohl seyn und als Spott hat es 
etwas unnatürliches. 
T j4et 1 Sc. fTalL 

Er ist der glückliche — verschleyert bringt, 

Ist WaJUnstein hier nicht zu weich? Wenigstens weift ich 
fMU, 0b er diefi jetzt so deutlich denken konnte. Auf alle Fälle 
witnsdue ich hier keine Andeutung einer Ahndung eigenen Un- 
glücks. Ws Sicherheit in dem folgenden contrastirt so schön mit 
den Anstalten zu seinem Verderben, die wir wissen. 
2 Sc. fTall. 
Wotä weifs ich, dass die irdschen Dinge wechseln — niederschlagen. 

Diese Stelle hat etwas fremdartiges für den Ton der übrigen 
Semt. Auch macht die egoistische Wendung von dem Gedanken 
an Mttx auf mich einen unangenehmen Eindruck. Ich weifs wohl, 
dass er es nidu im Ernst so meynt, aber der kleinste Mislaut 
stört mich in dieser Scene. 

Im briefe vom 5 mSrz 1802 lies: ein vollendetes Exemplar 
(statt vollständiges). — der hrief, der bei Goedeke vom 23 april 
1803 datiert ist, trflgt im original das datum des 258ten. — 



90 ZU SCHILLER UND KÖRNER 

der anfang des briefes vom 19 jiini 1803 lautet: Hier sind wir 
seit heule. 

Ein vollständiges verzeichois aller 224 briefe hier zu gebeo, 
welche die königliche bibliothek zu Rerlin gekauft hat, wflra 
zu weitläußg. seit dem jähre 1785, aus dem ein brief vor- 
liegt, sind aus jedem der folgenden jähre mehrere briefe er- 
halten, wo Schillers briefe und die übrigen briefe Körners auf- 
bewahrt werden, weifs ich nicht zu sagen, sie scheinen leider 
versplittert zu sein, doch will ich erwähnen dass im Körner- 
museum in Dresden durch herrn dr Peschels bemühungen einige 
sich wider zusammengefunden haben, schon vor jähren habe 
ich dort von Schiller die briefe vom 27 aug. 95, 8 april 99, 
5 märz 1801, 4 sept. 1804 und den undatierten brief aus Tha- 
randt bei Goedeke i s. 57; und von KOrner die briefe Tom 
20 april 1787, 9 sept 1795, 8 oct. 1797, 17 may 1799, 18 märx 
1801, 17 sept. 1804, sowie die vollständigen besprechungen 
der Musenalmanache auf die jähre 1798 und 1799 gesehen. 

Noch füge ich eine anzahl von findlingen an, die zwar nicht 
unmittelbar zum Körner-Schillerschen briefwechsel gehören, aber 
alle auf Schiller oder Körner bezug haben. 

Zum 7 aug. 1785, dem hochzeitstage Körners sandte Schiller 
mit einem par vasen eine kleine dichtung in prosa, die den 
Wettstreit der liebe, der tugend und der freundschaft zum gegen- 
stände hatte, diese dichtung ist im briefwechsel abgedruckt (bei 
Goedeke i 32). auf sie nimmt bezug das folgende gedieht, das 
Friedrich Förster zum 50jähngen doctorjubiläum Körners verfasst 
hat. ich drucke es hier nach dem original ab, das in meinon 
besitz ist: 

Dem Herrn Geh.-Ober-Regierungs-Rath 

Dr. Körner 

an seinem fünfzigjährigem Doctor-Jubiläum d, 2\ Febr. 1828. 

Festlich geschmückt ist der Saaly es klingen und krmsen die Becher^ 

DiCf von der Blume des Rheins duftend, zum Rand wir gefiiBi. 
Siegel u*enien gelöst von Flaschen und von Pragrawtmen 

l'nd manch f'ivat ertönt in dem geselligen Kreis. 
Sandte der Ihtntifex uns, der Kaiser uns goldene Bullen, 

Fand in iVrsepolis man, fand man in Memphis, in Rom, 
tn dem befreiten Athen,* in Corinth verwitterte Rollen j 

Die uns %Mr Lösung hierher etwa der SuUan getehiekit 



ZO SCHILLER UND KÖRNER 91 

.Oder sitzet die Jugend^ die acadenCsehe beisammen, 

Singt bei dem Doctorschmaus frisch jubiUrend ein Lied? — 
Jüy so isfs, füir erkennen das H^appenschild Philyreas, 

Glänzend entrollt sich vor uns stattlich das neue Diplom, 
Und wir begrüfsen den Freund, den jubilirenden Doctor, 

Sehen mit Hut und mit Ring heut ihn aups neue geschmückt. 
Muse, die Du zurück zu längst entschwundenen Zeiten, 

Zu dem entlegenen Rafwi leicht uns zu fähren vermagst; 
Deinem Flügel vertrauen wir uns, o trag uns nach Leipzig, 

Dass wir belauschen den Freund dort in der goldenen Zeit, 
AU dem Deutschen begann der freiere Sinn sich zu regen, 

Und Du mit freierem. Flug selbst Deine Schwingen versucht 
Gottsched regierte nicht mehr und Clodius; heilere Scherze 

Hatte schon Geliert gelehrt; Klopstock gewaltigen Ernst, 
ff^ieland wagte noch mehr und Lessing zeigte den Deutschen, 

Dass ein urkräftiger Geist auch in dem Norden wohl glüht. 
Sieht da erschien an dem Himmel des Vaterlandes mit einmal 

Leuchtend ein Doppelgestim, leitend diu schwankende Schiff. 
GÖthe war es und Schiller und, wie wir die Namen nur hören^ 

Flieht wie verschollen zurück eine veraltete Zeit. 
GUiekUeh, wen so wie Dich bei dem morgendlich ersten Erwachen 

Jene Gestirne begrüfst, wem sie mit glühendem Strahl 
Rührten die innerste Seite des jugendfreudigen Herzens, 

Das mit verwandtem Akkord bei ihrem Frühroth erklang. 
Jetzt erwachte zuerst die Jugend zu froher Regeistrung 

Und das Wissen nur galt, welches die Muse geweiht. 
Darum suchen wir nicht bei Rücherstaub und dem Roste 

Todter Gelehrsamkeit unsern begeisterten Freund. 
Fröhlich zu anderen gesellt bei Gläserklang und Gesänge, 

Sucht in dem Keller ihn auf, wo einst der Doctor, der Faust 
Abentheuer bestand und auf dem Weinfass davon ritt 

Dass man noch heutiges Tags Zeichen und ff^under erbUckt. 
Oder ihr findet ihn auch im Musen-rereine bei Puzzi, 

Den sie die Sympathie heimlich bedeutsam genannt, 
ß^er hier die H^eihen empfing, der durße zum fröhlichen Kreise 

Nicht die Geschäfte des Tags, oder was sonst ihn bedrängt 
Rringen, hier galt es allein dem heiligen Dienste der Dichtkunst 

Sich zu weihen, und wie über die stygische Fluth 
In das EUsium nichts, was oberirdisch, geführt wird. 

War von dem traulichen Kreis jedes Profane verbannt 
Ja selbst die Namen vertauschten sie dort, und so finden den Freund wir 

Sänger des Orients oder Abdallah genannt. 
Der ihm zur Seite dann sitzt, ist Ale est, der treue F ertraute, 

Agathon hat sich dazu heiter ironisch gesellt. 
Aber es regten dem Freund sich andere Sympathien 

Tief in dem Herzen, ihm ward holde Regegnung zu Theil. 



92 ZU SCHILLER UND KÖRNER 

Denn wo Goethe gelernt in schwarzer Kunst nur zu ätzen. 

Da erblühten dem Freund Rosen und Lilien auf. 
Sieh! es neigte Maria mit sanftem Blick ihm Gewährung 

Und zu der Hochzeit sang Schiller ein göttliches Lied! — 
Und drei Genien nahten: die Liebe, die Kunst und die Freundschaft 

Führten ins Leben ihn ein, folgten durchs Leben ihm treu. 
Aber, wo eilest^ o Muse, du hin, du entführst ja den Freund um. 

Den mit der Gegenwart traulichem Band wir umringt. 
Kehre denn wieder zurück von dem traulichen Fluge zur Heimatk, 

Freund, Du findest auch hier jene drei Genien noch, 
Die niemal dich verliefsen, die Liebe, die Kunst und die Freundschaft, 

Die Dir die Schläfe bekränzt reichlich mit duftendem Grün, 
Wenn auch die Stürme des Lebens die schönsten BUithen Dir brocken. 

Mit sanft heilender Kraft nahten die Genien Dir. 
Und so mögen fortan die Liebe, die Kunst und die Freundschaft 

Heiter zur Seite Dir stehen, wie es ein Gott Dir gegönnt. 

Als beilage zu seinem briefe vom 25 oct. 1802 schickte 
Körner an Schiller einen plan zu einer Zeitschrift, desseQ er 
im briefe vom 19 nov. 1802 unter dem namen Annalen erwah- 
nung tut. das original dieses planes ist in meinem besitz, es 
lautet: 

Plan zu einer .periodischen Schrift unter dem Titel: 

Annalen der Dichtkunst. 

Eine vollständige Anzeige von dem neuesten Zustande der 
poetischen Litteratur in Deutschland, Frankreich, England und Ita- 
lien würde dem Freunde der Dichtkunst willkommen seyn. Sein 
Bedürfniss ist durch das nicht befriedigt, was hierüber sidi in den 
vorhandenen Zeitschriften findet. Theils fehlt es an einer Zu- 
sammenstellung der zerstreuten Materialien, um zu einem (Jeher- 
blick des Ganzen zu gelangen, theils sind die einzelnen Nachrich- 
ten zu einseitig, um jeder Art von Verdienst Gerechtigkeit wider- 
fahren zu lassen. 

Es ist schwer nicht Parthey zu nehmen, wo man nicht kaU 
bleiben kann; aber der Annalist der Kunst soll über sich wadien, 
dass das Persönliche in seiner Vorliebe oder Abneigung nicht sein 
Unheil bestimme. Auch hat er sich besonders vor gewissen Theo- 
rien zu hUten, die zum Behuf irgend eines Unvermögens ausge- 
dacht sind, und von manchem trefflich benutzt werden, um seine 
Ungeschicklichkeit oder Geistesarmuth als bessern Geschmack geltend 
zu machen. Keiner Autorität darf er huldigen, zu keiner Seete 
sich bekennen. Selbständig und frey überschaut er das Gebiet 
der Kunst, der er sich widmet, von dem höheren Standpunkte der 
ruhigen Betrachtung, Jede Spur eines ächten Talents erfreut ihn, 
auch wenn die Anwendung noch manches zu wünschen übrig lässt. 



zu SCHILLER UND KÖRNER 93 

Denn auch er kann nicht betradUen, ohne zu urtheikn, nicht ur- 
theilen ohne die Gründe seines Urtheih zu prüfen, und auf diese 
Art entsteht auch für ihn eine Theorie, die aber nur bestimmt ist, 
die Wirkung der Kunst zu erhöhen, nicht ihre Sphäre zu be- 
Kkrdnken. 

Zu einem Versuche nach diesem Ideale für die Dichtkunst 
Annalen zu liefern gehört besonders die Unterstützung eines ver- 
mögenden und thätigen Buchhändlers, um alle bedeutende Produkte, 
auch was das Ausland betrifft, zeitig genug zu erhalten. Das 
Unbedeutende und Schlechte ist ganz mit Stillschweigen zu über- 
gehen. 

Das neue Jahrhundert wäre eine Epoche, von der füglich der 
Anfang gemacht werden könnte. 

Die Erscheinung der Annaleti dürfte nicht an eine bestimmte 
Zeit gebunden seyn; doch würde es nicht an Stoff fehlen, um jähr- 
lieh wenigstens einen Band zu liefern. 

Von den biographen Schillers ist meiDes wissens noch nicht 
hervorgehoben worden dass Schiller in seinen jungen jähren die 
personliche bekanntschaft seines späteren gegners Friedrich Nico- 
lai gemacht hatte, dieser nennt in seinem breiten werke: Be- 
schreibung einer reise durch Deutschland und die Schweiz im 
jähr 1781 im zehnten bände s. 82 (Berlin und Stettin 1795) 
unter den gelehrten, die er in Stuttgart habe kennen lernen, auch 
Schiller and schreibt: Den berühmten Hm. Schiller, damals noch 
Begimentsarzt des Infanterieregiments Augee, der zwar von Leuten, 
wekhe einsehen konnten, was von einem so trefflichen Kopfe noch 
sm erwarten seyn möchte, etwas gerühmt ward; aber doch sehr 
unterdrückt war. eine anmerkung zu diesen werten sagt: Dieser 
GüArte, welcher seinem Vaterlande so viel Ehre macht, musste es 
nachher verlassen. Er sagt selbst: man habe ihm bey Strafe der 
Festung untersagt zu schreiben ^ (S. deutsches Museum 1784 
S. 565). Es ist schrecklich! Diefs geschah wegen des Schauspiels, 
die Bduber, wegen dessen er sich an dem angeführten Orte auf 
eine so edk als genugthuende Art erklärt. Nähere Umstände von 
üeeer Sache findet man in Armbrueters schwäbischem Magazine 
i Bd. S. 225. Man lieset da mit äufserstem Widerwillen den 
Ahirudc der eigenhändigen Briefe des niedrigen Angebers, der ihn 
heym Herzoge verunglimpfte. 

Von dieser persönlichen begegnuug Nicolais und Schillers 

^ in der aDkündigung zur Rheinischen Thalia. 



94 ZU SCHILLER UND KÖRNER 

bat sich noch ein andres zeugnis erhalten, ein stammbuchblatt 
in Nicolais oder seines sohnes Stammbuch: 

Ein edles Herz und die Musen verbrüdem die entlegensten 
Geister 

Stutgart d. 20 Jul 1781. 

Dieses erlaubt mir mich Ihrer werthesten Freund- 
schafft zu empfehlen 

C. D. Schiller. 

Das C in der Unterschrift weifs ich mir nicht zu eriilären. 
es ist nicht ganz deutlich und könnte auch ein deutsches B sein, 
das Stammbuch ist im besitz der familie Parthey in Berlin, ists 
schalkheit oder neckisches spiel des zufalls dass dieses stamm- 
buchblatt die entlegenheit eines Nicolaischen geistes vom Schiller- 
schen voraussetzt? übrigens ist das edle Herz Nicolais schönster 
schmuck geblieben; die musen dagegen haben diesen biedern 
Verstandesmenschen nie zu ihrem lieblinge erwählt, und sie gerade 
haben es zu einer Verbrüderung Schillers mit Nicolai nicht kom- 
men lassen. 

In dem briefe Schillers an seine Schwester Christophine 
vom 6 nov. 1782 schreibt Schiller: Sobald ich in Berlin bin, 
kann ich in der ersten Woche auf festes Binkommen rechnen, 
weil ich vollgültige Empfehlungen an Nicolai habe, der dort gleiek- 
sam der Souverain der Litteratur ist, alle Leute von Kopf sorg- 
fältig anzieht, mich schon im Voraus schätzt, und einen unge- 
Imiren Binfluss hat, beinah im ganzen teutschen Reich der GeUkr^ 
samkeit. gleichviel ob Schiller den plan nach Berlin zu reisen 
wttrklich hegte oder nur den herzog in seinen befürchteten nach- 
forschungen nach Schillers aufenthaltsorte irre leiten wollte, so 
zeigen die worte doch wol dass er eine Verbindung mit Nicolai 
für möglich hielt und auf eine gute aufnähme bei demselben 
rechnen zu können glaubte, es erklärt sich dies um so leichter, 
wenn beide sich im jähre vorher persönlich kennen gelernt 
hatten. 

Nach Schillers tode schrieb sein Schwager Reinwald in meh- 
reren briefen an Nicolai auch über Schiller, die Originalbriefe 
befinden sich in der grofsen von Nicolai hinterlassenen Samm- 
lung der geschäftsbriefe an ihn, die jetzt im besitz seiner nach- 
kommen, der familie Parthey ist. 



zu SCHILLER UND KÖRNER 95 

Die bezüglichen stellen aus Reinwalds briefen an Nicolai 
lauten : 

Meiningen 21 May 1805. 

Der Begriff Tod ist der einzige Uebergang, den ich 

gliUklicherwme von dieser Erzählung zur Erwähnung des Ihnen 
auch nunmehr bekannten Verlusts meines Schwagers Schillers ma- 
Aen kann. Er wäre den 10 Novi^ dieses Jahres erst 46 Jahr 
aU geworden. Der Hr.-Oberhofmeister v. Wolzogen, der mir 
diesen traurigen Fall berichtete, meldet mir zu meinem — wie- 
wohl leidigen — Tröste, dass seine edlen Theile ganz desorganisirt 
bei der Section gefunden worden, so dass es noch ein Wunder 
gewesen, wie er jenes Lebensziel erreichen konnte. Die liebens- 
würdige Großfürstin hat sogleich sidi von der Wittwe gebeten, 
dass eie S^s beide Söhne erziehen dürfe und die beiden kleinen 
HeUiehen Mädchen müssen der Mutter, welche übrigens Vermögen 
ka, TBHT einzigen Freude bleiben. S. war ein zärtlicher glück- 
Ueher Gatte, und der angenehmste Freund und Gesellschafter für 
3 Ms 4 Personen, die er kannte. 

Aus dem briefe ReiDwalds vom 24 7br 1805: 

— Was Sie theuerster Herr und Freund! von meines sei. 
Schwagers Schillers Diät neulich äufserten, dass sie sein Leben 
mnUkmafslich verkürzt habe, leidet ^so, wie die Nachrichten m N2i 
98 und 99 der Zeitung für die elegante Welt, maiiche Einschrän- 
kung. Diese Diät war in verschiedetien Perioden von Ss Leben 
sehr verschieden. Am wenigsten regelmäfsig mag sie wohl in Mann- 
heim gewesen seyn, wo der Character des Schauspielerstandes und 
der Landsmannschaft überhaupt nicht sehr regelmäfsig zu seyn 
scUen, denn ich habe ihn in jener Periode selbst in Mannheim 
besuehi, Hr. Iffland müsste das am besten wissen. Von Hause 
aus und von der Karlsschule her hat er eben keine Gewohnheit 
unordentlich zu leben mitbringen können, aufser dass er vielleicht 
am letzten Ort, wo dem Zögling jede Stunde seine Beschäfftigung 
targesdarieben war, vielleicht zum nächtlichen Arbeiten einen Hang 
bAommen, den, er auch mehrere Jahre in Jena ausgeübt haben 
mag. In Weimar begann sich diese Gewohnheit zu mindern, wo 
mn Arzt Hofr. Starke und seine sanfte Gattin stets mehr über 
An vermochten, und überhaupt seine Humanität jedes Jahr ge- 
wann. Aber eine fast ganz (besonders von seiner Mutter) an- 
geerhte fehlerhafte Organisation hätte auch die behutsamste Lebens- 
erdnung unwirksam gemacht; denn Hr, v. Wolzogen berichtete 
mir mit dessen Tode zugleich den Umstand 'man habe bey der 
Section alle edle innem Theile zerstört ^ gefunden, so dass es un- 
begreiflich sey, wie er noch so lange habe leben können.* spezieller 

^ desorganisirt wie er sich ausdrückt. 



96 ZU SCUILLER UND KÖRNER 

habe ich vpn diesem visum repertum keine Nachricht, w%i die 
Wiltwe darnach zu fragen, würde ihre Zartheit beleidigen. 

Es ist Schade, dass man kein getroffenes Portrait von Schiller 
hat ; das Kupfer von Müller und Frauenholz ist viel zu ernsthaft 
und Überhaupt nicht ähnlich genug, obgleich nach einem GemdhUe 
von Graf, das ich aber nie bey Schillern gesehen habe, und an 
dessen Aehnlichkeit ich zweifle. ^ Die Büste, die im deutschen Mer- 
kur steht ist so idealisirt, dass sie alles Characteristische entbehrt. 

Ein Trinker war S. nie, wie sonst die Würtemberger, nur 
trank er oft starke und feurige Weine mäfsig, um sich von seinen 
angestrengten Geistesarbeiten zu erhohlen, Kaffee aber um die Dauer 
seiner Dichterlaunen zu verlängern. 

Aus Reinwalds brief vom 5 7br 1807: 

— Der Plan des Don Carlos von Schillers eigner Hand Uegf 
hier bey; denen jungen Herrn die Schillers Andenken durch falsche 
Nachrichten von seinem Leben verunehren und wie neulich im 
Cottaschen Morgenblatt ihn auf Kosten seiner Altem loben, hätte 
ich ihn nicht geliehen. Ich werde noch einiges üher diese Materie 
in den Münchener Litterarischen Anzeiger ^ setzen lassen, da Hr. 
V. Aretin doch einmal mich zu Beiträgen in denselben aufgefordert 
hat und da der Unfug noch nicht außört. 

Wie sich ReiDwald hier über den unfug falscher aDecdoten 
und nachrichteu über Schillers leben in briefen an Nicolai be- 
klagt, so klagte noch mehr denn dreifsig jähr später die wittwe 
Römers über ähnlichen unfug in einem briefe an Nicolais enkd, 
den verstorbenen verdienstvollen gelehrten dr Gustav Parthey 
mit bezugnahme auf das buch: Lilterarische zustände und Zeit- 
genossen, in Schilderungen aus Karl August BOttigers handschrift- 
lichem nachlasse, herausgegeben von KWBottiger hofr. und prof. 
zu Erlangen. Leipzig, FABrockhaus. — der brief der frau Kör- 
ner an Parthey lautet: 

Berlin den 11 /4pril 3S. 

Sie erhalten hierdurch mein werther Freund den Bötticher 
zurück! Der zärtliche Sohn empört! wie er den Vater so am 
Schandpfahl stellen kann. Doch der Verleger wird seine Rech- 
nung finden, weil die Weü den Skandal liebt. Im Jahr 1785 
zur Zeit der Buchhändler Messe kam Schiller nach Leipzig, um 
mit uns zu leben, blieb bey uns in Dresden 2 Jahr, wo Kömer 
ihn bestimmte nadi Weimar zu gehn, um dem Herzog zu danken 

> Tgl. der Wolzogeo urteile: Schillers Leben (1S50) s. 373. 
' vgl. Schillers Briefw. mit Christophine und Reinwald, beraasgeg. 
▼OD Maltzahn, Leipzig 1875, anhang iv. 



ZI) SCHiLLEft UND KÖRNER 



97 



/Ur dm graziöter Weite übenchicklen RalhuilUl. welcher aber 
ohne GAalt war, wenn Sit noch nicht Schillers Leben von Frau 
V. Wotxogen gelegen haben? eo lesen Sie m! Der /ainigler üum- 
hold ücbilisle Slyl und Beliandhing , als a>as ausgezeichneiei. Sie 
finden darin die frühere Jtigend Schillers, seine Ersiehung. sein 
Leben bis an seiner Reis« cm ihm. Die Delails waren der Frau 
V. M'. von Schulen dhien Schwester Rälkin Heinwald daav ge- 
gebm, welche in Meiaingen lebt. Die spätere Zeit, sind mündliche 
Ersählungen non Schiller an Frau v. W, und aus den Briefen 
an KOmer, m ist die Ersäblung von seiner ersten Vorlesung in 
den Briefen, nur andere dargestellt. Ick war ein Kind von 5 Jah- 
rtm, wie mein Vater und GUthe unzertrennlich bis zu «einem ^16- 
yang von der Universität icare«. Im Jahr 89 waren Kcmer mit 
mir und SchiUer meiner Schu>esler m Weimar, Göthe war in 
Siienaeh, wo er von vnsani- Erscheinung hUrte, und sich erinnerte, 
dats tei'r die Tochter seines Jugendfreundes wären, er schickte 
eintH Boden, wo et' dringend bat, dan wir ihn erwarten sollten — 
von da an waren wir in freundlicher Verbindung mit ihm bi* 
zum Jahr 13, wo uns die Meynung trennte — Er wor ein leiden- 
schaftlicher Verehrer Napoleons — und wir hatten den einzigen 
Sohn als Frei/williyen beg der yrettßischen Armee. Doch wosu 
hat midi mein Verdruss an Böttcher gebracht — das ich nadt 
atitr Frauenweise Ihnen vorgeplaudert habe. IVehmai Sie meinen 
Dank fiir die freundliche Sendung und für das elegante Ej)emplar. 

Mit grofser Achtung 

Marie Körner. 

Es ist bekaoul ilass, wahrend Arodt im april 1B13 l>ei 
Ktlruer sich einquartiert hatte und Theodor Kiirncr auf dem 
durdima reche durch Dresden voii deii ellern abschied nahm, 
Goethe im KOrnerscheu hause das kleiamüligc wart aussprach 
Seküttelt nur an euren Kelten, der Mann ist euch zu grofs — 
ihr werdet sie nicht zerbrechen. Körner war darnach noch mit 
Goethe in Teplitz zusammen, aber sie slimmten niclit mehr zu- 
»amiDcn und einen spateren verkehr heider vermag ich nicht 
naclizuweiseo , aufser dass noch ein brief Goethes aus Tcplitz 
«am 28 juh 1S13 «fgl. Hirzels Neustes Verzeichnis einer Goelhe- 
bibl., 1874, s. 217) vielleicht an KOruer gerichtet war. die 
innere trennung beweist anch ein brief KOrners an Friedrich 
Schlegel aus Toptitz am 2S Mag 1&13, su§ dem ich einige slel- 
len hier einrückte, das original besitzt die Berhner kOnigl. 
hibKothek ausilervRadowitischen Sammlung. hierschreiblKörner: 

— Ich flüchtete mit deti Meinigen hieher kurz ehe die Fran- 

sosen in Dresden einrückten, %md wir wolle» hier eine bessere 

Z. r. II. A, Dfiic folge XIII, T 



98 ZU SCHILLER UND KÖRNER 

Zeit abuHErten. Mein Ghuhe daran itt viekn ein Ärgemin und 
eine Thorheit, aber dieß fichi mich nichi an. Einen schweren 
Kampf habe ich erwartet, und Hoffnungen, die mir soviel werth 
sind, gebe ich so leicht nichi auf. — 

Göthen sehe ich oft, aber über das, was mich jetzt am meisten 
interessirt, lässi sich mit ihm nicht sprechen. Er ist zu kali für 
den Zweck um zu hoffen. Jede Entbehrung und Unruhe ist ihm 
daher ein zu kostbares Opfer. Um seine und vieler andern klugen 
Leute höhere Weisheit beneide ich Niemanden. 

Bey Hartknoch habe ich eine kleine Schrift drucken lassen 
unter dem Titel: Deutschlands Hoffnungen. 

Unwillkürlich drängte sich den nahen freunden Goethes und 
Schillers die frage auf: wie würde auf Schiller bei der lebhaflig- 
keit seiner empGndungen das nächste Jahrzehnt nach seinem tode 
gewQrkt haben? man mag die frage eine mflfsige schelten, da 
er ja eben dieses Jahrzehnt nicht mehr bat erleben sollen, aber 
im gedächtnis der freunde blieb er lebendig, und sie konnten 
nichts grofses, bedeutsames erleben, ohne seiner zu gedenken 
und ihn sich als gegenwärtigen vorzustellen. 

Sein verklärtes idealbild würkte auf die freunde läuternd 
und erhebend fort, so schrieb die Wolzogen in ihrem Leben 
Schillers: Hätte Schiller dem Welteroberer gegenüber gestanden, 
er würde wie der edle Greis Wieland, im vollen Bewusstsein der 
Menschen- und Dichterwürde von jener hohlen, kolossalen Gröfse 
ungeblendet geblieben seyn, die zusammenstürzen musste, da sie 

nicht auf Gerechtigkeit und Wahrheit ruhte. Schiller starb 

im Jahre vor der Schlacht, deren Donner er, wenn er gelebt, ge- 
hört haben würde, die unsere bis dahin ruhige Heimath in die 
äufserste Bedrängniss brachte. Hätte er die grofse deutsche Zeit 
des Jahres dreizehn erlebt, wie würde ihm der Geist und der Muih, 
mit dem unser Volk Thaten übte und Opfer brachte, erfreut haben! 
und KOrner schrieb, nachdem er dieses buch der frau vWolzogen 
über Schiller gelesen, im briefe vom 24 jnn. 1831 an diese: 
Wohl unserm Schiller, dass er das Unglück des Jahres 1806 nicht 
erlebte! Wie tief würde es ihn ergriffen haben! 

Berlin, april 1880. F. JONAS. 



WALABFRID STRABUS GBER DEOTSCHE SPRACHE 99 



WALAHFRID STRABUS ÜBER DEUTSCHE;'',' 

SPRACHE. 

■ ml 

Lihellus WalaTritH SlrslioniG de exordiis "" 
et incrementisquaruDdam id obserualionibuseccle> 
siasliciü rerum. 

(c.) TU. Dicam lamen elinm secundum Dostram barbariem, 
<lU»e est UieotJBca, quo nomine eadem domus dei appellutur, 
ridiculo rmurii« Lalinis, si (lui Torte tiaec legerinl, qiii uelim 
nmiarum infonnes nnlns inier außUEtorum liberos compulare. 
Scimus lamen et Salomoni, qui in mtiltis lypum j:<'6si( domini 6 
saliialoris, inter pauones simias fuisse delalas. ^ El dominus qtii 
pascit columliai, dal rscam pullis coruorum inuocantibu» eum.^ 
I.Agsnt ergo nostri et sJcul religione, sie quoqne ralionabili lo- 
catloHP, nos in mullis iierani imitari Grecorum el Romanorum 
inielleganl pliilosopbiam. Hiillir res sunl apud singulas genleE, iii 
qnarum Domina anle cognilionem ipsarum rcrum apud alias in- 
cogoiU siini. Sicque Dl saepissime, ul rerum iuletleclus alü 
(b aliis addiscenles nomina ((iioque et appellaliones earum uel 
integre uel corruplc cum noun intellegenlia in suam proprieta- 
tem tralianl. Ul ab Hebreis Greci Latini et barbari 'amen' 'alle- lä 
luia' et 'osanna' niutuati sunt. A Crecis Lalinl el omnes, qui 
libris Ijlinorum el lingua uluntur, 'ecclesiam' 'baplismum' 'chrisma' 
tt omnium pnene radices dicionim acceperunt. A Latinis aulem 
Tbeotiäci mulla el in commuui loculione, ul 'scamel' ^feneatra' 
'lectar', in rebus aulem diuino scruilio adiacentibus paene omnia; 3ü 
Uwn » firecig scqui^nieg tatinos, ul 'cbelih" a calice. 'phaler" a 
patre, 'moter' a malre, 'genn' a gpnelio, quae grece dicuntur 
^cylis paler moler et genetion', cum in quibiisdum liorum nou 
KoJum Laliiii, ut 'genilor' ei '^enelrix', scd eliam Tlieotisci pro- 
prias babcanl uoces , ut 'sllo' et 'amma', Hodo' et 'toda'. Ab K 
ipsis siilem Grecis 'kjrica' a 'kyrios', et "papo" a 'papa' (quod 
cotusdam palernilatis nomcn est et clericorum congruit djgtiitali}, 
et 'heroro' ab oo quod esl 'heros', et 'inano' et 'manolb' a 'mene'. 
et sii) mnlia accepimus. Siciil ilaque domus dei 'basilica' id efll 
regia a rege, sie elram 'kyrica' id est domintca a domino nun- 30 
cupatur, quis dumiuo tlüminaniium et regi reguni in illa seruilur. 
Si auleni qneriiur, qua occasione ad dos uesligia haec grecilalis 
adaenprint, dicendum et barbaros in Rumana republica militaase, 
pt mnitos prcdicalorum grece et laline locutionis perito« inter 
bas lieatiss cum erroribus pugnaturas ueoisse et eis pro causi^ 35 

' 3 H'g:. tO,2i ■ Ptalm. I4P.,9 



100 WALAHFRID STRABCS ÜBER DEITSCHE SPBAGHE 

malta nostros, qae prios non nooennt otilia dkUdsse. Pr^- 
poeqae a Gothis qai el Gele, cam eo tempore, quo ad ftdem 
Cbristi Iket ooo recto iüiiere perdacti sonC in GreconuB pio- 
iriflcin conmioraofes noslniiD, id est tbeotisciuo, semoBen babne- 

40 rint, et, ot bistoriae testaotv« postmodum studiosi illios gentis 
dioioos iibros io soae iocutionis propiietatem transtaleriot, quo- 
miD adbac inoowieDta apud dooouIIos babentnr; el fiddiom 
fratnim rebtione dididmus, apud quasdam Scytbanon gentea, 
maxioie Tbomitanos, eadem iocutione diuioa bacteous cdebrari 

45 ofOcia. Hae autem permixtioDes et traoslatioDcs uerborann in 
OBoibas iioguia tarn moltiplkes soot, at propria singriaroiB iam 
ooD fiBt paeae plara, qaam com aliis commooia ocl ab aliis 
tranabta. 

Dieie für die gekkidue dar deui§chen tfredm nkki niimler- 
eaatUen hemerkungem gAe idk hier nack der äUettem SGaOer k$. 
446 $aed. 10 p. 228—230 (weniger earrea isi Co± Yindob. 914), 
da die drueke, s6. BibL max. 15, 184, mehrere fehler aufweaetu 
wiehiig ereeheint die$ capiiel auch darum, weil et, ucid ich weifi, 
die ertie quelle ist, welche das »uhtianiiv TbeotUci (s. 19) emf" 
weiet, freilich auch nur mit bezug auf die tfratke. 

Hatte. E. DCMMLER. 



ZU S. 28. 

Der bibliothekar der süfUbiblioihek za SGalleo, herr Idtensohn, hatte 
die gute, mir auf meine bKte die tod der DümmlerscheD pablication des 
Eostacbiosrythmaa (Z9. 23, 273) abweichendea lesarten des SGaller codet 
(61 Tollttindiff mitzuteilen, darnach folgt nicht, wie Ebert Zs. 24, t50 an- 
gibt, auf itrophe 42,4 in SG 43,5, sodass aofser 43, 1—4 auch 42,5 «oa- 
gef allen wäre, sondern es ist nur 43, 1—4 ausgefallen; 42, 5 ist Torhanden 
und bietet statt ut die lesart ubi. somit fallt sowol die Zamckesche inter- 
polations- als auch die Ebertsche selbsterweiterongsannahme znsammeo; 
der Dummlersche text ist, wie ich vermutete, der ursprüngliche. — data 
die Strophen 37—44 in SG mit dem von Dämmler edierten Veroneser texte 
auf eine quelle zuröckgehn, zeigt die beiden Codices gemeinsame sinnloae 
widerholung von 41, 4 in 42, 2, wobei SG sogar nemo beibehalten hat. 
dass auch sonst SG nicht überall das ursprüngliche bietet — wie es nachf 
Eberts anführunffen s. 150 (eonuerti, et dixit) scheinen könnte — seigeo 
folgende Verderbnisse : 37, 4 liberatae. 40, 2 praeeepit leonem magmtm» 
41,5 cupimus, 42,5 ubi^ das ursprüngliche dagegen scheint er aufser «n 
den von Ebert angeführten stellen auch 44, 4 sunt omnes tepuW zu bieten. 
— 44,5 hat SG nicht multis nach ßorent, wie Ebert angibt, sondemi in 
muHi$ flarent uirtutibus, da so der vers vollkommen in Ordnung ist, so 
wird sowol meine Vermutung, dass amen in den vers gehöre, als auch Ebertt 
r^igectur et ibi hinfällig. 

Trarbacb, im august 1880. F. SEILER. 



DIE DICHTUNGEN KÜLMAN MERSWINS. 



5. Epilog. 

Nicht mil unrecht hat mao Eich bisher üurchgehends über 
du geheim nisToile duokel beklagt, welche» über die gaDze ge- 
stalt, die schririea Qüd die Umgebung des C.s ausgebreitet ist 
und das aurxutiellea sieb jedermann aufser stände Tüfalle. und 
gerade dies gcbeimnisvoUe duukel war es vorzUgHcti, nelches dem 
G. riele freunde zurohrle; je mehr er dem suchenden entsclilupfie, 
jo mrbr alle versnobe, ihn aurzuQaden, an seiner unnahbarkeil 
ujieiterten, desto eifriger spurte man ihm nach und erfreute sich 
in der oebeihaften gestalE, die man sieb zum teil selbst schaf- 
fen muste. 

Nunmehr ist der Schleier geloftet; alles erklärt sich durch 
die £ine annähme, dsss der C. gar nicht existiert hat und Rul- 
nUD Herswin der dichter der Schriften und der schOpfer der 
geatalt des G.s ist. der wirre knaitel ist gelöst, hatte ich diese 
lOsuDg, dass sich nümlicta alles ans der nichtexislenü des G.s 
erklare, von vorne herein gebracht, so wäre sie als eine petilio 
principii erschienen und der Vorwurf hätte gegen mich erhoben 
werden können, ich mache mir die aufgäbe durch einfaches weg- 
llugnen leicht; nicht einer lOsung. sondern einem durchhauen 
des knotens gleiche meine melhode. so aber ergibt sich das 
resullal organisch aus den äufseren und inneren gründen, die 
idi fOr die nicblesistenz des G.s beigebracht habe; anstatt eine 
pellÜD princifiii zu sein ist es vielmehr eine letzte nicht zu 
unlerschlkUeDde bestatignog aller früheren Untersuchungen. 

Die Widersprüche im leben des G.s, den wir als eine Pro- 
tnunitur bezeichnet haben, finden jettt ihre erklUruog. es 
Khien uohegreiDich, wie derselbe mann Über sich seihst so viele 
»ich widersprechende viten in umlauf setzen konnte, die sache 
ist nun einfach, er hat nicht gelebt, nicht wUrkliche erlebnisse 
irgend einer persou sind in diesen viten enthalten, sondern dich- 
iBOgeD, entstanden zu verschiedenen zelten und fabriciert von 
tinem manne, der jedes mal in einem anderen gedankcnkreise 
lefale ond dasjenige nicht mehr vor äugen und in der erionerung 
balle, was er früher geschrieben, dadurch erklaren sich auch 
Z. f. ß. A. ntat folge XIII, 8 



102 DIE DICHTUNGEN RULHAN HERSWINS 

die Widersprüche, die sich sonst aus den Schriften des G.s er- 
geben haben, es liefs sich zb. leicht niederschreiben » der G. 
habe im jähre 1350 an so verschiedenen orten sich aufgehalten, 
denn in dieses jähr fä\i die bekehrung des meisters, zu dem 
der G. 30 meilen hin und zurück brauchte — und bei ihm blieb 
er lange zeit — ; in diesem jähre war er bei einem gotteafreonde 
in Ungarn; in demselben jähre fand eine Unterredung statt, die 
er der Geistlichen stiege zu folge mit einem anderen gottesfreuade 
gehabt hat. nun erklärt sich auch, warum dieser heilige mann 
ein Schwätzer war und sich mit einer Jungfrau versQndigte; 
warum er überhaupt solchen wert auf die unreinen ▼ersachungen 
legt, hätte er gelebt, so wären dies unerklärliche dinge* die 
nichtexistenz des G.s erklärt auch den Widerspruch zwischeii 
seiner lehre und seinem leben, wer wundert sich jetzt noch 
über den Widerspruch in den jahrzablen bei den einielneii 
Schriften, über die Unmöglichkeiten im berichte über die Rom- 
reise, über die schlechte Ortskenntnis usw.? was ich in meiner 
Schrift Taulers bekehrung s. 129 in bezug auf das MB bemorkt 
habe, dass sich alles recht gut auf pergament oder papier nieder- 
schreiben lasse, ohne dass ein einziges wort an der ganzen ge- 
schichte wahr sei, das gilt auch hier, wir begreifen jetzt auch, 
warum der G. sich jeden besuch einer historisch beglaubigten 
person versagt und warum ihn niemand findet, er ist nur 
eine fiction. 

Auch wird niemand jemals mehr darüber in staunen versetzt 
werden dass die genossen des G.s keine greifbaren gestalten sind, 
dass sie in sich ebenso voll der Widersprüche sind wie der 6. 
selbst, wie er, so haben eben auch sie nicht existiert, die Ähn- 
lichkeiten, die sie alle unter einander und mit personen aufser« 
halb der engeren gesellschaft des G.s aufweisen, deuten gleicher 
mafsen auf erdichtung hin, und zwar auf erdichtung von einem 
und demselben dichter, ebenso liefse sich der nachweis auch 
auf die übrigen puncto anwenden. 

Dies allein genügt aber noch nicht, nur wenn Merawin 
der dichter ist, dann ßiilt das volle licht auf die ganze Gottes- 
freundiitteratur. ist er der dichter, dann begreift man, warum 
er die einzige historisch beglaubigte person ist, welche vom G. 
etwas weifs, und warum alle briefe des G.s nur bei ihm ein- 
laufen, seine Umgebung nur durch ihn briefe an den 6. senden 



a. EPILOG 



Uuii. er liat j» üie idce vom G. im ob^lande der weh milg«- 
[eilt und d«8SCQ brier« verfassl. der eiDzi^e wrg, den betrug 
rortiusetzen , war der dasa Hei'snin sicli zum centrum der be- 
negung machte, ia der angegebeDcn tatsaobe ist aucb der grund 
ZD suchen, warum keiue aadero briefe als an Strafaburger adre&- 
tBt«Q vorbanden sind. Teroer l)nd«t auch die gleicbheit der 
beideneiligen schiirteu, der des G.s und Mersnias, hierin ihre 
tfblaruug. der älne dichter Merswiu muss auch verantwortlich 
gemacht nerdea für den mangel au abwechseluug in allen 
sdiririen. 

Ist Merswin der dichter, dann erklären sieb noch andere 
twbegreifiiche dinge, im jähre 13S0 schreibt der G. an Merswin, 
sie beide durften sich nicht mehr briere schreiben, sie mUstea 
liier creaturen ledig stehen und abwarten, was gotl von ihnen 
haben «volle, dies sollte wenigstens drei Jahre dauern (NrB 
8. 336. 33S ()■ W3B geschieht nun? im sommer 13SI sendet der 
iociuse, d. i. der abgeschiedene G.. die tovek herab ins Nied«*- 
liad, d. i. zunächst nach Slral'sburg, xito einre getrvtom friint- 
iieli$n uamiiMi;« in dm erschrOckenlichen aerbottea. aber wenn der 
G. wttrklicb existiert und sich jener strengen abgeschiossenheit 
noterzogen hatte, wie wäre er zur Kenntnis des '^erbens' im Et- 
uaa, resp. Siralsburg, gelangt (vgl. Konigahofeo, Deutsche stüdte- 
chron. f). 772)? wie stimmte ferner die Übersendung der toeeia 
in dem Vorsätze, sich jeglichen Verkehres mit der aufsenwelt, 
j> selbst mit Merswin zu entschlagen? so ist aber alles klar. 
Merswin selbst ist der Uberseoder, er lebte in Strafsburg umi 
frnst« natürlich vom 'slerbeu'. dass er damit in Widerspruch 
mit seineu frllheren milleilungeii kotnme, daran dachte er nicht 
in geringslun. dasselbe passierte ihm, dem vergesslichen maune. 
ntit noch ein jähr üpüter. die Johanniter baten ihn, als er auf 
dem todbelle lag, er mOge sie wissen biBseu, wo sich der G. 
aufbalte, damit sie nach seinem lode mit ihm verkehren köunlen. 
<liH natürlichste und allein conse(|uente antwort wäre gewesen, 
die Johanniter an die eingescblossenheit des G.s zu erinnero, die 
fvenlucll erst im frohsommer 13S3 beendet werden solle, wabr- 
Kbeinlich aber gar nicht aiifhOreo werde, allein das vergab- 
Merswin wider und erteilte vielmehr die bekannte antwort, sein 
bste sei gestorben, nur dadurch dass der G. nicht existiert und 
■ich die ganze geschichte nicht in wllrklichkeit zugetragen bat. 



104 DIE DICHTUNGEN RULMAN MERSWIKS 

lasseo sich solche dinge eriilären. äholkhes erfthrt man im 
leben sehr häu6g. erdichtet jemand irgend eine geschichte, die 
er erlebt haben will, so wird dieselbe ebenso oft Wandlungen im 
munde des dichters durchmachen, als er davon spricht der G« 
schrieb vor seiner einschliefsung einen brief auch an den comthur 
(MtB s. 340). allein dieser brief ist so verfasst, dass er dem 
gedanken räum lässt, der G. werde noch (tfter schreiben und es 
habe mit dem einschliefsen keine grofse eile, vor einem solchen 
entschlusse schreibt man nicht so. dieser brief findet wider nur 
durch die nichlexistenz des G.s seine erklärung. es fragt sich 
auch: was ist nach der einschliefsung aus den genossen des G.s 
geworden ? denn nur mit Johannes scbloss er sich ein (vgl. N?B 
s. 330 und 343). der dichter vergafs die Übrigen. 

Es ist ferner auch klar, warum mit Merswins tode still- 
schweigen eintritt Merswin konnte recht wol in der maske des 
G.S sagen dass, wenn Merswin länger lebe als der G., er den 
namen desselben bekannt geben werde (NvB s. 133), da er immer- 
hin früher als seine fiction sterben moste und er deshalb nie in 
die läge kommen konnte, sein versprechen zu erfüllen, man 
begreift weiter, warum Merswin diejenigen Schriften, die er als 
seine eigenen angesehen wissen wollte, bis zu seinem tode lurttck- 
behielt nur auf diese weise entgieng er der entdeckung, da 
man keinen vergleich zwischen den beiderseitigen erzeugnissen 
anstellen konnte, was nachher geschah, brauchte ihn wenig au 
kümmern, ein helles licht wirft die annähme der nichtexistens 
des G.s auf die notiz, Merswin habe von den vom G. an ihn 
gesandten Schriften copien gemacht, in denen er die namen der 
orte und personen weggelassen, worauf er die originale ver- 
brannte (Schmidt NvB s.xiii; Jundts. 271). natürlich I Merswin^ 
muste ja dies sagen, sonst wäre man hinter den betrug gekommen, 
wenn er keine orte angab und niemanden nannte, konnte man 
keine controle üben; wenn er dann vorgab, er habe copien an- 
gefertigt, die originale aber verbrannt, konnte er den Johannitern 
recht wol seine eigene handschrifl übergeben, ohne dass dieselben 
auch nur der schatten eines argwohns beschlich. keinem fiel es 
auch ein, noch nach den originalen zu fragen, hiemit steht in 
Verbindung dass bei den einzelnen erzählungen häufig die phrase 
vorkommt, dieser oder jener verbitte sich dass sein name ge- 
nannt werde, keiner hat eben existiert, nicht weniger begreif- 



5. EPILOG 



105 



lieb igt CS Dun, warum allo enabliiagen des G.s id eine ver- 
baiiDKnilirsig l'rOlie zeit gesetzt wenlen, wlllirend sie io der tat 
um dieselbe zeil, in der sie publicierL, d. i. aa die benohnerroo 
GrllneDwOrth mitgi^eilt wurden, also spät, abgerasat worden sind. 
dsBS die abfnssung in eine späte zeit falle, kann wenigatens in 
bezug auf einige derselben nacbgewicsen werden, in bulreüT des 
HBs habe ich es in meinem buche Taulers bekehrung s. 130 getan. 
andere scliriften setzen die rerOlTentlichung von Seuses exempUr 
voniM, welche erst um 1362 statiraad. wenn Herswin die daien 
flrah ansetzte, wurden die geschichten glaubwürdiger, denn es 
ttet niemandem mehr ein. Untersuchungen anEUetellen; das wäre 
bedeutend leichter gewesen, wenn diese gclionea den bewobnerD 
von GrOneowOrth als berichte über gleichzeiligc erlebnisse wären 
vorgelegt worden. 

Nun rerstehen wir auch, wanim besonders Tauler in den 
fcbriflen des G.s, wenn auch schlecht, benutzt wird, bätte der 
G. existiert und zwar in der Schweiz, so konnte ich mir dies 
faclam nicht erklürcn. ich l'and ia der ganzen Schweiz nur 
imi üpnte Taulerhandschriflen, und diese nur in SGalleu. Tauler 
war in der Schweiz, wenn wir Dasei ausnehmen, so gut wie un- 
befcamit («gl. auch Neyer vKnonau in den Gült. gel. anz. 1S80 
9.29). wulier hiltte der G. Taulersche Ideen nebnicn solleu? da 
jedocli Herswin der dichter ist, so ergibt sich dio erklürung sehr 
einbeli; Herswin bilrle Tauler oft iu Strafsburg predigen, von 
mancher predigt Tatders Ijefse sich auf diese weise der nachweis 
KeTem dass und wann ungefähr sie Tauler in Strofsburg gehallen 
hat. allein, da in den licbrifleu Merswins keiner einzigen jahrzabl 
IU trauen ist, so muss raun wenigstens von dem versuche ab- 
(lehen, die predigleu zu datieren. 

Wir erbalten nun auch einige anbaltspuncle dafür, warum 
Herswin den G. seinen sitz io dem lande der herzöge vDsler- 
mcb nehmen liefä. dasselbe lag ihm aU Strafsburger gewisser 
maTsen am nüchsteii, denn sowol Olierelsass als auch ßreisgau 
geborten diesen herzogen. 

Auch die cnahlnDg von dem vom himmel gefallenen briefe 
wbaU uiiii einen hiolergrund. Merswiu war in Strafsburg, als 
die geifaler sich durl 1349 auf einen vom bimuiel gefallenen 
hrief beriefen. Merswin. der so ziemlich eine geifslernalur be- 
Mft, hatte bei ihnen dies manöver kennen gelernt. 



106 DIE DICHTUNGEN RULMAN MERSWINS 

kt Merewia der dichter, dann begreift stob auch die oMDgel* 
faafte ortBkenntDie. er scheint wenig gereist zu sein, und so 
waren ihm, dem Strafsburger, gegenden wie die um Verona, von 
denen er im Leben der Ursula berichtet (vgl. Jundt s. 368; J. 
übersetzt aber wider falsch s. 111), noch mehr aber die umstände 
einer Romreise unbekannt ^ 

Diese andeutungen roOgen für jetzt genügen.^ Merswin 
gleicht in seinen dichtungen einem angeklagten, der, nachdem 
er die gravierende tatsache weggeläugnet, sich fortwahrend, weil 
er unverhofit gefragt wird und die ganze Situation bis in die 
kleinsten details sammt allen consequenzen nicht mit 6inem blicke 
überschaut, in den eigenen aussagen widerspricht der fatale 
ausgangspunct für alle Widersprüche in den aussagen Merswins 
war eben die fiction der existenz des G.s. durch die verschiedenr 
heit der personen, welche er mit seiner fiction vertraut machte, 
«nd durch den beständigen Wechsel der umstände wurde aowol 
die Situation Merswins als auch die seiner fiction stets eine neue, 
andere. Merswin wies seiner fiction einen zu grofsen und in 
ausgebreiteten würkungskreis an, er liefs sie zu vieles erleben, 
besafs aber nicht das allerdings seltene talent, von vorne heran 
die consequenzen zu überblicken und seine idee einheitlich aos- 
zuführen. wie Merswin es machte, muste er sich fortwährend 
in Widersprüche verwickeln. 

Aus all dem wird klar dass die bewohner von Grünenwörth 
«um teil einfältige leute, zum teil flüchtig im denken waren, 
hatten sie nur einiger mafsen acht gehabt, so wären sie notwendig 
dem betrüge auf die spur gekommen, wie einfältig sie aber 
waren, beweist, um von allem übrigen abzusehen, das Zs. 24, 472 
angegebene factum, dass sie keinen argwöhn fassten, als sie den 
boten, und zwar nicht Einmal, sondern oft, auflauerten, dieselben 
aber niemals zu gesiebt bekamen (NvB s. 62). 

' ich machte bereits Zs. 24, 314 darauf aufmerksam dagg der G. sich 
in einer gebend aufgehalten habe, wo kleinere berge waren, die mit wagen 
befahren werden konnten, dies wird nun klar. Merswin , der dichter der 
Romreise, wngte xb. von dem nur 780 m. hohen und befahrbaren übergange 
von Markirch nach SDi6 in den Vogesen; dadurch mag er auf die Ver- 
mutung gebracht worden gein dass auch auf der Romreise wagen im ge- 
brauche gewesen. 

* auf die briefe des angeblichen G.8 komme ich alsbald bei behand- 
lung des Zweckes der dichtang tn sprechen. 



I Ehe wir vn 

f auftaue (s. 540) 

Mervwin bBim I 



b. EPlLUi; 107 

Ehe wir neMer geben, müssen wir noch eiue im leuieo 
auftaue (s. 540) ungelöste fragr. ins sugc fassen, wanim nämlich 
Mervwin boim fabricieren des FonfmanoeRbucbes gcmde A»s a 
sUtt e als ei^vntUmlichkeil wühltü und inwiefern ihm hier eine 
niuoAfUicfae spielart vorguscbvtebt halie. a stall e in <leii enilun- 
^n kumml Oller vor und an mehr orten al« mau bisher »age- 
Hommvii. Diau dachte in letzter zeit fast nur au die Schweiz, 
unil hier blol's an die gegenden sUdlich vom Bodensee (siebe 
ib. 24, 303). Märe dem also, dann liefse sich schwer crklHren, 
MiF MersniD bei solcher entlernung von diesem teile der Scliweii 
auf den gedankeu kommen kounie. gerade jene eigentUmlichkeit 
bei seiner ficiion zu wählen. Merawin war, nie ich bereits be- 
merkt!;, ein mann, der grol'se reisen nicht machte, man mOsle 
also annebmou, er sei das eine oder andere mal mit jemandem 
au* dieser gegend lusammeugekonimen und habe ihm bei der gc- 
legmfaeil die erwähnte eigentUmlichkeit abgelauscht, aber die 
crkUruuf! ist viel einleuctitendcr, wenn a statt e in gegenden ge- 
sprocbeu wurde, die Mersnin naher lagen und woher er es 
dann herüber nahm, nur dies stimmt zu Merswins character, 
der, wie wir gesehen haben, in der regel auf das ihm zunächst 
hegende sein augenmerk gerichtet hielt, in der tat fand sich das 
a stall e oder o in solchen gegenden, die nicht allzu weit vom 
Ekass entfernt sind, und iwar in viel umfassenderer anwendung 
als iu der Schweiz, man vergleiche den (grkOrzlen) brief des rit- 
lere Burckbardt Sallzvasse, wahrscheinlich eines Wurtembergers 
oder Badensers, in Mones zs. 7, 164. vorzüglich aber die beiden 
lieder in nherscbwsbisclier muodart aus dem ]6jh. bei Frommann 
Die deutticlieu mundaricn 4, 86 — 99. in diesen gedichten flndet 
sich das a statt e odt>.r o iiHuÜger als im FM. der volksdialect 
da 10 Jhs. war aber in jenen gegsndcn nicht nesenllich ver- 
schieden lon jenem des Hjhs. aus dem verkehre mit personen 
am diesen tcegenden lernte Merswin die eigenheit; dieser ver- 
kehr war gcwis ein lebhafterer als mit Schweizern, da im Elsass 
dtnte eigenlUmlichkeit sich nicht findet und der Elsasser dialect 
niemals mit dieser eigentUmlichkeit gesprochen wurde, so konnte 
den joliannitern die spräche det^ FMs als eine mischung des elsassi- 
icheu dialectes mit einem fremden gelten. 

Welchen zweck hatte dann aber Merswin bei 
tfliDCB dichluogen? warum fingierte er einen Gottesfreund 



108 DIE DICHTUNGEN RULMAN MERSWINS 

im oberlande? welcher gedanke leitete ihn bei abfassung der 
verschiedeDen Schriften und briefe des von ihm fingierten G.8? 
der zwecke gab es verschiedene, wir können sie einteilen in 
allgemeine und in besondere. 

Der oberste zweck Merswins bestand darin, die goiiesMunde 
als die einzigen stützen der Christenheit darzustellen, daas die 
gottesfreunde die stütze der Christenheit seien, dieser idee he* 
gegnen wir bereits beim verf. des Opus imperfect. in Mattb. ; ans 
Taulers munde jedoch nahm sie Merswin in sich auf, modelte sie 
nach seiner weise um und schraubte sie bis auf die Sufserste spitze, 
in Merswins Schriften hat jene idee folgende gestalt: nor wenige, an 
den fingern zu zählende, sind die säulen der Christenheit, und la 
ihnen gehört auch Merswin. die gnaden- und heilsmittel der kirche 
sind allerdings auch notwendig — das bildet Merswins Voraus- 
setzung — , aber die Unterwerfung unter die gottesfreunde, seien 
diese nun priester oder laien, ist gerade deshalb, weil sie ihm zu 
folge die einzigen stützen der Christenheit sind, die hauptsache, und 
nur diese Unterwerfung führt zur Vollkommenheit, sie lehrt auch 
den richtigen gebrauch der gnadenmittel, sowie die gehörige an<* 
Wendung fiufserer Übungen, nicht die Wissenschaft ist es, welche 
dazu dienlich wäre, noch die lehrer und beichtvdter als solche 
vermögen etwas dazu : ein erleuchteter gottesfreund allein ist ein 
tauglicher führer und helfer. diese idee führt Merswin sowol im 
leben und in der würksamkeit des G.s im oberlande durch, als 
auch behandeln denselben gegenständ erzählungen, die sich auf 
das leben und die würksamkeit anderer gottesfreunde beziehen, 
über allen gottesfreunden steht der G. im oberlande ; er wird als 
das ideal eines gottesfreundes hingestellt, gleichwie sein leben 
das höchst mögliche, so ist es auch seine würksamkeit, welche sich 
auf den papst, bischof, domherrn, einfache priester, ordensleute, 
meister der hl. sebrift, lectoren, weitweise, rilter, reiche, eheleute, 
andersgläubige usw. erstreckt, weil wie kein anderer mit dem 
lichte des hl. geistes durchgossen weifs er auch überall wie kein 
anderer rat zu schafl'en. und er schafi't diesen in Rom, in Italien, 
in Ungarn, in Metz, in seiner heimat. und welch heilige ganz über- 
natürliche menschen werden nicht unter seiner ieitung gebildet! 

Dies ist der grundgedanke , der sich wie ein roter faden 
durch alle historischen dichtungen Merswins hindurchzieht, wäre 
Merswin dabei stehen geblieben, so stünde noch immer die frage 



5. EPILOG 



m 



otSfa, warum ev ein^n G. fiogierle. denn als golcher nütze er 
liocJi Diclilü. allein in uoniiUelbarer verhinduDg mit dem aus- 
gesprochenen allgemeineu zwecke stellt die andere absieht Mer- 
«wins. nianche wahre oder eingebildete schaden der kirche auf 
diese woise zu beben und die kirche selbst in gewissen puncten 
111 refonnieren. wie diesen zweck sein BUcblein von den neun 
telsen verfolgt, su auch das sogenannte Seudschieibeu des G.s, 
du HB. die geschichte der hekehrung Eckham usw. manche er- 
Kthlungea hallen den zweck, deu leseru, die einem ahnlichen 
Stande wie die geschilderten personeu angehörten, lehre und hei* 
spiet 3U geben, wie sie unter gleichen umständen handeln solllen. 
ausdrücklich wird dieser zweck für die abfassung des FMs an- 
gegeben (NvB s. 3(19 f). 

Um diese zwecke zu erreichen, war kein mittel geeigneter 
als erdichtete erzäblungen, wie ich bereits in meiner scbrift 
Taolere bekebrung s, lau bemerkte, ohne sich selbst zn ver- 
raten konnte Merswin auf die cbristeaheit nach belieben und so 
gut es gieng einwürken und seioeo ideeo eingang verschaffen, 
die bauptrolle spielt dabei immer ein gotlesmann, der sich in den 
augea anderer der höchsten erleuchlung und der aul^erordent- 
hrhelen begabuog erfreute, dem in seiDer tatigkeit sichtlich der 
sctanlz gottes zur seile zu stehen schien, und der um so mehr 
die Verehrung aller gewinne» miiste, in ein je mysteriöseres 
dankel er gehüllt war. weil der unnahbare G. in seinem i;ig- 
licbea IcbeD uicbt beobachtet werden konnte, fehlte jeder mafs- 
stab. um die walirheii der aussagen Über ihn zu prüfen, die 
eiisteDX des G.s deshalb zu bezweifeln lag nicht im geisle jener 
zeit; es blieb also nichts übrig als zu glauben. Mersnins lactik 
war rdo beirchuet, wenn gleich die ausfuhrung oft ziemlich 
plamp ansDel. 

Durch diesen von Merswin fingierten G. gewann auch Mer- 
swia selbst ungemein, er lasst sich in seinen ansichlcn, planea 
und Iiandlungen von einem so aufserorilentlicben phänomene leiten 
und führen: das muste in den augcn seiner Umgebung zu seiner 
eij^en crhohung beitragen, um so mehr, als er auch den G. 
ton sich abhüngig sein iHsst (NvB s. 338). dies war ihm vor- 
tfl)clich hei seiner sliftitng von Grünenwurth und der leitung der 
dortigen inwobner nach seinem sinne von gröslem nutzen, auf 
diese weise setzte er alles durch, ein teil der briefe des G.s 



110 DIE DICHTCXGEN BÜLMAX MEBSWIXS 

«wde BOT n S«atm iwecke crAckteL wm/L wdchcr scUanhek 
er 4ahd Tetfahrea, irt wabrbaft bewvaderasweit. er sdisl tpfkhl 
«caif vb4 oNmH nkhl fiel aa, scüe ««Mche fegt er dea G. 
ia ilcA BWid ond in die fcder, uid bart iha die briefe »eist an 
mtkl 9m Ihm selbst adressiereii. dalir werdea aber die 
erianert, sieb mit Xerswia n besprecbea, seiacm rate 
n folfen oder ibn die briefe lesca n hsaen. doch trota dieser 
feiaea berecbaoag tragen aUe bride das geprige an sieb, dass 
sie dort verfMst seien, wo die adressatea sidi befanden, niodicb 
sa Strsfibarg. es wird in ibnen gar n genaa aHes bis in die 
kkinslen delails bescbrieben und bericbtet, was sich m StFsfs* 
barg logeUagea, ab dass der weriaaser irgendwo anders bitte 
sein können als eben dort diese briefe sind die fmcht eigener 
aascfaannng, ond der Terfasser biofle in jedem briefe alles lu- 
sammen, was ihm eben im momente notwendig scbien. so erfcllrt 
sich Yor allem der schlusssats im 8 briefe und flberiiaopt der 
ganze 8 nnd 13 brief. so erklärt sieb auch, warum der G. alle 
einzelbeiten in betreff des chores und der kircbe in GrOnen- 
wOrth woste (Tgl. denselben 8 brieOi warum ihm der kommer 
des comthurs bekannt war (9 brieO* warum er immer darüber 
unterrichtet war, wann Merswin krank lag (rgl. NfB s. 324. 
331 f): der G. war eben kein anderer ab Merswin su Strafsburg, 
die Johanniter scheinen stets in grofser geldrerlegenhdt gewesen 
su sein, darum fortwährend die rertrOstung Merswins durch den 
G. auf reiche brüder (NyB s. 298. 305. 308. 315. 318. 336 ffj. 
im 11 briefe (s. 310) setzt Merswin durch dass in den cbor der 
Johanniter nicht mehr so viele wellleute zugelassen werden sollen; 
aber es geschieht das wider, um der grOfseren autorität willen, 
durch den G. auch die wunder und erscheinungen, die sieb bei 
und Tor der gründuDg von GrünenwOrth zugetragen haben sollen, 
erfahren die johaDniter erst viele jähre später. Merswin lässt den 
G. sagen, er glaube, Merswin habe ihoen noch nie recht mit- 
geteilt, wie der GrünenwOrth entstanden sei. und er erzählt nun 
von sich und von Merswin dieselben träume und dieselben 
krankheiten, die sie zu derselben zeit gehabt hätten (NvB s. 303). 
dass Merswin dieselbe göttliche bevorzugung zu teil wurde wie 
dem G., das verschaffte ihm neues ansehen; dass er aber erst 
so spät von ihr sprach, lag darin begründet dass diese mirakel 
eben nur von ihm erdichtet sind, um seinen willen in Sachen 



11t 



tles baucs diirclizuselzen. s. 315 nird auf die gleiche weise iiia- 
oAverierl; ähnlich auch s. 324 T. 

Dieser letztere gedauke liildet einen anderea der besoudereu 
iwecke, den Merswiu bei abratisung mancher briel'e gehabt hat. 
er wollte beim baue seine eigenen plane gegenüber denjenigen 
de» conithurs v er w (Irklicht wissen, dabei wird Tast durchgeheads 
der G. mit seinen Visionen vorgescbüUt; natUrlicb war man dann 
einem solchen munnc gegenüber folgsam, einmal gieng es aber 
tlocb schief, aus dem 12 brief erhellt nUmlich dass Herswins 
rkt hiosicbtlich des chores sich nicht bewahrt halte; darob war 
der cnmlhur, der scJion manches geld verbaut hatte, betrübt, 
nun gibt Ruiman nach, in demselbjen briefe vom 6 juli 1377 
(b. 312) Iflsst er den plan des comthura durch den G., oder viel- 
mehr durch den boten Ruprecht, bevorzugt werden, der G. ge- 
rierl sich sonst immer, als verstehe er die baukunst: hier räumt 
tr seine unbekanntschaft mit ihr ein. das war aber alles nur 
wol berechneter schein, nach ablauf kaum eines monats, am 
t august, her» Merswin den G. wider nach Slraraburg schreiben, 
ca sei ihm- eine himmlische erscheinung zu teil geworden, in der 
sich gott gegen des comtburs ansieht ausgesprochen, und ein 
neuer plun ihm geolVenbart worden (b. 3161'), der aber in der 
Ul nur der nite wsr (vgl. auch Schniidt in der Revue d'Alsace 
7. 195). zur beglauhigung fahrt er ein höchst komisches wor- 
amchen an. in der himmlischen vision wurde ihm angekündigt, 
mo stunt so dii nuwent von dem belle kummest so luoge suo da' 
mAoi «0 iotl du bevinden äaz du vor dime kertsen befindest eine 
gnu gtivsoUene bUttre vor dime berlaen stonde. vnd muoac oudt 
4ie ulbe hiotere ahe lange haben wnize an die ai( daa du einen 
brief viider abe gtschribe$t von dirre selben sache wegen und nüt 
tmäers; und zuo Wortzeichen wenne es NuweHl beschilil dax du 
dm brief geschribe$l so sol dir die blotere on alles we zuo slunt 
aergon. dass die Johanniter einem solchen briefe, den Mersnia 
ao sich selber gerichtet sein hefs, glauben schenkten, beweist 
neuerdiDge, wie eiafultig sie waren, und was alles ihnen Herswin 
■utnuen durfte, es war ihm deshalb ein leichtes, seineo willen 
durchzusetzen. 

Derselben politik Herswins begegnen wir, wenn er den G. 
FÜicIw nionale früher aus Merswins brief ein kleines brieflein 
henusschneideB und dem comlliur Uberseuden lüsst mit der be- 



112 DIE DICHTUNGEN RULMAN MERSWINS 

merkung, Merswins plan gefalle ihm besser als der des comthors 
(NvB s. 304). oder wenn er dem G. in demselben briefe die 
Worte in den mund legt, Merswin solle dem comthur beim baae 
raten (s. 306). da die Johanniter überzeugt waren, der angebliche 
G. handle und rate nur aus dem hl. geiste, so galten ihnen die 
ratschlage des G.s auch in betreff des baues als anordnungen des 
hl. geistes, die sie um so lieber befolgten, als sie den eifer und 
die sorge des G.s um den GrünenwOrth kannten, der G. betragt 
sich ja immer als einer, der die Johanniter nicht blofs geistlich, 
sondern auch materiell sei es durch neue brüder, sei es durch 
geld unterstützen will (vgl. N?B s. 305. 336 usw.), ja der sogar 
selbst einmal Johanniter zu werden vor bat (s. 294 fif)* 

Auf diese weise konnte Merswin dem comthur und den 
Johannitern auch solche ermahnungen geben, die er ohne den 
G. nicht so leicht hätte anbringen können, unter diesem ge- 
sichtspuncte sind die ratschlage und ermahnungen im 16 bis 
18 briefe, gerichtet an den comthur, aufzufassen, dieselbe ab- 
sieht hatte Merswin bei den dem G. in den mund gelegten er- 
mahnungen an Johann von Schaftolzbeim , an die priester und 
die Johanniter von GrOnenwOrth. kaum verrat sich aber auch 
in einem anderen briefe so sehr der Strafsburger als in diesen 
briefen. der sogenannte G. weifs die kleinsten umstände, die 
manigfaltigsten Situationen, in denen sich diejenigen befinden, an 
welche er seine briefe sendet, da man nicht mehr an die er- 
leuchtung des G.s denken darf — denn er ist fingiert -^, so 
bleibt nur die einzige annähme, Merswin habe an die adressaten 
nach ihren jeweiligen bedUrfnissen geschrieben, die ihm als ihrem 
genossen recht wol bekannt waren. 

Nun besitzen wir auch den Schlüssel für manche abge- 
schmacktheiten und absonderlichkeiten in den von Merswin ver* 
fossten Schriften des G.s, die sonst unerklSrbar waren, da er 
zunächst für die Johanniter schrieb, so schrieb er in d^r weise, 
wie sie dessen eben bedürftig waren, es gab, wie es scheint, 
unter ihnen solche, die von den Versuchungen zur unkeuscbheil 
stark geplagt wurden (vgl. Gottesfr. s. 185). ihnen zum tröste 
dichtete er nun Schriften, aus denen sie ersahen dass selbst so 
heilige männer, wie der G. und seine genossen und andere, der- 
artige Versuchungen zeitlebens tragen musten. bei anderer ge- 
legenheit, wo dieser zweck bei der erdichtung nicht Toriag, 



•tellta Henwin den G. allerdiDgs in einem aadereu, vurschie- 
deaeii liebte dar. um die jobaDiiitcr von dem iitogange mit per- 
fiODeu dea anderen gescblectites abzuhalten , slellte er ilineo vor 
diss selbst der C. goTallen Bei (zb. in der Geistlichen stiege), wie 
icfihrlicb der umgaog selbst mit beiligcD Trauen sei, konnten sie 
aus der gescbichte der Ursula ersebrn. 

Die letzteu brieTe verfolgen einen mebrfacbeD zweck, einmal 
wollte NersniD abbrecbeu. schon frilher IJers er den G. erklären, 
sie beide wären übereiugekommen, sich nur mehr wegen ernst* 
liclier dinge zu schreiben (INvB s. 30S). im Jahre 1380 musB 
Merswio, der damals bereits 72 jähre alt war, krank gewesen 
sein; es gebt dies aus dem 19 hrier« (s. 331 f) hervor, er mag 
geTubll lisben dass er nicht mehr lange leben werde, er wollte 
endlich ruhe, dies war nur möglich, wenn er sich den johan- 
nilem gegenüber einerseits vom G. lossagte, und wenn er anderer» 
»FJts den G. von ihm sich lossagen Üefs. kurz, Mcrswin musle 
seiner Tiction den Untergang bereuen, er, immer extravagant, 
fOldte sich zu einem lehen hingezogen, das damals besondere 
umtiungskraft besafs, nämlich zum inclusenleben (NvB s. 335). 
doch batte er nicht den mui, völlig incluse zu werden, gelegent- 
lich wollte er eich doch iu die angelegenbeilen seines hauses 
mi«cbeH können, die grUnde, warum er nicht ganz das ioclusen- 
lebrn vrwablte, legt er wie gewöhnlich dem G. in den mund 
{». 336). darur lieTs er aber sein geschopr, den G,, ein slrenges 
incluaenldie» l'IIhren. der G. erbat sicli die erlaubnis, nicht 
mehr ihm gehorsam sein zu brauchen : er müsse dem bruder 
Jvbanaes (einer anderen üction) gcborsam sein; Merswin solle 
sidi dem comlhur ualerwerren. vorher richtele sich aber Her- 
■win «las lebeu und die lagesordnuog so ein, wie es ihm be- 
lieble, natürlich geschah dies widerum durcb den G. (s. 336 fj. 
ao koonte der comihur eigentlich doch nicht berehlen. 

Der G. sollte ein würdiges ende haben: als opfer der laster- 
ht&igkeil der weit heTs ihn Merswin verschwinden. Merswin sah 
tich ndmlich sdion seit längerer zeit iu seinen holTnungen ge- 
teiuclit. von jähr zu jähr hollle er, es werden grofse plagen über 
die Christenheit von gott verhangt werden, aber sie kamen nicht, 
tn mehreren briofen liei's er sie durch den G. prophezeien (NvB 
t. 323. 326); dasselbe Ihema behandelt auch das Leben der Ur- 
sula (bei iundl s. 3S9), vorzüglich aber das sogenannte Send- 



114 DIE DICHTUNGEN RULHAN HERSWiNS 

schreiben und das BüchleiD tod den neuD felsen. der 6. war 
aber ein schlechter prophet. in den äugen der Johanniter frei* 
lieh nicht, denn Merswin gab als grund, warum die plagen nicht 
einträten, das gebet des G.s an ; ihn liefs er teils allein, teils im 
bunde mit anderen gottesfreunden die stütze der christenhdt and 
der wankenden weit sein, dem 17 briefe Tom 16 april 1379 lo 
folge sollte die räche nach einem jähre kommen (NvB s. 326). 
ein par monate darauf lässt Merswin durch den G. den comthur 
ermahnen, er möge in der predigt die leute warnen (s. 329). 
aber keine anzeichen von plagen traten ein. da wartete Merswin 
nicht einmal das jähr ab, sondern schloss einstweilen das leben 
des G.s mit der bekannten dichtung Ton den 13 gottesfreunden 
bei der felsenkapelle und dem vom himmel gefallenen briefe ab. 
der G. sollte vom jähre 1380 ab drei jähre lang, ja, wenn es 
gottes wille wäre, sogar den ganzen rest seines lebens als in« 
cluse die Christenheit stützen (s. 335). die Johanniter werden 
damit getröstet dass sich der G. nach diesen drei jähren viel- 
leicht am Grünenwörth zeigen werde (s. 323. 337. vgl. 136). 
unterdessen starb aber Merswin. dass sich der G. natüriich nicht 
nach den drei jähren zeigte, konnte den Johannitern nicht auf- 
fällig vorkommen, da sie meinen musten, er bleibe vielleicht sein 
leben lang incluse, und da überhaupt dieser eventualität Merswin 
vorgebeugt hatte (s. 337 und oben s. 108). es unterliegt aber 
keinem zweifei dass Merswin den Schwindel fortgesetzt hätte, wäre 
ihm gesundheit und ein längeres leben beschieden gewesen, ge- 
reute es ihn doch schon ein jähr nach der erdichteten ein- 
schliefsung des G.s, seine fiction so früh vom schaupblze entfernt 
zu haben, denn er lässt, wie wir sahen, den G. 1381 wider tätig sein. 
Ein anderer zweck bei mehreren der letzten briefe war durch 
das ausgebrocliene schisma vorgezeichnet, in folge desselben ent- 
stand nämlich auch im johanniterorden grofse Verwirrung (vgL 
Vertot Histoire des Chevaliers hosp. de SJean de J^nraalem, 
Paris 1772, 2, 246). so weit es sein alter und seine gebreohp* 
lichkeit zuliefsen, wollte Merswin in dieser angelegenheit mit- 
sprechen, um dies besser zu vermögen, schützte er, wie immer, 
den G. vor. bald aber stand er am ende seines Wissens, denn 
als der comthur vom G. aufschluss verlangte, zu welchem papste 
er sich halten solle, antwortete dieser, er solle tun, was der 
ganze orden tue. diese antwort war aber unter den umstSnden, 



nater deaeo sich der comlhur berand. keine anlwort. denu der 
comtliur (raftXe ja nur deshalb, weil der ordeo selbst ia Verwir- 
rung und Ui^r grol'emeister eingesperrt war. auf die frage des 
CQüithure aber, lu welchem papste der G. sich halte, erwiderte 
HfTswin durch den vermeintlichen G. : ihre Stellung sei eine ver- 
scbieiicRe; der bischol* drSnge ihn sammt den genossen nicht, 
tue vielmehr was sie wollteu. zudem bestifseo sie viele privi- 
l<gieo, di« sie vom papste erhallen und welche viele cardiuäle 
hrsiegelt hatten, nämlich die buUa consi^lorislis (Nvß s. 343). 
Uerswin wüste hier wol aicbt was er schrieb, es ist derselbe 
schwinde! wie im berichte über die Komreise. wie er dort den 
papsl abbflngig sein liefs vom G., so hier den hischof. haben 
ferner die zuletzt augelUhrlen norle dem zusammenhange nach 
einen EtDU, so kOunen sie uicbls anderes bedeuten, als dass der 
li. und seine genossen auT grund der päpstlichen Privilegien 
bei ausbrechendem schisma vom gehorsame exiiniert seien, wo 
iber und waun wurde je ein solch unerliürtcs privdegium von 
irgend einem papste erteilt? mit diesem briere (er ist der letzte) 
hat M«rswin seiner dichtung die kröne autgesetzt. 

Wir besitzen nun auch die erklilruug, warum Herswin doch 
sacb eiuige briure des G.s an sich selbst adressiert hat unter 
dro 21 brieren sind nur drei an Herswin gerichtet, der erste 
inr 13) hatte zum zwecke, Merswins willen hinsichtlich des baues 
tat Gr'lneuwDrth durchzusetzen; die anderen zwei (nr 19. 20} 
wurden, wie wir soeben gesehen haben, vorzüglich deshalb ge* 
sehneben, um die gescbichle des G.s abzuschliefseD. setbstver- 
sUndlich konnte dieser zweck durch liriere, welche vom fingierten 
0- an Herswin gerichtet waren, am besten erreicht werden. 

Das sind die hauptsächlichsten absiebten, welche Merawiu 
bei seinen dichtungeu verrolgte. allerdings ist es nicht mllglich, 
in jedem einxeiralle den zweck herBUszußnden und Tür alle von 
Herswiu geschriebenen salze die inneren gründe anzugeben, um 
die» Sil vermögen tnllste man mit Merswiii gelebt haben und alle 
äueUieiteo, uuisUlnde und ereignisse im jobauniterhause zu Slrafs- 
bur^ genau kennen; denn zunächst schrieb Merswin doch Tür die 
]«bannller. auch gelingt es jetzt nicht mehr, Mersnins inneres so 
ToUaiandig aurzuhellen, um seine jeweilige intenlion zu begreiren. 
manches iit seinen schrirten diente auch zur ausscbmtlckung, 
ander«* mochte einen historischen hinlergrund haben, deun dem 



116 DIE DICHTUNGEN RULHAN MERSWINS 

steht nichts entgegen, dass mancher erztthlung Merswins der kern 
der einen oder anderen von ihm gehörten geschichte zu grande 
liege, die er dann zu seinen zwecken gebrauchte und mit dem 
von ihm fingierten G. in Zusammenhang brachte, diesen kern 
jedoch herauszufinden ist nicht mehr möglich ; davon hängt aber 
auch gar nichts ab. 

Damit besitzen wir auch einige anhaltspuncte für die be- 
urteilung von Merswins character. man hat mir in letzter 
zeit hier und da vorgeworfen, ich sei mit diesen laien zu scharf 
ins gericht gegangen, ich glaube, mau kann mir vielmehr den 
Vorwurf machen, ich habe Merswin, denn nur von diesem allein 
kann noch die rede sein, als menschen zu günstig beurteilt, der 
nimbus, in den man ihn eingehüllt, ist ja geschwunden. Merswin 
hat seine ganze Umgebung betrogen und zum besten gehabt, 
damit ist alles gesagt. 

Dass es Merswin mit der Wahrheit nicht ernst nahm, davon 
habe ich schon mehrere beispiele angeführt (s. Zs. 24, 507 f. 
509 anm. 2). das beispiel, dessen ich s. 531 gedachte, verdient 
noch eingehendere berücksichtigung. was CSchmidt in der vor- 
rede zu seiner ausgäbe der Neun felsen s. v sagt, dass die vor- 
läge dieses büchleins mit denselben schrifizügcn geschrieben sei 
wie die Urschrift des Buches von den vier jähren des anfaqgenden 
lebens Merswins, kann ich jetzt nach vergleich des letzteren 
buches mit dem facsimile in den Neun felsen nur bestätigen, 
darüber kann kein zweifei mehr obwalten dass die bisher ab 
autographa Merswins angeschenen zwei actenstücke es in der tat 
auch sind. Merswins eigenen werten zu folge schrieb er beide 
büchlein, das der Neun felsen und der Vier jähre, im gleichen 
jähre, nämlich 1352 (s. Zs. 24, 508 fj. ist nun auch die ortho- 
graphische Verschiedenheit zwischen beiden nicht so grofs, als 
ich, gestützt auf die fehlerhafte und nachlässige ausgäbe der Vier 
jähre von CSchmidt, aao. s. 530 behauptete (s. darüber meine 
bemerkungen in der Deutschen litteraturzeitung sp. 244 f)« so 
existiert doch immerhin eine derartige, dass die zwei Schriften 
nicht in demselben jähre, sondern nur innerhalb eines längeren 
Zeitraumes geschrieben worden sein können, wenige Verschieden- 
heiten blofs will ich hier widerholen, zu den häufigsten Wörtern 
in beiden büchlein gehören unze, herze, zit. consequent wer- 
den sie aber in beiden verschieden geschrieben (s.Zs.24,530). ein 



5. EPILOG 117 

dinliches verbAllnis besteht bei den wörtero 9eMere (s. s. 536), 
htälig (8. 530), fkrikende (ebenda) usw. i meiner ansieht nach 
wurde das Bflchlein Ton den neun felsen nach dem Send- 
schreiben, also nach 1357, geschrieben; das Sendschreiben war 
fflr Merswin die ursprüngliche idee, die er dann in den Neun 
feben weiter ausführte, keinesfalls ist es zur selben zeit wie 
die Vier jähre verfasst worden. Merswin bat, wie öfters, so auch 
hier gelogen. 

Eine der hauptlügen repräsentiert sein Büchlein von den vier 
jähren, er erzählt darin von sich die grOsten Wunderwerke, wir 
haben aber Zs. 24, 515 ff gesehen dass das ganze nur eine 
schahlonenmäfsige dichtung ist. ein derartiges leben, wie es 
Merswin als von sich erlebt im genannten bflchlein darstellt, 
hätte sich doch auch das eine oder andere mal nach aufsen 
offenbaren müssen, allein, seine intimste Umgebung ahnte und 
bem^kte nichts davon, im gegenteile erfahren die Johanniter erst 
nach seinem tode aus seinen Schriften die wunder, die gott mit 
ihm gewttrkt hat (s. Zs. 24,517f)- wir erhalten hier eine weitere 
andeutang, warum Merswin seine Schriften bis auf seinen tod 
zurückbehielt, er entgieng dadurch der controle. wer sich der- 
artige gnaden- und Wunderwerke fälschlich zuschreibt, ist auch 
im Stande einen solchen betrug zu üben, wie Merswin es mit 
seinem 6. getan hat er hat dadurch seinem cbaracter einen 
der wideriichsten fledien angeheftet. 

Merswin besafs einen sehr unruhigen sinn, dies gibt sich 
durcbgehends , vor allem aber hei der gründung von Grünen- 
worth kund. 1367 besetzte er ihn mit weltpriestern (Gottesfr. 
8. 38). 1369 waren sie noch dort. 1371 finden wir aber da- 
selbst schon Johanniter, zwischen 1369 und 1371 unterhandelten 
licht weniger als drei orden um den GrünenwOrth: augustiner, 
cistenienser und dominicaner (aao. s. 39). Merswin kam mit 
liemandem aus 2; erst mit den Johannitern gieng es uns noch 
dkm unaem unllen (NvB s. 294). Merswin war eben eigensinnig. 



» solchen vergleiehen darf man nicht unsere, sondern die damalige 
lett in betracht sieben, oder, wenn man auch unsere zeit hineinziehen will, 
M können nnr landlente aus der früheren schule berücksichtigt werden. 

' allerdings wird die schuld immer anderen Ursachen zugeschoben, 
die aognstioer, cistenienser und dominicaner waren niemals am Grünen- 
vfcth eigentlich ansissig. 

Z. P. D. A. neue folge Xlll. 9 



118 DIE DICHTUNGEN RÜLMAN MERSWINS 

(las factum mit Tauler (vorausgesetzt dass es wahr ist) beweist 
dies am besten. Tauler verbot ihm die bufswerke bis zu einem 
gewissen zeitpunct; als dieser vorüber war, sagte Merswin ihm, 
dem beichtvater, nichts mehr, sondern übte sich wider recht in 
den bufswerken, weil er es gar so gerne tat (Gottesfr. s. 59). 
Merswin schwieg also aus furcht, Tauler möchte sie ihm wider 
verbieten, er handelte demnach nur aus dem in der ganzen 
askese verpönten eigensinn. dieser eigensinn war auch die trieb- 
feder beim bau am Grünenwörth und der grund, warum er sich 
mit dem comthur überwarf, die notwendige folge dieses eigen- 
sinnes war die, dass Merswin sich in alles einmischen muste. er 
wollte herschen. was ich am Schlüsse von Taulers bekehrung 
s. 134 in bezug auf den G. sagte, das gilt natürlich nunmehr von 
Merswin. da er mit seiner zeit vollständig zerfallen war — diesen 
eindruck erhält man aus seinen fortwährenden klagen über die 
schlechten menschen und zeiten — , so wollte er wenigstens eine 
geselischaft nach seinem sinne einrichten, nämlich die zu Grünen- 
wörth. einige Johanniter konnten es auch wol nur deshalb dort 
nicht aushallen (NvB s. 289). Merswin hätte gar so gerne auch 
die regeln der Johanniter umgestaltet. Nicolaus vLaufen rät er 
(durch den G.), er solle nur unter der bedingung Johanniter 
werden, dass man ihn nicht versende und ihm kein amt gebe 
(NvB s. 287 vgl. mit 288). er hätte auch gewünscht dass die 
Johanniter verpflichtet gewesen wären, wie versperrte kloster- 
frauen zu hause zu bleiben (Gottesfr. s. 50). er wollte nicht blofs 
pfleger sondern der cigentUche leiter der brüder am Grünenwörth 
sein, jede seite der briefsammlung spricht dafür. 

So zeigt sich der character Merswins als ein gemisch von 
Unruhe, eigensinn und Überspannung, factoren, die so häufig 
den character sogenannter betbrüder ausmachen. Merswin war 
nichts anderes, nur in einem schlimmeren grade, als die ge- 
wöhnlichen betbrüder. gleichwie es diesen niemals einfällt dass 
sie durch üble nachrede eine sünde begehen, so sah auch Mer- 
swin in seinem betrüge nichts böses, beide sind verblendet 
durch dasselbe gefühl, es ist das gefühl der selbstgerechligkeit. 
dieses gefühl ist der hauptpunct im character Merswins, um den 
sich die anderen factoren gruppieren, gleichwie es der central- 
punct im character der betbrüder ist. aus diesem falschen ge- 
fohle der selbstgerechligkeit lässt sich das ganze leben und die 



5. EPILOG 119 

UUigkeit MerswiDS coostniiereD. alle um ihn herum sind räudige 
schafe, nur er selbst ist ein wahrer freund gottes (vgl. Zs. 24, 508). 
um nun alle zu seiner stufe hinaufzuführen wird kein mittel 
vernachlässigt. 

Einen gewissen ernst besafs also Merswin doch bei seinen 
dichtungen, er glaubte etwas gutes damit zu vollbringen. leider 
aber waren sein standpunct und seine anschauungsweise verfehlt, 
er handelte moralisch schlecht, wenn auch im grofsen und ganzen 
sein talent, romane und novellen zu schreiben sowie einen der- 
artigen betrug bis ans ende fortzuspinnen, zu bewundern ist.^ in 
dieser hinsieht steht er allerdings fast einzig in der geschichte 
da und gehört zu den interessantesten erscheinungen. 

Nur einen einwand könnte man hier erheben, das johan- 
niterbaus zu Strafsburg war doch eine gute Stiftung und spielte 
in der folge eine schöne rolle, der Stifter dieses hauses war 
aber Merswin. wie konnte also das unternehmen eines mannes, 
fUr den als menschen man mehr Verachtung als Verehrung hegen 
muss, derartig gedeihen? ich antworte mit einer ganz ähnlichen 
geschichtlichen tatsache. in den letzten drei Jahrhunderten hat 
sich kaum ein anderer orden so viele Verdienste in der kirche 
erworben als der capuzinerorden, der zudem an individuen wenn 
nicht der zahlreichste, so doch sicher einer der zahlreichsten ist. 
wer waren aber seine gründer? der annalist des ordens, Bove- 
rius, ruft aus: en ordinem sine paretUe genitum, absque propa- 
gatore diffusum (Apparatus ad annal. capuc. n. 60. vgl. n. 58 f. 
52 0* und warum? weil er die ersten generalvicare des ordens, 
die denselben eigentlich ins leben gerufen und geleitet haben, 
nicht als grUnder ansehen kann und will. Matthäus Bassi, der 
erste capuziner und zugleich generalvicar, hatte nur den drang 
nach Unabhängigkeit und freiheit; der zweite, Ludwig von Fos- 
sombrone, wurde nur vom ehrgeize geleitet und mit päpstlicher 
genehmigung aus dem orden gejagt, während der erstere von 
selbst gieng. vom dritten, Bernardin vOchino, der sogar vom 
^uben abfiel, will ich gar nicht sprechen, die zwei erstge- 

* natürlich fiel, wie wir gesehen haben, die dichtuns im einzelnen 
oft recht plump ans. nur die einfalt der Johanniter bewahrte Merswin vor 
aofdecknng des betruges. ein beispiel solcher einfalt ist vor allem Nico- 
laiis vLaufen (man vgl. nur seinen brief an den G. NtB s. 284 fl), der, wie 
es schant, am Grfinenwdrth sehr angesehen war. 

9* 



120 DIE DICHTUNGEN RULMAN HERSWINS 

DanDten galten sogar als beilige mannerY der zweite bis zur ca- 
tastrophe, der erste aucb noch nach seinem austritt aus dem 
ordensTerband. wenn man nun erwidert, ihnen sei man doch 
auf die spur gekommen, während die Johanniter bei Merswin 
nichts bemerkten, so ist die antwort leicht einmal waren die 
zwei capuziner in einer anderen Situation, sie standen an der 
spitze eines grOfseren Unternehmens und kamen mit Tielen in 
bertthrung; dem papste, den bischöfen und einem ganzen orden, 
dem franziscanerorden , den sie nSmlich auf die ursprüngliche 
strenge zurückführen wollten, befanden sie sich gegenober, und 
dann beweist der einwurf nur dass Merswin eine grofsere Ter- 
stellungskunst besafs als die zwei capuziner. er brachte es so 
weit, dass die Johanniter einen litterarischen betrug fttr einen act 
der demut von seite Merswins ansahen (s. Zs. 24, 509 anm. 2). 

Die genannte tatsache beweist dass an der spitze grofser 
werke auch männer stehen können, die wahrhaftig nicht Ursache 
sind dass dieselben gedeihen, sondern bei denen ganz andere 
höhere factoren eingreifen. GrünenwOrth gedieh eigentlich erst 
nach Merswins tod, nicht während seines lehens. selbst der 
materielle bau, die kirche, stand noch zwei jähre vor seinem 
tode gar wueste ungebutoen, rechte also eine schüre (NtB s. 337). 

Ob Merswin bei seinen dichtungen einen gesinnungsgenossen 
und gehilfen oder wenigstens einen abschreiber gehabt habe, 
lässt sich nicht genau ermitteln, ich mochte es fast annehmen, 
schon wegen des Fünfmannenbuches, das er hOchst wahrschein- 
lich abschreiben liefs. auch muss er jemanden gehabt haben, 
der ihm hier und da geld verschaffte, vgl. zb. NvB s. 336 f. 

In bezug auf die gottesfreunde muss die litteraturge- 
schichte umgearbeitet werden, weder von einem Gottesfreund 
im oberlande noch von einem bunde und haupte der gottesfreunde 
kann noch die rede sein, die specielle Gottesfreundlitteratur re- 
präsentiert lediglich Rulman Merswin. mit dieser litteratur haben 
aber auch weder Tauler noch Seuse noch irgend ein anderer deut- 
scher mystiker etwas zu schaffen. Rulman Merswin bildet für 
sich allein glied und kette. 

Nicht blofs die geschichte des Gottesfreundes ist ein roman, 
auch die bisherigen Untersuchungen über ihn tragen das gepräge 
eines romans an sich, zuerst stempelte man ihn zum häretiker 
Nicolaus von Basel, dann liefs man ihn ein heiliges leben am 



5. EPILOG 121 

Scbimberg ftthreD» darauf machte man aus ihm den frommen ein- 
äedler Jobann von Rütberg, endlich muste er ins reich der fabel 
Terwiesen werden, der fehler der früheren forscher, auch ich ge- 
bore lu ihnen, war und ist verzeihlich, es hielt sehr schwer, 
sich durch dies labyrinth von Widersprüchen hindurchzuwinden, 
um endlich ans licht zu gelangen, nur zwei forscher sind an- 
zuklagen, die zwei Strafsburger CSchmidt und AJundt. hätte 
erslerer die texte vollständig, vor allem aber correct herausge- 
geben, man wäre wenigstens aufserhalb Strafsburgs schon vor 
einem decennium auf den betrug Merswins gekommen. Jundt 
aber hal gar nicht gewust, was mit dem überreichen materiale 
anzufangen sei. er hat bewiesen dass das dilettantentum sich 
kaum irgendwo anders mehr räche als auf dem gebiete der deut- 
schen mystik und gottesfreunde, sein werk war veraltet, als es 
kaum das tageslicht erblickt hatte. < das gute will ich ihm je- 
doch nicht schmälern dass es mich zu weiterer forschung über 
und vollständigem bruche mit dem Gottesfreund angeregt hat. 

Zum Schlüsse sage ich allen jenen, die mich bei diesen 
forscbungen, welche im laufe des nächsten Jahres erweitert im 
volage der Weidmannschen buchhaudlung erscheinen werden, 
mit rat und tat unterstützt haben, meinen verbindlichsten dank, 
namentlich herm Staatsarchivar dr ThvLiebenau in Luzern, der 
mich besonders in bezug auf die Schweizer geschichte und topo- 
graphie mit reicher litteratur versorgt hat.^ 

^ seither kam mir AJandts artikel: Johann vGhur, geDSDot von Rüt- 
berg und die gottesfrennde in Herzogs Realencycl. f. prot. theo!, und kircbe, 
hell 61 8. 21 — 28, zu gesiebt darüber brauche ich wol kein wörtchen mehr 
sa Terlieren. denn einerseits teilt dieser artikei, weil ganz im sinne von 
Jimdts Amis de dien und (wahrscheinlich) vor meiner Antikritik in den 
HisL-pol. bll. verfasst, das Schicksal des genannten gröCseren Werkes, db. 
er ist, weU fiberholt, ganz umsonst geschrieben ; andererseits steht er gläck- 
licher weise, dank der unglaublichen Sicherheit des Verfassers und der allzu 
groCsen nachsieht der redaction, an einem so unglücklichen platze, dass wol 
BOT Jundt, aber auch er allein, den G. an jener stelle suchen wird. 

* es ist natürlich einem jeden erlaubt, meine beweisführung anzu- 
greifen, nur möge dies in ernsterer weise geschehen, als es bisher von 
Seite AJondts der faU war, und letzthin von seile ARitschls in betreff des 
Baches voo geistlicher armut (Zs. f. kirchengesch. iv 3). das verfahren des 
enteren kennen nunmehr bereits die leser. dasjenige aber herrn Ritschis 
bt illerdiDgs ein wolgemeinteres , aber nichts weniger als ein ernstes, es 
macht den unabweisbaren emdruck des misbehagens, dass nicht er, son- 



122 DIE DICHTUNGEN RULMAN HERSWINS 

dern ich der erste war, dem es gelangen ist za ermitteln dus du genannte 
bach nickt Taaler zum Verfasser hat ich habe nichts dagegen, wenn R. 
diesen satz mit neuen beweisen zu stützen versucht oder meine beweise, 
wenn sie ihm nicht stringent genug erscheinen, ergänzt oder bekrittelt, 
allein was tut R.? er wirft sich lediglich auf meine letzte nach abschlnss 
meiner beweise ausgesprochene Vermutung, der Verfasser des bnches sei 
viel eher ein moderierter (dies wörtchen lässt R. weg) anhänget der lehre 
der fraticellen als ein dominicancr, unterlässt es aber, auf irgend einen 
meiner eigentlichen beweise tiefer einzugchen, und insoweit er eingeht, 
nimmt er den ausgangspunct aus mangel an kenntnis Taulers von einer ganz 
falschen Voraussetzung, solch ein verfahren verbitte ich mir. jeder ernste 
forscher hat das recht, zu verlangen dass der angriff auf seine forschnngen 
auch in ernster weise geschehe, es genüge hier Ritschis bemerknngen, in- 
soweit sie sich auf meine arbeit beziehen, mit ein par bemerkungen abzu- 
fertigen; mehr folgt in der oben angekündigten schrift. wäre R. wol auf den 
nachweis der nichtidentität des Verfassers des Bvga mit Tauler ohne meine 
Vorarbeit gekommen? handelt es sich denn bei meiner beweisführung darum, 
ob der Verfasser ein dominicaner oder ein franciscaner gewesen sei, sondern 
nicht vielmehr um den 6inen satz, dass er nicht Tauler war? war nicht 
das die allein richtige methode für denjenigen, der zuerst die bisherige tra- 
dition umstoCsen wollte? aber warum genügt hrn R. nicht diese methode? 
hören wir. 'soweit eine abweichung zwischen Tauler und dem Bvga auf 
diesem puncte (in betreff der lehre über die armut) obwaltet, ist sie nur 
daraus zu erklären dass Taulers predigten an die laiengemeinde gerichtet 
sind, das vorliegende buch aber auf die mönchsgemeinde berechnet ist. 
wir kennen Tauler nur aus seinen an laien gerichteten predigten* (s. 338. 339). 
aber leider ist diese ganze Voraussetzung falsch, denn gerade das gegenteil 
ist wahr, allerdings haben nicht alle predigten Taulers klosterleute Tor 
äugen, wie ich s. xi bemerkt habe, aber der gröste teil derselben ist, wie 
sich aus den hss. ergibt, von denen R. keine einzige verglichen hat, Tor 
klosterleuten , specieil klosterfrauen , gehalten worden, wie ungerecht ist 
Ritschis verfahren! ich gab mir bei meiner einleitung die mühe, durchweg 
nach den hss. zu arbeiten, da ich einsah, die drucke lägen im argen (s. 8.x); 
nun kommt R. und fertigt meine arbeit durch eine phrase ab, die man sich 
allenfalls noch vor 30 jähren hätte können gefallen lassen , die aber jetzt 
schon durch Hambergers ausgäbe teilweise widerlegt werden könnte, ent- 
weder hat R. Taulers predigten gar nicht gelesen, oder ohne Verständnis, 
letzteres ist sicher der fall beim Bvga, denn die stellen die ich s. xn — rn 

aus demselben eitlere, haben — davon kann sich jeder überzeugen 

grofsenteils alle und nicht blofs bettelmönche im äuge, aber wie kam R. 
zu solchen merkwürdigen aufstellungen? einmal ist er in der deutschen 
mystik nur dilettant. und dann construierte er seinen nachweis, das 
buch sei scotistischen Ursprungs, durch einzelne stellen dazn verfahrt, a * 
priori, und betrachtete da^enige, was nicht zu diesem gedanken passte, alt 
spätere zutat, ist das die richtige methode? doch hier genug davon. 

Rom 7. 11. 80. P. HEINRICH DENIFLE 0. P. 



DIE DRESDNER IWEINHAISDSCHRIFT 123 



DIE DRESDNER IWEINHANDSCHRIFT. 

Bei den vorarbeiten für eine neue ausgäbe von Hartmanns 
Iweia hielt ich es nach früher gemachten erfahrungen für ge- 
boten, die handschriftUche gruudiage des gedichtes und zunächst 
Lachmanns material neu zu vergleichen, da ich durch zufall zu- 
erst die von Lachmann a genannte Dresdner handschrift erhalten 
habe, so will ich die ausbeute derselben hier mitteilen, denn 
die Untersuchung hat zu mir unerwarteten ergebnissen geführt. 

Auf meine durch gütige vermittelung der Berliner Univer- 
sitätsbibliothek nach Dresden gerichtete bitte, mir die von Lach- 
mann benutzte papierhandschrift nr 65 zu schicken, erhielt ich 
nicht diese sondern nr 175; denn es ist in Dresden wol bekannt 
dass Lachmanns angäbe der nummer falsch ist: er hat unter a 
in seinem apparat nicht lesarten aus nr 65, sondern aus nr 175 
angegeben, zu der falschen angäbe wurde Lachmann wahrschein- 
lich verleitet durch die bemerkung von JChAdelung bei FAdelung 
Altd. ged. in Rom s. xx. Adelung redet an dieser stelle jedoch 
von einer ganz anderen handschrift, derjenigen Gottscheds, folio, 
vom jähre 1415, während die von Lachmann benutzte in quart 
ist, keine Jahreszahl trägt und niemals Gottsched gehört hat, 
sondern im vorigen Jahrhundert im besitze des JEARust zu Bern- 
burg war, wie dieser in einer ausführlichen ^nachricht' mitteilt. 
Adelung s. xxui und danach vdllagen, Grundriss s. 122, gibt für 
die hs. die nr 87 an, welche sie früher getragen hat. 

Rust teilt über seine hs. mit dass er sie 1750 in Dresden 
gekauft und neu habe einbinden lassen, bei dieser gelegenheit 
liefs er eine anzahl leerer blätter an den anfang und das ende 
setzen. 1763 schickte er den band an Gottsched, damit dieser 
zwei fehlende blätter ergänzen sollte, am anfang eins und das 
neunte. Gottsched besafs damals noch keinen Iwein, erwarb aber 
einen solchen bald und schickte 1765 den band an Rust zurück, 
mit der bemerkung dass er aus seiner hs. blatt 9 habe ergänzen 
lassen; der anfang fehle aber auch bei ihm. 

Der hs. a mangelt also am anfang ein blatt mit v. 1 — 52, 
ferner blatt 9 (v. 518 — 573). endlich sind durch den buchbinder 
die blätter 155. 156 in falsche folge gekommen: blatt 156 muss 



124 DIE DRESDNER IWEINHANDSCHRIFT 

Tor 155 stehen, durch den buchbinder sind also ▼. 7971 — 8018 
hinter 8066 gestellt. 

Von diesen tatsachen weifs Lachmann nur dass v. 1 — 52 
fehlen; er gibt die lesarten von 518 — 573 an, als ob sie der 
hs. a gehörten, und meint dass v. 7971 — 8018 in der hs. hinter 
8066 stehen, dass er von dem wahren Sachverhalt keine kenntnis 
hatte, erklärt sich daraus, dass er die Dresdner hss. Uberhaapt 
nie gesehen hat, sondern nur von einer (a) die Adelungsche ab- 
Schrift benutzte, diese abschritt aber ist ganz unkritisch and 
enthalt keine bemerkung über die beschafTenheit der vorläge, 
nur die verse 518 — 573 sind in anf Uhrungszeichen eingeschlossen, 
und das muss für jeden unverständlich bleiben. 

Diese Berliner abschrift Ms. germ. fol. 32 ist äufserlich sehr 
schön aber sonst voll fehler : falsche lesungen, Schreibfehler, ans- 
lassungen halber und ganzer verse, ja sogar willkürliche änderun- 
gen, um einen leidlichen sinn herzustellen, finden sich in nicht 
geringer menge, die hs. enthält etwa 200 gröbere irrtümer. — auf 
dem ersten blatte derselben steht die bemerkung *Aus No. 65 der 
Churfürstl. Bibl.' diese, wie oben gezeigt, falsche angäbe ist nicht 
vom Schreiber der abschrift, sondern von späterer band, ich glaube 
von Lachmann, auf grund der notiz Adelungs s. xx, nachgetragen. 

Die hs., aus welcher Gottsched blatt 9 der Rustschen hs. 
ergänzen liefs, ist Msc. Dresd. M. 65, kl.-folio (von Paul f ge- 
nannt), derselben fehlt der anfang, v. 1 — 92, jedoch ist v. 53 — 92 
aus der Rustschen hs. ergänzt durch denselben Schreiber, der das 
erwähnte blatt 9 herstellte, dh. durch Gottscheds Schreiber oder 
durch Gottsched selbst. 

Das ergebnis ist also: in Lachmanns Variantenapparat haben 
die lesarten aus a keine Zuverlässigkeit; was er aus v. 518 — 573 
mit a bezeichnet, muss mit f angesetzt werden, und die angäbe 
*v. 7971—8018 stehen hinter 8066' ist zu streichen. 

Lachmann hat für den Iwein fast ausschliefslich fremde ab- 
schriften und abdrücke benutzt, ich glaube daher zu dem Schlüsse 
berechtigt zu sein dass die Untersuchung der übrigen hss. zu ähn- 
lichen ergebnissen führen wird, dass also auch die von Lachmann 
benutzten hss. einer neuen vergleichung bedürfen, er hat aber 
nur wenig mehr als die hälfle der vorhandenen hss. herange- 
zogen und von manchen überhaupt nichts gewust. 

Was bisher über die iweinhss. geschrieben ist, entbehrt also 



DIE DRESDNER IWEINHANDSCHRIFT 125 

der sachlichen grundlagen. ich weifs nicht, was das endliche 
ergebnis sein wird, aber soviel steht mir schon jetzt fest dass 
Pauls Untersuchungen völlig gegenstandslos sind, denn er stützt 
sich nicht nur ausschliefslich auf den mangelhaften apparat Lach- 
manns, giht also zb. lesarten aus a 518 — 573 an, sondern hat 
die Terwickelten Terhflltnisse noch durch dasjenige verwirrt, was 
er aus der von ihm eingesehenen Gottschedschen hs. f angibt. 
denn er bringt (s. 348. 349. 360. 361) lesarlen aus f 53—92, 
verse, welche, wie ich gezeigt habe, mit a identisch sind, das 
muste Paul sehen, als er die Gottschedsche hs. benutzte, dass 
das erste Matt erst 100 jähre alt ist. — auf ähnliche fehler 
habe ich schon früher, Anz. iv 15 f, hingewiesen. 

Über das alter und den Schreiber der Rustschen hs. a kann 
ich noch einiges feststellen, auf eins der vorgebundenen blätter, 
hinter der vorrede Rusts, ist ein bruchstück von einer Urkunde 
geklebt, welche deuthch die Jahreszahl trägt . . . Crysti geburt 
iryezdien hundert jar yn deme . . . nczigistm jare an deme nesten 
. . . osiem. das fehlende ist durch das darüber gedrückte Siegel 
zerstört, nach deme hat entweder czweinczigtsten oder niunczi- 
giüen gestanden, ich glaube das letztere, und dann wäre 1390 
das jähr der Urkunde, die urkundo ist aber von demselben 
Schreiber wie die hs. ; sie zeigt nicht nur dieselbe tinte und 
Schrift, sondern auch der gebrauch gewisser buchstahen (cz, y, i 
statt e, ß) stimmt genau zu der Schreibweise der hs. das docu- 
ment ist eine deutsche Verfügung, dass vorhenante Juden (die 
naroen fehlen) die nicht eingelösten pfänder verkaufen dürfen. 

Über die nationalität des Schreibers dieser Urkunde und der 
hs. lagst sich aus der hs. folgendes ermitteln, der Iwein hat 
viermal die redensart wizze Krist; diese ändert der Schreiber, 
welcher sonst zu willkürlichen änderungen nicht neigt, jedes mal: 
815 da% die, 3127. 4786 an diser frist, 5485 biz an die (riet. 
ferner es wolde unser herre Krist ist 8062 geändert in nu walt 
unser herre got diz, 6989 ist statt dem heiligen geiste gesetzt 
dem heiligen gotte, endlich steht 7935 von dem verse und dise 
guote heiligen nur das wort und — der rest der zeiie ist frei 
gelassen, was sonst in der hs. unerhört ist. also: dem Schreiber 
wollten weder Christus noch der heilige geist noch die heiligen 
aus der feder hervorkommen, denn aufser den angeführten sieben 
stellen kommen diese worte im Iwein überhaupt nicht vor. der 



126 DIE DRESDNER iWElNHANDSCURlFT 

Verfasser war also ein gegaer des Christentums, ein atheist, Jude 
oder muhamedaner. das erste ist unwahrscheinlich, weil der 
Schreiber got immer stehen l£(sst, für das letzte fehlt jede mOg- 
licbkeit, dagegen das zweite lässt sich beweisen: die lagen der 
hs. sind zum teil mit hebräischen characteren (quadratschrift) 
signiert und zwar so, dass stets das letzte blalt einer läge und 
das erste der folgenden dasselbe zeichen tragen, was diese 
zeichen bedeuten, kann ich nicht feststellen, ich glaube, sie sind 
willkürlich gewählt, denn zahlen oder zifTern stellen sie nicht 
dar. dass sie aber würklich hebräisch sind, habe ich mir durch 
zwei unparteiische bezeugen lassen, im vierzehnten Jahrhundert 
verstanden jedoch nur die Juden hebräisch, also war der Schreiber 
ein bei irgend einem fürsten als hofkanzlisl dienender Jude, der 
auch in der angenehmen läge war den schutzbrief für seine lands- 
leute selbst mundieren zu können, vorausgesetzt dass dieser nicht 
getischt ist. — noch später war die hs. in den bänden eines 
Juden, denn auf einem der letzten zur hs. gehörenden leeren 
blätter steht vom jähre 1433 eine aufzeichnung über eingenom- 
mene geldsummen, und die hier als zahler aufgeführten scheinen 
mir sämmtlich Juden zu sein, einige sind es gewis. dass aber 
mehrere Juden einem Deutschen Zahlung geleistet hätten, ist 
ausgeschlossen, die schrifl dieser aufzeichnuugen ist jünger als 
die hs. und nicht vom Schreiber derselben, daher ist auch die 
angäbe falsch, welche vdHagen s. 122 nach Adelung s. xxiii macht, 
dass die hs. aus dem anfange des 15 jhs. stamme, schon Rust 
in seiner ^nachrichl' bemerkte dass die notizen von 1433 viel 
jünger seien. — die hs. gehört in das ende des 14 jhs. und da- 
durch wird ihr wert erhöht, leider vermindert ihn der umstand 
dass der Jude ein falscher war und ebenso, wie er weder die 
heiligen noch den heiligen geist noch Christus schreiben konnte, 
auch wol sonst willkürlich geändert hat. — seine arbeit ver- 
richtete er nur widerwillig, denn er hat fast gar keine plusverse, 
dagegen sehr grofse lücken, manchmal mehrere hundert verse, 
und am ende gibt er seinem ärger über die unangenehme be- 
schäfligung ausdruck durch den zusatz: 

Explicü explkuü sprach dy kacze wider den hunt 

der dkz buch geschriben hat 

dez seU(?) werde numer rat 

vnd werde kurczlich erhangen. 



DIE DRESDNER IWEINHANDSCHRIFT 127 

dahinter ist eine zeile total ausradiert ich kann kaum glauben 
dass der Schreiber mit dem, der dies buch geschrieben hat, sich 
selbst meinte, es ist wol unzweifelhaft dass er dem armen Hart- 
mann noch lange nach seinem tode den strick gewünscht hat 
an letzter stelle muss eine grobe lästerung der Christen gestan- 
den haben, die ein späterer besitzer der hs. tilgte. 

Beriin, 26 September 1880. EMIL HENRICI. 



SCHILTEBÜRGER ALS NA]\IE DES TODES. 

Zu Iwein 7162. 

RKohler teilt in der Germania 25, 360 in versen aus dem 
17 jh. Schiltebürger als eine bezeichnung für den tod mit, und 
bemerkt dass er diesen namen nicht zu erklären wisse, die 
deotung ergibt sich aber aus Iwein 7162; vgl. dazu die vom 
Hhd. würterbuch citierte stelle Grimm Myth. 806 [2 aufl. u 705]. 
das citat Reueckes zu Iwein 7162 ^mythol. s. 492* ist falsch. 
nach den hier zu findenden ausführungen bestand im mittelalter 
die Vorstellung, dass der tod als gläubiger seineu anspruch an 
dem menschen, dem Schuldner, gerichtlich geltend macht durch 
icheben, — schiltebürger, dem darauf reimenden menschenwürger 
gleichgesetzt, ist ein compositum wie sliiitezgeu (Heier Helmbr. 
1237): der tod schilt die bUrger. — bestätigt wird diese er- 
kläning durch das dem werte au der betreffenden stelle beige- 
legte attribut; er heifst der unmild Schiltebürger, weil er seine 
forderungen ohne barmherzigkeit eintreibt — der ausdruck des 
tödes schellen bat somit eine parallele erhalten, so viel ich weifs 
die einzige. 

Berlin, 28 august 1880. EMIL HENRICI. 



ZUR MARIENLYRIK. 

I. Bruder Hans. 

Glossenlieder über den englischen grufs sind in der lateini- 
schen hymnenlitteratur des ma.s ziemlich zahlreich, Mone druckt 
solche unter nr 392 — 403 seiner Sammlung ab und gibt in den 



128 ZUR MARIENLTRIK 

anmerkungen auch beispiele aus den Volkssprachen, ein akrosli- 
chon ganz in der art, wie es bruder Hans durch die ersten buch- 
Stäben seiner hundertstrophigen gesänge gebildet bat, habe ich 
indessen nur bei Ronaventura Opp., Lugd. 1668« tom. 6, 468 ff 
gefunden, dieses autors Laus b. virginis Mariae besteht aus 
100 achtzeiligen Strophen, deren anfangsbucbstaben den engli- 
schen grufs ergeben, der inhalt ist eine aufzählung meist alt- 
testamentlicher typen für Maria, am Schlüsse die auch von unserem 
dichter mehrfach verwertete apocalyptische vision (Apoc. 12, 1). 
ich glaube dass wir in diesem gedichte das vorbild für Hansens 
Harieulieder besitzen und kann diese Vermutung dadurch stützen 
dass ich die kenntnis anderer Schriften Ronaventuras bei dem 
niederrheinischen dichter nachweise. 

Fast alle alten bilder und typen für Maria konnte Hans aus 
jenem loblied und dem Psalterium minus b. Mariae v. entnehmen, 
dazu tritt das umfangreichere Speculum b. M. v. in prosa aao. 
s. 429 ff: ich hebe hier nur die deutung des Ave hervor, das 
mit anknüpfung an den dreimaligen weheruf des adlers Apoc. 8, 13 
als erlOsung von diesem dreifachen weh gefasst wird (s. 430^ ^ 
V. 1497 ff), während sonst fast überall Bernhard die quelle Bo- 
naventuras ist, lässt sich das hier nicht nachweisen, sollte Hans 
aufser hymnen noch anderes von Rernhard selbst gekannt haben, 
so kämen zunächst dessen vier predigten De laudibus virginis 
matris in frage (Opp. cd. Mabillon vol. i 739 — 761), sowie die- 
jenige auf dorn, infra octavam assumptionis b. v. M., die eben 
an Apoc. 12, 1 anknüpft. 

Mit der Vita Christi, aus der unser Hans Bernhards predigt 
über den streit der töchter gottes kennt (sam ich in vita ChriUi 
vint beschreben v. 1675), sind die Meditationes vitae Christi des 
Bonaventura gemeint (aao. s. 334 ff), die in cap. 2 einen ziem- 
lich getreuen auszug aus jenem sermon enthalten, die quelle 
ist ausdrücklich genannt. Bon. lässt die ganze einleitung, wo- 
nach jene vier die verlorenen tugenden des menschen sind, fort 

' im anschluss an die von Heinzel ua. gegebene litteratur föbre ich 
hier noch an: eine lat. predigt bei Wernher von SBlasien (Migoe Patrol. 
tom. 157 sp. 1039 f); die lat. Fassung in den Gesta Romanorum (Österley 
Dr57), wo Bernhard ausdrücklich genannt wird, und schliefslich zwei me. 
gedichte, die unsere parabel aus Robert Grosseteste schöpfen: Cursor nrandl 
T. 9517 — 9S16 und Piers Plowman G passus xxi v. 117 ff. 



ZUR MARIENLYRIK 129 

und kflnt im weiteren die darstellung unter geschickter beibe- 
haltang der echiagworte. Hans folgt ihm anfangs frei und die 
reden erweiternd, dann nahezu wort für wort, schon den schluss 
foii cap. 1 hat er benutzt, hier bitten die angelici spirüus — ante 
Armrnm Dei stmirf congregati gott um erbarmen; Tgl. ▼. 1676fr 
ioM ü <b kimmdgeyste tete swermen zummm über eynen houf 
und haien got dax her sich wold erbarmen, cap. 2 beginnt: Hü 
aui$ mmrieordia p%d8abat viscera pairis, Hans v. 1679 f PresUch 
wart da getrudcei midliidlich gottes hertze. ich führe nur noch 
zwei steilen an, um die wörtliche Übersetzung des kürzeren textes 
bei Hans zu zeigen. B. mors peeeatorum pessima, sed mors sane- 
torum pretiosa et janua vüae. H. v. 1788 ff her sprach: der sun- 
der tot ist ongehure, aber der tot der heilghen der ist ein dur des 
kiens costlich ture. — B. inveniatur qui ex charitate moriatur 
non obnoxius morti: et sie mors non poterit tenere innoxium, sed 
fadat in ea foramen per quod transeant liberati, H. v. 1791 ff 
Mim sueeh eyn der uys minnen sterb den tod onsculdig, an alle 
smits von binnen der sculdeti mus her siin und gar verdMig. so 
wiog ffm der tod zwar nicht behalten, her sol den tod durloAen. 
dadurch sol Adam gan zer hogen Salden. 

Hit ▼. 1846 schliefst die benutzung der Meditationes. die 
vergleicbung Mit nicht zu Ungunsten des deutschen dichters aus, 
and eben darum habe ich darauf hingewiesen. 

« 

II. Die Mariengrüfse. 

Zs. 18, 14 anm. stellte Steinmeyer die Vermutung auf dass 
die disposition der von Pfeiffer Zs. 8, 276 ff mitgeteilten dichtung 
auf die dreiteilung des psalters zurückgehe, in der tat bilden 
diese 150 Strophen einen Marienpsalter, der metrisch durchaus 
demjenigen Bonaventuras (Psalterium minus b. M. v. Opp., Lugd. 
1668, tom. 6, 473 ff, Varianten einer besseren hs. bei Mono 
Lateinische hymnen u 245) nachgebildet ist ; im gleichen versmafs 
ist auch nr 504 bei Mone, nur roher und wol auch jünger, die 
in den drei abschnitten verschiedene anrede (wis gegrüeset, vröuwe 
dick, hüf uns) zeigt ähnlich auch eine hs. des letztgenannten 
gedieht«, sie ist dem Ave salve, gaude, vale entnommen und 
in verschiedenen Variationen auch in deutschen poesien zu finden, 
vgl. Bartsch Erlösung s. xlvi. 



130 ZUR MARIENLYRIK 

Am meisten anklänge an Bonaventura zeigt naturgemäf» 
der beginn der Strophen; vgl. B. v. 77 Ave Jesse stirps beata — 
M. V. 1 Wis gegrüezet, Jesse künne. B. v. 381 Ave virgo veUt» 
raris — M. v. 81 Wis gegrüezei, vel des schaff es, B. v. 9 Avt 
David germen justum — M. v. 93 Wis gegrüezet, reiner sdme. 
B. y. 113 Ave virgo favus meUis — M. v. 145 Wis gegrüexei, 
honeges vlade. 

Von den drei Strophen des ersten abschnitts, die nach 
T. 278 interpoliert sein müssen, hat Steinmeyer aao. s. 15 die 
mit v. 165 und die mit v. 257 beginnende richtig erkannt, aber 
y. 265 ff ist tadellos, eben so wenig darf v. 129 ff wegfallen, die 
ausscheidung muss vor allem v. 216 ff treffen, die einzige Strophe, 
die einen stumpfen reim aufweist: 

Wis gegrüezet, himelrinc, 
aller tugetU ein ursprinc, 
entsliuze uns üf die himelparten, 
Marjd, mit dtnen süezen warten. 
himelrinc und himelporte finden sich v. 241 und 245; der ent- 
scheidende beweis aber liegt in der zweisilbigen ausspräche von 
Maria, in allen echten Strophen, siebenmal im reim und drei- 
mal im Innern des verses, ist die ausspräche dreisilbig (136. 209. 
276. 376. 656. 742. 780. — 56. 320. 788). nun verstehen 
wir auch v. 257 ff: der interpolator entschuldigt sich dass er 
wegen der rtme nihte (oder rihte, mangel oder reinheit) den 
namen der Jungfrau so selten anführe, klingende reime auf Mdrjd 
oder Mdrje waren eben schwer zu finden. 

Strafsburg im november 1880. EDWARD SCHRÖDER. 



ÜBER DIE ENTWICKLUNG DES PETER- 
SQUENZ- STOFFES BIS GRYPHIUS. 

Das älteste Zeugnis für die unursprünglichkeit des Gryphi* 
sehen schimpfspieles ^Absurda Comica. Oder Herr Peter Squentt' 
bildet Gryphius eigene vorrede zu demselben, diese ist wie das 
stück selbst (s. Neudrucke 6, Vorbemerkung von Rraune) 1657 
zuerst gedruckt worden, und in ihr bekennt 'Philip-Gregorio 



Ü. D. ENTW. D. PETER-SQUENZ-STOFFES BIS GRYPHIÜS 1 3 1 

Riesentod', (fer nunrnd^r in Deutschland nichi unbekante, und seiner 
Meynung nach HochberUhmbte Herr Peter Squentz sei zum ersten 
von Daniel Schwenter zu Altdorf auf die bühne gebracht worden, 
Ton dannen er je langer je weiter gezogen, bis er endlich Gry- 
phius begegnet, welcher ihn besser ausgerüstet und mit neuen 
personen vermehret bereits neben einem seiner trauerspiele habe 
auffahren lassen, von Gryphius habe er sich das manuscript 
geben lassen und wage jetzt es zu veröffentlichen, ich glaube 
weder dass man in der bezeichnung der nunmehr in Deutschland 
nichi wib^ame einen hinweis auf auslandischen Ursprung des 
Squenz zu erkennen habe, noch zweifle ich im mindesten an 
der rückhaltlosigkeit des Gryphischen geständnisses. Gottsched 
jedoch setzte ein Jahrhundert nach dem erscheinen desselben in 
seinem Nötigen verrat s. 217 unter den titel des Gryphischen 
Stückes folgendes notabene: Obwohl der Verfasser in diesem 
Stücke nicht so ehrlich ab in der Vorrede des vorigen (der Säug- 
amme) gestanden, woher er es entlehnt hat: so ist es dennoch eine 
ausländische Erfindung. In Shakespeares Summer-Nights-Day ist 
ein Zwischenspiel eingeschaltet, das den Schulmeister Quince nennet 
Das ist unser Squenz, doch hat Gryphius viel hinzugesetzt und 
alles auf deutschen Fufs eingerichtet. 

Es f^llt auf dass Gottsched den Daniel Schwenter ganz ver- 
schweigt. 

Noch 1757 erschien der dritte band von Wills Nürnbergi- 
schem gelehrtenlexicon. es nannte unter Schwenters Schriften 
auch Peter Squenz, ein kurzweiliges Lustspiel und fügte hinzu: 
Andreas Gryphius hat es herausgegeben, es ist aber nicht seine, 
sondern unseres Schwenters Arbeit. Nach Hn. Gottscheds Meynung 
in der dramatischen Historie p. 217, soll die Erfindung atis dem 
Englischen des Shakespears genommen sein usw. hier finden wir 
zum ersten male die drei namen Shakespeare, Schwenter und Gry- 
phius bei einander, und von nun an begegnen sie uns, ich glaube, 
wo auch immer der Peter Squenz besprochen wird, so 1764 in 
Job. Heinr. Schlegels vorbericht zu Job. El. Schlegels Vergleichung 
Shakespears und Andreas Gryphs (Job. El. Schlegels Werke in 31); 
1775 in der ersten und 1780 in der zweiten aufläge von Esclien- 
burgB Shakespeare - Übersetzung (Über den Sonunernacbtstraum) ; 
1785 in Christian Heinrich Scbmids Nekrolog der vornehmsten 
deutschen dichter (i 122); 1787 in Flögeis Geschichte der komi- 



132 ÜBER DIE ENTWICKLUNG 

sehen litteratar (nr 314 0; 1800 io Nassers Vorlesungen Ober 
die geschichte der deutschen poesie (ii 270). der erste« der 
daran zweifelte, ja es läugnete, dass der Sommemachtstraum 
Schwenters yorbild gewesen, war GGBredow (1816, Nachgelassene 
Schriften 104); er erklärte den stofT des Peter Squenz für ädU 
altdeutsch, dasselbe taten die Voss in ihrer Shakespeare -Ober- 
setzung 1818 (i 506) und Wachler in seinen Vorlesungen über 
die geschichte der teutschen nationallitteratur 1819 (ii60). Fried- 
rich Bouterwek dagegen fand es 1817 (Geschichte der schOnen 
Wissenschaften x 163 f) am wahrscheinlichsten dass ein unbe- 
kannter die burleske episode des Shakespeareschen Stückes mit 
nach Deutschland gebracht habe. 

In demselben jähre erschien der anfang von Tiecks Deut- 
schem theater, in ihm (u 233 ff) der Peter Squenz des Gryphius 
und in der vorrede ein absatz über dieses stück, hier wird die 
bekannte entwickelungskette noch um ein benanntes glied Ter- 
mehrt, sie lautet jetzt: Shakespeare, Cox, Schwenter, Gryph, oder: 
Sommemachtstraum, Boltom the weaver, Peter Squenz von Schwen- 
ter, Peter Squenz von Gryphius. Tieck sagt wörtlich: WMrend 
der Puritanischen Revolution, als alle Theater in London gesMossen 
und die Schauspieler zerstreut waren, fiel es diesen, die in grofser 
Dürftigkeit lebten, zuweilen ein, lieimlich in der Stadt, oder auf 
den Gütern des Adels Schauspiele, so gut sie kontUen, aufzuführen^ 
Oft fehlte es an Personal, und so lag die Erfindung nahe, £pi* 
soden aus alten Stücken, die ehemals gefallen hatten, vom Schau- 
spiel zu trennen, und diese ihren Gönnern vorzustellen. Man 
liefs auch einige dieser Schwanke, denn das waren sie in ihrer 
Einzelnheit wieder geworden, unter dem Titel Drolls drucken, wie 
z. B. Acteon and Dian, 1656, by R. Cox. Dieser Cox war ein 
vortrefflicher komischer Schauspieler, der die Hauptrollen dieser 
kleinen Lustspiele darstellte und selbst der Umarbeiter der Stücke 
war. Ein solches Droll hatte man aus der lustigen Episode von 
Shakespears Sommernacht, unter detn Titel Bottom the Weaver ge- 
macht. Cox hat noch die Feenköniginn und ihre Liebe ziu Z^iel 
beibehalten. Dieser Scherz kam nach Deutschland, und ein Ge- 
Ukrter, Daniel Schwenter, arbeitete ihn für ein deutsches Theater 
in Altdorf um; diese Arbeit sah Gryphius, verbesserte sie und ver- 
mehrte sie mit neuen Personen, wie er in seinem Yorberichte eagf 
usw. — also ein neues licht war in der Sommemachtstraum- 



DES PETER-SQUENZ-STOFFES BIS GRYPHIUS 133 

Peter -Squenz- frage aufgegangen, angezündet von dem manne, 
dem wir auch die einreihung des Sommernachtstraumes in das 
deutsche bühnenrepertoire verdanken, jedoch es sollte für so 
ziemlich alle, die es überhaupt bemerkten, ein irrlicht werden, 
selbst für die, die es für ein irrlicht erklärten. 

Die einwürfe, die man gegen diesen Tieckschen Cox erhoben 
hat, sind alle gleicher, nämlich chronologischer, art. Koberstein 
in seiner Litteraturgeschichte, sowol fünfter (u 255) wie schon 
vierter aufläge, verwirft Cox mit den Worten: Aber unmöglich 
kami diese Bearbeitung (die englische, die nach Deutschland kam) 
die van dem Engländer Cox gewesen sein, wofern Cox sein so- 
genanntes Droll ersi während der p^iritanischen Unruhen, da alle 
Tkeaier in London geschlosseti waren, angefertigt hat; denn da- 
mals sei Schwenter (f 1635) bereits jähre lang tot gewesen, für 
Koberstein gilt also das alte Schema: Shakespeare, Schwenter, 
Gryph; nur denkt er dabei, wie ja schon Bouterwek, nicht an 
ganz unmittelbare Übertragung aus Shakespeare in Schwenter, 
sondern an die durch wandernde englische comOdianten. Albert 
Cohn (Shakespeare in Germany cxxxi) hat gegen Cox einzuwen- 
den dass er nicht vor 1660 gedruckt und gewis nicht lange vor 
1660 gespielt worden sei, und meint, das Gryphiscbe stück sei 
direct aus Shakespeare abgeleitet. Schwenters Stellung lässt er 
unentschieden. Gen^e (Geschichte der Shakespeareschen dramen 
in Deutschland s. 178) weist Cox zurück, weil er nicht vor 1640 
^erschien', wie ziemlich fest stehe, und erklärt die entlehnung 
Schwenters von Shakespeare für zweifelhaft, weil englische co- 
mödianten ein vorshakespearesches stück zu Schwenter getragen 
haben könnten. 

Im gegensatz zu Koberstein, und in der Bartschischen auf- 
läge in bewustem, steht Gervinus (Geschichte der deutschen 
dichtung m^ 558) ganz auf dem Tieckscheu standpuncte; jedoch 
gebürt ihm das verdienst, auf die erzäblung Johann Rists von 
einer durch englische comödianten in einer grofsen Stadt ver- 
anstalteten aufführung des Pyramus und der Thisbe zuerst hin- 
gewiesen zu haben, die fassung des Stückes bei dieser aufführung 
bezeichnet er als eine nochmalige ungeheure Verzerrung des Cox- 
schen Pyramus, reiht sie aber nicht in die kette Midsummer night's 
dream, Bottom the weaver, Squenz von Schwenter, Squenz von 
Gryph ein. dieselbe kette nimmt er, wenn auch mit auslassung 
Z. F. D. A. neue folge XIU. tO 



134 ÜBER DIE ENTWICKLUNG 

Schwenters, io seiDem Shakespeare (vierte auQage s. 251) an, 
welcher mit anmerkungen von Geo^e versehen ist, jedoch trotz Ge- 
nies abweichender ansieht mit keiner anmerkung an dieser stelle. 

Interessant ist es zu beobachten, wie nicht allein die an- 
sichten über die Stellung von Bottom the weaver zu Peter Squenz, 
sondern auch die Vorstellungen der einzelnen vom Inhalte der 
Coxschen farce aus einander gehen, es hat nämlich keiner von 
ihnen, auch wol Ticck nicht, dieselbe gelesen, was Koberstein, 
Gervinus, auch Cohn, nur durchklingen lassen, spricht Gen6e 
deutlich aus mit den Worten: So war auch die Handwerker-» 
Posse unter dem Titel 'Bottom the Weaver' von R. Cox bearbeitet 
worden, wobei natürlich der köstliche Gegensatz dieser grob realiiti- 
sehen Gestalten zu der luftigen Geisterweü verloren ging, diese 
äufserung muss, da Gen^e Tiecks bemerkung über Cox, und also 
auch den satz Cox hat noch die Feenköniginn und ihre Liebe zu 
Zettel beibehalten, gekannt, sehr befremden, weit merkwürdiger 
aber ist die folgerung, die freiherr von Vincke (Shakespeare-jahr« 
buch V 359) aus Tiecks mitteilung, und gerade mit aus diesem 
satze, zieht. Die Tatsache, sagt er, nachdem er in seiner Unbe- 
fangenheit nicht allein das Coxsche, sondern auch das Schwen- 
terscbe (nie erschienene) stück nicht gelesen zu haben bekannt, 
wird durch jeue Mitteilung festgestellt, dass hier, (er meint bei Cox 
und Schwenter) mit Ausscheidung des athenischen Hofes, nur Elfen 
und Rüpel in ihrer Wechselwirkung den Gegenstand der Handlung 
bildeten, also Gen^e: rüpel und hof, Vincke: rüpel und elfen, 
und das dazu gleich für Cox und Schwenter. nun, dass beide 
recht haben, ist nicht wol möglich. — 

Tittmann hat 1870 (Dramatische dichtungen von Andreas 
Gryphius s. lii) eine besondere schrift über den Zusammenhang 
von Shakespeare, Schwenter und Gryphius und eine bearbeitung 
des Shakcspeareschen spieles versprochen, in der gestalt, wie 
englische comödianten dasselbe in Hamburg auf die bühne ge- 
bracht hatten, diese bearbeitung steht nach Tittmann in der 
mitte zwischen Shakespeare und Gryphius. es ist eben die, über 
welche Rist berichtet. 

Schon 1874 hatte Moltzer (Shakesperes invloed op het neder- 
landsch tooneel) in einem lustspiele von MGraipsbergen, welches 
im ersten drucke vom jähre 1650 den titel führt 'Kluchtighe 
Tragoedie: Of den Hartoog van Pierlepon', eine bearbeitung des 



DES PETER-SQUENZ-STOFFES BIS GRYPHiUS 135 

Sbakespearesehen Zwischenspieles erkannt, Gryphs Verhältnis zum 
Hartoog van Pierlepon aber uuerOrtert gelassen, die erörterung 
dieser frage hat in allerjüngster zeit KoUewijn (Archiv für lit- 
teraturgeschichte ix 445 ff) geliefert, nach ihm soll Peter Squenz 
anf ein und dasselbe original mit dem Hartoog van Pierlepon 
zurückzufahren sein, dieses original soll eine entsteüung von 
Shakespeares interlude gewesen sein, und aus diesem entstellten 
texte sollen ohne einfluss des holländischen auf das deutsche 
oder des deutschen auf das holländische diese beiden stücke ent- 
standen sein. 

Wir wissen demnach von vier zeitlich zwischen der Sbake- 
spearesehen und Gryphischen liegenden fassungen des Peter- 
Squenz-stoffes, und es gilt nun das gegenseitige Verhältnis aller 
genauer, als es bisher geschehen, zu bestimmen. 

Wann Bottom the weaver zuerst erschienen, darüber gehen 
die angaben aus einander, jedesfalls aber ist er auch 1673 im 
zweiten teile der von Francis Kirkman zu London herausge- 
gebenen Sammlung von droits abgedruckt worden, die den titel 
'The Wits, or, Sport upon Sport' trägt. ^ in dem rühmenden 
Vorwort, mit welchem der herausgeber diese Sammlung versehen 
hat, wird der Schauspieler Cox (er scheint damals schon todt ge- 
wesen zu sein) bis in den himmel gehoben, jedoch wird er 
nicht als der Verfasser aller in ihr enthaltenen stücke bezeichnet, 
wie man nach David Erskine Bakers Biographia dramatica (Lon- 
don 1782), (einer, wiewol nicht der alleinigen quelle Tiecks) an- 
nehmen sollte, sondern nur als Verfasser der meisten, ob Bottom 
the weaver würklich von Cox herrührt, ist also zweifelhaft, und 
eben so zweifelhaft ist, was hier von gröfserer Wichtigkeit, die 
abfassungszeit des Stückes. Kirkman sagt keineswegs ausdrück- 
lich dass die drolls seiner Sammlung erst nach dem Schlüsse der 
Öffentlichen theater in London (diese wurden zeitweise um das 
Jahr 1642 und auf die dauer 1647 geschlossen) geschrieben oder 
aufgeführt worden seien. 

Hiernach ist es nicht möglich, die einwürkung des drolls 
Bottom the weaver auf die continentale entwickelung des Peter- 
Squenz- Stoffes aus rein chronologischen gründen zu läugnen. 
wir müssen uns bequemen den text selbst zu prüfen, um seine 

* Brit. mns. nr 840 b 12. unser droU heifst yollständig *The Merry 
concciied Hnmoars of Bottom the Weayer*. 

10» 



136 ÜBER DIE ENTWICKLUNG 

abweichuDgen vom Shakespeareschen festzustellen uod uns dann 
zu fragen, ob sich in ihnen eine annäherung an unseren Peter 
Squenz erkennen lasse. 

Ein blick auf The Nantes of the Actors belehrt uns schon 
über die bedeutsamste abweichung des drolls vom Sommernachts- 
traume: Hermia und Helena sind ohne irgend welchen ersatz ge- 
strichen, der vater der Hermia gleichfalls ; mithin fehlen im stücke 
selbst die reden dieser drei personen und die der übrigen per- 
sonen zu ihnen oder über sie. für die ersten vier (Shakespeare- 
schen) acte (das droU hat weder act- noch scenenüberschriften) 
teilen dies Schicksal sämmtliche gespräche des hofes; die vornehme 
gesellschaft tritt erst im fünften (Shakespeareschen) acte überhaupt 
auf.i aber aus diesen Voraussetzungen lassen sich noch lange 

^ abgesehen von solchen abweichungen , die für unseren zweck voll- 
kommen bedeutungslos sind, wie Verschiedenheit der Orthographie, Ver- 
wechselung eines Wortes mit einem synonymon oder einem dem Shake- 
speareschen nur ähnlich sehenden worte, Umstellung einzelner worte, ganz 
winzigen auslassungen, verrückung einiger scenischer bemerkungen um ein 
par Zeilen, abgesehen von dergleichen abweichungen unterscheidet sich 
der text des drolls vom Shakespeareschen dadurch dass im droll 1) fehlt: 
a) Shakespeare 1 1 ganz, b) ii 1 bis abgang Tltanias, c) ii 1 But who comes 

here? Thou shalt ßy him, and he shall seek thy love, d) ii 2 

Enter Lysander and Hermia, Either death or you I'lt find 

immediately, fEjrit, e) iii 1 Peasblossom! Cobweh! Moth! and Mustard- 

seed!, f) iv 1 Titania, music call; Mtuic, ho! mun'c, such a$ 

charmeth sleep!, g) iv 1 übe: Sound, music A?id, by the toay, 

lei US recount our dreams, [ExcunL, h) v l PhiL: No, 7ny noble lord; 

So piease your grace, the Prologue is address' d», i) v 1 The 

iron tongue And liobin shail restore amends. [Exit, ; 2) statt: 

a) Shakespeare ii 1 ff'^eU, go thy way : .... Till I torment thee for tkU 
injury steht: 

/ am resolved and 1 will be revenged 

Of my proud Queen Titania's injury, 

And make her yield me up her beloved Page, h) n 1, 2 Hast thou the 
flower there? Enter Titania, with her Train steht: 

H'elcome wandercr; what, art return' d with it? 
Pugg: I, there it is. 
Ob: Come, givc it me? 

There is a bank Titania useth oft 

In nights to sleep on, but see where she comes 

f Enter Queen and Fairies, 
rie stand aside, you may depart, [Exit Pugg, c) n 2 Then, for the 
ihird part of a minute, hence; , . . , At our quaint spirits. Sing m» 



DES PETER-SQUENZ-STOFFES BIS GRYPHIÜS 137 

nicht alle abweichungen des drolls von Shakespeare folgern; es 
haben ganz unabhängig von ihnen auch grofse kUrzungen innere 
halb der elfenscenen statt gefunden, die ganze begegnung Pucks 
mit dem diener Titanias zu anfang des zweiten actes ist einfach 
gestrichen, ja selbst Oberon und Titania streiten sich nicht auf 
der bühne; Titania erscheint zum ersten male da, wo sie bei 
Shakespeare bereits zum zweiten male auftritt, usw. kleine flicken 
hat der Verfasser des drolls begreiflicher weise des öfteren auf 
die lOcher setzen müssen, die er Shakespeares werke gerissen, 
zo anderen Zusätzen hat ihn sein dichtergenius nicht getrieben, 
aufser zu einem, gleich zu anfang des Stückes, da Bottom die 

now asleep steht: To piease my eye first, then intice me sleep, d) iii 1 

Ent&r PBos-blossom, Cobweb, Moth, and Mustard-seed, Ifliere 

ihäU vye go? steht: Enier Pease-blossom, Cobweb and Mustard-Meed, three 
Fairies, 

Fair: Ready, and I, and J, and /; where shatl we go ?, e) in 2 But 

hast thou yet latch'd the Athenian^s eyes The man shall have 

his mare agai'n, and all schall be well. [Exit, steht: 
/ shall now be avejiged upon my Queen: 
But see, she comes, Ple stand aside,, 0^1 Scene i. Athens, 

An apartement in the palace of Theseus, Merry and iragi- 

eall steht: 

Enter Duke, Vutchess, and two Lords, 
Egaeus: May all things prove propitious to this match, 
And heavens pour down whole showers of joy to wait 
f^'ithin your Royal walks, your Board, your Bed, 

Duke: Thanks, kind Egaeusy but what pleasant maskes, 
What dances have we now to wear away 
This long age of tliree hours, which yet we have 
To spend cVe bed time? 

1. Lord: And*t piease your grace, there is a scene, 
Tedious, yet brief to be presented of 
The love of Pyramus and Thisbe, 
Mirth very Tragical, 
Duke: Merry and Tragical; 3) zugesetzt ist: (vor Shakespeare 12 Quin: 
Is all our Company here?) Bottom: Come, Neighbours, let me teil you, 
and in troth I have spoke like a man in my daies, and hit right too, 
tkat if this business do but piease his Graces fancy, we are made men 
for ever. und (vor Is all our Company here?) I believe so too, Neigh» 
bour, but. 

Einige der für uns ganzlich bedeutungslosen abweichungen sind übrigens 
bei genauer vergleichung mit Shakespeare aus den angeführten abweichungen 
lu erkenoeD, und vide sind wahrscheinlich nur yon den heutigen ab- 
weichende lesarten des Sommemachtstraumes selbst. 



\Vt > BEB ME EM«riCKLi:>G 

ü^AuAiß: ut, (4f&4 <r «f wihrgcfaei&licli pasMod da» dieser die 
b>Bd«i^%«n«rMOiiiiluiiig i&it eib |Mr id>«rflüääi^eD wortea erDlÜM. 
Mr0«t lU dM ««triuiUiii zwiMiieD f^aiDce und BoUom ^nz di& 
»lut ^MU-htui Oqioc« i*t der leiler der ge5€4bcliaft . Botton 

All der I^rainus- uod -Tbisbe-ao/Tähniog isl keine irgend 
efbebIjcLe »rjderuo^ irorgeooniiDeD. von Hermia und Helena ist 
«jlhreDd derMrllfeo kHoo b«i Shakespeare wenig zu meiien. 

Die der aulfübruD^ roraufgehende hofseeoe ist arg Yerrtam- 
melt. feie tieginut gleich mit dem glückwuosche zu Theseos 
bocbzeit, der hier etwas länger ist als im Sommemachtetraome. 
bei Cox trägt ibu nicht Lysander vor; deoo was Lysander, De- 
metrius und Philostrate bei Shakespeare zu sprechen haben, ist, 
soweit es ül>erhaupt gebiiebeo, zwei lords zugefallen, von denen 
der eine vor jener ^'lUckwunschrede und in dem auf sie folgenden 
danke des berzogs, aber nirgends sonst, auch nicht im personen- 
Verzeichnisse, Egaeus genannt ist, wie im Sommemachtstranme 
liermias vater heifstJ 

Das register der lustbarkeiten , unter denen ihm zu w9hlen 
frei stehe, The battle with the Centaurs, to he sung by an Aih§~ 
nian eunuch to the harp usw. ist Theseus erlassen vorzulesen, 
die beiden lords ersparen ihm die wähl, sie wissen nur von Py- 
ramus und Thishe. 

Füs leuchtet ein, wie irrig sowol Genies wie vVinckes Vor- 
stellung von Bottom the weaver ist, und wie unzutreffend und 
zu niiHverstündnisscn herausfordernd in seiner Vereinzelung der 
salz Tiecks, Cox habe die feenkOnigiu und ihre liebe zu Zettel 
noch beibehalten, ja freilich hat er die beibehalten (Cox oder, 
von wem sonst Dottom the wcaver stammt), aber auch Oberon 
und Puck hat er beibehalten und nicht minder Theseus und Hip- 
polyta und andere, wenn er schon die namen 'Theseus' und *Hip- 
polyta' zu vermeiden sucht und vor die reden beider personen 
DtJce oder Üutchess setzt, nichts desto weniger kam für ihn 
gewis der umstand in betracht, den schon Kirkman in seinem 
Vorwort erwähnt, und in dem Tieck den grund sieht, aus welchem 
überhaupt derartige schauspielbruchteilc von den schauspielganzen 
losgetrennt worden, niimlich der mangel an darstellern. hierfür 

' Somnifrnaohtstrauin ii 1 kommt ein glückwunsch des Bgens vor, 
anf den Theseus antwortet: Thanks, good Egeu$ usw. 



DES PETER-SQUENZ-STOFFES BIS GRYPHIUS 139 

zeugt, Doch lauter als die streichuDg tod rollen, die mehrmab 
im Personenregister zu je zweien gefugte andeutung dass <^in 
Schauspieler fOr beide genüge, ein teil der handwerker könne 
zugleich elfen Torstellen, Oberon den herzog, Titania die herzogin, 
Puck einen lord. — 

Cberblicken wir the merry conceited kumours of Bottom tke 
Weaver im ganzen, so können wir ihnen ein historisches Interesse 
nicht absprechen, das stück zeigt uns, wie der Sommemachts- 
Iraum im herabsteigen von seiner phantastischen höhe einmal auf 
einer stufe halt gemacht hat, die, wenn nicht die erste Tom gipfel 
aus, so doch ganz nahe dem gipfel ist, und ich wenigstens hätte 
ohne kenntnis von Bottom the weaver wahrscheinhch stets ge- 
glaubt, er habe diese stufe überhaupt übersprungen. — ob er 
diese stufe aber, angenommen selbst, sie sei nicht nur englischer, 
sondern englisch-continentaler boden, damals nicht übersprungen, 
als er vom gipfel hinab zu der ebene stieg, auf der wir ihn im 
jähre 1657 angelangt sehen, diese frage müssen wir unentschie- 
den lassen, durch die grofsen Streichungen, zumal die der Shake- 
speareschen Uebeswirren, offenbart Bottom tlie weaver allerdings 
eine unbestreitbare annäherung an die uns bekannten festländi- 
schen fassungen des Peter-Squenz-stoffes, jedoch diese art von 
annäherung genügt nicht, um ihn für das letzte, ja überhaupt 
mit Sicherheit für irgend ein original einer unserer fassungen 
zu halten, oder auch nur an einen nachträglichen einfluss von 
ihm aus auf eine derselben zu glauben, zu beidem müste er 
nicht nur negative ähnlichkeit mit ihnen haben; er müste die 
keime ihrer eigentümUchkeiten, mindestens zum teile, entwickelter 
in sich tragen als der Sommernachtstraum, statt der weiterent- 
wickelung irgend eines keimes aber lässt sich sogar der Verlust 
eines in mindestens dreien unserer fassungen erhaltenen, und 
zum teile hoch entwickelten, bemerken, der verlust des register- 
motives (s. s. 138). 

SicherUch ist also Bottom the weaver nicht eins mit der 
von KoUewijn gefolgerten entstellung des Shakespeareschen Zwi- 
schenspieles, aus der das Gramsbergische und Gryphische stück 
entstanden sein soll, aber ist es überhaupt unbedingt notwendig, 
ein nachshakespearesches gemeinsames original für diese beiden 
stucke vorauszusetzen? bei dem bis jetzt zu tage geförderten 
materiale ist es nur möglich und natürlich, das aber im vollsten 



140 ÜBER DIE ENTWICKLUNG 

mafse; ich schliefse mich daher dieser Voraussetzung an. Kol- 
lewijos behauptung jedoch, dass nicht an einen etwaigen ein- 
fluss des holländischen auf das deutsche stUck, oder umgekehrt, 
zu denken sei, scheint mir mit seinem satze: Es findet sich 
nämlich hier und da eine grofse Ähnlichkeit zwischen Shakespeares 
Episode und dem deutschen oder auch holländischen Stücke, wo 
die beiden Bearbeitungen unter sich ganz und gar verschieden 
sind durchaus noch nicht bewiesen und eben so wenig über- 
haupt beweisbar, mag man nun unter dem holländischen und 
dem deutschen stücke nur die einzelne Gramsbergensche und 
Gryphische l'assung des Stoffes verstehen oder die ganze ent- 
Wickelung, die derselbe in Holland und Deutschland bis zu der 
zeit durchgemacht hat, wo er von Gramsbergen und Gryphius 
bearbeitet worden ist; und diese zweite auffassung ist bei dem 
deutschen stücke durch das Vorhandensein der Zwischenstufe 
Schwenter geboten, ich sehe nicht ein, was uns hindern konnte, 
anzunehmen dass, sei es vor, sei es nach, sei es vor und nach 
der bearbeitung durch Schwenter, Vermischung der holländischen 
und deutschen fassung statt gefunden habe, um eine solche 
Vermischung beweisen zu können, dazu wissen wir von der 
Schwenterschen bearbeitung bei weitem zu wenig, unser ma- 
terial gestattet uns nicht einmal mit bestimmtheit zu sagen, um 
welche personen Gryphius den Schwenterschen Peter -Squenz- 
Stoff vermehrt habe, und von den letzten strichen der Vollkommen- 
heit, die herr Peter Squenz sonst dem Gryphischen pinsel zu ver- 
danken, vermögen wir nur einen einzigen zu erkennen. — 

Daniel Schwenter lebte von 15&5 — 1636, wurde an der 
Universität Altdorf 1608 professor der hebräischen spräche, 1625 
der orientalischen sprachen überhaupt, 1628 auch noch der ma- 
thematik. mit solcher wissenschaftlichen Vielseitigkeit verband er 
reichen witz und dichterische begabung, die sich sogar in orienta- 
lischen sprachen äufserte. aufser einer menge gelehrter arbeiten 
und dem Peter Squenz schrieb er noch eine andere comOdie, die 
jedoch auch nicht gedruckt worden ist, von Seredin und Violandra 
(dieser titel erinnert sofort an Gryphs prinzen und prinzessin). 

Wann er jedoch seinen Peter Squenz verfasst habe, darüber 
fehlt uns jede angäbe. 1613 gaben des kurfürsten von Branden- 
brug diener und engliche comOdianten in Nürnberg mehrere 
comOdien und tragOdien in deutscher spräche, möglich dass dt- 



DES PETER-SQUENZ-STOFFES BIS GRYPHiUS 141 

mab Schwenter die anregung zu seinem Peter Squeni erhielt, 
möglich durchaus, aber ^uch nicht eine spur mehr als möglich, 
wenigstens nach dem, was ich weifs. gegen 1613, als zu früh, 
liefse sich höchstens einwenden dass unsere posse in die Engli* 
sehen comedien und tragedien vom jalire 1620 noch nicht auf* 
genommen sei; jedoch beweist dieser einwand nichts, für 1613 
konnte man vorbringen dass im folgenden jähre Gabriel Rollen* 
hagen seine Amantes amentes mit * einer aufsbündigen schönen 
Tageweifs von Pyramo und Thysbe aufs dem Poeten Ovidio' ver- 
sehen habe; aber auch das ist vergeblich; denn Rollenhagens 
^Tageweifs' verrät durchaus keine directe Verwandtschaft mit Shake- 
speares Zwischenspiel, sondern schliefst sich eng an die Metamor- 
phosen IV 55 — 166 an, und das interesse für das babylonische 
liebespar war in Deutschland bereits durch Sleinhöwel wider- 
erweckt worden und wurde vornehmlich durch die zahlreichen 
ausgaben des von Wickram erneuerten Albrecht von Ilalberstadt 
wach erhalten. ^ kurz , wir müssen auf die datierung der be^ 
kanntschaft Schwenters mit dem Sommernachtstraume verzichten. 
Alles, was ich positives von dem inhalte des Schwenterschen 
Peter Squenz weifs, oder doch von einer bearbeitung, die aller 
Wahrscheinlichkeit nach von Schwenter herrührte, beschränkt 
sich auf einige zeilen des Job. Baltb. Schuppius. diese entdeckt 
zu haben ist zwar nicht mein verdienst, aber ich habe sie noch 
in keinem buche für unseren zweck benutzt gefunden, sie 
sind enthalten in der Zuschrift des tractätleius *Der beliebte und 
belobte Krieg, oder kurtze Aufsführung, dafs sowohl Menschen 
als Vieh, ja die Natur selbst, mehr zum Krieg und Wieder- 
spenstigkeit als zur Einigkeit und Frieden geneigt sei, durch An- 

* in den Niederlanden hatte Mathys de Casteleyn (1488—1550) die 
'Historie van Pyramus ende Thisbe* sogar schon *speel-wy8e ghestelt*. (eine 
ausgäbe dieses Werkes von 1612 wie des Gramsbergenschen von 1650 hat 
mir die Maatschappy der nederlandsche letterkunde te Leiden bereitwilligst 
geliehen.) ich glaube weder dass Gramsbergen , wenn er die narrheiten 
der 'rederyker' geifselt, gerade Casteleyn im äuge habe, noch dass sein 
Pyramus- und -Thisbe-text eine parodie des Gasteleynschen sein solle ; auch 
nicht dass Shakespeares Zwischenspiel gerade mit dieser 'Historie van Py- 
ramus ende Thisbe' in Zusammenhang stehe, aber es ist mir viel wahr- 
scheinlicher dass ein dem Gasteleynschen im dialoge ähnliches stuck, viel- 
leicht sogar schon die parodie eines solchen, aus Holland zu Shakespeare 
gelangt sei, als dass er den Pyramus- und -Thisbe-stoff aus seinem 0?id 
oder Chaucer genommen habe. 



142 ÜBER DIE ENTWICKLUNG 

leitung der vorigen KriegsläufTte zu Papier bracht.' der älteste 
erhaltene druck dieses opus (Goedeke nenot es überhaupt nicht) 
ist der von 1683 in der zugäbe zu Schupps Schriften. ^ es ist 
Hamburgern gewidmet, also nicht nur, wie der titel bezeugt, 
nach dem westfälischen frieden, sondern auch nach der über* 
siedelung Schupps nach Hamburg, die 1649 statt fand, verfasst, 
vielleicht sogar geraume zeit später. 

Um das befremdende einer abhandluug von solcher tendenz 
aus der feder eines pfarrers zu entschuldigen, beginnt Schupp 
nach der üblichen anrede Wohl Edle etc. etc., Herren, toerthe 
Gönner und Freunde folgender mafsen: 

Denenselben muf$ ich vorhero, ehe sie diese Schrifft lesen, eine 
Historie erzehlen. Man sagt, da/s vormals zu Nürnberg von 
etlichen Handwercks-Leuten seien Comödien oder Schauspiele, und 
unter detien auch die Fabel aufs dem Ovidio angestellet worden. 
Da haben sie nun lang gerathsdilagt , wer doch den Löwen in 
diesem Spiel präsentiren könte? Endlidi seien die meisten Stim- 
men dahin gangen, dafs keiner gesüiickler darzu sey, als Meister 
Hanfs der Kürschtiei\ Meister Hanfs der Kürschner machi sich 
hierzu fertig, und als die Ordnung an ihn kömpt, tritt er mit 
einem Übeizug von Hasen- und Katzen-Fellen zusammen gesetzei, 
auffs theatrum und redet die Zuseher mit diesen Worteti an: [kr 
lieben Ziiseher, es möchten etwan einige furchtsame Jungfrauen 
oder schwangere Frauen unter dem Hauffen sein, die vielleicht er- 
schrecken werden, wenn ich anfange zu brüllen. Aber ich habe 
ihneih vorher anzeigen wollen, dafs sie dessen keine Uhrsache haben, 
und sich zumahlen nicht fürchten möchten, denn ich bin kein Low, 
sondern Meister Hanfs dei' Kürschner. Meine hochgeeJirten Herren 
wollen ja nicht etwan meinen , dafs ich auch ein Low , oder eine 
der Kriegsgurgeln sey, welche ihre Freude und Ergetzlichkeit im 
Krieg und Streit suchen, sondern ich bin Tityrus, Ille ego qui qwm- 
dam tenui modulabar avena, der offlmals auf dem Elbstrohm, ziu 
sitzen pflag in einem Bötgen, und spielt ein Lied auf seinem Flötgen. 

Daraus dass Schupp das geständnis des löwendarstellers aus 

* das auf der universitäts- und landesbibliothek zu Strafsburg befind- 
liche exemplar von Schupps Schriften enthält auCser anderen nichtschuppi- 
schen Schriften 'Johann Risten Starker Schild GOTTES Wider die gifltige 
Hordpfeile falscher und verleumderischer Zungen* usw. Hamburg mdcxuv. 
vgl. Goedeke Grundriss s. 455. 



DES PETER-SQÜENZ-STOFFES BIS CRYPHIÜS 143 

einer von ihm selbst nicht gesehenen Nürnberger aufTührung 
citiert» kann man wol schiielsen dass er es auch nirgends sonst 
Ton der bOhne herab gehört habe; dass er jedoch weder den 
namen des dichters noch den der comödie selbst nennt, nicht 
^Peter Squenz', nicht einmal Tyramus und Thisbe' sagt \ sondern 
schlechtweg 'die Fabel aufs dem Ovidio', das verrät dass diese 
fabel damals in Hamburg als theatralische darstellung ziemlich 
bekannt gewesen, entweder haben wir anzunehmen dass man 
Pyramus und Thisbe frei von allem Sommernachtstraumhaften 
spielte, oder dass in der fassung des Peter-Squenz-stoffes, die 
man spielte, sich der löwendarsteller nicht zu erkennen gab. 

Bei Gryphius tritt meister Klipperling als löwe zwar in einem 
alten grOnen friesrocke auf, jedoch fragt ihn meister Lollinger 
bei der beratung: Wie bringen wir aber die Löwenhaut zu wege? 
Ick habe mein Ubtage hören sagen, ein Löwe sehe nicht viel anders 
aus als eine Katze. Wäre es nun rathsam, dafs man so vil Katzen 
schinden liefse, und Überzüge euch nackend mit den noch bluttigen 
Fellen, dafs sie desto fester ankkbeten? 

Es ist dies motiv um so unverkennbarer ein rest der Nürn- 
berger fassung, als unmittelbar vorher auch die schwangern 
weiber als gegenständ der rücksicht für den löwen hervorge- 
hoben werden, und wenn selbst die aufführung zu Nürnberg, 
von der Schupp gehört hat, nicht identisch mit der zu Altdorfjf 
sein sollte, und auch der ihnen zu gründe liegende text nicht 
völlig ein und derselbe, so ist doch die Verwertung, die dieses 
motiv im texte der ersteren gefunden, ein Stadium, welches es 
durchgemacht hat, bevor es in das Grypbiscbe eingetreten, in 
diesem einen puncte können wir die Gramsbergensche fassung 
mit einer vorgryphisch-Grypbischen, und zwar wahrscheinlich der 
Schwenter-Gryphischen vergleichen, in allen anderen vorerst nur 
mit der Gryphischen, und jener eine punct kann uns, wie schon 
angedeutet, nicht irgend welche Vermischung der holländischen und 
deutschen fassung beweisen, allerdings auch nicht die selbständige 
entwickelung beider aus einem nachshakespeareschen originale. 

^ als das 'Possenspiel von Pyramus und Thisbe' ist unser stofT in der 
quelle Förstenaus (Geschichte der musik und des theaters am hofe Johann 
Georg II. III. iv) bei gelegenheit einer auffährung durch englische comö- 
dianten in Dresden 1660 bezeichnet, und der Verfasser wird auch gelegent- 
lich einer aufTührung am 20. 2. 1672 noch nicht genannt, das stück heifst 
hier vielmehr des 'M. Peter Squenz Comödia' (s. Fürstenau i 205. 235). 



144 ÜBER DIE ENTWICKLUNG 

In dem hoUäDdischen stücke wird io der beratung der dar- 
steiler weder über die haut noch die rede des lOwen ein wort 
verloren, worin die erstere bestehe, können wir überhaupt nicht 
wissen, wol aber dass die letztere keineswegs den zweck hat^ 
dem publicum, speciell dem frauenzimmer und namentlich etwa 
dem schwangeren, die angst vor ihrem Sprecher zu benehmen, 
im gegenteile der lOwe sagt: 

Het vervarelijkste Beest, van alle Dieren, ben ik geschapm: 
Daarom hekoef ik gern Schilden of eenig toapen, 
Want ik vemieVt al mit mijn Bek en deze KUouw, 
Om zuUcen reeden heet men mijn den vreezelijken Leouto. 
die hier zu tage tretende Verschiedenheit des holländischen lust- 
spieles vom deutschen und zum teile auch vom englischen hat 
ihren grund in der grOsten abweichung der holländischen fassung 
vom originale, der Veränderung des ganzen rahmens der Pyramus- 
und -Thisbe-aufTührung. im Hartoog van Pierlepon (eine analyse 
desselben zu geben halte ich nach Moltzers und KoUewijns mit- 
teilungen für überflüssig) sind die Pyramus- und -Thisbe-darsteller 
Schauspieler von beruf, ihr eigentliches publicum besteht aber 
nur in einem von ihnen selbst als herzog verkleideten bauem. 
sie führen vielleicht so gut wie eine herzogstracht auch eine 
lOwentracht mit sich, sie haben, wenn auch nicht vollkommen im 
köpfe, ihren ganz bestimmten Pyramus- und -Thisbe-text und 
brauchen weder an ihm aus Zartgefühl für ihr publicum zu ändern 
noch überhaupt allzu rücksichtsvoll gegen dasselbe zu sein, hieraus 
folgt auch einerseits dass bei der Verteilung der rollen weder einer 
der Spieler nach der bedeutung der ihm zuerkannten fragt, noch 
Snipsnap, der, wiewol an charactcr Bottom und Pickelhäring am 
ahnlichsten, die stelle des directors oder regisseurs einnimmt, 
erst die ganze fabel von Pyramus und Thisbe erzählt; anderer- 
seits dass die schaupielcr dem Hartoog van Pierlepon nicht die 
wähl unter mehreren stücken lassen, ihm nur Pyramus und Thisbe 
anbieten, und die aufführung selbst durchaus spafshaft behandeln, 
sie fühlen sich herren der Situation und machen sich über die co« 
mOdie, die sie vor und mit dem bauem Mieuwes aufführen, lustig, 
das zeigt sich vornehmlich in der Sorglosigkeit und ungeniertheit^ 
mit der sie stecken bleiben, improvisieren und den Souffleur fragen, 
die um so komischer würkt, da jener so tut, als ob er die sache 
ernst nehme und sich über das schlechte spiel wUrklich ärgere. 



DES PETER-SQIJENZ-STOFFES BIS GRYPHIUS 145 

Wenn sich Mieuwes zwiscbenreden erlaubte so wie Shake- 
speares und Gryphs publicum, 80 wären sie sicher mehr albern 
als beifsend; aber er erlaubt sich, was ja bei seinem mangel an 
gesellschart nur natürlich ist, keine, wie in der einkleidung des 
ganzen, so steht auch in vielen einzelnen davon unabhängigen 
puncten, wo das holländische und das deutsche lustspiel verschie- 
den sind, das letztere dem englischen näher. 

Eine eigentümlichkeit wol der meisten poetischen nachahmun- 
gen ist es, dass sie motive, die in ihrem originale blofe ange- 
deutet waren, vollkommen oder doch weiter ausführen, eine solche 
unseren beiden nachahmungen gemeinsame weiterführung ist das 
forttragen der Thisbe durch ihren geliebten, das Shakespearesche 
motiv steckt in der bemerkung des Tbeseus Moonshine and Lian 
ore lefi io bürg the dead und der ergänzung des Demetrius Ay, and 
Wall too, für eine ähnliche weiterführung könnte man leicht das 
in beiden nachahmungen vorkommende verspätete auftreten des 
Pyramus halten, das Kollewijn zu den von Shakespeare nicht ge- 
teilten eigentümlichkeiten derselben rechnet; dann müste man es 
aus der kleinen Verspätung der Shakespeareschen Thisbe vor ihrem 
ersten auftreten herleiten; jedoch die worte Spillebiens Uü, uit, 
hoorje niet? hoe meugj'e lux dus temen usw. und die des Gryphi- 
sehen Squenz Ho, Piramm! Piramus! Piramusl ho! machet doch 
fort, usw. vergleichen sich einfach denen des Shakespeareschen 
Quince (ui 1) Pyramus enter lyour tue is past; it is, 'never tire,' 

Zweifelhaft kann es erscheinen, welche nachahmung dem 
originale näher stehe, wenn die eine ein unbedeutendes motiv 
desselben fortlässt, die andere es ausspinnt und zu einem be- 
deutenden macht, bei Gramsbergen sind die Stichelworte des 
Tbeseus The wall, methinks, being sensible, should curse again 
gleich allen zwischenreden des publicums ausgelassen; bei Gry- 
phius sagt Violaudra an entsprechender stelle: Das muss eine 
fromme Wandt sein, daß sie sich gar nichts zu verantworten 6e- 
gehret. Bullabutän widersteht zunächst, wie Snout, der heraus- 
forderung, als aber Pyramus von neuem schimpfworte regnen 
lässt, droht er ihm mit schlagen, und sofort kommt es zu tät- 
lichkeiten, worüber die Wand schier gantz in Stücken gehet, hier- 
mit hat sich vielleicht irgend ein vorgryphischer bearbeiter be- 
gnügt, Grypbius nicht, er lässt, in einer zweiten Schlägerei, dem 
brunnenkruge dasselbe Schicksal wie der wand zu teil werden. 



146 ÜBER DIE ENTWICKLUNG 

Gryphius entfernt sich entschieden weiter als Gramsbergen 
von Shakespeare nur dadurch dass sein Personenregister um den 
brunnen reicher ist als das englische, dass die wand bei ihm 
nicht in einem mit iehm beschmierten menschen besteht (wiewol 
ja diese darsteilungsart in der Gryphischen beratung zur spräche 
kommt), sondern in einem menschen, der eine papierne wand 
trägt; dadurch dass seinem monde (vielleicht in folge der auf den 
mond bezüglichen stelle der Shakespeareschen beratung) der hund 
fehlt; ferner durch die art der mantelbefleckung, die bereits er- 
wähnte lOwentracht und schliefslich durch einzelne stellen des 
dialoges. bei allen drei dichtem denken die Schauspieler, als es 
sich um die darstellung des mondes handelt, zunächst an die 
Verwertung des natürlichen mondes, aber nur Snipsnap führt 
den gedanken so weit aus wie Bottom, indem er sagt: Zoo zelle 
f<?6 het licht van de tiatuurlijke Maan latm deiir een venster vallm. 
im Sommernachtstraum sagt ßottom, nachdem er bereits die rolle 
des Pyramus erhalten, als sich Flute weigert die der Thisbe zu 
übernehmen : An I may hide my face, let me play Thishe too usw., 
und als er hOrt, des lOwen rolle sei nichts wie brüllen : IM me 
play the Hon too usw. das verlangen Bottoms nach der Thisbe* 
rolle erkennen wir wider in Snipsnaps Vorschlag Dat ik dan veur 
Piramm en Thisbe gelijk spenlde, wat souje daar of zeggen; das 
nach der lOwenrolle, wenn Pickelhäring sagt: Ey so toil ich der 
Löwe seyn, denn ich lerne nicht gerne viel aufswendig ; der Shake- 
spearesche witz aber ist bei Gryphius ganz verloren gegangen; 
Pickelhäring ist zur zeit noch mit gar keiner anderen rolle be- 
traut, denn bei Gryphius werden Pyramus und Thisbe nicht wie 
bei Shakespeare und Gramsbergen zuerst, sondern erst nach 
prolog, epilog, lowe, mond und wand mit darstellern bedacht 

Wer in der reihenfolge des auftretens der personen dem 
Shakespeare getreuer geblieben ist, lässt sich kaum sagen, darin 
stimmen beide mit ihm überein, dass in der ersten scene Pyra- 
mus vor Thisbe und noch vor Pyramus die wand, in der zweiten 
Thisbe vor Pyramus und noch vor Thisbe der löwe erscheint; 
aber während Gryphius in der zweiten noch vor dem lOwen den 
mond und zwischen diesen beiden seinen brunnen auftreten läsat, 
fasst bei Gramsbergen zu allererst der mond und unmittelbar 
nach ihm die wand posto, und beide bleiben unverändert stehen 
bis zum ende des ganzen Zwischenspieles. 



DES PETER-SQDENZ-STOFFES BIS GRYPHIUS 147 

Das letzte ist nur möglich, wenn beide scenen an dem näm- 
lichen orte spielen, und dies ist in der hollündisclien comOdie 
wQrklich der fall. Thisbe verabschiedet sich in der ersten scene 
(aus einem gründe, der dem verspütungsgrunde des Gryphischen 
Pjrramus sehr Ähnlich ist) von ihrem geliebten mit den werten: 
o! Piramus, ik kan niet meer spreeken, mijn hart toord zoo 

beswardijk, 
Ik krijg daar zoo een groote mijing vervarelijk: 
Kamt over een half nur eetis weder op deze stee, 
Want ik zal 'er zelver perzoonelijk komen mee, 
En ipreeken dan van de Liefde in abondantien, 
Ja genieten veel kusjens, tnet grooter plaizatUien. 
Adie dan Piramm, ik moet gaan eer dat het mijn ontgaet. 
*dcxe stee' ist ein ^Veldeken' mit einer 'Fonteine', also der nur 
dem Stelldichein gebUrende Schauplatz, hierin und darin, dass 
die lid>enden zuerst mit ihrem ganzen zürtlichkeitsaustausche auf 
das loch in der wand angewiesen sind, Thisbe sich aber nachher 
ihr Schienbein trotz der wand an dem leichnam des Pyramus stöfst 
usw., zeigt sich eine Verzerrung des alten Stoffes, gegen welche 
die deutsche umwandelung von Nini grab in den Brunnen hinter 
jeMm End bei Nachbar Kunzen Hofgewend nicht aufkommen kann, 
vergleichen Iflsst sich damit allenfalls die burleske ersetzung von 
Tbisbes mantel durch ihr Netisdoek. 

In demselben Verhältnisse wie in bezug auf die Schlägereien 
stehen die drei fassungen, was den epilog betrifft. Bottom lässt 
den Theseus zwischen epilog und bergomasker tanz wählen, und 
Theseus zieht den letzteren vor; im Hartoog van Pierlepon findet 
sich keine spur eines epiloges; der Gryphische Squenz dagegen 
hält würklich einen langen. 

In der Verwertung des schauspielregistermotives steht, kann 
man wol sagen, Gryphius dem Shakespeare näher als Gramsbergen. 
in beiden nachahmungen rührt das ganze repertoire von den Py- 
ramus- and -Thisbe-darsteUern her, bei Gryphius gelangt es aber 
wenigstens schwarz auf weifs vor den kOuig, während Bollebe- 
biJD, Poffel und Snipsnap es uns nur bei ihrer beratung hOren 
lassen. 

Bei dem stummen auftreten und mehrmaligen herumgehen 
sämmtlicher figuren des spieles, mit ausnähme des löwen, vor 
dem beginne der aufführung im Peter Squenz hat man gewis. 



148 CBER die ENTWICKLUNG 

wiewol es ein mit nur geringer abweichuog aus dem Sommer- 
nachtstraume entlehntes motiv ist, an eine satirische absieht 
Gryphs und, wenn in dem sonst ebenfalls tendenziösen holländi- 
schen stücke von jener ganzen procedur gar nichts geblieben, 
an den fortschritt zu denken, den die theaterpraxis im sieben- 
zehnten Jahrhunderte, wenigstens bei guten schauspielern machte, 
der darin bestand dass man, anstatt die personen des Stückes in 
der Gryphischen weise vorzuführen, zunächst nur vor jedem acte 
die in ihm spielenden dem publicum vorstellte und schliefslich 
die ganze Vorstellung fortiiefs. 

Mit dieser letzterwähnten Verschiedenheit Gram^bergens von 
Shakespeare und Gryphius hängt eine andere zusammen, die des 
prologes. bei Shakespeare besteht er, wie das Enter the Pro- 
loffue und Enter the Presenter schon andeutet, aus dem eigent- 
lichen prologe, der namentlich über den zweck der aufftthrung 
unterrichtet, und der Vorstellung der figuren, bei der die Zu- 
schauer zugleich über den inbalt des Stückes aufgeklärt werden, 
diese Zweiteilung ist bei Gryphius, wenn auch nicht so scharf 
gekennzeichnet wie bei Shakespeare, doch keineswegs verwischt, 
im Hartoog van Pierlepou dagegen besieht der prolog aus einem 
Rey (Zang und Tegenzang) und gibt nur dUnhoud van't SpeL 

Es liefsen sich vielleicht noch einzelheiten herausfinden, in 
denen sich unser dichter eng an den englischen anschliefst, der 
holländische ihn in stich lässt (die Thisbe Bollebebijn hat zb. 
keinen hart), und solche einzelheilen des dialoges sind sogar zahl- 
reich und bisweilen überraschend (so steht das pendant zu der 
ermahnung, die Squenz an Klipperliug richtet, er solle sich die 
nägel fein lang wachsen lassen, nirgends im Hartoog van Pier- 
lepou, wol aber im Soromernachtstraume und zwar iv 2) — ich 
will nur noch eine den ganzen dialog betreffende besonderheit 
der holländischen comüdie hervorheben. 

Am kunstvollsten abgestuft ist der dialog bei Shakespeare: 
der Pyramus- und -Thisbe-text ist in gereimten versen abgefasst, 
der hof spricht, abgesehen von den kurzen, prosaischen, in die 
Pyramus- und -Tliisbe-aufTührung eingestreuten bemerkungen, fast 
nur in ungereimten, die bandwerker in prosa. bei Gryphius 
ist die letzte und vorletzte stufe geebnet: auch der hof spricht 
prosaisch, auf alle und jede abstufung aber verzichtet hat Grams- 
bergen: sein dialog bewegt sich fast durchgängig, ja, da es auf 



DES PETER-SQUENZ-STOFFES BIS GRYPHIUS 149 

die Silbenzahl der Terse bei ihm ohDedem nicht ankommt^ durch- 
gängig in reimen, in diese form hat man unseren Stoff sicher 
erst in den Niederlanden gekleidet, sie war die niederländische 
uniform der meisten damaligen stttcke. — 

Die Atter Edelste Belustigung Kunst- und Tugendliebender 
Gemühier, vermittelst eines anmühtigen und erbaulichen Gespräches, 
Wdekes ist dieser Ahrt, die Vierte, und zwahr Eine Aprilens- 
Unterredung, Beschrieben und fürgestettet von Dem Rüstigen: so 
ist die 1666 ^ erschienene schrift des wedelschen pfarrers Rist 
betitelt, in der jener zuerst von Gervinus herangezogene bericht 
einer anfTohning von Pyramus und Thisbe enthalten ist. Rist 
hat diese aufTührung mit eigenen äugen in seiner jugend von 
englischen comOdianten, wie er sagt, in einer grossen und uns 
säwitliA toolbekandten Stadt gesehen, und zwar als Zwischenspiel 
in einem stücke von einem Könige, der seinem eintzigem Printzen, 
eines andern Königs Tochter, ehelich wolte beylegen lassen. 

Rist hat bis zu seinem einundzwanzigsten jähre, also bis 
1628/29, die schule zu Hamburg und das gymnasium zu Bremen 
besucht, in unserem berichte selbst lässt er eine person ein- 
mal sagen: dafür u>il ich lieber emen gantzen Tag guht 

Hamburger Bier und Taback sauffen, und einige Seiten später 
erzählt er von einem stücke, das von einem Könige handele, der 
seinen Sohn, den Printzen mit des Königs von Schottland Tochter 
weite verheirahten. auch von diesem stücke sagt er dass er es 
in seiner Jugend von den Engelländem habe gesehen spielen in 
einer grofsen und Volkreichen Statt, die stadt will er nicht 
nennen, doch beschreibt er ihre Situation zur zeit der aufTührung 
dieses Stückes so 2, dass man mit grofser Wahrscheinlichkeit auf 

^ die ausgäbe, die ich benutzt habe, ist von 1666, aber aus Hamburg. 
Tgl. Goedekes Grandriss s. 455. 

' er sagt: Km hatte eben dazumahl ein grotser und hertzhaffter 
Potentat, mit welchem die Statt nicht gafir %u wol stund, eine stattliche 
Kri^eS' Macht au ff die Beine gebracht, welche ihr Lager nahe bey der 
Statt hatte, nicht zwahr zu dem Ende, dass er derselben feindlich wolle 
zusetzen, sondern vielmehr, chiem andern Krieges-Herren, die gleich da- 
zumahl anderswoh* gegen einander zu Felde lagen, etlicher mahssen eine 
Furekt inzujagen. Nun begab sichs, dass täglich viele fiimehme Krieges- 
Bediente, aus dem Lager in die Statt giengen, ritten und fuhren, aller- 
hand Sachen, derer sie benöhtiget waren zu kauffen, da sie denn auch 
häufig bey den Komtedien sich finden Hessen, und eine sonders grosse 
Lust aus denselben schöpften, 

Z. F. I>. A. neue folge XIII. 11 



150 IBER DIE ENTWICKLUNG 

Hamburg, und zwar Hamburg im jähre 1626, scbliefeeD darf, 
den nahe liegenden argwöhn, das« beide auffuhrungen (ihre titel 
sind ja so ähnlich) identisch seien, verbietet der inhalt der zwei- 
ten, der mindestens darin von dem der ersten abweicht dass 
den comOdianten, die auf der hochzeit des prinzen ihre kttnste 
zeigen wollen, vom könige die erlaubnis dazu verweigert wird; 
die möglicbkeit dass beide auffuhrungen im grofeen und ganzen 
dasselbe thema, nur mit verschiedener wendung, behandelten, ist 
hierdurch aber noch keineswegs ausgeschlossen. Tittmann hat 
ohne ausdrückliche angäbe eines grundes Hamburg als den ort der 
Pyramus- und -Thisbe- auffuhrung angenommen, zu behaupten 
dass nicht nur der ort beider auffuhrungen identisch sei, sondern 
auch ihre zeit ungefähr die nämliche, das jähr 1626, wäre aller- 
dings voreilig, aber die Vermutung, dass sie es sei, kann ich 
nicht unterdrücken, ein anderes zeugnis für die anwesenheit 
englischer comOdianten in Hamburg zu jener zeit oder überhaupt 
während Rists Jugend fehlt uns. die möglicbkeit ihrer anwesen- 
heit liefse sich mit eben so triftigen gründen, wie sie von Lap- 
penberg (Zeitschrift des Vereins für hamburg. geschichte i 139 
für das jähr 1620 erwiesen ist , für jedes beliebige seit der ab- 
fassung des Sommernachtstraumes verflossene jähr erweisen. -— • 

Rist erzählt die hamburger aufführung als eine satire auf 
solche lumpencomödien , wie marktschreier , zahnbrecher und 
fratzendichter dem volke zu verkaufen pflegten, er beginnt, es 
hätte sich, als einmal vornehme und gut ausgerüstete englische 
comOdianten ihre spiele eröffneten, eine anzahl nichtsnutziger 
handwerksburschen zusammengefunden, die unter der direction 
eines ehemaligen dorfschulmeisters ebenfalls Vorstellungen geben 
wollten, die Engländer fürchteten diese concuiTenten und be- 
schlossen sie lächerlich zu machen, hierzu spielten sie eine 
schone comOdie von einem Könige, der seinem eintzigem Printzen, 
eines andern Königs Tochter, ehelich wolte beyltgen lassen. 

Unter stattlichen mahlzeiten, lustigen tanzen, prächtigen auf- 
zügen, kostbaren feuerwerken und dergleichen lustbringenden 
bändeln findet die hochzeit statt, da tritt der marschall in den 
saal und meldet das gesuch einer neuen comOdiantengesellschaft, 
vor den hohen herschaften etwas darstellen zu dürfen, der 
marschall hat bisher nur den director gesehen, der kOnig be- 
fiehlt diesen zu holen, er erscheint mit vielen kratzfüfsen und 



DES PETER-SQDENZ*STOFFES BIS GRYPHIUS 151 

Bna dies, Bna dies meine grofsgümtige Herren usw. Rigt be- 
schreibt seiD aussehen sehr anschaulich : er ist klein, tragt einen 
schäbigen mantel, eine kleine haiskrause, einen hut, aus welchem 
nsaii etliche pfund fett oder schmeer schmelzen konnte, ein halb- 
zerrissenes buch, einen geschälten haselstab, unter dem mantel 
ein par grofse ruten. der könig redet mit ihm, und er erklärt, 
in der Schauspielkunst habe er seines gleichen nicht, früher sei 
er ein halber geistlicher gewesen, habe aber einen grOfseren titel 
geführet als der allergeneralste generalissimus^ superintendens 
oder probst im ganzen kOnigreiche. der kOnig mochte den titel 
hOren, und nun betet er ihn her: toenn fümehme Leute an mid^ 
schreiben, so ist dieses mein rechter Titul: Dem Halb Ehrwürdigen, 
meht viel besonders Gelehrten, mit einem feinen Knebelbahrte, woU 
stafierten, HeUscheinenden, Embsigen, Yorsiehtigen, Genaufleifsigem 
und nöhtigen Handlangem am Wohrte Gottes, Mantelträgem und 
Naehtretem des Pfarrers, Innhabem des grofsen Kirchen-Schlüssels, 
des heiligen Ministerii dekanten, der Strenge und Strikke, wie 
aueh der kleinen und grofsen Glokken Regenten und Directum, 
Seigerstellem, auch der Dorff und Bauren-Gerichte, Kundschreibem 
und Ässessom in Ehesachen, wolbeschwätzeten Freiwerber, Hoch- 
zeitbitter und Abdancker, wie den auch in optimd formd Erdichtem 
der Gevattern- Briefe, Glokken und Kirchenfeger, Amen-Singem und 
GriUzsMingern , des nächtlichen Hahnen -Geschreyes genauen Ob- 
SGTvanten, auch der Knechte und Mägde tretiflei feigen exsuscitanten 
und Aufwekker, Meinem sonders grofsgünstigen, hochgeehrten Herren. 
der könig versteht jetzt dass der comOdiant dorfktister gewesen. 
dieser sagt endlich auch seinen namen, er heifse: Ambrosius 
Caprimulgius , zu Teutsch Brosins Ziegenmeleker , wie er denn 
auch ein par ziegenbockshOrner im wappen und oben dem Helm 
einen bunten bahn führe. 

Besonders empfehlen kann er dem kOnige die Comödia von 
Markolfus, wie derselbe die Katze lehret das Licht halten, item die 
Komödia von der schönen Magellona, von Ritter Pontius, von der 
schönen Frauen im Berge mit ihren sieben Zwergen, vom Kayser 
Oetavianus, von Pyramidus und von Thysbas, die sich selber üm- 
gdnracht, von Didonis und Aenatias, von Kayser Julius und Bm- 
tius, von dem Schornsteinfeger, von Matz Pumpen und noch (so 
sagt er selbst) wohl tausend andere, doch gebe er auch geist- 
liche Historien, als von Kain und Abel, von Esther und Haman, 

11* 



152 ÜBER DIE ENTWICKLUNG 

von Judith und Holo fernes, van Tobias und seinem Hunde, und 
mehr andere dergleichen. (bekaDDtlich sind bearbeitungen von 
vielen dieser Stoffe im sechszehnten und siebenzehnten Jahrhun- 
derte nachweisbar.) seine majestät überlässt dem Ambrosius die 
wähl des am abende aufzuführenden Stückes und geht zunächst 
mit ihren hohen gasten, aber hinter der scene, auf die jagd. 

Ambrosius ruft inzwischen seine truppe herbeL sie besteht 
aus achtzehn personen : einem pusterflicker (blasebaigflicker), einem 
quacksalber, einem ratzenfänger, einem schweinschneider, einem 
Schornsteinfeger, einem zigeuner, einem besenbinder, einem heu- 
telschneider, einem bürstenbinder, einem diebesfönger, einem Seil- 
tänzer, einem kartenmacher, einem kohlenträger, einem Scheren- 
schleifer, einem müUer, einem kuppler, einem leinweber, und der 
achtzehnte ist, wie Rist sagt, unser ehrbahr Monsieur POdcelr 
hering. in dieser Ordnung treten sie im gänsemarsche auf; nur 
der müller, kuppler und leinweber alle drei in einem gliede; ein 
jeder in seiner gewerbstracht und mit seinen berufswerkzeugen. 
meister Ambrosius legt ihnen die frage vor, ob man ein geist- 
liches oder ein weltliches spiel vorziehen solle; von geistlichen 
habe er fünf: vom heiligen Hieb, von Esther, von Judith, von 
Tobias, vom reichen Mann und vom armen Lazarus, fünf hand- 
werker, der pusterflicker, ratzenfönger, Schornsteinfeger, bürsten- 
binder und kartenmaler, sind aus princip für ein geistliches spiel, 
die übrigen wegen der darstellungsschwierigkeiten der einzelnen 
geistlichen, wie zb. , es würde keiner den alten Tobias spielen 
wollen und sich von der schwalbe in die äugen schmeifsen lassen, 
oder keiner sei klein genug, die schwalbe vorstellen zu können^ 
sind für ein weltliches spiel. Rist berichtet die debatte sehr 
ausführlich und fast stets in directer rede, sie endet mit un- 
verständlichem lärme und allgemeiner Schlägerei, der kttsler 
kriegt auch sein teil davon, stiftet aber scbliefslich frieden, und 
endlich, nachdem die entscheidung einem ausschusse von vier 
mitgliedern anvertraut worden, wird für heute eine emsthaffte 
Tragedia oder Traurspiel bestimmt, für den folgenden tag aber 
nach Belieben, eine lustige Komedie, und zwar soll heute die be- 
trübte Geschieht und jämmerliche Begebenheit von Pyramus und 
Thysbe aufgeführt werden. 

Jetzt folgt eine rollenverteilung mit zank, bei der Pickel- 
häring trotz seines grofsen hartes (er verspricht denselben eot- 



DES PETER-SQUENZ-STOFFES BIS GRYPHIUS 153 

weder ins maul zu nehmen oder aber ein pflaster darüber zu 
legen, auch sonst für ganz mädchenhaftes aussehen zu sorgen 
und gar klein und subtil zu reden) die Thisbe erhalt, der schorn- 
steinreger wegen seines kläglichen angesichtes den Pyramus. 

An dieser stelle heifst es bei Rist wörtlich weiter: Wie nun 
dmes, und was somt mehr dazu gehöhret, von ihnen also ange- 
ordnet war, da kahm der König mit seiner Gesellschaft widerunib 
ven der Jagd, worauff die Herren Komedianten den Schauplatz 
90 lanjfi quitirten, hifs der König und alle andere hohe Fürstliche 
Personen, ein jedweder seine Stelle genommen, und der Herren 
Komedianten Gegenwahrt mit Verlangen haben erwartet, nach 
einer hunde zum heulen bringenden musik der comOdianten tritt 
Ambrosius als prolog auf mit einem grofeen prügel statt eines 
scepters, mit ein par gänseflügeln auf seinem mantel und einer 
papierkrone auf dem köpfe, (er ist nämlich ein engel, wie 
wenig sich auch sein langer ziegenbart für einen engel schicken 
will.) das buch in der band behaltend, um nicht zu irren, f^ngt 
er an, wie Rist selbst sagt, mit ungefehr diesen Worten: Gott 
piM eäcA Herren allzusammen, die ihr hie seyd zusammen 
kommen ein schönes Spiel zu schauen an, das ein gahr hochge- 
Idkrter Mann, euch wil fürstellen itz aUein, von Pyramus und 
TkijAe fein, die sich so schrecklich sehr geliebet, dafs sie der Tod 
auA hat betrübet, und haben sich selbst ümbgebraeht, hierauff nun 
fAet fleissig acht. 

Rist fährt fort: Es brachte dieser Monsieur Prologus oder Am- 
brosius noch vielmAr dergleichen Reime her für, welche ich aber 
nickt alle behalten, würde auch zu weitläufftig fallen, alle seine 
Narrenpossen zu erzehlen. Wie nun dieser Stümper war abge- 
treten, kahmen Pyramm und Thijsbe auff den Platz, da dann der 
König, nebenst den sämptlichen Herren und Frauenzimmer sich fast 
SU Tode gelachet hatten, wie sie Pikkelhering mit seinem rohtem 
runden Bart, mit Frauen Kleideren so schön angethan, sahen 
daher spatzieren, er gieng so enge und redete so klein, als wenn 
er ein Mägdlein von zehen Jahren gewesen, damit man festig- 
liek glauben solte, daß er gahr gewisse Thysbe wäre, wie er dann 
aiuck gahr verliebte Gebehr den führete, wenn er mit seinem Lieb- 
haber dem Piramus redete, endlich, (damit ich es kurtz mache) 
nahmen sie beyde Pyramus und Thysbe Abscheid, dafs sie bey 
deme, ihnen wol bewusten Brunnen widrumb wollen zusammen 



154 ÜBER DIE ENTWICKLUNG 

kommen, tcorauff sie mit vielen Hertzen und Küssen von einander 
giengen. 

Jetzt, mitten in der Pyramus- und -Thisbe-aufTührung, tritt 
Ambrosius nebst denr ratzenßinger, schweinschneider, zigeaner 
und Seiltänzer auf und berät mit ihnen, wie man den mond zu 
Stande bringen solle, der eine schlägt vor einen mond aus rotem 
und gelbem papiere oben an die decke zu kleben; der andere 
ein Stück von dem verfaulten und bei nacht glimmenden holze 
aufzuhängen; denn ein papierner mond gebe keinen schein von 
sich, dem dritten stimmen schliefslich alle bei. er meint, man 
solle eine leuchte mit zwei oder drei lichtem an eine fleischgabel 
hängen, und diese solle einer stets halten, jedoch alle Viertel- 
stunde ein wenig damit weitergeben; denn der mond stehe ja 
nicht die ganze nacht hindurch an derselben stelle, der Seil- 
tänzer tritt sofort den mondposten an. die vier anderen gehen 
ab, und es tritt der brunnen auf, bestehend in einem grofsen 
kübel Wasser, an dem zwei tragen, sie setzen ihn mitten auf 
die bühne, sagen: Dieses ist der aufsgehauhene Brunne , bey 
welchem Pyramus und Thyshe sollen zusammen kommen, und gehen 
ab. Flugs drauf, kahmen abermahl zwene, die trugeyi ein grofses, 
etwas dick gepaptes Papir, darauff waren Stritte gemacht, als ob 
es eine Maur sein solte. Dieses, sprach der eine, ist die Maur 
bey dem Brunnen, hinter welcher Piramus und Thysbe sich hertzen 
und ümpfangen werden, dieweil aber dieses pepappete Papir von 
sich selber nicht stehen konte, berichten sich die beide, dafs sie 
niederknien, und die Maur gleichsahm also woUen halten, denn 
wann sie beide auffrecht stünden, milchten sie etwainn können ge- 
sehen werden. Wie sie nun also auff den Knien safsen und die 
Maur hielten, fragten sie den Mohnd: Ob er sie audi sehen 
könte? Der Mohnd oder Seilddntzer mit der Fleischgabel ani- 
wohrtete nein, gahr nicht, damit winckten sie dem Mohnd oder 
Gabeltrdger, dafs er ja nichts mehr reden soUe, Worauff die 
Thysbe oder Monsieur Pikkeüiering in Frauen - Kleidern , toeHeher 
seinen rohten Bahrt steiff hatte auffsetzen lassen, herfür trat, und 
kläglich anfieng zu singen: Wo bleibest du lieber Pyramus mein, 
ohn dich kan ich nicht frölich sein, bey diesem klahren Mohnden- 
Schein, Ach komme doch bald und küsse mich fein, und, wie sie 
nun weiter fohrt fahren wolte, kam einer, der sonst der Beaem- 
binder war, auff allen vieren daher gekrochen, diesen hatten eie 



DES PETER-SQUENZ-STOFFES BIS GRYPHIUS 155 

vier oder fünff Schaff- FMe um den Leib gebttnden, damit er ja 
einem Lfuen aknlich s^en mOchie. Unter den Schaff-Fdlen hatte 
er drey junge Kaizen, und einen Top ff mit Blühte. Wie nun 
diemr auff Händen und Füfsen also daher kroch, fieng er erschreck- 
lidk an zu hrüUen, und sagte unterweilen dazu : Ich bin die Lö- 
««My ich hin die Löuin, worüber das arme Jungfräulein Thysbe 
eder Pikkelhering so hefftig ers(Arack, dafs sie eiligst davon lieff 
und ihren Mäntel im Stiche liefs, worauff sich die brüllende Leüin 
legte und herum weltzete, liefs damit ihre junge Katzen hinter 
im SchaffhaOten herfür kriechen und auff den Platz lauffen, und 
diese selten die junge Lonen sein, welche die Loüinn gebohren. 
Barauff gösse sie das Blüht aus dem Topffe auff der Thysbe 
Mäntd, und war ff hernach den Top ff unter die Zuschauer in 
StüUcen, und wie sie noch etliche mahl starck gebrüllH und dabey 
gesaget hatte: Nun habe ich meine junge Loüen gebohren, samlete 
sie ihre Katzen wieder zu hauffe unter die Schaffs -Peltze, und 
kroch damit von der Schau -Bühne hinweg. Bald daran ff kahm 
F^ramus oder der Schorsteinfeger, mit einem starcken Prügd auff 
den Platz getretten, der folgender Gestalt an fieng zu reimen: Nun 
Glüek, wirst du mir lassen kommen, die ich haV in mein Hertz 
gemmmen, die aller schönste Thysbe mein, die wil ich küssen 
kübseh und fein. Was aber sehe ich für mir liegen, da solt' ich 
wol bald Furcht von kriegen, ich sehe es ja ohn' alle List, dafs 
difs der Thysbe Mäntel ist, Ach ach, ein Loü hat sie zerrissen, 
itzt mufs ich mich für Angst beseichen. Der Loü hat sie hinweg 
getragen, ach konf ich diesen Schelm nachjagen! Nein sie ist 
tod, ich wil nicht leben, itz wil ich meinen Geist auffgeben. Auff 
diese bittere Klage, risse der tapfere Pyramus sein Wambs auff, 
und gab sich mit dem Prügel einen Stofs oder drey auff die Brust 
dafs er jämmerlich zurükke fiel, und Mors todt blieb. Kaum war 
änn die Seele zu den Elenbogen aufsgefahren, da kahm die un- 
^cksdge Thysbe, sonst Pikkelhering genandt. Diese schöne Dame, 
wie sie vermeinte, ihren Piramus frisch und gesund daselbst an- 
zutreffen, fand sie ihn Stein todt liegen. Dieses brachte ihr solche 
Sehmertzen, dafs sie dem Schornsteinfeger alsobald auff den Leib 
fiel und ihn wol tausendmahl küssete, und dabey diese klägliche 
Wohrte heran fs stiefs: Ach Piramus nun ists geschehn, mufs ich 
dich tod, tod, tod itz seheti? Ach Piramus du treues Hertz, was 
fühle ich einen grofsen Schmertz, ich kan für Heulen mcht mdtr 



156 OBER DIE ENTWICKLUNG 

singen, ich wil mich auch üms Leben bringen, das Schwehrt, das 
dir dein Hertz durchstossen, sol mich au<A tödten gkicher mahssm, 
und damit ergriff sie des Piramus Prügel, gab sich damit von 
hinten zu etliche Stösse in den ROkken (welches gar possirlich war 
anzusehen) und damit fiel sie bey ihren Liebsten nieder, und war 
ja so todt, als er war» In dem sie aber niederfiele, rieff sie gar 
kläglich, ach nun biti ich todt, worauff der Piramus antworhrtete: 
Fürwahr, ich bin nicht todt, worauff die Thysbe versetzete: Ach 
mein liebster Piramus, ich bin ja so todt als du bist, Darauff 
kahm des Piramus Echo: Ach mein hertzliebste Thysbe, ich bin 
ja so todt, als du bist, und wie nun diese Todten sich also mit 
eitiander unterredeten, da kam einer mit der Trummel herfür ge- 
sprungen, hinter welchem alle andere Komödianten herlieffen, hatten 
weisse Himbder angezogen, die doch fast alle schändlich versiegelt 
und vergüldet waren, und trugen beschmutzte Leuchten, welche an 
statt der Fakten sein solten, in Händett, diese wolten Gespenster 
heissen, und tantzeten nach der Trummel mit ihren Leuchten um 
den todten Piramus und Thysbe, welche bifsweilen die Häubter 
empor huhben und mit zu sahen, bifs endlich der Seildäntzer, der 
bifshero der Mohnd gewesen, länger nicht stille stehen konte, detm 
er war des Bautzens besser gewohnet als die andere, kahm dero- 
wegen mit unter den Hauffen, und sprang lustig nach der Trummel, 
versähe es aber, und liefs die schwehre Fleischgabel mit der Leuch- 
ten unter das Volck fallen, welches einem fümehmea vom Adel 
ein grosses Loch in denn Kopff schlug, auch einem anderen die 
Hand schwehrlich verwundete, worüber ein grofser Tumult und 
ein solches Geschrey etitstund, das kein Mensch sein eignes Wohrt 
höhren konte, welches den König, der sonst zuvor übei^ die gahr 
zu alberne Possen hefftig gelachet, dermahssen verdrofs, dafs er 
seinen Trabanten befahl, sie die Komedianten also fahrt soltefi vom 
Platz prügelen, welches alles viel ernstlicher ward verrichtet als u 
befohlen, und kriegten diese utigehobelte, grobe Knollen greuliche 
Stösse, wobey auch der Halb -Ehrwürdiger Herr Ambrosius nicht 
ward verschonet, musten also mehrefUheils alle mit bluhtigen Köpf- 
fen davon lauffen, welches dann der klägliche Aufsgang dieser 
herrlichen Tragedien gewesen. 

Wir stehen dieser fassung anders gegenüber als einer der 
vorher besprochenen, nicht nur in so fern, als sie uns blofs er* 
zahlt wird, und zwar erst viele jähre, nachdem sie über die btthne 



DES PETER-SQUENZ-STOFFES BIS GRYPHIUS 157 

gegangen, sondern auch, weil sie uns tendenziös erzählt wird. 
Rist will keine analyse geben, er erzählt nicht alles gleich aus- 
fObrlich, es kommt ihm nur auf die darlegung der absurditäten 
der hamburger aufftthrung an. wenn zb. die zuscbauer in ihr, 
wie im Sommernachtstraume, ironische bemerkungen über die 
tölpelhafte leistung gemacht haben, so ist es nur natürlich dass 
Rist dieselben unerwähnt lässt; denn sie müssen das einzige ge- 
wesen sein, was ihm an der ganzen aufführung vernünftig vor- 
kommen konnte, ob er ihre unvernünftigkeiten nicht vielleicht 
übertreibe, das ist eine heikle frage, doch wird auf sie, wenig- 
stens in einzelnen puncten, die vergleichung mit den übrigen 
Fassungen antwort geben. 

Der rahmen der hamburger Pyramus- und 'Thisbe-aufTührung 
ist dem der Shakespeareschen sehr ähnlich, sie wird nicht nur, 
wie auch bei Grypbius, von handwerkern vor einem würklichen 
hofe veranstaltet, sondern soll auch zur verherlichung einer fürst- 
lichen hochzeit dienen, ein so enger, organischer Zusammen- 
hang, wie zwischen dem Shakespeareschen interlude nebst seinen 
vorbereituDgen und dem übrigen des Sommernachtstraumes, be- 
steht zwar nicht zwischen dem eigentlichen comödienstoffe von 
einem Könige, der seinem eintzigem Printzen, eines andern Königs 
Tockier, ehelieh woUe heylegen lassen, und der handwerkertragOdie, 
aber es sitzt dieser doch gleichsam das kleid fester an als der 
Gryphischen das ihre, bei Grypbius hat der hof nichts weiter 
zu tun als sich aus langer weile über die handwerker lustig zu 
machen, er wird daher überhaupt erst eiogeführt, als das vor- 
haben dieser so weit gediehen ist, um sich bewundern oder be- 
lachen zu lassen, dh. nach der beratung und probe, nicht so 
in der hamburger fassuog. hier hat der hof eine hochzeit zu 
feiern, und seine berübruog mit den handwerkern findet noch 
vor der beratung statt, dagegen folgt aufführuog und beratung 
dicht auf einander. 

Die annäherung der hohen und niederen gesellschaft ge- 
schieht fast genau wie im Peter Squenz: der marschall meldet 
dem kOnige in gegenwart des hofes die ankunfl neuer comO- 
dianten. der director derselben hat zunächst ein verhör zu be- 
stehen, er entpuppt sich, nicht etwa als ein Zimmermann, nein 
als ein dummer, aufgeblasener handlanger am werte gottes. mit 
lateinischen brocken ist er sparsamer als Peter Squenz, doch 



158 CBER DIE ENTWICKLUNG 

fehlen sie ihm nicht das pendant zu seinem ellenlangen titel 
ist Squenzens beweis, der vornehmste mann in der ganzen weit 
zu sein, nach seinem namen nennt Caprimulgius sein wappen. 
selbst dieses finden wir bei Gryphius wider, wenn schon nicht 
in unserem stücke, so doch in dem dem Horribilicribrifax ange- 
hängten ehecontracte. ^ das Squenzsche wappen hat natOriich 
keine Veranlassung so scharfsinnig auf den namen ^Ziegenmelker' 
anzuspielen wie das des Ristschen Schulmeisters, aber die beiden 
ruten und den haselstab, mit denen Ambrosius auftritt, erkennen 
wir ziemlich deutlich in Squenzens Signet wider. 

Die tthnlichkeit der beiden kUster lässt sich noch weiter 
verfolgen, nicht nur haben beide ansehnliche härte, halten beide 
während ihres prologes ein scepter in der band, das allerdings 
bei dem einen in einem hölzernen oberrocken besteht, während 
das des anderen als ein prügel bezeichnet wird; sie kommen 
auch beide nicht ohne hilfe des manuscriptes zu rande, nur dass 
Squenz seinen zettel erst da aus dem linken ärmel hervorholt, 
als die erste Sau bereits gemacht ist, Ambrosius dagegen sein 
buch von vorn herein in der band behält, um nicht zu irren. 
Noch mehr! Caprimulgius heifst einmal bei Rist schlechtweg 
der alte üuhster uud fängt, ehe er seinen titel aufsagt, an, sich 
dergestalt zu räuspern und zu husten, dass es durch den ganzen 
saal erschallt, als man im Gryphischen stücke den beginn des 
Schauspiels erwartet und ein gepolter vor der tür hOrt, erklärt 
Serenus: Herr Peter Sq. begintiet eich zu reuschpem. ja Peter 
Squenz hat würklich ein recht ExpectatU des Pfarr-Ampti zu 
beifsen: in seinem prologe richtet er an den hof die bitte: 
Speyet aus und rämchpert euch zuvor, 
Und gebet uns denn ein liebreiches Ohr. 
auch die beweggründe für die ganze Pyramus- und -Thisbe-auf- 
führung sind bei beiden directoren dieselben, ja sie drücken sie 
fast mit den nämlichen Worten aus. sie sind bei beiden nicht 

* in dieser Urkunde kehrt auch der nanie Schlierenichlaff und im 
Horrib. selbst Peter mit dem silbernen Schb'issel und Pontus wider, nnd 
GyriUa betet schon: Ack du lieber heiliger Squentz, bewahre mir Hüner 
und Gans! trotzdem ist Bredows bebauptung dass Gryphius den Peter 
Squenz auch in seinen anderen lustspielen als eine bereits renonunierte per- 
son behandele, unriclitig. aufser in dem bezeugter mafsen nach unserem 
stücke erschienen Horrib. kommt der name 'Peter Squenz' in keinem Gry- 
phischen Instspiele vor. 



DES PETER-SQUENZ-STOFFES BIS GRYPHIUS 159 

allein Ehre und Ruhm einzulegen, sondern auch, und nun bei 
dem einen eine gute Verdirung, bei dem anderen ein gutes Stück 
Geldes za erhalten. 

Dieser letzte so materielle beweggrund klingt bei Shake- 
speare nur ein einziges mal deutlich durch und an fein berech- 
neter stelle, IV 2, also weder in der beratung noch während der 
darstellung selbst, bei Gryphius dagegen ist davon vor, in und 
nach der aufTührung die rede, und wie ausführlich 1 man braucht 
nur den schluss des ganzen Stückes anzusehen. 

Ähnliche Umstellung der einzelnen motive, oder ich will, 
vorsichtiger, sagen: Verschiedenheit in der Stellung, wie wir sie 
bei dem räuspern bemerkt haben, tritt öfter zwischen dem schimpf- 
spiele und der bamburger fassung zu tage, die prttgelei der 
bandwerker Gndet in jenem während der aufführung selbst statt, 
in dieser während der beratung. aufserdem ist sie dort zu zwei 
prttgeleien erweitert. 

umgekehrt beinahe steht es mit dem registermotive. dies 
spielt bei Rist zwei mal hinein, und, was nicht zu übersehen, es 
erinnert das eine mal an die Verwendung desselben motivs bei 
firamabergen. Caprimulgius zählt erstlich dem kOnige seine welt- 
lichen und geistlichen spiele her und dann seinen gesellen die 
▼orrätigen geistlichen, dass den schauspielern überhaupt tatsäch- 
lich die auswahl unter mehreren stücken frei steht, ist eine auf- 
fallende Übereinstimmung zwischen Rist und Gramsbergen, die 
jedoch aus der weiteren herrührt dass die darsteller von Tyra- 
mu8 und Thisbe' bei Gramsbergen und Rist auch aufserhalb dieser 
darstellung comödianten sind, aber das repertoire der holländi- 
schen comüdianten erinnert nicht nur in seiner anwendung an 
das der hamburger, sondern auch in seinem inhalte. unter den 
▼ier stücken, die überhaupt, Pyramus und Thisbe mit eingerech- 
net, bei den Granisbergiscben schauspielern zur spräche kommen, 
sind zwei, unter vieren, eigentlich schon unter dreien, sind zwei, 
die auch Caprimulgius seinen cumpanen nennt, nämlich das von 
Tobias und das vom reichen manne, ich würde das für keinen 
Zufall hallen, und wenn von diesen beiden Stoffen hunderte von 
bearbeitungen damals in Holland und Deutschland im schwänge 
gewesen sein sollten. 

Das eine mal verweist uns also das Ristsche repertoire auf 
den Hartoog van Pierlepon. eben so sicher deutet es das andere 



160 Ober die Entwicklung 

mal auf Peter Squenz. Caprimulgius schliefst vor dem köoige 
die aufzählung der weltlichen stücke mit den worten und noch 
wohl tausend ändert, die der geistlichen mit und mehr andere 
dergleichen, darin wird niemand die absieht verkennen wollen, 
in der meister LoUinger bei Gryphius das grofse comödienregister 
vorschlägt, den in diesem aufgeführten Ritter Pontus dürfen wir 
wol ohne weiteres dem Ritter Pontius des Caprimulgius gleich- 
setzen; ob aber sein Kayser Julius und Brutius mit dem Julius 
unus Gryphs identisch sei, muss ich dahin gestellt sein lassen. 
Tieck vermutete unter dem letzteren titel den Julius redivivus 
des Nicodemus Frischlin. dass Gryphius diesen wenigstens in 
der Ayrerschen entstellung gekannt habe, ist nicht unwahrschein- 
lich i, und in ihr kommt Brutus nicht vor. 

Wie in der holländischen verwerfen die Schauspieler auch 
in der hamburger fassung ihr ganzes repertoire bis auf Pyramus 
und Thisbe; nur nicht so schnell wie dort, sondern mit aus- 
führlicher erörterung der gründe, bei den darstellungsschwierig- 
keiten, die sie geltend machen, denken wir natürlich sofort an 
das kopfzerbrechen, das denselben comOdianten nachher, wie den 
Shakespeareschen , Gramsbergischen und Gryphischen, auch die 
doch nun einmal durchaus naturgetreu sein sollende aufführung 
von Pyramus und Thisbe bereitet; zugleich aber erinnern jene 
hindeningsgründe an die scharfsinnigen ausfluchte, die Peter 
Squenz macht, als ihn Serenus mit meister Lollingers comödien- 
register so erbärmlich blamiert, die Zerstörung Jerusalems, meint 
er, wollten sie wol tragieren, aber man müsse ihnen zuvor Je- 
rusalem bauen lassen; dann wollten sie es zerstören und ein- 
nehmen usw. wenn sich die Ristschen comödianten dadurch 
dass sie würklich unter mehreren stücken zu wählen haben als 
comödianten von fach documentieren, so compromittieren sie sich 
hier als pfuscher. 

^ eine stelle des Peter Sqaenz erinnert, vielleicht nur zufällig, an die 
in jener enthaltene beschreibung des augsburger brunnens, den rie neulich 
gebaut jetsunnen : 

Drauff steht Keiierliche Majestät 

Der dise Stadt erbauet hat, 
und der pfeil des Pyramus mahnt an ein anderes drama Ayrers, das von 
der schönen Phänicia. in diesem tritt Jan mit einem pfeil, der ihm noch 
im gesefs steckt, auf. allerdings zieht Jan sich den pfeil nachher selbst 
heraas. 



DES PETER-SQUENZ-STOFFES BIS GRYPHIOS 161 

Ihre gesellschaft ist überraschend bunt zusammengewürfelt, 
wir können kaum gleich Rist alle glieder derselben unter den 
titel ^handwerker' zusammenfassen, zum grofsen teile aber haben 
sie wttrklich früher ein handwerk getrieben, und obgleich nicht 
alle uns am nächsten liegenden gewerke, wie bäckerei, Schläch- 
terei, tischlerei, unter ihnen vertreten sind, nennt Rist doch 
band werker, die auch vor Theodorus und schon vor Theseus 
spielen, einen pusterflicker und weber. wie im Peter Squenz 
bat sich den handwerkern auch hier Ptckelhäring zugesellt, wenn 
schon zwischen dem edlen, woledlen, hochedlen, woledelgebornen 
herm^ Pickelhäring , von Pickelkäringsheim und Saltznasen, des 
kOnigs lustigem rate, dem königlichen diener, und unserem ehr- 
bar Monsieur Pikkelhering schlechtweg ein unterschied ist. die 
von Gryphius beabsichtigte aufTassung tritt noch etwas klarer zu 
tage in der Bredowschen bearbeitung; nach der Ristschen auf- 
fassung ist Pickelhäring etwa gleich dem Jehan Potage, auf den 
der Gryphische mit so grofser Verachtung herabschaut 

Der wünsch Bottoms und seines holländischen Stellvertreters, 
die Thisbe zu spielen, kommt in der hamburger fassung würk- 
lich zur erfüUung. zum Pyramus wird hier der Schornstein- 
feger ernannt, nicht Pickelhäring. freilich begehrt dieser auch 
gar nicht die rolle des beiden, geschweige die des beiden und 
der heldin zugleich, zu spielen, er ist nur auf die Thisbe ver- 
sessen und, während Flute sich wehrt: Nay, faük, let not m$ 
play a woman, I hai^e a heard coming, verspricht e r bereitwilligst 
seinen grofsen hart zu verbergen. 

Die Verteilung der titelroUen bildet nächst der auswahl des 
Stückes und nebst der anordnung dessen, was sonst nuhr dazu 
gehöhret, den gegenständ der grofsen beratung aller Schauspieler, 
bei dem, was sonst mehr dazu gehöhret, hat man vielleicht an 
den brunnen und die wand zu denken, der mond ist aber nicht 
einbegriffen, die darstellung und Verleihung dieser figur wird 
erst gleichsam nach dem ersten acte von Pyramus und Thisbe 
erledigt an die notwendigkeit eines mondes hat Caprimulgius 
bisher gar nicht gedacht, die sache macht keine unüberwind- 
liche Schwierigkeit, der Seiltänzer wird mond. dornbusch und, 

' vollkommea correct ist Kollewyns iogabe (ato. 447) Dicht aufser 
ciomal Mons, und zweimal Juncker wird Pickelhäriug im anfange des Stuckes 
auch Herr titaliert. 



162 ÜBER DIE ENTWICKLUNG 

wie auch bei Gryphius, hund werden gar nicht als erforderliche 
attribute erwähnt; dagegen scheint die fortbewegung unerlässlich. 
erinnert nicht diese grofse inconsequenz lebhaft an die noch 
gröfsere im Sommernachtstraume? die rollen sind dort bereits im 
ersten acte verteilt, sie sind schon auswendig gelernt, jeder hat 
eine rolle, es soll geprobt werden ; da beschliefst man erst, Peter 
Quince solle einen prolog und eine lOwenrede, another prohgue, 
dichten, und zwei propertie$, die Quince noch zur aufftthrung 
braucht, sollten ebenfalls menschlich dargestellt werden, der mond 
und die wand, wer diese rollen erhält, wird gar nicht erst be- 
stimmt; man fängt sofort mit der probe an, deren zwecklosigkeit 
man gewis ohne Bottoms verwandelung bald selbst einsähe, die 
probe ist zwecklos, da drei personen, die im stücke ursprüng- 
lich vorkommen sollten, der Thisbe eitern und des Pyramus vater, 
stillschweigend gegen drei neue rollen, prolog, wand und mond 
gestrichen sind. ^ mir scheint, diese Umänderung des ursprüng- 
lichen tragOdientextes im Sommernachtstraume ist das vorbild für 
jene sonderbare Unterbrechung der Vorstellung gewesen, wie sie 
nach Rist die englischen comodianten eintreten liefsen. Grams- 
bergens und Gryphs bearbeitung haben nichts ihr entsprechendes, 
motive aus der bei Shakespeare der probe voraufgelienden be- 
ratung sind bei ihnen in die erste beratung, in die grofse und 
einzige ihrer fassungen, verlegt; motive aus der probe selbst in 
allen drei fassungen in die auffübrung. ein aus der probe ent- 
lehntes motiv sehe ich in einer absonderlichkeit der hamburger 
Pyramus- und - Thisbe -aufführung, welche der bei der holländi- 
schem darstellung hervorgehobenen Verzerrung fast gleich kommt, 
in dem fehlen der wand während des ersten Pyramus- und -Thisbe- 
auftrittes. bei des herzogs eiche wird dieselbe scene mit der- 
selben scenerie, d. i. mit keiner, gespielt. 

^ in dem, was hier wurklich alberner weise geprobt wird, io den 
wenigen satzen, die Pyramus und Thisbe hersagen, und die, wol nur zur 
Vermeidung der widerholung, von den entsprechenden in der wärklichen 
aofffibrang ganz verschieden sind, haben sich unsere Übersetzer, aufeer der 
reijnung der bei Shakespeare auf sweet und awhUe ausgehenden verse, eine 
feine, wolbedachte abweichung vom englischen texte erlaubt in ihm ge- 
schieht keiner der drei gestrichenen personen erwahnung, in den deutschen 
Übersetzungen jedoch, mit ausnähme der Vossischen, von der Wielaodschen 
herab bis auf die von Bemays revidierte, auch in der Fischerseben, spricht 
Pyramus einmal von seinem vater. 



DES PETER-SQUENZ-STOFFES BIS GRYPHIUS 163 

Nichts desto weniger kommt auch in der bamburger be- 
arbeitung nach Rist eine mauer Tor, aber erst in dem zweiten 
Pyramus- und *Thisbe-auftritte, und mit ganz eigentümlicher be- 
Stimmung, hinter ihr wollen sich die liebenden hertzen und 
ümpfangen; sie bildet keine scheide zwisdien ihnen beiden, son* 
dern höchstens zwischen ihnen und der übrigen menschheit. ich 
würde zweifeln, ob nicht erst von Rist der wand diese aufgäbe 
zuerteilt sei, wenn nicht die Kluchtighe tragOdie ein analo- 
gon böte. 

Die scenische darstellung der wand ist der Gryphischen am 
ähnlichsten ; die des brunnens weicht zwar beachtenswert von der 
Gryphischen ab, doch ist das blofse Vorhandensein des brunnens 
in zwei fassungen gegenüber seinem nichtvorhandensein in den 
übrigen wol beachtenswerter als der unterschied der inscenierung. 

Deijenige, dem der Peter-Squenz-stoff die bereicherung um 
den brunnen verdankt, hat ihn nicht erfunden, und die be- 
reicherung des Pyramus* und -Thisbe-stoffes um ihn ist nur eine 
widerbereicherung. schon ad busta Nini Qiefst ein fons, wiewol 
nicht er, sondern der grabhügel des Ninus selbst der zum stell* 
dichein verabredete ort ist. der quell ist für Pyramus und 
Thiabe ganz unwesentlich, er übt nur anziehungskraft aus au 
die durstige bestie und wird dadurch allerdings sehr verhängnis- 
voll für das liebespar. 

Gleichfalls nur eine reform auf grund des Ovidischen textes 
haben wir darin zu erkennen dass das tier, welches den jähen 
Untergang der hebenden herbeiführt, in der Gryphischen und 
bamburger fassuug weiblichen geschlechtes ist. bereits in den 
Metamorphosen ist es, freilich aus keinen anderen, wenigstens 
mir erfindlichen, gründen als metrischen kein leo, sondern eine 
kuna oder fea. den mantel der Thisbe aber besudelt es dort 
nicht mit seinem eigenen blute, sondern mit dem erlegter rinder, 
und das, komischer weise, obgleich es soeben seineu durst an 
der reichlichen flut des nahen quelles gestillt hat. die nieder- 
kunft der löwin, die von den englischen comödianten so drastisch 
dargestellt wurde, bei Gryphius, weil meister Klipperling vermeint, 
er hätte keine junge Khoen in dem Leibe, derowegen könte er auch 
keine aufdecken, der phantasie der Zuschauer überlassen bleibt, 
diese lOwengeburt ist also eine würkliche bereicherung des Py- 
ramus- und -Thisbe-stoffes. 



164 ÜBER DIE ENTWICKLUNG 

Schade ist es dass wir aus den wenigen Zeilen Schupps über 
die nürnberger auffuhrung nicht entnehmen können, ob der 
mantel der Thisbe in ihr schon auf dieselbe art wie hier befleckt 
wurde, die Vermutung dass es der fall gewesen, könnte sich 
auf die ähnlichkeit des löwencostümes der nürnberger fassung 
mit dem der hamburger und dem in der Gryphischen wenigstens 
erwogenen stützen, und mit dem einwände dass Schupp das tier 
als löwen, nicht als lOwin, bezeichne, wäre sie noch nicht ge- 
stürzt, das Ungetüm heifst auch bei Gryphius stets Löwe, und 
doch ist sein weibliches geschlecht hier unzweifelhaft. 

Im gegensatze zu allen übrigen fassungen betritt das tief in 
der der englischen comödianten erst da die bühne, als es in die 
handlung des Stückes so schaudervoll eingreift, nicht nur fehlt 
wie bei Gramsbergen die gesammtvorstellung der figuren vor der 
ganzen auffuhrung, während der auch im Peter Squenz der lOwe 
hinter der scene bleibt; selbst another prologue Snouts ist fort- 
gelassen, oder doch umgestellt und arg verkümmert, die absieht, 
in der ihn Snout fordert, ist hier so wenig mehr wie im Hartoog 
van Pierlepon zu spüren. Rist weifs zwar, wer die löwin spiele, 
aber entweder weifs er es von der beratung her, oder er erkennt 
von selbst in der lOwin den besenbinder wider; ausdrücklich zu 
erkennen gibt sich dieser nicht, (ich erinnere an die zweite der 
aus Schupps Worten vorher gefolgerten möglichkeiten. s. s. 143.) 

Noch mehr hat der mond eingebüfst. da die beratung über 
denselben vor versammeltem hofe abgehallen worden, hat der 
Seiltänzer eine erklärung seiner leuchte nicht mehr nötig, fast 
eben so schlimm ist es der rede der wand und des brunnens 
ergangen, wer die träger des gepappten papieres und des kObels 
seien, erfahren wir gar nicht. 

Was uns Rist sonst von dem Pyramus- und -Thisbe -texte 
mitteilt, ist so gering, dass wir nur wenige puncte desselben 
mit dem der anderen bearbeitungen vergleichen können. 

Der prolog, der übrigens wie bei Gryphius vom hofe un- 
geduldig erwartet wird, und dem wie im Sommernachtstraume 
musik, wenn auch schlechte, voraufgeht, scheint nach den versen, 
die Rist reproduciert, ganz im tone des Squenzschen gehalten, auf 
die entdeckung wörtlicher Übereinstimmungen müssen wir nicht 
allein hier, sondern auch bei der grofsen liebesscene verzichten, 
als form ihres dialoges hat man dieselbe anzunehmen, in die der 



DES PETER-SQUENZ-STOFFES BIS GRYPHIUS 165 

prolog und die katastrophe gekleidet ist, gereimte verse, wie bei 
Shakespeare, Gryphius and Gramsbergen. die erkläniog des bruo* 
neos, der wand und der löwin dagegen wurde wahrscheinlich 
auch bei der aufführung in prosa gegeben, wenigstens dürfen 
wir aus Rists erzflhlung auf nichts anderes schliefsen. von der 
Unterhaltung der wandträger mit dem Seiltänzer, so wie dem Zwie- 
gespräche der toten haben wir sicher nichts im idealen texte 
der Pyramus- und -Thisbe-tragOdie zu suchen ; auch sie sind da- 
her, wie das aus der rolle fallen im Peter Squenz und Sommer- 
oachtstraume, prosaisch. 

Ein mittelding zwischen prosa und gereimten yersen, reim- 
lose ferse, enthält der ideale text in keiner unserer vier fassungeu, 
wol aber kommt ein mittelding in ihnen, abgesehen von der hol- 
ländischen fassung, zutage bei derPyramus- und -Thisbe- auf- 
führung, nämlich fehlgereimte verse. aus solchen besteht bei 
Gryphius die ganze rede der wand: 

Ihr HeiTen höret mir zu mit offnen Ohren, 

Ich bin von ehrlichen Leuten gezeuget usw. 
Squenz, der ja während der ganzen aufführung nichts weiter zu 
ton hat als wol acht zu geben in seinem büchelein, 0fr sie dos 
Sfid tragiren fein, und bei andern Säuen auch wie das donner- 
wetter drein fährt, lässt diese wunderbare ^Equifox'-dichtung ge- 
duldig über sich ergehen; aber trotzdem können wir unmöglich 
annehmen sollen dass sie in der gestalt aus seinem oder meister 
Loltingers hirn entsprungen sei. es bleibt nichts übrig, als sie 
für eine inconsequenz Gryphs zu erklären, man kann nicht 
bestreiten dass Gryphius das vorbild seiner fehlreime vielleicht 
anderswo gefunden habe, etwa in den Schildbürgern oder einer 
nachahmung derselben, möglich aber ist es auch dass sich dies 
motiv, von bearbeitung zu bearbeitung anwachsend, von Shake- 
speare bis auf ihn vererbt hat. gleich nach seinem ersten verse 
wird der Shakespearesche mond durch die kritischen glossen seines 
hohen publicums unterbrochen, er widerholt den ersten vers (ein 
vers ist es unbestreitbar): 

Thii lantem doth the homed moon present 
und fährt fort mit einem fast eben so regelrecht gebauten: 

Myself the man-i-Uhe-moon do seem to he, 
diese beiden verse reimen sich nicht, dass es mit ihnen, so wie 
sie der mond vorbringt, nicht seine volle richtigkeit habe, muss 
Z. F. D. A. neue folge XIII. 12 



166 OBER DIE ENTWICKLUNG 

jedem, der nicht schon durch die Tergleichung mit dem ganzen 
vorausgegangenen Pyramus- und -Thisbe-texte darauf kommt, so* 
fori klar werden, wenn er den mond nach ein par witzen der 
vornehmen gesellschaft und der bitte, fortzufahren, sprechen hört: 
Äü thai I have to My is, to teil you that the laniem ü the moon; 
I, the man-innthe moon; this thom-btuh, my thom-bush; andthü 
dog, my dog. der mond hat also von dem, was er zu melden 
hat, in jenen beiden versen gerade die hfllfte gemeidet, nach 
dem idealen texte des interludes hätte er den rest seiner mei- 
dung wahrscheinlich in noch zwei versen abzustatten, von denen 
der eine auf (prejsmt, der andere auf be reimte, möglich wäre 
allenüadls auch dass er schon in den beiden mühsam heraus- 
gebrachten versen irgend eine Verdrehung vorgenommen hätte; 
sicher aber muste jedem aufmerksamen hOrer oder leser des 
Sommernachtstraumes die reimlosigkeit jener beiden aulTallen >, 
und er konnte leicht darin einen lächerlichen fehlreim sehen, 
den der arme StarveUng in seiner Verlegenheit verbräche. 

Dass Quince bei dieser blamage nicht dazwischenredet, kann 
uns so wenig wundern wie dass Caprimulgius es nicht tut bei des 
Schornsteinfegers fehlreim; Quince und Caprimulgius fungieren 
gar nicht als souflleure bei der auffQhrung wie Squenz und Spii- 
lebyn. in der Verzweiflung über den ledigen mantel der Tbisbe 
ruft Pyramus bei Rist: Ach ach, ein Loü hat sie zerrissen, itzt 
mufs ich mich für Angst beseichen. die komische würkung des 
fehlreims ist hier jedesfalls am stärksten, der witz liegt einmal 
im fehlreime an und fttr sich, dann aber darin dass der scbom* 
steinfeger der anständigkeit zu liebe das textgemäfse reimwort 
aufgibt und es schliefslich doch durch kein anständigeres wort 
ersetzen kann. 

Ob in der bearbeitung der engUschen comödianten mehr 
fehlreime vorkamen, und ob, wenn nicht, der eine in der tat ge- 
rade an dieser kritischen stelle stand, können wir nicht wissen, 
an der entsprechenden stelle des Peter Squenz steht keiner, wie- 
wol dieselbe ihre Verwandtschaft mit den beiden von Rist an- 
geführten versen nicht verläugnen kann, und fehlreime gerade an 

' aaCser der Yossischen kenne ich allerdings keine deatsche Shakf- 
speare-aasgabe, die bewiese dass ihrem Verfasser, besorger oder revisor die 
reimlosigkeit jener beiden verse aufgefallen wäre, überall auCser bei Voss 
sind sie gereimt. 



DES PETER-SQUENZ-STOFFES BIS GRYPHIUS 167 

derartigen stellen beliebt waren. ^ die stelle des Grypbischen 
lextes lautet: 

Ein grifnmes Thier hat sie erbissen. 
Mir ist ah hätt* ich in die Hosen gesch, 
das anklingen eines dreimaligen tod der hamburger Tbisbe an 
die letzten worte des sterbenden Pyramus bei Shakespeare mag 
züfiülig sein; bei dieser stelle aber wäre zuMige tthnlicbkeit 
ein wunder. 

Eber konnte man das für zufall halten dass Tbisbe bei Gry- 
pbius wie Rist in ihrem schwanengesange ausdrücklich erwähnt, 
sie wolle sich mit Pyramus schwert erstechen; aber ich glaube 
anch hier nicht im entferntesten an zufall. ich glaube an ihn, 
doch ohne die mOglichkeit seines gegenteiles zu bestreiten, wenn 
des beiden schwert bei Rist in einem prügel besteht und Tbisbe 
bei Gryphius das ihres geliebten einmal mit einer Stange Ter- 
gleicht, und bei ähnlichen zUgen. die komischen Selbstmord- 
einzelheiten in der Gryphischen, Gramsbergischen und comO- 
dianten-fassung, wie dass Pyramus in zweien sein wams vor der 
erstechung öffnet, in der dritten es auszieht; Tbisbe sich das 
schwert in der einen unter den rock, in der anderen unten 
durch die rOcke, in der dritten in den rücken stufst usw., und 
das wideraufstehen der todten sind selbstverständlich nicht jedes- 
mal ganz von neuem erfunden, der tanz, mit dem die ham- 
burger auffuhrung endet, oder doch dass sie mit einem tanz6 
endet, mahnt an den Sommernachtstraum. — 

Ich hoffe durch die vergleichung mit den übrigen fassungen 
einige auf den ersten blick vielleicht unwahrscheinliche züge der 
Ristsehen Schilderung gerettet, dh. als rechtmäfsiges eigentum 
der fassung der englischen comödianten erwiesen zu haben. 

Dass die ähnlichkeit dieser mit den übrigen fassungen erst 
nachträglich von Rist hergestellt sei, die vergleichung also triege, 
ist nicht, mindestens im allgemeinen nicht, zu befürchten, mo- 
tive aus Shakespeare, Gramsbergen und Gryphius, selbst Schwen- 
ter, sind in der hamburger bearbeitung vereinigt, und nicht nur 
vereinigt, zum teile auch eigenartig fortgebildet, und machen in 

' zb. in der schon 1580 gedruckten *Narren-Schal zur Fastnacht' von 
Valentio Appelles heifst es: 

. . . ich wil dich schmeifsen, 
Dafs du MoU in die Hosen hofieren. 

12* 



168 ÜBER DIE ENTWICKLUNG 

ihr nicht den eindrucke ab ob sie von einem einzelnen fortge- 
bildet wären, geschweige von Rist woher sollte er flberbaupt 
den Shakespeare gekannt haben? kenntnis dar nachahmungen, 
namentlich kenntnis des Gryphischen Peter Squenz, der drca 
neun jähre vor Rists schrift gedruckt erschienen war, wäre leichter 
bei ihm Torauszusetzen ; aber dann doch eben so leicht bei Rists 
publicum die kenntnis desselben, und wenn Rist diese hätte vor- 
aussetzen müssen, so hätte er auf wenig interesse fttr seinen be- 
richt rechnen dürfen, so hätte er einfach auf Gryphs Peter Squenz 
zu verweisen brauchen, und wenn er selbst ihn kannte, ihn 
aber bei seinen lesern, wenigstens dem engeren kreise dersdben, 
als unbekannt voraussetzen durfte, hätte er ihn dann wol nicht 
einmal beiläufig erwähnt? den zweifei völlig zu heben vermag 
ich nicht mir ist die unbekanntschaft Rists mit dem Gr3^hischen 
Peter Squenz das wahrscheinUchste. ich glaube daher weder an 
absichtliche noch unabsichtliche vermengung desselben mit der 
hamburger fassung durch Rist 

Keineswegs bin ich von der glaubwürdigkeit aller zttge der 
Ristschen Schilderung überzeugt; die grofse zahl der handwerker, 
das gewerbe und coslüm der meisten, die reihenfolge beim gänse- 
marsche, manche nummern des repertoires und viele andere einzel- 
heiten mögen der Wahrheit nicht völlig entsprechen, mögen teil- 
weise sogar bewuste entslellungen sein; — das ist eine sache 
fttr sich, die Übereinstimmungen mit Gryphs Peter Squenz er- 
kläre ich mir auf dieselbe weise wie die mit dem holländischen 
stücke, nämlich aus der gemeinsamkeit ihres ältesten originales: 
Shakespeares Sommernachtstraum und der Vermischung aus ihm 
entsprungener fassungen mit einander, ob auch mit ihm selbst, 
fragt sich, ein gemeinsames nachshakespearesches original für 
die hamburger fassung, Schwenter-Gryphius und Gramsbergen 
zu reconstruieren scheint mir nicht möglich, versucht man es, 
dh. trägt man alle ihre Shakespeareschen eigentümlichkeiten oder 
doch alle im Shakespeare liegenden keime, aus denen ihre eigen- 
tümlichkeiten erwachsen sind, zusammen, so baut sich einem, 
falls man nicht selbst ein neues dichtet, ein stück auf, das in 
nichts wesentlichem von Shakespeares interlude nebst Vorbereitung 
verschieden ist. 

Bezeugt ist ein nachshakespearesches original nur für Gry- 
phius, nämlich in Schwenler. es braucht, vorausgesetzt (und ich 



DES PETER-SQUENZ-STOFFES BIS GKYPHIUS 169 

setze es voraus) dass die personen, um die Gryphius sein ori- 
ginal vermehrt hat, Serenus und Violandra seien, die Schwen- 
tersche fassung, bis sie zu Gryphius gelangt ist, nach dem wenigen, 
das wir von ihr wissen, nicht notwendig noch mit einer anderen 
vermischt worden zu sein. 

Geschlossen ist, und ohne leichtsinn, von Kollewijn auf ein 
nicht erhaltenes gemeinsames original für Gramsbergen und 
(Schwenter-) Gryphius. geben wir Kollewijn einmal zu, zwischen 
den beiden aus diesem originale geflossenen fassungen habe seit 
ihrem austritte aus demselben keinerlei berührung statt gefunden : 
ohne anderswo Vermischung anzunehmen, kommen wir nicht ins 
reine, kam zb. in jenem originale schon der brunnen vor; 
warum fehlt er dann bei Gramsbergen wie bei Shakespeare? kam 
er im originale noch nicht vor; wie so hat ihn dann Gryphius 
wie die hamburger fassung? verfinsterte sich der mond im ori- 
ginale wie bei Shakespeare und Gryphius; warum tut er es bei 
Gramsbergen so wenig wie in der hamburger fassung? behielt er 
im originale wie in der hamburger fassung sein licht; warum 
Iftsst Gryphius wie Shakespeare es ihn verlieren? bestand die 
wand des originales gleich Shakespeares in einem beschmierten 
menschen; woher bei Gryphius wie in der hamburger fassung 
das papier? bestand sie im originale aus papier; wie so besteht 
sie bei Gramsbergen in einem beschmierten menschen wie im 
Sommernachtstraume? war die wand im originale zeuge der ka- 
tastrophe wie in der hamburger fassung; warum ist es die Gry- 
phische wand gleich der Shakespeareschen nicht? war sie es im 
originale gleich der Shakespeareschen nicht; woher kommt es 
dass sie es in der holländischen wie in der hamburger fassung 
ist? — zufällige Übereinstimmung schliefse ich in diesen und 
ähnlichen fällen von vorn herein aus. dann sind für jeden 
einzelnen punct drei möglichkeiten denkbar, die erste ist: das 
original hatte sich bereits, gleichviel, ob mitteilend oder empfan- 
gend, mit der zweiten entwicklung vermischt, der, die für uns 
ihren abschluss in der hamburger aufführung findet; die eine 
ans dem originale geflossene fassung vermischte sich nicht weiter; 
die andere vermischte sich empfangend mit der Shakespeareschen. 
zweitens kann das original unvermischt geblieben sein; eben so 
die eine aus ihm geflossene fassung; die andere sich, nachdem 
«e von beiden selbständig abgewichen, mitteilend mit der zweiten 



170 Ü. D. ENTWICKLUNG D. PETERSQUENZ-ST. B. GRYPHIUS 

entwickluDg vermischt haben . die dritte möglichkeit ist: ori- 
ginal und eioe aus ihm geflossene fassung blieben un?ermischt; 
die andere yermischte sich empfangend mit der zweiten ent- 
wicklung. 

Die erste möglichkeit kann am wenigsten glauben an ihre 
ehemalige Terwürklichung erwecken; diese erforderte für jeden 
einzelnen punct zweifache Termischung (dh. aufser der des ori- 
ginales mit der zweiten entwicklung noch hier die des Gry- 
phius, dort die des Gramsbergen mit Shakespeare), fttr alle puncto 
zusammen also dreifache Vermischung, dabei zweifache mit der 
Shakespeareschen fassung. zur verwürklichung der beiden anderen 
mOglichkeiten waren fttr jeden einzelnen punct nur je eine, fttr 
alle puncte also nur je zwei Vermischungen nötig, ob die erste 
oder die zweite dieser beiden möglichkeiten im einzelnen falle den 
Vorzug verdiene, liefse sich nur danach entscheiden, ob die ab- 
weichung einer der beiden aus dem Kollewijnschen originale ge- 
flossenen fassungen von Shakespeare, oder die der hamburger fas- 
sung mehr ursprttnglichkeit verrate, das urteil hierttber ist oft 
schwierig, mir scheint im allgemeinen das erste der fall zu sein, 
ist es der fall, so geht daraus hervor dass das Kollewijnscbe 
original schon vor der hamburger aufftthrung, die vermutlich 1626 
statt fand, bestanden habe. — 

Dieses sind die unsicheren und winzigen ergebnisse meiner 
betrachtungen. wir wollen hoff'en dass bald jemand aus reicherem 
materiale oder aus dem vorhandenen mit mehr Scharfsinn sichrere 
und wichtigere folgerungen ziehe. 

Strafsburg, im sommer 1880. FRITZ BURG. 



ZUR HERODIAS -SAGE. 

Mit der eiofuhrung des Christentums verschwanden bekannt- 
lich nicht ohne weiteres die alten götter und mythischen ge- 
stalten im bewustsein des voikes, sie erhielten vielfach nur christ- 
liche gewandung, ihre mythen schlössen sich an christliche heilige 
oder an den christlichen teufel an. aber auch umgekehrt lehnten 



ZUR HERODIAS-SAGE 171 

sidi christliche gestalten, wie die jungfirau Biaria, Petrus usw. 
wider an naturanschauuogen an und in doppelter weise, was 
nicht KU übersehen, wucherten inmitten des Christentums wider 
so Qppig heidnische Vorstellungen. 

Ein beispiel von beiden entwickelungsprocessen geben die 
sagen von der Herodias, einmal geht sie nämlich einfach gleich- 
sam historisch in den kreis der zur Verdammung ruhelos um- 
fidirenden geister über, wie auch der ewige Jude sich mit dem 
wilden Jäger im Volksglauben berührt, dann aber sah die phan- 
tasie in neuer naturwüchsiger anschauung speciell in dem Hanzen- 
den' Wirbelwind ua. den geist der Herodias, indem man an ihre 
^durch tanzen' ermöglichte missetat dachte und sie so zum *ewi« 
gen tanzen' verurteilt wähnte, andere accidentien in der natur 
schlössen sich daran an und halfen den mythus weiter spinnen, 
deutete man zb., wie einst das griechische heidentum die wind- 
bringende .Wetterwolke — bei welcher Lucrez an das baupt von 
giganten denkt und welche deutscher aberglaube noch heute ge- 
witter- und grummelkopf nennt — auf das haupt des ^singenden' 
windgottes Orpheus bezog, vom christlichen standpunct aus nun 
dasselbe naturphänomen als das ^blasende' haupt des Johannes, 
so schien dieses dann den dem gewitter ^voranziehenden', von dem 
Bachtosenden stürm gleichsam verfolgten oder gejagten ^wirbel- 
wind', dh. also die Herodias, zur strafe vor sich her durch alle 
weiten zu treiben usw. 

Das betreffende sagenmaterial ist schon von Grimm in den 
hauptsachen in diesem sinne zusammengestellt, und speciell in 
letzterer hinsieht von mir im Ursprung der mythologie s. 213 ge- 
deatet worden, kürzlich fand ich nun bei Abraham a Sancta 
Clara noch eine Herodias-sage , die ich noch nicht erwähnt ge- 
funden, welche, wenn gleich nicht besonders poetisch, so doch 
eharacteristisch ist, insofern sie zeigt, wie eine sage, nachdem 
sie einmal einen mittelpunct gewonnen, sich nach allen seiten 
unter heranziehung alier möglicher demente gleichsam auszu- 
bauen pflegt. Abraham a Sancta Clara sagt in seinen Abrahami- 
schen Lauber-Hütt, Wien 1828, n s. 29: *die bestrafte Herodias 
oder gott zahlt uns mit gleicher münze'! ^diese Herodias wüste 
so schön zu tantzen, dass sie endUch Joanni den köpf abge- 
sprungen, aber eine kleine geduld, meine üppige prinzessin! 
wie du dich gegen gott und den seinen verhalten, so wird dich 



172 ZUR HERODIAS -SAGE 

auch gott bezahlen, wart nur ein wenig, jetzt hast du mit dem 
tantzen und deinen füfsen Joanni das haupt genommeut schaue, 
du wirst bald mOssen den kehraus tantzen, und mit gleicher 
münz bezahlt werden: Parem seit reddere vocem. Nicephorus 
Callistos schreibt: dass einmal diese prinzess seye über einen ge- 
frornen fluss gangen, auf demeyrs, und, weifs nit, mit denen 
füfsen etwas gestrauchelt, so seye das eyfs gebrochen, sie in 
das Wasser gefallen, doch mit dem kopff noch heraus, weil sie 
aber ihre boshafte tantzenden füfse bewegte, hat ihr das scharfe 
eyfs den köpf würz Tom leib abgeschnitten, da hasts Herodias! 
beklag dich dessen I hast du Joanni das haupt genommen, hat 
gott dir auch dasselbige genommen; hast du mit denen füfsen 
dem anderen das leben geraubt, hast du gleicherweifs wiederum 
durch die füi's das leben verloren : poena Talionis, mit was maafs 
du ausgemessen, ist dir wieder gemessen worden.' man sieht, 
mit welcher anschaulichen lebendigkeit sich Abraham a Sancta 
Clara die sache ausmalt und gläubig dem Nicephorus horcht, der 
da sagt (cxxu): Furibunda sedenim, et aduUera, ineesiaque adeo 
illa, quae quidem Uerodis habebatur, revera autem Philippi erat 
conjunx, vita longiu$ acta, quum prius filiam et saltatricem acarbo 

fato sublatam vidisset, deinde rpsa quoqtie decessit: Fdtoe 

autem ejus (dignum enim est, qui memoriae commendetur) taiü 
fuü obitus, Eundnm ei quopiam brumali tempore erat, et fluvius 
trajiciendiis : qui quum glacie constrictus coagmetitatusqtie esset, 
pedes eum transibat, Glacie autem rupta (idque non sine Bei 
numine) demergitur illa statim capite tenus: et inferioribus cor- 
poris partibus lasciviens, molliusque se movens saltat, non in 
terra, sed in undis : caput vero frigore et glacie concretum, deinde 
etiam convulneratum, et a reliquo corpore, non ferro, sed gladei 
crustis resectum, in glacie ipsa saltationeni letalem exhibet: spee- 
taculoque eo omnibus praebito, scelestum hoc caput, in memoriam 
ea quae fecerat, spectantibus revocat, ich habe beide berichte 
neben einander gegeben, da sie deuthch zeigen, wie nicht blofs 
das Volk, sondern auch die geislilchkeit im mittelalter mitarbeitete 
an der Schöpfung neuer mythischer massen, nur von einem christ- 
lichen ausgangspuncle aus. natürlich tat sie dies meist mehr 
vom historischen standpuoct aus deu stotT weiterspiunend, da es 
ihr mehr auf eiue moralische nutzanwendung ankam', während 
das Volk mehr die andere seite cultivierte, nämlich die ihm sonst 



ZUR HERODIAS-SAGE 173 

uiiTenUlndlicheii DaturerscheinuogeD sich im anschluss an die 
seine phantasie erfüllenden bilder klar zu legen, s. Schwartz 
Heutiger volksgl. s. 3 (2 aufl. s. 5). 

Posen 25 october 1880. W. SCHWARTZ. 



DIE HELIANDVORREDEN. 

In seiner Heliandausgabe handelt Sievers s. xxiv ff von der 
Praefatio in librum antiquum lingua saxonica conscriptum und 
von den Versus de poeta. es ist kein zweifei dass sich an diese 
beiden Zeugnisse die wichtigsten fragen über den Heliand und 
den Helianddichter anschliefsen. Roediger in seiner recension von 
Sievers ausgäbe (Anzeiger v 267 ff) bemerkt mit recht (s. 278) 
dass diese fragen noch keineswegs erledigt sind, und geht selbst 
auf dem von Sievers beschriltenen wege weiter. 

Es fällt auf dass noch niemand versucht hat, auf grund der 
form der beiden documente ihr alter zu bestimmen, abgesehen 
von den im wesentlichen verfehlten arbeiten Schultes fmde ich 
in der litteratur hierüber nur eine kurze bemerkung bei Rückert 
in dessen ausgäbe s. ui. dazu bemerkt Sievers in seiner ein- 
leitung s. xxv f : dass die latinität und der bau der hexameter in 
den Versus die beiden stücke auf die scheide des x und xi jhs. 
verweise, wie Rückert Hei. m will, vermag ich weder zu begründen, 
noch zu widerlegen. 

Ich untersuche zunächst die Versus, da sie die sichersten 
handhaben bieten. 

Das gedieht besteht aus leoninischen hexametern, untermischt 
mit wenigen reimlosen versen. untersuchen wir zuerst die reime. 

Die mebrzabl der reime ist rein, nämUch: privatam : vitam 2. 
impresso : aratro 3. modico:agro 4. casulaitesta 5. illumire- 
§um 11. nulli:ulli (die Überlieferung Uli) 13. latamiter- 
ram 14. modicoiagello 15. quadrum : mundum 16. atrisium- 
bris 1 7 . paucas : juvencos 1 8. larga : herba 20. somno : quieto 22. 
poh : aUo 23. agis : perdis 24. propriam : linguam 26. tanti : 
diett 27. agn'cola : poita 28. docta : lingua 30. adventum : mun-' 
dum 33. tetriiAverni 34. nur 13 ist klingend, die übrigen 
sind stumpf. 



174 DIE HELIANDVORREDEN 



Die onreineD reime scheiden sidi in Tocalisch und conso» 
nantisch ungenaue, die enteren sind oHrwü : simdeh^ 7. ps- 
cem:quieiam 10. divituu : leges 25. consonantiscli ongeBaoe: 
fUmmm : eensu S. fomitem : dire 9. vaies : omore 29. rdaiem- 
tis:seeK 32. alle sind stumpf. 

Die reimenden silben im inneren des Terses verteilen sich 
auf die arsis des zweiten, des dritten und des vierten fufses. 
auf der arsis des zweiten fufses reimen 7 und 24; auf der des 
dritten 2. 3. 4. 5. 8. 9. 10. 11. 14. 15. 16. 22. 23. 25. 26. 
27. 28. 30. 32. 33; auf der arsis des vierten fulses 13. 17. 
18. 20. 29. 34. 

1 und 6 entbehren des gereimten Schlusses , entschädigen 
aber durch den innenreim: fortunam : siudium (1) und p M tet : 
aedives : $anipe$ (6). 

Reimlos endlich erscheinen 12. 19. 21. 31. 

Prosodisch föllt folgendes auf: kurzes a ist lang gebraocht 
in agricolä 28, langes a ist gekürzt in tradidissei 22. langes • 
ist gekürzt in fomitem 9 und menandö 18. in menamdo steckt 
noch ein zweiter fehler: das e ist lang gebraucht endlich ist 
nee vor einem vocal als länge verwandt 13. 

Stilistisch ist auffallend der viermalige gebrauch des plus- 
quamperfectums, wo man das imperfectum resp. das pufectum 
erwartet: fuerat für erat 5. 27, egerat für egit 18, eoeperat für 
coepit 31. mus, a, um wird für ejus gebraucht 6. 7. nmium 
steht gleich admodum, vdde und wird zur Steigerung des ad- 
jectivs verwandt 8, entsprechend steht nimius in der bedeutung 
grofs, ungeheuer 29. 

Alle diese eigentümlichkeiten lassen sich nun in lateinischen, 
in Deutschland entstandenen gedichten des 10 und 11 jhs. nach- 
weisen, über leoninische verse in Deutschland vgl. JGrimm La- 
teinische gedichte des x und xi jhs. s. xxiv f, WGrimm Zur ge- 
schichte des reims s. 138 ff. leoninische verse mit wenigen 
reimlosen vermischt enthält zb. der Ruodlieb. die reime in 
unserem gedieht mit ihren vocalischen und consonantischen frei- 
heiten entsprechen ungefähr denen des Ruodlieb. wie in den 
gedichten des 10 und 11 jhs. wird die regel beobachtet dass der 
reim auf die hauptcäsur gelegt werde, über den reim auf dor 
arsis des zweiten und vierten fufses vgl. aao. s. xxvu. über den 
innenreim vgl. s. xxviii. auch die prosodie ist hier die gleichet 



DIE HELIANDVORBEDEN 175 

wie dort: TeriängeruDg des & des nonrinatiTs wie im Ruodlieb 
and in der Ecbasis (s. xx), Terkttrzung des ablativischen o der 
gttiiodien wie im Waltharius, Ruodlieb und in der Ecbasis (s. xxi), 
Veränderung der quantität des stammvocals (s. xx). über die plus- 
qnamperfecta vgl. Grimm zum Waltbarius aao. s. 69 f , Schmeller 
vua Ruodlieb s. 228, Grimm zur Ecbasis s. 325. zu 9uu$ <» ejus 
vgL s. 227f Ober nimis ss admodum, valde s. 234. 

Eine ganze reihe von ausdrücken und Wendungen sind auf 
Vergil zurückzuführen, zu impresso terram vertebat aratro v. 3 
vgl. Georg, i 1 f : 

Quid fadat laetas segetes, quo sidere terram 

Vertere, Maecenas 

femer Georg i 45 f: 

Depresso indpiat jam tum mihi taurus aratro 

Ingemere . . . 
Georg 1 147 f: 

Prima Ceres ferro mortales vertere terram 

Instüuit . . . 
Georg 11 203 : 

Nigra fere et presso pinguis suh vomere terra 
Geoi^ n 356: 

Äut presso exercere solum sub vomere, 
die stelle sonipes sua lumitia nunquam Obtrivit, tantum armentis 
sua cura studebat 6 f ist ebenfalls auf den anfang der Georgica 
(t 3) zurückzuführen , wo von der cura boum die rede ist. zu 
fomiiem 9 vgl. Aen. i 175 f: 

Suscepüque ignem foliis, atque arida circum 

Nutrimenta dedit, rapuitque in fomite flammam. 
zu scindebat terram 14 vgl. Georg in 160 f: 

scindere terram 

Et campum horrentem fractis invertere glebisA 
zu agello 15 vgl. Bucol. ix 3: possessor agelli. ähnlich wie 16 
erscheint Aen. iv 584 f und ix 459 f : 

Et jam prima novo spargebat lumine terrae 

Trithoni croceum linquens Aurora cubile. 
zu vasti per pascua sahus 19 vgl. Georg, in 323: 

In saltus utmmque gregem atque in pascua mittet. 
zu indpe .... recüare 25 vgl. Georg, i 5 : 

Hinc canere ineipiam . . . 



176 DIE HELIAND VORREDEN 

Der dichter scheut widerholungen nicht, man vergleiche ter- 
ram vertehat aratro 3 und scindebai vomere terram 14, ferner iiuh 
dico et victutn quaerebat in agro 4 mit spemqiie suam in modieo 
totam statuebat ageUo 15, linguam 26 und Ungua 30. 27 und 28 
enthalten denselben gedanken wie 29. 30. schwerfällig und ohne 
die Vergilstelie kaum verständlich ist der gegensatz zwischen so- 
nipes und armenta 6 f. ungeschickt sind ausdrücke wie pacem gute- 
tarn 10, laettis et attonitus 20. auch lingnä doctä scheint mir kein 
glücklicher ausdruck im hiublick auf deutsche verse. 29 und 30 
mit ihrem tunc und post sind schleppend. 

Ich glaube nicht dass ein ^ungeschickter stümper' am schluss 
an die stelle des vorigen 4eidlich gewandten' dichters getreten 
ist. was Sievers dafür s. xxviii f anm. anführt, ist hinfäUig. die 
verdächtigten plusquamperfecta 27 und 31 werden von Sievers 
selbst durch ein drittes (fuerat 5) gestützt, und das vierte (egerat 18) 
fügt Roediger (s. 280) hinzu , so dass sich die erscheinung fast 
gleichmäfsig auf das ganze gedieht verteilt, es kommt hinzu dass 
jene formen nicht nur nicht verdächtig, sondern im gegebenen 
falle durchaus erklärlich und berechtigt sind. Jacob Grimm sagt 
in der oben citierten stelle zum Waltharius: ^was aber einen ent- 
schieden deutschen eindruck durch das ganze gedieht macht, ist 
die unrichtige Verwendung der tempora. weil nämlich unsere 
alte spräche keine abstufung der Vergangenheit kennt, sondern 
ihr prät. für das lat. imperf., perf. und plusq. braucht, so zeigt 
der dichter kein deutliches gefühl für die lateinischen formen 
dieser drei tempora und verwirrt sie häufig, zumal liebt er, 
plusq. anstatt der perf. zu setzen.' es folgt eine längere reihe 
von beispielen aus dem Waltharius. 

Ebenso wenig glaube ich mit Roediger s. 279 f an eine 
Interpolation von 27 f. gewis stören 27. 28, weil sie ungefähr 
dasselbe sagen wie 29. 30 ; aber der dichter scheut solche wider- 
holungeu nicht, wie ich nachgewiesen habe, mit demselben rechte 
müsten wir 14. 15 ausscheiden. 

Die metrik macht einen durchaus einheitlichen eindruck. 
der reim ruht auf der hauptcäsur, und die ausnahmen verteilen 
sich auf das ganze gedieht, desgleichen die verse ohne gereimten 
schluss: 1. 6. 12. 19. 21. 31. auch in den reimen herscht 
consequenz. die mehrzahl ist rein, bei den unreinen reimen 
gilt die regel: bei ungleichen vocalen müssen die consonanten. 



DIE HEUANDVORREDEN 177 

bei ungleichen consonanten die vocale identisch sein, die nn- 
genauen reime verteilen sich gleichfalls auf anfang, mitte und 
ende der Versus, desgleichen die prosodischen freiheiten, die 
▼ergilischen Wendungen. 

Es war immerhin leichter, prosa zu interpolieren, als leoni- 
nische verse, namentlich Terse mit so ausgeprägten eigentüm- 
lichkeiten, wie die vorliegenden, und wenn letzteres geschehen 
wäre, so würde sich der interpolator schon durch seine technik 
von dem ursprünglichen dichter deutlich abhehen. 

Wir werden demnach die einheit der Versus nicht anzweifeln 
dürfen. 

Suchen wir uns nun eine Vorstellung von der entstehung 
des gedichtes zu machen, es ist sicher dass die Versus in un- 
mittelbarem Zusammenhang mit Bedas erzahlung in der Hist. eccl. 
IV 24 stehen, schon Scherer (Zs. für die österr. gymn. 1868, 8490 
hat dies gesehen, und Sievers führt es (s. xxvii f) weiter aus. von 
Beda entnimmt der dichter seine motive. die stabula jumentarum, 
bei denen Caedmon die nacht zubringt, in der er das gesiebt hat, 
geben veranlassung, den beiden zum ideal eines landmannes um- 
zubilden, und die färben zu dem bilde muss Vergil hergeben, 
der mann erhält plötzlich durch ein traumgesicht die anweisung, 
gewisse Stoffe dichterisch zu behandeln und er erfüllt diesen 
göttlichen befehl. den clarissima dogmata Versus 26 entspricht 
der ausdruck doctrina bei Beda. 

Es kommt nun vor allem auf den schluss der Versus an, 
und ich behaupte mit Windisch (vgl. auch Sievers s. xxxvii und 
Heyne Zs. f. d. phil. 1, 282 dass sich die verse 31 — 34 nicht 
nur auf den Heliand beziehen, sondern direct aus demselben her- 
vorgegangen sind, ich halte sie für ein mislungenes excerpt der 
Heliandverse 38 — 53 (vgl. Wiudisch Quellen 14 ff), was Roe- 
diger s. 278 dagegen anführt, überzeugt mich nicht. 

Die erwähnung der sechs weltalter an beiden stellen würde 
an sich gewis nicht auffallend sein, aber man beachte die art, 
wie sie erwähnt werden, in beiden gedichten ist ausdrückhch 
zunächst nicht von sechs sondern von fünf weltaltern die rede, 
und diesen wird das sechste, das christliche, gegenübergestellt. 

Man vergleiche Hei. 46 ff: 

En uuas iro thuo noh than 

firio bamun biforan, endi thiu fiui wianin agangan: 



178 DIE HELIANDVORREDEN 

scolda thuo that sduta sdUgligo 

cuman thuru craft godea endi Cristas giburd 
mit Versus 32 f : 

Quinque relabentis percurrens tempora secli 

Venu ad adverUnm Christi . . . 
man beachte ferner dass nicht nur das voraufgeheude, sondern 
auch das folgende in beiden gedichten zusammenstimmt. Hei. 38 ff 
ist Ton der erschaffung der weit die rede, desgleichen Versus 31. 
man vergleiche fan them angimie .... thuo hie erist thesa 
uuerold giscuop mit a prima nascentis origine tnundi. den fauces 
Ävenii (Versus 34) entspricht demero dualm (Hei. 53). 

Aus den Vergilstellen, die der dichter der Versus herbeizieht, 
ergibt sich dass er eine eigentümliche Vorliebe für die anfange 
von büchern hat. er plündert den anfang des ersten buches der 
Georgica (v. 1. 3. 5. 45) und Bucol. ii 3, ferner den anfang der 
Aeneis (i 175). er plündert auch den anfang des Heliand und 
misversteht ihn gründlich, die ausdrücke coeperat (31) und per- 
currens 32 hissen keinen zweifei dass er in Hei. 38 — 53 eine 
inhaltsangabe vor sich zu haben wähnte und demgemäfs be- 
richtete, entweder lag ihm nur der anfang des Heliand vor, 
oder er las nicht weiter, in jedem falle glaubte er, der dichter 
habe das alte und neue testament behandelt, nur von diesem 
gesichtspunct aus ist meines erachtens die aufforderung an den 
vates V. 25 (Incipe divinas recitare ex ardine leges) zu verstehen : 
eine anspiciung auf das alte testament. es entsprechen genau 
die sacrae legit praecepta in der praefatio B (Sievers 4, 21). 

Zarncke hat zuerst (in den Berichten der sächs. ges. der 
wiss. philol. - bist. cl. xvii (1865) 104 ff) von der sogenannten 
Praefatio den schluss abgesondert (B) und interpolationen nach- 
gewiesen, auf diesem wege sind Sievers in seiner ausgäbe und 
Roediger aao. s. 278 weiter gegangen. Sievers hat (s. xxxi) wahr- 
scheinlich gemacht dass die Praefatio B, die interpolationen in 
A und die Versus demselben Verfasser angeboren. B kannte Bedas 
bericht über Caedmon und benutzte ihn direct (Sievers s. xxviii). 
wir haben ein recht, an der ursprünglichkeit alles dessen in der 
sogenannten Praefatio A zu zweifeln, was mit Beda und B über- 
einstimmt. Bedas bericht steht Hist eccl. Angl. iv 24 und ist 
bei Sievers (s. xxvi f) abgedruckt, aber ohne die inhaltsangabe der 
dichtungen Caedmons. diese lautet: Canebat autem de a^eatione 



DIE HELUNDVORREDEN 179 

mundi et inigins humani gmeris ei tota Genesis historia^ de egressu 
Israel ex Aegypto et ingressu m terram repromissionis, de aliis 
plurimis sacrae scripturae historiis, de incaniatione domimca^ pas- 
siane, reaurreetione et ascensione in coelum, de Spiritus sancti ad- 
ventu et apostolorum doctrina: item de terrore futuri judicii et 
iorrore poenae gehennalis ac dukedine regni coeUstis multa cor- 
mina faciebat, sed et alia perplura de beneficiis et judiciis divinis, 
tu quib%u cunctis homines ab amare sceUrum abstrahere, ad dilec- 
tianem vero et sokrtiam botute aetionis excitare cur(ü>at. 

Den gesammliDbalt dieser dichtungea kaoa man sehr wol 
mit dem ausdruck ^das ganze alte und neue testament' zusammen- 
fassen, das hat schon Windisch (aao. s. 24) gesehen, aber ohne 
die consequenzen daraus zu ziehen, jene Inhaltsangabe muste 
nun B kennen, da sie bei Beda direct auf die nachweislich von 
B benutzte erzählung von Caedmon folgt. B konnte sie ebenso 
gut benutzen, als er die voraufgehende erzählung benutzte, und 
er konnte es um so eher, als das, was er hier vorfand, mit dem, 
was er über den Heliand eruiert zu haben glaubte, überein- 
stimmte, müssen wir nun nicht, wenn wir in der Praefatio die 
angäbe finden dass der dichter vetus et notmm testamentum be- 
bandelt habe, mit notwendigkeit schliefsen dass diese angäbe 
durch B von Caedmon aus hineingetragen sei ? noch eins kommt 
hinzu, ich habe aus den Versus nachgewiesen dass B wider- 
bolangen liebt, er ist ein eifriger mann, der sich nicht scheut, 
etwas zweimal zu sagen, der deutlichkeit und eindringlichkeit 
wegen. Sievers (s. xxx f) und Roediger (s. 278) haben dieselbe 
eigentttmlichkeit in der prosa von B bemerkt und darauf bin 
Interpolationen ausgeschieden, wie characteristisch nun dass ge- 
rade der ausdruck, auf den es hier ankommt, ebenfalls wider- 
holt wird, er kommt zuerst 4, 3 und kehrt dann verstärkt 4, 13 
wider: Totum vetus et novum testamentum. wer noch nicht über- 
zeugt ist, für den habe ich ein drittes argument. die inhalts- 

angabe bei Beda beginnt: Canebat autem de creatione mundi 

et tota Genesis historia de aliis plurimis sacrae scripturae 

hietoriis .... damit vergleiche man Praef. 4, 10 ff: Igitur a 
mundi creatione initium capiens, juxta historiae veritatem qnaeque 
exceUentiora summatim decerpens. das ist klärlich ein versuch, 
die Inhaltsangabe Bedas selbst einzuführen, es mochte aber so- 
gar B bei der langen aufzählung unheimlich werden, er begnügt 



180 DIE HELIANDVORREDEN 

sich mit dem aDfang und versichert nur zusammenfassend noch- 
mals dass der dichter das ganze alte und neue testament be- 
handelt habe. 

Was folgt nun hieraus? doch zunächst dass auch diese 
nachricht von einer poetischen behandlung des alten testamentes 
durch den Helianddichter durchaus unglaubwürdig ist. wenn 
wir nun sehen dass von den beiden Zeugnissen hiefttr das eine 
auf einem misverstündnis beruht, das andere auf einer contami- 
nation dieses misverständisses mit Bedas inhaltsangabe von Caed- 
mons dichtungen, so müssen wir meines erachtens jene nach- 
richt als unhistorisch preisgeben, und alle hypothesen, die sich 
auf sie gründen, sind haltlos. 

Aber es ist noch mehr zu folgern, es dürfte schwer, ja un- 
möglich sein, dasjenige, was ich B zugewiesen habe, von dem 
wenigen, was nach deff ausscheidungen von Zarncke, Sievers 
und Roediger von dem zweiten teile der Praefatio A noch übrig 
bleibt, zu trennen, nehmen wir 4, 2 ff das zweimalige vehts ac 
novum testamentum und ebenso Igitur a mundi creattone initium 
capiens, juxta historiae vmtatem q^iaeque excellentiora summaiim 
decerpms weg, so fehlt der bauptinhalt, auf den sich alles be- 
zieht, es blieben dann im wesentlichen von der sogenannten 
alten Praefatio von 4, 2 an nur noch zusammenhangslose frag- 
mente übrig, nämlich: 1) vir quidam de gente Saxonum, qui 
apud siws non ignobilis vates habebatur 4, 2 f ; 2) der ausdruck 
mystico sensu depingem 4, 12 f; und 3) die fitten 4, 18. 2) hat 
man auf den Heliand gedeutet; 3) auf die kenntnis alt- resp. 
angelsächsischer epen zurückgeführt. 1) konnte B, der den He- 
liand vor sich gehabt hatte, ebenfalls sehr wol behaupten, man 
beachte auch die durchgehende bezeichnung des dicbters als vates 
von 4, 2 an : 4, 3 ; 4, 20 ; Versus 24. man vergegenwärtige sich 
dass wir in B einen mann erkannt haben, der jeglichen histo- 
rischeu Sinnes bar ist, einen compilator, der die verschiedensten 
nachrichteu und kenutnisse zusammenrafft und vereinigt, wenn 
sie auch nur eine entfernte beziehung zu dem haben, was ihm 
am herzen liegt, wir müssen völlig davon absehen, das zu ur- 
gieren, was uns heute mit recht anstofs erregt, das ist nicht 
der richtige gesichtspunct, und jede gcgenargumentation in diesem 
sinne muss ich von vorne herein zurückweisen, ich begnüge 
mich damit, die richtigkeit der Überlieferung nachzuweisen, und 



DIE HELIAND VORREDEN 181 

yerzichte darauf, ihre vortrefflicbkeit zu erweisen, weil sie, wie 
ich gezeigt zu haben glaube, im vorliegenden falle nicht existiert. 

In diesem sinne behaupte ich die einheit der Praefatio A von 
4, 2 an, der Praefalio B und der Versus. 

Es bleibt also von A übrig das stUck 3, 1 — 4, 1 incl., ab- 
gesehen von den widerum durch Zarncke, Sievers und Roediger 
ausgeschiedenen interpolationen. dies stück kann sehr wo) eine 
selbständige Praefatio gewesen sein, die tätigkeit von B denke 
ich mir nun so: er dichtete die Versus und vereinigte in ihnen 
das, was er vom Heliand zu wissen glaubte, mit der sage von 
Caedmon. er fand die Praefatio vor. möglich dass sie sich auf 
den Heliand bezog, jedcsfalls bezog er sie darauf, er führte das 
dort nur angedeutete weiter aus (4, 2 ff) und verquickte es wi- 
derum mit dem, was er wüste, einerseits und mit der Caedmon- 
sage andererseits, dass bei der zusammenfUgung so verschieden- 
artiger elemente etwas einheitliches nicht herauskommen konnte, 
versteht sich. 

Nur in der alten Praefatio (A) ist Ludwig der fromme ge- 
nannt, nur in B ist das werk, welches auf seine veranlassung 
entstanden sein soll, so genau bezeichnet, dass man an den He* 
liand denken muste. A und die bezüglichen angaben von B 
fasste man bisher als ein ganzes, wenn sich nun zeigt dass 
ein solches ganze ursprünglich nicht existiert hat, dass vielmehr 
A und B künstlich zusammengefügt sind , zusammengefügt durch 
B, den wir hinreichend kennen, um ihm ein historisches ge- 
wissen nicht zuzutrauen, so wird damit die beziehung zwischen 
Ludwig und der Helianddichtung von dem standpunct einer wol 
überlieferten tatsache auf das niveau einer mOglichkeit herab- 
gedrückt, die von Wahrscheinlichkeit oder gar Sicherheit weit ent- 
fernt ist. 

Erlangen. A. WAGNER. 

ZU WALTHER UND HILDEGUNDE. 

Weinhold hatte in den Mitteilungen des historischen Vereines 
für Steiermark ix 51 f die bruchstücke einer hs. des gedichtes 
von Wallher und Hildegunde publiciert, MüilenhofT dann Zs. 
12, 280 f dieselben wider abgedruckt, durch die besondere gute 
des directors unseres landesarchives, herrn prof. dr vZahn, ist 
Z. F. D. A. neue folge Xlll. 13 



182 ZU WALTHER UND HILDEGUNDE 

es mir möglich geworden, die fragmente Reuerdings in aller mufse 
zu prüfen, seit Weinhold sie las, ist offenbar einiges mehr als 
damals zum Vorschein gekommen ; die Säuberung oder angewandte 
reagentien haben erst allmählich gewürkt, auch habe ich unter 
sehr günstigen umständen arbeiten können, so erklärt es sich 
dass die folgenden bemerkungen nicht unerhebliche Zusätze bieten. 
Auf einem von W'einhold nicht erwähnten Stückchen per- 
gament, das früher durch leim und papier ganz verdeckt war, 
lässt sich nun der anfang der letzten zeile einer seite erkennen 
mit den drei buchstaben .ret., welche das ende eines verses ge- 
bildet haben. — auf dem Stückchen, das als schluss einer seite 
und zeile (rechts ausgehend) michel vn enthält , ist nun als an- 
fang der letzten zeile der anderen seite (links beginnend) zu 
lesen : vngewan . d . . . . s. i sp. 1 z. 2 ist der buchstabe vor v 
sicher e gewesen, z. 5 ist statt ir er nunmehr deutlich ttxBr zu 
sehen, z. 8 steht mle vor Walther, darnach : ii. sp. 2 z. 8 nach 
ich fünf spitzen von buchstaben, alle nicht über die linie ragend; 
vor Ide ist o erkennbar, der buchstabe vorher wahrscheinlich u>, 
gewis nicht s. s. ii sp. 1 z. 8 ist noch zu lesen: sprach nemen(?) 
sold icht mit mir — ; sp. 2 z. 7 nach d noch t und z. 8: cket. 
nimm^ vor — . chet steht also am ende eines verses. 

Graz, 17. 1. 81. ANTON SCHÖNBACH. 



BEMERKUNGEN ZU DER REISE VON 
VENEDIG NACH BEIRUT. 

Die von Uenrici oben s. 59 ff herausgegebene höchst in- 
teressante beschreibung der reise von Venedig nach Beirut ver- 
dient in mancher weise unsere aufmerksamkeit. es lassen sich 
dazu aber in bezug sowol auf die italienischen termini technici 
wie auf das Seewesen überhaupt mehrfache erklärungen oder auch 
besserungen bieten. 

Zunächst im allgemeinen ergibt sich klar dass die gesammte 
mannschaft und die passagiere kein legis unter deck haben, die 
letzteren also sämmtlich nach heutigem ausdruck deckpassagiere 
sind; sogar die ^herren' scheinen unter ihrem regendach im 
^popen' dh. auf dem hinterdeck ständig oben zu bleiben; der 



BEMERK. ZU DER REISE V. VENEDIG N. BEIRUT 183 

räum unter deck ist nur magazin- und laderaum, der durch quer- 
schotten in 4 getrennte abteilungen (compartnients) geschieden 
ist; möglicher weise, wie unten s. v. sentna anzugeben, aucli 
nur in drei. 

Die gaiei oder galeere führt nur einen mast, auch keinen 
bogspriet; der mast nur eine rah, den segelpaum uberticerch, 
s. 63, 80 f: dadurch ist die bezeugung mit segeln durchaus 
bedingt 

Der eapitanio (61), capitatier (63, 66), capitany (65, 121) ist 
nicht unser capitain oder schiiTer; er ist der von der signoria 
bestellte flotten- oder geschwadercommandant, weshalb er auch 
4 edelleute als diener hat. diese Stellung ergibt sich aus dem 
zusammenhange ganz klar, darnach erklären sich denn auch die 
Zeilen 67, 189 ff, die nicht verdorben erscheinen. 

Die öfter genannten herren, die Mm popen' sitzen, sind nach 
61 deutlich eapitanio und patrono, wozu wol priesler und richter 
zu zählen; nach dem 65, 121 gemachten gegensatze: der capi- 
tany und der patron und die hem scheinen auch vornehme pas- 
sagiere dazu gezählt zu werden. 

Zu den eigentlichen ofQcieren der besatzung gehört auch 
nicht der patro oder patrono (61. 65, 121), wol zu unterscheiden 
von dem geswonien patron, er erhält daher ebenso wenig sold 
wie der capitaner, er ist eben der eigenlümer oder rheder des 
Schiffes selbst, wie ich auf amerikanischen schiffen ihn als the 
cwner getroff'en, der nicht selber Schiffer ist, sondern nur die 
kaufmannschaft besorgt. 

Der erste officier, dem die navigation obliegt, und der auf 
unseren kauffarteischiffen capitän heifsen würde, ist der comita 
(61), seine 8 gesellen, die nach den karten und den Sternen 
und, wie sich nachher ergibt, dem compass fahren, sind die 
eigentlichen seeleule gegenüber den, rüderem und der kriegsbe- 
satzung, den schützen, sein platz ist auf der trüben vom am 
popen (63, 58), was eine erklärung nicht fand, der reisebe- 
schreiber hat augenscheinlich ein itaheuisches wort verderbt oder 
misverstanden ; vermutlich ist in der trüben aus intrapertura, fr. 
entrouverture , entstanden, ein halbgeschlossener räum vor dem 
Unterdeck; oder der mittelraum, wo rüderer und schützen hausen, 
hiefs troppa, truppa, fr. la troupe. 

Der zweite officier ist der pedotta (61), von Breusing im 

13* 



lil BEMERSOGELV ZI DER P.EISE 

n:fC</jir,v. »«r^i T.tC'^zrz. aber !n:»4>i'-:rii irriir defmiert, als er 
mir '..iCh'^n* n:i:l;:.3 zu ti;a haben 5*iii. hier leihet er gerade, 
n-ji-*-: m.r. ii»-m bi»ii. ua-i si-zt m:t ♦i'^r lothieiü»* i62, 57) im kt- 
hn ^rhifflhn. w;jLr»»Qd Äv««;* = kü^n ^ ja/m voo Henrici 
rirrifi? >»*»l»*iit'*f. Uf. fr» 2t »^ si«:h aber, was kelin schifflein heifst 
sr.h^j^rliri» Las lir r reiseüde jemiozu -i hersetzen woUeu, er hörte 
alHO Hrhifo fj'Wr .*rhiffi*jty, k.ilin flor tr» ::. und das war vermut- 
lith diT narri<> des li^li.iliers iwm aufL'ewahren und zum ablau reo 
lassen d^r l«»:hl»'inr\ 

Mit dem niclisttu oüicier ist tier erzähler in eine gewisse 
^ffwirrun;? u'^raten: er nennt ihn i»>h tipitr der das schiff wendi 
hin^fen an dem thymon ; aber er selbst safJTt später dass einer der 
'^t'M'\\*'\\ dis comita am timon i Steuer, ei^j. steuerhandhabe, lat. 
Umo, i\\i- «ieich>el> steht, wie auch richtig ist: der mann am 
f^ffiipr int f;in matrose, nicht der Steuermann, aufklärung gibt 
^\hn 121: fin sab'ge nacht dem {des^ tymon vnd dem der den /y- 
mon wmt; ofTenhar ist ersteres nicht das Steuerruder, sondern 
i\t:T fdfirifr: der tiiponiere oder timonista, der zweite ist der 
mann am Steuer, erstcrer kann auch s. 61 nur gemeint sein. 

n»-r nächste officicr ist ein geswonier patron (61) oder nnter- 
patroH fO'i, 61;, welcher seinen platz nahe dem mastbaum mitten 
in der kalle.in hat. im soldverzeichuis ist ofTenbar der padron 
zu lindon fOS, 224j derselbe oflicier und ist nur patrono giurato 
(vom Hchreiher gesprochen: zurado) zu lesen; 69,242 ist aber- 
mals derselbe zu verstehen. 

kofi' (62, 36j, hinter den knechten, ist für kein' verlesen 
oder verschrieben, denn der 63,65 genannte keiner fehlt hier. 

r»l,27 ist zu interpungiereu: oder Sicherheit, wanimb ist, 
die weifU sie auf dem mer sein dh. Sicherheit geben für die strit- 
tige. Hnrhe (uunitmh ist), so lange man noch auf see ist. 

r)2, '16. die vier lochet, do man hinabsteigt sind die 4 luken, 
**ie werden von hinten (oben) nach vorn gcziddt. die erste, namen- 
lose 62, -IS kann nicht, mit II., fönte puzzolo genannt werden, 
sondern nur ]iuvta dvUa fondega, wie unten zu sehen, die zweite 
kiuiu auch nur porta deita sentna heifsen, ist aber statt 'keller- 
luke' kurzweg auch *keller' genannt; sie führte in den tiefsten, 
untersten schilVsraum, wie der name sentna ergibt, der als pro- 
viantnui^azin diente; war dieser Zugang schorusteinartig angelegt. 



VON VENEDIG NACH BEIRUT 185 

so koDDte der mitilere räum (eine art Zwischendeck) in 3 com- 
partments oder magazine geteilt sein. 

62, 51 ist zu lesen: das drit loch heyst man la porta de 
schrina; ebenso 62, 53 das vierd loch heyst man la porta dei 
sarthy, nicht y on sarto, Schneider; sondern = (fet sar^e, der taue 
des takel^erks. 63, 64 schrinä kann nur schnnar (scrinarius) 
gelesen werden, der mit dem 'Schreiber* (61, 22) identisch zu 
sein scheint; ebenfalls 69,241 ist scrinar zu lesen; auch diese 
stelle passt für den Schreiber. 

63, 70. der niastbaum, jederseits durch 5 taue * (sarte) ge- 
halten, hat einen segelpaum ubertwerch, also eine dwars stehende 
rahe. die 3 aufgezählten segcl werden nach dem text stets nur 
einzeln gebraucht; daher ist hier die erklärung als stagsegel^ 
und gar focksegel irrig, ebenso die von Du Gange zu BvBreyden- 
bach, der wahrscheinlich auch nur einen mast, also keinen 
medianus malus hatte, terzenwlo, le tercerol, heifst urspr. drittel- 
segel, weil es nur 1/3 der fläche des grofsen bot, vermutlich war 
es dreieckicht. papafico ist urspr. ein schleier, wie es denn 
63, 78 dünn und kurz (schmal), aber viereckicht genannt wird. 

63, 81 soste, taue an den enden (nocken) der rahe: sosta, 
Sorte de corde dans un vaisseau, Veneroni (di Castelli) Dittionario 
imperiale, es ist nicht mit scotto, der aus dem deutschen stam- 
menden 'schote' zu verwechseln, stammt vom lat. stibstare und be- 
deutet die 'brassen', la orza (63, 82) ist die backbordbrasse, die 
mit niederländisch und bairisch nichts zu tun hat. daher 65, 131 
das rudercommando fa lorcha 'backbordruder' nach der admira- 
litätsvorschrift. 

64, 83 potza ist richtig, ital. poggia, die steuerbordbrasse 
(rechts); poggiare, das segel hissen, auch anluven, daher 64,88 
das teyll am tuch, das da heyst potza; woraus hervorgeht dass 
nur die backbordhälfte der vela an die rah angeschlagen war, 
die Steuerbordhälfte aber als rutensegel benutzt wurde (vela mez- 
zana nach Breusing). das commando: 'steuerbordruder' rouss 
65, 131 daher fa potza, nicht portza, heifsen. 

64, 83. für das tau kaynola habe ich keine deutung; es 

* auf den Lübecker, Wismarer und Neocreinper siegela halten je 3 taue 
ilen mast. siege! des mittelalters aas den archiven der Stadt Lübeck. 

' iDSofern das terceruolo am stag geföhrt wurde, könnte man es frei- 
lich stagsegel nennen. 



186 BEMERKUNGEN ZU DER REISE 

wird ein 'quarnard bei Veneroni genannt, doch scheint dies zu 
weit vom namen abzuliegen, mantikio könnte auf ital. amanii, 
stehendes tau, zurückführen; wenn nicht anzunehmen, es sei 
geredet wie 62, 51 und 53 und müsse gelesen werden das heyst 
man tikio; aber auch so ist eine bedeutung nicht zu finden, 
wenn niclit etwa taglia 4alje, flaschenzug' hier verderbt wäre, ein 
ausdruck, der freilich sehr aufnillig vermisst wird. 

64, 85 das klein seyll an dem bäumen, das keifst Aufsolo, da 
es zum laden und löschen (entladen), zum hissen des potzahalb- 
segeis (wol richtiger zum niederholen des rahenendes oder der 
nock) dient, ebenso zum hissen von leuten zur strafe, so muss 
es ein in der talje laufendes tau sein, es ist anssola zu lesen, 
ital. anzola (von uncus), eigentlich der haken, in welchem der 
glockcnschwengel hängt, hier die talje mit dem tau ; die vielleicht 
an einem haken oben am top befestigt war. 

65, 121 ist zu losen: gesprochen hat (nämlich lateinisch), 
so spricht der Comitu in toelsch (dh. italienisch): der capitany und 
der patron und die hem usw. die erklärung anm. 46 ist irrig. 

66, 150 man leyt offt in pergen still; dazu anm. 53: 'von 
bergen abzuleiten, also hafen.' das scheint aber nicht richtig, 
denn 65, 138 muss die wache im ausguck umbsehen, ob sey kein 
pergk sehen, keine klippe; das liegen in pergen heifst daher nur: 
auf einer von bergen geschützten rhede. zu widersprechen scheint 
66, 154: zwischen Vola und Zara ist ein perg, der heyst golffo 
de Pola, auff dem perg besucht (rectius besieht?) man dye rü- 
derer usw. das muss aber eine landstättc sein, wo die mannscbaft 
gemustert wird, ob in Pola oder schon in Venedig einer ent- 
laufen sei. weshalb diese stalte golfo genannt wird, ist unsicher. 

66, 156. es kann heifsen: so schreib der patrono, letzteres 
wort kann aber als selbstverständlich auch fehlen, der signore 
de notte kann nur der polizeiheir in Venedig sein, der abends 
visitieren lässt; die gefundenen deserteure werden von SMarco 
nach dem Rialto gepeitscht und müssen dann das anheuergelil 
herausgeben. 

66, 164 Agorus muss Ragusa sein; die korallen die reser 
bedeutet doch nur: dei rezze (der netze) oder di rezzare (vom 
netzfang) ; der reisende hatte misverstauden, als würden sie dort 
im windischen gepirg gegraben, da er rezze oder rezzare nicht 
verstand und für einen korallen namen hielt. 



VON VENEDIG NACH BEIRUT 187 

66, 170 Coron kann nicht Koron im Peloponnes sein, weil, 
wie 66, 173, besonders aber 67, 177 IT zeigt, keine slalion aus- 
gefallen ist. es muss in Kreta gesucht werden ; vielleicht ist der 
hafenplalz des binncnländischen Corlina di Candia, des allen Gor- 
tyna, gemeint. 

67, 174 die teutschen herrm sollen natUrUch die Johanniter 
sein, nach 67, 177 wäre in Zara trotz der dort gemachten ein- 
kaufe nicht gelandet. 

67, 186 das ist unter der Venediger gewerb kann nicht heifsen 
(anm. 67) 'die Venediger treiben handcl dahin.' der reisende 
scheint Consulo für einen ort gehallen zu haben; dann hiefse 
jenes: 'das ist unter der Venediger Verwaltung.' 

67, 189. es wird peyder = * weiter' heifsen sollen, oder 
auch 'wider' = zurück, dann ist der sinn: keine galeere darf 
weiter (ab-) fahren vor der admiralsgaleere , keine darf eher an- 
legen, keine für sich eine andere sladt anlaufen; oder der (sc. 
fatrono) ist verfallen, sobald der admiral ihn der signoria meldet. 

67, 195. die summe der italienischen meilen von Venedig 
nach Beirut berechnet sich nach den einzelaugaben auf 2400. 
wenn hier 2200 meyl welscher angegeben sind, so ist die rück- 
fahrt, wo nur im falle der not angelaufen werden soll, aus diesem 
gründe kürzer gerechnet. 

68,208. die 6 unzen gedörrtes brot, schilTszwieback , auf 
2 tage werden die üblichen unzen sein; es ist unmittelbar da- 
neben erzählt dass rüderer und schützen sich für ihren sold 
selbst beköstigen müssen, auch nachher werden sie abkochend 
am herde erwähnt, den nicht überall käuflichen, knochenharten 
Zwieback, in Italien unzweifelhaft aus Weizenmehl, bekommen sie 
Oberher. 

68, 217. es ist zu verstehen: er (der capitaner) pringt sy 
vor der herschafft (der signoria) umm das gelt (den sold), das sie 
(die signori) gebnn musseti, 

68, 220. die stelle ist nicht verdorben, zu interpungieren: 
kurtz. das gelt usw. — dh. das geld wurde ihm auf dieser ga- 
leere ausgezahlt, es betrug 30 ducaten in einem abmachen. 

68, 226. bei fl. ist die zahl nicht ausgefallen, es ist ab- 
kürzung für florenum = 1 11., einen goldgulden. vgl. 68, 223; 
dagegen ist z. 230 und 69, 238 das fl, zu streichen. 

68, 236. in fontepuzoll stecken zwei worte: ital. fontego 



188 BEMERK. ZU DER REISE V. VENEDIG N. BEIRUT 

^= fondaco (magazin, rüstkammer, armamentarium , gerwekamer) 
und pulcello, pusillo, masc. zu pukella, pfuilla, fotUepuzoU also 
s= rttslbursche, garderobier. 

69, 262. die thunfiscbe die recht man gern a pola bey dem 
schola; lies: vecht; schola ist scoglia, scogh'o, scopulus, also: die 
tbunfische föogt man viel zu Pola bei den klippen. 

Rostock, 3 Januar 1881. K. E. II. KRAUSE. 



KLEINE MITTEILUNGEN. 

1. Zu Zs. 22, 422 f. 

Von den an dieser stelle durch Dümmler verOfTentlichteD 
Sprichwörtern stammt die grOfsere hälfte aus Otlohs Liber pro- 
uerbiorum (Pez Thesaurus anecdot. m 2). nr 2 steht daselbst 
s. 511,4 s. 515, 6 s. 517, 10 s. 536, 14 s. 526 in folgender Fas- 
sung: rara fides homini tribuenda est pro dolor! amni, 18 s. 532 
ebenfalls in etwas anderer fassung: testis ueridtcus regt uero manet 
aptus, 22 s. 494 mit weglassung von fidus, 26 s. 530. 

• 2. Zum Memento mori v. 115 — 122. 

Das bild von dem wanderer, welcher auf seiner fahrt unter 
einem bäume einschläft und darüber das ziel seiner reise vergissf» 
ist nicht erßndung des deutschen dichters, sondern kirchlich*- 
parabolische Überlieferung, es findet sich ähnlich, nur mit weg- 
lassung des Schlafes, auch bei Otloh Dialogus de Iribus quaestio- 
nibus cap. 50 (Pez Thes. m 2 s. 247): uiator iUe sttUtus est, qui 
in itinere amoena prata conspidens obliuiscitur, quo tendere disp^- 
nebat. daraus ist es widerholt im Liber prouerbiorum s. 534» 
wo nur tendebat für tendere disponebat. die quelle dieses gleich* 
nisses vermag ich nicht anzugeben ; sie ist jedesfalls in der pa- 
tristischen litteratur zu suchen. 

Trarbach, 5 dec. 1880. F. SEILER. 



WOLFRAMS TITURELLIEDER 189 



WOLFRAMS TITURELLIEDER. 

Die sogcDannteD bruchstücke des Tilurel sind zuerst Ton 
HflUeDboff in ttbereiostimmung mit Haupt als lieder nacb der 
weise des volksepos erkannt worden, 'man wird wol tun', scbreibt 
er Zs. 18, 297 anm. (vgl. zGMN s. 15) 'nicbt mebr von Titurel- 
brucbstücken, sondern von Titurelliedern zu sprecben.' 
ein folgenreicber satz für die characteristik wolframscber kunst, 
den Bartscb in seiner sonst ausführlicben einleitung zu Wolframs 
von Escbenbacb Parzival und Titurel (zweite aufläge 1877) nicbt 
geflissentlicb ignorieren durfte, wenn er sieb aueb von seinem 
standpunct aus natUrlicb nur polemiscb dagegen verhalten konnte, 
aber von gewisser seite scbeut man einmal alles, was episcbes 
Ued heilst und die viel bestrittene liedertbeorie an weiteren bei- 
spielen bestätigt für jeden unbefangenen muste MüUenbofTs be- 
merkung schon aus äufseren gründen einen hoben grad von wahr- 
scbeinlicbkeit gewinnen, sie mögen meiner Untersuchung als ein- 
leitung voranstehen. 

1) strophische form trotz des umfangreichen Stoffes. 

Ohne uns von der späteren ausfülluug Albrecbts von Scbar- 
feuberg verleiten zu lassen, können wir aus den andeutungen im 
Parzival und den brucbstücken selbst die Titurelfabel ihren um- 
rissen nach so ziemlich reconstruieren : gehurt und kindheit ihrer 
hdden, Sigune und Schionatulander, bis zu deren liebesgeständnis 
und darauf folgender trennung, als Schionatulander Gabmuret 
nach Bagdad begleitet. Schionatulanders Schicksale im orient, 
heimkehr nach Gahmurets tode und neues zusammenleben mit 
Sigune. reise beider liebenden (zur zurückgezogenen Herze- 
loide?^); das veiiiängnisvolle brackenseil und Sigunens Verschul- 
dung, die vermessen ihren besitz dem freunde an die widerer- 
langung des Seiles knüpft. Schionatulanders abenteuer im suchen 
nach dem seile, in der Verteidigung von Parzivals erbe gegen 
Lähelin; sein frühes ende durch Orilus. Sigunens büfsende 
trauer an der leiche des geliebten und schliefsliche Versöhnung 
im tode. 

^ 80 im J. Tit. 1123 ff. unterwegs — nach dem J. Tit. 1135 ff anf 
der heimkehr — treffen wir das par in Wolframs Tit. 132. 

Z. F. D. A. neue folge XIII. 14 



• t 



Vj WOLFR.ÜIS TITlREUJUtEB 

.\..¥j t.u iC/^f« ^r T^fuii««:^ zum ro«uii «e^ ^mf'wrngsAe» 

•tr<>ptir ! t'/lci«^ iLtf^xT in 4^ form kjnb ujte b» Alir*ciü r<!« 

Art ibreiD flklkt[.iio4««fi«: &kbt vaDd<rD. bei «iiKtn 
Woi/niu i^t <!;r uod^Dkb»r. dcHrfa Bartsch weif« ^ä» 

tiD uijd bor^ noch rtah'a^'iXii aaf. ehr er anöen^ bcfK^eilis zo 
«^<kD. d«!;Db "«las ^'aciz*!: ^unit: >chirerlKh den beiiKbefi ein- 
drock &t:r bmchriQcke iciachfo.' wir dürfeo woi frwtn. welche 
ikteiie IQ iiieii^ü 'bnjcb^tijckeo'. aus tieoro doch aileia ein sdÜB» 
auf die vermutlicbe ^'e^mmtdar^tellung möglich ist uns zu äoeo 
Mf ab»prec:b«rodeD urteil berecbtiz:? }iei welcher mUrateDen sUophe 
der autor zu Jeoer ^päteo eiosicbt kOunte gekommen sein? Ton 
den uns erhaltenen überbietet eine die andere an giut der cmp6n- 
düng und «olbut der «Sprache, viahriich kein gnind, entmutut 
ron seinem vorhaben abzustehen! ich meine, wir werden dem 
genius Wolfram« von Elschenbach genrchter, wenn wir ihm too 
vorn berein den künstlerischen tact zutrauen, romane nicht in 
lyrische strophenform einzugiefsen. die sogenannten bruchstflcke 
des Titurel müssen epische lieder sein, in denen der dichter ab- 
schnitte seiner sage besungen hat. 

2) Tolkslümlicher character der Titurelstrophe. ' 
Wolfram steht im gebrauche der Strophe einzig da unter 
den hOüschen epikern seiner zeit, im übrigen ist sie nur dem 

* ich küunte vorher uocb auf gewisse stereotype formelD aofmerksam 
maclieD, die der Titurel mit dem epi:»cheD volksliede gemeiosaiD hat so 
die auküodigufigen (5G, 2 nu lutret magüich sorge ... 56, 3 ich wil «rm- 
liure künden. 141, 3 dvenliure fictrt, obe ir gebietet. 41, 1 ... ick wil 
de$ kindes art iu benennen. 13S, 1 Idt ez iu nennen), die beglaabigaog 
der erzihlufig (S3, 1 dat rede ich wol mit icdrheit , ninder nach wdne)» 
die Übergänge (37, 4 des wil ich hie geswigen, und künden iu von mmg- 
tuomlicher ininne. »j3, 2 nu sulen wir auch gedenken des jungen für- 
sten . . . lOS, 2 ouch »ulf wir . . . uihl vergezzen. 52, 4 ich seit iu von ir 
kintlier minn rii Vfunders, wa/i daz ez sich (enget), die TorausdeutUDgeo 
(vgl. 32,4. 74,4. 7*», 4. H2, 2. 132,4. 13S, 2. 15S, 4. 163, 2. 170,2) ond 
noch viele älinliclie btellen, an denen der dichter ein persönliches verbiltois 
zu seinem publirum, wie der sänger zu seinem zubörerkreise, voraussetzt, 
aber man Hürde mir derartige Wendungen auch bei auderen höfischen epi- 
kern entgegen halten, wenn auch nicht in solcher anzahi innerhalb von 
nur 170 Strophen. 



WOLFRAMS TITURELLIEDER 191 

irolksepos eigeotümlicb. Wolframs bekaootschaft mit diesem liegt 
im Parzival und Willehalm klar zu tage, ja seine Titurelstrophe 
scheint sogar directe Weiterbildung der volkstümlichen, speciell 
der Kudrunstrophe zu sein (MttUenhoiT Kudr. s. 124. Scherer 
Deutsche stud. i 3. Liliencron Zs. 6, 90). wenn wir nun wissen, 
mit welcher Zähigkeit sonst die einmal herschend gewordene norm 
?on den höfischen dichtem befolgt wird, so kann hier von einem 
zufälligen abweichen gar nicht die rede sein. Wolfram ahmt 
durchaus absichtlich die form des volksepos nach, dann aber 
keifst es dem philologen überhaupt jede folgerung von dem ge- 
wissen auf das ungewisse nach aualogie ähnlicher erscheinungen 
verbieten, wenn er in den sogenannten bruchstücken des Titurel, 
sofern nicht gewichtigere gründe dawider sind, nicht auch lieder 
nach der weise des volksepos voraussetzen darf. 

3) Verhältnis des Titurel zum Parzival. 

Dass der Titurel seiner entstehung nach später i^llt als der 
Parzival, hat Herforth Zs. 18, 281 ff erwiesen und neuerdings 
Lucae im Anzeiger vi 154 mit weiteren gründen bekräftigt, ich 
brauche daher auf Barlschs widerholte gegengründe (aao. s. xv f) 
hier nicht weiter einzugehen, wenn dieser gelehrte nach wie 
vor auf seiner erklärung von str. 37 besteht, dass nämlich Wolf- 
ram hier auf einen damals erst beabsichtigten commentar ver- 
tröste, so hat er leider immer noch nicht verraten, wie vor 
dessen erscheinen die zahlreichen darauf bezüglichen anspielungen 
und erst dort erklärten vorausssetzungen im Titurel dem leser 
verständlich gewesen sind, denn Wolfram erzählt hier wie von 
bekannten personen und Verhältnissen, in denen wir längst be- 
scheid wissen, aber darin mag Bartsch recht haben: Mas ist 
nicht die art und weise, wie mittelhochdeutsche dichter auf ein 
vollendetes werk hinweisen.' aufserdem, wie ungeschickt wäre 
es vom standpunct höfischer kunst aus gewesen, durch beständige 
bezugnahmen den fluss der erzählung zu unterbrechen, nein, so 
pflegt nur der volkssänger sein einzelnes lied mit der ganzen 
sage zu verknüpfen und, wo es not tut, seine zuhörer an den 
bekannten Zusammenhang zu erinnern, bei ihm hat dies ver- 
fahren einen sinn und gibt auch dem kurzen abschnitte einen 
bedeutenden hintergrund und grofse Verhältnisse. 

Weil Parzival und Titurel demselben Sagenkreise angehören, 
konnte Wolfram nur in dieser volkstümlichen manier zum zweiten 

14* 



192 WOLFRAMS TITURELLIEDER 

male an seinen stoff herantreten, ohne sich zu widerholen, wer 
sein erstes werk gelesen, war zugleich über die Schicksale Sigu- 
nens und Schionatulanders , vor allem über ihre familienverhält- 
nisse in der hauptsache orientiert, darum sehen wir den dichter 
im Titurel weniger neues bringen (ein tncBre niuwen), als ge- 
wisse puncte des schon früher gesagten stärker hervorheben und 
mehr im detail ausmalen, die verbindende erzählung ist abge- 
rissen, kurz andeutend und springend, bald längst vergangenes 
hineinziehend, bald auf zukünftiges ein unerwartetes licht werfend, 
und der hauptaccent liegt durchaus auf den reden der einzelnen 
Personen, in die oft (zb. in die abschiedsrede des Titurel str. 1 
bis 10) mit berechnetem kunstgriff der nötige bericht übertragen 
ist jedem leuchtet es ein dass Wolfram im Titurel nach keinem 
französischen musterroman arbeitete, das sujet war ihm in der 
fabel des Parzival gegeben, und mit originellem griff hob er es 
aus dem vollen Sagenkreise heraus, um es auf eigene band zu 
gestalten. 

Schlössen wir in nr 1 und 2 aus der strophischen form 
dass Wolfram seinen stoff in epischen liedern behandelt habe, so 
erfuhren wir in ur 3 aus dem inhalt, weshalb er ihn so be- 
handeln muste. dies aus äufseren gründen gewonnene resultat 
ist nun an der Überlieferung selbst zu erproben. 

Wir halten uns zuerst an str. 1 — 131. die erzählung gipfelt 
in dem liebesgeständnis Sigunens und Schionatulanders, wie Wolf- 
ram Str. 37, 4 sagt, er wolle von magtuamUcher minne künden. ^ 
alles frühere ist vorbereitend auf diesen moment, alles nach- 
folgende davon bedingt und zum abschlusse strebend, das aber 
characterisiert die technik des epischen liedes, dass sich nicht 
mit ängstlicher Spannung, wie im drama, die katastrophe bis 
nahe an das ende zu verschiebt, gleich einer welle hoher und 
höher sich türmend, um dann auf einmal jäh zu stürzen, son- 
dern dass der zuhörer, wie er schritt für schritt emporgeleitet 
wurde zu dem höhepunct, so auch allmählich wider zum tale 
herabsteigt, die katastrophe liegt durchaus in der mitte. 

Am eingange unseres abschnittes steht bedeutsam die ab- 
schiedsrede des Titurel. eine hohe minne hat den greis sein 

' eingeleitet wird das gesprach str. 56, 2 : nu haaret magHtch »orge 
finde manheit mit den arbeiten. 



WOLFRAMS TITURELLIEDER 19$ 

leben lang begeistert und soll auch in Zukunft bei seiner nach- 
kommenschaft nicht aussterben. 4, 3: 
da% mac niht min junger ort verderbeti : 
ja muo% ül min geslähte immer wäre minn mit triwen erben, 
so ist die liebe dem hause der gralkönige angestammt, ein ver- 
mSchtnis seines ersten begründers, und wir ahnen, ein beispiel 
dieser familientradition wird in dem folgenden erzählt werden, 
das tbema ist gegeben. 

Aber erst Sigune, die Urenkelin Titurels, ist zur heldin der 
handlung bestimmt, über ihren Stammbaum muss uns der dichter 
Tor ihrem auftreten orientieren, und er tat es, indem er den 
nötigen beriebt kunstvoll in die worle des Titurel zu verflechten 
wüste: Titurels sohu ist Frimutel (str. 7); dessen kinder sind 
Anfortas, Trevrezent (str. 9), Schoysiane, Herzeloide und Ur- 
repanse de schoyen (str. 10). in doppelter weise also, historisch 
und der Intention gemäfs, ist die exposition geleistet. 

Schoysianens Vermahlung leitet über zu der gehurt Siguneus. 
die erzählung wird bis an den punct geführt, wo das verwaiste 
kind nach Kanvoleiz zu seiner muhme Herzeloide übersiedelt 
hier soll sich sein künftiges Schicksal entscheiden. 

Der dichter eilt nun, den anderen faden seiner geschichte 
gleich weit zu spinnen, es handelt sich um Schionatulander 
und seine Vergangenheit, die kürzer abgemacht werden kann, 
weil ihr der grofse hintergrund der abstammung von den gral- 
kOnigen fehlt, an Herzeloidens hofe trifft der junge dauphin 
mit der herzogin zusammen: sie von ihrem ahnherrn her zu 
einer hohen miune gleichsam prädestiniert, er nicht unerfahren 
im frauendienst (str. 54, 2): 
von manger süezen bot schüft die Franzoyse künegin Anphlise 
tougenlkke enböt dem Amche\)ine. 
die kinder suchen ihre wachsende liebe in schamhafter zucht 
einander zu verbergen. 

Endlich tritt Schionatulander mit ofTener erklärung vor Si- 
gune. das mädchen antwortet, in reizvoller mischung kindlicher 
niivitlt und altkluger ehrbarkeit ist dieses gespräch, der mittel- 
und kernpunct des ganzen, gehallen. 

Um dieselbe zeit tut Gahmuret eine ausfahrt nach Bagdad, 
und Scliienatulander soll ihn dahin begleiten, er scheidet von Si- 
gune nicht ohne erneute Versicherung ihrer Zuneigung zu erhalten. 



194 WOLFRAMS TITURELLIEDER 

In der fremde weifs Schionatulander die Sehnsucht nach der 
geliebten nicht zu verbergen, er entdeckt sich Gahmuret, der 
ihn aufrichtet und seiner hilfe gewis macht. 

In gleicher weise verzehrt sicii daheim Sigune nach dem 
entfernten freunde, bis auch sie sich Herzeloiden eröffnet, und 
als diese nun gleichfalls zu dem bunde der beiden ktnder ihre 
einwilligung gegeben, jubelt das mädchen ähnlich wie vorhin 
Schionatulander: wol mir dass ich den Graharzois nun vor aller 
weit mit erlaubnis minnel 

Wo ist hier eine lücke in der composition? wo ein motiv, 
das eingeführt und nicht auch bis zu ende durchgeführt wäre? 
wo irgend ein punct, der zu seinem Verständnis noch eine ein- 
leitung oder directe fortsetzung vermissen liefse? nur dürfen wir 
nicht die art und weise, wie der grundstock der sage als be- 
kannt vorausgesetzt wird — eine freiheit, die dem epischen 
Sänger zukommt — , mit lücken in der composition verwechseln, 
kurz und präcis ist ort und zeit der beginnenden handlung an- 
gegeben, Dämlich inmitten der gralritter, als Titurel alt geworden 
war. und ebenso deutlich offenbart sich str. 131 in ihrem paral- 
lelismus zu str. 107 als schluss des abschnittes. freilich für 
ein episches lied liegt ein ungewöhnlich grofser Zeitraum da- 
zwischen: vom alter des Titurel bis zum liebesfrühling seiner 
Urenkelin Sigune; und <lemgemäfs wechselt auch das local. aber 
der dichter, sahen wir, hat es verstanden, den lose zusammen- 
hängenden Stoff unter einem einheitlichen gesichtspunct zu einem 
künstlerischen ganzen zusammen zu raffen, es soll nun an der 
formellen composition, an dem inneren bau des gedichtes eine 
Symmetrie erwiesen werden, wodurch sich die totalität unseres 
abschnittes noch weiter bekundet. 

Wer der inhaltsangabe gefolgt ist, hat bemerkt dass sich die 
handlung ungezwungen in eine einleitung und sechs kleine ab- 
schnitte zerlegen lässt. wir wollen zuerst sehen, wie jedes dieser 
stücke aus 12, 18 oder 24 gesetzen besteht, mit anderen Worten, 
seine strophenzahl immer durch 6 teilbar ist. 

Zu diesem zwecke haben wir uns mit der handschriftlichen 
Überlieferung aus einander zu setzen, bekanntlich ist der Titurel 
am vollständigsten in der Münchner lis. (G) und bis zur 68sten 
Strophe in dem Ambraser heldenbuch (H) erhalten, beide auf- 
zeichungen weichen, so weit sie sich controlieren, in der anzahl 



WOLFRAMS TITÜRELLIEDER 195 

UDd anordnung ihrer Strophen von einaDder ab. H weist str. 30. 
31. 33. 34. 36. 53 mehr auf als G. aus gründen, denen ich bei- 
stimme, hat Haupt (Zs. 4, 396 f) die str. 33 und 34 als unecht 
verworfen, str. 36, wie sich zeigen wird, rouss ihnen folgen, 
die übrigen gesetze (30. 31. 53) sind nicht zu beanstanden, es 
folgt dass in den ersten 68 Strophen H zusätze und G lücken 
hat. ebenso lehrt die vergleichung dass auch die ursprüngliche 
r^benfolge der Strophen in beiden vorlagen gestört ist. ^ weil 
nun aber zwischen str. 35 und 37 eine den bss. G und H ge- 
meinsame lücke zu erkennen sein wird, ergibt sich folgendes 
Schema : 

X 




G H 

Auch G bietet im verlaufe fremde zutaten, als unecht er- 
kläre ich Str. 94 und in dem zweiten stücke str. 135 jund 136. 
für die lücken dieser hs. sind wir von da an, wo H abbricht, 
auf eine vergleichung mit dem J. Tit. (J) angewiesen, mehrere 
plusstrophen in J, die unzweifelhaft wolframsches gepräge tragen 
(vgl. Lachmann Einl. s. xxix und Bartsch Germ. 13, 8 ff), lehren 
dass Albrecht von Scharfenberg eine andere vorläge benützte, als 
in G überliefert ist. eine genauere Unterscheidung des hand- 
schriftlichen Verhältnisses, auch desjenigen von J zu II — die 
plusstrophen in H finden sich alle auch in J — ist bei dem 
Hahnschen abdrucke mislich und für unsere Untersuchung nicht 
von wesentlicher bedeutung. 

Gesammtresultat ist dass Wolframs Titurel schon vor der 
bearbeitung Albrechts von verschiedenen bänden gewalt erlitt^, 
und es kommt darauf an, die lücken im text festzustellen und für 
die Zusätze sichere kriterien zu finden. ^ beides soll an ort und 

' das Strophenverhältnis in H gegenüber G verteidigt Zarncke in den 
Beitragen vii 603 ff. doch vgl. unten s. 19S anni. 1. 
' Albrecht selbst klagt darüber str. 885: 

ze vil ze klein, des werdeiit liet verswachet, 
her Wolfram si unschuldec, ein schriber dicke rehi unrihtec 

machet, 
' Bartsch legt in seiner aosscheidung echter Strophen aus dem J. Tit. 
(Germ. 13, 1 ff) unbegründetes gewicht auf die formelle seite: stumpfer 



196 WOLFRAMS TITÜRELLIEDER 

stelle gescheheD; hier genüge es zu sagen dass die kennzeichen 
des unechten in unserem falle ganz ähnlich denen sind, die 
Müllenhoff als solche für die Nibelungenlieder präcisiert hat (zGNN 
8. 2 f). es zeigt sich eben in der erweiterung und Sammlung epi- 
scher lieder überall dasselbe priocip, das von der zeitrichtung und 
der geschmacklosigkeit gewisser compilatoren bestimmt wurde. 

Das Zwiegespräch Sigunens und Schionatulanders wird str. 56 
angekündigt : 

AI die minne phldgen und miniie an sich leiten, 

nu hoßret magtlich sorge unde manheit mit dett arbeiten: 

dd von ich wil dventiure künden 

den rehten, die . . . durch herzeliebe ie senende not erfunden, 
es endet mit str. 73, deren letzte verse schon den Übergang zu 
der folgenden Situation enthalten: 

Diz was der anevanc ir geselleschefte 

mit Worten, an den ziten dö Pompeius für Baldac mit krefte 

het ouch sine hervart gesprochen . . . 
das ganze besteht aus 18 Strophen, zwischen denen nichts aus- 
gefallen oder zugesetzt ist. 

Ebenso scharf hebt sich die einleitung mit str. 12 ab: 

Sus was der starke Titurel wordeti der swache 

beidiu von grözem alter und von siecheite ungemache, 

Frimutel besaz da werdecliche 

den grdl üf Muntsalvätsche: daz was der wünsch ob irde- 

schem riche. 
Zwischen 13 und 55 sollen zwei abschnitte liegen: Sigunens 
kindheit und ihr zusanimentrefTen mit Schiouatulander. str. 37 
und 38 stechen hervor, die erste eben berührtes abbrechend und 
etwas anderes ankündigend: 

des wil ich hie geswigen, und künden iu von magtuomlicher 

minne, 

reim in der cäsur, stumpfe cäsur in dem vierten verse, fehlen der Senkung 
oder des auftactes — alles freiheiten, die sich Albrecht widerholt auch an 
anderen stellen seines Werkes gestaltet, in gleicher weise scheint es ge- 
wagt, die als eclit erkannten Strophen in der wolframschen fassung wider 
herstellen zu wollen, wie könnte man zb. , falls der eingang des ersten 
Hedes verloren gegangen wäre, aus den Strophen 476—572 des J. Tit. auch 
nur mit einiger Wahrscheinlichkeit die ersten 10 Strophen Wolframs recon- 
struieren. Bartschs verfahren liefert eine neue umdichtnng, keine wider- 
herstellung. 



WOLFRAMS TITURELLIEDER 197 

die zweite an einem ganz neuen puncte der erzählung beginnend. 
Str. 37 ist scbluss des einen, str. 38 anfaog des folgenden ab- 
Schnittes, von 38 — 55 haben wir 18 gesetze. die plusstrophe 53 
in H ist nicht anzufechten. 

Schwieriger ist die klärung der vorhergehenden partie 13 
bis 37. dass 33 und 34 interpoliert sind, hat Haupt bewiesen.^ 
aber auch von den str. 36 und 37 muss die eine unecht sein, 
zum mindesten dürfen sie nicht neben einander stehen, da sie 
sich gegenseitig ausschliefsen. beide enthalten ankündigungen 
eines neuen abschnittes: 

36, 1 Nu hoBret fremdiu wunder von der maget Signnen, 

37, 4 (ich wil) künden tu von magtuonUicher minne, 

doch wird, was 36, 1 versprochen ist, in der folgenden Strophe 
nicht gehalten, die anknüpfend an 35 von Herzeloiden und Gah- 
muret erzählt, da nun 37 weiter auch mit 38 und 39 in logi- 
scher Verbindung steht (von Gahmuret und der Tranzoisinne' ist 
der Übergang zu Schionatulander), so muss der fehler in 36 
stecken, einer strophf^, die wie 33 und 34 nur in H (und J) 
überliefert ist. sie unterbricht den Zusammenhang von 35 und 37 
und kündigt etwas an, was noch nicht an der reihe ist. i stellt 
36 zwischen 32 und 33, wol an ihre ursprüngliche stelle, weil 
dann der Zusammenhang gewahrt bleibt, und die drei verdächtigen, 
in G fehlenden Strophen (36. 33. 34) neben einander kommen, 
aber auch dort ist die ankündigung von 36, 1 nicht am platze: 
Sigunens kindheit war 32, 4 abgeschlossen : 

lät ir lip in diu lobes jdr volwahsn shi, ich sol ir lobes 

sagen mere, 
Sigunens ferneres Schicksal, ihre liebe zu Schionatulander, wird 
erst 37, 4 in aussieht gestellt, dazwischen liegt der bericht über 
Herzeloide und Gahmuret. str. 36 ist also augenscheinlich fremde 

^ str. 33 wird durch die fassnng in J, der Bartsch (aao. s. 2) den vor- 
zog gibt, nicht besser: 

si reiniu fruht, gar lüter, valtches dne, 
salic st diu muoter diu sie gebar! daz was Tschoistdne, 
abgegeben davon dass bei solcher vorläge die Veränderung in H durchaus 
noerklirbar wire , offenbarte sich v. 4 dann noch deutlicher als in Lach- 
manns text als flickvers, der mit seinem schluss daz was Tschoistdne eine 
misluogene nachbildung von str. 24, 4 ist: 

die sich der grdl zem ersten tragen He, daz was Schoystdne. 



198 WOLFRAMS TITURELLIEDER 

zutat der interpolator fand die beschreibung des kindes Si- 
gUDe 32, 2: 

er kÖ8 8i für des meien blic, swer si sach, bi tounazzen bhum^en: 

üz rr herze hlüete scelde und ere 

10 ihrer prägnanten kürze nicht umständlich genug und suchte 

sie — verleitet von 32, 4 — durch ein bild der heranwachsenden 

Jungfrau str. 36 und 33 zu ergänzen, die hübsche metapher 36, 2: 

dö skh ir brüstet drwten 
ist Parz. 258, 25 fT abgeborgt, zu v. 4: si begunde stolzen lösen 
vergleiche man Wh. 296, 4 f : 

sin muot begunde im stolzen, 

gein prise truoc er stcBten muot. 
Neben der iolerpolation haben wir zwischen 35 und 37 noch 
eine beiden hss. gemeinsame lücke zu constatieren. es ist näm- 
lich nicht erzählt worden dass Gahmuret es war, der vor Kan- 
voleiz Herzeloidens minne errungen, und dass derselbe held früher 
einmal zu Belacanen und Anphliseu in beziehung gestanden hat. 
der dichter will aber str. 37 nur verschweigen wie Gahmuret 
diese ersten Verbindungen löste und wie er Herzeloiden sich 
erkämpfte, mit bezug auf 35, 4 ist die lücke ungefähr folgender 
mafsen auszufüllen : das geschah durch Gahmuret. er hatte früher 
mit der mohrenkOuigin Belacane in der ehe gelebt und vorher 
Anphlisens liebe besessen, wie er aber von beiden sich lossagte 
und Herzeloidens gälte wurde, fährt dann 37 fort: 

des wil ich hie geswigen und künden in von magtuomlicher minne. 
Der vorliegende abschnitt ist uns in 25 gesetzen überliefert, 
von den plusstrophcn in H wurden 36. 33. 34 als unecht ver- 
worfen, au 30 und 31 ist nichts auszusetzen, und das alsus in 
Str. 32, 1 deutet darauf hin dass eben ein characteristischer zug 
Siguuens erzählt worden ist, wie ihn jene beiden gesetze so an- 
mutig enthalten, dürfen wir nun von dem zablenverhältnis, das 
wir oben angaben und schon an drei boispielen bestätigt fanden, 
gebrauch machen, so muss die erwiesene lücke aus 2 Strophen 
bestanden haben, unsere gruppe umfasste dann 24 gesetze. ^ 

* es lässt sich schon nacl) den ersten 12 Strophen (nach str. 24) ein 
absatx machen, das begrfibnis Schoysianens und die tanfe Signnens giengen 
band in hand. und ehe der dichter nun zu der geschichte der lebenden 
übergeht, blickt er noch einmal zurück auf die herlichkeit der toten: 
di§ Mich der grdl zem rrsten tragen He, das was Schoysdäne, 



». . 



WOLFRAMS TITÜRELUEDER 199 

Der zweite teil unseres abschniltes enthält folgende drei num- 
mern: die reise nach Bagdad, das geständnis Schionatulanders 
an Gabmuret und das Sigunens an Herzeloide. str. 83 und 108 
fallen auf. sie haben die eigentümlichkeit dass sie in ihrer 
ersten bälfte das vorausgegangene abschliefsen und in der zweiten 
die ankündigung des folgenden enthalten, str. 107 kennzeichnet 
sich in ihrem parallelismus zu str. 131 als schluss eines ab- 

in Str. 25 sehen wir Sigunc in ganz neuer Umgebung, das gröfsere stuck 
13—37 zerfallt also in zwei hälften (13—24 und 25—37) zu je 12 Strophen. 
ans diesem gründe scheint mir die Umstellung von str. 24 vor 22, wie sie 
Zamcke Beitr. vn 605 auf autorität von H vorschlägt, nicht ratsam, ebenso 
möchte ich str. 28 an ihrem alten platze in G lassen. Zarncke fragt, warum 
bei dieser anordnung Herzeloide, die tante Sigunens, fänf jähre als kinder- 
lose witwe wartet, ehe sie sich der schwesterlochter erinnert, die antwort 
lautet: weil sie vor dem tode des königs Tampunteire ihre anspräche auf 
die nichte nicht geltend machen konnte, denn dieser stand nicht nur als 
Taterbmder Sigunen genau ebenso nahe wie Herzeloide als mntterschwester, 
sondern hatte sich dadurch, dass er zuerst das kind bei sich aufnahm, als 
sein Pflegevater und zugleich lehensherr, das Vorrecht auf dasselbe erworben. 
erst nachdem durch seinen tod Sigune abermals verwaist ist, empfängt sie 
Herzeloide. die erklärung dagegen, die Zarncke aus der reihenfolge der 
Strophen in H herausliest, dass nämlich Herzeloide vor ihrer Vermählung 
mit Kastis, dh. so lange sie auf dem gralschlosse lebte, sich des kindes 
nicht annehmen konnte, hätte doch wol von Wolfram ausdrücklich ange- 
führt werden müssen, sie ist aber unwahrscheinlich, weil es nicht ein- 
leuchtet weshalb der eintritt in die väterburg Sigunen sollte verwehrt ge- 
wesen sein. str. 44 wird ihre Zugehörigkeit zu des grdles diet so besonders 
hervorgehoben , und Parz. 250, 22 ff unterrichtet sie wie eine augenzeugin 
den unwissenden Parzival von Munsalvaesche. — ferner hält es Zarncke für 
eine poetisch 'unmotivierte, ja zweckwidrige gleichzeitigkeit', wenn in G 
die Übersiedelung Sigunens zu Tampunteire und der tod des Kastis zu- 
sammenfallen, ich möchte in dieser anordnung eher einen kunstgriff des 
dichters erkennen. Sigune lebt fünf jähre mit Kondwiramurs an dem hofe 
Tampunteires. von dieser ganzen zeit weiCs Wolfram nichts weiter zu er- 
zählen als 25, 4: 

die zwuo gespUen wuohsen, daz nie loart gesaget von ir prises vlütte. 
da wendet er, um uns die leere dieser stelle weniger fühlbar werden zu 
lassen, absichtlich unsere aufmerksamkeit eine zeit lang auf andere Verhält- 
nisse: auf Herzeloide und Kastis. ähnlich, nur in viel ausgedehnterem maCse, 
macht er es bekanntlich im Parzival, wo Gawan sechs bücher hindurch den 
tatenlosen Parzival vertreten muss. — endlich ist noch auf den notwendigen 
Zusammenhang von str. 28 und 29 hinzuweisen: Sigune und Kondwiramurs 
müssen sich scheiden (2S), denn Herzeloide nimmt Sigunen zu sich. Kond- 
wiramurs weint beim abschied (29) — ein Zusammenhang, der durch die da- 
zwischen tretenden Strophen 26 und 27 in H getrennt wird. 



200 WOLFRAMS TITURELLIEDER 

Schnittes, demnach muss str. 108 und ebenso str. 83 der anfang 
eines neuen abschniltes sein. 

Von Str. 74 — 82 reicht also die erste gruppe. eine ver- 
gleichung mit J ^ lässt hier in G lücken erkennen, wenn str. 79 
und SO Gahmuret sich heimlich davon stiehlt, so wundern wir 
uns, ihn str. 81 von Herzeloiden ein liebespfand auf seine reise 
empfangen zu sehen, es muss str. *56 vorausgegangen sein, 
worin der abschied Gahmurets von Herzeloiden erzählt wird, der 
innere reim kommt natürlich erst auf rechnung des Überarbeiters, 
ebenso ist gegen die ursprünglichkeit der Strophen *55 und *61 
nichts einzuwenden, sie stehen in J zwischen echt wolframschen 
stucken und sind sogar frei vom cäsurreim (str. *61 ist wenig- 
stens ungenau gebunden), die vertauschung des wappenzeichens 
Str. *55 fehlt an der entsprechenden stelle im Parzival (102, 19. 
vgl. 101, 7 ff), hätte Albrecht jenes gesetz hinzugedichtet, so 
konnte es also nur nach analogie von Parz. 14, 12 ff geschehen 
sein, wo die ausrüstung Gahmurets zu seiner ersten heidenfahrt 
beschrieben wird: 

nu erlouht im daz er müeze hdn 

ander wdpen denne im Gandin 

da vor gap, der valer sin. 

der herre pflac mit gemden siten 

üf sine kovertiure gesniten 

anker lieht hermin: 

dd nach muos auch daz ander sin 

üfme schilt und an der wdt. 

legte aber der interpolator gewicht auf diesen zug, so dass ihm 
ein Zusatz im Titurel nötig erschien, dann hätte er sich schwer- 
lich bei der zweiten vertauschung des schildzeichens eine an- 
spielung auf die erste entgehen lassen, in beiden fallen gilt der 
anker als bedeutsames emblem für den abenteuernden glücks- 
ritter. der anker ist ein recken zil, erklärt Gahmuret Parz. 99, 15 
und an unserer stelle heifst es: 

ton zohel ein anker tiure 
slnoc man uf sinen schilt, als in recken wis fuor der gehiure.' 

^ ich eitlere J nach Lachmanos zähluog (der zählaog des alten drackes 
TOD 1477 cap. vn und x) und bezeichne ihre plusstrophen mit eioem *. 
* fllscklich vergleicht Bartsch (aao. s. 6) v. 1 Sin paniel wart •er- 



WOLFRAMS TITURELLIEDER 201 

wie die ähnlicbkeiteD, so lag es dann nahe, auch die verschieden- 
beiten der beiden Situationen hervorzuheben, denn damals war 
€abmuret als jüngerer bruder seines angestammten erbes ver- 
lästig gegangen und hatte deshalb auch sein väterliches wappen 
aufgegeben, er nahm es erst wider an (Parz. 99, 13. 101, 7 0) 
als ihm mit dem tode des Galoes das königreich Anjou zufiel, 
diesmal hingegen stahl er sich heimlich fort von land und leuten. 
— endlich noch eine kritische frage trat an den gewissenhaften 
fortseizer und interpolator Wolframs heran, nämlich aus welchem 
Stoffe der anker auf Gahmurets schilde bestehen sollte, im Par- 
zival ist er bekanntlich bald aus hermelin, bald aus zobelpelz, bald 
aus gold gefertigt 1 (Parz. 14, 17. 27. 18, 6fl. 23, 4 f. 59, 8. 64, 29. 
71, 3). alle solche andeutungen, wie sie eine zweite band ver- 
raten würden, fehlen unserer Strophe, wir haben keinen grund, 
sie Wolfram abzusprechen, bei ihrer conception war ihm offen- 
bar die stelle im Parzival nicht gegenwärtig, sondern ihn leitete 
einfach die logische folge der ereignisse: Gahmuret, der nicht 
erkannt sein will, muss natürlich auch sein schiltzeichen ver- 
andern. — für die beurteilung von str. *61 ist schon von Her- 
forth (Zs. 18, 293 fj hervorgehoben dass nur Wolfram dem 1216 
verstorbenen landgrafen, seinem gOnner, diesen nachruf widmen 
konnte, nicht aber der 30 jähre später dichtende Albrecht von 
Scharfenberg. und richtig bemerkt Bartsch (aao. s. 10) dass erst 
durch aufnähme dieses gesetzes die beteuerung in str. 83, 1 : 

daz rede ich wol mit wdrheii, ninder ndch wdne 
ihre volle bedeutung erlangt. 

Die Strophen *57 — *59^ sind natürlich zusätze (vgl. Bartsch 
aao. 8. 9). Str. * 58, 4 und * 59^ lassen Gahmuret schon abge- 
reist sein, der in str. 81 noch abschied nimmt, die trennungs- 
scene ist in diesen interpolierten Strophen nach gewöhnlicher 
Schablone weiter geführt: thränen und das versprechen baldiger 
heimkehr. 

kSrei mit Parz. 99,11 kSrt üf den schilt, die richtige erklärang der letz- 
teren stelle bringt er selbst in seiner ausgäbe n ▼. 1215: *kehrt den Schild 
wider nm wie er ursprünglich war.' wobei auf ii v. 643 (Lachmann 80, 9. 
▼gl. 91, 11. 98, 15) zu verweisen war: 'der trauernde trug das wappen 
umgekehrt vgl. Bech in Germania 7, 291.' 

^ das steirische wappen, das Wolfram dem königsgeschlecht von An- 
jou beilegt (vgl. Zs. 11, 48), war ein weifser panther in grdnem felde. 



202 WOLFRAMS TITÜRELLIEDER 

Unser abschnitt besteht also aus 12 Strophen, 9 in G über* 
lieferten und 3 plusstrophen aus J. str. *61 ist ein effectvoUer 
abschluss. 

Die Strophen 83 — 107 bilden die nächste gruppe. störend 
darin ist str. 94. die Versicherung v. 1 Au mit ir wol gelogen 
usw. unterbricht unnötig die rede des Gahmuret; die frage v. 3 
durh waz hdt sich geloubet din antlütze luterlier blick? ist schon 
Str. 92, 4 getan: wie vert ms Änphlisen knabe? und die selbst 
gegebene antwort darauf v. 4 din minn sich selben an dir roubei 
wird Str. 95, 1 widerholt : ich spür an dir die tninne, das zwei- 
malige minne str. 94, 4 und 95, 1 ebenso wie das gleichklingende 
gelouben 94, 1 und geloubet 94, 3 ist unschön. J bringt str. 94 
nach 97 an dem Schlüsse von Gahmurets rede, auch in dieser 
Verbindung ist sie aus den angeführten gründen zu verwerfen, 
wenn es gleich scheint, als ob hier ihre ursprüngliche stelle wäre, 
wir haben schon bei den Strophen 36. 33. 34 gesehen dass zu* 
Sätze, die J mit einer der beiden älteren Überlieferungen ge- 
meinsam hat, sich dort in besserer Ordnung erhalten haben, im 
vorliegenden falle können wir in der reihenfolge in J noch die 
veranlassung zur interpolation erkennen. Schionatulander fürchtet 
Str. 98 dass Gahmuret seine liebe misbilligen werde, wie wir 
sahen, ist diese sorge ganz unbegründet, das sucht str. 94 be- 
sonders hervorzuheben, die verse: 

Nu sult ir wol gelouben dem werden Anschevine, 
daz ei' gerne hülfe, ober möht, dem jungen seneden talfine 
entsprechen genau den worlen des knaben 99, 1: 
Du mäht, wiü du, ringen den last ungefHege. 

Str. 94 getilgt, begreift unser abschnitt in G 24 gesetze. 
die plusstrophen *S5 und '''Sß in J sind nicht zu verteidigen 
(vgl. Bartsch aao. s. 10). 

Es bleibt das letzte stück str. 108 — 131 übrig. 2 plus- 
strophen *97 und *102 begegnen in J, die manches verlockende 
haben und auch von Bartsch in den texl aufgenommen sind, aber 
die Überlieferung in G bietet keine lücken, und gerade an stellen 
wie die vorliegende, wo sich die bilder und metaphern drängen, 
lag für den interpolator auch die Versuchung besonders nahe, 
das original noch zu überbieten und die reihe der vergleiche mit 
eigener erfindung fortzusetzen, genauer besehen treffen die beiden 
Strophen auch würklich nicht den innersten ideengang des ersten 



WOLFRAMS TITURELLIEDER 203 

dicbters. sie sind nicht aus einem gusse mit den übrigen ge- 
setzen hervorgegangen. 

Sigune hat str. 116 ihre liebe zu Schionatulander gestanden: 
er qudt min wilde gedanke an sin bant, al min sin ist im 

bendec. 
in dem folgenden beschreibt sie die grOfse ihrer liebesqual nach 
den Symptomen, nach der würkung: sie tritt an das Fenster, 
sie wartet Ton der zinne, sie späht auf dem meere aus, ob der 
freund wol zurückkehrt, dagegen bringt str. *91 nicht eine 
Sufserung, sondern einen vergleich dieser unbegrenzten 
Sehnsucht: kein anker ist so tief in die see, wie ihr herz in 
Jammer versunken, man fühlt, wie viel anschaulicher die erste 
art der darstellung ist, als diese zweite, äufserlich ist das wider- 
holte jdmer in str. 116, 2 und *97, 3 zu bemerken, das bild 
des Qüchtigen hasen (alsam ein hose wenket) stammt aus Parz. 
1, 18 f. bei der vergleichung mit dem anker schwebte viel- 
leicht Parz. 461, 14 f vor. 

Str. *102 unterbricht den Zusammenhang von 120,4 und 
121, 1, oder schwächt doch die würkung. denn auf die klage 
120, 4 dass der geliebte sie kan miden folgt 121, 1 der ausruf: 

Owe des, mir isi sin hmft alze tiure. 
dazwischen aber versichert str. * 102 in halbem Widerspruch dass 
der freund sie im träume besuche, das kumt in str. "*" 102, 1 neben 
kunft in slr. 121, 1 klingt ungeschickt, eine Umstellung aber 
von Str. * 102 vor str. 120 scheint nicht ratsam , weil das drei* 
malige 6u)i in str. '*'102. 121. 122 sicher beabsichtigt ist, und 
Str. * 102 mit den vorhergehenden gesetzen nicht harmonieren 
würde, in denen Sigune in activer (ich hdn . . . min schouwen, 
fdk gen . . . an die zinnen. ich \Darte verre), nicht wie hier in 
passiver weise (er kumt mir vil dicke), ihre Sehnsucht zu er- 
kennen gibt, mag dieser grund pedantisch erscheinen, ich glaube 
nicht dass ein und derselbe dichter die Symmetrie der darstellung 
so verletzen konnte. 

Ohne die beiden plusstrophen in J enthält unser abschnitt 
24 gesetze. 

Das Schema des ganzen Stückes ist also dieses: auf eine ein- 
leitung von 12 Strophen folgen zweimal drei gruppen von 24. 18. 
18 (»s 60) und 12. 24. 24 (»» 60) Strophen, das geständnis Sigu- 
nens und Schionatulanders schliefst nach den ersten 60 Strophen.—- 



^M WOLFDAMS TITUREXLIEDER 

Wir fr^shen ytizi tut htint)s^uü^ des zweheo «lOckes str. 132 
\9%% 170 wSh^. in der (^ruppe if d«r bs«. des J. TiL wird es 
rriit einer Atrophe eingeleitet, die seine ursprOnglicIie zweireimig- 
keit lmi^ /uf(leieh f^einen titel uns melden: 

Himf. thf'^ z^ifalflmi dem hrackenseil hie wären. 
die ^PM\m\%Ui von dem hracken seile ist sein inhak. aber wir 
Aind hier mit der llherlieferung nicht so günstig darao, wie in 
i\9:T irorher((ehendi!n partie. str. 170 ist augenscheinlicb schlass 
den «hM-lmilleii, indem eine Fortsetzung, die allerdings in aussiebt 
M<iiitidll. wird: 

anevanr vil kumhers, wie wart der gel^zet! 
dm l'rrinrhfl wol dn tumhe und auch der grise 
mm dnn unvnznfff.tfin nicherhoten, obe der swehe od sinke an 

dem yrlse, 
inll ^llnx nnuor niluaticMi heginnen müste. allein str. 132 kann 
nnmOKlirli lii'danfang sein, denn wenn auch bei dem epischen 
nnuHor oim^ pnmniHclio Einleitung denkbar wäre, die den zubOrer 
hm nn don punct orionliert, wo die handlung des liedes einsetzt, 
HO munH doch dies nun l'olgende lied immer ein in sich abge- 
MchloNHoneH gan/os bilden, das nicht mit unbezüglichen ms in 
dor hilt Hihwohon darf, vor allem gilt das bei Wolfram, der 
\T\\\t der volkstUndiohen tonn seines Titurel ein höfischer dichter 
bli<«b und sein ^erk gewis vornehmlich zur lectüre, dh. für 
sohriniichr verlireitung bestimmte, unser urteil wird auch da- 
«hiroh nicht umgestimmt, dass sich die ankündigung der ursprüng- 
lich iweireunigen stn^phen« von der wir sprachen, in J ^un- 
mittoll^r vor dem beginne* unseres abschnitte«« also vor sir. 132 
tUuiH. ^ fWihch i^ehl daraus hervor dass schon Albrecht tob 
Si'harfenbon: denselben in keiner anderen gestalt als der Tor* 
hei^ieiidcn benntit bjit. aber wir wissen dass er selbst str. SS3 
Alm^r %i)e schlechte aberlic^erting «ier Wolframschen heder klagt 
und können uns njich der bishtTicen unten^ucbung eis uig<^ 
tlkhres l\dd seiner vor.Apr nvichen. sie wjr weder G aocfti H, 
*\W^ii Sie Kftt s;] bet.Vn hs5. direcl oder indirKl in 

^w ^ir s«eV« ^-efvif«, 15o 1?^ i» G t."?r« s^cii s 

4«» iwr^'KQjiM) MK^ an enrnfUMt rn«»;rfs r«f?:fL bf*te k^i« w 



WOLFRAMS TITURELLIEDER 205 

Aibrecbt stropheD verloren gegangen sein, wie aus dem folgen- 
den erhellt 9 waren sie des Inhaltes dass Sigune und Schionatu- 
bnder sich unterwegs an einem waldrande lagern. 

Da kommt (str. 132) ein bracke auf der spur des wildes 
durch das dickicht gebrochen, er wird von Schionatulander auf- 
gefangen und trägt an seil und halsband eine reichverzierte schrift. 
ehe Sigune sie vOUig gelesen, entwischt der hund. 

Schionatulander, der mitteler weile angeln gegangen war, 
springt auf das geschrei hin dem entlaufenen tiere nach, kehrt 
aber unverrichteter sache wider zurück. Sigune kuUpft ihren 
besitz an die widererlangung des seiles, und Schionatulander ver- 
spricht es zu suchen. 

Das fragment enthält zwei gruppen. die erste schliefst 
Str. 158, wo der hund entflieht, mit einer prophezeiung trauriger 
folgen; die andere beginnt str. 159 mit veränderter scene: Schio- 
natulander angelt, von str. 159 — 170 sind in G 12 Strophen 
überliefert, die plusstrophen in J sind sämmtlich unhaltbar (vgl. 
Bartsch aao. s. 12). 

Ich glaube dass str. 132 das ende des sonst verlorenen ersten 
abscbnittes ist. das trauliche beisammensein der liebenden wird 
durch die ankunfl des hundes gestört, wie str. 12. 73. 170 
schliefst Str. 132 das vorausgegangene ab und meldet zugleich 
die eintretende Verwandlung. 

Dann bilden str. 133 — 158 die mittelere gruppe. darin sind 
Str. 135 und 136 schon äufserlich verdächtig durch den Über- 
gang der construction aus der einen Strophe in die andere, sie 
hemmen den fortgang der handlung, die str. 134 schon so weit 
gediehen ist, dass sich Schionatulander zum fange bereit macht, 
und nicht durch unzeitige erklärung, weshalb der hund sich in 
die nähe der reisenden verirrte, und durch gehäufte voraus- 
deutungen und klagen unterbrochen sein will, wem der bracke 
gehorte, sollen wir erst str. 146 aus der Inschrift des seiles, und 
dass er seinem ersten besitzer entflohen sei, bei seiner zweiten 
flucht Str. 157 erfahren, die strdlsnüec mdl str. 136, 2 sind 
schon Str. 132, 2 beschrieben: üf rötvarwer vert nach umndem 
tiere. tilgen wir str. 135 und 136, so bleibt ein geordneter Zu- 
sammenhang. 

Die plusstrophen in J sind von Bartsch (aao. s. 11 f) als 
Zusätze erkannt, bis auf str. 138* (bei Hahn str. 1151), eine 
Z. F. D. A. neue folge XIII. 15 



WOLFRAMS TITURELLIEDER 



slrophc, die bei Lacliimiuii fehlt unA aicli nur in eiuem teile der 
liss. findet, sie lautet oacfa Qartscli: 

Der bracke was harmbhnc gevar ein klein vor an der stime, 

diu dren lanc, rät al sin här, aerfht geitalt vnd mit breitem hime, 

se brackm ich gemiilet und gele'rel, 

das teilt daz er dö jagte, mit guläiiier sträl icos ez geseret. 
dem 'mäDiilichen casurrciinc und dem ganz woll'ramisch gebildeten 
gemrilet (,vg\. gekündet 142.2)' zu lielie bat Barlsclt diese atrophe 
lllr ecbt erklart, es niuss billig aulTallen dass, oachdem wir be- 
reits 5 stropbcQ hindurch mit dem bracketi beEchültigl gewesen 
sind, uns jetzt erst die heschreibung seiaes fluTsereo uachgclieTert 
wird, gestall uud färbe pflegt sonst das erste zu sein, was sich 
an nrcmden objecten uns bietet, und kann nur so lange interes- 
sieren, als uns andere kennzeichen zur beurleiluug fehlen, wenn 
sie überhaupt gebracht werden sollte, gehörte die beschreibung 
des hundes nach str. 137, 1, wo das ticr durch das dickicht bricht 
und den augon der reisenden sichtbar wird, oder spfllesteus nadi 
Str. 137,4, wo Schionatulander es gefangen hat. für Wolfram 
war aber das brackenseil weit wichtiger, als sein trSger. kaum 
zeigt sich der hund, so wird nicht er, sondern sein balsband be- 
schrieben; kaum ist er gefangen, so werden die unseligen folgen 
angekündigt, die sich an dieses halsband knüpfen, bei solcher 
Spannung der erzahlung blieb keine zeit, uns vorher noch mit 
den obren und der harfarbe des hracken bekannt zu machen. 
unsere plusstropbe wird daher auf recbnung des inlerpolaiors 
kommen, der seinen nachtrag nicht anders einzuschieben wuete. 
weil die nötigen vier versc mit der trockenen aufz&hlung der 
gliedmafsen des hundes nicLl ausgefüllt waren , werden wir sm 
Schlüsse noch einmal an das verwundete wild, das der bradte 
jagt, erinnert. 

Der abscbuitt str. 133 — 15S besteht aus 24 gesetzen. 
Das Schema des ganzen Stückes ist nicht mehr zu bestimmen, 
nur die beiden letzten teile von 24 und 12 atrophen sind uns er- 
halten, aber allzu viel kann nicht verloren sein, denn das eigent- 
liche ihema bildete offenbar die begebenheit mit dem brackenseil. 
die uns vollständig Überliefert ist. das zweite lied ist demnach 
bedeutend kurzer gewesen als das erste von dem lieliesgesiaadnis 
Sigunens und Scbionalulanders, was sich dadurch rechlfertigt da»s 
in Blr. 170 auf eine forlselzung verwiesen wird. 



WULFRAMS TITURELLIEDER 



Dueere uiUeräuchuug Lat au stelle der bruclislUcke zwei 
uach iahalt und lorm scharf begrcaite eiahcitliclic ahscboiUe, 
ilti. lieücr Dach der weise des vüiksepos ergebeu, wie Müllen- 
hiifl ToraUESiigtc. dfm siebt nichl enlgegen dass Scbioiialulauder 
5ir. 39, 4 dirre doetUiure ein kerre heifst. denn ilvenliure be- 
deutet des 'äcbriftlicb aufgezeicliueten bericht, die urbuudlicbe 
<|uelle', ohne dass damit über die dichlungsarl (oh lied gder 
epopOie) etwas entschieden wäre, selbständig erhalten nehen der 
Überarbeitung im J. Tit. bestätigen die vorliegenden gesängc die 
recoDstruction epischer lieder, die die krilik an den Nibelungen 
und der Kudruu vorgenommen hat. und ebenso wenig, nie an 
diesen die hepladen, wird man an jenen die teiluugszalil sechs mit 
wolfeilem spotte widerlegen. 
Berlin 6. I. 81. JOHAN^ES STOSCH. 



ZUM WIGALOIS IlL 
a, (ragmtnt a»s Freiburg i. B. 
Herr profeisor üennann Paul hat die besondere gute gehabt, 
mir die abtchrift ditsea neiimif gefundenen bnichstückt einer H'ija- 
loielu. xutn gesrJienk au machen : icli stalle ihm meinen herzlichsten 
rJotit dafür ab. nach seiner brieflich-ai angäbe iDurile das frag- 
men/, der quergeschniilene streifen eiuea doppelblalles , der tchrift 
nofih dem xui jh. angehörig, von dem einbandrücken eines Lau- 
Ttnlim Valla, ElegaMiae linguae latinae auf der universiläls- 
bibliothek zu Freiburg i. li. abgelöst. i'cA gebe den lexl hier ge- 
nau nach Pauls copie. 
[• Pfeiffer 248, 2] : 
swaz ich >' rowen han becbant. ode mit den- o?- nu gusacb. 
der 'cboae machet din schone swach. dv bist ir aller • • • ■ 
gel. ich bau uoch her ciegei. Tur luler glas an gesehen, 
diner schone mvz man prises iehen. dv scolt ir aller chro 
ne trag'D^ din schone tnanigen liat erslagen. der noch 
wol lel)tl^ sin cit. ich wenc din svziv minne git. de her 
cen iamers stimme, dv bist div war minne. vil senlicb* 

' mlchr punclr lieHeutfn daii buchil/ibtn ahgttchabt rind * den 
nicht gam äeutllch; hinter ov, wie « te/itini, nur dn iuekitabe aui- 
gtkralst * wo t liehen niltv, lil dai pergamenl durc/ittoclien 



W^ neu WKALOiS m 

mmmt. des htrten jn der m\ 

wm woL ab de der Ach da kabea aoL Bit d§ d« frawre soll 

geMMB. ir fcoit mit frooden beidtr wcsea. sw ich 

m der werite far. gol hat siikb IIa gar. ctwt m At 

wd as eadi gdeiL tb bt er eech aoe IciL also aut 

frefdea allen, td weit ir daoDe behalte«, die sele 

io wir! daz ende gut. dt geh er iT des sdbeD mft. der 

twer mioiie gesamet hat. dar zo hapt ir ■äneo ra- 249, 9. 

1* 250, 2: 

eidiT^' iseB td feit ToUez rittersebefte lach, da naa hv 
farrdireof pblacfa. alle tage Toze ao die n^t sfs was mit 
Frrrdeo bedabt. daz laot daz e iamers phlacb. Til reuwic 
lieben manigen tach- Erek td min her Gawein. Laue 
let TD min her yweiD. die buhordierten oTch da TiL 
8T8 wert daz rit^icbe spU. ToUiclicben zewelf tage, 
nach der aTentiTre sage. aUo diT bobcit do ende nam. 
do cbom ein garzun ane scbam. ff den sal gel " * en '. der 
begunde sieb roTfeo. tB gebarn iamerlicbe. wan er 
was iamersricbe. ich weoe sin swere di? was groz. er 
lief nacbet tii bloz. aller bände cbleider. niewan dir 
re beider, zeweier schuhe vn einer nider wat im 
was aller bände rat. anders tu ÜTre. der brabt aTen 
tirre. eio bluticb sper cebrocbeo. da mit was erstochen, 
der chTDicb amyre Ton lybia. daz chunte er den ritern da. 250,32. 

V 263, 17 : 

geschar. vn daz ir aller widerbot were sin tagli 
eher spot. ern forhte si cenihte. td wolde zir ange 
sibte. geio id ligeo mit sine her. si funden rit^lich 
wer. strenge iost vn herten strit. ob si chomen im 
encit. mit manlicbem mute, her Gawein der gute. 
TU sin gesellen die wrden fro. div massenie bereit 
sich do. Til snelle zv der herfart. da manich schilt 

Terbowen wart, ot 3 der chvnigiD. da 

si inue scold sin. die varte durch des chuniges bet. 
daz oTch si vil gerne tet. wan ez ir beider miune 
riet. diT si nimer mer geschiet. swar min her Gwi 
galoys nv rite, frowe Larie volgte im mite, wan 
er die schone gerne sach. er hiez bereiten dTrch 

* etwas abgerissen ' durchlöchert ■ durchlöchert , 



ir gemacfa. ein harte schone chaslel. cemaze hoch vii 
sinwel. gerihtet vf eiuen belpraiit. dai mao vi) wo) '264, 5. 
2* 264, 37 : 

bringet ei von des altea )ant. vi) Terre vz der beiden 
Schaft, von solhen wiUen hal si chraD. die man mit 
go)de wider wigte. da von ir svzer smach gesigte. von 
relile ailen Witzen an. a)s ichn vernomen hau. ir svze 
eich nihl ge)icheo chan. Uaz ■ nelze was gestrichet 
wo). gu)diner scheDen hinge ez M. niden an d^ ende, 
ovcb warn die wende, mit beten vmlie lt;it. von riehen 
(ihe))en liv)ter br''"^ da vf geslrechel. die wen 
de gar bestechet, mit blumen vo daz hvs bestrcvt. 
«fer taeti des schin div herce frevte. schein alvmbe 
^vrcb div g)as. sweane ez an sine cüc was. svs was ge 
eieret schone, dar inne der frowen chrone. des wns 
ches aoiie. div chvnigiDne larie. durch gemach scoU 
riteo. in vil cburcen citen. nach ir wi))en ez was 
bereit, gezierel mit. grozcr ricbeit. swunne div fro 265, 2S. 
' grofiiir roler anfangibiiehilabe ' ditrchlöeheri 

ZwifchtH r und l*" liegai 32 verse, 29 mlhält l', also standat 
nmf iler vuUttändigm xtüt 61 tier«; aiotscfte» 2' xmd 2" liegen 
32 nene, 2* hat 2S. im ganzen also 6U- ich denke, man yehi 
nicht /ehl, wenn man diae zahl von 60 — 61 verseil ah durch- 
tchmtisoakl für die seilen der hs. annimmt, denn zwischen 1** 
MHä 2' fehlen 504 verse. und zieht man in betrachl, wie 1^ nur 
(Twa zur hdlfte hetealirt iit, so ergitn tich dass zwei doppelbldlier. 
mgefähr 480 =• 8 X 60 verse, swisciten 1" und 2' ijeleiien waren, 
da die bewahrten resle nur einer läge angehören, so ist es nicht 
vtCglich, den umfang der hs. sn berechnen. 

Das Verhältnis der lesarten von a zu denen der damit au- 
samwentreffenden wichtigen Ass. nnd fraginenie ABCFR lüsst sich 
in folgender übersieht darlegen : '348, 21 hechant ■+- f gegen alle 
erltant 22 otie, + BCF gegen alde^; nu gegen ie bei allen 
25 den -|- F fehlt gegen alle 27 muoz man + F gegen m. ich 
iei aUm 33 fehlerhaft minne ge^e« gimme bei allen 34 vi) + F. 
welches allen fehlt 36 ichn -f- B, gegen ich en A , ich CF; so 
jejm also hei allen 37 da + ACF, fehlt B 39 mit frouden 
9«gm min frOutie hei alien; beidiu -|- A gegen beyde BC 



210 ZUM WIGALOIS HI 

249, 1 vil fehU mit BFR gegen AC 3 lat + (7 gegen andere 
formen in ABF 5 weit + ACF gegen wolt B 6 wirt + ACF 
gegen wert B 7 nu + ^BF gegen C 8 gesamet + FR gegen 
alle gesament 9 hapt gegen aUe habt 350, 2 beidiu + A 
gegen beyde BR; wisen + BCR gegen wise A 3 allez fehlt 
mit AC gegen BR 4 buhurdirens -f- BC gegen buhurdieres A 

5 uDze + AC gegen biz BR 8 reuwiclichen -{- AC gegen ru* 
wellichen BR 9 her + AC gegen herre BR; Gawein + BC 
gegen Gawin A, auch 263, 27 10 LaQzelet und min her -f- C 
gegen ABR, denen min fehlt 12 riterliche sp. -f- ^B gegen riter- 
spil C 13 -liehen + A gegen -liehe B(C) 15 do ^«</en otte 
16 ane + BC gegen an A 17 sal -f- AB gegen hof C 18 sere 
in B (R vaste) /eA^ mtlt AC 19 gebarn -f- B gegen geb»reo A, ge- 
boren C 22 nachet+ilA ff^ff^ nakkent C 24 niewan + A^«^^ 
niwan >!, nüwan C, nuwant R 25 zeweier + iCA gegen zlwier 
£; schuhe -f- il ^e^^ schdn B, schäch C 29 Gebrochen -f- AB 
gegen zerbrochen C 31 amyre eher + A Amire als B Amiere, 
C Amere 32 chunte + i4 gegen B tet er kunt (kündet R); 
den + BC ^e^eyi Schreibfehler dem A 363, 19 taglicher ^^en 
alle tegeiicher 20 ern + A gegen er en B, er C; forhte -{- Ä 
gegen AC forht 21 wolde AB; zir -)- A ^e^en ztfi ir B, ir C 
22 gein gegen alle gegen; in + BC gegen A im; in sine ür ntir 
der abkürzungsstrich ausgefallen 23 riterlich gegen alle -liehe 

24 strenge + £ ^e^en A(7 strengen ; iost gegen B tschAst 
25 chomen -\- A gegen kiemen BC; im -)- AB gegen C 28 sie -f- A 
^^H sine B 33 scold gegen alle solde, aticA 265, 20 34 varte — 
bet gegen vart — bete bei allen 35 tet gegen tete bei allen 36 wan 
gegen alle wand(e), auch 40 38 swar -f- AC, swa B 39 volgte 
im + ^ <7^^^i im volgte BC 40 schone gegen alle scboeoen 
864, 1 -4- BC er hiez bereiten durch ir gemach, während A liest 
er h. ir machen ein g. 2 schone -{- B gegen AC schoenez 
3 cemaze gegen B ztA mazen ; hoch + BC gegen ho A 4 ge- 
fihtet gegen alle geriht 5 daz + A <^e^eii den B 37 von -f- AC 
gegen uz B 3S uz + AB gegen von C 39 die /ieUr mtlT B 
40 wider -f- BC gegen wirdcr A; wigte : gcsigte gegen alle wiget : 
gesiget 265,2 witzen falsch gegen ol^ würzen 3s=3ei + B 
gegen A , dem es fehlt 4 sich -f- BC gegen A , dem es fekli 

6 hinge gegen alle hieng 7 unde B fehlt + AC 8 im A 
fehlt + BC 9 mit beten + BC gegen A; es fehlt und mnbe 



ZUM WIGALOIS m 2t 1 

beleit, was aber darauf hinioeist dass beleit in der vorläge ge- 
standen war 10 rieben + AC; pf eilen + AC; kvlier + B 
1 1 da uf gegen dar uf (druO AC(B) 14 herce + A gegen herzen BC 

15 schein fehlt nicht wie in A ; diu -4- ^ g^g^^ BC 16 swenne 
+ A gegen B; cite + A gegen den plural in B 18 frowen 
gegen alle frOuden ; die entgegengesetzte vertauschung E 247, 33 

23 ez was -}- C gegen was ez AB 25 swenne -{' AC gegen 
wen de B. 

Daraus ergibt sich, trotz vielfadier kleiner einstimmungen 
mit A, zweifellos dass a zu der gruppe y in meinem diagramm 
Zs. 22f 363 gehört, welche die haupihandschrift B einschliefst, es 
fällt sofort auf dass a, obschon es nur 29 verse mit F gemeinsam 
hat, doch an 13 wichtigen stellen mit diesei^ hs, geht, darunter an 
4 mit F allein gegen alle anderen, a kann nicht die vorläge von 
F gewesen sein: 248, 33 ist minne fehler für das in F richtig 
eonservierte gimme. aber es kann auch nicht F vorläge gewesen 
sein für a. dagegen spricht die lautbezeichnung in a. ich hebe 
folgendes hervor: i für ie, u für uo, üe; ou für öu, o für ob, 
(a für e) eu für in; ow, uw für ouw, iuw; w für wu, zew für 
zw. f für V, pf für ph, ch für k, ck, besonders im au^laut, c für z. 
wenn man damit vergleicht, was ich in meiner schrift Vorauet^ 
bruchstücke des Wigalois (Graz 1877) s. 6 /" über F beigebracht 
habe, so ist es sicher dass die lantgebung von F starke fortschritte 
in der richtung nach der österreidiischen mundart hin aufzeigt, 
aao. s. \1 f habe ich dargelegt dass F höchst wahrscheinlich aus 
B abgeschrieben ist. der Schreibweise dieser hs. nun steht die 
von a sehr nahe (vgl. Pfeiffei' Quellenmaterial i s. 49 f), sie trägt 
nur etwas jüngeren character, insbesondere durch weglassung der 
längezeichen, die annähme dass a direct von E abstamme, erklärt 
die Übereinstimmungen mit F und findet in der Schreibung kein 
hindemis. es scheint noch erwähnenswert dass EF und a in un- 
abgesetzten versen geschrieben sind und mit ganz ähnlicher zahl 
der verse auf einer seile: E circa 58, F 60, a 60 — 61 (in E 
schliefst ein blatt mit 248, 20, in a beginnt eines mit 248, 21). 
dadurch unterscheidet sidi diese gruppe von allen anderen hss., 
denn auch A, das noch unabgesetzte verse enthält, hat auf seinen 
27 Zeilen einer seite nur 40 — 41 verse. mit a ist die zahl der 
Wigaloisliandschriften und -fragmente zu 25 angewachsen. — 
Bei dieser gelegenheit komme ich auf eine anmerkung zurück, 



212 ZUM WIGALOIS III 

weiche Bartsch in setner Germania 25, 127 gegen mich gerichtet 
hat. nachdem er erwähnt hatte dass m der Zs. 19, 237 f das 
Wigaloisfragment J von MüUenhoff (nach abschrift Storms) wider 
abgedruckt worden sei, welches schon in Pfeiffers QueUenmaierial 
I 55 (nach abschrift von Munch) gegeben war, bemerkt er weiter: 
*SchÖnbach, dem bei der Zusammenstellung des handschriftlichen ma- 
teriäls hinterher der Sachverhalt bekannt wurde, fügt freilich hinzu 
'besser von MüUenhoff', das hat den anschein, als wenn M. den 
'schlechteren* abdruck bei Pfeiffer einfach mit stillschweigen über- 
gangen hätte usw.' und zum beweise dass ich die bezeichnung 
'besser' zur entschuldigung von Müllenhoffs übersehen erfunden 
habe, bespricht Bartsch zwei stellet^, woraus dann einleuchten soU, 
Pfeiffers abdruck sei der 'bessere', die erste stelle 269, 7 ist arg 
corrumpiert (vgl. meine oben dtierte schrift s. 18 /) und es isi 
keineswegs so sicher, wie Bartsch meint, dass mit richtig sei. und 
an der zweiten stelle 271, 33 ist im, was Munch las, ebenso 
falsch wie dd von Storm, denn es muss io heifsen. nun aber 
weiter, an und für sich schon machte Storms abschrift den ein- 
drtick gröfserer Zuverlässigkeit auf mich als die Munchs, was nicht 
zu verwundem ist, da man 1875 gröfsere anforderungen an die 
genauigkeit bei lesung von hss. stellte als in den vierziger Jahren, 
aus denen das blatt von Munch stammt. 

Graphische details ff für s, i für z, nordisches d für d), 
beschaffenheit der anfangsbuchstaben , Silbentrennung und zeHen- 
umfang werden von Storm an vielen stellen sorgfältiger angegeben 
als von Munch; ebenso verzeichnet Storm die abkürzungen, welche 
Munch meistens auflöst. 269, 10 orte Slorm, orde Munch, wäre 
im fragment vereinzelt. 270, 2 liest Storm du vruowen (= vro- 
wen), Munch das vollkommefi sinnlose iuocvrowen. 270, 10 hat 
Munch Her ecke, was nichts heifst, während bei Storm Her erke 
als corruption von 6rec erkennbar ist. 270, 39 vor Storm ^ vfr 
Munch. aus dem angegebenen ist ersichtlich dass ich in gutem 
rechte war, wenu idt die von MüUenhoff benutzte abschrift 'besser^ 
nannte, als die, welche Pfeiffer gebraucht hatte. Bartsch aber hat 
die eben beigebrachten stellen bei der vergleichung ebenso sehen 
müssen, wie er die zwei gesehen hat, welche er benutzte, um 
mich zu verunglimpfen; er hat aber nur die beiden namhaft ge- 
macht, von denen er meinte, sie könnten seinen zwecken dienen, 
die anderen hat er verschwiegen, ich iUferlasse es den fach- 



ZUM WIGALOIS Hl 



213 



gmouen, fQr dieses verfahren die gthilrende bezeichnimi) sm finden. 
— noch tcheivt es nicht ilberflässtff zu erinnern dass es lier- 
lelb« BartKh isi. der in setner hearbething von Kobertteins Grund- 
riu I, wo exaetheii der bihliographisr.hen daten seine hauptauf- 
jaftr war, die nnr wetiige jähre vorher erschienene schrift seines 
freundet Pfeiffer: Quellenmaterial }. ii setbn ganz vergessen halle 
iwat er eben MiÜtenhoff votieirft) «nd sich genätigt sah. in den 
naeklrdgen s. 454 den inhult derselben vollständig aufswflUiren. 
Gran. 17. 1. 81. AMON SCHÜNBACK. 



REIMPREDIGT. 

In seiner lehrreiclien recension vga Cniels Geschichte der 
deutscheo predigt im miltelaller, Anz. vu 189, spricht Edwarü 
Schröder zweifel aus darao, dass die von mir Zs. 16, 165 if publi- 
cierie CäcilieDdichluog als gereimte predigt auriufassen sei. die 
TOD ilim auf 'gut drei stunden' vielleicht etwas zu hoch veran- 
gclila(jte daucr der recitatioD scheiDt mir keine zureichende ein- 
weaduog gegen meine aao. s. 223 aul'gestellte Vermutung, ich 
habe noch hinzuzufügen dass sonol die Verbindung der Cilcilien- 
legende mit dem einleiteuden evangelischen teit von den zehn 
jungTraueo wie manches detail des gedichtes auch in der predigt 
bei Honorius Spec. eccl. ed. Migne p. 1027 IT sich findet. ahn> 
lieb wird mit der Agueslegende von Gregor dem grofsen in der 
11 liomilie in evangelia derselbe text verliundeu. die Vita VVil- 
librnrdi wird mit einer vorangehenden liomilie AIcuins vorge- 
tragen. — die existenz der gereimten predigt als gaUung halte 
durch Vugi Beitrüge 2, 293 nicht angezweifelt werden sollen, 
iadeiu ich zunächst aus der l'rcmde aa die von Suchier Halle 1879 
edierte reimpredigl und an die Meirical bomilics ed. John Small, 
Edinhurgh 1862, erinnere, führe ich etliches aus der deutschen 
litteralur .in. einzelne gereimte stellen in predigten, besonders 
am scblnsse. kommen öliers vor, vgl. I'jeiffer Mystiker i 557 anm. 
zu 372, 11, wozu noch Grieshaher n p. xxti zu notieren ist. 
eine gereimte parodische predigt sieht in Lassbergs Liedersaal 
3, 125 fr, aus einer anderen hs. bei Keller Erzablnngon aus alt- 
deuudien bss. s. 26 (T, auch in einer Wiener bs. vgl. Kellers 



21 4r REIMPREDIGT 

anmerkuDg aao. in reimen gibt den inhalt einer protestantischen 
und einer katholischen predigt wider Hans Sachs Werke i 397 fT. 
Scheibles Kloster enthält i 156 fr eine gereimte fastnachtpredigt. 

Graz. ANTON SCHÖNBACB. 



ALTHOCHDEUTSCHE EIGENNAMEN. 

Codex palat. 494 der vaticanischen bibliothek m. 8^ 11 jhs., 
enthält bl. 1 — 75^ das Evang. Matth. , gebete an verschiedene 
heiligen, sonstige gebete. aufserdem auf 75^ von einer zweiten 
band (b): 

Liubburc Rihmint G , . . bbern Liutgart 

Odigeba Regingart, Gozzo. Wienant. * * Emhilt 

HildiboU Otsuint. Uodelart Gunda Uoddart 

Gunbolt Bernhelm hildibolt Adaluuib 

Hermfrid Sigebolt GimboU Engilburc 

Berehderat Uuicbnrc Herrihc Kunignnt 

G . . . Wahharius Diederad Irmingart, 
auf 76* in der linken oberen ecke: Ruobbrath. Gerbraht; dann 
in der ersten zeiie : ^ Guntharius aduocaius. 

Es folgt nun von einer gleich alten dritten band (c): In no- 
mine sanctCB et indiuiducB trinitatis, Notum sit omnibtis fidelibus 
ckristianis, prcesentibus et futuris qualiter ego Gerhartdus ob sa- 
lutiferam animcB mecB memoriam, emi a gezone libero homine 
nintam unam in marca gozenesheim. sitam cognomine kele- 
were, ea uidelicet conuentione. ut ipse scilicet gezo libera manu 
stia traderet eam super altare sancti philippi, et mihi et posteris 
meis in stabilem hereditatem manciparet, ea conditione ut quam- 
diu uiuerem ego omni anno et posteri mei in anniuersario die 
meo, fratribus. domino ^ et sancto philippo seruientibus Ix, panes. 
et unam uictimam porcinam. v, solidos ujalentem, et unam ha- 
mam uini. persoluerem. facta est autem haec traditio in conspectu 
plurimorum, clericorum. ac laicorum, Clericorum, Adalberti, 
praepositi, et fratr^im eius, Drutkindi, Vocmanni, Here- 
geri. Henrici. Liuboldi. Liutdolfi, Vezelini, Eme- 

* 1. Wienant, * wahrscheinlich voo derselben hand b. 

' oder deo. 



ietini. Ellemanni. Vocconis. Adatberli. Gezvtatitti. 
Hggexonis. Laicontm. Adaiberii. aduocati. Druiiewini. 
RegtnoHi. Gtrungi. Ilunberli. ÄdalbeTti. Dimonis. 
tt aliontm quam plurimorum Qiiicumqve infidelt's et peniersns ha»c 
Iradilionem inßrmaua-H. infernalis puleiis. animam illius aim 
corpore, stisn'pial. et nutnquam inde txeat. nisi cum diaboltu 
tjnaiam sabiaioris acquirat. Amen. 

Die vergleichiiug der ei^ünnanien lehn (Jobs beido teile von 
Jinem )icsichUpiincte aus behanHell werden kOnneD. über eine 
einzige orlhograpliisdie aliweicbuog (Id ^ d. t) In der iradilions- 
urkunde vgl. spater, für den lautstand ist folgendes charac- 
terislisch : 

Gol. iJ = J. im anlaute: kein beispiel. im Inlaute: Uil~ 
HAolt. üdigeba, Ditderad. Drvdeuiim. gol, rf = ( im auslaute: 
Lhttgarl, Irmingart, Oriilkindi, Regiiigait, Emhi'll, Otmiiit, Uodrt- 
ort, Ktiniijunt, Wallhaiius, Gitnlharius. docb aucli im auslaute 
ist got. li ^ d in Diederad, doa neben Berehderal eraclieiul. gol. 
tk='d. anlaut: Diederad. inlaiit: Adolwtib, Adaiberii, Uodthrl. 
auslaul: Ihrmfrid. dagegen = ( in den composilionen mit 
'tuini: Riksuinl, Olstiini und solchen mit -bolt: Sigebolt, Gmh- 
boü, Gimboll. llUdiboU. diesen steht jedoch durch erweichende 
wOrkuDg des l im inlaiilc gegenüber Ihibotdi. gol. t ^= rJ in 
der «Trbiuduüg mit r: Dnakindt, Brtidewitti. gol. hl — hl: Ger- 
braht, Rtiobhath. dieses t erschoiat auch im inlautc: Adaiberii, 
Hunberti. über die characteristische laiitverbinüung hd: Bereh- 
deral vgl. MSi> XXII. — Id in Gerharldua und Linldolfi der Ur- 
kunde beweist nur die unsicherheil des Schreibers, entspricht 
ganz dem oben nacbgcnicseneu Wechsel zwischen d und ( l'iir 
got. d und findet sich auch sonst als zeichen des Schwankens 
besonders im rheinfrltnkischen. vgl. MSD ixii. VYeinhold Mbd. 
gmmmatik 1S2 weist GoldeKndis iiS. schon in den Lorscher Ur- 
kunden des IX jhs. und aus dem alldlichen Rheinl'ranken nach. 

Gol. b =^ b. anlaut: Liubbnrc . . . bbern, -boU, Bemhelm, 
EHgilburc , Bereltderal , Üuicbnre , Biiobbralb . Gerbrahl . - berli. 
inlatil: Odigeba. auslaut: . . . bhem. Adalvuib. bb durch zu- 
mmnenMors des aus- und nulauleoden b: Liubburr (oder ^ Linl- 
burc?}, . . . bbem, durch iissioiilalion in Riwbbralh. 

Gol. g = y. anlaut: Ueregeri, Liulgarl, Odigeba, Regin- 
aart. GuHda, Gunbolt, üuntharius. Kunigutil. Irmingart, Gerbrahl, 



216 ALTHOCHDEUTSCHE EIGENNAHEN 

Gerharidus, Gozenesheim. inlaut: Regingart, Engilburc, Regmoldü 
got. ^=c im auslaute: Liubburc, Engilburc, Uuicburc, Wicnant. 
gg: Eggezonis. — k erscheint als k und nicht als ch: Kunü- 
gufU, kdewere,^ Drutkindi. 

Characteristisch ist ferner für unser denkmal dass nur uo 
nicht ua erscheint: Uodelart, Ruobbrath. vgl. über dieses 'unter- 
scheidende merkmar für fränkische dialecte MSD xix. ortho- 
graphische eigentümlichkeiten sind : th^== ht in Ruobbrath un- 
mittelbar vor Gerbraht und hc^^ch: Herrihc gegen RihsuitU. 

Die behandlung der medien, besonders in der dentalreihe 
beweist dass wir es mit einem fränkischen denkmale zu tun 
haben, nach Franken weist auch die in der Urkunde erwähnte 
marca Gozenesheim, welche nach Codex diplom. Laureshamensis n 
nr 1239 uö. im pagus Wormat. , also in Rheinfranken lag, wo- 
selbst sie schon für das 8 jh. belegt ist. dasselbe Gozenesheim 
mit und ohne den zusatz marca erscheint nach Fürstemann ii 623 
noch bei Dronke Codex dipl. Fuldensis nr 653 anno 907 (Goz- 
zinesheim) und bei Zeufs Tradit. Wizenb. u nr 87 saec. 9 (Gozi- 
nesheim), das kloster des heiligen Philipp (denn anders kann 
jenes super altare sancti philippi und insbesondere das sancto 
phüippo servientibus wol kaum gedeutet werden) fest zu localisieren 
war mir nicht möglich, man darf wol in betracht ziehen dass 
das kloster des hl. Nazarius in Lorsch zahlreiche Schenkungen 
aus dem benachbarten Wormsergau erhielt (vgl. Cod. Lauresh. ii), 
darunter auch mehrere aus Gozenesheim; dann liegt die Ver- 
mutung nahe dass auch unsere Schenkung an das berühmte 
kloster (vielleicht an eine filialkirche) geschah, und die Urkunde 
mit anderen Lorseber nach Heidelberg gelangt sei. vgl. einlei- 
tung zum Cod. Lauresh. i f. ^ mögen wir nun aber die ent- 

' die etymologie von kelewere ist mir anklar, der name begegnet in 
keiner quelle, mit Kelueri, das nach Wilmanns Kaiserurkunden 28 im 9jh. 
in Westfalen erscheint, liann es in keinen Zusammenhang gebracht werden. 

' ein hl. Philipp wOrkte im 8 jh. unter Pipin in der Rheinpfalz und 
gründete zu ehren des hl. Michael das kloster Zell (unweit Worms), vgl. 
Stadler Heiligenlexicon 4, 891 nr 12 und Böttcher Germania sacra s. t. Zell, 
die Vermutung liegt nahe dass dieses der ausgangspunct anderer Stiftungen 
war, deren eine nach seinem namen benannt wurde, und in der tat ist 
nach Gudens Cod. dipl. Mogunt. ein SPhilippus Schutzpatron eines klosters 
Zell, aufserdem finde ich nur noch bei Schannat Dioec. Fuld. p. 25 eine den 
aposteln Philippus und Jaeobns geweihte kirche und bei Beyer Urkunden- 



ALTHOCHDEUTSCHE EIGENKAMEN 



217 



sUhuBg der urkuode in den Rheingau oder Woroisergau ver- 
legen, der lautstand weist durch die slarke bevorzugurig der 
nedieu (MSD x\i), DumeDtlich in der deulalreihe, iu (Iberein- 
sliminuDg mit den liistorisclien Zeugnissen auf das rhein- oder 
mittet fränkische gebiet. 

Die Chronologie zu Lestimmen ist sehr schwierig, denn es 
[ehien alle historischeu anhalUpuucle. doch ist Tür das denkinal 
cbaracteHstisch: der umlaut des a: zb. Regingart , Htgtnoldi, 
BngiBnin, Heregeri, Ellemamii (vgl. dagegen Waliharim, Gvnl- 
harius); geschwächtes e (wofür nicht t erscbeinl) und volle vo- 
cale halten sich die wa^c: IJodelart, andererseits die zusanimen- 
selzungeii uiit Aiial- und Odigeba. geschwächter epentbeli scher 
vocai in Btrthderat. dem Regingart, Hildiboll. Engilbttre, Odigeba 
steht Sigebant, SigtboU, Heregeri, ElUmanni, Regenoldi gegenüber. 
Goxenedieim erscheint bei Drunke noch a. 907 als Gozzinesheim. 
wir haben ferner mehrfach erhaltenen comi)osilionsvocal; Odigeba. 
BiidiboU; SigeboU, Sigebant, Dnidewini. die dipbtbonge erscheinen 
nudi durchaus in der vollen form : Uodelart, Ruobbratk, tinbburc, 
Liuboldi, Liulgarl. brechung begegnet iu Diederad. von jenen 
xweiten com positionsteilen, die allmablich zu bildungssilheu ber- 
Bbfiinken, erscheint die volle form bereits selten : Drudaeini gegen- 
Uber den compositlonen mit -bolt und -elf, Regenoldi, oder zu- 
MRimensetzungen mit -berl gegenUher Ruobbrath. Getbrahf. vgl. 
HnlienlioiT Nordalbingiscbe Studien 214, Henning Sa nc [gallische 
eprachdenkmUler lOS f- natürlich finden wir die filtere lautgruppe 
aui f. öl nicht mehr: OtsuinI, Odigeba. auch der consoDaulis- 
mus zeigt bereits die Jüngere rbeintvankisclie geslall. es begegnet 
kein Hr:Ruobhralh, die spirans ik (dh) für got. th ist geschwun- 
den und d hiefür consequent durchgeführt (MSD xxi). Verän- 
derungen hingegen, wie sie bereits ende des 11 und anfang des 
12jbs. htlutiger sich einstellen, uuil das neufrünkische md. charac- 
terisiereu (HSD xxviFJ, vor allem die monophthungierungen, er- 
scheinen in unserem denkmale noch nicht. 

Soweit es erlaubt ist, hiernach eine zeitgreuze anzusetzen, 
durfte die ursprüngliche aurzeichnung iu das 11 jh., genauer in 
die erste biilfle desselben, Talleu. 

bocti der miltcIrheinisirliFii terriloiicnii 
tlü», Philippi, Jacobi el Walburgis in 
Wien, november 18S0. 



r i:cvni eine kirche zu ehren (rini 
t diöcese Tritr. 

RUDOLF LÜHNER. 



218 DER KLANG DER BEIDEN KURZEN e 



DER KLANG DER BEIDEN KURZEN e 
IM MITTELHOCHDEUTSCHEN. 

Die beiden laute germ. ^ und umgelautetes a (i und e), 
deren unterschied die nbd. gemeinsprache meistens verwischt^ 
wenn nicht secundäre momente einen solchen aufrecht erhalten, 
stehen im 13 jh. bekanntlich noch so weit von einander ab, 
dass sie sich im reime nicht binden lassen, die quantitst ist 
gleich, ein qualitativer unterschied kann nur dann zur erklflning 
genügen, wenn der eine laut offenes, der andere geschlossenes e 
gewesen ist. wie verteilen sich nun die zwei laute? Weinhold 
Mhd. gramm. § 26 reproduciert die ältere und vielleicht jetzt 
noch übliche ansieht: '^ war reines e, e dagegen e^' auch noch 
in seiner eben erschienenen Kleinen mhd. gramm. (Wien, Brau- 
müller, 1881) § 14 äufserl er sich: *die ausspräche von i war 
ursprünglich geschlossen, von e oder ä verschieden.' selbst der 
Schwabe Schleicher spricht sich im gleichen sinne aus Die deutsche 
spräche' 145: 'e ein weiches, dem t noch nahe stehendes e, im 
klänge dem ^ ferm6 der Franzosen gleich' und s. 146 'e (sprich 
kurzes ä),' Scherers bemerkung hingegen zGDS' 28 'dieses (i) 
denke ich entspricht Brückes e, jenes (e) dem e"' finde ich in 
der 2 aufläge nicht wider. 

Worauf beruht diese entscheidung? zum teil sicherlich auf 
der Vorstellung des Umlautes von a, welche hauptsächlich die 
grammatiker der letzten Jahrhunderte in uns rege gemacht haben, 
indem sie da, wo sie e als umlaut von a zu erkennen vermochten 
oder vermeinten, die Schreibung ä einführten, und wir diese 
Orthographie mit pflichtschuldiger achtung vor ihrer ehrwürdigkeit 
beibehalten (vgl. Wilmanns Kommentar zur preufsischen sch'ul- 
orthographie s. 56 fl). unwillkürlich sind uns darum fälle wie 
väier, älter, schätze, er fährt die Vorbilder für den klang des e. 
hauptsächlich aber kommt eine nahe liegende erwägung in be- 
tracht: e ist eine abzweigung des a, e steht mit t in engem 
verbände, folglich wird sich der erstere laut mehr dem a, der 
zweite mehr dem t genähert haben, diese Schlussfolgerung kann 




IM MITTELnOCHDELTSCHEN 



219 



I aus Giimms worlen Gr. 1% 74 üeullicli herauslesuu. eiue 
ebenso nahe liegende erwSgung baue aber aucb schon früher 
gerade aul die gegenteilige ansicbl leiten könneu. e gehl durch 
ßrbüDg aas a, oder wenigstens einem a-arligen laule hervor, e 
enUtcht aus einem anderen laute durch heiinischung der i'-Tarbe. 
heute mass jedem bei einiger aurmerksamkeit dieser schluss nüher 
hingen, als der andere, oder das herUbrlc Verhältnis muss doch 
davor warneu den letzteren zu ziehen, ich sage darum manchem 
gar nichts neuee, nnnn ich behaupte: ght im mhd. e" (Sievers e', 
Scherers [iGDS' 35] e'), e Brückes e {Sievers e'. Seherers e'). 
Weigand hegte dieselbe ansieht; er uenul in seinem WUrlerbuche' 
s. 405 e das 'hohe', e das 'liefe', was wol nicht blofs auf die 
nhd. laute zu beziehen ist. sein Zusatz 'das liel'e e hat sich im 
ahd. aus I gebilüel' zeigt übrigens dass er die erkenntnis nicht 
auf dem angedeuteten wege gewonnen hat. aucb Engelien muss 
irgecdwü das richtige gel'uuden haben; er sagt Gramm, d. nhd. 
spräche, Berlin 1S67, s. 33: 'die ausspräche dieser beiden e muss, 
wie aus den reimen hervorgeht, im mhd. merklich verschieden 
gewesen sein, dies wird um so glaublicher, als selbst beute 
u«ch an den alten sitzen der mhd. spräche, in Wilriemberg, im 
badischen herlau de und in der Schweiz beide e aufs deutlichste 
uulerschieden werden, das aus a eolstandeue hat den laut des 
frz. I* (naher dem t^, das aus i entstandene den des fi-z. e (naher 
dem a}.' aber alte irrtUmer hatten Test, und es wird darum nicht 
UberftOssig sein, die behauptung zu beweisen. 

Europäisches e ist e", germanisch hat es den gleichen klang 
behalten (Müller Zs. f. vgl. sprachl. 24, 508 IV}. diese salze sind 
mir zweilellos. ' bat im 12 und 13 jb. das hil. c den alten klang 
nocb immer gewahrt — eine Voraussetzung, der an sich nichts 
im Wege sieht — , so muss bd. e notwendig der geschlossene 
laut sei», es würde wol nicht schwer fallen, ein umfangreicheres 
maierial zum beweise fllr diese annahmen beizubringen, aber 

' unicr diesen amsläaden wild Treilich der Übergang des >■' im gol, lu i' 
iDcli bei i7 (»od bei ti, mfissea wir wol mit Paol hinzurügeD) in der fol- 
fcnd^n Silbe um «o soffallender. «Hein ilies bedciikea kann den obigen 
füll Dicht wankend macben. die eigenlümlichkcit ist Imt gans speciell 
tolücb uiid lianD darum aueb gani apecicile gröadi- haben, und aufserdem 
kAonen wir eo i(i«o gar nicht wissen, was wir an gol, i haben, ohne wdteres 
dfirfen wir nar sagen doss es ein laut Ist , welcher irgendwo zwischen n 
und i liegt (Möller aao. $. SU). 



220 DER KLANG DER BEIDEN KURZEN e 

jeder kaoii es selbst leicht finden, wenn er die germanischen 
▼oealverbältnisse unter diesem gesichtspuncte betrachtet, auch in 
jüngeren zelten, als für welche Moller aao. den beweis führt, ich 
begnüge mich mit einem Zeugnisse, welches die heulige schwä- 
bische ausspräche an die band gibt, denn dasselbe ist völlig ge- 
nügend. ^ die vermittelung bei der argumentation bilden die aus- 
nahmsweise vorkommenden reime zwischen ^ und e bei dichtem, 
die im allgemeinen dieselben vermeiden. Grimm bandelt aus- 
führlich über dieselben Gr. t^ 139 ff (vgl. die weiteren bei Wein- 
hold Mhd. gramm. § 29 citierten stellen), die tatsache aber, auf 
welcher der beweis basiert, besteht darin, dass zwar der heutige 
schwäbische dialect mit eminentem conservativismus € sehr ener- 
gisch als e^ spricht und e als ein so sehr geschlossenes e, dass 
man es richtiger mit e* bezeichnen würde, dass aber gerade da 
Störungen im Verhältnis der ausspräche zu dem etymologischen 
laute vorkommen, wo die mhd. reime e : e auftreten, und zwar in 
der weise, dass die reime der heutigen ausspräche gemäfs als 
völlig reine erwiesen werden, natürüch nicht alle und zumal 
nicht die reime aller gedichte. in folge der ^Schwierigkeit, eines 
reinen reimes habhaft zu werden' oder *der reimlicenz einzelner 
gedichte', wie Grimm sich ausdrückt, können ja auch würklich 
e" und e gebunden worden sein. 

Das ist aber nicht der fall vor $t. hier ist die bindung von 
etymologischem € und e ganz allgemein, wie die zahlreichen aao. 
zusammengestellten beispiele ausweisen. Grimm vermutet richtig 
ein ausweichen der ausspräche, aber nicht ist est in ist aus- 
gewichen, sondern umgekehrt &t m est, dh. i ist vor st zu e 
geworden, das heutige schwäbische spricht das e in schwesUr 
(ich verzichte auf die transscription der consonanten), gestere und 
wol allgemein vor st (nur bei u>est und dem fremdworte rest 
blieben mir stärkere zweifei, während das fest ganz sicher e hat) 
genau wie in vest, beste und wie in heben, geseUe usw. laut- 
physiologisch ist die Wandlung ja aufs beste zu erklären, die 
t-farbe der Verbindung st hat das e^ dem t genähert, über die 
t- färbe von s und besonders von < -Verbindungen s. JSchmidt 

' leider gebe ich keine directcQ beobachtuagen ; aber mein gewähre- 
mann ist fär den dialect der amgegend von Tübingen zuverlässig, über 
einzelne pnncte konnten wir freilich nicht ins reine kommen; sie sind je- 
doch für unseren zweck nicht wesentlich. 



IM MITTELHOCHDEUTSCHEN 



321 



Vocalismus 2,471. daBs der schwabisclie dialect fdr einflUsge des 
it zugänglich ist, beweist aucli das psrt. gewM von wizxen mit 
seinem lang gewordeoeo r. 

Die beiden laute sind ferner gleich geworden vor A(, und 
zwar hat Grimm recht ilass e vor hl wie e klingt; nur zeigt sich 
gleich wider die Verwirrung, wenn er ags. tiilit (noi) uä. ver- 
gleicht, geskkl lautet mit e". in benachbarten dialeclen entwickelt 
sich cogar ein vollslündiger zwischenlaut, so dass man die dortige 
ausspräche mit geslealit tiausscribieren niüste. andere Pille vor 
ht kounte ich nicht coutralicren. doch worden sie jedesfalls 
stimmen, denn ich zweifle nicht dass der lautwandel einer a-farhe 
der Verbindung hi zuzuschreiben ist. wir finden eine solche auch 
im mal., wo cht ein o zuweilen in a veründerl: daehlar, sachte 
prai. von fotken, madUe neben mochte, die u m lau th indem de kraft 
von ft-verbindungen, besonders ht, ist auch richtiger wol einer 
n- färbe als einer m- färbe zuzuschreiben (vgl. Braune Beitrage 
4. 552 0- zu vergleiclien ist die wUrkung von einfachem h im 
got. a{ aus (', aü aus u. 

Wellen (veile) reimt stets mit e. auch das entspricht genau 
der heuligen ausspräche, iu welcher das wort ganz entscbiedeo 
das geschlossene e hat. wenn wir hier als wurzelvocal c an- 
setzen, so wäre die Veränderung der ausspräche lautlich nicht zu 
erklären, denn -eile hat beute noch in jeder Stellung den alten 
klang, auch in welle (undai. dass, wie Grimm meint, die ver- 
Ninillschaft des begrifTes von webi (eligere) von einfluss gewesen 
sei, ist nicht gerade sehr einleuchtend, allein mit welchem recht 
setzt man i an? zunächst gentigte dazu wol die factische he- 
rllhmng mit i in folge der annähme dass i der t-arlige laut sei. 
die berUbrung berechtigt aber weder Ju wdUit noch irgendwo 
anders zur ausetzung von e. dann aber wurde man in der Vor- 
stellung bestärkt durch die grammatische berUbrung, indem 
die hd. formen: inßn. wella», 1 sing. präs. ind. willu, 1 plur. 
iceUem^s, conj. leelle eine vollkommene analogie zu bilden schienen 
mit hillan. hillu. heUames helle, allein wenn wir im mhd. tat- 
sächlich in den formen von weüen kein e, sondern e haben, so 
bleibt uns keine berechtigung, die annähme jener analogie fürs 
ahd. aufrecht zu erhallen, ohne ausdrückliche Zeugnisse dafür 
dass sie vorhanden gewesen sei. und solche Zeugnisse sind meines 
Wissens nicht vorhanden; im gegeoteil nur solche für den a-laut. . 
Z. ¥. D. A. neue folge XIU 16 



222 DER KLANG DER BEIDEN KURZEN e 

das wichtigste ist der rUckschluss aus dem mhd. und der aus- 
spräche im heutigen dialecte. dann finden wir aber auch das 
part. uueillenti in den glossen Ra. 201,9, einem denkmal, welches 
auch sonst ei für den laut e, dh. für den umlaut von a, hat 
(Kögel s. 7). auch aus der Heidelberger hs. des Williram führt 
Graft (i 820) die 3 conj. präs. uueille an. der eintritt von ge- 
schlossenem e in diesem verbum ist freilich schwer zu erklären, 
fürs germ. müssen wir überall t annehmen, da stets j oder iAn 
der 2 silbe stand, und nicht nur das got., sondern auch andere 
dialecte bleiben auf diesem standpunct. das hd. e ist also secun- 
däre entwicklung. für e würde die analogie des st. verb. eine 
sehr plausible erklärung abgeben, für e weifs ich keine, auch 
nur sehr wahrscheinliche an die stelle zu setzen, die Verall- 
gemeinerung des doppelten l in diesem verbum müssen wir 
zweifelsohne auf rechnung des infinitivs setzen, damit wird es 
wahrscheinlich dass dort auch der Ursprung des e zu suchen ist. 
an die stelle von wiUean willan müste also aus irgend einem 
gründe wellan getreten sein, am wahrscheinlichsten kommt es 
mir noch vor dass wir in der Veränderung eine secundäre 
^brechung' zu erblicken haben, die nicht bis zu e^ sondern nur 
bis zu e gieng. ob unter den wenigen beispielen, welche für 
die brechung von t angeführt werden können, alle e" haben, 
wissen wir auch nicht sicher; westa und messa — könnten auch 
bei e stehen geblieben sein, für die annähme eines einflusses 
von infinitiven wie stdlan auf willan erblicke ich keinen anhält, 
vom Infinitiv aus wflre dann der vocal auch in den plural des 
indicativs und den conjunctiv gedrungen, darin wäre allerdings 
wol eine analogiewürkung des st. verbums zu erblicken, nur dass 
diese sich nicht so weit erstreckte, um den gleichen ablaut 
wie bei hillu hÜlamSs zu erzeugen, sondern nur überhaupt einen 
ablaut. noch einmal betone ich den hypothetischen character 
dieser erörterungen. ich werde mit freuden jede erklärung be- 
grüfsen für das factum, auf dessen constatieruDg es mir hier 
hauptsächlich ankommt. 

Das sind die hauptpuncte, welche wir zu besprechen hatten, 
sie genügen, um die klänge der beiden e meiner behauptung im 
eingang gemäfs festzustellen, denn es unterliegt keinem zweifei 
dass es dieselben Verhältnisse sind, welche im heutigen dialecte 
herschen und welche sich fürs mhd. gerade in den für ausnahmen 



IM MITTeLHOCHDEtiTSCUEN 



223 



gehallpn^n reimen widerspiegeln, ich schliere« noch einige weitere 
bemerkuDgen an. 

Grimm hebt auch rtie biaitung von Jener mil worlcrn, die e 
haben , hervor, das wort GOllle unweifelhalt € aufweisen , wenn 
wir ö hlofs als «tymologisches zeichen betrachten, aber der 
schwabische dialecl zeigt vor nasalen in der tat gturnng des e"- 
Itules. zwar konnte ich mich nicfat überzeugen dass die be- 
treffenden wOrter vollkommenes e haben, aber es klingt in ilinen 
luch sicherlich nicht e". dass der nasal den vocal erhobt, Ist 
jit nicht im mindesten aulTallend. 

Die Verwendung von herre und merre (aus mim), welche 
sich mit ferrg uä. binden, scheint fast den bisherigen lesultalen 
10 widersprechen, doch kann der einzelne fall nicht viel auf 
steh haben, es fragt sich zunächst, welchen klang das aus ai 
entstandene i im hd. anfangs gehabt hat. an sich kann die 
monophthougierung von ai sowo) ä als e (die länge von e) sein, 
il hnbeu vnr als resuttal der spätereo monophlhongierung häufig, 
zb. in mittelfränkischen dialecten. rechtsrheinisch bei Koblenz, 
h/tn. itdii, irkwäs. fast unmillclbar daneben, etwas rheinabwarts, 
lautet es e'. e' haben wir beispielsweise auch im nl., wo aber — 
wenigstens jetzt im grOsten teile des holländischen gehietes — 
fli seihst mehr «' lautet, hd. könnt« also bei der monophlhon- 
gierung auch ä entstanden sein, die annähme bereitet jedoch 
schwierigkeil wegen des Unterschiedes von dem fl, welches zu te 
diphthongiert wird (MOUer aao. s. 509). doch wäre zwischen e, 
der ISnfc des vocals, welchen wir im umlaul des a haben, und 
it räum fiir mehr als tinen laul. wenn aber auch aus air sofort 
A* erwachsen wHre, so konnte der vocal von AÄ-tro im verlaufe 
seiner entwicklung zu herre unter dem einfluese des doppellen r 
nichts desto weniger zu e" geworden sein, zu dem laute, den 
das wort heute im schwäbischen di^lecle laisächlich hat. also 
auch diese reime stimmten mil der heutigen ausspräche. 

Ganz in der Ordnung ist es dass das e in den endsilben 
Itemdet nanien und wOrter, wie Fn'mutel, Lonel, giigerel, Po»terne. 
tanxelel, Gahniurelen, Ltmele, IJercutes durchgängig mit e ge- 
bunden wird, das e ist naltlrliüh das olTene. wie liUlle man 
im deolschen dazu kommen können, ihm den laut des geschlos- 
•eoen zu geben? 

Es fragt sich noch, oh j«der umlaut des n e ist. darauf 



224 DER KLANG DER BEIDEN KURZEN e 

ist mit nein zu antworten, die nachzügler in der bewegung ge- 
langten nicht mehr bis dahin, die i^lle, in denen der umlaut 
nur durch die beschaffenheit der zwischen dem a und dem t der 
folgenden silbe befindlichen consonanz aufgehalten war, scheinen 
den geschlossenen laut noch zu erreichen, der heutige dialect 
hat zb. kdbtTf kelte, 3 p. wechsL aber was nachher kommt, zeigt 
meistens blofs mehr ein ä (= e^). die mouillierung hatte nicht 
mehr die kraft, so viel i- färbe in die zweitvorhergehende silbe 
abzugeben, als in die unmittelbar vorhergehende, zugleich scheint 
sich das grammatische bewustsein für den umlaut geltend gemacht 
zu haben, und es ist zu begreifen dass Wörter, die ihn blofs der 
analogie zu folge bekommen, kein e mehr, sondern nur e" er- 
halten, die handhabe zur beurteilung muss wider der neuere 
dialect abgeben, schon beim plural megt von magt bin ich zwei- 
felhaft, ob noch e vorhanden ist; eher klang mir das wort mit e". 
entschieden offener laut herscht in fällen wie täglich, kläglich, 
väterlich, im plural väter uä. es scheint aber dass wir auch 
einen älteren beweis haben, nämlich in der Schreibung ä selbst, 
diese ist nicht so bedeutungslos, wie man meistens annimmt, 
wenngleich es manchmal der fall sein mag, und sich möglicher 
weise auch frühe schon regungen desselben orthographischen 
princips zeigen, welches im nhd. ä festsetzt wenigstens wenn 
man die beispiele vergleicht, welche Gr. 1', 131 angeführt werden, 
so sieht man dass sie fast alle Me späteren umlautes sind, wie 
schänUkh, tägelich, schädelich, oder aus anderen gründen offenen 
laut haben, auch frävel wird angeführt, es scheint demnach 
dass schon in den föUen des durch ein t der dritten silbe be- 
würkten umlautes, welche demselben noch am ersten zugänglich 
wird, nämlich in den nicht zusammengesetzten Wörtern, die hem- 
muDg eintreten konnte, aber sicher nicht allgemein, sondern 
je nach mafsgabe, ob der process früher oder später statt hat. 
auf die zeitlichen unterschiede macht Braune aao. s. 555 auf- 
merksam. frebd:nebd bei Wolfram wäre mithin vielleicht kein 
unreiner reim, während ältere i^lle wie edel, fremd zweifellos all- 
gemein e haben. 

Auch gedäJUe und älUen finden sich in dem Verzeichnisse, 
wir haben in diesen beispielen <len offenen laut schon früher 
constatiert und ihn der Verbindung ht zugeschrieben. Braune aao. 
8. 641 ff weist aber auch nach dass vor dieser Verbindung der 



IM MITTELHOCBDEUTSCHEN 225 

Umlaut überhaupt erst sehr spät eintritt, und der offene laut 
konnte auch aus diesem gesichtspuncte beurteilt werden, wahr- 
scheinlich verhält sich die sache so, dass dieselbe kraft, welche 
den umlaut vor ht so lange aufhält, ihn auch niemals bis zu e 
gedeihen lässt. ^ das heutige und mhd. gesk^htle) wäre dann 
niemals geslehte gewesen. 

Zu den Wörtern mit späterem umlaut gehört auch phert, das 
a war ef^ geworden und blieb e^, trotzdem dass t in der letzten 
Silbe noch vorkommt, als das wort schon zweisilbig geworden 
war : phcmt, pherit. aber mhd. reimt es immer mit €, im neueren 
dialect bat es e*. 

Es gälte nun zu eruieren, wie lange andere dialecte mit 
dem schwäbischen in denjenigen lautverhältnissen übereingestimmt 
haben, welche das letztere heute noch wahrt wenn die dichter 
etwa vom ende des 13 jhs. ab die bindung der beiden e nicht 
mehr meiden, so könnten sie damit entweder die forderung des 
reinen reimes verletzt, oder aber sich sorgloser dem eigenen 
dialeete hingegeben haben. 

* damit widerhole ich meine Vermutung dass nicht u- färbe, sondern 
a- färbe beim h der grund zur Verhinderung des Umlautes war. die tat- 
Sachen lassen sich damit wol in einklang bringen, die würkung der u-farbe 
ist in dieser beziehung nicht so nachhaltig, daher kelber. wenn auch andere 
A-verbindungen eher nachgeben (rgi. weckst) als ht, so beruht das darauf, 
dass gerade in der letzteren Terbindnng h am längsten — im schwäbischen 
bis beute — r seinen alten wert, den des gutturalen reibelautes bewahrt, die 
umlautTerfaältnisse vor einfachem h und vor den A- Verbindungen würden 
demnach vermutlich eine handhabe abgeben zur constatierung, wann dieser 
consonant in den einzelnen Stellungen seine alte natur verändert habe. 
auch bei den r-verbindungen wäre es möglich dass nicht t^-farbe, sondern 
a-firbe in betracht kommt dass ihr widerstand gegen den umlaut nicht 
sehr nachhaltig und nur schwankend wfirkt, würde nicht durchaus wider* 
sprechen, denn es lässt sich gerade beim r mehr beobachten dass seine 
ausspräche selbst in einem und demselben dialecte nicht fest ist. 

Bonn, 11 Januar 1881. JOHANNES FRANCK. 



226 EIN C0N80NANT. AUSLACTGESETZ DES GOTISCHEN 



EIN CONSONANTISCHES AÜSLAUTGESETZ 
DES GOTISCHEN AUS DEM ACCENT 

ERKLÄRT. 

UlAlas behiDdelt auslautende -4 und ds yenchiedeoy je nach- 
dem ein consonant oder dn vocal yorhergebu steht ein con- 
sonant unmittelbar vor -d, -ds, so bleiben diese laute unverändert 
(hundf gards) ; ist der vorhergehende laut ein vocal, so geht ge- 
wohnlich -d in -p, -ds in -ps über: der regelmäfsige nom. vom 
gen. Uuhadü ist Uuhap^ vom gen. frodis, frop. dann und wann 
bleiben jedoch -d, -ds auch nach vocal (sb. god neben gop, fakedi 
neben fahepi), und dies ist speciell im Lucas und Johannes 
der fall. 

Braune bespricht in seiner jüngst erschienenen Got gram* 
matik s. 28 f diese erscheinung. er ist der meinung dass die in 
den evangelien Lucae und Johannis begegnenden d, ds 'eine ab- 
weichung der Schreiber' seien, die auslautenden -d, -ds sollten 
also nicht eine bisweilen vorkommende ausspräche bexeidinen, 
sondern nur von der willktlr der Schreiber herrühren, so viel 
ich weifs, ist kein anderer versuch, dieses Verhältnis zu erklären, 
gemacht worden, es dürfte doch möglich sein, ohne orthogra- 
phische Willkür anzunehmen, die auslautenden -d, ds zu verstehen. 

Man findet -ds im Lucas in: faheds (1, 14. 15, 7. 15, 10), 
mitads (6, 38j, mikilids (4, 15), gahrainids (4, 27), gammvids (6, 40), 
^asatids (7, 8), gavasids (16, 19), hrupfads (5, 34. 5, 35), hunda- 
fads (7, 6), unUds (16, 20), gaUugaveitvods (18, 20), gods (6, 35. 

6, 43), siads (14, 22). — bei Johannes in: faheds (15, 11), ga- 
sveraids (13, 31), manaseds (12, 19. 15, 18. 15, 19), gods (10, 11). 
Lucas hat -d in: faheid (2, 10), haubid (7, 46), liukad (8, 16), 
gdagid (2, 12), gamdid (2, 23. 3, 4. 4, 4. 4, 8. 4, 10. 4, 17. 

7, 27), gasulid (6, 48), vagid (7, 24), samtUaud (6, 34), juggalaud 
(7, 14), manased (9, 25), anabaud (5, 14. 8, 29. 8, 55), faurbaud 
(5, 14. 8, 56), baud (14, 34), garaid (3, 13), god (3, 9. 6, 43. 
9, 33. 14, 34), bad ina (8, 31. 8, 41. 15, 28), bad (18, 11), mid 
id^jedun (7, 11), »ad itan (15, 16), stad (4, 17). — Johannes hat 
-d in: fahed (16, 22. 17, 13), haubid (19, 2), liuhad (11, 10. 
12, 46), libaid (11, 25), habaid (12, 48. 13, 35. 14, 21. 16, 21. 




AUS DEM ACCENT ERKLART 

16, 33. 19, 11), faslmd (\i. 15. 15. Ul). ßjaid fl5, 19), eopeid 
{13, 13), galaubeid (14, 12), manated (12, 47 bis. 17, 1»), svdaud 
(14, 9). awaaud (14.31), hvad (13. 36), slad (10, 40. 14. 2. 
14, 3. 18, 2). aufserdeiH kommen im Lucas häufig verbatformen 
mit auslautendem -il vor (Leo Meyer Got. spräche s. 15U. Braune 
Gol. gramm. s. 2S), zl>. gabairid (l, 13), drigkid (1, U), ffiAtW 
(1.32), »vegtitid (1, 47), feiAui'ii, veneid, frijod, laujaid, leihvaid, 
vairpaid, ilojtd, afdotnjaid, fraktaid (6, 34 — 37) usw. 

Die aller meislen der angeführten wSrler sind mehrsilbig 
mit unaccenluierter ultima; man kommt darum Idcbt darauf die 
<rrl»ltung von -d, -ds damit in causalverbindung zu setzen, da 
auslautende -d, -ds (das got. rf ist auch zeichen für die lOneude 
interdenlale Iricaliva >= altn. d) die Deignog zeigen den stimmton 
lu verlieren (dh. zu ~p,-p» zu werden), so h<<ngt dies selbslverständ- 
ÜcU von der rückwärts wUrkenden assimilation ab: die oacli -d 
folgende pause oder das tonlose -s bcivurkte dass auch d den 
stimmlon einbüfslc. da aber auch ein tonloser consonant leicht 
in unaccenluierter silbe in den enlGprechenden tOnenden über- 
gebt (zb. fadar — aber bro/iar), so folgt hieraus natürlich dass 
ein t^tneoder laut, der unter anderen umstanden tonlos werden 
würde, in accentloser silbe gern bleibl. dies ist die Ursache der 
sporadischen erbaltung von got. -d, -ds in unaccentuierter silbe. 

Die Übrigen wOrLer. in denen d, ds der tonsilbe angehören, 
haben mit wenigen, gleich zu erörternden, ausnahmen laugen 
vocsl oder dipblhong. lange Stammsilbe (aber mit kurzem vocal) 
haben auch hund. garda usw. mit consonanlen vor -d, -ds, welche 
immer -d, -da erhalten (d kann Joch hier explosiva gewesen 
sein), die lüoge der Stammsilbe mues die erbaltung von d eben 
io wol in god und baud aU in hund bewUrkt haben, und sie 
kann hier eben so wie bei den mehrsilbigen wOrtern auf die 
acccRtverhalluisse zurückgeführt werden. 

Sievers beschreibt den 'geschnitlenen accent' Laulphysiologie 
11& auf folgende weise: 'die starke erreicht gleich zu anfang des 
vocals ihren hohepuncl, und von dem momente des nachlassens an 
ist jeder folgende momeut desselben oder eines sich ihm an- 
scbljefsendeo consouanten schwUcher betont als der vorhergehende.' 
hieraus folgt, wie er nachher zeigt, dass im nhd. halle zb. mit 
kurzem siammvocal der {-laut mit starkem exspirationsdruck ge- 
sprochen wird; wenn aber ein langer vocal oder dipblbong dem 



228 EIN CONSONANT. ADSLAUTGESETZ DES GOTISCHEN 

consonanteu vorhergeht, 'tritt die abschneidnng des vocals erst 
in einem momente ein, wo die intensität des accentes bereits sehr 
geschwächt ist', und der consonant wird mit wenig exspirations- 
druck ausgesprochen, dies Verhältnis iSsst sich jedesfalls in vielen 
sprachen beobachten; so wird zb. im schwedischen der m-laut 
mit merkbar grofserer Intensität in d&m mit kurzem als in dam 
mit langem vocal oder in habn ausgesprochen; denn in diesem 
Worte hat das aussprechen von a-\-l eben so lange zeit gefordert 
wie das des langen a in däm, und es bleibt für m in halm nicht 
mehr exspirationsdruck übrig als für m in dam. 

Nimmt man nun dasselbe accentverhältnis für einsilbige Wör- 
ter im gotischen an, so erhellt, warum es immer hund heifst; 
warum es god und baud heifsen kann, aber baß: in jenen Wör- 
tern war -d, als einer langen silbe angehörend, verbflltnismäfsig 
unaccentuiert; in baß wurde der auslaut stark accentuiert, da der 
vorhergehende vocal kurz war. ^ 

Unter den oben aufgezählten Wörtern gibt es einige aus- 
nahmen von dieser regel, doch meistens nur scheinbare, in dem 
dreimal bei Lucas belegten bad ina ist -d nicht zu -/ geworden, 
weil es unmittelbar von dem enclitischen mit vocal anlautenden 
ina gefolgt wird, das got. bad ina ist eben so gut ein wort wie 
zb. das italienische prestagli, das englische ielVem (für teil them) 
oder das schwedische köp'na (altschw. köp hana). und dass auch 
sonst beim anhängen enclitischer Wörter auslautendes d bleibt, zeigt 
nimip — nimiduh , nemup — nemuduh (Braune Got. gr. § 70j. 
Lucas hat 15, 16 sad itan (aber sap itan 16, 21) und 7, 11 mid 
iddjednn (aber mip idcHedun 14, 25). auch hier folgt auf -d 
ein vocal, und übrigens sind sad itan und mid iddjednn als 
Zusammensetzungen aufzufassen: 'sich sättigen', 'mitgehen*, das 
im Johannes 13, 36 vorkommende hvad (hvad gaggis?) hat 
'd beibehalten, weil das wort gewöhnlich proclitisch (vgl. nhd. 
tro gehst du?) und also jeder anderen unaccentuierten silbe gleich- 
zustellen ist. den Übergang von p in d und von t \n d oder d 
in pro- und enclitischen Wörtern anderer germ. dialecte (ags. pu 
— engl, tkou (mit d), altn. kvat — neuisl. hvad usw.) ebenso 
wie die entwicklung t — d in der got. praep. du (für *tu, vgl. 

' es kann hier die beroerkang yod Sievers (Lantphysiologie 116) er- 
wShnt werden dass der tod ihm s, g. (accentua) gravis sich am besten 
mit folgender lenis verbindet 



AUS DEM ACCENT ERKLÄRT 



»Iß. nnd ahs. lö, ahd. z\io} habe ich Tidskrift f. fil. u. r. iii 241 n 
dargelegt, da bad nur ein mal (Lucas 18, 11) belegt (baf) aber 
Kehr gewOlialich) ist, so ist es von keioem belang iiDd kann als 
schreibfebler augesefaen werden, es erübrigt nur slads, gtad, ilas 
nicht nur mehrmals im Lucas und Johannes, sondern auch sonst 
rarkommt: aber der grund der erhaitnng von d wird auch in 
diesem worle angegeben werden können, das got. hat neben dem 
masc. slap», ttads (^eu. sladi's) noch ein masc, stapt (gestado; 
gen. xta/iis) mit ursprünglichem p. da für diese norter die Tonnen 
ttapt, stap gemeinsam sein würden, wenn man das inlautende d 
des gen. tiadis (ort) auslautend in p übergehen tier», so bewUrkle 
der dilTerenzierungalrieb dass siad», ilad |urt) nach analogie der 
easusformen mit inlautendem 4 (itadt's, iCoda usw.) bianeilen d 
erhielt — eine analogie, die um so viel kräftiger war, da der 
dativ «ttrffl (und auch sladimj sehr ol't angewandt wird um den 
begriff 'wo'? auszudrücken, ib. ima ttada ibnavima (Lucas 6, 17), 
in ttuPiawinia ttada (Lucas 9, 12), atia pamma aflumittm staila 
(Lucas 14. 10), ana pamma staila (Lucas 19,5), in ttada pamma 
(Lac. 2, 7), in pammti vat stada (Joh. 11, 6), in pamma slaila 
fna-ti (Joh. 11, 30. Kom. 9, 26), im allaim stadfm (2 Cor. 2, 14. 
2 Thess. 3, 10. 1 Tim. 2,8) usw. 

Aus deu aus Lucas und Johanaes angerührten würtern geht 
hervor dass auslautendes -d lieber als auslautendes -lU erhalten 
wunle, und der grund ist leicht abzusehen, da d auslautete, 
wurde es oft nicht von einer pause oder von tonlosem conso- 
nsnlen, sondern von vocal oder tonendem cousonanlen gel'oigt; in 
diesen fallen nürkle der folgende laut zusammen mit der accent- 
lofiigkeit zur erhalluug des d. in der verhiuclung -ds wurde aber d 
immer von einem tonlosen consonanten gefolgt, und nur die ac- 
cenliosigkeit koanle -d conservieren ; zur erlialtung von d würkten 
ileo bisweilen zwei krafte, zur erhallung von its immer nur eine. 

Es verdient bemerkt zu werden dass die aus Johannes Do- 
tierten \erhalformen mit auslautendem -d vor diesem ai und et, also 
dipbUiong oder langen vocal haben. 

Der Übergang ( — ri im nameo Lad (Lucas 17,29) erklärt 
sich auch daraus dass der vocal lang ist. 

In den übrigen teilen der got. bibel kommen auslautende 
'd. -da seltener vor; einige Leispiele mOgen angeführt werden 
i*gl. Leo Meyer Gotische spräche 160, Rrauue Got. gramm. §70 



230 EIN CONSONANT. AUSLAUTGESETZ DES GOTISCHEN 

BDiD. 2): gdUuga-^eitvods (1 Cor. 15, 15. Marcus 10, 19), veitvod 
(2 Cor. 1, 23), von welchem worte keine formen mit -/, -ßs be- 
legt sind, avüiud (2 Cor. 8, 16. 9, 15. 4, 15. 2, 14 (cod. A aber avi- 
Uup). 1 Cor. 15, 57 cod. B), faheds (2 Cor. 2, 3; cod. A fahepi), 
/aA«d (Philipp. 2, 2), hrupfai (Marcus 2, 19), 9valaud (Gal. 4, 1), 
gagtigods (1 Tim. 3, 2. Tit 1, 8), gods (2 Tim. 2, 3), god (Mat- 
thäus 7, 19; 1 Tim. 1, 8. 2, 3. 5, 4), saud (Rom. 12, 1), gariud 
(Philipp. 4, 8), gariuds ^ (1 Tim. 3, 2) usw. besonders begegnen 
dann und' wann verbalendungen mit -d statt -p. 

Durch diese beispiele wird die beim Lucas und Johannes 
gefundene regel bestätigt, um ausnahmen in den übrigen teilen 
des Uifilas zu finden, bin ich den wortvorrat im glossar durch- 
gangen, habe aber nur sads (Philipp. 4, 12), grid (1 Tim. 3, 13) 
und gaguds (Marcus 15,43) als solche notieren können.^ die 
accentuation gagüds ergibt sich aus dem altn. granni, gUlcr (got. 
garazna, galeiks) und dem nhd. geddnke usw. ; da aber das regel- 
mafsig inlautende d in gupa (Gal. 4, 8), gupaskaunein (Philipp. 
% 6), supalaw (Eph. 2, 12; gudalaw cod. A) von / verdrängt 
ist (aber guda Job. 10, 34. 10, 35), so nimmt es kein wunder 
dass umgekehrt in gagud$ (Marcus 15, 43) d unregelmäfsig bleibt 
(vgl. gagudet, gagudaba). die je ein mal belegten sads ($ap 
Lucas 16, 21) und grids können die giltigkeit der regel nicht 
umstofsen , besonders wenn man bedenkt dass umgekehrt p fur 
inlautendes d nicht nur in gupa usw., sondern mitunter auch 
sonst, zb. in unfropans (Gal. 3, 3; aber unfrodans Gal. 3, 1) steht. 

Die regel für -d, -ds bewährt sich schön durch den Wechsel 
der auslautenden -f und -b. Braune gibt § 56 folgende regel: 
im auslaut, vor dem s des nominativs und vor dem / der 2 s. 
perf. bleibt b nur nach consonanten, in der Stellung nach vo- 
calen wird es zu f. seiner meinung nach sind die 21 mal be- 
legten formen mit auslautendem b nach vocal den Schreibern an- 
zurechnen und rein orthographisch, sie sind nach Leo Meyer 80 
und Braune: grob (Lucas 6, 48), gadob (Skeireins 42, perf. von 

^ im got diphthoog tu ist t silbenträger (Braune Got gramm. § 18). 

> spraud (1 Gor. 9, 24) ist mit recht von Mafsmaon und Heyne in 
spaurd emeodiert, da spaurds vom Joh. 6, 19. 11, 18 belegt ist (vgl. auch 
ihd, spurt) y* wenn man aber auchfn spraud metathese von au und r sehen 
will, 80 erklärt sich das erhaltene -d ans dem regelmäßigen -^ der normal- 
htm spaurdk 



AUS DEM ACCENT ERKLÄRT 



yiaiabaiij, sadob (^passend, 4 mal), hlaib (7uial), A/iii'63lLucas4,3), 
fiiubi (4 mal ; piufs oichl bekgl), tvatib (3 mal). Iiiezu komml oocb 
der uaroen GMdilub^ in der urbuode von Arezzo. iu allen diesen 
nOrlerD siehl ein langer vocal oder diphtiiong vor -b, -bt, mit 
aufinabme von Ivalib uud GuMub, wo -6 iu imaccciituierler ultima 
sich beflndel. es kann deslmlb uiclil zneiCelbaR sein dass diese 
sporadischen -b, -bs ebenso wie -d, -dt erklärt werden raUssen: 
der rclaliveu accenliosigkcii zu l'olge hat die lünende i'ricativa 
(goL h ist auch zeichen für die tonende labiale fricativa) den 
sUountou nicht eingehllfst. es verdieiit erwäbnl zu werden dass 
Ton den 21 -b, -bs 11 im Lucas und Jobannes belegt sind, wu 
aucii -d, -ds am häuligslen vorkommen. 

Hiemus folgt dass, da zb. vom dal. biuda (tisch), galauhamma 
(kostbar) der nominativ nicht belegt ist, man nicht mit gewisheit 
ÜKps, galaufa ausetzeii kann, da er auch biudi, galaubs bat lauten 
kOnneo. 

Der grund dass im gol. fadt- (nicht fafn-j das sskr. fdlis 
TertritI, ist darin zu suchen dass fadi- nur als zweites glied von 
zusammenselzungen vorkommt, composita mit -fadi- aber müssen 
im urgenn. (adi- ebenso wie sskr. göpalü usw. accentuiert wor- 
*iea sein (Kluge Beilr. zur geschichte der germ. conjugalion 
25. 131). aus brvpfada (Lucas 5, 34. 35), hutidafads (Lucas 7, 6) 
kann man aber scblierseo dass dieselbe accentuation dieser wOrter 
noch im gol. bestand, da man sonst im nom. -pi erwartet hätte, 
man rouss auch Güäilitb accentuiert haben. ^ 

Da im got. auslautendes -g immer bleibt, kommt es, wenn 
es auch die gellung einer gutturalis fricativa hatte, hier nicht 
io betracbl. ^ 

' vgl. FöniemaDD Altdeulsclies Dameabuch 1, &3T, 

> gti^ hat als eraiM xusammeoseliuogsglied <f in giidhat (io\i. IS, 20), 
i in gujilitoalreit (Job. U, 31]. wenn nicJil die BDwendung von d und p 
in dieum wotte luch Boost unregelmärsig -wäre (s. oben), könnte man biec- 
»w die scceotuBlion gudhüi und gäpbloitreü ergchliersea wallen, da die 
prarp. tu in lunammeDgetiuag mit aof tl - anlauteiideii Wörtern bisweileo 
-« verliert ib. vilaig, und ML 27, 51 diikritnati Tür duikritnan Btehl (Braune 
*, 31), so deutet dies vielleicbl die belonuag lutalg usw. an. der lange 
Utu t-\-i beBlebende) t-iaut verkürite eich, da lu-, dii- unbetont waren, 
dl»« die scceaiuation vom iweilen campoaiiionsgliede im älteren scbwedi- 
whfD vgl. meinen anrsatx Ljudtörevagning Tidakrifl f. fil. u. t. in 247*), 

* eine erachelnnng hn »ge. verdient hier erwähnt xd werden, nach 
flalUaanii Altd. gramm. 310 bleibt luslsutcndes g nach knnem vocal 



232 EIN CONSONANT. AUSLAUTGESETZ DES GOTISCHEN 

Das gesetz wird aber von den regeln für auslautende s und % 
bestätigt, z wird im auslaute zu s (zb. hvazuh-hvas); ausnähme 
ist das zweisilbige rikviz (4 mal von Leo Meyer belegt); aufser- 
dem atz, mimz, minz (jedes je ein mal von Leo Meyer und 
Braune belegt), die lange Wurzelsilbe haben, das erste mit di- 
phthong, die anderen mit kurzem vocal + 2 consonanten. 

Als resultat dieser Untersuchung glaube ich notieren zu 
können : 

l)Die auslautenden got. fricativae -df-ds), -h (-bs), -z bleiben 
sporadisch nach vocal (und werden nicht zum entsprechenden 
tonlosen laut), wenn sie in unaccentuierter ultima oder in accen- 
tuierler langer silbe stehen. 

2) Die Ursache ist in beiden fällen die relative accentlosig- 
keit der laute. 

3) Die intensität des got. accentes nahm in einsilbigen Wörtern 
gegen das ende des worlcs ab. 

(dag usw.), obgleich seltene ausoabinen vorkommen; in langer silbe soll es 
aber meistens zu -A werden, er bemerkt aber dass g" in langer silbe öfters 
bleibt: immer -wg", weiter nach teCmcpg, vtrg, wgflota), nach ^ (sv^g, ISg), nach 
r (stfg, tvig), er hat unter den beispielen mit -k nach langem vocal auch väg 
und väk (paries), frag und ffräh (cursns); von Grein werden sie aber v%,' 
vag, vah und präg, prah (auch HLeo : prah) angesetzt und widersprechen in 
dieser form der von Holtzmann aufgestellten regel. es kann bemerkt werden 
dass in mehreren seiner anderen beispiele -h nach r oder / folgt (burh, 
beorh, bork, fealh, dolh). HSweet gibt auch History of english sounds 79 
die regel: flnal g after long vowels or consonants often becomes h in old 
english. ist diese fassung in der hauptsache die richtige (vgL ten Brink 
Anglia 2, 177), so scheint die von Sweet gegebene erklärung nicht unwahr- 
scheinlich zu sein : ''h, to judge from the spelling bogk = boh «s bog, was 
originally vocal («=> gh), although it was soon devocalized.' vgl. auch Paul 
Beitr. 1, 177. da im ags. p und it promiscue angewandt werden, und / 
(nicht V) immer im auslaut steht, bestfiügen die anderen fricativae nicht die 
regel für auslautende -g^ -h, welche fär die got. fragen nicht entscheidend ist. 

Lund 23. 12. 1880. AXEL KOCK. 



ZU KLOPSTOCKS ODE AN EBERT. 

Eine reihe von parallelen zu der totenschau in der Ebert* 
ode findet sich mit bescbränkung auf den Leipziger kreis in 
meinen Beiträgen zur kenntnis der Klopstockschen jugendlyrik 



IV BLOPSTOCKS ODE AN EBERT 



233 



s. 38 fr. Klopetock selbst bielel im Messias xiv den vergleich «lie 
«in einsamer übriger, der ditnh de» lod den leisten «einer freunde 
verlor, auf drui weitere belege fUr das uachlebeu des mottvs soll 
hier biDgeniesen werden, 

Budmer bat in seiner greuliciien palriarchade, dem Noab, 
nicbt nur Klopstocks künftige geliehte, die leurel, den reuigen Ab- 
hsdona namentlicb abgeklatscht, sondern audi jene ode sciavisch 
copiert. im nerlen gesang denkL sich Debura nach dem tod 
ihrer nnuttt^r Mebelabee) auch den valer Sipha und die beiden 
Schwestern gestorben nnd jammert 

vienn denn Thamars äuge »ein freundliches lächeln verlernt bat, 
aenn die hltVienden tcangm der Kerenhapuch verwelkt sind, 
rvht der afJitctsler gebeitt, und ich bleibe von dreyen nock übrig, 
und ich itehf. gelrannt vom memchengescltleckt bey mir »etbtt da, 
mir mir alkin noch Übrig, tca» tcird aus mir eijiai dann werden '?... 
alsdenn aerd ich aus einer betäubenden langen ohnmacht 
ungern erwachen, und »ex« ich anlelst erwache vergebens 
um die gjitber meiner entschlafenen gehen, und Thatnar 
raffen und Keren}iajmcb , .dann werden die ihäler und klippen 
Thamar rnffen und Kerenhapuch, doch meiner zu spotten. 
vieles in dieser später umgearheüelen stelle ist bloFse para- 
pbrasc, vgl. ode (erster druck) v. 35 wenn des zärtlichen G*** 
äugt mir nun nicht mehr lädieU, 56 ruht auch ihr zartes gebein, 
59 bin ich allein, allein auf der tcelt von allen nock übrig. 50 f 
leas sind wir alsdann, wir verlasserten beyde, 63 betäubt, 67 rufe, 
nenn du erwachst, 69 ihr grilber meiner enschlafenen. Bodmer 
war anfangs so ehrlich am rand seine quelle zu nennen, der 
junge Wiclaad aber erklärte ia der helusligeaden bogenreichen 
reclame Schrift Abhandlung von den scbOcheilen des epischen ge- 
dichts der Noah s. 16) IT, Klopstocks motiv habe hier erst den 
rechten plat2, neues leben und höhere Vollkommenheit empfangen, 
der wahre erßnder sei, wer einen gedanben, müge denselben ein 
anderer früher geaufsert haben oder nicht, am natürlichsten ver- 
wende. Debora würde sich wllrklich ganz vereinsamt auf der 
weit sehen, aber, fsbrt er mit einem schielenden lob fort, gesetzt 
Herr K. verliekre alte seine freunde, so wichtig ihm dieser verhol 
«jfH mag, so wird er doch niemalilen allein seyn. es wird gewifs 
nie an leulen fehlen, welclie fähig seyn werden ihn su lieben, nnd 
von ihm geliebt zu werden, seine traurige einsamkeil ist demttach 



234 ZU KLOPSTOCKS ODE AN EBERT 

hlofs eine einbildung einer vom schmerz besiegten sede. überhaupt 
wimmelt es in Bodmers sogenanDten dichtungen von remiDiscen- 
zen, vgl. Die Cherusker s. 53 Thusnelda zu Arminius wilUt du nidu 
erst von dem donner der schlacht ausnJun? nicht in meinen um-- 
armungen stille und freude athmm mit Hermann und Thusnelde 
2, 2 (T ruhe von der donnernden schlachi in meinen Umarmungen aus. 

Mit einer seltsamen mischung Yon parodie und ernst sagt 
Lessing in der prosaode An den herrn von Kleist Lachm. 1, 205 f 

wenn die liebsten deiner freunde nicht mehr sind ick weife 

es, keiner von ihnen wird dich gern überleben wenn dein 

Gleim nicht mehr ist . . . wenn der redliche Sulzer ohne körper 

nur denkt . . . wenn unser lächelnder Ramler sich todt kritisirt 

wenn der harmonische Krause nun nicht mehr, weder die xwiste 

der töne, noch des eigennutzes schlichtet wenn ich auch 

nicht mehr bin ich, deiner freunde spätester, der ich, mit 

dieser weit weit besser zufrieden, als sie mit mir, noch lange, sehr 

lange zu leben denke dann erst, o Kleist, geschehe mit dir, 

was mit uns allen geschieht! dann stirbst du; aber eines edlem 
todes; für deinen könig, für dein Vaterland und wie Schwerin. 

Frei hat JBMichaelis das motiv benutzt in Die gräber der 
dichter, bald darauf fand sein eigenes leben — vgl. jetzt Wi- 
lisch Des Zittauer dichters Johann Benjamin Michaelis autobio- 
graphie Neues lausitzisches magazin lti — ein frühes vielbe- 
sungenes ende. 

Wien 22 ii 81. ERICH SCHMIDT. 



SASSAFRAS. 

Meine bemerkungen über don Sassafras, dessen Goethe in 
zwei nach Leipzig geridUeten Jugendbriefen gedenkt, Goethejahrbuek 
1, 377 f, kann ich jetzt, den doppelsinn der anspielung festhaltend, 
ergänzen und berichtigen, vielleicht sind würklich bei Schönkopfs 
Sassafrasscenen gespielt worden, der durchtriebene verliebte doctor 
Sassafras aus Amsterdam, der seinen namen dem erprobten decoct 
verdankt, war eine sehr bekannte bühnenfig^ir. das aus Italien 
stammende lustspiel von Sassafras und Sassabarille — vgl. HoUei 
Schlesische gedichte 1858 s. 192 /f — mag auf der Wanderung 
von truppe zu tntppe manche Umänderung erfahren haben, in 



SASSAFRAS 235 

idu üaUeni$dier weise werden die alien geprellt und zwei parallele 
Uebeskändel ifi«t Hilfe der versekmitzten zofe und der dienet unter 
den MHdiien Verkleidungen und foppereien glücklieh ans ziel ge- 
führt, voran stehe eine skizze von CRichter, im hsscatalog der 
Wiener hofbiWothtk nr 13607 bezeichnet als Scenarium comoediae 
germanicae cum morione in 3 actibus sine inscriptione de fatis 
doetorie wudidnae Sassafras et eiusdem amasiae Sassabariglia. 
theatergesehiehtlidi als Schematismus, durch anweisungen für die 
Improvisation und die andeutung gewisser obligater lazzi recht 
interessant, verdienen die zwei bll. foL vollständige und buchstäb- 
lich genaue widergabe. der Schreiber ist offenbar ein Österreicher. 

Zimmer. Actus 1. Scena 1: SassabarigUer sohtiffi hernoch. 

Sassafras et Pantolpho ersterer fragt wie sie sich befinde etc: 
Pantolpho Briefe zu Versiegln ab. Sassabariglie im schlaff 
warum klage ich dem arzten nicht Meine Noth, Sassafras seine 
Liebeslobung an ihr, bis sie erwacht, etc endtecken einander 
Liebe und Treu, dazu innwendig horen lassen 

Sc 2 Pantolpho wider zurttcke wundert sich der genessung 
will Sassafras belohnen, er will nichts nehmen ist der Esel 
Lazo dazu 

Sc 3 Anselmo nach gemachtem Compl. rufTt er Sassafras 
auf die seithen etc Sassafras ab. Pantolpho schaft Sassaba: ab, 
Beyde alte ihren Vertrag weg Heyrath beyde ab. 

Strada 

Sc 4 Sassafras et Cornelius, erster das ihm Cor: 
in der Liebe beystehn soll 

S. 5 H. W. [Hans Wurst] Lip perle und der Co/fesieder 
werden angenohmen. 

Seen. 6 Col[ombina] kombt von diedsen alle den Anschlag zu 
vollführen und bey der Sassäbarigle Nachricht zu geben dass sie 
alle bey Sassafras in Diensten. Alle ab. 

Zimmer. 

Se. 7 Pantolph, Anselm beyde rauschig inwendig 
lehrm weg feuer beyde alte ab. 

Se. 8 Sassäbarigle H. W, das er lehrm gemacht, gibt 
ihr den brieff und gleich beyde ab. 

Sc. 9 Pantolpho es seye ein blinder Lärm gewesen 
etc. dazu 

Sc. 10 ff. W. alfs Marquis de Flambeau gibt ihm den Schein 



236 SASSAFRAS 

weg den Kasten (Sassafras in den Kasten), Pont, will H. W. d. 
geleith hinaus geben, ist der Lazo weg umwerffen, H. W. ab. 

Sc. 11 Pantolph mit licht und Beth, will auf dem Kasten 
schlaffen. 

Sc. 12 H. W.: Sassabarigle will den alten weckbring, 
ist d Lazo des Yexiren Pant: es seye hier nicht sicher (ab) Sas- 
sabarigle wird im Kupfer [Koffer] gelegt. Sassafras heraufs. 
H. W. Lip: Sassafras kleidten sich als bediente, NB Kleyder 
im Kasten. 

Licht. 

Sc. 13 Pantolpho, Col. alfs Marqiiis de Plomage, zeigt den 
schein, Col ab H, W. Lipp. nOthigen Pant. : den Kasten zu trag 
Pant.: die verdambte Pagage, die teuflische, die verfluchte etc 
alle ab. 

[Bl 1*] Actus 2. 

Strada 

Sc. 1 Cornelia, Diana [könen verheyrathet seyn ist aus- 
gestrichen] haben eine Seen 

Sc.2 Sassafras et Lipperle obige Versprech ihnen Bey- 
stand weg ihren Haufs, entl. alle ab. 

Sc. 3 Pantolph, Anselmo jeder in seinem Haufs ruffet 
seine Tochter, entl. Beyde selbe zu such ab. 

Sc. 4 Sassafras et Sassabarigle Diana Cornelia 
Lipperle Lezterer will nicht mehr in den vorig quartier bleiben. 

Sc. 5 H. W.: er habe ein neues Quartier bey einen Ano- 
tomico: die Col: seye schon da, etc endlich alle ab, Sas- 
safras letzte, 

5c. 6 Beydealte haben Sassafras abgeh gesehen, urtheillen 
dass vieieicht da die Tochter seyn müssen, keiner will der erste 
sein der ins Haufs gehet, endl. beyde ab 

Saal 

Sc. 7 U. W. alfs Professor, Lipp: als Barbier, 
Sassa: Sassabarigle, Cornelia, Diana, wie sie die alten 
betrügen wollen, dazu 

5c. 8 Colomb. alfs Apotecker, Meldet, dass die alten 
schon in der Behaufsung etc H. W. seine Rodomandaten, dictirt 
unterschiedliche Recepten, dazu Weibsbild [er] ab. 

5c. 9 Pantolph: Anselmo, schleichen sich hinten heraufs, 
Anselmo mnckei Sassafras fragt warum sie heute da Studiren, 



237 



Sc. 10 Lijip. liringl die Nachhchl das die zuey gehonclilcii 
sein gestoUen nordeo, tf. W. flrgerl sicli daiülier, fragt ol» lieyde 
alle SaBiafras seine Väller «eren, etc fragt auch ob die alle 
Liebhaber von Reyfsen weren, es koste iliueD uichts alle ■^a^ 
ja sie Reyfs gern, weil es nichts Itosiet, H. W.: sie sollen sioli 
hencken lassen, eo wolle er sie alTs zwey Caiafen nach Nea- 
potii Mhicken, alle Hrgern sich ab {sie] ab. 

Sc. 11 Weihshilder hervor, fioli das die allen weit, 
haben Mebs-Scett Oazn 

Sc. 12 die heycle alle, üherl'alilcn sie. Paulolpho lührl 
Sotsabarigle und Col: ah, Aiiseimo seine Tnchlcr, alle ah. 

[Bl. 2'i Acius 3 

Strada. 

Se. 1 Sassafras, Cornnlio. U. H'. Lipp. gibt einer rfeni 
andern die Schuld, das» die Sache rerralh worden, wissen nicht 
was Sie anfiing sollen, dazu 

Se. 2 Cot: alTs Apoleck. Sie sollen lustig sein, Sie 
teye weil Sie von denen alten mil eingespehret worden, durch- 
gegangen, Sie habe den Weibsbildern auch Kleyder zugebracht. 
L nach Seen: sagt Sie wns ins ohr und alle ab es EU lliun. 

Sc. 3 Beyde alte haben heyde ncihsbiider in Patitolpho 
Haah einj^esijerrt, ein Jeder fragt i>eine Tochler oh sie heyraih 
wolle, d u z n 

Se. 4 tipp: alfs Keld-wabcl, mil Wacht, Lazo weg iirefseutir 
Sie betten lUserUttr ion Uaiil's, alte lachen Ihm aufs. 

St. b Colomb: alfs llau[itmann, Sassafras alfs 
lieuienanl, Cornelio of/-« Fen drich, //. W. alfs Audi- 
Uur rragen die allen, oh sie keine deserlairx im Haufse, alte 
Mgen A'riu, sie kOnucn alles durchsuchen, Lippert mit wache 
ins llaaTs CDlIieh lirint;l 

Sc. 6. Die Weibsbilder als DeserltKr, in s tief fei 
imd Stallkiclel heraufs, alte wundern eich, es wird Tisch 
lind etltbl, mit Feder und Tinten gebracht alle ofßcier setzen sieb 
wird fxami'ni'ret, dann siauilrechl gühalten, alle mUss billen das 
die officier ihre Tücbler heyraih wollen 12000 H. hejral «ui 
geben »ullen ihnen das leiten schencken, sie kOuten nichi s<i 
nfft spilzruihen isulT«n, officitr sein damit zufrieden alte 
niflen ihre Tochter . wundern sich dieselbe in eim sollen aiil- 
luch zu sehen, |ist Bvtgvslricheu] also bekombi Sassafras des 
7-, i: V. h. nuie fulse XIII. 17 



238 SASSAFRAS 

Ansd: SohD die Sassabarigle des PatUolpho Tochter, und die 
Diana des Anselmo Tochter den Cornelius. H. W, Col: uod ist der 
schius, das Sassafras und Sassabarigle zusamen gehört. 

finis 
[BL 2!J JedermäDlich zu VernehmeQ. 
OhDgeacht nach denen Kriegs-rechlen Ärticulo 1^° Secundo: 
et tertio, und so bis an das Ende gegenwärtige Delinquenten pro 
primo Jacobus Strumpf- Bandl, seines alters 1 und 8 jähr ist 
18 jähr gebürtig von Ambsterdam, gewefster Corporal, von HE 
Hauptmann Krumpfufs Compagine nebst seinen Complices georgius 
Krump-Tazl in Puncto Desertionis ergrieffen worden, so solle 
dennoch in ansehung ihres zukünftigen hoffenden gutt Verhaltens 
ihnen das leben geschencket seyn, doch wird ihnen zuerkannt, 
dass Vorgenannter Krump-Tazl Jahr und Tag bey HE Lieutenant 
in Haufs Arrest, der andere aber bey Tit. HE Fendrich ver- 
bleiben soll, die bofshaften Instiganten und unterschleipfgeber 
aber, alfs Pantolpho und Anselmo zur Specialen gnad durch 
80 tausen Mann 10 mahl hundert taufsendmahl Spitzruthen lauf- 
fen und das von rechts wegen, finis 

NB: er heifse Sassafra, und seine geliebte Sassabariligie, 
H. W. und ich Lignum Sanctum, Lipp: und ich heifs Albumgreckum 
so ist das gantze Decoctum beysammen. 

Wir haben ferner sechs arien zu einer Wiener bearbeitung 
Der verliebte Medicus Herr Sassafras von Amsterdam (Amsterdam 
wurde ja im urteil des kriegsgerichts genannt) erhalten in der wich- 
tigen von Kurz- Bemardon angelegten vierbändigeti handschrift- 
lichen Sammlung Teutsche ARJEN, welche auf dem Kayserlich- 
Privikgirt- Wiennerischen Theatro in unterschiedlich producirten 
Comoedien, deren Titel hier jedesmahl beygerücket, gesungen worden 
2, 545 ff. nr 1, zweistrophig, Cohmbine rühmt ihre kuppelkünste 

So will ich Colombine 

Aufs neue, da ich diene, 

Mein Sachen machen gut; 

Mich freut es, wann ich heiffen kan, 

Dafs manches Madl kriegt ein Mann 
usw., würde in die scene 1,6 des obigen Schemas passen, schwerer 
ist nr 2, von Bemardon als postillon gesungen, unterzubringen 

Du alter verruntzelter, grunzender Bernhäuterl 

Du ochsen -Verwalter! du Krippenreutherl 



SASSAFRAS 239 

Soll dann wegen deiner die Post 
Glaubst du, dass es nichts kost, 
Umsonst so lange warten? 
Ich hau dich auf die Schwarten, 

Zschi, hil 
Du Limmel usw.; 
Bemardon hat lipperk part übernommen, wahrscheinlich gehört 
sein lied zu 2, 10 oder einer abgeleiteten scene. 

In nr 3 bringt Colombine dem schönen geschlecht ein zwei- 
strophiges derbes vivat; 1, 13 ab marquis de Plomage? in nr 4, 
einstrophig, rühmt Bemardon die politische praktik des kuppelns: 
3, 1 ? XU 3, 4 gehört nr 5, 'Bemardon als waditmeistef 

Ihr habt was begangen 

(Ich weifs selbst nicht was) 
Ihr werdet bald hangen 

(das war wohl a Spafs) 
Man wird euch schon wcifsen 

Blitz, Donner und Bley, 
Strick, Galgen und Laiter, 
(Es ist Narrelhey). 

Man wird euch crts/tren, 

(Ich weifs nicht warum) 
Man wird euch for^tren, 
(Ich lache mich Tumm) 
Man wird euch bestraffen, 
MordI Hagel und Blut! 
In Stücken /rencAt'ren 
(Der Gspafs gehet gut), 
nr 6 khUtfst unstreitig 3, 6 und das ganze stück ab 

Duetto 
Col: Ach Monsieur Auditeurl 
H. W: Kommt sie auch zum Verhör? 
Col: Ja ja, es ist wohl so; 
H. W: Sie sag ihr factum anl 

Col: Es ist mein Augen trost, ich will dich zu den Mann. 
H. W: Fiat! es soll bald in kurtzen geschehen; 
ä 2. So wollen wir gleich zu der Venus hingehen, 
Die soll uns verbinden mit Bändeln zusammen, 

17* 



240 SASSAFRAS 

Es lodern die Hertzen, scbon voHer Liebs -Flammen; 
Col: Losch ausl 
H.W: Lass breooenl 

ä 2. So seys dann, die Flamm ist auMchtig zu nennen. 
Zu dem Sassafras hat sich auch eine Sassafrassin gefunden, 
in der Wiener comödie Die platonische faschings lust Teutsche 
arien 4, 325 f nr \ singt Frau doctor Sassafrassin 

In der Well 
Ist die Losung Gelt 
Viele grosse reiche Printzen 
Viele Grandes in Provinzen^ 

Verlangen nichts als Geld; 
Wälsche, Teutsche, und Croaten, 
Bürger, Bauern, und Soldaten 
Verlangen in der Welt 
Vor allen nichts als Geld. 

In der Welt 
Ist die Losung Geld; 
Wächter, Reuter und Trabanten, 
Keiner Mädeln Afustcanten, 

Verlangen nichts als Geld; 
Die Betriebten und Verliebten 
Haus Offiaers nebst Bedienten 
Verlangen in der Welt 
Vor allen nichts als Geld. 
Aus einer älteren fassung dieses stUcks dürfte JUKönig motive 
für sein lustspiel in prosa Die verkehrte weit entlehnt haben, das 
gleichfalls in den fasching verweist, denn atif einer Dresdener re- 
doute haben Earlekin und Scäramutz, zweene deutsche comödianten, 
den Zauberer Merlin ketmen gelernt. Sc, 4 Frau Sassefrafs in 
einem Docter-Beltz kommt singend und tantzend heraus 
Hier steht der Artzt, seht mich recht an. 
Der allen Kranken helffen kann 
tralarila I tralarila I 
die hübsche junge frau schildert ihre methode, wie der kranke ihr 
den puls fiäden müsse und von ihr durch einiges caressitren in 
gelinden schweife gebrächt werde, sie sei die witwe eines hhrers 
der deutsehen Spruche, die in der verkArten grofse helid>thmt ge- 



SASSAFRAS 24 r 

nitße. rffl dit greise ebenda ilen jungen scItHansliähntn lausenil- 
mat vorgdttH, Itat sich frau doctor Sassafrasmn nun mit einem 
Munleren lijährigen professor der nebwmheit verlobt. 

Als uacbtrag sm RKähler Zs. 20, 125 bemerke Uh endlich 
iltus BantiDHTSts bochzeil nebst einem verwatidle» stück auch m 
ilni hitsammdband 132S7 vorliegt und das» in Das vierfache Bhe- 
Und mit Batais Wurst dem Allamodisdten Bettler usw. Hanswurst 
das dririe lied beginnt Teutsche arien 3, t$4 

Der wackere Wirlh zur golttueo Laufs, 

Ist haU B braver Mann, 
Er gibt mti' gar cßl elneu Schmaufs 
Wann ich ihm zahlen bann. 
Vien 21 n 81. ERICH SCHMIDT. 



DIE ERSTE BEARBEITUNG DER EMILIA 
GALOTTI. 

Wie wir aus einer bemerkuug Nicolais wissen, war in der 
ilreiacligeD anläge der Emilia die rolle der Orsina nicht vor- 
liaadeD, »enigäens nicht a«f die jelstge ort (Hempel 20, 1, 145 
'Dm. 3). Mine behauptung, man kOnne davon vielleicht noch 
'tnijetpur in dem auHgearbeilelen drama entdecken, ist nicht uti- 
''e^raDdel. man sieht nenigstuns in dem gesprache zwischen 
ileoi prinzeo und Harindli i 6 noch üeullich die naht an jeuer 
»teile, wo die Orsina später eingeschoben wurde (Hempel 3, 11 1). 

S. 1 1 z. 13 i Prinz: . . . iros haben wir nettes, IHorinelli? 

Marinelli: nichts von belang, das ick iDiiste. — ... . 

$. 12 z. 19 Prinz: und nun genug von ihr. — von etwas 
"tdarm! — geht denn gar uithts vor in der Stadt? — 

Marinellii so gut tote gar nichts. 

Es bleibt aulTiilleud dass sich die frage nach etwas neuem 
'n dem gtfspräche so rasch hinter einander widerholl, und dass 
l'OsiDK, welcher so fein verstand, einen gcdanken anzuspinnen, 
lu em wickeln, «uszuleiten, hier einen sprung machl. i 5 drückte 
dw priiiz seine liebe zur Emilia aus, dann tritt Harinelli auf, 
•Jk frage nach neuigkeilen: Orsina: abermals diese frage: gral" 

' Ich iilile die lellen von oben durcb. 



242 DIE ERSTE BEARBEITUNG DER EMILIA GALOTTI 

Appiani und Emilia, von Orsioa ist nur mehr in zwei stellen 
die rede, welche sich auch als später eingeschoben ergeben. 

Betrachten wir zuerst die zweite s. 14 z. 24. Marinelli: 
. . . Sie lieben Emilia Galottil — schwur denn gegen schwur: 
wenn ich von dieser liebe das geringste gewufst, das geringste ver- 
muthet habe, so möge weder enget noch heiliger von mir wissen! — 
eben das wollt' ich in die seele der Orsina schwören. 
Ihr verdacht schweift auf einer ganz andern fährte. 

Der prinz: so verzeihen Sie mir, Marinelli, — ... und 
bedauern Sie mich. 

Sieht mau zu, wie sonst überall bei Lessing, besonders in 
der Emilia, von jedem sprechenden genau an das eben vorher- 
gegangene angeknüpft wird, als habe man es mit einer festge- 
fügten kette zu tun, so ist man überrascht, hier von seite des 
prinzen den schluss von Marinellis rede überhört zu finden, denn 
so verzeihen Sie mir bezieht sich nur auf Marinellis worte vor dem 
zweiten gedankenstrich, die worte von eben bis fährte sind für 
den weiteren verlauf des gespräches ganz überflüssig; weder in 
der antwort des prinzen, noch später ist bezug darauf genommen, 
das widerspricht ganz der sonstigen strenge des Lessingschen 
dialogs. selbst dort, wo das weitere gespräch auf eine frühere 
äufserung zurückgreifen muss, wird doch wenigstens ganz kurz 
der schluss der letzten rede, man mochte sagen abgetan, zb. s. 7 
z. 24 Conti spricht von der ansieht des Originals (Orsinas) über 
das bild, macht dann bemerkungen über die kunst. der prinz 
hat aber nicht lust diesen teil fortzusetzen, sondern will die 
meinung des Originals behandeln, trotzdem sagt er: der denkende 
künstler ist noch eins so viel werth. — aber das original, sagen 
Sie, fand demungeachtet — . ebenso später z. 30 Conti: ich 
habe nichts nachteiliges von ihr äufsem wollen, der prinz: so 
viel als Ihnen beliebt! — und was sagte das original? 

Man kann die bemerkung MarineUis ohne schaden fortlassen, 
der Zusammenhang der Sätze wird nicht gestört, im gegenteil. es 
ist daher deutlich ersichtUch dass diese zwei sätze erst später, 
erst bei der ausführung in fünf acten hinzugefügt wurden. 

Auch die andere stelle, an der von Orsina die rede ist, 
s. 14 z. 11 lässt sich als spätere zutat erkennen, nun ja ich 
fie6e sie; ich bete sie an. mögß ihr es doch wissen! mögt ihr es 
doA längst gewu/^ haben, alle ihr, denen ich der tollen Or- 



ratSTE BEAnBEITUNG DER EMILIA 6AL0TTI 243 

si'nit schimpfltrhe feiseln lieber tioig tragen sollte! 
— nur {lass Sir, Marinelli, der Sie so oft mich ihrer innigsten 
frettnitschafi versicherten, — ... rioM Sie, Sie so treulos, so 
liiimiteh mir bis auf diesen migenbüch die gefakr verheitlen dürfen, 
die meiner liebt drohte: wenn ich Iknen jemals das vergebe, — 
Kl werde mir meiner sÜnden keine vergeben! 

Hau lasse die gesperrl guilruckteii worte weg, und mau 
wird niclils eDtbehren, ja die sleigerung wird sogar eioc grursere, 
well die kUrze diu lebhanigkeil erli<tt)t. ui)erdies entspricht es 
der form, welche Lessing TUr die widerholung lieht. 

Also auch hier erkennen wir dass Lessing den salz nur bei 
iIlt umarlieiiung liiuzufügte. s#hen wir nun von diesen zutaten ab, 
dann kouucn wir folgende disposition des gespraches entnebmeo: 
es terfblil in zwei teile, im ersten ist von Orsina, im zweiten von 
Emilis die rede, bei beiden dieselbe einleilung; zwischen beiden 
klaffl ein grofser spalt, welcher nicht etwa durch einen Übergang 
vergessen gemacht wird. 

Im ersten teile ist es an zwei siellen der prinz selbst, welcher 
luf die mOgltchkeil eines neuen liehesverhaltnisses hindeutet (II, 
23 f und 12, 1 Q; er behandelt das itiema frivol, weist den ver- 
such Harinellis, tiefer darauf einzugehen MI, 20), zuerst zurück, 
um wenige augenblicke sp3ler selbst abermals davon auzufaugen, 
was diesmal Marinelli uubeuutzt bsst. 

Im zweiten teile wird dann von neuem die leidenschafl des 
prinzen eingeleitet und exponiert, dabei an das frühere nicht an- 
gekoUpft; auch nicht 6'iat äursernng deutet auf den ersten teil 
turück ausgenommen die oben angeführte ernahnung der Orsina 
U, 24, welche sich schon als späterer zusatz ergeben hat. dieser 
zweite teil ist strenge disponiert ; es lassen sich drei bauptgUeder 
bemerken : 
h] 12. 19 — 13, 10 bandeln über den grafen Appiani, 

B) 13, 10 — 14. 34 über Emilia und die liebe des prinzen zu ihr, 

C) 14, 35—15, 40 über die mitlel sie zu erlangen. 
Jeder bauptleil zerHilU in Unterabteilungen: 

A) 12, 19—12, 21 einleitung, 
13,21—12,32 Verlobung des Appiani. 
12,33 — 13, 10 Appiauis Persönlichkeit. 

B) 13, 10 — 13, U Übergang zur braut, 
13, 12 — 14, 8 Emtita Galolti heilsi die braul. 



244 DIE ERSTE BEARBEITUNG DER EMILIA GALOTTi 

13, 12 — 13, 21 coDstatieruDg der tatsache, erster teil, 
13, 22 — 13, 26 erste andeutung der leidenschaft, 

1 3, 27 — 14, 5 constatieruDg der tatsache, zweiter teil, 

14, 6—14, 8 zweite andeutong der leidenschaft. 

frage des Harinelli, 
14, 9 — 14, 34 offenes bekenneD der liebe. 
C) 14, 35 — 14, 38 Übergang zur ferneren durcbführung, 

14, 39 — 15, 3 constatierung der tatsache, 

15, 4 — 15, 14 erstes mittel zur erlangung; wird abgelehnt, 
15, 14 — 15, 40 zweites mittel; wird angenommen, schluss. 

man würde nichts für die exposition der liebe vermissen, wenn 
der teil über Orsina fehlte, ja die«gliederung ist erst dann eine 
ganz strenge, es wird daraus hoffentlich klar geworden sein dass 
man an dieser stelle noch zu erkennen im stände ist, wie Les- 
sing die erwähnung der Orsina eingefügt hat. 

Graz, 12 februar 1881. RICHARD MARIA WERNER. 



ZU ZS. 25, 170 ff. 

Auf die Ton herrn director Schwartz mitgeteilte Herodias- 
sage des Nicephorus Callistus hat schon WHenzel (Vorchristi. 
Unsterblichkeitslehre 1, 32) hingewiesen, der sie aus zweiter band 
(Rousseaus Purpurviolen 5, 98) beibringt, ferner begegnet die 
sage, leider ohne quellenangabe, unter den Kleinen beitragen 
aus dem syrischen, welche p. Pius Zingerle in Wolfs Zs. f. d. 
mjth. 1, 319 f veröffentlicht hat auch ins volk ist sie gedrungen, 
im sommer 1876 hat mir eine frau aus der Oberpfalz erzählt, 
was sie als kind in Zwiesel gehört: Herodias lief mit ihrer mutter 
auf dem eise, in grofser gesellschaft; da brach, zur strafe für 
den an Johannes begangenen frevel, das eis und schloss sich, 
während beide versanken, dergestalt wider, dass es ihnen die 
köpfe abzwickte, die nun einen grausigen tanz begannen. — 
pater Abraham mag nicht der einzige gewesen sein, der die ge- 
schichte auf die kanzel und so unter die leute brachte, ihren 
Ursprung möchte man des eises wegen in kalten strichen suchen, 
wenn nicht die schriftlichen Zeugnisse dagegen sprächen, ob 
die hereinziehung der mutter in der Oberpfälzer fassung eine 
volkstümliche zutat sei, vermag ich nicht zu sagen. 



zu ZS. 25, 170 ff 245 

Ab ein für sich bestehendes motiv begegnet die Vorstellung 
von dem durch die eiskruste abgeschnittenen haupte in einem 
griechischen epigramm der Palatinischen anthologie, von welchem 
auch eine lateinische nachbildung überliefert ist (beide beisammen 
in Rieses Anthol. lat. nr 709) : ein thrakischer knabe findet durch 
den ttberfrorenen Hebrus seinen tod ganz wie Herodias, und die 
spitze des epigramms ist die, dass das haupt im feuer, der rümpf 
im wasser bestattet wird, die griechische fassung geht unter dem 
namen Flaccus, die lateinische wird mit überwiegender Wahr- 
scheinlichkeit dem Germanicus zugeschrieben (vgl. auch Heyer 



Anth. lat. anm. zu nr 117). das zeitliche Verhältnis würde so- 
nach gestatten, die bildung der legende in abhängigkeit von dem 
epigranun zu denken, dieses selbst aber als poetische concep- 
tion ist so absonderlich, dass man vielmehr auf einen verdunkelten 
mythus raten mochte, etwa ein winterliches seitenstück zu den ab- 
geschnittenen köpfen der AigyptossOhne (Preller' 2, 47). unsere 
legende also eine ins ethische gewendete naturdichtung? der Vor- 
gang wäre nicht ohne analogien. 

München, 28 märz 1881. LUDWIG LAISTNER. 



ZWEI BRÜCHSTÜCKE GEISTLICHER 

DICHTUNG. 

Zwei pergamentbldtier (noch ohne Signatur) in klein octav der 
hibliothek des Prager domcapiieh, als einlage zwischen einer latei- 
nischen hs. und deren einbände benutzt, herr prof. dr JKelle 
war so gütig, mir dieselben zur abschrift zu verschaffen, oben 
sind beide blattet abgeschnitten, so dass zwischen der vorder- und 
rüekseite immer einige Zeilen, ob 3 oder 5 lässt sieht nicht ent- 
scheiden, ausgefallen sind, bbut 2 ist von einer andern hand mit 
kellerer tinte gesehrieben, man erkennt dass zwischen beiden blättern 
themab mehrere andere eingenäht waren, die erste zeile jedes 
reimpares hat vorgesetzten grofsen anfangsbuchstaben, welcher jedes 
mal durch einen über dem schwarzeti buchstaben aufgetragenen 
roten strich ausgezeichnet ist, bei 2. 14 ist D, bei z, 55 N rote 
initiale, die Zeilen werden abgeschlossen durch rote Wellenlinien, 



246 ZWEI BRUCHSTOCKE GEISTLICHER DICHTUNG 

1' 

werlde minne sich 
welch Ion dir geit der werde mine 

so si dich dort bringet iane 
wie dich ir mine hat betrogen 
5 swaz si dir gelobt iz ist gelogen 

si ist ein rechtev lugnerinne 

mensche warvmb trestu d* mine 
dev dich hazzet ze allen Zeiten 

si twinget vn wil doch nicht beiten 
to si gäbet si lauftet hin vor dir 

got wie maniger volget ir 
vü ist ir nach ze volgen snel 

vn fleuset mit ir leip vnd sei 
Daz merchet diser werlde vrowen 
15 die sich den ovgen gebent ze schowen 

in reichem chlaide in reicher wat 

nimer mvz ir werden rat 
die das mit ovgen chumen waiden 



dev sich do von nicht gehuten chan 
20 geloubet ir an valschen wan 

den roten munt den lichten wangen 

chrachen chroten vn siangen 
dev schone lecchet ab ev trot 

domit ir manigen habt bechort 
25 vnd habt gezogen seinen sin 

mit ev in die helle hin 
ir ziert den leip nvr vmb daz 

daz ir gevallet dez der baz 
den die evr schone blendet 
30 ir wert mit samt in geschendet 

swen got an der lesten zeit 

rechtev vrtall vber evch geit 
vor allem himelischem her 

1 minoer? 2 /. werlde mione 7 traawestu? 20 mir? 

21 dev lichten? 22 /. drachen 23 leccheot ab ev dort? 



ZWEI BRUCHSTOCKE GEISTLICHER DICHTUNG 247 

da wirt offea evr voer 
vor aller engel an gesichte 35 

Tertailit ev daz gotez gericbte 



nach christeDleicher gewonhait 
er ist an zweivel de? suzzev vrucht 

dev VHS dev alten even sucht 
vertriben vn v^tilget hat 40 

v«ran sein minenchleicher rat 
minnenchleich daz an sach 

wie die alte schulde geschach 
von der wir alle waren tot 

dv gedacht d^ minenchleicher got 45 

seit daz von ezzen geschehen were 

wie er mit listen den trvgnere 
hernkegen mocht vberlisten 

daz er den vil armen Christen 
brecht zve den wirden wider 50 

von d^ er waz gevallen nider 
do adam den aphell az 

darvmbe gewan er goiez haz 



der nimmer kegen dem mesche geleit 
Nv hat vns Christus wid^ bracht 55 

wand er an vns' not gedacht 
er ist recht der selbe got 

der in den aphel stiez den tot 
da sich adam der erste man 

von vngehorsam erwürget an 60 

nv hat er vns ein aphel geben 

darin hat er getan daz leben 
swen wir disen aphel ezzen 

d' machet daz wir gar v'gezzen 
der aphel der vns bracht den tot 65 

diser aphel daz ist got 

50 der? 65 den aphel? 



24& ZWEI BRUCHSTOCKE GEISTUCHER DICHTUNG 

YDser herre iesus Christ 

d' auf dem bovm gewahsen ist 
dez svzzeo leibez saat marein 
70 der bovm mvaz imer selicb sein 

Frag. ALEXANDEIT TRAGL. 



FRAGMENT EINES NIEDERDEUTSCHEN 

TRISTANT. 

Das nachstehende bmchstück wurde vor einiger zeit von hrn 
ÄPatera, custos des Böhmischen museum», in der bibliothek des 
hiesigen domcapitels gefunden, es besteht aus den ungleichen hälften 
eines zweispaltigen pergamentblattes, 25,5 cm. hoch, 17,5 cm. breit, 
welche als falzbldtter dem werke Computus douus totius fere 
Astronomie fundameutum, Liptzk 1514 eingefügt waren und der 
Schrift nach aus der mitte oder dem ende des Idjhs. stammen, ich 
lasse einen diplomatischen abdruck folgen; doch habe ich inter- 
punction eingeführt und einige besserungsvorschldge beigegeben, für 
den inhalt verweise ich auf Kölbing Die nordische und die englische 
Version der Tristansage s. cxxxix f. was den dialect betrifft, so 
nähert sich derselbe in manchen puncten stark dem mittelnieder- 
ländisdien; trotzdem habe ich nicht gewagt, das bruchstück kurzer 
hand als ein mittelniederländisches zu bezeichnen, weil andere 
sprachliche eigenheiten dagegen sind, welchem grenzgebiete mnl. 
zunge das fragment entstamme, mögen solche entscheiden, die gröfere 
Vertrautheit mit den dortigen mundarten besitzen. 

Prag. K. W. TITZ. 

1* vDhiel heft mi v^duomet. 

zehn verse weggeschnitten ic hadd en uns erkorn 

tristaDt al dier werlt bevorn 20 

vn vraged op weleke dinc te werltliker wunne. 
hi quam also gerant. dars mi vn minen kunne 

'here,' sprac gene te hant grot laster an geschien. 
15 4c ben, alse gi wal siet, ic mags hir wai begien. 

en vedder vnd and^s niet. si heft vnt vArt di stolte 25 
tristant ben ic genümet. van dien v^wornen holte; 

16 L redder 19 uns] /. wif 



.-fr 



f FRAGMENT EINES NIEÜERDELTSCHEN TRISTAKT 1 


PH 


ili faefb in ünea kastiete, 


dar na so quell min mvol 


^H 


herr, vud ic vare ds hiele. 


trislanl di liet ongerni-. 


^^H 


of ic dien iergen vunde. 


dat war« nn of uerne, 


^^H 


30 di Uli gehelpen künde 


liine wäre te haut geriede. 


^^H 


weder miiier amyen. 


nv si dar got gebiede 


^^H 


dor dion wold ig v'lleii 


siQ licve fnole ^ieJe : 


^^H 


luuoder vnde vader, 


his manegt^ man ionhiele 


^^H 


al dat ic hehb al gader 


van derre werlt gescliieden 


^^H 


3S leged ic dur dien in wage. 


an spellen vtid an lieden 


^^H 


vor alle itiine mage 


klaget man noch einen dot. 


^^1 


sold ic iicn lialden imm', 


dies werd dier werlde not 


^^1 


so dat ic lieme nimmer 


mar of hi levede lieden. 


^^H 


minen dieost iioul segede. 


hi wäre nv gercden 


^^1 


40 swar litt ioch op legede. 


dor min erkouerunge.' 


^^1 


di hoge koniug arlus 


da sprac echt unse iuuge 


^^1 


bell degene in sinen hus, 


'mach V min ylen uromen. 


^^1 


dar njl ic hclpc suoken.' 


ic di^ min harnas komo, 


^^1 


I'jtaot sprac 'wildis ruokeu. 


min ora vnde mine wapen. 


^^1 


«so liebdi liclpe vuaden. 


dat wi noch er wi slapen 


so ^^1 


gwal wi gedieiiea kuunen, 

1" 


luaken uns dar hene.' 

'dal wold ic," sprac di gene 


■ 


wäre wi v geriel." 


'mar ine kan niet gedien, 


^^1 


.... r ine v^sprekct nicl 


ine liebl)e mine amfi>n.' 


^^H 


verdienet gerne. 


Dyse held was gas geriede, 


^^H 


SO . . . . nea niel iumi'ne,' 


dioR gens gor geschiede. 


^^H 


c Ili, 'dies ic gere.' 


alsus \ilr ane scande 


^^H 


. . . . a diete v gewere ' 


i'sUu 




c iriolanl'lielpe morne.' 


dien w 


^^H 


..... enesprac eckt tnel lorne 

» d mi op v'geveue 

. . . . e koml le nünen lerene 
eclile dunkel mi 


dies 


90 ^^M 


int r 




dar 


H 


2' 


mar Iristanl, lovede tii, 


IUI hadde di burcb here 


^^H 


di konde mi guloueo. 


groie macht vnd ere 


^^1 


60 >ii wel ml6 lives rouen, 


vnde was wal seuede bniod*. 


95 ^^M 


di mi dat uer«leti duot 


redders dodes liioder 


^^H 


4Ü (. konden 47 i« nynn=Bn dar lo 48 'hm,? 49 uude 


^^1 


SUmlenetniettonllienic? 5t eproc ? 52 'Ic b«a dicreT 53 )pracT ^^B 


5* geDtT 67 /. suole BS /. 


□jihiele SS iriMant met triitandcT ^^B 


ÖS /. »euendet 


^^^^ 


J 



250 FRAGMENT EINES NIEDERDEUTSCHEN TRISTANT 



vant man aa iegeliken. 

nv höret vaa dien riken. 
her waren twie gereden 
100 na redderliken seden 
tArnieren in dat lant. 

her lif was p'ses pant, 
swar man dien sold erw^uen. 

sin Helen niet verderuen 
105 her loues an dien . . . men. 

si künden wal ge . . emen 
an prise werender eren. 

do di twie weder keren 
van dien turnoyen wolden, 
110 do ersagens unse holden, 
tristant vnde irebant. 

si worden al te haut 
van desen twien bestan, 

vnde mvoste schier ergan 
115 di si di körnenden . . uogen 

dot. dat muoste vr&gen 
te hant dier knech . e ruopen 

in dier bürch. do s . . open 
di anderen sie ier erere, 
120 te wrake stuont iher gere. 
dies rande manech man 

di twie tristande an. 
dies was starc di bataUe. 

do bogede manege malie 
125 di held van armonye. 

dien hielt wal companie 
met helpe sin geverde, 

di genre dodes gerde, 
di hem sin wif benamen. 
130 hen stuont te manege ram 
di were van dien dage. 



dar vfir slach wed^ clage 
an Schild vnd an halsperch. 

fünf verse weggeschnitten 

2^ 
elf verse weggeschnitten 

vn hi quam kume dan 150 
dar hi vant kardinen. 

di ginc do dat wal pinen 
dat mä he baut di wunde. 

do sit gelubbe vunden, 
do mesirosten sine. 155 

Do nam hi kaerdine 
hemlic an sine rat. 

^gi siet wal wiet mi stat,' 
sprac hi ^geselle min^ 

ic muot dies dodes sin, 160 
sine wilt mi trowe schienen. 

ine hebbe niet mer enen 
trost tv desen dingen. 

mogedi mi dien bringe, 
so mach ic noch genesen. 165. 

nu suldis ülitech wesen, 
als ic V wal getrowe. 

di koningin min urowe, 
ysolt di wal bedachte, 

di heft meneger slachte 170 
saluen vnde krüf, 

dat mi wal tien sold vt 
et gelubbe van dier wunde, 

of wi si hebben künden, 
si kan van arredie 175 

so scone,' sprac di vrie 
^dat ic genäse schiere, 

of di geslachte fiere 
t& mi gerechte komen. 



111 /. tristant 115 /. dat si? /. sluogcn 117 /. knechte 

118 /. scuopen 119 /. ter were? 132 /. slagc 151 daneben von 
jüngerer hand pudibaodos 156 davor ein kleines d 161 /. gine 

175 /. arcedie 



FHAGMEMT EINES NIEDERDEUTSCHEN TBISTANT 



» gj hebbet oc wal v'uoni 
wi her mvol slal lu mi. 
nv wold ic, vrient, dat gi 



: cornewalie vilrel, 
dar gl dat schier prvftret 



EINE LATEINISCHE OSTERFEIER. 

Da» auf der hiesigen liofbibUolftek be/indlkhe Breviarium . . . 
ttimtdum ordinem ecclaie saticte Sallzburgensis . . . Imprasum 
\emtiji per Nidtolaum de Franckforclia, a. d. h.cccclxxij IHain 
Rrprrtwinm i l iir 3931) mthaU auf blall 108" — 108'' eine 
in ilas officium des oslersOHnlayes nach der dritten lectiott ein- 
yelegle osferfeier. welche der von Milchiack Die oster- und pas- 
tinnupitle, i Die lateinischen oslerfeiern, WolfenbUltel 1S80, s. 45 
aiifgeatellfen zweilen grvppe angehört, dieselbe stimmt in der an- 
oTiiming und im wortlavte der satze mit der von Schönbach Za. 
20, 132 f aus drei Grazer hss. veröffentlichten SLambrechler osler- 
feier (Milchsack aao. s. 47—53, L) iiberein, in den rituatan- 
leeimngm steht sie am nächsten der Kloslemeiihurger osterfeier 
[Du itffViV. OHgines latines du theatre moderne, Paris 1849, 
p. S9— 91. Milchsaci aao. N). 

Ah ein neues zeugnis für die fortdauer der kirchb'chett oster- 
feier am ausgange des xrjhB. in einer bestimmten diöctse tritt das 
tt&rk ergilHzend zu den von Milclisiick im anhange s. 121 — 133 
veröffentlichten oslerfeiern und rechtfertigt hiedurch sou-ie durch 
Mine üusführtiche spielanweisung deti abdmck. nebenher bemerke 
ick ilass durch die fundslätte des folseniien Stückes, ein Breviarium, 
Schönbacka bemerkttng gegen Mikhaack (.ins. vi 30S) bestätigt wird. 

L3 PosI Gloria pairi Respoui^urium 

L 1 [Dum transit^si^L sabbalum , Maria Magdaleua et Maria 
Jacobi et Salume euieruDl aiomala, 

Ut veuieiiles uugerenl Jlifstiui. AÜeluiu. AUeluial 

L 2 E[ vslde niane una salibaloriini vetiiutK ad moDumeii- 
tiiDl orlo Jam aole, 

Ut vcnieiites uugereDt Jliesum. AUdula. AUeluialj 

a priocipiü rcpelatur ei umois clerus portans 
cereos accenaos prucetlil ad t isilanduni sepulcbrum. 
Diacouiis vero qui legerat euanßeliuni acturus ol- 
ricium aogeli precedat seüentque in dexteru partü 
cuupertus slola Candida, at ubi chorus canlar^ in- 
ceperil anliiibonam 

£ 6 Maria Magdalena el ulia Maria rerebunt diliEculo aroniuta 
iloininum qiterenles in monunicntü, 

Ires presbyteri induli cappis cum tolidem ibu- 
ribulis figuram mulierum lenenles el incenso pro- 
ctfctnul vt^rsiis sepnlcbrum et stantes cauenl: 



252 EINE LATEINISCHE OSTERPEIER 

L 7 Quis re?ol?et Dobis ab ostio lapidem, quem tegcre 
sanclum cerDimus sepulchrum? 

Angelus respondet: 

L 8 Quem queritis, o tremulae muiieres, in hoc tumulo ge- 
meDtes? 

Hulieres: 

L 9 Jhesum Nazarenum crucifixum querimos. 

Angelus respondet: 

£ 10 Non est hie, quem queritis; 

£ 1 1 Sed cito euntes nunciate discipulis eins et Petro, quia 
surrexit Jhesus. 

Et cum ceperit cantare angelus *Sed cito euntes, 
Hulie(res) thurificent sepulchrum et festinanter re- 
deant et versus chorum stantes cantant: 

L 12 Ad monumentum venimus gementes, angelum domini 
sedentem vidimus et dicentem, quia surrexit Jhesus. 

Tunc Chorus imponat antiphonam: 

£ 13 Currebant duo simul et iile alius discipulus precucurrit 
citius Petro et Tenit prior ad monumeotum. Alleluia. 

Et cantores quasi Petrus et Johannes currant 
precurratque Johannes sequente Petro. Et ita ve- 
niunt ad monumentum et auferant lintheamenta et 
sudarium, quibus imago domini erat involuta, et 
vertentes se ad chorum ostendendo ea cantent: 

£ 14 Cernitis, o socii, ecce iinteamenta et sudarium, et 
corpus non est in sepuichro inventum. 

Chorus: 

£ 15 Surrexit enim, sicut dixit dominus; precedet vos in 
Galileam, Alleluia. ibi cum videbitis, Alleluia, Alleluia, Alleluia! 

Populus cantet: 

Crist ist erstanden etc. 

Et ita clerus redeat ad chorum cantando anti- 
phonam. Surrexit enim; sed si non suffeceritrepetatur. 

Tunc pontifex siue presbyter incipiat: 

£ 16 Te deum laudamus. 

Quo finito dicatur: 

In resurrectione tua Christe, Alleluia, celum et terra letentur, 
Alleluia. 

S e q u i t u r : 

Dens in adiutorium meum. 

Ad Landes. 

Wien 8. 4. 81. K. F. KUMMER. 



^Bi 



FRAGMENTE EINES CECHISCHEN ROSENGARTENS 253 



FRAGMENTE EINES CECHISCHEN ROSEN- 
GARTENS. 

Herr APaiera, custos des böhmischen mmeums, fand vor etwa 
Jahresfrist in einem auf der hiesigen domcapitelsbibliothek befind- 
bctoi quartanten, als falzblätter eingelegt, 43 pergamefUstreifen 
von versdtiedener gröfse, welche bmchstücke eines längeren cechischen 
SeOdUes enthidien. die darin vorkommenden namen: Elzel, Sieg- 
fried, Günther, Dietrich usw. führten hm Patera auf die ofinahme 
iiner cechischen übersetz%ing des Nibelungenliedes, bis hr prof, 
JKdU, dem die fragmente vorgelegt unirden, das richtige fand, in- 
dem er üesMen als einer Übersetzung oder bearbeitung des Rosen- 
gartens angehörig erklärte, allein auch dann stellten sich dem Ver- 
ständnisse der fragmente deshalb grofse Schwierigkeiten entgegen, 
weil hr Patera und auch ich, auf seine autorität gestützt, längere 
zeä der meinung waren dass die bruchstUcke einer zweispaltig ge- 
sdieMenen qmrths. angehörten, eine tiähere Untersuchung der 
einzelnen pergamentstreifiAen und der hinblick auf den inhaU- 
Uehen Zusammenhang derselben muste jedoch diese annähme um- 
stofsen. vielmehr war das format der hs. klein-octav, einspaltig, 
oMf jeder seite befanden sich 35 — 38 verse, einzeilig abgeteilt, von 
den 43 pergamentstreifen gehören 21, 24 — 28 cm. breit, 2 — 3 cm. 
hoch, den drei innersten doppelblättem einer läge an, welche quer 
xersehnüten wurden; auf jedem dieser streifen stehen 2 — 4 verse 
von der ersten, zweiten, dritten und vierten seite jedes doppelbkutes. 
die übrigen 22 streifchen, 4 — 6 cm. lang, 1 V2 — 2 cm. hoch, sind 
dadurch entstanden, dass mehrere der langen streifen in vier teile 
zersdnUtten wurden; ihr text bietet mitunter gar keinen anhalts- 
punci für die bestimmung der stellen, welche sie in der vollstän- 
digen hs. einnahmen; es glückte nur bei 6 derselben, den Zu- 
sammenhang zu finden, die schrift ist von einer hand, etwa aus 
dem dritten viertel oder dem ende des xiv jhs., und bietet nichts 
bemerkenswertes, zur äufseren beschreibung der hs. sei nur noch 
hinzugefügt dass dieselbe ein palimpsest ist; die von hm Patera 
vorgenommene chemische prüfung ergab jedoch dass der schwach 
hervortretende lateinisehe text der schrift nadi ebenfalls aus dem 
\trjh. stamme und gänzUch bedeutungslos sei. 

Z. F. D. A. neue folge XIII. 18 



254 FRAGMENTE EINES CECHISCHEN ROSENGARTENS 

Den wert dieser fragmente bestimmen folgende zwei tatsachen. 
einmal ist die hs. das erste bisher bekannte beispiel einer bearbei- 
tung deutscher heldensage im cechischen. die eigennamen sind denn 
auch fast sdmmtlich cechisiert: wornycze = Worms, kuotyerz 
== Günther, wytek = Wittich, dyelrzych = Dietrich, zybrzyd 
= Siegfried. * Niederland' wurde wörtUch übersetzt; Siegfried 
stammt z doley (ssy zemye), 'aus dem niederen lande.' an zwei 
stellen liegen entweder misverstdndnisse des Schreibers, oder schreib- 
fdder vor; v. 160 prawhyltyna statt prunhyltyna = Brunhilde, 
und V. 111 kemuchowy statt kernuthowy =s Gemoten; ich ndime 
letzteres an, weil der text im allgemeinen correct und nirgends 
schwer beschädigt ist. 

Wichtiger jedoch als diese tatsache, welche neuerlich den grofsen 
einfluss der deutschen litteratur auf die cechische beweist, den 
ich an anderem orte ausfilhrlicher darlegen werde, erscheint die 
zweite: dass nämlich diese cechische bearbeitung nach einer uns 
unbekannten deutschen recension hergestellt zu sein scheint, ich 
schliefse dies aus folgenden gründen, die vorläge des cediischen 
textes gehörte unzweifelhaft zu der von Philipp Zum Rosengarten, 
Halle 1879, mit ii bezeichneten handschriftengruppe, denn derselbe 
hat mit n eine reihe besonders hervorstechender züge, so die namen 
und die reihen folge der kämpfenden helden, dass der hundert jähre 
alte Gibich vor seiner tochter kämpfen will, und den streit zwi- 
schen Ilsan und Wolf hart, ehe Hildebrant letzteren nennt, gemein ; 
andererseits finden sich aber auch wider abweichungen. in ii ge- 
langen die helden erst in 20 tagen nach Worms, in der cechischen 
fassung bereits am 12 tage; femer lässt diese Etzel mit 40000 mann 
bereits am Rheine anwesend sein, als Dietrich ankommt, während 
in II Etzel mit 14000 mann (in p, der fassung der Pommersfelder 
hs., Germ, iv 1 ff) und Dietrich gleichzeitig am Rheine anlangen ; 
auch in D (vdHagen und Büsching Deutsche ged. des mittelalters ii, 
Berlin 1825) machen Etzel und Dietrich die fahrt gemeinsam, ich 
glaube nicht dass der cechische bearbeiter, der den stoff keineswegs 
der tradition, sondern einer geschriebenen vorläge entnahm, diese 
änderungen willkürlich vorgenommen hat. dafür spricht schon 
der umstand dass der cechische text an manchen stellen mit der 
Pommersfelder hs. und D fast wörtlich übereinstimmt, wie die 
nachstehende vergleichung zeigt, und die oben citierten formen 
prawhyltyua und kemuchowy, die offenbar verlesen sind; diesen 



FRAGMENTE EINES CECHISCHEN ROSENGARTENS 255 

Unnm noch perchylia in v. 159 /"— Perthilda?) und werlneyd 
0. 146 (verlesen wertnaid statt Herwart) angeschlossen werden, 
aiuh Ibans wette um einen rosenkranz ist ein zu characteristischer 
%ugp als dass er eine er findung des Cechen sein könnte, der immer 
mir wegliefe, nirgends hinzutat. 

Der nachstehende abdruck der cechischen bruchstUcke ist di- 
fimnatisch genau; die überntzung, welche stellentoeise ziemlichen 
sAmierigkeiten begegnete, hat hr Patera gemeinschaftlich mit mir 
^ergestettt. conjecturen sind eingeklammert. 

I blatt. 
Vorderseite: 
. . . Opat dyelrzychowy dyefTe 
y weit koDüent tak mlwyerfe . . . 
der abt sagte zu Dietrich: 
'auch der ganze convent spricht so . . .' 

Rückseite: 
. . • wolfart vecze Denyet krzywda 
Tot gelt ?yeru praua prawda . . . 
Wolfhart sagte: 'es ist kein unrecht; 
das ist wahrlidi die rechte Wahrheit 



• • • 



II bUüt, 
Vorderseite: 
5 lecz zyw lecz mrtw wzdy (my) bratr gcdl 

Mnych wecze hotow fem gyety 

nahradye fyedaoye myety 

Kohoz ya tu (wezmy) wrucze 

Budet feiDDu wtake mvcze 
to Wradymt nan rozeny kranecz 

Sehramt fnym trudny tanecz 

A kdyz na konye wfgyedechu . . . 
h ... tot oder Mend, mein bruder ist er stets.* 

der mönch sprach: 'ich bin bereit, zu reitefi, 

im garten den kämpf zu bestehen. 

wen ich da in die bände bekomme, 

der wird von mir pein erleiden, 
10 ich wette darauf einen rosenkranz; 

ich werde einen grdsslichen tanz mit ihm auffiUiren.' 

und wie sie auf die pferde aufsafsen. . . . 

18* 



256 FRAGMENTE EINES CECHISCHEN ROSENGARTENS 

p 202—205: 

her 8t lebende odir tot, her isl uns willekomen.' 

*So ben ich bereite' sprach brtlder lls^n, 

*ich tri^we wol daz mich iman torre [vr6hchen] besten.' 
im eechischen texte ist sodann eine lücke von 2 — 4 versen, worauf, 
gleichfalls auf der Vorderseite des ii blattes, folgt: 

, . . yhned do bernna gyedechu 

Czrwtynadczt den tarn przygechu 
15 Tu muoho weffele myechu 

Awtu dobu wolfart ftafyc 

Nahradye azokna . . . 

Nowyny zwyedyty 

. . . sofort ritten sie nach Bern. 

am vierzehnten tage kamen sie dort an. 

15 da geflossen sie viel lustbarkeit. 
und zu der zeit stand Wolfhart 

auf der bürg und aus dem fenster (blickend) 
neuigkeiteti zu erfahren. . . . 

p 205 — 209: 
In dem vtrz^nden morgen, do erlüchte der tac, 
d6 quAmen si zu Berne dA manic recke lac: 
sunder Wolfhart eine in eimc fenster sti^nt 
und warte vremdcr m^re 

Rückseite: 

my 

20 Racz fam 

To nyfc wfyc n(y?) 

Przygechu dyelrzych(a) .... 

kdyz dyelrzych 

wir 

3i> geruhe selbst 

dies hUrtnd alle (giengeH?) . . 

sie empfiengtj^ Dietridi 

als Dieirifk 

Lüde. 
dTeUnidia mvle wAnxecliu 

16 wf^cckny wobeci g«y priVgecliu 
Pak fye hylbnmU dobrachu 



FRAGMENTE EINES CECHISCHEN ROSENGARTENS 257 

wfyczkny mv yytanye dachu 

Wolfart knyezy wecze ztycha 

CzemofT przyuedl toho mnycha 
30 kam chefT plechaczye podyety. . . . 

sie sahen den Dietrich mit verfügen, 
25 ofie empfiengen ihn. 

darauf wandten sie sich zu Hildebrant, 

aüe entboten ihm willkommen, 

Wolßart sprach zum forsten leise: 

'warum brachtest du diesen mönch mit? 
30 wohin willst du den glatzkopf mitführen? , . .' 

p 219—223: 
d6 si in eDphingen, si sprächen alle glich 
^slt willekome von Berne herre her Dtterich. 
Wir solden üch enphähen, meister Hildehrant: 
waz woldet ir des monches gefürt in daz lant?' 

D 481 — 485: 
Do sprachent do die herren alle gelich: 
*Sint got wilkomen, von Berne her Dieterich; 
Und sint euch wilckomen, der alte Uiitehrant: 
Wet der übel tüfel, wolt der münch in diz laut?' 

Lücke. 

. . . zdaly mv ge(l fnamy gyety 

Budes toho necyell myety 

Hoziy geho febu pogyety 

Nebt byto byl blazen welyky 
35 wfelyky 

. . . falls er mit um reitet, 

wirst du davon Unehre habeti, 

willst du ihn dennoch mitnehmen, 

denn es wäre ein grofser tor 
35 mancher. . . . 

ni blatt. 
Vorderseite: 
. . . Mozes gym rad newhzrzaty 
Ale zavdatneho gmyety 
Mnych wecze kto yeft to tak mlady 
yefto hleda namnye fwady 



258 FRAGMENTE EINES CECHISCUEN ROSENGARTENS 

40 yat yem? dam ranw gednak 

budet inhed mluwyly gynak 

wolfart ynhed thobo pochwaly 

Ot thoho fye nycz newzdaly 

Tak wdatDye wzhoru wzkoczy 
45 Mnych fye J)ty nym wzkoczy 

yakz fye moych fwolfarte fwady 

Inhed ye dyetrzych rozwady 

y wecze mw nezkrowDylT muych 

prohofpodyD bud Denye tycb 
50 Mnych wecze ktoto weuody 

A tak ztrwymi pychw plody 

Zda mny by to byla fpyle 

yat yey wfpym gednak wczyle 

hylbrant wecze chczefT gey (znaty) 



55 Mozes gey 

wolfart gemu gmene dyegy 
. . . kow wnuk ryeczy smyegy 



Racz tye hofpodyn zehnaty 

nechczyt fe dele hnyewaty 
60 hylbrant gyma kaza przyeflaty 

Rzka necbwaytay rzyeczy ftaty 

nerod tez dele mefkaty 

ywzt nawoliw chczeme wftaty . . . 

. . . du brauchst ihn eben nicht zu verachten, 

sondern magst ihn für tapfer halten.' 

der mönch sprach: 'wer ist der so junge, 

der mit mir händel sucht? 
40 tcA werde ihm einen schlag versetzen, 

gleich wird er anders sprechen.' 

Wolfhart belobt dies sogleich. 

sie versahen sich nichts von ihm, 

da sprang er tapfer auf. 
45 auch der manch springt auf gegen sie. 

sobald der mifnch mit Wolfhart zusammen g eräi. 



FRAGMENTE EINES CECHISCHEN ROSENGARTENS 259 

<o/bit bringt Dietrich sie wider aus einander, 
er sagt %u ihm: 'du unbescheidener mönch, 
sei um gottes wiUen nun ruhig!' 
50 drauf sprach der mönch: 'wer führt jene an 
und behandelt die deinen mit ObermtU? 
meint er, dies sei ein spiel? 
den will ich sofort in schlaf wiegen.' 
drauf sprach Hildebrant: 'willst du ihn ketmeti . . . 



55 kannst du ihn 

Wolfhart nentien sie ihn mit namen, 
. . . . ges enkel dürfen sie ihn nennen 



der herr geruhe dich zu segnen! 
nicht länger wiU ich grollen' 
60 Hildebrant befahl den beiden, abzulassen, 
sagend: 'lasset diese rede sein, 
wollet nicht länger säumen, 
wir wollen schon freiwillig aufbrechen. 

p 226—240: 
Mä dir in nicht vorsmähen' sprach meister Hildebrant. 
^wer ist der recke junge?' sprach brüder llsän. 
'hern läze mich mit gemache, ich wil in an den backen slAn.* 
'Daz lobe ich' sprach Wolfhart. kein ime trat her zornecltch. 
'du bist gar ungefüge' sprach dö her Dlterich. 
'weste ich wer her w^re,' sprach der monich dö 
'der mit slner höchfart strebet als6 h6.' 
*Wolt irs mir geloube, her wirt üch wol bekant, 
herst Wolfbart Amesiges kint/ sprach meister Hildebrant. 
'nu müze dich got geseine' sprach brüder llsän. 
'veter, ich nicht mör zorne, ich wil mich zornes irlän.' 
'Di rede lä wir bllbe' sprach meister Hildebrant. 
wir suUen uns bereiten zu Wormez an daz laut, 
wir sullen uns nicht süme, ir beide lobellch.' 

D 488—497: 
'Ir snllent üch sin nüt schämen' sprach meister Hiltebrant. 

'Wer ist der degen junger?' sprach der münch Usan, 



260 FRAGMENTE EINES CECHISCHEN ROSENGARTENS 

'Und wil er sin nüt geraten, einen trüssel 8lag mAz er ban.' 
'Des enbir ich wol' sprach Wolfhart gar unverschröckenlich. 
'Welient ir unbescheiden werden?' sprach her Dieterich. 

'Wer ist der ritter junger?' sprach der münich do 

'Der sich mit über muete wiget also hob?' 

'Du wirst in woi erkennen,' sprach meister Hiltebrant 

'Er ist diner swester sun, daz tön ich dir bekant.' 
503: 

'Nu müsse sy got behüten 1' sprach der münch Ilsan 
und 505—507: 

'Die rede lont beliben/ sprach meister Hiltebrant 

'Und rüstent üch vil balde, ir herren alle sant. . . . 

Rückseite: 

Swe odyenye przyprawyte 
65 A fwe konye dobrzye fkreyte 

kdyz fe tobo myefta hnuchw 

druhy nadczet den tam bychw 

A kdyf przedmyeftem byechw 

Gemyfto wornycze dyechw 
70 Nalyz tw yus kral eczel byefle 

PrzdnymlT hrofna zbors ftogyelTe 

Cztyrydczety tyfycz ponye 

Gedny stogye drufy honye 

Hylbrantowy kral powyedye 
7ft mnoho wyedye 

wyberz ztyech dwanadczet nemalnych 

Gynochow kfyeczy wdatnych 

Genz by })ty onyem Aaly 

A wzhradye fnymy boy braiy 
80 Hylbrant wecze kraiy nedbay 

Przywedlt Tem rekow [febu] w teto (kray) 



kraly wfye peczye z byty 
Dyekugye bozye mylosty 



Dyetrzych 

85 Rudkerzye yeftot ma czty mnoho 



FRAGMENTE EINES CECHISCHEN ROSENGARTENS 261 

Dobrych mnwow ywfye cztoosty 

jestot yeft pln ftyedrofty 

Rodken kraly otpowyedye 

Rika newyflly at powyedye 
90 Chi^ily kraly polTla gmyety 

yens by muohl prayed pannw gyety 

'twrB rMung halt^ hereii 
65 wid 4^dc€i gut eure ros$e.' 

ab sie diese siadi verlie/sen, 

hmgten sie am xwölften tage dort an, 

ufid ab sie vor der Stadt waren, 

die Worms ist benannt, 
70 da war k(fnig Etzel schon anwesend, 

vor ihm stand eine furchtbare schar 

von etwa 40000 mann; 

einige standen, andere jagten (zu pferde umher). 

da sprach der könig zu Hildebrant: 
75 ' vieks wissend, 

wdUe aus diesen zwölf wackere, 

zum kämpfe tüchtige Jünglinge, 

die gegen jene stehen würden 

und den kämpf im garten aufnähmen,' 
80 da sprach Hildebrant zum könige: 'sei unbesorgt, 

ich brachte mit der helden in diese (gegend) 



dass der könig aUe sorge trage, 
der göttlichen gnade danke . . . 

Dietrich 

85 den Rüdiger, der an ehren reich ist, 

an guten Sitten und aller tugend, 

dessen herz voll grofsmut ist.' 

drauf erwiderte Ritdiger dem könige: 

'falb dirs unbekannt, ich werde es sageti; 
90 wiU der könig einen boten haben, 

der vor die Jungfrau reiten könnte. . . . 

p 240 — 252: 
d6 quämen si in zwanzig tagen zu Wonnez an daz rtch« 



262 FRAGMENTE EINES CECHISCHEN ROSENGARTENS 

D6 si quämen an den Rio, si dirbeizteD öf daz lant, 
ir gezelt si üf slügen die herren alle sant. 
Etzel der vil rtche quam mit Dlterlche dar, 
her fürte mit im zu strlte eine vil breite schar. 
D6 sprach der konic Etzel ^gedenke an, Hildebrant, 
ich hän brächt vierz^n tüsent Hünen in daz lant: 
üz den saltu klsen zweK der iiünsten man, 
daz man in der werldi^ gellch nicht yinden kan.' 
[di die zwelf von dem Rlne turren wol besten.] 
Her sprach ^ich hän zwelf recken brächt in daz lant, 
die kunnen clö decken, erweite wlgant.' 

p 254 — 258: 
Dö sprach der von Berne, der was unvorzeit, 
^s6 sende wir Rudegören, der ören cr6nen treit' 
d6 sprach der margröve 4ch habe ie hören sagen, 
swen man zu frouwen sendet, 

D 797 — 801: 
Do sprach der von Berne, der fürste hoch gemöl: 
'Zö dirre botscbaft ist nieman also gut, 
Also Rüediger von Bechelon der margrofe milt. 
Der füeret für die fröwen wol der eren schilt.' 

IV blatt. 
Vorderseite: 

By my racyl gmenouaty 

Tyech dwanadczyet dal poznaty 

Kral vecze tot mohu zdyety 
95 Thyt wfyech gmena powyedyety 

yaz prwy chczy tu byty 

Mnye lyedanye nelze zbyty 

Kak fem koly naito let dar 

wfak chczi myety "ten fwar "rad 
100 przyedmu dczeru kraffnu mylu 

Oteymut nyekomu fylu 

Hylbrät wecze ten ftary knyez 

yaz tye podftupy to ty wyez 

Gywych wecze kto kuntyerzye 
105 podltupy tczneho rytyerzye 

prawyt gelt rek przyme wyerae 



FRAGMENTE EINES CECHISCHEN ROSENGARTENS 263 

zadDyt fye mu neprzymyerzye 
Hylbrät weczye h brair vdatny 
Toho podflupy rek ne matny 



110 kral wecze a kto p 

(pro)ty kemuchowy wftane 

(w)flaDe 



Strzyt foym 

kdyz znyeho dufTy wylupy 
Uft Kral wecze kto ))ty memv 

wyflupy l)ty haknu tcznemu 

hylbrat vecze kazy fwemu 

Olfarto hrdynnemu 

er garvhe mir zu nennen 

jene xwOlf, sie mir erkennen zu geben,' 

'das kann ich' sprach der könig 'tun, 
95 dieser aller namefi wiU ich nennen. 

ich selba will hier der erste sein, 

ich darf dem streite nicht fem bleiben. 

ob ich wol schon rund hundert jähre alt bin, 

doch wiU ich diesen kämpf gern bestehen. 
100 vor meiner schönen, lieben tochter 

will ich jemandem die stärke nehmen.' 

drauf sagte Hildebrant, dieser alte fürst: 

'ich binde mit dir an, das wisse.' 

drauf sprach Gibich: 'wer wird den Günther, 
106 den edlen ritter bestdien? 

traun, er ist mn wahrer held, 

keiner vergleicht sich ihm.' 

drauf sprach UiUMrant: 'tapfrer bruder, 

dem wird ein wackerer held etUgegentreten . . . 



110 der könig sagte: 'und wer wird 

(gegen) Gemot aufstehen? 

steht auf 



264 FRAGMENTE EINES CECHISCIIEN ROSENGARTENS 



streit mit ihm 

wenn er ihm die seele entreißt,' 
tl5 der könig sprach: *wer will meinem 
edlen Hagen deti kämpf antragen?' 
drauf sprach Hildehrant: 'fordere 
deinen tapferen Wolfhart auf . . . 

p 299 — 306: 
Si beten daz ir in nennet (Iwer zwelf degen, 
s6 sal ich mich mit zwelfen bin gegen wegen.' 
d6 sprach kunec Gibeche ^ich wil der 6rste stn 
vechten in dem garten vor der schönen tohter nitn. 
So bin ich in der mdze vor hundert jdrn bekant.' 
's6 wil ich dich besten' sprach meister Hildebrant 
'wer bestöt mir Guntharen?' .... 

p 307 — 309: 
'Wer bestöt mir stnen brüder, der heizet G6rn6t? 
swaz der ie vacht mit recken, die lägen [alle] vor im t6t.' 

p 311—313: 
'Wer bestöt mt Beinen den wütenden man?' 
[her sprach] 'en bestöt Wolf hart, derst ouch ein degen freissam.' 

D 1037 — 1046: 
... Ob ir uz üweren recken wellent suchen zwelf degen^ 
So wellent wir uz unsern zwelf dar gegen wegen.' 

Do sprach der künig Gippich: 'ich wil der erste sin, 
ZA striten in dem garten, durch willen der dochter min; 
Ich han ez by minen tagen so dicke gerne getan, 
Nu wil ich in dem garten der kempfen ein bestan.' 

'So bin ich in sülicher ahte, hundert jor sint mir gezalt: i 

Ich beston üch selber' sprach Hiltebrant der alt. 

'Wer bestot mir minen sun Günther, den degen hoch gemflt?' 

D 1047 — 1049: 
'Wer bestot sinen brüder, der heisset Gernot? 
Mit wem er hat gefochten, die schlAg er al ze tot.' — 

* der gegensat% zu by minen tagen zeigt deuHch dass dieser vers 
noch %u der vorangehenden rede Gibichs gehört; gleichwol habe ich He 
abteilung vdifagens beibehalten. 



FRAGMENTE EINES CECHISCHEN ROSENGARTENS 265 

D 1051 — 1053: 
^Wer bestoi mir Uagenen ? der möz ouch an die fart.' — 
^Den bestot von Garten min 6hen Woirhart/ 

Rückseite: 

By fei J)ty nyemu wboy 
120 Zlyt bude fnym myety pokoy 

Kral wecze kto bude fmyety 

Smym afpriane boy wzyety 

Tel fnym mwku bude gmyety 

Yako fgynymy zdelTyety "nofTy 
125 Ten dwa mecze wgyednyech noznyczech'' 

Gymat negednobo wznolTy 

hyibrant Yecze tot powyedam 

proty tomw yaz wylka dam 

Tent mw geho fkokow wkraiy 
130 kdyz geho hlaw zrozwraty 

kral wecze akto ftrawtana 

podftupy toho hrozneho pana 

Gemwzt czyest wbogyh dana 

Ot mnohych lydy pozwana 
135 Otryna az prawye do morzye 

Nakazdebo krale dworzye 

(Hylbr)ant wecze bayma knyemw 

yemw 



wyitupyl Jiroty 

140 Byt (crt) byl horzye yemw 

dobrzye flow mew 



naloket yest twarz wnyeho 
hyibrant wecze toho ftyrrky 
podftupy dyetleb brdynfky 
145 Kral wecze daymy to znaty 
Kto chcze zvertnyedem boy braly 
Hyibrant wecze tobo kradny 
podftupy dyetrzych wyehlalTny 
das» er gegen ihn in den kämpf gehe. 



266 FRAGMENTE EINES CECHISCHEN ROSENGARTENS 

120 er wird mit ihm einen bösen frieden schliefseti.' 

drauf sprach der könig: 'wer wagt es, 

mit meinem Asprian den kämpf aufzunehmen? 

der wird mit ihm pein haben 

soviel wie mit zehn anderen. 
125 der trägt zwei Schwerter in einer scheide, 

mit denen er so manchen hinstreckt.' 

Hildebrant sprach: 'dies sage ich: 

gegen den stelle ich Wittich; 

der wird seinen Sprüngen ein ende machen, 
130 indem er ihm den köpf spaltet.' 

drauf sprach der könig: 'und wer wird den StrAtän, 

den grimmigen herm, bestehen, 

dem in kämpfen rühm zukömmt, 

von vielen leuten dargebracht 
135 vom Rheine bis an das meer 

an jedem königlichen hofe?' 

Hildebrant sprach: 'Heime zu ihm . . . 

ihm 



steht auf gegen 

140 wärs der teufel, gienge es ihm scUimm 

gut auf mein wort. 



eUenlang ist sein angesicht' 
Hildebrant sprach: 'den wird der heldenhafte 
Dietleib von Steiermark bekämpfen.' 
145 der könig sprach: 'lass mich wissen, 
wer mit dem Herwart kämpfen will?' 
Hildebrant sagte: 'den wird der schöne, 
der berilhmte Dietrich auf sich nehmen . . .' 

p 313 — 321: 
^Wer bestöt mir einen resen, her heizet Aspriän? 
der treit zwei swert in einer scheiden, da mete her vechten kan. 
her Yicht in dem garten und ist gar unYorzeit.' 
[her sprach] ^den besl^t Witeche der M^mingen treit' 
[her sprach] ^Wer bestöt einen resen, der heizet StrAlAn? 



FRAGMENTE EINES CECHISCHEN ROSENGARTENS 267 

dem sint die Prüzen an daz mer dorch forchteo undirtdn. 
den häa ich in mime hoye wol siben jär irzogen.* 
[her sprach) *den bestöt Heime 

p 323—329: 
derst undir slnen ougen einr dünnen eile breit.' 
[her sprach] ^den bestöt von Stiren der starke Ditleip.' 
[her sprach] *Wer best^t mer Herwarten, derst gar ein 

küner man, 
herst grimmic stnes mütes: wie wol her vechten kani 
der vicht in deme garten mit ellenthafler hant.' 
[her sprach] ^den best^t Hertinc ein konec von Rüzenlant.' 
Heriinc statt Dietrich von Griechen ist nur eine scheinbare ab- 
weichung von p; denn tatsächlich ficht letzterer den kämpf mit 
Herwart aus, bezüglich dieses kämpferpares bietet D das richtige: 
Herwart — Dietrich von Griechen, 

D 1059 — 1066: 
^Wer bestot einen risen, der heisset Asprian? 
FAret zwei swert in einer scheiden, mit den er vehtcn kan ; 
Er ist ein ris langer, daz sy dir vor geseit/ — 
*Den bestot Wittich, der Hemingen treit.' — 

^Wer bestot mir minen risen, der heisset Schrudan? 
Dem sint die Brüssen biz an daz mer under tan; 
Ich han in uff minem hofe wol Yiertzig jor erzogen.' 
'Den bestot Heime 

D 1058: 
'Den bestot von Stire Dietliep der hoch gemAt.' — 

D 1067 — 1071: 
'Wer bestot mir einen ritter, heisset Herbort? 
Der sich in keinen nölen noch in striten nie geforht; 
Er ist ein helt küner, daz wissest sicherlich.' — 
'Den bestot von Kriechen der schöne Dieterich.' — 

V blatt. 
Vorderseite: 
Syxtap ten yest zbyl swe fyly 
150 neb fy* gye fezdy fwalyl 

Ten by fye byl nycz newzdalyl 

wzahradye otbogye toho 

neb yest wdalftwye myel mnoho 



268 FRAGMENTE EINES CECHISCHEN ROSENGARTENS 

kral wecze kto proty memw 
155 phylkezrzyewy muzy cztnelmw 
Smyety gyty wboy bude 



Ten przyedoyin (poczye) . 

Ten yest naftrunach chwyly kratye 

Perchylia yest yeho matye 
160 Seftra przyfna prawhyltyna 

znyehos fye gmyel ten hrdyna. 

Sigestab büfste seine kraft ein, 
150 denn er stürzte von der mauer herunter. 

der hätte sich nicht fem gehalten 

im garten von diesem kämpfe, 

denn er besafs viel mut,' 

der könig sprach: *wer wird gegen meinen 
155 Volker, den edlen mann 

in den kämpf zu gehen wagen? . . . 



der beginnt vor ihm 

mit dem saitenspiel kürzte er die weile, 
Perchthilde(?) ist seine mutter, 
160 ihre Schwester die strenge Brunhilde 
woher dieser held 

D 1071 — 1074: 
'Wer bestot mir Volker, vod Alzeye genant? 
Frö Brünhilt swester sun, ein videler bekant; 
Wissest sicherlichen, er ist ein küner man.' — 

Rückseite: 

potomt gemu h 

kral wecze yeity 

Zybrzyda muzye wy 

165 Ten yest cztneho w(ychowanye) 
knyezet yest z doley(ny zemye) 



ktot fye J)ty tomu wzroczy 



FRAGMENTE EINES CECfflSCHEN ROSENGARTENS 269 

wdatDyet nanyeho fkoczy 

az mw nzye prhnw zoczy 
170 an znyebo tw krwe wtoczy 

hylbrant wecze kraly to wyeff 

proty tomu poyde moy knyelT 

Genz flowe dyetrzych berunfky 

Tot yeft tak brdyDa mufky 
175 ... . zybrzyda 



nemyloftywyet bo fklony 

Tot wydye (az bo) zafkryty 

Az prawye dorfame fmrty 

Tut le rzyeczy by fkonczyeoye . . . 

dann . . . ihm 

der könig sagte: 'ist 

Siegfried den mann 

165 der ist von ehrsamer erziehung. 
er ist der fürst von nieder(land) 



wer gegen den auftritt, 

auf den springt er tapfer, 

dass ihm tränen aus den äugen dringen, 
170 wenn er ihm Mut abzapft.* 

Hildebrant sprach: *du weifst, o könig, 

gegen den wird mein fürst streiten, 

der genannt wird der Bemer Dietrich. 

der ist ein so mannhafter held 
175 den Siegfried . 



• • 



unbarmherzig drückt er ihn nieder, 
dies sehend, erdrosselt er ihn, 
bis wtArlich zu tode.' 
und damit endet die rede. 

p 329—333: 
[her spracbj 'Wer best^t mer Stfriden geborn von Niderlant? 
der treit der zwelf swerte ein, iImi Püknqne senant 
Z. F. D. A. neue folge XP* 



270 FRAGMENTE EINES CECHISCHEN ROSENGARTENS 

der h^t gevohten mit beiden uod Crtcben in manegem rieb.' 

^ist ber küne, daz tut im n6t: den bestöt von Bern ber 

Dltertcb/ 
D 1075 — 1079: 

^Wer bestot mir Sifrit, ein künig uz Niderlant? 

Der füeret zwelf swert, eines ist Balmung genant; 

Er vicbtet umb min docbter, daz wifsent sicberlicb.' — 

^Den bestot min berre, von Berne ber Dietericb.' 

Ti blatt. 
Vorderseite: 
180 yfulit tobye zwyeftowany 

fynollowy brofny rany 
180 ob dir bekannt sind 

die furchtbaren wunden Rienolds 

D 1079—1081: 

^nebten ist worden wunt 

Rieuolt uff der warte: ist dir daz üt kiint? 

Rückseite: 
poyde knyemu dotey fwady 
Dat mw (ranw) lokte zblwby 
. . . geht zu ihm in den kämpf, 
schlägt ihm eine eüentiefe (wunde), . . . 

Ich lasse noch text und übers^zung derjenigen ganz kleinen 

streifchen folgen, die namen enthalten oder sonstige anknüpfungs- 

puncte bieten, wobei ich die zahlen beibehalte, mit denen sie herr 

Patera bezeichnete. 

5. 

Vorderseite: 

Wolfart czy fyed Wolßart setzte sich, 

185 pak przygidecbu 185 dann kamen sie , . . 

Rückseite: leer, 

6. 
Vorderseite: 

Hylbrant wecze bylznu(?) Hildebrant sagte: ' 

... de proty nyemu . . . geht gegen ihn . . . 

Rückseite: 

bozye otpuftyeny . . . gottes Verzeihung 

do woyfka bna . , , in den kämpf jagend. 



FRAGMENTE EINES CECHISCHEN ROSENGARTENS 271 

20. 
Vorderseite: 
190 Ten ma mecz yens ... 190 derhat ein8chwert,welches.. 

(Poydelyl) snym ge . . . geht er mit ihm . . , 

Rückseite: leer, 

7. 
Vorderseite: 
Nykaz by zyw fnym . . . keitieswegs mit ihm lebend... 

Hylbrant wecze kraly . . . Hildehrant sagte dem kö- 

Rückseite: leer. ^^3 - •• 

19. 
Vorderseite: 
yaz niladych o kytyczy ... 195 ich will mit denjtmgen um 

den straufs . . . 
195 y wfozye knyeze dyet- und im gefolge des fürsten 

rzyech(a) . . . Dietrich 

Rückseite: leer. 

13. 
Vorderseite: 

Rzkucz nezbudps sagend: * 

zbawyfflyff nas bral(rzc) erlösest du uns, hruder. . . . 

Prag, K. W. TITZ. 



NEUE BRUCHSTÜCKE DES EDOLANZ. 

Seit ich in einer Vorlesung Scherers (7. 7. 69) zuerst vom Edolanz 
hörte und wie schade es sei dass wir nur ein fragment des interes- 
santen gedicktes besä/sen, war es ein gegenständ meiner stillen Sehn- 
sucht, weitere bruchstücke zu erlangen, so oft mir ein pergamentblatt 
mit versen in die hand kam, ward der wünsch aufs neue lebendig, es 
möchte gerade atis diesem epos sein, bisher waren meine bestrebungen 
erfolglos, auch befreundete stiftsherm des klosters Seitenstetten haben 
vergebens nach weiteren resten der hs. geforscht, von welcher Hoff- 
mann von Fallerslebeti dort ein bruchstück gefunden und in den 
Altdeutschen blättern ii 148 ff herausgegeben hatte. — neulich reichte 

19* 



272 NEUE BRUCHSTOCKE DES EDOLANZ 

mir mein freund Schauenstein ein wohenoahrtes hlatt, das er von 
dr Bogensberger erhalten hatte, demselben liebhaber altdeutscher 
poesie, welchem ich schon das fragment des gedichtes Ober die Zerstö- 
rung von Accon (Sitzungsberichte der Wiener academie xcvii 783 ff) 
verdanke, die gute des besitzers hat auch diesen fund wissen- 
schaftlicher benutzung übergeben, das fragment, ebenfalls aus 
Strafsburg in Kärnten stammend, gehörte zu einer Edolanzhs. es 
ist em doppelblatt aus pergament, 15,5 cm. breit, 22,5 cm. hoch, 
die Seite mit zwei spalten d 32 zeilen, spätestens im anfange des 
XIV jhs. beschrieben, die majuskel am anfang der verse ist rot 
durchzogen, die abschnitte beginnen mit grofsen roten initialen, 
welche klein schwarz vorgezeichnet waren, das stUck hatte zur 
decke eines buches dienen müssen und war deshalb auf der innen- 
seite ganz mit papier Oberklebt, Schauenstein reinigte es sorgfältig, 
und auch hier erwies der leim sich als würksamer schütz der buch- 
Stäben: diese vier spalten sitid vortrefflich conserviert. dagegen 
war die Verwendung als buchdecke gar nicht die erste Schädigung 
der aufsenseite des blattes; die unter V^ quer angesetzten grofsen 
buchstabeji des xsii jhs. 

Hau 

der 

m 
wovon ich die ersten zu Haubtprotocoll ergänze, beweiseti dass in 
gemeinschaft mit eiriem anderen, wahrscheinlich derselben hs., unser 
fragment vorher noch als Umschlag eines folioheftes verwendet wor- 
aen war. im ersten oder zweiten falle wurde das doppelblatt in 
der mitte gebrochen, durchgerissen, und so erklärt es sich dass in 
V^ eine große menge van zeilen nur kümmerliche spuren hinter- 
lassen hatte, besonders aber 4'*^ teilweise ganz abgerieben war. bei 
widerholter anwendung von reagentien und nicht ohne mühe ver- 
mochte ich auf V^ so ziemlich alles zu erkennen, auf A*^ ist eine 
zeile vollständig verschwunden, aber das übrige ist, allerdings nicht 
zweifellos, eruiert worden. 

Ich gebe nun zunächst einen abdmck des Stückes, fortgelassen 
habe ich die reimpuncte, die ohne regel gesetzt sind, f 2;ti s, j zu 
i, Y zu n umgeschriebeti ; sonst ist die widergabe der hs. genau, 
die interpunction rührt von mir her. 

V Her ab von himel drset, 

daz vewer also waet 



NEUE BRUCHSTOCKE DES EDOLANZ 273 

ob dem streit enpor. 

der vlocb, der hielt dem vor, 
5 dirre was geslagen nider, 

jener half dem wider, 

der wart hin gedent, 

vil maneger nach ment 

mit herten siegen groz. 
10 manech huert und stoz 

geschach ze peden Seiten da. 

Edolanz aber sa 

traib seu hin wider 

und valt ir vil da nider. 
15 die Hechten panier 

und di reichen zimier 

wurden in getrottet 

und unsamft enphetteU 

maniger schrei sin krei. 
20 etleiches amei 

wart da gesert 

und ir vreud gar verchert 

von ir liewen manne. 

Edolanz seu von danne 
25 dranch, si rouesten entweichen. 

er rait so msenleichen 

ze allen Zeiten durch di hert, 

wan daz in sein harnasch nerl, 

er biet den tot erzaiget 
30 ez ward aver im genaiget 

also vil der sper 

und der swert michel mer, 
1^ da si beschuten mit, 

ich wsen ie so manech smit 
35 gesluech auf einen anpoz. 

di siege di waren groz. 

er muest ir vil verschraten 

und valt auch manigen taten, 

e daz er also strit 
40 daz er an ir danch hin rit. 

17 unticher 30 im unsicher 



274 NEUE BRUCHSTOCKE DES EDOLANZ 

dem hell chomen mser 

daz deu stat waer 

oben nachen gewunnen. 

io was da nach zeruonen 
45 der wer an der andern seit. 

er chom an der zeit. 

chlinch und chlingel 

beert er an der zingel. 

da jach manech purger wert, 
. 50 deu stat wser unernert, 

waer er in nicbt paid cbomeu. 

. . . den baiden wart genonien 

sein swert, der scbilt zer 

swaz er der veint viench 
55 di muesten alle 

er wart vor in allen 

ein entweicb bin dan 

unz daz tor wart zu getan, 

daz man plies di ber born. 
60 paideu binten und vorn, 

swa si warn zevar, 

daz er sieb gar 

mit berwerg leit 

bin dan wol veldes p 

2* 65 si beten scbaden enpbunden 

von gevangen und von wunden, 

des fuern si an ir gemach. 

da der schad in geschach, 

zu rait der catani, 
70 der tenebrach und der tsampani 

komen alle dri. 

in chom geriten pi 

den ez sam was ergangen. 

wol achzechen gevangen 
75 di prachten in di stat 

ir vianz, als er pat, 

45 faltch eine rote initiale 56 vor unsicher, wol die ganze 

slelh corrupt 64 der buckttahe Jiach p hat Oberlänge; ob l oder 

h W9if$ ich nicht 



ml 



NEUE BRUCHSTOCKE DES EDOLANZ 275 

der gewaltich pittasre. 
wer isleich herre waere? 
daz waren zwen graven groz 
80 und ein hertzog, chunige gnoz. 
dem pontschurn si so nahen 
warn gesippet, daz 8i jähen, 
daz er von danne rit 
und mit schaden seu vermit. 
85 si sprachen: 4at uns besehen 
was uns schaden sei geschechen 
von des pontschurn zoren, 
oder wen ir habt verloren.' 
daz ervunden si schier: 
90 'herre, drei stunt vier 
sint uns hie benomen. 
wie ez in sei chomen, 
daz ist uns an chAnde.' 
'di man lemptech vunde,' 
95 jähen di drei 

'der seit vanchnAsse vrei. 
^ umb di töten lat uns tuen, 
unz daz wir euwer suen 
hart wol gewinne. 
100 der pontschurn hinne 
muez ze disen Zeiten 
durch unsern willen reiten.' 
sie beten Aweriges phant. 
zwispild man da vant 
105 üwer di ir ander acht. 
Edolanz betracht: 
'ich reit nu wol von hinne, 
si sint an dem gewinne.' 
er gab in den pesten rat 
HO des er an witzen het stat. 

Ez war in liep oder lait, 
mit Urlaub er von danne rait. 
einen steich er im prach 
da er daz her sach 



276 NEUE BRUCHSTOCKE DES EDOLANZ 

115 Dachen pei im ligen. 
wall 8teig er gestigea 
chom allez hin umb 
des Waldes ein chrumb. 
schier hört er wain 

120 durich den walt, als in dem main, 
ein vol an seiner waide gie 
(einen steich er dar gevie), 
ein 6rs groz und starch. 
gedacht er: durch welichen charch 

125 hat der riter sich entsait 
der daz örs da her rait? 
schier er erplicht 
ein netz daz gestricht — 



3* — horten singen noch sagen 

130 so von in zwain wart geslagen, 
want sölichen stuerm 
von tiren noch von wuerm 
gesahen nie 
so von in zwain da ergie. 

135 di herren gemain 
sprachen, wer der ain 
waer daz waer in unchunl. 
ez jach vil manech munt, 
di da sahen den vlorast, 

140 ez wser der werde gast 
der da soit streiten, 
ze recht an den Zeiten 
da saig umb zue daz her 
als mit ünden vert daz mer, 

145 so was ez umb und umb enwag. 
di hohen fuersten nach der sag 
drungen vast hin fuer, 
daz si nach der rechten chi'ir 
saiten wer behabt den sich. 

\Tl f so geschrieben: 

Schier er erplicht Ein netz 
Daz gestricht 



NEUE BRUCHSTÜCKE DES EDOLANZ 277 

150 gein got vil manecb plicb 

wart getan durich guost. 

der poDtschurn chrail und chunst 

het^ 80 het dirre helt hail. 

der arm er ein tail 
155 Awer di prust fuert, 

di snuer er geniert 

diu dar inne stacht, 

da mit er erwaht 

lid di e geruegt lagen. 
160 fuerpaz darf niemen vragen. 
3^ als er gedacht an sein traut, 

so hoert man sein sieg laut 

fuer di pontschurns hellen 

sam di glokken fuer di schellen. 
165 er begunt snellen 

Vnt sein gestrit lazen, 

als er wolt vazen 

und auf hewen den schilt, 

ich waen in er vilt 
170 des streite, wi im siget 

der arm! seht wie im niget 

daz hapt nach den siegen! 

'ungeleich si uegen' 

jach da vil manich man. 
175 Edolanz in mit siegen an 

gie und ruert in. 

under weilen er hin 

im nach dem heim graif, 

von der haut er im slaif: 
180 tsavelir virgunti 

ze freuden da vil manech munt 

seins ungelukches Iaht, 

ez waren dier het verswaht. 

Artaus der sinn fruet 

151 gonst ßis, 170 nach streite mit anderer tinte später ein s an- 
g^ß^^ t73 aus u in uegen mit anderer tinte später m gemacht 
177 in weilen das i übergeschrieben 



278 NEUE BRUCHSTGCKE DES EDOLANZ 

186 in erpaermeden muet 
sprach gein den fuersten: 
MNrir schaln in den getuersten 
wol sein, ob ez ist euwer rat, 
seit dirre helt so nacben hat 

190 den sich an pontschum genomen, 
wir schuln im zehelf chomen, 
helfen im von dem sig, 
4* e daz er gar ander lig.' 

di engelloys und di von franchreich 

195 di stuenden im geleich 
und jachen, er solt ez tuen, 
daz er ez ret an ein suen 
und an ein schidunge. 
ob artaus sprunge? 

200 ja, er spranch. 

Edolanz den pontschum swanch 

al ze hant da nider, 

Artaus zucht in wider 

und pat im gewen richters recht. 

205 er sprach: ^her, gut chnecht, 
ich fueg eu daz eu wol chumpt 
und euch an der red vrumpt.' 
si sprachen auz ai 



210 tet ir die artaus bit, 

ir frumpt euch selb da mit.' 

'solt ich nicht fuerpaz nim, 

ich laz ez hinz im. 

swaz er wil daz wil ich, 
215 und daz der pontschuru sein gerich 

lazze vri, den sperwa^r.* 

daz daz zehant geschechen wser, 

jachens alle gemain. 

chunech artaus alain 
220 nam di rt^d an sich: 

Mcn sperwa^r wil ich, 

208 nur die spiUen der huchsMen sind erhalten 209 gänzUek 
mhgerie^eHy keine spur von tinie mekr 210 unsieker 212 unrieker 



NEUE BRUCHSTÜCKE DES EDOLANZ 279 

herre, iu geben, 

daz ir disem man sein lewen 

lat durich unser pet.' 
4^ 225 ez geschach da zestet 

allez daz er in hiez tuen. 

zwischen in zwain suen 

wart, und der sperwasr pracbt 

dar sein zerecht was gedacht. 
230 di punturtoys, 

di spaniol, di purguntsoys. 

di chomen mit ainer fläct. 

di prachten höh gemüet 

ir vrouwen mit gemainer sag, 
235 und wi an dem tag 

ir chemphen wsßr gelungen. 

tsansän si sungen 

und niw rotwseni. 

der von britani 
240 rait gein ir besunder 

in di wi . del 

da grysalet chomen solt 

und nemen wolt 

von dem pontschurn daz vederspil, 
245 daz gab man ir an dem zil 

da man ir zerecht pot. 

so an dem awent den sunne rot 

ist, so was deu mait 

diu nie gewan kunterfait 
250 und der daz hobst lob ist gesait. 

Si pat artaus 
minechleich ze haus, 
des si was unverzigen. 
er jach, er wolt ligen 

255 in seinen herwergen da. 

256 daz dienst hiez si im sa — 

238 rotwseni] ob w oder ru ist nicht auszumachen 241 ganz 

ntmieher — wirde b ? 



NEUE BRUCHSTÜCKE DES EOOLANZ ■ 



Das SeilensUlinef fragment (A) uud das tuve (B) ttahaUen 
verschiedme stücke des yediduts. auch A hat 32 verxe auf eitler 
spalte, aber ickon eine oberßächlidie durduicHt khrl dose die beideti 
/ms. wegen der differenzen in lier lautbezeichnung nicht demselben 
codex (unter da- vorauaetzung eines schreiben} angehört haben. 
A, welches Uoffmann ins im jA. schlechtweg setzt, ist fast durch- 
aus in der gittsi nihd. orlliograjihie geschrieben. I, ei, il sind er- 
haltm. nur alaich 28, doum 97, lule 119, Irouten 2Ö. vJnt 19. 
kunginDe 54. aber choQJge 111. — ebenen 53. — falsdi bvrcb 
(H dem dventiurentitel. — Uelem 38, arebeil 56. — ch für k 
ist beinahe durchgeführt, p für l> meiüaa. & vnd z werdt 
par mal vertoechselt. — wenig apocopeti. 

Dagegen bemahrt B nur 7 alle i gegen 4S ei; 
30 ■>». alle 11 n sind zu au geworden (Arliius Qmalj, 3 o 
13 iu:eii, 2 iu sind geblieben, il wird durch (i, ue beseichnet. 
uo erscheint ah ue. ö lautet zu ö um. uu für u, oe für oe 
künnen nicht immer siehe?- bestimmt werden , da vor r sich nacJi 
u und u mehrmals e entwickelt , ab. sluerm: wueroi 131. mhd. 6 
wird SU A in verscliraleo , lalen 37 und in 3 ila ^= <lö. öfters 
steht i für mhd. ie. zoren 87. duricli 120. 151. 224. we- 
lichen 124. — mhd. b wird durch w gegeben: 23. 63. 103. 105. 
168. 204. 223. 247. 255. sonst überall ji. cb für k steht 
durch. — sehr starke apocopen kommen häufig vor. 

Der unterschied ist augenfällig, während also A nur wenig 
com hflfischen mhd. abweicht, nach der seile des bairisch- äster- 
reichischeti hin, sind in ß die aeichen dieses diatectes vollkommen 
ausgeprägt, zugleich in einer weise, die kei}ien zwei fei darüber 
lässl dass mehrere decennien zwischen der herslellung dieser beiden 
hss. liegen. 

A%is ein par sttUen in B 31. 132 ff möchte ich fast »chliefien 
dass die vorläge dieser hs. in miabgeselzlen versen aufgezeichnet 
war. A hat nach 26 einen rot gescliriebene» weilläufiigeu dven- 
tiurentitel, in B milste wol wenigstens vor 111 ein solcher ge- 
standen haben, fehlt jedoch, wäre A für B vorläge gewesen, 
wären die dvenliurenlttel wol bewahrt geblieben ; die teudtnz i] 
seil gieng mehr dahin, Überschriften einsuschallen als vorh 
%u tilgen, es muss demnach angenommen werden i 
wenigsten noch eine drille Edolanths. gab. das wird aut 
fordert durch die häufigen und groben fehler in A i 




REDE BRUCBSTOCKE DES EDOLANZ 



281 



diene limen es sogar rittsam ericheinen, für beide hau. noch mitttl- 
glieiler saisckm ihnen und dem archetypus xu virmulm. 

In A »n'l B sind xuimmmeR 380 verse erhalten, also 190 reivi- 
pare. darunter sind ungenave reime: maD : kasteUn A 53.: Gä- 
wfliiA84. ilan : getan ö 57. gar:har^51. nii : stal ß 109. 
geMicIi : ti-lth A 90. — sper : nn'r B 31. omcA A 25 ff' wird man 
anrechnen niüsiten. die nach der ks, lanUen: 

«lo si des siges iuDe 

Würden, sie frouten eicli. 

Edolsnz der seiden dreh 

sbich, also rlnocliet mich. 
da liegt es am nächsten dich sti tich &u ändern, aber ohschou 
dieses wort ein par mal m späten gedichten abstract gebraucht 
wird, scheint es mir doch hier gänzlich nnpassend nnd ich schlage 
t>or SU schreiben : rieh. I : i bleibt, andere ungeHanigkeilen sind 
»KT scheinbar nnd lassen sieh unschwer beseitigen. A 29, denke 
ich, wird es gegigle : dtgte heifsen milssen: denn obxwar der dichter 
des Edolans das volkstilmliche epos kennt, wird er schwerlich ge- 
sigel£ : diget£- gereimt haben. A 73 ist statt waren : benaren sm 
schreiben Tarn: bewarn. B 99. 107 ist beide male von hinnen 
:gewinnen zu setzen. B 130 wird eine apocope nicht angenommen 
werden dürfen und vielleicht zu schreiben sein: solchez stllrmeii 
«on lieren und von wtlrmen. übrigens scheint die ganse stelle 
corrvpl. snon m B 93. 107. 227 i>( das stm. apocope des inf. dal. 
A 78. — lilzen : vazzen B 16ß andere ich in ian:viln, was liann 
weitere emeudation dei- ohne dies schadhaften verte fordert. — 
runteil : teil A 39 sieht allein als beispiet eines ladelfreien rühren- 
dtn reimts. sonst ist alles in ordnnng nnd, wie man sielu . der 
reimgebrauclt des diehters nicht ahweichetid tion dem der galten mhit 
zeit überhaupt, dialectiuhes habe ich nicht wahrnehmen kflntien. 
3 reime. A 25. 75. 122. B 163. 248. 4 reime sclieinen B 69 
zusammengetroffen m sein. 

Auch in besug auf die metrik wüste ich nichts anwiführen 
("wenn ich bei der mangelhaften Überlieferung etliche Verbesserungen 
anbringen darf), wodurcli die fragmente sich von den elastischen 
mhd. dichtungen unterschieden, jedesfalls sind erhebliche härten 
nicht vorhanden. — 

Aufser dem beiden EdoUtnz selbst irelen noch zwei persoiien 
IN den hrttchsliicken lebhaft hervor: in A GAvi&n mit der namens- 



282 NEUE BRUCHSTOCKE DES EDOLANZ 

form, welche Wolfram von Eschenhach verwendet, in B der Pon- 
tschür <=» pontschurn. zwar ist dieses wort stets mit kleinen an- 
fangsbuchstahen geschrieben, aber da dies auch bei anderen eigen- 
namen geschieht, so habe ich keine veranlassung, ihm die majuskd 
zu entziehen, es ist wol unzweifelhaft dass dieser Pontscbür, dem 
der artikel meist vormgesetzt wird, aus Wolframs Wiüehalm stammt, 
wo puDJür (puDSür bei Grimm Gr. i' 291) im ganzen an sechs 
stellen (Steiner in Bartschs Germ. stud. ii 257) den bezeichnet, 
welcher puniert, dh. 'gut* puniert, und besonders als epitheton für 
den markgrafen selbst gebraucht wird, das wort scheint von dem 
dichter des Edolanz als titel, der zu einem eigennamen gemacht 
werden konnte, aufgefasst zu sein. — dem Schlachtrufe tsavelir 
=B Chevaliers £180 ist Virgunt beigefügt, was bekanntlich einen 
wald in Franken bezeichnet und im WiUh. 390, 3 vorkommt, 
ebenso stammen aus Wolframs werken die übrigen namen, die 
Punturtoys B 230 am dem Parz. (Bartsch in seinen Germ. stud. 
n 151), die Purguntsoys B 231 und Tsampant B 70 kommen im 
Parz. und Willh. vor. Spaoi6l B 231 stehen im Parz. 39, 15 
und 91, 15. die Eogelloys B 194 im WiUh. 126, 9. 269, 25, 
a^ich in der Krone des Heinr. vdTürlin. für den Tenel)rach B 70 
ist wahrscheinlich der Tenabroc im Parz., nicht der Tenabrt im 
Willh. muster gewesen. Wolfram soü wider nach Bartsch aao. 
s. 125 den namen aus dem Erec entlehnt haben »= afr. Danebroc. 
Britanje B 239 ist allgemein verbreitet, dagegen kann ich die 
Catant B 69 nicht nachweisen, auch nicht den Leturs A 49, LAr- 
teun A 76 und die Grysalet (Chrysolita?) B 242. 

Und nicht blofs die namen borgt unser dichter dem Wolfram 
ab, auch im Wortschatz zeigt sich der einfluss des übermächtigen 
Vorbildes. fuDteil A 39 = vintäle kommt zwar im Lanz. und 
der Krone auch noch vor, besonders oft jedoch im Parz. und 
Willh. vgl. Bartsch aao. s. 124. ftanze B 76 findet sich Imal 
im Parz. berte B 21 = hartes kampfgedränge steht oftmals im 
Parz. hurt und st6z wie B \0 verbunden WiUh. 40, 1. zingel 
B 48 im Parz. und WiUh. häufig, ebenso beschütten , getreten 
als swv., aneb6z, vluot bildlich, krumbe, zwispilde (wenigstens das 
verbum zwispilden im Willh., zwispel in der Krone 29973). ge- 
turst stf Ä 187 = WiUh. 385, 14. 210, 11 . gerich stm., die phrase 
üz (iemannes) munde A 104 vgl. B 208, und wol noch manches 
andere, mit den ganz gemeinen fremdwörtem amte, krte, kasleldn, 



iBB 



NEUE BRUCHSTOCKE DES EDOLANZ 283 

kuDterfeit (besonders häufig in der Krone) ist nichts anzufangen. 
manikel ii39 bedeutet nach Lexer 1 2032 'armschiene, -leder^ (aus tat. 
manicala) und kommt einmal beim steir. reimchronisten vor, sonst 
nirgends, Alwin Schultz Das höfische leben gibt keine aufkldrung 
über das wort und citiert nur 1 210 anm. eine stelle des afr. Parto- 
WQfier 7465: si brac sont fors par les manicles qui sont faites 
d'or et d'onicles. es bezeichnet dort einen teil des frauengewan- 
des. — rotruaoje B 238 ist bei Lexer aus Tristan und £rec belegt. 
Aufser Wolframs werken ist auch die Krone von dem dichter 
des Bdolanz eifrig gelesen und in folge dessen nachgetAmt worden, 
das bezeugen schon die drei reime am Schlüsse der abschnitte (denn 
irgend eine anlehnung an Wimts Wigalois ist nicht wahrzunehmen), 
aber noch anderes, der vers Artü8 der sinne fruote £184 ist 
«B Krone 3654. die phrase der ^venliure sage A 66 stelu auch 
Krone 23501. desgleichen kommen in der Krone häufig vor die 
mudrikke des Bdolanz: schanzün, klinc, kemphe, verswachen, 
enwage, geniowet, gestrtte, schidunge, suon als stm. usw. 

Vorhandene ähnlichkeiten mit anderen gedichten im gebrauche 
em%dner Wörter sind zu gering, um daraus Schlüsse ziehen zu 
können, nur das will ich erwähnen, was aus den beziehungen zu 
Wolfram und der Krone schon zu entnehmen war, dass der Wort- 
schatz der Bdolanzfragmente manches mit dem volkstilmlichen epos 
teilt: degen A 1. vgl. Jänicke De usu dicendi Wolframi de Bschen- 
haeh s. \f — hell A 35. 59. 75. 99. B 41. 153. 189. hell 
balt ii 75. vgl. Jänicke s. 5 und 8. Beifsenberger Zur Krone 
s. 29. das wort ritter kommt in 369 versen nur einmal B 125 
vor, und da bezeichnet es mehr den reitendere als den herm vom 
ritterstande. — veige i 107 vgl. Jänicke s. 12. — küene A 53 
vgL Jänicke s. 14. — verschroten B 37 vgl Jänicke s. 21 f. — 
maere koment B 41 vgl. Jänicke s. 27. — herhorn B 59. — 
aufserdem kern der manheit A 61 auch Virg. 11 y 6. Sig. Seh. 119. — 
da seic umbe zuo daz her £143 vgl. daz her seic für sich dan 
Dietr. 8386. Bab. 338. 508. 558. — singen noch sagen B 129. 
liebte baniere £ 15. enpheten B 18. wibtel ii 91. — überdies 
weisen schon diese kleinen bruchstücke mehrere (bei Lexer) unbe- 
legte oder seltene Wörter auf: manikel, klinc, klinge), karc ah 
stm., erviln «tot?., wibtel, waltstlc (Trist.), waltgevelle, dümelle. — 
digen A 30 ist ein altes, besonders in der geistlichen litteratur des 
ZMijhs. gebrauchtes wort. — 



284 NEUE BRUCHSTOCKE DES EDOLANZ 

Das bruchstück A erzählt: Edolanz kämpft mit einem riesen, 
welcher eine königin sammt ihren kostharkeiten gerauht und Gawan, 
der sich ihrer annahm, besiegt und gefangen genommen hatte, er 
erschlägt ihn, die gefesselten Zuschauer werden befreit und dafdcen 
dem erretter, welcher ziemliche beulen davon getragen hat. die 
königin, die nun ihrem gemahl Leturs zurückgegeben wird, ersetzt 
das vom riesen getötete pferd ihres befreiers durch ein kastelan. 
Gawan und Edolanz reiten mit einander fort, finden aber drei 
tage lang kein abenteuer. da ihnen so das gliUk ungünstig ist 
während sie beisammen sind, beschliefsen sie sich zu trennen, 
Edolanz reitet in den zauberwald des L6rteuns, vor dem Gawan 
ihn gewarnt hatte, da er manches furchtbare enthalte und nur im 
Winter, wo das eis die wege härte (er ist wol sumpfig) passierbar 
sei. Edolanz lässt sich nicht abhalten, Gawan begibt sich hinaus 
in die ebene, nach drei meilen rittes sieht Edolanz einen blau 
gdcleideten zwerg, auf einem weifsen rehbock sitzend, der ihn 
grü/st und den er über das bevorstehende abenteuer ausfragt, der 
zwerg warnt den hel^i; er meint dass zwar eine pracht in dem 
walde zu finden sei, welche alle könige der weit, Artus einge- 
schlossen, nicht besäfsen, aber es sei noch niemand, der in den 
wald zog, wider herausgekommen, zum tode scheinen die einreiten- 
den bestimmt, der herr des forstes zwingt den besuchem ein spiel 
auf, bei welchem der köpf zum pfände steht, und er verliert es nie. 

In B wird berichtet: eine Stadt wird durch den Pontschur be- 
lagert. Edolanz steht ihr bei und vor den toren wird eine schlacht 
geliefert, in welcher der held seine grofse tapferkeit bewährt und 
18 gefangene einbringt, darunter zwei grafen und einen herzog, 
verwandte des Pontschurs, andererseits sind den Städtern 12 leute 
genommen worden, man leitet eine sühne ein, der Pontschur muss 
das feld räumen, nun hat Edolanz geholfen und er reitet fort 
trotz aller bitten zu bleiben, bald gelangt er in einen wald, wo 
er ein lediges ross wiehern hört und ein gestricktes netz fin- 
det. V — 2\ 

Der Pontschur und Edolanz kämpfen um einen sperber, 
welcher der frau Grysalet gehört ; entweder da sie ihn schon früher 
besafs oder weil er als preis ihrer aufserordentlichen Schönheit ihr 
zukommt, verschiedene heervölker, auch Artus und sein hof sehen 
zu. der Pontschur wird besiegt und Edolanz ist im begriff ihn 
zu töten, als Artus nach einer kurzen beratung mit den anderen 



NEUE BRUCHSTÜCKE DES EDOLANZ 285 

hmm, wobei Engländer und Franzosen ihm beistimmen, dazwischen 
tritt, Bdolanz um das richteramt ersticht und dann gegen rück- 
gäbe des sperbers dem Pontschur das leben schenkt. Versöhnung 
wird gestiftet, die leute der dame, romanische Südländer, feiern ein 
freudenfest. die Jungfrau, welcher Artus ihren iriumph anzeigt, 
erhält den sperber wider und bietet Artus ihr haus an. 3* — 4^ 

Die erzählten abenteuer enthalten nichts irgend originelles, 
jedes derselben ist uns in verschiedenen gedachten schon begegnet, 
Städtebelagerungen sind bei Wolfram häufig, kämpfe mit riesen 
finden sich überall, solche mit löwen und drachen, wie sie die 
Überschrift in A andetitet, kommen in der Krone vor: zwei Uwen 
13230 ff. zwei drachen 13440 ff (wurm: stürm 13440). ein 
Uwe 20900 ff. ein drache 26703. der ansieht Heinrichs 29913 
daz alle ä?eiitiure von Gäweines tiure sagent, huldigt unser autor 
freilich nicht, denn in A spielt der gefangene Gawan eine recht 
klägliche rolle, auch Artus präsentiert sich in B nicht gar impo- 
nierend, bedauerlich ist dass die Schilderung des löwenkampfes 
nicht erhalten blieb ; man hätte dann sehen können, ob der dichter 
des Edolanz Wolfram oder der Krone folgte, welche beide dieses 
abenteuer erzählen, vgl. Zingerle Germania 5,477. — Zweikämpfe 
endlich um einen sperber, sei es als preis, sei es als raubstück, 
kommeth seit dem eingangsabenteuer des £rec fast bei edlen späteren 
höfisdien epikern vor. 

Ich halte mich überzeugt (besonders mit rücksicht auf die 
sonstigen entlehnungen) dass die berufung des dichters A 66 nach 
der ävenliure sage eine leere formet ist und dass er eine quelle, 
die wol eine französische hätte sein müssen, nicht benutzt hat. ich 
habe über eine solche auch nichts in erfahrung bringen können, viel- 
mAr wird alles blo/se nachbildung der in den berühmten mustern 
gefundenen geschickten sein, ausgeschmückt, gehäuft, übertrieben 
(zwei drachen und vier löwen in A). dagegen spricht auch nicht 
die einfiüirung des wichteis A9i; bei der nachgewiesenen bekannt- 
Schaft des aulors mit der spräche des volkstümlichen epos ist das 
unschwer als übernähme von dorther zu erklären. 

Die darstellung der abenteuer zu beurteilen ist nicht leicht, 
da man ungerecht werden kann, ist ja alles abgebrochen und Stück- 
werk, die des kampfes mit dem riesen scheint mir gar knapp, 
aber das kommt auth bei Ilartmann und anderen vor, ich erinnere 
si. nur an Arec 4205 ff. allerdings dürfte diese erzäUungsart 
Z. F. D. A. neue folge Xlll. 20 



286 NEUE BRL'CHSTCCKE DES EDOLANZ 




te MW» I 



mi^ tinen grofsen umfang det vollsländigm gedicttiei hinA 
itorin tMgtH moste da Stoffes rasth berichtet letrdtn musie. 
aUgntttinen ist die eraählting zwar nicht sehr geicauät, etwas sprung- 
haft, aber dafür recht lebendig (fiffitr der frage B 78. 199} vnd. 
aie ich besonders hervorheben will, mit bildem von individuellem 
character geziert. B 1 lore das fetter, das vom himmel herab- 
stitrmt. 34 wie rite schlage auf dem ambofs des schmiede», so 
halten die hiebe. 143 ballt lieh das Acer ziisamme}i, wie die wogen 
des meeres. auch 232 dringen die hrieger heran wie eine flul 
(dass der dichter eine Seefahrt genweht Aofie, wird man darawi 
nicht schliefsen dürfen). 163 ff klingen die schwertichlttge da 
Edolanz gegen die des Pontschur wie glocken gegen schellen. 247 f 
erscheint die jnngfran ohne falsch so schön wie die rote 
am abend. — A 18. 52. — allitteration in den wortbindungi 
B: singen noch sagen 12fl. klink imde klingel 47. tiep* 
leit 111. krart imde kirnst 152. 

Eine schwache seile der technik des dichters ist seine 
afmvt. untei- den 190 reimparen (oder eigentlich nur 189, da 
B 208/" fehlt) finden sich 10 zweimai, 4 dreimal, was ein starker 
procentsats ist und die meinung nahe legt, der aulor sei hävfig 
avf die gestalt des zweiten verses nur durch den notwendigen reim 
gebracht worden, zu den mangeln rechne ich auch noch die sehr 
zahlreichen enjambemenis, die in der regel darin bestehen dass das 
prUdicatverbum erst an der spitze des zweiten verses erscheint ; die 
rede wird dadurch holperig, ich glaube aber, man darf die* der im- 
fahigkeit des dichters nicht allein zuschreiben, Wolfram, sein Vor- 
bild, ist auch nicht arm an dieser eigentiimlichkeit. 

Die reitiheit der spräche des dichters versagt uns in ditstn 
fragmenten auskunft über uine heimat. erwägt man jedoch dun 
die Schreiber Österreicher sind, dass beide fragmente in Österretiit 
gefunden wurden, lUtss ein Baier, Wolfram, ein Kdmtner, tleinrith 
vdTHrUn, romehmlich dem dichter zum muster dienen, dass er mä 
der redeweise des damals in Österreich besonders heimischen voäu- 
epos vertraut ist, so wird man — noch die metrische sauherktit, 
da* alter der bruchstücke gebürend in betracht gesogen — nicht 
viel dagegen einwenden kOnnen, wenn ick den Verfasser des EdaUmz 
für einen Österreicher halte und die abfassung des werke» g^ßt 
1250, jedesfalls nickt nachher, lieber vorher, ansetse. 

Hoffen wir dass aus der verhorgenheit noch weitere 



NEUE BRUCHSTÜCKE DES EDOLANZ 287 

des Edolanz ans licht kommen, durch seine kbhaftigkeit , hilder- 
füUe, reichtum des Wortschatzes, volkstümliche art (wetin auch 
keine spur humors sichtbar ist) scheint mir das werk eine stelle 
unter den guten nachfahren der classiichen dichtung Wolframs wol 
zu verdienen. — 

B 132 ¥00 tieren noch von würmen legt nahe zu vermuten 
dass der vers auf das in A begonnene abenteuer sich beziehe ; dann 
würde, da schwerlich die ganze erzählung in den zwischen 2^ und 
3* fehlenden doppelblättem der läge hätte enthalten sein können, 
3*^ iüs erste seile gelten müssen und das ganze wäre in der Ord- 
nung 3. 4. 1. 2 «M lesen. aUein ich halte diesen vers 132 mir 
für einen tropischen ausdruck : von Untieren und drachen hat man 
einen soldien kämpf nie gesehen wie er hier zwischen mdnnern 
ausgefochten wurde, femer scheint mir dass die endgiUige oms- 
sühnung zwischen Edolanz und dem Pontschur 4^ dodi jedesfaUs 
der befreiung der Stadt von des Pontschurs belagerung durch Edo- 
lanz müsse gefolgt sein, (üso wäre die jetzige Ordnung richtig. — 

Zu dem überlieferten texte schlage ich noch einige, nicht schon 
früher erwähnte, änderungen vor. idi sMiefse rein metrische aus, 
da das material zu gering ist, und erörtere zb. allzu kurze verse 
nieht, deren ich mehrere finde, weil ich nicht weifs, wie weit der 
gebrauch des dichtere geht. — A 14 l, mitalle. 16 l schrenken. 
28 L gleich als6 dar, dunket mich. 32 l, behalten het. 34 l. 
mit »tnen starken armen lanc. 38 vielleicht ist bant in Hoff- 
manns ergänzung Überflüssig. 78 L ze rtten. 79 {. winters. 
84 L q[)rach. 116 Boffmanns änderung von niemen in niemer 
iiir unnötig. — - £33 si in ? 52 gein ? 53 zergienc ? 55 vallen ? 
56/* ez wart von in allen ein entwich? 62 l her. 64 preite? 
96 die stn? 124 l do gedAhte er. 133 si 6 nie? 139 vlorast 
wird wol nur Schreibfehler für v6rast sein, vgl. Niedner Das deutsche 
twmier s. 40 f. 154 l. den arm. 165 fdilt wol etwas. 180 ist 
der ausruf nicht besser zum folgenden zu ziehen? 200 gewis 
fehlt etliches. 208 l üz einem munde. 212 soll oder golt? 241 
Ortsname? 

Graz, 16. 7. 81. ANTON SCHÖNBACH. 



20 



288 PREDIGTBRUCHSTOCKE 



PREDIGTBRÜCHSTÜCKE. 

V 

Ganz gewis bin ich nicht, ob ich das nachfolgende stück unter 
dieser Überschrift publicieren darf, es könnte auch teil eines trac- 
totes sein, aufser dem, dass mir einige stellen rhetorisch gefärbt 
scheinen, habe ich mich durch die änderung von die zu din 2^ 
bestimmen lassen, die rede steht auf einem zusammenhängenden, 
teilweise zerstörten pergamentdoppelblatt, das, 15 cm. breit, 19,5 cm. 
hoch, zweispaltig auf tintenlinien, die zum grösten teil äufserst fein 
gezogen sind, grofs, sorgfältig und schön, vielleicht noch im juijh., 
jedesfalls im anfange des xiv beschrieben ist. die grofsen buch- 
stoben, wdche den beginn von Sätzen bezeichnen, und der name 
Jesu Christi sind rot durchstrichen, auf V eine rote Überschrift. — 
ich besitze das blatt seit mehr denn zehn jähren als geschenk tneines 
verewigen freundes JM Wagner und habe mit der Veröffentlichung 
so lange gezögert, weil ich immer noch hoffte, ich würde den in- 
halt einem bestimmten werke zuweisen können, das ist mir nicht 
gelungen und nur so viel scheint mir sicher dass es seiner dar- 
steUung nach einem der älteren mystiker angehören dürfte, im 
drucke wurden die einfachen abkürzungen aufgelöst, ergänztes 
cursiv gegeben. 

V Eio ander ist daz man so vlizzecklichen wirbet nach der 
lute behagunge. und so wenich nach goles behagunge. Ein 
ander ist daz wir unser nutz zit so jamerlicAw vur bringen die 
uns got ze so manger lete gegeben hat Em ander ist 

5 daz wir gote niht enantwurten ibe gein siner gotlichen 

nature. mit danke gein siner manchvaltigen gäbe, mit bez- 
zerunge umb unser manchvaltige schulde, mit menschlicher übe 
siner gotlichen minne. Ein ander ist daz die lute so tobent mit 
unruelichen sunden wider got. Ein ander ist daz wir alle an 

10 der wage sin. weder wir mit got (1^) beliben oder niht. weder 
wir got hiute behagen, oder missehagen. Ein ander ist daz 
wir so ststichlichen ligen in geistlichen sunden. und ir doch 
nicht bechennen. als geistlicher roub ist. Diubstal. unchusche. 
manslaht und vaiser ^eziuch. Ein ander ist daz man so unwtr- 

15 dtcA^tchen enphahet den waren lichnamen unsers herren ihesu 
clu*isti. Ein ander ist daz wir den verborgen got so wenich be- 



PBEDIGTBRUCHSTOCKE 289 

cbennen. dar zu gehöret sitzen, swr^en. und einode. Ein 
ander ist daz grozziu gutiu dinch verderbent. und chleines lones 
wert werdent. wan man si tut uzzerhalb warer (V) minne. Ein 
ander ist daz man den gewaltigen rehten got so wenich furhtet. 
Ein ander ist daz der tivel mit so mangen swinden bechorungen & 
die lute vellet swie geistliche si sint. Ein ander ist daz die lute 
80 grozz helfe habent von gote an engein an hiligen an der schrirt 
und lere und hiligen bilden hiliger lute an dem heren lichnamen 
unsers herren ihesu christi. und si sich doch niht arbeiten 
wellent daz si ez mit gotes helfe überwinden. Geistlich sunde.^ \9 
Ein ander geistlich sunde ist daz man unsers herren lichnamen 
QDwirdichlichen enphahet. (l**) daz geschihet so man wizzech- 
liehen in houptsunden ligt. oder daz man hat gantzen willen 
zesunden. oder daz man durch werdecheit oder von gewonheit 
in nimet. so nimet man in zeverdampnusse. und wirt schii/tftch \b 
gotes lihes. daz spncAet daz man so grozen pine verdinet als 
He Juden, die in hiengen an daz cruze. und der da niht 
hat daz zeichen des vrides an dem hertzen. der enphahet gotes 
lichnamen nicht ze nutz, sunder sich zeuberziugen. Ouch nimt 
in der unwirdicblichen der in totlichen sunden ligt. und in dar 2d 
umb nimt daz er bezzer werde, wan gotes lichnamen (2*) wirt 
debeim houptsundere gut oder bezzere. aber der hose und der 
sandige wirt böser und sundiger, und der gute mensch wirt ge- 
stercbet an dem leben, als der win einen sieben sterbet, und 
einen gesunden sterchet und gevrowet. Ouch nimt der angst- 25 
liehen gotes lichnamen. der noch Sicherheit hat noch hoffnunge 
an dem hertzen daz im got vergeben habe alle sin sunde und 
daz er gotes vriunde si. Aber der nimt in an angest der also 
dar zu get daz er dehein totliche sunde weiz an sinem hertzen. 
noch willen hat zesunden. Ouch enphahet etwenne der mensch 30 
dehein oder wenich gnaden, an gotes (2^) lichnamen. so sich 
der mensch vor niht bereittet mit gebet, und mit guten ge- 
rungen, und swie doch gotes lichnamen gar chreflicb si. dan- 
noeh chumt niht grozziu fruht an din^ sei. so si der mensch 
dar nach niht behütet vor unnutzen dingen. Owe wie mange lute 35 
wider ir hertz nement gotes lichnamen. daz man iht bösen wan 
uf si trage, und si dar nach iht versmehe. ez were unsched- 
licher ob man si für morder oder für chetzer bete, denne daz 

* rot. » die Äjr. 



290 PREDIGTBRUCHSTOCKE 

8i mit gote ir sunde verdachteD. Ouch ist unbarmherzicheit so 
sich ein mensche niht erbarmet über arme lute. über (2'') siechen, 
uzzetzigen. gevangen. über die da bechort und gemuet sint. 
an dem ?leische. oder an dem geiste. und er doch lihte einem 
6 ieglichen mohte helfen, und genade getun geistliche oder vleisch- 
liehe in siner not. und aller meist den armen in dem vegeflure 
die in selben nicht gehelfen mugen. die doch vil wol bedorften 
der werch der barmherzicheit. daz ir pine gelihtert und ge- 
kurtzet wurde, oder daz si gar von dem pittern ?egeflur er- 

10 loset wurden. Ouch ist der mensch unbarmhertzich gein im 
selben, swanne er den totlichen wunden siner sele niht ertzenie 
gibt mit warer (2"*) riwe. mit gantzer bihte. mit volchomener 
buzze. wan als mank totliche sunde an dem übe ist. als ma- 
nech totlich wunde ist an der sele. Und als manech unvol- 

15 chomenheit an dem libe ist. als manech suche ist an der sele. 
Ouch sprichet ein hiliger da von. Bechenne armes mensch wie 
ängstliche waren die wunden unser seien, durch die gewundet 
must werden unser herr ihesus Christus, wan und beten si dir 
niht braht den ewigen tot. so enwer ihesu christi blut nie uz 

20 gegozzen ze einer heilsalben der seien. Urchunde und materi 
warer vreuden. hat der mensch der an dem herzen gewisheit 
enphehet von gote. daz im alle sin sun 

Graz, 5. 4. 81. ANTON SCHÖNBACH. 



STRICKERS FRAÜENLOB. 

Im 7 bände dieser Zeitschrift s. 106—108 hat FPfeiffer aus 
der Wiener As. 2705 ein Frauenlob von 102 versen veröffentlicht, 
welches sich später als fragment eines Frauenehre betitelten gt- 
dichtes des Stricker heramsteUte, das Pfeiffer in demselben bände 
s. 478 — 521 nach der Heidelberger hs. 341 und dem Kahcsaer 
codex herausgegeben hat. 

Das Wiener fragment (bei Pfeiffer A) entspricht den versen 
429 — 510 und 569 — 588 des vollständigeren gedicktes, als dessen 
Verfasser sich der Stricker v. 138 nennt, in der Heidelberger (B) 
und Kalocsaer hs. (C) scheint das gedieht mit dem gleichen vers- 
pare zu schliefsen, ohne zu enden; denn das maere, welches der 
dichter v. 1608 zur recht fertigung seiner rüge gegen die ritter 



^ 



STRICKERS FRAUENLOB 291 

(v. 1531 — 1590) ankündet, fehli. diues letztere und mü ihm 
em teä des vorhergehenden (v. 1321 — 1614} ist in der bekanmen 
Ambraser hs,, der wir den Erek, die Kudrun, den Moriz von 
Craon und andere wichtige gedickte verdanken, erhalten, diese — 
ich hexeickne sie im anschbisse an Pfeiffers benennungen mit D — 
bietet das mit BC gemeinsame stück in erweiterter fassung. für 
die eduheit der zusätze in D möchte ich nicht einstehen, die äufseren 
anzeichen von interpolation sind unten angeführt, die fortsetzung 
m D ist formell nicht zu beanstanden: gelicb:inich D 359 ist 
nickt gegen Strickers art (Bartsch Strickers Karl liv, Weinhold 
Mhd. gr. § 16), verkorn (lu pL ff.) : körn D 424 hat seine 
paraUele im Karl 5845, bat: gesät D 445 kann, so selten im- 
gleiche quantität des stumpfen reims bei Stricker ist (Bartsch aao. u), 
aUein noch nicht gegen die echtheit mafsgebend sein. 

Wackemagel LG i* 356, 31 betrachtet A als älteren kürzeren 
ewtwurf, BC als erweiterung; er beruft sich auf BC v. 1485 ichn 
welle . . . ditz buoch so lange m^ren, udz micb der tot da 
von jaget; vgl. v. 1474 swaz icb ir lobes Docb gewuoc, daz ist 
Diht wan ein anevanc. die gestalt des gedichtes in D sdieint diese 
ansieht zu bestätigen. 

Das in BC 1608 angekündete maere ist mit D 622 jedesfaUs 
zu ende: ob das ganze gedieht, möchte ich bezweifeln, ich ver- 
misse eine der breitspurigkeit der anläge des übrigen und der ge- 
wohnheit des dichters, abschnitte deutlich zu bezeichnen (man vgl. 
BC 785. 1031 uö.), entsprechende ausführlich angelegte schtuss- 
fastung. 

Unser fragment, das in der hs. fol i 1* — ii P zur hdlfte 
füUt — der rest der letzten halbspalte bleibt leer, dann folgt auf 
fol. 2* von kunig Nero usw., es ist der Moriz von Craon, den 
Hempt in den Festgaben für Homeyer (Berlin 1871) ediert hat 
— , fiihrt die Überschrift Der vrouwen lop und dies dürfte mit 
bexug auf BC v. 85 daz ich . . . ein lop den vrouwen gebe 
der richtige titd sein; woher Pfeiffer den titel 'frauenehre* hatte, 
weifs ich nicht. 

Ich gebe im folgenden aus der gemeinsamen partie BCD die 
nennenswerten abweichungen der letzteren hs. von Pfeiffers text 
sowie die zusatzverse. Varianten, welche mir für die Verbesserung 
des textes von BC mafsgebend scheinen, sind gesperrt gedruckt, in 
der edition der fortsetzung in D schliefse ich mich den princi- 



292 STRICKERS FRAUENLOB 

pim von Pfeiffers textgestaltung im wesentlichen an, um der zu- 
satzverse wiüen sind die 622 verse von D gesondert beziffert. 

BC 1321 swenne] Als D. 23 zway. 26 dihtes l dfthtez. 
27 wurd. 32 diu fehlt. 35 I a u b. 38 In ye. 42 zway. 43 Ein] 
Me. 49 ynDeclich. 50 vaster] harter. 54 so. 55 hAetmänder. 
56 Er wirdt. 59 ir] dem. 62 er] Ir. 63 Wer mag Im das. 
67 dann gehöret. 68 IhA. 69 Het. 70 Er. 74 des fehU. 
nöteD. 78 myune. 81 ören] Ecrn. 82 wol fehlt. 85 Der. 
villeicht. 86 selig gesicht. 87 daz] Vntz. 89 wAnniklichen. 
92 begert. 93 sin] des. stet. 94 hinget. 95 guot fehlt. 
97 sam] auch also. 98 welher Unwille. 99 hals] sey. 1403 ist 
fehlt, seiner. 5 diu fehlt. 8 Er. 9 ynneclichen. 11 alle. 
20 Sy schawet. 21 Suefs. Ers. 29 0. 30 Irem. 34. 33. 
31. 32 D. 31 Iren synnen. 32 roynnen. 33 Irem. 37 die 
zucht. 39 des wol. 40 da. 41 nyemand wist von wannen. 
43 Irn. 45 hulde. 46 so ist. 48 mOclit. 52 Er. 56 herUen 
ynneklichen. 60 tat. 62 p&te. 64 sy des. 70 dann. 71 kün- 
nen. 73 gnflg. 74 gwflc. 75 Die ist. 77 Irre dann. 80 sein, 
vmb. 83 also. 84 Daz mich des. 85 Ich. 89 bite. 93 si] 
Er. im] mir. 95 Der. 96 on sorg. 97 danne fehlt, yeg- 
licher. 98 dann. 99 tichtetn. 1501 denn] Ee. 2 manigen 
lobeliche. 3 brechten. 4 allesambt bedechten. 6 vil fehlt. 8 6re 
feUt. 9 dienet. 11 ze guote] wol. 12 sOlhes den frawen wol 
dienet vnd frumbt. 13 spricht, sein. 16 Besament. 21 sy 
so. 23 dann wo. 25 den fehlt. 28 einen. 29 Irn. 31 ez 
fehlt. 33 so fehlt, huote] zucht. 35 wedere. Ire. 36 prtses] 
Streites. 42 verdros. 43 Stade] streite. 44 gedauchte. 45 
sunst. 47 maniger. 50 gewaltiklichen. 53 vil fehlt. 54 nicht. 
55 daz] da. 60 Bewerben. 61 mfls. 62 lat. 65 Hetten. 67 
brachten. 72 noch] vnd. 73 noch fehlt. 80 bewegen. 81 
daz fehlt. 89 s6] vil. 91 Swer] aber. 93 da] hie. 96 Ich. 
nicht. 97 Sy. 99 nach. 1601 sähe. 4 wil. 5 Die ich dann 
nicht nante. 6 und sy doch wol bekannte. 7 leicht. 14 Im. 

Nach BC 1410 folgen D 91—96, von denen D 9b. 6 den ge- 
danken von BC 1403. 4 widerholen: 

daz ist im immer niuwe. 

im hat ir gröziu triuwe 

sin herze zwlvels erlöst, 

ir triuwe ist slnes herzen tröst 



STRICKERS FRADENLOB 293 

95 und ist slnen gedanken 

ein staete fQr daz wanken. 
naA BC 1446 folgen D 133. 4; D hat in 1445 6re in hulde ge- 
dndert: 

diu vergütet die schulde, 

behaltet er ir hulde. 
Mick BGUbS folgen D 147. 8: 

swaz si guotes verküre, 

^ si ir frOude an im verlüre. 
nach BC 1478 folgen D 169—188; vgl. BC 1480 mit D 183 : 

swer dise rede nidet 
170 und sie unsanfte Itdet, 

der hazzet ouch die frouwen. 

da bl sol man schouwen, 

wer Tlent oder friunt st. 

disem msere ist nieman bt, 
175 swer sich kan versinnen, 

ez enwerde an im wol innen, 

für weder man in haben sol: 

ez tuot den friunden harte wol 

und ist den vlnden swaere; 
180 g^nt si niht von dem maere, 

s6 bltbent si durch daz dA, 

si vdhent ein wort eteswä, 

dar umbe si mich str^fent, 

oder sitzent oder släfent, 
185 oder ruowent also vil, 

swer ir willen merken wil, 

daz ez vil sanfte geschiht. 

die sint der frouwen friunde niht. 
iMcft BC 1564 folgen D 275. 8; aber die construction geht aus 
dem plural zum Singular üher, um mit BC1565 den enteren 
wid$r aufzunehmen. 

275 daz sie so maneger ritter schiuhet 
unt durch niht anders fliuhet, 
wan daz si in d unket ze guot 
und ze höhe über stnen muot. 

176 Er werd. 177 werder. 185 oder sy. so. 



294 STRICKERS FRAUENLOR 

D 329 Eim ackermaD was zoro, 
830 daz er der laDtliute körn 

30 wtfnoecllchen blttejen sacb. 

mit hazze er innecltche sprach: 

^stt daz got nicht enbern wii, 

uns werde danne korns ze vil, 
335 daz ist mir harte swsere, 

ez Wirt dA von unrnsre. 

mac ichz niht baz uoderstän, 

swaz kornes ich gesaeget hän, 

daz kurot nimmer her wider, 
340 ich wil ez msejen durch nider, 

die wil ez also biOejet. 

ich enruoche, wen ez mttejet.' 

dö er maen begunde, 

in einer kurzen stunde 
345 wart ein michel fragen 

von friunden und von mägen 

unt von den lantliuten. 

die bdten in diuten, 

wes er s6 missetaele, 
350 daz er daz körn abmiete. 

er sprach: ^dä ist diu arbeit 

ze gröz, und ist diu wirdekeit 

da wider gar ze kleine. 

ich sage iu, wie ich daz meine: 
355 swie vil korns ich ie gewan, 

s6 het ein ander ackerman 

wol also vil oder mL 

nu tuot mir groBzltchen w^, 

daz man uns alle hdt gelich, 
360 mlne gen6zen unde mich, 

und uns niht gr6zen danc seit 

umb unser grözen arebeit 

und umb den michelen frumen, 

der von uns den Hüten muoz kamen. 
365 unser ist unmäzen vil, 

329 Mein. 333 got des. 335 hart. 359 geleich. 

362 grosser. 



STRICKERS FRAUENLOB 295 

die man geltcbe haben wU. 

ine trouwe an 6reD und an lobe 

in allen niht geligen obe. 

wer nimt oucb denne min war, 
370 die wlle ich in der menige far? 

besUnt si denn min eine, 

8Ö misset man min kleine; 

sol ich groezer arbeit ane gän 

und sol niht grosser 6ren bän, 
375 86 waere ich vil unwise; 

sol ich bl miner spise 

großzer ören entwesen, 

86 wil ich An arebeit genesen. 

ich getrouwe senfter bejagen 
380 des ich bedarf in minen tagen, 

körn wirt immer genuoc. 

man muoz acker unde phluoc 

mit sölher arbeit hdn, 

daz ich mich beider wol erUn.' 
385 d6 er seite sinen muot, 

d6 dühte ez boese liute guot, 

die ouch der arebeit ?erdr6z, 

ir ntt was wol ais6 gr6z; 

die lobten sin gemüete 
390 unt brähten in der blttete 

ir selber körn ze b6sheit. 

daz was den andern 86 leit, 

daz si diu boBsen msere 

vor ir hoehstem rihtaere 
395 vil zornecliche Seiten 

und üf die alle kleiten, 

üf den diu rehte schulde lac. 

d6 sprach der rihter: 'wer mac 

in niht verteilen ir leben? 
400 man sol in llhen noch geben 

der körn keinez, 

weder gr6zez noch kleinez, 

daz von der erde immer kumt, 

367 In trtw. 369 min fehU, 386 Als. 



296 STRICKERS FRAUENLOB 

Sit uns ir körn nindert frumt. 
405 si müezen ouch sam sterben, 

daz si niht suin erwerben 

des unsern keinen teil. 

ez Wirt ir selber unheil, 

daz si sich arbeit hdnt entladen, 
410 ez muoz in lesteritchen schaden.* 

nu tet er über allez lant 

ein 86 gr6z gebot bekant, 

daz alle die sä stürben, 

daz si nie körn erwürben, 
415 die durch gr6ze b6sheit 

ir kom unde ir arebeit 

also schieden von in. 

die fuoren äne kom hin. 
Diu buoze sol uns allen 
420 ze rehte wol gevallen, 

daz man in kom verz^h 

und in weder gap noch loch, 

durch daz si daz ir verkorn. 

wser diu werlt dne körn, 
425 wie mOht ir ^re denne wem, 

Sit man niht kornes mac enbem? 

da von Süllen wir des jehen, 

in sl vil rehte geschehen. 
Nu sul wir sprechen da hl, 
430 waz der liute reht sl, 

die uns verderbent daz kom, 

daz schedeltcher ist verlorn 

denn daz, 86 an dem velde stdt. 

ich sage iu, wie daz namen häL 
435 ez ist frOude genant. 

diu was 6 86 wol bekant, 

swer äne fröude wsere, 

dem waere der Itp unmsere. 

ein man wser dne kom genesen, 
440 der äne frOude wolte wesen. 

nu st6t diu frOude in blüete 

405 also. 413 so. 414 me. 432 schedlichto. 441 pl&de. 



STRICKERS FRAUENLOB 297 

an der reinen süeze unt gttete, 

an gebserde und an der varwe 

und an den lugenden garwe, 
445 die got mit gr6zem fltze Mi 

an die frouwen gesät, 

da blüete vröuwet äne strtt 

vil wünnecitche ze aller zlL 

swer die dA tuot verderben, 
450 der sol ze rehte erwerben, 

daz er äne frOude lebe 

unt man im Itbe noch gebe 

der fröuden debeine, 

weder gröz nocb kleine, 
455 diu von höher minne springet, 

diu den Itp ze lebenne ringet, 

diu s6 h6chgemüete machet, 

da von daz herze lachet, 

diu rehter 6ren waltet 
460 unt die zuht manecvaltet, 

die durch die sinne strlchent 

und die tugende alle rtchent: 

daz er der frOuden äne st, 

da ist vil reht gerihte bt. 
405 swelch ritter höher minne gert 

rehte, der ist lobes wert, 

dem swebet der guote wille 

beide ofTenllche unt stille 

stnen werken ze allen ztten obe. 
470 ez ist ein ende an slnem lobe, 

der höhe minne dankes lAl, 

von der man fröude und ^re hat. 

swelch ritter hat Itp unde guot 

unt sine frOude also vertuet, 
475 der sol euch immer frOude enbern, 

in sol euch nymer sein erweren, 

er sol da frOude sterben 

unt sol den lön erwerben, 

442tAeB8en vnd giite. 453 keine. 460 manigualtig. 465 Weiher. 
begerL 473 Weiher. 



298 STRICKERS FRAUENLOB 

den die boBsen liute erwürben, 
490 die dne körn erstürben. 

solle man der frOude enbern, 

diu werlt müese unlanger wern, 

dann ob si w»re ^ne körn. 

wurde diu frOude verlorn, 
485 die si haben suln unt geben, 

waz sol danne ir beider leben, 

der ritter unt der frouwen? 

man sol an in zwein schouwen 

der frOuden bildsere. 
490 wan ez vil billtch wscre, 

daz si die l^re trUegen. 

daz tuont ouch die gefüegen, 

den ist noch frOude und 6re bt. 

swie vil der ungefQegen st, 
495 die doch habent ritter namen, 

die mühten sich des iemer schämen, 

daz si äne höhen muot 

gehurt, Itp unde guot 

unlobeltche verzernt 
500 unt sich der arbeite wernt, 

diu sie reht leben l^rte 

unt sie vil groBzIlchen orte. 

swelch ritter anders denne guot 

den frouwen sprichet oder tuet, 
505 der verderbet an in 

den aller hoehsten gewin, 

der zuo der werlt gehoeret. 

Sit man die frOude stoeret, 

des ist diu werlt geneiget; 
510 daz ir so maneger zeiget, 

daz er ir ören nindert wil, 

d& von ist der frouwen vil 

mit ungemüete beladen. 

man tuot in roupllchen schaden, 



479 erwerbeo. 480 enterben. 482 inüesset vnlanog. 488 swayen, 
499 venert. 500 werdt 503 Weihe. 508 zerst^reu 



STRICKERS FRAUENLOB 399 

515 den si gezogenllche klagent. 

swie rehte si ir reht tragent, 

ez wirt selten wol gelimphet, 

man spottet ir und schimphet 

hezltcbe und ungefuoge. 
520 des lachent nu- genuoge, 

die sie ze rehte solten 

beschirmen, ob si wolten. 

man sieht sie unde schiltet, 

daz rihtet noch engiltet 
525 nieman nach ir hulden 

unt nach den rehten schulden. 

daz verderbet an der blQete 

die fröude unt daz gemüete, 

des diu werlt gezieret wsere, 
530 ob man den mort verbaere. 

Diu werlt ist fröude genant, 

fröude ist für die werlt erkant 

die zwöne namen sint ein dinc, 

daz heizt der 6ren ursprinc. 
535 die zwöne namen künnen geben 

von hohem muote ein richez leben. 

swem die namen an gesigent, 

die wtle unt si im obe ligent, 

so bekent er wol besunder 
540 diu manegen sUezen wunder, 

diu der frouwen tugende bernt, 

da von si höchgemüete wernt. 

swer die frouwen loben sol, 

der bedarf vil rtcher sinne wo). 
545 die sint mir leider nindert bt. 

ich sage iu waz guot an frouwen st. 

da bän ich vil nach an getobet. 

si habent sich selbe baz gelobet 

mit manegen guoten dingen, 
550 denne ich künde für bringen. 

daz ich ir tugende muoz verdagen 

530 verwäre. 541 gepern. 542 die. 



300 STRICKERS FRADENLOB 

mör danne ich ir kao gesagen, 

des 8uin si nicht eDgeiten. 

mto lop daz ist ein schelten, 
565 der ez anders vernimt, 

danne ez den frouwen wol zimt, 

als ich iu wol bediute. 

ez waenent turobe liute, 

ich habe ir gttete gar gesaget 
560 unt habe ir tugende niht verdaget, 

s6 ist ir m^r wol tüsent stunt. 

swer wsenl, si stn mir alle kunt, 

der hat min lop gescholten 

und habent si des engolten, 
&65 daz ich ze kranker sinne bin. 

swer wtsheit habe unde sin, 

den bite ich des vil s^re 

durch aller Trouwen öre, 

daz er ditz lop also verneme, 
570 daz ez den frouwen wol gezeme 

und ez niht anders verst^, 

wan daz wol tüsent stunt mö 

an frouwen guoter dinge won, 

denne ich iu iemer da von 
575 gesagen mac oder kau. 

mir ist rehte als einem man, 

der über mer nie kam 

unt saget doch, als er vernam, 

waz dortenhalben was geschehen. 
580 ich hän frouwen vil gesehen 

unt hän ir rede ein teil vernomen 

unt bin in doch niht näher komen. 

dA von mac ich noch enkan 

s6 wol niht wizzen als ein man, 
585 dem herzeliep von in geschiht, 

waz ir gttete tugende gibt. 

Sit ich frouwen küme erkenne 

unt sie mit worten nenne 

556 Weder. 563 Da. 579 enhal. 580 vil fehU. 582 In 

•ol auch. 586 Wu mir. 



STRICKERS FRAUENLOB 301 

und ledoch an in viDden kan 
590 mö lobes denne zweinzic man 
?olsungen oder gesageten, 
ob si nimmer gedageten: 
d^ 8ol man wol gelouben bt 
daz an in vil ze loben st. 
595 si babent manec tAsent gUete ro^ 
denne mich ze wizzen besU, 
die s6 riches lobes alle gernt, 
des si ?on mir durch n6t enbernt. 
Swer daz gerne vernimt, 
600 daz mir ze sagenne gezimt, 
unt mir niht muotet fürbaz, 
der siht an mir ein vollez vaz, 
daz frouwen immer lop gebirt 
und iedoch nimmer Isere wirt. 
605 ich sage iu, wä von ich des gihe: 
iä hoere ich so vil unde sihe 
an frouwen, daz man loben sol, 
daz mir daz herze wirt s6 vol 
durch d'6ren und der ougen tür, 
610 swaz zweinzec möhten bringen für, 
s6 hoBre ich unde sach m^. 
nu merket, wie des leben st6, 
der niht ahtet üf wlp: 
der aht ouch niht uf stnen llp, 
615 er zieret sich noch sptset wol, 
stn her/e ist immer leides vol, 
er wirt dar ndch nimmer frö. 
taet diu werlt alliu s6, 
s6 waere ir name iezuo verlorn. 
620 des ist diu frOude daz körn, 
die man von den frouwen hat, 
da mit diu werlt nach gote st^t. 

591 Volsingen. 593 darbey. 597 begerent. 604 lär. ßog ^j^ 
oren durch der. 6t0 herfür. 611 sähe. 614 achtet. 6i6 leidens. 

Wien, mdrz 1881. K. F. KUMMER. 

Z. F. D. A. neue folge XIU. 21 



302 FRAGMENTE VON RUDOLFS WELTCHROMK 



FRAGilEXTE VON RUDOLFS WELTCHROXIK. 

I 

Das nachfolgende fragmaU befindet stA gegenwärtig emf der 
hieeigen univerntätS" und hmdesbibUotkek als getekenk da Eemne- 
bergisehen geeehklUtvereins. daeeelbe, ein pergamentd^ppeOflatt, die 
eeite zu 2 tpaüen, iet van dem deekd einee qnartbande$, deseen 
höhe 19 em., deseen breite 16 em. und deeeen rikkenstärke 7 cm. 
betrug, losgelöst worden, der quartant enthielt wahrscheinlich reA- 
nungen oder acten ; denn auf dem rücken des fragmentes steht der 
vermerk de anno 1655 bin 1659, auf der oberen deckdseite nach 
au/sen 1655 bisz 1658. der untere teil des dappMlaites ist be- 
schnitten, dadurch sind jeder spalte 2 zeilen verloren gegangen, 
mit ausnähme von foL n*', auf dem statt ursprünglich 40 zeilen 
nur 39 gestanden haben, und dem nur diese Z9ste verloren gieng. 
durch einbinden, wurmfrafs und abscheuerung der nach aufsen ge- 
kehrten seilen hat das fragtnent gelitten, die schrift ist schön und 
deutlich und später als in das lAjh. nicht zu setzen, die initialen 
sind rot und blau, au/ser einigen schreibfehlem ist der Schreiber 
einige male von seiner vorläge abgeirrt, so zb. v. 87. 170; den 
V. 19b hat er widerholt. 

Der text des fragmentes, das eine ununterbrochene poetische be- 
arbeitung des anfangs des iv buch Mose bietet, stimmt im wesent- 
lichen zu dem im codex Pal. 327 fol. 76^*— 78^* und codex 
Pal. 146 fol 36^— 37^ hieraus ergibt sich dass er mit dem 
drucke von Gottfried Schütze, Die historischen bücher des alten 
testaments nicht übereinstimmt, die Stellung, die das fragment zu 
codex Pal 327 und 146 einnimmt, lässt sich nicht völlig sicher 
feststellen, doch ist nach den Varianten mit Sicherheit anzunehmen 
dass es zu derselben gruppe gehört, wie codex Pal. 327. einige 
male, wie v. 6. 47. 73. 307, scheint es die ursprüngliche lesart ge- 
wahrt zu haben, wir dürfen also wol annehmen dass wir ein 
fragment aus einer hs. vor uns haben, welche die ältere recension 
der Weltchronik, das ursprüngliche werk Rudolfs, enthielt. 

Wo die schrift des fragmentes durchaus nicht zu entziffern 
war, sind . . ., wo das pergament beschnitten war, : : : gesetzt, 
die wicktigeren abweichungen des codex Pal 327 sind mit P, die 
von 146 mit p bezeichnet worden. 



FRAGMENTE VON RUDOLFS WELTCHRONIK 303 

I** voD Juda des geslehtes schar 

got aber ze Moysese sprach in de von ysachar 

in dem gezelt der heilicheit si Neptalim erkant 

?on dem ich han albie geseit fvrste d . . vater was genant 35 

Dim vnd samen vber al Svr r iVrste wesen 

5 die schare vnd zel mit rehter zal so si ze f?srten vz gelesen 
elliv israheles kint dem geslehte ?on zabflon 

die man die zweinzich iar alt sint :::::::::::::::::::: 

vnz an fTnfzich iare zil :::::::::::::::::::: 40 
?nd merche mit der zal wie vil I*' 

10 ir nach rehtem alter si geslehten vnd gesinden 

ane daz gesiebte von levi ze hovptman erkiesen sa 

die soln ewarten ampt han den wisen elyzama 

so daz als si getan des vater hiez Amivel 

so mache iegelicber schar Phadasvres svn Gamaliel 45 

I6?ber elliv div geslehte gar si hovptman vber div kint 

einen fvrsten des gewalt div von Manassese sint 

vber daz kvnne si gestalt Gedeones svn abydan 

vf den rten elliv zil sol Benniamin ze pfleger han 

nim si als ich si nennen wil din kvr in davides ger 50 

SO von Rüben si elizvr daz ez pflege elyazer 

dez vater der was Sedevr der ist von amyssoday 

rvrsten vnd herren in d^ schar geborn. des kvnnes fvrst er si 

die Rubenes fruht gebar ovch svlt dv dabi kiesen mer 

In Symeones geslehte si In dem geslehte von azer 55 

25Alamihelsis svn Saday sol sin phegiehel erkorn 

furste mit gewaltes kraft der von Ectan ist geborn 

vnd herre der kvnneschaft Dvheles svn eliphaz 

den die da von Jvda sint geborn den nim in Gad ane vnderlaz 

81 ze fvrsten erkorn ze einem hovptman vnd nim 60 

dONazo Amynadabes barn In dem geslehte von Neptalim 

des wisvnge sol fvr varn Jayra. daz sol ergan 



6 vber al div Israhelischen P Tber all div israhelachen chint p 
16 eisen nein P 18 si warten Pp 21 daz watz p 22 Fvrat vnd 
hcrr ai der p 28 da fehlt Pp 29 sin P 30 Naion P Naason p 
33 der sckar Pp 35 des /* dez p 36 Swar p der sol ir Pp 37 so 
iol p 88 in dem p 39 Ebab des Vater hiez Elon P Eliab p 40 dv 
Mit Josebes kinden Pp 47 Manasse geborn p 50 danea geslehte p 
52 waz p 54 erkiesen p 57 Octan p 

21* 



304 FRAGMENTE VON RUDOLFS WELTCHRONIK 



des vater was genant Enan 
Diu sin die hovptfvrsten gar 

65vber aller der gesiebte schar 
Jegelicher in siner diet 
von dannen Moyses do schiel 
vnd prvfte mit rehter zai 
div gesiebte vberai 

70 von iivnne ze livnne dar vnd dan 
von bvse ze bvse von man ze man 
die ob zweinzich iaren 
vnd vnder fvnfzicb iaren waren 
gwabsen nacb maniicber iiraft 

75stritbere vn werbaft 
swa si sich strites nemen an 
driv vnd sehshunderttovsent man 
vnd fvnfzicb vnd fvnfhvndert 



80 



1 



bi 



Swa man sie ze strite iiez 
Vnd da man soite striten 
Nv warn bi den ieviten 
Hüben vzwendicb der zai 
85Wan si got nam mit siner wai 
vnd si vz schiet 
ze ewarten vber al die scbar 
docb biez got des gesiebtes scbar 
obe zweinzich iarn zeln gar 



vnz an fvnfzicb iar der was 90 
als ich ez an der bibel las 
fvnfhvndert vnd ahtzehn tvsent 

man 
vnd abtzich die sich namen an 
daz si bi denselben tagen 
soiden fvrn vnd tragen 95 

die beilicbeit vnd daz gezelt 
vnd ez danne vf daz velt 
vf siaben soiden vor den scharn 
vnd . .rlegen so . . . woiden varu. 
Aber do ze bant biez got 100 

Moyses vnd sin gebot 
vnd Aaronen so si varn 
wo . . . mit den gotes schäm 

daz vnde gezelt 

E ten vf daz velt 105 

vnd e der zwelf gesiebte 

diet 
Als ez got selbe da berhiet 

ze r davmbe lagen 

vnd s . . . mit hvte pflagen 

Je der gesiebte driv MO 

als ich wil bescheiden iv 

J schar 

V scbar 

g n ane wan 

116 



63 in P folgt: Daz si die hoabtfvrsten Namen alle fvr war 73 P 
fehlt vnder, p vnd 76 namen /)? 77 sehzich tusent (tvsentent/^ /)» 

79 mit der kraft vz gesvndert P besvndert p 80 Daz man mit kraft si 
stritbsere hiez P stritbaer hiezz p 83 die p 86 si mit siner kvr {kutp) Pp 

87 div diet Pp 92 achzich P ahzig p 99 zelegen P zernemen p 

101 Moysen P Moysesen p 103 woiden P wollen p 104 si der 
vrchvDde (gezelt) Pp 105 Enmitten I*p sazten P salzten p 106 danae Pp 

108 ringe drvmbe /)i 109 vfi ez P vnd ez ;i HO Je sameot 
der der P jesamenl p 111 ich ez wil P 112 Judas Pp yfi Ysachar P 
vnd Isaschar p 113 vn Zabvlon die drie P vnd Zabalon die dri p 
114 Gein oslert I^ soiden P sollen p 115 ir rincb ir herberge hao P 
Ir rink vnd ir h'b^ge han p 



FRAGMENTE VON RUDOLFS WELTCHRONIR 305 



dai edel gesiebte 

an disem selben ringe was 
mit vier vnd sibenzicb toTsende 

1»:: :::::::::::::::::: : 

al da bi lac ysachar 

mit r^nfzicb tovsent mannen die 

vier tovsent man noch beten bie 

vnd bi den fierbvndert 
125 mit beiden vz gesundert 

Zabvlon da bi den iacb 

den div scbrift wiget vnd wacb 

vf fvnfzicb tovsent ma . . . ant 

werlich was bi den man vant 
laoEllif hvndert nocb 

mit den div zal vz provet doch 

vnd div gewarn mere 

wie vil der aller were 

die an dem ringe lagen 
135 ir svnder ringes pflagen 

ir was nach geprweter za . . 

hvndert tovsent nach der . . . 

das man si werbaft na . . . 

sehs vnd ahtzich tovsent . . . 



beten si mer in ir seh . . 140 

mit vierbvndert manne 

8vs was der eine ringe . . . ewart 
als div her solden an der vart 
vfbrebcben so si wolden farn 
so warn si vor al den scbarn 145 
die ersten vf der straze 
vnd an dem niderlaze 
sie die ersten wesen solden 
so sie herbergen wolden 
als vns div scbrift bescheiden bat 150 
Ruhen Symeon vnd Gad 
gesvndert lagen mi . . ir . . . 
An einem ringe vnd her 

Ruhen 

155 

Von Symeon daz .... her 
het fvnfzich tvsent man alda 

:::::::::::::::::::: 160 

11'* 
die . . a . . az kvnne braht dar 
der vierzich tovsent als ich las 
vnd darzv fvnfzicb tovsent was 



116 Judas Pp 118 tusendn p tvsenden P 119 manne P Mannen p 
bi im jPp hvBenden P hosendn p 120 vd sehshvndert in Pp einer P aia p 
Mhar Pp 121 bi den p 125 henden P 128 man der hant Pp 

130 siben hvndert vod vier hvndert P siben tusent vnd Tierhvndert p 

131 VDS p privet P 132 warn P 136 zal Pp 137 wal Pp 
138 si da P nande Pp 139 wigande Pp 140 schar 7)». in der Hand- 
ichrift war an den rand das die folgende zeile beginnende Braht ge- 
sehriaben, doch Ut ah zerstört 141 braht P brahhte p mannS dar Pp 

142 bewart Pp 145 si vor si vor P 152 gein svndert p mit ir 
wer Pp 153 vnd mit p 154 hat P hett p alda mit Pp kraft P 

eraft p 155 vierxich P vierzig p tvsent beide Pp werbaft P wehr- 
haft p 156 Sehst^send vS vierbvndert mer P sehs toosent vnd vier 
hundert mere p 157 kvnne P kftnne here p 159 nivn tvsent dar noch 
•a P vnd n&n tosent p 160 zeit vns div heilig (bailig p) scbrift die 
•ehar Pp 161 Gad das Pp 



306 FRAGMENTE VON RUDOLFS WELTCHRONIK 



8ehshvnderi vnd fvafziger die me Hanasses a . . da ze wer 

165 wie der svoune zal geste Benniamin hat in dem her 

daz seit div warheit gar fvnf vnd drizich tovsende 190 

In der . . er kvnne schar swa si . • • • • ^^^^ hvsende 

was an . . halp hvndert tovsent da lagen .... hvndert drin 

man die br 

Vnd f...te halp hvndert dar der ..ie... siebte svmme ...ilt 

bi dan It 195 

nodo nam ... der fvrsten dri 

den si waren bi hvnder 

des ringes . . . menunge vf brach In drier gesiebte ringe hie 

so man brechen sach ::::::::::::::::::::: 

vnd her .... nach in sider ::::::::::::::::::::: 200 

175 so sich . . . i . . . liezen nider II** 

We hin lach EiTraim Die brechen vf mit ienen schäm 

vnd Manasses bi im do si von stete wolden varn 

vnd da . . leit sich zv zim vnd herb^gten ouch n . . ch in 

mit sinen scharn Benniamin So si ze herberge komen hin 

iSOvierzich tovsent beide ivnge Neptalim azer vnd Dan 206 

was in der samenunge lagen als ich gelesen han 

vnd fvnfziger mer in der schar gein nordent swa daz her ie 

die efraim het braht aldar Bi dem gezelte sich nider lie 

zweivnd drizich tovsent beide gvt do het in siner geselleschafl 

185 mit . . . lieber kraft behvt sehtzich tovsent beide werhafl 210 

vnd an der hvndert wol bewart dan vnd zwei tovsent manne do 

het vf der selben vart vnd sibenhvndert dest also 

164 die fehlt p 165 svnne P 166 div schrift der /^ 167 der 
drier Pp 168 anderlhaib P anderhalp p 169 fvmfthaib hrndert der 
sich an (fvnfthalp p) Pp 170 der fvrsten waren dri P der gesiebte fvrsten 
driv p 171 den nam den si waren bi P do namen. den sie p 
172 samnvnge P samnunge p 173 iene vfbrecben Pp 174 herbergten Pp 

175 OTch iene liezzen Pp 176 Wester P Westert p 178 danne Pp 
zin P z&zm p 179 Rotten Pp 185 weriicber /)i 186 vnd zwei 
(zwai p) hrndert Pp 188 alda Pp 191 warn P waren p 192 vier 
hvndert man bi (by p) in Pp 193 onch dar brachte Pp Benjamin P Benia- 
inyn p 194 drier I*p geslsehte P gesiebte p hielt J^ 195 In der zal 
der ir Pp menige P menge p wielt /)i 196 Hvnderl trsent viid abt 
tvsent die /)? 197 die zeile 196 nur aut versehen wider hoH 

198 In der drier p 199 Western lagen bi der stat P westert stat p 
200 Da daz gezelt waz vf gesät P vf waz gesät p 202 So P 203 herber 
gtnP nach Pp 207 üorderi Pp her sich p 211 zwafinzig tasent p 



FRAGMENTE VON RUDOLFS WELTCHRONIK 307 



firrich toTsent het azer hovbtman was eieazar 

die mit den kvnnen taten ker ovch lac der Gersoniten schar 

31680 war si solden keren hin Ir kvnne vnd ir geselleschaft 

▼nd lierdhalptovsent mit in westert als ez selbe got 245 

die OTch warn von im ordent vnd sin gebot 

daz gesiebte von Neptalim do was als vns div warheit seit 

hetdrivvnd vierzichtovsentman Nordent vnder in geleit 

braht der Herariten kvnne schar 

220 der si ze were baten gedabt der pflach mit hvte yttamar 290 

vnd mit den vierhvndert der wise niht der tvmbe 

Swen dirre zal nu wundert vmbe daz gezelt alvmbe 

wie vil der aller were lagen mit ordenvnge 

dem bescheident ez div mere der gesiebte samenvnge 

225 da ditz stet geschriben an vnd bebvttenheilictfim vnd gezelt 255 

andiiaipbvndert tovsent man gein dem gezelt vber velt 

sibentovsent vnd sehshund^t was giengen viere wite strazen 

der svmme als ichz las ein wite was gelazen 

die zogten do zeletze nach in bi dem gezelte div was wit 

230 swa si wolden kern hin. als div ein witez dinchvs lit 260 

Als ich han hie vorgeseit In einer stat da zaller frist 

des gezeltes heilicheit chreme vnd veiler march ist 

die . . . viten pflagen vnd dar zv spil vnd fVrganch 

a . . . . best si da lagen gvte tagalt fvr wile lanch. 

235 bi den . . . vf der vart Nv wart mit manigem geböte 265 

vollichliche div e von gote 

Hoyses der einen pflach gegeben der Israhelischen diet 

vnd Aaron bi den si lach als si got Moysese beschiet 

:::::::::::::::::: alle dise zit do ditz ergie 

IP^ got vnderschied in relite wie 270 

240 do lagen Caatiten si in der e solden leben 

gesvndert vnd der selben schar des wart in lere do gegeben 

214 dem kynoe P dem gesinde p 219 man fehlt P 220 hat P 
228 als ich die warheit Pp 229 kerten p 232 vnd P der hailikeit p 
233 Leviten Pp 234 aller Pp nsehste P nahest p 235 dem ge- 
zelt Pp 236 in vier schar vnder in geschart Pp 239 Ostert zer Ostern 
litten (shen p) Pp 241 gein svndert p 243 craft p 244 geselleschaft gar 
P 245 westerthalb P 246 von sinem P 248 Nordene P Nordert p 
255 heiltfm P hailt^m p 260 da Pp aim witer dinkhofe p witer P 
262 chram P kram p 263 vrganch P vrgank p 268 Moyse P Moysesen p 
271 h do solden /' e do sollen p 



308 



FRAGHENTE VON RUDOLFS WELTCHRONIK 



von gote do daz gescbach vnd so si wolden mit den sdiarn 296 

got aber ze Moysese sprach vfbrechen vnd varn 

776Aaron vnd siniv kint vnd so si solden striten 

div mir nv gewihet sint vnd zer hohsten hochziten 

svln aber der israhelischen schar daz in div selben herhorn 

::::::::::::::::::: weren ze herzeichen erkorn 300 

::::::::::::::::::: Do daz ailez was geschehen 

11^ vnd vil me danne ich han v^ehen 

280 der ir mit seiden pflegen vnd daz gezelt gewihet wart 

vnd in miner hvte han vnd die ewarten nach der art 

der Segen sol alsvs ergan als got geboten het al da 305 

Got Segen dich vnd hvte din ob dem gezelt zoch sich sa 

geh dir fride vnd mache dir schin daz wolchen ez gestvnt bar 

286 sin antlvtze al da zehant do bereiten sich die schar 

tvn ich in min helfe bekant wan in varnes zit was komen 

dvrch disen sogen in ir not daz gezelt was vf genomen 310 

got moysi da bi gebot des sich do an den stvnden 

daz er zwei horner hieze die leviten vnderwunden 

290 Machen vnd des niht liezze ze fvrn vor. daz her fvr nach 

div si haben solden in rehter maze was in gach 

so 81 samenen wolden si fvrn nach der warheit sage 916 

dvrch deheinen rat die schar von dem berge dri tage 

daz si zesamen komen gar daz ie daz wolchen fvr vor in 

273 gotes lere Pp 274 Moyse do P 277 fber die p 278 an 
rufen minen naroen gar Pp 279 So gib ich in minen gegen Pp 280 sol 
mit P 284 tu p 285 alz p 286 ercbant P erkant p 288 Moyse- 
sen p 289 herhorn p 291 do sollen p 298 hochgeziten p 301 dlz 
alles p 306 ab P 307 bestvnt da bar p al dar P 309 varndcs p 

310 wart p 312 vnderwnder P 

Strafshurg, G. BALKE. 

II 

2 pergamenthlätter in qtmrt, die seile zu 2 columnen, die 
columne zu 38 zeilen. sie befanden sich unter dem nachlasse einet 
hiesigen regierungsarchivars und scheinen, wie sowol die abgenutzten 
auftenseiten ab auch der vermerk: Litt. H. Nr. . . andeuten, als 
umhiUlung van acten auf dem hiesigen regierungsarchive gedient 
zu haben. 

Bl. 1 vn nuwete de Sicherheit 

der kuninc tet im eren vil. vn den fruntlichin eit 



FRAGMENTE VON RUDOLFS WELTCHRONIK 309 



der abrahame e. was gesworn. 
5 TOD des übe er was geborn. 

der sichirheit im nicbt vzech. 

der riebe kuninc abimelech. 

Yn fitol. die e beide. 

abrabame swflren eide. 
lOdie tatiD im was ist des me. 

rechte als oucb sinen vat^ e. 

diz geiubde vugete got. 

waa iz was alliz sin gebot. 

swaz me in tun od^ wbin sacb. 
I5ak iz ze saidin im geschach. 

Bi disen ziten scbone. 

trflc in assirie crone. 

der nunde kuninc. belocbus. 

der kuninc feroneus. 
20ricbte mit gewaldes hant 

bi d* zit d* arginen lant. 

des vat' daz was jnacbus. 

der kuninc eucippus. 

was kuninc in sidonie do. 
Snu sait vns die scrift also. 

daz e. vn recbtes gericbtes lebn. 

den kriecben würde do gegebn. 

pbeus bi den ziten starp. 

der lute torbeit im irwarp. 
90 die ere. daz in ane spot. 

die kriecben an beten als got. 

jsis die wart oucb gesant. 

in egipte do. die vant. 

egiptiscbe bucbstabin. 
S6der vrbap wart an ir irhabin. 

daz me sie da sint nacb ir las. 

ioachus ir vat^ was. 

der iach daz lant sie were. 

an kunst so lobebere. 
40 daz sie durcb ir sinne. 

were die boste gotinne. 

▼n die helfe gebinde ysis. 



ein kuninc d^ biez apis. 

vflr nacb ir in egipten lant 

des val^ ban ich e genant. 45 

daz was foroneus. 

von apis ist gescrebin sus. 

er würde serapis genant. 

un vor einen v^in got irkant. 

Do esau nacb siner art. 50 

gewucbs vü vierzic iar alt wart 

er nam zwei wip vor einer lip. 

do er wolde nemen wip. 

elones tocbl^ ada. 

vü abeliuoma. 55 

der vat^ was genant ano. 

Isaac was trfirich vn vnvro. 

vmbe sines sflnes irat. 

den er gar an sinen rat. 

tet. als ich vnome ban. 60 

wan sie warin von kanaan. 

dem eigen geslecbte geborn. 

da von was iz dem vat^ zorn. 

doch tet erz. wan die kunne- 

scbaft 
bete in dem lande groze kraft 65 
mit den wold' sich Sterken da. 
er gewan bi ada. 
einen sfln. elipbaz genant 
der wart ze val^ sint irkant 
vunf soneo. de von im quamen. 70 
vü gebflrt von im namen. 
daz was theman. vn omar. 
vn zofo den er oucb gebar 
gatban. vn cbenaz. 
ze kebese gewan elipbaz. 75 

nach disen vunf sonen sa. 
einen sQn bi timana. 
der was geheizen amalech. 
des vrucbt ze sulher craft gedech. 
daz sie trAc in d' heidenschaft 80 



310 FRAGMENTE VON RUDOLFS WELTCHRONIK 



gewalt mit wer in groz' craft. 

Aheliuoma hiez ouch iudit. 

bi d^ gewan er in d' zit. 

jovs ?n jodam. 
85 vn cora d' ouch von im quam. 

die drie sone ouch warin. 

wachsende in ir iaren. 

ze grozir heidenscher diet. 

des kunne ouch hohe an craft 

geriet. 
90 vn vil herschefte bi d^ zit. 

die zwei wip .ada. vn judit. 

taten dicke h^zeleit. 

mit maniges zornis arbeit. 

ysaacge vii sinem wibe. 
96 an mflte vn ouch an übe. 

beswertens ofte sinen sin. 

swie vil sie ie gemülen in. 

so wolder doch durch de ge- 
schieht. 

Jacobe wip da neme nicht. 
100 vn wolde nicht ^hengen. 

daz sin vrucht sich mengen. 

zf dem gesiechte solde. 

des kunnes er nicht wolde. 

daz von d^ eigenschaft was kom. 
105 die den vluch hate genom. 

den noe tet vf camen. 

vn uf canaanis samen. 

Isaac in disn ziten quam. 

in sulch ald' daz im nam. 
110 daz ald'. craft vn die gesiebt. 

er sach vil wenic od^ nicht. 

im warin sund^ lougen. 

ervinstert sin ougen. 

daz liez im got durch daz geschg. 
115 daz er dicke bete gesen. 

in sunliichen dingen. 

sines sones wip do bringen. 



ir opfir. ir valschin abgoten. 

daz gotes e. hate ^boten. 

vn er in daz werte nicht. 120 

da von irvinsterte sin gesiebt. 

so daz er nicht en sach. 

zA sinem eldirn sdn er sprach. 

lieber sfin esau. 

var an din geieide nfl. 125 

vii wirp mit dinen sinnen. 

daz du mogist gewinnen. 

von dem geieide. daz du mir. 

ein ezzin machist. vn daz dir. 

min sele nu den segin gebe. 130 

e daz ich sterbe vnzich lebe. 

daz ich e gesegene dich. 

esau hup dannen sich. 

ze walde. an sine berse iesa. 

diz irhorte rebecka. 135 

vn prflbete wie die rede, geschach. 

ze iacobe. ir sfln sie sprach. 

ich han nu dines vat' wort. 

gebort, gein dinem bröd* dort. 

den hat h' also vz gesant. 140 

daz er im bringe nv zehant. 

sines wildes ein gflt ezzin. 

vn hat er sich vmezzin. 

den segin woller im gebin. 

die wile vii h^ nu hat daz lebin. 145 

den er von gotis gnaden hat. 

svn genc balde. daz ist min rat. 

vii brenge vil schiere daz ist min 

ger. 
mir zwei die besten zikkin her. 
die vnd' dinen viehe sin. 150 

so mach ich dem vat' din. 
ein ezzin. daz im wol gezimt. 

BI. n 

nach dem gebar sie sint zehant. 
eing sAn d' hiez simeon. 



FRAGMENTE VON RUDOLFS WELTCHRONIK 311 



der was ir hoer yroudin ion. 

in ir h'zin gein ir man. 
5 den dritten sün. sie do gewan. 

der wart gebeizin leui. 

her machete ir h^ze sorgin vri. 

gein ir mannes vrunts€haft 

die gein in nicht trfic hoe craft. 
10 des vierden sflns sie do genas. 

der was geheizen iudas. 

in rechter zit doch schiere. 

gewan sie dise viere. 

die ich ban alhie genant. 
15 des kindes sie do irwant. 

biz daz got aber woUle. 

daz si kint gebern solde. 

Bacbele vmberhaft noch beliep. 

in ir herzen sie vertriep. 
20 mit vnvrouden hin de zit. 

gein ir swester was ir nit. 

vienüich. vii groz genüc. 

daz sie so tu kinde trfic. 

daz was ir leit vn vngemach. 
26 ze iacobe sie do sprach. 

du Salt mir ouch sflne gebn. 

od^ ich sterbe. vIi mac nicht lehn. 

die rede duchtin als ein spot 

er sprach ia bin ich nicht got. 
30 sie sprach nu tfi durch mich 

als ich. 

vmbe iebnde vrucht wii betin 

dich. 

lege mine dirnen zu dir. 

gip mir irwunschete vrucht vö ir. 

daz lobeter ir sie gap im sa. 
35 ir dirnen. die hiez bala. 

die gebar als ich gelesin han. 

einen sfln d' hiez dan. 

nach dem gebar sie ab^ im. 

einen sfln d^ hiez neptalim. 



hie wid^ gap im lia. 40 

ir dirnen ouch die hiez zelfa. 
die gebar im einen sfln. d* 

hiez gat. 
als von im gescrebin stat. 
vü einen sfln d' hiez asser. 
lia duchte ir h^e ser. 45 

do an den selbn stunden, 
mit liebe han ob* wunden, 
do im ir dirne trflc die kint 
die hie zelest genennit sint. 
Bi d* zit do diz geschach. 50 

eine sint vlflt men kom sach. 
in dem lande achaia. 
die vil irtrancte landes da. 
vnd' eime kflnige d^ da was. 
der was genant ogigas. 55 

die buwete eleusim. die stat. 
die wart vö im zewer besät, 
ouch sait men von den ziten me. 
sich lieze ein mait bi eime se. 
die lute sen des sit gewis. 60 
lacus tritonis. 

sus was d^ selbe se genant 
die mait die da wart irkant 
men sait daz were minerua. 
die nennet die schrift anderswa. 65 
die kunsteriche pallas. 
die vrhap maniger liste was. 
vn d^ kunst ouch von erst began. 
daz sie zum erstin wollin span. 
die wart do bi den stunden. 70 
sus von den Griechen vunden. 
bi den bliep si da sit 
vü lerte da bi ir zit. 
so hoer kunste sinne, 
daz sie zu gotinne. 75 

die Griechin baten so meo seit 
ob* irdische wisheit. 



312 FRAGMENTE VON RUDOLFS WELTCHRONIK 



Rubeo iacobis eldiste kint. 

als sie v hie genennit sint. 
80gie eines tagis in eime snite. 

vn brachte nach lieplichim site. 

eine würz d' mfit' sin zehant. 

die was alnine genant. 

die gap er ir do siez vntfie. 
85rachele was bi d' swest' hie. 

die hate gunstliche gir. 

nach d' würz, sie bat sie ir. 

die swest^ gebn do sprach sa. 

vil trureciiche lia. 
QOhastQ mir nicht genuc getan. 

daz du wilt mine würz han. 

TU hast mir minen man genom. 

den lastu ninder zA mir kom. 

sol ich dar vmbe minnen dich. 
95 do sprach rachele nv wil ich. 

daz er hint si bi dir. 

daz du d' würz gebist mir. 

daz geschach. sie gap sie gar. 

der swester wiliicliche dar. 
100 vn lac des nachte(s) bi ir man. 

sie wart swanger. sie gewan. 

einen sfin. d' hiez isachar. 

dar nach sie einen ab' gebar. 

der wart zabulon genant. 
106 des gebernis sie irwant. 

in roenslichim nam sa. 

eine tocht* die hiez dina. 

sie nach den sechs sonen trfic. 

me hoes leides dan genfic. 
UOtrftc mit dagendem smerzen. 

rachele noch in ir herzen. 

daz noch vnvruchtic bleip. 

daz vngemfite ir got ytreip. 

von d' clage er sie loste. 
115 ir clagende h^e er tröste. 
Minden. 



so daz si dem gflten man. 

einen lieben sfin gewan. 

der wart Joseph geheizen do. 

des was sie h^eliche vro. 

vn hat got spate vn vrfi. 120 

vm einen andirn ouch darzA. 

Nach vierzen iaren. 

do die vendet waren. 

do wart des iacob in ein. 

daz er vrlobes gerte heim. 125 

vn jesch wip vn kint. 

do sprach laban iacob irwint. 

sol ich han zAv'sicht zA dir. 

so blip noch vorbaz hie bi mir. 

wan daz ist ein warheit. ane wan. 130 

mir hat got wol durch dich getan. 

UV sich wes diu h'ze ger. 

dar an ich lonis dich gewer. 

daz du blibis noch bi mir. 

den Ion wil ich nennen dir. 135 

hiez teilen al daz uihe diu. 

swaz Schafe in einer varwe sin. 

der iungide. die sin min. 

ob sie in bunt* varwe sin. 

daz tAn ich gerne sprach laban. 140 

mit willen sal daz sin getan. 

er schiet sin vihe. als er in hiez. 

swaz er im zepflegene liez. 

da er lonis solde warten abe. 

daz wAchs in so richer habe. 145 

daz schiere d'grozerteil wart sin. 

got tet im de gnade schin. 

daz all sin wille vor sich gie. 

nach wünsche als er in ane vie. 

Ane maze vii vmmezliche. 150 

wart vihes vn gAtes riebe. 

iacob nach d' warheit sage. 

FUHLHAGE. 



EINE HOMILIA DE SACRILEGIIS 313 



EINE HOMILIA DE SACRILEGIIS. 

MITGETEILT VON PROFESSOR DR G. P. GASPARI IN GHRISTIAMA. 

Die nachfolgende, Augustin fälschlich beigelegte Homilia de 
sacrilegiis habe ich ganz kürzlich auf der bibliothek zu Einsiedeln 
in einer handschrift des Sjhs», cod, 281 membr. 8^ y. 101 (etwa 
die mitte der seile) — 108 (drei zeilen der seite), gefunden^ und 
veröffentliche sie hierdurch, 4a sie, so viel ich wei/s, noch ungedruckt 
und aufser für die geschichte des lateinischen auch, und noch viel- 
mehr, für die kenntnis der germanischen religion von nicht geringem 
interesse ist, indem in ihr neben nicht wenigen schon anderswoher 
bdcannten germanisch -heidnischen superstitionen auch viele neue, 
meines Wissens bisher unbekannte, aufgeführt werden, wozu noch 
ihr sehr hohes alter kommt, das Schriftstück, das eine art 'Cata- 
logus sacrilegiorum* oder *Indictdus superstitionum et paganiarum' 
enthält, und dessen form vielfach an die anathematismen des römi- 
sdien hischofs Damasus und ähnliche altkirchliche documente, so- 
wie attch an die sätze der poenitentialbücher erinnert, dürfte seinem 
spraeheharacter nach aus dem 7 jh. oder aus dem anfange des 8 
und seinem fundort zu folge aus dem alemannischen oder auch aus 
dem fränkischen kirchenkreise stammen, ich gebe natürlich den 
mit merowingischer schrift und fast allenthalben sehr deutlich ge- 
schriebenen text mit allen seinen fehlem und mit bewahrung aller 
seiner gprachlichen eigentümlichkeiten, nur seiner sehr mangelhaften 

' der codex, dessen inhalt in p. Galt Morels ^Verzeichnis der Einsie^ 
deler kandschriften der tat, kirchenväter bis zum ixjh, (Sitzungsberichte 
der hist,'philas. classe der fftener acad. der ttn'ss», ly bd. s, 245 und 
260 f) angegeben ist, enthält noch eine andere, aller Wahrscheinlichkeit 
nsteh von Cäsarius von Arelaie herrührende, bisher ungedruckte homiUe 
(komilia, nbi populus admonitur, s, 149 ff), in der ebenfalls heidnische su- 
persHiionen, wiewol nur einige wenige, erwähnt werden, man wird 
diese homilie nebst zwei gleichfalls bisher ungedrucklen ähnlichen und 
einer neuen, diplomatisch genauen ausgäbe der bekanntlich einen ziem- 
Heh langen, für die kenntnis der germanischen religion nicht unwich- 
tigen passus enthaltenden Dicta abbatis Pirminii in einem demnächst von 
mir als Universitätsschrift von Christiania erscheinenden bände kirchen^ 
historischer anecdota finden. 



314 EINE HOHILIA DE SACRILEGUS 

und ganz incomequenten interpunctian habe ich zur erkiehterung 
des Verständnisses die meinige substituiert, und ebenso habe tcA 
seine wenig zahlreichen gewöhnlichen und leichten dbbreviaturen 
aufgelöst, sowie Worttrennungen und Wortverbindungen vorgenom- 
men, wo in ihm zwei Wörter zu einem verbunden sind (adauratum, 
adaluus, adapium, abbstrias), oder ein wort in zwei getrennt ist 
(contra lunium), oder endlich Wörter falsch abgeteilt sind (uellus 
aqu^ statt uel iusa que). 



Humelia sancti Agustini de sacrilegia. 

Fratres karissimi, admonitio diuina cessare dod debet, ut 
Salus aaimae nostrae cottidie augeatur. Paulus apostolus ait: 
melius est quinque uerba in aeclesia cum interpretatione quam 
quinque milia sine interpretatione. quicumque ergo, fratres^ 
5 nomen Cbristi credet et fidem catbolicam suscipit, reuersus est 
sicut canes ad uomitum suum, qui ista obseruare uoluerit: id 
est antiquas aras aut lucos, ad arbores et ad saxa et ad alia loca 
uadet, uel de animalibus siue aliut ibi oiTert, uel ibi epulatur; 
sciat, se fidem et baptismum perdidisse. si quis neptualia in 
10 marcy aut ubi Tons aut riuus de capite exurget, quicumque ora- 
uerit, sciat, se fidem et baptismum perdidisse. et qui fatum 
malum aut bonum in bominibus esse credunt, transgressores et 
pagani sunt, et qui diuinos uel diuinas, id est pitonissas, per 
quos demones responsa dant, qui ad eos ad interrogandum uadet, 
16 et eis que dixerint credent, uel ad scultandum uadet, ut aliquit 
de demoneis audeat, non cbristianus, sed paganus est. qui sor* 
tiligia et qui manum hominis greue aut leue, quando accipit ca- 
licem, in ipso aspicet, iste sacrilicus est. et qui umbra bominis 
mala uel bona esse credet, similiter et qui scripturas uanas cre- 
lo dit, quas sortes sanctorum dicere solent, iste sagrelecus est. et 
qui per scripturas sanctas deum, quid eis facturus sit, expectatur, 
quid ipsas indicent scripturas, uel qui astrologia et tonitrualia 
legit, iste non christianus, sed paganus est. et qui cum orcias 
diuinare confingit, et qui cum lanas et acias ad diuinandum tra- 
25 bit, et qui passeres uel quascumque aues uel latratus canum 
uel reclamationum bominum per sibelos et iubilos et sternudus 
auguria colit, iste non christianus, sed paganus est. et qui signa 
caeli et Stellas ad auratum inspicet, et qui boues, quando primum 
arare incipit, et cum arietes et hircos in grege dimittit, qui ista 
30 omnia obseruare se dicit, sciat, se fidem perdere, non esse chri- 
stianum, sed paganum. et qui clericum uel monachum de mane 
aut quacumque hora uidens aut ouians, abominosum sibi esse 
credet, iste non solum paganus, sed demoniacus est, qui Christi 
militem abominatur. qui dies aspicet, quos pagani errantes soles, 
35 lunes, martes, mercures, ioues, neueres, saturni nominaueniDt, et 




EinE HOHIUA DE SACRILEGÜS 

creclet, sibi per hos dies uiam agcuiluni uel uegoiium facieDdum, uel 
ii) quacumque utelilale alia aut louameo auL grauameii fierj posset, 
uel ipäum dieni, tjuain ioues dicuDt, propter iouem colet el opera 
in eo DOD facil, iste dod cbrisliaaus, seü pagauus est. quicum- 
qu« signaculucn crucis oblitua fuerit, uana adteodil el uouam 
luDam contraluDium uocat et ic aliqua utilitale operis sui, 
ad agendani uiam, siue ad agrum araDdum uel lelamen ueheo- 
duui aul uiaeam potaadam adque colendam, aut in silua ligoa 
iacideada, aut doinuiii coDtinDautlam, aut qiiocumquc aliud agen- 
iJuiu, et per lunani sibi fieri iapedimeiiluiu credit, iste non cbri- 4J 
Uiaous, sed pagauus est. quicumque super saucium simbulum 
el orationem ilouiinicam carmiua aut iucautütioues paganorum di- 
ci(, ia aoimalibus mutis aut in homiaibus iucantal. el prodesse 
aliquid aul contra esse iudicat, el qui ad serpeutee morsos uel 
ad uerraes in orto uel in alias Truges carminal et quodcumque 5i 
aliut facit, isle non cbristianus, sed paganus est. carmina uel 
incanlaliones, quas diximus, baec sunt: ad fascinum, ad spalnium, 
ad ruruuculuui, ad dracuDCulum, ad aluus, ad apium, ad uermes, 
id est lumbricos, qut; intranea liotniuis tiuni, ad feberes, ad Tri- 
guras, ad capitis dolorem, ad oculum pullinum, ad iopedigiaera, & 
ad ignem sacruiit, ad morsuui scurpionis, ad pullicinos. ad 
r^ringeudas nares , qui sanguine Duunl, de ipso sanguine in 
fronte ponunl. uaoi quicumque ad frlguras nou solum incaa- 
lat, sed eliam scribit, qui angelorum uel Salamonis aut cbarac- 
teres suspendit, aut lingua acrpeutes ad colluin bumiuis suspen- A 
dil, aut aliquid paruuiu cum incaalaliooe bibil, nou cbrislianus. 
sed pagauus est. quicumque defeccianem lune, quado scuriscere 
golet, et per clamorem populi uasa lignea el erea liile au' bat- 
t«nt, atib slrias depositam ipsa luoa reuocarc in caelum credeut, 
uel qui grandinem per lamioas pliimbeas scriplas et per coraus 6 
incantatos auertere potanl. ist! non cbrisliani, sed pagani sunt, 
quicumque in Kalendas ieuuarias mensas panibus et aliis cybis 
ornat el per noclem ponei et diem ipsum colit el auguria aspicil 
uel arma in campo ostendil el fectum et ceruulum et alias mi- 
seriss uel lusa, que in ipso die insipientes soleui facere, uel 7 
qui in mense februario bibernuni credit expellere, uel qiii in ipso 
mense dies spurcos osleudit, et qui brumas colet, aliquid augu- 
riatur, quod in ipso anuo futurum sil, non cbrislianus, sed gen- 
tiiis esl. simililer qui malißcus aut uenensrius est. aul qui per 
maleGcia mulieribus Tacil, ut nou concipiaut, aut conceptos in- 7 
fanles l'oraa egiciani, uon cbristiaoi, sed pagani sunt, quicum- 
que salomoniacuB scripluras fadl, el qui caracteria in carla, siue 
in bergameua, siue in laminas aereas, ferreas, plunibeas, uel iu qua- 
cumque Chrisluin uel scribi bominibus uel animalibus mutis ad col- 

' 111 der codej:. die ivorle tind di> httlen auf einer teile, tollte 
treimriiteo lU htm, und a der anfang von uitlcnt tein, wat der tohrei- 
ber tuertl telaen wolltet 



316 EINE HOMILIA DE SACRILEGHS 

SOlum aligant, iste noD christiaDUS, sed paganus est. quicunque prop- 
ter figutiuos petatia aliqua scribit et sub ustia iactat uel per molina 
et per basilicas ipsa petatia ponere presumit, non cbristianas, 
sed paganus est. et qui de anulo aureo uulnus circat, uel qai 
propter dolorem oculorum aunolum qualecumque sibi super ipsam 
85o€ulum ligat, et qui cornu aut lorum ceruunum propter effu- 
giandos serpentes sibi ligat, iste grauiter peccat. et quicomque 
demoniacos alicunde ^ sufTomigaDt et eos ad monumeDta, id est 
sarandas autiquas, quae et maiores uocant, quasi pro remedio 
ducunt, uel qui per incantationes et radices et pociones herbarum 
90 et anolum et brachiales ferreos io corpore suo portando aut in 
domo sua quecumque de ferro, propter ut demones timeant, ponit 
et uirgas colorias in terra fodeodo et claues ferreos sub iecto 
demoniaci figeut et demonem de homine per haec maleficia cre- 
dant expellere, isti non christiani, sed sagrilici sunt, dies ca- 
95landarum, quas ianuarias uocant, a lano, homine perdito, nomea 
accipit. idem dux et princeps paganorum fuit, quem stulti ho- 
mines uelut deum colere ceperunt. illos tunc deos istimabaot, 
quos alciores cernebant, et inlecitum honorem detuHebant. et 
aput iiios kalendae ienuarie unum annum implere, alterum in- 

lOOcipere dicebant. lano duas facies fecerunt, una ante, alia post, 
unam prseterito anno aspicerent, alia futuro; qui et deum mon- 
struosum fecerunt. in istis diebus miseri homines, quas ceruolo 
facient, uestiuntur pellibus pecodum. alii sumunt capita bestia- 
rum, gaudentes et exultantes, ut homines non essent. et illud 

105 quid turpe esti uiri, tunicis mulierum indues se^, feminas ui- 
deri uolunt. sunt enim qui in kalendas ianuarias focum uel ali- 
cum beneficium de domo sua porrigant. alii mensas in illa 
nocte plenas multis rebus conponant et sie conpositas esse uo- 
lunt, credentes, ut per totum annum conuiuia illorum in täte 

ilOhabundantia perseuerint. qui istis diebus seruare uoluerit, nomen 
christianum habere non possit, apostolo testante: non potestis 
calicem domini bibere et calicem demoniorum, non mense do- 
mini partitipare et mense demoniorum. contestor uos, fratres, 
et amoneo, ut nullus caraios, diuinos uel sortilicos requirat, aut 

115 causa infirmitatis interroget. qui hec fecerit mala, statim perdet 
baptismi sacramentum. nullus diem obseruet, que de domo exiat 
aut reuertat, quia omnes dies deus fecit. sternudationes con- 
siderare et obseruare nolite, nee nullas auiculas cantantes nolite 
adtendere, sed signate uos in nomine patris et filii et Spiritus 

120saocti. simbulum et oracionem dominicam dicentes pergite securi, 
ipso adiuuante qui uiuit et regnat in secuta seculorum. 

^ alicunde] c über der zeile. ' der codex induesse. man erwartet 
iodoentes se. 



Druck ron J. B. Hirschfeld In Ltiptig. 



ANZEIGER 

FÜR 



DEUTSCHES ALTERTHUM 



UND 



DEUTSCHE LIHERATÜR 



UNTER MITWIRKUNG 



vox 



KARL MÜLLENHOFF ror WILHELM SCHERER 



HERAUSGEGEBEN 



VOR 



ELIAS STEINMETER 



SIEBENTER BAND 



BERLIN 
WEIDMANNSCHE BUCHHANDLUNG 

1881 



INHALT. 



8«tte 

Baecbtold, Aus dem Herderschen hause, tod Werner 467 

Beiger, Haupt als akademischer lehrer, Ton Steinmeyer 65 

Bemard, Aus alter zeit 330 

Bernhardt, Abriss der mhd. laut- und flexionslehre, von Franck . . 306 

Bock, Wolframs bilder und Wörter für freude und leid, von Steinmeyer 63 

BÖtticher, Die Wolfram- iiteratur, von Steinmeyer 63 

Brahm, Ritterdrama, von Werner 417 

Braune, Gotische grammatik, von Franck 305 

Bardacb, Reinmar der alte, von Wilmanns 258 

Gassei, Iron und Isolde, von Martin 330 

Gruel, Geschichte der deutschen predigt, von Schröder 172 

Deutsches Wörterbuch vi 7 und iv* ' 3, von Gombert 468 

Fellner, Gompendium der naturwissenschaften 205 

Fielitz' Goethestudien, von Minor 470 

Franke, Veterbüch, von Schönbach 164 

Ganghofer, Johann Fischart, von Schmidt 471 

Geistbeck, Historische wandelungen unserer muttersprache .... 331 

Goethe-jahrbuch, von Minor 89 

Gottschick, Boners fabeln, von Schönbach 29 

Grinun-Hinrichs, Briefwechsel zwischen Jacob und Wilhelm Grimm aus 

der Jugendzeit, von Steinmeyer 301 

vGrote, Lexicou deutscher stffter, von WeijGs 200 

Günther, Die verba im altoslfriesischen, von Feit 308 

Hauffe, Die fragmente der rede der seele an den leichnam, von Vollmöller 205 

Heyne, Übungsstäcke, von Franck 307 

Hornemann, Ausgewählte gedichte Walthers, von Wilmanns . . . 331 

Haemer, Zur geschichte der mlat. dichtung, von Seiler 310 

Jakob, Bertholds lateinische reden, von Schönbach 385 

Imelmann, Anmerkungen zu deutschen dichtem, von Seuffert ... 95 

Kant, Scherz und humor bei Wolfram, von Steinmeyer 63 

Kbull. Über die spräche des Johannes von Frankenstein .... 95 

Kinzel, Der junker und der treue Heinrich, von Martin 205 

Kock, Undersökningar om svensk akcent, von Verner 1 

König, Die chronik der Anna von Munzingen, von Strauch .... 96 

KoUewijn, Einfluss des holländischen dramas auf Gryphius, von Schmidt 3t5 

Korrespondenzblatt des Vereins für sieben bOrgische landeskunde . . 206 

Kummer, Herrand von Wildonie, von Zingerle 151 

Uebrecht, Zur Volkskunde 206 

Lindenschmit, Handbuch der deutschen alterthumskunde, von Möllenhofl* 209 

Maurer, Relativsätze im ahd., von Erdmann 195 

Maurer, Über die wasserweihe des germanischen heidentumes, von 

MüUenhoff 404 

Maurer, Zur politischen geschichte Islands 207 

Michel, Heinrich von Morungen, von Werner 12t 



IF INHALT 

6eite 

Milchsack, Burkhard Waldig, too Schröder 416 

Milchsack, Heidelbereer passionaspiel, von Schön bacb 402 

Minor, Weifse, von Schmidt 68 

Mitteilungen der deutschen gesellschaft in Leipzig 332 

MÖbias, Hättatal, von floffory 196 

Moltzer, Floris ende Blancefloer, von Franck 23 

Mfiller und Hoppe, Ulfilas 332 

Muncker, Leasings Verhältnis zu Klopstock, von Seuffert 82 

vMuth, Untersuchungen und excurse, von Zingerle 410 

Nenmann, Betonung der fremdwörter im deutschen 332 

Paul, Mhd. grammatik, von Franck 305 

Piriff, Untersuchungen Aber die Jüngere Judith 332 

Pohl, Horazens Satiren und Episteln übersetzt von Wieland, von Seuffert 335 

Prölss, Geschichte des neueren dramas i 1, von Minor 471 

Rieger, Klinger, von Seuffert / . 445 

Ries, Subject und pradicatsverbum im Heliand, von Erdmann ... 191 

Roth, Das bfichergewerbe in Tübingen 207 

Sauer, Kleists werke, von Seuffert . ^ 439 

Schröder, Anegenge 333 

Schröder, Bemerkungen zum Hildebrandsliede 207 

Schröer, Faust von Goethe, von vLoeper 452 

Schnitz, flöfisches leben i, von Lichtenstein 97 

Seiler, Gnltnrhistorisches aus dem Ruodlieb 333 

Seuffert, Deutsche litteraturdenkmale des 18 jhs 20S 

Starck, Die darstellungsmittel des Wolframschen bnmors, von Steinmeyer 63 

Stejskal, Buchelin der heiligen Margar^ta, von Strauch 255 

Stijskal, Hadamar von Laber, von Seemuller 36 

Strobl, Berthold von Regensburg, von Schönbach 337 

Symons, Jacob Grimm 333 

Titz, Ulrich von Eschenbach und der Alexander bo^micalis .... 334 

Toischer, Über die Alexandreis Ulrichs von Eschenbach, von Zingerie 334 

Togt, Salomon und Markolf, von Wilmanns 271 

Waetzoldt, Flos unde Blancflos, von Steinmeyer 171 

Waetzoldt, Pariser taffzeiten, von Schönbach 229 

Wiirand, Walthers stil, von Werner 55 

te Winkel, Moriaen, von Franck 14 

Wolff, Deutsche Ortsnamen in Siebenbürgen 335 

Zeitschrift für Orthographie, von Wilmanns 335 



Anzeige 208 

Berichtigungen, von Burg und Müllenhoff 336. 472 

Eilhart 8268 336 

Erklärung, von Schönbach 327 

fin brief Jacob Grimms an FHvdHagen, von flinrichs 457 

Jacob Grimms antrittsrede De desiderio patriae, von Hinrichs . . . 319 

Ein brief Wilhelm Grimms über das Nibelungenlied, von Hinrichs . . 327 

Nachfrage wegen Lachmanns Wolfram, von Müllenhoff 472 

Notizen 96. 472 



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FÜR 



DEUTSCHES ALTERTflUM UND DEUTSCHE LinERAlUR 

Vn, 1 JANUAR 1881 



Spi^khistoriska undersökningar om svensk akcent ar Axel Kock. Land, 
Gleerup, 1878. vi und 211 ss. 8^ — 2,75 kr. 

Es ist eine erfreuliche tatsache dass die Sprachwissenschaft 
mehr und mehr das bedürfnis fühlt auch die betonung in das 
bereich ihrer Untersuchungen zu ziehen; man ist endlich auf 
dem wege zu erkennen dass der accent nicht wie die accent- 
zeichen in gleichgültiger apathie über dem worte schwebt, sondern 
ab die lebendige und belebende seele in und mit dem worte 
lebt und auf die structur des Wortes und damit auf die structur 
des ganzen sprachkürpers einen einfluss übt, von dem wir bisher 
wahrscheinlich nur die blasse ahnung gehabt, leider aber ist 
natur und wesen des accentes noch so ziemlich eine terra in- 
cognita; es sind dicke bücher über die physiologie der laute ge- 
schrieben, aber zur systematisierung der accentverhältnisse ist auf 
deutschem boden Sievers versuch in seinen Grundzügen der phy- 
siologie der erste und einzige, es lässt sich nicht läugnen dass 
die Untersuchung der betonung einer uns nicht geläufigen spräche 
mit gewissen Schwierigkeiten verknüpft ist; wenn wir eine fremde 
spradie lernen, so ist der richtige accent dh. die genaue modu- 
laüon des wortes und des satzes das, was wir uns zuletzt und 
erst nach langer Übung aneignen, und der heimatliche accent 
das, was wir zuletzt ablegen, es fallt uns schwer einer fremden 
betonung gegenüber von unserer eigenen zu abstrahieren und un- 
b^angen uns das neue klar zu machen, sollen wir zu einer 
genaueren erkenntnis von der natur und dem wesen des accentes 
gelangen, so müssen erst schärfere einzelbeobachtungen als die 
bisherigen vorliegen, ganz objecUve monographien über die be- 
tonung einzelner sprachen. Leonh. Masing hat in dieser be- 
ziehung die reihe eröffnet mit seiner vorzüglichen Untersuchung 
des serbischen accentes (Die hauptformen des serb.-chorw. acc., 
SPetersburg 1876), und in dem vorliegenden werke erhalten wir 
vom norden her einen weiteren beitrag, der nicht nur an und 
für sich interessant, sondern auch in hohem grade instructiv 
ist, weil in den neuskandinavischen sprachen die Wechselbeziehung 
zwischen den beiden factoren der wortmelodie, dem exspiratori- 

A. F. D. A. VII. 1 



2 KOCK ONDERSÖKNmGAR OM-SVENSK AKCENT 

sehen und dem cbromatischeo ^ accente recht handgreiflich zum 
Vorschein kommt. 

Während die deutsche spräche wie die meisten anderen 
europäischen sprachen für alle ihre Wörter nur 6ine bestimmte 
melodie besitzt, ist es für die neunordischen sprachen (schwed., 
norw. und dän.) eine gemeinsame eigentümUchkeit dass sie eine 
zweifache modulation ihrer Wörter zulassen, das schwed. buren 
wird verschieden moduliert, je nachdem es *der käßg' oder *ge- 
tragen' bedeuten soll, das nfivvf, vesten, je nachdem man *die 
weste' oder 'der west' ausdrücken will; das dän. wort rosen 
heifst mit der einen modulation ^das lob', mit der anderen 'die 
rose', die nordischen grammatiker haben diesen verschiedenen 
modulationen der stimme den namen 'tonelag' gegeben, und wenn 
ich dieses wort hier mit 'wortacccut' widergebe, so verstehe ich 
darunter im gegensatz zu 'silbenaccent' den ganzen accentus, 
die ganze aus forte und piano, höheren und tieferen tönen zu- 
sammengesetzte melodie des Wortes, die einzelnen wortaccente 
haben in den verschiedenen sprachen verschiedene namen er- 
halten; um nicht durch einführung der vielen benennungen Ver- 
wirrung zu verursachen, ziehe ich es vor die beiden wortaccente 
einfach mit 1 und 2 zu nummerieren. 

Der accent nr 1, von K. 'acut' genannt, von anderen schwedi- 
schen grammatikern anders, wird s. 34 — 37 folgeudermafsen be- 
schrieben: in dem werte skenet wird die erste silbe mit exspi- 
ratorischem drucke gesprochen, die letzte ohne einen solchen; 
es kommt aber auch ein chromatisches dement hinzu, und zwar 
liegt die erste silbe musikalisch höher als die schlusssilbe ; wie 
grofs das intervall ist, wagt K. nicht zu entscheiden (ein von ihm 
citierter älterer Verfasser setzt es zu 'einigen tönen' an), eben- 
falls getraut er sich nicht zu entscheiden, ob die stimme gleich 
mit dem höchsten tone ansetzt um dann allmählich gegen die 
Schlusssilbe hin zu fallen, oder ob sie mit einem aufsteigenden 
portament (portamento di voce) anhebt, in seinem feinen, leider 
aber sehr kurz gehaltenen aufsatze: Om tonefaldet (touelaget) i 
de skandinaviske sprog (Christiania videnskabs-selskabs foriiand- 
linger 1S74) betrachtet Job. Storm die letzte alternative als die 
für das schwedische normale modulation; die erstgenannte form 
des accentes tritt nach ihm nur in emphatischer und pathe- 
tischer rede ein. wie dem auch sei, der schwed. wortaccent 
macht, wie K. angibt, im ganzen denselben eindruck wie der 
gewöhnliche accent im deutschen und englischen. 

Den dem schwedischen (und norwegischen) eigentümlichen 

* oder ' musikalischf n accent*, wie man aoch sagt, die erstere be- 
nennuDg ist aber Tonutiebeu« teils weil der exspira torische accent« das 
'forte* einer silbe im gegensatz zum *piano' anderer silben« nicht weniKcr 
'musikalisch' genannt werden könnte, teils weil 'musikalischer accent' in der 
terminologie der tonkonst schon eine ganz andere bedeutnng t>e$ittL 



KOCR UNDKR8ÖKNINGAR OM SVENSK AKCBNT 3 

wortaccent nr 2 behaadelt K. s. 37 — 47 unter dem namen ^gravis 
mit nachfolgendem levis', zum richtigen Verständnis dieses ac- 
centes ist es notwendig das in Deutschland noch sehr verbreitete 
verurteil abzulegen, als wäre die mit dem grOsten exspiraüons- 
drucke versehene silbe auch notwendig zugleich der ^hochton', 
und umgekehrt die mit dem schwächsten drucke gesprochene 
silbe eo ipso ein * tiefton '. der schwedische accent nr 2 zeigt 
das ganz entgegengesetzte Verhältnis, in dem worte tala fällt das 
forte der exspiration auf die erste silbe, aber diese silbe ist in 
musikalischer beziehung nicht nur tiefer als die erste silbe des 
accentes nr 1, sondern, was K. hervorhebt, sogar tiefer als die 
schon gesenkte schlusssilbe des eben erwähnteo accentes. jedoch 
setzt die stimme nicht gleich im tiefsten tone an, sondern etwas 
darüber und rollt über den grösten teil des langen a zu ihrer 
tiefeten stufe gegen das ende der silbe herab; auf dem aller- 
letzten teile der silbe glaubt K. hören zu können dass die stimme 
wider anfängt in die höhe zu gehen, die modulation dieser 
ersten silbe des Wortes nennt K. in Übereinstimmung mit früheren 
grammatikern ^gravis', damit ist aber nur ein stück der ganzen 
wortmelodie gegeben, die um das ohr zu befriedigen als uner- 
lässliche bedingung in der folgenden silbe eine zweifache er- 
gänzung erheischt, diese ergäiizung besteht erstens in einem 
aufschwingen der stimme zu einer nicht unbedeutenden höhe 
(das intervall gibt K. nicht an), sodass in würklichkeit die silbe 
la in tala im Verhältnis zur Wurzelsilbe den hochton in dem 
musikalischen verstände dieses wortes trägt; zweitens liegt auf 
derselben silbe ein exspiratorischer nebenaccent, den K. mit dem 
namen Mevis' belegt, in zweisilbigen Wörtern fallen selbstver- 
ständlich die beiden ergänzungen auf eine und dieselbe silbe, 
aber auffallen muss es dass sie sich in drei- und mehrsilbigen 
Wörtern auf verschiedene silben gruppieren, indem der chroma- 
tische hochton immer unmittelbar der Wurzelsilbe folgt und dann 
erst, weiter gegen das ende des wortes, der exspiratorische neben- 
accent; so liegt zb. in dem worte karlama auf der silbe kar 
der * gravis', auf lar der chromatische hochton und auf na der 
ievis', wobei noch zu bemerken ist dass die stimme in letzterer 
silbe wider auf eine tiefere stufe sinkt. 

Die hier gegebene beschreibung der beiden wortaccente hat 
nur für die gebildete spräche des mittleren teiles des landes 
giltigkeit. manigfach sind die formen, die diese accente in den 
verschiedenen dialecten annehmen, aber es fehlt hier noch zu 
sehr an genauen beobachtungen , wie sie zb. von Noreen in 
seinen verschiedenen dialectologischen arbeiten gegeben werden, 
einige bemerkungen über diesen gegenständ teilt K. in dem ab- 
schnitte über die ausdehnung der schwedischen accentuation 
(s. 48 — 55) mit; so hat er zb. beobachtet dass auf der insel 
Gothland auch die doppelte accentuation vorhanden ist, aber 



4 EOCK l'5DfiBSÖK5I>GAB OM STE5SK AECERT 

dem wortaccente nr 2 fehlt der Mevis', und der unterschied der 
beiden accente erstreckt sich nur aaf die articulation der mit dem 
eispiratorischen drucke Tersehenen silbe, nicht aber auch wie 
in der gebildeten spräche auf die nachfolgende silbe. als Gegen- 
stück hierzu erwähne ich dass im Dalbydialecte in Wermland die 
beiden accente nach Noreens darstellung (DalbymSlets Ijud- ock 
bojningslära, Stockh. 1879, s. 26) nur durch einen die ndien- 
silben treffenden unterschied aus einander gehalten werden: in 
hwsfn *das pferd* mit accent nr 1 liegt die schlusssilbe eine kleine 
terz unter, in hcBst» 'pferde' mit accent nr 2 eine Qbermtfsige 
terz über der Wurzelsilbe, aber letztere bleibt in beiden fUlen 
auf derselben tonstufe. 

Dem exspiratorischen nebenaccente (levis) in dem wort- 
accente nr 2 widmet K. in Übereinstimmung mit der wichtigen 
rolle, welche offenbar dieser accent in der entwickelungsgeschidite 
des neuschwedischen gespielt hat, s. 108 — 155 eine nach allen 
richlungen hin sorgfältige und eingehende Untersuchung, nach 
seiner ansieht gehörte dieser nebenaccent ursprünglich nicht 
mit zum wesen des wortaccentes nr 2, sondern ist erst im laufe 
der besonderen schwedischen sprachentwickelung entstanden und 
fehlt noch heutigen tages in vielen dialecten. die zeit seines 
aufkommens setzt er genauer in eine periode, die ungefthr 
mit der abfassungszeit der ältesten handschriften zusammenßÜlL 
man findet nämlich in diesen ältesten handschriften in solchen 
endungen, die im alln. und in der neuschw. spräche den vocal a 
haben, eben so oft den buchstaben cb oder e. dies aufßdiige 
schwanken kann nur so verstanden werden, dass eine ab- 
schwächung der endungen, wie sie in der dänischen nachbar- 
sprache radical durchgeführt ist, in begriff war sich auch im 
schwedischen geltend zu machen; wenn nun diese cb und e 
später ganz verschwinden und a wider alleinherschend wird, so 
kann das nur dem inzwischen aufgekommenen exspiratorischen 
nebenaccente angerechnet werden, welcher die noch existierenden 
a festhielt, und durch analogie wurden dann die schon ge- 
schwächten endungen rehabilitiert, dass es überhaupt der con- 
serviercnden kraft dieses nebenaccentes zuzuschreiben ist, wenn 
das neuschwed. so treu die ursprünglichen vollen endungen be- 
wahrt hat, beweist K. mit schlagenden gründen, die zweisilbigen 
comparative haben im n. sg. neutr. im altschw. immer die endung 
a (tyrra, störra), im neuschw. sowol a wie e, aber so, dass nur 
die mit dem accente nr 2 betonten das a bewahrten (förra), 
während alle übrigen mit dem accente nr 1 versehenen (also 
ohne jenen nebenaccent auf der endung) e haben (större). ebenso 
war im altschw. in den Superlativen die endung durchgehend 
-(Mfer (sanfioster, ytarster), im neuschw. teils -ast teils -etf, je 
nachdem das wort den accent nr 2 (sannast) oder den accent 
nr 1 (yUent) hat, usw. dass der exspiratorische nebenaccent 




■OGK onDEnsJtKninGAii om stcnsk akceht 

>ucb aur duu consonantismus einfluss geUbt hat und nichl ohue 
sdiuld ist, wtiuu ilie iiilauteDdcn teiiue» im gegeosatz zum dani- 
scheo liewshrt wurcleo, weist K. alierzuuf;eü(l nach: alleclm. nAi' 
iat neuBCfaw. rike niil accent nr 2, also mit eiDem gewissen iiach- 
drucke auf lier silb« ke, woriurch k bewahrt wurde, ab«- alUchw. 
Sverikr ist neiiscbw. Soerige mit acceul ur 1, also ohne jenen 
nadidruck uud deshalb mit UliergaDg des k in (j; es heirat suwol 
allschw. wie neuschw. Itaka. aber die allschw. ableilung bakari 
laalet Jelxl bagare, zwar aucli mit dem acccnle qf 2, aber als 
dreisilbiges woii hat es wie uIwd augerührt den uelienacceot auf 
der letzten silbe, die silbe ka war mitbin ohne oachdiuck, und 
das k wiinte gescbwUcbt. 

Über die anwendung der beide» accente in der jelzi^iicD 
spräche haudelt s. 56—107. fUr den einheimischen wortvorral 
gilt dieselbe regel im schw. wie im dün. und norn., ita^ der 
acceot nr 1 in ursprünglich einsilbigen Wörtern zu haus« 
isi, der aceunt nr 2 iu ursprünglich zwei- und mehrsilbigen: 
NSjvf, fjätUr. botten, ndtter haben den accent or 1, weil sie im 
aitn. einsilbig waren (nagl, fjödr, botn, natr); nydctl. fader, 
rmtten, älter haben den accent nr 2, weil ihre alln. Torrn zwei- 
silbig war (lykill, fadi'r, rotlinn, allirj. auch darin stimmen alle 
drei sprachen ilberein dass der sul1if<ierte artikel den accent des 
Wortes nicht ändert: hvs-et Mas haus' bebalt den accent or t. 
obwol es zweisilbig geworden; im historischen lichte gesehen 
will das heil'sen dass das betonungssystem der neunord. sprachen 
alter ist als das aulkomtnen des sufDgierten artikels. l'Ur die 
fremdwOrter gilt der accent nr 1 als regel und ebenso auch im 
diu. imd nurw. da der accent nicht durch die jetzige form des 
Wortes sondern durch dessen IVlthere bedingt ist, bleibt es zum 
teil eine reine gedachtnissache, welchen accent man in jedem 
taut KU wühlen hat; es ist deshrilb kein wunder dass die regeln 
übw die anwendung der accenie an vielen ausnahmen uod 
scbwankUDgcn laborieren. 

Bevor ich dem verl'asser in die wichtigen abschnitte über 
den historischen Zusammenhang der neunord.accentuationen folge, 
wird es notwendig sein einen überblick über die jetzige betonung 
im norw, und dan. zu gewinnen. 

Für die norw. wurtacceule bietet die oben erwähnte sehrin 
TOD Job. Storm eine kurze aber genügend klare beschreibung. 
der accent nr 1 wird hier folgende rmafsen geschildert: 'wenn 
wir ein einsilbiges wort wie ja aussprechen und genau auf- 
merken, so Unden wir dass die stimme auf dem betonten vocale 
stark angesetzt oder inlonierl wird, aber in tiefem tone (unter 
dem mitteltane der stimme); sie steigt dann bei ruhigem aua- 
dnick oder vertrag schnell drei bis vier tüne leiue terz oder 
(fiurto), indem sie gleichzeitig an stärke abnimmt, den schluss- 
Un, obwol am wenigsten kräftig, kann man di-n grundton nennen, 




6 KOCK UNDERSÖKMNGAR OM SVKKSK AKCBNT 

da er für den character des ausdrucks bestimmend ist. steigt 
man zu einem merkbar höheren intervalle wie zb. zu einer sexte 
oder darüber hinaus, so wird der ausdruck fragend oder über- 
haupt unruhig, bewegt, einem ausländer fällt es schwer diesen 
unterschied aufzufassen, er nimmt leicht die ruhige rede für 
eine frage.' 

Über den accent nr 2 äufsert er: Svenn ich das wort ja-a, 
/oAa ausspreche, so fängt die stimme ungefähr einen ton unter 
dem schlusstone (grundtone) an, gleitet diatonisch abwärts un- 
gefähr eine terz und schwingt sich dann in der unaccentuierten 
Silbe empor oder springt so zu sagen zu dem grundtone zurück.' 

Für das dänische stand dem Verfasser aufser Hoysgaards 
grammatik von 1747 allein der confuse, nur als materialsamm- 
lung brauchbare aufsatz Hommels in Tidskr. f. filol. bd. viii zu 
geböte; Grundtvigs Vortrag über die dän. betonung auf der nord. 
Philologenversammlung in Kopenhagen 1876 (s. Wimmers be- 
retning etc., Kebenh. 1879, s. 98 — 131 und das referat von 
Verner Dahlerup im Litteraturbl. f. germ. und rom. philol. 1880 
nr 4) lagen ihm noch nicht gedruckt vor. da indessen Grundtvig 
sich nur als aufgäbe gestellt hat, den für die anwendung der 
accente in der spräche geltenden regeln ins einzelne nachzu- 
gehen, und sich deshalb nicht auf die physiologische natur der 
accente einlässt, die er als den zuhOrern bekannt voraussetzte, 
halte ich es für ratsam, hier eine kurze objective beschreibung 
der beiden dänischen wortaccente zu geben. 

Da der wortaccent nr 2 die wenigsten Schwierigkeiten dar- 
bietet, so fange ich mit ihm an. während dieser accent, wie 
wir gesehen haben, im schwedischen und norwegischen eine von 
dem gewöhnlichen europäischen wortaccente (im deutschen und 
englischen) ganz abweichende gestalt hat, unterscheidet er sich 
im dänischen gar nicht vom letzteren, die dänischen Wörter 
karre, fare und fa'r (vater) werden rücksichtlich der betonung 
ganz wie die deutschen Wörter karre, haare und gefahr ausge- 
sprochen, in der musikalischen notierung würde diese betonung 
etwa folgendes bild erhalten können: 



lang : 



[ i^rjijq 



kurz 




fa — re kar — rc 



wobei jedoch zu bemerken bleibt dass die bewegung der rede- 
stimme von der höheren zu der tieferen stufe nicht wie die 
noten angeben in intervallen vor sich geht, sondern in einem 
continuierlichen tonübergang, einem sogenannten portament. 

Eine hiervon vollständig verschiedene figuration zeigt der 
dänische wortaccent nr 1. beim articulieren des Wortes makr 



'2Öä DdDBRSOKMnGAR OM SVBNSE AKCEHT 

'lualüt' setzt die slitiinie auf iler mit eispiratorisctiein drucke 
Terseheneo ersteo silbe in tiel'eai tone an — nach t 
obachlUDg mindeatenä einen tun unter der schlusseilbe des acceote^ 
»r 2 — , sie bleibt eine weile auf derselben stufe stelit-n um 
eich gegen den schluss des laugen a durch ein jübes portdment 
UDgel^hr eine quinie liinaurzuschwingeo; auf der böchsten sEuTe 
klappen die Stimmbänder ploizlich zusaoimeu, alle stimmbilduug 
hOrt während der dadurch entstehenden gaoz kleineu pauae auf; 
nach einem momente itfTnen sich die Stimmbänder wider, und 
die Bchlusssilbe ler folgt nach auf derselben tiefen stufe wie die 
anfangssilbe. auf würtern, die in der lonsilbe kurzen vocal mit 
nachfolgendem tonend-ctiutinuierlichen — 'sangbaren' nach K.g 
bezeichnung — consouanten (d, w,j, r usw.j haben, ist die 
modulalion dieselbe, nur fi)llt das aufsteigende portament sowie 
der glottisverschluss üuf den sangbaren consonanleu. mit noteu 
wUrde man demnach den accent nr I etwa in folgender weise 
bezeichnen kOuueni 




Beide wurtaccenle im dänischen sind also eingipilich nach 
Sieters sjstemalisierung und unterscheiden sich von einander 
durch die läge des gipfeis; den wesentlichsten akustischen unter- 
schied bildet jedoch üas Vorhandensein oder uichUorbandenseiu 
jener cliaracteriatischen schliefsung der Stimmbänder, dieser glot- 
tisverschluss bedingt aber in der tonsilbe entweder langen vocal 
oder kurzen vocal mit nachfolgendem sangbaren consonanten. in 
ȟben, in denen auf kurzen vocal ein nicht saogbarer consouant 
(tonlose dauerlaule und niutae] folgt, ist der glottis verschluss 
eine physiologische Unmöglichkeit, weil der tonlose consonant am 
ende der silbe. wo der verschluss einzutreten hütte, eben das 
oßenstuheu iler Bliniml>ander als conditio sine qua non fordert, 
man darf nun mit recht fragen, ob denn die zahlreichen worler 
mit tonsilbeo von der bescharfenheil wie zh. nikkel, drikker, äiikke, 
^99^^' i*99^f rakker, ttBgger, kaiser, hasset alle von der belonung 
nr 1 auszuschliefseu und unter die belonung nr 2 einzuordnen 
seien, das lut die dUuische grammatik und musa es consequeuter 
weise lun, sobald sie das Vorhandensein oder uichtvorhandeuseiu 
des glouisverschlusses als einleiluugsprincip aufstellt uod den 
ctvomatischen unterschied unberücksichtigt lasst. es uaterhegt 
nun aber keinem zweifei dass der chromatische unterschied das 
ursprünglichere, der glottisverschlus» etwas später hiniu- 
gekonimeiies ist. wenn auch in gewissen fidlen das eintreten 



8 KOCK CNDERSOK^IINGAR OM SVEffSK ARCEiTT 

des letzteren aus physiologischen gründen unterblieb, so hatte, 
sollte man meinen, doch der ursprüngliche chromatische unter- 
schied ganz gut können bewahrt bleiben, in der tat ist dies 
auch der fall, denn die obigen Wörter sind bei correcter aus- 
spräche keineswegs homoton, wenn der unterschied auch in der 
schnellen, wenig klangreichen dänischen articulation nur schwach 
hervortritt die infinitive Ugge, driMce haben eine modulation 
ganz wie d. dicke, haben mithin den accent nr 2, dh. die erste 
Silbe liegt ungefähr eine quarte höher als die zweite, das fal- 
lende portament wird durch die tonlosen consonanten in der 
mitte durchbrochen ; so noch Iwgger, raikker, kasser. die prasens- 
formen Ugger, drikker, ferner nikkel, Hassel sind rücksichtlich der 
betonung verschieden von d. dicker, nickd, Cassel; hier haben 
wir den accent nr 1, dh. die erste silbe wird auf tiefer ton- 
stufe ausgesprochen, auf den mittellauten pausiert die stimme, 
da die tonlosigkeit das auflaufende portament und den glottis- 
verschluss nicht zum ausdruck kommen lässt, und die schluss- 
silbe folgt nach auf derselben tiefen tonstufe wie die erste silbe. 

Ich habe bei der betrachtung der dän. betonung etwas länger 
verweilt, weil es sich durch die hier vorgebrachte auffassung 
ergibt dass der dän. wortvorrat in betreff der an Wendung der 
beiden accente sich in einer weise verteilt, die mit der Verteilung 
des schwed. und norw. wortvorrates an beide accente im ganzen 
congruent ist; dort wie hier ist der historische hiutergrund der, 
dass der accent nr 1 in ursprünglich einsilbigen Wörtern ver- 
wendet wird, der accent nr 2 in ursprünglich zwei und mehr- 
silbigen, diese merkliche Übereinstimmung lässt die einstige 
existenz eines gemeinsamen nordischen betonungssystemes mut- 
mafeen, und die frage, wie wir uns dieses betonungssystem vor- 
zustellen haben, sucht der Verfasser in dem abschnitte s. 156 — 164 
zu beantworten. 

Was zunächst die feststellung der form dieser umord. accente 
betrifft, so ist es von gewicht dass die schw. und norw. aus- 
spräche sich sehr nahe berühren. Storm findet aao. s. 290 dass 
dier hauptunterschied zwischen dem schw. und non%-. accente 
nr 1 darin li^, dass ersterer die neigung hat das aufsteigende 
anfangsportament hinweg und den gipfelpunct des accentes mit 
dem Silbenanfang zusammenföllen zu lassen, wie in der gewöhn- 
lichen deutschen betonung und wie im dän. accente nr 2. von 
beiden weicht der dän. accent nr 1 ganz beträchtlich ab: aber 
durch eine sinnreiche argumentation hat Storm nachgewiesen 
dass es das dänische ist, welches von dem ursprünglichen stände 
abgewichen ist. die fremdwörter werden nämlich, wie oben 
schon bemerkt, in allen drei sprachen in der regel mit dem ac- 
cente nr 1 gesprochen; so selbstverständlich dies für das schw. 
und norw. ist, wo von den beiden accenlen eben der accent 
nr 1 in der form der gewöhnlichen deutschen betonung am 



KOCK U»DEBSt)K>L«:itB OM SW 

nlcbsten slelil — iioil durch deulache vprinittdnng sind die 
fremdwaner nach dem norden gekommeu — , ebuuso aurriillig ist 
n f<lr das dHniscIie, das iu Beinem accenle ur 2 eine mit der 
gewithnlicIieD deutschen ausspräche ganz gleich« betouung be- 
ulzl. wenn also die Panen jettt ihre fremd^vörter wie zh. sfei/- 
ling, hOker, avher, tludere nicht mit diesem sondern mit dem 
tcceute nr I aussprechen, so folgert Storm daraus mit recht 
dau letütcrer acceut diimals. als die fremdworter in die isprachc 
eiodmugvu, von beiden accenteu der utisUndischeu helooung am 
nächsten stand, und andererseits dase der jeLct mit der deutechea 
betouung ganz lihereiaslimmende acccnl ar 2 zu jener zeit am 
mtisten von der rremdlandischen ausspräche abwich, er vermulet 
deshalb dass der dün. accent nr 2 TrUher dem entsprechenden 
accoiite im schw. und norw. mehr iihnlich war und dass dem 
accente nr 1 damals der ihn so eoirremdende gloltis verschluss 
ab(peng. 

LeUteres will K. (s. 156) nicht gellen lassen, sondern hält 
die mOglichkeit fest duss das dänische in dem gloltisverschlusse 
eiwu un>pr(lngliches bewahrt haben künue. was im schw. und 
norw. verloren gegangen sei. ich glaube jedoch dass man Storm 
recht geben muss, denn es hsst sich das successive aurkommen 
dee gl Ott is verschlusses im dan. leicht verfolgeu. 1747 galt als 
ntgel in dieser spräche dass der glottisverschluas nicht auf einem 
sangbaren cuusouanien umnilietbar vor tonlosen consonanteu ein- 
trat (s. Grumllvig aao. s. 13IJ: MJst, folk, hjalp, heltt, hgl- 
ittr, hall, amt, dcromi, exenipler, sCfmpel. Icengil, yngat. 
fangsel, enkeh, häns, ininu, miH'lil, iblandt, accenter, coH- 
tonanter, sttiiienl ist nur eine kleine diese regcl beslütigende 
BUSwahl aus dem accenttiierlen texte der Hilysgaard seilen gram- 
Diatiti; in allen diesen wOrlern trat zu Hüysgaards Zeil kein glottis- 
rerBchtuss auf dem durch den druck hervorgehobenen consonanten 
ein, und der jetzt sialtlindende gloiijsverschluss bat sich also in 
dinraa Talle erst in dem leUlen Jahrhundert entwickelt, ferner 
kann in maden, tagtt, äger, ager und ähnlichen Ictilen, die zu 
HSysgaarüs zeit noch mit dem ursprünglich kurzen vocale |altu. 
matrinn. /takit, okr, akr) und gtotlisverschluss auf dem nach* 
folgenden sangbaren consonanten (d, y) gesprochen wurden, 
lelzlerer nidit sehr alt sein, denn di« entwickelung war akr-ager- 
tty«r. und schon auf der slufe uj/er war der gloltisverscliluss auf 
dem nicht sangbaren g physiologisch ausgeschlossen, endlich gibt 
e» «ine menge Wörter, die, obwol sie ihrer herkuuft und ihrer 
jetzigen ausspräche nach unter den acceut nr 1 gehören, aus 
dem oben angegebenen physiologischen gründe nie den glottis- 
ver«chliiss gehabt haben küuneu, und dies gilt nicht nur vom 
daniscbci) sondern eben sowol vom norwegischen und echwedi- 
•cben, nie zb. schw. axel, boltm. hauel, nßller. vatten, so dass 
man behauplen darf dass der gloilisverscbhiss jedesfalls nicht ein 



10 EOCK CNDEBS0K?IL>'GAR OM SVE>*8K ARCEffT 

integrierender bestandteil des accentes nr t war. geht man mit 
Sweet (in Transactions of the philol. soc. 1873 — 1874 s. 99) 
davon aus, dass der dänische accent nr 1 der directe nachkOmm- 
iing von einem mit dem norwegischen nr 1 gleichen accente ist, 
so ist die entwickelung im dänischen die gewesen, dass der 
gipfel des accentes sich auf das äufserste ende der silbe verschob, 
hier outriert wurde und den glottisverschluss erzeugte. ^ ich 
glaube deshalb dass wir den urnord. accent nr 1 als eingipQich 
ohne glottisverschluss anzusetzen haben, wahrscheinlich mit einer 
läge des gipfeis ungefähr wie im norwegischen. 

Da der norw. und schw. wortaccent nr 2 sich nach Storm 
nur dadurch unterscheiden dass letzterer einen schwachen exspi- 
ratorischen nebenaccent auf einer der folgenden silben hat, und 
da K. nachgewiesen hat dass dieser nebenaccent im schw. erst 
später aufgekommen ist, kann man als urnord. accent nr 2 einen 
dem norwegischen ähnlichen vermuten, dh. einen wortaccent, 
welcher als unterläge zwei silben in anspruch nahm, von denen 
die eine den eispiratorischen druck, die andere den chromati- 
schen hochton trug. K. scheint (s. 160) diesen auf die zweite 
Silbe fallenden hochton nicht als urnordiseh gelten lassen zu 
wollen ; ich folgere das daraus dass er im folgenden hypothetisch 
annimmt, der urnord. accent nr 2 sei einst auch einsilbigen Wör- 
tern zugekommen, er muss mithin der meinung sein dass der 
hochton erst später sowol im schw. wie im norw. aufkam, aber 
erstens ist nach meiner ansieht, die ich durch K.s darstellung 
nur bestätigt gefunden habe, das emporschwingen der stimme 
in der pianosilbe das, was wesentlich den accent nr 2 sowol im 
schw. wie im norw. constituiert und die Wurzelsilbe erst recht 
zum tiefton macht; zweitens ist das emporkommen eines hoch- 
tones in einer pianosilbe, mag es auch einem gebornen Schweden 
eine ganz geläufige sache sein, vom allgemeinen sprachlichen 
standpuncte eine so auffällige und seltene erscbeinung, dass man 
schwerlich annehmen kann dass zwei verwandte idiome unab- 

* ich denke mir einen physiologischen Zusammenhang zwischen dem 
aufsteigenden portament und dem zuklappen der slimmbänder, so zwar, dass 
die durch das steil emporschiefsende portament bedingten schnell vor sich 
gehenden Veränderungen in dem spannungsgrade der Stimmbänder auf dem 
gipfeipuncte so zu sagen ein überschnappen derselben bewQrkten. eine gute 
parallele hierzu liefern die ballischen sprachen, im lit. wird das wort w(lka$ 
mit dem ^geschiilTenen' accente gesprochen, dh. nach Kurschat Gramm, d. 
lit. spr. § 207: der silbenleil wi wird auf tiefer stufe ausgesprochen, auf 
dem l läuft die stimme eine quarte in die höhe um dann in der schluss- 
silbe kos durch einen sprung auf die anfangsstufe zuräckzukehren. im lett. 
ist nun die dem 'geschliflenen' lit. tone entsprechende 'gestofsene' betonong 
(nach Bielensteins bezeichnung) die, dass in dem worte wilkM auf dem / ein 
dem dän. vollständig enlsprechender glottisverschluss eintritt, wie ich durch 
autakusie bezeugen kann, von einem historischen zusammenhange zwischen 
dem dänischen und dem lettischen glottisverschlusse kann natfiriich nicht 
die rede sein. 



KOCK UNDKB»ttKMnfiAII OM SVENSK AKUENT Tl 

hängi^ vou einander dazu (tckoutmen seien, das verschwinden 
dieses liochtones im danisclieu hün^l mit dem gauzttn eut- 
wickelungs gange dieser spräche zusaDimen; das dänische ial da- 
durch zu der nüchsl dem enKüschi^ii am meisten abgeschliffenen 
gemianisclien spräche geworden, das« die ganze energie der »rti- 
cuiatiun auf die Wurzelsilbe gelegt wurde, wodurch die endsilben 
bis zur Verflüchtigung veruachlfissigt wurden; damit giung aucb 
der hochtou zu gründe, und der kleinere chromatische gipfel, 
der, nacli dem' schwedischen und norwegischen zu urteilen, der 
Wurzelsilbe zukam, bildete sich spüler zu voller gröl'se aus. 

Was endlich die anwendung dieser uruordischen accente be- 
trifft, so bewegen wir uns hier auf einem gebiete, wu uns die 
Utsacfaen zu sehr ausgeben, so dass wir nur mit mehr oder 
weniger wahrscheinlichen hypotbescn rechnen künneu. allein der 
vom Verfasser s. 161 1' aurgeslelllen hypolheae kann ich nicht bei- 
pflichten, er vermutet dass die beides accente einst innerhalb 
Aee wortvorratea anders verteilt war«n als in den jetzigen neu- 
nordischen sprachen, indem der accent nr 1 nicht auf einsilbige 
wOrter allein beschrankt war, sondern aucb aui' zwei- und mehr- 
silbige fiel, andererseits der acceut nr 2 nicht nur wie jetzt in 
zwei* und mehrsilbigen wOrtern anwendung fand, sondern aucb 
JD einsilbigen, dann trat zu einer zeit eine revolution ein, tn- 
dem der eine oder der andere acceut seine natur so veriludet-te, 
dass er nur in dem einen lalle, vei es nur in einsilbigen oder 
nur in zwei- und mehrsilbigen verwendbar wurde, diese storung 
bewUrkte eine ausgleichung, bei welcher alle einsilbigen würler 
sich aur die eine seite schlugen, alle zwei- und mehrsilbigen auf 
die andere seile, diese bypolhese ist ohne ullen anhält, denn 
der verliisser lasst dabei die einzige tatsache aus der band, die 
für unsere Vermutungen eine stutze gewahren kann, die talsacbe 
nSoilich, dass alle neunordischeu idiome mit doppelter belonung 
darauf hinweisen dass der acconl nr 1 nur iu iirsprOugtich ein- 
silbigen wQrteru, der accent nr '1 nur in zwei- und mehrsilbigen 
hersi^te, wenn wir zu einem irgendwie wahrscheinlichen re- 
BUltate gelangen wollen, diirleu wir meiner ansieht nach den in 
dieser weise angegebeneu eurs nicht verändern, ich ziehe des- 
halb das allernäclist liegende vor und sage ganz einfach: der 
uruordiBche accent nr 1 wurde in allen ursprünglich einsilbigen 
wOrlern, der accent nr 2 in allen zwei- und mehrsilbigen ver- 
wendet, in dieser form ist aber der salz nicht richtig und be- 
darf einer correclur. mit den ausdrücken 'ursprünglich einsilbig' 
imd 'ursprdnglich zweisilbig' basiereu wir auf dem zustande der 
altn. lilteraturspracbe : schw. utf dan. vh, schw. ßlter dan- fatt- 
dtr haben den accent nr 1, weil sie im allu- einsilbig (ulfr, 
fatr) lauten; sciiw. tilfvar dfln. vlve. schw. und dün. tider hab«a 
den accent nr 2, weil sie im a\ta. tweisilbig sind (»Ifat; lidir). 
abiu- die alto. lilteraturspracbe ist ja nicht die multerspractie der 



12 KOCK UI<(DBR8ÖKNIN6AR OM SVRNSK AKGBNT 

neuDord. Idiome, und im nroord. waren ulfr, fcetr und über- 
haupt die allergröste zahl der altn. eiosübigen Wörter zwei» 
silbig mit kurzem Tocale in der endsilbe: *U)ulfan, *foteR, 
und ebenso waren die altn. zweisilbigen Wörter damals entweder 
zweisilbig mit langem endTOcale (*\itmlfoR, *tldiii) oder 
dreisilbig (*gamalafi «= altn. gamaU). der obige satz muss mit- 
bin folgendermafsen formuliert werden: der urnord. accent nr 1, 
dh. exspiratorischer und chromatischer accent Tereinigt auf 6iner 
Silbe, kam den zweisilbigen Wörtern mit kurzen endsilben zu; 
darunter fielen auch die wenigen einsilbigen substantiva, die das 
urnord. besafs (*küR *kuh' ua.), und einsilbige pronomina, prä- 
positionen und partikeln, in so weit sie nicht, was wol meistens 
der fall war, en- oder proklitisch fungierten, der urnord. accent 
nr 2, exspiratorischer accent auf der Wurzelsilbe mit chromati- 
schem hochtone auf der folgenden silbe, war allen zweisilbigen 
mit langen endsilben sowie den drei- und mehrsilbigen Tor- 
behalten. 

Zu diesem resultate sind wir durch einfache folgerungen 
Ton dem standpuncte aus, den alle mit doppelter betonung ver* 
sehenen nord. idiome einnehmen, gelangt, und ich glaube dass 
wir in dem durch Bugges und Wimmers entzifferung der Ältesten 
nord. runeninschriften (s. Mobius referat in der Zs. für Tgl. 
sprachf. xvm 153 ff und xix 208 ff, und Heinzel Endsilben der 
altn. spr., Wien 1877) erschlossenen Stückchen urnord. sprach« 
geschichte einen anhält für die richtigkeit der folgerung finden 
können, diese älteste nord. spräche hatte die kurzen endToeale 
(a, i, u) bewahrt, wo sie in der späteren spräche weggefallen 
waren; aber der Wegfall trat nicht für alle vocale zu gleicher 
zeit ein ; in den inschriften lässt sich verfolgen, was auch innere 
sprachgründe bestätigen (Edzardi Beitr. iv 161, Sievers ebenda 
T 75), wie zuerst die a und t wegfielen, während das u sich 
noch bis in die zeit der jüngeren runeninschriften hinein hielt, 
woher diese begünstigung des dunkeln vocales? wenn man Scherers 
ausführung zGDS' s. 55 ff und 209 f in erinnerung hat, so gibt 
es kaum eine andere antwort als die dass das u durch seinen 
tiefen eigenton mit einem darauf fallenden (chromatischen) tief- 
tone harmonisierte und dadurch festgehalten wurde, aber tief- 
ton auf der endsilbe eines zweisilbigen wortes involviert hoch- 
ton auf der Wurzelsilbe, und wir gelangen somit zu der oben 
gefolgerten form für den urnord. accent nr 1. ^ 

Ganz anders liegt das Verhältnis bei den langen urnord. 
endungen. fanden wir in den kurzen endsilben eine bevor- 
zugung der dunkeln vocalfärbung, so tritt uns in den langen 
endungen das gegenteil, eine ausgesprochene neigung zur hellen 
färbung der vocale entgegen, so ist das urnord. d, wo es nicht 
auf grund eines folgenden nasales durch nasalierung die dunkle 
ftrbung behielt (urnord. *tungdn »> altn. tungu), sonst in der 



KOCK U.NDKRSOKNirHGAR OM SVKNSK AKCENT 13 

litteratursprache überall zu a geworden: uroord. d. sg. *tungd (LU- 
ßRO Dalbyinscbr., HARISO HimliDgebOjeinscbr.. F/iVOBergainscbr.) 
BS altn. tunga. umord. accus, p). RUNOn (Vamumioschr.) = altn. 
runar, urnord. 1 sg. prät. worhlo (fTOJUHTO Tuueinschr., TA- 
fTIDO auf dem goldenen hörne) = altn. orta uam. ferner ist das 
lange umord. ä zu altn. (nicht umlaut bewürkendem) t geworden 
im n. sg. urnord. *hanä (MUfFILA Vardeinschr., WIWILA Vaeblungs- 
nsBsinschr.) =» hani der litteratursprache, und in der 3 sg. prät 
umord. worktä (fFRTA Ethelheminschr.) »» altn. orti, in conse- 
quenz der obigen erklärung muss diese erhebung der endsilben 
ebenfalls durch die wortmelodie bedingt sein und dem einflusse 
eines auf der silbe mhenden (chromatischen) hochtones zuge- 
schrieben werden, wenn man nun bedenkt dass alle urnord. 
Wörter mit langen endsilben in den neueren sprachen den accent 
nr 2 haben, und ferner dass dieser accenl noch im schw. und 
norw. einen chromatischen hochton auf derselben trägt, so scheint 
mir die Wahrscheinlichkeit dafür zu sprechen dass hier ein histo- 
rischer Zusammenhang vorhanden ist. 

Lefller hat jüngst Tidskr. f. filol. n. r. iv 285 den satz 
aufgestellt dass das urnordische noch die vom idg. ererbte freie 
betonung besessen habe und stellt einen aufsatz dairüber in aus- 
sieht, sollte diese ansieht sich bewahrheiten, so steht doch obiges 
resultat nicht in Widerspruch damit, denn die umord. spraeh- 
periode ist geräumig genug um beiden betonungssystemen platz 
zu geben, ich glaube nur festhalten zu müssen dass zu der zeit, 
als die nord. sprachen aus einander giengen, der exspiratorische 
accent sich auf der Wurzelsilbe festgesetzt hatte, der chromatische 
accent sich aber nach dem rhythmus des wertes lagerte, und zwar 
so, dass in einsilbigen Wörtern und in zweisilbigen mit kurzen 
endsilben, dh. in denjenigen fallen, wo die neunord. sprachen 
den accent nr 1 haben, der hochton mit dem exspiratorischen 
accente zusammenfiel, während in zweisilbigen Wörtern mit langer 
endung und in drei- und mehrsilbigen, die in den neunord. 
sprachen den accent nr 2 anwenden, der hochton auf der zweiten 
silbe seinen platz hatte. 

Den schluss von K.8 werk bilden einige excurse über die 
entwickelung neuscliwedischer flexionsformen aus altschwedischen, 
endlich ausführliche listen über die schw. Wörter, für deren be- 
tonung sich nicht bestimmte practische regeln aufstellen lassen. 

Halle 8. vi. 80. Karl Vebnbr. 



14 TE WINKEL MORIAEN 



Roman van Moriaen. op nieaw naar hei handschrift uitgegeven en van eene 
inleiding en woordenlijst voorzien door dr Jan te Winkel. Gro- 
ningen, Wolters, t879. [20 und 22 lieferung der Bibliotheek Tan 
middelnederlandsche letterkunde.] 249 ss. 8^ 

Te Winkel, welchem wir schon die Sonderausgabe eines der 
in die grofse Lancelothandschrift aufgenommenen selbständigen 
gedichte, des Torec, verdanken, gewährt uns im vorliegenden 
buche auch eine solche von vers 42547 — 47250 jener compi» 
lation, des Moriaen. dass man nun auch für dieses werk nicht 
mehr auf die grofse Lancelotausgabe angewiesen ist, wird jedem 
erwünscht sein, auch dem, welcher die hohe meinung von dem 
werte des gedichtes, die te W. hegt, nicht teilen sollte, ich meiner- 
seits schliefse mich lieber dem bedingteren lobe an, welches 
Jonckbloet, der unparteiische beurteiler seiner heimatlichen lit- 
teratur, in der Geschiedenis der middennederlandschen dichtkunst 
ausspricht, selbst das lob eines filiefsenden Stiles, welches der 
letztere dem dichter erteilt, ist nicht ohne weiteres giltig. fliefsend 
ist der stil allerdings, insofern sich der dichter nicht durch 
schwierige und steife constructionen im ausdrucke seiner gedanken 
beengen lässt. aber erreicht wird diese leichtigkeit nur mit 
hilfe einer im höchsten grade lockeren satzbildung, welche frei- 
lich dem mnl. überhaupt eigen ist. ich will über diese freie, 
bequeme art der diction nicht durchaus aburteilen; das lose 
nebeneinanderstellen der einzelnen Satzglieder, welches häufig 
selbst zu anakoluthen führt, die zahlreichen parataxen ermög- 
lichen es wenigstens, jeden teil der construction in ungeschwächter 
kraft würken zu lassen, aber diese manier zeigt denn doch zu- 
gleich dass man von einer kunst des stils wenig ahnung hatte, 
im Moriaen dürfte diese nachlässige diction gipfeln, denn ich 
glaube nicht dass hier der Schreiber viel schuld daran hat. der 
berausgeber gönnt der begründung seines, meiner ansieht nach 
zu günstigen urteils über das gedieht im verlaufe der einleitung 
nur geringen räum, hauptsächlich ist diese einleitung anderen 
lilterarhistorischen fragen gewidmet. 

Der Moriaen ist durchsetzt mit dementen aus der Percheval- 
sage, und dies gibt te W. anlass, mit einer Übersicht derjenigen 
gedichte, welche diesen stofT behandeln, zu beginnen, dabei be- 
rührt er auch die frage über Wolframs quellen, wesentlich in 
referierender weise, doch so, dass der annähme, Wolfram habe 
nicht blofs Cbrestiens werk benutzt, der vorzug gegeben wird, 
aber auch die identificierung des Kyot mit Guiot de Provins 
schlüpft dabei ziemlich unbeanstandet mit durch, was nun die 
in den Moriaen eingeflossenen stücke aus dieser sage betrifl't, so 
kommt te W. zu dem resultate dass der roman in manchen 
puncten mit dem Lancelot übereinstimmt, aber doch wider nicht 
so vollkommen, um diesen für die quelle, geschweige für die 



TE WINKEL HORIAEN 15 

alleinige quelle halteo zu können, wahrscheinlicher sei es dass 
der dichter die Percheyalsage in Terschiedenen, uns teilweise ver- 
borgenen bearbeitungen gekannt habe, auf die in diesem satze 
enthaltene Voraussetzung, dass jene Stoffe eine weit ausgebreitetere 
und manigfachere behandlung erfahren hatten, als die vorhandenen 
denkmäler es uns direct bezeugen, führt die vorliegende Unter- 
suchung noch Öfter hin, und ich gestatte mir hier zu bemerken 
dass die gleiche Voraussetzung auch von Marlin in seinem auf 
der Trierer philologenversammlung gehaltenen vortrage besonders 
betont wurde. ^ einen noch innigeren Zusammenhang mit der Per- 
chevalsage erhielte unser roman, wenn Percheval Moriaens vater 
wSre. dass es sich ursprünglich so verhalten habe ist nämlich 
die ansieht te Winkels. Acglovael, welcher jetzt als vater des 
beiden erscheint, sei erst vom compilator der Lancelothandschrift 
zu diesem ränge erhoben worden, und zwar habe derselbe Per- 
cheval deshalb aus dieser Stellung entfernt, weil sie dem in 
anderen von ihm aufgenommenen dichtungen erscheinenden cha- 
racter desselben, in denen er die keuschheit bis an sein lebens- 
ende bewahrt, widersprochen habe würde, der compilator verrät 
uns denn auch selbst diesen grund (v. 10 ff): 

toant men wel ter waerheit vint, 

dat Perchevael ende mede Galaet 

beide hieven, dat wel verstaet, 

maget doet bi den graU. 

om dit secgic van Perchevale, 

dat sijn sone nine mach wesen. 
ich bin überzeugt dass te VV. das richtige getroffen hat, wenn 
er die unmittelbar vorhergehende angäbe 

som die boäce doen ons tveten 

dat hi (Moriaen) Perchevals sone was, 

ende som boke secgen oec das, 

dat hi was Acglavaels soene 
für eine fiction des compilators hält, die er eben zu dem zwecke 
machte, Acglovael an Perchevals stelle einzuschwärzen. te W. 
deckt dann weiter an einzelnen stellen der erzählung die noch 
deutlichen spuren der vorgenommenen änderung auf. nicht nur 
an der schlechten ausgleichung der tatsachen, wie der heraus- 
geber bemerkt, sondern auch an einzelnen metrisch oder sprach- 
lich schlechten versen kann man manchmal diese beobacbtung 
machen, zb. 2711 ff 

dattie rode riddere was leden 

ende sijn geselle, die strate gereden 

die daer bi der (1. ter) zeeward lach. 
es hiefs wol früher 

dattie rode riddere was leden 

ende hadde die strate gereden usw. 

> vgl. jetzt QF XLii 20 uö. 



16 TB WINKEL MORIABN 

3467 fif dürfteD gelautet haben: 

ofte daer een ridder wäre Uden, 

die een root ors hadde bescreden 

ende hadde rode u>apene an; 

of hijs kern iet beredUen can usw. 
auch 3355 ff ist es den yersen anzusehen dass etwas in sie hineiD 
gepfropft worden ist. vgl. ferner meine bemerkung zu v. 796. 
da auch te W. zugesteht dass die arbeit des compilators vielfach 
sehr ungeschickt ausgefallen und leicht zu erkennen sei, so hatte 
es nahe gelegen, dieselbe vollsUndig aufzudecken und im texte 
kenntlich zu machen, aber das vereinbart sich wol nicht mit 
der ansieht, welche te W. von textausgaben hat. oder hat er 
vielleicht doch den versuch gemacht und ist dabei auf bedeutende 
Schwierigkeiten gestofsen? das verfahren wäre um so dankens* 
werter gewesen, als es uns einige Sicherheit darüber gegeben 
hatte, in wie weit der compilator in seine texte eingriff, für 
manches andere stück dürfte die erkenntnis nützlich sein, nicht 
zum wenigsten für den Torec. doch auch das ist schon von 
Wichtigkeit dass wir überhaupt das Vorhandensein wesentlicher 
von ihm herrührender änderungen durch te Winkels entdeckuag 
nun einsehen, auch die fernere Vermutung spricht an, dass 
Moriaen, der schwarze söhn Perchevals und einer mörin, mit 
Wolframs Feirefiz nicht unverwandt sei.^ wenn aber weiter noch 
gemutmafst wird dass nicht nur die germanischen namen in 
Wolframs Parzival auf germanische, einmal in die fremde sage 
aufgenommene bestandteile weisen, sondern, wie der mohreo- 
kOnig Sigfrit in der Kudrun, auch die sippe der Belacane« Fei- 
refiz, Moriaen eigentlich nach dem lande der Morini, oder dem 
land von Merwede, also in die Niederlande gehören: so sind das 
combinationen, an denen der Patriotismus den hauptanteil trägt 
die namen hätten schon vor ihnen warnen sollen. 

Noch handelt der Verfasser über zwei gröfsere bestandteile 
des gedichtes, die Walewein- und die Lancelotepisode, die 
erstere war Jonckbloet geneigt für eine freie bearbeitung zweier 
erzäblungen aus dem mnl. Walewein zu halten, ich habe dann 
die ähnliche episode aus dem Flandrijs verglichen (einleitung 
s. 14 ff), te W. möchte eher annehmen dass schon in einer 
französischen erzählung die weiterentwickelung dieser motive vor 
sich gegangen gewesen sei. er lässt die von Jonckbloet und 
mir dargelegte psychologische entwickelung ganz aufser acht, die 
stufenweise und deutlich erkennbar mit dem motive statt gehabt 
hat. dieselbe steht ganz im einklange mit der socialen ent- 
wickelung, wie sie sich gerade in der mnl. litteratur, selbst als 
ihre Vertreter noch fleifsig ritterromane bearbeiteten, am schärf- 
sten widerspiegelt, um so wahrscheinlicher dass eine derartige 
entwickelung eines motives, die wir stufenweise in nl. erzählungen 

^ dieselbe aDsicht äofsert jetzt Martin QF xlh 18. 



TE WINKEL MORIAEN 17 

fiodeo, auch auf nl. boden vor sich gegangeo isL zu vergleichen 
wttre auch die episode im Torec v. 2812 (T^ wo ein ähnlicher 
conflict geschildert wird, die lösung stimmt dort im wesent- 
lichen mit der im Moriaen. 

Mehr grund hatte es gehabt, von Jonckbloets ansieht be- 
treffs der episode abzugehen, worin Lancelots kämpf mit dem 
drachen und der versuch eines Verräters geschildert werden, dem 
Mden die fruchte des teuer erkauften sieges zu entreifsen. 
diese betrachtete Jonckbloet als entlehnt aus dem fabliau de la 
mute sanz frein (M6on Nouveau recueil des fabliaux et contes 
I 1 ff) und te W. hält an einer nahen Verwandtschaft beider 
erzfthlungen fest, da aber die unterschiede in denselben ganz 
bedeutend und wesentlich sind, andererseits auf nahem gebiete 
ersählungen vorliegen, die besser in den hauptzügen überein- 
stimmen, so wird die angenommene Verwandtschaft sehr unwahr- 
scheinlich, ich erinnere dagegen an den drachenkampf im Tristan, 
aach mit diesem herscht nicht vollkommene Übereinstimmung, 
und so erhalten wir von neuem einen ausblick auf die vielfähigen 
oombinationen und verquickungen der motive aus jenem kreise. 

Die frage, ob der Moriaen ein nl. original sei, wird offen 
gelassen, es ist wahr dass bis jetzt nur das gegenteil nicht be- 
wiesen ist. dennoch meine ich, man kOnne sich mit mehr be- 
stimmtheit für die bejahung entscheiden, dafür spricht die über 
die Waleweinepisode vorgetragene ansieht, der name des beiden, 
Moriaen, wenigstens nicht dagegen. 

Zum Schlüsse versucht es te W., die art und weise seiner 
textconstitution zu rechtfertigen, dieser versuch ist wenig ge- 
lungen, ein herausgeber sollte doch einen ungefähren begriff 
davon haben, was grammatisch richtig ist. geben wir aber ein- 
mal zu dass er leicht in den fehlier verfallen könne, etwas un- 
anstöfsiges zu entfernen oder gar falsches an seine stelle zu 
setzen — ein Vorwurf, der stark in die mode gekommen ist — , 
80 ist es doch eine ganz andere sache bediden mit bedieden, 
beyde mit beide zu vertauschen, oder sollte auch in diesen 
dingen ein herausgeber Schnitzer machen können? schon etwas 
schwieriger ist der fall, wenn eine hs. mit formen wie ontbieden 
und ombieden wechselt, doch auch dies und alles, was zum be- 
weise angeführt wird, sind so geringfügige dinge, dass sich nicht 
leicht eine controverse darüber erheben wird, und ich bin fast 
überzeugt dass hinsichtlich ihrer auch te W. selbst zu bewegen 
wäre einen 'kritischen' tcxt zu geben, nicht einmal der lieben 
bequemlichkeit wird durch seine art und weise besonders gedient. 
V. 789 sieht er sich zb. gemüfsigt, sine unter dem text doch in 
mene, 1078 bediden in beiieden zu verändern, und zwar weil der 
copist die zugehörigen reimwörter zufällig engiene und Heden 
geschrieben hat. hier muss also der leser doch die leciüre 
unterbrechen, wenn er sich gehörig unterrichten will, und nach 

A. F. D. A. Vir. 2 



18 TE WhNKEL NORIAEn 

unten sehen, eine Zumutung, die angeblich für ihn höchst un- 
angenehm sein soll! und wenn er im texte einen vollständigen 
unsinn Hest? dann sieht er doch wol auch einmal herunter, ob 
ihm da nicht vielleicht rat geschafft wird, wer hingegen einen 
corrigierten und geglätteten text vor sich hat, braucht sich in 
der lectüre gar nicht stören zu lassen, wenn er blofs lesen 
will, will er aber studieren, so muss er in jedem falle die an- 
merkungen in betracht ziehen, und dann ist es doch wol ziem- 
lich gleichgiltig, ob das gute oben und das schlechte unten steht, 
oder umgekehrt, selbst die misachtung der kleinigkeiten kann 
unangenehme folgen haben, in dem der ausgäbe beigefügten 
für anfänger berechneten glossare findet sich an seiner stelle 
kein genieten, wol aber etwas weiter ein geniten. der arme an- 
fänger prägt sich nun ein verbum geniten ein und denkt sich 
vielleicht ein Präteritum geneet dazu, macht er später die ent- 
deckung dass ie und f zwei ganz verschiedene laute sind, wenn 
sie auch von einzelnen Schreibern häufig gleich gemacht, oder 
verwechselt werden, so merkt er sich neben geniten auch ge- 
nieten, und ist er dann gelehrt geworden, so führt er in einem 
grammatischen artikel vielleicht geniten neben genieten als beleg 
für den Wechsel zwischen ie und I an, citiert dabei den Moriaen 
und das glossar des herausgebers. das soll kein müfsiger scherz 
sein, analoge dinge sind würklich vorgekommen, geniten für 
genieten bleibt also, selbst bis ins glossar hinein, andere falsche 
t sind im letzteren wenigstens zu ie geworden, für di dagegen 
ist auch im texte überall die gesetzt. 

Es hat alles seine grenze; selbst eine gerechtfertigte 
reaction gegen kritische texte müste sie haben, wenn hier 
V. 99 und 100 an ganz verkehrter stelle stehen, so dass der 
barste unsinn zu lesen ist, und der herausgeber das, wie die 
anmerkung ausweist, vollkommen eingesehen hat, warum sind 
dann die verse nicht an die richtige und wol erkannte stelle ge- 
setzt? 245. 46 hat die hs. gedeert : onteert, wobei das erste wort 
sinnlos ist. in der anmerkung wird Verdams conjectur gedeerft : 
onteerft angeführt; te W. zweifelt nicht an ihrer richtigkeit, ich 
ebenso wenig und sicher kein mensch, jeder Schreiber des 
mittelalters würde in solchen fällen gebessert haben, bei uns 
würde es jeder setzen tun: und von dem Veranstalter eines 
wissenschaftlichen Werkes sollte man nicht wenigstens dasselbe 
erwarten? kaum würde Cosijn, hinter dessen autorität te W. 
sich zu decken sucht, eine ausgäbe ins feuer werfen, die der- 
artige Verbesserungen in den text aufnimmt, freilich, wenn es 
sich blofs um so sicher erkennbare und leicht zu heilende scha- 
den handelte, würde sich immer noch das Vorurteil gegen kri- 
tische texte überwinden lassen, aber es kommen auch schwie- 
rigere fälle vor, und dann ist es gewis recht bequem, in der 
anmerkung eine oder mehrere Vermutungen zu äufsern, noch 



TE WIKKEL MOBIABN 19 

bequemer, sieb eiozubildeo, die stelle so uDgeßlhr zu verstebeo 
oder sogar ohne diese halbe entscbuldigung stillschweigend darüber 
hinweg zu gehen, selbst für die nacbfolger ist diese methode 
noch bequem, finden sie in einem zu edierenden texte irgend 
eine fehlerhafte form, so wird yermutlicb dieselbe sttnde auch 
schon einmal ein anderer Schreiber begangen haben; in den 
editionen der Vorgänger treffen sie dann willkommene analogien. 
so bleibt immer alles möglich« alles ist gut, und grammatik, 
textkritik, Scheidung von dialecten, Sprachgebrauch des indivi- 
duums, sprachzustand verschiedener Zeiten, Schriftsprache und 
ausdnicksweise des gemeinen lebens bleiben dinge, von denen 
man wenig abnong bat. bei solchen principien werden die 
schlechten ausgaben nicht aussterben ; und auch der vorliegenden 
kann ich dies prädicat nicht ersparen, die folgenden bemerkungen 
mögen mein urteil begründen. 

V. 36 1. sede. es stehen öfter falsche formen mit einem 
überflüssigen n im reime; der Schreiber bat also da, wo das eine 
reimwori überschüssiges n hat, ausgeglichen. — die Unordnung^ 
welche von 226—39 herscht, ist ohne bemerkung geblieben, ich 
denke dass 226 — 33 zusammenzufassen sind, wobei 229 Zwischen- 
satz ist ; 227 vielleicht heten statt secgen, dann folgen 234 ff 
mit dem nachsatze nember moete hys hebben dane. — 428 l.seere. — 
445 1. dan. — wie 456 te velle, steht 32 te merre (statt meerre), 
te velle widerholt sich 1290. wenigstens müste an allen 3 stellen 
geändert werden, aber es liegt wol berechtigte assimilation vor 
aus velne und meerne. — dass nach 512 einige verse fehlen, ist 
gewis. aber es kann doch nur eine gerade anzahl ausgefallen 
sein, und warum sollen dieselben auf -oet gereimt haben? — 
597 1. dus statt ons. die für vergaen im glossar ganz willkür- 
lich angesetzte bedeutung ^schlecht bekommen' muss also ver- 
schwinden. — auch in den versen 695 ff befindet sich etwas nicht 
in Ordnung, vielleicht ist einfach 695 dis zu lesen und nach 
696 ein comma zu setzen. — interessant ist vers 796. er er- 
hält licht durch die völUg parallele stelle 3697 ff. dort steht 
ende hi hem daer mede verhoget ganz lose angeknüpft, wie es 
scheint in der bedeutung *und damit erfreut er ihn', hier ist 
die ganze construction vollständig gleich, und daraus geht hervor 
dass 796 lautete etide hi den coninc daermede verhoget. es war 
also im vorhergehenden von einem, und zwar von PerchevaL, die 
rede, wodurch des herausgebers scharfsinnige entdeckung eine 
neue stütze erhält, das si wird dann der compilator statt hi 
gesetzt haben; aber er kann nicht wol das pluralpronomen da- 
mit meinen (neben dem Singular des verbums), eine so unsin- 
nige änderung mag ich ihm nicht zutrauen; er construierte wahr- 
scheinlich 'und damit sei der könig erfreut'. — vor 904 scheint 
eine lücke zu sein, in welcher erzählt war dass Moriaen seinen 
entschluss, an den hof Arturs zu reiten, ändern will, Walewein 



^0 TE WISEEL MOBIAEÜ 

mmi iMmrrkii ihm aber locnt widcrsprecbeo. — 1432 — 35 ver- 
slebe idi Bit der iBlerpuDCÜoii des heraosgebers gar nicht, 
ehae dieselbe wQsie ich nur folgeadea sidd biaetnzol^n: 4ck 
habe schon etwas anderes was mir kammer Terorsacbt, <be amMit; 
aber seine schlechten antrige siod mir doch noch schmenhafier.* 
dann mnss man aber 1434 dstf äü lesen ond darf dar in 1435 
nicht in dan vcrkndem, es sei denn dass man dem r«b msc 
«ine doppelte beziebiuig zogeslehen wolle, auCs voiherfefaende 
nnd anfo folgende, die Schwierigkeiten bei dieser anffaianng 
sprechen gerade nicht für dieselbe, oder aber nicht für die richtig- 
keit des lexles. — 1450 ist in ordoong la bhogen dnrch ver- 
tanschng von wmrie im rorbergehendeo ferse mit Anddüc hMm 
bd hHom aoch Sp. bift. 3% 57, 85 so Aaddi kart0§ke 
Bnk. j. 7, 16722 ki mmie M6en ffteUeoen U Sreerfkdbe; U 
ebendaselbst 5, 4991. 6, 7516. Stoke 9, b21, TondaL s. tf 
Jhoddf hi te live fleUeeen. an ein adjectinim ghek^udm ist gar 
nicht tu denken. — 1537 Terstebe ich nichL eine erktenng 
fehlt. — 1555 feneileR soll fom snperlatiT ron nn kommen, in- 
dem ans nnifff anch netf habe wcnlen können, wo ist das be- 
wiesen? ich kenne nnr neetf neben nnetf and kann ein fmnUm 
nicht fdr möglicfa ballen, es wird wol gectslen zn lesea sctn, 
welches, wenn ich nicht irre, in der hier notwendigen bedentnng 
^jemanden im kämpfe anpacken' anch sonst TorkooMm. — 1603 f 
sind ein merkwOrdiges beispiel eioes anakolatbs. idi würde 
nach 1605 einen doppelpunct seilen, um die coostraction einiger^ 
maÜMn an Tcrdeotlichen. — 1622 ist ab Zwischensatz änfscrlicb 
kenntlich zu machen. — 1690 L sao^e. — 1757 ist daf in 
streichen. — 176S dai wäre besser als d^ — 1791 an Ubif 
('^ Usof/ offenbar, deutlich war kein an^tofs in nelunen. was 
te W. an die stelle setzen will weiidni {ii^t, ist ein unreiner 
reim, wie man niete oft genug betonen kann, und einen solchen 
darf man ohne not nicht in <he texte einführen, t. S21 steht 
fwnsff : §Au frwti, man wird hier nicht anstehen ^nc jmT in 
lesen, anlserdera begegnet die bindung von oe :<^ noch 4563 tr 
mnect n rroefrlnncdser, also ein ganz gewöhnbches flickwort 
auf der einen, ein eigenname auf da- anderen seile« so dass der 
fall sicher nicht als stdtie gelten dürfte, an der stelle hat je- 
doch offenbar der compilator wider die band im spiele. — 
1817 aufe ist Termutlicb zu tilgen. — 1834 L jvi>er. — 1850 L 
aalim. — 2137 L daf lic. — 2140 der grand zur indemng von 
4i&r in der kneblet mir nicht ein, ebensowenig zu der ron n 
in Amt; dagegen ist wol er einzufllgen. über »t es j ie jciet «-s 
fc M6e ^Acdmn s. Venfam Taalk. bijdr. 2, 238 ff. — 2145 nnd 
46 sind offenbar umzostdlen. was die consimction betrifft, so 
kann man si aus dem folg en d en erganzen, aber oM^glich wäre 
anch traBcn mit dem vom pari. prtt. begleileten snbstantiT hb 
so ist vielkkht Bb. 29608 nn wSOtk oor dm sCryd 



TB WINKEL MORUBll 21 

hegonnen aufzufassen. — 2264 erscheint mir sehr nichtssagend; 
auch vennisst man die pointe, die doch lauten muss *auch der 
stärkste muss der Übermacht eriiegen.' es steckt wol irgendwo 
ein fehler, ich würde etwa Termuten hondert gaden ember eenj 
ende m. d. m. sc, I veno. w. enen bi campe, wenn ich mni. gaden 
in der bedeutung ^gleich kommen' zu belegen wüste. — 2429 1. 
quame. — 2470 1. Moriaen, — 2488 ist zu interpungieren be- 
kinde, dat, nach dat kein zeichen, ein so starkes enjambement 
kommt sonst im Moriaen nicht Tor, wol aber in anderen teilen 
der Lancelotcomposition. ganz ebenso 3, 3474; andere zb. 
2,22551 van I coninginnen; 3,4131 aUe goede I ker^ine ; 5247 van 
die I standen; 4, 12525 an j minen broeder, *— 2585 die er- 
klflrung, welche von diesem Terse im glossar unter irst gegeben 
wird, kommt mir allzu gewagt Tor. vielleicht ist uten stride zu 
lesen. — 2713 1. t^. — 3419 am einfachsten und richtigsten 
ist vare. — 3539 1. roec =» ahd. kruoh, im mnl. nicht selten, 
s. zb. Rh. glossar. — 3668 da men «: meti en sein kann, so 
ist jeder zusatz überflüssig. — 4048 eine apocope kommt im 
gedichte nicht vor — bloet v. 1995 ist nicht als solche aufzu- 
fassen — ; gebärd kann also schon aus diesem gründe nicht 
richtig sein, sondern es muss gebare lauten.* im vortiergehenden 
verse stand vermutlich ganz einfach vaste dare. — 4131 comen 
passt nicht; vielleicht conden ende mochten. — 4140 nn ten 
male «s jetzt zur zeit, in diesem augenblicke, ist nicht zu 
andern. — 4159 ist ebensowenig ember doe anzutasten, ember 
bedeutet hier, wie sehr häufig Mn jedem falle, durchaus', gerade 
wie auch im verse vorher. — auch 4205 ist der änderungsver- 
such überflüssig; 4205 ist ein satz für sich, als pradicat ist 
hadde gemaect zu ergänzen, während godeloes nicht zu weduwe 
und wese, sondern zu lant gehört. — 4344 einfacher wäre vi^. 
der sinn des folgenden verses ist mir nach des herausgebers 
interpunction nicht fasslich, ich würde vorher einen punct setzen 
und verstehe den vers als vorausdeutung auf den glücklichen 
ausgang des kampfes. — 4375 I. die Sauden, bleven. — 4395 1. 
noch hulpe. vorher ist nach verladen ein comma zu setzen und 4394 
als Zwischensatz zu fassen. — 4412 würde ich nichts ändern, eine 
ellipse ist bei diesem ausdrucke sehr wol denkbar. — 4506 1. hären 
here; vgl. 4499. — 4512 onriden eb ontriden in transitivem sinne 
^reitend wegführen' ist eine höchst willkürliche annähme, ich 
lese on[tst]reden und im vorhergehenden verse dat st. 

Auch an dem glossare, welches offenbar mit liebe aus- 
gearbeitet ist, habe ich nicht wenige ausstellungen zu machen, 
es fehlt eine ganze reihe von artikeln, die nicht nur ebenso 
gut wie andere in ein für anfänger bestimmtes Verzeichnis auf- 
zunehmen waren, sondern die teilweise sogar für eingeweihtere 
eines aufklärenden wortes nicht entraten können, ich habe 
notiert: 94 ontsinken. — 95 die ogen vergaen. 115 verlidUen 



22 TB WIPIKEL MORIAErV 

die ongesonde, — 526 gam over ans lebeo gehen. — 534 vre- 
§eH. — 578 toaiiai in der bedeutung "zweifeln*, ebenso 3856, 
ferner Ferg. 3946; Limb. 4, 148. 7, 1302. 4, 910, wo zu lesen 
ist m loafie. das subst. waen «> zweifei Walew. 10954; Limb. 
4,650; einzusetzen ist dasselbe Partonopeus 6185. häufiger er- 
scheint das subst. in der formel aoiuier waen, — 1596 al phu ab 
flickausdruck, etwa * vollkommen, ganz und gar*. — 1599 fei- 
i$l g9et = wenig; ebenso 1628. 2364. — 1850. 1866 6e- 
Unddike. — 1989 treke — streich, list. — 2275trael. — 2281. 
2923 genesen in transitiver bedeutung. — 2332 gelede. wenn 
die lesart richtig ist, muss es hier bedeuten ^das gebiet, so- 
weit jemandes macht reicht, geleite zu geben', also *8ein land, 
gebiet*, vgl. ▼. 945. — 2421 verUdm »» leid zufügen. — 
2614 MHfen. heifst es "dass er damit nicht aufzuhören« dh. seine 
kur zu unterbrechen brauchte ? * — 2668 aerd, — 267 1 JctiUedb 
s^ s» das recht zu etwas haben. — 2679 stellen. — 2777 tem- 
4m, — 3396 uier wei werden von sinnen konunen; vielleicht 
ist Uten wH zu lesen. — 3423 ^OMiee. — 4046 crefe. — 4197 ki 
d^ke muss bedeuten "an dem diamals gegenwärtigen, ^en tage*; 
TgL das nnl. ran daag heute. — 4619 kinnen — anerkeaneB? 
Manches ist auch falsch erklärt, in ausdmcken wie kuiem 
wmre, huien sinne fehlt der artikel nicht, sondern ist mit der 
Präposition Terschmolzen. — gekaudem v. 1755 ist partidp von 
hemdem und heifst "(vom Schicksal) bestimmt*. — ieweni ist ^etwas*, 
wie m[e]weni "nichts*. — für genade 2801 passt sehr gut die 
bedetHung "ruhe*; vgl. das Mhd. wb. — merkwOrdig veffeUt ist 
die eiUäning von omkr dnei hmgen. nei bedeutet hier natOr- 
Kcfa etnCach "netz*, der ganze ausdruck "ins unglock bringea*, 
wie ähnlich 1691 cownen int jTrer, — in slaen met frwten mUe 
soll miß s» ahd. niot sein, der ausdruck med nide ist im mnL 
ebettso gewOhnUch« wie im hd., und an beiden stellen« an welches 
er hier vorkomml, reimt er richtig mit I. wenn te W. trotzdem 
«Mf ansetzt« so beweist das an ihm seihst den bösen eioflBSB 
der hss. and der ausgaben« die ie nicht von i anterscbeidea. — 
das angesetzte smde gem ist mehr ab zweifelhaft trotz dem Kilian- 
scben ondegkehdk, wekhes letztere die negation von degkeiidt. 
msL defehjk ist und zu dfff von dtta» gehört, mit ^n demg em d 
haben die wOrter nicht das geringste zu tun. ich bleibe bei 
ionckbloets conjector ondmdegem. — in perren een let soll eem 
ki adviN^ijler accusativ sein ! perrem ist häu&r cenor transitiv. — 
ntemgeltiem wird nidu "aufgeblasen'« sondern das nbd. ^ausgelassen* 
diaaohitns sein. — einiceinial sind die formen falsch ancesetzt: 
mT ab st m. es ist als schwaches «Te. oder allenfaib als st. n. 
mT anzusetzen. — der nom. ist n^pir« fri. kmkit, — als prMeril. 
v«n dnJtm i$t dacif anfgeführt siait dacife iud d^dke , — 
leffwer md anzwsetze« friani, MifmMCc. — ein nomin. wmt hat 
eustien, l o n d c t n vor snr nur am oder 




TB WlIVKILL MORIAEN 23 

Man erkennt an solchen misgriffen dass die einschlägigen 
Studien leider immer noch zu sehr ihre richtung Yon oben nach 
unten nehmen, dh. von der spräche neuerer zeiten, etwa von 
der Vondel9 ausgehen, statt sich auf das einzig richtige funda- 
ment, eine tüchtige grammatische kenntnis der alten dialecte, 
Btt stützen, mit grammatik und etymologie ist es denn auch oft 
schlecht bestellt, zwei ganz verschiedene Terba, doghen valere 
und döghen pati werden ruhig idenlificiert und beiden das Prä- 
teritum docht zuerteilt, während das erstere dockte, das letztere 
do^iede, doochde hat; als präler. von gelden ist gold angesetzt 
statt galt; boven soll von bi und op, backten von bi und af 
kommen, erg von erren, gehermen ruhen von karm leid, kilte 
schwertgriff von koudenl versagen, allgemein als das hd. ver- 
xagen anerkannt, soll bedeuten * fallen machen' und mit alts. 
M^ian zusammenhängen! das ganz klare welna »b beinahe wird 
umständlich aus wikn na hergeleitet, te W. wurde vermutlich 
irre geleitet durch welneer, eine Schreibung, die für wilen eer 
vorkommt, ich will die liste schliefsen, welche sich mit Schnitzern, 
sowie auch mit ungenauigkeiten und willkttrlichkeiten in den be- 
deutungsangaben leicht mehren liefse, und nur noch hinzufügen 
dass te W. wahrscheinlich recht hat franseeren und frotsieren zu 
identificieren. doch geht die gleichheit vermutlich noch weiter, 
indem für das erstere froitseeren zu lesen sein wird, wenigstens 
wüste ich franseeren nicht zu erklären; lautlich ist es genau 
fn. froneer, bei Kilian fronssen ^falten', aber die bedeutung steht 
zu weit al9, während die von froisser gut passl. über die 
etymologie vgl. Diez Wb. n 313. das dort vermutete nord- 
ostfrz. froicker wird durch die nl. entlehnung froitseeren, frot- 
tieren gewährt (vgl. jedoch Förster in der Zs. für rom. phil. 
m 563). 

Wenn te W. beabsichtigt noch andere der in den Lancelot 
aufgenommenen stücke besonders herauszugeben, so wird er uns 
hoffentlich durch tüchtige Vorstudien in der angedeuteten richtung 
und durch ausdauernde vorsieht bei der arbeit in den stand 
setzen, seinen ferneren leistungen in allen stücken unsere an- 
erkennung zu zollen. 

Bonn, 9 mai 1880. Johannes Francs. 



Floris ende Blancefloer met inleiding en aanteekeningen door dr HEMoltzbr. 
GroniDgeD, Wolters, 1879. [23 lieferung der Bibliotheek van mid- 
deln. letterk.] xx und 145 ss. 8®. 

In dieser neuausgabe ist der text ganz anders behandelt, 
wie in der eben besprochenen, nicht nur die Verbesserungen 
des durchaus falschen, vielfach von de Vries herrührend, sind 



24 MOLTZEB FLORIS 

iu den text selbst auf'genommeD , sondero der herausgeber hat 
sich auch die mühe nicht verdriefsen lassen, andere unberechtigte 
eigentümlichkeiten der hs. aufzuspüren und mit den vermutlich 
ursprünglicheren formen zu vertauschen, es ist zwar in dieser 
hinsieht noch nicht so viel geschehen, wie ich wünschte; aber 
man muss jeden schritt mit freuden begrüfsen, welcher von der 
alten methode abführt, auch die Orthographie hat hier eine 
regelung erfahren, insofern als der ganze text gemodelt ist nach 
der Schreibung einiger fragmente einer zweiten hs. (B>. nicht 
ohne berechtigung, da diese zweite hs. dem ursprünglichen 
nlllier steht und, wie zu betonen war, auch entschieden flsimiscb 
ist. allein von nutzen kann die einführung einer bestimmten 
Orthographie nur dann sein, wenn sie derart ist, dass sie fOr 
alle fälle ausreicht, das gilt jedoch von der der fragmente gar 
nicht, im gegeuteil macht sich manches wunderlich, was aus 
ihr nun in den text übergegangen ist. so steht überall einfaches 
§, auch vor hellen vocalen. ich sehe nicht ab, wodurch die b&- 
voriugung dieser Schreibung vor der Grimmschen sich recht» 
fertigen liefse. das nnl. macht allerdings keinen unterschied in 
der ausspräche des g vor hellen und dunkeln vocalen, aber die 
überwiegende praxis der mnl. bss. führt auf einen solchen, die 
fragmente haben ferner die eigentümlichkeit, die lange der vocale 
hluüg unbozeichnet tu lassen, insonderheit vor r + consonanC 
der heraus};ebor bat diese weise für deu letzteren fall adoptiert, wie 
ich vermute deshalb, weil sie sich auch anderwärts Öfter widerfindtt. 
die erklürung dafür liegt auf der band, wenn wir manche echt fit« 
mische liss., zb. die des SAniand einsehen, so bemerken wir dass 
die vocale vor jener Verbindung ausnahmslos gedehnt waren, 
gerade aus dieser regehutlfi^igkeit der vocallänge leiteten nun die 
schroiber ihr princip ab nur den einfachen vocal zu setzen, nicht 
allein in irorr und tnle (terra), sondern auch in kort (audit) und 
ktrHf, uns aber ist doch nicht gedient mit Schreibungen wie 
kert iv. n, tfrsi (2S) usw., die geilen die hs. eingesetzt sind; 
und weniger berechtigt noch ist zb. gelesiem 2S34 nach B fttr 
$Mffsitm «B gkeieisiff^ in der vollständigen hs. <AK am ärger- 
lichsten ist mir die bezeichnung von t» mit «e. A ist glflcklidier 
wei^e eine von denjenigen hss.. die es häufig durch oo wider- 
^ebei). \\arum es nun mit dem vervi irrenden oe vertauschen, 
x^ eichen sich nebt'n oo in A und einigemal in B tindet? sehr 
stierend, um das hier anzuschliefsen, ist der al>erflüssige modus, 
auf die lesarten mit zahlen und Sternchen zu verweisen, wir 
Unden in folge dessen textieilen mit 4, textseiten mit 46 züieni 
verunsUiiel. 

W 29 und 634 ^ar kt^t^iatie zu schmben. — das «fenf 
der hs* T. 37 us«. darf nicht in sire geändert werden, siere 
m4 die bauäge und durdi nnme belegte contradion von timen» 
märend die bery^liliijning der anderen« ««itnerfn schrateng 



b festxuslelleD ist. — 109 ghesloott isl aicht zu andern, auch 
te Id8 usw. nicbu — 16) ist hadde gheseil vorjtuziehen. — 
37& branchL man wol nicht zu auiiem, nenu man anaimmt dasa 
der geniliv ia sifa zur verlretung von van gesladen moede stehe. — 
4ti4 I. imnt. — ilass v. t)19 unecht ht, wird auch durch g43 (I 
bestätigt. — sehr wilHiominen ist es dass die hs. 1)05 twi saittt 
hat; inan muss nur zusammenschreiben Itoiscatle, adverb = um 
doppelten preis (vgl. den (rz. iv\l ^a'a double i cnident yaaignier). 
das zugehörige substauliv lebt halb verkannt noch heute im Dflm. 
De ßo s. 1199 fuhrt an op dobbelen ttoeeschal werken, nur mehr 
bei einer bestimmten gelegi-nheit gebraucht im sinne von 'um 
eintsD viel höheren lohn arbeiten', twee tritt Tür Iwi ein, wie 
Oft^r, vgl. Itoeelicht bei Kilinn, und dobbel ist zugesetzt, weil dag 
wort an sicli vermuilich nicht mehr verständlich genuji! wiir. 
eine arge enlslellung desselben lehrt uns gleichralls De Bo, 
welcher aus den Cuulumen van Aeist in derselben bedeutung 
Im dobbtle» (' wijttchut ciliert. das adv. twiscatle auch mad. 
Scbiller-Lnbben iv Ö41. — 9^5 i. aUl waiede. — 977 ist nach 
der tas. und mit Hoß'mann ie zu setsen. — 979 len voden bei- 
zubeballen, desgleichen im lanc 1071. 1075. — 1114 lemeti. — 
1166 im mnl. hat die 2 p. -sing, des starken pmierilums in der 
regel den vocal des plurals; veneon* ist also gut. — weshalb 
1179 iede gelesen werden soll, wie im nachlrag bemerkt wird, 
ist mir unertindlich. — 1319 IT hati« ich die lebendigere direcle 
rede nicht weggeschalTt. gatfse stebl für gaefCse. der llbu-gang 
ID die indirecte kann nicht sehr auj^atlen. — warum soll rowet 
1291 geändert werden? — die Verbesserungen von de Vries 
1365 IT Echeinen mir zu gewagt (stfine Taalzuivering steht mir 
nicht zu geböte). — tä64 konnte Bodenm oder sodoHen stehen 
'oder — dh. wenn man es auch nicht gerade sol und ries 
nennen wollte — überhaupt solcher gesiunung'. — 165&a//ene. — 
16&6 — 8S bestehen im texte aus einer wunderlichen combination 
VDQ A und B. der grund, weshalb dieselbe vorgenommen wurde, 
ist mir nicht deutlich; sicher gesc^bah es ohne berechiigung. 
denn was A hat stimmt zum Trz. 1059 fT in gleichem mafse, wie 
die llberselzung im allgemeinen, wahrend die abweichungen und 
tiisaize von B in nichts durch das frz. oder hd. gedieht als ur- 
sprünglich erwiesen werden, der Schreiber von B hat demnach 
gelindert, warum, das wird schwer zu sagen sein, man lese 
(lie'^nze passage nach A. vers 1656 empfiehlt sich gedachte : 
onaaehtt; 1661 muss mit comma schliersen, — 1792 ftinneti. — 
1859 ist ein fehler in den lext hineincorrigiert. looer, welches 
doch wol = wäre sein soll, gienge schon nicht wegen der apo- 
cope; selbst wenn B das wort haben sollte — was ich aus den 
lesarlen nicht deutlich ersehen kann — , wiire es nur verschrieheu, 
wie BUS %verm hervorgeht, die nuttvendige bedeutung von vaer, 
portorium, die schon llofTmann in seinem glossar angegeben 



26 MOLTZ£R FLORIS 

halte, steht bei Kiliao. — 2124 I. dan du. bei wat darf dt 
roeken ist für dea sinn anders zu ergänzen. — die zu 2167 
gegebene erklärung ist unmöglich; denn abgesehen davon dass 
der bade doch gar zu schlecht hier passt, ist eine derartige Wort- 
stellung undenkbar, dass Diederic so sinnlos Obersetzt haben 
sollte, wie Jonckbloet zu glauben geneigt ist, nehme ich freilich 
auch nicht an. so lange mir nichts besseres einfällt, möchte 
ich lesen dat hi mi noch tuwen node. — 2460 die in diesem 
verse gemachte Verbesserung kann mir wider nicht einleuchten, 
näher läge gevaen, wenn überhaupt eine Änderung nötig wäre. — 
Seite 70 in dem prosastücke zeile 17 1. eender. — 2626 ver- 
stehe ich nicht, ich lese nach A ghine kennet wel / dat er idso 
vele jegen staen, dh. spielt nur, wenn ihr wisst dass auch gleich 
viel dagegen eingesetzt ist. — was heifst 'sanfte zOge' 2740? 
Hoffmanns erklärung ist ganz willkürlich, wir dürfen das wort 
ruhig dem Schreiber zurücl^geben, welcher ghedochte für ghedachte 
verschrieb und sich dann, so gut oder so schlecht es gieng, aus 
der klemme half, ähnlich, wie er es vorher 2734 getan hatte, 
lies also den ganzen vers ende maecte nauu>e drachtef: ghedochte), — 
3404 scheint mir doch dat clare licht richtig, zugleich ^sonne' 
und 'Sonnenschein'; die lucht wird 3411 genannt. 3405 stelle 
ich vor 3404. glatt ist die stelle dann jedoch noch immer 
nicht. — warum soll beme 3492 nicht gut sein? — die lesart 
von de Vries 3523 verstehe ich nicht, nach dem frz. kann kaum 
ein zweifei sein dass ein wort ausgefallen ist, entweder quaet, wie 
Moltzer dachte, oder eher onrecht. Flecke sagt 6632 ez entst niht 
redeUch, — 3715 ist hi beizubehalten. — 3872 wird wol ge- 
noot : brulocht groot (vgl. 3890) gestanden haben, der plural 
genoot ist gut, ich werde nächstens beispiele bringen. — 3825 das 
reimwort wird wol bare oder seebare gewesen sein, der vers 
würde dann zu lang, das kann aber die schuld der Schreiber 
sein. — mehr vermag ich vorläufig nicht zur kritik dieses textes 
beizutragen, für den noch manches zu tun bleibt und gewis mehr, 
als jemals erreicht werden wird, eine sehr grofse anzahl der 
verse hat eine auffallende ausdehnung. bei zweien konnten 
gröfsere stücke abgeschieden werden, die den Schreibern gehören, 
und einzelne werte sind vielfach in der vorliegenden ausgäbe 
getilgt worden, vielleicht sind solche Schreiberzusätze in gröfserer 
masse vorhanden. 

Die einleitung ist der frage über die quelle gewidmet. M. 
kommt zu dem resultate dass Diederic van Assenede mehrere 
französische zur version aristocratique gehörige hss., nämlich A 
und B, oder deren vorläge, aufserdem die vorläge des hd. ge- 
dichtes gekannt und benutzt habe, diese annähme, welche aus 
einer genauen vergleichung der verschiedenen bekannten hss. und 
bearbeitungen hervorgegangen ist, beruht auf ganz richtigen Vor- 
aussetzungen, ist aber trotzdem unwahrscheinlich, die Übersetzer 



HOLTZEH FLOR» 



27 



Horden sich nicht leicbt ihre sacbe so uolicquem gemacbt haben. 
ciD kleiner schrill weiter hatte zu dem richtigea resuilBle Ge- 
fährt, ilem, welches in der SundmacherscUen dissertation (Die 
altfr. und mhd. bearbeilung der sage von Flore und Blao' 
scbeflur, Güttingen 1S72) aurgealellt ist; diese scbrifi tvar Hol- 
tzer entgangen, auch die existenz des ndrh. gedicbtes scheint 
tbfli unltekannt geblieben zu sein, von dem wir durch Stein- 
meyers eniUeckung eine anzahl verse — leider nur so wenige 
— besitzen- doch hatte sich aus demselben kaum etwas eruie* 
reo lassen. 

Auf andere litte rarhistorische Tragen einzugeheu hat der 
herausgeker ausdiiickbch verzichtet, es wilre willkommen ge- 
wesen, von ilitit, der als herausgebcr mit dem stolTe und seinen 
verschiedenen bearbeiluugen besonders vertraut geworden sein 
musä, ein urteil über den wert des nl. gedichtes zu veruehmeu, 
seine Stellung genauer kennen zu lernen iwischen dem über- 
scbwtnglichen lobe ilolTniaans von Fallerslehen und der scho- 
nungslosen krilik Jonckhloets. ich stehe nicht an. auch hier auf 
Jonckbloets seite zu treten. Diederic zeigt sich durch auslassung 
von stUckt-G, die TUr die composition von Wichtigkeit sind, ferner 
in der ihm gehörigen eioleitung, in welcher das verschiedenste 
unverbuuilen zusammen geworren wird, als einen mann von gs- 
liDgera urteil und geschniacke. im allgemeinen schliefst er eich 
wörtlich, so gut es gebt, an die quelle an; auslassungen ent- 
springen nur äufseren rUcksicbten. Ober den sUndpunct des 
ndrb. dichter» sein^' quelle gegenüber wird sich aus den vor- 
handenen resteu nicht leicht ein sicheres urteil gewinnen lassen, 
eine der ahweichuugeu von dem frz. gedichte macht allerdings 
den eindruck einer eben erst vorgenommenen , absichtlichen 
Soderung (Zs. 21, 316^. das Schachspiel hat seine Wichtigkeit 
verloren, ist aber trotzdem stehen gebliehen; zur weiteren eut- 
wicielung ist dann ein motiv benutzt, welches fast unmittelbar 
vorher die dichtong schon einmal verwandt hatte, anderes scheint 
hingegen doch auf eine teilweise abwBicbende quelle hinzudeuten. 
$0 wol der name Cloris. der zng Terner, dass hier die liebenden 
nur 2 tage im türme zusammen weilen, macht dem längeren 
lusammensein in den anderen gedichCen gegenüber eher den eia- 
druck der altertümlichkeit, als der Vereinfachung, wie Konrad 
Pleoke seine quelle benutzte, darüber sind wir nun genugsam 
tinterHchtet. ich stimme im allgemeinen der rühmenden cbarac- 
teristik bei, welche man von ihm entwirft, die Vertiefung in 
jeder hinsieht ist niclit zu verkennen, und ganz besonders muss 
man die ansfllze zu einer energischen characterzeichnung betonen, 
die bei Flores valcr so deutlich hervortreten, dass über die ab- 
sieht kein zweifei obwalten kann, und doch meiue ich dass eine 
unbefangene hiieralurbetrachtung verlangt dem lobe auch einigen 
ladel beiiiuuischen. die mangel, welche ich entdecke, kann man 



28 MOLTZER FLORIS 

leicht unter ^inen gesichtspunct bringen : sie fliefsen hervor aus 
einem echt deutschen fehler, aus der einseitigen Versenkung in 
die idee, über welcher manche rücksicht auf andere erfordernisse 
eines kunstwerkes so leicht vergessen wird. 

Ist es nicht schon die idee, die sein urteil beeinträehiigt, 
wenn Konrad auch an der stelle, wo der racheschnaubende emir 
selbst bewegt wird von der treuen und opferbereiten liebe der 
beiden kinder, von denen keines ohne das andere leben will, 
sein leitmotiv von der siegreichen macht treuer liebe ausdrOck- 
lieb anbringt, statt die tatsacben allein würken zu lassen? ganz 
verfehlt scheint mir die betonung der Sittlichkeit bei dem Ver- 
hältnisse der kinder. sie berührt mich wie ein unzarter griff 
in das zarte gewebe der fabel, deren ganze anläge keine reflexion 
aber jenes Verhältnis erträgt, die anderen bearbeiter haben mit 
recht es dem leser überlassen, die liebe gerade so naiv auf- 
zufassen, wie sie selbst es taten, poetisch tactlos ist also 
Konrads verfahren jedesfalls; ich kann aber auch nicht einmal 
zücbtigkeit darin entdecken, reiner erscheint die art und weise 
der anderen bearbeiter, die über diese dinge anstandslos hinweg- 
gehen, wie die seine, wenn er lange reflectierend dabei stillsteht, 
das letztere ist dogmatisch gewordene moral, an der wOrklicbe 
empflndung wenig anteil mehr hat wie unnatürlich, wie wider- 
wärtig ideal geradezu wird der dichter in der Schmetterlinge- 
scene I Claris kann in jener Situation gar nichts anderes tun, als 
schreien, aber dafür hat sie, die kOnigstochter, eine viel so 
gute höfische erziehung genossen, und dann muss ihr auch die 
treue freundschaft zu Blanscheflur so gegenwärtig sein, dass sie 
sofort auf den richtigen Zusammenhang kommt, und auf die Um- 
gestaltung tut sich Konrad noch etwas zu gute I mit kaltem herzen, 
mit einem argen verstofse gegen die poetische gerechtigkeit wird 
am Schlüsse Claris, das mädchen, welches unsere volle Sympathie 
besitzt, dem grausamsten geschicke überlassen, warum diese hirte 
gegen die bessere angäbe der quelle? damit durch den gegensats 
der sinnlichen und herzlosen liebe des beiden die reinere liebe 
der Christen um so mehr glorificiert erscheine. 

Doch ich habe den ort vielleicht schon zu sehr misbraucbt, 
um über dinge zu reden, die mit meiner eigentlichen aufgäbe, 
der besprechuug des Moltzerschen buches wenig zu tun haben. 
wir wollen, um zu ihm zurückzukehren, nicht rechten über das, 
was dasselbe uns nicht gibt, wir wollen dankbar annehmen, was 
es bietet und noch einmal den fortschritt in der methode der 
herausgäbe begrüfsen: bofTenllich ein endgiltiger absagebrief an 
das alte verfahren, ein anfang, der zu weiterem und vollendeterem 
führen wird. 

Ober die ausstattung der hefte brauche ich nichts zu sagen; 
die Bibliotheek erscheint schon so lange, dass sie allgemein ge- 
kannt sein wird, eins nur — freilich etwas wenig lobenswertes — 



MOLTZER FLORIS 29 

mochte ich bemerken, der Moriaen ist auf zweierlei papier ge* 
druckt Y uDd es ist nicht das erste mal dass der yerleger diese 
sflnde gegen das publicum begangen hat. 

Bonn, 11 mai 1880. Johannes France. 



Ober die zdifolge in der abfassang Ton Booers fabeln und über die anord- 
nong derselben, inaaguraldisacrtation Ton Reinholo Gottschick. 
Halle 9ß. 1879. 32 ss. S^ — 1 m. 

Diese sorgfältige arbeit wendet sich fast ausschliefslich gegen 
meine abhandlung Zur kritik Boners Zs. f. d. ph. ti 251 — 290. 
allerdings nur gegen einzelne kleine teile derselben, nach einigen 
kurzen angaben über Boner und die quellen seiner fabeln, mit 
denen schon verschiedene Untersuchungen Gottschicks sich be- 
schSfligten , handelt er s. 6 — 24 Ober die reime des Edelsteins 
und b^Qht sich meine ansieht zu widerlegen, dass die nach 
A?ian gearbeiteten fabeln mehr ungenauigkeiten aufweisen als 
die, deren quelle der Anonymus des Nevelet ist. ich meine dass 
ihm diese Widerlegung, die nur etwas knapper hatte ausfallen 
können, vollständig gelungen ist, und ich gebe die annähme auf. 
sie bildete in meiner darstellung den ausgangspunct für eine be- 
trachtung, die zu dem Schlüsse führte dass die Avianfabeln früher 
gedichtet seien, als die nach dem Anonymus, das schien mir 
durch eine nähere prüfung der einzelnen fabelgruppen bestätigt, 
ober diese spricht G. s. 24 — 31 und teilt nicht meine meinung. 
seine erOrterungen, die hier naturgemäfs auf viel weniger sicherem 
boden sich bewegen, sind mir nicht so überzeugend, dass ich 
meine aufTassung verlassen müste. — nur einiges in kürze. 
Gottschick ist gewis mit mir der ansieht dass Boner nicht alle 
seine stofTbücher gleichzeitig vor sich liegen hatte und aus den- 
selben bald da, bald dort ein stück entnahm, sondern dass er 
die Sammlungen, jede für sich, ausbeutete, wie sie ihm bekannt 
wurden oder zur band kamen, die Vermutung etwa, dass er nur 
^in fabelbuch gehabt habe, welches alles von ihm benutzte ent- 
hielt, wird schwerlich jemand aufstellen, so holte er aus Avian 
und dem Anonymus das meiste; als diese beiden quellen erschöpft 
waren, griff er nach anderen, nun aber lehrt eine Übersicht 
von Boners fabeln und ihren quellen (die man sich leicht ent- 
werfen kann , wenn man in die von mir aao. s. 283 gelieferte 
tabelle G.s nachweisungen einträgt) dass zwar in zwei haupt- 
massen die Avian- und die Anonymusfabeln beisammen stehen, 
jedoch nicht ohne Unterbrechungen und Vermischungen: diese 
finden sich an verschiedenen stellen, die letzten 9 (8) stücke ge- 
boren keiner der beiden hauptquellen an. unter der angegebenen 
Voraussetzung führt das, wie ich denke, zu zwei Schlüssen: 1. die 



30 



GOTTSGHICK BONERS FABELN 



fabeln sind uicht alle in der folge gedichtet ^ wie sie in der 
Sammlung vorkommen. 2. die Umstellungen, wodurch in die 
messe der tiner quelle entnommenen stücke andere sich ein- 
schieben, sind nicht zußillig geschehen, sondern absichtlich 
bewerkstelligt, von vorne herein gibt die anordnung in dem 
vollendeten werk gar keine gewähr, ob die Avian- oder die 
Anonymusgruppe — diese beiden enthalten zusammen 75 fabeln 
und kommen daher zuvörderst in betracht — früher gedichtet 
worden sei. — bleiben wir hier einen augenblick stehen und 
sehen uns um, ob nicht noch andere Zeugnisse vorhanden sind, 
dass die in der Sammlung vorliegende reihenfolge der stücke 
unursprünglich ist 

Da ist folgendes zu erwägen, ich hatte es schon angedeutet 
und G. widersetzt sich dem nicht dass die vorrede nach der 
1 fabel gedichtet ist. der schluss dieser (vom bahn, der einen 
edelstein statt des erwünschten haberkorns findet) nämlich zeigt, 
wie sie zuerst als einleitendes gedieht aufgefasst war. man lese: 

dis bischaft si geseü st erkennetu nicht des Steines kraft, 35 

noch minr, waz in der bischaft 
verborgen guoter sinnen ist, 
dar zuo vil manger höher list: 
die den narren vrömde sint. 
gesehende sint die narren Mint. 40 
der töre der sol vür sich gän 
und sol die bischaft läzen 

stdn: 
im mag der vrüchte werden nicht, 
recht als dem hanen im beschicht. 



dem tören, der sin kolben treit, 
25 der ist im lieber denn ein rieh. 

dem tören sint al die geltch, 

die wisheit, kunst, er utide guot 

versmähent durch ir tumben muot ; 

die nutzet nicht der edel stein. 
30 eim hunde lieber ist ein bein 

denn ein pfunt, daz gloube mir. 

abö stdt ouch der tören gir, 

ir Sitte und ir geberde 



üf üppekeit der erde. 

mir scheint die stelle nur dann sinn zu haben, wenn damit würk- 

lich auf die beispiele, die nun kommen sollen, hingewiesen wird. 

die Wendung der fabel, die Boner ihr gegeben hat, von den 

pulcra dona sophiae des Anonymus auf die bischaft, bezeugt es 

doch deutlich. — der schluss der dritten fabel lautet: 

Der mit der zungen schaden tuot, wem min geticht nicht wol 65 



vor dem ist küm ieman behuot; 

55 diu valsche zunge stiftet mort. 
noch sneller ist des argen wort, 
denne von der armbrost si 
derphil. wer mag denn wesenvri, 
daz er müg hin dn rede komen 

60 der argen? daz ist nicht ver- 

nomen. 
mag ich dn red hin komen nicht, 
wel wunder, Hb mir daz beschickt I 
daz vil mangem vromen man 
beschicht, dem mag ich nicht engdn. 



gevalt, 
ez si wip, man, jung oder 

alt, 
der Idz mit züchten ab sin 

lesen; 
wil er, so Idz ouch mich genesen, 
und wd diz buoch gebresten 

habe 
üf keinen sin, den nem er abe: 70 
diiz ist min begirde guot. 
er sol wol vinden, der wol tuot. 



GOTTSCHICK BOMERS PABBLN 31 

die stelle 65 — 72 war mir auch merkwürdig gewesen und ich 
hatle allerlei Vermutungen darüber aufgestellt. G. sagt s. 26: 
^dagegen sind die verse 65 ff in einer der anfangsfabeln völlig 
an ihrer stelle, man hätte demnach anzunehmen dass Boner 
diese fabel, die er dem Avian entlehnt hat, gleich zu anfang 
seines buches gedichtet habe, doch kann ich den zweifei nicht 
unterdrücken, ob die verse 65 — 72 würklich echt sind und zum 
vorhergehenden genau passen, der inhalt der verse 53 — 64 ist: 
böse Zungen stiften so viel schaden, dass niemand sich vor ihnen 
retten kann; es ist daher kein wunder, sagt Boner, wenn auch 
ich nicht der Verleumdung der bösen, die schon so mancher 
fromme mann hat aushalten müssen, entgehe, hiermit hat das 
lesen des buches, von dem im folgenden gehandelt wird, streng 
genommen nichts zu tun; auch fehlen diese verse (65 — 72) in 
B, der handschrift, die uns manchen echten ungenauen reim be- 
wahrt hatte, so scheint mir die möglichkeit, dass diese verse 
unecht seien, nicht ausgeschlossen, in dem falle würde die ein- 
schaltung dieser dem Avian entlehnten fabel an dieser stelle wol 
nicht von Boner selbst herrühren, sondern erst erfolgt sein, 
nachdem jene verse am schluss angefügt worden waren, dies 
alles muss jedoch eine Vermutung bleiben ohne zwingende be- 
weisführung.' ich möchte sagen: ohne irgend welche beweis- 
kraft. denn es gibt meines erachtens keine möglichkeit, diese 
verse Boner abzusprechen, ich ilnde keinen Widerspruch, auch 
keine lücke. im gegenteil. Boner redet ja von dem tadel, den 
er erfahren hat, schon v. 61 ff und verwahrt sich nun in bezug 
auf seine begonnene arbeit vor ähnlichem Schicksal (vgl. vorrede 
V. 54 ff), wenn in B 65 — 72 fehlen, so scheint mir das schon 
in der vorlege von B durch zufall geschehen zu sein, 60 — 72 
fehlen auch C. verse eines anderen, später zugefügt, müsten 
irgend etwas störendes enthalten ; und vor allem, weshalb sollten 
sie hinzugedichtet sein? dafür, dass nach Boner noch jemand 
die Sammlung umgeordnet habe, gibt es auch nicht den schatten 
eines anhalts und G.s ganze weitere erörterungen bauten darauf, 
wie sich von selbst versteht, dass die vorliegende Ordnung auch 
die Boners sei. diz buoch v. 69 kann nicht auf das abgeschlossene 
werk verweisen, denn 67: der Idz mit züchten ah sin lesen 
wäre dann sinnlos, am besten schickt es sich, wenn diese verse 
den schluss eines anfangsgedichtes ausmachen, das ist auch G. 
klar, doch davon später, jetzt mache ich nur nochmals darauf 
aufmerksam dass unter den 100 fabeln diese dritte auch die erste 
aus Avian entnommene ist. aber während bei der Aviangruppe 
in gleichmäfsiger folge aus der quelle nacli ihrer Ordnung 1 — 29 
ausgewählt sind, ist unsere dritte fabel die 17 des Avian. 

Ich halte für sicher dass die vorrede nach der ersten 
fabel, die ursprünglich einleitete, gedichtet ist. die verse 64 ff 
lauten : 



32 GOTTSCHICE HOMftS FABELN 

Diz hüechlin mag der edtlttein 

%tol keisem, wand es in m irdi 

kixkaft manfer kbiogkeit, 

mmd §ebirt auch simne §M0t, 

mUam der dmn die rim imei. 

wer nikt erketmei ttol den stein 

und sine kraft, des nui% isi klein, 

wer eben hin die bischafi sieki 

mnd inwendig erkennet nieki, 

vH kleinen nmiz er dd von kdt, 

als wel Ate ndck gesekriben stäi. 
sie sind nar daoD TersUndlich, weoD die 1 fabel vmawgeMtil 
wird, da steht das stflck tooh edelsteia an der spitie. «ad 
die BonU womit die Toirede schliefst, ist auch die der 1 fahd 
das oangdKehrte kann aicbt stattfindeo, sowol des edel sie ias 
wegeo. als weil man dann nicht wüste, weshalb Boacr gerade 
anf diese lehre in seiner vorrede zu sprechen kommt« die nnfMr 
in der 1 auch noch in der 2 fabel steckL — in der vomde 
heilst es anch t. 39 ff 

Dd van kab tdk, BamihMS, 

bdtümben astien sin eisus^ 

das ick kab mange bisckaft 

fmadbl. dn gröze tsuisiersekaft. 

se l»ebe dem erwirdegem mcm 

ron Ringgestberg kern Jokmn^ 

se tfuisA mii sietkien Worten, 

eimrat am allem artest^ 

van latine^ als iek ez tarnt 



da ist afeo gewis nicht das ganze werk fertii: gewesen: man 
sehe nnr. wie andere Boncr in der nachrede sprichL 

Darans schon ist zu ersehen das« Torwort nnd scUnss^woft 
rtn dem esUe diss bmaekes nicht zu derselben zeit gcdichlcl 
worden, die nachrede hellet sich nnmittelbar an die letzaEW 
woffte der 100 fahd nnd nimmt sie anf. Tgl. UXi. S^ ff. sie 
setzt ale 100 fabeln n>raK. denn es sieht t.^9 ff 

kmmden Usdmft kek kk geie^ 

am ds% bmatk, die nickt betieü 

simt mut kimagem wastem^ 
die nJKhsten vcne nehme n dann die ansdrAcke der vorrede 
schBefiend wider auf. v. 33 ff Unten: 

wer dost rar Minr kctret IfHsn. 

der naiese sseüg temer vont. 
$^ m^ der dem es se lieke si 

gteidii^ der aäese wesen rrl 

rer allem mngimk iemer me. 

sin sei berimde m iemer vel 



Bomcmct BONsaa rABttit 



83 



ton Rtngge>\berg iu er genant: 
40 gol müeze er iemer xiii htkantl 
ich denke dass die verse, welche auf den Kioggcnberger sich 
beziehen, nur dann richtigen sinn geben, wenn dieser bereits 
tot ist. das ungtük v. 37 llinde slati, nenn eioträle nas 
V. 3S ablialteii soll, so kann man nur von einem toten sprechen 
und such v. 40 kann nicht Ober einen lebenden gesagt sein, 
damit t^lll zugleich die grenze von 1330—1340, welche man fdr 
die sbrasBung des werkcs angesetzt tinl, da der von Ringgenberg 
1S40 zu Bern gestorben ist. für gewis darf nur gellen dass 
10T i 340 jener teil des Werkes fertig war, dem Boner seine ror- 
redc mitgab. 

Es ist erwähnt worden, die besprochene 3 fahel sei auch 
die erste, deren stofT dem Aviao entnommen wunle. nnn aber 
steht sie nicht an der spitze von Arianrabein. es fulgl victmehr 
die masse der Anonymusstucke, erst 42 findet sich wider eine 
der fabeln aus Avian, erst 611 beginnt die ganze reihe derselben, 
weshalb steht diese eine Aviaufabel so isoliert? ich hatte aaa. 
». 286 darüber gesagt; 'die drille wurde wol der redt n-egen 
3, 39. 3, I IT tiereingebracht'. Goltscliick verwirft das, indem er 
9. 2^ r schreibt: Ma jedoch sonst in der nutianwendung der 
3 fsbel Ton redt nichts Torkomml, ist es sehr unwahrscheinlich 
dass ein einzelnes, vielleicht nur zufutlig angewandtes wnri die 
veranlassung zu der einschaltung gewesen ist.' aber ninn lese 
den »chluss der 2, den anfang der 3 l'abe.l: 
2, 37 her an mag gedenken wol 

der mensche, der gol dienen sol: 

der sol durch kein red abe iiln. 

er Kol an stiettm dienst best/In. 
3, 1 Der IhtU rede isl maHigvalt, 

si hindersttIdeiU jung urut alt usw. 
ich glaube dass die gefahr tibler nachrede, auf die sm schluss 
der 2 fabel hingewiesen wird und womit die Avianfabel beginnt, 
Veranlassung gab, diese aus ihrer stelle, wo sie die Avianfabeln 
einleitete, wegzurücken und als dritte hier einzuordnen. — noch 
einmal, nr 42. kommt eine Avianfabel unter die AnonjmusslUcke. 
ich halte darüber aao. s. 287 behauptet: '41 erzählt die bekannte 
fabel von der arbeilenden ameise und der faulen Iliege. nun 
kommt plülzlich eine fabel aus AvIan , die 34. sie ist herein- 
gebracht, weil sie ganz denselben stotT behandelt, wie die vorher- 
gehende, nur wird statt der fliege die bcuschrecke genannt.' 
Gottschick bemerkt dazu s. 29: 'der Zusammenhang zwischen 
Bon. 41 und 42 ist zwar keineswegs so unzweifelhaftd), wie 
ScbOnbadi annimmt, indessen wBre es denkbar dass Bon. 42 ans 
Avian hier deswegen eingeschaltet ist, weil der stoff der crziihlung 
abnlichkeit mit dem von Bon. 41 bat.' aber es ist nicht blofse 
Ähnlichkeit, die slolTe sind identisch, nur sind sie zn verschie- 
A. F. D. A, VII. 3 



34 60TT8CHICK BOREBS PABEUI 

denen lehrzwecken ausgenutzt, auch beim Anonymus schliebi 
die ameise: 

Si potes aestivi dono durare favoris, 
cetera quum pareant, non tibi parcit hiem$ 
und bezeichnet damit die ältere Stammfabel , die in einen red^ 
Wechsel umgeformt worden ist mit der lahmen moral: 
Dulda pro dulci, pro turpi turpia reddi 
verba söhnt; odium lingua fidemque parit. 
ich meine, in der Stellung der beiden Avianfabeln liegt ein be- 
stimmtes indirectes Zeugnis dafür, dass die Anonymusfabeln im 
ganzen zu 6iner zeit, die Avianfabeln im ganzen zu einer andern 
abgefasst wurden. 

Welche die früheren sind , dafür brachte ich aao. s. 284 f 
folgendes argument vor: *die moralisationen, welche an die Avian- 
fabeln geknüpft sind, haben einen anderen character als die 
mit den Anonymusfabeln verbundenen, sie schliefsen sich enge 
an die erzählung an und leiten aus derselben einen allgemeinen 
moralischen satz ab. die belehrungen aber in der zweiten partie 
entfernen sich von der fabel und erörtern am weitleben die 
probehaltigkeit des deducierten satzes. es scheint mir dies ein 
zeichen gröfserer reife und erfahrung.' dagegen sagt Gottschick 
s. 27 : 'daher ist denn auch die beobachtung Schönbachs gerade 
in der entgegengesetzten weise zu erklären, als wie er es tut. 
Boner hatte bereits in den früheren fabeln den grösten teil seiner 
allgemeinen lebensregeln vorgeführt, als er zur 63 fabel kam, so 
dass ihm für die späteren fabeln nicht mehr so viel allgemeines 
zu geböte stand, übrigens hat schon Goedeke aao. nachzuweisen 
gesucht dass eine art von natürlichem zusammen- 
hängendem fortschreiten der moral von den ersten bis 
zu den letzten stücken Boners vorhanden sei.' das steht nicht 
bei Goedeke Deutsche dichtung im mitteialter s. 652. dort steht 
nur, was hier gesperrt zu lesen ist, mit der einschallung: ^ — wie 
schon aus den ersten und letzten stücken sich aufdringt — '. 
das ist aber etwas allgemein bekanntes, und von einem nach- 
weise für die ganze folge der fabeln ist nirgends die rede, ein 
solcher wäre auch nicht wol möglich, wenn meine beobachtung 
richtig ist: diese widerspräche. G. bestreitet sie nicht, er zieht 
nur andere consequenzen daraus, ich glaube jedoch dass ich in 
der beschaffenheit der letzten fabeln einen gewichtigen zeugen 
habe, nach G.s annähme müste Boner hier am wenigsten all- 
gemeines zu sagen gehabt haben; aber das ist nicht der fall: 
die moralisationen sind da ganz reichlich und in 94 ist Boner 
gewis nur deshalb nicht zu worte gekommen, weil er dem meister 
die ganze lehre in den mund gelegt hat. damit stimmt, was ich 
aao. s. 286 schrieb: ^schon die angeführten Stoffe (der fabeln 
92 — 100) sind von der art, dass sie kaum zu anderer zeit, als 
im höheren alter können bearbeitet worden sein, noch mehr 



GOTTSCHICX BOIlEaS FABELN 



35 



aber zeigen die moralisatioDen die grämliche uDiufriedenheit, 
weldie aus traurigen lebenserrahruugea hervorgeht, wahread 
die früheren fabeln saizc — ich mochte sagen — activer moral 
Tortrageu, lehrt Bonerius hier die Weisheit der resignatioo.' auch 
mit (ieni allgemeinen lauf menschlicher dinge etimmt der von 
mir angenommeDe gang hesser üherein: Weisheit kommt und 
wächst mit den jähren. — so denke ich dass mein argument zu 
recht bestehen bleibt. 

Und auch nur dann, wenn man die masse der Avianfabelo 
fUr früher verfasst hält als die der Anonym usfaheln, wird die an- 
ordnung des ganzen begreiflich, ich nehme an: Boner schrieb zu- 
erst die fabeln, bei denen er Avian benutzte; die jetzt die drille 
ist, war damals zur eingangsfabel gemacht, dann — vielleicht 
Dich etlicher zeit erst — wurde die masse der stücke nach dem 
Anonymus gedichtet, auch sie hatle in der jetzigen 1 ihre eiu- 
leitungsfabel. beide gruppen wurden nun vereinigt; ob schon 
mit 43. 48. 49. 52. 53. 58. 70 — 72. 74. 76. 82. 85. 87. 89 
ist Dicht zu sagen, das entstandene buch wurde von dem autor 
als ein ganzes betrachtet und mit der vorrede dem herra von 
Ringgenberg dediciert, dass das werk ohne die letzten fabeln 
längere zeit existierte, beweisen, wie mir scheint, unwiderleglich 
die hss. ; denn in bezug auf die letzten nnmmeru herscht da 
nicht blofs r.onfusion an und für sich, sondern die bss. dilTerieren 
hier auch im lezt viel, viel stärker als sonst, wie ich bereits aao. 
8. 266 notiert habe. — im hohen alter und nach dem tode des 
gODners wurden die letzten stücbc ahgefasst und die schluasrede, 
welche uun die zahl 100 schon berUcksichtigen durfte. — 

Ich widerhüle dass es mir durchaus riclilig scheint, was in 
der vurliegenden schrift (^oiiscbick gegen meinen aus der be- 
scbalfenbeit der reime entnommenen grnnd aufseri. aber dieser 
war gar nicht die stutze meiner ansieht, er war nur mein aus- 
gangspuncl für die darstellung, nicht einmal für die Untersuchung; 
denn in Wahrheit brachte mich meine quelientabelle auf den ge- 
danken, nacbzuseheu, ob ein Verhältnis der abfassungszeiten xwi- 
sdieo den beiden gruppen festgestellt werden künnte. bei dem 
damals gewonnenen resultal muss ich uuch nach Gottschicks 
Schrift bleiben, ja ich glaube, da ich neuerdings geprüft habe, 
noch fester daran. 

Die Borgfall, welche Gottschick in dieser ahhandlung gezeigt 
liBl, Beine vorarbeiten (von denen die in der Zs. f. d. ph. vii237 
indessen mich nicht überzeugt hat) lassen es wünschenswert er- 
Bcbcinen dass er noch weiter mit der fabeldichtung sich befasse, 
vielleicht mit einer neuen ausgäbe Boners, für welche nach 
Pfeiffer noch vieles zu tun erübrigt. 

Graz 20. 5. SO. Anton ScuOkbaui. 



36 HADAMAR BD. STEJSKAL 



fiadamara von Laber Jagd, mit einleitung und erkläreDdem commeDtar 
herausgegeben von dr Karl Stejskal. Wien, Holder, 1880. xlit 
und 219 88. 8*. — Gm. 

Einem heraosgeber der Jagd treten grofse Schwierigkeiten 
in den weg. das gedieht hat sich freilich in zahlreichen bss. 
erhalten, doch ist es kaum möghch, mit voller Sicherheit die ge- 
schichte der Überlieferung aus ihnen zu erkennen, die ver- 
gleichung der hss. lenkt die aufmerksamkeit zu allererst auf die 
abfolge der Strophen: diese ist eine sehr verwirrte, in allen hss. 
vom ursprünglichen entfernte, den haupterklärungsgrund hiefÜr 
bietet ohne zweifei die natur des werkes selbst, die dem äuge 
eines gewöhnlichen Schreibers sicher keine Vorstellung eines be- 
stimmten gedankenganges, eines Zusammenhanges, der sich von 
selbst aufdrängte, gewährt haben mag. dennoch versuchte der 
herausgeber hauptsächlich auf grund der Strophenfolge die ge- 
schichte der Überlieferung und damit die grundsätze der kritik 
zu gewinnen, da aber die einleitung der ausgäbe selbst nicht 
die ausführliche begründung enthält, sondern auf den vorbe- 
reitenden artikel Stejskals Zs. 22, 263 ff verweist, so sei mir 
gestattet, im folgenden auf die dortige darstellung mich zu be- 
ziehen. 

St. unterscheidet aao. s. 289 zwei hauptgruppen der hss., die 
€r aus zwei typen x und y ableitet: aus x stammen E a e h, aus 
y A B C F b c d f g. als classenmerkmale sieht er drei durch- 
gängige unterschiede an: 1) y lasse auf str. 241 sogleich 271 
folgen und setze 242 erst nach 277, x aber halte die gehörige 
Ordnung ein; 2) y schiebe 285 und 284 zwischen str. 291 und 
292, nicht aber x; 3) y allein widerhole 213 zwischen 426 und 
427.^ in allen diesen fällen enthalte y den fehler. 

Ohne zweifei werden dadurch die hss. A . . . . g in eine 
gruppe zusammengeschlossen und setzen eine gemeinsame vor- 
läge voraus. St. hätte aber sogleich bemerken sollen dass nur 
merkmal 1) tatsächlich alle in y vereinigten hss. von den gegen- 
überstehenden trenne, dass jedoch schon bei 2) und 3) die nur 
zu zahlreichen kreuzungen in der Hadamar- Überlieferung ein- 
treten: E aus der classe x teilt nämlich 2), h aus derselben 
gruppe aber merkmal 3) mit der classe y. strenge, in allen 
3 puncten, sondern sich nur a e von y. immerhin aber ist zu- 
zugeben dass 1) für sich allein gewicht genug hat, um trotz den 
kreuzungen die trennung des y von x aufrecht zu erhalten, diese 
berührungen gesonderter gruppen, die sich schon bei jenen, 
im allgemeinen durchgängigen classenmerkmalen zeigen, erstrecken 
sich nun noch auf andere, gewissen Unterabteilungen in y ge- 
meinsame keunzeichen. so widerholen B c f die str. 13* zwischen 

* mit St. bezeichne ich im folgenden die widerholungsstrophen durch *, 



HADAMAB ED. STEJSKAL 37 

501 und 502; dasselbe tun Ea ^ von der anderen classe; b, das 
nadi merkmal 1) 2) zu x zu zählen ist, zeigt eine aufßlllige Ver- 
wandtschaft mit A: dieses schiebt nämlich allein unter allen hss. 
seiner classe nach 179 eine längere reihe von str. ein, die hier 
keinesfalls an ihrem platze sind; denselben einschub enthält auch 
h — zwar nicht in völlig gleicher weise (vgl. später s. 44 f), doch 
so, dass man ohne Widerrede hierin die einwürkung desselben 
einflusses auf A und h erkennen muss. neben dieser sehr auf- 
follenden Verwandtschaft wider sehr bedeutende abweichungen, 
die b auf die seite x hinüberziehen, ähnlich zeigt f, das sonst 
ganz zu B gehört, am Schlüsse starke berührungen mit e (vgl. 
Zs. 22, 291). 

Lassen wir vorläufig x und die berechtigung, die unter 
diesem typus vereinigten hss. in der tat auf eine gemeinsame 
quelle zurückzuführen, aufser acht und versuchen wir die classe 
y zu gliedern, die vergleichung ergibt 5 momente: 1) str. 276 
fehlt in AB Chef (d ist an der betreffenden stelle lückenhaft), 
gegenüber Fg. 2) str. 172—177 fehlt in BCbcf gegenüber 
A F g (auch hier ist d lückenhaft). 3) A B b d f einer- und Feg 
andererseits stimmen in der anordnung der str. 1 — 20 überein 
(hier ist C lückenhaft). 4) schieben Feg zwischen 464 und 465 
die Str. 606 ein, gegenüber A B b d f (auch hier ist C lückenhaft) ; 
ebenso schieben Feg 5) die slr. 610. 529 zwischen 478 und 
479 ein, gegenüber A B Cbd f. in den puncten 1) 2) 4) 5) ist 
der fehler auf seite der jedesmal zuerst genannten gruppe, in 
punct 3) auf beiden selten, behalten wir zuerst 1) 2) 4) 5) im 
äuge, daraus ergeben sich als völlig sicher zusammengehörig 
die hss. ABCbf einer- und Fg andererseits: es handelt sich 
nur um die Stellung der hss. c und d. wir stehen bei c wider 
kreuzungserscheinungen gegenüber: die fehler 1) und 2) teilt es 
mit der einen, 4) 5) mit der anderen gruppe. die kreuzungen 
halten sich also die wage, bei dem versuche kreuzungserschei- 
nungen zu erklären begeben sich die herausgeber zumeist auf 
das gebiet gewagtester hypothesen : benutzung mehrerer hss., An- 
fügung fremder slrophen und lesarten aus dem gedächtnisse, 
einschaltung an den rand der vorläge geschriebener, anderen hss. 
entnommener Strophen usw. wird vermutet — das eine meistens 
ebenso wenig beweisbar als das andere, wo nicht ganz bestimmte 
historische, oder in äufseren indicien der hs. selbst liegende 
anhaltspuncte vorhanden sind, ziehe ich es vor mit Heinzel 
(Zs. 21, 155) einzig die quantilätsverhältnisse sonst gleichwertiger 
kreuzungen mafsgebend sein zu lassen. bezügUch der hs. c 
ziehe ich daher als entscheidend das merkmal 3) herbei und stelle 
sie zu F g. 2 dieses resultat wird auch nicht dadurch entkräftet 

' in E steht str. 13 nicht als widerholangsstrophe , weil die hs. am 
orte, wo 13 zum ersten male stehen sollte, lückenhaft ist. 
' Tgl. auch spater s. 4t. 



38 HADAMAR BD. STEJSKAL 

dass c mit Bf die eiDSchiebung von 13* zwischen 501 und 502 
teilt» die in Fg nicht eingedrungen ist; denn darin kreusen sich 
nicht die beiden Unterabteilungen der classe y^ sondern die 
ganze classe y mit x; eine bestätigung dessen, dass c diese wider- 
holungsstrophe nicht den hss. B f (oder deren vorläge) entnimmt^ 
finde ich darin dass c nicht mit Bf 13* und 14*, sondern mit 
£ a biofs 13 * aao. einschiebt. — was d betrifft, so ist es gerade 
in den puncten 1) 2), welche gemeinsame fehler der Unter- 
abteilung A...f nachweisen, lückenhaft, demnach tritt das 
merkmal 3) methodisch in volle würksamkeil und muss auf gnmd 
dessen angenommen werden dass d auch in 1) 2) mit A...f 
tibereingestimmt hätte. — die stelluog der hs. A kann nicht 
zweifelhaft sein: durch 1) wird sie mit B...f vereinigt, 2) aber 
lehrt dass sie selbständig aus der vorläge stammt, aus welcher 
die (dem A parallele) gemeinsame quelle von B . . . f abgeleitet 
werden muss. — in 1) 2) 4) 5) fanden wir den fehler jedesmal 
blofs auf der einen seite, in 3) sind beide gruppen in charac- 
teristischer weise fehlerliaft: und die gliederung, die aus 3) sich 
ergibt, bestätigt glänzend die für die meisten hss. aus jenen 
anderen merkmalen abstrahierte, also: 

y •_ 

u 
Vi Feg 
Bc'bTf 

Stejskals resultat stimmt mit dem hier gewonnenen bis auf 
die einordnung des A überein. er leitet nämlich A ohne ein 
mit BCbdf gemeinsames mittelglied aus y ab; v^ fehlt daher 
bei ihm. sein Schema ist 

y 

.— — — ^ ■ 



W V u 

A BCbTf Feg 

er hat dabei übersehen dass A den fehler 1) mit B . . . f gemeinsam 
hat. es sei mir gleich hier gestattet ein wort darüber zu sagen, 
warum ich eigentlich die Untersuchung des hssverhältnisses aus 
der Strophenfolge widerhole : ich möchte nämlich den unterschied 
zwischen der analytischen methode der kritik, welche ich hier 
übe, und der synthetischen Stejskals hervortreten lassen. St 
untersucht jede hs. zuerst einzeln, stellt dann diejenigen zu- 
sammen, die am meisten mit einander übereinstimmen und ver- 
einigt diese kleineren gruppen zu gröfscren. der andere weg 
ist der, zunächst die hauptgruppen zu suchen, dann diese bis 
auf die einzelnen giieder zu sondern; St. ist ihm nur so weit 
gefolgt, als die Unterscheidung der zwei hauptabteilungen x und 
y es verlangte, er hätte aber auch ferner auf ihm bleiben sollen, 
statt die methode zu verändern, denn zuerst ist offenbar dass 
beim herabsteigen von den allgemeineren typen zu den einzelnen 



HADAMAR ED. STEJ8KAL 39 

heute uns vorliegenden hss. eines der verlorenen mittelglieder, 
über welches hin wir allein zur jüngeren gruppe und endlich 
zu den auslaufern gelangen können , nicht so leicht übersehen 
werden kann, als bei der synthetischen methode, welche wol 
nach allgemeiner Übereinstimmung verwandtes zu constatieren, 
aber die art, wie ein einzelner fehler doch in jedes der ver- 
wandten glieder eindrang, erst auf rückläufigem wege (der zur 
analyse führt) ersichtlich zu machen vermag, dabei aber leicht 
eines der überleitenden glieder aufser acht lässt. so ist es hier 
Stejskal bezüglich des A ergangen, die analyse hat demnach den 
vorteil dass ihre entwickelung genau dem gange entspricht, auf 
welchem die ursprüngliche Überlieferung vervielfältigt wurde; nur 
durch sie treten die tatsächlichen Verhältnisse innerhalb einer 
tradition und die Schwierigkeiten, welche ihrer systemisierung 
sich entgegenstellen, in vollem umfange hervor, offenbar um 
dieser Schwierigkeiten willen glaubte St. die Überlieferung des 
Hadamar synthetisch construieren zu müssen, aber das resultat 
verliert dabei an Sicherheit sowol als an Überzeugungskraft. 

Für die gliederung der gruppe BCbdf ergeben sich folgende 
anhaltspuncte: 1)B teilt allein mit f den einschub 13*. 14* zwi- 
schen 501 und 502. ich wies oben den gedanken, die gleiche An- 
fügung der Str. 13 für die classificierung der hs. c zu verwenden, 
ab, weil hierin die ganze classe y mit x sich kreuze, doch ist in 
unserem falle der zusatz der widerholungsstrophe 14* zu 13* zu 
Singular, um hierin nicht ein moment enger Verwandtschaft zwi- 
schen B und f zu sehen. 2) blofs in d und f fehlen str. 1 und 2. 
3) blofs in C und b str. 91 und 339. 4) B und b sind die 
einzigen hss., welche aufser Hadamars Jagd, in unmittelbarer 
äufserer Verbindung damit, die zwei gedichte Des minners klage 
und Der minnenden zwist und Versöhnung enthalten, eine me- 
thodisch sichere gliederung nach diesen indicien vorzunehmen, sehe 
ich mich aufser stände, nehmen wir an, 4) sei gewichtig genug, 
um auf jeden fall beide hss. auf eine ihnen allein gemeinsame 
quelle zurückzuführen — wie erklären wir dann den gemein- 
samen fehler 1) in B und f? auch wenn wir, aufser einer sup- 
ponierten geroeinsamen vorläge r für B b f, noch ein mittelglied r, 
für Bb oder für Bf annehmen, verstehen wir im ersten falle 
nicht das fehlen von 13*. 14* in b, im zweiten nicht die weg- 
lassung der in der vorläge in einem zuge mit dem hauptgedichte 
geschriebenen nebengedichle. wie wollen wir ferner mit einem 
eng mit B verwandten f das nach 2) ihm sehr nahestehende d 
vereinigen? ebenso mit jenem b nach 3) die hs. C? kurz: die 
analytische methode führt hier durchaus auf kreuzungen, die sich 
gegenseitig ohne ein übergewicht, das die texte unter einander 
vereinigte, aufheben. 

Das resultat der analyse scheint hier ein sehr gering- 
fügiges zu sein und mancher hätte wol lieber die Synthese 



40 HAnAMA« Ell. STCi^AL 

Terwendet gesehen, miUeis welcher St. folgenden sUnunbanm er- 
reicht bat: 



JL I I A 

er argumentiert so fs. 291): 'bei d und f zeigt schon eine flüch- 
tige betrachtung dass für beide dieselbe vorläge — q — Torauszo- 
setzen ist', er kann damit nur die im ganzen allerdings grofse 
Obereinstimmung der beiden hss. im äuge gehabt haben, hat 
dabei aber vergessen dass diese grofse ^Übereinstimmung' bereits 
nach V i\j zu versetzen, also gleichbedeutend mit ^erhaltung des 
textes der vorläge' ist. d und f stimmen also im 'richtigen' (mit 
bezug auf den text v [vj gesagt) überein: daher kann demnach 
ein kriterium für ihre Zusammengehörigkeit nicht entlehnt werden, 
gemeinsame fehler könnten allein entscheiden, als ein solcher 
darf einzig der oben unter 2) genannte bezeichnet werden, ur- 
teilte St. nach diesem, so liefs er merkmal 1) aufser acht, durch 
welches nicht nur d von f getrennt, sondern dieses geradezu 
an B angeschlossen wird. — b wird um jener zwei unechten ge- 
dichte willen von ihm mit B vereinigt: vielleicht mit recht — 
doch hat St. keinen versuch gemacht, trotzdem f nach 1) mit B 
zu verbinden, der versuch wäre freilich wol aussichtlos. die 
Sonderstellung der hs. C begründet er damit, dass '. . . ihre 
sirophenordnung bunt durch einander gewürfelt sei' — wie ein 
blick auf die reihenfolge der Strophen zeige, diese Verwirrung 
sei wahrscheinlich vom ursprünglichen besitzer (und wol auch 
Schreiber) der hs., dem pfarrer Chunrat Stürk, in den text ge- 
bracht worden, dieses argument nun ist gänzlich unhaltbar: 
kann denn die vorläge der hs. C nicht sehr wol geordnet ge- 
wesen sein, ehe der Schreiber C sie stark verwirrte? der erste 
blick auf die hs. lehrt freilich dass die Strophenfolge arg zer- 
rüttet sei, der zweite aber wird den beobachter bereits auf die 
Vermutung bringen dass die slrophenfolge der vorläge im allge- 
meinen keine andere war, als wir sie in den übrigen repräsen- 
tanten der gruppe v (vj Qnden. abgesehen davon dass St. jene 
Schwierigkeiten, die sich der einordnung aoch des C entgegen- 
stellen, kaum in betrachtung zieht, so werden sie durch jene 
argumentation keineswegs behoben. — nachdem St. aus den 
angeführten gründen die hss. B . . f in der oben reproducierten 
weise angeordnet hat, führt er fort: 'bei näherer betrachtung 
nun zeigen B b, C, d f neben ihren Verschiedenheiten so deut- 
liche spuren einer gemeinsamen abstammung, dass wir für sie 
die gleiche vorläge v ansetzen . . . können.' ohne zweifei 
richtig, doch wünschte ich jene spuren ausdrücklich speciQciert 
zu sehen, denn die bisher von St. geübte diakrise lässt fast ver- 
muten dass er die in den fünf hss. trotz allen Verschiedenheiten 
im wesentlichen gleiche strophcnfolge zum kriterium der gemein- 



UilUÜA U. STBJCEtL 

samea abslamiuung luaclite, da ^ic doch zum grofsercn (eile in die 
vorläge und EWar uichl blols iu die unmiLlel^re (v,) sODdero so- 
gar schon in die niillelbare (t) vereetKt werden inuss, und nur 
der gumeiosaiue Tehler, die auslassung der str. 172 — 177, das um- 
tchliersende band ist. — Sl. vcrsudit ntiu die reconsiruclion der 
Vorlage und slalniert für sie eine slroplien folge, die im weseal- 
lichen die uns iu B h d f vorliegende »L; sie ist im ganzen jedes- 
falU richtig, nur zwei annahmen niiiss ich bestreilun: 1) dass 
slr. 13*. 14* schon in v, Stauden; denn sie inltst^n dann aucb 
iD q und r gestanden halieu: wie erklart dann al>er Stejsknl ihre 
gleidizetiige susUssuug in den drei von einander unabhängigen 
hss. C d f ? 2) dasB v, mit str. 519 schioss. damit endigten C 
und d, nicht aber BbT. St. muss daher das iu 1) b T noch fol- 
geude als aus hss. der classc x cnilehnl, demnach als kreuzung 
dBratellen. vielloicht IrifTt dies hei 1' iii. das auch sonst spuren 
der bruuUung fremder hss, enthalt. > dass jene bypothese »her 
fflr Bb metbuilisch unstatthaft und vor allem unnötig ist, werde 
ich spSler zeigen. > — 

DaiUr doss iu der Unterabteilung Feg die hss. Fe gegen- 
über g auf eine geuieiusame quelle zurückgehen, tritt das fehlen 
des schhibses von slr. 604 an in F c beweisend ein. die stro- 
Jiben 602 — 604 erscheinen nur in F c g und f; fehlten sie in f, 
■0 hatten sie oben (s. 31) wol unter den unlerscheidnngsmerk- 
nsleu zwischen v und u einen platz linden dürfen, in F fehlt 
i»ar6(>4; doch muss mau hierin, um der Übereinstimmung des 
g mit c willen, eiueu speciellen fehler des F erkennen, g lüsst 
nun auf 00^ noch eine reihe von slrophen folgen (520—568), 
deren nrdming fast ganz genau mit j«uer in Ea stimmt, dieser 
scbluBB ist echt, und g hat hier das ursprüngliche er- 
ballen, methodisch ist nämlich bei dem mangel aller indiclen 
einer entlehnung einzig die folgernug erlaubl, dass bereits u, die 
vorläge der Feg, diesen schluss und zwar in dieser form hatte, 
dais aber nur g ihn erhielt, Fe ilh. ihre gemeinsame (juelle u, 
Um wegliefs. stand er aber in U, so muMe er auch in y sieben. 
hat sich nun etwa Idols in u, nicht in v eine spur dieses Schlusses 
erhalten? es hat ihu aber sowol A (mit einigen Veränderungen) 
bis 568, als auch It b h\i 536. aus der übereinstimmuug selb- 
ständiger auelaufer der cliisse y (A B b g) und der classe i (E s) 
kann nichts anderes geschlossen werden, als dass bereits die 
qnetle vnn x) = z den schluss in iler von g und Eb belegten 
fnrm bot. es ergibt sich ferner dass auch v ihn enthielt, und 
iwar gelreu von 520 — 536 iwie die vei^leichung von ABb 
mit Eag lelirl^ von da an vielleicht in der form A, dass ferner 

■ mit e teilt es Irhicr «in schluisr, mil li stUl es xwisclien 232 aad 
233 die Str. 1G1 eiu, mil u TU»e[id<;t t« die äti. Iiii2-C<>4. 

* Dbi't D habe ich sciors grrlngcci umriiiigt's wegen ( IT slr.) hier oiclil 
geiiprocbea. Sl. reiht es (iBch lesaiteii de« lextes tn B C b d f. 



42 HADAMAR ED. STBJSKAL 

die Str. 520 — 536 auch in die vorläge y^ der hss. B b C d f ein- 
gesetzt werden müssen, damit erledigt sich die oben bezüglich 
der reconstruction des v^ offen gelassene frage, von hier aus 
erst dürfen wir den früher (s. 39) aufgezählten 4 puncten« die 
für die gliederung der gruppe v, in betrachtung kommen ^ den 
fünften hinzufügen, dass nämlich Cd(f??) die weglassung des 
Schlusses 520 — 536 gemeinsam haben (ohne dass aber dadurch 
die übrigen Widersprüche behoben würden, die eine streng me- 
thodische einteilung der gruppe v, verhindern). 

St sieht in dem Schlüsse der hs. g directe kreuzung mit x, 
sowie er, allerdings aus besseren gründen, sie in dem Schlüsse 
des f sah. aber die Sachlage ist hier eine andere: der scbluss 
in f war aus der vorläge nicht erklärbar, hier bei g aber ist er 
es, und es wäre ein fehler in der methode, wollte man dort, wo 
die form eines textes völlig ungezwungen aus der vorläge erklärt 
werden kann, zur annähme von kreuzungen darum Zuflucht 
nehmen, weil andere hss. derselben gruppe (F c) am selben orte 
fehlerhaft sind: das letztere rooment kann nur die abtrennung 
der fehlerhaften hss. und ihre Vereinigung unter einander he- 
würken. hätte St. analytisch untersucht, so wäre er kaum io 
jenen irrtum verfallen: so muss er in gleicher weise die Stro- 
phen 520 — 536 in B b als fremden hss. entlehnt erklären, und 
müste es folgerichtig auch bei A tun. so kommt es auch dass 
er F und c direct aus u ableitet statt über eine gemeinsame mittel- 
vorlage u^, dass er ferner bei der constituierung der ursprüng- 
lichen reihenfolge in u, und daher auch in y, die Schlussstrophen 
520 — 568 verwirft, so irrtümlich als er v^ mit 519 schliefsen 
liefs, ebenso irrtümlich endigt bei ihm u mit 604: der scbluss 
des u entsprach vielmehr von 519 an ganz der hs. g; und es 
muste auch (mit ausnähme der den hss. Feg eigentümlichen 
Str. 602 — 604) der scbluss in y wegen des parallelismus zwischen 
g und X so gelautet haben, wie in g (über seine aus A B b mit 
heranziehung von E a g zu erschliefsende gestalt in v habe ich 
schon gesprochen). — in dem gebiete der str. 21 — 519 ist gegen 
Stejskals reconstruction des y durchaus nichts einzuwenden, den 
anfang 1 — 20 gestaltete er nach A v — von seinem slandpuncte 
aus mit recht, da er A als gleichwertig mit v und u ansah und 
so das Zeugnis zweier selbständiger repräsentanten gegen den 
dritten für sich zu haben glaubte, in Wahrheit ist aber A nicht 
dem u sondern dem v, gleichwertig, und A und v, zusammen 
bilden erst v (vgl. den oben von mir aufgestellten Stammbaum): 
wir haben also blofs zwei, in gcgensatz stehende zeugen vu, 
beide bieten uns am anfange nicht das richtige (vgl. unten s. 47 ff); 
ein völlig sicherer schluss auf die gestalt der vorläge am betref- 
fenden orte ist daher nicht möglich, für das wahrscheinlichste 
halte ich dass y in str. 1 — 20 ganz mit x übereinstimmte. — 
die in y vorauszusetzende Strophenfolge hat sich also folgender- 



HADAHAR BD. STEJSKAL 43 

mafsen herausgestellt: 1—20. (21 . . . 519 ganz wie bei Stejskal 
aao. 292.) 520—528. 569. 529. i 530. 570. 532—534. 571. 
535—537. 539. 538. 572. 542—564. 566—568. 

Ich gehe zur classe x üher. wir haben bisher immer, Stejskal 
folgend, Ton einer ^classe x' gesprochen : was berechtigt uns für 
die hss. Eaeh eine gemeinsame quelle x anzunehmen? doch 
nicht der umstand dass die hss. der gruppe y durch ihnen ge- 
meinsame fehler abgetrennt und unter einem typus vereinigt 
wurden, so dass Eaeh übrig blieben? wo ist der gemeinsame 
fehler der vier hss.? St hat sich diese frage nicht gestellt, er 
hat unmittelbar darauf hin, dass A . . . g sich durch gewisse eigen- 
tümlichkciten als eine gruppe characlerisierten , die Verbindung 
der 4 übrigen vorgenommen, er mochte auch sie dann ver- 
glichen, grofse 'Übereinstimmung' unter ihnen gefunden haben, 
und so in der aufstellung eines mittelgUedes x für E a e h be- 
stärkt worden sein, er leitet demnach ab 

z 

X y 

er nenne aber nur ein merkmal, durch welches x von z sich 
unterscheidet, einen den vier hss. allein eigentümlichen fehler. 
ich kann als einen gemeinsamen fehler überhaupt nur die Ver- 
wirrung der Strophenordnung des anfanges bezeichnen, die auf- 
einanderfolge der Str. 1 — 10. aber genau denselben (in der Stel- 
lung der Str. 1 hauptsächlich beruhenden) fehler hat auch y: 
er stand demnach schon in z;^ sein vorkommen in Eaeh er- 
klärt sich vollkommen, auch wenn jede dieser hss. selbständig 
aus z stammte, jedesfalls haben wir keinen anhaltspunct da- 
für, dass zwischen z und den ausläufern Eaeh ein allen 
vieren gemeinsames mittelglied x angesetzt werden müsse, weil 
ein dieses x characterisierender, den 4 hss. gemeinsamer und 
dabei eigentümlicher fehler nicht erfindlich ist. — auch den hier 
nachgewieseneu irrtum hätte St. bei analytischer Untersuchungs- 
methode wol vermieden. 

Wenn aber auch nicht alle 4 hss. in einer gruppe vereinigt 
werden können, so doch zunächst E und a: die beiden setzen 
für sich allein ein mittelglied voraus, das ich, um Verwechselung 
zu verhüten, x, nennen will, die gemeinsamen fehler sind zahl- 
reich genug: E und a schieben zwischen 286 und 287 die str. 87 
ein, beiden mangeln die str. 189. 221. 228. 344. 424—26, vor 
allem aber: beide ziehen in gleicher weise die str. 171 und 172 
in eine einzige zusammen, ich füge noch hinzu dass beide die 
einschiebung der str. 13* zwischen 501 und 502 — die bekannte 
kreuzungserscheinung — teilen. 

* str. 529 setze ich hier, abweichend von g, mil rficksichl auf AB b ein. 

' der hier bereits für den erreichbaren archetyp constatierte fehler 
erhält einen genossen an der lesart frucht für fruot 24, 5. vgl. Stejskal 
ansg. 8. 179. 



41 WkbAMMM ED. «TfJiCAL 

Die einordDuii^ der h>. h wird wider dorch kreozongen er- 
fchwerL 1; Ea und h haben einen gemeinsamen fehler in der 
ao&ia#?on^ der str. 1S9. aber es kann diesem merkmale nidit 
die gewohnte Schätzung za teil werden, einerseits weil h sehr 
willkOrlich mit dem texte schaltet «aufeer 1S9 noch die Stro- 
phe 512, die stropbengroppen 501 f. 569 — 572 weglässl, die 
neoe Strophe 607 hiuzofagti, andererseits weil die Unsicherheit, 
die jenem merkmal von Torne herein anhaftet, nicht dorch 
eine andere unterstützende erscheinang behoben wird. 2) h 
schiebt mit e zwischen 539 and 542 die widerholungsstrophen 
136^. 135* ein. dieses moment wird wol den Torrang tot 
\) erhalten und die Toraussetzung einer gemeinsamen Torlage z, 
für eh zur folge haben müssen, ich gestehe dass ich nur not* 
gedrungen und io ermangelung jedes anderen stQtzpunctes die 
einordnung des h auf arguro. 2) basieren lasse, denn das merkmal 
gewährt keineswegs unbedingte Sicherheit: das zusammentreffen 
der hs. b mit e in diesem puocte könnte nämlich vielleicht durch 
einen tou der classe v aus auf h ausgeübten einfluss herrühren, 
es müssen hier noch einmal die kreuzungserscheinungen der 
hs. f zur Sprache kommen, im früheren deutete ich (in Über- 
einstimmung mit St.) an dass f in der einfflgung der str. 153* 
zwischen 530 und 532 und der str. 136*. 135* zwischen 539 
und 542 von der hs. e, in der einschiebung von 161*. 162* 
zftischen 232 und 233 hingegen vielleicht von b beeioflusst wor- 
den sei. diese ansieht nimmt eben den grad von Sicherheit in 
anspruch, den ich der ven^aodtschaft zwischen e und b beilege, 
und es soll die roöglichkeit einer anderen aulTassuog nicht ver- 
schwiegen werden, h nämlich schiebt nicht blofs 136*. 135* am 
selben orte wie 1, sondern auch 161 zwischen 232 und 233 (wie f) 
ein: man kOnule daher beide erscbeinungeu in f nicht als das 
resultat zweier einwürkungen, sondern als das einer einzigen an- 
sehen, dieser einfluss könnte nicht von h aur f geübt worden 
sein, da h nicht 153* zwischen 530 und 532 einfügt, wie f 
tut, und diese einfUgung aufs engste mit jener der str. 136*. 
135* (wie die ahfolge in e lehrtj zusammenhängt; umgekehrt 
wird h kaum von f becinflusst worden sein: denn f schiebt 161 
als widerholuugsstrophe ein, h aber hat die Strophe von ihrem 
anfänglichen platze augenscheinlich entfernt, um sie nach 232 
zu setzen, es scheint daher jenem ursprünglichen einflusse näher 
gestanden zu liaben als f, das ihm in oberflächlicherer weise 
folge gegeben hat. man mag nun geneigt sein, den ausgangs- 
puuct der einwürkung in irgend einer verlorenen hs. der classe y 
zu suchen, von der sie auf h und f sich erstreckt hätte, weil 
h noch andere wichtige berührungen mit y aufweist: es fügt mit 
y Str. 213* zwischen 426 und 427 ein, es trifft auch mit A in 
dem merkwürdigen einschub zusammen, der sich an die wider- 
holuugsstrophe 3* knüpft; sehr interessant ist nun die er- 



HADAMAR ED. 8TEJSKAL 45 

scheinuDg dass sich dessen strophenreihe im grofsen und ganzen 
auch in e widerfindet, zu seiner heurteilung ist die vergleichung 
der drei formen, in Ahe, nötig 

A 3. 509. 497. 498. 585. 363. 586. 506. 507. 508. 605. 589. 446. 333. 334. 335. 336. 337. 322. 

k 3*. 609. 498. 585. 586. 500. 507. 605. 589. 333. 334. 335. t 

6 509*.497*.498».5S5. 586. 507*. 508*. 589. 336». 

A S38--3tt. 600. 457-461. 515-518. 500. 462-464. 

h 600. 

6 515\ 500\462». 

daraus ergibt sich dass das ganze einschiebsei nicht durch den Schrei- 
ber e verfertigt worden ist, da es für e fast nur widerholungsstro- 
phen enthält, sondern dass e es aus einer verlorenen hs.a übernom- 
men und ohne rücksicht auf die entstehenden widerholungen einen 
teil seines Schlusses daraus gebildet hat. ursprünglich scheinen 
die Zusatzstrophen 605 und 609 in a nicht vorhanden gewesen 
zu sein: sie sind in eiue ebenfalls verlorene hs. ß zu versetzen, 
die aus a stammt, aus ß kamen sie nach A und h; e bietet 
uns demnach vielleicht die Ulteste form des einschubes. da nun 
aber der wahrscheinlich secundUre schluss der hs. e gleich nach 
530 beginnt und dieser Strophe zunächst die reihe \bd*. 532 — 39. 
136*. 135'*'. 542 anschliefst, die in f wie in h sich in der 
hauptsache widerfindet: so wäre es wol möglich dass jene 
verlorene hs. a die quelle bildet, aus welcher direct oder in- 
direct 1) der schluss der hs. e, 2) der einschub 3 — 464 in A 

und (in entsprechendem umfange) in h, 3) die reihe 153* 

542 in f und (widerum in entsprechender modification) in h und 
daher 4) auch die str. 161 zwischen 232 und 233 in f, be- 
ziehungsweise auch in h zu erklären wäre. — 

St. hat (ohne weitere begründung) e und h aus einem ge- 
meinsamen mittelgliede s abgeleitet: ich habe eben ausgeführt, 
unter welchem vorbehalte ich dem nur beistimmen kann und im 
folgenden daran festhalte. St. hat auch die entwickelten kreuzungs- 
erscheinungen beobachtet, aber er hat sie leider blofs in ihrer Ver- 
einzelung in den jeweiligen hss., nicht in ihrem gesammten vor- 
kommen in betrachtung gezogen, so muste er sich damit begnügen, 
einfach auf ihr Vorhandensein hinzuweisen und im besonderen das 
zusammentreffen der hss. A und h im einschube 3 . 509 .... als 
'der beachtung wert' zu erklären (Zs. aao. 294 anm.). 

Trotzdem ich die im vorhergehenden nachgewiesene mög- 
lichkeit, das zusammentreffen des h mit e (in der reihe 539. 
136*. 135*. 542) aus einem fremden, in gleicher weise, aber 
unabhängig auf h und e geübten einflusse zu erklären, nicht 
für wahrscheinlich genug halte, um deswegen h von e zu trennen: 

so bleibt doch die hypothese, dass e die reihe (3) 509 

462 oberflächlich aus a am Schlüsse anfügte, h aber (wahrschein- 
lich nach dem unmittelbaren vorgange des a oder ß) sie in die 

' das in A zwischen 335 nnd 341 liegende folgt In h an späterem orte. 



46 BADAMAR ED. STEJSKAL 

mittleren teile des gedichtes zu verweben versuchte, insoweit in 
kraft, dass wir bei der sonstigen Übereinstimmung des x, (eh) mit 
x^ (E a) alle jene abweichungen, die durch die fremde einwOrkong 
(des a oder ß) in x, herbeigeführt wurden, beseitigen dOrfen. 
demnach erhalten wir für Xjdie Strophenfolge: 1 — 530. 532 — 539. 
136*. 135«. 542—568. für x^ stellt sie sich folgendermafseo 
heraus: 1—528. 569. 529. 530. 570. 532—534. 571. 535—537. 
539. 538. 572. 542—568 (E schliefst allerdings mit str. 567, 
doch vgl. Zs. aao. s. 281 f). 

Ich füge hier die tabelle der Überlieferung an, wie sie sich 
nach den vorhergehenden Untersuchungen gestaltet hat: 



Xl 



Ä Vi Ul 

BCbdf Fe g 

sie weicht von jener, die St. gewann, in der ansetzung eines x, 
x, Vj u^ und in der ablehnung einer giiederung der gmppe 
V, ab. 

Wir haben nun drei unabhängige zeugen x, (Ea), x, (eh) 
und y. die vergleichung der in ihnen erscheinenden Strophen- 
folge ergibt folgendes: von 1 — 241 stimmen alle drei zusammen; 
gröfsere oder geringere Verschiedenheiten zeigt y in der partie 
271 — 515 gegenüber den übereinstimmenden x^ x,; von 515—568 
stimmt Xj mit y genau, x, weicht mehrfach ab. wir sind in sdir 
günstigem falle, die entscheidung kann nicht zweifelhaft sein: 
die Strophenfolge des z wird die der hs. l^ sein müssen. 

Durch die zwei fehler, den schluss in y zu verkennen und 
E a e h ohne genügenden grund als repräsentanten einer gemein- 
samen mittelquelie anzusehen, ist St. bezüglich der bestimmung 
der Strophenordnung z nicht nur in Irrtümer, sondern überhaupt 
in eine viel schwierigere läge geraten: er hat blofs zwei unab- 
hängige zeugen x und y und hat keinen anderen anhaltspunct, 
für die eine oder die andere der Überlieferungen sich zu ent- 
scheiden, als die beobachtung des inneren Zusammenhanges, bei 
der von mir gewonnenen Stammtafel zeugt aber einfach die Über- 
einstimmung zweier zeugen gegen den dritten: eine wähl, wie 
etwa in fallen, wo alle drei differierten, tritt nicht ein. so wird 
auf mechanischem wege die Ordnung in z erschlossen: erst bei 
der kritik dieses textes der genealogisch ältesten, erreichbaren 
hs. tritt die prüfung des inneren Zusammenhanges und die con- 
jectur ein. 

Der aufmerksame leser wird bereits die hauptsache heraus- 
gefunden haben, in der ich von Stejskals Strophenordnung ab- 
weiche: es ist die gestaltung des Schlusses von 528 an; St 
construiert ihn (mit auslassung der str. 136"*". 135*) ganz nach 



BUAIUB ED. eTBISIUL 



47 



uacli Uer Überlieferung, den Uer hs, Xj aner- 
von 1 — 528 slimmen unser beider anseUungen 



X,, wülireuU i 
kennen muEs. 
abertin. 

Bt^zUglich des verralireua der lis. i gegcndber folge ich dem 
»on St. 9. XIX ausgesprocbeaen grundsaue, von iler llberlieferleD 
Ordnung iiur dorl abzuweichen, wo es der sion unbedingt er- 
fordert, und im übrigen sogar undeullicben und unklaren Zu- 
sammenhang lieber zu belassen, wenn er nichl etwa durch Ver- 
setzung der siroplien iu schlagender weise verbessert nerden 
kann. Hadamars gedieht ist in der tat derartig, dass dunkel- 
heilen, sprUnge im gedanken, unvermiltelter beginn neuer Situa- 
tionen wul vorausgesetzt werden mflssen. 

St. weicht von z' nur am anfange ab; auch mir scheint 
hier altein von der Überlieferung abge^ngen werden zu müssen. 

z Str. 1 enthalt eine anrede an das Herze, den hunti, den der 
jHger an der leine mit sich l'ühn. Eerze wird ermuntert, die 
halte sich gefallen zu lassen, er wird vor dem sich vergdhen ge- 
warnt, in den nüchstcn Strophen erfolgt nun die allegorische 
auslegung 1) der halse 2| des ncA vergehen: die hake bedeutet das 
band der treue (2), das vergdhen die Übereilung in der wähl der 
geliebten: sicer im dunk minne ein liep ze /räuUeii kiese, der 
wart e mal vnd schomce daz er sin beste zlt ihi da Verliese (4J. 
diese ennahnung wendet sich nur an die stmten; sliefse einem 
solchen jenes unglück zu der Imlel sich an frOuden und ist sin 
/(6m hie und dort verirret (5); darum sollte immer gleich zu 
gleich sich gesellen (6). Eusammenfassung des gesagten (7): wie 
manches herz geht solcher ge»lalt zu gründe; der Jäger muss 
Borgtiltig die spur beschauen, ehe er den hund von der leine lOst. 
bescbluss (7, (i): also, ir jungen, hüetet, Idt iu das herze niht ze 
frvo entrinnen! der Zusammenhang dieser als ein ganzes Über- 
lieferlen Strophen ist augenscheinlich, wir haben nun str. 3 bei 
seile gelassen: sie enihalt eine allgemeine bemerkung über den 
begiun eines tiebesverhallnisses: bittende, bescheidene Sehnsucht 
bringt freude. ferner: jetzt hah ich meine freuden eingeleitet 
(hie ist ein aneoanc aller mlner fröntlen), wllnschet, kameraden, 
dass wir an dem ausgange uns ebenso erfreuen kitnnen. — ehe 
ich jedoch naher über 3 spreche, bemerke ich dass von vorne 
herein str. 1 kaum zum beginnen des gedichtes geeignet ist, 
sondern eine einleitende Situation bereits vorauszuseUen scheint, 
noch klarer wird dies durch die auf 7 folgenden Strophen. S bildet 
den anfang der erzahlung: eines morgens zog ich auf die 
jagd, dabei habe ich erfahren, wie hart es manchem ergehen 
kann; doch lehrte Iran Minne mich frühlich einer spur folgen. 



' iidrr vielmehr von k 
trachlossfue folge nirgends 
leigt die aKophenfolge ilei 
deulHch genuii;. 



denn luadräcklicli versvini et die für \ 
lacli t. ila«s er es iber »tillachwelgead tue, 
iiiagal>e (and auch die bcmerkungen e. xxii) 



4S HIDAXAR ED. ST&TSKAL 

aof der dann alle besiDDung mir schwand (S). um die führten za 
finden nahm ich min selhes Herze, and folgte ihnen, um Tiel- 
leicht eine zu erkennen, die jagdgerecht wäre (9). str. 10 — 16 
enthalten die besetzung der warte, 17 — 20 die anordnong der 
ncore. mit 21 beginnt ein neuer Zusammenhang. — es wird nun 
deutlich geworden sein dass eine ganz in der lufL schwebende 
Warnung des hundes Herze ?or übereiltem weglaufen (1) unmöglich 
den beginn eines gedichtes bilden kann, in dem später die figor 
Herze erst eingeführt wird, die folgenden Strophen lehren zu- 
gleich dass Str. 1 durchaus nirgend anderswo stehen kOnne als 
nach 9, dass aber hier sie sich aufs beste anschliefse. nun stehen 
die Str. 2 .. 4. 5. 6. 7 im allerengsten Zusammenhang mit 1, 
können also daTon nicht getrennt werden, so dass wir zunächst 
folgende reihe gewinnen: S. 9. 1. 2 . . 4. 5. 6. 7. es fragt sich 
jetzt: darf 3 zwischen 2 und 4 belassen werden? es steht jedes- 
falls nicht in dem scharf erkennbaren inneren zusammenhange 
mit 1. 2 wie str. 4 — 7, doch ist eine rechtfertigung seines platze« 
möglich : in bete ersiuftic riuwe — entweren (3, 1—4) sehe ich 
nur die fortsetzung des schlussgedankens (2, 6. 7) min herze daz 
8ol State ir undertcBnicÜchen werden funden, und hie ist ein ane- 
vanc aller miner fröuden (3, h) deute ich so: ich bin auf die 
jagd nach dem geliebten wilde ausgezogen (S), ich habe (dem- 
nach) jetzt meine freuden eingeleitet (möge das ende auch gut 
werden !) ; zugleich aber bezieht sich bei der doppelsinnigen natur 
des ganzen gedichtes 3, 5 auch auf die unmittelbar vorhergehen- 
den (im wortsinne aufzufassenden) Zeilen derselben Strophe; im 
Wortlaute der zeile 3, 5 liegt endlich auch eine anknüpfung an 
den Wortlaut der 1 und 2 zeile der folgenden Strophe 4: swie 
minne ein anevähen si fröuden aller meiste, womit die auslegung 
des sich vergdhen begonnen wird. — um dieser gründe willen 
darf man, denke ich, wol der handschriftlichen Überlieferung in 
diesem puncte treu bleiben, als einzige Änderung nehme ich 
daher die Versetzung der ganzen gruppe 1 — 7 nach str. 9 vor. 
St. hat Str. 3 an den anfang gesetzt: in erster linie bewog 
ihn der Wortlaut der zeilen 5 und 7, in zweiter der umstand 
dass d und f mit 3 beginnen: aber die beiden hss. lassen 1 und 2 
völlig aus, und — vor allem — methodisch dürfen für Stejskal 
nur X und y mafsgebend sein; er kann nicht darum eine singu- 
lare lesart dem d und f entnehmen, weil sie dort überliefert ist 
und in den sinn passt, wenigstens darf er, wenn er sie schon 
wählt, nicht die Überlieferung zurbcgründung herbeiziehen (s. xx); 
ich könnte sonst mit gleichem rechte für meine annähme mich 
auf h berufen. — ich zeigte oben dass die worte 3, 5 anders 
aufgefasst werden können, dass ferner im Schlüsse von 3 ein 
directer hezug auf 4 liegt, dies scheint auch St. erkannt zu 
haben, wenn er an 3 unmittelbar 4 und daran natürlich 5. 6. 7 
reihte, diese Strophen tragen daher bei ihm die nummern 1 — 5. 



49 

indcRi <T aber 4 (Sclimdler) von 1. 2 (Itei ihm nrS. 9) trcutil. be- 
l^t er Kineu directen Tebler : jeue sirophe 4 hat nur mU heiu^ 
Buf die beiden str. 1. 3, welche in i, x, y Torhergehen, einen 
rcchleii einn; dass 4. 5. 6. 7 zusnmmen gehören, hat also Si. er- 
kannt und sie auch beisammen gelassen, doch tial er sie als gauzes 
voD ihren unmilielbaren sinugemarsen vorausseUiingen getrcnni: 
seine Blmpbeufolge X 4. 5. 7. 6.' S. 9. 1. 2 ist entschieden 
tu verwerleD. nur zwei annahmen sind möglich: entweder man 
erkennt meine gründe für die lielassun^ des 3 an der (iber- 
liererlen sintle, dh. Ewischen 2 und 4 an, und lässt die stroplien 
in der Ordnung g. 9. 1 — 7 folgen, oder mau erkennt sie nicht 
an, stellt 3 au erste stelle, lüsst aber dann unmittelbar H. 9. 1. 
2. 4 — 7 iolgen, da 4 — 7 nur im anschlusse an 1. 2 völlig ver- 
ftlJlndHch sind. 

Wenn ich auch diese letztere anordnung filr möglich erklare, 
so mochte ich lur unlerMUlzung der anderen noch etwas binzu- 
filgen. man nehme an, 3 siebe an erster stelle und darauf folge 
(wie es durchaus sein muss) 8. d: wird dadurch der zweck, deu 
man mit der abtreunung und voranslelluag der str. 3 eigeutlich 
verfolgt, nämlich das gedieht mit einer 'einleitung' und nicht 
sogleich mit der erzahlung beginnen zu lassen, erreicht? ist diese 
Strophe, mit ausnähme der z. 5, Uberhaiipl darnach angetan, um 
eine einleitung zu bilden? sind ihre 4 ersten Zeilen an erster 
stelle nicht sehr undeutlich? und aufserdem: die str. S ist an 
ond fUr sich völlig geeignet, den anfaug des jagdgeilichtes zu 
bilden , sie enthalt ferner in i. 7 ff (doch l&te wich dö jagen 
frouwt Mintte ein varl, dii mir iU dicke itt seriinnen aller mi- 
ner tinne) eine hinweisung auf die g«sammte folgende allfgorie, 
Terbindet also die beiden gruudlbemsta des ganzen: die Dngierte 
etgenlliche Jagd und das durch diese symholisiefte. 

Dies ist die hauptaache, in der ich in der anordnung des 
anfangs von St. abweiche, ich habe noch einzelnes hervorzu- 
heben: St. rückt Str. 6 von ihrem platze und stellt sie nach 7; 
er sagt s. xii, sie biete einen ganz tlborUflssigeu zusatz zu 7 und 
»lOn den Zusammenhang zwischen 5 und 7. ich verweise je- 
doch auf meine obige darstelluug: str. 6 enthält die directe fort- 
setiung des in b ausgesprochenen gedankens 'die treugesinnten, 
die durch misgriff in der wabi sich irren, zerstören ihre lebens- 
freude'. indem sie hinzufügt 'wenn doch gleich und gleich sich 
ioHDcr gesellen wollte (wie gut gienge dann alles)'; ferner kann 
7 nur am Schlüsse der reihe, die mit I beginnt, stehen, in- 
dem es die Zusammenfassung des gesagten bietet, und die z. 6f 
Alid ir jungen häetet .... deutlich genug als scbluss sich kund- 
gibt: endlich wird durch die Umstellung — wie ich glaube ganz 
ohne not — die Überlieferung augetastet. — St. setzt ferner 

■ aber diese amstelluag der ordoun; 6, 7 ipäier. 
A. F. I>. A. VII. 4 



50 HAPfcMil ED. STKJUiÄL 

Str. 17 nach 2 ein (so dass sie nach seiner iflhiong die 10 sieUe 
einnimmt;: es werden darin die hunde anfgeialilt, die der jS- 
ger in die ntort hetzen will. St glaubte wol dass an die nen- 
nong des haopthundes sich gut die aufzihlong der anderen an- 
schlösse. ^ der anderen? er hat Obersehen dass die in 17 ge- 
nannten hunde Fr&ude^ WiUt, Wunne^ TrM, SiwUj Triuwe blofii 
die für die ruare bestimmten sind, und dass str. 10 (bei ihm 11), 
die er (statt unmittelbar nach 1) erst nach 17 folgen Usst, tob der 
besetzong der warte spricht, der j3ger will dazu alte und junge 
hunde mitnehmen (10), er nennt aus ihrer zahl GelüAe (1 1), XtuT 
(12), £te6e. Leide (13. 14), Gendde (15), 16 enthalt eine anweisung 
der Jagerknechte, str. 17 sodann nennt, wie gesagt, die hunde 
der ruore, zu ihnen will er den alten Harren gesellen (18. 19); 
in 20 aber heifst es — und das ist entscheidend — an warte 
an mar gesehicket het ich dö mine hunde: deutlich werden also 
warte und ruore unterschieden, ebenso deutlich war im vorher^ 
gehenden in 10 — 16 einzig von der warte, in 17 — 19 einzig 
¥on der ruore gesprochen : 2U schliefst den ganzen abschnitt ab. 
diese gliedening ist völlig klar und so ist sie in der ursprOng^ 
liebsten erschüefsbaren Überlieferung gewesen: es ist geradezu 
kein grund vorhaoden, irgendwie davon abzuweichen, durch die 
Umstellung der str. 17 wird um eines oberflächlichen anscheines 
willen die ganze gliederung zerstört, zu alledem frage ich noch, 
ob es denn bei einfügung der str. 17 vor 10 passte dass der 
dichter in 17 von ganz speciell beuaunten hunden spräche und 
in 10 dann wider ganz allgemein von guoten hunden, von alten 
hunden und weifen, ohue die geringste bindeutung darauf, dass 
damit die gerade vorher mit namen genannten einzelnen hunde 
gemeint seien. 

Nach allem bisherigen sind also die ersten 20 str. folgender- 
mafsen anzuordnen: 8. 9. 1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 10 — 20. — ich 
betone nochmals dass diese reihenfolge durch die soweit mög- 
lich geringste änderung der überlieferten Ordnung bewQrkt wor- 
den ist. 

Von 21 — 528 hat St. die Strophenfolge unverändert belassen: 
manches, sagt er, stünde besser an ahderem orte, doch führe die 
abweichung von der tradition allzu viele Unsicherheiten mit sich, 
ich stimme ihm völlig bei. 

Da ich für die anordnung des Schlusses, von 528 an, in der 
hs. z eine andere form annehmen zu müssen glaubte (vgl. s. 46), 
so ist es natürlich dass auch Stejskals und meine ansichten 
über seine endgiltige in die ausgäbe einzustellende gestalt einiger- 
mafsen abweichen werden, ich habe nämlich auf grund des 
hssverhältnisses die str. 569 — 572 nach z versetzt und zwar in 

*■ vielleicht fand er auch hiefür eine bestätigung wider darin, dass v 
die Str. 17 dort, wo Stejskal sie will, einschaltet (nach seiner ableitung der 
hss. muste er allerdings meinen dass auch y die Ordnung v geboten habe). 



HADjlllAft BB. BTVSKAL 



61 



UDg UDier deu übrigen, welche i, hol. es liamlelt sich 
ttum zu unlersiicheD, ob ihre beibeballiing sowol als ibre 
'äRÄrdniin^ in z sich mit dem KUsammentiange vertritgl. — mil 
Str. &2S wird ohne vermitteluug »n das vorhergehende grOfsere, 
von 519 — ö27 reichende ganze ein neuer gedanke gefügt: mein 
berz geht nicht auf geringe vögel aus, mit dem reiberfallien will 
es in die hlfte steigen, nach ihr, die niemand zu sehr loben 
konnte IbZS)- nun ist llhertiefert : kein gedanite soll allein in 
einem wnrle ausdruck tinden; tlherlege früher, ob er uulzen 
oder schaden bringe, der gedanke soll die quelle des Wortes 
sein und jener andere (die ilberlegung seiner Iragweile) soll ihn 
begleilen: io hüte wol deine geschwälzigc zunge (560). der rabe 
Sinnenluft Tolgle dem laufe der hunde, um auch lom erjagten 
wilde zu genjefsen; grau, grau, km4;hzt er, grau trage ich mit 
leid ; ich fnrrhte. du jagdgefahrte, dass deine schwarze färbe auch 
mein kleid werden wird (529)- mein wünsch war nur, das an- 
sehlagen der hunde zu hOren, nicht das wild zu erjagen, sehe 
ich es nur, so wird meine Iraner schon erleichtert, hefe es auch 
in schussweite bei mir vorbei, so h.ltte ich doch kcineu pfeil 
fflr die beute f530). solcher kummer kann auch zu mvot reizen; 
m»ot machen nennen wir das, dass einer durch mtiot das tut, was 
ihm doch ehre bringt Idh. auf inneren autrieb, ohne aufsere 
Ursache), gibt auch die liebe hähm muot. so kanu scharfes über- 
legen (loch auch preiswurdig sein: dieser muot ist muoi von 
grimm« (im gegensatz zum muot von lielie) (570). was ich einst 
hone, was mein lebensinhalt war, soll das mich jetzt dahin 
bringen dass ich alle freudc aufgehe? wie sind doch meine freudeti 
entschwunden; nach Hebe Jagle. ich, schmerz hab ich leider er- 
jagt (532). forlsetzung dieser klage |533). wie doch die ßhrten 
durch einander laufen, sie sind alle mit reukaufen zu vergleichen, 
läge alle wahre treue auf einem platze beisammen, man könnte 
sie mit einem mantel bedecken (534). da iiebesbninst fest auf 
einer fahrte lieharreo heifsi, so spürt mein hund Herze in solcher 
art, daes er, trotz dem vielen neuen wilde, das auf deu Hlhrten 
mit unrechte]' absieht durch eiuauder lauft, doch nach keinem laut 
wird (571). ein abirren der treue bat mich um viele freuden 
gebracht, dass ich so lauge dies übersah muss mich schmerzen; 
Ist des wildes t^hrte nicht bestandig, so muss ich wol klagen 
dass der tag der freuden mir gar zu spät erscheint (535). 
Str. 536. 537 setzen den gedaniten von der wünschenswerten 
besUDdigkeit des wildes in seiner einmal gewählten ßhrie fort. 
VorlUutIg bis hieher. um den Zusammenhang zwisdten 52S 
und 569 zu erkennen, hat man zu 526 zu ergänzen: einem 
reiherfalken gleich soll mein herz ennporsteigen , um auf das 
wild ntederzustafsen und es zu erbeuten; dann be- 
denlet .^6d: bedenke wol was dieser gedsnke bedeute und zur 
folge habe. — dann stellt sieb namltch (529) der rabe Sinnen- 



52 UADAMAB ED. STEJ8KAL 

lust ein und wartet schon auf die beute; er mag mir leid vor* 
bedeuten, so bescheide ich mich denn (530) und will das wild 
nicht mehr erbeuten, nur mehr flüchtig sehen, solchen kununer 
trage ich jetzt (570) : mein sinn ist daher nicht mehr mnot wm 
minne sondern ein durch scharf gedenken hervorgerufener mmot 
von grimme. — dieses ^scharfe überlegen' weist direct auf 569 
zurück: weil er, wie er dort sich selbst riet, mit sich zu rate 
gieng (scharf gedähte), ist der muot von grimme eingetreten. — 
durch dieses aufgeben meines liebiingsgedankens , das wild end- 
lich zu erjagen, ist nun (532 f) all meine freude zu nichte ge- 
worden, das kam daher dass das wild nicht die rechte beständig- 
keit im einhalten der fährte besafs (534); mich hat wol liebes- 
brunst beständig in der führte gemacht: aber meinem hunde lauft 
eben immer neues wild auf unrechter spur entgegen, nicht aber 
das rechte (571). wie kann es mir gelingen, wenn wol ich die 
spur einhalte, das wild aber der beständigkeit vergisst (535 — ^37)? 

Ich gestehe gerne zu dass die einfügung der str. 569 und 
570 an ihren überlieferten stellen hart genug ist: immerhin aber 
lasst sich sinn und Zusammenhang entdecken, und damit müssen 
wir uns begnügen, leichter hat sich bereits 571 rechtfertigea 
lassen, am leichtesten geschieht dies bei 572, von dem noch za 
sprechen erübrigt. 

Auf 537 folgen nämlich die str. 539. 538: ich bin von der 
liebe sehr verwundet, nur jenes eine wort, ohne das ich gar ver- 
zagen müste, tröstet mich (539) ; konnten doch die reinen, zarten 
es so leicht aussprechen, als sie es wol im sinne haben I aber 
es gibt so viele falsche leute, durch welche sie deswegen an der 
ehre geschädigt werden könnten (538). was kann den sinn denn 
besser erfrischen, als ein zeichen, woraus einer die liebe, ihm 
allein zugewendete gesinnung errät (572). alle drei Strophen 
handeln vom selben thema: vom tröstlichen worte und dem heim- 
lichen liebeszeichen der geliebten, gegen den sinn und Zusam- 
menhang ist nichts zu sagen. — mit 542 beginnt ein neuer 
gedanke. gegen die weitere Strophenfolge bei St. (542 — 568) lässt 
sich nichts einwenden. 

Mit der prüfung des Verhältnisses der hss. und der con- 
struction der Überlieferung auf grund der Strophenfolge bin ich 
zu ende, mein resultat weicht in einigen puncten von dem 
Stejskals ab. doch habe ich ihm fast nirgends ungenauigkeit 
oder unVollständigkeit der beobachtung vorzuwerfen: seine Unter- 
suchung des tatbestandes in der Zs. 22 aao. ist vielmehr sorgfUtig 
und zuverlässig, er hat jedoch einen niisgrifT in der wähl der me- 
thode begangen (vgl. oben s. 38), und ist dadurch auch zu fehlem 
in ihrer handbabung verleitet worden (vgl. s. 38. 40. 42. 43). 

Mit dem versuche aus der Strophenfolge die geschichte des 
textes zu reconstruieren sollte nun auch die systematische kri- 
tik der lesarten parallel laufen. St. spricht darüber im allge- 



HAOUUB KD. STEJSKaL 



(s. sviii): aus den lifsarteu ergehen sicli (I berein stim- 
mDng«ii genug, um das aus der Strophen folge ersclilossene ver- 
hStlnis zu bcsUligen, daneben aber l^adpn sich auch variaiilen, die 
nur iladurch erltlart werdeD konnten, daBi> die Schreiber einzelne 
Strophen im gedSchtnis halten, so das9 auf diese weise kreuzungeo 
einlralen. Zb. 22, 289 anm. 4 lehnt er jene Untersuchung darum 
ab, weil der lexi 'durch den besonders in den jün^-eren hss. auf 
schritt und irilt begegnenden Unverstand der schreiher nur noch 
geeignet ist, die unten angegebenen ver wandt sc hafisTerhaltnisse 
zu bestarken, keineswegs aber dieselben neu zu begrDnden, und 
daher jede dahin abzielende mtthe kaum ihren lohn finden würde.' 
ober diesen lalhesland zu urteilen ist dem receuseuteii nicht 
möglich, denn St. hat in den appariit durchgüngig nur die les- 
arten der Mlleslen' hss. ABlC)Da siirgenomnien dh., da D im 
gauxen nur 17 str. zahlt, eigentlich fctors die lesarten jener vier 
anderen; nur hier und da Tugt er Varianten aus 'jüngeren' bei. 
ich uiOchte licmerken dass der gegensatz zwischen jungen und alleo 
he«, rur die texlkritik nicht marsgebend ist; wollte einmal St. nur 
eine auswahl bieten, so hatte man. statt dreier hss. einer und 
derselben clause und einer einzigen der zweiten, lieber die les- 
arten von A B und E h vorgerunden (da e ohnehin schon bei 
Schmeller vorliegt); ja auch u hätte, etwa durch g, vertreten 
sein sollen, bei jener anläge des apparats aber kann ich auch 
nicht beurteilen, oL St. der beobacblung, dass zahlreiche kreu- 
zungen der lesarten vorkommen, solches gewicht beilegte, dass 
er in der ivabi zwischen Varianten, die an und Hlr sich gleichen 
wert haben, blol's das alter der hs. entscheiden liefs, oder ob er 
sich nach den aus der stammtalel der hss. zu entnehmenden 
principieu richtete, er hat zwar den str. 1 — 10 (Zs. aao. 295 Q) 
einen vollsISudigeu apparat der hss., soweit sie ihm zugänglich 
war«», beigegeben; aber das stUck ist zu kurz, um bezuglich 
jtner frage eine bestimmte anscbanung zu gewjihren. so kOunen 
wir uns nur an Stejskals eigene worte in der einleitung zur aus- 
gäbe 8. XLiit hallen: 'Aß(C)Da wurden wort für wort collatio- 
Dtert und auf diese basis hin die textrecension vorgenommen' und 
nur im allgemeinen sagen: diese basis scheint zu schmal, weil 
sie zwei glieder (u und x,), die zur recoostruclion des texles 
der hs. 1 nfltig sind, anfser acht lasst. — 

Von den noch Übrigen teilen der einleitung reproduciert i 
im wesentlichen den bauplinhall des ii abschailtes seiner in der 
Za. aao. verOlfenllichten Voruntersuchungen: er betriUl die lebeos- 
verblillnisse des dichters, soweit sie aus den Urkunden und aus 
dem gedichte selbst zu erkennen sind: die heslimmung seiner 
tebenszeit (circa 1300 bis in die 2 hnifte der 5Üer j.-tbre). die 
ilatierung des gedichtes (1335 — 1340) verdienen allen beifull. auch 
über seine litterarische Stellung — ein, wie St. selbst andeutet, sehr 
reichhaltiges thema — finden sich hier die notwendigsten noiizen. 



54 HADAMAR ED. STEJSEAL 

Sehr interessant sind Stejskals nachweisungen über Hadamars 
Tsrskunst im abschnitt in: das princip des regeknäfsigen wechseis 
zwischen hebung und senkang wird sorgfältig beobachtet; so fehlt 
der auftact auch nur unter gewissen bdlingungen. dasselbe 
princip führt auch häufig versetzte betonung herbei. — das ge- 
dieht zeigt yerhaitnismärsig starke dialectische einflösse : die bair.- 
Ost. et »= I, ou s= t^ usw. erscheinen im reime; um dessen rein- 
heit herzustellen müssen endvocale und -consonanten teils hin- 
zugefügt, teils apocopiert werden (die Scheidung zwischen beiden 
flallen wird im einzelnen freilich sehr unsicher bleiben), das im 
nhd. durchgedrungene princip der längung ursprünglich kurzer, 
hochbetonter Stammsilben zeigt sich bereits hier im beginnen 
und zwar sowol im innern des verses als im reime, in letzterem, 
indem kurze Stammsilbe -f- kurzer oder lauger flexions- und 
ableitungssilbe nicht stumpf, sondern klingend reimt. St. hebt 
dies moment mit recht hervor und bietet hiefür die vollstän- 
digen belege. 

In IV folgen bemerkungen über Hadamars stil. man kann ihn 
nicht anders als manieriert nennen: eine innere notwendigkeit 
zu den zahlreichen vergleichen, Wortspielen, annominationen usw. 
ist nicht zu ersehen; das ganze erscheint als eine durch das 
mittelglied Albrecht vScharfenberg hindurchgegangene nachabmung 
der stilistischen kunst Wolframs. St. macht s. xi ff auf diese offen- 
baren Vorbilder Hadamars aufmerksam, auch in die composition 
des ganzen ist das Wolframsche muster eingedrungen : St. erkennt 
dies in der anregung, die in der geschichte der jagd Schionatu- 
landers nach dem brackenseil für Hadamar gegeben war. ich 
glaube, ein anderes moment ist noch wichtiger und nimmt eigent- 
lichen einfluss auf /lie composition im engeren sinne : der Jäger 
begegnet nämlich einem alten ergrauten forstmann und lässt sich 
mit ihm in ein gespräch ein, das die str. 181 — 312 umfasst und 
eine mittelalterliche, höfische ars amandi genannt werden könnte; 
der jüngere legt eine art beichte ab (vgl. 200. 210. 222 usw.) 
und wird vom alten über die verschiedenen peripetien höfischer 
liebeswerbung belehrt dies gespräch nun ist formell sehr wol 
mit demjenigen Parzivals und Trevrizents zu vergleichen. — neben 
jenen Stilmanieren kann St. mit recht auf eine gewisse volks- 
tümliche gesinnung des dichters hinweisen, die sich ua. in der 
einfügung zahlreicher Sprichwörter — allerdings in Hadamarschem 
gewande — äufsert und, wie ich hinzufüge, in einzelnen ge- 
lungenen naturschilderungen. auch in dieser hinsieht kann er 
mit Wolfram verglichen werden. 

Die anmerkungen sind namentlich für die erklärung der jagd- 
ausdrttcke des gedichtes Ton grofsem werte, und jedem, der sich 
mit den einschlägigen gedichten des mittelalters beschäftigt, heule 
unentbehrlich, auch für die Interpretation des sinnes ist viel ge- 
tan (kann str. 144 nicht viel einfacher verstanden werden, wenn 



HADAUAR ED. STEJSKAL 55 

lug z. 4 nicht als coQJ. prät. von liegen aufgefasst , sondern als 
luog [imp. von luogen] gelesen wird?); natürlicher weise wird 
man über den umfang der gegebenen erkISirungen sehr verschie- 
dener meinuDg sein können: jedesfalis hat St. hierin eher zu 
viel als zu wenig geboten. 

Glashütte, 29. 7. 80. Joseph Sebmüller. 



Der Stil Waltbera von der Vogel weide, von Paul Wigand, dr phiL Mar- 
burg, Eiwert, 1879. ^-ra und 75 ss. 8®. — 1,60 m. 

Heine erwartungen waren ziemlich hochgespannt, als ich 
diese schrifl in die band nahm, ein nicht unbekannter universi- 
tfltsprofessor hatte sie ausdrücklich eine *sehr fleifsige und hübsche 
arbeit' genannt, und das thema versprach viel, mir schwebte eine 
ganze reihe von fragen vor, auf die ich antwort zu finden hofifte; 
idi dachte an Untersuchungen wie die von Erich Schmidt über 
Reinmar und Rugge (QF iv), und ähnliches für Wallher zu leisten, 
hielte ich für sehr erspriefslich. leider wurde ich bitter ent- 
teuscht, denn eine seminararbeit mindester gute, ohne jegliche 
feinheit, fand ich in dem hefte, auch nicht 6ine bemerkung 
lässt erkennen dass der wahrscheinlich junge Verfasser für die 
Zukunft einen tüchtigen arbeiter verspräche, der 'versuch' (s. 75) 
bietet Sammlungen dar, wie sie der Student bei der lectüre eines 
schriftetellers anzulegen unterwiesen wird; was dem herrn verf. 
interessant erschien, schrieb er wol auf zettel, dann ordnete er 
dieselben möglichst äufserlich in verschiedene kästchen, entwarf 
ein gelehrtes schema mit den feinsten einteilungen A, a, a, aa, 
I, 1 usw., anhang und anhang zum anhang (s. 74), dann schüttete 
er den inhalt der verschiedenen Zettelkasten aus und das facit 
war eine 'sehr fleifsige und hübsche arbeit', die begriffe sind 
verschieden; ich denke mir etwas anderes unter fleifsig. oder 
bedeutet es würklich ein 'sehr' dieser eigenschaft, wenn der ge- 
lehrte für jedes ihm unbekannte wort, für jede ihm auffallende 
Wendung — das Mhd. wb. nachschlägt ^ wenn er bei einer arbeit 
über den Stil Walthers gelegentlich in die ausgaben von Pfeiffer 
und Wilmanns hineinguckt, wenn er die parallelen für die auf- 
stofscnden erscbeinungen nicht etwa aus der litteratur selbst 
sondern nur aus den ebengenannten werken mühsam zusammen- 
sucht? es ist ferner zwar sehr hübsch dass der Verfasser ein so 
schönes thema zur bearbeitung herausgegriffen hat; es ist hübsch 
dass er Walther von der Vogelweide gelesen hat; es ist aber 

' das Handwörterbuch von Lexer scheint der Verfasser nicht zu kennen. — 
komisch wfirkt dass Wigand ein par mal neben seltenere mhd. Wörter die 
nhd. bedeutung setzt, als habe er sie eben aufgesucht, zb. s. 33 zu snar- 
ravKtre ^Schwätzer*. 



56 WIGAND WALTHBRS STIL 

weniger hübsch dass er sich gar nicht darnach umgetan hat, 
was etwa schon vor ihm fOr sein thema geleistet worden sein 
Bidge; und es ist yollends abscheulich dass er gar nicht eriiannt 
hat, wie fruchtbar sein stoff hätte werden können. 

Vor allem hätte strenge geschieden werden müssen, was 
Walther speciell und was den mhd. dichtem, besonders den minne- 
singern, im allgemeinen zugehört, ausdrücke wie 26, 26 kleiner 
danne ein böne. 124, 16 als in daz mer ein slac sind volkstüm- 
liche, durften daher nicht als Waltherische vergleichungen auf- 
geführt werden; auch nicht 118, 14 nihi ein här (vgl. MSF 
133, 11) oder 103, 36 niht ein blat als metaphern; sie waren 
zusammenzufassen und durch Zingerle (Bildliche Verstärkung der 
negation. W^iener Sitzungsberichte 39, 414 ff) zu stützen, ver- 
blasste metonpaien, wie tiefe nigen (steht noch 31, 24. 74, 33) 
für danken, wie der Mtssencere und ähnliche beinamen, welche 
man vielleicht eher ellipsen nennen könnte, waren gemeingut 

Wlgand hätte ferner die perioden der dichterischen tätigkeit 
bei Walther beachten und zusehen müssen, ob sich verschieden- 
heilen des Stiles ergeben, ob sich ein fortschreiten der kunst, 
der Sprachbehandlung, der technik zeige, er hätte die abhängig- 
keit Walthers von den älteren minnesingern aufdecken müssen 
und wäre so auf vergleichendem, dem einzig richtigen wege zur 
bestimmung dessen gekommen, was in W*althers dichtweise neu 
war. *das Verhältnis W^althers von der Vogelweide zu Reinmar 
von Hagenau* hat Karl Jancker in einem gymnasialprogramm von 
Rom 1S75 behandelt. Wigand nennt diese schrift nicht und 
hat sie sicher ebensowenig wie die übrige W^altherlilteratur benutzt. 

Die geringen ausätze, welche sich bei Wigand zu einer tie- 
feren erfassuug seiner aufgäbe finden, sind gar kümmerlich und 
bewegen sich in unbewiesenen behauptungen. s. 2S zb. gibt er 
Zusammenstellungen über die bedeutung von herze, die an sich nicht 
unrichtig sind, aber bei W*altber nur dann zu erwähnen waren, 
wenn die behauptung, es seien dies 'metonymien« wie sie ja zum 
teil freilich allen dichtem und unserer ganzen spräche eigen sind, 
wie wir sie aber in so reicher auswahl nur bei Wallher finden', 
auf irgend eine art erhärtet wurde, s. 13 sagt er, Walther über- 
biete im gebrauche der metapher ^die meisten dichter der mhd. 
zeit*: ob diese ansieht wol aus eingehender prflfung und littera- 
turkenntnis resultiert? 

Einschneidender Untersuchung gieng Wigand sorgHÜtig aus 
dem Wege und begnügte sich mit äufserlichkeiten. aufzählung, 
nichts als aufzählung durchs gauze buch. 

Die einteilung ist Wackernagels Rhetorik, poetik, Stilistik 
entnommen, nach dem Schema, das Wigand in dem letzten ab- 
schnitte vorfand, beobachtete er; daher kommt es dass sich die 
Syntax fast gar keiner berücksichugung erfreut, überdies wird 
die Unterordnung unter die W*ackeraagelschen categohen nidii 



niGlND WALTHERS STIL 

iffliiiiT mit berechligilug ^eU'orTen; man findel tb. 80, IS mm- 
»telieh an sehm »nd gräeem wol unter cumulatio, wShreDil es 
anter gradstio gettOrle; ehuBso &ü,i3 beide ichowen unde griiesen 
und 102, 27 des hinket rtht und trüret svht und »iecktt schäme. 
warum nennt Wiganil 19, 22 wie uiöh mit gäbe erKirbet prlsund 
fn eine lautologie? prt» und ere werden ebenso Iw. SB6 gegen- 
über gestellt Keil . . hdt selk dre und seihen pris. mau konn 
seinen prJs an den eren gemeren, Iw. 6056. 76-15 f. beide worter 
oieiueu also nicht dasselbe. Wjganr) verwechselt parallrlismiis 
und anaiiher hei der hcurreilung van 9, 6 T si kieaenl künege 
unde relit, si setzent herren utidf kneht: er verwechselt inneren 
und schlsgreim 47, 16 — 21 icli minne, sinne, lange sIt usw. wenn 
er 33, 25 ledfen, 35, 2b 14 itän, 54, 21 decke blöe usw. ellipsen 
nennt, dann Tassl er den be^rilT der eliipse wahrlich 'nicht zu eng'. 

Wigands Sammlungen sind nicht immer vollständig, so ver- 
gistt er ua. IIU, 10 Elfine und Dijdtte und behauptet, Wallher 
habe nur anspielnngeu aut die bibel und die deutsche beiden* 
sage fvgl. g. 34). auch 17, 10 f loi'e Alexander sich versanl der 
gap und gap, und gap sim elUu rIcJie würe zu erwähnen ge- 
wesen. 70, 15 liest VVigand gegen Bechslein als ein ȟ. die an- 
spielungen aurüie teilgcscbichle und persitniiche erlebnisse scheint 
Wigand der beacblung nicht l'Ur wert zu halten. 

Da Wigand mitunter vom ufad. sprich gebrauche ausgebt, so 
verkusnt er natürlich den sinn. 35, 20 m) mugl ir in himet« 
bouteea betrarhiet er als melspber, velche der 'baukunst' ent- 
DOmmen isl, und 27, 26 spilnde ougtn als bild aus den 'mensch- 
licheu Bitten und allgemein menschlichen Verhältnissen'. 

Falsch ist auch die aulTassung auderer stellen, s. 7 sagt er 
'andere spiclteute beirren 13, 13 dd vo» wir hteren beide singe» 
unde sagen', soll Walther dabei wUrklich den ausdruck spiel- 
leute haben umschreiheu wollen? ebenso wenig glaube ich dsss 
Weither 21, 24 aller 4ren slac oder 115, 1 an fröide ein anges- 
Ucher slae noch als bibi gertlhlt habe, das der l'echlkunst oder 
dem kriegsieben enislamme ', wie nach Wigand s. 13 anzu- 
nehmen wäre, der auch 104, 16 hie gel diu rede enzwei und 
67, 36 mir i.iC min erre rede enmillen zwei geslagen zu deDscIben 
melaphern rechnet, man sagte ebenso daz brichet mir min herxe 
enxwn'n MSt' 137. 23, vgl. t27, 4. Wigand erwähnt ferner 
11)2) $ fflinn unde kinlheit sint ein ander gram, was auch nicht 
paast. dafür wäre 29, 9 hier anzuführen gewesen: er bizel dd 
sin grlnen niht hdt widerseit. widersagen auch sonst bildlich 
zb. 71, 7. 101, 3. MSF 130, 9. Fraueud. 412, 11. 14 IT. MSH 
1, 10^ 

Es sei mir gestattet noch einiges detail zu erwähnen. — 

■ dir von Wigand beigebracliUn panllelen Btammea aue ätai Wb., 
niclil tiiiDiDl das citat aus liv. Würde nach dem venc (4t4l| gegeben, son- 
itia Dicli der seite. 




58 



WIGAKD WALTHERS STIL 



s. 3. ZU röter murU citiert Wigand nach WilmanDS fünf stellen 
aus dem späteren minnesaDg. im älteren minnesang ist der aus- 
druck viel seltener^ ua. steht er bei Friedrich vHausen HSF 49^ 19. 
Albr. vJobansdorf 93, 5. Heinr. vMorungen 130, 30 (rösevarwer 
röter munt vgl. 142, 10 rösevarwer munt). — wenn man s. 4 
liest: 'das epitheton ornans tritt zu allen Umschreibungen für 
heilige personen und sachen, sowie selbstverständlich an die nen* 
nung des heiligen selbst, so dass wir das schmückende epitheton 
auch hier ein für allemal als beiwort haben', so bewundert man 
nicht nur den stil, sowie die klarheit des gedankens, sondern 
auch die Sicherheit der behauptung. Wigands ausdruck ist nicht 
strenge zu nehmen, ich verweise nur auf stellen wie 3, 14. 
4, 6 usw. — 8. 5. gott der vater heifst der süeze vcUer nur bei 
Ulrich vSingenberg, denn das gedieht 108, 6 gehört nicht Walther 
zu; dies hat Wigand durchaus übersehen (zb. s. 7), ebenso 119, 11 
immer als Waltherisch herbeigezogen, zu 108, 3 richer got vgl. 
ESchmidts Zusammenstellung QF iv81 und aufserdem MSH 1, 13^ 
27^ 64*. Ambr. liederb. vii 10. Trist. 2488 ff. Hagen GA 41, 114. 
schon im Heliand zb. v. 3. 4052 thie rlkeo krist, — s. 10. zu 
79, 34 swer mich üf hebt in baUes wU vgl. HvMorungen MSF 
131, 23. Trist 11366. Zingerle Das deutsche kinderspiel im ma. 
(Wiener Sitzungsberichte 57, 149). — s. 11. zu 4, 10 ff also diu 
9unne süUnet durch ganz geworhtez glas bringt Wigand mehrere 
parallelen aus Wilmanns anm. zu 89, 35 bei, doch ist der Arnst 
Marienl. falsch citiert^; woher die angäbe 'Konr. vWürzb. in 

* Wigaod erleichtert dem nachprüfendeo die arbeit wahrlich nicht 
sein versacn wimmelt von falschen citaten. ich habe an zwei dritteilen 
etwa die probe gemacht und dabei folgende fehler gefunden: 



8. 4 z. 12 V. u. 1. 36 8t. 39. 
- 12 - 6 - o. - 16 - 6. 



- 14 


- 16 - - - MSD 8t MS. 


. 26 


- 7 - u. - 30 8t 3. 


- 29 


- 11 - - - 18 - 38. 


- 31 


- 1 17 - 7. 


- 33 


. 2 . - - 26 - 27. 


- 34 


- 3 - - - 26 - 27. 


- 36 


- 10 - 0. - 16 - 17. 


- 36 


- 6 - u. - 23 - 24. 


- 40 


-12-0. -117 - 47. 


- 40 


- 24 - - - 19 - 15. 


- 41 


-21 13-14. 


- 45 


. 9 ... 53 . 51. 


• 45 


- 10 - . - 10 - 12. 


- 49 


-17 33 - 23. 


- 50 


- 16 - - - l - 2. 


- 51 


- 1 1 v. u. 1. fröide st froide. 


• 52 


- 16 V. 0. \. 11 8t 10. 




14 - 12. 


- 53 


- 21 - - - 33 - 34. 


z. 


. 27 v.o. L wunder UehBi, 'lieh. 


- 55 


z. 18 V. 0. 1. 18 8t 27. 



8.56 z. 11 V. u. 1. 22, 18—22. 

HO, 27—29. 
-57-12-0.-19 und 25. 26. 

- 16 - - - 87, 1 ff. 

- 9 - u. -124, Iff. 

- 8 - - - 87, Iff. 

. 60 - 6 - - - fluz St. ftuos. 
-61- 5--- war sl. war. 

- 64 - 11 - - - 33— 34 8t 32— 33. 

- 65 - 7 - o. - brdht st braht, 

- 66 - 14 - - - 6 st 61. 
-69 -16- - - sfme st. sime. 

- 10 - u. - 38, 6 8t 38,7. 

- 70 - 14 - - -115, 138t 115,14. 

- 4 - - - 33,29 - 33,39. 

- 71 - 12 - o. - 15 st 16. 

- 16 - - - ilOü' st 8. 100. 

- 7 - u. - Itute, st. Kute, 

- 6 - - - jamerltchen stat 

st. jamerL ttdt, 

- 72 - 4 - 0. - 51, 5 8t 51, 15. 
. 73 . 7 - . - Wilmanns 8t. WiU 

mann. 



WIG4>II WALTUEBS STIL 59 

HS 200" sUmml, weifs ich nicht , sie ist natürlich rehlerhafl. 
soll heifsen HS ti 200' (HSU 2, älOU und meint die stelle alsam 
näeh einem glase diu sunne verwet «ch usw. zu ernahneD wäre 
gewesen Bberlurd von Sax HSH 1, 70' »am di» siinne dur daa 
glas Az und In kam er gegangen, luteressaat ist üass HeinricJi 
vHoriingen MSF 144, 24 dieses aus der geiallicben litteratur stam- 
mende bild (vgl. MSD zu jsivMi 29) auch auT die geliebte au- 
wendet 51 kan dwch diu herzen brechen sam diu swnne dur da* 
gtiu. — s. H. zu der stelle 101, 36 dd sie'l sUi kumi nach 
Sunden dnt Aach vgl. man MSP 130, 2SD', wo ich lesen mOchle 
diu hdnl mir beroubel ilach. in tlur Minueburg, ilic ich aus einei* 
abschrift PlcilTerE kenne, sieht v. 2436 IT ähnlich latU gebraucht. — 
s. 15. KU ib, 25 r bilde giezen vgl. aufser den Wilmanns nach- 
geschriebenen belegen bei ^Vigand den ausüruck aul Maria ge- 
wendet bei Eberhard von Sai MSH 1, 69'. — s. 20. säeze ist 
ein liebUiigswurl Waltbers. man vgl. neben dem von Wigand 
angerührten 29, 12 Biieser houec 78, 32. 3, 28 «. magel. 5, 26 
j. himelfrowe. 109, 25 s. lere. — s. 31. sjnecdoche. als beleg 
fllr selzung des teiles stall des ganzen wäre 33, 10 unser alter 
fräne fUr kirche zu erwähnen gewesen. > der einzige lall von 
Setzung des ganüen l'Ur den teil ist nach Wigand 37, 6 sin llp loart 
inti icharpfen ilomeu gar verseret, weil er an der auffassiiiig Kla- 
deuE resilifilt und unter dornen die kröne versteht, was ich iiicht 
billigen kann, aber abgesehen davon, muste sich Wigand erin- 
nern dass lip rur das pronomen steht und W'allher seinen aus- 
druck daher gar nicht mehr als bild TUblte. — s. 34. zu 76, 13 
infn herzt smebt in snnnen hä vgl. ESchmidt QF iv II i) und 
auTser den hier angeführten stellen Trist. 1614. Frauend. 507,24 0'. 
— gur nicht erwfihnt liat Wigand die byperbeln mit künig und 
kaiser; sie linden sich freilich bei fast jedem miniiesiuger vgl. 
MSF zu 4. 17. Strauch QF uv 147, doch ist WalUier 63, 5 ff 
sehr charactcrislisch der keiser tourde ir spileman umb also wiln- 
nteUche gebe. ühnl. S3, 35 <lett mäht ein keiser nemen teol an 
afiwn hühslen rdl v^\. 50, 12. iu solchen dingen zeigt sich der 
wahre dichter, der selbst der ahgcgriffeaen münze seinen Stempel 
aufzudrucken versieht. — s. 35. die deutung von 46, 30 h& Meie, 
IT mUtset merze sin, 4 ich min frouien dd vertUr klingt wie eine 
parodie: 'bei der wähl zwischen dem mai und meiner geliebten 
ziehe ich unbedingt letztere vor: es müate denn sein dass der 
st^One mai zum basslichen marz würde, dann züge ich ihn viel- 
leicht eher meiner geliebten vor, was natürlich nur eine ironie 
sein kann-' Wigand durfte damit die ansiebt Hüfers Germ. 
14, 416 f nidergeben wollen, die mich aber nicht vollständig he- 
friedigt. — e. 37 findet Wigand euphemismus bei Wultber 'in 

' (üf sung» ^ sprsche e 
zwei bfl«^ bei: HS I, 1S3'. 
difseUrt aull« nidnen! 



60 \«1GAND WALTHERS STIL 

seinen ganzen gedichten' [sie] nur zweimal; er irrt aber, denn 
108, 6 gebort Ulrich von Singenberg zu. — s. 41. unter den an- 
hofischen Wörtern verhoMwen 77, 4 in der bedeutung ^durcb tiauen 
verwunden': din kint wart dort verhauwen, und setzt hinzu ^id. 
124, 10'. ich hoffe, er fasst die stelle verhouwen ist der woU 
doch etwas anders auf. — anb xoivov constatiert Wigand drei- 
mal für Walther, doch hätte er bei Wilmanns zu 20, 4 noch 
zwei stellen notiert finden können 89, 9. 95, 33 L. nach MSP 
62, 29 ist es gegen den gebrauch der liederdichter. — s. 43. 
die Zusammensetzungen mit wol und wunder sind bei Walther 
viel häufiger, als nach Wigand anzunehmen wäre, ich verweise 
auf 21, 4 wolgezieret. 46, 11 wolgekleidet vnd wolgdmnden. 
79, 38 wolgevieret. 121, 1 wolgetdn. vgl. 30, 28 ein vil wol 
gemähter zein. auch die Zusammensetzungen mit über waren za 
erwähnen, zb. 75, 30 übergrd, — s. 42. bei der 'Sinnlichkeit 
für das gehör' wäre noch 28, 4 zäi und das vocalspiel zu be- 
achten gewesen, auch hätte die allitteration hier am besten einen 
platz bekommen können, insofern sie zur tonmalerei das ihre 
beiträgt. — s. 45. zu der Verbindung kristen, Juden und die 
Heiden — gradatio nennt sie Wigand — vergleicht er nur die 
stellen, die Wilmanns zu 90, 43 notierte, doch lässt er MSD 
XLii 37 fort. ESchmidt QP iv 84 kennt er nicht. — s. 46. die 
aposiopese sem mir got ist nicht speciell Wallherisch. — s. 55. 
Wigand vergisst den refrain in der elegie 124, 17 ff. — bei der 
betrachtung der auapher hätte geschieden werden sollen: ana- 
phern in derselben Strophe, anaphern in demselben gedichte; 
anaphem die beabsichtigt sein können und solche die zufällig 
sein müssen; zweimalige und mehrmalige anapher. Wigand tut 
des guten etwas zu viel, wenn er bei Sprüchen in zwei verschie- 
denen tönen, die mit owe beginnen, anapher annimmt. 13,5. 
12. 19. 261 — am wenigsten kann der abschnitt Mebendigkeü 
betreffs der gestalt der einzelnen werte' s. 61 ff befriedigen, es 
wäre interessant gewesen zu untersuchen, in wie weit der reim 
von einfluss auf die poesie Walthers ist (46, 35), in wie fern be« 
sonders die reimkünste ihn fördern oder hindern (vocalspiel 
47, 16 ff. 87, 1 ff), dagegen begnügt sich Wigand mit einem 
schlechten auszuge aus Wilmanns. *■ — s. 64 f betrachtet Wigand 
die Lebendigkeit betreffs der satzfügung' und hebt nur hervor: 
'Übergang der indirecten rede in die directe, die rhetorische 
frage und den ausruf. beim ersten puncte, den er auch 'Wechsel 

* wie QDgenaQ die angaben Wigands trotz seiner bernfung auf Wil- 
manns s. 56 der einleitung sind, beweist das aber unreine reime gesagte. 
Wigaod 8. 61 'in all seinen gedichten finden wir nur 3 mal einen reim oo- 
rein.' Wilmanns citiert fünf (alle: 4, 22 endelös : trott. ^1,21 getar:wdr 
(vgl. 95, 22 gar:jär). 36, 19 vervdn:hdn. 83, 35 verworren : pfarren. 
37, 36 genau : epUeman (nach seiner ausgäbe gezählt), den ersten fall bat 
Lachmann durch eine conjeclur fortgeschafft. 



der iodireclen und directen rede' Demii, bat er jt-ue siellen im 
«age, io denen reiieu anderer oder Wallbers eigene wörtlich an- 
geftlbrt werdcD und reclmel noch die gesprücbslieder bieber. 
Tik. 54, 21 ich hele »ngeme: 'decke lilös' gerilefet! wo stockt hier 
di« iadirecte rede? auch in den anderen Tflllen konnte ich sie 
nicht entdecken, doch ist nicht ettra der slil bter iinlersucbt, 
Wigand atditc sieb gar nicht die Trage, ob die gesprScbsüeder, 
ob vor allem die frauenstroplien irgendwie aus dem rahmen 
kerausTalleu. man kann eine entwickelung der gesprllobalicder 
erkennen: Dietmar und Reinmar bringen die einzelnen reden 
unvermittelt gleichsam monologisch neben einander (bei Reinmar 
nur 177, 10 IT); Heinrich von Nonmgen bat ansäUe zu finem 
lebendigeren dialog. Weither hat vorzllglicb eigentlichen dialog, 
natürlich mit übergangen bis zur teilung iiner slrophe zwischen 
zwei liebenden {vgl. Jaucker aao. 18). man siebt den unterschied 
im Stile zwischen Waliher S5, 34 IT und Reinmar 177. lU ff, 
um nur die einander am nächsten stehenden lieder zu ueu- 
nen, ganz deutheb. wie wunderbar versieht es Wallher schon, 
die einzelnen reden in beziebung lu setzen: der rilter ist ge- 
Ȋege, galant (&6,*28l und sagt der dame eine Schmeichelei: 'wiaaet 
da* ir schatte all: hdt ir. als ich mich verwtBite, gäete bl der wol- 
gelane, was tianne an in einer eren tu!' etwas schelmisch co- 
i|iiell erwidert die dame 'khn uei'x obe ick schwne bin, gertte hete 
ich wlbes gäete'. er mUge sie lehren , die gOeie zu bewahren, 
gesduckl kuüprt der ritter an, gibt die. kurzen Vorschriften uitd 
da sie sagte sckatier l!p entonc nikt line sin, so benutzt er dies 
um ihr das princip einzuprägen eime sitit ir iiiaern tip gebe» 
für eigen, doch setzt er hinzu nemenl den shien. er wird dringend 
und macht die anwendung auf den momeul frowe, woUent ir den 
minen, ilen gab ich vmb ein sä srha^ne wip, die dame weicht aus, 
obwol sie deu ersten teil seiner vorschriÜen mit eluem graziösen 
mea ciäpa billigt; das persönliche, wie das geben den Up. über- 
hört sie uud sagt nur humoristisch bedauernd tn weis nianan 
d«fn ith welle nemen den Up : es täte im Uhte we'. erst auf seine 
abermalige, eindringlichere bitte, seiu leben nicht zu schonen 
alirbe ab ich, s<i bin ich sanfle tat. wendet sie wider nur scherzend 
«in Mrre, ich teil noch langer leben, wenn ihr scheint des lebens 
Überdrüssig zu sein, warum soll ich deshalb mit euch tauseben? 
hier also reizvolle (lointierte conversalion mit neckischem hinülier 
und herüber tn balles wli. anders bei Reinmar. da stehen sich 
dame und hole gegeullber, die dame fragt, der böte meldet, nur 
einmal nimmt die dam« bezug auf seine antwort 'sin herze stdt, 
«fr irs gebitlcnt. iemer hö': 'ich verbinte im vröude niemer.' die 
einielneu reden stehen noch unvermittelt da, und scblierslicb 
gebt das zwiegespriich wider in einen monolog über, die dame 
vergisftt dass der böte da ist, oder dieser bat sich entfernt. 

Sic l'raueuslrophen liolTc ich einmal im zusammenhange he- 



62 WK15» WALTSEBS «TD. 



tnthten zu köoneo. wir bemerk« nitODler anbebolfesere form. 
et fiadeo sieb eisige male aomoe dialectiscbe reime aar ia 4ea 
fraueiiftropbeD ; ob man bier bewustcs aolebBen der ntterfidiea 
dicbter oder ttügkeil der damen selbst anzDBefameii bat, wird 
kaom nreifelbaft seio, da Clricbs tod Licbteasteia beispid lebr- 
reieb ist. tot allem die aoooTm oder unter erfandeneo namea 
Oberlieferteo fraaenstropbeo dOrften iosgesammt würklicbe da- 
poesie sein. 

S. 68 ff. im anbaoge bescbafligt sich Wigaod mit deA 
Sprichworte bei Waltber. schon Kari Jaucker aao. 19 f bat sieb 
mit dieser frage befasst. Wigaod will zeigen, ^e Waltber nicbt 
nar mit seiner zeit gedacht und gefQhlL, sondern auch, wie er 
mit ihr geredet hau' der arme Walther hätte wol eine eigene 
Sprache erfinden sollen? — s. 70. zu 93, 17 Tgl. MSF 159,3. 
Jancker s. 16. — zu 62, 19 joA nni kdoch gedanke fri war 
auf EScbmidt QF iv 109 und aufserdem auf Erinn. 945 <987) 
dd [im himmel] $ha die gedamck aüe vri. Freid. 22, 26 zo 
Temeisen. 

Die ganze gelebrsamkeit, welche mit citaten prunkt, stammt, 
wie schon gelegentlich bemerkt wurde, aus Wilmanns, Lachmann 
und dem Mhd. wb. nur zwei proben: s. 9 stehen die paraUekn 
bei 54, 14 an unrichtiger stelle, sie gehören zu 27, 29 und sind 
Wilmanns anm. zu 84, 143 entnommen, dieser sagt: ^die binme 
im Uu galt als das schönste HMS 1, 305*. Neidh. 17, 11. Lm35.' 
Wigand ebeuso: ^die blume im schmuck des taues galt fOr 
das schönste. Tgl. HMS 1, 305\ Neidh. 17, 11. xiu 35.' femer 
s. 74. ^der kaiser als der mächtigste kann die höchsten an- 
sprüche machen, ist am schwersten zu befriedigen.' diese be- 
hauptung Ton Wilmanns zu 37, 3S kehrt bei Wigand in folgender 
gestalt wider: ^dass der kaiser als der höchste und als der, d«* 
die höchsten anspräche machen darf, hier befriedigt werden kann, 
wird . . .' 

Wie es Wigand hier gelingt, seine Torlage stilistisch zu Ter- 
unstalten, so ist auch sonst sein stil höchst mangelhaft, es liefsen 
sich köstliche und ergetzliche Stilblüten zu einem straufse Ter- 
einigen. s. 33 steht zu lesen : 'es sind nun noch fünf tropen 
zu betrachten, die wir mehr oder minder reich bei Walther Ter- 
treten finden, die zwar nicht der dichtung allein angehören, da 
an ihnen nicht nur die einbildung, sondern auch der Terstand 
anteil hat, deren eigentliche heimat aber die poesie ist, und die 
von Walther teilweise sehr häufig gebraucht werden.' vgl. s. 12. 
18. 27. 29. 30. 33. 37. 44. 47. 48. 59. 61. 64. 60. 68 usw. 
s. 28 steht ^statt' mit dem dativ I 

Graz, 10 märz 80. R. M, Werjier. 



«(».PRAHL nTERATDn 



MLITTERlTUn. 



S". - 



i'S. 132 SS. 



2. Die tlanlelluagsmiltel des Woirramschea hamon. von Christ 

Schwerin IS79. 33 ss. i". 
3> Wolfriois TOD Escheobach bilder nnd wSrler für [ivude und Irid. von 

LiDwiR BucK. Qaellcn und forachutigcn i^ixiit. Strafsburg, Trübner, 

1879. vin ODd 74 ss. S«. — 1,60 ni. 
4. Sie Wolfram-Iiteratur wil Lachmion mil kritisdien •nmerkongeii. eine 

eiRßhniDg in das siudhini Wolframs von dr GBuETTicuEri. BeiUn, 

Weber, ISSÜ. vi und 62 sa. &». — 1,60 m. 

Dnler diesen vier schriftea muss die an dritter stelle ge- 
DauDte als die bedeutendste bezeichnet werden, die eorgraltlgen 
und geschmackvollen Sammlungen der bei Wolfram begegnenden 
liilder rur freude und leid, sowie die TeinsiDuigen hedeiitungs- 
enttvickelungeu, welche sie enthalt, zeugen von der hervorragen- 
den begabuiig des vurrassers für lexicographische arbeiten höheren 
gtits und lassen es aufs schmerzlichste beklagen dass ein Jäher tod 
eine so tUchlige kraft dem Deutschen worlerbuche, welchem sie 
bestimmt war, raubte, auch mOchle ich mit besonderer anerken- 
nung auf die gelungene characteristik des Übelen weibes im an- 
hang t, als auf das beste bisher über dies ausgezeichnete gedieht 
gesagte, hinweisen, dagegen darf nicht verschwiegen werden 
dass der wert des ganzen weseiillich unter dem umstände leidet 
dnss es als selbständiges buch erschien, es sind darin, die an- 
bäftge einbegrifTen, fünf verschiedene, von einander unabhängige 
beobBchlungsreihen niedergelegt, welche sich nicht einmul sümmt- 
licb mit Wolfram beschäftigen, und nur Surserlich durch die art 
d«' gruppieruug, durch einleitende und abscbliefsende betrach- 
tungen eine gezwungene einheit erhallen, auch iuaerhulb der 
einielnen abschnitte ist der Verfasser manchmal, das beispiel 
Wolframs nachabmend, des hasen geselle gewesen und hat sich 
Terleiien lasset), an ungehörigem orte vorzubringen was gerade 
an Observationen ihm zu geböte stand, so ist zb. die anm. auf 
8. 3ä bei den bnaren herbeigezugeu. abgesehen aber von diesem 
mMiigel der composition lassen sich auch sonst bedenken nicht 
UDlerdrUckcn. man wird zwar gerne zugeben dass im 13 jh, der 
reim riuwt : irinwe eine ähnliche Stellung einnahm wie heute bei 
OBS hera : sckmera ; man kann auch einrSumen dass derselbe, 
itenn er 34m3l im Pari:ival auflrill, von Wolfram bünüger als 
van anderen zeitgeuosseu (Gottfried mied ihn augenscheinlich) 
verwendet ist: aber dass der dichter des Cbelen weiheg, um diese 
lieJdiDgshindung Wolframs zu verspotlen, sie in seinem gedichte 
parodistisch gebnuft habe, ist wenig wahrscheinlich, jedesfalls un- 
beweisbar, er mllste ein moderner observierender philologe ge- 
wesen sein, wenn er hätte bemerken sollen dass jener reim leiner 



64 WOLFRANLITTERATUR 

auf je circa 370 reimparel) im Parzival irgendwie bevorzugt 
worden sei. obschon gerade Wolframs poesie dem yerfasser 
des Gbelen weibes wolbekannt war, reminiscenzen daran ihm 
komischen elTect erzielen halfen ^ so genügt doch zur erklärung 
der häuGgen Verwendung von riuwe oder riuwe:triuwe bei ihm 
der ganze character der geschilderten Situation und die bequem- 
lichkeit des reimes. — ebenso wenig will mir die von Bock zwei- 
mal (s. 2. 51) hervorgehobene hohe sprachwissenschafUicbe be- 
deutung des mhd. einleuchten; dass von der art und weise, wie 
ein begnadigter dichter einer hochcultivierten zeit, der noch dazu 
mitglied eines bevorzugten, raffiniert verfeinerten Standes ist, mit 
überliefertem sprachgute und Sprachmitteln frei schaltet und seine 
subjectivität diesem objecte aufprägt, verlässliche analogieschlttsse 
auf die modalitäten der aussondern ng von dialecten aus einem 
grOfseren sprachganzen sich abstrahieren liefsen, erscheint mir 
weder glaublich noch selbst denkbar; wenn nicht einmal nach- 
gewiesen werden kann dass Wolfram auf die ausbildung der mhd. 
spräche irgend eine andere würkung ausgeübt habe als dass einige 
dichterische genossen und nachfolger ihm phrasen, worte, verse 
entlehnten, um wie viel weniger wird in nichtUtterarischen Zeiten 
von bewustem einflusse eines individuums oder einer mehrheit 
von individuen auf die entwickelung der spräche oder des sprach- 
brauches die rede sein dürfen. 

Die arbeit von Kant stellt recht vollständig das matenal zu- 
sammen, mit welchem eine darstellung des Wolframschen humors 
zu operieren hat; aber auch nur das material, nach gewissen 
äufserlichen einteilungsgründen geordnet, ohne dass im mindesten 
der versuch gemacht würde, dasselbe höheren gesichtspuncten zu 
subsummieren oder die einzeläufserungen des humors aus der 
totalität von Wolframs wesen zu begreifen, nicht einmal eine 
definition des begriffes ^humor* ist gegeben ; der Verfasser scheint 
eine solche für überflüssig zu erachten, obwol er, wie aus den 
häufig eingestreuten nhd. Übersetzungen und Umschreibungen 
hervorgeht, gerade ein grOfseres publicum sich als leserkreis 
gedacht hat. daher hat Starck das thema nochmals, wesentlich 
auf grund der bei Kant und in den stilistischen Untersuchungen 
über Wolframs spräche von Kinzel, Förster, Boetticher vorliegen- 
den Sammlungen, behandelt, seine arbeit hat den zweck, die 
erscheinungsformen des humors bei Wolfram, vornehmlich die 
wechselwürkung von humor und sprachlichem ausdruck, an einer 
reihe ausgewählter beispiele darzustellen, und das ist ihr auch in 
der hauptsache recht gut gelungen : nur vermisst man hier ebenso 
wie bei Kant die erklärung des humors aus der individualität 
des dichters. es lässt sich nicht billigen dass am Schlüsse Wolf- 
rams humor seinen Jugend- und lebenseindrücken sowie seiner 
Phantasie als gleichartiger factor coordiniert wird,Menn die ersteren 
sind mit eine Voraussetzung der im humor zu tage tretenden weit- 




nOLKRlULlTTEKATUlt 

anBcbauuog und ein nicht unbedeuleodes mafs von ptianlasie ist 
erforderlich zur humoristischen iiidividuiizion. die rurmel Tür die 
eigenart des dichters, aus der auch sein humor sich erklärt, war 
nicbl schwer zu finden: höchster ideaüsmus gepnrt mit enl- 
achiedeuslein realismus. 

Schon Tun anderen Kl herTorgehohca nordisn dass Boeltichers 
Wolfram hibUograpbie weder ganz vollständig noch ganz verlasslich 
sei; es haben sich sogar recht sutTnllentle irrtUnier eingeschlichen, 
wenn zb. sowol s. 6 wie im index Zingerle slall Zupilta als der 
herausgcber der Parzivalbruchslilcke Zs. 17, .(93 IT genannt ist. 
am sonderbarsten aber erscheint dass ßoetlicber ganz und gar 
vergnfs dass Wolfram auch lieder gedichtet hat und diese eben- 
falls eine, wenn auch an zahl geringere, litteratur zeitigten, auch 
wsro es wol keine unbillige anforderung an ein reperlorium der 
Wolframarbeiten, wenn man eine übersieht über die bisher nach- 
gewiesenen nachahmungen Wolframs in der spateren deutschen 
dichtung oder eine aufzählung des nach Lachmann für die Wolf- 
ram fortsetzenden oder ergänzenden poelen und poelaster ge- 
leisteten wünschte. Boelticher hat sich die granzeu seiner loistnng 
viel lu eng gezogen, innerhalb seines rahmens allerdings wird 
man ihm sowul unparteilich keil und hesonoenhoit des refcrals als 
Übersicht lichp disposition des Stoffes nachrühmen dürfen, reclit 
im gegensatz zu Leos im Anzeiger bereits gewitrdigler tendenz- 
schrifl über Wallber. Stei»iever. 






Ipt als acsdemisclier lelirer. mit 'bemeikungen Hnupls zu Homer, 

I ttagikern, Theokrit, Plaulu», CaluH, Properz, Horuz, Tacitus, 

'olfram voa Eschenbach , und einer biogtiphiscIieD ehileilung von 

CwiisTMN Beiger. Berlin, Welitr,18T9. lU und 340 ss. 6". — 8 m.' 

In diesen blätteru kurz eines buches zu gedenken, welches 
die academische wUrksanikeit des begrttnders und langjährigen 
letters der Zs. zum gegenstände hat, ist mir angenehme pilichl. 
ich erachte es für einen glücklichen grilf dass gerade diejenige 
seile der vielfältigen tstigkeil des berühmten philologen, die auch 
mir stets an ihm als die bewunderungswürdigste erschienen ist, 
sur monograpbischeu darslelluug gewählt wurde, nicht jeder 
gelehrte, selbst wenu er der Wissenschaft neue bahnen eröffnet, 
bat als lehrer namhafte erlolgc aufzuweisen: dazu bedarf es viel- 
mehr, aufser umfassender gelehrsamkcit, welche die unerlässliclie 
ToraUBselzung bildet, noch besonderer factoren, innerer und 
luCHrer, eigenschaficn des characters und gtlnstiger naturan- 

- Z«, f. d. gym- 



66 BELGER HAUPT ALS AGADEMI8GHER LEHRER 

lagen, denn das resultat der universilätsbildung soll weit weniger 
die aneignung einer summe von kenntnissen sein als der redete 
einblick in wesen und zweck wissenschadllicher arbeit, das ziel 
aller Wissenschaft ist die ermittelung der wabrheit, das der phi* 
lologischen speciell die reproduction vergangener Zeiten in ihrer 
totalitdt. wir wissen dass wir teils aus menschlicher unvoU- 
kommenheit teils wegen mangelhafter Überlieferung dies hoch- 
gesteckte ziel nimmer erringen, sondern nur zu relativen Wahr- 
heiten gelangen, dh. solchen, die wir nach dem stände unseres 
Wissens zwar für wahr zu halten berechtigt sind, die aber wachsen- 
den einsichten sich auch als falsch erweisen können, jedoch das 
streben über die relative Wahrheit hinaus zur absoluten bleibt 
bestehen, und es zu nähren und zu kräftigen haben vor allem 
die Universitäten den schönen beruf, damit durch Stärkung des 
idealen sinnes der gefahr, dass die nation in rohen materialismus 
versinkt, entgegengearbeitet werde, der einzige weg aber, auf 
dem die absolute Wahrheit zu erreichen denkbar wäre, beruht in 
der Vermehrung der relativen Wahrheiten, die aufgäbe des aca- 
demischen lehrers wurzelt also darin, zu zeigen, wie und mit 
welchen mittein relative Wahrheiten zu gewinnen sind, will er 
aber diese seine sittliche und sittlichende aufgäbe voll und ganz 
lösen, so muss er selbst eine sittliche persönlichkeit sein: es 
muss ihm um die Wahrheit allein, ohne nebenrücksichten, zu tun 
sein, und dieselbe strenge, die er von andern verlangt, muss er 
gegen sich üben; nur wenn der lernende erkennt dass sein lehrer 
durchglüht ist von unbestechlicher Wahrheitsliebe, wird er ihm 
vertrauen schenken und willig dessen worle auf sich würken 
lassen, allerdings ist einschneidender lehrerfolg in den meisten 
fällen noch bedingt durch den besitz einer reihe von äufserlichen 
eigenschaften : gewandtheit der rede, klarheit und präcision des 
ausdrucks, wollaut und kraft der stimme. 

Alle diese erfordernisse des echten Universitätslehrers ver- 
einigte Haupt in seltenem mafse. er besafs zunächst ausgebrei- 
tetstes wissen auf den verschiedensten gebieten der philologie, 
vielseitige erudition in allen hillsdisciplinen und reiche belesen- 
heit in den modernen litteraturen ; dazu verstattete ihm ein treues 
gedächtnis in jedem augenblicke die volle Verwertung dieser kennt- 
nisse. aber nicht sowol wissen zu tradieren, sondern methode 
zu lehren, war der zweck seiner Vorlesungen, wie er ihn zu 
anfang und im verlaufe derselben hinzustellen liebte; und da 
hiezu interpretationscollegien geeigneter erschienen als systema- 
tische, so gab er, sonderlich in der zweiten hälfte seines lebens, 
jenen den vorzug. der zur behandlung gewählte text wurde, nach- 
dem eine einleitung über seine litterarhistorische Stellung, seinen 
Verfasser, seine Überlieferung vorangegangen, vornehmlich in hin- 
sieht auf worlkritik durchgenommen; höhere kritik zu treiben 
gaben im ganzen nur die vortrage über die llias anlass. man 



BELGER HAUPT ALS ACADBMISGHER LEHRER 67 

muss zugestehen dass diese einseitige bevorzugung des details 
nicht ganz unbedenkHch ist: mancher anfönger wird leicht von 
den höchsten zielen der Wissenschaft abgelenkt und zu dem 
glauben verführt, alles heil beruhe in der conjecturalkritik ; es 
mag sogar vorkommen dass dem einen und andern das philo- 
logische Studium überhaupt verleidet wird, sei es dass er zum 
conjicieren sich nicht berufen fühlt, sei es dass ihn die Vertie- 
fung in einzelheiten unwürdige kleinkramerei dünkt, aber kritik 
und erklärung, diese sich gegenseitig bedingenden elemente, bil- 
den die notwendige grundlage aller weiteren erkenntnis in der 
Philologie; ihre richtige handhabung ist daher das erste und 
dringendste was not tut und kann nicht oft genug an beispielen 
deutlich gemacht werden, darauf verstand sich Haupt meisterhaft, 
vor allem verlangte er gründliches Verständnis des überlieferten : 
halbwisserei und leichtes hinweggehen über Schwierigkeiten waren 
ihm ein greuel. 'was heifst das?' lautete die erste frage, die er 
aufzuwerfen pflegte, erst wenn es sich gezeigt hatte dass der 
text verderbt sein müsse, kam die kritik zu ihrem rechte, und 
es erhob sich die weitere frage ^was muss dagestanden haben?' 
ergab sich darauf keine sichere Verbesserung, so predigte Haupt 
die ars nesciendi. nicht nur aber auf diese positive weise führte 
er zur Wahrheit, sondern auch auf negative, indem er darlegte, 
wie nicht erklärt und wie nicht conjiciert werden solle, fast 
bei jeder Vorlesung bekämpfte er die arbeiten bestimmter ge- 
lehrten, um die halbheit, Schiefheit oder Unmöglichkeit der von 
ihnen vorgebrachten erklärungen und änderungsvorschlage nach- 
zuweisen, gerade dies verfahren, welches durch den contrast des 
falschen die Wahrheit in um so helleres licht setzte, schärfte das 
gefühl für das einfache und echte in besonderem mafse und ist 
überaus empfehlenswert, auch für die deutsche philoIogie, die 
gewis nicht mangel an ausgaben hat, welche zwar an sich keinen 
wert besitzen, jedoch dadurch einen solchen empfangen, dass an 
ihnen exemplißciert werden kann, wie man nicht zu erklären habe. 
Aber Haupts durchschlagender lebrerfolg wurde wesentlich 
erhöht durch die gewalt seiner persönlichkeit, wer ihn sah und 
hörte, empfieng sofort von ihm den eindruck einer fest abge- 
schlossenen, schneidigen aber strengsittlichen natur. seine ma- 
jestätische erscheinung, der blitz seines auges, die kraft seines 
modulationsf^higen organs würkten imponierend, und dazu die 
einzigartige kunst des Vortrags, es ist dies ein punct, den 
Beiger leider zu wenig berücksichtigt hat. alles in Haupts de- 
ductionen war wol berechnet; kein unnützes wort störte den 
effect, den die Vorführung der tatsachen auf den hörer machte, 
immer mehr steigerte sich die Spannung, bis endlich das wahre 
heraussprang und mit siegreicher macht sich anerkennung erzwang, 
der genuss, den seine Vorlesungen erweckten, lässt sich nur dem 
vergleichen, welchen man empfindet, wenn man der Schürzung 

5* 



68 BELGEB HAUPT ALS ACADEMISCHEB LEUBEB 

und eotwirruog eines dramatischen knotens in einem guten 
Schauspiele mit regem anteil folgt. 

Allen, welche das glück gehabt haben, zu Haupts füfsen 
sitzen zu dürfen, wird Belgers buch auf angenehme weise die 
stunden, während welcher sie seinen worten lauschten, in die 
erinnerung zurückrufen, wer aber ihn persönlich nicht gekannt 
hat, leistet sich selbst den grösten dienst, wenn er die schrift zur 
band nimmt und aus ihr sich vergegenwärtigt, wie ein meister 
der methode methodisches denken lehrte, zwar bietet sie natur- 
gemäfs dem classischen philologen mehr als dem deutschen, aber 
die methode aller philologie ist dieselbe und gerade die germa- 
nische Philologie hat allen grund, von der älteren Schwester 
immer wider zu lernen, damit endlich Zerfahrenheit und dilet- 
tantismus sich breit zu machen aufboren. Steinneteb. 



Christian Felix Weifse und seine beziehungen zur deutschen litcratur des 
achtzehnten Jahrhunderts, von dr JMinor. Innsbruck, Wagner, 
1880. VIII und 406 ss. 8<*. — 6,50 m.* 

Selten wird ein erstlingswerk so sehr den eindruck der 
reife machen wie diese monographie über einen Schriftsteller 
dritten rangs, der wenn nicht intensiv so doch höchst extensiv 
in unserer litteratur gewürkt hat. nicht alles kann der kritische 
betrachter des Minorschen buchs nach anläge und ausführung 
gut heifsen, aber er wird gern bekennen dass hier eine bei der 
unerquicklichkeit des Stoffes doppelt rühmliche hingebende ge- 
nauigkeit mit fruchtbarem streben nach Verallgemeinerung der 
Probleme gepart ist. hinzu kommt die vortreffliche darstellung, 
der ein par stilistische flüchtigkeiten wahrlich nichts von ihrem 
werte rauben, auch das corrigieren wird Minor hoffentlich rasch 
lernen ; dieses buch wimmelt von druckfehlern. um dann meine 
teilnähme an diesen Studien unbeirrt durch äufserliche kleinig- 
keiten zu bezeugen möchte ich mir gleich einige anstöfsige neben- 
dinge aus dem wege räumen, wir würden gern eine reihe von 
hart an die phrase streifenden Sätzen vermissen , wie s. 3 dass 
die Zwillingsgeschwister Weifse durch Verkleidung der deutschen 
lustspieldichtung ein später beliebtes motiv zugänglicher machten, 
s. 43 f die entwicklung der Weifseschen Verlobung nach comödien- 
recepten, s. 17 die litteratur beim bierkrug, s. 81 den gezwungenen 
dichter, s. 179 den 47 jährigen greis im grofsvalerstuhl, ihs jugend- 
liche naturburschenthum im Rleonnis s. 228 und s. 229 den wie 
aus marmor gehauenen typus des Philotas, welcher Weifses cha- 
racteren über den köpf wächst; den ironischen vergleich zwi- 

[* Tgl. Augsburger allgemeine zeitung 1880 nr 172 und 209 beilage 
(LGeiger). — Litt, centralbl. 1880 nr3l.] 



WNOK vnssK 



69 



Stilen Weifse und Cäsar s. 256, e. 252 er war iieiiie seideiiiourm- 
nalur, s. 25 tint Bamletnatnr, ico sie an die parodie streift. 

0er mit uniulanglidieti krBrten immer muntiT (Inraiif los 
artteitendc WelPse. was roII er such nur paroctUtiscIi mit der 
llamlelDfllur gemein liabeu? aufgaben, buhan<Uii[ig, .nbschluse er- 
geben nichls, was solche weit hergeholte geislreiche vergleiche 
veraulassen küniite. b»t Weifse sich iilierhaupl an grofsen pro- 
bteaien, ihm, gerade ihm gesteckt, milde gerungen? da er doch, 
sbgcseben vad den operellen, Überall ein Torlsetzer Tremden Vor- 
gangs ist und sein Verhängnis nach Minors glücklichem apperfu 
darin liegt, dass er immer zu spat kam. ei» stück neges kann 
er mit Lessing gleichen schrill halten, dann hinkt er nach und 
klaubt auf was ihm die raschen flugs vorw-lrts eilenden grofsercn 
geist^r zuwerfen, immer weiter bleibt er zurück, schliersiich der 
beinilleidenswerte alte mann in einer weit, die er nicht faegrilT, 
mit seinen fossilen dichlwerken geuerationen gegenüber, welche 
Ober Garve uud Engel zu gericht safsen und ihn sellisl mit seilen- 
liieben bedachten, nur weil er nicht aggressiv war wie Nicolai 
haben ihn die unhamiherzigen kritischen teufeleien einigermafsen 
geschont. Minor betrachtet ihn mit der Unparteilichkeit des er- 
klärenden historikers uud ßllt doch gar hau&g in einen etwas 
hohnischen Ion, der dem leser nicht immer behagl. nebenbei: 
dafis Minor gleich mit einer spöttelnden durch nichts gebotenen 
bemerkung über Goeileke anhebt linde ich gar nicht hübsch, 
nittgen wir Goedeke verbessern, mUgen wir ihm widersprechen — 
der mann, der na. zu unserem handwerkszeng den unschätzbaren 
Gnindriss geliefert hat, verdien! unseren liigtich erneuerton dank, 
wie jener philolog nie versäumte die guten lexicographen in sein 
morgengcbet einzuscJiliefsen. 

Eine ungemein ausgedehnte secundSre litteraiur ist von Mi- 
nor durchgearbeitet worden und hgimiu atiqtia »e Ugaittw dürlle 
er bekennen, der recensent ist nicht in der tage erhebliches de- 
tail nacbzulrageu, wenn anders er den wink der vorrede beacbtet, 
du« billige krilik werde den Verfasser hoffhitlich mit anfmulsung 
des autkehrichtet, den er selber abgeschaffi hat, verschon(n. 

Die anordnuug ist im grofseu und g.inzeu nur zu billigen, 
leben und schrifleu werden von einander getrennt, die letzteren 
Dach gatlungen abgehandelt, nicht iu bausch und bogen, sondern 
jede diehtniig einzeln, was die brauchbarkeit des buchcs erhüht. 
Eusammenfuasende hetrachtung der gruppen fehlt nicht, ist aber 
wie mich dlinkt etwas zu kui'z gekuinnien. wol jeder hat beim 
ersten anbück sich des gedankens tiicht erwehren kilnnen: so 
viele bogen über Weifse? prüft man jedocli eingeheud, so sind 
elreichtingen nicht eben leicht vorzuikehmcu, und da man einiges 
vemiisst, SD muBS eine erschöpfende luonograpbie wüiklicli so 
bng geraten, der bandschrifiliche nacblass wird mit weiser bc- 
Bclirankung benutzt, energisch zusammendrängen liefse sich zb. 



70 MFNOR WEISSE 

die anaiyse der Jagd, der Jubclhochzeit, vor allem der abschnitt 
Weifse als bibliothekar, die gedebnte Schilderung von allen mög- 
lichen persönlichen beziehungen, überhaupt manches biographische. 

Hier erweckt vor allem das von Minor im ganzen verlauf 
einsichtig behandelte verhciltnis zu Lessing unser interesse. grofsen 
persönlichkeiten gegenüber macht uns Weifse einen ärmlichen 
eindruck. Rousseau weifs er nichts zu sagen als eine alltags- 
bemerkung über die schöne gegeud und man sieht nicht dass 
der Pariser aufenthalt ihn irgend nachhaltig angeregt hat. da- 
gegen etwa Herder I gewis, wir sind, wenn wir so den sftab 
brechen, ungerecht — und doch was unserer litteratur damals 
not tat, war die Überwindung des sächsischen, die hervorkehmng 
des preufsischen characters. Weifse ist der typus des sitzen ge- 
bliebenen Sachsen, und so kann ich allerdings nicht ohne ironie 
und Verachtung sehen, wie Weifse sich in derselben stunde die 
Bibliothek der schönen Wissenschaften auflialsen lässt, wo die 
echte kritik sich in den Litteraturbriefen ein organ gründet, um 
preufsisch loszuschlagen, hnsarenhiebe nennt es Prutz, von Am- 
sarenkriegen spricht schon FJ Riedel, die raschheit, die rück- 
sichtslosigkeit, die schärfe und weite des gesichts und alle die 
preufsischen eigenschaften , die Lessingen, den Sachsen von ge- 
hurt, zum guten Preufsen machten, fehlen Weifse gänzlich, kein 
gröfserer contrast als zwischen Lessings göttlicher nnrtihe im leben, 
seiner fragmentarischen schriftstellerei und Weifses still bürger- 
licher lebensführung, seiner halb phlegmatischen halb borniert 
eigensinnigen ausdauernden production. es mit niemand zu ver- 
derben war sein grundsatz; gutmütige Versöhnlichkeit bekundete 
er allenthalben. Lessing wüste nichts von jener feigen nachsieht 
gegen alte freunde, sondern konnte sehr kühl bis zur völligen 
ablehnung werden; ein erfrischend männlicher zug in dieser zeit, 
wo die grofsen und kleinen, immer aber kleinlichen gemein- 
schaften alles waren, die ihn nicht verstanden meinten wol, er 
sei ohne sinn für freundschaft. auch Weifse, der doch einst 
Lessing und Kleist zusammen gesehen, hat derlei geäufsert vgl. 
Minor s. 295. er habe ihm beweise der alten Zuneigung gegeben 
— nämlich im märz 1775 — so weit bei ihm diese gehen kann, 
denn bis ans herz geht sie nicht leicht. 

Daher hat sich jedesfalls auch JMMiller damals in Leipzig 
seine ansieht tlber Lessing geholt, er selbst verkehrte zwar nur 
flüchtig mit dem von Klopstock verworfenen dichter und be- 
merkte, nachdem er ihn xi 74 verfehlt hatte, nun kanns lange 
anstehen, aber um so eifriger war der junge Cramer. Miller an 
Voss 2 XI 74 er lauft von einem pro f. und schönen geist zum 
anderen, schon hat er Weifse, Clodius, Engel, Ekhof, die Seylerinn, 
und wer weifs wen noch ? besucht. Ekhofen hat er gar sein Stamm- 
buch präsentiert, dann meldet ein 20 ii 75 begonnener brief 
Lessing ist seit dem donnerstag hier und geht wwrgen wieder ab. 



VIKOB WU8SB 



71 



ich iroUt ihm aher nichl com- machiH. . . . heitl tnurilf. Sara, das 
an sich sclion mittelmäßige und hngweiUge Stück gar laiigiotilig 
«nd sehleKhi uvfgeführt. le/i kälte mürkitcit die Sara »och für 
bener gehalten, aber auf dem tlieater ejmuifirt und beleidigt nie er- 
tcJirecklich. Lessing lief selber bald wieder weg. er sieht gut aus, 
lebhafter vnd jünger ah im portnlt, und ist nicht viel grOfser ah 
Klopstodc. man sagt, er het/rathe die mad. Reiiken ; doch lias ist 
VMthl nur mähre . . . ilienstag. heute sah ich Lessing noch ein- 
mal »I Uillers cOHcert; er sieht gar pfiffig aus, aber doch sehr 
angendim. Uiiter sagt, dnss er sich aus der tmisik gar nichts 
mathe. alle sprachen ihm auch dai geringsten grad von freund- 
Schaft und empfindutig ab. icb füge hinzu (vgl. Miuor s. 344) 
das Cmmpr ila$ woclienblall fUr kiiider zu je einem lialbea 
bogen zweimnl die woclie für Crusius liefern wollle und Miller 
scIioD kiuiJer^espracIie und kinderlieder bereit hiell. endlich dass 
Billcr, der bedeuieodste singspielcomponigi, MiUern erklärte der 
reim helfe in der musik gar nichts. 

Dem sauberen biographischen abschnitt habe ich nichts bei- 
xufUgen oder entge^enzusetEen. für die Leipziger campague der 
MulJerscben Iruppc s. 5 antn. ist besser auf die Briefe über die 
einftlhrung de» englischen gesclimacks 176U s. 60 und ti3 zu 
verweisen. 

Das aweile capitel (jill dem lyriker Weifse. in der tat, 
Wtifse kam, wie überall, so auch hier zu spät, wenn er 1758 
Scherxliafte licder herausgab, wie gering dachte damals Lessing 
¥on seinen kleinigkeiten , wie gering damals überhaupt von der 
abgedroschenen auakreontik. Miuor bält sich ein nenig zu lange 
dabei auf für Weifse und andere das unerlebte dieser Holten 
vein- und liebespoesie zu erhärten, da doch schon Danzel zb., 
was er s. 5S rorlrllgt, genügend gesagt baL weil für Weifae die 
siaDÜchen Ingredienzien hlofse poetische Observanz waren nahm 
er Bpater an seines freundes Thtlmmel lasciviiat keinen anslols. 
er war sich gewis am wenigsten hewusl in die reihen der ana- 
kntontiker tretend einen kämpf für die freiheit der lyrik mitzu- 
kUiDpren. und doch war es ein wagnis. ja. es ist ersiaunlich 
wie harlnUckig orthodoxe eiferer die antikisierende richtuog seit 
der renaissance bis zur gegenwart verpönten, so poliert der 
br«iotcbweig»che superinleudcnt JBLüderuald in seiner scbrifl 
Über die Apokidypse 1777 : wie man ehedem die sdimutzigm lieder 
cmf> lloratii, Ooidii, Caluili nicht zur brandmarkung des un- 
sauberen hetdeugeisles hervorgezogen habe, soudeni um den 
Bacchus, die Venna und alles andre aeug des heidenthums i« der 
feinsten und annehmlichsten, zugleich aber auch verfilhrerisrJislen 
gettall vonulegen, so seien auch die neuen dichter bemüht ihre 
inilbtirger zu niahumedaoeru zu machen und den bimmel nur in 
wollnst, liebe und wein zu suchen. 

Leider hat Minor es sich versagt, Welfscs lyrik auch dadurch 



72 MDiOR WEISSE 

in die reihe venvandter Urkunden der po^sie fugitive einzuordnen, 
dass er eindringlicher den einflüssen der schule Chapelles und 
Hagedorns auf stil und motive nachgienge. und warum nicht 
s. 74 f lieber ein par entbehrliche bemerkungen und daten ge- 
strichen und dafür eine knappe characteristik der Umarbeitung 
gegeben, ich Oberschätze den wert von lesarten geringerer poeten 
durchaus nicht, aber eine entwicklung des anakreontischen sUb 
muss gegeben sein, bevor die analyse des Wielandschen erfolgen 
kann, der name Uz begegnet uns bei Minor so oft, aber das rer- 
hältnis der Weifsescheu Ivrik zur Uzschen und Gleimschen usw. wird 

m 

nicht bestimmt. Die einfalt fl772 s. 42 i^l zb. ganz nach der 
Schablone angefertigt; überall damals dies motiv der schlafenden 
schönen, deren busentuch ein zephyr hebt. Weifse hat in der 
form von Lessing nur weniges, auch dieses braucht er keineswegs 
gerade von Lessing zu haben, der ja das dialogische, pointiert 
epigrammatische, die refrains und wechselnden 'kehrreime nur 
weiter bildet, die oft anmutige glätte der Scherzhaften lieder bat 
noch den jungen Goethe zu derselben zeit, wo ihn die grazie der 
Musarion entzückte, erfreut und belehrt, hr vBiedermann betont 
den einfluss Goethe und Leipzig 1, 94 tf. er stellt Das schreien 
und Weifses Vorsicht zusammen, er hätte wenigstens Der wald 
noch hinzu nehmen sollen, auch die coupletartige fassung mag 
Goethe von >Veifse gelernt haben, wenn nicht aus der gedicht- 
sammluug, so doch aus den Singspielen. 

Weilse macht die lyrischen nioden mit, wie in beschrank* 
terem mafse sein landsmann Kretschniann, und beide gleichen 
kleinstädterinnen. welche den schonen Staat eben dann anlegen, 
wenn seine zeit vorbei ist. die erotische lyrik preist die ana* 
kreontische spatzenliebe, dann läuft er, der in Auf die heraus- 
foderung einer amazone und Der sohlat sich als einen sehr vor- 
sichtigen ritter und sehr ängstlich gegenüber den verdammtem 
rnessem der bärtigen panduren in Bolnnen gezeigt, dem dichter 
der grenadierlieder nach, seine veiTehlten .Aniazonenlieder bat 
Minor, von Nicolais bestem lilteralurbrief ausgehend, vortrefflich 
kritisiert, und nicht nur hier, wo das voium so leicht gemacht 
wird, verdient das sichere ästhetische urteil Minors alles lob. 
Gessners Lied eines Schweizers an sein bewafl'netes mädchen in 
der reimlosen chevychasestrophe hätte erwähnt werden müssen. 
Gelegentlich grast Weifse allzu augeniiillig auf fremder flur. 
so ist die zwölfte Strophe im Lied der amazone bey einem vic- 
torieschiel'sen 

bedeckt mit nicht unedlem schiceifs' 

und staub u;ill ich dich sehn, 

vom lauf wie ein Adonis heifs, 

und auch tcie er so schön 
nur eine Variation des eingangs von Klopstocks Kriegslied. sie 
nennt sich selbst Thusneldens tochter und Klopstocks Thusnelda 



MINOR WEISSE 73 

hat überhaupt die marketenderin zur nacheilenden verliebten 
heldin idealisieren helfen, an einigen stellen ist die anregung 
durch Glovers Leonidas deutlich, zu s. 68 bemerke ich noch 
dass auch Kretschmann im greulichen stil des Weifseschen Tyr- 
täus dichtet: ha! da liegen sie ja udgl. Goethe spottet darüber, 
an Friederike Oeser DjG 1, 51. er denkt gleich an Leipzig und 
die ganze launige parodie trifft zugleich Weifse; auch sagt er 
Gkim, und Weise und Gessner in Einem (Gessners Lied eines 
Schweizers) liedgen, und was darüber ist hat man satt. 

Warum sich die Lieder für kinder, wekhe Weifsen die väter- 
liche liebe im gewande der muse eingegeben hat, so ganz natürlich 
(s. 71) einer kritischen besprechung entziehen sieht man nicht 
ein. ihre beurteilung würde sich ferner wol besser dem ab- 
schnitt Jugendschriftstellerei einreihen, zu den lächerlichen kator 
iaukalesen Schmidts bilden das Claudiussche Wiegenlied bei mond- 
schein zu singen und andere liebesworte über sein schlafgesindel 
den schönsten gegensatz. auch wegen der vorrede erwähnens- 
wert ist die ausgäbe ^Christian Felix Weifse'ns [sic| lieder und 
fabeln für kinder und junge leute. nach des Verfassers wünsche 
gesammelt und herausgegeben von M. Samuel Gottlob Frisch' 
Leipzig 1807. Frisch hat alle gedichtc aus dem Kinderfreund 
aufgenommen, er berichtet dass Weifse von den fabeln nicht 
hoch dachte, mit recht, denn sie sind mit geringen ausnahmen 
platt und roh. man vergleiche nur Der arme schuster und 
Hagedorns Johann den munteren Seifensieder, wenn CHSchmid 
das savetier einer anderen französischen vorläge mit Seifensieder 
übersetzt, wie Minor s. 403 nachträgt, so hat Hagedorn ihm die 
Verwechslung von savetier und savonnier vorgemacht. 

Weifses lustspiele werden im dritten capitel der reihe 
nach besprochen, fast durchweg mit der gebürenden knappheit 
und dem sicheren tact, der in der analyse alles unwichtige aus- 
scheidet, auffallend aber ist dass Minor, obgleich er wol weifs, 
wie verschlungen die iiliation der motive gerade im sächsischen 
lustspiele ist, in so ausschliefslicher weise Lessing zum vergleiche 
herbeizieht, ich habe die stücke des Th^atre italicn, verwirrend 
wegen der schablonenhaftigkeit, nicht so im köpf, um Weifse 
darauf hin prüfen zu können; das Nouveau th^atre war mir bisher 
gar nicht zugänglich, zudem ist es schwer, wo viele motive ge- 
meingut geworden sind, entlehnungen als direct oder indirect zu 
erkennen, wenig von Holberg; sehr wenig von frau Gottsched, 
aber Geliert war zu berücksichtigen und gleich s. 82 f für das 
zänkische ehepar und die naiven so gut wie Lessing zu nennen, 
sicher ist dass Geliert auch auf die freilich beweglichere spräche 
der Weifseschen lustspiele eingewürkt hat. ich bin weiter nicht 
in der läge Marivaux usw., Wycherley usw. allein für Weifse 
durchzugehen, ergibt sich nichts specielles, so muste das aus- 
drücklich erklärt werden; vor der band bleibt mir und gewis auch 



74 MINOR WEISSE 

anderen der eindruck dass die aufgäbe von Minor nicht erschöpft 
ist. den Sätzen der vorrede dass für Lessing wenig gewonnen 
ist, wenn man nur auf Holberg hinweist usw., wird niemand 
widersprechen, ich habe nach Gervinus in diesem Anz. iv 154 
bereits Weifse und Picaoder als Vorläufer der sächsischen co- 
mödie bezeichnet. Creizenach gibt in seiner lehrreichen kleinen 
Schrift Zur entstehungsgeschichte des neueren deutschen lust* 
Spiels, Halle 1879, schätzbare aufklärungen Ober die theater- 
zustände unmittelbar vor Gottsched, auch die Schaubühne eng- 
lischer und französischer comödianten 1670 muss als etappe ge- 
würdigt werden, hier zb. schon jenes motiv dass zwei gescbwister 
einander zum verwechseln gleichen und was weiter daraus für 
die Verwicklung folgt. Minor s. 109 spricht wider nur von Lea- 
sing und ftlr diesen von Molieres Vorgang, während Lessing doch 
gewis Marivaux gefolgt ist, vgl. La fausse suivante ou le fourbe 
perdu, auch Le triomphe de Pamour. Danzel hat Marivauxs ein- 
fluss auf Lessing teils überschälzt, teils nicht genug im einzelnen 
ausgebeutet, so meine ich im Jungen gelehrten ein par zöge 
aus La seconde surprise de Tamour zu finden. 

Da Lessings lustspielc von Minor fast auf jeder seite dieses 
capitels citiert werden, sei hier ein weiterer beweis gestattet, wie 
viel für die geschiebte der motive noch zu leisten ist. und zwar 
bis zur Minna von Barnhelm, die kunst, mit welcher Lessing 
das motiv der nachreisenden geliebten, des Zusammentreffens im 
Wirtshaus, der parallellaufenden nebenhandlung mit der typischen 
schlussscene frei idealisierend so ausgebildet hat, dass nur ein 
geübtes äuge die feineu verbindungsfäden sehen kann, wird nie 
genug bewundert werden, leichter ist das herauswachsen der 
Franziska aus dem Lisettenkreise zu verfolgen, auch in einzel- 
heiten, die ich hier nicht berühren mag. schwieriger zu zeigen 
wie Werner und Just an die stelle der contrastierenden diener, 
des flotten und des rüpelhaften gesetzt worden sind, in der Ric- 
cautscene 4, 2 scheint manches auf Regnard Le joueur zurück- 
zugehen. 1, 8 findet sich bei vater G^ronte der mailre de tric- 
trac Mr. Tout a bas ein, der es natürlich auf den lüderhchen 
Val^re abgesehen hat und nun den falschen anredet, er lebt 
vom spiel, in dessen bedenkliche kniffe er für ein gutes honorar 
andere einweiht, er schildert das leben der spieler. seinen de- 
moiseües (qui sans le Jansquenet et son produü cache de leur foible 
vertu feroient fort hon marche) entsprechen die certaines dames 
der Riccautschen gesellschaft. er ist meister der kunst 

je s^ay, qnand il le faut, par im peii d*artifice 
d'un sort injuneux corriger la mah'ce; 

— coniger la fortune nenut es Riccaut. 

je s^ay da»s un trictrac, quand il fatU un sonnez 
glisser des dez henrenx, ou chargez, ou pipez usw. 



MlffOB WEISSE 75 

^hDÜchcr ktlnste ist Riccaut meister, als einer des bons, von die 
ausgelernt : je sais monier un coup . , . je file la carte avec une 
adresse . . . je fais sauter la coupe avec une dexterite. beide 
versichern, man könne sich mit ihnen ohne jedes risico ver- 
bünden. Tout a has will sogar den G^ronte durch sein s^avoir 
extreme so weit bringen que vous escamotiez un de comme moy- 
mime, in beiden sceneu wachsende entrüstung aul der einen 
seile, die hei dem männlichen widerpart der französischen co- 
mOdie sich bis zu schimpfworten und tätlichkeiten steigert, frechste 
uuTerfrorenheit auf der anderen. Riccaut will sich recruten holen, 
er wird morgen mit dem gewinn kommen — Tout a bas erwidert 
auf G^rontes ahweisung gelassen je reviendray demain pour la 
seeonde fois und hat die Unverschämtheit noch zwischen tür und 
angei einen vorschuss zu verlangen vous plairoit-il de m*avancer 
le mois? 

Springen wir zurück zu Lessings anfangen, der capitän 
vSchlag in der Allen Jungfer verhält sich zum major Tellheim, 
wie The soldier's fortune von Otway zum Soldatenglück, dass 
der Peter in der weifsen jacke den verbannten Harlekin oder 
besser Pierrot vertritt hat Creizenach s. 28 bemerkt (vgl. Lessing 
7, 132). Lessing benutzt hier das Th^atre italien; ob miltelbar 
oder unmittelbar, kann ich nicht beweisen, der gehackenshenim- 
träger tritt auf, ruft seine waare aus, Lisetle 1, 5 nascht aus 
seinem korb und wird mehrmals dabei ertappt — in La fausse 
coquette 1, 4 geht Mezzetino als conditor laut zum kauf einladend 
herum, Arlechino plündert den korb, Mezzelino bemerkt es. 3, 1 
und 3, 6 erscheint Peter in einer alten montierung, mit einem 
stelzfufse und einem knebelbarte als vermeintlicher freier capitän 
vSchlag um diesen zu discreditieren — zu demselben zwecke 
kommt in Les chinois Gherardi^ 4, 196 fT Arlequin en capitaine 
avec une jambe de bois, 3,8 erhalten wie Peters heiratscontract: 
die bürgerliche braut soll ihn stets herr vSchlag und ew. gnaden 
nennen usw., er ist erb-, lehn- und gerichtsherr auf ^iichtswitz, 
Betteldorf usw., alles motive aus Die ungleiche heirat der Gott- 
schedin, deren erstes widerum auf Moli^res George Danüin zu- 
rückweist. 

Die tragweite von Minors bcmerkung über den einfluss der 
Hamburger opera bernesca auf die sächsische coroüdie, vgl. auch 
seine vorrede — kann ich nicht abschätzen, hoffentlich gibt er 
selbst, der die erschreckliche grofse Sammlung der Berliner 
bibliothek eingesehen hat, die nähere ausführung, wie er hier 
s. 98 f die hamburgische Fiametta sehr glücklich für Weifses 
Haushälterin verwertet hat. 

Gewis verlangt die geschichte der sächsischen comödie eine 
besondere eingehende darstellung, welche auch die attische co- 
mödie, die römische, sowie atellane und mimus vergleichsweise 
zu berücksichtigen hätte, monographien wie die Minorsche oder 



76 MINOR WEISSE 

die hier in Strafsburg vorbereitete über frau Gottsched kOnDcn 
diesen weitverzweigten bildungsprocess nicht so nebenher sum» 
noarjsch abhandeln, sondern nur beitrage liefern, so gibt Minor 
nur andeutungen Über den typenkreis, dass Weifse alle typen 
von seinem vordermanne Lessing übernommen bat sollte Minor 
doch lieber nicht behaupten, schon seine eigenen analysen wider- 
legen ihn. eines möchte ich noch allgemein hervorheben: die 
ausbildung der typen in der comödie geht band in band mit 
zahlreichen undramatischen characterstudien. obenan stehen Tbeo- 
phrast und sein nachahmer La Bruy^re. und man vergleiche 
die characterbilder in den moralisierenden Wochenschriften mit 
denen des lustspiels, man halte einzelne aufsätze etwa der Ver- 
nünftigen tadlerinnen neben Leipziger scenen, man stelle ferner 
Rabeners satiren, Gellcrts fabeln und Gellcrts dramen zusammen, 
man fasse die eingelegten langen deutlichen characteristiken in 
der europäischen comödie jener zeit ins äuge, bedenke dass Les- 
sing als Schüler neben Plautus und Terenz den Theophrast liest, 
dass sein bewunderter Hegnard in Le distrait den L^andre nach- 
weislich dem La Bruy<!ireschen M6nalque nachgebildet hat. 

Ich wünschte, wenn schon einmal Weifse immer als der 
kleine Lessing figurieren soll, ausdrücklich hervorgehoben, wie 
Lessing in den meisten Jugendlustspielen schon eine bedeutende 
idee, eine tendenz verfolgt, ihnen, mit Friedrich Schlegel za 
reden, einen philosophisch-polemischen character leiht, wie man 
aber dergleichen bei Weifse nicht findet, s. 128 bemerkt Minor 
dass W^eifse seine pcrsouen im gegeusatze zu ihrer benennung im 
Beitrag spMter in den iustspielen mit titeln und bcdienungen 
versieht, eine blofse «Hufserlichkeit bei ihm. die berufslosigkeit 
ist bezeichnend für den ])rivaten character des älteren lustspiels. 
die schablonenhaften ärzte und advocaten können diesen sati 
nicht anfechten, wir wissen dass Diderot dagegen mit grofser 
einseitigkeit vorgehen wollte. W*cifses nachträgliche titulatur hat 
immerhin litterarische und zuständliche gründe. ItTlands freilich 
nicht im streng Diderotschen sinne ständisches drama bereitete sich 
langsam vor. im leben muss der beruf, je mehr man allmählich 
im achtzehnten Jahrhundert aus der muffigen sächsischen stube 
hinaus auf den markt trat, mehr bedeulung auch im privatver- 
kehr gewonnen haben, die anreden wurden andere, strenger 
als früher wurde es brauch und gebot, jedem seinen gebUrenden 
titel zu geben. 

Betrachte ich die einzelnen analysen, so gewähren dieselben 
einen klaren einblick. einiges zb. s. 112 f ist ein bischen weit- 
schweifig geraten, auch werden die recensionen zu oft heran- 
gezogen, irgend welche erhebliche nachtrage oder polemische 
erwägungen ergeben mir meine alten Weifseexcerple nicht, s. 86 
werden mehrere bearbeitungen des Stoffs der Matrone von Ephesus 
aufgezählt, statt der Schmidtschen wäre besser die in Scbwabes 



MINOB WEISSE 77 

ieluHÜgungen, welche mir jHzt niclil zur linnd sind, verzeichnet 
IrortlüD; Fatonvilles sehr treie ausarheiluag hat auch den tilel 
Dialroiie d'^ph^se; Chapinans The wjdow's lears verdiuuieQ 
imahtiung vgl. Lessing 11% 704. vortrelTljch ist Minors er- 
hierung llber Lessiogs i'iitwUrfe, nach erneuter prilfunf; muss 
ch seiner dalierung beipßichlen : sie Tallen nach Hamburg. 

Kur Die poeten nach der mode konnten Schünaich und be- 
Itimmte Klopslocitiuucr oder Miltonianer uamenllich aurgefdhrt 
nerdeii. Duukel gehl auf Uodnier, sein Goliiith auf Naumanns 
Siuirud. Ri'imreieh ist nicht nur eine beslimmtere aitsbildung des 
Kletjenheilspoeien. den Lening mol nach Uolbergs (?) vorbild schon 
'm Misogyn |iu der Alten jungl'er: KrSusel| verspottet bat, son- 
lern unverkennbar eine caricatur Schanaichs. auch s. 95 wird 
innOtig an Holberg erinnert, wie sehr gerade Weifse sich zu 
tinem solchen parodistischen stück, das übrigens im hauptmoliv 
tarn Reich der loten angeregt sein dürfte, veranlasst fühlen muste, 
«itet Minor richtig daher, daes Weifse au Gottscheds redeübungen 
leil genommen und das erscheinen der drei ersten gesjinge des 
Keesias in Leipzig erlebt hatte, der aafang von 3, 5 klingt mir 
loch wie versteckter Spott Über Klopstocks lyrik. besonders die 
ßberlode, welche Leasing Lachm. 1, 205 f copiert. s. tdO 
n neiur, wie es scheint, Weifsen angekOriger eharacter begegnet 
i> hier: Ärisl, der bmder lUs alten thoren (nach den Ivstspielen: 
'oftssor), der ihm ins gewissen redet; der 'Wahrmund', tote /euer 
ypus m einem andereii stücke bezeichnend hei/'sl; der vertraute 
ier Uzenden, der die inirigve auf sidt nimmt — der eharacter 
jehflrt Weifse keineswegs an. wenn man nicht an den schwager 
Cleanth im Tartuffe erioücrn will, so hat doch Geliert den hruder 
nagister in den Zärtlichen Schwestern , der auf den hruder des 
iben thoren in des De8touclies für Geliert vorbildlichen Ingrat 
lurflcbgehl, so hat fran Gottsched in der HausfranzOsin den ver- 
Händigen nachhar Hotbergs lim Jean de France) zum brrtder des 
i/ieH thoren gemacht und der offenherzige ratgeber heifst schon 
hier bezeichnend Wahrmund; der naine auch in Die kranke frau. 
(Veifse hat hier gar kein verdienst, sein darsleller .iber kennt 
iderum das s^ichsische tustspiel vor Lessing zu wenig, in dieser 
laushüllerin, wo Weifse wie im Weihergeklatsche recht wagehalsig 
it, RUffalleud groteske zUge anbringt und trotz der colossalen 
iatrigue, trotz der breite eine würksame komik entfallet, macht 
lieh der Leipziger locatton sehr bemerklich, vor allem in den 
gut sachsischen koseworten des allen venusnarren mein pitttchen, 
gutes U'crchm. 

Mehls lüsst die Zergliederung des Histrauischen zu wünschen 
tbrig. Der naturaliensammler wird als Übergang zur cotn^die 
irmoyante cbaracterisiert. Weifae vermeugt hier possenhaftes 
nd weinerliches mit gruhsler geschmacklosigkeit, sehr misver- 
«head die lehre vom rühren und lächern, gleich Lessing im 



78 MINOR WEISSE 

Jungen gelehrten bedenkt er das unpassende in seinen intriguen 
nicht; wie denn hier der liebhaber fortwährend bei der lofe 
versteckt oder eingeschlossen wird, es folgt die schon von Sauer 
gewürdigte der Sara nachgehende Amalia; wirt Triks und frau 
verdienen Minors lob der Originalität s. 110 f. man mag darOber 
streiten ob eine zusammenhängendere gruppierung den Vorzug 
vor der rein chronologischen verdiente, aber letztere lehrt doch 
recht anschaulich die principlosigkeit und die ewigen rückflUe 
in die alten abgetanen richtungeu. das zeigt Minor eingebend am 
Projectmacher usw. zu s. 121 Grofsmuth für grofsmuth und 
die Verwandtschaft mit der Stella erinnere ich au meinen kleinen 
nachtrag im Goethe -Jahrbuch ], 379 f, zu dem rührstückeben 
Armut und tugend an Mercier und HL Wagners Woltätigen un- 
bekannten, die ähnlichkeit der manier ist frappant. 

Einer der besten abschnitte des buches ist die einleitung x« 
Weifses Operetten, ein ausgezeichneter auf gründlicher Sach- 
kenntnis beruhender beitrag zur theatergeschichte, und ebenso die 
Übersicht über die masse vou Singspielen, welche im gefolge der 
so beliebten Weifseschen unsere bühnen nur allzu sehr in besitz 
nahmen, besonderes lob verdient die Schilderung der italieniscboi 
Intermezzi, welche in Hamburg usw. eine heimstätte gefunden 
hatten, hoffentlich gibt uns Minor noch eine genaue entwick- 
ln ngsgesch ich te der Operettentechnik bis Goethe und Wieland. 

Am längsten verweilt Minor selbstredend bei Der teufel ist 
los, dem erstling der gattung, dem stück, das den bekanntesten 
und heftigsten der in der grofsen musenstadt an der Pleifse bis 
heute so beliebten theaterscandale hervorrief. Lessings sehr merk- 
würdige entdeckung über CofTey- Weifses farce, welche Minor s. 138, 
Danzels Vermutung ablehnend, nicht zu linden weifs, betrifft sidier- 
lich die ähnlichkeit des gegenständes mit Shakespeares Vorspiel zu 
Der widerspänstigen Zähmung, Weifses Träumendem bauer in 
Kiederland (Hasscarls davon abgeleitetem leibstück Der betrunkene 
bauer, s. Löwen 4, 21), Holbergs Jeppe vom berge; für Lessing 
um so interessanter, als er der ähnlichkeit des deutschen und 
englischen theatergeschmackes eifrig nachspürte, ich citiere noch- 
mals die Briefe die einführung des englischen geschmackes in 
Schauspielen betreffend, worin s. 10 ausdrücklich auf die posse 
und die fehde bezug genommen wird, worin die endlose polemik 
gegen das teufelswesen offenbar der von Minor s. 146 f besproche- 
nen Lettre &ur le theatre anglois folgt und worin Weifse totge- 
schwiegen wird, während Geliert und Schlegel mehrmals als dra- 
matiker der Gottschedschen schule paradieren müssen. Minor 
orientiert uns erschöpfend über den ganzen bandet sowol im text 
als in der revue der Streitschriften für und wider im anbang 
8. 375 ff. \\*as die s. 155 besprochenen Schimpfwörter in der 
comödie anlangt, so findet doch auf dem wege vom siebenzehnlen 
ins achtzehnte Jahrhundert eine Verfeinerung statt, das noch bei 



Pkaniler viirhutimi«DiIi< nibfnarachgen wini von dem immertiin po- 
literen rabenaas verürilagl. aucli die reci'Dsion der Lessiogschen 
tasUpiele in KloUens Deuteclier biblioLliek 176b, 2 slUck 103 H 
sieilt rügeud die Diedrigon auBdrUcke diT jugcndwerke lusammen 
Ueekfiicli, rahmaas, »chlingel 

Andere siogspide werden sorgrülug, manchnial zu ciugotjcDd, 
mit den vorlügen verglichen, bei NineEle ä la cour sit:lu man, 
wie schon das Th^atre ilalieu vorarli^iiet, tiiclil Mok allg^^mein 
durch ländliche üpercttcnsceDfU, vaudevillcs, wulche Bclilierslich 
die tinclizeit vei-heilichen , daBS Coline et Lucas, pour frix de 
hur flamvie BonI femme et man. sont mari tl fanme, soodern 
indem es eint' liludliilie scüüne in ein scbloEB rubrl. abtr sie 
wird dem Trülieren geliebten iiulreii. vgl. auch Marivaux La 
double incousiBUcc. Weifaes aingspiele eind in manchen rootiTen 
— Minor ii^igl die scbaNone — die directen rorlüut'er der Iff- 
llindereJ: Stadt und land, hOse vügle oder schüBser, die liebe uu- 
ficbuld, der guie l'Urst, Versöhnungen, Vereinigungen, diese Sing- 
spiele verUr.^ngeu dns Fäehsiscbe schfirerspii;!. im gründe sind 
lUnficbeu und Lieschen noch die allen rostnrol und apfelgrün 
btbänderten tcliäfer und scJiäfrrinneu, »ekbe AWSchlegel so albei'n 
findel, aber iie vrohueu nicht mehr in Arcadie» und hüben die 
renBiseaneenanien abgelegt, s. 1ti5 u. niUBB es wol nicht der 
sundern dts Joeonäe heifsen. s. 18$ und gar 9.259 wUrde auch 
der oictit-nagnerianer die kleinen auslälle gegen den Batreulher 
meiEler gern entbehren, veil sie unmotiviert sind, so nnmoli- 
vtert wie diu gegensaizliclien luhpreisungen bei anderen. 

Minor ist nach der mühsamen arbeit dieses capitels vollaut 
berechtigt in der vorrede es l'ur kiclit zu erklären das ihm etwa 
cutgitngeiie operellenmaieriul in seine Übersicht einzureihen. 

Das fünlle capitel 2Ü0— 2ti2 beliaudelt die Irauerspiele. 
ich will mich hier kurz ritssen, bermile midi auch fast durchweg 
in Übereinstimmung mit Minor und danke ihm manche will- 
kommene belehrung weit hinaus Über meine bisherige VVeifse- 
kynde. er legt bis ins kleinste dar, was in grofsen umrissen 
jeder auf den ersten blick sehen muss, die abhaiigigkeit des 
Cricpue von der Ph^dre, eben so genau, was nicht so augen- 
(Sllig ist, die beiiutzung des Julius Cssar und des Philolas in 
dur Berreiung von Theben, über die enislehung des Philotas 
denke ich etwas anders als Sauer uud Minor. 

Weifses tragüdien haben mir immer einen kläglichen ein- 
druck gemachL er gebt vom staudpuuct der Gottschedschen 
■chiubühne aus, schlierst ein kleines corapromiss mit den Eng- 
landeni, verirrt sich h la Seneca und Crebillon mehr als einmal 
m* Crosse und kann in mancher tiinsiclit als eiu Lohenslein 
redivivus gelten, palaslintrigucn, wollllslige kaiserinnen, geiles 
verlangen und zum couirast edle liebe, Ulgen und niord an schlage, 
eine sctiluismoral welch elend kann, o s^tt, die schnöde viollust slifien. 



80 MINOR WEISSE 

pechschwarze und schneeweifse gestalten, Atreus und Thyest ein 
ekler rattenkönig von greueln, ein mischmasch von wutmonologen 
und Wutdialogen, die kleine rasescene der Isabella vor der leicfae 
des galten, traumerzählungen eines tyrannen, der dann um eine 
Prinzessin wirbt wie ein Cbach Abas oder irgend ein Ibrahim 
und den mund möglichst voll nimmt um den Nero zu tragieren 
doch will ich ungerächt nicht zu der hölle gehen, nein« meinen 
weg dahin mit leichnamen besäen usw. — mich dünkt, derlei ist 
von Grypbius und Lohenstein her wolbekaunt. das meinte wol 
auch Klopstock wenn er Weifse nicht besser fand als Hoffmanns- 
waldau. zu s. 404 gleich hier dass der brudermord schon in 
Gryphs Papinianus ergreifend behandelt wird. 

Weifse findet sich mit den drei einheiten ab und huldigt 
dem princip der idealen ferne: heroenweit, orient, alte und 
mittelalterliche geschichtc. der dialog ist ungleich lebendiger ak 
der Schlegelsche, reicher an Schlagern, aber aufgebauscht und 
geschraubt. Weifse versteht sich übel- auf die technik. er hat 
schlechte expositionen (Eduard iii) und nichts wird ausgetragen, 
wenigstens l<isst er seine verruchten personen mitsterben, Roxane, 
Rosamunde, in Atrcus und Thyest hat er die fäden so ver- 
fitzt, dass er gleichsam nur an einem endchen das gam aus 
einander zieht : Pelopia allein tötet sich und es heifst ungef«fhr: 
nun können die scheufslichkeiten ihren fortgang nehmen, in der 
sprachlich gefälligen, aber durch die beredsamkeit der mutter 
ermüdenden Befreiung von Theben geschieht ganze acte hindurch 
gar nichts, mehrere hauptpersonen sind ganz untätig, der zweite 
act wird durch pädagogische reden ausgefüllt, die erste intrigoe 
einfach fallen gelassen, in Eduard iii herscht eine feige conse- 
quenzlosigkeit. und wie handlungsleer ist Richard in, den wir 
doch nie ohne den gedanken an Shakespeare betrachten können, 
eine Berliner privataufführung notiert Fürst ElHerz s. 122. 

S. 203 ist Voltaire vergessen, s. 204 f. 296 f könnte reizen 
gegen vBiedermanns aufsatz Goethe und Lessing im Goethe-jahr- 
buch zu polemisieren. Weifses form wird sehr befriedigend be- 
sprochen, s. namentUch s. 251, und die gleiche Sorgfalt, besonders 
der quellenuntersuchung, auch den mehr bürgerlichen trauer- 
spielen zugewandt, so dem Jean Calas, vor allem aber s. 233 ff 
dem einstigen repertoirestück Romeo und Julie, ich habe der 
scharfen kritik Minors nichts hinzuzufügen, als dass er auch 
Claudius aufsatz Steht Homer z. ex, unterm Spruch des Aristotdes 
und compagnie hätte citieren sollen, da er doch die kritiken 
sammeil. der aufsatz ist ironisch genug und schliefst wenn aher 
die geschickte von Romeo und Julia nachgespielt würde; toenn 
aber in einem gewissen planeten das publikum eine schöne wärt, 
die nur unterhalten seyn will, und die Schriftsteller Schmetterlinge, 
die um ihr lächeln buhlen, und durch gelehrte und bürgerliche 
Wendung sich einander einen fre%indlichen blick zu veranstalten 



HDIOK WKISKE 



Sl 



odtr toegsunchnappen suchen : da ist denn freilkh die tack' aw/ers, 
und man imuss immer Zuckerbrot wiii bunbons tu der lasche haben. 
ÖM ciLat s. 243 aus Goethes tiriefen aa Trau vStein verstehe ich 
nicht; den eiufluss des ltbersp»nDl schwärmerischen laues in 
Weifses tragicoDiadie scheint mir Minor ebenda zu UbersctiKUen. 
Weifse im mittelpuncl der ItUerariscbeu polemik (cap. 6) 
wird viel, viel zu weitschweifig behaudclt alle diese beziebungeu, 
diese lür unsere htterai'iGctie entwickclung vüllig gleichgiltigeii 
Tehdeu mit Budmer, deu damals ki>ine seele mehr beachtete, 
ntUsten kurz und bündig zusammen^erasst werden, besonders 
kurz das Terhültiiis zu den älteren, die Verfasser dtr b'lleratvr- 
briefe machten, ilass Goiisclied mit Bodmern, vergetsm wurde sagt 
Hiedel vorlrcfflich Über das publicum, briefe s. 169; das weitere 
sie allein filkrttn den scepier nnd die übrigen hunslrichter wurden 
entweder verlacht, od«)' sie beteten gans andächtig die ausspriicbe 
nach, welche ihre befehlshaber dictirten ist bestreitbar. Weifse 
wurde weder vom grofseu publicum und einem grofsen teil der 
schrilLsleller verlacht, noch sliefs er in Leasings hurn. seine 
Stellung iu dieser hinsieht kennzeicboel Minor im 

Siebenten capitel: Weifse als bibliothekar. vierzig und 
einige Seiten über die Neue bibliottiek der schonen Wissenschaften 
und freien kllnste. AWSchlegels bolinisches urleil S.w. S, 45 
(nicht 7, 45) irifTt das ganze langlebige unternehmen, das gleich- 
wol eine grofscre reihe rühmlicher beilrüge zu tage gefordert 
bat. darllber kaim man sich jetzt aus Minors nur zu register- 
mSfeigcr besprechung unterrichten, besonders bezeichnendes, 
wie Weiels niafsloscs aber nicht unwitziges gerichl Über die 
geoies (s. 329i, wird in extenso mitgeleilL ich vermisse mit be- 
ilauem die gehUrige Scheidung zwiscbeo der ISicolai-Mendelssoba- 
echen Bibliothek und der Weifaescben, welche Minor fonwabrend 
suswimcnnirlt , und eine scharfe contrasUerung gegen die Lit- 
teralurbriefe, eine vergleichung endlich mit Nicolais Allgemeiner 
deutscher bibliothek und gUbe für eine solche weiter ausschauende 
hehandlung gern etliche cataloge und excerpte hin. was die Lit- 
teralurhriefe bekämpften, die indolenz, die erbärmliche uacbsichl, 
die feighcit, das lavieren, das cliquentum — sie hekämpfleu all das 
auch nach Lessings scheiden — , hier treibt es wider sein wesen. 
der aweite Goiisclied sagt Minor von Weifse. der vergleich irilTt 
in vielem, aber Gottsched hatte mul und enischiedeuheit. Weifse 
ist durchaus gegner der Lessing^chea arl; er meint man solle 
lieber die Schönheiten als die fehler aufsuchen, so meiiilen ja 
auch die Dusch usw. hätte er Lessing nach seilen der re- 
prodoctiven characteristik als Utlerarischcr kritiker erganzen kön- 
nen, so würe seine aussiclluug bcrecbtigt. den ängstlichen 
Sachsen sich Jahrzehnte lang zwischeu den parleien durchwinden, 

ler pactieren, im geheimen frondiereu lu sehen, ist ein un- 
erquickliches Schauspiel, aber jedermann wird Minors verstün- 

,. F. D. A. Vit. 6 



82 Bfl?rOR WEISSE 

A\^om w(»rt K. 317 beipflichten ihn ah prototyp der kritischen he- 
sehrdnktheü und Unfähigkeit an den pranger zu stellen, dazu ist 
Weiße weder groß noch klein genug. 

Noch ein par kipinigkeiten. s. 306 die geschichte liegt, wie 
in allen Zeitschriften des vorigen Jahrhunderts vor Schillers Hören, 
vollständig brach — und Abbt in den Litteraturbriefen ? ! zu 
8. 307 sei der hinwcis auf Blümners Laokoonausgabe 2 a s. 66 
erlaubt, wo ganz viTnünftige äufserungen Weifses über grenzen 
der pooBJc und malorei, unmittelbar vor dem erscheinen des Les- 
MingHchrn werkes in einem briefe an Klotz getan, citiert werden. 
8. 335 die anzeige ist sicher nicht von Goethe, aber s. 276 die 
anzeige der Wielandschen Johanna Gray in der alten Bibliothek 
iv 2, 785 n* hekanntlicli von Moses Mendelssohn. 

Der Kinderfreund kommt zu kurz gegen die Bibliothek und 
htltle etwas von der liebevollen, hübsch abwägenden Sorgfalt ver- 
dient, mit welcher Minor den lebensabend seines holden beschreibt 
aber ich urteile vielleicht zu subjectiv, der ich als kind die alten 
l>ttnde aus der grofsvjtterlichen bücherei mit viel genuss mir an- 
geeignet und auch an Campes lehrhaftou gesprcichen im Robinson 
usw. gefallen gefunden habe, dass Weifse und Campe nicht ver- 
glichen wenlen , darf niemand unserem darsteller verargen, er 
nuiste sein thema abgrenzen, eines dünkt mich erwähnenswert: 
die schulcomOdie war tot, Liudners widerbelebungsversuch hatte 
.\bbt yurückgewiesen« jetzt schenkte Weifse der familie kinder- 
slücke. polemik gegen den üblen eintluss blieb nicht aus, drang 
aber nicht duivh. im ndel, im bürgertum führten die lieben 
kleinen die harmlosen scenen auf. 

Minor sajil in der vorrede, er habe ein strenges gericht 
uh<T ^Veifses Schriften gehalten, sie nicht dem modernen Icser 
in die band geben, sondern ihn* historische bedeutsamkeit fest- 
stellen sollen, das ist ihm wolireluncen. 

Sirafsburg, juni tSSO. Erich Schmidt. 



V.x.MK KTii;.kti;ri * M., l :fr>n<*'S Jir.MA!i Rüiten \- LoeniDg), 

In ertreulwher \^eisi^ «en*^^t dte torschung sich Kiopstock 
sw. RlUwels NimlN'n Zur textir^ hu-hJe iw Messias. EScbmidts 
Rrilr^ ynr lennlnYS der klopshvkschni jopendl^iTik , JFiwefe 
;))sammen>trlinn4: v.ber klof^:»vks .'iien *Vr Leipziger periode 
■ oiftrn ra>c.h n\\\ t^iiMintier. rs ysi cmis kein rufall daÄs jede 



MUNCKBR LES8LN6 \mb KL0P8T0CK 83 

der drei Schriften im Torwort auf Bernays hinweist, nicht nur 
dass er mit seinen Untersuchungen über den Goetheschen text 
zu der gleichen betrachtung anderer deutschen classiker anregte, 
er rief auch in seiner einleitung zu DjG speciell zu einer kri- 
tischen herausgäbe von Klopstocks werken auf. unter seiner 
leitung schrieb Koch Ober den nordischen litteraturkreis , dem 
Klopstock angehört, und jetzt Muncker über Lessings Verhältnis 
zu Klopstock. 

Mit eindringendem fleifs und umsichtiger gründlichkeit hat 
M. sein thema behandelt, dadurch dass er auf einer reise sich 
die einsieht in die seltensten bOcher und in uogedruckte briefe 
▼erschafft hat, besitzt er eine über die gewöhnliche belesenheit 
hinausgehende litteraturkenntnis. freilich ist gerade diese eine 
gefahr für ihn geworden. M. sichtet die ergebnisse seiner Studien 
zu wenig und bietet viel mehr als irgend ein leser hinter dem 
titel seines buches erwarten kann, er hat das material zu einer 
darstellung der aufnähme des jungen Klopstock in banden; ob- 
gleich er nun wol bedachte dass die rückhaltslose mitteilung 
desselben an diesem orte die erOrterung des gestellten themas 
erdrücken würde, liefs er sich doch verlocken aus diesem wert- 
vollen schätze mehr zu spenden als zur sache gehört, man 
kann allesfaüs noch billigen dass H. die nSicbststehenden litterari- 
schen freunde und kreise *der beiden grofsen' (s. 180 uö.) in 
seine darstellung hereinzieht, es ist von bcdeutung zu erfahren, 
ob Lessing im einverständnisse oder im Widerspruch mit seinen 
freunden sich für oder gegt^n Klopstock erklärt; ob Kl. allein 
oder auch seine anhänger, dh. also ob seine individualiUit oder 
seine sache überhaupt Lessingen (um mit M. archaisierend zu 
schreiben) interessieren, so ist es zb. richtig, darauf aufmerksam 
zu machen dass L. den Messias, aber nicht die christlich sera- 
phische poesie als solche billigte (vgl. seinen spott über Wielands 
▼ersteigen in die {ttherischen Sphären), während er umgekehrt 
nicht nur Kl.s öden sondern alle öden des überhohen schwunges 
▼erurteilte, aber diese ausdchnung des eigentlichen Stoffes hat 
ihre grenzen. M. sagt selbst wider und wider dass L. zwischen 
KI. und dessen nachahmern streng geschieden hat; und da auch 
Kl. sich nicht mit diesen identificierte aufser etwa mit Gramer, 
so ist auf diesem wege doch nur wenig für die erkenntnis des 
▼erhältnisses zwischen L. und Kl. zu gewinnen. 

Hiezu freilich fliefsen die quellen weder reichlich noch klar, 
darum wol schöpft der Verfasser auch aus den meinungen der 
freunde L.s, obwol dieser keineswegs mit Nicolai und auch nicht 
mit Mendelssohn durchaus übereinstimmt, was M. nicht verkennt, 
der Verfasser bemerkt selbst dass L. an der Allgemeinen deut- 
schen bibliothek keinen anteil hat; wozu werden dann die darin 
enthaltenen urteile über Kl. berührt? fast ist es wichtiger zu 
erfahren dass L. auf die Gelehrtenrepublik subscribiert hat, als 

6* 



« 



84 MUMCKCR LE88IMG VKD KLOPSTOCK 

XU liOren wie sein bruder Karl über dieses buch dachte udglnt 
oUe derartigen mitteilungeo durften höchstens als untergeordaele 
gliedcr dem aufhau des ganzen dienen, nirgends aber selbständig 
und breit sich vordrängen, in höherem grade noch gilt das von 
vic*lcm anderen beiwerk, das den kern der aufgäbe kaum an der 
»eripherie berührt, in welcher weise soll zb. L.s urteil tlber 
iVielands jugendwerke, die teils keine anlehnung an die Schweizer 
xnigen, teils ihren eigenartigen character neben jenem einfluss 
bewnliron (s. 08), seine Stellung zu Kl. aufklären? oder was 
frommt es zu erfahren dass Börner die Schweizer verspottete, Kl. 
Glicht verschonte', llaller aber nur lobend nannte (s. 65)? wie 
Dusch, Thomas, Dahlmann über die fortsetzung des Messias 
dniiiten (s. 88), ist für L. ganz gleichgiltig. dass L. mit Ni- 
colai über (las wesen der tragOdie correspondierte (s. 111), hat 
auf Kl. gar koinon bczug usf. wenn dergleichen dinge in deo 
anmorkungen aufgestapelt wären, so würden sie wenigstens die 
dai^stellung nicht stOren, obwol der Verfasser jene ohnehin schon 
mit übornnssigem ballast beschwort (zb. s. 75^ 81'. 192*. 196*).* 
dass auch der ganze anhang nicht in dieses buch gehört, ist in 
der vorrede bemerkt, au sich ist er ja interessant genug; aufser 
einem briefe Mendelssohns an Gleim über den versiücierten Tod 
Adams und den raudbemerkungen Nicolais zu Kl.s öden werden 
13 ungedruckte briefe Kl.s veröfTentlicht ; dabei ein brief des 
dicJiters aus frühen^ zeit als alle bisher bekannten, schreiben an 
seine muttor« die auf seine Wiener plane licht werfen, an Haller, 
Uersteui>erg und Auguste Stolberg, auch im texte sind unge- 
druckte briefe henUttt und teilweise mitgeteilt: von Kl.s valer 
an t^leim« von KwaUl au Nicolai üIht Wieland in Zürich, er- 
gjünxungen eines unvollständig bekannten briefes von Kl. an Gleim. 
es si^ll Ubf^Hiaupt uichl geUugnet ^^ erden dass die zusätie und 
abschweif^ingt'u rumeist wertvolle beitrage zur liUeraturgeschichle 
der mitte des IS jhs. sind: schon das register zeigt dass man 
in dem buche viel t^ndet^ was man nicht da gebucht hätte, aof 
s«Mc))e we)se aber xNunle aus der abhandlung. in welcher dai 
\*erhj^ltnis l..s 7\\ Kl. bequem h^lle darct^telh werden kdnnei, 
natürlich fxxnx schaden der ül>ersichtlichkeit ein buch, aus dem 
man etne nicht allru klome tahl ^on bbilero ;)us>cheideo könnte, 
4>hno «iamach emc lüoke fw emptinden. verhiilLnismärsig am 
knappsten ist das A c^pnel cehaUen. U^i«ier ist hier die faistonsche 
an4%r<innng tu gimsten einer sehr j^nfseriichen und nicht einmal 
^invhans gewahrten sachlichen ^rruppicruni: rerstörl wordea. 

\her anch «thne ^ine miUei Innren 7u beschränken hsiie M. 
^s bivb kfti^rn können. hMic er sich nur nicht so häufig 
Ä'iderholen w^^lon dasv | . sich i'iher d«e streii enden parleieD 
in IVur^chlani] stellte h^^en «ir la>t mit «ienseJiten wonm &. 2. 

tvsloiMnnf fM>ii|: im« iri ^^ lew aM^niommer rii «TirdeB. 



MUKCKER LESSIKG UND KL0P8T0GK 85 

37. 44. 48. 63. 106; dass er kein geborner dichter war (L. selbst 
hat es gesagt; aber das war zu bescheiden als dass wir es wider- 
holen darften) und keinen lyrischen sinn hatte s. 41. 43 F. 74. 
100. 103. 147. ich könnte die belege aus meinen aufzeich- 
Dungen häufen, einzelnes kehrt abgeschwächt wider: s. 48 sind 
KI. und L. grundverschieden, s. 74 manchfach verschieden udgim. 
störender sind directe Widersprüche, zb. s. 118 L. scheine Mendels- 
sohns Verwerfung des Todes Adams einigermafsen modificiert zu 
haben, s. 146 aber: so sehr L. das ablehnende urteil . . . billigte. 
auch dass Kl. im alter toleranter geworden sei s. 199, dagegen 
den Messias immer orthodoxer gestaltet habe (s. 126. 199), halte 
ich trotz M. s. 126* für einen Widerspruch, den das sophisma, 
Kl. habe jedes ärgernis vermeiden wollen s. 198, nicht hebt. 
8. 143 vermisst man die sprachliche ausfeilung; *er' und *sein' 
meinen hier ohne syntactische klarheit bald L. bald Kl. dass 
8. 6 der Messiasdichter nach dem ^höchst denkbaren' (1. denk- 
bar höchsten) gehalt der poesie greift, erregt noch mehr der sache 
als dem ausdruck nach anstofs. — 

M. schickt seiner Untersuchung eine allgemeine Übersicht 
über die litterarischen Verhältnisse Deutschlands beim eintritte 
K1.S und L.s in das getriebe und eine trefflich gelungene kenn- 
zeichnung der beiden Persönlichkeiten voraus, jeder leser wird 
dafür dankbar sein dass die zwei dichter nach der Verschieden- 
heit ihrer natur und aufgäbe scharf characterisiert in den zu- 
sammenfassenden letzten absätzen der einleitung neben einander 
gestellt werden, die voranstehenden ausführungen freilich, die 
im ganzen keinen neuen standpunct der beurteilung einnehmen, 
dürften doch nur dem grofsen publicum zuträglich sein, und 
manche notiz, wie die widerholte angäbe des druckortes der 
ersten Messiasgesänge (s. 13. 24) oder die bemerkung, dass die 
Freundschaft zwischen Goethe und Schiller von 1794 — 1805 ge- 
dauert habe (s. 200), scheint die absieht M.s zu bekunden, laien 
als leser für sein buch zu gewinnen, bei der characteristik kommt 
Kl. besser weg als L. wenn der Verfasser auch von früher 
Jugend auf mit den werken beider autoren vertraut war (s. m, 
vgl. Bernays Ober kritik und geschichte des Goetheschen textes 
s. 4), so hat er doch offenbar jetzt Kl. seine gröfsere beachtung 
zugewendet, schon vor diesem buche veröffentlichte M. Kl.-stu- 
dien; und nun verspricht er im vorwort sowol eine sehr er- 
wünschte biograpbie Kl.s und eine schrift über die würkung 
und aufnähme des dichters, als auch die so notwendige kritische 
ausgäbe der werke Kl.s. ^ eine vorzügliche ausführung dieser 
plane darf mit Zuversicht erwartet werden, nachdem das vor- 
liegende buch die genaueste Kl.-kenntnis verrät, die skizze über 
die aufnähme des jungen Kl. ist mit der wertvollste teil der ein- 

> auch Pawel beabsichtigt eine textkritische ausgäbe wenigstens der öden. 



S6 AiUNCKBR LESSUH'G UND KLOPSTOCK 

leituog. in umfassender weise ist die brieflitteratur ausgebeutet 
die besoudcre hingäbe an Kl. erklärt zugleich die polemische 
spitze des buches, die freilich schon in der gestellten preisfrage 
lag (s. IV), welche den Verfasser zu seiner Untersuchung verao- 
lasste. gewis übersteigen Danzels ausfalle gegen Kl. das mafs 
der gerechtigkeit. aber es ist kaum zu leugnen dass M. bei der 
abwehr und in der Schätzung Kl.s überhaupt eine leichte neigung 
nach der eutgegengeselzteu seile macht und gewissermafsen ll 
zum bundesgenossen für die bewunderuug Kl.s gewinnen will, 
wie ihn Danzel zu sehr auf seine meiuuug gestimmt hat 

Nur wer Gervinus widerlegte uuterscliätzung Günthers teilt 
oder wer Kl.s Stellung erhöhen will, kann Kl. den ersten wahr- 
haften dichter des iSjhs. (s. 1), den ei*sten Deutschen nach fast 
2 Jahrhunderten nennen, in welchem mensch und dichter eins 
waren (s. 47). in diesem sinne ist die ganze darstellung ge- 
haben, da wo M. nicht voll anerkennen kann, entschuldigt er 
Kl. durch den — an sich ja berechtigten — hinweis auf die 
historische Stellung des dichtei^ (s. 7. 12. 101 uü.). gefahrlicher 
ist es, L. die gleiche geschichtliche Würdigung Kl.s zuzuschreiben 
(s. 4S. 74): M. betont mit recht dass L. im gegensatze zu Herder 
überhaupt keine historische krilik übte (s. 42), dass er den Mesfiaft 
nur logisch kritisiert habe (s. 93). auf jene weise soll der Zwie- 
spalt zwischen den günstigen und ungünstigeu äufseningen L.S 
erklärt uud vormittelt werden, aber L.s verhallen gegen Kt war 
eben nicht einheitlich ! so lange L.s sinuschrift mit dem schlus«: 
*das singen das den frosch im tiefen sumpf entzücket, das singen 
muss ein quaken sein* im Zusammenhang der erürteruogen im 
Neuesten steht, mag sie als äufserung des Vorurteils gelten, dai 
mit unrecht geiren Kl. erweckt werden könnte; suwie aber diese 
Zeilen in den SchrifHen ohne jede erklärung aliein ^^edruckt werden, 
kOnneu sie lo^'ischer ^eise nicht anders gedeuiei werden als: 
Kl.s singen sei ein quaken, zumal wenn ebenda 23 seilen später 
das epigramm Ad K. strhu tijs Kl. geradezu dtu uachruhm ab- 
spricht, unl>ekünHuert darum dass im »uesttu \om april za 
lesen war; wenn die Gottschodi,iner Ijnir>l veriesson seien, wenie 
nan den Messias immer noch ein e^vj^es «reJicht ueuuen. ich 
kann deshalb auch nicht iilauWn d^^ss L. es mit seinor In^urteilang 
des Messiiseinaraniis ^mz redlich meinte: zuiem ü:e worte: *ich 
unsterblicher Klopsiuck' doch nur >p-:'Ciisch ^'emeiiii sein k'^noen. 
es war ein sehr ^r-^^chickter Uüi echt Le>sia^ scher kunst^riff. 
sich hinter die fonuel zu ver^*hjözeu. ^emdr ^reuies müsse man 
recht scharf beurteilen, auch das frjuir.eat Au> emeir gedieht über 
oeu jetü^eu presch [iu»ck iu der p<'e<ic -, das >i aIl-:TdiL:c> zunickst 

i«eQrf Jissfrxc:. ci L öj* f*«i:.;ä: LT?? r.a WViJm* v-r.j:<t. jIm 'es 
OK'h: oKiir ShKii:. >o aiiät« er zur das ccucoi^j^-k aA.-ii> :T3l ' 



MUNCKER LBS£iNG UND KLOPSTOGK &7 

gegen KLs Dacbahmer sich wendet, verbirgt den Stachel gegen 
den dichter selbst nicht ganz; klingen etwa die werte: *von 
Kiopstocks Teuer erhitzt' und: 'jener wahn (KL nachzuahmen) 
hat mich noch nicht berauscht' besonders anerkennend? sollte 
die parallele Kl.s mit Uomer im 7 und 10 litteraturbriefe nicht 
spöttisch sein? auch die fabeln vom straufs und von der nach- 
tigall und der lerche geifseln trotz M. (s. 171 Q Kl. nicht min- 
der als seine nachahmer, während natürlich die fabel Die traube 
so gut wie das 1 Sinngedicht nur gegen Kl.s lobhudler sticht, 
wie absichtlich dunkel schrieb L. an seine nächsten freunde 
Ober den Tod Adams und die Geistlichen liederl auch wenn der 
verlorene brief färbe bekannte, ist das vorhergehende spiel doch 
eigentümlich, und dann, wie unbestimmt der bericbt über das 
susammenleben mit Kl.I 'ich hätte manche angenehme stunde 
mit ihm haben können, schreibt er, wenn ich sie zu geniefsen 
gewust. ich fand, dass er mir besser gefallen müste als jemals/ 
bei anderen anlassen hat L. früher und später seine entschieden 
lobende oder verwerfende kritik nicht verhüllt. ^ aber die an- 
geführten Zweideutigkeiten hätten M. doch vorsichtiger machen 
sollen, in den verurteilenden äufseruugen nicht nur den schatten 
zu dem überstrahlenden lichte zu sehen, indem L. die lyrische 
bedeuUing, also das wesen Kl.s nicht verstand, wie M. mit recht 
aufs stärkste hervorhebt, war überhaupt eine volle Würdigung 
IU.S bei ihm ausgeschlossen, ich vermag in den urteilen L.s 
nur ein schwanken zu erkennen, eine für ihn höchst merk- 
würdige Unklarheit, die daraus entsprang dass er Kl.s dichterische 
genialität nicht läugnen konnte, die Schöpfungen derselben aber 
als seinen kunstbcgrifTen zumeist entgegen stehende misbilligen 
muste. daher die anerkennung des Messiasdichters und die 
scharfe kritik des gedichtes selbst. ^ 

Dass L.s verhalten nicht durchsichtig war, bezeugt ja Kl. 
selbst und zwar in einer zeit, in der M. den freundschaftsbund 
schliefsen lässt, der wenn auch 'auf etwas niedrigerer stufe' doch 
ein Vorbild der freundschaft zwischen Goethe und Schiller (s. 200) 
sein soll I wie konnte ein treuer bund geschlossen werden, wenn 
KL noch 1773 an L.s freundschaft zweifelte? und hatte er nicht 
grund zu zweifeln? es war doch kein genügender beweis für L.s 

haben, das er 1753 drucken liers. keine unmögliche, aber auch keine allza 
wahrscheinliche annähme. 

' ob Lessing, als er über Kiopstocks lyrik schrieb, sie sei so voll 
empfindang, dass man oft dabei gar nichts empfinde, sich erinnerte, wie 
er im Hede Die schlafende Laura den liebenden schildert : [Der] viel zu viel 
empfand, Um deutlich zu empfinden, Um noch es zu empfinden. Wie viel 
er da empfand? 

' wer lieber eine absichtliche Zweideutigkeit in Lessings benehmen er- 
kennen will , dem will ich nicht widersprechen, er mag sich auf Hayms 
TonQgliche characteristik der damaligen schrtftstellermoral (Herder i 304) 
berufen. 



88 MONCKER LESSING CND KLOPSTOGK 

gesinnung, dass er das lateinische epigramm statt Ad K. jeCil 
Ad Turanium überschrieb; dass er schon zuvor für Ich unsterb- 
licher Rlopstock das matte Ich unsterbliche seele gesetzt hatte. 
Kl. nahm mit recht anstofs, dass jenes epigramm und das erste 
Sinngedicht nicht ganz weggelassen war; er hätte sich auch über 
die widerholung des viel schärferen An einen gewissen dichter 
beschweren können, zumal doch ein anderes epigramm (Ad Nae- 
volam) ausgefallen war. Rl. war 1773 L.s nicht sicherer als 
1768, wo sein hrief an L. auch von der ungewisheit spricht, 
wie er mit ihm im gegensatz zu andern bekannten von seinem 
scholienwesen reden solle. Kl. war der entgegenkommende so 
sehr, dass er sich in bezug auf L. sogar seiner principiellen ab- 
neigung gegen litterarische fehden entschlug, ich kann M. (s. 198) 
ein sicheres ungedrucktes zeugnis entgegenhalten, wonach Kl. L.s 
polemik gegen Klotz sogar billigle. Dohm war 1771 mit Kl. in 
Hamburg widerholt zusammen und schrieb darüber einmal an 
seinen freund Benzler, denselben, den L. in seinem hrief an 
Gleim vom 6 juni 1771 erwähnt: 4ch horte in Braunschweig ganz 
gewiss, Kl. sey ein Freund von Klotz und er verabscheue Les- 
sings und der Berliner Verhalten. Diess ist ganz falsch. Er 
lobte die Antiquarischen Briefe aufserordentlich , es wäre 
ein Meisterstück, wie Lessing Klotzen Glied für Glied abnähme, 
und nicht die geringste Entschuldigung ihm übrig liefse. Be- 
sonders gefiel ihm die Stelle, wo er sagt, *dass alle seine Ausdrücke 
ihm ganz gehörten, dass kein bitters Wort dastände'.' und dazu 
in margine: 'Er sagte auch noch, durch Bas[edow] veranlasst, dass 
ihm L essin gs Verfahren ungemein gefiele, ob er gleich selbst 
niemals würde so handeln können!' — dass Kl. den LaokooD 
auf sich würken liefs, gibt M. an; vielleicht dürfte man auch 
noch Kl.s 24 epigramm (Schreckendes darf der künstler, allein 
nichts scheufsliches bilden) heranziehen, neben der anerkennung 
des Laokoon und der Dramaturgie L.s in der Gelehrtenrepublik 
soll nach M.s ansieht fs. 189 f)L. ebenda (s. 211 IT) als nachahmer 
und wegen des gebrauchs zu vieler ausländischer worte angeklagt 
werden, dass in der Göschenschen ausgäbe statt der puncte des 
Originaldruckes L.s name steht, ist gewis ein versehen. L. er- 
klärte sich in der fabel Der äffe und der fuchs energisch gegeo 
die nachahmer; auch dass der angeklagte keinen streitsüchtigen 
freien im Zweikampf werde erlegen wollen passt nicht auf den 
allzeit kampfbereiten L. ich möchte die stelle lieber auf Wieland 
beziehen, mit dem Kl. unzufrieden war, weil er immer nachahme 
(Briefe an Voss i 160); man vgl. den schon längst auf Wieland 
gedeuteten ausfall der Gelehrtenrepublik s. 165; die ^ Wunder- 
geschichte' rügt eben das nachahmen Wielands, auch hat dieser 
weit mehr als L. 'ohne bedürfnis viel ausländische worte in die 
spräche gemischt*, damit ist ein absprechendes urteil Kl.s Ober 
L. beseitigt und die Sachlage gestaltet sich gerade umgekehrt als H. 



MU?ICKER LESSING UND KLOPSTOCK 89 

(s. 200) zasammenfasst: Kl. hatte viel mehr achtuog vor L. (wie 
auch die benützuDg L.scher bemerkuDgen bei textverbesseruDgen 
des Messias erweist) als L. vor Kl.s dichtungen. 

So wenig ich also M.s auffassuDg des veiiiältnisses von L. 
zu Kl. teilen kann, so sehr erkenne ich die sorgsame Zusammen- 
stellung der berührungspuncte beider dichter an. an den feinsten 
beobachtungen und ergebnissen im einzelnen fehlt es nicht, viel- 
leicht hätte die grundverschiedene auffassung des altertums stärker 
betont, wol auch der schon von Koberstein ausgeführte unter- 
schied des Patriotismus hervorgehoben werden können, die Stel- 
lung der dichter zu der litteratur, die nicht in Verbindung mit 
ihren eigenen leistungen stand, hätte wol auch noch anhalts- 
puncte gegeben; nicht minder die beobachtung, wie die beiden 
im verkehr mit gemeinschaftlichen freunden sich spiegelten; die 
erkenntnis ihres eigenwesens wäre dadurch gefördert worden und 
hätte neuen boden für die erklärung ihres gegenseitigen Ver- 
haltens bereitet. 

Wttrzburg, mitte juli 1880. BeRxNHard Sedffert. 



Goethe -Jahrbuch, herausgegeben von dr Ludwig Geiger, erster band. 
Frankfurt a/M., Literarische anstalt (Rütten & Loening), 1880. 443 ss. 
go, -_ 10 m.* 

Das erscheinen eines Goethe-jahrbuches hat in Deutschland, 
wo ein gleiches dem Studium eines ausländischen dichters ge- 
widmetes unternehmen bereits zu einer stattlichen reihe von 
bänden herangewachsen ist, auf sich warten lassen, einiger- 
mafsen wurde der von den forschem tief empfundene mangel 
eines centralorgans für gemeinsame interessen durch das eifrige 
wQrken einer sogenannten 'stillen gemeinde' ersetzt, deren mit- 
glieder bestrebt waren sich durch private mitteilungen gedruckter 
und ungedruckter beitrage zur Goethelitteratur gegenseitig in 
erkenntnis und Verehrung des grofsen dichters zu fordern und 
zu stärken, aber gerade in dem privaten character der gemeinde 
lag ihre Unzulänglichkeit; denn wenn dieser im beginne ihres 
würkens von den Zeitumständen gefordert war, so begünstigte 
er doch in späteren jähren zum schaden unserer litteratur- 
geschichtlichen forschung ein gewisses sportwesen, welches sich 
im laufe der zeit bedenklich breit zu machen begann; gedichte 
und briefe Goethes, als handschrifl für einen kleinen kreis von 
freunden gedruckt, sind unter auserwählten verteilt, schriften zur 
Goethelitteratur als privatdrucke ausgegeben und dadurch dem 

[* vgl Litt. centralW. 1880 nr 29.] 



90 GOETHE -^.kHEBCCfi 

wiss€Dscbaftlicheo gebrauche wo Dicht eotzogen. so do€h schwer 
zugtfoglicb gemacht worden, durch solche private schenkuDgen 
ist Dalürlich nicht blofs die wisseoschaftiiche khtik vielfadi im 
zäume der daakbarkeit gehalten, sondern auch die Forschung 
durch Torenthaltung des matehals verkürzt worden, endlich 
(und das war ohne zweifei der gröste uachteUj, der Sammler 
und kenner hat Tor dem forscher gehOr und beachtung gefunden, 
und hier grenzen Wissenschaft und üelihaberei bekanntlich überall 
so nahe an einander, dass unterscheiduug notwendig wird. 

In den letzten jähren hat man sich immer mehr ron der 
notwendigkeit überzeugt, ein grOfseres pubhcum von gelehrten 
und liebhabern an den fruchten des bisher privaten wQrkens teil 
nehmen zu lassen. Hirzel, welcher «las für die Goethebibliographie 
grundlegende Verzeichnis seiner bibliothek noch ganz in den 
dienst der stillen gemeinde gestellt hatte, betrat mit seinem Jungen 
Goethe zuerst den weg der Öffentlichkeit. Woldemar freiherr Ton 
Biedermann ist seinem beispiele gefolgt und hat in seinen Goethe- 
forschungen (Frankfurt a M. 1S79) mit zu wenig wählerischer 
band fast alle seine einzeln zerstreuten oder privatim gedruckten 
Schriften zur Goethelitteratur gesammelt, hoffentlich wird die 
erbin von Hirzels grofsartiger bibliothek den genuss derselben 
nicht auf Leipzig einschränken, sondern durch publication des 
bedeutenden auch die entfernten daran auteil nehmen lassen; 
freilich hat bisher nichts darüber verlautet. 

Diesen weg der Öffentlichkeit betritt nun auch das Goethe- 
Jahrbuch, und es verfolgt dabei noch einen anderen, nicht we- 
niger wichtigen zweck: 'es hat die aufgäbe, ein repertorium der 
Goethelitteratur zu werden, welches das bisher sehr zerstreute 
und nicht leicht zugängliche niaterial dem gebildeten in einer 
leicht zugänglichen Sammlung vereinigt darbieten und welches 
alle diejenigen, welche der erforschung, erklärung und verbreitimg 
von Goethes werken ihre tätigkeit widmen, zu einer geroeinsamen 
arbeit verbinden soll.' der vorliegende erste band lässt die ^- 
füllung dieser schönen hoffnuug wenigstens für die zukunft wahr- 
scheinlich werden, den bedeutenden namen, welche in diesem 
bände als mitarbeiter erscheinen, werden sich andere mit kleinerea 
publicationen gerne anschliefsen. 

Der inhalt dieses ersten bandes besteht aus: 

I abhandlungen, in denen (nach dem Vorworte) allge- 
meine auf Goethe bezügliche fragen erörtert, über den stand 
der Goetheforschung bericht erstattet und namentlich dem gröfse- 
ren gebildeten publicum, das noch immer an eine oberOäch- 
liche art der litteraturbehandlung gewöhnt ist, durch formvoll- 
endete und inhaltreiche aufsätze die möglichkeit gewährt wer- 
den soll, in das getriebe der ernsten arbeit hineinzublicken. 
Ilerman Grimms aufsatz über Bettina von Arnim, aus familien- 
erinnerungen und dem persönlichen verkehr mit den personen 



GOETH£-JAHaBUCB 9l 

dieses kreises geschöpft, steht hier billig an der spitze. Wol- 
demar von Biedermano stellt im zweiten aufsatze die ohnedies 
nicht sehr entlegenen ausspräche Goethes üher* Lessing und 
Lessings über Goethe zusammen, leider weifs der Verfasser aus 
dieser nebeneinanderstellung nur ein sehr engherziges resultat 
zu gewinnen, er geht so weit, Lessingen überhaupt die empf^ng- 
lidikeit für dichterische Schönheiten abzusprechen, welche mit 
der befähigung den begriff dichterischer Schönheit zu zergliedern 
nicht unvereinbar sei. Lessing hätte nicbt weniger grund sich 
über von Biedermann zu beklagen, der ihn eben so wenig neben 
Goethe unangetastet stehen lassen kann, als Lessing den Götz 
neben den alten oder Shakespeare, wir haben seit Herder zeiten 
und menschen und ihre kunstproducte tiefer auffassen gelernt. 
ebenso beschränkt spricht sich der Verfasser über Schiller aus: 
^von Schiller durch ungerechtfertigtes tadeln und durch belei- 
digende Schmähungen persönlich angegriffen, begnügte Goethe 
sidi, jenen schweigend bei seite liegen zu lassen, wogegen er 
spSter dem bittenden mit rückhaltsloser freundlichkeit entgegen 
kam.' wenn unter dem ^ungerechtfertigten tadel' die recension 
des Egmont zu verstehen ist, so richtet sich der ausdruck selbst. 
^beleidigende Schmähungen' aber hat Schiller nirgends (auch in 
den briefen an Körner nicht I) gegen Goethe ausgesprochen, am 
allerwenigsten ihn 'persönlich angegriffen.' er hat seinem freunde 
Körner offen und unumwunden seine ansichten über Goethe mit- 
geteilt: ansiebten, welche oft auf falscher einsieht, niemals auf 
gemeinem neide beruhten, ansichten, welche er zum teil später 
widerrufen hat. Schiller hat Goethe nie um das, was er seinem 
Wesen und werte nach war, um keine seiner inneren gaben be- 
neidet; wol aber um das äufsere glück, in welchem seine gaben 
sich so frei und ungehindert entfalten konnten, das ist nicht 
der gemeine neid, und eine natur wie Schiller, welche sich das 
äufsere glück in so hartem kämpfe unterwerfen muste, hatte 
dazu ein volles recht, auf den schluss des satzes, dessen unge- 
schickten ausdruck man leicht wie ein pater peccavi von seite 
Schillers auffassen könnte, gehe ich nicht ein, da er nur ein 
verstärktes echo aus Grimms Vorlesungen ist. 'man niuss aber 
nicht einen alles sein lassen wollen', sagt von Biedermann und 
ich mit ihm, indem ich hinzufüge: dass andere auf kosten des 
einen herunterzusetzen und zu verdächtigen, kein zeichen höherer, 
sondern niederster kritik ist, und dass dieser 'eine' dergleichen 
nirgends, am allerwenigsten in einem seinen namen tragenden 
budie notwendig hat. ein dritter aufsatz von Felix Bobertag be- 
bandelt die episode von Faust und Helena im zweiten teil des 
Faust. 

II Forschungen, welche (nach dem Vorworte) über text- 
fragen, über entstehung und Zusammenhang Goethescher werke, 
über einzelne lebensereignisse des dichters und der ihm nahe- 



92 GOETHE - JAHRBUCH 

stehendeD persöDlichkeiten angestellt werden sollen. Scherers 
aufsatz über Satyros und Brey bringt meines erachtens die Sa- 
tyros- frage zu einem vorläuGgen abschlusse. kein anderer hat 
seine hypothese mit besseren gründen erhärtet als Scherer die 
seinige. gewisheit werden wir Ober diese frage vielleicht nur 
aus dem Goethe-archive, oder Oberhaupt niemals erlangen; aber 
die meiste Wahrscheinlichkeit hat Scherer für sich, einen dankens- 
werten beitrag liefert Bartsch über Goethe und den alexandriner. 
wenn er aber im Faust (v. 2333 ff) der französischen regel zu 
liebe als urprünglich ansetzen will: 

der du dies heüigtum durchwehest . . . 

die du vom tau der hoffnung schmachtend lebest! 
(statt wehst liebst), so kann ich ihm nicht beistimmen, zwar ist 
auch in anderen stücken Goethes an manchen stellen die syn- 
copierte form später für die ursprüngliche vollere eingetreten (vgl. 
das manuscript des Prometheus mit der abschrift von Lenz : ver- 
mehret Jahrb. i 303 vermehrt DjG in 456 ; gestillet Jahrb. i 308 
gestillt DjG iii 460; weifsest Jahrb. i 292 weifst DjG ni 447. 
dagegen aufser dem verse Jahrb. i 295. 301 stehn, DjG m 449. 
454 stehen) ; aber bei den freieren rhythmen im Faust war dodi 
bei Goethe immer das gehOr mafsgebender als die strenge vers- 
regel und der üble klang eines reimes wie wehest : lebest scheint 
ihn hier zur Umgebung derselben angetrieben zu haben. Düntiers 
aufsatz Über die Zuverlässigkeit von Goethes angaben über seine 
eigenen werke in Dichtung und Wahrheit citiert viel bekanntes 
und bringt wenig neues. Wilmanns hat schon vor einigen 
Jahren sich durch seine kenntnis französischer litteratur zu einer 
mislungenen deutung des Satyros verleiten lassen, eben so ge- 
zwungen stellt er hier eine beziehung zwischen Goethes Belinde 
und einem buche der Scud^ry her. der name Belinde scheint 
die vermittelung besorgt zu haben; schade nur dass dieser in der 
anakreontik des vorigen Jahrhunderts typisch geworden ist. dass 
Goethe sich mit Lili in ihren ^sittlichen Unterhaltungen' Ober 
eine moralphilosophische heldin der Scud^ry unterhalten haben 
soll, erdichtet Wilmanns; und wenn er auf den einfall gerät, 
Lili als copie dieser romanfigur zu betrachten, so wirft er das 
bild, welches Goethe in Dichtung und Wahrheit von Lili gibt, 
ganz über den häufen, denn die gäbe anzuziehen und abzustofsen 
wird ihr dort als eine ihrer natur innewohnende, unbewuste, 
dämonische zugeschrieben; nicht als eine angelernte und ange- 
künstelte, die lilterarischc tradiüon der Stella führt Wilmanns 
eben so unglücklich auf die Scud^ry zurück; hier steht Goethe, 
wie mir Biedermann und Erich Schmidt zugegeben haben, offen- 
bar in der tradition des bürgerlichen trauerspiels. der folgende 
aufsatz RMWerners enthält glückliche angaben zur datierung und 
erklärung von Goethes Jahrmarktfest zu Plundersweilern, auf 
die s. 182 citierten worte Schmids: 'die Vorsichtigkeit nicht distcin 



GOETHE - JAHRBUCH 93 

uoter blumeD zu lesen' scheint sich die stelle (DjG i 337) in 
einem briefe Goethes an Kestner zu beziehen: 'als ein wahrer 
esel frisst er die disteln die um meinen garten wachsen.' die 
8. 180 angefahrte rhapsodie Mercks ist (nach Wagner iii 56; der 
brief ist von 1773 zu datieren) beinahe eine wOrtUche Übersetzung 
Ton Swift und unzweifelhaft eine der von Goethe in DW (in 58 
und 295 f) erwähnten poetischen episteln Mercks. eine recension 
derselben steht schon im Januar 1773 in nr 15 des Wandsbecker 
boten; bei Werner (Jahrb. i 180) findet man eine andere vom 
1 februar 1773 aus den Erf. gel. ztgen abgedruckt, die zweite 
epistel war gegen Wieland gerichtet und Schmid scheint in der 
letztgenannten recension auch die erste auf Wieland zu beziehen 
(vgl. Minor-Sauer, Studien zur Goethe-philoIogie s. 71 anm.). in 
Daniel Jacobys Studien Zu Goethes Faust verweise ich besonders 
auf die zweite (ii), welche eine parallele zu dem monologe Faustens 
in Gretchens Schlafzimmer enthält, und nach meinem kurzen 
hinweise (aao. s. 46 anm.) durch zweier zeugen mund bekräftigt 
ist. Moriz Ehrlich gibt am Schlüsse dieser abteilung einen bei- 
trag zur erläuterung der Weifsagungen des Bakis. 

III neue mittcilungen. hier zeigt sich bereits dass das 
Goethe-jahrbuch alle aussieht hat ein 'centralorgan' für das früher 
80 weit zerstreute material zu werden. 36 briefe Goethes werden 
von 13 herausgcbern publiciert, welche in gründlichkeit des be- 
gleitenden commentares und genauigkeit des abdruckes mit ein- 
ander wetteifern, der name Loeper begegnet uns in zu grofser 
8elb8tbescheidung nur hier, darnach publiciert Erich Schmidt 
die Strafsburger handschrift des Prometheus, welche einige un- 
entbehrliche verse und zahlreiche Varianten zu dem bisher be- 
kannten texte liinzubringt. die Varianten, welche ESchmidt unter 
dem texte anführt, ergänze ich durch folgendes: 1 sag* 33 hin 
(40 lies Ihr statt ihr) 49 gesdhchaft 59 war' 71 theilen 
(72 ist ich zu streichen) 89 magst 91 führ 126 welch' nach 
n2stehm 181 sonne 19b frei 2d2 sende 240 Zei/5 300 du: 
da 325 oft 349 ein neues unbekanntes 351 dass 366 reinste 
373 lös't 374 freud: 381 eh' 385 dass 386 der schmerzen 
viele {nichi: viele der schmelzen) A02 versinkt AOb lass 409^6- 
nu8$. die conjectur, welche Erich Schmidt zu v. 410 macht, 
ist naheliegend und der Lenzschen ohne bedenken vorzuziehen, 
darnach lautet v. 410 statt: dann sich erquickt, in wonne schläft 
sinnreicher: dann sich erquickt in wonneschlaf (wonne schlajft 
hs.). derartige composita gebraucht Goethe gerade im Prome- 
theus (zb. Wonnegefühl 178, schattenskühle 179, frühlingswonne 
181 uö.) und im Faust mit Vorliebe. Mitteilungen von Zeitge- 
nossen über Goethe bringt grOstenteils BBoxberger aus Böttigers 
nachlasse, den bescbluss dieser abteilung bilden sieben briefe 
der frau rat an herrn und frau Senator Stock, mitgeteilt von 
Wilhelm Kreizenach. 



94 GOETHE - JAHRBUCn 

IV eiue vierte abteilung enthält vorerst eine reihe von 
t8 kleineren beobachtungen und veröffentlichuDgen unter der 
<lberschrirt Miscellen. den s. 375 abgedruckten brief der frao 
rat an Bettina besitze icli selbst in einer abschrift, welche ich 
anfangs august 1S78 in Lindenau bei Leipzig nach einer im be- 
sitze der Schwestern Weifse beflndlichen vorläge genommen habe, 
diese vorläge ist (wie mir professor Rudolf Seydel in Leipzig 
mitteilt) eine abschrift von der band des verstorbenen prof. Her- 
mann Weifse, der mit Bettina in freundschaftlichem yerkehre 
stand. Geiger teilt diMi brief nach einem angeblich sorgMügen 
abdruck mit, den MCarrit^re nach dem in der handschriften- 
Sammlung des herrn Nathusius vorhandenen originale hergeslellt 
hat. aber der abdruck im Jahrbuch zeigt schon in der Ortho- 
graphie Widersprüche: wer hertz und höUzgen schreibt, schreibt 
nicht Aio*^, sondern wie meine vorläge zeigt: knrtz, im ganzen 
sind freilich die Varianten ziemlich werllos. auch die adresse 
liudet sich: 

An 
demoiseUe Betma Brentano 
durch gütige besorgnng. 

Die folgende Chronik enthalt nachrichten von Goetbefeslen 
und auffohrungen Goothescher stücke, den heschluss bildet eine 
sorgfidtig angelegte bibliographie. welche «iie erscheinungen der 
Goethelitt erat ur im laufenden jähre nicht blofs oberfl[(chlich citiert, 
sondern auch kurz characterisiert. eine besonders dankenswerte 
nibrik bildet die Unterabteilung der Regesten, welche das im laufe 
des Jahres publicierte briefmalerial excerpiert und so dem nach- 
suchenden einen rascheren überblick über das vorhandene hrief- 
material ermöglicht, könnte das Goethe-j^hrbuch nicht in seinen 
sp^'^ten'n Jahrgängen auch in die Aergangenheit ziirflckgreifeo 
und dit'^e rei:estin nach und nach li L«er das iresammte hrief- 
material i^er Goethelitteratur ausilehnen ? wenn die arbeit noch so 
langsam fiTtschreitet , so wurde doch erst dadurch das Goethe- 
jahrbuch mm compendium der Goethelitteratur werden und gieich- 
sam die quintessen; derstlbon iu sich aufnehmen. 

Wir haben dem reichen Inhalte dieses ersten bandes gegen- 
über nur den einen «»unsch auszuspHcheu, dass derselbe in 
künftigen jjihrvn nich: dtirfi^frer ausfallen und durch ein sorg- 
t^hi^es reiisttT übersichtlich iremach: wenien niGse. 

Vöslau Ikn ^^lep, V juui iSS«.». Jacop Ml«ok. 



LITTERATURiNOTIZEN 95 

LiTTERATURNOTIZEK. 

JImelma?<n, AnmerkuDgen zu deutschen dichtem, aus den Sym- 
bolis Joachimicis. 38 ss. 8^ — lesefrüchte, die von auf- 
merksamer durchmusterung der deutschen, griechischen, engh- 
schen und französischen litteratur zeugen, viel hedeutendes aber 
Dicht zu tage fordern, von den 32 vorgetragenen beobachtungen 
nehmen 16 auf Goethesche dichtuugen, S auf Schillersche be- 
zug, die übrigen berühren Gottsched, JASchlegel, Bodmer, 
Haller, Klopstock, Lessing, Ramler, Uhland, Kerner, Grillparzer. 
einige haben für den lexicographen ^ert, wie die citate zu dem 
Worte türmend; andere suchen anstöfsigc textstellen zu erklaren 
und zu verbesseru; wider andere berichtigen ungenauigkeiten 
in der bisher übhchen auffassuug, so zb. der Wertschätzung 
Gottscheds in Bodmers lilteraturgeschichtlichem gedichte; die 
meisten sollen anlehnuugen erweisen, wobei nicht genug be- 
achtet ist dass einzelne anklänge noch nicht zur wissenschaft- 
lichen parallele berechtigen, zu dem wichtigsten gehört die 
ausführung über den eiufluss des Sophokleischen Philoktet auf 
Goethes Iphigcnie. dass der verf. den abschnitt über Littres 
hinwcis auf die Ähnlichkeit einer stelle in Aubign<^s Histoire 
und Schillers Teil schon in Lindaus Gegenwart 1877 nr 35 
veröfTentlicht hat, sollte augegeben sein, es ist immer ein 
undankbares geschiift den inhalt seiner zcttelkUsten preis zu 
geben, selbst wenn wie hier recht feinsinnige und zutreffende 
aufzeich nungen darin verwahrt sind. B. Seuffert. 

FKhull, Über die spräche des Johannes von Frankenstein, aus 
dem Jahresberichte des zweiten Staats -gyninasiums in Graz. 
Graz 1880. 23 ss. gr. 8^. — ohwol sich gegen einzelne 
annahmen und behauptungen dieser schrift einspruch erheben 
liefse, so darf doch der uachwcis, dass die einzige hs., in 
welcher der Chreuziger des Johannes von Frankenstein erhalten 
ist, von zwei österreichischen Schreibern herrühre, wahrend 
das gedieht selbst, entsprechend der heimat des Verfassers, im 
schlesischen dialecte verfasst sei, als gelungen angesehen wer- 
den, in der einleituug zu seiner beabsichtigten ausgäbe wird 
KhuU vielleicht genaueres über die Schicksale des codex mit- 
teilen können, ehe derselbe 1773 auf die Wiener hofbibliothek 
gelangte, denn Bodmers nachricht in seinen Literarischen 
denkmahlen s. 17, dass die hs. sich zu Pressburg im besitze 
von C. Gottl. von Windisch beGnde, gewinnt dadurch an 
glauben, dass in der Altdorfischen bibliothek der gesammten 
schönen Wissenschaften 2 (1762), wo s. 149 — 153 proben des 
gedichtes, aber ohne jede hindeutung auf dessen aufbewahrungs- 
ort, gegeben sind, s. 73 'herr Carl Gottlieb Windisch, ein 
ungarischer edelmann zu Presburg' unter den 'vornehmen ehren- 
mitgliedern' der deutschen gesellschaft zu Altdorf, die eben 
die Bibliothek herausgab, sich aufgeführt findet. 



96 LITTERATUR?SOTIZEN 

JKOnig, Die chronik der Anna von MuDzingen. nach der äUesteD 
ahschrift mit einleituDg und beilagen herausgegeben, abdruck 
aus bd. xiii des Freiburger diöcesanarchivs. Freiburg i. B. 1880. 
108 SS. 8^ — die schrift vervollsUindigt unsere kcDDtnisse 
vom mystischen leben in den frauenklOstern des ma.s in 
dankenswerter weise, wie im bflchlein Von der genaden über- 
last das visionUre leben in Engelthal in einer reihe von lebens- 
hildern geschildert wird, so hat für das frauenkloster Adel- 
hausen bei Freiburg i. B. Anna von Munzingen (f zwischen 
1327 und 1354) uns aufzeichnuugen hinterlassen, in denen 
34 biographien meist verstorbener Schwestern zusammengestellt 
sind, ihre 1318 verfasste Chronik, deren original im anfang 
unseres jhs. nach Paris und von da nach Bom gekommen sein 
soll, wurde häufig copierl. sie erscheint hier nach einer ab* 
schrift aus dem jnlire 1433 (mit hinzuziehung einer andern 
50 jähre jüngeren hs.) zum ersten male vollständig abgedruckt 
auszugsweise war bisher nur weniges davon bekannt, Tgl. 
Greitli Die d. mystik 293. Preger Gesch. d. d. mystik 1, 138. 
Ilist.-pol. bL'Uter 75, 771. LClarus Lebensbeschreibungen der 
ersten Schwestern zu Unterlinden, 1863, s. 423 — 44. in der 
einleitung s. 4 — 18 gibt der Verfasser einen guten überblick 
der geschichtc des klosters (gestiftet 1234), s. 18 — 24 eine 
characteristik der Offenbarungen in ihrem Verhältnis zur übrigen 
gleichartigen litteratur. der text (s. 25 — 65), inhaltlich wie 
sprachlich gleich interessant, hat eine im ganzen sorgfUlige 
behnndlung erfahren, wenn auch die für weniger sprachkundige 
leser beigefügten worterkläruogen hie und da, zb. 33, 1. 36,3. 
38, 1. 44, 3. 5$, 6. 59, 2, misglückt sind, den lebensbe- 
schreibungen folgen drei von bruder Konrad von Esslingen, 
dorn provinoialbruder Wolfart und dem lesmeister von Koln 
brudor Mcolaus gehaltene predigten, von den fünf beilagen be- 
troffen die drei letzten die klostergeschichte, die erste (s.66 — 82) 
gibt ein ausführliches Verzeichnis der Schriften des Job. Meyer, 
der 50 jähre dem predigerorden angehörte und von 1462 — 1485 
beichtvater zu Adelhausen war. von besonderem interesse ist 
das ämterbuch, 'welches einen eiublick in das innere leben 
einer gut geordneten klösterlichen genossenschaft nach der 
religios-asoetisoheu wie nach der wirtschaftlichen und familiären 
soite gew.'^hrl.* derselbe Job. Meyer copierte oder bearbeitete 
auch die rim>nik der Anna von Munzingen und schrieb aufser- 
dem noch einen aus/ng dieses huches des lebens der seUgen 
rrsten stehst ern m Adelhuse» . der sieh in der zweiten beilage 
s, S2— 92 abgedruckt lindel. Pb. Straccb. 

Hr dr Jaco» Mi>ok hat .sich als pri\atdozent für deutsche 
spräche und litler%uur an der uui\ersit.M Wien habilitiert. 



ANZEIGER 

DEUTSCHES ALTERTHUM UND DEUTSCHE LITTERATUR 

Vn, 2 APRIL 1881 



Du bSfische IcbFD lur zeit der ntiiioesiager i 
Professur dcc fcunstKesctii eilte »n der uni< 
111 holMchnilten. Leipzig. Hinel, ISIS 



r Alwin Schultz, u 
ät Breslau, i band tu 
III und 52ü BS. gr. ( 



Das in seinein eraien bände vorliegende werk bildet eine 
wichtige elappe auf dem wege zu einer utufasseadeu cuUurge- 
sdiiclile des mitlelallers. l-s weudet ^icli ebeuso sehr au den 
kuDSthiBlurihcr von l'adi wie im allgemeinen an den gesctiicbts- 
Torscher, an den litlerarUistoriker wie an »leu pbilolugen. keiner 
der sich mit miltelallerlichen Studien beschäftigt wird ei ohne 
maBij^raihe, reiche belelimng aus den hünden legen. 

Alwiu Schultz gieng, wie er in der vorrede darlegt, zun.'icbsl 
darauf aus, die denkmaler der prol'anknnsl für die cullurge- 
schichte einer bestimmten periode des mittleren Zeitalters nutzbar 
zu machen, zur ergünzung und helebnog des Ktckenhaflen denk- 
mülGrvQrrates wurden die gleichzeitigen autoren, histnrikpr wie 
poeien, in breiter weise herangezogen und so erwuchs allmShiich 
eine wol fundiert« darslelluag des hUflschen lebens im 12 und 
13 Jahrhundert. 

Die zeitliche begrenzung von 115*) — 1300 sucht der verf, 
s. X, wie mir sclieinl elwas aufserlich, mit der beüicbüffenbiit 
der (|uellen zu rechtfertigen, immerhin mag man seine begrflu- 
dung für den lerminus ad quem gelten lassen, anders aber 
steht es mit dem beginn der periode. zwar reicht weder litter- 
licbe epik noch lyrik der Fmuiosen uder Deutschen, wie wir 
Bcbca werden die ergibigsten quellen für den Verfasser, llber 
ä»i jnhr llöO zurück, aber schon seil der mitte des 11 Jahr- 
hunderts lässt sich ein slätig zunehmender einlluss rrauzOsischeo 
lebens und wesens auf Deutschland beobachten, und den ent- 
wicklUDgsproceas dieser merkwOrdigen cullurüberlra^ung muste 
uiiB der gesell ichtsschrciber des htifi^hen lebens vorftlhreu. (iber- 
haupl gewinnen wir in seinem buche fast nirgends einen ein- 
bliclc in das wogen und treilien einander von haus aus fremder, 

* vgl. Ja tLTCsbe rieht I bi litt, — Zertschrift (üi deiits<:he pliilologtr 
11. isa iKKIumI). — Kuiiit und gewctbe, wocbeiiscbrin zur türdeiuiig 
dtuUchcr kimsiioduslne, red, von OvSihorn t-^SO nr I (OvSchorn). — 
Am. r huiide der denlsrheii Vi>raeit 1SS0 nr :i tAGssenwctii). — Zs. f. bil- 
dend« luinftt INSo h«ft '2 (Ci-Lüliuw), — LilievaturMnll f. germ. und ram. 
fiüi. lim ur II IKWvinliold). 

A. F. II. A. VII, 7 



98 SCHULTZ HÖFISCHES LEfiKiN 

widerstrebender kräfle. wie weit erstreckte sich jene internatio- 
nale aristokratische cultor, die von den Provenzalen cortuia, tod 
den Deutschen höveschheü genannt wurde? wo liegen ihre quel- 
len? welchen anteil hatte die Provence daran? welchen der 
Orient? wie stark war der widerstand, welchen nationale aitte 
und Sittlichkeit in den einzelnen culturländern dem nivellierenden 
demente leistete? alle diese hochwichtigen fragen werden nirgends 
im Zusammenhang unter grofsen gesichtspuncten erörtert, sondern 
nur ganz gelegentlich gestreift, nun weist es ja der verf. aller- 
dings in der vorrede s. vi ausdrücklich von sich, die geistigen 
bewegungen und strebungen der bezeichneten periode darzustellen, 
dh. würklich culturgeschichle zu schreiben, aber ist diese be* 
schränkung überhaupt möglich, wenn man mehr als nur flufser- 
lichkeiten des lebens begreifen und beschreiben will? lässt üch 
die grenzlinie zwischen sitte und Sittlichkeit so harscharf ziehen, 
und stehen wir bei einer Untersuchung der sittlichen zustände 
und anschauungen eines Volkes nicht schon mitten im kempuncte 
seines geistigen lebens? wie viel dürfte wol von dem ganzen 
letzten capitel stehen bleiben, wenn sich Schultz streng an sein 
Programm gehalten hätte? auch sonst ist das auf dem titel be- 
zeichnete thema mehrfach erweitert, neben dem höfischen leben 
auf der ritterburg zieht Schultz gelegentlich auch das wesen und 
treiben der bürger und bauern, der kaufleute und handwerker 
mit in den bereich seiner darstellung; und zwar nicht nur in 
soweit die vornehmen kreise mit demselben in berührung kamen, 
wir sind dem verf. dankbar auch für das nach dieser seite ge- 
botene material, dürfen uns aber nicht verhehlen dass bei er- 
schöpfender ausbeutung der quellen, vornehmlich der lateinischen 
litteratur des 11 und 12 Jahrhunderts, der geistlichen deutschen 
poeten der vorbercitungszeit, der bürgerlichen dichtung des 13 jhs., 
der privaturkunden, rechtsdenkmäler und predigtlitteratur sich ein 
weit reicheres bild der socialen zustände des niederen Volkes 
hätte entwerfen lassen. 

Für das hofleben waren die epischen und lyrischen kunst- 
dichtungen der Romanen und Deutschen viel ergibiger als die 
Chronisten und annalisten jener tage, die machtsphäre des hö- 
fischen lebens erstreckte sich über die culturvölker des gesammten 
abendlandes. 

Die nationale litteratur Italiens, die sich erst im laufe des 
13 Jahrhunderts und nur in formeller beziehung eigenartig ent- 
wickelte, durfte Schultz ohne schaden bei seite lassen : der ideen- 
kreis der ritterlichen Sänger Siciliens und Unteritaliens, ihre 
geselligkeit und bildung war nichts als ein abbild des in far- 
bigerem glänze strahlenden Urbildes in der Provence und im 
nördlichen Frankreich, anders steht es mit England : auch dort 
wurde das höhere leben von romanischer cultur überflutet, mehr 
und mehr erschloss sich die zu beginn des 13 Jahrhunderts neu- 



SCRLXTZ aOFISCUES LEBKH 99 

aalllUbaiiile euglische litleratur iler normannisch -fraDzOsiscbeD 
bildang, aber immer noch tauchen in ihr heimisch-nationale an- 
schanungen, silten iiod brauche Über den glalten spiegel des 
fremden, höfischen wesens empor, es ist daher zur Vervollstän- 
digung des Schuitzschen nerkee für eine neue auTlage, die ja 
nicht lange auf sich wird narlen lassen, eine breilere berück- 
sichligung der englischen nalionalhtteratur dringend zu wUnschen. 

Bin fuDdamenialsal2 seines buches, den der verf. nach allen 
seilen hin alg richtig erwiesen hat, und ohne dessen giltigkeit 
seine arbeit überhaupt nicht mOglich gewesen wäre, besteht da- 
rin, dass die dichter aUlllierall, selbst wenn sie unter dem prin- 
cip der idealen ferne schaltend ihre stolTe aus dem griechischen 
oder römischen alterlum, aus Africa oder aus dem fernen Orient 
holen, im wesentlichen nichts anderes als sich selbst, ihre zeit, 
das leben und treiben ihrer nächsten Umgebung darstellen, trotz 
allem phantastischen glänz, den sie über ihre werke streuen, ist 
Schultz der llberzeugung: 'was die dichter schildern, haben sie 
gesehen oder sich beschreiben lassen.' 

Dass der verf. die belegstellen für seine darstellung in grüsl- 
mOglicher rollstündigkeit unter dem texte mitgeteilt hat, kann 
man vom wissenschaftlichen standpuncle aus nur gut heifsen: 
man ist auf diese weise iu den slantl gesetzt seine aufslellungcn 
2u controlieren und das eigene wissen mit dem seinigen zu ver- 
gleichen, zu bedauern ist nur dass dies verfahreu nicht conse- 
quent durchgeftthrt ist: so in dem abschnitt über das Schönheits- 
ideal s. lt>5, über die handelsbeziehungen s. 274, über die pferde 
s. 392, wo der verf. sich damit begnügt auf seine babilitations- 
schrifl, auf arbeiten von Depping und Joh. Falke, von Friedrich 
PfeitTer und ReifTenberg zu verweisen, folgerichtig wäre dann 
bei behandlung des kiuderspiels mit einem binweis auf Zingerles 
bekannte schrift genug getan gewesen, oder im vu cap. hatte es 
für viele dmge nur eines binweises auf Weinbolds Deutsche 
Trauen bedurft usf. 

Höchst lobenswert ist dass Schultz überall auf die ersten 
quellen zurück gegangen ist; da$s er die mittel hoch den lachen 
HUloren nicht immer in den besten ausgaben benutzt bat, ist 
ein mangel, aus dem man dem nichlpfailologeu keinen Vorwurf 
machen darf; mit staunenswertem eifer hat er mehr als 2 milho- 
nen verse deutscher und französischer dichtung durchgelesen und 
eicerpierl, da und dort sogar die texte durch eine treffende emen- 
dation gebessert, auf erläuternde anmerkungen und commen- 
tare der herausgeber ist in den seltensten füllen rücksiebt ge- 
nommen; auch hat sich der verf, für die miltelh och deutsche litte- 
ratur ünbegreiElicher weise ein wichtiges hilfsmittel in Leiers 
vortrelflicbem HaudwOrterbucbc entgehen lassen. 

Dass Schultz die erhaltenen kunstdeukmäler zum grofden 
tetle nicht zugänglich waren, ist lebhaft zu bedauern; für uns 



100 SCHULTZ HÖFUCHES LEBE.N 

Philologen wäre vor allem eine reichere Verwertung der hüder- 
handschriften und miniaturen von interesse gewesen. Obri^reis 
sind schon die dem text einverleibten 111 holzschnitte sehr ia- 
structiv und zum teil von trefflicher ausführung, so daas dem 
Uirzelschen vertag unser aufrichtiger dank für diese kOnstlerische 
beigäbe gebttrt. 

Nach diesen allgemeinen andeutungen über tendenz und ein- 
richtung des Schultzschen werkes denke ich die einzelnen capitd 
durchzunehmen und in stätem anscbluss an dieselben naclizo- 
tragen f was dazu dienen kann die ausführungen des verf. leib 
zu ergänzen, teils zu bestätigen oder zu widerlegen, von de- 
taillierten inhaltsangaben darf ich wol um so eher absehen, ab 
solche zur genüge in den zahlreichen anzeigen und besprechungen 
gegeben worden sind, von denen ich oben die wichtigsten ab- 
führte. 

Das erste capitel behandelt den bau und die einrichtung i» 
bürgen: in jeder hinsieht wurde dabei die schOnheit der nOti- 
lichkeit untergeordnet: gröstmOgliche festigkeit und sicherer schütz 
wider stets drohende feinde sind erstes und letztes ziel der mittel- 
alterlichen architecten. die antike tradition würkt über das ganie 
frühere mittelalter ohne Unterbrechung bis in das Zeitalter der 
niinnesinger herüber, immer noch bilden die lebrbücher des 
Vitruvius und des Flavius Vegetius Renatus den wahren codex 
der befestigungskunst. vortrefflich wüste man das terrain aus- 
zunützen, wir lernen die wasser- und felsenburgen kennen, beob- 
achten, wie die baumeister den zusammenfluss zweier strOme oder 
eine talgabelung für ihre anlagen verwerteten, wie sie, wo die 
natur ihnen nicht so willig entgegenkam, durch allerhand künst- 
liche mittel den erforderlichen schütz herzustellen verstanden, 
mauern, türme und graben, die hdmtt, grendel, tüUen, breteches, 
die ringmauem, die verschiedenen arten von zinnen und Platt- 
formen, machicoulis, moucharabis usf. werden uns durch ab- 
bilduogen und geschickte combination litterarischer Zeugnisse in 
ihrer anläge und bedeutung klar vor äugen gestellt. 

Zu diesem ganzen capitel, in dem uns der verf. ferner durch 
die verbürg mit Wirtschaftsgebäuden, durch Schatzkammer, ge- 
fängnis, garten, festsal, turnierplatz, küche, Schlafzimmer, bade- 
»tuben geleitet, fmde ich verhältnismäfsig nur wenig nachzu- 
tragen, [reiche ergänzungen bietet Weinholds anzeige.] 

Alle erdenklichen Vorzüge, welche natur und kunst zu ge- 
währen vermag, sind vereinigt in dem idealbild einer bürg, 
welches der dichter der von Mone Anz. 8, 483 ff herausgegebe- 
neu Magdalenenlegende entwirft. Magdalum lyt an ainer n'cAeii 
hob, och uff ainem herg, uff ainer fluo, do stossent vier lam- 
stroisen zuo der och gewaltig ist der herg. z. 738 och ist da% 
wol xe lohende, das uff dm herg ohene flösset ain fischricher 
i«ft, van dem tnan hol difs gemach ; auch kedchrunnen entspringen 



ria usw. — eioen litl«rari sehen beleg zu s. 21 z. 2 bietet Eillmrls 



Tristratit 

lUe müre gän. — 



dii Karl die vrautce sSn yiwar. i 
. 37 anni. 



« üf 



wird io dem citat am Ottokar 
mit iinr«cht iwre», d. i. luren in iwrm gnüiidert: schrtiibt dcch 
noch Goethe im Gott Wollt ich . . . lag im tiefsten T/wm rfw 
m (ler Tilrlceg »leht. DjG 2, 362. — s. 39. Trislranl drnht bei 
Eilh. 571^3 den) gerangeot^n grafefl ftiole, falls er die bel.ignrte 
Stadt nicht aut S läge verproviantiere, so beaehauwet ir den lief- 
aen torm der in der $tat ergin it. — s. 45. iiiilur dem kilchen- 
inveotar «iues g^dichtes Von dem hUsrate beßnden sich hohehi. 
Schultz setzt hinler das vrort ein Trägezeichen ; es bedeutet die 
fleicb daraur von ihm vermissten liaken. höhet dialectisch für 
hdhet, ahd. hdhila. haken um den hessel ilber das feuer zu 
hÜDgen: DWB iv 158. — a, 48 aum. 4. weitere belege bieten 
die stellen hus der rraiizitsische» und deutschen Tristandichtiiug, 
die ich Eilhsrt cxi.v i besprochen habe. — zu s. 49 anm. 4 foge 
Horiz von Craon 17(12; diese interessante dichtiing blieb dem 
Terl". unbekannt. — s. 52 anm. 2. sehr wertvoll ist uns die 
buHdesgenoEsenscbatl eines kunstliislorikers in iler streillVage flber 
den salhrand in der Nibelnn^e not, um so mehr hIs sich Schulii 
ganz unbefangen, olfenbar ohne kenntnis der einst utn diesen 
punct heftig geführten polemik auf die seile MUllenhoffs (zGNN 93) 
gegen Hollzmann und Zarocke steLIt. in Uttokars Schilderung 
iPez 272'') ist natllrttch ein sa\ mit gewölbter decke gemeint. — 
so zutreffend die bemerkungen des verf. s. 5S über die Selten- 
heit der fensterverglasuDg fnr das 12 und flir die erste liülllv 
dos 13 jbs. sein miigen, so dUrllvn glasfenster gegen ende des 
jahrfaünderts doch wol schon ziemlich hüiilig, auch in privat- 
hluseru zu finden gewesen sf<tn; wenigstens in Österreich: Keifr. 
Helbl. 1, 1202 'loch ist xie bfbendic an vensttm im gtnsen luogen 
itt di« jasse». — s. (jO alinea 2 erwähnt Schultz die baue: diesen 
dtrenplatz hat wol auch der junge Helmhrecht im 3uge wenn er 
sagt 363 ick tntios bemtmen in die biine, und ein Ähnlich aus- 
geseichneter sitz ist wol das ge»tuh unter einer breiten linde, von 
dem es Salm, und Morolt 886 heifst: da engedonie »ymim vff 
sAsen, er en teere dan etpi edel man, und wert von hoer ort ge- 
ftom. — s. 07. g«gen die aiisschliers liehe benutiung der bünke 
tum sitzen hei tische spricht unter anderem Kehr. (Iliemer) 
369, 2b. Eilh. 2049. anm. 3 hAlte auch noch auf Haupt zu 
N«idh. 79, 35 verwiesen werden sollen. — zu s. tig <-inm. 1 sei 
bemerkt das» die eine der beiden deutschen belegsteilen filr den 
faltnuot noch dazu wörtlich aus dem frauztlsischen llberselzt ist: 
Germ. 7, 169. — die a. 71 besprochenen kisscn, welche etwa 
anseren divans gleichkommen, meint nol auch Heinrich von 
Melk im Priesterleben 99 d4 sirht man hrrher räidien Hf böfttem 
Vit waichfii. — a. 78. ein nacbtiicht, wie es scheint ganz in 
der art der unserigen, wird erwEibul Hör. von Craon 1511 



102 SCBCLTZ HOnSCOES UUE5 

fi« bran ein lieht in eime jUu, vgL Zarncke in den Beitr. znr 
gescb. und erkl. der Nibb. s. 157. 264. — in & 80 ist die in- 
teressante stelle aus Eilbarts Tristrant nacbzutragen, die es wahr- 
scbeinlicb macbt dass in der beimat des dicbters die Terwendnng 
der grofsen säle als scblafraum fOr gaste nicbt bekannt war: 
5285 ick $age Aek äne hgene daz hh- becom die kanmge h^- 
licher $ale nichi plägin, wan he nidu wdrin abö wol herdiin mä 
gütin kemendtin ab nik kir die keren sin usw.; freilieb ist die 
stelle nicbt gut überliefert (vgl. vdUagen und BOscbing Bucb der 
liebe s. 80) ; Tristrant scbeiut mit seiuem gesellen Walwan das 
bett zu teilen: 5348 ff. — s. 80 anm. 9. Isalde tiebt sich in 
ir keimUcke (D keimeUckeit) zurück um Tristrants lid>esboten 
ungestört audienz zu geben: Eiib. 6376. — s. 81. tlber bett- 
vorbänge und fufsscbämel bandelt Zarncke in der angeführten 
academiscben abbandlung s. 157. 264. — s. 82 eiserne kistehen 
zur aufbewabrung besouders wertvoller gegenstände beifsen im 
Meier Helmbrecbt 1205 isenkalt, sie fübren nocb beute in der 
beimat des gedicbtes den namen isoü: Keiuz s. 77. — s. 83 anm. 1. 
dieselbe sitte bei den bauern des Innviertels, vgl. Meier Helm- 
brecbt 165. — s. 87. in der Tristaudicbtung bei Berox und 
Eilbart vertritt der einsiedler Ogrin, Ugrim die stelle des burg- 
capellans: er ist Markes beicbtvater und briefsteiler, s. Eilb. 4764. 
— in dem abscbnitt über automaten und ähnliche kunstwerke 
s. 94 war der ring zu erwäboeu, in dem eine siogeude nacbtigall 
augebracht ist: vgl. Salm, und Mor. 1305. 

Im zweiten capitel verfolgen wir pflege und erziehung der 
knaben und mädchen von der geburt an bis zu dem puncte, 
wo jene eine vollkommene hausfrau, dieser ein untadeliger ritter 
zu werden verspricht, die gruppierung der einzelnen gegen- 
stände ist nicht immer glücklich: so hätten zb. die botschaften, 
um nur einen punct herauszugreifen, doch wol besser zu beginn 
des 6 capitels bei behandlung der reisen und Verkehrsmittel ihren 
platz gefunden, ich wende mich widerum zu einzelheiten. 

S. 111. eine ähnliche niederkunft zur see, wie sie von 
Blanscheflur im Tristan berichtet wird, erzählt das Magdalenen- 
fragment Zs. 19, 160, 36 (f. — s. 113. dass sich bekehrte beiden 
zur taufe vollständig entkleiden musten, belegt auch das erste 
bild der Pfölzer Rolandhandschrift, zu WGrimms ausg. U, 25; 
der beide scheint im taufhecken das taufgelöbnis aufzusagen. — 
s. 114. wie in unseren tagen vertraten auch schon zu jener 
zeit vornehme bei niedriger stehenden pathenstelle : Meier Helm- 
brecht rühmt sich 483 ein edel ritter was mm tot, hier wären 
auch Scherers bemerkungen über das zunehmende Unwesen der 
ammen (QF 12, 99) zu verwerten gewesen. — zu 114 anm. 1 
notiere ich noch Kudr. 22. — in der Wiener Genesis 43, 32 
beifst es beim auszug der Rebekka mit ir fnr ir amme. — s. 1 16. 
Eilbart erzählt in seinem Tristrant nach dem tode der Blanscheflur 



SCHBLTI HÖPIBCHKS LEBEK 



103 



Z. 121 do beeat tUr koning Rivalin da% vil libe kindetin einar 
ammen die lin plag, und zack daz wot bix an dm tag dan es 
mochte gerileu, üli. wul bis zum »ebriitcii jähre, der verrasser 
der Wiener lischzucht, Zs, 7, 174 IT, biltM z. 4 äaea jedeo, 
dem ziicbt iinil flire belwobnt. das er is läze dn com sm. ob 
ich straf die junijen kint diu bt siben jdren sini und noch nicht 
gemxzeti hdni noch den kein su/it ist bi^kattt. — vou dem klejnea 
üagta hpirst es Kudr. 23 sin jthldgm wise m-ouaen und vil 
schane meide. — iu dem abscfaDitt über die kinderspiele hat es 
mich gewundert, uirgeuds die bekanote mooo^ispbie Ziogerles 
tlber das deutsche kinderepiel im mitli-taller erwäbot zu Goden; 
eiae »ermehrte aullage dieser zuerst in den SjUUDgBberichten 
der Wiener academie 1867 verüfTeniLluhteii schrifl erschien Inns- 
bruck 1S73. ob aus HMSuhusters buche Das spiel, seine eut- 
wtcklunn uuil bedeulung im deulsclien recht, Wien IS'S. etwas 
l'ur Schuhz zu };ewinneii gewesen wAre, vermag ich im augeu- 
bbck nicht TeslzustelleD. — s. 120. auch hier vermisse ich Ver- 
wertung der einschlägigen stellen des ältesten deutschen Tristan, 
eines welkes, das nach Scherers treffenilem urteil 'wie vielleicht 
kein anderes voihild des lebons geworden'; hier waren die no- 
lizeu über die Jugenderziehung des beiden, X 130 FT, zu berUck- 
sichligeo. — s. 12t. in Kraukreich gab man dem hormeister, der 
den kuaben in Iremdcn sprscbeu zu unterrichten hatte, einen 
besonderen namea: er hier» (alinier, vgl. BUucaudiu (Moses 
Adz. 8, 399) 37 apres si h fiit enSEigHitr li rot, d un »im l<i- 
tinUr (hs. latimier); auch Roquefort Glossaire 2, 67*. — s. 123 
»aat. 4. vgl. noch Martin zu Kudr. 607. Gilb. Trist. 4S41. — 
fl. 124, die vielgeprüfte Crescenlia bat verscliiedeoer amier zu- 
gleich zu walten: tiber die kemi?nale der herzogin gesetzt beauf- 
siebttgt sie die milgde bei ihrer arbeit im sal Kehr. 373, 11; 
sie ist beralerin des herzogs 370,29; er bat si sinen snn l^en 
M hete micbeleu sin der herre hies si maisltrin 370, 20. sie 
Khltift bei dem kind, das in ihre obhut gegeben ist, und hat das 
ganze haus zur meltine zu weckeo. — ». 127 anm, 2. vgl. 
noch QF 19, i.lixilvi. — s. 130 z. 4. auch in England bediente 
man sich der quintaine, vgl, Zs. f. d. phil. 3, 437 (. — s. 132 
«nm. 4 hätte neben Erec Trirtan, 133 anm. I vor allem Go- 
ternal, Knrwenal, der erzieber Tristans, genanul werden können, 
in dessen namen schon das vorbildliche der ge^talt zum ausdrock 
kommt. — s. 135. sehr bfiufig werden auch spielleute und im 
volkstümlichen epos, also wol uach ulterem, nationalen brauche, 
btwfahctagle , vornehme mänopr als boten ausgesendet: iu der 
KudruD tiOö ein gral; man erinnere sieb der botscbaften im 
aitfranzitsischen Itolandsliede. spielleute als liebesboteu : Wein- 
hold U, Trauen 352, aber auch sonst ühernHimeu sie bolschalten : 
zn den bnuiscbeQ spielleuten WerbeL und Swemmel gesellen sich 
die fahrenden Haupt und Plot, EiUi. Trist. S369 0. ~ Eilhart 




104 

«cbiidert 8231 iwa gtnitm gau Sfailidi wie Winit in Wigi- 
lois 1417; ein botengmg mit ioteressaalcai deliil EiHl 7370 fl 
das wahnekrhea des boln ist eio riaf Eüh. cixf«; imd 
böte ist ein so TereUndiger jonger mann, dass balde Hkm 
mQDdlicheo anfliag aoTertnuen kann: 7116; er mi 
gehen, der dichter scfaent darQber: 7396 ff. — s. 137 ai 
franz. Rol. 120 e U winm^ dt tc en dir e t U m fki^ m F 
pmr mmur e for hnm: aoch Ganelon reitet als hole 342 H — 
5. 13S anm. 2. man vergleiche noch Martina anm. vait dtierten 
stelle. — anm. 3. die zehn boten des konigs Handies werda 
bei Karl dem gro&en in einem besonderen zeke beherbergt nnd 
durch zwölf 9erjamz bewacht: Chanson de Rol. 159. — anm. 4. 
von den beiden ist die eeheiliste person der eesandten wicht 
respectieit worden: Ch. de Rol. 207 ff. — Tristrant liast 
boten kmmdert aoftiUni^ guter pkemninge geben Eilh. 7370; 
Mtssi erwähnt Rodlieb ix 16. ilen ursprQngücfaen henmig hei 
Teriethung des boteobrotes schildert im 16 jh. Sigmund «an 
Herberstein : DWB n 274 ; die sitte lebt noch heute in der heimat 
des Meier Helmbrecht: Keinz. Münchner Sitzungsberichte 1866 
s. 323. — zuweilen weigerten sich boten, eine beiohnong an» 
zunehmen. Martin zu Kudr. 434. — ^ tischbcdieonng «nllle fe* 
rauschlos vor sich geben : $dienkem mam tr sckm^f mtde tnAamam^ 
44 was tH kleiner ruof Kudr. 131Ö; vgl. noch 162. — a. 139. 
zu deo dienstleisiungeu der knappen beim tumier Terweiae ich 
noch auf Gotfr. Tristan 12S, IS irie n mü tckeften rfmdbtn, 
wie ril st drr ser6rarAfN, das tmim die garzvne aa^en« die kmifm 
es seMsiene trägem. — s. 141. Überhaupt muste jede bewegnng 
maiSToll sein. Tgl. Eilh. s. cliu. ich knüpfe eine allgemeine be- 
trachtung ao diese stelle. Schultz hat dem botischen cei 
bei weitem nicht die aufnierksamkeit zugewendet, die es in 
grade verdient, gar nicht berücksichiigt sind die Tortrefflichcn 
beitrage zur Sittengeschichte des ma.s it>n Rudolf Hildebrand, 
Germania U.K 129 ffl zwar wird releffentlich bei Schultz Ton den 
erfordernisseD höfischer zucht, höfischer rede und hofischen he- 
nehmeos gehandt-h. zb. s. 164 tooi duzen und ihrzen: s. 311 
unten von dem drängen bei festen, jedoch ohne zu HUdebrandB 
these Stellung zu nehmen: s. 4li2 von der ankunfl und dem 
empfang der eiste usw., aber auch hier Termisse ich eine zn- 
sammenhangende betrachtung der verwandten er^cheinungen, und 
auch im einzelnen dürfte sehr Tiel nachzutragen sein, wie be- 
fremdend ist schon in einem buche über das höfische leben eine 
anfserung wie wir sie auf s. 155 lesen: *auf die anstandslehren 
hier naher einzugehen, sehe ich keine Teranla<%suDC* usw.! 

S. 149. auch in Eilharts Tristrant scheint mit der fchwert- 
leite die effoUung der ersten bitte des jungen ritters TerknüpfL — 
anm. 4. eine diametral entgegcagesetzte anschauung als bei Ottokar 
tar nen wir aus dem bmchsMcke Ratschlage für liebende kennen 



flCBCLTt aOnSCRES LUIK 



105 



tDoc«u Mise. 2. 30t< fi Ih luin gesehen matiyen man. dir anriers 
minnai nitne kan, n-an das er waaet, diu w/p tnittneH .ifn«t( 
Horchen Up, sd letlnet aber ein ander, der ein Iril ist langer dentie 
eitt ander man. daz er die minne sule hdn usw. si itiont den 
froKwen leide das gi selten «tnf dd heintf. st rtten 
wtge, was fromit dav iJe» wiben? mniicrh« Tmu mag 
wtlrklirL eo (jedachl balien: sie waren nichl alle Enite», denen 
tlas 'verliegen' ihres manues bange war. vgl. auch Eilli, 7936 
dei phlag he vil mich alle tage das her will jagüe uniU schöx. 
MH Ktb daz ten vordrös. — s. Iä2 anm. 3. in der Kaispr- 
chmuik (Dietn. 367, 111 rOlimt der amman an Crestentia: ta 
ehan »i tool mit siden teörcken sicaz ir gevaltet an swelhen horten 
man si stellet. — einen weiteren beleg für gewcrbsmafsiges ec^nei- 
ätTn uutt wehen liefert Uplmhr. 13ti. — s, 154. RoIlierlStl 
dte »rowe begonde vore gau. hundert megede loesam die volgeden 
- siearen. Isalde mit ihren wtben Eilh. 7546; die allerdings mit 
besonders starker hnl um^ehene gemahhn des Nampetenis darf 
sidi nicht einmal alleiu hüT der burgmauer ergehen Eilh. 787S; 
' I Sonrads von Wirzhurg Engelhard verspricht Engeltrul 2^40 
ick teil m/ne /ronioen aUe sfJiirken von dem irege; boispielc auB 
tleia volksepus verzeichnet Martin zu Kudr. 7li5, 4. — s. 15H. 
bei Eilh. int die .junge Isalde als Brztin weithin hen'ihmt (951): 
OHCh hinde lie arzedle mere denne in dem lande ichein man ; man 
vergleiche nodi Ileinzel in der Zs. f. d. Osterr. gymu. 19, 54S, 
ttnil über die heilkunst ilcr ailden toip Martin zu Kudr. 529. — 
s. IBO. Brangsene spottet Eilh. 194S Über den Inichs^s gegen- 
über Ualden darzü muUet ir werden wtip üioen vatir schutroelirege- 
na; dass der truchsess an Markes hat (319) nur bei feierlichen fe- 
IßfRoheiten die schusseln tielbst ntil'tr;i;;l, spiegelt wurklicbe ver- 
häiluisse wider: Eilh. clxx«. in derselben dicblung wird Trisimut 
X 2S24 als kJtmmerei- bei der Jungen kOnigin angeslelil, spater 
scheint Anirei dieses amtes zu wallen; besondere kümmerir fUr 
die Trauen keonen anch Kudr. 411. :152S, Engelhard 1B4S, vgl. 
avcb Waiiz VG 2. 360. — s. Ißl. scbou im 12 jb. bei Heinrich 
TOI» Melk. Er. 286 ff. wird die klage laut der herre versieht sich 
st dem dinechte. noch der chnedt sd dem h&ren weder triwen 
(KkA (frfli. — s. 162. mrt sehr interessantem detail schilllern das 
g»bidiren der narren die franzilsischen dichtungen von Tristans 
erbeiicbelter narrheit (Eilh. cxxxi), der französische prosarnman 
von Tristan und Eilbart von Oberge; dazu kommt noch die ein- 
gehende beschreibung eines hoveschafJces im Jilngling des Konrad 
von Haslau, Zs. h, 475 IT. — s. 163. sehr häutig werden frauen 
gesclilagen in den legendariscben erzlfblungen der Kaiserclironik 
3b. Diemer 37S, 6. 393. 33 uö. 

Capilel iti enirolll ein reichen htld von den toilettenkUnsteo 
und der bekleidusg der damaligen menschen, nicht nur den 
anzog 4er ntier, der frauen und kiuder aus den hütiscben kreisen 



106 SCHULTZ HÖFISCHES LEBEN 

leroeD wir keoneD, auch die verschiedenen trachten der banem, 
narren, zwerge, gelehrten, kaufleute usw. werden zum teil sehr 
eingehend beschrieben, von s. 274 — 78 folgt noch ein anhftngsel 
über den handel, das wol auch besser mit cap. vi verknüpft worden 
wäre: das lehrt schon der umstand dass die wenigen notizen 
über rauher s. 275 und 396 in Schultzs darstellung weit ans 
einander gerissen sind. 

S. 169. Zapperts monographie Über das badewesen mittel- 
alterlicher und späterer zeit (Archiv für künde österreichischer 
geschichtsquellen 21) scheint dem Verfasser unbekannt geblieben 
zu sein. — die letzten Zeilen auf s. 170 enthalten nach meiner 
ansieht eine unstatthafte Verallgemeinerung der bekannten stette 
des Parzival 166, 21 IT: man denke nur an das Verhältnis der 
beiden geschlechter in der älteren deutschen liebeslyrik, im 
Grafen Rudolf, an die excurse über die Verschämtheit der braute 
in der Kudrun 1665, der jungen mädchen überhaupt zu be- 
ginn der deutschen Erec (ein zusatz Hartmanns!). — s. 171. im 
Orendel (Ettm.) str. 22 heifst es dö gienc hi zeinem strücke ini 
brach ein waltrüche: die hielt hi an sine scame. — eine ältere 
darstellung gemeinsamen badens von herren und damen als die 
von Schultz angeführten findet sich auf einem heim des 14 jhs., 
publiciert in: Ancient and mediaeval ivories in the South Ken- 
sington museum, London 1872. — s. 172. in Strickers Amis 
wird ein sweizbat erwähnt, weitere nachweise für die anwendung 
von dampfbädern hat FBech Germ. 17, 48 f gegeben: darnach 
ist die bemerkung am schluss von s. 172 zu modificieren. — 
s. 174 sagt der Verfasser: ^oh man sich schon der seife be- 
dient hat, ist aus unseren quellen nicht zu entnehmen.' das ist 
zu viel gesagt: in dem auf der folgenden seite anm. 1 angezogenen 
gedichle Vom himmelreich heifst es z. 285 : die sele ne pMegeni 
ze bade seiffen noh louge, vgl. noch Seifr. Helbl. 3, 70. — die 
s. 175 oben erwähnten staubkämme hiefsen nizkamp (noch heute 
in Thüringen und Sachsen: lauskamm), sie werden erwähnt im 
Sachsensp. 1,24,3. Helbl. 1,660. — einen durch seinen künst- 
lerischen schmuck und seine (französische, sehr emendations- 
bedürftige) inschrift (beide beziehen sich auf den roman von 
Tristan und Isolde) interessanten kämm, im besitz des histori- 
schen Vereins zu Bamberg, haben Becker und Hefner bekannt 
gemacht in den Kunstw. und gerätschaften des ma.s und der 
renaissance iii taf. 13. — zahlreiche belegstellen zu 176 anm. 5 
bei Weinhold D. fr. s. 380. — s. 187 anm. 3. in dem geistl. ge- 
dieht Vom himmelreich werden z. 264 besonders linsoche ge- 
nannt. — s. 187. 188. sehr hübsch entschuldigt der steirische 
reimchronist Ottokar das schweigen über die letzten toiletten- 
künste der damen in cap. Lxni bei beschreibung des braut- 
gewandes der tochter des markgrafen von Brandenburg: wan diu 
sUez und diu geheur waz si ze ncehst an ir leib trueg, wiBr ith 



SCBIXTI HÜFIBCBES tKBEK 



107 



mit worlm si chlutg. rfaa ich wol prüefen cbvnl, dti wotl ich 
danken meittrm niuiU. nil mac des von mir nicht geschehen, wan 
man Hex mich uiclil s^en. wie gern ich ehamrcfr dd gewesen 
wcer dd man die minnichteichen chUidert haimtetchen in die na)h- 
iten Kdtl a&L uud ganz ohulJch scberite schon Harttnana von 
Aue im Erec 6046 loefcA ir rot tttsre"? de$ frdgt iV kamer(sre: 
ich grsach in weizgot nie, man ich nihl dicke für si gte. — dass 
peixkleider für ganz besonders kostbar galten und nur vornehmen 
(lainen zukamen, ergibt sicli aus den von Baader edierten Nürn- 
berger pol izei Ordnungen, die vielleicht noch aus dem 13 jh. her- 
rühren, B. 66: ex sol auch dhein frawre . . . dhein hermleinen pelz 
KOcA kitrsen Iragm; dazu halte man Kehr. Dient. 366, 21 peilez 
Uttif kttrzeboh ich enwil rfas Silber noch daz goll nietner ge- 
winnen. — Aräfjsn viellricbt slawiscbeo Ursprungs: Weinhold D. 
fr. 448 nnm. Über kurxit s. ebenda 347 und Lexer 1. 1795. — 
fi. 202. an beschreibungen von damcnmänteln notiere ich noch 
Ellh. Ti'isu 6584. Ouokar SO*. — in Kunrads Engelhard wird 
das hemd der Engeltrut durch einen adelar von nbine zusammen- 
gehalten. — s. 204 anm. 4. ein interessantes weiteres beispiel 
gibt Haupl zu Ercc ibbS. ~ e. 206. bei Seifr. Hdbl. 1, 4SS ist 
der rii« des gilrtels von wizein helfenbeiue. — s. 207. in dem 
gedieht Vom himmelreich werden neben den halssmioren, die wol 
dazu dienten den mantel zu schlitrseu (vgl. s. 20ä), z. 2S7 nns- 
keUin vom goldes gesmeke erwähnt. — s. 209. als Judith sich 
zu dem gaoc; zu Holofernes hrSullJch schmückt, heifst es von 
ihr (Diemer 1131, 20] du hieiich si in liie ären die guldinen wieren. 
■ — etwas sehr kurz werden die bouge abgetan, Über sie vgl. 
noch JGriiom Kl. sehr. 2. 198, Wdnliold D. fr. 456- — änoere 
leule Irugfn ringe von glas oder mit glassteiuen geschmückt: 
NSD* 3&3. -— über frauenhüte handelt Uhland Schritten 3. 375. 
377; dass man auch damals schon strohbute trug, lehrt Helbl. 
3, 1449 für kolbenalege ein aträhuol. — h. 211 alinea 2. dieselbe 
Oiode selzl doch wol auch schon Walther von der Vogelweide 
75, 6 voraus: Wümanns au Wallh. 2, 23. — wie die damen und 
Jungfrauen Inilcile machen wird auch im eingang des Mantels 
geecbiliJert. — s. 212. dass auch den pterden ein aufseres zeichen 
der Irauer angelegt wurde zeigt Brec 9851 IT »'( er si ndch ir 
muot« TiuvBtrlkhen kleilt. phdrt er ouch bereite sä daz ir varwe 
beider, phdrde unde kltider, glich und wol xesamne schein, swar* 
rnwtvar al ein. — die trauernden enthalten sich jedes schmuckes; 
90 sagt Creaceutia (Kehr. 366, 17j was aolte mir gtsmide? ick 
itän mir dicke laide; vgl. noch 368, 10. 

An der tatsache, ilaas auch in Deutschland die luanoor der 
hoherea stände ihr bar äußerst sorgfilhig pElegleo, ist wol nicht 
zu iweifeln, trotz des Spottnamens hdrsUhliere, den die Deutschen 
den Franzusi-n gaben, worauf Kinzel in seini^r anzeige des Schultz- 
scheu buches hinwies: was uns Keidfaart und der sogenannte Sei- 



108 SCHULTZ HÖPISCHES LEBEN 

fried Helbling von den (toterreichischen bauem erzähleD (ygl. zb. 
Nith. 86, 7. Helbl. 1, 502), ist gewis nur den Tornehmen oach- 
geahmt. in der oben citierten stelle aus den Ratschlägen fiQr 
liebende denkt der eine die liebe durch seine Schönheit zu Ter- 
dienen, der ander durh sine kvone, der drite durch sm gvotes har. 
Heinrich von Melk lässt die rittersfrau, die er zur Warnung vor 
die leiche ihres gemahls führt, ängstlich beobachten (600) wk 
sin schattet si gerichtet, wie sin hdr si gesliehtet, und in der 
Erinnerung 220 spricht er von den pfafTen mit wol geetrmlten 
härten unt mit höh geschomem häre. — s. 216. genauere daten 
über die zunehmende sitte, den hart zu rasieren, hat Scherer 
QF 12, 22 zusammengestellt, vgl. noch Rudlieb. eine ganz ähn- 
liche geschichte, wie sie in dem roman Floovant von dem helden 
erzählt wird, knüpft die Kaiserchronik bekanntlich an den Baiem- 
herzog Adelger; offenbar soll durch diese anecdote die neue 
sitte, nach der man har und kleider kürzte, erklärt werden, vgl 
Kehr. 205, 13 ff. — s. 207 wären wol auch die spargolzen zu 
erwähnen gewesen. — s. 219. dass in Heinrichs von Melk 
Erinner. 625 unter hosen das ganze beinkleid verstanden werden 
muss zeigt Heinzel in der anm. zu dieser stelle. — s. 220. schuhe 
von corduanleder kennt auch schon Rudlieb 13, 96. die emen- 
dation in der anm. 8 angeführten stelle der Heiligen Elisabeth ist 
gewis richtig; buntschuoch nannte man allgemein die Schnür- 
schuh; über zerhöuwen, zirlich schuhe, die dd oben offen sint, usw. 
vgl. Lexer 2, 818. — s. 224. bei besprechung der langen 
männerärmel ist nicht verwertet Seifr. Helbl. Zs. 4, 251 ff. — 
s. 225. einen altdeutschen Malvolio schildert Neidhart 81, 34. — 
s. 226. zu den ^mi-partis' vgl. noch Wigal. 746; in der Wein- 
gartner liederhandschrift begegnen solche scheinbar durch die 
mitte geteilte gewänder auf den bildern s. 10. 60. 116. 122. 138. 
neben herrn Ulrich von Munegur (116) kniet auch ein knabe 
mit einem halb rosa, halb violett gefärbten gewande. ob Fellner 
die bilder dieser hs. mit recht noch ins 13 jh. setzt, entzieht sich 
freilich meinem urteil. Joh. Rotbe bezeichnet im Ritterspiegel 
z. 1765 ff das tragen von solchen mehrfarbigen kleidern als Vor- 
recht des ritterstandes. — s. 228 anm. 2 wird die conjectur 
raiz cMait durch die Wiener hs. des Ottokar bestätigt. — s. 229. 
in der in anm. 1 angezogenen stelle der chronik der Normannen- 
herzoge sind die bous natürlich die germanischen beuge; was aber 
ist odure in der folgenden zeile? Schultz denkt an domre; gra- 
phisch leichter ist die emendation orture <= Stickerei. — s. 230 
vermisse ich eine erwähnung der netze, die man zum schmuck 
über den kleidern trug: Kudr. 1683. 84 und Martins anm.: aus 
Kudr. 1310 ergibt sich auch dass der mütterliche schmuck der 
tochter zufiel. — anm. 5. einen solchen ^schattenhut' trägt auch 
schon in dem ältesten deutschen Tristrant Kehenis, 9064 der 
was von bliimen vil giU. den nam im der wint abe und warf m 



AiM m de» gribin. — weit über das }ian<)){eleDk reicbeadi' hütid- 
schult gallea wo) auch damals sehoa als besoiiderä elei^aai: 
Null. 75, 13 sicene niuwe himisr,hueft er uns itf dm ellenhohen 
sdcA. unne kuie trugen wolleue baudäcbuli; Sadiseusp. 3, 45, S 
3M>ehfl wuUene hantsckü und «in mistgrape iU des tageworliten 
büse. — s. 235 »um. 2. vgl. Eilh. X 2072 IT. dass die baiiern 
auch die mit scüelleu beselzten kleider der Vüroebiueo trugen, 
iebrt der Helmbredit ; auch die schellen an unseren fulu-mauds- 
gSuteo sind vermutlich ein erbslück der holischen cullur des 
millelallers. — s. 337 aum. 2 war medrein uichl anzutasten : es 
i>t dialectisch beglaubigte l'orm, Lexer 1, 2109. eiGige verse 
weiter scbreibeu die beiden Wieuer hss. des Ottokar würklich 
httt, bestätigen also die 3nderung von Schultz. — s. 23S. lUr die 
Schilderung der narrenlrucht w3re wül aucli die allere frauziisische 
und deutsche Tristaudichlung zu berücksichtigen gewesen (s. o.). 
— 6. 239 anm. 5. Ugrim der klausner trägt Eilh. X 4905 vit 
anaer Imtodte. — s. 24Ü anm. 3 seUt Scb. hinler flentsdtir l'rage- 
zeichen. die beiden Wiener hss. des Ottokar schreiben, V flatu- 
tck^wru, P vltntszhiars; das wort Telilt in den mhd. wbb., hei 
Oberlin 397 wird es glossiert mit fimhria, es bedeutet also fransen 
unü ist wol eine Weiterbildung von wlanack, der ziplel (Lexer 
3, 3H1). ich trage noch die aus Helbl. 2, 71 zu eulnchmeude 
bestiannung für die üsterreichisclien bauern nach: äö man dem 
l4mt tin relil mos, man- erioubl im häaloden grd und des virelage» 
bld. lüden, noch beute das grobe tuch der ülpler, lodat von 
drlatc uflrseu, erwähnt llelmbrecbt, vgl. Keinz zu seiner ausg. 
s. 73. hier waren am besten die bemerkungeu über die natiunal- 
trachten einzureiben gewesen, die man bei Schultz verstreut schon 
%. 21%. 237 usf. zu lesen bekommt, in dem ganzen abschnitt 
Ireteo die nationalen und landacbalUichen unterschiede nicht mit 
jjenOgender scharfe hervor, auch ist das reiche material Neidharls 
und seiner schule, des Helmbrecht, des Seil'ried llelNing nicbl 
erftchflpfend verwertet; so vermisse ich zb. die bemerkuug über 
die Thüringer und Saclisen aus HelbL 3, 219 »e Düringen und 
IM SaMeii ItBt man diu luir nihl wahsen an die rehteti lenge usw. ; 
die berflhmie stelle aus Hartmanns von Aue Gregor 14U1 Ü vou 
de» wilden Sachsen usw. (vgl. QK 12, 23 anm. 2), WackemageU 
sdiOne abhandlung über die s|ioUDamen der vOlker Zs. ß. — 
s. 242 anm. ö. iu der angezogenen stelle des Neidhart, hei 
Haapt 209, 19, isl statt mulcer vielleicht docli mvode)- zu leseu: 
dies steht auch sonst von pauzerriageu und -platten. — s. 243 
»Uli. 9. dieselbe erklSrung von Meier Hclmbredil 145 gab sdiou 
Keins Silzungebcr. der bair. acad. 1S66 s. 321. — s. 253 anm. 13. 
darf mau an die sladt Bifeme erinnern, welche uach der Kaiser- 
chrouik Culliilinus mit den Itümcru belagert? — s. 255. dus von 
Marco Polo erwähnte Kambalu ist nach Joseph Haupts ansieht 
auch in dem Compalie der Kudruo 332 zu erkennen, vgl. da- 



110 SCHULTZ löFisaus LEn5 

gefeo s. 257 anm. 5 und den texL, in wekhem der Terf. iweifdnd 
Martins erklining beipflichtet. — s. 259. Aber iktsper vgl. Leser 

1, 422; dazu kommt nodi Eüh. Trist. X 20S0. — s. 268 firÜMcM; 
characteristisch ist der zosatz des Wormser dmckes von d«n proM- 
roman Tristrant ond Isalde zu Eüh. 8253: die xMen (an den 
kappen I tom fdbem Fridsckal; üft «tf et» festnier f^ ihuk, 
das nur wmkiige Herren tragen (rgl. Buch der liebe & 121). — 
hmd[eram wird noch erwihnt Moriz von Craon S28; auch dicaer 
kostbare Stoff wurde TorzQglich Ton Tomehmen getragen : Wahher 
111, 27, Tgt. Wilmanns zu 13, 3 seiner ausgäbe. — s. 272. die 
erklarung Ton bumi, bumwerc ist nicht richtig, TgL richndir 
Weigand 1, 2S2, Lachmann zu Iwein 2193. dafOr dass uler 
Conne Iconium zu verstehen sei, wie Schultz zweifelnd Termutet, 
sprach sich entschieden aus Haupt zu Erec 2067. — s. 373. 
däe rermutung dass das erste glied des compositums SAhiäi 
franzosisches cftteii sei, hat viel fQr sich, man denke besonden 
an die mundartliche form rAtii. dass Seh. sich begnflgt, auf die 
werke Ton Depping und Johannes Falke zu Terweisen, wurde 
schon angemerkt; neuere Untersuchungen wie Felix Bourquelots 
Les foires de Champagne, AGirys Histoire de la nlle de Saint- 
Omer, aus der sich wol genauere nachrichten Ober die woUen- 
fabrication in Frankreich und in den Niederlanden hatten ge- 
winnen lassen, und ahnliche werke sind nicht berQcksichtigt. — 
s. 275. für brocken-, wasser- und andere zOlle hatten die deut- 
schen rechtsquellen benutzt werden mOssen: Tgl. Sachsensp. 

2, 27, 1. Schwabensp. 166, 1. auch die reichlich publicierteB 
coutumes und weistOmer hat der Terf. ebenso wenig hier wie aa 
anderen stellen seines buches beachtet. Ton Wichtigkeit ist das 
Privileg der vomebmen, das wir aus dem Sacbsensp. 27, 2 kennen 
lernen, pAaJffn und riitere und ir gesinde min tresm zoUes vrL — 
s. 277 anm. 4. wie hier der Sänger Horant als kaufmann ia 
der *krame' stehen muss, so heifst es von dem spielmann der im 
Rother Constantins tochter entführen will des morgens abts da- 
gede der spikman hacede behangen ^ne crdme mii gew^e sdzene. 
bei Eilhart gibt Tristrant 11S4 vor kaufmann zu sein, frQher 
sei er ein spielmann gewesen: man sieht, Shakespeares Auto- 
lykus hat eine ehrwflrdige ahnenreihe, dieselbe list, durch welche 
in diesen erzablungeo die frauen auf das schiff gelockt werden, 
bringen bei Gotfried 56, 1 norwegische kaufleute gegenüber dem 
jungen Tristan in anwendung; auch Ton ihnen wird berichtet 
dass sie ir market heten i2s geleit. — mit einem goldenen becher 
bestechen Tristrant und seine genossen Eilh. 1543 den mar* 
Schalk Ton Irland. — ein abfälliges urteil Ober den kaufmanns- 
stand niUt Heinrich von Melk Er. 425 die choufliule habent 
triwen niht. aus demselben tone klingt die antwort, welche 
Honorius von Antun (ed. Migne) Elucid. 114S auf die rheto- 
rische frage quam spem habent mertatores? erteilt: parvaw%. 



SCUl'LTZ aOFtSCBKS LUE» 

fravdibMs perhtriis liicris omne pene piod habent ocjm'rwnf. und 
scbon rier Verfasser des Abraham (Wiener Genesis 29. 36 — 36, 14) 
sprach sich geringschaizig über die haDdeltreibendeD diaUimide 
aos, hausierer und kurzwareohandler, die ctiaracteristisch Tür die 
heimat der dlchtuag an stelle der biblischen kaufleule gulrelen 
sind, Tgl. Scherer QF t, 24 (. ~ bei GolTried klagt Isolde Über 
Tantris-Tristan, den sie Tür einen katurmaon ball (252, 23,i ilaz 
der ob itTecIlcl'e von rtche se rldte sine nätdurfl suoehm »ol. — 
der ausdruck messe l'iir Jahrmarkt ist älter als der verf. s. 27S 
oben annimiiit: belege schon aus dem 14 jh. bei Leier 1,2122; 
bei Eilh. 73S7 lesen nir zti seilte XJickabilü misse enwarl da 
mht vorgezsen gras Jdnnarktt alle jdr. — in der erzshlung 
Ru|trecbls von Wirzburg von zwei kaurieuten (ed. Haupt Zs. f. d. 
phil. 7, 65 ftj heilst es 236 der hene bereiten sich beyan üf den 
jdrmarkl se Provls. . . . aenddl, würze, sldni, scharldt und aller 
hanile riebe wdt fuorte er iif den jdrmarkl. — s. 278. aufser 
bei festlicben messen musten die ladeu der kaufleute an fionn- 
und Teiertagen geschlossen sein: Schnabensp. 301. — anm. 4. 
hudel, das Schultz mit Iragezeichen versieht, ist natürlich nd. 
rorm für bütel, ht'ulel = beulet, lasche. — in der kluge liber 
die Juden Helhl. 2, lOS'i tf wird nebenher auch ihres wuchers 
gedacht 109O IT: stöetch krislen lernet rauben under der Juden 
panier, den velte yol und tuo das schier! aiciu sulnt in geur- 
mtrkten Juden'? hier hatte auch die cbaracterisliscbe bezeicbnung 
juditU für Wucherer, die zweimal im Renner begegnet S4äl. 
>602, ernühnUDg verdien), und nicht minder der merkwürdige 
anidruck kaicerstn, altfrz. ckaorsin, dli. ursprünglich bewohner 
von Gabors in Sudfrankreich, einer sladi, die Dante als haupt- 
sit£ des vruchers bezeichnet: Diez El. v/h.' 2, 250. — zu dem 
scbluüapassus des capitels halte man eine stelle der oben ange- 
fUbrleu erzählung Ruprechts von Wirzburg, aus der ein nicht 
geringes Selbstgefühl des kaufmanns spricht: der kaufmana Gilot 
verweist z. 106 IT seiner frau das verlangen nach einem vor- 
nebmen Schwiegersohn mit den worLen: ich weiz u>ol icai dir 
wirra. grdven unde herxogen (daz ist wdr und niht gelogen) 
vnier lohler wollen nemen, ob mich ruohie des gezemtn da% ich 
>j in wolte geben, ilä wider wit ich immer streben, teaniie mir 
in minem hermen teüehe vit grözer smerzen »wen man mir min 
Utbtz kitU würde sm<fhen ah ein Tint, daz si niht edel wcBre. 
diei gedieht bewegt sich übrigens ganz in höfischen formen. 

Cap. I* beschäftigt sich fast ausschliefslich mit den lafel- 
freuden der vornehmen, gelegentlich, besonders zum schluss findet 
auch die nahrung der bauern berücksichligung. 

S. 2S0. zu aum. 1 füge noch Hantel mautailit- (edd. Ceder- 
schiald und Wulfj 5, ö. — s. 261. ein frllbstück vorm turoier 
beschreibt Moriz von Craon man briet awen und swin ein hiion: 
diu äsen si d6 man gesanc: dar zuo iegellcher tranc das ers 




HtTZ HOFISCBES lbbhh 

gaiuoc hdle. eiues vor eiuem ümsieu LaDipf £reG 8646 i 
der imbis bertil, gras un'mckafl, die er alle meil. debeines 4 
er sich vieii: ah einem kuoHC er gelieia dri itKnl:da du 
geimoc- ein Irmic man tat ilm- truae und tranc m 
segtH. — das ntittngüsciilärditrD niacbt, wie mich i 
veif. uiiuütiges kopCzerbrectien : er kaoii sieb nicbt 
dass die Icule, iiui'z uacbduiii ein vom heUe aulgestauduu, wiJef 
lies Eclilüfes bedurl't byilen. tiuo wai* aber die zeit des milu^ 
oHeubar Dicht fest bestimmt, uud es ist nul mehr als ein sehen 
wenn es im Lohengr. 81 heilsl: trenne was da essei» uiorilm 
zW? icA h4rie ie swenne es der wirl hat unde gtl; Utirigeus <lar( 
mau in der anm. 1 aDgerubrten stelle des Engelbard gimu i * 
mit dem verf. an eiue Truhe morgeDSlunde denken, v({l. 
und die anm. zu MSD' i 2. ferner Blaiicaudtn 135 . 
heilst OK vespre s'est alles coutier U rois de joale ta t 

anm. 4 fUge Hantel maulaill^ 6, 3: der seoescball Gsn 

uurubig, qtte U rois mengier ne vüloil, fuar il ert ja uioirt | 
de Hone. — s. 283 anm. 3. Eilbart bericbtel X. 4Ö27 von 
walilleben Tristrauls uud lealdens das die a