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ZEITSCHRIFT 



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DEUTSCHE PHILOLOGIE 



BEGRÜNDET von JULIUS ZACHER 



HERAUSGEGEBEN" 



VON 



HUGO GERING um OSKAR ERDMANN 



3/s%, 



1 



DREIUNDZWANZIGSTER BAND 



HALLE a. S. 

VERLAG PER BUCHHANDLUNG DES WAISENHAUSES. 

1891. 



I 

JooS 

/Sc/, £3 



Inhalt. 

Seite 

Über die poetisch-' Verwertung der natur und ihrer erscheinungen iu den vagan- 

tenliedern und im deutschen tninnesang. Von K. Marold 1 

Die Jerusalemfahrt des herzogs Friedrich von Österreich. Von R. Röhricht . 26 
Über eine conjectur in der neuen Luther- ausgäbe. Von 0. Erdmann ... 11 
Gerstenbergs briete au Nicolai nebst einer antwort Nicolais. Von R. M. Werner 43 
Die entstehung des zweiten teiles von Goethes -Faust-, insbesondere der klas- 
sischen Walpurgisnacht, nach den neuesten mitteilungen. Von II. Düntzer <i7 

Zur topographie der fastnachtspiele. Von H. Holstein 104 

Zum einfluss Klopstocks auf Goethe. Von 0. Erdmann Ins 

Ertha Hludana. Von H. Jaekel 129 

Der einfluss des Nibelungenliedes auf die Gudrun. Von E. Kettner. . . . 145 

Volkstümliches zum „Annen Heinrich". Von II. \. Wlislocki 217 

Zu Minnesangs Frühling 30, 28. Von F. Ahlgrimm 225 

Ältere deutsche dramen in Kopenhagener bibliothekeu. Von J. Paludan . . 226 
Die menschenweit in volksrätseln aus den provinzen Ost- und Wpstpreussen. 

Von IT. Frischbier 240 

Wortspaltungen auf dem gebiete der nhd. schrift- und Verkehrssprache. Von 

K. G. Andresen 265 

Die braut der hülle. Von G. Ell in gor 286 

Zu Goethes Faust. Von F. Bronner 290 

Zum deutschen wörterbuche. Von G. Kawerau 292 

Nochmals thiit in bedingungss.ätzen bei Luther. Von G. Kawerau . . ■ . 293 
Die zehn altersstufen des menschen. Aus dem nachlasse von J. Zacher, heraus- 
gegeben von E. Matthias 385 

Sagenhaftes und mythisches aus der geschichte der kreuzzüge. Von R. Röh- 
richt 412 

Zu herzog Friedrichs Jerusalemfahrt. Von F.Vogt 422 

Zur Alexandersage. Von H. B e c k e r 4_! 1 

Das spiel vom jüngsten gerichte. Von H. Je 11 in gh aus 420 

Zur litteratur des lateinischen Schauspiels des IG. Jahrhunderts. Von IT. Hol- 
stein 430 

Zu Goethes Faust. Von R. Sprenger 4f>l 

Nekrolog. 

August Theodor Mübius. Von K. Maurer und H. Gering 457 

Miscellen. 

Preisaufgaben der fürstlich Jablouowski'schen geselschaft 384 

Zur Orendelfrage. Von L. Beer und F. Vogt 493 

Zu Reinaert und Wisselau. Von E. Martin und H. Brandes 497 

Litteratur. 
Müllenhoff, Beovulf. Untersuchungen über das ags. epos und die älteste 

geschichte der germanischen see Völker, angez. von E. Koppel 110 

B. ten Brink, Beowulf. angez. von E. Koppel 113 



IV INHALT 

Seite 

Kressner, geschichte der französischen national -litteratur, angez. von A. Stirn - 

ming 122 

- w^rkc. Weimarer ausgäbe, angez. von EL Düntzer 294 

K. Martin, neue fragmente des gedichts van denvos Reinaerde und das bruch- 

stück van bore Wisselauwe, angez. von H. Brandes 349 

II. R tteken, d kunst Beinrichs von Veldeke und Hartmanns von 

Au n 0. Erdmann 354 

R, Eenning, die deutschen runendenkmäler, angez. von H. Gering. . . . 354 
K. I i stanromanens gammelfranske prosahandskrifter, angez. jvonH. Su- 

chier 3G0 

J. Strnadt, der Kirnberg bei Linz und der Kürenberg -mythus, angez. von 

F. 361 

M. Eeyne, deutsches Wörterbuch 1. 1. angez. von 0. Erdmann 362 

0. ] Eberhards synonymisches Wörterbuch der deutschen spräche, angez. 

von 0. Erdmann 364 

EL Paul, grundriss der germanischen philologie I. 2. II, 1, 1. IL 2, l, 

angez. von E. Martin 365 

.1. Bäbler, fluruameu aus dem Sehenkenberger amt. angez. von L. Tobler . 871 
Abel, die deutschen personermamen, 2. aufl. besorgt von W. Robert -tornow, 

angez. von K. '■. Andresen 372 

Th. Si 5,2 ichte der englisch -friesischen spräche I, angez. von H. Je 1- 

linghaus 375 

EL Schachinger, die congruenz in der mhd. spräche, angez. von 0. Erdmann 378 
Musen und grazien in der mark, herausgegeben von L. Geiger, angez. von 

E. Wolff 379 

.1. Kelle. Untersuchungen zur Überlieferung, Übersetzung, grammatik der psal- 

men Notkers, ; von 0. Erdmann 380 

J. Pfeiffer. Klingt re Paust, herausg. von B. Scuffert, angez. von 0. Erd- 
mann 381 

Lh. Schweitzer, de poemate latino Walthario, angez. von E. Voigt . . . 470 
L eck, die homiliensamlung des Paulus Diaconus die unmittelbare vorläge 

tfrids, angez. von 0. Erdmaun 474 

M. Raunow. der satzbau des alid. Isidor im Verhältnis zur lat. vorläge, angez. 

von S. v. Monsterberg 47.1 

EL B )rf, über syntaktische mittel des ausdrucks im ahd. Isidor, angez. von 

K. Tomanetz 477 

K. Domanig, ler senaere Walthers von der Vogelweide, angez. von F.Vogt 479 
- hillerlitteratur iE. Elster, H. Tischler, L. Bellermann, A. Ruhe, J. Gold- 

". A. dess) besprochen von Gr. Kettner 481 

F. Schultz, die Überlieferung von „Mai und Beaflör*, angez. von 0. Wächter 491 
F. Ahlgrimm, Untersuchungen über die Gothaer handschrift des „Herzog Ernst*, 

ang :. ( >. 492 

- heinungen 127. 382. 500 

Nachrichten 128. 383. 502 

L ri htigung z\ 292 499 

von E. MatthL. 504 



ÜBER DIE POETISCHE VEEWEETÜNG DEE NATUR UND 

IHRER ERSCHEINUNGEN IN DEN VAGANTENLIEDEEN 

UND IM DEUTSCHEN MINNESANG. 

Der gottesdienst der heidnischen Germanen war im wesentlichen 
ein naturdienst und die altgermanische religion reich an mythischen 
Personifikationen von naturkräften. Dass die hymnische poesie der 
alten Germanen vor allem diese mythische naturvereljrung zum aus- 
druck brachte, hat Müllenhoff in der bekanten abhandlung „De anti- 
quissima Germanorum poesi chorica" (Kiel 1847) dargetan. Durch 
die einfuhrung des Christentums aber und den glaubenseifer der 
bekehrer schwand im laufe der zeit selbst die erinnerung an die alte 
religion und mit ihr auch die Verehrung der naturkräfte und natur- 
erscheinungen aus dem bewustsein des volkes, denn hinter einer 
begeisterung für die naturerscheinungen hätten die bekehrer nur zu 
leicht einen rückfall in den heidnischen götzendienst vermutet. Dazu 
waren die christlich -religiösen anschau ungen, welche häufig in erster 
linie einer weltverneinung das wort redeten, einer unbefangenen natur- 
freude hinderlich 1 . Nur in den unteren schichten des volks rettete sieh 
einiges in gebrauchen, und wo! auch in liedern aus der heidnischen 
vorzeit, was in der blütezeit mittelalterlicher dichtung als fruchtbarer 
keim von der sonne einer freieren lebensanschauung gezeitigt empor- 
wuchs. 

Die ältere deutsche dichtung zeigt nun erstaunlich wenig aus- 
druck von naturgefühl und — was in gewisser beziehung damit zusam- 
menhängt — wenig neigung zu poetischen bildern 3 . Der grund dafür 
ist in mehrerem zu suchen, was hier nicht der ort ist auszuführen. 
Erst almählich gewannen die Deutschen auch hierin eine grössere frei- 
heit des geistes, und das 12. Jahrhundert brachte einen Umschwung in 
dieser richtung. In dieser zeit begann ein gesteigertes bedürfnis nach 

1) Vgl. jezt darüber v. Eicken, Geschichte und System der mittelalterlich- 'ii 
Weltanschauung (Stuttgart 1887) s. 316 fgg. Der abschnitt über das ästhetische 
interesse an der natur s. 638 — 640 hätte jedoch noch sehr vertieft werden können. 

2) Vgl. E. Heinzel, Über den stil der altgermanischen poesie (QF10) s. 25. 

ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XXHI. 



MAROLD 



poetischer ansschmückung des lebens sich geltend zu machen, und 
damit mäste natuigemäss auch eine grössere aufmerksamkeit auf die 

natur, deren erscheürangen vod jeher poetisch angelegte geister ange- 
zogen haben, sich verbinden Dazu kam aber auch noch das beispiel 
der westlichen nachbarn und der lateinischen poesie, die ja wie die 
lateinische spräche im mittelalter internationale bedeutung hatte. Nun 
besann man sich in Deutschland, durch das beispiel kühn gemacht, 
dass auch in der eigenen heimat die herzen höher schlagen, wenn der 
frühling mit seinen gaben gepriesen wird, dass wo! alte volksreime 
noch umgehen, die den Wechsel der Jahreszeiten feiern; und auch in 
Deutschland wurde die oaturempfindung mit anderen empfindungen des 
herzens, vornehmlich der liebe, in beziehung gesezt. 

Eine besondere aufgäbe fiel hierbei der lateinischen dichtung zu. 
Die khvhe war trägerin jeder höheren bildung im mittelalter, und ihre 
spräche die lateinisch»-. Das lateinische aber war eine für poetische 
zwecke fest durchgebildete spräche. Eine summe von poetischen bil- 
dern hatte mit der spräche sich fortgeerbt, und dieser kreis von bildern 
war durch das Christentum und durch die volkstümlichen anschauungen 
der Länder, in denen man in lateinischer spräche dichtete, zum teil 
erweitert Vieles freilich gieng von altem gut auch im laufe der zeit 
oren. Ein»' umfangreiche gelehrte dichtung in lateinischer spräche 
- rgte aber für erhaltung und erweiterung jenes Schatzes, und ein wil- 
der M'hüssling dieser gelehrten dichtung war die poesie der vaganten, 
der fahrenden kleriker. Man hat ihre dichtung als „gelehrte volks- 
poesie a bezeichnet, und mit recht. Sie waren die ungezogenen söhne 
der kiivhe. die sich ihrer strengen zucht entzogen und vom 12. bis 
ins 13. Jahrhundert Frankreich. Deutschland, England durchschweiften 
und in der spräche der kirche lustige weisen von der liebe lust und 
leid, vom wein, von spiel und tanz und von den Schönheiten der 
natur ertönen Hessen 1 . Aber sie waren gelehrte und kleriker und 
fühlten sieh als Bolche; mit den spielleuten gewöhnlichen Schlages wei- 
te; rieh um keinen preis identificieren lassen. Das kirchenlied 
und die gelehrte schulpoesie bilden den eigentlichen boden, aus dem 
di( _antendichtung erwachsen ist 2 ; aber infolge ihres Verkehrs mit 

li Reuter. Geschichte der religiösen aufklärung im mittelalter I, s. 141 fgg. 

ildert das treiben der va. als ein Symptom der beginnenden aufklärung. 

_ Mau vergleiche die grundlegende arbeit von \Y. Giesebrecht, Die vagan- 

u und ihre lieder. '. öine monatsschrift für Wissenschaft und 

litteratui 8. 10 — 43 und 344 — 381; ferner: Hubatsch, Die lateinischen vagan- 

tenlied< Görlitz 



VERWERTUNG DER NATUR DURCH DIE VAGANTEN U. MINNESINGER 3 

dem volke und den volkssängern in Frankreich sowol wie in Deutsch- 
land sind auch genug volkstümliche demente in ihre lieder eingedrun- 
gen, und mit dieser einschränkung haben Schindlers worte (Carmina 
Burana s. VIII) ihre volle berechtigung: „mit gutem gründe sprechen 
wir einen nicht unansehnlichen teil auch der Lateinischen poetischen 
erzeugnisse do^ mittelalters als vätergut an." 

Nun sprach schon Schmeller a.a.O. die Vermutung aus, der deut- 
sche minnesang möge sich wo] nach einem lateinischen gebildet haben; 
aber erst 1876 fand diese frage einen eifrigen Verteidiger in E. Mar- 
tin, Ztschr. f. d. a. 20, 46 — (>9; und in demselben jähre berührte 
Scherer in der recension der zweiten ausgäbe von MSF im A. f. d. a. 
I, 197 fgg. diese frage hauptsächlich in hinsieht auf die natureingänge. 
Eine ausschliessliche abhängigkeit (\v> minnesangs von der Vagantendich- 
tung, in der weise dass jener erst durch diese geweckt und nach ihrem 
muster entstanden sei, muss entschieden von der hand gewiesen wer- 
den. Jedoch wird in einzelnen fallen im verlauf des minnesanges ein 
einfluss der Vagantendichtung nicht von der hand zu weisen sein, 
worauf ich mein besonderes augenmerk zu richten gedenke. Dass mit 
den deutschen spielleuten sich Vaganten mischten und in Deutschland 
umherzogen, hat schon Müllenhoff, Zur geschiente der Nibelunge not 
(1855) s. 20 nachgewiesen; er weist s. 19 darauf hin, dass schon die 
musikalische bildung, die seit dem 12. Jahrhundert bei den deutschen 
sängern vorausgesezt werden muss, darauf schliessen lässt, dass sie die 
schule der geistlichen nicht verschmähten. Dazu kam aber, dass noch 
viele von den sängern der blütezeit gelehrte bildung genossen hatten 
und mit der lateinischen spräche vertraut waren. So wäre es geradezu 
wunderbar gewesen, wenn nicht die dichtung der geistlichen und zumal 
die Vagantendichtung ihren einfluss gelegentlich geltend gemacht hätte. 
Wie zahlreich aber die vaganten Deutschland durchschwärmten, darf 
ich nicht widerholen; ich verweise auf Giesebrecht a. a. o. s. 33 — 3 

1. Personifikation der schaffenden natur und der fruchtbaren 

erde. 

Meines wissens hat R. Galle in seiner disserfation : Die Personi- 
fikation in der mittelhochdeutschen dichtung (Leipzig 1888) dieselbe 
zuerst berührt, aber so flüchtig, dass es kaum erwähnenswert ist (s. 95. 
106. 110). Den antiken dichtem — ich erwähne nur die auch für das 
mittelalter bedeutungsvollen övid und Vergil — war die Personifikation 
geläufig; und die lateinische schulpoesie des mittelalters erhob die natur 
fast zu einer mythologischen figur, die sie gott als gleichberechtigt 

1 



MAROLD 



lüberstelte. Sie galt als die Schöpferin aller dinge ihrer form 
nach, als die stelvertreterin gottes. Wie verbreitet diese vorstel- 
lung in der gelehrtenpoesie des mittelalters war, lehren besonders Ala- 
uns ab Insnlis 1 in seinem „Anticlaudianus" und im „Planctus Natu- 
rae a and Walther von Chatillon in seiner „Alexandreis a 2 . Aber diese 
persönliche Vorstellung von der schaffenden natur zeigt sich noch viel 
früher bei ausschliesslich christlichen Schriftstellern und dichtem. So 

igt sich Ambrosius gerade an den poetisch schönen stellen seines 
exegetischen werkes „Hexaemeron" ganz vertraut mit jener Personifika- 
tion, trotzdem er doch die almacht und Weisheit gottes an der schöpfnng 
der weit erweisen will: IV, 1, 4 versteigt er sich zu einer ausführ- 
lichen prosopopöie, sonst aber sind vis naturae, subsidium, gratia 
natural . ratio naturae n. a. ihm geläufige Wendungen. Paulinus Pe- 
trocordiae (am ende des 5. Jahrhunderts) sagt in der Vita Martini IY, 555 
park m — campi omabat vario comens natura decore und im verlauf 
derselben naturschilderung v. 581: quae munere Christi — naturae 
gratia pinorit. Noch freier zeigen sich hierin die dichter der karolin- 

schen renaissance; aber erst die gelehrtenpoesie des 12. und 13. jahr- 
hunderts verstieg sich zu einem wahren natnrkultus in hinsieht der 
pantheistischen Vergötterung der schaffenden und bildenden natnrkraft 3 . 
Ein nachhall davon* aber tönt uns aus den vagantenliedern entgegen, 
wie folgende beispiele zeigen: 

CB (= Carmina Burana) 35, 14 quam sorte de infantin Natura 

nustaverat; 40. 1 (= Wright, Early mysteries s. 111) E globo veteri 
dum rerum fadem traxissent superi mniuVupic seriem -prüden s expli- 

it et texuit Natura, jam preconeeperat quod fuerat factum, quae 
causas macMne mundane sciscitans de nostra virgine iamdudum cogi- 
tans plus hanc exeoluit. 2 in hoc pre erteris totius operis Natu.' 
lucent opera. 3 Nature studio longe venustata — . 5 precastigat 
hunc candorem — prudens Natura. 6 Natura dulcioris alvmenta 
dans — 65, 14 quem beavit omnibus gratiis Natura. 

•~_ J totum fuit sonipes Studium Nature. 108, 1 iubente Natura 

pJrilomena jueritur. — 132, 1 in cuius figura laboravit deitas et 
maier Nu turn. — 142. 1 Quam Natura pre ceteris in im prfflorat 
arte. — CLXXII. 18 und 19 Unieuique proprium dat Natura mu- 
nus. — CXCH, 4 Natura vim non patitur. — W. Mapes ed. Th. 

I) Herausgegeben von Th. Wright in seinen Anglo-latin satirical poets II. 
- Herai von Müldener (Leipz. 1863). 

V_l. K. Francke, Zur geschichte der lat. schulpoesie des XII. und XIII. 
Jahrhunderts (München 187 2. :;(». 



VERWERTUNG DER NATUR DURCH DIE VAGANTEN U. MINNESINGER 5 

Wright s. 132 v. 233: occulta latent plurima Natur ae beneficia. 
Early Myst. ed. Th. Wright s. 118, Carm. ex ms. Arundel. VIII, 1 ter- 
rae faecundat gremium clementior Natura. — Du Meril, Poesies pop. 
s. 45, Chant sur ia nativite du Christ (saec. XI) str. 9: lüde Natura 
stupuit, ius amisisse (lohnt, miratur quis hoc potuit; s. 233 (saec. 
XIII) z. 28 fgg. Phihmena Terea dum meminit non desinit, sie im- 
perat Natura recenter conqueri de veteri iactura; s. 244 Hymnus 
des Abälard v. 2!) fg. opus magis eximium est Naturae quam ho- 



minum l . 



Der gelehrte Charakter der naturbeseelung in der Vagantendich- 
tung spricht sich ferner in der verliebe aus, mit der sie von der 
Schwangerschaft der erde spricht. Auch hierin folgt sie nur der 
gelehrtenpoesie, die dieses bild gern gebraucht und darin wider eine 
reminiscenz aus antiker dichtung widergibt 2 ; es ist die ausfuhrung der 
metapher mater Natura. So heisst es CB 55, 1 veris ab instantia 
tellus iam fit gravida in partum inde solvitur, dum florere cemitur. 
103, 2 tettus parit flores. — 103, 3 tettus f<jta sui partus grande 
deeus flores gignit odoriferos. — 108, 3 (terra) in partum solvitur 
redolens odore. — Mone, Anzeiger f. künde des t. mittelalters 7, nr. 24 
(= Du Meril, Poesies pop. s. 213 fg.) str. 1: tellus impraegnatur. — 
Du Meril a. a. o. s. 232 De terrae gremio verum praegnatio progredi- 
tur et in partum solvitur mirifico colore. — Ausführlich wird das 
bild ausgemalt in den Versus de Guerra Regis Johannis bei Th. Wright, 
Political Songs s. 22 fgg. v. 76 fgg.: Tempus erat, quo terra uoro 
pubescere partu Cocperat et teneras in crines solverat herbas, VeUera 
pratorum redolens infantia floruni usw. 3 — Ebendahin gehört auch 

1) Es würde zu weit führen, darauf einzugehn, dass natura in den vagant«'n- 
liedern auch, in manchen anderen bedeutungen verwendet wird, so besonders häufig 
den liebestrieb bezeichnet. 

2) Selbst der das Christentum und christlichen glauben energisch vertretende 
Ambrosius scheut sich nicht dieses bild zu verwenden. Er sagt Hexaemeron EU, 8, 34 
parturiens terra novos se fwtit in partus und 35 itbcrtas foeeundae matris (ter- 
rae) se in partus effundit. 

3) Ich kann es mir nicht versagen als beispiel für den engen Zusammenhang 
zwischen Vagantendichtung und gelehrter poesie eine parallele aus der Poetria des 
Galfridus de Vinosalvo (a. 1216; herausgegeben von Leyser in der Historia poetarum 
et poematum medii aevi; Halle 1721) anzuführen. V. 552 fgg. lauten: Verl cedit 
hijcms; nebulam diffibulat aer; Et cochon blanditur kumo, laseivit m illa/m Hu- 
midus et calidns. et quod sit masculus aer Femina sentit humus. flos, fulius 
eins, in auras Exit et arridet matri. conia primuta condit Arboreos apices. Dass 
das bild aber eine alte bis auf das altertum zurückreichende tradition war, zeigt Ver- 
gil Georg. II, 325 fgg. und dann ein gedieht des codex Salmasianus (bei Riese, Anthol. 



MAKOLD 



die gelehrte identilicierung der erde mit der antiken Rhea, Cybele und 
Pales in einigen vagantenliedern. Dabei bleibt aber die Personifikation 
der erde in den vagantenliedern nicht stehn; terrae gremium ist ein 
häufiges bild, daneben terrae sinus; häufig ist auch terrae facies, je 
einmal heissl - terrai corpus und sogar terrae pori. 

Von dieser gelehrten art, die schaffende kraft der natur und die 
triebkraft der erde zu personificieren findet sich nun weder in des 
minnesangs frühling noch bei den eigentlichen klassikern eine spur. Es 

hörte eben eine art der abstraktion dazu, welche die deutschen sän- 
noch nicht kanten und welche ihnen erst almählich vermittelt wurde. 
Da ist es denn ganz natürlich, dass z. b. der nach antikem vorbilde 
dichtende Eckehard im Waltharius v. 766 sagt: cui natura dedit reli- 
quas ludendo praeire. Die ältesten beispiele für die Personifikation der 
natur in deutscher dichtimg sind bei Heinrich von Melk, Erinnerung 
692: der natüre reht, in Heinrichs litanei (Fundgruben II, s. 222, 30): 
da\ der natüre icas ungewonelich, und in Wcmhers Maria (Fundgru- 
ben IL 182, 23): des in diu natüre uleu icil verhengeu mit der stimme. 
Aber der ausschliesslich geistliche Charakter dieser dichtungen gibt 
auch die erklärung für den gebrauch dieser gelehrten Personifikation; 
die angeführten beispiele sind ausserdem, soweit ich sehe, aus dem 
12. Jahrhundert die einzigen 1 . Erst das 13. Jahrhundert zeigt die per- 

nificierte natur auch in weltlichen dichtungen; unter den epen haben 
wir mehrere beispiele bei Albrecht von Halberstadt, die aber nicht auf- 
fallend sind, weil das gedieht ja eine Übersetzung des Oviol ist. Beson- 
ders ausgedehnten gebrauch davon machen aber Konrad Fleck und Hein- 
rich von dem Türlin in seiner Kröne (dieser sagt sogar einmal vrou 
Natüre). Im folgenden will ich mich aber auf den minnesang 
beschränken. Da ist es nun auffallend, dass um die mitte des 13. Jahr- 
hunderts, in einzelnen fällen schon seit ca. 1220, also in einer zeit, 
wo die vaganten erwiesenermassen nicht nur in Lothringen und am 
Niederrhein, sondern auch am Oberrhein, in Schwaben, in den Donau- 
gegenden und im Salzburgischen umherzogen 2 , in deutlich erkenbarer 
weise bilder und Vorstellungen, wie sie dem vagantensange eigentüm- 
lich sind, auch im deutschen minnesang sich zeigen. 

lat. nr. 235: Pentadiu^. De adventu veris). — Vgl. Piper, Mythologie und Symbolik 
der christlichen knnst IL 8. 87. 

li Ni = beschaffenheit, angeborne art (ohne Personifikation) findet sich 

häufiger, aber auch nur in den dichtungen geistlichen Ursprungs, noch nicht in den 
.si'ielmannsepen. 

2) Tgl. i recht a. a. o. s. 33 fgg. 



VEKWEKTUMr DER NATUB DHBOH DIE VAGANTEN U. MINNESINGEB 7 

Die beispiele für die Personifikation der natur und die trieb- 
kraft der erde im sinne der Vagantendichtung (beziehungsweise der 
gelehrten lateinischen dichtung) sind nun folgende (ich ordne der ein- 
heitlichkeit wegen die citate nach Hagens Minnesingern). 

MSH I, 68b E. v. Sax 3 du bist der natüre wunder (Maria). 

I, 79b K. v. Kotenburk III, 22 beide, röt uude wi; also hat der na- 
türe vU% gemachet ir wengel rar. II, 245b Manier XIV, 14 davon 
daz natüre an in niht tilgende treit. II, 261b v. Buwenburk III, 1 
ahtent, ob natüre iht ze schaffenne habe e da: aller dinge .stelle nach 
der \it. II, 337b Vrouwenlop I, 2 (von einer schwangeren frau) na 
merket icie si Ir liege, diu geviiege, der natüren \uo genüege. II, 350 a 
Yrouwenlop IY, 1 natüren kraft ersehinet an dem vogel vellica. 
III, 143a Vrouw. II, 8 tvem natiure gibet, der schepfet hiute also 
ril als einer vert. III, 144a Yrouw. III, 1 wd wont natiur* in 
hefte, sint sie aller dinge walte hat? mit got durch got in got sie lir- 
met wa% er tirmen tat — vier (gott, seine ewigkeit, seine majestät 
und Maria) mohteu nie, den natiure alterseine (die zweite strophe 
sezt die Personifikation fort). III, 147a Yrouw. III, 17 ir sloz (die 
strophe handelt von den vier elementen) natüren kraft gar schön/ 
begiuzet III, 377a. Vrouw. VII, 3 got mensche wart natüre brach. 
4 Natüre möhf wol zürnen solch geschulte (es folgt eine vollständige 
Spielerei mit natüre } die sich durch die ganze strophe hindurchzieht). — 

II, 380b Boppe I, 14 an im (Christus) wart der natüre kraft in 
wernder wirde erhoehet und erniuwet. III, 414 a Heinzelin v. Ko- 
stenz 74 Von dir (Gott) ist der natüren kraft entsprungen mit ge- 
liozzen. 

MSH I, 47 b Gr. v. Nifen XIV, 1 diu heide ist worden swanger. 
I, 206a B. v. Hohenvels XI, 1 da wart erde ir lip ervrisehet; dar 
ein tougenlichez smiegen wart si vröuden vrilhte swanger; duz tet 
Infi, ine wil niht triegen, schouwet selbe üf den anger. I, 350a 
K. v. Landegge I, 1 ich klage auch heide und anger, die liiure wur- 
den swanger vil bluomen glänz. II, 223 a/b d. j. Meissner IV, 1 sit 
daz heüV und anger stvanger mit den bluomen sint. (II, 340b Vrou- 
wenlop I, 12 ich bin'z (Maria), ein würzen richer anger; min bluo- 
men, die sint alle swanger). III, 82b Wizlav X, 1 Diu erde ist ent- 
slozzen, die bluomen sint entsprozzen. (Dass auch dieses eine der 
Vagantendichtung eigentümliche Vorstellung war, zeigen mehrere bei- 
spiele; z. b. Mone Anzeiger 7, 30 ver terrae gremium aperit, CB 103, 1 
Terra iam pandit gremium, Wattenbach im Anzeiger f. künde d. d. 
vorzeit 22, 150 aus einer Tegernseer hs.: Eosam et candens lilium 



MAROLD 



iam clausii fern gremium). III, 296 Nithart (anhang) I, 2 der meie 
hat du heid berüert van würze und kriute swanger. 

Folgerungen aus den beispielen zu ziehen, halte Ich nicht für 
nötig, da dieselben zur genüge selbst über die art aufschluss geben, 
wie man sich die almähliche einmischung der erwähnten poetischen 
Personifikationen in den Ms zu denken hat. Der ersten hälfte des 
L3. Jahrhundert- gehören von den in frage kommenden dichtem an: 
Burkhart von Hohenfels und Gotfrid von Neifen, jener am Bodensee, 
dieser in Schwaben zuhause. Die stelle aus Burkhart ist besonders 
merkwürdig wegen der Übereinstimmung mit der oben citierten stelle 
aus Galfrids Poetria, sie zeigt das interesse des dichters, der zum klo- 
r Wettingen in näheren beziehungen gestanden zu haben scheint, 
für gelehrte bildung. Diese Übereinstimmung ist um so auffallender, 
als die lieder Burkharts im ganzen einen volksmassigen inhalt in der 
weise Neidharts zeigen und auch das lied, dem das obige citat entnom- 
men ist. im weiteren verlaufe einen wintertanz in der scheuer schil- 
dert. Noch in höherem grade pflegt Gotfrid neben liedern in überaus 
künstlicher form das volksmässige ; aber seine mannigfachen beziehun- 
d zu klöstern, die urkundlich bezeugt sind, haben ihm sicher auch 
kentnis lateinischer dichtung vermittelt und ihn mit fahrenden klerikern 
Legentlich in berührung gebracht. Was die heimat der übrigen dich- 
ter betrift, so sind sie mit ausnähme Frauenlobs und Witzlavs sämt- 
lich Schwaben oder Schweizer und ihre Wirksamkeit fält in die zweite 
hälfte des 13. Jahrhunderts, Frauenlob und Witzlav reichen noch in 
den anfang des 14. Jahrhunderts hinein. Unter ihnen war Eberhard 
- x selbst ein kleriker; Konrad von Landeck schenk des abtes von 
St Gallen: Boppe >tand in persönlichen beziehungen zu bischof Kon- 
rad III. von Strassburg, gehörte übrigens zu den fahrenden und zeigt 
sich in seinen dichtungen durchaus als gelehrter: der Manier war eben- 
fals ein fahrender, der sehr viel in der weit umherkam und viel 
gelehrte anspielungen in seinen gedienten zeigt, wie er denn auch 
a schickt lateinisch dichtete: ebenso wandert Frauenlob viel in der weit 
herum und bei ihm zeigt sich der gelehrte dunkel besonders deutlich 
in den spitzfindigen Spielereien mit worten. Von Rudolf von Roten- 
burg wissen wir nur. dass er auch ein buntes Wanderleben führte; bei 
dem von Buwenburg, Heinzelin von Konstanz und Witzlav, Fürst von 
Rügen, sind lebensbeziehungen zu klerikern nicht festzustellen; aber 
der einfluss der gelehrtendichtung auf den einheimischen minnesang 
gewann in dieser zeit einen immer breiteren b<»den, so dass dadurch 
auch da> citat aus Pseudo- Neidhart seine erklärung findet. 



VERWERTUNG DER NATUR DURCH DIE VAGANTEN U. MINNESINGER 9 

2. Die winterschilderungen in der vagantenpoesie und im 

minnesang. 

Direkte Wintereingänge haben unter den vagantenliedern nur 

wenige: Mone a. a. <>. no. 18. 21 (die lieder sind im lezten drittel des 
12. Jahrhunderts gedichtet); CB 42. 56 (= Wright, Early Myst. s. 1 1 1 
no. V). 95. 180; Du Meril, Poesies pop. s. 235 (aus einer hs. saec. 
XIII); Wattenbach im Anzeiger f. künde d. d. vorzeit 22 s. 150 (aus 
einer Tegernseer hs. saec XIII oder XIV): ins. Sterzing (saec. XIY) 
hg. von Zingerle (Sitzungsberichte der Wiener akademie, phil.-hist. 
Klasse 54) s. 324 fg. Aber zusammen mit den frühlingseingängen, die 
auf den winter bezug nehmen, geben sie uns doch ein ziemlieh klares 
bild davon, wie die vaganten ihrer trauer und ihrem ärger über den 
winter ausdruck verliehen. 

Bei der Winterschilderung wiegt fast durchweg die persönliche 
auffassung vor; nur an wenig stellen ist dieselbe nicht ersichtlich oder 
wenigstens dunkel und kaum erkenbar. So heisst es bei Mone a. a. o. 
18 nur: redit brumeie glades; 24 imber enim transiit. CB 55, 1 Fri- 
gus hinc est horridum; 116, 1 Transit tempus gelidum; 102, 1 Tem- 
pus transit horridum, frigus hie male; 164, 1 Transit nix et glacies; 
180, 1 Hiemali frigore dam prata marcent frigorf et aque congela- 
seunt. Sonst ist überall die Vorstellung von dem winter als einem 
gewalttätigen unholde, einem grausamen Tyrannen, einem verwüster 
und räuber, einem erbitterten kriegshelden , der aber doch schliesslich 
eingekerkert wird oder in die flucht geschlagen und in die Verbannung 
gehn muss, erkenbar. CB 51, 1 hiemis cedit asperitas; 95, 1 bruma- 
lis sevitia iam venit in tristiHa, grando nix et pluvia sie corda red- 
dunt segnia, ut desoleutar omnia (vgl. 53, 3 hiemali taedio qup vil- 
uere languida); 106, 1 haue recedit hyemis sevitia; 107, 2 Jtien/s 
seva cessit; 109, 1 sie hiemis sevitia finitur; 118, 1 hiems spva tran- 
siit; 56, 1 (= Wright Early Myst. s. 114, V, 1) Sfvit aurß spiritus; 
98, 1 Cedit hiems, tua durities, fr i Igor abit, rigor et ylaci<s, brumaUs 
et feritas, reibics, torpor et improba segnities, paUor et ira, dolor, 
maeics; 103. 1 Terra iam pandit gremium — quod geht friste clau- 
serat brumali feritate — sevum spirans boreas iam cessat commovere; 
114, 1 hiemata tersa rabie. — 32, 4 Aquilonis ira irr<<lnnis; 36, 3 
Terminum vidit brumß desolatio; 42, 1 Estas in exilium iam peri- 
grinatur — felicem statum nemoris eis frigoris sinistra denudavit et 
ethera silentio turbavit, exilio dum aves relegavit; Metamorphosis Go- 
liae 2 (Wright, Walther Mapes s. 21) fjaod (seil, nemus) nequivit hye- 
mis algor deturpare nee a sui deeoris statu declinare; Wright, Early 



10 MAROLD 

Myst s. 109 I, 1 Praeclusi viam floris vis reserat caloris — eom- 
pescuit algoris repagula (vgl. CB 32, 1 Brunia veris emula sua iam 
repagula dolet demoUri)\ s. 113 IV, 1 olim gemens (seil. Rhea) car- 

rari sui s ■•/* vincuUs (vgl. -Ms. Sterzing s. 324 //r/^ metu gemens 
tremens teUus). 2 Aethera Favonius inducit a vineulis; Du Meril 
a. a. o. s. 235 (Ms. saec XIII) iam nocet frigus teneris et avis bruma 
laectitur; Wattenbach a. a. o. qui (seil, aquilo) turbinoso flamine pri- 
vavit aves carmitu nimbo cooperante; ebenda 26 s. 165 Temps quam 
statem) nuper horrido, fugarat in eorilium. 
Das lezte citat leitet zu den stellen über, an denen der sänger 
einen kämpf des winters mit dem frühling im sinne hat und bewnsst 
oder unbewusst auf die uralte mythologische idee eines krieges zwi- 
schen beideu Jahreszeiten anspielt. Die lateinische gelehrtenpoesie 
hat sich dieser idee schon früh bemächtigt, zumal ähnliche vorstellun- 

d das aitertum und die im mittelalter viel gelesenen antiken autoren 
schon kanten, z. b. Ovid Met. X, 164 fg. quotiensque repeUit ver Me- 
inem. S hon zur zeit der karolingischen renaissance hat nun Alcuin 
oder nach Ad. Eberts Vermutung dessen schüler Dodo jenen Confh'ctus 
veris et Memis gedichtet 1 . Im 11. Jahrhundert schildert alsdann ein 
priester aus Flandern oder dem nördlichen Frankreich, namens Her- 
bert, welcher seinen abt um aufbesserung seiner einkünfte bittet, aus- 
führlich jenen kämpf zwischen winter und frühling 2 . Dort streiten 
frühling und winter über das kukukslied, der winter spricht voce severa, 
er wird atrox genant und tarda hiems; das sind züge, die später noch 
in den vagantenliedern widerkehren. Herbert scheint auf das ältere 
gedieht bezug zu nehmen, v. 37 lautet: tunc simul aeeipient conflictum 
verque hiemsque. Die Schilderung ist aber eine ganz andere; sie 
bewegt sich dort mehr in abstraktionen, dagegen gibt sie hier das 
konkrete bild einer erbitterten schlacht zwischen zwei mächtigen heer- 
führem. Kälte, schnee und eisige winde sind das gefolge und die 
waffen des winters, frisches laub und veilchen der waffenschmuck des 
frühlings, die Sonnenstrahlen sein mächtiger bundesgenosse, wozu spä- 
ter der sommer komt, die hellen und langen tage sind neue waffen, 
die sie anlegen und nun wird der kämpf mit fausten und waffen zu 
ende geführt, dem winter die äugen ausgestochen und dann das haupt 

1 1 Neuere ausgaben von Eiese in der Anthologia lat. nr. 687 und von Dümm- 
ler in den Poetae aevi Karolini I s. 270 ss. — Vgl. A. Ebert, Algcmeine geschiente 
der litteratur im abendlande II. s. 68 fgg. und Z. f. d. a. 22, 328 — 335. 

2) Das gedieht hat Dümmler im Xeuen archiv für ältere deutsche geschichte 
X, 351 fg. veröffentlicht. 



VERWERTUNG DER NATUB DURCH DIE VAGANTEN U. MINNESINGER 11 

abgeschlagen 1 . Wir sehen daraus deutlich, wie sehr die gelehrte latei- 
nische diehtung des mittelalters von national deutschen dementen 
durchdrungen war; aber andrerseits auch, wie die dichter sie in gelehr- 
ter weise in antikes gewand kleideten-, also eine erscheinung ähnlich 
der lateinischen klosterdichtung des 10. Jahrhunderts. Um so weniger 
dürfen wir erstaunt sein, wenn in den liedern der fahrenden klcriker 
da^ 12. und 13. Jahrhunderts solche nationalen mythologischen reminis- 
cenzen sich rinden, aber in gelehrter weise zum ausdruek gebracht. 

Die hierher gehörigen stellen aus den vagantenliedern sind nun 
folgende. CB 32 (ein lied, das gerade mit pedantischer Selbstgefällig- 
keit sich in bildera der schulgelehrsamkeit bewegt), 1 Bru/ma, veris 
emtda, sua iam repagula doht demoliri. demandat Februario (nach 
altrömischer einteilung der Jahreszeiten), ne sc a solis radio sinat deli- 
niri. Str. 2 spricht von dem den elementen eingepflanzten liebestriebe, 
der von Hymcnaeus geregelt und zur ehe geleitet werde. Str. 3 fährt 
fort: Sed Aqmhnis ira predonis elementis officit ne pareant. 41, 4 
(ebenfals ein lied von speziell gelehrter färbung) Dulcis (iura lephyri 
spirans ab oeddente Joris faret sideri alacriori Diente, Aquilonem 
carceri Eolo nolente deputans, sie eeteri glaciales spiritiis difugiunt 
repente. 46, 1 ist eigentümlich wegen der gleichsten ung des winters 
mit dem antiken Chronos, den Jupiter entthront und in den kerker 
schleudert: Clausus Chronos et serato carcere ver exit, risu Jovis rese- 
rato faeiem detexit, purpurato floret prato, rer tenet primatum. Ein 
nachklang der kampfesvorstellung ist wol auch 47, 2 enthalten: llisu 
Joris pellitur torpor liiemcdis, sowie 53, 1 Refl. hycnis eradicatur und 
54, 2 fugieute penitus hyemis algore, auch 57, 1 liienie sepulta als 
Zeitbestimmung gehört hierher. 98, 1 Cedit, hyems taa dnrities. 
2 Veris adest elegans acies, dura ratet sine mibe dies. 101, 1 Veris 
Ißta f acies mundo propinatur, Jiicmalis acics vieta iam fugatur. 10G, 2 
brinna fugit. 113, 1 rcruali sol calore pulso briuuc statu claruit. 
122 PJicbiisqite dominatiir depidso frigore. 165, 3 hiernps discedit 
lemere. Mone nr. 31 Redit aestas praeoptata geht captivato, languet 

1) Vgl. Grimm Mythol. 4 638 fg. 

2) Man vergleiche über die frage, wieweit in den vagantenliedern sieh remi- 
niscenzen aus antiken lateinischen autoren finden, Heinrich, Quatenus carminum 
Buranorum auetores veterum Romanorum poetas imitati sint. Programm des k. k. 
gymnasiums zu CiUi (Steiermark) 1882. Die arbeit erschöpft den gegenständ jedoch 
nicht. Speciell für reminiscenzen aus Ovid ist natürlich noch zu rate zu ziehen 
K. Bartsch, Albrecht von Halberstadt und Ovid im mittelalter (Quedlinburg 1861; wo 
auch die CB genügend berücksichtigt sind. 



12 MAROLD 

hieras aegrotata ven sospitato. Wright, Early Myst. s. 113. IV, 1 
Plawlit kumus Borecu fugam ridens eooulis. 

Im voraus muss nun darauf hingewiesen werden, dass die win- 
terschilderungen im vagantensange einen ganz anderen Charakter 
haben, als die des deutschen minnesanges, besonders des älteren, wäh- 
rend spar»']- sieh mehrfach ein ausgleich zeigt. Die Vaganten schmücken 
zumal in den älteren liedern, die von ihnen erhalten sind — ihre 
poesieen gern mit gelehrten anspielungen und antiken reminiscenzen; 
bewegen sich gern in abstraktionen und zeigen eine grosse Vorliebe 
für die allegorie und betonen in den naturschilderungen mehr die Wir- 
kungen des winters als dass sie das bewirkte, die Veränderungen, die 
in der natur statgefunden haben, objektiv zur darstellung bringen. Der 

rstand isr bei ihren Schilderungen mehr beteiligt als phantasie und 

müt So hebt der Sänger der lieder in der Moneschen handschrift 
beidemale die Veränderung der demente durch die winterkälte hervor, 
das rauhe wetter ist ihm Joris intemperies; nur in dem zweiten 
inr. 21) erwähnt er zweimal mit lästiger widerholung das welken der 
lilien und merkwürdiger weise die veilchen neben den Schwertlilien 

icdnium in der ganzen Vagantendichtung nur hier), die nun des 
glitzernden taues entbehren müssen. Die späteren vagantenlieder ver- 
suchen es zwar (und hier wäre eine ein Wirkung des höfischen minne- 
sangs zu konstatieren!) sich in die sichtbaren Veränderungen der natur 
mit dem herzen hineinzuleben; dass es aber eigentlich nicht ihre art 
ist, beweist der umstand, dass sie daneben das allegorisieren , ihre tra- 
ditionellen physikalischen beobachtungen und die abstraktionen nicht 
unterlassen können. So richtet der sänger von CB 42 zwar seinen 
blick in die ihn umgebende natur und beklagt deren Veränderung: der 
hain ist des vogelsangs beraubt, das laub fahl geworden, die heide 
ohne blumen: aber er verleugnet den gelehrten nicht, wenn er den 

romer ins exil gehen lässt, wenn er statt des konkreten ausdrucks 
„grünes laub" viror frondium sagt, und vor allem decouvriert er sich 
dadurch, dass er dieselben gedauken in derselben strophe noch einmal 
in anderer foim folgendermassen ausdrückt: exaruil quod floruit, quia 
feücem statum nemoris vis frigoris sinistra denudavit et ethera süen- 
tio turbavitj tri Ho dum aves relegavit. Man sieht deutlich das hin- 
überspielen ins abstrakte und allegorische. Ähnliche mischung zeigt 
CB 56, wo der ausdruck arborum comp fluunt penitus und das gleich 
folgende in frigore silet cantus nemorum au— ch laggebend sind. Obwol 
die übrigen, besonders CB 95 und das bei Du Meril abgedruckte lied, 
ausführlicher und reiner in der Vertiefung der empfindung sind, so 



VERWERTUNG DER NATUR DURCH DIE VAGANTEN U. MINNESINGER 13 

bestätigen sie doch auch die ausgesprochene beobachtung, und ich gehe 
deswegen nicht näher auf sie ein. 

Ganz anders verhält sich nun der minnesang, und zwar besonders 
in seiner älteren periode. R.M.Meyer in seinem aufsatze „Alte deut- 
sche volksliedchen (Z. f. d. a. 29, 121— 23(>) und desgleichen A. Ber- 
ger in dem aufsatze „Die volkstümlichen grundzüge des minnesangs" 
(in dieser zeitschr. 19, 441 fgg.) gehen von der sicher nicht richtigen 
Voraussetzung aus, dass aus den formelhaften Wendungen des minne- 
sangs zu schliessen sei, er setze eine ausgebildete volkslyrik, in der 
diese formein bereits enthalten gewesen seien, voraus. Überhaupt wird 
meiner meinung nach mit dem immerhin noch vagen begriffe des volks- 
tümlichen im minnesange viel zu viel operiert. Seihst Neid hart ist 
immer doch ein ritterlicher sänger gewesen, wie sehr er sich auch 
unter das volk mischte und gewiss diese und jene anregung daher 
erhalten haben mag. Nun aber gar, wie R. M. Meyer es tut, Neidhart 
mit den dichtem von minnesangs frühling zusammenzustellen, erscheint 
mir unhistorisch. Bis jezt ist die ganze frage noch immer eine offene; 
eine so ausgedehnte und ausgebildete volkslyrik würde aber auch eine 
zu grosse poetische bildung des niederen volkes voraussetzen, die durch 
nichts sicher bezeugt ist, und ausserdem hinsichtlich der vorausgesezten 
mythologischen ideen eine lange Übung und ununterbrochene tradi- 
tion, während das Christentum im lauf der Jahrhunderte doch sicher 
soweit durchgedrungen war, dass nur schüchtern einige Überreste 
alter gebrauche und sagen sich gelegentlich hervorwagten. Neuer- 
dings hat E. Th. Walter in der Germania 34 (1889) s. 1 fgg. und 141 fgg. 
die schwächen der erwähnten beiden arbeiten aufgedeckt, und ich 
muss ihm in der hauptsache zustimmen. Er betont durchaus richtig, 
dass wir es von anfang an mit einem höfischen minnesang zu tun 
haben; natürlich haben Wechselbeziehungen zwischen ihm und einer 
Volksdichtung, soweit sie vorhanden war, vor allem aber dem vagan- 
tensang statgefunden. Im vagantensang fanden die minnesinger ein 
ebenbürtiges kunstprodukt vor, und je mehr eine mischung und ein 
verkehr der verschiedenen sängerklassen untereinander statfand, uniso- 
niehr muste ein austausch unter ihnen erfolgen. Ferner möchte ich 
noch meine bedenken dagegen äussern, dass man aus Personifikationen 
des minnesangs und nun gar der spätem volkspoesie ohne auswahl 
Überreste alter mythologischer Vorstellungen folgerte 1 . Einmal geht das 

1) Vgl. über diesen gegenständ Krejci, Das charakteristische merkmal der 
volkspoesie. Ztschr. für Völkerpsychologie 19 (1889) 140. 



14 MAROLD 

volk darin in jeder zeit selbstschöpferisch vor und dann können bil- 
dungseleniente der gebildeteren kreise auch in die niederen Volksschicht 
teil eindringen und demnach einen ganz anderen ursprang haben. Nun 

r mit dem Volkslied des 15. und 16. Jahrhunderts solte man in die- 
ser beziehung vorsichtiger sein. 

Nach dieser abschweifung kehre ich zu meinem gegenstände wider 
zurück. S hon K. Burdach hat in seinem buche Beinmar der alte 
und Walther von der Vogelweide s. 162 durchaus richtig die bei aller 
verwantschaft des inhalts doch charakteristische Verschiedenheit des min- 
nesangs und der Vagantendichtung in der behandlung der naturempfin- 
dang betont Das einzige jedoch, was er in dieser beziehung erwähnt, 
ist die verschiedene empfindung beim gesang der nachtigall. M obreres 
bringt R M. Meyer in dem erwähnten aufsatze bei, aber nur gelegent- 
lich und natürlich von seiner vorgefassten meinung beeinflusst. 

Zunächst sollen uns hier nun die abweichende art der winter- 
schilderangen und im Zusammenhang damit die momente beschäftigen, 
die auf eine gegenseitige beeinflussung hindeuten könten. Eine weitere 
ausführimg dieser Verschiedenheiten und berührungen bleibt einem spä- 
teren aufsatze vorbehalten. 

Auch im älteren MS. bewegt sich die Schilderung bisweilen in 
algemeinen Wendungen, die nur den Wechsel der zeit ausdrücken. So 
singt Dietmar von Aist 37, 30 Sich hat verwandelöt diu %it; aber er 
fügt charakteristisch hinzu: clax versten ich an den dingen (und zwar 
an dem verklungenen nachtigallensang und dem fahlen walde). Dahin 
gehört auch 39, 30 Urlop hat des sumers brehen; 140, 32 (Heinrich 
von Körungen) Uns ist vergangen der liepliche sumer (vgl. 118, 7 
Bligger von Steinach swie schiere uns diu sumerxU aber zerge). Die 
Wirkung des winters auf die äussere natur und auf das gemüt des 
dichters wird gelegentlich durch attribute gekenzeichnet. So heisst es 
33, 18 (Dietmar von Aist) zergangen ist der Hinter lanc (dieselbe for- 
mel 184, 1 in einer Reinmarschen bzw. Ruggeschen strophe); 216, 5 
(Hartmann von Ouwe) winter lanc; 108, 16 (H. v. Rugge) der tvinter 
hin lullt anders sin /ran swaere und, äne mdze lanc; 191, 28 (Rein- 
mar. nach E.Schmidt H. v. Rugge) der swaere iv., desgleichen 203, 26 
in einer Beinmarschen strophe (nach E. Schmidt ein adespoton); eigen- 
tümlich fügt sich dazu Walther 118, 33 fg. der halte winter ivas mir 
gar unmaere, ander liutt dükte er swaere (das sieht fast wie eine 
direkte anspielung aus!); auch Hartmann sagt 216, 2 gegen der sivae- 
ren zit. Am einfachsten sagen Ulrich von Gutenburg 71, 6 und H. v. 
Rugge 99, 33 der winter halt, desgleichen Walther 114, 30. 118, 33. 



VERWERTUNG DER NATUR DURCH DIE VAGANTEN U. MINNESINGER 15 

Eine spur von persönlicher auffassung des winters zeigt sich bei 
H. v. Veldeke 59, 16 fg. trau ea //•// //// winter sin, der nus sim 
leraft erzeiget an den bluomen und dann erst bei Waltner 39, 8 sin 
gewalt ist so breit und so iril (vgl. oben ( T> r_\ ] eis frif/oris) 1 . 
Der „gelehrte" Hartmann hat in seinem ersten liede 205, •''> i\ru merk- 
würdigen ausdruek min sanc ensüle des winters wäpen tragen, dem 
ebenfals eine ausgesprochene persönliche auffassung des winters zu 
gründe liegt 2 . 

Das eigentliche charakteristische an den Winterschilderungen an 
sich, d. h. soweit man nicht ihr Verhältnis zu der dargestelten liebes- 
empfindung ins äuge fasst, ist die innige teilnähme an den Verände- 
rungen, die in der natur vorgehn, der ausdruek des Schmerzes über 
den verlust der naturschönheiten, wie sie der sommer bot. So wird 
1) der verlust der blumen (zum teil mit poetischer Personifikation) 
und das fahlwerden der beide beklagt 3 . MF19, 14 (Bietenburg); 
35, 15 (D. v. Aist); 59, 17 (H. v. Veldeke); 82, 33 (R v. Fenis) 4 ; 
99, 32 (H. v. Kugge); 106, 24 (H. v. Rugge); 140, 33 und 36 (H. v. 
Morungen) vgl. mit Walther 75, 36; 169, 11 und 14 (Reinmar): 191,30 
(Reinmar oder H. v. Rugge); 216, 1 (Hartmann). 2) Heide und wald 
werden zusammen beklagt: 99, 29 (H. v. Rugge); Walther 39, 2. 
3) Blumen und wald: 83,26 (R. v. Fenis). 4) Der entlaubte wald: 
37, 34 (D. v. Aist); 82, 26 (R. v. Fenis). 5) Die entlaubte linde: 
4, 1 (namenlos); 37, 19 (namenlos); 64, 26 (H. v. Veldeke). 6) Das 
verstummen des vogelsangs: 34, 15 und 37, 18 (D. v. Aist); 59,13 
und 62, 35 (H. v. Veldeke) ; 83, 28 (R. v. Fenis); 106, 26 (H. v. Rugge); 

1) Vgl. Wilmanns, Leben und dichten Walthers von der Vogelweide s. 410. 
Wenn übrigens liier gesagt ist. dass "Walther unter den minnesängern der erste gewe- 
sen sei, der in dem liede 39, 9 von einem streite des winters spreche {weixgot er 
IM noch dem meien den strit), so muss ergänzend hinzugefügt werden, dass Kein- 
mal' 188, 35 doch wol auch darauf anspielt und ebenso 191, 32 fg. (nach E. Schmidt 
eine Ruggesche strophe): diu nahtegal uns schiere seit, dax sich gescheiden hat der 
strif. Allerdings sind diese algemeinen andeutungen das einzige, und das ist sicher 
gegenüber den lateinischen liedern auffallend. 

2) Vgl. Wilmanns a. a. o., wo die charakteristische stelle aus des dichtere 
erstem büchlein angeführt ist. 

3) Diese citate schreibe ich nicht aus, weil das schon häufig geschehen ist und 
weil dieselben einen zu breiten räum beanspruchen würden. 

4) In dem adjektivischem partieipium betivungen liegt nicht eine Personifikation 
des winters , wie Berger a. a. o. s. 450 meint ; dasselbe hatte im mhd. gewöhnlich die 
bedeutung bekümmert . niedergeschlagen. Es liegt also, wo die minnesänger es als 
attribut der blumen, der beide, der vögel usw. vrnvenden, eine poetische beseehing 
dieser gegenstände vor. Vgl. MSF 233 (anmerkung zu 16, 14). 



1 6 MAROLD 

216, 5 (Harrmann): Walther 39, 3; 75, 38; 111. 23. 7) Das schwei- 
gen der aachtigall: 18, 17 (Rietenburg); 37. 32 (D. v. Aist); 99, 34 
(H. v. Rugge). 

Andere anzeichen mehr physikalischer art, also in der weise der 
vagantenlieder, erwähnt nur II. v. Veldeke 59, 11 fg. und 64, 26. Dort 
heissl s: Sit diu sunne ir liehten schin gegen der kelte hat geneiget — 
und hier: K\ habent die bitten nehte getan, dm diu löuber an den 
linden winterliche valwiu stau. Er ist der einzige unter den alteren 
höfischen dichtem, der in dieser hinsieht bekantschaft mit den liedern 
und der ausdrucksweise der fahrenden kleriker zeigt 1 , wie er ja auch 
ein gelehrter dichter ist, der nicht nur französisch, sondern auch gut 
latein verstand. Man vergleiche nur beispielsweise das von Du Meril 
a. a. o. s. 235 abgedruckte lied, worin es heisst: cahr liquit omnia 
et abiit, nam signa caeli ultima sol petiit; iam nocet frigus teneris 
et nris bruma laeditur — ; est inde dies niveus, nox frigida usw. 
8 inst ist das hauptanzeichen des winters im älteren minnesang der 
schnee (6, 9. 58, 29. 82, 29. 106, 25. 140, 33. Walther 75, 37), 
der reif erscheint nur 203, 30 (Reinmar, nach E. Schmidt ein adespo- 
ton) und Walther 75. 37. 114, 23. Die kalten winde sind ursprüng- 
lich nicht dem minnesang, aber in ausgedehnter weise der lateinischen 
dichtnng und daher auch dem vagantenlied eigentümlich (wie auch der 
- i). 

Charakteristisch für den minnesang sind ferner die klagen über 
den entschwundenen sommer und die traner infolge des winters: 37, 18 
(namenlos); 83, ^ (R v. Fenis); 140, 36 (EL v. Morungen); 169, 14 
(Reinmar): 59, 15 und 67, 15 (H. v. Veldeke); 82, 31 (R. v. Fenis); 
los. 16 ^g. ,H. v. Rugge); Walther 39, 1 fgg. 76, 4 fgg. 114, 30. 

3o zeigt sich als«» aufs deutlichste der verschiedene ausdruck der 
im innersten gründe gleichen Vorstellungen. In ähnlicher weise abstrakt 
wie die Winterschilderungen der vaganten hinsichtlich der Veränderun- 
gen in der natur ist nun aber auch die art, wie sie sie mit der lie- 

lpfindung verbinden. Mone a. a. o. nr. 18 heisst der winter im- 
portuna Veneria aber im innern fühlt der sänger liebesglut: amor est 
in pecton nidlo frigens frigore. Noch energischer drückt den gedan- 
ken nr. 21 aus: foris algens corpore fiammas intus sentio — und wei- 
ter: totum cogat Spiritus Borects in glo/icm, tarnen hoc proposi&um 
non uariem. Ähnlich aber noch mehr reflektierend singt der dichter 

1 1 Oben 8. 15 war auch IT. v. Veldeke der einzige unter den älteren minne- 
igpm. der die persönliche anffassnng des winters in der weise der vaganten zeigte. 



VERWERTUNG DER NATUR DUBOH DIE VAGANTEN ü. MINNESINGER 17 

von CB 42, 2: - s '"/ amorein, qui calorem nutrit, nulla vis frigoris 
palet attenuare. Und wider ganz in demselben tone singt ein anderer 
bei Du MeriJ a. a. o. s. 235 fg.: Modo frigescit quidquid est, sed solus 
ego caleo — und nun folgt eine weitere ausmalung dieses feuers, das 
schlimmer sei als das griechische feuer. CB 32 behandelt in ganz 
lehrter weise die liebe der elemente zu einander, die vom aordwinde 
gestört werde. Auf menschliche Verhältnisse übertragen hören wir von 
dieser störenden Wirkung CB 95, 3: Ad obsequendum Veneri vis tota 
languet animi, fervor abest pectori, iam cedit calor frigori 1 . Ein 
anderer. CB f>(>, 1 hält die Übereinstimmung /wischen winter und 
schlafendem liebestrieb für tierisch und fahrt fort: Nimquam amans 
sequi volo vices temporum bestiali more. Ein später lateinischer Sän- 
ger bei Wattenbach a. a. o. ruft schon ganz in der weise des minne- 
sangs aus: Non in flore sei amore iocundor pueUari — und str. 1: 
Decoris tut claritas, si/mul tua benignitas flos est mihi vemalis. 

Im minnesang ist nun die Verknüpfung von Winterschilderung und 
liebesempfindung im ganzen eine geistigere; aber auch hier lässt sie sich 
auf die beiden formein zurückführen: 1) Winterklage und lieh' 
schmerz im einklang und 2) Winterklage und Liebesschmerz 
im kontrast. Das ursprüngliche und natürliche ist die einfache win- 
terklage und die parallele dazu aus dem liebesieben. 

Einfache winterklage ohne deutliche beziehung auf das Liebesver- 
hältnis oder die liebesempfindung finden wir noch beim Rietenburger 
19, 14 fgg. (vgl. jedoch W. Scherer, Deutsche Studien II, Wiener 
Sitzungsberichte 77, s. 468), bei H. v. Yeldeke 59, 11 fgg. und (57, 15%.; 
desgleichen bei Rugge 108, 14 fgg.; bei Pseudo-Reinmar 203, 24 fgg. 
bildet die Schilderung schon den hintergrund für die Schilderung <\<-r 
beneideten freude in den folgenden Strophen. Ferner gehören hieher 
die beiden Walthersehen lieder 39, 1 fgg. und 7."». 25 fgg.. in denen 
zwar die gewöhnlichen typen, aber in freier und selbständiger weise 
verarbeitet werden, um die empfindung des dichters, klage über den 
winter und Sehnsucht nach dem sommer zum ausdruck zu bringen. 

1) Derselbe Sänger klagt str. 1 dass: grando nix et pluvia corda reddunt 
segnia. Str. 2 erwähnt in der individualisierenden art des deutschen minnesangs den 

verstumten vogelsang, die des grasschmuckes beraubte erde, dann aber wieder nach 
vagantenart den trüben Sonnenschein und die schnell dahineilenden rage. Str. 3 ist 
die oben citierte; str. 4 klagt wider: In omni loeo eongrtto sermonis oblectatio cum 
sexu femineo evanuit omnimodo. Das lied ist somit ein sprechendes beispiel für die 
art des vagantengesanges um 1200, wo der verkehr der Jährenden kleriker und der 
fahrenden ritterlichen sanger unter einander lebhafter zu werden begann und --inen 

anstansch der anschauungen zu wege brachte. 

9 

ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XXIII. 



18 MAROLD 

Die einfachste art winterklage und liebesschmerz in parallele zu 
setzen, zeigt HF 1. 1 fjjg.: Die linde ist entlaubt, mein geliebter mei- 
det mich und geht andern trauen nach. Das ist einfach und ganz in 
der weise «int i > Volksliedes: das bewustsein mit der umgebenden natur 
- h in einklang zu fühlen ist nur dunkel angedeutet. Dem inhalte 
nach auf gleicher stufe steht 37, 18 fgg., auch eine alte namenlose 
Strophe (vgl Scherer, Deutsche Studien II, s. 437). Nur ist die win- 
terschilderung mannigfaltiger und subjektiver und der zweite teil eine 
aufforderung an den geliebten, andere frauen zu meiden. Dieser alten 
und einfachen art steht noch Dietmar nahe in der frauenstrophe 34, 11 fgg. 
Wie aus der erinnerung an den schönen sommer, den die frau in lie- 
besglück verlebt hat, ruft sie aus: sit ich bluomen niht ensach noch 
enhdrte der vögele sanc, sit /ras mir min fröide kurz und ouch der 
jämer alze laue. Wie viel komplizierter ist dagegen EL v. Rugge, dessen 
anschluss an die volkstümliche tradition des natureingangs so vielfach 
betont ist! Es gehört hierher 99, 29 — 100, 11. Auf die ausführliche 
winterklage (beide, wald, blumen, nachtigall) folgt zunächst eine beteue- 
rung, da— >ein herz der geliebten trotzdem treu bleibe, alsdann in der 
zweiten Strophe der wünsch freude durch sie zu erlangen und dann erst 
die klage, dass ihm nur leid geschieht und die indirekte bitte, seine stä- 
tigkeit zu belohnen. Das liebesverhältnis also überdauert den winter, die 
parallele besteht nur zwischen der trauer über den winter und der trauer 
darüber, dass die geliebte ihren ritter nicht erhört 1 . "Wie sehr H. v. 
Rugge schon in der ausdrucksweise des höfischen minnedienstes befan- 
gen ist. zeigt ein vergleich mit H. v. Morungen, der sich anerkanter- 
massen von dem traditionellen ausdruck des naturgefühls fernhält. 
140. 32 fgg. zeigt fast dieselbe ideenverbindung wie jenes Ruggesche 
lied, nur in anderer reihenfolge. Die Winterschilderung ist ganz kurz: 
Uns ist zergangen der liepliche sumer. da man brach bluomen, du 
lit im der sne 2 . Darauf folgt die klage über den liebeskummer und 
dann die Versicherung, dass die freude an der Schönheit seiner gelieb- 

1) Vgl. "Wilmanns, Leben und dichten Walthers von der Vogelweide s. 172: 
„Die strenge auffassung des ausgebildeten minnedienstes aber sträubt sich gegen diese 
vorübergehende sommerliebe. In ihm wird die Jahreszeit nicht in beziehung zu dem 
liebesverhältnis gesezt, sondern nur in beziehung zur empfindung, sei es dass solche 
anerkant oder abgelehnt wird.- Die stelle ist wol klar genug, und wenn. Max Ort- 
ner. Keinmal der alte, die Nibelungen s. 55 behauptet, sie nicht zu verstehn, so 
erklärt sich das nur durch seine Voreingenommenheit oder dadurch, dass er dem 
gegenstände nicbt die volle aufmerksamkoit zugewendet hat. 

- Vgl. Walthei 75. 3G und R. M. AYerner in seiner recension über Michel, 
Heinrich von Morungen (A. f. d. a. 7, 125 fg.). 



VERWERTUNG DER XATUR DURCH DIE VAGANTEN' U. MINNESINGER 19 

ten ihn gegen den verlust der sommerfreude gleichgiltig mach« 1 . Aber 
auch schon R. v. Fenis zeigt die ganze ritterliche dialektik in der aus- 
malnng jener parallele. Von ihm sind zwei winterklagen überliefert 
82, 26 fgg. und 83, 25 fgg. Dort heisst es: Es ist winter (wald, vogel- 
sang; schnee) — darum leide ich not; aber ich Leide noch anderen 
kummer: fände ich gegenliebe, so Aväre all mein kummer geheilt, denn 
die geliebte ist über die massen schön. An der zweiten stelle ist die 
parallele versteckter und die gedankenverbindung spitzfindiger: Mein 
schmerz über den entschwundenen sonimer wird nicht durch süs 
erinnerungen gemildert, wie bei andern; solte der winter meinen 
wünsch erfüllen, müste ich ihn loben; aber die geliebte Lässt mich 
unausgesezt klagen. — Direkte Opposition gegen die konventionelle 
art, über den winter zu klagen, macht dann Beinmar d. a.; er 
hält es nicht der mühe wert gegenüber dem kummer. den er leidet 
(169, 9 fgg.) \ 

Der ausdruck des kontrastes zwischen naturempfindung und lie- 
besempflndung ist an sich betrachtet jünger als die parallele beider. 
Jedoch findet er sich auch bereits im ältesten minnesang und auch in 
ganz anderer weise als in der Vagantendichtung. 

Der Rietenburger beklagt 18, 17 fgg. den verklungenen nachtigal- 
lengesang und fährt fort: doch tuot mir sanfte guot gediiige, den ich 
von einer frowen hän. In derselben einfachen form gibt D. v. Aisl 
37, 30 — 38, 4 den kontrast wider: die zeit ist verwandelt, die nach- 
tigall schweigt, der wald steht fahl — ienoch stet dm l/< r,< min in 
ir geweilt, der ich den sumer gedienet hän diu ist min fr&ide und al 
n/in Uep. Eine Steigerung dieses gefühls enthält die frauenstrophe 
6, 5 fgg.: mich dünket winter nnde sne schoene bluomen unde hie, 
swenn ich in umbevangen hän. So singt auch noch AValther 118, 35 
mir was die icile als ich enmitten in dm/ meien ivaerc: doch ist das 
gedieht Walthers nicht mehr so ganz naiver ausdruck eines über- 
wältigenden gefühls. In einfacherer weise bietet die gegenüberstellung 
wider der Veldeker in der strophe 64, 26, die oben schon wegen der 
Winterschilderung nach art der Vagantendichtung erwähnt wurde Es 
stimt damit die abstrakte art überein, wie er sein liebesglück dem 
winter gegenüberstelt : der minne hän ich g/ioten wan % . Als ein uner- 

1) Vgl. E. Schmidt, Reinmar von Hagenau und Heinrich von Rugge (QF IV). 
S. 94. 

2) Wenn übrigens E. Schmidt a. a. o. s. 91 behauptet, der Veldeker kenne 
gar keine freude im winter, so widerstreitet dem die obige strophe. — Den abstrak- 

2* 



20 MAROLD 

fülter wünsch wird die liebe als lieilmittol gegen die leiden des winters 
von K. v. Penis in dem oben besprochenen liede 82, 26 fgg. bezeich- 
net sowie von H. \. Rugge und H. v. Morungen in den eben daselbst 
behandelten Strophen. Recht reflektierend und gesucht drückt der in 
Eausens fussstapfen tretende Gutenburger diesen gedanken aus 69,4fgg.: 
und gern es mir diu <//<(>/< so wirt an minie sänge schhi der icin- 
noch kein swaere. Nicht mehr die Schilderung des geiühls an sich 
i>r ihm die hauptsaehe. sondern der gewählte ausdruck desselben 1 . Der 
in der oben erwähnten frauenstrophe 6, 9 fg. ausgedrückte gedanke 
gewint hei Dietmar 39, 30 --40, 2 bestirntere gestalt. Diese strophe 
von Burdach a. a. o. s. 77 fg. gewiss mit recht als frauenstrophe 
bezeichnet and hier ist die frau ebenso mit dem winter zufrieden: 
der winter und sin langiu naht di ergetxeni uns der besten %it, swä 
man bi liebe lange tit. Derselbe ersatz für die sommerfreude ist von 
D. v. Aist 35. 16 fgg. in form eines w T unsches ausgesprochen. Tat- 
■hlieh hat er während des winters gram, da die geliebte den wünsch 
nicht gewährt: wir haben also schon, w r ie wir es in den Fenisschen, 
Ri,_ _ sehen und Morungenschen Strophen oben fanden, Vereinigung 
beider formein. Lob des winters wegen der langen nachte haben fer- 
ner noch Hartmann 216-, 3 und Walther 118, 5. Während jedoch bei 
Hartmann die trauer über den winter vorherseht und die liebe in win- 
terlanger nacht nur den langen winter kürzt, wiegt bei Walther in 
Reinmarscher und Morungenscher art (vgl. z. b. MF 140, 32 fgg.) die 
liebesempfindung vor und erzeugt gleichgiltigkeit gegen den Wechsel 
der Jahreszeiten (vgl. auch 99, 6 fgg.). In demselben sinne singt auch 
der vielleicht von Fr. v. Hausen beeinflusste Bligger 118, 7 fgg.: swie 
schien uns diu sumerxit aber terge, des würde rät, mües ich ir hulde 
hän: du um im ich. für loup unde für Icle. 

i zeigte sich also, wie auch in der Verknüpfung von natur- 
empfindung und liebesempfindung der minnesang von anfang an ganz 
eigentümlich vorgieng und im weiteren verlauf immer kompliciertere 
ideenverbindungen schuf, beeinflusst durch das wesen des höfischen 
diei Nur wenig und kaum nennenswertes konte ihm hier die 

vagantenpoesie bieten. 

. ausdruck, dass liebe den winterschmerz lindere, hat auch R. v. Fenis in dem 
oben besprochenen liede 82. 30 fg.: ist da% diu mirme ir giiete icil xeigen, so ist 
al min hm vräuden gestaU. Aber die zeilen vorher und nachher sind wider 

durchaus individualisierend und an die eine bestirnte frouwe adressiert. 

ll Vgl. Burdach. Beinmar der alte und AValther von der Vogelweide. S. 38. 



VERWERTUNG DER NATCR DURCH DIE VAGANTEN' U. MINNESINGER "_' 1 

Unter den dichtem nach Walther erfordert Neidhart eine beson- 
dere betrachtung. Er hat wie keiner vor ihm in solcher ausdehnung 
in seinen Liedern den ausgang von der Jahreszeit genommen, dass man 
diesen umstand vornehmlich als beweis für die anlehnung des dichters 
an das volkstümliche benuzt hat 1 . Im algemeinen hat es damit wo] 
seine richtigkeit, nur dass es immer nur Vermutungen bleiben werden, 
wieweit diese anlehnung geht Schon die parallele der volksmiissigm 
epik der höfe zeigt uns deutlich, dass man auch in höfischen kreisen 
für das volksmässige interesse zu fühlen antieng, aber es muste in 
höfisches gewand gekleidet sein, um courfahig zu werden. So liegl 
auch die sache bei Neidhart. Dass er in solchem umfang naturschil- 
derungen dichtete und seinen liedern vorsezte, war sicher eine anleh- 
nung an die volkstümliche art, an die natur- und tanzlieder, die er 
aus seinem verkehr mit dem volke kennen lernte. Die ausdrucksweise 
aber ist im grossen und ganzen nur die weiter ausgebildete höfische 
ausdrucksweise, wie denn sämtliche typen der naturschilderungen, wie 
sie sich bei den höfischen Sängern vor ihm finden, in seinen liedern 
widerkehren; aber sie sind phantasievoller, stimmungsvoller und man- 
nigfaltiger bei ihm verwendet, wie das ja natürlich ist, es zeigt das 
eben einen grösseren fortschritt in der handhabung des poetischen aus- 
drucks zur zeit Neidharts. Dazu gehört aber vor allem auch die 
grössere mannigfaltigkeit im gebrauch poetischer bilder und die weiter- 
gehende naturbeseelung, worin Walther schon einen grossen schritt 
vorwärts getan. Und hier war der steigende verkehr mit den fahren- 
den klerikern eine gute schule für den minnesang. Wir haben schon 
oben gesehen, dass gerade beim Yeldeker und bei Hartmann, die beide 
gelehrte bildung hatten und lateinisch verstanden, sowie bei AValther 
in vielleicht einem lateinischen liede direkt nachgedichteten Strophen 
spuren einer Übereinstimmung mit anschauungen, wie sie der vagan- 
tenpoesie eigen sind, sich finden, darunter einige stellen, die eine per- 
sönliche auffassung der Jahreszeiten voraussetzen, die im vagantensang 
so verbreitet ist. Diese persönliche auffassung ist aber bei Neidhart 
volständig in denselben formen erkenbar, in denen sie im vagantensang 
erscheint. Dem sich steigernden bedürfnis nach grösserer mannigfaltig- 
keit im ausdruck der naturempfindung boten die festen formen und 
anschauungen der vaganten, mit denen Neidhart sicher in fröhlichen 
stunden oft zusammengetroffen sein wird, bequemes material zu freier 
Verwendung. Wir sahen oben im ersten abschnitt, dass um 1220 die 

1) Besonders R. v. Lilien cron in der schönen abhandlung über Neidharts 
höfische dorfpoesie in Haupts ztschr. 6, 69 fgg. 



22 MAROLD 

Personifikationen der schaffenden kraft der natur und der triebkraft der 
erde - »entlich im minnesang eingang fanden; ungefähr zu derselben 
zeit gewann auch die persönliche airffassung der Jahreszeiten, besonders 
des winters in der weise der Vagantendichtung breiteren boden im min- 

sang 1 . Di— schnelle Verbreitung der persönlichen Vorstellung der 
Jahreszeiten und der idee eines kampfes zwischen sommer und winter 
wurde sicher auch noch durch den geschmack der höfischen zuhörer 

günstigt Man verlangte gern nach etwas nie dagewesenem und 
wunderbare kämpf» 1 hörte man am liebsten, daher aecommodierten Neid- 
hart und mit ihm die spätem dichter sich diesem geschmack und würz- 
ten die traditionellen natursehilderungen durch persönliche darstellung 
der Jahreszeiten und die Schilderung ihres Wechsels als kämpf: als aven- 
tiure. Als schliesslich die schöpferische kraft des minnesangs erlahmte, 
wurde diese auffassung fast stereotyp, weil sie ein greifbares bild dar- 
bot, daher stammen in der ausgangszeit des minnesangs bis in den 
meistersam: hinein die beliebten Streitgedichte zwischen sommer und 
winter -. 

Was wir im älteren minnesange nur ganz vereinzelt antrafen und 
auch da in Übereinstimmung mit der Vagantendichtung, das waren 
gewisse erscheinungen des winters physikalischer art. Neidhart macht 
einen ausgiebigen gebrauch davon. Da haben wir 1) die winde: 
.">. 15 hin ist dir seherfe wird; 35, 4 dine winde die sint kalt; 51, 2 
und der waÜ muoz von suren /rinden ungevüegen schaden dulden; 
75. 30 stm winde kalt habent dinen grüenen walt harte jämerlteh 
gestalt; 76, 21 heidi n vinger unde xshen sol ein ieslich man vor disen 
winden wol bewarn. 2) das wetter: 73, 24 Sumer, diner silezen 
weter müexen wir uns «neu (vgl. 58, 27) 3 . 3) die trüben tage: 

. 24. 43, 21 fg. 54, 1. 58, 27. 101, 20 fg. 4) der trübe son- 
nen -die in: 50, 37 fg. 7(5, 17 fgg. Im älteren minnesang war schnee 
und reif als kenzeichen des winters genant; bei Neidhart komt in über- 
eihstunmung mit den vagantenliedern noch hinzu 5) das eis: 6, 1 
dir /raff stuont aller grise rar sne und oach rar im; 38, 9 kint, 

r<il>t 'iuh dir sHten n f dir. in; 76, 8 fgg. is und anehanc hat der 

1) Vgl. zu dieser ausführung noch Wilmanns a. a, o. s. 409 fg. 

2 Gerade die darstellung des winters zeigt sehr viele Berührungspunkte mit der 
Vagantendichtung, während die persönliche darstellung des sommers bezw. frühlings 
im spateren minnesang selbständigere wege einschlug. 

I nvähnung des wetters ist im minnesang überhaupt selten. Nur H. v. 
Veldeke 25 sagt da er wider klare (vgl. 65, I'.'j) und vielleicht noch bruder 

AVernher 3LSH JI. 229 der himel reiniget sieh; vgl. CB65, 1 celo ynriorc u. a. 



VERWERTUNG DER NATTJB Dl RCB IHK VAGANTEN l . MINNESINGEB 

vogeline saue gar gestillet in den weiden. Die erwähnung des mos 

ist für Neidhart um so auffallender, als ausser ihm in der grossen 
schaar der minnesinger nur noch K. v. Würzburg einmal MSHIII, 334b, 
der um 1300 dichtende Kauzler einige male und einmal noch ein 
Pseudo-Neidhartisches lied MSH III, 293b das eis als kenzeichen des 
winters erwähnen. 

Von attributen erhält der winter bei Neidhart folgende: er heisst 
vorzugsweise wie im älteren minnesang der kalte, aber auch der küeh 
7, 23 und 79, 37; der lange 9, 16; der scherpfi 7. 23 und 82, 5; 
der leide 38, 10. 41, 33. 55, 21. 59, 37; er heisst diu swaere tit 
78, 15; diu lange swaere \it 73, 27 und 86, 32 (winterlange sw. . .). 
Erst in unechten liedern lesen wir dann; der arge winter, der unge- 
riiege, ungetane, leidige w. } also mehr der Personifikation zuneigend. 
Aber auch schon bei Neidhart erscheint nun der winter gern personi- 
ficiert als ein gewaltiger held, der mit grossem gefolge auftritt, ungnä- 
dig und grausam, der alles traurig macht; ferner als räuber; dem 
sommer ist er ein geschworner feind, er verjagt ihn, vernichtet ihm 
alle seine zierden, den grünen wald und die heide, und sezt sich auf 
seinen stuhl; wird aber schliesslich vom sommer verdrängt und ver- 
jagt und muss Urlaub nehmen. Die ausführung der allegorie im ein- 
zelnen ist natürlich ganz im höfischen geschmack. Des winters geweilt 
ist genant 35, 1. 75, 26. 85, 7. 95, 9. Damit steht im Zusammen- 
hang die häufige Verwendung des sonst dem höfischen minnesange 
eigentümlichen verbums twingen (subst. getwanc) zur bezeichnung der 
vom winter ausgeübten gewalt: 11, 11 (= CB 130 a). 14, 16. 17, 6. 
36, 20. 63, 7. 73, 29. 75, 25. 101, 21 und 23. Der winter ist 
ungnädig und gewalttätig; 17, 16. 35, 22. 38, 14. 95, 12 fg. Er 
macht alles traurig: 4, 35. 19, 18. 21, 38. 52, 28. 54, 2. 73, 25. 
76, 6 fgg. 85, 12. 86, 32 fgg. 89, 6 fg. 92, 14 fgg. 99, 4 fg. Der 
winter ist ein räuber: 22, 11 fg. 38, 11. 46, 36. 55, 20 fg. 75, 27 fg 
76, 2 fgg. 89, 9 fgg. 95, 10 fg. 99, 6. Ei- i rscheint mit gefolge 75, 
27 fgg. 95, 8. 99, 9. Die feindschaft zwischen* sommer und winter 
wird 85, 8 und 95, 6 fg. erwähnt. Der hass des winters gegen den 
sommer und der kämpf mit ihm um die herschaft wird besonders aus- 
führlich 75, 15 — 76, 25 in drei Strophen ausgeführt. Es vereinigen 
sich in dieser Schilderung mehrere motive des vagantengesanges: kalte 
winde, trüber Sonnenschein, eis; daneben der winter als räuber und 
seine gewalt. Dahin gehört alsdann noch 59, 37 ihr leide winder hat 
den sumer hin verjagt. Der vom sommer vertriebene winter erscheint 
dann 8, 13. 57, 24 und 17, 9. 



24 MAHOLD 

Auf die übrigen demente, aus denen sich die winterschilderungen 
bei Neidhart zusammensetzen, gehe ich nicht Daher ein; sie entsprechen 
s oau den typen des älteren minnesangs. Der höfische Bänger doku- 
mentiert sich ferner in der widerholt ausgedrückten traner über den 
winter und den verlust des sommers; das trüren aber machte einen 
ritt' st int- — int Nur einen pnnkt hebe ich noch heraus. Neid- 
hart klaut 16. 33 und 62. 36, dass die linde nun keinen schatten 
mehr ?ebe. Noch einmal in einem sommerlied erwähnt er den schat- 
ten der Linde, der kühlung gewährt: 6. 14. Die erwähnung des bau- 
messchattens und der schattenkühle ist im miunesang sehr selten. Wir 
haben ein beispiel bei Walther in dem schönen liede 94. llfgg. (-4 fg.) 
</>r. diu linde maeri di n küelen schoten baere; ferner in ähnliche form 

kleidet wie bei Neidhart bei U. v. Winterstetten III. 7 C\ISH I. 139a) 
<h k binden M linden der schote ist im benomen; alsdann beiYrouwen- 
lop III. 30 (MSH 111. 19b): Mich triiegen mim vüexi in einen schaten 
wumieklich uni gienk mo einer linden, und bei K. v. Würzburg I, 3 
iMSH III. 334b) dar obe stuond ein schatehuot gewünschet mal mich prise. 
Andrerseits ist die schattenkühle und das ruhen in baumesschatten ein 
in den vagantenliedern sehr häufig erwähnter zug und vielleicht ein 
mutiv. das ihnen aus der antiken dichtung überkommen ist. Wilmanns 
erinnert zu dem Waltherschen liede an den anfang der Apokalypsis 
Groliae (Wright, Walther Mapes s. 238), wo der natureingang und die 
Einkleidung des gedientes ähnlicher art sind (Leben und dichten Wal- 
thers v. d. V. s. 402). Frauenlob haben wir oben schon als gelehrten 
dichter kennen gelernt. U. v. Winterstetten und K. v. Würzburg sind 

nicht minder und zeigen auch sonst mehrfah anklänge an die Vagan- 
tendichtung (in der strophe Konrads wird auch das eis erwähnt, s. o.). 
3 • kann der baumesschatten aus der gelehrten dichtung bzw. vagan- 
sehrwo] entlehnt sein. Das Alexanderlied erwähnt ihn 5174%. 
und auch sonst ist er dem epos nicht ganz fremd; da mag aber der 
emfluss der vorlag« ach bemerkbar gemacht haben. 

Hinsichtlich der Verknüpfung von Winterschilderung und liebes- 
empfindung zeigt Neidhart im vergleich mit dem älteren minnesang 
wenig besonder« s. Bekantlich gehört hierher nur ein kleiner teil der 
winterlieder. während die anderen nach dem eingange eine Dörper- 

zahlung enthalten. Er steht mit jenen ganz auf dem boden dc< höfi- 

hen minnesangs, wenn er auch gelegentlich kräftigere töne ansehlägt. 
Auch er beklagt nicht wie die vaganten das aufhören des Liebesverhält- 
nisses im wint' indem die trübe Stimmung, in die ihn die geliebte 
zt. die seine liebe nicht erwidert, die um -einen dienest und 



VERWERTUNG DER NATUR DURCH DIE VA'.ANTKN V. MINNESINGER 

seinen sanc sich nicht kümmert, deren liebe ihm durch nebenbuhler 
entwendet wird, der er widersagt, wie der winter uns allen widersagt 
Bisweilen wird die gegenüberstellung bei ihm blosser verstandesmäs- 
siger vergleich, wie /. b. 79, 36 — 80. 2: mirst von herzen leide, da* 
der küele winder verderbet schoener bluomen vil: 80 verderbet mich 
du seneMchiu arebeit; oder 82, 3 Igg. in der etwas blasierten manier 
Reinmars: si Idagent, dax der winder kaeme nie vor manger vii 
seherpfer noch so stmnder, s6 Mag ich min vrouwen; oder 99, 6 fgg. 
der winter hat uns blumen und gras geraubt: (11) also hat ein wip 
mich beroubet gar der sinne u. m. a. Eine besondere Wendung ist 
noch 73, 26 fgg.: meine geliebte lässt mich ungetröstet: wie soll ich 
da den winterschmerz überwinden? Doch ist «las nur eine umkehr der 
typischen wendung: die liebe der trau tröstet über den winterschmerz, 
die natürlich bei Neidhart auch mehrfach sich findet, jedoch nur in 
der form des wimsches. 

Über den späteren minnesang ausser und nach Neidhart will ich 
nur weniges hinzufügen. Er hat mehr als irgend ein anderer sänge r 
einfluss auf die späteren ausgeübt: das zeigt sich schon in der über- 
grossen anzahl unechter lieder, die unter seinem namen überliefert sind. 
Ferner zeigt es sich darin, dass seine art der naturschilderungen sich 
mehr und mehr einbürgert. Aber man geht in der Personifikation 
noch weiter vor. Dem winter werden grimm, neid und zorn, wie im 
vagantensang rabies, ira, saevitia beigelegt; eine reichere auswahl von 
beiwörtern erhält er, so neben den oben genanten noch: ungehiure, 
ungevüege, reige, grimme, ungeslaht, unbescheiden, wodurch immer 
mehr der winter unter dem bilde eines riesen erschien, aber nicht 
eines riesen des alten germanischen heidentums, sondern eines riesen, 
wie ihn die höfischen epen schildern, mit dem der sommer oder mai 
als glänzender ritter kämpft. Zu den dichtem, die die persönliche 
darstellung des winters in dieser form besonders lieben und im einzel- 
nen darin berührungspunkte mit den vagantenliedern aufweisen, gehö- 
ren die beiden Schwaben G. v. Xeifen und U. v. Winterstetten , die 
Schweizer Steinmar, K. v. Landeck. W. v. Honberk, 0. zem Turne und 
der oberdeutsche Kanzler. 

Schliesslich noch ein paar worte über die deutschen Strophen der 
CB, welche wintersehilderungen enthalten. Es ist im algemeinen unhalt- 
bar, selbst wenn die deutschen Strophen inhaltlich mit den vorausge- 
henden lateinischen sich decken, daraus eine volständige abhängigkeit 
des deutschen minnesangs von der Vagantendichtung zu folgern. Aber 
es ist auch wider nicht zutreffend, wenn Burdach a. a. o. s. 162 sagt: 



26 K. RÖHBICHT 

..Die deutschen anonymen Strophen enthalten durchaus die alten de- 
mente der volkstümlichen naturpoesie in ungetrübter reinheit." Von 
der „volkstümlichen naturpoesie" wissen wir nichts gewisses und, um 
bei den Winterschilderungen zu verweilen, gleich 98a der storche win- 
der weicht von der terminologie des älteren minnesangs ab; der spä- 
tere minnesang hat, wie wir sahen, ähnliches aber nicht dasselbe. Das 
persönliche moment, das in dem attribut storch liegt, ist in der weise 
des späteren minnesangs, der nach dem vorgange der Vagantendichtung 
den winter personifizierte. Das lateinische lied 98 könte im algemei- 
nen die veranlassung der deutschen strophe gegeben haben. Vollends 
die wendung 100 a der winder der heiden tet senediu not zeigt so 
■ht die art des späteren minnesangs: persönliche auffassung des win- 
ters, aber dabei höfische terminologie, als mischung beider elemente 
(vgl. Psendo- Neidhart bei Haupt XLVil, 15 fg. ir schouwet an die 
linden, nie seneMch diu stdt, die der kalte winder also verderbet hat). 
Auch unter den übrigen Winterschilderungen ist keine, die der älteren 
art des minnesangs ganz entspräche; vielmehr tragen sie alle ohne aus- 
nähme die spuren einer zeit, in welcher fahrende kleriker und fahrende 
deutsche sanger sich mischten. 

KÖNIGSBERG I. PR. K. MAROLD. 



DIE JERUSALEMFAHRT DES HERZOGS FRIEDRICH 

VON ÖSTERREICH 
nachmaligen kaisers Friedrich III. von Deutschland (1436). 

Ein mittelhochdeutsches gedieht. 

In der litteratur des deutschen mittelalters nimt einen bedeuten- 
den platz die sogenante Palästinensische ein, das heisst die grosse 
gruppe der auf Palästina bezüglichen Schriften. Dieselben sind teils 
eigen*- reisebeschreibungen, teils bearbeitungen bekanter und wichtiger 
reisebücher, oder Instruktionen, in denen die pilger alles für die fahrt 
notwendige erfahren, also Baedekers, oder auch ablassbücher, welche 
die mit den heiligen statten verbundenen ablasse aufzählen, oder end- 
lich beschreibungen des heiligen landes resp. einzelner teile desselben. 
Wie gross die zahl dieser schritten auch ist — wir kennen bis jezt im 
ganzen nur zwei, welche in versen abgefasst sind, zu denen unser text 
als dritte und zugleich als älteste neu hinzutritt. Die pilgerreise des 



JERUSALEMFAHKT DE8 HERZOGS FRIEDRICH 1436 27 

lezten graten Philipp von Katzenellenbogen (143)5) ist nämlich nicht 
bloss in prosa 1 , sondern auch in einem umfangreichen gedieht von 
2550 verseil geschildert worden; aber dieses stamt aus dorn jähre 1477 
und ist bisher nur in einem kleinen brachstück bekant gewor- 
den 2 . Ausserdem besitzen wir noch über die 1480 von dem Ulmer 
lesemeister Felix Fahri unternommene pilgerfahrt eine gereimte dar- 
stellung. 

Unser text nimt daher, auch abgesehen von dem Lnteresse der per- 
son des reisenden eine bevorzugte Stellung in der mittelalterlichen pil- 
gerlitteratur ein; aber wir müssen doch auch gestehen« dass seine 
bedeutung für den behandelten stoff nicht gross ist. Die tradition in 
bezug auf die besuchten heiligen statten, für die der autor einen fäh- 
rer in einem ablassbüchlein besass und benuzte, erfährt keine bedeut- 
same erweiterung, und über den verlauf der ganzen reise erfahren wir 
wenig neues, nämlich nur den namen eines Peter Leschenbrand (v. 143; 
zulezt von allen namentlich aufgeführten teilnehmen] erwähnt!), den 
man als Verfasser anzunehmen geneigt sein möchte, und eine kleine 
notiz über die gefahr, welcher der herzog bei seiner abfahrt von 
Jaffa ausgesezt war, während die namen von drei mitpilgern fehlen 
und die übrigen fast genau in derselben reihenfolge wie in der haupt- 
quelle uns begegnen. Dazu komt, dass der text, welcher nur in einer 
einzigen handschrift erhalten, also nicht durch vergleichung corrigier- 
bar ist, viel lücken und offenbare Verderbnisse bietet, so dass wir die 
hilfe des herrn dr. Arwed Fischer zu suchen genötigt waren. Trotz 
alledem ist das litterarische und sprachliche interesse gross genug, um 
einen abdruck des textes zu rechtfertigen, als dessen gleichzeitiger 
Verfasser ein österreichischer reisebegleiter angenommen werden muss, 
da er vom Semring spricht (v. 303). 

Die hauptquelle für die geschiente unserer reise ist das vom 
kaiser Friedrich III. selbst abgefasste diarium 3 , welches auch in meinen 

1) Herausgegeben von Röhricht und Meisner, Z. f. d. a. 26, 348 — 71. 

2) Bei K. AV. Justi, Vorzeit 1821, 43 — 74. Die grundlage bildet der Giesse- 
ner codex nr. 161 (aus dem wider der Casseler codex 116, 64 — 79 einen prosaauszug 
gibt). Ein zweiter codex ist von dr. Ewald Wer nicke in der gräflich Solmschen 
bibliothek zu Klitschdorf in Schlesien entdeckt worden; proben davon im Herold 
1887 nr. 1 und in der Z. f. d. a. 32, heft 1. 

3) Jos. Chmel, Geschichte kaiser Friedrichs IV. und Maximilians I., Hamburg 
1840 I, 581 fgg. (vgl. 277 — 80); aus dem original gaben schon die Histor. docum. 
Styriae, Graeciae 1728, II, 77 — 78 und Hoheneck, Genealogie der ob-der-Ensi- 
schen stände, Passau 1732, 118 — 19 auszüge. 



R. RÖHRICHT 

Deutschen pilgerreisen 1 benuzt und von W. Xeumann 2 durch kleine 
beitrage ergänzt worden ist. 

Unsere handschrift, welche der leztgenante zuerst 3 und zwar auf 
mitteilung des hofrates dr. von Birk in Wien als eine Londoner aber 
ohne jede nähere Signatur nachwies, ist im dortigen Britischen museum 
Addit. 16592 s. XVI schmal 4° erhalten (fol. 12 — 22). Eine sorgfältige 
copie besorgte uns der conservator der handschriften dieser bibliothek 
herr dr. J. H. Jeayes, und lierr Hugo Bartels, secretär des Vereins 
deutscher lehrer in London, hatte die freundlichkeit, sie gründlich nach- 
zucollationieren. Beiden herren sei hiermit der herzlichste dank aus- 
prochen. 

1) 474—75. 

_ Die Jerusalemfahrten der älteren Habsburgischen fürsten in: Berichte und 
mitteilungen des altertums - Vereins Wien 1881, XX, 138 — 48. 
3) Ebd. 148. 

Kayser Fridrichs moerfart In zeit, als Er Ertzhertzog 

zu Österreich gewest ist. (fol. 12.) 

Da man zalt vierzehenhundert jar 

Vund in dem sechsundreissigstn jar, das ist war, 

Nach Christi gepurt, hab ich eruaren, 

Da hueb sich der Fürst hochgeborn, 
5 hörtzog Fridriech genanndt, 

von Österreich wol erkhannd, 

Hochgeborn vnd freyes muett, 

Der gab auf land, stet, lewt und guet, 

pnieder. Schwester, junckfrawen und Frawen 
10 Vund wolt dy Ritterschaft pawen, 

Zogt In seines lanndes her 

Zu seiner stat Triest, lewt bey dem mer, 

Dye Iren ern thet geleich. 

Sy warf auf dye panir Österreich. 
15 Zu dem Furstn Riden vund giengen 

Mit dem hayltumb sy In empfingen 

10 Es ist die ritterschaß des heiligen grabes gemeint; vgl. Röhrichl . 
Deutsch' jjilgerreisen (Gotha, Perthes) 8. 23 fg. 

12 Triest war seit dem jähre 1382 österreichisch. 

16 Reliquien wurden dem ankommenden fürsten in proecssion entgegen- 
getragen. 



JERUSALEMFAHRT DES HERZOGS FRIEDRICH 1436 29 

vund belaytten In Ein und beginn! n in ern 

als dann ain stat Irm Rechtn herrn. 

Daselbs der Fürst des Rastn phlag 
20 Vuntz auf den versprochen tag, 

Das er weit wusen der von; 

Man zaigt sein wappen slachen on, 

Dve Ritterleichen sind erdacht 

vund maisterlich sind volbracht 
25 Griten, Rot, weis gemacht 

mit golt Silber gesprengt . . . 

Jedem nach dem seinen weis 

wie er scholt haben des Schildes preis. 

Da pey dem weisen wurt erkandt, 
30 von wan yeder geadl wer von land. 

der edl fürst het In erdacht, 

wie dv Rais solt werden volbracht, 

vund wolt auch nicht abelan, 

Solt Im das leben darumbe zergan; 
35 Er wolt gein heilling grab kern, 

got zu lob dy Ritterschaft mera. 

Umb sand larentzentag das geschach, 

Das man den Furstn auf prochen sach (fol. 13.) 

Zu dem vor genanden jar, 
40 Als ich hab gezelt vor, 

und emphalh sy dem patrian, 

das er In aufs mer schift hin dan 

22 Vgl. den ausdruck v. 150. 

24 vobbracht hs. 

25 Sonst werden rot und weiss als wappenfarben Österreichs genant. Auch 
die heutige kriegsflagge ist rot -weiss -rot; aber in der Handelsflagge ist der untersU 

streifen zur hälfte rot und \ur hülfte grün. 

26 Nach diesem verse ist eine lücke. 

30 geadel adjeetivbikhing vergleichbar mit gemäc, geslaht und ähnlichen 
Grimm, Gramm. 2, 740; bisher in keinem wörterbuche belegt. 

32 Die hs. in prosaischer Wortstellung volbracht werden. 

34 darumbe n zergen hs. 

37 Friedrich selbst sagt im diarium 584: .,in dem sex und dreissigsten jar 
an Sand larenezen abent pin ich zu Tristi ouff das meer gesessen.- Es war der 
9. august. 

41 patrian = patron, schifsführer. sy = sie, d. h. die ganze marmsehaft? 
oder fehler der hs. statt sich? 



30 R. RÖHRICHT 

vund In dann aufs Strasse solt kern. 

wie In got mit geluckh tot Lern 
45 auf dos wildes mors flut, 

das mit Im selbs puetunt tlniet. 

maniger thuet von pressen sagen, 

das sey das guet vil gelt zeriagen. 

Ich lass yodom soin Red wol pawn 
50 dy heilling stet sind auch gets besehawn, 

wan doch ainer zu aller Frist 

Auf dem mer nimen sicher ist, 

er wais nit, wann ain wind her waet 

vnnd In an ain Insel siecht 
55 Vunnd er demnach frue und spat 

Gefanngen lewt, kain Rue nicht het 

des ist gein preissen nicht hin ein; 

drey wochen mag er zu hanncl sein, 

das Im dve Strasse ist frey erkannd 
60 Recht als war er da haim pey dem Land, 

wiert dann ain streyt da gethan . . . 

Oder das man zu fallen thuet 

ledig macht vmb guet. 

Wiert man auf dem mer griffen on, 
(55 man mag nicht gewevhen an den pan 

so hat es auch ain solhen lauf. 

43 = auf dit richtige Strasse leiten? 

44 Lernen ks, 45 das hs. 

46 puetunt wol fehler der hs. statt wueten, wiieten. 

47 — 74 Die teilweist entstell überlieferten verse sollen die gefahren der see- 
reisen anschaulich machen. Als ein geringeres misgeschick erscheint es dem autor, 
wenn man auf eine insel versehlagen (54 fg.) und selbst dort gefangen gehalten 
aird (56), denn aus der gefangenschaß kann man in drei wochen (diese bestirnte 

Uangabe ist auffällig!) durch Waffengewalt (62) oder lösegeld (64) befreit werden. 
hlimmer aber ist es, wenn man auf dem murr angegriffen wird (64 fgg.: vom 
stürme? oder von Seeräubern?). Hier kann man nicht auf die (rettende?) bahn 
entweich i iL 313); d<i.< meer nimi keinen ins gefomgnis (07). empfängt auf], 
kein lösegeld (68), sondern es tötet ohne pardon. — pressen 47, preissen 57 sind 
eüeicht verdorben out n = drangsale, gefahren, besonders muh von sturm- 

gefahr auf der Seereise, s. mhd. ab. III, 396 
) gets hs. lies guet ze? 
51 Frost hs. ~ 2 lies ninier? 

54 an fehlt hs. 62 that hs. 

gewevhen wol statt mhd. gewichen = entweichen. 



JERUSALEMFAHRT DES HERZOGS FRIEDRICH 1436 31 

Es nimbt enkhainen zu vancknus auf, 

biet ainer all«' weit zu geben, 

es Avil nur haben leib und leben. 
70 allst > uerstet wer merckhen well, 

ob yndert khumbt ain ongeuell 

«loch ist paydenthalben guett, 

wer Ritterschaft treiben wil oder thuet, 

Oder das gelt zeriagen klar. 
75 Gott half dem Furstn mit seiner schar 

Durch Insel, stet vuud wellische land 

dy pey dem mer sind wol erkannd, 

durch Ziprizippern das konigreich 

Für porttn vund Annder Reich 
80 vund kham zu dem gesegentn Lannd, (fol. 11.) 

das Jerusalem ist genanndt. 

dy hayden das vernamen, 

mit eseln sy dar khamen, 

dy er da muest Reitten; 
85 Also wandert er in ains piligreim weis, 

des gib ich im den ernpreys, 

vund all dy mit Im zogen dar 

der heilligen stet nemen war 

der will ich ow zu erkhennen geben 
90 das Ir Furpas mugt merckhen pflegen: 

Graf erberhart von Kragberg, 

Graf pernhart von schaunberg, 

nu merckhet dy herrn Recht: 

Neyperger herr albrecht 
95 vund her jörg von Puechaim, 

her hans von neyperg ich auch niain". 

Sigmund erberstarffor, 

Lewpolt Stubenberg tor. 

71 ongevell u-ol = mhd. ungevelle Unfall, misgesehick. 

78 Die insel Cypern ist gemeint. 

86 in denn hs. 

89 ekhenen hs.; ow eine sonst nicht belegte Schreibung des dat. plur. iu 
= euch. 91 lies Kirchberg. 93 nit hs. 

95 Georg von Puchaim aar ehemaliger gesamter des Herzogs Er //st (Neu- 
mann, Jerusalem fahrten s. 147). 

97 Sigmund von Ebersdorf. 

98 Ein loch im papier. 



32 R. RÖHRICHT 

Hanns von Kururing wo] erkhannd 
100 Ott 70D Stubenberg genand 

paul potendorfer, ein berr guett 

hanns von puechaim vol gemuet. 

prerthtold Lassenstainer, 

her wilhalm pernckeer, 
10f) hanns von starhemverg da pey, 

von ekartsau lier lutweig, 

Virich von polham Tugentleioh, 

Wolfart von winden desselben geleidi. 

Xu lass ich dy herrn stan 
110 vund an Ritter vnd knechtn 

Hanns vngenand ir mercket pas, 

der des Furstn marschallich was, 

Wolfart fuchs hubscher sit 

pachart von elbach auch damit 
115 Sani reich Silberweiger, 

hainrich etzenstoffer 

[Ulrich Schaur frisch] vund frey 

Jörg Fuchs auch dapey, 

Lutwig von Rodenstain, (fol. 15.) 

120 Holnecker her antoin 

Xiclas von pollentz ir mercket eben 

Cristan Tenffenplich darneben. 

Veit wolkenstainer, 

lewpolt Tuemer, 
125 vund der Jörg appholtrer, 

103 Berthold von Losenstein. 104 wilhalbm hs. 

10G ekart .sam hs, 

111 Hans Ungnad von Weissenwolf. 

113 Wolfart Fuchs von Fuchsberg nur von 1462 an ho fmar schall Friedrichs. 
habscher sit (hs. seyt) = ein mann von höfischem anstände. 
115 Gwmaret Süberberger. 
11G = Ene uistorffer. 

117 Du eingeklammerten worte am rande von jüngerer hand ergänzt für 
i lücke im t<. ,/r. Gemeint ist Ulrich Satirer. 

118 Fuchs von b '//'•//.• I» ry. 

120 Sonst wird er Andreas von Holenecker genant; vgl. 138. 

121 Nicolaus von Pollenex. merckert hs. 

122 Tristan von Tbufenpechk {leufenbach, TiefenbacK). 

124 Leopold Taumar. 

125 Georg Apphalterer. 



JERUSALBMFAHRT DIES HKBZOGS FRIEDRICH 1436 33 

her Lienhart Harracher, 

her Fridrich meiner, 

Wernhart Jähenstainer, 

Vlrich Flodintzer, 
180 Hanns Wolkenstainer, 

Jörg Schernem zu diser Frist 

Hanns Sawrer auch da gewesen ist, 

panngrätz Rintschat chamrer 

lier Hainricli Zebinger, 
135 wilhalbm von der altn erkhand, 

Sigmund windischgretzer genand, 

Wilhalbm Reisperger, 

her anndre holneck er, 

fridrich Lugäster nempt war 
140 Jörg stamrietter der Bitterschar 

Hanns lampoltinger, 

lier liennhart vilsshekker 

vnd der petter Leschenprand. 

maniger ist mir wol erkandt, 
145 wann der red wer va\ vi 11, 

der Ich darumb nicht nennen will. 

Ir lob Avil ich tachtn (sie/) sagen, 

Chainer soll mirs ver übel haben 

ob ainer pegind vor dem andern stau. 
150 Ich slag ir nit mit wappen an, 

Ich hab euchs nur mit nainen genant. 

127 Friedrich Tiutncr. 

128 Bernhard Tehenstainer (= von Daekenstein). 

129 Ulrich Fleh iiiiicxer. 

130 Sonst Hans Waldstainer genant. 

131 Georg Seharnomel = Tschern&mbl 

132 Hans Saurer. 

133 Pankraz, Rinkschckad. 

134 Haidenreick Cxebinger. 

135 Wilhelm von der Alben. 

138 Anton Holenecke r: vgl oben vu 120. 

140 Georg Steinreuter. 

141 Hans LampoUiner. 142 Lienhard VUsecker. 

143 Dieser wird sonst nicht genant; dafür fehlt aber unter den reisebeglei- 
fern Sign/and Kirberger, Hans Qreüeneeher und vor allem der bisehof von Triest 
Martin (de Cerottis), welche von Friedrieh selbst noch erwähnt sind. 

146 nenen hs. 

ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XXni. ^ 



34 R. RÖHRICHT 

das Irs hin für erkennt. 

Da sv kumeu zu der stat 
vnd zu dem tempel, den mau hat 
155 Grepawt in ern der heilling stat, (fol. 16.) 

die mau in da zaigen tet: 

vor dem tempel lewt aiu merbelstaim 

gemerckhet mit der kreytz zwain. 

do vuuser herr Ibesus krist 
160 vuuder dem kreytz nider gesigen ist. 

Im tempel, wers gemerckert hat. 

vnnser Fraweu kappellu stat, 

In der kappellu au der fart 

das heillig kreitz ist bewart. 
165 dapey im eck ist der stein, 

da got gegaisselt ist allein. 



vor der kappein ain stain stat, 

da got Marien Madalenien erschinen hat. 

So get man in am kappein hin, 
170 do man got iu aineu stoeh slueg in 

vund trues: in dv höh an dy vart. 

bintz das das kreitz gemacht wart. 

dabey am alter der stain sewl ist, 

do vunser herr Ihesus krist 
175 wart gepuuden An, 

Do man hin drucket im dy kran. 

Dabev nabent ain alter ist, 

dy Ritter an diser frist 

vmb das gewand gotts 
180 spiltn triben Irn spot, 

so get mau iu allen kapelleu 

dye das chreytz tet vindt meltun (sie!) 

vund an ain stiegen ab, 

so das kreytz verporgen lag, 
185 dapey ist dy stat. 

• wird nur ein hrev/k erwähnt (Tobler, Golgatha 31 fg.). 
erschin hat hs. Nahe läge es die beiden verse so zu rekonstruieren: 

vor df.-r kappein stat ein stein, 
da got Marien Magdalenen erschein. 
171 vater hs. L73 Tobler, Golgatha 341 fg. 

Zur sache sieht Tobler, Golgatha 302. 



JERUSALKMFAHRT DES HERZOGS FRIKDRICII 1436 35 

da man got gekreitzigft] hat, 

und Maria under Irm kind 

vuiul sannd Johannes gestannden sind 

da ist ain kapein, das glawbt, 
190 da man hat Funnden adams haubt 

vund ain merbelstein, 

da nicodemus ich Joseph niain 

Got von dem Kraitz namen ab 

vund Mariam auf Ir schos gab 
195 Dabey nahend ist das hälig grab (fol. 17.) 

verporgen in dy ert hin ab 

darauf man den Forstn werd 

zu Rider slueg mit dem swert 

wind graffen, herren, Ritter Freyen 
200 wer golt wolt tragen, muehet Ritter sein 

da wart In das swertes segen 

nach kristenleicher Ordnung geben, 

damit man lewt vnd waisen 

schol beschirmen in den Fraissen. 
205 pey dem heilling grab ist dy stat, 

da got seinen jungern gezaiget hat, 

es sey mittn in der weit. 

das ist alles im tempel zeit. 

So begind man Auf dem Ollperg gen 
210 durch dy stat Jerusalem 

da das Pilata (sie) haws stat 

und dy schorn, da man in hat 

* 7 

188 ist statt sind hs. 190 Tobler 294 fg. mein statt man hs. 

194 Tobler 344 fg. 

198 Albreckt r. Neiperg schlug ihn daxu (Chmel. 279). 

204 ..welcher ritter wirt zu Jerusalem auf dem heil, grab, der mues ßberen 
dreu stuk: das erst widib und waissen ze peschirmen, das ander recht gericht zu 
fuern dem arm als dem reichen, das dritt, wan man das hailig grab mit gewalt aus 
den henden der haiden vnd der vngleubigen gebinen vnd nemen wold, so sol ein 
ieder, der da ritter wird, daselbs hin komen vnd darzu mit allem sinem vermögen 
helfen vngefehrlich ti (Diarium 584). Vgl. auch, meim Deutsch',, pilgerreisen 32 fg., 
wo alle nötigen materialien für die geschickte des heil, grobes - ordern nachgewie- 
sen sind. 

207 über diesen „Weltmittelpunkt" vgl. Tobler, Golgatha 326—29. 

211 Tobler. Topographie Jerusalems I, 220 fgg. 

212 schorn = geriehtsbank, gericht (mhd. sehranne: Mhd. üb. 14'. 203 h ; 
SchmeUer, bayr. üb. U\ 604). 

3* 



36 R. RÖHRICHT 

ereurtailt vunsern heim Jhesus Kiist, 
dapey Simains haws ist 

215 das aussinerki^en solt ir versten 

darin sannd Mari magdalen 

all ir sund wurden vergeben. 

Joaehiu hausfraw annen darneben, 

da vunser firaw ist geborn 
220 vuns zu ainen niauttern ausserkhorn 

da ist. der weyer probatica piscin 

da der pettris mensch gesund wart in, 

vunser Frawen schul pey diser stat, 

vund da er got entgegent hat 
225 da er das Kreitz trueg auf dem Rucke sein 

vmb vunser schult vund pein. 

den pach Zedron vber man get, 

da Josephat das tal stet, 

vunser Frawen Kappeln zu diser Frist 
230 vund da sy begraben ist, 

auf den Ölperg man sy fuern tet, 

da zaigt man vil der heilling stet 

do er pluedig schwais geswitzet hat 

vund er seinen vatter pat, 
235 ob er der martter übrig mocht sein 

umb vunser schuld vund pein. 

Dye heilligen stet lass ich stan, (fol. 18.) 

der edl Fürst zog her dan 

von dem perg vund stat Jerusalem 
240 da got ist geborn gein Bethlehem 

vunder wogenn ist das grab rachel, 

Sannd Josep prun ir mercket snel 

da dy heilling könig drey 

Euehten Rastn slieffen pey; 

217 all ir sind vergeben wurden hs.; vgl. 32. Über die sacke siehe Tobler, 
Topographie Jerusalems I. 439. 

218 fg. die heutige St. Afmakirche; vgl. Tobler 1, 429 fgg. armen hs. 

221 pisan hs. : probatica piscina = schafteich. Erang. Joh. 5, 2 fgg. 

222 pettris = ahd. bettiriso, /////'/. bettirise, paralyticus. 
229 Frust hs. 

239 Jemsalen hs. 240 wet lehen hs. 

1 Das Grob Rakete, Genes. 35, 19; hs. voeliel. 
243 drey konig hs.; vgl 32. 217. — Siehe Tobler, Topographie II. 530 fgg. 



JERUSALEMFAHRT DES HERZOGS FRIEDRICH 1436 37 

245 zu Betlehem, im tempin stat 

dy kripen, da got in hat 

gelegen in der khinthait frey, 

da ist ain alter oben pey, 

da selbst got beschniden was; 
l'50 dy mainung Jeremias 

vund dy Grab sein .... 

vund dy wanung der kinder, 

dy herodes getötet hat, 

da selbst auch ain kirchen stat 
255 da selbs ain hol ist, 

da vunser Fraw zu diser Frist 

Mit Irin kind verporgen 

ist darin gewessen mit sorgen 

von herodes wegen an diser stat, 
2(30 der dv kinder totten tot. 

Neben aus in ainem talle stat 

ain kappein, da der engl hat 

den hertern gechundet, das 

got selber geborn was. 
265 der edln Fürst in hochen ern 

beschawt dy stet, begunnd khern 

gein Jervsalen in dy stat, 

darnach hueb er sich vil drat 

zu Kaissen zu dem Jordan, 
270 da ist getaufft von dem Johan, 

und gein bethania auf der fart, 

da lazarus erkuchet wart. 

Der heilligen stat wil ich getagen, 

es ist zu lannckh dauon zu sagen. 
275 vierundfunfzig hab ich gelesen, 

245 wetlehem hs. tepln hs. 

247 Tobler, Bethlehem 159 fgg. 

250 lies wanung, wie 252. 

251 Tobler s. 92 — 95. Hier ist eine lücke. 

253 Tobler, Bethleheyn ISO fgg. 254 krioheu hs. 

260 Tobler, Bethlehem 230. 264 Ebenda 253. 

268 drot hs.; = mhd. dräte, schnell, hurtig. 

270 Nach da fehlt got oder er. 

272 larzarus hs. erkuchet = mhd. erquicket, neubelebt. 

273 getagen =: mhd. gedagen, schweigen. 



38 B« KÖHKICHT 

wers beschawt hat, da ist gewesen. 

newnundzwaintzig hab ich gezelt 

vund besunnder auf der weit 

von yeder stat besonnder, wan 
280 ist schuld vund pein hin gethan, 

funfundzwaintzig mereket bas, 

von yeder Sibben jar ablas 

vund Sibben Korret. dy dar sind geben 

von der pabst gewalt im segen. 
285 So woU dye Riderschaft geborn (fol. 19.) 

dy den antlas haben eruaren, 

vund da got dy martter gelittn hat 

umb vunser schuld vund rnissitat; 

nu wo ist beser Rider schaft, 
290 den got in der mensehait graft 

Syeh vernewet hat nider taugen 

vund vns hat pracht zu Rechtem glauben; 

dy alte ee setz hin dan! 

Der edl fürst wolt daruon 
295 vund emphalh sich an der selben stat 

In der pruederschaft der munich pet 

mit seinem oppher, das er gab 

Got zu lob dem heilligen grab. 

vund wolt wider zu dem mer. 
300 Dye hayden heften das vernomen: 

zu den Fnrsten sv kamen 

vund belaitten In nach Irm synn 

Als man dy seurner über den seinering 

280 Der autor m< int die oben .v. 20 erwähnten pilgerführer. 

283 korref wol verdorben aus quarenen = quadragenae , d. h. die vierxig- 
tägigen fasten mit dblai 295 den hs. 

297 Für die beherbergung im Zionskloster machten die pilger nach ihrem 
Franziskanern geldgeschenke. 

300 fgg. Die j>H<j< r wurden bei ihrer landung in -Jaffa von muslimischen 
emiren empfangen, gezählt und unter ,i<mli<-h starker eskorte gegen Zahlung einer 
bestirnten geldsumme muh Jerusalem gebracht, ebenso x/urück nach Jaffa. Diese 
gelegenheit ward r<,a ihm,/ regelmässig vu allerlei erpressungen und rohen spässen, 
ja sogar zu gewolttätigkeiten bemixt, besonders wenn sie unter ihn pilgern einen 
fürsten oder reichen herrn vermuteten oder durch verräterei der mitreisenden 
erkanten. 

303 saimner hs.; Mhd. wb. ff. 2. 474*. Za der folgende n Schilderung ver- 
gleiche mau Grünbeck, Leb< Schreibung kaiser Friedrichs HI (Tübingen 1721) 



JEBUSALEMFAHRT DE8 HERZOGS PHIEDBIGH M 39 

Treiben thuet hie zu lannd. 
305 Aventewr wart im erkhannd 

vund kam zu des meres Baws 

mit falschen haiden prauss, 

dy da Letz woltn haben, 

dy der Fürst muest begaben, 
310 wan sy sprachen, sy erkanden mer, 

das ainer von Österreich da wer. 

Also schift er sv hin dan 

auf dy dann des meres pan, 

also zogt er offenbar und taugen 
315 vunder haiden gelauben. 

Das komen im engegen 

zwen kokken verwegen. 

auf schray der patrian, 

Schalt beschaw ain vecler man 
320 vund solt sy balt gerechtn, 

als man da nu solt vechtn, 

da warf man dy panier auf, 

in des windes lufftes lauf 

sach man zierlich sweben, 
325 Trumettn auf nach Furstn leben. 

Da pey begunnd der Fürst stan, 

dass man sollt greiften vechten an. 

des hat Sych der Fürst verbegen, 

da kam im potschaft engegen 

s. 24: ..alls er mit seinen gefertten etile heilige Stett heimbgesueht hett, ist er 
(s. 25) mit ettliehen bekhandten Jueden undter die haidnisehen kaufleutte gangen, 
Perlen wind Edelgestein von Ihnen kaufft, aber der schimpft wert bald :>< einem 
ernst gerathen und hett könig Friedrichen einen traurigen heimbtwaeg vuegefüget, 
denn sie waren kaum auf den Esel \ue den Schieffen khumben, das Oesehrey an 
einon geiciessen Ursachen uns im gantxen Land erhalten, der Christen- Kaiser 
Kare vorhanden, unnd als ein grosser Zuclauff wierdt von den haiden, mit waffen 
\ue den Sehieffen ein grosser thail xuesicht. wie die Schieff wegfahren, heisst der 
Khönig von Lanndt stossen, auftrummeten unnd den Adler fliege// lassen. Alss die 
haiden das sehen, eilten sie inn grossen grimmen unnd mit mannicherley Sehies- 
sungen nach. Allss aber der Khönig oberer ist, fahren si< mit Schanden wie- 
der umb hinder sieh." 

310 spachen hs.; mer hs. statt maere = künde. 

313 vgl. 65. 

314 offen war hs.; taugen = mhd. tougen heimlich. 
317 = koggen, grosse schiffe. 



40 K. RÖHRICHT 

330 viind Frawntschaft verjahen 

Vund begunnden Im doch Qach gahen (fol. 20.) 

Da schickht got von hiniel, das 

der Wint des Purstn tail was 

vund schied sew paidentlialben gleich. 
335 Also kam der Fürst zum König Reich 

vund geiu Zippern nitalstzia in di stat, 

darnan in grosse er erpatt, 

vund hueb sych wider von dem Land 

da schlief der konig alzu hannd, 
340 wo er zu laitten wolt, 

das man sein wol pflegen solt. 

Als weiter Met zu pietten, 

daselbs dv weisen Rietten. 

Also zog er in Ritters wer 
345 gein Yinedig, leit im mer, 

der hertzog von Yinedig gen Im 

mit den purgern, dy da Herrn sein, 

auss der stat woll verpracht 

zogen gen dem Fuerstn mit Rechter macht 
350 vund belaittn In ein mit grossem praws 

In dve stat zu dem haws, 

dar inn lag der Fürst Rain. 

Sy zaigatten im schätz und Edisgstain, 

da> sy bey tag und auch bey nacht 
355 vor manigen jarn zu samen haben pracht. 

Schanckumb lob er vnd wiertigkeit, 

dye wart dem Furstn da erzaigt, 

dy zeit damit Frewnd volbringen 

in lob der erngedingen, 
360 dy da zum hochstn begunnd stan. 

Dar hueb sich der Fürst der von 

vund kam fuer sein land reich 

330 />/. : sie bekanten freundliche gesinnung, und begannen ihm doch nach- 
teäen. 

330 Der name Nicosia ist arg verstümmelt. Hier auf Oypern <„tpfieitf/ 
Friedrieh wie die meisten dort Inmleiulen rUtrr auch die St. Oeorgsrüterschaß. 

340 Es war Francesco Foscari, von dem er am- 16. juni 1436 auch einen 
icherkeitsbrief erhalten hatte, Ghmel 277. 

39 Friedrieh kaufte dort damals für 2799 gülden kostbar keiten, die im 
diarium ÖT'.J — 580 aufgezählt sind. 



JBBUSALEMFAHKt DES HERZOGS FRIEDRICH I- 11 

mit grossen freyden yonnsamklich, 

dye man im vber all 
r56f> der zaigen tet mit Lobes schall. 

Da offent er das golde klar 

mit der seiner Ritter Bchar 

hemel, perl, edlgstairj 

zu trafen mit il^v Frawen Kain 
.'!7i> vund den keuschen junckfrawen in ern, 

das pracht vuns der Fürst Herrn 

von Orient hab ich erfaren. 

Das erst ist zu Ritter warn .... (fol. 21.) 

das klare liecht der Stein erschain 
375 vund auf dem grab des herra krist 

der got aller götter ist 

vund sein wunder da hat volbraeht, 

alls er im dann het erdacht 

hm disem wessen der ewigkhait. 

368 hemel wol verderbt oder verlesen ans korel oder korall. Diese beiden 
Schreibungen des Wortes finden sich bei Verdeutschung des lateinischen corallus in 
einem wbrterbuche der fürstl. bibliotkek \u Donaueschingen vom jähre 1421, vgl. 
Diefenbach, novum glossarium lat.-germ. s.113. Korallen gab es neben perlen und 
edelsteinen schon damals namentlich in Venedig (vgl. v. 353. 359) vielfach x/u kaufen. 

373 Xach diesem verse eine Jucke. 

BERLIN. R. RÖHRICHT. 



ÜBEE EINE CONJECTUB IN DEE NEUEN LUTHEK- 

AUSGABE. 

In Luthers deutscher auslegung des 67. (68.) psalmes, zuerst 
erschienen Wittenberg 1521, steht der satz (bd. VI 11, s. 14, z. 11 fgg. 
der neuen Weimarer ausgäbe von Luthers werken): 

Die hebreisch sprach hat ein art } das sie eyn haußmutter oder 
ehlich weyb nennet ein haußtxihr, dan wo weyb and Lind 
thett, were viUeieht wider hauß , dorff noch stete auff erden. 
Der gespert gedruckte satz steht so in den beiden ältesten aus- 
gaben A B, ebenso — nur mit der Variante thet — in CDE; die Er- 
langer ausgäbe hat, offenbar aus conjeetur, für thät eingesezt: nicht 
thät. Der herausgeber dieses bandes, herr pro f. Kawerau in Kiel, 
nahm anstoss an den für uns in der tat unverständlichen worten und 
sezte nach einer nur wenige buchstaben ändernden conjeetur in den 
text: ico weyb and länd feilet. 



42 ERDMANN 

Die» 1 wort'' geben ohne frage den der stelle entsprechenden und 
von Luther beabsichtigten sinn richtig wider; ich muss aber dennoch 
bezweifeln, dass die änderung des von allen alten ausgaben übereinstim- 
mend gebotenen textes aotwendig war. Herr prof. Kawerau ist, wie 
er mir freundlichst mitteilte, wegen der in den texl gesezten conjeetur 
selbst später bedenklich geworden, weil ihm in der gleichzeitigen litte- 
ratur noch zwei sehr ähnliche anwendungen derselben verbalform thet in 
einem bedingungssatze aufgestoßen ist. Es steht nämlich in Luthers 
auslegung von L. Kor. 7 (1523) B 4 b ganz ähnlich: ia wen die vnkeu- 
scheyi thete; ferner bei Petrus Schultz,, Ein büchleyn auff frag vnd 

itwort, gedruckt L527 1 , auf blatt A' ; : ich erlange hülffe .... durch 
den glauben wenn der glaube thet rrmste ich vorlore/t werden. 

Ich erlaube, dass dieser satz ebenso wie die Lutherschen in verbin- 
düng zu bringen ist mit den im mhd. häufigen conjunetivischen bedin- 
gungssätzen mit einfacher negation ne oder en- vor dem verbnm (s. 
meine Grrundzüge der deutschen syntax § 188); und die reichhaltige, 
noch nicht genügend bekante und ausgenutzte samlung von Dittmar 
im ergänzungsbande dieser Zeitschrift (1874) s. 228 bietet gerade auch 
zw. i Beispiele, in denen in solchen sätzen das verbum tuon im conj. 
prät in einer jenen beiden stellen genau entsprechenden bedeutnng 

ht, nämlich = hilfe tun, hilfreich wirksam oder vorhanden sein, 
was mit hinzugefügter negation in die bedeutnng übergeht: überhaupt 
nicht vorhanden oder nicht da sein. Die beiden schon von Dittmar 

geführten -teilen sind: Gedicht vom priester Johann (Altd. bl. I, 320) 
v. 470 fg. des er lichte wurde irre so, entete daz selbe gestirne dö 
(= wenn das erwähntt gestirn nicht wirksam — d. h. leuchtend, sei- 
ner natur entsprechend da wäre). Livländ. chronik (ed. L. Meyer, 
Paderborn 1876) 7072 cnt,t< got mit siner craft (= wenn gott mit 
er kraft nicht da wäre), si en mochten niht beltben. Die gleich- 
artige! t beider -teilen mit den beiden oben angeführten ist einleuch- 

ncL Nun bildete sich, wie algemein bekant und auch in meiner Syntax 

151. 152 mit beispielen belegt ist, schon im mhd. die neigung aus, 
in solchen sätzen das schwachbetonte en- vor dem verbnm zn unter- 
drück- Meist wurden dii ätze dann durch das zugesezte danne, 
nhd. denn charakterisiert; aber auch ohne dieses kommen sie schon mhd. 
vor, oft mit schwanken der handschriften zwischen geseztem und feh- 
lendem en-, wie z. b. Nil». 14. 4. 906,4. Freidank 4, 17. Man muss mm 
wol annehmen, da— ein solches taete in der bedeutung von entaete, 

1 1 Ein neudrack dieser kleinen katechetischen Schrift erscheint demnächst in 
Braunes samlung. 



EINE OONJECTÜB DBB NEUEN LUTHEBAUSGABE l.i 

d. h. nicht täte, an welches sich das Sprachgefühl in conjunctionslosen 
bedingungssätzen gewöhnt hatte, auch in bedingungssätze mit wenn 
oder wo gelegentlich eindringen konte; und gerade die formelhaftem 
gebrauch«' sich nähernden und isoliert dastehenden Verwendungen i\<>* 
conj. prät. von tun in der oben angeführten bedeutung scheinen dazu 
besonders geeignet gewesen zu sein. Die vorauszusetzenden stufen des 
Überganges aus dem in jenen beiden mhd. stellen bezeugten sprach- 
gebrauche zu dem in der Lutherstelle von L521 vorliegenden wären 
also etwa: 

1. mtaete wip unde lernt. 

2. (ex) taete (danne) wip unt Mint. 

'). wo (so, wenn) weyb und bind thät. 
Vielleicht lassen sich sowol für diese bedeutung von tuon als auch 
für diesen gebrauch des conj. prät. ohne hinzugesezte oegation in 
bedingenden nebensätzen noch weitere beispiele aus der Übergangszeit 
vom mhd. ins nhd. auffinden. Beide fragen seien den Kennern der lit- 
teratur jener zeit zur beachtung empfohlen. 

KIEL. OSKAK ERDMANN. 



GEESTENBEEGS BEIEFE AN NICOLAI NEBST EINEK 

ANTWOET NICOLAIS. 

Im folgenden werden sechs briefe Gerstenbergs an Nicolai und 
die einzige mir lugängliche antwort Nicolais tum ersten >>mh ver- 
öffentlicht 1 . Sie werfen auf die Schlestoigschen litteraturbriefe um min 
neue lichter. 

Max Koch hat in seiner Monographie über Sturz s. 95 nicht 
ohne Seitenblick auf die Herderforsch ung den satx hingestelt: „deshalb 
tritt ich auch gerade an dieser stelh das Zeugnis ablegen } wie wenig 
stilistische gründe als entscheidende beweise — für autorfragen näm- 
lich — angesehen werden können" Er glaubte dürr// mehrere, nicht 
gerade unbedingt zwingende parallelen des stiles auf einen anteil Stur- 
xens an den Schleswigsehen litteraturbriefen schliessen tu dürfen, 
honte dann aber dagegen das teugnis von Gerstenbergs nachlass an- 

1) Die originale befinden sieh in Nicolais nachlass, welchen kürzlich du 
königliche Bibliothek in Berlin erwarb. Ich nahm die abschrift, als sie noch im 
besitze der fa/milie Parthey waren, und danke der frau Veronica Parthey für die 
erlaubnis der benutzung. Nr. 6 wurde mir im jähre J s 77 aus der autographen- 
samlnng des herrn postdirektors a. d. von Scholl in Stuttgart durch die gute des 
verstorbenen oberbibliothekars C. Hahn in München zugänglich gemacht; der imye- 
nante adressat ist von mir wol richtig erraten. 



44 WERNER 

führen, wonach Stur% keinen unmittelbaren anteü an ihnen hatte. 
Die philologische methode, so muss man nach seiner darstettung nun 
überzeugt sein, kann auf falsche wege fähren, gibt trügliche beweise. 
Unsere briefi zeigen aber, dass Kochs Untersuchungen die glänzendste 
bestätigung der historisch -philologischen methode sind, denn es ergibt 
sich, dass Gerstenberg in den briefen absichtlich den stil verschiedener 
autoren nachgeahmt habe. Wenn Koch also Sturzens stil hat ent- 
decken wollen, so ist dies allerdings richtig; nur haben wir Gersten- 
bergs nachahmung von Sturzens stil vor uns. Schon um dieses 
umstands willen verdienten di< folgenden briefe veröffentlicht zu wer- 
den. Überdies enthalten sie so viel des interessanten und litterarisch 
wichtigen, dass geradi j< \t ihre mittcilnng ratsam erschien. 

Hauptsächlich Khpstock und die musik, ferner noch der stil wird 
in den briefen hehandelt, welche ihrer eigenartigen halb humoristi- 
schen, halb groben form wegen gawx und unverkürzt abgedruckt wer- 
den 1 . Anmerkungen habe ich nur hinzugefügt, wo es unerlässlich 
schien. Beim lezten /'riefe wurde nur das eine citat aus Ciceros brie- 
fi. n an Atticus vollständig gegeben, bei den anderen genügte ivol die 
andi utung. 

LE3IBERO, AM 19. JAN. 1889. R. M. WERNER. 

1 1 Nur in der kopie des Nicolaisehen b rief es liabe ich die unzweifelhaften 
fehler des abschreibers verbessert. 



Nr. 1. Crerstenberg au Nicolai. 

Liebster und geehrtester Freund, 

Wofern mein außerordentliches Stillschweigen mich noch der 
Vorrechte Ihrer Freundschaft nicht beraubt hat, so laßen Sie mich Sie 
itzt so nennen: wirklich kann ich mir diese Freundschaft kaum jemals 
ehr als ein angenehmes Geschenk gewünscht haben, als ich sie nun 
für einen unentbehrlichen Besitz ansehe, da ich Ihrer großmüthigsten 
V; rieht bedarf. Wie weit ich diesen Begriff der Freundschaft und 
Nachsicht ausdehne, werden Sie aus der Versicherung beurtheilen, daß 
ich mir mein Versäumniß selbst nicht verzeihen kann. 

Da ich durch tägliche Veränderungen, von denen sich unser 
armes Land noch lange nicht erholn wird, und die auch, wie Sie, 
mein liebster Freund, sich vorstellen könnten, wenn Sie meine Ver- 
hältnis, mir dem General v. Gähler 1 kennten, mittelbar, mich betrafen, 

1) Gemeint ist Peter Elias von Gähler, welcher am 29. Januar 1766 zugleich 
mit dem grafei 3t Germain aus dem generalkriegsdirektorium entlassen und zum 

vicekommandanten in Glückstadt besteh wurde. Vgl. Jens Kragh Host, Struensee und 



BRIEFE GERSTENBERGS AN NICOLAI 45 

außer Stand gesetzt wind, mein Versprechen zu halten, fing ich zuletzt 
au, da ich bemerkte, wie spät ich mich desselben erinnerte, mich zu 
schämen, daß ich genöthigt seyn sollte, Entschuldigungen zu machen. 
Ich entschloß mich daher, gleich so vielen andern Sündern, nicht eher 
Abbitte zu thun, als bis ich mich durch irgend ein gutes Wert der 
Verzeihung fähig machen könnte. 

Diel'» Zaudern zoff mir ein zweytes tJbel zu. Ich ward zweifei- 
hat't, ob ich an einem Journale Antheil nehmen dürfte, in dem eini| 
meiner geliebtesten und rahmwürdigsten Freunde so sehr zu ihrem 
Nachtheile zur Schau gestellt werden; ich fürchtete, die allgem. Bibl. 
möchte mir vielleicht, in dieser Absicht ein wenig ausfallen, da ich 
schon vorher einen Grund gehabt hatte, nicht völlig damit zufrieden 
zu seyn, nämlich w r eil der, dessen Bescheidenheit ich nicht beleidigen 
will, nicht der einzige Verfasser davon war. Ich ward also auch oach- 
läßisr und konnte nicht mehr durch meinen guten Willen noch durch 
äußre Hindernisse gerechtfertigt werden. 

Hiezu, denn selten pflegt Ein Unglück allein zu kommen, kam 
der Umstand, daß ich mich unbehutsamer Weise in ein hiesiges Jour- 
nal verwickelte, das Ihnen vielleicht unter dem Titel: Briefe über 
Merkwürdigkeiten der Litteratur, zu Gesichte gekommen ist, und an 
welchen ich nur einen entfernten Antheil zu nehmen dachte, da ich 
itzt beynah verzweifeln muß etwas andres, als der Haupt-Yerfaßer des- 
selben zu bleiben, wenn ich ihm nicht etwa ein geschwindes Ende 
mache, oder die allg. Bibl. selbst diese Mühe über sich nimt. 

Was soll ich hinzusetzen, mein Freund? Ich erröthe, daß ich 
mein Versprechen zurück nehmen muß: nicht sowohl, weil ich glaubte 
(eine Eitelkeit, die Sie mir nicht zutrauen werden,) daß der Bibl. irgend 
ein Nachtheil daraus zu wachsen könnte, als vielmehr, weil es ein 
unverzeihlicher Leichtsinn ist, sich einer Arbeit unterziehen zu wollen, 
die man in der Folge nicht leisten kann. Ich erwarte Ihre Antwort 
mit Schmerzen; und doch weis ich kaum, ob ich sie erwarten darf. 
wenn sie das enthalten sollte, was ich verdient zu haben, nicht laug- 
nen kann. 

Auch für das Geschenk des ersten Bandes der A. B. bin ich 
Ihnen meinen Dank noch schuldig, so auch für die Ino Ihres vortreff- 

sein ministerram (Kopenhagen 1826) bd. I, s. 65 fg. Im jähre 1770 wurde er zum 
mitglied der geheime - konferenzkommission ernant, deren Sekretär Gerstenberg wurde 
(ebenda I, s. 308). Er starb 1773 (ebenda II. s. 408). Dem konferenzrat Gabler in 
Altona hat Gerstenberg seine Vermischten Schriften (Altona 1815) gewidmet. 



46 WERNES 

liehen Freundes 1 . Aber ich darf mir nun nicht schmeicheln, daß Sie 

meine Dankbarkeit noch einmal auf die Probe stellen werden. 

Wenn es möglich ist, liebster Freund, so lieben Sie mich mit 

meinen Fehlem; Sie können mich doch nie so sehr lieben, als ich Sie 

ehre und hochschätze: 

Ihr ganz eigner und verbundenster 

Kopenhagen Aug. 2. 176(3. (Jorstenberg. 

Dieser Brief ist par Couvert nach Schleswig gegangen. Der Ver- 
leger des erwähnten Journals wird Ihnen ein Exemplar übersenden 2 . 

Nr. 2. Grerstenberg an Nicolai. 

Kopenhagen, 31. Jan. 1767. 
In allem Ernste, mein liebster Nicolai, ich halte Ihr Schreiben 
für ein sehr freundschaftliches, und dringe darauf, daß Sie fortfahren, 
in dem Tone mit mir zu correspondiren. Wenn der Briefwechsel zwi- 
schen zween Pia /'/idealers 3 , wie Sie und ich sind, sich lange erhalten 
kann. >" wird er eine der intereßantesten Privat- Correspondenzen seyn. 
die ich mir denken kann. 

Die guten Köpfe, deren Urtheil von den Briefen über Merkwür- 
digkeiten der Litteratur Sie gehört haben, erklären mit Ihnen meine 
Sehreibart für allzugesucht und allzuköstlich 

You all have sense enough to find it out. 
Sie haben Alle Recht. Denn ob ich mir gleich nicht bewußt bin, viel 
nach diesen Kostbarkeiten gesucht zu haben, so sieht es doch natür- 
lich so aus. — Aber nun möchte ich Sie fragen, warum Sie diese 
Schreibart mein nennen? Ich dachte, Ihnen konnte es nicht verbor- 
gen bleiben, daß sie blos mimisch und in einem gewißen Verstände 
charaktristisch seyn sollte. Wenn ich mir gleich keinen Stil zueigne, 
den Sie dagegen halten könnten: — wirklich, was ich so barbouillire, 
i-t immer nichts weiter, als ein Versuch auf Kosten des Publici, künf- 
zu einem Stil zu gelangen; — so hätten Sie doch aus der Ver- 
schiedenheit, die schon in der Schreibart der beiden ersten Sammlungen 
-iehtbar genug ist, ohngefähr errathen können, daß so etw r as von mir 
intendirt sey, und daß und sich in dem folgenden vielleicht deutlicher 

1) Ränder, d Ino in Berlin 170", erschien. 

_ Nicolai Lemerkt nach seiner gepflogenheit auf dem briefe: 17GG 11. aug. 
[d. h. erhalten] 17o7 8. jan. bwt [beantwortet]. — Der Verleger war Joachim Wilhelm 
Hansen, vgl. nr. 3. 

Sprich wörtliche 1 »-Zeichnung eines offenen, geraden menschen; zugleich titel 
eines lust-pk-K von Wycherley. — Das gleich folgende citat ist l>.-i Shakespeare und 
Pope nicht zu finden gewesen. (Freundliche mitteilung von prof. Sarrazin.) 



BRIEFE GERSTENBERGS AN NICOLAI 47 

entwickeln werde. Ob ich aber dazu befugt gewesen, mag Ihnen Ihr 
Schaftesbury und Lncian sagen. 

Ich fertige diesen unerheblichsten Punkt vorläufig ab, damit ich 
desto umständlicher über den wichtigern Theil Ihres Briefes schwatzen 

könne. 

Sie beschuldigen Elopstock, daß er sieh allmählig mein- zum 
Abenteuerlichen und zur Schwärmerei Lenke; daß das Publikum über 

seine als Mspt gedruckten Sylbeninaiil-ie die Achseln zucke: Sie befürch- 
ten, wenn gewisse Hymnen, die Sie gesehen haben, wirklich in den 
letzten Gesang des Meßias kommen sollten 1 , daß die Kritik sich allent- 
halben in Deutschland laut hören lassen werde. [ch hingegen 
beschuldige Sie Herrn Berliner, (denn Sie sind doch vornahmlich das 
achselzuckende Publicum), daß Sie Partey ergreifen, ehe Sie sich in 
Stand gesetzt haben, ein vollständiges Urtheil zu fällen; daß Sic Klnp- 
stocks Einsichten zu wenig, und Ihren eignen zu viel zutrauen; daß 
Sie, wenn Sie Homer lesen, ganz etwas anderes darinnen zu finden 
scheinen, als Klopstock, der ihn doch auch kent, darinn findet 

Die Schriften meiner Freunde sind mir viel wichtiger, als meine 
eignen; laßen Sie mich also immer noch ein bischen dabey stehen blei- 
ben. Ich versichere Sie, daß Klopstock kein Schwärmer, sondern 
ein sehr munterer und freygesinnter Mann ist, der gerade nur so viel 
Enthusiasmus für seine Religion hat, als man haben muss, um ein 
rechtschaffener Christ zu seyn, und als ein jeder haben sollte, der sich 
wagt, über heilige Gegenstände zu singen. Daß Ihnen an seinen lyri- 
schen Sylbenmaaßen und an seinem Zwecke, Hymnen nach diesem 
Sylbenmaaße in den Meßias einzurücken, allerley sonderbar vorkom- 
men müße, kann ich begreifen: daß Sie sich aber überreden, er habe 
keinen einzigen vernünftigen Grund dazu, und wisse, mit Einem Wert«-. 
nicht, was er thue, das befremdet mich sein. Doch so sind Sie Kunst- 
richter! Ohne Gelegenheit gehabt zu haben, von dem Verfaßer Erläu- 
terungen einzuziehen, wollen Sie Urtheile fällen: Urtheile über detachirte 
stücke, deren Yerhältmß mit dem Ideal des Dichters, deren Verbind inf- 
init dem Ganzen Sie nicht kenneu; Urtheile über Sylbenmaaße, die als 
Mspt. für Freunde gedruckt sind 2 , — als ob die Zuversicht, die der 
Dichter auf die Einsicht dieser Freunde setzt, offenbar zu eitel wäi 
um Ihrer Stimme entbehren zu können. Glauben Sie denn wirklich, 

1) Gemeint ist jedeufals „Fragmente aus dem zwanzigsten gesange des MJ 
sias", vgl. Muncker, Klopstock s. 485. 

2) „Lyrische silbenmasse a 1764 »als manuscript für freunde" geschrieben, 

vgl. Muncker a. a. o. 485. 



48 WERNER 

Klopstocks Project sey nicht schon völlig so sehr auf beiden Seiten 
debattirt worden, daß er, ganz sich selbst gelaßen, eine Wahl treffen 
dürfe? Es kann freylieh kommen, wie Sie befürchten: die Kritici 
(denn von der Kritik wollen wir abstrahiren) können sich allenthalben 
in Deutschland laut genug hören laßen: allein das haben sie schon oft, 
und hatten doch wohl zuweilen Unrecht. Verlaßeu Sie sich darauf; 
s kommen in den folgenden Gesängen des Meßias ganz ungemeine 
Stellen vor. das Ganze geht nach einem reiflich überdachten, obzwar 
mit unendlichen Schwierigkeiten verbundenen, Plane fort, die deutsche 
Inversion, die Energie der Sprache, die Musik der Versification wird 
gewiß dabey gewinnen, und der Geist der Epopöe, nach allem dem, 
was Sie von dem Genie des Dichters voraussetzen können, nichts 
darunter leiden. Dieß ist meine Meynung. Warum sollte ich mich 
scheuen, sie zu gestehen? Man wird nicht gleich ein Waffenträger, 
wenn man einen Freund mit Überzeugung rechtfertigt: aber man 
kann ein Champion werden, wenn man großen Leuten die Spitze bie- 
thet. ohne Beruf dazu zu haben. 

Daß Herr Moses der Verf. der Kritik über die C arschischen 
'«--dichte sey, wäre mir nicht eingefallen. Nach dem, was Sie mir 
von dieser Frau schreiben, kann es leicht geschehen, daß man unwillig 
wird, ihren poetischen Talenten hinlängliche Gerechtigkeit wiederfahren 
zu laßen. Persönliche Bekanntschaften haben viel Einfluß in unser 
Unheil, daher pflegt man sich auf den Ausspruch der Nachwelt zu 
beziehen. Ich. der ich weder durch ihre Eitelkeit, noch durch ihre 
cynische Aufführung beleidigt worden, glaube, daß sie allerdings Genie 
ohne Geschmack besitze; und mehr habe ich nicht behauptet. 

Herr Moses ist ein Mann, den ich ganz besonders hochschätze. 
Ich erwarte seinen Phädon mit Sehnsucht. Ich habe oft gewünscht, 
daß Jemand unser Publicum mit Piatos, Xenophons, und Schaftesburys 
AVerken (des letzteren Essay ou Virtue and Rhapsody) bekannter machen 
möchte, um es, so viel nöthig ist, von unsrer Schulphilosophie zu zer- 
streuen. "Wer kann dieß besser, als er? 

Was ich Festigkeit des Stils nenne, fand ich nicht sowohl in 
Abbts Buche vom Verdienst, als in verschiedenen hieher gehörigen 
Litteraturbriefen. Ihre Nachrichten von Abbts Leben werden mir ein 
recht angenehmes Geschenk seyn. 

Ich pflichte Ihnen vollkommen bey, daß Leßing in seiner Prose 
einzig ist: aber nicht in Absicht auf die Festigkeit des Stils, und so, 
wie Sie es nehmen, nur im Laokoon. Seine Schreibart war ehemals 
jugendlich, zu französisch, zu uncorrect. Der Mann Leßing, der Ver- 



BRIEFE GERSTENBEBGS AN" NICOLAI 49 

faßer des Laokoon, ist ein unvergleichlicher Scribent. Doch wird Win- 
kelmann immer seine Vorzüge behalten, gesetzt auch, seine spätere]] 
Schriften verlöhren etwas an innerer Stärke. Die besten Köpfe haben 
ihre Epochen. 

Xichts könnte mir erwünschter seyn, als die neue Ausgabe Ihrer 
Briefe über den Zustand der seh. W., die gewiß große Verdienste um 
den guten Geschmack haben. Ich nehme von ihnen den ersten Zeit- 
punkt der freyredigen heutigen Critik an; und wenn es Ihnen, wie ich 
nicht zweifle, gelingt, sich auch noch in der Schreibart mehr Genüge 
zu thun, so haben Sie unstreitig das Werk vollendet, das auf die Nach- 
welt kommen wird. 

Darf ich fragen, wer der Verfasser des Orakels ist? 

Wofern Ihnen mit kurzen Anzeigen von hiesigen Neuigkeiten für 
Ihre Bibliothek gedient ist, so will ich Ihnen herzlich gern dergleichen 
schicken. Sie laufen ohnedies mehr in Ihren Plan, als in den meini- 
gen, ein, der nicht sowohl Neuigkeiten, als Betrachtungen über alte 
oder bereits bekannte Werke enthalten sollte, wo ich ohngefähr 
wünschte, daß sie dem Geschmack des deutschen Publici eine andre 
Wendung geben möchten. Wir sind nichts weniger als Rivale. 

Erfreuen Sie mich bald wieder mit einem so freundschaftlichen 
Briefe als Ihr letzter ist. 

Ich bin mit alle der wahren Hochachtung, die ich Ihrem Ver- 
dienste schuldig bin, Ihr ergebenster Diener 

Gerstenberg 1 . 

Nr. 3. Nicolai an Grerstenberg 2 . 

Berlin d. 21*|B Martii 1767. 
Herrn Gerstenberg in Copenhagen. 
Einen Correspondenten , der eine so dreiste Incantade so freund- 
schaftlich aufnimmt, kann ich ohnmöglich Hochwohlgebohrner insonders 
Hochzuehrender Herr anreden, und Freund solte ich Sie doch auch 
nicht nennen, denn ob wir gleich wie Sie bemerken nicht Rivalen 
sind, so können wir doch auch nicht Freunde seyn, weil unsere Cor- 
respondenz das Ansehn gewinnt, als ob wir uns tapfer zanken würden, 
Sie werden freilich in diesem Stücke bey weitem der stärkere Theil 
seyn. Sie streiten auf Ihrem eigenen Grund und Boden wie der König 
von Preußen bey Leuthen auf seinem gewöhnlichen Manoevre Platz. — 

1) Nicolai bemerkt: 1767. 16. Febr. [erhalten] 21. Mart bwt [beantwortet]. 
NB soll mir Addresse angeben, wie ihm zwischen der Meße die Bibl. zu senden. 

2) Nicolai: 1767. 21. Mart. Copia eines Briefes an HE. y. Gerstenberg. 

ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XXIII . 4 



50 WERNER 

Ich hingegen bin seit einiger Zeit in der Gelehrsamkeit ein Fremdling 
worden, und von vielen Beschäftigungen zerstreuet, lese ich wenig und 
gerade das am wenigsten, was ich am liebsten lesen solte und wolle. 
Ich habe niemals geglaubt, daß KL ohne alle Ursache sich entschlos- 
sen Hymnen in den Messias zu setzen, es ist nur die Frage, ob diese 
Ursachen überwiegend sind, doch dies ist das wenigste. Das schlimmste 
ist. daß in den Hymnen selbst so viel Fanaticismus herrseht, daß ich 
aufrichtig gestehen muß. daß ich zuweilen würklich Widerwillen beym 
Lesen empfunden habe, ich weiß sehr wohl, daß HE. Kl. im gemei- 
nen Leben der Sehwärmer nicht ist, der er in seinen Gedichten ist. 
Aber was bringt ihn dazu solche innerliche Aufwallungen zu dichten? 
Hat ihn Homer dazu gebracht, so muß er Ihn freylich mit gantz 
andern Gedanken gelesen haben, als viele Leute von Geschmack, die 
ich kenne, wären die innern Seufzer, die Aufwallung einer durch in- 
nerliches Licht erhitzten Einbildungskraft, wären rafinierte Theorien 
von Tugend und Religion der Menschlichen Natur am End angemes- 
sener, als der Zorn des Achilles, und die Honig süße Worte Nestors, 
so könnte Klopstock seiner dichterischen Talente w r egen vielleicht in 
einige Yergleichung kommen, aber so — 

Ich rede eigentlich auch nicht vom Messias, sondern von den 
Trauerspielen, und den Hymnen, Ich muß von den erstem gestehen, 
daß es mir unmöglich ist, sie mehr als einmahl durchzulesen, dieses 
Urtheil getraue ich mich auch öffentlich zu gestehen, und glaubte viel 
Leute von Einsicht zu finden, die mir Beyfall gäben, aber mein übri- 
ges Urtheil von dem für Freunde gedruckten MSt. ist auch nur für 
Freunde, und ich will es gern zurücknehmen, wenn die neuen Ge- 
länge des Messias herauskommen und ich aus dem Zusammenhange 
sehe, daß ich die gantze Absicht des Dichters vorher nicht einge- 
sehen habe. 

Ich und meine Freunde ergreifen sicherlich nie Parthey, bis wir 
von allen Umständen zu urtheilen im stände sind; die beyden Trauer- 
spiele zeigen genung wohin Kl. Hang gehet; Es kann seyn, daß Kl. 
weit mehr empfindet als seine Leser merken können, aber ich bleibe 
immer dahey, daß solche raffinirte Empfindungen, kein bequemer Ge- 
genstand der Poesie sind, doch genung von dieser Materie worüber wir 
wohl nicht eins werden mögen. — 

Das Achselzuckende Publikum dürfte schwerlich in Berlin seyn; 
ja vielleicht in Berlin am wenigsten, (denn Lessing Moses und Ni- 
colai machen nicht gantz Berlin aus und gantz Berlin denkt nicht so 
wie sie) aber da ich wegen der deutschen Bibl. jetzt die weitläufigste 



BRIEFE GERSTE.VBERGS AN NICOLAI 51 

Correspondenz in allen Provinzen und mit Gelehrten von vielerley 
Gattungen habe, so weiß ich ziemlich zuverläßig, was man auch in 
andern Provinzen denkt, ich will gewiß wetten, daß unter allen leben- 
den Dichtern mediocris notae vier fünftl meiner Meinung wegen der 

Trauerspiele seyn werden. Ich rechne noch gewisse Politische Leute 
ab, die auf beyden Achseln tragen, und allemahl der Meinung des- 
jenigen sind an den sie schreiben, oder mit dem Sie reden. — Doch 
nochmals genug hievon. 

Ihr Versuch auf Kosten des Publica zu einem Styl zu gelangen 
ist in der That sehr mißlich, wenn Sic natürlicher Weise noch auf 
eine so gekünstelte Art denken so wird der Styl so gezwungen werden 
als die Gedanken gezwungen sind. Aus der Verschiedenheit der Schreib- 
art hat man geschlossen, daß verschiedene Leute an Ihrem Journale 
arbeiteten; nicht daß Sie selbst so vielerley Gestalten annehmen wolten: 
Ich halte es überhaupt für sehr mißlich und für den gantz unrechten 
AVesr, wenn man sich mit ausdrücklicher Absicht hinsetzt, um sich 
einen Styl zu bilden, mich dünkt ein jeder denkt so, wie es die 
Mischung der Geisteskräfte eines jeden mit sich bringt, aber er denke 
reiflich und bemühe sich immer vollkommener, reifer, edler, klärer zu 
denken. Nur lasse er den Styl laufen, wie er will, er wird sicherlich 
das natürliche Ebenbild seiner Gedanken seyn; das Gegentheil war 
zuweilen Abbts Fehler. Ich wäre sehr begierig zu wissen, welche 
Briefe der Litteratur Sie für Muster eines festen Styls halten. Ich habe 
jetzt über Abbts Schreibart bey Gelegenheit seines Lebens in etwas 
nachgedacht, und wenn die Zeit, die ich an dieses Leben wenden kann 
nicht so kurtz wäre, so würde ich einige Gedanken darüber auskra- 
men 1 — Sie werden mich sehr verbinden wenn Sie mir mit einer der 
ersten Posten auch diesen Punkt beantworten wollen. 

Die Persönliche Aufführung der Karschin kann in so fern einen 
Einfluß gehabt haben, daß man das Urtheil etwas lauter gesagt hat. 
aber das Urtheil ist meiner Bekümmerniß [sie] in aller Strenge richtig. 
Ich merke wohl, auch über diesen Punkt werden wir auch nicht einig 
weil wir in den Prindpiis allzu sehr differiren. Sie sagen die Kar- 
schin hat Genie ohne Geschmack, das würde ich sagen wie beym 
Shakespear ein ungemeines Feuer; die Art einen Plan original zu 
imaginiren, und nach eigener Art auszuführen, große, starke, aber 
rauhe Züge, und hingegen einen gäntzlichen Mangel der Kleinen Zärt- 
lichkeiten der Poetischen Sprache, des Anständigen, des Neuen und 
dergl. fände. Aber bloß diese kleine Zierlichkeiten sind das Haupt- 

1) Tgl. Nicolais Ehreugedächtiiiß Herrn Thomas Abbt s. 20 fg. 

4* 



52 WERNER 

verdienst der Frau Karscliiii, wohl klingende Sylbenmaaße, so neue 
Beywörter, eine gewisse Art von Nuancen, und gewisse Art von 
Wendungen, die noch zuweilen nicht ihr eigen, sondern Ramlern 
und andern Dichtern abgeborgt sind. Kurte alles was die Poetische 
Sprache betrifft ist gut. Aber wo ist die Originalwendung die ein 
Genie ohne Geschmack allemahl haben wird ; wo ist ein einziger Plan 
gut. geschweige original ausgeführt, wo sind große starke und zugleich 
rauh«' Züge? vide Sign.: 

Moses, Abbt und ich hatten einmal den Vorsatz den Gantzen 
Shafftesbury zu übersetzen, und einige Stücke mit Abhandlungen zu 
erläutern, wir haben auch schon alle drey angefangen 1 . HE. Moses hat 
deD Moralist meist fertig, aber es kann noch lange währen ehe etwas 
gedruckt wird. 

Der Verfasser des Orakels ist Herr Moses, der dies auch in der Vor- 
rede zu seinem Phädon, der nun meist abgedruckt ist, öffentlich sagt. 
Ich werde Ihnen ein Exemplar des Phadons zusenden und Ihr Urtheil 
erwarten. Die Simplicität der Schreibart verdient glaube ich viel 
Bevfall *. 

m 

Haben wir denn Hoffnung den Rest des Messias bald zu erhal- 
ten: Ich warte darauf nebst meinen Freunden mit der äußersten Unge- 
duld, dasjenige was ich wider Kl. gesagt habe, hindert nicht, daß ich 
für Ihn und seine Schriften die äußerste Hochachtung [habe fehlt], 
je freyer ich jetzt mit meinem Urtheil vor meinem Freunde gewesen, 
desto behutsamer würde ich seyn , wenn das gantze Werk herausgekom- 
men, und ich mein Urtheil sagen solte. 

Lessing gibt seine Lustspiele auf Ostern heraus, es ist ein Neues 
darinnen Minna von Barn heim, oder das Soldaten Glück betitelt, 
Sie sehen, daß L. die Armee nicht umsonst gesehen hat. 

Vor einiger Zeit starb allhier der Kammergerichtsrath Uhden 
mein Freund und der zur Music ein gantz besonderes Genie hatte, 
wenn dieser Mann der Music seine gantze Zeit hätte weihen können, 
so würde er nach dem Urtheil aller hiesigen Musiker einer der größe- 
ren Meister geworden seyn. Er hat ungemein viel Sachen componirt 
worunter verschiedene sehr schön sind. Unter andern hat er schon 
vor mehreren Jahren aus Ihren Tändeleyen die Cloe in Musik gesetzt. 
Er hat dies Stück nachher immer verändern wollen, weil ihm verschie- 
denes daran nicht gefiel, weil aber sein Amt sehr mühsam war, und 

1) Ehrengedächtniß Herrn Thomas Abbt s. 16. 

2i Am rande steht: „Zu den Zweifeln die kleine Vorrede ist von mir." 
[Vgl. 19. teil der Litteraturbriefe , 287. briet] 



BEIEFE GEBSTKNBERGS AN NICOLAI 53 

er sehr wenig Muße hatte ist es unterblieben. Ich werde Ihnen dieß 
Stück nächstens zusenden 1 . 

Geben Sie mir doch auch eine Gelegenheit an die Hand, wie ich 
Ihnen die Stücke der Bibliothek die zwischen der Messe herauskommen 
zusenden kau. Des 4 L Bds V- Stück ist schon lange fertig, aber die 
Copenhagner Buchhändler lassen nichts zwischen der Messe kommen, 
und an Hansen mag ich nichts senden, denn er ist so anordentlich 
daß er meine in Geschäften geschriebenen Briefe gar nicht, oder nur 
halb beantwortet, die Packete fürchte icli möchte er gar verlieren. 

Die Nachrichten die Sie zur deutschen Bibliothek einschicken wol- 
len, werden alle mahl sehr willkommen seyn, wenn in der dortigen 
Gegend ein neues merkwürdiges Buch herauskömt, und ich kan »ine 
kurtze Anzeige davon bald erhalten, so ist es mir sehr angenehm, da 
die Bibliothek ohne dem von Neuigkeiten ziemlich arm ist und viele 
Leute nicht begreifen können warum manche Recensionen so spät 
erscheinen. Ich habe mich darüber in der Vorrede des 4 ten Bds 1*- Stück 
erkläret und vieleicht werden nun einige Leser begreifen wie mühsam 
die Zusammentragung dieses Werks ist. Ich bin etc. 

Neben her muß ich sagen, daß Sie dem M. unrecht thun wegen 
der Stelle so wichtig als Nützlich, sie ist ein offenbahrer Druckfehler 
und auch als ein solcher am Ende angezeiget, am Ende des Werks ist 
im Mst. etwas nicht genug herausgestrichen gewesen. 

Nr. 4. Grerstenherg an Nicolai. 

Kopenhagen d. 6. Apr. 1767. 
Sie verlangen, mein kunstrichterlicher Correspondent, (Freund 
w r ollen Sie nicht genannt seyn; überdem muß ich gestehn, daß ich 
wenig freundschaftliche Correspondenzen kenne, die mir nur halb so 
viel Freude machten als Ihre kritische), mit einer der ersten Posten 
zu wissen, welche Litteraturbriefe ich für Muster eines „festen Stils 
halte": eine Aufgabe die eine sehr tiefsinnige Untersuchung, im Ge- 
schmack der A. B. veranlassen könnte, wenn ich weitläuftig über Dinge 
schwatzen möchte, die ich schon für bekannt annehme. Wir wissen 
leider, was die alten Künstler unter Festigkeit des Stils, Festigkeit der 
Hand, zuversichtlicher Leichtigkeit im Arbeiten u. s. w. verstanden. Ein 
Scribent, dessen Ideen sich in den Ausdruck, wie in warmes Wachs, 
mit ihrer völligen Deutlichkeit und Bestimmung, ohne den Schmutz 

1) Nicolai forderte diese komposition noch am 8. märz 1773 durch Eschen- 
burg von prof. Ebert zurück, dem er sie geliehen hatte. „Sie gehört eigentlich 
meiner Frau, die sie nicht gern verlieren will." 



54 WERNER 

kleinlicher Zierrathen. glatt, erhaben, und wie in einander geschmolzen, 
abprägen, scheint mir das Prädikat, von der Festigkeit des Stils zu 
verdienen. Beyspiele davon glaube ich im 261, 321, 322 Briefe und 
dem zwanzigsten Theile im Briefe über Betrams Fortsetzung des Fer- 
rera 1 zu finden, von welchem letztern ich jedoch die Übersetzung aus 
dem Lucian ausnehme, die steif und schulmäßig, obgleich hin und 
wieder körnigt genug, geschrieben ist-. 

Erklären Sie sich mit gleicher Eile, was das für Hymnen sind, 
die Sie so fanatisch finden. Als Klopstocks Freunde ist mir aller- 
dings daran gelegen, daß Sie ein so nachtheiliges Urtheil nicht ohne 
hinlängliche Prüfung fällen. Was Sie raffinierte Theorie von Tugend 
und Religion nennen, kann Andern ein sehr angenehmes Ideal von den 
Empfindungen der Glückseligkeit nach dem Tode seyn, so fern Men- 
schen sich mit einiger Bestimmung [sie] darüber auszudrücken wißen. 
Der Dichter behandelt dieß Sujet blos als Charakter; er legt seinen 
Glückseligen Denkart und Begeisterung bey, wie er glaubt, daß sie 
ihnen natürlich sind. Die Frage ist also nur, ob sie für orthodoxe 
Folgen aus wahren Grundsätzen gelten können: räumen Sie das ein, 
so fällt der Vorwurf des Fanatismus w T eg, der heterodoxe Folgen aus 
falschen Grundsätzen oder unzulänglichen Inductionen zieht. Die 
zweyte Frage ist, ob ein solches Ideal mit den Empfindungen der 
menschlichen Natur misstimme. Der menschlichen Natur — ist ohne 
Zweifel zu viel gesagt. Warum sollt es nicht von der guten Religion 
gelten, was die Litteraturb riefe irgendwo mit Grund von der Moral 
sagen? „Die große Bewegungsgründe von der Schönheit der Tugend 
„sind es für einen Schaftesbury und die wie er empfinden können: 
„aber wer sich zu diesen feinen Bewegungsgründen gar nicht zu 
„gewöhnen Gelegenheit gehabt und sie also nicht fühlen kann, für den 
..4nd es gar keine Bewegungsgründe." — Setzen Sie für Bewegungs- 
gründe Empfindungen: meynen Sie, daß Kl. die seinigen für allgemeine 
hält? Eine dritte Frage entsteht, ob der Dichter nicht seinen Vortheil 
besser gekannt hätte, wenn er für die Fassungskraft Aller geschrieben 
hätte. Doch nein, diese Frage erwarte ich nicht von Ihnen. Sie 
wißen, daß die alten Artisten groß genug dachten, sich in gewißen 
Fällen über das Urtheil der Menge hinwegzusetzen. Ein großes Genie 
kann und muß seinem eignen Urtheile folgen. Wer sich nur um Bey- 
fall bekümmert, beweist schon dadurch, daß er entweder kein großes 
Genie sey, oder unter einer beschwerlichen Notwendigkeit seufzen 
müsse. Beyfall muß von selbst kommen, muß nicht gesucht werden, 
1) 226. briet 2) S. 7 fg. 



BRIEFE GERSTENBERGS AN NICOLAI 55 

muß in der Natur der Sache gegründet seyn. Wenn Kl. diese Maxi- 
men, mit oder ohne Wißen, von Anfang der Meßiade gehabt hat, so 
kann er ihr das Fundament seines itzigen Ruhmes ganz allein verdan- 
ken, und sie muß ihm die Gewähr fürs Künftige leisten. Kxitici, oder 
nach dem thörigten teutschen Ausdrucke, Kunstrichter entscheiden 
hierinn gar nichts; sie sind bloße Lest r. War die Sphäre ihrer Ein- 
sicht der Sphäre des Genius gleich? Das muß vorher geprüft werden. 
War die Sphäre des letztern excentrisch? Das kann vielleicht zu einer 
andern Zeit entschieden werden vielleicht auch nicht. Was schadet-? 
Wir haben das Ideal des Dichters. 

Ihr Recept zu einem Stil zu gelangen — 

Ihre graven Betrachtungen über die Mißlichkeit meines Unterneh- 
mens, meinen Stil auf Kosten des Publici zu bilden — 

Laßen Sie mich Ihnen ein paar Worte ins Ohr sagen, mein wahr- 
heitliebender Correspondent. Wenn Sie so etwas drucken ließen, so 
würde Mancher in dem Verdachte bestärkt werden, daß es, wie die 
Schweizer einmal aussprengten, (obgleich, ich weis es wohl, ganz ohne 
Ihre Schuld) in Berlin wirklich eine nikolaisehe Schule gebe, die mit 
einigen Verbesserungen, nur eine Erneuerung der weiland gottschedischen 
sey. Ich kann Ihnen als Ihr Vertrauter, nicht bergen, daß man bey 
Gel Offenheit der vermischten Nachrichten in der A. B. bereits so 
etwas murmelt. 

Bereden Sie Herrn Moses, uns bald mit seinem Moraliste zu 
beschenken. Ich habe schon vor verschiedenen Jahren Übersetzungen 
aus dem Arabischen, eine Logicam Probabilium und d. gl. von ihm 
erwartet. Dem Phädon dieses vortrefflichen Scribenten (empfehlen Sie 
mich ihm, Sie können ihm von meiner Hochachtung nicht zu viel 
sagen), der Composition des Herrn Uhden, besonders Ihren Nachrich- 
ten von Abbts Leben, der neuen Auflage Ihrer Briefe etc. sehe ich 
mit Verlangen entgegen. 

Hansen schreibt mir, daß in der Leipz. Gel. Zeit, einer neuen 
Edition des Hypochondristen erwähnt worden. Da ich mit der gegen- 
wärtigen Beschaffenheit dieser Wochenschrift äußerst unzufrieden bin 
(ich ward wider meine Absicht darein verwickelt, und viele Blätter 
hat man mir aus den Papiren meiner Kinder- Jahre entwandt, die ich 
hernach, da ich in Mecklenburg war, zu meiner großen Verwunderung 
gedruckt las); so habe ich Hansen zur Michaelis -Messe ein ganz um- 
gearbeitetes Mspt. versprochen; Sie würden mir daher einen Gefallen 
thun, wenn Sie das Publicum davon in Ihrer BibL, doch ohne meinen 



5(j WERNER 

Namen zu nennen, avertirten. Der vorgebene Verf. heißt Zacharias 
Jerrstrup. 

Wer mag der Verf. der Fragmente zu d. Litteraturbriefen seyn? 

Kl. säumt mir zu sehr mit der Meßiade. 

Ein Inesiger Freund wünschte zu erfahren, was eine holfeldische 

Dreschmühle wovon die Abbildung in der zweyten Lieferung des Berl. 

Spectacol. Nat et Art., mit Transport bis Lübeck, kosten könne, und 

wie viel Kaum sie einnehmen. Darf ich Sie bitten, mich davon zu 

benachrichtigen, und mir zugleich eine richtige Zeichnung mit den 

gehörigen Maaßen zu schicken? — Adieu, m. 1. Nicolai. Ich liebe Sie 

mit allen Ihren Fehlern. Ihr 

Gerstenberg 1 . 

Proft wird Ihre Briefe und Päckchen gern an mich befördern. 

Nr. 5. (xerstenberg an Nicolai. 

Kopenhagen den 5 Dec. 1767. 

Sie werden auf Ihren sehr angenehmen Brief schon lange eine 
Antwort erwartet haben, m. 1. Freund: ich habe ihn aber erst vor 
ohngefähr 14 Tagen auf dem Lande erhalten, wo ich mich seit einiger 
Zeit aufgehalten habe. Nicht als ob ich es selbst nöthig gefunden 
haben würde, mit der Beantwortung von Herrn Moses zu eilen. Er 
hat der kritischen Freunde so viele, daß er meine Anmerkungen gern 
entbehren konnte; und wenn ich ja nach dem ersten Durchlesen einen 
Einfall niedergeschrieben habe, der ihm undeutlich erscheint, so will 
ich meinen Fehler nicht dadurch noch vergrößern, daß ich mich weit- 
läuftig darüber erkläre. So viel kann ich mit Wahrheit hinzusetzen, 
daß Phädon für mich eins der schönsten philosophischen Bücher ist, 
die ich je gelesen habe: aber überzeugt hat mich das an sich sehr 
sinnreiche System nicht; vermutlich deswegen nicht, weil ich noch 
immer nicht begreifen kann, wie der menschliche Verstand, bey den 
äußerst wenigen Beobachtungen, die er in dem allerkleinsten Theil der 
Schöpfung anzustellen Gelegenheit hat, sich erkühnen könne, von der 
Güte und Weisheit des Schöpfers bestimmte Folgerungen in Absicht 
aufs Ganze zu machen. Doch Sie werden sagen, es sey meines Amtes 
nicht, darüber mit Herrn Moses zu raisonniren, und ich breche daher 
gleich von dieser Materie ab. 

Ich werde mich recht freuen, Ihre nähern Gedanken über die 
griechsche Musik in Yergleichung mit der neuen zu erfahren. Darum 

1) Nicolai: 17G7. 4 May [erhalten] GM bwt [zur ostermesse beantwortet]. 



BRIEFE GEBSTENBEBGS A\ NICOLAI 57 

stimmen Sic mit Klopstock überein, daß die Alten unter Thesis und 
Arsis etwas ganz anderes verstanden haben, als onsre heutigen Musik- 
gelehrten. Sie scheinen sich aber über die eigentliche Bedeutung die- 
ser Wörter schon einig geworden zu seyn, und das ist Kl. Dicht Er 
hat seiner „Abhandlung vom Sylbenmaaße" anderthalb Seiten von Kla- 
gen über gewisse zweifelhaft«' Stellen in den Schriften der Alten bei- 
gefügt, und ich verspreche mir von Ihnen viele schöne Erläuterungen. 
Diese Abh. wird nächstens in Herrn Leßings periodischer Schrift zu 
lesen sein 1 . 

Wenn ich Ihre Anmerkungen über die alten Syllbenmaaße recht 
verstanden habe, so gelm Sie darinn ganz von Elopst ab. Sie stel- 
len Beobachtungen über das Schema eines einzelnen Verses an: Klop- 
stock scheint mir aber durch seine Eintheilung in Wortfüße und Vers- 
fragmente auf ein viel fruchtbareres Feld gerathen zu seyn. So wir <■- 
nämlich der Sinn und die Declamation des hexametrischen Perioden 
erfordert, entstehen aus der Abwechslung der Dactylen und Spondäen 
(im Deutschen Trochäen) kleinere metrische Theile von Antispasten, 
Choriamben, Dispondäen, ionischen Yersen, Epitriten etc. ja fünf und 
sechssyllbigte Füße, und aus diesen weiter größere Abschnitte, die das 
Schema eines einzelnen Hexameters so mannigfaltig machen, daß man 
zu der Bildung desselben noch andre Grundsätze herüber nehmen muß, 
um von dem Gange und dem Rhythmus eines ganzen Satzes richtig 
zu urtheilen. Ich enthalte mich aber mehr davon zu sagen, weil ich 
Ihnen doch nicht verständlich seyn würde. Was meynen Sie damit, 
daß die Jambi senarii der komischen Poeten, wenn sie nach dem Tact 
wären gesungen worden, unsren deutschen Jamben vollkommen ähn- 
lich würden gewesen seyn? Ich weis wohl, daß Marpurg durch seine 
Tacteinth eilung der Horazischen Syllbenmaaße hat herausbringen wollen, 
unsre heutige Art, das Latein auszusprechen, sey die richtigere: ich 
kann mir aber nicht vorstellen, daß auch Sie aus dieser willkührlichen 
Disposition der Wörter unter accentuirten und unaccentuirten Noten 
etwas sollten beweisen wollen: denn mich dünkt, die Stellung der 

1) Es ist Lessings und Bodes geplante Zeitschrift „Deutsches museum u gemeint, 
in welche von Klopstock noch ausserdem Oden und der Hermann, von Gerstenberg 
der Vgolino und ein lustspiel von Zachariä kommen solten, wie Lessing an Nicolai 
schreibt (2. febr. 1768). Buschmann aus Stralsund schreibt Nicolai den 9. märz 1768: 
„Man hat mich versichert, dass Lessing an einem Werke arbeitete, wozu er Klop- 
stock, Weißen, Gerstenberg und andere berühmte Schriftsteller als Mitarbeiter 
erbeten hätte ..." Am 3. nov. 1768 fragt er, ob das ganze vorhaben aufgegeben sei, 
weil „der graf Ugolino daraus besonders abgedruckt" sei. 



58 WEBNEB 

Noten müsse sich nach der Quantität der Syllben richten. Das para- 
doxeste aber ist mir, daß sich alle kurze Syllben zu den langen wie 
1 zu 2 verhalten: ich habe immer dafür gehalten, daß die Kürzt' und 
Läng« . selbst in der Anwendung auf den musikalischen Rhythmus, 
verschiedener Art wäre. 

Verzeihn Sie mir liebster Freund, diese kleine Unart, mich in 
Dinge einzulaßen. die Sie gewiß beßer verstehen, als ich. Ich bin 
zwar ein Erzliebhaber der Musik, aber kundig bin ich ihrer sehr wenig. 

Ich habe Bach einen guten Singcomponisten genannt; ich glaube 
nämlich, daß er, wo er will, so cantabil setzen könne, als irgend ein 
andrer Deutscher, und dieß zwar nicht nur in eigentlichen Singsachen, 
ödem auch in Claviercompositionen: schwer, das gebe ich Ihnen zu, 
aber doch melodisch und sangmäßig. Weil ich eben heute so viel von 
der Musik mit Ihnen schwatze, so muß ich Ihnen doch erzählen, daß 
ich einige musikalische Experimente mache, worüber ich Ihre Meynung 
wißen möchte. Ich nehme erstlich an, daß die Musik ohne Worte nur 
allgemeine Ideen vorträgt, die aber durch hinzugefügte Worte ihre völ- 
lige Bestimmung erhalten; zweytens geht der Versuch nun bey solchen 
Instrumentsolos an, wo der Ausdruck sehr deutlich und sprechend ist. 
Nach diesen Grundsätzen habe ich unter einige Bachische Ciavier- 
stücke, die also gar nicht für die Singstimme gemacht waren, eine Art 
von Text gesetzt, und Klopstock und Jedermann sagt mir, daß dieß 
die ausdrucksvollsten Singsachen wären, die man hören könnte. Unter 
die Phantasie z. E. in der sechsten Sonate, die er zur Application sei- 
nes Versuchs etc. componirt hat, lege ich Hamlets Monolog, wie der 
über Leben und Tod phantasirt. alles in kurzen Sätzen, das Largo aus- 
genommen, das eine Art von Mittelzustand seiner erschütterten Seele 
ausmacht. Auf eben diese Art habe ich einen Schlachtgesang ge- 
macht, wovon ich gewiß versichert bin, daß er bey weitem so gut 
nicht gerathen wäre, wenn der Componist die Worte in Noten gesetzt 
hätte, als itzt, da der Versificateur die Noten in Worte gesetzt hat; 
wovon der Grund mir in den vorausgeschickten beiden Sätzen zu lie- 
gen scheint. Doch gebe ich freylich zu, daß man diesen Versuch nicht 
zu weit ausdehnen muß: denn einige, obgleich ausdrucksvolle Instrumen- 
talstücke können auf keinerley AVeise für die Singstimme genutzt werden. 

Wie sehr bin ich Ihnen nicht verbunden, mein Werthester, daß 
Sie mir außer dem Concert in Edur, welches ich erhalten habe, auch 
noch die Anweisung, und andre mir etwa fehlende Sachen schicken 
wollen. Ich besitze von Bach folgendes: Sei Sonate cled. cd Bc dl 
Frussia — VI Sonate L>. cd JJuea die Wirtemb. — Sonate mit verän- 



BRIEFE BBBSTBNBEEGS AN" NICOLAI 59 

derten Reprisen nebst deren erster und zweyter Fortsetzung — Sechs 
leichte Ciaviersonaten — Ciavierstücke verschiedener Art — Ciavier- 
stücke für Anfänger, erste Sammlung — Gellertsche Lieder (wobey ich 
fast durchgehends statt des ßellertschen Textes «inen Psalm von Cramer 
oder auch ein Lied von moralischen Inhalte untergelegt habe; ja eine 
von diesen Melodien hat mir sogar ein Hagedornisches Lied zu erfor- 
dern geschienen 1 ) — Oden — Tonstücke fürs Ciavier von Bach and 
einigen andern classischen Meistern (wie sie sieh nennen) — Fugen — 
Concert aus D und E # — III Sonatine mit Stimmen Der Wirth 

und die Gäste — Phvllis und Thvrsis (woraus ich einen Faun und 
Dianens Nymphe gemacht habe). AVegen der Cantate will ich näch- 
stens an Bach schreiben, und danke Ihnen imYoraus für Ihr Anerbiethen. 

Ihre Abhandlung vom Trauerspiel hat der Etatsrath Fleischer, 
der Hauptverfasser der Samlinger 2 etc. ins Dänische übersetzt, and 
ich gestehe Ihnen, daß ich selbst ihm diese Übersetzung angerathen 
habe, weil ich mich nicht besinne, mehr gute Anmerkungen in einer 
so kurzen Abh. beysammen gefunden zu haben, ob ich gleich nicht 
mit allem einig bin. Eben dieser sehr verdiente und in ansehnlichen 
Ämtern stehende alte Mann hat auch vor kurzem Herrn Weißens 
Richard III in reimlose fünffüßige Jamben übersetzt, welches der erste 
Versuch dieser Art in Dänemark ist 3 ; und wenn er nicht, so wie er 
ein Sammler von Vögeln, Insecten und Mineralien ist, die kleine Grille 
hätte, auch altnordische Wörter zu sammeln, und bey jeder Gelegen- 
heit an Mann zu bringen, so würde diese Übersetzung auch auf dem 
Theater reüssiren können. Die Grazien nebst andern Kleinigkeiten von 
mir hat er sehr vortrefflich übersetzt. 

Ich denke, ich habe Sie lange genug aufgehalten. Leben Sie 

wohl, mein liebster Nicolai, und lieben Sie mich. Ich bin gewiß mit 

wahrer und lebhafter Hochachtung 

der Ihrige 

Gerstenberg. 

Bald hätte ich vergessen, Ihnen für die vorteilhafte Kecension 
des Skaldengedichts zu danken 4 . Ich kann Ihnen bei der Gelegenheit 

1) Aus diesen untergelegten texten entstanden Gerstenbergs lieder nach berühm- 
ten mustern, vgl. die amn. Gerstenbergs zu „Bacchus und Venus. Nach Gleim. u 
Verm. Schriften Altona 1815. 2. bd. S. 218. 

2) Samlinger af adskillige Skrifter til de skjönne Videnskabers og det danske 
Sprogs Opkomst og Fremtarv. Sorö 1765. Tre Stykker. 

3) Minor, Chr. Felix Weiße s. 210. 

4) Algemeine deutsche bibliothek 5, 1, 210 fgg. 



60 W$RNKB 

sagen, daß die nordische Mythologie nicht allein Stoff für einen neuen 
Ariost enthält, sondern daß auch Klopstock sie itzt in alle seine Oden 
verwebt, woraus die griechische \on ihr völlig verdrängt worden. In 
Hermanns Schlacht kommt sie auch vor. Was sie mit der Regel- 
mäßigkeit zu thun habe, begreif ich nicht völlig. 

Könnten Sie nicht Herrn Bach bereden, daß er einige Lieder mit 
Variationen componirte, so daß die simple Melodie immer gesungen 
würde, die Variationen sich aber nach dem Gehalt der Strophen rich- 
teten. Auf diese Art singe ich mit einigen nöthigen Veränderungen 
des Textes das Lied: Chloe, höre du der neuen Laute zu etc. zu 
einer von Bach vorlängst mit Variationen gesetzten textlosen Arie: und 
Sie glauben nicht, wie schön sichs ausnimmt. Es versteht sich, daß 
dieß nur bey Liedern von reizendem oder lustigen Inhalte statt finde: 
der Charakter der AVürde, Simplicität etc. schließt dergleichen Verände- 
rungen au-. 

So eben erhalte ich Ihr Schreiben vom 28. Xov. nebst dem 
Päekchen Musikalien und Ihrem Geschenk der Bibl. und des ersten 
Theils von Abbt. Die Post läßt mir nicht mehr Zeit, als Ihnen den 
Empfang zu melden, und mich zu bedanken. Das Geld assigniere ich 
mit der nächsten fahrenden Post an Herrn Lessing 1 . 

Nr. 6. Grerstenberg an Nicolai. 

Kopenhagen d. 27. Apr. 1768. 

Sie überhäufen mich mit Gefälligkeiten, mein werther Freund. 
Ich hätte Ihnen schon längst für die Menge der schönen Sachen dan- 
ken sollen, die Sie mir übersandt haben, besonders für die Composition 
des Herrn Uhden. Hätte ich geglaubt, daß er die Grazien für volle 
Musik ausgearbeitet hätte, so würde ich mich nicht unterfangen haben, 
Sie darum zu bitten. Ich hielt es bloß für ein Ciavierstück. Aber 
desto besser für mich. Ich habe schon ein paarmal Gelegenheit gehabt, 
unter guten Freunden mit meiner Frau aufzuführen, und man findet 
für das Werk eines Liebhabers viel schönes drinnen. Nur scheint die 
Form einer Cantate nicht gar zu gut gewählt zu seyn, und daß die 
musikalische Recitation der Prose Schwierigkeiten habe, empfindet man 
hin und wieder. Überhaupt aber hat Herr Uhden den vortrefflichen 
Graun gewiß nicht umsonst gehört. Auch für das neue Stück der Bibl. 
bin ich Ihnen sehr verbunden: ich habe verschiedene Recensionen mit 

1) Nicolai: 1708 22. Jan. 24. Febr. bwt. 



BRIEFE GEHSTENBBBG9 AN NICOLAI Gl 

dem größten Vergnügen gelesen, dünkt Ihnen aber nicht, daß Herr 

Moses (denn Er wird es doch wohl seyn) den Agathon zn sehr als 
Philosoph beurtheilt hat? Doch vielleicht war es nirgends nöthiger, 
als hier. Die vorteilhafte und verdiente Reeensi.»n der Resewitxischen 
Predigten hat mir deswegen keine geringe Frende gemacht, weil die- 
ser würdige Mann hier bey weitem für sein Verdienst aoch nicht 
bekannt genug ist. Ich habe ihn völlig so gefunden, wie Sie ihn mir 
beschrieben haben. Ich liebe Hin sehr, und glaube, dar. er mich 
auch liebt. 

Was ich von Herrn Klotzen sage? Herr Klotz ist ein Ckd 1 . Wenn 
Scoppios oder ein andrer bestaubter runzlichter Schulmeister von den 
Todten aufstünde, und mit wohlfrisirtem Haare und einen) französischen 
Petit-maitre-Pöckchen erschiene: so würde er so ein Mittelding seyn, 
wie ich mir Herrn Klotz vorstelle. Herr Klotz ist ein großer Oul: 
das ist alles, was ich von ihm zu sagen habe. 

Ihrer Abhandlung von der Musik der Alten auf ihre Versarten 
angewandt sehe ich mit dem größten Verlangen entgegen. Sic schei- 
nen mir sehr tief in diese Materie eingedrungen zu seyn: so viel 
bemerke ich schon aus dem wenigen, was Ihnen beliebt hat, mir davon 
zu schreiben. Ich muß mich über Klopstocks ähnliche Arbeit undeut- 
lich ausgedrückt haben, weil Sie vermuthen, daß er nicht bey den 
ersten Bestandteilen des Verses angefangen habe. Man kann schwer- 
lich alles, was dahin gehört, sorgfältiger sammeln, und mit mehr 
Scharfsinn zergliedern, als er gethan hat. Man wird eher von ihm 
urtheilen, daß er der Sache zu viel 2 , als zu wenig gethan habe. Sie 
werden seine Schrift in einer der ersten Xummern des Museum lesen. 

Sie verlangen, daß ich Ihnen meinen Text für Bachische Phan- 
tasie schicken soll? Ich will es wagen. Aber ich sage Ihnen vorher, 
daß ich diesen Text nur dem Freunde, der meine Amüsemens mit 
Nachsicht beurtheilt, nicht dem strengen Kunstlichter, mittheile. Hier 
ist er. Die römische Zahl bedeutet das Notensystem, die deutsche den 
Takt. Sie werden von selbst errathen, daß einige Stellen die unisono 
mit dem Baß gehen würden, eine etwas veränderte Modulation für die 
Singstimme haben müßen. Doch eben besinne ich mich, daß die Phan- 
tasie eine freye ohne genaue Taktabmessung in den beiden Allegros 
ist. AVie soll ich Ihnen nun das Unterlegen meines Textes ohne Noten 
verständlich machen? Am besten, ich überlasse das Ihrem eigenen 

1) Natürlich, engl, gull = tropf. 

2) Am fusse der seite steht: (Das Geld für die Musikalien von Bach werden 
Sie durch Herrn Lessing erhalten haben.) 



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Geschmack, und sage Ihnen bloß, daß das erste Wort sich am Ende 
des eisten Systems anhebt, so nämlich 



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Seyn 

Hamlet. 
I. Seyn! 

IL oder Nichtseyn! 
IL Das ist die große Frage! 
IL Das ist die große Frage! 

III. Tod! Schlaf! 

IV. Schlaf! und Traum! 

IV. Schwarzer Traum! 

V. Todestraum ! 

VI. Ihn träumen, ha! den Todes- 

traum ! 
Largo. 
Eine Stimme aus den Grä- 
bern. 
(Hier geht die Singstimme mit der 
Ciavierstimme fort, außer wo der 

Ins Licht zum Seyn erwachen! 

Zur Wonn hinaufwärts schaun! 

So Seele! 

die Unschuld sehn, 

die Dulderinn 

Wie sie empor ins Leben blüht 

Der Ewigkeit! 

Die alle sehn die wir geliebt, 

Nicht mehr von uns beweint! 

Hoch tönte, hoch tönte im Arm 

der Zärtlichkeit. 
Das war Wiedersehn! 
Dann stürzt (zwei Achttkeil Pau 
ach! vom Entzücken heiß, 
ach! vom Entzücken heiß, 
die Himmelsthräne hin 
(Die beiden letzten Takte Cemb. solo.) 



oder Nichtseyn 

VI. Ins Leben schaun! 

VII. ins Thränenthal! 
VII. wo Tücke lauscht! 
All. Die Bosheit lacht! 

VII. Die Unschuld weint! 

VIII. nein ! o nein ! 

IX. lins Nichtsevn — hinabzu- 

schlummern ! 



allzubreite Umfang der letzteren 
eine kleine Beschränkung nöthig 
macht, welches auch bev den bei- 
den Allegros zu merken ist.) 

Allegro moderato. 
Hamlet. 
I. AVo ist ein Dolch? 
IL ein Schwert? 
n. ins Grab des Seyns 
n. hinabzufliehn! 
IL zu sterben, ach! 
in. den edlen Tod 
III. des hohen Seyns. 
III. Wo ist ein Dolch? 

III. ein Schwert? 

IV. vom Thal des Fluchs 
IV. des Fluchs! 

IV. ins Grab des Sevns hinab 
IV. zum Leben zu entschlafen. 



BRIEFE GERSTENBERGS AN NICOLAI 63 

Nebenher kann ich nicht umhin anzumerken, daß diese Bachische 
Phantasie Herrn Lessings Meynung im 27ten St. der Dramaturgie, als 

ob 1 der Musikus in einem einzelnen Stück nicht aus einer Leiden- 
schaft in die entgegengesetzte, nicht aus dem Ruhigen z. E. in das 
Stürmische, aus dem Zärtlichen in das Grausame übergehn könne, ziem- 
lich deutlich widerlegt. Herr Lessing scheint an die Übergänge nicht 
gedacht zu haben, wovon wir in dieser Phantasie, und wie mich dünkt 
in vielen andern Sonaten von Bach, merkwürdige Exempl haben 9 . 

Noch ein paar Worte vom Text zu sagen, ließe sich aus dem 
Anblicke desselben vermuthen, daß ich den musikalischen Rhythmus 
nicht beobachtet habe. Aber ich glaube diesem Rhythmus so sorgfal- 
tig als möglich nachgegangen zu seyn. 

Vergeben Sie mir meine Schwatzhaftigkeit, und fahren Sie fort 
mich zu lieben Ihr 

ganzergeben st. ( - eist enl »erg. 

Da Sie die Güte gehabt haben, mir Ihre Bibl. bisher zu schicken, 
so möchte ich Sie noch um das nicht gesandte erste Stück <\r> dritten 
Bandes ersuchen, welches ich hier nicht einzeln erhalten kann. 

Nr. 7. (xersteiiberg an Nicolai. 

Kopenhagen am 6. Aug. 1768. 
Wenn es nicht zu spät ist, so möchte ich Sie wohl, mein lieb- 
ster Freund, um eine Gefälligkeit bitten. Sie wißen, daß ich auf die 
Briefe über Merkwürdigkeiten etc. keinen großen Werth setze. Da inzwi- 
schen die Kritiken, die man wider sie gemacht hat, sich größtenteils 
auf Misverstand oder Verdrehungen gründen, so kann es mir nicht 
gleichgültig seyn, daß das Publicum erfahre, aus welchem Gesichts- 
punkt sie hatten beurtheilt werden sollen. Ich habe vor geraumer 
Zeit, da mir einige Freunde riethen, diese Briefe fortzusetzen, ei neu 
kleinen Vorbericht aufgeschrieben, worinn jener Gesichtspunkt deut- 
licher angegeben ward. Bald darauf aber beharrte ich in meinem 
ersten Vorhaben, keinen zweyten Band drucken zu laßen: nun wünscht.' 
ich, daß von den Anmerkungen in dem erwähnten Vorbericht einiger 
Gebrauch zu meiner Rechtfertigung gemacht werden könnte. Ech kenne 

1) Darnach: uns (gestrichen). 

2) Lessings worte lauten: „In Einer Symphonie muß nur eine Leidenschaft 
herrschen, und jeder besondere Satz muß eben dieselbe Leidenschaft, bloß mit ver- 
schiedenen Abänderungen, es sei nun nach den Graden ihrer Stärke und Lebhaftig- 
keit, oder nach den mancherlei Vermischungen mit andern verwandten Leidenschaften 
ertönen lassen und in uns zu erwecken suchen." 



64 WERNER 

Sie für einen wahrheitliebenden und nnparteyischen Kunstlichter. Sie 
werden vermuthlich die Briete über M. recensireu, und hätten es also 
in Ihrer Gewalt. \on meinen Gründen soviel anzuführen, als Sie für 
richtig erkennen. Uli glaube, daß dieß auf eine ungezwungene Art 
geschehen kann, ohne daß man zu wißen brauchte, daß diese Anmer- 
nungen von mir herkommen, und ohne daß sie das Ansehen einer 
Verteidigung erhalten. Erlauben Sie mir, daß ich Ihnen den Vor- 
bericht, so wie er ist, abschreibe, und geben Sie den darinn enthal- 
tenen Gründen eine Wendung nach Ihrem Gefallen. Ich bin mit der 

größten Hochachtung Ihr 

ganz ergebenster 

Gerstenberg. 
Wir sind einigen aehtunsfs würdigen Lesern schuldig, uns über 

O O O (Dl 

gewiße Dinge in der Einrichtung dieser Briefe zu erklären, die schon 
des wegen leicht misgedeutet werden konnten, weil wir den Gesichts- 
punkt nicht angaben, aus dem wir unsere Briefsammlungen beurtheilt 
haben wollten. Der Schriftsteller, der von der Einsicht seiner Leser 
voraussetzt, daß sie diesen Gesichtspunkt selbst finden werden, giebt 
zwar einen Beweis seiner Bescheidenheit: aber er schadet sich, wenn 
er zu bescheiden voraussetzt, daß ihn Alle, und daß sie ihn immer 
finden werden. Er ist dann in dem Fall eines Schauspieldichters, der 
die Vorbereitung seines Stücks vernachläßigt, in der Hoffnung, die wich- 
tigen Yerhältniße, worin er seine Charaktere aufstellt, werden statt 
einer jeden Erläuterung dienen, und das Vergnügen der Zuhörer um 
so viel wirksamer befördern, jemehr ihre Selbstthäigkeit dadurch beschäf- 
tigt wird. 

Diese Vergleichung scheint zu weit hergeholt, aber sie ist es 
nicht. Erdichtete Briefe haben manchen Grundsatz mit den Gesprächen 
auf der Bühne gemein; und sind sie vollends sehr merklich bezeich- 
nende charakteristische Briefe, so nähern sie sich einer der Haupt- 
eigenschafteu des Drama. Ein Verfechter solcher Briefe hat die Ver- 
bindlichkeit, seinen eignen Charakter, seine eigne Art sich auszudrücken, 
sogar seine eignen Urtheile zu verläugnen; er giebt seinen Personen 
Mängel, um sie, wenn man so reden darf, zu vereinzeln; er giebt 
ihnen ihren besondern Ton der Denkungsart, oft auch des Ausdruckes*); 

*) wie in den Briefen über Shakespear. Fäsi und an Herrn * Ba- 
risien, einer der Verfasser des Nordischen Aufsehers, der vor kurzem 
als K. danischer Consul zu Marncco gestorben ist. 



BRIEFE GERSTENBEHGS \N NICOLA] 

er weist einer jeden unter ihnen die eigentümliche Sphäre der Er- 
kenntnisse an, die seinem Zweck am gemäßesten ist. 

Wenn man einige sonderbare Sätze in iinserü Briefen, z. E, vom 
Trauerspiel, von der Ode, vom Genie aus diesem Gesichtspunkte betrach- 
tet, so wird man bald bemerken, daß die Saite hier mit Vorsatz über- 
spannt ist, weil sie andere zu schlaff anzogen; man wird sich fragen, 
was denn eigentlich erfordert wird, ein Lied, eine Ode, ein Drama, 
eine Epopöe zu dichten; man wird vielleicht finden, daß der wunder- 
liche Mann, der Bibliothekar, die Schranken des Genies zwar viel zu 
weit fortrückt, aber man wird vermuthlich doch auch die Entdeckung 
machen, daß das Genie eine schlechte Laufbahn habe, wenn mau sie, 
wie seit einiger Zeit geschehen ist. mittelmäßigen Talenten zu Gefallen, 
so gar nahe an einander schiebt. Ob hingegen die ürtheile des erdich- 
teten Bibliothekars zugleich die wahren Ürtheile des Verfaßers sind, 
darum wird man sich so wenig bekümmern, als man sich einfallen Läßt, 
die gründlichen Maximen des Pedanten Brand in der Clariße dem 
Briefschreiber Richardson anzurechnen. 

Wir haben noch etwas Weniges von der Schreibart der Briefe 
zu sagen. Es wäre ein Fehler gewesen, wenn Leute von verschiedenen 
Begriffen, die, der Anlage nach, nicht für die Welt, sondern für ihre 
Freunde schreiben, einerlev Ton annähmen. Man würde sehr Unrecht 
haben, wenn man in solchen Briefen, welche überdem die eigentüm- 
liche Laune des Schreibers andeuten sollen, eine classische Schreibart 
erwartete, die doch immer, als Ideal, nur eine einzige seyn kann. 
Man wird gleichwohl Rechenschaft erwarten, warum denn diese und 
keine andre Schreibart gewählt, insbesondere aber, warum wir uns 
vieler ausheimischer [sie] Wörter und einiger Carricaturausdrücke bedient 
haben. Yon den letzteren haben wir oben geredet. Hier setzen wir 
nun hinzu, daß schon Lucian die nitvoKaixnxac, und TpayeXacpug der 
charaktristischen Composition unentbehrlich fand. (S. Prometheus es in 
verbis 1 ). Was zweytens die ausheimischen Wörter betrifft, so ist es in 
Privatbriefen, auch der besten Schriftsteller, nichts Ungewöhnliches, 
daß sie, wenn sie an Liebhaber einer gewißen Sprach« • schreiben Stel- 
len aus den Poeten dieser Sprache oder einzelne Ausdrücke mit ein- 
fließen laßen: nicht um ihre Muttersprache damit zu bereichern, son- 
dern aus andern Ursachen. Wenn es aber schlechterdings nothwendig 
sevn soll, aus Privatbriefen, sobald sie der Welt mitgetheilt werden, 
dergleichen Stellen oder Ausdrücke auszustreichen, so sehen wir nicht. 

1) Vgl. Lucian TTobg tov tlnöiTir /fooin,!tn\- e2 & loyoig cap. 7, 30. 

ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XXÜI. u 



66 WERNER. BRIEFE GERSTENBERGS AN NICOLAI 



wie man die unten angeführten* aus den Briefen eines Römers, der 
sonst eben nicht schlecht schrieb, zu vertheidigen denkt. Und man 
glaube ja nicht, daß wir diese mit vieler Mühe ausgesucht haben, weil 
sie zu unsrer Absieht dienen: mau wird unter den Briefen an Attieus 
wenige antreffen, die einem deutschen Kunstrichter nicht Stoff zu den 
götzlichsten Einfallen darböthen! Ferner müßen wir gestehen, daß 
wir die Schreibart der Briefe, wie sie nun da ist nicht gern von Jeman- 
dem verurtheilt wißen wollen, der sich nicht mit den hier von uns 
angenommenen Grundsätzen bekannt gemacht hat, die Lucian und 
Shaftesbury** abhandeln. Denn gewiß, die Regeln des Stils, die viele 
deutsche Kunstrichter aus ihren eignen Schriften, nicht ohne Scharfsinn, 
herausgezogen haben, sind zu unvollständig, als daß sie auf jede Gat- 
tung von Schritten angewandt werden könnten. Endlich würden wir 
uns wundern, wenn nicht einsichtvolle Leser, außer der willkührlichen 
Abwechslung des Tons, noch eine andere, wiewohl seltenere, bemerkt 
hätten, die von der Verschiedenheit der Verfaßer herrührt. 



Da ich diesen kleinen Aufsatz überlese, so finde ich, daß ich im 
Abschreiben einen Satz ausgelaßen habe, der das Recht betrifft, auch 
in der Kritik die charakterische Composition anzuwenden. Der Satz ist 
zu lang, ihn liier einzurücken: ich will darum nur das Wesentliche 
davon anfahren. 

„Es giebt keine kritische Schrift, bey der man nicht die Kritik, 
die Sammlung unstreitiger Wahrheiten des Geschmacks, von dem Kri- 
tiker, dem Menschen, sorgfältig unterscheiden müste: bey dem letztern 
geht ein Zusatz von Irrthümern, in die Wahrheit über, der bald aus 

*) Fenestrarum angustias quod reprehendis , scito te KvosnatSeiccp reprehen- 
dere. Nam dum ego idem istuc dicerem, Cyrus aiebat, viridariorum $ut<juc>iL> latis 
luminibus doq tarn esse suaves. Etenim tonn oxpig utv r) c, io §t oowutvov ß, y 
< /iivh; dt 6 y.tn t. Vides enim caetera. Nam, si *«r' tifao/.ojv epniraoiis videre- 
raus. valde laborarent eiStoXa in angustiis: nunc fit lepide illa ex^votg radiorum. Cae- 
ra si reprehenderis . non feres Tacituin. nisi quid erit eius modi, quod sine sumptu 
coirigi possit Venio nunc ad mensem Januarium, et ad vnoOTaoiv noftram ac noh- 
rtufv: in qua ZtoxQattxiog tu fearegov: sed tarnen ad extremum, vt illi solebant, ir\v 
aoeaxaaav. Cic. ad Att. IL 3. 

Ubi sunt, qui aiunt CwOtjs (poyvrjg? quanto inagis vidi ex tuis litteris, quam ex 
lllius sermone, quid ageretor? de ruminatione quotidiana, de eogitatione Publii, de 
iituis ßownirdog und so weiter bis xat Kix&q<ov O <fi/.ooo(fo; top nokvnxov Titov 
aßjiaCtTat ibid. 12. 

Nunc quoniara et laudis und so weiter bis ut ab omnibus et laudemur et 
amemur ibid. 1 . 15. 

«er am angeführten Orte, dieser im dritten BCiscellany. 



DÜNTZER, ENTSTEHUNG 70» äl II •'>. 

der Unvollkommenheil seiner Einsichten, bald aus seiner Systemsucht, 
bald aus seiner Predilection für gewi&e Lieblingsschriftsteller, bald aus 
andern Ursachen zu erklären ist. Eis i-t also weii gefährlicher, einen 
Kunstrichter zu lesen, der seine Stimme für die stimme der Kritik 
selbst ausgiebt, da es doch unmöglich ist, daß er sich Dicht sein- ofl 
betrügen sollte, als einen Sammler kritischer Briefe, bey dem offenbar 
die Frage vorausgesetzt wird, ob die darinn enthaltenen Grtheile ihren 
Grund in der Natur der Sache, oder in dem kritischen Charakter <i 
Briefschreibers haben. Der letzte schärf! die Aufmerksamkeit und den 
Verstand dr± Lesers: der eiste führt ihn gemeiniglich oder doch sehr 
oft irre. Jenes ist eine Folge der sokratischen Bescheidenheit, diesi 
der sophistischen Zuversicht. 

[In drin eben erschienenen „Katalog einer wertvollen autographen- 
samlung aus (hin besitze der verstorbenen herren Wendelin nm Malt- 
tahn, Hans Reimer und anderer .... Berlin, Albert <'<>/i/i 1890° 
findet sich als nr. 85 ein weiterer brief Gerstenbergs au Nicolai vom 
18. april 1772 angeführt. 3. 2. im. E. M. WJ 



DIE ENTSTEHUNG DES ZWEITEN TEILES VON GOETHES 

„FAL T ST U , INSBESONDEEE DEE KLASSISCHEN WA LIT k'- 

GISNACHT, NACH DEN NEUESTEN MITTEILUNG EN. 

Das bei weitem bedeutendste, was das goethearchiv zur Geschichte 
der dichtungen des meisteis geborgen, ist endlich im fünfzehnten bände 
der Weimarischen ausgäbe zur volständigen mitteilung gelangt und die 
hochgespante erwartung nicht getäuscht werden. Nicht allein hat der 
text durch die volständige, wenn auch nicht fehlerfreie handschrift eine 
festere grundlage erhalten: auch frühere abschriften sind aufgefunden, die 
manches berichtigen, auch einen ausgelassenen 7ers bringen, und zahl- 
reiche inhaltsangaben, skizzen und erste entwürfe gestatten uns einen 
blick in die ursprüngliche anläge und ihre mannigfaltigen, tiefgreifen- 
den Umgestaltungen und steigern die bewunderung des greisen dich- 
ters, der mit unversieglicher gestaltungskraft die grundzüge seiner 
erfindung immer voller, feiner und beziehungsreicher ausarbeitete, sie 
mit reich zuströmendem geist und gehalt hob, so dass die dichtung 
zu einem wahrhaften gotischen dorne ward, an welchem alles bis zu 
den äussersten spitzen von frischem leben quillt und spriesst. und — 
während dieser grosse märchenwald uns zu wundervollem staunen hin- 



68 DÜNTZER 

reisst — alles einzelne die besondersten, oft tief deutenden, oft humo- 
ristischen, beziehungen auf manche Verhältnisse zeigt, deren Verständnis 
meist nicht zur auffassung des ganzen erforderlich ist, diese aber an- 
ziehend gleichsam krönt Der herausgeber, prof. Erich Schmidt, hat 
auf die bewaitigung des ungeheuren Stoffes ausserordentliche mühe ver- 
want, aber leider dem leser die Sache nicht leicht gemacht, der sich 
oft wie durch wild ineinander gewachsenes gestrüpp durcharbeiten 
mu Vor allem fehlt es an übersichtlicher Unterscheidung der vom 
dichter oft auf ein briefconeept, ein couvert, einen theaterzettel, ein 
verworfenes blatt, ein schon beschriebenes papier rasch hingeschrie- 
benen ersten skizzen oder versentwürfen, der aufzeichnungen verschie- 
dener, nicht zusammengehörenden stellen auf einem bogen oder einem 
teile eines selchen, der aneinanderfügung einzelner zusammengehörigen 
stellen zu einem ganzen und der reinschriften , das einen leichten ein- 
blick in die verworrenen massen ergäbe. Und hat auch der herausgeber 
sich näher mit dem zweiten teile bekant gemacht, so fehlt doch viel, 
dass er ganz in ihm und den zahlreichen versuchen der erklärer lebte. 
Auch urteilt er zuweilen gar zu vorschnell. Für die feststellung der 
entsteliungszeit der einzelnen teile hätte sich manches leicht gewinnen 
lassen. 

Aus dem tagebuch wissen wir, dass Goethe ein „ausführlicheres 
schema zum Faust" am 23. juni 1797 niederschrieb. Längst hatte 
uns ein brief an Schiller belehrt, dass er bereits anfangs mai 1798 die 
noch ungedruckten teile des „alten höchst konfusen manuscripts" in 
abgesonderten lagen nach dem ausführlichen schema geordnet hatte. 
Die neuern mitteilungen ergeben, dass die stücke des zweiten teiles 
die nummern 20 bis 30 trugen, und dasjenige, was später zum „Faust" 
hinzukam, den betreffenden lagen beigefügt wurde. 

Zu den vorhandenen stücken gehörte auch „Helena im mittel- 
alter. Satyrdrama. Episode zum Faust", wie es auf einem erhaltenen 
titel heisst. Ihren wesentlichen inhalt können wir mit ziemlicher Sicher- 
heit der Übersicht entnehmen, die Goethe im december 1816 für den 
vierten band von „Dichtung und Wahrheit" entwarf. Als Mephisto- 
pheles. nach dem unglücklichen ausgang der geisterbeschwörung am 
hofe, wider mit Faust zusammen triff, bestürmt ihn dieser, ihm die 
Helena zu verschaffen. „Es finden sich Schwierigkeiten. Helena gehört 
dem Orkus an und kann durch Zauberkünste wol herausgelockt, aber 
nicht festgehalten werden. Faust steht nicht ab, Mcphistopheles unter- 
nimmts. Unendliche Sehnsucht Fausts nach der einmal erkanten 
höchsten Schönheit. Ein altes schloss, dessen besitzer in Palästina 



ENTSTEHUNG VON FAUST TT 69 

krieg führt, dessen kastellan aber ein zauberer ist, soll der wohnsitz 
des neuen Paris werden. Helena erscheint: durch einen magischen 

ring ist ihr die körperlichkeit widergegeben. Sie glaubt so eben v<m 
Troja zu kommen und in Sparta einzutreffen. Sie findet alles einsam, 
sehnt sich nach geselschaft, besonders nach männlicher, die sie ihr 
leben lang nicht entbehren können. Paust tritt auf und steht als deut- 
scher ritter sehr wunderbar gegen die antike heldengestalt Sic finde! 
ihn abscheulieh, allein da er zu schmeicheln weiss, so findet sie sich 
nach und nach in ihn und er wird der nachfolger so mancher heroen 
und halbgötter." Vgl. dazu jezt 9252 fgg. Aber auch ein älteres, 
eine anspielung auf die französische erklärung der menschenrechte ent- 
haltendes schema hat sieh auf einem gebrochenen foliobogen erhalten. 
Als personen werden liier ausser Helena eine Ägypterin (als Ägypter 
galten die zigeuner) und mägde genant, als scene ein „freundlicher ort 
im Rheintal." Helena befiehlt als spartanische fürstin. Die Ägypterin, 
unter der Mephistopheles steckt, macht als schafherin „albern»' spässe." 
Am rande findet sich bemerkt: „Schweigende orakel, kartenschlagen 
und händedeutung [Chiromantie]." Helena wird verdriesslich darüber. 
Die weitern reden der Ägypterin rufen Helenas drohung hervor. Auf 
jene bezieht sich wol die randbemerkung: „Schwäne, röhr [im Eurotas] 
Tanz [die Spartaner waren als tanzliebend bekant]. Grad oder Ohgrad 
[das bekante spiel]. Schöne weiber [die in Sparta auch durch freiere 
kleidung sich auszeichneten]." Auf der Helena drohung erwiderte die 

schamerin : 

Und. das heilige menschenrecht 

Gilt dem herren wie dem knecht. 

Brauch' nicht mehr nach Euch zu fragen, 

Darf der frau ein schnipchen schlagen. 

Bin dir längst nicht mehr verkauft, 

Ich bin christin, bin getauft. 

Die beiden ersten verse finden sieh in algemeinerer fossung auch unter 

ausserungen der Phorkyas (Paral. 171). Helena hatte geglaubt, Venus 
gestatte ihr, nach Sparta zurückzukehren. Auf ihr erstaunen, dass sie 
ihre heimat nicht wider erkent, erwidert die Ägypterin: „Zuerst aus 
dem 0... freundl. ort Rheinthal", heisst es nach Schmidt im Schema, 
Aber „0...", das Schmidt gibt mit der frage: Nicht etwa Orkus?" 
scheint verlesen statt „EL", da bald darauf des El y sin ms gedacht wird. 
Helena jammert, dass Yenus sie „wider belogen", und beklagt das 
ungiück, welches die Schönheit ihr gebracht, wogegen die Ägyp- 
terin das lob der Schönheit anstimt. Man vergleiche dazu Helenas 



7(i DÜNTZEB 

klage 8531 fg. und des Mephistopheles preis ihrer Schönheit 8909 — 
8912. Die angst, dass sie nicht wisse, wem sie angehöre, tröstet die 
schamerin, welche ihr bedürfhis kent, durch den hinweis auf den edlen 
ritter. der dieses schloss behersche. Faust erscheint. Als sie auch ihm 
gegenüber auf dem verlangen nach den ihrigen besteht, muss sie ver- 
nehmen, dass die zeit derselben längst vorüber, Faust ins elysium 

drangen ist. um sie der erde wider zuzuführen. Da spricht sie ihm 
denn ihren auf der ..heidnischen lebensliebe" beruhenden dank aus. 
Nachdem der ritter seinen leidenschaftlichen anteil an ihr zum schwär- 
merischen ausdruek gebracht, ergibt sie sich ihm. Der auf demselben 
blatte stehende trimeter ist offenbar später eingetragen, als der dich- 
ter zur bearbeitung des Stoffes in diesem antiken vermass sich ent- 
schlossen hatte. Xoch weniger war Schmidt berechtigt, die 11 trime- 
ter. die auf demselben blatte mit versen der „Helena" stehen, zur 
„ältesten phase" zu ziehen, da hier die schamerin schon Phorkyas 
heisst. was bestirnt auf die zwanziger jähre deutet. Über die weitere 
handlung klärt uns die fortsetzung des berichts von 1816 auf: „Ein 
söhn entspringt aus dieser Verbindung, der, sobald er auf die weit 
komt, tanzt, singt und mit fechterstreichen die luft teilt." Von einer 
allegorischen beziehung desselben ist so wenig wie von seinem namen 
die rede. Die weitere entwicklung beruhte auf der begrenz ung des 
zauberkreises, in welchem Fausts gespenstiges schloss liegt. Helena 
hatte ihrem knaben alles gestattet, nur das überschreiten eines gewis- 
sen baches verboten. Als der junge eines festtags die musik drüben 
hört, er die landleute und Soldaten tanzen sieht, kann er sich nicht 
zurückhalten, er mischt sich unter sie, bekomt aber händel. Nachdem 
er viele verwundet, tötet ihn ein geweihtes seh wert. Der zauberer-kastel- 
lan kann nur die leiche retten. Als Helena in der Verzweiflung die 
bände ringt, streift sie den ring ab, worauf ihr körperliches sich löst, 
dass, als sie dem Faust in die arme stürzt, nur ihr leeres kleid in 
diesen zurückbleibt. Der magische ring war freilich ein wolfeiles 
märchenhaft'- auskunftsmittel. Mit Helena ist auch ihr söhn ver- 

hwunden. Mephisto, der nun wider in seiner eigenen gestalt erscheint, 
sucht Fau.-t zu trösten und ihm Inst zum besitz einzuflösen. Unzwei- 
felhaft gehört hierher die äusserung, welche als zur 24. läge gehörig 

bezeichnet ist: 

Jeder trost ist niederträchtig, 

Und Verzweiflung nur ist pflicht. 

Dagegen durfte Schmidt nicht die verse hierher ziehen, die ..ad 22." 
bezeichnet sind: 



ENTSTEHUNG VON FAUST II 71 

Das haben die propheten schon gewusst. 

Es ist gar eine schlechte lust, 

Wenn Ohim, sagt die schritt, und Zihim sich begegnen, 
Denn „ dass grosse Kicken im fragmentarischen gedieht anzunehmen", 
kann nicht im geringsten erklären, wie zwischen notwendig, wenn 
sie zusammengehörten, nahe aufeinander folgenden versen eine ganze 
läge sich befinde. Die stelle kann nur zu der Verzweiflung des Fausl 
gehören, als die geistere rscheinung der Helena plötzlich verschwunden, 
und ward wol von Mephisto in bezug aufFausts trübseligkeil geäussert 
Der Jesaisstelle von den Ohims und Zihims gedenkt Goethes tagebueb 
schon am 6. juli 1777. Die spräche Paralip. 86 — 90, die Schmidt auf 
die ältere fassung der „Helena" bezieht (sie stehen mit den versen des 
Homunculus 6883 fg. auf einem alten quartblatte), scheinen aus der 
spätem, vor dem abschluss der „Helena" veränderten fassung erhalten 
zu sein. 

Nachdem der Verleger Cotta im april 1800 Goethe glänzende aner- 
bietungen zur Vollendung des „Faust" gemacht hatte, beschäftigte er 
sich wider mit der ausfiillung der Kicken des ersten teil« So löste er 
denn noch am 31. juli „einen kleinen knoten im Faust." Aber als 
er am 4. august nach Weimar zurückgekehrt war, scheint ihn plötz- 
lich der gedanke ergriffen zu haben, seine „Helena im mittelalter", 
von der wir nicht wissen, wie weit ihre ausarbeitung gediehen war, 
in würdigerer weise auszuführen, sie in ihrem durch Zauberkunst her- 
gestelten alten palast zu Sparta in begleitung der von Troja mitgebrach- 
ten dienerinnen auftreten zu lassen, und zwar im glauben, Menelaus 
(Goethe bediente sich schon hier der für den griechischen trimeter 
bequemern, aus dem französischen ihm geläufigen form Menelas) habe 
sie, nachdem er in Sparta gelandet, mit ihren dienerinnen zur Vorbe- 
reitung eines opfers vorausgesant. Faust selbst, nicht sein teuflischer 
genösse, hatte die Helena aus der unterweit geholt und Mephistopheles 
trat nicht als Ägypterin auf, sondern in der hässlichsten gestalt der 
griechischen sage, als eine Phorkyas. Diese namensform wählte Goethe 
statt der gangbaren Phorkis, da sie deutlicher ein weibliches wesen 
bezeichnete, die tochter des Phorkys, während Phorkis von der 
nebenform Phorkos gebildet ist. Phorkyas solte die furcht vor der 
räche des Menelas in Helena nähren und dadurch die Übersiedelung 
in Fausts mittelalterliche bürg einleiten. 

Seine absieht dieser neuen bearbeitung der „Helena" in alten 
trimetern könte Goethe schon am abend des 2. September, unmittelbar 
vor seiner rückkehr nach Jena, Schiller mitgeteilt haben; wenigstens 



72 DÖ'TZER 

dürfte die beziehung der beiden eintragungen des tagebuchs vom 4. 
und 5. September 1800: „Einiges über Faust. — Einiges an Faust", 
auf die „Helena" nicht ausgeschlossen sein. Jedenfals wüste der freund 
von diesem neuen plane, als Goethe am morgen des 9. September Wei- 
mar, wohin er vor drei tagen zurückgekehrt war. wider verliess. Die- 
sem, mit dem er am 6. und 7. zusammengekommen sein wird, schrieb 
er den 12. von Jena aus: „Glücklicherweise konte ich diese acht tage 
[freilich war noch keine volle woche verflossen, seit er Schiller zulezt 
-prochen] die Situationen festhalten, von denen Sie wissen, und meine 
Helena ist wirklich aufgetreten. Nun zieht mich aber das schöne in 
der [tragischen] läge meiner heldin so sehr an, dass es mich betrübt, 
wenn ich es zunächst in eine fratze verwandeln soll [durch die von 
der Phorkyas erzeugte furcht vor ihrem im orkus festgehaltenen gatten]. 
Wirklich fühle ich nicht geringe lust, eine ernsthafte tragödie auf das 
angefangene [das gelungene erste auftreten Helenas] zu gründen." Nach 
dem tagebuch verwante er die frühstunden des 12. bis 14. auf diese 
dichtong. Xoch am 16. schrieb er Schiller: „Mich verlangt zu erfah- 
ren . wie es in vierzehn tagen aussehen wird. Leider haben diese 
erscheinungen eine so grosse breite als tiefe, und sie wüirden mich 
glücklich machen, wenn ich ein ruhiges halbes jähr vor mir sehen 
könte." Am 21. kam Schiller mit freund Mever zum besuche. Seine 
hohe be wunderung der mit allem dichterischen feuer Schiller vorge- 
tragenen trimeter der Helena ermutigte Goethe zur fortsetzung, mit 
welcher wir ihn an den fünf nächsten tagen beschäftigt sehen. In den 
Schmidtschen auszügen hinter seiner ausgäbe des ursprünglichen Faust 
fehlt die eintragnng vom 26.: „Schönes mit dem abgeschmackten durchs 
erhabene vermittelt. Nachmittag fortschritte an Helena." Leider zogen 
die „Propyläen" und andere arbeiten ihn von der „Helena" ab und 
es gelang ihm nicht den einmal abgerissenen faden wider aufzuneh- 
men. Die im September 1800 gedichteten verse liegen in einer sorg- 
fältigen abschrift seines damaligen Schreibers Geist vor, mit spätem 
nachtragen teils von Goethes eigner hand, teils als diktat an John, 
seinen Schreiber der zwanziger jähre. Sie bilden eine hauptzierde der 
neuen Weimarischen ausgäbe. Dem September 1800 gehören die verse 
an 8439 (8438 wurde erst in der allerlezten fassung vorgesezt) — 8586. 
8591 — 8603. 8638 — 8778. Die rede der Helena wird hier zweimal 
durch anapästische Systeme unterbrochen; es folgt eine rede der chor- 
führerin. die den Unwillen und schrecken bemerkt, mit welchem Helena 
zurückkehrt; auch in Helenas folgenden bericht redet die chorführerin 
einmal ein. Als Phorkyas zwischen den tüipfosten erscheint, stimt der 



ENTSTEHUNG VON FAUST II 73 

chor ein lied an, dessen zweiter teil sieli mit absehen, fluch und dro- 
hen gegen die Phorkyas wendet. Mit der erwiderung der lezteni 
schliesst die dichtung. Goethe hatte bei den antiken trimetorn und 
den scenen des chores bloss an Hermanns werken einen führer. Die 
hauptmomente des plans seien in Ordnung, hatte er an Schiller ge- 
sehrieben. Also muss auch die art der Überführung in das mittelalter- 
liche leben und das ende des sohnes bestirnt gewesen sein. Für den 
leztern hatte er wol schon den aus den „Mythologischen briefen" von 
Voss ihm bekanten Damen des Euphorien, des geflügelten sohnes der 
Helena und des Achilleus, gefunden. 

Als er anfangs november zum „Faust" zurückkehrte, arbeitete er 
nicht mehr an der „Helena", sondern an der brockenscene des ersten 
teiles, die ihn vom 2. bis zum 8. beschäftigte. Am 14. begab er sieh 
nach Jena, wo er die dem herzog versprochene Übersetzung von Vol- 
taires „ Tankred" zu liefern gedachte, aber „die arme poesie wurde 
von philosophen, naturforschern und konsorten in die enge getrieben", 
doch fanden sich zur „Helena" einige gute motive, wie er am LS. Schil- 
ler mitteilte. Vielleicht hatte ihn am 17. die betrachtung von Guille- 
tieres altem und neuem Lacedämon an die seit zwei monaten ruhende 
„Helena" erinnert, aber der blocksberg übte eine noch grössere an Zie- 
hung. Vom 22. november bis zum 24. december nahm ihn „Tankred" 
größtenteils in anspruch, daneben aber gieng die brockenscene nicht 
leer aus, zu welcher er mehrere bücher über Zauberei durchgieng. Die 
reinschrift dieser scene beschäftigte ihn gleich nach der genesung von 
der ihn dem tode nahe bringenden krankheit des Januars 1801. Dann 
aber nahmen die lücken des ersten teiles seine ganze dichterische erfln- 
dung in anspruch, womit es indess sehr langsam gieng. Am 6. april 
schrieb er von seinem landgute aus an Schiller: in der lezten zeit sei 
auch etwas an „Faust" geschehen; hoffentlich werde bald in der gros- 
sen lücke nur der disputationsaktus fehlen (worin Mephistopheles als 
fahrender schüler auftreten soltc); dieser sei freilich als ein eigenes 
werk anzusehen, das nicht aus dem Stegreife entstehe. Damals schrieb 
er wol den entwurf der disputation in ein oktavheftchen und den 
anfang der ausfuhrung in vierzehn versen auf den gebrochenen bogen 
eines quartheftes. Aber gerade über diesem disputationsaktus wurde 
ihm die Vollendung des ersten teiles verleidet. Zwölf tage nach Goe- 
thes rückkunft, am 27. april, berichtete Schiller an Körner, „Faust" 
liege noch immer als eine unerschöpfliche arbeit vor Goethe, da dem 
plane nach das schon gedruckte (168 Seiten von 22 zeilen) höchstens 
der vierte teil des ganzen sei und das neue noch nicht so viel als 



l'l NTZER 



jenes betrage, also noch mehr als die hälfte fehle. Gar manches nahm 
den noch Leidenden dichter vor der hadereise nach Pvrmont in An- 
sprach. Schillers hofhung, dass im februar und märz 1802, wo Goethe 

zu Jena die in wüstem zustande hinterlassene bibliothek Büttners zu 
ordnen hatte, der bücherstaub, mit dem poetischen geist geschwängert, 
ihn zu dem alten gespenstigen doktor zurükföhren werde, gieng so 
wenig in erfäüung, dass „die lustige und gesellige epoche", die er 
in Jena traf, und die lyrische Stimmung des frühlings ihn trieben, sich 
von dem düstern mittelalterlichen stoff in heiterer weise ganz loszu- 
_ -n. Damals entstanden , wenn nicht alles trügt! die beiden neuent- 
deckten epiloge, die den 17**7 gedichteten prologen, der „Zueignung" 
und dem „Vorspiel auf dem theater", in umgekehrter folge entsprechen. 
Diese merkwürdigen dichtungen, die unter den Überschriften „Abkün- 
digung" und „Abschied" auf zwei besondern blättern der dreissigsten 
Lage der gesamthandschrift des „Faust" beigelegt, aber als aufgegeben 
später durchstrichen wurden, sind von Schmidt im Goethe - Jahrbuch 
IX. 5 fg. und band 15 1 , 344 fg. 2 , 188 mitgeteilt. Kaum begreiflich 
i>r es, wie Schmidt sich bereden konte, sie seien vielleicht schon ende 
17'. '7 entstanden. Der einzige ausgesprochene grund ist, dass Goethe 
am 25. december 1797 an Hirt schrieb, er sei beschäftigt, seinen 
„Faust" zu endigen, wünsche aber zugleich sich von aller nordischen 
barbarei loszusagen. Und in diesem augenblick, wo er daran dachte, 
einen grossen teil des nächsten Jahres der Vollendung des „Faust" zu 
widmen, soll er fähig gewesen, dem barbarischen Stoffe (über das 
barbarische desselben hatte er sich auch schon früher gegen Schiller 
an rochen) den laufpass zu geben. Das entschiedene aufgeben der 

Faustsage, die ihn so lange aufgehalten, an der er sich also nicht wei- 
ter abarbeiten will, ist die notwendige Voraussetzung dieser humoristi- 
schen epiloge. Die an erster stelle eingeheftete abkündigung lautet: 

Den besten köpfen sei das stück empfohlen, 

Wir möchten s ^erne widerholen, 

Allein der beifall gibt allein gewicht. 

Vielleicht dass sich was bessres freilich fände. — 

Des menschen leben ist ein episches gedieht: 5 

Es hat wol einen anfang, hat ein ende, 

Allein ein ganzes ist es nicht. 

Ihr herren, seid so gut und klatscht nun in die hände. 
ä hmidt gibt diese verse nicht in der ursprünglichen fassung, sondern 
in der Umbildung, zu welcher Goethe, als er sie in den zwanziger 
jahren widerfand und neu abschreiben liess, durch einen unglücklichen, 



ENTSTEHUNG von FAUST II 

ihren Schwerpunkt verrückenden einfall sich verleiten liess, and sie 
so dem zweiten teile der grossen dichtung beilegte. Damals schob er 
vor _ den vers ein: „Der Deutsche Bitzl verständig zu gericht", was 
dann die änderung von Wir in Und zur folge hatte. I 1 er zusatz ist 
anpassend, da vorher von den besten köpfen die rede ist Die ein- 
schiebung wurde dadurch veranlasst, dass Goethe «•inen reimvers auf 
v. 3 vermisste, der aber nicht durchaus nötig ist, ja die reimform völlig 
entstelt. Ähnlich folgt im „Divan" Viil, L2 nach einem reimpaare ein 
system von sechs versen in der Ordnung abbaba. Schmidt aenl die 
durch den unglücklich eingeschobenen reimvers entstandene anform „eine 
stanze mit einem selbständigen schlussruf", die jedenfals viel schlimmer 
ist als dass auf ein reimpaar statt eines, zweier oder auch mehrerer 
vierversigen Systeme, wie es häufig sich findet, ein aus drei reimpaaren 
bestehendes sechsversiges folgt, statt 3 hatte Goethe zuerst jhrie- 
ben „Wenn nicht was neues widerspricht", dieses aber gleich als an 
hörig gestrichen. In 5 hatte der Schreiber statt episches ezi 
ähnliches. Diesen argen hörfehler des, wie häutig, das fremdworl 
misverstehenden Schreibers hat Schmidt beibehalten, obgleich die v< 
5 — 7 in Goethes eigner handschrift auf einem foliobogen stehn, der 
spruchverse aus dem ersten, wo] auch aus dorn zweiten fcei] enthält, and 
dort deutlich episches zu lesen ist, wie 6 einen und ein statt des vom 
Schreiber gesezten seinen und sein. Als Goethe die abkündigui 
später durchsah, überlas er das widersinnige ähnlich« fcelte richtig 

ein her, liess aber aus versehen seinen weg statt einen zu schrei- 
ben. AVer viel hat drucken lassen, weiss, dass man bei der korrektur 
verdrucktes stehen lässt, weil man nicht den gesezten fehler liest, 
sondern die vorschwebende richtige fassung der handschrift. woraus 
sich auch manche entstellungen des Goetheschen b I erklären, die 
leider auch die Weimarische ausgäbe treu fortpflanzen zu mü 
glaubt. Ein ähnliches gedieht ist reiner ansinn, da ähnlich ganz 
beziehungslos stände und keine veranlassung war. das menschenleben 
ein gedieht zu nennen als in ih~v vergleichung mit dem epos, auf des- 
sen von Wilhelm Schlegel aufgebrachte theorie (vgl. den brief an Schil- 
ler vom 28. april 1797) launig angespielt wird bei der entschuldigung, 
dass sein ,,Faust" (auch in der hier als schon geschehen angenommenen 
Vollendung) ebensowenig ein ganzes sei wie das menschenleben. 

So wenig wie Schmidts kritische behandlung können wir hier seine 
auffassung und erklärung billigen. Wenn Goethe die „Abkündigui 
und den „Abschied" noch spät abschreiben liess und einer Fernschrift 
des abschnittes von Fausts tod beilegte, so schliesst er daraus, dass 



76 DÜNTZER 

dieser „noch bis in die lezte zeit diesen ausklang erwogen hat", wobei 
ich mir eigentlich gar nichts denken kann. Die zur erklärung bei- 
j fügte bemerkung, die „Abkündigung" umschreibe das plaudite der 
alten komödie. berücksichtigt .-eltsamerwoise nur den lezten vers, und 
zwar ungenau genug. Und bei der aufforderung zum klatschen wer- 
den dem dichter nicht weniger als die römischen komikor Shakespeares 
epiloge zum ..Sturm", „Sommernachtstraum" und „Heinrich VIII." 
vorgeschwebt haben. Auch war zu bemerken, dass Goethe sich nicht 
an die Zuschauer überhaupt wendet, sondern an die herren, wie umge- 
kehrt in dem von einem tanzer gesprochenen epilog zum zweiten teil 

n Shakespeares ..Heinrich IV. " der darin auftretende tänzer die Ver- 
zeihung der damen wegen des neulich durchgefallenen Stückes schon 
gewonnen zu haben behauptet und dasselbe dann auch von den herren 
erwartet, da diese in solcher versamlung diesen folgen müssen. Die 
..Abkündigung" ist. woran Schmidt wunderbar gar nicht ^gedacht, eben 
eine abkündigung, im gegensatze zu der auf dem deutschen theater 
lange zeit gangbaren ankündigung des am nächsten theaterabende zu 
_ benden Stückes durch einen Schauspieler oder den Vorsteher (einzelne 
_ - -«haften hatten ihren eigenen ankündiger, annonceur), wobei 
zuweilen ein anderes stück, besonders die widerholung des eben ge- 
spielten von den Zuschauern verlangt wurde, (was in Berlin bei Lessings 
..Minna von Barnhelm" eine reihe abende hintereinander geschah), in 
Hamburg einmal, als Schröder ein anderes stück ankündigte, die wider- 
holung von Schillers eben aufgeführtem Trauerspiel „Kabale und liebe' c 
gefordert wurde. Erst wenn man sich dieser sitte erinnert, versteht 
man lies launige ..abkündigung." Der direktor (denn diesen dür- 

fen wir uns auch hier denken) möchte das stück als ein bedeutendes 
den herrn kunstkermern empfehlen, muss aber auf seinen wünsch, es 
am nächsten abend widerzubringen, verzichten, da ihm der gewünschte 
beifall nicht zu teil geworden, was freilich seinen guten grund haben 
möge. Da kein rechtes ganzes sei, entschuldigt er mit der gleichen 

beschaffenheit des menschenlebens, und so hoffc er. dass die als die 
besten köpfe angesprochenen herren die gute haben werden, schliess- 
lich doch in die bände zu klatschen. Die sehen <\<> redners spricht 
sonders in v. 3 aus: das ganze j.r von bester launc eingegeben, 
doch fehlt den versen die lezte band, welche die Ungleichheit mehrerer 

hoben haben würde. Jm gründe stimt unsere „abkündigung" mit 
dem durchaus humoristisch gehaltenen, vielversprechenden Vorspiel auf 
dem theater. da es nicht zu bezweifeln steht, dass der dichter dort 
sich keineswegs den forderungen des direktors fügt, er zulezt bloss still- 



f.ntstkhünTt von paust ii 77 

schweigt, da er nur ohne rücksicht an!* Wirkung seinem eigenen «Iran-.' 
folgen kann. 

Wenden wir uns von der „abkündigung" zum „abschied", von 
dem die dreizehn ersten verse der Schreiber Geist, die folgenden Goethe 

selbst geschrieben hat 

Am ende bin ich nun des trauerspieli 
Das ich zulezt mit bangigkeil rolfuhrt, 
Nicht mehr vom dränge menschlichen gewühli . 
Nicht von der macht der dunkelheit gerührt 

Wer schildert gern den wirwar des gefiihL . 5 

Wenn ihn der weg zur Klarheit aufgeführt! 
und so geschlossen sei der barbareien 
Beschränkter kreis mit seineu Zaubereien. 

Und hinterwärts mit allen guten schatten 
Sei auch hinfort der böse geist gebaut, LO 

Mit dem so gern sich jugendträume gatten, 
Den ich so früh als freund und feind gekaut. 
Leb 1 alles wol, was wir hiemit bestatten, 
Nach Osten sei der sichre blick gewant 
Begünstige die muse jedes streben, 1 5 

Und lieb' und freundschaft würdige das leben 1 . 

Denn immer halt ich mich an Eurer seit«'. 
Ihr freunde, die das leben mir geselt; 
Ihr fühlt mit mir. was einigkeit bedeute, 
Sie schaft aus kleinen kreisen weit in weit: 20 

Wir fragen nicht in eigensingem streit 
Was dieser schilt, was jenem nur gefält, 
Wir ehren froh mit immer gleichem mute 
Das altertum und jedes neue gute. 

glücklich, wen die holde kirnst in frieden 
Mit jedem frühling lockt auf neue flur! 
Vergnügt mit dem, was ihm ein gott beschieden, 
Zeigt ihm die weit des eignen geistes spur. 
Kein hindernis vermag ihn zu ermüden: 
Er schreite fort, so will es die natur. 

1) Ursprünglich hatte Goethe, als er sich zur fortsetzung getrieben fühlte, 

v.14 geschrieben: _Auf neue scenen ist der geist gewant". und die stanze geschlos- 
sen: r Dem neuen triebe, diesem neuen streben Begegne neue kunst und neues 
leben." 



78 Dt ; NTZER 

Und wie des wilden Jägers braust von oben 30 

Des zeitengeists gewaltig freches toben. 
Nicht stanze für stanze, aber in allen Hauptpunkten bildet der 
gleich viel*' enthaltende „abschied" den entschiedensten gegensatz zur 
„Zueignung." Bogint jene mit dem innigen dränge, die gestalten der 
alten, ihn an seine Jugendzeit ahnungsvoll erinnernden sage von neuem 
zu beschwören, so ist er jezt herzlich froh den „Faust", der ihn mit 
5< in« in gewaltigen ringen und den schauern des uns verschlossenen 
jenseits früher so mächtig ergriffen hatte, jezt zu ende geführt zu 
haben und von diesem den geist beschränkenden zauberkreis befreit zu 
sein. Die wideraufhahme der Faustsage hatte freilich mit der erinne- 
rung an die frühere Jugendzeit und das glück von erster liebe und 
freund sehaft auch den bittern sehmerz um den frühen vertust so man- 
cher guten seele und die klage in ihm erregt, dass er des gemütlichen 
beifals der nächsten sich nicht mehr zu erfreuen habe, da nur eine 
kalte menge die fortsetzung seiner dichtung vernehmen werde. Dieser 
zu entschiedener Ungerechtigkeit gegen die gegenwart ihn hinreissen- 
den leidenschaftlichen seimsucht der beiden mitlern Strophen der „Zu- 
eignung" entspricht jezt der feste entschluss, sich von allem vergeb- 
lichen schmachten nach den hingeschiedenen, besonders aber vom 
düsteren versenken in die nachtseite der natur abzuwenden, das ihn 
einst so wonnig ergriffen, aber auch seinen blick getrübt, seine tatkraft 
gehemt hatte. Auf ewig entsagt er jenem dunklen sinnen und wendet 
sich dem lichte zu (Ex Oriente lux), vom wünsche begeistert, dass 
neben der sein leben beherschenden muse liebe und freundschaft ihn 
stets begleiten mögen, die ihn mit manchen in treuer eintracht zu ihm 
stehenden, alles schöne und gute froh verehrenden seelen verbinde. 
hloss die „zueignung" mit dem ihn zu tränen hinreissenden und der 
genwart entrückenden dränge nach den hingeschiedenen, so empfin- 
det er jezt den vollen segen, frei dem triebe der ihn zu neuer, frischer 
tätigkeit befeuernden dichternatur zu folgen, worin ihn die wilde jagd 
des all*- umstürzenden Zeitgeistes nicht stören soll. So hofnungsfreu- 
dig klingt die Seligkeit aus, dem düstern mittelalterlichen zaubertreiben 
entrückt zu sein. Von seiner schweren krankheit jezt voll genesen, 
fohlt er sieh zu feurigem dichterischen schaffen getrieben an der seite 
des ihm verbündeten ebenbürtigen Schiller; statt des ihn so lange 
drückenden gespenstigen doktors hatte ihn die in der neuesten zeit 
spielende, die sichere beruhigung der aufgeregten staatlichen weit dar- 
stellende grosse trilogie der „natürlichen tochter" ergriffen, von der 
nur der erste anfang vorlag, deren Vollendung die gespannteste zusam- 



PSTEBTI tfQ VON FAUST II 7!' 

menfassung seiner kraft forderte, and er ahnt» 1 , dass der geist ihn aoch 

zu manchen andern dichtungen treiben werde. 

In den beiden nächsten jähren war an eine weiterfuhrung des 
„Faust'* nicht zu denken, mochte auch einmal die rede auf diesen 
kommen, wie nach »lein tagebuch am abende <\r* 31. Oktober L803 bei 
Schiller nach dem „Teil" auch der ruhenden mittelalterlichen dichtung 
gedacht wurde. Als er gegen ende des Jahres L804 an eine neue 
gesanitausgabe seiner werke dachte, trat ihm auch die Vollendung <\v* 
ersten teiles des „Faust M nahe, welche das bedeutendste neu,' in die- 
ser bilden, ihr besondern glänz verleihen werde. Ersl nach Schillers 
tode kam der vertrag mit Cotta zu stände, in den monaten märz und 
april 1806 wurde der erste teil abgeschlossen. Cotta selbst nahm im 
mai die handschrift zum drucke mit, aber die traurigen politischen 
zeiten verzögerten das erscheinen der den „Faust" bringenden lieferung 
bis ostern 1808. Selbst die jezt dem „Faust" in erhöhtem masse zu- 
gewante algemeine aufmerksamkeit konte den dichter nicht bestimmen, 
an die ungeheure aufgäbe des wie ein kaum zu bewältigender Schacht 
vor ihm liegenden zweiten teiles zu gehen, wenn dieser auch keines- 
wegs die ausdehnung erhalten solte, die ihm die spätere bearbeitung 
gab. Freilich kam noch vor diesem erscheinen des vollendeten ersten 
teiles in freundeskreisen , wo er denselben vortrug, die rede zuwei- 
len auch auf die erwartete fortsetzung, wie er einmal in Jena am 
13. märz 1808 sich im ak'emeinen über den inhalt des /weiten teil 

o 

aussprach, aber die ausführung desselben schien ihm anmöglich. AU 
er am ende des Jahres 1816 mit dem vierten bände von „Dichtung 
und Wahrheit" beschäftigt war, fasste er den entschluss, darin ein 
Schema des zweiten teiles mitzuteilen, obgleich dieser nicht (Ut zeit 
angehörte, bis zu welcher die leben sbeschreibimg führte: er wolte mit 
dieser Veröffentlichung nur die fortsetzung ablehnen. Aber jener vierte 
band selbst stockte. Mit dem jungen Schlesier Karl Ernst Schubarth, 
der sich ganz an ihm herangebildet hatte, sprach er ende September 
1820 über den aufgegebenen zweiten teil. Vier jähre späte)' legte er 
Eckermann die handschrift des unvollendeten vierten bandes von ..Dich- 
tung und Wahrheit" vor, in welcher sich das Schema des zweiten teile- 
von 1816 fand. Dieser äusserte dem dichter sein bedenken, ob die- 
selbe mitzuteilen sei, worüber man wol erst dann werde entscheiden 
können, wenn man mit rücksicht auf die fertigen bruchstücke sich ent- 
schieden habe, ob jede hofnung auf vulendung des zweiten teiles auf- 
zugeben sei. Aber nicht dieses bedenken bestirnte den dichter, sich 
der seit länger als zwanzig jähren aufgegebenen dichtung wider zuzu- 



80 DÜNTZER 

wenden, sondern die beabsichtigte gesamtausgabe Lezter band, welche 
er durch die ausfuhrung der „Helena**, (leren anfang ihm so wunder- 
bar gelungen war. einen besondern wert zu geben hefte; und zwar 

- »lte diese ganz unerwartet gleich in der ersten lieferung die weit 
überraschen Die schwierigkeil dieser aufgäbe entgieng ihm nicht; 
aber da es ihn anzog, in der Verbindung der Helena mit Faust sin- 
bildlich den streit zwischen den klassikem und den romantikern zu 

- thlichten, so gieng er mit dem ihn oft in entscheidenden fällen begei- 
sternden mute an die ausführumr. Diese »-elans: ihm im laufe der bei- 
den nächsten jähre über alle erwartung, so dass seine „Helena" nach 
dem ausspruche von Wilhelm von Humboldt ,,etw r as eigentümlich neues" 
wurde. ..\<m dem man noch keine idee hat, für das man keine regel 
und kein gesetz kent, das aber sich im höchsten poetischen leben fort- 
bewegt" Ohne hier auf die ungemein merkwürdige ausbildung desselben 
einzugehen, gedenken wir nur der besondern Schwierigkeit, die das 
ende des Euphorien machte. Das im ursprünglichen plan angenom- 
mene, er sei gefallen, weil er den zauberkreis verlassen, konte Goethe bei 
der würde, die er seiner dichtung gegeben, nicht mehr brauchen. Dass 
ihn später der fall Missolonghis dazu brachte, hier der aufopferung des 
dämonischen englischen dichters ein denkmal zu setzen, ist bekant. 
Aus seinem eigenen munde wissen wir, dass er Euphorions tod früher 

luf verschiedene weise, einmal auch recht gut, ausgebildet" gehabt. 
In einem der erhaltenen entwürfe lesen wir bloss von Euphorions 
„kunststücken und tod": ein anderer sezt dazwischen noch „freudige 
eitelkeit tt , wonach also unbedachte eitelkeit ihn zu gründe richten solte. 
Das unmittelbar darauf folgende: „Aufgehobener zauber" bezieht sich 
nicht etwa auf das verlassen <](.'> zauberkreises, sondern darauf, dass 
durch den tod des sohnes auch das durch zauber vermittelte neue 
Leben der Helena selbst zu ende ist. Zu einer früheren fassung des 
endes - Euphorion scheinen mir die verse auf einem blatte zu gehö- 
ren, welches die -teile des mummenschanzes beim anrücken des wil- 
den hei ntliält, weshalb sie Schmidt auf die feuer quelle bezogen 
hat (Paralip. 1 15): 

ht ihr die quelle da, 

Lustig sie sprudelt ja, 

Wie ich noch keine sah, 

Kostete gern, 

die ganz dem tone des mit ungestüm vordringenden knaben entsprechen 
würden. Man könte denken, dieser habe, immer weiter fortgetrieben, 
im wasser den tod finden sollen, zu dem es ihn von der quelle hin- 



STEHUNG V<>N FAUST II 81 

gezogen, während er nach der spätem fassung die höchsten gipfe] 
ersteigt. Möglich ist, dass, wie ich Hingst vermutet habe, Goethe für 
Euphorion, ehe er ihn wie Byron der begeisterung für Griechenlands 
Freiheit zum opfer fallen liess, sich auch den ausgang gedacht hat, dass 
er in die weite weit fliegen sollt' — zur andeutung, dass die dichtung 
eine weltgabe sei, die, wie sie allerwärts entsteht, so auch iiberalhin 
sieh verbreitet. Dann wurde Eelena aus schmerz über die trennung von 
ihm aus dem leben geschieden sein. 

Da Goethe sieh vor dem erscheinen der „Helena" über ihre Stel- 
lung im zweiten teile aussprechen wolte, so nahm er bereits am 
8. november 1826 den vor zehn jähren geschriebenen plan des zweiten 
teiles wider vor und diktierte mit benutzung desselben die einleitung 
zur „Helena" die „ antecedentien a derselben, wie er sie auch nante, 
worin der Inhalt des ersten aktes kurz berührt, der ^'> zweiten bis 
zur gewährung der an Proserpina gerichteten bitte des Faust ausführ- 
lich erzählt wurde. Am 21. deccmbcr schloss er sie ab, doch bald 
entschied er sich, sie nicht drucken zu lassen; ohne zweifei, weil er 
der hofnung nicht entsagen wolte, die beiden der Helena vorhergehen- 
den akte noch zu stände zu bringen. Die wirklich in „Kunst und 
altertum" gedruckte kurze ankündigung der „Helena" bemerkt nur, 
vor der band solle es „unausgesprochen bleiben, wie es nach manm 
faltigen hindernissen den bekanten magischen gesellen geglückt, die 
eigentliche Helena persönlich aus dem orkus ins leben heraufzuführen." 

Schon ehe er diese kürzere ankündigung am lO.juni 1826 abschlo 
hatte er die ausführung des ersten aktes des zweiten teiles einstlich 
erwogen. Es war ein gewaltiges werk, das er übernahm, aber die 
volle freude über das gelingen der „Helena" begeisterte ihn dazu: galt 
es ja die beiden ersten akte und wo möglich auch die beiden lezten 
zu ebenbürtiger dichterischen ausbildung zu bringen, jeden derselben 
zu einem grossen, selbständigen, gehaltreichen, von reichen allegorien 
durchzogenen, in sich abgerundeten ganzen zu erheben. Das tagebuch 
bezeichnet von jezt an die fortsetzung d< s ..Faust" als „hauptgeschäft", 
als „hauptwerk." Schon am 18. mai 1827 hat er das hauptgeschäft 
„auf den rechten fleck gebracht." Seit dem 12. hatte er wider ein- 
mal seinen garten am parke bezogen, da er auf eine badereise ver- 
zichtete. Aus dem briefe an Zelter vom 24. ergibt sich, dass ihn damals 
der anfang des vierten aktes als einleitung zu der schon langst ausge- 
führten darstellung von Fausts ende beschäftigte. Darauf beziehen sieh 
demnach auch die ein tragungen vom 21. bis zum 30., die vom „sche- 
matisieren", vom „regulieren der vorliegenden angeführten teile", vom 

ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XXIH. O 



dDntzbb 

„behandeln des Schemas, anschliessend an das schon vollendete" und 
von „einigen poetischen bedenken" sprechen. Erst am 9. juni kehrte 
er nach Weimar zurück, wo ihn bis zum 14. ein besuch des als natur- 
forscher bedeutenden grafen Sl srnberg erfreute. Gleich darauf muss er 
den entschluss gefasst haben, den anfang des ersten aktes auszuführen, 
r jezt ein weitglänzendes portal erhalten solte, wovon die entwürfe 
keine spur zeigten. Wenn Goethe am 21. „einiges" an dem für den 
„Faust u bestirnten bände der ausgäbe lezter band machte, so muss es 
-ich um dm anfang des zweiten teiles gehandelt haben; doch dauerte 
einen vollen monat, ehe er sich diesem anhaltend widmete. Schon 
am 1. Oktober las er Eckermann die zweite scene vor; am 1. Januar 
1828 schloss er das karneval ab. über das er sich am 8. november 
mit Eckermann unterhalten hatte: am 14. brach er den zunächst mit- 
zuteilenden anfang des zweiten teiles mitten in der scene im lustgarten 
ab. doch beschäftigte ihn die durchsieht noch länger als eine woche. 
Schweigt auch das tagebuch zunächst vom „Faust**, so ergibt sich doch, 
da— er weiter daran fortgearbeitet hat, aus der klage an Eckermann vom 
11. märz, dass es mit der fortdichtung äusserst langsam gehe, er im 
allerglücklichsten falle jeden morgen nur eine seite zu stände bringe. 
Von Dornburg au> vertraute er Zelter am 26. juli, es komme nun 
darauf an. den ersten akt zu schliessen, der bis auf das lezte detail 
erfunden sei; nur der ihn tief erschütternde tod des grossherzogs habe 
dessen Vollendung gehindert. Als er am 11. September von Dornburg 
zurückgekehrt war. nahm ihn zunächst die neue bearbeitung der „wan- 
rjahre" in ansprach. Doch bald kehrte er zum ,,Faust" zurück, des- 
o zweiter akt ihm so sehr am herzen lag, dass er, obgleich das 
gebuch vom 29. September bis zum 7. februar 1829 fortwährend des 
„ hauptgeschäfts " gedenkt, selbst den nächsten freunden nichts davon 
rriet Zelte] 1 erfuhr auf seine anfrage nur, dass diese ihn bestimmen 
werde, das zunächst an den anfang sich anschliessende baldmöglichst 
anzufertigen. Erst am 1. december vertraute er Riemer unter anderem 
neuen auch Faustische scenen. Damals scheint er sich zur durchsieht 
des fertigen entschlossen zu haben. Eckermann hörte am 6. und 
16. december die beiden eisten scenen des zweiten aktes, am ende des 
monats aus dem eisten die vom papiergeld und von der erscheinung 
des Paris und der Helena, wie am 10. Januar 1830 die unterdessen 
fertig gewordene in der finstern gallerie, etwa zehn tage >päter endlich 
auch den anfang der klassischen Walpurgisnacht. Im juni war der 
selben erobert und die Kicken ausgefült; doch noch im 
december beschäftigte ihn die nacharbeit Erst am 20. februar 1831 



ENTSTEHUNG 70N PAUST II 83 

wurden die drei ersten akte zusammengeheftet, was ihn zur Vollendung 

des Schlusses reizen solte. 

Unter den neuen erfindungen des mit allegorischen beziehungen 
reich ausgeschmükten ersten aktes gedenken wir nur der mütter, welche 
die heraufruhrung von Schattenbildern Längs! hingeschiedener personen 
dramatisch veranschaulichen solten. Wir hörten bereits, dass die betref- 
t'ende scene erst nach der geistererscheinung selbst fertig wurde. Ein 
paar stellen aus frühem versuchen dieser seene haben sieh erhalten 
(Paral. 118. 120 fg.). Bemerkenswert sind die verse: 

Und wenn du rufst, sie folgen mann für mann, 
Und fraun für traun, die grossen wie die schönen, 
Und bringen her so Paris wie Helenen, 
da hier angenommen wird, Faust müsse die beschworenen geister beim 
namen rufen, ehe er den dreifuss an die oberweit bringe. Dies weicht 
ab von 6297 fg., welcher stelle aber die wirkliche beschwörung 6427 fg 
widerspricht, in welcher bloss die mütter angerufen werden. Ein ver- 
sehen ist es, wenn E.Schmidt die worte (Paral. 119): „Nicht nacht, nicht 
tag, in ewger dämmerung. — Es war und will ewig sein" zu 6214 
zieht und dem Mephisto zuschreibt; vielmehr waren sie zur beschwö- 
rung des Faust bestirnt (vgl. 6429) und solten nicht auf die mütter, 
sondern auf die „bilder des lebens" gehen. Die stelle, auf welche 
Scberer die behauptung eines ganz andern ursprünglichen plans der dich- 
tung gründete, ergibt sich jezt als spätere einschiebung, wie E. Schmidt 
zugibt. 

Viel bedeutender war die Umgestaltung, welche die ursprünglich 
von Mephistopheles übernommene herbeischaffung der wirklichen Helena 
erleiden muste, da diese nach der weiten ausfuhrung des dritten akt 
eine dieser ebenbürtige darstellung dringend forderte. Freilich lag ein 
ausführlicher entwurf derselben im Schema vor, dessen erste fassung 
vom november 1826 datiert, im december erweitert umgeschrieben 
wurde; aber noch ehe er an die ausführung gieng, erkante er, dass 
dieser wunderliche einfall jezt einer wesentlichen umdichtung bedürfe. 
Faust solte jenem zufolge nach dem unglücklichen ausgange der gei- 
stererscheinung an einer kirchhofmauer, in träume versunken, liegen 
und, aus ihnen erwachend, einen ..grossen monolog zwischen der wahn- 
erscheinung von Gretchen und [dem ihm vorschwebenden bilde der] 
Helena" halten. Aber die leidenschaft zu dieser kann er nicht bezwin- 
gen. Mephistopheles, dem er sein anliegen mitteilt, sucht ihn nach 
gewohnter weise durch allerlei Zerstreuungen zu beschwichtigen. So 
führt er ihn denn auch in das Laboratorium Wagners, der eben ein 

6* 



&4 DÜNTZRB 

chemisch menschlein hervorzubringen sucht Zu der Verwandlung des 
in pergamenten wühlenden Wagner in einen chemischen Laboranten 
hatte ihn wahrscheinlich ein Würzburger philosoph dieses namens 

bracht, der behauptet haben solte, es müsse gelingen, menschen 
durch krystallisation zu bilden. Auch „verschiedene andere auswei- 
chungen und ausfluchte" solte Äfephistopheles versuchen. Vergleichen 
wir damit die einen monat spatere ankündigung. Aueli hier erwacht 
Faust (ein ort ist nicht angegeben) aus träumen, die sich aber „vor 
den äugen des Zuschauers sichtbar umständlich begeben", was um so 
weniger jezt an der stelle war, als der erste akt mit einem so bedeu- 
tenden g - rchore um den schlafenden begonnen hatte. Mephistophe- 
redet ihn, gleichsam im vorbeigehen Wagners laboratorium zu 

suchen, der sich rühmt, eben ein chemisches männchen hervorge- 
bracht zu haben, das gleich seinen leuchtenden glaskolben zersprengt 
und als bewegliches wolgegliedertes Zwerglein auftritt. Yon einer mit- 
wirkung des Mephisto dabei ist keine rede. Nach Paracelsus sollen 
aus solchen homuneuli mit der zeit leute von wunderbaren geheimen 
kentnissen werden. Der Wagnersche ist ein algemeiner historischer 

• ltkalender. und so behauptet er, eben sei die nacht, in welcher einst 
die Schlacht von Pharsalus vorbereitet worden. Da Mephistopheles dies 
mit bezug auf die Zeitbestimmung der gelehrten Benediktiner (in der 

irt de verifier les dates") leugnet, zieht er sich nicht nur den 
Vorwurf zu. dass der teufel sich auf mönche berufe, sondern er muss 

h auch den weiteren beweis seiner hervorragenden kentnis gefallen 
lassen, das- dort zugleich das fest der klassischen Walpurgisnacht gefeiert 
werde, wie es seit anbeginn der mythischen zeit immerfort gewesen; 
ja dies sei nach dem geheimen zusammenhange der dinge eigentlich 
_rund jener blutigen, die freiheit der klassischen weit vernichtenden 
Schlacht „Alle vier entschliessen sich, dorthin zu wandern." An 
eine verständige begründung ist nicht gedacht; das ganze ist eine 
phanl :he, dazu ins komische schlagende dichtung. Wagner ver- 

si auch bei aller eile nicht, eine phiole mitzunehmen, um hier und 
da. wenn - glücke, die zu einem ehemischen weiblein nötigen ele- 
mente zusammenzufinden. Das glas steckt er in die linke, das che- 
mi männlein in die rechte brusttasche. Unter solcher leitung ver- 

trauen sieh die reisenden dem zaubermanteL Das lächerliche wird noch 
dadurcl . . \ dass sie bei der aus Lucan bekanten hexe Erich tho, 
welche von Sextus Pompejus über den ausgang der Schlacht bei Phar- 

lus befragt wurde, den kleinen Eriehthonius finden, von dessen ent- 

■hung durch die Zudringlichkeit des Vulean eine wüste sage bericli- 



ENTSTEHUNG VON FAUST II 85 

feet wird, aus der einst Raphael ein anziehendes bild schuf. Die weder 
Bachlich noch etymologisch begründete Verbindung beider führt zu einer 
seltsamen spotdichtung. Erichtho muss den kleinen, da er in folge sei- 
ner entstehung übe] zu fiisse ist, auf den arm nehmen, und dieser, 
der zu Honiunculus sich Leidenschaftlich hingezogen fühlt, ruht nicht, 
bis jene seinen geistigen halbbruder auf den andern arm genommen, 
was den Mephisto zu bösartigen glossen veranlasst. Diese wunderliche 
erfindung, bei welcher der Übermut des dichters Bich die zügel hatte 
schiessen lassen, ohne an die möglichkeil dramatischer ausführung zu 
denken, muste nicht allein von allem possenhaften gereinigt werden, 
sondern auch eine geistige beziehung erhalten. Wagner seihst durfte 
an der bildung des Honiunculus nur scheinbaren anteil haben und der 
pedantische laborant nicht mit auf der klassischen Walpurgisnacht 
erscheinen. Mephisto muste das Zwerglein in die phiole gezaubert 
haben, um Wagner zu necken. Die zweite noch bedeutendere ände- 
rung besteht darin, dass Honiunculus noch nicht das glas verlassen 
hat und zur körperlichkeit gelangt ist, sondern mit seinem unablässigen 
tätigkeitsdrange nach dieser erst strebt, wodurch er zum sinbild des 
strebens des Faust nach Helena wurde. Wie Fau^t sein zie] erreicht, 
da es ihm gelingt, durch sein flehen bei Proserpina die wirkliche He- 
lena aus der unterweit heraufzuführen, so fühlt Honiunculus sich zur 
höchsten Schönheit hingetrieben, in deren erfassung er sich auflöst, er 
zerschelt am wagen der göttin der Schönheit. Mephisto komt in der 
zaubernacht dadurch zur ruhe, dass er die gestalt des urhässlichen 
Bagengebildes annimt, in welchem er schon in der „Helena" auftrat 
8 i schliesst sich die klassische Walpurgisnacht zu einer dramatischen 
einheit zusammen, während früher Honiunculus keine innere beziehung 
zu Faust hatte und spurlos verschwand, im lezten plane nach der 
schnurre, dass er eine menge phosphorescierender atome aus dem humus 
in die phiole gesammelt hat, durch dessen herumschütteln Wagner 
einen wilden stürm erregt. 

Nach dem entwürfe solte Mephisto zueist zur ruhe gelangen. 
Als „antike ungeheuer und misgestalten", bei denen er sich zu haus 
finde, waren in einem zusatze zum ersten schema genant „centauren, 
sphinxe, chimären, greife. Sirenen, tritonen und nereiden, die gorgo- 
nen, die graien" — eine gar bunte schaar, durch die Mephisto durchgehen 
solte. Als hauptsache erscheint im schema: „Mephistopheles und Enyo 
[eine der drei töchter des Phorkos oder Phorkys und der Keto, die 
Goethe schon aus des Aeschylos „Prometheus" kante] ; schaudert vor 
ihrer hässlichkeit; im begriff, sich mit ihr zu überwerfen, lenkt er 



g(J DÜNTZER 

ein. Wegen ihrer hohen ahnen und wichtigen einflusses macht er ein 
bündnis mit ihr. Die offenbaren bedingungen wollen nichts heissen, 
die geheimen artikel sind die wirksamsten." Das lezte solte wo] ein 
spott auf die gewöhnlichen staatsbündnisse sein; sachlich wurde dem 
tfephistopheies gestattet, wenn er wolle, die gestalt der Enyo (= Phor- 
kyas) anzunehmen. 

Von Faust hören wir, dass er auf einer Wanderung zur versani- 
lung der Sibyllen gelange, die den christlichen ähnlich gedacht waren. 
Als bedeutendste von ihnen erscheint th>± Tiresias tochter Manto, die 
gentlich eine zu Delphi gehörende Wahrsagerin ist. aber von Goethe 
frei ausgeführt wurde. Diese teilt ihm mit. der augenblick sei für sei- 
nen wuns.-h günstig, da eben der hades sich öfhe. So steigt er denn 
(wo! von Manto geleitet) zur Unterwelt. Zur begründung der bitte 
werden die heispiele von Protesilaus. Alceste und Eurydice angeführt, 
ja Helena selbst habe die erlaubnis erhalten, sich mit dem schatten 
des Achill auf der insel Leuce zu verbinden. An die stelle von Leuce 
ist später bei benutzung dieser sage (7435), vielleicht aus einfacher 
Verwechslung, Pherä getreten. Proserpina gestattet, dass Helena auf 
den boden von Sparta zurückkehre und dort im hause des Menelaus 
empfangen werde; dem neuen freier soll überlassen sein, inwiefern er 
auf ihren geist und ihre empfänglichen sinne einwirken könne. Die 
Zeitdauer wird nicht bestirnt. 

Die übersieht vom december 1826 hat die klassische Walpurgis- 
nacht weiter im einzelnen ausgeführt, ohne aber zunächst des verlan- 
ns des Faust nach Helena besonders zu gedenken und eine bestirnte 
innere folge der auftretenden sagengestalten anzudeuten. Faust lässt 
sich mit einer nach ihrer art auf den hinterfüssen ruhenden rätsellie- 
benden sphinx in ein gespräch ein. wobei „die abstrusesten fragen 
durch gleich rätselhafte antworten ins unendliche gespielt werden" sol- 
ten. Hin neben der sphinx in gleicher Stellung aufpassender goldhüten- 
der greif mischt sich ein, und eine herankommende kolossale gold- 
ameise (man hatte diese längst mit den greifen in Verbindung gebracht) 
macht die Unterhaltung (gleich den versuchten deutungen) noch verwirter. 
„Nun aber, da der verstand im Zwiespalt verzweifelt", heisst es weiter, 
„sollen auch die sinne sich nicht mehr trauen." Hier tritt denn die 
Empuse auf. ethe kannte diese aus den „fröschen" des Aristcpha- 

nes als ein den wanderer durch die gestalten, welche sie annimt. 
s hreckendes _ spenst der Hekate. dessen einer fuss aus kot bestand, 
nach anderen der eines sels war. Hier solte sie zu ehren des heu- 
tigen f( s1 ä ein eselsköpfchen aufsetzen und „die übrigen verschiedenen 



a ENT8TEHUNG VON FAUST II 87 

gebilde" nicht zur Verwandlung-, „aber doch zu unsteter Ungeduld auf- 
regen." Nicht allein entwickeln sich sphinxe, greife und ameisen aus 
sich selbst zu unzählbaren schaaren, sondern es entsteht ein wilder 
geisterspufc sämtlicher ungetüme des altertums in gröster anzahl. Be- 
reits in einem zusatze zum ersten Schema war ein bunter schwärm 
derselben erwähnt. Jezt selten chimären (nach der schon aus Homer 
bekanten, von Bellerophon getöteten Chimära), tragelaphen (die mor- 
uländischen bockshirsche stelte Plato mit den kentauren zusammen), 
gryllen (lächerliche gestalten, die der maier Antiphilos aufgebracht 
hatte), dazwischen unzählige vielköpfige schlangen umherschwärmen, 
harpyien fledermausartig flattern und schwanken, der von Apoll erlegte 
drache Python vervielfältigt sich zeigen und die stymphalischen raub- 
vögel, die Hercules getötet, mit ihren scharfen schnäbeln und schwim- 
füssen pfeilschnell hintereinander vorbeischnurren. Ahoi- auch in den 
wölken und im flusse wird es lebendig. Ein „singender und klingen- 
der" zug von Sirenen schwebt hoch über alle; sie stürzen in den IV- 
neus, setzen sich, nachdem sie „rauschend und pfeifend" sich gebadet, 
auf die bäume und laden in den lieblichsten liedern zum feste d 
meeres ein. Die nereiden und tritonen entschuldigen sich, dass sie 
durch ihre „ konformation " gehindert sind, daran teilzunehmen, eine 
entschuldigung, die freilich wenig heissen will, da, wenn die meerwun- 
der hier am Peneus sich einfinden können, ihre verbildune sie auch 
nicht hindern darf, sich an das ihnen angehörende meer zu begeben. 
Die sirenen laden widerholt alle auf das dringendste ein, „sich in den 
mannigfaltigen meeren und golfen, auch inseln und küsten der nach- 
barschaft insgesamt zu ergetzen." Ein teil der menge stürzt nun meer- 
wärts. Dieses ganze kaum darstelbare geistergewühl bleibt ohne folg 
wie es in sich ohne bedeiitung ist. Eines schöpferischen geistes bedurfte 
es, um aus solchen keck hingeworfenen einfallen ein einheitlich! 
bedeutsames bild zu gestalten. 

Doch es wird noch toller. Es bebt die erde und bläht sich auf; 
,,ein gebirgsreihen bildet sich aufwärts bis Scotusa, abwärts bis an den 
Peneus, bedrohlich, sogar den fluss zu hemmen." Das pelasgische 
Skotusa nennt Strabo als sitz eines uralten heiligtums, das von dort 
nach Dodona verlegt worden sei; die meisten frauen von Skotusa seien 
mit ausgewandert und ihre nachkommen Wahrsagerinnen geworden 
Dies war für Goethe die veranlassung, hier Skotusa einzuführen: wahr- 
scheinlich wolte er ursprünglich das heiligtum der Manto dorthin setzen. 
Der unter dem Ätna liegende Enceladus solte. ..unter meer und land 
heranschleichend, mit haupt und schultern sich hervorwühlen, die wich- 



88 DÜ.VTZER , 

tige stunde zu verheriichen." Hierbei schwebte dem dichter die sage 
r, dass der fluss Alpheus sieh unter dem meere durchgearbeitet habe, 
_ trieben von liebe zur Arethusa, welche vor ihm nach Sicilien geflo- 
hen war. ..Aus mehreren klüften lecken flüchtige flammen. u So war 
- ii-'ii hier der später so glücklich benuzte spott über die vulkanisten 
vorbereitet „Naturphilosophen, die bei dieser gelegenlieit auch nicht 
ausbleiben konten („Denn wo gespenster platz genommen, ist auch der 
philosoph wilkommen" 7843 fg.), Thaies und Anaxagoras geraten über 
das phänomen heftig in streit, jener dem wasser und dem feuchten 
alles zuschreibend [also, wie Goethe selbst, kein beschränkter nep- 
tunist], dieser überall geschmolzene, schmelzende massen erblickend, 
peroriren ihre solos zu dem übrigen ehorgesause. Beide führen den 
Homer an und jeder ruft Vergangenheit und .gegenwart zu zeugen. 
Thaies beruft sich vergebens auf spring- und sündfluten mit didaktisch 
wogendem selbstbehagen. Anaxagoras, wild wie das elenient, das ihn 
beherscht, führt eine leidenschaftlichere spräche. Er weissagt [nach 
der Überlieferung] einen steinregen, der denn auch alsobald aus dem 
monde heruntorfält. Die menge preist ihn als einen halbgott und sein 
_ gner muss sich nach dem meeresufer zurückziehen." Aber Anaxago- 
ras bleibt sieger. Auch der schon von Homer erwähnte kämpf zwi- 
schen den pygmäen und kranichen war angedeutet, aber bloss als 
k<>mis<-hes spiel, ohne alle weitere beziehung. „Noch aber haben sich 
irgs-s hluchten und gipfel nicht befestigt und bestätigt, so bemäch- 
tig sich -'hon aus weit umher klaffenden Schlünden hervorwimmelnde 
pygmäen der oberarme und schultern des noch gebeugt aufgestemtni 
riesen und bedienen sich deren als tanz- und tummelplatz [dabei wird 
nn auf den Nil in der vatikanischen samlung erläuternd verwiesen, 

bildwerk des liegenden flussgottes, an welchem die 
niedenen grade der Überschwemmung als aufsteigende kinder dar- 
_ ' .t sind], inzwischen unzählbare beere von kranichen gipfelhaupt 
und haare, als wären es undurchdringliche wälder [hier bezieht sich 
G Läuternd auf die ähnliehe phantasterei in Sw r ifts „Reisen Gul- 

liver-"] kreischend umziehen und. vor s<hluss des algemeinen festes, 
ein ergetzliches kampfspiel ankündigen." 

Die Schilderung des tollen geisterspukes wird hiermit abgebrodn-n. 
das darauffolgende bündnis des liephistopheles nicht weiter ausgeführt: 
dagei erhalten wir zum erstenmal näheren bericht, wie Faust zur 
Siant - srt Hatte Goethe die im Schema vor den sphinxen genan- 
ten kentauren fallen lassen, so spricht Faust jezt den von Homer als 
n derselben gerühmten Chiron an, der heute seine gewöhn- 



ENTBTKHUNG VON PA.Ü8T II 80 

liehe runde macht. Da> ist eine hübsche Gründung des dichters, der, 
als er sich zur einführung Chirons entschloss, bereits dessen sinbildliche 
bedeutung als eines stets tätigen fördi rers der menschheil im sinne 
hatte, wozu der erzieher so vieler beiden, der sich freiwillig für Pro- 
metheus opferte, vorzüglich geeignet war. Fauste ernstes pädagogisches 
gespräch mit diesem „urhofmeister" wird durch einen kreis von Lamien 
beunruhigt, die sich unablässig durch beide bewegen. „Reizendes aller 
art, blond, braun, gross, klein, zierlich und stark von gliedern, jedi 
spricht oder singt, schreitet oder tanzt, eilt oder gestikuliert, bo da 
wenn Faust nicht das höchste gebild der Schönheit in sich selbst auf- 
genommen hätte, er notwendig verführt werden müste. Chiron, „der 
alte, unerschütterliche", fühlt sich zu dorn „neuen sinnigen bekanten" 
so innig hingezogen, dass er ihm seine maximen mitteilen muss, wo 
er denn der von ihm erzogenen helden, von den Argonauten an bis 
zu Achilleus, gedenkt, wodurch Faust gehindert wird, nach Helena zu 
fragen, ja der alte pädagoge ergeht sich in klagen über die erfolglosig- 
keit seiner [in lezter zeit gemachten] bemühungen, da alle so handel- 
ten als ob sie nicht erzogen wären. Hier fehlton also die erwähnung 
der arzneikunst und Chirons glücklicher Übergang auf Helena. Als 
Faust sich nicht abhalten lässt, sein verlangen nach heraufluhrung der 
Helena dem alten mitzuteilen, freut dieser sich, doch endlich wider 
einen mann zu treffen, der unmögliches verlange, was er an seinen 
Zöglingen (den alten helden) immer gebilligt habe; und so bietet er 
dem „modernen helden" förderung und leitung an. Auf seinem brei- 
ten rücken" trägt er ihn „kreuzweis herüber hinüber durch alle fürten 
und kiese des Peneus, lässt Larissa zur rechten", zeigt seinem „reiter" 
die stellen, wo Perseus, der lezte griechische könig, ..auf der bäng- 
lichsten flucht wenige minuten verschnaufte." So gelangen sie an den 
fuss des götterbergs Olympus, wo sie einer langen prozession von Sibyl- 
len begegnen, deren zahl die der christlichen bei weitem Übertrift 
„Chiron schildert die ersten vorüberziehenden als alte bekante und 
empfiehlt seinen Schützling der strengen, wohldenkenden tochter d< 
Tiresias, Manto." Diese verspricht dem Faust, ihn in die unterweit 
zu bringen, die sich eben öfhe, da es gerade die stunde sei, wo nach 
der Pharsalisehen Schlacht der berg auseinandergeklaft war. um so viele 
seelen aufzunehmen. Auf dem wege zur öfnung solte Manto wol dem 
Faust bemerken, dass er zur Proserpina in trimetern sprechen müss 
Wenigstens scheinen darauf die verse Paralip. 158 zu deuten; doch kön- 
ten diese auch auf einem späteren einfalle beruhen, dann aber als zu 
possenhaft verworfen worden sein. 



90 th'-ntzf.k 

In dem dunkeln gange bedockt Manto den Faust plötzlich mit 
ihrem schleier und drückt ihn vom woge ab. Erst als sie ihn wider 
enthült hat, vernimt er, das schreckliche Gorgohaupt, dessen die Odys- 
■ in der unterweit gedenkt, sei an ihnen vorübergeeilt wider den 
willen der Proserpina, die es gern zurückgehalten, weil es die fest- 
frende stöi Sie selbst wage nicht es anzuschauen; wenn Faust es 
sehen hätte, wäre er auf der stelle tot geblieben. Aus dieser stelle 
haben sich zwei reden der Manto und ebenso viele des Faust erhalten 
Paralip. 159 — 161): E. Schmidt hat nicht bemerkt, dass diese anmit- 
telbar aufeinander folgten, obgleich sie auf drei verschiedenen papier- 
streifen stehen. Die beiden ersten beziehen sich auf das betreten des 
nges. ftfanto fordert den Faust auf: 

Nur wandle den weg hier ungestört; 
Ein jeder stuzt, der unbegreiflichs hört, 
was auf mitteilungen sich bezieht, die Manto ihm gemacht hat. Statt 
darauf zu antworten spricht er sein schaudern vor dem tiefen düstern 
_ mge aus, in welchem gleich eine in der ferne erscheinende riesen- 
_■ stalt sein entsetzen erregt: 

Sieh hier die tiefe dieses ganges; 
Es deckt sie uns ein düstrer flor. 
Mich dünkt, was riesenhaftes langes 
Tritt aus der finsternis hervor. 
Die beiden weitern reden erklären sich aus den oben angeführten wer- 
ten des entwürfe, womit sie freilich nicht ganz stimmen: 
Faust. Was hülst du mich in deinen mantel ein? 

Was drängst du mich gewaltsam an die seite? 
Manto. Ich wahre dich vor grössrer pein. 
Verehre weisliches geleite! 
Als das wunderliche paar zu dem „unabsehbaren, von gestalt um gestalt 
überdrängten hoflager der Proserpina" gelangt (vgl. Goethes elegie 
Buphrosyne 127 — 137. Faust II. 9969 — 9973 und die darstellung in der 
„Proserpina" vom jähre 1777), „gibt es zu grenzenlosen ineidentien [ein- 
zelheiten der Schilderung] gelegenheit, bis der präsentierte Faust „als 
zweiter Orpheus gut aufgenommen wird*', aber seine bitte findet man 
doch „einigermasseii seltsam." Der inhalt der „bedeutenden" rede der 
Manto entspricht der angäbe des früheren entwurfes. „'Von dem übri- 
_ n gang und fluss der rede dürfen wir nichts verraten" — heisst es 
klüglich weiter, da Goethe selb>t noch darüber im unklaren war — „am 
wenigsten von der peroration. durch welche die bis zu thränen gerührte 
künigin ihr Jawort erteilt." Die per oratio ist der besonders auf die 



ENTSTEHUNG VON FAUST II 91 

erregung des mitleiden* der richter berechnet»' schluss der rede. Faust 
kam also nicht zu worte. Mit recht hat E. Schmidt bedenken gegen 
Eckermanns berieht vom 15. Januar L827 erhoben, wonach Faust seiht 
die Proserpina zu thränen gerührt habe, da eine änderung in dieser 
beziehung höchst unwahrscheinlich ist nach dem erhaltenen entwurf 
eines prologs zum dritten akte vom 18. juni L830, den der dichter 
freilich später mit recht fallen liess. In diesem solte das niedersteigen 
zur Unterwelt ausgeführt werden. Es heisst dort nach erwähnung des 
n Medusenhauptes tt : „Fernerer fortschritt. Proserpina verhalt. Manto 
trägt vor. Die königin an ihr erdenleben [auf Sicilien] erinnernd. 
Unterhaltung [mit Manto] von der verholten seite, melodisch artikuliert 
scheinend, aber unvernehmlich. [Das war freilich kaum darzustellen.] 
Faust wünscht sie entschleiert zu sehen. Vorhergehende entzückung, 
[Er stelt sich lebhaft vor, welch ein entzücken ihm der anblick gewäh- 
ren werde, wirklich sieht er sie nicht enthült] Manto führt ihn schnell 
zurück [damit er sich nicht weiter hinreissen lasse]. Erklärt das resul- 
tat." Proserpinas erwiderung war also dem Faust unverständlich. Das 
von Manto ihm mitgeteilte ergebnis ist das uns bekante, «las auch schon 
im plane von 1826 entwickelt wurde. Eigentümlich war diesem plane 
die Verweisung der bittenden an die drei richter der unterweit, „in 
deren ehernes gedächtnis sich alles einsenkt, was in dem Lethestrom zu 
ihren füssen vorüberrollend zu verschwinden scheint." Die etwas wun- 
derliche Verweisung an die drei richter als untrügliche Verfechter der 
Vergangenheit hat Goethe mit recht fallen lassen, auch die „einleitung" 
der sache, die nach dem prolog der Manto überlassen war, nicht aus- 
geführt, sondern unmittelbar auf das herabsteigen zur unterweit die 
„Helena" folgen lassen. 

Der alte plan zur klassischen Walpurgisnacht bot ausser dem 
durch den centauren Chiron vermittelten gange zur Proserpina und dem 
vertrage des Mephistopheles mit Enyo bloss einen gar bunten geister- 
spuk, aus dem nur der streit der beiden alten philosophen über die 
entstehung der weit bedeutsam hervortrat. Homunculu- und Wagner 
verschwinden zulezt, ohne dass wir ahnen, was aus ihnen geworden. 
Den lezten niuste Goethe aus der antiken geisternacht ganz ausschei- 
den; dagegen war es ihm angelegen, die mystische gestalt des Homun- 
culus weiter auszuführen und ihr wie der ganzen klassischen Wal- 
purgisnacht eine bedeutung zu geben, durch welche sie neben der so 
fein mit sinbildlichen beziehungen ausgeführten „Helena" als ebenbür- 
tige dichtung bestehen konte, besonders nachdem er den ersten akt 
durch den mummenschanz und die einleitung des zweiten durch ein- 



02 DÜNTZER 

fahrung des famulus Nicodemus und des weltschaffenden baecalaureus 
so glücklich ausgeweitet hatte. Freilich mäste durch die bedeutung, 
die er dem Homunculus gab, auch sein erstes auftreten wesentlich geän- 
dert werden. Dieser solte am ende der klassischen Walpurgisnacht 
entstehen, und zwar mit bezng auf die sinbildliche bedeutung, welche 
er für die antike gespensteraacht erhalten hatte, in welcher der dichter 
die entwickelung der griechischen kirnst von den rohen halbtierischen 
anfangen bis zur vollendeten Schönheit darstellen wolte. So muste denn 
der mittelalterliche, zwischen geist und mensch schwebende Homuncu- 
lus im umfassen der schönheitsgöttin sich auflösen, an ihrem muschel- 
wagen zerschellen. Damit war er als das unablässige streben nach dem 
ideal der Schönheit gekennzeichnet So wurde er gewissermassen ein 
abbild des Faust selbst, der von der als gespenst gesanten Helena so 
unwiderstehlich hingerissen wird, dass er nicht ruhen kann, bis er sich 
mit der wirklichen heroine, der höchsten Schönheit, verbunden hat. 
Erscheint Homunculus so gleichsam als Spiegelbild von Fausts unab- 
lässigem streben, so ist es ganz natürlich, dass er, wozu ihn sein gei- 
stiges wesen befähigt, dessen träume erschaut und es unternimt, ihn 
zu der statte zu bringen, wo dieser zu seinem zwecke gelangt und, 
wie sieh später ergibt, auch er selbst allein entstehen kann. Eigen 
ist es freilich, dass Homunculus eigentlich nur einem spasse seinen 
Ursprung verdankt, den sich Mephisto mit dem pedantischen alchy- 
misten Wagner macht; aber der teufel ist unwillkürlich in Fausts ideen- 
kreis hinübergezogen worden. Wie er gezwungen war, diesem das 
_ heimnis zu verraten, auf welche weise er das gespenst der antiken 
Helena beschwören kann, so muss er ihm auch zur gewinnung der 
wirklichen Helena verhelfen dadurch, dass er einen geist in die phiole 
schlüpfen lasst, der durch Fausts Wirkung auf den teufel Faustischer 
natur ist und so der rechte fuhrer zur klassischen Walpurgisnacht wird. 
D; ja freilich keine streng folgerichtige, dramatische, sondern eine 

phantastische, märchenhafte dichtung; aber schon in der „Helena" hatte 
G ethe das märchenhafte volauf für sich in anspruch genommen, ohne 
welches der zweite teil des „Faust" rein unmöglich war, ja auch im 
sten hatte Goethe dieses nicht entbehren können. Doch wuste er es 
zu fassbarer anschaulichkeit zu beleben. Beim Homunculus erreicht 
er dies - hon durch die art, wie dieser, gleich als Mephisto ihn in die 
phiole hat schlüpfen lassen, sich selbst einführt. Seinem „Väterchen" 
Wagner, dessen hofnung, er werde auch sprechen, sofort von ihm 
erfült wird, führt er zu gemüte, dass er bloss ein kunstliches dasein 
habe, womit er den jubel, dass ihm seine absieht gelungen, spöttisch 



ENTSTEHUNG VON PAUST II 03 

dämpft. Seine bezeichnung des „vettere" Mephisto als „schalk" zeigt, 
dass ihm dessen mitwirken nicht entgangen ist, und er nimt ihn auch 
sofort für sich in ansprach; er soll ihm arbeit schaffen, da tätigkeil 
seines lebens leben ist. Der mittelalterliche teufe] muss ihn an Paust 
weisen, mit dem er sich verwani fühlt; und ohne sich um den Wider- 
spruch des teufeis zu kümmern, befiehlt er die fahrt zur klassischen 
Walpurgisnacht, zu weicher er vorleuchten wird. Dahin muss auch 
Mephisto trotz seines abscheues mit; nur den pedantischen aloh\ misten 
Wagner weist Homuneulus neckisch auf sein laboratorium an. 



*& 



Aus dem bunten gewirr des alten planes eine grosse Binbildliche 
darstellung der almählichen entwicklung der griechischen kunst zu 
machen, dazwischen aber auch die drei dramatischen personen zu ihrem 
zwecke gelangen zu lassen, das war eine ganz ungeheure aufgäbe, welche 
der dichter, nachdem er seinen plan sich im einzelnen entworfen, durch 
unablässiges fortrücken von einem punkte zum andern — wobei er 
manches umgestaltete, einzelnes, was ihm augenblicklich nicht gelingen 
wolte, einstweilen übergieng, um es in besserer Stimmung auszuführen, 
aber immer das ganze im sinne hielt und widerholt durcharbeitete — 
auf wunderbare weise löste. Eine grosse Schwierigkeit lag für ihn 
darin, dass er die Olympischen gottheiten nicht einführen durfte, wenn 
er auch gelegentlich ihrer gedenken konte. Aus dem früheren plane 
konte er nur die erste Unterredung mit den sphinxen, Fausts aufsuchen 
des Chiron und was damit zusammenhieng, die lamien und anderes 
ungetüm, das erdbeben mit der neuen gebirgsbildung und dem streite 
des feuer- und des wasserphilosophen brauchen; aber dies alles muste 
beziehungsvoll aus- und umgebildet und in innere Verbindung mit- 
einander gebracht werden. Ganz neu zu erfinden und auszuführen war 
der lezte teil, das grossartige meeresfest, das unterkommen des Mephisto 
in der urhässlichen Phorkyas, wozu nur sein vertrag mit der Enyo 
vorlag, und das rastlose, endlich am muschelwagen der Galatea zum 
ziele gelangende streben des Homuneulus, körperlich zu entstehen. Man 
vergleiche die spätere gestalt der dichtung nach der von mir entwickel- 
ten bedeutung mit dem bunten, jeder verständigen auslegung widerstre- 
benden durcheinander des alten entwurfs — und man wird die geschickt 
stein zu stein fügende, alles ungehörige ausscheidende, das bleibende 
beziehungsvoll ordnende band bei diesem fast amphionischen zauberbau 
nicht genug bewundern können. 

Yon der klassischen Walpurgisnacht haben sich zwei -Schemata 
erhalten, von denen das zweite vom 6. februar 1830 datiert, das erste 
wol das „neue schema" ist, das, nach dem berichte des tagebuchs 



94 DÜNTZEB 

schon drei wochen früher, am 16. Januar, diktiert worden war. Nach 

dem früheren entwnrf solte sich Faust mit einer sphinx einlassen, ein 

eif sich einmischen, auch eine goldscharrende ameise, dann Empusa 

hinzutreten, erst nach allerlei Ungetümen der sirenonzug kommen. Dies 
war schon im Januarschema dahin geändert, dass nicht Faust, sondern 
Mephisto sich zuerst mit diesen seiner natur näher stehenden halbtie- 
rischen gebilden unterhält, Faust erst später sie sieht, wo er denn 
s< Ibst in diesen halbtierischen gestalten bedeutenden sinn entdeckt. 
Da< Schema lautet: „Die luftwandler. Faust auf klassischem boden. 
Sie trennen sich. Mephistopheles umherwandelnd. Komt zu den grei- 
fen und sphinxen. Ameisen und arimaspen treten auf. Mephisto- 
pheles, die sphinxe und greife. Fortsetzung [des gesprächs]. Die Sire- 
nen." Im februarschema wird durch versehen die trennung erst 
_ ä :t nach der „anfrage und Unterhaltung 11 , womit ganz kurz des 
Mephistopheles gesprach mit den halbtierischen gebilden blos angedeutet 
wird, weil Goethe diesen teil mitlerweile bereits ausgeführt hatte, den er 
schon einige tage vor dem 24. Januar Eckermann vorlas. Zuerst sieht 
er die allertierisehsten gestalten, die greife, die sich hier als höchst 
beschränkte etymologen blosstellen; die arimaspen und die goldschar- 
!)den ameisen gehören zu demselben kreise. Näher fühlt sich der 
mittelalterliche teufel von den sinnigen sphinxen angezogen, so dass er 
sich sogar zwischen ihnen niederlässt; aber diese beweisen ihm, dass 
ihn kennen. Doch sind sie ihrer selbst so gewiss, dass sie seine 
gegenwart nicht scheuen, überzeugt, dass er es nicht lange bei ihnen 
aushalten wird, während die greife ihn unwillig weggewiesen hatten. 
Als dritte halbtierische gestalten erscheinen auf den päppeln die Sire- 
nen, die durch ihren gesang schon auf eine höhere stufe deuten, aber 
die sphinxe können es nicht unterlassen, sie als verderbliche vögel zu 
verraten. Mephisto, der davon nichts zu fürchten hat, verspottet ihren 
gesang, doch zieht er sich dadurch eine bittere Verhöhnung der sphinxe 
zu. Für diesen teil der Walpurgisnacht waren vielleicht die verse des 
Mephistopheles in der ersten reinschrift bestirnt (Paralip. 150): 

Das äuge fordert seinen zoll. 
Was hat man an den nackten beiden? 
Ich liebe mir was auszukleiden. 
Wenn man doch einmal lieben soll. 

Ich v - mir kaum zu deuten, wenn Schmidt dazu bemerkt: „Zwi- 

ben 7083 und 7084 [kann doch nur heissen -ollen nach 7083!], 

besser nach 7085. - Beides ist schon des abweichenden versmasses wegen 



ENTSTEHUNG VON PAUST n 95 

unmöglich. Goethe verwarf später diese für Mephistopbeles gedichteten 

\iTse. 

Jezt erst kommt Faust, der Vorgehens nach Helena gesucht hat, 
zu der stelle, wo Äfephistopheles sieh mit den halbtierischen gestalten 
unterhalten hat. Diese, die hier noch immer sieh befinden, machen 
auf ihn einen ganz andern eindruck; auch im widerwärtigen erkent er 
grosse, tüchtige züge. Ursprünglich sprach hier Faust die verse: 

Solch ungeheuer hätt' ich verflucht; 

Das unvernünftige seh» int unmöglich. 

Da, wo man die geliebte sucht, 

Selbst ungeheuer sind erträglich, 
die später mit wesentlicher Umgestaltung dem Mephisto in den mund 
gelegt wurden (7191 — 94). Sie scheinen sich aus einer früher abwei- 
chenden fassung dieses auftreten s von Faust erhalten zu haben. Paust 
erhält von den alweisen sphinxen die ihn fördernde Verweisung an den 
in dieser geisternacht herumsprengenden Chiron. Dem versuche dry 
>irenen, ihn zu verlocken, würde er entgehen, wenn ihn auch die 
sphinxe, die jene hassen, nicht vor ihnen warnten. Schon im januar- 
schema liiess es: „Faust in betrachtung der gestalten. Hinweisung auf 
Chiron. Die stymphaliden." Die verse von Chiron 7200 fg.: 
Der sprengt herum in dieser geisternacht; 
Wenn er dir steht, so hast du's weit gebracht 
waren erst nachträglich gedichtet; denn sie stehen mit Mephistos anbrii- 
derung an die sphinxe (7112 — 7131) auf einem blatte, dessen rück- 
seite auf den nächsten auftritt mit den werten deutet: „Siymphaliden, 
Faust und Chiron." Auch die rede der sphinx (7210 — 7213) hat sich 
mit andern auf einem blatte erhalten, nur steht dort im vorlezten verse 
grossen statt hohen. E. Schmidt hat s. 223 das misgeschick gehabt, 
sich der längst bekanten, sogar durch ihre absichtlich steife fassung 
auffallenden verse nicht zu erinnern und sie deshalb als paralipomenon 
(156) zu geben. Er teilt sie, ohne den geringsten zweifei zu äussern, 
dem Xereus zu, indem er auf 8122 fg. verweist, wo dieser sagt, ver- 
gebens habe er den Paris gewarnt. Noch schlimmer ist es, dass hier 
das zutrauen auf die Zuverlässigkeit seiner lesungen bedeutenden abbruch 
erleidet; denn er lässt als unzweifelhaft der Grossen chöre statt des 
unzweifelhaft dort stehenden den grossen (allenfals Grossen) Chiron 
drucken. Wie soll man dem vollen glauben schenken, der aus Chiron 
herausliest chören? Im vorhergehenden verse liest er ein mahl, fügt 
aber in klammer „oder unsern" hinzu, was das richtige trift. Das 
unzweifelhafte dir des lezten verses versieht er mit einem fragezeichen, 



96 DÜNTJEBR 

von dem man nicht genau weiss, ob es auf Unsicherheit der Lesung 
oder darauf deutet, dass - - zu der beziehung auf die 4 rede des Nereus 
nicht recht stimt Übrigens ist die ganze stelle 7202—7213 in der 
eisten reinschrift der Walpurgisnacht erst später angeklebt, also nicht 
ursprünglich. 

Nach Fauste entfernung, den es treibt, dem Chiron zu begegnen, 
Iten andere wüste tierbildungen , an denen es auch den Griechen 
nicht ganz fehlte, den Mfephistopheles belästigen, er dann durch die 
verführerischen landen von den sphinxen weggezogen werden, die er 
später hier widerzufinden lieft. Im ersten schema hiess es: „Die stym- 
phaliden. Köpfe der lernäa [lernaea hydra]. Mephistopheles und 
lamien." Hiemach könte es seheinen, als ob Faust jene ungetüme 
bemerke, aber durch sie nicht aus der fassung gesezt werde. In die- 
m falle wäre die jetzige anordnung, dass sie erst nach dessen ent- 
fernung vorübereilen, eine entschiedene Verbesserung. Nach der hand- 
iriftliehen Überlieferung (Schmidt s. 47. 55) muss Goethe früher daran 
gedacht haben, den Mephistopheles gleich darauf zu den sphinxen zu- 
rückkehren zu lassen, was er später aufgab, da er vorzog die Ver- 
lockung und abfertigung des teufeis von den lamien weiter auszuführen. 
Hiermit ist die stufe der halbtierischen bildung der griechischen 
kunst abgeschlossen, wenn auch noch gelegentlich solche gestalten vor- 
kommen; wir treten in die zeit rein menschlicher gestaltung, der Helena 
angehört, in die aber auch der weise centaur, der erzieher der beiden, 
noch hereinreicht. Das sich zunächst anschliessende auftreten des Faust 
am Peneus, dem hauptflusse Thessaliens, war im Januarschema übei- 
_ ingen, nur nachträglich eingetragen mit der ausfuhr ung: „röhr und 
weidengeflüster und pappelzweige ", wofür es im februarschema 
heisst „rohr[-] und schilfgeflüsti r. Weidenbusch [-] und pappelzweig [-] 
- In einer skizze lesen wir: „Faust (am Peneus). Nocli ist 
ihm nicht geholfen. Alles [was er bisher hier gesehen,] hat nicht an sie 
herang ht. Deutet auf eine wichtige vorweit. Sie aber tritt in ein 
gebildetes Zeitalter. ttlichen Ursprungs. Lebhafte erinnerung. Leda 
und die schwän Wie wundervoll ist dies jezt in Fausts selbst- 

sprach ausgeführt! Der fluss Peneus (Peneios, wie Goethe nach Rie- 
mers vorschL - ihrieb) und seine nymphen treten als mit menschlicher 
räche belebte gottheiten ihm entgegen. Die begeisterte Sehnsucht 
lässt ihn an einer zum baden einladenden stelle den träum, von dem 
Homunculus berichtet hat, vor seinen wachen sinnen widerholen, ja er 
glaubt die Verbindung der Leda mit dem götterkönige vor sich zu 
schauen. 



ENTSTEHUNG VON FAUST II 07 

Das erste Schema fahrt fort: ..Faust und Chiron", wozu das zweite 
„sich entfernend" hinzufügt Am 24. Januar, also vor dem februar- 
schema, sagte Goethe zu Eckermann: „Faust ist jezt mit Chiron zu- 
sammen, und ich hoffe, die scene soll mir gelingen." Und der so 
bedeutsam in die heldenzeii einfahrende, aber auch schon den unter- 
gang der griechischen freiheit berührende bericht Chirons und Fausts 
Unterredung mit ihm sind dem alten dichter wunderbar gelungen, der 
hier gerade noch alles zu tun fand. Hierher gehörte wo] auch das 

bruchstück: 

Hier von Skotusa bis zum Peneus dort, 

Wo . . ., 

das E.Schmidt (s. 222) dem Anaxagoras zuschreiben und auf dessen rede 
7865 fgg. beziehen wolte, wozu es gar nicht passt, da dort eine nähere 
Ortsangabe ganz ungehörig wäre; wogegen die beziehung auf die Schlacht 
bei Pydna sehr nahe liegt, so dass der vers an der stelle stehen solte, 
wo wir jezt lesen (7465 fg.): 

Hier trozten Rom und Griechenland im streite, 
Peneios rechts, links den Olymp zur seite. 

Nicht weniger muste der dichter seine ganze kraft anstrengen, 
um die erders chütt er ung darzustellen und zu einem lebendigen 
gliede der bunten nacht auszugestalten. Im ersten Schema finden wir 
bloss: ,, Sirenen sich badend. Erderschütterung. [Späterer znsatz ist 
S eis mos.] Flucht nach dem meere eingeleitet. Beschreibung des berg- 
wachsens. Sphinxe [bemerkungen der sphinxe] zum entstehen des bei- 
ges. [Nachträglich eingeschoben: steinregen. Thaies. Anaxago- 
ras.] Ameisen. Greife. Pygmäen. Kraniche. Wetstreit Daktyle. 
sonst däumchen genant. Mephistopheles von landen zurückkehrend. 
Motiv seiner weiteren forschung." Das zweite schenia hat sphinxe 
incommodiert, worauf die worte ameisen . . . forschung fehlen, 
dagegen findet sich: „Anaxagoras den steinregen veranlassend. Thaies 
den Homunculus zum meere einladend. Mephistopheles und Dryas. 
[Zusatz, später gestrichen: Derselbe die Phorkyaden. Abschluss 
dieser Unterhaltung.] Begegnen schlangen. Findet die sphinxe wider. 
Verwandelt sich in ihrer gegenwart [in eine phorkyade]. Abscheu und 
abschluss [doch wol des auftretens Mephistos in dieser nacht. Vgl. 
8032 fg.]. Heisser wind und sandwirbel. Der berg scheint zu ver- 
sinken. Mephistopheles schlichtet." Dieser scheint hier nach dem 
abschluss an ungehöriger stelle zu stehen. 

So war während der drei wochen, die zwischen beiden entwürfen 
liegen, der inhalt erweitert worden. Dasjenige aber, was im zweiten 

ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XXLTI. « 



DÜNTZER 

entwürfe fehlt, hatte Goethe nicht etwa fallen lassen, sondern er 
übergieng es, weil er es in der Zwischenzeit wirklich ausgeführt hatte. 
Den schluss des zweiten Schemas gestaltete er später ganz um. Wenn 
bereits im ersten der kämpf der pygmäen mit den kranichen geplant 
war. so folgt daraus keineswegs, dass dieser als rachekrieg gedacht war 
und schon sinbildlich auf den erbitterten streit zwisen den Yulkanisten 
und Neptunisten deuten solte. Das aus dem ersten plane beibehaltene 
erdbeben hat mit der almählichen ausbildung der kunst bis zur rein- 

n idealität nichts zu tun; aber der dichter bonuzte die tolle geister- 
naeht. um seinen spott über die parteikämpfe der geologen zu ergiessen. 
Damit brachte er einesteils die entstehung des Homunculus in Verbin- 
dung, andererseits die Verlegenheit des Mephistopheles, der sich in die- 
3 r neuen erdbildung nicht zurechtfinden kann und endlich in der 
höhle der wüsten phorkyaden die ihm gemässe gestalt findet, jedoch nicht 
mehr zu den sphinxen zurück gelangt, deren wesen auf gesunder, 
wenn auch noch roher grundlage beruht. Aber Mephistopheles, der 
„alte sünder" muss vorher noch durch die lamien wirklich genart wer- 
den, wobei der dichter sich glücklich der schon in dem frühesten plane 
vorkommenden Empusa bediente, wie er bei der Verwandlung des teu- 
feis in eine phorkyade den dortigen vertrag mit der Enyo in entspre- 
chender weise umgestaltete. 

Erfindung und ausführung sind in diesem teile der Walpurgis- 
nacht ganz ausgezeichnet, wie man sie kaum dem achtzigjährigen zu- 
trauen solte. Verhältnismässig wenige frühere, später verworfene 

sangen einzelner stellen haben sich erhalten. Die meisten derselben 

ziehen sich offenbar auf das erdbeben, und sie sind meist auch von 
E. Schmidt nicht verkant worden; doch ist dabei wol zu unterscheiden. 
Wir sahen, wie nach dem ersten plane der riese Enceladus die erde 
aufwühlt: jezt wird ein besonderer gott Seismos, den man in einer 

lle Piatos zu finden glaubte, mit dem erdbeben betraut. Aber der 
dichte]- scheint ursprünglich das erdbeben dem gott der unterweit zu- 
geschrieben zu haben, wie er es 1797 in dem chorgesange seines 
befreiten Prometheus tat, wo Hades als erderschütterer erscheint 
the -Jahrbuch IX. 4). Anders kann ich mir Paralip. 142 nicht 

deuten: 

Wenn er mit seinem werbe kost. 

Dann sprüht der erdkreis von vulkanen, 

Und alj teigen spitzig auf, 

obgleich E. Schmidt unbedenklich diese verse dem Seismos gibt, als ob 
auch ein weil, desselben mit ihm gegeben wäre. Mich erinnern die verse 



ENTSTEHUNG VON PAUST II 99 

an den schluss von Goethes „Götter, beiden und Wieland", wo Pluto 
unwillig ausruft: „Kann man nicht einmal rahig liegen bei seinem 
weibe", und glaube, dass nur Pluto gemein! Bein könne. Unter den 
trochäischen verseil (Paralip. 133): 

Ohne grässlichcs gepolt« t 
Konte keine weit entstehn 

stehen unmittelbar die jambischen: 

Nur durch pintonisches gepolter 
Kont' eine schöne weit entstehn, 

von denen Schmidt nicht einmal sah, dass es eine jambische Fassung 
derselben verse ist. Sie erinnern an Pluto. An diesen könte man 
auch bei Paralip. 136 denken: 

Diese schöne glatte flur, 
Und es ist das gas sylvestre, 
Das mir einst im schlaf entfuhr. 

Schmidt versichert, dass seine lesung Gas sylvestre, wie die kohlen- 
saure früher hiess, sicher stehe. Dabei hätte bemerkt werden können, 
dass kohlensaure in vulkanischen gegenden zuweilen aus erdspalten her- 
ausströmt. Auf die anwendung des griechischen namens Seismös 
seheint auch Paralip. 138 launig zu deuten: 

Eeden mag man noch so griechisch, 
Horts ein Deutscher, der verstehts, 

das Schmidt auf Wagner bezieht „nach dem altern plan-, wobei ich 

seine bemerkung „zwischen 134 und 135 u nicht verstehe, da er beide 

mit recht auf den Seismos bezieht. Seismos solte sich wo] selbst mit 

seinem griechischen namen einführen: „Ich bin der Seismo Auf 

Pluto als frühern erderschütterer deutete Seismos selbst in den versen 

(Paralip. 137): 

So bin ich der gott der winde. 

All das alte dumme zeug, 

Nord- und süd- imd west-gesinde, 

Höhen alle meer und reich (?) 

Steigt durch losgelassne kräfte 

Himmelan . . . 



Pluto hat es mir vermacht. 



Schmidt hat keinen versuch gewagt, das falsche reich zu verbessern. 

7* 



100 DthUTZBH 

Es ist ohne Zweifel gleich zu lesen und komma nach meer zu setzen. 
Auch Paralip. 135 gibt der herausgeber nicht richtig: 

CTnd man sagt mir die Titanen 
Hatten alles das gestürmt 
Und zu onerstiegnen bahnen 
Das gebirgswerk aufgetürmt. 

Statt mir (1) muss es nun heissen, statt Hatten (2 Hatten). Wenn 
S Lsmos jezt (7560 fg.) sagt, er habe ..in geselschaft von Titanen" gewirt- 
schaftet, so hiess - früher, er habe die gebirgswelt gebildet, und nun 
man. das hätten die Titanen getan. Ein andermal Hess Goethe 
dein Seismos als eine art pustrich den witz machen (Paralip. 134): 

Als ich einstmal stark gehustet, 

Wusst' ich nicht wie mir geschah, 

Haft" ich sie herausgepustet 

Und sie stöhn als berge da. 

Die verse hatte Goethe zweimal auf ein blatt geschrieben, und zwar 
ind das erste mal 2 ich gar nicht was, 3 Hab', 4 Götter (statt 
Berge). Für die rede der Oreas (7811) waren ohne zweifei die verse 
(Paralip. 141) bestirnt: 

An deinem gürtelkreis, natur, 

Auf urberühmter felsen spur, 

die Schmidt vermutungsweise dem Faust selbst zuschreibt. Dagegen 
a hörte Paralip. 140, zu welchem er nichts bemerkt: 

Du schärfe deiner äugen licht; 

In diesen gauen scheints zu blöde. 

Yon teufein ist die frage nicht, 

Von göttern ist alliier die rede, 

der Dryas an. welche damit den Mephistopheles zurechtweisen solte 
_ . 7 159 ig.); wenn nicht auch dieses noch der Oreas angehörte, da es 
fraglich bleibt, ob ursprünglich noch eine Dryas nach der Oreas auf- 
treten solte. Dass Paralip. 152: 

Zum edlen zweck es abzutreten frei, 
•h auf das äuge der Phorkyaden bezog (vgl. 8015 fgg.), hat Schmidt 
merkt Paralip. 143 — 146 gehören kaum zum Faust: 143, 4 ist wol 
höhen "der höh'n statt höhlen zu lesen, 3 eigenes statt eignes 
zu ä tzen, statt des nicht reimenden gerne etwa getön (musik). Auch 
di- ziehung df- Spruches 139 auf Mephistopheles bleibt äusserst 
zweifelhaft, da auf demselben blatte drittehalb lyrische (?) zeilen ste- 
hen, die beginnen: „Wenn ich froh und guter dinge." 



ENTSTEHUNG VON FAUST II 1 * > 1 

Bis hierher, zur Verwandlung des Mephistopheles in eine phorkyade, 

war die dichtung wol, mit ausnähme einzelner lücken, vollendet, als Goethe 
am 22. märz 1830 Eckermann sagte, er hoffe vor dessen einen monat 
später erfolgenden abreise nach Italien mit der Walpurgisnacht fertig 

zu werden. Den 23. berichtet das tagebuch, die zweite reinschrift sei 
schon vorgerückt und „das übrige zum ganzen durchgedacht" worden. 
In den nächsten tagen wurde noch einzelnes ausgeführt, „anderes 
durchgesehen und durchdacht" Den 28. märz hören wir, dass „die 
nächstdurchzuführenden concepte geheftet" worden. Die dichtung scheint 
nicht wesentlich fortgerückt gewesen zu sein, als Goethe am 14. april 
Eckermann „den Faust übergab", d. h. die zweite reinschrift der Wal- 
purgisnacht. Sir wurde vor dessen abreise noch mit ihm besprochen. 
Diese war auch wol ,, der teil des Faust", den er, nach Eckermanns 
abreise, am 24 april an Riemer sante, mit dem er drei tage später die 
fortsetzung besprach. Nur noch ein paar mal gedenkt das tagebuch vor 
dem december des Faust: am 12. juni, wo er „die betrachtung d 
Faust wider vorgenommen"; zwei tage später wurden „ hauptmotive 
des Faust abgeschlossen." Damals muss die Walpurgisnacht fertig 
gewesen sein; in einem briefe nach Genua hatte Goethe verkündet, da 
„die lücken und das ende der Walpurgisnacht glücklich erobert" seien, 
wie wir aus Eckermanns brief an Goethe vom 14. September ersehen. 

Dieses ende hatte dem dichter viele Schwierigkeiten gemacht, da 
hier eben noch alles zu erfinden und auszuführen und zu einer leben- 
digen handlung zu verbinden war. Im Januarschema findet sich darüber 
nichts weiter als die angäbe: „Sirenen flötend und singend. Mond im 
gewässer. Xajaden. Tritone. Drachen und meerpferde. Der muschel- 
wagen der Venus. Teichinen von Rhodus. Kabiren von Samothra* 
Kureten und Korybanten von Creta." Ursprünglich hatte die stelle Tei- 
chinen . . . Kreta vor Xajaden gestanden, vor welchem noch vor- 
her sich fand. Erst darauf folgte der auftritt mit Chiron und Manto. 
Im februarschema kehrt dasselbe wider (doch ist Kreta geschrieben), 
dagegen steht statt Sirenen .. gewässer schon: „Buchten des ägäischen 
nieeres. Sirenen. Thaies und Homunculus. Nereus und Proteus." 
Also war hier schon das auftreten des meergotte- Nereus und des got- 
tes der Verwandlung vorgesehen, da Homunculus zur entstehung gelan- 
gen solte. Aber es fehlte die ganze darstellung, wie die weiblichen 
und männlichen begleiter der Yenus (die Najaden standen statt der 
späteren Xereiden) aus fischgestalten verklärt werden solten, womit die 
Verspottung der mythologen in bezug auf die Kabiren zusammenhing, 
es fehlten die als zauberer überlieferten Psyllen und Marsen, welche 



102 DÜNTZER 

später an die stelle der Kureten und Korybanten traten, es fehlten die 
Doriden als rettei des schifferknaben, wol ein sehr spater zusatz, und 
Qoch hatte der dichter sich nicht entschieden, der durch Baphael ver- 
ttliehten Nereustochter Galatea die stelle der Venus einzuräumen. 
Obgleich das Schema das zerschellen des Komunculus am muschelwagen 
und den abschliessenden preisgesang aller vier demente nicht erwähnt, 
wann diese doch wo! schon in aussieht genommen. Die eigentliche 
dichterisch»' gkederung dieses glänzenden abschlusses muste erst bis 
ins einzelnst« mnen werden, ehe Goethe an die ausführung gieng, 
die ihm verhältnismässig rasch gelungen zu sein scheint. 

Von früheren, später aufgegebenen Fassungen hat sich wenig 
erhalten. Der durch .. mond im gewässer" schon im ersten Schema 
angedeutete einleitende gesang der sirenen findet sich einzeln skizziert 
in den trochäischen reimpaaren: 

Halte still am mittel himmel 

Und beleuchte (zuerst dafür Scheine, mildre) das gewimmel 
Diese wasserblitze leuchten 
Diese wellen . . . feuchten 
Denen, die daraus entstehen 
s.-hwebend auf und niedergehen. 
Darunter stehen die offenbar auf die fassung des Schemas zurückgehen- 
den worte: Teichinen von Khodus. Kabiren von Samothrace. Coryban- 
fcen von Cor." Unbegreiflich ist mir E. Schmidts allen kritischen grund- 
tzen widerstrebendes verfahren. Er übersieht das allereinfachste, dass, 
wenn andere Cor unzweifelhaft vorliegt, dieses verschrieben sein muss 
für Cr d. h. Kreta. Er ergänzt Corybissa. Nun ist freilich Korybissa 
eine der vielen korvbantischen Städte in Troas. Aber unter den dor- 
tigen korybantischen orten findet sich auch ein Korybantion, das wenig- 
denselben anspruch wie Korybissa erheben könte. Und es erscheint 
llig unmöglich, dass Goethe die als Kreta angehörig bekanten Kory- 
banten, die er auch wirklich sonst dieser grossen weltgeschichtlichen insel 
zuschreibt, von einem solchen dunkeln neste hätte kommen lassen können. 
In unserer Unterschrift sind die Kureten vielleicht durch zufall wegge- 
blieben; bei der ausführung wurden sie samt den Korybanten gestrichen. 
Noch ein anderer früherer versuch <]<■< sirenenliedes hat sich 
erhalten. B. Schmidt führt als Paralipomenon 151 an: 
Der wirds wer unserm ziele bringt [?] 
Der sich sogar herniederzwingt 
Jezt im mitten [himmel ausgestrichen] stille stehn 
Zu unsre heiligen festen sehn. 



ENTSTEHUNG VON FAUST II 103 

Dabei bemerkt er: „Die beiden reimpaare haben vielleicht gar keinen 
Zusammenhang'." Augenscheinlich sind es zwei vorsuche von stellen 
des sirenenliedes SO.'M fgg., das der tliessalischen trauen gedenkt, deren 
zauber dn\ hier angeflehten mond „bei nächtigem grauen frevelhaft 
herabgezogen." V. 1 ist jedenfals Der dich, 2 dich statt sich zu 
Lesen. Nach Der dich (1) könte man vermuten nach iinserm wil- 
len dringt, wäre die vorläge nicht zu ungenügend. Facsimiles selten 
in der Faustausgabe nicht gespart sein. 3 und 1 sind stelin und 
sehn von einem vorhergehenden mögst du abhängig geacht, und im 
mitten sezt ein vorangehendes himmel voraus. Im Lezten verse hatte 
Goethe ursprünglich Zu geschrieben, darauf Und geändert, aber lez- 
teres gestrichen, Zu aus versehen stehen lassen, auch den falschen 
dativ Festen neben unsre. Der vers solte lauten: Unsre heiligen 
feste sehn. 

Richtig hat E. Schmidt bemerkt, dass die auf demselben blatte ste- 
henden Paralip. 15-4 fg. dem Nereus und dem Proteus angehören selten. 
Wenn auf einem andern (Paralip. 126) steht: Interloc Sirenen (Cho- 
rus). Nereus Proteus Thaies. Homuneulus", so hat Schmidt irrig 
ergänzt Interlocution statt Interlocutoren (sprechen. 

In Paraüp. 149: 

Wenn du entstehn wilst, thut du immer besser, 
Du wirfst dich ins ursprüngliche gewässer. 
Es ist zu klar 
ist thut doch wol blosser druckfehler statt thust. Schmidt bezeichnet 
die verse mit: „Thaies zu Homuneulus u , was aber seiner eigenen Ver- 
weisung, man solle besonders 8260. 8315 vergleichen, widerspricht. 
Proteus solte die worte sprechen, an deren stelle jezt die wol eim| 
zeit später gedichteten verse 8260 fgg. getreten. Thaies, obgleich ent- 
schiedener Vertreter des wassers, gibt dem Homuneulus keinen rat: er 
rät ihm nur ab von der Verbindung mit kleinen, dann führt er ihn 
zum meeresfest und bringt ihn zum Xereus, aber dieser verweigert 
seinen rat und verweist ihn an Proteus: erst als dieser sich in einen 
delphin verwandelt hat und den Homuneulus auffordert, ihn zu bestei- 
gen, redet er ihm zu, dem gotte zu folgen. 

Wie viele frühere skizzen und abgebrochene versuche der ausfah- 
rung auch verloren gegangen sein mögen — aus den fast auf wunder- 
bare weise geretteten ergibt sich, mit welcher unendlich liebevollen 
Sorgfalt der dichter den anfangs rohen plan almählich ausgebildet, durch 
sinbildliche und anspielende bezeichnungen gehoben und zu einem in 
sich abgerundeten, freilich märchenhaften ganzen geschaffen hat; und wie 



104 HOLSTEIN 

er keine mühe scheute, die ihm vorschwebenden Vorstellungen und bilder 
zum vollendetsten aiisdruck zu bringen. Und dies ist ihm auf stau- 
nenswerte weise gelungen, wenn auch bei diesem für den achtzigjäh- 
rigen ungeheuren werke manches hie und da noch hätte verbessert 
und einzelnes nicht ganz gelungene umgegossen werden können. Das 
gium corpus leidet wenn;- durch diese naevi inspersi, es ist 
und bleibt ein caelatum novem Musis opus. 

KÖLN. U. DÜNTZER. 



ZUR TOPOGRAPHIE DEE FASTNACHTSPIELE. 

Von den 132 fastnachtspielen aus dem 15. Jahrhundert, die wir 
dmi grossen sammelÜeisse Adalbert von Kellers verdanken, sind 
nr. 107. 110 und 119 als dem 16. Jahrhundert angehörig auszuscheiden. 
Ausserdem entstammen sie der Schweiz, während die anderen deut- 
en Ursprungs sind. Die meisten von ihnen sind in Nürnberg 
entstanden, einige gehören nach Augsburg. Ein sorgfältiges Studium 
der fastnaehtspiele würde manche aufschlüsse über häuser und platze 
dieser beiden städte ergeben; auch beziehungen auf kirchen, bilder und 
bauwerke finden sich, welche von ortskundigen forschem mit leichtig- 
keit gesammelt werden könten, um ein belebtes bild der beiden wich- 

n deutschen städte des mittelalters darzubieten. Schon Keller hatte 
auf diese fundgrube deutscher kulturgeschichte aufmerksam gemacht. 
Er sagt & 1076 hinsichtlich Nürnbergs: „Nürnberg als die durch reich- 
tuni blühendste, durch gewerbfleiss und kunst gebildetste stadt des 
damaligen Deutschland, recht in seinem mittelpunkt gelegen, war die 
wiege des komischen dramas. Zahlreiche anspielungen und ortsbezie- 
hungen in der mehrzahl der fastnachtspiele weisen auf örtlichkeiten 
und verhälti: Nürnbergs und seiner nächsten Umgebung hin." Bei- 
spielswi seien hier die fleischbrücke (s. 157, 22), der gostenhof 

(37. 5), der obstmarkt (543, 21), die tuchscheerergasse (211, 6. 217, 5), 
der Luginsland, d. i. ein wartturm in der Stadtmauer, in welchem das 
der zum tode verurteilten Verbrecher war (633, 9), das Wirts- 
haus zum guldin hirßen (111, 32), zum tauben etlein (96, 33), zum 
ploben stern (113, 3) erwähnt. 

Übrigens folgt aus der erwahnung einer örtlichkeit nicht immer, 
dass das betreffende spiel an diesem orte entstanden sei. Dies ist z. b. 
der fall mit Bamberg, dessen in drei spielen erwahnung geschieht. 
277. 7 sagt der precursor: 



TOPOGR. DER FASTNACHTSPIKLl! 105 

Hier kumpt von Bamberg auß dem stift 
ühsers herrn bischofs sigler her. 

320, 7 sagt cbcnfals der precursor: 

Unser herr der bischof von Babenberh 1 
Hat angefangen ain neues werk. 

Und 851, 13 sagt der herold: 

Der ander hat einer die ee geredt, 
Dorumb man in gein Bamberg ledt. 

Die erwähnung Bambergs und des bischofs von Bamberg rechtfer- 
tigt keineswegs den schluss, dass diese spiele in Bamberg entstanden 
seien; vielmehr wird auch hier Nürnberg als der entstehungsort anzu- 
nehmen sein. 

Aus der nächsten Umgebung Nürnbergs lernen wir das dorf 
Poppenreut (127, 14) als den ort kennen, an welchen der wirt die 
nach den Spielern des „Morischgentanzes" fragenden leute weisen soll; 
denn dorthin wollen sie nach beendigung des Spieles gehen, um ein«' 
hochzeit zu feiern. Feiner nent sich 109, 6 der precursor Heinz Mist 
von Poppenreut. Ein an der Pegnitz belegenes dorf wird nicht näher 
bezeichnet. 

78, 9 Wir klimmen da herein auß eim dorf nit ferr, 

Das Ugl m edler uechst draußen, elo die Pegnit\ her fleußt. 

Die Pegnitz selbst wird 255, 23 und 634, 17 erwähnt. An der 
ersten stelle wünscht der bauer seinem zanksüchtigen weibe, dass 
„man dir ein sack an hals icurcl kaufen 
Und mit dir durch die Pegnitz wurd laufen," 

An der zweiten stelle sagt der bauer von seinem buhlen: 
Meins puln hutd ich lieber kür, 
Denn das ich mit dem ars in eli Pegnitz gefrür. 

In demselben spiele von der grossen liebhabervasnacht tritt uns auch 
die Donau entgegen. 633, 7 fg. sagt der dritte bauer: 

Mir liebet mein allerliebste frau 

Für schleimen über die Thonau. 

Und im „Morischgentanz" lässt der achte narr das schöne fräulein sagen: 

. . Wut elu darauf schlahcn, 
So must elu dich vor paden und iwahen 
In der Tuneiu . . (125, 12 fg.) 

1) [Die ähnlichkeit mit dem anfange von Ezzos gesang (MSD XXXI, 1) ist 
doch wol nur zufällig?! Red.] 



106 HOLSTEIN 

In der nähe der primmelwiese (517, 4) befindet sich ein guter acker: 

Kr ist einer solchen guten art, 

Wr beugt sich selber aUe fort 

Und ist an dem Lieh- fehl gelegen. (517, 14.) 

Es möge nun <'in< i reihe bairischer Ortschaften folgen, die in den 
fastnachtspielen erwähnt werden: Altenberg, Wetzendorf, Obernpnch, 
Fürth im Walde (54, 35. 55, 1. 5. 7); Altheim (245, 31); Dingelfin- 
d (194, 20); Erlenstegen (96, 32. 99, 33. 112, 34. 157, 9. 718, 
25 : Hürnheim (620, 21); Kauenfeld (718, 13); Rotenbach (543, 1); 
S hmrVenhausen. jezt Schrobenhausen (340, 36); Schnieglieg (567, 8). 
Hin badischer ort ist Niclashausen (4S0, 23), ein württembergischcr 
Tripstrüll, der in der Schreibung Trippotill (303, 9) nnd Treffentrüll 
(759, 33) erscheint Mehrere Ortsnamen sind wol phantasiegebilde : 
Plenenstein, Greineck und Knütelbert (632, 25), sowie Aukuckenlant 
(.".tiT. 28) und M'lhst\vrst;'indlich Wisehmirsgesäss und Arslaffenrent (345, 
12. 13). 

Wie selbst eine einfache datierung im stände ist die heimat eines 
Spieles nachzuweisen, beweist das spiel nr. 40, welches am Schlüsse die 
notiz enthält: „Finis am Erichtag vor Viti 1486 jar" (313, 11). Nun 
i-t der Erich- oder Erchtag eine in Baiern geläufige benennung des 
diensl igs, folglich ist das spiel in Baiern entstanden. Keller s. 1499 
merkt unter venveisung auf Hurter, kaiser Ferdinand II, 5, 396, 
dass die erzherzogin Magdalene am ascherrnitwoch 1608 in einem briefe 
• _ flu' dienstag schreibe. 

Wir haben bisjezt den schon bekanten nachweis von der vor- 
wiegend bäurischen heimat der mehrzahl der fastnaehtspiele geliefert; 
dass aber auch fränkisch- thüringischer Ursprung geltend gemacht wer- 
d kann, war bisher der beachtung entgangen. Wir meinen das spiel 
nr. 128 vom Maister Aristotües (Xachlese s. 216 fgg.). Dass die spräche 
(h-> Stückes fränkisch ist. sah Keller (s. 230); aber auf die darin vor- 
kommenden Ortsnamen hat er nicht aufmerksam gemacht. 

Nachdem zuerst ein gewapneter sich mit seinem banner vorgestelt, 
erscheint der schütz mit einer armbrust und gebietet allen, die zum 
anhören des Spieles erschienen sind, ruhe: alle gemein, beide gro 
und klein, alt. jung, kegel und kind, alle die hier versammelt sind. 

216. 15 Von darffer, stet, ir purger, 
Seyt ir auch kommen her, 

/rill ich (irr]/ .<(iij< // (Iris, 

Das ir schweiget on allen haß! 



TOI'OGR. DER FASTXA' IITM'IELE 107 

Nun fährt er fürt mit der aufzählung der einzelnen Ortschaften: 

Von Pintterslewbm, Metzkan und Fewt, 
20 Schweyget an disem tag hewt, 



217, Von Hilbersgehoffen ir tv/mben lewte 
5 Und ir rochen von Ebenergerewte, 

Von Gisjperflewben (1. Oisperslewben) ir stuben voll 

Ami/ sweigen dy von Simntstet wol! 

Von Hochhaym ir schottentrit, 

Schweyget und redet ain fror/ nit! 
10 Und ir küttendrescher von Rewtj 

Schweiget an disem tag hewt 

Und sehet mit züchten unser spilJ 
Es werden hier folgende orte genant: Bindersleben, Metzkan, Fcut, 
Hversgehofen, Ebenergereute, Gispersleben , Simntstedt, Hochheim und 
Reut. Von diesen sind Metzkan, Feut, Ebenergereute und Simntstedt 
nicht nachzuweisen ; die übrigen jedoch sind sämtlich als im gebiete 
von Erfurt liegend nachweisbar. Nun könten die vier genanten dörfer 
zu den Wüstungen gehören, aber sie fehlen sowol in Werenburgs Ver- 
zeichnis 1 als in des freiherrn v. Tettau „Geschichtlicher darstellung des 
gebietes von Erfurt" 2 und werden unter den zehn orten, welche die 
stadt Erfurt im laufe der zeit aufgesogen hat, nicht genant; höchstens 
könte man unter der nicht unberechtigten amiahme, dass Simntstet in 
der hs. für Smitstet verlesen ist, der wüstnng Schmidtstedt, welche 
sich in den Verzeichnissen findet, einen platz anweisen, während die 
drei anderen wol zu den Wüstungen Frankens zu rechnen sind. Ich 
wolte mit dieser auseinandersetzung nur darauf aufmerksam machen, 
dass die fastnachtspiele auch eine quelle für historisch -geographische 
Untersuchungen bilden. 

Die übrigen orte: Bindersleben, Hversgehofen, Gispersleben, Hoch- 
heim und Roda (Reut) scheinen mir unzweifelhaft festzustehen, wenn 
auch die Schreibung der hs. eine andere ist. Die Schreibung Pintters- 
lewben entspricht zwar nicht den verschiedenen urkundlichen formen: 
Biltersleuin , Biltersleben , Bilterichesleybin , Biterichesleibin , Biltirsley- 
ben, Bilterslaibin , aber ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass die heu- 
tige form Bindersleben, die ja von dem echten Thüringer sicher stets 
Pintersleben gesprochen wird, bereits zu ende des 15. Jahrhunderts die 

1) "Werenburg, Die namen der Ortschaften und Wüstungen Thüringens in den 
Jahrbüchern der akademie der Wissenschaften zu Erfurt, n. folge heft XII. 

2) Ebendas. heft XIV (1886) mit einer Übersichtskarte. 



108 ERDMANN 

übliche war? Auch bei Hilbersgehoffen kann ein zweifei nicht auf- 
kommen: der ort heisst in den Urkunden zuweilen Hilbrechtshofen. 
Ebensowenig ist Qisperslewben — denn so ist statt Gisperflewben zu 
lesen — anzufechten; die beiden nebeneinander Liegenden dörfer Gispers- 
ieben Kiliani und Gispersleben Viti sind 6 km. nördlich von Erfurt entfernt. 
Hochhaym = Hochheim, 4 km. von Erfurt gelegen, wird nach gütiger 
mitteilung dos freiherrn v. Tettau zum unterschied von dem bei Die- 
tendorf gelegenen Kornhochheim Veitshochheim genant. Den ort Rewt 
endlich möchte ich für Boda bei Erfurt in anspruch nehmen, obwol 
in Baiern zwei dörfer namens Reut und Reuth existieren. Es ist mir 
nicht zweifelhaft, dass das spiel vom Maister Aristotiles in einem Thü- 
ringer orte aufgeführt, aber von einem fränkischen oder bairischen 
dichter verfasst und niedergeschrieben worden ist, dem die benennung 

•da identisch mit Reut erschien. Denn die endsilbe -reut ist Thürin- 
_ d durchaus fremd und erscheint erst in den zu Franken gehörigen 
landesteilen wie im Voigtlande, während in Thüringen an seine stelle 
die endung -rode oder -roda tritt. Aus demselben gründe ist auch das 

hon besprochene Ebenergerewte, sofern man nicht Ebenergerode deu- 

! will, nach Franken zu verweisen. 

WILHELMSHAVEN. H. HOLSTEIN. 



ZUM EIXFLUSS EXOPSTOCKS AUF GOETHE. 

.. Trunknen vom letzten Strahl 
Heiß' mich, ein Feuermeer 
Mir im schäumenden Aucj , 
Mich geblendeten, taumelnden 
In der Hölle nächtliches Thor. 

Töne, Schwager, dein Hörn 

Baßle den schallenden Trab, 

Haß der Orcus vernehme: ein Fürst kommt, 

Drunten von ihren Si: \en 

Sich du Gewaltigen lüfften.' 1 

So lautote bekantlich der schluss des gedientes „An Schwager Kronos" 
in der ältesten, zum ersten male von Suphan in dieser Zeitschrift VII, 
209 fgg. veröffentlichten gestalt. Suphan vermutete bereits (s. 212), 
dass die — in der spateren fassung des gedientes unterdrückte und 
durch eine andere, mildere und gemütlichere ersezte — Vorstellung 
von „gewaltig'ii" in der unterweit, welche den neuen ankömling als 



EINFLUSS KLOPSTOCKS AI P GOETHE 100 

einen noch höher stehenden ehrend begrüssen, aus Klopstocks Mes- 
sias stamme. Aber seine hinweisung auf die worte des Kaiphas im 
vierten gesange brachte keine deutliche and namentlich auch keine 
inhaltlich passende parallele zu tage. Von den erklär» tu des Goethe- 
schen gedichtes hat seitdem keiner, so viel ich sehe, Suphans anregung 
verfolgt; auch bei 0. Lyon in seinem reichhaltigen, aber für solche 
zwecke wenig- übersichtlich angelegten buche (Goethes Verhältnis zu 
Klopstock. Leipzig 1882) kann ich nichts darüber finden. Und doch 
ist, wie ich glaube, eine ganz bestirnte stelle im Messias vorhanden, 
die dem jungen Goethe bei abfassung jenes gedichtes vorschwebte: Däm- 
lich die verse Mess. XVI, 125 fgg: 

Aber wo sind die Seelen der Sklaven, 

wo sind sie, 

Daß sie den todten Satrapen: ihr Herrscher komme! verkünden? 
Diese worte spricht bei Klopstock die sele eines eben gestorbenen indi- 
schen königs, der beim erwachen aus dem todesschlummer, „von sei- 
ner grosse wahne noch nicht, von ihrem taumel noch immer ergrif- 
fen" (124), auch in der totenweit ehrfurcht vor seiner herscherwürde 
erwartet und heischt. Dieses eigenartige und in wenigen zügen scharf 
genug ausgeführte Charakterbild aus dem gedanken- und gestaltenreich- 
sten, nach Hamel (Klopstockausgabe I, CLXXII) zu allerlezt begonnenen 
unter allen gesängen des Messias hatte der junge Goethe so in sich 
aufgenommen, dass er im Oktober 1774 — kurz nach der persönlichen 
begegnung mit Klopstock — zum ausdruck des gesteigerten hochgefüh- 
les auf jener zum bilde der eigenen lebensbalm gestalteten bergfahrt 
sehr ähnliche worte wählen konte, wie sie dieser ebenfals, wenn auch 
in anderem sinne „taumelnde" fürst bei Klopstock gebraucht. 

Für sich allein betrachtet ist diese, wie mir scheint, unzweifel- 
hafte Übereinstimmung geringfügig. Aber es ist doch nicht ganz unin- 
teressant, durch sie den beweis dafür zu erhalten, dass Goethe im jähre 
1774 nicht nur Klopstocks „Gelehrtenrepublik" begeistert begrüsste, 
sondern auch den zuerst 1773 erschienenen vierten band des ^Messias" 
so genau gelesen hatte, dass bestirnte einzelheiten desselben auf seine 
eigenen dichterischen Schöpfungen fortwirkenden einfluss üben konten. 
Wir haben also nicht nötig, bei der frage nach dem Verhältnis der 
Goethischen dichtung zu Klopstocks Messias immer nur an die Frank- 
furter knabenlektüre aus den ersten zehn gesängen und an das schöne 
barbierhistörchen aus „Dichtung und Wahrheit" zu denken. 

BKESLATT, JTTXI 1889. OSKAR ERDOIAXX. 



110 

LITTEEATUK. 

Karl Mttllenhoff, Beovulf. Untersuchungen über das angelsächsische 
epos und die ältesl geschiente der germanischen seevölker. Berlin, 
Weidmannsche buchhandlung . is$<t. X und 165 s. 5 m. 

Die gemeinschaftliche Veröffentlichung der uns in diesem buche vorliegenden 

aufsätze hatte Müllenhoff selbst geplant Kurz vor seinem tode war auf seinen 

wünsch eine niederschrift und Überarbeitung der einleitung seines Beowulf- Collegs 

angefertigt worden, die ihm aber noch nicht ganz druckreif erschien. Die zeit zu 

einer revision und teilweisen um- und durcharbeitung war ihm nicht mehr gegönt. 

Fünf jähre nach seinem tode. wahrend welcher das manuscript der einleitung aus 

K. Schröders in H. Lübkes bände übergieng, wurde dieselbe, zusammen mit Müllen- 

hoffs berühmtem aufsatz über die innere geschiente des Beowulf, von Lübke jüngst 

publiciert. Die auf den Vorlesungen beruhenden aufsätze bieten uns somit, wie 

r in dem Vorworte bemerkt, „durchweg das resultat einer nachprüfung, die 

in Müllenhoffs lezte lebenszeit hinabreichte " (s. VI). Andererseits dürfen wir 

aber auch niclit vergessen, dass Müllenhoff selbst in ihnen noch nicht die endgültige 

~ung seiner Beowulf - Studien erkante. 

Die -Einleitung zur Vorlesung über Beovulf" (s. 1 — 109) zerfält in zwei 
abschnitte: I. Der mythus (s. 1 — 12). In diesem abschnitte finden wir, knapp zusam- 
mengefasst. die resultate wider, zu welchen Müllenhoff betrefs des mythischen gehal- 
tes des epos schon 1848 in den abhaudlungen „Sceaf und seine nachkommen" und 
„Der mythus von Beovulf- (Haupts zeitschr. VII, 410 fgg., 419 fgg.) gelangt war und 
welche er 1860 in seinem achten excurs zur deutschen heldensage (ebd. XII, 282 fgg.) 
streift hatte. Im detail findet sich manche beachtenswerte neuerung: für den namen 
I '>■•'<>• ist Müllenhoff zu der schon früher von ihm gebilligten deutung Kembles zu- 
rückgekehrt (s. 7); das Verzeichnis der an den Beav- mythus erinnernden englischen 
Ortsnamen ist um Beds bröc vermehrt (s. 8). Gegen die anfährung der von einem 
Beova ausgestelten Urkunde (ebd.) ist auf ten Brinks berichtigung (Beowulf s. 217 
anm. 2) zu verweisen, wonach der name des schenkers Beoba lauten soll. Betrefs 
ng bleibt Müllenhoff bei der annähme einer Verschiebung des mythus von 
vater auf söhn, und Sceaf steht in dieser neuen darstellung noch mehr im mittel- 
jtunkte des ganzen mythus: Müllenhoff vermutet, dass auch die von Beowulf gemei- 
nen heldentaten mythischer art ursprünglich alle von Sceaf erzählt wurden (s. 9). 
Den haupteinwand gegen diese kombination, die Verschiedenheit der berichte über 
die den helden erwiesenen lezten ehren, sucht Müllenhoff zu entkräften, indem er in 
der Schilderung des epos nur einen reflex oder eine Variante der alten künde von 
Ida beftattung sehen will. Mau wird ihm zugestehen müssen, dass sich dem 
berichte von Beowulf, dessen gestalt ein strahl historischen lichtes trift, das geheim- 
nisvolle verschwinden des toten auf der meeresflut weit weniger passlich anfügt, als 
der sage von dem rein mythischen, ebenso geheimnisvoll erschienenen Scyld, wes- 
halb die epische dichtung den Schicksalen ihres helden einen andern schlussakt 
geben mu 

Der zweite abschnitt der .Einleitung": „Die geschichtlichen demente" (s. 13 — 109) 
gliedert .-ich in dreikapitel, die viel des neuen und lehrreichen bringen. Mit überzeugen- 
der klarhi • in dem ersten kapitel: -Di» • Graten und Schweden" (s. 13— 23) ausgeführt, 
dass das ganze historische interesse des epos aufllygelac ruht, dass die historischen 
belichte der dichtnng den helden Beowulf sehr passiv erscheinen und dadurch erken- 



K0EPPEL . t l BER MÜLLENHOFF, BEOVULF 111 

non lassen, welch untergeordnete rolle der Beownlf der Wirklichkeit spielte, dem nur 
das zusammenfallen seines namens mit dem namen des angelsächsischen heros die 

Unsterblichkeit gewann. Die Geaten sucht Müllenhoff im Bildlichen Schweden — eine 
annähme, welche seit Müllenhdffs tod von Bugge bekämpft, vmi ten Brink und Sar- 
razin meines erachtens mit erfolg verteidigt worden ist. — Im zweiten kapitel: „Die 
Dänen" (s. 23—53) bemerken wir eine Unebenheit dei darstellung, welche aber wol 
nur auf ein verschreiben zurückzuführen ist. Wir lesen nämlich s. 26 von den Boh- 
nen des Healfdene, Heorogar, Hrodgar und Halga, dass sie als altersgenossen des 
Ilygelac angesehen werden müssen, während s. 14 gesagt ist, dass wir uns die söhne 
des Hredel, Herebeald, HsBctcyn und Hygelac, als ziemlich gleichaltrig mit Beowulf 
denken müssen. Im epos wird Hrodgar bekantlich als greis, Beowulf als in der 
blute seiner jähre stehend geschildert und dieser sagt von Hygelac: peak- de In' 
"icon^ sft , folecs hyrde v. 1831 b fg. Wir haben daher s. 26 für Hygelac zweifelsohne 
Hredel zu lesen. Sehr beachtenswert ist der schluss, zu welchem Müllenhoff betrefs 
des algemeinen Verhältnisses der dänischen Überlieferung zu der angelsächsischen 
komt: „jene steht dem altersverhältnis entsprechend auf einer vorgerückteren stufe 
der entwickelnng, diese noch auf einer älteren, die der wirklichen geschiente näher 
liegt, ihre angaben sind daher noch weit genauer" (s. 43 fg.). — Zu anfang des drit- 
ten kapitels: „Die Angeln und Sachsen" (s. 53 — 109) tritt Müllenhoff für das eigen- 
tumsrecht der Angeln und Sachsen auf das uns überlieferte Beowulf- epos ein. Es 
ist ,, ihr werk und bei ihnen aus lebendiger mündlicher tradition entstanden" (s. 54), 
wenn auch zuzugeben ist, dass der „geschichtliche stoff, soweit er von den Dänen 
handelt, einmal von Dänemark oder dem norden aus zu den Angelsachsen gekommen 
ist" (s. 55). „Soweit er von den Dänen handelt" — über den weg, auf welchem 
die künde von Hygelacs fall und den vorausgehenden kämpfen der Gauten und Schwe- 
den zu den Angelsachsen drang, hat sich Müllenhoff folgende merkwürdige ansieht 
gebildet: „die nachrieht von dieser begebenheit — und von den Geaten und Schwe- 
den überhaupt — ist den Angelsachsen zweifellos von den bei der sache am meisten 
beteiligten deutschen, nicht von den nordischen auwohnern der Nordsee gekommen 
(s. 56). Die Friesen und Franken hatten den stärksten und unmittelbarsten eindruck 
von dem erscheinen des Hygelac an der Rheinmündung empfangen und sicher zuerst 
von ihm gesungen und gesagt; von ihnen erst sind die lieder von Hygelacs fall nach 
England gekommen .... Die Friesen und Franken hatten auch am ersten Ursache 
sich weiter nach Hygelac, seinem lande und seinen taten zu erkundigen. Dies fühlte 
sie auf die fehden mit den Schweden und andererseits auch auf den dänenkönig Ilalf- 
dan und sein gesclüecht" (s. 107 fg.). 

Gegen diese annähme Müllenhoffs lassen sich schwere bedenken erheben. Ver- 
gegenwärtigen wir uns zuerst, welchen eindruck die Franken und Friesen von Hyge- 
lac erhalten haben müssen, in welchem lichte er ihnen erschienen sein muss. Ver- 
heerend und plündernd fiel er in ihre gauen ein, gefangene und beute schlepte er 
mit sich fort, den eigenen söhn sante der Frankenkönig gegen den gefährlichen räuber. 
Hygelac wurde besiegt und getötet, aber der von ihm verbreitete schrecken lebte 
weiter in dem gedächtnis der geschädigten Völker, die gestalt des feindlichen königs 
wird ihnen bald ins riesengrosse gewachsen sein in jener zeit, welche geschiente 
rasch zur sage werden Hess. Dass diese Steigerung ins ungeheuere wirklich statfand, 
dafür haben wir ein unwiderlegliches zeugnis: den bericht des „Liber Monstrorum", 
in welchem Huiglaucus Getanem rex als monstrum mirae magnitudinis geschildert 
wird, als ein riese, den von seinem zwölften jähre an kein pferd mehr tragen konte, 



112 KOBPPEL 

äs q auf einer Rheiuinsel ruhende gebeine den fremden als ein wunder gezeigt 
werden (Haupts ztschr. XI 1 . 287 fg. und Müllenhoff s. 19), So muste sich Hygelacs 
g stalt in der erinnerung der gegner, der von ihm bedrohten Friesen und Franken, 
spiegeln, in diesem sinne werden sie von ihm gesagt und gesungen, ein solches bild 
würden sie den Angelsachsen von ihm gegeben haben. Im Beowulf aber findet sich 
keine spur einer solchen anschauung, kein sängerwort wirft einen schatten auf die 

scheinung und das andenken des vor der zeit hingeraften heldenkönigs. Aus hel- 

omut [for wlenco 1206, vgl. 338 iL wo f<>r wlenco parallel mit for hije-ßrym- 
mum steht) erfuhr er leid, fehde bei den Friesen; im prächtigen herschersitz haust 

r heldenkräftige konig, der gute kampfkönig mit der milden Hygd im Gautenlande 
(1923 Fgg. . als retter der seinen erscheint er im kämpf mit den Schweden (2941 fgg.); 
mit fürstlicher freigehigkeit lohnt er den AVouredingen Eofor und AVulf den tod des 
Ongenfteow (2991 fgg.). Ja, Hygelac tritt uns sogar menschlich näher durch seine freund- 

laft für Beownlf: sehr hold ist er dem neffen (2170), mit feierlicher rede begrüsst 

i heimgekehrten (197S fgg.), gott dankend, dass er ihn gesund widersehen durfte 

(1997 fg.). Beowulf selbst spricht oft mit herzlicher Zuneigung von seinem Hygelac 

{By7elac min 2434). dem all seine liebe zugewant ist (2149 fg.), er rühmt sich der 

t"tung des Dagghrefn , des kämpen der Hugen (2501 fgg.), in welchem man gewiss mit 

•ht den mörder des Hygelac vermutet. In einem ganz anderen lichte sehen die 

iger die feinde des Hygelac: die Franken sind ihnen die schlechteren kampfhelden 
[wyrsan vivi-frecan 1212, vgl. 2496); durchaus nicht durften sich die Hetwaren des 
fusskampfes rühmen, wenige entkamen zur heimat (2363 fgg.), mit Übermacht zogen 
heran (2917); der feindliche Schwedenkönig Ongenpeow ist alt und grausenvoll, 
furchtbare drohungen stösst er aus gegen die umzingelten Gauten (2928 fgg.). Hätte 
der bericht über Hygelac und seine feinde so lauten können, wenn die Angelsachsen 
aus fränkisch - friesischen quellen geschöpft hätten ? Unmöglich — und ebenso undenk- 
bar ist. dass die angelsächsischen sänger den bericht der Franken und Friesen ten- 
denziös zu gunsten Hygelacs und der Gauten umformten. Nein, die künde von den 
geschicken der Gauten kam den Angeln und Sachsen von den Dänen, zu welchen 
die deutschen stamme in freundschaftlichem Verhältnis gestanden sein müssen, wäh- 
rend andererseits das gute einvernehmen zwischen Dänen und Gauten die grundlage 
des - bildet. Ton den Dänen erhielten die Angeln und Sachsen die historischen 
nachrichten über Hygelac und seinen gewaltigen dienstmann, den ihre sänger in der 
neuen britannischen heimat mit dem nationalen Heros Beow 7 oder Beowulf ver- 

hmolzen. 

Yen besonderem intoivsse sind in dem dritten kapitol noch die neuen beitrage 
zur erklämng der Völkerverhältnisse des AVidsid (s. 81 fgg.), welche dichtung Müllen- 
hoffs aufmerksamkeit wider und wider gefesselt hat. 

Auf die -Einleitung- folgt ein abdruck des für die höhere Beowulf- kritik grund- 
legenden au! Müllenhoffs: „Die innere geschiente des Beovulfs u , geschrieben 1868, 
erschienen im 14. band von Haupts ztschr. s. 193 fgg. Der abdruck ist ein sehr 

gfältiger; man könte nur noch wünschen, dass die wenigen dem texte «inverleib- 
ten späteren notizen Müllenhoffs durch den druck oder durch eckige klammern kent- 
lich gemacht worden wären. Diese zusätze sind nicht bedeutend, sie dringen an kei- 
ner stelle in den kern des aufsatzes; aber bei einem so feinen kritischen geiste ist 
jedes schwanken, jede meinungsänderung und -bekräftigung beachtenswert. Ich stelle 
deshalb für die leser des Atüllenhoffschen buches, welchen, wie mir, die älteren 
bände von Haupts Zeitschrift nicht immer zur Verfügung sind, die neuen bestandteile 



ÜBER TEN' BRINK, BEOWÜLF 113 

der abhandlung zusammen: s. 112 z. 12 v. o. in bis 11; s. 12 z. 20 fgg. v. o. fö bis 
ungeschickt; s. 113 z. 5 v. o. unbedingt bis nicht; >. 113 z. 9 v. o. weitere; s. 115 
z. 5 fg. flw/" bis pyder; s. 115 B. 16 v. o. als bis (uis\iisj,ri <h, n : s. 115 s. 25 v. o. 
lesen wir für 419 jezt 418, indem Bf. gewiss mit recht auch v. 418 noch iu seine athe- 
tese gezogen hat; s. 115 z. 28 v. o. Beonilf bis wird; 8. 116 z. 11 v. o. das bis 
1474 fgg.; s. 117 z. 1 v. o. r//<? bis 607 fgg.; s. 118 z. 6 v. u. aweA bis formet; 
s. 120 z. 12 v. o. (sceale bis teilen); s. 121 z. 1 v. o. Erotfgar bis beachtet: s. 130 
z. 2 v. u. das bis vereinigt 1 . 

Die von einer randnotiz Hüllenhoffs als unecht angezweifelten v. 1314/15 hat 
inzwischen auch ten Brink (1. c. s. 76) als wahrscheinlich spät<'ivn zusatz bezeichnet. 

Dem herausgeber schulden wir besten dank für di> i g«.'\vi>s<'iihafto erledigung 
Beiner aufgäbe. MülleiüiorTs abhandlungen sind uns ein kostbares Vermächtnis: durch 
sie und tenBrinks Beowulf ist ein fester, wissenschaftlicher dämm aufgeworfen," wel- 
chen die versuche, die ausschliesslich scandinavische herkunft der Beownlf-sagen und 
die einheit des uns überlieferten Beowulf-textes darzutun, schwerlich je überfluten 
werden. 

MÜNCHEN, JUNI 1889. JANUAR 1890. EMIL KOEPI'EL. 



I • e o w u 1 f. Untersuchungen von Bernhard ten Brink. Strassburg , Karl J. Trüb- 
ner 1888. (QueUen und forschungen 62. heft.) 8. 247 s. 6 m. 

In dieser dem andenken "Wilhelm Scherers gewidmeten schritt stelt ten Brink 
für die entstehung des uns überlieferten Beowulf-textes folgende theorie auf: 

Dieser text ist das resultat einer vermutlich noch im laufe des achten Jahr- 
hunderts erfolgten redaktion. Der ordner, in welchem ten Brink „einen nüchternen 
und in seiner art besonnenen mann" erkent (s. 20), hatte zwei aufzeichnungen der 
Beowulfs-lieder vor sich liegen: eine ältere, welche nach ten Brink um das jähr 690, 
eine jüngere, die um das jähr 710 entstanden ist (s. 235). Die ältere bot ihm — 
um mich ten Brinks ausdrucksweise zu bedienen — die einleitung und das erste 
abenteuer, den kämpf mit Grendel (A), das zweite abenteuer, den kämpf mit Gren- 
dels mutter (C), und das vierte abenteuer, den kämpf mit dem drachen (F); die jün- 
gere: die einleitung imd das erste abenteuer (B), das zweite abenteuer (D), das dritte 
abenteuer, Beowulfs rückkehr ins land der Gauten (E), und das vierte abenteuer (G). 
Diese Versionen verschmolz der gesamtordner, so gut er konte, zu einem ganzen, 
indem er „sehr wenig, ja so gut wie nichts von dem seinigen hinzutat" (s. 17). Auf 
diesen gesamtordner folgte noch ein interpolator — als generalinterpolator bezeich- 
net — , der sich aber ebenfals „ziemlich massvoll erwiesen hat. Seiner zusätze sind 
nur wenige, und diese haben einen bestirnten Charakter, der seine tendenz überall 
durchschimmern lässt" (s. 17). Sie sind nämlich „teils erbaulichen, teils dämonogenea- 
logischen inhalts" (s. 246). 

Die einleitung und das erste abenteuer (v. 1 — 193 und 194 — 836 der Über- 
lieferung) hat der ordner somit aus den Versionen A und B komponiert, wobei er 
durchgehends der version A, der älteren und ursprünglicheren, den Vorzug gab. 
Ten Brink hat eine sorgfältige Zergliederung seiner Verschmelzung vorgenommen, und 

1) Von druckfehlern sind mir aufgefallen: s. 112 z. 22 v. o. für hi lies hie. S. 129 z. 12 v. u. 
für peorlum and cere lies evrlum and feere. S. 140 z. 1 v. o. für 2749 lies 2794. S. 145 ist die Seitenzahl 
229 vier zeilen tiefer zu setzen. S. 150 z. 15 v. o. für 2583 lies 2582. 

ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XXIII. O 



114 KOF.rTF.L 

das mischungsverhältnis von A und B, sowie die znsätze dos interpolators 1 fest- 
_ stelt. Mit der beleuchtung des Verfahrens des gesamtordners hat er sich jedoch 
keineswegs zufrieden gegeben, sondern er hat auch noch die beiden Versionen A und 

B auf ihre älteren und jüngeren bestandteile hin nntersncht. Er hat aus dem A- 
elemente der einleitnng den kern von A herausgeschalt, er hat an mehreren stellen 
von A und B die verschiedenen, ineinander vorwobenenen Varianten gesondert — mit 
meisterlicher hand. Wenn man sieh den für die ednleitung herausgehobenen kern 
von v 3. 164 zusammenstelt, mit berückachtigung einer von ton Brink vorgenom- 
menen ändernng (v. 135 Ewmt für ae) und der seinen zwecken entsprechenden aus- 
füllung der lücke in v. 159 (dat se), so erhält man eine trefliche dichtung, in wel- 
■r kein wert zu viel und ein jedes wort an seiner richtigen stelle ist. Der kritiker 
ist hier selbst zum dichter geworden. Ein anderes kabinetsstück dieser art liefert 
ten Brink für den B-bestandteil der einleitnng, indem er dem B-diaskenasten die 
aufnähme zweier epischen Varianten (B 1 147 — 158, 164—167 und B 2 189 — 193) 
in seine version nachweist, und die Variante B 1 des weiteren noch in ihre bestand- 
teile (c und ß zerlegt (s. 22 fgg.)- Und die Wirkung dieser jede wendung, jedes wort 
erwägenden, in jede versteige spähenden kritik — von welcher sich noch viele, nicht 
minder glänzende beispiele anführen Hessen — auf den leser ist nicht etwa eine 
beklemmende, sondern eine befreiende. Ein Schleier nach dem andern hebt sich vor 
unseren äugen: an den gestalten der ordner und samler vorbei dringt unser von dem 
kritiker geschärfter blick zu jener „Vielheit von dichtem 1 ' (s. 106), jener schaar von 
gern, welche im volke der Angelsachsen von den taten des helden Beowulf sau- 
und in ihren hedern bald diesen, bald jenen ton kräftiger erklingen liessen. 
Selbstverständlich wird man nicht immer bereit sein, sich die resultate der 
von ten Brink geübten kritik widerspruchslos zu eigen zu machen. Der erste stein 
des a: - 38 s ist mir, dass ten Brink den halbvers 90 a noch zum kern von A rech- 
net, obschon sich ihm in A keine passende ergänzung desselben bietet, und dass er 
das folgende christliche sehöpfungslied nicht dem general - interpolator zuschreiben, 
sondern als eine noch im lebendigen epischen Vortrag erfolgte erweiterung betrachten 
will (s. 12 und 233). Simdol sang scopes 90 a klingt ihm mehr wie „eine natür- 
liche fortsetzung, denn wie ein künstlicher zusatz" (s. 12), und das eweeä 92, wel- 
ches das sregde 90 nach so kurzem Zwischenraum wider anmimt, lässt ihn vermuten, 
dass auch hier wider eine Verschmelzung zweier Untervarianten vorliegt (s. 13). Ich 
glaube nicht, dass ten Brink wohl daran getan hat, die alte, schon von Ettmüller 
und Alüllenhoff bestirnte grenze des echten teiles zu verrücken. Der Zusammenhang. 
Icher zwischen 89 b und 90 a besteht, ist jedenfals ein ganz lockerer, während sich 
l a und 90 b fest aneinander schliessen: es kann meines erachtens kaum zweifelhaft 
in, dass 90 a sumtol san^ scopes von dem A- interpolator angefügt wurde, um in 
bei ein lied einflechten zu können. Ich nehme deshalb mit Ettmüller und 

Alüllenhoff an, dass die erweiterung mit 90 a begint, bin jedoch nicht geneigt, die 
ganze stelle 90 — 98 mit Ettmüller als christlichen zusatz zu beurteilen. Wenn wir 
nämlich berücksichtigen, dass die verse 90 b — 91: Scegde, se de cüäe frumsceaft 
fira feorrem reccem, durchaus kein christliches gepräge haben, dass es im gegen- 
I il, fals von vornherein ein christliches sehöpfungslied beabsichtigt war, auffallen 

d den christlich angehauchten , von Ettmüller und Müllenhoff längst als unecht erkanten 
versen 179—188 sagt auch ten Brink, dass sie „höchst wahrscheinlich erst nach der redaktion interpo- 
liert wurden-' (s. 20) ; s. 104 z. v. o. hingegen führt er sie als zu dem bestand von A gehörig auf. 
Hier liegt wol nur ein druckfehler vor: für 168 — 188 lies 108 — 178. 



ÜBBR TEN* BRINK, BEOWULF 115 

muss, dass zuerst von dem Ursprünge des menschen die rede ist, gegen die reihen- 
folge der biblischen schöpfungslehre, welche in den folgenden versen mir einzig 
omstellnng des dritten und vierten tages beobachtet ist, — so lieg! der gedanke nah''. 
dass die verse 90 — 91 von den folgenden zu trennen sind, und dass uns in ihnen 
die alte Überleitung zu der inhaltsangabe des liedes.des Sängers erhalten ist. Ein der- 
artiges betonen der dem sanger eigenen kentnis der grauen vorzeit, zu eingang seines 
liedes, ßteht nicht vereinzelt da, man vergleiche 869fg.: (eyniw^es degn) - v ' : ,lr " /f - 
/}■/<( cald-^csi Jena worn gemunde. Wie der sänger nach diesen vorbereitenden Wor- 
ten von Sigemund und Fitela kündet, so wird er auch an unserer stelle von den 
neiden der vorzeit gesungen halten. Dem frommen interpolator aber, der gerade in 
der einleitung seine anschauungsweise stark zur geltung bringt, dünkte es schick- 
licher, dass die halle Heorot von dem lohe gottes ertönte, und er fand in der erwäh- 
nung des Ursprunges der menschen die Inspiration zu dem schöpfungsliede. welches 
er für den alten heldensang einfügte. "Wie wenig seine werte zu dem fröhlichen 
Zechgelage der krieger passen, ist schon öfters bemerkt worden. Der fromme mann 
hat seine sache überdies keineswegs geschickt gemacht, er lässt uns seine text- 
änderung auf das deutlichste erkennen, indem er plump aufs neue mit ewad 92 
eingesezt hat. 

Zur stütze der annähme ten Brinks, dass wir in den versen 99 fgg. eine 
epische Variante zu 86 fgg. zu sehen haben, welche Grendel in B einfahrt, möchte 
ich noch auf die volkommen parallel gebaute stelle 2210 b fg. hinweisen: 

od äcet an on^un 
deorcum niktum draea riesan. 
Auch hier führt der sänger eine der hauptgestalten des epos und zwar wider den 
Vertreter des bösen prineipes, den drachen, welcher seinen hörern aus der sage 
zweifelsohne wol bekant, in seinem Hede jedoch noch nicht erwähnt war, durch an 
(= Hie vgl. Braune, Beitr. XIT, 393 fgg.) in die erzählung ein. 

Zu ten Brinks analyse des ersten abenteuers ergaben sich mir folgende bemer- 
kungen : 

205 — 209 (s. 32). Die ersten 4 Zeilen dieser B zugeschriebenen stelle scheinen 
mir für A unentbehrlich: die erwähuung des geiziges ergibt sich wie von selbst und 
die bemerkung, dass sich der held die kühnsten männer erwählte, findet ihren 
nachklang in den A angehörenden rühmenden worten Wulfgärs 368 fg.: ILj on wt^- 
tytavmm ivyrfie dincead eorla ^eShtlan. Auch dem zahlenargument ten Brinks könte 
ich schon im hinblick auf äntig 123 in A keine überzeugende kraft zugestehen, 
wird aber noch abgeschwächt dadurch, dass in der C-version des zweiten abenteuers, 
welche stark unter dem einflusse von A, oder vielmehr (vgl. s. 93 fgg.) A' steht, die 
zahl der geführten Beowulfs in genauer Übereinstimmung mit unserer stelle angege- 
ben ist (vgl. v. 1641). ten Brink hat diesen einwand wol vorausgesehen und sucht 
ihm s. 111 anm. zuvorzukommen: er bringt aber weder hier noch auch im dreizehn- 
ten kapitel zwingende beweise für den zwischen B und C bestehenden Zusammen- 
hang, während die anlehnung von C au A' von ihm selbst über alle zweifei geho- 
ben worden ist. 

473 — 479 (s. 51). Solte Hrodgars rede ursprünglich wirklich keinen hin weis 
auf die Grendelplage enthalten, solte er der angelegenheit, welche im mittelpunkte 
des ganzen liedes steht, die den Gautenhelden zu ihm führte und von welcher die- 
ser in seiner rede gesprochen hatte, wirklich mit keinem worte gedacht haben? Ich 
kann in diesen versen keine spätere erweiterung sehen, sie scheinen mir fest ein- 

8* 



116 KORPPF.L 

Fügt in den symmetrischen anfban des ersten gespräches zwischen dem könig und 
dem heldeu. In den schluss - n: 5<>d eääe mcB% (tone dol-seaChm dceda jcfnre- 
fan! kernt die durch Beowulfs erscheinen hervorgerufene, hiofnnngsvollere Stimmung 
sen königs würdig und massvoll zum ausdruck. 

15 — 600 (s. 52). In diesem passns hält ten Brink die verse 596, 597 b — 
600* für eine spätere erweiterung in A. Meines erachtens kann auch der kern von 
A 596 nicht entbehren, da ää fahäe 595 einer näheren hestimmung bedarf und 
ohne den folgenden vers in der luft schwebt. Eine gewisse herbe des ausdrucks 
darf uns in dem munde des gereizten heldeu nicht befremden: der gegen Unferct 
hieb streift begreiflicher weise auch dessen volk. Dem einwände, dass aiole 
-- 596 zu schnell auf atol ce^laca 592 folgt, wird ten Brink wol selbst nicht 

zu viel gewicht beilegen, da er sich andern orts durch das zusammennicken dersel- 
ben Wörter in seinen athetesen nicht beirren lässt (vgl. s. 84 orendles hedfod). In 
der tat waren auch die angelsächsischen dichter nicht so ängstlich auf den Wechsel 
des ausdruckes bedacht, wie es unser verwöhntes modernes ohr und äuge fordern. — 
Die ansscheidnng von 597 b — 600 a scheint mir durchaus berechtigt. 

433 — 441. 669 — 690. An diesen beiden stellen erscheint das schwertmotiv, 
die rahmrede Beowulfs, dass auch er dem waffenlosen unhold gegenüber auf den 
gebrauch des Schwertes verzichten wolle, ten Brink hält es nicht für wahrscheinlich, 
lie beiden stellen gleichberechtigt nebeneinander bestehen konten, aber er hilft 
!i in diesem falle nicht damit, dess er die eine stelle als spätere erweiterung von 
A ansieht, sondern er benüzt diese parallelstellen zur erläuterung seiner grundan- 
iauung von der entwicklung des altenglischen epos. Innerhalb dieser entwicklung 
erkent er ein aufsteigen, einen hohepunkt und ein sinken: die weniger wirkungsvolle 
der beiden ruhmreden nun , die verse 433 — 441 , welche sich seines erachtens gleich- 
wol freilich an das vorhergehende anfügen und der rede Beowulfs einen befriedigen- 
deren abschluss geben, rechnet er zu den partien, „deren entstehimg vor den kul- 
minationspunkt der epischen entwicklung, wenn auch demselben ganz nahe, f alt a 
3. K B). Die einwände, welche sich allenfals hinsichtlich der betreffenden stelle gegen 
t--n Blinke ansieht erheben Hessen, liegen auf der Oberfläche; sie würden mir aber 
auch gegenüber des kritikers tiefdringender erkentnis so seicht erscheinen, dass ich 
darauf verzichte sie vorzubringen. Denn wie man sich auch für die betreffende stelle 
zu ten Biinks ausführung stellen mag — niemand wird verkennen, wie anregend 
solche Wahrnehmungen des kritikers wirken , wie durch sie die theorie an färbe gewint 
und uns gleichsam sinfällig vor äugen gebracht wird. 

— 765 (s. 54). Alit der von ten Brink vorgenommenen herstellung des 
kernes dieser stelle kann ich mich nicht befreunden. Drei punkte sprechen meines 
erachtens gegen dieselbe: 

1 1 ist mir der plötzlich" Wechsel des subjeetes in der reconstruiorten Langzeile 

: ond htm feestt widfeng. Wüte he fm^ra geweald bedenklich; 
_ stosse ich mich daran, dass die allerdings nötige betonung dieses wechseis 
eine textänderung bedingt: he für das überlieferte his. Die annähme, dass das 
irtümliche //'' der handschrift in 765 b ursprünglich in 764 b gestanden habe, sezt ein 
kompliziertes schreiberversehen voraus: der Schreiber müste das wort zuerst 
übersehen und dann auf dasselbe zurückgeblickt und es auf gut glück in sein' 1 
abschritt eingefügt haben; 

3j erscheint mir die halbzeile wiste he fmya geueald als ein überaus matter 
anfang der kampfsehilderung. Bei. dem ersten zusammenprallen der gewaltigen erwar- 



ÜBER TEN BRINK. BEOWUU 117 

tet man einen kräftigen ton dos Sängers, und das überlieferte, etwas hyperbolische, 
vokalreiche fmgras burston Behalt uns viel stimmungsvoller zu ohren, als das klang- 
lose wiste he ßngra %eweald. 

ten Brink betrachtet gewiss mit recht die verse 761 — 7G4 a als spätere erwei- 
teruug, ich rechne 764 b noch hinzu und linde gerade diesem halbvers den Stempel 
der Interpolation aufgedrückt: das sehliessliche widereinlehken in die bahn des Origi- 
nals, man vergleiche fingras 760 b und fingra 764 b . Mir gestaltet sich demnach der 
kern von A für diese stelle wie folgt: 

758 <5emunde da sc mod^a mä^ Higelaces 

mfensprace, üp-lang astod 
760 oiid htm fatste widfen%: föngras burston 
705 o)i grames %rupum. ])<ct uxbs geöcor stä . . . 

Die in vorstehendem entwickelte verschiedene auffassuug einiger stellen beein- 
thisst übrigens mein gesamturteil über den von dem kritiker ermittelten kern der 
Version A, welchen er s. 55 übersichtlich zusammcngestelt hat, keineswegs. Wie für 
die einleitung, so hat er uns auch für das erste abeuteuer aus der Überlieferung eine 
abgerundete dichtung herausgehoben. Ob das lied von Beowulfs kämpf mit Grendel 
in einer seiner Versionen ursprünglich so gelautet hat, vermögen wir freilich nicht 
mit Sicherheit zu sagen, aber wir fühlen, dass es so hätte lauten sollen, dass es der 
begabteste scop nicht wirkungsvoller hätte zum Vortrag bringen können. 

Für das zweite abenteuer, den kämpf mit Grendels mutter, benüzte der gesamt- 
ordner nach ten Brink gleichfals zwei verschiedene Versionen C und D, von welchen 
C als die ältere, D als die jüngere fassung der dichtung zu betrachten ist. In C 
findet ten Brink in seinem fünften kapitel, das von den quellen des zweiten aben- 
teuers handelt, die spuren zweier älteren darstellungen. Indem er auf H. Möllers 
(Das altenglische volksepos in der ursprünglichen strophischen form, Kiel 1883) ähn- 
liche erkentnis hinweist, sezt er erstens voraus, dass der dichter von A sein lied 
nicht nach der besiegung des unholdes abgebrochen, sondern auch noch von der 
ehrung und dem abschiede des helden gekündet habe, und es gelingt ihm, mit 
grossem Scharfsinn den bestand dieser älteren version in C abzugrenzen. Gegen seine 
bestimm ung der möglicherweise aus A, oder vielmehr aus A' — wie ten Brink die 
gesamtdarstellung des ersten abenteuers bezeichnet (s. 93) — stammenden stellen 
(s. 94 fg.) wüste ich kein bedenken zu erheben, ich würde nur in der dankred' 
Hrödgärs die verse 930 fg. nicht ausscheiden, weil dieser auf blick zum höchsten 
dem greisen könig freilich, ansteht imd in volkommener harmonie sowol mit seinem 
in dem ersten gespräch mit Beowulf ausgedrückten gottvertrauen , als auch mit der 
algemeinen „diskret christlichen" (s. 35, vgl. s. 223) Stimmung von A' ist. 

Ferner erkent ten Blink, von dem vielbesprochenen hwceäer 1331 ausgehend, 
in die spuren einer älteren selbständigen dichtung (X), welche von der heim- 
suchung des königssitzes der Dänen durch einen von den menschen nicht erkanten 
unhold handelt, das äschere - motiv enthält, und den helden auf dem meeresgrundc 
den kämpf mit beiden geistern, mit mann und weib bestehen lässt. In diesen aus- 
führungen berührt sich ten Brink mehrfach mit der von ihm s. 6 und 93 citierten, 
sehr beachtenswerten studie von Friedrich Schneider (Der kämpf mit Brendels mut- 
ter, Berlin 1887), auf deren lezter seite auch die niöglichkeit einer dichtung, in der 
Beowulf beide unholde in ihrem meersaale bekämpfte, angedeutet ist. Es ist ein 
hoher ästhetisch - kritischer genuss der Untersuchung ten Brinks zu folgen, sich zu 
überzeugen, mit welchem geschick er aus dem gespräche des königs mit Beowulf 



118 KOKPPÄL 

(1321 — 1396) den bestand von X heraushebt, zu sehen, wie er die disjecta membra 
zu einem organischen, Lebensfähigen ganzen verwachsen lässt (s. 90 fg.). Alle bezio- 
hnngen auf das erste abentener, auf den kämpf mit Grendel, der in X noch nicht 
statgefunden hatte, sind ausgemerzt, ohne dass wir die Lücke empfinden. Ich habe 
dieser rekoiistruktion von X gegenüber nur ein bedenken: konte der könig zu Beo- 
wulf. der noch nicht als retter der Dänen aufgetreten war — denn an eine ausser- 
halb der Grendelsag si hende heldentat des recken darf doch gewiss nicht gedacht 
;,j on — konte der könig in X mit starker betonuug zu Beowulf sagen: Nu w sc 
rmd yhm- s eft mt Se änum! (1376* fg.) = „Nun steht die hülfe wider bei dir 
allein'.-- Hier sl - d wir meines erachtens auf eine spur der Überarbeitung, welche 
die ältere dichtung von dem C-Diaskeuasten erfahren hat; ich glaube nicht, dass 
diese verse aus der ursprünglichen fassung von X stammen können. Dass eft, wie 
neider s. 17 anm. frauweise audeutet, mit „darnach, nachdem ich dir dies aus- 
einand zt habe", zu interpretieren sei, scheint mir bei der nachdrucksvollen 

, _ s wertes — in der alliteration und zu anfang des verses — und bei dem 
emphatischen tone der ganzen stelle ausgeschlossen. 

ten Brink prüft sodann .auch noch die anderen abschnitte des von ihm in 
11 abschnitte geteilten zweiten abenteuers auf ihren X-bestand, und zwar nicht nur 
die ältere version C, sondern auch die jüngere version D. Es ist das ein sehr 
schwieriges unternehmen, bei welchem ten Brink denn auch mit der entsprechenden 
behutsamkeit vorgeht und viel mit möglichkeiten operiert. Infolge dessen bleibt 
einem das X- dement der übrigen abschnitte etwas schattenhaft; ich vermisse in der 
-prechung der X- teile von D eine erwähnung der verse 1341 fgg. und 1405 fgg., 
in welchen das JEschere - motiv erscheint, und des plurals hiises hyrdas 1666. Mit 
um so grösserem interesse sieht man der wiederherstellimg dieser dichtung und der 
A.'- version des ersten abenteuers entgegen, welche ten Brink zu veröffentlichen 
gedenkt is. 101). Einstweilen hat er sich mit der frage beschäftigt, welche von den 
beiden diehtungen die ältere sei, X oder A'. Er komt dabei zu dem überraschen- 
den schluss, dass X. obwol es dem mythus, welcher nach Müllenhoff der Beowulf - 
sage zu gründe liegt, näher steht (s. 101), gleichwol jünger sei als die A'- dichtung, 
und unter deren einfluss entstanden sei (s. 103). Ich neige mich der ansieht zu, 
dass. wenn es eine dichtung gab. welche den helden auf dem seegrundc den kämpf 
mit beiden unholden, mit mann und weib, bestehen Hess, ein anderes Med, das uns 
Beowulf im kämpfe mit einem der meeresgeister , mit dem gefährlicheren, dem 
manne, vor äugen bringt, sich die motivfülle jener dichtung zu nutzen gemacht hat, 
in der blütezeit der epischen dichtung aus jener herausgewachsen ist. 

Wenden wir uns nun zur betrachtung der weder von A' noch von X beein- 
flussten teile von CundD, so fält uns vor allem die kräftige beleuchtung des anfan- 
gen abschnittes auf, welche uns hinter C eine ältere, einfachere form C, 
und hi.iT- I • noch die ursprüngliche fassung < '" deutlich erkennnen lässt (s. 62 fg.). 
Weniger gelungen scheint mir die lösung des C-kernes aus den versen 1279 — 1295. 
■ranlasst den kritiker nämlich zu zwei text-änderungen (1282 Xms, 1295 on flette), 
von welchen die eine {on flette) noch obendrein so einschneidender art ist, dass sie ent- 
weder dem r die Ungeschicklichkeit zuschiebt, er habe ein faktum, welches seine 
hörer erfahren musten, die flucht des Scheusals, schlechtweg verschwiegen, oder 
zur annähme einer lücke zwingt. Mir scheint der passus von 1279 — 1295 in bestem 
inneren zusammenhange zu stehen; er mag einige spätere erweiterungen enthalten, 
aber der sinn der ganzen stelle ist klar und ich würde es nicht wagen, ihm durch 



DBEB TKN BRINK. BROWULI 110 

textänderungen eine verschiedene wendung zu geben. Mit 1296 ändert sieh die Sach- 
lage. Mit diesem verse begint der C-ordner — wie wir von ton Brink selbst gelernt 
haben — zu mischen, er flicht aus X das beschere -motiv ein, und wie er denn 
überhaupt der aufgäbe dieser Verschmelzung nicht gewachsen war. bringt er si.-h 
-«•hon mit 1298 b (ponc äe keö <m raste dbredt) in widersprach zu dem vorher- 
gehenden. 

1455 — 1464 und 1518 — 1528. [ch kann nicht finden, dass sich zwischen 
diesen beiden stellen eine inkongruenz ergibt, welche uns nötigen könte dieselben 
verschiedenen dichtem zuzuschreiben (s. 70). Dass der dichter das schwert Hrunting 
voltönig pries, war — zumal einem publikum gegenüber, welches sich so gern von 
Schwertern singen und sagen liess — ein sehr einfaches kunstmittel, um das ver- 
sagen der guten kling* 1 der meerwölfin gegenüber um so überraschender erscheinen 
zu lassen, das zauberhafte wesen der unholdin um so wirkungsvoller hervorzuheben. 
Die zweite stelle erinnert ims in ihrem aufbau durchaus an die eiste; mancher in 
dieser angeschlagene ton findet in jener sein echo: 

1460 nc&fre Itit cet hilde ne swäc 

manna cen^um . . . 

1524 ac seö ecg geswäc 

dcödne cet dcarfe . . . 

1463 ncBS (tat forma sld 

dcet hit ellen-weorc ozfnan scohh 
1527 da was forma siä 

deörum mddme, etat his dorn >>/<?£ 

Ein nochmaliger hinweis auf das eigentumsrecht des Unfertt würde meines erachtens 
das tempo der kampfesschilderung nutzlos gehemt haben. 

1677 — 1687. Müllenhoff (Haupts ztschr. XIV s. 213) beanstandet die auffäl- 
ligen widerholungen dieser stelle, ten Brink erklärt sie, indem er dieselben verschie- 
denen fassungen zuschreibt: er rechnet 1677 — 1680 zu C, 1681 — 1687 zu D (s.S." 
Ausserdem ist er geneigt 1684 — 1687 mit hoher Wahrscheinlichkeit als bestandtei] 
von X zu bezeichnen, als Subjekt von on geweald gehwearf ursprünglich ^renales 
hedfod und für hylt 1687 ursprünglich heäfod zu vermuten, da der könig in der 
sich nach ten Brink unmittelbar anschliessenden aus D stammenden rede 176'.) 1. 
nur des schwertblutigen hauptes, nicht aber des schwertgriffes gedenkt (s. 99 fg.). 
Dieser etwas komplicierten annähme gegenüber möchte ich die ganze stelle für C 
beanspruchen und den kern derselben wie folgt bestimmen: 

1677 pd v:ces gylden hilt gamchun r/'/ice, 
hdrum hi/d-fnnnan on kand gyfen, 
1681/1684 uundor-smida geweorc, worold- cynin^a 
deem seiest an be scent tweönum, 
ddra de on Sccde?i-i^e sceattas dSlde. 

1687 Hrdd^i'ir modelnde, hylt scedwode: 

1700 „peet lä mcB% seegan usw. 

Auf diese weise sind nicht nur alle wörtlichen widerholungen , sondern auch — worauf 
es mir besonders ankörnt — die höchst überflüssige, störende nochmalige erwähnung 
von Grendels und seiner mutter tod beseitigt. Wundor-smida geweore steht in 
beliebter weise parallel zu %ylden hilf, worold -cynin^a dSm selestan zu hdrum 
hild-fruman und gamelum rince. Derartige triaden sind in unserm epos nichts 



1 21 » KOEPPEL 

ungewöhnliches: 1S47 fgg. finden wir, ebenfals inC, für Hy^eldc die dreifache bezeieh- 
uuug IL edles eaferan, eaidor dtnne, folces hyrde (vgl, ausserdem 267 fgg. 344 fgg., 
350 fgg., 2356 feg. 2381 fgg., -J7". • 1 fgg.). Dass Hrodgär nicht gleich zu anfang sei- 
ner rede auf den Bchwertgriff zu sprechen komt, sondern zuerst den helden rühmt, 
ist nur natürlich, im weiteren verlauf der rede wird C durch die lange, religiöse 
Interpolation und 1) verdeckt — "Will man hingegen der annähme ten Brinks, wel- 
cher 1687 mit hedfod für hylt zu I) rechnet, entgegenkommen, so lässt sich für C 
folgende ursprüngliche form vermuten, welche alle die an die erwühnung der hilze 
impften, verwirten, ungeschickt ineinander geschachtelten einzelheiten — man 
vergleiche die bedenklichen anschlüsse mit ond 1681, Swa 1694, das subjektlose 
on yircahl kwearf 1684 — als spätere zutaten erscheinen lässt: 

1677 pd was gylden hilf ^amelum rince, 
harum hild-fruman on hand "zyfcn, 
1681 1698 wundor-smiäa ^eweore. pä se ivtsa sprcec 
sunu Healfdenes (swi^edon ealle): 
„pcet lä ///"°3 secgan usw. 

In dem siebenten kapitel handelt ten Brink von der rückkehr Beowulfs ins 
land der Ganten, dem dritten abenteuer (E), welches dem gesamtordner nur in einer 
vorlag. Seine einleitenden bemerkungen über dieses gleichsam im keim 
stickte epos sind ebenso scharfsinnig, wie lichtvoll; bei der ausscheidung der spä- 
teren enveit« nungen geht er von Müllenhoff aus, steckt jedoch meistens — meines 
erachtens mit richtigster erkentnis — die grenzen etwas verschieden ab. Betrefs der 
lezten Interpolation 2177—2189 bringt er, auf Bugges enthüllung der Heremod-allu- 
ätüzt, überzeugend zur geltung, dass sie aus C herübergenommen ist, und 
ui-sprünglich den schlnss dieser version bildete, für welchen der ordner erst nahe 
dem ende des dritten abenteuers einen, seiner meinung nach, passenden platz fand 

119 fgg.). 

Bei der besprechung des vierten abenteuers im achten kapitel führt ten Brink 
zuerst den beweis, dass der gesamtordner für den kämpf mit dem drachen aus zwei 
Versionen (F und G) schöpfte; G soll der redaktor nur gelegentlich benüzt, F seinem 
texte zu gründe gelegt haben (s. 129). 

2287—2290 schreibt ten Brink G zu. Durch diese athetese geht für F, für 
die von dem ordner in erster linie berücksichtigte version, ein umstand verloren, 
welcher meines erachtens in einer klaren, verständlichen erzählung betont werden 
moste, das erwachen des drachens. Wenn wir femer erwägen, dass die beiden verse 

2287 88, welche das erwachen des drachens melden, zwei Wörter enthalten, welche 
im ganzen Beowulf nur in F erscheinen (2287 wrdht vgl. 2473, 2913; 2288 stearc- 
heori _ 2552), so werden wir uns doppelt schwer entschliessen, die beiden verse 
von F abzutrennen. Teilen wir sie deshalb dieser fassung zu und suchen dann, von 

2288 aus, die fortsetzung vonF, so wird uns die nat der erweiterung verraten durch 
die den Interpolationen eigene wiederaufnähme des Wortlauts des Originals : das v. 2288 

schliessende verbnm onfand kehrt am Schlüsse von 2300 wider, und 2301 schliesst 
sich treflich, ohne lücke, ohne gedankensprung, an 2288 an: 

2287 pd se wyrm onwoe, wrohi wcbs geniwad 

2288 8t<mc da cefter stdne, stearc-heort onfand, 
2301 deet heefde ^uiin na stum goldes gefandod 

hedk-^i ■". 



ÜBER TEN BRINK, BB0WT7LF 121 

Hiemit scheint mir der keni dieser stelle getroffen zu sein. Jedenfals hat die-" 

reconstruienuig der ursprünglichen gestalt von F einen höheren grad von Wahrschein- 
lichkeit für sich, als die von teil Blink für möglich erachtete bestimmung derselben. 
Er verfährt dabei doch wol alzu wilkürlieh, indem er von 2280 zu 2295, von 2295 
zu 2300 springt, und in 2295 das done der Überlieferung streicht. Die widerspruchs- 
vollen verse 2280 — 2300. welche der kritik schon soviel zu schaffen gemacht ha Ihm. 
da sie, von lästigen wortwiderholungen abgesehen, eine textkorruptel, eine lücke, 
und eine, wenn auch, nicht geradozu fehlerhafte, so doch im Beowulf immerhin sehr 
auffällige alliteration * (2298) aufweisen, betrachte ich als späte erweiterung in F. 

Nach der kritischen analyse des vierten abentcuers hebt ten Brink die ergrei- 
fenden Schönheiten der dichtung von Beowulfs kämpf mit dem drachen hervor, indem 
er deren stil mit dem von Beowulfs stä vergleicht. Was das zeitliche Verhältnis 
der lieder von Grendel und von dem drachen anlangt, so hält er das drachenlied, 
trotz seines schwermütigen tones, der neigung zu reflexionen und der Vorliebe für 
den reim, für etwas älter als die Grendeldichtuug. Seine begründung dieser ansieht 
ist sehr feinsinnig und enthält für mich viel überzeugendes; zu einer Sicherheit wird 
man ja, wie ten Brink selbst sagt (s. 150). in dieser frage schwerlich je gelangen. 

Der entwickhing seiner theorie von der entstehung des Beowulfs-epos La 
ten Blink noch fünf inhalts- und gedankenreiche kapitel folgen, in welchen er 
sich mit der Strophentheorie Möllers beschäftigt, für die englische herkunft der 
sage und des epos von Beowulf in die schranken tritt, die trauten des epos von 
den Juten, den bewohnern Jütlands, sondert, die heimat und entstehungszeit 
des Beowulf beleuchtet und die handschrift auf ihre Vorstufen prüft. In dem 
fünfzehnten und leztei* kapitel fasst er die ergebnisso seiner Untersuchungen kurz 
und übersichtlich zusammen, ten Brinks methode zeichnet sich auch in diesen 
abschnitten durch ein kühnes, frisches anfassen der probleme aus; namentlich in sei- 
nen erörterungen der heimat und entstehungszeit des Beowulf tritt uns sein streben 
nach so zu sagen greifbaren resultaten öfters in überraschender weise entgegen. Bei 
der besprechung der sprachlich - metrischen kriterien für die bestimmung der heimat 
hätte noch darauf hingewiesen werden können, dass Sievers (Beitr. X, s. 498) in 
vers 1828 b für das überlieferte dydon von dem metrum dekdon gefordert erachtet 

1) Auch vou Bugge (Beitr. XII, 103) als „bedenklich" bezeichnet, und durch die konjektur 
U'ces de für Inccedre beseitigt, ten Brink beanstandet Bugges änderung aus metrischen gründen und 
sezt für luctedre ein: tver, indem er zugleich ne 2297 in nö verwandelt is.132). Solto uns diese aui- 
falleude behandlung des Stabreimes nicht die schlussfuge einer sehr späten einschiebung verraten? Solte 
die stelle anfänglich nicht gelautet haben : 

2293 Hord-weard söhte, 

georne cefter gründe, wolde guman findan, 

done de Jmn on sieeofote sdre geteode, 
2296/2298 hat ond hreöh-mod: hicodre hilde fjefeh 

beadu-ueorces. Hicllum on beorh c&thwea/rf 

sinc-fat sohte usw. 
Auf diese weise schwindet die bedenkliche alliteration , der in Inccedre liegende gegensatz, der in der 
Überlieferung durchaus nicht am platze ist. erscheint volkommen berechtigt, und der gleichlautende vers- 
schluss, 2296 ymbe-hicearf, 2299 eetlucearf, ist entfernt. Logische bedenken lassen sich gegen den 
Zusammenhang der stelle nicht erheben: ..Der hortwart suchte eifrig den grund entlang, wolte den 
menschen finden, der ihm, da er schlief, kränkung zugefügt hatte, heiss und zornigen mutes: gleichwol 
freute er sich auf den kämpf, das kampfwerk. Dann wante er sich wider zum berge usw.'' Dass der 
dieb glücklich entkommen ist , wissen wir bereits aus den versen 2281 fgg. 



122 KOBFFEL, ÖBKB TEN BRINK. BKOWULF 

und geneigt ist, in dieser tonn ein Zeugnis der northumbrischen herkunft des epos 
zu sehen. 

"Wenn ich nun zum Schlüsse nochmals auf den hauptbestandteil des ten Brink- 
schen buches zurückblicke, auf seine theorie von der entstehungsweise des uns über- 
lieferten Beowulf-text.s, so scheint mir dieselbe einen wesentlichen fortschritt zu 
bekunden _■ genüber der von Müllenhoff geübten kritik, von welcher ten Brink 
is a 3g iit und deren Verdienste er widerholt mit warmen Worten betont. Die 
theorie des Strassburj lehrten ist einfacher, sie gewährt uns noch tiefere ein- 

blicke in die entstehung des epos, bringt uns die variantenfüllc der Überlieferung 
li überzeugender zum bewustsein, und befreit uns von jenen widerspruchsvollen 
und Widerspruch erregenden weseu. den Müllenhoffschen interpolatoron. Man darf 
wol mit Sicherheit annehmen, dass die reihen derjenigen Beowulfsfreunde , welche 
trotz Müllenhoff noch an der einheitlichen entstehuDg des epos festhielten, durch 
ten Brinks werk bedeutend gelichtet werden. 

- ■ hat der geistvolle mann, dessen eigenart in einer seltenen, glücklichen 
mischung philologischer akribie, kritischen Scharfsinns und wahrhaft dichterischen 
empfindens besteht, auch mit dieser seiner neuesten leistung unsere erkentnis des 
wahren gefördert. 

Im interesse der zweiten aufläge verzeichne ich noch die von mir bemerkten 
druckfehler: s. 14 z. 8 v. u. für feehäe lies feehde; s. 18 z. 8 v. o. für S^lceca lies 
l a; s. 18 z. 13 v. u. für Was lies Was; s. 22 z. 12 v.o. ist a zwischen bann» 
und folmum zu streichen; s. 22 z. 17 v. o. für äce lies M; s. 22 z. 20 v. o. für da 
lies Sä; s. 31 z. -4 v. u. für s. 11 lies s. 15; s. 54 z. 18 v. o. für 814 lies 813; s. 114 
z. 17 v. o. ist r Gautenlande a zu ändern; s. 119 z. 2 v. o. für -1529 lies 2029; s. 141 
z. 19 v. o. für u-cerp lies uearp: s. 147 z. 17 v. u. für 2420 lies 2421; s. 214 anm. 
z. 2 v. u. für 467 lies 468. Geringfügige druckfehler im deutschen text finden sich 
ausserdem s. 15 anm. z. 5 v. u. lies Ettmüller; s. 33 z. 7 v.u. bruchstücke; s. 67 z. 8 
v. o. geschenke; s. 141 z. 7 v. u. ursprünglich; s. 186 z. 7 v. o. unmittelbaren; s. 188 
z. 13 v. o. partien; s. 228 z. 15 v. o. verlauf. 

MÜNCHEN, OKTOBER 1888. JANUAR 1890. EMIL K0EPPEL. 



hichte der französischen nationallitteratur von den ältesten zei- 
d bis zum sechzehnten Jahrhundert. Bearbeitet von Adolf Kressner 
in Kassel. Berlin 1889, Mcolaische Verlagsbuchhandlung, R. Stricker. VI und 
__'4 s. 6 m. 

Während es noch vor kurzem an einem buche fehlte, das in gedrängter form 
eine den mrderungen der Wissenschaft entsprechende Übersicht über die erzeugnisse 
der älteren französischen litteratur zu geben versuchte, besitzen wir deren jezt drei, 
nämlich ausser dem oben angeführten das vortrefliche von Gaston Paris „La littera- 
ture francaise au moyen Ige" Paris 1888; imd den „Grundriss der geschichte der 
frar. hen litteratur" von dr. Heiniich Junker (Münster 1889). 

Das nunmehr zu besprechende werk bildet den ersten band der sechsten, völ- 
lig umgearbeiteten aufläge der bekanten Kreyssigsehen liiteraturgeschichte , deren zwei- 
ten, die neuere zeit behandelnden teil prof. Joseph Sarrazin übernommen hat. Es 
fält von vornherein auf, dass bei der Verteilung des gesamten Stoffes das sechzehnte 
Jahrhundert dem bearbeiter der älteren periode zuerteilt worden ist. während es doch 



STIMMIXG, ÜBER KRESSNER, 0E8CH. DEB FRANZ. LITT. L23 

natürlicher gewesen wäre, den ersten band ausschliesslich der mittelalterlichen litte- 
ratur bis zu ihren lezten entwickelungsstufen zu widmen, den zweiten jedoch mit 
der renaissance d. h. dem völligen brach mit der alten Überlieferung zu beginn»!!. 

Was die einteilung des vorliegenden ersten bandes betritt, so umfassi das 
erste kapitel einige bemerkungen aber die geschiente der Bprache und eine kurze 
besprechnng ihrer ältesten denkmaler, das zweite bespricht recht eingehend (in mehr 
als 50 seiten) die geschiente der provenzalischen litteratur, und zwar bis in die aeueste 
zeit, worauf das dritte wieder zu dem eigentlichen gegenstände zurückkehrt. Es 
liegt auf der band, dass dies zerreissen des Stoffes der Übersichtlichkeit des ganzen 
nicht gerade förderlich ist 

Um das buch für studierende nutzbar zu machen, hat der Verfasser in den 
anmerkungen zahlreiche bibliographische angaben hinzugefügt, welche über spezial- 
arbeiten sowie über ausgaben der einzelnen denkmäler unterrichten sollen. Dieser 
teil der arbeit lässt aber viel zu wünschen übrig. Einerseits werden mehrfach werke 
angeführt, die durchaus nichts mit der litteraturgeschichto zu tun haben, wie Har- 
seim, Vocalismus und konsonantismus im Oxforder psalter; Meister, Die ilexion im 
Oxforder psalter; Dreyer, Der lautstand im Cambridger psalter; Fichte, Die flexion 
im Cambridger psalter; Merwart, Die verbalflexion in den Quatre livres des rois; 
sogar einzelne textkritische bemerkungen werden angeführt, wie W. Förster, Zu 
Quatre livres des rois (sämtlich, auf s. 16) usw. Andrerseits vermisst man zahlreiche 
andre, die nicht hätten fehlen sollen. Ich greife einige wichtige heraus, z. 1». aus 
der provenzalischen litteraturgeschichto die Sonderausgaben der trobadors Cercamon 
(ed. Mahn, Jahrbuch I, 83 fg.), Renaud und Geoffroy de Pons (p. p. Cabaille lssii; 
Faulet de Marseille (p.p. Levy, Rev. des langues rom. 1882); Zorzi (ed. Levy 188.'!); 
Feire de la Caravana (von Cauello, Giorn. di fil. rom. 7, 1 fg.); endlich Rambertino 
ßuvaleili (von Casini, Bologna 1880); von anderen ausgaben: La chanson de la croi- 
sade contre les Albigeois p. p. P. Meyer. 2 b. 1875 — 79; La chanson d'Antioche 
p. p. G. Paris. Rom. 17, 513 fg.; Vie de Sainte Marguerite p. p. Noulet 1875; Das 
evangelium Nicodemi, herausg. von Suchier, Denkmäler I, 1 — 84 usw.; aus der fran- 
zösischen: das Altfranzösische Übungsbuch von Förster und Koschwitz 18S-1, welches 
* die ältesten denkmäler sämtlich enthält; Parise la duchesse p. p. Martonue 1836; 
Lais inedits des XH e et XTII e siecle p. p. Fr. Michel 1836; Raoul de Cambrai p. p. 
P. Meyer et Longnon 1882; Couronnement de Loms p. p. Langlois 1888 usw. Das 
Verzeichnis der monographien zeigt ebenfals erhebliche lücken. 

Wenn wir jedoch von diesen beigaben absehen, die ja obenein keinen wesent- 
lichen bestandteil des Werkes bilden sollen, so darf man behaupten, dass dasselbe 
viele Vorzüge besizt. Der Verfasser hat die wichtigsten erzeugnisse der beiden litte- 
raturen herangezogen und im ganzen übersichtlich und verständig gruppiert. Er h.it 
gewöhnlich den wesentlichen inhalt derselben mitgeteilt und nicht selten auch über 
ihren ästhetischen wert bemerkungen hinzugefügt, welche meist zutreffend genant 
werden müssen. Die darstellung gewint sehr an lebendigkeit durch hier und da ein- 
gestreute proben aus den texten sowie durch Übersetzungen, die zum teil in metri- 
scher gestalt geboten, von Verständnis und gutem geschmacke zeugen. Zuweilen 
finden wir auch angaben über den historischen kern sowie über etwaige bearbeitun- 
gen des betreffenden Stoffes in anderen litteraturen , besonders der germanischen; doch 
können und wollen diese notizen selbstverständlich keinen anspruch auf volständigkeit 
erheben. 



1 24 STIMMING 

Auf die aussen 1 form, auf den ausdruck hat der Verfasser offenbar besondere 
auimerksamkeü verwant, da ei ja sein buch auch für das grössere publikum bestirnt 
hat Der stü ist flott und frisch, fast durchweg anschaulich und hier und da selbst 
drastisch. Manchmal ist die spräche allerdings etwas zu feuilletonistiseh , selbst phra- 
haft. mid an andern stellen lässi sich der Verfasser durch sein streben, in scharf 
sugespizten gegensätzen zu sprechen, zu Übertreibungen mid schiefen beliauptungen, 
ja selbst zu Unrichtigkeiten verleiten. 

Als beispiele für beide arten von fehlem greife ich folgende stellen heraus: 
„Schon lange hatten die germanischen Völker lüstern über den Rhein geschaut 
und mit heimlichem triumph den niedergang der römischen macht in Gallien 
beobachtet Die Völkerwanderung trieb sie endlich zu schnellem ont- 

SS, und alle dämme niederreissend ergoss sich usw." (s. 9); „das gefühl der 
persönlichen Unabhängigkeit, die leidenschaftliche liebe zur freiheit, das beispiel natio- 
ual.'ii stolzes und nationaler begeisterung . . schliesslich eine reiche und gewaltige 
poesie. das sind die schätze, welche anzunehmen sie (näml. die Germanen) die 
Hallo-Romanen gewaltsam zwangen" (ebd.); „der Verräter (näml. in den volks- 
epen) hat keine gute regung; er predigt seinen kindern das laster: „kinder, passt 
auf. dass ihr immer lügt; stehlt das gut der Waisen, zerstört die ernten, mordet die 
biedermänner" - 75); „die phantasie verliert sich in ihnen (d. h. den volksepen) oft 
ins grenzenlose (s. 76); „die jugendliche energie des ritterlichen, die krieger aller 
christlichen Völker einenden lebens gibt sich besonders in der Unbefangenheit zu 
erkennen, mit welcher die ritterlichen dichter des mittelalters die zustände ihrer zeit 
und ihres landes zum gemeinsamen mass aller Völker und aller Zeiten machen" 
s. SO); ist diese naivetät jener dichter wirklich ein beweis von energie? — „Noch 
am anfang des elften Jahrhunderts sehen wir den kindlich -naiven sinn der geselschaft 
au der platten, kirchlich angehauchten, lamfrommen reime r ei über das leben 
- heiligen Alexis sich erfreuen; am ende desselben Zeitraumes aber tritt uns mit 
inen wuchtigen versen das majestätische, kampfesfrohe Rolandslied entgegen, in 
welchem mannesmut und waffenklang das süsslich-widrige geschreib- 
sel der pfaffen ein für alle mal zurückdrängt" (s. 70). Abgesehen von der 
unrichtigen datierung und der unzutreffenden Charakteristik des Alexius muss dieser # 
-atz die ganz falsche ansieht erwecken, dass es einerseits zu anfang des elften Jahr- 
hunderts noch keine nationalepen gegeben habe und dass andererseits von dem auf- 
kommen dieser volksepen an die abfassung von heiligengeschichten unterblieben wäre. 
"Wenn es gleich darauf von der epik heisst, sie sei „von den banden der kirche 
befreit- gewesen, so ist dem gegenüber darauf hinzuweisen, dass viele epen und 
darunter auch das Rolandslied gerade starke spuren kirchlich - theologischen einflusses, 
d. h. einer Überarbeitung durch geistliche aufweisen. 

Aber auch die anordnung des Stoffes lässt mancherlei zu wünschen übrig. Das 
Alexiuslied des Alberic von Besancon wäre richtiger in der provenzalischen littera- 
turgeschichte behandelt worden; das epos von Hom hat der verf. abenteuerroma- 
nen eingereiht; das tierepos und die tierfabel werden nicht von einander unterschie- 
den, vielmehr wird von beiden in einer weise gesprochen, als seien sie fast identisch, 
or den Ursprung des tierepos erfahren wir nichts, die wichtige abhandlung Müllen- 
hoffs über diesen gegenständ in der Ztschr. f. d. a. XVIII, 1 fg. scheint dem verfas- 
unbekant geblieben zu sein; wenigstens wird sie nicht erwähnt. Auffällig ist 
auch, dass der verfasse! den altfranzösischen tierepen die satirische tendenz abspricht 
und sie als im wesentlichen epische erzählungen, die an und für sich inter- 



ÜBER KRESSNER, GESCH. DER FRANZ. LITT. 125 

essieren, auffasst. Daher behandelt er sie auch nicht unter dem kapitel ..Satire", 
sondern zugleich mit den fabeln unter den „kleineren epischen diehtungen." Nicht 
weniger muss es überraschen, dass der Roman von den sieben meistern und der 
Dolopathos (der Verfasser scheint übrigens hierin nur zwei verschiedene namen ein 
und desselben Werkes zu sehen) anter den „Fableaux" besprochen werden, obwol 
jene dichtuugen einen ganz anderen Charakter aufweisen. Endlich hätten auch die 
didaktischen erzengnisse zweckmässiger geordnet werden können. 

Noch in einem anderen punkte scheint mir der Verfasser nicht das richtige 
getroffen zu haben, nämlich in dem inass von ausführlichkeit, das er den verschie- 
denen litteraturgattungen und -erzeugnissen widmet. Zwar ist es durchaus zu bil- 
ligen, dass er der volksepik den grösten räum zugestanden hat, wobei es allerdings 
unerklärlich bleibt, dass er bei den Provenzalen denkmäler wie „Aigar und Maurin tt , 
„Daurel und Beton'', „Tersin", bei den Franzosen das von G. Paris (Rom. 4, 305 fg.) 
veröffentlichte bruchstück eines die Jugendschicksale Karls berichtenden epos Meinet. 
sodann den „Roman d'Aquin", „Simon de Ponille" u. a. ganz mit stilschweigen über- 
geht, während er „Gormont et Isenbart" nicht unter den nationalepen bespricht, son- 
dern auf s. 16 in ganz anderem Zusammenhang nur flüchtig erwähnt. Aber im übri- 
gen ist die ungleichartigkeit auffallend gross. So sind auf den Roman de la rose 
nicht weniger als 6 Seiten verwant, auf die nouvelle „Aucassin und Nicolette " deren 
5, fast ebensoviel auf jeden der vier historiker Yillehardouin , Joinville, Froissart 
und Commines, während andere kaum minder wichtige werke wenig berücksich- 
tigimg gefunden haben oder ganz fehlen. Ein dichter wie Chardry z. b. , von dessen 
werken wir sogar eine vortrefliche ausgäbe besitzen (von J. Koch 1879), wird nicht 
einmal mit namen genant, ja ganze diehtungsarten, wie die für die französische lit- 
teratnr charakteristischen Debats oder Disputes, sowie die sogenanten Enseignemeuts 
und die Chastoiements u. a. sind völlig übergangen. Besonders stiefmütterlich ist die 
geistliche poesie behandelt worden, und dies hat, wie es scheint, seinen grund in 
der antiklerikalen gesinnung des Verfassers, die ja schon aus dem oben angefühlten 
ungerechten urteil über den Alexius hervorleuchtete. Die französischen religiösen 
dichtungen werden in etwa einer seite abgetan und es kommen dort ckarakteristiken 
vor wie die folgende: „Zu einer wahren flut aber schwilt die litteratur der heiligen- 
legenden an, und man muss staunen ob der naivetät des publikums, das an den 
abgeschmacktesten fabeln sich erbauen konte, und der benommenheit der dichter, 
die ihre mehr oder weniger guten verse an dergleichen Stoffe verschwendeten." 

Zum schluss hebe ich noch einige einzelheiten hervor, die mir beim durch- 
lesen des buches als unrichtig oder ungenau aufgefallen sind. 

S. 13. Die verspaare der Passion Christi sind nur durch die assonanz, nicht 
durch den reim verbunden. — S. 16. Die paraphrase des Hohen liedes gehört wol 
erst dem zwölften Jahrhundert an. — S. 17. Die angaben in betreff der dialekte ent- 
halten manches schiefe und unzutreffende. — S. 23 fg. Bei der besprechung des epos 
von Girart de Rossilon ist die neueste litteratur, z. b. das buch des referenten über 
diesen gegenständ, nicht verwertet. Aber es finden sich auch solche Unrichtigkeiten, 
die mit hülfe der benuzten werke hätten beseitigt werden können. Dahin gehören 
einzelne falsche behauptungen über das historische prototyp des helden (dieser soll 
anfänglich auf schloss Roussillon residiert, auch nach seiner besiegung sich ebendort- 
hin, nach Burgund, zurückgezogen haben und daselbst gestorben sein u. ä.), dahin 
gehört auch die notiz, dass die anfangsverse des epos verloren gegangen seien. — 
S. 72 und 78. Der unterschied zwischen volkstümlicher und kunstmässiger epik 



126 STIMMTNG. ÜBER KKKSSXKK. GESCH. UKK FRAXZ. LITT. 

ist durchaus nicht scharf und deutlich hervorgehoben. — S. 73. Das deutsche Lud- 
wigslied wird zu unrecht mit den „ cantilenen *, in welchen wir die älteste gestalt der 
nationalepen zu sehen haben, auf gleiche stufe gestelt. Die im anschluss daran vor- 
»ene ansieht von der entstehnng der uns überlieferten form der chansons de 
_ si wird kaum noch anhänger finden. Auch der auf s. 157 ausgesprochene satz, 
dass die Artusromane aus bretonischen lais in der weise her vorgegangen seien, dasa 
man mehrere der in lezteren erzählte abentener vereinigt, sie einem lielden zuge- 
blieben und mit Artns in losen Zusammenhang gesezt habe, ist in dieser algemein- 
heit schwerlich zutreffend. 

Ar,; s. 78 heisst es von den altfranzösischen spielleuten: „Sie waren in einer 
zeit, wo es keine presse gab, die träger des ruhms und der öffentlichen meinung." 
Di' s — t jedoch in Wirklichkeit eher auf die provenznlischen trobadors, speciell die 
ve von sirventesen. — S. 89. Die angäbe, dass der Roman d'Aspremont von 

Guessard und Gautier im jähre 1855 herausgegeben sei, ist unzutreffend. Jene bei- 
den gelehrten haben vielmehr in einem einzelnen hefte nur die ersten 1800 verse des 
s nach einer einzigen handschrift abgedruckt; ebenso hat Imm. Bekker 1839 
(nicht 1849) in den Verhandlungen der Berliner akademie nur ein brachstück von 
133S zeilen der italianisierten version des gedientes nach dem Yenediger ms. ver- 
öffentlicht. Eine ausgäbe fehlt also noch. — Unrichtig ist die ansieht (s. 164), dass 
die sage vom h. graal sich auf keltische anschauungen gründe; jene sage ist bekant- 
lieh ursprünglich der keltischen tradition völlig fremd, ist vielmehr erst später mit 
derselben vereinigt worden. — S. 186. Den unterschied von fableaux und dits defi- 
niert der Verfasser dahin, dass erstere rein erzählender natur seien, während die 
dits noch moralisch - satirische gedanken in die erzählung mischten. Aus den wei- 
ausführungen geht jedoch hervor, dass gerade die fableaux ein stark ausge- 
prägt 3 -atirisches element aufweisen, dass sie namentlich die priester und den adel 
verspotten und necken. Daher ist auch Rustebuef als hauptvertreter der fableaux, 
nicht der dits zu bezeichnen. — Wenn es auf s. 202 heisst: „Wir sahen, dass der 
Rosenroman eine encyklopädie des wissens der damaligen zeit versteif; eine eben 
Iche, aber in prosa, liegt vor in des Italicners Brünette Latini „Schatzkästchen", 
n diese werte eine ganz falsche Vorstellung wach rufen, da die beiden 
genanten werke doch völlig von einander verschieden sind. — Nach dem auf s. 211 
gesagten müste man vermuten, dass die darstellung der religiösen dramen von anfang 
an in den bänden der laien gewesen sei. Auch sonst fehlt es der entwickelungs- 
geschichte des drama sehr an klarheit; wir erfahren z. b. nichts von der almählichen 
emaneipation des dramas aus der kirche und den bänden der geistlichkeit usw. 
j tritt auf s. 258 fg. der unterschied zwischen „softes", „farces" und „mora- 

- nichts weniger als deutlich hervor. 

'.ich erwähne ich noch, dass der Verfasser auf s. 232 einen gramma- 

;hen fehler gemacht hat, indem die direkten werte Aucassins (G, 25) v r//a tres- 

douee amie que faim tant" in indirekter rede durch „sa tres<l<>nc< <i,,,;<> qn' il <t i vi 

- widergibt. 

KIKL. i. AUG. 1- A. STIMM!' 



NEUE ERSCHEINUNGEN L27 

NEUE ERSCHEINUNGEN. 

Acta Germanica. Organ für deutsche philologic herausgegeben von Rudolf Henning 
und Julius Hoffory. 1.— 3. lieft. Berlin, Mayer & Müller. 1889 — 90. Inhalt: 
1. 31. Hirsenfeld, Untersuchungen zur Lokasenna. 2. Andr. Heusler, der lj6J>a- 
hättr. 3. J. Bolte, der bauer im deutschen liede. 

Durch das erste lieft, eine unreife anfängerarbeit, war das neue unterneh- 
men in wenig vertrauenerweckender weise inauguriert worden. Um so erfreulicher 
ist es, dass die beiden folgenden hefte ganz andern Schlages sind. Die anregende 
Studie von Heusler, in der freilich das lezto wort über den Ijöpahdttr noch nicht 
gesprochen sein dürfte, wird sicherlich das Verständnis des schwierigsten altnor- 
dischen metrums beträchtlich fördern, und die sorgfältige auswahl Boltes aus h 
und fliegenden blättern des 15. — 19. Jahrhunderts ist ein sehr interessanter beitrag 
zur geschiente des deutschen Volksliedes. 

Ahlgrimm, Franz, Untersuchungen über die Gothaer handschrift des „Herzog Ernst" 

(Kieler dissertation 1890). 98 s. 8. Leipzig, G-. Fock. 2 m. 

1. Einleitung (mit volständiger berichtigung des v. d. Hagenschen textes 
nach der hs.). 2. Verhältnis der Version D zu den übrigen bearbeitungen. 3. Dia- 
lekt; heimat des dichters; abfassungszeit. 4. Metrische beobachtungen. 5. Stil. 

Eckhardt, Eduard, Das präflx ge- in verbalen Zusammensetzungen bei Berthold 
von Eegensburg. Beitrag zur mhd. Syntax. (Freiburger dissertation 1889). 107 s. 
8. Leipzig, G. Fock. 3 m. 

1. Eigentliche ge - composita. 2. Das wandelbare ge-: I. zum ausdruck der 
zeitlichen Vollendung; IL veralgemoinernd; hierher wird auch das ge- vor infini- 
tiven gezogen; III. ge- beeinflusst durch vorhergegangenes wandelbares ge- beim 
gleichen verbum. 

Hodermaim, Richard, Bilder aus dem deutschen leben des 17. Jahrhunderts. I. Eine 
vornehme geselschaft. 80 s. Paderborn, Schöningh. 1890. 

Der Verfasser ist in Harsdörffers „Frauenzimmer- gcsprcchspielen" (Nürnberg 
1644) so heimisch, dass er es verstanden hat, in gleicher Sprech- und denkweise 
ein bild einer ihren geist und witz übenden geselschaft jener zeit zu entwerfen. 
Dieser erste teil des büchleins ist also eigene compositum des Verfassers, wenn 
auch mit vielen aus den Vorbildern entlehnten zügen geschmückt; der zweite i'il 
s. 49 — 76 dagegen bietet einen neudruck der von Harsdörffer seinen gesprä<h- 
spielen angefügten „Schutzschrift für die teutsche spracharbeit. a 

Hoppe, Otto, tysk-svensk ordbok. Stockhohn, P. A. Norstedt & Söner. 1889. 800 s. 
8. 9 kr. — Dasselbe (Skolupplaga) 536 s. 8. 6,50 kr. 

Eine sehr tüchtige arbeit, die dem in Deutschland am meisten verbreiteten 
schwedischen wörterbuche von Helms unbedingt vorzuziehen ist. 

Idiotikon, Schweizerisches. Gesammelt auf Veranstaltung der antiquarischen gesel- 
schaft in Zürich unter beihülfe aus allen kreisen des Schweizervolkes. Heraus- 
gegeben mit Unterstützung des blindes und der kantone. XVH. heft (des zweiten 
bandes VIII. heft). Bearbeitet von Fr. Staub, L. Tobler, R. Schoeh und 
H. Bruppacher. Frauenfeld, J. Huber. 1890. (Sp. 1169 — 1328). 4. 2 francs. 

Wir begrüssen mit freuden das rüstige fortschreiten des verdienstlichen Wer- 
kes, das für das alemannische gebiet eine ähnliche Stellung beanspruchen wird, 



12S NWCTTRICHTF.N 

wie sie für das bäurische das berühmte buch von Schindler einuimt, das ihm 

auch in der anordnung und einrichtnng zum Vorbild gedient hat. Der erste, 1885 

Ileudete band behandelt die mit vokalen und dem konsonanten f anlautenden 

stamme, in den folgenden Lieferungen ist das g erledigt und das h begonnen. 

Rosenhairen. Gustav. Untersuchungen über Daniel vom blähenden Tal vom Stricker. 

Kieler dissertation 1890). 1-4 s. 8. Leipzig, G. Fock. 2 m. 

1. Die Überlieferung des gedientes. 2. Metrik und spräche. 3. Litterarische 
Stellung des gedichts (keine französische quelle — komposition — stil und dar- 
llung — ansehauungsweise und Persönlichkeit des dichters). 4. Chronologie 
- ; »dichtes. 5. Zeugnisse für das fortleben des Daniel. 

Die sehr erwünschte erste ausgäbe des textes bereitet der Verfasser vor. 

Boss, Hans. Norsk ordbog. Forste hefte (abaakt — brühe). Christiania, Alb. Cam- 
mermeyer 1S90. 

Ein sehr dankenswertes Supplement zu dem bekanten^treflichen buche von 
Ivar Aasen. Es ist auf 15 — 17 hefte veranschlagt, die zu dem Subskriptions- 
preise von 70 öre abgegeben werden. 
Schultz, Ferdinand. Die Überlieferung der mittelhochdeutschen dichtung Mai und 
Beaflor. (Kieler dissertation 1890). 61 s. 8. Leipzig, G. Fock. 1,50 m. 

1. Die einzelnen handschiiften. 2. Das Verhältnis der handschriften. 3. Der 
archetypus. Textkritische grundsätze für eine neue ausgäbe des gedichtes. 

Wöber. F. X., Die Skiren und die deutsche heldensage. Eine genealogische studie 
über den Ursprung des hauses Traun. Mit einer tafel und vier abbildungen im 
• ste. Wien, Carl Konegen. 1890. 281 s. 8. 

Der haupttitel dieses buches ist irreführend, da von den „ Skiren u und der 
-deutschen heldensage u so gut wie gar nicht darin die rede ist. 



NACHRICHTEN. 



Die von dem .Samfund til udgivelse af gammel nordisk litteratur" vorbereitete 
phototypierte ausgäbe des Codex regius der poetischen Edda, die sich den von 
der _ Early English Text Society" herausgegebenen Beowulf zum muster genommen 
hat. wird noch im laufe dieses Jahres erscheinen. Der ladenpreis ist auf 25 krönen 
28, : mark) festgesezt; mitgliedern des Samfund wird das werk, fals sie vor der 
ausgäbe bei dem vorstände darauf subscribieren, für 10 krönen (11,25 mark) geliefert. 



Der ordentl. professor dr. Ignaz Tincenz Zingerle in Innsbruck ist gele- 
gentlich seines rücktrittes vom lehramte in den adelstand erhoben worden. 

Der ordentl. professor dr. Michael Bemays in München scheidet zu ostern 
aus seiner akademischen tätigkeit. um nach Karlsruhe überzusiedeln. 

Der privatdocent dr. Max freiherr von AValdberg in Heidelberg winde zum 
ausserordentL professor befördert 



Halle a. S.. B'irli.lnir-lcoroi des Waisenhai 



EETHA HLUDANA. 

Am 15. august 1888 ist im alten stanilande der Friesen, der 
jetzigen niderländischen provinz Friesland, die erste römische lapidar- 

inschrift gefunden worden. Als man bei dem dorfe Beetgnm, das 
etwa 8 kirn, nordwestlich von Leeuwarden und eben so weit nordöst- 
lich von Franeker liegt, einen „terp tt , d. i. einen vor der bedeichung 
des landes von menschenhand aufgehäuften erdhügel 1 , also einen 
„warf 4 , wie Ost- und Nordfriesen sagen, abgrub, stiess man in 2 m. 
tiefe auf den unteren rest einer kalkstein-aedicula aus der Römerzeit. 
Auf dem oberen teile des fragmentes waren die füsse und das herab- 
hängende gewand einer sitzenden weiblichen figur zu erkennen, die, 
wie man aus ähnlichen darstellungen schliessen konte, wahrscheinlich 
in einer irische dargestelt war. Darunter las man in den schönen 
buchstaben, wie sie auf römischen denkmälern aus der zweiten hälfte 
des 1. Jahrhunderts nach Chr. gefunden werden, die worte: 

Deae Hhuhniae conduclores piscatus mancipc Q(uinto) Valerio 
Secundo v(otum) s(olrcrunt) l(ibentes) m(erito). 

Es ist dieses denkmal zwar nicht der erste rest aus der römischen 
zeit, der in Friesland zu tage gekommen ist; denn römische münzen 
sind von je her in grosser zahl im friesischen boden gefunden worden; 
man hat ferner im jähre 1777 in einem erdhügel auf Texel zwei 
römische Stempel und 1844 zu Stavoren an der Zuiderzee ein dolium 
mit einem graffito entdeckt. Aber die Beetgumer inschrift ist die eiste 
auf friesischem boden gefundene römische steininschrift, und deshalb 
hat der fund bei altertumsforschern und historikern grosses aufsehen 
erregt. Ging es ihnen doch mit dieser römischen aedicula, wie dem 
naturforscher, der unter nördlichen breiten auf den Vertreter einer süd- 
lichen flora stösst. Daher sind die drei gelehrten, welche bis jezt den 
fund veröffentlicht und besprochen haben, von holländischer seite 

1) Über die natur der terpen wird neuerdings viel geschrieben. Zur Orientie- 
rung vgl. Pigorini im Bulletino di paletnologia Italiana TU (1881). stück 7 und 8, 
Pleyte, Nederlandsche Oudheden van de vroegste tijden tot op Karel den Groote 
s. 17fgg., Schoor in der Zeitschr. de Vrije Fries XVII s. 115 fgg. 

ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XXHI. 9 



130 .TAEKEI. 

Pleyte 1 und Boissevain 2 , deutscherseits Zangemeister 3 , hauptsäch- 
lich darauf ausgegangen, aus der Beetgumer inschrift Schlüsse auf die 
beziehungen Frieslands zum römischen reiche zu ziehen. Dagegen 
halten sie sonderbarer weise aus dem denkmal kein neues resultat hin- 
sichtlich des wesens und der Stellung der göttin Hludana, der die Ära 
errichtet worden ist. zu gewinnen vermocht, sondern sich bei den 
deutungen dieser göttin, welche von den mythologen bisher gegeben 
worden sind, beruhigt. Und doch sind wir erst durch diesen fund, 
den zweiten binnen fünf jähren, der vom götterglauben der heidnischen 
Priesen urkundliches zeugnis ablegt, in die läge versezt, den streit der 
mythologen über wesen, namen und nationalität dieser gottheit an der 
band eines ausreichenden sicheren inschriftenmaterials endgiltig zu ent- 
scheiden und ihre Stellung im urgermanischen göttersysteme festzulegen. 
Wenn ich hier die Beetgumer inschrift nach dieser seite hin verwerte, 
- werde ich die fragen nach den beziehungen Frieslands zum römi- 
schen reiche und nach den damit in Verbindung stehenden verhältnis- 
sen nicht weiter berühren. Damit möchte ich aber nicht eingeräumt 
haben, dass ich die annahmen und Schlüsse jener gelehrten und nament- 
lich Zangemeisters, der sich auf briefliche mitteilungen Mommsens 
beruft, für zutreffend halte. Indes scheint mir eine berichtigung dieser 
ansichten nicht dringlich. Dieselben werden sich ganz w r on selbst 
berichtigen, wenn die Überzeugung durchgedrungen sein wird, dass 
zur beurteilung römisch -friesischer beziehungen die genaueste bekant- 
schaft mit den römischen Verhältnissen nicht ausreicht, sondern dazu 
auch einige kentnis des friesischen altertums erforderlich ist. Dagegen 
halte ich es für sehr dringlich, die göttin Hludana nach allen seiten 
ihres wesens genau zu erklären. Denn hat man Hludanas bedeu- 
tung klar erkant und sich dadurch die möglichkeit geschaffen, ihr die 
rechte stelle im germanischen göttersysteme anzuweisen, so verschie- 
ben sich eine reihe von götterverhältnissen, und das ganze System, 
das wir nur in jüngerer gestalt aus den edden kennen, gewint seine 
alt«', urgermanische gestalt wider. 

Die göttin Hludana ist schon längere zeit bekant. Bereits im 
17. Jahrhundert fand man bei dem dorfe Birten unweit Xanten einen 
jezt im museum vaterländischer altertümer zu Bonn aufbewahrten altar 

li Tu den Verslagen der kgl. akad. der Wetensch., letterkunde III, G s. 58. 
Tn der Zeitschr. de Vrye Fries XVIT (1888) s. 327 fgg. (mit ein. 'in licht- 
druck) sowie in der Mnemosyne 1888 s. 439 fgg. 

In der VV.'std. zeitschr. für gesch. and kunst 8, korrespondenzbl. nr. 1 
spalte 2 !_ 



ERTTIA HLUDANA 131 

mit der inschrift: Decu Hludanae sacrum C(aiiis) Tibervus Verus 1 . 
Schon der isländische gelehrte Skule Thorlacius (r 1815) sezte in sei- 
ner abhandlang de dea Hlndana (Antiquität boreal. spec. 3, Hafh. 1782) 

diese „Hlndana" der nordischen Hlödyn gleich, die Vojuspa 56 (Bugge) 
und Snorra edda 1, 474 und 585 genant wird, hielt sie also für eine 
germanische göttin ; und J. Grimm, der ihm beistimte, sah (Mytho- 
logie 4 s. 213) „in dieser inschrift ein schlagendes zeugnis für das zu- 
sammentreffen nordischer und deutscher götterlehre." 

Seitdem ist bei Nim wegen ein jezt zu Utrecht aufbewahrter 
stein gefunden worden mit einer inschrift, die, wie Zangemeister in 
don Etudes ded. a Leemans 1885 s. 239 und in der Westd. zeitschr. 
a. a. o. spalte 5 angibt, ebenfals den namen der göttin Hludana ent- 
hält Die sehr verstümmelte inschrift hat von dem namen nur die 
buehstaben YD, vor denen L oder HL ausgefallen sein muss. Sonst 
geht aus der inschrift nur hervor, dass der göttin ein legionssoldat 
den altar gesezt hat-. Diese Nimwegener inschrift hat, da sie zu 
lückenhaft ist, für die frage nach dem wesen und der bedeutung der 
Hludana keinen wert und gibt ebenso wie die Birtener lediglich Zeug- 
nis, dass sich auch in den römischen legionen Niedergerm aniens Hlu- 
dana- Verehrer befunden haben. 

Dagegen ist für die erkentnis des wesens der Hludana eine stein- 
inschrift unschätzbar, die vor 20 jähren zu Iversheim in der nähe 
von Münstereifel gefunden wurde, und die wider die meinung erweckte, 
dass Hludana eine keltische göttin gewesen sei. Die nach der rechten 
seite wie auch unten abgebrochene inschrift lautet in der ergänzung 
durch J. Freudenreich, der sie in den Bonner Jahrbüchern 50, s. 184 
publicierte, folgendermassen : [In Honorem] ä(omus) d(ivinae) [deae] 
Ilhidanie (sacrum) pro salute imfperatoris) [M. Aurel] (SJeveH 
Alexa(ndri) [PH] Fcl(icis) invicti [Aug(usti) et Jül.] Mamaee ma- 
(tris) [Aug(usti)] vexillatfio) legfionis) [I Mßnerviae) P(iae) F(ide- 
Hs)] (cu)r(am) (ajgente Infyenuo). Freudenreich meinte nun, „es 
möchte die eigentümliche keltische form des schriftzeichens & in unse- 
rer inschrift, welche dem griechischen entspricht, und wofür gewöhn- 
lich ein gestrichenes iB (meist verdoppelt) mit der lautlichen geltung 
eines 8 oder Th vorkomme, dafür sprechen, dass wir die Hludena 

1) Brambach, Corpus Inscript. Rhenan nr. 150. 

2) Brambach nr. 106 mit den Verbesserungen Zangemeisters a. a. o. Brambach 
nr. 188, ein am Monterberg bei Calcar gefundenes fragment, gehört, da nach Zange- 
meister ("Westd. zeitschr. 8, korresponclenzbl. 1 spalte 5) in der inschrift nicht „Hlu- 
denae", sondern „H. Lucenae" zu lesen ist, nicht hierher. 

9* 



132 3AXKSL 

(oder Efluthena) für eine, wenn auch nicht topische, keltische schutz- 
_ '-ttin anzusehen haben, welche sich immerhin mit einer verwanten 
germanischen gottheit berühren möge." 

Diesei und überhaupt jeder zweifei an dem reinen Germanen- 
tume EQudanas muss angesichts des Bcetgumer rundes verstummen. 
Denn bei einer von den Friesen verehrten gottheit ist jeder gedanke 
an keltische herkunft von vorn herein ausgeschlossen. Hludana ist 
eine echt germanische göttin, und daher darf ihre deutung nur aus 
der spräche und dem glauben der Germanen versucht werden. Fragt 
man aber weiter, bei welchen deutschen stammen Hludana verehrt 
worden ist, so wird man einräumen müssen, dass bis jezt die Ver- 
ehrung dieser göttin nur bei den Friesen wirklich nachgewiesen ist, 
und zwar durch die Beetgumer Inschrift. Denn die Birtener, Nim- 
wegener und Iversheimer altäre rühren von legionssoldaten her. Wel- 
cher germanischen Völkerschaft aber diese Soldaten angehört haben, 
st sich nicht mehr ermitteln. Es wäre sehr wohl denkbar, dass es 
durchweg Friesen gewesen sind. Jedesfalls hat bei einer deutung des 
namens der göttin unter allen germanischen dialekten der friesische 
den ersten ansprach auf berücksichtigung. 

J. Grimm, der in seiner mythologie (s. 213) der von Thorlacius 
behaupteten identität der deutschen Hludana mit der nordischen Hlödyn 
beipflichtete, konte bei seinem versuche, wesen und namen der göttin 
zu deuten, da er von den inschriften allein die Birtener kante, diese 
aber keinen sachlichen anhält zu einer erklärang gewährt, nur von der 
nordischen Hlödyn ausgehen. Diese wird einmal (Vsp. 55) als Thors 
m utt er bezeichnet, als welche sonst (Lokas. 58, J)rk. 1; Sn.E. I, 54. 120. 
320) Jord, d. i. die göttin erde, genant wird; und da nun in den 
Skäldskaparmäl (Sn.E. I, 474. 476) die erdgöttin sowol Fiorgyn als 
auch Hlödyn heisst. so leitete Grimm den namen „Hlödvn" vom alt- 
nord. hlöä ..strues, ara, herd" ab, das wider von hlapan, ItJöJ) ,,struere" 
mim. 2, 10 nr. 83) gebildet sei. „Hlödyn" bedeute also „schir- 
merin der feuerstätte." „Der herd sei uns grund und boden der 
wohnung , gleichsam ein väterlicher lar, wie die erde mutter." Grimm 
will daher Hludana (s. 735) geradezu den feuergöttern Loki und Logi 
zur seite stellen. 

Diese sprachlich unanfechtbare deutung der nordischen „Hlödyn" 
ruht in sachlicher beziehung auf sehr schwachen füssen. Denn es ist 
zunächst, wie sich von selbst versteht, kein uralter mythischer zug, 
dass drei besondere göttinnen, Jord, Fiorgyn, Hlödyn, um die Stel- 
lung als Thors mutter stielten. Ursprünglich kann nur eine von ihnen 



EBXHA HLUDANA 133 

als Thors matter bezeichnet worden sein; mit anderen Worten: die drei 
Damen Jqrct, Morgyn, Hlödyn sind im lirgermanischen göttersysteme 

drei namen einer und derselben göttin. Der eine war der hauptnanie 
dieser göttin, wahrend die beiden anderen als alte beinamen derselben 
zu gelten haben. Die namenformen zeigen nun auf den ersten blick, 
dass die ganz gleich gebauten namen Elorgyn und Hlödyn die beiden 
beinamen gewesen sein müssen, während Jqrd ..die erde" der die 
physikalische natur der göttin ausdrückende hauptname war. Die 
beinamen der gottheiten aber bedeuten stets etwas ganz anderes als 
ihr hauptname. Da dieser nun „die erde" bedeutet, so kann Hlödyn 
nicht von einem worte gebildet sein, dessen grundbedeutung „erdhau- 
fen a ist. Die Grimmsche deutung des namens Hlödyn ist daher auf- 
zugeben. 

Man wird überhaupt bei einem streng methodischen versuche, 
die deutsche Hludana des 1. Jahrhunderts zu erklären, von jenen nor- 
dischen angaben des 12. und 13. Jahrhunderts nicht ausgehen dürfen; 
vielmehr müssen wir, da wir über mehr inschriftliche Zeugnisse als 
Grimm verfügen, bei der eigentlichen deutung die altnordische Hlödyn 
zunächst ganz bei seite lassen. Dies taten bereits, obwol ihnen nur 
dasselbe material wie Grimm zu geböte stand, Lersch (Central -museum 
II 27) und Simrock (Mythol. 5. auf 1 . s. 382), welche Hludana bzw. 
Hlödyn als „hochberühmte göttin", also aus klüd „sonus" erklärten. 
Diese deutung ist sicher falsch. Denn selbst zugegeben, dass hlüd hier 
einmal „rühm" bedeute, so würde doch eine hlüd-ana immer nur eine 
„über dem rühme waltende", also allenfals eine „rühm verleihende", 
niemals aber eine „berühmte" bedeuten können. 

Auch Müllenhoff hat (Schmidts zeitschr. für deutsche gesch. S, 
264 fg.) eine erklärung des namens Hlödyn -Hludana gegeben. Er 
meint, schon nach dem deutschen Hludana sei Hlodvn und nicht Hlö- 
dyn zu schreiben 1 . Das wort, woraus der name abgeleitet, finde sich 
in Chlodoveus oder genauer Hluthovius, got. Hludviu und ähnlichen 
namen; es sei dem griech. mXvrog ganz gleich. Hlödyn, Hludana sei 
Lit'jTijQ 7coXvtbvv(.wg oder Klv(.uvyj und bedeute die vielgenante, viel- 
namige. Diese deutung halte ich für keine glückliche. Ein „Hlu- 
dana" auf römischen inschriften des 1. und 2. Jahrhunderts nach Chr. 
entscheidet über die quantität des u gar nicht; dasselbe kann lang oder 
kurz sein. Aus dem deutschen „Hludana" ist also kein zwingender 
grund zu entnehmen, das eddische Hlödyn in Hlödyn zu ändern. 

[1) Dies wird schon durch die gesetze der altnord. metrik widerlegt ; vgl. z. b. 
Sn. E. I, 474: gein Hlopynjar beina. H. Gr.] 



134 JAEKEL 

Diese änderung könte man sich nur dann allent'als gefallen lassen, 
wenn sich durch dieselbe eine passende bcdcutung für den namen 

"hon würde. Als solche vermag ich aber „die vielgenante, viel- 
namige" nicht anzuerkennen. So können weder die Germanen noch 
ein anderes vulk eine uralte göttin bezeichnet haben. Daher ist die 
Schreibung Hloitvn beizubehalten und um ihrer willen das u in Hin- 
ilana als lang zu betrachten, Müllenhoffs deutung aber abzulehnen. 

Indem wir den einfall Grimms (Myth. 4 s. 221 anm.), auf dem Bir- 
tener altare könne „Hludanae" für „Huldanae" verschrieben sein, ange- 
sichts der neueren funde auf sich beruhen lassen und die deutung des 
namens „Hludana" aus einem Ortsnamen „Lüddingen", wie sie Schrei- 
her (Die feen in Europa s. 63) gibt, nur der volständigkeit wiegen 
erwähnen, da sie keiner Widerlegung bedarf, wenden w T ir uns zu der 
erklärung des namens Hlödyn, mit welcher Sophus Bugge in seinen 
„Studier over de nordiske gude- og heltesagns oprindelse" (deutsch 
von 0. Brenner, München 1889) vor kurzem hervorgetreten ist. Da 
er gerade seine erklärung des namens Hlödyn als beweis einiger neuen 
behauptungen seiner „Studien" benuzt hat und da seine besprechung 
der Hlödyn und der Hludana für Bugges methode charakteristisch ist, 
gehe ich näher auf sie ein. Er sagt s. 19 (der Übersetzung): „Bei den 
nordischen sagen von göttern oder heroen, die auf antiker, griechisch- 
römischer grundlage ruhen, niuss durchgehend volständiger mangel an 
Verständnis des klassischen altertumes vorausgesezt werden, und zwar 
nicht bloss bei den nordleuten, welche die erzählungen aus diesem 
altertum mündlich widergeben hörten, sondern meist schon bei den 
englischen oder irischen mönchen, welche sie in lateinischen büchern 
lasen oder daraus vorlesen hörten. Wir müssen oft bei diesen gewährs- 
männern der nordleute die wunderlichste Unwissenheit in bezug auf 
den ursprünglichen mythischen Zusammenhang voraussetzen. So findet 
Hlödyn als name von Thors mutter seine erklärung in der in einer 

. handschrift bewahrten glosse: Latona Jovis mater Jmnres mödur"; 
und s. 24: ^Dagegen können bei den Engländern des öfteren anpassun- 
gen. umdeutungen und Übersetzungen antiker mythischer namen oder 
entstellungen griechisch-römischer mythenzüge nachgewiesen werden, 
die für die namensformen und mvthenformen, wie wir sie bei den 
nordleuten finden, das mittelglied gebildet haben müssen. So ist oben 
erwähnt, dass wir in einer altenglischen aufzeichnung Latona Joris 
mater punres mödur das mittelglied besitzen, das Hlödyn Thors 
mutter mit der antiken mvthenwelt verbindet." Also weil in einer 

■r 

ae. handschrift die werte Jovis mater durch punres möduv glossiert 



ERTHA HLUDANA 135 

sind, muss „Hltfdyn" eine Verdrehung aus „Latona" sein! In einer 
anmerkung zu den angefahrten worten gibt Bugge — nicht etwa einen 
beweis, dass jene Verdrehung wirklich statgefunden hat, sondern eine 
crklärung, wie er sich die Verdrehung vorstelt: Ji ist hier vor / ein- 
geschoben wie in an. Hlymrek = ir. Luimneh Limerick; ä wurde 
zu 6 in Hlöilyn = Latona wie früher im ags. brdc, an. brök = kelt. 
braca usw. usw. Gesezt, aher nicht zugegeben, dass jene Übergänge 
in der weise, wie Bugge sie hier annehmen muss, alle zugleich an 
einem und demselben werte möglich wären, so ist damit doch noch 
nicht nachgewiesen, dass sie auch wirklich erfolgt sind. Aber auch jene 
möglichkeit könte man erst dann in betracht ziehen, wenn Bugge nach- 
gewiesen hätte, dass die identität der nordischen Hlödyn und der deut- 
schen Hludana seit Thorlacius mit unrecht behauptet worden sei. Denn sonst 
ist jene stelle einer altenglischen handschrift von gar keiner bedeutung. 
Diesen nachweis zu führen hat Bugge in seinem buche sorgfältig ver- 
mieden; erst in einem nachtrage (s. 574 fg.) findet sich das schlecht 
verhülte eingeständnis , dass in jener von ihm benuzten stelle einer 
altenglischen handschrift die Latona nur durch ein versehen mit den 
worten „Jovis mater" zusammengeraten sei, und daran schliesst sich 
ein versuch, aus sprachlichen und sachlichen gründen darzutun, dass 
Hludana und Hlodyn nichts mit einander zu tun hätten. „Man hat 
Hlödyir', so führt Bugge aus, „mit einer niederrheinischen göttin zu- 
sammengestelt, deren name in lateinischer form im dativ Hludanae 
oder Hiudenae geschrieben wird, und Munch (Saml. afh. IV, 138) 
meint, dass Hludana denselben stamm lilud enthalte wie der altdeut- 
sche name Hludwig. Aber das lange ö in Hlödyn kann nicht dem 
kurzen u in Hlud- entsprechen. Ausserdem ist keine tatsächliche Über- 
einstimmung zwischen Hlödyn und Hludana nachgewiesen, während 
das einzige, was von Hlödvn erzählt wird, dass sie Thors mutter sei, 
mit dem über eins timt, was man in England von Latona geschrieben 
findet. 1 ' Mit diesen worten glaubt Bugge nachgewiesen zu haben, dass 
Hlöclyn und Hludana weder sprachlich noch sachlich zusammengehören. 
Von allen erklärungsversuchen kent er also nur die nicht erst erwäh- 
nenswerte meinung Munchs. Dass die namhaftesten mythologen das u 
in Hludana als lang betrachtet haben, dass Grimm, dessen mythologie 
Bugge kent, Hludana -Hlödyn von hlöd „herd" herleitet, also jenes u 
ebenfals als lang annimt, weiss Bugge nicht oder findet es nicht erwäh- 
nenswert! Es scheint ihm nicht einmal der gedanke gekommen zu 
sein, dass ein in einer lateinischen inschrift erhaltenes Hludana langes 
oder kurzes u haben kann, dass man also beide möglichkeiten erwägen 



136 JABKBL 

muss. Zu dem sprachlichen nachweis der nichtZusammengehörigkeit 
der Hludana und Hlöctyn bildet der sachliche ein charakteristisches 
seitenstück. Er besteht in der nackten behauptung, dass keine tat- 
sächliche Übereinstimmung zwischen Hlöctyn und Hludana nachgewie- 
sen sei Darauf ist nun zunächst zu erwidern, dass ebenso keine 
tatsächliche Verschiedenheit zwischen Hlöctyn und Hludana nachgewie- 
sen ist. was von Bugge hätte geschehen müssen. Es ist aber sehr 
Leicht, die volständigste „tatsächliche Übereinstimmung- zwisehen Hlöctyn 
und Hludana^ nachzuweisen, und es hätte einem gelehrten wie Bugge 
nicht zu schwer werden sollen, dies Verhältnis klar zu durchschauen. 
Es ist nämlich, wie sich unten zeigen wird, die deutsche Hludana 
nachweisbar die gattin des deutschen Tius und die nordische Hlöctyn 
nachweisbar die gattin des nordischen Tyr, und damit dürfte doch 
wol, da ja auch Bugge (Studien s. 2) Tius und Tyr für einen und den- 
selben gott hält, eine ..tatsächliche Übereinstimmung" zwischen Hlöctyn 
und Hludana nachgewiesen sein. Soweit also Bugges Voraussetzungen 
und Schlüsse auf der angeblichen Verdrehung des namens Latona zu 
Hlöctyn beruhen, mag er dieselben getrost aufgeben, oder er möge 
consequent weiter folgern, dass auch „Hludana" lediglich durch eine 
Verdrehung aus „Latona" entstanden sei, eine behauptung, die neben 
dem reiz der neuheit noch den vorzug haben würde, erst keiner wider- 
gung zu bedürfen. Wenn übrigens Bugge Hludana eine „nieder- 
rheinische" göttin nent, so ist er durch diese unbestirnte bezeichnung 
einer erklärung, ob er Hludana für eine germanische oder für eine 
keltische gottheit hält, glücklich aus dem wege gegangen, zugleich aber 
hat er damit gezeigt, dass er auch bei dem im jähre 1889 erfolgten 
drucke jenes naehtrags zu seinen „Studien" noch nicht von dem am 
15. august 1888 im friesischen Beetgum gefundenen Hludana- denkmal 
notiz genommen hatte. Denn seit jenem funde darf man Hludana 
nicht mehr ein*' bloss „niederrheinische" göttin nennen. 

Dies sind die bisher versuchten deutungen. Wenn wir es nun- 
mehr selbst unternehmen, wesen und namen der deutschen Hludana 
zu erklären, so haben wir 

1) die form des namens schärfer, als bisher geschehen ist, ins 
äuge zu fassen, 

2) auf die Iyersheimer und die Beetgumer inschrift gestüzt das 
wesen der göttin festzustellen, 

3) den namen „Hludana" aus dem deutschen zu deuten und 

4) dieser göttin den ihr gebührenden platz im urgermanischen göt- 

tersysteme anzuweisen. 



ERTHA HLUDANA 137 

1. Der name der göttin lautet im lateinischen dativ auf der um 
100 nach Chr. errichteten Beetgumer und auf der Birtener Ära Hlu- 
danae, auf dem Nimwegener altare Hlud., auf dem [versheimer, der 
aus kaiser Alexanders (222— 235) zeit s tarnt, Hlu#enae, während die 

Edden die gottin „HlöCtyn" nennen. Demnach hiess die göttin bei den 
Westgermanen um das jähr 100 „Hludamr oder „Hluthana", um das 
jähr 200 „Hhutenc" oder „Hlüthene", wogegen wegen des altn. „Hlö- 
(tyn" gotisch *Hlo{»unja anzusetzen ist. 

Welche von den beiden formen ist nun die ältere, die ostger- 
manische oder die westgermanische? 

Grimm (Myth. 4 s. 212) bemerkt richtig, dass Hlmtyn dieselbe 
ableitung wie Fiorgyn haben nmss. Als gotische entsprechung der 
nordischen Fiorgyn sezte er daher mit recht *Fairgunja an. Wie 
nun aber der ostgerm. Hlödyn-^Hlofunja eine westgerm. Hin da na 
gegenübersteht, so muss neben der ostgerm. Fiqrgyn^Fairgun ja als 
westgerm. entsprechung *Fergana angesezt werden. Der nominal- 
stamm, welcher dem namen Fiorgyn -*Fairgunja-*Fergana zu 
gründe liegt, ist urgerm. *ferg-ä. Fiorgyn ist nun bekantlich die weibliche 
entsprechung des gottes Fiorgynn. Dieser gott, der sich zu dem litt., 
lett., altpreuss. donnergotte Perkünas, Pehrkons, Perkunos stelt (Grimm 
Myth. 4 s. 142) und dem ein got. *Pairguns oder *Fairguneis, ein 
westgerm. *Fergan entspricht, ist, wie Zimmer in der Zeitschr. f. deut- 
sches altertum 19, 164 fgg. nachgewiesen hat 1 , mit dem altindischen 
regen- und gewittergott Parjänya identisch. Zimmer (s. 166) leitet 
mit Grassmann (Wörterbuch zu Eig-Yeda s. 790) diesen altindischen 
namen von der wurzel parc- „füllen, segnend, befruchtend anfüllen" 
ab und stelt ein indogerm. parkana- und ein mit taddhita ya gebil- 
detes Parkänya auf, welches die regen w r olke und personificiert (k i n 
regen- und gewittergott bezeichne. Dies scheint mir, wenn ich die 
germanischen namenformen in betracht ziehe, noch nicht ganz richtig. 
Ich glaube vielmehr, dass dem namen Parjänya- Fiorgynn ein indogerm. 
appellativum parka- „regenwolke" zu gründe liegt, von dem Parkana 
gebildet wurde und an das dann im skr. suffix -anya, im lit. -una, 
im ostgerm. -uni, im westgerm. -ana trat. Die westgerm. form mit 
suffix -ana- steht der indogerm. form Parkana- am nächsten. Wir 
müssen daher auch in bezug auf die weiblichen namen die form Hlü- 
etana für älter als die ostgerm. Hlödyn-Hlöpunja halten und annehmen, 
dass sich an die stelle des urgermanischen Hl ü]) ana später im ost- 

1) Auf die von mir anfänglich übersehene abhandlung Zimmers machte mich 
herr professor Gering freundlichst aufmerksam. 



138 JAEKEL 

[■manischen — wahrscheinlich unter lett. - litt. - altpreussischem ein- 
flösse — die form Hlojmnja gesezt hat. 

Der name „Hin da na" ist ebenso wie die weiblichen götterbei- 
beinamen Tanf-ana, *Kah-ana (Kan), Verk-ana (griech. 'EQydvy; 

vgl. Zeits.hr. f. d. a. 31, 358), *Ferg-ana, wie die männlichen göt- 
terbeinamen W6d-an, Sax-an, Requalivah-an 1 , Makus-an 2 , wie 
die appellativa got thiud-ans, ags. theod-erij ags. dryht-en u. a., aus 

einem nomen durch das suffix -ana- gebildet, das alte nomina agentis 
bildet, welche vorgesezte bezeichnen, wobei das zu gründe liegende 
Domen den bezirk, das gebiet der tätigkeit angibt (Kluge, Stambil- 
dungslehre § 20). ..Hlüd-ana" zerlegt sich demnach zunächst (in 
hlüd-, das in dem friesisch des 13. bis 15. Jahrhunderts, wie es in 
den friesischen rechtsquellen erhalten ist, hl tat oder hhht lauten muss, 
ans dem eben genanten suffix -ana- und dem persönlichen feminin- 
suffix -on (Kluge a. a. o. §§ 34 — 36). 

Es ist diese bildungsart auf -ana-. wie bisher noch nicht bemerkt 
worden ist, für eine reihe von götterbeinamen, zu denen auch Wo- 
dan gehört, charakteristisch. Der hauptname einer gottheit ist niemals 
mit diesem suffix -ana-, -Ina-, -una- gebildet. So zeigte sich denn 
-•hon oben aus anderen gründen, dass Hlödyn- Hlüdana der beiname, 
nicht der hauptname einer göttin ist, und zAvar, dass es Jqrd, also die 
i manische erdgöttin *Airtha (terra mater), die höchste göttin der 
Germanen, ist. welcher dieser beiname gebührt. Durch „Hlüdana" 
muss also ursprünglich eine abgeschlossene, bestirnte seite im wesen 
der germanischen erdgöttin, eine besondere, positive seite ihrer tätig- 
keit bezeichnet worden sein. AVie aber unser inschriftenbestand zeigt, 
war schon im 1. Jahrhundert nach Chr. aus dem beinamen Hlüdana 
eine besondere dea Hludana geworden, die wir demnach als eine 
hypostase der alten, vielseitigen erdgöttin zu betrachten haben. 

2. Die wahre bedeutung des wortes hlüä oder Idöä müssen wir 
mit bilfe der Beetgumer und der Iversheimer inschrift zu rinden suchen. 

AVas das Beetgumer denkmal anlangt, so bleibt die einfachste 
und natürlichste annähme immer die, dass die conduetores piscatus 
durch die errichtung des altares der göttin Hlüdana ein gelübde für 
gesegneten fischfang gelöst haben; alle anderen annahmen würden 
keinen festen boden unter den füssen haben. Dass indes Hlüdana 
nicht etwa eine besondere göttin der fischer oder des fischfanges war, 

1) Vgl. Jahrbücher des Vereins von altertumsfreunden im Rhcinlande 81, s. 71. 

2) ÜbeT diesen ältesten beinamen des germanischen feuer- und sonnengottr-s 
werde ich binnen kurzem ausführlicher handeln. 



ERTHA HLÜDANA 139 

mit der fischerei unmittelbar überhaupt gar nichts zu tun hatte, beweist 
schon ihr Dame, der keinerlei hinweis auf die tischerei enthält, soejann 
aber die Iversheimer votivara, welche das in dieser gegend garnisonie- 
rende detacliement der I. Minervischen Legion für errettung des kai- 
sers und seiner mutter der Hlüdana gesezt hat. 

Man könte nun umgekehrt bei einer deutung der Hlüdana von 
dem Iversheimer denkmal ausgehen und auch bei dem Bectgumor altar 
an eine „errettung" der conduetorcs piscatuß aus gefahr — vielleicht 
ans gefahren zur see — denken, nach deren glücklicher Überstehimg 
sie der Hlüdana ein gelübde gelöst hätten. Allein dann Hesse sich 
der name Hlüdana ebenso wenig deuten, denn er enthält keinerlei hin- 
weis auf „hilfe tt , „rettung." Mit der bedeutung „helferin, schützerin" 
wäre aber auch nicht eine abgeschlossene seite im wesen der erdgöttin 
bezeichnet, was doch nach dem oben gesagten durch Hlüdana aus- 
gedrückt sein muss. 

Da also das wort hlüd-hlöä weder auf „fischfang" noch auf „ret- 
tnng ki unmittelbar weist, dennoch aber der göttin Hlüdana dort für 
gesegneten „fischfang a , hier für „errettung" gedankt wird, so muss 
das wort klüä etwas bedeuten, das sowohl die errettung Alexanders 
und seiner mutter als auch einen gesegneten fischfang mittelbar 
bewirkt hat. 

Als Alexander und Mammaea am Rheine unter den unzufrie- 
denen legionen weilten, sahen sie sich durch die bald hier bald dort 
hervorbrechende flamme der Zwietracht und empörung wiederholt aufe 
ernstlichste bedroht. Längere zeit gelang es ihnen, die eintracht immer 
wider herzustellen und dadurch sich selbst zu sichern; aber schliesslich 
fielen sie den empörten legionen zum opfer. Nach einer solchen erret- 
tung durch herstell ung der eintracht muss die Iversheimer votivara von 
dem daselbst stehenden römischen detachement gesezt worden sein. 
Hätte diese abteilung aus römischen bürgern bestanden, so würde sie 
bei dieser gelegenheit nach römischem brauche der Concor dia einen 
altar errichtet haben. Wenn nun das detachement, das offenbar zu 
einem überwiegenden teile oder ganz aus Germanen bestand, nach 
errettung des kaisers durch herstellung der eintracht der Hlüdana ein 
gelübde löste, so wird die Vermutung nime gelegt, dass Hlüdana die 
germanische göttin der eintracht gewesen sei. 

Was gab denn nun bei der fischerei, wenn sie von geselschaften 
betrieben wurde, nach dem glauben der Germanen einen guten fang? 
Xichts anderes als die eintracht. Die Laxdcelasaga cap. 14 [34 u Kai] 
sagt es ausdrücklich, dass Zwietracht die fange verderbe, wie es ja 



140 JAEKEL 

überhaupt schifferglaube der Germanen war, dass Uneinigkeit unter den 
genossen eines fahrzeugs verderblich sei 1 . Wenn also die Beetgumer 

mduetores piscatus der Hlüdana für gesegneten fang dankten, so dank- 
ten sie ihr dabei mittelbar für gewährung der eintracht, sowie ent- 
sprechend das [versheimer detachement, indem es für die errettung des 
kaisers und seiner mutter dankte, mittelbar für die gewährung der 
eintracht dankte. Hier wie dort wird also für dasjenige gedankt, 
was überhaupt eine geselsehaft zusammenhalten kann, für die ein- 
tracht. Hiernach muss also Hhulana als die gewährerin der ein- 
tracht und damit als die göttin der verbände und geselschaften , als 
die schirmerin der genossenschaft. des bundes gedacht wor- 
den sein. 

3. Es fragt sich nun, ob diese sachliche deutung Hhulanas mit 
der sprachlichen in einklang gebracht werden kann. Wir sahen 
oben, dass das wort klüä oder hlöth, welches dem namen Hhulana 
zu gründe liegt, im Friesischen des 13. und 14. Jahrhunderts klüä 
(hlüth) oder hlöd (hlöth) lauten müste. Von hlucl „sonus" kann, Hlü- 
dana nicht kommen: es wäre dies in sprachlicher und sachlicher hin- 
sieht ganz unmöglich. Wir haben vielmehr an hlod (hlöth) zu den- 
ken, ein wort, welches im Altfriesischen und im Angelsäch- 

-ehen begegnet, also offenbar sehr alt ist; es bedeutet „geselsehaft, 
seh aar. bände." So bezeichnet in den gesetzen des angelsächsischen 
königs Ine (688 — 725) § 13 hlod eine zum gemeinsamen stehlen ver- 
einte geselsehaft oder bände von 7 bis 35 dieben 2 ; und im friesischen 
Brokmerbrief § 68 wird hlöth als bezeichnung einer zum einbrechen 
vereinigten schaar oder bände verwendet 3 . Auch jene Beetgumer 
societas conduetorum piscatus muss von den Friesen als hlüd 
bezeichnet worden sein. Der name Hlüdana bedeutet demnach die über 
einer geselsehaft waltende, d. i. die bundesgöttin, die göttin 
der eintracht. Hlüdana ist demnach die germanische entsprechung 
der römischen Fortuna-Concordia, die ebenfals eine hypostase der 
erdgöttin war. So erklärt es sich vielleicht auch, dass die göttin 
Hlüdana auf der Beetgumer ara sitzend dargestelt ist; denn der 
römische Steinmetz dürfte sie als Concordia dargestelt haben, diese 
aber wird regelmässig sitzend abgebildet. Es ist sehr zu bedauern, 
dass -ich der fehlende obere teil der Aedicula trotz eifrigem suchen 
nicht gefunden hat. Er würde uns vielleicht gezeigt haben, dass hier 
Hlüdana auch die attribute der römischen Concordia führte. 

I) Vgl. dazu Weinhold, Altnord, leben s. 71 fg. 2) Schmid, Gesetze der 

Angelsachsen s. 17. '6) v. Richthol'en, Fries, rechtequ. 161, 25. 



ERTITA HLUDANA 141 

In Friesland, wo das ringen mit dem meere eine unzahl stän- 
diger communalverbände ins loben gerufen hatte, wo fischfang und 
überseeischer liandel den raschen zusammenschluss zu geselschaften und 
banden beförderte, muss die bundes- und eintrachtsgöttin HIMana 
grosse Verehrung genossen haben, und so ist es nicht zufallig, dass 
gerade ihr bild dem friesischen boden entstieg. 

Wie bezeichnend ist es aber für den rechtlich -friedfertigen sinn 
der Friesen, dass sie, die in dem wesen ihrer männlichen hauptgott- 
heit, des Tius, gerade den rechtsschutz durch einen besonderen bei- 
namen, „Things", hervorhoben, ihre weibliche hauptgottheit, wofür 
auch bei ihnen die erdgöttin galt, gerade unter demjenigen beinamen 
verehrten, der an ihr die gewähr von frieden und eintracht, also 
ebenfals eine ethische seite, betonte! Dass es gerade die mutter erde 
(Terra mater) war, von der den sterblichen nach dem glauben der Ger- 
manen „ pax et quies" gebracht wurden, ist aus Tacitus' (Germ. 40) 
angaben über Xerthus zur genüge bekant. „Nerthus" ist, wie HIMana, 
ursprünglich nur ein beiname der germanischen erdgöttin Ertha. 

Wie sich Hlüdana von Fiorgyn und wie sich diese beiden ^'6t- 
tinnen wider von Ertha unterschieden, kann erst in einem anderen 
zusammenhange gezeigt werden. 

4. Ertha Hlüdana war die weibliche hauptgottheit der Friesen, 
wie „Tius Things" l die männliche. Daraus, dass den Friesen nicht der 
düstere sturmgott Wodan, sondern der lichtgott Tius Things als haupt- 
gott galt, ersieht man, dass sie in ihren religiösen Vorstellungen auf 
istvaeischem Standpunkte stehen. Natürlich müssen Tius und Airtha 
„himmel und erde" ursprünglich von allen Germanen als höchste gott- 
heiten verehrt worden sein. 

Wenn man nach dem Verhältnis fragt, in welchem Tius und Airtha 
nach germanischer Vorstellung zu einander gestanden haben, so kann 
die antwort nur lauten, dass sie als gern ah 1 und gemahlin gedacht 
wurden. Denn es ist zunächst ein echt germanischer zug, stets eine 
männliche und eine w r eibliche gottheit zum ehepaar zusammen zu stel- 
len, sodass man, wenn die männliche und die weibliche hauptgottheit 
eines Stammes gefunden sind, dieselben ohne weiteres als ein ehepaar 
auffassen kann. So müssen natürlich auch die männliche und die 
weibliche hauptgottheit der Friesen ein paar gebildet haben. 

Es lässt sich aber auch wol aus den Edden ersehen, dass Airtha 
Hlüdana die gemahlin des Tius gewesen ist. Die nordischen mytho- 

1) Vgl. Ztschr. XXT, 1 fgg.; XXII. 257 fgg. 



]42 .TAKKEL 

logen sahen sieh, weil sie den germanischen stürm- und todesgott 
Wodan -Odin zum höchsten gotte und vater aller götter und menschen 

macht, also an die stelle, die einst Tius iune gehabt, gesezt hatten, 

Qötigt, die allgermanische theogonie umzubilden. Zum glück ist aus 
ihrer band kein gebilde, das frei von Widersprüchen wäre, hervor- 
gegangen; vielmehr blickt hier und da die ältere gestalt dieser theo- 
gonie noch durch. Bei Tius-Tyr, von dem die Edden nur wenig 
erzählen, kann man die umbildende Tätigkeit der nordischen mytho- 
Losen besonders deutlich erkennen. Während noch die ältere Edda 
diesen gott von riesen abstammen lässt (Hym. 5. 8), macht ihn die 
jüngere (I, 266) zu einem söhne Odins, also des gottes, der ihn 
aus seiner Stellung als vater der götter und menschen verdrängt hat. 
Von einer gern ah 1 in Tyrs spricht die jüngere Edda überhaupt nicht 
mehr, die ältere weiss wenigstens noch, dass einst Loki mit Tyrs 
gemahlin buhlte, wenn sie auch auffallender weise den namen dersel- 
ben verschweigt. Die gemahlin Tyrs war offenbar zu angesehen und 
in ihrer Stellung zn befestigt, um sich mit ihrem gemahl ohne weite- 

- in den hintergrund drängen zu lassen. Den umbildnern der alten 
theogonie blieb daher nichts übrig, als diese höchste göttin von Tyr zu 

hei den und an ihrer alten stelle zu belassen. Sie muste nun auch 
dem neuen obergotte zur gattin gegeben werden, aber, da dieser schon 

rmählt war, mit der stelle einer zweiten gemahlin vorlieb nehmen. 
So erscheint denn Odin in den Edden unerhörter weise dauernd 
mit zwei gemahlinnen, von denen die erste, Frigg, seine alte, echte 

mahlin 1 , die zweite aber, Jord Hlödyn Fiorgyn, ursprünglich die 
gattin seines Vorgängers, des Tius, ist. 

Dass Jord in der tat eine ältere obergöttin als Frigg ist, geht ferner 
aus der angäbe der Edden hervor, dass Frigg eine Tochter des Fiorgynn 
sei Zu Fiorgynn hatten die Germanen, wie wir oben sahen, früh eine 
weibliche entsprechung, die „Fiorgyn", geschaffen. Dieser name „Fior- 
gyn - erwies sich als ein beiname der Jorit. Schon deswegen kann 
Fiorgynn ursprünglich nur ein beiname des gemahls der Fiorgyn, also 
des Tius. gewesen sein. Dieses Verhältnis lässt sich aber auch mit 
hilfo der altindischen mythologie nachweisen. Fiorgynn ist, wie Zim- 
mer gezeigt hat. mit dem altindischen regengotte Parjänya, „dessen 
same der erde schoss erquickt", identisch. Parjänya als befruchtender 

\) Freilich soll Frigg nicht von anfang an Wodans gemahlin gewesen sein, 
worin ich Müllonhoff (Zeitschr. f. d. a. 30, 217. 219) beistimme. Wissen gemahlin 
sie aber ursprünglich gewesen, hat er nicht angegeben. Ich werde demnächst Friggs 
mahl in anderem zusammenhange besprechen. 



ERTHA HLUDAN'A 143 

regenspender hat daher Prithivl, *1 io mutter erde, zur gattin. „Viel 
häufiger aber", sagt Zimmer (s. 169), ist im Rig-Yeda die jedesläls 
bedeutend ältere anschauung verbreitet, dass Dväus. der leuchtende 
himmelsgott, und Prithivi die janitrf, erzeuger, eitern der menschen, 
(In- weit seien, ja sogar der götter, denn sie heissen devaputre*, göt- 
ber zu kindern habend. Parjänya wird daher auch geradezu söhn des 
Dyäus genant." Zimmer meint nun. dass „je nach der verschiedenen 
aufTassung und dem jedesmal eigentümlichen mythenkreise Parjänya 
als söhn des Dyäus und neben ihm als gatte der Prithivl erscheint. 
die aber auch zugleich als seine mutter gefasst werden kann, da sie 
ja und Dyäus devaputre sind." Diese erklärung scheint mir noch 
nicht ganz den nage! auf den köpf zu treffen. Wir haben es bei jenen 
altindischen angaben nicht eigentlich mit verschiedenen mythenkreisen, 
sondern mit einem einzigen zu tun, aber 'in zwei verschiedenen phasen 
seiner entwickelung. Der Inder fasste Prithivi, die mutter erde, 
ursprünglich als gemahlin des himmelsgottes Dyäus. In dem glühend- 
heissen lande muste früh die Vorstellung entstehen, dass sich im regen 
der befruchtende same des lümmelsgottes in den schoss der mutter 
erde senke. Deswegen erhielt Dyäus gerade als gemahl der Prithivi 
den beinamen Parjänya. Dyäus Parjänya „der regenspendende him- 
melsgott " war der gatte der Prithivi. Aus diesem beinamen entstand 
nun durch hypostase ein besonderer gott Parjänya „der regenspender", 
der als hypostase des Dyäus zum söhne desselben werden muste. Dass 
er aber dabei zugleich gatte der Prithivi, der gemahlin des Dyäus 
genant wird, ist nur dadurch zu erklären, das der name Parjänya 
ursprünglich dem Dyäus als beiname zukam. Etwas ganz analoges 
bietet die römische mythologie. Hier hat der himmelsgott Juppiter 
Juno zur gemahlin und den Genius zum söhne, der jedoch zugleich 
als gemahl der Juno bezeichnet w r ird. Auch dies ist einzig daraus 
zu erklären, dass Genius „der zeugende" ursprünglich ein beiname 
Juppiters, Juppiter als Genius, d. i. zeugend, Junos gemahl ist, Als 
dann durch Hypostase • Genius zu einem besonderen gotte erhoben 
wurde, ward er Juppiters söhn, blieb aber zugleich gemahl der Juno. 
Diese Stellung des italischen Genius ist somit genau dieselbe, wie die 
des altindischen Parjänya. Als sich die Germanen in Ländern nieder- 
gelassen hatten, welche an regen und feuchtigkeit überreich waren, 
vermochte sich der „regenspender" in seiner Stellung als befruchter der 
erde nicht zu behaupten. Der Germane konte die eigentlich zeugende 
kraft des himmels nicht in das im regen niederträufelnde nass, son- 
' dem nur in den wärmenden strahl der sonne verlegen; daher muste 



144 JAKKKL, BBTHA HLUDANA 

ein anderer nachkomme des himmelsgottes, der ebenfals durch hypostase 

entstandene fener- und Sonnengott im glauben der Germanen zum 
zeugenden lebensprincip werden, während der regenspender Fiorgynn 
mehr und mehr in den Hintergrund trat. "Wenn also Parjanya- Fiorgynn 
ursprünglich nur ein beiname des Dyaus-Tyr war, so ist Frigg, die 
tochter des Fiorgynn, eine tochter des Tyr und der Jord, des himmeis 
und der erdi Inwiefern ihr name dazu genau passt, werde ich an 
anderer stelle zu zeigen haben. Wäre Frigg die älteste obergöttin, so 
müste sie nicht von Äsen, sondern von riesen abstammen, wie dies mit 
Jord, der tochter der Nött und Schwester der Dagr (Sn. 11, 123) der 
fall ist. Gibt man Jord Fiorgyn HlddVn ihrem rechtmässigen gemahle 
zurück, so stellen sich sofort auch einige andere der in den Edden 
angegebenen götterverhältnisse in ihrer ursprünglichen gestalt wider her. 

Da Jord in der Edda die zweite gemahlin Odins ist, erscheint 
ihr sonn, der gewittergott Thor, als ein söhn des sturmgottes Odin, 
während in der altgermanischen theogonie Thunar noch als söhn des 
Tius und der Airtha, des himmels und der erde, galt. 

Der sturmgott Odin selbst war ebenfals ursprünglich ein söhn 
des Tyr. Nach den Edden bestand zwischen diesen beiden göttern 
«las Verhältnis von vater und söhn. Die Edden machen nun Odin, 
den gemahl der Frigg, der tochter des Tyr Fiorgynn, zu Tyrs vater. 
Odin müste also seine eigene enkelin geheiratet haben. Diese unmög- 
liche kombination entsprang der notwendig!' eit, Odin zum alvater zu 
machen. Im urgermanischen göttersystem standen Tius und Wodan 
gerade umgekehrt zu einander: Tius war der vater und Wodan der 
söhn. Dieses Verhältnis kann vernünftiger weise allein zwischen dem 
himmels- und dem sturmgotte gedacht werden. So fassen denn auch 
die anderen indogermanischen religionssysteme den sturmgott als nach- 
kommen des himmelsgottes. Natürlich hatte sich der germanische sturm- 
gott dereinst ebenso wie Parjänya-Fiorgynn vom himmelsgotte durch 
hypostase gelöst. Denn „Wodan- Odin M ist, wie schon die form dieses 
namens zeigt, ursprünglich ein blosser beiname. 

Auch Thors gemahlin Sif ist, wie die angäbe der jüngeren Edda 
iL 585), dass sif ein synonymum von jojd sei, verrät, lediglich eine 
hypostase der Jord; sie muss also in der älteren germanischen theogo- 
nie als tochter der Jord gegolten haben. 

Es ist ui. mit gelungen, dem urgermanischen obergotte Tius 
nicht nur die rechtmässige gemahlin, Airtha Hlojninja Fairgunja, son- 
dern auch vier kinder, und zwar den urgermanischen sturmgott, den 
gewittergott und die gemahlinnen dieser beiden götter, die in den Edden 



E. KETTNEB, EINFLU88 DES NIB.- LIEDES All' DIE GUDRUN* 145 

Prigg und Sif genant werden, zurückzugeben. Diese vier kinder, welche 
durchweg erdgeboivn (terra editi) sind, zeigen die züge der eitern. Dens 
sie sind sämtlich ursprünglich teils tellurische gottheiten, teils solche 
der himmelserscheinungen. 

BRESLAU, DES 8. OKTOBER L889. BUGO JAEKEL. 



DER EINFLUSS DES NIBELUNGENLIEDES AUF DIE 

GUDEUN. 

Wie die Eneide Heinrichs von Veldeke den ihm nachfolgenden 
höfischen epikern als muster galt und auf ihre dichtungen einen wesent- 
lichen einfluss ausübte 1 , so hat auf die deutsche volksepik des XIII. 
Jahrhunderts, besonders auf ihre vornehmere gattung, das Nibelungen- 
lied als muster eingewirkt. Dieser einfluss zeigt sieh zunächst in der 
beobachtung gewisser regeln für den epischen stil, in der auffassung, 
Umgestaltung und ausschmückung des überlieferten Stoffes; er erstreckt 
sich aher auch auf einzelheiten des Inhalts und der spräche, indem 
eigentümliche ausdrücke, versteile und verse des musterepos widerholt 
und ganze motive aus demselben entlehnt werden. Die beherschende 
Stellung nun, welche das Nibelungenlied innerhalb der volksmässigen 
epik einnimt, erkennen wir namentlich, wenn wir dichtungen wie die 
Klage, den Biterolf, die Gudrun mit ihm vergleichen und die in ihnen 
sich findenden zahlreichen spuren der abhängigkeit von jenem ihren 
muster verfolgen. Dass die Klage sich vielfach mit dem Nibelungen- 
lied berührt, ist bei der engen sachlichen Zusammengehörigkeit beider 
epen natürlich. In welchem umfange dies geschieht, lässt sich am 
besten ersehen aus der sorgfältigen abhandlung von Sommer Ztsrlir. f. 
d. a. III, s. 193 — 218, zu der ergänzend hinzutritt Bartsch, Unters. 
üb. d. Nib. s. 337 fgg.; vgl. auch meinen aufsatz zur kritik des Nib. V. 
in dieser Zeitschrift XVII, 390 fg. Über die sachlichen und sprach- 
lichen Übereinstimmungen des Biterolf mit dem Nibelungenliede habe 
ich gehandelt in dieser Zeitschrift XVI, 346 fgg. Bei der Gudrun ist 
das vorkommen von 99 Strophen in Nibelungenform schon längst auf 
einfluss des Nibelungenliedes zurückgeführt worden. "Weit grössere 
beachtung aber als diese erschein ung verdient das Vorhandensein von 
zahlreichen sachlichen und wörtlichen ähnlichkeiten und übereinstim- 



1) Vgl. die ausgäbe der Eneide von Behaghel s. CLXXXVI fg 

ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHn.OLOGIE. BD. XXTII 



10 



146 E. KETTNEE 

mungen, welche sich in diesen beiden epen zeigen. Die früheren nach- 
weise von parallelstellen der Gudrun zum Nibelungenliede verdanken 
wir zu ihrem weitaus grössten teile dem fleisse v. d. Hagens, der sie 
unter den lesarten zur Gudrun im zweiten teile des zweiten bandes der 
Deutschen gediente des mittelalters 1825 (herausgegeben von v. d. Ha- 
u und Primisser) mitgeteilt hat: übersichtlich zusammengestelt sind 
sie im anhange zu Ziemanns ausgäbe 1835. Diese parallelen sind in 
er oder kleinerer auswahl in die späteren ausgaben übergegangen 
und haben bis jezt nur unbedeutende Vermehrung erfahren. Allerdings 
dachte v. d. Hagen bei seiner samlung nicht daran, die abhängigkeit 
der Gudrun vom Nibelungenliede nachzuweisen, sondern er wolte vor- 
zugsweise der feststellung und berichtigung des textes sowie der erläu- 
terang dienen: er hat daher auch viele rein grammatischen und stili- 
stischen oder nur sehr algemeinen sachlichen analogieen herangezogen. 
Dieser umstand imd die für uns höchst unbequeme art des citierens 
bei ihm und auch bei Ziemann 1 ist wol der grund gewesen, weshalb 
seine samlung bisher wenig berücksichtigt ist. In den einleitungen der 
meisten ausgaben wird zwar eine mehr oder weniger genaue kentnis 
des Nibelungenliedes bei dem Verfasser oder bearbeiter der Gudrun 
vurausgesezt, derselben aber nur geringe bedeutung beigelegt. So ist 
es denn erklärlich, dass immer noch die ansieht vorherseht, als ob das 
der Gudrun mit dem Nibelungenliede gemeinsame im wesentlichen aus 
algemein epischen anschaiumgen und stilmitteln bestehe. 

Um nun die richtige anschauung von dem Verhältnis zu gewinnen, 
in welchem die beiden bedeutendsten erzeugnisse unserer echt nationalen 
epik zu einander stehen, genügt es nicht das bisher gesammelte niate- 
rial zu bearbeiten, sondern es bedarf einer lediglich zu einem solchen 
zweck angestelten neuen vergleichung der beiden epen, welche 
wol durch Vermehrung der Übereinstimmungen als auch durch Sich- 
tung und prüfung derselben lieht über diesen gegenständ zu verbreiten 
mag. Ich habe mich daher bemüht, eine möglichst volständige sam- 
lung aller im gedanken oder ausdruck stärker sich berührenden stellen 

1) v. d. Hagen hat sich in der rcgel mit den blossen Zahlenangaben begnügt, 
und zwar nach der vers Zählung seiner Nibelungen- und Gudrunausgabe. Ziemann hat 
leider die v. d. Hagensche Zählung für das Nibelungenlied beibehalten; die Gudrun- 
' Qen hat er zwar nach Strophen angegeben, hierbei aber offenbar nicht immer die 
Gudrun nachgeschlagen, so dass in den zittern manches die benntzung störende ver- 
n eingeschlichen hat. Der Nibelungenausgabe v. -1. Sagens hegt bekantlich 
im wesentlichen der text li zu gründe, doch hat er auch eine anzahl von meh atro- 
phen aus C aufgenommen. 



EINFLUSS DES NIB.- LIEDES AUF DIE GUDRUN 147 

beider dichtungen zu stände zu bringen, also eine samlung aller Über- 
einstimmungen, die sich nicht aus einem algemein episches stil erklären 
lassen, sondern bei denen an unbewußte entlehnung oder bewuste 

nach a Innung- zu denken ist. Und zwar stelle ich diese in der reihen- 
folge, wie sie dem leser der Gudrun nach und nach entgegentreten, 

zusammen. 

Ich glaube keinen Widerspruch befürchten zu müssen, wenn ich 
die entlehnungen aus dem Nibelungenliede einem Verfasser und zwar 
einem bearbeiter der Gudrun gleich von vornherein zuweise. Die 
weiteren ausführuugen werden dieses als gerechtfertigt erscheinen Lassen. 

Den text der Gudrun habe ich im algemeinen nach der ausgäbe 
von Sijmons gegeben, die mir als die konservativste der neueren aus- 
gaben für meinen zweck den Vorzug zu verdienen schien 1 . Das Nibe- 
lungenlied citiere ich, wo nichts anderes bemerkt ist, nach dem tex ti- 
der handschrift B, weil dieser, wie sich zeigen wird, demjenigen Nil )•- 
lungentexte am nächsten steht, den der bearbeiter der Gudrun benuzte. 
Stellen, zu denen nur A parallelismus bietet, kommen nicht vor; wol 
aber solche, mit denen allein C über ein stimt. Diese habe ich in den 
text aufgenommen. Diejenigen Varianten in A und C, deren Wortlaut 
mit dem texte der Gudrun entweder mehr oder weniger übereinstimt 
als die lesart von B, sind in den anmerkungen angegeben. 

Gudrun str. 1 — 7. Sigebands herkunft und Jugend ist darge- 
stelt mit benutzung von Nib. avent. I. II und des anfauges von III , wo von 
Kriemhilds und Sigfrids herkunft und Jugend gehandelt wird. 



N. 20, 1 Du wuohs in Niderlanden 
eins ril edelen 2 küneges 

ldnt. 

7 , 1 Ein rieh iu hü 1 1 eg ii i n e, 

fruit Uote ir muoter hiex. 



Gr. 1, 1 Ex wuohs in Irlande 
ein riehcr Jcünic her. 

3 sin muoter diu hiex Uote 
und was ein küneginne. 



Nachdem der bearbeiter eine kurze Schilderung von Geres macht 
G. 2 gegeben hat, die sich vergleichen lässt mit dem N. 8 über die macht 
der drei könige gesagten, geht er zu Nib. Avent. II über und berich- 
tet G. 3. 4 im hinblick auf N. 23. 24 kurz die erziehung Sigebands, 
nicht ohne aus den folgenden Strophen entlehnungen zu machen. 

1) Einzelne abweichungen von ihr, die meist in einem engeren anschluss an 
den überlieferten text bestehen, sind als solche gekenzeichnet. Die gewöhnliche Zäh- 
lung der Strophen habe ich selbstverständlich beibehalten und die häufige* Umstel- 
lungen in dieser ausgäbe, denen ich überhaupt nicht zuzustimmen vermag, unberück- 
sichtigt gelassen. 2) A rtehen. 

10* 



148 E. KETTNER 



( i. 1. 1 Kr wuohs uk \ an die stunde. 



ihr. er wäfen Iruoc. 
in In Ides ahte er künde 
alles des genuoc. 



N. 25, 1 Er was nn so gewahsen, 
da* er u hovi reit 1 , 

-!. 1 Nu was er in der sterke, 

ihr. er wol wäfen iruoc, 

swes er dar vuo bedorfte, 

des lag an im genuoc. 
Str. 5 spricht der bearbeite! über den tod Geres mit einigen trivialen 
bemerkungen; dann berichtet er, dem Nibelungenliede (str. 27) weiter 
folgend, v.>n der Jugendliebe Sigebands. Dieser unterlässt es mit rück- 
■ht auf seine noch lebende mutter zu heiraten: minnen u rehter 
. den 2 edelen hiineginnen was nach Sigebanden wr, ähnlich 
X. 25, 2 — 4 manec frouwe und manic meit im wünschten, duz sin 
wiüe in im nur triiege dcu\ holt wurden im genuoge. Das besonders 
betonte u rehter siner e lässt als das bisherige Verhältnis dasselbe 
voraussetzen, was NIb. 27, 3. 4 gesagt wird: er begunde mit sin- 
nen werben schoeniu wip, dir traten wol mit eren des küenen Sirri- 
des lip. Auch der zng der rücksichtnahme auf noch lebende eitern 
begegnet X. 43 fg., wo Sigfrid sich ablehend verhält gegen den wünsch 
der riehen harren ihn zum könig zu haben, sit der. muh bt i<h> lebeten 
Sigmund und SigeUnt. Auf diese angäbe folgt nun im Nib. ebenso 
wie auf die entsprechende angäbe über Sigeband in der Gudr. die 
»i Zählung vun dem entschluss zur lieirat. Hier rät die mutter, dort 
raten die mannen zur Vermählung: 



N. 49, 1 //// rieten sine möge 

und genuoge sine man, 
3 ihr. er dan < ine würbe 3 , 
diu im möhtt lernen. 



G. 7, 1 Sin muoter riet dem riehen, 

du. er im nur nie ein Wip, 

davon getiuret würde 

sin laut und ouch sin Zip. 



Gleich diese sieben eingangsstrophen zeigen uns also, wie der 
irbeiter das Nibelungenlied als seine vorläge gebraucht hat. Er 
suchte für die behandlung seines gegenständes einen entsprechenden 
stoff aus dem Nibelungenliede auf, dessen darstellung er dann fast schritt 
für schritt folgte, wobei er unbedenklich ausdrücke widerholte und ähn- 
liche verse bildet*'. 

Gudr. 3 H> erzählt im ersten teil den empfang der braut, 
die schwertleite des jungen fiirsten die Vermahlung wird kaum 

1 1 Str. 25 fehlt in i . 

2 II-. der. Sijmons: der künegmne. Vorzuziehen i-t den kwnegvnnen; denn 
>-i«Jiuen — wi-- X. 25, 3 — die worte ein Verhältnis der liehe, "-l'enso wie 
aueL G. 7 5-. •_'. 

doch S. Z. Cr. 169. 



EÜKFLUSS DES NIB.-LIEDKS All DIB GUDBUN IT.» 

angedeutet -, seine regierung, die geburt und erziehung eines 
sohnes. Im zweiten teil dieses abschnittes bestirnt die königin den 
könig ein grosses fest mit ninzuziehung vieler gaste zu veranstalten. 
Das fest verläuft in den üblichen Vergnügungen. Für diese darsteüun- 
gen entnimt der bearbeiter reichlichen stoff aus einem zusammenhän- 
genden abschnitt des Nibelungenliedes, der vom schluss der 
avent. VI11 aber die avent IX. X, XI bis zum anfang von avent Xu 
(bis str. 676) sich ausdehnt; doch auch dvn übrigen teil der avent XII 
berücksichtigt er, wie auch avent. XIII. Ausserdem greift er, von 
anderen kleineren entlehnungen abgesehen, widerum zurück auf avent II. 
Betrachten wir dies nun im einzelnen. G. 8, 2 I nel im 
eine aus dem Nib. bekante wendung der begunde er volgen, als man 
vriunden sol, vgl X. 1527, 2 man sol vriunden volgen 1 , 691, 2 b also 
nni ii vriunden sol; auch 1002, -1- si dienden im nach töde, als man 
Vit hin vriunden sol. In str. 9 werden wir auf den schluss von Nil', 
avent. VIII hingewiesen. Die braut führt als hofgesinde mit sich 
700 recken und viele schöne mägde, ähnlich wie Brunhild bei ihrer 
abreise 86 trauen und 100 mägde Xib. 492. Deutlich tritt die bezii 
hung auf diese stelle hervor in der folgenden strophe: in magetlichen 
eren (10, l !l ) brachten sie ihre begleiter zu dem Lande, wie es von 
Brunhild heisst: in tugentlichen x/ühten (493, l a ) verliess sie ihr land. 
Hierzu ist noch zu vergleichen X. 569, l a in magtlichen lichten, also 
eine stelle aus der vornehmlich ausgebeuteten avent. X. 

In der wenig eingehend behandelten darstellung des empfang» 
der braut Gr. 10 — 17 könte man hie und da sachliche annäherung an 
die Schilderung X. 529 — 542 finden; dass sie dem bearbeiter tatsäch- 
lich vorlag, machen folgende parallelen zur gewissheit: 

Gr. 14, 2 der (buhurt) /n/s im .</•- 

gangt n 
in il grau /' arbi it. 
16,3.4 da hörte man erdiexen 
manegen buckel riehen 
von ir schilde stoexen; 

si künden einander niht 
entwichen. 



X.555, 1 Do 2 der buhurt was ver- 
gangen 
über cd dax velt. 
542, 3 man hört da hurteclichen 
von Schilden manegen stöx. 
Ix i wa \ richer buckeln 
vor gedrange lüte erdöxl 



Übereinstimmung zwischen stellen dieses abschnittes und stellen von 
avent. XIII liegt vor in 



N. 744, 3 edles des si gerterij 

des was man in bereit. 



G. 15, 1 swax si ir künden dienen, 
des was man ir bereit. 



1) O ohne parallelismus. 2) Do fehlt in A; die ganze strophe fehlt in C. 



150 



t. KETINER 



Übereinstimmung mit einer entfernten stelle: 

N. 1083, 1 Dax was in einen \it<u\ GL 11,3 > \ was in einen täten, sd .. 

da . . 

Die sitte, die ankunft durch boten vorher anmelden zu lassen (G. 17), 
wird mehrfach im Nib. erwähnt: 221. 496 fg. 1277. 1652. 

(i. 1 i» berichtet die schwertleite: 500 recken empfangen das 
schwert mit dem könig zusammen; sie erhalten alles, was sie wün- 
schen, besonders rosse und kleider, so dass des jungen königs ehre 
I gewahrt wird. Diese züge linden sich sämtlich N. 28 — 32, nur in 
[lauerer ausfuhrung: das schenken der rosse und kleider, 400 schwert- 
degen ; die ehre« die Sigmund und Siglind einlegen. Im ausdruck vgl.: 

N. 596, 1 Vü junger ('legen) swert 

da nämen 



G. 19, 1 Vünf hundert recken 
ni'imen bl im swert. 



sehs hundert oder bax 
vgl. 29, 4). 
G lo. 2 alles des si wolten, wurden si gewert vgl. N. 744, 3 2 . 

In Übereinstimmung mit X. 658 wird G. 20 hervorgehoben, dass 
der junge könig ein gerechter richter und hochgeehrt war; nur 
die bemerkung über der königin freigebigkeit wird hinzugefügt. Wie 
X. 659 fg. wird dann G. 21 — 23 erzählt, dass nach 3 jähren (dort 
nach 10 jähren) ein söhn geboren wurde; es wird weiter berichtet 
von der taufe, dem namen, der erziehung und auch die bemerkung 
über die vortreflichkeit des geschlechtes widerholt. Auch fast alle wört- 
lichen Übereinstimmungen in diesen Strophen beziehen sich auf densel- 
ben abschnitt des Nibelungenliedes: 

N. 633, 1 Diu höchxit dö werte 

na \ an '■'■ den vii rxehenden 

tae, 
da: in al der nile 
der schal nie J gehe. 
658.3 und dar er rihten solde. 



G. 20, 1 Er sax in Irlande 
sit vü manegen tac, 

da\ sin hohiu ere 
ringe nie gelac. 
3 er rihie swem er solle. 



An X. »'»64. 1 Dax lant u Nibelungt Sifride diente hie klingt an 
Gr. 21, 1 Im dienten sine huobe da% In ff ige guot. 
X. 521, 1 Ob ich an eine hett G. 21,3 der si gewaltic taete 

sprach er, ärtxec lant, drixic künege laut, 



1) C daa geschah in den gexMen. 

2) C allen dax si wolden. 

3) unx an fehlt in A. 

4) A nie der schal gelac. 



EINFLUSS DES NIB.- LIEDES AUF Dil. GUDRUN 



lol 



so ' mphii ng ich doch gt mt 
gäbe i'<; iwer hau f. 
N. 662, 1 Xu heie auch dort bi Ttint . 

so wir hoi rt n sagen, 

bi ( in ii Hu r dt in riehen 
< im ii sn ii getragt n. 
660,1 Den Ute man dö taufen 

iiinl gap im <im n mum //. 

Günther nach sinem 
oeheim. 

4 dö töh man in mit flixt . 
(24,1 Man loch in mi hl i in r/i\t .) 

660, 3 geriet er nach <l< n mögen, 

tlir, wat r im irol ergän l . 
1852, 1 Gefüllter luh-li dem kaum . 
er wirt ein küene mau. 

Schon G. 23, 1 erinnert fast noch mehr an N". 24, 1 als an 660, 1. 
Dass der bearbeiter hier abermals in avent. IF zurückgeblickl hat, 
beweisen die folgenden bemerknngen über die erzieh ung: 



ob si <tin Im tu ii soUe> 
diu u rgat be gar ir haut 
G.22, 1 /// den naehsten drienjä- 

ii ii (hs 
so wir tiui ii ii sagt n } 
si begundi bi dt m hü/uegt 
< in edel feint tragen. 
itir, wart getauft t 
unde sit gern nm t 

bi si m in im im ii Ilnij, m . 

23, 1 Man hit . < i lieht n schönt 

u ml rif rli'.ii tii/n ii phlegt ii . 
t/i i ii ii i i nach il< m Hin m . 
so würde < \ wol < in degt n. 



N. 26, 3 sin pflogen auch die wisen, 

den ere uns behaut. 
25, 1 Er uns nu so gewahsen 2 . 



G. 23, 3 sin phlägen wist vrouwen 
und rif schoene im ide. 
21, 1 dö uns i \ gewahsen. 



Nach diesem rüekblick wendet sich der bearbeiter zu avent XII. 
um mit Verwertung des ihm N. 667 — 676 gebotenen zu erzählen (G. 26 
— 35), wie sich Sigeband, ohne sonderliche neignng, durch seine gattin 
bewegen lässt, jenes fest zu veranstalten, das einen so traurigen aus- 
gang haben solte; gerade wie Günther halb widerstrebend sich ent- 
schliesst dem rat Brunhilds zu folgen und jene verhängnisvolle ein- 
ladung an Sigfrid ergehen zu lassen. Das gespräch erömet beidemal 
die königin: in der Gudrun bedauert sie, dass sie den könig so selten 
bei seinen helden sieht; im Nibelungenliede, dass sie Kriemhild noch 
nicht wider gesehen hat. Beidemal fragt der könig darauf, wie das 
sich machen liesse. Hierauf erwidert Ute, ein so reicher könig müs 
mehr feste geben; Brunhild, ein noch sn reicher vasaU müsse dem 
gebot seines herren folgen. Dort erfült zulezt der könig den wünsch 
der gattin mit den worten: ich wü iu gerne volgen (35, 2), hier mit 



1) C er wurde ein k Heuer man. 

2) 25 fehlt in C. 



152 



E. KETTNhK 



den worten: nu wizzet, du; ich gestt so gemt nie gesach (674, 2); 
die gatten verständigen sich über die botensendungen. Auch die frei- 
gebigkeit der königin wird beidemal am schluss erwähnt: vgl. X. 67b, I 



und G. 3b. •_*. 






da- eine mal mit beziehung 



auf die boten, das 



andere mal mit beziehung auf das weibliche hofgesinde. Hierzu sind 



Doch die parallelstellen zu beachten 
N.668, 2 ihr. si ir vremde wären, 
da i was ir hartt h it, 
<hi\ man ir so s< lf< n du nie 
von Sifrides laut 1 . 
1 343, 2 dar muht ist mir so leit, 
ihr, mich die so s< Ut n, 
ruocheni hi< gesehen. 
670, 1 Wie möhti n wirsi bringen ? 
sprach der künic rieh. 
i9,l ob (hr. mähte geschehen, 
da i si Kriemhildi 
solde noch gesehen. 

671.1 Sir/, höht riehc waere 
deht ines küneges man. 

673.3 /'•/> wir ensament sdzen, 
dö ich ersti wart din wip -'. 

520.2 dö sprach diu minnecliche: 
mir waere niht \< leit, 
ob ich %e boten miete 
iu geben solt min golt. 



Gr. 27, 2 des verdriuzet s&re 

min hi rxe und minen lip, 
<lir, ich dich sihe so selten, 

dar taub so ist mir leide. 



28, 1 Dö sprach der künic edele: 
wie solte da* geschehen, 

ihr, du mich woltest gerne 

vor ///inen recken sehen? 

29, 1 Si sprach: so eiche niemen 
ist lebendic erkant. 

30, 1 Dö ich mögt / Ziehen 
in Friih srhotfen sa%. 

36, 1 Dö sprach diu küneginne: 
daz ist mir niht leit, 
so gibe ich besunder 
vünf hundert vrouwenkleit. 
In diesem abschnitt GL 26 —35, der sich sowol inhaltlich wie sprach- 
lich so eng an N. 667 — 676 anschliesst und von dem unter ganz glei- 
chen nmständen wie dort gefassten entschluss zu einer hochxit erzählt, 
ist nun als ein umstand von besonderer Wichtigkeit hervorzuheben, 
dass der bearbeiter der Gudrun auf sein muster hinweist, indem er 
zu den worten ich wil iu gerne volgen 35, 1 hinzufügt als c\ nur 
geschach, du. man nach vrouwen rate lobeten höchziten. Denn in 
diesem Zusammenhang kann in der stelle nichts anders gesehen werden 
als eine bezugnahme auf das Nibelungenlied, wenn sie auch, 
für sich betrachtet, nur ein algemein episches motiv enthalten könte, 
wie Kaiserchr. L). .507. 15 Rother (Massm.) 1530 fg., die Martin u. a. 
hierzu anführt. 



1) A so seil diende si/iiu lernt. 

2) C ohne parallelismus. 



C 668, 3 ohne parallelismus. 



EINFLUSS DES NIB.- LIEDES All DIE GUDB 



L53 



Die folgende festschilderung Gr. 37- 1!» besteht aus den bei sol- 
chen darstellungen ziemlich regelmässig widerkehrenden angaben über 
die hervorragendsten Vorgänge und umstände des festes. Dass bei die- 
ser Schilderung der bearbeiter immer uoch die eben besprochenen 
abschnitte des Nibelungenliedes vor sich hatte, zeigen folgende Über- 
einstimmungen. 

Den geladenen wird entboten, dm si nach dem sumen von des 
winters stunden solten biten (i. .'17, 1; ebenso wie X. 694, 2 bei der 
einladung gesagt wird: swenm der winder ein < n<h hohe genomen. 
Von dem herankommen der gaste wird in der Gudrun mit ähnlichen 
werten geredet, wie im Nibelungenliede von den ins land reitenden 
verwanten des königs, die den kommenden entgegengeschickt werden. 



X.528, 1 Dd rili)/ aUenthalben 

die wege durch dm lant. 



G. 31), 1 Riten si begunden 

u f vil manegen wegt n. 



Bemerkt wird G. -i-2, 3 wie N. 537, 4, dass man Schilde und sp 
für die ritterspiele herbeibringt. Über die ausstattung der geladenen, 
an der einen stelle in der heimat, an der anderen am hofe d<:> wirtes, 
heisst es: 



G. 40, 2 allen, du ir gerten^ 

den gap man ir genuoc. 



X.705, ± etile die es dd gerten 1 , 

den (jap man ros und ouch 
gewant. 

Wie N. 753 sitzen G. 42 fg. die trauen während der ritterspiele in *\ca 
fensterbrüstungen. Wie N. 753, 4 nimt G. 44, 2 auch der wirt am 
spiele teil. Ähnlich wie X. 751 wird G. 49 die mitwirkung der musik 
erwähnt: posaunen, trompeten und flöten werden liier wie dort genant 
Auch in den angaben über den schluss des festes zeigt sich der ein- 
flüss des Xlbelungenliedes (s. unten zu G. 6ö). Die hierhergehörigen 
parallelstellen ans dem Nibelungenliede gehören nicht bloss diesem teile, 
sondern noch einigen andern festschilderungen an. 

^.1827 AExel unde Kriemhilt 



ez bescheidenlicken sach. 

X. 41, 2 Diu köchgeztt werte 

unz au den sibendt n tae. 
Siglint diu riche 
nach cdten siten pflac. 



<>. 13,4 dm si > t bescheidenlichen 

Slll/i II. 

48,1 Diu hdckgezit werte 

in/; im d< ii ii in mit )i tdC. 

swes man mit ritters vuort 
In d< in künige phlac, 



1) C die si dd fücrc/i wolden. 



154 



E. KETTNEH 



N. 39, 1 Swie vü si kurxwile 



des mohte die varnde diet 

(hs.) 
liitxel da vevdriezen; 
die heten arbeite: 
wan si sin auch wolten 
geniexen. 

In der dazwischen stehenden erzählung von dem greifen finden sieh 
fi »lgend e einzelparallelen: 

N. 90, 2 h nu hoeret wunder sagen = G. 50, l b . 



pflogt n al den tac, 
vü der varenden diele 
ruowe sich In wac. 



NT. 215, 4 in hat der übel tittfel 
her ten Sahnen gesant 

2171, 3 alsam (et ouck sin wip. 
si Wägeten ungefuoge 

den <juot< ii Büedegeres lip. 
1168,3 ir wät was vor dm brüsten 
von heizen trehen na;. 



G. 54, 3 ex het der übele Havel 
genau f in dax riche 
sinen boten verre. 
60, 3 der hünwund ouch sin wip, 
si klageten al gemeine 
des lindes iverden lip (hs.) 
62, 1 Der wirt weinte sere, 

sin brüst diu wart im nax. 



Stellen ans der festcsschilderung in avent. V und aus der sie einleiten- 
den erzählung am ende von avent. IV verwendet dann wider der bear- 
beite! für die darstellnng vom schluss des festes. 

N. 300 Kr sprach: ir guoten rechen, e da% ir scheidet hin, 
so nemet minc gäbe; edsö stet min sin. 
da-, ich\ immer diene, versmaehet niht min gnot, 
da: a il ich mit iu teilen; des kdn ich willigen muot. 

Gr. 63 Die gestc wolten riten, cid sprach, diu hünegin: 
ja siilt ir, edele hehle, noch hie xe hove sin, 
und Int in niht versmähen silber undc galt, 
di s haben wir ;c gebene: wir sin iu groexMchen holt. 



N.253, 1 Derkünec 1 phlac siner geste 
vü groexMche 2 ivol 
3 er bat 3 der s&re wund' n 
vü güetlichen phlegen 

vgl. auch 743, 3. 4. 

Ausserdem greift er noch einmal auf die oben besprochenen Schilde- 
rungen des Nibelungenliedes zurück: 



G. 65, 4 Der wirt hie; sin er geste 
schone and güetlichen phle- 
gen. 



I) C der ic irt 
3) C man hicx 



2) A güetlichen 



EINFLUSS DES MB. - LIEDKh All- DIL GUDRUN 



155 



N.753, 1 In diu venster säxen 
diu herlichen wip 
und vilderschoenen meia\ : 
gezieret was ir Up. 
636,4 so endete siel/ diu höchxit: 
ihr, wolde Günther der 
degen 1 . 
646, 4. si rümten vroelichen 

des hinter Quntheres lant % . 



G. 66, 1 Dd Hr diu küneginm 
scheiden manic wip 

nutl eil dir < d< l< n nn id, . 

also da i ir lip 
ir gäbe Hits getiuret. 
I diu höchxit sieh endet: 

si rümten Sigebandes lant. 



Eine so starke nachahinung des Nibelungenliedes, wie sie die- 
ser ganze abschnitt aufweist, findet sich später in der Gudrun nicht 
wider. Und diese erscheinung lässt sich Leicht erklären, wenn wir diese 
erste aventiuro als einen zusatz des bearbeiters ansehen. Olm«' durch 
einen vorliegenden text unterstuzt oder gebunden zu sein konte der- 
selbe hier ganz nach seinem eigenen ermessen verfahren und nicht 
bloss aus mangel an erfindungsgabe und an darstellunusfähigkeit, son- 
dern auch in der absieht etwas dem Nibelungenlied entsprechendes zu 
bieten — demselben unbedenklich entnehmen, was ihm geeignet schien. 

Der nun folgende abschnitt G. 67 — 162 enthält die erzählung 
von Hagens entruhrung durch den greifen und seiner rück kehr. Ge- 
mäss der eigenartigkeit des inhalts treten hier parallelen mit dem 
Nibelungenliede spärlicher hervor; doch kann man auch an den bei- 
gebrachten sehen, Avie der bearbeiter bei seinen entlehnungen sich an 
bestirnte teile des Nibelungenliedes hielt. Es sind besonders benuzt 
avent. VI. XXY — XXVII; daneben auch XVI und XIV. 

N. 1446, 1 Nu laxen dax belibeu, G. 67, 1 Nu laxen wir beliben, 
wie si gebaren hie. wie da gescheiden wart. 

1474, l a Ilagene wart ir innen = G. 76, P: beidemal schleicht 

ein Hagen zu fremden trauen heran; sonst sind die persönlichkeiten 
und die Situationen sehr verschieden! 



N. 917, 3 sam vwei wildiu pantel 

si liefen durch den kle. 
878,4 dar nach er vil s schiere 
ein ungefiiegen lewen van t. 

Alle vier stellen beziehen sich auf jagd. 



(r. 98, 3 als (in pantel wilde 
lief ' r i'i f dir steine. 



102, 2 bi im er harte näht n 
einen lewen rauf. 



1) A ex, seiet von dannen manic deyen. 

2) C dd der Burgondcn laut. 

3) C harte. 



158 



E. KLTTNER 



N.336, 1— 3 . . d( r starb Sifrit . . . 
het er .. krefte genuoc } 
itvelf manne sterke. 
358,4 ,i, n edelen juncfrouwen 
was von arebeiten we 1 . 
370, I ir starb \ arbeitt n 

l, tsitdi n höhgemuoten we 2 . 
1492. 1 Dö ruoftt er (Hagen) mit 

der hrefti . 
ihr x dl der wag erdöz. 

(Hier Übereinstimmung des namens 
zu Gk 76, 1.) 

\ 7^7. 2 des dvhie Prünhilde 
diu wilt gar \< lanc 
353,2* unt von Zaxamanc der 

guoten 3 
388,1 Sehs unt ahzec turne 
si sähen drinne stdn } 
dri palas icite. 

. 4 dar inne selbe Prünhilt 
m ii ir Ingesinde was. 
1481, 1 ir trieget äne not. 
1551, J in wart stritenkunt getan. 
55, 1 wol Ii' dm schinen Kriem- 

hilt, 
da i si in holden /rillen truoc 
(vgl. 1609,4. 1674,4) 



GL] 06, 1 Omh In h ih r wilde Hagene 
krefte x/welf man. 

108, 4: den eilenden vrouwen 

den tet ir arebeit vil we. 



109 1 Hagene rnof'tc Inte, 

ihr,, in des nihf rer<lrö\. 
Hagene und der Situation; vgl. oben 

G. 112, 2e er <lin maere ervilere, 
diu wile dühte in lanc. 
118, 3* von India der guoteu 

138.3 einen palas hohen 
Lös er hi der vluote. 
drki hundert turne 

sach er da vil veste unde 

guote. 

139, 1 Dar inne was her Sigebant. 

146, 1 ir trieget n/ich an not (hs.) 

1 51, 3 wt r im grüezen Jcunt taete. 

155. 4 dem Linde er holden, willen 

von schulden vriuntlichen 

truoc. 



1) C den schoenen juncfrouwen tet ir arebeiten we. 

- \ tet 8tt sehoenen frouwen we, doch s. zu G. 1119, 4. 

A der guoten fehlt. C dem lande. Wir haben an dieser stelle den sel- 
len fall, dass alle drei handschriften von einander abweichen und nur auf der les- 
art von B der parallelismus beruht. Dass die an sich schon höchst auffallende 
bezeichnung von India der guoten nicht ein unmotivierter einfall des bearbeiteis ist, 
ädern durch das Nibelungenlied veranlasst sein muss, beweist die auch sonst hier 
hervortretende Berücksichtigung der avent VI (N. 336. 358. 356. 365). Doch scheint 
der bearbeiter hier nur flüchtig im Nib. geblättert zu haben, da er offenbar 353, 2 
misverstanden hat. indem er der guoten auf Zaxamamc bezog und übersah, dass es 
zu siden gehört, der guoten grüen aharn ist vom redaktor 13 gesezt worden für 
der grüenen so (Aj. 



EINTLUSS DES NIB. - LIEDES AUF DIE GUDKIW 



157 



N.356,2. 3 hermine vederen ... pfelle G. 156, 3 phelle ob Uehten ruh,-» n. 

darobe lägi n 

8(35, l b man truoc in üfdensant. L60, l b tragen üf den sant. 

2 b alte-, ir gewant 2 b ir sptse und ir gewant 

Die darstellung von Hagens jugendgeschiehte von da, wo 
diese einen normalen verlauf hat (163 fg.), folgt widerum »Ion schon 
mehrfach benuzten abschnitten, avent. II und anfang III (Sigfrids 
jugend) sowie X. XI (das erste grosse fest in Worms). 

N. C 22, 5 E da \ der degen küene G.163,1 Wahsen er begundi 



vol wüehse ze man. 



bevoUen teinem man. 



[Jber die ritterlichen Übungen Sigfrids (av. III) und Habens 



N. 129, 2 du was er ie der besti . 
swes man da began. 

Über die Verabschiedung der gaste 

N. 41, 3 durch ir sunes lieh 
teilen 1 rufe. golt. 
si künde ex wol gedienen, 
da\ im diu Hute waren 

holt. 



< i. 163, 2 (h) pflac er mit den In Iden, 
swes man ie began. 

G. 164, 3 du i/t/jt in sine gäbe 

di r irirl von liehtem goldi . 
durch sines s/u/cs liebe 
xe Stinten vriunden er si 
haben wolde. 



Über die taten des jungen Siegfried und Hagen: 



N. C22, 7 da von mau im nur mere 
mar singen unde sagen. 



< i. 1G6, 4 des horte man in dem laude 
von dem helde sagen und 

singen. 

Dass hier etwa der redaktor C die stellen 22, 5 und 7 der Gudrun 
nachgebildet habe, wird wol niemand behaupten wollen. Denn der 
Zusammenhang von N. C 22 mit den anderen hier benüzten stellen <l 
Nibelungenliedes stelt es ausser zweifei, dass der bearbeiter die wnrte 
von C in seinem Nibelungentexte las. 

Wie Sigfriden raten auch Hagen die mäge zur hei rat: 

N. 49, 1 Im rieten, sine mäge, G. 169,1 Im rieten sine mäge, 

und genuoge sine man, 
3 dm er dan eine würbe 2 . er würbe umbe ein wip. 

. Eine ankündigung des festes in andere lander ergeht (i. 172 wie 
N. 28; der zahlreiche besuch wird G. 174, 4 wie N. 30, 4, die beschen- 
kung der schwertdegen mit kleidern (i. 175 wie N. 31. 32 erwähnt. 
Zu dem sachlichen parallelismus tritt parallelismus des ausdrucks: 



1) C geben 



2) C naeme, vgl. zu G. < . 2. 



158 



E. KETTNER 



N. 28, 1 Dö hiex sin vaier Sigemunt 
künden sinen man. 
30,4 dessach tnanvüdervremden 
vuo in riien in dm laut 



G. 172,1 Dö liit; er ex künden 
in diu vürsten laut. 
174, 1 man saeh an edlen enden 
sine geste i uo dem lande 



riten. 

Doch hat an der lezten stellt 4 der bearbeiter sicli bereits beeinflussen 
lassen durch eine Strophe der avent. X. N. 559, 5 — 8 wird gesprochen 
von hergesidele; G. 174, 3 heisst es da sidelte n/au vil wtten. Und 
nun vergleiche man dvn zweiten teil von N. 559, 5 — 8 mit G. 174: 



X. 559, 7 des si da haben sohlen, 
tri wenec des gebrast, 
dösach mau In dent h/iuege 
eil manegen herlichen gast. 



G. 174, 2 1 ' irir teenie er des- Uez, 
3* des si au in gerten. 
4 man sack an allen enden 

sine tjeste züo dem laude 
riten. 



In den zwei Strophen, die sich auf Hagens Vermählung beziehen, 
enthalten die worte G. 176, 3 a ob ich von herzen n/inne eine deutliche 
beziehung auf X. 135, 3 a die ich von herze minne, eine steile des 
bereite in diesem Zusammenhang benuzten Schlusses von avent. III 
(vgL X. 129, 2. G. 163, 2). In G. 178 zeigt der anfang eine berück- 
sichtkrung von avent. IV: 



X. 244, 1 Bö enpfie er wol die sine, 



G. 178, 1 Wol behagete ez siner mun- 
ter, 
sime vater tet ex, sam. 



die v rem den tet er sam. 

Mit dem schluss seiner festesschiiderung wendet sich der bear- 
beiter jener darstellung in avent. X zu, auf welche bereits die 
Qutzung von 559, 5 — 8 hinwies. Wie die erzählung der schwert- 
leite, der krönung und Vermählung im Nibelungenliede hier vorbildlich 
gewesen ist, veranschaulicht folgende Zusammenstellung: 



X. 596, 1 Vil junger 1 su< 1 1 th) na/men 
sehs hundert 2 oder ha.. 

LI Xihh siten, der si pflügen 
and man durch n hl begie, 

Günther muh- Prünhili 
niht langer du-, enlie 4 . 



G. 178, 4 wol sehs hundert degene 
//amen bi im wäpen oder 
mere. 
179, 1 Nach siten kristenlichen 3 
wihen man dö hiez 
beide %uo der Leone; 
niht lenger man daz Uez. 



1) A de gen. B junger »wert, dann von erster hand übergeschrieben daegen. 
kund* 3) Es. sittlichen. 4) A cerlie. 



EINFLUSS DES MB. -LIEDES AUF DIE GUDRUN 159 



N. 541, 1 17/ manegen bühurt rieht n 
sack man dun getribi n 



von helden lobelichen, 
n/hl wol waer ex belibi n. 



(J.179,-1 manegen bukurt rieht// 
sack man da von des kü- 
neges mannen. 

184, 3 um //'/<■ rirhin tjöSti 

wart von in getriben. 
dax sähen sehoenevrouwi n. 
ji) waer da* übele beliben. 



Nach siten Jcristenlichen würde, wenn es richtig ist, aus N. 1788, -1 
entnommen sein. Diese im Mb. wo] motivierte angäbe würde zwar in 
der Gudr. durch das versteckte hristen unde Heiden 186, 3 nicht genü- 
gend motiviert, aber bei dem Charakter der bearbeitung begreiflich sein. 

Vereinzelt steht G. 187, 2 b ludern unde dd% = N. 883, 1". 
Die angaben über die Verzichtleistung des alten königs zu 
gunsten seines sohnes, über die strenge und gerechte herschaft 
desselben, über seine ritterliche tüchtigkeit, sowie über die geburt 
einer tochter G. 188 — 197 erinnern Lebhaft an N. 657 —666. Beson- 
ders tritt die ähnliehkeit hervor in den Strophen: 

N. 657 Do sprach vor stnen friunden der h&rre Sigmunt: 
den Sifrides mögen tuon ich allen bunt, 
er sol vor disen recken mine kröne tragen, 
diu meiere horten gerne die von Niederlanden sagen. 
G. 188 Vor den stnen gnöxen sprach her Sigebant: 
minem sune Hagenen gibe ich ntiniu lant, 
diu Hute mit den bürgen nahen unde verren. 
alle mine recken sulen in haben \e einem herren. 
Der bearbeiter greift im folgenden noch einigemale zu schon ben uz- 
ten teilen zurück. G. 189, 2 dö begunde Hagene Ulm/ bürge unde 
laut ist zu vergleichen mit N. 40, 1. 2 Der h&rre hie: Hin// Sivrit 
den jungen man laut unde bürge. Und ganz in der nähe: 



G. 191, 1 diu was von Tserlanck 

luul was •.' wünsche wol 

getan. 

199,2 wart unnützen schoene.— 



N. 45, 3 teuere in Burgonden 1 

%e wünsche wol getan. 

325,3 si wa% unnützen schoene 
eine Übereinstimmung, die deshalb keine zufallige ist, weil jene worte 
beidemal auf eine schöne, vielbegehrte, allen Werbern gefahrliche königs- 
tochter sich beziehen. 

Überblicken wir nach dieser vergleichung mit dem Nibelungen- 
liede noch einmal diese vier ersten aventiuren der Gudrun, so wer- 
den wir ohne bedenken die s. 155 über die Strophen 1 — 66 ausgesprochene 

1) C in Burgonden waere. 



160 F.. KETTNEB 

auflassung über dieses ganze stück ausdehnen können. Denn für etwas 
anderes als einen zusatz des bearbeiters brauchen wir auch den von 

dem -leiten und Hagens Leben in der wildnis liandelnden teil nicht zu 
halten. Diese erzählung, für sieh allein genommen, wird man sich 
nicht gut als den eingang der Gudrun vorstellen können; auch passt 
ihr fabelhafter Charakter nicht zu dem inhalt der Gudrun im algemei- 
nen. Wir werden aber in ihr nicht sowol eine eigene erfindung des 
bearbeiters, als vielmehr eine nacherzahlung von sachen zu sehen haben, 
die ihm in mehr als einer sage schon dargeboten waren. Es sind also 
die vier ersten aventiuren ein späterer zusatz zur Grudrun, dem der 
Verfasser durch bedeutende anleinen beim Nibelungenliede gehalt und 
wert zu geben suchte. "Wenn nun der bearbeiter in diesem teile, wo 
er ganz frei verfuhr, das Nibelungenlied so stark nachahmte, so ist es 
nicht anders zu erwarten, als dass er auch in den weiteren teilen des 
epos, das ja nach algemeiner anschauung überhaupt nur in einer tief- 
greifenden bearbeitung auf uns gekommen ist, überall, wo er änderte 
und erweiterte, in bezug auf inhalt und form nach dem vorbild des 
Nibelungenliedes sich umgeschaut haben wird. So erklärt es sich, dass 
dieselben Erscheinungen, wenngleich nicht mehr iu solcher häufigkeit 
und solchem umfange, auch dort widerkehren. 

Die fünfte aventiure der Gudrun begint mit einigen bemerk un- 
n über Hetels Jugend; auch sie enthalten wider entlelmungen aus 
dem anfang des Nibelungenliedes. 

G. 204, 1 Ein kelt der was erwahsen 

in Tritt hl u t 

%e Stürmen in einer marke, 
der. ist wol erkant 
209, 3 vcifer und ouch muoter, 
die im diu lernt M lif.cn 



N. 20, 1 Do wuchs in Niderlanden 
i ins edelen küneges Tdnt 
3 in t im r riehen bürge 
witen wol bekamt. 
7,2 ir vater hie: Danerätj 

ih /• in diu erbe lit ,. 

Wir haben bei den einleitungsaventiuren widerholt gesehen, wie 
der bearbeiter, wenn er es mit einem motiv zu tun hat, das ihm auch 
aus dem Nibelungenliede bekant ist, zur ausführung dieses motivs das 
musterepos heranzieht Hetels entschluss die gefährliche Werbung 
um Hilde zu wagen findet sein analogen in Günthers Werbung um 
Brunhild. Also suchte der bearbeiter aus der VI. aventiure des Nibe- 
lungenliedes sich anregungen für seine Schilderung dieses gegenständes. 
Die besten (die vornehmsten) raten Hotel G. 210, 1 wie die hdhsten 
mögt Günther N. C324, 2 zur ehe 1 . Hetel weiss keine, diu ten Hege- 

1» AB bloss iiiati 8eüe, dm da waere manec scoene (B) magedtn. Günther 
entschliessl sich seh-- 



EINFLUSS DES MB. -LIEDES All DIR GUDRUN 



161 



lirigen mit @ren waert vrouwe, muh du man mir :<■ hhs< moktt 
bringen 210, 3. 4. Günther sagt zu. nach einer suchen zu wollen: 
diu mir mil mime riche -.<■ frouwen möge fernen X. C 324, 6. Es 
wird von einer gerühmt, ihr, deheiniu lebet sä schoeniu nindert üf 
der < nie G. 211, 3, entsprechend X. 325, 2 ir geliehe enheine mau 
wesse minder nie 1 . Hetel ist bedenklich: swer werbe nach ir minne, 
i \ si ir vater leit 213, 2. Ähnlich rät Sigfrid ab: swer umb 2 ir 
min im wirbet, dm ex im hohe sft'if X. .'521», 3. Dem weiteren über- 
legen macht zunächst Morung ein ende durch den rat, -ich der hilf'' 
Horands zu bedienen, dem alle sitten Hagens bekant seien Gk 211. 
Ebenso gibt dort Hagen den rat, man solle Sigfrid um seine Unter- 
stützung bitten, da ihm kund sei. wie es um BrunhiM stehe X. 330. 
Zu bemerken ist noch, dass G. 212, 4 Jcumt si her :<■ lande, so hast 
du immer vreude unde wünne anklingt an X". 333, 2. 4 und Jcumt 
diu scoene PrünhiU her in ditze hnit'\ so mahtu mil ihr sn>< ,,< ,, im- 
mer vroeliche leben. 

Hiernach greift der bearbeiter zunächst in einige andere teile di 
Nibelungenliedes hinein, so dass folgende einzelparallelen entstehen: 



N. 72, 1 An dem sibenden^ morgen 
xe Wormex üf den sant 
riten die vil Mienen; 

allex ir geweint 

84, 1 Wetz sin der Minie wolde } 
des fragte Hagene. 

811, 4 b nnd let vil wiUeclichen da \ . 

ähnlich 666, 4 b . 1042, 4 b . 1076,4". 

497, 2 unswaere -.(derselben verte 
nieman so bereit 
als ir, f rinnt Hagene 5 . 



Gr. 219, 1 An dem sibenden morgen 

leom er in <hc. Im/1. 

er und sine gesellen 

truogen guot gewant. 
232, ±Walin bete imndcr, 

inr, sin der hünec von 
Hegelingen wolte. 
237, 4 b und tet vil güetlichen daz. 

239,3 ?m en/rii; ich niemen, 
der mir dar bt i u r waeri 
da mir ii\ Wate, lieber 



vriunt. 

Sowol Hagen als Wate soll eine botschaft des königs ausrichten. 

2306, l a Ick bringe ex, ein ein ende = G. 240, 3 b . 



1769, 4 b mich enwendes der tot 



240, 4 b c. ensi da: michs der 

läl enwende, 



1) A . . ir geliche was deheiniu me. 

2) wnb fehlt A. 

3) A Prünhüt in daz laut. 4) C sehsten 

5) C 2—4 nu bereitet iueh «er verte, ritter vil gemeit, wand wir in dixen 
rften ander niemen hau. der dar müge gertten. 

ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XXIH. H 



162 



E. KKTTNKK 



N. 732, 3 D6 der wirt des landes 
Sifriden sack 
und ouch Sigt mundt n } 
wie minneclich er Spruch. 



G. 245, 1 Wate der vil küene, 
dö er Höranden sach 
mulc ouch Fruote/f, 
wie schiere er dö sprach. 



In dem folgenden tritt bis str. 302 abermals eine widerholte 
benutzung von Nib. avent VI — VIII hervor. Bei der beratung über 
die gefährliche fahrt und Werbung redet Wate von Horand wider 
ebenso wie in gleicher läge Hagen von Sigfrid. 



N. 330,4 sit im da: ist so kündic, 
wieex um Prünhilde 1 stät. 



G. 254, 2 er weix in guoter maxe, 
wie ex umb Ilagenen stät. 



An N". 375, 2 klingt an G. 359, 1. Deutlicher ist die beziehung, wenn 
über die ausstattung der ausfahrenden gesagt wird 



G. 262, 4 daz iucln irol mit eren 

mac gesehen ein ieslichiu 

vrouue. 
Zwischen den stellen aus avent. VI. A r II steht aus avent. XXII noch: 



N". 341,8 diu wir tragen mit eren 
für die herlichen meit 



G. 271, 1 Mdrunc der snelle 

da her von Friesen reit 
er brähte zwei hundert de- 
gene. 
272, 1 Da reit von Tenemarke 
Hörant der küene man 2 . 



X. 1284, 1 Hornboge der sneUt 
wöl mit tüsent man 

Irrte von dem Jcünege. 

1285, lDö kom von Tenemarke 
der küene Häwart. 
Auf die angäbe der 1000 boten Hetels und die motivierung waere er 
niht so rtche er enkünde ex nimmer verenden 272 muss der bearbei- 
ter gekommen sein beim lesen von den 1000 begleitern Sigfrids 
N. 474. 2 und der auf sie sich beziehenden worte sine kundenz niht 
verenden . . . Sifrit /ras so rtche C 475, 8. 9. Denn im folgenden 
nehmen die bei G. 271, 1. 272, 1 unterbrochenen beziehungen zu die- 
sem abschnitt entsprechend dem inhalt — abschied und fahrt — 
ihren f ortgang. 



N. 363, 1 8i sprach: herre Sifrit, 
lät zu bevolhen sin ... 

405.3V/- sohh an angest sin 3 . 

366,2 ir schif mit dem segele 
da i ruorte ein höher aint. 

369, 4 a ir schif da i gie vil ebene 4 '. 



G. 278, 1 Der künec sprach trürende: 
lät iu bevolhen sin . . . 
283, l b ir sult an angest sin. 
. ein nortwint 
2 h ir segele ruorte sint. 
3 a ir schif gierigen ebene. 



285, 1 



1) A umb die froutaen. 2) Diese nachahmung zeigt, dass die von 

Sijmons vorgeschlagene Umstellung der str. 271. 272 unzulässig ist. 

•arallelismus. 4) Desgl. 



EINFLUSS DES NHL - LIEDES AUF ME GUDRUN 



163 



N. 371, 1 An dem vwelften morgen, 
so wir koeren sagen, 
heten si die wind 
verre dein getragen. 



G.288, 1 <sv hri, wol tüsent mil 
<l<i\ /nr. -,< r ihm </< tragen 
hin .r Hagenen bürge, 
so wir hoeren sagen. 



Dazwischen steht aus einem entlegeneren teil» 1 des Nibelungenliedes: 
X. 1567,1 Wirhunnen nihtbeschei- 



i/i n, 
wä si sich leiten nider 



G.286,1 Wir hiinm u. nikt beschei- 
den 

mir}) wvx :< ii i nikt :i sagt ii, 
wä si ir nahtst Ide . . . nä- 
ii/i ii. 

Ähnliche Übergangsformeln kommen in Nib. und Gudr., sowie im Bi- 
terolf öfter vor (s. Martin zu 286), doch anter ihnen keine, die so wie 
diese sich gleichen. Eine andere parallel» 1 aus einem entlegeneren teile 
des Nib. kündigt bereits eine im fulgenden sich widerholende berück- 
siehtigung der erzählung von Küdegers ankunft und empfang in 
Worms an. Beidemal sind ja auch die Verhältnisse die gleichen: hier 
die um Eriemhild werbenden boten Etzels, dort die um Hilde werben- 
den boten Hetels! 

N. 1117 Do die vil unkunden 
wären in bekomeu l , 
dö wart derselben herren 2 
vaste war genomen. 
si wundert, wannen fiteren 
die recken an den Hin. 



G. 289 Bö die roii Hegelingen 
wären hin bekamen 
■.im ihr Hagenen bürge, 
da wart ir war genomen. 
die Hute wundert alle, 
von welker hünege lande . . . 

Durch eine dem bearbeiter hier ins gedäehtnis kommende stelle ist wol 
veranlasst: 



X". 1465, 2dö mohfe man si kiesen 
an herliehen siten. 



G. 295, 2 man mohte da wol kiesen 

au sinnt In ri ii siti ii. 



Und hierauf treten abermals die beziehungen zu avenr. VI hervor: 



N. 365, l b man truog in üf den sauf '■. 
356, 2 h diihten si unwert 4 '. 

369, 2 den besten den man künde 5 
vinden umben Bin. 



G. 301, 2 b truoc man üf den saut. 
S h het um n da unwert win- 
den. 

1 die besten du si bt in vin- 
den kundi ii. 

vgl. zu l b X. 708, 3. 



1) G Do die geste waren %en herebergen kamen. 2) C dö wart ir gevertes 
3) C die truog man üf den samt. 4) A eil wert 

5) C den besten uin 2 den man Inder künde 

11* 



104 



1. KETTNER 



Einzelparallelen: 

N. 2284, 3 ea enst dm mir xebreste 
>ln\ Nibelunges sivert. 
151,1 Du boten Herbergen 
h&ex man in die stat. 
1309,2 mantel tief unde wtt 1 . 
2135,1 Swie grimme Hagene 

waere 
unt surfe herte gemuot . . . 



G. 315, 3 ex enst der. mir gebreste 
also gar des minen. 

319. 1 Fr lii<\ si herber gen 
balde in die stat. 

333. 2 tiefe' mentel irit. 

334, 1 Swie richherHagenewaere 

und swie hoch gemuot . . . 



Sowie der bearbeite! auf die empfangsformalitäten zu spre- 
chen komt, benuzt er vorzugsweise die erzählung von Rüdeger (vgl. 
n zu G. 289); daneben noch zwei verwante Schilderungen: 

G. 334, 2 diu hüneginne guot 

stuont üfvon dein gesidele. 
335,1 Si sprach gexogenliche : 



X. 11 2.">. 4 der herre stuont von se- 

deleK 
1379,1 Der künec gezogenltche 
grüexen si began: 
sit wiUekomen beide, 
ir Hinnen spileman! 
141, 1 Der gruoxte si vil scöne, 
> r sprach: sit wiUekomen 3 / 
wer i ml/ her habe gesen- 
det, 
desn hän ich niht verno- 
men. 

1380.1 Si nigen deine künege. 
1140,l b wol gezogen was sin muot. 

1127.2 den gasten hiex man* 

schenken 
3 . . . den besten wtn, 
<h ,i man künde vina\ n 
in dem lande cd um den 

Bin. 



/in sit uns tiriUekomen! 



o 



ich und der künec min 

hrrre 
haben dax wol vernomen. 

336, 1 Si nigen ir dl gemeine, 
zühtic was ir muot. 
3 dö truoc man in ze trin- 
ken 
den aller besten ivin, 
der in allen landen 
in vürsten hüse maegesin. 



Im folgenden ist die benutzung eine zerstreute, und nur sehr 
wenige parallelen lassen sich zu kleineren gruppen vereinigen. 



1) C Urne tief n. w. 

2 • ' der wiri dö von dem sei de gie 'jeejen Rüedegere dem. 

3) C Dö sprach der kante Günther: nu sit wiUehymen. 
\ er. 



EINFLUSS DES KIB. -LIEDES AUF DIE GUDRUN 



165 



N.2061,3 b sehs hundert küener man, 
daz nie Jcünec dekeiner 
bexxer degene gi wan. 

1691, 3 s?n'c bilde er hie gebäre, 
er ist ein grimmer man. 

484,3swer einer marke gerti \ 
dem wart so vil gegeben. 

411,1JEV Ute hin widere, 

do rant 2 er rechen vil, 
da diu hüneginne 
teilte ir höhen spil. 
1913,3 ein foertex swert i/nofte 3 
au siner hende erklanc. 

129, 4 so si den stein würfen 
oder schnxxen den schaft. 

526, 2 gctorste si in küssen, 

diu vrouwe taete daz 
1667, 1 Do gierigen sundersprä- 

chen 

die dri künege rieh. 
1870, 1 Disiu starken meiere 

wurden dan geseit. 
1 114, 1 An dem sibenden morgen 

ro)i Bechlären reit. 
1119, 3 xe hove si do riten, 

si fuorten guotiu kleider 

vil harte*- spaehe gesniten. 

G. 433 Hagen bietet den 
schenke rosse, kleider, gold und 
ihre grossen gaben. 



< i. 348, 1 '' von dem küenen man, 
da* hünic deheiner 
nie noch gewan 
sd rehte küenen recken. 
4 surie sanfte so er gebän . 
i r ist ein maen r hell 

s'/inii Im inli it. 

35 1 . 3 da i sie von nieman gi rtt n 
,n im ii \< i inet marke. 

:;.").",. I Yilr den Jcünec si gu ngt n. 
da wären ritter vil. 
da vunden si besuna\ r 
maneger hande spil. 

361,2 b öfl Waten hende erklanc 

vil dicke du: schoene wä- 

fcn. 

371,4 dö würfen si du sti ine 

and begunden mit den 

scheften schu u n. 

418,2 getorst (hs.) ich vor miner 

vrouwen, 
ich knstes an ir munt. 
420, 1 IM giengen sundersprä- 

eln 1/ 

die xwene ritter guot. 
428,1 Ditxe starke maen 

gar verholen wart. 
430, 1 An dem vit rdt n morgen 

xe hove si dö riten. 
iteniuwiu kleider 
xe wünsche wol gesniU n 
truogi ii 'in die geste. 

scheidenden Hegelingen als ge- 
gesteine an zur widervergeltung für 



1) C ohne parallelismus. 

3) C dicke 

4) C iv ol mit 



2) A sach 



166 



E. KF.TTXEK 



Gr. }.". 1 Dö sprach Wati der alte: u rtche ich dazuo bin, 
dm ich iuwers goldes mit mir Chi vüere hin. 

an dem uns unser möge erworben habent hulde, 
IL der rtche, der vergaebe uns nimmer unser schulde. 
y. 1 128. Deo gesanten Etzels wird so reiche gäbe von den Bur- 
gunden angeboten, dass sie wegen ihres herren sie sich nicht anzuneh- 
men getrauen. 
X. 1429 Dö sprach vuo dem künegi der böte WärbeUn: 
her künic, lät iuwer gäbe hie te lande sin. 
wir mugen ir docli niht fiieren: min herre ez uns verbot, 
dax wir iht gäbe naemm, ouch ist es hurte lütxel not. 
Der ausdrack in G-. 434, 1. 2 zeigt, dass der bearbeiter noch 
eine andere stelle im sinne hatte: 

\. 258, 1 Dar zuo was er %e riche, dax er iJ/t naeme solt. 
G. 434, 2 zeigt auch ähnliehkeit mit N. 487, 4 C. 

Einzelparallelen: 
N". 449, l b ich wü hinnen varn. 
got müi u in wer ere 
die \>t wol bewarn. 



2123, 1 Und weit ir niht erwinden 

1002. 1 An dem dritten morgen 
\< rekter messezU. 
VI'/'/ vierten sich engegene 
die scoenen frouwen wider 

strit 1 . 
1 508, 1 ' da ich da \ sehif da - vant. 
Zu beachten ist die nähe der folgenden Nib. -parallele: 



GL 436, l h stt wir von hinnen ran/, 
got niiteze iuwer ere 
und iueh selben hiebewam. 
438,2 nu ir niht weit erwinden 
440,1 An dem naehsten morgen 
nach vruomesse zit 
2 dö Metten sich meide 
und wtp /eider strit. 

442, l h da er diu schef vant. 



X. 1 176, 1 Si swi bten sam die vögele 
vor im üf der vluot. 

435, 4 so spranc si nach dem 

"<irfe, 

ja ' rklang ir aXU \ ir ge- 

iea,d z . 

; 1. 3 huop er < in ! stärkt \ wä- 

fen, 
dm was scharpf genuoc. 



Gr. 446, 3 si swebten sam die vögele 
in dem wazzer bi dem 

sande. 
450 1 T Va te . . . . spranc 
2 in eine gälte, 
da i im diu //ranne erTdanc, 

151, 2 mide ein swert vil schar- 

pfez, 

ex was steuere giinoc. 



muDg. 



1) A alle prowen. C vil manie junefrouwe sit. 2) da fehlt in A. 

A <ln\ h'if, erklang ir gewant, doch B ir = im. C ohne überinstim- 



EINFLUSS DES NEB.-LIKDBS All Dil GUDRUN 167 

( i . 155, 1 An dem sibenden morgen ist widerholt stroptienanfang 

in Gudr. und Nib., vgl. z. I». X. 72. G. 219. Ähnlich (i. i:;o. 552. 

G. 456 — 460, 1. Die Dünen haben boten zu Hetel gesaut, um 
ihm ihren glücklichen erfolg, dass sie Hagens tochter bringen, zu 
melden. 

457 Hetele der kern vil vroeltche sprach, 
dass er nun der sorge um seine holden ledig sei. 

458 Ob du mich niht triegest, vil lieber böte in in, 
und mir ihr, niht liegest 

so wil ich dir Ionen dirre maere hark lobelichen. 
Nach der ansrichtung der bo tschaft: 

460, 1 Dem höhn hit \ er (/(hin icol hundert marki wert 
N.221 — 242, 1. Gernot sendet boten nach Worms und lässt den 
freunden den glückliehen ausgang des Sachsenkrieges melden. Dir vor- 
her leid trugen, freuen sich der botschaft. Einen der beten hri>^t man 
zu Kriemhild gelten. 

224, 2 KriemhiU diu schoene vil güetlichen sprach: 

nu sag an liebiu murre, ja gib ich dir min golt, 
tuostux äne liegen, ich wil dir immer wesen halt. 
Xach dem bericht des boten: 

241, 3 und xehen marc von golde, dir h<i\ ich dir tragen. 

Weitere einzelparallelen: 

X. 1106, 4 w/7 lachendem mnote 1 G. 474, 1* Mit lachendem muoU 

diu cdele junevrouwe 2 a sprach dir künic Heteh 

sprach 
(beidemal beim empfang nahestehender). 
G. 481. Irold und Morung gehen Hilde zur seite, um sie dem 
könig als braut zuzuführen; ebenso gehen X. 1290 zwei reiche for- 
sten, prächtig gekleidet, neben Kriemhild Etzel entgegen. 



G. 482, 3 die aller besten siden, 

dir man nndih rindin. 



X. 355, 2 die aller besten siden, 

die ie mar gcican 

deheines hüneges Minne. 
Dass der bearbeiter bei den kampfschilderungen besonders 
avent. IY und XXXII vor sich gehabt hat, beweisen mehrere der fol- 
genden parallelen, vgl. auch oben zu G. 456 fg. 



X. 1867, 1 T77 2 Inte riefdö Bancwart 
clax gesinde allex au: 
3 nu teert iueh eilenden. 



<r. 496, 1 Hetelen hörtt man rüefen 

Vasti an S17U mim: 

nu wert iueh, sneüi dt g> <nc. 



1) C munde. 2) Vil fehlt in A. 



16S 



E. KETTNER 



X. 194, 3 sö 1 seht ir keime houwen 

/■<>,/ guoter kelede haut. 
X. 1492, 1 Bö ruofte er (Hagen) mit 

der krefte, 
dm al der wäg erddz, 
ivan des heldes sterke 
was 2 michel unde gröx. 
221, 1 i '. fn ten die vil küenen 
wol nach eren getan. 
vgl. 220, 3. 
Cl s 77.1 DerheUingröxem x,ome z 
tue dem hüse spranc. 
207, 1 Dö wart ein 1 micheldrin- 

gen 
und grözer swerte klane. 
L85,2<fö stoup m dem helme, 
m von brenden arm 
die viwerröten vanken. 

E inzelparallelen: 

N. 519,4 si het in manigen 5 ziten 
i lieber meiere niht ver- 
nomen. 
67,2^0 wil ich immer sin } 
swie ir mir gebietet. 



I r. 498, 2 da wurden sper geschoxxen 
von guoter beide Jicutt. 
501,1 Hagcnc ruofte tute, 

dm im der icdc crdö\, 
an die sine trute, 
sin sterke diu /ras gru\. 
502, 4 er het ex tobet/ehe 

mit Strien eilen da getan. 

503, 1 Heigene in grozem xorne 
spranc ii \ in die vluot. 

504, 1 Du wart auch von eleu 

swerteu 
ein eil michel kleine. 

514, 3 del seich manic degen 

eleu viur ü% hebnen stieben. 



G. 526 4 dö horten die vrouwen 

in maniger zite in nie so 
liebez macre. 
531, 2 swie du mir gebiiäest, 
so teil ich immer sin. 
vgl. 1287, 4. 1311,2. 
546, 2 daz mein die Hute d rinne 
vil vroeliche vani. 



1038,4 wie lütxel man der mäge 
dar inne vroeliche reint. 
(340. 4 dir Mute drinne 6 

wol X. 1038 wie G. 546 handelt es sich um eine heinikehr.) 

N. 730,1 Mit wie getanen vröuden 1 G. 549, 1 Mit wie getaner erc 

Von gastgeschenken : 
X. 707.2 dm t \ niht mohten tragen 

ir moere heim ze lande. von sinem hüse mere. 

Trotz der formelhaftigkeit von G. 531, 2. 549, 1. 551, 2 seheint doch 
nachahmung bei ihnen vorzuliegen wegen der nachbarschaft von N. 519 
und 567 einerseits sowie von N. 730 und 707 anderseits. 



G. 551, 3 elaz sis niht mohten vileren 



1) C da 2) A von des heldes sterke, diu was. 

3) AB Also der strttemüede >' . 4) ein fehlt in A. 

6) A anders. C eren 



5) C langen. 



EIXFLUSS DES NIB. -LIEDES AUF DIE GUDRUN 169 

G. 559. Hagen küsst Hilden beim abschied; er und sin gesindt 
gesähen nimmer mer da* lant w Hegelingen. Dieses moment des 
abschieds, verbunden mit gleicher reilexion, begegnet auch N. 493. Die 
scheidende Brunhild küsst ihre nächsten freunde, vuo w vater lande 
kom diu frouiuc nimmer ///>'. Ebenso wird beim abschied Rüdegers das 
küssen wie das nimmerwidersehen hervorgehoben N. 1648, 1. 1650, 2; 
vgl. auch 723, 4. 

G. 560, 3 heisst es von der verheirateten tochtcr: er künde u 
nieman sine töhter box bewenden y ganz ähnlich sagt N. 2098, 2 Rüdc- 
ger von seiner tochter sine künde in dirre werlde niht box verwen- 
det sin. 

Auf er muote Hilden tohter 580, 4 kann der bearbeiter gebracht 
sein durch N. 3, 2D ir muotten Icüene rechen\ zumal da er sich im 
folgenden wider mit den anfangsteilen des Nib. beschäftigt. 

G. 587 — 596 handelt von dem entschluss Hartmuts um Gu- 
drun zu werben. Der bearbeiter hat hierbei als vorbild gehabt 
N. 45 — 67, wo Sigfrid in der gleichen läge wie Hartmut sich befin- 
det. Eine Zerlegung dieser beiden erzählungen in ihre hauptmomente 
zeigt die Übereinstimmung beider. Gudrun: 1) Man hört in dem lande 
(Ormanie), dass niemand schöner sei als Gudrun. Hartmut entschliesst 
sich, besonders auf zureden seiner mutter, Gudrun zu heiraten 587. 

588. 2) Der vater, dem dies mitgeteilt wird, macht einwendungen 

589. 590. 3) Hartmut weist diese zurück, will, dass boten gesendet 
werden. Gerlind unterstüzt dieses, will den boten geld und kleider 
geben 591. 592. 4) Ludwig weist auf den Übermut des volkes hin, 
befürchtet, dass sie für zu gering angesehen werden 593. 5) Hartmut 
will ein ganzes heer hinführen, wenn es nötig ist; er will nicht ruhen, 
bis er Gudrun gewint 594. 6) Nun will Ludwig die Sendung der 
boten in geziemender weise besorgen. Hartmut wählt 60 seiner man- 
nen aus 595. 596. — Nibelungenlied: 1) Sigfrid hört von Kriemhilds 
Schönheit sagen, er entschliesst sich, da seine mage und mannen ihm 
zum heiraten zureden, Kriemhild zu nehmen 45 — 50. 2) Seine eitern 
hören dies, beide suchen ihn davon abzubringen 51. 52. 3) Sigfrid 
besteht darauf: er will auf jede minne verzichten, wenn er nicht Kriem- 
hild gewint 53. 4) Sigmund ist bereit, ihm, wenn er durchaus wolle, 
in jeder weise zu helfen. Aber er warnt vor dem Übermut der man- 
nen Günthers 54. 55. 5) Sigfrid will im Weigerungsfälle leute und 
land mit gewalt ihnen entreissen. Als ihn hierauf Sigmund warnt 

1) X. 3 fehlt BC. 



170 



E. KETTNER 



und ihm ein beer anbietet, erklärt er, dass er nur selbzwölfter ziehen 

werde 56 — 60, 3. Man stattet seine beiden aus. Auch Siglind ist 
mit ihren trauen dabei behilflich (vgl. G. 592) 61 —67. — Dazu kom- 
men noch ähnlichkeiten im ausdruck: 



G. 587. 1 D6 gevriesch man diu 

maere. 
594,4 ich erwinde nimmer. 
595,1 Ich hilfe ex gerne vüegen. 



N. 52,1 Ex gefriesch oueh SigUnt. 

54, 1 Und wil du nikt erwinden. 
3 und wil dir\ helfen enden 1 

Gr. >;, l — 3 in Ormanie lant, dm nieman schoener waere, danne 

was erkant diu Ileteleu tohter ist wol entstanden durch eine erinnerung 
an X. 172, 1 — 3 in Burgonden laut, ich wil selbe tiwerr wesen 9 , 
danne ienien habe behaut deheine küneginne. Ebenso, wenn es von 
den boten heisst G. 599, 4 a diu ros wurden traege Avie N. 682, 4 diu 
ros den boten wären 3 miiede von den Jangen wegen. 

Bei der behandlung der braut Werbung wird wider die darstel- 
lung von Rüdegers sendung herangezogen (vgl. zu G. 289. 334 fg.): 



X. 1101.4*// vuoren in der mäxe 4 *, 
1116, 3 üa\ si eil rtche wären, 
dax wart da icol behaut 



G. 603, 2 si vuoren in der mäxe, 
da: iegeltcher sprach, 
dax, si tvacren rtche. 



Man berichtet dem könige von den boten und besorgt ihnen sogleich 
herbeige Gh 603, 4 — 604, 2. N. 1115, 3. 4. 1116, 4. 

Wie N. 292 die beiden sich liebenden Sigfrid und Kriemhild 
n ougenbUcken einander eil tougenlich 5 ansehen, so wirft Hart- 
mut bei seinem ersten Zusammensein mit Gudrun dieser verstohlene 
blicke zu. Im ausdruck passen noch besser zu einander 

N.348, 1 Friuntliche bliche 

und giietlichex sehen, 



G. 624, 2 tougen ougenbUcke 

was da vil geschehen. 



des mohte da 6 in beiden 

harte ril geschehen. 

Einzelparallelen: 
Gr. 636, 1 Bchliesst die frage mit (nijwan aUex guot wie N. 2108, 3. 



N. 471.1 er sprach: wol üf, irhelde, 
ir suli .' Sifridt gän. 
472. 1 Si sprungen von den betten 
uni wären vil bereit. 



G. 639, 3 a wol üf in der selde 

4 a und wäfent iueh, irhelde/ 
640, 1 Si Sprüngen von den betten 
and Ingen dö niht mer. 



1) C f Hegen. 2) A wesen tiicerre 

3) A ros und liuk wären 4j C ohne parallele. 

')) A tougen 6) A von 



EINFLUSS HKS NIB.- LIEDES AUF DIE GUDRUN 171 

Die erwähnung der anter den schwertschlägen sprühenden tunken 
G-. 644, 1, womit sich etwa N. 1999, 1. 2 am besten vergleichen Hesse, 
ist als ein zu algemeiner zug in den epischen Bchlachtschilderungen 

hier ohne bedentung. 

Bei der darstellung der zwischen Herwig und Gudrun ent- 
stehenden liebesneigung lag dem bearbeitei Nil). avent"V vor, die 
mit ihrem ausgeprägt höfischen charakter ihm besonders zusagen 
mnste; ausserdem aber hat er zur darstellung der Verlobung einen 
blick in avent XXYI1 geworfen, wo das verlöbnis des jungen Giselher 
mit Rüdigers tochter berichtet wird. Schon wenn 654, 2 Gudrun 
gezweiet mit ir muote genant wird, d. h. ..in ihrem Binne zwischen 
den eitern und dem geliebten schwankend" 1 , bo hat der bearbeiter 
offenbar im sinne gehabt die werte aus X. C 1621, 3 in gexweietetn 
muote*, welche die Stimmung der halb neidisch halb freudig der 
Verlobung Giselhers beiwohnenden Jünglinge bezeichnen. VgL auch 
G. 1308, 2 gcxiceict was ir nmot. Der auf den nicht ganz gleichste- 
henden bräutigam sich beziehende ausdruck dir. ich in versmähe durch 
min lihtez künne 656, 3 (der versmähet da\ 657, 1. daz <\ mir niht 
versmähet 657, 3) ist jedenfals veranlasst durch Rüdegers worte Som 
lat in niht versmähen min eilendes solt C1620, l 3 . 

Nun zu den parallelen ans Nib. avent. Y. <e 658, .'5 mit liep- 
liehcn blicken er sach ir nuder d'ougen erinnert an N. 21)2. 3 mit 
lieben ougen blicken einander sahen an; zu G. 658, 4 si trüege in vrm 
herzen vgl. N. 280, 3 der si da truog in herzen. — Der bräutigam ist 
in beiden fällen bildschön; bescheidener gedacht in Nib., grossartiger 
in Gudr. 



N. 285, 1 Do stuont so minnecltche 
daz Sigmundes kint, 
sam er entworfen waere 

an ein per mint 

von guoten mei-sters* listen. 



G. 660, 2 vor der juncvrouwt n 
stuont der hell guot, 
sam er ü i meisti rs hende 
wol entworfen waere 

an einer tri-.cu wende. 
(vgl. 1601.) 

1) So richtig erklärt von Bartsch, der in ir mimt, liest und auch die ai 
führte stelle aus Nib. C citiert. gexweiet mit ir muoter d. h. sie und ihre in 
zusammen, wie nach dem Vorschlag von C. Hofinann Martin und Srjmone Lesen wol- 
len, würde doch sehr schlecht passen zu dem gleich folgenden Küdrün enphieng 
in mit anderen rrouircn. Hilde macht sich in dieser scene gar nicht bemerklich, 
und 655, 4, wo sie erwähnt wird, hat zusammen mit v. 2 und 3 nur vorausdeuten- 
den sinn. 2) AB in proeltehem muote. 

3) Ganz abweichend von AB: So sol ich in. mit trittwen immer wesen holt. 

4) C guoter meider. 



172 



E. KETTXER 



Aus anderen teilen des Nibelungenliedes stammen die beiden fei- 
nden parallelen, vielleicht reminiscenzen: 



G. 661,1 Geruochet ir mich min- 

nen . . . 



N. 1175, 1 Und geruochet 1 ir te man- 
nen 
n edelen herren mtn ... 

S i leitet Rüdeger, so Herwig die verheissung der ehre und macht ein, 
die durch die Vermählung dort Kriemhild, liier Gudrun zu teil werden soll. 



N. 567,2 b < ;d iril ich immer stn, 
swie ir mir gebietet. 



GL 661, 2 so wil ich immer sin. 

swie ir mir gebietet, (vgl. 
531.) 

Diese ergebenheitsversicherung Herwigs lässt sich vergleichen mit der 
Sigfrids N. 303. — Bei der erzahlung der eigentlichen Verlobung 
zeigt sich wieder der einfluss von avent. XXVII: 



X. 1622. 1 Du man begnnde vrägen 

die minnecltchen meit, 
ob si den recken icoldc. 



G. 664, 1 Vrägen si begunde 
2 Hetele dö xe stunde, 
ob si xe einem man 
/rotte Herwigen. 



Die erzahlung von dem kriege zwischen Sigfrid von Moiiand 
und Herwig enthält ausdrücke, die, einzeln genommen, algemein und 
bedeutungslos wären, in ihrer gesamtheit aber eine berücksichtigung 
von Nib. avent. IV (Sachsenkrieg) beweisen: 



N. 169, 1 Dö besant ouch sich von 

Sahsen 
der küene Lindger. 
4 dö 1" U auch sich hieheime 
der kiinec Günther besant 
170.1 mit den sinen mägen. 
143. 1 Ir habet irxorn 2 verdienet. 
146. 4 disiu starken maere 

sol ich minen vriunden 

Idagen, 
175,3 mit raube und ouch mit 

brande 
wuosten si dm lant. 
191, 1 Den von Tenemarke 
uns vil grimrru leit. 
210. 2*' des lag ir vil da tot. 



G. 688, 1 Do besante sich Sivrit, 

der kiinec von Mörlant. 
670, 1 Mit ahtxic tüsent helden 
hete er sich besant. 

671,3?ffm er nie verdiente 

der riehen künege hax. 
672, 1 Er klagete ex sinen vriun- 
den. 
2 dax man im brennen wolte 

und tvüesten sin lant. 
675, 1 Dem recken vx Selant 

was sin schade leit. 
676, 1 des lac da maneger tot. 



1) C ruochet 



2) C ha, 



KIM Li BS I>ES NIB.-LlKl>i:K A.U1 DIE GUDRUN 



173 



N. 162,1 Und lad die boten rtten 
heim in ir herren laut. 

202,4 sus würben nach den eren. 

161, 3 onch sol da mit rtten 
Volker der küene man: 
der sol den vanen füeren. 



G. 677. 1 Die boten hiex er rtten 
in dm Hetelen lant. 

<>79, 4 s/ werbent vaste umb ere. 

681). 2 troU der degen 
sol cd ihr. gesindi 
)t<i<li dem vanen wisen. 



Einzelparallelen: 

Gk 705, 4 gäben herberge, ein kämpf esausdruck, findet sich mich 
N. 1955, 2 gab er herberge. 



N.C 17 07, 2 diu hüneginne her 
was des vil genoete, 
dax si geraeche ir leit '. 
N. 1391, 1 Dö sprach aber War- 

belin - : 
und mühte* dax- gesche- 
hen, 
<hr. wir mine vrouwen 
konden e i gesehen 

(vgl. 669, 1. 2.) 
dax er da für niht naeme 



276, 



o 
o 



G. 737, 1 Des uns du vil genoetec 
diu nllr OerUnty 
wie si <hr. recht n möhte 
740, 1 Dö sprach der junge Hart- 

muot: 
und möhte dw. geschehen, 

du-, ich du Hilden tohter 
solh hie gesehen. 

740, 3 da rür ich niht naenu 
ein wttex vürsten rieh 



eins riehen hünegeslant 5 . 

Von Gerlind (vgl. oben z. 737) heisst es G. 742, 2: si hete in ir 6 
übte mit folgendem finalsatz, von Kriemhild N. C 2023, 6: si hei t i 
in ir übte vil gerne dar xuo bräht, dax. 

G. 750. Wol inner xwelf mileu komt das Normannenheer zu dem 
lande der Hegelingen in die nähe der bürg Hildes (es legt in einer 
zwölf meilen grossen entfernung von der bürg an?), so dass sie pt'al- 
zen und türme derselben sehen. Hier scheint dem bearbeitet die 
ankunft der Burgunden vor JBrunhilds bürg vorgeschwebt zu haben 
N. 371. 372. 388, deren darstellung auch begint C 371, 1 Iure tagen 
% welven 7 . 

In der beschreibung der aufnähme, welche die fremden . n- 
ten finden, sucht der bearbeiter nach dem muster zweier stellen des 

Nibelungenliedes die höfische etikette hervorzukehren : 



1) AB dax si in taete leit. 2) C Do sprach der böte Wärbel 

3) C künde statt und mühte 4) A $ landen 

5) C naeme niht eines hüniges lant. 6) in ir Vollmer, hs. mit. 

7) AB An dem i weiften morgen. 



174 



E. KETTNEB 



N. 151, 2 swu vient man in waere, 

vil s<<hte ir pflegen bat 
Günther der riche. 
1131, 1 Do stuni er von dem S( dt le 
mit allen sinen man* 

165,1 Ihn hotin riche gäbi 
man dö für truoe. 



G. 7 1)7. 1 State erböigen si in waert n, 
schenken man in hü i 
den boten vor den maeren. 

768. 1 Vit gexogenliche 

von dem sedele sttiont 
aüex dax gesinde. 

772.2 rron Hilde hiex si ivern, 
State vremede si ir wären. 



ir gäbe riche. 

Zu G. 772, 4 der si doch niht nämen vgl. N. 1429, wo Wärbelin die 
be Günthers stolz zurückweist. 
Einzelparallelen: 
X. 406, 4 \nht des jungen beides 
diu l tet Albrtche we. 
1403,4 die 2 Sifrides wunden 
toten Kriemhilde we. 
2159, l h ex ist uns übel körnen. 



1039, lTT7ß si nu gefüeren } 

des enkan ich niht gesogen. 

494, 1 1)6 hört mau üf der verte 

maniger hande spil. 
1372, lühs kommt niwe meiere. 

1379.1 Der künec gexogenliche 

grüexen si hegan: 
sit wiUekomen beide. 

1381.2 wie gehabet sieh Etxel? 



G. 800, 4 gewalt der Ludewiges 
tele Kudrüueu we. 



807, 2* ex ist mir honten iibele 

(s. z. 816.) 

809. 1 Wie si nu ge fiteren, 
wer mühte iu dax gesogen? 

813.2 ouch mohte man dohoeren 
maneger hande spil. 

814, 3 uns kument niuwiu meiere. 
815, 1 Der künec gierig in enge- 

gene, 
2 gexogenliche er sprach: 

sit wiUekomen, ir herren. 
4 wie gehabet sich min vrou 

Hilde? 



Hier, bei einem botenernpfang, also einem konventionellen Vorgang-, 
zeigt sich wider ein etwas längeres verweilen an einer stelle des Nibe- 
lungenliede-. 



N. 21 ."39. 2 ' so grö i en sehn den . . ., 
den nimmer überwin- 

dent 3 
ir Hut und ouch ir lant. 



G. 816, 4 schaden also gröxen 

ich waene diu laut niht 
überwinde. 



1) diu fehlt A. 2) die fehlt A. Die str. fehlt C. 

a den wir nimmer überwinden 



EINFLUSS DES NIB.- LIEDES AUF DIE GUDRUN 



175 



Über eine standesgemässe ehe: G. 819, 1 Küdrun waere hin te 
im nach eren nihi gewant, X. 2098, 2. 3 sine künde nihi box ver- 
wendet sin üf zieht und auch üf > > 



N. 1138, 3 tca\ iu min lieber hörn 
her enboien hat, 
sit int sin (Um- nach 

Heichen 
sörehte 1 kumberlfchenstät. 

910. 2 ich weix hie eil nähen 

367.3 die rehten wax lersträxen, 
die sint mir wol bekant 

328, 2 h swie ex mir ergi. 



Qt. 822 wax /ms min vrou Hilde 
her ( nboten hat, 
dax ex te HegeUngi n 

ad rehü unvroelichen stät. 
836,3 ich weix Me bt vil nähen 

(vgl. 838, ::.) 
ir rehte wax lersirä u . 

V;il. 'S'snii \ uns ihr nach '/</'■ 



G. 844, 1 Hetele der enruochte (843, 2 er ahti < . nihi ein bröf), 

oh si immer usw. scheint hervorgerufen zu sein durch N. 1902, 1 
Ilagene aide ringe, gevidelte er nimmer im'. Denn hier, wo der bear- 
beiter zu dem kämpf auf dem Wülpensande komt, wendel er sich 

den den kämpf der Nibelungen enthaltenden teilen des Nibelungen- 
liedes zu; diese lieferten ihm von 1858 ein reiches material von moti- 
ven, Wendungen, ausdrücken und sätzen. Zwischen diesen entlehnun- 
gen finden sich noch einige wenige anderweitige. 



N. 1867, 1 Vil 2 Inte rief du Dancwart 
dax gesinde atle\ an. 
2011, 3* £ si die für gewunnen 

1980,1 and lief Gernöten an s 

1975, 1 Do sehn: ten si die gere, 
3 dax die gerstangen 
r/7 4 höhe draeten dan. 

2214, 1 Er slnoc den videlaere 
üf den heim gnot, 
dax des swertes ecke 
itnx üf die spange wuot. 

1978, 3 b er was ein übel man. 

1907, 1 Der junge sunvrounUotcu 
\uo dem strite spranc: 
sin trafen herlichen 
durch die helme erklanc. 



G. 858, 1 Lüte ruofte dö Ludewic 
an alle situ man. 
862, 2 & e sie dax lani gewunnen. 
863,1 der lief Waten an. 

2 mit einem sper. . sehn \ er.., 

3 dax diu stücke höhe 
Sprüngen in die windt . 

864,1 Wate hudewigen 

durch den heim slnoc, 
dax des swertes ecke 
üf dax houbet truoc. 

865, 2 h e\ was 'in übel gast. 

866,1 Hartmuot und IroÜ 
uo i inander spranc. 
ir ietwederes wäfen 
üf dem helme erklanc. 



1) C sin dinc so 2) Vil fehlt A. 

3) C Gernöten lief er an 

4) vil fehlt A. 



176 



K. KETTNEB 



N. 1917. 2 '"ihr maere heÜ guot. 1 
1992, l h vü maere heÜ guot. 



GL 867, l b ein maerer hilf guot. 

875, 3V/y/ maerer hell ril guot. 



G. 870 wird von den im kampfgewühl im meere ertrinkenden 
gesagt: 

2 ea Mwd raie feeß o& maneger gedrücket an den grünt. 
ein lant si mähten erben, die dar wunden stürben. 

N. C 2159, 5 fg. heisst es von den in dem kampfgewühl inner- 
halb des saales niedergeworfenen und im blute ertrinkenden: 

6 ril maneger äne wunden dar niäer wart geslagen, 
der wol genesen waere. ob im wart solch gedranc, 

gesuni er anders freiere, der in dem bluote doch ertranc. 
Dass dieser törichte einfall des redaktors C die Veranlassung zu jenem 
ganz natürlichen zuge in der Gudrun gewesen ist, erscheint kaum 
glaublich. Dennoch — mag nun in der vorläge des bearbeiters schon 
etwas derartiges gestanden haben oder nicht — darf man die strophe in 
C nicht aus der Gudrun ableiten. Die fassung in dieser ist jedenfals 
durch C beeinflusst: und man hat um so weniger grund an die priori tat 
der Gudrun hier zu denken, als das vil maneger in starken Übertreibun- 
gen widergegeben ist und der ausdruck auch an Unklarheit leidet (v. 4). 

G. 875, l h wie mähte der küener sin? 

4 wie kundens ivesen küener 

der alte Wate und ouch 

(von Tenen) Fruote? 

877,1 Der herte strit der werte 

des selben tages lanc. 
879, 1 Diz werte in gröxensorgen, 
vir. in% diu naht benenn. 
880, 1 die truogen hoch enhant 
2 ir vil scharphiu tväfen. 
ir ietweder vant 
mit kreften an dem an- 
dern 5 
rehte wer er waere. 

885, 3 der tac weis verendet, 
nahten e% begunde. 



X. 1883, 4 b iciemoht erküenergesin ? 
2223, 4 Hildebrant der küene 

wie künde er grimmer 
gewesen? 2 
2022, 1 Der herte strit der 3 werte, 
unx inx diu nahtbenam. 



2234, 2 höher an der haut 

3 huob er ein starke:, wäfen. 
185,4 ir ietweder den sinen 
an dem anderen vant*. 



1548,4 si versuohten, wer si wä- 
ren G . 
1756, 1 Der tac der ~ hete nu ende 
und nahet in diu naht. 



1) C der küene degen guot 

2) C torn der Hildebrandes künde gri/m/mer nihi gewesen. 

3) der fehlt A: C do. 4) C ohne parallelismus. 

- Vollmer, hs. an einander. 6) C ohne parall. 7) der fehlt A. 



F.IN'FLVSS DES N'IB. - LIKDKS AUF DIK GUDRUN 



177 



G 886, 1 Wim r von T( nemarh 
te Höranden spranc, 
sin swert im hartt lüte 
an der kende erhlanc. 



903, 2 Fruote bi dem lufti 

kiesen do began. 
914,1 Vil unmüexic si wären 
im i an den sehsten tac, 
91 5, 2 b nindert anderswo. 
3 h in deheim m lande. 



N. 1903, lVotl-rr der ril sneUe 

von <hn/ fische spranc } 

sin videlboge im lüte 

an siner hende erhlanc. 
1913, 3 ein herti", swert im ofti 

an siner hende erhlanc. 
1787, 3 ich hiusex von dem lüfte. 

1210, 1 Si wären vil unmüexec 

wol fünftehalben tac. 

322, 2 in den landen 

ninder anderswä. 

In der erzahlung von der bestattung der Eegelingen und von 

der Stiftung des klosters merkt man an einigen ausdrücken, dasa 

der bearbeiter die darstellung von dem begräbnisse Sigfrids in avent 

XVII durchgesehen hat. Zu G. 915, 1 Lesen muh singen man horU 

so vil da vgl. N. 1005, 3 man sanc undt h/s; zu Gr. 915, 3 gott so 

schone diente vgl. N. C 996, 1 Do man <hi gote gedientt oder X. 1004, 1 

Du gote da wart gedienet; zu G. 915, 4 vil ehr phajfen vgl. N. 1005, I 

heg iea\ guoter pfaffen usw.; zu G. 917, 3 durch tri Ihn der sih. vgl. 

N. 993, 3 durch willen siner sele, beidemal in Zusammenhang mit den 

reichen spenden. 

Die klagende Hilde hatte ihr vorbild in der klagenden 
Kriemhild: daher übte avent. XVII noch weiter ihren einfluss aus. 
Gr. 926, 1 Owe miner leide, womit Hilde die klage anhebt, ist zwar 
an sich ganz formelhaft, doch wird ebenso die klage Kriemhilds N. 953,2 
(am genauesten C) eingeleitet. Vgl. auch N. 1685, 1. Ritter und Jung- 
frauen werden G. 927 von leid ergriffen, als die königin klagt; eben 
klagt N. 954 alles gesinde mit der herrin. Dem ausruf Hildes: In i 
solte ich dax geleben G. 929, 1 entspricht der Kriemhilds: Hey* soldt 
ich den bekennen N. 965, 1. Hilde nent sich gotes armiu 929, 1 wie 
Kriemhild 1020, 4 (XVIII) 2 bezeichnet wird. Dö sprach diu jämer- 
hafte G. 932, 1 = N. 955, 1. 

In dieser darstellung weisen 3 stellen auf entferntere teile des \'il>. 
N. 2017,2 meide unde vrouwen G. 927, 1 Ritter 

die 3 quelten da [ den lip. 
2024,3 dan lange da te quelne 



üf ungefüegiu leit. 

1) Hey fehlt A. 2) C diu Jcüniginhe. 



quelten dö den /</> 
von ungefüegem leide. 



4) C ouch 

ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. 



BD. XXIII. 



3) die fehlt A. 
12 



178 



E. KETTXER 



N. 1703, 2 alles des er gerie 

des waer ich im bereit 



Cr. 929,2 al/e\ dm ich htte 

wolte ich dar umbe geben. 



G. 930, 2 wir suln uns besenden 
in disen iwelf tagen. 



Di. 's«> wortr kri.mhilds und Hildes beziehen sich auf den der- 
einstigen racher. 

N. 1 öd, 3 wir mugen uns niht besen- 
den 
in so kurzen tagen. 
Wahrend von diesen drei stellen G. 927 und 930 durch blosse erinne- 
rung entstanden sein mögen, scheint N. 1703 angesucht zu sein, wie 
man auch nach massgahe der folgenden parallele annehmen kann. Auch 
hier ist es der rächer (Blödel, Herwig), der der königin antwortet: 

( i. 936, 2 c\ nuio: < rarnenHarhnnot, 
da v er mir ie min wtp . . . 
4 ich rite im noch so nahen 
usw. usw. 

also auch ein ziemlich gleichartiger abschluss der Versicherung. 
Vielleicht remini szenzen sind: 



X. L846, 3 - \ in uir. eramen ' Hagne } 
da\ - t r in hat getan. 
1/ antwurt in gebunden 



X. 14-10. 1 Nu laxen dm beliben, 
wie si gebären hie. 

18,4 den (lip) WÜich Verliesen, 

sine werde min wtp. 



Gr. 951, 1 Nu Id'.en wir bell heu, 
wie ez umbe si gestä 
(vgl. 67. 1071). 
959, 4 den lip iril ich Verliesen, 
e ich in ie vriunde welk 
gewinnen. 

Im begriff die seefahr t der Normannen zu erzählen denkt der 
bearbeiter an die fahrt der Burgunden über die Donau. Dass er 
diese erzählung aufsucht, verrät sich schon Gr. 953, 1 Mit vil grdzen 
sorgen kömens über vluot, vgl. N. 1467, 2 da%> ergie den Nibelungen 
■ ii sorgen, wie si koemen übere, 1511, l b koemen über fluot. 
Besonders auffallend ist folgende entlehnung. N. 1517, 3 sagt Gernot 
zu Hagen, der den Kaplan ins wasser geworfen hat: 

taet&x ander iemen, <\ solt in wesen leit. 
Gr. 964, 3 sagt Hartmut zu Ludwig, der das gleiche Ghidrun angetan hat: 

taete <■: ander iemen, so zürnte ich also sere. 
Diev.. parallele zeigt, wie der bearbeiter in dem bestreben den ton 
des Nibelungenliedes zu treffen, solche züge und werte, die deut- 
lieh das kenzeichen ihrer herkunft tragen, nicht nur nicht vermie- 
den, sondern zuweilen 3ogar gesucht hat. Vgl. GK 334, 1. 



1 1 < ' arm n 2) C swa i 

r>i C oder ich wil darunibt mtnen li]> nrloren hau 



EINFLUSS DF.S XIB. -LIEDES AUF DIE &UDB 17!» 

G. 966 fgg. Hartmut hat Gudrun gewonnen und einen gefahr- 
lichen kämpf dabei bestanden. Er entsendet boten an Gerlind, um das 
gelingen der kühnen tat voraus zu verkünden. Dieselbe läge der dinge 
haben wir N. 49b (rückkehr Günthers mit Brunhild). Daher schlag! 
der bearbeiter diesen teil de- Nibelungenliedes, den er sehen mehrfach 
benuzt hat, wider auf, um mit dessen hüte (von 518 an) eine ausführ- 
lichere beschreibung von der ausrichtung der botschaff und dem 
sich daran schliessenden empfang zu geben. Doch hat er dabei auch 
die von Rüdegers und der spielleute Sendung handelnden abschnitte 
berücksichtigt, wie folgende parallelen zeigen: 
N. 1350,2 ich enbiute mtnen vriun- <'. 966,2 do enbötfman] vroun Ger- 



den - 
liih und alle: guot. 
1133,1 Dö sprach der höh bi- 
derbe 1 : 



li inh 

li< l> irnde i///o/. 
968, 1 Do sprach ihr hole bidt rbe 



Zerlegen wir nun zunächst G. 966 — !»70 in die einzelnen momente. 
1) Der böte hat Gerlinde das nahen der kommenden gemeldet: dö ihr. 
gehörte Gerlint y ja waene ich ir lieber nie geschaehi 967. 2) Der böte 
berichtet die aufforderung, class sie von der bürg herabkommen soll 
um die Jungfrauen zu empfangen: ir und iuwer tokter sult riten tuo 
dem siade beide (mägde, trauen und ritter soll sie mit sieh führen, 
auch das gesinde freundlich empfangen) 968. 969. 3) Ihr. tuan ich 
willeclicken, sprach vrou Gerlint usw. 970. — Hierzu vgl. N. 519- 
520. 1) Sigfrid hat als böte Ute und Eriemhild das nahen der kom- 
menden gemeldet: si hete in manegen -.ihn so lieber maere nikt ver- 
nomen 519. (Str. 520 — 523 erzählen von dem liebenswürdigen beneh- 
men der beiden frauen gegen Sigfrid). 2) Sigfrid berichtet die auffor- 
derung, die gaste gut zu empfangen: am ir gen im rttet für Wornn \ 
üf den sauf 524. S) Dö sprach diu minnecltche: des hin ich vil bereit 
usw. 525. 

Man vergleiche ferner mit einander: G. 971- -975. 1) Man 
heisst die rosse und satelkleit beschaffen 971, die besten gewänder 
aus den kisten für Hartmuts beiden 972. 2) An dem dritten morgen 
reiten Gerlind und Ortrun mit ihrem gesinde, weil, und mau, aus der 
bürg 973. 3) Die gaste sind in dem hafen augekommen, alles wird 
aus den schiffen geladen 974. 

974, 1 — 2 Do wären ouch die geste komen in dir hxibe. 

alle, dir, si brähterij dir. wart gevüeret abe. 

975, 1 Hartmuot der sneUe si (Gudrun) vuvrte bi dir haut. 

1) C here, doch s. G. 1176. 1. 

12* 



ISO 



E. KETTXER 



N. 529 — 543. 1) Ausführliche beschreibung der ausstattung der 
pferde, trauen und reiter 529, 5 — 537. Fast wörtlich stimmen über- 
ein (vgL auch X. 1593, 2. 3. 275, 1): 
N. 529« 7 diu suochen ü% den lasten GK 972, 1 T)d snohtens 1 d: den Listen 



die aller besten wät, 

di si da inne tristen. 



diu aller besten kleit, 
I ' 8 diu si mügen rinden. 
2) Ute reitet mit ritten] und mägden von der bürg zum ufer 540. 
(541. 542. buhurt). 3) Die Jungfrauen (Utes) stehen am hafen, die 
kommenden verlassen die schiffe 543. 

543, 1 — 3 Die vil minnecUchen die st winden an der habe. 

Günther mit sinen gesten gie von den schiffet/ abe. 
> r fuorte Prünhilde selbe an siner hant. 

Die königin oder köiiigstochter wird beim empfang auch von 
zwei fürsten geführt, wie hier 977 Ortrun um Gudrun zu begrüssen 
[vgl oben zu 4SI). Ebenso geht X. 1290, 1. 2 Kriemhild, geleitet von 
zwei fürsten, Etzel entgegen. Vgl. auch G. 537, 1. 2. Im ausdruck 
sehliosst sieh G. 977 enger an eine der str. 1290 benachbarte stelle 
des Nibelungenliedes an: 
X. 1259. 1 Diu Rüedegeres tohter 

mit ir gesinde gie, 

da si die küneginm 

ril min n< dielie enphie. 



G. 977, 1 Diu Hartmuotes swester 
bi zwein vürsten gie, 
da si die Hilden tohter 
vlizecliche enphie. 



Es folgt nun wider ein längeres stück der Gudrun, in welchem 
unter sich zusammenhängende Nibelungen -parallelen selten, weit über- 
wiegend einzelparallelen vorkommen. 

X. 1660, 1 Döstuonden von den ras- G. 984, 1 VrÖ sis da Iteime runden, 



sen, 
da; was michel reht, 
neben Dietriche 
manic ritter unde hneht. 

(vgl. 76, 1.2. 646,1.2.) 

1046,1 SUS SOX si nach ir leide, 

da: ist alwär } 

nach ir man ms tnd< 
WÖl riffdt halbe: - jdr. 

auch G. 1070. X. 137, 1. 2. 



daz was michel reht, 
den si erzeigen landen, 
ritter oder hneht. 

1011, lwerc diu vil smaehen, 

da; ist alten r, 

der phlägen die vrouwen 

eii rd (halbe; jdr. 

1082, 1. 2. 



1) So schon v. d. Hagen, unzweifelhaft richtig statt hs. schütten*, 
in da vi* rdt 






EINFLUSS DES Ml;. -1.11 IM- All DIE GUDRUN 



181 



N.2029, 12)0 sprach von Burgondeti Gk L029, 1 Dö sprach von Ormanie 
Giselher <l<r, leint Hartmuot du: leint. 

G. 1033, 3" ob ich ein ritter waere; dieselbe hypothetische erklär 
rung eines weibes N. 135G, 1", ähnlich (r. 577, 2' ob si ein ritter 
waere. 
N.2256, 3 so hat ni'ni got vergeh ten. (i. 1 036, 3 sti min hat got Vi rgi ■: u n. 



1613.1 Dö sprach offenlichen 
<h r eck I spilman. 

1 22 1. 3 wir sin vil ungescheiden, 
i ; ml im danne ' der tot. 

1800. 2 hat lernen in beswaeret 
du: herze und auch den 

muot. 
3 h daz ez mir ist vil leit. 

1803,1 Swie grimme und swie 

starke 
si in darf waere. 
2311,4 swie vient' 1 ich im waere. 
2135,1 Swie grimme Hagen wae- 
re, 
2 ja erbarmet im diu gäbe. 
2090, 3 triiren linde ; ühte(eren2), 
der got an mir gebot. 

1671.3 sterkest aUer riehen. 
1746, 3 erspranc von stme sedcle, 

als er in komm sach. 
> in gruoz so rehte schoene 
von läinege nie mer gc- 
schach. 
221,3 heim zuo sime fände 
den friunden er enböt. 
1358, 1 So saget (boten) ouch 

(iisrlhrri\ 
da% er wol gedenke dran. 4 
1419, 3 si (die boten) gerten tege- 

liche 
urloubes von dein. 



L038, 1 Dö spruch offenlichen 
<hr degt ii Hartmuot. 

1 I 1. 2 uns enscheidet niemen, 
ex entuo du um' der tot. 

lo 1:9,2* mir ist leit urmiä \< n y 
3 da mit' ' r iu beswaeret 

du: herze und ouch du 
sinnt . 

swie ein/ ir mir um e> I. 



1062,1 Si erbarmet mir so s< 

swie ich selbe Ude /<>'>/, 

durch ir höhen en . 

die got au mir gebot. 
1063, 3 riebest aller hünege. 
1077,3 dö gieng er hin engegene 

da si si Linnen sähen. 

dö gruo i te ers vli \ ieMcht u. 

dö si im Hilden hotsrl/ufl 
verjähen. 

1083, 2 hin \c Tem mürbe 

/ir eriiiinb nj '• si i \ enböt. 

1084, 1 Si hie: (die boten) t \ sa- 
gen Hörandi . 
du: er gedaehte dran. 

1087, 1 Die boten urloubes 



1) danne fehlt C. 2) A vient ab ich. 

3) Ergänzt von W. Glimm, vgl. 1089, 2. 



gt rtt ii von im dan. 
\) C er denke wol dar an 



182 



KETTNER 



682,3 -.' Norwaege in der markt 
dd fundt u si dt n degen ] . 

1730,2 swax im dd von geschäht, 
'/>/; ist mir vil unmaere. 

241,1 Do sprach diu minnecli- 

cht . 
du (böte) hast mir tcol 
geseit. 
528, 1 Dö riten allenthalben 

die wege durch da\ laut. 
dt r drier künegt mäge, 
die hete man besant. 
1 7 4 H . 1 Dö der voget von Rine 
in den palas gie, 
Etxel der rieht 
da\ langer nihi et die, 
• r spranc von stme sedele. 
977, 1 iu < nkunde niemen 

der, wunder volsagen 2 . 
146, 1 Dö man diesneUen recken 
sach zen rossen gdn, 
dö kos man vil der vrou- 

wen 
trurielichen stm 



w WcUeis in die marke, 
da si mit sinen man 
Mörungen runden. 
Gr. 10D4, 4 sira: ir dd von geschaeht . 
der, was Küdrunen un- 
maere. 
1 100, 1 Dö sprach der degen Ort- 

irin : 
du (böte) hast mir war 
gest it. 

1101.1 Man seuii in aUen enden 
riten in der laut, 
nach eleu vrou Hilde 
ttrtc gesaut. 

1105, 1 Sieelhe bekomm wären 
oelcr swer %e hove gie, 
die vreudenlöse vrouwe 
seitot ei(A\ rerlie, 
si engienge in engegene. 

1115. 2 da\ iu da \ wunderniemen 
künde tcol (hs.) gesogen. 

1118,1 Dö nu gescheiten waren 
hie dir Mute dan, 
dö sete/t mau vildervrou- 

wen 
in di ii vi nstren stau. 



Auch X. -WO, 1. 1049. 1 sehen die frauen, in den fenstern stehend, 
den scheidenden nach. 

Zusammengehörige Nibelungenparallelen: 

N.494,3 Ouch kom in tue ir reist GL 1919, l h in kenn ein rehter wint. 
< rehti r wa i u rwint. 
370,1 Ir vil starken segelseil vil segele sich erstrahten. 

wurden in gesträht. 



\ ir stärkt i ort I" itt n 
U t sit dt ii hochgemuott n - 



I dar nach si muosten ar- 
beiten si re. 



wt . 



Ii da fehlt A. — ».' da fanden si mit freuden den vil hüenen liegen. 
- C Nune kundiu niemen dm wunder wol gesogen 

3; "/'. vil manige frouwen stau. 4) A sehoenen frouioen: Ver- 

schiedenheit der personen, B nnd G gleichheit der personen. 



EINFLUfc N'IB.-LIEDES Wi- !»11. GUDRUN 






X. 121. 6 inil Int ich tüsent < idi u einem vridt geswam, ehe 
dieses geschähe, müste jenes eintreten, <;. L132 ehe dieses geschähe, 
ich stauen tüsent eia\ . dass ich jenes unterlieg ;';ill> ich — ). 



Einzolparallelen. 
X. 2040, 1 Genuegi ruoften drinru : 
owe dirn not. 
wir möhti n mwhelgt rm e 
sin int stumm tot. 
L965, 1 D6 rief von Tenemarke 
der marcgräve Trine. 
N. 85,2 sin ouge er dn l wenken 
mo den gesti n I' 
388,2 <lri palas wite 

und i im n sal wol gt tan. 
7'.>. 2 in j( in in sah wtten 
383,6 Sifrit der hin i 

ein ros zöch üfdt n sant 2 . 

1257,] Die naht si heten ruow{ 

unx an den morgi n vruo. 

1667. 1 Do gingen sundi rspräclu n 

1728, 3 den 3 hett ze stnen handen 

(vgl. 1524, 2.) 
1496,.'] von roter und von muoter 
ans er der bruoder min. 

1739.2 swä so (rinnt bi friunde 
friuntlichen stät. 

1020, 4 ddsprächdiugotes nenn l ... 



I -. 1 1 38 : 1 D6 ruofU t in marnoA n : 
ach ach dirn not, 
dn\ wir . - Givi rs lägt n 
niht vor dem I» rgt tot. 
11.')!». 1 DdruofU von Tenemarhe 

<h r l,ii> m Unmut. 

( i. 1 I in. 2 wenken er do I" 

sinin ougen wtten. 
1145,3 wol siben palas richi 

und ' im n sal vil wtten. 

1 1 L8, 1 Diu ms weh man schien 
vuo in üf den sant. 

1151. 1 Die naht si heten ruowi 
nn \ an d< ii naehsti n tac. 

3 die git ruji n sundt rsprä- 

r/n II. 

1154. 2 ' in h< It " // handi n. 

3 Kndrnn ist min swester 
von vater und von muoU r. 

1157, 2 Sit da* r rinnt rrinmh 
oinji ' stliiln n du in ii sol. 

1171. I. 1 184,2 ebenso. 



Wenn es G. 1174, 4 heisst: Ortwin und Herwig vagen vil gelictu 
an einem rnoder, so ist der anklang au N. C369, '■>. 1. wo von Dank- 
wart gesagt wird der säz muh ideh an eirm starken nieder zu 
schwach, um in jenem eine nachbildung zu sehen, und eine paralli 
welche bewiese, dass der bearbeiter hier Nib. aventVl vor sich gehabt, 
ist in der nähe nicht vorhanden. Denn X. 383. 388 können wegen der 
dazwischenstehenden, ganz verschiedenen abschnitten des Nibelungen- 
liedes angehörigen stellen hier nicht herangezogen werden; G. 1166, 2 
kam gevloxxen, 4 gevliuzest üf disemt rinnt» (gevloxxen üf der vhwt 

1) A sin ougem er da 2) C an der hont. 

3) C einen. 4i C küniginne 



184 



E. KETTNER 



N. 392, 7) ist zu einfach, (i. 1171, 3 du solf mich laxen hoeren 
(N. 393, 1). G. 1175. 1 ist dir <ln\ behaut (N. 372, 3) sind zu algemein 
formelhaft, um hier etwas zu bedeuten. Gr. 1176, 1. 2 stimt besser zu 
\. 87, 1. 2 als zu N. 394, 1. 2 (s. u.). Zweitens werden in gleicher 

Situation, aber mit anderem ausdmek 1183 Wate und Frute vorgeführt. 
Drittens ist dieselbe stell»', aber in der lesart von AB sehen benuzt 
(i. 285, 3. Es müste also, «'ine nachbildung angenommen, der bear- 
beiter mit zwei Nibelungentexten zugleich gearbeitet haben — oder 
r die Übereinstimmungen mit C müsten aus der Gudrun hervorge- 
gangen sein. Der redaktor C ist auf jenen ausdruck unzweifelhaft 
selbständig verfallen: 1513. 8 braucht er auch an riemen ziehen. Zu- 
fallig entstanden ist weiter die parallele G. 1176, 1 Do sprach der höh 
here - X.C1133. 1; vgl. G. 1169. 1. 1174.1. 1177, 1 und X. 1138, 1, 
au>serdem zu G. 968, 1. 






X. 87, 1 Also sprach dö Hagene: 
ich wü des wol verjekt n. 
sune ich Sivriden 

nimer habe gesehen 1 
1204, 1 ich eil- arm in künegin. 
1020. 1 dö sprach diu gotes arme 3 .. 
C3.~ s .i'/'// schoenen junefrou- 

Wi n 

tei ir areheiten we* 
972,1 Dö 5 sprach" diu jämers 

rieltc: 
01784,1 1)6 sprach der videlaere 

den Hiunen vaste nach: 
_' war ist in so gäch? ' 
1925,3 Dietriches stimmt 

ist in min öre harnen. 
2106, 1 sienwessennihtdermaere i 

dm in so nähete der tot. 



(r. 1176, 1 Do sprach der böte here: 
des wü ich dir verjehen. 
Irolden and Mörungen, 

die hän ich gesehen. 
1178,4 mich vilarmenküniginne. 

1184,2 ebenso. 

1204, 4 rfe// eilenden meiden 

tete ir < Ut nde we (hs.) 
1208, 1 ebenso. 

1212.1 Si Sprüngen ü% der bar- 

ken 
and ruoften in hin nach: 
2 h iuar ist in so gäch? 

1213.2 doch was in diu stimme 
wol vwo den Qren kamen. 

4 er triste niltt der nm< r<\ 
dax, er so nahen stiiende 



sinem trute. 
G. 1224. 1225 bietet Ortwin der Gudrun 4 bouge an, um sie 

- neigt zu machen. Dass man einen fremden durch ein solches 

1) C als ich mich kan verstau, noch nie gesehen ha/n. 

il fohlt l 3) C diu künigmne 4) AB edelen. was von 

5) A 6) C rief 

1 AB Zehani dö rief in Volker hin engegene ... ir s/icltc» degene 



EINFLUSS DES NIB.- LIEDES All IHK GUDRUN 



L85 



geschenk sich gewinnen will, ist an sich ein algemein episches motiv, 
das bekantlich schon im Hildebrandsliede sich findet. Ebenso begeg- 
net es N. 1493. 1574 %. An der lezten stelle werden die ii bougt , 
die Hagen dem markgrafen Eckewarl anbietet, wie in Gudrun mit 
dank abgelehnt, und zwar — ein beweis der nachahmung - 
ähnlichen Worten. 



mit ganz 



N. 1575, 1 Got löne iu iuwer bonge 1 . Gr. 1225, ] Got läxt iu iuwer bougt 

//( ith ii saelic sin. 

Der bearbeiter dachte hierbei mich an eine andere stelle: 

X. 640, 3 got Ufa iu iuwer erbe immer saelic sin. 

Einzelparallelen. 



X. 372, 1 wes sint dise 2 bürge 

und ouch dm herliche 

laut'? 

C1367,4 a r/rr. ist mir ungewiß ien B 
1 -1 24, 1 Do sprach der künic Gün- 
ther: 
LH ii in • l ir ii iis gesagen l . 
1 225, 2 da wart vil michel weint n 
von vriunden getan. 

801, 2 e da%'° ich entrinde, 
ex, sol ir werden leih 

772, 2 ich urilselbetiwerr wesen 6 , 

dcuuic ieman habe behau I. 

2053,4 leb ich deheine mih . 

ich sol . . 
2312,1 Bö sprach der alte llil- 

debrant: 
ja geniuxet si es uiht. 
518, 1 Do sprach der riter hin ne- 
nn gebet mir botenbrdt. 



G.1226, 1 Wes sint disiu erbe 
und ditxe riche laut 

und OUCh dir guott n Inir- 



!l> 



8 



L229,4 a ebenso. 

1230. 1 Dö sprach dt r künic 1I< r- 

wic: 
müget ir uns gesogen. 

1265.2 d<) wart ein herter schei- 

di n 

von vriunden getan. 

127s, j r da; ich < rnind< , 

sö gemüet < \ dint n rückt 
sere. 
1279,3yd bin ich verre tiurer, 

du ii in- ir mit i/innii nn'i- 
<j< n. 

L280, 1 und leb ich deheine wile } 

ich wil . . 
L282,l Dd sprach diu tiuve- 

tinne: 
jd ;/< ii in lest du sin niht. 

1 289, 1 Der sagt te in' offt ni licht n : 
(jcbet mir dn\ botenbrdt. 



1) C gäbe. 2) A die 3) AB niht gern .< ,* 

4) A ane gesagen. C ir sult uns ivixxcn län 5) A end 

6) A ich wil ic es en tiwerre. C wesen cdclcr. 



186 



E. Kl n \i i; 



N. 1824, 2 abwehrend: < •. wixent 

m/s die linh . 
1 127, S h unt den besten win } 
L 369, 1.2) den man kundt rin- 
den 
in dein laude <d muhen 
Hin. 
1 1 27, 3" rm U dt n ril guott n. 
L291 beim küssen: 

2 ir varwe wol getan 
din lühte ir ü i dem golde. 
7 r_\ 1 ir varwegegt n demgoldt ' 

'/'// i/h/n; ril In'rlirlnn 

truoc. 
649 So wol 2 mich) sprach du 

Sigmunt, 

da-, ich gelebt I hdn, 

dm din schoene Kri< ni- 
hil f 

sol hie gekrönet gän. 

des min ten wolgt tiuwert 

i din i rix min. 

ni in sun, ihr edel Sifrit, 
sol hie selbe künec .sin. 



Gr. 1294,2 ebenso: ja wtxent iuzdie 

lialc 
L305,l b dö brähte man in irin, 
da; in Ormaiiic 

ruht be% \er mohte sin; 

mett <hu ril (jnolen ... 
1308, 1 Si husten beide ein ander 
unter rotem (johle guot, 
dar \no schein ir varwe. 



1310 Wol mich) sprach vrou 

Orfmn. 
da; ich gelebet In/n, 
da; da bi llarlmuote 

nilt hie bestän. 

des dim n (jnolen willen 
ijihe ich dir \e h)m\ 

die ich tragen solle, 

miner in noter Gerliinh 
kröne. 

Wir befinden uns liier im Vorabend des grossen entschei- 
dungskampfi kein wunder, dass der bearbeiter seine blicke auf 

<li«' abschnitte richtet, welche die eigentliche Nibelungennot enthalten. 

NT. 1992, 1 Nu hm' dir got) Trine, 

eil mm ri In II guot, 

dn hast mir wol <j< I roe- 

s/( / 



da i herxi und auch dt n 
muot. 
1 769, 1 ich sol ' i wol 1 1 rdii nen } 
mich enwendes ihr tot. 



\) C glan 

fehlt .\. C Nu wol 



<i. 1311, 1 Nu löne dir got) Orlrnn, 
sprach da; meid in. 

3 da hast beweinet dicke 



mines In ran leide. 

iji Irinlicher dicnsle 
nil ich (mich) nimimr 
Im- ron dir scheiden. 



EINFLUSS DBS NIB. -LIEDES All DIE G-UDBUS 187 

Die ähnlich wie X. L992 beginnenden dankesworte X. L769 wei- 
sen speziell auf einen abschnitt des Nibelungenliedes hin (aventXXX), 
in welchem dir nachtrnhe vor den) entscheidungstage mit einer 
anschaulichkeit geschildert ist. die wo] zu nachahmungen und entleh- 
mingen anregen konte. 



GK 1325, 3 man vant da gerihtet 
//■o/ drixic <><l<r mere 
vil süberlicher betü , 



w. 1762, 2 den funden si berihtet 
den recken über tu 
mit vil rich< n betten l . 

X. 1763 Vil manegen kolter spaeht von Arm: man da sack 
der vil liehten pfeUel* und manic bettedack 
von Arabischen siden, die beste mohten sin. 
dar t/fr lägen listen, dit gäben herlichen sein it. 

1764 Diu 3 declachen härmin vil manegiu man da sack 
und von stvarxem wbele. 
<t 1326 Dar üfe lägen golter da her von Amin- 
en maneger hande varwe, und grüene als der hl» 
von listen harte tiure diu deckelachen rieht, 
rat von (?) dem viure sei/ein <jolt m den siden stiberlicht 

1327 Au den Uehten pfeifen. 

Einige ausdrücke sind den verwanten Schilderungen in Nib. aventVl 
entnommen: vgl. zu G. 1326, 2 N. 353, 2 der guoten, grüen alsam der 

/.Yr 1 ; ferner 

N. 354, Won fremder vische Muten G. 1327, 1 von maneger visch. hui 
bezoc wol getan. 2 bexoye wären drunder. 

G.1327, 4 erinnert an X. 2106, 4 (s. zu (r. 1213, 4). Dann tritt wider 
die Übereinstimmung mit Nib. aventXXX hervor. Gudrun redet beim 
Schlafengehen in ganz ähnlichen abweisenden Worten zu ihrer 
männlichen Umgebung wie Hagen in der gleichen läge zu den Hunnen: 

X. 1760,4 ir Krimhilde hehle' , 

ir sult \e herberge gän. 



1(61.3 und lat uns eilenden 
hiut haben gemach. 



GK L328, 1 ja sult ir släfen gän y 
ir Hartmuotes helde. 
wir (et Ihn ruowi hän, 
ich und mint vrouwen, 
doch dise naht al t ine. 

Die motivierung dieser abweichung ist in Grudr. ebenso unklar, wie 
sie in Nib. klar ist. 

1) C da funden si gerihtet cd manegiu betten breit. 

2) A p feile 3) Diu fehlt A. 

4) A der grüenen so der Tele. 5) C deyene 



18S 



E. KETTNEB 



N. 612; 3 '/' /■ rieht küm >■ s< Ibe 



G.1330, 1 Do sprach diu Hilden 

lohler: 
besUi u I mir die tür. 
starker rigeh ri< n 
schöx man dar mir. 
L333,2yd gib ich ir te miete 
guote bürge wtt. 



dö bestih du tür 1 , 
eil- starker rigeU iwent 
warf < r sru ll< dt rfür. 
1 8 !•'•. 2 ja gib ich dir te mit U 
sitter unde goÜ {bürgen 

1844,1) 
Gr. L336. 1337 weist der zurückkehrende Ortwin die neugie- 
rigen ab, die vor der algemeinen bekantmachung des erfolges seiner 
adung von ihm etwas erfahren wollen, genau so wie dies X. 711 
iv tut: vgl. auch G. 1336, 1 Die boten si wol enphiengen und 
\. 710. 3 ' /• wart eil wol enphangen. Aueli die Übereinstimmung 
Gr. L354, 2 vor Ludewiges sal und X. 716, -1 für den Quntheres sal 
ist in diesem Zusammenhang nicht zufällig. 

Von hier an treten die beziehungen zu den lezten teilen 
Nibelungenliedes immer häufiger hervor. 



N.2302, 1 Si jach, si tet ex gerne. 

2090.1 Owe mir gotes armen, 
dn\ ich dil-, gelebet han 5 . 

2065.2 des körnen heidi in not 
1847.1 Nu wdfent iueh, sprach 

Bioedel, 
aUt in. nie man. 
__ 1.3 und heizet mir gewinnen 
min Uehti \ wiegewant. 

198, 1 dö wolden si den gesten 
weren bürgt undt laut. 

(avent. IV, s. unten) 
1712, I HV. j 1 ir. erii/iil Hagne, 

ob 6 si in sin geha i ? 

wil ich in du. ruh //. 

//• hin ht destt bax. 



G.1352, 1 Si jähen, der, 1 si; gerne 

taeten. 
1359, 3 owe ich gotes armiu, 

dm ich den lipiegewan. 
1371, 2 b des kument helde in not 

1375. 1 Nu wol üf, sprach Ilart- 

muot, 

edle niine man. 

1376. 2 s« ruoften, dax, man 

braehte 
ir liehtex wiegewant. 
3 si wollen denn' künege 
ht Ift n wem da \ riche. 

1382,1 Dn weist vil wol, Hart- 

muot, 
dn; si dir sin geha ■. . 
den du ir mäge slilege. 

im hin Ir dich dt s/r hu .. 
2) vil fohlt AC 



1 1 i mit vi Ibe dö die tür 

3) C dar wnbe mvn silber unt mtn goli. 

)ijmons streicht da% ; vielleicht nach N. zu korrigieren: si taetenx gerne 
sprach der getrimoe man 6) C da . 



EINFLUSS DES N'IB. -LIEDES AUF DIE GUDRUN' 



189 



N.1598,8daa iu \< schaden bringt G. 1391,2^ heten nihi gebresten 



gegen einigem ' sporn. 
i 192 1 Dö ruoft er mit der krefte, 



gegen einigem sporn. 
1394,1 Er blies te dritten stun- 
den 
mit einer krefte grd%> } 
ihr. im der wert erwagi /< 
und im der wäc erdöz. 



dir nl der wäc erdöx, 
wan des heldes sterh 
was michel unde gröx. 

Die kampfschilderung <;. 1396- -1515 lasst in ihren zahlrei- 
chen berührungen mit NIb. avent I\' und avent. XXXII fg. erkennen, 
dass sie nach der darstellung dos Sachsenkrieges und des kampfes der 

Nibelungen entworfen ist. 



NT.2270 &gewäfent wol te vlixe* 
176,1 si körnen üf die marke, 
die knehte wgten (hm. 
Stfrit ihr vil starke 
wägen des 3 began. 
<*> 10. 4 unt ouch dir Hute drinne ! 

(im lande) 
C210,4 vonden vil manic frouwe 



G.1396, 2 a %e vlixe wol gewäpent. 

1399. 1 Die von Tenemarke 
\<r bürge riten ihm. 
Troff dir vil starke 
wisen dö began. 

1400, 3 und ouchdenliutendrinm 

(im Lande) 

1401. 2 des vil manic vrouwt 
(jrö'.ii/ schaden gewan. 



grö \ en schaden dägevxm 5 . 

Dass C, nicht Gudr., original ist, beweist hier nicht bloss der Zusam- 
menhang mit den anderen stellen von avent. IV, sondern auch der 
umstand, dass C 210, 4 eine nachbildung von N. 1501, 3. 1935, 4 ist. 

N. 197,1 Dö wären ouch die Sahsen G. 1402, 1 Nu was ouch Wate der 

alte 
mit ir schäm körnen, 
mit swerten wolgewahsen, 



du-, hän ich s?t vernomen. 
637, S a fa/7 was r; Sifride. 
183, 1 Nu hi f ouch in her Lind- 

gast 

vientliche erkorn. 

diu ros si nämen beidiu 

ten stten mit dun sporn. 



mit stnen recken körnen. 

der hell was grimmes 
muotes, 

dir. heten si vernomen. 
1 102. P /r/7 was e% Gerlinde. 
1407, 1 Dö hete Ortwtnen 

Hartmuot erkorn. 
sirir er [sin] niht erkandt , 
doch haute er mit den 
sporn 



1) C einet)? halben 2) C \ e rlr.c wol gewdfent 

3) C du 4) A gauz abweichend. 

5) AB ganz abweichend, ausserordentlich steif. 



190 



K. KF.TTNTJ? 



>■/ in igU ii üf du sehilde 

du schefU mit ir kraft. 
N. 184,1 Diu ros nach Stichen .. 
181,4 iehaeder dö des andern 

mit nide hiu U n began. 
1 85, 1 Ir ü tweder* und ähnlich 
202, 1 sus würben nach den eri n 

du riter 2 küene undeguot. 

8, 2 wu mohtt ich des getrou- 

inn 3 ? 

1888, 4: ein vil starke* wäfen 

dax truog er blox an siner 
haut 
207, 1 Dö /rar/ / in ' micheldrin- 
gen. 
190r>, 1 Dö sach der voit von Rine 
unbescheiden den strit: 
dö sluoc der vürste selbe 
vil 5 manegt wunden wtt. 
2013, 2 vil manegem wart das 

houbet 
<i< nt iget so \< tat. 
21 63, 1 Der tut uns sere rauhet. 



2226. 1 Dö sach van Tronge Ea- 

gene 
Volk&ren tot — 
beschließt dies zu rächen. 

2233.2 ihr. im von der wunden 

nah , ■•• r/n . : da t bluot. 



sin ras, ihr, spranc vil 

/rite. 
er reit Üf Ortwinen. 
ir sper si neigten bede. 
Gr. 1408, 1 Ir ietweder des andern 
mit suche niht vergax. 



1 HO.iVv/Zr guotcn ritirr sere. 
V'iimtr würben vaste umbe 

irr. 
1413, 1 irii möhte er des getrau- 

wen? 
1 114,2''. 3 der truoc an siner hant 
ein vil stärket wäpen. 

1419 Dö wart ein michel drin- 
gen, 

gemischet wart der strit. 
si sluogen durch die ringe 
vil manege wunden wtt. 
i]i> sach man mit den 

swerten 
geneiget manegex houbet 
der tut tet drin geUche, 
dir. er diu Mute guoter 
vriunde beraubet. 
1420, 1 Da sach ran Tonen HÖ- 

rant 
Ortwimii mint — 
beschliesst dies zu rächen. 
1422,3 um n sach dir. bluot rtli- 

chen 
vliezen hin %e tal 
vil manegen ü i den wun- 
den 



anz abweichend. \ helde 

?j\ AB des getraute ich vü übelt 4) ein fehlt A. 

öi fehlt A. 6) C vil -<re 7) A sehöz 



EINTLUSS DES STB. -LIEDES AUF DIE GUDRUN 



191 



N. 2297, 1 sam l Hagt nen egeschach. 
dm bktot man durch dii 

ringe 
— den bluotigen bach 

hin ü i In rhu ringen 

dem helde vliexen sach 
von einem scarpfen swerte. 

(i. 1427, 1 da würben wol nach &i 

<i. 1 1:68, 4. 

N. 2270,3 b ////7 einer 2 schar so breit. 
1727,2 dm irdw. habet verdienet, 
ihr, ich iu bin gehax. 
01655,7 der mir hat benomen 
8 vil der minen wunne. 
5 Ich soh also schaffen, 
der. mtn räche erge 

212,2 nider von den rossen, 
einander liefen 3 rot 
Sifrif der küene 
und ouch Liudger. 

1887,2 den sluog er etesltchem 
so swaeren swertes swanc. 

18(54, 1 Dö sluog er Bloedeline 
einenswinden swertesslac, 
du: Int der. houbet schiere 4 

vor diu füe'.eu Inc. 

2062. 1 Der eilenden hu nie 
hete WOl ersehen. 

2220, 4 er enkunde in dem stürme 
nimmer bexxers niht ge- 

tuon. 

2230.2 owe dax ich so grimmen 
irtent ie gewan. 



nider xuo den vüexen. 
G-.142 1,1 als du eh e geschach 

dem küenen Ortwinen, 

da i im ein röter l><uh 



rh)\ u i sinen ringen 
von Hartmuotes banden. 
e die geste b. zu (>. MIO, 1 : vgl. 



GK 1430, 2 b mit einer schür Iwrit. 

1433, V* du hast verdienet du.. 

'2 U ihr. ich dir bin gehax. 
1436,2 den ich ijennmen lu'iu 
ir gUOt und ir unii/e. 
ich SOl e\ alsÖ schliffen, 
dir. du nimmer küssest 

diiie vrouwen. 
1437,1 Nach dem seihen worti 
liefe/is einander im 

die \ lerne ricltc hüuei/e. 

1446, 1 Ersluoc im ander stunde 
einen resfeu siruue. 



du: des Icüneges houbet 
von der ahsel spranc. 

1448. 1 Di) such der bürge huote. 

1453.2 si enkunden hän getan 
niht be% ters in dem stritt . 

1457,1 Ihr ich der starken rinde 
ie so eil gewan, 

dir. mihi mich nii rilsere. 



1) A als 2) C ir 

4) C houbt mit Jtelme 



3) A liefens 



192 



E. KF.TTKF.R 



Gr. 1457, 4 sagt Hartmut ironisch von dem am burgtor kämpfen- 
den War-': sol er stn portenaere, so möchte ich ihm nichts gutes zu- 
trauen. X. 1895, 1 sagt ebenfals ironisch Dankwart, als ihn Hagen 
beauftragt die tür zu hüten: sol ich sin kameraer e, so werde ich mei- 
nen dienst wol erfüllen: weshalb er auch 1910, 4 in C portenaere 
genant wird. 



\. 1831, :) Pin ms \, rucke stiexen 
du Burgond* n man. 
881,4 dax stoin vü i tornecli- 

chen 
lief <iu ih n küenen heli 
sä. (vgl. 2008, 1) 
Ins. l Ich bin ouch ein reche 
2295,4 mini sagti \ noch u wun- 
der, 
da \ dö hör Dietrich genas. 
1007, 1 K: was ein michel wun- 
der, 
ihr. si ii genas. 
\. 55, 1 du vant er innerthalben 

stau - 

456, 1 ei m ii ungefüegen. 

01833,1 Oh ir im disen spileman 
Inf darumbe erslagen 3 , 

ich hii ■-. iueh alle halten, 

ihr. wü ich iu sagen. 

1937,3 ilH: ! ist < in ijriniiiiiii not. 

1075,2 und hetes eil getan. 

2074,3 '"/ nn'jht i: U iuhrstä n? 

da emoil der künic Etxel 
rdi rru n scheidi n län. 

17"»:;. 1 Des (iiiliiiirii Ttüedeger, 



G. 1404, -1 diu ros si hinder (sich \< ) 

rit <kv stiexen. 
1468,1 Wate vil wrnielichen 

lief Hartmuoten an. 

1470,1 Er was oi/ch ein rede. 
3e\ was ein michel wun- 
der, 
der. du Ilartmnot 
ron Weiten niht muoste 
sterben 
— wie N. 2295 Zweikampf— 
1475, 3 do sach der hell guot 

4 einen ungezogenen 
mit dem swerte stän. 
1476,3 und st Heget ir ir eine, 
inirrr leben waer vergan- 
gen. 
aUez iuwer Minne 
müese sicherUchen da - 
rumhe hangen. 
1480, 1V/7-. ist ein groziu not. 
1482,1'Vr.s hast du vil getan. 

ich enweiz niht, wie ich 

müge 
den strtt understän. 
4 so schiede ich ez gerne. 
1484, 1 Des antwurte Herwtc, 



li rlt feilt A. 2) C dran 

3) Ali Ob ir hie bi mir slüeget disen spilmem, 

sprach der künde Etxel, dax waert missetan. 

4) C " 



EINFLTJSS DES NIB. -LIEDES AUF DIK GUDRUN 



193 



ein riter hoch gemuot. 
X. 1703, 1 Dan wolde ich immer 

dienen, 
swer raeche miniu leit. 
1864, 1 Do sluoc er Bloedeltne 
einen swinden swertes 

slac, 
dan im dan houbetschii r< 
vor dt H füexen lue. 

(vgl. 1899, 1. 3.) 
2007,1 Irnvrit unde Eäwart 

Sprüngen für dan gadem 
wol mit tüsent helden. 
vil ungefüegen hradem 
hört man allenthalben. 
(vgl. 558, 3. 4.) 
93,1 Kr sach so vil gesteines, 
so ivir hoeren sagen, 
hundert kann wagent 
e% mähten 1 niht getragen 
(vgl. 1062, 1. 2.) 
2153,1 GernÖt der starke 2 

den hell den rief er an. 



<in edel ritter guot. 
G. 1485,3 dm wolte ick im nur die- 
nen, 
swer u/ich des gt tröste. 
1493,1 Dö sluog er Herwigen 
einen tiuren slac, 

2 b da \ er vor im Joe. 
vgl. 144(3, 1. 2. 

1499,12)5 wart üf gehouwen 
vil manic riehen gadem. 
di} hörte iiiiin dar inne 
vil ungevüegen hradem. 



1500,1 Si vuorten ün der bürge, 
so wir hoeren sagen, 
dax ex zwene Meli 
künden niht getragen. 

1502,1 Irolt der starke 



ruofte Waten an. 



Der zug, dass das blut aus dem hause fliesst Gr. 1504, 1, komt 
auch N. 2015 vor. 



Gr.1511,1 Mit bluote was er benen- 
nen, 

na\ /ras slu ndl. 

1512,3 wiUekomen Wate! 



N. 1888, 3 mit bluote was heran nen '■ 

alle; sin gewant. 
1 07 7, 1 Si sprach: nu sit wiUe- 
komen, 

swer iueh gerne siJ/t. wie gerne ich dich saehe. 

Mit G. 1515 ist der eigentliche kämpf zu ende und mit ihm auch 

im algemeinen die äusserst zahlreichen sachlichen und sprachlichen für 

die darstellung desselben verwendeten entlehnungen aus den schluss- 

teilen des Nibelungenliedes. — Es folgen zunächst einzelparallelen. 

G. 1517, 3 und ahte en iueh ringe, 
nu ist ouch mir unmaere. 



N. 942, 4: ex ahtet mich eil ringe. 
2 mir ist vil unmaere. 

1709,4.90 ist ouch mir unmaere. 



1) A heten 2) C E\ was der starke Gerridt 

ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XXni. 



3) C berunnen was. 
13 



194 



F. KF.TTNT.R 



N.C2016,2 ir schlich unde tvdfen 



si h iU ii von der haut. 



G.1532, 2 ir schilde aad oucli ir 

wäpen 
legtt hs i) \ der kant. 
Der rat Frutes G. 1535, 3 nu heizet mir die töten tragen ü% 
den seiden scheint nachgebildet zu sein dem rate Giselhers X. 1947. ."> 
ir sti/t die toten Hute n\ dem hüse tragen. 

N. 388, 1 Sehs und ahxee turne — G.1542 t l ihr vierzic turne guot 



ilri palas tri/i 
und einen sal wol getan. 
B7, 3 si liezt // äne huoti 

ir schiffet bi der vluot 
- ! . 1 Dö Schilden si du rt ist 

mit den hnehten dan. 
(vgl. 14G4, 1.) 
255,1 Die wider heim w hüst 

heten reise 3 rnuot. 



und sehs 2 sale witer 
3 und dri palas riche. 
1543, 1 Dö hir\ man schaffen 

huote 
den schiffen bi der vluot. 
1545, 1 Dö schiktens ir reise 

in il drtzic tascul natu. 

1553, 1 Do si ze Hegelingen 
der verte heten muot. 

Diese parallele fuhrt uns auf avent. IV, die für das folgende noch mehr 
material geliefert hat. 

Es senden nämlich die zurückkehrenden Hegeliugen bot- 
3 haft von ihrem siege an Hilde voraus G. 1561 fg. wie N. 221 fg. 
die siegreichen Burgundern. Schon 1561, 3 der muoste da beliben töter 
oder um/ihr usw. weist hin auf X. 229. 1 Ouch muoste da beliben 
eil maneger frouwen irut, ferner G. 1563, 3 r\ gehörte vrou Hilde 
nit sö liebiu maere auf X. 237, 4 ir künden disiu maere nimmer lie- 
ber gesin. Dazwischen die wol als reminiszenz anzusehende stelle 1562, 1 
//■ scMf gierigen ebene (vgl. G. 285, 3. X. 369, 4). Die frage der her- 
rin na«h den ihrigen und der darauf folgende bericht des boten ist in 
Gudr. weit kürzer behandelt als in Xib. Doch erinnert das in der 

■h daran schliessenden antwort Hildes stehende ich gibe iu [goÜ] 
da. mint 1566, 3 an das in X. voraufgehende 224, 2 ja gib ich dir 

ii goli. Mit ähnlichen werten wird dann wider in Gudr. von den 
reitungen für den empfang der sieger, in Xib. von denen 
für den empfang der zum siegesfest geladenen gesprochen. 
X. 201.1 /// denselben täten, 



G. 1568. 1 Vrou Hilde hie; hereilen, 



dö si nn sohlen lernen, 

dö hei diu schoene 4 Kriem- 

hilt 

1) AB diu wdfen mit den Schilden 2) Hs. seehtxig 

3) C der reist heten. 4) C vr outet 



EINFLURS DES NIB. -LIEDES AUF DIE GUDRUN" 



195 



diu maere wol vemomt n 

N. 2G2, 3 von den stolzen recken, 
die da sohlen komen. 



SO si\ hili nrmnmn, 

()i'n ir vil lieben gesten, 
die ir da sollen komen. 



Doch berücksichtigt daneben der bearbeite! noch eine zweite darstel- 
lung, wenn er weiter saut, dass Hilde trinken und speise, stuhle und 
bänke bereiten lässt und dass zimmerleute auf dem plan und am gestade 
arbeiten. 1568. 1569. Auch N. 526, 5-8. 527 lassen gleich nach 
der Verkündigung von dem glücklichen ausgang der Werbung Günthers 
die hofbeamten das gesidele am ufer aufschlagen, die schaffaere sind 
tätig, der palas wird geschmückt und der saaJ von fremden beximbert 
In diesen Strophen entsprechen sieh im ausdruck: 



N. 526, 8 des küneges schaffaere 
man mit arbeiten rauf. 
7 rorWornif \ üfden sauf . 



' r. 1 569, 1 Du :< Mateläne 

unmüexic man du vant. 
ninlr ouch äf dem sant. 



Die berührungen setzen sich in der besprechung des eigentlichen 
empfanges fort. Wie Ute mit ihren mägden von der bürg zu den 
schiffen reitet N. 540, so reitet auch Hilde und ihr gesinde den kom- 
menden entgegen aus der bürg zum gestade G. 1573. <i. 1573, 4 dö 
sar/i man [manege] vrouwen wol getane ist dem bearbeiter wohl zu- 
nächst eingegeben durch N. 540, 12 wart nie so eil der vrowen In' 
einander gesellen, ausserdem durch N. 541, 4 d<) Iiaajj man von den 
inneren manege vrowen wol getan. Auf diese leztere handlung wird 
sogleich hingewiesen G. 1574, 1. 2 Si wären von den rossen gestanden 
df den sanl vrou Hilde and ir gesinde. Wenn es dann weiter heisst 
1574, 2. 3 do vuorte an siner haut die schoenen Küdrünen troli der 
maere, so erinnert dies wider an N. 543, 3, wo von Günther gesagt 
würd er fuorte Prünhilde selbe an siner hant. — Teils in diesen zn>am- 
menhang, teils zu der verwanten Schilderung in avent. XIII gehören 
noch folgende Nibelungenstellen: 

N. 725, 2 a do reit ouch in engegene. 
525,1 des bin ich eil 1 bereit. 
swa% ich im Lau gedienen 2 , 
daz ist im unverseit. 
731,1 Nu was mich komen St frit 

mit den slncn man. 



G. 1573, 2 a dö reit in mgegene. 
Iö78, 1 swa \ ich. in gedU m n mm\ 

des bin ich in eil nillir. 

I dÖ Was nach l.o/in n Jler- 

ir/c 

mit den stolzen werden 
rechen stnen. 



1) vil fehlt A. 



2) A dienen. 



13 



196 



E. KFTTNF.R 



Einzelpara Helen: 

N.ll s ~>. I 1 ' \ wiu reu U stu mir da \ ? 
2 dir immer xaerne bax. 
1174.1 Wia* mac ergetzen leides, 
2 wan friuntlichi liebt ? 



G.1581, l b xvmi /(/< l< sl du mir da* P 
2 b dir, \<n ine mir ril bax. 
1585, 2 h möhte iht bexxers sin, 

dun rriiiullichiti triuwe? 



Für die erzäklung von den zum feste gehörenden umstän- 
den besonderer art, ist, entsprechend der Situation, vorzugsweise die 
darstellung des Wormser siegesfestes und der ihm vorangehenden 
umstände vorbildlich gewesen. 



X. _ 1 i. 1 Dd t nphii < r wol die sine, 
du fn mä\ ii tet er sam. 
292,1 Er neig ir ßxecUche. 
291, 3 sit willekom&i, her Sifrit, 



G. 1587,1 Dö si die maget huste, 

die andern lele si sfini. 

1588,1 Si nigen ir vlixielichen. 
1589,3 sit willekomen, her Sivrit, 

ein hinter i) '. Mnrlnt/de. 



> in ea\ I riter guot. 

Dies i-t eine ebenso auffallende und wol auch ebenso beabsichtigte 
Übereinstimmung wie G. 334, 1. 964, 3. 



G. 1589, 4 ich sol ex, immer dienen. 

1591, 1 Do entluoden si die kochen 
und truogen üf den sant 
ril dingeSj des si brähten. 

1592, 1 Vrou Hilde mit ir gesten 

reit üf dax velt. 
man sach %e Mateläne 
hallen und onch gexelt. 
4 dar inne phlac man ir 

rli.ie liehe. 



X. 303,1 Ich sol in immer dienen 
1521.1 Dö si dax seht f entluoden 
und gar getruogt n dan, 

stnt; si dar i'f/e in'lrii. 

1244. 1 Dö si iiher die Trume kd- 

nti n } 
bi Fnse üf da l reit, 
du sach man üfgespannen 
hüitt n im! gexelt. 

1 diu koste Was den gestt n 

da von Rüedigere getan. 

Nach dieser Unterbrechung in G. 1591. 1592 dauert im folgenden 
der einfluss jener oben bezeichneten Schilderung fort und macht sich 
h stärker geltend als vorher. — Dass man gefangene feinde mit 
edelmut behandeln soll, dafür tritt auch der bearbeiter nach dem 
Vorgang des Nibelungenliedes ein. Es wird G. 1595 — 1599 für den 
in banden liegenden Hartmut dringendste fürbitte eingelegt. Anfan 

raubt sich Hilde und erwidert u. a. : ich hän von sine/, schulden 
gröxen schaden erliten 1596, 2. Günther redet den gefangenen Iiudger 
an: ich hän von iwern schulden schaden ril genomen 248, 2. Als die- 

]• darauf für ehrenvolle behandlung grosses gut bietet, antwortet 
Günther: 



EINFLUSS DES NIB. - LIEDES AUF DIE GUDRUN 



197 



N. 250 Ich wil iuch beide laxen, sprach er, ledec gen. 
dm mine viande hie bi mir besten, 
des wil ich haben püi'gen, dax si miniu lant 
iht rümen dne hulde. des bot dö Liudeger die hont. 

(i;iiiz ähnlich antwortet Hilde, als sie schliesslich nachgibt: 

G. 1599, 2 ich wil si ungebunden te hove laxen gän. 

si müexen mir erstaeten, da* si uns niht entrinnen, 
und müexen sweren eide, dax si dne min gebot iht rit<n 

hinnen. 

Der N. 285, 1 — 3 gebrauchte, die schöne erscheinung Sigfrids cha- 
rakterisierende vergleich, den der bearbeiter schon 660 verwendete, 
hat ihm s<> gut gefallen, dass er ihn noch einmal bringt: 

Gr.1601,3 in allen sinen sorgen stuont er in der gebaere, 
als er mit einem pensei . . . wol entworfen waere. 

Zu 1601, 3 ,J vgl. N. 102, 11 er stet in der gebaere. — Wie Sigfrid, 
als er sich verabschieden will, von Giselher gebeten wird noch 
zu bleiben und sieh auch hierzu bestimmen lässt (319 — 322), so tut 
Herwig das gleiche auf bitten Hildes (1603 — 1607). G. 1606,2 so 
wart mir sanfter nie berührt sieh mit N. 322, 2. 3 ja waer er in den 
landen ninder anderswä gewesen also sanfte. N. 309, 3 a sagt Günther, 
als er CW\\ recken beim abschied seinen dank abstattet: da; i<h: im- 
mer diene; genau ebenso G. 1604, 3 a Hilde zu Herwig. 

Einzelparallelen: 

NT. 1306, 4 nu ist hie mit ir gäbe 
ril manic wunder getan l . 



G. 1610, \ ex tet diu eil sekoene 

Hilde mit ir gäbe michel 

icnnih r (hs.). 



Die Verteilung der hofamter {hameraere } truhsaexe 1611; schenke 
1612) an Irold, Wate, Frute scheint veranlasst zu sein durch N. 10. 11. 



X. 1209, 4 si sluxxen üf die leisten, 
die e stuonden wolbespart. 
1210,2 b des ril dar inne lac. 

1113,1 Heg wax man rielicr 

pfellel 
von ir kamere truocl 

der wart den edclcn recken 
xe teile dö genuoc. 



Gr. 1614,2 vroallildi hi<; lervüeren, 
ihr. lange was gelegen 
in kisten und in kameren 
manegen phclle riehen, 
die truogen kameraerc: 

die teilte man [den ge- 
sten] willeclichen. 



1) C nu ist hie inichet wunder von ir gäbe getan 






E. KETTNEK 



N.1126, 1 Wie rehü zühteclichen 

tuo den boten gi> .' 
Günther und< G&rndt 
vil vlixecUch enpkie. 
lli'."). 1 der kern stuont von Se- 
lb l< . 

1126, 1 den guoten Rüedegen 



G. 1018,1 Der heli von OrMeh 
\ir kemenäten gie. 
Ortwinen vlizicliche 
manegiu maget enphie. 
sin swester stuont von 

sedele 
und nam in bi der kende. 



bi der hendt genam l . 

Dass für dir Verlobungen G. 1648 fg. sowol die Verlobung von 
Rüd( tochter als die von Kriemhild zum muster gedient hat, be- 

q: 



G. 1648, 1 Dö hiex mein Ortrünen 
\uo dem ringe gdn. 



N.1621, 1 Dö kiex man si beide 
sti'n ein einen rinc 2 . 
568,3 man hu \ >/' x/uo einander 
an dem ringe stdn. 
1»' <h r si umbeslöz, 

GiseUi&r eler junge. 
C 565. 5 Sine ivcsse niht elermaere, 
im , n/(i n da wolde tuon. 

3, 1 ni'in vrägte si } ob si wolde 

den vil waetlichen man. 
L622, 2 t in t< il was < i ir b it. 
4 si sc] in mir sich der erdge, 
so manic mögt hat getan. 
570, 1 D6 i r si gelobeti 

und OUCh in diu na it. 

Einen eigentümlichen ausdruck für die dürftigkeit der gattin 
hat die Gudrun mit der handschrift D gemeinsam. Sigfrid von Moh- 

oland erklärt Cr. 1654. 1. dass er Herwigs Schwester zur gattin wau 



1650, 1 Dö umbeslöx auch Hart- 

muot 
die meit ü% Irlant 
1662, 4 wes mein da pldegen wolte, 
des neun Hertviges swe- 
ster wunder. 
1663, 2 si sprachen tuo eler vron- 

wen: 
/reit ir disen man? 
1665, 1 Dejelt iolicte si in trage, 

als dicke < in maget tuot. 
1666, 1 Dö hbeten si ein ander 

der ritirr and da: J.inl. 



I) C 112". 1 '/' /• irirt dÖ i'ni 'lein 8t dßli 

'.)" '.)".!' " Rüedegen dan. 
112'; \\'; r rehte friuntlichi er den gast enphie 

und alle sint >h<iin>: Qernot $6 niht enlie, 

■' enpßengi in mich ,,,it eren, unt alk sine man. 
der künic Rüedegere fuortt bi der hende dan. 
man hiex an 'nun rinc 2' sten du minneclichen 
3) A l 



EINFLUSS DES NIB. - LIEDES AUF DIE GUDRUN 199 

in einem hemede betete. X. L066, .'> D wird gesagt: bei Sigfrid waere 
Kriemhilt hemdebloz bestän 1 . 

In einem längeren abschnitt wird die einholung von Herwigs 
Schwester und die sich daran schliessende höchxti erzählt. Hierzu sind 
wider die beiden grossen empfangs- und festesschilderungec 
Nil», avent. X und XIII, besonders die erste, benuzt worden, wie 
dieses folgende Zusammenstellung veranschaulichen wird. 

Gudrun: 1) Der empfang 1658 L662. a. die trauen und rit- 
ter reiten den kommenden entgegen, wobei kampfspiele statfinden 1658 
— 16G0. b. Die hehlen streiten sich über die Schönheit der trauen 
1661. e. Diese geben sieh den empfangskuss 1662, 1. d. Sie gehen 
in seidne Mitten 1662. — Die Verlobung 1663 — 1666. 2) Die 
eigentliche feier 1667 — 1671,2. a. Die königspaare werden geweiht 
b. Über 500 werden schwertdegen 1667. (Hilde gibt allen ihren rüsten 
kleider 1668, 1). c. Kampfspiel am gestade vor Matelane, vor einem 
gesidele: a. sclieftebrechen , ß. frauenkleider werden bestäubt 1668. 
1669. (Das zuschauen der trauen, die fahrenden 1670. 1671, 1. 2). 
3) Fortsetzung des festes, a. Am andern morgen nach der früh- 
messe reiten wider die schwertdegen 1671, 3. 4. b. Freude und 
schall, da von der palas erhalt, c, bis an den vierten tag 1672. 

Nibelungenlied: 1) der empfang 538 — 557. a. Die frauen und 
ritter reiten den kommenden entgegen 538 — 540, wobei kampfspiel« • 
statfinden 541. 542. b. Man geht sich entgegen, begrüsst und küsst 
sich 543 — 548, 2. c. Die hehlen vergleichen die Schönheit der frauen 
548, 3 — 550. (1. Die frauen gehen in seidne hütten und in zelte 551. 
e. Tjoste und buhurt vor denselben. Die frauen werden fast überstäubt 
552 — 554 (vgl. G. 1668. 1669). (Beendigung des buhurts, ritter und 
frauen unterhalten sich, ritt in die bürg. Mahl 558 — 560). — Die Ver- 
lobung 561 — 570. 2) Die eigentliche feier 595 — 597. a. Die 
königspaare werden geweiht 595. b. Über 600 (legen empfangen das 
schwert. c. Kampfspiel, a. Die schwertdegen lassen schatte krachen 
596. ß. Die frauen sehen zu 597, 1. 2. '■>) Fortsetzung d 

1) Die übrigen handschriften haben hendeblöx, was den gegensatz zu dem 
reichtum an schätz und gewandt 1 viel weniger klar und natürlich ausdrückt; denn 
nicht die völlige nacktheit, sondern die dürftigste art der bekleidung charakterisiert 
die armut. Überhaupt scheint hemede in diesem sinne in volksmässigcr redensart 
gebraucht zu sein, vgl. J. Grimm, Germania 2, 300. Allerdings ist hemdeblöz sonst 
nicht belegt, während hcndcbb'r, . blb% sam ein hant u. ä. auch anderweitig vorkom- 
men (MSF. 171, 20 und zu Iwein 3236). Aber gerade das mag der grund gewesen 
sein, weshalb in fast allen handsehriften des Nibelungenliedes das ungewöhnliche wort 
verdrängt wurde. 






E. KETTNER 






a. Am morgen des zweiten tages vor der frühmesse 



festes 750 

reiten junge helden. b. Musik: grössere teilnähme am waffenspiel. 
Dazu c. Das fest wahrt bis zum vierzehnten tag, ohne dass je der fireu- 
denlärm verstumte 633. 

Sprachliche Übereinstimmungen sind folgende: 

N.738, \?vil l manegenpiineizrichen. Gr.1660, 3 manegen puneix riehen. 



542,3 man hört da hiirteclicken 
m Schilden manegen stöz. 
»8, 1 Er ( rbi iU '-' kürru . 

ihr. iidiii i u naht G) von 
tische git . 
607, 7 <h r eine tac in dukU 
wol drizic tage lanc. 
595,3 dö wurden si gewihet 
6,1 Vil junger 3 swert (daegen) 

da na im n 
sehs hm nlert oder ba .. 
4 man hörte schifte hellen^ 

an der swertdegen hant. 

3,1 Diu hoch tit dö wertt 
im s an " den viercehenden 
tac, 

ihi\ in fil der ir/h 

,in der schal gelac. 



1 man hörte Schilde stöxi n 
helde sere. 
1666,2 si erbiten alle kümt 

der naht des tages sint. 



1667, 1 Dö waren ouch die künege 
i/i irihi l nach ir i. 
da wurden swertdegene 

riinf hundert oder im'. 
1668,4 man hörte vil schefie bre- 
chen, 
die da die helde neigten 
in ir handen. 
1672,3 dax werte vollicliche 

im; an den vierden tac. 

da i edi le Ingesinde 

sdin, miiexie da gelac. 

Die erzählung von dem grossen schenken, die verschiedenen 

Hon des Nibelungenliedes nachgebildet ist, erinnert zunächst an 

X. 485. Gr. 1674, 4 des Strien röten goldes </"j> da her Herwic wol xe 

tüsent phunden, ähnlich N. 485. 1 Wol bi hundert phunden gab er 

am uü Gr. 1675, 2 — 4 mancher erhielt rosse mit guten satteln, der 

vor diesen zeiten geritten hatte; dm sack dö Ortwin: si 

begunden mit der mitte striten. Dem entspricht X. Isö. 2 — 4: genug 

_ n in reicher kleidung, die nie zuvor so herliche kleider trugen; 

da < diu hünegin — und nun im gegensatz zu Gudr. — <■: was 

ir waerlichi 1<H'. Hinsichtlich des algemeinen Charakters lässt sich 

1) vil fehlt A. -1) A Der künic bette. 

3) A degen. C knappen. \> daegen nach swert von erster hand übergeschiie- 
bre8ten 5) un% m, fehlt A. 

>j) C ohne parallelismD.s. 



EINFLUSS DES NEB.-LIEDE8 All DIE GUDRUN 



201 



dieser Schilderung zur seite stellen X. 634 <>•*!•>< vgl. auch im ein- 
zelnen : 

N. 635, 4 a unt ouch diu ros mit 

st h U ii. 



G. 1675,2 ros mit guoten satelen. 



Ferner in <1<t sache und im ausdruck folgende größtenteils zusam- 



mengehörigen Nibelungenstellen : 

N. 1310, 4^ gestuonV dö vil der 

degem 
von mute blfix äne Jcleit. 
1 Ir vriunde 2 und ouch die 

geste . . 
3 swes ieman an si gerte, 
der. gäben si bereit. 
1187,2 dax si ie gebene heie 
golt silber finde loät. 

1790.1 Dö naeten sich die recken 

in also ijuot geweint, 

dax nie helde mere 

in deheincs küneyes laut 

ie bexxer kleider brühten. 

1262. 2 dö gap diu küneginne . . . 
3 unt also yuot gewant, 

dax si niht bex icrs brähte 
in dax. Etxelen /an/. 
231,2 man muox der wärheite 
den"' u\ erweiten jehen. 

1310,1 Ir vriunde and ouch du 

geste 
die heten einen muot, 
dax si da niht ensparten 
deheiner slahte yuot. 

1268, 1 Ein ander si vil selten 
gesähen 1 noch den tagen. 



( '. 1676, j er und sine degene 

gestuonden kleider /dö \ in 

kurxen stunden. 

167!», 1 Er und sine vriunde ... 

3 sich; si haben mohten 
und ieman an si gerte 

1681, -1 i/o; i r \< gebene hete 

mit ii ml, golt du: sinn rc. 

1682,1 Man such j<li< von] den 

Sliirmcu 
n/u dein srdcle stän 
in so guoter waete, 
dax künic noch küneges 

man 
bex \<r nie getruogen 

in dein im u \ilcn. 

1683,1 Wate der gap ei im 
also yuot gewant, 
der, um u an küneges libi 
Ix • ier nie bevant. 

1685, 1 Si in uosfc n u/ gelicht 
2 Waten dem d< gt u< 
der wärheite jeht n 

1686,1 Irolt der hie* schouwen 

willic sinen muot, 
ihr. im niht erbarmte 

d, In in r sluhli guot. 
1690, 3 däx si du muh si/l<n 

gesähen einander mere. 



1) C stuont 
4) A sähen 



2) C Die künden 



o) A dem 



202 K. KETTNER 

Ein solches mass von berührung mit und abhängigkeit vom Nibe- 
lungenliede im ausdruck und stil, wie es aus dieser übersieht sieh für 
das Gudrunepos ergibt, besteht bei keiner anderen der venvanten dieh- 
tungen. S sehr der Inhalt der klage mit dem des Nibelungenliedes 
sich berührt, so massig ist doch die äusserliche Übereinstimmung 
mir ihm. So häufig im Biterolf beziehungen zum Nibelungenlied 
durch den Inhalt gegeben sind, so beschränkt sich doch auch hier die 
Übereinstimmung auf ganz vereinzelte umfangreiche und nicht gerade 
zahlreiche kleinere entlehnungen. Auch eine durchsieht des Alphart 
hat mich kaum auf ein dutzend verse geführt, deren ähnlichkeit mit 
llen des Nibelungenliedes man als über blosse formclhaftigkeit hinaus- 
bend ansehen könte. 

Ich habe die parallelen im algemeinen in der reihenfolge auf- 
s Fuhrt, wie sie das überlieferte gedieht darbietet, da dieses verfahren 
am besten es ermöglichte, die rechte belcuchtung für die erkentnis 
ihrer entstehung und ihrer bedeutung zu gewinnen. Nach ihrer ver- 
hiedenen b e s c h a ff e n h e i t würden sie sich auch in folgende arten 
einteilen lassen: 

1) Wörtliche Übereinstimmungen mit unwesentlicher sachlicher 
beziehung, die aber vor der algemeinen phraseologischen wendung sich 
auszeichnen durch fülle und eigentümlichkeit des ausdrucks, wozu oft 
noch die gleiche oder analoge Stellung im verse und auch die Verbin- 
dung mit gleichen reimen komt. Beispiele Gr. 15, 1, 20, 1, 2. 67, 1. 
108, 4. 112, 2. 353, 1. 2. 

Angabe von einzelnen charakteristischen gleichen handlungen 
mit mehr oder weniger starker wörtlicher Übereinstimmung. Beispiele 
sind zahlreich. 

3) Gleichheit des namens, der handlung, relative gleichheit des 
ausdrucks. Beispiele G. 76, 1. 109, 1. 501, 1. 2. 1139, 1. Ygl. 
auch 334, 1. 

li Gleichheit der motive mit entsprechender, teilweise über- 
einstimmender darstellung. Dabei handelt es sich: a) um einzelne 
umstände und Vorgänge. Beispiele: G. 433. 021. 061. 864; auch sehr 
häufig in einem abschnitte, wie G. 1396 — 1515; b) um mehrfache unter 
sich zusammengehörende umstände und Vorgänge, so dass ganze paral- 
lele Schilderungen entstehen. Beispiele: G. 8 — 49. 587 — 596. 1658 — 
1672. 

Mit sachlichen und sprachlichen entlehnungen aus dem Nibelun- 
_ oliede sind am stärksten durchsezt diejenigen teile der Gudrun, 
welche typische Vorgänge beschreiben, also bericht geben über prinzen- 



EINFLUSS DES NIB.-UEDES AUF DIK GUDRUN 203 

erziehung, feste, empfang, abschied, botschaft, Werbung, schenken, 
% kampf. Man kann beinah behaupten: es komt fast nie eine solche Schil- 
derung vor, in der nicht wenigstens aus einer entsprechenden darstcl- 
Lung des Nibelungenliedes, oft aus mehreren, zuweilen fast aus allen sol- 
chen nietive und ausdrücke entlehnt wären. Dies zeigt sich nirgends 
deutlicher als in den vier ersten aventiuren, die von Hagens eitern 
und Jugend handeln. Als abschnitte von ähnlichem Charakter würden 
sich an diese zunächst die Schlussteile reihen: die kampfschilderung 
1396 — 1515, die beschreibung der rückkehl und der feste L561 
1G18. 1018 — 1686. Nach diesen teilen würde folgen der kämpf auf 
dem Wülpensande 858—903. Zwischen solchen umfangreichen nach- 
ahmungen stehen nun in grosser fülle alle arten kleinerer, von der 
über 10 und 20 Strophen sich ausdehnenden Schilderung bis zum ein- 
zelnen halbverse hinab, so sehr mit einander vermischt, dass man grössere 
abschnitte, in denen diese parallelen fehlen, nicht nachzuweisen verma 

Die über 20 strophen langen abschnitte, die einen mangel an 
parallelen zeigen, sind folgende: 1) 372 — 417 wie suoxe Hörant 
saue, bis dahin, wo der kämmerer die beiden erkent und ihnen seinen 
schütz zusagt. 2) 706 — 736 der kämpf zwischen Hetels beer und Sig- 
frid, benachrichtigung Hartmuts hiervon, entschluss Ludwigs und Hart- 
muts Gudrun zu entführen. 3) 773 — 799 rückkehr der boten Hart- 
muts, einnähme der bürg, gefangennähme Gudruns. 4) 985 — 1010 
Gudruns aufenthalt bei Gerlind und ihre niedrige arbeit. 5) 1231 — 
1264 der hauptteil des gespräches Gudruns und Hildburgs mit Ortwin 
und Herwig am strande. 6) 1619 — 1647 die anstiftung der drei Ver- 
lobungen durch Gudrun. 

Versuchen wir nun eine erklärung dieser ganzen in unserer 
klassischen epik einzig dastehenden erscheinung zu gewinnen. 

Zunächst wird man nach der Zusammenstellung der parallelen 
wol nichts einwenden gegen die im eingang gemachte Voraussetzung, 
dass im wesentlichen nur ein bearbeiter diese fülle von sprachlichem 
und sachlichem material aus dem Nibelungenliede in die Gudrun über- 
tragen hat. Die eigentiimlichkeiten, die dieser gehabt hätte, winden 
sich folgendermassen bestimmen lassen. Er sieht in dem Nibelungen- 
liede ein muster der volkommenheit, er besizt eine vorzügliche kentnis 
desselben, er fühlt sehr stark das bedürfhis änderungen an der Gudrun 
zu machen, er benuzt für diese mit Vorliebe die spräche und den inhalt 
des Nibelungenliedes, er hat die Gudrun von anfang bis zu ende ohne 
wesentliche Unterbrechungen mit solchen entlehnungen durchsezt, abwech- 
selnd zwischen längeren nachdichtungen und kürzeren Übertragungen. 



204 E. KETTNEB 

Ein zusammentreffen aller dieser erscheinungen ist aber nur denkbar 
bei einem bearbeiter. 

Dem kann auch die tatsache nicht widersprechen, dass die paral- 
lelen nicht alle genau zu demselben Nibelungentexte passen. Nim 
stimmen die parallelstellen ihrer weit überwiegenden mehrzahl nach am 
besten zum text der handschrift B. Stellen des Nibelungenliedes, wo 
alle drei haupttexte von einander abweichen, sind 353, 2. 383, 6. 
L598, 8. Weder Ä noch C passl 353, 2 zu G. 118, 3; 383, 6 fehlt 
in A und lässt sich in der lesart von C kaum noch mit G. 1148, 1 

[gleichen; 1598, 8 fehlt in A und entspricht G. 1391, 2 in der les- 
art von C viel weniger als in der von 13. Die abweichungen in A, 
welche grössere ähnlichkeit mit den parallelstellen der Gudrun zeigen, 
sind unbedeutend und es kann hier überall die grössere ähnlichkeit 
der Gudrun mit dorn alteren, ihrem bearbeiter unbekanten text dem 
zufall ihre entstehung verdanken. Anders ist das Verhältnis der Gudrun 
zu C. Einerseits berührt sich die Gudrun mit mehreren zusatzstrophen 
von C. Anderseits zeigt in dem B und C gemeinsamen textbestand 
sehr oft C weit geringeren parallelismus oder gänzliches fehlen dessel- 
ben, wo 13 (wie auch A) parallelismus mit Gudrun hat. Viel seltener 
haben die parallelstellen in C grössere ähnlichkeit mit dem text der 
Gudrun. Von unwesentlichem absehend rinden wir dies bei 660, 3 

1.23, 2). 358, 4 (G. 117, 4). 324, 2 (G.210, 1). 1877, 1 (G. 503, 1). 

: ". 1 (G. ."»U». 1). 54, 3 (G. 595, 1). 1621, 3 (G. 654, 2). 1620, 1 

. 3). 1707, 3 (G. 737, 2). 371, 1 (G. 750, 1). 1784, 1. 2 

. 1212. 1. 2). 210, 4 (G. 1401, 2). 2038, 2 (G. 1413, 4). 1833, 1. 2 
(G. 1476, '■'>. 4) — also bei 14 stillen. Dass nun ein bearbeiter zwei 
Nibelungentexte nebeneinander benuzt haben soll, ist nicht recht glaub- 
lieh. Als«» meine ich: er las einen Nibelungentext, der zwar sonst 

r handschrift B am nächsten stand, an diesen stellen aber die fas- 
sui d C bot (vgl. die bemerkung zu G. 166, 4). So erklärt es sich 

z. b., wie in der nämlichen Schilderung G.870 sieh berührt mit C2159, 
5 9 und (r. 875, 4 iibereinstimt mit 2223, 4 B, nicht aber mit C. 
Der bearbeiter gebrauchte also eine handschrift des Nibelungenliedes, 
in welcher sich entweder der anfang der entwicklung des textes 
l! zum text I larstelte, oder in welche einzelne lesarten und zu- 
chon fertig gestelten textes C aufgenommen waren. 
Wie hat man sich nun das verfahren des bearbeiters vorzu- 

llen? Er hatte eine Gudrundichtung vor sich, die weit kürzer, 
vielleicht halb so lang als die uns überlieferte war. Diese genügte den 
ansprüchen nicht, die sein an höfischen mustern gebildeter geschmack 



EINFLUSS DES (CIB. - LIEDE8 AUF DIE GUDRUN 205 

stelte. Er sezte sich daher den zweck, die Gudrun nach den anschau- 
ungen seiner zeit umzugestalten und auszubauen. Wie man aber einen 
nationalen bisher nur volksmässig behandelten stoff nach den moder- 
nen ansprüchen umzuarbeiten hatte, das lehrte ihn das Nibelungenlied 
in seiner ja auch schon überarbeiteten oder modernisierten gestalt. Also 
nicht bloss mangel an eigner erfindung und sprachlicher traft, senden) 
auch der wünsch dem Nibelungenliede etwas ganz entsprechen- 
des an die seite zu stellen veranlasste ihn die Grudrun umzuarbei- 
ten, indem er einerseits nach den algemeinen Vorschriften, die er aus 
dem Nibelungenlied herauslas, seine erzählung ausspann, und ander- 
seits ungescheut, ja mit einer gewissen absichtlichkeit ganze Bcenen, 
Situationen und einzelzüge, sachliches wie sprachliches, aus diesem in 
seine dichtung übertrug. 

Er arbeitete, indem das Nibelungenlied aufgeschlagen vor ihm 
lag. Gut orientiert in demselben, fand er mit leichtigkeit die darstel- 
lungen aller solcher gegenstände und Vorgänge auf, wie sie ihm die 
Gudrun selbst schon bot oder auf die sie ihn führte, oft benuzte er 
mehrere verschiedene partien zugleich, um aus ihnen das ihm zusagende 
und wesentliche für seinen zweck auszuwählen. Grössere Schilderun- 
gen algemeineren inhalts erzählte er in freier weise nach; aus Schil- 
derungen von mehr individueller art entnahm er einzelne züge und 
sprachliche Wendungen, oft in sehr grossem umfange, vereinzelte anga- 
ben mit ihrer ausdrucksweise verwendete er in anderen beziehungen. 
Vielfach regte ihn auch das Nibelungenlied zur Übertragung von all 
solchem material an. Daher folgen so oft parallelen aufeinander, die 
keinen inneren Zusammenhang, sondern nur den äusserlichen haben, 
dass sie in der quelle räumlich sich nahe stehn. Bei seiner tätigkeit 
mochten dem bearbeiter der Gudrun aus den verschiedensten teilen des 
Nibelungenliedes einzelne stellen ins gedächtnis kommen, die er auf- 
nahm ohne sich jedesmal ihrer herkunft bewusst zu sein. - ilche remi- 
niscenzen haben wir in vielen derjenigen kleineren parallelen zu sehen, 
die mitten zwischen zusammengehörigen parallelen auftauchen. 

Selbstverständlich erstreckt sich der einfluss des Nibelungenliedes 
nicht bloss auf diejenigen Strophen, bei denen sich die nachahmung 
nachweisen lässt. Selbstverständlich dehnt sich auch die bearbeitung 
noch weit über diejenigen Strophen aus, die unter dieser beeinflussung 
gebildet sind. Es muss demnach die Gudrun einer sehr gründlichen 
Umgestaltung unterworfen sein: es sind vom bearbeiter die meisten 
alten Strophen umgebaut, massenhaft neue dazugesezt, und der inhalt 
wilkürlich verändert und stark erweitert. Dieser bearbeiter war ein 



20G E. KETTXF.R 

dichter niederen ranges, und er hat vielen partien des epos, wie wir 
es jezt haben, den Stempel seines dürftigen geistes aufgedrückt Trocken- 
heit, breite und unbestimtheit, mangel an kraft und prägnanz des 
poetischen ausdrucks zeigen sich häufig genug. Nur hie und da stehen 
ni»»-h strophen von echter Schönheit, und es zeichnen sich einzelne 
abschnitte durch frischeren ton vot dem übrigen aus. Solche stellen 
und abschnitte werden wir als reste des Originals bezeichnen dürfen. 
[ch hal>e oben 6 abschnitte angegeben, die, über 20 strophen lang, 
ohne parallelen mit dem Nibelungenliede sind. Diese mögen verhält- 
nismässig ursprünglich sein. Ihre handlung zeigt eine gewisse abge- 
nheit, wie denn auch die abschnitte 985 — 1010 und 1231 — 
1264 eine art von anfang und schluss erkennen lassen 1 ; bei der mehr- 
zahl derselben kommen viele gute und schöne strophen vor, strophen, 
die zu Müllenhofis „echten" gehören 2 , d. h. zu denen, die sieh inhalt- 
lich und stilistisch vor den meisten anderen auszeichnen. Auch in den 

rophen 1019 — 1047. unter denen keine von Müllenhoff für „echt" 
a haltenen sind, ist die darstellung klar und tliessend, frei von leeren 
\ <■]•>- und Strophenfüllungen; es begegnen einzelne recht ansprechende 
züge, und die frieden, freundschaft und verwantschaft stiftende Gudrun 
i-t ein für den schlussteil gut passendes bild. 

Weiter auf solche und ähnliche erscheinungen einzugehen unterlasse 
ich, da dies immer tiefer in das gebiet der Vermutungen hineinführen 
würde. Aber das glaube ich als sicheres resultat meiner Untersuchung 
betrachten zu dürfen: der parallelismus, der die abhängigkeit der Gu- 
drun vom Nibelungenliede beweist, ist eine erschein ung, die bei jeder 
kritik des überlieferten Gudruntextes hervorragende beachtung 
erfordern wird. Aus ihm kann man ersehen, wie Müllenhoff und 
Martin nicht überall das richtige getroffen haben. Denn von ihren 

chten" strophen sind viele ebenso gut mit Nibelungenstoff durchsezt 

1) 986, 1 Do fuor oueh von dem lande 'Irr degen Hartmuot. 1011 Werc 

diu vü 8tnaehen, da% ist al war, der phlägen die vrouwen vierdehalbex, jär, unxe 

dm her Hartmuot /<\ rfr'rn herreisen was komen heim xe lande. 1234, 1. 2 Ofte 

erblikU 'Beruhte die junefrouwen an: worauf die widererkennung folgt. 1205. 1 Si 

i künden beldiste dan. 

Auf 372-417 kommen 11 „echte" strophen, auf 773—700 kommen 10, 

au; -' -1010 kommen 11, auf 1231 — 1204 kommen 10. Aus den 1705 atrophen 

der Gudrun hat Müllenhoff 414 „ echte" herausgelesen; das Verhältnis der „echten" 

zu den „unechten" ist also in jenen 4 abschnitten ungefähr 1 :2 und 1:3, in der 

Gudrun überhaupt ungefähr 1:4. Ohne mit dieser bemerkung der kritik Müllenhoffs 

pflichten zu Tvolh-n. hebe ich dies»- hervor, weil die strophen, die er ausgesondert 

hat. tatsächlich zu den besten in der Gudrun gehören. 



EINFLUSS DES MB. -LIEDES AUF DU r;rr»RUX 



l'i»: 



wie die „unechten 11 , also auch durch die bearbeitung hindurch- oder 
gar aus ihr hervorgegangen. Das gleiche gilt von den echten und 
interpolierten Strophen, wie sie Sijmons unterschieden hat. Audi eine 
kritik nach einer methode, wie sie Wilmanns anwendet, muss stets 
unsicher tasten, wo an dem ganzen ein bearbeiter und zwar ein sol- 
cher wie dieser tätig gewesen ist, dessen wilkür und Unklarheit gar oft 
diejenigen Ungereimtheiten verschuldet haben mag, aus welchen man 
auf kontaminatioiien und dergleichen zu schliessen versuchte. 



Anhang. 

Ich habe in meiner abhandlung nur diejenigen parallelen berück- 
sichtigt, die nach meiner auffassung aus einer wirklichen nachahmung 
des Nibelungenliedes herzuleiten sind; ausgeschlossen geblieben sind 
solche, die auch unabhängig vom Nibelungenliede teils durch zutall, 
teils unter der einwirkung eines algemeinen epischen Sprachgebrauches 
entstanden sein können. Eine hineinziehung auch solcher parallelen 
würde den überblick erschwert und das urteil beeinträchtigt haben. 
Dennoch würde es die kontrolle der vorliegenden Untersuchung wesent- 
lich fördern und zugleich einem algemeineren interesse dienen, auch 
die für unseren zweck unwesentlichen parallelen wenigstens nach ihren 
stellen zu bezeichnen, zumal da unter solchen parallelen noch manche 
sein mögen, die trotz ihrer geringfügigkeit und ungenauigkeit doch aus 
nachahmung hervorgegangen sind. Daher gebe ich in dem hier folgen- 
den an hang eine Zusammenstellung aller mir bekanten sachlichen und 
sprachlichen berührungen des überlieferten Gudruntextes mit dem Nibe- 
lungenliede, die der erwähnung wert zu sein scheinen. Die in der 
abhandlung schon angeführten und besprochenen sind durch an- 
gezeichnet. 



Gudrun 



1. 



1 

*1, 3 

3, 1 

*4, 1 

6, 2 

*7, 1 

*7, 2 

*8, 2 



♦10, 1 
*11, 3 



Nibel. 
20, 1. 



2, 1. 
20, 2. 

7, 1. 
25, 1. 
27, 1. 
1992, 1. 
49, 1. 
49, 3. 
1527, 2. 691, 2 

1002, 4. 
493, 1. 569, 1. 
1083, 1. 



Gudrun 




N 


ibeL 


*14, 2 


555, 


1. 




*15, 1 


74 1. 


3. 


1310, 




1755, 


3. 




16, 3 


54i'. 


3. 




*19, 1 


596, 


1. 


29, 4 


*19, 2 wie 








*15, 1 








*20, 1 


18, 


2. 


633, 


*20, 2 


633, 


2. 




*20, 3 


658, 


3. 




*21, 1 


664, 


1. 




*21, 3 


521, 


1. 





208 




K. KKTTXF.R 




Gudrun 




Nibel. 


< rudrun 


Nibel. 


*•)•) ] 2 


662, 


1. 2. 


*108, 4 


358, 4. 370, 4 C 


22. 3 


660, 


1. 1328, 3. 


*109, 1 


1492, 1. 


23, 1 


660, 


1. 24, 1. 


110, 4 


215, 2. 


23, 2 


660, 


3. L852, 1. 


111, 4 


L58, 2. 


»23, 3 


26, 


3. 


*112, 2 


787, 2. 


24, 1 


25, 


1. 


115, 2. 3 


7(5, 1 — 3. 


_ t , — 


1850, 


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117, I 


358, 4 C. 


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668, 


2.3. 1343,2.3. 


*118, 3 


353, 2. 


28, 1. 2 


(i7(). 


1. 669, 1. 2. 


121, 1 


391, 1. 


29, 1 


671, 


1. 


126, 1 


340, 4 A. 


30, 1 


H73. 


3. 


126, 2 


1197, 1. 


30, 1 


449. 


4. 


134, 2 


339, 2. 


34, 4 


1380, 


2. 


137, 3 


718, 3. 


35, 2 


674, 


2. 


*138, 3. 4 


388, 1. 2. 


*36, 1. 2 


520, 


2 3 


*139, 1 


388, 4. 


*37, 4 


694, 


2. 


*146, 1 


1481, 1. 


38, 4 


719. 


3. 


148, 2 


222, 2. 3. 


*39, 1 


528, 


1. 


*151, 3 


1551, 4. 


*40, 2 


705. 


4. 


154, 1 


8Ö2, 1. 


*42, 3 


537. 


4. 


154, 4 


2251, 4. 


12. 4 


753 


1. 


155, 2 


572, 4. 


43. 2 


200. 


2. 


*155, 4 


355, 4. 748, 3. 


*43, 4 


1827. 


4. 




1609,4. 1671.1 


44, 2 


753, 


4. 


156, 2 


60, 4. 


45, 2 


243, 


2. 


*156, 3 


356, 2. 3. 


48 


41. 


1. 2. 39, 1. 2. 


157, 1 


734, 1. 


*49, 1. 2 


751, 


1. 2. 


*160, 1. 2 


365, 1. 2. 


49. 2 


129, 


2. 


*163, 1 


22, 5 C. 


*50, 1 


90, 


2. 


*163, 2 


129, 2. 


*54, 3. 1 


215. 


4. 


*164, 3. 4 


41, 3. 4. 


58, 2. 3 


739. 


9 

_ . 


166, 1 


336, 3 C. 


. 1 




4. 


*166, 4 


22, 7 C. 


*60, 3. 1 


2171, 


3. 4. 


*169, 1 


49, 1. 3. 


»iL 4 


-'17. 


1. 


171, 4 


811, 4. 1042, 4. 


62, 1 


1 168, 


3. 




1076,4. 1142,4C 


63 


309. 




*172, 1 


28, 1. 


65, 1 


253. 


1. 3. 


*174, 2 — 4 


559, 5 — 8. 30, 4 


66, 1. 2 


753. 


1. 2. 


*176, 3 


135, 3. 


66, J 


636, 


4. 646, 4. 


*178, 1 


244, 1. 


;. l 


1446, 


1. 


•178, 4 


596, 1. 44, 5 C. 


*70, 1 


1171. 


1. 


*179, 1. 2 


(1788, 4.) 594, 1. 2 


97, 2 


127. 


4 A. 




566, 2. 


. 2 


21. 


2. 


*179, 4 


541, 1. 


*98, 3 


917, 


3. 


180, 1 


163, 4. 


*102, 2 


878, 


4. 


181, 2 


1004, 1. 


*106, 1 


33D. 


1 — 3. 


*184, 3. 4 


541, 1. 2. 


107^ 1 


952, 


1. 


185, 2 


520, 2. 



EINFLUSS DES NIB. -LIEDES A.UF DIE GUDRUN 



200 



< rudrun 

L85, 4 
*187, 2 
*188 
*189, 2 
*191, 4 

192, 3 

194 

197. 

199, 
*204, 
*209, 
*210, 
*210, 
*211, 3 
* 212, 1 

213, 2 

211, 2. 3 



3. 
2 

1. 
3 
1 
3. 



219, 



1. 
3 
4 
4 



222, 

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: 237, 
*239, 3 
*240, 3 
*240, 4 

242, 
*245, 

246, 

251, 

— • ) — , Li 



^254, 2 
1 
1. 



*259, 



200, 

260, 

*262, 

266, 

267, 

267, 

268, 

*271, 

:|: 272, 

*272, 

274, 

274, 

274, 

276, 

280, 

*283, 



3 
4 

1 

1 

3 

2. 

1. 

1 

3. 

1 

2. 

4 

4 

1 

1 



4 



3 
2 

4 

3 






L728 
383 
657 

1() 

45 

108 

658 

660 

325 

20 

7 

32 1 

324 

325 

333 

329 

330 

72 

2115 

84 

811 

197 

2306 

1769 

520 

*732 

1707 

161 

MOS 

330 
375 

1091 
649 
341 
5:55 
446 
533 
130 

1284 

1285 
474 
734 

1126 

67 

369 

1338 
405 



Nibel. 
3. 1521, 2. 

1. 5 12. ::. 1. 

1. 2. 

3. 

1. 



1. 2. 
3. 

1. 3. 
2. 
2C. 



49, 1--3. 
6 C. 
2. 

2. 4. 

3. 

1, 

1. 2. 

4. 

1. 

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2. 

1. 

4. 
2. 

1. 2. 
3. 
4. 

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4. 
2. 

1. 2. 
2. 

8. 

9 

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4. 

1. 
1. 
2. 
1. 
4. 
2. 

9 



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475 



8. 9C. 

21, 1. 
1127, 1. 



Gudrun 




284, 


1 


646, 


♦285, 


1 - 2 


366, 


285, 


3 


369, 


286, 


1- 3 


1567, 


288, 


1. 2 


371, 


289, 


1—3 


1117, 


291. 


1 


365, 


L M .».\ 


2 


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303. 


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1 


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301, 


2 


365, 


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3 


356, 


*301, 


1 


369, 


302, 


2 


354, 


311, 


1 


17:». 


*315, 


3 


22s 1. 


*319, 


1 


151, 


326, 


4 


202, 


327, 


2. 3 


1 109, 


329, 


1 


79, 


330, 


1 


973, 


*333, 


2 


1 309, 


333, 


4 


182, 


*334. 


1 


21:;:». 


*334. 


2 


1125, 


*335, 


1. 2 


1379, 


-336. 


1 


1 380, 


*336, 


3. 4 


1127. 


339, 


3 


102, 


*348, 


1--3 


2061. 


348, 


1 


1691, 


349, 


4 


1022, 


350, 


2 


1222, 


35J, 


2 


IM. 


353 


1. 2 


411, 


355, 


2 


384, 


*361, 


2. 3 


191:;. 


367, 


2 


L976, 


*371, 


4 


129, 


374, 


2 


1925, 


379, 


1 


980, 


384, 


1. 2 


787, 


414, 


2. 3 


2061, 


*418. 


2 


526. 


419, 


1 


1544, 


120. 


1 


1667. 


*428 


1 


1870, 



Nibel. 

::. 
2. 
4. 
1. 
1 2 

1 — :;. 
1. 

9. 



708, 3 



1. 
1. 

2. 
2. 
1. 
1. 1792. 1. 



2 17. 1 



1927, 1. 



ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XXIII. 



.;. 
1. 

4. 
2 
1. 
2. 
2. 
4. 
1. 
4. 
1. 2, 

1. 1140, 1. 

2. 3. 369, 1. 2. 
11. 

3. 
3. 
2. 
1. 
3. 

1. 2. 
1. 

3. 

2. 3. 
4. 

3. 

1. 

1. 2. 
1. 
2. 

1. 
1. 
1. 

14 



-no 


F. KF.TTXF.rc 






Gudrun 


NibeL 


Gudrun 


Xibel. 




429, 4 


2()2. 4. 


51 1. 3. 1 


1S5. 2. 3. 




*430, 1 — 3 


1119, 3. 1. 


518, 2. 3 


214S. 4. 922, 2. 


3 


432, 3, 4 


L337, 1. 315, 4. 


."»21. 1. 2 


1920, 1. 




*434 


1 12!». 


525, 1 


21 H. 1. 




134, 1. 2 


285, 1. 187, 4 C. 


*526, 1 


:>1 ( .'. 4. 




* 136, 1. 2 


449, 1. 2. 


*531, 2 


567, 2. 




1:37, 2, 3 


171s. 4. 


538, 1. 2 


1716. 2. 3. 




3, 2 


2123, 1. 54,1, 64,1. 


546, 2 


1038, 4. tiio. 4. 




*440, 1 


1002. 1. 


546, 4 


71. 1. 1530, 1 




im. 2 


265. 4. 




864, 4. 961, 


1 


*442, 1 


1508, 1. 


*549, 1 


730. 1. 




442, 2 


541, 4. 1289, 1. 


*551, 3 


707, 2. 




tö, 3 


1476, 1. 


*559, 1 — 3 


493. 2 — 4. 




148, 1 


404. 2. 


*560, 3 


2()!)s. 2. 114, 4. 




50, 1. 2 


435, 4. 


561. 3 


381, 3. 




*451, 2 


2234, 3. 


567, 1 


609, 1. 2. 




451, 4 


1*)74. 1. 


569. 1 


144, 3. 




1 


72. 1 u. ö. 


569, 3 


1629. 2. 




57, 1 


22 1. 2. 


573, 1 


• 159. 3. 




*458, 1. 2 


224. 3. 4. 


577, 2 


1356, 4. 




*460, 1 


241, 3. 


*5,s0. 4 


3, 2 D. 




463, 1 


31, 2. 


583, 1 


1884, 2. 




472. 2 


1992. 1. 


5*3. 2 


355, 4. 1001. 4 




-474. 1. 2 


1100. 4. 1586, 1. 


*587, 1 


52, 1. 




477. 


1729, 1. 


*587, 1-3 


772. 1 — 3. 




31, 2. 3 


1290. 1 — 3. 


*594, 4 


•VI. 1. 




482, 2 


1308, 2. 


595, 1 


54, 3. 




*482, 3 


355, 2. 


*599. 4 


682. 4. 




*496, 1. 2 


1867, 1. 3. 1862, 3. 


*603. 2 


1104, 4. 




*498, 2 


194, 3. 


*603. 2. 3 


1116. 3. 




499, 2. 3 


L999, 1. 2. 2212. 4. 


605. 2 


633, 4. 




499, 3 


276, 2. 381, 3. 


605. 3 


1279. 3. 




•1. 1. 2 


1492, 1. 2. 


606. 1 


141, 1. 




502, 2 


2212, 2. 


614. 2 


135, 2. 




12, 4 


221, 4. 220. 3. 
2072, 1. 


617. 2 


324, 1. 137. 1. 
1046, 1. 




1 


1-77. 1 1 . 


619, 2 


2003, 3. 2035, 3 




: »1. 1 


207, 1. 


619, 1 


1001, 4. 




E 15, 1 


". 1. 


622, 3 


102, 11. 




1 


266. 1 u. 


*624. 2 


292, 3. 348, 1. 


2 


510, 2 


197, 3. 


' 


1608, 1. 




511, 2 


1549, 2. 


630. 1 


1 146, 1. 




511, 3 


2209, 4. 


631, 3 


1004, 4 A. 




512. 1 


291. 3. 


630, 1 


10-19. 1. 






1009. 3. 


36, 1 


2108, 3. 




513, 2 


2-. L 38, 4. 


639, 3. 4 


171. 1. 




513, 3 


207, 2. 


*640. 1 


172, 1. 962. 1. 





EINFLUSS DES NIB. -LIEDES AUF DIE GUDRUN 



211 



< rudrun 
*644, 1 

IM I. 

6-1 5, 

650, 
*654, 
*656, 
♦658, 

li.-.s. 

659, 
*660, 
*66L 
*661 

664, 

665, 

666, 
*668, 
*670, 
*671 
*672, 

672^ 

674, 
*675, 
*676, 
*677. 
*679, 
*689, 

692, 

694, 
* 705, 



710, 

718, 

* 7 : J 7 
*740, 
*740, 

* 742, 
744, 
748, 
749, 

*750, 
754, 
756, 
758, 

-767: 



I 
4 

1 

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1 

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1 

2. 3 
1 — 3 



3 



1 
1 

Q 

1 

2 

4 
1 

1 

1 

4 
2. 

1 

1 



767, 2 



3 



1 
1 

1. 2 
1. 2 
3 
2 

1 

3 
3 

1 
3 
2 
4 
1. 2 



*768, 

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1. 

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1. 

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2. 3 C. 

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1. 

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1 C. 

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1. 

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*819, 4 

820, 2 

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822. 3. 1 
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2159 

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494 
1372 
1379 
1381 
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1. 
1. 



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3. 

2. 

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1. 
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3. 

1. 
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2. 

3. 

3. 

2. 

1. 

4. 

1. 

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4. 

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3. 



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3. 



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4. 



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1977. 
2214 
1978 
1907 
1917 
2159 
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2148 
1883 
1992 
2223 
2022 
1935 
2022 
2234 
2234 
185 
1756 
1903 
1101 
1562 
1667 
1787 
1509 
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1003 
993 



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1. 

2. 

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1. 2. 

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1. 2. 186, 2 

2. 

2 — 4 C. 

4. 1330, 1. 
4. 

4. 

1. 

4. 

1. 

4. 

1. 

2. 

3. 

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1. 

1. 2. 1913, 3. 

2. 

1. 

1. 

3. 

3. 

1. 266, 1. 
3. 

2. 
1 C. 1004. 1. 
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2. 3. 
3. 



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519 

1133 

524 

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529 

543 

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Nibel. 
4. 

9 

1004, 2. 
1. 
1. 

9 
1. 

4. 

3. 

1. 

4. 

3. 4. 

3. 

3. 

9 
1. 

2. 
1. 

4. 
2. 
1. 
1. 
4. 
1. 
1. 
4. 
2. 
3. 
3. 
2. 
4. 
1. 
3. 
1. 
2. 
1. 



1511, 1. 



376, 7 



235, 3. 
1586, 4. 



7.8C. 1210,2. 
275, 1. 

1. 2. 

3. 



1.2. 
2. 
4. 
1. 
4. 
3. 



1210,1.2. 



FINFLUSS DES NIH. -LIKHK> ÄFF DIE GUDRIW 



213 



Gudrun 




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1356 

942 
2256 
1613 
2045 
1619 
1221 
1487 

281 
2031 
1800 
1803 

227 
2135 
2090 
1671 

608 

797 

1746 

87 

1133 

2072 

221 
13f»s 

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SM 

1419 

682 

1730 

1454 

1366 

241 

528 

1746 



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1. 2. 76. 1. 2. 
646, 1. 2. 
3. 
4. 
1. 

1. 2. L37, 1. 2. 
L082, I. 2. 
3. 
1. 
2. 
1. 
3. 
1. 
4. 

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1. 
3. 



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2043, 2. 



3. 



3. 
2 

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3. 

2 

1. 

3. 
1. 

3. 
3. 
1. 
3. 
3. 
3. 
1. 
1. 
3. 
1. 
4. 
1. 

3. 69, 4. 
3. 

2. 1709, 4. 
3. 

1. 2274, 4. 
1964, 5 C. 



330, 4. 
503. 2. 



1. 
1. 2 



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388, 


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1148, 


1 


383, 


* 


1151, 


1 


1257, 


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1151, 


3 


1667, 


* 


1154, 


9 


1728, 


* 


1154, 


3 


1496, 


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1157, 


2 


1739, 




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9 

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147, 




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1 


561, 




1163, 


4 


963, 




1165, 


1 


1230, 




1166, 


4 


392. 


* 


1171, 


1 


1020, 




1171, 


3 


393, 




1171, 


4 


997, 




1174, 


4 


369, 




1175, 


1 


1727. 




1176, 


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1133, 


* 


L176, 


1 -> 


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1176, 


4 


111. 


* 


1178, 


4 


1204, 




1180, 


3 


78, 




1180, 


4 


1163, 




1183, 


2. 3 


369, 


* 


L184, 


2 


1020, 




1188, 


1 


1756, 




1192, 


4 


13, 


* - 


L204, 


4 


358, 


* • 


L208, 


1 


972, 




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1 


1020, 


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L212, 


1. 2 


1784, 


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L213, 


2 


1925, 



Nibel 
1 C. 
4. 

1. 2. 
1049, 



366, 1. 
1. 



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1. 

4. 

6- 8. 

2 

4 
4 

1 



79, 2. 
6 
1 
1 

3. 1524, 2. 
1553, 3. 
3. 2041, 3. 

9. 



3. 

3. 
2. 

1. 
7. 
4. 
1. 
4. 

4C. 1513, 8 C. 
1. 372, 3. 

r c. 

1 2. 394, 1. 2. 

4. 

1. 

3. 

3. 

4 C. 

4. 

1. 

4. 

4 C. 

1. 

4. 

1. 2 C. 

3. 



214 


E. KETTNER 








Gudrun 


NibeL 


Gudr 


Uli 


NibeL 


*1213, 4 


2106. 1. 


*1333, 


2 


1843, 2. 


241, 2. 


1217. 1 


1088, 1. 


*1336, 


1 


710, 3. 




1218, 


1594, 3. 1. 


H337 




711. 




»1225, 1 


1575. 1. 6 10. 3. 


1338, 


1 


537, 3. 


2068, 1. 


1226. 1. 2 


,2. 1. 


L342, 


3 


1952, 3. 


2284 2 


122!». 1 


1367, l C. 


L352, 


1 


23,02, 1. 




1230, 1 


1421. 1. 


1352. 


2 


1456, 3. 


1. 


L233, 1 


640, 3. 


*1354, 


— 


716, 4. 




1211. 3 


2150, 3. 102. 11. 


1355, 


2 


3S3, 3. 




L250, 1 


1311. 4. 


12,57, 


1 


1 12. 3. 




1251. 1 


585, 1. 610, 1. 


1357, 


2 


958, 1. 






68, 1. 


1358, 


1 


062! 1. 




1261, 4 


102, 3. 1663, 3. 


-1359, 


3 


2090, 1. 




♦1265, 2 


1225, 2. 


1362, 


1 


921, 3. 




1273. 1 


1540, 1. 1756, 1. 


1362. 


2 


958. 1. 




127s. i 


801. 2. 


1363, 


2 


1669, 4, 




1279, 1 


329. 1. 1966, 1. 


*1371, 


2 


2065, 2. 




127!'. 


772, 2. 


137 1. 


1 


87, 1. 




1280, 1 


2053, 4. 1852, 3. 


;i: 1375, 


1 


1847, 1. 




-1282, 1 


2312, 1. 


1376, 


1 


472, 1. 


962, 1. 


1286, 


601. 1. 


*1376, 


2 


2254, 3. 




1287, 3 


147. 3. 


H376, 


3 


197, 4. 




1287, 4 


567. 2. 3. 


1379, 


4 


31, 4. 




*1289, 1 


518. 1. 1156, 3. 


H382, 


1. 2 


1712, 1. 


— . 


L289, 4 


2s 1. 3. 


1388, 


1 


1.847, 1. 




L290, 1 


1481, 1. 


1388, 


2 


2215, 1. 


2212, 4. 


*1294, 2 


1824, 2. 


1389, 


1 


1760, 3. 




L302, 4 


708, 3. 4. 


1390, 


1 


2106, 1. 




*1305,1— 3 


369,1 2. 1127,3.4. 


*1391, 


o 


1598, 8. 




H308, 1. 2 


1201. 2. 712. 1. 


1391, 


4 


2108, 2. 


2110, 2. 




413. 4. 536, 3. 


1303. 


1 


1707. 2. 




1308, 2'' 


1621. 3 C. 


*1394, 


1. 2 


1492, 1. 


2 


*1310 


640. 


1306. 


2 


2270, 3. 


181, 2. 


*i3ii, l 


1002. 1. 


1397, 


3 


196, 4. 




1311, 2 


567, 2. 3. 


1397, 


4 


98, 2. 


2210, 3. 


L311, 3 


1992, 2. 


*1399, 


1. 2 


176, 1. 


2 


L311, 4 


1760. 1. 


*1400, 


3 


640, 4. 




1322, 1 


37, 3 C. 


1401, 


2 


210. i C. 1501, 3 


1322, 4 


101. 






1935, 4. 


L325, 1 


581, 2. 603, 1. 


1402, 


1. 2 


107, 1. 


9 

— • 


*1325, 3. 4 


17<i2. 2. •;. 


*1402, 


4 


637. 8. 




*135 


176.;. 17«. 1. 1. 2. 


1103, 


1 


105. 3. 




1326, 2 


. 2. 


140 1. 


3 


1600. 2. 




*1327. 1. 2 


354, 1. 


Mo:.. 


4 


8, 1. 




1327. 1 


2106. 1. 


*1 107 




183. 




*1328, 1— 3 


1761». 1. 1761, 3. 


*140s. 


1 


184, 1. 


181, 4. 


-1330. 1. 2 


612. :;. 1. 






185, 4. 






KIM LT» HKS Nir». -LIKDES AUF DIK GUDKIN 



215 



Gu.lr 


im 




Nibel. 


(iu-li 


IUI 




Nibel. 


1409, 


1 


207, 


1. 


1457, 


2. 


1346, 


1. 


1409, 


2 


750, 


1. 719, 1. 


♦1457, 


1 


1895, 


1. 1910, 4C 








879, 1. 


1 160, 


4 


144, 


4. 


*1410, 


3. 4 


202, 


4. 


1461, 


1 


380, 


1. 


1411, 


3 


1881, 


1. 


1 161. 


1 


2051. 


1. 


1 1 1 3, 


2 


L943, 


9 


1 161. 


2 


1467, 


4. 


L413, 


3 


UM. 


1. 


1 161. 


1 


1831. 


■ > 

6. 


*1413, 


1 


2038, 


2 C. 


1465, 


1 


1686, 


1. 


*1414, 


2. 3 


1888, 


1. 


lif»:.. 


1. 2 


2015. 


1. 2. 


1415, 


2 


2152, 


2. 


1466. 


1 


1866, 


3. 973, 1 V 


1 J 16, 


2 


2215, 


1 9991 9 

-l . UalUll — . 


1 166, 


4 


2212. 


2 


ins, 


1 


2152, 


9 


1 168, 


1 


ssl. 


4. 2008, 1. 


♦1419, 


1 


207. 


1. 


L469, 


1 


336, 


o 
o. 


*1419, 


•) 


1905, 


1. 2. 202, 2. 


*1470. 


7 


ins. 


1. 


*1419, 


3 


2013, 


2. 


*1470, 


3. 4 


2295, 


1. 1007, 1. 


*1419, 


4 


2163. 


1. 


1473, 


2 


2181, 


3. 


*1420, 


1 


2226, 


1. 


1474, 


2 


2313. 


3. 4. 


*1422, 


2. 3 


2233, 


> 

— • 


1474, 


1 


377. 


•> 


1 423, 


3 


1552. 


3. 


14 75. 


2 


598 


2. 


*1424, 


1 


2297, 


1. 


1475. 


3. 4 


455. 


•1. 156, 1. 


*1424, 


2. 3 


2221. 


2.3. 2297,2.3. 


1176. 


1 


L785, 


2. 2080, 1. 


H427, 


4 


202. 


4. 


H476, 


3. 4 


1833, 


1. 2 C. 


1428, 


1 


977, 


1. 


1477, 


1 


21 15. 


3. 


*1 130, 


2 


2270, 


3. 


1479, 


1 


1839. 


1. 


14:; l. 


1 


372, 


3. 


*1480, 


1 


1937. 


o 


*1443, 


1 


1727. 


9 


1481, 


1 


938, 


1. 


14:;:». 


■> 


2304, 


3. 


*1482, 


1 


2075. 


2. 


*1436. 


2-4 


1655. 


5 — 8 C. 


*1482, 


2 


2073. 


2. 2074, 3. 


*1437, 


1. 2 


ulu< 


2 3 


*1482, 


4 


2074. 


4. 


1441, 


1 


1709, 


1. 


1483, 


4 


1654. 


o 


1442, 


2 


1687, 


1. 


*1484, 


1 


1753. 


1. 


1443, 


3 


1911, 


2 C. 


*Us5, 


3 


1703, 


1. 2045, 3. 


1414, 


1 


2155, 


3. 


1486, 


1 


1037. 


1. 


1444, 


3 


1316. 




14S7, 


9 

—i 


505. 


4. 


1445, 


1 


798, 


4. 


14S7. 


4 


1691. 


4. 


1445, 


3 


2011. 


3. 


14S9. 


1 


848. 


1. 


*1446, 


1. 2 


1887, 


2. 1864, 1. 2. 


*1493, 


1. 2 


1864. 


1.2. 1899,1.3 


1446, 


3 


1559. 


— . 


1498, 


9 

_ 


1398, 


:;. 2003, 3. 


*1448, 


1 


2062. 


1. 








2035, 3. 


1449, 


1 


2106. 


4. 


*1499, 


1. 2 


2007. 


1. 2. 558,3. 4 


1452, 


1 


444. 


2. 


H500, 


1. 2 


93, 


1.2. 1062,1.2 


1452, 


4 


251. 


3. 


*1502, 


1 


215:;. 


1. 


1453^ 


2. 3 




4. 


1502, 


2 


1930, 


4. 


1454, 


3 


94. 


4. 


*1504, 


1 


2015, 


9 

— • 


1455, 


3 


158, 


1. 942, 4. 


1504. 


4 


2244. 


2. 








1902, 1. 


1506, 


1 


1923, 


1. 


*1457, 


1. 2 


2230. 


9 

-• 


1506, 


2 


1132. 


4. 



216 



E. KETTNER 



Gudrun 

1507. 2 
1 508 
♦1511 
1511 
L512 
1515 
1517 
1517 



1523, 

l.V'l. 
1524, 
L528, 

1 532, 
1532, 

15.11. 

15.;:». 

1535, 
15 : 

15::7 
L542, 
•1543, 
1 545, 
1546, 
1551, 

r 

1561, 

ü 

i: 

L£ 

1566, 

15< 

L568, 

15 
L570, 

1571. 

1572, 

K 

I 5 

157:;. 
H574, 

1574. 
*1578, 

1578, 
*1581, 
*15 



2 

1 
2 

3 

4 
1 
3. 



1 






o 


1 

1 

3 
1 
3 

1—3 

1 

1 
2 

1. 2 

1 

3 

1 

3 

3 

• > 

• > 

4 
1. 2 



1. 

1 

3 

2. 

■> 



3 



• » 

4 

1. 

2. 

1. 
4 
1. 
2 



2 

3 

2 



3 



NibeL 

645, 3. 
2089. 2. 
L888, 3. 2245. 2. 

L86, 1. 
L677, 1. 
1 154, :;. 
L887, 3. 

'•12. 4. 1709, 4. 
942, 2. 
2310, 3 AC. 
1771. 3. 

20i;;. 2. 

L895, 1. 
2016, 2 C. 
1995, 2. 
940, 3. 

149s. 1. 

1947, 3. 

112. 1. 
2071, 1. 

388,1.2.1755,7.80. 

387, 3. 

831. 1. 1464, 1. 

217, 3. 

490. 1. 2. 

255, 1. 

229. 1. 

369. 4. 

221. 1. 725. 1. 2. 

237, 4. 

22-1. :;. 520. :;. 
74, 3. 

261, 1. 2. 262, 3. 
528, 3. 1445. 3. 



526, 

1 5<i7. 

2. 

751, 

725, 
1044. 1. 

540, 12. 

5 11. 4. 

543, 3. 

525, 1 

731, 1 
1185, 1 
1174. 1 



7. 8. 

1. 2316. 1. 
4. 

1. 2. 

•> 



2. 
2 



1 1 adr 


UM 




NibeL 


*1587, 


1 




244, 1. 


*1588, 


1 




292, 1. 


1589, 


2 




L859, 2. 


*1589, 


;; 




291, 3. 517, 1. 


*1589, 


4 




303, 1. 


♦1591, 


1. 


2 


1521, 1. 2. 


*1592, 


1. 


2 


1244,1.2. 1296,1.2 
1569, 3. 4. 


♦1592, 


4 




1211. 1. 


1595. 


2 




836, 1. 


*1596, 


2 




248, 2. 


1597, 


1 




2292, 1. 


1597, 


2 




512, 4. 


15!»-. 


2 




1311, 2. 


*1599, 


2— 


-4 


250. 


1599, 


4 




100, 1. 


*1601, 


3. 


4 


285, 1. 3. 102,11 



1604, 
1604, 



1 
3 



*1606, 2 



1607, 
1608, 



1 
1 



1610. 2. 3 
K>10, 4 
1611 
1613, 1 
* 1614, 2— 4 



1615, 3 
•1618, 1. 
* 1618, 3 



1622, 2 
1624, 2 
1631, 2. 

1634, 2 

1 
1 

1 



361, 1. 

309, 3. 499, 6. 
2045, 3. 



322, 2. 
973, 2. 
609, 



3. 
C. 



1 
235.' 4. 
1306, 4. 
10. 11. 
1627, 1. 
1209, 4. 

1113, 1 
1367, 4 C. 



1210, 2. 



2 1126, 
1125, 



1. 
3. 



1126, 4. 



3 



16 10. 
1641, 
1612. 
1644, 1 
1616. 
1648, 
1650, 
165 1. 



1651. 



o 
<J 

1 

1 

2. 
4 



3 



343, 

113, :;. 
840, :;. 

1746, 2. 3. 556, 2. 

594, 2. 
L667, 1. 

848, 8 C. 

1843, 1. 1844, 1. 2. 
L840, 2. 
1055, 1. 

i:u 

1621. 

1623. 

175, 



139, 2. 

1. 
3. 

3. 



568, 



■ > 

■ >. 



1066, 3 



D. 



EINFL1 SS DES NIB.-L1EDES AI 1 MI. GUDRUN 



217 



Gudrun 
1656, 1 
1059, 1 

*1660, 3 

*1660, 1 

*1661,2— 4 

'1662, 2. 3 

4 
9 



*1662, 

*1663, 2 



1665, 
L666, 



1 
1 



i: 1(560, 2 
♦1667, 1 
1667, 2 

*1668, 4 
*1669,1- 
*1670, 3 

1671, 

1671, 
*1672, 



1672, 
1674, 
1674, 



1. 2 
4 
2 
4 



o. 
1. 
3. 

1 
4 



NibeL 

1746, 4. 

738, 1. 1293, 

542, 3. 1818, 

550. 

551, 3. 

565, 5 C. 

56S, 4. 

1622, 2. 4. 

570, 1. 

608, 1. 

595, 

596, 



• > 
o. 



1. 
596j 4. 

552, 3. 

597, 1. 2. 

39, 1. 2. 

750, 3. 4. 

751, 2. 3. 
1. 2. 



36, 2. 

*~ ET 4 

o54, 



3. 
6. 



633, 



636, 1. 
485, 1. 



Gu'lrim 

L675,2--4 

*1676, 4 
*1678, 2 
1678, 1 
»1679, 1. 3 
*1681, 1 
* 1682,1 



L683, 

L685, 

♦1686, 



1. 
1. 

, 1- 
1690, 3 

1695, 1 



3 

2 
2 
9. 



1697, 

1700, 
1701, 
1701, 



o 

o 

4 
1. 
3 



1702, 1 

1703, 1 

1703, 1 

1704, 2 



Nibel. 



635, 
1310, 
2150, 

1709, 
1310. 
1187, 
1790, 



4. 

1. 

3. 

3. 

1. 
2 

1- 



L85, 2 1. 



3. 



1262, 2—4. 



231, 
1310, 
L268, 
L230, 
L365, 

934, 

1631, 

75, 



1 
1 

1 
2 

— 

1. 
1 



84, 4. 



9 



385, 1 



532, 

1991, 
1992, 1 
1139 



531, 7. 

7. 
4. 



3. 



1177, 2. 



MIIILUAUSEN IX Tll EHINGEN. 



EMIL KETTNEH. 



VOLKSTÜMLICHES ZUM „AHMEN HEINEICH ". 



ii 



Hartmanns sinnige dichtung „Der arme Heinrich" bezeugt ans 
sehr deutlieh, wie eng Volksglaube und ärztliches vnssea im mittelalter 
zusammenhinegen. Zahlreiche Variationen von blutheilungen sind in den 
alten Traditionen niedergelegt, die alle — ob christlichem oder heid- 
nischem boden entsprossen — auf den uralten glauben an die Versöh- 
nung der götter durch dargebrachte blutopfer zurückgeführt werden 
können. Die elastische natur des Volkslebens hat diese uralte heid- 
nische anschauung in die Volksmedizin hinübergeleitet und bis auf 
unsere tage treu bewahrt; ist doch der alverbreitete zauber mit dem 
blute hingerichteter nichts anderes als ein schössling dieser anschauung, 
die auch eine reiche zahl bedeutsamer sagen und märchen gezeitigt 
hat. Zu ihnen gehört auch die armenische und rumänische erzählung, 
die ich hier als kleinen beitrag zu dem kreise volkstümlicher Überlie- 
ferung mitteilen will, zu dem eben auch unser „Armer Heinrich" gehört. 



218 n' wusLoen 

Die erzählung der Armenier in der Bukowina, die mir herr 
G Munzath s«> freundlich war aus seiner handschriftlichen samlung 
armenischer Volksüberlieferungen im original mitzuteilen, folgt hier in 
Dauer Verdeutschung. 

Von der rechten Hoho. 

Eis war einmal ein junger, reicher und schöner herzog, der in 
glück und freuden sein Leben zubrachte. Alles, was er unternahm, 
war von glück gekrönt Trotzdem er verschwenderisch lebte, so nahm 
- in wolstand doch von tag zu tag immer mehr zu, so dass er bald 

ine besitzungen nicht kante, ooeh schnell, ohne viel nachdenken her- 
zusagen im stände war. Wo immer er sieh zeigte, überall flogen ihm 
die herzen entgegen und manner und trauen buhlten um seine gunst. 
!• Schönheit, grossmut und freigebigkeit machten ihn im königs- 
palast und in der beÜerhütte gleich beliebt, und stolz konte er von 
sich rühmen, dass er die liebe der weiber bis auf den lezten tropfen 
ossen, dass kein weib ihm je habe widerstand leisten können. „Ich, 
und nur ich allein, kenne die rechte liebe!*' rühmte er sich seinen 
freunden gegenüber, lud so kam es, dass er hochmütig und stelz 
ward: er wante sein herz von gott ab und hing es an weiber. Gott 
i-t aber Langmütig und straft nicht gleich die vergehen des menschen; 
er liisst ihm zeit zur umkehr und reue. So kam es auch, dass der 

hone herzog noch einige jähre sein lasterhaftes leben fortsezte. Da 
kam aber eine ekelhafte krankheit über ihn; sein leib war mit eitern- 
den wunden bedeckt, die einen unausstehlichen gestank von sich gaben. 
Jedermann fleh den kranken herzog; seine freunde verliessen ihn, seine 
diener entsprangen und weiten ihren kranken herrn nicht mehr pfle- 

n. Die berühmtesten ärzte Hess der herzog an sein Lager rufen, 
aber keiner konte ihm helfen, keiner ihn heilen. Da stieg die demut 
wider ins herz des herzogs, und tagelang flehte er inbrünstig zu gott 
um Vergebung seiner Sünden. Alle seine guter verschenkte er an die 
armen und an die mönche, damit sie für sein Seelenheil beten solton. 
Doch niemand konte bei ihm lange aushalten; nur eine einzige maid 
war e>. die r<>ehter eines blinden betlers, den der herzog bei der Ver- 
teilung - iner guter zu beschenken verg< ssi u hatte, die war es also, 
di( s " ihm zur tröstung _■ sant hatte und die ihn mit unaussprech- 
licher liebe and rgebung tau- und nacht pflegte. Der herzog wunderte 
sich gar oft darüber, wie das doch käme, dass ihn gerade diese maid, 
die er nie beschenkt hatte, so aufopfernd, so herzinnig pflege und 
behandle: und oft und oft fragte er si< : „Sag 5 mir, liebes kind, warum 



ZUM AKMKN HKl.NKiai 219 

pflegst du mich? Warum verlässt du mich nicht auch, so wie es alle 
getan haben, die ich doch reichlich beschenkt habe? Sieh, ich kann 
dir nichts geben, und nach meinem tode erhältst du so wenig, dass es 
nicht der mühe wert ist, dafür bei mir nur einen tag zuzubringen!" 
Aber von der maid bekam er immer nur eine antwort: „Lasst gut 
sein, lierr herzog! Mein schönster lohn ist der, wenn ich sehe, dass 
ich euerem herzen und euerem körper linderung verschaffe!" Bei einer 
solchen gelegenheit zog er einmal von seinem finger einen kostbaren 
ring und schenkte ihn der maid, indem er sagte: ..Nimm diesen ring 
und schenke ihn dem, den du auf erden am liebsten hast! 

So vergieng die zeit, so vergieng ein jähr nach dem anderen, 
und der herzog konte im dritten jähre seiner krankheit schon kein 
glied mehr rühren. Manchmal kam der eine oder der andere möneb 
zu ihm und betete mit ihm zu gott. Bei einer solchen gelegenheil 
erzählte er einem mönche einen wunderbaren träum, den er jüngst 
gehabt habe. Die heilige mutter gottes hätte im träume zu ihm gesagt, 
er solle sieh im blute einer Jungfrau baden, die ihn von ganzem her- 
zen liebe. Lachend schloss der herzog seine rede: „AVer wird mich 
faulendes aas lieben'.-" Unbemerkt hatte die maid diese erzählung mit- 
angehört und rief jezt: „Ich! ich liebe euch, o herr! und ich will jezt 
gleich mein leben lassen, damit ihr euch in meinem blute baden könt 
und gesundet! Heute in der nacht, als ich an euerem bette gewacht, 
tat eine stimme vom himmel mir kund, dass euch mein blut heilen 
würde!" Der herzog beschwor weinend die maid, von ihrem vorhaben 
abzustehen; diese aber holte statt aller antwort eine badewanne in die 
stubc. Ihren oberleib enthlössend, neigte sie sich über die wanne, 
und indem sie dem mönche ein scharfgeschliffenes messer überreichte, 
sprach sie also: „Frommer mann, durch deine band muss ich sterben, 
denn nur ein mann, der nie ein weib berührt hat, darf dies segens- 
volle weik an mir volziehen!" Der mönch ergriff da- messer und 
weite es ins herz der maid bohren: da sprang aber diese auf und rief, 
indem sie den ring, den ihr der herzog geschenkt hatte, küsste: „Bevor 
ich sterbe, gebe ich den ring demjenigen, den ich auf erden am lieb- 
sten nahe!" Und sie warf den ring dem herzog zu, der ihn an seine 
lippen drückte und rief: „Das ist die rechte liebe, die selbst den tod 
nicht scheut! Nicht solst du für mich sterben: ich will mein leben 
lassen, damit du frei und glücklich werdest!" lud als er sich vom 
tager erhob, um sich das leben zu nehmen, da bemerkte er und auch 
der möneh und die maid, dass sein körper wunden los sei und sein 
gesiebt so schön, wie in seinen besten tagen. Ein wunder gottes war 



220 VON WLISLOCB3 



gesehehn! Die rechte liebt 1 hatte gottes Vergebung für einen armen 
sünder erwirkt. Der herzog und die maid wurden selbstverständlich 
ein paar und Lebten in glück und frieden, aber auch in dcniut vor 



gott bis an ihr lebensende 



Dies das armenische miirchen, dessen engste verwantschaft mit 
dem „Armen Heinrich" keinem zweifel unterliegt, obwol der schluss 
das volkstümlich heidnische element ganz in den Hintergrund schiebt 
und einen christlichen gedanken hineindrängt, um der moral, welche 
das volk eben darin erkennen solte, eine bessere färbung zu geben. 
Der hauptgedanke ist in beiden stücken derselbe. „Es ist eine aske- 
tische erinnerung an die in Jugend und kraft blühenden ritter, voll 
reichtum und behaglichkeit, kühn an taten und durch erfolge, dass sie 
vor den armen und dürftigen bei gott keinen Vorzug haben. Er demü- 
tigt den kraftvollen Übermut, der bei allem ritterlichen wesen die her- 
zen der Jugend ergreift U1 Gleich dem armen Heinrich geschieht 

- auch dem armenischen herzog, dass „sin hoher muot wart verkehret 
in ein leben gar geneiget u (v. 82 fg.). Beide werden von ekelhafter 
krankheit befallen; vom „armen Heinrich" heisst es nur: v nü scheut, 
wu genaemt er e der werlie waere, mul wart nü alse unmaere, dax, 
in memen gerne an sach u (v. 124 fg.); ähnlich — wenn auch ärger — 
_>lit es dem herzog, „dessen leib eiternde wunden bedecken, die 
• inen unausstehlichen gestank von sich gaben. Jedermann floh ihn, 
seine freunde verliessen ihn, seine diener entsprangen und wolten ihn 
nicht mehr pflegen." Aber er dachte, gleich dem „armen Heinrich" 
noch immer nicht daran, dass es eine gottesprüfung sei; er suchte 
auch der menschen hilfe für sein übel. Und da sie diese hilfe nicht 
finden, so verschenken sie hab und gut an arme und manche, „damit 
sie für das Seelenheil beten sollen"; „dax sich goi erbarmen gemachte 
über der seh. heil u (v. 254 \'<j;.). Nun aber weichen beide stücke wesent- 
lich von einander ab: der „arme Heinrieh" zieht zu einem bauern, 
dessen tochter ihn pflegt; den armenischen herzog dagegen pflegt die 
maid eines blinden betlers, „den er bei der Verteilung seiner guter zu 
schenken vi sen hatte." Also ist in der armenischen erzählung 
die opferfreudigkeit der maid und somit auch ihre unbewuste liebe 
mehr hervorgehoben, die erst am schluss, wo der ring eine rolle spielt, 
zu vollem bewostsein erwacht. Und noch in einem wesentlichen 
punkte weichen beide Btücke von einander ab. Dem „armen Heinrich" 

1; Cassel im Weimar. Jahrbuch 1. -152. 



ZUM AHMEN HFINl;l< ll 221 

gibt der arzt selbst den rat: „ir müesent haben ei/m maget, diu vol- 
len erbaere und oiicl/ des willen waere, dm si den tot durch iuch 
Ute. nu enist <\ niht der Hute site, dir. e/k iemen gerne tuo. so 
hoert ouch anders niht dar tuo niwan der megede herxen bluot: ihr. 
innre für iuwer suhl guot (v. 224 fg.). Dem armenischen herzog aber 
wird nach langem gebete durch die matter gottes im träume kund- 
getan, dass er durch das blut einer Jungfrau, die ihn liebe, hei] wer- 
den würde. Dasselbe wird durch eine stimme vom himmel auch der 
maid offenbart Und hierin nähert sich die armenische erzählung der 
Schlusserzählung der sieben weisen meister. Es tritt also auch hier 
das umgekehrte Verhältnis ein. „Die ärzte wissen das mittel nicht zu 
raten, aber gott rät es an; während sonst es der ärzte lezte kur war, 
die gott verwarf, stelt hier gott es als das untrügliche rezept dar" 1 . 
Und somit ist auch hier, gerade so wie in der erwähnten sehlussorzäh- 
lung der sieben weisen meister und in der last ganz zur legende gewor- 
denen historie von den beiden freunden Amicus und Amolius-, die 
blutheilung vom christlichen geiste selbst legitimiert. Dies findet auch 
darin ausdruck, dass der mönch die maid töten soll, „denn nur ein 
mann, der nie ein weib berührt hat, darf dies segensvolle werk vol- 
ziehen." Was nun die eigentliche heilung des herzogs durch den ring 
anbelangt, die sich in keinem der verwanten stücke bislang nachweisen 
liess, so ist dies eben ein gemisch von echter weltlichkeit und selt- 
samer wundertäterei, die eigentlich gar wenig zu einander passen; aber 
immerhin scheint der glaube an die unbedingte heilkraft des alten heid- 
nischen medicamentes auch durch die christliche lebonssitte und lehre 
hindurch. 

Simrock sagt : „der arme Heinrich" nent die Jungfrau scher- 
zend sein gemahl und vermählt sich ihr gleichsam durch die geschenk- 
ten ringe. Hieraus scheint Grimm zu schliessen, dass in der altern 
opfersage, welche di'v spätem, von Hartmann benuzten Überlieferung 
zu gründe lag, eine frau sich für ihren gemahl hingegeben habe und 
dieser zug in unserm gedieht nur eine anders begründete erinnern ng 
des ursprünglichen Zusammenhangs sei. Die vergleichung der sage mit 
der von Admet und Alceste, die sich auch für ihren siechen gemahl 
hingibt, mit der von könig Robert" (bei Simrock s. 85) „bestätigt diese 
Vermutung." Aber diese ansieht Simrocks triff wol nicht das richtige; 
in der ursprünglichen sage ist der freiwillige tod einer Jungfrau das 

1) Cassel im "Weimar, jahfb. 1, 445. 

2) Vincenz von Beauvais. Speculum historiale lib. 24. 262. 



222 VON WLISLOCÜ 

hauptmonient gewesen, und erst in späterer zeit mögen die verwanten 
sagen an stelle der Jungfrau die gattin gesezt haben. Und zu diesen 
historien gehört auch «las folgende bisher noch nicht bekant gemachte 
märchen der Siebenbürger Rumänen, das ich aus der handschrift- 
lichen samlung des herrn N. Savu in genauer Verdeutschung mitteile. 



Die treue gattin. 

E9 war einmal — was einmal war, wäre es nicht gewesen, würde 
- nicht erzählt. In einem dorfe lebte einmal ein junger ehemann mit 
inem schönen weihe anfangs in glück und frieden. Als aber nach 
jähr und tag die trau kein kind zur weit brachte -da zog Unwille und 
verdruss in das herz und das haus des jungen mann es; besonders da 
einige alte frauen, die gerne ihre töchter dem manne zur ehefrau ire«-e- 
ben hätten, ihm heimlich zuflüsterten, dass sein weib deshalb keinen 
kindersegen habe, weil es in die zunft der hexen sich habe aufnehmen 
lassen. Anfangs schenkte der mann diesen üblen nachreden gar kei- 
nen glauben, später weiten sie ihm nicht aus dem sinn, und zum 
schluss jagte er sein schönes weib aus dem hause und heiratete eine 
ander.'. Seine erste frau lebte nun einsame, gar traurige tage in einer 
kleinen hütte am ende des dorfes, die sie von ihren eitern ererbt hatte; 
während die zweite trau, die ebenfals kinderlos blieb, ein gar tolles 
leben fühlte. Sprach ihr mann nur ein wort über ihre Verschwendung, 
da antwortete sie ihm sogleich: „Ja, du bist der geiz selbst! deshalb 
bleibt auch der kindersegen aus!" Der mann bereute gar bald, dass 
er seine <• frau vertrieben; er ward trübsinnig und Hess sein weib 
in haus und hof nach gefallen -ehalten und walten. Aber nicht genug, 
dass die frau verschwenderisch war, so hielt sie sich auch buhlen, die 
mit dem weibe in saus und braus lebten. Unzähligemal machte der 
mann ihr bittere vorwürfe, aber seine reden halfen nichts; im gegen- 
teil sie verbitterten das herz der frau so sehr, dass sie auf den ruch- 
losen gedanken verfiel, ihren gatten zu vergiften. Sie mischte ihm also 
3chlai _ift in den brantwein; und als er davon trank, schwoll sein 
leib b tark an. dass er nicht mehr im stände war sich von der stelle 
zu rühren. Todkrank lag er im bette und konte nicht sterben. Kein 
heilmitte] konte ihn von seiner bösen krankheit befreien: die „alten 
frauen" des dorfes und die ärzte der stadt sagten, dass er gift getrun- 
ken habe und sterben müsse, wenn nicht jemand das gift aus seinem 
körper saug Als dies -eine vernichte gattin hörte, erschrak sie sehr 
und floh aus dem dorfe; sie ward nie mehr gesehen. Von gott und 
menschen verlassen lag nun der arme mann ohne pflege und hilfe in 



ZUM ABMBN BBINEICH 223 

seiner stube. Da geschah es einmal in der nacht, als er vor sehmer- 
zen eingeschlafen war, dass seine erste gattin von niemand gesehen 
in die stube trat Sie blieb vor dem bette stellen, nahm ein scharfes 
messer in die hand and schnitt ihm in den linken arm eine kleine 
wunde; drauf begann sie ihm das blnt auszusaugen. Im schmerze 
erwachte der mann und als er seine frau an seinem arme saugen sah, 
bat er sie unter tränen, von ihrem vorhaben abzustehen, denn sie 
müsse vom eingesogenen gifte sterben. Aber die frau sprach: „Dich 
allein hab ich geliebt und will min für dich auch Bterben!" Der mann 
keilte sie nicht abwehren, denn er war nicht im stände, auch nur ein 
glied zu rühren. Und so sog denn die treue gattin das blnt ihres 
gatten bis dass sie ganz erschöpft in Ohnmacht fiel. — Am nächsten 
tage kamen die beute, um nach dem kranken manne zu sehen. Aber 
wie erstaunten sie, als sie ihn gesund und wolauf fanden, während 
seine treue gattin noch immer in tiefer ohnmacht auf dem boden lau! 
Da trat eine besprechcrin (= zauberfrau, descantelere) an das weih 
heran und sprach: „Holt mir schnell zwei wachteln!" Als sie die 
vögel erhielt, schlachtete sie den einen und vermischte das blnt dessel- 
ben mit einigen tropfen blnt vom manne und dessen ohnmächtiger 
frau; dann flöste sie der gattin einige tropfen von diesem blute ein, 
besprengte die lebendige wachtel und Hess sie dann fliegen. Wie gross 
war nun die freude, als die treue gattin zu sich kam! Auf der hoch- 
zeit, die die geschiedenen eheleute wider vereinigte, sagte die bespre- 
cherin: „Nim werdet ihr auch kinder haben!" Und so geschah es 
denn auch; die eheleute lebten nun in frieden mit einander und hatten 
die freude mehrere kinder zu haben und gross zu ziehen 

Dies das rumänische märchen, das in Siebenbürgen und im Banat 
in mehreren Varianten verbreitet ist, unter denen eine statt <\Qr wach- 
tein schwalben sezt. Der eingang und die Situation dieses märchens 
ist ganz abweichend von den mit der erzählung Hartmanns von Aue 
verwanten stücken. Einen ähnlichen zng, nämlich die Vergiftung des 
mannes durch die gattin, der aber dadurch nicht stirbt, sondern nur 
mit unheilbarer krankheit behaftet wird, finden wir in der sage von 
„Amicus und Amelius" (Simrock a. a. o. s. 131); einem andern zng, 
dass nämlich die gattin das gift aus dem leibe des mannes saugt, 
begegnen wir im gedieht „Konig Robert" (Simrock s. 85 fgg.). Interes- 
sant ist der zauber mit der wachtel, den auch Cassel (Weimar, jahrb. 
1, 410 und 428) besprochen hat. Aber nicht nur bei den Rumänen, 
sondern auch bei den siebenbiirgischen zeltzigeunern finden wir diesen 



224 



VON WLISI.Oi'KI 



zauber mit «lern blute der wachte! vor. Ein heil verfahren der zigeuner, 
welci g de bei kranken tieren beobachten, deren krankheit sie nicht 
gründen können, besteht nämlich in folgendem. Es werden zwei vögel, 
womöglich wachtein [berecto, foryo) genommen, von denen man den 
einen schlachtet, den andern aber, mit dem blute des ersten besprengt, 
frei fliegen lässt Mit dem reete des blutes wird das futter für das 
kranke tier angemacht, wobei eine besprechungsformel hergesagt wird. 
Die wachte] wird von den zigeunern auch „ teufelsvogel a {ci/rüäo ben- 
g nant und ihr dämonische eigenschafben zugesehrieben; beson- 
d< len sich die Nivaschi-töchter (wasserjungfrauen) gerne in wach- 

tein verwandeln und als solche den tag auf dem felde zubringen, in 
der nacht aber das getreide wegstehlen. Um sie vom getreide fern zu 
halten, ist es gut, bei der aussaat in die vier ecken des feldes teile 
von einer wachte] zu vergraben — ein aberglaube, den man auch 
unter der rumänischen Landbevölkerung Siebenbürgens antritt 1 . 

Für das hohe alter und die Verbreitung des blutzaubers unter 
den siebenbürgischen zigeunern spricht auch folgendes verfahren. Um 
tiere vor dieben zu schützen, lässt man aus dem finger eines kleinen 
kindes drei tropfen blut auf ein Stückchen brot fliessen, das man dem 
tiere unter hersagen einer formel zu fressen gibt. Jedes neue zeit 
wird von den ziireunern mit einigen tropfen kinderblut befeuchtet, um 
vor bezauberung und andern Unfällen zu sichern 2 . Ähnliches gilt 
von Jungfrauen, deren menstruationsblut zu heilsalben verwendet wird 3 . 

Mit dem glauben an die heilkraft des Jungfrauenblutes hängt wo! 
auch ein brauch der Juden in Rumänien und auf der Balkanhalbinsel 
zusammen. Wenn nämlich jemand unerwartet im sterben liegt, so sam- 
melt man für ihn ..jähre", indem der rabbi oder der synagogendiener 
mit einem papier von einer Jungfrau zur andern geht und sie auf- 
schreiben lä-st: wie viel tage, wochen usw. sie für den sterbenden von 
ihrem • . en leben hergeben will. Dies wird für ein grosses ver- 
dienst angerechnet und von gott belohnt. Leopold Kompert hat 
diesen, wie es scheint weitverbreiteten jüdischen brauch in einem 

Ausführliches darüber in meinen: „Zauber- und besprechungsformell] der 
tran^silvanischen und sudungarischen zigeuner" (Budapest. Hornyänsky, 1888) s. 27 l\ 

['•! Rio (Disquis. Ma_i<-. s. 1008) „Banairolus scribit (Enned. muliebri 
ca] _ . : tnio oruore domus alicujus postes inungantur, daemoniacis magorum 
artibus et insidiis aditum omnem praecludi." Schon Grimm erzählte von der Unga- 
rin, die. um schöner zu i. das blut junger mädchen braucht. 

8. darüber meinen aufsatz: „Über den zauber mit menschlichen körpertei- 
len bei den transsflvanischen zigeunern" (in den „Ethnologischen mitteilungen aus 
Ungarn' 4 , hera 1 von prof. A. Hermann. Budapest, bd. I). 



ZUM AHMEN HEINEII II 225 

Ghetto -märcheD sehr sinnig erzählt (Aus dem Ghetto Lbd.„Nicht ster- 
ben können" s. 295). 

Aus den mitgeteilten märchen ond Volksgebräuchen ist wol ersicht- 
lich, dass der stoff des „armen Eeinrich" in seinen grundelementen 
weit verbreitet ist und im volksbewustsein auch uoch heute fortlebt 
Hartmann mag eben eine volkstümliche Überlieferung bekanl geworden 
sein, deren älteste tonn im Orient zu suchen ist; an einen historischen 
Vorfall ist dabei gar nicht zu denken. 

MÜHLBACH IX SIEBENBÜRGEN. BEINRICH VON WLISLOCKI. 



ZU MINNESANGS FELTHLING 30, 28. 

Der anlang des schönen Spruches, in welchem gottes alwissenheit 
und almacht gepriesen wird, ist von Lachmann so abgedruckt: 

MSR 30, 27 Würze des waldes 

in t<l i r\e des goldes 
und eil in apgründc 
diu sint dir, herre, hünde. 

Das erze des zweiten verses bietet die hs. C; caber A hat nicht eriz } 
wie in den lesarten zu MSF angegeben ist, sondern — was schon 
Pfeiffer in seinem abdruck der handschrift (Lit. verein Publ. IX) angab 
und dr. H. Wunderlich jezt nach freundlicher einsieht der hs. mir aus- 
drücklich bestätigt — criz. Dies fasse ich als grie%; c ist oberdeut- 
sclie Schreibung für //, und i für ie komt durch die ganze mhd. periode 
sowol obd. als md. vor. 

Diese fassung der textstelle in C halte ich für die echte und 
ursprüngliche. In jedem falle gibt sie einen in den Zusammenhang 
völlig passenden sinn. Die alwissenheit gottes wird in geeigneter weise 
veranschaulicht an der kentnis auch der verborgensten und geringfügig- 
sten dinge. Für diesen gedanken passt das körne hen gold im fluss- 
sande, weil geringfügiger, sicherlich besser als die grössere goldmenge 
im erze. Dazu komt, dass das erste gold bei den Germanen aus 
Aussen gewonnen wurde, wie z. b. aus dem Rhein und der Donau. Das 
rheingolcl ist schon Otfr. I, 1, 72 erwähnt, und auf dieses flussgold 
geht auch die sage von dem in den Rhein versenkten schätz der Nibe- 
lungen zurück. Also lag dem dichter der gedanke an goldsand nahe 
genug. 

ZF.ITSCiraiFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. Ttt). XXIII. lo 



F. AHLGRIMM, ZU MINN1 FRÜHLING 

Wi< _ läufig die bezeichnung noch in viel späterer zeit war, 
zeigt Konrad \\ Megenberg ed. Pfeiffer 185, 11: diu (waxxer) tiehent 
guideinen griex und etleichi edel gestain. 

Bestärkt werde ich in meiner ansieht noch dadurch, dass ja auch 
in v. 1 und 3 der strophe eine offenbar beabsichtigte oder wenigstens 
noch in ihrer Wirkung gefühlte alliteration der bedeutunesvolsten 
w.q-t.' vorliegt: wurxi des waldes — und eüm upgründe. Das spricht 
doch dafür, dass auch der zweite vers diesen schmuck gehabt hat. Ich 
halte also für die echte fassung desselben: und gnea des goldes. 

KIEL. FRANZ AHLGEIMM. 



ÄLTERE DEUTSCHE DEAMEX IX KOPEXHAGEXEE 

BIBLIOTHEKEN. 

Das drama des 17. Jahrhunderts, an sich freilich kein ästhetisch 
sehr anziehender stoff, ist erst neuerdings gegenständ der eingehenden 
aufhierksamkeit deutscher gelehrten geworden. Selbst ganz vergessene 
dichter, z. b. Chr. Reuter, sind ans licht gezogen, und die bibliothe- 
ken sind rastlos durchstöbert worden. Volständige bibliographische 
Übersichten fehlen aber noch: man ist immer auf den „Nötigen Vorrat" 

»ttscheds mit Freieslebens nachlese angewiesen, wozu Maltzahns 
bücherschatz und selbst Goedekes schätzbarer grundriss kaum ausrei- 
chende Supplemente darbieten. Unter diesen umständen wird wol jeder 

bst unscheinbare beitrag zu bibliographischer vervolständigung das 
int sse der fachmänner beanspruchen dürfen, und auch auswärtige 
bibliotheken können hie und da das ihrige beisteuern. 

In Dänemark wurde die deutsche litteratur der genanten periode 
algemein gelesen und galt als anerkantes muster der einheimischen. 
3 it dem absterben der alten schulkomödie um 1635 existierte gar kein 

bauspiel in der muttersprache; es wurde nur deutsch und von 
deutschen trappen gespielt, bis nach einfuhrung der souverainetät fran- 
zösische Schauspieler und Opernsänger wenigstens am hofe mit den 
deul n zu weteifern begannen. In unseren bibliotheken ist die lit- 

ratur dieser zeit ziemlich volständig erhalten, und ich glaube die auf- 
merksamkeit deutscher Leser auf einige gruppen derselben hinlenken zu 
d i'ufen. 

3o findet sich in der Kopenhagener Universitätsbibliothek ein alter 
sammelband deutscher Schauspiele aus den jähren zwischen 1625 — 80, 
ohne gesamttitel oder andere erläuterungen. Die dramen sind gewiss 



•T. PALUDAN, DEUTSCHE DRAMEN IN KOPENH. BIBL. 227 

nur ganz zufällig zusammen gebunden und nicht etwa (als bühnen- 
repertoire oder dergleichen) in bestirnter absieht vereinigt. Auch deu- 
tet nichts darauf, dass sie in Dänemark aufgeführt worden seien. 

Der band begint mit 1) Opitz. Trojanerinnen, Wittenb. 1625, 
und 2) desselben Judith in der bearbeitung von Andr. Tscherning, 
Rostock 1646, diese mit musik. Dann folgt 3) Der Schwermende 
Schäfer Lysis, Auf desz Durchlauchten Hochgebornen Fürsten und 

Herren, Herren Georg Wilhelm. Hertzogens in Schlesien zur Lignitz, 

Brieg und Wohlan. Hnchsterfreulichen Geburtstag (welcher ist der 
29 September Anno 1660) vorgestellet in einem Lust-Spiele auf der 
Fürstlichen Residentz in Olau, Den 29 September Anno 1661. in der 
Fürstlichen Residentz -Stadt Brieg, Druckts Christoff Tschorn." Herr 
di'. eJoh. Bolte hat neuerdings in Herrigs archiv LXXXII, 120 nach- 
gewiesen, dass wir hier den bisher nicht aufgefundenen, vielleicht ein- 
zigen, ersten druck haben von des Andreas Gryphius freier bearbeitung 
der Pastorale burlesque von Th. Corneille „Le Berger extravagant." 
Das Hirtenspiel ist unter dem titel „Der schwermende Schäffer, Saty- 
risches Lustspiel" zum zweiten male zu Breslau 1663 gedruckt, mei- 
stens zusammen mit Gryphius, freuden- und trauerspiele, öden und 
sonette; es findet sich widerum in der gesammelten ausgäbe der „Tent- 
schen Gedichte" 1698, I. Eine auf der rückseite des titeis abgedruckte 
erkiärung weist hier auf den ersten druck zurück: „Der groszgünstige 
leser wisse, dasz der abdruck dises schwerinenden schäfers, so zu Brig 
durch Christoff Tscheren heraus gegeben, nur ein auszug aus dem gan- 
zen wereke, welches dir hirmit überreicht wird" 1 . Christoff Tschorn 
(nicht: Tscher) bezeichnet sich indes auf dem titel des ersten druckes 
nur als der buchdrucker, welcher doch avoI auch das festspiel auf seine 
kosten herausgegeben haben kann; der auszug aber ist solcher art, 
dass er wol eher vom Verfasser selbst als von Tschorn besorgt sein 
muss. Der erste druck folgt nämlich akt für akt und scene für scene 
der späteren volständigen ausgäbe, nur dass die hälfte der repliken 
um grosse stücke verkürzt, bisweilen auch etwas umgearbeitet ist, 
wahrscheinlich um die Vorstellung nicht über die gebühr auszudehnen. 
Sonst unterscheidet sich dieser erste druck von den späteren durch einen 
versificierten „eingang", vom erzengel Michael vorgetragen, weil das 
geburtsfest des jungen prinzen eben auf den Michaelistag fiel. Dieser ein- 
gang ist in unserem exemplar defekt, und die lücke begreift vermut- 

1) Vgl. H. Palm in der einleitung zur ausgäbe von Gryphius' lustspielen 
1878, 346. 

15* 



.7. PALUDAN 

lieb ein paar Matter (unpaginiert) mit dem personenverzeichnis und der 
ersten scene des ersten akts, so dass die zweite scene den anfang 
macht. Am schluss des stücks folgen zwei festgedichte zum geburts- 
tag, von denen das lezte, welches mit dem hirtenspiel in keiner Ver- 
bindung steht. W". S. v. S. nnterzeielmet ist. Alle diese spuren von 
dem Ursprung des Stücks als festspiel sind in den späteren drucken 
weggelassen. 

Gryphius sagt im vorwort zur bearbeitung, dass sie ihm „von 
einer durchlauchtigsten person unserm Vaterland mit zutheilen gnädigst 
anbefohlen", welches Palm I. c. vom grafen Schafgotsch versteht, dem 
die späteren auflagen dediciert sind. Er muss aber zugeben, dass ein 
_ af als sdleher nicht „Durchlaucht" war, und dass es zweifelhaft ist, 
ob dieser titel dem grafen Schafgotsch zukam. Wahrscheinlicher hat- 
ten die eitern des einjährigen prinzen, dessen geburtsfest das stück 
feiert und in dessen erblande (Wohlau) es localisiert ist, das festspiel 
bei dem benachbarten dichter bestelt und wünschten es demnächst ver- 
öffentlicht zu sehen. Besonders die mutter, berzogin Luise von Lieg- 
nitz. scheint sich für Gryphius interessiert zu haben, und ihr ist die 
ausgäbe seiner werke. Breslau 1663 geweiht. 

Auf Joh. Chr. Hallmanns bekantes trauerspiel 4) Sophia, 
Liegnitz 1671, folgt sodann in unserem sanimelbande 5) Hieronymus 
Thomae von Augstburg „Titus und Tomyris oder Trauer-spiel, 
Beygenabmt die Rachbegierige Eyfersucht. Gedruckt zu Giessen bey 
Joseph Dieterich Hampeln, der Löblichen Universität bestellten Buch- 
drukern. 1662." Unlängst hat Creizenach 1 auf den wenig bekanten 
Augsburger dichter und sein drama aufmerksam gemacht. Dieses dürfte 
ziemlich selten sein: Creizenach hat ein exemplar aus der Gottsched- 
schen samlung in der grossherzogl. bibl. zu Weimar benuzt, welches 
2 nz mit dem Kopenhagener exemplar zu stimmen scheint, nur dass 
di< - - das druckjahr 1662, nicht 1661, trägt. Die aufläge von 1662 
ist bei Gtoedeke, nicht aber bei Gottsched noch bei Maltzahn ver- 
zeicln. • 

Mit recht hebt Creizenach hervor, dass „Titus und Tomyris" 
besonders in stoflicher rücksicht kulturgeschichtlich interessant ist und 
wie kaum ein anderes stück anknüpfungen darbietet für die geschiente 
der Wechselwirkungen zwischen dem hauptsächlich nach der späteren 
antike, den Franzosen und Niederländern ausgebildeten kunstdrama und 

1) Stadien ztu h. d. dramat. ) im 17. jahrh. I, in den Berichten 

der sächs. g '.. der \vi ... phil.-hist klasse, XXXVIII, 1886, 8. ^3. 



DEUTSCHE DRAMEN IX KOPENH. BIBL. 229 

dem von den herumziehenden banden „englischer komedianten" beein- 
flussten Yolksschauspiel im 17. Jahrhundert Gewöhnlich standen dii 
zwei gattungen des recitierenden dramas sieh ziemlich fremd gegenüber; 
das kunstdrama als gelehrte Btudie war nur zur Lektüre für die gebil- 
deten stände bestirnt, während die romantisch verwilderte „haupt- und 
staatsaction tf fast ausschliesslich die bühne beherschte und auf das 
eigentliche volk wirkte. A.usnahmeweise bemächtigten sich die berufs- 
schauspieler eines oder dos anderen der gelehrten dramen und brachten 
es in reher form auf die bühne, wie dies /.. b. mit Grryph's Papinian der 
fall war. Bei Hier. Thomae finden wir aber das entgegengesezte Verhältnis, 
ein hineinspielen des volksschauspiels und (k^ englischen einflusses im 
kunstdrama. Der stoff ist bekantlich von Shakespeare in seiner Jugend 
1G00 unter dem titel Titus Andronikus in versen bearbeitet. In einer 
älteren, roheren prosaförm gieng das stück mit den ersten englischen 
sehauspielertruppen nach Deutschland, vielleicht auch nach Holland iib< r, 
und licet schon 1620 in deren repertoire, den „Englischen comedien 
und tragedien" deutsch gedruckt vor 1 . Denselben stoff wenigstens, 
jedoch in näherem anschluss an die Shakespcarsche fassung, benuzte 
der Niederländer Jan Vos, welcher bestrebt war, höheren kunststil mit 
rohem romantischem effekt, englischer freiheit und natiirlichkeit zu ver- 
schmelzen. Seine tragödie „Aran en Titus, ofWraak en Weerwraak" 
1641, die Gr. Grefflinger schon 1650 ins deutsche zu übersetzen beab- 
sichtigte-, hält Creizenach für die vorläge von Hier. Thomae's Titus 
und Tomyris 1662, und er hat auch in der handlung gewisse Überein- 
stimmungen nachgewiesen, die wol kaum zufällig sein können. A'iel- 
fach weicht jedoch Thomae von Yos ab und nähert sich den älteren 
„englischen komedianten." Shakespeare dagegen scheint er gar nicht 
zu kennen, und in mehreren einzelheiten ist seine fassung von allen 
drei älteren ganz verschieden, so schon in den harnen der personenliste. 
Auch ist bei ihm Aran kein mohr, und Titus sezt in der gast- 
mahlsscene des lezten akts nicht Tomyris das fleisch ihrer ermordeten 
söhne vor. 

Auf Überschätzung des einflusses von Yos scheint mir die annahm-' 
Creizenachs zu beruhen, dass Hier. Thomae auch form und kunststil 
seinem niederländischen vorbilde entlehnt habe. AVie Creizenach selbst 
(s. 100) in demselben atemzuge bemerkt, war ja der neue poetische 
kunststil damals schon von Gryphius vor 15 jähren im deutschen drama 

1) Alb. Colin, Shakespeare in Gennany 1865, L'XII und 157, vgl. auch Heck, 
Deutsches theater I, 1817. 

2) Bolte im Aiiz. f. deutsches altertum und deutsche litt. XIII. 112. 



'230 J- PALUDAN 

behnzt, und Thomae schliesst sich hier doch wol ganz einfach den 
Schlesiem an, denen eben das leibhaftige vorführen der Mut- und 
greueltaten trotz der klassicistischen äusseren form besonders eigen Avar. 
In den chören, die bei Yos mehr realistisch von römischen priestern, 
kriegern und Jungfrauen vorgetragen werden, lässt Thomae, wie auch 
eizenach bemerkt, ganz nach Gryphius aUegorien auftreten; und 
während bei Vos der dialog frischer und derber vorschreitet, versteigt 
er sich bei Thomae häufig zu unnatürlich verschrobenem pathos, wozu 
Gryphius und der mit Thomae gleichzeitig auftretende Lohenstein auf- 
fallende parallelen darbieten. So die klage Arans auf dem Scheiter- 
haufen : 

Erschrecklicher himmel, blitz, donner und prasset 

In einem beschwefelt erhitztem gerassei, 
Ruft grausame geistcr, erfüllet die lüfte, 
Euch, elie ich geschicket in dunkele grüfte. 
Hier schmachtet, hier stirbet eler euch hat erstochen, 
Wie halt ihr euch, schreckliche geistcr, gerochen? 
Höret, wie krachen elie '^raschelnde flammen, 
Sehet, wie schrumpfet mein' haut schon zusammen, . . . 
oder eine frühere replik des Laetus: 

saust, grause winde, sauset, 

Hast scharffe donnerkeil, ihr Wirbelwinde brauset, 
Betrauret diesen tag, der immer mehr erschreckt, 
Der stürm auf wind und not auf vorig angst erweckt. 
Ähnlich donnert Gryphius in „Leo Armenius" 1646: 

Du schwefel -lichte brunst der donner -harten flammen, 
Schlag los, schlag über sie, schlag über uns zusammen, 
Brich abgrund, brich entxwey , und schlucke, kann es seyn, 
Du Mufft der ewigkeit, uns und die m'örder ein! 
und Lohenstein in „Cleopatra" 1661 : 

Die erde bricht, der abgrund reisst entxwey, 
Die räche tagt mir ans den finstem höhlen, 
Wo die mit mord und blut besprutzte seelen 
Sich laben durch ihr angst -geschrey. 

Haben also kunstdichter wie Shakespeare, Vos und Hier. Thomae 
der Volksdichtung den damals so beliebten stoff des Titus Andronikus 
entlehnt, so zeigt sich andererseits die Weiterbehandlung desselben stof- 
im volksschauspiel wider vom kunstdrama beeinflusst. Was das 
stück nach allen Seiten hin so anziehend machte , war eben seine blu- 
tige rohheit, die einem dränge der zeit nach massiv äusserlicher reizung 



DEUTSCHE DRAMEN IN KOPENH. BIBL. 231 

entgegenkam. In dieser hinsieht waren kunstdichter wie volksdichter 
echte kinder ihrer zeit; erstere scheiden sich von den lezteren nicht 
sowol durch feineren ästhetischen geschmack, als vielmehr durch aus- 
gebildeteren formsinn, indem sie auf dramatische motivierung etwas 
mein- gewicht legen und den dialog in den höheren ton des ven 
emporheben. Das volksschauspie] hii n zieht mit rohem effekl die 
greuelscenen in dm Vordergrund und behandelt dieselben in entspre- 
chend rohem stil. So die erste deutsche Fassung des Titus Andronikus 
in ilcn „Englischen comedien und tragedien" 1620, und ebenfals die 
späteren bearbeitungen des Stücks in haupt- und staatsactionsstil, die 
wie es scheint volle hundert jähre von der Volksbühne herab die gui 
des publikums behaupteten. Diese bearbeitungen gehen aber keim 
wegs ausschliesslich von der ursprünglichen, mehr volkstümlichen form 
bei den „englischen comedianten" hervor; wo genauere aachrichten 
vorliegen, weisen diese vielmehr U\v den gang der handlung auf die 
-purere kunstdichtung als quelle zurück. Das von Alb. Colin veröffent- 
lichte programm einer hauptaction zu Breslau 1699 1 wenigstens gibt 
sich schon durch personenliste und titel: „Rache i Rache, oder der 

streitbare Kömer Titus Andronikus" deutlieh genug als ableger der tra- 
gedie «les JanYos kund, welcher das inhaltsreferat auch ziemlich genau 
folgt. Yon einer späteren aufführung, vielleicht zu Nürnberg um 171' 
kennen wir nur den titel „Der mörderische gotthische mohr sampl 
<\<><i:n fall und end >c , wonach wol fraglich bleibt ob es Bich von der 
alten redaction 1620 oder von einet' neueren bearbeitung in haupt- und 
staatsactionsstil handelt. Ähnlich ist der fall mit der lezten bekanten 
und etwas ausführlicher besprochenen Vorstellung *\f> Titus Andronikus 
als deutsches Puppenspiel zu Kopenhagen 1719, die Bolte a. a. <>. nach 
dem dänisehen dramaturgen Overskou 8 , und Creizenach nach Rahbek' 
anführt. Beide dänische autoren schöpften ihre leidet- ziemlich unb< 
stimte nachricht aus der Geschichte Friedrichs I\'. von Riegels L799, 
II 427, die wider aus einer wahrscheinlich verschollenen handschrift di 
bekanten dänischen gelehrten Friedrich Rostgaard den anschlagzettel 
eines marionettenspiete entlehnt, welchem Rostgaard L719 nebst den 
vornehmsten adelspersonen Kopenhagens beiwohnte: 

1) Jahrb. der deutschen Shakespeare^ h. XX III. 277. 

2) Meissner im Jahrb. d. Shakespearegeselsch. XIX. L43. 150 or. 94, \J. 
auch Bolte im Anz. für deutsches altertum u. deutsche litt. XIII. 112, uote 2. 

3) Den danske Skueplads, Kopenh. 1854, I, I 

4) Holbergs udvalgte Skrifter, Eopenh. 1806, VI " - 
d. wissensch., phil.-hist. klasse XXX VIII, 106 uote 1. 



J. PALÜDAN 

„Mit gnädigsten consens hoher obrigkeit Allen herren cavalliers, 
damen und der curiositäten Liebhabern, wird hiemit angedeutet, das 
allhier angekommen ein vortreflicher maitre, der da vorstellet mit 
grossen figuren die schönsten comoedien, tragödien, historien und aller- 
hand schönen begebenheiten, auf einen kostbaren, zierlich und oft ver- 
änderlichen theatro, worauf auch soll prasentirt werden, schöne opern, 
maschinen, balletten, Jägereien mit vielen thieren, worunter auch ein 
chinesischer elephant in lebensgrösse, und alle diese thiere präsentiren 
sich als Lebendig, und andre dergleichen Sachen mehr, und wird ange- 
fangen mit Tito Androniko und der hoffartigen kaiserinn und dem 
Mohr Aran." 

.Ann dieser zwei bogen langen marionettenkomedie" — fährt Rie- 

Ls fort — ..geben wir zur probe einige zeilen des Schlusses: Titus 
richtet eine pastete zu, darinnen das fleisch von der kaiserinn ihren 
söhnrs haupte(!) eingebakken. Titus machet friede, bittet den kaiser und 
kaiserinn zur mahlzeit. Die kaiserinn isst mit grossem appetit von 
der pastefc Die kaiserinn will wissen, was dieses sey, das ihr so 
wol schmeckt." 

„Gleich nach dieser farce trat ein acteur hinein und sagte: Ein 
Lustiges nachspiel soll schliessen. Wenceslaus, könig von Pohlen, tra- 

die von mons. Rostran (IRotrou), welche die mit kgl. crlaubniss spie- 
Lende comödianten heute freytag d. 17. oder den 19. [november] prii- 

atiren werden." 

Aus diesem text bei Riegels lässt sich aber gar nicht ersehen, wie 
weit er die handschrift Rostgaards wörtlich citiert, und wo er nur mit 
len Worten referiert; ob also die paar zeilen, welche die gastmahls- 
ans Titus Andronikus zusammenfassen, von Rostgaard als augen- 
zeuge herrühren, oder nur von Riegels als erläuterung des theater- 
zetl s fügt sind. Dennoch schliesst Rahbek, dass es sich hier 

um die „englische tragedie" Titus Andronikus handele, „zweifelsohne 
nach der in ßottscheds Verz. d. schausp. genanten samlung englischer 
komedien und tragedien mit dem Pickelhering 1730 aufgeführt." Eine 
samlung von diesem jähre existiert aber gar nicht, und wäre auch 
11 Jahre später als das in Kopenhagen gegebene stück. Die „eng- 
lischen comoedien und tragoedien ... sampt dem Pickelhering" rühren, 
wie schon öfter gesagt, von 1020 her, sind aber in Gottscheds Nöth. 

>rrat mir in <\<'V zweiten aufläge 1629 aufgeführt; 1630 erschien 
..1. skampf oder Ander teil der engl, comoedien und tragoedien"; 
1670 eine dritte samlung, „Schaubühne engl, und französischer comö- 
dianten. 1727 neu aufgelegt; aber Titas Andronikus ist nur in die 



DEUTSCHE DBAMKN IN KOPKNH. BIDL. 233 

erste samlung aufgenommen. Rahbek wird sich also jedenfals in der 
Jahreszahl arg geirt haben. Der kurze auszug ans der gastmahlsscene 
stimt zwar nicht übel mit dem gange der handlung in der alten „eng- 
lischen tragcdie", welche auch recht wo\ als ein ,, zwei bogen langes" 
stück bezeichnet sein kann. Aber gesezt auch, dass wir hier Rost- 
gaards eigene worte und nicht ein« 1 blosse Vermutung Riegels 1 haben, 
so konte sich dies gedrängte referat von einer einzigen stelle des Stücks 
eben sowol auf eine spätere textredaction beziehen. Noch weiter 
spint der in der älteren theatergeschichte immer unzuverlässige Over- 
skou die hypothese aus, indem er 1 die ganze handlung der „englischen 
tragcdie" in solcher weise referiert, dass man darin eine fortsetzung 
von Rostgaards bericht sehen könte. So lange das originalmanuscript 
Rostgaards sich nicht auffinden lässt, wissen wir demnach nur, dass in 
Kopenhagen 1719 die beliebte geschichte Titus Andronikus' aufgeführt 
worden ist, nicht aber, ob dies die alte „englische tragedie" oder eine 
modernere Umbildung des Stoffes war. 

Die folgenden stücke des sammelbandes sind des sogenanten Fi- 
lidors festspiele zu fürstlichen geburts- und hochzeitfesten am hofe 
zu Rudolstadt 1665 — 67. Gewöhnlich werden sie dem Altonaer lyriker 
Jacob Schwieger zugeschrieben, über dessen leben und wirken aber 
noch immer ein dunkel schwebt. 1660 veröffentlichte er unter dem 
namen „Filidors des Dorfferers" eine recht frische samlung lyrisch - 
erotischer gedichte: „Die geharnschte Yenus", und auch in Joli. Rists 
Eibschwan enorden soll er, jedoch nach unsicheren nachrichten, den 
dichternamen Filidor geführt haben. Diese wie andere dergleichen hir- 
tennamen waren aber mehreren dichtem der zeit gemein, und sonst 
weiss man von erner Übersiedelung Schwiegers nach Rudolstadt gar 
nichts. Der erste gewährsmann für seine identität mit dem Rudol- 
stadter dramatiker ist Moller, Cimbria litt. I, 614, der jedoch keine 
beweise beibringt; nach ihm Eschenburg in Bragur 1792, II, 420 und 
die meisten neueren: Gervinus, Koberstcin, Raehse im vorwort seiner 
ausgäbe der „Geharnschten Venus" 2 u. a. Goedeke dagegen bezweifelt 
die identität, und Kurz 3 stelt eine ganz neue hypothese auf, wonach 
der Altonaer Schwieger vielmehr seine lezten lebensjahre in Dänemark 

1) Wortgetreu nach Bärensprung im Jahrbuche des Vereins f. Mecklenburgs 
Gesch. 1836, I 89, oder dessen quelle, J. B. Eousseaus kunststudien , München 183-1. 
selbst aber ohne irgend eine Quellenangabe. 

2) Neudrucke deutscher litteraturwerke des XYI. und XVII. jahrhundertsi 
heft 74 — 75, 1888. 

3) Gesch. der deutschen litt. II 300, vgl. 396. 



J. PALT7DAN 

verbracht haben dürfte. Er soll nämlich schon 1657 mit einem däni- 
lieii heere gegen Karl Gustav von Schweden nach Polen gezogen sein, 
und nach Moller a. a. o. gab er noch KUh in Kopenhagen eine kleine 
lyrische samlung „Filidors Erst entflamte Jugend" heraus. Somit kann 
kaum in den jähren zwischen 1665 — 1667 zu Rudolstadt gewirkt 
haben, noch weniger nach den gewöhnlichen berichten daselbst 1G65 
oder 1666 _ sl irben sein. 

Diese nachrichten über Schwieger sind aber ganz und gar unzu- 
lässig In dem 1657 datirten vorwort zur „ Geharnschten Venus" 
. das- die samlung ..mitten unter denen rüstungen im 
offenem feld-läger" gedichtet sei. und in den gedienten selbst nent er 
die polnischen flüsse Bug undMasau als zeugen seiner leiden im kriege 1 . 
Moller in Cimbr. litt, weiss aber von Schwiegers dänischen kriegsdien- 
n nichts; erst Karl Förster 2 sagt, dass er sieh an dem kriege zwi- 
schen Friedrich III. und Karl Gustav in Polen beteiligte, was wider 
Pabst in einem aufsatz über Schwieger als dramatiker 3 so verstellt, 
als ob er „soldat in danischen diensten" gewesen. So auch bei den 
späteren litteraturhistorikern; aber im jähre 1657 ging kein dänisches 
heer nach Polen, sondern nur über die Elbe nach Bremen. Wahr- 
- heinlicher ist, dass sich Schwieger als abenteurer eine kurze zeit von 
len oder Brandenburg zum polnischen kriege hat werben las- 
n; -'hon im august desselben Jahres war er, den zuschritten mehrerer 
„Zehen" der „Geh. Venus" zufolge, wider in Hamburg zurück. 

I), Schwieger ..Filidors Erst entflamte Jugend" geschrieben habe, 
ist nur eine übereilte folgerung Mollers aus dem gemeinschaftlichen 
Pseudonym und dem mit Schwiegers lyrik etwas verwanten Charakter 
r kleinen samlung. In der tat geht aber aus dem inhalt wie aus 
den vorauf - nickten ehrenversen hervor, dass der pseudonyme Ver- 
la- in junger Düne von adel war, der sich hier zum ersten male in 
der poesie versuchte, und zwar nach deutschen Vorbildern, zu denen 
wir freilich auch .Sehwieger rechnen müssen 4 . Überhaupt gibt es nach 
meiner sorgfaltigen Untersuchung von einer früheren oder späteren Ver- 
bindung Schwiegers mit Dänemark nicht die geringste spur, und somit 
wä ein aufenthalt in Rudolstadt wenigstens negativ sicherer fest- 
_ ■ it. Aus verbürgten nachrichten kennen wir ihn aber nur als 

1) Raehses au>g. X und 58. 

_ W. Müll BibL deutscher dichter des XVII. jahrh., 1828, XI, s. xvi. 
B tter f. litt. Unterhaltung L847, nr. 269. 

-1) Paludan. Renaissance!.»«,'- n i Danmarks litt.. Kopenh. 1887, 284. 



DEUTSCHE DEAMEN IN KOPENH. MBL. 235 

Lyriker und in den herzogtümern angesiedelt; auch scheinen die dra- 
men des Rudolstadter Filidors an Schwiegers Lyrische dichtung kaum 
eine ankntipfting darzubieten. Selbst den verfassernamen Filidor tra- 
gen diese dramen nicht einzeln, sondern nur auf einem recht schönen 
knpfertitel: „Filidors trauer-, Inst- und mischspiele, erster teil, Jena bey 
J. L. Neuenhahn. 1665", welcher vor dem „Vermeinten prinzen" ein- 
geheftet ist. Es ist aber nicht klar, wie viel und welche stücke diese, 
schon in dem ersten Jahre, wo Filidor als dramatiker auftrat, geplante 
ausgäbe begreifen solte. In dem Kopenhagener sammelbande folgt 
unmittelbar nach dem gesamttitel nur „Der vermeinte prinz" und ..Die 
\Vittekinden u ; in anderen exemplaren aber, wie ans Maltzahn .'5 11 
und Güdeke 1887, III, 106 hervorgeht, auch „Ernelinde", „Der be- 
trogene betrug" und „Basilene." Indessen sind die dramen unter 
einander stark verwant, in einer periode, an demselben orte und bei 
einerlei gclegenheiten gedichtet, was auf einen einzigen Verfasser schlies- 
sen lässt. Ob aber dieser Schwieger ist, bleibt immer fraglich; nach 
den gewöhnlichen angaben seines todesjahres, 1665 oder 66 x , wären 
ihm jedenfals wol die späteren stücke abzusprechen. 

Die in unseren sammelband aufgenommenen dramen Filidors 
sind: 6) Die erfreuete Unschuld, mischspiel, am 3. märz 1666 ((jö- 
deke hat 1664) aufgeführt; 7) Ernelincle oder Die viermal braut, 
mischspiel, Rudolstadt 1665 (nach Gödeke solte das titelblatt kein 
druckjahr, sondern nur das jähr der auffuhrung tragen, was jedoch in 
unserem exemplar nicht der fall ist); 8) Der vermeinte prinz, Inst- 
spiel, Rudolstadt 1665 (mit dem oben genanten gesamttitel); 9) Die 
AVittekinden, singe- und freudenspiel, Jena 1666, und dann, von 
den übrigen gesondert als nr. 13 der samlung: Der betrogene be- 
trug, lustspiel, Rudolstadt 1667. Übrigens sind die exemplare genau 
mit den Verzeichnissen Gödekes und Kobersteins übereinstimmend. Mit 
ausnähme der „Wittekinden" sind alle stücke in prosa; die speciellen 
festallusionen sind meist in versificierte allegorische Zwischenspiele ver- 
legt; dem hauptinhalte nach nähein sich aber die dramen dem moder- 
nen intrigenlustspiel und bilden somit eine besondere gruppe im kunst- 
drama der damaligen zeit, von den Franzosen und besonders den 
Italienern beeinflusst. Komische scenen wechseln wie im volksschau- 
spiel mit den ernsteren; als lustigmacher vertreten aber die italienischen 
figuren Pantalon und Scaramuz die stelle des deutschen Hanswur>t>. 
Der ton ist im ganzen etwas feiner als gewöhnlich, und als quellen 

1) Kaekse a. a. o. XI. 



236 J. PALUDAN 

weist der Verfasser selbst für den „Vermeinten prinzen" auf einen 

italienischen roman von Pallavicino („II principe Hermafrodito" ? Kober- 

in), für den „Betrogenen betrug" auf Scarrons Roman comique hin. 

Für „Ernelinde" hat dr. Bolte auf Cicogninis „Moglie di quattro mariti" 

(16{ des n. und nach dem ausführlichen auszuge des lezteren 

Stückes bei Klein Gesch. des dramas V, 707 scheint die Ernelinde 
igentlich kaum mehr als eine Übersetzung zu sein. Von Filidors fest- 
spielen ist dies das einzige, welches auf die Volksbühne übergiehg; in 
Meissners Verzeichnis der um 1710, vielleicht in Nürnberg, aufgeführt 
ten stücke linden wir nämlich auch „Die 4 mal braut Blinde* 1 . Fili- 
dor und sein in damaliger zeit ziemlich einzig dastehendes Verhältnis 
zu romanischer litteratur wäre gewiss einer mehr eingehenden mono- 

aphischen behandlung wert, als ihm bisher zu teil geworden. Meines 
wissens ist Pabsts oben citierter aufsatz in den Blättern für litterarische 
Unterhaltung 1847 bis zum heutigen tage der einzige und ganz unzu- 
längliche derartige versuch. 

Li nahem Verhältnis zu den festspielen Filidors steht nr. 17 in 
unserem sammelbande, „Die steigende und fallende Athenais 
oder Eudoxia, Uf gnädigem Befehl Des Hochgebohrnen Grafen und 
Herrn. Herrn Albert Anthons, Der vier Grafen des Reichs, Grafen zu 
S hwarzburg und Höllenstein, Herrn zu Arnstadt ... Dero Hoch Gräf- 
lichen Gemahlin, Der auch Hochgebohrnen Gräfin und Frauen, Fr. Emi- 
lien Julianen, Gräfin und Frauen zu Barby und Mühlingen ... Zu 
Ehren, An Ihrem GOtt Lob! am 19 Augusti frölich erschienenen 

buhrts Feste, Uf dem Theatro des Hochgräflichen Residenz Schlosses 
zu Rudolstadt in einer Tragoedia fürgcstellet von M. Mich. Hörnlein, 
Gräfl. Inf. — In Rudolphstadt druckts Christoph Fleischer, 1680." 
Dieser lange, feierlich formelle titel entspricht genau, oft wörtlich denen 
zu Filidors festspielen, und das stück ist also an demselben hofe, vor 
denselben fürstlichen personen und bei einerlei gelegenheit, nur 13 jähre 

Lter aufgeführt Ist der unter dem namen Filidor bekante festdich- 
ter d räflichen hauses (den fürstentitel nahm die linie Schwarzburg- 
Rudolstadt erst im anfang des 18. Jahrhunderts an) wie gewöhnlich 
angenommen 1665 oder 66 gestorben , so fält es ganz natülich, dass 
nach ihm ein informator im grafenhause die ledige stelle als hofdichter 
eingenommen und das bei dem grafenpaare offenbar sehr beliebte 
höfische festspiel in einem etwas verschiedenen, mehr geschichtlichen, 
aber auch mehr pedantisch langweiligen ton fortgesezt habe. Seine 

1) Jahrb. d. Shakesp eisen. XIX 150, nr. 95. 



DEUTSCHE DRAMEN IN KOPENH. BIBL. 2Ü« 

prosatragedie, aus der geschiente des byzantinischen kaiserreichs ent- 
lehnt, finde ich in keinem deutschen litteraturverzeichnis erwähnt 
Vielleicht war es doch derselbe stoff, welcher nach Malt/ahn 531 
unter dem titel „Die unglückseelige Eudoxia" noch 1732 zu Altdorf 
in der musik aufgeführt wurde. Hörnleins behandlung bietet nur 
wenig bemerkenswertes, und von der relativen Originalität seines Vor- 
gängers hat er schlechterdings nichts geerbt. 

Nr. 10 des sammelbandes, das alttestamentliche singespiel Der 
Hoffmann Daniel, Wolfenb.1663, rindet sich schon bei Gottsched 216 

und Freiesleben 36 verzeichnet. 

Unbekant scheint dagegen 11) „Poetisches fr enden- spiel von 
des Ulysses Wiederkunft in Ithaken. Der durch! fürstin So- 
phia Elisabeth, verwittibten hertzogin zu Braunschweig ... zu ehren 
und wilkominen zu halten verordnet worden von L(hro) F. (ürstL) 
D. (urchl.) zu Mecklenburg. Güstrow, Chr. Scheippel. 1668." Der text 
des anonymen festspiels liegt nicht vor; nur ein programm oder argu- 
ment der handlung, welche nach vorbild der an den höfen sehr belieb- 
ten opera-ballette in „eintritte" eingeteilt ist, die oft mit gesang und 
tanzaufzügen schliessen, von nymphen, von hirten, zulezt von einem 
eher tilgenden, die „ein daetylisches danck- und freuden-licd auff das 
hochfürstl. haus Mecklenburg applicieret" absingen. Der dialog war 
doch offenbar prosaisch, und solche schauspielprogramme mit ausführ- 
licher inhaltsangabe kommen nicht selten vor, häufiger doch bei bal- 
letten oder haupt- und staatsactionen als bei eigentlichen höfischen 
kunstdramen. Ich finde ein solches, zu dem anonymen festspiele „Ari- 
adne" 1641 zur geburtsfeier der kaiserin Maria, bei Gödeke III, 214, 
andere bei Freiesleben 34, 1662; 37, 1665; 38, 1665; 60, 1692. 

Das stück selbst spint sich nach einem kurzen Inhaltsverzeichnis 
und einem prolog, wo „die Liebe" den fürstlichen herschaften poetische 
annehmlichkeiten sagt, in einer reihe ziemlich lockerer mythologischer 
und allegorischer scenen ab, auf der insel Calypsos, im lande der 
Phaeaker und nach der heimkehr in Ithaka mit Eumaeos, den hirten, 
Telemachos und Penelope, die ,, ihr elend in einem dreifachen sonnet 
beklaget." Yon den freiem und des Ulysses kämpf mit ihnen komt 
nichts vor. Der stoff war beliebt und ist von den dramatikern der nach- 
zeit oft wider benuzt. Hauptactionen „Ulysses und Penelope" betitelt 
wurden 1690 zu Torgau von der Veltenschen truppe, und um 1710 
vielleicht in Nürnberg aufgeführt; Chr. Ludwigs „Ulysses von Ithaka" 
gieng im anfang des 18. Jahrhunderts in Berlin und vielleicht 1735 



23E .1. PALUDAN 

in Wien 1 ; noch 1748, nachdem Holbergs parodie „Ulysses von Itha- 
cia° in Dänemark den haupt- und staatsactionen einen tötlichen streich 
versezt hatte, stand „Ulysses und Penelope »»der Die treue bestän- 
digkeit" auf dem repertoire. v. Qnotens in Kopenhagen 2 . Eine oper 
„Ulyss s" schrieb Bressand zu 1». Keisers nmsik L696 und 1702; 
eine andere, nach dem italienischen von Fr. Lersner bearbeitet und 
von Vogler componiert, wurde von mitgliedern der Hamburger oper 
1722 in Kopenhagen gegeben. 

12) Wieder errungene Freiheit oder Gabile und Salibert, 
Heldenspiel von Alexandro Romano 1679, ein romantisch -politisches 

stuck mit versteckten zeitall usionen zum kriege Ludwigs XIV. gegen 
Holland 1672 — 7-4, s. Gottsched 234. 

Nach 13) dem „Betrogenen betrüge" folgt 14) „Das Friede- 
jauchzende oder vom Krieg gedrückte und vom Frieden wider 
erquickte Europa. In einem kurz anmuthigen Freuden -Spiel höchst 
erbaulich präsentirt und vorgestellet. Gedruckt in Europa 1679." 
Mythologisch-allegorische stücke mit volkstümlichen zwischenscenen zur 
Feier besonders des westfälischen friedens und als ausdruck der alge- 
meinen freude über das ende des langen, verheerenden krieges kommen 
als nachahmungen von Johann Rists „Friedewünschendem" und „Frie- 
dejauchzendem Deutschland" ziemlich häufig vor, und sind schon öfter 
behandelt 3 . Dass solche auch viel später, bis an den schluss des Jahr- 
hunderts gedichtet wurden, sehen wir z. b. aus conrector Joh. Ernst 
Müllers ..Das durch den Frieden erfreute Europa", Rudolstadt 1698. 
Das hier vorliegende, bei gelegenheit des friedens zu Nimwegen ent- 
indene stück finde ich in den litteraturverzeichnissen nicht. Es ist 
doch nichts weiter als eine ziemlich wertlose pastiche nach Rist: 
bürger-, bauern- und soldatenscenen , auftritte zwischen Mars, Fama 
und Irene usw.: prosa mit eingemischten liedern, durch sehr schlechte 
holzschnitte illustriert: zum schluss 22 „free, den -gedrehte." Der ver- 
fasser ist ungenant; es scheint aber, dass man eine ganze samlung sol- 

' . Heine, Joh. Veiten 1887. s. 38. Gottsched 253 (vgl. FreieslebeD 59), 
_i und I hluss der vorrede. Jahrb. der Shakespearegeselsch. XIX, 151 

nr. 104. Plümicke, Theatergesch. v. Berlin 1781, s. 169. 

_■ Overskou, Don danske SkuepladsEC, 04. Werlauff Antegnelser til Holbergs 
Lystspfl 1858. 0. Paludan, Holbergs Forhold til det aeldre tyske Drama, in 

(dansk) Hist. Edsskrift 6. R II 55, vgl. 46. 

3) srz, Rist als niederdeutscher dramatikor 1884. Bolte im Jahrb. f. nie- 

derd. Sprachforschung XI. 1885: Rists Irenaromachia und Pfeiffers Fseudostratiotac, 
L XII. 1886: Hans unter den Soldaten. 



DEUTSl llh: DRAMEN IN KOPKNH. r.IHL. 239 

eher stücke hat anlegen wollen, denn dem titelblatl gegenüber findet 
sieli ein kupfertite] mir inschrift „ Friedens -Oomödien" und ein paar 
reimen. Der tod mit seiner sense fahrt auf einem mit hirsehen bespan- 
ten Streitwagen über krönen, Schwertern u. dgl. einher, zwischen käm- 
pfenden flotten und brennenden städten, während von oben ein enge] 
mit der posaune den frieden verkündet 

15) Monarchia optima reipublicae forma, Rudolstadt 1<>7!». 
ein politisch -didactisches drama im geist de- absolutismua (von Chr. 
Zeidler v. Runnenburg), findet sich bei Gottsched 242. 

17) Wochen-Comedie, ohne titelblatt, sicher aber die bei Gott- 
sched 114 und Gödekelll, 222 verzeichnete „Apocalypsis mysteriorum 
Cybeles, d. i. Eine schnackischc worhen-comedie oder verplauderte 
stroli-hochzeit . . . Autore Wigando Sexwochio, Bojemo", 1662, wider 
1679 und 1737 zu Leipzig aufgelegt, vielleicht diese leztere ausgäbe. 
Es ist dies kein Schauspiel, sondern nur eine reihe dialogisierter 
^ittensdiilderungen, ganz interessant als parallelen zu dem fran- 
zösischen ,, Recueil general des caquets de l'accouchee" 1623 1 und 
zu Holbergs „Wochenstube" 1723. Wir haben hier aus drei ver- 
schiedenen hindern und drei unterschiedlichen Zeitpunkten innerhall) 
hundert jähren darstellungen der kindbettgebräuche mit dazu gehörigem, 
in vielem auffallend übereinstimmenden ceremoniell, aberglauben und 
geklätsch. Nähere erörterungen habe ich in dem artikel „Holberg und 
das ältere deutsche drama" neuerdings gegeben 2 . 

Nach 17) „Die steigende und fallende Athenais" schliesst der 
band mit 18) Gryphius, Papinian — ohne titel, namen und jähr, offen- 
bar aber die ausgäbe, welche nach einer aufführung von der städ- 
tischen jugend zu St. Gallen 1680 besorgt wurde 3 . Das original ist 
hier ungeändert; nur ein versificierter eingang und beschluss ist bei- 
gefügt, und hie und da sind am rande abweichungen angedeutet, welche 
man sich bei der Vorstellung erlaubt hatte. Die meisten veranlasste 
die ganz curiose freiheit, mit welcher der vorrede zufolge rollen und 
repliken zerschnitten und auf mehrere personen verteilt wurden, um 
einem ehrsamen rat und allen spitzen der löblichen bürgerschaft das 
vergnügen zu gönnen, ihre sprösslinge auf den brettern zu sehen: 
„weil ... in einer geselschaft junger leuthen, mehrenteils gleiches Stands 

1) Neue ausgaben von E. Fournier, mit einleitung von Le Rons de Lincy, 
Bibl. Elzevirienne, chez Jannet, Paris 1855, — und von D. Jouaust, av. pref. de 
L. ülbach, Paris 1888. 

2) Hist. Tidsskr. 6. R. n, 62. 

3) Gödeke III, 218. Sckerer St. Gallische handscliriften. 1859, s. 70. 



240 H. FRISCHBTKR 

und alters ... man alle befriedigen muss, ein jeder seine geschick- 
lichkeit zu zeigen begierig und keiner dem andern viel nachgeben, 
viel weniger ''in»' stumme oder verächtliche persohn vertretten wil ..." 
3 >lche dilettantenvorstellungen hatten als«» mit denselben Schwierigkei- 
ten zu kämpfen wie die irleiehzeitiiro widerant'nahme der alten schul- 
komödie im geiste Chr. Weises. In der einladung zu des oben genan- 
ten conrectors J. E. Müller „Von dem Frieden erfreutes Europa" 1G98 
heissl es ganz entsprechend 1 : ..siehe, der köpfe sind viel, welche alle 
Lnem löblichen jugend-triebe mit wollen zu einem solchen 
spiele gezogen werden und ihre geschicklichkeit sehen lassen; will nun 
der Lehrmeister aller ihre gunst behalten, so muss er auf ein solches 
argument oder sache bedacht sein, welehes viele redende personen 
erfordert, da es wol nachmalen schwer fället, die fürgeschriebenen 
setze einer komödie zu beobaehten. u 

KOPENHAGEN. J. PAT/UDAX. 

1) Pabst in den Blättern f. litt. Unterhaltung 1847, s. 1084. 



DIE MENSCHENWELT TN VOLKSEÄTSELN AUS DEN 
PEOVETZEN OST- UND AVESTPEEUSSEN.* 

V Zeitschrift für deutsche philologie IX. 65 — 77: Die pflanzenweit usw. 

und XI. 344 — 359: Die tierweit usw. 

I. Gestalt und Persönlichkeit des menschen. 

Der körper. 

1. Op twei Stange steit e speker 1 , 
Op em speker stän twei reker 2 , 

Liehen worden: Curtze, Volksüberlieferungen ans dem fürstentnm Wal- 
k usw. Arolsen 1860. Dorr. Twöschen Wiessel on Noacht, plattdietsche gedickte. 
Elhing 1SG2. Fiedler, Volksreime und Volkslieder in Anhalt -Dessau usw. Dessau 
17. Firmenich, Germaniens Völkerstimmen. Lepner, Der i>r"iische Littauer 
oder • tellung ler nahmens- herleitung, kind-taufen. hochzeit usw. Danzig 174 1. 
Meier, Deutsche kinder -reime und kinder- spiele. Tübingen 1851. Monc, Anzei- 
r für kund" hon vorzeit Müllenhoff, -n, märchen und heder der 

herzogtumei - l Kiel 1845. N". pr. pr.-bL = Neue preuss. provinzial- 

blätter. Bochholz, Alemannisches kinderlied und kinderspiel. Leipzig 1857. Schlei- 
cher, Iitaui märchen, gprichworte, rätseL Weimar 1857. Simrock, Bätseibuch 
I und II. 1. aufl. Violet, Neringia oder gesch. der Danziger Nehrung. Danzig 
4. Z. f. d. m. u. s. = Zeitschrift für deutsche mythol. und sittenkunde von 
A und Mannhardt *iöttiii<ron 1853—59. 



PREUSSISCIIE VOLKSRÄTSEL 241 

Op de rekersch Bteit e schmecker, 

Op cm schmecker steit e lecker. 
Op em lecker steit e rik«T ; . 

Op em rtker stän twei kick er 4 , 

Op de fadekersch steit e wöld, 

Wo söVk ophült jung on Ölt. 

1) Speker, spiker = Speicher (der rümpf). 2) Reicher, die arme. 
3) Riecher, die aase. 4) Kicker, die äugen. Vgl. X. pr. prov.-hL VIII. 372. 

Variationen: 1. Op twei stolze — Ständer usw. — 2. 0]) em 
spiker steit en dreller. — 7. Op em kicker steit en barg, Op en barg 
steit en wöld usw. — 8. Darön spazert — vermehrt sock plöschärt 
(plaisiert) — versammelt söck — verbargt söck jung on ölt In Pom- 
merellen: Auf zwei pfählen steht 'ne tonne, Auf der tonne steht ein 
trichter, Auf dem trichter steht 'ne kugel, Auf der kugel steht ein 
wald, Drin spazieret jung und alt. — Eine heugabel unten, Auf der 
heugabel ein feleisen, Auf dem feieisen ein kreuz, Auf dem kreuz ein 
knöpf, Auf dem knöpf ein busch, Im busch tiere. Auf Heia: Oem 
wöld stän' twei pöst 1 (pfosten), Op de twe pöst steit e borm (brunnen), 
Op de borm stän' twe gripersch, Op de griperseh steit de schmecker, 
Op de schmecker steit de ricker usw. In Littauen: Eine zweikrallige 
gabel, auf der gabel ein bienenstock, auf dem bienenstock ein knäuel, 
auf dem knäuel ein wald und in dem walde viele vögel (hasen). Schlei- 
cher, 203. In Masuren: Es stehen zwei säulen, Und auf diesen säu- 
len ein spreustall, Und an dem spreustall die greifer, Und über den 
greifern der Schnapper, Und über dem Schnapper der puster (atmer), 
Und über dem puster die seher, Und über den sehern das Wäldchen 
und die ziegen. Stoja, dwa slupy, a na tych slupach plewnia, a na 
plewni grabaj, a nad grabajem chapaj, a nad chapajem sapaj, a nad 
sapajem patrzaj, a nad patrzajem gaj i kozy. — Vgl. Müllenhoff 508, 
24. Firmenich m, 74: Strelitz; 160: Osnabrück. Ähnliche rätsei noch 
bei Meier 328. Rochholz 249, 434 — 440. Simrock I, 434. Mone, 
Anz. VII, 262, 190. 

Das äuge. 

2. In einem weissen see 

Schwimmen zwei granaten. 
Wer dies rätsei tut raten, 
Dem schenke ich zehn dukaten 
Und eine tasse thee. 



3. Rund röm rüch, ön e mödd wäterke. 

ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE FHILOLOGTE. BD. XXIII. 



16 



242 H. FRISCHBIKR 

•1. Rund röm hlr, Gott bewahr, 
Dat kein böset ding rön fähr'. 
In Masaren: Ich hab' solch ein handwerkzeug, das rund herum 
bewachs» 'ii ist. und wenn die not es drückt, dann strömt wasser her- 
aus. Ja mani takie rzeinioslo, co mi w koio obroslo, a jak bieda 
przytloczy, To i woda wyskoczy. — VgL Rochholz 2ö2, 444. Sim- 

rock 1. 27. 

Der mund. 

5. In einem schönen garten 

Sind hunderterlei trak taten. 

Es regnet nicht, es schneiet nicht. 

Und ist doch immer nass. 
Var. : 1. In einem rosenroten garten Stehn nichts als weisse tip- 
pitaten usw. — In meinem rosenroten garten Stehn 32 pallisaden (poli- 
zaten) usw. (Pommerellen.) In meiner mutter garten, Da wachsen 

weisse pallisaden usw. — In meines vaters garten Stehn weisse 
karaten usw. (Angerburg). — Stehn weisse tippeltaten usw. (Dönhoff- 
städt). — Vgl. Meier 280. Zeitschr. f. d. myth. III, 13. Rochholz 
252, 441. Mone, Anz. VII, 262, 191. 

Der mund. 
G. E stalke voll witte gäns', on (inwendig e roder ganter dämank. 
Im Werder: Wat üss dat? En stall voll witter hener on mödden e 
roder hin darmank. R. Dorr, Twöschen wiessei on noacht 77. 

Die zahne. 
7. Twei stange witte hener. 
In .Littauen: Ein stänglein voll weisser hühnchen. Schleicher 211. 

Die zunge. 
8. Rode koh liggt ön e natte stall. 

Der furz. 
9. Öss euer ver de pört, 

Heft nich gesündigt, nich gemord't — 
Kann hei passere? 

10. Twösche twei barg' bullert 't. 

11. Twösche twei barg' da bromt e bar. 

12. Wat rent längs de fär 1 , 
Heft kein hüt, kein hlr 
On bromt wi e bar? 
1) Fär, fahr, f. furche, ackerfurche. 



PREUSSISCHE VOLKSRÄTSEL 243 

Der nasenschleim. 

13. De rike (eddelmann) stockt et ön e flipp 1 , de Ifcrme (bür) 
schmött et weg. Vgl. Meier 350. Rochholz 274, 591. 
1) Flippe = fcasche. 

Der Säugling. 

14. Auf dem rücken lieg' ich, 
Nach dem liimmel seh' ich. 
Aufgedeckt, 'reingesteckt, 
Ach, wie süss hat «las geschmeckt! 
Var. : 2. In die höhe seh' ich. 4. Hat mir jung sehr gut ge- 
schmeckt Vgl. N. pr. prov.-bl. X, 294. Simrock II, 56. 

Ich selbst. 

15. Min't väders sahn, min'r mutter sühn on doch nich min 

bruder. 

Die tochter. 

16. Es sass ein kind am wege und weinte. Da kam ein mann 
daher und fragte: mein kind, was weinest du? — „Ich weine, dass 
du mein vater bist und ich nicht dein söhn bin." 

Grossvater, söhn und enkel. 

17. Es gingen zwei vater und zwei söhne auf die jagd und schös- 
sen drei aasen. Jeder nahm einen. Wie haben sie das gemacht? 

Seines gleichen. 

18. Der bauer sieht es täglich, der könig selten, gott niemals. 
Vgl. Mono. Anz. VII, 264, 225. 267, 269. 

Beim begräbnis. 

19. Als die träger sangen, sank der tote mit, 
Und die ihn getragen, sangen alle mit. 
Vgl. Simrock I, 40. 

Der sarg. 

20. De et makt, de weil et nich; de et draggt, behölt et nich; 
De et kefft, de brukt et nich; de et brükt, de weet et nich. 

Vgl. Curtze 300. Simrock I, 39. 

Wenn alle die Seligkeit hätten. 

21. Ich hab' gut und geld, die ganze weit; 

Die Seligkeit gewiss, doch weiss ich, was noch besser ist. 
Vgl. Meier 326. Simrock I, 210. 

16* 



244 II. FRISCHBIER 

II. Stand und beruf. 

Der barbier. 

22. Schnfd af, schnitt weg! 

23. Wer Dornt dem kaiser on könig alles ver e niis weg? 

Der holzhacker, die wiege, die tonne und die steine. 

24. Op e lucht 1 piff paff, on e staw riff raff, 
öm hus rund, ver e dar bunt. 
1) Lucht, f. boden; iu Westpr. bön. 

Der müller. 

25. Wenn öck wäter hebb, kann öck win drinke; wenn öck 
awer kein wäter hebb, mott öck wäter drinke. 

VgL Sünrock I, 166. 

26. Der müller steht in der mühle; in jeder ecke liegt ein mehl- 
sack, auf jedem sacke sizt eine grosse katze, jede katze hat vier junge 
und jede junge katze hat wider vier junge. Wie viel füsse sind in der 
mühle? 

Antwort: Zwei, die des müllers; die katzen haben ja pfoten. 

. Simrock I, 356. 

Die musikanten. 

27. Acht mönsche speie de ganze nacht dorch, on wenn se op- 
stäne, lieft jeder gewönne. Ygl. Simrock I, 281. 

Der priester. 

28. Der schwarze rabe hat geschrieen und die ganze Versandung 
hat sich gewiegt 

29. Littauisch: Jodas Warnas krankterejo, wissa pota linkterejo. 
Lepner 118. 

30. Der pastor und seine frau, der küster und seine Schwester, 
die gingen am weiher, und fanden ein nest mit vier eier(n). Jeder 
nahm eins — und es blieb doch noch eins. 

Die frau des pfarrers war des küsters Schwester. Vgl. Ztschr. f. 
d. myth. III. 187. Müllenhoff 508, 21. Simrock I, 66. 

Der schuster 
fauf dem schemel sitzend, von einem hunde angefallen.) 
31. De tweebeen sat op em dreebeon. 

Da kein de vcabeen on wull den tweebeen bite; 

Da nein tweebeen den dioebeen 

On wull dem veabeen schnitte. (Pr. Eylau.) 



PBEUSSISCHE VOLKSRÄTSEL 245 

32. Quadloch nahm Nadloch, 

Kam Rudloch un wull Quadloch biten; 

Nahm Quadloch Nadloch 

Un wull Kudloch schnitten. (Pommerellen.) 

Der siebmac'her. 

33. De bür fart möt twei, de eddelmann möt ver, de könig möt 
sess — Aver fart möt sewe? 

Yar. : De buer fart met zwo perd, de -rat' met ver usw. N. pr. 
prov.-bl. X, 292. Gewöhnlich hört man das rätsel hochdeutsch. 

Die tonnenwäscherin. 

34. Buk op buk, flesch ön 't loch. 

III. Kleidung und schmuck. 

Der strumpf. 
35. Ruch bawen, rüch in; 
Hew op un steck in — 
Wat mag dat w r ol sin? (Jerrentowitz.) 

Die schlorren (pantoffeln). 
3G. Am diig geit et klipp klapp, ön e nacht steit et am bedd on 
jappt. Vgl. nr. 43. 95. Simrock I, 37. 

Der stiefel. 
37. himmel, o himmel, mein loch ist voll Schimmel! 

Binnen sechs wochen hat kein mannsfleisch drin gestochen. 

38. Bi dag drägt et flesch on knake, 
Oen e nacht steit et ape. 
Vgl. Simrock II, 21. 

Der Stiefelknecht. 

39. Et ös e knecht, de ward möt fete getrampelt, em ward dat 
ledder äwre öre gctäge — on hei seggt doch kein wort. 

Hierher gehören auch die riitselfragen : 

40. Wer ös de geduldigste knecht? 

41. Wat fer e knecht hefft noch möt keiner magd gespräke? 

42. Wat fer e knecht ett nich on drinkt nich? 

Das Schnürsenkel (der Schnürriemen). 

43. Ön e nacht wi e weseböm, bi däg' wi e ledder 1 . 
Vgl. Rochholz 261, 988. Simrock I, 267. 

1) Ledder, leiter. 



240 H. FRISCHBIEB 

Der ring. 

44. Et ring e mäke ön 't kellerloch 

Od zeigd' dem herro dat blanke loch. 
Da docht de herr ön sinem sonn: 
Ach hadd öck doch den finger bönnM 

15. Von bönnen blank, von baten blank 
( m e mödd e fieescherner petei damank. 

(Einlage bei Elbing.) 

Var. in form und lösnng: Innen blank, üten blank, is doch 

fleesch on blot damank (= ring, auch fingerhut). Jerrentowitz. — 

2. ön e mödd e hölterner peter damank = fenster. — Ön e mödd en 

äken sand damank = sanduhr. ( Pommerellen.) — Ön e mödd e 

betke iönne damank = milehsieb. (Samland.) 

IV. In haus und stuhe. 

Das fenster. 
40. Von de rechte sid blank, von de linke sid blank, 

< »n e mödd' e stöcksken blie damank. (Pommerellen.) 

Vgl. 45. 

Schlüssel und schlos^. 

47. Foss krop ön 't loch on leet de pot' bute. 

18. Ich armer und ich blinder mann, 
Der ich das loch nicht finden kann! 
Da nimt mich die Jungfer und führt mich hinein, 
"Wol in das kleinste loch hinein. (Jerrentowitz.) 

Die tür. der ofen und der balken. 

49. Wenn man erseht de nacht kern, dat öck mi raue kunn 
(ruhen könte)! 

Wenn man erseht de dag kern, dat öck mi warme kunn! 
Was soll ich sagen? Ich muss tag und nachj; tragen. 

Der Schornstein. 

I. Et huckt e mannke op em dack on rökt c pipke tobak. 
VgL Simrock II. i8. 

Die leiter (treppe). 

51. Et kickt op de lucht on heft keine öge nich. 

Die dachleiter. 

52. Et kickt (e mannke) äwert dack on heft keine öge nich. 



PRKUS8JSCW5 VOLKSKÄTSEL 247 

Der (»t'en. 

53. Holl os schwet (schwitzt) dorch c robbe. 

54. Ons dicket feile 1 spit gele krolle 2 . 

Gm söma manchmal, om winta örama. (Natangen.) 

1) Felle, n. füllen. 2) Ereile, f. koralle. — Diu gewöhnlichen leuto 
benutzen den ofen auch zum brotbacken. 

55. In der stube steht ein mann, 
Der hat tausend flicker an. 

Ofen und sieh. 

5(5. Min söhn Klüt geit gar nich üt, 

Mine dochter Hissebisse rent dat ganze derp ut. 
Neue pr. prov.-bl. X, 293. Vgl. Simrock II, 28. 

Der Spiegel. 

57. Op jenner weit, da wo öck wass', 
Da ös kein lew, kein böm, kein gras, 
Do ös kein liw, kein iewe, 
On doch si öck darön gewese. 
N. pr. prov.-bl. VIII, 377. 

Der kämm. 

58. Opgeschaart mannke jagt de sclnvin üt dem körn. 

(Samland.) 
Die uhr. 

59. Ach ich armer schmiedeknecht, 

Hab' keine händ', mach's (zeig') immer recht, 
Hab' keine füss, muss immer gehn 
Und tag und nacht gar schildwach stehn; 
Und wenn ich mich zur ruhe lege, 
So sghandet jedermann von mir. 
Var. : 5. Und leg' ich mich einmal zur ruh, dann brummet jedermann dazu. 
N. pr. pro v. -bl, X, 291. — Klopf mit dem liammer tag und nacht und halte wacht. 
Jer rentowitz. — Tgl. Simrock II, 8. 

60. Op schildwach mot öck stane, 

Heww kein fet on mot gane, 

Heww kein mül on mot säge, 

Stahl on ise mot öck dräge. 
Ebenso hochdeutsch: 

Ich armes weib muss schildwach' stehn, 
Hab' keine füsse und muss gehn, 



II. FRISCHBIEB 

Hab 3 keinen arm und muss schlagen, 
Hab 5 keinen mund und muss sagen. 

61. Es klippert (klingert) und klappert auf eisernen draten. 
Wer das kann raten, kriegt fünfzig dukaten; 
Und wer das kann wissen, kriegt Jungfern zu küssen. 
Vgl, Rochholz 261, 492. Ein ähnliches rätsei, mit der lösung: 
Strickzeug, bei Meier 276; mit der lösung: Ölmühle, 293. 

62. Es ticket, es tacket an meiner schlafkammer 

Eine wippe, eine wappe, eine goldene kappe. 

Ön uns staw hangt e wipp on e wapp under goldner kapp. 
Aar.: hängt e schul on e schall. 

L In meiner schlafkammer 

Sind vier goldne puppen und ein goldhammer. 

Et ett nich, et drinkt nieh, et lieft keine fet on geit doch. 

Öti. Et geit one fet on schleit one händ\ 

67. Es hängt ein mann an der wand und baumelt mit dem fusse. 
Wiszy chlop na scianie a noga rueha. (Glasuren.) 

Die uhr, die w r iege, die katze und der hund. 
68. An der wand kling klang, am bett buff baff, 

Am haus nau nau, vor der tür hau hau. (Pommerellen.) 

Das Vogelbauer. 
69. Ich bin ein armer bauer, 

Hab keine sünd begangen, w r erd' doch gefangen. 

Das Weberschiffchen. 
70. Blanket henke leppt verbi dem stakeltün. 

Das wockenrad. 

71. A<ht jungfre schlafe tosamme ön enem bedd on liggt keine 
keine binde. (Gerdauen.) 
Auch mit der lösung: die Speichen des Wagenrades. Vgl. Curtze301. 

Die schnüre auf dem wockenrade. 

72. Es laufen (drehen sich) lange würmer um die stube. Lataia 
zdy okolo izby. (Masuren.) 

Die finger der spinnenden hand. 
Fif zege frete von enem hü] In Gerdanen: Füf schäpke 
trete üt enem iserae repke 1 . 
1) Dem. von rope f. raufe. 



PBETJ88ISCHE V0LKSRÄT8EL 249 

Der spiiinor und die spule 

74. De grossväder geit Dich eh'r von de grossmutter 1 , bet sc 

dick ös. 

1) Auch: Grossväder lett Dich nä. 

Die spinnerin mit dem wocken. 

75. Öek ging ön e gebröknis 1 , 

Da begegend' öck enem gespöknis 2 , 

Dat hadd fit' fet on kein' zagel — 
Nu rad mal, wat ös dat fer e 7&gel? 
1) Brach. 2) Gespenst 

76. Öck ging iiwer en gebröknis 
On seg o gratet gespöknis: 

Twe kepp, en' zagel on nege fet! 
Rät't, mine lierre, wat ös det? 
Die spinnerin sass mit ihrem wocken zu pferde. 

Das knäuel. 

77. Hundert percV tene et op e barg on könne et doch nich 
tertene. 

Auch als frage: Was ziehn vier (zehn usw.) pferde nicht den 
berg hinauf? — In Littauen: Ein kleines dingchen, und doch brin- 
gen es selbst tausend pferde nicht über den berg. Schleicher 202. Vgl. 
Rochholz 261, 487. Simrock I, 430. 

Nähnadel und faden. 

78. Isernet mül on flassner zagel. 
Ygl. Firmenich III, 123: "Wische in der Eibniederung bei See- 
hausen. Simrock I, 414; II, 54. Mone, Anz.VII, 263, 198. 

79. Welk blanker vagel lieft e flasserne zagel? 

80. Sölwst stomm, sölwst domm, aller weit utflöcker. 

Litt.: Ein kleines mütterchen bedecket (bekleidet) alle menschen. 
Maza Moterele wissa Swieta apdeng. Lepner 118. 

Der fingerhut. 

81. Kiener als e müs, gröter als e lüs, 

On lieft doch mehr fönster als dem könig sin hüs. 
Ygl. Rochholz 261. 489. Simrock I, 79. Mone, Anz. VII, 371, 
291: Antwerpen. Ygl. Pflanzenwelt, nr. 45. 

82. Yon bönne blank, von büte lächerkes. Ygl. Simrock II, 1. 



II. FB1SCHBIER 

Die niangel (glättrolle). 
83. Treck hon. treck her. tw§ stau' daver, 

Twe ligge darunger — wat ös dat fer 'n wunger? 

Das licht 

84. Kirn kanelke satt op 't stelke, 

Je länger dat et satt, je kärter dat et wa(r)d. 

Ahnlieh in Antwerpen. Mono, An/. VII, 372, 296. 

85. E kirnet wiw, e lönne llw, 

E fieseherne rock, e goldnc kopp. 
X. preuss. prov.-bL X. 290. 
86. Das hemde unten, das fleisch oben. (Pommercllcn.) 

87. Michelke set op 't stölke 

On wnrd' doch ömmer körter. (Pommerellen.) 
Ähnlich bei Simrock I, 4-48; II, 19. 

88. Fer e grosche de ganze staw voll. Vgl. Simrock II, 147. 

Die lichtschere. 
89. Bei tage hab' ich nichts zu tun, 

Da lässt man mich im winkel ruhn; 
Kaum bricht die nacht herein, 
Da schluck' ich f'euer und flammen ein. 
In den N. preuss. pr.-bl. VIII, 375: Bei tag' muss ich im win- 
kel ruhn; doch kommt der abend an, so speis' ich feuer und flamm. 
Vgl. Simrock I, 100. 

90. Öck sta op drei feet, bi dag öck ruh geneet, 

Det awends nem öck mi tosamme on fret für on flamme. 

(Königsberg.) 
Der bettbezug. 

91. Die kuh geht saufen und lässt den bauch zu hause. 

(Angerburg.) 

92. Wat geit to 'r dränk on lett den buk to hüs? (Dönhoffstädt.) 

93. Et galt in't water on lässt den buk to hüs. (Ermland.) 

In Littauen: Es geht ein ochse in den fluss um zu trinken, und 

den bauch lässt er zu hau Schleicher 194. Vgl. Kochholz 272, 564. 

Simrock I. 346. 

Das kissen. 

94. E gans möt ver näse — wat ös dat? 

Die pantoffeln. 
. Im tag - ■ ht's klippklapp, nachts steht's am bett und jappt. 



PnEU8B18CHE VOLKSRÄTSKL Hol 

Die biertonne. 

96. Kromholt holt g 'rädholt, g'rädholt holt pischewippholt, 
Pischewippholt holt llw od seel 5 tosamme. 

Bei Mone, Anz. II, 237: Kram holt halt rieht holt, rieht holt 
hält pisewipüp, pisewipüp hält lif und b§] tösumen. (Aus dem Pader- 
bomschen.) Vgl X. preuss. prov.-bl. X. 293. 

V. In küche und stall. 

Der rauch. 

1)7. Langemann, stangemann langt bet an em bimmel 'ran. 
In Pommerellen : In unserm hause ist ein mann, langt bis an 
den himmel 'ran. 

98. Es ist was in unserm haus, 

Das ziehn hundert pferde nicht heraus. 

99. Ein brett schwebt und schwankt und falt doch nicht hernnter. 
In Pommerellen: Es bewegt und schaukelt sich und falt usw. 

100. Dat perd öm stall, de zagel op'm straudack (Strohdach). 

101. Blauer os lockt dat himmelte. 

Das feuer und der rauch. 

102. Ek'r de väder jung ward, sott de sahn op em soller 1 . 
1) bodenraum. 

103. Eh' der vater geboren war, sass der söhn schon auf dem 
dach — hatt' der söhn schon die weit begangen. 

In Littauen: Der vater ist noch nicht geboren, der söhn steint 
sieh an den himmel. Schleicher 198. 

Das feuer. 

101. Yogel Wips, hat kein' feder, kein' mutz'. 

Ist doch ein vogel Wips. (Königsberg.) 

Der hanklotz. 

105. Ön onsem hüs da steit e mann, 

De heft mehr wunde, wi det ganze derp hunde. 
Ygl. X. preuss. prov.-bl. X, 292. Simrock II, 59. 

106. Wat het mehr wunde 

Als ön sewe derper hunde? 

Das holz (als klotz, wand und wiege). 
107. Ter e dar rund, öm hüs bunt, ön e stäw e wippop. 



252 H. FHISCHBIEB 

Der blasebalg. 

ION Voll und leer, was gleich schwer? 

Der dreifuss. 

109. Drei jungfre dräu«' ene kränz. 
In Littauen: Schwestern, auch fräulein — und für kränz auch 
kränzlein. Schleicher 195. Vgl. Simrock II, 210. 

110. Oben schwarz und unten schwarz, aussen schwarz und innen 

schwarz — und steht immer auf halb sechs. 

Der grapen. 

111. Eene holle mdder, dree grade dächter, twee kromme sähns. 
Vgl. Ztschr. f. d. myth. IIL 130. Curtze 301. Rochholz 258, 469. 

112. Eene holle moder, twee kromme vader, dree gräde sähns. 
VgL lione, Anz. VII. 267, 278: Antwerpen; es tritt hier noch 

„hontei Machiel" (hölzerner Michel, d. i. löffel) hinzu. 

113. Et heft öhr n on hört nich, 
Et heft 'neu buk on ett nich, 
On göft doch jedem wat to eten. R. Dorr 75. 

114. Heft öre on hört nich, heft fet on geit nich. 

115. Dre geselle dräge ene höt. 

116. Hat drei füsse und kann nicht gehen, hat zwei obren und 

kann nicht hören, hat einen mund und kann nicht sprechen. Äta trzy 

oogi a nie nioze chodzic, ma dwa uszy a nie moze slyszec, ma iedne. 

gebq a nie nmze gadac. (Masuren.) 

Der grapen und die mohrrübe. 

117. Sehwarze ribbe, rote zibbe, 

Schwarzes innerloch kocht man immer doch. 

(Jerrentowitz.) 
Der kessel. 

118. Rund 'röm beschworke 1 , ön e mödd a wendrot. 

In den X. prenss. prov.-bL VIII, 375: Rund herom schwärt, on 
ön e mödd wie awendrot Ebenso bei Simrock II, 144. 
1) Bewölkt. 

119. Von bönne blank, von bute schwärt, on rund wi e wägerad. 

120. Sehwarte kluck huckt op rode eier. Der kessel auf dem 

fener. Vgl. Simrock H, 98. 

Der topf. 

121. Bnte witt, bönne schwart. 



PREUßISCHE V0LK8BÄT8EL 253 

Die bratpfanne. 

122. Yen bönne schwärt, von büte schwärt, lieft e lange Peter dran. 

Die kaffeekann e. 

123. Bei (zu) mir komt alle morgen eine Jungfer mit einer schwar- 
zen schürz'. 

Der zuckerhnt. 

124. Blauet Med, wittet liw. 

125. Weiss am leib, blau am kleid, süsse liebe, meine freud". 
Wer dies rätsei kann erraten, der soll kriegen einen dukaten; 
AVer es kann wissen, soll die schönste Jungfer küssen. 

126. Bowen spetz on ungen bret, derch on derch voll sötigket; 
Witt am liw on blau am kled, klene kinger grote fred. 

Yiolet, Neringia 200, 13. Vgl. Meier 287. Rochholz 2G0, 481. 

482. Simrock I, 25. 

Der backtrog. 

127. Holl os möt ver hörn er, wat ös dat? 

128. Mank (twösche) twe barg' liggt e afgestrept kau. 
Der brotteig im backtrog. Vgl. Simrock I, 408. 

Der brotteig und die kneterin. 

129. Wat unde liggt, dat gicht gicht gicht, 

Wat bawe liggt, dat kicht kicht kicht; 

Wat unde liggt, dat wöll noch mehr, 

Wat bawe liggt, dat kann nich mehr. 

Var. : Von bawe geit et kicht kicht kicht, von unde geit et gicht 

gicht gicht; dat underschte wöll noch mehr, dat bawerschte kann 

nicht mehr. 

Das Schwarzbrot. 

130. Schwärt w r i de diwel on schmeckt wi doli. 

Das butterfass. 

131. Et rompelt on strompelt ön e holle kapelT. 

Der besen. 

132. Brün lniDclke geit alle dag ön e stäw on schnüffelt alle win- 
kelkes üt. Vgl. Simrock II, 146. 

133. Alle morgen komt 'ne dam' 'rein und macht alle winkel rein. 

134. Ist ein mädchen, tut schirscharr und macht doch alle jähr 
seinen dienst zurecht 



254 H. FR1SCHBIKR 

Der abgennzte besen. 
135. E> steht eine Jungfer im winkel im zerrissnen Jäckchen. 
Stoi Panna w kaeiku w odrapanym kabaeiku. (Masuren.) 

Die laterne. 
L36. Kin tonn hat ein löchrig dach. 
Vier fenster sind darein gemacht. 
Nicht dass herein scheinen mag der tag, 
Nur dass der mann sich umsehen mag. 

137. Öck ging e mal op korke 1 , 
De hinimel wör besehworke, 
De erd' wör äwendrot. 
Der redende trug eine laterne. l) Korkon, pantoffeln. 

Die häcksellade. 
138. Von hinde frett et, von vere schett et. 

Der sattel. 

139. Et lieft gegrint on grint nich mehr, 
Et heft gelewt on lewt nich mehr 

On kann doch noch liw on seel terdräge. 
Var. 3: Et ös flesch on dräggt flesch. 

140. Wat dräggt blot, wat drückt biet 
On heft doch kein blot? 

Vgl. Rochholz 264, 145. Simrock II, G0. 

141. Höher als ein pferd, niedriger als ein seh wein, schwärzer 
als ein bar. (Pommerellen.) 

142. Oben beseelt, unten beseelt, mitten nnbeseelt. 
(Reiter, pferd und sattel.) 

Die deichsei. 
143. Um wöld gewasse, von mönsche gebäge, von perd' getäge. 

Die Wagenräder. 
144. Ver jungfre gripe söck on krige söck mindäg nich 1 . 
1) mindäg nich. mein tago nicht = niemals. 

Variante: Yeä brödakes renne vom barg on könne söck nich 
tahäle. (Gerdanen.) — Es laufen vier briider um die wett', bekomt 
einer den andern nicht. — Vier jungferchen gehn weinend über fehl. 
(Pommerellen.) — R. Dorr 74 (mit der lösung: mühlräder): Ver 
oole jdngfern griepen sik on krien sik nich. ßoehholz 261, 48G hat 
ein ähnliches rätsel mit i\<'\- lösung: Stäbe des garnwendels. Bei Sim- 
rock I, 404: Windmühlenflügel. Vgl. 321. 



PRRT7SSISCHE VOLKSRÄTSEL 255 

145. Nage juogfre gripe Bock <>n krige söck nernich. 

Der schütten. 



140. Gewiggelgewaggel äwer de Brügg' 
Hadd twei sid' on keim.' rügg\ 
Var. 1: Pitschpatsch ging äwer de brügg' usw. Vgl. Simrock II, L5. 



VI. In hof und feld. 

Die pumpe. 

147. Et steit e mannke op cm hoff — 
Packt man em an 't gewösse, 
Dann fangt hei an to püsse. 

148. Es ist gebunden und gebogen 
Und wird am zagel gezogen. 

Der bienenstock. 

149. Ver onsem hüs steit e 61 klüs. 
Se schite 'rön, se seiche Tön 

On se weke doch det lewe brotke 'rön. 
Vgl. Simrock I, 116. 

150. Längs dem buk geit e stig, 
Ver 't loch ös krieg, 

Öni loch ös krieg on järmarkt 

Der nachtstuhl. 
151. Hölterne topp on e flescherne deckel. 

Die ochsen, der pflüg und der pflüger. 

152. Vere lewt et, ön e mödd es et döt 

On binde ett et dwargebrot 1 . ( Königsberg.) 

1) Dwarg, m., hochd. zwerg, ein kleiner quarkkäse. 

Die pflugmesser. 

153. Twei blanke diiwkes krupe (gäne) andre erd. 
Vgl. Simrock II, 208. 

Die pflugschleife. 

154. Es liegt eine Jungfer am wege, breitet arme und beine aus. 
Masurisch: Lezy panna kole drogi, rozlozyla rece i nogi. (Die 

schleife, worauf man den pflüg aufs feld bringt, wird gewöhnlich an 

den weg gelegt.) 



256 H. FR18CHBI1H 



Die QggQ. 



155. Hackerdacker rent äwer 't acker 
Od hadd solke feet wi de diwel sölwst. 

156. öckerdemöcker de ginge öckerc, 

Hadde feet wi de diwel. (Angerburg.) 

l.~>7. Hanterlatanter geht über das Land, 

Hat keiner mehr füss' als Hanterlatanter. (Jerrentowitz.) 

158. Hölterne sü möt iserne tötte. 

Das Viergespann. 

159. Ver rüge fälle, ver runde rälle, 

Een klitschklatsch, klingbide] on schnappsack. 
In den X. preuss. prov.-bl. VIII, 376: Veer rüge nonne, veer 
rtonne, een schwickschwack on ok e dudelsack. — Vgl. Müllenhoff 
508, 23. Ztschr. f. d. myth. III, 186. Firmenich III, 503: Soldin in 
der Neumark. Rochholz 263, 503. 504. Simrock I, 103. 

160.' Ver rilleralle, ver schickeschalle, en pitscheknalle. 

(Jerrentowitz.) 
Pferd und wagen. 

161. Klippermann und Klappermann rennen einen berg hinan; 

Klippermann rent noch so sehr, Klappermann komt doch noch eh'r. 

(Liebstadt.) 
Reiter und pferd. 

162. Zwei köpfe, zwei arme, sechs füsse, vierzehn zehen — 
AVie kann man drauf gehen? 

163. Zwei köpf und nur zwei arme, 
Sechs füsse und nur zehn zehen, 
Vier füsse nur im ganzen — 
Wie ist das zu verstehen? (Dönhoffstädt.) 

Vgl. Müllenhoff 508, 22. Meier 343. Rochholz 207 u. 203, 503. 
Simrock I, 101. 

161. Dat öck ver (an) di sta, dat sitst du, 
Dat öck op di wöll, dat wetst du; 
Öck op di, du under mt — 
Öck hebb e ding, dl stek öck di. 
Yar.: öck sta ver di, dat sitst du; öck mot op di, dat wetst du; 
öck op di. du under mi. öck hebb e par dingcr de kedle (kitzeln) di. 
X. pr. prov.-bl. X, 292. — 4: ... dat steckt di. Vgl. Ztschr. f. d. myth. 
III. 187. Simrock II, 61. 



PREUSSISCHE VOLKSRÄTSEL 257 

Der bach und die wiese. 

165. Krommöm, Krommöm, wo wölst du hen? 

Kaigeschöre, Kälgeschöre, wat fragst danä? 
So auch in der grafschaft Mark. Vgl. Ztschr. f. d. myth. III, 179. 
Var. : Krommonscheef, wo göist du hen? Kälafgeschoarne, wat fragst 
du danä? 

1G6. Krommrom , wo geist du hon? 

Beschörnet schäp, wat fragst du mi? 

Öck si nich so kal geschfire, 
Wie diu narsch ös togvfnuv. 
Die Unterhaltung geschah im winter. — Ähnlich bei Meier 282. 
Firmenich III, 195: Solingen. Rochholz 248, 431. Simrock II, 13. 14. 

Die stoppeln. 
167. Mehr lächer op e erd als stein' am himmel. 

Die mühlenflügel. 

168. Vor Jungfern gripen sick dagdäglich 
On krigen sick sindäg nich. 
Danziger Nehrung. Violet 199, 4. 

Die mühlsteine. 

169. Twei Düwkes plöcke sock, on körnt wittet blot rat 
Var.: Et wäre twei häse, de plöckde söck, on rend wittet blöt. 
Vgl. Simrock II, 209. 

YIL Der weltlauf. 

Das jähr. 

170. Et steit e böm op hogem fest, 
Därop sönd tweeonföftig nest', 
Ön jedem nest sönd sewe junge — 
On wer dat rat't, dat ös kein domin er. 
N. pr. prov.-bl. X, 291. Var.: Es steht ein bäum in hoher fest, 
der bäum hat zweiundfunfzig äst', und jeder ast usw. (Plimballen.) 
— Ebenso, nur: ,,auf erden fest." (Dönhoffstädt.) — Geschichtliches 
über dies rätsei gibt Rochholz 242, 419. In prosa bei Simrock I, 376. 

171. Hinder onsem hüs steit e bom on heft tweionföftig äst' on 
op jedem ast sewe bläder. N. pr. prov.-bl. VIII, 372. 

172. Mein vater hat ein gleiches feld, auf dem felde steht eine 
eiche, die eiche hat zwölf äste, auf jedem ast sind vier kleine äste. 

ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. DD. XXIII. 1 * 



258 H. FRISCHB1EB 

Littauisch: Mano Tiewas tur ligus laukius, tarne lauke auzolas, 
tarne auzole dwilika szaku. inzikien szaka keturios szakeles. LepnerllS. 

Die vier demente. 

17;"!. Vier brüder sandte gott in die weit. 

Der erst«' läuft und wird nicht matt, 

Der zweite frisst und wird nicht satt, 

Der dritte frisst und wird nicht voll, 

Der vierte pfeift und rast wie toll. 

X. pr. prov.-bl. X, 291. — In der Schweiz begint das rätsei: Es 

seit de gross Alexander, es laufet viere mit enander — und schliesst: 

de viert blos't und s'tönt nit wol. Rochholz 243, 420. Vgl. Sim- 

rock I. 2. 

Sonne und mond. 

174. Zwei dinge gehn, zwei dinge stehn. 

Zwei dinge kommen immer wider. 

Vgl. Rochholz 244, 422; lösung auch: himmel und erde — holz 

und wasser — tag und nacht — abend und morgen. Mone, Anz. VII, 

261, 1S4. Simrock II, 38. 

175. Es kröpt dorch e tun on ruschelt nich, et fölt ön 't water 
on plompst nich. 

Lösung auch: der schatten. Bei Rochholz 244, 421: 's geht 
durch 's wasser gmach und ruschet nit im bach. 

Sonne, mond und sterne. 

176. Schön ist das wiesental, schön sind die schafe dran, 
Schön ist der hirt, der die schafchens hüt't, 

Xoch schöner der dieb, der die schafe stiehlt. (Gerdauen.) 

Der himmel mit den Sternen und dem monde. 

177. Schwärt lake gespreet 1 , witt arfte geseet 2 , 
Ön e mödd ös e schiw. 

1) Gespreitet 2) gesäet. 

Die erde. 

17S. Meine mutter hat viele kinder, sind sie gross, verschlingt 

sie sie. 

Der wind. 

179. Hinter meinem hause geht es immer husch husch husch. 

ISO. Zackerbacker geit längs det acker, 

Brölt wie e bär, lieft kein hüt on kein här. (Szillen.) 
181. Hier und da allerwegen, 

Wo man nicht kann das pfund auswägen. 



pbeussische volksrätsel 259 



Der regenbogen. 



182. Hochgehäwe, kromgebäge, wunderlich erschaut*. 
Vgl. Ztschr. f. d. myth. III, 181. Simrock I, 405. 

183. Rot, gelb, grün — 

Rätst du mich, so nehm' ich dich; 
Rätst du V in vier woehen, 
So sind wir beid' versprochen; 
Rätst du's um ein halbes jähr, 
So sind wir beid' ein ganzes paar. 
N. pr. prov.-bl. X, 294. Vgl. Curtze 297. Simrock II, 64. 

Der regen. 

184. Et lieft noch nie twei dag' nau enander geregent. 
Weil eine nacht zwischen zwei tagen liegt. 

185. Auf dem lehme läuft er, in dem sande geht er ohne Spek- 
takel. Po glinie tylko plynie, 

Na piasku, bez trzasku. (Ilasuren.) 

Das eis. 

186. Es ös e brügg, de heft kein mönsch gemakt; se ös nich 
von steen, ok nich von holt, on könne doch mönsche on peerd drä- 
wer gäne. 

187. E öler korw, e nüer deckel. (Ein zugefrorener teich). 

Der eiszapfen. 

188. Hinger onseni hüs hängt de Kruckelkrus, 
Wenn nu fangt de sonn' to schine, 
Fangt de Kruckelkrus to grlne. 

189. Rond om onse hüs Kriggelkraggelkrüs. 
Wenn de sonne schint, desto doller grint 
Kriggelkraggelkrüs rond om onse hüs. 

Yar. 2: Statt Kruckelkrus und Kriggelkraggelkrüs: Kuckernüs. 
Anger bürg. — Kringkrangkrüs. Wehlack. — Kunkelfüs — Komkel- 
füs — Peter Krüs (Kraus). — In der grafschaft Mark: Kuckeldiuse. 
(Ztschr. f. d. myth. III, ISO), im fürstentum Waldeck: Gringeldegruse 
(Curtze 297). — 3: Je mehr (je doller) de lewe sonke schint, je mehr 
usw. grint. — Fiedler 43. Rochholz 254, 453. 454. 

190. Sonke schint, Bommelke grint. (S/illen.) 

Der schnee. 

191. Ich bin glänzend, weiss und rein, aber schmutzig hinter- 
drein. Vgl. Simrock I, 72. 

17* 



260 11. FRISCHBIER 

192. Et war e mal e mann von Hacketecke, 

De hadd e wittet llke ob wull de ganze weit bedecke, 
On kern nieli äwert wäter. 
Var. : Kern e mannke von Höckepöcke, had e grötet läke, knnn 
de ganze weit bespanne, kunn nich äwert water. (Gerdauen.) Vgl. 
Müllenhoff 505, 2. Fiedler 47. Firmenich III, 146: Hameln. Sim- 
rock 1. L18. 

193. Komt ein (der) vogel Federlos, 
Setzt sich auf den bäum Blattlos, 
Komt die Jungfer Mundlos 
Und frisst den vogel Federlos 
Vom bäume Blattlos. 
Der sclinee und die sonne. — In Littauen: Kam geflogen ein 
vogel von osten und sezte sich auf einen bäum ohne äste; kam eine 
Jungfrau ohne füsse und verzehrte ohne lippen den vogel. Schleicher 
208. — Vgl. Hüllenhoff 504, 1. Meier 306. Fiedler 42. Simrock 
I. 62. — Schon im „Reterbüchlein" vom j. 1562. (Mone, Anz. II, 311.) 

194. Was hat keinen hintern und sizt; was hat keine zahne und 
beisst? Der schnee und frost. Masurisch: Co dupy nie ma, a siedzi, 
co zebow nie ma a kasav 

VIII. Vermischtes. 

Das ABC. 

195. Es sind fünfundzwanzig Soldaten, 
Die weder kochen noch braten, 
Und über den Rhein marschieren, 

Um die menschen zur klugheit zu fähren. 

In der mundart der Danziger Nehrung bei Violet 199, 2. Roch- 

holz 265, 517. 

Der buchstabe D. 

196. Öck sach fäss, fif ok sess, 

Ver ok dre — Wi vel fet hadd' de? 
D hat keine füsse. N. pr. prov.-bl. X, 290. 

Der buchstabe L. 

197. De könig lieft et nich, de kaiser ock nich, 

On sine Soldaten hewen et altumminliclien mal. 
Violet 199, 3. Ähnlieh bei Rochlmlz 266, 519. 

Der buchstabe M. 

198. Man findet es im schäum, doch nicht in dem bier; 
Man findet 's in jedem bäum, doch nicht in der linde; 



PREU88I8CHE VOLKSRÄTSKL 261 

Der mann trägt's vorne an. die dame in der mitte; 

Bei mädchen tritt man's an, bei Jungfern ist's nicht sitte. 

Der buchstabe R 

199. Es ist ein ding in Kurland, 

Das man nicht find'! in Holland; 
Die Schweden und diu Schwaben, 
Die können das diu-' nicht haben; 
Bei Jungfrauen ist's zu finden, 
Die weiber haben es hinten. 
Aus Dönhoflstädt mitgeteilt. In Schwaben heisst es: Meissen 
Preussen — Holland — Brabant. Meier 318. 

200. Katen, raten, können's raten — 
Dieses ding steckt in dem braten, 
Nicht in der haut, 

Sondern in der braut. 

Nicht in Wien, 

Sondern in Berlin. 

Berlin ist eine grosse stadt, 

Die dieses ding nur einmal hat; 

Soll mich der kukuk holen, 

Dies ding steckt nicht in Polen! 

Der buchstabe T. 

201. Die tochter hat's vorne, 
Die mutter hat's doppelt, 

Der vater in der mitte. (Gerdauen.) 

Hundenamen. 

202. Es kam die frau von Thielen 
Den rechten weg nach Mühlen, 
Sie hatte bei sich einen huncl 

Und gab ihm den nanien aus eignem mund: 
Also. Wie hiess der hund? 

203. Kaiser Karl hatt' einen hund, 

Dem gab er einen namen aus seinem mund, 

Also hiess kaiser Karl seinen hund. 

Wie hiess der hund? 
Ebenso bei Meier 286. SimrockI, 42. Ygl.Mone, Anz.VII, 265, 
245. 267, 279. 371, 287: Antwerpen. — In den N. pr. prov.-bl. 
YIII, 378 in folgender fassung: 



_ _ H. FRISCHBIER 

Kaiser Karolus harre einen lmncl, 

Kr gab ihm den namen mit (selbst ans) seinem mund:* 
Wie hiess kaisei Karolus sein lunul? 
Die Lösung ist hier Wie, auch Selbst. Das nitsel tritt auch 
ganz kurz auf: Kaiser Karolus hatt' einen hund. Wie hiess der hund? 

20 i. Ich war einmal da, 
Bei meinem papa, 
Da war ein klein hündchen, 
Das spielt' mit mir, 
Sein name war dreimal genant 
Wie hiess der hund? 
Der hund hiess War. 

205. Paulus sass am feuer und Pfiff. 
Aber Paulus pfiff nicht. 
Sondern Paulus sass am feuer und Pfiff. 
Der hund hiess Pfiff. (Gerdauen.) Vgl. Simrock II, 68. 

Und. 
'Jim;. Niemand (.) Und (.) Keiner wohnten in einem haus. 
Niemand gieng aus, Keiner ritt aus — 
Wer blieb zu haus? 
Var.: Keiner. Und. Niemand bewohnten ein haus. Keiner gieng 
aus. Niemand fuhr aus. Wer blieb zu haus? — Vgl. Simrock I, 44. 

Beim schreiben. 

207. Drei blinde führen einen lahmen, 

Der lahme bestreut bei jedem tritt und schritt 

Das \\ei>se land mit schwarzem sand. (Jerrentowitz.) 

Das papier und die schrift. 

208. Witt acker opgeplegt, schwärt sät 'rop gcsegt; 
Wenn e narr vabigeit, wet he nich, wat drop steit. 

Vgl Rochholz 266, 523. Simrock I, 133. 

209. Der acker ist ehrenwert, die saat ist wundernswert. 
[ittauisch: Paczestna dirwa, dywna sekla. Lepner 118. 

Der brief. 
210. Auf einer weissen bürg steht eine rote rose. 
Willst du die schwarzen männer sprechen, 
liusst du die rote rose brechen. 
Vgl. Curtze 300. 



PHEUSSISCIIE V0LKSRÄT8KL 203 

211. Es schwimt eine rote rose 
Auf einem weissen see. 
Willst du die schwarzen fischlein sprechen, 
Musst du die rote rose brechen. 
Vgl. Simrock II, 23. 

212. In einem weissen see schwimt ein rotes schiff lein , in dem 
see sind viele schwarze fischlein. 

Das bild (portrait.) 

l'13. Si öck jung, so bliw öck jung; si öck 61t, s<> bliw öck 61t 
Öck hebb öre on kann nich höre, öck hebb <• näs on kann oich rike, 
öck hebb oge on kann oich sene, hebb e mül on kann nich rede. 
Öck si e mönsch on bliw e mönsch on si doch kein mönsch. 

Vgl. Simrock II, 40. 

Das kartenspiel. 

214. Es ist ein reich von vier provinzen, 
Ein jedes reich hat seine prinzen, 
Es geht alles auf hauen und stechen, 
Kein fremder hat darin zu sprechen. 
Da pflegt die frau den mann zu schlagen, 
Es gelit alles auf glück und wagen; 
Das glück hat wen'ge reich gemacht, 
Doch aber viele in's verderben gebracht. 
N. pr. prov.-bl. X, 293. Vgl. Simrock II, 63. 

Die glocke. 

215. Es haut tag und nacht und bekomt doch niemals späne. 

(Pommer eilen.) 

216. Öck red Ine tung, öck rop äne hing; 

On Ine senn un verstand mäaek eck doch freid un leid 

Violet 200, 12. ' bekant. 

Die geige. 

217. Öck si öm wöl gebore ok opgewasse on kam to hus tom 
grine. 

218. Üt em wöl gehalt, öm perdstall gefalt; 

Öm schäpstall gelämmat, körnt ön e staw gedämmat. 
Var. : Ut em wöl gehält (geholt), öm stall gefohlt, öm stall ge- 
lamt, huckt am dösch (öm winkel) on granst. (Dönhoffstädt.) — Ut 
em wöl gehält, öm kobbelstall gefalt, huckt am dösch on grint; alle 
mönsche, dei es höre, renne davon. (Schippenbeil.) 



264 H. FRISCHBIER, FREUSSISCILE VOLKSRÄTSEL 

Die gewehrkugel. 

219. Flog en vagel wiet von hier, hadd en zage] von papier, 
Eadd en tsernet bucksken, gott bewahr min klucksken, 

Violet 198, 1. 

Der weg. 

220. Länger als ein bäum, länger als Länder, niedriger als gras. 

(Pommerellen.) 

221. Wat ös weg, wat blöft weg. 
( >s dag on nacht weg, 
On jedermann sitt et doch? 
X. pr. prov.-bl. X, 29-1. Vgl. Simrock II, 65. 

Das loch. 
222. Je mehr man zulegt, desto kleiner wird's; je mehr man 
abnimt. desto grösser wird's. Vgl. Rochholz 265, 511. 

Das schiff auf see. 

223. E vagel flog stark äwer e lange mark, 

Hadd ön sin kropp fif tonne hopp', 

Fif tonne win, ok e fett schwin — 

Wer dit rätsei rade wöll, (dem) gew öck fif tonne hoppe, fif 

tonne win ok e fettet schwin. 

X. pr. prov.-bl. VIII, 376. Bei Müllenhoff 507, 14: Da flügt en 

vagel stark twischen hier un Dänemark usw. — Vgl. Rochholz 229. 

Simrock I. -158. 

22-1. Flog e vagel stark äwern langen markt. 

Wat hadd hei ön sinem kropp? tien (fif) tonnen hopp', 

Tien (fif) tonnen ber, schnider möt de scher, 

Müerer möt de kell — wer dat rat, ös junggesell. 

(Westpreussen.) 

Var. 4: Öss e braver murer -junggesell. — R. Dorr 77. — Ein 

ähnliches rätsei mit der lösung: hahn, wetterhahn bei Rochholz 229, 

379 und 230, 380. 

Der alf (drache). 

225. Es fliegt ein vogel von hier, hat 'nen zagel von papier. 

Die kanzel und der prediger. 
226. Oben spitz und unten spitz. 

In der mitt' ein schwarzes männlein sizt. 

K<'>M<rSBERG I. PR. H. FRISCHBIER. 



265 

WOETSPALTDNGEN AUF DKM GEBIETE DEK NEUHOCH- 
DEUTSCHEN SCHEUT- UND VEEKEHESSPEACHE. 

In dem gegenwärtigen bereiche der deutschen spräche koml es 
nicht selten vor, dass ein wort mit einem andern, von dem es nach 
form und bedeutung mehr oder weniger sich entfernt, in solcher ver- 
wantschaft steht, dass beide als ein und dasselbe ursprüngliche wort 
zu betrachten sind. Bei einem gewissen teile dieser Wörter, besonders 
da, wo vermöge eines unberechtigten onterscheidungstriebes «las orga- 
nische Verhältnis der Schreibung verlezt worden ist, hat sich die dop- 
pelte gestalt zu einigem schaden festgesezt, und es mögen einzelne 
unter ihnen auf historischem wege noch wider zur einheit zurück- 
gebracht werden können; andere dagegen, die bei weitem grössere zald, 
haben durch die Spaltung in zwei und drei, ja selbst vier bestirnt 
geschiedene formen der spräche einen nicht unwesentlichen nutzen 
gebracht. Die formelle abweichung geht bisweilen sehr bemerkbar dem 
abstände der begriffe voraus; es ist, als ob eine form nicht zum über- 
fluss in der spräche verweilen soll, wenn ein platz offen ist, den sie 
mit Selbständigkeit behaupten kann. Durch einen solchen Vorgang wird 
zugleich dem nächst benachbarten worte eine schärfere und in man- 
cher hinsieht vorteilhafte begrenzung zu teil. Ein anderer fall zeigt 
sich, wenn auf irgend eine weise im laufe der spätem zeit eine form 
Veränderung erlitten hat und nun das gleichsam neu entwickelte wort 
neben dem altern in abweichender bedeutung fortgilt. Eine besondere 
art bilden diejenigen doppel Wörter, von denen das eine dem hochdeut- 
schen angehört, das andere entweder aus der niederdeutschen mundart 
oder anderswoher, sei es mit fug oder unfug, eingang in die spräche 
gefunden hat. Selbständiger stehn die niederdeutschen Wörter da, und 
ihrer geltung liegt in der regel ein unabweisliches bedürmis zu gründe; 
aber auch die andern, welche namentlich aus der französischen spräche, 
wohin sie früh gewandert waren, in die deutsche heimgekehrt sind, 
dürfen die anfmerksamkeit eines jeden, der mit ihnen zu verkehren 
gewohnt oder genötigt ist, in ansprach nehmen. Endlich komt eine 
ansehnliche reihe eigentlicher fremd Wörter in betracht, die einesteils 
ein gemeingut aller geworden sind, andernteils entweder vorzugsweise 
als terminologische benennungen der wissenschaftlichen spräche des 
gelehrten angehören, oder als unentbehrliche begleiter des conventionel- 
len unterhaltungstones zu gelten pflegen. Ausgeschlossen bleiben die- 
jenigen Wörter, welche, obwol einander aufs allernächste verwant, doch 
keine einheit in sich selbst bilden, Avie trank und trurik, wache und 



26(5 ANDBBSKN 

wacht, gewinn und gewinst; ferner solche, die keinen merkbaren 
unterschied der bedeutung aufzuweisen vermögen, wie erle und euer, 
fohlen und fallen, gatter und gitter. 

In der altern grammatik hat man es als einen besondern vorteil 
betrachtet, wenn der gebrauch einem werte, das sich in zwei bedeu- 
tungeu spaltet, zu bequemerer Unterscheidung eine doppelte gestalt ver- 
lieh. Dass dadurch vielleicht ungleich wichtigere rücksichten verlezt 
wurden, blieb meistens unbeachtet. Zwar gilt nicht alles mehr, was 
in dieser richtung beliebt worden ist; es komt sehr darauf an, wann 
dergleichen unorganische Unterscheidungen in der spräche platz gegrif- 

d und wie lange schon sie so gut wie unbestritten in derselben ver- 
weilt haben. Falt die änderung in eine jüngere zeit, so hat sie auch 

gelmässig wider weichen müssen, nachdem eine gesundere sprach- 
anschauung zur anerkennung gelangt war, z. b. die trennung des adj. 
gahr vom adv. gar; auch irol und wohl, deren Scheidung von der 
philosophischen grammatik empfohlen worden ist. sind neben einander 
nicht mehr geläufig oder scheinen es vielmehr nie recht gewesen zu 

in. Dagegen gilt heute überall, von der bewusten gewohnheit ein- 
zelner sprachgelehrten abgesehen, zwischen der präp. wider und dem 
adv. wieder, welche eigentlich dasselbe wort sind, ein zwar früher, 
jedoch erst im 17. Jahrhundert durchgedrungener unterschied der Schrei- 
bung. Älter, praktisch nützlich und bequem ist der abstand von dass 
und das, deren ursprüngliche identität sich im niederdeutschen auch 
äusserlich erkenbar erhalten hat: während es verwerflich erscheinen 
muss. dem adv. von bloss, welches erst in der nhd. sprachperiode auf- 
_ kommen ist. einfache> s zu verleihen, oder anstatt bisschen } wenn es, 
wie gewöhnlich, ..ein wenig" bedeutet, bischen (vgl. die vielen Nord- 
deutschen geläufige ausspräche ..bi- sehen") zu schreiben. Wie sich im 
französischen on auf komme oder richtiger auf dessen acc. hominem 
stüzt. so sind im deutschen das abstrakte pron. n/au und das konkrete 
subst aiaan im Ursprung eins: die algemein herschende Scheidung folgt 
aus der für das neuhochd. geltenden lehre von der Verdoppelung der 
auslautenden konsonanz nebst den ausnahmen. 

Wenn der unterschied zwischen dass und das bloss graphisch 
zum ausdrucke gelangt ist, so haben die genetive des, der und der 
dativ plur. d, ,,. für den substantivischen gebrauch, d. h. für die fälle, 
dass das pron. allein, ohne subst. steht, eine Verlängerung erfahren, 
welche, almählich fortgeschritten, heute als regel gilt: die gen. sing. 
des und da der und deren, die dat. plur. den und denen sind 

daher Zwillingswörter; aus dem gen. plur. der haben sich sogar zwei 



W0BT8PALTU5GKN IN DBB NHD. SPRACHE 267 

erweiterte formen mit verschiedener bedeutung entwickelt, deren und 

derer, welche mit der zusammen als drillinge betrachtet weiden kön- 
nen. Wie des zu dessen, verhält sich wes zu wessen, jedoch bloss 
formell; ein unterschied der bedeutung findet Dicht statt, da wer nur 
substantivisch gebraucht wird, und überdies ist wes heute beinahe ver- 
altet, aber in weshalb, weswegen erkenbar geblieben. 

Zwischen dar und da besteht kein etymologischer unterschied, 
das r ist ursprünglich (got thar, ahd. dar, engl, there) und erst später 
abgefallen; ebenso verhalten sich hier und hie (vgl. ahd. hiar, engl. here). 
Während in dem heutigen mustergiltigen gebrauche dann und denn, 
wann und wenn verschiedene funktionell haben und mischungen selten 
statfinden, kam diesen beiden Wortpaaren in der alten spräche kein 
unterschied der bedeutung zu: für den begriff des temporalen dann 
(lat. tum) wurde bald dorne, bald danne gesagt, denn im sinne des 
lat. neun hat sich erst im neuhochd. festgesezt; ebenso hiess es für 
tetnni (lat. queindö) teils /ranne, teils wenne, das konditionale wenn 
(lat. st) war nicht vorhanden, sondern wurde durch obe (ob, engl, if) 
ausgedrückt. Bekantlich ist mit der einzigen ausnähme warum der 
vokal des alten wä in o übergegangen, doch findet sich daneben auch 
warum } wenn nicht sowol nach dem gründe als nach dem gegenstände 
gefragt wird (z. b. worum handelt es sich?); insbesondere gilt worum 
als relativ, wie bei Goethe: „ein himlisches gut, worum sie einander 
bringen können." Die konj. weil ist eigentlich der acc. des subst, 
weile, was sich deutlicher in dem etwas veralteten dieweil, mhd. die 
/eile, kund gibt. Ebenso gründet sich das adv. weg auf den acc. des 
subst. weg, der jedoch die präp. „in" neben sich hatte (mhd. enwec 
f. in wec; vgl. engl, away), w r ährend wegen dem mit der präp. „von" 
verbundenen dat. plur. desselben subst. entspricht. Die präp. nach steht 
im Ursprünge dem adv. nahe gleich. Das adv. Hingst und die uneigent- 
liche präp. längs gründen sich beide auf den mhd. gen. langes. Aus 
mhd. sunder sind die präp. sonder und die konj. sondern hervorgegan- 
gen. Wörtliche erkiärung des zusammengesezten adv. im mir (ahd. 
iomer) würde den ganz verschiedenen begriff je mehr ergeben, während 
nimmer sich von nie mehr dem sinne nach weit weniger entfernt. 
Die vieldeutige partikel als ist schon in früher zeit aus also gekürzt 
worden; ferne steht ihr an sich das der süddeutschen Volkssprache so 
geläufige temporale adv. als (z. b. ich geh als sontags hin), welches 
aus dem mhd. acc. allez, entsprungen ist. Der unterschied zwischen jetzt 
\\ndjet\o, die beide aus mhd. ie\uo stammen, betrift nicht die bedeu- 
tung, sondern allein den gebrauch; jetxo, im vorigen Jahrhundert vor- 



ANI'KKM.N 

zugsweise beliebt, klingt heute altertümlich. Wahrend gegen im alge- 
meinen und für alle beziehungen gebraucht wird, ist das daraus gekürzte 
gen ( mini, gein, gen) nur für gewisse richtungsverhältnisse üblich 
blieben. Bei entzwei wird kaum noch an die zweizahl gedacht, es 
bedeutet so viel wie zerbrochen, zerrissen; dem mhd. enzwei liegt das 
and. in zuei, d. i. und. in zwei (teile oder stücke), zu gründe. Von 
dem ahd. in zuisken (in der mitte von zweien) stamt das adv. inzwi- 

. aber auch mit sehen mhd. kürzung die präp. zwischen. Ein- 
mal gilt bekantlich als adv. der zahl und als adv. der zeit, hat jedoch, 
entsprechend dem Verhältnis des Zahlworts ein zu dem unbestimten 
artikel. für diese bedeutungen eine verschiedene betonung erhalten; in 
r Volkssprache wird das temporale einmal gern in mal gekürzt. 
Anstatt nun wurde in alter zeit überall nu gesagt, eine form, die im 
tagliehen leben noch heute oft gehört wird und ausserdem als snbst. 
in der Schriftsprache algemein üblich ist. Die adv. von fest und schön 
hiessen im mhd. vaste und schöne, im nhd. lauten sie wie die adj.; 
aber die mhd. formen haben sich mit wesentlich veränderten abstrak- 
ten begriffen in fast und schon fortgesezt. Vermöge des kurzen vokals, 
der freilich dem wort ursprünglich gebührt, scheidet sich das adv. 
flugs (vgl. falls, rings) von fluges, dem gen. des subst. flug, welcher 
a dehnt gesprochen wird: die frühere Schreibung „flux" beweist, dass 
man sieh der herkunft des Wortes nicht bewust war. Anders beruht 
auf dem gen. des adj. ander, der heute anderes (z. b. anderes sinnes) 
zu lauten pfleg! 

Mehrere subst. sind aus entsprechenden adj., meist ohne auffal- 
lende Veränderung der form, aber unter bestirnter entwickelung einer 
neuen bedeutung, hervorgegangen. Auf die positive greis : jung, spiU 
gründen sich die subst greis, junge, spitz. Dem komparativ falt ins- 
besondere zu: kerr, wörtlich der hehrere, ahd. kerro aus heriro (von 
her, erhaben, ehrwürdig), woraus sich auch durch die mhd. kürzung 
' /• (f. her, Inf) der pastorenhafte, an „ehre" angelehnte titel ehren im 
altern nhd. entwickelt hat; ferner jünger, eitern, verglichen mit jiin- 

attern. Der Superlativ ist subst. geworden in oberst, früher auch 
altertumlich obrist geschrieben, an sich gleich oberste; in liebster, 
liebste, womit sieh vor zeiten auch die jezt veralteten ausdrücke ehe- 
Uebster, eheliebste zusammengesezt haben. Im mhd. hat sich von dem 
ahd. adj. mennisc (got mannisks), welches als männisch von Schiller 
d paarmal gebraucht worden ist. aber im heutigen deutsch (neben 
..männlich") kaum fortlebt, die subst form mensch gelöst und heraus- 
gebildet. Das adj. golden hiess früher gülden, mhd. guldin; hieran.^ 



WORTSPALTUNGEN IX DKB NIID. SPRACHE 269 

ist später das subst. gülden entstanden: golden, gülden (altertümlich 
und dichterisch), gülden bilden ein drillingsverhältnis. Unter den wenir 
gen zu subst. gewordenen part präs. befinden sich zwei, deren rein 
verbale form daneben gilt, freund und heiland, denn von dem got. 
part. frijönds (von frijdn, freien, lieben) stamt mhd. vriunt, nhd. 
freund, und heiland ist das and. part. von heilem; freund und freiend, 
heiland und heilend sind daher doppelwörter. 

Aus dem im mhd. geläufigen attributiven gebrauche des unflek- 
tierten adj. erklären sich eine menge aneigentlicher Zusammensetzungen 
im nhd.; einigen derselben ist im spätem verlauf eine bedeutung zu 
teil geworden, welche von der ursprünglichen mehr oder minder ab- 
weicht. So sind gleichungen entstanden wie junggeseü und junger 
gesell (mhd. june geselle)] junker und junger herr; Jungfrau, Jungfer 
und junge frau, die zu einander im drillingsverhältnis stehn; edelmaun 
und edler mann; hochmut und hoher mut (vgl. hoffart und mhd. hiVh- 
vart, vornehme lebensweise, glänz, edler stolz: hochzeit und hohe, d. h. 
festliche zeit); drittel (dritteil) und drifter teil; kurz/weil und kürzt 
weile; hochschule (Universität) und hohe schule (gymnasium). 

Unsere jetzige spräche besizt viele männliche subst., in deren 
nominativ das n der obliquen kasus gedrungen ist; bei einem teile 
derselben hat sich daneben die organische form erhalten, und die spräche 
hat dies für einen unterschied der bedeutung benuzt. Algemein gilt 
heute schaden, selten findet sich noch schade; allein gerade diese lezte 
form herscht ausschliesslich in der Verbindung „es ist schade" mit 
abhängigem nebensatz. Aus mhd. lumpe, tropfe sind lumpen, tropfen, 
aber auch die persönlichen Wörter lump, tropf mit abweichender deklin. 
entsprungen; neben Frauke für den volksnamen wird für eine aus 
Frankreich stammende münze gewöhnlich franken, nicht mehr franke 
gesagt. Unter rappe verstehen wir ein schwarzes pferd, unter rappen 
eine in der Schweiz gangbare, ursprünglich mit einem schwarzen vogel- 
kopf geprägte kupfermünze; da aber rappe eine ältere nebenform von 
reibe ist, so stelt sich wider ein drillingsverhältnis dar. Fleck und 
flecken, deren bedeutungen insgemein auseinandergehalten werden, 
stammen von mhd. vice, vle'cke, ohne dass in jedem falle bestirnt fest- 
steht, ob fleck zu jenem oder diesem worte gehöre, während flecken 
jedesfals auf vle'cke zurückgeht. Unzweifelhaft sind bache und hacken 
ursprünglich eins: die mhd. form des leztern wortes, mit welchem das 
fem. betcke nichts zu tun hat, lautet bache und bedeutet schinken, 
Speckseite; von dem geschlachteten schwein wurde der name im altern 



270 ANPKKSFX 

nhd., wo er zuweilen auch als masc. erscheint, auf das lobendige über* 
tragen und blieb für die wilde sau haften. 

Mehrere doppelwörter beruhen auf einer mischung verschiedener 
flexionsformen. Aus mhd. verte, dem plur. von vart, ist nhd. fährte 
entstanden, welches sich von fahrt unterscheidet Genau so verhalten 
h formell schlaft und schlaf; doch findet kein unterschied der 
bedeutung, sondern allein des gebrauches statt, insofern schlafe der 
wohnliche ausdruck ist. schlaf der mehr gesuchten rede angehört. 
Vielleicht darf das fem. posse aus dem plur. des masc. possen, welches 
zuerst im 16. Jahrhundert als bosse, posse auftritt, erklärt werden; 
possi als theaterstück besteht gewissermassen aus einer mehrheit ein- 
lner possen. Deutlich nach dem mhd. (stat, stete) gründet sich statte 
auf den plur. von statt; aber mhd. stat ist auch die quelle von stadt, 
welches daher mit statt eigentlich übereinstimt, so dass wider drei und, 
wenn wir die aus dem subst. erwachsene präp. statt (anstatt) hinzu- 
fügen, vier Wörter mit verschiedener bedeutung vorliegen, welche 
ursprünglich identisch sind. 

Hier schliessen sich die fälle an, dass an einem worte zweierlei 
plurale mit verschiedener bedeutung entwickelt sind. Dahin gehören 
zur bezeichnung des gewichts, der zahl und des masses zunächst einige 
der mhd. regel entsprechende plurale neutra, wie pfund, buch, fass, 
rnass, verglichen mit pfunde, hü eher, fässer, masse; sodann, entgegen 
der mhd. weise, mehrere der analogie folgende masc, wie fuss, schritt, 
verglichen mit fasse, schritte. Hohes alter hat der plur. mann nach 
einer zahl, woneben später zwei flektierte bildungen eingang in die 
spräche gefunden haben, männer und mannen, die sich von einander 
und von der unflektierten form dem begriffe nach unterscheiden. 

Anderer art ist die entwickelung zweier plurale in bände und 
bänder, dinge und dinger, laude und länder, orte und örter, schilde 
und schilder, worte und Wörter. Diese doppelformen beruhen grösten- 
teils auf analogie, zum teil hat auch das zwiefache geschlecht einge- 
wirkt: bei ..band" ist noch der plur. bände vom sing, des masc. zu 
berücksichtigen. 

Differenzierung der bedeutung durch Verschiedenheit des geschlechts 
zeigt sich, obwol nicht mit aller strenge durchgeführt und der altern 
spräche unbekant, bei flur, volkommen dagegen und ursprünglich 
gleichfals nicht vorhanden, bei see, während das doppelte geschlecht 
n hdft auf zwei an sich verschiedenen Wörtern zu fussen scheint. 
Das ma schwulst und die demselben gebührende figürliche bedeu- 
tung gehören der jungem zeit an; im mhd. war das wort nur als fem. 



WOBTSPALTUNGKN IN' DKB NHD. SPRACHE L'7 1 

ühlich. Audi das neutr. gift ist nicht ursprünglich , in der alten spräche 
einigte sich die besondere bedeutung mit der algemeinen „gäbe" (vgl. 
vergeben = vergiften); heute ist das fem. so gut wie verklungen, aber 
in ..mitgift. brautgift" erhalten. Mensch als neutr. komt schon im mhd. 
vor, jedoch ohne den verächtlichen nebenbegriff, welcher heute diesem 
wort anklebt. In folgenden Wörtern offenbart sich ebenfals eine auf 
• las zwiefache geschlecht bezügliche, algemeine '»der nur /um teil 
gebräuchliche differenz der bedeutung: chor, erkentnis, ersparnis, ge- 
halt, teüj verdienst. 

Wie reibe zu rappe (s. 269), ebenso verhält sich knabe zu knappe; 
im mlid. haben beide formen mehrfach noch die gleiche bedeutung. 
Merkwürdig ist die Identität von köder und querder, wie in vielen 
gegenden Norddeutschlands nach der mhd. form jenes weites (ahd. quer- 
dar) der bortenartige säum an einem kleidunirsstück heisst; da man 
unter köder anderswo auch einen schmalen gebogenen lederstreifen am 
schuh versteht, so wird füglich angenommen, dass dieselbe bezeichnung 
für den regenwurm — denn das bedeutet köder zunächst — wegen 
einer ähnlichkeit der form eingetreten sei. Ilain ist aus hegen, einer 
ableitung von hag, zusammengezogen, daher an sich dasselbe wort, 
hat aber durch die dichter des vorigen Jahrhunderts eine eingeschränkte 
bedeutung erhalten, deren hagen nicht fähig ist. Kine gleiche zusam- 
menziehung zeigt sich bei maid und magd, mhd. meit aus maget; 
der ursprüngliche begriff ..Jungfrau" ist in magd herabgedrückt, in 
maid dichterisch gefärbt worden. Dem mhd. swanc entsprechen 
schwang und schwank (streich): aus wäre, werch ist ausser werk durch 
mitteld. einfluss auch werg (das ausgewirkte, herausgeschafte) entstan- 
den. Wahrscheinlich sind hobalt und kobold, die sich, wenn sie aus 
höbe (hütte) und der von „walten" stammenden silbe -ald, -old beste- 
hen, nach den formen, welche früher auch oft mit einander wechselten. 
mit namen wie Haynald und Heinold vergleichen lassen, ein und das- 
selbe wort; der bergmann mag dem erz den namen des gespenstischen 
und neckischen geistes, in dessen gewalt es ist, gegeben haben. Mond 
und monat bilden insofern ein paar, als das erstere seine form wesentlich 
dem von mhd. mäne abgeleiteten mänet, mänöt (nhd. monaf) verdankt: 
mond für monat war früher sehr gebräuchlich, klingt aber heute alter- 
tümlich und erscheint bloss bei dichtem. Wie fohlen und füllen 
(s. 266), ebenso fallen sehne und senne zusammen, unterscheiden sich 
aber so, dass sehne algemein und in jeder beziehung üblich ist, senne } 
überhaupt in sparsamem gebrauche, nur oder doch überwiegend die 
bogensehne begreift. Obenhin betrachtet, gehn der bedeutung nach 



272 ANDRES KN 



beti und beet weit auseinander, genau erwogen, einigen sie sich bequem; 
im altd., engl., plattd. lauten beide gleich. Die form am/mann (land- 
ammann in der Schweiz) entspringt durch erweichung aus ai/ilmaim. 
Zwischen I&um und leu, die beide auf mhd. hwe } lew fussen, besteht 
kein weiterei unterschied, als dass jene form die algemeine bezeichnung 
ist, diese bloss der gehobenen spräche angehört. Engere bedeutung als 
schauer (mhd. schür) hat schander, mit später eingetretenem d: man 
spricht weder von einem „regenschauder" noch einem „schauderbad", 
sondern sagt beidemal „schauer"; Schauder gilt mehr von geistiger 
empfindung Wie auch das Verhältnis des mlid. ritter zu riter beur- 
teilt werde, doppel wörter darf man nhd. reifer und ritter jedenfals nen- 
nen; die neben reiter in den anfangen des nhd. aufgekommene, bald 
vorhersehend gewordene, seit langer zeit aber wider verlassene form 
renter ist nur misverständlich auf „reiten" bezogen worden, gehört 
vielmehr dem hell, ruiter an, welches von mlat. ruptarius (wegelage- 
rer zu pferde, räuber; vgl. rotte und frz. route) stamt. Mahl (essen; 

'.. mahlzeit) ist vermutlich eins mit mal (zeit); will man aber, was 
sich gleichfals hören lässt, lieber davon ausgehn, dass auf jede grössere 
vTsamlung ein gemeinschaftliches essen zu folgen pflegte, so wird mahl 
in mahlschatz, mahlstatt, gemahl, denen ahd. mahal (versamlung, Ver- 
handlung, vertrag) zu gründe liegt, als Zwillings w r ort aufzustellen sein. 
Das abstrakte scheu und das konkrete scheuche entsprechen dem mhd. 
schiuhe, dessen h in jenem wort abgefallen, in diesem ch geworden 
ist. Die identität von tölpel und dorfer (dorfbewohner) wird durch die 
dem niederd. zugewanten altern formen dorper, dörpel, törpel, dölpel 

nnittelt; zur begrifsentwickelung vgl. lat. rusticus und frz. vilain 
(villanus). Mäkler und ///aller werden zwar kaufmännisch ohne unter- 
schied gebraucht, in der bedeutung „kleinlicher tadler, bekritler", für 
welche man mit unrecht den Ursprung aus dem fremdwort „makel" 
behauptet hat, gilt aber nur die umgelautete form. Der kürzung von 
dritteil in drittel is. 269) gleicht die von urteil in urtel; während 
jedoch urteil algemeinen Charakter hat, pflegt das überhaupt seltene 
urtel auf den begriff „richterliche entscheidung" eingeschränkt zu wer- 
den. Au- herr Jrs/t* ist der ausruf herrje verstümmelt und zugleich 
euphemistisch hervorgegangen. Den nhd. Wörtern gischt und gest lie- 
fen die mhd. formen gist, gest, jest (von jesen, gären) zu gründe; gest 
ist in einem grossen teile von Norddeutschland der algemein üblich»' 
ausdruck für „hefe" al> gärungsmitteL Das zwar in der Schriftsprache 
kaum mehr lebendige, aber mundartlich erhaltene subst. letze, welches 
ende, abschied und das, was zum abschied gereicht wird, bedeutet, 






WOBTSPALTUNGEN IN DBB NHD. BPBACHE 273 

hat die volksetymologisch umgewandelte form letzt in der redensart 
v '/ai guter lezt" neben sich. 

Die adj. fahl und falb entspringen beide aus mhd. val gen. val- 
wes, werden indessen einer trennung unterworfen, wenn auch biswei- 
len eins fürs andere gesezt werden mag; es heissl z. b. das fahle 
gesicht, aber die falben blätter. Buchstäblich ebenso verhalten sieh zu 
mhd. gel gen. gelwes die schriftdeutsche form gelb und die mundart- 
liehe gehl. Obgleich im mhd. twerch und twer aeben einander beste- 
hen, dürfen nhd. twerch und quer (platd. dwer) als wesentlich eins 
betrachtet werden; zu dem Wechsel des konsonantischen anlauts vgl. 
nhd. quehle, zwehle und mhd. twehele (handtuch). Während im mhd. 
quec (lebendig, frisch; vgl. erquicken) als haupt-, kec als nebenform 
galt, kehrt sich im nhd. das Verhältnis um: aber keck hat heute weit 
überwiegend moralische bedeutung, und queck (auch quick, wie im 
engl.; vgl. Quiekborn) komt fast nur noch in Zusammensetzungen vor, 
namentlich in quecksilber (engl, quicksilver). Dem mhd. sieht ent- 
spricht der form nach nhd. schlecht, dem begriffe nach nhd. schlicht 
(vgl. engl, slight, gering); schlecht im sinne von schlicht hat im nhd. 
lange gegolten und wird heute noch in „schlechthin, schlechtweg, 
schlechterdings" sowie in der Verbindung „schlecht und recht" ge- 
braucht. Von dem stark entstellen bieder unterscheidet sich das ihm 
zu gründe liegende biderbe nur, insofern es altertümlich und etwas 
gesucht klingt; die bedeutung ist dieselbe geblieben. Nackt und 
nackend bestehen seit langer zeit nebeneinander; allein nackt wird doch 
als der algemeinere und bessere ausdruck betrachtet, während nackend 
mehr der mündlichen rede angehört. Da dem alts. wel hochd. wol ent- 
spricht, so lassen sich die freilich höchst seltenen, aber in die spräche 
zweier berühmten dichter geratenen adj. wählig st. welig (Voss) und 
wolig (Goethe) als zwillingswörter ansehen. Die beiden von hof al ►ge- 
leiteten adj. hövesch und hübesch (b aus v) waren ursprünglich der 
bedeutung nach nicht geschieden; nhd. höfisch und hübsch bezeichnen 
gesonderte begriffe und dürfen nie mit einander tauschen Wahrschein- 
lich sind ekUch, heiklich und hählich, deren begriffe sich im algemei- 
nen nahe berühren, in mundarten zum teil decken, auf denselben 
grund zurückzuführen. Sachlich und sächlich, in der alten Sprache 
nicht vorhanden, aber in sich eins, unterscheidet der gebrauch hin- 
reichend; doch pflegte J. Grimm sächlich für sachlich und vom ge- 
schlecht regelmässig „neutral" zu setzen. 

Die jetzigen adj. bescheiden, erhaben, gediegen, getrost beruhen 
auf alten part, welche im nhd. beschieden, erhoben, gediehen, (jetröstet 

18 



ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XXIII. 



2 .4 ANDERSEN 

lauten. Verwegen ist das mhd. pari des reflex. sich verwegen; für 
die nhd. konjug. eignet sich nur die nach „gewogen" (mhd. gewogen) 
bildete form verwogen. Von durchleuchtet } erleuchtet (mhd. durch- 
Uuhtei, erliuhtet und gekürzt durchlüht, erlüht) unterscheiden sich die 
adj. durchlaucht, erlaucht, welche auch substantivisch gebraucht wei- 
den. U, das mit dem sogenanten rückumlaut versehene pari von 
llen, ist teils für sieh allein, teils und besonders in den zusammen- 
bringen misgestalt, ungestalt, wolgestalt als adj. verblieben; die kon- 
jug. kent nur gestelt Anstatt „bestalt" heisst es lieute gewöhnlich 
staut, weil der int", bestallen sieh geltend macht; als pari zu bestel- 
len ist natürlich nur besielt brauchbar. Das alte pari von decken hat. 
sich als technischer ausdruck erhalten: die mit einem deekel verschlös- 
se Orgelpfeife wird gedockt genant; gedeckt und gedockt sind dalier 
zwilling Das dem part. von lehren entsprechende adj. gelehrt hat 
neben sich die aus dem mitteld. stammende form gelahrt, welche heute 
nur hie und da noch altertümlich und meist in spöttischem sinne 
_ '»raucht wird. Yon verwirren ist das starke part. verworren als sol- 
ches nicht mehr üblich, es gilt nur verwirt: da jedoch verwirt auch 
adjektivische funktion bekommen hat, so hat die spräche den unter- 
aied der form dazu benuzt einen unterschied der bedeutung festzu- 
setzen; vgL ein uerwirter schüler, verworrenes geräusch. Geweint und 
gewendet, verwant und verwendet, gesant und gesendet dürfen in der 
konjug. zwar im algemeinen mit einander wechseln; aber die der je 
zuerst genanten form entsprechenden adj. gewant und verwant dulden 
die andere nicht neben sich, und anstatt des subst. gesante kann „ge- 
sendete" nicht gebraucht werden. Yon bereden stammen beredet und 
redt, jenes mit pass., dieses mit akt. bedeutung. Denselben unter- 
schied der begriffe zeigen getrunken und trunken, wie das part., das 
jezt nur adjektivisch verwendbar ist, in der alten spräche gelautet hat. 
Grleichfals ohne partizipiale vorsilbe bestellt durchtrieben als adj. neben 
dem eigentlichen part. durchgetrieben. Wenn von fallen, sahen, spal- 
ten, welche im nhd.. ausser im part. prät, durchweg der schwachen 
konjug. zugefallen sind, vermöge der sehr nahe liegenden analogie auch 
i wache formen dieses part. auftreten, zum teil überwiegen, so lässt 
sich als regel aufstellen, dass sie nur dann etwa berechtigt sind, wenn 
nicht die adjektivische, sondern die rein verbale bedeutung vorliegt; 
daher hi teils ziemlich algemein, teils kann es heissen z. b. er 
hatte die bände gefaltet, aber: sass da mit gefaltenen bänden; sie hatte 
die suppe nicht gesaht, aber: gesalzene beringe; der knecht hat holz 



WORTSPALTUNGEH IX DER NHD. SPRACHE 275 

gespaltet, aber: häufe gespaltenes holzes (vgl. eine gespaltene und eine 
durch den Säbelhieb gespaUeti Lippe). 

Auf rein verbalem gebiete Bind drucken and drücken, tucken und 
zücken als Zwillinge zu betrachten; je beide nach form und begriff 
jezt getrente Wörter konten früher ohne unterschied gebraucht wer- 
den. Dom mhd. wegen entsprechen wägen und wiegen. Von dem 
subst. „knöpf" ist im altd. knüpfen, erst im 15. Jahrhundert knöpfen 
gebildet worden. Anstatt hengen, wie es im mhd. hiess, wird heute 
hängen geschrieben: die schon vom ahd. überkommene nebenform hen- 
ken gilt insgemein nur in eingeschränktem sinne (vgl. henker). Wie 
Schauder zu schauer (s. 272), jodeln zu jolen, verhält sich häudern 
(wovon hauderer, lohnkutscher) zu heuern (mieten); zu gründe liegl 
mhd. huren, niederd. hüren (engl. hire). Die ursprüngliche identität 
vod scheuen und scheuchen gleicht der von scheu und scheuche (s. 272); 
das mhd. schiuhen vereinigte beide bedeutungen, aber schon zu Luthers 
zeit war die trennung erfolgt. Neben ausreuten wird ausrotten fast 
nur in geistiger und ausroden nur in sinlicher bezieh ung gebraucht; 
alle drei gründen sich auf mhd. Hüten, doch ist bloss das erste rein 
hochdeutsch. Ton dem präfix abgesehen, sind betätigen und vertei- 
digen offenbare zwillingswörter; das mhd. teuUngen (teidinc aus tage- 
diue, gerichtstag, gerichtsverhandlung) bedeutet vor gericht verhandeln, 
aber betätigen hat sich volksetymologisch zu „tätig" hingewant. In der 
konjug. von „werden" begegnen wir den in der heutigen anwendung 
strenge geschiedenen doppelformen worden und geworden, von denen 
in der altern spräche nur die erste üblich gewesen ist; ferner lautet 
das prät. teils organisch ward (mhd. wart), teils unorganisch wn rde 
(mit angehängtem e statt wurd und dies aus dem plur. eingedrungen), 
ohne dass der algemeine prosaische gebrauch eine trennung durchge- 
führt hat (in der poesie hat wurde keinen guten klang). 

Im verlaufe der entwickelung des nhd. sind eine menge werter mit 
niederdeutschem gepräge der Schriftsprache zugeführt worden; unter 
ihnen befinden sich manche, deren hochdeutsche form daneben gleich- 
fals gebraucht wird. Schon im vorhergehenden ist einzelner werter 
erwähnuDg geschehen, welche zwar im mhd. vorkommen, aber eigent- 
lich in der vom niederd. durchdrungenen mitteld. mundart zu hause 
sind, wie r/est, gelahrt, ausrotten. Da, wo eine niederd. form ohne 
bestirnt wahrnehmbare abweichung in der bedeutung neben der hochd. 
aufzutreten nicht ohne erfolg versucht hat, ist mindestens die Schrift- 
sprache befugt der seitenform aus dem wege zu gehen, z. b. bei küper, 
linneh, schlapp, weiden für küfer, leinen, schlaff, weiten. Bisweilen 

18* 



ANDBE8KN 

lässt sich über die berechtigung streiten. In einigen grammatischen 
hriften norddeutscher Verfasser hat reep (seil, strick; engl, rope) auf- 
nähme gefunden; zwar hochd. reif durfte nicht dafür gesezt werden. 
da die bedeutung nicht oder nicht mehr stimt: weil jedoch neben den 
beiden genanten bezeichnungen desselben begrifs das wort völlig über- 
flüssig ist, so hat dir Schriftsprache das recht sich ihm zu entziehen. 
Anders steht es um Wörter, durch welche ein anderer begriff aus- 
drückt wird, als der entsprechenden hochd. form zukomt. Darnach 
beurteile man folgende gleichungen, die sich nach verschiedenen Laut- 
verhältnissen in einzelne gruppen zerlegen lassen. 

Dem hochd. neutr. waffen, das jezt nur altertümlich und dich- 
terisch für das später daraus entwickelte fem. waffe gebraucht wird, 
entspricht die ursprüngliche aiederd. form wappen mit zwar verwanter 
aber doch strenge geschiedener bedeutung; den subst. folgen die verba 
wafhen und wapnen. Ebenso gleichen sich Staffel und stapel; der 
n<-insame hauptbegriff ist grundlage, erhöhung, gerüst. Das in die 
spräche norddeutscher schriftsteiler gedrungene niederd. j"i>i><'n und das 
hochd. gaffen sind etymologisch dasselbe wort; beide bedeuten eigent- 
lich ..den mund aufsperren" (vgl. engl. gape). Aus dem grundbegriffe 
des Schalles und tones haben sich die bedeutungen des hochd. Idaffen 
und des niederd. klappen, welche im jetzigen deutsch nicht mit einan- 
der tauschen können, entwickelt. Mit kürzung des vokals und darauf 
erfolgter doppelung des kons, ist schleppen aus niederd. sUpen, hochd. 
schleifen, entlehnt worden. Dass auch stopfen und stoppen in sich 
eins sind, lässt -ich denken; als gemeinsamen begriff hat man „aufhal- 
ten" anzunehmen (vgl. engl. stop). Kneifen ist kein altes wort, son- 
v\\ erst im nhd. aus dem niederd. kneipen, ursprünglich knipen 
(nicht zu verwechseln mit kneipen von kneipe), ohne dass sich ein 
deutlich erkenbarer unterschied der bedeutung festgesezt hätte, ins 
hochd. umgesezt; während frühe)' kneipen häufiger als kneifen gebraucht 
wurde, kehrt -ich heute das Verhältnis um. Schnuppe vom glühenden 
docht und in „Sternschnuppe" ist mit schnupfen eigentlich identisch; 
die trennung der formen und die Verschiedenheit des geschlechts fan- 
den in der altem spräche nicht immer statt. 

Obgleich das schriftd. elf mit dem plur. elfen nicht aus dem nie- 
derd.. sondern aus dem engl, entlehnt ist, steht es doch auf niederd. 
lautstufe, hochd. wäre elb; von elf scheidet sich nach form und begriff 
da- im Ursprung identische hochd.. sogar strengalt hochd. alp, von dem 
das aipdrücken herrührt. Schnauben ist hochd., mhd. snüben, dem 



WOETSPALTUNGEN IN DER NHD. BPBACHE J77 

niederd. snüven entspricht, woher schnaufen stanit; der gebrauch unter- 
scheidet beide Wörter (vgl. anschnauben und sich verschnaufen). 

Auf den Wechsel zwischen hochd. /'/ und niederd. cht, dem die 
Schriftsprache verschiedene Wörter verdankt, welche heute insgemein 
nur in der niederd. form geltung haben, wie gerückt, nickte, schluckt, 
beschwichtigen, sichten, gründen sich einige doppelwörter unserer jetzi- 
gen spräche, die beiden mundarten angehören. So gleichen einander 
sackt, sachte und sanft; echt und ehehaft (mhd. ikaft, oiederd. ehackt, 
gesetzmässig, rechtsgiltig), das zwar als adj. verschollen, aber als subst. 
im plur. (ehehaften , rechtmässige hindernisse) in der gerichtssprache 
erhalten ist; schockt und schaff (die speerstange diente als mass; vgl. 
Bchechten, wie im niederd. die stiefelschäfte heissen), ferner die damit 
zusammengesezten pflanzennamen Schachtelhalm (sckachthalm), schach- 
telheu und schafthalm, schaftkeu. Da^s aber lichten in der beziehung 
auf „anker", wie sehr oft behauptet wird, hochdeutschem lüften, wel- 
ches im niederd. freilich lückten (engl, Lift) lautet, entspreche, beruht 
wol auf irtum; die Verbindungen „ein schiff lichten" und „die anker 
lichten" scheinen vielmehr dasselbe niederd. wert (mhd. Übten, leicht 
machen) zu enthalten. 

Den hochd. wertern gäk, jäh (arlv. jach) entspricht die niederd. 
form gau (schnell, behende), deren gebrauch sich in der hochd. rede 
zwar heute wol nur auf einen teil von Norddeutschland beschränkt, 
früher aber und noch im 18. Jahrhundert sich weiter erstreckt hat; 
mit diesem „gau" ist „gaudieb" (niederd. gaudef) zusammengesezt. Ein 
in der hauptsache gleiches Verhältnis zeigen nah und genau (mncL 
nouwe, hell, naauw, enge); in mundarten findet sich häufig die ein- 
fache form „nair, woher „benaut" (beklommen, beengt) stamt. Das 
dem jetzigen heischen zu gründe liegende ..cischen" (engl, ask) lautet 
niederd. regelrichtig eschen, in manchen gegenden Norddeutschlands 
noch heute auch in der Schriftsprache der stehende ausdruck bei gericht- 
lichen ladumren. 

o 

Auf der dem niedere!, eigenen Versetzung des r beruht born, 
welches jezt fast nur dichterisch neben brunnen gebraucht wird; vgl. 
bernstein, von bernen (engl, burn) = brennen. Ebenso verhält sich 
bersten (engl, burst) zu mhd. „bresten", w r oher gebresten und bresthaft 
stammen. 

Den anlaut wr kent das nhd. nicht; gleich wol hat es einzelne mit 
irr anlautende Wörter aus dem niederd. aufgenommen. Algemein be- 
kant ist wrack, welcher form die weniger bekante aber schriftgemässe 
nebenform brach, ausschuss (vgl. bracker, brackvieh, brackwasser, aus- 



ANDBESBN 

bracken) zur seite steht. Was man in Niederdeutschland wringen, aus- 
wringen (z. b. nasse wusch«') nent, pflegt in der Schriftsprache durch 
ringen, ausringen bezeichnet zu werden; doch gestattet sie sich auch 
wo! den niederd. anlaut, namentlich in dem zusammengesezten wring- 
- ' (engl, wringing- machine). <>l> bei rasen und wasen, rocken 
linrocken) und wocken, die sich nicht sowol der bedeutung als dem 
Landschaftlichen gebrauche nach unterscheiden, dieselbe Spaltung des 
ursprünglichen wr, wie insgemein gelehrt wird, anzunehmen sei, ist 

i 

neuerdings zweifelhaft geworden; insbesondere kann es auffallen, dass 
da. wo wocken als hauptform gilt, wasen so gut wie nie gehört wird. 

Nachdem Luther anstatt des hochd. atem das auf niederd. laut- 
stufe stehende ödem (f. adem) eingeführt hatte, ist diese form in die 
höhere dichtersprache, wo sie nicht selten auch „öden" gelautet hat, 
eingegangen. Das niederd dik bedeutet sowol deich als auch teich 
gi engl, dike und ditch), begriffe, die gar nicht vereinbar, in gewis- 
c hinsieht entgegengesezt zu sein seheinen und sich doch leicht 
einigen: der /r/V// muss zunächst, wie der deich immer, als künstlicher 
'.standen werden, und wie das lat. altus bald ,,hoch a bald „tief" 
übersezt wird, so entscheidet die richtung, welche man im äuge hat, 
für erhöhung {deich) oder Vertiefung (teich). Dem algemein schriftd., 
an >ich niederd. moder steht mudder (engl, mud) gleich; dafür kennen 
oberd. mundarten die form motte/-, zu welcher die widerwärtige Zusam- 
mensetzung essickmutter (faex aceti, engl, mother) zu gehören scheint. 
Neben tute oder tüte, wofür in der Schriftsprache gewöhnlich die mit 
ungehörig erweichtem anlaut versehene form düte als die gebildetere 
gilt, wird in manchen gegenden Niederdeutschlands die etymologisch 
identische form teute für einen andern, aber verwanten begriff gebraucht, 
den einer grossen kanne, deren sich nicht bloss die weinküfer, sondern 
auch die mägde in der küche bedienen. 

Was wir kran nennen und gewöhnlich krahn schreiben, ist nichts 
als die niederd. form von kranich (vgl. engl, crane für beide), mit 
beziehung auf ahnlichkeit dieser maschin e mit dem kranichhals (vgl. 
hahn an der flinte und am fass). Obgleich schon im mhd. rige vor- 
kamt, scheint doch das in die tumsprache eingeführte nhd. riege aus 
dem niederd., wo reih so lautet, herzurühren. Otter, das schädliche 
tier. verschieden von otter in fischotter, hat seinen namen aus dem 
niederd adder (holL und engL ebenso) durch wegfalJ des anlautenden 
kons. \"\\ natter erhalten; otter und natter sind daher zwillingswörter. 
Die niederd. benennungen <lr<»i< . drost (landdrost) und inste, 
welche aus drotseU und insett zusammengezogen sind (vgl. Holste aus 



WOBTSPALTÜNGKN IN DER NHD. SPBA< IIK 279 

Holtsete; Wursten, landschafi der Wurtseten, der auf dem wurt, wert 
angesessenen), entsprechen mit abweichender bedeutung den hochd. Wör- 
tern truchsess und Insasse. I r <n und feist bestehen in der Schrift- 
sprache mit wahrnehmbarem unterschiede neben einander; jenes ist 
oiederd. (engL tat), dieses hochd. (mhd. vei^et). 

Zwillinge sind auch kerl (niederd.) und Karl (hochd.), mit der 
ursprünglichen bedeutung „mann": der herabgesunkene begriff, den wir 
unter kerl verstehen, gül sehen seit Jahrhunderten, und noch älter i.>t 
der Übergang des appellativen karl in den blossen eigennamen. Eine 
andere gleichung, an der ein heutiger vorname teilnimt, bilden minne 
und Minna, insofern dieser uame, welcher nicht selten mit Mina ver- 
wechselt und mißbräuchlich aus Wilhelmine geleitet wird, der ahd. und 
alts. form minna (liebevolle erinnerung, liehe) entspricht 

Die französische spräche besizt Wörter deutschen Ursprungs, 
welche dort sieh mit den übrigen dergestalt vermischt haben, dass nur 
wissenschaftliche Untersuchung sie herauszukönnen vermag. Manche 
derselben haben sich wider der deutschen rede und schritt mitzuteilen 
versucht, was jederzeit und algemein gelungen ist, wenn sie sich Unter- 
ordnung unter deutsche lautgesetze haben gefallen lassen wollen, z. 1». 
breschi (frz. breche, von brechen), marschieren (frz. marcher, von mark, 
ursprünglich über die mark, landesgrenze, gehen). Unter der menge 
rumänischer, namentlich franz. Wörter, welche, zum teil ungeachtet 
ihrer fremden gestalt und des fremden klanges, bei uns zu verweilen 
fortfahren, befinden sich nicht wenige, denen diejenigen deutschen wor- 
ter im gebrauche gegenüberstehen, aus denen sie in alter zeit hervor- 
gegangen sind. Bisweilen hat sich das fremde wort so volständig ein- 
gebürgert, dass man es für ein deutsches zu halten geneigt sein kann. 
Rang klingt und sieht ebenso deutsch aus wie ring, ahd. hring (kreis, 
V( rsamlung), woher es nebst haranguer (anreden; vgl. ital. aringo, 
rednerplatz) im franz. entlehnt worden ist. Dem ahd. Itsta entspricht 
nhd. leiste (streifen, borte), aber das ital. lista, frz. liste, woher wir 
liste bekommen haben, hat denselben Ursprung. Stuck ist aus dem 
ital. staeco (vgl. stuccatur) hervorgegangen, welches sich auf has ahd. 
stucchi mit der bedeutung „rinde' 1 , formell nhd. stück, gründet. Yon 
dem ahd. Kartet im sinne von wache stamt frz. garde; nhd. warte und 
garde unterscheiden sich in jeder beziehung. Loge (frz., ital. loggia) 
ist aus dem mlat. löbia, ahd. leuiba, nhd. hui he, entsprungen. Das 
ahd. chrapfo, mhd. nhd. krapfe (haken), hat das frz. agrafe (spange) 
ergeben, nhd. agraffe, eine unsern damen so unentbehrliche benennung 
wie rohe, dem das mlat. raubet (spolium, vestis; vgl. exuviae), nhd. 



2S0 AHDRKSKN 

rauh. zu gründe liegt Trupp, f nippe gehen durch das franz. auf dorf 
zurück (zur metathese vgl. -trup für -dorf in vielen niederd. Orts- 
namen), altnord. thorp, welches auch häufe, bände bedeutet, wie denn 
Doch in süddeutschen mundarten eine versamlung auf freiem felde, 
auch ein besuch ..dort" genant wird („einen dorf halten, dorf bekom- 
men, dorfen a ). Dem deutschen schmelz, ahd. smehi, tnlat smaltum, 
entsprechen email (frz.), welches oft in „emaille" verkehrt wird, und 
otialtt (waschbläue). Aus balke, balken ist durch das roman. haihon 
Ihm _ _ ogen. Für bonlevard braucht unsere Umgangssprache nicht 
das deutsche boltoerk, aus dem es entlehnt ist; aber der begriff „wall" 
einigt beide Wörter. Anstatt „Wirtshaus, gasthof" wird in deutscher 
rede bisweilen auberge gesagt und findet sich in deutschen zeitungen 
und andern Schriften hie und da gedruckt; das frz. wort ist mit ital. 
albergo aus heriberga, nhd. Herberge, entsprungen. Grösserer geläufig- 
keit erfreut sich der ausdruck (jage (frz.), herscht sogar in gewissen 
kreisen ganz allein; er stimt formell zu hochd. wette, womit lat. vas 
und vadimonium verwant sind. Die aus dem ital. stammenden Wörter 
lotto und freseo, welche in die nhd. spräche eingang gefunden haben, 
gründen sich auf hos (loss) und frisch. Das dem frz. marche entlehnte 
marsch hat sich aus mark entwickelt; vgl. s. 279 marschieren. Den 
deutschen Wörtern graben, picken, warnen (im ahd. = schützen) stehn 
die zunächst dem frz. angehörenden, in unserer heutigen schrift- und 
Umgangssprache bekanten Wörter gravieren (in der sculptur), pikieren, 
garnieren als Zwillinge zur seite. Den eisenbalmwagen pflegen wir 
wagon zu nennen, eine ungeschickt und überflüssig eingeführte form, 
welche durch das französische aus dem englischen waggon, das dem 
deutsehen wagen gleich steht, herübergekommen ist. 

Wenn die bisher angeführten zwillingswörter entweder nach je 
beiden selten oder zur einen liälfte aus dem deutschen stammen, und 
wenn in den fällen, dass die andere hälfte zunächst fremdher entlehnt 
i^t. gleichwol deutscher Ursprung hat nachgewiesen werden können; so 
bleibt noch eine weit grössere anzahl von gleichungen zu berücksich- 
tigen, welche ausschliesslich dem bereich der fremd werter angehören. 
Bei ihrer Vorführung kann die Unterscheidung zwischen eigentlichen 
fremdwörtern und sogenanten lehnwörtern um so weniger in betracht 
kommen, als diese trennung in einer nicht geringen zah] von beispie- 
ien zweifelhaft und daher tmdurchfuhrbar ist. Auch die oft recht 
hwierige fi _ ob ein in de]- neuern zeit ans der fremde in die 
•räche gedrungenes wort eingebürgert sei oder nicht, verdient keine 
bespreehiu:_ . da es hier Lediglich darauf abgesehen ist, dasjenige zu 



WORTSPALTUNGEN IN DBB NHD. SPRACHE 281 

beurteilen und festzusetzen, was gebraucht wird, sei es mit recht oder 
mit unrecht, algemein oder vereinzelt Di*' weit überwiegende mehr- 
zahl leitet sich entweder unmittelbar oder durch das romanische mit- 
telbar aus dem latein; einige male sind das griech. und das oriental. 
vertreten, selten eine andere spräche. 

Das lat. tegula spaltet sich in tiegel und viegel; palatiu/m in 
pfafo und petiast, von welchem worte die neuere zeit noch iU\> zu- 
nächst franz. palais zu unterscheiden weiss; praepositus oder formell 
genauer mlat. propositus in probst und profoss, wonebeo auch präpo- 
situs selber in einigen gegenden Deutschlands zur bezeichnung eines 
höhern geistlichen gebraucht wird. Vierfache gleichung bieten pabst, 
pfaffe, papa und pope (russ. priester), welche sich aus papa, 7t&7tag 
entwickelt haben. Die identität von barsche, bursch und börse (in bei- 
den bedeutungen) wird durch das dem griech. fivooa (feil, leder) ent- 
lehnte mlat bursa (beutel, gemeinschaftliche kasse, genossenschaft) ver- 
mittelt. Auf das griech. lat. hominis (dumpfer ton, geräusch) gründen 
sich bombe und pumpe nebst pump; vgl. die interj. bums und pumps. 
a rotte und hrypte sind formell identisch; ob als drilling auch gruft 
hinzutreten dürfe, bleibt nach wie vor zweifelhaft. Aus d7Colg, &7toig 
ist durch vermittelung der mlat. form absida das mhd. absite ent- 
stelt hervorgegangen und diesem im nhd. abseite gefolgt (platd. dfstt, 
ein seitwärts unterm schrägen dache befindlicher räum, in der regel 
zur aufbewahrung alten hausrats verwendet); daneben gilt als tech- 
nischer ausdruck apsis fort. Während pakt dem lat. pactum unmit- 
telbar entnommen ist, beruht packt auf der niedere!. form des aus 
dem lat. worte stammenden mhd. p fallt. Mlat. tineta ergibt tinte (un- 
ten, färben, frz. teintes, engl, tints) und dinte, wie man für atramen- 
tum zu schreiben völlig berechtigt ist; mlat. oblata oblate und oblei 
(opfergabe, geldzins); mlat. posta (posita) post und posten (geldbetrag). 
Aus den lat. adj. minutus, nitidus, par, rotundus, tortus sind minute 
und menu (küchenzettel), nett und netto, paar und pair, rotunde und 
runde nebst ronde, torte und tort (unrecht, verdruss) entsprungen. Von 
feria stammen ferieii und fei er, von carcer: Jcerker und Jcarzer, von 
stilus: stil und stiel, von radix: rettich und radies, von emplastrum: 
Pflaster und piaster, von conventus: convent und hofent (klosterbier, 
dünbier), von caput : cap und chef Das dem mlat. mina entlehnte frz. 
mine vereinigt die beiden in den nhd. gebrauch daraus übergegan- 
genen begriüich verschiedenen Wörter mine und miene. Pfeife und 
pipe (weinmass) gründen sich auf mlat. pipa; aus pipare sind pfeifen 
und piepen (zunächst niedere!.), welche sich in der gebildeten spräche 



2S"2 ANDBESBN 

nicht unwesentlich unterscheiden, hervorgegangen. Dem lat serritium 
hat die frz. spräche ihr servict entnommen; die heutige nhd. Umgangs - 
und Verkehrssprache bedient sich dieses Wortes in der bedeutung ,,tafel- 
:;if und pflegt davon wider servis im sinn«? xon „bedienung" zu 
trennen. Zwischen karte und charte, nativität und naivetät, min und 
ruim . schüler und scholar, welche auf charia, nativitas, ruina, scho- 
laris fassen, besteht ein unterschied. Etwas anderes bedeuten arxt, 
brief, dattel und dachtet, kompott, koppel, küster, letter, marter, mei- 
ster, mode, nummer, papier, pate, physiker, priester, sjirit, tisch, 
tünche, uhr, Uns als die ihnen zu gründe liegenden Wörter, welche 
entweder algemein (»der je nach wissenschaftlichem oder konventionel- 
lem bedürmis in der Schriftsprache gebraucht werden: archiater, breve, 
daktyhis, compositum, copula, custos, littera, martyrium, magist er, 
nullius, numerus, papyrus, paler, physicus, presbyter, Spiritus, dis- 
cus, tunica, hora, census. Aus dictare und tractare haben wir nicht 
allein diktieren und traktiere?/, sondern auch dichten und trachten ent- 
lehnt: von dichten scheidet sich wider tichten in „tichten und trach- 
ten." Von faüere stammen durch das ital. unser fallieren und ver- 
möge des frz. faillir das ganz deutsch klingende fehlen, mhd. failieren. 
vaelen. Ein mehr oder minder erheblicher unterschied findet statt zwi- 
schen passen und passieren, pressen und pressieren, hoppeln nebst 
kuppeln und copuUeren, regeln und regulieren, opfern und offerieren, 
ordnen und ordinieren, fabeln und fabulieren, predigen und prädide- 
ren, blamieren und blasphemieren, spedieren und expedieren, laxieren 
und laschieren, xirkeln und drcuUeren, formen und formieren, doc- 
tern und doctorieren, hausen und hausieren, rotten und rottieren, lau- 
ten und lautieren, schatten und schattieren. Aus frz. toucher entsprin- 
gen tuschen (mit tusch malen) und tuschieren (in der Studentensprache); 
auf lat. probare beruhen nicht bloss proben und probieren, sondern 
auch prüfen, auf expendere spenden und spendieren] und auf dem 
mlat. subst des-elben wertes, expensa, sowol speise als auch das plu- 
rale Spesen (zunächst ital.). Becken und bassin stammen beide von 
mlat. baccinum, paladin und palatin von dem adj. palatinus, vither 
und guitarre von cithara Ki-9-dga, mörser und mörtel von mortarium, 
pfarre und j>aroehi( von Tzaoowia. Zwischen formal, ideal, legal, real 
und formell, ideell, loyal, reeü wird unterschieden; neben generell, nrate- 
rieU, offidell, originell sind general, material, official, original als subst. 
üblich. Auch in mobil und möbel, indisch und indigo, persisch und 
pfirsich bilden adj. und subst. ein Zwillingspaar; kommode ist teils adj., 
teils subst. Obgleich für das den doppelwörtern banner und panier 



WOBTSPALTUNGBN IN DEK NHD. >1'RACHE 283 

zu gründe liegende mlat bandum germanischer Ursprung anzunehmen 

ist, pflegen beide doch als fremdwörter (frz. banniere) zu gelten. Das 
lat. tapetum hat die drillinge teppich, tapete und fape/ (aufs tapet brin- 
gen, frz. mettre sur Le tapis) ergehen. Meier, major und maire (engl. 
mayor, daher lordmayor) gehen auf den lat. komparat major zurück. 
Yon decanus, ursprünglich aufseher über zehn, stamt aussei- dekan 
auch dechant; als dritter -»seit sich zu ihnen in eingeschränkter bezie- 
hung der doyen. Neben marmor, der eigentlichen und algenieiu 
üblichen form, gelten marmel (im mhd. lautete «las altklass. fremdworl 
gewöhnlich so) und hieraus entsteh märbel (vgl. engl, marble) und 
murmel für die spiel kügelchen der kinder, welche anfangs aus marmor 
bestanden, jezt aus stein oder glas verfertigt werden. Aus granatus 
ist das masc. grauat, ferner durch das roman. das fem. granate, end- 
lich der erste teil der Zusammensetzung granatapfel hervorgegangen, 
wahrend granit, dem natürlich gleiehfals lat. granum zu gründe liegt, 
vom ital. inf. granire stamt. Beryttus ergibt nicht bloss den namen 
des grünen edelsteins berytt, sondern auch das ganz deutsch lautende 
wort brille („beryl groez,et die schritt"); von carbunculus sind karbun- 
foi (ein hautgeschwür) und mit volksetymologischer anlehnung an „fun- 
keln" harfunkel (roter edelstem) entlehnt. Musculus ist durch muskel 
und muschel vertreten, ordo durch orden und order, Organum durch 
organ und orgel, pulvis durch pulver und puder, triumphus durch 
triwmph und trumpf. Neben staat aus status wird auch etat, die frz. 
form desselben lat. Wortes, im sinne von budget in deutscher rede und 
schrift gebraucht. Ebenso verhalten sich körper und rorps (corpus), 
lirkel und ccrcle (circulus), punkt und point (punctum), komtur und 
commandeur (commendator) , l>il<nr, und balance (biianx), katheder und 
(halse (-/.ad-eöga), pferch und park (mlat. parcus), kumpan und com- 
jxignon (zu mlat. companium, brotgemeinschaft), peudcl und pendula 
(mlat. penduluni); das je zweite dieser Wörter, welches sich der bedeu- 
tung nach von dem ersten mehr oder weniger unterscheidet, gehört 
zunächst der frz. spräche an. Aus dem frz. hat auch eadre (rahmen) 
in die militärsprache und carre in die höhere geselschaftsprache ein- 
gang gefunden; die übergeordneten lat. Wörter quadrum (viereck) und 
quadratum gelten als quader (quaderstein) und quadrat daneben. Ur- 
sprünglich eins sind nicht bloss alarm und lärm, kavalier und Cheva- 
lier, mantel und mantiUe, partei und partie, pigment (färbemittel) und 
piment (gewürz), rabatt und rabatte, sondern auch apotheke und bou- 
tique (butike, budike), delphin und dauphin, cholera und kotier, rotte 
und route (vgl. s. 272), theke und xieche, thyrsus und torso. Die 



284 ANDRESF.N 

identität von schafoti and Lata fall- wird durch altfrz. eseadafaut ver- 
mittelt und veranschaulicht Wahrscheinlich hat rfmer mit dejeuner 
denselben Ursprung (disjejunare). Den zunächst dem frz. angehörenden 
Wörtern bosketi und bouquet, die wir das eine in deutschem, das andere 
in fremdem gewande auftreten Lassen, liegt das deutsche „busch" zu 
-rund«-. Zwillinge sind ferner parabel und paröle, plan und piano, 
pein und pöw (vgl verpönen), macaroni und makrone, gardine und 

//•////> (festungswerk), Sakrament und der euphemistische ausruf sop- 
perment, decket (10 stück feile) und deeurie, fond und fbads, arniee 
und armada (kriegsflotte) , faktion und facon, bitt (aus dem engl.) und 
//////>. honstabel oder konstatier und connetable (Ist comes stabuli), mi/rri- 
sterium und metier, bestie (niederd. freestf) und &efe (im kartenspiel, 
frz. bete). Eine vierfache gleichung zeigt sicli bei domina, donna } 
duenna und dame, von denen das lezte algemein üblich ist, die andern 
hie und da in besondem Verhältnissen und für besondere begriffe 
gebraucht werden. Zwischen dem im frz. aus mea donuuieella ent- 
standenen mademoiseUe und dem daraus gekürzten volksmässigen mam- 
.«II findet ein unterschied statt. Aus mlat. superanus oder superaneus 

immen souverain (frz.) und sopran (ital.). Pfründe vereinigt sich 
mit probende, mlat. provenda, woher zugleich in Hamburg eine art 
weissbrot algemein den namen pröven führt (woltat aus geistlicher Stif- 
tung, besonders an brot). In dem ausdruck preisgeben ist dasselbe 
wort enthalten, von dem prise herrührt, sei es ein erbeutetes schiff 
oder Schnupftabak. Schanze in der redensart „in die schanze schla- 
gen" (aufs spiel setzen) stamt von frz. chance } das auch wir zuweilen 
s brauchen (plur. Chancen, fälle, aussiebten) und steckt ebenfals in 
mummemchanx,; chance aber trift zusammen mit cadence (mlat. caden- 
tia). das in der deutschen kunstsprache als eadenz nicht unbekant ist. 
Da< lat floecus, woher wir flocke haben, wird vom mlat. als froecus 
übernommen: hieraus ist frack und vielleicht rock (vgl. frz. froc, kutte; 

igL frock, kitte!) entsprungen. Von dem adj. hospitaMs stamt nicht 
allein hospital (spital, spittel) : sondern auch hotel. Aus ital. tartufo, 
tartufolo, wodurch die trüffel bezeichnet wird, hat durch dissimilation 
(noch im vorigen Jahrhundert komt ..tartüffel" vor) auch kartoffel den 
namen erhalten. 

Durch die verschiedene betonung trennen sich die etymologisch 
übereinstimmenden paare August und augüst, perfekt und perfM, 
tenor und ten&r. 

< orientalischen Ursprung haben die gleichlingen a%ur und lasur, 
düvan und douam . gern (woher genieren) und gehenna, Icabale und 



WORTSPALTTTNGEH IX DGB NHD. SPRACHE 285 

kabbala (geheimlehre), sabbat und volksmässig schabbes, tulpe (aus tuli- 
pan gekürzt) und turban (ähnlichkeil der form), Ziffer and chiffre 
nebst xero (null). 

Die aus der fremde stammenden doppelwörter, weicht 1 aus einem 
eigennamen und einem gattungsnamen bestehen, sind sehr zahl- 
reich; die priorität ruht gewöhnlich auf dem eigennamen, /. I». bei Krönte 
und kravatte, Slave und sklave, Maure und mohr, Tatar und tater 
(zigeuner), Caesar und haiser nebst tar, Damaskus und damast, Gaza 
und gaxe, Calicut und calicot 15<'i Kaschmir, woher kasimir stand, 
trift es sich, dass der eigenname (land in Asien) schon vorher in den 
gattungsbegriff (tuch) übergegangen ist; vgl. engl, cashmere und cassi- 
mere. Aus dem lat. adj. christianus sind ehrist (mhd. kristen) und der 
name Christian entsprungen (vgl. frz. Chretien für beide). I >• -m Gat- 
tungsnamen komt die priorität zu bei hasteil und Cassel, materie und 
Madera. 

Grleichungen innerhalb der eigennamen allein gibt es in unüber- 
sehbarer menge, namentlich auf dem gebiete der personennamen. Bei- 
spiele der Identität zweier und mehrerer geographischen namen sind: 
Mailand und Meilen, Nimwegen und Neumagen (kelt Noviomagus), 
Altona und Altnau, Holstein und Höhten (holtseten, holzsassen), Ra- 
stecle und Badsted t (ausgerodete statte), Bedburg und Bettberg liebst 
Badeborn (aus betabür, kapeile), Neuendorf und Niendorf, Altenreif 
und Altripp (alta ripa), Uhr in Lach und Regenbach (früher beide Re- 
ginbach). Aus der masse etymologisch identischer persönlicher uamen 
mögen herausgehoben werden: Adalbert, Abert und Albrecht; Robert 
und Ruprecht; Ulrich und Oelreich; Lübbert und Liebrecht; Rudolf 
und Rolf; Oskar und Ansgar; Siebold, Schal// und Sybel; Henna im, 
Haarmann und Hörmann; Tiede, Diede, Bede, Heile, Tode, Thode, 
Todt, Heute, Bauth, Dude, Tutt und andere dem reinen stamme von 
Biot, Biet entsprossene koseformen; Arnold, Ahrenhold und Amwdldt; 
Walter, WaMherr, Welter, Wolter und Wähler; Gering, Jhering, Gö- 
ring, Gehrung und Görung; Sieg, Sich und Sy; Andreas, Anders und 
Drews; Christian und Kirschstein; Hans und Johannes; Anton und 
Böiuiiges; Nikolaus, Clages und Laus; C/jriaz und Oillis; Veiten und 
Valentin; Schröder, Schwer, Schreuer, Schröder, Schrieder und Schre- 
der; Hölscher und Holxschuher ; Amende und Amen; Zru/mbaeh und 
Thorbeck; Ansorge und Ohnesorge; Averbeck und Overbeck; Schaff - 
ganz und Schafgans; Busenbaum und Buxbaum; Bachus und Back- 
haus; Her\feld, Hatxfcld und Hirsch fehl; Klee fisch und Clewisch. 

BONN. K. G. ANDEESE.V. 



286 

DIE BEAUT DER HÖLLE. 

Der zuerst von frau von Gleichen veröffentlichte und jezt in 
Goedekes und Boxbergers ausgaben wider abgedruckte plan Schillers: 
Rosamund oder: die braut der hölle ist durch den bericht Tiecks 
über ein altes Puppenspiel veranlasst worden. Goethe selbst hatte Schil- 
ler auf diesen stoff hingewiesen und bei dieser gelegenheit bemerkt, 
dass er das alte marionettenstück, dessen inhalt Tieck angegeben, in 
seiner Jugend selbst gesehen habe. Er bezeichnet es in dem brief an 
Schiller vom 1. august 1800 als eine art von gegenstück zum Faust 
oder vielmehr zum Don Juan. Ein schönes, aber herzloses mädchen 
verschmäht alle, die sich um sie bewerben, da sie ihr nicht, schön, 
reich und vornehm genug sind; und sie will von dieser grausamkeit 
trotz der Warnungen einer alten freundin nicht ablassen. Einen ihrer 
treusten liebhaber verwickelt sie in einen Zweikampf, in welchem er 
von einem andern liebhaber erstochen wird. Da zeigt sich ein neuer 
bewerber, der sich für einen grossen fürsten ausgibt, aber bald als 
satan zu erkennen ist. Sie nimt seine bewerbung gern an; er ver- 
spricht sie zur nacht abzuholen. Trotzdem sie nun durch böse ahnun- 
gen und durch den geist ihres treuen Liebhabers gewarnt wird, erklärt 
sie, als ihr bräutigam wider erscheint, ihm angehören zu wollen, worauf 
er sich als teufel zu erkennen gibt und sie von den höllischen geistern 
hinweggeführt wird. 

Der text dieses Puppenspieles ist bis jezt nicht wider bekant 
geworden. Eine sehr nah verwante fassung fand ich in der Weima- 
rischen bibliothek; das stück trägt den titel: Faustina, das kind 
der hölle. Posse in einem akt, aus den zeiten der kreuz- 
züge. Die handschrift umfasst 9 bogen in 4°, die seiten sind unbe- 
ziffert. Eine scenenabteilung ist zuerst durchgeführt, dann aber nach 
der dritten scene unterlassen. 

Das stück wird mit einer längeren scene zwischen Faustina und 
ihrem diener Casper eröfnet. Wir erfahren, dass Faustina, die als 
sehr verbulte dame erscheint, einen geliebten, den prinzen Domitius 
hat, den sie auf der redoute am vorigen abend vergebens gesucht hat 
und jezt bei sich erwartet. Dann erklärt sie Casper, der in dieser 
scene seine üblichen possen macht, sie wolle eine stunde schlafen, 
worauf sich Casper ebenfals schlafen legt. Nachdem Faustina einge- 
schlafen, tritt Silvander, „eine furie aus der hölle" auf und berichtet, 
dass er beauftragt sei, Faustina wegen ihren vielen Schandtaten nach 
der hölle zu holen (3. scene): 



ELLINGER, DIE BRAUT DER HÖLLE 287 

Sie war schon längstens reif, ein Kind der Hüll zn werden, 1 

Denn Sie — Sie stift viel Unheil, für Menschen auf der Erden. 

Durch ihre Untreu hat Sie manchen hingerichtet, 

Durch ihre Freveltat manch junges Blut vernichtet; 

Die lezte Stund ist da, Sie muss mit mir nun fort, 

Ich führe sie sogleich, frisch an die Höllenpfort, 

Doch muss Sie noch zuvor, ehe Sie von hier wird gehen, 

Durch Stolz und Übermut drei Meuchelmord begehen. 

Er weckt die schlafende Fäustina und wirbt, indem er sich für 
den reichsten „Nabab" aus Ostindien ausgibt, um ihre liebe. Faustina 
fühlt sich durch die Werbung geschmeichelt, erklärt aber, sie nicht 
annehmen zu können, da sie schon mit dem prinzen Domitius verspro- 
chen sei. Silvander weist auf des prinzen armut und das traurige loos 
hin, welches sie infolge dessen erwarte; überdies habe Domitius Fau- 
stina an ihn verkauft. Auf Faustinas erstaunte frage: „Verkauft?" 
erwidert er: „Ja! diese Nacht sah ich euch auf dem Ball, ich sah euch 
im Tanz herumfliegen. — Ihr gefielt mir ganz entsetzlich — Ach , seufzte 
ich ganz laut — Ach wäre dieses Mädchen meine Gemahlin! eine Mil- 
lion wolte ich darum geben. — Eine Masque im grünen Domino stand 
hinter mir, und sagte: ist das euer Ernst? — wollt ihr das zahlen für 
das Mädchen? — ich sagte ja von ganzem Herzen — Topp sagte er — 
Sie ist meine Braut — aber ich mag Sie nicht mehr leiden und ich 
trete Sie um eine Million für euch ab — der Handel ward geschlossen, 
und er wird noch heute herkommen, euch seine Liebe aufzusagen. 

Faustina (aufgebracht). Ha! der Ungetreue! Das soll er mir 
mit seinem Leben büssen! 

Furie. Recht so; ich verlasse euch jezt auf eine kurze Zeit — 
schafft alles, was euch lästig ist, aus dem Wege. 

Nachdem beide die scene verlassen, tritt Domitius auf. Zunächst 
hat Casper ein burleskes gespräch mit ihm; dann erscheint Faustina 
und nach einigen kurzen Wechsel reden ersticht sie ihn. Er stirbt 
unter der Versicherung, dass er Faustina unaussprechlich liebe und 
dass ihm unrecht geschehe; Faustina aber ruft aus: „Du hast nun 
deinen Lohn, du falscher und ungetreuer Verräther — nun will ich gehn, 
und meine beiden Aeltern aus dem Wege räumen — es geht jezt in 
einem Blutvergiessen hin." Sie geht ab; hierauf der im Puppenspiel 

1) Ich habe bei wörtlichen anführungen die Orthographie im wesentlichen bei- 
behalten, die interpunktion dagegen dem sinne gemäss geändert. 



388 KLLINGKB 

oft widerholte effekt 1 , dass Caspei singend und trällernd hereinstürzt 
und über den leichnam ialt. Er müss denselben auf geheiss der wider 
zurückkehrenden Faustina fortschleppen. Sobald er wider auf der scene 
erschienen, spricht 

Paustina. Nun rufe den Namen Silvanter auf der Strasse und 
mein schwarzer Liebhaber wird sogleich bey dir sevn; führe ihn hier- 
her, und veriahe uns — 

1 asper (ruft). Aner und der Ander. 
Paustina. Er heißt ja Silvanter. 

per. Xu ja Aner und der Ander. (Er will schnell ablau- 
fen. Silvanter, der eben so schnell hereineilt, fahrt gegen Casper, so 
dass beide rückwärts zu boden fallen.) 

Silvanter. Nu nu! geht denn der Weg durch die Leut? 

Casper. Ey so geh auf d' Seit, wenn a Kerl meines Gleichen 
kommt (er geht ab). 

Silvanter. Nun meine theure! seyd ihr bereit mir zu folgen? 
habt ihr euch aller überlästigen Personen entledigt? 

Paustina Ja mein Prinz, nun kann ich mit Euch reißen, nun 
bindet mich hier nichts mehr — ich bin ganz reißefertig. 

Furie. Wollt ihr nun die Meinige sein — mit Seel und Leib? 2 

Paustina Ganz die deine auf ewig mit Seel und Leib. 

Furie (rauh). Nun mit deiner Seele ist mir geholfen — 

Faustina (erschrickt). AVie? welche Stimme, w elcher Ton? — 
was ist das? 

Für; AVer glaubst du, daß ich sey? 

Paustina. Nun ein reicher Nabab aus Ostindien, ein Fürst. 

Furie. Ja ich bin ein Fürst, aber nicht von dieser Erde, ich 
bin ein Fürst der Finsterniß. Asmotheus ist mein Käme, ich bin der 
Hochmuthsteufel, gesandt von unserem Höllenfürsten Pluto, dich in 
allen Lastern reif zu machen, und der Hölle zuzuführen — du hast 
durch deine buhlen-, heu Teufelskünste viele junge Leute unglücklich 
gemacht, dann deiner armen Aeltern dich geschämt und sie ermordet, 
deinen treuen Domitius aus blinder Eifersucht getödtet — mache dich 

li VgL /.. b. Kralik und Winter, Deutsche Puppenspiele s. 04. 

2 Man vgl. Tiock in den briefen über Shakespeare (Poetisches Journal, I, 
ßl : _ X »eh einmal fragt er Bie um ihre liebe; sie sagt sie ihm freiwillig zu, ver- 
liert, ihn mehr als alle menschen, mehr als sich und gott liebe, und 

reicht ihm mit diesen Worten die hand. Er fasst sie und erklärt ihr, wer er sei; sie 
reit auf, doch kann sie sich nicht retten: von höllischen geistern und ihrem bräu- 
tigam wird sie unter frohlocken und ihrem Zetergeschrei hinweggefühlt.- 



DIE BRAUT DER HÖLLE 289 

bereit — mache dich bereit — deine lezten Worte heißen: Verdamin- 
niß in alle Ewigkeit (ab. Donner and Blitz. Es umgeben sie mehrere 
höllische Furien.) 

Faustina (in Verzweiflung). 
war ich nimmermehr auf dieser Welt geboren; 
So war Paustina nicht so schändlich jezt verloren 
Der Himmel blizt, die Erde kracht. <l<>r Abgrund Bpeuel Feuer, 
Bringt Fackeln her; zünd Lampen an, hier steht das Ungeheuer. 
Ins Höllenhaus, wo Pinto sizt, mit den Gespenstern wüthet, 
•Wo jede Seel, die unrecht that. bey Gift und Schwefel brüdet, 
Da soll ich hin, o arges weh, da soll ich bitter leiden: 
So muss ich nun für all mein thun von dieser Erde scheiden! 
Und du o weit und breite Welt, 
Sie zn, wie klüglich eine Metze fallt — o weh! o weh! 

(Die Furien schlendern Sie fort.) 
Casper, der auftretend der davongeschlepten Faustina noch: 
„Glückliche Reiße! a Bon Moujage! Glückliche Reiße!" nachruft, lässt 1 
sich dann von einer furie mit auf kurze zeit in die hülle nehmen, um 
sich dieselbe anzusehen. Er komt zurück und erzählt in langer rede den 
Zuschauern von den sündern, die er gesehen, und von den strafen, die 
sie erlitten. Den schluss des monologs bildet eine anspielung auf einen 
teil des publikums. Casper berichtet, er sei in eine kammer gekom- 
men, in der die sünder immer hin und hergesprungen seien. „So fragt 
ich meinen Führer, sage mal Bruder Krumm sehn abel, was waren denn 
das für Leute, die da so entsetzlich hüpfen und springen müßen, sind 
denn das Seiltänzer oder Komödianten gewesen, die auf den Brettern 
solche Sprünge gemacht haben? Nein, sagte mir mein andrer Führer, 
der sich Bruder Dickfuß nannte, nein lieber Casper, das waren weder 
Komödianten noch Seiltänzer, sondern es waren solche junge Leute, die 
immer in die Komödie gegangen sind und nicht mehr als einen Gro- 
schen auf den letzten Platz bezahlt, und sind hernach herübergesprun- 
gen auf den zweiten oder ersten Platz, drum müßens in der Hölle noch 
immer so springen — ha ha — sagt ich: denen geschiehts auch ganz 
recht — warum bleibts nicht auf euren Plätzen — aber ich muß mich 
auf die Seit packen, damit ich nach meinem Tode [nicht] auch noch 
springen muß. Gute Nacht!" 

Betrachten wir nun das vorliegende stück im einzelnen und ver- 
gleichen es mit dem Puppenspiel, von welchem Tieck uns den inhalt 

1) Auch dies eine stehende Situation des Puppenspiels; vgl. Kralik undYVmter 
a. a. o. s. 118 und 192. 

ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHH.OLOaiE. BD. XXIH. 19 



200 ELLIXGF.R, PIK BRA.ÜI DEB HÖLLE 

angibt, so kann meines erachtens ein zweifei darüber nicht bestehen, 
dass beide verschiedene recensionen ein und desselben Spieles sind. 
A.ber wahrend die Höllenbraut, so weit der berieht Tiecks darüber ein 
urteil gestattet, verhältnismässig sorgfaltig ausgeführt war, ist das vor- 
liegende spiel überaus dürftig ausgestattet Der hochmut, die lieblosigkeit 
der Höllenbraut waren in dem von Tioek analysierten stück doch durch 
charakteristische züge dargestelt, und der auch im deutschen volksliede 
und in der sage mehrfach widerkehrende gedanke, dass ein mädchen, 
welches alle freier hochmütig abweist und manche von ihnen ins Unglück 
stürzt, sich schliesslich einem nnbekanten freier ergibt, der sich dann als 
teufe] ausweist, war consequent durchgeführt worden. Von diesen beiden 
_ Lten eigenschaften ist in dem vorliegenden Puppenspiel nicht die rede. 
Höchst unbeholfen wird von Faustinas untreue, hochmut und verbuhlt- 
heit erzählt Das lang ausgedehnte gespräch zwischen Casper und Fau- 
stina am anfange des Stückes trägt zur Charakterisierung gar nichts 
bei; die zum teil gar nicht motivierten episoden von den drei mord- 
taten der Faustina machen vollends einen lächerliehen eindruck. Das 
stück is1 so ungeschickt ausgeführt, dass man etwa anzunehmen 
hat. dass die niederschrift von einem puppenspieler herrührt, der das 
stück längere zeit vor seiner schriftlichen fixierung im manuskript gele- 
D oder von einem anderen Spieler hat aufführen sehen und dem nun 
beim aufschreiben wol die haupthandlung, aber nicht mehr die einzel- 
heiten gegenwärtig waren, so dass er vieles aus dem eignen hinzutat 
und eine Verknüpfung herzustellen suchte, so gut oder so schlecht sie 
. ihm eben gelingen wolte. 

Immerhin aber müssen wir uns vorläufig aus dieser ungeschick- 
ten fassung ein bild von dem ehemaligen bestand zu gewinnen ver- 
suchen. Auf die frage nach der quelle dieses Puppenspieles denke ich 
zurückzukommen. 

BERLIN. GEORG ELLIXOER. 



ZU GOETHES FAUST. 



In Goethes brief an Grustgen — Auguste gräfin zu Stolberg vom 
17. September 177Ö (Weimarer ausgäbe IV, 2, 292 fg.) ist bekantlich 
zu lesen: da ich aufstund, war mirs gut, ich machte eine Scene 
fin meinem Faust. Weil dann bald darauf der junge dichter seinen 
eigenen zustand mit dem einer ratte vergleicht, die gift gefressen fg., 
hat man längst unter <\('V erwähnten „scene" die in Auerbachs keller 



F. BRONNER, ZU GOETHES FAUST 291 

verstanden. Da aber die abfassung dieser ganzen Langen und inhalt- 
reichen scene an jenem tage oicht wo] denkbar ist (Erich Schmidt, 
Einleitung- zum Faust in ursprünglicher gestalt XXIII), und da auch 
schon im tagebuch vom 1"). juni 1775 eine anspielung auf sie zu 
stelm scheint (Erich Schmidt, ebda), so zqg man aus dem briete bisher 
gewöhnlich den sehluss (auch Pniower, \'i<-if<d jahrsschrit't für littera- 
tur-geschichte 2, 147), dass Goethe am 17. september 1775 in die 
scene: Auerbachs keller die „Episode mit dem rattenüed" neu ein- 
gefügt habe. Aber dieser auffassung stehen gewichtige bedenken gegen- 
über. Erich Schmidt hat (mündlich) mit recht hervorgehoben, dass 
Goethe doch nicht, wie sich nach der ausscheidung ih>> rattenliedes 
ergäbe, den Faust ursprünglich an einer stelle in die geselschaft i\t>v 
Studenten einführen lassen kontc, wo die Saufbrüder in hellem streite 
begriffen sind, sondern erst mitten im jubel über das „neu Lied." 
AVie solte er denn sonst für dieses treiben gewonnen werden V Auch 
darf man sich über die bezeiehnung „scene" nicht so leicht hinweg- 
setzen. 

Aber bedingt denn überhaupt die (ungenaue) paraphrasierung 
des rattenliedes in dem briefe durchaus die gleichzeitige entstehung 
desselben? Etwas anderes ist es ja bei wörtlichem citat. So wäre 
man z. b. geneigt, nach der stelle im briefe an Gustgen vom Januar 
1775: „Muste er menschen machen nach seinem bilde, ein geschlccht, 
das ihm ähnlich sei ... ." die lyrische Zusammenfassung des Prome- 
theusdramas in diese zeit zu verlegen. (D. Jacoby, Goethejb. 1, 201.) 
Aber gerade die ungenaue Umschreibung an unsrer stelle spricht 
dafür, dass das lied früher entstanden und nur aus dunkler erinnern ng 
in den brief eingeflossen sei. Also nichts mit Auerbachs keller! 

Wenn man jedoch bedenkt, dass die lyrischen monologe Gret- 
chens, wie algemein feststeht, die am spätesten gedichteten scenen 
der Gretchentragödie, ja vielleicht des Urfaust überhaupt sind; fer- 
ner, dass an dem genanten tage — wir müssen daran festhalten — 
eine scene entstanden ist, aber eine ganz kurze scene; wenn man 
schliesslich und hauptsächlich die damalige Stimmung Goethes erwägt, 
wie er, von unruhvoller seimsucht nach Lili geepuält, im zimmer auf- 
uncl abschreitet und in einsamen monologen sich zu befreien sucht 1 ; 
wie schon die Schlussworte der paraphrase „und ihr innerstes glüht 
von unauslöschlich verderblichem Feuer" gar nicht mehr dem ratten- 

1) Am IG. sept., also tags vorher, schreibt er: bat mein Her; so freund- 
lich freundlich, und mir ward leicht . . ." 

19* 



292 F. BBONNEB, ZU GOETHES FAi 

liede entsprechen; wie sich unmittelbar daran die erwahnung Luis 
schliesst: .Ahnt vor acht Tagen war TAU hier. Und in dieser Stunde 
war ich in der grausamst feyerUchst süsesten Lage meines ganzen 

ens Wu ich durch die glühendsten Trähnen der Liebe , Mond 

und Weil schaute und mich (dies seelenvoll umgab . ... Gustgen, 
auch seit dem Wetter bin ich — nicht ruhig aber still — was 
bey mir still heisst and fürchte aar wieder ein Geteilter — u — 
ich glaube, all dies bedacht, wird man vielleicht meine Vermutung 
nicht unbegründet finden: die am 17. September 1775 entstandene seene 
ist Gretchens monologscene ..Meine ruh ist hin, Mein herz ist schwer." 

Da» nun Goethe im verlaufe des briefes seinen zustand mit 
anklängen an das rattenlied schildert, das erklärt sich einfach ans der 
1» -kanten tatsache, dass man in briefen sehr leicht dazu verleitet wird, 
eigene ernste Stimmungen, wenn man sich auf die eine oder andere 
weise von ihnen befreit hat, in scherzhaft -absprechendem tune darzu- 
llcii. Und dazu bot sich ja wie von selbst das motiv des rattenlie- 
des dar, welches die unruhige Stimmung des sehnenden liebhabers so 
Lustig verspottet 

Nun könte man all diesen erwägungen entgegenhalten, was Sche- 
rer 1 7 7 ~> (A. f. d. a. 2, 284) über die angebliche einwirkung dieses Oret- 
chenmonologs auf Fritz Stolbergs „Lied in der abwesenbeit" vom jähre 
gesagt hat, daraus schliessend, dass derselbe schon vor der Schweizer- 
reise, also vor sommer 1775 fertig gewesen sein müsse. Aber erstens 

aen mir die anklänge nicht derart, dass sie nicht fast in jedem 
..Lied in der abwesenheit" begegnen künten; zweitens aber, wenn man 
schon durchaus eine beziehung annehmen will, so steht doch der 
annahm»' nichts entgegen, da>s das Stolbergsche lied auf Goethe ein- 
gewirkt habt-, wie es ja auch Scherer selbst (A. f. d. a. 2, 283) von 
einem andern liede Stolbergs vermutet hat. 

BERLIN, 20. FEBRUAR 1890. FERDINAND BRONNER. 



ZUM DEUTSCHEN WORT KEBUCHE. 

In Grimms Wörterbuch VII, 1446 erklärt v. Lexer den bei Luther 
vorkommenden ausdruck „pappenblume" als „papierblume." Schon der 
Zusammenhang, in dem Luther das wert gebraucht, muss diese deutung 
zweifelhaft erscheinen lassen, denn er schreibt (Weimarer ausgäbe bd. I 
s. 383 z. 16 fgg.): „Und zuvormeyden vi 11 wort, lass ich fahren und 
befelh dem lieben wind (der auch mussiger ist) die übrigen vorgeben 
wert, wie die pappen blumen und dorren bletter." Denn abge- 



G. KAWBBAU, ZUM DEUTSCHEN WB. — thäi IM BKniNGUNGSSATZK 293 

sehen von der frage, ob es L518 bereits eine fabrikation von papier- 
blumen gab, müssen doch blumen gemeint sein, mit denen der wind 
ebenso wie mit dürren blättern, regelmässig sein spiel treibt, und die 
seine gewalt besonders zu spüren bekommen. Nun beschreibt Luther 
(Werke bd. III s. 038) „candidum illnin orbiculum seu Lanuginem sphe- 
rice figure cuiusdam floris in agris satis ooti, quod papum etiam 
Dominant, quo pueri solent ludere sufflando", also die pappus- blumen, 
wie earduus arvensis oder taraxacum officinale. Pappenblumen wer- 
den also „blumer mit federkronen" sein. Eeissf «loch im holländ. noch 
jc/.t der Löwenzahn „papenbloem. a Danach corrigiere man auch in 
Joh. Schlaginhaufens Tischreden Luthers, herausg. von W. Preger, Leip- 
zig Lsss nr. 2: „ISTos sumus papiri, die die kinder hinweck plasen" 
in ,, Xos sumus pappi." Solte nicht aber auch von hier aus auf das 
wort „pappenstiel" licht fallen, das man bisher von dem stiel (\<>* Löf- 
fels erklärte, mit welchem die kleinen kinder ihren brei „pappen"; 
dass pappenstiel vielmehr ihn blumenstengcl bezeichnet, dem der wind 
oder die kinder den schmuck der federkrone hinweggeblasen haben? 
Ist nicht auch in gleicher weise der provinziell übliche nanie „Pfaffen- 
röhrleiu" für „Löwenzahn" zu erklären? 

KIEL. •!. KAWEKAU. 



NOCHMALS thiil IN BEDINGUNGSSÄTZEN BEI LUTHER 

Im lezfen hefte dieser. Zeitschrift hat herr prof. 0. Erdmann 
(bd. XXIII, 41) auf drei von mir gesammelte beispiele für den gebrauch 
von thet im sinne von mhd. erdete = nicht täte, nicht wirksam oder 
vorhanden wäre aufmerksam gemacht und die erwartung ausgespro- 
chen, dass sich für diesen gebrauch des conj. prät. ohne hinzugesezte 
negation in bedingenden nebensatzen noch weitere beispiele aus der 
Übergangszeit vom mhd. ins nhd. auffinden lassen würden. Ich bin in 
der läge, den dort aufgeführten beispielen, von denen schon zwei aus 
Luther entnommen waren, noch zwei weitere völlig gleichartige aus 
seinen Schriften hinzuzufügen. 

1) Auslegung von 1. Cor. 7 (1523), Erlanger ausg. bd. 51 s. 81 = 
Weim. ausg. XII s. 1 14 [im druck befindlich]: Wenn diße u<>tt thett, 
sottim freylich die andern Sachen alle gar ryn schlechte ehe machen = 
traut diese not nicht vorhanden wäre. 

2) Brief vom 6. febr. 1546, de Wette bd. Y s. 786: [wir] hätten 
gute tage, wenn der verdrießliche handel Unit wenn er nicht vor- 
handen wäre. 

KIEL. G. KAWERAU. 



294 



LITTEEATUR 

Goethes werke. Herausgegeben im auftrage der grossherzogin Sophie 
von Sachsen. I. abteilung: bd. 1. 2. 6. 7. 14. 15, 1. und 2. III. abteilung. 
Tagebücher bd. 1 und 2. IV. abteilung. Briefe. Bd. 1 — 3. Weimar, Böblau 
1887 a. 88. 

Während jener langen jähre, in welchen Goethes enkel das von ihrem gross- 
vater sorgsam geordnete arehiv verschlossen hielten, bis sie endlich durch freundes- 
hand weniges nach gntdünken der Öffentlichkeit übergaben, hatten sich die erwartun- 
gen der forscher und Verehrer des dichters so fest bestirnt, dass kein zweifei über 
die pflicht desjenigen bestehen konte, dem die freie Verfügung über dasselbe einst 
zufallen würde. Man erwartete zunächst die möglichst rasche und volständige mit- 
teilung der tagebücher und der noch ungedruckten briefe; die Veröffentlichung der lezt- 
genanten hatte Goethe selbst bestirnt und Eckermann zugesagt, ihn in seinem lezten 
willen damit betrauen zu wollen. Aber auch noch manchen ungedruckten gedienten 
und aufsätzen durfte man entgegensehen; nicht weniger früheren fassungen anderer 
und urkundlichen angaben von fortgepflanzten druckfehlern, wie man z. b. wüste, 
dass Goethe die druckfehler der ersten ausgäbe des „Tasso" angemerkt hatte, deren 
berichtigung später zum teil unterblieben war, so dass noch ein kopfloser vers die 
mit peinlicher Sorgfalt ausgeführte dichtung entstelt. Auch viele ungedruckte briefe 
bedeutender oder mit seinem leben nahe verbundener personen standen in aussieht. 
Am wenigsten durfte man an die herstellung einer äusserst schwierigen, auch zunächst 
keineswegs so dringenden neuen gesamtausgabe seiner werke denken, welche nur die 
endliche krönung der volständigen mitteilung und Verarbeitung der handschriftlichen 
Überlieferung bilden zu können schien. Aber das Schicksal wolte, dass fast gerade 
der umgekehrte weg eingeschlagen wurde. 

Im herbste 1884 hatte Scherer mit der ihm eigenen glühenden begeisterung 
den plan einer grossen Goetheausgabe gefasst. Das folgende frühjahr liess Goethes 
lezten enkel kurz vor seinem hinscheiden die schönste tat seines lebens ausführen: 
er ernante die frau grossherzogin Sophie von Sachsen zur erbin des familienarchivs. 
Auf veranlassung dieser glücklichen wendung bildete sich rasch unter Scherers mit- 
wirkung die Weimarische Goethegeselschaft. Der zum ersten vieepräsidenten erwählte 

rliner professor und akademiker hielt natürlich vor allem seinen lieblingsplan einer 
neuen Goetheausgabe im äuge. Vorerst hiess es freilich nur, der schriftliche nach- 
lass solle „erforscht, gesichtet, in wertvollen teilen veröffentlicht und so verarbeitet 

.den. dass daraus eine neue volständige lebensbeschreibung Goethes und eine 
neue volständige ausgäbe seiner werke in einer form hervorgehen, welche den 
wissenschaftlichen forderungen der gegenwart entspreche." So war ganz sachgemäss 
m dem aufrufe -An alle Verehrer Goethes" vom 1. juli zn lesen. Aber noch in dem- 
selben sommer wurden vom vorstände nach Scherers Vorschlag die „grundsätze für 
die Weimarische ausgäbe von Goethes werken" aufgestelt, die früher zunächst nur 
die nach persönlichen rücksichten gewählten mitarbeiter zum meinungsaustausch 
anregen solten. Nach dem ersten Jahresbericht würden „die nerren v. Loeper, Sclie- 
Schmidt den plan einer grossen Goetheausgabe einer vorberatung unterwerfen." 
Von gründlicher Untersuchung der Bachlage, von einer ins einzelne gehenden nach- 
weisung der mängel der zu gründe liegenden ausgäbe lezter hand, von eindringlicher 



DÜ.NTZER, ÜBER GOETHES WERKE (WEIM. AUSGABE) 295 

durchforsclmng des handschriftlichen nachlasses, auf dessen bereicherong man in 
nächster zeit hoffen durfte, war keine rede; noch weniger von einer über den partoi- 
hader erhabenen aufforde rung an alle forscher und kenner Goethes, sich freimütig 
über die für die wissenschaftliche ehre Deutschlands so wichtige angelegenhcit zu 
äussern; am wenigsten von einer erörterong vor der generalversamlung, die doch 
kaum über eine wichtigere frage vernommen werden konte. Schon im folgenden 
frühling erschien die ankündigung, im laufe des Jahres stünden die sechs ersten 
bände der auch Goethes tagebücher und briefe in besondern abteilungen umfassenden 
ausgäbe zu erwarten. Die grundsätze derselben hatte Scherer aufgestelt, desseo Sorg- 
falt sich auf alles, selbst auf die musterung der druckschrift und der papiersorten 
erstreckte. Vergessen war das alte wort: „Gut ding will weile." Erich Schmidt war 
beauftragt, die „im plane nötigen Verschiebungen und einschiebungen anzudeuten". 
da man nun doch entdeckt hatte, die Ordnung der werke in der ausgäbe lezter band 
sei nicht ganz die vom dichter selbst beabsichtigte, weil äussere gründe dem Verleger 
zu Goethes nicht geringem ärger eine abänderung aufgedrungen hatten. Jozt, wo 
bereits eine statliche reihe von bänden dieser neuen mit so grossen ansprächen ange- 
kündigten ausgäbe vorliegt, kann sich diese Zeitschrift der wissenschaftlichen prü- 
fung derselben nicht entziehen. 

Über die im jähre 1887 erschienenen bände habe ich mich für weitere kreise 
schon in den „Grenzboten" (188S, I) ausgesprochen. Das dort gefalte urteil wurde 
durch die nächsten fortsetzungen nur bestätigt. Trotz aller aufgewanten mühe ist die 
ausgab.' anfangs eine übereilte gewesen; es fehlte zum teil noch an den notwendigen 
Vorstudien, an kritischer Schulung, an reife des urteils und jener Sauberkeit, die ans 
beherschung des Stoffes und einfach klaren, stetig festgehaltenen grundsätzen fliesst. 
Weder bei aufstellung dieser grundsätze, noch bei ihrer anwendung lag ein deutliches 
bild von dem zustande unserer Überlieferung vor, wie es nur aus genauester Verfol- 
gung ihrer geschiente durch alle vom dichter selbst veranstalteten drucke zu gewin- 
nen ist. Freilich wird jeder dem grundsatz der redaktion beistimmen, man dürfe 
nicht ohne not von der ausgäbe lezter band abgehen; aber die entscheidung, wo eiue 
solche not eintrete, hängt wesentlich von der einsieht in die entstehung unserer Über- 
lieferung ab. Der vorbericht erklärte: „Ist nicht mit voller gewissheit eine Verderbnis 
anzunehmen, besteht irgend ein zweifei an der not wendigkeit der änderung, so darf 
sie (man erwartete „nicht geschehen"; nein — ) nur im einverständnis mit den redak- 
toren eingeführt werden." Da möchte man denn doch wissen, nach welchen grund- 
sätzen diese ultima ratio, die leidige mehrheit, entscheide, die dem in der Sache 
stellenden bearbeiter oft sehr unbequem werden kann, wie sich tatsächlich aus 
den äusserungen des herausgebers des „Divan" zu 19. 9 fgg. 36, 12. SO. 5 ergibt. 
Es kam auf einfach klare grundsätze an, die freilich nur aus volständiger kent- 
nis der Sachlage zu schöpfen war. 

Die redaktoren hatten von der Zuverlässigkeit der ausgäbe lezter band eine 
viel zu günstige Vorstellung. Keiner von den gehülfen des dichters war im falle, 
sich ununterbrochen der sechs jähre dauernden sorge für diese ausgäbe zuzuwenden, 
darin gleichsam zu leben, so dass ihm von anfang bis zu ende die zu befolgenden grund- 
sätze vor äugen gestanden hätten. Riemer, durch seine kritischen bestrebungen, dich- 
terische begabung und sprachgewantheit vor allen dazu befähigt, war von geschaffen 
und eigenen arbeiten in ansprach genommen; er wurde auch nur gelegentlich befragt, 
eine stetige Überwachung fiel ihm gar nicht zu. Eckermanns stärke bestand nicht in 
der wortkritik, auch war er so wenig wie Kienier mit der leitung der neuen ausgäbe 



296 DÜNTZBB 

beauftragt Goethes besonderes zutrauen hatte sich Oöttling erworben, ein tüchtiger, 
klassischer philologe, ein klarer und heller köpf, ein markiger mensch, dessen man 
sich wahrhaft freuen konte (ich spreche aus persönlicher kcutnis). Aber seine sache 
war freilieh weniger deutsche spräche und dichtung. In allem, was er tat, ein ehren- 
mann. teilte er stets onverholen seine ansieht mit, wie sie ihm der dringende augen- 
blick und eigene gewöhnung eingaben. Und Goethe entschied über seine vor- 
oach augenblicklichem ermessen, oft sehr rasch, besonders wenn es galt, 
seine Anordnungen der harrenden druckerei mitzuteilen. Manchmal stimte er Göttling 
nicht zu; doch Hess er sich zuweilen zu änderungen verleiten, die er Bpäter misbil- 

Weimarische redaktion hat sicli grundsätzlich nur da freie band 
gestattet, wo Göttling sich abweichungen „unbemerkt oder ohne Goethes bezeugte 
einwilligung gestattet tt , was doch ein so gewissenhafter mann ohne zweifei nie getan 
hat. wo er nicht von Goethes Zustimmung überzeugt war. Der nein' herausgeber der 
lichte hat wenig einmal Göttlings von Goethe gebilligte Schreibung (Alder- 

man statt Aid ermann I, 207) mit recht rückgängig gemacht. Aber eine ein- 
sende kritik muss über Goethes hilligung Göttlingischer vorschlage überall frei 
entscheiden und. fals die änderungen sich als entstellungen ergeben, das ursprüngliche 
wider einführen. Ein paar fälle dieser art habe ich Grenzboten s. 35 angeführt. Einige 
andere fügen wir jezt hinzu. In dem liede „Gewohnt getan", das in zwei abschrif- 
ten vorliegt, steht noch in der ausgäbe lezter band: „So altern dagegen die Jungen." 
I>ie beim ersten anblick zutreffende änderung jungen bestach Goethe. Bisher steht 
keineswegs : 3t, von wem die änderung ausgegangen; dass sie für die oktavausgabe 
von Goethe angeordnet worden, beweist der entwurf einer druckfehlerlistc für die 
he buchhandlung, den die "Weimarische ausgäbe sonderbar nur zu dieser stelle 
il. 398), und zwar ohne alle nähere bestimmung, erwähnt, Genauere betrachtung 
:l>t. dass der dichter nicht sagen woltc: „Es gibt noch wein genug, wenn auch 
dieses fass _• . vi ist tt , sondern dass er in eigentümlicher weise das post multa sae- 
cula pocula nulla durch die hindeutung auf das rasche hinschwinden der zeit 
andeuten wolte, woran eben das heranwachsen der kinder zu leuten, wie das Sprich- 
wort sagt, die beobachtung, dass „die gewachse uns über den köpf wachsen", wie 
er zehn jähre früher in den „glücklichen gatten" geäussert, uns lebhaft mahnt. 
_I»ie jun_ - stelt der fidele sich den alten entgegen, wie v. 16 die Jugend. Nur 
dieses gegensatzes wegen spricht er vom ältesten weine, der mit der zeit aufgehe, 
ohne andeutung. dass er heute das fass leeren werde. Wir stellen mit Jungen den 
wahren sinn des dichters wider her. — Ein anderes beispiel. Wenn Goethe auf Gött- 
lings verschlag in der ersten "Walpurgisnacht v. 43 den druckfehler der an solchen 
hon dritten ausgäbe sorge aufnahm statt des frühern sorgen, so Hess er sich 
wahrscheinlich durch die nüchterne betrachtung verleiten, dass hier nur von der 
einen sorge vor den .harten überwindern a die rede sei; aber abgesehen davon, 
da— - -ich liier von der sorge aller handelt, ist die mehrheit sorgen selbst im 
gewöhnlichen Sprachgebrauch gangbar zur bezeichnung des wogens der sorge in der 
le, der curarum fluetus, wie Lucrez sagt. Man kann wegen einer sache in 
sorgen sein. Einen misklang in sorgen willen hat Goethe kaum gefunden; 
schliessen ja häufig verse mit zwei auf en endenden Wörtern, wie mit starken 
armen, meinen willen; ja in „Luis park" stand ursprünglich alle sieben sin- 
nen jucken, wo erst in III das veraltete sinnen weggescliaft wurde. Sorge war 
ein bl eben der dritten ausgäbe, die in demselben gediente v. 38 schichten 

schlichten hat. welchen druckfehler die Weimarische ausgäbe fortpflanzt, weil 



ÖBEB GOETHES WERKE (WKI.M. A.U8GABE) 29*3 

er bei der lezten unbemerkt geblieben sei, zu welcher eben die beiden ersten aus- 
gaben nicht verglichen wurden! — Verfolgen wir Göttlings von Goethe gebilligte 
vorschlage weiter. \n den Elegien 11. 204 hilft der süssen statt süsser freilich 
dem verse auf; aber der artikel ist ungehörig, und hexameter, in denen der erste 
fuss. wie hier, ein reiner trochäus ist, kommen in den elegien häufig ganz in der- 
selben weise vor. (Jm die viersilbige Lesung des namens Jasion herzustellen, lässt 
Göttling daselbsl L2, _'.'>1 den artikel weg, wodurch der arge übelklang als Bie 
Jasion entsteht, der schlimmer ist als die imgriechische ausspräche, die man dem 
dichter ebenso zugute hält, wie die längung der dritten silbe in Penia, der zweiten 
in Antigone, der dritten in Euphrosyne. Auch im „Divan" fehlt es oicW an 
ungehörigen einfallen, die Goethe gebilligt Der herausgeber hat einmal ein von 
Göttling durchgeseztes komma statt punkt als auf misverstand beruhend mit recht 
verworfen (s. 159, 13), ein andermal (s. 267, 20) ein von Goethe auf dessen rat 
gestrichenes komma wider hergestelt. Damit ist wenigstens jener unhaltbare grund- 
satz der redaktion durchbrochen. 

Ganz eigner art sind die falle, wo ein bedenken Göttlings den (lichter zu schlim- 
besserungen veranlasst hat. Jn dem schelmischen gespräche Batems mit den tnädchen 
(VI, L65) heilst es: „Leichtgedrückt die augenlieder | Eines, die den stern beschä- 
men, Deutet auf den schelm der schelmen, Doch das andre schaul so bieder." 
Hier nahm Göttling daran anstoss, dass eines ohne Verbindung steht. <i<>cthe selbst, 
dem das licd, wie fast alle des „Divan tt längst fremd geworden, wüste sich nicht zu 
helfen, da er übersah, dass er mit grosser kühnheit den relativsatz von augen- 
lieder getrent hatte und eines eigentlich nach „besohclmen" stehen solte. Ebenso 
hatte er s. 159, 4 „die aumasslichen Matter" durch „belächeltest du" von den enge 
damit verbundenen beiden ersten versen getrent (der neue herausgeber durfte nicht über- 
gehen, dass die erste ausgäbe v. 2, nicht v. 3 komma hat!) und s. 43, 9 „wie du 
weisst a vor statt in den von „verzeih" abhängigen satz gestelt. Die not verleitete 
den dichter „der augenlieder" zu schreiben, was durchaus sinwidrig ist, da eines und 
das folgende das andre nicht auf die augenlieder. sondern auf die doppelten 
äugen gehen. Hier muss man den dichter gegen seine falsche änderung in schütz 
nehmen! — Schwieriger scheint ein anderer fall. ]\Iit der gegen den wanderjahrepastor 
Pustkuchen gerichteten betrachtung „Haben sie von deinen fehlen" (s. 74) konte Gött- 
ling nicht fertig werden. Der Übergang aus der zweiten person durch die dritte in 
die erste wolte ihm nicht eingehen, auch schien ihm die Verbindung 13 fgg. unge- 
hörig; zur herstellung der construetion schlug er 14 Hat man statt Endlich oder 15 
Lehret mich statt Und mich lehrt vor. Goethe, dem auch diese verse ganz 
fremd geworden, genehmigte das zweite und Bezte 10 mir statt ihm, so dass „der 
durch den tadel gleichsam entzweite in persönlicher einheit eine rechtfertigung aus- 
spräche." Aber von einer rechtfertigung ist überhaupt nicht die rede. Ihm geht 
auf den belehrten, und es ist ein hübscher zug, dass dieser unerwartet (ähnlich 
wie in „Luis park") verrät, es handle sich um ihn, da er doch bisher im alge- 
meiuen gesprochen hat, in welcher weise Goethe sich auch sonst der zweiten 
person bedient. Der schluss würde nur dann ganz singemäss sein, wenn es Lehret 
man liiesse; denn nicht das frommen der busse lehrt, sondern man lehrt ihn, 
dass die busse fromme, wenn der mensch gefehlt habe. Der neue herausgeber 
gesteht, dass der schluss ihm auch in der beibehaltenen Göttling -tjoetheschen fas- 
simg unverständlich sei, wagt aber keine Vermutung, gedenkt auch der von mir 
gegebenen lösung nicht. Freilich bleibt die stelle immer hart, weil der satz: „da sie 



DÜNTZKK 

mich endlich auserkoren haben, bei ihnen in die schule zu gehen", verkürzt ist; die 
reimnot hatte den dichter bedrängt. Leider fehlt uns von diesen versen der erste 
entwarf. 

Aach in der rechtschreibung soll die ausgäbe lezter hand massgebend sein, 
freilich das zufällige und wilkürliche nicht fortgepflanzt, vielmehr fehlerhaftes berich- 
tigt, schwankendes und onebenmäss - s I — itigt, die Schreibung, wie man sich aus- 
drückt, normiert werden. Billigen könte man es, wenn hierbei der Statistik die eut- 
- teidung anheimgegeben wird (1. s. xxn: aber wie wenig dieser gefolgt wird, habe 
ich schon Grenzboten s. 36 gezeigt. Und in den spätem bänden geht es so fort. Noch 
im zweiten bände der gediente liest man euern (s. 31. 173. 176) neben dem ein- 
führten euren (86. Ol. 141 fg.) und dem häufig stehenden heitern; aber heit- 
rem (24 163) neben munterm (24), düsterm (59), dunkelm (60), verzweiflen 
neben wandeln, betrügende (264) ;neben dem eingeführten betriegen (236. 
Wo bleibt hier die Statistik! Im Divan steht unsres (16) neben dem einge- 
führten uns. rs, bittrem (251) neben unserm (257); betrüge, freilich im reim 
auf lüg B5 . aber 2, 291 reimen betriegen und belügen; thörig (57), wie die 
ausgäbe lezter hand auch im dritten bände neben dem Goethe aufgedrungenen 
thöricht las; gescheut freilich im reime neben dem eingeführten gescheit, und 
im nachlass findet sich änglend (294), ja in demselben gedachte lächlend neben 
schöppelnd (302). Im ersten teile des „Faust" lesen wir v. 328 dunklen neben 
dreimaligem dunkeln. 1139 wird betrügen statt des eingeführten betriegen 
_ sezt, weil diese form im reim auf lügen unerträglich sei. aber doch nicht uner- 
träglicher als 669 bügel im reim auf riegel, obgleich die von Goethe sonst 
_ brauchte form bieget (vgl. I, 304, 156) zu geböte stand. Unsres tritt an die 
sonst eingeführten unsers, neben sauerm 380 lesen wir höhrem 1063. 
Bedeutender sind die abweichungen im zweiten regelloseste wilkür zeigenden teile, 
in welchem wir uns auch unsrer phalanx 10595 unbemerkt gefallen lassen müs- 
»bgleich an vier andern stellen phalanx männlich gebraucht wird. Hier finden 
h abweichend von dem regelmässig befolgten gebrauch euern (11908), unsres 
(10817), andrem (9591), muntren (8793), heitrem (9878), düstrem (11219), 
traurend (882 ungeheuren (6003), zweiflen (6534), verzweiflend (11480), 
wandlen, verwandlen (8153. 8159). ähnlet (5078), tändlend (9993), wim- 
lens (6014), eitlen (5984), frevlem (7895), frevlend (7921), thöricht (9127), 
aber thöriger (9601), wo vielmehr thör'ger stehen solte. So venig ist hierin eben- 
m. 'dt. die bei einiger Sorgfalt Leicht zu erreichen stand. 

Auf das entschiedenste müssen wir uns dagegen erklären, dass die zufällige 
hreibung der zwanziger jähre zu gründe gelegt worden ist. Goethe wolte 
in der rechtschreibung, da er an ihr keinen besondern anteil nahm, gar nicht seine 
ii grundsätze durchführen, sondern verlangte nur möglichst strenge befolgimg 
der zur z-it gangbaren, auf dass die Wirkung seiner werke nicht durch das unge- 
hnte der äussern erscheinung beeinträchtigt werde. So würde er denn auch in 
b'-folgiuig di sich dagegen verwahrt haben, dass man bei einer zu 

hren veranstalteten neuen ausgäbe in den achtziger Jahren, welche eine rich- 
tig hreibung in unsern schulen, kanzleien und druckereien eingeführt haben, die 
vielfach vei Ler zwanziger jähre befolge, vielmehr die den legem geläufige 
: zeit _ inet haben, damit diese nicht an eigenheiten anstoss nehme, die in 
u zwa: jahren keine waren. Hier Stelen noch die leidigen ungehörigen h in 
voller blute; wir werden durch vmologische c daran erinnert, dass takt und 



ÜBEB G0ETHE8 WERKE (WKIM. A.U6GABE) 299 

punkt aus dem lateinischen stammen, obgleich diese längst nicht mehr als fremdwör- 
ter gefühlt werden, auch die Lateinische endung abgelegt haben und nicht allein deutsch 

abgebogen werden, sondern auch deutsche ableitungen, wie pünktlich, und Zusam- 
mensetzungen, wie taktvoll, erzeugt haben. Ein punctum kann man sich gefal- 
len lassen, aber punkt ist deutsoh geworden. Übrigens findet sieh auch in der aus- 
gäbe lezter band schon takt il. i':>. sii), kredenzen (1, 105), kapello (1, 210. 
225), kanono (1, 149), kanal (1, :;i!i). nur nie beiden Lezten in der Weimarschen. 
Nach dem vorbericht Bolten sieh die abweichungen lediglich auf das lautzeichen 
beziehen, aber nur bei Schwankungen, wogegen keine gestattet wird, wo die ausgäbe 
lezter band sich gleich bleibt. A.ber dann hätte auch almählig beibehalten und das 
bei weitem überwiegende acht mit rücksicht auf die Statistik statt des einzig rich- 
tigen echt zu unverdienter ehre kommen müssen. Einen starken riss macht der 
vorbericht in der anordnung der ausgäbe lezter band, wenn er Göttlings von Goethe 
gebilligten kanon über den gebrauch des v verwirft, der freilieh gar wunderlich ist, 
alier durch Goethes sonst trotz allem verehrte anordnung geschüzt wird. Die anordnung 
der redaktoren ist um Verletzung der folgerichtigkeit nicht bekümmert Sic volo. 
Nur bei den wenigen Fremdwörtern soll es zugelassen werden, in denen es sich auch 
noch heute erhalten hat. Als ob nicht unsere Schulkinder heute von den Schreibun- 
gen styl und sylbe erlöst wären, welche der neue Goethe flotweg braucht. Das y 
ist heute nur da berechtigt, wo es in einem fremdwort wie ü ausgesprochen wird. 

Dass die satzzeichnung in der ausgäbe lezter hand höchst ungleich und 
zum teil liederlich sei, haben alle bedauert, welche darauf geachtet hatten und mit 
den berechtigten anforderungen an eine solche vertraut waren. Dennoch wurde diese 
satzzeichnung für die Weimarische ausgäbe massgebend. Man beruft sich auf Göttlings 
behauptung, er habe die interpunktion verändert, wie er sie nach bester Überzeugung 
bei einem Griechen oder Römer dargestelt haben würde. Aber diese äusserung bezieht 
sich bloss auf die ersten bände, von denen der vorbericht selbst zugibt, dass sie 
weniger genau durchgegangen seien; mitunter freilich scheine GötÜing, besonders in 
den ersten teilen, ohne prineip zu verfahren, so dass die ausgäbe „ersichtlich öfters" 
den früheren folge. Nach schulmässigem Schematismus, heisst es weiter, lasse sich 
Goethes lebendig tönende spräche überhaupt nicht abteilen; sie leide zwang, so oft 
man zu gunsten einer eingebildeten regelmässigkeit einen derartigen versuch unter- 
nehme, und jeder versuch der uniformierung bringe die ganze interpunktion der aus- 
gäbe lezter hand ins schwankon. Aber diese hätte immer fallen mögen, wäre eine 
grundsätzlich richtige, gleichmässig durchgeführte eingetreten, welche die dichterische 
freiheit nicht im geringsten anzutasten brauchte. Dass sich Goethes „lebendig 
tönende spräche" (was hat dies mit der satzteilung zu tun?) nicht pedantisch abteilen 
lasse, hat keinen sinn. Gilt es ja hauptsächlich, nur die Sätze nach ihrem logi- 
schen Verhältnis durch entsprechende zeichen abzuteilen, welche zugleich die kür- 
zern und längern pausen des Vortrags andeuten. Das ideal der satzzeichnung wäre, 
hierin Goethes art des lesens widerzugeben, was uns wesentlich gelingen dürfte, 
wenn wir den spuren nachgehen, die sich in der freilich mangelhaften, aber oft 
abweichenden handschriftlichen satzzeichnung finden. Wenn Goethe schon durch das 
führen der feder beim schreiben gestört wurde, konte er noch weniger beim dichten 
immer die logische trennung der sätze in betracht ziehen. Er Überhess die sorge für 
die satzzeichnung den ahschreibern , den freunden und schliesslich- der di uckerei, 
deren sache es sei, diese zu ordnen. Wenn er selbst sich mit der durchsieht der 
druckbogen befasste, so sah er mehr auf den Wortlaut als auf die richtige wort- 



300 DÜNTZEB 

Schreibung und anwendung der Satzzeichen. Eine grosse anzah] seiner gedichte gieng 
in der abschiift des Schreibers ohne jode geordnete satzzeichnung in den druck, und 
die druckerei und die heransgeber der Zeitschriften waren weit entfernt auf diese 
zu achten. Man sehe nur. wie nachlässig sie meist in Schillers „Musen-Alma- 
n;i'h- behandelt ist, wovon freilieh die lesarten der Weirnarischen ausgäbe kein aus- 
reichendes l>ild geben. Wurde auch manches in den spätem ausgaben verbessert, 
sehr vieles blieb zurück, so dass nur eine gründliche Umgestaltung nach festen gründ- 
en abhülfe bringen kann. In dieser beziehung hat die neue ausgäbe die berech- 
tigten erwartuneen nicht erfült. Vor allem solte nach den Sätzen, bei denen eine 
pause eintritt, vor einem beginnenden satze des grundes, der folge oder des gegen- 
nicht ein blosses komma stehen, das nie an der stelle ist, wo der redende 
länger inne hält. So muss im ersten bandeein punkt stehen s. 22. \'A. 110. S4. r_">. '.',2. 
5, 27. 162, 16. L63, 25. 165, 18. 177, 28. 202, 18. 221, 74; ein Semikolon 
. 11. 27. .:. 31, 20. 36, 23. 68, 10. 75, 5. 78, 14. 113, 36. 135, 20. 39. 
144. 11. 147. .'!". 149, <). was der Zusammenhang, zum teil auch die verse der 
entsprechenden Strophen ergeben, wie in der ballade „Ritter Curts brautfahrt" (176 fg.), 
wo in der mitte der strophe immer ein starkes Satzzeichen sich findet, Einmal (68, 1) 
hat der heransgeber, wie früher schon in seiner besonderen ausgäbe, durch einführung 
- kommas statt des überlieferten Semikolons den ausdruck entstelt; denn „geschwind 
zu pfi Mar die mahnung des schlagenden herzens. Ausruflingszeichen statt 

des kommas wird gefordert s. 41, 7. 146, 6. 211, 25. 215, 20. Statt Semikolon 
te kolon geseztsein 51. 7. 51. 4. 01, 15. 115, 60. 140, 10; punkt 00, 32. 138, 28. 
180, 52, wie umgekehrt statt punkt Semikolon 20, 10. 58, 10. 109, 10, sowie 132 fg. 
nach jedem ersten verse der strophe, da das zwischentretende „ Juchhe" keinen ein- 
tluss auf die Satzverbindung hat, und 148, 50. Das kolon 141, 41 ist zu stark 
vor dem kurzen satze: „Denn ich habe niehts getan." Ein komma ist s. 164, 5 zu 
streichen, wie es in der dritten strophe (19) fehlt, wogegen in der zweiten irrig aus- 
rafungszeichen steht, das hinter den nächsten vers gehört. Verkehrt ist es auch, 
nn im „ Zigeunerliede " (s. 156) nach 4 statt des puuktes, wie in den übrigen 
»phen, ein ausrumngszeichen den refrain als geschrei der eulen bezeichnet. 

Dem dichter war bei der durchsieht der ausgäbe lezter band die in früherer 
zeit, schon bei der ersten ausgäbe, gewöhnlich „alzuhäuhge interpunktion und kom- 
matisierung 1 - unangenehm aufgefallen, und er wünschte deshalb die tilgung unnötiger 
kommas, wodurch -ein reinerer fluss des Vortrags" bewirkt werde, was darauf deutet, 
dasfl er durch die satzzeichnung de den vertrag unterstützen wolte. Der vorbericht 

• . XXIII. dass auch die ausgäbe lezter hand, oacb dem heutigen massstabe 
(wir müssen hinzusetzen, auch nach Goethes gefühl) die zeichen etwas zu reichlieh 
anwende, besonders bei adverbialen bestimmungen von grösserem umfang und bei 
partidpialkonstraktionen; dagegen sei reichlichere interpunetion, besonders in den 
gedichten. oft durchaus angebracht, indem sie dem leser zum bewustsein bringe, wie 
in wenig weiten der sinn c sätze beschlossen sei. Aber dazu sind die Satz- 

zeichen doch nicht da; sie sollen nur die pausen des Vortrags bezeichen und das nicht 
eng zusammengehörende trennen, was für das Verständnis von gröstem werte ist. 
D: he ausgäbe hat manche störende kommas gestrichen, aber bei weitem 

nicht all : sind z. b. in den gedichten ungehörig die kommas, welche die weite 
durch tal und hügel (f. 26), nach dem stürme (55), so warm (113), ver- 
traut und fromm (126), im leuchtenden grabe (130), die quer' und läng' 
(166), im freien (192), zum zwecke (215), zu seinem zwecke (218), mit 



ÖBEB GOETHES WERKE (WEI.M. AUSGABE) 301 

gewichtigen zetteln (240) abtrennen. Ähnlich verhält i li in den übrigen 

bänden. Darin, dass zwischen zwei gleichzeitig nebeneinanderstehenden beiwörtern 

kein koniina steht, folgt die neue ausgäbe Goet.li'-> gebrauch; doch möchte in dem falle, 
wo das zweite den begriff des ersten erklär! oder Bteigert, ein solches wol an der 
Btelle sein", wie denn auch die Weimarische ausgäbe Lieblichen, ladenden glänz 
(I, s. 59), ernst'-, stille betraehtung (283), beibehält, wonach man auch in ähn- 
lichen fallen ein komma wünschte, wie in Btilles bescheidenes kraut (347), 
besonders da vorangeht farblos, ohne gestalt. Bei der verstärkenden widerholung 
desselben wortes, wie leise leise, alles alles, hätte man erwarten sollen, di 
die ausgäbe kein komma setze, da diese eng verbunden sind und Goethe in der aus- 
spräche nicht trennte. Freilich stehen leise, lei ar mit vorangehendem und 
folgendem komma (I, 140), sachte, sachte (II, 102) schon in den ersten drucken. 
ebenso im „Di van 44 (VI,223), stille, stille; aber im „Faust" hatte noch die ausgäbe 
lezter band immer immer mehr (129), alles alles (3212), und auch das von 
Schmidt beibehaltene nun nun (3257), wogegen das handschriftliche Alles alles 
(3908) schon im ersten drucke zu Alles, alles geworden, 3686 Lass, lass. 378S 
zur langen, langen pein gedruckt war. In den „Neugriechischen Liebe - Skolien" 
hat die ausgäbe lezter band als kleine, kleine (3, 237), im liede „Um mitter- 
nacht" kloin, kleiner knabe (3, 52), wo wol klein-kleiner stehen soll, wie 
golden-goldne im Faust (5012). In den invektiven findet sich schlecht 
schlechten (statt schlecht-schlechten). Die erste ausgäbe des Götz hatte 
viel vieles, wo später viel gestrichen wurde. Der widerholung der beiwörter zur 
Verstärkung des begrii's bediente sich Goethe auch in der gewöhnlichen rede, wo er 
dieselben nicht durch eine pause getrent, sondern ebenso eng verbunden gesprochen 
haben muss, wie er sonst bei gleichstufig verbundenen beiwörtern kein komma 
brauchte. Anderer art ist die widerholung glocke glocke, wo auch unsere ausgäbe 
(I, 204, 13) kein komma hat. 

Zu den aller/verschiedensten Verrichtungen braucht die ausgäbe lezter 
band, und demnach auch die Weimarische, den gedahkenstrich, gerade nicht, zum 
leichten Verständnisse, das doch die satzzeichnung zu vermitteln hat. Der gedanken- 
strich soll eigentlich eine pause bezeichnen, wird aber aeuerdings besonders da ver- 
waut, wo man auf das nachfolgende als etwas unerwartetes oder bedeutendes vor- 
bereiten will oder die rede abgebrochen wird. So findet er sich denn doch auch in 
unserer ausgäbe einigemal. I, 188, 20: „Nicht wahr im grünen vertraulichen haus—' 4 , 
wo der schluss der frage nach einer zwischenrede folgt. 135: „Man retiriert, man 
avanciert — Und immer ohne kreuz*, wo statt des punktes ausrufungszeichen an der 
stelle wäre. II, 8: „Unentbehrlichs bring' ich mit — die liebe. 44 87: „Mit einem 
blick — Götter zu entzücken* 1 , wo komma genügte. 90: „Und so — zu ihren fassen 
Hegt das tier. 44 91: „Und ich! — götter, ists in euren bänden.- 259: „Ich könte 
viel glücklicher sein — Gäbs nur keinen wein. 44 Ferner steht ein gedankenstrich, 
zuweilen zwei, zur andeutung einer pause, wobei zum teil vorausgesezt wird, dass 
zwischen den beiden reden etwas geschieht. I, 218 komt nach den Worten: „Herr 
und meister! hör' mich rufen! — u der meister wirklich. Faust 132: -Sic zu befrie- 
digen ist schwer Was fält euch ein? 44 genügte nach schwer ein blosser punkt, 

etwa mit gedankenstrich; jedesfals muss ein punkt stehen, da der satz zu ende ist. 
2871: „Vielleicht ist er gar tot! — pein! — — ." Die gedankenstriche deuten 
hier eine kürzere und eine längere pause an. 2208 wird Frosch in seinem liede beim 
verse „ Der hatt' einen grossen floh — * unterbrochen. Solche pausen hätten auch 



302 PVNTZER 

an andern stellen bezeichnet worden sollen, wo unsere ausgäbe diese so wenig andeu- 
tet, dass sie zuweilen mit einem ganz schwacheu Satzzeichen sieh begnügt Das 

dünste beispiel dieser art bildet das -''dicht. „Der wanderer", wo die personen wäh- 
rend i - e spräches in die höhe steigen, die frau sieli entfernt und widerkomt, was 
mehrfach durch gedankenstrich anzudeuten war. Ja wir lesen hier sogar noch: „Gleich 
zur linken Durchs gebüsch hinan: Bier tt , wo freilieh die ausgäbe lezter hand nach 
«hinan- nur komma hatte, während wenigstens punkt, wenn nicht ausrufungszeichen 
mit gedankenstrich stehen muste. Aueli im „Faust" solte 1022 Dach dem verse „Nur 
wenig schritte noch hinauf zu jenem stein a statt eines kommas punkt nebst gedanken- 

ich stehen, da der redende zwischen diesem und dem folgenden verse zu dem 
breitet Abel auf das, was der gedanke fordert, hat eben unsere aus- 
• 11 acht. Häufig genug hat sich nach dem in früherer zeit ausserordentlich 
verbreiteten falschen gebrauch ein gedankenstrich statt eines blossen punktes erhalten, 
wie 1. 62, 11. 70, 7. 110, 28. II. 7."». 46. 90, 105. VI, 36, G. 73, 4. Faust 369. 
879. 1395. l s ".".. Zuweilen genügte statt des gedankenstriches ein blosses komma, 
wie I, 77, 4L 337. . 4. Faust 363. 47)8. Dass gedankenstriche gesezt werden, wo 
die rede von einem zum andern sich wendet, wie I, 203, 44, oder eine anrede ein- 
tritt, wie I, 248, 2 18 (hier müste noch punkt vor dem gedankenstrich stehen), mag 

h entschuldigen lassen« aber nicht beim Übergang zu einem vergleich, wie I, 26G, 
•i einer erklärung, wie I, 287, 11. am anfang einer erzählung, wie Faust 2814, 

i einer aus dem vorigen sich ergebenden lehre, wie I, 290, 8, wo ein absatz an 
der stelle wäre, wie unsere ausgäbe solche oft genug hat, leider ziemlich grundsatz- 
Auch für diese solte nicht die zufällige' anwendung in früheren ausgaben mass- 
end sein, nur innere gründe. Statt des gedankenstrichs bei einzelnen abgebroche- 
nen Worten, wie II. 33. Faust 3183, und bei Unterdrückung oder blosser andeutung 

von uianständigen ausdrücken, wie II, 261. Faust 1821 („H " wogegen hintern 

II. 263. VI, 233 ausgeschrieben ist). 4138. 4142 fg. könten einzelne punkte stehen, 
wie ähnlich in unserer ausgäbe II, 164 zur bezeichnung eines unaussprechlichen, 
wofür in den Yenediger epigrammen 66, 4 ein kreuz steht. Auf das entschiedenste, 
müssen wir uns gegen den freilich von Goethe selbst eingeführten gebrauch zweier 
östliche statt der jezt gangbaren klammern erklären I, 7. 22. 152. 185, 27 
[wogegen in gleichem falle 184, 6 jedes zeichen eines zwischengeschobenen satzes 
fehlt}. 209,45. 259% v. 430— 439. II, 3. 26 fg. 74.157. Faust 2744 fg. 3068 fg. 
Wirklich stehen klammern in den gedienten II, 149, im „Divan" 269, auch in „Her- 
mann und Dorothea" neben dem gleichen gebrauch von gedankenstrichen. In den 
dramen waren schon in frühester zeit die seenarischen bemerkungen in klammern 
n. auch zuweilen kleine Zwischensätze, wovon freilich die erste ausgäbe der 

rke abwich, die gar keine klammern hat, auch nicht in den gedienten. Aber der 
ausschlu- klammern von dieser und in folge desselben mit wenigen ausnahmen 

von den gedienten noch in der ausgäbe lezter hand kann uns nicht hindern, durch 
einfuhrung der neuerdings so vielfach in anwendung gebrachten zeichen die in zu 
verschiedener v gebrauchten gedankenstriche zu beschranken und so misverständ- 
nisse zu verhüten, die in der ausgäbe Lezter hand um so leichter waren, als sie 

lankenstriche auch zur Unterscheidung angefühlter reden brauchte. 

hon in den „Akademischen blättern" von Sievers (I, 308 fgg.) habe ich die 
durchaus verschiedene weise hervorgehoben, in welcher die ausgäbe lezter hand bei 
dei ichnung eingeführter reden verfährt, und ein gleichmässiges verfahren als 

dem Verständnisse forderlich und einer verständig angelegten ausgäbe Goethes allein 



ÖBEB GOETHES WEEKE (WEIM. AUSGABE) 303 

würdig dargestelt. Iu'e Weimarische ausgäbe hat leider jene bunte mannigfaltigkeit, 
die auf reinem zufall beruht und jeder sachlichen begründung entbehrt, als ein unan- 
tastbares gut beibehalten zu müssen geglaubt. Gehen wir näher auf den ersten 
band der gediente ein, so fehlen zunächst alle anführungszeichen, selbst bei län- 
gern reden, ja »'ine solche wird sogar s. 5 nach doppelpunkt mit kleinem anfangs- 
buchstahen begonnen. Wenn s. 7 mitten in der rede der göttiu zwischen zwei gedan- 
kenstrichen eingeschoben wird: „So saufe Bie, ich hör' sie ewig sprechen" (im) 
komma), so soll das auf die freude deuten, welche ihre in den vorhergehenden ver- 
sen ausgesprochene anerkennung im dichter erregt bat. Anführungszeichen fehlen 
auch bei den worten Amors: „Hier ist das kerzchen l a (15), im Eeidenröslein (16) 
und bei dem ven der Schäferin gesungenen „Lala! reralla" (20%.). Erst s. 22 finden 
wir solche, nämlich bei Käthchens „Nimm dich in acht! der lluss ist tief und bei 
der angäbe ihres namens. Das lied fand sich aoeh nicht in der eisten ausgäbe; in 
der „Iris L fehlen diese zeichen. Selche finden sich auch nicht s. 25 beim widerstände 
des pflänzchens: „Soll ich zum welken geboren sein? und s. 77 beim ausrufe: .,<> sie 
ist wert zu sein geliebt!"; dagegen stehen sie in Schadenfreude (s. 51) am 
anfang und ende der weite des mädchens. Trost in tränen (s. 86 fg.) schlii 
die strophen der erwiderung der schmachtenden in anführungszeichen, und solche 
finden sich auch in dem Hede „Sehnsucht"; das „Taschenbuch auf das jähr 1804", 
worin sie zuerst erschienen, hatte sie nur beim zweiten. In dem eben daher genom- 
menen „Bergschloss* hat auch die ausgäbe lezter band das „Ja! u (94,40) ebne anfüh- 
rungszeichen. Auffallend beginnen schon in der ersten ausgäbe der gediente alle acht 
verse die rede in Geistesgruss mit anführungszeichen. Weniger Veranlassung zu 
anführungszeichen boten die geselligen lieder. Rechenschaft gibt die klage 
der waise (s. 140) in solchen. Auffält es, dass im Frühlingsorakel (s. 112) nur der 
vorlezte vers durch das zeichen : | : als zu widerholen bezeichnet wird. Eine reich- 
lichere anwendung der anführungszeichen forderten die bailaden; doch fehlen sie 
ganz im Sänger (162 fg.), wo der könig 1 — 4 und 7, der sänger den grösten teil 
<h-< gedichtes spricht. Im Erlkönig (1G7 fg.) werden die reden des vaters, des 
knaben und des Erlkönigs unterschieden; die beiden ersten sind bloss durch einen 
schliessenden gedankenstrich, die des Erlkönigs durch anführungszeichen und zwar wider 
vor allen einzelnen versen und am Schlüsse bezeichnet. Dagegen wird im Fischer 
(1G9) der sang der nixe nur durch den vorangehenden doppelpunkt eingeleitet, sogar 
fehlt ein gedankenstrich am Schlüsse (v. 24). Beide balladen standen so schon in der 
ersten ausgäbe. Die spätem balladen Das blümlein wunderschön, Ritter Gurts 
brautfahrt, Hochzeitlied der Schatzgräber entbehren alle der nötigen andeu- 
tuugen der eintretenden reden. Dagegen ist in Der müllerin verrat Dicht blo 
die klage des gcprelten am anfange und ende und beim beginn der Strophen (nicht 
vor jedem verse) mit anführungszeichen versehen, sondern auch die in derselben 
berichtete anrede an die ihn überfallenden durch gedankenstriche abgesondert. Ebenso 
finden wir in Der müllerin reue die von der zigeunerin im namen der geliebten 
gesprochenen Strophen mit anführungszeichen versehen. Von den erst in der dritten 
ausgäbe hinzugekommenen balladen "Wirkung in der ferne aus dem Januar 1808 
und den fünf jähre später entstandenen Die wandelnde glocke und Der getreue 
Eckart hat die erste die nötigen anführungszeichen, die dritte nur den schluss der 
rede durch gedankenstrich v. 21 u. 22 (aber nicht 30) bezeichnet, in der zweiten feh- 
len sie ganz. Die drei lezten balladen Der Zauberlehrling, Die braut von 
Korinth und Der gott und die Bajadere waren zuerst in Schillers Musen- 



304 DÜNTZEB 

Almanach auf das jähr L798 erschienen, welchem die „Neuen Schriften" und die 
zweite ausgäbe in bezug auf die Unterscheidung der reden ganz folgen. Im Zauber- 
lehrling sind mit recht nur die lezten verse als spruch des meisters von der rede 
des lehrlings durch anführungszeichen geschieden. Dagegen ist in der braut von 
Corinth trotz der Schwierigkeit des Verständnisses die Unterscheidung der reden 
völlig ungenügend. Nur die des mädehens v. 138 und der mutter 143 fg. sind vorher 
und am ende, die des Jünglings 139 fg. am Schlüsse durch einen gedankenstrich 
hnet. Bei dieser völlig ungenügenden Unterscheidung hat sich leider die Wei- 
marische ausgäbe begnügt, während eine anzahl von reden und gegenreden zu be- 
zeichnen, unter andern auch dem Jüngling v. 115 — 110 zuzuteilen waren; denn dass 
117 :_. 8 Wechselhauch und kuss! | Iiebesüberfluss!*, wie das vorhergehende und das 
folgende, diesem gehören, sie kein blosser bericht sind, zeigen schon die ausrufungs- 
zeichen. Ebenso lückenhaft ist die Unterscheidung in der lezten ballade. Überliefert 
sind gedankenstriche nach Jungfrau! (227, 16), hinaus (17, wo der nötige punkt 
fehlt), und die? (18), aber auch nach 19 müste ein solches stehen. Der "Weimarische 
herausgeber achtet auf so etwas nicht, noch viel weniger bezeichnet er die andern 
reden der Bajadere (25 — 30. 69 — 74) und der priester (75 — 88). In den zuerst in 
den Hören gedruckten römischen Elegien werden längere reden (v. 113 — 138. 242 — 
_ . 19—422) mit anführungszeichen versehen, v. 293 — 296 geht voran der am 
durch einen gedankenstrich abgesonderte befehl und es folgt die erwiderung. 
In der sechzehnten elegie hat die frage der geliebten, warum er nicht zur Vigne 

:ommen (351 fg.), anführungszeichen, die antwort ist durch gedankenstriche abge- 
irrt; das schliessende Scherzwort 355 — 360 steht wider richtig in anführungs- 
zeichen. Zum unglück für den Weimarischen herausgeber Avar in der ausgäbe lezter 
band am Schlüsse das ausrufungszeichen ausgefallen, und ihm entgieng (so ungenau 
verglich er die Lesarten!), dass die früheren ausgaben dasselbe haben; denn dies ver- 
leitete ihn. flugs nach 358 gegen alle Überlieferung und den offenbaren sinn ein sol- 
ches nebst gedankenstrich einzuflicken. So w r ar das hübsche gedichtchen jämmer- 
lich entstell Sonst haben die elegien 169 „Dichter! wohin versteigest du dich?" 
und 218 den ruf: „Komt zur heiligen nacht!" mit anführungszeichen eingeschlossen, 
das erste am Schlüsse mit gedankenstrich. Demnach war in diesen elegien die bezeich- 
nung richtig durchgeführt. Anders finden wir es in Alexis und Dora, wo bloss 
ein gedankenstrich nach 154 das vorangegangene als rede des Alexis bezeichnet, die 
zwi-li.iji.-len 57 Jgg. 62. 05 — 70. 76 fgg. 100 fg. 103. 109 durch nichts als solche 

gedeutet sind; ja jener gedankenstrich fehlte noch 1800 in den Neuen Schriften, 
er in der handschrift stand, aber freilich nach dem vier verse vorangehenden, 
der eine kurze pause andeutet, ohne besondere bedeutung war, so dass hier anfuh- 
rongszeichen am anfange und nach 154 durchaus nötig erscheinen. Im neuen 
Pausias wären nur ein paar reden (62 — 66. 69 fg. 99 fg.) als solche zu bezeichnen 
gewesen, die aber durch die einleitenden werte und den doppelpunkt sich als solche 
ergeben. Die rede der Euphrosyne hat am anfang und ende anführungszeichen 

;. 140), die in dieser berichtete erwiderung des dichtere erst seit den Neuen 
iften einen gedankenstrich am Schlüsse v. 96. Dagegen ist in der elegie Amyntas 
: anfang noch ende der lispelnden klage angedeutet 21 fg.; ja noch in den Neuen 
tft< n stand vor derselben punkt, nicht doppelpunkt. Ebenso wird die erzählung 

- rhapsoden in der ersten epistel v. 60 fg. mir durch einführende und abschlies- 
sendeworte hervorgehoben, auch die darin berichteten wechselreden. In den Epigram- 
men i-t v. 293 die mahnung: „Seid doch nicht so frech, Epigramme!" als solche her- 



OBRE OOETHBS WKKKK (WI'.I.M. A.USGABE) 305 

vorgehoben, dagegen nicht der gesang der Venediger dirne .';:!7 fg. Rede und gegen- 
rede werden 345 fg. 349 fg. so geschieden, dass die erste in anfiihrungszeiehen 
steht. Durch später nicht berichtigtes versehen fehlt nach 430 gedankenstrich. So 
etwas kümmert den Weimarisohen herausgeber nicht, obgleich Goethe anzweifelhaft 
su die antwort des A.eolus von dem gebete Beneiden wolte, wie 146 die beruhigung 
der geliebten von der klage. In den Weissagungen des Bakis werden 53 1 
and 69 fgg. alle reden durch gedankenstriche von einander geschieden, die des gegen- 
redners dazu in anfiihrungszeiehen geschlossen; 89 fgg. und 97 fgg. linden sich bo 
nur drei reden. 81 fgg. und L05 fgg. sind die erwiderungen in anfiihrungszeiehen 
■ -1 ■• -n . 101 fgg. zugleich mit vorhergehendem gedankenstrich. Su wenig folgerecht 
war man dabei verfahren. In den distichen der vier Jahreszeiten wurden 31 — 34. 
69 fg. die reden als solche oicht besonders bezeichnet. Ganz eigentümlich treten 
127 fg. durch anführungszeichen als äusserung der parteimänner hervor. Freilich 
könte man meinen, das zweite anführungszeichen sei nach dem ersten verse zu setzen 
und der zweite als ironische antwort dos gegenredners im sinne der parteimänner zu 
lassen. 

Im zweiten zum teil mit geringerer Sorgfalt zusammengestelten bände der 
gedichte waren häufig genug die angeführten redeu bloss durch doppelpunkt oder 
ein die rede bezeichnendes wort angedeutet, wie s. L5, 1 !•'>. 72 fg. 75. 96. L32 
182 fgg. 187 1g. 193 fg. (erwiderung auf eine indirekte rede). 206. 231. 8. 1 14. 92 
gebt gar keine andeutung der anrede vorher, die längere anrede ist in zwei anführungs- 
zeichen geschlossen. Mit solchen wird auch vielfach ein satz oder eine rede bezeich- 
net, wies. 7. 36 fg. (meist mit folgendem gedankenstrich). 49 — 52. 87 fg. (einmal mit 
schliessendem gedankenstrich). 90. 202 fgg. 205, wo die entgegnung in zwei gedan- 
kenstriche geschlossen ist (ein solcher fehlt v. 14, wie v. 21 punkt nach nackt). 
207. 217. 237. 242 fg. 247 fg. 260. 273 (wo die frage ohne anführungszeichen; 
steht). Diese beispiele bestätigen, dass Goethe die hervorhebung der reden beab- 
sichtigte, was nur zuweilen aus nachlässigkeit unterblieb. 

Aueb im Divan sind reden anderer sehr häufig mit anführungszeichen 
gegeben, aber zuweilen wird nur der name des redend eingeführten mit spricht 
genant; anderswo fehlt die andeutung, der sprach gehöre einem andern, wie z. b. 
die sieben ersten verse des gedientes Anklage (s.35), mit wegläll des absatzes zwi- 
schen 5 und 6, als spruch des korans in anführungszeichen stehen solten. Im 
„ Faust u werden selten andere reden so angeführt, dass diese durch besondere zei- 
chen angedeutet werden müsten. Die neue ausgäbe hält sich hier an die Überliefe- 
rung. Richtig sind v. 442 fgg. in anführungszeichen gesezt, aber in der veralteten weise, 
dass ein solches vor jedem einzelnen verse stellt. 122-1 ist das biblische „Im anfang 
war das wort! u als anfahrung bezeichnet (doch solte Im statt im stehen), aber bei 
der beabsichtigten Veränderung der Übersetzung L239. 1247 fehlen sie. Solche solten 
auch stehen bei der angeblichen äusserung Schwertleins 2955 fgg., deren ende nicht 
ursprünglich, aber schon in der zweiten ausgäbe durch einen gedankenstrich an. 
deutet wurde, bei den reden des p fallen 2834 — 2810, Valentins und seiner kameraden 
3630 — 3633. 3635 fg., bei dem liedchen „Wenn ich ein vöglein war'!" (3318), bei 
dem von Mephistopheles höhnisch nachgesprochenen befehle Fausts s. 227, bei dem 
rufe „Gretchen!" v. 4465. Im „ Walpurgisnachtstraum " sind die anführungszeichen 
4322 beibehalten, aber solche solten auch 4333 fg. stehen. An den grundsatz der 
gleichmässigkeit wird gar nicht gedacht: mau beruhigt sich einfach bei der jeder 
gleich mässigkeit entbehrenden, zufällig zu stände gekommenen vorläge. 

ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XXIII. 20 



306 m'xTZER 

Ein nur in wenigen fallen nötiges zeichen ist der apostroph, der am ende and 
am anfange der wörter einen sinn hat. wie bei s am anfange (nicht in der zusam- 
menziehung , wie ists. niirs), frend' war', und einei' der gewöhnlichen rede Erem- 
d ansstossnng eines als, wie lebend'gen, woll'n. Der vorbericht zählt ihn 
zu den Laatzeichen, *.li< * thunlich beseitigt werden sollen. Leider ist dies nicht gesche- 
hen. Man liest noch die rein etymologischen Schreibungen saus't, wächs't, hälfst 
(freilich oeben wächst, hältst), muss sich an's gefallen Lassen, sogar bei'm, 
das auch zu im. a'm führen würde. Ja auch mann's hat sich dank der auf- 
merksanikeit auf gleichmässigkeit einmal erhalten d. 234) und das völlig unberech- 
willkomm 1 (Faust 2031), als ob der apostroph auch ein en ersetzen kirnte, 
nicht wilkomm volberechtigt neben wilkommen stünde. Goethe selbst ist an die- 
stroph anschuldig, d^n nur die druckerei, wie so manche andere, in die erste 
ausg hereingebracht hat Auch im „Paust" ist eine gleichmässigkeit in der 
tzong der apostrophe nicht erreicht. So solte näh' 306 stehen, da hier der apo- 
stroph eben so gefordert wird wie in lieb' und näh keines^ ingbare form neben 
nähe ist, wie allerdings ruh neben ruhe. 

Aber viel schlimmer ist es, dass die vom verse geforderten ausstossungen eines 
e und i vernachlässigt sind. Ich habe in dieser Zeitschrift XIV, 3-45 — 376. XV, 436 — 
471 an der hand der tatsachen gezeigt, welchen grundsatz Goethe hier befolgen wolte 
und nur in feige der geringen ausdauer, die er für solche, mechanische aufmerksamkeit 
fordernde dinge hatte, nicht zur vollen ausfuhrung gebracht hat. Die Weimarischen 
en und herausgeber hätten daraus manches lernen und benutzen sollen. Nur 
ein paar punkte seien hier hervorgehoben. Massgebend für Goethes bestimmung ist 
der erste „sorgfältig ausgearbeitete", die gediente enthaltende band der zweiten aus- 
werke, den er im februar 1806 zum drucke absante. Aon gröster Wichtig- 
keit war für uns die beobachtung, dass hier ohne ausnähme in den ableitongen mit 
ig das i au-_ -' -sen ist. wenn es nicht metrisch mitzählt; selbst liturg'scher, 
prophet' scher, begünst'gen finden sich, nie aber ein dem verse zuwiderlau fen- 
e. Zwei menate später wurde die durchsieht des nun vollendeten ersten teiles 

- „Faust" abgeschlossen, deren grundsätze gleichfals von hoher bedeutung sind, 

- in den hier zum erstenmal gedruckten stellen. Regelmässig wird auch 
hier i. wo es metrisch nicht zählt, ausgestossen , wobei freilich beachtet werden muss, 
dass da. wo der dichter zu leichterem flösse des verses oder zu grösserer Wirkung 
auch sonst den anapäst sich gestattet (es sind im ganzen sechs verse) auch hei- 
ligen, feurigen, thierischen im anapäst stehen. Im Vorspiel lesen wir heft- 
gen, bedächtgen. unharmon' sehe, melanchol'sche, was uns schon über die 
absieht des dichtere* belehren müste, träte auch nicht sonst die ausstossung regel- 
mässig ein. Blosse druekfehler sind 2994 herziger. '.\~-\ alm ächtiger, welche die 
Weimarische ausgäbe trotz besserer Überlieferung beibehält; nach aller Wahrschein- 
lichkeit auch 1559 e igen sinnigem (vgl. 4278 italiän' sehen) und ewigen (1076). 
Auch wird es wol .".( C, ew'ges, 511 geschäft' ger, 3099 verständ'ger heissen 
seilen. Für die a sang des e zeugen dicht'rischen (159), dämmrung (666. 

1146), erinnrung (781. 2'. >Ö7 1 . lästrung (3765), vergangne (4518). Hiernach 

unzweifelhaft, das the überall die ausstossung beabsichtigte, wo e und i 

metrisch nicht zählten. Freilich klingt es seltsam, dass man erst beweisen soll, 
wa- . den nicht blindes Vorurteil beschränkt, sich selbst sagt. Ober die aus- 

ngen in der Helena und im anfang des zweiten teiles, die vor de]- ausgäbe 

- ganzen zweiten teiles gedruckt wurden, habe ich a. a. o. gehandelt. In der 



ÜRER G0ET1IKS WERKE (WEOf. Ä.USGABE) 307 

Weimarischen ausgäbe liegt jezl der ganze handschriftliche bestand vor. Daraus ergibt 
sich, dass der abschreiber sich von seiner angewöhnung, die worte ohne ausstossnng 

der vokale zu schreiben, oft verleiten I; seiner vorläge nicht zu folgen, und da 
Goethe seihst iu seinen handschriftlichen entwürfen die notwendige ausstossnng häu- 
figer vernachlässigte als volzog, wie wir dies auch in manchen handschriften lyrisoher 
gedichte linden. Deshalb komt bei genauer befolgung der handschriftlichen Lesarten, 
seihst wenn man den abschreiber nach Goethes freilich nur zum geringem teil erhal- 
tenen entwürfen und niederschriften berichtigt, eine grosse mehrheit für die vollen 
formen in den füllen heraus, wo sie dem verse widersprechen: aber die mehr- 
heit will hier eben wenig bedeuten; sieben stellen, wo das ungewöhnliche heil'ger 
steht, sprechen starker für die vom dichter beabsichtigte form als zwanzig, wo die 
gangbare eingedrungen ist; ein einmaliges merkwürdger, versündgen wiegt 
mehrfache ehrwürdiger, vereinigen auf. Und das zaUenverhältnis ist nicht 
durchgeh ends so ungünstig. Glühnder, glühnde, glühnden lesen wir 5989. 
0283. 0439. L0744, dagegen glühende 8651. 10446. Wer kann es für möglich hal- 
ten, dass der dichter eine solche abweichung unter ganz gleichen umständen beab- 
sichtigt habe? Wem wird mau glauben, dass Goethe neben muntrer, muntre, 
muntres (8996. 9746. 10507. L0869) und muntren (8793), wofür nach sonstigem, 
auch hier vorhersehendem gehrauch muntern zu setzen ist, ohne not munterer 
(9011), ermuntere (11553) geschrieben? wer ihm zutrauen, dass er neben wack- 
rer, wackern, wackres (5237. 8334. 8421. 10438. 11052) das schwache wackere 
helden (10370) gehraucht habe? Hier entscheidet nicht die unzuverlässige abschliff 
eines dem prosaischen gehrauch folgenden Schreibers, ja nicht einmal Goethes eigene 
entwürfe, sondern auch der erste teil des Faust komt in betracht, da der dichter sich 
unmöglich die abweichung von diesem in solchen Kleinigkeiten vorgesezt haben konte; 
ja die gesamte behandlung des verses in seinen dichtungen, die ich a. a. o. verfolgt 
halte. Und wie solte er darauf gekommen sein, eine von allen dichtem und von 
ihm selbst von kind an gehrauchte freiheit aufzugeben, die nicht allein dem verse 
oft grössere kraft verlieh, sondern ihm auch äusserst bequem war, da er z. b. 
heiige als trochäus von heilige als kretikus, ja auch in der messung ^ - ^ unter- 
scheiden konte. Die neue AVoimarische ausgäbe hat dadurch, dass sie rückhaltlos 
der schwankenden Überlieferung folgte, den zweiten teil des „Faust" arg entsteh, 
indem sie ihn in einer bunten, jeder gleichmässigkeit spottenden jacke erscheinen 
liess. Die kritik soll den schriftsteiler von den Hecken der Überlieferung reinigen, 
selbst da. wo die eigene unbeabsichtigte nachlässigkeit desselben sie verschuldet hat. 
Und welcher urteilsfähige kritiker möchte sich nicht gern einer solchen ehrenpflicht 
unterziehen statt einer unverständigen Überlieferung sich leibeigen zu machen? 

AVas mich einigermassen über diese metrische, mishandlung in einer so reichet 
mittel sich erfreuenden angeblichen Standard -ausgäbe tröstet, ist die eigentümliche 
fugung, dass ein mitarbeiter, Konrad Burdach, der herausgeber des n I)ivan a , 
sich von dieser schuld frei gehalten hat. AVir stimmen ihm von heizen bei, wenn 
er s. 359 schreibt: .,Es lag demnach in der intention der ausgäbe lezter band, solche 
unrhythmische [metrisch überflüssige] silben zu tilgen, und diese intention ist nur, 
wie so manches, unvolkommen ausgeführt. Pflicht des herausgebers war es, hier die 
konsequenzen zu ziehen. Demgemäss habe ich überall, wo der rhythmus eines 
gedichts unwidersprechlich auf regelmässigen Wechsel von hebung und Senkung ange- 
legt ist, die überschüssigen vokale entfernt, wo dagegen auch in anderen versen dop- 
pelte Senkungen vorkommen, sie belassen. 1 * Je entschiedener diese äusserung über 

20* 



308 DÜNTZEB 

die rhythmische behandlung der bisherigen Weimarischen herausgeber den stab bricht, 
um so ehrenvoller ist es, dass die redaktoren sie nicht unterdrückt haben; freilich 
ist das ges hehene aicht ungeschehen zn machen. Burdach ist auch dem ausgespro- 
ehenenen grundsatz meist gefolgt, und so schreibt er s. 98 richtig mit der handschrift 
pein'gen, rein'gen und sezt 125 versteht statt verstehet nach Goethes Verbesse- 
rung. Ja s. 11. 2 ändert er ohne not einziehen; denn so wenig ist es nötig, dass 
dieser vers dem vorhergehenden „rhythmisch und metrisch korrespondiere", dass der 
krke einschnitt nach dem zweiten fasse, wie v. 3 und 5. dem inlialt entspricht. 
wobei der weibliche ausgang des verses kaum in betracht komt, und im ersten verse 
i>t der anapäst nicht beabsichtigt, sondern nach der vorläge des Olearius, von der 
nur e rinnende darum und das unnötige des menschen wegfiel, als unver- 

meidlich beibehalten. Bloss ein paarmal haben nicht zutreffende gründe Burdach 
stimt, von der nötigen änderung abzusehen. 37. 1 und 16 behält er heiliger 
bei, obgleich 2 heil'ge steht, weil ..der anfang und das ende des gedichtes das 
thema angeben und aus dem sonstigen rhythmus mit absieht hinausgehoben schei- 
nen." Von solchem scheine zeigt sich mir keine spur. Der am ende widerholtc 
anfangsvers besagt einfach, mit beziehung auf den schluss des vorigen gedichtes, 
Ebusuud habe die Wahrheit gesagt, wobei der dichter dessen demütige selbstbezeich- 
nung dadurch ehrt, dass er ihn als einen wahrhaften heiligen anerkent. 255, 18 
nimt der herausgeber an dem jambischen verse: „Ändere mit geistes flug und lauf 
keinen anstoss, aber wie andere hier „mit dreisilbiger Senkung im auftakt erträg- 
lich" heissen könne, sehe ich nicht; es müste anapästisch -«messen werden. Von 
hebung und Senkung zu sprechen scheint mir übrigens bei den von Goethe in her- 
rachter weise nach verslüssen gemessenen versen des „Divan" unbefugt. Wie 
tioethe noch in spätester zeit verse abteilte, zeigt das gespräch mit Eckermann vom 
april 1829. < >hne allen zweifei muss es andre heissen, das mit bekanter freiheit 
jambisch betont wird, wie unmittelbar vorher viele, gleich darauf steigen, draus- 
d den vers beginnen. Ebenso wenig durfte Burdach den vers 258, 43: „Unsere 
^enliebe gieng verloren", durchgehen lassen, über den er sonderbar genug kein wort 
äjt; - - r unsre zu lesen, der anfang anapästisch, wie daselbst 1. 23 und im 
vorhergehenden gediente 4. 9. 11. 10 usw. Burdach hat eben auf die eigentliche 
messung der verse zu wenig geachtet. Wenn er meint, 259, 63 hätte er vielleicht 
besser die ursprüngliche lesart gnug statt genug zurückgerufen, so übersieht er, 
dass der zweite fuss ein hier glücklich eintretender anapäst ist wie v. 56. 58. In 
den Sprüchen scheut er sich 132, 4, 3 vor poet'sche, weil die vier verse, aus 
denen da icht besteht, zur beurteilung des rhythmus nicht genügenden anhält 

böten; aber dass 2 unbezwungne, nicht unbezwungene, und auch sonst kein 
anapäst Bich findet, reicht hin, wozu komt, dass ein solches i in den Sprüchen 
immer a orfen wird, um den Jambus rein zu erhalten. 

Leider hat der vorbericht in band 1 versäumt, ein bild des Verhältnisses aller 

vom dich - ranstalteten gesamtausgaben zu einander zu entwerfen. Ein solches 

gehörte ganz eigentlich hierher, so dass die herausgeber der einzelnen Schriften Bich 

darauf beziehen könten und nur die besondere angaben über die von ihnen bearbei- 

• • werke hinzuzufügen brauchten, die aus genauer vergleichung sich ergebende 

•llung der einzelnen gesamtausgaben in der Überlieferung aber schon hier fest- 

sezt würde. Jezt müssen sich die einzelnen herausgeber auf den der gediente 

ziehen, der schon in der für die ganze ausgäbe massgebenden bezeichnung der 



ÜBEB GOETHES WERKE (wk.IM. AUSGABE) 309 

handschriften seineB mangel an kritischer Schulung verrät, aoch mehr darin, dass er 
über den wert der einzelnen gar nichts bemerkt Was winde man von einem her- 
ausgeber der alten Uassiker sagen, der so wenig den anforderungen der heutigen 
kritik entspräche, dass er sie gar nicht zu kennen schiene! 

Um die übersieht möglichst zu erleichtern, müsten die bezeichnungen jeder ein- 
zelnen ausgäbe (die redaktoren and herausgeber bedienen Bich des sehr entbehrlichen, 
aus sigillum neben siege] anglücklich gebildeten rremdwort68 siglen) so deutlich 
sein, dass sie sich selbst aussprechen. Nun sind von Goethes werken unier der Lei- 
tung des dichters selbst vier gesamtausgaben erschienen, die sieh ganz einfach als 
1. U. 111. IV bezeichnen; da zu äer eisten eine Fortsetzung als „Neue Schriften" 

erschien, so ergibt sich für sie von seihst la. wie für die neu durchgesehei ktav- 

ausgabe der taschenausgabe lezter hand IVa. Als I. 1 muss die hinter dem rücken 
des dichtere gedruckte fehlerhafte ausgäbe in vier bänden bezeichnet weiden, die des- 
halb von trauriger bedeutung ist. weil sie später bei den romanen und dramen zu gründe 
gelegt wurde. Wenn diese von mir vorgeschlagenen bezeichnungen so klar sind, da 
sie sieh selbst aussprechen, so erscheinen die in der Weimarischen ausgäbe I. 368 
beliebten wie ein spott auf deutlichkeit und folgerichtigkeit. Weil die erste au 
betitelt ist „Goethe's schritten 11 , so erhält sie die bezeichnung S und ihre Fortsetzung 
..<o, othe's neue schritten" heisst N : der ausgäbe in vier bänden wird gar nicht 
gedacht, was freilich bei den gedienten ohne schaden geschehen konte, da sie bei 
diesen nicht zu gründe gelegt wurde, wie ihre kleinen abweichuogen in rechtschrei- 
bung und satzzeichnung beweisen, die nicht in II übergegangen sind (z. b. im 
gedieht „Der wanderer tt und in dem „An Lottchcn", wol, 1 umspielen statt umspü- 
len hat). Der herausgeber des „Faust" hat ihrer gedacht; alter bei den gedienten 
durfte die erwähnung nicht fehlen, dass sie ohne eiufluss geblieben. Gehen wir zu 
den weitem ausgaben über: wer kann sich denken, dass A die zweite gesamtaus- 
gabe bezeichnen solle, welche, nach der bezeichnung der ersten durch S, weil sie 
zuerst den titel „Goethe's werke" führt, als „WA" oder „W l " aufgeführt werden 
muste! Aber folgerichtigkeit erwartet man hier vergebens. Entsprechend heisst die 
dritte ausgäbe B. Die taschenausgabe lezter hand muss sieh gefallen lassen, als C l 
zu erscheinen, das heisst als erster druck der dritten ausgäbe der werke bezeichnet 
zu werden, während sie doch die weitverbreitetste vierte gesamtausgabe ist. von wel- 
cher die oktavausgabe nur ein neu durchgesehener besserer abdruck ist, der als sol- 
cher bezeichnet werden muste, nicht umgekehrt diese als vorläuferin der vornehmeren 
ausgäbe, deren bezeichnung als den Tatbestand verschleiert. Diese ungehörigkeiten 
betreffen freilich nur Kleinigkeiten; aber bei der grossen mühe, welche die ver- 
gleichung der lesarten an sich schon dem leser macht, solte gerade hier die klarste 
einfachheit herschon. 

Der herausgeber hat unterlassen, das Verhältnis dieser ausgaben zu einander 
und ihre beschaff enheit zu bezeichnen, trotz der Wichtigkeit desselben für eine grund- 
sätzliche behandlung der kritik. Bei der ersten gesamtausgabe muste ein genaues 
Verzeichnis aller einzelnen gediente gegeben werden, wodurch die lästige spätere 
anfuhrung bei den einzelnen gedienten in Wegfall kam. Hierbei durfte -nicht über- 
sehen werden, aus welchen quellen die früher gedruckten gediente gegeben seien. 
Da waren denn zunächst die ^ Neuen lieder" (1770) zu erwähnen, für welche die 
einfache bezeichnung als liederbuch durch L sich von selbst darbot. Dass alle 
ersten drucke hier durch J bezeichnet werden, dessen bedeutung man kaum erraten 
kann und erst mit mühe sich einprägen muss. halten wir für ungeschickt, da es von 



310 l'ÜNTZF.K 

c Wichtigkeit ist zu wissen, wo der erste druck erschien, was die veralgemeine- 
rung durch ein mystisches .1 verdeckt Man könte dieses ganz entbehren und die 
einsieht wesentlich fördern, wenn man für jode druckschrift, in welcher ein gedieht 
zuerst erschien, ein leicht verständliches zeichen wählte. Nach dem Liederbuch kam 
zunächst Jacobis „Iris- in betracht, für welche der anfangsbuchstabe die bezeich- 
dui ab. unser herausgeber muss vergessen haben, dass Goethe sieh des aach- 

drueks der _ Iris ~ bedient hat. wie hingst bemerkt worden; denn aus diesem hat 
the unbewust zwei Veränderungen in den gedichten „Der neue Amadis" und „Neue 
liebe neues leben" aufgenommen, was für beurteilung der späteren lesart von bedeu- 
te Andere gedieht.' nahm die erste ausgäbe aus dem Göttinger musen-alma- 
naeh (G. M.) und dem Tossischen (Y. M.), aus Wielands „Merkur" (W.M.) und andern 
Zeitschriften auf. deren Schreibung und Satzzeichnung zum teil massgebend war. Vor 
die zwei' untausgabe fallen Ia, welche meist gedichte der neunziger jähre ent- 
liält. gröstenteils in Schillers Hören (11) und Musenalmanach (Seh. M.J nach abschrit- 
ten von Goethes Schreiber, in der satz/.eielmung und rechtschreibung ohne besondere 
• 2 'druckt, und das taschenbuch auf das jähr 1SU4. Der inhalt dieser beiden 
war zu verzeichnen, auch der einlluss von W". Schlegel, Voss und Schiller auf sie 
hervorzuheben. Über II muste volständiger berieht erstattet und die art der Zusam- 
menstellung aus den bisherigen samlungen angegeben werden, auch die wenigen klei- 
nen Veränderungen und die druckfehlcr. Cotta muste gleich einen neuen abdruck 
von II machen, wofür er Goethe eine nachzahlung leistete. Dies wüste man längst. 

ät beim zweiten bände hat unser herausgeber entdeckt, dass es einen andern etwas 
abweichenden abdruck von II gebe, den er (s. 298) A 1 bezeichnet, obgleich i dabei eine 
iranz andere bedeutung hat als bei seinem C l . Er ist ohne allen einüuss geblieben. 
Wie sehr DI durch druckfehlcr entsteht sei, muste hervorgehoben, auch auf die Zusam- 
menstellung des hinzugekommenen bandes der gedichte und die Vermehrung des 
ersten, der manches an den zweiten hatte abtreten müssen, eingegangen werden. 
Bei den hier zuerst mitgeteilten oder aus den alten „Neuen liedern" aufgenommenen 

lichten darf es nicht auffallen, dass sie nicht so sorgfältig durchgesehen sind wie 
die von II; ebenso dürfte sich, eine derartige Verschiedenheit zwischen den aus dem 

ten hierher versezten und den neuen ergeben. Von alle diesem hat der heraus- 
geber keine ahnung. Schmidt hatte beim „Faust" zwei von einander abweichende 
drucke von in nachgewiesen; "ist jezt hat unser herausgeber einen solchen auch 
von den Gedichten aufgefunden; er nent ihn, trotz A 1 , mit Schmidt B 2 . Der wioh- 

■ grundsatz, dass die abweichende lesart von III nur da massgebend ist, wo sie 
als II liefert, dass die meisten eigenhoiten derselben auf druckfehlern 

uhen, ist von so grosser bedeutung, dass er vor allem hätte betont werden sol- 
len. In IV trat zu den beiden ersten ein neu durchgesehener dritter band der 

lichte, von denen ein teil schon in „Kunst und altertum" (K A) mit manchen 
druckfehlern abgedruckt worden, die auch hier nur zum geringsten teil verbessert 
sind. ^Vonn in dieser ausgäbe manches hier zum ersten mal gedruckte nicht fehler- 
los erschien, so ist dies weniger zu verwundern, als dass einzelnes, wie das berüch- 
tigte: -Es sang und starb und freut sich noch" im „Veilchen", sich erhalten hat, 

-leich auch Göttiing sich der durchsieht unterzogen hatte. Dieser solte auch für 
IV a die stehen gebliebenen oder eingeschlichenen druckfehlcr verzeichnen, wonach 
einzelnes, aber nicht alles JSerl wurde, und neue druckfehlcr wurden nicht ver- 

mieden. Auch dieses hätte der herausgeber nicht verschweigen dürfen, da es für die 
beurteilung der lesarten weitreichende bedeutung hat. 



ÜBER GOETHES WERKE (WETM. AUSGABE) 311 

Vun gröster wichtigkeü isl eine der frühesten Woimarischen zeit angehörende, 
von Goethe geschriebene samlung der gediente, welche der herausgeber I, 366 mit 
recht als quelle der meisten bisher bekanten abschriften Herders und der frau von Stein 
erkent. Da hätte man doch wol verlangen dürfen, über diese abschriften genaueres 
zu hören; alter nichts liegl dem herausgeber femer als den aufmerksame]] diener der 
freunde des diehters zu machen, ihnen alles und jedes zu bieten, was sie zu leich- 
ter und voller einsichl bedürfen. Erst zwei seiten später führt er Serders abschrift 
der „Zueignung" an, welche dichtung mehrere jähre später ist als jenes Goethische 
lieft von 23 quartblättern, von dem ein geschulter herausgeber nicht versäumt hahen 
würde, eine ausreichende beschreibung zu geben. Was man von ihm fordern durfte. 
muss man sieh erst aus seineu angaben zu den andern gedienten mühsam zusam- 
mensuchen. Da ergib.t sieh denn, dass die samlung folgende gedichte enthält: 1. Ma- 
homets gesang. 2. Wanderers sturmlied. 3. Künstlers morgenlied. 1. An schwager 
Kronos. 5. Prometheus. 0. Ganymed. 7. Menschengefühl. S. Eislebenslied. lt. Kö- 
nigliches gebet. 10. Seefahrt. 11. Der wanderer. 12. Eiu gleichnis (dilettant und 
künstler). 13. Legende. 14. Eiu Lutheriselier geistlicher spricht 15. Katochisation. 
IG. Freuden des jungen Werthers. 17. Kenner und künstler. 18. Ein gleichnis (auto- 
ren). 19. Ein reicher dem gemeiuen wesen zur nachricht. 20. Vor gerieht. 21. An 
Kenner und Liebhaber (monolog des liebhabers). 22. Der neue Amadis. 23. Hypo- 
chonder. 24. Taumel (Christel). 25. Anekdote unserer tage (kennor und enthusiast). 
26. Bundeslied. 27. Jägers nachtlied (abendlied). Von diesen gedachten waren zur 
zeit zwölf noch ungedruckt. Die Varianten der von Herder, frau von Stein und frl. 
von Göchhausen von diesen gedickten gemachten abschriften haben für uns eigentlich 
keinen wert mehr, da sie auf Schreibfehlern beruhen müssen; doch wäre es pflicht des 
herausgehers gewesen, auch über sie das tatsächliche zu berichten und nicht nur gele- 
gentlich den leser aufstellen zu verweisen, wo audere darüber gehandelt haben. Man 
verlaugt hier das nötige kurz und bündig zu finden. Die schon gedruckten Lieder 
linden sich hier zum teil in veränderter fassung. "Wenn die abschriften der frau 
vun Stein sich fast ganz auf die samlung der 27 stücke beschränken und nicht über 
das jähr 1778 hinausreichen, so gehören Herders abschriften verschiedenen Zeiten an, 
vom September 1781 bis 1788, wie ich in den „Akademischen blättern" I, 102 fgg. 
gezeigt habe. Bedeutend sind sie für diejenigen gedichte, von denen des diehters 
eigene handschrift nicht vorliegt, da Herders abschriften meist ganz fehlerlos sind. 
Auch über die abschriften des fräulein von Göchhausen hätte der herausgeber bericht 
erstatten müssen. Die meisten scheinen nach der Herderschcn gemacht, audere nach 
gelegentlicher mitteiluug von anderer Seite; mehrere, wie das Epiphaniaslied, erhielt 
sie wol durch die herzogin-mutter. Es waren aber nicht bloss einzelne abschriften, 
sondern mehrere gedichte gehören einer samlung an. 

Auf so viele wertvolle eigene abschriften Goethes (wir gedenken nur der älte- 
sten, des Friderike Oeser gewidmeten liederheftes und der handschrift der römischen 
elegien) können wir hier nicht eingehen; einige zeigen in kleinigkeiten flüchtige nach- 
lässigkeit, auch bei der ausstossuug der metrisch überzähligen silben. Von umfang- 
reicheren samlungen gedenken wir nur der glücklich jezt im (ioethearchiv geretteten 
handschriften der ersten und zweiten ausgäbe der gedichte, die freilich nur insofern 
von bedeutung für die richtige lesart sind, als sie offenbare druckfehler nachweisen, 
da bei der durchsieht des druckes einzelnes vom dichter geändert sein kann. Dass 
die druckhandschrift von I unter zwei verschiedenen bezeichnungen (H 3 und H 4 ) 
angeführt wird, ist wider ungeschickt; sie solten III bezeichnet sein zur andeutung, 



312 DÜMTZBB 

ss sie sich mit 1 decken, weshalb sie nur da berücksichtigung verdienen, wo der 
druck von ihnen abweicht Dasselbe gili von der handschrift zu II. die entsprechend 
H II heissen solte. 

Wie wenig unser»' ausgäbe der pflicht genügt, überall die billig geforderte aus- 
kunfr zu geben, zeig! I, 364 fgg. die rnitteilung des von Barbara Schulthess „vot 
s dichters italiänischer reise angelegten Verzeichnisses" der Lyrischen gedichte. Jeder 
_ schulte herausgeber würde hier über die handschrift nähere auskunft gegeben, die 
zeit derselben näher bestimt und die art der anläge verfolgt haben, woraus sieh erst 
die bedeutung des Verzeichnisses ergibt; der unsere gibt nichts als einen abdruck, 

h hat er die einzelnen stucke nummeriert. Keines der gedichte fält nach dem 

imer 17 s 2. was auf die zeit des abschlusses hinweist. Dass drei derselben dem 
dichter J. X. Götz angehören, mit dessen ohiffre »!. sie in Schmidts „Almanach der 
deutschen musen auf das jähr 1777 u stehen, ist schon in Seufferts „Vierteljahrs- 

rift" bemerkt, aus welcher der zweite band andere berichtigungen bietet, aber 

nicht diese, obgleich sie von grosser bedeutung ist. So viel ich weiss, ist noch nicht 

merkt wurden, dass auch das zweite gedieht, „Adler und wurm", nicht von Goethe, 

dem von Herder ist. ohne dessen namen es im „Wandsbecker boten u (vom 
28. december 1774) steht, woraus die Schulthess keine der dort mitgeteilten kleinig- 
keiten, die wirklieh von Goethe' stammen, aufgenommen hat. Auch dürfte das aller- 
lezti _ licht (64) ^Palast des frühlings" kaum verschieden sein von der freien über- 
g »raschen liedes: Esperando esten las rosas. die Herder unter 
dieser Überschrift im zweiten 1770 erschienenen bände der „Volkslieder" gab. Ver- 
folgen wir das Verzeichnis genauer, so stammen 1. 4 — 6 aus dem „anhang* zu"\Vag- 
ners Übersetzung Merciers (1776), 7 und 9 aus dem „Almanach der deutsehen musen 
auf das jähr 1770". 10 — 12 aus der Wochenschrift „Die muse u (juni und juli 1776, 
wo auch «las von der Schulthess nicht aufgenommene „Amors grab" stellt). 2."5. 24. 
31 aus dem _ Almanach der deutschen musen auf das jähr 1777", 25. 26. 44. 50 — 
52 ms YVielands -Merkur- 1776 Januar bis april, wo sie in anderer folge stehen, 
36—40. 42. 43 ausJacobis „Iris" in bunter reihe (.11 1. 3. IV. 2. II, 1.3. 
VIJ. ii. 45 — 40 aus dem „Göttinger Musen -almanach A. MDCCLXXIV", 54. 55. 57 
und 62 aus dem handschriftlichen „Journal von Tiefart. a Wir sehen, dass die folge 

' aus den Zeitschriften entnommenen lieder zuweilen durchbrochen ist. Von den 
nicht au< buchern geschöpften gedächten kante die Schulthess manche unzweifelhaft 
durch Lavater. Hierher gehört eine anzahl von gedienten aus der ersten hälfte des 
Verzeichnisses, die bia 1770 reichen: 3. „Am staubbach", 15. „Am 11. September 76*, 
d an fang abweicht von der fassung im „Deutschen museum tt (September 1777), 
18. -Auf der Lahne im vorbeyfahren" (das Ued hatte Goethe in Lavaters tagebuch 

schrieben), 19. -Dem schicksaal", 20. „An Schwager Kronos tt , 29. die der zweiten 
au-_ - „Werther" v sten verse „Jeder Jüngling sehnt sich so zu liebet 

. „Grabschrift 74" (von der wir nicht mit dem herausgeber II. 359 bezweifeln 
mc • . dass sie dieselbe ist, mit der unter Epigrammatisch mitgeteilten, wofür 
die Jahreszahl spricht, da die uns bekante „grabschrift" von 1778 ist), endlieh 34. 

haale der erinnerung einem milden fürstenpaar geweiht 1771.- Das lezte gedieht, 
das nach der jahrszahl wol dem Emser aufenthalt angehört, glaubt der herausgeber 
neuerding -the -Jahrbuch IX. 29i wunderlich _in Königlich gebet oder in 

lienscheng,efühl, oder in beiden gedienten widerzufinden" und bei dem fürstenpaar 
an Karl August und dessen bruder denken zu dürfen. Wie in den angeführten 
g dichten irgend eine beziehung auf ein «mildes fürstenpaar" sich finde und dabei 



ÜBER GOETHES WERKE (WKIM. AUSGABE) 313 

von einer „schale der erinnemng" die rede sei, bleibt mir ein rätsei. Am-h kann 
nur an ein regierendes fürstenpaar gedacht werden, während selbst Kar] August im 
jähre 1771 noch nicht zur regierung gelangt war. Nichts liegt Daher als bei der 
„schale der erinnerung" an einen trinksprach auf den Landesherrn von E3ms, den 
rarsten von Nassau, und dessen gattin zu denken; wir wissen, dass Goethe diese 
und ihre matter persönlich kaute. So erklärte sieh auch, wie die Schalthess durch 
Lavater den spruch erhalten habe. Bei andern gedrehten ist schwer zu entscheiden, 
uh Goethe sie der Schulthess, mit der er vertraute briefe wechselte, anmittelbar mit- 
geteilt oder ob diese sie durch Lavater kennen gelernt hatte. Das Lied an den mond 
(8) sante er wo! mit Seckendorffs melodie der freundin, ebenso „Epiphanias", hier 
(27) „Lied zu einem dreykönigsaufzug* ; weiter das „Lied vom Schneider" (28), worun- 
ter der herausgeber jezt mit grosser Wahrscheinlichkeit „Schneider -courago" versteht, 
(13) „Verantwortung eines schwangern mädchens" („Vorgericht"), ilh „So wälz' ich 
denn "im unteiiass" („Genialisch treiben"), (17) „Ich wort', ich war' ein fisch", auch 
wol das singspiel „Die fischerin", worin sieh die bailaden „Der fischer" und „Erl- 
könig" (11 und 53) fanden. Zweifelhaft bleibt es, ob er anmittelbar an die freundin 
oder an Lavater gesaut hatte 2 1 „Wandrers aachtlied" (aus dem februar L776), 
24 „Auf eine alte Jungfer" (..Mamsell N. N."), 58 „Wenn der uralte ewige vater" 
(ohne andeutung, dass dies zwei verse sind, wird so die ode „Grenzen der aiensch- 
heit" bezeiehnet) und die drei mit dem ersten verse bezeichneten epigramme des 
frühjahrs 1782 „Einsamkeit", „Ländliches glück" und „Erwählter fels", von denen 
das erste im juli 1783 auch in der kaum in Zürich bekant gewordenen Berliner 
.. Litteratur- und theaterzeitung " erschien. Da die sicher durch Lavater erhaltenen 
gediente mit 34 schliessen, so dürfte die Schulthess die leztgenanten von 58 an 
unmittelbar von Goethe erhalten haben. Nur zwei stücke vermag ich nicht näher 
zu bestimmen. Vielleicht sind andere glücklicher. Nr. 35 lautet: „Aus dem Grie- 
chischen des Orpheus und im Schoose der urweit — . u Die Übersetzung begann hier 
mitten im verse, wie auch hei dem im briefe an frau von Stein vom 7. September 
1780 mitgeteilten „Griechischen." Line entsprechende stelle finde ich weder in den 
sogenanten Orphischen versen noch in der später untergeschobenen darstellung des 
Argonautenzuges. Wie es mit 56: -Die fahr der liebe" sich verhält, weiss ich nicht. 
Der herausgeber hat nichts getan, um das wirklich neue des Verzeichnisses ins licht 
zu stellen; erst im Goethe -Jahrbuch IX. 290 fg. heb er nachträglich hervor, dass sich 
daraus zuerst die entstehung vor L786 (wie wir sahen, spätestens L782) von „Genia- 
lisch treiben" und „Liebhaber in allen gestalten" sicher, von „Schneidercourage" wahr- 
scheinlich ergebe. Dort finden wir aber auch noch eine wunderliche Vermutung. 

Unter nr. 40 ist angeführt: „den XXX abend. Mir schlug das herz - Hierüber 

liess sieh unser herausgeber a. a. o. also vernehmen: „Wie ist das aufzulösen? Nicht 
etwa: den drei königs abend 1771? Das wäre dann eine für die geschiente 
Sesenheimer Verhältnisses wichtige Zeitangabe." Es ist wirklich lustig dass ein X 
einen heiligen könig, folglich drei die drei weisen könige des morgenlandes, bezeich- 
nen sollen, obgleich zwischen zeichen und wort gar keine beziehung zu entdecken 
ist, wir auch unter nr. 27 ausgeschrieben lesen „zu einem drey königsaufzug." Ganz 
einfach ergibt sich die lesung „den Christabend", wobei freilich die Verdreifachung 
des X etwas eigentümlich bleibt. Ich erinnere mich, dass man. um Christ nacht 
zu bezeichnen, ein von einem viereck eingefasstes X dem nacht vorangehen lässt. 
X, das älteste monogramm des hochheiligen namens, wäre hier verdreifacht, wie man 
sich sonst wol dreier aufrecht stehenden kreuze bedient für „heilig, heilig, heilig". 



314 DÜNTZEB 

Und, Fragen wir, konte denn die Schulthess irgend eine künde haben, wann das 

langst bekante, später „Wilkommen und abschied" iiberschriebene lied gedichtet sei? 

hat dieses mit sechs andern, unmittelbar aufeinander Folgenden, nur durch die 

tere bailade „Der Fischer" unterbrochenen gedichten der „Iris" entnommen, 
wo es ohne Überschrift erschien. 1»;hs Goethe Lavater oder der Schulthess meh- 
rere jähr-' später den jahresl , an welchem er «las gedieht geschrieben, nicht das 
jähr und die persönliche beziehung, wenn anders eine solche statfand, angegeben 
hal . s< an sieh unwahrscheinlich, wird vollends dadurch widerlegt, dass die verse 
keine andeutung dieses in der ganzen Christenheit gefeierten heiligen abends darbie- 
ten, vielmehr nur den abend des widersehens der geliebten und den morgen des 
abschieds bezeichnen. Hiernach dürfte, wenn nicht eine seltsame Verwechslung zu 

inde liegt, das Ued „den XXX abend" von dem Goetheschen „3Iir sehlug das herz" 

- ieden, ein wirkliches lied auf den Christabend, das die Schulthess Goethe zu- 
. g sen und nur zufällig in dem Verzeichnis mit ihm verbunden worden sein. 
Den vierten band von Himburgs nachdruck von 1770, der srchszelin der hier ange- 
führten gediente nebst einigen anderen enthielt, hatte sie bei ihrer samlung nicht 
benuzt Üb] - gehörte die mitteilung dieses Verzeichnisses streng genommen nicht 
in den kreis des hier erwarteten, ebenso wenig wie die briefstellen au Goethes gat- 
tin und söhn, wie erwünscht auch die darin gegebene aufklärung über die entstehung 
von ein paar gedichten ist; denn die darauf bezüglichen angaben sind eben grund- 

tzlich au -. —blossen. Eine der ersten pflichten der Verwaltung des Goethe- 

hivs wäre es gewesen, die familienbriefe nicht länger der weit vorzuenthalten und 

wa zuwarten, bis diese endlich einmal in der langsam vorschreitenden, zerstückelnden 

samlung aller erhaltenen briefe Goethes erscheinen. Wie bedeutend die briefe an die 

vielgeschmähte Christiane sind, sehen wir aus den wenigen auszügen in den lesarten 

- .. Divan. 8 Goethe teilte, wie wir daraus ersehen, seiner gattin auf eine uns 
überraschende weise seine glücklichen fortschritte in den Divansliedern während sei- 
ner beiden Rheinreisen mit. Wären die familienbriefe gedruckt, so brauchten wir 
diese freilich wertvollen Schnitzel nicht als eine freigebig gespendete gäbe aus den 

-arten auszulesen, in die sie gar nicht gehören. 

Die folge der ge dichte wird aus der ausgäbe lezter hand beibehalten, wie 
dies Scherer „Goethe -Jahrbuch" V. 284 fgg. dringend verlangt hatte. Dabei ist ganz 
übersehen, dass iussere gründe waren, die Goethe bestirnten, die samlung 

.••diehte. die in der dritten ausgäbe um einen zweiten band vermehrt worden 
war. noch mit zwei neuen zu bereichern, denen sich der vermehrte „Divan" als 
fünfter anschliessen solte. Der erste dieser neuen bände enthielt ausser nachtragen 
zu den bish< abteilungen drei neue. -Loge", „Gott und weit" und „Aus frem- 

den sprachen." Wenn er demselben bände die schon gedruckten der ersten samlung 
der „Xenien" hinzufügte, was grundsätzlich schon dadurch ausgeschlossen schien, 
dass mit den Übersetzungen die gedächte eigentlich abgeschlossen waren, so bestirnte 
ihn dazu nur die rücksicht auf die sonst zu geringe bogenzahl des bandes; über die 
sei- Verteilung der beiden hälften der „Xenien" auf zwei bände beruhigte ihn 

die erwägung, dass die zweite noch ungedruckt sei und beide als beigaben betrachtet 
jrden könten. Ja wie wenig er um eine genaue Scheidung bemüht war, zeigt sich 
dann, dass er, einmal auf dem abschüssigen wege, in die vierte samlung der gediente 
auch „dramatisches" aufzunehmen sich entschloss, und zwar nicht allein die fest- 
b li .- zum 18. december 1818, den Berliner prolog von 1821, theatralische klei- 
mgkeiten von 1S14 bis 1810 und eine zwischenscene zu „Faust", sondern auch die 



ÜBKB GOETHES WXBKE (WETM. AUSGABE) 315 

brachstücke Beiner alten „Nansikaa"; ja er wolte Bich den Bpass machen, iu diesei 
abteüung, welche die buchhändlerische ankündigung nur als „Dramatisches" bezeich- 
net hatte, die weit durch ein neues grosses „Zwischenspiel zu Faust-, durch „Helena 
klassisch -romantische phantasmagorie ", zu überraschen. Es galt ihm, in der ersten, 
aus fünf bänden bestehenden lieferung, die mir dem vermehrten „Divan" die Lyrischen 
Bpenden schliessen solte, möglichst viel neues zu bringen. Es ist komisch, wie Sche- 
rer mit seiner seltenen gewantheit, selbstgemachte Schwierigkeiten kühn zu über- 
brücken, dieses durcheinander von Lyrischem and dramatischem sich zurechl !■ 
Wenn dramatisches nachkomme, so könne mau vergleichen, wie in der zweiten 
samlung der ersten aufläge „die kunstgedichte persönlich werden*, wofür „Hans 
Sachs" und „Mieding" angeführt werden („Mieding" ein persönlich gewordenes kunst- 
gedieht!) und dann „in künsüerdramen übergehen." Scheror übersah dabei, d. 
„Hans Sachs" und „Mieding" ursprünglich, was Goethe bekanÜicb entschieden aus- 
gesprochen hat, die ganze samlung der Schriften abschliessen und. wenn er vor 
der zeit stürbe, „statt personalien und parentation" gelten solten; erst später ent- 
schloss sich der dichter, die beiden künsüerdramen und die „Geheimnisse" nicht als teile 
der „Vermischten gediente", sondern als selbständige dichtungen der samlung seiner 
Schriften hinzuzufügen, wobei die dichtart unberücksichtigt blieb. Dramatische scenen 
unter die Lyrischen gediente zu mischen war Goethe nicht eingefallen, und wenn 
er der ausgäbe lezter hand „dramatisches" in einen Lyrischen band schob, so schlug 
er damit eben in seiner weise der weit ein Schnippchen. Nichts weniger fiel ihm 
ein als mit dieser augenblicklichen lustigen auskunft die nachkommen zu binden und 
sie zu hindern, die gedichte „Epigrammatisch" und „Parabolisch" und die „Xenien" 
aus der unberechtigten Verteilung auf zwei verschiedene bände zu befreien, die wun- 
derliche neue abteüung „Lyrisches", die gar verschiedenes enthält, aufzulösen, sie, 
wie er selbst sich in der ankündigung seiner lezten ausgäbe ausdrückt, „in die gehö- 
rigen Verhältnisse zu stellen", und dieselbe woltat seinen spätem oder noch unge- 
druckten ebenbürtigen gedienten zu erzeigen. Was man dawider angeführt hat, ist 
ganz unerheblich. Dass die abteilungen durch ihre stärke „erdrückend" würden, ist 
nicht zu fürchten. Wenn nach Goethes eigener anordnung die erste abteüung aus 
80 liedera besteht, so würden unter Epigrammatisch bei Verschmelzung der 
gedichte des zweiten und dritten bandes diese zahl nur um wenige überstiegen, in 
den andern abteilungen nicht einmal erreicht werden. Dass die Ballade, welche 
die abteüung Lyrisches unter diesem einfachen namen begint, bei der einordnung 
einen andern titel bekommen hat. hält Scherer für eine Versündigung am dichter. Ent- 
rüstet fragt er, wer so etwas wagen dürfe. Aber Goethe war in diesei- beziehung 
nicht so ehrsüchtig; er hatte manche Überschriften von Riemer angenommen, der in 
solchen dingen sehr gewant war; und solte die von Riemer dieser ballade gegebene 
wirklich so unglücklich für- eine ballade sein, wie Scherers spott es uns weis machen 
will, so hat Goethe selbst sie gelegentlich „Der Sänger und die kindi uant. so 

dass man bei wähl desselben sem gewissen volkommen beruhigen könte. Ar- pedan- 
tisch wäre es, die beiden hälften der „Xenien" in zwei verschiedenen bänden zu 
belassen. Scherer sah nur eine Schwierigkeit, über die et- sich Leicht hinwegsezte, 
che volständige mitteilung der „Helena": „man wird sie vermutlich weglassen, aber 
ihren ehemaligen [sehr zufälligen!] platz ersichtlich machen." Damit ist der grundsatz 
durchbrochen, und die gar nicht in einen lyrischen band gehörenden kleinen drama- 
tischen stücke machen, weim man diese wegnähme, eine gar traurige figur. „Die 
pflicht der treue tt , die Scherer einschärft, darf nicht zum unrecht gegen den dicht 



316 DÜNTZBR 

werden; es gilt, zwischen dem wesentlichen zwecke und dem äussern auskunftsmittel 
zu unterscheiden, das wir, nachdem ihre Veranlassung weggefallen, unbedenklich auf- 

en dürfen. Da Scherer die widerholung einzelner gedichte beibehalten wolte, so 
hätte er sich auch die doppelte „Helena" gefallen lassen sollen. Von jenen wider- 
holungen kann man freilich die des gedichtes an die Szymanowska als nr. 38 der 
„Inschriften, denk- und sendeblätter" nicht entfernen, da ihre aufnähme unier den 
persönlichen ansprachen eine galanterie gegen die schöne virtuosin war und bewust 

schab, obgleich bei der einordnung offenbar der irtum zu gnmde liegt, diese sei 
nicht in Marienbad, sondern später in Weimar gedichtet Anders verhalt es sieh 
mit dem zum Inhaltsverzeichnisse jenes bandes bei Gelegenheit der „aufklärenden 

aerkungen" gemachten versuche, „mehrere widerholungen einzelner gedichte wo 
nicht zu rechtfertigen, doch zu entschuldigen*. Sie stünden, heisst es hier, das 

>te mal im algemeinen unter ihres gleichen, denen sie nur überhaupt durch einen 

wissen anklang verwant seien, das zweitemal in reih und glied, da man sie denn 

-• ihrem gehalt und bezng nach erkennen und beurteilen werde; ja er glaube wei- 

sinnenden und mit seinen arbeiten sich ernstlicher beschäftigenden freunden durch 
diese anordnung etwas gefalliges erwiesen zu haben. Es war dies eine entschuldigung 
der not, mit weh her er dem Vorwurf der nachlässigkeit zuvorzukommen suchte, 
dem er bei der drohenden mäkelei an der neuen ausgäbe, so gut es gieng, die spitze 
abbrechen wolte. Er hatte alter eben in der ausgäbe lezter band zwei gedichte, die 
in der vorherg s eigenen aus versehen zweimal standen, einmal -"strichen, so dass 
die entschuldigung sich eigentlich nur auf das lied „Die glücklichen gatten tt beziehen 
konte, das im dritten bände noch einmal unter der veränderten Überschrift „Fürs 
leben" erschien. Dieses reine versehen gründete sich auf ^Kirnst und altertum" II, S 
(1820), wo dicht mit andern in einer „Poesie, ethik, litteratur" überschriebe- 

nen abteilung sich findet. Im folgenden hefte (1821) hiess es. man werde es wo! 
verzeihen, dass dieses schon anderwärts abgedruckte gedieht hier abermals ein- 

ückt sei, indem es in den kreis der vorgelegten kleinen bürgerlichen romanc not- 
._ gehöre, eine notwendigkeit, von der man sich ebensowenig als von der rich- 
• gkeit der bezeichnung jener gedichte als eines kleinen bürgerlichen romans über- 
zeugen wird: auch sei es dem komponisten zu liebe eigentlich eingefügt, welcher 
vielleicht aus dem ganzen eine musikalische gesamtdichtung zu bilden geneigt wäre. 
Dieser entschuldigung und der ungehörigen widerholung des gedichtes scheint Goethe 

h nicht mehr bewust gewesen zu sein, als er in die neue abteilung Lyrisches 
elf -.-dichte hintereinander aus -Kunst und altertum" fast mit allen druckfehlern auf- 

nm, ohne die früher in den „Glücklichen gatten" vorgenommenen Veränderungen 
als solche zu erkennen; erst später muss er darauf gekommen sein, dass die 

• -hon im zweiten bände stehe. Kino andere widerholung fand im vierten 

nde erst bei. den „Xenien" statt; denn die verse „Spricht man mit jedermann" 

- ." • hen schon im dritten als „Vielrath", wo nur v. 6 und 8 abweichen. Man 

wird kaum zu behaupten wagen, dass der ausfall an einer von beiden stellen eine 

lücke mache, und trotz der neuen Überschrift sie lieber unter „Epigrammatisch 8 

hen. Beabsichtigt war die widerholung nicht, und man tut dem dichter eben 

keinen dienst, wenn man seine versehen verewigt. 

Wenden wir uns zum abdruck der gedichte, so machen die zum teil beibehal- 

veraltei ntschreibung, die. wenn auch teilweis verbesserte, doch keineswegs 

nrchgeführl tzzeichnung, die bunte anwendung und weglassung von anfüh- 

rungszeichen und die unterlassene ausstossung der den vers störenden i und e kei- 



ÜBER GOETHES WKKKK (WEIM. AUSGABE) .'517 

neu angenehmen eindruck. Das festhalten an der anmetrischen Überlieferung der 
ausgäbe lezter hand geht bo weit, dass in dem herlichen gedieht „Ilmenau", das kei- 
nen anapäsl statt des Jambus zulässt, 51 fg. verdächtigen und flüchtigen statl 
der längst von mir geforderten formen ohne i die vollen, den vers störenden beibehal- 
tenwerden, obgleich diejezt aufgefundene, vom herausgeber selbst verglichene arhand- 
schrift das i in beiden fällen ausstöst. <'ui bono? muss man da erstaunt fragen. 
II. 45 lesen wir noch das verswidrige heiligem statl he.il'gem, 225 in einem rein 
jambischen gediente künftige statt künft'ge, ebenso 270 Eeiligen statt Heil' gen. 
Der herausgeber hat gar nicht bedacht, dass Goethe bei den zuerst im zweiten bände 
aufgenommenen gedichten kernest i sorgfältig wie bei denen des ersten verfuhr, 

und so hat er diese nicht beabsichtigte Ungleichheit mit leidiger treue auf die 
aeue musterausgabe verpflanzt. So finden wir denn im zweiten bände, von welchem 
man doch schon sichere gewöhnung an die angenommenen grundsätze erwarten solte, 
kurz hintereinander (227. 236) nach dem richtigen Bessers Bess'res, aeben dun- 
kelm (60) dunklen (237) 5 euern, euerm (31. 80. 17.'!. 176) zum teil sogar gegen 
die handschrift und den ersten druck statt der „normierten" formen einen, eurem; 
einmal auch unsrem (149), wobei es nicht zur entschuldigung dienen kann. da8S 
es in einem aus Leipzig stammenden gediente steht, da gerade in diesem andere ältere 
formen verbessert sind, ja hier bot sehen der erste druck das richtige unserm. 
Auch lesen wir heitrem (24) nach heitem. munterm; verzweiflen (236), 
Äuglen (271), obgleich bei diesen Infinitiven die form auf ein angenommen ist. 
So steht es mit der im vorbericht versprochenen beachtung der Statistik. Apostro- 
phe sind mehrfach richtig zugesezt, aber keineswegs überall, wo sie oötig sind. So 
fehlen sie II, 1S8 hei stochert und registrirt, 212 bei begünstig! Wie wenig 
sich der herausgeber um das metrum kümmert, ist bekant; und doch müssen gedachte, 
selbst knittelverse metrisch gelesen werden. Wennll, 192 auch unsere ausgäbe ihn'n 
behält, im intermezzo des ..Faust", wir meinen mit unrecht, soll'n, glaub'n gedruckt 
wurde, so glauben wir, dass auch im lustigen liede „Epiphanias" I, 149 die beim 
lesen ausgestossenen e als solche durch den apostroph zu bezeichnen waren. Wie das 
lied nach Zelters komposition gesungen wird, kümmert den loser gar nicht; er muss 
es metrisch lesen können, wie der dichter es gewolt. Was aber seil der leser 
mit versen machen wie: „Sie essen, trinken und bezahlen nicht gern", „Ich erster 
bin der weiss' und auch der schön'", „Der ochs und esel liegen auf der streu", „8o 
trinken wir drei SO gut als ihrer sechs", »Und ziehen unseres weges weiter fort"? 
Wie seil er sich mit diesen, wenn er sie vierfussig lesen seil, zurecht linden? 
Muss ihm nicht die ausgäbe die ausstossung der verswidrigen e hier ebensogut wie 
sonst an die hand geben? Wie lange ist es her, dass Herder darüber klagte, das 
wir im deutschen keine elisionen haben oder uns machen wollen! Goethe seh] 
sie bekantlich im Volkstöne nicht aus. Hatte er ja sogar in „"Wandrer" du in d'. 
der in 'r elidiert. Huste nicht der herausgeber in einer den echten Goethe bieten- 
den monumentalausgabc durch apostrophe andeuten, dass hier in der Vorsilbe be, in 
der mitlern von überall, in der lezteu von ihrer und in der das e auszustossen 
ist'? Im lezteu verse ist ziehn unsers handschriftlich überliefert, trotzdem gibt die 
Weimarische ausgäbe den vers in der unlesbaren gestalt: „Und ziehen unseres 
weiter fort", die nur als fünffüssler notdürftig zu lesen ist Im „Schweizerliede" hat 
sie I, 153 die metrisch unzulässigen, auch mundartlich ungehörigen formen gesässe, 
gestände unbedenklich beibehalten, obgleich im entsprechenden verse der trochäus 
gange steht und in den auf gesunge, gesprunge und ähnlich auslautenden nicht 



318 DÜNTZER 

zwei silben (bin i). sondern nur .'in-' (hänt) vorangeht Auch die metrisch und 
mundartlich falschen verse lfm bergli, Uf d' wieso sind beibehalten; es muss 
uf ein. uf de heissen. Durch zähe fortpflanzung solcher blossen verseilen erzeigt 
man dem dichter einen schlechten dienst 1. 30, 2 muss es aufm statt auf dem 
heissen. wenn man den vors Lesen soll. Aber der Weimarische lierausgeber hat nicht 
allein unmetrisches stehen Lassen, sondern auch einmal (II, 157) solches herein- 
bracht, indem er llemolink wilkürlich statt Hemmung sozt, wie Goethe den 
namen sehrieb, der richtiger Hemling oder Memling lautet. AVenn der heraus- 

die holländische form Hemelink war. so berechtigte ihn dies durch- 
aus nicht. form dem verse zum trotz einzuschmuggeln. In den l'4 versen des 
betreffenden gedientes beiludet sich kein einziger anapäst, den hier nur des heraus- 
gebers laune verschuldet 

Ä.ber auch druckfehler sind unbesehen herübergenommen. Wir bemerken im 
-Ten band' Vi s unsinnige An's statt Aus. was sogar unter den lesarten über- 
eil. j( • auf mahnung berichtigt wurde; 138, 43. wo Goethe das den vers 
störende ein gestrichen hatte; L56, 3 fg. hörte statt höre (aus versehen hatte Goethe 
hörte in hör' verändert); 17.!. 46 (wo man freilich nach den lesarten glauben 
soll dort das richtige Sorge gedruckt); 181, 9 das Goethes Sprachgebrauch 
widersprechende Kreis' statt Kreis; -84, 78 dem statt den; 33S, 64 an statt als, 
jezt II. 366 auf mahnung als übersehen anerkant Im zweiten bände steht es kaum 
3. 3. 6 ist der sinnentstellende dructfehler folgten statt folgen trotz der hand- 
schriften beibehalten. 26, 82 lesen wir noch immer das ganz beziehungslose Morgen - 
haine statt des ursprünglichen, die beziehung auf die hebe andeutenden Myrtenhaine, 
84, 4 1 steht im ersten druck Dem (statt des in II eingeführten druckfehlers Den), 
<iut''ii lohnen, das einzig richtig, da lohnen mit dem aecusativ einen hier unpassen- 
den sinn gibt S. 102 war ursprünglich 48 schleich' gedruckt statt schlich. Goethe 
erkan* js zum präsens Leg' (46) Bchlich nicht stimme. Man kann zweifeln, ob 
schlich in I vom dichter wider eingeführt worden oder dem drucker gehöre; im ersten 
falle hätte er nur vergessen, auch leg' in legt' zu verändern. Jedenfals ist das von 
der neuen ausgäbe beibehaltene leg' neben schlich unerträglich, wenn man sich nicht 
zum glauben bequemt, dem dichter sei es gestattet, vom präsens zum imperfekt 
überzuspringen und gleich darauf den umgekehrten Sprung bei aufeinanderfolgenden 
handlungen zu tun. Dazu kann ich mich eben nicht bekennen. Wenn z. b. im 
gedieht .Adler und taube 1 - (II, 74 fg.) zwischen dem bericht von der Verwundung des 
adlers und dem drei tage langen überstehen des Schmerzes das herabstürzen als 
s . v artig geschildert und gleich darauf neben dem vergangenen tagleiden die quäl 
der nacht und die heilung in der gegenwart erscheinen soll, so ist dies mir zu toll, 
und ich denke die anschauung des dichters zu treffen, wenn ieh stürzt, zuckt und 
heilt durch den apostroph als imperfekt bezeichne, wie man schon im ersten drucke 
s r wol verstehe ich, dass bei beschreibung des traurigen zustandes des 
nach der genesung zum fliegen unfähigen adlers das präsens und erst bei der ant- 
wort wider das imperfekt eintritt, dagegen der seelenzustand, in welchen die 
darauf versank, als ein dauernder durch das präsens bezeichnet wird. Hiernach 
du: • -in. nach dem vorlezten vers punkt zu setzen, zur bezeich- 
nung, dass der adler die wort": „0 Weisheit! Du redst, wie eine taube!" erst nach 
einer pause spricht, was gerade den schluss besonders hervortreten lässt Hat man 
h einmal entschieden, wie es im sinn> thes lag, durch den apostroph das 
imperfekt vom gleichlautenden präsens zu unterscheiden, so muss man dies auch 



ÖBEH GOETHES WERKE (WKIM. LUSGABE) 319 

durchführen, da der Leser hiernach jede nicht so bezeichnete betreffende form als 
präsens fassen wird. Ähnlich verhall es sich IL 266 fg. [ch weiss, dass i-in bedeu- 
tender mann sich einmal gegen die apostrophe erkläri hat; aber 'las bedürfnis der 
leser, das Goethe durch seine wenn anch nicht streng durchgeführte apostrophierung 
anerkant hat, fordert gleichmässige befolgung. 

Gehen wir weiter, so isl 11. L85, 12 Nur sinstörender druckfehler fürNun,wie 
die erste ausgäbe hatte; ursprünglich stand Jetzt Nun bildet den gegensatz zu 
der lVüliern zeit, wo ihm noch nicht der wahre kunstsinn aufgegangen war. hie 
Weimarische ausgäbe hielt es für unnötig, das richtige auch nur unter den Lesarten 
anzuführen. Das gedichl „Künstlers fug und recht" (192 fgg.) erschien erst in der 
an druckfehlern reichen dritten ausgäbe; den dortigen druckfehler leicht (13) statt 
licht hat die Weimarische ausgäbe beibehalten, obgleich der sinn licht verlangt, 
da es hier auf die Leichtigkeit gar nicht ankörnt, wie zum überfluss v. 14 zeigt 
230, 155 verrät sich „Will einer in die (statt der) wüste pred'gon" offenbar als druck- 
fehler, da die einzig mögliche auslegung „in die wüste gehn zu predigen" doch gar 
zu gezwungen ist; dazu komt, dass es auch sonst in diesen sprächen nicht an ver- 
sehen fehlt, wie gerade drei verse später nach sinn und metrum am anfange ein 
Dem ausgefallen sein muss. Die neue ausgäbe verbessert beides ebensowenig wie 
v. 132 eine (statt ein), v. 529 'las verswidrige Geselle (statt Gesell), wogegen 
die druckfehler v. 16 und 483 wirklich beseitigt sind. 

Auch sonst ist manches verbessert, was längst von andern hergestelt war. 
Eigentümlich ist dem Weimarischen herausgeber in „Epiphanias" (I, 149) die uube- 
denklich aufgenommene Vermutung „"Werd' ich sein tag kein mädchen mir erfrein", 
die er Goethe -Jahrbuch IX, 294 besonders hervorhebt. In einer abschritt der Göch- 
hausen (Goethe -Jahrbuch „von fraueuzimmerhand u ), deren benutzung zur dritten aus- 
gäbe sich daraus ergeben soll, dass sie mit bleistift durchstrichen ist, steht erfreyn, 
was auf der leichten Verwechslung von ü und y beruhen kann. Um es zu halten, 
wird angenommen, statt mehr habe ursprünglich mir gestanden, das, nachdem 
man erfreyn als erfreun verlesen habe, -demnächst in mehr umgebildet" wor- 
den. Die vergebliche Verbesserung bricht die schalkhafte spitze ab, die nicht im 
erfreieu, sondern im erfreuen der mädchen liegt. Und die „Umbildung" kann unmö 
lieh folge der Verwechslung von erfreyn mit erfreun gewesen sein, da die hand- 
schrift ja mehr erfreyn hat, wenn ich die ungenaue angäbe richtig verstehe; denn 
als abweichung der handschrift wird nicht mir erfreyn, sondern bloss erfreyn 
angeführt. Das auch im verse überzählige mehr muss ein aus misverständnis herein- 
gekommener zusatz sein. Eichtig scheint der herausgeber 11, »i.'5 das handschriftliche 
Unbills hergestelt zu haben, was schon von andern vermutet war. Unbilds ist jedeu- 
fals eiue erst beim drucke gemachte änderung, mag diese nun dem setzer angehören, 
der an einen reim auf Wilds dachte, obgleich das gedieht reimlos ist. oder Goethe 
selbst augenblicklich verleitet worden sein, das Unbild nach die In bilde anzu- 
nehmen. Die änderung II, 110: „Weise, zarte, dichterfreundin u ist am ende des 
bandes zurückgenommen, aber das dort vorgeschlagene .Weise zarte dichterfreundin" 
ergibt sich nach vergleichung mit dem übersezten griechischen gediente als verfehlt; 
denn dort steht in einem verse „Weise, erdgeborene , liedliebende-, wovon das mit- 
lere mit dem nächsten „leidlose " zum zweitfolgenden verse vereinigt ist; zarte ist 
zusatz des Übersetzers, der die im griechischen der eikade gegebenen beiwörter von 
einander gesondert hält. Eben als weise und zart ist diese auch dichterfreundin, wie 
sie leidenlos, weil ihr fleisch blutlos ist; was freilieh Goethe nicht richtig widergegeben 



320 DtTNTZSB 

hat, wenn er ihr auch fleisch abspricht Nach dem Volksglauben hatte sie kein Mut, 
sich, wie »las chamäleon, blos vom taue nähre. 

d eng und klein gedruckte bogen nehmen im 1. bände die kritischen bemer- 

kungen ein, die auch durch ein besonderes titelblatt als lesarten von den gedienten 

ad. Dem eigentlichen, noch besonders Lesarten äberschriebenen inhalte 

hen voran eine erklärung wegen der ausgeschlossenen gedichte, wobei die 
redaktion dem verfahren und dem erklärten willen des dichters gefolgt zu sein behaup- 
tet, obgleich über diesen gar kein beglaubigtes zeugnis vorliegt, dann die mitteilung 

- Schulthessischen verzeichniss 3, endlich die dürftige, dem zwecke durchaus nicht 

äugende aufzählung der handschriften der gedichte und der gesamtausgaben der 

' . lenen die Himburgschen nachdrücke und Belbst Bürzels samlung „Der Junge 

■ a aderbar hinzugefügt werden, während Schillers -Musenalmanach" und 

„Hören*, Goethes „Propyläen*, „Taschenbuch" und „Kunst und altertum" fehlen. 

die doch bei den gedienten zum teil gar sehr in betracht kommen. Vorteilhaft 

-heu von dieser höchst ungenügenden einfuhrung die Vorbemerkungen zum „Divan" 
ond -Faust- ab, die über die handschriften und drucke unter besondern übersehrif- 

. (nur zum _Faust". wie zu den gedienten in umgekehrter feige) eingehend berichten. 
- Ibst in solchen kleinigkeiten hätte man gleichmässigkeit erwarten sollen. Der satz 
(I s. xxv). dass „Ungleichheiten in der ausführung trotz aller aufgebotenen Sorgfalt am 
Ersten bei den zuerst in angriff genommenen bänden" ganz seien zu umgehen 
:.. scheint uns eine völlig ungenügende ausrede der redaktion: sie hätte sich 
eben nicht zur eile drängen lassen dürfen, und bei aller eile musten „verbindliche 
normen" die „eigenart zahlreicher, ihre leistungen vertretender mitarbeiter" angemessen 

schranken und durften nicht einer verschiedenen, von dem Charakter der ein- 
zelnen werke unabhängigen weise der bearbeitung freie bahn lassen. Hätte man erst 
einige bände in der handschrift fertig gestelt, ehe man zum keineswegs drängenden 
drucke eilte, besonders da manche andere leichter zu liefernde mitteilungen die Ver- 
öffentlichung forderten, so hätte man sich nicht damit zu vertrösten brauchen, dass 
„Ungleichheiten sich von selbst mindern und verlieren würden, wenn das geschäft im 
••; auf das. was dem fast achtzigjährigen dichter, der wenigstens den anfang 

:' ausgäbe lezter band noch erleben weite 1 , zur entschuldigung gereichte, durfte 

i die redaktion, die volle zeit vor sich hatte, durchaus nicht berufen. 

Der vorbericht verheisst s. xxiv: „Auf einfachheit und Übersichtlichkeit wird 
bei gestaltung der in chronologischer folge auftretenden lesarten vornehmlich bedacht 
genommen"; ja es soll „tunlichst rücksicht auf den weiteren kreis gebildeter leser 
genommen- werden. Dazu gehörten aber vor allem genaue auskunft über die bedeu- 
tuug der einzelnen ausgaben und handschriften und möglichste Verständlichkeit und 
einfachheit der eingeführten bezeichnungen; beides ist leider versäumt Mit dem 
satze: _ ; Varianten bleiben als unnützer ballast ausgeschlossen" wird jeder 

einvei . wenn man auch einzelne bezeichnende druckfehler der beiden 

ten ausgaben, Erstens bei der vorläufigen bestimmung ihres wertes, angeführt 

wünschte. Aber die entscheidung, was belanglos sei. hängt eben von festen grund- 

•zen und besonnener, das richtige Verständnis voraussetzender erwägung ab, und 

ade diese vermissen wir. Sehen Kögel hat (Seufferts Vierteljahrschrift I, 60 fjgg.) 
auf manches übersehene hingewiesen, was jezt im zweiten bände nachgetragen ist. 
Wir führen einige andere beispiele dieser art an. I, 18, 17 ist übergangen, dass 
dann ursprünglich statt denn stand. Zu v. 7 fgg. bemerken wir, dass der dichter 
die einmal versuchte Umstellung nicht aufnahm, weil er sich derselben nicht mehr 



ÜBEB GOETHES WERKE l'wi-.IM. A.U8GABE) 321 

erinnerte, nicht weil er seine gediente „mehr historisch ansah und sie deshalb in ihrer 
ursprünglichkeit belassen wolte", wie wir b. 372 belehrt werden; ei hätte ja bei einer 
solehon wunderlichen absichl jede, auch die allergeringste Veränderung unterlassen 
müssen. 71, 11 liest die Quartausgabe „Hatte ganz dein liebes bild empfunden tt , wi 
wol mit Goethes bewilligung geschah. Im ersten bände uimt der herausgeber auf 
diese nach Goethes tode erschienene ausgäbe gar keine rücksicht, aber wo! im zwei- 
ten. SO, 11 hat Zelter schon statt Bchön. 90, 31 ist die ursprüngliche Lesart 
finstrer statt finster übergangen, wie 33 der druckfebler erschien 1 in III; ja 
dio vergleichung Mar hier so nachlässig, dass sie die erst Beit III verdorbene ursprüng- 
liche lesart Aus übersah. 111, 20 stand zuersl l'a. pa, pa, pa paps; die zweite 
ausgäbe schrieb irrig papas statt paps. die dritte erst stelte das richtige her. Die 
lesarton wissen davon nichts. Daselbst 13 stand das den vers Btörende, auch nicht 
wollautende denn schon im ersten druck, und auch die Weimarische ausgäbe hatte 
nicht den mut, es über bord zu werfen, obgleich dadurch ein anapäst in das sonsi 
von solchen freie gedieht komi Freilieh fing der folgende vers im ersten drucke gar 
mit zwei daktylen an, aber hier hat die dritte ausgäbe glücklich Sag wie Lang 
hergesteli Leider kehrte die ausgäbe lezter band wol nur durch druckfehler zu dem 
misklang lange es zurück, das denn auch den neuen druck entstell Die lesarten 
haben hier eben EU gar nicht verglichen. 138, 50 Mtte wol der starke druckfehler 
kommen statt rennen im reime zur kenzeichnung der ausgäbe lezter band erwäh- 
nung verdient. 143, 71 stand ursprünglich Lumpen statt Lumpe. Eöchst an 
nügend sind die lesarten in der ballade „Der Sänger", wo niemand dem verwor- 
renen und ungenügenden berieht entnehmen kann, dass die unglücklichen änderungen 
in der ausgäbe lezter hand aus den Lehrjahren stammen. 179,40 fehlt der druck- 
fehler possierlich statt possierlicher in III; 181, 9 das richtige ursprüngliche 
Kreis, wofür wir leider wider Kreis' lesen; 182, 38 Abendgäste des ersten 
druckes. An dieser stelle ist die ganz irrige Satzzeichnung „Tages arbeit! Abends 
gaste! Saure wochen! Frohe feste!" beibehalten, die leider Ia einführte, da «loch 
der sprichwörtliche gegensatz nach arbeit und wochen das ursprüngliche komma 
verlaugt. Die lesarten gedenken auch dieser Verschiedenheit mit keinem worte. Ganz 
entgangen ist dem herausgeber. dass s. 188 der vers 30 späterer zusatz in Ia ist und 
dass 199, 19 im ersten drucke vieler sonnen steht; um nicht des ursprünglichen 
in 190, 39, des erstaunt, erzürnten 197, 49, des läuft und kömmt 204, 19 zu 
gedenken, wofür später lauft und kommt eintrat, eine sonderbare Verbindung einer 
mundartlichen und einer hochdeutschen form. Neben der bedauerlichen unvolstän- 
digkeit, die bei anhaltender achtsamkeit auch ohne widerholte durchsieht zu vermei- 
den war, müssen wir die Unübersichtlichkeit an den stellen rügen, wo die abwei- 
chungen ausserordentlich zahlreich sind. Wer kann sich aus der langen liste zum 
„"Wandrer" (II, 338 fg.) ein bild von Goethes vorgenommenen Veränderungen machen! 
Hier genügt es nicht von vers zu vers die lesarten hinzuschreiben; man muss die 
mancherlei abweichungen nach der zeit ordnen, um eine klare einsieht zu geben. 
Auch sind die lesarten mit unnötigem belastet. Die verschiedene rechtschreibung 
gehört keineswegs hierher. Dass Weg Wceg geschrieben ist, der Wechsel zwischen 
Schooss, Schoos, Schoss, zwischen eurem und euerm, muntrem und mun- 
term, die Schreibung Distlen, würklich, Gebürg sind abweichungen. die bei der 
algemeinen beschreibung der handschriften und drucke angegeben werden musten, 
wo auch zu erwähnen war, dass Goethe sich in der ausgäbe lezter hand bestimmen 
liess, seine gewohnte Schreibung thörig, ergötzen, ereignen zu verlassen. Dort 

ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XXIII. ^1 



322 DÜNTZEK 

solto gleichfals aber Goethes gebrauch des apostrophs, grosser anfangsbuchstaben und 
der Satzzeichen berichtet sein. Da der apostroph äusserst aachlässig verwant ist, so 
komt es nur in sehr wenigen fallen in betracht, ob Goethe ihn gesezt bat oder nicht. 
Walte man alle abweichungen der Satzzeichnung anmerken, so würde man kein ende 
finden: beispielsweise wären dann zu dem gedieht „Deutscher Parnass" mehr als dreis- 
abweichungen nachzutragen. W"ilkürliches herausgreifen, wie es die Weimarische 
ausgäbe der gediente sich erlaubt, hilft nichts, das verhalten der sämtlichen drucke 
und der haupthandschriften muss im algemeinen bezeichnet werden. Dasselbe gilt 

n der abweichenden Schreibung. Wenn I, 130, 4 die abweichende Schreibung 

Lächeln aus einer handschrift angeführt wird, so hätte viel eher 107, 14 erwähnt 

werden sollen, dass der erste druck Sammeln hat, nicht das durch nachlässigkeit 

später eingeführte Sammlen, das die neueste ausgäbe schon verwerfen muste, wenn 

ihrer sogenanten normierung treu bleiben wolte. 

Dass sie nach festen grundsätzen und eindringender prüfung unter den lesarten 
immer die richtige wähle, d. h. überall, wo es dem einsichtigen geboten scheint, von 
der so viele versehen darbietenden ausgäbe lezter band abweiche, besonders da, wo 
diese nur ihre durch so viele druckfehler entstelte Vorgängerin widergibt, daran i>t 
nicht zu denken. In dem so leicht und lustig sich ergehenden Hede „Frühzeitiger 
frühliug- I. Sl heisst es nach dem ausdrucke der freude, dass die tage der wonne 
bald widergekommen: „Schenkt mir die sonne (so bald) | Hügel und wald?" Die 
au-_ Lezter band hat durch ihr unsinniges komma nach sonne die stelle zu gründe 
gerichtet; denn danach muss sonne gleich hü gel und wald objekt sein und zu 
schenkt ein ihr gedacht werden, „die tage der wonne", die als die sonne nebst wähl 
und hügel schenken; während offenbar die sonne als lebensspenderin in der neuerstan- 
denen natur erscheint, von welcher an erster stelle wald und hügel genant werden, 
deren man sich von neuem erfreuen kann. Im gediente „Ilmenau' 4 liest II, 145, 118 fgg. 
die handschrift von 1783: „Xun sitz' ich hier zugleich erhoben und gedrückt, | 
-■•huldig und gestraft, und schuldig und beglückt." Der erste druck (III) hat 
unschuldig auch statt und schuldig. Dem herausgeber scheint die „den gegen- 

tz abschwächende" änderung „aus innern gründen, sowie nach dem äussern der 
handschrift auf versehen zu beruhen." Die handschrift ergibt nur, dass Goethe wirk- 
lich und schuldig geschrieben, aber nicht ob dies ein Schreibfehler sein könne; 
noch weniger ob die fassung im drucke nicht absichtlich und auch vorzuziehen sei, wie 
ja unser herausgeber seihst 179 die änderung freie statt freyre aufgenommen hat. 
Eine abschwächung des gegensatzes finde ich nicht. Dem erholten und gedrückt 

bs] ^rechen im folgenden verse gestraft und beglückt in umgekehrter folge; dabei 
wird hervorgehoben, dass er weder die strafe noch das glück verdient habe, da er 
mit - m willen die von ihm bedauerte Verwirrung angerichtet und seine dichtung. 
die ihm _ a rühm gebracht, nur ein ausfluss seiner natürlichen begabung, nicht 

•i verdienst sei. Dass er sich wirklich schuldig bei seinem rühme fühle, ist so 
absonderlich, dass eine erklärung dieser schuld dem Verteidiger des Schreibfehlers 
wol angestanden hätte. Den schluss des zweiten bandes bilden die ein bekantes 
italieni Sprichwort widergebenden vers< : „Hier hilft nun weiter kein bemühn! 

Sind rosen und sie werden blühn." Die ausgäbe lezter hand gab Sinds, was durch- 
aus vorzuziehn ist. Freilich kann vor sind ein es ausgelassen werden, aber nur im 
behauptung8satze (die angeführten beispiele sind alle der art); im verkürzten bedin- 
gungssatze — und einen solchen haben wir ja offenbar, da die behauptung, es seien 
n. hier nach dem ersten verse widersinnig wäre (im Italienischen geht sc voraus) — 



ÖBEH Q0ETHE8 WERKE (WE1M. A.USOABE) 323 

muss dieses aach dem zeitworte folgen. Dass aber 'las bedingte nicht mit und 
angeschlossen werden kann, ist ol.cn so gewiss; und so werden wir Riemers verto 
sernng nun als glücklich anerkennen und bedauern müssen, (las richtigere als Ver- 
schlechterung abgelehnt zu sehen. Aber der herausgeber macht es sieh leicht, 
wenn es gilt, einen druckfehler festzuhalten. So behauptet er Goethe -Jahrbuch IX. 
294, „das gedieht „Juni B (im dritten bände) sei in den Cottaschen ausgaben nicW 
verunstaltet-; denn Goethe habe in einem briefe anGöttling die Lesart „bis mir" (12) 
ausdrücklich als richtig bestätigt. A.ber ein unsinn bleibt imsinn, wenn auch Goethe 
im augenblicE das bedenkliche übersah; ich finde nur einen, aber verfehlten aus- 
weg^ es zu halten, die behauptung, mir stehe hier in bekanter mundartlicher Ver- 
wechslung statt wir. was der sinn entschieden fordert. Ä.ber der Weimarische her- 
ausgeber schreitet auf seinem wege mutig weiter und erklärt: „Auch die bedenken 
gegen die lesart ,ränder ( [vielmehr ,rändern t ] wird man fallen ia<s<'ii dürfen." Also 
niühlen und ränder sollen die schönsten zeiehen sein, dass nach dem thale bald 
eine fläche kernt! Freilich, wenn das alberne für Goethe gut genug sein soll. I^ 
die Cottaschen ausgaben das gedieht verunstaltet haben, wird nicht behauptet; sie. 
oder vielmehr die druckhandschrift, nahm die meisten groben fehler, welche es im 
ersten drucke in „Kunst und altertum" II, 3. 1!) entstellen, unbesehen auf. Wer 
sich genauer mit der kritik Goethes beschäftigt, weiss, da>s die in jenem hefte (bis 
s. 34) zuerst stehenden gediente fast alle, in folge ungenauer durchsieht, sehr nach- 
lässig gedruckt sind, so dass man sich wol vorsehen muss. auf treu und glauben 
dieses druckes das seltsamste einem dichter wie Goethe in die schuhe zu schieben. 
Bei den einzelnen gedienten wird überall ausser den einzelnen handschriften 
auch die stelle derselben in den drucken angegeben. Dies lezte ist für die 1 es arten 
ohne bedeutung, und es wäre besser, wenn vorab bei beschreibung der gesamtaus- 
gaben der inhalt genau verzeichnet würde. Überflüssig scheint es, dass die Lesarten 
der dem drucke der ersten und zweiten ausgäbe zu gründe liegenden handschriften 
angegeben werden; diese waren nur da anzumerken, wo der druck von ihnen abweicht, 
so dass in diesem entweder ein druckfehler oder eine Verbesserung Goethes bei der 
durchsieht vorliegt. Noch weniger gehört unter die lesarten die aus brieten, dem 
tagebuch oder anderen quellen sich ergebende bisher unbekantc entstehungszeit, da 
die angäbe derselben grundsätzlich von dieser ausgäbe ausgeschlossen ist; anderswo 
wäre die mitteilung wilkommen. Nur die wenigen neuen datierungen, welche die 
handschriften der gediente bieten, waren anzuführen. Nachträglich hat der her- 
ausgeber n, 363 fg. und Goethe -Jahrbuch IX, 292 fg. aus der handschrift der Schwei- 
zerreise von 1797 gegen mich die entstehungszeit der bailaden von der müllerin fest- 
stellen zu können geglaubt. Da fält denn zunächst eine grosse Unachtsamkeit auf. Die 
angebliche datierung der bailade „Reue* 7/7 stimt gar nicht dazu, dass sie zu Tübin- 
gen am G. September vom Schreiber in die reisehandschrift eingetragen worden. Nicht 
einmal, wenn man das zweite 7. „September" lesen wolte (es müste nach Goefl 
gebrauch Yü heissen), trift dieses zusammen. Und wer, der den damaligen brief- 
wechsel zwischen Goethe und Schiller einsichtig verfolgt, wird es für möglich hal- 
ten, dass Goethe schon am G. oder 7. September dieses gedieht ganz bo, wie es im 
folgenden „ Musen - almauach u steht, seinem Schreiber Geist diktiert, aber erst am 
10. uovember Schiller übersant habe, was sein brief von diesem tage beweist! Der 
glaube kann berge versetzen, aber die kritik wird eine solche Zumutung als unge- 
heuerlich abweisen. Erst am 14. September teilte er Schiller die ballade „Der cdel- 
knabe und die müllerin" als „ introduktion " von vier liedern mit, die nach ton und 

21* 



3:24 DÜNTZKB 

inhalt feststanden, anch zum teil entworfen waren: aber noch keines derselben war 

vollendet, - 38 ir den freund damit hätte erfreuen können. Nach nnserm ent- 

decker wären damals schon zwei andere dazu gehörende volständig fertig vom Schrei- 
ber in dii Schandschrift eingetragen gewesen, aber Goethe hätte die inarotte gehabt. 
damit Schiller zurückzuhalten, erst am 11. Oktober das zweite lied von der 

müllerin ihm gesant, nach weitern vier wochen das vierte, da ihm das dritte noch 
nicht gelungen war. Per herausgeber hat sich gar nicht bemüht, den von mir her- 
bobenen Widerspruch zu losen; er hält sieh steif, ohne sich durch die innern 
lersprücto rselben stören zu lassen, an die reisehandschrift. Hätte er sich 
nur näher angesehen! Die rückseiten waren liier zuweilen unbeschrieben, 
wo die • richte das blatt nicht ganz fülten; andere blätter wurden zwischen 

die berichte eingefügt, erst später alle einzelnen nummeriert. Goethe Hess die 
• . nachdem er sie vollendet hatte, in die handschrift eintragen, und zwar 
meist im berichte des tages, an welchem er sie begonnen hatte. So kam „Der 
fremde uud die müllerin" auf ein eingeschobenes blatt bei Stuttgart. „Der müllerin 
reue* auf zwei unter Tübingen. Das datum 7/7 ist jedenfalls irrig, sei es verschrie- 
ben oder verlesen; es solte heissen 7/11. Mit dem nächsten briefe, den er nach 
Vollendung des gedichtes an Schiller sante, teilte er dieses dem freunde mit. Dem- 
nach schrieb er es in Nürnberg am ersten morgen nach seiner ankunft, nachdem er 
- wahrscheinlich auf dem wege von Schwabach an sich im geiste ausgebildet hatte. 
Der berieht vom 6. schliesst im tagebuch nach Erich Schmidts angäbe mit der 
ankunft zu Nürnberg im roten hahn. Der herausgeber der gedichte führt unter die- 
* _ als vom Schreiber aufgezeichnet die titol an: „Der gefangne und die blu- 
men" und -Der traurige und die quelle" nebst drei versen des lezten gedichtes. 
• dem ersten ist Goethes randbemerkung stehen geblieben: „Bitte ihrer bei einer 
ähnlichen zu gedenken", die „anscheinend" (weshalb, ist mir unklar) auf das heraus- 
geschnittene gedieht bezüglich sein soll. Also auch „Das blümlein wunderschön" 
11 damals schon fertig gewesen und, weil es nicht in abschrift beigefügt ist, aus- 
kitten worden sein! Die titel deuten vielmehr auf gedichte, die ihm neben den 
Müllerballaden im sinne lagen und im reisewagen überdacht worden waren. Dass er 
am 5. auf dem wege von Grossenriedt bis Schwalbach sich an der bailade „Der 
müllerin verrat- versuchte, zeigen die in Eckermanns bearbeitung der Schweizerreise 
erhaltenen verse, welche freilich die Weimarische ausgäbe der gedichte ganz übersieht. 
Auch die abschrift der elegie „Amyntas" findet sich in den reisepapieren nach IT, 364 
beim 19. September (wir vermissen hier die sonst nicht fehlende angäbe des blattes 
i handschrift). wol auf einer besondern einlage; dass sie in der Schweiz vollendet 
worden, folgt daraus nicht. Erst nach der rückkehr scheint Goethe sie ganz aus- 
fahrt zu haben, wenn er sie auch bereits in Stäfa entworfen hatte. An Schiller 
ran Weimar aus den 25. november, fünf tage nach der rückkehr. 
„Hierbei meine elegie*, sehreibt er. was darauf deutet, dass davon in Jena die rede 
gev : und Sehilb-rs antwort spricht wenigstens nicht gegen die annähme, du 

die lezte hand erst in Weimar angelegt sei. Das tagebuch schweigt von dieser zeit. 
Bei dem zweiten buche der elegien und den übrigen den ersten band schlies- 
aden distichischen gedienten sind die lesarte n mit den ändorungsvorschlägen von 
W. Schlegel 1 tet. Wir sind weit entfernt, die bedeutung der jezt aus dem 
i. : .Y zum erstenmal bekant gemachten bemerkungen des kunstsinnigen und 
oen kritikors und dichter« zu verkennen; aber unter den lesarten waren nur die 
s nommenen mit der angäbe, dass sie durch Schlegel vorgeschlagen 



ÜBER GOETHES WERKE (WEIM. AUSGABE) 325 

worden, zu verzeichnen. Die ausführliche begründung dieser vorschlage war ander- 
wärts zu geben, die ausgäbe der gediente dazn keineswegs die rechte stelle. Ebenso 
wenig gehörten unter die Lesarten die von Goethe unterdrückten gediente und stel- 
len, die als nachlass den elegien und epigrammen folgen musten. Leider wurde 
bei mitteilnng derselben zu peinlich und dazu nicht folgerichtig verfahren, da 
manches von Goethe nicht beanstandet worden, an dorn man sich hier ängstlich 
herumgedrückt hat, auch unter dein neuaufgenommenen sich genug bedenkliches 
findet, wenn mau sich an die sehr wechselnden anstandsrücksichten hält. Weshalb 
die als ein bruchstück einer dritten epistel hingst bekanten verse nichl iben sind, 
muste wenigstens unter den Lesarten angedeutet werden. Dass es zwei verschie- 
dene fassungen einer wol für den ersten brief bestirnten ausführung waren, habe ich 
längst bemerkt. Im zweiten bände sind nur vier unbedeutende verse an die herzo- 
gin-mutter hinzugekommen, ein geburtstags wünsch, mit welchem er dieser die 
'"■kanten verse auf Gcllerts deukmal von Oeser zusante. Wenn der herausgeber im 
„Goethe -jahrbueh" ineint, dies beispiel zeige deutlich, wie gefahrlich i, an der 

anordnung des dichters zu rütteln, der die verse auf Gellerts Standbild unter die 
abteilung an personen gesezt, so konte freilieh niemand ahnen, dass dabei der 
persönliche glückwunsch ausgelassen sei, der allein die aufnähme in die.-" abteilung 
rechfertigte; absonderlich bleibt die sacke immer, am allerwenigsten berechtigt sie zu 
einer solchen mahnung. 

Nach allem können wir in der neuen Weimarischen ausgäbe der gediente kei- 
neswegs einen fortschritt der Wissenschaft erkennen; nur die benutzung mancher 
neuen hülfsmittel, die vor allem das reiche Goethearehiv bot, gibt ihr wert. Auch 
manche andere haudschriften wurden, freilich wenige zum erstenmal, benuzt. I>. 
dem herausgeber einzelnes entgangen, hat schon Kögel gezeigt. Wenn es beim 
gediente Vanitas vanitatum sehr imbestimt heisst, die abschrift des liedes in 
einem briefe der Schopenhauer sei „im Privatbesitz zu Köln", so wüste der heraus- 
geber aus unserem frühern briefwechsel, dass eine solche sich unter den mir über- 
gebenen briefen derselben an ihren söhn befand. Einzelne derselben verschenkte ich 
an befreundete samler, und so legte ich auch jenen brief in eine band, in welcher ich 
sie für gut geborgen hielt. Zu meiner Verwunderung wurde dieser brief in einer 
autographensamlung im vorigen december zu Berlin versteigert. Wirklich befind 
sich noch in Köln Goethes eigenhändig geschriebenes gedieht „Den drillingsfreunden 
von Köln", was der herausgeber übergeht, aber, wenn nicht sousther, aus meiner 
ausgäbe in der Kürschnerschen nationallitteratur wissen konte. Boissoree> witwe hat 
diese nebst dem betreffenden bilde dem museum seiner Vaterstadt vermacht 

In eine frischere luft versezt uns der „Divan u , welchen Konrad Burdaedi. 
dem wir eine Untersuchung über die spräche des jungen Goethe verdanken, mit 
grosser Sorgfalt, gründlicher kentnis und guter Schulung herausgegeben hat. Schon 
dass er die ausstossung der den vors störenden e und i durchgefühlt hat, unterscheidet 
ihn vorteilhaft vom herausgeber der gedichte, dem der überlieferte buchstabe höhei 
stand als die forderung des verses, die selbst der alte (ioethe unmöglich eigensinnig 
verletzen konte. Auch in der rechtschreibung und satzzeichnung geht er zum teil 
seinen eigenen weg, auf dem wir ihm freilich nicht überall folgen möchten; auch ist 
er sich darin nicht ganz gleich geblieben. Über die Schreibung haben wir früher 
gesprochen, hier gedenken wir nur der eigenheiten der satzzeichnung. Da ein satz 
mit denn überall selbständig auftritt, so möchten wir ein komma vor demselben, 
obgleich dieser gebrauch neuerdings vielfach eingedrungen ist. kaum billigen; am 



326 DÜNTZBH 

wenigsten da, wo von einer darauf folgenden Handlung die rede ist, wie s. 16, 7, wo 
wir sogar nach bei einer durch nun angeknüpften folge mit der ausgäbe lezter liand 
ss ein komraa erhalten. Di sheint Burdach auch sonst mehr als billig gefolgt 

zu sein, wie s.37, wo die ausgäbe mit recht nach 2 und 9 gleichmässig kolon 

hat. Ein Wechsel ist dort im Verhältnis der sätze nicht begründet Burdach geht 
aber nicht so weit. r komma vor denn überall für genügend hält, vielmehr 

sl stärkere zeichen, ja am meisten punkt an. nur Dicht immer richtig. 
-• jj, b. s. 1»'.*. tatt des punktes der ausgäbe lezter hand (die erste hatte 

ein kolon) Semikolon stehen. Sehr ungenügend ist die satzzeichnung des erst in der 
ausgäbe lezter hand aufgenommenen gedientes „Das lohen ist ein schlechter spass" 
Bl). Burdach mustc hier die überlieferte satzzeichnung verlassen, nach 1 kolon 
s. 82, 1). nach 4 Semikolon, nach G komma setzen. Auch vor dem sclbstiin- 
•n. unverbundenen folgesatze genügt kein komma. wie wir es z. b. 24, 1 linden 
(„Dichten i>t ein Übermut, i Niemand schelte mich!"); ebenso wenig bei der begrün- 
dung wie 17. 10. 211. 54, wo nach getrost ausrufungszeichen gehört. Ein grosser 
misbrauch wird im „Divan" mit den gedankenstrichen getrieben, die sich völlig über- 
flüssig finden : 51, 11. 106, 9. HS. 1. 195, 2. 201, ß. 11. 236, 6. 258, 35. 
6, 289, 33. 292, 6 (nach dem Schlusspunkte). Ein komma vertritt er 104, 1. 
164. 7. ein kolon 147. 7. ein ausrufungszeichen 212, 6. Dem anfange der rede geht 
ai - ,6, den schluss derselben bezeichnet er 57, 12. 267, 19. 268, 43. 
Im lezten falle hätte die neue ausgäbe ausrufungszeichen setzen sollen, die ja sonst 
im „Divan* nicht fehlen. Vor der widerholung des anfangsverses steht ein godan- 
kenstrich SO. 6. Als zeichen einer parenthese finden wir solche 267, 13, wogegen 
etliche klammern in demselben gedichte 57 stehen. 

Wenden wir uns zu den auf einem besondern titel als lesarten eingeführten 

anmerkungen, die von s. 313 bis 493 reichen, so wird zuerst aus dem archiv das rar 

:.tstehung des .Divan- ausserordentlich wichtige Wiesbadener Verzeichnis von 100 

liedero, datiert vom 30. mai 1815, mitgeteilt. Wie der herausgeber s. 337 bemerkt, zeigen 

rhaltenen blätter der ältesten haudschrift des „Divan" rechts eine nummer mit 

warzer dinte von Goethes hand, die auf „eine noch frühere samlung in chronolo- 

r reihenfolge" deutet; doch unterlässt er das nicht unwichtige ergebnis aus dieser 

warzen nummerierung zu ziehen. Aus ihrer vergleichung ersieht man, dass die frii- 

1 K he samlung nicht über 53 lieder hinausgieng; auch das sich als abschluss 

darstellende lezte lied des Wiesbadener Verzeichnisses trägt diese zahl. Sodann ergibt 

h, wenn wir die fehlenden nummern durch wahrscheinliche, in klammern geschh - 

:.e Vermutung ozen, dass jene erste Zusammenstellung folgende stücke der 

• m enthielt: 1=3. 2 = 9. [3. 4=10. 11.] 5 = 14. [6 = 15.] 7 = 16. [8. 9 = 

17. 18.] 10. 11. 12=19. 20. 21. — 13 „Solt einmal durch Erfurt reiten." [14 = 

17. 22 = 25.] IS. 18a=26. 27. 19=40. 20 = 42. [21. 22=41. 43.] 23=25. 

41 = 46. [26 = 65?] 27 = 47. 28 = 67. 29=52. [30 = 53? 54?]. 31. 32=68. 6:». 

[33 = 70.] 34 = 72. 35=75. 56=77. 37=76. 38 = 78. [39. 40=79. 74.] 41 = 80. 

=81. 4 1. 15=83.84. [46 = 85.] 47=86. 48 bis 51 = 88 bis 91. [52=7?] 

, = 100. Hiernach war bei der ersten Zusammenstellung keineswegs -die Zeitfolge 

| • , s beoba Freilich erschienen die meisten zuerst gedichteten lie- 

r ihrem inhalte nach im anfange, aber gleich da te fält s<'ehs monate später 

als die ihm folgenden. Im Wiesbadener Verzeichnis war nummer 18 nicht ausgefült. 

und ein erhaltenes blatt der handschrift. das die- rote nummer 18 trägt, ist leer; 

wahrscheinlich 11 darauf das an den grossher2 richtete „An Schach Sedschaa 



ÜBER GOETHES WERKE (WEIM. AUSGABE) 327 

und seines gleichen" zu stehen kommen, das im Verzeichnisse fehlt Es wäre dem- 
nach unmittelbar auf die den Hans feiernden liedei gefolgt Die verse werden, wie die 

auf die lierzogin, zu Frankfurt auf der reis.' nach Wiesbaden gedichtet sein. Burdach 
sezt sie s. 393 mit unrecht in den januar 1815; denn sie brauchen nicht wegen einer 
beziehung auf „das buch Kabus" in die zeit zu fallen, wo Goethe dieses gerade ken- 
nen lernte, und Burdach übersah, dass Goethe dieses buch schon am 19. november 
1814 benuzt!'. Auch or. 96 ist im Wiesbadener Verzeichnisse nicht angegeben. Aller 
Wahrscheinlichkeit nach solte hier vor „Vier frauen" das gedieht „Berechtigte männer u 
stehen. Dass ein solches schon in das jähr 1815, eicht erst in den Beptember 1818 
fält, wie Burdach s. 443 vermutet, beweist eben die ursprüngliche gestalt des liedes 
„Auserwählte frauen" vom lO.märz 1815, dessen anfang an die feier der „berechti 
tcn männer" anknüpft, welche wahrscheinlich dem dichter aoeh nicht nach wünsch 
gelungen war. Wenn das Verzeichnis als or. 95 vorhergehen Lässl „Alles golden", so 
konte dieses gedieht sich nur auf das paradies beziehen, wo alles wie von gold glänze. 
„Äpfel goldner zierd'" erwähnt Goethe XII. 2, ll auf s. 248. Berichtet fand er, die 
paläste des paradieses seien von rubinen, perlen, smaragden und gold. Er dachte 
sich wol, dass alles hier von gold sei, wie im Homerischen olymp." Diese einleitung 
des paradieses verwarf Goethe später und ersezte sie in der ausgäbe lezter hand 
durch das lied „Vorschmack." Wie dieses lied, so scheint auch nr. 85 „Dichtung 
arten" ausgefallen zu sein. Über die vier verschiedenen stoffe des liedes hatte sich 
Goethe schon im lied „Elemente" (16 des Verzeichnisses) ausgesprochen; „Lied und 
gebilde" glaube ich jezt, da es in der ersten ausgäbe fehlt, später setzen zu müssen. 
Bezog sieh das lied „ Dichtungsarten u etwa darauf, dass den Persern von den drei 
„Dichtarten" das drama fehlt, worüber sich Goethe später in den „Noten und abhand- 
lungen" ausgesprochen hat? Erst nach diesen beobachtungen tritt das Wiesbadener 
Verzeichnis in sein volles licht. 

Demselben folgen bei Burdach ein manches tatsächliche berührender brief 
Goethes an Cotta und bezügliche auszüge aus den tagebüchern, denen mitteilungen 
aus briefen an seine gattin eingefügt sind, die sehr dankenswert sind, da einmal die 
volständige mitteiluug dieser briefe zur zeit unverantwortlich versäumt worden. Bil- 
ligen können wir es nicht, dass damit andere längst bekante angaben verbunden sind, 
was selbst dann für diese ausgäbe sich nicht eignete, wenn sie volständig wären. 
Dies aber ist so wenig der fall, dass gar vieles für die entstehung dieser gedichte 
bedeutende fehlt. Auch ist manches zu ungenau angegeben. Häufig werden erläu- 
ternde angaben vermisst, da unsere ausgäbe auch dem mit der Goetheforschung nicht 
innig vertrauten leser dienen soll, aber einzelnes hier selbst dem genauen kennei 
schwer verständlieh ist. Wenn es z. b. am 10. november 1815 im tagebuch heisst: 
„ Sendung von Jacobs. Catalog orientalischer manuscripte ", so ist dies ganz bedeu- 
tungslos, wenn man nicht weiss, darunter sei das von Friedrich Jacobs Goethe 
gesante Seetzensche Verzeichnis orientalischer handsehrifteu in Gotha zu verstehen, 
für dessen mitteilung von Goethes seite der prälat von Diez diesem am 28. novem- 
ber dankte. Wichtig ist die erst durch Goethes briefe an Frommann im Goethe - 
Jahrbuch YIII gewonnene tatsache, dass der „Divan" noch nicht ausgedruckt war. als 
Goethe nach Karlsbad reiste, und dass er erst nach der rückkehr die zum fünfzehnten, 
das „Buch des paradieses" enthaltendem bogen noch nötige handschrift versprach. 

Sehr genau ist der abschnitt über die handsehriften gearbeitet, nur wären 
nr. 46 bis 67 näher zu bezeichnen gewesen. Hier lernen wir, dass die der ausgäbe 
lezter hand zu gründe gelegte abschritt an manchen, zum teil in den druck über- 



DÜNTZER 

_ gangenen fehlem leidet. Die naeh Goethes tode gemachten abschriften hätten 

unerwähnt bleiben sollen. "Wider die nach Goethes hinscheiden hinter dessen namens- 

eiotrag in das fremdenbuch der Massenmühle bei Elgersburg auf einem besondern 

blatte ei te berüchtigte strophe habe ich mich so bestirnt in meiner ausgäbe 

dass davon weiter keine rede sein solte. In dieser strophe lässt der 

jezt gleichfals heimgegangene mühlenbesitzei Arnoldi (denn von diesem rührt der 

einschab her) den gestorbenen dichter sagen, er halte auch endlieh dran gemust, 

aber er sei im jenseits neu erwacht, was eine Müsse verflachung des kernhaften 

thescl ..Stirl» und werde" in der beigefügten strophe des „Divan" ist. Was 

Burdach s. 353 als Möglichkeit bestehen liisst, Goethe seihst habe die strophe als 

rs ausgeteilt, ist tatsächlich falsch; sie ist erst nach Goethes hinscheiden 

Lichtet und aus jenem fremdenbuche in die weit gewandert, wo leichtgläubige 

mit ihr gehart wurden. Ihr abdruck unter den lesarten ist eine cutstellung der 

Weimarischen ausgab . 

Nach den abschriften wird auch über die drucke eingehend rechenschaft abgo- 
r . Hier sind die im ersten druck begangenen, später fortgepflanzten druckfehler 
nach \ ichung der reinsehrift angefühlt, wobei nur übersehen ist, dass eine ände- 

rung vom dichter beim drucke bestirnt worden sein kann. 105, 13 entspricht das 
Iruckte euch besser dem Zusammenhang als das handschriftliche auch, da es dem 
dichter fern liegt, sich den andern entgegen zu stellen, denen er nur zuruft: „Fühlt 
ihr kraft in euch, etwas tüchtiges zu leisten, so bewährt es!" Freilich scheint 
101, 32 Auch einfacher und natürlicher als Aus, aber immer bleibt es möglich, 
da— G ßthe bei durchsieht des druckes Aus, das natürlich zu raufen gehören 
müste, als kräftiger vorzog; denn welche freiheit er sieh später in der Wortstellung 
erlaubte, zeigt das bekante Türken du getretener. Auch kann man wol zwei- 
sich nicht ebenso 41, 8 mit in deinen (statt deinem) verhält, so dass 
in im sinne von auf genommen. Wenn Lurdach s. 35G meint, Goethe habe bei 
dem im einvernehmen mit der Cottaschen buchhandlung in Wien erschienenen buche 
in: irkt (es ist nur im titel verschieden vom einundzwanzigsten bände der 

Wiener ausgäbe des Werkes), so können wir dies nicht gelten lassen. Freilich hatte 
er nach dem briefe an Frommann die absieht, in dem nach. Wien zu schickenden 
druck' fehler zu verbessern, so dass man dort eine „völlig reinliche ausgäbe" 

könne; aber dass er wirklich dazu gekommen, ist nicht erwiesen, viel- 
mehr ganz unglaublich, da die zahlreichen druckfehler, darunter die schlimmsten, 
wie ihre an. r zeigt, ihm längst aufgefallen waren (Feindet 

Findet. Schwächen statt Schwänchen), unverbessert blieben. Wenn an 
zw • üen der AYiener druck mit der reinsehrift übereinstimt, so kann dies bei 
•i zahlreichen abweich ungen desselben von dem zu gründe liegenden Jenaer nur 
auf zufall beruhen. Und dass wirkliel the 41, 8 deinen, 101, 32 Auch als 

druckfehler betrachtet habe, steht nichts weniger als fest, wenn auch die tatsache, 
:u die ausgäbe lezter band unbeanstandet übergiengen, bei Goethes häu- 
•n früher gemachter Verbesserungen nicht als gegenbeweis gelten kann. 
Aus den bemerkungen über die leitenden grundsätze führen wir an, dass die 
quellen nur da i ben sind, wo ihre kentnis „textgestaltung oder datierung 

-timmen hilft". Auf die | ante ist dureh^ rücksicht genommen, was 

b dadurch rechtfertigt, dass die handschrift die zeit von sehr vielen gedienten 
ani:: *. Noch in einem andern punkte weicht Burdacb von den grundsätzen der 

d wort- und sacherklärungen, auch da. wo diese nicht 



ÜBER GOETHES WERKE (WEIM. A.UBGABE) 329 

durch die abweichende Lesart veranlasst werden, wie es wirklich 236, 1 der fall ist, 
wo die zweite ausgäbe Siondeschein bietet, was mit recht als eine absichtliche 
altertümliche (wol richtiger volkstümliche) form bezeichnet wird. Aber Goethe hatte 
sich hier zur ändernng verleiten lassen; denn die einzige altertümliche form des 
gedichtes, Paradeis, is1 durch den reim veranlasst. Goethe brauchte nur Mond- 

ihein oder Mondenschein. Bei den Zusammensetzungen mit erde schwankte er 
zwischen den formen mit und ohne n (seltener Hess er die endung e weg), ebenso 
bei den mit leben und bei ellenbogen. Das von Bui'dach angeführte ungewöhn- 
liche Scherbeleson ist wo! dem wolklang zu verdanken. S. 126, 2 wird milde 
nicht genau durch freigebigkeil erklärt; es 8teh1 vielmehr für mildtätigkeit. 
J)ie Sprachbemerkung zu 178, 1-4 hätte, wenn sie überhaupt zu machen war, schon 
zu 161, 1 gehört; jedesfals muste die dortige abweichung bemerkt werden. Irrig 
heisst es zu ISO, 15, der mantel gesäter Storno sei das gestirnte firmament; da 
wert, das noch aus dem buche tönt, vergleicht der dichter einem mit Sternen 

schmückten mantel. indem er seine darin ausgesprochenen gefühle, welche zur 
geliebten durchdringen werden, mit unauslöschlichen Sternen vergleicht 

Zu der von kentnis und dichterischem gefühl zeugenden behandlung der ein- 
zelnen gedichte mögen uns bemerkungen über eine anzahl der stellen gestattet sein. 
über welche wir anderer ansieht sind. 8, 32 scheint hier druckfehler des eilig 

sezten kartons statt des einzig sachgemässen mir; es ist nicht der einzige fall, 
dass ein karten fehlerhaft gedruckt worden. Hier aneignen kann unmöglich heissen 
„dem engen räum anpassen 4 -; es geht auf den so sprechenden Binbildlichen ausdruck 
eines gedankens, welchen man darin schaut, nicht erst zu denken braucht. Gegra- 
ben steht dem denken entgegen; dass das wort eingegraben sei, ehe man es 
erwarte, scheint mir fremdartig. — 43, 20 hat Burdach Sodann drucken lassen. 
aber in den anmerkungen zieht er das überlieferte So dann vor, wonach so rcla- 
tivisch zu fassen wäre und nicht sodann, wie gewöhnlich (z. b. 202, 9), stünde. 
Aber ist es schon an sich unwahrscheinlich, so dann sei hier abweichend von der 
gewohnten Verbindung gebraucht, so widerspricht dieser deutung der zusammenhai 
und die frühere fassung (kräuselnd und säuselnd) erweist, dass au eine auf- 
einanderfolge zu denken ist. — Auffallend hat Burdach übersehen, dass ( i!. I 
„"Wisst ihr, wie Sehehab- eddin u am anfange eine silbe zuwenig hat. und was ich in 
den text aufgenommen, "Wisset zu schreiben ist. Die sache litt gar keinen zweifei; 
die quelle des Versehens lernen wir erst jezt kennen. Ursprünglich stand AVüsstet; 
Goethe zog später das unbedingte Wisst vor, und schrieb es darüber, ohne zu 
beachten, dass der vers den trochäus "Wisset fordert. — An 82, 7 nahm GötÜing 
anstoss und vermutete um statt 'mm, das («oethe beibehielt. Und doch kann man 
kaum sich herumsehen sagen, wenn man es nicht etwa erklärt sich herum- 
drehend sehen. Einfacher wäre es jedenfals und auch bezeichnender, wenn man 
dreht statt sieht läse. — Billigen können wir es nicht, da- -7 'las offenbar von 
Goethe verlesene Sedschan statt Sedschaa beibehalten worden. Wenn daselbst das 
An in der Überschrift in der ausgäbe lezter band aufgefallen ist, so können wir dies 
nur für ein versehen halten, da eine bestirnte persOn angeredet ist; freilich ist der 
zusatz „und seines gleichen " in der Überschrift etwas sonderbar, wenn auch die 
beziehung auf alle am kriege gegen Napoleon persönlich teilnehmenden forsten nicht 
zu verkennen ist. Auch die beibehaltnng von Tulbend statt des richtigen Bul- 
ben d (s. 155) scheint mir nicht gerechtfertigt. Wäre Goethe darauf hingewiesen wor- 
den, er würde kaum die Verbesserung abgelehnt haben. Der name Ferdusi (s. 80) 



330 IU'NTZEK 

solte Firdusi lauten, wie ihn Goethe in den noton und abhandlungen schrieb. 
Im register war nach den gedienten Ferdusi geschrieben, aber auch Firdusi ange- 
führt mit Verweisung auf Ferdusi. Verfehlt scheint es mir. dass die Weimarische 
ausgäbe auch in den noten ohne weiteres die form Ferdusi eingeführt hat, statt 
die umgekehrte änderung vorzunehmen. — 95, 17 ist ruhig' statt ruhig, geschrie- 
ben, aber s. ach das adverbium ruhig, das uns einzig richtig scheint, für mög- 
lich erklärt — 113, 1 schi fche erst beim drucke kräftgen ein, ohne zu beden- 
ken, dass es den vers zu lang macht: vielleicht solte man das durch den sinn nicht 
lerte beiwort den lesarten vorbehalten. — s. 132 werden von Burdach die bei- 
den ersten les Spruches ..Die Hut der leidenschaft" in anführungszeichen 
. mit der bemerkung, diese selten nur deutlicher bezeichnen, was der nach- 
folgende gedankenstrich ausdrücke. Aber der gedankenstrich wird, wie wir sahen, 
im „Divan" gar verschieden verwendet. Und hier fehlt der gedankenstrich beim 
. drucke (im „Morgenblatte"); beim zweiten steht der sprach unter mehreren 
anderen, von denen keiner einen gedankenstrich hat, obgleich in einem (in den versen 
„Du hasi gar vielen nicht gedankt 11 ) rede und gegenrede sich finden und die erste 
auch von Burdach mit anführungszeichen versehen ist, die sich im „Buch der 
spräche", dem unsei rse angehören, schon in der ersten ausgäbe dreimal linden, 
wegegen kein gedankenstrich vorkomt. Ist demnach die äussere berechtigung, den 
_ dankenstrich in anführungszeichen umzusetzen, sehr bedenklich, so kann hier auch 
dem inhalt nach nicht an rede und gegenrede gedacht werden. Burdach meint, der in 
den beiden ersten versen behaupteten vergeblichkeit der leidenschaft hielten die bei- 
den lezten die poesie als einen gewinn entgegen. Wirklich besagt der Spruch, die 
leidenschaft der liebe bestürme das herz, richte es aber nicht zu gründe, vielmehr 
trag - m dichterische perlen ein. Er ist eine weitere ausführung des fünften: 
„Das meer Hütet immer, | Das land behält es nimmer/" Auch können wir es nicht 
billigen, dass vorher (s. 126) der sprach ..Dunkel ist die nacht" als ein citat auf- 
gefaßt wird, wie er schon in der haudschrift und dem ersten drucke durch anfüh- 
ru' hen am anfang und ende bezeichnet wird. Die taschenausgabe sezte das 
zweite anführungszeichen nach dem ersten verse. Freilich billigte Goethe auf Gött- 
lings Vorschlag die Herstellung der ursprünglichen lesart für die oktavausgabe; aber, 
wii glauben, gegen den eigentlichen sinn des Spruches, da die frage nicht auf eine 
: . äondern auf eine fremde äusserung sich beziehen muss. Die änderung in der 
thenausgabe i-t doch kaum ohne Goethes Zustimmung erfolgt; entschied er sich 
iter augenblicklich anders, so haben wir hier eben nur zwei sich widersprechende 
entscheidungen, von denen man kaum die zweite ohne weiteres wird vorziehen dür- 
fen, m „Buch der spräche" haben wir bloss eine abschritt Kräuters, die, wie 
Burdach _ - b.t, „auf sicherlich nicht oder ganz nachlässig interpungierten con- 
i Goethes beruht", so dass sie für die satzzeichnung weniger massgebend ist, 
auch bei der druckhandschrift zu gründe gelegt wurde. — Mehrfach legt 
Burdach auf den rhythmus ein gewicht, das wir ihm nicht zuschreiben können. So 
-. 139, 11, wo überliefert ist: „Ahndeten schon Bulbuls Lieben, | Seele- 
regenden s • - . .n haupttonigea substantivum verlangen, also das hier vermutete 
..lieben. | 6eeleregenden . la g" -n. Aber warum solte nicht ein vers- 
schnitt zwischen li und seel - öden jesang gestattet sein, wie II, 28, 
140 zwischen unsern milden und himmelreinen lustgefilden? Das über- 
liefert den gesang klingt ungemein hart. Die liebe Bul- 
buls brauchte nicht hervorgehoben zu werden, da ihr gesang als liebeserklärung 



ÜBER GOETHES WERKE (WEIM. ACSGABK) 331 

gedacht wird, wogegen der holde reiz ihrer stimme Geben ihrer Wirkung des gesanges 
auf die seele glücklich hervortritt 18G, 2 soll Der sonne bald, dem kaiser 
richtiger sein als Der sonne, bald dem kaiser, hier „der dipodische rhythmus 
eäsur (?) nach bald fordern", obgleich der abschnitt nach sonne viel kräftigerwirkt; 
ja wenn bald mit sonn-' verbunden wird, so vermisst man ein Bolches bei kaiser, 
wogegen im andern falle das einmalige bald volkommen genügt. Sonderbar linde 
ich es auch., dass im verse: „Ists möglich, dass ich Liebchen dich kosel" (s. 1 18), die 
worte di^h liebchen, weil die kommata fehlen, nicht als anrede, sondern als 
„apposition mit invertierter weil Mg. ■ •• gefasst werden seilen. V"on einer verantre- 
tenden apposition habe ich keine vorstellui 

So würde ich noch manchen Widerspruch erheben können, käme es auf alle 
einzelheiten an. Aber im ganzen ist die ausgäbe mit frischem, freiem geiste, gründ- 
licher kentnis und kritischer Schulung, bo wie mit Lebendigem eifei gearbeitet, kann 
sie auch nicht als eine durchaus reife frucht gelten, wie man sie von der Weima- 
rischen ausgäbe fordern muste. Hätte der herausgeber sie nach Vollendung der hand- 
schrift noch ein jähr liegen lassen und sie dann von neuem durchsehen können, 
würde er manches geändert haben. Aber der reiche kritische stoff ist so übersicht- 
lich verwertet, dass man daraus eine lebendige einsieht gewint. Der nachlass hie- 
tet nur zwei bisher ungedruckte kleine gediente und gibt die bereits von Rie- 
mer mitgeteilten genauer. Neu sind auch anderthalb im liedc „ Widerfinden " 
unterdrückte Strophen; dass hier eine strophe weggelassen sei. wüsten wir längst aus 
Boisserees bericht. Die „Päralipomena" beginnen mit vier ^Übersetzungen und nach- 
dichtungen u , unter denen die der ersten Moallakat von 1783 ist, die übrigen gehören 
dem jähre 1814 an; nur von einem ist die quelle bisher nicht entdeckt. An zweiter 
stelle folgen „Entwürfe zu Divangedichten." Unglücklich ist bei 5 die Ver- 
mutung, Mobed sei für Moses verschrieben; die herstellung Mob e de ergibt sich 
ganz unzweifelhaft, wie gleich darauf Grau Nord, wo Burdach das falsche < 'ran 
mit einem fragezeichen begleitet. In 7, 6 ist IE.... als Heiland, Seh... als 
Schein zu ergänzen, 9d bedeuten statt bedarfe zu lesen. Die verse am ende 
von 9 gehören Riemer. 

Eine meisterhafte leistung bietet der siebente band, der von dem längst bewähr- 
ten Bernhard Scuffert die noten und abhandlungen in der von Göttling 
angebahnten, aber erst jezt fest durchgeführten Schreibung und satzzeichnung, darauf 
den aufsatz Moses von 1707 (vgl. meinen aufsatz in Eerrigs „Archiv" VI) nel 
den Vorstudien und dem entwürfe dazu bringt, von Karl Wilhelm «las Verzeichnis 
der „vorarbeiten und materialien zum Divan." Die bestimmung der redaktoren, da 
die noten als besonderer band vom Divan getrent sind, widerspricht freilich der 
absieht des dichters, den es schwer ärgerte, als Cotta sich veranlasst fand, aus dem 
von ihm angekündigten fünften bände zwei zu machen. Seuffert behalt sogar Goeth 
offenbare versehen bei. obgleich dieser, darauf hingewiesen, deren Verbesserung 
angeordnet haben würde. Dass das richtige Firdusi, um die abweichung vom Di- 
van zu vermeiden, zu Ferdusi geworden, obgleich die umgekehrte Veränderung 
sich empfahl, ist bereits bemerkt; darnach fiel im register der artikel Firdusi aus. 

Die schwierigste und bedeutendste arbeit, die herausgäbe des ganzen Faust, 
hat Scherers geistreicher schüler Erich Schmidt ausgeführt. Es ist ein werk 
grossen fleisses und ungeheurer mühe, das eine neue grundlage der forschung bildet; 
aber keineswegs nach fest durchgeführten grundsätzen sauber gearbeitet, sondern mit 
rascher entschiedenheit vorschnell bewältigt, was nicht zu verwundern ist bei einem 



332 DÜNTZER 

so lebhaften und von verschiedenen Seiten in ansprach genommenen gelehrten, 
der freilich mit Faust sich viel beschäftigt hat, aber ohne sich völlig in die dich- 
tung selbst und deren erklärung eingelebt zu haben. Für den ersten teil hatte er 
eine neue, besonders für die entstehungsgeschichte höchst wichtige quelle in der 
abschritt der hofdame von Göchhausen entdeckt. Dass seine ausgäbe dieser „ursprüng- 
lichen gestalt" übereilt gewesen, hat er seihst in der „zweiten aufläge" eingestan- 
den, aus welcher dann am Schlüsse von band XV- einige lesarten nachgetragen oder 
berichtigt werden. Aber nicht zurückgenommen ist die behauptung, die abschrift 
enthalte ..den ursprünglichen fragmentarischen Faust, wie ihn Goethe nach Weimar 
mitbrachte." In der „Gegenwart" XXX 111. 1(3(3 fgg. habe ich erwiesen, dass der 
hhausen die abschritt des bruchstückes in 'der handschriftlichen samlung von 
angedruckten werken vorlag, welche der dichter im Oktober 1782 der her- 
ein -mutter verehrt hatte, zu welcher diejenige benuzt worden, nach welcher 
„Faust" in die von Weihnachten 1781 bis mitte Januar 1782 der trau von Stein 
-•henkte samlung aufgenommen worden war. Der von Goethe verwante abschrei- 
ber wird nur zum teil die urhaudschrift in bänden gehabt, manches in des dichters 
•iier abschrift ihm vorgelegen haben. Den unzweifelhaften beweis, dass die 
abschrift der Göchhausen nicht die ganz unveränderte gestalt der urhaudschrift 
be, liefert das lied vom könig iu Thule. Schon von anderer seite ist auf die 
abweichung der Göchhausenschen fassung von dem abdrucke der bailade bei Secken- 
dorff und die Übereinstimmung mit dem „fragment" bemerkt worden. Wenn Secken- 
dorff im jähre 1782 zu der in musik gesezten ballade bemerkte, „Aus Goethens 
1'. Faust", so kann Goethe ihm diese nur nach der Fausthandschrift gegeben haben. 
Wir müßten demnach in der Göchhausenschen handschrift dieselbe fassung widerfin- 
finden, gäbe diese den ursprünglichen „Faust" wörtlich wider. Die ausflucht, Goethe 
habe au der ballade geändert, ehe er sie Seckendorff mitteilte, wird dadurch abge- 
ritten . dass die- lassung in der Göchhausenschen abschrift offenbar eine verbes- 
serun_ ballade gegen die Seekendorffische ist, nicht umgekehrt. Ehe Goethe den 

„Faust" für die Stein abschreiben licss, änderte er den schluss, wie er gewöhnlich 
bei der abschrift seiner idtern gedichte Veränderungen vornahm. Diese Veränderung 
aber kann er nicht schon im jähre 177(3 vorgenommen haben, in welches Schmidt 
hrift der Göolmauscn setzen möchte, da er Seckendorff die ballade erst 
ende I77sj oder anfangs 177!). wo er mit diesem vertrauter wurde, gegeben haben 
dürfte. Das erste lieft von Seckendorffs „Volks- und andere lieder", welches seine 
ballade „Der Fischer 1 " brachte, erschien im frühjahr 1779; zugleich mit diesem hatte 
ethe ihm höchst wahrscheinlich den „König in Thule " gegeben, der aber erst im 
dritten, 1782 erschienenen hefte erschien (die Überschrift Seckendorffs „Der könig 
von Thule" gehört wol diesem an), wogegen Seckendorffs melodie des liedes „An 
den mond" gar nicht gedruckt wurde. Ist die Göchhausensche abschrift nicht 
unmittelbar aus der Urschrift, sondern aus der 1781 von Goethe veranstalteten gcilos- 
konte der dichter nicht bloss kleinigkeiten geändert, sondern auch einzelnes 
re aufgenommen halten. [Auf Schmidts neuerdings erhobenen Widerspruch komme 
ich nie - bei anderer gelcgenheit eingehend zu sprechen. Späterer zusatz.] 

Die lesarten beginnen mit den drucken, von denen wir ausreichende künde 
erhalten. Die im „Morgenblatt- gedruckten scenen konten übergangen, am wenigsten 
durften sie der ausgäbe selbst vorangesteU werden, deren druck dabei zu gründe lag. 
Den vom herausgeber des -Morgenblattes-, wie bei jeder nummer, vorgesezten mottos 
wird eine irreführende ehre zu teil, wenn sie, als ob der dichter dabei irgend betei- 



ÜBEB GOETHES WERKE (WKIM. AUSGABE) 333 

ligt wäre, mitgeteilt werden. „Das motto ist bedeutsam gewählt", heissl es s. 257 und 
258 und ähnlich s. 281. Ja freilich, aber nicht von Goethe, sondern von Hang! 
Die beiden einzelansgaben des „Faust" waren zn übergehen, wie es mit recht bei 
den späteren geschehen, da Bie nur abdrücke aus den werken sind. Schmidts bebaup- 
tung s. 251, in E a habe der dichter die Fassung revidiert und diese sei in der aus- 
gäbe der werke widerholt, verdreht den tatbestand; denn wenn auch die bände von 
dem den „ Faust " enthaltenden nennten an erst ostern 1 S 1 7 au "'ii wurden. 

gedruckt war „Faust" darin schon 1816 und nach diesem drucke wurde die einzel- 
ausgabe gemacht I>as.^ es von III auch einen durch viele eigentumliche druckfehler 
entstelten abdruck gebe, hat erst Schmidt festgestelt; doch muste er hervorheben, 
dass auch die ursprüngliche ausgäbe von III nicht bloss in der satzzeichnung, son- 
dern auch in den worten (wie 2921. 3457. 3890) starke druckfehler zeigt, so dass 
ihre lesart. nur da ins gewicht fält, wo sie eine offenbare Verbesserung ist. Bei 
der oktavausgabe lezter hand hätte wol bemerkt werden sollen, dass die Verbesse- 
rungen gegen die taschenausgabe unbedeutend sind. Der einzeldruck von 1S30 ver- 
diente keine erwähnung. Über die wenigen handschriftlichen roste von Goethes eigner 
hand oder mit dessen Verbesserungen wird auf die betreffenden stellen verwiesen; eine 
vorläufige Übersicht und nähere bestimmung wäre wol an der stelle gewesen. 

Wenden wir uns zur gestaltung des textes, so ist die Schreibung meist folge- 
richtig durchgeführt, aber in der satzzeichnung noch manches ungehörige beibehal- 
ten zum nachteil des leichten Verständnisses; auch keine volle gleichmässigkeit ist 
erreicht. Einzelnes dieser art ist schon oben augegeben; anderes möge hier hervor- 
gehoben werden. Bei der anrede fehlt vielfach das diese vom satze trennende komma. 
Freilich ist dieses nicht an der stelle, wo du oder ihr Subjekt ist, an welches sich 
unmittelbar eine weitere anrede ohne besondere betonung anschliesst. Aber bei „Nein, 
horr!" (296), -Agathe, fort!" (876) darf das scheidende komma nicht fehlen. Rich- 
tig ist 842 geschrieben „Herr bruder, nein!", wozu „Herr bruder komm!" (829) 
nicht stiint. Mindestens ein komma ist erforderlich, wo sätze in selbständiger bezie- 
hung neben einander treten. Wenn es 161 fg. heisst: „Zufällig naht man sich, man 
fühlt, man bleibt, | Und nach und nach wird man verflochten", so ist das freilich 
in den ausgaben fehlende komma durchaus nötig, da die folge angeknüpft wird, wes- 
halb man denn auch beim vortrage eine längere pause macht als vor dem zweiten 
und dritten mau. Viel weniger nötig wäre das komma 140 nach „der aus dem 
busen dringt", da das sich unmittelbar anschliessende „Und in sein herz die weit 
zurücke schlingt" notwendige ergänzung bildet. Dass Goethe selbst an den vom 
ersten druck hereingebrachten unnötigen, nähere bestimmungen absondernden, den 
satz zerhackenden kommas so starken anstoss nahm, da^s er vor allem die entfer- 
nung derselben wünschte, wurde schon bemerkt; aber leider haben in der Weima- 
rischen ausgäbe des „ Faust" noch viele ihr leben gefristet. Wenn man zweifeln 
kann, ob diese 32S bei „in seinem dunklen dränge" mit recht weggelassen sind, 
jedenfals stören sie, um nur wenige stellen anzuführen, 560 („bei meinem kritischen 
bestreben"), .735 („mit ganzer seele"), 747 („um grabes nacht"), 798 („Aus der Ver- 
wesung schooss"), 878 („in Sanct Andreas nacht"), 1105 (..Von buch zu buch"). 
343 sind die kommas bei dem so bedeutsam hervorgehobenen ..als teufel" weggelas- 
sen, 620 bei „schaffend" geblieben, während sie wieder 147 bei „Belebend" gestri- 
chen wurden. Es würde zu grossen räum in ansprach nehmen, weiten wir auf das 
sonstige so grundsatzlose schwanken eingehen. Beispielsweise erwähnen wir, dass 
nach Verzeih 275, Verzeiht 2001 komma, 522. 570 uach Verzeiht ausrufungs- 



334 IUNTZF.R 

zeichen steht Nach dem einleitenden „Jezt ohne schimpf und ohne spass" (2653) 
findet sich noch, als ob es ein voller satz wäre, pnnkt, ohne erwähnung des in der 

äten ansgabe stehenden doppelpunktes, wie denn die angäbe der abweichnngen 
nichts weniger als volständig oder nach festen grundsätzen ausgewählt ist. Der dop- 
pelpunkt solte hier das folgende einführen; doch hat man dafür später wol richtiger 
ausrorongszeichen oder komma gesezt, ähnlich wie „mit verlaub von cw. gnaden" 

-7 von kommas eingeschlossen ist. Wen mnss es nicht befremden, dass gleich nach 
Raphaels: „Ihr anblick gibt den engein starke, | Wenn keiner sie ergründen mag" 
(247 g im chorgesange der drei erzengel heisst: „Der anblick gibt den engein 

starke | Da keiner dich ergründen mag u , also hier, obgleich da begründend steht, 
it dem ersten drucke aus blossem versehen fehlende komma nach stärke ver- 
misst wird. Wir unterlassen es auf die vielen fälle einzugehen, wo komma statt 
punkt oder ausrufnngszeichen steht, wie 463 (hier werden wir belehrt, der rasche 
lauf der rede erlaube das auf blossem versehen von II beruhende, den ausdruck 
abschwächende komma!) oder statt Semikolon oder kolon; wo punkt oder ausrufungs- 

ichen vor einem gedankenstriche fehlt, wie 132; wo der doppelte gedankenstrich 

et, wie 472 (nach haupt), oder andere fehler gegen eine verständige Batzzeich- 

nung sich finden. < >ft kommt die rede vor lauter die Sätze trennenden kommas nicht 

zur ruhe und die beziehuhg derselben zu einander geht ganz verloren. In dem bau- 

emliede muss nach ^~(j komma gesezt werden, wie es sich 069 findet; denn die 

frainvers si hon ausserhalb der rede. Muster falscher satzzeichnung sind „0 tod! 
ich kenn's — das ist mein famulus — " (518), „Trauben trägt der weinstock! (,), 
Eörner der Ziegenbock; (.)" (2284 Ig.), die freilich Schmidt nicht erfunden, aber beibe- 
halten. Hätte er sich überzeugt, wie jämmerlich es mit der entstehung der satzzeichnung 
in der an lezter hand sich verhält, und den grundsatz befolgt, dass diese den 

Vortrag erleichtern soll, auch hier als gesetz gelten muss: „Schreibe, wie dusprichst", 
würde seine ausgäbe nicht in dieser beziehnng weit hinter andern zurückstehen. 
Auch in der wortkritik bietet sie manche mängel. Der schlimste flecken ist 
die beibehaltung des unsinnigen Leid statt Lied (21), in dessen Verteidigung er 
leider Vorgänger gehabt Achtel man streng auf den Zusammenhang, was freilich 
weit - ' c bei kritikern und erklärern der fall ist, als man glauben solte, so kann in 
se nur von der dichtung des „Faust" die rede sein, aber diese hier mein 
leid zu nennen wäre eine albcrnheit. Was Schmidt äusserlich gegen diese verbes- 
irbringt, will nichts sagen. Dass Riemer mit ihr „bei lebzeiten des dichters 
nicht durchgedrungen", ist nicht richtig. Wie Goethe so manche selbstgemachte 
vei ei den neuen ausgaben vergessen hatte, so auch hier die ISO!) von 

Riemer gemachte. Hat ja Schmidt selbst 2348 Riemers Dich statt Doch aufgenom- 
men, obgleich sich das versehen grade ebenso lange in den ausgaben fortgepflanzt hat, 
ebenso lange als das lächerliche sang statt sank in der ballade „Das veilchen." 
Eine anzahl anderer versehen habe ich in den „Grenzboten" s. 90 besprochen. Wir 
fügen hier einige hinzu. 279 ist Sonn- statt Sonn' eine schlimbesserung, da im 
prolog nur von einer sonne die rede ist; wogegen 238 „An tier und. vögeln" wol 
ti< - jotte. öll lesen wir jezl h'raus, wie ursprünglich stand; alter Goethe 

li. ;hen formen das li weg. wie wir im Divan 'mm lesen, und so 

ha*- Schmidt kein recht das überliel raus zu verdrängen. 2174 ist Lasst 

wol nur druckfehler der zweiten ausgäbe statt des passenden Lass. 2385 fordert der 
. lange igt aus; dem vorigen hereingekommen, wo das e metrisch 

zählt. - 226, 29 n. nach den grundsätzen der ausgäbe Ein statt ein heissen; 



ÜBER r.OF.TIIF.S WKKKN (WF.IM. AUSGABE) 335 

Von tiefer liegenden schaden, deren herstellung die Weiinarische ausgäbe ausschliesst, 
wollen wir gar nicht reden, selbst Glutstrora statt Flutstrom 008 nur anzudeu- 
ten wäre für sie zu viel. Unter den Lesarten werden nur wenige, und dazn Behr 
schwache, abgewiesen; man sieht gar nicht, woher diese zu der «'luv kommen. 
43:} ( .» wird Fideler einer aus blossem übersehen der überlieferten Lesart entstandenen 
Vermutung zu liebe Qottweg als Fiedler erklärt, obgleich Goethe das worl nicht 
dreisilbig sprach und er Fiedel, nie Fidel Bchrieb, auch Fideler mit betonung 
der zweiten silbe dem Zusammenhang entspricht. 

Der wert dieser Weimarischen ausgäbe liegt fast einzig in den Paralipo- 
mena, die volständiger und genauer als bisher mitgeteilt wei'den, unter ihnen auch 
„excerpte" zur Walpurgisnacht, von denen freilich hätte bemerkt werden sollen. 
dass sie ende L799 fallen. Die ausgeführten stellen gehören zum Vorspiel auf dem 
theater, zur vertragsscene, zum grossen disputationsaktus, zur abfahrt und zur rei 
das meiste zum blocksberg und dem Intermezzo. Der zeit nach reichen sie \<>u 177."» bis 
zum jähre L809, in welches die „Blocksbergskandidaten" überschriebenen xenien fallen. 
Manches wäre hier näher zu bestimmen und zu deuten. So geht die xenie „"Wegen 
papierner Hügel bekant" s. 303 auf den „genius der zeit" von Friedrich von Hen- 
nings, wie auch das unmittelbar folgende, das dessen ßlusageten tritt; die gräfin 
s. 304 auf die Krüdener. Nr. 35 kann unmöglich auf den irwisch sich beziehen; wie 
in den „zahmen xenien" tritt Goethe hier die kritiker, die ohne seihst etwas schaffen 
zu können die dichter angreifen (kiken), wie das auch die beigefügten werte 
„jetzigen unfug in Deutschland"" andeuten. Nr. 36. 37 sind irrig auf den blocksbi 
bezogen; sie waren wol ursprünglich zum proleg im himmel bestimmt, zur stelle, wo 
jezt 280 fgg. stehen. 

Wir gehen zum zweiten teile des „Faust" über. T)ie volständige handschrift 
desselben findet sich, wie wir zu unserm tröste lesen, im Goethearchiv; denn nach 
dem ven uns in dieser Zeitschrift XV. 450fg. mitgeteilten merkwürdigen briefeEcker- 
manns muste man glauben, diese sei zum drucke verwant werden und nicht wider 
zurückgekehrt, und so verlautete auch anfangs, eine handschrift des ganzen zweiten 
teiles habe sich im Goethearchiv nicht gefunden. Per dritte akt ist von Schuchardl 
geschrieben und dieselbe handsehrift, nach welcher die „Helena" gedruckt wurde, 
wogegen beim ersten drucke des anfangs des ersten aktes eine abschritt zu gründe 
lag; akt 1. 2. 4. 5 hat der Schreiber John mit seine]- bekanten nachlässigkeit geliefert. 
Freilich hat Goethe die handschrift mehrfach durchgesehen und manche fehler, auch 
satzzeichnung und rechtschreibung, zuweilen verbessert, aber anderes fehlerhafte 
übersehen, wie es bei raschem lesen und der vorschwebenden richtigen Fassung nicht 
anders möglich war. Einzelnes seheint auch seine Schwiegertochter Ottilie, die allein 
die ganze handschrift las, berichtigt zu haben. Wenn in den Schriften, deren druck- 
bogen er selbst, zum teil mit hülfe anderer, meist mehrmal, bei gelegenheit der nach 
längerem Zeitraum aufeinanderfolgenden ausgaben, durchsah, manches geändert wurde, 
ja die handschrift, schon ehe sie in den druck gieng, von Riemer genau durchgenom- 
men und über auffallendes verhandelt wurde, so ist diese woltat nur dem als fort- 
setzuug des ersten teiles erschienenen anfang und der. „Helena" zu teil geworden, so 
dass der bei seinem tode noch ungedruckte umfangreichere teil der dichtung in dieser 
beziehung viel ungünstiger gestelt ist. Dennoch hält der herausgeber (s. 8) auch die- 
sem gegenüber „ein streng konservatives verfahren geboten, das lediglich erkante [das 
soll heissen in die augen springende] fehler ausbessert, der interpunktion nur nach- 
hilft, wo dem Verständnis Schwierigkeiten drohen oder der algemeine brauch Goethes 



336 Pi'XTZER 

widerspricht, allein das normiert, was unbedingt normiert worden muss, und in die 
auch für C 12 und C 4 [die ersten drucke dos anfangs und der „Helena"] einiger- 
massen geltende regellosigkeit der verkürzten und unverkürzten formen" (verwor- 
renen — verworrnen, Beiigen — sei "gen) bloss da eingreift, wo eine eigon- 
händige handschrift, besonders eine zweifellose vorläge (auch von John selbst) zeigt, 
dass wir den Schreiber, nicht den dichter korrigieren." Wir sollen also dem blin- 
den zufall anheimgegeben sein; die kritik soll sich der ihr obliegenden pflicht entziehen. 
nach der absieht des dichtere bei Störungen des verses zu fragen und, wo keine 

■he möglich scheint, helfend einzugreifen; sie soll sieh dem köhlerglauben hingeben, 
die n gkeit sei grondsatz! Also die heim ersten teile des „Faust" und auch sonst, 

wie ich bewiesen habe, deutlich vorliegende ausstossung der metrisch 
nden i und e soll hier absichtlich verlezt sein; der dichter soll gar kein 
uhl für den vers gehabt haben, obwol die mehrfach vorkommend m ausstossungen 
zeigen, dass er, was freilich an sich niemand bezweifeln wird, diese so höchst wich- 
tige freiheit der dichterischen spräche auch noch in seinem höchsten alter grundsätz- 
lich anerkant hat! Eine ihres Zweckes sich bewuste kritik muss der nachlässigkeit 

schreibenden, sowol des dichtors selbst wie eines das diktierte oder eine vorläge 
wi . nden dritten, abhelfen. Vergleichen wir die jezt aus der handschriffc mit- 

teilten ersten 265verse der „Helena" vom jähre 1800 mit der späteren handschrift, 
so finden wir dort regelmässig die ausstossung angewant, während in unserer jetzigen 
Überlieferung die des i überall, nur zuweilen die des e verlezt ist (8491. 3. 8511. 

46. 50. 72. 74. 80. 8641. 71. 92. 8777), wobei schöpferisch neben krieg- 
rischen, gebietrisch,, gebiet'rin steht. In der altern handschrift fanden sich 
nur glühende wölken (8651) und heftiger (8760), wo die anapäste absichtlich 
eintreten, wogegen beistehen (8662) ein später verbesserter Schreibfehler ist. Die 
ehre des dichtere, dessen metrisches gefühl keineswegs so abgestumpft war, dass er 
die algemein erlaubten ausstossungen sich nicht des verses wegen gestattet hätte, 
fordert entschieden, dass wir nicht die nachlässigkeit des schreibenden fortpflanzen, 

nicht bloss da abstellen, wo eine handschrift zufällig davon frei ist. Leider hat 
die Weimarische ausgäbe durch dieses bequeme, aber unkritische verfahren, statt die 
Überlieferung zu reinigen, die bunteste entstellung, ein erzeugnis unwilkürlicher nach- 
lässigkeit, fortgepflanzt. Li der ,, Helena' 1 werden die Schreibfehler vom herausgeber 
dadurch gedeckt, dass der dichter später mehr anapäste habe hereinbringen wollen, 
was. wie es als algemeiner grundsatz unwahrscheinlich ist, durch die unterlassenen 
ausstossungen des an die volständigen formen gewöhnten Schreibers nichts weniger 

erwiesen werden kann. Die sogenanten gleitenden Alexandriner sollen gar als 
..metrische eigentümlichkeiten des Goethischen alters" gelten, und doch finden sie 
b nur in drei reimen auf — igen (10905 l'^. 73 fg. 11017 fg.), und diese abscheu- 
lichen Schlüsse des Alexandriners auf einen daktylus (denn an einen siebenfüssigen 
männlich auslautenden vers zu denken hindert der streng eingehaltene Wechsel von 
männlichen und weiblichen Alexandrinern) beseitigen sich alle durch ausstossung des 
i. die um so weniger auffallen kann, als sich selbst in der Iphigenie entschuld'- 
gung, im maskenzug von 1818 enfschuld'gend, huld'gend, anzukünd'gen, 
finden, in der handschrift des „Divan" rein'gen, pein'gen. Ja, wären die Ver- 
teidiger dos unmetrischen i zur einsieht zu bringen, so müste gerade jene Alexan- 
drinerecene sie heilen, in der sich nirgends ein anapäst findet als da, wo er durch 
ausstossung des i (10861. 80. 10926. 32. 55. 71, 80. 11010. 25. 28. 34) und e 
(10 l mtfernt wird, zum sichern beweise, dass Goethe von diesen absichlich cere- 



ÜBER GOETHES WERKE (WEIM. AUSGABE) 337 

moniös steif gehaltenen versen den anapäst ausgeschlossen hat. Doch was sagen wir? 
Selbst abweichende „formen wie wandlet, dauren, die in C [der ausgäbe Lezter 
band] überhaupt wol sehr zusammengestrichen, aber doch [aus nachlässigkeit] nichi 
ganz ausgetrieben sind", werden unter diesem Schilde verteidigt; die „normen der 
gesamten ausgäbe" gestatten dafür ausnahmen! So weit führt das „streng konserva- 
tive verfahren" irre. 

Ausser der haupthandschrift, die mit ausnähme der „Helena" in die jähre 
1830 und 1831 fallen wird, finden sich frühere reinschriften grösserer teile, aus 
deren vergleichung sich fehler der haupthandschrift ergeben; aber diese teilhand- 
S'-hriften erstrecken sich nicht über das ganze gedieht, und auch >ie leiden durch 
naehlässigkeit des Schreibers. Von Goethes ursprünglichen entwürfen kürzerer stel- 
len (denn an einem tage dichtete er selten mehr als eine druckseite) haben sich 
manche erhalten, viele sind in alle weit geflogen oder untergegangen. Pflicht des 
herausgebers wäre es gewesen, gleich am anfange eine volständige Übersicht dieser 
ursprünglichen entwürfe zu geben und in gleicher weise die einzelnen abschriften 
so zu ordnen, dass leicht zu überschauen wäre, in welchen handschriften die ein- 
zelnen stücke sich vorfinden. Die von ihm gewählte art, bei jedem akte die hand- 
schriften nummeriert aufzuzählen, empfiehlt sich scheinbar; aber sie hat den nach- 
tcil, dass die handschriften früherer akte, welche teile der spätem enthalten, nicht 
genant sind, wie z. b. beim zweiten von denen des ersten die dort mit 13, 56 und i 
bezeichneten fehlen. Überhaupt ist die aufführung der handschriften nicht über- 
sichtlich, was erreicht worden wäre, wenn gleich am anfang nach den entwür- 
fen die handschriften einzelner stücke, dami mehrerer vereinigter, darauf rein- 
schriften grösserer teile und zulezt die haupthandschrift mit einfacher bezeichnung auf- 
geführt wären; während jezt bei den einzelnen akten die handschriften so geordnet 
sind, dass der vers, mit dem sie beginnen, die folge bestirnt. So gleichen denn die 
umfangreichen lesarten einem undurchdringlichen urwalde, da man durch das mas- 
senhafte — abgesehen von dem durch seine knappe kürze oft hinderlichen ausdruck 
und zahlreichen druckfehlern in zahlen — beim mangel entsprechender absätze uud 
dem geschwirre zahlreicher handschriften, deren bezeichnung sich schwer einprägt, 
fast erdrückt wird. 

Sehen wir zunächst, was, dank der handschriftlichen grandlage, der Wortlaut 
gewonnen hat, so gibt Schmidt nach 10523 aus einer altern, 10475 bis 1054G ent- 
haltenden handschrift Goethes den zufällig bisher fehlenden vers: „Er ist behend, 
reisst alles mit sich fort'*, wodurch der vorhergehende den fehlenden reim gewiut, 
auch Fausts rede glücklich erweitert wird, so dass sie der folgenden 10541 fg. äusser- 
lich entspricht. Schmidt sieht mit recht in dem ausfall ein blosses versehen. An 
manchen stellen hat er die von Eckermann vorgenommenen, in allen ausgaben seit 
1832 sich findenden änderungen rückgängig gemacht. 5592 hat die handschrift: 
„Kleinode schnipt er wie in träum", wo Eckermann mit recht im einsezte. Schmidt 
betrachtet in als veschrieben für das in altern handschriften undeutlich geschriebene 
ein, worin er einen „schönen sinn" findet. Ein vergleich des kleinode schnippen- 
den knaben mit einem träume scheint mir abgeschmackt; „wie im träum" deutet 
auf die der Wirklichkeit spottenden traumgebilde , nach der bekanten redeweise „wie 
im träume sein." 6384 lesen wir jezt bequem lichstens, 6488 reichlichstens, 
nach dem Goethe wol durch den aufenthalt in Böhmen und den verkehr mit Öster- 
reichern zugekommenen mundartlichen gebrauche. Eckermann hatte diesen an der 
erstem stelle glücklich durch bequem lieh sich, an der andern durch vollen 

ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XXTII. 22 



338 PÜNTZER 

Stroms beseitigt. Goethe würde wol diese ändorungen kaum beanstandet haben, 
aber freilieh müssen wir jezt der Überlieferung folgen. Ähnlieh ist 6847 jezt die 
handschriftliche Lesart „Doch künftig höhern. höhern Ursprung haben" hergestelt. 
wofür man seit 1832 reinem, höhern las. Schmidt verweist dagegeu mit recht 
auf 6856: ..Die Überzeugung wahrer, wahrer 41 , wo mau die widerholung nicht ange- 
tastet hat. c in einer handschrift das undeuthch geschriebene Strand 
rkennen, in einer andern, die erster entwarf seheint, findet sieh ein abgekürztes 
Stnd. Deshalb betrachtet er Stand der hanpthandschrift als Schreibfehler und sezt 
Strand, wie ich schon längst vor den von ihm angeführten gelehrten einmal ver- 
mal Aber der feste Stand seheint mir jezt bezeichnender, und wahrscheinlich 
erklärte sieh auch Goethe schliesslich dafür, wenn er auch ursprünglich, in dem 
bilde bleibend. Strand geschrieben hatte. 7109 hat Eckermann richtig in freier 
statt zur freien) jubelnaeht geschrieben, was Schmidt ablehnt. 7152 heisst es: 
„Wer sind die vögel in den ästen | Des pappelstromes hingewiegt?" Andere 
haudschriften hatten Der Peneus päppeln oder Peneuspappeln, woraus Ecker- 
mann trotz Goethes eigener Verbesserung Der ström es-pappeln machte, da die 
äste des pappelstromes nicht ohne anstoss sind und seine änderung der 
ursprünglichen fassung näher kam. Goethe würde ihm ohne zweifei zugestimt haben. 
Entschieden berechtigt war auch 7545 Eckermanns Kolossal-Karyatide, wogegen 
S hmidt das nicht blos metrisch anstössige Kolossale Karyatide herzustellen 
wagte. — SS03 stand seit 1832: ..Da du, nun anerkante, nun den alten platz." Ich 
habe das ungehörige des doppelten nun längst erkant und neu anerkante geschrie- 
ben. Jezt bereu wir, dass früher die anerkante nun stand, Goethe später nun 
an er kaut«'! neu verbesserte, aber der abschreibet- aus neu ein zweites nun machte. 
imidt meint, gegen meine Vermutung „spreche schon die antikisierende rede- 
figur (?) nen den alten." Als ob der gegensatz nicht noch schärfer hervorträte, 
wenn das adverbium neu zur anrede gefügt wird! Ja das nun anerkante ist nicht 
allein schwach, sondern auch schief, da Helena nicht jezt zuerst, sondern wider 
als herrin des hauses durch die Sendung ihres gatten anerkant ist. Ich glaube wirk- 
lich, dass Goethe bei der Verbesserung sich irte und von den beiden nun durch 
bl< sehen statt des ersten das zweite änderte. — 8945 fg. fand sich: „Und 
eingewickelt, zwar getrenten haupts, sogleich | Anständig würdig aber doch bestattet 
- hmidt findet die satzzeichnung „mühsam und unklar", auch „störe sie die 
gräcisierende konstruktion " : deshalb versezt er das komma nach sogleich, wie es 
in einer abschrift sich findet, die er für ein diktat halten möchte. Die rede ist 
absichtlich künstlich gestelt. was der Schadenfreude der Phorkyas entspricht. „Einge- 
wickelt sogleich anständig würdig" gehört zusammen; die nähern bestimmungen zu 
„bestattet sei" sind ineinander geschoben; sogleich hat mit „zwar getrenbn 
haupts- nicht das geringste zu tun. Auch die „entwicklung der textesworte" spricht 
nicht für Schmidt; denn ursprünglich hatte der dichter nach eingewickelt eine 
lue. ..ssen, da aber das zur ergänzung gewählte sogleich dort nicht in den vers 
passte, sezte er es an den schluss. — Die schöne stelle 9307 fgg. hat Schmidt völ- 
lig misverstanden , wenn er das in der oktavausgabe für nun richtig eingeführte nur 
wirft. Wunderbar erklärt er: „Jezt ist allein der Smaragd vor allen steinen wür- 
dig dich zu zieren, während die rubinen verscheucht werden", da vielmehr der Sma- 
ragd zum schmucke der brüst, perlen für das Ohrgehänge bestirnt werden; von 
einem gegensatz zwischen jezt und bisher kann keine rede sein. Aber Schmidt 
findet sogar in nur allein einen anstössigen pleonasmus, als ob dieses nicht eine 



ÜBER GOETTTF.S WERKE (WF.IM. A.USGABE) 339 

durchaus unanstössige Verstärkung wäre, die in unserer dichtung allein zweimal, im 
Divan einmal, auch sonst bei Goethe Bich findet. — 10001 führt Schmidt Vogel- 
säugen mit recht aus der handschrift ein statt des vielleicht nur auf druckfehler beru- 
henden Vogelsingen; früherstand Vogelstimmen. — 100G1 hat Eckermann richtig 

Schwungs statt des hier beibehaltenen ungehörigen Schwung. Eben-;.! !<>0S2 au 
zupusten statt aus zu pusten; jenes isl recht bezeichnend, wogegen aus. mit 
dem vorausgehenden von unten verbunden, sehr überflüssig wäre. — Wenn man 
zweifeln kann, ob 1010!» Eckermanns pischts statt des freilich neben zischts auf- 
fallenden pissts berechtigt ist, so ist dagegen 10280 „lasst uns wühlen | Den neuen 
kaiser, neu das reich beseelen" entschieden vorzuziehen der arg gezwungenen, von 
Schmidt angenommenen satzzeichnung, komma bloss nach wählen. Gleichfals empfiehlt 
sich 104G9 das von Eckermann eingeführte komma nach erstanden vor dem schlot- 
ternden „das gegen uns erstanden | Sich kaiser nent und herr von unsern landen." — Zu 
10943 erfahren wir, dass die handschrift mit Eckcrmann hat: „Dann sei bestirnt ver- 
gönt zu üben ungestört.- Die skizze lautete: „Sodann sei euch auszuüben ungestört" 
Die von Goethe gewühlte fassung scheint uns ein notbehelf, und nicht unmöglich, dass 
der dichter sich entschloss, die beiden früher zur auswahl ins äuge gofassten an- 
drücke bestirnt und vergönt zusammen aufzunehmen. Wenn Schmidt meint, 
bestirnt könne ..ganz wol im sinne von [in] Form rechtens gebraucht sein", so 
wäre dies doch sonderbar, wenigstens dem gangbaren Sprachgebrauch nicht gemäss. 
Hätte Goethe einen freund über die schwierige fassung zu rate gezogen, so würde 
diese wol anders lauten. — 10979 hat der herausgeber die Veränderung des von Ecker- 
mann beibehaltenen bangt der handschrift in bangts gewagt, weil in Goethes 
eigener handschrift bangs stehe, auch die Wortstellung jezt bedenklich sei, obgleich 
in diesen steifen Alexandrinern noch härteres sich findet. Auch 10998 genügt ihm 
steter weide nicht; er stelt aus einer altern handschrift fetter her, obgleich kein 
grund vorhanden, die möglichkeit zu leugnen, dass der dichter selbst später das auf 
dauernde fruchtbarkeit deutende steter vorgezogen: wir glauben, im munde des auf 
die zukunft bedachten herschsüchtigen geistlichen mit vollem recht. — 11160 soll 
fremden gegen den „guten sinn u sein, obgleich Goethe diesen gebrauch der mehr- 
heit von Schatten liebt. Dass in der früheren handschrift gewöhnlich frem- 
dem steht, beweist nichts. Derselben handschrift folgt Schmidt auch 11283, ohne 
sich durch 11215 bekehren zu lassen. — 11241 behält er die wenig bäume gegen 
Eckermanns wenigen bei, obgleich, ein gleicher ausfall der endung der mehrzahl 
nach dem bestirnten artikel sich kaum bei Goethe findet; freilich wäre wen'gen 
vorzuziehen. — 11255 gibt unsere ausgäbe das handschriftliche „Des algewaltigen 
willens kür" aber Eckermanns „Der algewaltigen (richtiger algewalt'gen) willens- 
kür (willenskür) -1 scheint mir eine durchaus geforderte Verbesserung, die bezeich- 
nung seiner selbst als des algewaltigen (vgl. 11252 „im reichtum fühlend, was uns 
fehlt") recht bezeichnend. — 11578 hat Schmidt selbst Eckermanns Hier statt Von 
angenommen. Dagegen behält er 11597 das ungehörige „Vorbei und reines Nicht" 
(statt „Nichts") bei, 11703 das sinentstellende zw T eiglein beflügelte (statt 
zweigleinbe flu gelte, dass so schön bezeichnet, wie die zweiglein der rosen sie 
wie flügel frei fliegen lassen !) und 11945 „Uns (statt Und) das hohe werk vollenden", 
wo das widerholte uns störend, die anknüpfung durch und ganz an der stelle ist. — 
11760 ist freilich in geschwornem (statt im gcscliworuen) streite vorzuziehen; 
ob auch 10431 in stetem (statt im steten) sondern, das ist bei ungenügen- 
der angäbe der lesarten der altern handschriften nicht zu entscheiden. In dem ähn- 

22* 



340 DÜNTEER 

liehen falle 9076 rieht Schmidt das früher geschriebene im tiefen busen der lesart 
der hanpthandschrift in tiefem bnsen vor; aber der zwischen beiden liegende 
- hreibfehler in tiefen deutet eher auf in tiefem als auf im tiefen. Aueh hätte 
hier wo] d< gebrauch Goethes, der bald in ohne artikel, bald im, bald 

in dem hat. berücksichtigung verdient 

An mehreren stellen hat Schmidt die selion von andern hergestelto lesart gegen 
Eckermann an, wie 7421 'S. S338. 8352. 9061. 9855. Richtig sehreibt er 

zuerst in der personenangabe vor TOS 2 Phorkyas, da das von mir gewählte Phor- 
kyade eine falsche form ist Dagegen kann man nicht zugeben, dass vor 7240 
Sphinxe statt Sphinx stellen moste. Seltsam ist der beweis: „denn es ist von 
ihor.* Daraus würde ja folgen, dass erst vor diesem verse Sphinxe zu setzen 
wäre. Von 7114 an lässt sich nur eine der Sphinxe, zwischen die Mephisto sich 

- * hat, mit ihm in ein gespräch ein; der chor der Sphinxe verspottet freilich 

die Sirenen, und Faust redet diese im algemeinen an, die dann auch erwidern; aber 

darauf warnt nur die Hauptsphinx ihn (7209 fgg. , wo Schmidt die einheit Sphinx 

ruhig - hen lässt). und nur diese eine sezt die Unterredung mit Mephistopheles 

. 3pricht demnach auch im namen aller die Schlussworte. 

Leider hat die neue ausgäbe mehrfach die Überlieferung nicht verbessert, son- 

ra entstelt 8386 war die behauptuug, zu klarem Verständnis sei komma nach 
Galateen unentbehrlich, nur bei entschiedenstem misverständnis möglich, da Gala- 
teen nicht aecosativ, sondern dativ ist; die Doriden sehen ihrer mutter Doris ganz 
gleich. Freilich steigt dieser irturn schon bis zu Riemer herauf. — 8498 macht das 
komma nach aufgebaut keineswegs „die Konstruktion undurchsichtig". Schmidt 
konl - wider willen nicht besser rechtfertigen , als durch seine bezeichnung pho- 
netisch; denn die satzzeichnung soll gerade die pausen des Vortrags bezeichen, soll 
phi b sein. — "Wenn 8566 freuet als eine absichtliche „Verwischung" der 

genauen verserr hung statt als ein aus nichtbeachtung des entsprechenden versi 
der Strophe hervorgegangenes versehen bezeichnet wird, so sezt das eine merkwür- 
dige Vorstellung von Goethes ansieht der strophischen entsprechung voraus. Nicht 
weniger wilkürlich wird 8692 die beibehaltung des aus der nachlässigkeit des 
abschreibers hervorgegangenen schöpferisch statt schöpfrisch aus des dichters 
/ • -ndenz. .reichere anapäste herauszuarbeiten", erklärt und beibehalten. 

Wie stimmt es dazu, dass Schmidt selbst an mehreren stellen ähnlich eingedrungene e 
nach gebühr gestrichen hat? Freilich hält er 8960 das später eingedrungene, den 
ersten fuss des trochäischen tetrameters widerwältig störende Unsere als charak- 

jtisch für die angst der dienerinnen bei; und 9031 wird selbst im zweiten 
fusse des trimeters geschlungene beibehalten, obgleich Goethe selbst dieses berich- 
tigt hat, und die vergleichung anderer handschriften es als nachlässigkeitssünde ken- 
zeichnet! — 9027 steht -Aller art und zweck w ; E. Schmidt gibt die geradezu ver- 
kehrte mehrheit zweck 1 als v rung Dass hier all, wie bei Goethe zuweilen, 
mit der einheit verbunden ist, beweist art deutlich genug. Selbst in „Hermann und 
Dorothea" lesen wir aller zustand, im -Divan" sogar aller vogel. — 9109 
hätte wenige die vei lene lesart Schmidt darauf hinweisen müssen, dass 
Weh uns. weh. weh! schon des entsprechenden verses w r egen nicht richtig sein 
kann, aber freilich glaubt er an absichtliche „Verwischung der responsion"! "Wenn 
Riemers verschlag Weh uns weh ach w T eh nicht aufnahm, so konte er 
doch dessen bemerkung. der vers müsse dem in der Strophe Seh' ich, ach, nicht 
mehr rechen, unmöglich in den wind schlagen, und bei seiner wirklichen, eilig 






ÜBER GOETHES WERKE (WEIM. AUSGABE) 341 

gemachten Änderung ist nur zufallig Weh statt "Wehe geschrieben. Goethe 
wolte AVeh! OT\ r ehe! Weh. — Irrig ist das 9828 eingeführte Fragezeichen. „Magst 
nicht in borg uud wald | Friedlich verweilen" ist freilich kein bedingungssatz; 
bezeichnet den tatsächlich vorliegenden -rund, der den chor zu seinem vorschlage 
veranlasste. Der Zusammenhang schliesst eine eigentliche frage aus. — Seltsam bemerkt 
Schmidt 9847, erwäge, vonZarncke bestärkt, Dem statt Den zu schreiben, ohne zu 
erwähnen, was er doch wissen muste, dass ich dies schon im jähre 1868 eingeführt 
und in der Kürschnerschen ausgäbe fortgepflanzt habe, freilieh nicht, wie bei Schmidt, 
durch ein Semikolon Dach 9846 entstelt, welches 9843 — 40 in derluft schweben lässt. — 
10580 wird des reimes wegen das überlieferte beschäftigt als hörfehler des Schrei- 
bers beseitigt und dafür mit A. Rudolf geschäftig eingeführt, obgleich bekarrtlich 
viel schlimmere reime als kräftig und beschäftigt gerade im zweiten Faust, al 
auch schon früher, sich bei Goethe finden und beschäftigt dem sinne viel bess 
entspricht als das beiwort geschäftig. — Goethes eigene niederschrift sehn, v er- 
geh n 10610 fg. fält doch, da sonstige handschriften fehlen, bedeutender in die wag- 
schale als seines nachlässigen Schreibers sehen, vergehen. Bei seiner vorliebe 
zu den starken formen dürfte er, da er vorher hohen und drohen gereimt (wider- 
holt 10624 fg.), hier den männlichen ausgang vorgezogen haben. Etwas anders liegt 
die sache 11931. 33, wo in einer handschrift die züge undeutlich sein sollen, jedi - 
fals der Eckermannische druck, der die formen v er traun, schaun bietet, von 
der vorläge abweicht, aber, was Schmidt nicht übersehen durfte, durch die von 
11800 ab hersehende reimform empfohlen wird (wenn auch freilich die unmit- 
telbar vorhergehende strophe davon abweicht, da keine männlichen reime sich dar- 
boten) und die starken formen kräftiger abschliessen. Eckermanns änderung schein! 
uns berechtigter als 11772 Schmidts Vermutung, Goethes handschriftliche Verbes- 
serung kamt für komt müsse kämt heissen, was er ohne weiteres aufnahm. Auch 
Paralipomena 205 („Du kamst uns eben recht") ändert er kämst. 

Mancher stellen, an welchen noch eine Verbesserung nötig gewesen wäre, wol- 
len wir nicht gedenken, nur einen fall hervorheben, wo eine solche auch hand- 
schriftliche gewähr hat. 5085 fg. ist das handschriftliche: „Die kiste haben sie vom 
wagen | Mit gold und geiz herangetragen", noch von niemand erträglich erklärt wor- 
den. Ich habe heben geschrieben und nach wagen komma gesezt, wodurch ein 
passender sinn gewonnen wird. Schmidt gedenkt der handschriftlichen skizze unserer 
stelle: .,Nun lieben (tragen) sie den schätz (die eisenkiste) Und setzen sie am boden 
nieder", meint aber daraus „erwachse natürlich kein beweis" für meine änderung. 
Verschwiegen hat er, dass es in den entwürfen zu dieser stelle einmal heisst: „Ava- 
ritia Geiz Weigerung [Schmidts fragezeichen erledigt sich durch die sich einfach 
ergebende ergänzung, „die kiste herabzulassen"] Drachen holen herab", ein ander- 
mal: „Kiste mit dem geiz hebt sich los. Sezt sich nieder." Eine so entschiedene 
bestätigung meiner sich selbst jedem vorurteilslosen empfehlenden herstellung, wie 
sie nicht schlagender verlangt werden kann! 

Die umfangreichen mitteilungen aus den handschriften bieten der forschung 
eine neue höchst erwünschte grundlage, in noch höherm masse die den schluss bil- 
denden „Paralipomena und Schemata", die richtiger „Entwürfe und paralipomena" 
überschrieben wären. Wir gehen hier nicht näher darauf ein, bemerken nur, dass 
nr. 156 kein paralipomenon ist, sondern, was wunderbar genug Schmidt entgangen, 
die bekanten verse der Sirenen 7209 fgg. ; er hat es irrig dem Xereus zugeteilt und 



342 lU'NTZER 

v. 3 ohne bedenken „der g d ohöre" statt „den grossen Chiron" gelesen, was 

gerade nicht für die Zuverlässigkeit seiner als sieher gegebenen lcsungen zeugt. 

Neben der ersten, eigentlich „Goethes werke a genanten abteilung, die wir 
äher besprochen haben, soll eine zweite seine naturwissenschaftlichen Schriften 
bringen. Wir können diese absonderang nur höchlich misbilligen, da sie Goethes 
absieht widerspricht, der seine auf dienatur bezüglichen arbeiten für ebenso bedeu- 
tend wie seine andern Schriften hielt, und die nur aus rücksieht auf den absatz 
-rimt worden sein kann, da schon die zahl der bände der „"Werke" auf fünfzig 
b beläuft. a.ber die käufer der Weimarischen ausgäbe solten schon zu ehren der 
lentung von Goethes naturforschung verpflichtet worden sein, auch diese bände 
mit den schönwissenschaftlichen zu beziehen, und diese solten an passender stelle den 
„Werken" einverleibt, nicht etwa, wie es in den „Nachgelassenen Schriften" aus 
rück sieht auf den Verleger geschehen muste, als anhang gegeben werden. 
S ist auch hier Goethes absieht nicht massgebend gewesen. 

Die dritte abteilung der Goetheausgabe bilden die tagebücher, die vierte 
die b riefe. Mit diesen hätte der anfang gemacht und sie so rasch und zweckmässig 
wie möglich geliefert werden sollen, während ihr abdruck sich jezt neben den „Wer- 
ken" laugsam hinschlept. Die tagebücher und die ungedruckten briefe könten, was 
sehr wünschenswert gewesen, schon jezt volständig vorliegen, hätte man nicht mit 
den werken ganz unnötiger, ja schädlicher weise geeilt. Beide stehen jezt erst im 
anfange und sind nicht in der für ihre möglichst weite Verbreitung förderlichen 
art veröffentlicht. Der erste band der tagebücher enthält die von 1775 bis 1787, 
die von der ersten reise in die Schweiz und der schon in Heidelberg aufgegebenen, 
aus Verzweiflung unternommenen nach Italien, dann die Weimarischen tagebücher 
von 1770 bis 1781, das reisetagebuch von Karlsbad bis Korn, nebst bruchstücken über 
den Vesuv und Sicilien. Von den Weimarischen tagebüchern erhalten wir nur einen 
rohdruck, der die benutzung ausserordentlich wenigen gestattet. In der einleitung 
zu meiner auf diese urkundliche mitteilung sich gründenden, für den weiteren kreis 
der Goetheverehrer bestirnten ausgäbe habe ich mich darüber näher ausgesprochen. 
Da n zugänglichere tagebuch von Karlsbad nach Eom war bereits in den 

Goethe- Schriften gegeben; der neue abdruck hat manche fehler, aber nicht alle 
verbessert. Der zweite bis 1800 reichende band enthält einzelne bruchstücke ver- 
schiedener reisen, kurze tagebücher von 1796, ausführlichere von 1797 bis 1800, 
unter diesen die dritte Schweizerreise. Auch hier fehlen alle erklärenden anmerkun- 
gen; das am Schlüsse gegebene Verzeichnis der „abgekürzten oder unrichtig geschrie- 
ben namen und anderer nicht sogleich verständlichen wortbilder" (eine von der 
ausgäbe angenommene etwas seltsame bezeichnung) hilft selten aus; es muste ein 
von allen namen, mit wenigen, die person kenzeichnenden andeutungen 
gegeben werden. Dass die in allen tagebüchern genanten namen dem lezten bände 
in alphabetischer folge beigefügt werden sollen, hilft der augenblicklichen not nicht 
ab und wird immer sehr unbequem bleiben. 

Auch mit der herausgäbe der vierten abteilung, der briefe, können wir uns 
nicht einvorstanden erklären. Was alle, welche die lücken unserer bisherigen kent- 
nis empfunden haben, vor allem wünschen musten, war rasche Veröffentlichung aller 
bisher ungedruckten briefe von bedeutung und eines Verzeichnisses aller übrigen, 
dieses, wo es nötig schien, mit knapper angäbe des Inhaltes. Statt dessen hat man 



ÜBER GOKTHES "WERKE (\YEJM. AUSGABE) 343 

den unglücklichen, durch Hirzels „Jungen Goethe u veranlassten einfall gehabt, Goe- 
thes sämtliche briefe nach der zeitordnung mit neuer vergleichung der 
handschriften abdrucken zu lassen, damit man sehen könne, wie vielseitig der brief- 
wechsel gewesen und welche briefe Goethe jederzeit geschrieben. Dazu war doch 
der abdruck der anzähligen längst bekanten briefe, die nur in verhältnismässig 
wenigen fällen berichtigt werden können, keineswegs nötig; ein Verzeichnis nach der 
Zeitfolge, wie wir es eben bezeichneten, härte in dieser beziehung volkommen genügt. 
Der neudruck der zahlreichen briefe an die Stein, an Schiller, an den herzog, an 
Lavater, an Zelter u. a., die als ganzes und zum teil durch die gegenseitigkeit ihren 
hanptwert erhalten, ist um bo weniger zu rechtfertigen , als man die käufer nötigt, briefe, 
die sie längst in auch jezt noch unentbehrlichen einzelausgaben besitzen, von neuem 
zu bezahlen, abgesehen davon, dass man diesen räum zu neuen mitteilungen besser 
verwenden konte. Und den beabsichtigten zweck erreicht man durchaus nicht. Ein 
grosser teil der briefe ist nicht zugänglich oder verloren, so dass man doch kein 
volständiges bild von Goethes reichem briefverkehr erhält. Und, was noch schlim- 
mer ist, von vielen briefen lässt sich der tag, zum teil der monat, ja das jähr gar 
nicht bestimmen. "Wenn man diese auf den tag versezt, den sie in den bisherigen 
samlungen auf ganz unsichere, zum teil auf gar keine gründe hin einnehmen, so lässt 
sich dies mit der bestimmung dieser ausgäbe, ja mit der achtung für die Wissen- 
schaft nicht reimen. "Was man nicht durchführen kann, soll man nicht unternehmen. 
Es ist ein höhn auf die erstrebte urkundlichkeit, wenn briefe in eine zeit versezt 
werden, in welche sie nicht gehören. Dazu muss man bedauern, dass bei der 
datierung nicht mit genügender Sorgfalt zu werke gegangen ist, wie sich schon 
daraus ergibt, dass die redaktion im dritten bände von den bis zum jähre 1778 mit- 
geteilten 7G9 briefen selbst 12 hat umdatieren und einen extra ordinem in einer 
anmerkung zu 498 hat einschieben müssen. Aber auch die Versetzung dieses lezten 
in den august 1776 beruht auf dem morschen gründe, dass Goethe hier, wie im 
briefe an Kayser vom 15. august, des bibelwortes gedenkt: „So ihr still wäi 
würde euch geholfen*, als ob Goethe solche ihm geläufige beziehungen auf bibel- 
sprüche nicht zu den allerverschiedensten Zeiten gebraucht hätte. "Warum soll der 
brief nicht mit mir ende april 1776 gesezt werden können? Damals halte Goethe 
schon die bogen des druckexemplars des ersten bandes von Lavaters „Fragmenten", 
mit ausnähme des Schlusses, des inhalts und des titeis, erhalten, die er gleich der frau 
von Stein mitteilte. Auch manche andere nachweisliche Verschiebung hat man sich 
zu schulden kommen lassen. "Wie es möglich war, den brief an Steinalter, worin 
es heisst: „Die wagen rasseln schon, die pferde klappen, es geht nach Eefurt*, auf 
den 1. oder 13. mai 1776 zu verlegen, in eine zeit, wo Tiefurt vom prinzlichen hofe 
noch gar nicht bezogen worden war, macht nur die grosse Unachtsamkeit des ordners 
begreiflich. Statt des nicht einmal für den forscher wünschenswerten druckes aller 
briefe in der Zeitfolge, der sich so lange hinzieht, hätte man auch die familienbriefe, 
den volständigen briefwechsel mit Herder, Lavater u. a., eine so dringende neue 
ausgäbe der sämtlichen mit dem herzog gewechselten briefe und so manches andere 
bringen sollen, was auf Goethes leben mit freunden und bekanten licht wirft. Ein 
grosser übelstand ist es auch, dass wir nur Goethes briefe, ohne die zu ihrem Ver- 
ständnisse nötigen briefe der betreffenden freunde, erhalten. Dass auch die genauig- 
keit des abdrucks manches zu wünschen lässt, zeigt das dem dritten bände bei- 
gefügte Verzeichnis von versehen, die sich aus der vergleichung der Urschrift der 
briefe an Kestner, Lavater und Reich ergaben. Es sind dies nicht bloss kleinigkeiten 



344 DÜNTZER 

der Schreibung; einzelne werte, ja einmal eine ganze reihe derselben sind ausgefal- 
len, andere zu streichen, und zwar in briefen, von welchen die betreffenden stellen 
längst richtig abgedruckt waren. [Manche anderen versehen habe ich jezt in den 
„Grenzboten" gerügt.] Die redaktion hat für die briefe eine neue bedeutende kraft 
in dr. Eduard von der Hellen gewonnen. Was bisher verschuldet worden, kann 
er freilich nicht ungeschehen machen und den falschen plan nicht ändern. 

:ie sehr bedeutende hülfe zur datierung der briefe bildet Philipp Seidels 
aufzeichnung der aaslagen für porto, die sich größtenteils mit den adressangaben in 
den aosgabebüchern erhalten hat Ausgezogen sind diese notizen von archivrat 
Burkhardt. der sie für 1. april bis IS. Oktober 1775 bereits im neunten Goethe - 
Jahrbuch gegeben hatte. Sie sollen von jezt au den bänden der briefe regelmässig 
beigefügt werden, und so finden wir am Schlüsse des dritten die der jähre 1775 bis 
177> «auf grund einer nochmaligen, von Eduard von der Hellen vorgenommenen 
_inzenden durch arbeit ung des auf dem Goethe - archiv befindlichen rechnungsmate- 
rials'*. Von den angaben des Goethe -Jahrbuchs sind ein paar hier berichtigt; dagegen 
kanu man zweifeln, ob manche abweichongen in den namen nicht druckfehler sind. 
Anderes scheint durch versehen ausgefallen. Früher stand am 27. april uach „Jakobi" 
noch ..jun.-. am 3. Oktober nach „ Schrotsberg " noch „fr. Heilbronn. u Die adres- 
saien waren an einzelnen stellen nicht lesbar, hätten sich aber doch vielleicht mit 
natzong unserer sonstigen kentnis ergeben. Spasshaft ist es, wie am 26. februar 
1770 als ein solcher Kpa .. odios angegeben wird, das sehr undeutlich geschrieben 
sei. so dass auch das Kp nicht sicher sei. Was ist denn überhaupt daran sicher? 
Seidel entnahm den namen jedenfals der Postadresse, auf der doch unmöglich der 
name in griechischen huehstaben geschrieben sein konte, und kaum darf man ihm 
den hauswitz zutrauen, den namen für sich griechisch zu schreiben. Auffallend ist 
auch eine damalige geldsendung Goethes nach Leipzig, wenn sie nicht im namen des 
herzr.gs erfolgte, dessen persönlicher geschäftsführer damals Steinalter war. Am 

november 1777 ist der „durch korrektur undeutliche ort (H...) u ohne zweifei 
Hildburghausen. Am bedauerlichsten finden wir es, dass unsere sonstige kentnis von 
Goethes leben nicht benuzt ist. Am 29. november 1777 trat Goethe ohne Seidel die 
reise in den Harz an, von der er erst am 16. december nach. Weimar zurückkehrte. 
Wenn also während dieser zeit Postsendungen erwähnt werden, so kann diese Seidel 
nur in Goethes auftrag zu Weimar besorgt haben. Am 1. december wird brief und 
packet an Weber in Goslar erwähnt; es ist dies eine Sendung Seidels an seinen 
herrn, der auf der reise, wie wir wissen, den namen Weber angenommen hatte; 
auch der Weber vom 14. ist Goethe, den aber dieser brief nicht mehr traf. Am 

äeptember 1770 kann Goethe unmöglich, die hier angegebenen briefe geschrieben 
haben, da er an diesem tage in aller frühe verreiste; sie müssen am 1. geschrieben 
sein. Das hätte Burkhardt wissen sollen. Über manche der adressaten wären kurze 
hindeutungen sehr erwünscht gewesen, besonders da, wo von den briefen an sie 
nichts mehr vorhanden ist. Solche wären gerade für den umfang des Goethischen 
briefwechsels von grosser bedeutung. Dass Ackermann in Hamburg, wie Seidel am 
6. September 1775 angibt, frau Ackermann sein muss, Schröder (8. märz 1776) deren 
söhn ist und es sich beidemal um das theater handelt, durfte nicht unbemerkt blei- 
ben. Beide hatten am 25. februar 1775 die bekante aufforderung zur einsendung von 
Theaterstücken erlassen, die auch Klinger veranlasste, seine „Zwillinge" einzuschicken. 
Ein von Goethe am 6. September 1775 an die Ackermann gesantes packet muss uns 
besonders anziehen. 



ÜBER GOETHES WBBKE (WEIM. AUSGABE) 345 

Doch wir wollen auf solche bedeutende fingerzeige für die forschung, durch 
die das briefverzeichnis erst seiue volle bedeutung erhalten würde, nicht näher ein- 
gehen, sondern unsere schon lang gewordenen bericht, bei dem wir manches über- 
gehen musten oder nur streifen konten, mit der bemerkung abschliessen , dass sich 
leider die an die Weimarische ausgäbe geknüpften erwartungen nur zum teil erfült 
haben. Sie ist im an fang übereilt, und die grundsätze, von denen sie ausgieng, waren 
weder zutreffend, noch wurden sie mit strenger folgerichtigkeit durchgeführt; dabei 
fehlte es zum teil an umfassender kentnis, besonnenheit, Sauberkeit der arbeit und 
kritischer schärfe. Noch manche bedeutenden neuen mitteilungen haben wir von ihr 
zu erwarten, besonders im vierten, neue gediente aus dem oachlass bringenden bände, 
der freilich periculosae plenum opus aleae sein dürfte. 



Nachschrift. 

Seit abfassung unserer anzeige sind, abgesehen von der naturwissenschaft- 
lichen abteiluug, noch sieben neue bände erschienen: band 8, 10, 26 und 27 der 
werke und band 3, 4 und 5 der tagebücher, über die wir wenigstens kurz berich- 
ten wollen. Von den dichtungen erhielten wir die beiden grossen geschichtlichen 
stücke und die drei kunstvollendetsten dramatischen Schöpfungen; zwischen diesen 
an der durch die zeit der abfassung bestirnten stelle den anfang der „Nausikaa", 
wogegen in der zu gründe gelegten ausgäbe lezter band dieses bruchstück in einer 
besonderen, durch zufällige rücksichten bedingten, jezt notwendig aufzulösenden dra- 
matischen abteilung eines den dramen vorangehenden bandes seine Stellung gefunden 
hatte. Scheint uns schon diese abweich ung ungehörig, so noch mehr, dass „Elpenor, 
der nach der absieht des dichters in demselben bände mit der Natürlichen tochter" 
stehen solte, jezt erst den folgenden band eröfnen soll, weil — Cotta aus buchhänd- 
lerischer rücksicht zu Goethes grossem ärger diese Unordnung eingeführt hatte. 
„Elpenor", dessen abteilung in verse Goethe selbst nicht ohne grossen anteil durch 
Kiemer hatte vornehmen lassen, muste die jambischen dramen schliessen; „Nausikaa" 
gehörte in den band, der auch sonstige dramatische entwürfe und ausführungen bringt, 
unter andern die in der ersten christlichen zeit spielende tragödie, von der auch 
einige reden ausgeführt sind. Freilich ist es dem forscher erwünscht, dass wir die 
neuen mitteilungen aus der „Nausikaa" schon jezt erhalten, während er bei dem 
notwendig langsamen fortschreiten der ausgäbe darauf noch lange hätte warten müs- 
sen. Diesem wäre es am liebsten gewesen, hätte man, was dringend gefordert war, 
alles bedeutende neue des Goethearchivs gleich in ein paar bände zusammengestelt. 

Jedes der dramen hat einen besondern herausgeber erhalten, der, da er nur 
ein massiges arbeitsfeld hatte, mit ruhiger besonnenheit und gefasstem fleisse seines 
geschäftes warten konte. Aber uns scheint dies keine teilung, sondern eine Zersplit- 
terung der arbeit, die notwendig eine grosse Ungleichheit der leistung zur folge hat, 
auch den gesichtskreis beschränkt. Wer ein einzelnes Goethisches drama herausgibt, 
der solte eine volständige Übersicht der entwicklung seiner dramatischen dichtung 
sich verschaft haben und ganz in ihr leben. Auch müste er das Verhältnis der einzel- 
nen gesamtausgaben der werke zu einander und, wo die einzelne dichtung zuerst 
allein erschienen ist, auch zu diesem ersten drucke genau erforscht haben, da hier- 
von grossenteils die beurteilung der abweichenden lesarten abhängt. Freilich hätte 
diese grundlegende Untersuchung im vorbericht gegeben werden sollen; aber dieser 
hat sie, obgleich sie nur bei der ausdehnung auf alle werke recht erfolgreich sein 



346 DÜNTZER 

kann, den herausgeben! der einzelnen überlassen, und diese haben meist, besonders 
bei der „Iphigenie" und d< r „Natürlichen tochter", sich gar nicht dämm gekümmert. 
ihen wir zu den einzelnen dramen über. Bei „Götz" wird angenommen, 
die abweichungen der zwoten echten ausgäbe seien nicht vom dichter ausgegangen, 
dem der Verleger der ersten rechtmässigen ausgäbe sei einem naehdruck (E h ) 
'Igt, von dem sieh ein abdruek auf der Winterthurer bibliothek findet. Freilich 
[de ausgaben miteinander überein. und der naehdruck trägt die Jahreszahl 
1773 auf dem titel. wogegen die zwote ausgäbe 1774 gedruckt wurde. Aber man 
äs, wie die nachdrucker mit den datierungen umgiengen. So konte denn auch ein 
naehdruck der zwoten ausgäbe die jahrszahl des ersten erscheinens auf den titel 
:en und verschweigen, dass er die zwote ausgäbe zu gründe gelegt hatte. Wenn 
der Verleger der zwoten nur eines nachdruckes gedenkt, der mit flüchtigkcit 
nacht sei. und sich darauf beruft, dass die jezt von ihm gegebene „ganz korrekt" 
- völlig unglaublich, derselbe habe sich eines durch wilkürliche änderun- 
. entstelten zweiten nachdruckes bedient, obgleich er den dichter selbst in näch- 
r nähe hatte und auch wol einen abdruek seiner früheren ausgäbe selbst besass 
ht bekommen konte. Goethe selbst kante die zwote ausgäbe; und er hätte 
m ihm bekanten Verleger sehr übel nehmen müssen, hätte er einen beliebigen 
naehdruck zu gründe gelegt. Wenn er selbst gegen freund Langer äussert, die 
zweite ausgäbe sei ganz unverändert, so sind gelinge änderangen des ausdrucks und 
vei ong von druckfehlem dadurch keineswegs ausgeschlossen. Die vom neuesten 

herausgeber als „dreiste ändemngen des setzers oder korrektors" von E b bezeich- 
neten, der rede werten ändemngen rühren ganz unzweifelhaft vom dichter selbst her, 
wie sich jeder überzeugen wird, der die im anhange meiner schrift über „Götz und 
Lont" (1854) s. 390 fg. gegebenen nachweisungen vergleicht. Die dortige ver- 
ichung der in betracht kommenden angaben der beiden dramen haben die "Wei- 
marischen bearbeiter unerwähnt gelassen. "Wer sich ein anschauliches bild von den 
ahweiehungen machen will, kann sie auch nach der Weimarischen ausgäbe nicht 
entbehren. In bezug auf die anwendung des apostrophs ist der herausgeber des 
„Götz" grundsätzlich verfahren, nach dorn in der ausgäbe von 1787 „mit ziemlicher 
-igkeit" durchgeführten gesetze; doch darf man mit recht zweifeln, ob dies 
m dichter oder von der druckerei in anwendung gebracht wurde. Zur sicherstel- 
lung bedürfte es einer gründlichen Untersuchung über die in jener ausgäbe, beson- 
3 auch im „"Weither", befolgte weise. 

Von „Egmont" lag dem neuen herausgeber ausser der längst verglichenen 
handschrift eine mittelbare abschliff; derselben vor, die Vogel gemacht, Herder durch- 
sehen und Seidel dem Verleger zum druck gesant hatte. "Wenn der herausgeber 
den ältesten einzeldruck des Stückes für älter hält als den in den „Schriften", so ist 
da.s höchst seltsam. Der druck wurde für die ausgäbe der Schriften unternommen, 
aber mehr abdrücke gemacht, als dazu erforderlich waren, und die mehrgedruckten 
mit besonderer bezeichnnng für den einzeldruck bestirnt. Eben so unglaublich ist eine 
zweite annähme: von einem andern einzeldruck, der die Jahreszahl 1788 trägt (E 1 ), 
11 der dritte band der wolfeilen vierbändigen ausgäbe mit seinen druckfehlern 
abhängig sein. Das müste freilich der fall sein, wenn die jahrzahl richtig wäre; 
ab' >n Hirzel hat bemerkt, dass B 1 und E 2 -von sehr neuem datum" sind. "Wie 

rücksichtslos die , Ltere abdrücke mit dem jähre des ersten druckes aus- 

. hätte der herau-, o sollen. Dass der dritte band der wohlfeilen 

ausgäbe nach ostern 170" gedruckt sei, ergibt Groschens anzeige aus der ostermesse 



t'BER GOETHES WERKE (WETM. AUSGABE) 347 

dieses Jahres. Von den abweiohungen der aufeinanderfolgenden ausgaben der werke 
vermissen wir auch bei „Egmont u ein anschauliches bild, wie ich es längst gege- 
ben habe. 

Für „Iphigenie" sind von weitreichender bedeutung die mitteilungen, welche 
wir aber die im Goethearchiv vorhandene erste handschrift erhalten, die Goethe in 
Italien vom IG. Beptember bis ende deet-mber 17 sc» selbst geschrieben. Entweder 
diese selbst oder die von einem Schweizer zu Rom gemachte absohrift erhieli Eerder, 
der eine von Vogel gemachte absohrift derselben zum drucke durchsah. Leider feh- 
len die beiden andern handschriften, so dass wir nioht immer feststellen können, 
welche abweiohungen des ersten druckes von der handschrifl Eerder, und welche der 
druckerei angehören. Ausser der handschrift haben sich nur entwürfe zu reden • 
Arkas I, 2 und II, 2 vorgefunden; die beiden verse in I. - sind Verbesserung einer 
früheren fassung, die entwürfe zu IV. 2 erst gemacht, als Goethe in Rom den auf- 
tritt umschrieb. Über das Verhältnis der gesamtausgaben zu einander hören wir 
ebensowenig etwas wie über das vom neuesten herausgebt u b. -folgte verfahren. Die 
erste handschrift des Stückes hat III, 3 in Übereinstimmung mit der prosafassung 
Kommt mit! Kommt mit! Hiernach könte das Komm statt Kommt des ersten 
druckes eine änderung Herders oder ein versehen des drucks sein; von Goethe Belbsl 
kann sie kaum stammen. Dennoch hat der herausgeber bei den redaktoren die auf- 
nähme von Kommt nicht durchsetzen können. Eine solche beschränkung des Urteils 
des herausgebers , der die sache reiflich erwogen hat. halten wir für unbillig. 

Über die von Suphan liebevoll der „Nausikaa" gewidmete mühe habe ich 
anderwärts mich ausgesprochen und die forschung weiter zu führen gesucht. Von 
„Tasso" hat sich keine eigenhändige handschrift Goethes erhalten; dagegen sind die 
beiden vorhandenen abschriften, über die wir jezt genaue nachricht erhalten, äusserst 
wertvoll, da sie uns einen blick in die entstehungsgeschichte der einzigen dichtung 
statten. In einem notizheftchen aus dem frühjahr 1788 finden sich die sechs 
ersten verse von V, 1 in etwas anderer fassung; bei den ihnen vorangehenden vier 
versen (der zweite ist bloss angefangen) muss man stutzen, wenn man bemerkt, da 
der herausgeber s. 429 übersehen konnte, dass sie ein entwurf der berühmten worte der 
Prinzessin vom goldnen Zeitalter (997 fgg.) sind. Leider liefern sie auch einen weitem 
beweis, dass die als unzweifelhaft richtig gelesen in der neuen Goetheausgabe mit. 
teilten stellen nicht immer zuverlässig sind: in den vier versen finden sich, wie 
die vergleich ung mit der angeführten stelle zeigt, nicht weniger als drei lesefehler, da 
es gestehen statt gestehn, Die gold statt Du Gold und niem[als] statt mein 
heissen muss. — Der herausgeber hat auch den versen seine aufmerksamkeit geschenkt. 
Auffallend ist es, dass er glauben konte, Goethe habe auch zuweilen einen tro- 
chäischen vers einfliessen lassen. Der einzige kopflose vers 1189 erledigt sieh dadurch, 
dass Goethe bei der durchsieht der handschrift die auslassung eines im „Tasso" E 
auffallend häufigen „0! u vor dem ersten gedankenstriche übersah. Der vers L59 
der trochäisch sein soll, ist einfach jambisch zu lesen, wie trochäen z. b. bei Schil- 
ler häufig am anfange des dramatischen verses jambisch betont werden. Einen ana- 
päst hat sich Goethe nur einmal bezeichnend erlaubt. Vers 1315 muss zufäll'gen 
statt zufälligen gelesen werden, wie in demselben auftritt besehäft'gung und 
band 'gen überliefert sind. 

Von der „Natürlichen tochter- fehlt jede handschrift, was den heraus- 
geber um so mehr hätte veranlassen sollen, vorläufig über das Verhältnis der wenigen 
in betracht kommenden drucke zu einander zu berichten. Dies ist leider nicht 



34S DÜNTZER 

geschehen. Bei der ängstlichen sorge der redaktoren, dass keine nicht durchaus 
notwendige abweichung von der ausgäbe leztei hand einschleiche, fält es um so 
unangenehmer auf, dass v. 2831 die anglaublich verfehlte , ausserordentlich schwach 
begründete antstellung des herausgebeis des (statt der) ahnherrn eingedrungen ist, 
die dem Zusammenhang der rede, der auffassung des königtums durch Eugenic und 
der absieht des dichters, jede beziehung auf geschichtliche personen auszuschlies- 

.. widerspricht. Höchst bedeutend ist die s. 343 zuerst gemachte mitteilung, dass 
der dichter ursprünglich nicht eine trilogie, sondern nur ein fünfaktiges drama beab- 
ltigt und im Schema entworfen hatte, dessen zwei erste akte der spätem „Natür- 
lichen tochter 8 entsprechen; die drei lezten soltcn zum zweiten und dritten teile 
verwant werden und zusammen das zweite fünfaktige stück bilden, dessen beide 

ste akte auf dem landgute, die übrigen in der hauptstadt spielten. Der heraus- 
r ist sieh darüber nicht ganz klar geworden. 

Eine handschrift der drei ersten teile von „Dichtung und Wahrheit" ist 
nicht vorhanden. Es finden sich im Goethearchiv nur einige urkundliche belege und 
familiennachrichten, von der tante Melber und Friedrich Schlosser aufgesezt; zum 
vierten buche ein paar kurze bemerkungen; zum fünften ein ausführlicher auszug 
aus Prevots zweibändiger „Histoire du Chevalier des Grieux et de Manon 
Lese auf (1743), die "Wolfgang nach seinem unglück mit Gretchen gelesen und 

h dadurch in seinen „hypochondrischen torheiten" bestärkt haben solte; vom 
sechsten buche an ältere Schemata und Übersichten, einzelne steilen und später 
verworfene ausführungen , die für die entstehung dieses teiles und durch einige 
änsserungen wertvoll sind, aber nichts zur festsetzung des Wortlautes des Werkes 

[tragen. Aü die spitze tritt das bekante biographische Schema von 1809, von des- 
sen ungenügenden abdrücken, die Goedeke gegeben, ausführlich genug die rede ist. 
Dagegen wird die tatsache, dass ich zuerst das Schema, so weit es der rede wert 
ist, bis zum Schlüsse von „Dichtung und Wahrheit" in einem diplomatisch genauen 
abdrnck gegeben, von den jähren nach 1773 Goedekes versehen angezeigt habe, 
unter der nachweisung versteckt: „Vgl. auch D. 1, 5fgg. u ; dazu die bemerkung, „der 
Zeitunterschied" (d. h. die nachträglichen bemerkungen) lasse sich nicht aus der 
anwendung verschiedener Schreibmaterialien und dem Wechsel deutscher und latei- 
nischer schrift .sicher feststellen, wie dies Düntzer tun will." Ich habe ausdrück- 
lich bemerkt, dass eine „genaue abschliff von "W. Vollmer mir vorgelegen hat, und 
wer Vollmer kante, weiss, dass derselbe in pünktlicher treue und scharfem blicke 
bei handschriftvergleichungen seines gleichen suchte. Meine bemerkungen beruhen 
auf seinen, an manchen stellen eine spätere eintragung feststellenden beobachtungen 
und nehmen deshalb wenigstens gleiche Zuverlässigkeit, wie der, ich weiss nicht 
auf wessen vergleichung beruhende, abdruck in der Weimarischen ausgäbe in 
ansprach, der so wenig, was der herausgeber behauptet, „diplomatisch genau" ist, 
dass er nicht einmal die grössern Zwischenräume und den Wechsel lateinischer und 
deutscher schrift bezeichnet, so dass, wer sich ein anschauliches bild der hand- 

hrifÜichen Überlieferung machen will, noch immer auf die Vollmersche ausser- 

tentlich sorgfältige vergleichung, die ich widergegeben habe, angewiesen ist. Sach- 
lich sind die Verschiedenheiten kaum nennenswert. Statt mehrerer punkte habe ich 
eine neue zeile durch einen senkrechten strich angedeutet , was hier — weniger in die 
äugen fallend und zuweilen kaum zu unterscheiden, auch wol im drucke ein paar- 
mal übersehen — durch einen kleinen Zwischenraum bezeichnet wird. Einmal steht 



fBER GOETHES WERKE (WEIM. AUSGABE) 349 

meiner lesung „algemeine Communication | Aufhebung der deutschen DialeH 
die lesung „Communicale " entgegen, die ich nicht für richtig halten kann. Ein 
andermal wird das von Vollmer für unlesbar erklärt»' wort als erheben ohne andeu- 
tung eines zweifeis gegeben. Ich hatte irritiren vermutet, was mir Baohlich ent- 
sprechender Bchien. Leider ist die handschrift noch immer Privateigentum. Moste 
ich hier mein und des verstorbenen freundes recht wahren, so gestehe ich dagegen 
gern, dass der kundige herausgeber mit fleiss und Sorgfalt seine aufgäbe durch- 
geführt hat. 

An dem die jähre 1801 bis 1808 enthaltenden bände der Tagebücher liaben 
sich zwei mitarbeiter beteiligt. Möchte herr Julius AValile, der die lezte hälfte bear- 
beitet, auch die auf titel- und deckelseiten und sonst zerstreuten Losen angaben, wenn 
sie nicht zu belanglos waren, mitgeteilt und die „1< eben bat. die folgen- 

den bände allein bearbeiten, da seine kentnis, Beine umsieht und sein eifer ihnen zu 
gute kommen würden! Mehrere lese- und druckfehler der ersten hälfte hat i i 
berichtigt So steht am 16. September 1801 gedruckt „Mr. Thibaul" Die hand- 
schrift hat Mr. Du Vau. Wähle schreibt richtig du Yo au. AVenn er aber diesen 
du Yeau für von Kalb hält, so trage ich daran halb die schuld, obgleich es an 
Bich unglaublich ist, dass das tagebuch nicht den wahren namen gäbe. Lang 
habe ich erkant, dass es eine unglückliche Vermutung von mir war, in dem du Yeau 
der Henriette von Knebel eine scherzhafte bezeichnung von Kalbs zu sehen, da 
du Veau ein nach Deutschland verschlagener Franzose war, dem sein fortkommen 
dort nicht gelingen wolle. Diese berichtigung ist auch persönlich wichtig. [Tnter 
den lesarten finden sich zuweilen erläuterungen, was zweckmässig in zukunft auch 
sonst geschehen könte, wo es erwünscht und möglich wäre. Dagegen können wir 
es nicht billigen, wenn hier leicht verständliche abkürzungen von titeln und gar 
jedesmal, ja zu guter lezt noch einmal in einem alphabetischen Verzeichnis gegeben 
werden. Auch die meisten druckfehler sind zweimal angegeben. 

Mit wahrer befriedigung vernehmen wir, dass die bisher so traurig verzettel- 
ten briefe heim Eduard von der Hellen zugefallen sind, der in den zwei neuen 
bänden die Jahrgänge 1779 bis zum Schlüsse des ersten halbjahres 1782 geliefert hat. 
Kann derselbe auch den verkehrten plan der briefsamlung, an dem er unschuldig ist, 
nicht abstellen, so wird er doch für die richtige Stellung in der Zeitfolge das mög- 
liche tun und den Wortlaut in zuverlässigster weise widergeben, wie es in diesen 
1 'änden geschehen ist, wenn man auch über einzelne datierungen wird mit ihm rech- 
ten können. 

KÖLN'. H. DÜNTZER. 

Xeue fragmente des gedichts Yan den vos Reinaerde und das bruch- 
stück Yan bere Wisselauwe herausgegeben von Ernst Martin. Stras- 
burg, Trübner. 1889. 73 s. 8. (Quellen und forschungen herausgegeben 
von B. ten Brink, E. Martin, E. Schmidt. 65. lieft.) 

Die Darmstädter fragmente des gedientes Yan den vos Reinaerde, die Martin 
im diplomatisch getreuen wie im kritisch gereinigten texte im 05. hefte der QF. an 
erster stelle veröffentlicht, begreifen die v. 2590 — 2728 und 3024 — 3165 seiner aus- 
gäbe des Rein. I. Als beitrag zur näheren kentnis der bezeichneten fassung des 
denkmals sind sie von hervorragender bedeutung, und wir müssen Martin dankbar 
sein, dass er sie uns kurze zeit, nachdem er die mitteilung von ihrem Vorhandensein 
erhalten, zugänglich gemacht hat. Mit je grösserer teilnähme man aber die bekant- 



350 BRANDES 

machung des fundes an und für sich begrüsst, desto mehr wird man die zahlreichen, 
der publikation anhaftenden Unebenheiten bedauern, dio das verdienst des heraus* 
gebers nicht unerheblich schmälern. Über die nachlässigkeit, mit der die druokkor- 
rektur behandelt ist. könte man noch hinwegsehen, obgleich es mislich erscheint, 
wenn der benutzer infolge von irtümern in der anwendung der sigel (vgl. 2612 so a 
statt e 74 tibundus caiulus e statt 1) vor die notwendigkeit gestelt wird, im 
oinzelfalle die in betracht kommenden fassungen von neuem vergleichen zu müssen; 
nicht rechtfertigen lässt sich jedoch, wenn wichtige Varianten übergangen oder gar 

lassen werden. 
Don von Martin aufgestelten kritischen grundsatz, dass b oder 1 den ausschlag 

ien, wenn sich i\ und e mit lesarten von gleichem werte gegenüberstehen, halte 
ich für durchaus richtig. Die befolgung dieser regel ergibt einen verhältnismässig 
einfachen Variantenapparat. Die übersieht über denselben hat der herausgeber aber 
dadurch erschwert, dass er am fusse jeder scite unter den lesarten den zuge- 
hörigen volstäudigen text der fassung b in fortlaufendem druck mitteilt, dergestalt, 
dass die sich für die herstellung des textes des Rein. I nützlich erweisenden lesarten 
laktion durch gesperten druck kentüch gemacht werden. Die version b, 
auf der im wesentlichen der Rein. II beruht, tritt demnach in dem apparat zwei- 
mal auf, zunächst in einer auswahl und dann unverkürzt. Den nutzen dieser 
einrichtung vermag ich nicht einzusehen; einer ihrer hervorstechendsten mängel, 
der darin besteht, dass man dieselbe redaktion an zwei verschiedenen stellen zu 
ä :hen hat. scheint mir dagegen auf der hand zu liegen. Ein nicht minder bedenk- 
licher übelstand zeigt sich in der auffallenden erscheinung, dass einerseits eine 
auzahl von lesarten von b nicht zu dem volstäudigen texte von b stimmen und dass 
andrei lie hier gegebenen fassungen von b in mehreren fällen von Martins aus- 

Rein. II und den zu dieser mitgeteilten Varianten der Brüsseler handschrift 
oder von den gelegentlich unter dem texte der ausgäbe des Rein. I stehenden varian- 
■ i der genanten handschrift abweichen. Es treten sich gegenüber: 2596 her und 
Heer, 306J stillen wi nu und seilen wi nu, 3115 sehe (= Rein. II) und seiner, 
ferner 2600 /■ ru weet ivar. und text) und Rein. II: ic enweet (ebenso in den les- 
arten zu Rein. I). 2620 die und Rein. II: dicke, 2624 geeff und Rein. II: gkeve, 
j)lt und Rein. II: Kriekenpit, 2637 — 2638 naem : onbequaem und 

in, II: name : onbequame, 2641 tot und Rein. II: tote, 2642 ic u die und 
K''-iu. II: ie du . 2643 ten fluide iordaen und Rein. II: ter fluni c Jordane, 2645 

cond und Rein. II: oreonde, 2664 ich und Rein. II: ict, 2666 in und Rein. II: int, 

17 warand und Rein. II: wara/nde, 2683 waert und Rein. II: wäret, 2687 xaeck 
und Rein. II: sähe, 2689 recht und Rein. II: rechte, 2705 enseg v und var. zu 

■In. II: m segu, 2710 wat und Rein. II: ward (ebenso in den var.), 2715 die und 

in. II: de, 3042 dueht und Rein. II: duckte, 3058 droevelye und Rein. II: droerc- 
lir- ohne bemerkung, 3060 karmde und Rein. II: kermede, 3064 ne maect und var. 
zu Rein. II: ewmaket, niet und Rein. II: nie, 3091 troost und Rein. II: trooste, 3092 
tael und Rein. II: tale, 3115 gelidet und var. zu Rein. II: ghelidet, 3126 greep und 
Rein. II: ghegreep (ist das leztere richtig, so ist im text, gestüzt durch ab, ghegre- 
pene zu lesen), 3127 kelen und Rein. II: hele, (Rein. II 3149) bi und Rein. II: hi, 
3164 patrysen und Rein. II: paertrisen. Zu diesen Widersprüchen geselt sich der 
ausfall von v. 2617: Edel steen ende gülden were. Man vermisst auch die blatzahl 51. 
druckfehler für 3055. Für den Bein. II ergibt sieh aus den den fragmen- 

. e entsprechenden abschnitten von b. dass die mit dem texte übereinstimmende 



fBF.R L'KIXAERT-I 'RAGM. KD. MARTIN 351 

Variante zu 301G pelgrym heissen mn^s. dass 3051 orUfermde zu losen ist und dass 
in den lesarten 3053 kuwert b fehlt. 

Der aus dem ersten fragment und a mit Zuhilfenahme von b und 1 hcrgestelte 
text gibt im einzelnen zu folgenden bemerkungen anlass. Die aufnähme von elwaer 

2594 unterliegt keinem bedenken; das wort i^t mehrfach belegt, im 15 • van der 

wraken I, 390: Dät hi skeysers memorie doer Niet < n vemt ahe elwaer., ferner 
.laus Teesteye 2329: En narrt verre elwaer, Daer mens nid vinden en mochte 
und ebd. 3223: Sine mähen hem säen elwaer. In <jh<'hi<irt 2590 fehlt das // vm 
ebenso in ghenoech -GIG. Dass sich Martin hinsichtlich der Stellung in v. 2598 an c 
anschliesst, ist zu billigen. Allerdings steint, der folge dit icel e in a wel ditte and 
in b wel du gegenüber, doch wird die anordnung in b durch den reim bedingt. 
r bietet ausserdem: Vbrstath dyt /ml. Statt endi 2628 is< ende zu lesen. V. 2640 
lese ich: ghi sijter } eoninc, also na. Jn der Daohstellung von coninc stimt b zu <>. 
Wie Martin sich auf ab berufen kann, um coninc im texte an die spitze zu stellen, 
verstehe ich nicht. Statt von 2G41 ist van zu losen, statt Reynart 2704 Reynaert 
und in demselben verse statt secht segt. Von bemerkenswerten Varianten sind über- 
gangen: 2597 Kriekeputte a (ebenso 263G, 2663), 261 3 rielic e, 20 4 7 comel a — 
ewwaert a, 2652 cohari e (ebenso 2G58), 2672 n< mach a, 2674 <l< a, 2G79 makede 
a, 26S7 saken a, 2691 haestelijc a, 2714 mon/.e a (ebenso 2710). 2717 hongree — 
earmde e, 2718 ontfarmde e, 2720 asse c (ebenso 2723). Zu „2597. 98 umgestelt a B 
vermisse ich den zusatz: „b stimt zu e u , der in ähnlichen fällen (vgl. 2620. 21) sich 
findet. Zu tote dier 2608 ist als Variante die inklinierte form totir e aufgeführt. 
Der gruud ist nicht ersichtlich, da zu 2591 enfie a fehlt. Solte das i dir ie die 
aufnähme veranlasst haben? Dann wäre totir zu dilven 2610 und luttcl 2611 zu 
stellen, die der herausgeber in die lesarten gebracht hat, obwol er auf der vorher- 
gehenden seite ausdrücklich erklärt: Varianten der fragmente e, die rein orthographi- 
scher natur sind, sollen unberücksichtigt bleiben. Als dialektform hat z. b. luttel 
keine grössere bedeutung als etwa das ausgelassene scowut 2591 oder das ebenfals 
ausgelassene uenden 2612 u. a.; vgl. Franck Uni. gr. § 79. Zu 2614 wird ooe eb 
notiert, obgleich beide hss. oec lesen. 2630 ist in wat mde eb] wanen a zu ändern. 
2637 fehlt: geuei (rest weggeschnitten) e. Die angäbe zu 2643: d (rest weg) e zwing! 
uns, zwischen dem d in die, um das es sich handelt, und dem in dem folgenden 
Jordanc selbst die auswahl zu treffen. Die zu 2647 mitgeteilte Variante wert a (= 
Grimm) ist in den lesarten des Kein. I als voort aufgeführt. 2655 fehlt: trouwen 
ist bis auf das t weggeschnitten. Aus der bemerkung zu 2660 ist nicht zu erken- 
nen, dass auch das ghe von ghemanet in e weggerissen ist. Die notiz zu 2664 im, 
heissen: -t of ie w. e. die zu 2665: e fehlt bis -t iccscn so. 2666 hulstt t>r lue a 
stimt nicht zu der zu Rein. I angegebenen variaute hülst ter loe (= Grimm). Gegen 
die Zusammenstellung alle be] fehlt a 2677 ist einzuwenden, dass in e, wie auch 
von Martin richtig bemerkt wird, nur das reimwort sine und die beiden lezten buch- 
staben des vorhergehenden wortes gliescllcn erhalten sind. 

In dem dem zweiten fragmente entsprechenden texte ist v. 3033 hie in In zu 
ändern, 3056 Reinaert in Reynaert , 3066 von in van, 3090 Belyn in Belijn, 3161 
gagelc in gaghele. Unter den lesarten vermisse ich 3029 wonderlije a, 3030 heme e 
(desgl. 3037), 3043 mordenare e, 3044 onfaren e, 3052 weldanen e, 3058 drouve- 
lie a, 3061 Guwaert a, 3062 wil b, ivülc e, 3001 noü e, 3070 assce (desgl. 3089, 
3103), 3078 hen e, 3079 dat ab] fehlt e, 3080 de a, 3081 vore e, 3086 her e, 
3097 Alse e, 3106 wonderlike e, 3110 Her brun eü her e, 3111 gisel e, 3114 



352~ BRANDES 

iiiUc a. 3115 gelidei b, 3150 ombe e. 3155 daghen a. Zu v. 3089 merkt Martin 
an: o. an hem a. relicturus hos 1] o. an haer eh. Auf die Stellung von orlof ist 
mithin keine rücksicht genommen, obgleich dieses in eb dem an hart folgt. 3100 
findet man welpehinen a, bei Grimm wie im Bein. I (ohne var.) dagegen loelpkinen. 

.als fehlt a- gehurt nicht zu 3002, sondern zum folgenden verse. Ungenau ist 3119 
"iaddß ... e. der rest des verses fehlt keineswegs in der hs. 3143 sor e bleibt mir 
nn verständlich, da im buchstabengetreuen abdruek der hs. dor steht. Oder ist aar 
druekfehler? In scnc 3090 scheint mir wenigstens ein solcher vorzuliegen. 

Auf s. 10 — 1*2 gibt der herausgeher eine Übersicht über die orthographischen 

-••ntümliehkeiten der Darmstädter brachstücke. Es fehlt darin: für o in a steht 
c — auenturen 239.3 und für o steht u — sunne 2723. Ausserdem hat best 
eine falsche verszahl bekommen; es findet sich 2624. Die zahl 3151 gehört zu 
dem vorhergehenden gehtc. — An den hergestelten text schliesst Martin anmer- 
kuugen zu demselben, und auf diese lässt er nachtrage zu seiner ausgäbe des 
Rein, folgen. Unter den belegen zu v. 91 hätten auch Freid. (ed. Sandvoss) s. 78 
und Hoffmann von Fallersieben , Findlinge 1, 443 nr. 77 aufgezählt werden können. — 
Für lesen -sagen- v. 147 bietet Jans Teesteye zwei beispielc: v. 952 Wouter, sal ic 
die waerheyt lesen? Heren sonden seemel icesen und v. 1292 Nu tcillic u van allen 

-■n Fraeyc exemple lesen Die hier vocnnaels ghescieden Den goeden ouden roem- 
seken lieden. Vgl. auch Mnd. wb. 2, 671b. — Zu v. 257 vgl. ferner Agricola nr. 126 
(ausgäbe von 1541): De?' Wallt sagt: Male qnesit male perdit, und zu II, 1676 
Kir Deus bei Willem van Hildegaersberch 34, 170. — V. 4255: Boltes auf- 
satz. Nd. korrespondenzblatt 10, 19 — 20, hätte nicht unerwähnt bleiben dürfen. 
Bolt^ führt aus. dass das plaeebo singen das ursprüngliche ist, nicht das sagen, 
und dass die redensart in der lateinischen predigtlitteratur des mittclalters ihren 
Ursprung hat. 

In der zweiten hälfte des heftes behandelt Martin das gedieht vom baren Wis- 
selau. Das uns erhaltene bruchstück desselben ist ehemals im besitze C. P. Semvres 
gewesen, der es im 2. bände seines Vaderlandsch Museum 1858, nicht 1856, wie 
Martin angibt, mitgeteilt hat. Das manuscript ist später in das British Museum 
gekommen, hat aber seit der zeit seiner ersten bekantmachung erheblich gelitten, so 
dass Martin an zahlreichen stellen über die berechtigung der lesung Serrures keine 
auskunft mehr zu geben vermag. In einigen fällen ist es ihm dagegen trotz der 
mangelhaften erhaltung der handschrift gelungen, mehr zu entziffern als sein Vorgän- 
ger, und diese resultate seiner beschäftigung mit dem manuscript zusammen mit dem 
umstände, dass die 1886 erschienene ausgäbe Kalffs 1 lediglich auf Serrures text 
beruht, rechtfertigen die neue ausgäbe des fragments. 

Der abdruek der handschrift bedarf in einigen punkten der berichtigung. Es 
zu lesen Aal slfenj, Ab 6 wisse ... [ive] , 16 sal . . . . [t] , 26 [ontbindie u te], 
Afl6 [dor ..//], 36 stae[nj , Ag 41 [ecj , Ah 40 dorpferj, Ba 14 geernoude, 15 [die 
.... dtcajne, 19 geernouts, 33 .... [n] dese talc, 4A iv'dc (vgl. Serrures anm. zu 
der stelle), Bc 13 [eisscede crauicejl, 14 [Sijn poten stae] hi, Bh 5 lelec[ke] , 43 
antvfcU ö . . . Als druekfehler sind wol anzuseilen Bb 2 kinlije für linlijc, Bd 15 
'/ für 8eieten, 19 spae für *j>ra<-, Be 23 femsoise für fransoise, Bf 34 berc für 
bere, Bg 29 qram für gram,. Die striche Ae v. — 8 und v. 18 gehören nicht hinter 
sondern vor die klammem. Unklar bleibt, von welchem Worte des v. Ah 38 an das 

1 Eini.-«? snte Cönjecturen Kalffs werden jezt durch Martin bestätigt. 



ÜBER REINAERT-FRAOM. ED. MARTIN 353 

entziffern der handschrift auf Schwierigkeiten Btösst. In der anm. zu Aa 38 ist .o 
vor der notiz fehlt 8. ausgefallen. Die anmerkuiigcn Bollen nach Martins absichl 
„wesentliche* abweichnngen Serrures von Beiner Lesung angeben. Eine bestirnte regel, 
nadi der die aufnähme dei differenzeu erfolgt ist, hahe ich nicht herauszufinden ver- 
mocht; es sind aber nicht nur bemerkenswerte orthographische, sondern auch mate- 
rielle unterschiede unberücksichtigt geblieben. Ab -1 vermisse ich das die vor r< 
(vgl Ab 35), 17 kempe S., 31 gotä 8., 36 t...hten &, 44 De &, Ac 13 war S., 
Af23 das weselike vor gevaen, kg 29 si S., 39 soutu S., Ahn efen - s '. . 18 seien S. } 
34 wee S., 37 soe «tore 8., Ba 20 profe« &, 28 proefew &, Ba 35 // dt &, IM. 7 
betont S., 18 gevlowen 8., 26 dijs S., 27 parasS., Bcl5 feaer &, 33 Dorf/ LaetS., 
38 oHifurcn S., Bd20 wisselaue 8., Bo 39 eW/s &, Bf 24 heefluut 8., Bg5 «*ä &, 
11 da* /// tri Ä, 39 »o7 mv &, Bh 6 m . 11 /| s &, 13 Awj& &, :;i fe»7 
feren Ä Ferner ist zu bemerken, dass Ztese Af 34 anm. conjeetur Berrures ist, and 
dass dieser Ah 31 das d von dare und Ah 33 wee gelesen hat. 

Der handschriftlichen fassung zur seite stellt der von Martin auf grund der- 
selben hergestelte text. Die anmerkungen zu demselben beziehen sich auf Serrures 
und Kalffs ausgaben der dichtung und auf besserungsvorschläge, die von Franck 
herrühren. Ich gebe einige zusätze. V. 74 gewinnen S. ist überflüssig, da das reim- 
wort in der handschrift erhalten ist. V. Sl liest Serrure: ende toechten. Zu V. 85 
fehlt dare S. und zum folgenden verse gevwren 8. V. 288 hat die handschrift 
geuaen. Martin nimt Kalos gevwren auf; es wäre dabei aber zu erwähnen gewesen, 
dass schon Serrure in der anmerkung zu der stelle «äussert: ^gevaen, misschien 
roor gevaren* Ebenso geht kemenade v. 329 statt des handschriftlichen kemenelde 
auf einen in Serrures anmerkungen ausgesprochenen Vorschlag zurück. Zu v. 358 
fehlt niet S. } zu v. 393 sprac EspriaenS. V. 512 hat Serrure schockten und v. 579 
dien kempe dijs verican; die von Martin in dem leztgvnanten verse vorgenommene 
ergänzung deckt sich also nicht volständig mit der des ersten herausgebers. 

Im texte ist zu schreiben v. 23 mijn für myn, v. 208 gereet für gereed, v. 238 
de mi geboet, v. 274 die für de, v. 383 irildot, v. 121 drosmfen, v. 439 fjod, v. 517 
niemm, v. 533 eoenc. Die inhaltsangabe, die sich an den text anschliesst, ist 
weniger ausführlich als die bei Serrure, gibt die hauptsächlichsten züge der dichtung 
al'er treffend au. In der Untersuchung der sage und ihrer beziehungen geht Martin 
dagegen weit über seinen Vorgänger hinaus. Für die entstehung des mnl. Werkes ist 
der terminus ad quem durch die erwahnung desselben in Maerlants Spieghel historiael 
gegeben. Es muss vor 1290 verfasst sein, ist aller Wahrscheinlichkeit nach aber 
"viel früher anzusetzen. Mit Sorgfalt hat Martin die momente zusammengetragen, 
die dem stil der spielmannspoesie eignen. Bemerkungen über den versbau schliessen 
seine ausfährungen ab. 

Es bleiben nocli einige bisher übergangene druck versehen zu berichtigen. S. 4 
steht 3GG5 statt 2G65, s. 25 var. zu 3113 rechte statt rehie, s. 25 in den var. (31)17 
statt (31)15, s. 28 ich statt ic, s. 30 Mul. statt Mnl., b. 33 v. 2539 statl 2519, s. 51 
Überschrift BXRE statt BEBE, s. 52 anm. Ba 118 statt 18, s. 53 anm. Aa statt Ba, 
s. 54 anm. Bb 27 statt Bb 37, s. 57 anm. 533. 534 statt 532. 533, s. 59 anm. 582 
statt 583, s. 62 anm. Bh. 2 statt 10, s. 72 gelooft statt geloeft, ai statt ay, sieh 
statt xiele, s. 73: 617. 61S statt 616. 617. Die darstellungen der abkürzung des 
wortes partrisen v. 3164 auf s. 10 und s. 28 weichen von einander ab. 

BERLIN. HERMAN BRANDES. 



ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XXIII. 



23 



354 F.KPMANX. fRF.K KOF.TTEKF.N. F.riSCHF. KUNST 

Die epische kunst Heinrichs von Veldeke und Hartmanns von Aue. 
Beitrag zur mhd. litteraturgeschichte. Von Hubert Roettcken. Halle, 
Niemeyer. 1887. VI und 207 s 5 m. 

Der Verfasser, dessen dissertation über den satzbau bei Berthold von Regens* 

burg QF ich in dieser Zeitschrift XVII. 12S besprochen habe, stelt sich in die- 

- hrift die aufgäbe, aus beobachtung des Sprachgebrauches, des stiles und der 

hen teehuik aüge zur Charakteristik der beiden epiker zu gewinnen. Die 
nntersnchung ist mit fleiss und liebe geführt, auch zeigt der Verfasser feines gefühl 
für dichteris igentümlichkeit, ebenso vorsieht und richtigen takt bei der ver- 

wertong der zahlreichen gesammelten einzelheiten; doch liegt es an der algemeinen 
fassnng der an 3S er nicht überall zu greifbaren und abgerundeten ergehnis- 

mmen ist. Aus dem ersten, syntaktischen abschnitt sind die nachweise über 

mit abstraktem Subjektswort (so ergic ein jaemerUchex scheiden u. a.). über 

• :i. über ansruf ohne verbum (ellipse) hervorzuheben; aus dem zweiten über 
-Zusammenhang und Ordnung der erzahlung" die hesprechung der vor- und rück- 
weisungen; aus dem dritten („schmuck und nachdruck der rede") die Personifikationen, 
die alliterierenden formein. die klang- und Wortspiele. 

Der vierte abschnitt bespricht „die einzelnen Stoffelemente u , wobei u. a. das 
Verhältnis der beiden dichter zu naturgegenständen und naturvorgängon, sowie die 
veranschaulichung körperlicher Schönheit zur spräche komt. Die Schilderung der liäss- 
liehkeit — zu welcher bei Veldeke (En. 2689 fg. 3049 fg. 3197 fg.) die Sibylle, 
Oharon und Cerberus, bei Hartmann der waMtore Iw. 425 fgg. (auch Iwein im wahn- 
sinn 3251 fgg. stoff geboten hätten — ist nur kurz berührt s. 149. 

Verhältnism kurz gehalten ist auch der fünfte abschnitt: Hervortreten der 

Persönlichkeit des dichtere; hier ist wenigstens der aus Hartmann zu gewinnende 
h nicht erschöpft. 

Hat der Verfasser es für eine alzu mechanische arbeit gehalten, seinem buche 
ein alphabetisches register mitzugeben? Ein solches würde die benutzung und 
al-eitige Verwertung seiner samlungen sehr erleichtert haben. 

KIEL. 0. EEDMANN. 

Die deutschen runendenkmäler herausgegeben von Rudolf Henning. Mit 

4 tafeln und 20 holzschnitten. Mit Unterstützung der k. preuss. akademie der 
wir- aften. Strassburg, Karl J. Trübner. 1889. VIII, 156 s. 4. 25 m. 

An rnnendenkmalern ist das eigentliche Deutschland ebenso arm wie an resten 
altheidnischer \ sie, während der skandinavische norden von dieser zwar nicht beson- 
ders umfangreiche, aber äusserst wertvolle Zeugnisse, von jenen eine fast unüber- 
. noch immer durch neue funde wachsende, beneidenswerte fülle erhalten 
hat. Die nrsache unserer armut ist in beiden fällen die gleiche: die frühzeitige cin- 
führung des Christentums bei den Germanen des continents, welche die frisch sich 
entwickelnden keime einer nationalen kultur durchschnitt und bereits vorhandene 
bluten erbarmungslos zerstörte 1 . Die runenschrift entstand frühestens zu ende des 
iahrhunderts und bereits im 4. begann die erfolgreiche tätigkeit der christlichen 

1) Dass die Völkerwanderung ,.die alten Traditionen unterbrochen habe", wie Henning s. 152 
meint, ist nicht glaublich. Wenn seine annähme richtig sein solte, dass die runenschrift eine erfindong 
der nordöstlichen Völkerschaften ist (es wäre das ein neues zeugnis für die hervorragende boanlagung des 
vandilischen Stammes !) , so könte man geradezu annehmen , dass die kentnis der schriftzeichen durch die 
■Wanderung den Germanen des we=tens zugeführt wurde. Nach einem „neuen anstosso' - , der das spätere 
erscheinen der runenschrift auf den südwestlichen denkmälern erklärt, brauchten wir dann nicht mehr 
zu suchen. 



BING, ÜBRB HENNING, KTNKNDKNKMÄLRR 

bekehrer, welchen die heidnischen, zu zauber und Weissagung verwendeten zeichen, 
deren Zusammenhang mit dem Lateinischen alphabel ihnen zweifelsohne verborgen 
blieb, ein greuel waren, die ßie daher nach kraften auszurotten sich befleissigten. Zu 
einer Verbreitung in tiefere schichten der bevölkerung, zu ausgedehnterer anwendung 
und fortentwickelung konte es daher die runensckrift im lande ihrer entstehung uichl 
bringen; sie gieng unter, ehe sie noch recht Lebensfähig geworden war. In England 
ist zwar nicht der euer, wahrscheinlich aber der Fanatismus der missionare geringer 
gewesen: daher hier die auf den ersten blick überraschende erscheinung, dass die 
runenschrift sich nicht nur fortbilden und mit der Umgestaltung der spräche (beson- 
ders auf dem gebiete des vocalismus) sehritt halten konte, sondern auch Längere zerl 
hindurch noch auf christlichen denkmälern Verwendung fand. 

Monumentale denkmäler mit raneninschriften Bind infolge dessen bei uns nicht 
vorhanden; sie beginnen erst auf dem bodon, der Jahrhunderte lang gegenständ des 
Streites zwischen Deutschen und Dänen gewesen ist, redende zeugen des waffen- 
glücks, das die lezteren bis an die Schlei hinab zu herren der eimbrischen halbinsel 
machte, der nrsprünglichen heimal jener südgermanischen stamme, die die begrün- 
der der angelsächsischen reiche in England wurden. Was wir als unser eigentum 
beanspruchen dürfen, ist eine kleine anzahl Loser gegenstände: zwei Speerspitzen, zwei 
goldene ringe, sieben spangen 1 , ebensoviele einseitig geprägte schmuckmünzen (brac- 
teaten) und ein köpfchen aus ton, dessen bestimmung wir nicht kennen. Die inschrif- 
ten auf drei weiteren stücken (dem speerblatt vou Torcello und den Bpangen von 
Engers und Kehrlich) sind mindestens verdächtig. Alle diese denkmäler (von denen 
die zweifellos echten uns im ganzen 25 Wörter überliefern!) sind in der dankenswer- 
ten, durch die munificenz der k. preussischen akademie der Wissenschaften würdig 
ausgestatteten publication von Henning vereinigt und fortgesezten bemühungen der 
forscher bequem zugänglich, gemacht. 

Denn das lezte wort ist über die auf diesen gegenständen eingeiizten inschrif- 
ten noch nicht gesprochen. Unbedingt muss dem herausgeber das zeugnis ausgestelt 
werden, dass er wol vorbereitet, mit den notwendigen sprachlichen und archäolo- 
gischen kentnissen reichlich ausgerüstet, an seine aufgäbe herangetreten ist, und da 
er es an redlicher bemühung, an fleiss und Sorgfalt nicht hat fehlen lassen. Wenn 
trotzdem die resiütate nicht durchweg befriedigen, so ist dies erklärlich und ent- 
schuldbar. Gerade die geringe zahl unserer denkmäler macht ihre deutung überaus 
schwierig, da wir nicht, wie unsere glücklicheren nachbam im norden, die über ein 
reiches material verfügen, vergleichen, combinieren, eine inschrift durch die andere 
aufhellen können. So kann trotz des bedeutendsten aufwandes methodisch geschulter 
gelehrsamkeit arbeit und mühe vergeblich sein, wenn nicht ein günstiger zufall oder 
ein glücklicher einfall, der blitzstrahl einer genialen divination zu hilfe komt. 

Da es den lesern der Zeitschrift erwünscht sein dürfte, einen schnellen über- 
blick über den gegenwärtigen bestand zu gewinnen, so lasse ich eine Bchematischo 
Zusammenstellung der denkmäler nebst den wichtigsten mitteilungen über dieselben 
und den Henningschen deutungen folgen. 

1) Xach dem erscheinen von Hennings buche ist noch eine runenspange (aus Balingen im wür- 
tenibergischen Schwarzwaldkreis) bekant geworden, deren inschrift Sven Söderberg in den Prähisto- 
rischen blättern II (München 1890) s. 33 — 41 veröffentlichte. Die kentnis dieses aufsatzes verdanke ich 
J. Mestorf. Ich muss übrigens gestehen, dass mir dio lesung Süderbergs (Halfdanilo Amilunge) wenig 
wahrscheinlich dünkt. Ein alemannischer „Halfdcm" erregt begreiflicher wei.-e mistraaen; nur prof. 
Stephens wird ihn mit freuden begrüssen und die spange natürlich sofort für einen dänischen „Wande- 
rer" erklären. 

23* 






GERING 





•i. 


Jahr der 

Auf- 
findung. 


Fundort. 


Wortlaut und dentong <lor inschrift. 


1 


S 
ans 




Sm ao, kreis 
■ 1 Volhynien) 


Tilarids (eigenname) 
„der geschickte reiter* 


— 




m 


Müncheberg, 

kreis Lebus 

1 Brandenburg) 


Ranfijnga (eigenname) 
„dem Raning" d. h. dem angehöri 

einer „svinfvlking" 




do. 


1SM 1 


Torcello 


Rrmnga 






18 


Pietroassa 

(Rumänien) 


Qutanio tri hailag 

„das gotische unverletzliche tempelgut" 


4 


Spange aus 
sill 


187.7 
(?) 


Charnay 
(Saone et Loire) 


Rune 1 — 20; ttpffijttpai Iddan Mann eia 
„volständig erfasse dos Idda weib sie" 


" 


Spange aus 
messing 


1854 


Osthofen 
bei Worms 


Godr furad lodaro flieg 
„deo iter vanitatum commenda u 




aus 
Bill 


1873 


Froilaubersheim 
bei Kreuznach 


Boso icrat runa pfijk Dapena gofl da 
(gofdjda) „Boso rizte die rune, dich Da- 
pena grüsste (beschenkte) er tt 


7 


do. 


1843 


Nordendorf 
bei Augsburg 


Loga Pore Wodan ^ wigi Potiar. Aica 

Lcabicinie „die heirat ersiege "Wodan, 
weihe Donar. Awa dem Leubwini* 


- 


Spang 


1844 


do. 


Birl[i]nio Ell; „der schenkin Elk" 




Spange 


1878 


Ems an der Lahn 


Ubada Madan „\Vada dem Mado u 


10 


- nnge mit 
inen 


188G 


Friedberg 

( AVetterau) 


puruphild (weibL eigenname) 


11 


Fingerring 

aus gold 




Körlin (Pommern)? 

* 


Altt El<i 
(verstümmelt aus lat. salus?) (eigenname 


12 


Bracteai 


1850 
(?) 


\Vapno (Posen) 


Sabar (eigenname) „der verständige* 


13 


Bracteat 




Hinterpommern? 


Waiga (eigenname) „der bewegliche 1 


14 
a-d 


B: • n 


1859 


Nebenstedt bei Dan- 
nenberg (Hannover) 


d: Olearg ix reurg\ 
„Gleargdor schwache u 


15 


Bra • ■ 




Heide 
iLitlimarschen) 


Alu (s. nr. 11) 


IG 


Tonkopfchen 




Bünterpommern ? 


Falgja „ schutzgeist " 


17 


•ange 




Engers (Rheinprov.) 


Leub . . . (anfang eines eigennamen) 


18 


ange 




Kehrlich 
bei Andernach 


Wodana hailag 
„dem Wodan heilig" 



ÜBER HENNING, RÜNENDENKMÄLER 






Rich- 
_ der 

-rhrift. 


Sprache. 


Zeitalter. 


Aufbewahrungsort. 


Bemerkungen. 


< 


ostgermanisch 
logisch- vandilisch ?) 


3. jh. 


Warschau 
(Privatbesitz) 




< 


jtgermanisch 
(bnigondisch?j 


3.-4. jh. 


Münchebe 
(samlung de ins 

für heimatkunde) 




< 






Torcello (mnsenm) 


Fälschung (oo] 




gotisch 


4. jh. 


Bukarest 
(mnsenm) 






burgundisch ? 


6. jh. 


Dijon 
(Privatbesitz) 




- 


fränkisch 


G. — 7. jh. 


Mainz 
(centralmnsenm) 




> 


do. 


6.-7.jh. 


do. 




> 


alemannisch 


6. — 7. jh. 


Augsburg 
(Maximiliansmuseum) 


die zwei lezten n on 
anderer band. 


> 


do. 


8. jh. 


do. 




> 


fränkisch 


8. jh. 


Ems (Privatbesitz) 




> 


do.? 


6. — 7. jh. 







< 


rugisch? 




Berlin 
(museum) 




< 


burgundisch? 


4. — 5. jh. 


do. 




> 


rugisch ? 


4.-5. jh. 


do. 




weeh- 


longobardisch - 
sächsisch ? 


6.-7. jh. 


Hannover 
(provincialmuseum) 


Die Inschriften von a— c geben 
keinen buhl 


> 

< 
> 


do. 


6.-7. jh. 


Hamburg (museum für 
tun st und ge werbe) 




rugisch ? 


4.— 5.jh.? 


Berlin (museum) 








"Worms (museum) 




> 






Mainz 
(centralmuseumj 


ilschung. 



35S GERING 

Richtig oder mindestens wahrscheinlich sind von diesen deutungen die von 
or. 1— 3, 6, 8 '": einzelne derselben waren übrigens bereits früher ganz oder teil- 
weise durch die bemühungen anderer gelehrten sicher gestelt Schwere bedenken 
erregt aber Hennings versuch, der inschrift auf der spange von Charnay (or. 4) einen 
vernünftigen sinn abzuringen; ich zweifle, dass auch nur ein leser des buches durch 

ue ausfuhrungen sich hat überzeugen lassen. Auf der genanten spange stehen 
bekantlich die ersten zwanzig seichen des gemeingermanischen runenfu|)arks und 
ausserdem ein paar worte, die eine befriedigende auslegung bis jezt nicht gefunden 
haben. Henning liest: ußffijnßai 1 Iddan kiano eia „es möge die gattin des Idda 
sie (die rune) herausfinden (volständig erfassen)-. Um diese sonderbare legende 
flieh zu machen, stelt Henning die Vermutung auf, dass der runenkundige Idda 
eine minder gelehrte gemahlin I sessen habe, die er zu der höhe der eigenen bilduug 
habe emporheben wollen: da es nun im 6. Jahrhundert noch keine Übeln gab, so ver- 
ehrt- • er ihr die mit dem aiphabet versehene fibula, indem er zugleich schriftlich den 
wünsch aussprach, dass die Studien von gutem erfolge begleitet sein möchten. Leider 
- mir unmöglich, an die Wirklichkeit dieser altburgundischen ehestandsidylle zu 

aben. Dass die inschrift an eine des lesens noch unkundige person sich richtet, 
wofür ein analogon sich schwerlich findet, mag unter den eigentümlichen von Hen- 
ning - uommenen Voraussetzungen als möglich gelten, da Idda doch wol, um das 
angestrebte ziel zu erreichen, seiner frau nicht bloss die spange geschenkt, sondern 
auch mit hilfe derselben sie unterrichtet haben wird — nur fragt man sich, ob das 
holzscheit nicht ein geeigneteres lehrmittel gewesen wäre, da auf diesem 
runenzeichen sich doch grösser und deutlicher hätten einritzen lassen. Und über- 
dies enthält die spange nicht das ganze aiphabet, sie war also für den von Hen- 
ning angenommenen zweck durchaus unbrauchbar. AVarum ferner hat Idda uns den 
namen seiner geliebten Schülerin vorenthalten? Dieser name, in den geheimnisvol- 
len zeichen geschrieben, hätte für die frau doch sicher ein besonderes interesse 
gehabt. Warum endlich hat der Schreiber, statt die sache, die er meinte, einfach 
bei ihrem namen zu nennen, den unverständlichen hinweis durch ein pronomen 

- zogen? — Gewichtiger noch sind die sprachlichen einwendungen gegen Hennings 
deutuDg. Di -r nur möglich, wenn man seine hypothese annimt, dass romanische 

lair_ tze die germanische spräche des runenritzers beeinflusst haben, eine hypo- 
these. die aber unbedingt abzulehnen ist. Die Goten schrieben mes und Kustantei- 
ien nasal in diesen fremdwörtern nicht mehr hörten, aber der schwimd 
des lautes in echt gotischen Wörtern wurde natürlich nicht dadurch herbeigeführt 

.'.. sitm, Hansa, gaminpi usw.). Dass in lateinisch geschriebenen werken und 
Urkunden germanische eigennamen gelegentlich einmal in romanisierter form erschei- 
nen, beweist keineswegs, dass die spräche des deutsch redenden volkes der einwir- 
kung eines fremden lautgesetzes unterlegen ist, gibt ja doch Henning selber zu, dass 
auch in den diplomen «die reguläre deutsche lautgebung noch während der frän- 
kischen zeit mit steigender macht sich geltung zu verschaffen wüste". Ferner kann 
Ina hwerlich mit dem gotischen qinö identificiert werden; die auf s. 65 aus- 

gesprochene behauptung. dass q, weil für diesen laut in dem alphabete kein zeichen 
vorhanden war, nur duren k widergegeben werden konte, wird durch nordische und 

Ist für ufnjp wirklich nur eine einzige erklärung möglich? Man könte auch an germ. Wfcpir 
eile - " denken. 

- Im Calend. got. (Vulfila ed. Bernhardt s. 605). Dieser heleg wäre bei Henning auf s. 67 
noch hinzuzufügen. 



ÜBER HENNING, RUNENDENKMALER 359 

angelsächsische inschriften widerlegt, die für q einfach hu oder kw setzen: Tcuask 
auf dem steino von Aars in Jütland (Thorsen II, 2, 102; Bugge, Tidskr. f. phil. VII, 
250); kuikuan auf den upländischen Bteinen von Vallentuna und Taby (Stephens II. 
641); Icwömu auf dem kreuze von Ruthwell (Zupitza, alt- und mittelengl. leseb. 4 , 
s. 5) usw. — Übrigens glaube ich, das- die eigentliche iuschrift der Charnayspange 
mit dem worte kiano zu «'iide ist: der runenritzer ist ersichtlich bei den lezten bei- 
den zeichcu mit dem räume sein- verschwenderisch umgegangen — ein wort wie eia ' 
hätte sonst noch bequem platz gehabt. — Auch was Eenning auf der Bpange von 
Osthofcn (nr. 5) und auf der grösseren spange von Nordendorf (nr. 7) herausli 
{gode furad lodaro filcy „deo iter vanitatum commenda"; loga Pore Wodan, wigi 
ponar „die heirat ersiege Wodan, weihe Donar u ) kann kaum als eine endgiltige 
lösung betrachtet werden; für mich sind diese inschriften wie die der Charnayspange 
noch ungeratene rätsei. — Zu nr. IG, dem Berliner tonköpf chen, möchte ich bemer- 
ken, dass es schwer begreiflich ist, wie der runenritzer dazu gekommen sein solte, 
eins aus der reihe der zeichen auf dem scheitel des kopfes anzubringen, während 
doch auf den glatten flächen des piedestals reichlich räum vorhanden war. 

Zweifel und bedenken sind mir auch sonst noch mehrfach aufgestiegen. Erwäh- 
nen will ich nur noch, dass die polemik gegen Bugge (s. 83 anm. 2 und 13C) mir 
durchaus unberechtigt erscheint. Dass der grammatische Wechsel auch im anlaut 
gewirkt hat, gilt mir durch die Zusammenstellungen Bugges für bewiesen; vgl. jezt 
noch Xoreen, Utkast tili föreläsningar i urgermansk judlära (Upsala 1890) s. 81 fg. 
83. 85. 87, wo die samlungen Bugges noch durch weitere beispiele vermehrt sind, 
die meines erachtens das „vermeintliche lautgesetz", von dessen richtigkeit, wie es 
scheint, auch andere noch nicht völlig überzeugt sind 2 , gegen jeden einwand sicher 
stellen. Besonders instruetiv, weil durch ihn sowol Verners wie auch Bugges gesetz 
exemplifiziert wird, ist ein neuer von Noreen gefundener beleg, auf den ich selber 
auch schon aufmerksam geworden war: ahd. farah, ags. fearh neben ahd. barug, 
ags. bear%, bearh, altn. bqrgr. Beide Wörter, die genau dasselbe bedeuten, sind 
natürlich auch der form nach identisch: sie sind nichts anderes als durch den accent- 
wechsel bedingte Varianten. 

Die ergebnisse seiner forschungen hat Henning hinter dem ausführlichen com- 
mentar noch einmal kurz und übersichtlich zusammengefasst (s. 135 — 141) und bei 
dieser gelegenheit noch mehrfache nachtrage und berichtigungen hinzugefügt; daran 
schliesst sich (s. 142 — 147) eine Zusammenstellung dessen, was sich aus den weni- 
gen Wörtern für die laut- und formlehre der behandelten denkmäler gewinnen Las 
Den schluss s. 147 — 155) bilden beachtenswerte hypothesen über heimat, entstehung 
und alter der runenschrift. 

Die correctur ist sorgfältig gehandhabt. Ausser den auf s. VHI verzeichneten 
druckfehlern sind mir nur noch die folgenden aufgestossen : s. V, z. 4 lies Prcßste- 
gaardsmose st. Prtestegords-; s. 17 25 Vcjbjerg st. Dijberg; s. 18 4 Dejbjerger st Dij- 
berger; s. 32 26 den st. dem; s. 64 30 mov/UUe st. moidlee; s. 88 3S Baiser st. Heiser; 
s. 94 3 weihaida st. icihaida; s. 95 27 paüran st. ßoran; s. 116 M prupmojjigr st. 

1) Die rune \, mit der dieses wort begint, fasst H. nicht, wie dies bisher meistens geschah, 
als eu, sondern als Vertreter des altgerman. geschlossenen e (e) , das im got. in i übergieng. Die gründe, 
die er gegen die frühere annähme geltend macht, sind für mich überzeugend. 

1) Wie Kluge noch in der 4. aufläge seines Wörterbuches s. v. russ behaupten kann, dass ahd. 
ruox und ags. sot „kaum verwant 1 ' sind, während er doch an anderen orten (vgl. z. b. die artikel base 
und blach) den ergebnissen Bugges zuzustimmen scheint, verstehe ich nicht. 



360 SÜCHIKR. ÜBER LOSETH. TKISTAX1IAANDSKRIFTER 

-modigr; s. 152" eimbri selten st. dänischen. Keine druckfehler, sondern orthogra- 
phische Sonderbarkeiten des Verfassers sind die Schreibungen ^gothisch* und „bischoff". 

KIEL. 30. JULI 1890. II. GERING. 

Eilcrt Lflseth, Tristanromanens gammelfranske prosahaandskrifter i Pa- 
risei nationalbibliotheket. Kristiania 1888, Cammermeyer. IV, SO s. 8. 

Welche res ardua es ist, die handschriften des Frosatristan zu beschreiben, 
davon hat nur der eine Vorstellung, der die handschriften in der hand gehalten 
und selbst den versuch gemacht hat sich in diesem labyrinth zurecht zu finden. Es 

darum ein höchst verdienstliches unternehmen, wenn herr Loseth uns einen lei- 
tenden faden in die hand gibt, an dem wir uns wenigstens durch die Tristauhand- 
. ritten der Pariser nationalbibliothek hindurch finden können. Die zahl dieser hand- 

riften bet t, indem zu den ztschr. XVIII, S5 genanten noch zwei hinzukommen, 

welche die kompilation des Rusticien de Pise enthalten. Drei handschriften sind zwei- 
bändig, daher Loseth — ohne recht, wie mich dünkt — von 27 handschriften redet. 
Die zahl der handschriften von Eusticiens Tristan beträgt nunmein' drei. Von den 
übrigen 21 enthalten nur sieben einen zwar nicht lückenlosen, aber doch im wesent- 
lichen vollständigen text; alle übrigen nur mehr oder weniger umfangreiche bruch- 
stücke. Der text einer handschrift (12599) ist nur aus einer reihe von bruchstücken 
zusammengewürfelt. 

Die schrift enthält: s. 1 — 3 eine aufzählung von handschriften und ausgaben, 
s. 3 — 5 die angäbe, wie viel von dem roman in jeder handschrift enthalten ist, 
3.5 — 67 eine rapide aualyse mit berücksichtigung der verschiedenen Versionen des 
r omans, s. 07 — 69 einzelheiten über die handschriften und ausgaben, s. 70 einen 
Ölbaum der handschriften, s. 71 — 74 litterarische bemerkungen, s. 75 — 78 eine 
Charakteristik der kompilation des Eusticien de Pise. Alles ist mit dankenswerter 
kürze geschrieben; doch hat der Verfasser die kürze darin zu weit getrieben, dass 
er bei anführung handschriftlicher stellen die blatzahlen weglässt. Von besonderem 
interesse sind seine bemerkungen auf s. 73, wo er die von Gaston Paris geäusserte 
ansieht weiter begründet, der zufolge der Prosatristan den inhalt des verlorenen Chri- 
^tianisehen gedichtes in sich aufgenommen hätte. Dass der abdruck von Brakclmanns 
aufsatz i ztschr. XVIII, 81) nicht ohne nutzen gewesen ist, zeigt sich in dem beifall, 
den Loseth bei einer wichtigen frage Brakelmann spendet (s. 6). Loseth erwähnt im 
Vorwort, dass sein wünsch, die Brakelmannschen kollectaneen in Paris einzusehen, 
nicht erfült werden konte. Ebensowenig gelang es mir, die erlaubnis hierzu zu 
erwirken, und auch mein Vorschlag, Brakelmann spapiere auf der Hallischen univer- 

ibliothek zu deponieren und so dem publikum zugänglich zu machen, wurde 

rworfen. Indessen glaube ich dass Loseth hierbei nicht alzuviel verliert, da schon 

diese ersten mitteilungen über seine Tristanforschungen erkennen lassen, dass er 

die — ja auch nur zum vorläufigen abschluss gelangten — forschungen Brakelmanns 

überholt hat. 

Ich habe mich kürzlich auf einer reise nach Italien in Genf aufgehalten und, 
da ich gerade Loseths büchlein gelesen hatte, mir dort die handschrift francais 

erlegen lassen, die einen im 15. Jahrhundert geschriebenen Prosatristan enthält. 
Mit hülfe von I. - ths angaben war es leicht festzustellen, dass diese handschrift in 
der e] mit dem Schilde (Loseth s. 11 oben) abbricht und an den s. 10 angefahr- 

ten stellen, die sieh auf blatt 6 und Matt 5 vom ende der handschrift finden, mit 



VOGT, ÜBER STRNADT, KÜBENBERGMYTHTT8 361 

334 zusammengeht, wonach es scJion möglich ist, die Genfer handschrift einer gruppe 
des stambanmes zuzuweisen. 

Der Verfasser selbst erklärt die vorliegende Schrift nur für einen coup d'es- 
sai: er avüI demselben gegenstände noch eine ausführlichere darstellung widmen. 
Was vorliegt, zeigt bereits, dass er sich vortreflich in die sache eingearbeitet und 
es zu einer beherschung des schwer zu bewältigenden materiales gebracht hat. Wir 
wünschen ihm glück zu Beinern nnternehmen und sehen der abschliessenden schritt 
mit Bpannung entgegen. 

HALLE. HERMANN BUCHTEB. 



Der Kirnberg bei Linz und der Kürenberg-mythus. Ein kritischer bei- 
trag zu „Minnesangs-frühling. tt Ton Julius Strnadt. Linz a. D. 1S89. 
Ebenhöchsche buchhandlnng. GO s. 8. 1 m. 

Der verlasser hat sieh durch den augenschein davon überzeugt, dass die auf 
dem gipfel des waldigen Kürn- oder Kirnberges bei Linz erkenbaren befestigungsspu- 
ren nicht von einer ritterburg, sondern von einem prähistorischen verteidigungswall 

herrühren, dass eine bürg Kürnberg vielmehr südlich davon auf einem hügel zwi- 
schen Dornbach und Rufling gelegen habe und dass die trümmer derselben noch eine 
art der anläge erkennen lassen, wie sie vor dem beginne des 13. Jahrhunderts nicht 
üblich gewesen sei. Nach dieser können daher die verschiedenen im 12. Jahrhundert 
urkundlich nachgewiesenen „de Churnperch" ihren nanien nicht getragen haben. 
Die in den jähren um 1130 bis um 1137 auftretenden Purchart, Magenes und 
-Marcwardus de Chur(i)nperch werden einem bairischen, in Kirnberg am linken 
Innufer, nahe Altötting, ansässigen geschlechte von ministerialen der grafen von 
Burghausen zugewiesen. Chönrat de Chörin perge, urk. um 1140, und Gerol- 
dus de Curenberch, urk. um 1155, sind nicht ritter, sondern gemeinfreie, jener 
nach einem Kürnberg bei Rudling oberhalb Efferding (Österr. o/E.), dieser nach dem 
Linzer Kürnberg genant. Von dem zweiten orte trägt seinen namen allerdings auch 
ein ministerial Gualtherus de Cürnberg, der im jähre 1161 eine Urkunde des am 
Linzer Kirnberge gelegenen klosters \Vilhering bezeugt. Aber er gehörte nach des 
Verfassers meinung einem dort ansässigen ministerialgeschlechte von Mülenbach an, 
vermutlich als jüngerer bruder des in genanter Urkunde mit unterzeichneten Conra- 
dus de Mulenbach, und er führte als solcher nach einem am Kürnberg befindlichen 
besiztum der familie seinen namen. 

Otto und Purchardus de Churnperch erscheinen in einer Urkunde Ulrichs 
von Sichtenberg vom jähre 1166 unter den dienstmannen der grafen von Schala in 
Xiederösterreich ; sie nennen sich nach dem Kirnberg an der Mank, südlich von Melk, 
und vertreten nach Stmadts Vermutung einen zweig der erwähnten bairischen Kürn- 
berger, der nach Niederösterreich verpflanzt wurde, als dort die grafen von Burghau- 
sen durch die heirat Sigharts IL mit der tochter des markgrafen Leopold von Öster- 
reich besitz erwarben. 

Gibt man nun alles dies zu — obwol ich meinerseits gestehe, dass mich die 
betreffenden ausführungen nicht durchweg überzeugt haben — , gibt man ferner zu, 
was der Verfasser daraus folgert, dass nämlich in Oberösterreich ein geschlecht 
von Kürenberg nie existiert habe, so ist doch der weiter daraus abgeleitete schluss, 
„dass der liederdichter von Kürenberg fürderhin nicht in Oberösterreich gesucht wer- 
den darf" keineswegs berechtigt. Denn es komt doch nicht auf die benennung des 



362 1RDMANN 

ganzen geschlechtes an, dem der fragliche dichter angehört, sodem nur auf den 
namen des dichters selbst; und da jener im jähre 1161 urkundende oberösterreichischc 
ministerial Walther nachweislich von Kürnberg hiess, so genügt das volständig um 
ihn mit in betrachi zu ziehen. Mindestens gleiche ansprüohc aber haben natürlich 
die Niederösterreicher Otto und Purchard und ihr wirklieh von Kürenberg genantes 
Lechi Stmadt freilich meint, dass auch in diesem und auch unter den bai- 

•heu Kürenbergern der dichter nicht zu suchen sei, vielmehr werde er zu dem 
reichsfreien 'echte von Kürnberg im Breisgau gehört halten, aus welchem um 

10S8 ein Burchardus ingenuus de Curenberc bezeugt ist, über welches jedoch aus 
Jahrhundert gar keine nachricht vorliegt und dessen sitz Kürnberg bereits im 
anfan_ - 13. Jahrhunderts nachweislich cigentum der herren von Üsenberg war. 
Die gründe, weihe Btrnadt für diese annähme beibringt, sind völlig haltlos. „Die 

:eichnung des dichters in substantivischer form in Kürenberges wise statt in der 

adjeetivisehen form Kürenbergers (?) wise. welche lezterc auf bajuvarische provenienz 

lassen würde" sieht er als eine eigentümlichkcit des alemannischen dialek- 

an. W< der das eine noch das andere ist richtig. Wolfram sagt z. b. herVogel- 
weid. Gotfried v. Strassburg dagegen der Ouwasre, Rudolf v. Ems ebenso und 
der Stoufa?re, der Türheima?re usw. Wenn ferner Strnadt meint, dass in der 
fraglichen zeit die österreichische ritterschaft viel zu roh und unhöfisch gewesen sei, 
um das minneUed zu pflegen, und sich dafür auf Heinrich von Melk beruft, so hat 
er dabei die bekante stelle Erinnerung 597 fgg. übersehen, an welcher nicht nur der 
höfische verkehr der ritter mit den damen, sondern auch der ritterliche minnesang 
ganz ausdrücklich bezeugt wird. Man hat daher auch nach dieser neuesten Unter- 
suchung keine Veranlassung, von der durch die beziehung der Kürenberges wise zu 
den Nibelungen gestüzten annähme abzugehen, dass der von Kürenberc ein Öster- 
reicher war. 

KIEL. FR. VOGT. 



Deut g Wörterbuch von Moriz Heyne, prof. an der univ. Göttingen. 

r halbband: A bis Ehe. Leipzig, S. Hirzel. 1889. 656 spalten hochquart. 
5 m. 

Es liegt nahe, dieses von einem der mitarbeiter des Grimmschen Wörterbuches 
und in gleichem vorläge wie dieses erscheinende neue Wörterbuch neben 
jenes ° - werk zu halten, um einen festen anhält der beurteilung zu gewinnen. 
Die vergleichung einer grösseren reihe von artikeln in beiden werken ergibt, dass 
Heynes Wörterbuch bei viel geringerem umfange doch nach sehr ähnlichen grund- 
tzen wie das Grimmsche gearbeitet ist; aber es ist ganz und gar nicht etwa ein 
auszug aus demselben, sondern ebensowol eine sehr wilkommene ergäuzung, die 
neben Grimm ihren wert hat und mit sorgfältiger benutzung der seit dem erscheinen 
lieferungen gemachten lexicographischen erfahrungen und Studien aus- 
fahrt ist, als auch für alle, denen jenes gewaltige werk nicht in jedem augen- 
blicke zur hand ist, ein hochachtbarer stel Vertreter oder ersatzmann desselben. Die 
quellen sind nach analogen grundsätzen abgegrenzt, wie dort; es soll der wertschätz 
ieutender hochdeutscher Schriftsteller seit dem ende des 15. Jahrhunderts bis auf 
un it veranschaulicht und unserem spraohbewustsein erhalten werden. Den anfangs- 

punkt der dargcstelten entwicklung bezeichnen wie bei Grimm Aventin, Ayrer, Lu- 
ther, Hans Sachs; die enden aber laufen bei diesem 40 jähre nach Grimm begoa- 



ÜBER HEYNE, DEUTSCHES WÖRTERBUCH 363 

nenen werke viel weiter in unsere gegenwart hinein, indem unter den dichtem z. b. 
Goibel, unter den novellisten Paul Heyse, Gottfried Koller, C. F. Meyer, 
Rosegger, unter den historikern and rednern v. Treitschke und fürst Bismarck 
häufig als gewährsmänner erscheinen. Die zahl der belege ist gegenüber Grimm 
erheblich eingeschränkt, aber planmassig so ausgewählt, dass für jeden in unserer 
spräche noch heischenden gebrauch jedes Wortes mindestens oin möglichst altes und 
ein oder mehrere beispiele aus neuerer und neuester zeit gegeben werden, jedes mit 
genauem citat. Mit Sorgfalt und umsieht hat sieh der Verfasser dabei einerseits 
bemüht, die reichen schätze des Grimmschen Wörterbuches nicht etwa einfach aus- 
zuziehu, sondern aus reichen eignen samlungen zu ergänzen; fast immer gibt er 
andere beispiele als Grimm, und zwar jedesmal bezeichnende und mit umsieht aus- 
gewählte. 

Auch die anordnung der bedeutungen ist klar und übersichtlich; oft ist auf 
knapperem räume das für den gebildeten leser wichtige ebenso gründlich gegeben, 
wie bei Grimm. Nicht selten sind auch berichtigungen und erweiterungen, namentlich 
genauere angaben über das auftreten eines wortes, einer floxion, einer gebrauchs- 
weise hinzugefügt; vgl. z. b. Aar, Abfindung, Abfuhr, Ablass, Beinkleid, Bern mc; 
Bischof (als getränk); Dienstag u. v. a. 

Die composita sind unter dem ersten bestandteil angeführt, aber zu grup- 
pen für das äuge des lesers übersichtlich zusammengerückt. Volständigkeit hat Heyne 
bei den compositis ebenso wenig erstrebt wie J. Grimm. Kaum wird heute noch ein 
einsichtiger daran anstoss nehmen; die zeiten sind hoffentlich vorüber, in denen mau 
den wert eines neuhochdeutschen Wörterbuches nach der menge der in ihm auf- 
geführten Wörter abzuschätzen versuchte. Campe renommierte einst am Schlüsse 
jedes bandes mit jedem tausend von Wörtern, das er mehr biete als Adelung; und 
Daniel Sanders suchte einen recht wolfeilen rühm darin, dass er aus Daniel, Seid- 
litz und anderen quellen 100 composita mit Alp- oder Alpen- zusammenschreiben 
konte, die im Grimmschen wörterbuche nicht standen. AVenn es ihn gelüstet, kann 
er den tadel gegenüber Heyne widerholen. Aber viel wertvoller und förderlicher, 
als ein kleinliches streben nach massenhaftigkeit des inhaltes ist es doch, an einer 
umsichtig getroffenen aus wähl der composita wie der belege die hauptzüge der 
Wortbildung und der bedeutungsentwicklung klar zu legen, an welche der leser seihst 
die fälle des ihm täglich und stündlich entgegentretenden anknüpfen oder anreihen 
kann; und deshalb ist diese im besten sinne anregende tätigkeit des lexicographeu viel 
höher zu stellen als das mühsame trachten des sanilers nach einer doch nur schein- 
baren volständigkeit. 

Als dankenswerte erweiterung gegenüber Grimm betrachte ich es, dass auch 
untrenbare vorsilben (wie be-) kurz und scharf nach ihrer bedeutung und Wirkung 
charakterisiert sind; ich würde solche erläuterungen der Wortbestandteile ebenso wie 
die phonetischen bemerkungen (vgl. E) gern im folgenden noch etwas ausführlicher 
gegeben sehen. „Zusammengerückte" worte — z. b. dabei, dermaleinst — und 
zu sammenge sezte sind stets scharf unterschieden; bei den erstgenanten ist die 
zeit des ersten auftretens beachtet. 

In der etymologie zeigt sich Heyne, obwol er derselben keinen grossen 
räum gestattet, vorsichtig und scharfsinnig, auch nach Kluge und dessen Vorgängern 
noch vieles neue und wertvolle bietend. Mit Sorgfalt werden die absichten des 
redenden berücksichtigt , welche im einzelnen falle die ausbildung neuer Wortbedeu- 
tungen herbeiführen oder erleichtern. „Verhüllende 1 *, d. h. euphemistische ausdrücke 



364 0. ERDMANN". ÜBSB LYON - EBERHARD . SYNONYMISCHES HANDWÖRTERBUCH 

sind reichlich äuge führt: die abweichende Schattierung der Wortbedeutungen innerhalb 
verschiedener geselschaftskreisc ist stets beachtet, vgl. z. b. Dame, Dirne; ebenso 
auch die Umgestaltungen volkstümlich werdender fremdwörter, vgl. z. b. Doetor mit 
'ien flexionsformen und ableitungen. Überall merkt man, dass Heyne nicht nur 
aus buchern, sondern auch aus lebendiger beobachtnng des Verkehres zwischen Deut- 
en aller Bildungsstufen für sein Wörterbuch gesammelt hat, obwol mundartliche 
formen und Wendungen nur sparsam herbeigezogen werden. 

Nur ganz vereinzelte bedenken oder fragen habe ich mir bei genauer durch- 
ht einer grossen reihe von artikeln notiert. Der Mensch, der einen Rang beglei- 
tet statt: bekleidet) s. 318 hätte doch wol nicht Lessing, sondern seinem setzer zu- 
sen werden sollen. Das verbum bemächtigen ist doch wol im nhd. von anfang 
au reflexiv gewesen (d. h. nach reflexivem typus gebildet); wenn Hittmair, Par- 
tikel l ■■ - 3. 211 ein beispiel von transitivem gebrauch (statt ermächtigen) anführt, 
so würde ich dies als eiue davon unabhängige , nicht durchgedrungene neubildung 
rächten. Das erläuternde als hätte ich Heber nach, als vor dem vergleichenden 
augeführt, weil historisch jener gebrauch sich offenbar aus diesem entwickelt hat. 

Im algemeinen bietet das Heynische Wörterbuch bei immerhin noch handlichem 
umfange eine fülle von belehrung und zugleich eine höchst interessante leetüre. Es 
wäre sehr zu wünschen, dass es mehr in schulen und familien eingang fände, als 
dies dem umfangreichen Grimmschen werke möglich sein wird. Und wie vielfach 
auch Heyne jenem grossen vorbilde mit erfolg nachgeeifert hat — möchte er ihm 
nicht nachfolgen in bezug auf die Langsamkeit der Veröffentlichung! Hoffentlich 
wird die verlagshandlung das im mai 1889 gegebene versprechen einhalten können, 
dass das ganze auf 6 halbbände (zu 5 mark) berechnete werk in 2 — 3 jähren fertig 
vorliegen werde. [Zu meiner freude kann ich bei der correctur die notiz hinzufügen, 
dass der zweite halbband, bis zum Schlüsse von G reichend, bereits ausgegeben ist.] 

KIEL. 0. ERDMANN. 

Joh. Aug. Eberhards synonymisches Handwörterbuch der deutschen 
Bprache. 14. aufläge, umgearbeitet von dr. Otto Lyon. Leipzig, Th. Grie- 
ben. 1889. XLHI und 943 s. 

Ein buch, welches 1802 in erster aufläge (als auszug aus Eberhards sechs- 
bändigem werke f Versuch einer algemeinen deutschen Synonymik", Halle 1795 — 
l v _ -chien, noch immer neu aufgelegt zu sehen, ist in der tat merkwürdig. Um 
so merkwürdiger, als namentlich der neueste bearbeiter 0. Lyon mehr und mehr die 
historische Sprachbetrachtung hineingezogen hat, ohne doch die ursprüngliche anläge 
des Werkes aufzuheben, nach welcher die bestimmung der gegenwärtigen bedeu- 
tung jedes wertes und ihre abgrenzung gegenüber den sinvenvanten der hauptzweck 
war; wobei also di landigen erweiterungen, beschränkungen und Über- 

tragungen, die im laufe der zeit in den gebrauchsweisen der werter eintreten und 
jene grenzen beständig verrücken, zunächst nicht berücksichtigt wurden. Es ist auf 
diese weise ein Zwiespalt in die behandlung und darstellung gekommen; doch ist 
anzuerkennen, dass das werk jezt nach jeder der beiden in ihm sich kreuzenden 
richtungen hin viele interessante und belehrende nachweise und anregungen gibt und 
wol geeignet erscheint, seinen lesern neben dem bewustsein von der heute üblichen 
Unterscheidung änverwanter Wörter auch eine Vorstellung von dem almählichen wer- 
den derselben zu gewahren. Manches freilich ist bedenklich und wilkürlich, wozu 
ich z. b. die sonderung der conjunetionen d« . wenn, weil (nr. 333) nach den katego- 



MARTIN. t'RKR PAUL, GRrN'DRISS DER GERM. THIL. I. II 365 

ricn dos realen, möglichen and logischen grandes rechne, die einst in K. F. Beckers 

satzlehre ein«' rolle spielte. Die beigefügte Übersetzung jedes erläuterten Wortes in 

das englische, französische, italienische und rassische wird manchem leser gute 

ebenste leisten. Die „vergleichende darstellnng der deutschen vor- und nachsilben" 
hütte schärfer durchgesehen und gebessert werden sollen. 

KIEL. O. BRDMANN. 



Grundriss der germanischen philologie, herausgegeben von H. Paul. 
I 2 (s. 257 — 512). n i 1 (s. 1 — 128). n 1 (s. 1—128). Strassburg, K.J. Trüb- 
ner. 1S89. 8 m. 

Dieses Sammelwerk, dessen erste lieferung der referent in dieser Zeitschrift 
(XXII, 462 fgg.) angezeigt hat. schreitet rüstig vorwärts: bereits im herbst 1889 
lagen drei weitere hefte vor, das zweite des I. bandes, das erste der ersten und das 
erste der zweiten abteilung des IL bandes. 

In der fortsetzung des ersten bandes wird zunächst die kurze palaeograpbie 
von Arndt zu ende geführt. Sodann folgt ein abriss der phonetik von Sievers, 
die sich dem bekanteu buche des Verfassers in allem ansehlicsst und wie da- 
durch eine weite auffassung des gegenständes und durch eine scharfe Systematik sich 
auszeichnet. Zu bedauern bleibt nur, dass die tenninologie von Sievors nicht blo 
neue bezeichnimgen eingeführt hat (unterscheidet sie sich doch hierin noch immer vor- 
teilhaft von ähnlichen arbeiten jüngerer forscher, welche in solchen erfindungen wahr- 
haft schwelgen), sondern auch alte bezeichnimgen anders vorsteht als bis dahin ab 
mein geschehen war. „Lbruidae" heissen bei Sievers nur noch l und r, wogegen /// 
und n nichts als nasale sein sollen. Zugegeben, dass hier sehr verschiedene bil- 
dungsweisen vorliegen, so wäre es doch einfacher gewesen, den nasalen die /- und 
r- laute zur seite zu stellen, um so mehr als diese selbst wider unter einander in 
bildung und in eiuwirkung auf andre laute sieh unterscheiden. Ist wirklich zu erwar- 
ten, dass die grammatiker sich durchweg der neuen tenninologie anschliessen wer- 
den? Das gegenteil ist doch wol wahrscheinlicher, wenn man die Zähigkeit bedenkt, 
mit welcher besonders die schule auf einheitlichkeit ihrer kunstausdriieke hält und 
verständiger weise halten muss. Das gleiche gilt von dem terminus „consonant", 
der nun nicht mehr die von den vocalen verschiedenen laute zummenfasst, sondern 
alle laute, welche neben dem eigentlichen träger der silbe erscheinen, also auch i in ai 
usw., während andrerseits eine liqnida, die als silbentragend gilt, kein consonant mehr 
sein soll, z. b. / in dem got. fugls. Für die schule ist auch das zu fein, und so 
wird jeder Student umlernen müssen um zu wissen, was consonant heisst. Warum 
nicht für den neuen begriff ein neues wort, etwa „assonaut?* Derselbe grund spricht 
auch gegen gewisse buchstaben des Systems von Sievers: x soll einerseits der Über- 
lieferung entsprechend — ks sein, andrerseits stimloscs gutturales ch bezeichnen. 
S. 294 steht in zwei zeilen das eine zeichen in nordisch raxa, dass andere in ober- 
deutsch waxse, ohne jeden hinweis auf diesen Wechsel: wer nicht beide sprachen 
kent, wird leicht in irtum verfallen. Ni memna güttip wem juggata in bah/ins 
fairnjans. 

Dazu kommen kleine verselm, wie eben auf s. 294: „der Übergang von ft > 
pt scheint auf das nordische beschränkt zu sein." Dagegen ist auf Dietrich, Aus- 
sprache des gotischen s. 75 zu verweisen, eine freilich jezt vielfach bei seite gescho- 
bene schrift. 



3GG MARTIN 

Ausführlicher als dieser abschnitt ist der folgende von Klage herrührende: 
t Vorgeschichte der altgermanischen dialekte tt . Seit Scherers kurzen, aber treflichen 
grimdzügen in seinem buche Zur geschiente der deutschen Sprache ist hier zum 
-reu mal wider ein gesamtbild der gemeinsam germanischen Sprachverhältnisse (mit 
ausnähme der syntaktischen) geboten; und die reiche ausfuhrung dieses bildes zeigt 
in der tat. wie viel seit Scherer geronnen worden ist. 

Im einzelnen fehlt es Dicht an anlass zu zweifeln und ausstellungen. Zunächst 
i-T dieser abschnitt kein<'>wrgs so sorgfältig wie der vorhergehende in anordnuug und 
ausfuhrung. In dem an sich dankenswerten Verzeichnis der lateinischen lehnwörter 
im deutschen s. 3"'.' fgg, steht das elsässische örcklin zweimal: zu orea und zu 
urceokis. Oanz fehlt canfhus eiserner reif um das Wagenrad, erhalten im ahd. ehanx- 
wagen; warum dies s. 323 als dunkles lehnwort bezeichnet wird, ist nicht ersicht- 
lich. Es widerholen sich ferner auf s. 399 die bemerkungen über naust und eurist 
Auch die citierte litteratur über die einzelnen punkte ist ungleich behandelt, ungleich 
auch, besonders zu anfang. in bezug auf das lob, welches Kluge zu spenden liebt. 
- wird s. 331 ein aufsatz von Collitz in dieser Zeitschrift XV, 1 fgg. angeführt, in 
welchem Amelungs Verdienste um die erkentnis des germanischen vocalismus mit 
volstem recht geltend gemacht sind: hat doch Amelung zuerst die entstehung einer 
art de^ germ. u aus silbenbildender liquida erkant und ebenso zuerst die entstehung 
des germ. a aus älterem a und aus älterem o. Bei Kluge s. 352 wird nun die erst- 
ellte entdeckung zwar als fundamental bezeichnet, aber einem andern zugeeignet, 
der doch wahrlich Verdienste genug auch ohne diese entdeckung hat, die er zwar 
i^s selbständig, aber doch erst mehrere jähre nach Amelungs Veröffentlichung 
gemacht hat. auch nicht auf dem germanischen gebiet, welches doch für einen grund- 
riss der germanischen philologie zunächst in betracht kommen solte. AYahrhaftig, es 
ist ein starkes beispiel für die nichtigkeit litterarischen ruhmes, dass dem jungver- 
irbenen Amelung sein wol verdienter kränz nicht verbleiben soll. 

Von sachlichen bedenken führe ich an: s. 323, wo die hünengräber als 
norddeutsch bezeichnet werden; ich erinnere dagegen nur an den von Aug. Stöber 
g ttheten hünerhubel bei Mülhausen i. E. S. 315 heisst es: „eher nahmen die 
Römer an den tönenden Spiranten y ä h des germanischen anstoss" ; aber eben diese 
haben ja auch die Griechen. S. 318 fgg. : „die endung gotisch ü (in dem vorausgesez- 
lcyriako anstatt y.inic./.öv) deckt sich mit dem auf griech. ov beruhenden o in 
s(i),hat>> aiwaggdjo (sigljo)' t . Aber kami sabbato etwas anderes sein als ein gen. pl. 
und zwar abhängig von dem daneben stehenden oder dazu zu ergänzenden dags, 
daher es auch als masc. behandelt wird? sabbate, sdbbatvm sprechen wie sabbataus 
nur für ein sabbatus, welches wie» aggilus flectiert. aiwaggeljo aber ist eüayyeMa 
wie aikUesjo Ixxlrjafa; tvayyifoov wird durch aivaggeli widergegeben wie notofiv- 
rigtov durch praixbytavri (vgl. analogi slawisch für avaX&yirOv lesepult). Die endung 
ov ist lautlich erhalten in byssaün, praUoria/un. 

Eingehender niuss referent die auf s. 344 abgeschlossene behandlung des neben- 
oder tieftons besprechen. Kluge wendet sich gegen Lachmanns rogel, wenn er auch 
zugibt, dass es mit den grösten Schwierigkeiten verbunden sei, etwas zusammenfas- 
sendes über den tiefton zu sagen. Er meint zulezt, dass der tiefton häufig zwischen 
siter und dritter wortsfl.be schwank'-. -Paul erinnert an nhd. mutiges pferd : 
mutig< rteidigung und gütlicher wusgleich : gütlicher vergleich. Ahnlich könto 
der altgermanische nebenton gewechselt haben. - 



ÖBEE PAUL, GRUNDKlss DEB 0] KM. PHIL. I. II 3G7 

Die beiden hier angegebenen betonungsweisen muss uefereni selbsi Für das 
nlid. bestreiten, d. h. für die spräche der prosa, des Lebens; dass die dichter sich 
derartiges als notbehelf erlaubt haben, um gewisse versmasse zu füllen, und beson- 
ders um vorhandenen melodieo neue texte unterzulegen, kann für jene nichts beweisen. 

Offenbar isi die behauptung, man Bpreche: mutiges pferd auf Sievers zurück- 
zuführen, welcher in PBB. 4. 526 sagt: „Mein ohr empfindet z. b. nicht die min- 
deste härte bei einer betonung wie ... mutige in versen mit Byncope der Senkungen 
(selbst mit starkem ictus auf dem i: er reitlt so freudig sein mutiges pferd "der 
dgl.). u Sievers fügt allerdings bei: „obwol ich in prosa nur die betonung mutig!- 
kenne." 

Diesen aussprueb hat bereits (ausser Heinzel in Scherers ZQdS 9 , dessen ein- 
wände von Sievers u. a. volkommen unbeachtet geblieben zu sein scheinen) eine 
schritt richtig gestelt, welche Sievers selbst ( I'BIJ. 10, VI'.)) lobend erwähnt: 
E. Stolte, Metrische Untersuchungen über das deutsche Volkslied, Crefeld, Jahrb. d. 
realgymn. 1883. „Ein betonen unbetonter enduugen ist für uns etwas so ungewohn- 
tes, ja widersinniges, dass man nicht begreift, wie Arndt (im Blücherlied) zu sol- 
cher form gegriffen hat ... Es drängt Bich uns die Überzeugung auf, dass das Lied 
hinsichtlich seiner form nach der melodio und für dieselbe geschaffen wurde. Als 
die zeit der entstehung oder bekantwerdens der melodie gibt Erk das jähr 1809 an; 
das lied ist 1813 gedichtete In der tat, wer aus dem Blücherliede schliessen wolte, 
dass die gewöhnliehe spräche des lebens betone mutiges, der müste auch folgern, 
dass sie betone reitet so, freudig sein. Ein sprachliches zeugnis, welches ganz 
direkt gegen die betonung mutiges spricht, gibt die syncope mut'ges, welche sieb 
ungesucht einstelt. Die algemeine ausspräche, wol selbst in den mundarteu, ist 
heü'ge nacht; das Elsässische gebraucht Helfe für bilderbogen , eigentlich heiligcn- 
bilder. 

Doch auch die andere betonungsweise: mutige Verteidigung, gütlicher ver- 
gleich kann ich nicht als die in prosa übliche zugeben. Hier stehen freilich die bei- 
spiele aus der dichtung, auch der nicht gesungenen, reichlicher zu geböte: Schiller 
sagt: Der rohen stärke blutiges erkühnen (M. St.), Goethe: Den flüchtigen verfolgt 
ihr sclincllcr fuss (Iph.). Aber Schiller sagt auch: An diesen grösseren hin ich 
gesendet (Jgfr. v. Orl.), Hier gilt es einen köstlicheren j)reis (Teil); sogar: Das 
furchtbare geschlecht der nacht (Kr. d. Ib.) und In Schlachtordnung gestelt (Br. v. 
Mess.). Will hier noch jemand sagen, dass die gewöhnliche spräche ebenso betone V 
Dann müste man ja auch folgern, dass langsam betont werde, weil Goethe in der 
Iphigenie den vers baut: Sic nach der see langsam \urückgcdrängt (Iph. V, 5). 
Man kann sich der erkentnis nicht verschliessen , dass der vers die nebensilben im 
wortschluss zu heben gestattet, wenn nichts mehr oder wenn ein wort mit unbeton- 
tem praefix, wozu auch fremdwörter gerechnet werden, oder ein unbetontes einsil- 
biges formwort folgt. Von diesen bediugungen wissen freilich die handbücher der 
prosodie nichts, weil sie jedes wort für sich der tonmessung unterziehen; auch Bel- 
ling, die metrik Schillers, Breslau 1883, sagt nichts davon. Aber wie notwendig 
diese erleichterung ist, zeigt der Schiller fälschlich zugeschriebene vers: Dem glück- 
lichen schlägt keine stunde, welcher entschieden härter ist als jene früheren, und 
nur durch die pause, welche man hinter glücklichen eintreten lassen kann, erträglich 
wird. In allen angeführten fällen aber unterscheidet ein richtiger Vortrag in einem 
versfusse hebung imd Senkung überhaupt nicht durch den ton, sondern gleitet mit 
„schwebender betonung' 1 darüber hin, indem man sich darauf verlässt, dass der 



368 MARTIN 

rhythnras aus dorn vorhergehenden versfasse dem ohr deutlich genug bleibt und in 
m weiterfolgenden auch wider kräftig aufgenommen wird. Höchstens wird mau die 
bends hebung, welche nicht nur für ihre Senkung, sondern auch für den 
nächsten fass ausreichen muss, durch stärke oder daner auszeichnen. 

Für die prosa gilt, was Brücke sagt, Die physiologischen grundlagen der nhd. 
vei-skun>r. Wi< a l s 7! . 3. 7: n Es ist in vielen füllen, in denen die anscheinend accen- 
tnii dlbe eine ableitnngssilbe oder eine anhangssilbe von geringem lautgehalte ist 
(wie e. h. -te in breitete und -lieh in wunderlieh) der unterschied [von den unbeton- 
■ ring, dass sich nicht mehr nachweisen lässt, es erhalte die ausatmungsluft 
auch in der deutlichsten und gewähltesten ausspräche einen neuen impuls. Solche 
silben gelten deshalb im algemeinen als tonlose." Referent hat die probe gemacht 
und eine reihe von beispiclsätzen von personen lesen lassen, die von der verfolgten 
absieht nichts wüsten: nie war ein unterschied zu merken zwischen der betonung 
der zweiten silbe in blutig sehlagen, blutig geschlagen, blutiger kämpf, blutige 
rietxung. Gern hätte er dies ergebnis auch durch physikalische apparatc feststelle m 
lassen, muste aber hören, dass die bis jezt in anwendung gekommenen für solche 
frag« i u nicht empfindlich genug sein würden. 

Indem nun aber Brücke bemerkt, dass man solche silben durch den versaccent 
auch zu arsen erheben könne, fügt er treffend hinzu, das gehe jedoch nicht, wenn 
die vorhergehende silbe keine ableitnngssilbe sei. Man könne nicht sagen: Die An- 
griffe des feincles sind vorüber. In der tat ist eine solche stamsilbe als zweiter 
teil eines compositums zu stark betont, als dass sie vor einer nebensilbc gesenkt 
werden könte; vor einer stamsilbe darf sie dagegen als Senkung dienen, etwa: Der 
angriff unsres feindes ist vorüber. 

Doch selbst was der heutigen poesie aus dem sprachlichen material zu bauen 
erlaubt ist. gieng der früheren nicht ohne weiteres hin. Im 17. Jahrhundert, als die 
kunstpoesie die Übereinstimmung von wort- und versaccent zum gesetz erhob, machte 
die behandlung daetylischer worte, d. h. solcher, in denen auf eine tonsilbe zwei 
unbetonte folgten, grosse Schwierigkeiten. Ludwig von Anhalt rügte, dass Opitz 
worte wie heilige in der caesur der Alexandriner gebrauchte, wo sie doch, wie am 
ade unserer reimlosen fünffüssigen Jamben am wenigsten auffallen: Borinski, 
Poetik der renaissance s. 131. Lieber will Ludwig hcil'ge dulden, was wider Buch- 
ner nicht zugibt: s. 132, der dafür vielmehr die Verwendung zu daetylischen versen 
empfiehlt: s. 147. Tgl. auch AYackernagel - Martin LG. II s. 120. 

Um so sorgfältiger wird man sich hüten weiter zunickliegende zeiten, ins- 
sondere die der ahd. und mhd. poesie, nach unserer heutigen gewohnheit zu beur- 
• len. Dass in jener wirklich nach langer silbe die endung -igen auf der ersten 
sübe betont war, hat bekantlich Lachmann aus den ivirnon Hartmanns erwiesen; für 
die spräche des gewöhnlichen lebens dürften die syncopen in der almehtiggot, der 
heiligeisi sprechen, worüber Weinhold, Alem. gramm. s. 255 anm. und MSDenkm. 2 
010 zu vergleichen sind, deren beispiele sich noch vermehren Hessen (vgl. Boz Güe- 
tigott, Steinhofers Neue wirtemb. ehr. 2, 871). Dagegen solte es wol schwer fallen, 
in der alten zeit eine betonung wie in heiliger nachzuweisen. 

Das gleiche gilt für Otfrid. Und gerade mit bezug auf diesen hat Sievers 
zwar versucht die Lachmannsche auffassung zu widerlegen und wahrscheinlich zu 
machen, dass er nur dem versbedürmisse zu liebe ivizzannc u. ä. betont habe, nicht 
aber damit der sprachlichen betonung treu geblieben sei: PBB. 4, 522 fgg. Allein 
Sievers übersah, dass das eine der beiden von ihm s. 535 als sicher angeführten 



ÜRER PAUL, QBUNDBISS DER GF.RM. TIIIL. I. II 369 

beispiele (dasselbe, auf welches sich auch Kluge, Grundris 342 stiizt ) , durch die 
notwendig eintretende synaloephe völlig beseitigt wird: V, 17, 8 \i uufcxarme i\ 
firbari, wo P sogar unter das e einen puntt sozt. Das andere hat schon Lachmann 
als ausnähme und als halte bezeichnet Die übrigen, von Sievera „höchst wahr- 
scheinlich" genanten falle erklären sich durch schwebende betonung gerade so wie 
die oben beigehraehten aus den ohd. dichtem und wie andere, die sich bei den mhd. 
finden. 

Es bleibt also nur die Bprachentwicklung übrig, um die behauptung zu stützen, 
dass Lachmanns tieftongesetz hinfallig sei. Das von Sievers aufgestelte syncopie- 
rungsgesetz der zweisilbiger] endungen nach langer stamsilbe ist ja durch viele ein- 
zelheiten empfohlen; aber es gibt doch andere, die dagegen sprechen, z. 1». ahd. 
käUnr(u) gegenüber ags. oealfru (Kluge 366). Und wenn mhd. jegere die mittelsilbe 
gekürzt hat, die in visehare sich lang erhielt, so stimt das genau zur Lachmann' 
schen regel. 

Ja noch mehr: das syncopieningsgesetz selbst, welches Wörter von der form 
_w^ traf, aber solche von der form ww^ verschonte, lässt sich aus dem Umsich- 
greifen des Lachmannschen tieftongesetzes erklären. Die unbetonten endsilben kon- 
ten, da sie die beziehungen des wortes trugen, gar nicht oder doch nur ausnahms- 
weise fallen: so wurden die vorhergehenden Silben ausgestossen. Eine andere erklärung 
des syncopierungsgesetzes gibt allerdings Sievers Grundriss s. 288. 

Nach diesen eingehenden erörterungen darf und muss sich die besprechung 
der noch übrigen vorliegenden teile des grundrisses kürzer fassen. Auf Kluge f., 
Sievers mit einer gedrängten gotischen grammatik, dann Noreen mit der aus- 
führlicheren altnordischen. Dies stelt die dialectdifferenzen und ihre geschichtliche 
eutwickeluug genau dar, urteilt aber wol nicht ganz billig über die normalisierte 
Schreibung der gedruckten texte, welche das Studium der altnordischen litteratur 
unzweifelhaft erleichtert und verbreitet hat. 

Die I. abteilung des IL bandes geht zur literarhistorischen seite der germa- 
nischen philologie über. Zunächst stelt Sijmons die heldensage dar, knapp und 
meist im anschluss an Müllenlioff. Mit unrecht ist auf s. 21 dessen auffassung 
des Beowulfmythus verlassen worden; ebenso ist s. 24 die abkunft Siegfrieds von 
Wodan irrig erst der späteren sage zugeschrieben worden, so dass Walis der stam- 
vater wäre; aber dessen name deutet ja weiter zurück, der „echte" ist doch der 
echte abkömling, und man fragt natürlich, wessen? Ferner befremde! s. 25 die auf- 
fassung des Siegfriedsmythus als tagesmythus: was ist denn der Nibelunge hört? 
S. 33 heisst es ungenau: Hagen sei von der sage in der AVormser gegend localisiert 
worden und daher von Tronege genant; aber Tronege, die merovingischo pfalz bei 
Kirehheim, westlich von Strassburg, liegt weit von "Worms ab und bezeugt speciell 
elsässische beschäftigung mit der sage, wie auch andere Ortsnamen, in denen die 
Personennamen Dancrat, Snidolt und wol noch mehrere widerkehren. S. 51 fgg. wun- 
dert man sich doch, dass der Verfasser nur seine eigene Kudrunausgabe citiert. 

Yon der hierauf folgenden litteraturgeschichte ist der I. abschnitt, die gotische 
litteratur, von Sievers bearbeitet. Er schliesst sich s. 68 in bezug auf das todes- 
jahr des "Wulfila an den theologen W. Krarft an, welcher 383 ansezt. Allein 381 
(oder 380) ist sicher, wenn Auxentius recht hat, dass Wulfila 40 jähre lang bischof 
war, als welcher er nach anderen Zeugnissen 341 geweiht wurde. Sievers verdäch- 
tigt die angäbe des Auxentius, weil dieser sich bestrebt habe, die leben sabschnitte 
seines beiden mit bekanten epochen der biblischen geschichte zu parallelisieren. Dem 

ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XXIH. 24 



370 MARTIX . ÜBER PAUL, CRUNPRISS DER GERM. PHIL. I. II 

ht doch entgegen, dass Auxentius seine 40 jähre ausdrücklich aus zwei perioden 
summiert, einer von 7 und einer von 33 jähren: soll er auch diese seinem zwecke 
ang st haben? Auch sachlich scheint Besseüs entscheidung zwischen den jähren 
381 und 383 noch immer am besten begründet. Per satz ne arguerenttt/r bei Auxen- 
tius kann sich wo! auf eine secte, aber nicht auf die siegreiche katholische kirche 

siehen. Dass wir von einer abtrennnng der Psathyropolisten (oder welchen namen 

.1 man in der bekauten lüeke einsetzen r) vor 384 nichts wissen, erklärt sich leicht 
aus der dürfügkeit unserer quellen. 

Auf die gotische folgen die nordischen litteraturen , zunächst die norwegisch - 
isländische, bearbeitet von Mogk. Bei der behandlnng der sogenanten eddischen 

ler zeigt sieh, wie unsicher noch immer deren Chronologie ist. S. 84 werden die 
Hyndluljed mit ihren alten bestandtcilen in den anfang des 8. Jahrhunderts versezt, 
die weit altertümlichere Völuspä aber erst um 900 (s. 78). Wie weit überdies hier- 
von die ausätze anderer gelehrten abweichen, ist bekant. 

Der unterschied zwischen dieser alten poesie, als deren dichter die finlir gel- 
ten, von dei alten skaldendichtung wird nicht klar und vielleicht sogar irreführend 
dargestelt. Jene werden als die demokratischen fahrenden, die skalden als die 
aristokratischen hofleute bezeichnet: s. 74 und 77 (hier allerdings ist zunächst von 
der form ihrer poesie die rede, aber doch insofern sie durch die lebensstellung der 
dichter bedingt ist). Wir wissen, dass der englische pyle „orator" gelegentlieh 

radezu ein hofamt bekleidete, und der nordische pularstöll ist gewiss auch ein 
ehrensitz. Andrerseits werden unter den skalden einige von Mogk selbst fahrende 
genant, s. 108 Einar Skülason sogar ein „fahrender von hof zu hof . Den rich- 
tigen Standpunkt zur vergleichuug beider dichtergattungen bringt schon die deut- 
sche litteraturge>chichte nahe: die pzdir gleichen den alten volkssängern , wovon bis 
in die Karolingerzeit beispiele bekant sind, die skalden den späteren Spielleuten, den 
- hofjournalisten ~ des 10. Jahrhunderts. Aber freilich die deutschen spielleute stehn 
nicht entfernt so ^'ll,vtbewust und so hochgeehrt da wie die skalden. Der grund 

ein politischer: die skalden waren meist Isländer, freie, und an den höfen Nor- 
wegens und Dänemarks traten sie dem gefolge der fürsten gegenüber mehr als gaste 
auf. Ee i-t auch kein zufall, wenn die skalden mit der Unterwerfung Islands unter 

rwegen verschwinden: s. 113. Am treffendsten dürfte jedoch das Verhältnis von 
//'////• und skalden durch venvante ersclieinungen aus der griechischen litteratur- 
geschichte erläutert werden. Die Pulir entsprechen den aoden, den homeriden, den 
rhapsoden, sie verkünden alte Volksüberlieferung; die skalden dagegen den grie- 
chischen Lyrikern, wenn sie auch die alte dichtform nur zu verkünsteln, nicht eine 
neue zu schaffen vermögen. Aber sie treten, wie diese, mit ihren persönlichen 
"Ahlen, anliegen, gedanken hervor: ihre liebesgeschichten (auch frauen betreiben 
die skaldenkunst. und zwar dichten sie in demselben sinne wie Sappho), ihre privat - 
oder parteifeindschaften tragen sie vor und finden vor allem in dem lob der f Ur- 
ania- h rühm und lohn zu erwerben. Wie die sänger der griechischen 
freistaaten bei den tyranuen ßiciliens, so weilen die isländischen skalden an diu 
höfen des nordischen festland* Und wie das Zeitalter der lyriker zugleich das 
Zeitalter der griechischen novelle ist, so haftet auch an den taten berühmter skal- 
den eine sagalitteratur, welche die verse der skalden gewissermassen zu commen- 

.n sucht. 

Nur kurz noch seien die von der II. abteilung des II. bandes erschienenen 
teilarbeiten genant: Wirtschaft von K. Th. v. Inama-Sternegg, Recht von K. v. 



TOBLER, ÜBER BABLER, FLURXAMKN 371 

Amira; jener abschnitt kurz und durchaus übersichtlich, dieser eingehend und auch 
auf die deutschen ausdrücke der einzelnen reohtsverhältnisse gerichtet. 

STRASSliURG, 10. DEI . 1889. E. MARTIN. 



Flurnamen aus dem Schenkenberger-amt Von dr. J.Bttbler. Aar.iu. Sauer- 
lander. 1889. 55 s. 

Die flurnamen bilden eine wesentliche ergänzung der Ortsnamen, 1) weil sie 
natürlicher weise zahlreicher sind; 2) weil, ebenfals aus natürlichen Ursachen, die 
gründe der benennungen mannigfacher sind, mehr ins einzelne, concrete gehen. Diese 
Vorzüge sind aber mit dem nachteil verbunden, dass die flurnamen, weil sie com- 
pliziertere besitz- und kulturverhältnisse und mannigfache Wandlungen derselben vor- 
aussetzen, im ganzen erst einer spätem zeit angehören und auch wo sie altern 
Ursprung haben, selten in ihrer ursprünglichen form schriftlich überliefert sind, son- 
dern meistens mit noch stärkerer lautlicher entstelluug und umdeutung behaftet, als 
schon die Ortsnamen. Dennoch darf man au ihrer erklärung nicht verzweifeln, und 
jeder versuch, e