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Toronto 



7 



Zeitschrift 



für 



französische Sprack und Litteratur 



begründet von 

Dr. G. KoBrting und Dr. E. Koschwitz 

Professor a. d. Universität z. Kiel weil. Professor a.d. Univers. z. Königsberg i.Pr. 

herausgegeben 



Dr. D. Behrens, 

Professor an der Universität zu Giessen. 



1 

Band XXXII. 



1 

9- 



0°/ MO 



Chemnitz und Leipzig. 

Verlag von Wilhelm Gronau. 
1908. 



Alle Rechte vorbehalten. 






Zeitsclirift 



für 



französlsclie Sprache unil litteratur 

begründet von 

Dr. G. Kcerting und Dr. E. Koschwitz 

Professor a. d. Universität z. Kiel weil. Professor a.d. Univers. z. Königsberg i.Pr. 

herausgegeben 



Dr. D. Behrens, 

Professor an der Universität zu Giessen. 



Band XXXII. 
Erste Hälfte: Abhandlung-en. 



Chemnitz und Leipzig. 

Verlag von Wilhelm Gronau. 
1908. 



Paul ScaiTon's „Le Marquis ridicule" und seine 
spanische Quelle. 

Ein Beitrag zur Greschichte der Figuron-Comedia. 

Als Paul Scarron im Jahre 1644^) auf den Gedanken kam, 
für das Theater zu arbeiten, war die spanische Comedia durch 
Dichter, wie Rotrou, Corneille, D'Ouville, Bois-Robert u. a. 
bereits so auf der französischen Bühne eingebürgert, daß der arme, 
auf raschen und leichten Verdienst angewiesene Dichter ganz von 
selbst auf den gleichen bequemen Weg zu dramatischem Ruhme oder 
lohnender Einnahme kommen mußte. Ein gut unterrichteter Biograph 
Jean Rotrou-, Dom Liron, sagt allerdings von letzterem:"-) ^11 fut lU 
cVune etroite amitie avec M. Scarron.'-^ Wenn das richtig ist, so spricht 
große Wahrscheinlichkeit dafür, daß es Rotrou war, der Scarron auf 
die spanische Literatur hinwies, der er bisher ferngestanden hatte, 
die er aber von da ab bis an sein Lebensende nicht mehr aufhörte 
auszubeuten. 

Daß schon die Zeitgenossen, wenigstens zum Teil, über die 
spanische Herkunft der Lustspiele Scarrons unterrichtet waren, 
bezeugt eine von den Brüdern Parfaict^) zitierte Stelle aus einer 
Epistre Sarrazins an den Grafen van Fiesque, die, kurz nach der 
Aufführung von Scarrons Erstlingslustspiel Le Jodelet oit le M^ Valet 
geschrieben, die Quelle folgendermaßen bezeichnet: 

Dom Francefco de Roxas eft l'Autheur 
Et Paul Scarron comme ay dit tranflateur. 



1) Die Brüder Parfaict setzen (VI B., S. 327, 357) die Aufführung 
von Scarrons Erstliugslustspiel in das Jahr 164.3. P. Morillot glaubt, 
(Scarron, Etudebiogr. und litt. 1888, S. 270), dafs es erst 1645 verfafst worden 
sei. Nachdem indes das Privileg des Druckes vom 25. April 1645, das 
acheve d'imprimer vom 20. Mai datiert ist, kann das Stück nicht später 
als 1644 entstanden sein; der Dichter verkaufte es doch zuerst an die 
Schauspieler, die es lange Zeit allein aufführten, und dann erst an den 
Buchhändler, denn sobald es gedruckt wurde, durfte es jede Truppe auf- 
führen. 

-) Singularites kistor. et litteraires Bd. I, S. 332. 

3) Hist. du Tkeätre franqois Bd. VI, S. 341. — Die Stelle ist von ihnen 
dem weiter unten genannten de la Martiniere {(Euvres de Scarron Amst. 
1737 I. Bd., S 48 49) entlehnt. 

Ztschr. f. frz. Spr. u. Litt. XXXII i. 1 



2 Arthur Ludicig Stiefel. 

Natürlich ist es sehr zu bezweifeln, daß die Zeitgenossen immer 
genau unterriclitet waren, welche spanischen Coraedias Scarron 
bearbeitete. 

Im 18. Jahrb. war man sich, wie es scheint, über die 
Beziehungen des Dichters zum spanischen Theater meist nicht mehr 
im Klaren. Baillet, Maupoint, Beauchamps La Valliere, 
Mouhy,Leris, der Abbe de La Porte, Palissot u. a., seien es Literar- 
historiker oder Theaterspezialisten, deuten mit keinem Worte darauf 
hin. Nur de la Martiniere, der Biograph Scarrous,^) den Parfaict^) 
undGoujetß) kopieren, sagt von seinen Stücken: ,,toutes les sieiuies 
sont des Sujets Espagnols,'-'- aber auch ohne nähere Angaben. Erst 
gegen Ende des 18. oder anfangs des 19. Jahrh. begegnet man hin 
und wieder einer Notiz, die die Verpflichtung Scarrons gegen das 
spanische Theater auffrischt.'^) So erwähnt z. B. Napoli-Signorelli 
in seiner Storia Critica de' Teatri Anticlii e moderni,^) daß Scarron 
die Comedia £11 Marques del Cigarral ins Französische übertragen 
habe „intitolandola Don Japket, ma iion contcntaudosi di retenenie 
le grazie, la caricö fuor di proposito." 

Die genauere Kenntnis der Vorlagen von Scarrons Lustspielen 
hebt mit Puibusque^) an, welcher 1843 alle als dem spanischen 
Drama entnommen bezeichnet, aber freilich nur bei vieren nähere 
Angaben macht, die dazu noch nicht ganz richtig sind. Er nennt für 

1. Jodelet Oll le Mmtre valet den Arno criado des Francisco 
de Rojas 

2. Jodelet djielliste, Donde hay agravios no hay zelos, meme 
auteur. 

3. Do7i Japhet d'Armenie den Marqiiez del cigarral des 
Moreto. 

4. Le Gardien de soi-meme den „ Gtiarda de si mismo Calderons 

Es ist längst gezeigt worden, daß das zweite spanische Stück 
nur der zweite Titel des ersten spanischen Stückes ist, daß der 
Marques del Cigarral nicht von Moreto, sondern von Alonso de 
Castillo Solorzano ist und daß Calderons Comedia nicht Guarda 
de si mismo, sondern El Alcayde de si mismo lieißt. 



■*) Hist. de Mr. Scarron et de ses Ouvrages, gedruckt im I. Bde. der (Euvres 
Scarrons (Amst, 1737). Die Stelle findet sich S. 52. 

5) Bd. VI S. 341, 3ö4ff. — 

6) BibUotheque fronnaise Bd. XVI S. 326 fi'. 

") So k'unt z. B. Liuguet in seinem Thnäre Espngnol (Paris De Hansy 
1770) I. Bd. Avertissement p. XVI bzw. XXIIl ausser der Quelle des 
Me. Valet auch die von La fausse apparence. 

8; Ausgabo Napoli (V. Orsino) 1787 ff. BH. IV (1789) S. 2öC^. Ausgabe 
1813 (Napoli V. Orsino) Bd. VI S. 89. 

^) Histoire comjyaree des Litt, espagnole et fr<inqaise CParis, G. A. Dentu) 
1843. II. Bd. S. 189 und S. 444. — 



Fmd Scarro7i^s ^Le Marquis ridicide". 3 

ünabhäugig von Puihusque hatte Graf Schack 1846 die 
Quellen von zwei Stücken angegeben lOj. Le Gaixiien de soi-meme 
(El Alcayde de si mismo) und Don Japhet d'Armenie {Marques 
del Cigarrai). In den Nachträgen zu seinem Buche, die 1854 
erschienen, gibt er noch als Quelle von Scarron's Les trois Dorothees 
(Jodelet duelliste) Tirsos No liay peor sordo und für dessen La 
fausse apparence Calderons No siempre lo peor es cierto an. nj 
Durch einen naheliegenden Schluß war zugleich 12) als Quelle von 
Scarr ons L' Efcolier de Salamanque die ComedisL Ohligados y ofendidos 
von Kojas Zorilla festgelegt. 

Seitdem waren diese Angaben immer wiederholt worden, ohne 
daß etwas Neues hinzugekommen wäre, bis Morillot^^j 1887/88 
als Quelle für Les trois Dorothees, La traycion hiisea el castigo 
des Rojas Zorilla angab, wobei ihm indes unbekannt blieb, daß die 
Hauptquelle Tirso's No hay peor sordo war. 

Die Arbeiten von Grohleri'*) und Petersi^) brachten die 
Quellenforschung betreffs Scarron's Lustspiele um keinen Schritt 
weiter. Der erstere verglich nur Le Maifire Valet mit seiner 
längst bekannten Vorlage und der letztere hatte das seltsame Finder- 
genie, die drei oben an letzter Stelle genannten spanischen Stücke 
nochmals als Quellen des burlesken Dichters zu entdecken. Verglichen 
mit Scarron hat er die zwei, die nach seiner Meinung die einzigen 
Vorlagen von Les trois Dorothees waren. 

Es waren sonach 1893, nach dem Erscheinen der Dissertation 
von Peters, vor wie nach, die Quellen von sechs Lustspielen Scarrons 
bekannt, nämlich die von 

1. Le Maistre valet. 

2. Les trois Dorothees (Jodelet duelliste), 

3. Don laphet d'Armenie, 

4. L'Efcolier de Salamanque, 

5. Le Gardien de foy-mefme, 

6. La fausse apparence. 

hiervon aber nur die beiden ersten anf ihr Verhältnis zur Quelle 
geprüft VN'orden. Die Vorlagen der beiden noch übrigen Komödien 
Scarrons : 



^'^) GeschicJite der dramat. Lit. u. Kunst in Spanien Bd. III (Frkf. 1846) 
S. 447 und 448. 

1') S. 104. 

1-) Ibid. 

1^) Scarron, Etüde hiorj7: et Uiieraire (These pour le Doctorat) Paris 
H. Lecene et H. Oudin 1888. S. 279. 

'^) Paul Scarron aJs Komüdiendichter (Zsch. f, /ranz. Sjyr. 2t. Litt. Xll, S. 
27, 66J. 

1^) Paul Scarrons ,,Jodelei Duelliste''^ u. seine Quellen etc. (Miinchener Bei- 
träije Helt 6). 

1* 



4 Arthur Ludwig Stiefel. 

L'Hcriticr ridicule und 
Lc Marquis ridicule 

lagen völlig im Dunkeln. 

Im Jahre 1895/96 wies ich zum ersten Male uachi^j: 
1. Scarron hatte für Les 3 Dorothees ou Jodelet soufflete 
nicht zwei sondern mindestens drei Vorlagen. Die Neben- 
handlung des Stückes, die Duellsache Jodclets, die dem 
Lustpiel in der jüngeren Ausgabe {Jodelet duelliste) den 
Namen gegeben, ist nicht, wie Peters angenommen, „durch- 
aus Scarrons eigene Erfindung", sondern er entnahm sie 
dem Lustspiel des Rojas Zorilla, betitelt: No hay amigo 
para amigo, in welchem sie ebenfalls die Nebenhandlung 
bildet. Direkt entlehnt hat er allerdings nur die zweite 
Scene des II. Aktes, den ersten Teil der achten Scene des 
IV. Aktes und die erste und zweite Scene des V. Aktes 
von JLes trois Dorothees. 
Diese Wahrnehmung, daß Scarron gleich seinem Vorläufer 
und Vorbild Jean Rotrou, bei seinen Lustspielen, zu Contaminationen 
grifl', mahnt uns zu Vorsiclit betreffs der Beurteilung seiner Selb- 
ständigkeit in den übrigen Stücken. 

2. Die Quelle für Scarrons L'Heritier ridicule ist die 
Figuron-Comedia El Mayorazgo figiira des Don Alonso de 
Casfillo Solörzano^^). 

Von der Überzeugung durchdrungen, daß über kurz oder lang 
irgend ein strebsamer junger Gelehrter das Verhältnis Scarrons zum 
spanischen Drama in eingehender erschöpfender Weise darstellen und 
dabei von selbst auf die noch unermittelte. mir aber bekannte 
Quelle des letzten Stückes, des Marquis ridicide stoßen würde, 
hatte ich mich mit den Lustspielen des Verfassers des Roman 
comique nicht mehr beschäftigt. Mehr als zehn Jahre sind seitdem 
verflossen; meine Hoflnuiig hat sich als trügerisch erwiesen; mir ist 
wenigstens keine neue Arbeit über die Quellen der Scarron'schen 
Lustspiele bekannt geworden. Das veranlaßt mich, aufs neue auf 
den Lustspieldichter Scarron hinzuweisen, dessen Bedeutung für 
die Literaturgeschichte in den letzten Jahren entschieden gewachsen 
ist. Mir selbst fehlt die Zeit, die angedeutete Arbeit in ihrem 
ganzen Umfange auszuführen, und offen gestanden auch die rechte 
Lust, weil ich nicht gerne Hand anlege, wo es sich darum handelt, 
über bereits bekannte Tatsachen, in diesem Falle über bereits be- 
kannte Quellen, zu reden. Lediglich um die noch unbekannte 
Quelle des Marquis ridicule^ des letzten noch zu Lebzeiten des 
Dichters gedruckten Lustspiels aufzudecken, ergreife ich heute die 



J6j Zsch. für franz. Spr. u. Li/t. B(1. XVI 2 S. 96 if. 
^") Literaturbl f. g. n. rom. Piniol. IS'Jß S. 275. — 



Paul Scarroti's „Ze Marquis ridicuh'-'. 5 

Feclri-. Ich will dabei etwas au-führlicb zu "Werke geben. Es 
scheint mir von Wichtigkeit, an einem der jüngsten Erzeugnisse der 
Scarronschen komischen Muse sein Verhalten gegenüber der spa- 
nischen Comedia zu zeigen. Zwischem dem ersten Lustspiel 
Scarrons Le Jodelet ou ie M^ Valet und dem Maz:quis ridicule 
liegen fast 12 Jahre. Hat Scarron sein Nachahnmngsverfahren 
mittlerweile geändert, hat er Fortschritte gemacht? Wurde er freier, 
selbständiger? Diese Fragen werden uns außer dem Forschen nach 
der Quelle zu beschäftigen haben. 

Am 8. Februar 1656 wurde der Druck eines Lustspiels von 
Scarron vollendet, das den Titel 

Le Marquis Ridicule ou la Comtesse faite ä la haste 

trug und dem Abbe Fouquet, dem Bruder des bekannten Finanz- 
minister?, gewidmet war. Verfaßt und aufgeführt muß also das Stück 
schon früh im Jahre 1655 worden sein. Der Dichter entnahm den Stoff 
einer sehr seltenen spanischen Comedia, die von den Historikern des 
spanischen Dramas ganz übersehen worden ist und sich nur in den 
Katalogen verzeichnet findet. Ich meine das Lustspiel 

Peor es hurgallo 

welches vom gleichen Verfasser wie der vielgenannte Conde de Sex 
nämlich von dem Madrider Dichter Bon Antonio Coello^^) 

herrührt. Da dieser Dichter liereits 1652 starb, so ist sein Stück 
noch einige Zeit früher zu datieren. Gedruckt wurde dieses, so viel 
wir wissen, nur als Einzeldruck, nicht in einer Sammlung. Ein solcher 
Einzeldruck (Suelta) aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts befindet 
sich in der Kgl. Hof- und Staatsbibliothek zu München ^S) und ein 
ähnlicher wird Scarron als Vorlage gedient haben. Wie fast alle Stücke 
jener Zeit ist es in .3 jornadas eingeteilt, letztere sind aber nicht in 
Szenen geschieden. Beschäftigen wir uns mit seinem Inhalt. 

Peor es hurgallo (Es ist ratsamer die Sache nicht näher zu erforschen.) 

I. Jornada. 

Dona Antonia mit ihrer Dienerin Luisa eröffnen das Stück. 
Wir erfahren ans dem Gespräche der beiden, daß die erstere eine 
portugiesische Abenteuerin ist, die sich einen distinguierten Gemahl 
ergattern will. Nach manchen fehlgeschlagenen Versuchen, hatte sie 
zuletzt von einem Visconde aus Altkastilien gehört, der in Madrid 



18) Wegen biographischer Einzelheiten über diesen Dichter verweise 
ich auf La Barrera y LeiraJo Catiilogo Ubl. y Kogr. del Teatro antiguo espanol 
(Madr. Rivadenoyra 1860) S. 94ff. 

'^) Eine Beschreibung dieses Druckes brachte ich in" der Zsch. für 
romanische Philologie Jahrgang 11)07, S. 487 f. 



6 Arthur Lndioig Stiefel. 

angekommen sei um sich in Madrid zu vermählen. Sofort hatte sie 
ihren Escudero ausgeschickt „a informarfe de la cal'a donde viue." 
Rotiriguez, so heißt der Mann, 

de Efpana 

el nias famofo terceio, 

que pafa por efcudero, 
kommt jetzt zurück und meldet, daß der Ankömmling in demseihen 
Zimmer wohne, wie .Don Diego, Dona Antonia's armer Verehrer. Er 
habe diesen selber im Reiseko^tüm aus dem Hause kommen sehen. 
Dona Antonia mutmaßt, daß Don Diego der Vifconde sei, der seinen 
Stand verheimliche. Sie sieht ihn mit einem Male mit seinem Diener 
Calabagas kommen und zieht sich schnell zurück mit ihren Leuten, 
um ihn zu belauschen. 

Don Diego will seinen Bruder empfangen, Calabacas belehrt 
ihn, daß der Vifconde schon in Madrid sei. Bei dieser Gelegenheit 
erfahren wir, daß letzterer auf dem Lande in Altkastilien ohne Bildung, 
ohne höfische Sitte aufgewachsen, ein Original sei. Calabacas meint dazu: 

Eftä Castilla la vieja 

tau vieja j-a, que le nacen 

en vez de frutos y trigo 

Don Quixotes y Refranes. 
Wir hören ferner aus dem Gespräche der beiden, daß Don Diego 
der Dona Antonia, der Dame „linajuda y dada a principe^ grandes," 
nur zum Zeitvertreib den Hof mache und daß die Närrin ihm gleich- 
giltig sei. Übrigens wisse sie von ihm weiter nichts, als daß er Dou 
Diego heiße, „mas no fabe mi apellido y patria, tanto que cree que 
foy Infaute de Aragon!'.' 

Don Diego entfernt sich und die Verborgenen kommen zum 
Vorschein. Dona Antonia fragt den Diener aus. Dieser spiegelt ihr 
vor, Don Diego sei von hoher Abkunft; aber obwohl sie ihm einen 
Diamanten schenkt, verrät er seinen Namen nicht. Er geht und läßt 
im Gehen einen Brief fallen. Luisa hebt ihn auf. Es zeigt sich, 
daß in dem Brief noch ein anderer eingeschlossen ist und daß der 
erstere vom 25. Mai datiert und von Visconde Don Blas de Villoria 
unterzeichnet ist. Für den Schreiber hält Doiia Antonia den Don 
Diego und freut sich, daß dieser ein so hoher Herr sei. Als sie 
den Brief liest und daraus ersieht, daß Don Blas nach Madrid 
gekommen um sich zu verheiraten und daß er seinen Bruder beauf- 
tragt, den inliegenden Brief an seine Braut zu befördern, wird sie 
von Eifersucht erfaßt. Der zweite Brief belehrt sie, daß die Erkorene 
Dona Juana de Vargas heißt. Sein alberner Inhalt und bäurischer 
Stil fällt der Dienerin Luisa sofort auf, aber Dona Antonia, von dem 
hohen Titel verblendet, sieht darin nur Bosheiten. Sie ist außer 
sich über den, wie sie glaubt, von Don Diego ihr gespielten Betrug 
und beschließt, sich dafür zu rächen. Plötzlich ertönen Rufe hinter 



Paul Scarrons „Le Marquis ridiciile''\ 7 

der Szene. Die Pferde eines Wagens sind durchgegangen und haben 
ihn umgeworfen. Don Diego erscheint alsbald mit der ohnmächtigen 
Dona Juana in den Armen. Er hat sie gerettet und trägt sie in 
Begleitung ihrer Diener und der seinigen ins Haus. Dona Antonia 
^aber beschheßt die geplante Ehe zu stören und zu diesem Zwecke 
die Braut -aufzusuchen. 

Szenenwechsel. Don Diego setzt die ohnmächtige Juana auf 
einen Stuhl, die Dienerschaft läuft fort nach einem Arzt. Inzwischen 
kommt Dona Juana wieder zu sich und dankt ihrem Retter, fordert 
ihn aber auf, sie jetzt zu verlassen, denn ihr Vater müsse jeden 
Augenblick kommen und sie wolle nicht, daß er den Fremden, und 
sei er auch ihr Retter, bei ihr finde. Don Diego, der sich Knall 
und Fall in die von ihm Gerettete verliebt hat, ist sehr ungehalten 
über diese kühle Behandlung, aber Beatriz, die Dienerin der jungen 
Dame, tröstet ihn und verspricht ihm ihre guten Dienste bei der 
Herrin. Don Diego geht. Doiia Juana mit ihrer Zofe allein, 
gesteht ihr 

No fe que nueua 
inquietud tengo en el alma 

Beatriz meint, das sei Liebe. Von dieser will indes Dona 
Juana nichts wissen; sie sei ehrenwert, erklärt sie, und wolle für 
niemand Zärtlichkeit empfinden, 

eftoy cafada y muy cerca 
de llegar ya rai marido. 

Noch diesen Abend solle er eintreffen. Beatriz wundert sich, 
daß die Herrin, ohne zu wissen, wie der ihr bestimmte Gatte heiße 
wer er sei und wie er aussehe, ihr Jawort gegeben habe. Die für 
ein junges Mädchen etwas gar zu vernünftig denkende Dona Juana 
erwidert hierauf: 

Mira Beatri*, las mugeres, 
fi algun anior no las ciega, 
CDU los ojos de fu padre 
miran raejor lo que aciertan. 
La que fe enamora, fuple 
con el amor la nobleza, 
la hazienda de fu efpofo, 
y cariüofa atropella 
por los primeros dias 
que dura de amor la fueica, 
la comodidad continua 
de la vida que le queda. 
Mas los padres, como nuuca 
fe enaraoran ni fe prendan 
de fus yeriios, solo miran 



8 Arthur Lndivig Stiefel. 

la ajiiCtatla couueniencia. 
Mi el'poro dizeii que es rico 
y noble, no ay mas que fepa, 
que a mi quo no me ciiamora, 
baftame, aunque no lo vea 
riqueza y fangre, 

Beatriz fragt sie nun, was sie täte, wenn der Bräutigam ver- 
schiedene von ihr angeführte Fehler hätte. Auf alle weiß die junge 
Herrin eine resignierte Autwort. 

Jetzt kommt CalabaQas mit der Arznei und bietet sie Juana an, 
die aber keine Verwendung melir dafür hat und die Zofe fragt, wer 
der Mensch sei, „Con el otro hidalgo llegö a tu focorro," anwortet 
letztere. „Dann schicke ihn fort!" meint Doiia Juana kalt. Noch 
ehe Beatriz das tun kann, erscheint Don Gutierre, der Herr des 
Hauses und erkundigt sich nach dem Befinden der Tochter. Er 
bemerkt CalabaQas und fragt ihn, was er hier wolle und wer er sei. 
Calabagas in seiner Verlegenheit, gibt sich für einen Apotheker 
(Boticario) aus, der Arznei für die Tochter gebracht habe. Gutierre 
heißt ihn gehen. Der angebliclie Apotheker will zuvor noch die 
Rechnung bezahlt haben. Aber Juana, seine Lüge uunötig findend, 
entdeckt dem Vater, der Hidalgo sei kein Apotheker, er habe gelogen; 
er sei mit einem anderen Manne bei ihrer Rettung tätig gewesen. 
Don Gutierre fragt ihn, warum er die Lüge ersonnen habe. Calabagas 
antwortet, es sei dies eine alte Gewohnheit und die Zunge sei ihm 
durchgebrannt. Um die Wahrheit zu gestehen, sei er gerade aus 
Altkastilien mit dem Visconde don Blas de Villoria angekommen, der 
im Begriffe stehe, sich zu verheiraten. Freudige Überraschung des 
alten Herren. Auf seine Frage, ob er dem Vifconde diene, antwortet 
Calabagas, er diene dessen Bruder. Don Gutierre verkündigt alsbald 
der Tochter die Ankunft ihres Bräutigams. Er ist sehr überrascht, 
daß sie sich nicht dazu freut. Dona Juana antwortet ruhig: yo no 
lo deffeo ni lo rehufo." Stolz auf die Tochter, ruft der Alte entzückt aus: 

Que euer da! 
aprendan a refponder 
defte modo las donzcllas! 

Den Calabagas fragt Don Gutierre, wo der Visconde sei und 
warum er nicht in seinem Hause abgestiegen. Calabagas meint: Er 
sei eben ein engherziger Biscayer (Es Vizcaino encogido). Er fügt 
hinzu, daß er Schrullen und Launen gerade genug habe. Gutierre 
hat davon schon gehört und wünscht zu wissen, ob er sich vielleicht 
in irgend einer Beziehung zu bessern habe (tiene acafo algo en que 
enmendarfe pueda?) Calabagas meint ironisch, er habe wohl einige 
Fehlerchen, aber die seien unverbesserlich; denn jener halte sich für 
unfehlbar („en nada pienfa que yerra). „Fehler eines Majoratserben! " 



Paul Scarron's „Le Marquis ridicule''. 9 

iiioint nachsichtig Don Gutierre. Calabacas schiLleit nun zuerst des 
Yisconde abgeschmackte Tracht, die au die des wahnsinnigen Königs 
erinnere (el traxe del Rey que rabiö le acuerda). „Dem," bemerkt 
der Alte, „helfe ein Schneider ab." „Dann," fährt Calabagas fort, 
ist seine Sprechweise altvaterisch: 

Hablo a lo antiguo, 
y por eiicima les echa 
vno3 pocos de refranes 
como agucar y canela. 

Das mache nichts, ist die Einrede, er werde schon durch den 
Umgang besser sprechen lernen. Dann sei er sehr streitsüchtig, 
fährt Calabagas fort. Das gäbe sich mit dem ersten Zweikampf ver- 
setzt der Greis. Ferner habe er, charakterisiert der Diener 
weiter, eine sehr hohe Meinung von seiner Person und glaube, 
daß jedes Mädchen sich in ihn verliebe. Das rühre daher, 
erläuterte Don Gutierre, daß er unter lauter Häßlichen gelebt 
habe. Außerdem sei er so fürchterlich eifersüchtig, daß er Dona 
Juaua's Bildnis, damit niemand es sehen könne, unter Verschluß 
führe und auf dem Mantelsack, in dem es sei, schlafe, schließt 
Calabagas seine Charakterschilderung. Die letzte Eigenschaft, ver- 
sichert Don Gutierre, sei die einzige, die ihm Besorgnis einflöße. 
Seine Tochter jedoch, immer klug und weise, meint: 

A mi no, porque fi yo 
por mi fer honrada es fuerga, 
no he menefter para nada 
yo que zelofo no fear 
y defpues que el aya vifto 
lo que foy cou experiencias, 
fe quietarä; y quaudo no, 
que el fea muy centinela 
que me ha de importar, fi yo 
no he de teuer que me vea? 

Beatriz bemerkt mit Recht: 

La primer muger has fido 
que habla afsi en efta materia. 

Aber der Vater ruft wieder mit Stolz: 

„Ay refpuefta mas prudente?"' 

Er befiehlt ein Zimmer für den Schwiegersohn zu richten und 
geht mit Calabacas foi-t, um ihn zu holen. 

Dona Juana ist von dem Bilde, daß Calabagas von ihrem 
Zukünftigen entworfen hat, wenig entzückt. Doch tröstet sie sich mit 
dem Gedanken: 



10 Arthur Ludwig Stiefel. 

que vii criado 
fiempre que murmura, aumenta. 

Da erscheint Don Diego aufs neue und richtet flammende Worte 
an Dona Juaua. Sie weist ihn energisch zurück und fordert ihn auf, 
sich zu entfernen. Sie ähnle nicht gewissen Frauen, die nur aus 
Schrulle tugcndliaft seien, sondern sie sei es wirklich, weil sie es 
eben sei; und selbst wenn das nicht der Fall wäre, so sei sie schon 
vergeben; sie erwarte noch zur Nacht ihren Bräutigam. Plötzlich 
ertönt Geräusch auf der Straße. Dona Juana hat die Stimme ihres 
Vaters erkannt und fordert den Galan nochmals auf, sich zu entfernen 
und irgend einen Vorwand für seine Anwesenheit anszudenken. Doch 
es ist zu spät; schon naht Don Gutierre. Beatriz läßt Don Diego 
in das anstoßende Zimmer eintreten. Kaum ist er verschwunden, so 
erscheint der Alte gefolgt von Don Blas und seinem Diener Ortuno, 
von CalabaQas und dem eigenen Lakeien Joachin. Don Blas entspricht 
vollkommen dem Bilde, das Calabagas von ihm entworfen hat. Es 
ist der dumme, lächerliche, aufgeblasene Landjunker, wie er später 
so lange auf der spanischen Bühne gespielt worden ist, und dieser 
Landtölpel ist maßlos mißtrauisch und eifersüchtig. Er hält an 
Dona Juana eine lächerliche Ansprache und ruft seinen Diener Ortuno 
und fragt ihn, ob diese nicht gut gewesen sei. Dona Juana antwortet 
ihm im übertrieben höflichen Stil, bemerkt aber zu ihrer Zofe, es sei 
ein großes Unglück, einen albernen Gatten zu haben; doch Geduld, 
fügt sie gleich hinzu. Wieder ruft Don Blas nach Ortuno und fragt 
ihn, was er von der Braut halte. Ortuno findet sie schön und klug. 
Die erstere Eigenschaft fürchtet Don Blas und sagt, daß ihm das 
Haus Mistrauen einflöße. Als er daher zögert und Dona Juana sagt: 

Si OS he parecido fea, 
con procurar agradaros, 
tendra aquosta falta enmienda 
so platzt er heraus: 

Antes es el fufpender 
culpa de vuestra belleza, 
que me pareceis tan bien 
que cafi, cafi me pefa. 

Selbst Don Gutierre findet: „Brabas necedades dize!" aber er 
glaubt, daß dies möglicherweise nur eine vorübergehende Verwirrung 
(turbacion) sei. Wer von einer langen Reise kommt, für den sei es 
am besten auszuruhn: 

Quien de vna jornada llega 
la mayor lifonja es 
que descanfe. 
Er befiehlt also der Tochter sich in ihr Zimmer zurückzuziehen. 
Dann fragt er Don Blas nach seinem Bruder; er wolle auch diesen 



Paul Scarron's .,Le Marquis ridicule" . 11 

kommen lasseu, damit er im Hause wohne. Aber Don Blas verbittet 
sich das; er will weder, daß sein Bruder, noch sein Vater, noch 
irgend ein Diener innerhalb gleicher Türen mit seiner Frau weile. 
Don Gutierre bemerkt darauf: „Lo que vos quifiereis fea," weist dem 
Schwiegersohn sein Zimmer an und geht. 

Den ganzen Empfang hat der in Juana's Zimmer versteckte 
Don Diego mit angehört und hin und wieder sein im aparte gesprochenes 
Helfen und Baugen dazwischen geworfen. Juana, die sich in ihr 
Zimmer begeben will, erinnert sich jetzt mit Schrecken des Gefangenen 
und flüstert ihrer Zofe leise ins Ohr, was sie mit ihm beginnen solle. 
Gleich merkt das der argwöhnische Don Blas und wittert Verrat. 
Er ruft Ortuno und sagt zu ihm: 

Ann que el mundo fe rebuelua, 
no ha de teuer mi muger 
criadita consegera. 

Hiermit schließt die Jornada primera. 

Segunda Jornada. 

Die Handlung der H. jornada schließt sich unmittelbar an die 
der ersten an. Wir brauchen uns nicht einmal einen Szenenwechsel 
zu denken. Als der Visconde und Ortuno sich entfernt haben, 
bleiben Doüa Juana und Beatriz zurück. Jene befiehlt der Zofe 
„jenen Mann" (elTe hombre) aus ihrem Gemach zu entfernen, während 
sie sich in ein Nebenzimmer begibt, um sich entkleiden zu lassen. 
Im Gehen jagt die junge Dame: 

que aya muger que fe nieta 
en estos fustos? grau dicha 
a fido que no lo vean. 

Als sie verschwunden ist, ruft Beatriz Don Diego und fordert 
ihn auf zu gehen. Seufzend und den glücklichen Bräutigam beneidend, 
schickt sich jener an, das Gemach zu verlassen. Beatriz erfährt 
von ihm, daß er der Bruder des Don Blas sei. Da letzterer aber 
plötzlich mit Ortuao aus seinem Zimmer herauskommt, so muß sich 
Don Diego aufs neue verstecken, Don Blas wird von einer ver- 
zehrenden Unruhe aus seinem Zimmer getrieben. Er ist erregt, weil 
er, von seinem Schwiegervater kurz nach der Ankunft überrascht, 
nicht erst die von seinem Bruder erbetene Auskunft über seine Bi'aut 
hat abwarten können. Er erzählt dem Ortuno, daß er seinem 
Bruder geschrieben, er möge Erkundigung über das Mädchen einziehen 
„pues conocida no era"; eine sehr gebotene Vorsicht, 

que muger en Madrid bella 
es mucho peligro, aviendo 
tantos ojos que la vean. 



12 Art/mr lAidiciff Stiefel. 

Ortufio sagt bcscli\vicliti;aenrl zu seinem Herrn, daß sein Bruder 
vielleicht sich erkundigt habe; er möge doch zur Ruhe gehen. Aber 
Don Blas kann keine Ruhe finden. Er meint: 

No me conuiene esta nobia, 
que es hermofa y bachillera, 
y tambien tiene criada 
que habla en fecreto con ella. 

Nochmals fordert ihn Ortuno auf, sich zu Bette zu begeben; 
aber Don Blas schickt ihn fort nach Licht; er will zuvor noch das 
ganze Haus durchsuchen. 

Don Diego, der in seinem Versteck das ganze Gespräch belauscht 
und auch von dem an ihn gerichteten Brief gehört, der von Calabagas, 
wie wir wissen, ja verloren worden war, fürchtet von seinem Bruder 
entdeckt zu werden. Als daher Ortuno nach Licht gegangen, will 
er sich in der Dunkelheit schnell aus dem Hause schleichen, Don 
Blas hört Schritte und ruft: „Ists Beatriz?" Als er keine Antwort 
erhält, tappt er nach Don Diego. Dieser, rasch entschlossen, packt 
ihn und ringt mit ihm, indem er ruft: No has de falir, tente. efpera! 
Don Blas schreit: „Quien eres, hombre atreuido?-' Don Diego ant- 
wortet: 

Hombre, qualquiera que feas, 
que profanas esta cafa, 
yo hare que en mis bragos fepas 
como castigo ofadias. 

Da erscheint Ortuiio mit Licht, und Don Diego tut, als ob er erst 
jetzt seineu Bruder erkenne. Auf des letzteren Frage, wie er in das 
Haus seines Schwiegervaters komme, macht er ihm weis, daß er 
seinen Brief gelesen und sich gleich nach der jungen Dame erkundigt, 
aber von ihr nur das Beste gehört habe. Da er sie jedoch heute 
im Arme eines Mannes bewußtlos in das Haus tragen gesehen und 
erfahren habe, daß jener sie bei einem Unfall gerettet, so habe 
er sich, um sich Gewißheit zu verschaffen, ob diese Rettung 
Zufall, oder ob der Retter ein Liebhaber wäre, in ihr Haus 
geschlichen, um sie zu beobachten. Als er nun Schritte gehört, so 
sei er um Klarheit zu bekommen, über den Mann hergefallen, bis 
dieser sich glücklicherweise als sein Bruder entpuppt habe. Auf die 
argwöhnische Frage des Don Blas, wer ihn denn ins Haus eingelassen 
habe, erwidert Don Diego uugeschickterweise: eine Dienerin, und 
gießt damit Öl in die Flamme der Eifersucht, die schon in seinem 
Busen lodert. „Peor esta que estaua!" jammert Don Blas, „Alarma 
honorl" Seine Zweifel zu heben, schlägt er Don Diego vor, mit 
ihm die Kleider zu wechseln, damit er seine (Diego's) Rolle spielen 
könne. Don Diego, heftig erschrocken, erkennt die Gefahr, in die 
ihn der Rollentausch versetzt: 



Paul Scar^roti's „Le Marquis ridicide'^ . 13 

que es fuerga que qnando buelva 
por mi la criada, hable 
algo contra rai cautela, 
penfando que habla coumigo. 

aber was soll er tun? er findet keinen Ausweg und fügt sieb dem 
Ansinnen. Don Blas befieblt ihm: 

I'ube y en mi quarto efpera! 

Don Blas seufzt: Honor, apenas marido, 

y ya defuelos me ciieftas. 

Szenenwechsel. Dona Antonia, Rodriguez und Luisa treten auf. 
Sie nähern sich dem Hause Don Gutierres. Die abenteuerlustige 
Schöne hat bereits erfahren, daß der Visconde und sein Bruder nicht 
zum Schlafen nach Hause gekommen sind. Da öffnet sich die Tür 
und herauskommt, von Beatriz geleitet, der vermummte Don Blas: 

„De vos 
quedare fienipre obligado" 

flüstert der vermeintliche Don Diego der Zofe zu. 

„Salid, que me aneis costado 
graude fufto." 

antwortete Beatriz und huscht davon. Don Blas überlegt, wie 
er wieder ins Haus kommen könne; er will Ortuno rufen, der den 
Schlüssel zur Haustüre liat, aber er bemerkt mit einem Male die 
drei Anwesenden, die aui ihn losgehen und flüchtet sich daher schnell 
um die Ecke. Dona Antonia, welche sehen will, wer der Vermummte 
gewesen, ruft ihn an und als sie keine Anwort erhält, eilt sie ihm 
mit ihrer Begleitung nach. 

Szenenwechsel. Diego mit Calahagas im Zimmer des Don Blas. 
Der Kavalier kann sich nicht in den Gedanken finden, die von ihm 
so heiß Geliebte in dem Besitz eines anderen zu sehen. Es beginnt 
zu dämmern. Don Diego ruft: 

para que quiero yo el dia 
pues viuo desta manera? 

Plötzlich ertönen Rufe. Sie lausclien; es ist Don Blas, der 
nach Ortiuio ruft. Calabagas geht nach dem Schlüssel; während 
dessen äußert Don Diego die Befürchtung, sein Bruder könnte seinen 
Trug entdeckt haben. Von Calahagas hereingeführt, erscheint der 
Landtölpel, schickt jenen fort und antwortet auf die ängstliche Frage 
Don Diegos, was er entdeckt habe: „mas cuidado!"' Dann erzählt 
er in fast vier Kolumnen schwungvoll poetischer Rede, die man von 
ihm kaum erwartet hätte, wie er, im ganzen Hause umherspähend, 
in das Schlafgemach Dona Juana's gekommen sei: Er sieht ein Licht, 



14 ArÜuir Ludwig Stiefel. 

Voy caminando tras ello, 
y a pocos j^alTos que di. 
miro entreabierta viia quadra, 
cuyas rexas a vn jardin 
cayeudo, azechaivlo fiemi)re, 
como vezinos en fin, 
la muda conuerfacioii, 
que tenian eutre fi, 
las flores — — — — — — 

Y qiiando la vifta apenas 
empe^aua a introduzir, 
miro a mi efpofa .... 

Estaua la quadra toda 
en filencio, y por alli 
defperdiciaua la nocbe 
quaiido el dia ha de venir. 
Miro bien fi ay alguien deutro 

foledad reconoci 

Er tritt ein: 

Entro en la quadra en efecto, 
y en cama de evano vi 

fiada: ya no bablo yo, 

amor babla desde aqui: 
Und nun folgt eine verliebte Schilderung der schlafenden jungen 
Dame, deren Anblick indes nur seine Eifersucht noch mehr entfacht: 

Yo desconfiado y loco, 

cmpezando a difcurrir 

Dixe: Muger tan herniofa 

quien dudarä que en Madrid 

fera Circe .... 

quien dudarä que ella (ay cielos) 

pueda escuchar o adraitir? 
Er will gleich eine Probe anstellen, er löscht das Licht aus und 
ergreift ihre Hand, y ella afustada 

defpierta y dize: Es Beatriz? 

Gallo, y en el tacto estrana 

la mano, y buelve a dezir: 

Quien es? con mas alboroto: 

y a media voz dixe: Aqui 

me teneis, yo foy fenora. 

no me conoeeis? y entin 

fueffe honor, o estraneza, 

Padre, efpofo, Yne?, Beatrix, 

empego a, dezir a voze«, 

ladroues — — — — — — 



Paul Scarron's ,,Le Marquis ridicule-' . 15 

Erschreckt und verwirrt habe er sich entfernt, erzählt Don Blas 
weiter und sei anf Beatriz gestoßen, die auf der Herrin Hilferufen 
herbeigekommen und ihm Vorwürfe gemacht habe: 

Mucho aueis errado 
en atreueros afsi, 
qiie fi amais, como efta tarde 
aueis dicho, mal fufris 
dilaciones, que aunque fuera 
mi ama la mas ciuil, 
que muger quifo ta n prefto? 
tened animo, y falid 
no OS fienta el Vilconde. 

Beim Scheiden habe ihm die Dienerin noch zugerufen: 

Fiad de mi, 
que aunque es vn angel mi ama, 
el tiempo fuele reudir 
VII raonte. 

Wütend über die Dienerin, hätte er sie am liebsten umgebracht; 
aber es war ihm ein Gedanke gekommen, bei dessen Ausführung er 
sie noch braucht. Der unverbesserlich eifersüchtige Don Blas rückt 
sogleich mit diesem Gedanken heraus, Um sich von der unerschütter- 
lichen Keuschheit seiner Braut zu vergewissern soll Don Diego ihr 
ernsthaft den Hof machen, ihre Tugend bestürmen: 

curiofidad de mi amor 
es effa, yo he de falir 
de las dudas, y he de ver 
fi fe fabe refiftir. 

Vergebens bekämpft Don Diego den Nvahnwitzigen Plan, vergebens 
eiinnert er ihn an den curioso impertinente, vergebens beteuert er, 
daß Dona Juana keusch sei und daß, wer es einmal sei, es immer 
bleibe: Don Blas besteht auf seinem Vorhaben und Don Diego, dem 
es mit seinen Einwänden nnd Abmahnungen nicht so ganz ernst war, 
hat Mühe seine innere Herzensfreude über die glücklichen Aussichten 
seiner Liebe zu bemeistern. Er fragt sich, ob er träume? ob das 
Gehörte nur eine List seines Bruders sei, um ihn zu fangen? Aber 
nein, „verdad parece!'' Um den Bruder noch mehr in seinen Ent- 
schluß zu bestärken, macht er neue Einwände gegen den Plan: 
„Bedenke ruft er ihm zu, daß die Ehre ein Glas ist „que al primer 
lance fe quiebra" daß das Schwert nie versucht werden darf, außer 
zum Streite „que fuele en las experiencias 

la mejor faltar. 



16 Arthur Ludioig Stiefel. 

Aber Don Blas bleibt fest, Don Diego bemerkt nocb vorsorglich 

Pues no te quexes de mi, 

fi te fuccciiere mal 

lo que intentas confeguir. 

„Schlimmer wäre es noch", meint Don Blas, „wenn das, was 
ich fürclite, nachher geschehen würde; denn jetzt läßt sich noch ab- 
helfen, si)äter heißt es sterben." „Aber", behanptet er, „es besteht 
noch eine Schwierigeit." Wie soll ich die junge Dame überzeugen, 
daß ich sie liebe, wo sie doch weiß, daß ich dein Bruder bin? Wird 
sie nicht merken, doß es eine List (ardid) ist?" Auch für diese 
begründete Befürchtung hat der starrköpfige Tor einen Ausweg. Er 
besitzt ein Bildnis Doiia Juanas, das will er dem Bruder geben, da- 
mit solle er ihr vorspiegeln, daß er sie schon lauge kenne und liebe. 
„0, Ärmster", murmelt Don Diego für sich, wie beredt bist du, 
wenn es gegen dich geht!" — Während Don Blas das Bild hervor- 
holt, erscheint Dona Antonia mit Luisa, beide „con mantos". Sie 
lauschen und hören, wie Don Blas zu seinem Bruder sagt: 

Aquefta 
es tu dama, defde aqui 
la puedes llamar tu dueno 

Da greift Dona Antonia durch das Fenster und reißt das Bild an 
sich mit den Worten: Undankbarer das soll nicht geschehen! „Weib, 
was hast du vor?" schreit Don Diego. Und Luisa antwortet: 

„ Pudiera 

bien el Vifcoude 

No pagar de aquefta fuerte 
a quien por el anda afsi," 

Die beiden Abenteuerinnen laufen davon. „Wer mag das sein?" 
fragt Don Diego noch ganz verblüfft. „Kaum bin icli recht in Madrid 
angekommen", seufzt der Visconde, „so fangen die Frauenzimmer be- 
reits an, mir nachzulaufen". Übrigens bleibt beschlossene Sache was 
Don Blas mit seinem Bruder verabredet hat. Sie gehen fort. 

Dona Juana und Bcatriz treten auf. Jene hat von dieser er- 
fahren, daß Don Diego der Bruder des Visconde ist und daß ihm 
unbekannt gewesen, daß Juana seines Bruders Braut sei. Beatriz 
redet dem Don Diego bei ihrer Herrin mächtig das Wort. Die 
wackere junge Dame aber, die schon ohnehin mit einer mehr und 
mehr in ihr entkeimenden Neigung für ihren Lebensretter kämpft, 
eine Neigung, die ihr zunächst noch als unerklärliche innere Unruhe 
bewußt wird, die sie gern als Traurigkeit über die ihr so nahe be- 
vorstehende Standesveränderung deuten möchte, heißtBeatriz schweigen; 
sie solle, außer ihrem Bräutigam, niemand loben. Dann äußert sie 



Paul Scarroii's .,Le Marquis ridicule". 17 

ihre Entrüstung über die Keckheit, die Diego gezeigt, als er nachts 
in ihr Schlafzimmer eingedrungen sei. „Das sei Liebe, sagt Beatriz 
entschuldigend. 

„Que Importe?" versetzt Juana, 

que efta noche 
con el Vifconde rae cafo, 
falga fu refpeto al paffo. 

Sie hören mit einem Male eine Kutsche vorfahren, und gleich darauf 
erscheinen Doiia Antonia und Luisa. Die erstere weiß sich ins 
Vertrauen Dona Juanas einzuschmeicheln, zeigt ihr dann das dem 
Don Diego — den sie für den Viscondo hält — entrissene Porträt 
und spiegelt ihr vor, daß sie mit dem Visconde seit sechs Jahren 
ein Verhältnis unterhalte, das nicht ohne Folgen geblieben sei. Sie 
fügt hinzu, der Visconde halte trotz seiner nahe bevorstehenden 
Heirat noch an ihr, der Verratenen, fest, als Beweis dafür spreche, 
daß er ihr das Porträt seiner Braut geschenkt habe. Für alles, was 
Dona Antonia vorbringt ruft sie Luisa als Zeugin an, die sich vor 
Erstaunen über die kecken Lügen und Schwindeleien ihrer Herrin 
kaum zu fassen weiß. Doüa Antonia's Kefrain lautet: „No os fiais 
del Visconde, que es vn traidor," dagegen lobt sie den Don Diego 
als „hombre honrado" „buen caballero", „galan und cortes". Juana, 
die all diese Dinge über ihren Bräutigam ohne sonderliche Erregung 
angehört hat, sagt: 

Parece que con industria 
da el amor contra ml pecho 
alabangas en el vno 
y en el otro vituperios. 

Da tritt Beatriz, die während der Unterredung Schildwache 
gestanden, ein und meldet Juana die Ankunft ihres Vaters, Bräutigams 
und Schwagers. „Ay de mi!" flüstert Doiia Antonia für sich hin, 

fi me ven, todo mi enredo 
fe auerigua. 

Juana hat die Worte gehört, aber nicht verstanden und fragt die 
Fremde, was sie meine, diese antwortet: 

Que el Vifconde es tan refuelto, 

que fi fabe que he venido 

a auifaros fus enredos, 

me ha de matar. 

Juana läßt sie und Luisa in ein anstoßendes Gemach eintreten. 
Die Herren kommen. Don Gutierre will, daß die Hochzeit 
sofort vollzogen werde. Don Blas, der erst den Erfolg seines Ex- 
periments abwarten will, sucht Ausflüchte und geht schließlich mit 
dem Bruder hinaus. Gutierre im Begriff in das Zimmer zu gehen, 

Ztschr. f. frz. Spr. u. Litt. XXXHi. 2 



18 Arthur lAidwig Stiefel. 

wo die beiden fremden Damen weilen, um die Heiratslizenz zu holen, 
erregt dadurch den Schrecken Juanas. Sie sagt zu ihm, die Sache 
habe keine solche Eile: 

Yo he fabido que el Vifconde 
anda diuertido y ciogo 
per vna muger y es bien 
aueriguarlo primero: 

Das macht aber dem alten Herrn wunderwenig. Zum Schrecken der 
lauschenden Antonia bemerkt er: 

Ea que es cofa de rifa 
quando el Vifconde foltere 
aya algun amor tenido, 
que yo no me efpanto de effo, 
en llegando vno a cafarfe 
fe dexan effos empenos. 

War er doch selbst ein recht lockerer Zeisig gewesen: 

Ya fe 
lo que ay en effos empleos; 
que en mi mocedad, eftando 
yo en Portugal algun tiempo, 
por auer muerto en Caftilla 
mi Capitan, me fui huyendo 
a Lisboa, donde el nombre 
müde en Don Luis de Viuero, 
por fer menos conocido, 
y tuue alli vn galanteo 
de vna feiiora tan noble . . . 
En doiia Ynes de Figueira, 
viuda hermofa en eftremo 
tuue vna hija; o memorias! 
pero viniendome luego 
a Castilla, fue forgofo 
olvidarme con el tiempo: 
y afsi como con tu madre 
me cafe (que efte en el cielo), 
me olvide por acudir 
a mi obligacion, auiendo 
vna hija, y con querer 
a Dona Y'nes por eftremo. 
En cafandofe no ay hombre 
que no procure fer quieto, 
yo amaua y la dexe todo, 
y el Vifconde harä lo mefmo. 



Paul Scarron's „Ze Marquis ridicrde^'. 19 

Diese Erzählung ist für Dona Aiitonia nicht verloren. Ein neuer 
Plan entspringt ihrem erfinderischem Hirn. Sie erklärt der Luisa: 

el mismo viejo ha de fer 

de mi bien el inftrumeuto. 
Da treten wieder Don Blas und sein Bruder herein. Ersterer 
will den Alten bei Seite nehmen, damit letzterer Gelegenheit habe, 
der Doiia Juana seine Liebe zu erklären. Das geschieht. Juana 
weist die feurigen Liebesworte Diegos zurück, worüber die lauschende 
Antonia, die ihn für den Vifconde hält, eine mächtige Freude em- 
pfindet. Da aber D. Gutierre mit Don Blas hinzutritt und laut ver- 
kündet: 

Juana todo ha fido engano, 

y ya eftä el Conde difpuefto 

a cafarfe, 

so glaubt Antonia, daß "der Bruder" des Vifconde dem Alten ge- 
nügende Aufklärung gegeben habe (que el hermano ha fatisfecho al 
viejo) und um ihnen einen neuen Streich zu spielen, tritt sie und 
Luisa vermummt aus ihrem Versteck und beide eilen an allen vorbei 
hinaus. '-Frauen in Deinem Gemache?" herrscht Don Gutierre seine 
Tochter au. Juana erwidert: 

El Vifconde 

da ocasion para efte exceffo: 

en mi apofendo me efconde 

mugeres, bueno por cierto. 

Alle wenden sich nun mit Vorwürfen gegen Don Blas, der sich 
vergebens verteidigt und behauptet die Frauenzimmer nicht zu kennen 
und nicht zu wissen, wie sie in das Haus gekommen seien. Juana 
erklärt, sie verschiebe zunächst die Hochzeit und selbst Diego ruft 
dem Bruder zu: „No has hecho bien en ocafionar tal riefgo!" Don 
Blas, erst sprachlos, faßt sich und findet an der Sache das eine Gute 

en parte lo agradezco, 
pues fufpcndiendo la boda, 
fe cumple todo mi intento. 
Hiermit schließt die H. jornada. 

Jornada Tercera. 

Von der einen Seite tritt Diego mit Calabagas und von der 
anderen Seite Juana mit Beatriz auf; sie bleiben an den Kulissen 
stehen und können einander nicht sehen. "Dieses Weib bringt mich 
noch um, Calabagas!" stöhnt Don Diego. "Dieser Mensch ist noch 
mein Tod, Beatriz!'- seufzt auf der anderen Seite Doiia Juana. — 
"Ich bete sie an und täglich wächst ihre Kälte," ruft Diego. — 
"Ich fürchte, seine Hartnäckigkeit bekommt mich noch herum", sagt 
Juana. — "Kehre ihrer Liebe den Rücken!« rät Calabacas dem 

2* 



20 Arthur Ludwig Stiefel. 

Herrn. — "Das Mittel wäre ja gut, aber mein Ucärrischer Bruder 
locI>t mich immer wieder lieran." — "Dann kläre ihn ein für alle 
Male auf!" rät die Zofe ihrer Herrin, Schließlich sprechen sich die 
jungen Leute und Juana weist den Don Diego energisch zurück. 
Sie sei die Braut seines Bruders. Wenn er sich nicht entferne, so 
werde sie diesen rufen. Diego antwortet hierauf: 

Si muero a vueftro desden, 

que importa fi muera a fus manos? 

Vergebens hält ihm Juana vor, Rücksicht auf ihren Ruf und auf 
seines Binders Argwohn zu nehmen. Diego erklärt, es bleibe ihm 
nichts übrig, als zu sterben. Da sagt Juana: 

Pues morid 
fin que a mi me cuefta caro, 
porque en Uegando a mi honor, 
fahre yo fin hazer cafo 
de nada, veros morir, 
y aun fahre tambien mataros. 

Damit entfernt sie sich. Don Diego, allein bleibend und ohne 
Hoffnung die Schöne anderen Sinnes zu machen, entschließt sich, ab- 
zureisen. Er stürzt fort, da tritt ihm der Vifconde entgegen und 
fragt ihn nach dem Ausgang seiner Liebeswerbung. Davon hänge 
ab, ob er heirate oder nicht. Don Diego ist in einer verzweifelten 
Lage: Sagt er dem Bruder die Wahrheit, dann ist Juana auf ewig 
für ihn verloren; lügt er aber und behauptet, daß sie "no es tan 
honrada", so verläumdet er schmählich den Ruf seiner Herzensdame. 
Aber nur einen Augenblick ist er ungewiß. Die Ehrenhaftigkeit 
trägt den Sieg in ihm davon und er berichtet von der Erfolglosigkeit 
seiner Liebesmühen. Da aber Don Blas an der Wahrheit seiner 
Mitteilung zweifelt, so schlägt ihm Don Diego vor, selbst Ohrenzeuge 
zu sein. Dona Juana erscheint, der Visconde lauscht verborgen. Mit 
hoher Befriedigung nimmt der Eifersüchtige wahr, wie abweisend 
Dona Juana den Bruder begegnet. Als aber Diego davon spricht 
abreisen zu wollen und ihr zuruft: 

Dame licencia, enemiga 
de mi bien y de mi daiio, 
porque aufeute de effos ojos 
dulcilTimos y tiranos, 
vaya a morir de no verlos 
pues me muero de mirarlos. 

so fühlt Juana erst, daß ihr Diego nicht gleichgiltig ist; sie macht 
sich in einem aparte Vorwürfe, daß sie ihn vertreibe und zum ersten 
Male zieht sie mildere Seiten auf, zum ersten Male läßt sie durch- 
bhcken, daß sein Weggang ihr nicht gleichgiltig sei. Mit Entzücken 



Paul Scarrons „Ze Marquis ridicule". 21 

hört es Diego, freilich mvß er zugleich voll Angst daran denken, 
daß sein Bruder die Worte auch gehört habe und darum fügt er, 
schnell gefaßt hinzu: 

yo si me aufento, 

es porque 

yo . . fiempre tan firme 

y tan honrada os he hallado 

a mis quexas, por morir. 

Sie wisse das, versetzt jene und wisse es zu schätzen, darum 
habe sie jetzt das Stillschweigen gebrochen. Indessen jammert Don 
Blas in seinem Versteck: 

esto es honra y refiftirfe! 
viue Dios ! quo ha fido cngaiio. 

Als Juana schließt: 

No foy tan cruel que ignoro 
lo que os debo, y lo que gano, 
yo lo eftimo, y lo conozco, 
y fi quereis escucharlo, 
bolued defpues. porque agora. 
tengo el pecho tan turbado, 
corao es la primera vez 
que me desboco y que os hablo, 
y el recato me enmudece, 
efto bafta, a Dios quedaos 
— — — porque hafta agora 
aun uo foy de vueftro hermano. 

Mit diesen Worten geht sie. Don Blas aber tritt mit gezücktem 
Dolch hervor um sie zu töten. Er läßt ihn jedoch auf den Boden 
fallen; denn er sagt sich: "aun no es mia." Er faßt den Entschluß 
die Heirat nicht zu vollziehen und wirft Diego vor, er habe ihn be- 
trogen. Dieser rechtfertigt sich damit, daß er sagt, er habe nur 
seinen Befehl ausgeführt. Don Blas behauptet aber, er sei zu weit 
darin gegangen: 

yo os mande enamorarla, 
mas no enamorarla tanto. 

Durch das Geschrei der beiden aufgeschreckt, war Juana wieder, 
unbemerkt von den anderen, zurückgekehrt und belauscht ihr Ge- 
spräch. Entsetzt ruft sie aus: 

Que es efto que eseucho, 
viue el cielo que fue eugaiio 
todo el amor de Don Diego, 
que es efto? fi eftoy fonando? 



22 Arthur Liidioig Stiefel. 

Dou Blas wütend, nennt seinen Bruder verächtlicb: „fegundon, 
ei'cuderillo!" Dieser aber ruft ihm würdevoll zu: 

De mi te quexas en vano, 
que todo ha fido fingido 
por hazer de fu recato 
experienca, ya lo has visto; 
fi fuiste necio en pensarlo, 
quexate de ti y no quieras 
que te fufra por hermano 
demafias: tu lo hizifte, 
ya te auife, fufre el dano, 
y no hagas mas experiencias 
en muger, que no es de fabios, 
viendo que el val'o es de vidrio, 
probar con golpes el vafo. 

Mit den frohlockenden Worten 

Vitoria, amor, yo venci 

ella me quiere, que aguardo? 

geht er fort. Don Blas aber hat das Heiraten überhaupt satt; er 
sagt: 

Quien quifiere fer calado, 

cafese a Dios y a Ventura, 

porque peor CS hurgallo. 

Zu Ortuno sagt er: „ya no me cafo!" und geht mit ihm fort. 

Nun tritt Juana hervor. Sie ist außer sich. Sie kann sich 
nicht beruhigen, daß D. Diego nur Liebe heuchelte um ihre Tugend 
auf die Probe zu stellen: 

Pofsible est que fue fingido 
el ruego, la quexa, el llanto? 
Tambien fe llora mintiendo? 
las lagrimas del engano 
fe pareceu a las mias (veras?). 
Cocodrillo! que falso! 

Sie findet den Dolch des Don Blas auf dem Boden. Soll sie 
sich damit töten? Ist es die Ehre, die das Werkzeug in ihre Hand 
führt? Nein, es ist noch zu früh; sie hat sich noch nichts vorzu- 
werfen. Was sie sagte, waren nur Worte „que apenas a efperan^as 
fe affomaron." Wie gut tat sie, daß sie ihm nicht glaubte: 

Coliremos pues recato, 
que a buen tiempo convalece, 
quien apenas ha enfermado. 
Y pues el tan baxamente 
me engaiiö, por remediarlo 



Paul Scarron's ^Le Marquis ridicule'*. 23 

tornemos a deshazer 
fii efperan^a con eftragos 
de palabras, pues que fueron 
palabras no mas el dano, 

Diego naht hoffnungsfreudig und siegesstolz jetzt mit seinem 
Diener: „Eftoy loco" ruft er. 

Las favores foberanos 
de fu boca fueron vida 
de mi amor. 

Er sieht Juana stehen; sie hat ihn bestellt, offenbar wartet sie 
auf ihn. Er nähert sich ihr und fordert Calaba^as auf, zu horchen : 
„Du wirst sehen, was ich erreiche", bemerkt er zuversichtlich. „Du 
hast aber auch verdammtes Glück bei den Frauen!" meint bewun- 
dernd der Diener. Inzwischen ist auch Don Blas mit Ortuno herein- 
gekommen und im Hintergrunde unbemerkt stehen geblieben. Diego 
spricht Juana an. Sie kämpft noch mit sich. Soll sie es wirklich 
glauben, daß Diego nur Liebe heuchelte. Doch schließHch übermannt 
sie der Zorn. Es empört sie die Gemeinheit, daß der Mensch sich 
verstellte, um sie auf die Probe zu stellen und nun wettert sie los 
gegen ihn. Sie habe die freundlichen Worte nur zu ihm gesprochen, 
um ihn an sich zu locken und an ihm für die gemeine Beschimpfung, 
die er "ihrer und seines Bruders Ehre durch seine Liebeswerbung zu- 
gefügt, blutige Rache zu nehmen mit einem Dolche, den der Himmel 
in ihre Hände gelegt habe. Aber sie habe sich inzwischen beruhigt 
und begnüge sich damit, ihm ihre Absicht und den Dolch zu zeigen 

y fabed que a aquefte fin 
OS anime con enganos, 
que yo foy roca, foy monte 
y en mi pecho limpio y cafto 
no ay amor, no ay rafgo, o fena 
de algun afecto bastardo. 

So sprechend, entfernt sie sich mit verächtlichem Blick und er- 
hobenen Hauptes. 

Aus allen seinen Himmeln gerissen, steht der arme Diego ver- 
nichtet da, während der glückliche Don Blas frohlockend ausruft: 

Ortuno, viuen los cielos, 

que es vn alTombro, vn milagro. 

Das Sprichwort Peor eshurgallo lüge, behauptet der Vifconde 
es müsse heißen Mejor es hur gallo. Während Diego verzweifelt, 
meint sein Bruder voll Entzücken: 

Porcia fue cofa de burlas, 

Lucrecia fe dio al foflayo, 

el'ta muger me conuiene! 



24 Arthur Ludwig Stiefel. 

Ortuno ruft er zu: 

Ya me cufo, no defpides las libreas! 

Don Blas geht fort und Diego folgt ihm „a morir". 

Szenenwechsel. Don Gutierre, von Luisa gerufen, kommt in die 
Wohnung Dona Antonia's, die sich als Portugiesin ausgibt und ein 
Gemisch von Portugiesisch und Spanisch radebrecht. Sie erzählt 
dem alten Herrn, sie sei die Witwe des Grafen Alentexo und habe 
gehört, der Vifconde wolle D. Gutierres Tochter heiraten, sie habe 
aber ältere Rechte auf seinen Besitz. Sie gibt ihm als Beweis den Brief, 
welchen D. Blas an Juana geschrieben und den Calabagas verloren hatte, in 
die Hände. D. Gutierre erkennt die Schrift des Vifconde, liest den 
Brief, vermißt aber, wie er sagt, darin den Namen der Braut. Er 
fragt also, welche weitere Stütze sie habe um die Heirat zu verhin- 
dern. Die Abenteuerin antwortet: 

Naon ya mas que vna minina 
que todo fe le femeja 
a fu pay. 

Diese Enthüllungen, welche das bestätigen, was seine Tochter ihm 
bereits berichtet hatte, versetzen den Greis in schlechte Laune. Er 
macht der Fremden Vorwürfe, daß sie ihre Ehre so leicht in die 
Schanze geschlagen habe. Sie kann nichts zur Entschuldigung anführen, 
als daß die Liebe sie verblendet habe. Ihr Efcudero wirff ein — 
ein Seitenhieb auf die Portugiesen — : 

Y es culpa de la nacion 
tambien fer vn poco tiernas. 

Die „Condefa" fleht den Schutz des alten Herrn an. Einen be- 
sonderen Anspruch darauf glaube sie schon deshalb zu haben, weil 
kastilianisches Blut in ihren Adern rolle. Ihr Vater sei Kastilier. 

Que de Castela 
fe fue a Lisboa vn fidalgo 
fugiendo de vna pendencia. 

Ach, Dona Ynes de Figueyra, fügt die Schlaue hinzu, 

quien dixera que tua filla 
andara mezquina en eftas 
andä^as ! 

Don Gutierre bei dem Namen stutzig, fragt nach dem Namen 
ihres Vaters, Don Luis de Viuero, ist die prompte Antwort. Der 
Greis, der nicht zweifeln kann, die eigene Tochter vor sich zu haben, 
umarmt sie freudig und bemerkt: 

no en vano cl alma con nueua 

inquietud me lo dezia; 

la fangre tiene gran fuerza. 



Paul Scarroii's „Le Alarquis ridicide-' . 25 

Er verspricht ihr, daß der Vifconde sie heiraten müsse und 
nimmt sie gleich mit sich unter dem Versprechen, daß sie zunächst 
von niemand gesehen werden solle als von seiner Tochter Juana. 

Szenenwechsel. Beatriz meldet ilirer Herrin, der Vifconde 
kleide sich mit großer Eile zur Hochzeit an. „Sage mir," fragt 
sie, „willst du denn Hochzeit machen?" Juana heißt sie schweigen 
und gehen. „Qiie mi padre a eftas lioras no parezca?" seufzt die 
junge Dame für sich hin. „Ist Don Diego da?" fragt sie plötzlich 
die Zofe. „Ja"; antwortet diese „aber wenn du ihn verschmälist, 
warum fragst du nach ihm?" 

He menefter fu prefencia 
para mi intento. 

ist die Antwort. 

Jetzt erscheint Don Blas „de nobio" mit Bruder und Bedienten. 
Der eitle Geck fragt Ortuno, ob er gut gekleidet sei. „Galan 
vienes" versetzt der Diener. Diego, der mittlerweile durch Beatriz 
erfahren hat, daß Juanens plötzliche Sinnesänderung hervorgerufen 
worden, weil sie glaubte, seine Liebe sei erdichtet um sie zu täuschen, 
will ihr beweisen, daß sie wahr und echt sei. Er hat gleich 
Gelegenheit dazu. Der Vifconde, der mit der Hochzeit uicht einmal 
so lange warten will, bis sein Schwiegervater nach Hause kommt, 
fordert Diego auf, dies der Braut zu sagen. „Gerne", sagt Diego, 
„aber wo ist sie denn, ich sehe sie ja gar nicht." — ,,Wie", bemerkt 
Blas, „du siehst sie nicht? no es aquefta?" „Diese? diese ist meine 
Dame!" ruft Diego mit lauter Stimme, ,.quieres cafarte con ella? — 
„Willst du denn immer noch den Betrug fortsetzen?" entgegnet 
ihm der Vifconde, „mein Herz ist schon befriedigt, es bedarf keiner 
Verstellung mehr!" — „Verstellung"? schreit Don Diego, 

no es tan cierta 

la luz en medio del dia 

como amarla! 

Don Blas erglüht vor Zorn über seinen Bruder. Dieser aber 
erklärt 

que fi me hazes mil pedagos, 
no te has de cafar con ella. 

Entzücken Juanas. So liebt Don Diego sie denn doch. Sie ruft: 

Amor, albricias: Don Diego 
me adora. 

Es hat den Anschein, als ob es zwischen den Brüdern zu 
heftigem Streite kommen solle. Glücklicherweise erscheint in diesem 
Augenblicke Don Gutierre. Er hält dem Vifconde seinen Brief hin; 
dieser leugnet nicht, ihn geschrieben zu haben. „Wohlan", versetzt 
der alte Herr 



26 Arthur Ludwig Stiefel, 

aqui efta la Coudefa, 
q uoxofa de vuel'tro amor, 
y no es bien que caufa fea 
Doiia Juana a que fe falte 
a obligaciones como e ftas. 

„Welche Gräfin?" fragt verblüfft Don Blas. Mit finsterem Ge- 
sicht entgegnet D. Gutierre: „La Condefa de Aleutexo" 

y porque no lo negueis 
efperad, ire per ella. 

Er geht hinaus. Juana und Diego schöpfen Hoffnung auf ein 
für sie glückliches Ende. Der Viconde aber brummt ärgerlich: 

efta fin duda 
es la dama Portuguefa 
que anda de mi enamorada. 

Da führt der Greis die Abenteurerin herein. Juana erkennt 
in ihr ihren Besuch, Diego und Calabagas die ihnen wohlbekannte 
Dona Antonia, Don Blas die Portugiesin. Letzterer behauptet, daß 
er den Brief nicht der Fremden, sondern Juana geschrieben und 
ruft Diego zum Zeugen an; doch dieser fragt ihn, ob er vielleicht 
träume. „Erinnerst Du Dich nicht, Calabagas?" fragt Don Blas 
weiter. — „Yo no me acuerdo de nada" erklärt der Diener. — 
D. Guiterre fordert die Condefa jetzt zum Sprechen auf. Diese be- 
merkt aber schüchtern: 

Eu naon pofo 

parlar, que a faudes mefmas 

de mi amor me derritaon 

corazaon. 

Nochmals leugnet Don Blas jede Bekanntschaft mit der Fremden, 
nochmals macht er seine Kechte auf Juana geltend, doch die junge 
Dame ^Yeist ihn zurück: 

Bueno fera! 
yo no teugo de cafarme 
con quien con viles cautelas 
encargo a fu mifmo hermano 
que por hazer experiencia 
de mi honor, me folicite. 

Auch Don Diego legt Verwahrung ein und Don Gutierre macht 
aafs neue die Rechte der Condefa geltend, 

So in die Enge getrieben, entschließt sich der Vifcoude, 
Madrid den Rücken zu kehren und überhaupt nicht zu heiraten. 
Damit die Condefa ihn in Ruhe lasse, will er ihr 2000 Dukaten 
geben. Luisa rät der Herria die Summe anzunehmen. Don Gutierre 
ruft zwar entrüstet: 



Paul ScarroiLS ,,Xe Marquis ridicule"'. 27 

Dos rail ducados la houra 
de mi hija? bueno fuera! 

Aber Dona Aiitonia, der es sichtlich vor der Verwandtschaft 
zu grauen beginnt, nimmt das Geld an und gesteht dem Alten, daß 
sie seine Tochter nicht sei, daß „todo es fingido". Jetzt fordert 
Don Blas selber seinen Bruder auf, sich mit Juana zu vermählen. 
Er selber entsagt dem Ehestaude und zieht aus seiner Erfahrung 
die Lehre: 

ya ninguno fe meta 
en probar las mugeres, 
que es peligrofa experieucia 

Calaba(;as ruft ihm zu: Don Blas, peor es hur gallo. 
Er schließt sodann das Stück mit den Worten: 

aqui acaba la Comedia; 
fi huuiera tenido faltas, 
Don Antonio Coello ruega 
que el deffeo de feruiros 
perdon y piedad merezca. 



Die Comedia, deren Inhalt wir soeben kennen gelernt haben, 
gehört zur Klasse jeuer Stücke, die man, zwar nicht zur Zeit ihrer 
Niederschrift, aber später als Comedias de figuron bezeichnete,' 
„solcher nämlich, die eine im Karikaturstil gezeichnete Figur zum 
Mittelpunkt haben und in ihr irgend ein Laster oder eine lächerliche 
Gewohnheit geißeln"20). Durch die Gestalt der embustera Dona 
Antonia spielt sie zugleich in die pikareske Gattung hinüber. 
Während letztere schon im 16. Jahrhundert gepflegt wurde — ich 
erinnere nur an Gil Vicente, Lope de Eueda, L. de Miranda, Palau 
u. a. — zeigt sich das Figurou-Lustspiel zunächst in schwachen 
Anfängen erst im 2. Dezennium des 17. Jahrhunderts. Zu den älter n 
Versuchen gehören z. B. Guillen de Castro's El Narciso en su 
opinion und Gongora's El Doctor Carlino. Um das 4. Dezenniu m 
des 17. Jahrhunderts tritt die Gattung deutlicher hervor. Zu ihren 
Vertretern zählen Don Antonio Hurtado de Mendoza, Don Alonzo 
de Castillo Solörzano, Don Francisco de Rojas Zorilla und etwas 
später Moreto, Canizares u. a. 

Unter diesen Dichtern haben wir nun auch unserem Coello 
einen Platz anzuweisen. Um den Grad der Originalität, der ihm 
dabei zukommt, festzustellen, wäre erst zu ermitteln, in welchem 
Jahre sein Stück verfaßt worden ist. Das erfordert eine ziemlich 
verwickelte Untersuchung, bei der ich etwas weiter ausgreifeu muß. 



^") Schack Geschichte der dramat. Likratuv und Kunst in Spanien. Bd. II, 
S. 101. - 



28 Arthur Lndwig Stiefel, 

Die Scliaffenszeit des Dramatikers Antonio de Coello zerfällt, 
wie A. Scbaett'er ganz richtig herausgefunden hat^i), in zwei deutlich 
erkennbare Perioden, in eine ältere, wo er der einfachen natürlichen 
Weise Lope de Vega's folgte und in eine jüngere, kultistische, wo 
er sich Calderon anschloß und sogar mit ihm zusammen arbeitete. 
Da sein poetischer Nachlaß ein sehr bescheidener ist, so sind seine 
Dramen bald eingeteilt. In der ungekünstelten, schlichten und durch 
schöne poetische Sprache ausgezeichneten ScbaÖensweise bewegen 
sich El celoso Extremem, Lo que puede la porfia und Peor es 
hurgallo. Kultistisch ist, abgesehen vom Concle de Sex, den ich 
aus Gründen, die ich einmal gelegentlich darzulegen gedenke, ent- 
schieden ihm zuschreibe, Coello in allen Stücken, die er mit anderen 
Dichtern verfaßte und namentlich in den dreien, die er gemein- 
schaftlich mit Calderon und noch einem dritten Dichter schrieb: 
El Privilegio de las mugeres, La fingida Arcadia-'^) und El 
Pastor fido. Das au erster Stelle genannte Stück sowie El Catalan 
Ser7'alo7iga, das er zusammen mit Don Francisco de Rojas Zorilla 
und Luis de Guevara dichtete, erschienen schon 163623) im Druck, 
sie sind also sicherlich schon ein paar Jahre vorher, spätestens 1634, 
wenn nicht gar schon 1633 entstanden. Los dos Fernandos de 
Austritt, ebenfalls in Calderous Manier, das die Schlacht bei Nörd- 
lingen zum historischen Hintergrund hat, ist unmittelbar nach diesem 
Ereignis (Sept. 1634) verfaßt worden. Die Comedia Yerros de 
naturaleza y aciertos de la fortuna, deren preziöser Titel schon 
den kultistischen Stil ankündigt, nach La Barrera24) von Antonio 
Coello und seinem Bruder Juan, nach Paz y Melia25) von ersterem 
gemeinsam mit Calderon verfaßt, hat die Aufführungserlaubnis vom 
4. Mai 1634 in der Handschrift der Madrider Nationalbibliothek. 

Aus allem diesem ergibt sich mit Sicherheit, daß anfangs 1634 
Coello vollkommen im Zauberbanu Calderons und des Cultismus 
stand. Wir haben uns also Peor es hurgallo, da das Stück frei 
von Cultismen ist, älter vorzustellen. 

Ein weiterer Umstand gestattet uns seine Entstehung mindestens 
in das Jahr 1632 hinaufzurücken. Montalvan in seinem 1632 ge- 
druckten Para todos sagt über unseren Dichter folgendes: 



^1) Geschichte des spanischen Nationaldramas II, 88 fF. 

--) Hartenbusch veröffentlichte dieses Stück im IV. Bande der Comedias 
des Calderon S. .537 — 556 und bemerkte: Ignoramos quien escriUo el acto fegundo 
de efta comedia. Auch La Barrera und A. Schaeffer (II, 284) wufsten den 
Verfasser der zweiten jornada nicht anzugeben. Ich habe in der Ztschr. f. 
rom. Philologie 1907, S. 361 gezeigt, dafs Coello der Verfasser ist. — 

'^^) In der XXX. parte de Comedias de diferenies autores, gedr. 163G. 

2*) CMlogo S. 95. 

25) Catdlogo de las jnezas de Teatro que se conservan en el Departemento de 
Manuscritos de la Biblioteca National. Madr. 1899, S. 547. 



Paul Scarrons „Le Marquis ridicule-' . 29 

.,Dou Antonio Coello, cuyos pocos anos desmienten sus muchos 
aciertos, y de quien se paede decir con veidad que empiega por 
donde otros acabau, ha efcrito . . . dos 6 tres comedias."2ü) 
Da Coello im Stile Lope de Vegas begann und die oben erwähnten 
drei Comedias die einzigen sind, die diesem Criterium entsprechen, 
so wii-ti man mit der Annahme, daß Montalvan sie im Auge gehabt 
habe, nicht fehlgehen. 

Noch einen Schritt weiter führt uns der Vergleich von Peor es hur- 
gallo mit anderen damaligen Figuron-Stücken. Zu den ältesten Dichtern 
die sich damit befaßten, gehörte Don Antonio de Hurtado Mendoza. 
Er schrieb zwei Figuron-Comedias El galan si7i dama-"^) und Gada 
loco con SU tema (o el Montanes Indiano). Nur die letztere liegt 
mir vor. Aus der vom Dichter geschriebenen Handschrift in der 
Biblioteca Nacioual zu Madrid wissen wir, daß sie am 21. August 
1630 beendigt wurde. Sowohl Coello wie Mendoza haben die Figur 
des lacherlichen Montanes, ferner noch einige Punkte gemeinsam, so 
z. B. daß eine Dienerin Luisa heißt, daß das tema (die Schrulle, 
die fixe Idee) durch das Drama immer wiederkehrt usw. Genug, 
der eine Dichter kannte den andern; wer ist der ältere? In einem 
weiteren Stücke Mendoza's Los Empeflos del mentir zeigt Mendoza 
ebenfalls Übereinstimmungen mit Coello's Peor es Imrgallo. So heißt 
z. B. bei ihm eine der Personen Luis de Vivero, ein Name, den 
D. Gutierre, wie wir oben sahen, in Portugal führte, und es ist doch 
kaum glaublich, daß beide Dichter zufällig auf den ungewöhnlichen 
Namen (des eines spanischen Dichters des Mittelalters) verfielen. 
Da aber Los Empeilos del mentir nach dem darin befindlichen 
Bericht über die Schlacht bei Nördlingen, nicht vor Ende 163-1 
verfaßt worden sein kann, so gebührt die Priorität in diesem 
Falle unbedingt unserem Coello. Das legt aber den Gedanken 
nahe, daß sein Peor es hurgallo auch älter als Gada loco con su 



-^) Zitien bei La Barrera Catälogo S. 95. — 

-') Ob dieses Lustspiel wirklich von Mendoza ist, bedarf noch der 
Untersuchung. lu der 1728 veröifenthchen Sammlung seiner Obras fehlt es; 
der erste bekannte Druck (El mejor de los mejores libros Madr. 16.51) gibt 
keinen Verfasser an, erst der zweite Druck de? mejor de los mejores libros 
(Madr. 16.53) nennt Mendoza als Dichter. Schack (Bd. II, 377) wollte dem 
Stücke das Jahr 1620 als p]nt3tehungszeit zuweisen, weil Lope de Vega 
darin als Verfasser von 900 Comedias angegeben wird und Lope diese Zahl 
1620 erreichte. Das würde auch gegen Mendoza als Verfasser des Stückes 
sprechen, dessen andord Lustspiele alle später falbu. Ich halte übrigens 
Schacks Vermutung auf Grund des einen Oriteriums nicht für beweiskräftig. 
Denn mufste du- Dichter so genau mit der Zahl der von Lope um eine 
bestimmte Zeit verfafsten Comedias vertraut sein? Vielleicht schöpfte er 
seine Kenntnis lediglich aus dem 14. Band der Comedias des Fenix de los 
ingeniös, wo die Zahl 900 angegeben wird, und las die Notiz erst viele 
Jahre später? Nach der Inhaltsandeutung des Stückes bei Schaofifer (I, 408 f.) 
ist der Titelheld eine stark übertriebene Karikatur; schon der Umstand 
weist ihn in eine spätere Zeit. — 



30 Ärilair Ludwig Stiefel. 

tema ist, sonst müßte man annehmen, daß Coello zuerst den Mendoza 
und dann letzterer wieder ihn nachgeahmt habe, was doch nicht sehr 
walirsclieinlich wäre. 

Die Priorität von Peor es hurgallo wird glücklicherweise durch 
einen scheinbar geringfügigen Umstand im Stück bestätigt und zu- 
gleich hierdurch die Zeit der Niederschrift genau fixiert. 

In dem Briefe, den der Vifconde in der I. joruada an seinen 
Bruder Don Diego richtet, heißt es: 

De Madrid y Mayo, oy Hartes 
a veinte y tres. 

Die Jahreszahl wird im Briefe niclit genannt, aber der 23. Mai fiel 
auf Dienstag in den Jahren 1623, 1658 und dann wieder 1634.28) 
Letzteres Jahr kommt nicht in Betracht, nachdem, wie wir gesehen 
hallen, Peor es hurgallo unter allen Umständen vor 1634 und sogar 
noch vor 1632 fällt. Bleibt also nur 1628; denn noch weiter es 
zurückzudatieren, auf 1623 etwa, geht nicht, weil Montalvan der 
1632 selbst erst 30 Jahre alt war, in diesem Jahre die „pocos anos" 
des Coello erwähnt, so daß dieser sicher einige Jahre jünger als er 
selbst gewesen sein mußte, also etwa 1608 — 1610 geboren, im Jahre 
1623 13 — 15 jährig, unmöglich unser Stück geschrieben haben könnte, 
das eine so geschickte Behandlung der Charaktere darbietet. 

Steht demnach fest, daß Coello's Stück 1628 entstanden ist, 
dann kommt dem Dichter in der Figuron-Comedia gewissermaßen 
eine führende Rolle zu, dann ist er für Mendoza, Castillo Solörzano, 
Rojas Zorilla u. a. ein Vorbild gewesen. Er hat zuerst den aufge- 
blasenen lächerlichen Landjunker auf die Bühne gebracht, eine Figur 
die ihre Wanderung über ganz Spanien, ja sogar über ganz Europa 
machen sollte. Nun werden allerdings manche behaupten, das dies 
ein recht zweifelhaftes Verdienst sei, indem die Figuron-Comedia ja 
ein Zeichen beginnenden Verfalls der spanischen Bühne sei, allein 
ich glaube, das ist nicht richtig. Nicht die Figuron-Comedia an und 
für sich und in ihrer poetischen Gestaltung, sondern ihr Mißbrauch, 
ihre fratzenhafte Übertreibung bedeutet den Verfall. Und da muß 
man die erste Zeit ihres deutlichen Hervortretens, die Zeit der oben 
erwähnten Dichter, von der späteren Zeit, in der Dichter wie Fernandez 
de Leon, Caiiizares, Ant. Zamora u. a. gegen Ende des 17. Jahr- 



es) Für die Feststellung dieser Daten bin ich Herrn Bibliothekar Dr. 
H. Wolff an der Universitätsbibliothek zu München verpflichtet, der mich 
auf Grotefend Zeitrechnung des deutschen Mütelnlters und der Neuzeit, (Hannover 
18D1) hinwies, wo ich die Daten leicht ermittelte. Ich benutze die Gelegenheit, 
um dem ebenso gefälligen wie kenntnisreichen Bibliotheksbeamten für sein- 
unermüdhches liebenswürdiges Entgegenkommen bei der Benutzung der 
Universitätsbibliothek, sowie für zahlreiche sachdienliche bibliographische 
Aufschlüsse öfifentlich meinen herzlichsten Dank auszusprechen. — Aufser 
Grotefend zog ich zur Kontrolle der Daten noch heran: A. J. Weidenbach 
Calendarium historico-christianum medii e^«oe'ae «€f«etC.(Regensburg H. J.Manz 1855.) 



Paul Scarrons „Le Marquis ridicuh'-' . 31 

hunderts auftreten, scharf auseinanderhalten; denn wie Schack richtig 
sagt, 29) bei jenen „wurde doch noch immer der Adel der Poesie auf- 
recht erhalten, das Kleinliche, Engherzige und Verkehrte wurde im 
Sinne der echten komischen Dichtung als mit dem Höheren, mit der 
unendlichen Freiheit und Bewegung des Daseins im Widerspruch 
stehend, aufgefaßt; bei den hier in Rede stehenden Comödienschreibern 
dagegen hat das Fratzenhafte ganz das Übergewicht, wir werden in 
eine Welt von Narren geführt und das Lustpiel geht ganz und gar 
in die Farce über,'' 

Wie sehr Coello in der glücklichen Zeit des Anfangs der 
Figuren -Comedia steht, das zeigt sich in dem Umstand, daß er 
mehr noch wie seine unmittelbaren Nachfolger, es verstand, in den 
Zügen, die er seinem komischen Helden lieh, Maß zu halten. Sein 
Vifconde ist noch nicht die Karikatur, wie es der Montanes später wurde. 
Doch wenden wir uns jetzt den Quellen des Dichters zu. Die 
wichtigste hat er uns selbst angedeutet. Es ist jene Novelle des 
Cervantes, die er als Episode in seinem unsterblichen Don Quixote 
verwoben hat, El curioso iiripertinente. 

Sowohl der Erzcähler wie der Dramatiker zeigen uns einen 
Toren, der im Besitz eines herrlichen getreuen Weibes (bzw. einer 
Braut^, von der unseligen Neugierde geplagt wird, ihre Tugend, ihre 
Treue auf die Probe zu stellen. Beide zwingen einen Nahestehenden 
(Freund oder Bruder) sich der Schönen zum Schein mit Liebas- 
werbungen zu nahen. Der Betreffende versteht sich nur nach langem 
Sträuben, nach ernsten Abmahnungen zu der Sache, betreibt sie 
aber schließlich mit solchem Erfolg, daß er die Dame für sich erobert. 
Daß Cervantes wirklich die Vorlage für Coello gewesen war, be- 
weisen noch eine Anzahl Stellen des Dramas. Don Diego ruft seinen 
Bruder, als er ihm den Vorschlag macht, warnend zu: 
YA curiofo impertinente 
te llamaran desde aqui. 
Don Blas — der curiofo impertinente Coellos — sagt: 
yo he de mirar y batir 
efta fuerza de mi efpofa, 
y efta criada ciuil 
ha de fer crifol por donde 
quilates me ha de aöadir: 
Bei Cervantes sagt der curiofo impertinente (Anselmo): 
— — deseo que Camila mi esposa pase por estas dificulta- 
des y se acrifole y quilate en el fuego de verse requerida. 
Bei Coello sagt D. Diego zu seinem Bruder: 
no hagas mas experiencias 
en muger, que no es de fabios 



2^) Bd. III, S. 465. 



32 Arthur Ludwig Stiefel. 

vieiido que el vafo es de vidrio, 
probar con golpes el vafo. 

Bei Cervaates sagt Lothario zu Anselmo: 
. . . seria justo que te viniese en deseo de tomar aquel dia- 
mante . . . y alli a pura fuerza de golpes . . . probar etc. 

Ferner sagt D. Diego: 

Mira que el honor es vidrio 

y guardado ha de viuir, 

que al primer lance fe quiebra. 

Hierauf D. Blas: 

Para que quiero elegir 
mnger de vidrio 

Wir lesen bei Cervantes: 

Es de vidrio la muger 
Pero no fe ha de probar 
Si se puede o no quebrar 
Porque todo podria fer. 

D. Blas sagt später von Dona Juana: 

Porcia fue — ihr gegenüber — cofa de burlas. 
Cervantes sagt: 

Cofideraba cuan entorado habia de quedar Anselmo de que 

tenia por muger a una fegiioda Porcia. 

Coello war übrigens nicht der erste, der die Novelle des Cer- 
vantes dramatisierte. Lope de Vega hat sie in sein Lustspiel La 
Necedad del Discreto (bereits in der II. Liste seiner Comedias 
verzeichnet, also vor 1618 geschrieben) verwebt, und Guillen de 
Castro hat ein sehr wirkungsvolles Drama daraus geschaffen. Ob 
Coello eines dieser beiden Stücke benutzte, will ich dahin gestellt 
sein lassen, da sie mir nicht vorliegen. Sicherlich hat aber Coello 
ein anderes Stück des Guillen de Castro nämlich seine 1625 gedruckte 
Comedia El Narciso en sie opinion benutzt. Vielleicht war es diese 
sogar, die ihn zu seiner Schöpfung anregte. 

Castros Stück, das Vorbild zu Moreto's Lindo Don Diego,^^) 
bietet bereits einen lächerlichen Junker, nur besteht dessen 
Schrulle, wie der Titel andeutet, hauptsächlich in seiner maßlosen 
Eitelkeit und Selbstvergötterung. Don Giitierre — so heißt Castro's 
Held — ein Name, wie wir sehen, den Coello für eine andere Per- 



30) Der sprichwörtliche Gebrauch dieses Titels wird manchmal auf 
Moretos 1662 gedrucktes Stück zurückgeführt, das ist indes unrichtig. Ich 
gedenke anderwärts zu zeigen, dafs die Bezeichnung schon lauge vorher 
sprichwörtlich war. 



Paul Scarron's ^Le Marquis ridicule". 33 

sönlichkeit übernahm, hält sich für unwiderstehlich und glaubt, daß 
alle Mädchen in ihn vernarrt seien. Wir fanden oben, daß auch 
der Vifconde ähnlich von sich denkt. Dann hat Coello einen Teil 
der Handlung des älteren Lustspiels verwertet. Bei Castro will Don 
Pedro, ein alter adliger Herr, einen seiner Neffen mit seiner Tochter 
vermählen und lädt sie beide ein, zu ihm zu kommen. Don Gutierre 
ist der eine davon. Sein Diener Tadeo verkündet seine Anwesenheit 
in Madrid. Der alte Herr ist beleidigt, daß die Neffen nicht bei 
ihm abgestiegen sind: 

Eftä enojado 
de no auernos apeado 
en fu cafa. 

Wir fanden das alles oben bei Coello. Bei diesem sagt der 
alte Herr zu Calabacas: „no fe apea en mi cafa." Wie letzterer 
eine Charakterschilderung vom Vifconde, so entwirft dort Tadeo eine 
von D. Gutierre, aber, was durchaus verwerflich istj gegenüber einem 
Fremden, einem Nebenbuhler seines Dienstgebers. Es findet ferner 
ein Zusammentreffen zwischen D. Gutierre und seiner Base im Bei- 
sein ihres Vaters statt, das zur Entfaltung des lächerlichen Charak- 
ters des Freiers führt. Außerdem wendet die für den Gecken be- 
stimmte junge Dame ihr Herz einem anderen zu, den sie am Ende 
durch eine lutrigue, bei der eine als Condefa verkleidete Person eine 
Rolle spielt, auch wirklich erhält, während D. Gutierre leer ausgeht 
und von allen Personen des Stückes verhöhnt wird. 

Diese den beiden Dichtern gemeinsamen Motive sind aber von 
ihnen so verschieden behandelt, daß man von dem jüngeren Dichter 
sagen kann, er habe sich seine Selbständigkeit gewahrt. 

Für den Cliarakter der Portugiesin Coellos dürfte Lope de Vegas 
La Portuguesa y la dicha del Forastero gesessen sein, wo Celia 
sich einem Fremden förmlich an den Kopf wirft und gleich Dona 
Antonia portugiesisch radebrecht. Lopes Lustspiel befindet sich auf 
seiner zweiten Liste, ist also vor 1618 geschrieben. 

Ferner hat Coello, wie es scheint, Tirso de Molinas heiteres 
Lustspiel Por el sotano y el torno gekannt: In der 1. Szene dieses 
Stückes wird Dona Bernarda, wie Dona Juana, bei einem Wagen- 
unglück ohnmächtig und von einem Galan, den sie später die Hand 
reicht, in den Armen in ein Haus getragen. Dona Jusepa, ihre 
Schwester, gibt sich für eine Portugiesin, für die Condefa de Ficallo, 
aus. Da nach Cotarelo y Moris Vermutung (Tirso de Molina. In- 
vesiigaciones bibihliograficos Madrid 1893 S. IGO) das Stück 
Tirsos aus dem Jahre 1622 stammt, was ich nicht sowohl aus 
dem von ihm angeführten Grunde, als aus verschiedenen anderen für 
wahrscheinlich halte, so steht einer Entlehnung seitens Coellos chro- 
nologisch nichts im Wege. 

Ztschr. f. frz. Spr. u. Litt. XXXHi. 3 



34 Artliur Ludwig Stiefel. 

Keine dieser Entlehnungen zwingt uns, Coellos Comedia später 
zu datieren, weil alle vor 1625 geschrieben worden sind. Keine 
zwingt uns aber auch die Originalität des Dichters wesentlich 
herabzusetzen: Mag er in der Fabel sich an Cervantes, in einzelnen 
Motiven an Guillen de Castro, Lope de Vega und Tirso de Mo- 
lina anlehnen, so hat er doch alles zu einem neuen durchaus ein- 
heitlichen wirkungsvollen Ganzen herausgearbeitet. Die wenigen wört- 
lichen Anlehnungen, die oben Erwähnung fanden, können seinen Ansprucli 
auf selbständige Behandlung nicht erheblich beeinträchtigen. Die Haupt- 
sache bleibt, daß er in der Auffassung, Dramatisierung und Entwicklung 
der Fabel und in der Darstelhing der Charaktere ganz seine eigenen Wege 
ging und daß, abgesehen von wenigen vielleicht unwillkürlich über- 
nommenen Ideen und Bildern, der ganze Dialog sein Eigentum ist. 

In der Tat ist seine Auffassung der Fabel eine durchaus origi- 
nelle von Cervantes und Guillen de Castro grundverschiedene. Jene 
beiden betrachteten die Handlung als ernst und gaben ihr einen hoch- 
tragischen Ausgang. Coello scheint gedacht zu haben, daß ein Mann, 
der die Erwählte seines Herzens, in deren beneidetem Besitze er sich 
befindet, einer aberwitzigen Probe unterzieht, wie es der Cnriofo 
impertinente tut, nur ein vollendeter Narr sein könne. Ein solcher 
aber eigne sich nicht zum Helden einer tragischen Handlung. Daher 
gestaltete er die Fabel rein komisch und machte aus dem Curiofo 
impertinente eine Karikatur. Während wir bei Cervantes und Guillen 
de Castro ein erschütterndes Ehebruchsdrama sich zutragen sehen, 
bewegt sich bei Coello die ganze Handlung in den Schranken der 
guten Sitte. Bei ihm ist nicht eine Frau, sondern eine Braut die 
Heldin. Und diese — Dona Juana, die der Camila der beiden 
älteren Dichter entspricht — ist von ihm mit großer Sorgfalt und 
Liebe behandelt worden. Er schildert sie als ein unverdorbenes 
durch nichts vom Pfade der Tugend abzulenkendes musterhaftes 
Mädchen, die den Gatten aus der Hand des Vaters unbesehen 
hinnimmt, die herb und spröde jedes Liebeswerben anderer 
Verehrer abweist und, sogar unter der Verpflichtung der Dankbarkeit 
gegen einen Lebensretter, nicht anders handelt. Wie sehr verdiente 
sie also das Vertrauen ihres Bräutigams, wie wenig war sein belei- 
digender Argwohn ihr gegenüber gerechtfertigt. Wenn also Don 
Diego auf sein Geheiß nach langem Sträuben die Rolle des Ver- 
suchers übernimmt und in Juanas Herzen, das ihm schon von Anbe- 
ginn mehr als sie sich selbst eingestand, zugetan war, immer grössere 
Fortschritte macht, so empfinden wir, daß Don Blas dieses Schicksal 
vordient. Wir zittern in der H. jornada, als Juana über Don Diego 
zürnt, sie könnte noch die Beute des Landtölpels werden und wir 
freuen uns, daß die Intriguen der Portuguesa den unwürdigen 
Bräutigam endgiltig aus dem Felde sclilagen. 

Es bedarf keiner Erwähnung, daß Coello diesen Charakter bei 
Cervantes oder G. de Castro nicht fand; ich füge gleich hinzu, daß 



Paul Scarrons „Le Marqnis ridicide'-', 35 

er auch die übrigen Charaktere ihm nicht entnahm. Ob er aber 
nicht Guillen de Castro den Umstand entlehnte, daß Ceatriz ihre 
Herrin für Don Diego einzunehmen sucht und den weiteren, daß 
dieser schon, bevor er von seinem Bruder den Auftrag erhält, die 
junge Dame in Versuchung zu führen, in sie verliebt war — beide 
Momente fehlen bei Cervantes, finden sich jedocli, wie ich A. Schaeffer 
entnehme, beim Yalenzianer — ist eine andere Frage. Da indessen 
diese Züge auch zufällige Übereinstimmungen sein können, so muß 
ich die Sache, zumal Castros Drama mir nicht vorliegt, unentschieden 
sein lassen. 

In der Durchführung und Gliederung der Haupthandlung und 
in der psychologischen Entwicklung des eigenartigen Charakters der 
Dona Juana zeigt der jugendliche Coello ein entschieden bedeutendes 
dramatisches Talent. Auch den Haupthelden, den Don Blas, ver- 
stand er geschickt zu zeichnen und folgericlitig handeln zu lassen. 
Er hielt sich dabei von Übertreibung vollkommen frei. Don Blas 
ist ein naturwahrer Charakter, den der Dichter dem Leben abge- 
lauscht haben mag, wenn vielleicht auch Guillen de Castros Don 
Gutierre nicht ganz ohne Einfluß darauf blieb. Hatte ich doch 
selbst einmal Gelegenheit, ein ähnliches Original vor Jahren zu 
beobachten. Don Blas verbindet eben das maßlos mißtrauische Wesen 
des ungebildeten Landbewohners dem überlegenen Städter gegenüber, 
mit der Aufgeblasenheit und dem Gefühl der Unwiderstehlichkeit des 
reichen Majoratsherrn. In der Vereinigung dieser entgegengesetzten 
Eigenschaften liegt sein komischer Charakter, sein „tema" und zu- 
gleich sein Unglück. Daraus fließt ganz naturgemäß sein seltsames 
Verhalten Doüa Juana und den übrigen Personen gegenüber, und es 
wirkt unwiderstehlich komisch, wie er gerade durch seine dumme 
Pfiffigkeit, das Unglück das er vermeiden möchte, heraufbeschwört. 

Hinter diese beiden Hauptgestalten treten alle anderen zurück. 
Don Diego ist der gewöhnliche Galan des Lustspiels, dessen Rolle 
indes durch den komischen Konflikt zwischen Liebe zu seiner Dame 
und Rücksichten für seinen Bruder einen originellen Reiz erhält. Die 
beiden criados Calabagas und Ortuiio sind noch nicht die gracioscs 
der späteren Zeit, d. h. Diener, „welche die Handlungen der Haupt- 
personen parodieren", sondern schlichte Bedienten; Calabacas ist der 
wichtigere, gelungenere. Ebenso ist Beatriz die gewöhnliche Zofe, die 
sich von Galanen zu Liebesintriguen bei ihrer Herrin verwenden 
läßt, und keine graciosa. Luisa und Rodriguez sind zu unbedeutend, 
als daß sich viel von ihnen sagen ließe. 

Don Gutierre und Dona Antonia sind unter den Neben- 
personen wohl die originellsten. Freilich insofern der alte Herr, 
wie jeder Hidalgo, streng über Ruf und Ehre der Tochter wacht 
und insofern er bei der Wahl eines Bräutigams für sie mehr auf 
Vermögen als auf treflliche Eigenschaften sieht, ist er ein gewöhn- 
licher Lustspielvater; aber der Dichter hat ihm den originellen Zug 

3* 



36 Arthur Ludwig Stiefel. 

verlieben, daß er, streng für die Tochter, für die eigene Person und 
betreffs junger Herrn in sittlicber Hinsicht sehr leichtfertigen Grund- 
sätzen huldigt. Und diese Eigenschaft war, wie wir oben sahen, für 
die Lösung des Lustspielknotens von entscheidender Bedeutung. 

Eine eigentümliche Gestalt ist Dona Anton ia, Coello be- 
zeichnete sie in der Personenliste als „Dama". Aber kann man ein 
Wesen noch so nennen, daß einen gefundenen an eine bestimmte 
Dame gerichteten Brief für sich zu einem groben Schwindel ausnutzt, 
das frech von der Straße aus durch das offene Fenster eines Hauses 
hineingreifend, einem Herrn ein Frauenbildnis entreißt um es in be- 
trügerischer Absicht zu verwenden, das ohne Scham vorgibt, von 
einem Manne, den es nie gesehen hat, ein Töchterchen zu haben, 
um sich dadurch seine Hand zu ergattern und das, als der Verfolgte 
sich sträubt und wehrt in der ihm gelegten Schlinge, rasch mit einer 
Abfindungssumme zufrieden ist? Verdient eine solche Person nicht 
vielmehr den Namen einer Hochstaplerin? Der Dichter hat ihr auf 
der anderen Seite große Schönheit und den Charakterzug verliehen, 
daß sie linajuda ist, d. h. daß sie es auf einen hocbadligen Gatten 
in allen Ehren abgesehen hat und daß sie, um zu einem solchen zu 
kommen, in allen Hotels und Pensionen ihre Spione hält, die sie von 
der Ankunft eines jeden vornehmen Fremden unterrichten. Faßte er 
sie als „erabustera", „picara" oder als „loca" auf? Mich will es 
bedünken, daß Coello sie zunächst als Närrin, als ein passendes 
Seitenstück zu dem Narren Don Blas dachte, dann aber als eine 
Kontrastfigur zur Hauptheldin, zu der innerhalb der Schranken des 
Hauses weilenden züchtigen schönen Dona Juana, während jene die 
nicht minder schöne, aber freche auf pikareske Abwege geratende 
Abenteurerin ist. Sympatisch ist der Charakter nicht, so wenig wie 
der des Don Blas, aber ich glaube nicht, daß wir dramatisch etwas 
dagegen einwenden dürfen. Haben doch Lope de Vfga, Tirso de 
Molina, Montalvan u. a. junge Damen, die sich einen treulosen Ge- 
liebten wieder erobern oder einen von ihnen verehrten Galan erringen 
wollen, auch oft zu recht bedenklichen Mitteln greifen lassen. Der 
einzige Vorwurf, der allen diesen unternehmungslustigen jungen 
Mädoben mit Recht gemacht werden kann, ist der der Unwabrscliein- 
lichkeit. 

Die Sprache von Peor es hurgallo ist einfach, natürlich, 
fließend. Freilich reicht sie nicht an die Diktion Lope de Vegas, 
Tirso de Molinas und selbst noch nicht an die Don Antonio de 
Mendozas heran, aber sie ist frei von kultistischen Auswüchsen und 
der Dialog verrät Gewandtheit. 

Merkwürdig ist es, daß in unserem Lustspiel die drei Ein- 
heiten beobachtet sind. Die Ereignisse umfassen noch nicht eine 
Zeit von 24 Stunden, sie tragen sich in Madrid in den Wohnungen 
der Dona Antonia und des Don Gutierrc, bezw. in den Straßen vor 
denselben zu, und die Handlung ist streng einheitlich. Ist diese 



Paul Scarro7is „Le Marquis ridicule'^ . 37 

Beobachtung „der Regeln" das Werk des Zufalls, oder wollte Coello, 
vielleicht angeregt durch Lopa de Vega's Arte nuevo de hazer 
Comedias oder irgend eine Poetik, den Versuch machen, den An- 
forderungen der Gelehrten zu entsprechen? Ich muß die Frage un- 
beantwortet lassen. 

Fasse ich mein Urteil über Peor es hurgallo kurz zusammen, 
so muß ich sagen, daß Coello die Novelle des Cervantes El Curioso 
hnpertinente in durchaus origineller Weise zu einer wirkungsvollen 
komischen Handlung ausgebildet hat, deren Entwickeluug und Lösung 
Spannung, deren Charaktere Interesse erregen. Den Grundgedanken 
der Novelle, von ihm im Titel seines Stückes durch das Sprichwort 
Peor es hurgallo, und gegen Schluß durch die Verse 

ya ninguno fe meta 
en probar a las mugeres, 
que es peligrosa cxperiencia 

wiedergegeben, hat er konsequent durchgeführt und ein recht artiges 
Lustspiel geschaffen. 

Mit diesem Stück hat er die maßvolle Figuron-Coraedia auf 
der Bühne heimisch gemacht und rasch zahlreiche Nachahmer 3i) 
gefunden, die ihn allerdings zum teil an Bedeutung und Ruf über- 
treffen sollten. Merkwürdiges Schicksal! Seine Figuron-Comedia, 
welche anderen spanischen Komikern den Weg zeigte, geriet in voll- 
kommene Vergessenheit, während eine darauf beruhende französische 
Nachahmung fast bis in unsere Tage wenigstens in den Ausgaben 
der Werke des Dichters fortleben konnte. Ich meine Scarrons Lust- 
spiel. Wir kommen jetzt zu dem französischen Stücke. Durch 
seineu Titel 

Le Marquis Ridicule ou la Comtesse faite ä la haste 3-) 

verrät er seine Quelle nicht. Ob Scarron die Absicht hatte, sie zu 



31) Wir haben bereits oben gesehen, wie dazu als erster D. A. Mendoza 
gehört. Don A. dal Castillo Solörzano mit seinen beiden Stücken 
El Mwjorazgo Figura (geschr. 1637) und El Marques del Cigarral — beide von 
Scarron nachgeahmt — folgte ihm. Als dritten möchte ich Rojas Zorilla 
anführen, der in seinem 1638 verfafsten Lustspiel Entre bohos anda el juego 
in vielen Dingen sich an Coello anlehnt. Da letzteres Stück von Thomas 
Corneille IGÖO unter dem Titel Don Bertrand de Cigarral nachgebildet wurde, 
so ist dieser Dichter auch mittelbar Coello verpflichtet. 

^'^) Über die verschiedenen Ausgaben des Stückes werde ich weiter 
unten handeln. Die ziemlich seltene editio princeps Paris Quinet 1656 lag 
mir leider nicht vor, sondern folgende Elzevier-Ausgabe: LE || MARQUIS || 
RIDICULE II ou la || COMTESSE || faite a la haste |[ Comedie. || Par 
Mr. Scarron. \\ (Buclihändlerzeichen). || Sniuant la Copie imprimee | A 
PAKIS I MDCLN. — 93 Seiten 16". Rückseite des Titelblattes frei. 
Auf Seite 3—5 die Dedikation A Monsieur L'Abbe Fovoquet. Auf 
S. G die Liste der Schauspieler. Der Text beginnt S. 7. — Exemplar im 
Besitze des Antiquars Jacques Rosenthal dahier, dem ich auch an dieser 
Stelle für die freundliche Überlassung danke. — 



38 Arthur Ludwig Stiefel. 

verbergen, läßt sich mit voller Bestimmtheit nicht sagen; denn wenn 
er einen anderen Titel \Yählte, so konnte der Grund ja sein, weil 
ihm der spanische nicht gefiel, oder weil er ein Sprichwort war, 
das schwer durch ein ähnliches französisches wiederzugeben war oder, 
richtiger gesagt, weil Sprichwörter als Comödien-Titel auf der franzö- 
isischen Büime nicht üblich waren. Jedenfalls läßt die Wahl seines 
Titels deutlich erkennen, daß es ihm in seinem Stücke nicht sowohl 
;um die leitende Idee Coellos, „peor es hurgallo'-^, als vielmehr 
;Um die burlesken Gestalten des lächerlichea Landtölpels und der 
heiratslustigen Abenteurerin zu tun war. 

Weniger ängstlich war Scarron auf Beseitigung der Namen 
seiner Vorlage bedacht. Er behielt mehrere davon bei, wie aus der 
nachfolgenden Zusammenstellung der Personenlisten ersichtlich ist. 

Coello Scarron 

Don Diego, galan Dom Sanche 

Don Blas de Yilloria Dom Blaize-Pol, Marquis de la 

Victoire 

Don Gutierre (de Varcas), viejo Dom Cosme de Varcas 

Dona Antonia, Daraa Stefanie, Dame Portugaize 

Doiia Juana, Dama Blanche, fille de Dom Cosme 

Luisa, ciiada de Dona Antonia Louize, fuiuante de Stefanie 

Beatriz, criada de Dona Juana Lizctte, fuiuante de Blanche 

Merlin, valet de Dom Blaize 
Calaba^as, criado de Don Diego feruant Dom Sanche 

loachin, criado de Don Gutierre — — — — — — — 

Ortuüo, criado de Don Blas Ordugno, Efcuyer de Dom Blaize 

Rodriguez, efcudero Olivares, Efcuyer de Stefanie 

Acompanamiento (Gens de Dom Blaize) 

Von den Namen hat also Scarron drei: Don Blas (Blaize), 
Luisa (Louize) und Ortuiio (Ordugno) ganz beibehalten; außerdem 
den Familiennamen des Don Gutierre. de Varcas. Aus de Villoria 
hat er das lautlich ähnliche de la Victoire gemacht. Weggelassen 
hat er den in der Tat überflüssigen Joachin. Seine Änderungen 
lassen sich meist begreifen: Sanche und Cosme klingen für franzö- 
sische Ohren annehmbarer als Diegue und Gutierre. Blanche, 
Stefanie und Merlin fügen sich besser in den Vers als Jeanne, 
Antoinette und Calabagas; Lizette ist ein in Frankreich ver- 
breiteter Bedientennamen, Beatriz dagegen niclit. Ob Scarron au 
den Conde-Duque dachte, als er den efcudero Rodriguez in Olivares 
umtaufte, will ich dahingestellt sein lassen. Vielleicht auch änderte 
Scarron jene Namen ohne jeden Grund, rein willkürlich; denn Diegue 
kommt in seinem Heriiier ridicule vor und Beatriz für eine „servante" 
findet sich in seinem Maistre Valet^ in seinem Jodelet soufßete und 
in L'H^riiier ridicule. 



Paul Scarrons ,,Le Marquis ridicule''. 39 

Was die im Texte vorkommendeu Namen anbelangt, so hat sie 
Scarron alle geändert. Es entsprechen sich bei 

Coello: Scarron: 

Don Luis de Vivero Dom Juan Palomeque 

Dona Ynes de Figueyra Elvire de Pacheque 

la Condefa de Alentexo Comteffe Alcala 

Der Schauplatz der Handlung ist in Original und Nachahmung Madrid. 
Mit den Charakteren hat der Nachahmer nicht unwesentliche 
Vei'änderungen vorgenommen. Alle Personen sind derber, realistischer 
geworden. Die feinen Nuanzen in den einzelnen Rollen sind ver- 
schwunden. Alle weisen nunmehr eine gewisse Familienähnlichkeit 
auf. Besonders zeichnen sich die Bedienten durch große Keckheit 
ihren Herrschaften gegenüber aus, was sich von den Bediensteten bei 
Coello nicht sagen läßt. Dementsprechend müssen bei Scarron wieder 
die Herrschaften gröber gegen die Diener sein, aber auch unter ein- 
ander schlagen jene oft einen Ton an, wie er in der guten Gesellschaft 
nicht üblich ist. Wie das alles sich im Einzelnen verhält, ersieht 
man am besten aus der Vergleichung der französischen Nachahmung 
mit dem spanischen Original. 

Acte I. 

Wie bei Coello eröffnet die portugiesische Abenteurerin mit 
ihrer Dienerin das Lustspiel. Die ganze erste Scene entspricht 
inhaltlich und vielfach wörtlich dem Anfang des spanischen Stückes. 
Indes führten ein paar Änderungen, die Scarron anzubringen für gut 
fand, zu verschiedenen Abweichungen im Dialog. So benimmt sich 
z. B. Louise (Luisa) ziemlich naseweis ihrer Herrin gegenüber. 
Dann spielt die Handlung, im spanischen Lustspiel, wie oben erwähnt, 
im Monat Mai, bei den Franzosen dagegen im heißen Sommer. 
Doiia Antonia spricht mit ihrer Dienerin im Hause bezw. unmittelbar 
vor ihrem Hause, während Scarron das Gespräch auf freier Straße 
vor sich gehen läßt. Auf diese Weise sind die Anfänge bei beiden 
Dichtern grundverschieden, 

Doiia Antonia bei Coello hatte Luisa, wie es scheint, fortgejagt 
und empfängt zu Beginn des Stückes die Wiederkehrende mit offenen 
Armen. Die Comedia hebt mit ihren Worten an: 

Buelua a cafa, pan perdito, 
que fin ti no valgo nada; 
la mas effencial criada 
eres que en el mundo ha auido. 
Dame los bragos. 

Antonia sagt ferner: 

Mira, las cofas de dentro 
folo las fio de ti. 



40 Arthur Ludwig Stiefel. 

De aueite echado me pefa, 

Mas yo lo enmiendo, que quieres? 

Und die Dienerin erwidert darauf: 

Que braua heclüzera eres! 
en efeto Portuguefa. 

worauf sie zu Antonias Verhältnis zu Don Diego übergebt: 

quieres bien todavia 
al encubierto don Diego? 

Anders Scarron. Er läßt die Dienerin anfangen und das 
Gespräch verläuft folgendermaßen: 

Louize: 
Madame excuzes-moy, fi ie vous interromp(s); 
Mais le Soleil icy donne für nous ä plomb. 
Sans parafol, fans mante, au Soleil ä teile heure, 
Eftre au cours, c'eft ioüer ä fe perdre, ou ie me meure. 
Voulez-vous faire icy de Taftre radieux 
Et de voftre bei oeil morguer celuy des Cieux? 
Sauf l'honneur que ie doy ä voftre noble effence, 
Co deffein Romanefque a de Textrauagance. 

Stefanie: 
Tu me parles toüjours auecque liberte 

Louize: 
Mais Madame apres tout, ie dis la verite; 
Car au cours, a midy, que voulez-vous donc faire? 

Stefanie: 
Ignorant mon deffein, tu n'as rien qu'a te taire. 

Louize: 
Au moins, m'auouerez-vous que Ton n'y vient que tard 
Et qu'on n'y laiffe point fon caroffe ä Tecart, 

I Von allem dem findet sich kein Wort in der spanischen Vorlage. 

Jetzt offenbart Stefanie ihren heißen Wunsch, sich hochadlig 
zu verheiraten. Dieser Gedanke kommt schon bei Coello vor, ist 
' aber bei Scarron stärker betont. Abweichend von jenem wittert die 
Dame auch noch bevor ihr Efcuyer mit der Meldung kommt, daß 
Don Sanche (Diego) und der Marquis (Visconde) eine und dieselbe 
Person sei, daß jener von hoher Abkunft sein müsse. 

Sur ce qu'en l'approchant mon ame m'aduertit 

Qu'il est ne graiid Seigneur; mais qu'il fe traueftit. 

Ebenso gehört dem Franzosen der Zug, daß Stefanie den 
Kavalier auch ohne diese Eigenschaft liebe, sowie der weitere, daß 



Paul Scarrons ,.Le Marquis ridicule'-'-. 



41 



ihr die „suiuante" rät, ihre Neigung für Don Sanche zu verbergen, 
da dieser ihr noch keinen Beweis gegeben habe, daß er ihre Liebe 
erwidere: „II est temps qu'a fon tour il faffe quelque auauce"! 
Habe er das, was sie brauche, dann rasch einen Notar und einen 
Pfarrer, wonicht 

Fermez-luy voftre porte, & m'en cherchcz vn autre. 

Stefanie will Don Sanche — ein weiterer, nicht bei Coello 
vorkommender Zug — hier erwarten und ihn zwingen, sich zu 
erklären. 

Und so wären noch einige Kleinigkeiten zu erwähnen, worin 
Scarron seine eigenen Wege ging. Übrigens finden sich selbst in 
diesem noch ziemhch selbständig gehaltenen ersten Teile der Scene 
Gedanken und Yerse, die fast wörtlich dem spanischen Original 
entlehnt sind. So z. B. 



Scarron. 

Stefanie: 

Je te difois tout ä Theure, Louize, 

Qu'a moins que d'vn Seigneur, 

ie ne puis eftre eprife. 

Stefanie : 
II est vray que ie dis ce que ie 
ne fais pas 



Coello: 
Dona Antonia: 
Mira, a toda ley, quifiera 
para emplear fauores 
fi ay en que efcoger, fenores. 

Doiia Antonia: 
Yo predico la dotrina, 
mas no la fe executar. 



Schließlich läuft alles doch auf dasselbe, wie in der spanischen 
Comedia hinaus. So gesteht Stefanie, gleich Antonia, daß sie ihre 
Netze auch noch auf andere Männer auswerfe und daß sie es 
namentlich auf Fremde abgesehen habe. Man vergleiche beide Dichter: 



Scarron. 
Stefanie: 



Pour cet effect, ie vole aux oifeaux 

paffagers 

Et noftre politique en veut aux 

etrangers. 

Tay de bons efpions dans les 

hoftelleries, 

Dans les poftes, bureaux, coches, 

meffageries, 

Tu m'es vn bou fecond, & noftre 

Oliuares, 

Pour nos nobles deffeins eft 

comme fait expres; 



Coello. 
Dona Antonia: 

Ya fabes que fue 
gran politica entre fueros 
desfrutar los forasteros. 

Luisa: 

Y yo te lo aconfeje. 

Doiia Antonia'. 

Y que para aquefta treta 
tengo con cuenta y razon 
efpia en todo mefon, 
centinela en la eftafeta. 



42 



Arthur Ludwig Stiefel. 



Aux yeux de cent jaloux, il frait 
faire vn mclTage. 

Louize: 
Bref Yoftre Oliuares cl't vn grand 
perfounage. 

Stefanie : 

II a fi^'BU decouurir, qu'vn certain 

vrai Marquis 

Arriue dans Madrid, & fgait bien 

fon logis. 

Ce feigneur etranger, fi i'ay bonne 

memoire 

A nom Dom Blaize Pol Marquis 

de la Victoire. 



Liiifa: 
— el buea Rodriguez, de Efpana 
el mas lamofa tercero — — — 
Es hombre honrado. 

Doiia Antonia: 
Sabe meter vu recato 

por el üjo de vna fuegra .... 

* * 

Pues de Castilla la vieja 
diz que ha venido vu Vifconde, 
que grande faufto apercibe ; 
porque viene aqui a cafarfe. 
Rodriguez fue ya in informarfe 
de la cafa donde viue. 



Die zweite, sehr kleine Szene -- Olivares kommt zu den vorigen 
— entspricht Coello vorwiegend wörtlich, aber mit Kürzungen; man 
vergleiche: 



Scarron. 
Olivares : 



le me fuis informe, comme vous 

m'auiez dit, 

Du logis de Dom Sanche, & ie 

f^^ay comme il vit, 

Et que pour le feruir, il n'a 

qu'vne perfonne. 

Mais on m'a dit de plus, & c'eft ce 

qui m'efionne, 

Que, fon appartement, dont ie 

me fuis enquis, 

Eftoit l'appartement de ce mefme 

Marquis 

De ce Dom Blaize Pol qu'on 

attend de Ca fülle. 

Stefanie; 
He bien ! c'eft vn Matois, vn petit 
noble, vn drille. 

Olivares: 
En fortant de chez luv, ie Tay 
trouue botte! 



Coello. 
Dona Antonia : 
Hafe informado? 



Modriguei 
mas con duda. 



Con prifa, 



Dona Antonia: 

Pues que ha auido 

Rodriguez: 
Que andando bufcando ciego, 
donde el Vifconde fe paffa, 
enfeiiandome la cafa, 
es la mifma del don Diego, 
tu galan, y aueriguando 
mas, por falir de efte abyfmo, 
dixeron, el quarto mifmo 
de don Diego, feiialando 
que era en el que el tal Vifconde 
viuia. 

Dona Antonia: 

Non paede fer. 



Paul Scarrons y.Le Marquis ridicule" 



43 



Loiiize: 
Et moy ie TapperijOi. 



Rodriguez: 
Y despues que deterniino 
boluerme, al quererme ir, 
vi al tal don Diego falir 
con veftido de Camino 
de cafa. 



Luisa: 



mas el viene por el Prado. 

Bei der dritten Szene — Don Sanclie (Diego) und Merlin 
(Calaba^as) — herrscht abermals Anschluß an Coello. Hier eine 
Probe: 

Scarron, Coello: 

Don Satiche: Calabapas: 

Tu dis donc que mon frere eft — — — — — — — — — 

venu? ya el Vifconde tu hermano 

— — — — — — — — — efta en Madrid. 

Don Diego: 

erro mi Padre en criarle 
fiempre en Caftilla vieja 
— — fiü el arte 
de la Corte etc. 



Que les Peres ont tort de tenir 

leurs enfants 

Eloignez de la Cour ä fe roüiller 

aux champs 



Äf erlin : 



Mais vous, mon eher Seigneur, 

qu'il ne vous en deplaife, 

Comment vont vos amours auec 

la Portugaize? 

Don Sanche: 
Stephanie ? 

Merlin : 
Elle mefme. 

Don Sanclie: 
Elles vont affez bien; 
Car eile me careffe, & ne demande 

rien. 
Merlin : 
Tant mieux. 

Don Sanche: 
Ie la vay voir, parce que fa 
demeiire 



Calahagas: 



Pero agora que me acuerdo, 

como te va con el Angel 

de Dona Autonia Maria, 

que ha dado en que ha de adorarte 

los penfamientos? 



Don Diego 



Muy bien. 



Mira, yo voy a Tu cal'a 



44 



Arthur Ludioig Stiefel. 



Eft proche de la mieiiue & qu'on 

m'ouure ä tonte heure. 

El Ton m'y voit fouuent n'ayant 

que faire ailleurs. 

Et manque auffi d'auoir des palTe- 

teinps meilleurs. 

I'y demeure par fois pour changer 

moins de place: 

Ten fors pour en cbacger, quand 

la mieuue me laffe; 

I'y reuay^) par couftume, & 

iamais par araour; 
Ma pareffe roiuient m'y retient 
tout vn iour. 

* 
le lui dis des doaceurs, qui ne 

nie couftent guere, 

Et fouuent ie me plays de luy 

rompre en vifiere 

Pour diuerfifier la conuerfation, 

Ou faifaut le ialoux par often- 

tation, 

Tay le plaifir de voir com"hient 

eile s'efforce 

D'appaifer vn aniant qui parle de 

diuorce, 

le paye fes faueurs de vers bien 

ou mal faits etc. 

Merlin. 

Voftre relatiou me la rend toute 

aymable; 

N'auez vous point a(p)pris ä fa 

rare beaute 

Voftre nom? 

Don Sanclie. 
Ouy Merlin, uon pas ma qualite, 
Xon plus que mou pais: mais eile 
s'imagine 



no mas de porque me abren, 
fientorae vn rato no mas 
de porque quiero fentarme, 
afsifto porque no tengo 
que afsiftir en otra parte, 
eftoyme de peregofo, 
y voyme por orearme: 
bueluo otra vez de coftumbre, 
y ella pieufa que es de 

araante; 
requiebro por refponder, 
porque ya que aya de hablarfe 
tanta faliua me cuefta 
vn requiebro que vn defayre: 

enojome por mudar 
conuerfacion y lenguaje, 
pido zelos por oirla 
del modo que fatisfaze: 
regalola con fonetos, 
feiias, promeffas, vifages etc. 



Cahagas. 
Por Dies, que me ha enamorado 
la relacion que me hazes: 
que linda muger! por cierto 
que fe haze querer de balde, 
Sabe tu nombre? 

Don Diego. 

Don Diego 
fabe que foy, mas no fabe 
mi apellido y patria, tanto 



1) Spätere Ausgaben wie z. B. Paris 1782 (Demieres (Euvres de Scarron, 
tome II, S. 224, haben hier: .,I'y rive par coutume & iamais par amour. 

Es ist dies eine sinnlose Entstellung, die ihren Grund darin hatte, 
dafs der Herausgeber nichts von dem damals schon veralteten Verbum mller = 
retoumer wufste und das Praesens fy re-vais {reuay) in fy reve änderte im 
Glauben, das Perf. revay sei ein Druckfehler. 



Paul Scarron's „Le Marqids ridicule'"'' . 45 

Que ie fuis pour le moins de que cree que foy Infante 

Royale origine de Aragon. 
Un Infant d'Aragon etc. 

Indes läßt uns Scarron schon jetzt manches erfahren, was 
Coello auf später verschiebt. So sagt z, B. Merlin gleich zu Anfang 
der Szene zu D. Sanche über den Marquis, er sei gekommen: 

craignaut fort d'eftre animal cornu, 
Et que cette beaute qu'icy l'on luy deftine, 
Nc foit pour fon repos trop aymable et trop fine. 

Während bei Coello Calaba^as des vom D. Blas empfangenen Briefes 
nur ganz flüchtig gedenkt 

mando que nie adelantaffe 
con efta carta, fenor, 
sagt Merlin: 

Sa lettre qu'il m'a leue & que vous apporte, 
Vous fera voir comment fon Marqnifat fe porte. 
II pretend fe cacher quelque temps dans Madrid, 
Faifant la guerre ä l'oeil, s'eclairciffant l'esprit 
Du renom & des moeurs de Tepouze promife, 
Qui payera bien eher le tiltre de Marquize. 

Geändert hat Scarron ferner den Grund, warum sich Don Sanche 
plötzlich entfernt. Bei ihm geschieht es, weil der Kavalier einer 
„jeune beaute", die er kurz zuvor gesehen, nachlaufen will. Bei 
Coello dagegen, will Don Diego gerade den Brief seines Bruders 
lesen, als er den Alcalde vorüberziehen sieht und vermutend, daß 
dies „por una miierte" sei, ihm nachläuft. 

Nach seinem Weggang stürzen, wie bei Coello, die drei Ver- 
borgenen die von dem Gespräche nichts hatten verstehen können, 
auf den zurückgebliebenen Diener, dem Scarron abstoßende Derbheiten 
in den Mund legt, wofür er bei dem Spanier keine Vorbilder fand. 
So ruft z. B. Merlin der suiuante Louise zu: 

Adieu moule adorable ä faire des enfants. 

Auch Merlin wird, wie Calabagas, von der jungen Dame mit einem 
Diamanten bestochen, damit er ihr über seinen Herrn Auskunft erteile, 
und auch er rückt trotzdem nicht mit der Wahrheit heraus. Auch 
er flieht und läßt im Fliehen den Brief des Marquis fallen, der auf- 
gehoben und von der jungen Abenteuerin gelesen wird. Wie bei 
Coello befindet sich in dem Briefe eine Einlage, ein Brief des Schreibers 
an die Braut, kurz es herrscht fast durchweg Übereinstimmung 
zwischen Original, und Nachahmung. Ich stelle hier wieder zur 
Veranschaulichung Stellen aus beiden nebeneinander: 



46 



Arilmr Ludwig Stiefel. 



öcarron. 
Olivares : 
Oll c'en fönt deiix en vn mefme 
paquet. 

Stephanie : 



Coello. 
Dona Antonia: 

Otra trae dentro. 



Lee aqueffa. 



Luifa'. 



La datte eft d'aujourd'huy, la Dona Antonia: 

lettre eft tVaicbe faite. Desta tarde 

• — — — — — — -— — — es la fecba — — — — — — 



Lettre 
Mon frere. 

le fiiis dans Madrid, & qui pis 
eft, i'y fuis pour me marier. 
Tay grand peur, qu'vu bourreau 
de beau-pere ne m'aille tromper, 
& ne m'ait promis plus de beurre 
que de pain. le ne me mouclie 
pas für ma manche, comme vous 
fgauez, & il en faudroit venir 
au coupe gorge. le vai donc 
faire la guerre a l'oei!, car de 
deux accidents, 11 faut euiter le 
pire. Informez vous de fes vies 
& moeurs de voftre cofte, comme 
ie feray du mien & me fyachez 
bon gre de la confidence. Ie vous 
addreffe une lettre que i'efcris 
ä ma future epouze afin qu'elle 
ne me foup(;onne pas d'eftre ä 
Madrid. Le deffus de la lettre 
vous apprendra fa demeure. 

Douize : 

A-t-on iamais efcrit plus extra- 

uagamment, 

En des termes plus bas, avec 

moins d'agrement? 

Le style refpond mal a l'efprit 

de Dom Sanche. 

Auez vous remarque ce mouclie 

sur la manche? 



— — — — oy le ha efcrito, 

Dize afsi: 

Hermano yo eftoy en Madrid, 
donde he venido a cafarme, por- 
que me ha enganado cl Diablo 
de mi fuegro; el faber que mi 
efposa es moca y hermofa me ha 
dado tan mala efpina, que me 
obliga a que auerigue efcondido 
la opinion que tiene: afsi tu entre- 
tanto que ncs vemos, puedes a- 
ueriguar fi anda a derechas y 
agradeceme la fineza de defcu- 
brirme a ti que no penfaua hazer 
mas con vn hermano mio. Para 
quitar la fofpecha de que eftoy en 
Madrid, has de Ueuar effa carta 
a la que ha de fer miefpofa por- 
que pienfen que no he llegado 
y yo confeguire el affegurarme 
de lo que temo delante de Dios. 
El te guarde. 

Luifa : 
Yo no eftrano tanto effo 
como el eftiln y lengiiage: 
yo no tenia a Don Diego 
por menguado. ay difparates 
como los que efcriue aqui? 

Rodrigiiez: 
Ay algunos que no faben 
mas de parlar la cartilla 



Paul Scarroii's „Le Marqnis ridicule'* . 47 

Stephanie: y fi Hegau a apurarles 

On ecrit mal parfois, quoiqne defcubren aquesta hilaza. 

Ton parle bien. * ^ * 

Dona Antonia: 

Louize: ^ a^t^ ^^ quien 

le n'eiiffe iamais cru qu il euft ^^ j^^q^ ^^ menpuado efcape: 

efcnt fi mal. ^^j^ ^^^^ ^^ diferencia 

II nous deguifoit bien fon efpnt ^^ ^^^^^ ^^^^^ ^^^^^^^ 

de cheval. ^a tema, que todos tienen, 

Stephanie: una tema en que difparen 

Perfonne n'eft exempt d'avoir y en Uegando a hablar en ella 

quelque foibleffe, deliran, como efte liazc, 

Quelque tendre, oü d'abord qu'on que debe de fer zelofo 

le touche on le bleffe. fin prudencia, y al tocarle 

II est ialoux fans doute & quand en efta tecla, diffuena. 

fon mal le prend, * * * 
D'agreable qu'il eft, ridicule il 

fe rend. Dona Antonia: 

II verra fi ie fiiis de mon cofte ' 

ialouze. Veamos pues lo que efcrlue, 

Yoyons comment il parle a fa a fu efpofa que Dios guarde: 

diuiue Efpouze. A dona luana de Vargas 

L'adreffe oft: A Madrid pour mi muger, viue en la calle 

Blanche de Vargas del Prado, en una cafa 

Dont la Maifon contient vn de tres rexas. 

appartement bas 

Peint de neuf et grille, qui 

donne cn la grande rve. 

Wie man sieht, hat Scarron die lächerliche Adresse noch läclierlicher 
gestaltet, wie er schon oben den Brief des Don Blas vergröbert und 
alberner gemacht hat. Dagegen hat er den Brief des Don Blas an 
seine Braut nur gekürzt, sonst aber wörtlich übersetzt. Man vergleiche: 

Scarron. Coello. 

Ma chere Efpouze. Efpofa mia, unos pocos de in- 

Quelques affaires m'empefchent de conuenientes uo me dexan que 

vous appeller de plus pres de te Harne defde tan cerca como 

ce doux nom, Receuez-le d'ou yo quifiera, y afsi oyelo tu defde 

vous eftes, ie vous le donne d'ou donde tu eftä^, pues yo te lo 
ic puis, & cependant ie confens,- Hämo defde donde lepuedo. Entre- 

& ma volonte eft que cette lettre tanto que yo voy a cumplir con 

ait la force d'une promcffe de mi conciencia, va efta carta a 

mariage, en attendant que nous affegurar las obligaciones que te 

le confommions dans Madrid apres tengo, como bueno y fiel marido: 

la benediction du Prestre. y porque no parezca que lo que 



48 Arthur Ludwig Stiefel. 

Dom Blaise Pol Marquis la dilato es que no quiero ferlo, 
de la Yictoirc. quiero y es mi voluntad pue efta 

firua y tenga fuerza de cedula 
de cafamiento, por donde nie 
Obligo a fer tu marido para con 
el Yicario, pues lo foy yo para 
con Dios. 

Im spanischen Original hat die junge Dame kaum Zeit ihren 
Wunsch nach Rache über den vermeintlichen Trug des Diego-Blas 
/ zu äußern, als der Unfall der Dona Juana hinter der Bühne sich 
ereignet und ein Geschrei verursacht, das ihre Rede unterbricht. 
Scarron ließ diesen Zwischenfall nicht auf der Bühne vor sich gehen, 
sondern — wie wir weiter unten sehen werden — später erzählen. 
Bei ihm schließt sich daher an die Rachedrohung der Abenteurerin 
ununterbrochen ihre Aufforderung an ihre Begleiter an, ihr dabei zu 
helfen, worin der französische Dichter übrigens oft anch im Ausdruck 
Coello folgt. Nachstehende Zusammenstellung bezeugt dies: 

Scarron. Coello. 

Stepliani: Doüa Antonia: 

— — — — — _ — — — Viue Dios! que he de vengarme. 
— ■ — je veux tout faire, afin * _^ * 

de me vanger, 
Ouy perfide, ouy meschant i'irav liuisa: 

chez ta Maift reffe, P"es que intentas? 

Luy faire le recit de ta fauffe jj^-^ Antonia: 

huelle. Ygj, ^^ efposa, y con vltragcs 

Louize, Olivares, ilfautmeseconder jeshazer con mis noticias, 

A rompre cet hymen quanto el con finezas gane. 



Qu'il en meure le traiftre! 

Louize : 
Ouy, qu'il meure! etc. 



Rompere entonces con todo. 
Louize: . . . entonces .... matarle. 



Luisa : 
Pues mueraelfalso Visconde! etc 

Mit dieser Szene schließt der I. Akt. 



Acte II. 

In der ersten Szene dieses Aktes erfahren wir aus dem Gespräche 
zwischen Blanche (Dona Juana) und ihrer Dienerin Lisette (Beatriz) 
zunächst einiges über den üniall, den Coello so dramatisch wirksam 
teils hinter, teils auf der Bühne sich hatte abspielen lassen. Dann knüpft 
Scarron sofort wieder an die spanische Comedia da an, wo er sie 
am Schlüsse des I. Aktes gelassen hatte, nämlich in der Mitte der 



Paul Scarrons ,,Le Marquis ridicule^^. 49 . 

L Jornada: Dona Juana von Diego ins Haus getragen, erwacht, 
Dou Diego macht ihr eine Liebeserklärung, wird aber von ihr ab- 
gewiesen und geht; Beatriz spricht mit ihrer Herrin über das 
Heiraten. Diese Szene, welche 5 lange Kolumnen Druckes bei Coello 
umfaßt, hat Scarron auf noch nicht 2 Seiten zusammengedrängt. Er , 
erreichte dies dadurch, daß er Don Diego-Sanche nicht auftreten läßt. 
So fiel das Gespräch des Kavaliers mit der von ihm Geretteten fort. 
Bei ihm ist letztere zu Beginn des Aktes nicht mehr ohnmächtig, 
sondern hat sich bereits ziemlich erholt und spricht mit Lisette über 
ihren Unfall. Letztere gibt ihr eine Schilderung des Vorgangs, wo- 
bei Scarron, da Coello ihn nicht erzählen läßt und sehr knapp in 
der Angabe der einzelnen Umstände ist, einiges erfinden zu müssen 
glaubte: Der Franzose motiviert das Scheuwerden und Durchgehen 
der Pferde durch das plötzliche Bellen eines Hundes. Da der 
Kutscher — nach Scarrons weiterer Erfindung — total betrunken, 
die Zügel nicht festhielt, die Lakeien nicht mitgekommen waren, so 
galoppierten die rasenden Pferde auf das steile Ufer des nahen 
Flusses zu. Niemand nahte zur Rettung, bis der fremde Kavalier 
„ou pluftoft ce bon ange" 

Vola vers vos cheuaux d'vne viteffe eftrange 
Et coupa leur harnois de fon acier tranchant. 

Die junge Dame lag indessen ohnmächtig in den Armen ihrer 
Dienerin, die jetzt ihren Bericht mit den "Worten schließt: 

Vous reuintes apres de voftre pämoifon, 

Et lors vos yeux ingrats par grande trahifon, 

Firent au caualier vne amoureufe playe. 

Weggeblieben mit der Person des Retters in dieser Scene ■ 
ist sein Liebeswerben bei seinem Schützling. Er hat die junge Dame 
nicht ins Haus getragen und ihr bis jetzt das Haus nicht betreten, i 
Der französische Dichter begnügt sich, Lisette zur Herrin sagen zu 
lassen : 

Je croirois bien auffi qu'il vous trouua bien. 

Scarron, der den bei Coello so fein, so sorgfältig gezeichneten \ 
Charakter der Doiia Juana nicht wiedergeben wollte, oder vielleicht, \ 
richtiger gesagt, nicht wiedergeben konnte, läßt Blanche daraufsagen: 

Comme j'eftois, Lizette? 
Und Lisette versetzt: 

Ouy, comme vous eftiez, 
Toute pafle, ä fes yeux autant yous eclattiez 
Qu'il eclattoit alors aux voftres par fa mine, 

Vorher hatte Blanche schon, ganz gegen den Charakter Juanas bei 
Coello, von ihrem Retter gesagt: 

Qu'il me parut ciuil! qu'il eft bien fait! 

Ztschr. f. frz. Spr. u. Litt. XXXII i. 4 



50 



Arilnir Ludwic/ Stiefel. 



Schließlich kommt Scarron nach dieseu Abweichungen von seinem 
spanischen Vorbild Avieder auf es zurück, wie die nachfolgenden 
Parallelen zeigen. 



Scarron; 
Blanche: 



Le plaifir qu'on m'a fait m'in- 

quietie ä tel point, 

Par la ciainte que i'ay de ne le 

pouuoir rendre, 

Que de m'en attrifter ie ne nie 

puis deffendre. 

Lizette : 
le croy cette trifteffe vne naiffante 

amour, 

Qui paroit dans vos yeux claire 

comme le iour. 

Blanche : 
Amour? raoy? 

Lizette : 
Vous? amour? eftes vous 
une fouchc? 

Blanche: 
Non, mais i"ay de l'houneur. 

Lizette : 
Qui vous rend bien farouche. 

Blanche : 

Quand i'aurois repugnance ä viure 

fous fes loix, 

Vne fiUe prend-elle vn Efpoux ä 

fon choix? 

N"attens-ie pas le mien auiourd'- 

huy? 

Lizette : 

Mais Madame, 

ö"il eft mal fait de corps auffi 

bien que de l'ame? 

Blanche: 
Si mon Pere me donne vn Efpoux 
odieux. 



Co eil o; 
Dona Juana: 

No fe que nueua 
inquietud tengo en el alma 
que va a padecer trifteza, 
y otro efecto no cnteudido 
no dexa que lo parezca. 



Beatriz: 



Es amor? 



I). Juana: 

Amor! que dizes? 
que es amor? 

Beatriz: 

Pucs eres piedra? 

D. Juana: 
No, fino honrada, que es mas. 

Beatriz: 
No todo amor es flaqueza, 
bien pudieras inclinarte 
y fer honrada. 

D. Juana: 

Las penas 
en mi condicion eftudian 
a no fentir yo ternezas: 
fuera de que, como fabes, 
eftoy cafada, y muy cerca 
de Uegar ya mi marido, 
que aquefta noche le efpera 

mi padre. 

* * 

Beatriz : 

pero dime fi faliera 
al rebes efte marido? 

D. Juana: 
Echar la cupla a mi eftrella. 



Paul Scarron's ,.Le Marquis ridicule". 



51 



PoLir de niieux faits que luy ie 
fermerai les yeux. 

Lizette : 
Si quelque amour fccret Foblige 
a la depenfe? 

Blanche: 
Ie regleray la mienne & prendray 
patience. 

Lizette: 

S'il eft ialoux, auare, impertinent, 

railleur, 

S'il eft facheux, mal -propre, 

yurogne oii grand parleur, 

S'il eft joüeur, s'il perd fes terres 

& les voftres? 

Si cagot, iour & nuit il dit fes 

patenoftres? 

S'il eft chauue, gaucher, rouffeau. 

louclie, ou cagneux? 

Blanche: 
Le Ciel ne fera pas pour moy fi 
rigoureux: 



Beatriz: 
Si fueffe necio? 

D. Juana: 

Sufrirle, 
que para aquefto foy cuerda. 

Beatriz: 
Si rezelofo? 

D. Juana: 

Qiiietarle, 
que para effo foy honefta. 

Beatrit: 

Si es mugerico? 

D. Juana: 

Halagarle 
mucho, per ver fi lo dexa. 

Beatriz: 
Si es de mal talle? 



D. Juana: 
otro que mejor Ie tenga. 



No ver 



Beatriz . 



Si es tahur? 



D. Juana: 

Jugar con el. 



Beatriz: 
Si es caluo? 

D. Juana: 

Teuer paciencia. 

Beatriz : 
Si es zurdo? 

D. Juaua : 

No quiera Dies, 
que tan desdicbada fea: 

Diese Zusammenstellung spricht deutlich: Scarron erscheint hier ' 
als bloßer Übersetzer. Weggelassen hat er nur die Rede Juanas 
über das Verhalten eines jungen Mädchens, wenn es sich um die 
Wahl eines Gatten handle: 

4* 



52 Arthur Ludwig Stiefel. 

Mira Beatriz, las mugeres, 
si algun amor uo las ciega, 
con los ojos de su padre 
miran mejor etc. 

In der 2. Szene tritt Dom Cosme (Don Gutierre) auf und 
erkundigt sich nach dem Befinden seiner Tochter. In der 3. Szene 
kommt Merlin (Calabacas), von seinem Herren gesandt, dazu. Bei 
Coello erscheint zuerst der letztere, dann der erstere. Im übrigen 
schließen sich beide Szenen eng in allen Einzelheiten an die spanische 
Vorlage an. Nur verbreitet sich Merlin nicht ausführlich über den 
Charakter des Dom Blaize seinem Schwiegervater gegenüber, wie es 
Calabacas (s. oben S, 9) zwei Kolummen lang tut; er begnügt sich, 
als Cosme sein Erstaunen bekundet, daß der Schwiegersohn nicht 
bei ihm abgestiegen sei, doppeldeutig zu sagen: 

II est d'vn naturel surprenant. 

Nachdem sich Dom Cosme mit Merlin entfernt hatte, um Dom 
Blaize aufzusuchen und Blanche nachdenklich zurückgeblieben war, 
erscheint wie in Peor es hurgallo ihr Lebensretter (4. Szene), um 
seine Liebeserklärung zu wiederholen, wird aber wie dort aufgefor- 
dert, das Haus zu verlassen. Die Dienerin tröstet den über die 
Kälte und Grausamkeit der jungen Dame Trostlosen und will ihn 
hinausgeleiten, als sie durch die plötzliche Ankunft des Dom Cosme 
und Dom Blaize gezwungen wird, ihn zu verstecken. Sachlich findet 
auch hier volle Übereinstimmung mit dem Original statt, aber im 
Ausdruck hat sich Scarron dieses Mal weniger genau daran gehalten. 
Wenn Don Diego bei Coello sich für einen Sklaven erklärt, der zu 
den Ketten zurückkehrt oder sich mit dem Schmetterling ver- 
gleicht, der der Flamme zufliegt und wenn es ihm auch 
das Leben koste, so begnügt sich Dom Sanche beim Franzosen 
damit, den schönen Augen, die er um jeden Preis wiedersehen mußte, 
sein Herz anzubieten „comme ä mes Dieux". Ein paar kleine 
Stellen sind indessen auch hier herübergenomraen, so z. B. folgende: 

Scarron: Coello: 

Blanche: D. Juana: 

II eft vrai, ie vous dois la vie, que ya que la vida os deba 

& ie confesse con todo el honor la pague etc. 
Qne mon coeur genereux me Ie 
redit fans cesse. 

In der 5. Szene bringt Scarron im genauen Anschluß au die 
Szeuenfolge des spanischen Stückes deu Laudjunker, den Marquis 
Dom Blaize Pol, im Gefolge des Dom Cosme auf die Bühne. Es 
war von vornherein von dem burlesken Dichter Scarron zu erwarten 



Paul Scarrons „Le Marquis ridicule''. 53 

daß er die vom spanischen Dichter noch innerhalb weiser Grenzen 
gehaltene lächerliche Figur zum vollendeten Narren, zur überladenen 
grotesken Maske herausputzen würde. Und so ist es in der Tat. 
An keiner Person des Stückes hat Scarron mehr gearbeitet als an 
dieser, und doch verschmähte er es nicht, auch alle vom spanischen 
Dichter bei seinem Charaktergemälde verwendeten Farben bis in die 
kleinsten Nuancen für seine karrikierte Nachahmung zu verwerten. 

Neu ist z. B., daß Dom Blaize, eintretend, seine Dienerschar 
anschnauzt: 

Ne vous difpenfez pas, ma fotte valetaille 

En vn iour important comme vn iour de bataille 



Ne vous difpenfez pas, dis-ie, mes fottes gens, 
D'eftre au moindre clin d'oeil, a ma voix diligens, 
Afiii que la Deeffe ä qui mon coeur encenfe 
luge de mon efprit par voftre obeiffance. 

Neu ist ferner, daß Dom Blaize nach dem Abendessen verlangt 
und Wünsche betreffs desselben äußert. Neu ist auch, und burlesk! 
wirksam, daß der Diener des Landjiinkers, der schon in Peor es] 
hurgallo von seinem Herrn bei allen Anlässen und zwar unter An-; 
rufung seines Namens gefragt wird, hier so viel gerufen wird, daßj 
er ärgerlich wird, verdrießlich antwortet und deshalb eine Strafredel 
vor allen Anwesenden von seinem Herrn hinnehmen muß. Neu ist' 
endlich die bald aufgeblasen herablassende, bald unverschämte Art: 
mit der Dom Blaize gleich anfangs seinen Schwiegervater behandelt. , 
Und so hat Scarron noch manches hinzugetan, was den Figuron- 
charakter des Marquis verstärken mußte. Im übrigen verläuft die \ 
Szene genau wie bei Coello, und Scarron hat sich jenen wieder stark 
wörtlich zu Nutzen gemacht. Hier einige Proben: 

Scarron: Coello: 

Dom Blaize: Don Blas: 

— — — — — — — — — Mas vale paxaro en mano, 

Mieux vaut vn oifillon qu'on tient dixo vn antiguo problema, 

doffus le poin que bueytre volando, aplico: 

Qu'vn grand oifeau de prix volant Vos nacil'teis para Reyna 

dans l'air bleu loing. por vueftras partes, y el cielo 

Vous meritiez vn Roy, mereille baze que vn Vifcondo os tenga. 

fans egalle, * ^ * 

Vous n'aurez qu'vn Marquis foubs Ortuno ! — — — 

la loy coniugale. No ha eftado buena la arenga? 



Ordugno! quo dis-tu de Tappli- 
cation? 



Oriufio. 
Famofo. 



54 



Arthur Tjudwig Stiefel. 



Ordugno : 
Qu'elle eft digne de vous. 

D. Blaize: 

Elle el't dlnuention 

Et fans doute eile aura la don- 

zelle attendrie. 



Madame. 



Lizette : 

Quelle Pedanterie 



D. Blas: 

Ya nie parcce 
que eltaiä la nouia ticrno. 

ßeatriz: 

Que terrible necedad! 

* ^ * 

D. Juana: 

Quando huuiera, 
que no es pofsiblc, en el mundo 
mas que fer efpofa vueftra, 
lo ajüstado que yo viuo 
de mi padre ä la obediencia 
no me dexara penfar 
que fubir a mas pudiera. 
Y afsi de fer vuefta digo 
que eftoy dos vezes contenta, 
por fer vos a quien elige, 
y por fer el quien lo ordena. 



Blanche: 

Quand bien on m'offriroit, ce qui 

ue fe peut pas, 

Vn Efpoux plus que vous ä mes 

yeux plein d'appas 

Et dont la qualite fuft plus cou- 

fiderable, 

Ce qui n'eft pas poffible, encore 

moins croyable; 

Quand au lieu de Marquis, vous 

feriez vn grand Roy, 

Le pouuoir que mon Pere a tou- 

fiours eu für nioy. 



M'auroit fait confentir au bon 

choix de mon Pere 

Ainfi pour deux raifons i'ayrae 

vn fi digne Efpoux 

Et parce qu'il le veut, & parce 

que c'eft vous. 

Ein paar Verse hat Scarron aus einer früheren Szene des 

Spaniers entlehnt. Dom Blaize sagt zu Ordugno: 

Pay grand peur qu'une femme si belle 
De moy son papillon deuiendra la chandelle. 
Scarron erinnerte sich hier des oben (S. 52) angeführten von 
Diego gebrauchten Vergleichs mit einem Schmetterling: 
Que culpa, dulcc homizida, 
tiene maripofa ciega, 
fi cl nacer la llama hermofa 
le cuefta morir en ella? 

Manche Züge des Spaniers hat Scarron verstärkt. So will z. B. 
Don Gutierre den Bruder des Vifcomle auch ins Haus aufnehmen. 
Der eifersüchtige Don Blas widersetzt sich dem mit den Worten: 



Paul Scarrons „Xe Marquis ridicnle'' . 55- 

Como es effo? ni iiii bermaiio 
ni mi padre que viuicra 
ni ningnn criado es bien 
que viua y more de puertas 
adentro con mi rauger. 

Scarroo aber, der diese Stelle übernommeii bat, läßt den Mar- 
quis folgendermaßen protestieren: 

C'eft fort mal pretendu, mon beau pere. 

Dom Cosme: 

Et pourquoy. 

Dom ßlaize: 
Parce qu'en vu legis oü dormira ma ferame 
De mon confentement ne dormira corps d'anie; 
Par corps d'ame, i'entends tous pareus, toiis amis 
Tons valets, mefme auffi, s'il m'eft ainfi permis 
Tous cbieus, cbats, & cbeuaux mafles, toute peinture 
Qui reprefente au vif mafculine figure, 
Sans doute, vous direz, & vous direz bien vray, 
Que ie fuis fort ialoux; mais ie m'en fgay bou gre. 

Hinzugefügt hat Scarron noch, daß der Marquis dem Orduguo 
den Auftrag gibt, ordentlich das Haus zu durchsuchen und daß auch 
die übrigen Diener des Toren „tous les paffages tiennent,'" als ob 
sie dafür bezahlt würden. 

Weggelassen hat Scarron, hier wenigstens, dagegen den Umstand, 
daß die junge Dame mit ihrer Zofe leise spricht und daß Dom 
Blaize darüber eine wütende Äußerung macht. "Wir werden weiter 
unten sehen, daß Scarron den Umstand nachholt. , 

Endlich verdient noch eine Abweichung Scarrons von der spa-/ 
nischen Vorlage Erwähnung. Während Coello den verborgenen Don 
Diego, sehr wirksam, in ä partes die Vorgänge der Szene verfolgeii 
läßt, hat Scarron Dom Sanche ganz beseitigt. 

Nachdem Dom Cosme mit dem Marquis und seinem Gefolge 
das Zimmer verlassen bat, seufzt Blanche laut: „Ha Lizette!" Diese 
will ihrer Entrüstung über die entsetzliche Heirat mit jenem „Mar- 
quis campagnard fantasque en cramoisy" Ausdruck verleihen, aber 
Blanche verweist ihr das und verlangt, daß sie mit Respekt von 
ihrem Bräutigam rede: 

encore qu'il me mal-traitte 
Quelques cruels tourmens qu'il me faffe endurer, 
II ne m'eft pas permis mefme d'en murmurer. 

Dann gibt sie der Dienerin den Auftrag, den Kavalier schleu- 
nigst liinauszulassen; sie zittere, es könnte ihn jemand sehen. Sie 
fügt hinzu: 



56 Arthur Ludwig Stiefel. 

Di(s) luy que ie reftime autant que ie le doy 

Et que de l'Action qu'il a faitte pour moy 

La memoire en mon coeur par le deuoir tracee, 

Par la longueur du temps ne peut eftre efifacee; etc. 

Dies alles und die sechs Verse umfassende Antwort Lisettes, 
welche den Auftrag der Herrin zu vollziehen verspricht, hat Scarron 
aus einem einzigen Verse Coellos entwickelt, welcher lautet: 

D. Juana: Oyes Beatriz [sie flüstert ihr etwas zu]. 
Beatriz'. Ya te entiendo. 

Mit dieser Szene schließt der II. Akt, gerade wie die ent- 
sprechende spanische den Schluß der Primera Jornada bildet. Aus 
einer Jornada hat also Scarron gerade zwei Akte geformt. 

Fassen wir nochmals zusammen , was die Vergleichung des 
IL Aktes mit der spanischen Comedia ergeben hat, so haben wir ein 
ähnliches Verhältnis wie schon im ersten Akte zu konstatieren, nur 
mit dem Unterschied, daß, während hier die bedeutendsten Ab- 
weichungen von der Quelle am Anfang, in der ersten Szene, zu finden 
sind, sie dort am Schlüsse, in der letzten Szene sich zeigen. 

Auch in den Charakteren lassen sich bereits Abweichungen von 
den spanischen Vorbildern beobachten: Dom Blaize ist närrischer, 
roher und frecher als Don Blas, Ordugno kecker als Ortuno und 
Blanche lange nicht so abweisend, herb und spröde wie Dona Juana. 

III. Akt. 

Diesen Akt eröffnet die „Soubrette" Lisette. Die Diener des 
Marquis, die überall Schildwache stehen, haben es ihr unmöglich 
gemacht, selbst während des Abendbrotes, den Don Sanche aus seinem 
Gefängnis zu befreien. Nun kommt sie, holt ihn heraus und erfährt 
aus seinem Munde, daß der Bräutigam sein Bruder ist. 

Scarron klärt uns nicht darüber auf, wie Dom Sanche erfahren 
habe, daß der Bräutigam mit seinem Bruder Dom Blaize identisch 
sei; ob er etwa von seinem Verstecke aus gelauscht und ihn an der 
Stimme erkannt oder ob er ihn unbemerkt gesehen hat. Es ist dies 
unbedingt ein Fehler. 

Im Begriffe zu gehen, werden Lisette und Dom Sanche durch 
Dom Blaize, der 3 mal nach Ordugno ruft (2. Szene), zurückge- 
schreckt und D, Sanche sucht wieder seinen Versteck auf. Es folgt 
eine 11 Seiten lange Sceue, die längste des Stückes, in der sich 
Scarron bald aufs engste, auch sprachlich, an sein Vorbild anschloß, 
bald seine eigenen Wege ging, stets bedacht, den Charakter des 
Dom Blaize mit neuen Zügen auszurüsten, ihn noch mißtrauischer, 
beschränkter, ungebildeter zu gestalten als bei dem Spanier. Die 
Länge der Szene hat ihren Grund darin, daß Scarron — wie wir 
weiter unten sehen werden — mehrere des Spaniers vereinigte. 



Paul Scarron's „Le Marquis ridicuW-'. 



57 



Zunächst haben wir eine ziemlich getreue "Wiedergabe der ent- 
sprechenden spanischen Szene — letztere ließe sich als die dritte be- 
zeichnen — . Man vergleiche: 



Scarron : 
Ordugno: 
Pourquoy dohc fortir de voftre 
chambre? 

D. Blaize: 

Mes amoureux soüpirs en ont 

echauffe l'air 

Et pourroient ä la tin moy-mefme 

m'y bruler. 

Ordugno : 
Que ne repofez-vous voftre per- 
fonne laffe? 

D. Blaize: 
le ne puis demeurer long-tcmps 
en vne place 
Triste comme ie fuis. 

Ordugno : 

Pourquoy trifte? 

D. Blaize: 

Pourquoy? 
Quel mortel icy bas doit l'eftre 
plus que moy? 
Ie veux abfoluraent me cacher 
d'vn beau-pere, 
Qui me trouue d'abord, grace a 
mon fot de frere: 
Qui contre l'ordre expres ä luy 
par moy donne, 
A luy frere cadet par moy son 
frere aifne; 
Qui contre l'ordre donc, porte 
dans ma miffiue 
De ne reueler pas ä personne 
qui viue 
Que ie fuis dans Madrid, a d'a- 
bord decouuert 
L'infaillible moyen de me prcndre 
Sans verd. 



Coello: 

Ort: 
Senor que inquietud te obliga 
a falir de aquella pieQa 
a elta quadra? 

B. Blas: 

Es que iio caben 
ya mis fufpiros en ella. 

Ort: 
Sofsiega, que has caminado. 

I). Blas: 
Vn trifte quando fofsiega? 
Amigo. 

Ort.: 
Pues que te quexas? 

B. Blas: 
Quexome de mi defdicha 

Que me huuieffe de topar 
mi fuegro efta tarde niefma, 
para no auerme iuformado 
como penfe, con cautela 
de la opinion de mi efpofa 
antes que me defcubriera 
como le efcriui a mi hermano. 



Ort: 
Que le efcriuifte a tu hermano? 

B. Blas: 
Que el hizieffe diligencia 

de la opinion de mi efpofa etc. 



58 Arthur Ludtoig Stiejel. 

Ordugno : 
Et qu'ordonniez-voiis donc ä Dom 
Sauche? 

D. Blaize: 

De faire 

Inuestigatiou de Blauclie, et de 

son Pere etc. 

In diesem Stile geht es weiter: Dom Sanche hört in seinem 
Versteck von dem Brief, den sein Bruder an ihn geschrieben nnd 
den Merlin, wie wir sahen, verloren hat, und merkt sich den Inhalt. 
Dom Blaize holt vom Schluß der Primera Jornoda des spanischen 
Stückes den Umstand nach, daß Lizette ihrer Herrin ins Ohr ge- 
sprochen. Er hegt Mistrauen gegen Braut und „Soubrette", er 
fürchtet, es möchte irgendwo ein Galan versteckt sein und befiehlt 
daher dem Orduguo, eine Lampe zu holen, damit er jeden Winkel 
des Hauses durchsuchen könne. Dom Sanche will die Abwesenheit 
des Dieners und die Dunkelheit — wir haben uns die Handlung 
in vorgerückter Abendstunde, ganz wie im spanischen Original zu 
denken — benützen, um sich zu entfernen; aber der Marquis hört 
Schritte und nähert sich ihm. Zornige Worte. Dom Sanche packt 
und würgt den Bruder bis Ordugno mit Licht erscheint. Von da ab 
hat Scarron die einfache Übersetzung wieder satt, er flicht eigenes 
burleskes Gut ein, oder vielmehr, er erinnert sich der Lazzi des 
Th^ätre Italien, ohne indes Coello ganz fahren zu lassen. „Ordugno", 
belehrt uns die Bühnenweisung, „en entrant efteint fa chandelle 
coutre le vifage de fon Maiftre". Letzterer schreit: 

Ordugno! L'eftourdy m'a brule le visage. 

Ordugno : 
Qui diable vous croyoit auffi dans mou paffage? 

Dom Sanche tut jetzt, als ob er seinen Bruder erkenne. Bei 
Coello sprechen die Brüder freundschaftlich, liebreich mit einander. 
Don Blas hebt an: 

Que miro? 
mi hermauo: el alma efta ciega. 

Don Diego versetzt: 

Que miro? es fueno? es engano? 
tu, hermano. tu, hermano, eras? 
Mncho agradezco a la luz 
efte defengano, llega, 
dame los bra^os etc. 

Don Blas: 

Que hazes dentro de efta cafa? 



Faul Scarron's ^Le Marquis ridicule''- . 59 

D. Diego: 

Ser tu liermano. 

D. Blas: 
En que le muestras'? 

D. Diego\ 
Eu mostrarme de tu amor 
cuidadosa centinela. 

D. Blas: 
Leifte nii carta? 

D. Diego: 

No 
vss scnas de tu obidieiicia? etc. 

Dagegen bei Scarron verläuft das Gespräch folgendermaßen: 

D. Sanche: 
Ha, mon frere! est-ce vous? ä la voix d'Ordugno 
le vous ay reconnu. 

D. Blaize: 

Frere, ou pluftost Bourreau 
A quoy bon m'eftrangler? 

D. Sanche: 

A dclfein de vous plaire. 

D. Blaize: 
La belle invention pour beriter d'vn frere! 

D. Sanche: 
Vous nie l'auiez efcrit. 

Don Blaize: 

Ouy, de vous informer 
De Blanche, & de fes moeurs, non de vous enfermer 
Dans fon logis de nuit: niou cadet! c'eft trop faire, 
C'eft traufg-relTer mon ordre, enfin c'eft me deplaire. 

Don Sanche: 
le n'ay point eu deffein que de vous obeir. 

Don Blaize: 
Mais n'auez vous point eu celuy de me trahir? 

Don Sanche: 
Voftre lettre en mes mains, ne fut pas pluftoft mifo, 
Qu' affin d' executer vos ordres fans remife, 
Tentray dans cc logis. 



60 Arthur Ludioig Stiefel. 

Der Miirquis fährt fort, Don Sanche zuzusetzen. Wie bei 
Coello, gesteht letzterer, er habe sich, um sichere Auskunft zu erhalten, 
ins Haus der Braut eingeschlichen. Als aber Don Blaize ihn fragt, 
wie er denn in die Wohnung gelangt sei, kratzt sich Don Sanche 
verlegen den Kopf und sagt, auf das Drängen des Bruders, daß er 
durch eine Dienerin ins Haus gekommen sei „Feignant pour fa 
maiftreffe vne amour violente". Nun wettert Don Blaize los gegen 
die ., Soubrette", deren Treue er ja ohnehin schon angezweifelt hatte. 
Um sich aber über die Sache zu vergewissern, ersucht er Don 
Sauche, mit ihm den Überrock zu tauschen. Während er die Dienerin 
als Don Sanche erwarte, solle sich dieser mit Ordugno in seinem 
(des Marquis) Zimmer aufhalten. Don Sanche erkennt zu spät die 
Dummheit, die er begangen hat, aber er muß sich fügen. 

Soweit stimmt Scarron mit Coello überein, nur daß er ein paar 
Kleinigkeiten ausgelassen hat. So z. B. die gute Auskunft, die Don 
Diego über die Braut erhalten haben will; ferner die Erzählung von 
dem Unfälle der Braut, bei welcher Gelegenheit ein Unbekannter — 
wie Diego erzählt — die ohnmächtige junge Dame ins elterliche 
Haus getragen habe, was ihn (Diego) veranlaßte, um Klarheit über 
die Beziehungen zwischen Retter und Gerettete zu erhalten, sich in 
die Wohnung der letzteren zu schleichen. 

Im spanischen Original tritt hier Szenenwechsel ein. Dona 
Antonia erscheint (4. Szene) mit ihrem Gefolge. Dann wird (5. Szene) 
der verhüllte Visconde von Beatriz aus dem Hause gelassen und von 
der Abenteurerin und ihren Leuten verfolgt. Hierauf haben wir 
wieder einen Szenenwechsel. Wir befinden uns (6. Szene) im Zimmer 
des Visconde und belauschen ein Gespräch zwischen Don Diego und 
Calaba^as, bis der Nachtschwärmer zurückkommt, Einlaß begehrt, 
von Calaba(;as hereingeholt wird und dann (7. Szene) in ausführlicher 
Erzählung von seinen nächtlichen Nachforschungen, besonders von 
seinem Aufenthalt in Juanas Schlafzimmer den beiden Rechenschaft 
gibt. Das alles hat Scarron beseitigt, oder, wenn er davon etwas 
beibehielt, es gründlich geändert. Bei ihm findet ein Szenenwechsel 
bezw. eine Unterbrechung der Szene nicht statt. Zunächst erfindet 
er: Lisette kommt, hält ihn für Don Sanche, nennt den Marquis 
„vn fot homme, vn Fantafque" und will den falschen Don Sanche 
zum Haus hinausgeleiten. Da kommt plötzlich Don Sanche zurück. 
Lisette, im Glauben, es sei der Marquis, entflieht. Don Blaize, 
ärgerlich über die Störung, fragt den Bruder, warum er so rasch 
zurückkehre. „Le defir de fgauoir le fecret d'vne affaire Oü noftre 
honneur commun peut eftre intereffe En eft la caufe" lautet die 
Antwort. Don Blaize findet, daß es der Bruder sehr eilig habe und 
berichtet, daß ihn die Dienerin als ,,sot" und „fantasquc" bezeichnet 
habe; aber sie soll es büßen. 

Das alles ist Erfindung Scarrons. Mit dem Folgenden schließt 
er sich dagegen an Coello an und zwar an die zweite Hälfte der 



Paul Scarron''s „Le Marquis i'idicule" 



61 



7. Szene: Der Marquis verlangt mit einem Male, daß Don Sanche, 
um die Tugend Blanches zu erproben, sich in sie verliebt stelle. 
Hier benutzt Scarron die Vorlage wieder wörtlich, wie folgende 
Zusammenstellungen bezeugen: 

Scarron: Coello: 

Don Blaize: Don Blas: 

— — — -^ — — — — — — — — has de lingir 

le veux que vous feigniez d'eftre que eres fu amante de veras, 

amoureux de Blanche. * ,t * 

le veux par voftre amour adroite- 

raent joüe, 

Decouurir fi Ion coeur vous peut 

eftre voüe; 

Et ie pourray peut cftre auec la 

mefme feinte 

Decouurir fi ce coeur n'a point 

eu d'autre atteinte. 



Don Sanche: 
Ce Mary curieux, qu'on nomme 
impertinent 

N'en a iamais tant fait. 

* * 

Mais que peut-on penfer dVn 

homme qui s'ingere 
D'aymer vne beaute deftinee 

ä fon frere? 



curiofidad de mi amor 
es effa, yo he de falir 
de las dudas, y he de ver 
fi fe fabe resistir. 

Don Diego: 

El curioso impertinente 

te llaraarän desde aqui, 
* * 

Como se ha de perfuadir, 
fabiendo que foy tu hermano, 
a que a amarla me atreui. 

.1: * 

* 

Don Dias: 

puedes dezirla que ha mucho 
que la amauas, y ella afsi 
no penfara que la enganas. 



Don Blaize: 
Et n'est-ce pas de quoy 
Donner vne couleur ä pareille 

entreprife, 

Que feindre que voftre amour eft 

des long-temps eprife? 

Hieran reiht Scarron gleich wieder Zusätze: Don Sanche 
behauptet, er habe Blanche noch nie gesehen. Darauf bemerkt 
Don Blaize: 

Et n'auez vous pas veu fon portrait ä mon cou? 

Er vermißte es aber gleich selber; er hat es im Hotel|,liegen 
lassen und will fort, um es zu holen. Don Sanche |erbietet sich 
zwar, den Gang für ihn zu tun, allein der Mißtrauische lehnt das ab 
mit den Worten: 

Vous iriez fureter ma malle & mes papiers 
Renguainez, renguainez voftre öftre officieufe. 



62 Artlnir Luthcig Stiefel. 

Que cos frcres cadets ont Tarne cnrieufe! 
le fuis des curieux Tennerny capital. 

Es scheint fast, als ob Scarroii mit den beiden letzten Versen 
einen lächerlichen Kontrast im Charakter des Don Blaize hervor- 
heben wollte, der die „curieux" haßte, während die von ihm 
gewünschte Tagendprobe ihn selber zum „curieux impertinent" 
stempelte. 

Wiederum ruft Don Blaize drei mal Ordugno und schimpft, 
daß die Schlafmütze (dormeur) wohl antworte, aber nicht komme. 
Er befiehlt ihm den Degen zu holen, für sich Laterne, Degen und 
Dolch zu besorgen und zu folgen. Er geht fort. Merlin erscheint 
und erzählt Don Sanche, er habe Stefanie mit ihren Begleitern um 
das Haus streichen sehen; sie laure allen auf, die aus dem Hause 
kämen, und auch er sei in ihre Hände gefallen; sie habe es aber 
jetzt, wie er glaube, auf „das Marquisat" abgesehen. Gegen diese 
Neigung hat Don Sanche nichts einzuwenden und er wünscht sehnlich, 
daß sie von seinem Bruder erwiedert würde. 

Mit dem letzten Zusatz wollte Scarron offenbar die von ihm 
ausgelassene Szene Coello's, in der Antonia mit Gefolge auftritt, 
ersetzen. 

Im ersten Zusatz vermißt man die heimlichen Ausrufe der 
Freude bei Don Sanche über die ihm gebotene Gelegenheit, seiner 
Liebe zu der Angebeteten nachgehen zu dürfen. Auch nimmt Don 
Sanche etwas zu rasch den Vorschlag seines Bruders an, was 
Scarron allerdings damit zu motivieren suchte, daß der Marquis 
gleich den ersten Einwand des Bruders schimpfend niederkämpft: 

Vous me voulez inftruire 
Vous mal-heureux cadet, qu'vn aifne peut deftruire. 
Vous m'ofez confeiller: vous me traitez de fot, 
Moy tout fens, tout efprit, moy Don Blaize en vn mot. 

Die lange Szene schheßt mit einem weiteren Zusatz: Don 
Sanche will Merlin von dem Wunsche seines Bruders erzählen, da 
aber jemand kommt, verschiebt er es auf später. 

Es ist Lisette, welche (3. Szene) zu den beiden stößt. Sie ist 
erstaunt, Don Sanche so ruhig in der Nähe des Marquis zu finden. 
Der Kavalier berichtet ihr, der Bruder sei ausgegangen; sie ständen 
beide sehr gut zusammen. Lisette ihrerseits, berichtet von ihrer 
Herrin: 

lamais efprit ne fut moins ferme que le fien, 

le füt animal qu'vne fiUe timide! 

A force de pleurer, eile a la tefte vuide, 

Mais lors que la pauurette a fceu qui vous eftiez, 

D'aize eile m'a baifee & fait cent amitiez. 



Panl Scarrons ,,Le Marquis ridicule. 63 

Don Sanclie fragt, ob Blanclie wisse, daß er des Marqui« 
Bruder sei. Hierauf antwortet Liesette: 

Elle fe defefpere 
De n'auoir pas le choix de Dom Blaize, & de vous 
Et de fe voir reduitte ä prendre vn tel Efpoux. 

Mit diesen Zügen entstellt Scarron vollends den von Coello mit 
so viel Sorgfalt gezeichneten eigenartigen herben, streng korrekten 
Charakter der Protagonistin und macht eine Dutzendfigur daraus, wie 
sie die französische Bühne der Zeit oft genug darbot. 

Plötzlich pfeift es hinter der Bühne. Es ist das von Dom Blaize 
mit seinem Bruder verabredete Zeichen, daß mau ihn ins Haus lasse. 
Merlin geht hinaus um zu öffnen. Lisette flächtet sich, nachdem sie 
nochmals das Versprechen wiederholt, D. Sanche in seiner Liebe 
zu unterstützen. 

Dom Blaize tritt auf (4. Szene) und erzählt schimpfend und 
wetternd, wie es ihm in den Straßen von Madrid ergangen, wie eine 
Dame mit Dienerin und „Efcuyer" ihm auf Schritt und Tritt gefolgt, 
ihm keck unter die Nase geschaut und ihm auf diese Weise auf dem 
Hin- und Herwege niclit von der Seite gewichen seien. 

Et de lä ie conclus, que ie ferois peu fage, 
Si i'allois dans Madrid me ioindre en mariage, 
Oü d'abord que i'arrive, on me court nuit & jour, 
Ou rhomme eft le cruel, la femme y fait l'amour. 

Et que feroit-ce donc, fi fejournant icy, 
Quelqu'autre chaque iour m'entreprenoit ainfi? 
Quoy! fi ie me trouuois au milieu de cent d'elles 
Et qu'eftant couvoite de ces cent Demoifelles, 
Mon Corps de cent coftez fuft ä la fois tire etc. 

Drum fort von Madrid, sobald es tage. Der Einwand Ordugnos, 
was mit ihren schönen Kleidern geschehen solle, mißachtet der 
Marquis. Er ruft: 

Veux-tu que ie me iette en vne foffe ouuerte? 

Et qu'eftant marie, ie fois encornaille? 
Jetzt gelte es D. Cosme gegenüber eine Entscliuldigung zu finden, 
dessen verteufelt sanfter Charakter zu allem zwar ja sage, der aber 
doch das, was er wolle, durchsetze. 

Mais la nuit la-deffus nous donnera conseil 
meint er, abbrechend. 

Die 3. Szene ist ganz, die 4. bis hierher Erfindung Scarrons, 
allerdings nicht ohne, daß ihn Stellen seines Vorbildes angeregt hätten. 
So verläßt auch D. Blas das Haus und wird von Calabac^-as wieder 
hereingelassen; auch ihm läuft Dona Antonia mit ihrem Gefolge 
nach usw. 



64 Arthur Ludioig Stiefel. 

Nun greift D. Blaize das herbeigeholte Porträt seiner Braut aus 
der Tasche und nähert sich mit D. Sanche dem Fenster, um es beim 
Schein des Mondes zu betrachten. Da geht Stephanie gerade am 
Fenster vorbei — das Zimmer liegt zur ebenen Erde -- entreißt 
dem Marquis das Bild nnd entflieht, Dom Blaize, der bei der 
Gelegenheit eine Kratzwunde (vne grande ecorcheure) erhalten, hat in 
der Diebin (larronnesse) die Dame wiedererkannt, die ihm durch die 
Straßen Madrids nachgelaufen ist. Er ist außer sich vor Erstaunen 
und Wut; aber was soll er tun? 

la larronneffe 
En viteffe de pieds furpaffe vne Tygreffe. 

Er will daher schlafen gehen. Die Szene und zugleich der Akt 
schließen ganz opernmäßig in folgender "Weise: 

D. Blaize: 
Dom Cofme! 6 Madrid! 
maudit mariage! 6 Marquis fans efprit, (II fort). 

D. Sanche: 
defiin! 6 amour! 6 toute aymable Blanche! 
Pourrez-vous rendre heureux vn autre que Dom Sanche? {21 /ort). 

Merlin : 
Dom Blaize! 6 Dom Sanche! 6 eher couple de fous! 
Que le paunre Merlin va fouflfrir auec vous! (II fort). 

Ordugno : 
eher aniy Merlin! que les fievres quartaines 
Puiffent ferrer bien fort ces deux teftes mal faines. 
Fin du troisieme acte. 

Die Porträtszene hat Scarrou aus Coello entlehnt, der Schluß 
ist aber sein Eigentum. 

Im III. Akt entfernte sich der französische Dichter mehr als 
in den beiden ersten in der Handlung, in den Charakteren und 
namentlich im Dialog und sprachlichen Ausdruck von seiner spanischen 
Vorlage, ohne sich indes, zu wirklich entscheidenden selbständigen 
Änderungen aufzuschwingen. 



IV. Akt. 

Die 1. Szene dieses Aktes — ein kurzes Gespräch zwischen 
Blanche und Lisette — schließt sich an diejenige spanische an, die 
auf die Porträtszene folgt. Das Verhältnis zwischen Nachbildung 
und Original sei hier durch Gegentiberstellungen veranschaulicht: 



Paul ScarrorCs „Xe Marquis ridicule. 



Scarron: 

Blanche : 
II ne fgauoit donc pas mon 
futur Himenee, 
Et qu'a fon frere aifnel'on 

m'auoit deftinee? 

lÄzette : 

II ne le fgauolt pas: vous n'auriez 

iamais cru 

Quelle fut fa douleur auffi-toft 

qu'il l'a fgeu. 

Si vous euffiez oüy fes araoureufes 

plaintes 

Voftre cceur en euft eu de 

fenfibles atteiutes. 

Iamais vn malheureux au fort de 

fon tourment, 

N'a maudit fon deftin plus 

pitoyablement 

le n'ay pas pour autruy le cceur 

autrement tendre, 

Mais quand ie fonge ä luy, ie 

fens le mien fe fendre; 

Son frere eft bien lieureux. 

Blanche : 

Son frere eft ce 
qu'il efr, 
Puis qu'il eft approuue de mon 
Pere 11 me plaifr. 
Mais j'entends vn caroffe, 
Lisette regarde par la feneftre 
de la falle. 
II eft vray, qu'il s'arrefte 
Cliez nous. 

Blanche: 

Eft-ce pour moy? 

Lizeite : 

Feignez vn mal 

de tefte 

Sl ce fönt des facheux : ie vay 

les reccuoir, 

Et vous iray querir fi ce fönt 

gens ä voir. 

Ztschr. f. frz. Spr. u. Litt. XXXII '. 



Coello: 
D. Juana: 
Qua dizes, Beatriz ? quehermano 
era del Vifconde y no 
fabia que fueffe yo 
del Vifconde efpofa? 

Beatriz: 

Es llano. 
Mas dichofa huuiera fido, 
en que naciera el raayor 
don Diego. 

D. Juana: 

Nada es mcjor 
que lo que el cielo ha querido. 

Beatriz ; 
Prometote que le vi 
auoche al irle a facar, 
con tal amor fufpirar, 
que fi le vieras alli 
tan tierno y tan entendido, 
aunque finezas no fabes . . . 

D. Juana: 
Calla, Beatriz, no me alabes 

Sino folo mi marido etc. 

* _ * 

Beatriz: 
Yo folo quifiera hazer 
tu efpofo al que amante efta. 

D. Juana: 

mas eye, no paro vn coche? 

Beatriz: 
SJ, y apeandofc eftan 
n)ugeres, a lo que creo. 

D. Juana. 

Dos fon, defde aqui las veo. 

* * 
* 

Mira quien fon, fi es vi Tita 
a buen ticmpo efta nii pciia, 
efta feru norabuena. 

5 



66 Arthur Ludwig Stiefel. 

Blanche sort. sube Beatriz: 

ä pari. Cette raadame icy vien- Vna muger solicita 

drait-elle ä la nopce? hablarte. 

Wie man sieht, lehnte sich Scarron an den Spanier an, aber indem 
er sich im Ausdruclve möglichst von ihm freizumachen suchte. 
Manches hat er gekürzt, anderes erweitert; auch hat er Kleinigkeiten 
geändert. 

Die 2. Szene — Stephanie und ihr Gefolge wird von Lisette 
empfangen, die sofort weggeht um ihre Herrin zu benachrichtigen — 
ist aus 5 Versen des Originals zum fünffachen Umfang verbreitert; 
einen Zweck hat sie nicht, Stephanie spricht mit ihren Begleitern 
über die Aussichten ihrer Intrigue. 

Die 3« Szene wiederholt das Gespräch zwischen Dona Antonia 
und Dona Juana, wobei Scarron auf der einen Seite kürzt, auf der 
anderen Seite breit ausführt. Im ganzen läuft die Nachahmung auf 
dasselbe hinaus wie die Originalszeue: Stephanie und Blanche sagen 
sich Artigkeiten über ihr Äußeres; dann rückt erstere mit ihrer 
Intrigue gegen den Marquis heraus, zeigt das Bild vor, das ihr an- 
geblich der Treulose geschenkt hat, erzählt von ihrem Liebesverhältnis 
zu ihm, das allerdings nicht wie bei Coello schon sechs Jahre, sondern 
nur zwei Jahre währt, dessen Frucht aber zwei Kinder (statt eines 
bei Coello) ist usw. Plötzlich erscheint Lisette und meldet das Her- 
annahen Dom Cosme's und des Marquis. Schrecken Stephanies. 
Man läßt sie in das Zimmer des Dom Blaize (bei Coello in das 

j Zimmer des Don Gutierre) eintreten. 

1 Die 4. Szene des IV. Aktes ist aus ein par Dutzend kleinen 

Versen des Originals zu einem lustigen Dialog von 3 Seiten entwickelt. 
Dom Cosme möclite die Hochzeit seiner Tochter sofort abhalten, 
D. Blaize wünscht sie, wie wir wissen, zu verschieben. Dom Cosme, 
den Scarron mit sichtlichem Behagen zu einem weit komischeren 
Charakter ausgearbeitet hat, als es D. Gutierre bei Coello ist, hat 
zwar keinen anderen Willen als sein Schwiegersohn, er ist mit allem 

i zufrieden, was dieser wünscht, er will also verschieben, wenn jener 
darauf besteht, aber, wie Blaize ganz richtig und vernünftig bemerkt, 

II ne contefte plus, il veut bleu differer. 

Et dans le mefme temps qu'il accorde la chofe, 

Le drole la refufe & mefme en dit la caufe, 

' Nun entspinnt sich ein lebhafter Wortwechsel zwischen dem Land- 
junker und dem Alten. Jener erklärt grob: 

le veux abfolument differer Thimenee 
Deuffiez-vous enrager en voftre ame obftinee. 

und dieser antwortet auf alle Bemerkungen des Schwiegersohnes 
mit den 4 Worten 

Je ne puis differer, 



Paul Scarrons „Le Marquis ridicule''^. 67 

die er im ganzen ohne jeden Zusatz 6 mal wiederholt. Je mehr sich 
indes Cosme weigert zu verschieben, desto mehr wächst der Verdacht 
des Marquis, daß etwas Faules an der Sache sein müsse. Hierin 
bestärkt ihn D. Sanche, indem er sagt: 

Puis qu'il vous preffe tant, c'eft fort mauvais figne. 
Und Blaize stimmt bei: 

C'en eft vn tres certain qu'il eft vn fourbe infigne. 
Er geht mit Sanche hinaus um, wie er sagt, sein glühendes Gesieht 
zu kühlen. Man kann nicht leugnen, daß Scarron mit Geschick die 
Andeutungen Coellos in eine recht wirksam komische Szene um- 
zuwandeln verstand, die den Charakter der beiden komischen Figuren 
in helles Licht setzte. 

Blanche hat sich mittlerweile ihrem Vater genähert; sie ist 
auch fürs Verschieben; denn sie sagt: 

Je f^ay que le Marquis ayme depuis deux ans 

Vne Dame & de plus qu'il en a deux enfants. 
Hiermit kommt Scarron wieder auf Coello zurück. Auch das Folgende 
ist getreu nach Coello wiedergegeben. D. Cosme hegt in seiner 
Antwort auf die Bemerkung der Tochter so laxe Anschauungen in 
moralischer Hinsicht wie Dona Juanas Vater und erzählt von sich 
die gleiche wenig erbauliche Geschichte wie jener. Unter dem Namen 
eines Don Juan Palomeque in Portngal v/egen eines Duellmords sich 
aufhaltend, hat er eine Liebesaffäre mit einer Elvire de Pacheque, 
die auch nicht ohne Folgen blieb. Dieses Geständnis hört, wie bei 
Coello, die verborgene Abenteurerin und findet darin das unfehlbare 
Mittel in den Besitz der Dom Blaize und seines Vermögens zu kommen. 
Das Verhältnis dieser Szene zum spanischen Vorbild, soweit 
Scarron sich ihm anschließt, sei an einer Stelle veranschaulicht: 

Scarron. Coello. 

Dom Cosme: Don Gutierre: 

Tous les gens comme luy n'en Ya se 

font-ils pas de mefme? lo que ay en effos empleos, 

Eftant en Portugal, par vn bon- que en mi mocedad eftando 

heur extreme, yo en Portugal algun tiempo 

le pus gagner le coeur d'vne por auer muerto en Castilla 

ieune beaute, mi Capitan, me fui huyendo 

Aymable pour l'cfprit, riebe, & a Lifboa, donde el nombre 

de qualite, müde en Don Luis de Viuero, 

Je deguifois mon nom, ä caufe por ser menos conocido 

qu'en Caftille y tuue alli vn galanteo 

l'auois l'inimitic de toute vne de vna senora tan noble. 

famille, — — — — — — — — — 

Pour auoir fait perir ä mes pieds En doiia Ynes de Figueira 

vn Riual, viuda hermofa en eftremo 



68 



Arthur Ludwig Stiefel. 



tuue vna hija; o raemorias! 
pero viniendome luego 
a Caftilla, fue foirofo 
olvidarme con el tierapo: 
y afsi como con tu madre 
me cafe — — — — — - 
me oluide por acudir 
a mi obligacion, auiendo 
vna liija, y con querer 
ä Dona Ynes por eftrcmo. 



Dout la mort me retint deux ans 

en Portugal. 

Cette belle auoit nom Eluiro de 

Pacheque 

Moy i'auois pris celuy de Dom 

Juan Palomeque. 

Nous nous aymions tous deux 

auecque paffion, 

Mais ayant obtenu mon abolition, 

le fortis de Lifbonne, & reuins 

en Caftille, 

Laiffant Eluire en pleurs & groffe 

d'vne fille (siel). 

le deuois retourner l'epouzer; 

mais la Cour 

Bannit de mon efprit Eluire & 

mon amour. 

A quelque temps de lä, i'epouzay 

voftre Mere. 

In der 5. Szene kommt D. Blaize mit seinem Bruder zurück. 
Er befiehlt ihm, mit Blanche zu sprechen und will unterdessen den 
Alten aufs Korn nehmen. Hierin folgte Scarron wiederum Coello. 
Während uns dieser aber das Gespräch zwischen Don Gutierre und 
D. Blas schenkt, glaubte Scarron es uns wenigstens zum Teil hören 
lassen zu müssen. Der Schwiegersohn schlägt konsequent den un- 
verschämten Ton gegen den Schwiegervater an und letzterer bleibt 
seinem geschmeidigen, scheinbar gefügigen Wesen treu. Man höre: 

Dona Blaize: 
He bien! noftre ayraable beau-pere 
Confentez-vous enfin que l'liymen fe differe 
Ou m'entendray-ie encor l'oreille penetrer 
Par cet impertinent, ie ne puis differer. 

Dona Cosme : 



le ne feray iamais que ce que vous voudrez. 

Dona Blaize: 
que les hommes doux fönt fouples & madrez. 

Inzwischen klagt D. Sanche „ä l'autre bout du Theatre" Blanche 
sein Liebesleid, wird aber von ihr zurückgewiesen. Stephanie belauscht 
mit steigender Wut die Vorgänge und als Blaize, rasend über das 
Wesen seines Schwiegervaters, in schneidiger Rede ihm Vorwürfe 
darüber macht, tritt sie, nach Coello'schem Rezept, mit ihren Begleitern 
verhüllt hervor, und sie eilen mit herausfordernden Blicken auf 



Paul Scaorons „Le Marquis ridicule'''. 



69 



D. Blaize und ihn anrempelnd an ihm vorbei und hinaus. Erstaunen 
der Anwesenden. Es kommt zu einer heftigen Ansprache zwischen 
D. Cosme und D. Blaize. Blanche mischt sich darein, indem sie 
ihren Vater auf die Identität der Fremden mit der „efpouse" des 
D. Blaize aufmerksam macht. Der Alte wirft letzterem vor, daß er 
„de femblarble gibier" bei sich aufnehme. Der Marquis, der sich 
frei von jeder Schuld weiß, läßt sich aber nicht einschüchtern; er 
weist den Vorwurf nachdrücklich zurück und erteilt Blanche eine 
nichts weniger als zärtlich gehaltene Zurechtweisung: 

— — — — — — — — bei Ange, vous fcaurez 

Que vous me plairez fort lors que vous vous tairez. 

Dann schickt er seinen Bruder der Abenteurerin, nach und wendet sich 
an Ordugno. Braut und Schwiegervater entfernen sich jetzt, von 
den ironischen Zurufen des gekränkten Landjunkers verfolgt. Zurück- 
bleibend sagt dieser zu Ordugno: 

II faut affurement 
Que le Ciel m'ait donne de fes biens largement. 

Je n'ay pas pluftoft fait mon merite reluire 
Dans Madrid, & i'y suis, ä grand peine arrive, 
Qu'on m'y court, que i'y fuis, peu s'en faut enleue. 
II n'eft, ma foy, rien tel que d'eftre ne bei homrae. 

Und dieser Eigenschaft, die ihm jene „gens masquez auf den Hals 
geladen habe, verdanke er das was er sonst bei dem halsstarrigen 
Greis nie erreicht hätte: Das Verschieben der Hochzeit. „Beaute" 
beschließt er seine Rede und zugleich den IV. Akt, „que tu m'es 
falutaire." 

Auch in der 5. Szene vermengen sich bei Scarron Entlehnungen 
aus Coello harmonisch mit eigenen Zutaten. Im Ausdruck ist er 
etwas selbständiger im IV. Akte als in den 3 vorhergehenden. Aber 
auch in jenem fehlen wörtliche Anlehnungen nicht ganz, so z. B. 
in der letzten Szene: 

Scarron. Coello. 

Stefanie sort auec Louize toutes Saleu dona Atonia, y Luisa. 

deux voilees . . . tapadas . . . 

Mes yeux ont veu fa trahifon Ya lo catei con mis oUos . . . 



Dom Cosme: ^^^^ Gutierre- 

Vous manquez de refpect^ä ma fille. genor Vifconde, en verdad 

* que guardais bien el refpeto 

Dom Blaize: de vueftra efpofa. 



70 Arthur Ludivig Stiefel. 

Mon frere, allez apres! Don Blas: 



Dom Sandte {a pari): :{c * * 

Amour! si rbymen par lä ne * 

fe fait pas! Don Diego: 

Todo aquefto 
es en fauor de mi amor! 

Selbst der Schlußgedauke des D. Blaize ist nur eine Umschreibung 
der Worte des D. Blas am Schluß der IL Jornada: 

Quien fera aquefta muger? 
pero en parte lo agradezco, 
pues fufpendiendo la boda, 
fe cumple todo mi iutento. 
Brabo trabajo es el mio, 
en Uegando luego pego: 
valgate el diablo por talle 
lo que cueftas de defvelos. 



V. Akt. 

Nachdem Scarron aus den beiden ersten Jornadas 4 Akte seines 
Lustspiels gewebt, verblieb ihm für seinen 5. Akt die ganze lU. Jor- 
nada. Um diesen überreichen Stoif in einen Akt hineinzuzwängen, 
war er genötigt, zu gewaltigen Streichungen seine Zuflucht zu nehmen. 
Da er gleichwohl auf selbständige Zusätze nicht ganz verzichten 
wollte, so kann man sich vorstellen, in welch verkümmerter Gestalt 
die Szenen des Spaniers in sein Stück übergingen. 

Gleich der Anfang des Aktes zeigt das. Don Sanche tritt mit 
Merlin auf. Die Szene entspricht dem Anfang der IIL Jornada bei 
Coello. Während aber bei letzterem auf der einen Seite Diego mit 
Calabagas, auf der anderen Dona Juana und Beatriz auftreten und 
bald der Kavalier über die Grausamkeit der jungen Dame, bald 
letztere über die Aufdringlichkeit des Liebhabers, dem zu wider- 
stehen ihr immer schwerer wird, den Bediensteten gegenüber 
klagen, bis Diego den Mut findet, sich Juana zu nähern, aber von 
ihr unerbittlich zurückgewiesen wird: läßt Scarron Dom Sanche mit 
Merlin allein erscheinen. Ihr Gespräch ist ein kurzes Extrakt aus 
Coello, wobei Saft und Kraft verloren ging. Kein Wunder auch, 
aus etwa 160 Versen des Spaniers sind 44 bei Scarron geworden 
mit dem dürftigen Inhalt: D. Sanche will sterben, da Blanche für 
ihn verloren ist, Merlin findet das Sterben aus diesem Grunde 
töricht; trotzdem beharrt D. Sanche darauf zu sterben. Da sieht 
er mit einem Mal seinen Bruder kommen und schließt die Szene im 
engen Aoschluß an Coello: 



Paul Scarrons „Z-e Marquis ridicule''. 



71 



Coello. 

Otro erabarago! 

que aun la muerte (fi le importa) 

no ha de hallar vn desdichado? 
* * 

Ay tal fuerte? fi le digo 

que es honrada y que lo es tanto, 

fe ha de cafar, y la pierdo, 

quando la adoro y me abrafo. 

pues si niintiendo le digo, 

que HO es tan honrada agrauio 

a mi dama infamemente: 

Que he de hazer, cielos fagrados ? 

— — — Mas que dudo? 

morir yo no importa tanto. 



Scarron. 

Mais ce frere odieux, ä mon repos 

funefte, 

Ne vient-il pas m'ofter le feul 

bien qui me refie? 

Ne vient-il pas encor mon trepas 

empefcher 

Apres m'auoir rauy ce qui me 

fut plus eher? 

Helas! si ie luy dis que Blanche 

eft vertueufe, 

N'eft-ce pas augmenter fon ardeur 

amoureufe? 

Si ie luy dis auffi que Blanche 

ne l'eft pas, 

N'eft-ce pas offencer vn Ange plein 

d'appas? 

Et ne fera-ce point par vne action 

lache 

A l'honeftete mefme auoir fait 

vne tache? 

Ha! n'offen^ons iamais cette 

Diuinite 

Et iusqu'au dernier iour difons 

la verite. 

Die zweite Szene ist eine fortgesetzte Nachahmung Coellos 



Que 



Scarron: 


Coello: 


jD. Blaize: 


J). Blas: 


difiez-vous tout feul mon 


No respondes? 


frere ? 


D. Diego: 



D. 



Sandte: 

Que vous eftßs 

Le plus heureux du monde en tout 

ce que vous faites 

Et que le Ciel vous donne vne 

chere moitic 

Digne de voftre choix & de voftre 

amitie etc. 



D. Blaize: 
Ne me trompez vous point mon 
diffimule frere? 



Tu eres dichofo, tu efpofa 

es quien es, no fon tan claros 

effos atomos del dia, 

menos pureza los rayos 

del sol tienen, que su honor etc. 

D. Blas: 

me enganas aqui. 

D. Diego: 

Te engano? 

aguarda, quieres oirlo? 

* * 

* 



72 



Arthur Ludwig Stiefel. 



D. Sanchei 

Envoyes la qiierir . . . 

Et vous tenez cacbe, quand eile 

paffera, 

Vous verrez de quel air eile me 

parlera. 

D. Blaize : 

L'inuention me plaift: ^-a ^a que 

ie me gifte. 

Das Gleiche gilt von der 3. 
Scarron: 
Blanche : 
Dieu! ie vois Dom Sanche. 

D. Sanchex 

Ie vous obeirai, trop inhumaine 

Blanche. 

Vous n'aurez pas pluftost rendu 

mon frere heureux. 

Que i'executeroy voftre arreft ri- 

goureux : 

Oui, ie conteuteray voftre cruelle 

enuie, 

I'irai loin de vos yeux, les aftres 

de ma vie: 

Mes veritables Dieux; mais des 

Dieux ennemis 

Qui me vont tout öfter, & m'a- 

uoient tout promis. 

D. Blaize (cache): 

II la presse vn peu trop Ie frippon 

& ie gage 

Qu'apres vn autre assaut la Dame 

n'eft plus fage. 



Pues retirate, que prefto 
Veras efto que has dudado. 

D. Blas: 
No me engana, pues me pone 
en lance de auerigaarlo. 



Szene. Man vergleiche: 
Coello: 
B. Juana: 
Aqui estä Don Diego, ay cielos! 

D. Diego: 

Exhalacion diuina, 

. . . quedaos donde os merece 

mas venturofo mi bermano: 
* * 

* 
Dame licencia enemiga 
de mi bien, y de mi dano, 
porque aufente de effos ojos 
dulciffimos y tiranos 
vaya a morir de no verlos, 
pues me muero de mirarlos. 

D. Blas: 
Por Dios, que ha apretado mucho 
para fer efto burlando etc. 



Blanche: 
Dom Sanche! 6 ma vertu que 
vay-ie dire icy? 
Qui vous oblige donc ä nous quit- 
ter ainfi? 

D. Sanche: 
Qui Ie fgait mieux que vous trop 
cruelle perfonne! 



B. Juana: 



Don Diego (yo foy confufa) 
ya que os vais (yo eftoy tem- 
blando), 
fabed, que antes que mi pecho 
quede tan calificado 
de ingrato, que me debeis 
algo mas — — — 



Paul Scarron's y,Le Marquis ridicule''^. 



73 



Qui le peut mieux f^auoir que en fentir de vueftra aiifencia 
Celle qui l'ordonne? las nueuas triftes etc. 



Blajiclie: 
Celle dont la rigueur voiis afflige 

fi fort 

N'a guere moins que vous ä fe 

plaindre du sort. 

Elle n'erapefche point que D. 

Sanche n'efpere, 

Elle le fgaura bien diftinguer de 

fon frere, 

Quand par vn iufte choix, d'ou 

depend fon bonbeur, 

Sa bouche publiera ce que cacbe 

fon coeur 

Elle veut bien encor qu'il fcacbe 

qu'vne abfence 

Peut nuire a ses deffeins beau- 

coup plus qu'il ne penfe 

Nous nous verrons D. Sanche. 



D. Diego. 



Mirad que yo fi rae aufento 
es porque vos . . . 



D. Juana: 
No foy tan cruel que ignoro 
lo que OS dabo, y lo que gano, 
yo lo eftimo, y lo conozco, 
y fi quifiereis efcucbarlo, 
bolved defpues, porque agora 
tengo el pecho tan turbado, 

esto bafta, a Dios quedaos, 
— — — porque hasta agoro 
aun no foy de vuestro hermano. 



Der Rest der Szene verläuft in ähnlicher Weise. Blanche geht 
fort, D. Blaize macht seinem Bruder Vorwürfe, daß er seine Braut 
verführt habe, dieser verteidigt sich, daß er alles nur in seinem 
Auftrag erdichtet habe. Hierauf erklärt Blaize seine Absicht die 
Heirat aufzugeben und entfernt sich. Zwei Dinge hat Scarron in 
dieser Szene weggelassen, den Dolch, den D. Blaize zieht und fallen 
läßt und das Lauschen der jungen Dame. Was letzteres anbelangt, 
so erfahren wir weiter unten, daß es doch stattgefunden, Scarron 
hat aber, entschieden ein Verstoß gegen die dramatische Kunst, 
unterlassen es anzudeuten. 

Die beiden folgenden spanischen Szenen, den Monolog Juanas 
und das Gespräch zwischen D. Diego und Calabacas hat Scarron 
unterdrückt. Er läßt zu Ende der 3. Szene Blanche erscheinen und 
von D. Diego begrüßen, die ihm aber (4. Szene) gründlich den Text 
liest, den Laufpaß gibt und sich dann sofort entfernt. Die Straf- 
rede Blanche's ähnelt inhaltlich derjenigen Juanas, wenn auch nicht 
im Ausdruck. 

D. Blaize hat die Worte Blanches belauscht und tritt triumphie- 
rend hervor zu D. Sanche, der wie vernichtet dasteht. Seine Worte 
erinnern wieder stark an Coello; man vergleiche: 



Don Blaize: 



D. Blas: 
Porcia fue cosa de burlas 



74 Arthur Ludwig Stiefel. 

la maiftressc fille! & Porcie Lucrecia se dio al soslayo, 

& Lucreffe * ^ 

Nc Tont iamais valuö auecque Ya mc caso. 

leur proüeffe: 
Lucrece auec Tarquin se donna 

du bon temps 
Et l'autre se brula la gorge ä 

contre teraps. 



Ma fciy ie me marie . . . 

Auch die Worte Merlins sind Coello entlehnt: 

Merlin (par Ironie): Calabapas: 

Que D. Sanche est heureux! fa Dichofiffimo es mi arao 
Maistreffe l'adore. en mugeres, ya Ie quiere 
Dona Juana, mas matallo. 

Die 5. Szene ist Erfindung Scarrons. Lizette kommt zu 
D. Sanche und erzählt ihm, daß ihre Herrin sein Gespräch mit 
D, Blaize belauscht habe und nicht bezweifeln konnte, 

Que par vn feint amour, vne lasche fineffe, 
Vous n'ayez attente d'eprouuer ma maiftreffe. 

1). Sanche rechtfertigt sich und Lizette verspricht, sich weiter für 
ihn zu verwenden. 

Die 6. Szene bringt in stark verkürzter Form die Unterredung 
zwischen der Abenteurerin und dem Vater der Braut; Scarron ist 
sachlich im ganzen seiner Vorlage treu geblieben und hat auch 
wörtliche Annäherungen nicht vermieden: 

Scarron: Coello: 

Louise: Luise: 

C'eft ce papier que Merlin laiffa • De la carta 

choir, del Vifcondo fe aprouecha. 



Le valet de Dom Sanche. 



I). GuiieiTe: 



Dom Cosme: Pues dezid, para efta empreffa 

— — — — — — — — — que mas empenos teneis. 

Quant ä fa Lettre, eile eft pour que el defta carta. 

vous de peu d'appuy. * ^^^ * 



— — — — — — — — — ay empeno — — — — — - 

Vous auez deux enfants? en que vueftro honor padezca? 

Stephanie: D. Antonia: 

Deux petits miferables, Naon ya mas que vna minina 



Faul Scarrons „Le Marquis ridicule". 75 

Tous deux des plus iolis & les que todo fe le femeja 

viuans portraits a fu pay. 
Du pere. 

In der 7. und Schlußszene setzte der französische Dichter seine 
Nachahmung Coellos in ähnlicher Weise fort. Neben vielen wörtlich 
übertragenen Stellen hat er indes auch selbständige Züge. So beginnt 
Don Blas, der zu der Szene im Brautstaat auftritt, damit den 
Alten zu necken, indem er sagt, er sei nicht mehr fürs Verschieben. 
Cosme meint, jetzt sei er dafür und reizt dadurch den Marquis zu 
wütenden Bemerkungen. Doch D. Cosrae hält ihm den von der 
Portugiesin ihm übergebenen Brief hin und die Szene nimmt den 
Gang wie im spanischen Original, nur läßt Scarron die Abenteurerin 
und ihre suiuante in Tränen ausbrechen, worauf Dom Cosme und 
alsbald auch D. Blaize weint. Da aber Stephanie sieht, daß ihre Tränen 
nichts fruchten, so springt sie dem Bräutigam ins Gesicht, so daß 
der also Angegriffene seine Bedienten zu Hilfe ruft. Dieser rohe 
widerliche Auftritt ist ganz das Eigentum des Franzosen, der aber 
darauf durchaus nicht stolz zu sein braucht. 

Der übrige Teil der Szene bewegt sich dann wieder ganz im 
Geleise des Spaniers: D. Blaize will Blanche's Hand ergreifen, doch 
D. Manche wirft sich dazwischen und erklärt, daß die junge Dame 
die seine sei. Blanche hat nichts dagegen, falls ihr Vater es billige. 
Cosme verlangt, daß der Marquis seine Hand der anderen Tochter, 
„der Gräfin'-, reiche. Der Landjunker, der Blanche für sich verloren 
sieht, zieht es vor, sich von der Portugiesin durch eine Summe los- 
zukaufen, um den verhängnisvollen Brief zurückzubekommen. Der 
Vorschlag wird von Cosme — bei Coello von der Portugiesin — 
angenommen. D. Sanche und Blanche werden ein Paar und D. Blaize 
will — Braut und Bruder aufgebend — sofort abreisen. 

Ich will an einigen Proben zeigen, daß Scarron auch in dieser 
Szene vielfach wörtlich seiner Quelle verpflichtet ist: 

Scarron: - Coello: 

Z). Cosme: D. Gutierre: 

Reconnoiffez-vous bien cette conoceis aquefta letra? 
efcriture. * * * 

D. Blaize: D. Blas: 

Ouy-da Digo, que es mia la letra, 

Pefcrluis cette lettre a voftre fiUe mas efta fe la embie 

Blanche, yo a mi efpofa. 



J?. Blaize: D. Blas: 

La Dame eft affez belle. Viue Dios que es rauy hermofa. 



76 



Arthur Ludxoig Stiefel. 



Merlin ! 



D. Sanche: 

Et c'eft la Portugaife, 



Merlin : 
Sur mon houneur, on en veut ä 
D. Blaize. 

D. Blaize: 



D. Diego: 
Calaba(,'as, no es aquella 
dona Antonia? 

Calabapas : 

pues que intenta 
cou tu hermano efta mu^er? 



n. Blas. 



— — pour r'auoir ma maudite 

proraeffe — — — — — — — - 

Et pour n'epoufer pas la fille ou y ansi porque la Condefa 

la Comteffe, me dese en paz, y porque 

— — — — — — — — — efta cedula me buelua 

Pour m'en deliurer donc, & partir fin aiierlo yo comido 

ä rinftant ni beuido, por no verla, 

le veux bien qu'il m'en coufte vn la dare dos mil ducados. 
peu d'argent contant. 



Nach der vorangegangenen ausführlichen Betrachtung, die ich 
dem Verhältnis zwischen Scarron und seiner spanischen Vorlage 
gewidmet habe, kann ich mich, das Ganze nochmals überblickend, 
kurz fassen. 

Scarron hatte zur alleinigen Vorlage für seinen Marquis ridicule 
Coellos Peor es hurgallo. Jener bietet also nicht, wie Les trois 
Dorothees ein Beispiel von Contamination. Scarron schloß sich dem 
spanischen Stück in der Fabel vollkommen, in der Szenenfolge fast 
ganz an und machte sich seinen Dialog in zahllosen Fällen zu nutzen. 
Die Charaktere hat er durchgängig vergröbert und verschlechtert. 
Die von Coello so liebevoll gezeichnete Gestalt der jungen Dame ist 
zu einer gewöhnlichen, farblosen Liebhaberin, Don Gutierre zu einem 
burlesken, bockbeinigen Alten und der Visconde zu einem überladenen 
Zerrbild hei ihm geworden. Auch bei den übrigen Personen hat 
er alle feinen Züge verwischt. Seine Bedienten sind frech, der eine 
sogar zotenhaft, die Abenteurerin benimmt sich aufdringlich wie eine 
Dirne und in der Schlußszene wie eine Megäre. 

Die mit der Vorlage vorgenommenen sonstigen Änderungen 

sind bald Auslassungen, Vereinfachungen und Kürzungen, bald 

■ Szenenverschiebungen oder Zusammenziehungen, bald Zutaten d. h. 

Szenenerweiterungen, Einschiebsel usw. oder neue Szenen, meist von 

sehr zweifelhaftem Wert. 

Diese Änderungen beweisen zwar, daß Scarron einen Versuch 
machte, sich zur selbständigen Behandlung des spanischen Stückes 
aufzuraffen, aber man kann leider nicht sagen, daß ihm seine Absicht 



Paul Scarroii's „X(? Marquis ridicule'-'- . 77 

irgendwie geglückt wäre. Er ist beim bloßen Anlauf stehen geblieben. 
Wäre es ihm ernstlich um Selbständigkeit zu tun gewesen, so hätte 
er damit beginnen müssen, das spanische Kolorit abzustreifen und 
die Handlung auf französischen Boden zu verlegen, wie es z. B. 
D'Ouville in seinem „Esprit fotlet'* getan hat. Daraus hätten sich 
eine Reihe von weiteren Änderungen ergeben, die den Charakter des 
Stückes nicht unwesentlich geändert haben würden. Allein solch 
mächtiger Mühe wollte oder konnte der fürs Brot arbeitende Dichter 
sich nicht unterziehen. Und so bleibt es zu bedauern, daß er nicht' 
gleich eine Übersetzung des spanischen Stückes unternahm. Seine' 
burlesken Änderungen wischen Duft und Poesie von der spanischen 
Comedia ab und beeinträchtigen die Wirkung der Handlung. Die 
leitende Idee des Spaniers: Peor es kurgallo ging bei Scarron ganz 
verloren und trotz der von ihm herübergenommenen Anspielung aut 
den Curieux impertinent würde ein Leser des französischen Stücks 
schwerlich auf den Gedanken kommen, daß er im Alarquis ridicule 
eigentlich eine Bearbeitung dieser berühmten Novelle vor sich habe. 

Das Beste unter seinen Zusätzen ist noch die Szene zwischen 
dem Marquis und Dom Cosme, wo es sich ums Verschieben der 
Hochzeit handelt. Was sonst an dem Stücke gut ist, geht auf 
Coello zurück. 

Nach allem diesen kann mein Urteil über Scarrons Lustspiel 
kein sehr günstiges sein. Es hält keinen Vergleich mit der spanischen | 
Vorlage aus. Unter den Händen des burlesken Dichters ist bei aller ) 
Abhängigkeit des letzteren etwas anderes, etwas Schlechteres daraus ' 
geworden. 

Leider muß ich auch die Frage, ob Scarron in diesem letzten 
noch zu seinen Lebzeiten aufgeführten Stücke gegenüber seinen früheren 
Fortschritte gemacht habe, entschieden verneinen. Man mag sagen, 
daß in seinen ältesten Lustspielen im Me Valet und in Les trois 
Dorothees viel von ihrem ungewöhnlichen Erfolg auf die meisterhaften 
Vorlagen — Rojas Zorilla, Tirso de Molina — zurückgehe, aber es 
ist doch nicht zu leugnen, daß Scarron in ihnen, trotz seiner 
Inferiorität jenen beiden gegenüber, noch eine gewisse Frische und 
oft einen glücklichen komischen Ton fand, den man zwölf Jahre 
später bei ihm vermißt. 

Am schlimmsten fährt Scarron, wenn man ihn in Bezug auf 
die Diktion mit seinen spanischen Vorbildern vergleicht. Und da 
ist kein wesentlicher Unterschied zwischen älteren und jüngeren Stücken. 
Man hat bei allen das Gefühl, daß er die poesiereichen, farben- 
prächtigen Schöpfungen Spaniens gerade so behandelte, wie die Aeneis 
des Vergil, er travestierte sie. Es gilt heute noch im ganzen zu 
Recht, was vor mehr als 135 Jahren Linguet34) über zwei Nach- 



3*) Theatre Espagnol I. Bd. pref. XVII ff. — Die Stellen hat bereits 
Schack (III S. 445—447) in Übersetzung angeführt. 



78 Arthur Ludioig Stiefel. 

alimungen spanischer Comedias durch Scarron gesagt hat: „Scarron 
a doniie Jodelet Maltre <^ Valet. C'est VArno Criado de Francisco 
de jRojas. On n'imagineroit pas les bassesses, los vilenies dout le 
Traducteur a souille sa miserable imitation." Nachdem er einige 
Übersetzungsproben gegeben, fährt er fort: „Ces horreurs ne sont 
qu'un echantillon de celles dont la piece Frangaise est remplie. La 
suite est encore plus degoütante. Par-tout oü Rojas est familier, 
Scarron est bas: par-tout oü le premier est naturel, le second de- 
vient rampant, ordurier et quelque chose de pis." Ferner: „on 
n'auroit qu'ä comparer la piece de Calderou que je donne ici sous 
le titre de se de/ier des apparences, avec la maniere dont Scarron 
Fa traduite en vers sous celui de la fausse apparence, on verra 
combien ce cruel homme, avoit l'art de gäter tout ce qu'il touchoit 
et d'avilir l'original a qui il faisoit l'affront de le choisir pour l'imiter." 
Um wieder auf den Marquis ridicide zurückzukommen, so 
hegte Scarron selber von ihm eine sehr günstige Meinung. In seinem 
Widmungsschreiben an der Spitze des Stückes, an den Abbe Foucquet, 
sagt er: 

„Je vous fupplie de lire ma Comedie: c'eft, ä mon gre, la 
mieux efcrite de toutes celles quo i'ay donnees au 
Public depuis que mon malheur m'a roduict ä n'auoir rien 
de meilleur ä faire, et ce fera celle qui m'aura le mieux 
reuffi, fi eile a voftre approbation, que ie prefere ä tous 
les applaudiffements de Theatres etc." 

Die letzten Worte lassen eher auf einen Mißerfolg auf der 
Bühne schließen, obwohl uns sichere Nachrichten darüber fehlen; 
denn wenn der Chevalier de MouhySS) behauptet; „eile eut assez de 
succes," so ist das, bei der bekannten Unzuverlässigkeit dieses Theater- 
historikers, ohne Bedeutung. Der buchhändlerische Erfolg des Stückes 
stand jedenfalls hinter demjenigen mehrerer früherer Lustspiele weit 
zurück. Außer der editio princeps von 1656 und dem oben er- 
wähnten Elzevierdnick finde ich als Einzeldrucke nur einen Pari?, 
J. B. Loyson 1670 12^*, und einen weiteren Paris, G. de Luynes 
1688 12° erwähnt, während z, B. Le Jodelet ou le Me Valet 1645, 
1646, 1648 (bis), 1652, 1653, 1654, 1659, 1664, 1665, 1668, 
1684, 1688, 1700 und noch öfter einzeln gedruckt wurde. 

Auch das Urteil der Kritiker ist, soweit sie das Lustspiel über- 
haupt würdigen, nicht günstig. Maupoint, Beaucharaps, Abbe 
de la Porte, La Valliere und andere hüllen sich in Schweigen. 
Leris^ßj meint sachkundig: „On pretend que c'est la meme chose 
que son Heritier ridicule.'^ Mouhy-*^'^) bezeichnet das Stück als 



3^) Abrege de V Hist. du Thcatre francois I, 305. 

36) Diel, portatif hist. et Htt. des Theatres (1763) S. 283. 

3') ]. C. 



Paul Scarrons „Xß Marquis ridicule'^ . 7.9 

„faible". Die Brüder Parfaict^^) äußern sich folgendermaßen: Cette 
Comedie, malgre la preuention de l'Autheur, est peu de chose. Le 
personnage de Dom Blaise est trop fou & trop bas; les autres ne 
sont pas mieux rendus; Fentrigue est mal conduite, et les fourberies 
de la Portugaise Stefanie, peu vraisemblables: en general cette Piece 
est peu comlque. II y a cependant des endroits qui caracterisent 
toujours Scarron." Morillot39) der Biograph Scarrons, hegt ebenfalls 
keine hohe Meinung von dem Stücke: „A part ce caractere (Don 
Blaise) d'un comique outre", sagt er, „les autres personnages, u'ont rien 
de bleu rejouissant; seul le vieux don Cosme ä la fois doux et tetu, 
merite d'etre distingue. Le Marquis ridicule . . . c'est peut-etre, 
comme le pretend ingenuement Scarron, la mieux ecrite, ou plutot 
la moins mal ecrite de toutes les comedies qu'il a composees; mais 
c'est aussi la moins interessante et la moins originale. Le comique 
n'y vaut pas celui des Jodelets et du Japhet, ni meme celui de 
VHeritier ridicule.'''' 

Mit dieser Ansicht deckt sich so ziemlich die eines der jüngsten 
Beurteiler, die Martineuohes,'^^) welcher sagt: „Scarron se vante d'en 
avoir soigne le style. Et il est vrai que quelques vers n'en sout 
pas trop mal venus. Mais quo le rire y est contraint et penible! 
Don Blaise Pol est loin d'etre une caricature aussi amüsante que 
Don Pedro de Buffalos, C'est un butor pedant qui parle un langage 
grossierement precieux et qui n'a de raisonnable que sa peur horrible 

d'un accident qui lui est du Don Cosme est un peu plus 

dröle. C'est un doux gäteux qui, tout en disant oui, ne se depait 
point de sa ridicule obstination. Mais ni son entetement de vieille 
mule, ni l'egoisme brutal de Merlin . . . n'empechent le degout de 
nous venir aux levres." 

Doch genug der Kritiken, die ja im ganzen auf das Gleiche 
binauslaufen. Es fragt sich nun, kommt dem Marquis ridicide, 
wenn er auch als Kunstwerk einen höheren Wert nicht beanspruchen 
kann, nicht gleichwohl eine gewisse Bedeutung zu. Ich glaube, 
diese Frage ist zu bejahen. Ich will kein Gewicht darauf legen, 
daß der Marquis ridicule die Gestalt des Gentilhomme Compagnard 
auf der französischen Bühne einbürgerte, denn es könnte geltend 
gemacht werden, daß Scarron bereits sechs Jahre früher mit seinem 
Hiritier ridicule durch die Rolle Filipin-Bufallos den Landjunker, 
wenn auch nur den fingierten, auf das Theater gebracht hatte ;"*') 



38) Eist, du Theaire franc. Bd. VIII S. 170. 

39) S. 305. 

*») La Comedia Espagnoh Paris, Hachctte 1900 S. 389 f. — Über seine 
seltsame Vermutung betreffs der Quelle des Marquis ridicule habe ich mich 
bereits in meiner Rezension dieses Buches {Zsch. Bd. 26^ S. 47) geäufsert. 

*i) Verwandt damit ist Thomas Corneilles ein Jahr später auf die 
Bühne gebrachter D. Bertrand de Cigarral. Zu den unmittelbaren Nach- 
folgern Scarrons gehört Gillet de la Tessonnerie mit seinem Campagnard 
(gedr. 1657). 



80 Arthur Ludwig Stiefel. 

aber der Marquis ridicule blieb gleich anderen Stücken Scarrons auf 
den größten Komiker Frankreichs und spätere Lustspieldichter nicht 
ohne Einfluß. Scarron ebnete Moliere u. a. den Weg, indem er an 
Stelle der Tragi-comedies wirkliche Lustspiele setzte, indem er einen 
Anlauf zur Charakterkomödie nahm, obgleich seine Charaktere mehr 
Grotesken als Typen des Alltagslebens waren. Dann verschaifte der 
Marquis Don Blaise den lächerlichen Marquis und Edelleuten Moliere's 
gewissermaßen das Recht, auf der Bühne erscheinen zu dürfen. Wenn 
ferner der Landjunker Mr. de Pourceaugnac durch das Erscheinen 
zweier Frauen, die mit ihm verheiratet zu sein vorgaben, von seinem 
Heiratsprojekte mit Julie abgeschreckt wird, so ist es vielleicht ge- 
stattet, an die Abenteurerin Stefanie zu denken, die die gleiche List 
anwandte. Endlich zeigen die kecken Diener und die hilfsbereite 
Soubrette Lisette eine gewisse Geistesverwandschaft mit ähnlichen 
Moliere'schen Figuren. Der preziöse Stil Merlins kündigt bereits 
denjenigen des Marquis Mascarille und des Vicomte Jodelet in den 
Precieuses ridicules an. 

Ich will die Darlegung der Beziehungen zwischen Scarron und 
dem späteren Lustspiel nicht weiter verfolgen. Mir genügt es heute^ 
den Grad der Abhängigkeit des Marquis ridicule von der spanischen 
Comedia, die seine Vorlage war, bestimmt und gleichzeitig festgestellt 
zu haben, daß ein stetiger Fortschritt, eine künstlerische Entwicke- 
luug im Lustspielschaffen Scarrons nicht stattgefunden hat. Wenn 
ich in meiner Arbeit etwas ausführlicher zu Werke gegangen bin,, 
so lag der Grund darin, daß es sich dabei für mich um die bisher 
noch wenig bekannten Anfänge der Figuron-Comedia und ihre Ein- 
führung in Frankreich handelte. 

München. Arthur Ludwig Stiefel. 



Die Vorlage der Turiner Rigomer-Episode. 



Der unheilvolle Brand der Turiner Universitätsbibliothek und 
die Nachricht, daß unter den vielen verbrannten oder doch schwer 
beschädigten Handschriften sich auch L, IV. 33 befinde, veranlaßte 
E. Stengel eine in seinem Besitz befindliche Abschrift der Nummer 
23 dieser Hs., die der leider zu früh verstorbene Dr. A. Feist seiner 
Zeit genommen hatte, 1905 abzudrucken. Aus dem Abschnitt von 
G. Paris über den Artusroman Rigomer wußte er, daß dieser Turiner 
Text eine bloße Abschrift des betreifenden Abschnittes in der damals 
in Privatbesitz des Herzogs von Auraale befindlichen Handschrift von 
Chantilly ist. Stengel selbst bemerkt hierüber: „Der Turiner Text 
ist sogar nach G. Paris eine direkte Kopie der einzigen sonst be- 
kannten Hs. des Romans in Chantilly. Er erschloß das daraus, daß 
einerseits die Chantilly-Hs. mitten in der Erzählung mit Blatt 55 f 
abbricht, also ihre Schlußblätter verloren hat, und andererseits auch 
der Turiner Text mit der gleichen Zeile, aber inmitten von 59 d 
aufhört. Obwohl der Chantilly-Text mir nicht zur Hand ist, glaube 
ich den Turiner Text schon deshalb abdrucken zu sollen, weil er 
dadurch vielleicht allein vor endgiltiger Zerstörung geschützt wird. 
Gleichzeitig wird die Stelle als Probe von Jehans Dichtweise dienen 
können, da eine Ausgabe des in der Chantilly-Hs. 17 459 Zeilen 
zählenden Gedichtes m. "W. noch von keiner Seite geplant ist." 
Stengel konnte nicht wissen, daß G. Paris, was er einer besonderen 
Mitteilung nicht einmal für nötig erachtete, den Text aus beiden 
Hss. kannte 1), was aber ganz überflüssig war, da das von Paris an- 
geführte die Frage u. a. U. entschieden hatte. Wohl aber konnte 
Stengel wissen, daß ich eine Ausgabe von Rigomer seit 1888 immer 
wieder ankündige (auf dem gelben Umschlag meiner Romanischen 
Bibliothek), und in meinem Karrenroman S. XXIV bemerkt hatte, 
daß ich eine Abschrift davon besitze und sie bald herausgeben wollte.^) 

*) Die Hs. von Turin hatte er damals ausgeliehen.. Den betreffenden 
Abschnitt der Chantilly-Hs., die er für seine Inhaltsangabe früher gleich- 
falls entlehnt hatte, kannte er durch mich, dem er seiner Zeit (1874) 
die Erlaubnis zur Abschrift und Ausgabe Rigomers vom Herzog erwirkt hatte, 

-) Ich habe beides sofort nach Empfang von St. 's Druck dem Verf., 
dem ich auch hier für seine Zusendung bestens danke, mitgeteilt: das 
Erstere wenigstens bat er darauf im Litbl. 1905, Sp. 182 b bemerkt. 

Ztschr. f. frz. Spr. u. Litt. XXXIIi. 6 



82 W. Foerster. 

G. Paris hatte von dem Turiner Text — en pleine connaissance 
de cause — schon rundweg erklärt (Hist. Litt. XXX (1887) S. 95): 
Cette copie n'a donc aucune valeur. Wenn unter diesen Umständen 
schon die Zweckmäßigkeit des St.'schen Abdrucks fraglich erscheint, 
so ist dies noch viel mehr der Fall bei der langen und ausführlichen 
Anzeige, welche E. Bruggerin dieser Zs. (XXX 2 S. 129 — 156) dem- 
selben auf 26 Seiten gewidmet hat. Anlaß dazu war der Besitz einer Ab- 
schrift desselben Turiner Stückes, die auch B. seiner Zeit abgeschrieben 
hatte, sowie die Entdeckung, daß seine Abschrift von dem St.'schen 
Druck oft abweicht und gerade an Stellen, wo B.'s Abschrift offenbar 
das Richtige bot. Brugger schreibt Seite 129 darüber: „G. Paris' 
Ansicht, daß die Hs. von Chantilly selbst die Vorlage der Turiner 
Hs. war, ist in sehr einleuchtender "Weise begründet worden. 
Immerhin sollte sich jetzt, da der Turiner Text veröffentlicht ist, 
einer der in Paris 3) sich aufhaltenden Romanisten die kleine Mühe nicht 
verdrießen lassen, hierüber Sicherheit zu verschaffen. Sollte sich, 
was kaum zu bezweifeln ist, Paris' Ansicht bewahrheiten^), 
so ist natürlich der Wert des Turiner Textes gering, voraussichtlich 
auf die Linguistik eingeschränkt. Der Kopist hat der Hs. den Stempel 
seines eigenen Dialekts (wallonisch) stark aufgedrückt." 

Da der Herr Rezensent all dieses weiß, fragt man sich, was 
er denn mit seinem langen Aufsatz eigentlich bezweckt, umsoraehr 
als G. Paris, der beide Texte vor sich gehabt, bereits klipp und klar 
gesagt hatte, was auch B, seinerseits wieder zitiert: Cette copie n'a 
donc aucune valeur. Eine Darstellung der Eigenheiten der uns 
übrigens in massenhaftem Material überlieferten Mundart des Turiner 
Schreibers ließ sich auf 2 — 3 Seiten veranstalten und diese uns zu 
geben, daran hat der Rezensent nicht einmal gedacht. 

Ich habe mich nun entschlossen, die Vorlage C des Turiner 
Textes im folgenden abzudrucken, um alle vielleicht noch bestehenden, 
aber jedenfalls unberechtigten Zweifel an dem eigentlichen Sachbestand 
endgültig zu beheben 5). Der bloße Abdruck, ohne ein einziges Wort 
irgend einer Begründung, erledigt die Sache ein für allemal. In einem 
einzigen Punkte, der freilich von untergeordneter Bedeutung ist, 
könnte man die schroffe Behauptung von der Wertlosigkeit des Turiner 
Textes in Etwas einschränken. Die (übrigens überaus flüchtig geschriebene, 



3) Die Rigomer-Hs. ist nicht in Paris, sondern in Chantilly. Von 
meiner Abschrift und meinen stets wiederholten Ankündigungen (ebensowenig 
von Stengels Notiz im Litbl.) hat auch Brugger nichts gewufst. 

*) Wie B. darüber überhaupt noch einen Zweifel haben kann, da er 
selbst paar Zeilen vorher zugegeben, dafs P. seine Behauptung Chantilly 
(C) sei die unmittelbare Vorlage von Turin (T), insehr einleuchtender 
Weise begründet hat, ist nicht recht klar. 

^) Der ganze Abenteuerroman von Rigomer erscheint in der Dresdener 
Sammlung der Vol Im öll ersehen Gesellschaß für romanische Texte, welche 
meine Ausgabe angenommen hat. Der Druck des sehr langen Textes hat 
eben begonnen. 



Die Vorlage der Tunner Rigomer- Episode. 83 

auf mehrere Seiten abgewetzte, und von sehr dunkeln und sehr 
schwierigen Stellen wimmelnde) Hs. von C. ist unter anderen auch da- 
durch schon unbequem herauszugeben, daß beim etzten Einbinden das 
vernuuftlose Messer des Buchbinders mehreremal halbe oder fast ganze 
Worte der Verszeilen abgeschnitten hat. Dies geschieht auch zweimal 
(f. bZ^ ^ und f. 54 "^3) in dem von T. abgeschriebenem Stück, dessen Vor- 
lage damals noch unbeschnitten war. Nun ließen sich zwar, ohne Kenntnis 
von T sämtliche Stellen (bis auf zwei, V. 548, wo ich an provees 
gedacht hatte, und V. 834, wo ich mir keinen Rat wußte) ergänzen. 

Sonst lehrt uns die Tiiriner Abschrift all das, was sich ein 
altfranzösischer Schreiber beim Abschreiben seiner Vorlage erlaubt, 
und insofern ist ein Vergleich der beiden Texte von C und T z. B. 
in Seminarübungen wohl zu empfehlen. Es sind Dinge, welche jeder, 
der einen Text nach mehreren Hss. herausgeben mußte, ganz genau 
kennt und die jeder, der an die Bearbeitung- eines einhandschriftlichen 
Textes herantritt, wissen sollte. Abgesehen von den unbeabsichtigten 
Flüchtigkeitsfehlern beim Abschreiben, Auslassen einzelner Wörter, finden 
sich auch eigenmächtige Änderungen, Ersetzen anderer Wörter, geringere 
und stärkere Änderungen des Textes, Auslassen von einzelnen Zeilen oder 
von Verspaaren, Umstellen einzelner Verspaare, Einschub von Vers- 
paaren, Ersatz für in der Vorlage fehlende Silben, Wörter und ganze 
Zeilen, Besserungen (schlechte, aber auch sehr gute) von Fehlern 
der Vorlage und vieles andere, was hier nicht erwähnt werden kann. 
Aus einem solchen vergleichenden Studium ergeben sich für den 
Herausgeber eine Reihe von Erfahrungssätzen, die auch anderen be- 
kannt sein sollten. Wer so sieht, wie so leicht Verspaare ausgelassen 
werden (und gerade C hat deren viele ausgelassen, andere noch 
obendrein seinerseits T), wird dann nicht die mir stets unverständliche 
Scheu vor Annahme von Lücken haben, wie man mir sie z. B. beim 
Aufdecken von solchen im Kristian immer wieder entgegengetragen 
hat, natürlich von solchen, die eben ähnliche Arbeiten nie unternommen 
haben. Selbst vor der Heiligkeit des Reimes, die man gern von 
vornherein annehmen möchte, macht der Schreiber keinen Halt, und wenn 
er nur Reime änderte, die gegen seine Mundart gehnl^) Aber er (ge- 
rade dafür gibt T drastische Proben) ändert auch solche, wo kein 
Anlaß dazu vorhanden izt. 

Eine andere Verlegenheit, in die ein Herausgeber eines Textes 
nach mehreren Hss. oft gerät, betrifft die reichen Reime von geringeren 



*) So sei besonders auf Z. 47-48 oir (,Erbe'): tenoir in C hingewiesen, 
das T sehr einfach ohne jedes Kopfzerbrechen in avoir geändert hat. Diese 
laiitgerechte Entwickelung des lat. tenere verdient nicht, wie es Burguy 
II, 385 tat, angezweifelt zu werden. Aufser seinen zwei Stellen kommt 
tenoir noch oft genug vor, wenn auch God. blofs die erste Burguy'sche Stelle 
hat. Schon Rad. v. Cambr. hats noch 226. 258, dann Aioi (s. Anm. zu 
3433), Renaut v. M., Ogier, Image du M. und schon der altehrwürdige 
Leodegar, der teuer mit aver reimt. 

6* 



84 IV. Foerster. 

Hs., die mau versucht ist, statt der geringeren Reime der besseren 
Überlieferung einzuführen. Man vergleiche meine Auslassungen hierüber 
an verschiedenen Stellen meiner Kristianausgaben. Ich habe, da 
es sich um keine eklektischen Texte handeln kann, dieser Ver- 
suchung stets widerstanden. Auch hier ist T lehrreich, da er reiche 
Reime gegen seine Vorlage einführt; beachte besonders 871. 872, 
wo C si:fali reimt, das T geschickt in si:issy besserte. Da nun 
der Dichter eine entschiedene Vorliebe für reiche Reime hat, wäre 
Jedermann versucht, hier issi für ursprünglich zu halten, was aber 
nicht der Fall ist. 

Viele Fehler der Vorlage hat auch T übernommen, und natür- 
lich andere aus eigenem eingeführt. Eine Aufzählung der einzelnen 
Fälle kann ich mir wohl schenken. 

Ich drucke nun im folgenden den Text von C ab und zwar 
ohne an der Schreibung des Schreibers etwas zu ändern. Nur die 
notwendigsten Änderungen habe ich eingeführt. Die Ziffern links 
geben die fortlaufende Zählung der Zeilen, wie sie in C stehn'); 
die Ziffern rechts geben die Zählung des Turiner Textes, wie er 
gedruckt ist, und im folgenden (dies muß eigens bemerkt werden) 
sind alle Zeilenzitate in dieser zweiten, rechts stehenden Zählung 
gegeben. Dies war nötig, weil B.'s Aufsatz diese Zählung hat und 
daher nur durch deren Beibehaltung der Text leicht und ohne Zeit- 
verlust eingesehen werden kann. 

f. 5P'2] Wegnor, oiies que dire voel: 

^ .i. jour estoit a Estriguel 

Li rois Artus et ses barnages, 

Ases i ot et fols et sages, 
5 Mout i ot rois et dus et contes. 

Ce nous tiesmoigne eis acoutes 

Que par .i. jour de venredi 

Apres eure de miedi 

— Gel jor avoit on jeune — 
10 Por mangier furent äune. 

Auques estoit avant le soir, 

AI maugier durent aseoir. 

Encor n'i avoit main lavee 

Quant par une rue cavee 
15 Virent venir encontreval 

Une damoisiele a ceval. 

Mout ert travellie et lasee. 



'') Warum ich nicht die Zeilenzählung Rigomers, die mit 15 923 
begänne, gebe, erklärt sich aus dem Zweifel, ob ich in meiner Zählung 
nicht irgendwo gefehlt habe, was erst im Druck des ganzen Textes sich 
herausstellen kann. 

12 duront Hs. 



Die Vorlage der Turiner Rigomer-Episode. 85 

De .1. et une jornee 

Venoit la pucele de lonc 
20 A le cort por mout grant besoig. 

Mout fu travellie et estraite: 

Por descendre est al peron traite. 

Li Chevalier encontre vont, 

Qiii por li mout grant joie fönt. 
25 Mise Tont fors de la sanbue. 

Gavains le prist par le main nue, 

Qui grant joio en a demenee; 

Devant le roi Ten a menee. 

Le roi salue en son langage 
30 Et le röine et le barnage, 

Et puis si parole mout brief. 

Fors de son sain a trait .i. brief, 

Le roi l'a mis ens en le main. 

II le livra .i. capelain, 
35 Puis dist: „Clers, or vos convient lire, 

Si sarons que eis bries veut dire." 



B 



'laus fu li bries et li saiaus. 
Et li clers fu de lire isniaus. 
Quant il ot le letre veue, 

40 >,Sire," dist il, Ja vos salue 

La pucele de Quintefuelle, 
Qui a plus mal qu'ele ne voelle. 
Qintefuelle est une cites, 
S'i apent une roiautes. 

45 Une damoisiele en est dame, 

Le citet tient et le roiaume. 
Mors est ses peres sans autre oir, 
Por Qou le vout cuite tenoir. 
Uns Chevaliers par son outrage 

50 Li fait grant paine et grant damage. 

Li peres de li fu ses oncles, 
Pruec veut dire q'il n'avint onques 
Ca fame remasist la tiere. 
f. öP'g] Por tant le veut sor li conqerre. 

55 Jure en a se loiaute 

Sor tous ciaiis de le roiaute, 
Qui contre lui en esteront 
Et le pucele en aideront, 

18 .1. = cinquante — 19 1. loig — 22 ch'rs Hs. 
26 .G. Hs. 
42 a fehlt Hs. 
49 chr's. Hs. 



86 W. Foerster. 

S'il em puet venir au deseure, 
60 II les destraira a une eure. 

Or ont autel paor de li 

Qu'ele De velle faire ausi. 

Por ^ou ont esgarde entr'aus, 

Ains que plus en soit fait de maus, 
65 Que par .ii. homes sera fait, 

Qui desrainier le puet, si l'ait. 

Mais li pucele a grant anui: 

Cil ne veut respondre nului, 

Ne home respondre ne daigne 70 

70 Fors le roi Artu de Bertaine. 69 

Par gentelise et par son droit 

Dist q'autrui respondre ne doit. 

Or vos mande por Diu äie 

Cele qi mout est esbahie. 
75 Sire gantius, li rois des rois, 

En cui cort sont les bones lois 

Et toutes les bones coustumes, 

Et les mauvaises en escumes. 

Ja vos proie toute se cors, 
80 Per Diu, que li facies secors, 

Car se vous n'em prendes conroi, 

N'avra garant contre le roi, 

Ne soit tornee en descepline. 

Ja n'iert contesse ne roiine. 
85 De loDC vous a reqis ici 

Que vos aiies de li merci, 

Que li haus pere le vos mire, 

Qui de tous les segnors est sire," 

Endementiers que eil lisoit, 
90 La pucele forment pleuroit, 

De ses vairs iex rians et biaus 

Ceurent les larmes a ruisiaus, 

Aval li descendent de haut 

Sor l'entrepan de son bl'iaut. 
95 Li rois Artus l'a regardee: 

Quant il le vit si esploree, 

Si Tapiela: „Suer, douce amie, 

Biele," dist il, „ne plores mie, 

Car vostre dame iert secorue. 



60 destraira] so Hs., wohl destruira zu bessern. 

64 de fauf. 

76 En] E 1 Hs. 78 en ef cumef. 

85 v^ are qis Hs. 

90 pleroit Hs. 



Die Vorlage der Turiner Jligomer-£Jpisode. 87 

100 Ales anoncier me veuue. 

Con hien a jusc'a l'asenee?" 

Et cele qi est esploree 

Li dist: „Biaus sire, en .vij. semaines 

I poroit on venir a paines." 

]05 T ^ ^^^^ ^^^ ^^^^ ^ ^^^^^ traite 

JLi Chies la roiine quin a faite 
f. 52'',] Mout grant joie et mout grant deduit, 

Biel le herbega cele nuit. 

Ens el demain la raatinee 
110 Est cele tempre aceminee ... 110 

Et conte le roi le mervelle, * 

Mout durement s'en esmervolle, * 

Dont li raenbre de Eigoraer. 111 

„Lors me convient," fait il, „aler 
1 ] 5 Ausi bien aventure querre 

Con les autres fors de ma terre." 

„Sire," gou dist se baronie, 115 

„Par no consel n'ires vos raie! 

Por vos i voist li uns de nos," 
120 „Dont soie jou honis et cous," 

Dist li rois, „se ja i envoi 

Nul autre Chevalier que moi." 120 

Lors avous .i. tempore voir 

C'au jor que li rois dut movoir 
125 Manda tous ses barons sans fale 

A Tintaguel en Cornualle. 

La fu mout grans li baronie , 125 

Et fiere li chevalerie. 

La veist on dames plorer, 
130 Puius tordre et gimples descirer, 

Et li Chevalier de valor 

Pleurent et mainent grant dolor. 130 

De duel faire i ot grant desroi 

Por Tamistie del noble roi. 
135 Ses armes fait on aporter, 

Les mellors que on puet torver. 

Quant les cauces lacies ot 135 

Au miex et au plus biel c'on sot, 

Uns esperons trencans d'acier 



106 qui ua Hs. — 110 Hs. keine Lücke. 

122 131 ch'r. Hs. 

123 auoiis (entweder avous = es vos oder in avint zu ändern); T: a vous. 
136 toruer so Hs. (!), ist aber keine Stütze für turbau, da solche 

Umstellungen des /• unserm Schreiber ganz geläufig sind. 139 ünes. 



88 W. Foerster. 

140 Li fönt sor les cauccs lacicr. 

Apries li ont Taubere viesti 

Et lacent l'elme resclaci. 140 

Plus li fönt une espee gaindre, 

Qlü de trencier ne se set faindre. 
145 On li amaine .i. ceval vair: 

Si tos ne vole oisiaus en air, 

Con li cevaus estoit courans, 145 

Fors et hardis et encontran«. 

Quant li cevaus fu amenes, 
150 N'ot encor mie tout son ses 

Li gentius rois, li de bon' aire, 

Ne set, de cui escuier faire. 150 

Sacies que mesire Gavains 

S'era presenta tox premerains. 
155 „Sire," dist il, „o vos irai 

Et vostres escuiiers serai." 

„Nies", dist li rois, „n'i venres mie, 155 

f. 52 ''o] Ains garderes le baronie 

Et la röine et le roiaume. 
160 Et se je muir, par le moie ame, 

Jou veul que le roiaume aies: 

En vos iert il bien emploiies. 160 

Mais onqes ne laisies tort faire 

La röine de son doaire." 
165 A cest mot est recommencies 

Li cris et li deus enforcies. 

Des gentius dames äirees 165 

I I ot maintes treces tirees. 

Des Chevaliers menüement 
170 I ploroient plus de .v. cent. 

Dont se presenta Engrevains, 

Gaharies et Cadovains, 170 

Et puis li Chevaliers al Cor 

Et li Valles al Cercle d'or. 
175 Puis se presenta, ce m'est vis, 

Li Biaus Mavais, li Lais Hardis. 

Dont se presenta Carahes 175 

Et Saigremors, li Desrees, 

Et apres Melians de Lis, 
180 Cliges et Bliobleheris. 

E vous Yvain del Lioniel, 



1Ö3 .G. 

172 Aharies. 

173 ch'r. 

175 cest mest uis.. 178 li des fees. 



Die Vorlage der Turiner Rigomer-Episode. 89 

Yvain l'avoltre, Yvain le biel, 

Yvain, le fil a le Somiere, 

Cil s'i prosentent, ce m'est viere. 182 

185 Yvains, fius le roi Eurien, * 

S'i presenta autresi bien. * 

Et mesire Gaudins, li Bruus, 183 

Et apres lui en i vint uns 

Qui se prousente con preudom, 185 

190 Erec, li fius Lac, ot a non. 

Apres en i ot un venu, 

Qui ot non Itiers, li tiex Nu. 

Cil fu bons Chevaliers loiaus, 

Si se prousente cou vasaus. 190 

195 „Sire," dist il, „en ceste voie 

Mout voleutiers vos serviroie." 

A tant iestes vos lonet 

Et Germion et Dodinet! 

Cil se prousenterent ensamble, 1 95 

200 Et tant des autres, ce me samble, 

Que bien furent .1. et .iii. 

Tous li pires valoit .i. roi 

Por desfendre et por asalir 

Et por fort estor maintenir. 200 

205 Nes voel or mie tos nomer, 

Car trop aroit a aconter. 

Quant cascuns se fu prosentes, 

Li rois les a tous refuses. 
52^3 De cascun a moustre raison, 205 

210 S'il le devoit mener ou non. 

Mais ne vous voel tout gou descrire, 

Car trop i averoit a dire. 

Li rois monta sor le destrier, 

Gavains, ses nies, li tint l'estrier. 210 

215 Quant en le siele fu asis, 

Son pie regarde, si a ris. 

„Sire", dist mesire Gavains 

Qui de tous biens estoit certains, 

„Pecie faites et tort aves: 215 



182 Yain le oltre yain. 

183 Yains li fius. 

184 Si prosenterent ce; vgl. 199. 
]8.") Yoains. 

188 Et pres. 

•20.") Nel. 

211 descri | Kest abgeschnitten. 

213 Le 

214 .G. 



90 W. Foerster. 

220 Ma dame pleure et vos ries. 

En ne vees le baronie, 

Qui si est por vos esmarie? 

Ces bieles dames esplorees 

Sont pales et descoulorees." 220 

225 Et la ro'ine a respondu: 

„Gavains, vos aves bien veu 

Que mesires m'a en despit, 

Quant por lui pleur et il s'en rit." 

Dame", ^ou dist li rois Artus, 225 

„Si m'äit Diex et se vertus, 

Se jou ai ris, jou ai bon droit, 

Si vos mousterai or endroit, 

Et se moutrer nel puis briement, 

Pres sui que jou le vos ament." 230 ^ 

235 „Sire, vos dires vo voloir." 

„Dame, si vous dirai tot voir. . . 

Que el monde soit a mon tans 

Armes et courone portans. 

De celui roi ne di jou mie, 235 

240 Qui tous nos a en se bailie, 

Mais jou di des rois terriens 

Et sarasins et crestiiens. 

Se nus se prent a moi de gerre, 

Jou sui tox fis de lui conquerre, 240 

245 Et seul a seul et cors a cors, 

N'iert il ja si fiers ne si fors, 

Que jou me volente n'en face. 

AnQois qu'il isse de la place, 

En ferai jou nie volente 245 

250 Et il avra le dolente." 

Et la roiine respondi: 

„Sire, jou tiesmoig bien et di, 

Que Chevaliers estes si buens, 

Miudres de vous u'est rois ne cuens. 250 

255 Se vos por tel cose aves ris, 

Vous n'i aves nient mespris." 

„Dame," dist il, „ains i a plus: 

220 uos ires 

226 .G. 

228 pleure. 

234 arment. 

236 In Hs. keine Lücke. 

246 fiert. 

253 ch'r — bues. 

254 rois ne c 1 Rest abgeschnitten. 



Die Vorlage der Turiner Rigomer-Episode. 91 

Car jou vos di sans nul refus: 

Jou siec sor le mellor destrier, 255 

f. 52'i] Qui onques portast Chevalier; 

Car maintes fois Tai esprove 

Et tous jors Tai si bon trove. 
,Miudres cevaus ne ausi bons 

Ne senti onques esperons." 260 

265 „Sire," dist ele, „bien le sai, 

Maintes fois oi dire Tai, 

C'onqes miudres n'isi d'estable, 

Ne miudres rois ne sist a table, 

Que vos estes fors celui roi, 265 

270 Cui jou aour et cuit et croi 

Et qui pri de vo revenue." 

„Dame," dist il, „clere veue, 

Encor i a .1. autre point 

Que jou ne vos celerai point. 270 

275 Trestous li miudres Chevaliers, 

Li plus vaillans et li plus fiers, 

Me tint mon estrier au monter 



Por Qou sui jou si esjöis, 275 

280 Que mout en esforgal mon ris. 

Por tant que de lui me sovigne 

Et jou m'espee en mon poig tigne, 

Ne perderai piain pie de tiere, 

Ains vaurai sor autrui conqueire." 280 

285 Quant li rois ot dit son voloir 

De celui qi tant dut valoir, 

La roiine bien Tentendi, 

Mais onqes mot ne respondi. 

Li rois forment se courega, 285 

290 Par raautalent li demanda: 

„Dame," dist il, „par cele foi 

Que vos deves le cors de moi, 

Por q'est ^ou que vos ne löes 

Qou que jou lo, quant vos l'öes?" 290 

295 La röine l'a entendu, 

Del respondre n'a atendu, 

Se tant non qu'ele angois ne pot. 



270 aoure. 

278 Keine Lücke in Hs. — T. ergänzt auf eigne Faust vor 27S: Quy 
soit en cest siecle mortel. 

279 sulou. 

294 loe quant (+ 1). 
297 quele arois ne. 



92 W. Foerster. 

Et dist au roi ^ou que li plot : 

„Rois," dist ele, „par qel raison 295 

300 Diroic jou so le voir non? 

* Ne jou por coi tiesmoigneroie 

Cose que de voir ne saroie? 

Ja n'eu seroit miudre .1. aloe 

300 

305 N'a pas lonc tans que jou apris 

Que teus n'est pas de si haut pris, 

Qui ne feroit ne gaires mains 

D'armes que niesires Gavains. 

Bons Chevaliers est il por voir, 805 

oU) Mais ausi bon i puet avoir." 

Li rois s'en äira forment, 
52^2] J^^re en a ireement: 

„Trover vos convenra ancui 

Le mellor Chevalier de lui, 310 

315 Ou le teste en avres trencie. 

Mar fu ceste evre comraencie, 

Ne mar i aves contredite 

Le parole que jou ai dite. 

Se vos ne troves a par main 315 

320 Mellor Chevalier de Gavain, 

Bien em pöes perdre la teste." 

Dont n"i ot il ne ju ne feste, 

Ains m li grans dius redobles 

Et cascuns des barons torbles. 320 

'^ I i rois la röine manace 

J— ^ Et a talent que mal li face. 

Tout a ceval vers li s'adrece, 

Ja Tevust prise par le trece 

Et si l'eust vers lui tiree 325 

330 Et de son cors mal atiree, 

Se ne fusent li haut baron, 

Qui sont entor et environ. 

„Sire," fönt il, „^ou n'i a mie, 

Car trop seroit grans vilonie. 330 

335 Por tel mesfait comme ci monte 

N'avra ja la roiine honte; 



303 miudres .i. aloe. 

304 Keine Lücke in Hs.— T. hat eigenmächtig ergänzt: Volez vous 
ore que je loe. 

31G oeuure T. 
318 iou a 
334 grant 



Die Vorlage der Turiner Rigomer- Episode. 93 

Car rou seroit vilaine cose." 

Mout le laidist cascuns et cose. 334 

Quant il Torent ases cose * 

340 Et Gavains Tot bien escoute, 335 

Lors a parle si hautement, 337 

■Que tous li barnages Tentent, 

Et si en a jure se vie: 

„Ne rai qui m'en portra envie, 340 

34,") Mais se la noise ne desfaites, 

Ja i avra espees traites." 

A cest mot acoise la place, 

N'i a celui qi noise face. 

Et mesires Gavains parole 345 

350 A la röine et si l'acole. 

„Dame," fait il, „joians et lie 

Soiies ne mie corecie; 

Car, par la foi que jou vos doi, 

Bien vos acorderai au roi. 350 

355 Car tel i a, que que on die, 

Par cui seres bien garandie; 

Car tel i sai et tel i voi, 

Qui mout est plus vaillans de moi." 

„Sire," dist la röine a lui, 355 

360 „Se Diex me jet de cest jor d'ui, 

Se vous acorder me pöes, 
52^3] Mesire et mes amis seres. 

Jamals nul jor ne vos fauroie, 

De quanque faire vos poroie, 360 

365 Et si vos ai en convenent 

Sor m'arme et sor mon savement, 

Que de tout gou que jou i dis 

Onqes por vo despi nel fis." 

Dist mesire Gavains: „Par m'ame, 365 

370 Jou sai mout biel, me biele dame! 

Onques ne vos en escondites, 

Que jüu sai bien que voir me dites." 



G' 



_2_avains le roi em apiela, 

Onques li rois nel regarda. 370 

375 II le rapiela autre fois. 



339 fehlt T, der dafür nach 340 einschiebt: Ens en la presse avant 

se boute. 
340. 34'j I .G. 
345 desfaces 
355 qui q on 
369 .G. 



94 W. Foerster. 

„Sirc," dist il, „entendes moi! 

As6s vos ai lonc tans servi, 

Onqes vo gueredon ne vi; 

Car ne vos ai gaires rouve 375 

380 Et vos petit m'aves done, 

Mais or vos vel requerre .i. don 

Par amor et par gueredon. 

Vers la roiine iestes ires, 

Et a parmain vos en ires; 380 

385 Mais angois vel faire le pais." 

„Nies," dist li rois, „soiies em pais! 

Tant m'a mesfait outreeraent, 

Ne li pardonroie nient." 

„Sire," dist il, „quant del pardon 385 

390 Ne puis avoir otroi ne don, 

N'en voel estre contre vo dit. 

Dones la roiine .i. respit 

Dessi a vostre revenue! 

Dout iert madame porveue, 390 

395 Que bien vos rendera raison 

Outreement sans ocoison. 

Et s'ele n'a moiit bon garant, 

Si resera a vo comraant." 

Dont s'escrie tous li barnages: 395 

400 „Bien dist Gavains, li preus, li sages! 

Bien le pöes si otroier, 398 

Si vos en volons tout proiier." 397 

Li rois a graut paine l'otroie, 

Et la roiine en ot tel joie, 400 

405 Qu'ele li dist tout en riant: 

„Sire, c'iert par .i. covenant, 

Que vos a mon cois prenderes 

Celui que avec vous menres." 

„Dame," dist il, „or n'i a plus, 405 

410 Jou le ferai sans nul refus." 

Dont est la cors si resbaudie, 
f. öo']^] N'i a celui que il n'en rie, 

En tel maniere Gavains fine 

Envers le roi de le roiine. 410 

415 Bien i a fait gou q'il devise; 

Car entr'aus .ii. a tel pais mise, 



381 .1. don (doin dialektisch oder dorn). 

388 oder pardouroie (Hs. ii). 

396 (Outree)ment und 397 (fel)e abgewetzt. 

400 .G. 

413 .G. 



Die Vorlage der Turiner Rigomer- Episode. 95 

Que toute lor ire abaisierent, 

Au departir s'entrebaisiereiit. 

La roiine a cou qu'ele rueve, 415 

42U Mout vaillant escuiier li trueve, 

C'est Lanselos del Lac por voir; 

Car n'i püust mellor avoir. 

Dont prent congie, q'il angois pot. 

Li rois en maine Lanselot, 420 

425 Jon n'ai mie bien lor jornees 

Eetenues ne erabrievees; 

Car il en i ot mainte dure; 

Mais ceste premiere aventure 

Qui lor avint vous conterai 425 

430 Ensi comme oi dire Tai, 



Vi 



ait s'ent li rois et sa corapaigne 
Et entre en une terre estraigne 

En une grant foricst ramee. 

Ja ert li sietime jornee, 430 

435 Quant il troverent .i. manoir, 

Ou il faisoit mal reraanoir; 

Haut mur i ot et forte tor. 

En demie jornee entor 

N'avoit ne castiel ne doignon, 435 

440 Borde ne vile ne maison. 

Ja dis fu mes a .i. rice liome, 

Or estoit mors, ^ou est la some. 

Mout i mest bien tant q'il fu vis; 

Apres se mort, ce m'est avis, 440 

445 Ürent robeor essillie 

Se fame et toute se mainie; 

Pris avoieut le remanaut 

Et s'estoient laiens manant. 

Por le fort tor et le haut mur 445 

450 I manoient tout a seur. 

De ces larons dont je vos dis 

Mien ess'ient i avoit .x. . 

Li .V. n'estoient mie el mes, 

Mais li .V. estoient remes. 450 

455 Quant il virent venir le roi 

Et Lanselot a tel conroi, 



417 = abaissierent. 
432 estrenne. 
445 Lorent. 
449 forte (+ 1). 
451 di. 



465 moura (—1 ). 

474 ioust ert m"ie. 

485 q'te. 

486 tist Lanselos wide 

488 auino. 

489 abatii andoi. 
491 destrie. 



96 W. Foerster. 

Li uns dist a Tautre en riant: 

„Ci nous vienent .ii. marceant, 

Qui cevauceut .ii. biaus poutriaus. 455 

460 Alons partir a lor torsiausi" 

Tout sollt de lor armes garni. 

Li uns fors del castiel issi 

Et dist as autres: „Soiies coi! 
f. 53'2] Ja por ces ,ii., comme ci voi, 460 

465 Mar se mouvera nus de vous.-* 

„Voir," dient il, „nou ferons nos, 

Se nous ne veons grant besoig." 

„Mar en avres," ce dist, „nul soig." 

A tant s'en ist lance levee, 465 

470 Mout avoit bien le tieste armee, * 

Envers le roi s'est avoiies. * 

„Lanselot," dist Ii rois, „voiies! * 

Cist n'aporte ne pais ne triue. * 

Geste premiere jouste ert miue." * 

475 A tant s'est vers lui adrecies; 468 

Mais Lanselos s'est avancies: 467 

Aius que Ii rois i puist venir, 469 

Le vait Lanselos si ferir, 470 

Que del ceval l'a abatu 
480 Contre tiere tout estendu, 

Si qu'il Ii a le cuise fraite. 

Quant eil voient le jouste faite, 

Uns autres s'en issi esrant 475 

Annes sor .i. ceval ferrant. 
485 Et Ii rois encontrer le quide, 

Mais ains en tist la sele vuide 

Lanselos, que Ii rois i vigne. 

Comment que des autres avigne, 480 

Or sont il andoi abatu: 
490 Li troi sont del castiel issu, 

Cascuns armes sor son diestrier. 

Lanselos feri le premier, 

Que jus del ceval le convoie, 485 

Sor .i. mellier dales le voie 
495 L'en a porte plaine se lance, 



Die Vorlage der Turiner Rigomer- Episode. 97 

Et eil cäi sor une brance. 

Li melliers ert bas et brancus: 

Entre .ii. brances fiert Tescus, 490 

Dont eil avoit le guige au col. 
500 Or se puet eil tenir por fol, 

Qu'il ne l'ot ostee par taus; 

Par le guige i remest pendans. 

Et Lanselos lance sor fautre 

Guencist, si vint ferir .i. autre. 495 

505 Abatu l'a si malement, 

L'arme s'en vait, li cors s'estent. 

Et quant li rois voit celui pendre, 

Qui sa lance ne puet reprendre, 

Grant ris en ot, ear eil ens tint. 500 

510 Et Lauselos feri le quiut, 

Abatu l'a si qu'il l'afole, 

Le brag li brise et le cauole, 

Li cuers el ventre li parti. 

Or sont li torsiel departi. 505 

515 Que qu'il avoient devise, 

f. 53 '^q] ^^ sont il tout mal eonfesse, 

Et li Berton biel se maintinrent, 

Jusqu'a la tor lor voie tinrent; 

Bien fönt, quant il la s'adrecierent. 510 

Viande i truevent, sei cargierent, 
520 Lors se departent, si s'en vont. 

Tant cevaucent que trovö ont 

AI tierg jor le Male Gaudine, 

Ou trop avoit de sauvecine. 515 

De singes, d'ors et de lions 
525 I avoit mout grans legions, 

Serpens, lupars et autres bestes 

A trencans dens, a grosses testes. 

Maint preudome ont trait a essil, 520 

Or est li rois en grant peril 
530 Quant el bos durent par entrer. 

De ciaus vos sai dire et eonter, 



499 le guise. 

502 pendan. 

Ö09 eustint. 

517 maintirent. 

')18 tirent. 

ö27 autres be | Rest weggeschnitten, ebenso 

ö28 grosses t | und 

529 trait | 

')31 entre | 

Ztschr. f. frz. Spr. u. Litt. XXX lI'. 



98 W. Foerster. 

Que li preudome tresi)asant, 

Qui el päis furent manant, 525 

Avoient as caisiies pendues 
535 Haces danoises et ma^ues, 

Por ciaus garir, qi la pasoient 

Et de lontains päis venoient. 

Quaut eil qi de Qa sont, les prendent, 530 

540 Outre s'en votit, de la les pendent, 

Se le bos pueent trespaser. 

Eusi les en convient outrer. 534 

Et eil qi les prendent de la, * 

Ausi les rependent de ga. * 

545 Ensi estoient coustumier, 536 

A maint preudome avoit mestier. 535 

Mais ja Lanselos nc li rois 537 

N'öussent pris de qou conrois, 

Ains s'en aloient tot amblant. 
550 Quant el bois furent par entrant, 540 

S'encontrerent .i. Chevalier 

Mout bien arme sor son destrier. 

Cil n'ot menbre, ou n'eust plaie 

Grande ou petita, dont san raie. 

555 /^uant del bos le virent issant, 545 

\jL Bien fu a lui aparisant, 
Qu'il avoit les biestes trovees, 
Qai mal furent vers lui privees. 
Quant Lanselos venir le voit, 



532 sa. 
535 penduf. 

537 paso I Rest weggeschnitten, ebenso 

538 venoien | 

539 pren | 

540 p I 

542 outre | Rest weggeschnitten (T: ourer). 

543 pendent 

546 auoit | Rest abgeschnitten, ebenso: 

548 conro | 

549 aml | 

550 ent | 

552 de I 

553 neust | 

554 sa I 

555 de — \irent | 

556 aparisa | 

557 trou I 

558 lui I 

559 le u I 



Die Vorlage der' Turiner Rigomei'-Episode. 99 

560 Celui qui taute plaie avoit, 550 

II le saliie, et eil respont: 

„Sire," fait il, „ves ci .i. pont, 

Pres de ci sort une riviere; 

Mais bien sacies q'il m'est aviere, 
565 Se vos outre le pont pases, 555 

Vos avres de le honte ases." 

Lanselos voit celui sangleut, 

Del demander ne se fist lent, 
f. 53 ^i] Ains le regarde et dist a lui: 

570 rSire, que Diex vos gart d'auui! 560 

Dites moi, qi gou vos a fait, 

Et Tocoison et le forfait!" 

„Sire," fait il, „se vos passes 

Le pont, vos le savres ases, 
575 Bien troveres qi vos dira, 565 

Mais ja a vos n'en parlera." 

„Comment?" qou dist li rois Artus, 

„Sont gou miracles ou vertus, 

Que nous troverons, qi diroit 
580 Et puis a nous ne parleroit?" 570 



,.S' 



^ire," dist eil, „icis boseages 
Est tox plains de biestes sauvages, 

Que nus ne puet outre paser, 

Que Jamals puise repasser, 
585 Qu'il ne soit mors ou si navres 575 

Comme jou sui, que ci vees, 

Qi tant ai plaies tot par tout, 

Ca paines pus aler atout. 

Mais or prendes de ees raagues 
590 Et de ces haces esmolues, 580 

Dont vos aideres al besoig. 

Les biestes ne sont mie loig; 

Que en espee ne en lance 

Ne pöes vos avoir fianee." 
595 Dist Lanselos: „Car me nomes 585 

Les biestes, se vos les saves!" 



560 


au 1 


563 


riu 1 


564 mest | 


565 


pase 1 


567 


fangl 


368 fift 1 


587 


tant a 


592 


lonc 



7* 



100 W. Foersier. 

„0 je," dist il, „partie en sai, 

Que Yolentiers vos nomcrai. 

Ours et lions, pors et lupars 
600 I a graiiment de toutes pars. 590 

Singes i a et boteriaus, 

Qui es dos et es hateriaus 

Morgent le gent a grant fuison ; 

Mout lor temprent malle puison. 
605 Tortues i a et culuevres, 595 

Qui mout fönt de mavaisses evres, 

Casselles et sierpens crestes, 

De ces i a mout arestes, 

Et si a corpiuDS et wivres, 
610 Donc Diex nous face tox delivres! 600 

Deseure tous i est la pante, 

Qui par toutes les fories ante 

Et fu et flambe jete fors 

Parmi la goule de son cors 
615 Et parmi cascune narine; 605 

Tant par est de mavaise orine. 

Cele bieste dont jou vos conte, 

Ele n'esparne roi ne conte, 

S'ele le puet teuir nule eure, 
620 Qu'ele erranment ne le deveure. 610 

f. 53^'2] Dementrues qe de ^ou parloient, 

Tout .i. cemin gardent, si voient 

Venir a pie .iiij. sergans. 

Saietes et bons ars jetans 
625 Portoit cascuns por lui defendre, 615 

Et bien sacies, sans plus atendre, 

Voloient le foriest i^aser. 

Et quant il viurent a l'entrer, 

Sacies que mout grant joie avoient 
630 Des Chevaliers que illuec voient. 620 

Or furent ,vij. en lor compaine, 

Li .iiij. et li doi de Bertaine, 

Et li Chevaliers fu sietimes, 

Qui tout estoit sanglens meiraes 
635 Et qui del bien faire s'afaite; 625 

Car n'avoit pas sc voie faite, 

Ains estoit ses escuiiers mors. 

En la foriest gisoit li cors, 



605 culuerures 
621 parolent. 
62S uirent. 



Die Vorlage der Turiner Rigomer-Episode. 101 

Dont li arme estoit fors alee. 
640 Tout droit el fons d'nne valee 630 

I/avoient les biestes ataint, 

Devoiire l'orent et estaint; 

Mais li Chevaliers escapa. 
" Mainte bieste apres lui hapa, 
645 Par cui ongles et par cui dens 635 

Estoit par tout le cors sanglens. 

Mais s'il fust en la grant gaudine 

En la naive parfondine, 

Ja mais escaper ne peust 
650 Per nul pooir que 11 eust. 640 

Mais or est si, ce m'est avis, 

Que il ne puet escaper vis. 

Lors sont tout .vij. a .i. acort, 

Et j'ai talent que je recort, 
655 Que Tuns fait l'autre buen samblant. 645 

Vers le foriest s'en vont amblant 

Taut que il ont pase le pont. 

Li escriture nous despont, 

Quant pasee orent le riviere, 
660 Qu'il troverent, ce lor fu viere, 650 

Uue mervelle ens el boscage, 

Qui mout lor pot Sambier savage. 

Mout fu grande cele mervelle. 

Cascuns formeut s'en esmervelle, 
665 Car auques lor sambla diverse. 655 

Tres parmi le foriest traverse 

Une route de biesteletes 

A mout petites testeletes, 

Escuiriel et connin et lievre, 
670 Vairet et erminet et bievre, 660 

Leu et liouplil, trygre et taisou, 

De ciaus i ot mout grant fuson; 
53^3] Cierges et ciers, civreus et dains, 

Cil le trepasenr, qi ains ains; 
675 Pore sau vage et ors et lupars 665 



641 bieste. 

643 ch'r. 

648 parfondinee. 

650 poeur. 

65.') bü samblant. 

667 routes de biestesletes. 

673 ciuureus. 

674 Cil lef repaifent. 

675 erstes et fehlt (—1). 



102 ^V. Fo erster. 

Et li singe de putes pars; 

De ciaus i ot il si grant route 

Qu'ele ne pot estre desroute; 

Et mout i ot de Serpentine, 
680 Ne sai tot dire le convine. 070 

Deriere venoient lion, 

Dont il i ot grant legion. 

Cil faisoient Tariere garde, 

Cacuus sovent ariere garde; 
685 Car li pante venoit deriere 675 

Plus de liue et demie ariere, 

Qui gete flame a grans mervelles 

Des nariues et des oreilles, 

Et par le bouce si grant fu, 
690 C'ainc de bieste si grans ne fu. 680 

Les biestes ont senti l'alaine, 

Por Qou metent al füir paine; 

Qu'eles n'ont soig de son apiel, 

Cascune a paor de se piel; 
695 Car li pantre estoit famelieuse. 685 

N'i a bieste tant orguelleuse, 

Se a cele eure le tenist, 

Nel devorast et englotist. 

Or vos dirai une partie, 
700 Comment estoit grans et furnie: 690 

Ses cors et ses cols et scs cies 

Ot bien de lonc .1. pies; 

Eucontre estoit grosc et pleutiue. 

Q'a rien en le foriest antiue, 
705 Quant cele pante fain avoit, 695 \ 

Nule bieste n'aconsivoit, 

Qu'ele ne tust lues devouree. 

Uns cevaus n'ert c'une goulee. 

A tout le Chevalier arme 
710 L'avoit lues mort et devore. 700 

Por Qou vos voel faire a entendre 702 

Que ne l'osoient plus atendre 701 

Les biestes, que ne s'en fuiisent, 703 

AnQois que eles Taten disent. 
715 Et si vos di, por tel afaire 705 



676 nicht fingro. wie der zu weit abstehende linke Balken des g leicht 
zu lesen vci leiten könnte; vgl. wirkliches gr Z. 671 trygre. — pute. 

680 tot] toit. 

685 paute Hs., ebenso stehts im fg., so dafs 897 der Schreiber pantre 
seiner Vorlage sogar als qautre gelesen hat. 

687 grant meruelle. 



Die Vorlage der Turiner Eigomer-Episode. 103 

N'osoicnt les Westes mal faire 

As Chevaliers qi par la vont, 

Ne as sergaus qui a pie sont. 

Li pautre le cemin acuite. 
720 Ja s'en peusent aler quite, 710 

- Quant Lanselos par son desroi 

A coraenchie devaut le roi 

Mout grant orguel et grant otraje, 
f. hA^i] Qui lor torna a grant damage. 

725 Dist Lanselos: „A ces lions, 715 

Que nous ici paser veons, 

Vaurai ja faire une enväie. 

Ensi n'en paseront il raie." 

^Sire", Qou dist li Chevaliers, 
730 Cui escus n'estoit mie entiers, 720 

„Por Diu, aiies de vos merci! 

Car li pantre venra ja ei, 

Mien essient, que il n'a mie, 

Desi a li liue et deraie. 
735 Ja venra ei par grant pöeste, 725 

Car trop i a isnele beste. 

Por mangier les Westes porsiut, 

Et s'ele ci nous aconsuit, 

Ele fera de nous autant 
740 Con des biestes, jou vos creant; 730 

Et si soiies bien a fiance, 

Que, se ne fust par se doutance, 732 

Des biestes fusies ore ocis, * 

N'en escapast ne eil ne eis, * 

745 Que nous ne fusons devoure. * 

A hon Diu avons hui oure. 734 

Or nous metons fors de la voic 735 

En tel liu qu'ele ne nos voie." 

Quant il ot dite sa raison, 
750 Trespase furent li lion; 

Et Lanselos les escria, 

Onques uns seus nel regarda: 740 

De le pante orent tel paor, 

C'ainc n'i garderent lor honor; 
755 Car plus le doutent, ce ra'est vis, 

Que mil Chevaliers fierviestis. 



716 Noseut (—1) — mal faire. 
718 qui] q. 
7'22 comenchi, 
734 a lui. 
740 creanc. 



104 W. Foerster. 

Et Lanselos ot le maniere 745 

De le pantre qi vient ariere, 

Qui tant est fiere et orgaellose 
760 A Teure qu'ele est faraelleuse. 

„Talent ai", fait il, „que jel voie 

Et que men espiel li envoie 750 

Parmi les costes ens el cors. 

Et se li espius est tant fors, 
765 Que le cuir li puist trespaser, 

Jamals nel veres respaser, 

Que jou ne l'ocie a raes mains." 755 

Dist li Chevaliers: „C'est del malus! 

Vous ne dites pas vaselage, 
770 Mais grant orguel et graut oltraje. 

Le pante n'ocires vos mie, 

Li pante n'est nullui amic, 700 

Ains liet toutes les riens del mont, 

Qu'ele voit, qi en vie sout. 
775 Et se vos esties .i. raillier, 

Si vos vauroit eile essillier. 
f. 54''2] Certes jou ne l'os mais atendre, 765 

A moi garir vauroie entendre. 

Jou ra'en vois, a Diu vos commant." 
780 A tant s'em parti maintenant 

De Lanselot et si le laise, 

Le cemin son ceval eslaise, 770 

Et li .iii. vallet avec lui, 

Qui grant paor orent d'anui. 
785 Saves vos que li quars devint 

Des valles qui avec aus vint? 

II esgarda .i. caisne gros, 775 

Le grenor que il vit el bos, 

Vers cel caisne s'est acostes 
790 Et jure Diu par grans fiertes 

Et sainte Bride et saint Andriu, 780 

Qu'il ne partira de cel liu 779 

Desci a dont que il vera, 

Con Lanselos se contenra. 
795 Are tendu et saiete en corde 

A veu Lanselos s'acorde. 



775 estiies. 

779 commanc 

780 partent 

781 laisent 
786 uallet. 
791 saite. 



Die Vorlage der Turiner Rigomer- Episode. 105 

Et quant Lanselos Ta veu, 785 

Sacies, grant joie en a eu. 

Ce n'est mie por le fiance, 
800 Qu'il ait en lui n'en se poisanse, 

Mais por qou que liardi le vit, 

Si beneist Teure qel vit. 790 

Et puis li basti eil tel jeu, 

Que Lanselot torna a preu; 
805 Car ne fust ci dales le fust, 

Ocis et devoures i fust, 

Donc a parle li rois Artus, 795 

Qui longement s'estoit teus. 

Bien a öie le noviele 
810 De le pantre qi se reviele, 

Et voit mout bien que Lanselos 

Vora a li combatre el bos. 800 

Douceraent l'a a raison mis: 

„Lanselot", dist il, „biaus amis", 
815 Laisies ester ceste esredie! 

Or nel lairai que nel vos die: 

Faus est qi se met en essil, 805 

Qui oster se puet de peril. 

Et nous avons tant cevacie 
820 Et nostre cemin ensaucie, 

Que bien nous em poons partir. 

Et quant ce vient al revenir, 810 

Se Diex ci par ent nous ramaine, 

Ains i seriens une semaine, 
825 Que le pantre ne veissiens 

Et a li nous combatisiens," 



D 



|ist Lanselos: „Ainc ne vi pante. 815 

Certes qi me donroit Maante 
f. 54''3] Et .i. quartier de vo roiaume, 

830 N'en irai jou, desque le dame 

Avrai veue et encontree, 
Que diriens nos en no contree, 820 



798 eue 

802 qil. Entweder qel = que le oder ben('e)ist l'e.qil[le] 

803 iu 

804 priu 
806 Ocist 
823 ramane 

820 lui; besser Ne statt Et. 
828 maäte 



106 W. Foerster. 

Qu'en arrier Paveriens eue 

Et si ne ravcrions veue 
835 Ne reqise ne asalie? 

Jou li ferai ime asalie 

Et temperrai cele puison, 825 

Dont ele avra male fuison. 

Jou acuiterai le pasage, 
840 Ja mais n'i prendra guionaje, 

Corament ele mengue geus, 

Nes puet garir ors ne argens, 830 

Ne armeure que on port. 

Ce soit ore a son mal deport 
845 Que ja mais en doie mengier! 

Jes metrai fors de son dangier. 

Bien voi qu'ele est fole et estoute, 835 

Et si voi que eis gars nel dote, 

Et jou por coi le doteroie? 
850 Tornes vous fors de ceste voie, 

Et si veres que j'en ferai." 

„Voir", dist li rois, „bien le verai, 840 

Car jou serrai en vo compaine. 

Ja ne rentre jou en Bertaine, 
855 Se vos n'iestes ensamble o moi. 

Et une cose vos otroi, 

Que vos feres, et je ferai, 845 

Se vous mores, et g'i morai." 

Quant si orent parle andui, 
860 Lauselot garde jouste lui, 

Si Vit ,i. grant bot de tilleus, 

Garni de fuelles et de feus. 850 

Saves, comment a esploitie? 

Trencie en a une moitie; 
865 Tant fist que bien en fu covers 

Et ses hauraes et ses baubers 



833 Q'nouier, könnte auch namer sein; r ist verklext, könnte vielleicht 
auch e sein; doch las Turin auch nommer. Sinn: „so nahe," 
s. die Aum. 

844 dep I Rest abgeschnitten, ebenso 845 mei | 

846 de son | 

847 fole 7 ef | 

848 Et fehlt (—1) 

850 fors de | 

851 Et fehlt 

852 Voir dist li roif li rof bn 1 I Rest abgeschnitten; ebenso 

853 en vo | 

854 Berta | 

857 Se — que ie 
862 flours T. 



Die Vorlage der Turiner Rigomer- Episode. 107 

Et ses cevaus des en le eiere 855 

Desci en le curpe deriere. 

Et bien en acoavri se face, 
870 Que li calors mal ne li face. 

Quant Qou ot fait, ens en cele eure 

Vint li pantre qi ne demenre. 860 

Lanselos va a l'encootriere, 

Et li rois va a le costiere, 
875 Et li valles a l'arc tendu, 

Qui en l'autre costiere fu. 

Or ne sai jou comment s'en aille 865 

Li pantre sans faire bat aille; 

Car fu et flambe vient jetant 
880 Et Lanselos li vient devant, 

f. 54^J Grant cop li done a bone estrine. 

Ens en le senestre narine 870 

L'a asenee et feri si 

Que li Sans vermaus en sali. 
885 Poi le blega et neporquant 

En fist li pante lait sanblant. 

Se il dont s'en vansist retraire, 875 

Encor le peust il bien faire; 

Mais il na soig de tele guere: 
890 Par fine force vout conquerre 

Toutes les coses de cest mont, 

Que il voit que contre lui sont, 880 

N'onques niais tant d'engien ne qist 

Con del buison que sor lui mist. 
895 Mais s'il ne l'eust ensi fait, 

Tous i fust mors par son sorfait. 

Encor reqiert le pantre fiere 885 

Et a talent q'il le refiere, 

Le fust et le fier de la forge 
900 Li met el cors par mi le gorge. 

Donc fu la pante plus blecie; 

Forment s'en est esmervellie 890 

De Qou que si mal li estait, 

Et si ne set, qui qou li fait. 

869 couuri (—1) 

877 aill I (abgeschnitten) 

884 yssy T. 

887 Sil (— 1) 

897 reqert le qautre 

900 cols 

902 Foment 

903 estoit 



108 W. Foerster. 

905 Par devant li a regarde: 

Ja l'eust mort et devoure, 

Mais bien li sainble par raison 895 

Qii'ele ne voit fors le buison. i 

Et li rois Artus se ratorne, 
910 Le pantre Hert, q'il ne sejorne, 



Parmi le cors desi el foie. 90() 

Et del vallet, dont dit vos ai, 

Encor avant vos en dirai. 
915 II ot mis le saiete en Tarc, 

Qui le fier ot trencaut et larc; 

Le pante trait par grant orguel 905 

Si qu'il le consivi en l'uel, 

Tres parmi l'uel en le cervele 
920 Li met le flece et Talemiele. 

Puis li retrait une autre fie, 

Sei consivi ens en l'öie. 910 

Cis cos ne refist niie mains 

De mal, que fist li premeraius. 
925 Puis li retrait le tierce fois: 

Dont ot ele de ses cous .iii.. 

Li caisnes fu et grans et les, 915 

Et li valles estoit dales. 

II n'avoit de le pantre garde; 
930 Car li caisnes le vee et garde. 

Ne li pante nel puet veir: 

A mervelles li puet venir, 920 

f. 54^2] Dont gou li vient, qui si li nuit 

Et en le cervelle li cait. 
935 Dont fu ele mout courecie, 

Le tieste a coutremont drecie, 

Ne set que avenu li fu. 925 

A grant mervelle gete fu: 



905 lui 

911 fehlt. Die Hs. hat aus Versehen die vorige Zeile (910) wieder- 
holt (diesmal quil). T hat: Que son espee ly a enuoie, das sich 
leicht als Ersatz des Abschreibers verrät. Vielleicht: Que son 
espie Ines li envoie. 

918 ens uel Hs.; en luel T. 

922 en en 

930 le veer garde T 

933 (Diese Spalte ist abgewetzt und manches schwer leserlich.) qui] 
abgewetzt, scheint eher et (7) zu sein. 

934 li cuist T; ][i -i|uist abgewetzt, es scheint noch ein Buchstabe 
vor c gestanden zu haben, ich habe li bruist noch zu erkennen 
geglaubt. 



Die Vorlage der Turiner Rigomer-Episode. 109 

Les fuelles argent, li rain briseiit, 
940 Des grans calors qi de li issent 

Sont li buison entor espris. 

Et Lanselos fu si soupris, 930 

Que ses cevaus li fu estains, 
, Et il meismes si atains, 
945 Que il ne set que de lui face. 

Li cols li escaude et la face. 

S'il ne par fust si bien Covers, 935 

Tous i fust ars desi es niers. 

Ne quidies pas que il fust aise; 
950 Car plus caude d'uiie fornaise 

Est Talaine qui de li ist. 

Quanqu'ele ataint, art et brüist. 940 

Li fiers escaufe et art li cars. 

Or a Lanselos a escars, 
955 Ce m'est avis, ne bleu ne aise, 

Ne autre cose qi li plaise. 

Ja fusent tout mort sans atente; 945 

Mais li paute avoit grant entente 

De gou que ele estoit ferue 
960 En l'öie et en le veue; 

Et del grant cop de le narine 

Et del grant cop desous l'escine 950 

Et del fier qi li ert el cors, 

Dont li tron^ons ert grans et fors, 
965 Et des saietes qil degcivent 

Et en le cervelle li boivent, 

Espant li sans et li cervelle. 955 

Li pante estordist et cancele, 

Qu'ele ne set que ele fait. 
970 A haute vois s'escrie et brait; 

Tant durement brait et henist, 

Que toute la foriest tentist. 960 

Tel noise deraaine la bieste, 

Par tout samble, 90U soit tempeste. 
975 On n'alast pas une hucie, 

Quant ele est morte trebucie. 



940 Les — li fehlt (— 1) 

949 qil fust aise (— 1) 

950 fornase. 

951 qui d 
957 mo I 
959 ferie 

962 Et de celuy T. 
965 qi 



110 W. Foersfer. 

Et Lanselos est trais ariere, 965 

Dalös .i. buison de bruiiere 

Sc gut estendus et pasmes 
980 Con eil qi tous ert escaudes. 

Li rois Artus i vient errant, 

Qui raout en ot sen euer dolant, 970 

Quant il uel voit vers lui drecier. 
f. 54^3] Dont n'i ot il que corecier, 

985 Dont cuide que il soit sans vie. 

De grant duel faire se renvie. 

Et li valles qi la estoit 975 

Mout graut dolor en remenoit. 

Entre lui et le roi Artu 
990 L'en porterent sor sen escu 

Dessi as autres compaignous. 

Li Chevalier et li gargons, 980 

Qui d'aus estoient departi, 

II orent bien öi le cri, 
995 Mais il ne vaurent mie acore; 

Car il nes oserent secoure. 

Neporquant furent areste. 985 

Dales .i. grant caisne rame 

Ont Lanselot a terre mis. 
1000 Del desarmer sont entrerais. 

Premier li ont le brant oste, 

Qu'il avoit gaint a son costet. 990 

L'ielme li ostent, qi raiex raiex, 

Et a Taubere crient et ploureut; 
1005 Car il n'en peurent preu oster. 

Dont n'i ot que desconforter. 

Gieres li osterent a paines. 995 

Li rois sent le pous et les vaiiies, 

Qui encor li batent el cors. 
1010 „Por Diu", fait il, „n'est mie mors 

Mes dous amis, mes dous compaing! 

Lanselot frere, mout vous plaing! 1000 

Gentius Chevaliers et vasaus, 

983"Ü" fehlt (- 1)_ 

985 Bien c. T — q i- soit. 

986 f(eren)ui(e) abgewischt. 
995 il n- -aurent 

1003 qui miex peurent T (eigene Besserung). Wohl eher Lücke 

hinter l'auberc Z. 1004. 
1007 Gieres (erstes e undeutlich) Hs., tout T (— 1). Es heilst hier 

„dann, darnach". 
9 

1012 ml't -g ----g 

1013 chl'r 



Die Vorlage der Turiner Rigomer-Episode. 111 

Com' esties preudom et loiaus! 
1015 Com' esties Chevaliers adrois 

Et preus et larges et cortois! 

Seul me laires en autre terre! 1005 

Or ne sai compaignon u querre. 

Ja mais n'avrai tel compagnon, 
1020 Qui si port lance ne pignon. 

Et se jou revois em Bertaine, 

Et vos n'iestes en me compaigue, 1010 

II diront tout, si avront tort, 

Qua meimes vos avrai mort." 

1025 I i rois forment se desconforte, 

-■— ^ Mais on set bien que mout est forte 

Fortune qi em petit d'eure 1015 

Retorne qou desous deseure. 

La ou li rois plus se demente, 
1030 Dales .i. buisoncel de mente 

Estoient tout mu et taisant. 

Adont lor vint biel' et plaisant 1020 

Une dame blance viestue 

(Ainc plus biele n'orent veue,) 
1035 Et sist sor .i, ceval tout blanc: 

Forment li batoient li flanc; 

Car tos venoit et d'auques loig 1025 

Men essient por tel besoig; 

Et aportoit ens en sa main 
1040 .i. ongement vaillant et sain 

Dedens une boiste d'ivoire 

Ouvree a or et a trifoire. 1030 

La dame descendi entr'aus 

Clere comme estoile jornaus, 
104 5 Le roi et les autres salue: 

Li rois fu lies, quant Tot veue. 

La dame parla comme sage: 1035 

.,Diex", fait ele, „croise barnage 

A cel Chevalier qi la gist!" 
1050 Li rois l'entent et se li dist: 

„Ahi!" dist il, „ma bielle dame, 

Por l'amor Diu, proiies por l'arae! 1040 

Car li cors n'a mestier d'äie, 

Ne jou ne voi que respast mie." 

1014. 1015 estes (esties T) 
1019 naura 
1037 lonc 
1053 daiue 



112 W. Foerster. 

1055 Et li dame en avant se trait, 

Fors de le boiste a mis rentrait. 

Une paue ot aparellie; 1045 

Car ele estoit bien ensaignie 

De Qou que ele a faire avoit; 
1060 Bien a cief venir en savoit. 

De rongement qi souef flaire 

A Lanselot oint le viaire 1050 

Et le cief et le col entor, 

Et puis apres reprist son tor 
1065 As espaules et puis as bras. 

Tout ensi com' il estoit las, 

Le cors, les ganbes et les pies; 1055 

Tout si com' il ert mehaignies, 

L'a mout bien oint de Fongement. 
1070 N'atendi gares longement, 

Quant Lanselos fu tous sanes: 

De cors, de membres et de les 1060 

En est tous li cuirs jus ceus 

Et li nouviaus est revenns. 
1075 Cil qui la sont, s'en esmervellent, 

Basement dient et consellent: 

„eist est garis a poi de paine! 1065 

C'est ci Marie Madelaine, 

S'a aporte de rongement, 
1080 Dont ele tist a Diu present." 

Auquant jurent saint Bretemiu: 

„Ains est la biele mere Diu, 1070 

Car autre n'en peust finer." 

Ne sevent nient adeviner, 
1085 Car ce fu medame Lorie, 

Li mousegnor Gavain amie; 

Mais adonc ne le sot nus hon; 1075 

Car ainc n'i vaut nomer son non. 
f. 55'^'2] Mais puis ala li cose tant, 

1090 Que le seurent petit et grant. 

A Lanselot fist grant bonte, 

Car sen ceval li a done. 1080 

Puis prist congie, s'en est ralee 

Ausi come blance nuee. 
1095 Ainc ne sorent, dont ele vint, 

Ne ou ala ne que devint, 

Et Lanselos remest tous sains 1085 

De cors, de menbres et de mains. 

1086 .G. 

1090 Que i sen uent p. ne g. Hs. ; auch T hat so gebessert 



Die Vorlage der Turiner Rigomer-Episode. 113 

Li rois en fu joians, si rist, 
1 1 00 Et Lanselos ses armes prist. 



D 



|e le pante avons trait a fin: 
Lors se remetent al cemin. lOOO 

Ne vos aroit on aconte 

En tout le plus lonc jor d'este 
110^ Les mervelles, que puis troverent 

Et qu'il virent et encontrerent; 

Mais tout vos laiserai ariere, 1095 

Si vos conterai la maniere, 

Por ^ou que Diex l'otroit et velle, 
1110 Com' il vinrent a Quintefuele 

A cel puint et a cel termine, 

Que tout estoit mis en la mine. IIOO 

S'a cel jor ne fusent venu, 

Li Chevaliers eust eu 
1115 Le terre qi mout fu prisie, 

Que ja n'en fust lance brisie 

Ne cos ferus ne escus frais. 1105 

Ja estoit si menes li plais 

Et par force et par jugement, 
11 '20 Que il eust outreement 

La grant tiere, et par son desroi 

Ja nel tenist li fiUe au roi, 1110 

Qui mout estoit cortoise et biele 

Et preus et sage damoisiele. 
1125 En ses cambres sist esplouree 

Et courecie et tormentee, 

Car ne cuidoit avoir secors. 1115 

Toute ert amatie le cors 

Et li vile si esmeue, 
1130 N'i avoit si petite rue 

Qu'ele ne fust plaine de plors 

Et de tristece et de dolors. ' 1120 

Cascuns estoit si corecies, 

Grant duel demaine li plus lies; 
1135 Mais ja lor iert biens avenus, 

Quant lor campions iert venus. 

Cil qi le sevent et entendent, 1125 

Vers Damediu lor mains en tendent. 



1009 dist Hs. und T. 
1101 traite 
1110 cante fuele. 

1129 esmence 

1130 rue] r ausradiert. 

Ztscbr. f. frz. Spr. a. Litt. XXXIH. 



114 \V. Foerster. 

N'i a celui qi dire Toie, 
1140 Que ne retort son duel a joie, 

f. 55'"3] Fors le Chevalier senlcment, 

Qui por avoir le tenement 11 3U 

Ebtoit de bataille aatis; 

Mais eil ea fu mout amatis 
1145 Et cascuns qui a lui se tint; 

Dolant furent quant li rois vint. 

Encor n'ert m'iedis d'asses, 1135 

Quant li vasaus s'est präsentes. 

Bien ert aparellies li pars 
1150 Et li baron de toutes pars 

De fors le vile en une plaine 

El plus biel liu de le campaine. 1140 



L 



i rois cevauce et Lanselos 
Pres de le vile les .i. bos. 
1155 La unt .i. vallet encontre, 

Qui tout lor a dit et conte 1144 

Del Chevalier et de la darae, ^ 

Qui tolir li veut son roiaume. ^ 

Li rois en fu mout corecies: 1145 

1160 Envers le parc s'est adrecies; 

Quant il la vint, s'est descendus. 

Ases i a contes et dus, 

Qui bien le furent connisant. 

Ce furent li plus florissant, 1150 

1165 Car a sa cort orent este 

Aucuns et ivier et este; 

Mais tout nel conuisoient pas. 

Li uns deniande l'autre em bas: 

„Dien! qi puet eis Chevaliers estre? 1155 

1170 II se combatera puet c'iestre." 

Auquant dient: „Ains est venus 

Mien essient li rois Artus. 

Pieg'a avons öi retraire, 

Qu'il doit ceste bataille faire. 1660 

1175 Se c'est il, ja porons savoir, 

Qu'il vaura le bataille avoir." 

Bien fu li pars aperellies 

Et tous li pules arengies. 



1139 loe 

1169 chl'r 

1170 pue fiestre 



Die Vorlage der Tunner Rigomer-Episode. 115 

Li Chevaliers se represente, 1165 

1180 Con drois fu et lui atalente. 

Li pucele n'i estoit mie, 

En cambres ert tote esmarie. 

De par sa mere .i. oncle avoit, 

Qui se parole maintenoit. 1170 

1185 Et li Chevaliers est venus 

La ou estoit li rois Artus. 

>Sire", fait il, „qi estes vous? 

Par vo merci, dites le nousl" 

„Jou sui", fait il, „Artus li rois". 1175 

1190 „Por ^ou", fait eil, „soit maleois, 

Qui vos araena en cest estre! 

Miex vos venist estre a Vincestre 
f. 55^1 ] ü el päis, dont vous venistes. 

Vous sares bien, que vos qesistes, 1180 

1195 An^ois que vos en revoisies." 

^Yasal, trop estes envoisies 

Et orguelleus et trop plains d'ire. 

Ce ne deusies vos pas dire! 

Ancui pora bien avenir, 1185 

1 200 Quant mis serons al coaveuir, 

Que vous feres vostre pooir, 

Et jüu, se Diu piaist, mon voloir; 

Car a tort calengies le dame. 

Toute sa terre et son roiaume 1190 

1205 Ci sui venus por desrainier." 

Dont u'orent soig de plus plaidier, 

Ains les mist on, si con nioi samblc, 

Ens el parc por conbatre ensamble. 

Lors tint cascuns lance sor fautre: 1195 

1210 Li uns esgarde contre l'autre. 

Lors s'entrefierent par vertu. 

Mais tant vos di del roi xVrtu, 

Que il abati le vasal 

Plaine se lance del ceval 1200 

1215 Par merveleuse mesestance. 

Lors dient tout: „Cest mesceance, 



1187 Si rofait 

1190 fait 11 

1192 uicesie. 

1197 piain. 

1201 Q. veus. 

1208 cenbatre. 

12 IG lefte mefcace. 



1 1 f> W. Foerster. 

Quant cheus est li preus, li fors. 

Ancui iert aparans li tors!" 

Quant li rois voit celui ceu 1205 

1220 Del grant cop qu'il ot receu, 

Dont li ramembre main a main 

De Lanselot et de Gavain, 

Qui sen estrier tint al monter. 

La fist li rois Artus quc ber, 1210 

1225 Qu'il nel vuet pas montes requerre; 

De son ceval descent a terra. 

Et eil redrece, ce saci6s. 

Or ont andoi les brans sacies, 

Ensamble vont a rescremie. 1215 

1230 L'uns fiert et l'autres ne faut mie, 

Mais li rois Artus fiert avant 

En l'escu, qu'il li mist avant, 

Qu'il li a fendu a moitie. 

Et eil le ra si pres coitie, 1220 

1235 Qa'il li jeta une retraite, 

Se ne fust la targe a or faite, 

Feru l'eust parmi le cief; 

Mais il recuevre de recief: 

.ii. cauls li donne et puis Tempaint. 1225 

12-10 Mais li rois Artus ne se faint 

De lui repaier, puis s'esforce, 

A tant que Dius li preste force, 

Le fiert .ii. caus en .i. taille. 
f. 55^2] Fendu l'eust dusqu'en l'entraille, 1230 

1'245 Se li brans n'alast eskivaut. 

Sor l'espaulle descent ruiant, 

.0. mailies trence dou hauberc 

Et en la car li fait tel merc, 

Petit s'en faut, n'est afoles. ]"2o5 

1250 Dusqu'en terre est li brans coles 

Si parfont, qu'a paines Ten trait. 

Cil ki niestier aroit d'entrait, 

Se trait ennii le parc ariere. 

„Rois," fait il, .,il m'est bien aviere, ]2'10 

1255 Que ne me voles pas norrir. 



1217 prcus et li. (+1) 

1222 .G. 

1225 nel uet. 

1232 deuant T. 

1238 recuurp. 

1254 bn uiero (—1) 

1255 noiiiir; T; nonir. 



Die Vorlage der Turiner Rigomer- Episode. 117 

Certes, je aim mius a morir 

Que je n'abace vo posuee." 

A tant li vient brace levee, 

Grant cop le fier en l'aume amont, 1245 

126U Le cercle dore li desront, 

Tres qu'a la coife l'a fendu. 

Por .i. poi n'a trop atendu 

Li rois, qui dou branc si le haste, 

Que tot ausi, con se fust paste, 1250 

1265 Le fent dusqu'en la poiterine. 

Et eil ciet mors pance sovinne 

Tos estendus encoutre terre. 

De lui est finee la guerre 

Vers la dame de Qiiintefoille. 1255 

1270 Cui que soit grief ne cui que doUe, 

Cele en est et joians et lie; 

Corant s'eu vient o sa maiunie 

Par mi le parc, as pies le roi 

Se laist cäir par tel desroi, 1260 

1275 Por poi ne fu tote froisie. 

Mais li bons rois l'a redrecie 

Entre ses bras mout docement, 

Et cele li dist en plourant : 

„Sire, li rois de mäiste, 1265 

1280 Qui en lui a tote bont6, 

Vos renge, bons rois, entresait 

Le gent secors que m'aves fait. 1268 *) 

Car se vos ne fuisies et Dius, 1271 

Qui as siens est amis et pius, 
1285 Je fuisse hui morte et escillie 

U fors dou roiaume cacie." 

Et li rois li dist en riant: 1275 

„Amie, u'ales souspirant! 

Cil est aidies, cui Dius regarde, 
1290 De cestui n'ares vos mais garde." 

Lors s'entreprisent par les mains, 

Et Lanselos li vient a l'ains 1280 

QuMl pot, si montent en la sale, 

Qui n'estoit ne laide ne sale. 
1295 Puis ont fait desarmer le roi 

Et Lanselot aveuc le roi. 



1284 Qui a siens. 

1290 naies Hs,; narez T. 

1293 II — en lale (-1). 

*) hier hat T zwei Verse eignen Fabrikates eingeschoben. 



118 W. Foerster. 

f. 0^2] A cascun .i. valles aporte 1285 

D'efkerlate mantiel et cote, 

Et puis fait on l'aue corner: 
1300 Le roi Artu fait on laver, 

Et li autre levent apres; 

Car li mangiers estoit tos pres. 1290 

AI mangier s'asient ensamble: 

Li rois Artus, si con moi samble, 
1305 Si con drois fu, trestous premiers 

S'asist et la roiene apries, 

Por cui il ot fait la bataille. 1295 

Devant aus deus Lanselos taille, 

Et .i. autres servoit dou vin, 
1310 Bien sacies, se je n'adevin, 

Qiie ne sai los nies acunter. 

Apres mangier si fönt oster 1300 

Les napes, et puls si laverent, 

Pluisors espeses aporterent 
1315 .ii. puceles de renc en renc. 

Vin aporterent et piument 

.ii. autres, qui sanbloient fees, 1305 

En nes et en coupes dorees. 

Apres s'en vont esbanoier 
1320 Tres que ce vint a l'anuitier. 

Dou souper ne fa^ mension: 

Ases i orent par raison. 1310 

Quant tans fu, si fisent .i. lit 

.ii. puceles par grant delit, 
1325 Et li bons rois i vait coucier; 

Lanselos fu au descaucier. 

Puis se recouca Lanselos 1315 

En .i. autre lit a repos. 

Tres que ce vint a l'ajornee, 
1330 Que li solaus par la contree 

A espandues les clartes, 

Dont s'est li rois Artus leves 1320 

Et Lanselos, puis s'atornerent, 

Congie prisent, si s'en alerent. 



1297 cascuns. 

1299 Puis faite on ). c. (— 1). 

1306 aps. 

1314 Plusers. 

1315 derec enrenc. 
1326 Et L. (—1) 
132fi 7 L. (-1-1). 



Die Vorlage der Turiner Rigomer-Episode. 119 

1335 X i cuntes nos dist, ce me sanble, 

-Li Qu'il oDt tant cevaucie ensanble 

A csperon sans nul arest, 1 325' 

Qu'il entrent en .i. forest 

Qui mout estoit et grans et lee. 
1340 ' Tant oirent qu'en .i. valee 

SoDt enbatu li doi vasal, 

Et quant vinrent el fons d'un val, 1330 

Si trovent .i. praerie 

De totes flors si bien florie, 
1345 Qu'ainc iius ne vit si biele a painue. 

Enmi avoit .i. fontainne, 

Dont li ruissaus estoit plus clers 1335 

Que ne soit cristau3 esmeres. 

Li rois a coisi le ruissel . . . 

(Rest feblt.) 

• 

Wenn man C mit T in St. 's Druck und mit B.'s Glossen S. 
144 — 147 (das vorausgehende — Schreibweisen von T, S. 133—144 
— kann ich ganz außer Acht lassen) genau vergleicht, so sieht man, 
daß auch B.'s Abschrift, wie er ja selbst von vornherein zugibt, nicht 
felilerfrei ist; denn wenn St. mit C gegen B. stimmt, so ist doch anzu- 
nehmen, daß St.'s mit C übereinstimmende Lesung auch in T stehen 
muß. Es lehrt dies, was ohnedies jeder, der viel Hss, abgeschrieben 
hat, leider nur zu gut weiß, daß auch bei größter Aufmerksamkeit 
und genügender Übung doch immer wieder kleine Versehen, Flüchtig- 
keiten unterlaufen, die auch einer Nachkollation nicht immer vollständig 
weichen, wie denn überhaupt die Aufgabe des ein laeditum Ab- 
schreibenden eine unvergleichlich schwierigere ist als die des diese 
Abschrift kollationierenden Nachfolgers. 

In folgenden Stellen hat, wie hier eigens bemerkt sei, Stengel- 
Feist gegen Brugger Recht: 
14 cavee 
89 lisoit 

122 Cau 

125 li 

137 esperonz 

181 Yvain 

303 Qui ne 

397 tout 

453 En riant (freilich auch St. falsch.) 

856 crupe 

Der Herr Rezensent knüpft an die Vergleichung seiner Abschrift 
mit St.'s Ab'lruck auch andere Bemerkungen an, die sich mit der 
Textkritik gelegentlich beschäftigen und auf die ich daher kurz, soweit 



120 W. Foerster. 

sie es verlangen, hier eingehe. Zu dieser B.'schen Kritik des St'schcn 
Textes sei bemerkt, daß (zu 453) der von B. gewollte Hiatus 
nicht erlaubt ist; 428 hat die Vorlage: Et entre en une terre 
estrenne. 1061 ist natürlich nur St's jus für den Text möglich; ein 
Reim viex (vetulus) : vis ist ausgeschlossen; auch 439 steht vis, das 
nur vivus sein kann, wie der Sinn sichert. 1087 ein Adj. joial ist 
undenkbar; Go^.^ joiaument ist ebenso wie das so häufige esraument 
nichts anderes als ursprüngliches -anment. 1149. Was Turin hat, 
kann ich ja nicht wissen; aber St's furent^ wofür B. firent las, steht 
auch in der Vorlage und ist so gesichert. Zwar B. bemerkt: „furent 
gibt kaum einen Sinn" — allein es ist der einzig mögliche Sinn, 
dagegen B.'s firent c. ist ausgeschlossen: „es gab dort genug Grafen 
und Herzöge, die den König kannten (die bekannte Umschreibung 
mit estre und dem Part. Präs.); denn sie waren an seinem Hof ge- 
wesen. Aber alle kannten ihn nicht, diese frugen daher" usf. — 
Endlich S. 147 (Mitte) wird behauptet, daß der Text das Nom.-i- 
bei pere, sire, meldre nicht kennt; die Reime beweisen das Gegenteil. 
Freilich debonnaires hat s nicht; für ihn ist es noch de bone aire^ 
trotzdem er schon ein debonairement hat. 

Allein der Herr Rezensent begnügt sich nicht damit, den 
Stengeischen Abdruck zu besprechen; er wendet sich am Schluß seines 
Aufsatzes S. 148 — 155 zu einer Besprechung von an sich schwierigen 
oder dunklen Stellen. Wenn schon der erste Teil seiner Ausführungen 
keinen rechten Zweck hatte, so begreift man noch weniger, was er 
mit diesem Schluß eigentlich will. Denn da er nur die Abschrift, 
nicht die Vorlage (die Chantilly-Hs.), vor sich hat, so ist ja eine 
solche Behandlung zwecklos, da ja die behandelten Stellen in der 
Vorlage klar und verständlich sein können. Nun trifft es sich aber, 
daß dies letztere nur zu oft nicht der Fall ist, wie denn nicht nur 
die Schlußepisode, sondern ganz Rigomer in der Chantilly-Hs. in 
recht fraglicher Weise uns überliefert worden ist. Der Text bietet 
immer wieder kleinere und größere Schwierigkeiten, auch solche, 
deren Lösung sehr unsicher oder ganz unmöglich ist. Nun entwickelt 
aber der Rezensent in diesen seinen kritischen Bemerkungen zum 
Text mehrfach ein scharfes Urteil und einen gewissen Scharfblick sowie 
Emendationsgabe, so daß dieser Teil für das Übrige entschädigt und 
man wünschen mag, daß er, der, wenn ich nicht irre, hier zum 
erstenmal dieses Gebiet betritt, sich auf demselben noch öfter mit 
wachsendem Erfolg versuchen möge. 

Da dieser Teil seiner Besprechung mir Anlaß gibt, eine Reihe 
von Stellen, die ich ebenso in meiner Rigomerausgabe zu besprechen 
hätte, zu bebandeln, so laß ich hier, auch um meine Ausgabe zu 
entlasten, einige kurze Glossen folgen: 

62. Auch in der Vorlage (C) steht: Quele ne uelle faire ausi, 
von dem B. sagt: „was keinen guten Sinn gibt"; weshalb er QuHl 
ne le vuelle ffaire ausy ändern will. Allein die Überlieferung ist 



Die Vorlage der Turiner Riyomer-Episode. 121 

tadellos. Der Beansprucher der Erbschaft bedroht jeden, der zur 
Tochter hält, mit dem Tod. „Nun haben die Leute eine ebensolche 
Furcht vor ihr, daß sie nicht ebenso handeln wolle", d. h. anderer- 
seits fürchten die Einwohner, daß sie nicht ebenso jeden, der zu ihm 
hält, behandele. 

77, 78 ist in T unverständlich; auch C: Et les mauvaises en 
£scumes ist nicht besonders glatt, da ein Subjektswechsel und ein 
Wechsel in der Anrede (hier ,I)u', in der nächsten Zeile ,Ihr') 
eintritt. Dies hat die Sucht nach einem seltenen Reim verbrochen: 
„0 König, an dessen Hof die guten Gesetze herrschen und < von 
wo > du die schlechten entfernst." Wegen des escumer vergleiche 
die Formen mit n in Baud. von Conde S. 396 und Z. f. r. P. I, 258. 
Es heißt .den Schaum entfernen'. 179 — 182 will B. zögernd 
alle vier Yvaine zugleich Objekt zu voua und Subjekte von presenterent 
in 182 sein lassen, was in einer Anmerkung als aj^r^ixa dizo xo'.voö 
erklärt wird. Dagegen spricht aber deutlich der Nom. (y fiex in 
181 = C, der also gesichert ist und diese Zeile zum Subjekt macht. 
Darnach wäre also nur 179. 180 von Es vos abhängig. Allein was 
soll dann der Plural presenterent? Er hängt ganz in der Luft, und 
so nützt eine Änderung 181 Yvain le ßl gar nichts. Man muß 
dann 179 allein von es vos abhängen lassen und 180. 181 als 
Nominative folgen lassen, zu denen dann der Plural presenterent an- 
standslos paßt; dem widerspricht aber der durch Reim gesicherte und nicht 
zu entfernende Akkusativ 180 Y. le bei. Es ist klar, daß hier ein 
stärkerer Eingriff nötig ist. Ich mache 179. 180. 181 abhängig von 
Es vos und ändere 182 [CilJ s'i present(er)ent. 201. B. will gegen 
St. den Hiatus mie oi halten — unmöglich; der Hinweis auf 702 
ist hinfällig (C anderer Wortlaut) und 692. 781 sind ganz ver- 
schieden, da es sich hier um que il handelt, die immer erlaubt waren. 
Ebenso falsch, was B. 340 sagt. Weder Rigomer noch die Episode 
läßt einen solchen Hiatus (wie mie usf.) zu. 232 — 4. St. hatte 
hier nach 232 eine Lücke angesetzt, wogegen sich B. wendet. 
Aber seine Erklärung ist keine Erklärung und hat die Schwierigkeit 
gar nicht begriffen. Die Lücke, die sich schon in C findet, ist ganz 
sicher; in derselben muß der Begriff roi (König) gestanden haben. 
Ohne ein solches roi ist die ganze Stelle unverständlich. Der eigent- 
liche Gedanke, daß Artus keinen mächtigeren oder tüchti- 
geren König als er ist kennt, fehlt jetzt gänzlich im Text, und 
doch ist er der Schlüssel der ganzen Episode. In dieser Lücke hat 
also gestanden: ,[Ich habe volles Recht, zu lachen; denn es gibt 
keinen mächtigeren König, als ich es bin]', der jetzt zu meinen 
Lebzeiten regiert. Natürlich Sprech ich nicht vom Himmelskönig, sondern 
nur von irdischen Königen usf.' 419. qui angois pot T ist eine gute 
Besserung des unverständlichen C und ist gegen B. im Text zu be- 
lassen; denn das von B. in 420 verlangte Ei rois en maine L. steht 
in C. 394. Der Text wendet unterschiedslos die pik. (vo) oder 



122 W. Foerster. 

franz. Form (vostre) an. 612 (lies Gll) C gibt St. gegen R. Recht 
612. St.'s si ist ebenso gut. tout wi cemin steht auch in C: ,über 
die ganze (sichtbare) Länge eines (sich vor ihnen öffnenden) Weges 
blicken sie hin und gewahren . . .'. 629. U ame ist tadellos I 
Auch C hat li arme. Nicht nur der Schreiber, auch der Dichter ist 
Nordfranzose und gebraucht den Nominativ des Fem. (li) neben 
dem franz. la oder mundartlichen le ohne Unterschied. Nach Li ist 
natürlich, wie bekannt, der Hiatus berechtigt. Dasselbe gilt von 648! 
744. A hon iJieu (das auch in C steht) bessert B. in Au, und da 
es ja nach christlicher Auffassung nur einen Gott gibt, scheint die 
Besserung einleuchtend. Ich möchte gleichwohl lieber mit St. A stehen 
lassen. Wie oft betet man zu demselben einen Gott, ohne das Er- 
flehte zu erreichen! Ich würde also erklären: .Da haben wir heute 
zu einem gut gestimmten Gott gobetet.' 744 nein; rad ist verlesenes 
mii. 768-771. B.'s Besserung (Sing. 768). 9) ist durch den Sinn geboten 
und ist durch den Sing, eslaise 110 in C gesichert. Die Änderung 
Le cemin (so auch C) in Au c. aber ist abzuweisen, einmal wegen 
des von Dichter nicht sehr beliebten Enjambement (723 ist deshalb 
verdächtig), dann weil le cemin (die Wegerichtung) in ihrer Ausdehnung 
nicht anzufechten ist. 790. Si, das B. slreiclien will, darf nicht 
fehlen, denn die Zeile 789 gehört als Gegensatz zu 787-8; daran 
reiht sich der Satz 790 selbständig an, daher si nötig. St.'s Besserung 
h€n(e)y wird durch C (Si be^ieist teure gel vit) nicht gestützt, ist 
aber an sich zulässig. Der Dichter verwendet nach Belieben die 
ältere oder die spätere Form. 820-822. Sehr scharfsinnige Besserung 
B.'s; und öie würde den Vers 821 halten und entspricht wohl dem 
Sinn. .Allein sein erschlossenes Partie, veie vom nordfranzösischen 
veir hab ich nie und nirgends gefunden, wenn auch von vornherein 
dagegen nichts einzuwenden wäre. Dasselbe gilt von si'ir, cäir u. a. 
Vielleicht wird mir B. aus seinen Sammlungen tiew Desc. 3911 (sogar 
durch Reim mit aj7iie gesichert) entgegenhalten wollen; allein er 
täte nicht gut daran; denn dies ist eine bloße Phanfasieform Hippeau's, 
der zwischen den beiden Zeilen eine ganze Spalte der Hs. au-gelassen 
hat und dann veue der Hs. (reimend mit conneue, während amie 
mit compaignie reimt) in veie schlimmbessert hat. — Das Schlimmste 
ist, daß unser Text auch in der Vorlage unklar i>t; denn die Zeile 
821 lautet dort: Q'naiiier, wobei a auch o und r ebenso e sein 
kann. Der Turiner Schreiber las es nomer, ich hatte seiner Zeit 
nomee gelesen, das mich aber wenig befriedigte. Es sollte dann 
soviel etwa bedeuten können, wie: Que an la nos avroit nomee, also 
gleichsam: „daß wir dieselbe genannt d. h. als eine uns genannte 
{beste) gehabt hätten", d. h. dem Sinn nach, was B. hineinemen- 
dieren wollte. Ich habe nun glücklicherweise ein genaues Faksimile 
hingemalt (was leider nur an zu vielen Stellen der sehr nachlässig 
geschriebenen Hs. nötig gewesen ist!). Dieses Faksimile erlaubt auch 
QxCen arrier zu lesen, das dann ,zeitlich zurück', d. h. ,vorhei', 



Die Vorlage der Turiner Rigomer-Episode. 123 

,el)emals' heißen müsste. 845-846 ist auch in der B.'schen Erklärung 
nicht zu halten (abgesehen von dem selbstverstcändlichen Komma vor 
et; auch das i in qH ist nicht so arg, wenn es auch im Vordersatz 
fehlt). Denn was B. in Klammern [ ] hinzudenkt, kann vom Leser 
nie vorausgesetzt werden. Die Verderbnis steht schon in C und 
steckt in der Zeile 845. Die Symmetrie mit 846 lehrt doch sofort, 
daß dort stehen muß: Se vos /eres, et je ferai, falls damit ferir 
(nämlich die pante) genannt ist, vgl. 823-4. Ist aber /a^Ve gemeint, 
das aus 839 herübergenommen wäre, dann muß es heißen: Que vos 
feres, et je ferai. 849. Gegen den Reim tilleus : fleurs, der in T 
steht, wäre an sich nichts einzuwenden, wenn auch die Erwähnung 
der so unscheinbaren Blüten bei der Linde auffallen könnte. Nun 
ist aber ßeurs (oder in der Turiner Schreibung flours) bloß eine 
Konjektur von T; denn C hat: feiis! Dieses kann aber richtig sein 
und heißt dann ,B!ätter'; denn feiiil (folium) ist im Altfranzösischen 
ganz gewöhnlich. Es schiene dann, Adi2i fuelles et fens (d. h. fueus) 
neben einander eine unnütze Wiederholung wäre. Allein man ver- 
mißt doch dem Sinn nach neben den ,Blättern', mit denen sich L. 
bedeckt, E. anderes als die ,BIüten', namentlich die ,Äste oder Zweige'. 
Nun zeigen mehrfach Stellen (4 Stellen schon bei God.) daß fueil 
dies wirklich bedeuten kann, wie denn umgekehrt nach der von 
Lacurne aus dem Modus zitierten Stelle fueillet dieselbe Bedeutung 
hatte, sodaß man dann nur fuelUs zu lesen hat. Aber auch fiieille 
S'^lbst findet sich in dem Sinn von (belaubtem) , Zweig' oder ,Ast', 
vgl. Heraklius 434. Ich hatte zuerst dem Sinn nach rameis oder 
raincels bessern wollen; dann dachte ich an /rasches, das ich aber 
bisher im Altfranzösischen nicht belegen konnte. 899 Die Zeile fehlt 
in C und ist von T eingeschoben worden. Für die Zeit des Schreibers 
ist dann so7i beim Fem. nichts auffälliges. 937. An sich ist 
gegen B.'s ., evidente" Besserung, die fehlende Silbe durch [aj aise 
zu ersetzen, nichts einzuwenden; aber estre aise ist so ganz gewöhn- 
lich, daß die Besserung qrie il statt qil viel natürlicher ist. 953. 
qui la = pik. qidl ist ganz gewöhnlich und nicht anzuzweifeln. Es ist 
freilich eine (sichere) Besserung T's, da C nur qi hat und degoivre (abs.) 
hier kaum paßt. 961-2. St.'s Besserung ist trotz dem, was 
B. sagt, tadellos und wird durch C gesichert. 1017-8. Die 
von B. verlangte Parenthese versteh ich nicht. 1020-8 hatte ich 
genau so aufgefaßt wie St. und tu' es B.'s Bemängelung gegenüber 
auch jetzt. Nur hatte ich in meinem Text nach 1023 ein : gesetzt, 
da das folgende sich auf ceval bezieht; ferner habe ich 1026 
nach besoig ein Semikolon gesetzt. 1040 Vame hat auch C und ist 
nicht anzutasten. Gegen B.'s, „man erfährt nicht, für wessen Seek 
gebetet werden soll", sei bemerkt, daß dies angesichts des leblos 
hier vor ihnen liegenden Ij. selbstverständlich ist. Dazu kommt, daß 
tarne, der Artikel (und nicht das B.'sche Poss.-Pron.) sogar vom Sinn 
verlangt wird als Gegensatz zu li cors 1041. 1041-2. Die Schwierigkeit 



124 W. Fo erster. 

löst der Text von C. 1072. Der Dichter gebraucht iiient (noient) 
und nient (einsilbig) nach Belieben. 1138. Jede Änderung unnütz, 
und gar 1180! Hier ist nichts ironisch, sondern es ist eine unver- 
blümte Drohung: „Ihr werdet dann wissen, was Ihr hier suchtet!-' 
nämlich ,Euer Verderben'! B. hat die Stelle mißverstanden, wie 
seine Bemerkung: „A. wußte ja schon längst, was er suchte, oder 
weshalb er kam' zeigt. Davon sprich tsein Gegner hier nicht, sondern 
vom Ausgang des Kampfes und den konnte keiner von den beiden 
voraus wissen. 1202. 1226. Die Schwierigkeit und Lösung liegen 
anderswo, s. C. 1229. Auch ich hatte dies le seiner Zeit in li 
ändern wollen, gab es aber angesichts von 1245, der in C genau so 
sagt: Grant cop lefier en laume amont auf. 1235 hat St. wieder 
recht gegen B., ebenso 1291-1295. Der Reim premiers : apnes ist 
nicht anzutasten, da er durch die Analogie anderer Reime gesichert 
wird. Damit ist B.'s Anzeige endlich zu Ende, leider aber nicht zu- 
gleich das Ende der Unebenheiten, Härten oder Unsicherheiten in dem 
Text, deren einen Teil ich in meiner Ausgabe behandle und wolil 
auch löse, während ioh das Übrige der Mitarbeit der Fachgenossen über- 
lassen muß. 

Eine letzte Frage könnte man hier noch aufwerfen. Bereits G. 
Paris hatte gefragt, ob diese Episode noch zu Rigomer gehört oder nicht 
vielmehr ein selbständiges Gedicht sei, das erst später dem ersteren 
augehängt worden wäre a, a. 0. S. 94; man lese besonders die von 
G. Paris dort zitierten Übergangsverse nach. Diese interessante 
Frage hat weder St. noch B. berührt. Sie läßt sich einmal durch 
einen Vergleich der beiden Gedichte, sicher aber nur durch eine ver- 
gleichende Untersuchung der Sprache, besonders der Reime, entscheiden. 
Diese Untersuchung halte ich für meine Rigomerausgabe, wohin sie 
gehört, zurück. 

W. FOBRSTER. 



Berichtigungen zu S. 81 ff. S. 82 Anm. 5. Der Druck ist inzwischen 
bis Bogen 24 vorgeschritten. — S. 83 Z. 1 /. mehreren; Z. 3 l. letzten; Z. 8 
Komma hinter T. — S. 85 V. L. 22] l. 23. — S. 87 V. 101. Vielleicht besser 
la senee zu trennen; V. L. 136 turbau] /. turbare. — S. 93. V. L. 349 
streiche | . — S. 94 V. L. 381 /. doni. — S. 97 Die linken Randziffern sind 
von 520 bis S. 98. 535 um eine Zeile hinaufzurücken; V. 515. Vielleicht 
Que il zu bessern. — S. 98 V. 554 l. sans. — S. 99 V. 574 Punkt! V. 577 
Komma nach Comment? — S. 102 V. 704 l. N'a; V. 709 l. Atout. — S. 103 
V. 733 streiche Komma nach raie. — S. 104 rechte Randzählung 700] l. 760; 
V. 793 l. adont; V. L. 791] l. 795. — S. 105 V. L. 802 /. l'e. q'il [le]. — 
S. 106 V. L 833. /. s. die Bemerkung S. 122 zu 820—822. — S. 107 V. 879 

Punkt. — S. 110 V. L. 1007 hiefs] l. hiefse; V. L. 1012 -g] /. .u» . — S. 112 V. 
1065 Komma; 1067 Komma. 

W. F. 



Syntaktisches. 



I. Mais, pourquoi lä, jiistement, ä deux pas de 
l'Eeole Militaire, oü soii regiment est caserne, ä l'autre? 

schreibt Coppee in seiner bekannten Novelle La vieille tunique, die 
unter anderen auch G. Franz mit einer Reihe weiterer Erzählungen 
desselben Verfassers für deutsche Schulen ausgewählt und trefflich 
kommentiert hat (Leipzig, Stolte, 1895; S. 26). Der ungewöhnliche- 
Zusatz ä Vautre, der sich an son regiment anschließt, ist auch dem 
deutschen Herausgeber nicht entgangen. Seinem Erklärungsversuche 
(Änm. S. 14) wird man aber wohl nur teilweise zustimmen können. 
Gewiß handelt es sich um eine volkstümliche Ausdrucksweise; sie 
findet aber schwerlich ihre Erläuterung durch Ergänzung eines celui. 

Auf den richtigen Weg führt W. Kramer, Die Syntax de.^ 
Possessivpronomens im Französischen, Göttingen 1905. Seite 37 
trennt dieser von der gewöhnlichen Art der Verstärkung des Possessivs 
durch angefügte betonte Formen des persönlichen Fürworts (le camr 
a sa memoire ä lui) eine zweite Art von Verstärkung, die formell 
zwar ganz gleich geartet, inhaltlich aber mehr dazu bestimmt ist, 
dem possessiven Verhältnis besonderen Nachdruck zu verleihen (mon- 
malheur, ä moi, cest cfetre ta femme). In den gedruckten Texten 
erscheinen solche Zusätze gewöhnlich durch Kommata von der Um- 
gebung abgetrennt. 

Eine Weiterentwickelung von 7n07i malheur, ä moi, zu son 
regiment, ä Vautre, lag um so näher, als Wendungen wie notre 
maitre ä tous schon länger geläufig waren (Kramer S. 38) und eine 
pleonastische Ausdrucksweise der Pariser Volkssprache nach der Form 
son fils ä M. Sanson (Siede, St/nt. Eigent. S. 25) ihren Weg bereits- 
seit Sardou und Gonco irt in die Schriftsprache gefunden hatten 
(Belege, von Prof. Stimming beigesteuert, bei Kramer, S. 71). 

Coppee bedient sich übrigens der besprochenen Verstärkung mit 
ä Vautre bald nach der oben hervorgehobenen Stelle noch einmal: 
Ah! d'abord, je ne peux pas vous dire son nom, ä Vautre, 
puisquHl Vit encore (Franz, S. 26). Es scheint überhaupt, als ob 
verstärkende Zusätze dieser und ähnlicher Art in der Literatur- 
sprache der neuesten Zeit in weiterem Umfange Bürgerrecht erlangten: 
Je n''ai pas envie d'attraper ses petits sermons, ä cette pauvre- 



126 E. Uhlemann. 

rnaman (Gyp, Autour du mar. 182). — Apres pa, pidsque 
cetaient ses iiUes, ä ce bon Jac(]ues, il eilt pu tomber moiiis 
bien (2 Margueritte, Le Prisme, RM., 15 Dec. 1904, S. 793). — 
Nos bätemix\ ä nons Japonais, en ont-ils Je pareils (=zcanons)f 
(P. Loti, La trois. Jeun. 201). — Sa cuve etait enorme, ä celui-lä, 
et eile devait peser lourd (1. c. 317). — Par bonheur, son Lunois, 
ä ma chere Djavide, son Lxinois si imprSvu me fait rire 
comme eile (P. Loti, Pes Desenchanths 86). — Le soir, il refut 
iine lettre de Zeyneb . . . jamais aucune amertume dans ses 
plaintes, ä Zeyneb (l. c. 351). 

Als eine Art Vermischung der älteren und der neueren eigen- 
artigen Ausdrucksvveise möchte man es ansehen, wenn man in einem 
Artikel der R.M. liest: (Jean de Gassion) resolut d'offrir son 
epee au roi de Suede . . . et de lui conduire ses trovpes, ä lui, 
Jean de Gassioji, car il n'entendait pas se presenter seul (nach 
Beschnidt, Hervorhebung von Satzteilen, Progr. Breslau 1904, S. 21), 
— oder wenn Loti in seinem neusten Romane schreibt: cest leur 
röle, ä elles et ä leurs milliers de steurs, . . . d'apporter 
dans la vieille ville fatiguee, le tresor de leur sang pur (Les 
Lesench. S. 87). 

Es soll übrigens nicht verschwiegen werden, daß das erste und 
das letzte der den Lesenchantees entnommenen Beispiele in einem 
Briefe der türkischen Heldin begegnen. Diese aber verdankt ihre 
Kenntnis des Französischen einer alten Gouvernante: qui lui avait 
oppris le franpais, en y ajoutant meine, pour rire, sur la fin de 
■ses cours, un peu d'^argot cuedli dans les livres de Gyp 
(Desencli. S. 17). 

II. Des enfants puisaient Veau d^tine foniaine et la 
\ersaieut sur les vieux iiaves autour des iumeurs. 

Wie soll man in der vorgedruckten Stelle, — sie ist aus Loti, 
Jjes Dhenchantees, Paris 1906, S. 242 entnommen, — den Genitiv 
d'une fontaine verstehen? Ist es, um mit der Schulgrammatik zu 
reden, ein genitivus possessivus oder ein genit. separativus. oder anders 
gesagt, deckt sich puisaient Veau d'une fontaijie grammatisch mit 
hauriebant aquam fontis oder mit hauriebant aquam ex fönte '^ Ist 
aber letzteres der Fall, sollte man da nicht vielmehr erwarten Les 
enfants puisaient Veau ä (dans) utie fo7itaine? Wörterbücher und 
Grammatiken verzeichnen und fordern ja gerade bei piciser wie bei 
anderen Verben des „Entnehmens" Ortsbestimmungen mit d oder 
dans und warnen vor dem Gebrauche der Präposition de^ die nach 
unserem Sprachgefühl gerade als das Naturgemäße erscheinen 
möchte. 

Freilich sind ihre Angaben recht kurz, und beschränken sich 
meist auf eine Zusammenstellung bestimmter Wendungen, wo der 



Syntaktisches. 127 

eben charakterisierte eigenartige Sprachgebrauch zu beachten sei. 
Will man über die oben aufgeworfene Frage zu einiger Klarheit 
gelangen, so wird man eigenen Erwägungen nicht aus dem "Wege 
gehen können. 

So viel sieht man leicht: der Franzose denkt bei den Verben 
pidser, böire (c\ dans) usw. an den Ort, wo die Tätigkeit des Ent- 
nehmens sich vollzieht, wir betonen den Punkt, von wo aus das 
Schöpfen, Trinken usw. erfolgt. 

Aber woher kommt diese eigenartige Verschiedenheit? Maetzner 
erklärt sie, indem er eine nicht ausgesprochene aber deutlich gefühlte 
Vorstellung des Eindringens in den umschlossenen Gegenstand für 
den Franzosen ausschlaggebend sein läßt {Synt. I 280 und 
besonders deutlich Gramß 428). Ganz neuerdings findet G. Dubray 
(Fautes de francais\ Wien 1906, S. 35 f.) mit Berufung auf Aus- 
führungen M. Draals die Erklärung in der Analogie des Gegensatzes: 
weil man sage mettre du linge dans üarmoire, habe man auch bei 
der entgegengesetzten Tätigkeit dans beibehalten (prendre du 
linge dans Carmoire). — Wer aber die Verhältnisse vom sprach- 
geschichtlichen Standpunkte aus betrachtet hat, ist gewiß zu einer 
anderen Erklärung gelangt, die größere Wahrscheinlichkeit für sich 
hat. Ihr soll zunächst etwas weiter nachgegangen werden. 

Mätzncr bezeichnet {Synt. I 280) als mit dans (ä) zu ver- 
bindende Verba des „Hervorholens", Entnehmens zunächst puiser, 
manger, boire und prendre, um ihnen bald darauf fumer und 
choisir anzufügen. Aus dieser Zahl scheidet bei einer historischen 
Betrachtung sehr bald fuyner als Analogiebildung aus; bei puiser ergeht 
es nicht besser, wenn es auch bereits im Afz. volles Bürgerrecht 
erworben hat. Als germanisches Element, ganz abgesehen von 
seiner eigenartigen Bedeutungsentwickelung, muß ferner choisir aus- 
geschaltet werden. Lateinischen Ursprungs ist ja allerdings manger, 
der Ersatz für das klassische edere; die Übernahme ins Französische 
ist aber nur unter ganz erheblicher Modifikation der Bedeutung 
erfolgt und bietet auch in dem lateinischen Gebrauche des Etymons 
keinerlei Anhalt für die französische Konstruktion mit dans. So 
schrumpft das halbe Dutzend der Verba des Entnehmens schließlich 
zusammen zu den beiden Verben prendre uud boire. Ihre 
lateinischen Vorlagen allein können also ein französisches da7is (ä) 
bedingt haben. 

Nun bedeutet ja aber prehendere im Lateinischen zunächst 
immer nur erfassen, ergreifen, sich zu eigen machen = saisir. Der 
Ort, wo solche Tätigkeiten sich vollzogen, mußte naturgemäß durch 
die Präposition m» mit dem Ablativ näher bestimmt werden. Das 
Französische setzte also nur den regelrechten lateinischen Sprach- 
gebrauch fort, wenn es einem prendre Ortsbestimmungen mit en 



128 E. Uhlemann. 

(dans), ä anfügte, wo es galt die Stelle zu bestimmen, an (in) der 
die Verbaltätigkeit sich äußerte i). 

Die französische Konstruktion prendre dansist also historisch 
durchaus begründet und wohlberechtigt. Für uns Deutsche erhält 
sie nur dadurch einen fremdartigen Charakter, daß wir als Über- 
setzung statt „ergreifen in" gewohnt sind „nehmen aus" einzu- 
setzen und das Bewußtsein für die ursprüngliche Bedeutung von 
pretidre völlig verloren haben. Man pflegt wohl auch aller (venir) 
chercher dans mit „holen aus" zu übertragen, empfindet dabei aber 
die Verschiedenheit der Ortsanschauung, die die verschiedenen 
Präpositionen zum Ausdruck bringen, bei weitem nicht in so hohem 
Grade. Hier schwebt eben die ursprüngliche Bedeutung von chercher 
auch in der Verknüpfung mit aller und venir noch lebhaft genug 
vor, um den scheinbaren Widerspruch in der Art der Ortsbestimmung 
genügend zu begründen. — 

Nun aber zurück zu puiser und manger und weiter zu hoire 
dans. Sieht man diese auf ihren Bedeutungsgehalt etwas genauer 
an, so erweisen sie sich doch nur als Träger einer Modifikation des 
Bedeutungsgehaltes von j^'i^endre dans. Wie für uns schöpfen aus 
einem Flusse . . . doch nur sagen will = nehmen aus einem Flusse . . . 
vermittels eines Hohlgefäßes, — essen aus einem Teller . . . =- 
nehmen aus einem Teller . . . vermittels Messer, Gabel usw., — 
trinken aus einem Glase . . . =z nehmen aus einem Glase . . . 
vermittels der Lippen, so ist für französisches Empfinden puiser 
(qclij dans une riviere offenbar = prendre (geh) dans une riviere 
au moyen d'un vase, — mang er (qch) dans une assiette . . . = 
prendre dans une assiette . . . au moyen de la fourchette, de la 
cuiller etc., — boire (qch) dans un verre . . . = prendre dans 
n?i verre au moyen des levres. 

Läßt man diese Erklärung gelten, so kann es nicht weiter 
Wunder nehmen, daß wir Deutschen mit den Verben „schöpfen, essen, 
trinken*^^ nach Analogie von „nehmen aus" Ortsbestimmungen mit 
raus" verbinden, der Franzose dagegen an puiser, manger, boire 
unter dem starken Einfluß von prendre dans Ortsangaben mit dans 
(ä, en) anfügt. Für boire wurde übrigens diese Analogiewirkung um 
so leichter, als sie im Lateinischen, wohl unter dem Einflüsse von 
prehendere, schon vorbereitet war. Wie schon Mätzner hervorhebt, 
erscheint bibere im klassischen Latein nicht selten mit in und 
Ablativ verbunden, wo wir ex oder de erwarten würden. Die all- 
mähliche Weiterverbreitung dieses Sprachgebrauches in der späteren 
Latinität kann man jetzt an der Hand des Tfiesaurus linguae latinae 
unter bibere bequem verfolgen. 



') Ebenso konnte naturgemäfs der Ort, auf welchem die Aneignung 
erfolgte, im Französischen nur mit sur bestimmt werden; daher noch nfrz.: 

prendre im verre sur la table, la cheminee; — • des fenetres prenneni Vair et le j'our 
sur des rues ou des places, Boissier, Prom. Archeol. 314. 



Syntaktisches. 129 

Übrigens darf nicht versäumt werden darauf hinzuweisen, daß 
das Altfranzösische mit seinem regelmäßigen Gebrauche von ä, eri 
(sur) oder entsprechenden Ortsadverbien bei den Verben des „Ent- 
nehmens"' das natürliche Bindeglied zwischen lateinischem und neu- 
französischem Sprachgebrauch darstellt. Littre und Godefroy bieten 
allerdings nur wenig Belege. Eine willkommene Ergänzung liefern 
aber kulturgeschichtliche Werke und Abhandlungen, wie A. Schultz, 
Das höfische Lehen etc.. Zeller, Die täglicheji Lebensgeivohnheiten 
im altfranzösischen Karls-Epos^ AA 42, Müller, Die täglichen 
Lehensgewohnheiten in den altfranzösischen Artusromanen, Mar- 
burg 1889, Oschinsky, Der Ritter unterioegs, Halle 1900, und 
soweit boire in Betracht kommt, besonders Klauenberg, Getränke 
tind Trinken in altfranzösischer Zeit, Göttingen 1904. Unter 
Benutzung des in den genannten Werken beigebrachten Materials 
und bescheidener eigener Lektüre möge der altfranzösische Gebrauch 
im folgenden kurz skizziert werden. 

1. prendre. Wenn hier die Quellen nicht so reichlich fließen, 
wie man bei der Bedeutung des Wortes wohl erwarten könnte, so 
liegt dies wohl an der großen Zahl von Synonyma, die im Alt- 
französischen für „nehmen aus^ zur Verfügung standen. Man liest 
aber doch auch: Prisent faigue en dores bacins, Part. 10846 
(Müller), — De Veave prent en I bocler, Si fait les chevaliers 
laver, Durm. 2193, — Plus be a penre en Vevangile Qu en Juvenal 
ne qu'en Virgile, Coincy, Mir. 377, 16. — Dans Vautel prise 
a l'oublee Que le prestre avoii sacree, Coincy 283, 31. — La 
viaride prent sus la table . . . Ciaris 271 (Müller), — Mais se 
sa fille li plaiseit, 11 li dunreit, plus 7ii prendreit, Wace, Brut, 
Bartsch^ 104, 16, — Sont eil qui plus y veulent prendre, 
Coincy 413, 611. — fuir nes celes choses ou te sens ke ta propre 
volenteiz puet penre deleit St. Bernard, B^ 197, 8, — Fait li 
prestres, •»tout ni'en merceil Ou vous avez si grant sens j)ris,< 
Coincy 433, 194. 

2. boire. — Man begegnet Verbindungen wie boire ä la sor&e, 
Marie de Fr., B3 265, 18, ä la peiiie fonieniele, Perc. 26559 
(Oschinsky), ä un rossel, Marie de Fr., B3 263, 16, au rocher, 
Villen, B^459, 28. ä la coupe, Violete 3551 (Kiauenberg) u. ö., 
ä granz henas, Guiart 6935 (Klauenberg) u. ö., — ou ruissel troble, 
Guiot, Bible, B^ 244, 9, en man breviaire, Rab. Garg. I 5, en son 
pantouße, Ptab. Garg. 19; — fig. : el cors, el piz, el sanc Kex 
(Klauenberg). 

3. mang er: d des escuelles, Godefr., a une esquiele, Duini. 
2200, u. ö, ä une escuele, Perc. 2755 (Schultz) u. ö., d son ecuelle, 
Rab. Garg. 111. 

4. puisev. au hault puis, Godefr., ä la riviere, Godefr., ä 
la mer, Froiss. (Littre), — en la fontaine, Claris 2730 (Müller), 
u. ö,, en grant livre, Coincy 146, 2, la folie ou seit, Coincy 2-i4, 

Zlschr. f. frz. Spr. u. Litt. XXXII". 9 



130 -E. Uhlemann. 

15; — li puis la ou Ven puise, Rusteb. (Littre), Seiiremeni iouz 
i puisiez, Coincy 105, 1285, — 

Oben ist der Gebraucb von en, dans (a) bei Verben des 
„Entnebmens" in der Hauptsaclie auf den ausschlaggebenden Einfluß 
von prehendere {prendre) zurückgeführt. Wie erklärt sich aber, 
daß gerade dieses Verbum gegenüber seinen lateinischen Konkur- 
renten ein solches Übergewicht erlangt hat? Das Lateinische ver- 
fügte ja noch über soviel gebrauchte Verba wie capere und sumere, 
deren Grundbedeutung auch heute noch die französischen Lexiko- 
graphen gerade so mit prendre und saisir bestimmen wie bei 
prehendere. Die beiden zuerst genannten Verba, als Simplicia 
wenigstens, sind eben vom Französischen überhaupt nicht übernommen 
worden, sodaß j^^ßhendere in deren Bereich eindringen konnte und 
mußte, ja geradezu eine Art Alleinherrschaft gewann. Diese wurde 
dadurch noch umfassender, daß selbst die eigentlichen lateinischen 
Träger des „Entnebmens", gleich den alten Simplicia, mit denen sie 
gebildet waren, im Französischen abgelehnt wurden: eximere, promer e, 
demere, excipere sucht man vergebens auf französischem Sprachgebiet; 
auch auferre, proferre^ educere, producere u. a. erscheinen garnicht 
oder höchstens in gelehrten späteren Neubildungen. 

So blieb zunächst aus dem reichen Schatze des Lateinischen 
pr^ekendere das einzige lexikalische Mittel zum Ausdruck der Tätigkeit, 
die wir mit ,, nehmen" und auch mit „entnehmen'- zu bezeichnen ge- 
wohnt sind. 

Um so dringender war es nötig, daß die neu sich bildende 
Tochtersprache Ersatz für diese ungewöhnlichen Verluste schaffte. 
Und sie hat ihn früh und in reichem Maße gefunden. Neben prendre = 
ergreifen, erfassen stellt sich sehr bald mit ähnlicher Bedeutung und 
gleicher Konstruktion saisir. Für „entnehmen" wurden dem Latei- 
nischen entlehnt die sinnverwandten traire, tollir, lever. Dazu treten 
seit den ältesten Zeiten oster, sachier und tirer, deren Etymologie 
leider immer noch Schwierigkeiten bereitet. In einem Punkte aber 
stimmen alle diese letzten sechs Verba des „Entnebmens" überein: 
sie verbinden sich regelmäßig mit Ortsbestimmungen mit de. 

Im Laufe der Jahrhunderte hat ja allerdings das Französische 
sachier und tollir wieder fallen lassen und traire in seiner Bedeutung 
so verengt, daß es als allgemeines Verbum des „Entnebmens" nicht 
mehr in Betracht kommt. 

So steht also zum Ausdruck dieser Tätigkeit im Nfrz. auf der 
einen Seite prendre mit seinen Modifikationen puiser, manger und 
hoire, denen, gleich saisir, Ortsbestimmungen mit dajis (ä) angefügt 
werden, auf der anderen Seite tirer, öter und lever, an die sich 
entsprechende Lokalangaben ausnahmslos mit de anschließen. 

Für das Lotische des enfants pttiisaient l'eau d^une 
fontaine ist also die Erklärung noch nicht gefunden. 



Syntaktisches. 131 

Nun liegt es ja nahe, sie in einer Vermischung der beiden 
Konstruktionsarten zu suchen, die eben als getrennt nebeneinander 
liingeliend charakterisiert worden sind. So abweichend die beiden 
Wortgruppen auch der Etymologie und folglich auch der Grund- 
anschauung nach sind, in ihrer Bedeutung erscheinen sie uns jetzt 
oft nur als verschiedene stilistische Hilfsmittel zum Ausdruck desselben 
tatsächlichen Vorgangs. Und in der Tat fehlt es nicht an solchen 
Übergängen: 

Plattner verzeichnet in seiner Franz. Schulgramm afik^ (S. 153) 
unter der Gruppe prendre dans auch enlever und weist hin auf 
Wendungen wie enlever qn dans son lit. Ein so feiner Kenner des 
nfrz. Sprachgebrauches wie E. Rhode erklärt aber mit Rücksicht auf 
diese Redensart: Remarquons en passant quon peut dire aussi 
„enlever qn de son lit''. Sein französischer Gewälirsmann macht 
dazu freilich die Bemerkung: Je ne dirais pas cela (E, Rhode, 
Essais de Fhilol. moderne I 125 bezw. 11 139). Die Ac. verzeichnet 
aber doch auch Wendungen wie lever qn de terre; on Va enleve de 
sa maison. Je nachdem man in dem Kompositionsclement en (inde) 
mehr die Bewegung nach oben oder nach der Seite empfindet, läßt 
sich recht wohl die eine wie die andere Präposition (dans : de) 
verstehn. — Von Knebel, Frz. GramA"^ 229, wird recueillir der 
^^re/u/rg- Gruppe zugerechnet, auf Grund von Sätzen wie Ces notices 
ont ete recueillies dans les meilleures sources. Daneben verweisen 
aber französische Lexikographen auch auf Verbindungen wie Les 
fruits qiCil a recueillis de son jardin, und im übertragenen Sinn 
recueillir du fruit de qch = en tirer de Vutilite, du fruit (HD. = 
Darmesteter & Hatzfeld, Diclionnaire General); — il a compose 
sa biographie sur les renseignements recueillis de la houche des 
amis schreibt G. Paris, Litt.frg.^ 216 — Das allerdings verhältnis- 
mäßig moilerne voler erscheint nach Ac. und Sachs bald mit dans, 
bald mit de : il a \ole cela dans tel livre ou de tel livre (Ac); 
voler la hoite de la poche de qn neben voler dans Varmoire de 
qn (Sachs unter „herausstehlcn"). 

Sollten ähnliche Schwankungen nicht auch zu beobachten sein 
bei der alten pre/u/re-Gruppe, bei manger, Loire und auch bei puiserf 

Für mang er vermag ich keinerlei Beleg beizubringen. Bei 
boire fehlt aber schon afrz. de neben gewöhnlichem e7i (ä) nicht: 
Quant la poison fut destempree, D'une molt grant cope doree 
En boit mesire Durmars lors, Durm. 3174; — A petite fontaine 
boit on souef, Prov. Vill. (Klauenberg S. 75), wechselt mit I)e jyetite 
fontaine tout son saol boit on, Trouv. Brab. 352, 2; — A douce 
fontaine a beic, Meraug. 504 mit Car je beu de forde fontaine, 
Durm. 13799; weitere Belege bei Klauenberg a. a. 0. S. 145 f. — 
Nach Sachs (boire) sagt man auch jetzt noch im familiären Ausdruck: 
boire des rouges bords neben a 7Vuge bord. 

9* 



132 E. UhLemann. 

Für prendre fehlt es von den ältesten Zeiten an nicht an 
Übergängen. Du Gange verweist unter preliendei'e = exigere, tollere 
auf Ut nullus de victualio et carris . . . teloneiim ]jrehendat (Capit. 
Pippini anni 755). Godefroy hebt besonders hervor: De laz la croz 
e stet Marie De cui Jhesus vera carn presdre, Passion, 13 3 13, 1. 
Spätere Texte gebrauchen freilicli in diesem Sinn prendre mit en, 
^Yie aus zahlreichen Stellen bei Coincy, Miracles zu ersehen ist, am 
deutlichsten wohl S. 462, 1 in einem der Passion nahe verwandten 
Gedankengang: Cele en qui p)rist Immanite Li puissantz Roys de 
verite. — Neben der Stelle aus der Passion bringt allerdings Godefroy 
nur noch zwei afz. Belege für pirendre de im Sinne von „entnehmen." 
Auch afz. überwiegt gewiß ä, dans (parrin, chez) in Verl)indung mit 
dem gleichen Verbum. Aber die Ac. weist doch hin auf prendre = 
emprunter in der Verbindung: C'est un mot que nous avons pris 
du latin. Einen andeicn Belog vermag auch PJattner, Ausfülirl. 
Gr. d. fz. Spr. II 2, S. 171 nicht beizubringen (im proverhe pris 
du laiin). — G. Boissier bietet in seinen zahlreichen Werken un- 
gemein häufig prendre mit den oben genannten Präpositionen, sagt 
auch Oest encore dans les Antiquites . . . qu'il a pris le sujet 
du De vita, Varr. 188. Daneben fließt ihm aber doch gelegentlich 
aus der Feder c'est bien des Antiquites divines qii'Aulu-Gelle avait 
pris ce fragment, Varr. 230 Anm. Auch wo Personen die Quelle 
sind, der etwas entnommen wird, bestimmt Boissier sie gewöhnlich 
mit dans (ä, chez), vereinzelt erscheint aber doch auch de : ce quil 
a pris de Varron, Varr. 227 Anm. 

Uud endlich puiser, von dem ja die ganze Untersuchung aus- 
gegangen ist. Für das Afrz. bieten Belege für den Gebrauch voa 
de (st. en) in Verbindung mit la, les fontaine(s) Littre und nocli 
zahlreicher Godefr., Complem. Wir finden de dann wieder bei Calvin: 
Cette fontaine de vie, de laquelle il nous estoit aise puiser Godefr. 
Complem, und wenigstens mit sinnverwandtem Substantiv bei La 
Bruyere: Pour paraitre ne devoir rien aux autres, mais puiser 
tout de voire fonds. Littre und IID. 

Es kann also, wie bei anderen Verben des „Entnehmens," so 
auch bei puiser die Möglichkeit der Anfügung einer Ortsbestimmung 
mit der Präposition de nicht geleugnet werden. Man sieht auch 
leicht, daß in den beigebrachten Belegen dieses de kein anderes als 
ein separatives Verhältnis zum Ausdruck bringen kann. Aber voll 
und ganz deckt sich keines der vielen Beispiele mit Lotis des enfants 
puisaient Veau d'une fontaine. In der Mehrzahl der Fälle fehlt bei 
den Verben des Entnehmens neben der Ortsbestimmung ein Sach- 
objekt überhaupt, oder falls es vorhanden ist, wird es von dieser 
Bestimmung durch andere Satzteile getrennt, und in der Lotis Worten 
am nächsten kommenden Stelle aus I-a Bruyere ist die Ortsangabe 
bildlich zu verstehn, bietet auch gar nicht das uns besonders 
interessierende Wort la fontaine. 



Syntaktisches. 133 

So erheben sicli also zu schwere Bedenken, als daß 
man ernstlich versuchen könnte, die in Frage stehende 
Redeweise Lotis in dem Sinn zu erklären, daß dem de la 
fontaine nach Analogie des Sprachgebrauchs der tirer- 
Gruppe ein separativer Sinn unterzulegen sei. 

Dann bleibt nur noch eine Möglichkeit: de la fontaine ist 
attributiver Genetiv, wie ihn viele Yerba der Trennung, wenn auch 
nicht die des „Entnelimens", in zahlreichen Fällen neben dem Objekt 
otVenbar zu sich nehmen. Halten wir uns einmal an zwei der geläufigsten, 
an öter und enlever. Wie soll mau verstehen: öter une branche 
(Tun arbre, enlever la croiUe cCun ijate (Ac.)? Gebührt dem mit 
de eingeleiteten Satzteile attributiver oder separativer Sinn? Der 
Form nach ist beides möglich. Ausschlaggebend kann nur die Ab- 
sicht des Eedenden sein, der Sinn des Satzes. Wie soll man diese 
aber ergründen?^ Man prüfe einmal unbefangen einen Satz wie den 
nachstehenden: Otez la sante et la paix de Väme, vous otez tous 
les plaisirs de la vie (Ac). Die Objekte und die Genitivsbestimmungen 
sind offenbar gleich stark belastete Träger eines beabsichtigten Nach- 
drucks, das Genitivverhältnis ist das possessive. Oder man nehme 
folgende Verbindungen: 07i lui a öte un coin de son jardin, on lui 
a öte la moitie de ses appointements (Ac). Nicht etwa de son 
jardin, de ses appointements stehen für sich als Gegensätze einander 
gegenüber, sondern die Objekte zusammen mit den folgenden Genitiven, 
mit gleicher Betonung beider Teile, bilden offenbar die Gegensätze, 
die hervorgehoben werden sollen. Oder aber man lese nacheinander 
folgende Verbindungen, die die Ac. zusammengestellt: enlever la croiUe 
dhm päte, la peau d'une partie du corps, Vecorce d'u7i afbre, 
d'une branche, la couleur d'une Stoffe. Es scheint mir, auch in 
allen diesen Fällen schwebt der Ton gleichartig über dem Objekt 
und den mit de angefügten Bestimmungen. Es darf nicht iire machen, 
daß die Ac. in den drei ersten Fällen enlever erklärt mit detaclier 
une chose de celle sur laquelle eile est appliquee, ou ä laquelle 
eile est adlürente; im vierten Falle kommentiert sie dasselbe enlever 
mit öter, faire disparaäre, und für das erste Beispiel gibt HD unter 
enlever die Interpretation ,.^lever pour retirer de sa place."' 

Eine solche gleichmäßige Verteilung des Betonungsgehaltes auf 
zwei Satzteile scheint mir nun auch vorzuliegen in Lotis Worten 
Des enfants jouisaient Veau d\ine fontaine. Man betraclite doch 
nur den Zusammenhang. Der Veifasser schildert mit gewohnter 
Meisterschaft die Eindrücke, die er beim Wiederbesuclien eines alt- 
bekannten öffentlichen Platzes mit seinem obligaten Kaffeehaus erhält: 
Des imans . . . lui firent grand accueil . . . le cafedji . . . lui 
apporta . . . la chatte de la maison ... les murs de la mosquSe 
eblouissaient . . . Des enfants puisaient Veau d'urie fon- 
taine et la versaient sur les vieux paves . . . Des feuilles 
jaunes cependant tombaient dejä . . . Natürlich würden wir über- 



134 E. ülilcmann. 

setzen: „Kinder schöpften Wasser aus einem Brunnen" . . .; der 
französische Schriftsteller aber cmiDfindet: faßten, machten sich das 
Wasser eines Brunnens zu eigen (man gestatte einmal die harten 
Ausdrücke), oder : schöpften das Wasser eines Brunnens in Gefilße 
ein und gössen es aus . . . Puiser erscheint also hier ganz ebenso 
mit Objekt und qualitativem Genetiv verbunden wie epuiser in der 
Erklärung: Spuise-volante = un moulin ä vent dont on se sert pour 
epuiser les eaux d'un endroit que Von veut mettre ä sec (Complem. 
du Dict. de VAc. fr., Brux. 1843 unter epuise-volanie). 

Liegt der Nachdruck in ähnlichen Verbindungen mit uter, en- 
lever, reiirer usw. auf dem mit de angeknüpften Satzstück allein, so 
wird dieser im separativeu Sinne zu verstehen sein. Zweideutigkeiten 
lassen sich bei einer solchen Ausdrucksweise nicht immer vermeiden. 
Kein Wunder daher, wenn ihnen der Franzose lieber durch eine andere 
Ordnung der Satzteile oder sonstige Hilfsmittel zu begegnen sucht: 
ötez de cette somme ce que vous avez paye; Vappareil doit vtre 
enleve de la blessure, also passivisch; ötez cet enfant d'aujyres 
du feu; enlevez cela de dessxis la table; retirez de l'argent de 
chez un avouS (Ac.) u. ä. 

Einfacher liegt der Fall, wenn bei puiser und seiner Gruppe 
der Hauptton der Ortsbestimmung zufällt. Dann trat eben statt de 
ein dans oder ä ein. Daher liest man denn auch: La pompe ä 
incendie ordinaire est forme de deux pompes accouplees et puisant 
l'eau dans une meme häclie oii ce liquide est deverse (Poire, 
JS'ouv. Dict. des sciences, S. 2519). 

So erklären sich dann ohne Schwierigkeiten, selbst in dem Falle, 
wo beim Objekt statt einer begrenzten Menge nur ein Teilverhältnis 
zum Ausdruck gelangt, neben dem gewöhnlichen prendre un liquide 
dans un puits (mit einseitig betonter Ortsbestimmung) Ausdrucksweisen 
wie remplir (un vase) en prenant avec ce vase du liquide d 'u7i p u its, 
d'unesource, etc., Godefroy, CompUm. unter puisier. Schon der Wechsel 
der Ortsbezeichnung, und nochmehr das beigefügte etc. legen klar, daß 
dem Ort als solchem keine ausschlaggebende Bedeutung beigemessen 
ist, wenn der Zusatz auch nicht als völlig belanglos empfunden wird. 

Das Gleiche gilt von boire de, wo man sonst boire dans zu 
lesen gewohnt ist. Quicherat-Daveluy, Dict. Latin- Francais, Paris 
1882, unter trahere, konnte daher trahere pocula, trahere amneni 
übertragen mit boire U7i breuvoge, boire de Veau d'un ßeuve 
(= von dem Wasser eines Flusses), Nicht minder ist schwebende 
Betonung der Grund für die Wahl eines sonst auffallenden de, also 
einer qualitativen Genitivsbestimmung, in den bekannten Wendungen: 
boire des eaux du Lethe (von dem Wasser des Lethe), il a bu 
de Veau de la fontaine de Jouvence^). Besonders deutlich tritt 



-) Vergl. auch Boire la vie De ce calice amer ^ue Von nomme la vie, 

A. Chenier, £1. I 29 (HD). 



Syntaktisches. 135 

der wirkliche grammatische Sachverhalt zu Tage in längeren Stellen 
wie die folgende: Je mis pied ä terre pour saluer ie fleuve et 
pour boire de son eau (also beide gleichmäßig betont). Je me 
suis toujours fait un plaisir de boire de leau des rivieres 
celebres que ^ai passees dans ina vie; ainsi fai bu des eaux 
du Mississipi, de la Tamise^ du Rhin, du Po, . . . du Nil, du 
Tage et de VEbre, Chateaubriand, liinir.., Paris 1811, I 171. 

III. On apprenait dans l'essai de Taiiie que le bon 
style est Tart de se faire ecouter et de se faire entendre. 

Mätzner, Sy7it. I 280, verzeichnet als Verba, die sich gleich 
puiser, manger, boire und prendre in bestimmten Fällen mit dans 
(ä) verbinden, fumer und choisir; ein beigesetztes „u. a." zeigt aber, 
daß er ihre Anzahl damit noch keineswegs für abgeschlossen hält. 
Spätere Grammatiker folgen mehr oder weniger Mätzuer, fügen dabei 
bald das eine Verbum hinzu, bald übergehen sie das andere. Keiner 
aber hatte Anlaß ihre Zahl zu erschöpfen. Auch die folgende Sammlung 
ist weit davon entfernt einen solchen Anspruch zu erheben. Sie 
möchte nur ein bescheidenes Teil dazu beitragen, die bestehende 
Lücke auszufüllen. 

1. apprendre qc dans wird neben prendre nicht Wunder 
nehmen. Sachs verzeichnet unter „lernen": apprendre dans les 
livres = aus den Büchern lernen. — On apprenait ä lire dans 
des livres tont pleins de la vieille mytliologie, Boiss. Fin I 234; — 
on apprenait dans Vessai de Taine que . . ., Brunetiere in RM. 
32, 318; — ähnlich apprendre dans la nature, dans nos 
institutions. 

Natürlich bietet schon das Altfranzösische dieselbe Konstruktion: 
eil sont malement bestorne Qui ou sen puisent la folie, Es lois 
aprennent tricherie, Guiot, Bible, B3 244, 15; — En un roman 
list et aprent, So7i damisel voit si se lieve, Durm. 236. 

2a. choisir dans. Mätzner erklärt das (/a?is durch Analogie; 
vielleicht reicht das Zurückgehen auf die ältere Bedeutung „erblicken" 
dafür schon aus. Choisir ses nouveaux ministres dans le parti 
victorieux, Mignet nach Mätzner; il choisit dans le panier 
les plus belles cerises, Li., und so sonst neufrz. ungewöhnlich häufig. — 
Den entsprechenden altfrz. Gebrauch belegt Godefr., Complem., bereits 
aus dem 13. und 14. Jahrhundert. 

6. elire wird neufrz. kaum noch im Sinne von choisir gebraucht; 
deshalb fehlen wohl auch neuere Belege für elire qn dans. Im 
Altfrz. liest man aber: eslisez trois messages en ceste votre gent, 
Sax., Li.; — Tu en avras tel guerredun Que tut le plus prisie 
barun, Que tu en mun renne esliras, Si jo puis, a seignur 
avras, Wace, Brut, B3 101, 9. 



136 E. Uhlemann. 

3. copier qcli. dans im Uwe, Neubildung, in ihrer Konstruktion 
offenbar durcli ])rcndre beeinflußt, verzeichnet Plattner, Franz. Sclndgr} 
153; Sarcey, Siege de Paris (Paris, Flammarion), S, 30: Je copie 
dans Uli Journal du 4 octohre cette note d'origine ofßcieuse . . . 

4. cueitlir dans kann bei der Etymologie des Wortes nicht 
auffallen: Rien ne lui eüt etS plus facile que de cueillir dans ses 
discours, dans ses letires, des traits dhin comique acheve, Boissier, 
Tac. 99; — U7i p>eu d'argot cueilli dans les livres de Gyp, Loti, 
Les DcsenchanUes^ 17. — Altfrz. creson cuilli en fontaine, Meon, 
Fahl. IV 427 (n. Schultz, Höf. Leb.). 

recueillir : Ces notices ont etS recueillies daiis les meilleurs 
auteurs zitiert Knebel, Frz. Gram.^'^ 229; über AnknüiDfung ganz 
ähnlicher Ortsangaben mit de s. unter II. 

5. fumer (du tabac) dans une pipe, dans un calumet, 
schon bei Mätzner besprochen; die Neubildung folgte offenbar der 
Analogie von hoire; auch im Deutschen sagte man anfangs „Tabak 
trinken" (Grimm, u. „rauchen"). 

6. lever, im juristischen Sinn, wohl von prendre oder copier 
beeinflußt: 11 en est d''autres (Hindous), enfin, qui me confiejit des 
copies levSes dans leurs papiers de famille. RM. 33, 858. 

relever: C'est le rnot le plus amer qiion releve dans 
toute sa correspondance, Boissier, Fin II 314. 
enlever qn dans son lit. 

7. p eck er = „preiidre du poisson en le tirant hors de 
l'eau ä faide de la ligne'"'' : pecher du poisson dans la mer, 
une riviere, un etang ; oü avez-vous peche cela''^ — pecher au 
plat = prendre dans le plat ce quon veut, Ac. — Afz.: Ft 
peschent es rivieres et viviers et es dois, Ren. de Montaub. 
(Zeller, Die täglichen Leheiisgeivohnheiten, AA 42, 69). 

8. ramasser une nouoelle dans le ruisseau == prendre 
dans les rues, dans le has j^eujjle, Ac. unter ruisseau; les epis 
dans les chanips, Ac. unter ramasser; man vergleiche une feuille 
de chou ramassde par terre, 2 Gonc, Germ. Lacerteux 187. Die 
Detinition der Ac. erklärt dans zur Genüge: faire un amas, un 
assemhlage, une collection de plusieurs choses. 

9. (se) recruter dans, gewiß au prendre und choisir an- 
geglichen, denen es ja erst seit dem 17. Jahrhundert zur Seite tritt: 
Ce regiment s'est recrutS dans teile p)rovince; (les Romains) se 
recrutaient dans Vesclavage; il recrute partout des associes, Ac. 
Allerdings verzeichnet Ac. daneben Ce parti se recrute de gens 
malintentionnh. Außerhalb des Zusammenhangs aber bleibt der 
Sinn dieser Stelle zweifelhaft. Hält man daneben: {les barbares) se 
recrutaient, ä Voccasion, des mecontents qui ne voulaient ou ne 
pouvaient plus (payer) Vimpot, et tous ensemble couraient les 
provinces, Boissier, Fin II 440, so dürfte wohl im einen wie im 
andern Fall für se recruter de gar nicht „sich ergänzen aus," 



Syntaktisches. 137 

sondern „sieb vermehren um," „sich verstärken durch" als 
Übersetzung in Betracht kommen. 

10a. servir = donner ä diner, ä manger dans in Wendungen 
wie: mille convives sassirent ä table servis ä profusion dans 
des vases d'or qu^on cliangeait ä cliaque mets nouveau, Boissier, 
Varr. 8; —tu es libre . . . quand tu as faim, . . . qu''on te serve 
dans des plats d'argent et d'or, Boi>s. Tac. .327. 

So auch schon afz. neben häufigerem de: Ens granz escueles 
d'argent Furent commiinaument servi, Perc. (Schultz I 315); — 
[vielleicht beides nebeneinander: eil baron . . . servent eil mareschal 
D' esquieles d\t7'gent non en autre metal, Hörn 4099 (Zeller, 
AA. 42, 55)]. 

b. alimenter = speisen, im technischen Sinn, darf hier 
vielleicht auch eine Stätte finden : alimenter les bauches d'incendie . . . 
en eau de source, La Grande Encycl. 27, 221 und öfter. 

11. tailler dans, wohl beeinflußt ([mch. prendre: On voit 
aussi des petits garcons habilles de vetements neufs tailles ä la 
maniere de ceux de leur pere, dans des pieces de drap sombre 
EM. 34, 78. 

12. voler, Neubildung des 16. Jahrb. (s. Körting u. volare), 
folgt wenigstens teilweise der Analogie von i:)rendre: il a voU cela 
dans tel livre, Ac; voler dans Varmoire (Sachs u. „heraus- 
stehlen"). 

lY. Noiis ne prenons au deJiors quo ce qiii repond au 

besoiii de uos eonseiences et de nos pensees, quand 

notre litterature nationale . . . ne correspond plus ä 

l'etat present de nos ames. 

Wie das au dehors des vorstehenden Satzes (Lanson, Eist, 
de la litt. fr. 9 1089) lehrt, wird auch die Wahl der Ortsadverbien 
durch die Konstruktion der Verba des „Entnehmens" eigenartig 
beeinflußt. Vielleicht darf eine kurze Zusammenstellung von in 
Betraclit kommenden Fällen, auch wenn sie keineswegs erschöpfend 
ist, auf ein gewisses Interesse rechnen. 

Für y, lä, oit sind die Beispiele so alltäglich, daß nur der 
Vollständigkeit halber einige Verbindungen angeführt werden sollen: 

Si vous cassez la bouteille, vous w'?/ boirez plus; Piaton 
y puisait tout; on y prend cette impression que . . .; noiis n''y 
prendrons pas de lecons. 

cest la quelle puisait ces impressions ; s'est lä quil allait 
prendre ses victimes. 

la tasse oic j'ai bu; un livre ou tout le inoyen-äge a p)uise 
la connaissance du passe; les libraires o ii les curieux pourront le 
prendre (=: un livre); on ne savait ou prendre Vargent; oii 
a-t-il pris ce rJiumef 



138 E. Uhlemann. 

Es tintlen sich aber tmcli weiter Verbindungen wie: 
im auteur qni j^zcise partout; ü prend S07i bien partout; il 
prit une fenime aiileurs, Boissier, Fin II 386 

on les prenait (= les siijets) . . . en dehors de la realite, 
Boiss. Fin. I 222; 7}ous ne prenons au dehors que ce qui repond 
au besoin de uos consciences, Lanson, /. c. 

il nHra pas prendre ses sujets si loi7i, Boiss., Opp. 349 — 
und bei dem verwandten aller chercher : on ri'a pas besoin d' aller 
eher eher si loin les motifs, Boiss. Tac. 42; des navires vont 
le chercher (:=: le vin) au loin, Boiss. Varr. 359. 

V. II piiisa de l'eau dans la fontaiiie, ä la riviere. 

Für die in der Überschrift abgedruckten Ortsbestimmungen 
i)ezeichnet die Ac. das eine Mal die Präposition dans, das andere 
Mal ä als den gegenwärtigen Spracligebrauch. HD. im Gegenteil gibt 
gerade umgekehrt als die gebräuchliche Ausdrucksweise puiser ä la 
fontaine, aber dans la riviere. Littre endlich befindet sich teils 
mit der einen teils mit der anderen Autorität im Einldang, wenn er 
lehrt, man sage puiser ä une fontaine, aber auch ä la riviere. 
Wer hat nun recht? 

Wenn deutsche Grammatiker die Verba des „Entnehmens" 
behandeln, so geschieht dies in erster Linie, um die ihnen folgenden 
Ortsbestimmungen der Ruhe in ihrer Eigentümlichkeit gebührend zu 
erörtern. Natürlich bezeichnen sie als in Betracht kommende 
Präposition meist daiis, daneben aber auch ä (s. Mätzner, Synt. 
I 280 bezw. 233). Auf eine genaue Unterscheidung zwischen beiden 
einzugehn, lag für sie dabei kein Anlaß vor. Plattner bietet in seiner 
Nfz. Gram.., S. 153, statt vieler Worte gleich eine größere Anzahl 
stehender Redensarten, wo bei Verben des „Entnehmens" dayis oder 
gelegentlich auch ä zu gebrauchen sei. Leider fehlt aber hier gerade 
puiser in den oben angegebenen Verbindungen, und dann erheben 
sich doch auch noch weitere Zweifel. Nach ihm sagt man wohl hoire 
dans im verre, manger dans imeassiette^ prendre qch dans une armoire, 
puiser ä des sources dißerentes. Folgen nun aber verwandte 
Wendungen genau dieser Analogie? sagt man auch boire da7is 
une houteille; ist manger ä une assiette nicht zulässig; und 
wie steht es um prendre de Veau ä un puits, puiser dans 
des sources grecques? 

Gewiß werden bei Ortsbestimmungen auf die Frage wo?, wie 
sie ja die Sprache in Hülle und Fülle bietet, gewisse Schwankungen 
zwischen dans und ä immer bestehen. Teilvvei.^e werden sie durch 
die Wahl des unmittelbar folgenden Wortes (Form des Artikels, Art 
des Pronomens) bedingt; dann gelangt ja auch gewiß mit der Präposition 
dans eine andere Nuanze des Gedankens zum Ausdruck als mit ä. 
Über die allgemeinen Gesichtspunkte, nach denen die Wahl im letzteren 



Syntaktisch es. 139 

Falle erfolgen muß, sind die Grammatiker längst einig, und nicn)and 
bat sie wohl schärfer hervorgehoben als Mätzner, Syiü. I 273 
bezw. 232. 

Um aber die eben angedeuteten Zweifel nach Möglichkeit zu 
heben, lohnt es sich vielleicht doch der Frage in engen Grenzen 
einmal näher zu treten. Ein positives Ergebnis ist bei den Verben 
des „Entnehmcns" wenigstens teilweise zu erhoffen, da es sich hier- 
bei um eine fest umschlossene Reihe handelt und die etwa beizu- 
fügenden Ortsbestimmungen sich in der Hauptsache begrenzen und 
leicht gruppieren lassen. 

Die nachfolgende Untersuchung befaßt sich eingehender nur mit 
den vier geläufigsten Verben manger, boire, puiser und prendre; 
verwandte Ausdrücke können und sollen nebenbei kurz erledigt 
werden. Für den altfranzösischen Sprachgebrauch dürfte ein kurzer 
Überblick ausreichen (vergl. übrigens oben unter II), Der Ort, 
wo die Tätigkeit sich vollzieht, wird je nach seiner besonders 
charakteristischen Eigentümlichkeit unterschieden a. als Hohlraum, 
b. als Fläche, c. als Linie, d. als Punkt. 

1. mang er. 

Altfranzösisch stehen unterschiedslos neben einander mangier 
a. wie esqniele, ä s''esquele\ en une esquiele, en s'escuele. cn son 
ecueile. 

Neufranzösisch begegnet man manger a. mit dans im jylat, dans 
une assietie, dans une ecuelle, daiis Vauge, dans la main, dans 
sa poche, dans son sac. 

Verbindungen mit Ortsangaben der Gruppe b, c und d sind 
der Natur der Sache nach ausgeschlossen. 

Schwankungen: Sachs verzeichnet unter ecuelle bezw, essen: 
inanger ä (la) meme Scuelle^ nianger avec qn ä (oder dans) la 
meme ecuelle, fig,, = „mit jem. aus derselben Schüssel essen", wir 
dürfen wohl auch setzen : mit jem. an demselben Tische essen. Eben- 
so unter gamelle : manger ä la gamelle = mit Soldatenkost fürlieb 
nehmen (müssen). Daß auch manger ä l'assiette in ähnlich über- 
tragener Bedeutung gebraucht wird, zeigt 2 Gonconrt, Geiern. 
Lacerteux (Paris, Charpentier S, 67): Elle le gäte (= einen 
Knaben) ainsi . , , lui adouclssant les privations et les diiretes de 
cette ecole professionnelle qui forme ä la vie ouvriere, porte la 
hlouse, mange ä V assiette de fa'ience hrune, et trempe 
ä son male ajyprentissage le peuple pour le travail. 
Summa: Im eigentlichen Sinne wird manger mit daiis konstruiert; 

im figürlichen Sinne tritt gewöhnlich ä zur Ortsbestimmung. 

2, boire. 

Afrz. a) a la coupe, a copes dorees, a ta cope doree; a 
hanap d'abc, a granz henas, a voit lianap, an hanajj, a nn hanap; 



140 E. Uhlemann, 

a mon esciiele, Perccf., B. ^ 483, 4; en son pantoitfle, en mon hrevi- 
aire, Rabel. Garg. I,j, bzw, 5; völlig übertragen: Car li gleives el 
cors li but, les fers Boivent el piz, Klauenberg, Getränke und 
Trinket}, 141 f. 

b) es fehlen mir Belege. 

c) boire a un rossel, Mar. de Fr., B^ 263, 16, neben boire ou 
ruissel troble, Guiot, Bible, B3 249, 19. 

d) li lox a la sorse bevait^ Mar. de Fr., B-^ 263, 17; boire ä 
peilte fontaine, a la petite foyitenielle, Klauenberg, l. c. ; über 
gelegentliches de bei fontaine ebenda u. hier unter II. 

Nfrz. a) boire dans un {le) verre, un gobelet, une coupe, une 
ecuelle, leurs ccuelles, une tasse, dans des pots de terre, une 
gargouillette, les mains^ dans le creux de la main. 

b) au seau, Ac, Sa., Poire I I04q; ä Vabreuvoir Ac., d 
l'auge, Sa. (aber manger dans tauge), ä la grande tasse = la mer, 
se not/er dans la mer HD. 

c) 3j an Rhone ou ä VOronte^ Boissier, Fin II 280. 

d) ä la source, Li., Sa., HD, ä la fontaine, Ac. Sa. HD.; 
nur ä la bouteille, Sa; d'auires faisaient halte pour boire ä la 
bouteille de leur goüter, 2 Gonc, G. Lacevteux, Charpent. S. 187. 

Schwankungen: Neben dem gewöhnlichen dans une coupe 
citiert Mätzner, Gr. 407, aus Chateaubriand: boire ä cette coupe 
enchanth. — Li. verzeichnet im fig. Sinn: en mesme temps 
conimence la tranchee, qui vint percer la contrescarpe et boire 
dans le Josse (aus D'Aubigne). — Dazu fügt Sa. im technischen 
Sinne: le Josse boit en riviere. — Malherbe schreibt: 11 demande 
en quel verre ils avaient bu, Holfeld, Sprache des Fr. de Malh., 
und Lafontaine: Le scrupule nous prit ä tons . . . de boire 
en meme verre, Siegert, Sprache Laf.'s, S. 76. 
Summa: a.) Bei „trinken" aus bestimmt begrenzten Körperu von 
einer gewissen Tiefe aber geringem Umfang steht regelmäßig 
datis. 

b.) bei größeren Gefäßen und überhaupt bei Ortsbe- 
stimmungen, wo die Fläche gegenüber der Tiefe zunimmt, 
steht d. 

c.) bei Lokalangaben, wo die Flächenausdehnung in der 
Längsrichtung verläuft und die körperliche Ausdehnung zurück- 
tritt steht ä (daneben dans). 

d.) bei boiäeille, source, fontaine ist ä die gebräuchliche 
Präposition. 



^) Für boire in Verbindung mit riviere, n/isseau u. a. fehlen mir 
literarische und lexikalische Belege. Versuche, die Lücke durch Nach- 
frage bei geborenen Franzosen auszufüllen, haben zu keinem sicheren 
Ergebnis geführt, konnten es wohl auch nicht. Nach der einen Autorität 
ist (hins und a in solchen Verbindungen gleich geläufig, die andere zog 
dans vor, ohne a abzulehnen. 



Syntaktisches. 141 

Bemerkungen: Übergänge von a zu b sind natürlich, wenn 
die Oberfläcbenausdehnung als charakteristisches Element des Körpers 
empfunden wird, daher howe ä La coupe neben dem gewöhnlichen 
dans la coupe. — 

Wird bei c die körperliche Ausdehnung gegenüber der Flächen- 
oder LinieneutwickluDg betont, also an ein mögliches Eindringen in 
den Ort gedacht, so ist dans la riviere, le fosse zu erwarten. 

Auch source und fontaine können als Linie oder Fläche, selbst 
als Hohlräume vorgestellt werden; in solchen Fällen könnte auch ein 
dans sich zu ihnen gesellen; bei bouteille ist das kaum möglich, da 
der Ort, wo das Entnehmen erfolgt, die Ausflußstelle sein muß. 

Das gelegentlich im 17. Jahrh. noch auftretende en ist letzter 
Rest einer mittelalterlichen Ausdrucksweise. 

Daß der Stoff, wovon getrunken wird, mit de eingeführt wird, 
ist ja selbstverständlich. Übergänge in räumliche Anschauungen sind 
allerdings aber auch da zu verzeichnen: 

So im t. t. U7i cheval qui hoitdans son hlanc, Li. Sa., oder in 
der Dichtersprache: La Celeste troupe Dans ce jus vantS JBoit ä pleine 
coupe L'immortalite, J.-B. Rousseau (Li.). Belegt doch Klauenberg, 
S. 124, denselben Gebrauch auch schon für das Afrz.: Frist lalance 
au hlanc lyoncel Qui el sanc Kex boire devoit, Percev. 39022. 

Auffallend ist das Fehlen jeglicher Präposition, wenn das Gefäß 
woraus getrunken wird, durch das eigenartige Gebilde ä meine nach- 
drücklich determiniert wird: les dames. . . enjanibaient les obstacles 
et vioniraient, en buvant ä meme le gobelet de bois, leurs jolies 
dents Manches, Sarcey, Siege de Paris., Flammarion, S. .31. Aus 
der reichen Sammlung bei Robert, Quesiions, S. 209, entnehme ich 
ergänzend: boire de Ceau ä meine la cruche, boire ä meme 
le goulot. Dient ä meme zur Verstärkung anderer Satzteile, so 
stellt sich dans vor der Ortsbestimmung wieder ein: 7/ biivait ä 
meme un peu d'eaii douce dans iine parpouillette ä rafralchir . . ., 
lls boivent tous ä meine dans la meme tasse. Sachs verzeichnet 
allerdings neben boire ä meine {la bouteille) das gelegentliche Auf- 
treten von ä meme de (la bouteille). Mir ist dieser Gebrauch nicht 
entgegengetreten ; nach den obigen Ausführungen würde man auch 
statt de viel eher ä oder dans erwarten. 

3. jyuiser. 

Afrz,: a) puisier au hault puis, Godefr. 

b) puisier a la mer, Froiss. (Li.) 

c) puisier a la riviere, Godefr. 

d) puisier en la fontaine, allerdings in der Bedeutung 
von remplir: Sont en enfer en si grant paine Que 
tousjours en une fontaine Cuident vessiaus sarisfons 
pucier, Godefr.; Son hiaume puise en la fontaine., 
Ciaris 2730 (Müller, Tägl. Lebensgeivohnh., S. 31.) 



142 E. Uhhmann. 

Figürlich immer en: Se fai loisir et se je puis Encor vour- 
rai puis er ou puis {^= der Legende) Qui tant est larges et par- 
fons, Coincy, 128, 865; il puisent malvaise science En fontaine 
de sapiejice, Guiot, B^ 24 5, 5; — eil sont malenunt besiorne 
Qui ou sen puisent la folie, Godefr. So auch noch gelegentlich 
bei den Klassikern des 17. Jahrb.: puiser des honheurs souverains 
En cette inepuisahle source, Corn. X 221; — puisant la lu'riiS pis- 
qu'en son origine, Rac. IV 192. 

Nfrz. a) Für puiser in Verbindung mit kleinen Hohlkörpern 
fehlt es naturgemäß an Beispielen; man „schöpft" eben nicht aus 
Gläsern und Tassen (vgl. aber boire); wohl aber sagt man: puiser 
de Veau dans un puits, Sa. — puiser du vin (de Veau) duns la 
cuve^ Li., Ac. - — du vin dans le tonneau, absolut auch au ionneau, 
HD. — deux pompes. . . puisant Veau dans une meme backe, 
Poire 2519. 

b) puiser au bassin de la fontaine, Ac. ^) 

c) puiser ä la riviere, Ac. Li. Sa. — dans la rivi'ere, HD. — aux 
ruisseaux (Gegensatz ä la source), Li. Ac. , au'^) courant de 
Veau, Ac. 

d) ä la source^ ä U7ie (la) fontaine, Li. HD. — dans la fontaine, Ac. 
Schwankungen: puiser du vin dans le tonneau, au tonneau, 

— ä la riviere, dans la riviere; — ä la Jontaine, dans la fontaine. 
Summa: a) Bei fest umgrenzten größeren Räumen: puiser dans 

b) bei Flächenausdehnuug gewöhnlich: ä 

c) bei in der Längsrichtung verlaufender räumlicher Aus- 
dehnung gewöhnlich ä, seltener da7is 

d) bei source steht ä; bei fontaine gewöhnlich ä, 
seltener dans. 

Bemerkungen: Die Schwankungen, besonders unter c und d, erklären 

sich wie bei boire. 

Älteres en reicht herab bis in das 17. Jahrb. — 

Einem älteren en entspricht regelmäßig modernes dans, sobald 
puiser in seiner Bedeutung zu prendre tjcrblaßt, sich also der bihllichen 
Verwendung nähert. So liest man denn: puiser dans la bourse, une 
bonbonniere, le sucrier, S07i coffre, ma caisse, dans son sac en toile ä 
voile, Loti, Pecheurs, S. 70; c/iacun vient piuiser dans le vase (plein 
de riz sec), EM. 33,848. 

Noch viel zalilreicher sind Verbindungen von puiser mit dans, 
wenn nicht nur puiser, sondern auch die Ortsbestimmung selbst figürlich 
verstanden werden. Man kann ja aus allen möglichen bildlich vor- 
gestellten Rauminhalten „schöpfen". Hier nur eine kleine Blumenlese: 



*) Für Ortsbestimmungen bei Flächen fehlen mir weitere literarische 
Belege. Eingeborene PYanzosen entschieden sich mehr für ptnser « l'abreu- 
voir, ä Vetani/, au lac, ä la mer, ohne dans ganz auszuschliefsen. 

*) Man vergl. aber: Un arjneau se desall^raü Dans le courant d'une onde 
pure, — je nie vais desaüerant dans le courant, Lafont., Le Loup et VAijneau. 



Syntaktisches. 143 

jniiser cette Jiumeur somhre dans le cloitre, des connaissances 
dans ses voyages, un principe dans la natiire, le courage 
dans la religion, des consolations dans son entretien, les 
plus grandes beautes dans les anciens, — aucli puiser dans 
Tite-Live, Plutarqxie, Lucain usw. 

Nur iu Verbiu düngen mit source wird auch in übertragener 
Bedeutung der Präposition ä der Vorzug gegeben: Ac. verzeichnet 
allerdings neben ä la source, aux sources in diesem Sinn auch 
dans la source, dans les sources. Li. stellt nur daiis les sources 
neben aiuv sources, HD schweigt ganz. — Ein Klassiker wie 
G. Boissier entscheidet sich ganz und gar für ä la source. Gelegentliches 
da7is bei Dichtern wird durch das Metrum bedingt, wie in JHrai 
puiser sur ta trace Dans les sources de ta gräce, J.-B. Rousseau, 
Ödes sacrees II; bei Prosaikern findet es leicht seine Erklärung durch 
Übertragung jenes dans, das figürlichen Ortsangaben regelmäßig bei- 
gefügt ist: lls (= des recits) sont emprunth ä des livres latins, 
qui eiLV-memes puisaient dans des sources grecques oii orientales 
(sources == recits, livres; G. Paris, Litt, fr.^ 218). Umgekehrter 
Einfluß machte sich geltend in Wendungen wie: je puiserai ä des 
chants comme ä une source d'eau qui rafraicldt (Boissier, Fin II 
100), oder fai puise ä tout monient aux notes (aux sources) de 
la grande Miiion des Memoires (Boiss., S. Simon, 10). 

4. jprendre. 

Ai'rz. a) prisent Vaigue en dores hacins, Part. 10846 (Müller). — 
de Veave prent en I bocler, Durm. 2193. 
b) c) d) Es fehlen mir sichere Belege. 

Figürlich: Plus he a penre en Vevangile Quen Juvenal ne 
quen Virgile, Coincy, Mir. "ill , 16, — Char precieuse en tes 
jians prist, Coincy 13, VI. — So noch bei Marot: Quil sernhle au 
vray que plaisir preignent En nies propos, Li. 

Nfrz. a) prendre le dernier feuillet dans la main gauche qui le 
ienait, crispSe . . ., un fruit dayis un plaf, une prise (pincee) de 
tahac dans une tahatiere, vingt francs dans la cassette, des pieces 
iimhrves dans un casier, du linge dans une armoire, une clef dans 
sa poche, de Vargent dans le tiroir, Vencens dans la navelle, un 
verre dans le huffet, un livre dans la bibliotheque; auch Vempereur 
vient souvent prendre des rheteurs dans leurs chaires, Boissier, 
Fin I 206, — deux petits houddha, pris dans une pagode pour 
etre donnes ä Gaud, Loti, Pech. 161. 

prendre Veau ... aux puits, aux citernes, La Grande 
Encycl 27, 220 — 

dagegen prendre dans un puits (une source, une fontaine 
etc.) du liquide qui y est contenu, Godefr., Conqyl., unter 
puisier; prendre dans un puits, (une source), un tonneau 
etc., du liquide qui y est contenu, HD unter puiser. 



144 E. Uklemann. 

b) prendre Veau aux etangs . . ., Encycl. 27, 220 — aber 
prendre du poissou dans un vivier, Poire 2284. 

c) prendre de Veau ä la riviere, Ac. — aux ruisseaux, Encycl. 
27, 220, a Vaqueduc, Boiss. Tac. 324. 

d) für prendre in Verbindung mit source und fontame fehlen mir 
sichere Beispiele^); in HD's Erklärung von 2^^'^^^^ = prendre 
dans un puits, une source, un ionneau etc., du liquide qui y est 
contenu ist dans la fontaine offenbar durch die Umgebung be- 
einflußt. — 

Seh wankunge ui/^rent^re de l'eau aux p^iits, dans xm puits; 
— aux etangs^ prendre du poisson dans un vivier. 
Summa: a) Bei festunigrenzten kleinen und größeren Hohlräumen: 
prendre dans; gelegentlich ä 

b) Bei Flächeiiausdehnuiig: ä, auch dans 

c) Bei Ortsbestimmungen, die in der Längsrichtung 
auslaufen: ä 

d) (bei source \xnA fontaine: ä, seltener dans). 
Bemerkung: Die Schwankungen unter a und b erklären sich wie 

bei hoire. 

Älteres en tiudet sich bis in friihklassische Zeit; auch in der 
neusten Zeit begegnet — allerdings modernes — en vor Eigen- 
namen, im figürlichen Sinn: le machiavelisme de Machiavel, ptris 
dircctemetit ä sa source, en Machiavel meme RM. 33, 522. 

Sonst entspricht dem afz. en in übertragenen Ortsbestimmungen 
regelmäßig und sehr häufig dans: le feu qu'il a pris dans ses yeux, 
prendre un discours dans un Journal, xine citation dans T Essai, 
des impressions dans une eiude, des sentences dans ces Uwes, une 
Idee dans un vieux vornan, dans Ciceron, Virgile, Horace, usw. 

Nur bei source wird auch im übertragenen Sinne die Präposition 
a bevorzugt: il prend des rejiseignements ä des sources differentesy 
Boissier, Rel. 319, — cet air . . . ils en prenaient plein leur poitrine, 
ä la source meme de toute vigueur et de toute existence, Loti, 
Pech. 62, — le mucliiavelisme de Machiavel, pris direciement ä 
sa source, RM. 33. 522. 



Sonstige Verba, die durch Etymologie oder Analogie beeinflußt 
den eigentlichen Verben des Entnehmens in der Auffassung der Orts- 
bestimmung folgen, wählen, soweit ich ihren Gebrauch habe verfolgen 
können, ausnahmslos dans., um den Ort zu bezeichnen, wo die Handlung 
sich vollzieht. Dieser ist aber derart oder der Sinn des Verbums ist so 
beschaffen, daß auch die jore^ic/re- Gruppe im gleichen Falle dans 
bevorzugen würde. Zum Belege folge hier eine kurze Übersicht: 



S) Eingeborene Franzosen gaben ä la source, it la fontaine den Vorzug, 
ohne prendre de Veau dans la source, la fontaine völlig auszuschliefsen. 



Si/ntaktisches. 145 

A. Im eigentlichen Sinne: 

1. choisir dans le panier les plus heiles cerises 

2. fumer dans une pipe 

3. pecJier dans la mer, xine rlviere, tin etang; lig. au plat 

4. ramasser les epis dans les champs 

5. servir qn dans des vases d'or 
G. voler dans Varmoire. 

B. Im figürlichen Sinne: 

1. apprendre geh dans les livres, la nature, nos institutions 

2. choisir ses ministres dans le parti victorienx 

3. copier qch dans un jommal 

4. cueillir qch dans les livres 

5. lever une copie dans leurs papiers 

6. ramasser une nouvelle dans le ruisseau 

7. se recruter dans une province 

•6. tailler des vetements dans des pieces de drap sombre 
9. voler cela dans tel livre. 

Will man schließlich für praktische Zwecke den Sprachgebrauch 
der Verba des „Entnehmens" kurz zusammenfassen, so dürfte man 
etwa sagen: 

Man konstruiere: 

A. Im eigentlichen Sinne: 

a) manger stets mit dans 

b) boire, puiser und prendre 

1. stets mit dans bei Anfügung von kleineren fest um- 
schlossenen Hohlräumen. 

2. gewöhnlich mit ä bei größeren Raumgebilden, die in der 
Hauptsache ihrer Flächen- oder Längsausdehnung nach angeschaut 
werden. 

Nur bei energischer Betonung der Innerlichkeit und bestimmter 
Umgrenzung (Mätzner Sijnt. 1 273) ist dans in diesem Falle vor- 
zuziehen. 

B. Im bildlichen Sinne: 

a) mayiger stets mit ä 

b) hoire, puiser und p)rendre mit dans. 

Bemerkung: Bei boire^ puiser und prendre wähle man stets «, 
wenn der Ort mit la source {la bouteille) bestimmt wird. 
Ortsangaben der Ruhe, soweit sie bei anderen Verben des 

„Enhiehmeus aus" überhaupt zulässig sind, determiniere man 

mit dans. 

GöTTJNGEN. E. ÜHLEMANN. 

Ztschr. f. ivi. Spr. u. Litt. XXXII'. ^^ 



Wortoescbichtliches. 



arrimer „schichten, stauen" begegnet heute als Terminus der 
Seeraannssprache neben arrimeur „Schichter, Stauer" und arrimage 
..Schichtung, Stauung; Stauerlohu". In älteren Wörterbüchern, wie 
J. H. Rödings Allgem. I4^tb. der Marine (III, 33), findet man 
gleichbedeutende arrtuner und arrwnage. Vgl. damit bei Godefroy 
altfrz, ariner, arrimer, aruner etc. in der allgemeinen Bedeutung 
„arranger, disposer, mettre en ordre" und aus den heutigen Patois 
u. a. norm. (Moisy, Dict. p. 37) aruner „arranger, mettre en ordre 
par rangs, en bon etat", ib. p. 200 deruner „deranger, causer du 
desordre", la Hague (Fleury Essai) arrunde „mettre dans un 
certain ordre, placer une chose ä son rang", derrunde „deplacer, 
priver de son tour", cancal. (Dagnet et Mathurin Le parier. . . 
cancalais p. 5) ainnmer et aruner „entasser, mais avec ordre et 
Sans perdre de place", boulonnais (Haignere) ariimer „arranger". 
Auch rumer, demenager, in Berry (Jaubert) dürfte hierher gehören. 
Aus anderen romanischen Sprachen sind anzumerken prov. (Mistral) 
arrima „arrimer, arranger la cargaison", arrimage arrimägi „arri- 
mage", arrimaire rimaire „arrimeur", span. arrimar „stauen" und 
„anlehnen, annähern etc.", arrumar „stauen, verstauen", arrumage 
„Stauung", arrimiador „Stauer", etc. 

Was die Herleitung der genannten Wörter angeht, so begegnet 
man ziemlich allgemein der Ansicht, daß diejenigen mit dem Stamm- 
vokal u auf germ. rum (nhd. Raum) zurückgehen, das in dieser 
nicht abgeleiteten Form begegnet in franz. (Sachs) rum „Ladungs-, 
Waarenraum in einem Schiffe", wall, rume „t. de bat. ^coutiUe"- 
und „espace entre deux murs" (Grandgagnage), Guernesey (Metivier) 
rtim und run „place, espace" auch „appartement", afrz. run (Gode- 
froy), prov. (Mistral) rum „espace que Ton raenage ä fond de cale 
pour la cargaison". In Bezug auf die Wörter mit i als Stammvokal 
gehen die Ansichten auseinander. Während einige Etymologen die- 
selben mit arriimer etc. auf das gleiche Grundwort zurückführen, 
nehmen andere verschiedenen Ursprung an. So bemerktDiez, Etym. 
Wth. I, 271 s. rima: „Eine zss. ist altsp. adrimar Bc, nsp. cat. 
arrimar zusammenstellen, anlehnen, frz. arrimer schichten, vgl. ahd. 
r/m, in der bed. reihe, die auch dem sp. rima zusteht, fr. (in 
Berry) enrimer symmetrisch ordnen ..." und ib. p. 275 s. romho: 



WorfgeschicJitliches. 1 47 

„Aber fr. arricmer, sp. arrumar die Schitfsladung verteilen und 
ordnen, pg. arrumar überb. ordnen, werden aus dem ndl. ruim 
Schiffsraum erklärt . . ." Die gleiche Auffassung begegnet bei Körting 
Lat.-rovian. Wth. unter No. 887 und 8195. Mackel, Die 
germanischen Elemente, erwähnt arrumer nicht und stellt arrimer 
(schichten) pg. 108 zu germ. rim (Reihe, Reihenfolge, Zahl). Die 
Verfasser des Diciionn. general bezeichnen die Herkunft von arrimer 
als nicht bekannt und bemerken: „On trouve dans Füret, arrumer 
et arruner. Anc. fr. aruner et arnner, mettre en ordre". Ihre 
Auffassung dürfte demnach sein, daß die Wörter mit i und u als 
Stammvokal etymologisch nicht zu trennen sind. Diese Ansicht ver- 
treten u. a. auch Littre und Scheler. Letzterer bemerkt s. arrimer: 
„ . . . alteration de vfr. arrumer^ esp. arrumar. Or, ce dernier derive du 
subst. vfr. rum, fond de cale, lequel respresente le nl. ruim, all. rum, 
auj. räum, espace (en termes de marine: entrepont), ?ii\^\.room. Arrimer 
repond pour le sens ä all. ein-räumen^ emmenager (desmeubles)^. Keiner 
der zuletzt genannten Autoren geht auf dieSchwierigkeitein,diebei der An- 
nahme gleichen Ursprungs beider Wörter in dem Wechsel des Stammvokals 
besteht. Meinerseits halte ich es für außerordentlich wahrscheinlich, daß 
die in der Bedeutung übereinstimmenden und in der Form sehr ähnlichen 
Wörter etymologisch zusammen gehören. Was die Verschiedenheit 
in der Lautung des Stammvokals angeht, so vermute ich, daß frz. 
arrimer, prov. arrima, span. cat. arrimar auf mittelengl. rime(nj 
zurückgehen, frz. arrumer, span. pg. arrumar aus mittelengl. rume(n), 
woneben an. ryma, mnd. rumen, ndl. ruimeu eingewirkt haben mögen, 
sich erklären. Mittelengl. rime(n) und ruine{n) sind neben kentisch 
reme{n) dialektische Differenzierungen auf der Grundlage von altengl. 
ryman in der Weise, daß rume(n) dem Südwesten des Sprachgebietes, 
rimefn) als die verbreitetste Form dem Norden, dem Mittellande und 
einem Teil des Südens angehört. Ein aus mittelengl. Texten eben- 
falls nachgewiesenes roume weist auf altengl. rumiaji zurück. Der 
Wechsel von tu mit n in den franz. Formen arruner neben arrumer, 
ariner neben arrimer dürfte auf Einwirkung des Substantivums 
ruu neben rum beruhen und hier jils romanische Lautgebung aufzu- 
fassen sein. Beachte auch mhd. run, das Kluge Ktyml. Wth. unter 
Raum notiert. 

Auf nd. ruitn beruht nfrz. reun, Tragfähigkeit, Lästigkeit eines 
Schiffes. 

boilgar begegnet nach G.-A. Mindcrs Glossaire de Bray et 
de Papignie (Extr. du Bulletin de la Societe licgeoise de Lilierature 
wallonne) p. 2 in Bray in adjektivischer Verwendung mit der Bedeutung 
„hermaphrodite". J. Haust bemerkt dazu a. a. 0. „Id. ä Carabron- 
St-V. — A. Flobecq, on dit janete; ä Iowumxx janot-janete. — D'apres 
Sigart, houga ou hougar =. animal fantastique. Cependant, ä Mons, 
d'apres M. Talaupe, hougar = hermaphrodite." Eine Bemerkung 
über Herkunft und Bildung des Wortes habe ich nirgends gefunden. 

10* 



148 D. Behrens. 

Ich sehe darin eine Umformung von *bougat(e), das durch Zusammen- 
setzung aus bouc + ff'^^iß (ndl. geit, hd. Geiss) analog westfranz, 
houhique (Dottin, Dagnet) gebildet wurde. Vgl. die gleichbedeutenden 
völlig durchsichtigen Verbindungen hoc-et-gate Grandgagnage Dic\. 
I, 59 und bique-et-houke ib. p. 54. Die Annahme, bouga(r) sei 
aus hoiigai{e) durch Umformung entstanden, setzt voraus, daß letzteres 
in seiner ursprünglichen Bildungsweise nicht mehr verstanden wurde, 
wie dies offenbar ebenso bei gatte-et-boc und heibike-et-bouk dortdev Fall 
war, wo sich dafür gatte-et-bot (A. Body Voc. des Poissards) und 
briquebouc (Remacle) finden.^) 

clieilique, Branntwein, sei hier trotz seiner im allgemeinen 
durchsichtigen etymologischen Beziehung kurz erörtert, schon weil 
man gelegentlich ganz falscher Auffassung von der Herkunft des 
Wortes begegnet. So setzt es L. Guillemaut T>ict. pat. de la Bresse 
Loiihannaise zu clienu in Beziehung, das in volkstümlicher Ausdrucks- 
weise die Bedeutung bon, excellent, fort annimmt und auf lat. camitus 
zurückgeht: Voilä du vin qui est chenu. Neben chenique erwähnt 
Guillemaut /. c. cheniqueur, buveur d'eau de vie. Auch Toubin 
bezeichnet Dictionnaire etymologique p. 202 chenique als Ableitung 
von chenu und führt es p. X zusammen mit prussien (derriere) und 
zahlreichen anderen "Wörtern auf das Sanscrit zurück! Sachs, der 
chenique und cheniqueur als der Volkssprache angehörig bezeichnet, 
bemerkt nichts über die Herkunft. Francisque Michel verzeichnet 
£!tudes de phil. comparh sur Vargot p, 107 nur cheniqueur und 
bemerkt dazu „Terme d'argot maritime, par lequel on designe un 
honime qui s'adonne ä la boisson des liqueurs fprts {Dictionnaire 
de 7?iarine ä voiles, p. 192)". Bei Hamdorf, Über die Bestand- 
teile des modernen Pariser Argots (Greifswalder Dissert. 1886) 
fehlt es. Einen Hinweis auf deutschen Ursprung hat u. a. A. Ledieu, 
Petit glossaire du patois de Demuin p. 43: „chenique ou chenape, 
s. m., eau-de-vie, le plus sonvent de qualite iuferieure; ces mots 
viennent des invasions de 1815 et 1870". Vgl. von Mundartwörter- 
büchern des Pikardischen und Wallonischen noch Recai t Bict.^ p. 109: 
chenique, ch'nique „Le meme que chenape," cheniquer „boire 

Andere gallo-romanische Bezeichnungen für „Zwitter" sind prov. 

(Mistral) gau-rjahn, gau-gaht, jau-jalin, Jau-geli^ vendom. (Martelliere) brumi'ile 
und wall. (Grandgagnage, Remacle) boc-et-henin, bohcin-Hemvi, bokeheleinn. Von 
diesen sind prov. gau-galin etc. leicht zu deuten. Vendom. brumäh ist in 
seinem zweiten Bestandteil male = masculum, während bru, das iu der 
Schriftsprache die Schwiegertochter, im Normannischen (s. Moisy, Robin) 
die Jungverheiratete Frau bedeutet, hier allgemein für weibliches Wesen zu 
stehen scheint. Sehr undurchsichtig sind die wallonischen Wörter, die trotz 
der verschiedenartigen Form ihres letzten Kompositionselementes wohl den 
gleichen Ursprung haben. S. den Versuch einer Erklärung bei Grand- 
gagnage Biet. I, 334 s. boc-et-henin. Mit dem von Grandgagnage hier an- 
gezogenen wall, heline (vache qui ne peut avoir de veau) vgl. Jouancoux Etüde II, 
54 halainiere, ib. p. 116 lanicre und dazu Festgabe für A. Mussaßa p. 83 f. 
pic. leuniere etc. 



Worf geschichtliches. 149 

beaucoup d'eau-de-vie de grain-, cheniquerie „distillerie de chenique", 
cheniqueux „buveur de chenique"; Vermesse Dict. du pat. de la 
Fiandre frang. p. 460: schlich „Genie vre. On dit aussi schnap" , 
schnikeu „ivrogne qui boit habituellement du schnick, schnicker 
„boire du schnick", schnikerie „fabrique ou debit de schuick"; Sigart 
Glossß p. 122: chnik „genievre", chnikeur chnikeu „s. et adj. buveur 
de chnik. Cheniqxier est coanu dans les ports de mer de France'-; 
Haignere Voc. du pat. hoidonnais p, 551: schnick „liqueur forte, en 
gener al. En verre de schnick. En Roncbi, le mot cKnique signifie : 
eau-de-vie de genievre". Schon die Verbreitung des Wortes weist 
auf Entlehnung aus dem Germanischen. Es gehört zum Verbum 
schnicken, das in Grimm's Wib. IX, 1327 mit der Bedeutung „eine 
schnelle Bewegung mit den Fingern, Beinen u. a. ausführen" aus 
hochdeutschen Mundarten nachgewiesen wird. Zu „schnickeyi"' ver- 
hält sich, was die Entwicklung der Bedeutung angeht, mdtl, frz. 
chenique, wie dtsch. „Schnapps'', mdtl frz. ch(e)nap, zu „schnappen". 
Auffällig ist, daß deutsche Wörterbücher neben „Schnapps" gleich- 
bedeutendes „Schnick" nur in geringer Verbreitung zu kennen scheinen. 
Ich finde Schnick, Schlickes, (schlechter) Branntwein, Fusel, aus- 
schließlich in elsässischen Mundarten (s. Martin und Lienhardt, Elsäss. 
Wtb. II, 499) und in der Luxemburger Umgangssprache (Gangler 
p. 405), wo Rückentlehnung des Wortes in der angegebenen Bedeutung 
aus dem Französischen nicht ausgeschlossen wäre. — Neben ch(e)nique 
und ch(e)nap begegnet in ostfranzösischen Mundarten chnip (Thiriat 
Vallee de Cleurie p. 420), das gleichbedeutendem deutschen Schnipps 
(s. Grimm Wtb. unter Schnipps und Schiajjps) entspricht, falls 
es nicht auf romanischem Boden unter Einfluß von entlehntem chnique 
aus chnap selbständig gebildet worden ist.^) 

COqueret bezeichnet eine Pflanze, nach dem Diciionnaire 
general: genre du solanee ä fruits rouges, dont Tespece la plus re- 
marquable est l'alkekenge. Zur Etymologie wird ebeuda in Überein- 
stimmung mit Littre bemerkt: „Derive de coq . . . par comparaison 
de l'alkekenge ä un coq, ä cause de ses fruits rouges (Cf. coqueUcot).'- 
Diese Erklärung befriedigt wenig. Da die rote Mohnblume an den 
Kamm des Hahns tatsächlich erinnert, so ist ohne weiteres verständlich, 



-) Kaum der Erwähnung bedarf es, dafs nicht in diesen Zusammen- 
hang gehören ostfrz. chenpquer fureter, etre importun und cheiieqtieur, qui 
cheneque, qui furete, fourre son nez partout (Beauquier p. 82. Vgl. auch 
Contejean Gloss. p. 287 chenique, chenequai), die nach Form und Bedeutung 
deutlich auf deutsch (s. Grimm U'ib.) schnökern, schneihm etc. weisen. — An- 
gemerkt sei auch chenucher, pleurer comme un enfant, im Patois von Tonne 
(Jossier Dict. p. 30), das dtsch. sclmuchen, sclinüclcen (Grimm Wtb. IX, 1381) zu 
entsprechen scheint, indem vielleicht das die letzte Silbe anlautende s dem 
Wortanlaut angeglichen wurde. Keine Elrklärung weifs ich für norm, chemichei-, 
plenrnicher, geiudre, das neben gleichbedeutendem micher vorkommt und von 
Delestang Vucab. de Mortagne (3. L. Duval Venquete j'hiloloijique Je läli) und 

Moisy Dict. (hier Hinweis auf Cotgrave) verzeichnet wird. 



150 D. Behrens. 

wie die französische Bezeichnung coquelicot entstehen konnte. Daß 
die roten Früchte der Judenkirsche (Physalis Alkekengi) eine ent- 
sprechende V'orstcllung auszulösen vermögen, ist Schwer zuzugeben. 
Beachtet man weiter, daß dieselbe Pflanze im Neuprovenzalischen 
nach Mistral esquiloun heißt, weil die Frucht derselben einer Schelle 
gleicht, und daß 'SQmmch Polyglotten' Lexicon der Naturgeschichte 
dafür die Bezeichnung herbes ä cloqnes kennt, so wird man nicht 
anstehen in coqueret nicht eine Ableitung von coq „Hahn", sondern 
von cloque^ das mundartlich „Glocke", in der Volkssprache nach 
Saclis auch „Blase" bedeutet, zu sehen, „Die Kelche blasen sich 
auf, wenn die Frucht reift, und bekommen eine schöne rote Farbe; 
daher führt die Pflanze den Namen Physalis, nach dem Griechischen 
phxjsa, i, e. vesica", bemerkt Neranicli l. c. Ob bei der Namen- 
gebung des Französischen mehr die Vorstellung der „Schelle" oder 
der „Blase" vorgeherrscht hat, bleibe dahingestellt. Bemerkt sei nur, 
daß das Holländische für die gleiche Pflanze die Bezeichnung Blaas- 
cruid, das Spanische vcjiga de jierro hat. — Was bie Form des 
französischen Wortes angeht, so denke ich sie mir aus le *cloque(et 
durch Differenzierung der drei Liquiden entstanden. Eine andere Bildung 
ist coquerelle, das Sachs außer in der Bedeutung „Judenkirsche" auch 
in derjenigen von „Küchen-, Kühe- schelle (Pulsatilla)" und (im 
Plural) „grüne Haselnüße, je drei an einem Stiel" verzeichnet. 

wall, jugelot (Papignies), chetron, layette, lieg, scrine (petit 
coffret ä couvercle, fixe ä l'interieur d'un coffre, dans le sens de la 
largeur). [A Tournai luzieau, qui sign, aussi qqf. cercueil]. Die 
vorstehende Bemerkung habe ich dem Glossaire de ßray et de Pa- 
pig7i{es (Hainaut) par G.-A. Minders [Extrait An Bidletin liegeoise 
de Litterature wallonne, t. XLIX] entnommen und hierher gesetzt, 
v.'eil es vielleicht nicht überflüßig ist, darauf hinzuweisen, ([üQ jugelot 
mit luzieau nicht nur in der Bedeutung zusammentrifft, sondern auch 
seiner Abstammung nach daßelbe Wort ist, d. h. wohl auf löcellus 
(vgl. Gröber Arch. f. l. Lexicogr. u. Grammatik. HI, 514) zurück- 
geht. Jugelot ist durch Angleichung des Wortanlautes an den Anlaut 
der zweiten Silbe aus higelot entstanden, lugelot aus lugel durch An- 
fügung des Suffixes -oi erweitert. Über die Entwicklung, die löcellus 
im nördlichsten Teil des Gebietes der langue d'oil erfahren hat, ver- 
gleiche man Blatt 214 des Atlas ling. (cercueil), wo für Godarville 
(Hainaut) luja^ für Templeuve-en-Pevele und Saint. Pol (beide im Dcp. 
du Nord) hige, für Linselies (Nord) lijoe angegeben ist. Nicht durch- 
gichtig ist die Entwicklung des Stammvokals in luzieau luge etc. 

poit. sigOllillae, sigouillai wird von Laianne Glossaire du 
patois q)oitevin p. 240 in den Bedeutungen „secouer" (Vend., Maillezais) 
und „tripoter, hacher" (Vend., Dcux-Sevres) verzeichnet. Als gascog- 
nische Entsprechung wird sargouilla angeführt. Vgl. damit Rousseau 
Glossaire poiteviu"^ p. 84 sagouiller, sigouiller (v. a. et n., patrouiller, 
agitcr l'eau de maniere ä la troubler) und L. Favre Gloss. du Poitou, 



Wortgeschichtliches. 151 

de la Sainionge et de l'Auni6 p. 318 sigouiller: ,,v. a, Coiiper un 
objet avec un mauvais couteau en faisant des dechirures comme avec 
une scie: I v'Ja coper in suhlet de fragne, o l'adounit qui n'avas 
qu"ine godelle, o me fallit sigouiller iue liure de toras" (C. P.). Zu 
den genannten Wörtern hat mau gelegentlich andere, die in der 
Bedeutung übereinstimmen, in der Form dagegen stark abweichen, 
in Beziehung gesetzt. So verzeichnet Chambure GIoss. du Morvaiul 
p. 795 unter sigölai (agiter par saccade, secouerj außer poit. sigouiller 
auch lyonn. sigroler, Forez segrolä, Dauphine segrola (secousse) 
und bemerkt dazu „IV parait etre organique et il Pest en effet si 
le mot represente croler avec le changement du c en g. Le bas 1. 
grollare est identique a l'ital. crollare, ebranler, secouer. Quant 
au prefixe se ou si il pourrait repondre au 1. suh, comme dans 
le fr. secouer qui est suhcutere (Voy. Crölery-, Ich lasse es dahin 
gestellt sein, ob es möglich sein wird, alle die hier genannten Wörter 
auf den gleichen Ursprung zurückzuführen. Auf keinen Fall scheint 
es mir richtig, sigouiller aus croler zu erklären. Ich sehe in sigouiller 
eine auf Angleichung an patrouiller, barbouiller u. a. beruhende 
Umbildung von mundartlich in Süd- und Nordfrankreich weit ver- 
breitetem, in der Bedeutung übereinstimmendem cigougner. Dieses 
ist eine etymologisch durchsichtige Bildung aus ciconia und als solche 
meist richtig aufgefaßt worden. Daß sagouiller mit sigouiller 
etymologisch identisch ist, halte ich schon deshalb für sehr wahr- 
scheinlich, weil auch neben cigougna südfranz. sagougna begegnet, 
wie auch das a der ersten Silbe sich erklären mag. Cigogner hat 
Umbildungen auch sonst in größerer Zahl erfahren. Ich erwähne aus 
MistraFs Tresor außer sagougna noch gigougna (Hm.), saganha, 
sangagna (rh.), jagigna, aus nordfranzösischen Mundarten: 

signoguer, rcmuer, agiter in Bresse Louhannaise, mitgeteilt 
von L, Guillemot Dictionnairc p. 289. Die Form ist in durch- 
sichtiger Weise mit reziproker Metathese aus cigogner, sigogner 
(tirailler, secouer une personne ou une chose en lui imprimant un 
mouvement de va et vieut), das daneben vorkommt, entstanden. 
Vgl. auch Bresse Louh. zigougner (gigotter, remuer vivement ses 
gigues, ses jambes), das Guillemaut 1. c. p. .333 ungerechtfertigter 
Weise von sigogner etymologisch trennt und mit gigoner zu 
giguer, gigues (jambes) stellt. 

gigougner, das Mistral als limousiuisch anführt, begegnet 
neben gleichbedeutendem zigougner (secouer, remuer par secousses, 
avec un mouvement de scie) nach L.-E. Meyer Glossaire p. 63 
auch im Patois von Aunis. Vgl. damit gigogner in Bresse 
Louhannaise (Guillemaut l. c. p. 150), gigoigner (executer un 
travail avec maladresse, se livrer ä des occupatious pcu utiles) 
neben gigouner (gigotter, remuer les jambes avec vivacite) in 
Morvand (Chambure p. 406 f.). In wieweit diese Wörter, die 
deutlich auf cigoigner zurückweisen, in Form und Bedeutung durch 



152 D. Behrens. 

gigue, giguer beeinflußt worden' sind, bleibe dahingestellt. Sicher 
auf falscher Fährte befindet sich A. Baudouin, wenn er Gloss. du 
pat. de la ForH de Clairvaux p, 152 fragt, ob engigoinner, en- 
gigoingner (enmeler, entortiller, mettre äl'envers; arranger, disposer, 
agencer maladroitement) mit engin (Ingenium) etymologisch zu- 
sammenhängen. Auch halte ich es nicht für angängig gigogne 
mit Sainean Zs, für rom. Phil. XXX, 562 aus einer pikardischen 
Form chigogne zu erklären. 

pic. gogner, das Jouancoux und Devauchelle Etudes p. 
serv. ä un gloss. etym, du pat. pic. II, 28 nachweisen, weicht 
in der Bedeutung ,,loucher, bigler" von den vorhin genannten 
Wörtern stark ab, da aber daneben in gleicher Bedeutung gigogner 
(jeter des regards furtifs, indiscrets, regarder de tres pres) vor- 
kommt, scheint mir etymologische Zugehörigkeit zum mindesten 
wahrscheinlich zu sein. 

Über den Bedeutungswandel von ciconia zu cigogner sind ver- 
schiedene Auffassungen geäußert worden. So meint Guillemaut l. c. 
p. 71 s, cigogner „l'origine du nom est dans le cou de la cigogne''. 
Chambure l. c. p. 406 s. gigoigner knüpft an die Bedeutung von 
span. cigonal, Brunuenschwengel, altfrz. soignole (vgl, A. Thomas 
Essais p. 265 f.) an und fragt: „L'usage d'aller ä tout moment et 
ä tout propos manceuvrer ce bruyant appareil nous aurait-il donne 
le verbe „gigogner'"? Nicht zweifelhaft scheint es mir, daß es solcher 
Vermittelung nicht bedarf, die Bedeutung von cigogner vielmehr 
direkt an diejenige von cigogne (ciconia) anknüpft, sei es daß charak- 
teristische Bewegungen, die der Vogel mit dem Halse ausführt oder 
solche, die in seiner Gangart liegen, das tertium comparationis ab- 
gegeben haben. Am durchsichtigsten wohl ist die Entstehung der 
Bedeutung von pic. gigogner : jeter des regards furtifs etc. Aus 
deutschen Mundarten erwähne ich von Schmeller Bayer. Wörterh. II, 
Sp. 781 und 782 verzeichnete auf anderer Auffassung beruhende 
storchein stürcheln straucheln, sto'*'gen im Lande herumfahren, storkeln 
störheln mit langen Beinen einherschreiten, storgg'hi, stolpern: „Der 
truncken starhelt auf den Füßen, ebrius titubat podibus." 

bourb. Simon bedeutet nach P. Duchon Grammaire et dic- 
tionnaire du patois hourhonnais (Canton de Varennes) p, 105 
„mannequin, epouvantail". Über die Herkunft bemerkt derselbe nichts 
und führt keine Parallelformen aus anderen Mundarten au. Man 
wird, auch ohne einen solchen Bedeutungswandel erklären zu können, 
zunächst geneigt sein, in dem Wort den Eigennamen Simon zu sehen 
und wird eine Stütze für die Richtigkeit dieser Auffassung in einer 
Angabe des Wörterbuchs der elsässischen Mundarten II, 358 finden, 
wonach in Straßburg der Eigenname Simon die Bedeutung „dummer 
Mensch" angenommen hat. Unentschieden würde bleiben, ob die 
verwandten Bedeutungsübergänge in der Elsässer Mundart und im 
Patois bourbounais sich unabhängig von einander vollzogen oder ob 



Wortgeschichtliches. 153 

gegenseitige Beeinflussung in der einen oder anderen Richtung statt- 
gefunden hat. Meinerseits bin ich zweifelhaft geworden, ob es sich 
von Haus aus um den Eigennamen überhaupt handelt und möchte 
auf folgendes hinweisen. In Grimms Wörterb. X, Sp. 958 ff. wird 
eine Bezeichnung siernann, d. i. „Sie-3Iann^', behandelt. Das Wort 
bedeutet vom Mann gesagt, einen „weibischen mann, besonders einen 
unter dem pantoffel stehenden ehemann : uxorius . . .", dann auch 
„hermaphroditus, semivir, halbmann" und ist in bayerisch-österreichischen 
Mundarten noch heute lebendig. Nach Schnieller (in Grimms Wörterb. 
l. c. zitiert) begegnet simd im Fränkischen auch in der abgeblaßten 
Bedeutung „ein tölpischer, beschränkter Mensch". Weiter ergibt sich 
aus den Darlegungen in Grimms Wtb., daß eine Vermengung des 
Wortes mit dem Eigennamen Simon unzweifelhaft stattgefunden hat: 
,^Simon . . .ist der große patron der simannlbrüderschafi, der 
ehemänner nämlich, welche unter dem regiment ihrer wciber stehen" 
(Leoprechting) usw. Um den Nachweis zu erbringen, daß ostfrz. 
Simon in der von Duchon angegebenen Bedeutung, ebenso wie Straßb. 
simon „dummer Mensch" mit den genannten Ausdrücken etymologisch 
in Zusammenbang stehen, bedarf es weiterer Untersuchung an der 
Hand eines ausgiebigeren Materials als es mir zur Verfügung steht. 
Die Möglichkeit eines solchen Zusammenhangs wird man auch auf 
Grund vorstehender Konstatierungen nicht von der Hand weisen wollen. 

D. Behrens. 

frz. betterave. Von den mannigfachen Schwierigkeiten, die 
sich an dieses Wort knüpfen, [dem leider bei Gillicron kein Blatt 
gewidmet ist und das auch in den Dialektwörterbüchern vielfach 
vergessen wird], ist eine bereits gelöst. Im ganzen Süden von Frankreich 
(nprov. bleto, bhdo, bleo) wird ein l eingeschoben, welches von Ascoli 
zögernd (Arch. Glott. I 515), dann von Meyer-Lübke {Z. f. öst. 
Gymn. 1891) aus der Einwirkung des griechischen Lehnwortes blitum 
(auch oXibletum belegt) gedeutet wurde^). Soweit XaX.beta im romanischen 
Süden verbreitet ist, sind diese beiden Formen zusammengeworfen 
worden. Nur beda in Parma könnte ein direkter Abkömmling von beta 
sein, — vorausgesetzt, daß mall, erbett^ auf das ich noch zu sprechen 
komme, wirklich von herba beta"^) und nicht einfach von herbittae ab- 
zuleiten wäre. Andrerseits wird das zentral-emilianische beda im Osten 
und Westen von der Form Stcfa (Bologna, Piacenza) eingekreist, die sicher 
auf *bleda — *bleida *bjeida zurückgeht, so daß vielleicht auch beda auf 
diesem oder jenem Wege von der kontaminierten und nicht von der reinen 
Grundform aus gebildet wurde. Gegen alle diese Formen (von erbett 
abgesehen) bildet nun nordfranzösisch bette (s. bei Dottin und ander- 

1) Eben stellt Salvioni p/e/n. d. ist. Comb. XXI p. 278 u. 3) *betla als 
mögliche Grundform auf, worin ich ihm nicht folgen kann. 

-j Also parallel zu tosk. larba hietola, dessen erster Teil ebenfalls aus 
herba entstellt ist. 



154 K. Ettmayer. 

wärts) einen merkwürdigen Gegensatz. Bevor ich aber auf diese Form 
mit der seltsamen Tenuis eingehe, möchte ich noch liurz das Wie -so 
der erwähnten Wortmengung besprechen. Zunächst scheinen ja »Runkel- 
rübe" und „Melde," dieses Salat und Suppenkraut, das kulinarisch 
als der direkte Vorläufer des erst im Mittelalter verbreiteten Spinates 
gilt, wenig gemeinsam zu haben. Daß die beta^ also doch wohl die 
Runkelrübe, als Rübe im Altertum genossen wurde, und dies nicht 
bloß bei den Barbaren, sondern auch bei den feinschmeckerischen Griechen, 
scheint aus einem bei Plinius überlieferten Orakelspruch aus Delphos 
hervorzugehen, in welchem der Rettich mit Gold, unsere heta mit 
Silber, die eigentliche Rübe aber mit Blei verglichen wird. Daß 
andrerseits in Italien die Runkelrübe im Altertum nicht so allgemein 
geschätzt wurde, deutet Cicero an. Ein anderer Ausspruch, diesmal 
des Hieronymus3), deutet auf eine Zubereitungsweise hin, welche 
offenbar den Blättern und nicht der Wurzelrübe galt, da ich die 
Bezeichnung: genus holeris est vilissimmn et fragilissimum{^^ nicht 
anders deuten kann. Auf diesen Genuß der Blätter deutet auch 
süddeutsch Biesskolil. In wie weit die beiden Hauptvarietäten der 
heta vulgaris^ welche auf die Rübenveredluug (Runkelrübe, Zucker- 
rübe, rote Rübe) und auf die Blätterverwertung (Futterrübe, Beete, 
Mangold) abzielen, in der Gartenkunst des Altertums ausgebildet 
waren, wüßte ich nicht zu sagen. Jedenfalls ist heute der Gegen- 
satz der Beiworte in frz. bette-rave und ital. ^ar6a-6iVto/a ein wohl- 
begründet sachlicher und daß gelegentlich beide vereint erscheinen 
ändert an der Sache nichts. Er erklärt aber auch gleichzeitig sehr 
schön die Wortmengung mit blUum im zweiten Falle, zumal die Melde 
nicht bloß in der Küche dieselbe Verwendung findet, sondern auch 
ihre Blätter, wie Kollege Ursprung die Freundlichkeit hatte mir dar- 
zutun, mit denen der Beete eine entfernte Ähnlichkeit besitzen. 

Und nun zu bette. Wie bereits angedeutet, kommt hier noch 
außer Nordfrankreich auch Oberitalien in Betracht. Besonders schön 
ist neben mail. erbett das venez. erbeite-rave, das formell unmittel- 
bar zur nfrz. Form überleitet. Die hier scheinbar anzusetzende 
Grundform .j^betta wurde weiterhin mit ^^bleta kontaminiert, so 
besonders im Frankoprovenzalischen (lyon, bieta sav. bletc)^ aber auch 
in Oberitalien {bieta im lomb. Teil Südtirols), Die Erklärung dieses 
tt ergibt sich nun scheinbar wie von selbst aus dem Romanischen, 
Ich kann augenblicklich nicht feststellen, ob sie schon irgendwo aus- 
gesprochen wurde, — jedenfalls ist es nicht meine Absicht, einen 
Namen zu verschweigen. Die Blätter der beta werden nur ganz jung 
und zart als Salat genossen. Später bereitet man nur mehr die 
Blattrippen (in Mailand cost) als Gemüse zu. Gesetzt nun man habe 
in Oberitalien die beta als Salatpflanze kurzweg herba (semasiologisch 
wie dtsch. „hraut'^) genannt, so lag auch das Diminutiv *herhitta 



3) Dieses und die andern Zitate aus dem Thesaurus 



Wortgeschiclitliches. 155 

(wie ita]. fioretto. frz. violette) saclilich nahe. Der Abfall des er- 
im Nordfrz. ließe sich aus der Satzphonetik {veyidr[e]-erhettes mit 
r — r Dissimilation) unschwer deuten. Nun kommen aber die Be- 
denken. Gerade in Mailand, auf das ich mich doch besonders 
stützen müßte, heißen just die jungen Keimlinge, resp. noch genieß- 
baren Blätter nicht erbett, sondern sie führen den uns bereits Avohl- 
bekannten Namen bied = blitum und zwar mit Recht, denn nur in 
diesem Stadium kann beta und blitum sachlich zusammen geworfen 
werden. Nicht der Keimling sondern die ganze Pflanze mit samt 
der Rübe heißt erbett, und diese ist nichts weniger als klein. Wenn 
man auf Künsteleien verzichtet, muß man *herbUta fallen lassen und 
herba-beta als Grundform aufstellen. Damit fällt aber auch die 
Erklärung des Doppel-i's aus dem Romanischen. Eher könnte man 
nun an einen gelehrten Latinismus im Nordfrz. denken. Doch auch 
diese Deutung wird man nicht aufrecht halten können. 

Im Altertum führt Cicero die beta als eine typische Vertreterin 
derber, bäuerlicher Kost an, und auch der Ausdruck ist wohl vom 
Anbeginn bäuerhch. Nun haben wir zwar Fälle, in denen Ausdrücke 
der Bauernsprache seltsamerweise das Gewand gelehrter Bildung nicht 
verleugnen. Ich erinnere nur an prov. ordi für hordeum. Gerade 
dieser Fall ist aber ziemlich klar. Wie heutige Mundarten der 
Auvergne und anderwärts zeigen, waren in Südfrankreich für „Gerste" 
ursprünglich wohl Ausdrücke verbreitet, die zum Erbworte brasser 
zustellen sind, also indirekt auf das Keltische zurückgehen. Erst 
spät, nachdem hordeum in Nordfrankreich und Italien längst zu 
orge resp. orzo geworden waren, fand der eigentliche lateinische 
Ausdruck durch Schulen oder Kaufleute in der Provence Eingang, 
und nun natürlich in latinisierender Form. Diese Deutung, 
welche mir für prov. ordi die wahrscheinlichste scheint, läßt 
für bette auch nicht den geringsten Anhaltspunkt entdecken. Eine 
vorlateinische oder provinziell ältere Bezeichnung für diese Pflanze als 
beta ließe sich höchstens für Sicilien erschließen. Der Mangel eines l 
Einschubes (vereinzelt ist biete, später blette, übrigens auch im 
Nfrz. nachweisbar) könnte zwar zunächst für die Geltendmachung 
einer Buchform einnehmen. Doch steht dem entgegen, daß das Wort 
beta — ohne U — schon vor dem VIII. Jahrb. nach Süddeutschland 
verpflanzt wurde.-^) Auch der Umstand spricht dagegen, daß die 
mittelalterlichen Botaniker früherer und späterer Zeit (wenigstens 
jene, in welche ich Einsicht nehmen konnte: Walahfridus Strabo, 
S. Hildegaris, Albertus Magnus 5) die Beete mit Schweigen über- 
gehen, da diese, so viel ich glaube, im Gegensatz zum Retticli keine 
medizinische oder magische Verwendung fand. Wohl aber ist die 



*) Kluge Etym. Wth.''' unter Beete. 

^J Isidor V. S. und spätere Encyklopädisten sind mir leider augen- 
blicklich nicht zugänglidi. 



156 K. Eümayer. 

beta auch nach dem VIII. Jahrb. gerade in Nordfrankreich ein wohl- 
bekanntes Küchengewächs gewesen, da Karl der Große im cap. 70 
seines für das karolingische Latein wie für die karolingische Kultur 
so überaus wichtigen Capitulare de villis,^-') unsere beta (vom 
blitum sorgsam unterschieden!) anführt, mit dem Auftrage: Volumus 
quod in horto omnes herbas habeant: (d. i. auf den königlichen 
Domänen). Aus denselben sachlichen Gründen ist mit einer Latinismus- 
hypothese auch eine Entlehnung aus tosk. bieta abzulehnen. 

Woher stammt aber nun die Tenuis? Sehen wir uns doch das 
lateinische "Wort näher an. Es steht im lateinischen Wortschatz 
vereinzelt, man kann es weder mit lat. Wortsippen, noch mit ent- 
sprechenden Formen der italischen oder indogermanischen Verwandt- 
schaft mit einiger Sicherheit verbinden. 7) In solchen Fällen hat 
immer die Vermutung, daß ein lateinisches Fremdwort vorliegt, einen 
gewissen Spielraum. Der Umstand, daß beta schon bei Plautus 
belegt ist, ändert wenig an der Sache, denn die Entlehnung kann 
eben alt sein. Nun wird im ps. Apul. eine Pflanze als „britannisch" 
bezeichnet, welche außerdem bibo und beta plantaginis genannt 
wird. Das nur an dieser Stelle belegte bibo ist dunkel, zu beta 
plantaginis ist aber zu vermerken, daß die Pflanze jjlantago^ der 
„Wegerich," der in der Küche wieder dieselbe Verwendung wie beta 
und blitum findet, obwohl er beiden garnicht ähnlich ist, heute in 
Piemont bii genannt wird. Dieser Passus würde also beta ziemlich 
deutlich ins Keltenland verweisen. Die weitere Lösung der Frage 
muß nun der Romanist dem Indogermanisten überlassen, nur andeuten 
möchte ich, wie bestechend sich eine solche Hypothese darstellen 
kann. Die Runkelrübe wäre nach einer solchen Annahme eine 
spezifisch keltische Kulturpflanze, die frühzeitig (ähnlich wie cattus unter 
den Tieren den benachbarten Germanen und Italikern übermittelt wurde. 
Aus nfz. bette wäre vielleicht am ehesten (auch wegen kelt. betidla^) eine 
Grundform *betua anzusetzen, welche (wegen beta plantaginis) vielleicht 
ursprünglich gar nicht die Runkel „rübe", sondern deren kulinarisch 
verwertete Blätter bedeutete. Daß der Weg von einem solchen gall. 
betxia zu lat. beta seine Bedenken hat, weiß ich wohl. Aber wie 
dem auch sei, ich hatte die Geschichte von beiterave als Romanist 
aufzuhellen, — mögen andere mich weiter führen. 

K. Ettmayer. 



^) Karl Gareis. Die Landgüterordnung Kaiser Karls des Grofsen. 1895. 

Cap. 70 No. 48. 

') Vgl. Thurneysen im Thesaurus oder Walde Etym. Wtb. der lateinischen 
Sprache. 

8) Zu betuUa resp. der Orthographie baetuUa führt vielleicht auch der 
Umstand, dafs das e in bette möglicherweise als f anzusetzen ist. Diese 
Frage würde mich auf Gebiete führen, über die ich mir jetzt kein Urteil 
anmafse. Belege für afrz. biete bei Godefroy Comp!. 



Die Gedichte Jeliaii's de Reiiti und 
Oede's de la Coiiroierie. 

Die vorliegende Ausgabe vereinigt zwei altfranzösische poetae 
minores des ausgehenden 13. Jahrhunderts, deren Lieder zum größten 
Teil noch der Veröffentlichung harrten. Beide sind zu dem damals als 
wirtschaftliches und poetisches Zentrum bedeutsamen Arras in 
Beziehung zu 'bringen. Der eine, Jehan de Renti, hat dort wahr- 
scheinlicli gewohnt, siclier aber Beziehungen zu dem berühmten Puy 
und dessen „König" Jehan Bretel gehabt. Der andere, Oede de la 
Couroierie. hat sich nachweislich als tüchtiger Diplomat und Ver- 
waltungsbeamter in den Diensten des Grafen von Artois befunden 
und in Arras aufgehalten. 

Die Handschriften hatte ich während meines Aufenthaltes in 
Paris selbst Gelegcnbeit zu kopieren. — Besonderen Dank schulde 
ich Herrn Prof. Guesnon, der sich für meine Arbeit lebhaft interessierte 
und sie durch verschiedene Mitteilungen bereitwillig förderte. Auch 
allen übrigen, die sie in irgend einer Weise unterstützten, besonders 
meinem hochverehrten Lehrer, Herrn Prof. Gröber, der mir stets aufs 
freundlichste seinen wertvollen Rat zur Verfügung stellte, spreche ich 
auch an dieser Stelle meinen wärmsten Dank aus. 

I. Biographisches. 

L Jehan de Renti. 

Über das Leben des Jehan de Renti besitzen wir, wie bei 
den meisten afz. Lyrikern, recht wenige Nachrichten. In der Literatur 
seiner Zeit und den bis jetzt veröffentlichten artesischen Urkunden 
findet er keine Erwähnung. Wir sind daher für seine Biographie 
lediglich auf die Aufschlüsse angewiesen, die uns seine Lieder bieten. 

Vielleicht ist aus seinem uns in der Handschrift, in der seine 
Lieder stehen, überlieferten Namen zu schließen, daß er aus dem 
Dorfe Renti (Dep. Pas-dc-Calais, arr. St.-Omer, ungefähr 60 km 
westnordwestlich von Arras) stammt. Mit Sicherheit diesen Schluß 
zu ziehen, verwehrt die Tatsache, daß ähnliche Ortsnamen oft bei 
den Nachkommen ihres ersten Trägers zu Familiennamen wurden. i). 

') S. Guesnon in />//!/. Ilist. et pkUol. du Comüc des Trov. hif!t. et scletil. 
1894. S. 422. 

Zlec)ir. f. frz. Spr. u. Litt. XXXII'. 10a 



158 Johannes Spanke. 

Der einst stark befestigte Ort Kenti besaß ein Rittergesclilccht gleichen 
Namens, das auch den Arraser Dichterkreisen bekannt gewesen zu 
sein scheint. Ein Ritter Ernoui de Renti wird erwähnt in der 
sicher in Arras entstandenen Sammlung satirischer Gedichte, die in 
derselben Hs. wie die Lieder Jehans auf uns gekommen sind. 2) 

Es heißt dort von ihm: 

Me sire Engherans de IJestt'us 
Cil a le vent tout arenti. 
Et me sire Ernous de Renti, 
Et me sire de Le Houssoie, 
Je di pour voir, u que je voie, 
Ke entr'aus trois ne poisent mie 
Mien ensiant iine vessie. 

Mit einem anderen Ritter von Renti, Andrieu, war unser 
Dichter anscheinend persönlich bekannt. Er widmet ihm ein Lied 
in folgendem Envoi (IX. Vers 46 ff.): 

Canclion a Renti te present 

A Ändrin clievalier vaillant, 

Di lui k'il ait euer desirant 

D^amours servir et inain et soir; 

Sans li ne puet ntis hons paroir. 

Über Andrieu von Renti sind wir näher unterrichtet.-^) Er wurde 
im Jahre 1267 durch einen gerichtlichen Erlaß Ludwigs IX. dazu 
verurteilt, fünf Jahre im hl. Laude zuzubringen, weil er in einer Fehde 
mit dem Ritter „Alenardus de Selingaham'- dessen Sohn Wilhelm 
getötet hatte. Die erwähnte Urkunde berichtet : ..... dictus Andreas 
prefatum Guillelmum percusserat cum quadam lancea et ad terram 
proiecerat, et post multa convicia ipsi Guillelmo dicta. ipsuni vocando 
pravum bastardum, postquam eciam se voluerat dictus Guillelmus 
ei reddere cum ense suo, quidam miles, qui erat cum ipso Andrea, 
prefatum Guillelmum percussit." Falls nun Andrieu seine Strafe 
wirklich abgebüßt hat, woran zu zweifeln kein Grund vorliegt, fällt 
die Abfassung des erwähnten Liedes vor 1267 oder nach 1272. 

Eine fernere Zeitbestimmung liefert uns das Lied No. X.. dessen 
Envoi lautet: 

Chancons. saus deniours 
Va fen, garde plus n'atarge, 
Droit a Avions te nage, 
A hon Jelian di: 
,^Nus na joie, s'il n^a euer joli.'' 



-) Chans, ei Dits ariis, du XUl* s.: p. p. A. Jeanroy et H. Guy. Byrdeau.K 
1898. No. XVI, Vers 144 ff. 

3) Recueil des ..Olim'-, p. p. le comte Beugnot, Paris 1839—42; I. S. TIK 



Die Gedichte Jehans de Renti und Oede's de (a (ouroierie. 159 

Wie Guesnon, der ausgezeichnete Kenner der artesischen Archive, 
gelegentlich bemerkt,^) schloß Jehan von Avions im Jahre 1250 
einen Vertrag mit der Abtei Anchin ab, der sich auf Ländereien 
zwischen Salau, Avion und Mericourt bezog. 5) 

Im Einklang hiermit steht eine weitere Zeitangabe, die wir der 
Ch. VIII, einem jeu-parti, entnehmen können. Der Partner Jehans 
ist der bekannte reiche Bürger und Dichter Jehan Bretel aus Arras, 
der in Urkunden seit 1256 auftritt und dessen Tod durch das „Registre 
des Jongleurs'* mit Sicherheit auf das Jahr 1272 festgelegt wird. 6) 

Das Entstehen der drei besprochenen Lieder würde also vielleicht 
in die fünfziger und sechziger Jahre des 13. Jahrhunderts, kaum höher 
hinauf, zu verlegen sein. Diesem Resultate wiederspricht auf den ersten 
Blick ein anderer Envoi, der des Liedes I: 

Chancon, va t'ent ei si fai mon message 
Au chastelain ki ßiaumes doit tenir etc. 

Wie ich aus einer freundlichen Mitteilung des Herrn Professors Guesnon 
ersehe, gehörten die Herren von ßiaumes (= Beaumetz-lez-Cambrai. 
Dep. Pas -de -Calais, arr. Arras) dem höchsten Adel von Artois an. 
Ein Ritter Guillaume de Biaumes (Bielmes), in dessen Gefolge sich 
Ritter befanden, machte nach Henri von Valenciennes 7) den 4. Kreuz- 
zug mit. Xun findet ein Chastelain de Biaumes Erwähnung in 
dem Gonge Jehan Bodels,^) der, wie Guesnon bewiesen, 9) im Laufe 
des Jahres 1200, oder wahrscheinlich früher gedichtet ist. Es fragt 
sich nun, wie die beiden angeführten Daten zu vereinigen sind. Wenn 
wir, w-as das Nächstliegende ist, annehmen, daß es sich um eine und 
dieselbe Persönlichkeit handelt, so sind w'ir zu der Annahme genötigt, 
daß der betreft'ende Chastelain de Biaumes zur Zeit der Abfassung 
von Bodel's Cong«' noch in recht jugendlichem Alter stand. Das Gedicht 
Jehans de Renti ist nach dem Bisherigen kaum vor die vierziger Jahre 
des 13. Jahrhunderts zu verlegen, eine Zeit, in der also sein Adressat 
mindestens 60 — 70 Jahre hätte zählen müssen. Nehmen wir, wie die 
übrigen angeführten Daten über das Leben Jehans nahe legen, eine 
spätere Abfassungszeit des Gedichtes an, so müssen wir das damalige 
Alter des Chastelains natürlich entsprechend weiter erhöhen ^O). Die 

*) Nouv. recherchts hioyr. siir les Irouvires arle.üens. Paris 190^. S. 13. 

'") Demay, Scemix de Flandres. Paris 1873. No. 475. 

^) Guesnon /. c S. 32 ff. 

') Villehardouin und Henri de Val., p. p. Natalis de Waillv, Paris 
1882. S. 396. 

*) s. itomanla IX S. 236. Vers 121; mehrfach handschriftl. bezeugt ist 
Biauves statt Biaumes, aber Raynaud hat sich mit Recht für letzteres ent- 
schieden, da kein Ort des Namens Biauves in Betracht kommen kann. 

">) l. c. S. 3. 

"0 Innere Merkmale, die dem Gedicht im Verhältnis zu den übrigen 
Liedern Jehans eine frühe Abfassungszeit zuzuschreiben berechtigen, enthalt 
dasselbe nicht. 

10 a* 



] HO Johannes Spanke. 

sicli so ergebende Schwierigkeit fülirt zu der Wahrscheinlichkeit, daß 
es sich um zwei verschiedene Chastelains de Biaumes handelt, von denen 
der erste der Vater oder Großvater des zweiten war. Bestätigt wird 
diese Vermutung durcli ein Gedicht des berühmten artesischen Dichters 
Gillebcrt de Bernevilleii), in dessen Geleit es heißt: 
Chastelains^ venes moi aidier, 
De Biaume, tost /eres paroir 
Lou droit et le tort enchvoir. 
Die beiden nahe verwandten Hss., die das Gedicht überliefern, bieten 
die Lesart Biaurae; da aber unter den Orten, die diesen Namen 
tragen, keiner ist, der den Anforderungen der Stelle genügt, ist eine 
Verschreibung für Biaumes anzunehmen (was auch Guesnon, 1. c. 
S. 17, stillschweigend zu tun scheint). Die dichterische Tätigkeit 
Gillebert's von Berneville fällt nun in die Jahre 1255 — 80 1-); sein 
Adressat ist also sicher derselbe wie der Jehan's de Renti. 

Wie die angeführten Tatsachen übereinstimmend ergeben, lebte 
und dichtete .Tehan de Eenti im dritten Viertel des dreizehnten Jahr- 
liundcrts, der Blütezeit des Arraser Meistergesanges.. Was seinen 
Wohnort betrifft, so deuten das mit Jehan Bretel gedichtete jeu-parti 
sowie die Wohnorte seiner beiden Gönner, Avions und Beaumetz (beide 
im Arrondissement Arras) auf Arras selbst hin; Renti kommt 
wegen seiner verhältnismäßig weiten Entfernung von der literarischen 
Centrale und seiner geringen IJedeutung weniger in Betracht. Daher 
ist auch der im Lied Nr, 5 erwähnte Puy zweifellos der berühmte 
Puy von Arras. Die betreffende Stelle lautet. 

Se che nestoit pour ma danie honerer 

Jamais au pui ne diroie chancon, 

Car fen voi ciaus sovent Vo^ieur porter 

Ki de chanter ne sevent un hoton; 

IjI jnge fönt leur grant hontage 

Ki pour parens ne pour graiit signorage 

Donent a ciaus le courone et Vononr 

Ki ne sevent trover ne ke pastour. 
Ob Jehan Mitglied des Puy war, geht aus diesen Zeilen nicht mit 
Sicherheit hervor, da wir die Verfassung der Puys nicht kennen. Jeden- 
falls hat er aber zum Puy in Beziehung gestanden und öfter in seinen 
Zusammenkünften Lieder vorgetragen. Wie schon bemerkt wurde, hatte 
er sogar die Ehre, mit dem gefeierten prince del pui, Jehan Bretel, ein 
jeu-parti zu dichten. Der Erfolg, den ihm seine Vorträge einbrachten, 
scheint nach der zitierten Strophe recht gering gewesen zu sein. Wir 
sind jedoch nicht berechtigt, den Grund hiervon in einer, wie P. Paris '3) 



11) Ausg. von Waitz in den Beiträgen für G. Gröber, Halle iSOü. S. 94. 

12) Gröbers GrundnfsU. 1. S. 950. 

13) Hist, litt. XXIII. S. 04."). 



Die Gedichte Jelians de Renti und Oede's de la Couroierie . 1 6 1 

meint, gerechtfertigten geringen Einschätzung des literarischen Wertes 
seiner Poesien zu suchen, da diese, wie wir unten noch genauer sehen 
werden, nach Inhalt und Behandlung durchaus nicht unter dem Niveau 
der damaligen poetischen Kultur liegen. Es liegt kein Grund vor, die 
von Jehan selbst angedeutete Ursache seiner Zurücksetzung für fingiert 
zu halten. Spielte doch zweifellos bei den Preisverteilungen im Puy 
Herkunft und Vermögen der Bewerber eine Rolle. ^4) Jedenfalls geht 
aus der Stelle hervor, daß Jehan weder selbst einen höheren Rang 
noch einflußreiche Verwandte besaß. Daß er also ein Ritter von Renti 
gewesen sei, ist durchaus unwahrscheinlich. Audi darauf, daß er, 
wie so viele der zeitgenössischen Poeten, clerc gewesen sei, deutet 
weder eine Stelle in seinen Gedichten noch die Bezeichnung seines 
Namens in der Hs. hin; letztere lautet einfach Jehan de Renti 
ohne vorgesetztes Maistre, das sich öfters in den Hss. vor den 
Namen der Clercs findet. Auf die bescheidene Vermögenslage unseres 
Dichters scheint sich die zweite Strophe derselben Chanson V 
zu beziehen, in der er an die Reichen die Mahnung richtet, bei der Ver- 
teilung ihrer Geschenke nur Würdige zu bedenken: 

S'uns riches hom d aickes a doner, 
Avoir, denier u autre pension, 
11 doit tres bien tont partout remirer 
U il le puist eniploier par raison etc. 

Wir haben also vielleicht anzunehmen, daß der Lebensunterhalt Jehan's 
in den Geschenken bestand, die ihm seine Muse bei freigebigen Rittern 
(vgl. die Envoii^) oder den reichen Arraser Bürgern einbrachte, die 
es in dieser Zeit bekanntlich den Rittern wie auf andern Gebieten 
so auch auf dem der largesce gleich zu tun suchten, i^) 

Das ist alles, was sich aus den Gedichten Jehans in Bezug auf 
seine Lebensverhältnisse ergibt. Aus dem melancholischen Zuge, den 
die meisten seiner Chansons tragen, auf einen dementsprechenden 
Zug in seinem Charakter schließen zu wollen (was Herausgeber 
anderer afrz. Lyriker getan haben), wäre ebenso unberechtigt als 
wenn man die Pastorelle als Ausfluß einer derb sinnlichen Gemüts- 
veranlagung betrachten wollte. El)enso ist es gut möglich, daß die 
dame de grande valour, die er besingt, nur in seiner Phantasie 
bestanden hat. 

Zum Schluß sei noch bemerkt, daß über das Leben unseres 
Dichters die reichste und wichtigste Quelle über die Biographie der 
artesischen Dichter, die wir besitzen, leider versagt. Wie mir Herr 
Prof. Guesnon gütigst mitteilte, findet sich im Registre des 
Jongleurs (Bibl. nat. fr. 8541) keine Erwähnung Jehans von Renti; 
daß jedoch eine Familie (vielleicht de) Renti zu Arras existierte, 

^*) Vgl. Guy. Essai sur Adam de la Bale^ pg. L. 
1') Vgl. Guy l. c. S. XX tf. 

Ztschr. f. frz. Spr. u. LUt. XXXII ». 11 



1 ()2 JoJumnes Spanke. 

beweist die im Jahre 1243 erfolgte Aufzeichnung einer Juliane Renti 

im genannten Register. 

Inbeziig auf Inhalt und Form weichen die Dichtungen Jehans 

von Renti im allgemeinen nicht von den Erzeugnissen der andern 

damaligen Arraser Liederdichter ab. In den meisten Liebesliedern 

überwiegt die Reflexion. In fast allen ist der Ton melancholisch 

und entsagend: Der Dichter fühlt sich glücklich, wenn er nur den 

Anblick seiner Dame genießen kann; mehr begehrt er nicht. Seine 

Auffassung von der Liebe, die den wahr und verständig Liebenden 

beseligt und bessert, den Falschen und Unverschämten aber ins 

Verderben stürzt, ist durchaus konventionell. Recht pessimistisch 

gehalten ist die Cli. II, die der Ausführung und Begründung des 

Refrains dient: r^.., 

Kit est ensi 

Ke ja ferne namera sen vrai ami. 
Allerdings entschuldigt sich Jehan in der letzten Strophe dieses 
Liedes, daß er, von Zorn und Verzweiflung getrieben, Unbedachtes 
verwogen ausgesprochen habe. Hoffnungsfroher ist Ch. IV, die er an- 
geblich auf Geheiß seiner Dame gedichtet hat und derselben widmet. 
Frei von Reflexionen ist auch das Lied III, dessen Inhalt auf den 

Refrain: ,-, . . ^ ^ • /■ 

J ai euer tmgnot et joh 

Et tout vestu cTamours 
zugespitzt ist. Ähnlich das (anscheinend unvollendete) Lied VII. 
Am ansprechendsten ist die in Kurzversen gedichtete Ch. VI; sie ist in 
allen Teilen an die Dame gerichtet; ihr lebhafter, z. T. sogar 
leidenschaftlicher Ausdruck scheint wahrer Empfindung entsprungen 
zu sein. — Auch sein Wort- und Bilderschatz ist der herkömmliche; 
doch die Komposition der einzelnen Gedichte ist sorgfältig und augen- 
scheinlich eigenes Werk des Dichters. Jedes der Gedichte stellt nach 
Inhalt und Stimmung ein abgerundetes Ganze dar. Das bestgelungene 
Stück Jehans ist zweifellos die Pastorelle (XII). Obwohl aus den traditio- 
nellen Motiven zusammengesetzt, ist sie in ihrer schlichten und klaren 
Sprache und ihrer gedrängten, lebhaft fortschreitenden Darstellung 
ein kleines Meisterwerk. Sie zeigt soviel Technik in innerer und 
äußerer Form, daß es zu bedauern ist, daß sie das einzige erhaltene 
derartige Stück unseres Dichters ist. 

2. Oede de la Couroierie. 
Auf andern Grundlagen wie bei Jehan de Renti beruhen die 
Nachrichten, die wir über das Leben des zweiten Dichters, des Oede 
de la Couroierie, besitzen. Seine Lieder bieten nicht den geringsten 
Anhaltspunkt biographischer Art. Man wußte daher bis vor wenigen 
Jahren nicht einmal, in welchem Zeitraum der Literatur er unter- 
zubringen war. Paulin Paris ^6) bezeichnete ihn ohne jeden Grund 

1«) l. c. S. 663. 



Die Gedichte Jeliaris de Renü und Oede's de Ja Couroierie. 163 

als Freund des bekannten Trouvere Gace Brüle, indem er ihn wahr- 
scheinlich mit dem „Odin", an den dieser mehrere Gedichte richtet, 
identifizierte. Mit sehr berechtigtem Vorbehalt gibt Gröber {l. c. 
S. 663) diese Vermutung wieder. Erst Guesnons verdienstliche 
Forschungen brachten aucli über Oede einiges Licht J'^) Das Folgende 
stützt sich im Wesenthchen auf die von ihm benützten und an- 
gegebenen Quellen. 

Oede de la Couroierie war clerc und Sachwalter des 
Grafen Robert IL von Artois. Die Urkunde, in der er uns zuerst 
begegnet, ist vom 30. Juni 1270.18) Sie gibt einen von Ludwig 
dem Heiligen für Odon de Paris, den clerc d§s Grafen von Artois 
ausgestellten Geleitbrief wieder; der Inhaber desselben bcgiebt sich 
im Auftrage seines Herrn in irgend einer Mission an den päpstlichen 
Hof nach Rom. Daß es sich um wichtige, hochpolitische Aufträge 
handelte, zeigt eine zweite Urkunde, die vom 4. März 1274 datiert 
ist. 19) Aus ihr ist ersichtlich, daß der Graf von Artois dem clerc 
Odon de Saint- Germain, seinem Sachwalter uad dem Überbringer 
seiner Briefe, den Auftrag gab, an den Papst die Bitte zu richten, 
seinem Herrn das durch den Tod des Grafen Alphons von Poitiers 
erledigte Land „Fen^z«," über das der Papst Verfügungsrecht hatte, 
zu geben und zum Entgelt hierfür einen jährlichen Zins zu empfangen. 
Oede scheint sich seiner Aufgaben mit Geschick und Eifer entledigt 
zu haben. Wie eine Urkunde vom 1. Juli desselben Jahres besagt,^») 
wies der Graf von Artois den hailii von Artois an, dem clerc Odon 
de Saint-Germain 200 1, paris. auf AUei heiligen für seine guten 
Dienste am römischen Hofe auszuzahlen. Daß nun der in diesen 
Urkunden auftretende maistre Odon kein anderer ist als unser Dichter, 
ist aus einem weiteren Schriftstück zu ersehen (ibid.). Es scheint 
zu zeigen, daß Oede sich schon einen Monat nach Empfang der 
genannten Summe in Geldverlegenheit befand: am 20. Dezember des- 
selben Jahres wird notariell konstatiert, daß Meister Odo de Corigia- 
ria, der Gesandte des Grafen von Artois beim hl. Stuhl, von Jehan von 
Moflieres, dem Gesandten des Königs von Sizilien, 10 gute livres 
tournois geliehen hat, die er ihm Lichtmeß in Paris oder Lyon 
zurückzahlen wird. 

Die folgenden Jahre zeigen Oede in der Verwaltung des Landes 
tätig. Nur angeführt wird er als Sachwalter des Grafen im Jahre 
1276.21) Weitere Urkunden (zwei von 1278 und eine von 1280)22) 
berichten, wie er als Verwalter des bailliage de Bapaume^ bez. 



") i. c. S. 14. 

18) Invent. sommaire des arch. depart. du Pas-de-Calais. Arras 1878. Serie 
I S. 32 a. 

19) ib. S. 37 a. 
2") ib. S. 38 a. 
") ib. S. 39 a. 

2^) ib. 40 b und 46 b. 



1G4 Johannes Spanke. 

Sachwalter seines Herrn dessen Interessen geschäftlich wahrnimmt. 
Dazwischen fällt (1280) wicdiTum eine Geldzahlung des Grafen an 
seinen treu^'n Diener. 23) 1285 sehen wir Oede als Vertreter der 
gräfliclien Regierung in Boulogne24); Aprise faite a Boulongne, Van 
de grasce viil ij c iiij XX et V, le diemence de le quinznine de 
Pai<kes, sovs commandenient des maistres d'Artoys, par Miles de 
Nangis, baillu (sie!) d'Artoys et inaistre Oede de ISaint-Gemiain, 
clerc monsigneur d Artoys, apeles et pi^e-teiis GidUiaumes d'Anvin, 
GuiUaiimes de JJoking/i ehern, sous-burllus d'Arras, ajournes et öis 
le maire et les echevins de Boidonyne de ce que iL vaudront dire 
et proposer pour eiis'-'- (Es handelt sich um eine Untersuchung 
der Rechte, die den Graf von Artois in dieser Stadt besit/.t). Um 
dieselbe Angelegenheit drelite sich vielleicht zwei Jahre später eine 
Gerichtssitzung am gräflichen Hofe, zu der der Graf von Boulogne 
sowie der Bürgermeister und die Schöffen dieser Stadt erschienenes)^ 
Mre. Oede de Saint-Germain funktionierte in derselben als 
Richter. Verschiedene Urkunden von ]290, die ihn in der Ver- 
waltung tätig zeigen, brauch -n bloß erwähnt zu werden 26). Eine 
überlieferte Quittung Oedes für verschiedene Termine seines Gehaltes 
stammt vom 25. September 1292. Einen neuen Beweis für seine 
Tüchtigkeit und das von seinem Herrn in ihn gesetzte Vertrauen 
liefert ein Brief des Grafen von Artois an Philipp den Schönen, in 
dem er diesem mitteilt, daß er Mre. Odon de Saint-Germain 
„zu seinem Hofsachwalter (procureur en sa court) gegenüber allen 
Personen und in allen Geschäften" gemacht habe (August 1293)'-^). 
Vom 10. Oktober desselben Jahres ist die Urkunde datiert, in der 
Oede zum letzten Mal lebend auftritt 28); er bildet mit drei Kollegen 
ein Komitee, das zur Untersuchung von Streitfragen eingesetzt ist, 
die zwisclien den Grafen von Artois und von Flandern schweben: 
wiederum ein Auftrag, der sicher viel Geschick und Erfahrung auf 
Seiten der Ausführenden voraussetzte. 

Bis kurz vor seinem Tode war maistre Oede ein treuer Diener 
seines Herrn. Im Juni 1294 bestätigte der „official du siege vacanf* 
von Arras das Testament des Odon 29) de Corrigiaria, clerc des 
Grafen von Artois, „zu gunsten seiner Töchter Marie und Odine, 
seines Enkels Jacques, des eure von Saint-Jean-en-Ronville in rotunda 
villa Arra? etc." Soviel das Inventaire^O); Gue-non teilt außerdem 
nach der Originalurkunde mit (1. c), daß Oede von seiner vor ihm 



23) ib. 42 b. 

2*) ib. 48 a. 

25) ;. c. II S. 179 und 180. 

") ib I. 54 a und b; 152 b. 

2^) ib I. S. 59 b. 

28) ib I. S. (iO a 

29) „Adiim" im lav. ist falsch gelesen. 

30) I. S. 62 b. 



Die Gedichte Jehans de Renti und Oedes de la Couroierie. 165 

verstorbenen Frau Emelina drei Kinder besaß; ferner daß er zwei 
uneheliche Töchter und deren Mutter Jeanne de Goiiy mit Lebens- 
renten bedachte. Der Exekutor des Testamentes war ein gewisser 
Hue, Dekan von Asnieres; er bestätigte am 28. März 1295, vom 
Grafen von Artois 100 1. paris. erhalten zu haben, die dieser dem 
verstorbenen Eude de Carigis (so das Inv.!) schuldete 3'). 

Daß es sich in allen angeführten Urkunden um eine und die- 
selbe Person handelt, steht außfr Zweifel. Die am häufigsten auf- 
tretende Namensform Oede de St.-Germain in Verbindung mit der 
seltenern Oede de Paris deutet darauf hin, daß unser Dicliter der 
Ifle de France entstammte. Die Sprache seiner Gedichte bestätigt, 
wie hier gleich bemerkt werde, diese Annahme; sie weist auf das 
Zentrum hin und schlitßt mit Sicherheit den pikardischen Dialekt 
aus. Sein Wohnort wird in den 23 Jahren, in denen er als Beamter 
des Grafen von Artois wirkte, dessen Residenz Arras gewesen sein. 
Da er im Testament als Großvater auftritt, wird er wohl in höherem 
Alter gestorben sein. Wenn wir nun annehmen, daß er nicht lange 
vor 1270 in die Dienste des Grafen von Artois getreten sei, zählte er zu 
dieser Zeit schon 30 — 40 Jahre. Es ist leicht zu verstehen, daß er 
in diesem Alter seinen Heimalsdialekt nicht mehr nach dem Pikar- 
dischen modifizierte. Nehmen wir jedoch, was vielleiclit das 
Wahrscheinlichere ist, an, diiß die uns erhaltenen fünf Gedichte aus 
seiner Jugend stammen, bietet die DialeKtfrage überhaupt keine 
Schwierigkeiten mehr. — Der Inhalt der Gedichte Oedes enthält, wie 
schon bemerkt wurde, leider keinen Anhaltspunkt biographischer Art. 

Nach allem Bisherigen scheint es, daß Oede sich nur in seinen 
Mußestunden mit Poesie beschäftigt haben kann. In der Tat machen 
die fünf unter seinem Namen überlieferten Liebeslieder entschieden 
den Eindruck von Dilettantenarbeiten. Der Inhalt ist in allen Liedern 
ungefähr derselbe: Klagen über die Erfolglosigkeit seines langen 
Minnedienstes, Schelten über die „mesdisanz'-\ die ihm die Dame zu 
entfremden suchen, Bitten um endliche Erhörung. Daß die öfter 
maßlos heftigen Gefühlsausbrüche unecht sind, sieht man auf den 
ersten Blick; es fragt sich nur, ob sie als Ausflüsse jugendlicher 
Überschwänglichkeit oder des dilettantischen Y.OLY.6C,r^\ov zu betrachten 
sind. Seine Sprache ist, ganz im Gegensatz zu der anmutigen, durch- 
sichtigen Sprache Jehans von Renti, ungeschickt und öfter dunkel. 
Von Stimmung und Kompositionskunst ist in seinen Liedern kaum 
die Rede. Hierzu hat sein metrisches Unvermögen stark mitgewirkt. 
Öfters ist zu beobachten, wie ein Reimwort den ganzen Gedankengang 
auf Abwege leitet. Auffallend oft gebraucht er geistliche Ausdrücke, 
darunter auch solche, die eigentlich der Lyrik fern liegen {Four 
dien! III. 35, und öfter, pechie fera U. 35, se dieu plesi lY. 25, je 

31) ib. S. 158 b. 



JOf) Johannes Spankc. 

pri dien IV. 36, se dex liest sorz V. 5). Darin könnte man 
Rcminisccnzen aus der geistlichen Vorbildung; des Clerc zu erl)licken 
geneigt sein. (Vgl. die Anm. zu V. 50). 

II. Die Handschriften. 

1. 

Die zwölf Lieder des Jehan dcRenti sind nur in der Hand- 
schrift T (nach Schwan, 32) = Raynauds') pbH.; Bibl. nat. tr. 12615) 
erhalten. Die Handschrift besteht nach den Angaben Schwans — ab- 
gesehen von einem vorgehefteten Liederbuch Thibauts von Navarra und 
einem am Ende angehefteten Liederbuch Adans de le Haie — aus drei 
von verschiedenen Schreibern angefertigten Teilen. Als von den 
Schreibern benutzte Vorlage ist eine Handschrift anzusehen, die eng 
mit der Vorlage der Hs. M (Rayn. Pb^'; Bibl. nat. fr. 844) verwandt 
war. Der dritte Schreiber, dessen Schrift, wie ich mich selbst habe 
überzeugen können, sich deutlich von der der in den vorhergehenden 
Teilen tätigen Schreiber abhebt, setzt auf fol. 172 v** ein. Er beginnt 
jedoch nicht mit der Fortsetzung der ihm vorliegenden Handschrift, 
die an der entsprechenden Stelle eine Sammlung von Motetten enthielt, 
sondern schiebt aus anderer Quelle die Lieder Jehans von Renti ein. 
Diese reichen von fol. 172 vO bis 176 v^. Die letzte Hälfte dieser 
Seite und die folgenden zwei Blätter 177 und 178 ließ er frei (die 
auf ihnen stehenden Einträge stammen aus dem 15. Jahrb.), um 
auf fol. 179 mit den erwähnten Motetten 34) die Kopie seiner Vorlage 
fortzusetzen. Verschiedene Motette, die sich, was zu beachten ist, 
teils auf Arras beziehen, fügte er aus anderer Quelle ein. Er schließt 
seine Abschrift ab durch eine Sammlung von satirisch-moralischen 
und satirischen Liedern und Dits, die sämtlich auf Arras bezng 
nehmen (?. Anm. 2). 35) Das sprachliche Gewand sowohl des 
dritten Teiles als auch der ganzen Handschrift weist auf die artesische 
Mundart hin. Vielleicht ist also die ganze Handschrift, höchst- 
wahrscheinlich aber der dritte Teil derselben in Arras geschrieben 
worden. Nach Schrift und Ausstattung gehört die Handschrift dem 
13. Jahrb. an. Da nun von den satirischen Stücken eins nicht vor 
1268 entstanden sein kann, andere um 1269 geschrieben sein müssen, 
da ferner, wie oben gezeigt wurde, auch die Lieder Jehans von Renti 
im dritten Viertel des 13. Jahrb. gedichtet sind, ist überhaupt keine 
vielgliedrige Tradition der vom dritten Schreiber eingeschobenen Stücke 
anzunehmen. Auch diese Tatsache, vereint mit dem Umstände, daß 
viele der eingeschobenen Stücke sich auf Arraser Verhältnisse bezogen 
und nur für einen Arraser näheres Interesse hatten (auch Jehan de 



32) Die altfrz. Liederhandschrißen. Berlin 1886. 

33) Bibliogr. des chansonniers fr. Paris 1884. 

3*») Herausgegeben von G. Eavnaud, Recueil de .Votets francais. Paris 
1883 11. S. 68 ff. 

35) Vgl. die Ausführungen Guesnons im Mo7jen A<je 1899 und 1900. 



Die Gedichte Jehatis Je Renti und Oede's de la Couroierie. 167 

Renti stand ja bekanntlich in Beziehung zum Puy) läßt darauf 
schließen, daß der dritte Schreiber bez. sein Auftraggeber in Arras 
ansässig war. Daß aber der dritte Schreiber wahrscheinlich auch der 
Besitzer der Hs. war, glaubt Schwan mit Recht daraus entnehmen zu 
können, daß dieser in den Abschriften der beiden ersten Schreiber 
eine Menge von Verbesserungen angebracht hat. Der dritte Teil 
selbst ist sehr sorgfältig geschrieben; ein Blick in den vorliegenden 
Text der Lieder Jehans und in die Ausgabe der satirischen Gedichte 
zeigt, daß verhältnismäßig nur selten Anlaß zu Verbesserungen geboten 
war. "Wenn man zudem in Betracht zieht, daß der dritte Teil eine 
ungewöhnlich große Anzahl Unica bietet, liegt der Schluß nicht fern, 
daß der Besitzer der Handschrift eine lebhafte Fühlung zu Arraser 
Dichterkreisen gehabt hat, ja vielleicht selbst ein Dichter gewesen 
ist. Dem mit allem Vorbehalt von Schwanke) geäußerten Gedanken, 
daß vielleicht Jehan de Renti selbst in diesem Dichter zu erblicken 
sei, der also seine eigenen Gedichte an die Spitze des von ihm nach- 
getragenen Teiles der Handschrift eingeschoben habe, stehen sachliche 
oder zeitliche Bedenken nicht entgegen; aber er kann, da es an 
direkten Beweisen fehlt, natürlich nur den Wert einer Vermutung 
beanspruchen. Zu dieser Annahme würde allerdings der Umstand 
stimmen, daß Jehan de Renti anscheinend auf die reichen Bürger 
von Arras nicht gut zu sprechen war. Es wäre also durchaus nicht 
unwahrscheinlich, daß er sich für die satirischen Stücke, die doch 
eigentlich nur Tagesliteratur waren, besonders interessiert und sie an 
die Liedertexte der Handschrift angereiht hätte. Behandelt doch 
eines dieser Gedichte 37) ausschließlich einen Stoff, der Jehan besonders 
am Herzen gelegen zu haben scheint^ nämlich die largesce der Reichen 
und ihre richtige Anwendung. Vgl mit der oben (S. 169) besprochenen 
Strophe Jehans folgendes Stück (Vers 69 ff.) aus der erwähnten, von 
einem gew. Pierre le Camus verfaßten Satire: 

A'' ente?ides mie 
Que ce soit voirs, que que nus die, 
C'on pulst par tout bien emploier 
N''a cascun rendre sen loier; 
Mais a Paris et a Biauvais 
Rent tcns preudom por cerit malvais. 

Da wir also in der Handschrift T^ vielleicht ein Autograpli 
unseres Dichters, höchstwahrscheinlich aber die Niederschrift eines 
Arraser s besitzen, werden wir in dem Text der Lieder Jehans keinen 
durch den Schreiber vorgenommenen Umformungen des Original- 
textes, sondern der Mundart des Dichters selbst zu begegnen erwarten 
dürfen. In der Tat stimmen, wie schon hier bemerkt werde, die 



36) l. c. S. 256. 

3'') No. XX. bei Guy und Jeanroy. 



168 Johannes Spanke. 

durch Reim uml Metrum gesicherten Eigenarten der Sprache Jehans 
aufs genaueste mit dor allgemeinen Gestaltung der Handschrift überein. 
Genaueres über die sprachlichen Eigentümlichkeiten der Hs. s. unten. 

Nach den vorstehenden Ausführungen ist es selbstverständlich, 
daß sich uusire Wiedergabe des Textes inbezug auf die sprachhchen 
Formen auf einen Abdruck der Hs. zu beschränken hat. Unediert 
waren bisher die Lieder Nr. I., IV., V., VI., VII., IX., XI.; gedruckt 
bei Noack^s), der Slrophenausgang in seinem Verhältnis zum 
Refrain etc. Marburg 1899: No. II. (S. 116) III. (S. 117) und X. 
(S. 138), bei Dinaux, Les trouveres artesiens, Paris 184 3 (S. 302) 
No. VIII. und XII., bei Bartsch, Romanzen und Pastorellen, 
(1870) No. XII., in Eist. litt. XXIII. S. 646 die erste und zweite 
Str. von V. 

2. 

Von den fünf sämtlich unedierten^o) Liedern des Oede de la 
Couroierie sind No. I. und II. in drei Handschriften erhalten: 

1. K (= Rayn. Pa; Paris, Bibl. de l'Arsenal 5198); die 
Handschrift gehört nach Raynaud ^o) und neuerdings Huef*') dem 
13. Jahrh, an. Schwanns) entscheidet sich genauer für die zweite 
Hälfte des 13. Jahrb. Ihre Entstehung wird jedoch durch den Um- 
stand, daß sie die Lieder unseres Dichters enthält, auf das letzte 
Viertel des Jahrb., vielleicht auf noch spätere Zeit, festgelegt. 

2. N (=Rayn. Pb'i; Bibl. nat. fr. 845) Raynaud und Schwan 
nehmen als Entstehungszeit der Hs. das 13. Jahrh. an. Vielleicht 
ist jedoch aus dem eben genannten Grunde di'^ Ansicht von Bartsch'*^) 
und Huet richtiger, die sich für das 14. Jahrh. entscheiden. 

3. P (=Rayn. Pb^; Bibl. nat. fr. 847). Auch sie wird von 
Raynaud und Schwan (von diesem wenigstens der erste, die Lieder 
Oedes enthaltende Teil pi) dem 13. Jahrh. überwiesen, von Huet 
dagegen dem 14. Von ihr gilt das Gleiche wie von K und N. 

Die Handschriften K N P sind, wie fast alle Herausgeber ah- 
französischer Lieder, fußend auf Schwans Untersuchungen, gezeigt 
haben, eng miteinander verwandt. Diese Verwandtschaft wird trotz 
der Kürze der beiden Lieder durch mehrere Fälle bestätigt. Auf- 
fallend ist zunächst, daß das erste Lied in allen drei Hss. nur drei 
Strophen hat, während alle übrigen Lieder (wenigstens in N) fünf 



3^) Nach einer Pufsnote auf S. 163 ist die Ausgabe der Lieder von 
E. Stengel bearbeitet. 

39) P. Paris druckte in Eist. litt. XXIII. S. 663 nur eine Str. des 
Liedes I. ab. 

*") /. c. S. 54. 

♦1) Gace Bride, Paris 1902. S XXIV. 

*-) l. c. S. 86. 

«) /. c. s. vn. 



Die Gedichte Jehans de Renii und Oede's de la Couroierie. 169 

Strophen haben, von denen die letzte jedesmal das Geleit bildet. 
Auch inhaltlich scheint das Lied eines rechten Abschlusses zu entbehren. 
Vielleicht hat also der Archetypus von KPN die beiden letzten 
Strophen nicht enthalten. Ähnliche Auslassungen finden sich in der 
Gruppe, der KPN angehören, öfter; vgl. z. ß. Gace Brüle (Ausg. 
Huet) Ch. IX, X, XI, XIV, XV, VII u. a., alles Lieder in denen 
diese Gruppe (die Huet mit ß bezeichnet) am Schluß entweder 
mehrere Strophen oder den Envoi ausläßt. — Ferner ist I. 13 
schon im Archetypus der drei Hss. die Lesart ne que se fiisse ivre 
durch Zusammenwürfelung mit dem kurz voihergt^hemlen ne sai que 
je faz aus dem richtigen ne se je fusse ivre entstanden — eine 
Art von Verschreibung, die sich bekanntlich oft in Hss. findet. — 
Ebenso ist im folgenden Verse wohl anzunehmen, daß der Archetypus 
statt des richtigen me tiengne a pris schon 77iel tiengne darbot, das 
N bietet^); in K P wurde diese Lesart weiter zu nei tiengne a pris 
verschlechtert. 

Wie nun innerhalb der Gruppe K N P die einzelneu Hand- 
schriften sich zu einander verhalten, soll die folgende Zusammenstellung 
beleuchten : 

1. ein Zusammengehen von K P gegen N zeigen folgende Fälle: 

a) ein gemeinsamer Fehler von K P findet sich nur an der 
citierten Stelle: 

1.12 quel nel tiengne K P ; quel mel t. N ^'^) 

b) Fehler von N, die K P nicht teilen: 
1 . 1 Mult a longuement fer N, 

Trop ai longuement fet K P; 
1 . 2 De maus dire N, des m. d. KP; 

1.17 nus sages N (syntaktisch richtig, aber des Reimes wegen un- 
zulä>sig), nnl sage K P; 

1.18 avrai N, avra K P; 

II . 30 s'est s^amor N, cest s'amor K P. Nicht fehlerhaft in N ist, 

aber doch auf eine verschiedene Überlieferung deutet: 
11.32 onc mes N, ainz mes K (P fehlt); 
il. 41 t'erit N, fen K P. 

2. K N geht im Gegensatz zu P zusammen: 

a) in P fehlt die vierte Strophe der Chanson II. 

b) K N hat die falsche, P die richtige Lesart: 



**) Das / an mel ist in N allerdings erst nachträglich von erster 
Hand eingeschoben worden; doch gerade das beweist, wenn man nicht eine 
auf einem dritten unbekannten Kodax fufsende Korrektur von N annehuien 
will, dafs keine Verschreibung vorliegt. 

*^) I . 21 sqfei-z N, sqffert K P ist hipr nicht heranzuziehen; s. unten; 
ebenso sind natürlich die Fälle unberücksichtigt geblieben, die auf 
orthographische Eigentümlichkeiten des Schreibers zurückzuführen sind. 



170 Johannes Spatike. 

II . 19 ma guei'ison K N; la g. P. 

c) In P stehen die beiden Lieder unter den anonymen. K 
N entlialten alle fünf Lieder und zwar unter dem Namen de- 
Dichters. 

d) P hat gegenüber K N die falsche Lesart: 
II . 46 tote P, tout K N. 

3. P N scheinen trotzdem gegenüber der Hs. K eine Gruppe 
zu bilden: 

a) gemeinschaftliche Fehler in P N im Gegen satze zu K sind 
nicht nachzuweisen, 

b) P N bieten aber im Gegensatz zu K das Richtige: 
1 . 3 enfance K, vütance P N ; 

1.16 ore en sui K, or en sui P N ; 
II . 27 ne point K. que point P N. 

c) wohl den Schreibern zuzuschreiben (vgl. Anm. 45) 
sind Fälle wie II . 26 seete X P, saete K u. a. 

Schwan und verschiedene Herausgeber altfranzösischer Lieder- 
dichter sind zu dem Residtate gekommen, daß K P eine engere 
Gruppe innerhalb der Gruppe KPN bilden. Nach der obigen 
Zusammenstellung trifft dies für unsere beiden Lieder aus dem Grunde 
nicht zu, weil nach 2 a), b) und c) mit noch größerer Berechtigung 
die Existenz einer Gruppe K N angenommen werden könnte. Unsere 
Lieder bestätigen daher lediglich die nahe Verwandtschaft von KPN 
sowie die Tatsache, daß keine der Handschriften aus einer der beiden 
andern abgeleitet werden kann. 

Die Lieder III, IV und V sind nur in K N überliefert. Die 
vierte Strophe in III und die fünfte in IV fehlen in K. Daß N dem 
Originale näher gestanden habe, ist vielleicht auch aus der durch den 
Reim geforderten Schreibart miroer (IV. 10: joer) in N zu schließen 
(K hat mireoir); IV. 29 haben beide Hss. im Versinnern voer (=videre); 
vgl. unten. Da jedoch, wie die Varianten zeigen, im übrigen 
K von allen drei Hss. am sorgfältigsten geschrieben ist, stützt sich 
der folgende Text in allen Liedern auf diese Handschrift. 

111. Die Sprache der beiden Dichter. 

1. Die Lieder Jehan's de Renti. 

Obwohl die Lieder des Jehan de Renti, wie gezeigt wurde, 
uns unter besonders günstigen Verhältnissen überliefert sind, werden 
wir uns in der folgenden Untersuchung, um zu sicheren Resultaten 
zu gelangen, zunächst auf die Reime und das Metrum beschränken. 
Soweit es der beschränkte Text zubißt, werden, wo es nützlich erscheint, 
die bis jetzt erschienenen Karten des Gillierou'schen Atlas 
linguistique de la France (26 Lieferungen) zugezogen werden. 



Die Gedichte Jehans de Renii und Oede's de la Couroierie. 171 

A. Die Reime. 

Dieselben liegen, da sämtliche Lieder durcligereimt sind, in 
keiner großen Anzahl vor, Sie folgen alphabetisch geordnet mit 
Angabe der Lieder, in denen sie auftreten: 

-age (L 5. 10), -ai (6. 12), -aine (12), -anclie (2. 6. 10), 
-ant (9." 12); 

-e (1. 7), -ie (4), -ent (2. 3. 4. 8. 9. 10. 11), -er (3. 4. 5. 10), 
-es (8. 10); 

-i (2. 3. 10), -ie (7), -ir (1. 2. 9. 10), -ire (8), -is (ß. 10); 

-oie (3), -071 (4. 5), -oir (9. 11), -oiir (1. 5); -om?"5 (10), 
-ure (11. 12), -?<«/ (G). 

Zur Lautlehre. 

1. -age. Die Endung -age wird weder im Reim noch im Vers- 
innern durch -aige ausgedrückt; (Gillieron's Kailen tirage (292) und 
rage (1127) zeigen keine Spur von einer auf altes -aige zurückdeutenden 
Aussprache). Bemerkenswert ist ferner, daß sich unter den Reimwörtern 
auf -age auch atarge (X. 47) befindet; dieselbe Nichtberücksichtigung 
des r vor g zeigt wohl auch atargie (IV. 46), das mit esragic (reich) 
reimt. Es fragt sich, ob der Grund zu dieser Erscheinung in einer 
metrischen Unvollkommenheit (wie Tobler Versbari^ S. 131 annimmt) 
oder in der lautlichen Schwächung des vorkonsonantischen r zu suchen 
ist. Für die letzte Erklärung spricht der Umstand, daß die Erscheinung 
oft in alten pikardischen Texten auftritt. Daß allerdings heute r vor 
g pikardisch keine Schwächung bez. Schwund erfährt, zeigt Gillieron 
auberge (69) und berger (ere), 127 und 128. 

2. -ai und -aine. Unter den Reim Wörtern auf -ai befindet 
sich keins mit e, ebenso keins auf -oi. Das Vorkommen von esmai 
(VL 8) hat nichts Auffallendes, da bekanntlich schon früh die beiden 
Formen esmai und esmoi nebeneinander vorkommen ; wie Steffens 
(Ferrin von Angicourt, Halle 1905, S. 155) bemerkt, bevorzugt 
das Pikardische die Form auf -ai. Seine Behauptung (ib. S. 154), 
„daß in esmai das -ai schon lange nicht mehr den diphthongischen 
-az-Charakter hatte, ist bei der relativ vorgeschrittenen Zeit — etwa 
Mitte des 13. Jahrhs. — ganz unzweifelhaft", ist für die pikardischen 
Dichter — also auch für Perrin — nicht zutreffend ^6j_ wie Suchier'^') 
nachgewiesen hat, besaß in den pikardischen Texten ai diphthongischen 
Wert noch zu einer Zeit, wo es diesen im Franzischen und 
Normannischen längst eingebüßt hatte"^^). Daß diese auffallend 
altertümliche Erscheinung selbst in der Aussprache des heutigen 



*8) Dafs Perrin esmai sowohl auf -al als auch auf -oi reimt, beweist 
nur, dafs er beide Formen anwandte. 

*'') Aucassin und Nicolete^, Paderborn 189;). S. 64. 

*ä) Hinzufügen zu den Beweisen Suchiers liefsen sich noch im 
Pikardischen häutig auftretende Reime wie messwje : trovai je (Gillcbert de 
Bern ed. Waitz XII. G. 7); vgl. ferner die von Darmesteter [XV!« süde 
S. 200) angeführte Notiz Palsgrave's. 



172 Johannes Spanke. 

Pikardisclien fortlebt, geht aus Gillieron mai (792j und geai (630) her- 
vor. Beide Wörter werden auf dem für uns in Betracht kommenden 
Gebiete49) (,^as isolierte geai überall, mai mit vier Ausnahmen) mit 
einem fallenden Diplithonjxen gesprochen, dessen betonter Bestandteil 
a ist. — Unter den 14 Reimwörtern auf -aine kommt auch plaine 
(= plena) und paine (3. ps. praes. von pener) vor; es sind also ei 
und ai vor n zusammengefallen, ein Vori^ang, der besonders in 
pikardischen Texten auftritt^O). Daß er in der heutigen Aussprache 
Spuren hinterlassen hat, deuten vielleicht die auf der Karte Gill. 
piein (1031) in Pas-de-Calais überwiegenden Formen mit a an. Diese 
Formen überwiegen in fileicher Weise hei pain (9G4), parrain (974), 
paine (990; hier nur a-F.), plaindre (1025), bain (105), fontaine 
(592; nur a-Formen), laine (744; ebenso), main (796). Daß diese 
a-Formen mit den alten Formen in direkten Zusammenhang zu 
bringen sind, folgt wohl aus der Tatsache, daß a4-Naaal und e -|- Nasal 
im Pikardischen wie in der alten Sprache, so noch heute scharf 
geschieden werden (s. u. S. 173). Diese Folgerung führt in Verbindung 
mit der von Sucbier (J. c.) zitierten Notiz Beza's, daß man im 
16. Jahrh. pikardisch aiyne mit diphthongischem ai sprach, zu dem 
Schlüsse, daß auih das Altpikardische das ai vor Nasal ebenso wie 
ai in offener Silbe (s. o) behandelte. 

3. -anche, -ant und -ent. Die Bindung von blanche (branche, 
franche) und dem Suftix -antia zeigt, daß der Dichter in beiden 
Fällen ch sprach, -anche stellt bekanntlich im Pikardischen überall 
für das franzische Suftix -ance. Daß auch heute im Pikardischen 
französischt^s p (bez. ss) noch die alte Aussprache hat, zeigt Gill.: 
celle-ci (208), ceux (209), cendre (210), cent (211), bossu (149); 
alles Beispiele, in denen sämtliche in Pas-de-Cal. verzeichneten Orte 
ch aussprechen. In Bezug auf blanche [branche, franche) variieren 
die pikardischen Texte. Einige unterscheiden diese Wörter im Reime 
sorgfältig vom Suffix -anche, d. h. sie sprechen blanke ^^). Andere, 
wie auch unser Dichter, tun es nicht ^2). Diese „Zwitterreime" sind 

*9) Für Renti sowohl als für Arras genügen, wie ein Blick auf die 
Karte lehrt, die von Gillieron im Dep. Pas-de-Calais aufgf^zeichneten 
Orte voUstäudig; das Departement ist sogar, wie manche Karten zeigen, in 
sprachlicher Beziehung von einer Einheitlichkeit, die die angrenzenden 
Departements nicht besitzen, d. h. es bildet örtlich das Zentrum der 
pikardisch-artesischen Mundart, 

^"j S. Wallensköld, Cmon de Bethune, Helsingfors 1891, S, 146 und die 
dort angeführten Texte. 

■'■^) Z. B. Renclus de Mniliens ed. van Hamel, Paris 1885; Conen de 
Bethune (s. Wallensk. S. 136), Bodel in dem Con(je, die Verlasser der Remedes 
d'Amour und Art d'Amour ed. Körting 1868, Adam de le Haie (Canchons ed. 
Berger), Perrin von Angicoiirt ed. Steffens. 

5-') Z. B. Blondel de Nesle ed. Wiese, die Chatelaine de St. Gille 
(Schnitz -Gora, zwei nfrz. Dichtungen), Andrieu Contredit ed, R. Schmidt, 
Halle 1903; Jean de Jonrny (im Arrond. St.-Oraer, nicht weit von Renti) 
ed. Breymann, Dit du vrai aniel ed. 'l'obler - S. XXI. 



Die Gedichte Jehans de Renti und Oede's de la Couroierie. 173 

wohl nicht auf dialektische Differenzen zurückzuführen, sondern 
bezeugen lediglich das gegen Ende des 13. Jahrhs. schon deutlich 
spürbare Einwirken der y.oivT] auf die Sprachformen der artesischen 
Dichter. Bestätigung findet diese Annahme durch Gill.: attacher 
(65), bouche (151), achete (6), chemin (262), chanter (232j, char 
(235), franche (610), blanche (135), wo überall in P.-de-Calais k 
gesproclien wird (nur ein Ort — 284 — kennt die Aussprache 
achete mit ch). DnQ in der heutigen Aussprache sogar noch die 
beiden c-Arten (p und ch) sorgfältig auseinander gehalten werden, 
zeigen die Karten: chanson 231 (vgl. die alte Schreibung canchon) 
und cest eher 268. — Der Endung -ant liegt stets primäres oder 
durch Angleichung entstandenes lat. -ant- zu Grunde. Sie wird 
im Reime stets von -ent unterschieden; in Ch. IX kommen die 
Endungen -ant und -ent nebeneinander im Reime vor, werden aber scharf 
auseinander gehalten. Duß die Erscheinung im heutigen Pikardischen 
fortlebt, geht hervor aus Gill.: argent {bl A und B), cendre (210), 
eent (211), gents (639), fen ai (83 A und B), (überall nas. e), 
be-oniiers aber aus cent ans (212), enfant (461), avant de penser 
(995), wo en- und an- in der Aussprache scharf geschieden werden. — 
We^^en talant, das sowohl auf -ant (XII. 48) als auch auf -e7it (IV. 
20, IX. 38) reimt, ist auf P. Meyer, in Mern. de la Soc. de linguist. 
I S. 251 ff. hinzuweisen. 

4. -e, -iS, -er und -ier. Auseinandergehalten werden stets die 
Reime -e und ie, ebenso -er und -ier. Durch den Reim gesichert 
werden pitie IV, 16 (die Nebf. pite kommt auch im Versinnern nicht 
voi), irie IV. 34 (irer fehlt gleichfalls) und desirre VII. 7 (vgl. im 
Versinnern -IX 20- den substantivierten Infin, desiriers). Unter den 
Reimen auf -er befinden sich auch merchier (III. 29) und ouhlier 
(IV. 3 und V. 33); -Her kommt also nicht vor. Bemerkenswert ist 
das Reimwort covoitie (VII. 6) = covoitiee mit ie für iee, eine 
Erscheinung, die sich in pikardischen Texten bekanntlich sehr häufig 
findet. Üher ihre Erklärung ist noch keine Einigkeit erzielt. Die 
einen führen sie auf den lautlichen Wandel von ie zu i zurück; 
so zuerst Foerster {Chevalier as .11. espees 1877 S. 4l5), auf ihm 
fußend neuerdings Steffens [I.e. S. 162 ff), der besonders die im 
Pikardischen auftretenden Infinitive auf -ir statt -ier heranzieht; 
einen weiteren Beleg wüide auch die Form moiti = moitie bieten, 
die Goilefroy zweimal anführt '"'S). Die timlere Erklärung führt den 
Wandel auf die pikardische Tendenz zur Zurückzii hung des Akzents 
zurück 54j^ die alle Diphthonge zu fallenden, also auch iee zu lee 
machte, das dann zu ie vereinfacht wurde. Vertreten wurde diese 
Ansicht zuerst von Foerster (Richard li Biaus 1872, S. VIII), dann 



'') Ob man pikardi>che Formen wie entire, manire als Belege betrachten 
darf, ist zweifelhati, da sie auch anders erklärt werden können. 

*t) at war yikardisch sicher fallender Diphthong; s. o. S. 171. 



174 Jolumne^ S/'unke. 

von ihm abgelehnt (s. o.), später aber anscheinend wieder angenommen 
(Venus la deesse d'Amotir 1880, S. 51), nachdem sie von Neumann 
(Zur Laut- und Flexionslehre des Afrz. 1878, S. 56) eingehend 
begründet war. Letzterer erkannte richtig, daß die Erscheinung not- 
wendig mit einer ähnlichen, allerdings seltener vertretenen Erscheinung 
zusammenzubringen sei, von der unser Text ebenfalls einen Beleg 
bietet, nämlich dem Wandel von U zu ie: vgl. moitie VII. 13. Der- 
selbe findet sich in nur wenigen, teils schon von Foerster (Venus 
1. c.) zitierten Texten: in Venus (pik.), dem sprachlich hiermit eng 
verwandten Cristal (s. Gröbcrs Grundr. II 1. S. 791 ; Hs. von 12G8), 
der Dirne de Penitance, gedichtet 1288 von Jean de Journi(s. Anm. 52), 
in dem unedierten Lancelot Jehans (s. Gröbers Gr. S. 513; 
Dialekt unb.), in Baudouin de Sebourg, ed. anon. Valenciennes 1847 
(s. H. Breuer, Sprache und Heimat des Bald, von Seb. Bonn 1904 
S. 9; Verfasser legt den Entstehungsort der Dichtung mit Hilfe von 
Gillierons Atl. auf Bruille-Saint-Amand, Dep. du Nord fest), dem 
Sone von Nausay (ed. Goldschmidt 1899; der Verfasser macht keinen 
Versuch, den pikardischen Text näher zu lokalisieren), in Claris (ed. 
Alton 1884, nach Grob. Gr. S. 788 vor 1268 begonnen, pikardisch) 
und in Adam de le Haie, ferner vereinzelt in wenigen andern Texten. 
Der Umstand, daß die angeführten Texte, soweit ihr Dialekt bekannt 
ist, pikardisch sind, spricht gegen die Ansicht derer, die die Reime 
ie : ie als „Augenreime" betrachten, wie z. B. Tobler Versbait'^ S. 142 
und Alton, Claris S. 828 tun. Gillieron's Atlas gibt über die 
Erscheinung keine positive Auskunft; er bestätigt nur, daß der Wandel 
von ie zu i im Dep. Pas-de-Calais nirgends, sehr vereinzelt im Dep. 
du Nord, öfter erst viel östlicher auftritt; vgl. die Karten osier 955, 
charrier 245, fevrier 562, furnier 618, pied 1012, premier 1088. 

5. -es, -ts, -i und -ir. -hs ist entstanden aus lat. -atus(os), 
-atis, -atem-\-s, also — frz. -ez. Daß dieses s nicht nur graphisch, 
sondern auch phonetisch war, zeigen Reime wie jolis : faintis VI. 1 8, 
ajnis : escris VI. 36 — eine Erscheinung, die im Pikardischen 
bekanntlich schon im 12. Jahrb., im Franzischen erst in der zweiten 
Hälfte des 13. Jahrh. auftrat 55). Auf den Schwund des isolierten t 
im Auslaute weisen Reime wie träi : joli III. 43 hin. Unter den 
Reimwörtern auf -f, -ir und -is befinden sich keine auf -r«, -uir, -uis^^). 

6. -oie, -oir und -on. Das oi der Reimwörter auf -oie (nur 
in HI vorkommend) geht entweder auf lat. e (i): febloie, ravoie, 
voie, gucrroie, kerroie, moie, languissoie oder au-^i zurück: joie, 
oie (= audiat). — Über die Reime auf -oir ist nur zu bemerken, 
daß unter ihnen viioir (IX. 35) und eschäoir vorkommen. Die 
pikardischen Formen veir, eschäir treten weder im Reime noch im 



65) S. Schwan-Behrens, Afrz. Gr.^ S. 137. 

56) Das Auftreten von languir (II. 22) hat natürlich nichts Auffallendes, 
da das u nur graphisch ist; vgl. Steffens /. c. S. 16-3. 



Die Gedichte Jelians de Renti und Oedes de la Couroierie. 17") 

Versinnern auf. (Das Fortleben der alten Formen gebt aus Gill- 
s'asseoir 62 hervor, wonacb in Pas-de-Calais ausscbließlich s'assir 
gesprocben wird.) — Auf -on reimen auch Wörter auf -lon, das in 
diesen Fällen natürlich stets zweisilbig ist: vis'ion IV. 2G, enteni'ion 
IV. 44 und y. 36, pens'ion V. 10, peiiüon V. 28. 

7, -oicr und -ours. Reime wie folour : amour l. 40, amour : 
dolour V. 23 werden von den meisten Herausgebern altfranzösischer 
Gedichte als beweiskräftig dafür angesehen, daß der betreffende Dicbter 
t'olour, dolour und nicht foleur, doleur aussprach. Dieser Schluß 
ist in einer solchen Ausdehnung sicher falsch. Zunächst zeigen zahl- 
reiche Hss.57) und Urkunden 58) hinlänglich, daß zur Zeit unseres 
Dichters Formen auf -eur im Pikardischen existierten (im Franzischen 
werden sie schon für den Anfang des 13. Jahrhs. bezeugt; s. Suchier, 
Afrz. Gr. S. 29). Das Nebeneinander der beiden Formen scheint 
darauf hinzudeuten, daß zu dieser Zeit im Pikardischen die jüngere, 
aus Isle de France eingeführte Form die ältere noch nicht vöUig 
verdrängt hatte. Übrigens haben auch Dichter viel späterer Zeit, als 
man sicher nur noch -eur aussprach, noch ähnliche Reime : Vgl. 
<)thon de Gransou : amour : doidour, Froissart (Paradys d'amour in 
Scheler, Bd. I der Fohies Vers 944): veneour : sejour, Vers 1521 
cremour : amour etc., Christine de Pisan, Chemin de Long Estude, 
ed. Püschel Vers 689 Iwnneur : meneur (s. d. Hss.), Vers 861 amour: 
demour, Vers 5920 onnour : amour, aber 4730 euer : laheur. Die 
späteren Dichter verwandten also die archaischen Formen nach Belieben 
und Bequemlichkeit im Reime, während sie dieselben im Versinnern 
natürlich vermieden. 

8. -uel. Diesen von den afrz. Lyrikern sehr selten an- 
gewandten =9) Reim haben die Wörter: suel (soleo), voel (1. Ps. Pr. 
von vouloir), duel (doleo), orguel {= orgueil), acuel (= accueil), 
hruel (vgl. prov. bruelhs), recuel (= recueil), suel (*>ölium, Schwelle), 
muel (s. u.), fuel (folium). Die lateinische Unterlage ist überall 
^Z+(epenth.) i; nur die Etymologie von muel macht Schwierigkeiten. 
Godefroy fübrt zwei Belege für ein Verbum mueler a,n: 1. mueler=^ 
heuijler (Beleg: les vaches . . . mueloieni), 2. 7nüeler = cacher. Beleg: 

ceus qui lors fais vont muelant 
Pour avoir gloire et los au monde 

{,,Fabl. d'Oi\, Ars. 5069. foh 148 b.") 

5") Auch unsere Hs., s. u. ; der Arraser Kopist Jehau Mados. 
der NeflFe Adan's de le Haie, schreibt selbst im Reime eur; s. Windahl, li 
rers de le mort, Lund l.'-87, Str. 146. 

5») S. De Waillv in Bibl. de VEcole des Charles XXXI S. 261 ff., Raynaud 
ibidem XXXVI S. 193 ff.; Bonnier in Zts. f. rom. Phil. XIII S. 431 ff.: XIV 
S. 66 ff;, 298 ff". 

^^) Vgl. die Reime eines Gedichtes der Douce-Hs. (Rayn. Reo. de 
Mot. II. S. 4): [je] suel, [fej duel, [Je] merveiil, orguel, [je] vuel, eul (oculi), 
[je] ducl; und ib. S. 73: duel, suel, voll, orgoill, recoel, oel. 



176 Johannes Spanke. 

Die Etymologie von 1. ist unklar; 2. könnte als sekundäre verbale 
Ableitung von dem bei Godefroy ol't belegten Adjektiv jjiuel = *muteUus 
ange-<eben wcrilen. Doch vorlangen Metrum und Reim an unserer 
Stelle ein einsilbiges ue, während müelant dreisilbig ist und eine 
Ableitung müeler von müel (= müet) natürlich gleichfalls dreisilbig 
sein müßte. Es läge daher vielleicht nicht fern, für muel eine ähnliche 
lautliche Grundlage wie für suel etc. anzunehmen, d, h. es als 1 Ps. 
S. Pr. eines Infinitivs mouloir zu betrachten. In der Tat belegt 
Godefroy diesen Infinitiv mehrfach in der Bedeutung moudre (Gill. 
moxidre 879 zeigt von mouloir keine Spur); doch mit dieser Bedeutung 
scheint sich der Sinn, den unsere Stelle verlangt, nicht recht vereinbaren 
zu lassen, s. u. Anm. — Jedenfalls beweist der Reim an unserer Stelle 
nicht, ob das l in -uel mouilliert ist oder nicht. Auf letzteres deutet 
vielleicht die auch im Versinnern auftretende Schreibung -uel (nie 
ueil) sowie recuellir I, 20, voelle IX. 37 hin. Ähnliche Schreibungen 
finden sich in pikardischen Texten sehr oft; Jehan Mados schreibt 
ebenfalls -oel, -uel^^). Vgl. Gillieron: cercueil 214, cerfueü 216, deuil 
395, ecureuü 450, fauteuü 544, oeil 932, (auch feuille 559); auf 
einem ziemlich kleinen pikardischen Gebiete, das jedoch das ganze 
Dep. Pas-de-Calais in sich faßt, werden alle angeführten Wörter mit 
der Endung öl gesproclien. Welche Aussprache der Vokal in -uel 
zur Zeit Jehans besaß, ist nicht zu ermitteln. Schreibungen in unserm 
Texte wie veut u. a. (die jedoch wahrscheinlicher als franzische 
Formen zu betrachten sind) weisen vielleicht auf die Aussprache öl 
hin. Dagegen sprechen die oben erwähnte Tendenz des Pikardischen 
zur Zurückziehung des Akzentes sowie der Umstand, daß sich wenigstens 
an einem Orte der Pikardie (Gill. No. 171, Dep. du Nord) in dem 
Worte deuil (395) die sehr alte Aussprache duel heute noch findet. 

Zur Formenlehre. 

1. Das Nomen. Der Nom. Sing, der 2. lat. Deklination hat 
stets sein s bewahrt: senes VIII. 5, navres VIII. 21, jolis X. 1, 
amis X. 12 etc; dem Obl. Sing, und dem Nom. Plur. fehlt stets 
das s, wie die zahlreichen Reime auf -age, -ai, -S zeigen. Für den 
Obl. Plur. fehlen Beispiele. Auch die Masc. der lat. 3. Dekl. haben 
noch die alte Flexion; vgl. die -an<- Reime. Die F'em. der lat. 
3. Dekl. haben im Nom. Sing, stets analoges s: debonairetes X. 18, 
folours X. 14, doucours X. 23; der Obl Sing, hat stets die regel- 
mäßige Form: volente^ I. 6, veriU I. 30, langour I. 32 u. a.; das 
einzige Beispiel für den Obl, Plur. ist amours X. 5; für den Nom. 
Plur. felilen Belege, Wie diese Angaben zeigen, ist Jehan in der 
Beobncbtung der Flexionsregeln für seine Zeit recht strenge. Das 
Bestreben, dieselben zu wahren, zwang ihn sogar, um durch ganze 



6») S. Windahl l. c Str. 111. 



Die Gedichte Jehans de Renti und Oede's de la Couroierie. 177 

Gedichte hindurch den gleichen Reim festzuhalten, zu einer gewissen 
Einförmigkeit in seinen Konstruktionen, was sich besonders in den 
die Reime -e und -ant enthaltenden Gedichten zeigt. 

2. Das Pronomen. III. 25 verbürgt der Reim den Obl. li 
zu eile (bet.) 

3. Das Verb um. Die 1. Pers. Sing. Praes. der lat. Verben 
auf -ere hat kein analogisches s: atrai VI. 39, so.i VI. 40, repent 

II. 35, reiich IX. 4. Ebenso fehlt der 1. Ps. Sing. Praes. der lat, 
1. Konj. noch das analogische e in present IX. 46, steht dagegen 
in paine XII. 22. Durch den Reim gesichert wird die als 3. Pers. 
Praes. Conj. von dire. Die Endung des Impf, ist -oie: languissoie 

III. 41 (: joie III. 6). Die 1. Ps. Sing. Pr. der Verben souloir, 
vouloir, douloir lautet: suel (VI. 1), voel (VI. 3), duel (VI. 9). 
Diese Formen sind wohl nicht auf die Analogie der 2. Ps. zurück- 
zuführen, sondern haben die Mouillierung des l durch lautliche 
Entwicklung eingebüßt: s. o. 

Zur Syntax. 

Das Part. Perf. in Verbindung mit avoir stimmt im Genus 
zuweilen mit dem zugehörigen direkten Objekt überein, zuweilen nicht; 
vgl. VII. 6: 

C'est la riens cai covoitie (: amie) 
Plus toiis jours et desirre (: volenti). 

B. Silbenzählung. 

1. Elision findet statt stets bei den auf tonloses e endigenden 
mehrsilbigen Wörtern: bone_a'mour 1. 1, dame honour 1.7 etc.; nur 
einmal unterbleibt sie (in der lyr. Cäsur): 

XI. 13 ke je niete amours en noncaloir. 
Sie tritt in der Regel ein bei den bekannten einsilbigen, auf 
tonl. e endigenden Wörtern; z. B. ^e: fail.ol etc.; ke: k'ele 1.21^ 
86 (lat. si): silNl. 28; seltener bei si (=sic): s'am IV. 27, s'en 
V. 24, s'iere VI. 26; zweimal bei ki: c'autrement V. 16 und k'irh 
XII. 28. 

2. Hiat findet sich selten bei je: je amai IL 10, ke: ke a 

IV. 8, öfter bei ki: ki est IV 47, si (sie): si a V. 17 (in der Cäsur), 
si (= sui): si oel VI. 15, natürlich stets bei dem betonten li: li amer 

V. 38, li aprent XII. 59. Innerhalb eines Wortes bezeugt das Metrum 
den Hiat a) in den gelehrten Wörtern vis'ion IV. 26, petit'ion V, 28, 
entention IV. 44, pension V. 10, b) nach Ausfall eines Konsonanten 
entstanden in pöoir I. 2., eage I. 3, X. 42, obeir I. 10, füir I. 12, 
fianche VI. 38, löis VIII. 6, häir I. 18, II. 37, }-)leusse II. 17, häanche 
II. 25, crüelment III. 10; IV. 32; mercMer Ml. 29, ouhlier IN. '5\, 
beer IV. 39, öir IV. 48, veu IX. 15, viJoir IX. 35, peust und eschäoir 
XI. 27, räencon IV. 45, asseure XI. 31, — aber sure XI. 15 u. XII. 61, 

Ztschr. f. frz. Spr. u. Litt. XXXII •. 12 



178 Johannes Spimke. 

envolscure XI. 38, XII. 11, amhleure XII. 1, träinant XII. 45. 
Graphisch getilgt wurde der Hiat durch Einscliiebuiig eines h (das 
allerdiogs auch auf Einwirkung der lat. Form beruht) in Jehan 
VIII. 1. 9. Wie diese Zusammenstellung zeigt, ist der alte Hiat mit 
nur einer Ausnahme überall bewahrt. Daß das Pikardische den 
Vortou-Hiat lange bewahrte, ist eine reich belegte Tatsache, die auch 
durch zwei Karten Gillieron's bestätigt wird. Fklte 584 hat an der Mehr- 
zahl der in Pas-de-Cal. verzeichneten Orte noch die alte Aussprache 
fläüt^^). Mur 891 zeigt überall in Pas-de-Cal. die Aussprache mcer 
(bzw. einmal 7ner), welche auf lange Erhaltung des vorton. Hiatus-g 
hinweist. 

3. Zu dem öfter vorkommenden vrai findet sich nicht die 
Dublette verai; anderseits steht verite I. 30 ohne die Nebenform trete. 
Neben encor XI. 37 kommt encore nicht vor, wohl aber ore V. 31 
neben dem öfter auftretenden or. 

4. Die Adjektive der lat. 3. Deklination haben im Fem. meist die 
alte, e- lose Form bewahrt: grant viute 1.A7, grant pieclia IV. 1; 
grant honte VII. lO u. a.; aber auch grande valour I. 39, V. 15, 
tele natureXl.Q; das Fem. douche I. B2 zu douc (VI. 17) ist bek. 
sehr alt. Das Wort lahour ist wegen des zugehörigen vrai V. 32 
Masc. — ist also die von lahourer aus gebildete Form. Bei andern 
Lyrikern^S) findet sich, allerdings seltener als le lahour^ die femininische, 
von lahorem abgeleitete Form (Vgl. noch heute le labour: La laheur). 
Auch die Adverbialbildung zeigt das alte Femininum: loiaument II. 11 
und öfter, cruelment III. 10. IV. 32. Durch das Metrum verbürgt 
wird die Form mens IV. 30 (= mundus). 

5. Neben vostre (nur vor Vok.: vostre ami VI. 24, vostre 
amour XI. 28) steht vor Kons, auch die pikardische Nebenform vo, 
vos: vo plaisir ne vo commandement lY . 13, vo prison IV. 17, vo 
non rV. 27, vo doucours X. 23; vos secours X. 32^'^). Einmal 
kommt das betonte vostre vor: dti vostre VI. 28. Neben ele III. 32 
(einziger Beleg) kommt das pikardische el nicht vor; wohl aber die 
Obliquusform li zu bet. eile: li servir I. 2, li honerer V. 35, en li 
amer XI. 7, unbet. la: je la remir IX. 7. 

6. Der 1. Pers. Sing. Pr. der Verben auf -er fehlt das analogischc 
e noch in folgenden Fällen: aim I. 35, port I. 7, chant VII. 4, demant 
Vni. 6, desir IX. 7 (in sämtlichen Fällen vor Kons.); das e haben 
schon emploie III. 28 und esmervelle III. 1 (vor Kons.). — Die 
3. Pers. Sing, des Conj, Praes. hat ebenfalls noch kein e: puist 
1.19 und öfter, laist 1.27 und öfter, esploitl. 2S. Habui erscheint 



ßi) Altfrz. Belege s. bei God. im Compl. 

92) z. B. bei Chrestien de Troyes. 

63) Stengel {l. c S. 138) hat vos mit Unrecht in vo geändert, indem 
er wohl einen leicht erklärlichen Schreibfehler annahm; die Nom.-Form vos 
findet sich ölter, z. B. bei Conen de Bethune, Andrieu Contredit u. a. 



Die Gedichte Jehan's de Renii tmd Oede's de la Couroierie. 179 

iu der alten Form oi XII. 68 und der jüngeren euc IX. 3. Das 
Futur zeigt die bekannten pikardischen Doppelformen: deveroit I. 22. 
averoit I. 1 neben avrai IV. 8, avroie IV. 43 und 44 (aroie VII. 12); 
die gekürzte Futurform haben wir vor uns in donrai XII. 43. Verbal- 
formen, die den alten Hiat bewahren, sind: pleusse II. 12, veu IX. 15, 
veoir IX.35, jjeust XI. 27; entsprechende kontrahierte Formen fehlen. 



Die vorausgehende Betrachtung führt zu dem Ergebnis, daß der 
Dialekt Jehans der pikardische war, wie es ja auch nach seiner 
Biographie nicht andeis zu erwarten war. — Die gewonnenen Einzel- 
resultate sollten, wenn die oben ausgesprochene Vermutung richtig sein 
sollte, mit der Orthographie der Handschrift im Einklang stehen. 
Ein Blick auf den Text lehrt, daß dies durchweg der Fall ist. Nur 
tinden sich im Versinnern verschiedene jüngere Formen, die der Reim 
ausschloß. Diese sowie andere in der Hs. vorkommende scheinbare 
Inkonsequenzen begegnen ebenso oft in pikardischen Urkunden. Ihre 
Erklärung wurde zuletzt von Bonnier, Gröbers Zts. XIII S. 431 und XIV 
S. 66. 298 versucht; s. dort auch die übrige Literatur. — An 
Einzelheiten über die Orthographie der Handschrift ist Folgendes zu 
bemerken: 64) 

1, Das oben über pikardisches ai Gesagte findet durch 
die Orthographie unserer Hs. seine Bestätigung. Altes ai erscheint 
sowohl in freier als in gedeckter Stellung stets als ai: laist I. 29, 
fait H. 37, etc. Das lateinische durch Ausfall eines Konsonanten in 
Hiat getretene vortonige a bez. e wird entweder durch e ausgedrückt : 
eage I. 3, greer IV, 39, eskeanche II. 28, oder durch a: bäanche 
1.25, eschäoir XI. 27 , räencon lY. 4b; Jehan Mados bedient sich 
gleichfalls beider Schreibungen. 65) Daß auch das heutige Pikardische 
Vortonvokale gern zu a macht, deuten Gillieron chevexix 270, maison 
801 (in Pas-de-Cal überall 7na-), meunier 850 (ebenso üb. ma-) und 
pays 983 an. Auf dieselbe Ursache ist wohl die Form aican II. 21 
(=: frz. oan, oiian) zurückzuführen; daß sie auf pikardischer, heute 
noch wirkender Lautgewöhnung beruht, beweist Gill. oui 958, wo 
8 Orte in Pas-de-Calais axo- aussprechen, und entendu 466, wo ein 
Ort des Dep. du Nord (No. 272) die alte Form awi (altfrz. oüi, öi) 
bewahrt. Hierher gehören dann jedenfalls auch Gill. bobine 140 und 
Omelette 940 (iu Pas-de-C. nur am-)- e und a vor n sind auch im 
Vers- und Wortinnern sorgfältig auseinandergehalten: encor II. 38 
und öfter, penser oft. räencon FV. 45 etc.; eine Ausnahme bilden nur 
sanier' XU. 15, samblanche VL 13, samblant IV. 29. Neben sans 
steht sains in demselben Verse X. 22; auch Jehan Mados hat beide 
Formen. Zu der Reimform plaine vergl. im Innern des Verses 



**) Die Orthogr. anderer Abschnitte der Hs. T untersuchten Engelcke 
in Herr. Arch. Ib. S. 156 und Waitz in Gröbers Zts. XXIV. S. ;U5. 
«6) Windahl l. c. S. XXXI. 

12* 



180 Johannes Spanke. 

mainent VIII. 2 (zu mener). Noben -ieu (öfter miex und die.v) finden 
sich das piliardisclie -iu in dius X. 9 und Andriu IX. 47. Tobler 
glaubte (AnieP S. XXVIII) aus dem Umstände, daß -ieu und -iu in 
denselben Texten nebeneinander vorkommen, schließen zu können, daß 
die artesische Aussprache durch keine der beiden Schreibungen genau 
wiedergegeben wurde und vielleicht in der Mitte zwischen ihnen lag. 
Wallensköld (/. c. S, 187) hielt iü für das in Arras Gesprochene 
und ieu für graphisch. Suchier (/. c. S. 69) erkannte, daß es sich 
wahrscheinlich um dialektische Differenzen innerhalb des pikardischeu 
Gebietes handelt (so daß man die iew- Formen nicht als . franzische 
zu betracliten braucht). Gillieron's Atlas bestätigt diese Ansicht: iu 
dl 287, le hon Dieu 404, yeux 932, mon fils 572 haben zwar alle 
Orte in Pas-de-Calais die Aussprache -yü,^^) in den Nachbar- 
departements findet sich jedoch -yö neben -yü\ vgl. auch die Karten 
feu 558, jeu 719, moyeu 887, die ein ähuliches Verhältnis ergeben. 
Für lateinisches bet. freies p steht ou oder eu: /'oweMr- V. 3, XI. 33, 
leur V. 5, IX. 20 und öfter, milleur VIII. 16, savereus VI. 12, preu 
XII. 15, cailleu XII 66 (das Fortleben der Form zeigt Gill. caillou), 
amourous VI. 16 und XI. 12, häufig -cur; vgl. oben. Der 
e-Laut vor mouilliertem Konsonant wird vortonig zu i in milleur 
VIII. 18, signorage V. 6, signour V. 39, prisier lY. 30, ai zu e iu 
travellie lY. 11; die Schreibungen traviller, iravailler finden sich 
nicht. Vgl. hierzu Gill. araignee 50 und grosseillier 671 (überall in 
Pas-de-C. ei zu i geworden). Frz. betontes freies o wird o oder ou 
geschrieben: meist amour, nur X. 5 amors, jour öfter. Vortoniges 
lat, (m) wird in der Regel durch o ausgedrückt: onie VII. 16, 
descovert und cortois I. 36, morir öfter, tornS I. 38; por III. 42, 
pour ni. 43 und öfter; wie Gill. oublier 957, couper 335 und 
moulin 882 lehren, zeigt das heutige Pikardische dieselbe Eigenheit. 
Für hon tritt nie hoin ein (das Jehan Mados ständig schreibt). 
Älteres ue wird durch eu wiedergegeben in seut (= solet) I. 18, veut 
V. 22 etc.; aber puetd.2B) und öfter. — VorUonsonantisches / -j- 
Konsonant wird in Verbindung mit i zu iu in viuU I. 46, mit a zu 
al oder aw. malcais V. 39, mautalent XII' 69, mit o zu au (pik. 
Besonderheit): faus 11.28 und öfter, taut (= tollit) HI. 21, vausist 
II. 13, vaiic III. 38, mit e zu iau: hiau IV. 28, ciaus V. 3 und öfter, 
hiautS IX. 6, BiamnSs I. 42 (= Beaumetz)^^). Für paucum steht 
nur poi III. 11. Schreibungen wie esmervelle III. 1, travellie IV. 11, 



66) ebenso in ß/e-dieu 557 (anfser No. 274) ; Suchier (1. c. S. 69) be- 
hauptet dagpgen, dafs heute in Pas-de-Calais die Aussprache diö die 
verbreit etere sei. 

6'') Zu der (phonet.) Schreibung -m« (^ frz. eati) vgl. Gill. beau lll, 
couteau 341 A unil B, eau 431, kameau ßS\, manteau 810, marteau 8'2'2, rideau 
1157, roseau 1166. Die Karten zeigen überf-iustinimentl, dafs das ^o-Gebiet 
(das bedeutend gröfser als das ö- Gebiet ist), ganz Pas de-Calais in sich 
begreift. 



Die Gedichte Jehans de Renti und Oede's de la Couroierie. 181 

vermelle VI. 5, oisellons VI. 19 (denen keine Schreibungen mit -ei'W- 
ontgegenstehen), scheinen auf einen Schwund des palatalen Elements 
hinzudeuten, für den im heut. Pikardischen Gill.: oreille 946, oseille 
954, botiteille 164, grosseille 670 Belege bieten (vgl. auch knlle 
523, grenouille 668, maille 794, rouille 1173). Sehr unregelmäßig 
werden die Palatale wiedergegeben. Franzisches cli wird bald durch 
c, bald durch ch ausgedrückt: cascMw I. 27, chanconl. A\^ escaper 
III. 40, chiet I. 46, chanchon IV. 9, chanter IV. 7, changiS IV. 24, 
can^z'er VIII. 19, wonca/ozV XI, 1 3, esc/iäoiV XI. 27, einmal durch k: 
eskeanche II. 28; letzteres liefert den Beweis, daß es sich stets um 
phon. k handelt. In der Konjunktion (bzw. Pron.) ke (bzw. ki) steht, 
wenn sie vollständig gesetzt wird, immer k; bei den Abkürzungen 
^teht c vor a und u. ; c'a III. 40, cune IV. 26, c'tms IX. 45, vor e stets k: 
k'en und k'ele oft, vor i ebenso. Für pikardisches ch vor e und i wechseln 
gleichfalls die Schreibungen c und ch: celui I. 18, guencirsl. 11, 
c't7 oft (nie c/izV), facent II. 5, cjenV II. 13, merchier III. 29, ci'azfs 
V. 3 und öfter (nie chiaus) celers VIII. 19 (ebenso coile = celat 
VIII. 18), saciesXR. 68; für das Suifix-antia steht überall -anche. 
Lat. ^M wird etym. durch qu wiedergegeben in quier III. 32, XII 35, 
que quant XI. 7, ^m6 XII. 42, qui XII. 38. Gutturales g vor e und i 
wird durch ^ oder gh^ einmal durch gu ausgedrückt: longhement 
öfter, gille V. 30, languir II. 22; franzisches ^' durch g oder ^': ^'* 
III. 11, girai XII. 25, gent IV. 23,;Me öfter, ser^an^ XII. 15.6»; Die 
graphische Darstellung des mouillierten n ist schwankend: tesmoignage 
V. 13, ensegnie VII. 9, dengne IX. 26, Konsonantische Angleichung 
findet statt in em moi IV. 26, Dissimilation in kerroie III. 24^9). 
Der Übergangslaut fehlt in sanier XII. 15, arnenrir I. 8, tenroie III. 
42 (doch öfter samhlanche). Verflüssigung des h vor Z zu m findet 
statt in honeraulement III. 39. 

2. Der Artikel des Mask. ist li, Obl. /£, PI. les, Fem. /e, /ßs. 
Die alte Deklination ist auch im Versinnern fast völlig intakt; von 
den zwei Ausnahmen (VI. 9 und VIII. 24) ist die zweite durch mechanische 
Verschreibung zu erklären. Neben mon, son steht öfter men, sen, 
neben che öfter cou (nie chou), neben sa einmal se VIII. 24. Das 
Futur von estre lautet iere VI. 26 und öfter. Die erste Person hat 
öfter das pikardische c (bzw. ch): euc VII. 17, vauc III. 38, quic 
n. 28, seuc EX. 1, rench IX. 4, j'och X. 2, Neben perchut XII. 53 
(= 3. Ps. des passe def.) steht aperciut XII. 57 (= Part. Perf.) Der 
Konj. von aller hat nur die alte Form mit voi-: voisent XII. 18 u. ö. 
(in aille — Gillieron 30 — existieren heute noch in Pas-de-C. nur va- 
Formen). Neben öfter auftretendem Impf, auf -oie steht ose^'e IV. 21, 



*8) Sergant wurde im Pik. nach Suchier (1. c. S. 65. 66) mit gutt. y 
gesprochen. 

") Stengel verbessert krerroie-^ doch die dissimilierte Form kommt 
in pik. Texten öfter vor; vgl. van Hamel l. c S. CXLl. 



182 Johannes Spanke. 

2. Die Lieder des Oede de la Couroierie. 

Da die Handschriften, in denen uns die Lieder Oedes de la 
Couroierie überliefert sind, inbezug auf ihren Entstehungsort nicht 
näher zu bestimmen sind und in ihrer sprachlichen Gestaltung erhebliche 
Divergenzen aufweisen, sind wir zur Charakterisierung der Sprache des 
Dichters allein auf Reim und Metrum angewiesen. 

A. Die Reime. 

Die zwei wichtigen Unterschiede zwischen der Metrik Jehan's 
und Oede's, nämlich des letzteren ausgesprochene Vorliebe für den 
reichen Reim sowie der Umstand, daß er in jeder Strophe die Reime 
wechselt, machen bei einer Untersuchung seiner Sprache die Reime 
zu einer teils reicheren, teils ärmeren Fundgrube. Die Reim\vörter 
folgen in alphabetischer Anordnung'^o ) ; 

1. Der Vokal a. 

-a : 11^ fera, plera; V" aidera^ sera, fera; 

-age: I^ aage, saije, avaiUnge, asoage; 

-ance: I^ consivvance, viltan^e, enfance, amaance; 11^ desesperance. pesance. 
11''' esperance^ acointance, aiejance; IV ^ remenbrance, rccourrance^ esperance\ IIÜ 
desesperance, pesance, desirrance^ pesance; 

-aut: III ^ chantant, deschantant. 

2. Der Diphthong a«. 

-ai: 11^ verai, 7-etrerai; IP istrai, moi, amerai] 

-aindre'. 11^ complaindre. Jaindre] III^ j^laindre, faindre. graindre^ remaindre: 

-aine: JV* semaine, paine, paine; 

-aing '. IV^ mespraing, espraing ; 

ainte: IV^ complainte, tainte. 

3. Der Diphthong au. 

•auf. Fl aut, vaut. 

4. Der Vokal e. 

-e: IV '^ endure, dure; 

-ee: ir^pensee hie; 

-endre: IV'- prendre, vendre, atendre; 

-eni: /3 commencement, longuement, debonairemenl\ 11^ loiaument, viranty prent] 
11^ briement, sent; V^ autrement. alegement; 

-er: IV ^ mirüer, Jöer; 111- grever, rrever, affiner ^ alever ; /['■' contralier, 
crter; IV* consirrer^ desirrer. 

5. Der Diphthong ie. 

-ie: IV* delili^, püi^; 

-iengne: IV ^ souviengne, viengne, tieiigne; V* souviengne, preng7i6\ 
-ient: II* souvietU, esciient; V* souvient, couvicnt; 

-ier : III^ messagit-r, chier, assongier, engagier; /F' changier, dangier; IV ■^ 
essa'iier; V- esloignier, reprouvier; 
-ieve: grieve^ crieve. 



™) Die röm. Zahlen geben das Lied, die oben rechts angezeichneten 
arab. Ziffern die Strophe an, in der der Reim auftritt. 



Die Gedichte Jehan's de Renti und Oede's de la Couroierie. 183 

6. Der Vokal i. 

-i: 11" di\ oubliy II; 

-in I^ regehir, soujf'rir, morir; III^ tenir, venir, avenir, maintenir: IV* 
veriir, Souvenir; V- cotisentir, sentir, repentir; 

-Ire: V^ martire, souspire, martire; 

-is: I^ prisj apris, a pris; V* pramis. amis, 7nis ; 

■isei H'^ faintise, devise, Jusiise ; 

-ivre; I'^ vivre, delivre, livre, ivre; 

-ie! 11^ vilanie^ servies, vie; 11^ amie ftlonif^ 111" amie, prie, iv'e, contralie; 
V^ enviCj amie, amie; V- amie, mie, oublie; V^ lie, compnignie^ departie; V^ amie 
mie, onie, servie^ mie. 

7. Der Vokal o. 

-on: IT^ no7i, gerison; IV^ mesprison, prison\ 
-ont: IP semont, fönt, on<; 
-ors : IV^ amors^ ciamors. 

8. Der Diphthong oi. 

-oie: Jl* pori'oie, j'oie; 111- plorroie. j'oie, joie. guerroie: Hl* foie, gardoie, 
essaient^ lessoie; V^ j'oie, ai'oie; V- guerroie, joie; 
-oifit: IV* poini, point; 
-oir: V^ povoir, apercevoir; 
-Ott: IV* sai-roit, avroit. 

9. Der Vokal n. 

-W. 11^ aiendu, rendu^ tendu; 111^ aiendu, rendu, vendii, dej/endu; 111* aperceii, 
meu, mescheu, recreu; IV^ tenu. venu; V^ cre'u, eu, neu; 
-ue: 11^ ague, remue; II* ette, tresue, tue. 

Zur Lautlehre. 

1. a{e) -\- Nasal. Unter den 17 Reimwörteru auf -ance befindet 
sich keins mit franzischem ch ; alle enden auf das Suffix -ance. Das 
Fehlen jener „Zwitterreime" bildet einen Beweis ex silentio dafür, 
daß Oede kein Pikarde war (vgl. oben). Einen direkten Beweis 
hierfür bietet der Reim IP loiaument: vivant. Die Reimwörter 
auf -ient, unter denen sich auch escient (also = esciient) befindet, 
werden stets von denen auf -ent geschieden. Auf -iengne, einen von 
den afrz. Lyrikern äußerst selten angewandten Reim, reimt auchprengne; 
hieraus geht hervor, daß in der Sprache Oede's (b -f- palatal. Nasal 
nicht mit a -f- pal. Nasal zusammenfiel (wie oft in pik. Texten;"') 
anders l -}- einf. Nasal (s. o.). Mit souvient reimt (reich) couvient V*. 

2. Die ai- und oi -Reime. Den Zusamraenfall von ei und ai 
vor n zeigen die Reime plaindre: faindre lU^, complainte: tainte 
IV 3, semaine: paineVf^. Die Erscheinung tritt nicht nurinpikardischen, 
sondern auch in zentralen Texten auf, z. B. bei Gace Brüle (s. Huet 
S. LIII), Rutebeuf: saine : plaine (Ausg. von Kreßner S. 27)^2) 
Der offenbar reiche Reim esmoier: essaier beweist über die Qualität 
des ai nichts, da sowohl das Franzische als das Pikardische die 
Formen esmoier und esrnaier, wie esmoi und esmai nebeneinander 
besaß (s. oben). Das Zusammenfallen von lat. g -j- epentli. i und 



") z. B. bei Blondel de Nesle, vgl Wiese S. 91. 
'^ Vgl. auch Rofsmann in Rom. Forsch. I. S. 161. 



184 Johannes Spanke. 

e -j- ep. i bezeugt der Reim joie: gardoie III"*. Näheren Aufschluß 
über die Aussprache dieses oi erteilen zunächst die Reime moi: is- 
trai II 2 und joie: gardoie: essaient: lessoie III 4. Daß hier der 
nach Suchier (Afrz. Gr. S. 49) anglonormannische''3) Übergang von 
oi zu ai vorliege, ist kaum anzunehmen. Jedenfalls deutet der Reim 
zunächst darauf hin, daß ai zu t^ geworden war, eine Erscheinung, 
die direkt gegen die pik. Herkunft des Dichters spricht (vgl. oben). 
Für gardoie, lessoie kommen zwei Aussprachen in Betracht: 
1. die des Vulgärpariserischen, in dem für oi in den Fällen, in denen 
heute e gesprochen wird, schon am Ende des 13. Jhs. diese Aus- 
sprache bestand '^^), 2, die allgemein franzische auf Of'., für die aus 
dieser Zeit zahlreiche Belege vorliegen. ^4) Daß nun Oede in den 
beiden Wörtern oe aussprach, geht daraus hervor, daß sie mit joie 
reimen, das natürlich nie mit einfachem c gesprochen wurde '^4). Das 
Gleiche gilt von moi in dem zitierten Reime. Einen schlagenden Beweis 
für den Wandel von -oir zu -o^r liefert ferner der offenbar reiche 
Reim miroer: joer (IV 2; die Handschriften schreiben miroer und 
mireoir). Allerdings bringt die durchs Metrum gesicherte Drei- 
silbigkeit von miröer eine gew. Schwierigkeit mit sich. Um diese zu 
erklären, ist wohl auszugehen von der Schwierigkeit, welche die Aus- 
sprache von mireoir (^ *miratorium) machte und die zu verschiedenen 
von Godefroy belegten Entstellungen führte: '^5) mirreur (Ph. de Thaon), 
merur (Horu), miroier (Gautier de Coinci), mirouoir (Rose), miraor 
(Ph. de Blois) und anderes; auch zweisilbiges miroir ist mehrfach belegt, 
von dem jedoch unsere Form wegen ihrer Dreisilbigkeit fernzuhalten 
ist. Jedenfalls wurde nun in der Endung -eoir das Hiatus -e an oi 
zu p angeglichen; vgl. das zitierte mirouoir und Formen wie pöon^ 
pöoir^ henöoit (Aue. u. Nie. 16. 2). Unsere Schreibung miröer ist daher 
entweder als Haplographie für miröoer aufzufassen (v<:l. Schreibungen 
wie prier, essaier für priier, essaiier) oder als Ausfluß der lautlichen 
Vereinfachung von öoe zu ö/, das natürlich stets zweisilbig blieb. 

3. -er, -ier und -i(^. Von der dritten Strophe der Ch. IV treten 
nebeneinander die beiden Reimpaare cr'ier: contraller und esmoier: 
essaier auf. Vielleicht hat hier der Dichter den leoninischen Reim 
zur Grundlage für die durch das angewandte Strophenschema geforderte 
Differenzierung zwischen den beiden Reimpaaren gemacht. '^6) Es ist 
daher durch diesen Reim nicht festzustellen, ob in beiden Paaren ein 
-er-Reim oder ein -igr-Reim, oder ob in dem einen ein -gr-Reim 



^3) Andprs Rofsmann, l. c S. 160, der mai als eine Übergangsstufe von 
mei zu moi betrachtet. 

'^) s. Suchier l c S. 51. 

") Es ist kaum anzunehmen, dafs hier allein dialektische Einflüsse 
vorliegen. 

■'ß) Eine ähnliche ansrheinende Verletzung des Strophenschemas liegt 
vor in V^. Doch hier hat Oede vielleicht den reichen Reim dazu benutzt, 
um die beiden ersten Reimwörter (a) von den 3 übrigen zu nnterscheiden (a^). 



Die Gedichte Jehans de Renti und Oede''s de la Couroierie. 185 

imd in dem andern ein -ier-Jieim zu erblicken ist. — Der Reim 
sichert die Form piiie. — Die Bindung von consirer und desirer 
Y^'^ (die Hss. haben consierrer, consievrer, consievrrer) scheint bei 
der Vorliebe des Dichters für leoninische Reime die Aussprache con- 
drer zu sichern. Die Herkunft von consivrer etc. ist noch unauf- 
geklärt; vielleicht ist eine infolge der doppelten Bedeutung des Wortes 
(1. betrachten, 2. vermissen, entbehren 'i'^) entstandene, event. nur graphische 
volksetymologische Zusammenwürfelung von considerare und separare 
anzunehmen („Wortkreuzung"): die Anmerkung Bergers (1. c. S. 441), 
der die Heranziehung von separare „ungeheuerlich" nennt, fördert die 
Herleitung der Form nicht; daß sich aus considerare lautgesetzlich 
nie consivrer etc. entwickeln konnte, beweist schon der Umstand, daß 
bei desirer ähnliche Nebenformen nirgends vorhanden sind. "'S) Vgl. 
consivrance I. 1. 

4. -i, -ie. Unter den Reimwörtern auf -is und -ir befinden sich 
keine auf -uis und -uir. Die Endung -is hat überall echtes s; pris 
(I2r=rpretium) bildet keine Aufnahme, da schon früh pris und priz 
nebeneinander vorkommen. ''9) Pn's steht selten im Reime; doch läßt 
sich die von Steffens (1. c. S. 171) aufgestellte Liste leicht vermehren ^t)). 
Unter den 22 ie- Reimwörtern hat keines aus iee entstandenes ie. 
Der Reim vie: servies zeigt, daß das Schluß-s verstummt war. 

5. -ors. Nur ciamors und amors kommen vor. S. oben. 

Zur Formenlehre, 
Die Zerrüttung der alten Deklination bezeugen vier Fälle (Nom. 
Masc. Sing.) sage l. 17, ivre I. 13, atendu II. 22, rendu II. 24. 
Der Reim sichert ferner den Komparativ ^razWr^, III. 18, sowie den 
Obl. li von eile. Die 1. Pers. Sing. Pr. der Verben auf -er hat ana- 
logisches e in folgenden Fällen: hee H. 13, prie III. 35, souspire 
V. 27, tresüe II. 37. Das Futur von estre lautet sera., die 3. Ps. 
(oni. Pr. von aller — aut V. 8, der Imperativ von dire — di II. 42. Die 
Imperfekte gardoie, lessoie reimen mit joie III'*. Durch den (reiclien) 
Reim in Verbindung mit der Silbenzähluiig werden die alten Part. 
Pf. gesichert: aperem, meu (zu mouvoir), mescheu, recreu IH'*, 
creu, eu, neu (zu nuisir) V 3. Das Part. Perf. zu promettre heißt pramis 
(:amis) V. 32. Der Infinitiv remauere lautet remaindre; Schwan 
Afrz. Gr. 6 S. 229. schreibt die Form dem Westen und Franzien zu. 

Zur Syntax. 
Das mit avoir verbundene Part. Perf. stimmt entweder mit seinem 
direkten Objekt überein: servies II. 7, oder nicht: eu V. 24. 



'') S. G. Paris, Alexis S. 184. 

'^) Berger behauptet dafs die Formen pikardisch seien; doch sie stehen 
Ott gerade in Hs., die sonst fa>t keine Pikardismen zeigen, wie z. B. unsere Hss. 

'9) S. Mussafia in Ho. XVIlI. S. 549. 

^) Aufser unserer Stelle z. ß. noch Gillebert de Berneville (ed. Waitz) 
X. 6. 6; Raynaud, Bec. de Mot. II. S. 73 Vers 6; S. 123 Vers 2. 



186 Johannes Spanke. 

B. Die Silbenzählung. 

1. Elision findet statt außer in den gewohnten Fällen einmal 
bei si (sie) : s'a^ III, 19 und einmal bei qui: qu'eschapez IV. 40*'^). 
Enklise zeigt ei {en le) II. 27. Als Hiatfall ist zu bemerken que il 
IV, 35; Hiat im Wortinnern haben: amäance I. 6, üage I. 15, asöage 
I. 20, eue IL 36, träi III. 27, miröei': jüer \N~, resjöir: jöir: vir 
V^ Einmal findet sich verai (l. 8), kein vrai. 

2. Zur Formenlehre: Das Fem. der lat. 3. Deklination hat 
überall die alte Form bewahrt: grant (Fem.) I. 1, III. 1. u. ö.; tel 
doleur I, 7, grief petisee II. 11; vgl. ferner loiaument II. 32, bri- 
ement II, 48. Der Nom. homo lautet hotis II. 32. Neben öfter auf- 
tretendem vostre kommt vo, vos nicht vor; öfter steht jedoch el neben 
ele: qu'el I. 1 1 ; I. 20 quele und quel nebeneinander; el III. 29 
etc. Die e-lose Form der 1. Ps. Sing. Pr. der Verben auf -er, die 
im Reim fehlt, wird oft durchs Metrum gesichert: poiirpens I. 17^ 
souspir II. 37, chant III. 9, pri IV. 35, cri V. 16, be III. 24 u. a. 
Neben sei^a kommen die von ero abgeleiteten Formen nicht vor. Die 
pikardischen erweiterten Futurformen kommen nicht vor; vgl. avra I. 
18, n. 17; avrai III. 28, devroit III. 31, savroit IV. 43, avroit IV. 
44. Lat. debuisset, habuisset ergeben deust IV. 9 uud Sust IV. 18. 



Auf die Orthographie der einzelnen Handschriften, die stark unter 
sich abweichen, kann hier nicht näher eingegangen werden. Der 
kritische Apparat enthält alle Varianten, auch die orthographischen. 

Der Versuch, den Dialekt Oedes auf Grund vorstehender Tat- 
sachen näher zu lokalisieren, führt, wie teils schon angedeutet wurde, 
zu keinem Resultate. Die bei ihm beobachteten sprachlichen Er- 
scheinungen entsprechen lediglich dem Zentrum oder vielmehr der 
am Ende des 13. Jhs. schon weit verbreiteten xoivr^ (deren Einflüsse 
wir auch bei Jehan de Renti beobachteten). Sie stimmen jedoch mit 
der oben über seine Herkunft gemachten Angabe insofern über- 
ein, als sie teils positiv, teils negativ das pikardische Gebiet aus- 
schließen; folgende Zusammenstellung möge dies kurz beleuchten: 

I. direkt gegen seine pik. Herkunft sprechen: 

1. die Reime istrai: moi, essaient: lessoie, niiroer: joer. 

2. die Bindung von -ant und -ent., 

3. die Form remaindre\ 

II. indirekt das Fehlen folgender in pik. Texten sehr häufigen 
Erscheinungen.: 

1. des Reimes anche: ance (antia), 

2. des Reimes -is: -iz, 

*i) qu'eschapez ist allerdings Konjektur für überliefertes sinnloses eszcAa/^es. 



Die Gedichte Jehaiis de Renti und, Oede's de la Couvoierie. 187 

3. der Form vo =■ votre, 

4. der erweiterten Futurforraen {averai etc.), 

5. der Endung te = iee. 

IV. Metrisches. 

1. Die Lieder Jehan's de Renti. 
A. Der Vers. 

1. Die vorkommenden Versarten: a) Cäsurlose Kurz- 
verse: Es treten Achtsilbner auf in I. IV, V. VIII. und X.; die 
beiden letztgenannten Lieder bestehen nur aus Achtsilbnern, in den 
übrigen finden sie sich im Abgesang. Die Siebensilbuer sind die am 
häufigsten von Jehan angewandte Versart. Sie bilden die ganze Strophe 
in VI und VU, den Strophengrundstock in II. IIL XII, treten im 
Stropheninnern neben anderen Versarten auf in I und X. Der Sechs- 
silbner findet sich nur in dem Refrain von III: et tout vestu d''amours. 
Obwohl diese Versart in der altfrz. Lyrik nicht häufig ist, dürfte die 
Änderung des Verses in einen Fünfsilbner, wie sie Stengel ^2j durch 
Streichung von et vorgenommen hat, bei der vorzüglichen handschrift- 
lichen Überlieferung der Lieder Jehans nicht geboten erscheinen. 
Sechssilbner finden sich z. B. bei Perrin von Angicourt (s. Steffens 
S. 121) und Conon de Bethune (Wallensköld S. 111). Fünfsilbner 
kommen nur als Übergangsverse vor; so in III zwischen Strophen- 
grundstock und Refrain (als Teil des ersteren), in X als rims estramps 
zwischen Stollen und Abgesang. Ebenso der Viersilbner: in II als 
erster Vers des Refrains und in IV als erster Vers des Abgesangs. 

b) Langverse: Zehnsilbner treten auf in der isometrisch gebauten 
Ch. XI, neben anderen Versarten in I. IV und V; Zwölfsilbner als 
Refrainverse in der Chanson avec des refrains X und als fioritura 
musicale in XII: Sus sus au virellin, sus sus au virelai, der 
Elfsilbner in dem wiederkehrenden Refrain von II. 

2) Die Cäsur: die Kurzverse entbehren, wie gewöhnlich, einer 
Cäsur nach der Definition Toblers^^), Die Zehnsilbner haben meist 
die in der Lyrik übliche Cäsur nach der vierten, betonten Silbe, die 
ein Wort schließt bez. bildet; Elision der fünften Silbe bei weiblicher 
Cäsur findet statt: 

I. 43 Di li k'il serv\e^mours en bon estage. 

V. 16 C^autrement don\eAl fait trop graut folour. 

V. 31 Che voit on or\e avenir cascun jour. 

Oft tritt die lyrische Cäsur auf: 

I. 34 Ki se painent des vrais amans träir. 



82) S. Noack l. c. S. 117. 

83) Versbau* S. 93. 



188 Johannes Spanke. 

IV. 2 Of ni'en done voloir novelement. 

„ 28 ßone dame, quant je puis remirer. 

„ 37 J^n vos dame, la u grans Mens apent. 

„ 40 Ke vos puisse servir entirement. 

„ 47 A ma dame ki est de grant renon. 

V. 8 Ki ne sevent trover ne ke pastour. 
„ 18 Ke ma dame ki in''a en sa prison. 

„ 27 SHl nest dignes, kHl se j^f^ist bien roster. 
„ 33 Se ma dame ne nie veut onhlier. 
XL 2 J''arai joie, je le sai vraiement. 
„ 15 Mais il mentent : amours n'est inie sure; 
„ 13 Ke je mete amours en noncaloir. 
„ 30 Dont je naie tres eitlere la pointure. 
„ 39 Car ki aime dame de grant mesure. 
Epische Cäsur zeigen die Verse: 

I. 33 Or poront dire li felon piain de rage. 

IV, 44 Ae je riavroie ja mais enteniion. 

V. 23 Se je sui dignes de rechevoir s'amour. 
„ 35 Mie.v ne puis faire ke de li honer er ^^). 

Diese mehrfache Anwenrlung der im Allgemeinen von den altfrz. 
Lyrikern gemiedenen epischen Cäsur stellt entweder eine metrische 
Nachlässigkeit unseres Dichters oder ein volkstümliches Element oder 
vielleicht beides dar. Von Noten sind in der Handschrift nur die 
beiden Lieder IV und VI begleitet. Die Cäsur nach der fünften 
betonten Silbe zeigt nur der Vers: 

XI. 8 Pitts Voublie tost et legierement. 
Cäsurlos sind die Verse: 

IV. 9 Ke je fac par sa volente chanchon. 
„ 22 Vostre amours ma travellie si griement. 
Die Cäsur der übrigen, vereinzelt in Refrains auftretenden Langverse 
ist, wie meist in Refrainversen, unregelmäßig. 

B. Strophe und Reim. 
1. Die refrainlosen Lieder: 

a) in isometrisch gebauten Strophen. Aus Sieben- 
silbnern bestehen: 

VI: a b a b c'' c" d d (5 Str.) und 
Vn: a" b a" b a" a" b a" (3 Str.), 
Aus Achtsilbnern: 

Vm: a b a b c c d^ d" (3 Str.) und 
EX: ababbccdd; 5 Str. -|- Geleit : b c c d d. 



84) Das in der Hs. überlieferte hontr (wohl für honer) ist mit Sicher- 
heit in honerer zu verbessern. 



Die Gedichte Jehans de Renti und Oede's de la Couroierie. 189 

Aus Zehnsilbnern: 

XI: a b a b a c" c" b (5 Str.). 
b) in metabolisch gebauten Strophen: 

I: a (10") b (10) a b c (7) c d f8) d; 6 Strophen, von 
denen die letzte das Geleit bildet. 

IV: a (10) b (10) a b b' (8) c (4) c' (8) d (10) d; 5 Str.H- 
Geleit c c' d d. 

V: a (10) b (10) a b c (8) c' (10") d (10) d (5 Str.) 

2. Die Refraiulieder: 
a) mit wiederkehrendem Refrain (eh. ä refrains): 
Nr. 11; der Refrain steht formell weder durch den Reim noch 
durch die Silbenzahl in Beziehung zu dem aus Siebensilbnern bestehenden, 
isometrisch gebauten Strophengrundstock: 

a b" a b" c c -f- Re^- d (4) d^ (11); das Lied hat 5 Strophen. 

Nr. ni: auch in diesem Liede besteht der Strophengrundstock 
aus Siebensilbnern mit Ausnahme des letzten Verses, der nicht nur durch 
seine Silbenzahl, sondern auch durch seinen Reim zum Refrain 
überleitet: 

a b a b c" c d (5) + Refr. d^ (7) e (6). 

Das Lied hat gleichfalls 5 Strophen. In beiden Liedern steht der 
Inhalt des Refrains in engster Beziehuug zum Inhalt der einzelnen 
Strophen. Gleichwohl sind die Refrains höchstwahrscheinlich, wie 
häufig, aus fremden Liedern, die nach Jeanroy meist Tanzlieder sind, 
entlehnt. Zu dem Refrain von 11: 

K^il est ensi 
Ke ja ferne rtarnera sen vrai ami. 

vergleiche Raynaud, Rec. de Mot. I Nr. 127 Vers 7 ff.: 

S'ai trove . . . 
Que ja ferne namera 
Celui qui en loiaute 
La servira. 
Den Refrain von II: 

J'ai euer mignot et joli 
Et totit vestu d'amours. 
ist mir nirgends aufzufinden gelungen. 

Nr. XII. (die Pastorelle): der Strophengrundstock besteht aus 
Siebensilbnern; der Refrain ist eine sogenannte Fioritura musicale: 
Sus sus au virellin, sus sus au virelai. Er wird zu ersterem 
formell dadurch in enge Beziehung gebracht, daß der letzte Vers 
jeder Strophe auf das Wort virelai endet: 

a" b" a" b" c c d c d (virelai) -[- Refr. d^ (12). 



190 Johannes Spanke. 

Das Lied hat sieben Strophen. 

b) der Refrain wechselt mit jeder Stroiihe (Ch 
avec des refrai ns): 

Nr. X: a (7) b (7'^) a b c (5) d (7^) d e (5) + Refr. ei (12); 
5 Str. -{- Geleit: c d d e e^. Der Refrain ist hier durch Reim und 
Silbenzahl (Übergangsvers) zum Strophengrundstock in Beziehung 
gebracht. Die Refrains kennzeichnen sich als solche, d. h. als Bruch- 
stücke anderer Lieder durch ihre die übrigen Verse fast ums doppelte 
übertreffende Länge sowie ihren Sentenzen- oder ausrufsartigeu 
Charakter. Verschiedene von ihnen lassen sich, ohne daß der 
gedankliche Zusammenhang des Liedes gestört wird, herausnehmen. 
Anderseits sind sie formell dadurch besonders innig mit dem Ganzen 
verbunden, daß jede Strophe mit dem Worte beginnt, mit dem die 
vorhergehende, d. h. deren Refrain geschlossen hatte. In kausalen 
Zusammenhang mit der Entnahme der Refrains aus fremden Liedern 
ist sicher der Umstand zu bringen, daß die beiden letzten Verse 
(e und ei) ihren Reim in jeder Strophe verändern, während die Reime 
der übrigen Verse wie auch die aller übrigen Lieder durch alle 
Strophen die gleichen sind. — Die Anzahl der bekannten Chansons 
avec des refrains ist nicht besonders groß: sie beträgt nach Raynaud's 
Liste, vermehrt um die Zusätze Jeanroy's und Noack's 75 Lieder, 
eine Zahl, die sich jedoch wahrscheinlich vermehren ließe. Manche 
von ihnen zeigen die Eigenart, daß die Refrains, die, wie aus ihrem 
Wesen hervorgeht, einer regelmäßigen Cäsur entbehren, auch in Bezug 
auf ihre Silbenzahl in den einzelnen Strophen wechseln '^S). Jedenfalls 
war unser Dichter bestrebt, die aus fremden Liedern entlehnten Stücke 
dem Versmaß des eigenen Liedes soweit wie möglich anzupassen: die 
Refrains aller Strophen, mit Ausnahme der dritten, sind Zwölfsilbner. 
Daß hier daher eine handschriftliche Verderbnis vorliege, hat Stengel 
richtig vermutet. Er ergänzt: 

Je ne puis [gaires] ensi vivre longhement. 

Da nun das Wort gaires weder bei Jehan de R. vorkommt noch 
auch den übrigen pikardischen Dichtern geläufig gewesen zu sein 
scheint, auch den Ausdruck recht matt macht, habe ich ergänzt: 
[Dame], je ne puis . . . Hat doch nachweislich Jehan in einem 
andern Refrain, dem der Str. 5 desselben Liedes, dasselbe Wort da- 
zu verwandt, aus zwei zusammengekoppelten Fünfsilbnern einen Zwölf- 
silbner zu machen: 

Dame, fatendrai dehonerement merci; 
vgl. Raynaud I. c. I. Nr. 14 Vers 16 ff.: 

Deboinerement 

Atendrai merci. 



^^) Z. B. Lieder des Perrin von Angicourt. 



Die Gedichte Jehans de Renti und Oede's de la Couroierie. 191 

Eine Uuregelmäßigkeit bietet auch der letzte Vers des Envois des- 
selben Liedes. Da er sowohl an Inhalt als durch seine Stellung den 
Refrains der übrigen Strophen entspricht, und Jehan alle Envois 
genau nach dem Metrum der ihnen entsprechenden letzten Strophen- 
verse baute, sollte mau einen Zwölfsilbner erwarten. Es dürfte da- 
her auch hier eine Änderung des überlieferten Neunsilbners vorzu- 
nehmen sein. Wie sie zu geschehen habe, s. in den textkritischen 
Anmerkungen. — Auch diese ziemlich ausgedehnte Verwendung des 
Refrains, der sich nur in den aus Kurzversen bestehenden Gedichten 
findet, trägt einen volkstümlichen Zug. Ob freilich die einzelnen 
Refrains in der Regel aus den fürs Volk geschriebenen oder volks- 
tümlich gewordenen Liedern oder auch aus Kunstliedern entnommen 
wurden, ist zweifelhaft 86). 

3. Der Reim. 

Schon erwähnt wurde das Auftreten von rims estramps in X, 
d. h. von Versen, deren Reim, in jeder Strophe nur einmal vorkommend, 
in allen Strophen an der entsprechenden Stelle wiederkehrt. Die 
Entstehung dieser „Körner" ist nach Stengel §'?) oft auf ältere Refrain- 
worte zurückzuführen; vielleicht ist es kein Zufall, daß Jehan sie 
gerade in einer Chanson avec des refrains angewandt hat. Es ist 
zu bemerken, daß die Strophen dieses Liedes neunzeilig sind, während 
nach Stengel {l. c.) verschiedene der von ihm zitierten „Körner'^ 
enthaltenden Lieder Strophen haben, die nie über acht (und nie unter 
sechs) Verse aufweisen. Eine Assonanz statt des Reims findet sich 
vielleicht (s. oben) in: atarge : nage X. 4. Reiche Reime (nach Toblers 
Definition) hat Jehan ziemlich oft verwandt: 

signorage : ouvrage P, sage : usage 1% rage : corage P, voellanche : 
vaülanche VP, brauche : remenbranche X^, grietS : verite I-, fausete : 
viuU 16, sante : grieU VII?', Reim Wörter auf -ment II 2, IH, IX 3, XL-, 
durer : desesperer III 2, legier : dangier VIII '-, derves : provh VIII 3, 
ensegnie : garnie VII^, savoir : esmovoir IX i, rechevoir : avoir IX.^, 
valour : foloiir V^, estour : tour P, ravoie : voie IIP. In unsern 
Liedern auftretende leoninische Reime (nach Toblers Definition) sind 
folgende: bonte: conteNW-. ^scÄapt^'; a^rape 1 3, Reimwörter auf -ement 
11 ■^, IIP, IV 2, IX 4, XII, XI 4, sentir : mentir II i, guerroie : kerroie IIP, 
prison : träison IV 2^ aservir : servir II ^, vielleicht auch esragii : 
atargie IV ^ und Geleit. Der Dichter hat das Prinzip befolgt, in 
einem und demselben Liede nie dasselbe Wort im Reime zweimal zu 
gebrauchen. Homonyme Reime liegen vor in: mire (medicus): mire 
(3. Ps. S. V. medico) VIII^ und moie (mea): ?7ioie (audiat) IIP. 



»«) Vgl. Schultz-Gora, Zn-ei afrz. Dichtungen 1899. S. 15 ff. 
8') S. Gröbers Grundrifs II. 1. S. 83. 



192 Johannes Spanke. 

2. Die Lieder des Ocde de la Couroierie. 
A. Der Vers. 

1. Kurzverse: An Kurzversen verwendet Oede nur Sieben- 
silbner (im Abgcsang von II und V) und Viersilbner (als Übergangs- 
verse von Zehn- zu Siebensilbnern in II und V). 

2. Langverse: Der einzige von Oede angewandte Langvers 
ist der Zehnsilbner, der die Lieder I. III. IV ausschlitßlich, VI und 
V in Verbindung mit den genannten Kurzversen zusammensetzt. 
Besondere Erwähnung verdienen die Zehnsilbner von I. Sie haben 
die Cäsur nach der fünften betonten Silbe — mit Elision der sechsten 
Silbe in V. 9: bien voi que ma ddtn\e_en trop gros Va pris. Der 
Vers zerfällt durch diese Cäsur in zwei gleiclie Hälften und erhält 
dadurch ein von dem gewöhnlichen lyrischen Zehnsilbner völlig ver- 
schiedenes Gepräge. Unter den von Tobler (/. c. S. 102) angeführten 
Beispielen für diese in der altfrz. Lyrik recht seltene Versait sind 
mindestens sechs volkstümlichen Charakters: eine von Tobler selbst 
als volkstümlich bezeichnete Romanze sowie fünf balletes der Douce- 
Handschrift. Außer in I findet sich ein solcher Zehnsilbner verstreut 
in IV 33: Mes s'ensi Mau cors ne trouvoit pitie^^). Die in den 
andern Liedern von Oede angewandten Zehnsilbner zeigen meist die 
gewöhnliche Cäsur; Verschleifuiig der fünften Silbe liegt vor in II. 14: 
Par sa franchis\e_^aii grani merci de moi. Die lyrische Cäsur 
zeigen die Verse: 

in. 5 iV'a la joie ne cuit ja avenir. 

„ 11 Quant me voient clianter et mener joie. 

„ 12 I)o7it leur fuz je les cuers de duel crever. 

„ 13 Oest Ja guerre gut ne puet affiner. 

IV. 19 Franclie dame, bien voi que je mespraing. 

„ 27 Par den, dame, fort niest a consirrer. 

„ 34 Je diroie que il n'en seroit point. 

V. 11 31es cuers aime cele qui me guerroie. 

Die epische Cäsur hat Oede in den überlieferten Liedern vermieden. 
Weibliche Cä^ur mit betonter vierter Silbe und mit um eine Silbe 
verkürztem zweiten Versgliede hat der Vers IV. 16: 

Mes se ma dame daignoit souvenir^^). 

B, Strophe und Reim. 

1. Der Strophenbau: a) Isometrisch gebaute Lieder 
sind I, III und IV. Alle drei Lieder bestehen aus Zchnsilbnern und 
haben den Aufge-ang abab; sie unterscheiden sich im Bau nur durch 
den Abgesang. Das Schema der einzelnen Lieder ist folgendes: 



*8) Das überlieferte trouvoie mnfs zu trouvoit geändert werden. 
89) Tobler /. c S. 99 fafst derartige Verse als cäsurlos auf. 



Die Gedichte Jehayis de Hetdi und Oede's de la Coiiroierie. 193 

I: a" b a" b a" a" b. 
III: a" b a" b b a"" b a". 
IV: a b"" a b"" b"" c c d d. 

b) Metabolisch gebaute Strophen haben die Lieder II 
und V, Beide zeigen den gleichen Aufbau: 

a (10 ) b (10) a b b c (10^) c d (4) d' (7) c' (7). 

Die Gleichheit im Aufbau der beiden Lieder braucht, obwohl bekannt- 
lich die altfranzösischen Lyriker in der Regel vermieden, zweien ihrer 
Lieder den gleichen Aufbau zu geben, nicht als Beweis für die 
ünechtheit eines der beiden Lieder betrachtet zu ^Yerden. Wie 
Wallensköld /. c. S. 117 bemerkt, unterscheiden sich mehrere im 
strophischen Aufbau gleiche Gedichte des Conon de Bethune durch 
die verschiedene Behandlung des Reimes. No. 11 ist, gleich den 
isometrisch gebauten Liedern, nicht durchgereimt. Offenbar hat 
Oede in No. V wenigstens den Vorsatz gehabt, das Lied durchzureimen ; 
doch dieser Vorsatz scheiterte schon am Ende der zweiten Strophe 
an der Schwierigkeit, ein Reimwort auf -aut zu finden, und der 
Dichter führte das Lied in der bequemeren Form zu Ende. — Alle 
Lieder außer I haben fünf Strophen, von denen die letzte das sich 
meist an die dajne richtende Geleit bildet 90). "Wie oben gezeigt 
wurde, hat das dreistrophige Lied I. vielleicht durch schlechte Über- 
lieferung die zwei letzten Strophen verloren. 

2. Der Reim. Wie schon erwähnt wurde, wechseln die Reime mit 
jeder Strophe. Über die Vorliebe des Dichters für reiche und leoninische 
Reime sowie verschiedene Künsteleien, in denen er sich gefällt, gibt 
das Rimarium Auskunft. Manchmal ist allerdings nicht recht klar, 
ob sie Produkt seiner Absicht oder seiner Armut an Reira- 
wörtern waren. Letztere war jedenfalls die Ursache, daß er öfter in 
einer und derselben Strophe dasselbe Wort zweimal im Reime 
gebrauchte, ohne es, wie die afrz. Lyriker in der Regel taten, durch 
eine doppelte Bedeutungsnüance zu differenzieren. Oede folgt dieser 
Regel wenigstens in drei Fällem: 

IV 4 paine (Subst.): paine (Verb), 

ib. point (Neg.-Part.): point (Subst.), 
12 Va pris (Verb): apris: a pris (pretium). 

Eine solche Bedentungsverschiedenheit läßt sich jedoch nicht er- 
kennen in: jjji pgsance: pesance, 

Iir- joie: joie, 

V^ mamie: ni'amie, 

V^ mie: mie, 

V "^ rnartire : martire. 



^°) Alle Envois beginnen — ein Zeichen für das beschränkte poetisclie 
Vermögen Oede's — mit der Phrase: Chanson va fent. 

Ztschr. f. frz. Spr. u. Litt. XXXU'. 13 



194 Joliannes Spanke. 

In allen diesen Fällen sind allerdings die gleichen Reimwörter durch 
mindestens zwei Verse getrennt. — Zu erwähnen ist noch, daß in 
Ch. I die Strophen II und III mit dem letzten Worte der vorher- 
gehenden Strophen beginnen, ebenso vereinzelt die vierte Strophe 
von Ch. III. 

V. Die Texte. 

1. Die Lieder des Jehan de Renti. 
I. 
Raynaud No. 28; Hs. fol. 173, 

I. Kl n'averoit hone amour fait hommage 

Et son pooir mis tout en li servir, 
Ja ue saroit, je croi, en son eage 
4 Comment on puet chancon ne chant furnir. 

Pour cou m'en a sens done 
Amours c'a sa volente 
La serf et port ma dame honour 
8 Sans poiut amenrir sa volour. 

II. Cil a le euer et felon et salvage 
Ki vers amours ne se veut obeir, 

N'i vaut guencirs ne volentes ombrage, 
12 Car devant li ne puet nus hom fuir; 

Cil ki plus foat l'eschape 
Sunt li Premier atrape 
Et U plus tost pris en l'estour, 
Ib Quant amors fait vers aus sen tour. 

III. Puisc' amours est de si grant signorage 
Ke celui euer ke ja le seut häir 

Fait desirer k'i puist par bon ouvrage 
20 Le riebe don avoir et recuellir 

K'ele done au bieii sene, 
On deveroit en bon gre 
Proier pour chiaus et nuit et jour 
24 Ki vivent en son gent labour. 

IV. Bone amours est, dame, maistresse sage 
Ki vrais amans set saner et garir; 

Je proi cascun kMl laist sen fol usage 
28 Et k'il s'e.-ploit k'il i puist avenir; 

Nus ne le laist pour griete, 
Car je sai par verite 
Ke eil n'a de nul bien savour 
32 Ki ne sent sa douche langour. 

19 fait delurer (in rasura) ki puis . . . Hs. 23 chiaus nuit; 



Die Gedichte Jehans de Renti und Oede's de la Couroierie. irTj 

V, Or poront dire li feloii piain de rage 

Ki se painent des vrais amans träir 
Ke je n'aini point pour che ke men corage 
36 N'ai descovert en mon cortois desir; 

Mais j'ai cele men pense 
Por che ke je voi torne 
Le siecle a si grande folour 
40 Ke li pluisour heent amour. 

VI. Chancen, va t'ent et si fai mon message 

Au chastelain ki Biaumes doit tenir, 
Di li k'il serve araours en bon estage 
44 Et k'il n'ait ja volente d'acomplir 

Sen desir par fausete, 
Car eil chiet en grant viute 
Ki par parier a fause odour 
48 Fait ke sa danie a deshonour. 



IL 

Rayn. No. 662; Hs. fol. 172 yO. 

I. N'est pas sages qui emprent 
A amer en esperanche 

KMl ait ja alegement 
4 De dolour ne de grevanche 

C'amours li facent sentir, 
Se che n'est par bien mentir; 
K'il est ensi 
8 Ke ja feme n'amera sen vrai anii. 

II. Je cuidai premierement, 
Quant je amai en m'enfanche 
Ke pour amer loiaument 

12 Pleusse a la bele franche 

Et ke me vausist cierir; 

Mais a che ne puis venir; 

K'il est ensi 

16 Ke ja feme n'amera sen vrai ami. 

HI. Amers ne me vaut noient, 

Car mis m'a en oublianche 
Cele qui m'art et esprent; 
20 Grans anuis et mescheance 

Li pulst awan avenir; 
Lie est ke me fait languir. 
K'il est ensi 
24 Ke ja feme n'amera sen vrai ami. 

35 k je; nach k ist ein Buchstabe ausradiert. 



13* 



196 JoltLuines Spanke. 

IV. J'ai servi si longhement 

Ell pardon et ea bäanche 
Que ja guerredonement 
28 Ne quic avoir n'eskeaiiche; 

Trop est faus ki aservir 
Se laist por amour servir; 
K'il est ensi 
32 Ke ja ferne n'amera sen vrai ami. 

V. Se j'ai parle folement 

Ne dit nule outrequidanche 
De ferne, je m'en repent; 
36 Mais ire et desesperanche 

M'a fait avoir cest a'ir 
Dont encor ne puis issir. 
K'il est ensi 
40 Ke ja ferne n'amera sen vrai ami. 



m. 

Rayn. 676; Hs. fol. 176. 

I. Je m'esmervelle forment, 

Quel talent j'ai de chanter 
Au mal d'amer ke je sent; 
4 Et se n'i doi pas penser, 

Ke pour mal ki me febloie 
N'iert ja mes fins cuers sans joie; 
Tout Ten ai garni; 
8 J'ai euer mignot et joli 

Et tout vestu d'amours. 

IL Si m'estraint trop crüelment 

Ca poi ke g'i puis durer; 

12 Li maus ki au euer me prent, 

Me feroit desesperer; 
Mais bone amours me ravoie 
Ke, pis ai, plus m'est en voie, 

16 Ainc ne me guerpi. 

J'ai euer mignot et joli 
Et tout vestu d'amours. 

III. Mout est faus ki se repent 

20 A nul jour de bien amer; 

Mais desespoirs taut sovent 
Les biens c'amours puet doner; 



II. 25 Stengel: j'ai für aDgeblich in der Hs. stehendes ja; die Hs. 
hat jedoch j'ai. 34 Stengel: mule (wohl Druckfehler). 

III. 1 Stengel: m'esmerveille. 9 (Et) Stengel. 15 ki pis ai Stengel. 



JXe Gedichte JeJiani^ de Renti und Oede's de la Couroierie. 197 

Si douchement nie guerroie 
24 Amours ke ja ne kerroie 

C'on ait mal pour li. 
J'ai euer mignot et joli 
Et tout vestu d'amours. 

'2^ IV. J'emploie bien men torment, 

Amour en voel merchier; 

Quant de bone darae esprent 

Men desir et men penser, 
32 Pas ne quier k'ele soit moie 

Ne mais ke par sen gre m'oie. 
Che quierent ami. 

J'ai euer mignot et joli 
36 Et tout vestu d'amours. 

V. Onkes d'amer hautement 

Ne vauc men fin euer oster; 
Miex aim honeraulement 
40 Morir e'a honte escaper; 

Dame, s'ades languissoie 
Por vos, ja ne me tenroie 
Pour cou a träi. 
44 J'ai euer mignot et joli 

Et tout vestu d'amours. 



IV. 

Rayn. No. 821; Hdschr. fol. 174 v^^; 

I. J'ai grant piech'a delaie le chanter; 

Or m'en done voloir novelement 
Tres bone amours cui ne puet oublier 
4 Mes jolis cuers ki tous a li se rent; 

Ma dame au commenchement 

M'en a proie; 
Che me fait chanter de euer lie 
8 Et esperer ke j'avrai garison, 

Ke je fac par sa volente chanchon. 

II. Combien e'amours m'ait fait mal endurer 

Et travellie et pene longhement, 
12 N'ai je voloir, darae, de refuser 

Tout vo plaisir ne vo commandement; 
S'il vos piaist ke si faitement 



■24 krerroie Stengel. 30 espent Stengel. 32 kier St. 



108 JoliaunP!< S/xnike. 

Me soit jugi6 
16 C'ad^s vos serve sans pitie, 

S'aim asses miex languir en vo prison 
Ke a jöir de vos par träison. 

III, Ja ne me quier de vos servir oster, 

20 Por tant morrai ke j'aie autre talent; 

Helas, comment oseie a vos penser! 
Vostre amours m'a travellie si griement 
C'au siecle par devaut la gent 
24 Me soDt changie 

Soulas; tant m'aves travellie 
K'em moi ne truis mais c'une vision 
Ki nuit et jour rae ramentoit vo non. 

28 IV. Bone dame, quaut je puis remirer 

Vo douc sarablant, vo biau contenement 
Ke tous li mons doit prisier et löer, 
Tout me covieut oublier mon torment, 
32 Se eis gries maus trop crüelment 

M'a guerroie, 
N'ai je pas pour cou euer irie, 
Ains en vol bien endurer le fuison; 
36 Et quant vos piaist m'en rendes guerredon. 

V. Et s'en la fin ne puis merchi trover 
En vos, dame, la u grans biens apent, 
Voellies sans plus otroier et greer 

40 Ke vos puisse servir entirement 

Mon vivant, car je douc sovent 

Don de congie; 
Car j'avroie euer esragie 
44 Ne je n'avroie ja mais entention 

Fors de morir sans nule räencon. 

VI. J'ai envoie 

Mon chant, plus n'i ai atargie 
48 A ma dame ki est de grant renon; 

S'öir le violt, j'ai espoir de pardon. 



V. 

Rayii. No. 865; Hdschr. fol. 175 v». 

1. Se che n'estoit pour ma dame houerer, 

Jamals au pui ne diroie chancon; 
Car j'en voi ciaus sovent l'oneur porter 
Ki de chanter ne sevent un boten; 



IV. 16 Hs: ades serve; 27 me fehlt in der Hdschr. 



Die Gedichte Jehan' s de Rmti und Oede's de la Couroiei^ie. 199 

Li juge fönt leur grant hontage 
Ki pour parens ne pour grant signorage 
Donent a ciaus le courone et l'onour 
8 Ki ne sevent trover ne ke pastour. 

II. S'uns riches hom a aukes a doner, 

Avoir, denier u autre pens'ion, 
II doit tres bien tout partout remirer 
12 U 11 le puist emploier par raison, 

Si k'il ait apres tesmoignage, 
S'il a tres bien parti sen iretage; 
Car eil kl l'a, est de grande valour; 
16 C'autrement done, 11 fait trop grant folour. 

III. Nus ne seit si a droiture esgarder 

Ke ma dame ki m'a en sa prison; 
J'ai en li mis tout men euer sans fauser 
20 N'ainc ne requls envers 11 trälson; 

Nencore n'a prls men bommage, 
Alns veut ancois esprover par usage 
Se je sul dlgnes de rechevolr s'amour; 
24 Je Ten alm miex, s'eu oubli ma dolour. 

lY. Je m'esraervel ke nus ose penser 

A rechevolr avantage ne don 
S'll n'est dignes k'il se puist bien roster 
28 De che de coi 11 fait petition; 

Mals li pleur, 11 sot volage 
Conqulerent plus par glUe et par outrage — 
Che voit on ore avenlr cascun jour — 
32 Ke eil ki sont rete de vrai labour. 

Y. Se ma dame ne me veut oublier, 

J'avral par tans de mes maus garlson; 
Miex ne puls faire ke de 11 honerer 
36 Se ja vers moi torne s'entenfion ; 

Et s'ades est vers moi salvage, 
En 11 amer al fait men grant damage; 
C'on dlst piech'a: ki sert malvais slgnour, 
40 II conqulert plus tristreche ke baudour. 



VI. 

Raynaud No. 999 Hdschr. fol. 175. 
I. Plus ke onkes mais ne suel, 

Sul d'amours polns et sousprls; 
Pour che plaindre ne me voel, 
4 Ke dame kl a der vis, 

V. 14 eil a Hs.; qu'il a Hist. litt.; 15 et eil qui l'a soit Hlst. litt. 
35 honer Hs. 



200 Johannes Spanke. 

Joenete, verraelle et blanche, 
M'a mis en une esperanche 
K'encore s'araour avrai; 
8 Che me soustient sans esmai. 

II. D'une riens me doiit et duel 

Ke n'en soie arriere mis, 
K'il n'ait en son euer orguel 

12 Couvert de savereus ris; 

Mais sa tres douche sarablanche 
Me retaut ceste doutauche 
Et si oel riant et gai 

16 Garni d'amourous apai. 

III. Dame, de vo douc acuel 

Sui plus baus et plus jolis 
Ke n'est oisellons en bruel; 

20 Je ne serai ja faintis 

De faire vostre voellanche, 
Dame de tres grant vaillanche; 
J'ai de tout moi sans delai 

24 Fait vostre ami fin et vrai. 

l\. Ha, dame, faites recuel 

De raon euer, s'iere garis; 
II n'ose passer le suel, 

28 S'il n'est du vostre saisis; 

Faites des ij racordanche! 
Si sera mis en en soufranche 
Li maus dont je languirai. 

32 Se de par vos confort n'ai. 

V, Tous me desconfis et muel 

Ke soie apeles amis, 
Dame il n'a en mon euer fuel 

36 Ki ne soit tous plains escris 

Des biens de vos, dame franche; 
Je n'ai en autrui fianche 
K'en vos a cui je m'atrai 

40 Car aillours merchi ne sai. 



VII. 

Rayn. No. 1123; Hs. fol. 172 vO; 
I. Amours par sa courtoisie 

M'a un mignot sens done 
De faire chancon jolie; 
Si chant par sa volente 

VI. ö jovenete Hs. 



Die Gedichte Jehan's de Renti und Oede''s de la Couroierie. 201 

En espoir d'avoir aniie; 
C'est la riens c'ai covoitie 
Plus toiis jours et desirre 
8 Sans nul voloir de folie. 

11. _ J'aim dame bien ensegnie 

Et plaine de grant bonte, 

Tant est de valour garnie 
12 Ke je n'aroie conte 

Jamals ses biens a moitie; 

Che me fait vivre a haskie 

Ke n'a euer entalente 
1(5 De nostre amour faire onie. 

III. Si tost con je l'euc choisie 

Me iist un assaut prive 

De ses iex ki m' ont ravie 
20 Si trestoute raa sante 

Ke s'a moi ne s'umelie 

Par pitie pour riens c'on die, 

N'iere raais jour sans griete; 
24 Tant Taim d'amour en asprie. 



VIII. 

Rayn. No. 1263: Hs. fol. 176 v»; 

I. Jehan Bertel, .j. Chevalier 

Sai c'amours mainent si grieraent 
K'il n'ose sa darae proier 

4 Ne descovrir sen grief torment. 
On dist ke mout estes senes: 
Je vos demant, se vos loes 
K'il li fache par autrui dire, 

5 ü il se tiegne en ce martyre. 

II. Jehan de Renti, de legier 

Vos en dirai mon escieut: 

Je lo puis k'il est u dangier 
12 D'amours et k'il les maus en sent 

Ke ses affaires soit celes, 

Si ke nus hom de mere nes 

Ne Sache s'il a mal u ire; 
16 Je n'i sai milleur raaaistire. 

VII. 16 Vor onie ist in der Hdschr. ein h ausradiert worden. 

VIII. 12 et ki les Hs. 16 j'en i Dinaux, jeni Hs. 



202 Johannes Spanke. 

III. Bertel, eil fait malvais mestier 

Ki coile sen empirement; 
Geiers d'amours fait sens cangier 

20 Et entrer en despoirement ; 

S'uns hom est ens u cors navres, 
Je di k'il est plus ke derves, 
S'il ne le mande errant au mire 

24 En cui se garisons se mire. 



IX. 
Rayn. No. 1416; Hs. fol. 175 vO; 

I. Onkes ne seuc chancon furnir 

Ne commenchier joliement, 
Se je n'euc aucun sovenir 
4 De ma dame a cui je rae rench; 

Quant bone amours nie fait present 
De sa biaute, en remirant 
Je la remir et desir tant 
8 Ke j'ai par cel desir savoir 

Dont ma chancon sai esmovoir. 

II. Je n'ai pas voloir de träir 

Amours ne ma dame ensement, 

12 Ains voel bien pour s'amor languir, 

Et si me dout encor sovent 
C'amours ne me get de torment; 
Gar on a veu maint amant 

16 Ki de joie aloit empirant; 

Et il ne me caut de doloir, 
Mais c'amours me fache valoir. 

III. Gil ki beent a acomplir • 

20 Leur desiriers desloiaumenl 

Par losengier et par meutir 
Sont plus guerroie asprement 
Ke eil ki aiment vraiement; 
24 Nus tormens ne me va grevant, 

Ains vois bone amour mereliiant 
De che k'ele dengne voloir 
Ke je la serf a mon pöoir. 

28 IV. Ma dame est plaine sans faillir 

De si grans biens parfaitement 
K'en li veoir en li öir 
En li regarder douchement 
Pren je trestout l'alegement 

23 si li Hs. 



IHe Gedichte Jehans de Renti vnd Oede^s de la Couroierie. 203 

De coi je me vois confortant; 
Amis ki plus va covoitant 
Ke sa dame souvent veoir. 
36 La bee en fia a dechevoir. 

V. Araours ne voelle ja soufrir 
Ke j'aie en moi euer ne talent 
Fors de ma dame bien servir 

40 Sans nul autre covoiteraent; 

Ke, plus m'art amours et espreut, 

Tant ai je plus le euer joiant; 

Je me vois ausi deduisant 
44 As maus ke me fait rechevoir 

C'uns autres des deduis avoir. 

VI, Cancbon, a Renti te present 
A Andriu Chevalier vaillant, 

48 Di lui k'il ait euer desirant 

D'amours servir et main et soir, 
Sans li ne puet nus bons paroir. 



X. 

Raynaud No. 1558; Hs. fol. 173 vO. 
I. Li rousignoles jolis 

Ke j'och chanter sour la branche, 

Ne m'a mie en voie mis 
4 De la douche ramembrancbe 

Ki me vient d'amors, 

Mais uns desirs sans folage 

Ke j'ai de ma dame sage 
8 Servir sans faillir; 

J'ai apris a bien amer; dius m'en laist jöir! 

II. Jöir ne doit, che m'est vis 

D'amours ki sains desevranche 
12 Ne veut estre fins amis 

Sains gille et sans dechevanche; 

C'est trop grans folours 

De kuer ki maintient oiitrage; 
16 Puisc' amours a fait bomage; 

Teus fais est provös: 

En euer joli doit manoir debonairetes. 

III. Debonairetes toudis 

20 Sera en moi et souffranche; 



X. 1 rossignolös Stengel; Ders,: 20 moy. 



204 Johannes Spanke. 

Dame, si m'a si souspris 
Vostre amors sains deffianche 
Ke, se vo doucours 
■24 Men grief mal ne m'asouage 

Et le dolor et le rage 
Ke je por vos sent, 
Dame, je ne puls ensi vivre loughement. 

28 IV. Longhement me sui nourris 

D'une jolie esperanche 

Ki me disoit ke merchis 

Estoit en vous, dame franche; 
32 Trop est vos secours 

En lontain pelerinage; 

Amours par son signorage 

M'i laist recourer 
36 E diex ki set, raerchi! je ne la puis trorer. 

V. Trover ne puis jou chaitis 

En amour nule aleganche 

Et si aim miex ke saisis 
40 Soie de pesme atendanche 

Ca penser aillours; 

Ne ja en tout mon eage 

Por nul petit avantage 
-^4 N'arai euer failli; 

Dame, j'atendrai debonairement merchi. 

VI. Chancons, sans demours 

Va t'ent, garde, plus n'atarge, 
48 Droit a Avions te nage, 

A bon Jehan di: 
Nus n'avera ja joie, s'il na euer joli. 



XI. 

Raynaud No. 1807; Hs. fol. 174. 

I. Se loiautes a en amour pöoir, 

J'arai joie, je le sai vraiement, 
Car j'ai ame toudis sans decbevoir 
Ne ja nul jour n'amerai autrement; 
Mais che me fait un petitet doloir 
C'on dist c'amours est de tele nature 



22 desfianche, 24 mon; 27 dame fehlt in Hs.; puis gaires ensi Stengel, 
32 vo secours Stengel. 39 sais Hs.; Säis Stengel. 46 Ghancon Stengel, 
Guesnon (/. c S. 13) trennt: Chancons, sans demours vat'ent 

Garde plus n'atarge. 

.50 Nus n'a joie Hs., Nus n'amere n'a joie Stengel. 



Die Gedichte Jehaiis de Renti und Oedes de la Couroierie. 20o 

Que, quant plus met li hom en li sa eure 
8 Plus Toublie tost et legierement. 

II. Et non por quant ne tien je mie a voir 

Che c'oii m'a dit ass^s novelement; 

Vilaine gent me fönt tous jours savoir 
12 Ki ont perciut raen amourous torment, 

Ke je mete amours en noncaloir, 

K'ele destruit ciaus de sa nourreture; 

Mais il mentent : amours n'est mie sure 
16 Fors ke a ciaus ki aiment fausement. 

III. Ki de euer sert et de loial voloir, 
Tout si travail ne li grievent noient; 
Mais eil ki bee amours a dechevoir, 

20 Quant il en faut, c'est eil cui rage prent; 

Ne d'autre gent ne me sai perehevoir 
Ki ait d'amours fors ke bone aventure 
Fors ke de eiaus ki par leur fole ardure 

24 önt volente d'ovrer desloiaument. 

IV. Dame, en eui j'ai mis men milleur espoir, 
Verrai jou ja venir rajornement 

Ke me peust vostre amour eschäoir 
28 Ke je desir tant debonairement? 

Ke je ne puis por vös mal reehevoir 

Dont je n'aie tres ehiere la pointure 

Car bone amors me dist et asseure 
32 C'on a honeur par souffrir douehement. 

Y. Tant a en vos courtoisie et savoir, 

Pris et valour et bon entendement 

Ke je n'en quier men penser removoir 
36 De vos nul jour, bone dame au eors gent; 

Et se ferai eucor por vos paroir 

Mainte changon et mainte envoiseure, 

Car ki aime dame de grant mesure, 
40 II se doit bien tenir joliement. 



XII. 

Rayn. 2084; Hs. fol. 174. 

I. L'autrier errai m'ambleure 

Par d'ales une fontaine 
Et vi par bone aventure 
4 Pastoureaus en une plaine 



XI. 29 pe je puis Hs. 40 joliemen Hs. 



206 Johannes Spanke. 

Ki aloient devisant 
Une feste et pourparlant 
K'il feront le jour de may; 
8 Et Bernes se va vantant 

K'il dira du virellai: 
Sus sus au virellin, sus sus au virellai. 

II. Herbers dist k'envoiseure 
12 Fera ki pas ii'iert vilaine 

Cote, mantel a parture 

De burghie a tiretaine. 

Pour miex sanier preu sergant 
16 Portera un grant perchant 

En ses .ij. niains u un rai 

Ke eil ne voisent grouchant 

Ki orront le virelai: 
20 Sus sus au virelliu, sus sus au virelai. 

III. „A defoi, malaventure 
Aie je, se je me paine", 
Dist Wales d'Achesneure, 

24 „Faire de liu ne de laiue; 

G'irai en .j, sach tumaiit; 

On m'ira plus regardant, 

Je le sai tout sans delai, 
28 Ke vos k'ires cointoiant 

Par amours le virellai: 

Sus sus au virellin, sus sus au virelai. 

IV. Quant j'euc öi leur murmure, 
32 U tant ot parole vaine, 

Par d'autre part a droiture 
Trovai touse gente et saine; 
S'amour li allai priant, 

.36 Ele respont maintenant: 

„Plus bei ami de vos ai, 
Berne^on, qui va chantant 
As danses le virelai: 

40 Sus sus au virellin, sus sus au virelai' 

V. „Ha, tres douche creature, 
Plus gente que chastelaine. 

Je vos donrai vesteure 
44 D'escarlate, tainte en graine, 

Et blanc cainse träinant" — 
Tant li pramis en blangant 



XII. 23 d'Achesineure Hs.; d'Achesneure Bartsch. 



J)ie Gedichte Jehaiis de Renii und Oede's de Ja Coitroierie. 207 

Ca terre la souvinai; 
48 La li apris tout esrant 

La note du virelai: 
Sus sus au virellin, sus sus au virelai. 

VL Baudiues a le grant hure 

52 ~ K'u cor contrefait l'araine 

Perchut toute la morsure 

De moi et de Tribaudaiiie; 

„Bernecon", va escr'iant, 
56 „Tu vas t'amie perdant; 

Maintenant aperciut ai 

C'uns vassaus en sovinant 

Li aprent le virellai: 
('>0 Sus sus au virellin, sus sus au virelai", 

Vn. Geste chose fut mout sure; 

Bernet, quant le sot certaine 

De raautalent et d'ardure 
64 Devint plus vers d'iine raine; 

Apres moi s'en vint courant, 

D'un grant cailleu en ruant 

Me fist voler ens ou brai; 
68 Sacies c'adont n'oi talant 

De chanter du virelai: 

Sus sus au virellin, sus sus au virelai. 



2. Die Lieder des Oede de la Couroierie. 

I. 

Rayn. No. 210; überliefert in K fol. 199, N fol. 95 und P 
t'ol. 174. K ist dem Text zu Grunde gelegt. 

I. Trop ai longueraent fet grant consivrance 

Des maus que je sent, dire et regchir; 
Mes gel faz pour ce que c'est grant viltance 
4 De complaindre soi qui s'en puet souffrir; 

Et ne pas pour quant je tieng a enfance 
Et a nicete qui par amaance 
De crier merci se lesse morir. 

» II. Morir me vient melz qu'en tel doleur vivre, 

Bien voi que ma dame en trop gros l'a pris; 
Mult vilainement de moi se delivre, 
Mes il ne Ten cliaut, car bien Ta apris; 

I. 1 Mult a longuement fer grant consievrance N, consievrance P; 
2 de maus N; 3 jel faz por N, jel fac por P, enfance K; 5 por NP, 
esfanche P; 8 meuz N, dolor NP, viuvre K. 



208 Johannes Spanke. 

12 Et se je recort les maus qu'el me livre, 

Ne sai que je faz ne se je fusse ivre; 
Dont je li requier qu'el me tiengne a pris. 
III. Apris ai d'amors trestout mon äage, 

16 Or en sui plus fox qu'au commencement; 

Mes je me pourpens qu'il n'en est nul sage, 
Ja tant n'en avra apris longuement; 
Or me face amors un tel avantage 

20 Qu'ele me partut ou qu'el m'asöage 

Les maus qu'ai soffert debonairement. 



IL 
Rayn. Nr. 215; überliefert in K fol. 201, N fol. 96 und P 
fol. 174; die vierte Strophe fehlt in P; dem folgenden Text liegt K 
zugrunde. 

I. Tout soit mes cuers en grant desesperance; 

Je chanterai, car amors m'i semont 
Pour alegier mon euer et ma pesance 
4 Et la dolor qu'amors trere mi fönt; 

Si sachent bien amors que s'eles n'ont 
De raoi merci, ce sera vilanie 
Car je les ai trop longuement servies 
8 De euer verai 

Ne ja ne m'en retrerai 
D'aus servir toute ma vie. 
IL Amors m'ont mis en si tres grief pensee 

12 Que je sai bien que james n'en istrai; 

Se n'est ensi que cele a qui je bee, 
Par sa franchise ait grant merci de moi ; 
Que je l'aim tant et touz jorz l'amerai 
16 De euer loial esprouve sanz faiutise 

Que ja mes cuers n'avra ce qu'il devise 
Si par li non 
En qui gist la guerison 
20 Du mal qui si me justise. 

III. D'amors m'estuet et clamer et complaindre 

Quant ce me faut, ou ra'estoie atendu; 
Car j'ai ame de euer loial sanz faindre 
24 Dont guerredon ne m'est one or rendu; 



12 chiaut P; 13 fac P, ne que se fusse KNP, yvre NP; 14 quel nel 
t. KP, quel mel N (das 1 in mel ist nachträglich eingeschoben), 15 trestot 
NP; 16 ore K, folP, fouxN; ITnussagesN; 18 avrai N; 20 m'asouage 
P; 21 max qu'ai sofferz debonerement N, soufert debonerement P. 

II. 2 ge N, amorP; I. 3 por N P; 5 celes K, eles P; 9 recrerrai 
N, repentirai P; 10 d'euls N, d'eus I, tote P; 13 enci P; 15 toz NP 
jors P; 19 ma K N; 21 conplaindre N; 24 gueredon P. 



Die Gedichte Jehmi's de Renti imd Oede^s de la Couroierie. 209 

Amors si ont seur moi leur arc teadu, 
Si mont navr^ d'une säete ague 
Qui m'est el euer que point ne s'en remue; 
28 Ne ne fera 

Tant com ma dame plera; 
C'est s'amor qui si m'argne. 
IV. Las, je plaing plus que dire ue porroie, 

32 Ainz mes nus hons n'ama si loiaument; 

De li sanz plus me vient toute ma joie, 
Que je ne pens a nule autre vivant; 
Pechie fera, se pitie ne Ten prent, 
36 Car j'ai pour li mainte dolor eue 

Et si souspir nuit et jor et tresue, 
Quant me souvient 
De li qu'a son esc'lent 
40 A son trop grant tort me tue. 

V. Chancou, va t'en a ma tres douce amie, 

Por qui je muir, et de par moi li di 
Qu'ele fera trop mortel felonie 
44 S'el met eusi ma dolor en oubli; 

Que j'ai souffert et souffrerai pour li 
Geste dolor tout en bone esperance 
D'avoir s'amor et sa douce acointance, 
48 Sanz qui briemeut 

Des tres douz max que je sent 
Ne puis avoir alejance. 



III. 

Raynaud No. 216; erhalten in K fol. 202 und N fol. 97; der 
vorliegende Text stützt sich mit Ausnahme der vierten Strophe, die 
nur in N steht, auf K. 

I. Chancon ferai par grant desesperauce 

Et ue pour quant ne m'en deüst tenir; 
Car d'amors n'ai fors corot et pesance 
4 N'avant u'apres ne m'en pout bien venir, 

N'a la joie ne cuit ja uvenir 
Dont j'ai touz jorz eu tel desirrauce; 
Si grieve trop amors a maintenir 
8 Dont Teil n'atent fors coroz et pesance. 

25 sor moi lor N P; 26 seete N P; 27 ne point K; 29 con P 
30 s'est N; IV fehlt in P; 32 onc N, hom N; 33 tote N; 36 per N 
37 tressue N; 41 t'ent N; 4Ö soufferrai N, souflferaiP; per PN; 46 tote P; 
49 maus P; 50 alegauce P. 

III. 2 neporquant N; 3 coros N; 4 pot N; ö cuic N; 6 eue N; 
8 coros N; 

ZtBchr. f. frz. Spr. u. Litt, XXXII i. 14 



210 Johannes Spanke. 

II. Je chant souvent quo voleiitiers plorroie, 

Mes je le faz pour niesdisanz grever, 
Quant iiie voient chanter et mener joie, 

12 Dont leur faz je les cuers de duel crever; 

C'est la guerre qui ne puet affiner 
Que de partir de bone araor la joie; 
Mauves blasme en puet on alever: 

16 Mult est eil fox qui vers araors guerroie. 

III. Je me doi bien desconforter et plaindre 
Quant ce me faut on ra'estoie atendu; 

Et s'ai ame de loial euer sans faindre 
20 Dont guerredon ne m'est onc or rendu, 

Leur niautalent m'ont mesdisanz vendu, 
Maiiit mal m'ont fet, ne sai li quels est graindre: 
Mes puls que tant me sui d'aus deffendu 
24 En leur dangier ne be plus a remaindre. 

IV. Remaindre fönt mesdisanz mainte joie 
Endroit de moi, Tai bien aperceu; 

Ceus m'ont träi dont je ne me gardoie; 
28 Mes ja por ce n'avrai le euer meu; 

S'a ceste foiz m'est d'araors mescheu, 

Amors Tont fet por ce que meuz m'essaient; 

L'on me devroit tenir a recreii, 
32 S'a bien amer por mesdisanz Ie?soie. 

V. , Chanson, va t'en, salue moi m'amie, 
A ceste foiz seras mon mesagier, 
Pour dieu di li que je li mant et prie, 

36 S'onques m'ama ne se de riens m'ot chier, 

Ces granz dolors me face assoagier, 
Ou autrement el n'aime pas ma vie; 
Ele me puet et veudre et engagier, 

40 Si fet pechie quant el me contralie. 



IV. 

Raynaud No. 321; das Lied steht in K fol. 200 und N fol. 
96; die fünfte, schlecht überlieferte Strophe steht nur in N; dem 
folgenden Text liegt in den andern vier Str. K zu Grunde. 

I. Ma dcrreniere vuel fere en chantant. 

Pour ce qu'amors l'aient en remenbrance, 

10 por mesdisanz greve N: 12 dont lors faz je de duel les cuers N 
14 fine amor N; IG foux N; 21 Lor N; 22 11 quex N; 23 mes ne puls N 
24 lor dangier N; Str. IV steht nur in N; 33 Chancon N; 35 por de N 
36 m'ont N. 

IV. 1 vueil N. 



Die Gedichte Jelion.s de Renti und Oede's de la Couroierie. 211 

Que que je chant li cuers vet deschantant, 
4 Com eil qui est alez sanz recouvrance; 

Cele ou jai mis mon euer et m'esperance 

Me fet morir; si fet graut mesprison, 

Car hontes est d'ocire ?on prison, 
8 Puisque du tout m"avoit en son daiigier, 

Bien düast donc son euer vers moi ehangier. 

n. Amors out fet de moi grant miröer: 

Qui sages est, graut essample i puet prendre; 

12 Au commeucier me cuidoie jöer, 

Mes or me veut amors sou gieu eher veudre, 
De jor eu jor me fet merci atendre; 
S'est loing cc jour, quaut il ne puet venir, 

IG Mes se ma dame daiguoit souvenir 

Que j'ai pour li souffert et eudure, 
Le mal que j'ai n'eust pas taut dure. 

III. Frauche dame, bieu voi que je mespraing 

20 Quant contre vous faz si aspre complaiute; 

Mes li granz maus dont j'art touz et espraing 

Et li sousis qui la chiere m'a tainte 

Me fet ensi eomplaindre et esmoier; 
24 Et se dieu plest jos ferai essaier 

Qu'ainz recroirroiz de moi cantralier 

Que je d'auier ne de merci crier. 

lY. Par deu, dame, fort m'est a consirer 

28 De vous vöer uu jour en la semaiue 

Seur toutos riens me fetes desirrer 

Yostre gent cors qui taut nra livre paiue; 

Se g'en escbap ee sera a grant paine; 
32 Petit ai pris et assez delitie; 

Mes sensi biau eors ue trouvoit pitie, 

Je diroie que il n'en seroit poiut; 

Pour ee pri dieu qu'il vos mete a droit point, 

36 V. Chaneou, va t'eu au marinier d'amors, 

Et si li di que de moi li souviengne; 
A li sont touz mes plainz et mes elamors, 
Si est bien droiz qu'el au coufort m'en viengue; 

40 Qu'eschapez est. gart soi qu'amors uel tieugne! 



4 cou N; 9 vers moi son euer N; 10 mireoir K; 11 essanple N; 
12 conmencier — jouer N • löloignN; 16 sovenir N: 17 por li soffert N; 
20 dure complainde N: 21 tout et espraig N; 22 et sousis N; 23 eom- 
plaindre N, esmaier N: 25 recrerrezW; 27 deu amors fort N, consierrer N, 
consieurerK; 28 de vos voer un jor N; 29 toute riens K; 31 fehlt in N; 
33 biau fehlt in N, trouvoie K N; 35 deu N. Str. V nur in N; Varianten 
der Hs.: 39 qu'au confort: 40 eszchapez est. 

li* 



212 Johannes Spanke. 

Car s^autre t'oiz Tont amors bieii teuu, 
Porpense soi a quoi j'en sui venu; 
Je sai de voir que qui bien le savioit, 
44 James d'amer bon corage n'avroit. 



V. 

Rayu. No. 1740; überliefert in K fol. 203, N fol. 98; der folg. 
Text stützt sieb auf K. 

I. Desconfortez com eil qui est sauz joic 

Ferai cbancou pour mon euer resjöir; 
Si me merveil qui a ehanter m'avoie, 
4 Quant je ne puis de mes amors jöir; 

Se dex n'est sorz, bien me devroit öir 
Qu'il me venjast de ceus qui par envie 
Ont desevre a tort moi et m'amie; 
8 Mes poi leur vaut 

Quelque part que li cors aut 
Li cuers reraaint a m'amie. 

IL Mes cuers aime cele qui me guerroie, 

12 Ne d'autre amer ne se puet consentir, 

Mult m'a este de li corte la joie, 
Por un seul bien m'a fet cent maus sentir; 
Mes moi, qu'en chaut, ne m'en puis repentir, 
16 Ainz cri merci a ma dame, m'amie, 

S'onques m'araa qu'ele ne mi doit mie 
Si esloignier; 
Car Ten dit en reprouvier: 
20 Qui bien aime a tart oublie. 

IIL Dame, de vous a departir me grieve, 

Mauves conseil avez vers moi creu; 
Merveiües est que li cuers ne me crieve 
24 Des granz deduis qu'avons ensenble eu; 

Or sont eil lie qui vers vous mont neu, 
Vivre mi fönt a duel et a martire, 
Le jor longuis, la nuit plor et souspire; 
28 Mes s'autrement 

N'ai de vous alegement 

Je sui mis a grant martire. 



41 car autre. 

V. 2 fere eh. por N ; 5 sortN; SlorN; lOremaitN; 11 mes euer 
N; 12 mes d'autre . . . ses puet N; 14 max sentir N; 15 mes ra. . . qu'en 
chaut (hinter dem m ist etwas ausradiert). 18 ne me doit N; 21 vos N; 
22 moi eu N; 24 deduiz N, euz N; 25 vos N; 27 pleur N, soupire N; 
29 vostre alegement N ; 30 sui a K. 



I)ie Gedichte Jehayis de Renti und Oede's de la Couroierie. 213 

IV. Dame, sachiez et bien vos en souviengne: 

o2 Riens n'avez fet que m'eussiez pramis, 

Et s'il vous plest, de moi pitie vous prengne, 
Que je vous serf conme loiax amis. 
Vostre gent cors en grant paiue m'a rais; 
06 Pou m'a dure de vous la compaignie; 

Li cuers me faut et la langne rae lie 
Quant rae souvient, 
Qu'a departir me couvient 
40 Ci a dure departie. 

V. Chanson, va t'en et demande m'aniie 

As maus que j'ai se de riens m'aidera; 
Et si li di qu'el ne m'ocie mie 
44 Que, s'ensi muir, reprochie li sera, 

A cest besoing verrai qu'el mi fera, 
N'est pas amours qui touz jorz n'est onie; 
Et nuit et jor Tai loiaument servie 
48 A mon povoir ; 

Or me fet apercevoir: 

Por pou liGt qui n'aime mie. 



31 sachez N, couvieuge (in rasura; N; 32 n"avez que u'eussiez IS; 
33 vos N, praigne K; 34 vos serf comme N. 36 vos la compaigne N; 
39 covient N; 41 Chancon N: 42 as max N; 44 reproucbie N; 46 amors 

N; 48 pooir N: ÖO poi N. 

VI. All 111 erklingen. 

1. Zu Jehan de Renti. 
I. 

1. Ki ii'areroit hone aniour fall hommage ; bone amour ist als PerSOU 

gedacht und steht daher als Dativ ohne Präposition; vgl. Vers 7 et port ma 
dame honour. 

10. hi ne se veid ohsir: obi'lv soi im Sinne von obeir ist bei Godefroy 
nicht belegt; se ist daher wohl als Dat. eth. aufzufassen. 

13. ki 2>lus fönt Veschape; trotz des pluralischen Subjekts steht der 
durch Reim und Metrum gesicherte Singular eschape; Beispiele ähnlichen 
Gebrauchs von faire = representer im Afrz. und Prov. und ihre Erklärung 
siehe bei Tobler in seinen Verm. Beitr. I- 169 ff. 

18. ke ja le . . . : ke = ki wie auch III. lö; ähnlich steht pikardisch 
se für si; Vgl. die Anm. zu III. 4. 

42. ki Biauvii's doit tenir; vgl. das von Godefroy im Compl. angeführte 
. . a s'abaie qu'il dovoit maintenir. „Loh., Ms. Montp. fol. 88 a". 

• II. 

5. amours = Liebesempfindungen; vgl. die Anm. zu Oede IL 25. 
7. Zu dem Refrain diosos Gedichts vgl. den Refrain eines Ijiedes 
Adan's de le Haie: 

Or est ensi 
Ke fatenderai merci (Bcrger No. X). 



214 Johannes Spanke. 

20. fittuis et mtschüaitct 11 pulst . . . Das Vorb stebt im Singular, da 
die beiden Subjekte synonj-me Bedeutung baben;^^) ebenso V. 36. 37. 

26. en pardon = vergebens, obne Entgeld; vgl. die Friere Theophilus 
(Groebers Z/s. I. 247) Vers 2: 

Cor nti.t iie vovs slert, dame.^ longement cm pardon, 
III. 

4. se = si (sie) wie öfter in pik. Hss. des 13. und 14. Jhs. ; vgl. 
XI. 37. Und doch darf ich nicht daran (d. li. an das mal d'amer) denken. 
Ähnl. Rayn. Mot. I. L. 23. 

Et s\ii hont rolente 
D'ntendre le gueredon. 

11. e ;*'»■;«//*• durer \ der Ausdruck scheint bei den Lyrikern des 
13. Jhs. sehr beliebt gevresen zu sein; besonders oft findet er sich in den 
von Raynaud herausgegebenen Motetten. Als Bestandteil eines Refrains 
tritt er auf in dem Rec. de Mot. I. CXVII. 

11, travellie hat hier nodi den seinem Etymon näherstehenden 
Sinn „gequält" 

12. N^ai je bekannte Inversion im nachstehenden Hauptsatz; ebenso 
Vers 34. 

20. Por iant = lieber, eher. 

24. Me sont cliangic soulns; ähnlich wie hier, in der Bedeutung „ver- 
ändern, verwirren" steht changier in VIII. 19: Cehrs d'amoursfait sens cangier= 
„macht verrückt"; vgl. ferner Eust. Desch. ('ed. Rayn.) V. 3.'i7: 
Trop in'cst changiez U temps et la maniere 
Depuis le j'our que je nie deparli . . . 

38. En vos, dame, la u . . . \ ähnlich Gillebert de Bern. (ed. Waitz in 
Festsclir, für Gröber). V. 1. J/a dame., la oii je pens. 

39. Sans plus = ohne weiteres; vgl. Gill. de Bern. XXIX. 1. 3: 

(S'e ma tres doitce dame chiere 
Me voloit sanz pluz Commander. 
42. Don de coiigie; don hat die Bedeutung „action de donner"; 
Belege s. bei Godefroy im Comp}. 

V. 

8. w« ke pastour; der Vergleich zwischen der Unfähigkeit von Dichtern 
mit der primitiven Kunstübung von Hirten findet sich auch in einem Spott- 
gedichte des Peire d'Alvernhe (Appel's Chrest. S. 117): 

.Mas tt rhautar lor er nlliors 

Qii' entremetre naiig. c. pastors 

Q'us no sap que' s montu o ■ s dissen, 

10. pension = regelraäfsig in bestimmten Zeitabständen ausgezahlte 
Summe; Belege s. bei God. im Compl. 

If). Car eil hl Va := denn der, welcher es (richtig verteilt) hat. Uew 
Gegensatz bringt der folgende Vers: C'nutrement done. Die von P. Paris 
vorgenommene Veränderung zu • 

Et dl qui Va solt de gr. v. 

würde den Sinn cnt/^l eilen. 

®i) Vgl. L. Kraftt, Person und Numerus des Verbs im Fi-anzö.s. Göttingen 
1904, S. 80. 



Die Gedichte Jehaiis de Renii und Oede's de la Couroierie. 215 

22. par usage durch längeren Verkehr. 
27. rosur sich bemächtigen. 

32. rete = reputati. Die von God. angeführten Belege zeigen rete 
stets in der Bedeutung ..(übel) beleumundet'-. 

39. Con dist piech'a: vgl. Rayn. 1. C. I. CCIX. 28; 

Si m'acort hien a ce k'eii dit bowiement 
Que U kons qui mauvaU seigneur strt 
Mauvais hier aient. 

Eine andere Form des Sprichwoi-ts gibt der Roman du Renard 8. 410 
(nach Le Roux de Lincv, Prov. fr. II. 98): 

De iel seigneur lel louier. 

Ähnlich der von Le Roux de L. nach den „Prov. Gallic." zitierte Spruch 

Qiii bon seigneur sert, bon loier en aitmd. 

VI. 

oü ff. Das Leid, an dem der Dichter leidet, wird, wenn ihn die Dame 
erhört, selbst in Leid versetzt werden — eine in ihrer Kühnheit an die 
Abstraktionen der römischen Kunstdichter erinnernde Personifikation. 

33. muel; wenn wir das Wort als 1. Ps. S. Pr. von mouloir auffassen 
(s. 0. S. 35), bietet nur der Sinn eine gewisse Schwierigkeit. Me muel würde 
heifsen „ich zeiTnahle, verzehre mich'-. Die Bedeutung pafste gut in den 
Zusammenhang, läfst sich aber durch kein Beispiel belegen. Vielleicht 
stellt der Gehrauch von mou/oir soi in abstrakter Bedeutung eine sprachliche 
Lizenz unseres Dichters dar, deren Auftreten durch die Armut der Sprache 
an Reimwörtern auf -uel ihre hinreichende Erklärung findet und auch sonst 
Jehan de Renti leicht zuzutrauen ist. 

VII. 
6. Vgl. Raynaud /. --•. I. ;54. 6: 

C'est la riens del mont que plus desir. 

16. De ttosire umour faire onic: oni bedeutet gewöhnlich „gleich, ebea- 
bürtig" (s. God. sowie ßerger 1. c. S. 450); von der Liebe gesagt, deutet es 
wohl auf das auf beiden Seiten gleiche Entgegenkommen hin. Verfehlt 
dürfte die Übersetzung mit ..modeste, simple" sein, für die .sich God. auf 
folgenden Beleg stützt: 

Amors doit estre toule ounie 
Sans orgoil et sans mllonie. 

18. prive = geheim: vgl. Rayn. I.e. I. 272. 14. 

Que du prive larron ne se puet on garder. 

VIII. 

I. Die Form Bertel steht oft in pik. Texten neben Bretel wie hregtronmte 

neben bergeronnete n. ä. 

II. Ob das handschriftliche ii les eine Verschreibung oder eine aut 
der Aussprache beruhende Haplographie darstellt, ist zweifelhaft. 

16. mäaisüre (magisterium=Kunst, Rat) ; die durchs Metrum gesicherte 
Form müaistire kommt nur an unserer Stelle vor; die gewöhnliche ist 
maistire (dreisilbig). Mäaisüre ist vielleicht als Verschmelzung aus der bei 
God. belegten halbgelehrten Form maiestire und der häufigeren mnittire auf- 
zufassen. Vgl. Berger Lehnwörter S. 168. 



216 Johannes Spanke. 

17 flf. Zum Sinne vgl. das von Lc Roux de Lincy II. 472 zitierte 
Sprichwort: 

Amovr ne se puet celer. 

20. wenn er es (das Herz) nicht schnell dem Arzte anvertraut. 

IX. 

14. </eter <h tormtut (von God. zweimal belegt) = aus dem Leid 
entrinnen lassen. Der Dichter fürchtet sich also, sein Leid möge aufhören, 
da er dessen erhebenden und veredelnden Einflufs nicht entbehren möchte. 

30. h'en li veoir en U öir; vgl. Colin Muset (ed. Bedier) VI. 42: 

Et U veoir et li öir. 

o'}. vüoir = besuchen: s. Berger 1. c. S. 78. 
42. Tant ai je vgl. Anm. zu IV. 12. 

X. 

21. Damt si ma si souspris; Vgl. Rayu. 1. C. XXXIII. 5: 

Si ma souspris. 

39. Der Sinn der Schreibung Stengels aim miex ke Suis soie ... ist 
mir unverständlich. 

40. Vgl. Gillebert de Berneville VII. 1. 8. Puisque la vi, ne seit aiUor 
penser. 

49. „bon Jehan^ ist vielleicht als ein Eigenname aufzufassen. Vgl. das 
im Registre des Jongleurs auftretende „pro bono Bretel Jehan" (s. Guesnon, 
Nouv. rech. S. 32). 

50. Vgl. oben S. 61. Stengel's Ei'gänzung: Xus [amereja] rCa joie . . 
scheint mir zu weit hergeholt; ich schlage die den Sinn des Überlieferten 
weniger verändernde Ergänzung vor: 

Nm n'afvera ja] joie. 

XL 

Der Sinn der zweiten Strophe ist in der überlieferten Form unklar. 
Verständlicher würde er durch die Schreibung m'entent; allerdings bietet 
God. für il mentmt = ^es leuchtet mir ein" keinen Beleg. 

21 ff. Sinn : keinen andern kenne ich, der in der Liebe nur Glück 
hat, als die, welche in ihrer tollen Brunst unehrenhaft bandeln wollen. 

26. Verrat jou ja veuir l'ajornement. eine Phrase, die von den Arraser 
Dichtern mit Vorliebe angewandt wurde. Besonders oft findet sie sich iu 
den Motet's der Sammlung Raynaud's. 

37. Et se . . . vgl. Anm' zu III. 4. 

XII. 

14. huryliier wird von God. übersetzt mit: faire subir au drap 
une certaine preparation. Burghie ist also ein auf diese Weise behandelter 
Stoff. Das Wort scheint mit borge verwandt zu sein, das nach God. eine 
Stoffart bezeichnet. - Tireiaine ist nach God. ein halb aus Leinen halb aus 
Wolle bestehendes Tuch. 

15. Pour miex satiler preu sei-gant; sanier in der Bedeutung „gleichen, 
darstellen" (= simulare aliquem) regiert im Afrz. teils den Dativ, teils 
den Akkusativ. Vgl. Aiol 1085: 

// le resamhlt miex qu'homt qui vive, 
Yvain 646: Ne vuel pas sanbler le (/aig7ion. 

18. (jroucher nach God. = murmurer. 
25, „ich werde sacklaufen." 



Die Gedichte Jehans Je Renti und Oedes de la Conroierie. 217 

2. Zu Oede de la Couroierie. 

I. 

1. Ahnlich der Anfang eines Motetts (Rayn. I. 250): 

3Iult ai longuement 

Amt' de fin ctier hi'mment. 

5. mfance hier = Torheit. Vgl. Gillebert de Bern. YlII. 4. 7.: 

Trop fet fjrant enfance. 

IL 

9. Xe ja ne inen retrerai Vgl. Rayn. I. o4. 18 : Ne ja ne m'eii partirni. 

'2b. Amors si ont seur mol lor arc iendu. Die Personifikation der Liebe 
ist von Vers '> an durch das ganze Gedicht im Plural durchgeführt, was 
an und für sich nicht auiFällig ist. Doch unser Vers legt den Gedanken 
nahe, dafs dem Dichter die geflügelten und pfeilbewehrten Amores (Cupidines, 
"EpcoTsc) der Alten vorgeschwebt haben. Diese Annahme erregt aber aus 
dem Grunde Bedenken, weil dieses Bild der gesamten provenzalischen und 
altfranzösischen Lyrik, soweit ich sie habe übersehen können, fremd ist. 
Auch hat gerade der antike Dichter, der wohl für eine Übertragung des 
Begriffes ins französische Mittelalter allein in Betracht käme, nämlich Ovid, 
denselben nur selten und nur in formelhaften Wendungen gebraucht (\'gl. 
den Artikel Amor im Thesaurus Jinr/uae Lat.). Catull und Properz waren 
bekanntlich im Mittelalter so gut wie unbekannt. Es ist daher wohl an- 
zunehmen, dafs an unsei'er Stelle eine rein zufällige Zusammenstellung der 
Begriffe ..Liebesempfindungon" und „Verwundung des Herzens durch die 
Liebe" vorliegt. Das ist um so wahrscheinlicher, weil das zweite dieser 
Motive in der altfrz. Lyrik garnicht selten ist. Vgl. z. B. Rayn. II .XIjIV 8: 

Mais eile (die Dame) niuit si navreit (Tun darf ou cors 
Ke nuiis ne Tan puet oster. 

Bartsch, Lanyue et Lilt.fr. S. ")16 (Sotte ch.): 

An vous esgardeir 
Fui d'un dairt navreis. 
Clef d'Amors 520: . . . hs jolies pensees 
Sont des dars amourous naffrees. 

Von demselben Standpunkte aus ist nun natürlich auch der Vers 

Amoiirs m'ont narrr d'un dort si crueument. 
(Ro. VII. 102) zu beurteilen. 

111. 

7. 'jrieve ist als unpersönliches Verbum aufzufassen. 

8. „von der einen nur Verdrufs und Kummer erwartet". 

24. he ist die alte (e-lose) Form der 1 . Ps. Sing. Pr. von beer. 

IV. 

1. derreniere, wohl zu ergänzen: volente i.s. God.). 

7. son prison seinen Häftling. 

19. Zur dritten Strophe ist zu bemerken, dafs nach Vers 22 ein 
Vers fehlt — wohl eine Nachlässigkeit des Dichters. 

22. sousis = souci (s. God.): „die Sorge, die mein Antlitz gebleicht hat". 

33. Der Grund des Verschreibens von trouvoit zu troucoie lag wohl iu 
einer falschen Auffassung von sensi (s'en si statt des ri( htigen s'tnsi). 



t> 1 8 Johannefi Spanke. 

36. Der Sinn der A^'crse 36 39 ist im . Zusaumienhang mit dem 
Übrigen unklar, wohl wegen dor mangelhaften Überlieferung. Was unter 
marinier d'amors zu verstehen ist, bleibt unverständlich. 

40. Das überlieferte eszchopez est ist wegen des Folgenden wohl zti 

Quescfiapez (= Qni eschapez) eM zu verändern. 

V. 

5. 'S'e dex nest surz — vielleicht eiue Reminiszenz an eine bekannte 
Erzählung der Bibel. 

19. Das zitierte Sprüchwort tindet sich nach Le Rou de Lincy 
(II. 472) in einem Manuskript des Corpus Christi-College von Cambridge 
unter nProverbes de Fraunce" in der Form: 

Chi bien aime tard oblie. 

Es bildet den Anfang einer unedierten Chanson des Ms. ß. N. 847 fol. 194 v^'. 
40. Ci a dtire departie; der Ausdruck ist vielleicht dem berühmten 
Kreuzlicd des Hugues de Berze 

S^onkes nus hom por Jure departie 

entnommen. 

46. onie vgl. die Anmerkung zu Jehan de Renti VII. 16. 

50. Por pou het qui naiine m/'e - ebenfalls vielleicht eine biblische 
Reminiszenz. Als Sprichwort wird der Vers von Le Rou de Lincy und 
von Tobler, Prov. au. Vilain, nicht angeführt. 

Meschede. Johannes Spanke. 



Zur Textkritik von Rigoiiiers Schlussepisode. 

Rigomer-Schlußepisorle und kein Endel kann mau füglich aus- 
rufen. Der Hrsg. der „Turiner liigomerepisode" liat wohl nicht 
geahnt, als er Feist's Abschrift herausgab, welche Folgen dies haben 
würde. Um so verwunderlicher, als eine große Zahl anziehender, 
wichtiger und gedruckter Texte noch immer einer Bearbeitung harrt. 
Es erschien zuerst E. Brugger's lange Anzeige (Ztschr. f. franz. Spr. u. 
Lit. XXX"- 129— 15G), die durch den Umstand veranlaßt war, daß 
auch er s. Z. eine Abschrift des Textes genommen hatte. (Auch ich 
hatte s. Z. eine solche genommen, aber verloren (1877)^ s. Rom. Ztschr. 
II, 78, 21.) Dies veranlaßte mich, den Besitzer einer Abschrift des 
Originals, zu einem textkritischen Exkurs (diese Zs. XXXII ^ 81 — 124), 
dem ich im letzten Augenblick den Text der Urschrift selbst voran- 
schickte, weil ihr bloßer Abdruck eine ganze Reihe von ott'eneu 
Fragen und den gi'ößten Teil der unsicheren Textstellen sofort klar 
stellte. Bevor ich mich zu diesem Abdruck entschloß, wandte ich 
mich am 24. März 1907 nach Chantilly, ob nicht im letzten Jahre 
der betreffende Teil der Hs. dort abgeschrieben oder eine Photographie 
von ihm beschafft worden sei, wobei ich des Herrn stud. Pessen- 
Berlin gedachte, der sich gleichfalls au H. Macon gewandt hatte. 
Er hatte auch bei mir angefragt, ob ich „beabsichtige, den Rigonier- 
roman herauszugeben" und ob ich ihm nicht meine Abschrift der 
Schlußepisode, die er als Dissertation kritisch bearbeiten wolle, mit- 
teilen wolle. Ich antwortete am 28. Februar d. J meine Ansicht 

[darüber], die 1300 Zeilen zu einer Dissertation zu verarbeiten, d. h. 
ein Bruchstück aus einem erhaltenen Roman von 1 7 000 und einigen 
100 Zeilen — nach einer späten Abschrift, während da» Original 
derselben erhalten ist (denn Tui-in ist aus Chantilly abgeschrieben i) 
und zwar wie Sie sagen, kritisch, ist doch eine sonderbare Aufgabe. 
Das würde ich als Aufnahniearbeit ins Sem. kaum annehmen, denn 
es ist in einer Woche bequem zu machen. Noch dazu ein gew. 
pik. Text, also eine Mundart, die wir am besten kennen. Zu einer 
solchen Arbeit möchte ich meine Hand nicht geben. Haben Sie sich 
denn mit Herrn Prof^ Tobler beraten? Hat er seine Zustimmung 

^) Natürlich vom Sehr, etwas modernisiert in der Orthographie, in seine 
Mundart unigp.schrieben und dann nnd wann paar leichte Besserungen Jiiid 
ganz kleine Änderungen, die sich jeder Schreiber erlaubt. 



220 * W. Foerster. 

gegeben? 2) Überlegen Sic, daß so viele der schönsten und gedruckten 
Texte noch nicht bearbeitet sind." Darauf gab ich ihm eine Reihe 
von passenden Themen an mit dem Ersuchen, falls er eins davon 
wählte, mir's mitzuteilen, damit ich es nicht auch hier bearbeiten 
lasse, worauf Herr Pessen nichts mehr von sich hören ließ. Herr 
Macon, Conservateur adjoint in Chantilly schrieb mir (Poststempel 
Chantillj' 26. 3- 07.): .Tavoue que je ne me souviens plux du 
tollt du genre de demande de M. P. ; il y a dSjä longtemps qu'il 
ma 4crit, et comme la hesogne de bibliotMcaire est la moindre 
partie des fonctions de ma lonrde charge, vous comprendrez sans 
peine que le souvenir d\ine petite affaire ne reste pas tres net. 
Darauf hin schickte ich meine im Jahre 1874 genommene und gleich 
fertig gemachte Abschrift"^) an die Redaktion, mir die paar kleinen 
etwa nötigen Änderungen für die Korrektur aufsparend. So erschien 
der Text in dieser Zs., leider nicht in der von mir gewünschten 
Form, da ich wider Erwarten die Druckkorreklur in den Ferien auf 
der Reise erhielt und gerade die Korrektur des Textes ohne das 
Manuskript und ohne T (Turiner Text) erledigen mußte."*) So sind 
einige Kleinigkeiten stehen geblieben, die ich sonst geändert hätte, 
und es fehlen ein paar Lesarten der Hs., die in meiner Abschrift am 
Rand stehn und die ich s. Z. bei Aufstellen der Var. Lectio über- 
sehen hatte. — Ich war daraufhin E. erstaunt, als ich in einer Biblio- 
graphie „Possen E., die Schlußepisode des Rigomerromanes. Kri- 
tischer Text nebst einer Einleitung und Anmerkungen. Berlin 1907, 



2) Vgl. jetzt weiter unten meine Bemerkungen zu den Anm. (S. 222) 
520, 820, 1196 und zum Text 397, 1182. — Ich mufste mein Schreiben hier 
a.nziehen, da Herr Pessen selbst S. 9 Anm. 1 seiner gedenkt und daraus 
den Satz „Turin ist aus Chantilly abgeschrieben" zitiert, den er im Folgenden 
widerlegt zu haben vermeint. Die Anregung zu seiner Arbeit erhielt er 
(S. 1) von Herrn Dr. G. Ebeling, dessen er dankend ebenda gedenkt. 

3) Ich habe die Abschrift der 17 271 Zeilen des Roraanes am 20. August 
1874 begonnen und am 7. Sept. vollendet, wobei zwei Sonntage in Abzug 
zu bringen sind. Die Schlufsepisode habe ich am 6. (Nachmittag) und 
7. Sept. abgeschrieben. Dabei ist nicht zu übersehen, dafs die Hs. schon 
in aller Zeit stark benutzt und gelosen worden ist, sodafs nicht nur viele 
einzelne Stellen, sondern auch ganze Seiten abgewetzt und mehr oder 
weniger imleserlich sind. Auch in der Schlufsepisode gilit es viele solche 
Stellen, die mir jetzt bei der Vornahme der Photographie recht in die 
Augen fallen. T hat die Hs., wie seine Lesungen zeigen, noch in unver- 
sehrtem Zustand vor sich gehabt, ich ihn damals natürlich nicht benutzen 
können. 

*) S. eine unvollständige, auf derselben Reise ohne Manuskript auf- 
gestellte Druckfehlerliste S. 124. Unter anderem ist noch zu bessern 
S. 81 Z. 1 V. u. Erstere, lies: Letztere. — S. 83, Z. 3 1. letzten. — Z. 5 v. 
u. 1. I, 38.'). — S. lOfi V. L. 848 zu streichen. — S. 111 Z. \om streiche 
Apostroph. — S. 114 Z. lir,9 lies: Diex! — Z. 1179 aparillies. — S. 116, 
V. L. 1255 noniir. — S. 118, V. L. streiche erstes 1326 V. L. — 
S. 124. Z. 12 v. u. : Der Text ist inzwischen ausgedruckt, kann aber freilich 
erst nach Fertigstellung der Beigaben ausgegeben werden. Einige Kleinig- 
keiten der V. L. trage ich in den textkritischen Pemerkungen nach. 



Zur Textkritik von Rigomers Schlussepisode. 221 

Mayer &. Müller, 75 S. 8, bar 2 M." vermerkt faud. Aus ihr er- 
^fuhr ich auf S. 2, daß Herr Macon wenige Monate vorher die neun 
Folioseiten des Textes hatte photographieren lassen und ein Exemplar 
Herrn Pessen in großmütiger und nicht genug zur Nachahmung zu 
empfehlender Weise geschickt hatte. 

Ich kann nun, nachdem ich die Dissertation Pessens durch- 
genommen habe, nicht sagen, daß ich meine, ihm gegenüber geäußerte 
Ansiclit von der Unzweckmäßigkeit einer solchen Arbeit geändert 
hätte — ich hätte es auch dann nicht getan, wenn die Dissertation, 
die in allen ihren Teilen, sagen wir, eher schwach ist, anders aus- 
gefallen wäre. Der Versuch, Turin als selbständig, und nicht aus 
Chantilly abgeschrieben zu erweisen (S. 8 — 13), ist überhaupt nicht 
ernst zu nehmen, die sprachlichen Bemerkungen (S. 14 — 19) sind 
recht elementar und unvollständig und die Zuweisung des Verfassers 
an die „südliche Pikardie, das Grenzgebiet der Isle de France" 
(S. 20) nicht richtig. Am Schluß sind „Kritische und erklärende 
Anmerkungen" (S. 67 — 74) angehängt, die neben manchem selbst- 
verständlichem oder eig. fernliegendem oft gerade da fehlen, wo man 
sie am ehesten gesucht hätte und daneben manch anfechtbares ent- 
halten. 5) Mich beschäftigt hier bloß der Text, den ich voll- 



*) Auch sonst enthalten sie wenig Brauchbares; vieles davon ist 
weiter unten in meinen textkritischen Bemerkungen erledigt, das übrige 
Anfechtbare (es bleibt dann kaum etwas übrig) gebe ich hier: 2. zu Estriguel 
wird auf Outregaks Erec, wo Estreyaks Var. ist, verwiesen. Wie kommt das 
her, da Estriguel eine Residenz (also Ortschaft) ist, Outre-Gales dagegen ein 
Land! Diese Residenz kommt m. W. in keinem andern Artusroman wieder 
vor. Nur in Rigomer steht sie nochmals 6598 als Esiringvel, wohin der 
König zieht, während er die Königin nach Tintaguel schickt. — 24 lut/ 
T: „vielleicht fälschlich auf Artus bezogen?" Nein, T setzt, was auch C 
kennt (z. B. 734), das spätere Fem. Im (= neufrz.) ein. — 61. 2. übersetzt 
er richtig „dafs sie (die puceh von Qintefuelle) so <; besser : ebenso > tun 
wird", was er dann durch: „der Gefahr ausgesetzt sind, von dem Usurpator 
seinem Schwiu-e geniäfs getötet zu werden" erklärt. — Doch nicht, sondern: 
von ihr!; s. dazu in dieser Zs. — 69. 70 „home hier in der Bedeutung^ Lehns- 
mann, Vasall" (vgl. nf. kommage") — dazu ist hier kaum eine Veranlassung; 
natürlicher ist das zunächstliegcnde: „irgend einen Menschen". — 108 
zu streichen ! - 126 Comualle „viersilbig, wie es auch Erec^ — es 
kommt überhaupt nie anders vor und hat auch nie anders lauten können. — 
146 tos] „tost -j- adv. .? > toz, in unserer Mundart: tos"; nein, tost kommt 
nie mit adv.-s vor, also auch nie als toz; dagegen ist das ausl. t vor fg. 
Kons, verstummt. — 172. Aharies der Vorlage Latte T, der seine Artusromane 
kannte, richtig in Kahariez gebessert; dazu P: „[Kjahariez mag vielleicht 
durch Carahes 177 beeiufiufst sein oder auch das A' vom fg. Namen Cadonains 
(sie, s. dazu weiter unten) hergenommen haben." Einen Artusritter Aharies 
gibt es nämlich nicht, der Schreiber von C muls die kleine Iniziale seiner 
Vorlage, die vielleicht unleserlich war, übersehen haben. Der aus vielen 
Romauen wohlbekannte Ritter heifst immer Gakanet, Guheriei, Gah{i)eris^ Gahares 
oder Cahariet, Caherihes, Chaherks (er ist der Bruder Gavams, Neffe des Königs) 
und darf auch nicht mit dem berühmten Caradues, Caradis verwechselt werden. — 
•J40 hält darnach einen Punkt für miiglich — lieber nicht! — 370—372. 
Nein; erstes Jou sni ist = Jd sai. — 375. fois : moi Assonanz! Dies bei einem 



'2'2'2 IV. Foersier. 

ständig bebandle, um meine Rigomemusi^abe von all diesem Neben- 
werke zu entlasten. Ich bin in der glücklichen Lage, alle zweifel- 
haften Lesungen mit voller Sicherheit zu entscheiden, da auch icii. 

Dichter, der nach den identischen Reimen solch erfolgreiche Jagd macht 
und so gern reich reimt, anzunehmen, empfiehlt sich doch nicht; es 
ist, wie so oft in unserm Text, ein Reim fürs Ohr und nicht fürs Auge — 
.< war stumm. 470—474. Hier fehlen in T fünf Zeilen: „Die beiden 
Reimpaai'e (avoUis : voücs und triue : miue) sind von T, falls sie in seiner 
Vorlage nicht bereits fehlten!!), vielleicht deshalb ausgelassen, weil ihm die 
mundartlichen Formen triue., miue unbekannt waren(I), vielleicht auch, weil 
sie undeutlich geschrieben sind, wie auch mir deren Entzifferung viel 
Mühe verursachte." Diese Formen gehören ja dem N. und NO. an, also 
waren sie T wohl bekannt. Sonst aber könnte jemand einen Widerspruch 
in dem von P Gesagten tinden : einmal sollen die Zeilen schon in seiner 
Vorlage gestanden haben, dann wieder in ihr unleserlich gewesen sein, 
„wie auch mir deren Entztfferung viel Mühe verursachte." Damit gibt ja 
P zu, dafs T unsere Hs. vor sich hatte und abschrieb; denn die Annahme, 
dafs gerade diese Stelle in C und in T' unleserlich gewesen sein soll, ist 
doch etwas stark. Die Stolle in (' ist aber, wie die Photographie lehrt, 
tadellos in schöner, unbeschädigter Schrift erhalten und dafs miue in Hs. »««"e ge- 
schrieben ist, kann doch angesichts des vorausgehenden Reimes triue (so 
Hs.) keine „Mühe" verursacht haben. — Aber auch so ist die Annahme, 
dafs die Verse schon in der Vorlage von T gefehlt haben sollen, unhaltbar; 
denn dann hätte er doch nicht unterlassen, dem zu 469 kvee fehlenden 
Reimvers zu ergänzen, wie er es ja sonst stets bei einem fehlenden Vers 
seiner Vorlage (unseres C) tut. — 519. 520 warum T.. die klare Vorlage 
geändert, wissen wir nicht, aber sicher ist, dafs seine Änderung tourse (st, 
fem.) falsch ist. — 520. „Das zweite und dritte Wort ist in C verwischt 
und sehr undeutlich. Ich hatte ici prenent (-}- l) gelesen; Herrn Dr. Ebeling 
verdanke ich die Lesart: i trueuent.'^ Die Photographie gibt Viande i tr(u)euent 
se-l carc/ie | ganz deutlich und scharf; einzig der Rechtshaken des r ist etwas 
verwischt; u selbst ist etwas blafs, aber ganz deutlich und klar sichtbar. — 
804 £t Lanselot torna a preu (die Hilfe des Bogenschützen); P: „L. ist obl. 
..ein solches Spiel, das er dem I.. zum Vorteil wendete'- — nein! tomer ist 
hier, wie oft, absolut. — 805 fus/ P: „Baumstumpf". Das heUst fust nie, 
sondern Holz, Baum, hier Baumstamm. — 820 (nous arotix taut) nostre cemin ensaucie 
(exaltiare) dazu P: ..Herr Dr. Ebeling schlägt vor, encaucie zu lesen." 
Dies empfiehlt sich nicht, man sagt altfz. wohl: encaucier eine Person, z. B. 
renemi, aber nicht encaucier la voie. wie SChon die Ableitung lehrt. — 9ü3 „estait 
(lat. stai) Anbildung au vait, s. Suchier Gr. 1,773." Aber vadit gibt ja selbst 
nur va, hat also seni rdt selbst anderswoher, wohl von fait. — 973 toute laforiest 
tentist P: „tentir, t:an3. = wiederhallen machen-. Es ist absolut ge- 
braucht „widerhallen", traus. kann es nur ein te7it!r un mot u. ä. sein. 
Vielleicht erwartete T fories; aber der Schreiber läfst bereis das fem. -s 
öfter aus. — 1103. 4 will P umstellen; lieber nicht. — 1107 tout] P: „T: 
tous, auf mervelles bezogen, wäre auch richtig, da mervelh zu den Subst. ge- 
hört, die im NO. auch masc. begegnen." Schon dem Sinn nach wenig 
passend, dazu kommt, dafs merveilh in unserm Text nie fem. ist, dies aber 
auch für den NO. nicht belegt ist; siehe meine Anmerkung gr. und kl. 
Cliges 836, und dazu Tobler Rom. Zs. 8, 294. Ein sicheres Beispiel hat bis jetzt 
nur E. Herzog aus seinem Mace 291 cel m. beigebracht, also für Zentrum! — 
1196. ^vasal, bemerkenswerte Anrede ; Artus betrachtet seinen Gegner schon 
als besiegt (Ebeling)'- das ist doch nicht der Fall : rasal war damals die 
allgemein übliche Anrede (= sire) unter den Rittern, so regelmäfsig im 
ganzen Rigomer (z. B. knapp vorher 1574.!>. 15819. 16116) und sämtlichen 
Abenteuerromanen. 



Zur Textkritik von Rigomers Schlussepisode. 223 

jetzt im Besitz der Photographie bin, da Herr Macon auf meine 
Bitte um ihre leihweise Überlassung auf zwei Tage mich mit der 
Dedikazion eines Abzugs der neun Folioseiten in liebenswürdigster 
und liberalster Weise überrascht und hocherfreut hat. Ich ergreife 
diese Gelegenheit, um ihm bereits hier (in ausführlicher Weise muß 
ich es ja aus anderer Veranlassung in meiner Rigomerausgabe tun) 
meinen verbindlichsten Dank auszusprechen. 

Zuvor einige kurze Bemerkungen über die Behandlung der 
handschriftlichen Schreibungen. P (essen j hat den Text nach C 
(Chantilly-Photographie) roh, ohne jeden Versuch einer Scheidung, ab- 
gedruckt, also t', w, i wie in der Hs., kein Akzent, kein Trema, nur 
Apostroph und Auflösung der Abkürzungen. Ebenso hat er (dies- 
rait Recht) jede Regelang der Schreibung ausgeschlossen. Dabei löst er 
alle n9, v9 oder u9 stets mit nous, vous auf; die Schreiber 
(Rigomer ist von fünf (oder vier?) verschiedenen Schreibern geschrieben, 
die Schlußepisode von zweien'^') schwanken zwischen nous, vous und 
nos, vos] letzteres steht paarmal gerade im Reim; doch ist darauf 
kein Gewicht zu legen, da sich hier ebenso auch 7wus. vous findet. 
Ebenso schwanken alle Schreiber zwischen m und n beim Nasal vor 
Labial; niVt ist einigemal (nicht in der Schlußepisode) aufgelöst 
(stets mout, aber einmal mou(t): n und u (siehe weiter unten zu 48) 
sind in vielen Fällen nicht zu unterscheiden, in andern scharf ge- 
schieden, besonders der erste Schreiber der Episode (bchr nachlässig, 
mit häßlicher, hölzerner Schrift) setzt nur zu oft deutliches n, wo der 
Sinn sicher u verlangt, so daß man alle solche Fälle nur nach dem 
Sinn entscheiden kann. Dasselbe gilt von e und o, vgl. veus, peoir, 
1201, cenhatre 1208, pluisers 1314, so daß man bei vot und vetwichi- 
weiß, ob er v(u)et oder vo(l)t schreiben wollte. Dasselbe gilt auch 
von c und t. Fehlerhafte Interpunktionen in P. erwähne ich nicht. 
Inwieweit sein Text „kritisch" ist, zeigen die folgenden Bemerkungen. ') 

1. oiies] = C: oiiez P. 

12. mangier] mengier P, C. — duront in V. L.] = Hs.; 
durent P gerade der Schreiber dieses Teiles ist im Schreiben von e 
und a so flüchtig, daß sie oft nicht zu scheiden sind und einzig der 
Sinn entscheiden kann. Dasselbe gilt dann bei ihm von einer Form 
des 0, die bei andern Schreibern a ist, nämlich a, z. B. has (st. hois) 
öbb, wo aber der Sinn o sichert; sein a hat stets den oberen runden 



^) S. 13 meint P mit Hinweis auf die Scblufszeilen des in demselben 
Band enthaltenen Fergus, worin sich der Schreiber nennt [s. Martin S. 235] : 
„Der Schreiber, dem wir das Ms. verdanken, hiefs also Colin h Fruitier"' — 
dies ist nicht der Fall; doun der Fergus (t. 100 — 122) ist wieder von einem 
andern Schreiber geschrieben, wie mir Herr Macon auf eine besondere 
Anfrage bestätigt. 

') Ich lege meinen Text dieser Zs. und dessen Verszähluug, die mit 
P stimmt, zu Grunde. Wenn bei einer Lesart es heifst . . ] = C; . . P, 
so heifst das, dafs P's Lesung falsch ist. 



224 W. Foerster. 

Bogen weit uach links gezogen: o. — Gerade bei unserm duront ist 
furent Z. 10 in Hs. zu vergleiclien. 

23. Chevaliers] = C; cheualier P. 

42. [aj plus mal] plus [a] mal P. nach T.^) 

43. Qintefuelle] = C; Quintefuelle P. nach T. 

46. roiaume] = C; roianme P. nach eigener Auffassung, so auch 
weiterhin im fg., bis gegen Schluß endlich das einzig mögliche 
roiaume in seinem Text erscheint 1158. 1286. Paläographisch läßt 
sich u und n in zahlreichen Fällen überhaupt nicht scheiden, was mau, 
die Photographie vor sich, schön sehen kann, so gleich 49 deutliches 
ontrage, 63 entr'ans, 125 tons^ 136 on, 147 conrans, 211 con 
(fou)^ 224 desconlorees, 838 anra usf. — Ein roianme ist zudem 
lautlich unmöglich. Es ist roid(u)me, der bekannte Pikardismus. 

48. vout] ueut P.; Hs. nicht zu entscheiden; s. zu 12; doch 
ist hier der rechte dicke Strich etwas gegen u gekrümmt, soll also 
wohl e sein. Sonst findet sich vout 890 ganz deutliches o, von dem 
folgenden u getrennt, außerdem noch vet und vot. 

51. de li] cell P, T; Hs. (c)eli, c verwischt. In meiner 
Abschrift steht am Rand: „oder cell {ce verwisclit)"; c und d sind 
sehr schwer zu scheiden, so 1028 cou. 

53. qil] = C; quHl P. nach T. 

60. destraira) das von mir vermutete destruira steht schon 
in Hs., freilich hat das u den großen nach links überhängenden a- 
Bogen; s. zu 12. 

62. ausi] ansi P; s. zu 46. 

64. faitj faii P mit C (bei mir in der V. L. verdruckt), 
das P. in der Anmerkung schützt: ,.fais {== fait + *) auf plus 
bezogen" — unmöglich. 

67. anui] = anuj C; a7mi/ P nach T; offenbar hat ihn 
das j der Hs. irregeführt — es steht bekanntlich gern nach mehreren 
senkrechten Balken, um eine Verlesung zu hindern, also derselbe Zweck 
wie das Setzen des Akzönts in ähnlichen Fällen, so gleich 68 nului C. 

72. q'autrui] :=^C; quautrui P. 

76. El] C; fehlt P; — hones] = C; honnes P, homz T. 

90. pleuroit] V. L. pleroit — ploroit P; Hs. hat ganz deut- 
liches, unanfechtbares e\ s. o. zu 48. 

102. qi]=zC\ qui P nach T. 

106. qui' 71 a] V. L., qui na= C, qu'ent T, dagegen qui na 
P mit folgender Begründung: „T quent = qui ent ist kaum 
möglich. Nach C äußert die Königin im Gegensatz zu T keine 
Freude über diesen Besuch, der die Veranlassung zur längeren Ent- 
fernung ihres Gatten gibt." P hat die Stelle arg mißverstanden: 
daß die Königin, was selbstverständhch ist, sie mit Freuden (wie jeden 



*) Mit T mein ich immer Stengels Druck, da mir ja die Hs. selbst 
nicht zu Gebote steht. 



Zur Textkritik von Rigomers Sclilussepisode. 2"25 

solchen Gast) empfangen hat, zeigt ja die folgende Zeile: Biel le 
Jierhega cele nuit. — Qui na = qui'u a {= qui inde) ist eine beliebte 
Schreibung vieler nördlicher Hss., auch der unsrigen, die ebenso ne 
na = n'en a u. ä. bietet, also Satzphouetik. Falls P aber dann 
quen erwartet, so sei auf das häufige ähnliche qui'stoit (= qui estoit) 
u. a. hingewiesen. 

107. BielJ = C; Bien P nach T. 

111, £Jt conte le roi le mervelle] = G: 7 (2. m. an den 
Rand vor die Zeile) 9te le roi le m.\ Et com cele le roi meruelle 
P; fehlerhaft und sinnlos, da T fehlte und so nicht aus der Not 
helfen konnte. T ließ das Verspaar aus, weil er die Stelle nicht 
verstand. Es ist nämlich, wie so oft in C, eine Lücke vorhanden, 
wie ich sie in meinem Text nach 110 angesetzt habe. Denn cele 
HO ist die fremde Botin, 111 ist die Königin Subjekt. P dagegen 
bemerkt: „111. 2 sind vielleicht Interpolation, zu der der Copist [d. h. 
das Original von T, das zwar sehr oft ausläßt, aber nie interpoliert] 
sich durch den ihm zu unvermittelt scheinenden Übergang leicht veran- 
laßt sehen konnte". 

114. conviientj = C Ouient: couient P. 

116. ConJ=^G9\ Com F, so immer. 

123. avousj V. L. auons — es mag auch deutliches auons 
sein; au07is P sinnlos; es kann nur, wie schon Stengel mit T annahm 
=: ecce vos sein. Vgl. Evous 181. 

138. conJ= C 9; qu'on P nach T. 

141. Vauberc] = C laubc (sicheres c); l'aubert P. 

144. ne se sei faindre] = G\ fet P nach T, sinnlos. 

154. tox] = C; tous P nach T. 

159. 161. roiaume] roianme P, s. zu 46. 

163. onqes] = C, onqices P nach T. 

169. memiementj meimement P nach me'ismement T, me- 
tinement C, was in den Zusammenhang noch besser paßt, wenn auch 
meine Lesung einen guten Sinn gibt. 

172. Cadovains] = C, Cadonains P nach T. Die Ax'tus- 
romane kennen keinen Ritter dieses Namens (dreisilbig); wohl kommt 
ein Cadorvain Erec 1727 vor, der in V steht, während die anderen 
Hss. Cadöin, Gordevains, Gornevain und Gladorlin bieten. Ca- 
droain le Rous kommt Atre 643 — 643 vor, der auch Codrovain 
geschrieben wird und mit ihm identisch ist: Atre 428. 430. 441. 
447. 450. 454. 478. 487. 

173. Chevaliers] P fehlt in der V.L. : clCr C; d. h. Hs.: chevalier 
176. LaisJ = C, auch P, der aber als Lesart von C lars 

angibt ; i und r sind oft leicht zu verwechseln, besonders bei ri (ir), 
was aber hier nicht der Fall ist. 

178. desrees] ebenso P, aber C hat, wie meine V. L. angibt: 
des fees. 

Ztschr. f. frz. Spr. u. Litt XXXII». 15 



226 W. Foersier. 

182. Yvaifi — YvainJ ebenso P nacb T. wo V. L. beidemal 
Yain C fehlt, während P 183 Yains im Text stehen ließ. 

201. .l.J d. h. 50 = sicher und deutlich C; P merkwürdiger 
Weise .d., das er als 500 auffaßt, eine der altfz. Paläographie 
ganz unbekannte Schreibung, die er offenbar in C zu lesen glaubte. 
Er verteidigt seine falsche Lesung, da T43 bietet, in folgender Weise:- 
^T gibt die Zahl der Ritter mit 43 an, die Zahl 503 kam ihm viel- 
leicht zu groß vor; daß sie aber richtig ist, zeigt V. 170". Dort steht 
nämlich, daß außer den Frauen auch mehr als 500 Ritter über den 
Ehezwist weinten. Hier aber handelt es sich um die Ritter, welche 
sich dem König zu seiner Ausfahrt als Knappen anboten, was natür- 
lich nur die tüchtigsten und vornehmsten zu tun wagten. So ist 53 
ohnedies schon eine sehr große Zahl. 

205. Nes] V. L. Nel=C; P Nes ohne V. L. 

213. streiche Le in V, L. 

220. riesj V. L: /rei = C: P. ries als C, offenbar nach T riez. 

233. moutrerj montrer P; die Hs. scheint hier n zu 
bieten, doch ist, wie fast jede zweite Zeile zeigt, die Auffassung von 
n als u oder n nur nach dem Sinn oder der Lautlehre zu treffen. 
Nun ist rnontrer nicht altfz., dagegen ist s vor Konsonant nicht nur 
beim Verf., wie viele Reime lehren, stumm, sondern ebenso auch bei 
diesem Schreiber, der ebenso cacuns, hater u. a. vorher geschrieben 
hat. Es ist also nur rnontrer hier möglich, 

234. amentj V. L. ainientC (arment ist Druckfehler), was P fehlt. 

236. Ich hatte darnach die offenbare Lücke im Druck ange- 
deutet; P bemerkt: „Stengel nimmt nach diesem Vers eine Lücke 
an, doch ist dies nicht erforderlich." Schade daß P den 
Gedankengang, wie er ihn versteht, uns nicht mitgeteilt hat. Er 
hat sogar 237 a mon tans „zu meiner Zeit'" mißverstanden und 
als amontans „einer der Bedeutung hat, von Bedeutung ist" aufge- 
faßt. Bei ihm hängt der Teil 236 ff', ganz in der Luft und seine Inter- 
punktion ist einfach unmöglich. Was in der Lücke gestanden, ist 
klar und die Königin wiederholt diesen ausgefallenen Gedanken in 
ihrer Antwort 253. 4. — QueJ Q' C, sehr verwischt; da T noch 

Qui gelesen hat, so wird es Q gewesen sein, was P nach T gibt. 

Sicher ist es nicht, da wir nicht wissen, was vorausging. 

244. toxj = C ; tous P nach T. 

248. qHlJ = C; quHl P nach T. 

250. le] = C\ se P nach T; Hs, sicheres l. 

253. Chevaliers] V. L. c/i'r = C; cheualiers P nach T (V. L. 
fehlt) — si] vous P! nach T; C hat sicheres fi (in kleinen Buch- 
staben, da es ausgelassen worden, von erster Hand über der Zeile 
nachgetragen) — buens] V. L. bues = C; buens P (V. L. schweigt), 

267, Conqes] = C; Qu'onques P nach T; C: 9qe/. 



Zur Textkritik von Rigotners Schlussepisode. 227 

277 hat P den fehlenden Vers aus T eingesetzt: er paßt dem 
Sinn nach, ist aber dem Reim nach unmöglich. Zwar P sagt in der 
Anmerkung: „ungenauer Reim, Avie er selbst Chrestien (sie) begegnet 
(s. Erec XI)." Dort steht bei mir nichts ähnliches. 

279. sui jouj V. L. suioii = C; P sui iou (V. L. schweigt), 

28ü. qij = C; 7«/ P nach T. 

288. onqes] onqf C, onques P. 

293. q'est] = C; qiCest P. 

294. lo] V. L. loe {-\- 1) = C; loc P., wo sogar auch T 
he gelesen hat. 

297. ancoisj aroin (verlesenes äcois) V. L. = C; ancois P 
(V. L. fehlt). 

299. qelj = C; quel P. 

o04. hat P den in C ausgelassenen Vers in der Konjektur 
von T eingesetzt. Dabei steht loe, als Reimwort und zwar soll es 
1. Präs. Konj. sein; dies wäre in der Sprache des Verf. nur für die 
3. Person möglich. 

313. convenra] = C (Vuenra)\ couenra P. 

31(). evrej eure P. trotz wuvre T, das ich ja s. Z. nicht 
kannte und das der Sinn empfiehlt. Das Wort ist in unserra Roman 
oft so gebraucht. 

318. ai ditej V. L. a dite = C; adite P. sogar gegen T! 
Demnach hätte die 1. Präs. ein e, aber, was schlimmer, adite kommt 
in dieser Bedeutung überhauj)! nicht vor; zur Wendung selbst vgl. 
913 dont dit vos ai. 

345. desfaitesj V. L. desfaces\ desfates P, desfaitez T; C 
liat deutliches c, das natürlich verlesen ist. 

348. qi] = C; qui P. 

352. corecle] bei mir V. L. corecie( ausgelassen. 

355. que que on die] V. L. qui usf., das P im Text gelassen 
hat trotz richtigem coijque T, ist unmöglich. P erklärt zwar in der 
Anmerkung: „gt«' que wer nur immer", aber dies paßt nicht in den 
Sinn, da sich dann qui auf tel beziehen müßte, auf das doch cui 
der nächsten Zeile sicher sich bezieht. 

385. convenantj = C; couenant P. 

368. Onqes] = C; 0?iques P. — despi] = C; despit P (V. 
L. fohlt) nach T. 

370. biel] hien C P; vgl. biel 108 P, wo C bien hat. 

381. den] V. L. dorn oder dorn = C; den P (V. L. fehlt); 
natürlich ist dorn gemeint, das der Schreiber öfter am Ende einer 
Zeile statt n setzt, so gleich 389 pardom. 

384. ires] V. L. dires bei mir ausgefallen. 

397. Et s'ele -rüa mout] = C; P: „Ich habe n'amte [statt 
ita mout] von ambitare gelesen, was falsch ist. Die Lesart n'a 
mout verdanke ich der Güte meines Lehrers Herrn Dr. Ebeling" 
— wie die Photographie zeigt, steht in Hs. ganz deutliches, klares 



228 \V. Foerster. 

na mVt (die bekannte lat. Abkürzung, die ins Altfr. übergegangen ist). 

398. Si reseraj Sire, sera P (ganz sinnlos) trotz Si sera 
T, da er sich durch die Photographie Si re fera verführen ließ. 

401. otroierj otroiier C P. 

408. Cehd que avec vous menresj = C ; Celui qiC avec vons 
meneres P gegen Hs. und Grammatik nach Stengel. 

415. qüj — C; qu'ü P, ebenso 423. 443. 

424. cnj s'en P richtig mit T und C (f verwischt). 

432. estraigne] V. L. estrenne, eftrene C; estreigne P. 

436. faisoitj V. L. fasoit fehlt P. 

443. s. zu 415. 

445. Orent, das ich aus Lorent Hs. gebessert hatte, wie der 
Sinn verlangt; Lorent P mit unmöglicher Satzverbindung und Inter- 
punktion ohne jeden Sinn. Auch T hat Lorent, einer der vielen 
Beweise, daß er gerade unsere Hs. abgeschrieben hat. Dasselbe gilt 
von 449 forte (4- 1) T (+ 1) — C. 

454. ,v.J = C; autre (Konjektur in T) P. 

466. no2i] = C, P (dieser „Jiou = 7ie le'-'-) vergaß ich in 
now. zu bessern, das in solchen Fällen, wo in der Antwort etAvas 
abgewehrt wird, stets bei faire, das dann Verbum vicarium ist, steht. 

471. Envers le roi s'est avoüSsJ, während P avanciSs liest, 
sodaß jedermann, da T hier fünf Zeilen ausgelassen hat, darauf 
verfallen muß, daß hier ein hourdon obwalte, da 475 bei ihm lautet: 
Mais L. s'est avancics. Der Schreiber wäre also vom ersten avancies 
auf dieses gesprungen. Aber die Hs. hat auoueX, wie ich drucke, 
und ich kann nicht ahnen, wolier P seine falsche Lesung hat; denn 
Konjektur ist es nicht, da die V. L. scliweigt. Sie wäre auch ab- 
zuweisen, da der unserm Verf. so beliebte reiche Eeim (; voiies) 
dann verloren ginge, ferner avoiies dem Sinne nach unanfechtbar ist. 
Dagegen an der zweiten Stelle ist avancies ganz an seinem Platz. 

485. quidej V. L. qiiite = C; quite P im Text trotz des 
Sinnes und trotz T (quide). 

486. 7. Äfais ains en fist Lanselos loide \ Lanselos que li 
rois i uigne = C hatte ich in der ersten Zeile Lanselos in das 
vom Sinn verlangte la siele gebessert; T (und P folgt ihm) führen 
die Besserung in der zweiten Zeile ein. Ihre Wortstellung kommt 
mir recht hart vor. 

489. V. L. abatu andoi sind vor jedem Wort " (Verweisungs- 
zeichen in der Hs.) ausgefallen. 

491. diestrier] V. L. diesiriej = C; diestrier P (V. L. fehlt). 

494. 497. mellier und melliersj C; P hat beidemal sl gegen 
die Hs. ; / hat in unserer Hs. zweierlei Formen: l mit der Gabelung 
oben und / ohne diese, wie man fast in jeder Zeile sehen kann; f hat 
stets rechts oben den nach unten gezogenen Bogen. 

502. pendans] V. L. q^endan, C; pedä; pendans P (V. L. fehlt). 



Znr Te,vthitih von Riyomers Schlussepisode. 229 

509. ens tintj V. L. en/tint = C; ensiint P, estint T, der 
also die Stelle auch nicht verstanden hatte. Ich weiß nicht, was 
sich P darunter gedacht hat. Das einzige mögliche ist aber ens tint 
= intus tenuit .hing drin fest'; tenii' ist hier absolut „festhalten, 
stecken bleiben" gebraucht. Vielleicht dachte P an estindre und 
estint Pf. (dialektische Nebenform] im N. und NO.), dieses statt 
estinst und obendrein noch absolut gebraucht (das kenne ich nicht). 
Aber der König lacht nicht über seinen Tod, sondern daß er im 
P)aum hängen blieb. 

515. qu'il] eil P, chil T richtig; in Hs. geht das i tief unter die 
Zeile, sodaß c] ein klares q bildet; doch fehlt das kleine e über ihm. 

5.32. saij sa C P, smi T, sai richtig, sa bei mir in V. L. 
ausgefallen. 

536, danoisesj V. L. danoie ausgefallen. 

542. convient/ Suient C; couient P. — outrerj = C; entrer 
P(!); T hat dem Sinn nach gut geändert: oitrer. Outrer heißt u. a. 
auch: „vollenden, fertig bringen", wie hier: doch steht es dann m. 
\V. transitiv; hier aber: ., fertig werden". 

543. prendent] Y. L. pendent = C; P behielt es im Text, was 
kfinen Sinn gibt. 

548. fotfj = C; ces P nach T cez und gibt ceu als Hs. an. — 
Wegen reis : conroi s. zu 375; doch ist auch prendre conrois de 
aucnne chose zulässig. 

560. quij ebenso P; aber (' hat qi. 

576. 7i^e7iJ =■ C, ebenso P; es muß wühl in ne gebessert 
werden, vgl. 580 ne. 

582. tax] = C; tous P nach T. 

587. Qi] = C; Qui P. 

602. es dos/ = C; el dos P gegen C T und gegen Sinn. 

607. CassellesJ = (", ebenso T; ändert P in tasselies, das er 
mit ta.xus , Dachs' du Gange verbindet. Ich kenne die casselles auch 
nicht; aber P's Änderung ist ausgeschlossen, da die Tiere in be- 
stimmten Kategorien aufgezäblt werden und darnach der Dachs nur 
in der ersten Reihe auftreten konnte. In der vorliegenden paßt er 
unter die Schildkröten, Nattern. Skoritionen und Vipern nicht. Die 
laisson kommen 671 in richtiger Gesellschaft vor. 

608. arestis] man erwartet eher arotes., angesammelt", was wohl 
in den Text einzusetzen ist. 

610. iJoncJ ^=^ V; JJont P T; c und t wechseln in unserer 
Hs. in einer Weise, ilaß (wie bei ti und n) eigentlich nur der Sinn 
entscheiden sollte. — toxj = C; tous PT. 

621. Dementrues] = C (sicher und scharf); Dementnies 
P, der ersteros nicht kennt (os steht God., kommt noch in Froissart 
vor, eine dem N. eigentümliche Form). 

643. Chevaliers/ V. L. cäV = (': chaualiers P. 

648. lal lies le C P. 



2r,(» W. Foerster. 

650, pooirj poonr P, über dessen Bedeutung er sich nicht 
äußert, es kann natürlich nur jjooir sein, wie T las; C hat ein 
dentliches poenr, wobei ei verbnnden sind, ein mißglücktes in der 
Kon-, übersehenes o. 

655. hveril Y. L. hü; bon P; C hat deutliches bnn^ das im X. 
nicht paßt, daher ich das durch Reim gesicherte huen einführte. 

671. trygrej = C; iirgre P. 

673. civreusj Y. L. ciuiireus ■= T; cexrevs P (obendrein ein 
V in Hs. in solcher Stellung unmöglich). 

674. Cil le trcspasent] Y. L. Cü lef repaij'etit = C; P 
behält das sinnlose Hs., das schon T richtig gebessert hat. — tp'J 
= C: qui P. 

676. putesj V. L. pute = C; P behält die falsche Lesung, 
die sich auch in T findet, der also hier gedankenlos unsere Hs. 
abschrieb. 

680. conuinej Ouine C; couinc P. 

707. Qu'eleJ = C; Qu'elle P. 

71Ö. tel] = C (deutlich nnd sicher); cel P nach T und dem 
Sinn; vgl. zu 610. 

718. qui] Y. Ij. q' =11 C; qni P. 

720. pe^ifentj = C; was T und P falsch p)ensent lasen, wozu 
Stengel die dann fehlende Silbe durch unmögliches penserent besserte, 
was P in den Text setzt. 

722. comenchie] V, L. comenchi = C; comenchie P. 

734. lui P mit C gegen Sinn (li fem., auch T li/) 

747. laj .^a C T P und Sinn. 

748. qu'elej qle C; quelle P. 

761. jel] ebenso P, ge le T (+ 1), aber C hat iei. 

770. oltrajej oltrae P mit C. 

775. estiesj Y. L. estiies = C, das P im Text läßt, wodurch -i - 1. 

780. 1. läßt P unverändert, ändert dann mit T sogar 782 
eslaise in eslaisent, was schon Stengel mit einem Fragezeichen 
versah — der Sinn verlangt unbedingt, wie ich besserte, den Sing.; 
es handelt sich hier nur um den fremden Ritter; die drei vallet 
können gar nicht sich eslaisier, da sie nicht zu Pferd sind. 

786. vallesj Y. L. vallet = G; valles P (Y. L. nichts), das- 
selbe gilt von 791 sainte, C: saite. 

791. Bride] = C (deutlich); Berde P (T hat die auch ihm 
unbekannte Heilige ausgelassen): es handelt sich um die h. Brigitta, 
während P (S. 17) darin die Berta erblickt hat. 

796. A veu hanselos s'acorde] = C; Avuec Lanselot s'acorde 
T ( — 1), Avuec L. {il\ s'ac. Stengel, da? P in den Text setzt. 
Die Stelle ist reclit schwierig. Ich hatte die Überlieferung beibehalten, 
wobei die Zeile bedeuten sollte : ,sah L. seine (des vallet) Abmachung', 
dem Sinn nach := seinen Plan, wobei die vorausgehende Zeile, die 
nach der Stellung sich auf L. beziehen sollte, zum vallet gehörte. 



Zur Textkritik von Rigomers Schhissepisode. 231 

Diese Härte wird durch St.'s Text behoben, da dann der vallet (il) 
Subj. ist. Allein avuec ist T's Änderung, der unser C vor sich hatte 
und demgemäß auch kein il hat; auch kommt mir die Stellung des 
[il] sehr hart vor. Vielleicht kann mau, wie ich im vorausgehenden 
Text ein parmal habe tun müssen Aueu(c) in ^1 oes (opus) ändern: 
A oes Lanselot (Genit.) [fet] s'acorde oder auch [lyacorde, da faire 
tacorde , etwas abmachen', ,eine Abmachung treffen' oft belegt ist. 
Von einer ,Versöhnuug', was das Wort eigentlich heißt, ist ja hier 
keine Rede. — Wen auch das nicht befriedigt, der muß zwischen 
den zwei Zeilen eine Lücke ansetzen. 

801, qelj V. L. qil = C, quHl le T, was Stengel behält, 
während P qil behalten und als q'il gedeutet hat: „er preist die 
Stunde (= jede Stunde), da jener lebt". Dazu paßt eure schlecht 
und jedermann wird wohl die Stelle so auffassen, wie T, Stengel und ich. 

823. rama?ie Hs., P dagegen ramaine. 

828. Certes qi me donroit MaanteJ = C (maaHe)] Certes 
qui me d. Manie T ( — 1), das St. durch CertQs [et] bessert =• P. 
Es ist kein Grund, zu ändern: M. ist offenbar die Stadt Mantes 
(Seine und Oise), lat. Medunta, also genau unserem Maanie (das 
vortonige e dem fg. a angeglichen) entsprechend. Freilich erwartete 
man Meonte, Maonte. Was das End-s anlangt, so schrieb man noch 
vor zwei Jahrhunderten Manie, s. Moreri und Martiniere.^) 

830. roiaumej = C; roianme P, s. zu 46. 

834. raverions] = ('; Vaueriens P, wie diese Endung in 
uuserm Text regelmäßig lautet; aber hier zeigt die Photographie 
deutliches o. 

833. Qiien arrier Vaveriens iiuej V. L.: ^Q nomer, könnte 
auch namer sein; r ist verklext, könnte vielleicht auch e sein"; 
Que nomvier Var'iens eve T, Que nomer Vatieriens eue P und über- 
setzt es so (S. 72): „Was sollte man in unserem Lande sagen, daß 
wir sie nennen müßten als schon gehabt, und doch (et si) 
sie weder gesehen hätten, noch verlangt, noch angegriffen," Ich 
gestehe, daß ich das nicht versteh, ebensowenig wie ich die Über- 
lieferung zu deuten weiß. Eine Änderung hatte ich deswegen vor- 
geschlagen, die mich zwar nicht befriedigt. Die Photographie sichert 
notner (o hat zwar die Form a, die aber hei diesem Schreiber nie 

^) Nachträglich erhalte ich durch Prof. Ant. Thomas' Vermittlung 
folgende wichtige Auskunft (der Band Seine et Oise des Dia. (ojjot/r. de la Frana 
ist noch immer nicht erschienen) von Aug. Longnon: 

La plus ancienne forme coniiue de Mantes est Med&nta^ que Von Irouve au 
commtncement du IX* such dans le Pohjptyque de S. G. des Pres, ckap. XÄIV, ^ 4 
<?' 75. Ces jours derniers^ je constafai encore Vemploi de la forme Medniiia atix 
environs de Van 1080 (Recueil des chartes de VAbhaye de CluniJ). Contrairement et 
ce que Von pourrait croire, Madunta an Medonta ne se renconire que posterieu- 
rement, au Xle (f), au XII'', et meme encore au XIW et au XIV* siede (Pouilles de 
la pr. de Sens). ■ — Ce nom de ,,Afante*\ Medanta, etait originairemenf le nom de 
la rivürt de Vaucouleurs, qui ai'rose Mantes-la-Ville et se Jette dans la Seine, ii Mantes). 



232 W. Foerster. 

a ist, die nur a ist), daher jede Besserung davon auszugehen hat. 
Auf dem richtigen Weg war Brugger, s. meine Bemerkung dazu in 
dieser Zs. S. 122: ,,oie würde den Vers 821 halten und entspricht 
wohl dem Sinn". Allein es widerspricht dem Reim veue^ da ich 
Bruggers Besserung veie als unmöglich abweisen mußte. Es ist viel- 
mehr die sonsther wohlbekannte und gerade dem N, eigentümliche 
Nebenform öu einzusetzen, so daß dann <me und vhie richtig reimen. 

836. asalie] = C; envaie T, das P in den Text setzt ohne 
Begründung. Offenbar nahm er Anstoß an dem identischen Reim, 
der gerade von unserem Verf. sehr gepflegt wird. T hat diese Vor- 
liebe nicht, daher er, wo es leicht zu machen, sofort ändert, worin 
P ihm folgt. Aber mit Unrecht; denn wozu den Dichter verbessern? 
Zudem ist solch reicher Reim auch den strengsten Regeln entsprechend, 
wenn das Wort stets in anderer Bedeutung oder wenigstens anderer 
Konstruktion gebraucht ist; Ausnahmen sind auch zulässig bei Hilfs- 
verben und ähnlichen Wörtern. An unserer Stelle ist der Reim tadel- 
los und besonders glücklich; das erste Mal Part. Perf. fem., das 
zweite Mal Subst. fem. Vgl. zu 1296. In unserm Bruchstück kommt 
derselbe Fall noch öfter vor, z. B, pais 385 ,Friede : Stille', vit 801 
,sab : erblickte', avant 1231 ,zuvor (zeitlich) : davor (örtlich)' und roi 
1295, wo tatsächlich kein Unterschied vorliegt. Ähnliches kam schon 
im früheren Teil auch vor. T hatte bereits eigenmächtig 836. 1232. 
129G ausgemerzt, was P übernommen hat. Er hat dann auch nocii 
801 durch eine kleine Änderung entfernen wollen, s. zu diesem Vers. 

841. Comment] = C; Content P. 

845. qu'ele] = C; qiielle P. 

850. ceste voie] dafür leerer Raum (geflickte Xat) in C; ceUe 
voie T P wird wohl auf dem abgeschnittenen Rand gestanden haben, 
den T ja noch vor sich gehabt hat. Sachlich ist ceste ebenso be- 
rechtigt, da ja der Sprechende hinweist. 

851. Et si veres gue j'en ferai] V. L. Et fehlt = C; Sy 
vere^ [chouj que jou f[e]ray T mit Stengels Änderung, die P in 
den Text setzt. Die Hs. hat: Siueref (Nat) q len (Nat) ferai — 
über die Ergänzung der fehlenden Silbe kann man streiten, sicher 
steht j'en in Hs. 

857. Que vos jeres, et je ferai] V. L. Se v. f. q ie f. = C; 
Se vos f. et P, der offenbar an fenr, was nicht paßt, gedacht hat; 
s. meine Bemerkung in dieser Zs. S. 132. 

859. si] = C; sie V (Druckfehler). 

869. acouvri] V. L. couuri ( — 1) = C; couvri [il] P nach 
Stengel; il steht hier recht ungeschickt — acovrir kommt in unserem 
Text öfter vor. 

896. sorfait] forfait (T) P steht, wie die Photographie lehrt, 
auch C; ich hatte beim xibschreiben (/ und f sind oft ebenso schwer 
zu unterscheiden, wie l [, c t u. a.) unbewußt dem Sinn nach ge- 
bessert: forfait gibt hier keinen guten Sinn. 



Zur Textkritik von Rigomers Schlussepisode. 23o 

897. pantrej Y. L. qautre, was P fehlt. 

899. de Ja forge] = C; de force T, de sa f. P, In der Hs. 
steht das l mit der oben massiv verbundenen Gabelung, sodaß es 
einem f ähnlich sieht; sa ist sinnlos, Lancelot ist ja kein Schmied. 
Der Verf. meint: .Holz und Schmiedeeisen (= Spitze)'. 

902. Forment] V. L. Foment = C; F('^QX)oment Hs. ; P. Ferment. 

910. quHl] = C; g'il P. 

911. fehlt ("; T ergänzt aus eigenem: Que son espee ly a 
eni'oie, was P in seinen Text aufnimmt: Que son espee ly envoie, 
also ein grammatischer Schnitzer: unser Text kennt noch kein fem. 
son vor Vokal. Das Schwert ist zudem ganz unpassend und wäre 
auch hier zwecklos gewesen, da er hier stößt und nicht haut; man 
vgl. auch 762 ff.; ich hatte deswegen vorgeschlagen: Que son espiS 
Ines (besser noch droit) li envoie. 

920. ValemiehJ lalemiele C; la leinelle T, was P zu seinem 
la lemiele verführt. Ich selbst habe es im Altfr. nie angetroffen, nur 
alemele: alle Stellen wo lalemele oder sal. u. a. vorkommen, be- 
weisen natürlich garnichts; wo es vorkommt, haben die Hg. falsch 
abgetrennt — erst spät (XIV. -Ihl. oder noch später) hat man den 
Artikel la irrtümlich losgelöst. 

921. Pui^ lij = C; P. si T P, Hs. sicher li, was der Sinn 
allein zuläßt und vgl. obendrein 925. 

922. Sei consivi] Sei pfiuj (/ korr.) C, wie auch T richtig 
las: consivy\ Sei consiut P ( — I). 

933. nuitj =ir C; 7mist P aus T; 934. cuist ist natürlich = 
enit, da Perf. sinnlos, also auch miit im Reim. 

939. Les fiiellef! argent, li rain hriscntj = C; = P. Ich 
glaube, daß der Text nicht in Ordnung ist ; hrisent : issent ist kein 
guter Reim, von rains war (s. 862 — und meine Bemerkung dazu 
Zs. S. 123 — ) keine Rode, vielleicht hieß es ursprünglich: Les fuelles 
argent et brüissent. 

940. qij = C; qiii P. — li fehlt Hs., was P fehlt. 
949. fehlt P die V. L. qil (— 1). 

952. Qiianqu'eleJ = C; Quanqu'elle P., ebenso 969 (zweimal). 
1059. 1131. 

958. pantej = C T; panire P. 

959. feruej V. L. ferie = C; ferne P ohne V. L. 

961. — 967. ist unklar: welcher Satz hängt von den vielen 
De ab? der Hs. nach nur 967, was dem Sinn nach unzulässig, da 
dies bloß auf 965. 6 paßt. Entweder Lücke vor 965 oder es ist 
ungeschickte Verbindung mit meiner Interpunktion anzunehmen, wo- 
nach saiis zu 961—964 geht und cervele auf 965. 6. 

965. qilj V. L. qi = C: qui P (dann decoiuent abs., sinnlos) 

982. 1)90. sen] = C; son P. 

983. Quant filj nel voit vers lui di^ecierj ich und ebenso 
jetzt P, doch ist fenjvers passender, wie ich jetzt ergänze. 



2;U W. Foerster. 

992. ehevalierj ch'r C; ckeualiers P, 
997. NeporqantJ = C; Neporquant V. 
999. terrej t're C; <«re P, ebenso 1115. 

1002. costet] = C; cosie P. 

1003. L'iehne li ostent qi mie.v miexj = C, sodaß miex : 
plourent (so C!) reimen müßte. T hatte dem Sinn nach geändert: 
qui miex lyeurent : pleurent^ was P einfach abdruckt. Ich hatte 
a. a. 0. S. 110 bemerkt: „^Yohl eher Lücke liinter taubere 1004." 
Oder wenn man T's Reimkonjektur annimmt, muß qi auch noch 
geändert werden, nämlich in con oder, was näher liegt, qe: „wie sie 
es am besten zustande brachten"; denn qi hieße: , diejenigen zogen 
ihm den Helm aus, die dies am besten konnten', als wenn das Helm- 
ausziehen eine besondere Beschäftigung wäre. 

1007. Gieresj = C; Ihut T, der also unser Wort (s. dazu 
a. a. 0. S. 110) auch nicht verstand; FieresV^ der zu dieser Sinn- 
losigkeit kein Wort verliert. 

1010. Por] (PC; Par TP. — Hs. hat nicht ^y, das z.B. 1188 
steht. Sonst findet sich noch P« 1262, sodaß also hier eigentlich 
Pro steht; der Sinn verlangt qyar. 

1013. Chevaliers] V, dir =. C; cheuaäers P. 

1027. qi] = C; qui P. 

1038. Me7iJ Mien T P. Was Hs. hat, ist schwer zu sagen: 
M\ir^, das entweder Mon oder Mcn sein soll (beides ebenso richtig 
wie mien); ein ie steht nicht in Hs.. es sei denn, daß der Schreiber 
das e nur rudimentär angedeutet hat. 

1044. comme] 9me ('; come P. 

1059. s. zu 952. 

1068. ert] = C; iert P nach T. 

1075. s'en] = C T; s'ent P. 

1081. ßretemiv] wie es früher einmal hieß; hHemiu C, 
Bertemiu P. 

1092. doniij ^=- C; donte (!) P, der dazu bemerkt: „Nicht 
nur um leoninischen Reim zu erzielen [es geht nämlich : bonte 
voraus] habe ich donte in den Text gesetzt, sondern auch, weil der 
Sinn es zu erfordern ^schien. Die Frau gab Lanselot nicht ihr 
Pferd, sondern zähmte das seinige, das nach Vers 943 scheu ge- 
worden war (Berger)." Diese Bergersche Konjektur ist nichts weniger 
denn glücklich und beruht auf einem argen Misverständnis dieser 
Stelle und der Z. 943. Fangen wir mit dieser letzteren an: Das vom 
Panter ausgespieene Feuer hatte zuerst die Laubgarnitur verbrannt, 
und L. wurde so hart mitgenommen, daß (943!) sein Pferd ihm /m 
estains, und er selbst so mitgenommen, daß er nicht weiß, was er aus 
sich macheu soll." Es ist klar, daß das Pferd durch das Feuer 
ausgelöscht, d. li. getötet worden ist, eine wohlbekannte Gebrauchs- 
weise des estairdre, die schon vor Jahren Settegast in seinem Thuim 
gebucht hat, Scheler in seinem Froissart, die sich im Mousket findet, 



Zur Te.rikriiik von Rigomers Schlussppisode. 28.'> 

bei God. mehrfach belegt ist, und was das schönste ist, sich schon 
642 iu unserem Bruchstück vorgefunden hat. Dann ist's also mit der 
pferdebändigenden Frau nichts, aber auch schon die Erinnerung 
an die bekannte Stelle im Löwenritter, woher unsere Episode entlehnt 
ist, hätte das überlieferte done sichern sollen; denn auch dort gibt 
die Zofe dem Ivain ein Pferd. 

1099. ristj V. L. dist^=C\ dist P, was keinen Sinn gibt. 

1101. traitj V. L. traue, wo träte zu lesen ist; trau P (die 
Lesung von C fehlt bei ihm). 

1115. s. 999. 

1129. V. L. fifmenepj = C; efmeuee P. 

Hol. ?. zu 952. 

1158. Qui] r= C; (i?/^ P. 

11 67. connisoientj = fhiifoient C; conlsoient P. 

1169. qi] = C; qid P. — ch'r] = C; Chevaliers P. 

1170. V. L. pue siestre ^= C gibt P an: pue si estre: nein, 
in der Hs. steht piie (= pnet mit verstummtem auslautendem t vor 
fg. Kons.) und siestre = c'iesire, wie unsere Hs. oft ce, ci mit se, 
si wiedergibt. 

1182. J^ii cambres ert tote esmariej = 0; En camhre s'ert 
t. e. P, der dazu sagt: „A (unser C): en cambres ert; die Lesart 
en cambre s''ert verdanke ich Herrn Dr. Ebeling; s' = .s«." Ohne 
auf die sonderbare Stellung des vermeintlichen si hinzuweisen (jeder- 
mann wird es hier als Refl. nehmen, was unpassend ist), genügt es 
die genau entsprechende Stelle aus Z. 1125 hier, wo dieselbe Sach- 
lage vorliegt, anzuführen: En ses cambres sist esploiiree\ 

1192. plains V. L. plat = C; plains P. 

1201. vous und pooirj ebenso P; aber in Hs. steht deutliches 
veus und peoir; s. o. zu 48. 

1204. sa terre et son roiaumej = C; la t. usf. P. 

1210. esgarde] = C T P; der Sinn verlangt unbedingt die 
Besserung s'eslaisse. 

1216. c'est mesceancej V. L. /este »le/cace (Druckfehler statt 
reste mejhjce = C); c'est rnescaance P. 

1225. vuet] V. L. vet =^ C; vuet T; vot P; e und o ist oft 
schwer zu scheiden, s. o. zu 48. 

12.39. donne] = C; done P. 

1242. ^1 tant que Dius U preste force] C T P, aber der 
Sinn verlangt eher A tant con. 

1245. eskivantj = C; esquivant T, ejhdant P. 

1250. terre] = Vre C; tiere P. 

1255. norrirj nourrir C P. 

1257. ii'abace (der bekannte, unsorm Text eigentümliche Konj. I)] 
= C; n'abate P. 

1259. V. L. /ier = (', P: fiet. 



286 yV. Foerster. 

1268. guerrej :z=: g're C; gerre P. 

1272. mainniej = mäinie C; mainie P. 

1292. li vient] C T P; venir mit Dat. der Pers. ist bekanut: 
gegen J. lüngehn, auftreten, was hier nicht recht paßt; glatt wäre i. 

1296. Et L. aveuc le roij = C ändert T qui estoit o ssoi/ 
und nach ihm P (Anm. schweigt) in: qiiavoii o soi, offenbar aus 
der oben (s. zu 836) bemerkten Scheu vor dem identischen Reim; 
allein er steht selbst bei demselben Wort und derselben Bedeutung in 
unserm Text, daß er dem Verf. nicht abgesprochen werden kann. S. zu 
836 und vgl. meine Anmerkung zu Ille und Galeron Z. 3644. 

1299. [EtJ puis fait(e) ort Vaiie conier] = C, ebenso ändert 
schon T, dem P folgt ; vielleicht ist Puis ont falle Vauc corner besser. 

1302. mangers P und 1303 manger (Hs. -g') muß natürlich 
-gier lauten! Ebenso 1312. 

1306. roiene] = C; roiine P. — apries] = aps C, apries T 
ändert P in ariers: „Da nur der Kopist die wallonische Diphthongierung 
des Pos.-e in ie kennt, dem Dichter aber diese Eigenheit abzu- 
sprechen ist, hab ich statt des temporalen apries das local zu fassende 
aHers in den Text gesetzt." Dadurch kommt die schiefe Auffassung 
zu Stande, daß sich der König zuerst hinsetzt und die Königin sich 
rückwärts, also hinter ihn setzt, was doch bei einiger Überlegung 
auch P abweisen wird; premiers verlangt unbedingt apnes, und da 
dies mit premiers reimt, so müssen wir die Tatsache einfach hinnehmen, 
auch wenn wir nicht wissen, ob der Reim sich in dem über 17 000 
Zeilen fassenden Roman sich sonst noch findet, da 1300 Zeilen da- 
gegen nichts sagen. Nun ist dies tatsächlich der Fall und obendrein 
kommt diese Diphthongierung nicht bloß in der Wallonie vor. Reime 
mit xYußerachtlassung des r sind schon seit Richars li biaus, Fergus 
so oft beigebracht worden, daß sie eigentlich als bekannt vorausgesetzt 
werden könnten. 

1312. s. zu 1302. 

1315. G. Spezereien trugen .ii. puceles de renc en renc, Vin 
aporterent et piument .iL autres = C T, ändert P unglücklich in 
de rens en rens : piumens^ ohne darüber ein Wort zu verlieren. 
Er nahm wohl an dem Reim renc : puiment Anstoß, der unserm 
Text wohl entspricht und sich öfter findet. 

1326. L. fu au descaiicierj V. L. Et L. fu au de \ (Rest 
weggeschnitten) -j- 1 = C, was bei P fehlt, 

1331. les] ses C T P. 

1345. painne] = pdine C; paine P, ebenso 1346 fontaine 
(st. -nne). 

1347. Dont li ruissaus estoit plus clersj = C, wo T clere 
haben soll (offenbar verlesenes s) ändert trotz des klaren Sinnes P: 
est(oit) plus cler[6]s und begründet es S. 10 damit, daß clers : 
esmeres den Reim vermissen läßt, ,,der wiederhergestellt werden kann, 



Zur Textkritik von Rigomers Schlussepisode. 237 

wenn man das Adj. clers in das Part. Präs. cleres ändert und estoit 
in est . . Da T clere hat, ist wohl anzunehmen, daß in seiner Vor- 
lage das richtige Reimwort clert^s stand.'- Dies ist aber, wie sein 
estoit sicher zeigt, eben nicht der Fall, sondern T hatte unsere Hs. 
vor sich und sein clere ist sicher ein (d. h. vom modernen Abschreiber) 
verlesenes clers. Dazu kommt, daß ein ruissels cleres ein Unsinn 
ist und daß die Lautlehre obendrein clarh verlangen müßte. Endlich 
kommt ein Zeitwort derer oder selbst clarer überhaupt nicht vor — 
man kennt nur den Würzwein clare. — Wegen des nicht gewöhnlichen, 
aber wohlbekannten Reimes clers : esmeres vgl. das oben von mir 
zu V. 1306 gesagte. 

Bonn a. Rh. W. Foerster. 



Beiträge zur Geschichte 

der politischen Literatur Frankreichs in der 

zweiten Hälfte des lii. Jahrhunderts. 

I. Teil. 

(Vgl. Bd. XXXI 1 S. 102 ff.). 

111. Das Eiudringeu des politischeu Elements in die Hefor- 
mationsliteratur. (1560). 

Gegenüber der Ausdehnung und polemischen Schärfe, zu welcher 
sich die religiöse Reformationsliteratur bereits in den ersten Jahr- 
zehnten nacli dem Eindringen der Reformation in Frankreich erhebt, 
bleibt die Betonung der abweichenden politischen Parteistellung der Be- 
keunerschaft des neuen Glaubens noch lange im Rückstand, Der religiöse 
Kampf um Luthers und Kalvins Lehre war schon lange entbrannt, 
ehe noch die Partei des neuen Glaubens ihrer ängstlichen Enthaltung von 
jedem politischen Hervortreten entsagt hatte, und der Gegensatz der 
Glaubensmeinungen zu einer auch für das staatliche Leben bedeutungs- 
vollen Frage geworden war. Trotz der Kühnheit, mit welcher die 
Gelehrten und Dichter der Reformation in Traktaten und Poesieen 
ihrem Eifer für die Sache des neuen Glaubens Ausdruck gaben, war 
und blieb die Entfaltung einer den politischen Vorgängen gewidmeten 
Literatur im Lager der Bekennerschaft des neuen Glaubens eine Un- 
möglichkeit, so lange der Druck einer von fanatischem Verfolgungs- 
eifer geleiteten Regierung auf der Reformationspartei lastete und alle 
selbständigen Regungen unterdrückte. 

Wie sehr die Herausbildung politischer Züge im Charakter der 
Reformationsliteratur von dem öffentlichen Hervortreten der Bekenner- 
schaft des neuen Glaubens bedingt ist, lehrt die kleine Gruppe der- 
jenigen Poesieen, welche nicht bloß zuerst die der späteren Zeitliteratur 
eigentümliche Verschmelzung und Verwechslung religiöser und politischer 
Gegensätze aufweisen, sondern auch als die frühesten der unter den 
Gegnern der Reformation entstandenen Dichtungen Beachtung ver- 
dienen. Sie knüpfen an einen im Jahr des Bauernkriegs (1525) unter- 
nommenen Aufstandsversuch der lothringischen Landbevölkerung au, 
welcher von dem damaligen Herzog von Lothringen, Anton dem 
„Guten", blutig niedergeschlagen wurde. An sich war die ganze 
Unternehmung ebenso unbedeutend, wie ihre Unterdrückung blutig 



Beiträge zur Geschichte der polit. lÄteratur Frankreichs. 239 

und ruhmlos, und kaum einer dichteribchen A^erherrlichung wert 
zu nennen. Aber das hinderte nicht, daß sich die Dichtung des 
willkommenen Stoffes bemächtigte, um den Ruhm des Herzogs zu 
besingen und den Hass gegen die aufrührerischen Bauern, in welchen 
religiöser Eifer oder böswillige Absicht nichts anderes als lutherische 
Ketzer erblickte, Luft zu machen. Nicolas Vollcyr de Geronville, 
maistre es arts, secretaire et historien de M^" le duc de Lorraine, 
machte die Unterdrückung des Bauernaufruhrs zum Gegenstand einer 
ausführlichen Schilderung, in der ihn die Ruhmredigkeit nicht immer 
die Parteilichkeit im Zaume halten ließ. i) Laurent Pillard, oder 
wie er sich mit lateinischem Namen nannte, Pilladius, ein Kanoniker 
von Saint-Die, widmete den Taten des Herzogs im Kampfe gegen die 
aufrührerischen „Rustauds,'"' mit denen er, gerade wie Nicolas Vollcyr 
de Geronville, mutwillig die „Lutheriens'-'' zusammenwarf, sogar ein um- 
ständliches lateinisches Epos in sechs Gesängen, dem er den stolzen Titel 
y^Rusticiade" beilegte.^) Den von Pilladius in weitschweifigem und pate- 
tischem Stil ausgesprochenen Gefühlen des Hasses gegen die lutherischen 
Ketzer gab ein anderer Kleriker, Jean Ledoux (Dulcis)^) Ausdruck in 
einer kurzen, in französischer Sprache abgefaßten Dichtung,-*) in welcher 
er der Stadt Straßburg, dem damaligen Sammelplatz der lothringischen 
Lutheraner, und ihren ketzerischen, von dem JiSretique maudif-' Francois 
Lambert bekehrten Bewohnern ins Gewissen redet und ihnen das Straf- 
gericht Gottes und die härtesten Höllenqualen {,,furies infernalles'-) 
durch Cerberus, Charon undRhadamanthus in Aussicht stellt, falls sie dem 
Ketzerglauben zu entsagen säumen sollten. An Natürlichkeit und Wucht 
der Sprache wird die Dichtung des Ledoux von zwei anonymen Poesieen 
überragt, welche in markigen Strophen dem Hass gegen die neue Lehre 
und der Freude über das Strafgericht an den Lutheranern Ausdruck 



1) yV Hisioirc et recueil de la trlumphante^ et t/lorieusc victuire oblenue contre 
ks seduyctz et abv.sez Lntkeriens mescreanls du pays d'Aulsays et autres par ires hault 
ei ires puissant prince et seigneur Aiilhoine^ par la gräce de Dieu duc de Calabre, de 
Lorraine et de Bar, etc., en deff'endant la foy catholique, iiostre nwre VEgHse et vraye 
iwblesse. ü Vutilitc et projfit de la chose publique." Paris, chez Galliot du Pre. 
1526 (in -40) 

2) vgl. Bull. IL (1854) S. 638. Über den Verfasser vgl. auch Schmidt, 
Bistoire literaire de VAlsace ä la fin du XV^ et au commencement du XVI ^ siede. 
IL (Paris 1879) S. 131. 132. 

') Der Verfasser nennt sich, das bekannte Verfahren volkstümlicher 
Sänger nachahmend, am Schlüsse seiner Dichtung selbst, wenn er die Stadt 
Strafsburg anredet: 

,.,Kntens bien la trampelte, 
„Ze chant de la chanson: 
„ De celuy qtd Va faicte, 
„S'en vetdx ncavoir le nom. 
„L^a faicte ung clerc, des chartraines parties; 
„Du surnoni Je te haite, 
„II se nomme Dulcis.'" 
*) „C'haiison nouvelle augurative de Strasbourg'^ (sur le chant: Reyrets, soucy 
et peine'^) in Bull. IX (1860) S. 381. ' 



240 Kurt Glaser. 

sieben, und unbedenklich das Beste sind, was jene Vorperiode politisclier 
Reformationspoesie hervorgebracht hat. 5) 

Mit der Hereinzielmng des politischen Moments in die Zeitliteratur 
sind die im Anschluß an die lothringische Affäre entstandeneu Dichtungen 
der Entwicklung vorangeeilt, welche die übrige Literatur genommen 
hat. Die Enthaltung von politischer Parteinahme war und blieb ein 
Kennzeichen der Refornuitionsliteratur in der ersten Hälfte des 16. 
Jahrhunderts und ließ eine Betrachtung der Zeitereignisse nach ihrer 
politischen Seite nicht zu ihrem Rechte kommen. Durch ihren frommen 
Eifer bestimmt, gefallen sich die Dichter des Kalvinismus, in der 
religiösen Würdigung der geschichtlichen Vorgänge. Matthieu 
Malingres Lied*') auf Heinrichs II. Regierungsantritt kann dafür als 
ein zugleich auch dichterisch beachtenswertes Muster dienen. Der 
fromme Aufblick zu Gott, dem himmlischen Lenker der irdischen Könige, 
und fromme Ratschlüge und Wünsche für das Wohlergehen der jungen 
Regierung, in welcher sich Malingre ergeht, lassen die schüchterne 
Bitte des Dichters um religiöse Freiheit, welche in den an den König 
gerichteten Worten 

.,7^ar/ guen tonte la terre tienne 

,,Sa (näml. Gottes) parolle aye cours'"' 

liegt, kaum als Anspielung auf die von den Kalvinisteu ersehnte 
Duldung ihrer Lehre erkennen. 

Zwei unmittelbar nach dem Tode von Franz IL (am 5. Dezember 
1560) verfaßte Lieder zeigen gleichfalls einen durchaus religiösen 
Ton: das eine bei Bordier S. 201 ^Cantique solennel de Veglise 
d' Orleans sur la dSlivrance que Dieu feit de sonpeiiple le 5'' decemhre 
J560 (sur le chant du pseaiune 73)" betitelt, gibt sich schon durch 
seinen Titel als einen im Stil der Märtyrerlieder gehaltenen Auf- 
schrei der Erleichterung über die durch den Tod von Franz II. 
erhoffte Erlösung aus den Verfolgungen der irdischen Machthaber zu 
erkennen; und auch das andere, einer „Damojjselle frayipoise" 
zugeschriebene Lied auf den Tod von Franz II. "') bewegt sich in 
frommen Betrachtmisen über Gottes Urteile, welche sich in dem Tod 



*) Die eine iührt den Titel: Chanson de la dej/hicte des Lutheriens, faicte 
par le noble duc de Lorraine et ses freres, avec Vayde de leurs amys francoys et 
<juerdoys\ sur le chant: bans Frangois, loyaulx et preux. in: „La Fleur des clian- 
sons. Les grans chansons noureUcs etc., pet. in 8'', neuher. von Techener (1833); 
abgedruckt bei Desnoyers, Bull, de la soc. de Vhistoire de France I. (1834) S. 
268. 269 und bei Le Roux de Liucy IL S. 97—99, vgl. auch Picot, Revue 
d'hist. lit. de /« France II. (1895) S. 43, nr. 48. — Die andere „Chanson contre 
les Lutheriens" findet sich in : „La balade des Icutheriens avec sa clianson." S. 1. 
n. d. (in-8"), wonach der Abdruck von Picot /. c 

^) In : Recue'il de plusieurs chansons spirituelles taut vieilles que nouvelles M. 
D L. V. (s. 0.) nr. 51. S. 123—125 (Bordier S. 199—201). 

') „Chanson spirituelle sur le rhant du psau7ne 12^\ enthalten in: Monologue 
de providence divine, parlant 'ä la France. EnverS MDLXI. (ßibl. Nat. Inv. 
Res. Ye 4,430). Abdruck auch bei Bordier S. 204—207. 



Beiträge zur Geschichte der polit. Literatur Frankreichs. 241 

des jugendlichen Königs, in dem Leiden dei' kalvinistisclien Uekenuer und 
vor allem in dem Schicksal des unschuldig in Gefangenschaft 
schmachtenden Conde offenbaren; mit einem dem Stil der geistlichen 
Lieder entsprechenden Aufblick zu Gott, dem Erlöser aus dem Elend 
der Zeit und der Macht des Antichristen, als dessen häßiiclistcs 
Attribut auch hier die Messe erscheint, schließt das Lied. 

Nicht viel anders ist der Ton eines längeren Gedichts auf die 
Regierungen Heinrichs II. und Franz' IL .„Sur les regnes de 
Henri II et de Frangois 11' (in: Brdl. V (1856) S. 395—398), 
dessen anonymen Verfasser wir noch mehrmals zu erwähnen haben 
werden. Der Tod des schon in jugendlichem Alter entrissenen Königs 
und seines so plötzlich verstorbenen Vaters läßt den Verfasser zurück- 
blicken auf die Regierungen beider Fürsten; überall sieht er das 
Walten Gottes und das Irren der Menschen. In dem plötzlichen 
Tod Heinrichs IL, welcher eben noch die Gläubigen verfolgte, erblickt 
der fromme Sänger die Hand Gottes, die den König hinwegraffte 
.,a?< milieu de jeiix plaisans'-' . In der Schilderung der Leiden, welche 
die Anhänger der neuen Lehre unter Franz II. zu erdulden hatten, 
in der Schilderung der Standhaftigkeit, mit welcher sie alle Qualen 
ertragen haben, stimmt der glaubenseifrige Kalvinist eine machtvolle 
Sprache religiöser Glut an, welche gar manche Märtyrerlieder an 
Wucht und Schwung übertrifft. ,,Xe flambeau que tv fay luire-' , 
r^o redet er die Rogierungszeit Franz' II. an, 

„ Le flambcaii que tu fay luire, 
,,Pour vous eclairer les joxirs, 
.,A veu des tiens le martyre 
..Pendant ses journaliers tours: 
,.Il a veu la cruautc, 
„La fausse delo'iaute, 
.,D\me jeune adolescence 
..Aiant rolallc puissance." 

Der Tod des Königs wird wie eine Erlösiuig der Gläubigen 
von ihren Leiden begrüßt. Die Dichtung klingt aus in ein Lob 
Gottes, der die Qualen der Bekenner des neuen Glaubens beseitigt 
hat, und in die Bitte, das Herz des neuen Königs zur Milde 
zu stimmen. 

Die auf dasselbe Ereignis bezüglichen „ Trois Sonnets au Tres- 
Chrestien Roy de France Charles neufviesme'"''^) sind noch religiöser 
und biblischer gehalten: sie beten um Weisheit für den neuen König, 
der ein zweiter Josias werden soll, und halten dem König die Tugenden 
eines wahren Regenten und den Segen, den ein Leben und Re.uieren 
nach dem Willen Gottes einbringt, aber auch die traurigen Folgen 



8) in: Mim. de Condc II. S. 220 -222. Vgl. auch L(!long, Blbl. hist. de 
In France, S. 2,36. nr. 1779.'). 

Ztschr. f. frz. .Spr. u Litt. >CXXIIi. 16 



24-2 Kurt Glaser. 

ciuer etwaigen Vcnia.'hliissiguiig seiner hohen und erhabenen PHicht 
vor Au^en. 

Daß auch der Tod Kalvins die frommen Sänger seiner Lehre 
zu religiösen Betrachtungen begeistern mußte, bedarf bei dem gleich- 
mäßigen Eifer, mit welchem <-ich die frommen Sänger in der religiösen 
Betrachtung der Zeitereignisse ergehen, kaum noch der Erwähnung. 
Unter den Sängern, welche der Tod des Reformators erwickt hat, 
verdient Antoine de la Roche- Chandieu, einor der ersten Geistlichen 
der reformierten Gemeinde zu Paris (s. Bull. II (1854) S. 385), 
genannt zu werden. Unter den dem Tode des Altmeisters gewidmeten 
Sonetten, welche Chandieu unter dem Pseudonym Zamariel in einer 
Au<;gabe von Bezas Gedichten („ Theod. Bezae pcpmata. Psalmi Davidici 
XKX. Sijhae. Elegiae Epigrammta cum alia varii argumenti, 
JSpitaphia et quae peculiari nomine Iconas inscripsit omnia, in 
liic tertia editione, partim recognita, partim locupletata-'-) ver- 
öffentlicht hat, hebt sich ein Sonett hervor^), in welchem Cliandieu 
in aufrichtiger Trauer um den Tod des Reformators klagt und in 
poetisch nicht . unwirksamer Weise den Gegensatz ausmalt, welcher 
zwischen den Wohltaten des lieblichen und erquickenden Monats Mai 
und dem Leid besteht, welches derselbe Monat durch den Tod Kalvins 
der Sache der Christen gebracht hat. Der Ton von Chandieus 
Dichtung ist noch ganz der der frommen Klage;, die Würdigung des 
großen Reformators ist eine noch ausschließlich religiöse, bei der die 
hohe politische Bedeutung seiner Wirksamkeit noch völlig zurücktritt. 
Einen politischen Chra-akter kann man der Rpformationsliteratur 
überhaupt erst zusprechen mit dem Hervortreten der kalvinistischen Partei 
auf staatlichem Gebiete, wie es durch die mit dem Tode Heinrichs II. 
in der Regierung des französischen Königreichs vorgehende Wandlung 
bezeichnet wird. Die Erfassung und Betrachtung der zeitgeschichtlichen 
Vorgänge nach ihrer politischen Seite gewinnt erst mit dem Augenblick 
eine maßgebende Bedeutung, in welchem die Bekennerschafi des neuen 
Glaubens als eine staatlich organisierte Partei in die durch den Tod 
Heinrichs II. geschaffene Lage eingreift. 

Der frühzeitige Tod Heinrichs II. lieferte seinen jugendlichen 
Nachfolger Franz II. dem Einfluß der bei den Kalviiiisten als Führer 
der katholischen Sache verhaßten Guisen aus, die, unbekümmert um die 
Ansprüche des Königs von Navarra und des Prinzen Conde, die 
Vormundschaft des Königs an sich rissen und ein machtvolles Regiment 
am Hofe und im Lande zu führen begannen. 



°) Abdruck in Bull. IV (ISäo) S. 327. — die anderen Dichtungen in 
Bull. VII (1858). S. 14, V}. Im ganzen enthalten die „Theod. Bezae ixvmata'- 
etwa 23 chansons auf Kalvins Tod, vgl. BuH. XXVIII (1879). IS. .-^78. Über 
Chandieu vgl. La Croix du Maine I. S. 65; Du Verdior L S. 182-184; 
Teissier, Eloqes des Savans, (1715.) IV. S. 139 — 144: Niceron, Memoires etc. 
XXII. S. 281— 293: La H-ance prol. iIIL S. 327— 334,' -III. S. 1049—1058.- 
Eine griechische Ode auf den Tod Kalvins von Florent Chrostien wird 
erwähnt France prot. III.' S. 4^5.', -III S. 374. 



Beiträge zur Geschicläe der poUt. lAteratur Fnuikreiclis. 243 

Mit dem Eintritt der Giiisen iu die leitende Stelle am französischen 
Hofe nimmt der Gegensatz zwischen Kalvinismus und Katholizismus 
einen politischen Charakter an. Die Herrschaft der Guisen am Hofe, die 
ZurücksetzuDs des eingestammten, dem kalvinistischen Bekenntnis er- 
gebenen Prinzenpaars, Navarra undConde, und der Eifer, mit welchem sie 
ihre Macht im Interesse ihres Hauses und der katholischen Sache aus- 
beuteten, liefen in dem Lager der schreib- und streitlustigen Kalvinisten 
lebluifte Miß-^timmung hervor, mit welcher sich ernste Besorgnisse um 
die durch den Machtzuwachs des Guisenhauses bedrohte königliche 
Autorität verbanden. Die Rückwirkung des Umschwungs, v>elcher sich 
mit dem Tode Heinrichs H. in der Regierung Frankreichs vollzog, auf 
die Richtung der politischen Literatur war unausbleiblich Während 
sich bis dahin die Reformationsliteratur auf den Streit um religiöse 
Fragen und Gegenstände beschränkt hatte, verlangt nunmehr die 
staatliche Machtstellung der Bekennerschaft des neuen Glaubens eine 
maßgebende Berücksichtigung in der Literatur. In der Feindschalt gegen 
die am Hofe allmächtigen Guisen gewinnt die kalvinistisclie Polemik 
ein handgreifliches Ziel und läßt die Gegnerschaft gegen die katholische 
Partei zur Feindschaft gegen ihre ehrgeizigen Führer werden. Die 
Literatur tritt in den Dienst beider Parteien und wird in dem Kampf um 
die politische Macht'-telluug am Hofe und im Staate zu einer scharfen 
Wafle, deren sich Kalvinisten wie Katholiken zum Angriff auf den 
Gegner wie zur Wahrung der eigenen Rechte bedienen. Um den 
stattlichen Baum, zu welchem der Same von Luthers und Kalvins 
Lehre auf dem einer Parteibildiing so ergiebigen Boden des damaligen 
Frankreich emporsproß, begann sich die politische Literatur empor- 
zuranken und zu einer Blüte zu entfalten, wie sie noch keine Periode der 
französischen Literatur gezeitigt hatte. Der Aufschwung, welchen die poli- 
tische Literatur in den Jahren 1559 und 1560 nimmt, ist wesentlich durch 
den Aufschwung der kalvinistischen Schriftstellerei und Dichtung bedingt. 
Trotz der duldenden Rolle, zu welcher sich der Kalvinismus infolge 
.seiner politischen Bedeutungslosigkeit verurteilt sah, war und blieb er 
im Besitz der geistigen Überlegenheit und literarischen Regsamkeit. In 
der Schule liarten Leidens war die Literatur im Lager der Bekenner- 
schaft des neuen Glaubens entsprossen nnd zu einer Kühnheit der 
Sprache und einer Wucht der Polemik gegen Kirche und Kirchenlehre 
herangereift, welche nur der Übertragung auf andere Fragen der viel 
bewegten Zeit bedurfte, um auch da Wirkung zu erzielen. Was dem 
Kalvinismus an })olitischer Macht abging, ersetzte die Begeisterung 
seiner Bekenner für die Sache des Glauljens und die Kühnheit, mit 
welcher seine Woitführcr die Feiler und Presse im Dienst ihrer Partei 
zu handhaben wußten. 

Schon wagt sich die Unzufrieilenheit der Kalvinisten mit dem 
Regiment der Guisen und das Mißtrauen iu ihre Absichten in ver- 
einzelten Anzeichen hervor i*^), ehe noch die Yerschwörung von Ämboise 

1") Bouille, I.es ducs de Gtdse. (Paris IN-IO) I]. S. 26ff. 

16* 



244 Knrf i^lafer. 

im März löUO die Sclivit'tstcllcrei beider Parteien recht cigeiitlicli in 
Fluß brachte und im kalvinistischen Laser eine Reihe von Schriften ins 
Leben rief, wclclie mit der Darlegung des Verlaufs der Unternehmung 
eine Darlegung ihrer Berechtigung verbanden und mit harten An- 
klagen gegen die am Hofe allmächtigen Guisen in die Schranken 
traten. Bereits auf dem Tage von Fontaincbleau konnte der Kardinal 
von Guise, gegen welchen sich die Angriffe hauptsächlich richteten, 
erklären, „qiiü en avoit snr sa table ringt deu,v [placards et (i- 
helles diffamaioiresj faits contre luy, lesqueh il gardoit trl'.s- 
soignetisement comme Je plns grand honneur quHl sanrott jamais 
recevoir, qnc d'estre blasmc par tels me.tcha7is: esperani que re 
iscroit le vray esloge de sa vie pour le rendre immortel.'-'- (La 
Popeliniere, Lliist. de France depnis Jan 1550 jusqne ä ces temps. 
1582. L S. 389), und auch an die Königin-Mutter gelangten, wie 
Beza, Hist. ecd. L S. ir; l, berichtet „Cf^crits en rime franpoise, 
faisant mention de Ja mort advenue au roi Henri par le jusie jugement 
de Dien, dans lesqueh aiissi Jadite dame estoit fa.ree de frop d<'- 
ferer au cardinaJ.^'- 

Eine der Schriften, welche unmittelbar nacli der Verhaftung 
der Hauptteilhaber an der Verschwörung von Amboisc erschien, sucht 
in der Form einer Verteidigungsschrift, welche die unter dem Drucke 
der Guisen leidenden Stände an den König richten i'\ die Unter- 
nehmung von Amboiso als eine ausschließlich gegen das Gewalt- 
regiment der Guisen gerichtete Unternehmung darzutun, die, weit 
entfernt davon, den Sturz des Königs zu beabsichtigen, vielmehr die 
Autorität des Königs und das Wohl des Landes und die Rechte der 
Stände gegenüber den Anmaßungen seines Ministers halte schützen 
wollen. Mit großer Vorsicht wird die religiöse Seite des Tumults 
in den Hintergrund gerückt und der Nachdruck auf die Beteuerung 
ehrlicher Absichten und auf die Angriffe und Verdächtigungen gegen 
die Guisen gelegt. In einer Sprache, die Stimmung im Volke machon 
soll, wird gegen die Guisen der Vorwurf erhoben, daß sie sich der 
Herzogtümer Anjou und Provence bemächtigen wollen, daß sie unter 
der letzten Regierung dem Lande Verluste zugefügt haben, .,et mes- 
nies par Je dernier voyage d'ltaJie. par Jeqiiel J'nn prt'tendoit se 
faire Fape. J'antre Roy de SiciJc et (Je NapJes'-, daß sie sogar auf 
den französischen Königsthron Ansprüche erheben, welche sie aus ihrer 
vermeintlichen Abstammung von Karl dem Großen gegenüber der aus dem 
Kapetingerhause hervorgegangenen königlichen Familie herleiten zu 
dürfen glauben, ,^comme si votis, Sire, et vos Pri'decessenrs n'en 
estiez quusiirpateurs." Ihr Anrecht auf ihre leitende Stellung im 
Staate wird ihnen als Fremden bestritten. Verluste, die sie dem 

i^) _Zrۀ Eslals de Fruace opprimez pnr la lurwinie de Guisc, au Roy hur 
Souverain Heiijnevr" . in Bibl. Nat. Ms. fr. 39.31, f. 48v. — öör. sowie in Mi'-ms 
de Condr 1. S. 405— 410 und Mems de Condc VI. S. I.S3-18i^. Vgl. dazu auch 
Lf^long, J5«6/. h!st. II. S. 234 nr. 177G2. 



Beiträge zur Geschichte de?' polit. Literatur Frankreichs. 245 

Laude durch ehrgeizige und selbstsüchtige Haudluugeu zugeftigt, werden 
ihnen vorgehalten. Eine ganze Reihe von Maßregeln und willkürlichen 
Rechtsverletzungen wird aufgezählt, die ihre auf den Sturz des Königs 
gerichteten Bestrebungen kennzeichnen und die ernsten Besorgnisse 
bei den au der Verschwörung von Amboise beteiligten, rechtlich und 
königstrea denkenden Untertanen rechtfertigen soll. 

Die „Histoire dxi tuniulte d' Amboise'' ^-), welche mit größerer 
Ausführlichkeit auf den Hergang der für die Bekenner der neuen 
Lehre unglücklichen Unternehmung eingeht, gibt denselben Anklagen 
nochmals Ausdruck, 

In derselben Richtung bewegen sich zwei weitere Schriften, die 
^^Juste Complainte des fideles de France'' ^3) und „Jiemo7it7'ance a 
tous estais'^^ ^^) welche von der Beteuerung der wahrhaft christlichen 
Gesinnung der kalvinistischen Partei und von der Versicherung der 
Gerechtigkeit ihrer Sache zur Rechtfertigung der politischen Haltung der 
seit dem Tumult von Amboise als aufrührerisch verdächtigten kalvi- 
nistischen Partei und zu harten Angriifen auf den verhaßten Kardinal über- 
geben. Mit großer Entschiedenheit erheben beide Schriften Einspruch 
gegen den Vorwurf rebellischer Gesinnung. „Quand oyijMrle d'u7i rebelle, 
tun met incontinant cela sus nous, coinme si nous ne voulions obeir 
au Roy: Ce quon a peu connoitre en ces personnages quioiitn'aguere^ 
este pns a Amboise, ausquels Von a mis sus, quHls vouloyent tuer 
le Roy : ce qui est pure mensonge et calomnie, ainsi que plusieurs 
d'eux ont inesme declare deuant luy. IJon a aussi irouuc sus Tun 
d'iceux, la requeste quils luy vouloyent presenter : laquelle contenoit 
eiL sustance qiiil luy pleut de faire jjrescher pui'ement et librement 
VEuangile de JJieu par toute la France: reiuettre sus le vray seruice 
de Dieu coinme il estoit au tenis de la primitive Eglise: et chasser 
d'aupresf de luy quelques Tyrans qui usurpent le gouvernement du 
Royaume : lesquels, si ran iiy prent garde, usurperontniesme sa courome, 
veu que ils se dient estre issus de Charlemagne. Voila qu eile estoit 
tiniention de ses personnages, qui estoit iuste et raisonnable^ et 
grandement proufitable au Roy, ses freres, ä ceux de son sang, 
et genei'alement ä tont le petipL:. Car il y a dangcr, apres que 

^^) L^üistvcrc du iuiHulte. d'Aiubvijst udctna au luois de mars ,17. Jj. L. X. 
Ensemhle uu autrlissemeul et unt complainte, au peyple Franqois, 1560. (auch ill 

Mhihs dt Coiide I S. 320—334). Lateinische IJbersetzunjf unter dem Titel: 

TamuUus Anbosianus, hoc est Uisloriu hujus Tumultäs. qui niqier in Guüia ad oppi- 
dum AinhosiaiMiii propter Guijsiorum l'rincipun ijubei-uatiunem ii Xobildale Gallicu 
txdlalus est mense Jlartio 1300. Adjuncti sunt Libdli ex Anijlid et GaWa advcrsus 
Guysiorum gubernalionem promuhjati. l.jtiO. iD-4. vgl. auch Leloug, liibUolhequt. 
hlsiorique de la Frauce. (Paris ]M. D CC L XIX.) II. S. 233-'. nr. 17 760. 

'3j Juste Complaiiäe des Jidcles de France, t'ontre leurs adversaires Paplsles, 
et untres. Sur Vufj'liction et imu-, crimen., dont vn les chart/e li rjrnnd tort. .\vigUOD 

M. D. L. X. 

1*) llemontraiicti a (uus estatn. l'ar laquelle est eu brief demonire la foij et 
iniwcenct des crays Chi-estiens: Les abus ausquels sunt detenns leurs ennemis et perse- 
(iiifeurs: Et le iugemenl que Dieu en fern. Paris 1560. 



'}U) Kurt Glaser. 

ces anibitieiw auront hien mis le pied dedann. (jiie diß'icüement 
l'on les en puisse Icver"' (Remontr. S. 19. 20). Besonders berodl 
ist die „Juste Compluinte^'' welche mit Eifer und Leidenschaft den 
Verdachtaufiührerischerpolitischer Haltung zurückweist und über die Ein- 
mischung der weltlichen Obrigkeit in Sachen der Religion und über 
die Verfolgungen der Bekennerschaft des neuen Glaubens und namentlich 
über ihren Urheber, den verhaßten Kardinal, Klage führt. „Ce Cardinal 
l^pictirien^ honmie qui nc croit autre Dieu qiie soy mesme, se ?a?.y- 
sant bailler pur ses ßateurs escriuains tous les tiltres dlionneirr 
qu''on sauroit bailler ä Dien, {Viin Üappellant Le grand Dieu de 
la mer^ et lui presentant le tableau de deuocion: lautre d'un autre 
tiltre dlionneur divin) tient en France i^lace de Pape, et son frere 
place de Roy^ u /in que tous ceux qui nous persecutent. entendenl, 
qu^ä proprement parier, ce nest pas au Roy qiiHls obeissent en 
ce faisant, ains servent de bourreaux au susdit Epicurien Cardinal, 
et ä totis ceux de sa secte, (car s'il en y a d^entr'eit.v qui nous 
favorisent ä bon escient, et il en pent estre auerty, ils sentent 
incontinent que peut sa tyraymie) et ä son frere le grand tyran. 
Car entre les mains de ces deux tyrans sont inis les deux glaives 
de France, le Spirituel es mains du Cardinal: et le Maieriel, es 
mains de son frere. De Cardinal ne pouvant plus rien faire de 
son glaive ä Vencontre de nous {moqueur de Dieu qii'il est, et de 
sa parole) ny trouve point de plus court clicmin, que de no'is 
charger du crime de scdition, et 7ious bailler entre les mains de 
son frere: auquel si vous voidez rendre raison de vostre fait, il 
vous dira soudain que de lui il n''entend nen ä disputcr de Dieu, 
mais quil spait fort bien faire coupper des testes. . . fS. 25. 26). 

Die gelehrte theoretische Rechtfertigung der Unternehmung von 
Amboise geht mit diesen zur Wahrung des Rechts unternommenen An- 
klagen gegen die Guisen Hand in Hand; sie liegt uns vor in einer 
im gleichen Jahre veröffentlichten „Response au Livre inscrit, povr 
la Majoritc du Roy Francois second^'- ^'^) betitelten Widerlegung 
des von Jean de Tillet, ,.,Pour la majorlte du roi tres-chrestien contre 
les ccrits des rebelles"- '6), geführten Nachweises, daß die Münligkeit 
des Königs mit dem 14. Jahr beginne, und darum Franz II. mit Fug 
und Recht König von Frankreich sei und in der Wahl seiner Minister 
seiner eigenen Entscheidung folgen könne. 

Wirksamer und kraftvoller als die ziemlich scliwächliche Replik 
der „Responce'', welche mit wenig Glück und geringer Wahrscheinlichkeit 
für das 14. bis 25. Lebensjahr des Königs eine Zwischenzeit nach- 
zuweisen unternahm, in welcher der König nur dem Namen nach regiert, 
in Wahrheit aber sich von den ihm durch die Stände gegebenen Rat- 



«) in: Mems de Conde I. S. 471—490. 

^^ A Tours, pour GuUlaume Bowfjeat et Laurcvt Richard. M. D. LX. (auch 
in: il/e'ms de Conde I. S. 437 — 448; im Auszug auch in Laurpnt Biiuchel, La 
Bibliothrr/ue ou trcsor du droii franroi^. II. fParis M. D. CLXXI.) S. 034 — n;!7. 



Beiträge zur Geschichte der polit. Literat^ir Frankreichs:. 247 

gebtru leiten läßt, wai' die Sprache, welche andere kürzere und kühnere 
Pamphlete führten. Ein r-Äclvertissement au peiiple de France^\ 
welches in dem Drucke der Histoire du tunnäte d'Amboise anhangs- 
weise beigefügt ist, i^) wendet sich in kühnen "Worten an das ,,povre 
peuple^, unter dem Vorgeben, es in Treue und Anhänglichkeit an den 
französischen König zu bestärken, in Wahrheit aber, um sein Mißtrauen 
gegen die Guisen zu wecken. In kecker Sprache sucht das „ÄdvertissemenV" 
das französische Volk aufzuklären über die Berechtigung der Ansprüche, 
welche die Guisen kraft ihrer angeblichen Abstammung von Karl dem 
Großen auf die französische Königswürde erheben und gelangt in diesem 
Zusammenhang zu einer bemerkenswerten Deutung des den Bekennern 
des neuen Glaubens in jenen Tagen beigelegten Namens Huguenots, 
welche mir für die Herleituug des vielumstrittcnen Wortes nicht hin- 
reichend beachtet zu sein scheint, i?) Das ,,Adveriissemeni'- schließt 
mit dem an das französische Volk gerichteten Aufruf, sich den Rechts- 
verletzungen der Guisen zu widersetzen, „A cette cause peuple 
Frangois, nostre deuoir est, par la fidelite que vous atiez ä vostre 
Prince et Roy l'reschrestien, de tascher par tous moyens legitimes 
ä nous opposer ä wie si mecliante et iiialheurense entreprinse: 
demandans secours et ayde, premiereynent ä Dien, autew\ fondateur, 
et conservateur de cette Monarchie : et en apres ä tous les Farlemens, 
et Estats dn Royaume: ä fin que Vaage auquel est pour le present 
nostre Roy: la bonte et douceur de noture dont il est douii: et 
au contrairc la grande pidssance, les Mens et richesses dont ses 
ennemis se sont tnunis de longue main^ pour paruenir ä leur 
entreprinse, nc leur donnent occasion de mettre ce ßorissant 



") S, 21— 24. (Mems de Cond,' 1. S. 4U2— 40o). 

'*) v-fc' ^'ous donner ä entendre f entreprinse et machination qiiaucu7is ennemis 
de JJieu oiit dressee h Pencontre de nostre Roy^ la Royne mere, Messeigneurs de France 
les Princes du sang : et en general de tout ce poure Royaume. Sackez donc ijtie ceiix 
de la maison de Guyse pretendent quereller la Couronne de France, snr iin droit en- 
fumc que ils vculent debattre it raison de Hugue Capet : leqiicl ils disp.nt auoir occupe 
/•e Royaume l'an mil neuf cens octantehuil apres le trespas du Roy Loziys qui deceda 
.sans enfäns masles: au Heu que la succession en appartenoit li Charles Duc de Lorraine 
hur predecesseur : pretendans estre desccndus de la droitle Ugne de Cliarlemagne. Et 
comhien que le susdit Duc de Lorraine soit dccede saiis enjans masles, tellement que 
c.eux de Lorraine ne peuuent nier qu'ils ne soytnt descendtis deßlles, nusquelle.i la cou- 
ronne de France ne peut appartenir, neantmoins fönt en plusieurs endroils disputer 
que les enfans et successeurs d\n voleur et nsurpaleur de Royaume, iels qu'ils pretendent 
avoir este Ic susdit Hvgue Capet: y ont heaucoup moins le droit, que les enfans et 
successeurs d'une ßlle legitime. En moniere quils ont de long tenips composc par en- 
semhle un sohbriquet et mot <i jdaisir, par de.rision de ceux qu'ils disent estre dcsrendus 
de la race de Hugue Capet, les appelans Huguenots ; enveloppans en une (eile contumelie, 
71071 seulement ceux qui se ejforcent de maintenir le Jlorissnnt estat de ce Royaume. 
mais aussi la personne du Roy nostre maistre^ Messeigneurs ses freres, et tous les 
Princes du sang, ce que neantmoins ils veulent pour le present, et iusques ii ineilleure 
opportunite, tellement insinuer aux cueurs ei oreilles tant de nostre peuple, que des nations 
estranges, par la contumelie et scandale d'un tel mot en demeiire par cy apres un Heu 
cu ils preicn/lent I'adresser', (S. 21 — 23). 



248 ' Kurt Glaser. 

lioyaume en proye et en pillage: et se saisir de la sainte Oouronne 
de France: axi deshonneur du noni de Dieu et ä la ruine et 
desolation de tous les subiects du Roy. Ce que nostre hon Dieu 
par sa sainte inisencorde et clemence viieille bien tost empecher: 
et nous donner o tous vertu et liardiesse de resister ä tani de maux, 
et calamiiez qui nous sont prochaines, si Dieu par sa honte ny 
donne remede." 

Die ..^Complainie au peuple frangois-^ , die auf das „adver- 
tissement-' folgt i-'j, fülirt die gleiche, Mißtrauen und Feindschaft 
erweckende Sprache: „Peuple Frangois, VJieure est viaintenant venui': 
tju'il faul montrer quelle foy et loyautS 7ious auons ä nostre hon 
lloy. Uentreprinse est deconuertc: la conspiration est conneue: les 
machinations de la maison de Guyse sont reuelces'". Aufforderungen 
zur Treue gegen den König und Mahnrufe an das von den Guiseu 
ausgebeutete, in seinen Rechten vergewaltigte und seinem Fürsten 
entzogene Volk mischen sich mit harten Anklagen gegen die Guisen 
und ihre Politik. „Z.cs ennemis du Roy chasscnt la nohlesse en 
la mer pour estre viandc des poissons. lls suscitent les Anglois 
ä faire nouuelle guerre, non pas contre le Roy, comme la R'iyne 
d'Angleterre la proteste par son escrit imprime et diuulgue: mais 
seulement ä Vencontre de leur ambitieuse tyrannie. lls rangonnent 
le poure peuple de tailles, tributs et exactions intolerables. lls 
possedent le Roy Treschrestien pour Vcmpecker d'entendre les ad- 
vertisseinens qu'on iuy pourroit faire, lls amassent toutes les 
jinances de France pour en payer les estrangers quils ont ä loage, 
et Imsseni tonte la Gendarmerie, et Infanterie Frangoise sans 
payer: et neantmoins sont si inipudens que de nous vouloir faire 
cntendre, quHls fönt venir les estrangers pour la garde du Roy. 
Ha poure nation Francoise! est-ee la Vestime que Von faxt de ta 
fidelite? est-ce la la reputation que tu as acquise et maintenue 
par si (ongtemps ä l'endroit de toutes les nations estrangeres, 
d' estre si loyalle ä ton Prince? que il faille maintenant enuoyer 
aax pais estranges, pour faire venir gens ä la defence et protection 
de ton Roy'? Ei qu'est-ce qu^un Roy., sHl na des suiets qui le 
gardent et defendentf Oa^ qui sont les suiets, s'ils ne gardent 
leur Roy"^ Dieu dement et debonnaire, est-ce maintenant quil 
ie piaist venger le sang innocent espandu en ce Royaume'? Le 
temps est il venu que les estrangers rauissent d''entre nos hras nos 
poures enfans et masles et femelles, pour en abuser en tonte 
rilainie et oj'dure? Fi que la Couronne soii transferee de ceux 
que la maison de Guyse appelle Ilnguenots: comme estans descen- 
dus de la race de llugue Capet, pour estre remise et restituee 
(comme ils disent) ä ceux qui se renomment de Charlemagne? 
Ou est ceiie sapience tant renommee des Fstats et Parlemens de 

") S. 2')—2S (= Meias de Condc I. S. 404. 40.'>). 



BeUräije zur Gescliichte der polif. Literatur Frankreiclis. 249 

France, iiu'ils ne considei'ent la iustice de cette cause? . . . Que 
■sl ccux qui sont en estat ou autoriie, soni tellement endormis par 
les corrwpiions : ou effrayez par la cruaute d\m Cardinal, pour 
le nioins que le jyoure peuple crie et se lamenie, et en troupe et 
avsemblee de-femmes et petits enfans invoque si hautenient la bontc 
et misericorde de Dien, que toute la terre connoisse la misere et 
calamite d'une naiion, qui par estre irop fidelle et loyalle ä son 
Frince, est oppnmee par la rage et ti/rannie de ses ennemis^'. 

Eiue andere Schrift aus kalvinistischer Feder fülirt sich ein mit 
dem langatmigen Titel: Response Chrestienne et deffensive sur aucuns 
poincts calomnieux contenns en certaines Leitres envoy^es aux 
Baillifs. Seneschaux, et Lieuienans du lioy; Par lesquelles Ic 
Cardinal de Lorraine, et son Frere, avec leurs adht^rans, ennemis 
morteh du genre Chi-estien^ traistres ä la Couronne, Tyrans et 
Pyrates sus le peuple Fran^ois veident malicieusemeni et fausse- 
■inent charger les Estats de France de rehellion, Confuration, 
Conspiration. sedition, et autres crimes, desquelz le Ciel et la 
Terre les congnoist, eux-viesmes estre infects et coulpahles (1560. 
in: Mhis de Conde 1. S. 360—397). 

Die Schrift, über deren Aufnahme bei den Guiscn De Thou-^'j 
berichtet, erörtert das Thema der üblichen Anklagen gegen die Guisen 
an Hand der „Lettres envoyees aux Baillifs, ou a leurs Lieutenans 
daltees du dernier jour de Mars 1559 {== Idb'O) avant Pasques"", 
die von dem uns unbekannt gebliebenen Autor der „Response Chres- 
tienne'' als handgreifliche Beweise für ihre gegen die Autorität des 
Königs und die Rechte des Landes gerichteten Bestrebungen 
gedeutet werden. Mit unermüdlicher Dialektik wird scharf geschieden 
zwischen den Absichten des Königs, mit dessen Namen die .^Lettres'"' 
unterzeichnet sind, und den hinterlistigen Gedanken seiner Minister, 
die das „beau cruel carnage faict ä Amboyse'"' auf dem Gewissen 
haben und durch ihre Übergriffe freche Schmälerungen der bestehenden 
Kechte bezwecken. Obwohl noch immer der religiöse Charakter der 
Unternehmung von Amboise geleugnet wird, empfängt hier doch schon 
zum ersten Mal der religiöse Standpunkt der Kalvinisten einen schärferen 
Ausdruck: die lieinheit der neuen Lehre („nouvelle Boctriiie"-) und 
die ihren Bekennern gebührenden Kechte (namentlich das nachmals 
viel umstrittene Versammlungsrecht zu religiösen Zwecken) werden in 
Schutz genommen, und ihre Absicht, die Kirche zu reformieren, als 
berechtigt zugestanden und mit Nachdruck auf den zwisclien der 
christlichen Kirche und der des Papstes {,^ceUe du Pape'') bestehenden 

^''j nllts personnes inconnues la portereiU ii Paris ei a Uoueuy el trouverent 
myijm d'en faire donner des Copies aux Parlementi de ccs deux Villes. Celui de Paria 
en ayaiit fuil peu de cas, renvoi/a au Cardinal de Lorruine par tin I/uissier. Mais 
le Parlemtnl de Rouen jugea ii jjrupos de deputer quelques Conseillers, pour la porter 
^ut Roi, Les Guises craifjnant quu/ie teile deputoiion ne donnat de la reputation et 
du cours au Libelle, el ne les rcndil plus odieu.i-, empicherent ces Maf/isirats de wir 
le Roy, el hs rcnroi/erent". (Uistoire etc. Irad-fraiu;. 1734. III. S. -'»Ol). 



250 Kmt Glaser. 

Gegensatz hingewiesen. Mit Entfclnedenheit wird die aufrülirerisclie 
Absiebt der Bekcnncr der neuen Lcbie in Abrede gestellt und das 
Verlangen nach einer Entscbeiilung und Regelung der religiösen Streit- 
frage durch den König ausgesprochen. 

An Tiefe der Gedanken freilich lassen die Fhigschrifien mehr 
zu wünschen übrig als an Kühnheit der Sprache. Die theoretische 
Erörterung hält sich noch in bescheidenen Grenzen, und auch die 
Polemik dringt noch niclit in ganzer Schärfe durch. Die Schriften, 
so beredt sie ihre Anklagen get;en die Terliaßten Guisen zusammen- 
fassen mögen, beschränken sich immerhin mehr auf eine mit Ausfällen 
durchsetzte Veiteidigung und Rechtfertigung, als doß sie zu rück- 
5ichts>losem Kampf und Angriff, zur ofl'enen Invektive, übersehen. 
Satirische Züge fehlen ganz; nur vereinzelt lassen sich schwächliche 
Ansätze dazu erkennen 21). Selbst die abenteuerliche Genealogie der 
Guisen wird trotz allen Kopfsihüttelns immer noch mehr als eine 
ernst zu nehmende Tatsache, denn als eine der Komik würdige Fabelei 
behandelt, welche nach dem Vot bild Rabelais' zur satirischen Behandlung 
hätte herausfordern müssen. Der unglücklicheAu-gangder Unternehmung 
von Amboise lastete drückend auf der kalvinistischen Partei, welche sich 
nicht einmal der Zustimmung und Billigung Kalvins rühmen konnte—). 

Um so machtvoller und kühner ist die Sprache, welche eine 
kleine als ,,Epistre envoyee au Tigre de la Fra^ice", oder kurzweg 
als „Tigre de la France" bekannte Schrift gegen den verhaßten 
Kardinal anschlägt. Die berühmte oder berüchtigte Streitsatire, 
die erste weltlicher Natur aus kalvinistischem Lager, war lange Zeit nur 
aus der Erwähnung der Legende de Charles, Cardijial de Lorraine -'■'), 



-1) So, wenn die „Response Chrestienne'^ die bis ins Kleinste und 
Kleinliche gehende Bevormundung und Überwachung des wie ein unmün- 
diges Kind hehandelten Königs durch die Guisen kennzeichnet: „Qu'cst-ce 
qui ignore quHl ne se manie, ciresso ne arresle cJiose teile qu'elle soii, que lout im 
passe par la main de ceux de Guyse^ singvlierement du Cardinal? voire jusques c 
attendre le com/e d'acliupter vne piece d'ouvi'n;/e de pierrerie^ d^or/evrerie, de hroderie, 
de 3[onsieur le Cardinal: Qui en dernamhroil la, verite nux Marchands quifreqvenknt 
la Cour^ et ils rosasseni dire je suis cer/ain qu'ils ne me dcmentiroi/ev.t pas" (Maus 
■le Conde I. S. ;573. Ö74. vgl. auch S. 383). 

2-) Vgl. Kalvin an Sturm unter dem ?3. November 1560 (Corpus Ref. 
XVIIT nr. 3175) und an Coligny unter dem 16. April 1.561 (Corp. Ref. XVIII. 
nr. 3374); s. auch Ranke. Franz. Gesch. \. S. 208. 248. Auch Coligny stand 
der Verschwörung fern, s. Briintume, Hommes illustres, ed. Bücher, I. S. 447 
und Martin, Historie de France IX. S. 3,'». 

-■*) „La Legende de Charles, Cardinal de Lorraine^ et de ses freres. de la 
viaison de Guise" Reims M. D. LXXVI. S 4ö r (= 21cms de Conde Vi. S. 44'-): 
A ce lirre (nämlich du TilletS ,.Pour la viaiorite du roi')futfait nne :;iua 7'espon^e, 
suyvie pvis apres de diuers aulres liureis en grand nomOre, pour lesquels fut fait fort 
gran 'e recerche, iusques ii faire pendre Martin V Ilommet qui nuoit imprima le Tygre 
de la France ou le Cardinal enlre ses autres freres estoii depaint de to'utes couleurs. 
D^un costc le Cardinal faignoit d'e.sti-e bien ioyeu.c quon V immortalizoit ainsi, et de 
Vautre il pratiquoit gens ajin de respondre a tels libelles qui descouuroyeni ses ruses, 
et faisoyent desia .?« legende, immortalizans voirement les ordtire.f de luv et de toide 
sa maison , . . 



Beiträge zur Geschichte der jyolit. Literatur Frankreichs. 201 

sowie aus den Angaben von Kegnier de la Planche ^^j^ jean de Serres^ä), 
P>rant6me2»3), De Tliou-'-), Rieh. Dinoth28), Castelnau'^a), Maimbourg30; 
und Baylc^') bekannt, deren Berichte die Schrift als eine kurze, im 
Stil von Ciceros erster katilinarischer Rede gehaltene wuchtige 
Invektive kennzeichneten und für eine genauere Würdigung ihres Inhalts 
durch die Schilderung von der Wut des erzürnten Guisen und den 
Bericht über die Hinrichtung des vermeintlichen Verlegers der Schrift, 
Martin Lhoranio, und eines am Tage der Hinrichtung des letzteren 
zufällig in Paris anwesenden Rouener Kaufmanns entschädigten, deren 
beklaaenswertes Schicksal der Schritt eine traurige Berühmtheit vei'- 
schafft bat. ,,^ Vencontre de tant de livrets puhliez contre CilU- 
gitime gouvernenient de ceux de Guise'"', sagte Jean de Serres, 
^Jean du Tillet, grefier de la cour du Parlement ä Paris, composa 
im livre intitide: Ja Majorite du Roif . . . On lui fit plusieurs 
response^ fermes et vehementes, ausguelles ni lui ni son frere, 
evesqtie de Saint-ßriev. noserent repliquer, quoiqu'ils en fussent 
mstamment sollicitez par le Cardinal, ponr le contenternent duqucl, 
ä la sollicitation de nn certain conseiller nomine Du Lyon, lai 
imprimeur de Paris, nommc Martin Lihom.met, fut jjendu et 
estrangle j^our avoir mis cn lumiere xin livret intituU ,h Tygre', 
tait contre ceux de Guise, Mesiiie traitement fut fait ci un notable 
marchant de Ronen, qui, se trouvant ä texecntion, et voyant le 
peuple esirangement anime contre VHomrnet, avoit exhorte. quelques- 
nns ä se comporter ^/m.s viodestement. Ce fut un proces saus 
forme ne figure, et pour contenter le Cardinal, comme Du Lyon 
l'avoua depuis en une grande compagnie." Ebenso äußert sich 
Brantöme: „7/ // ent force lihelles dijfamatoires contre ceux qui 
gouvernoient alors le royaume; mais il riy eut aucun qui picquät 
plus quune invective intitidee le Tigre (sur Vimitation de la -premiere 

-^) IJisfoire de I'estat de France, tant de la RepuhJique que de lo. Jielü/ion: 
Sous le Rcme de Franqois II. (M. D. LXXVI.) S. 38ö if. 

^•') Rccueil des choses memorahles avenues cn France sous le regne de Henri II., 
Francoh II., Charles IX., Henri III. et Henri IV. 2e ed. M. D. XCVJII. S. 90. 

-'•) Vie des dames (jalantes (Lfijde 16G6) II. S. 4G7. 

-■') Hisioire etc., trad. fraiic. (Londros 17;)4) III. S. r)12. 

'^) liichardi Ihnothi .Yornwnni Coasiintinatis Belh Clcili Galileo IleU<iionlf 
causa suscepto. Lib. VI. (Basüeae M. D. XXCII). II. S. 74: „Odium autem eins 
religionis causa in Reformalos concepium non Icuiter auxit quorundam insoleniia, qid 
ut mulifbris ims inanihus verbis vlcisci, atque illius minas prornus contemnere vidtrentur^ 
aut (ut leuium hnmintim infjeninm eH) dicaces apud suo.t haherentur, Guysanum ducem 
tigridem, C'ardinaleii mar/num marsupiiim (quo nomi?ie pecuniosum et auarum designahant) 
norum matrein lupain, ut quae ludos pro^enuerat, nominnbant.''' 

-^) Menioircs, 1G2I (in-4") S. 81 : .,Sjir quo// Ton print nn imprimeur qui avoit 
imprime un petit livre intiluti; „La Tigre''', dont rauteiir prrfiume, e> vn marchand, 
furetit pendus pour ceste catise.^' 

"*") Histoire du Calrinisme S. MA fi'., cit, von Bavle. Dict. last, et crit. ')^ 

ed. III. S. 179, Anm.-II. 

•'') BavlP, Dict. hi.<<t. I.e. — vgl. auch Lelong, Bibliothique historiquc. II. 
S. 23.'), nv. 1778.-). 



'2Iy2 Kurt Glaser. 

iuoective de Ciceron contre Catüina), d'autant quelle parloü des 
ainours d^une treu grande et helle Dame et d'un Grand son 
proche: si le galant auteur eüt este apprehende, quand il eüt 
eu cent mil vies, il les eilt toulcs perdues: cur et le Grand^ et 
la Grande en furent si estomaquez, quils en cuidi^rent dhesperer." 
Am ausführlichsten ist der Bericht von Eegnier de la Planche: 
.,Nous avons dit que la cour de parlement faisoit de grandes 
perquisitions ä Vencontre de ceux qui irnprimoyent ou exposoyent 
en vente les escrits que Von senioyt contre ceux de Guise. En 
quoy quelques jours se passcrent si accortenieni qiiils sceurent 
enfin qui auoit imprime un certain Huret fort aigre intituU le 
Tygre. Vn conseiller nomrnc du Lyon en eust la charge, quHl 
accepta fort volontiers, pour la promesse d'un estat de president 
au parlement de JBourdeaux, duquel il pourroit tirer deniers, si 
hon luy semhloit. Ayant donc mis gens apres, on trouua 
Vimprimeur nomme Martin VHommet qui cn estoit saisi. Enquis 
qui le luy auoit haillc, il respond que cest un komme inconnu, 
et finalement en accuse plusieurs de Vavoir veu et leu, contre 
lesquels poursuites fusrent faites, mais ils le gagncrcnt au pied. 
Ai7isi quon inenoit pcndre cest imprimeur, il se trouua un 
marchant de Mouen, moyetinement riche et de honne apparence, 
lequel voyant le peuple de Paris estre fort anime contre ce patient, 
leur dit seulement, et quoi, mes amis, ne suffit-il pas qiiil 
ineuref Laissez faire le hourreau. Le voidez-vous dauaniagc 
tourmenter que sa sentence ne porte? (Or ne savait-ll pourquoy 
ou le faisoit mourir, et descendoit encor de cheual ä itne hostellerie 
prochaine) A ceste parole quelques prestres s'attachent ä lui, 
fajjpellant IJuguenot et compagnon de cest homine, et ne fust ceste 
question plustost esmeue que le peuple se iette sur sa malette et 
le hat outrageusement. Sur ce hruit ceux qu'on nomine la iusticc 
approchent. et pour le rafreschir Ic meinent imsonnier en lu 
conciergerie du palais, ou il ne fut plustost arrivc que du Lyon 
Vinterrogue sommairement sur le fait du Tygre, et des propoä 
par luy tenus au peuple. Ce pauuj^e marchant ime de sauoir 
que c^estoit ne Vauoir iamais veu, ni ouy parier de niessieurs de 
Guise: dit quHl est marchant qui se niesle seulement de ses affaires. 
Et quant aux propos par luy tenus, ils nauoyent du offenser aucun. 
Car meu de pitie et compassion de voir mener au supplice un 
komme (lequel toutesfois il ne reconnoissoit et ti auoit iamais veu) et 
voyant que le peuple le vouloit oster des inains du hourreau pour 
le faire mourir plus cruellement, il auoit seulement dit quHls 
laissasseni Jaire au hourreau son ofjice, et que la-dessus il a estc 
iniurie par des gens de robhe longue, pilÜ. vole et outragc par 
le peuple, et mene prisonnier ignominieusement, sans avoir iamais 
mejfait ne mesdit ä aucun, requerant ä ceste fin quon enquist de 
.^'5 vie et conuersation. et quHl se soumctioit au iugement de tou 



Beiträge zur Geschichte der pol it. Literatur Frankreichs. 'i5ö 

le monde. Du Lyon sans autre forme et figiire de procez^ fait 
son rapport ä la cour et au,t iuges deUgiiez par icelle, qui le 
condamnent ä estre pendu et estrangU en la place Maubert, et au 
lieu mesme ou auoit este attachc cest imprimeur. Quelques iours 
apres, du Lyon se trouvant ä soupper en quelque grande compagnie, 
se mit ä pkiisanter de ce pauvre marchant. On lui remonstra 
Viniquite du iugement par ses propos mesmes. Que votdez-vousf 
dit-il, il faloit hien contenter monsietir le cardinal de quelque 
chose, puis que nons nnvons peu prendre Vautheur; car antrement 
il ne nous cust iamais donn^ relasche.'''' Die sofort nach ihrer 
Veröffentlichung im Auftrag des erzürnten Guise unterdrüclvtc und 
seitdem zu einer bibliophilischen Kuriosität gewordene Schrift selbst 
wurde zuerst im Jahre 1834 von Louis Paris in dem Büchermagazin 
Techeners wieder aufgefundenes) und noch in demselben Jahr von 
Charles Nodier in einem Artikel des Bulletin du Bibliophile für 
seine Ausführungen über die Preßfreiheit vor Ludwig XIV.S'!) verwertet. 
Duplessis hat den ursprünglichen ,, Tigre'' in einer handschriftlich 
vorhandenen versifizierten Satire unter dem Titel „Xe Tygre. Satyre 
sur les gestes memorahlefi des Guisards, 1561" (s. u.") wieder- 
erkennen und in der von Paris aufgefundenen Prosafassung ein 
Pasticcio der ursprünglichen Verssatire erblicken wollen 34). Dem- 
gegenüber hat Xodier^'») Duplessis' Ansicht mit guten Argumenten 
bekämpft und den Nachweis erbracht, daß der ursprüngliche „ Tigre'' 
in Prosafassung erschienen sein müsse und die von Duplessis heran- 
gezogene versitizierte Redaktion nichts anderes als eine Ableitung 
und Umdichtung aus jener darstelle. 

Über die Zeit der Veröffentlichung der Schrift, weiche Nodier, 
Bull, du bibliophile IV® serie S, 873 und 875, in das Jahr 1559 
verlegte, ist durch das von Taillandier'^6) beigebrachte Aktenmaterial 
neues Licht verbreitet werden. Taillandier hat auf Grund der in 
den Registern des Pariser Parlaments aufbewahrten Gerichtsakte gegen 
..Mariin Lhomme, maitre imprimeur, demeurant en cette ville de 

32) Ygi_ Louis Paris' eigenen Bericht: ,r« pamphlel an A'F/« siixle" 
in: La, Chrom'que de Champagne. (Reims IS"?) S. IGl — 173; besonders S. 171. 
Das einzige durch Paris gerettete Exemplar befindet sich jetzt auf der 
Nationalbibliothelr. Res. L-^V.^^- Eine Ausgabe besorgte Ch. Read, Paris 1875. 

") ..De In Uhertii de In presse avant Louis XIV; n propos d^un pe/it /irre 
intHule'. „Au tir/re de In Fj-ance" (Bulletin, du hihliophile, Ire serie. Paris 1834). 

■") Einen Abdruck des versifizierten Tigre besorgte Duplessis, Douai 
1842 (pet. in-8'\ lo S. S. 2.') Exemplare), Neudruck Stralsburg 1351 (in-S«. 
18 S. S. <iO Exemplare); vgl. Read in seiner Ausgabe des Tsj/rc (Paris 1875) 
S. 67 ff. Bereits Laboureur in den Additions nu.c Mhnoires de Michel de C'a.i(elnmi 
1 (1731) S. 3!)7, 398 citierte eine Anzahl Verse des Tigro. Zwei mir bekannt 
gewoideno Handschriften mit der versifizierten Fassung befinden sich auf 
fler Nationalbibl. Fonds fr. nr. 2339, f. 1—8 und nr. 13764, f. 20— 25r. 

^■') „Le Tiqre'' in: Bulletin du bibliophile^ IV' Serie, n"lft (Paris 1841) 
S. ^72— 87G. 

^'^) Quelf]ue!> mofe st/r le Tigre. Paris 1842. 



i!äl Kurt (ilaser. 

Pari^, rue du Murier, pres la nie Saint- Victor, aux trois niarche<^ 
de degrc, naiif de Rouen, prisonnier es prisons de la Consiergerye 
da palais ä Paris" als Tag der Verhaftung des unglücklichen Buch- 
liruckers den 23. Juni 1560 und als Tag si^iner Hinrichtung den 
lö. Juli 1560 festgestellt. Weiter hat Taillandicr wahrscheinlich 
gemacht, daß der „Tigre" .,vers le mois d'avril 15G0-' , also nach 
der Verschwörung von Amboise entstanden ist und hat zur Begründung 
auf die Tatsache hingewiesen, das gerade Ende April das Pariser 
Parlament zu einer wichtigen Sitzung zusammentrat, ,,pour prendre 
les mesures convenahles pour decouvrir les iniprimeurs de iibelles, 
pour reprimer ceux qxd faisoient metier de les etablir et distribuer. 
pour riduire sous la dipendance des viitgt-ipiatre libraires-jures, 
les nouveaux imprimeurs qui s'eiaieut ctablis comine crees par le 
roi, sans (tre obliges de preter serment ä l-universite" (Crevier, 
Histoire de Viirdversite de Paris. VI. S. 82). 

Mit der Frage nach dem Druckort der Schrift, welche Nodier,3^) 
Dareste 3fe) und Schmidt 3i') zu Gunsten von Straßburg entschieden 
haben, steht die Frage der Verfasserschaft der Schrift in engstei- 
Berührung. Das fast einstimmige Urteil der Forscher geht dahin, 
daß kein Geringerer als Fran^ois Hotraan der Autor des „Tigre"" 
sei. Den ersten Hinweis auf Hotmans Verfasserschaft verdanken 
wir Bayle, Biet. last, et crit., b^ ed. IH. S. 180, Anm. J (Artikel 
.Muise'*) und S. 415 (Artikel „Hotman"), der sich auf eine Stelle 
in einem Brief Baudouins an Kalvin berief, welche Hotman als Ver- 
fasser des ^Tigre" bezeichnete: ^Nonne ille (nämlich Hotman) est 
qui superioribus aimis in Germania pinxit sive suiim si tuum 
(d. h. Kalvins) tiimultum Arnbosianum, et Tigrim peperit, et ejus 
generis fornmlas quotidie concipit novus inagister libellorwn, non 
(ut jaciabat) siipplicum sed famosoriünf'' (Fr. Balduini Responsio 
altera ad J. Calvinum, Paris 1562, S. 181. 18'2). Baudouins Be- 
hauptung, die als eine der Denunziation verdächtige Äußerung eines 
Feindes von Hotmnn immerhin mit Vorsicht und Rückhalt auf/.unehmen 
ist, veranlaßte Nolier, De la libertc de la presse (s. o.) S. 11, zu 
der Erörterung: „La meme inexactitude existe encore sur Vauteur 
de Vouvrage qui a eu . . . d'excellentes raisons pour ne pas se 
faire connottre. Bayle, qui ne parolt pas avoir vu ce rarissime 
libelle, Vattribue ä Francois Hotman, et sHl Vavoit vu, il auroit 
insiste sans doute avec une conviction mieux Stablie sur sa conjecture, 
car je ne crains pas de dire quil i-Cy avoit peid-Hre que Francois 

"-'•) l. c. S. 11. 12. 

•■^5) Essai sur Fr. Hotman (S. 0.) S. 6. 42. -t.J. 

39) Bull, du bilUnphile 1850, S. 773. 774. — Zu beachten ist, dafs Franz 
von Guise am 6. Juli l.')Hl uerade gegen die in Straf>burg veröffentlichten 
SchmähscbriftPn bei dorn Magistrat dieser Stadt Beschwerde erhob, s. 
l^entzinger, Documents histoiiqites rdatiß ii Vhistoire de France, tiri's des arcMve.^ 
'h Strasbourg I. ÜSIS) S. 49. 



JJeiträge zur Geschichte der polit. Literatur /Frankreichs. 255 

Hotnian alors qui füt cajmhle de s'elever dans noire langue aux 
hauteurs de cctte vehemente iloquence. La se trouvent, et presq^ie 
pour la premiere fois^ quelques- unes de ces magnifiques tourmiref< 
oratoires qxiun genie inventeur pouvoit seid dcroher d'avance au 
genie de Corneille, de ßossuet et de Miraheau ..." Wührend 
Labittc, De la dcmocratie chez les predicateurs de la Ligue (Paris 
1841) S. LH und Dareste, Essai sur Fr. Botmann (Paris 1850) S. 45, 
derMeiniujgNodiers beipflichteten, äußerte sicliDupont, ^Yelcher in seiner 
„Histoire de Vimprimerie^- (Pai'is 1854) I. S. 203 der Schrift und ihres 
Verfassers gedachte, in ablehnendem Sinne. Der endgültige Beweis für 
Hotmans Verfasserschaft wurde erst von Ch. Schmidt, Bull, du bibliophile 
(1850) S. 773. 774 erbraclit. Schmidt wies hin auf eine Stelle eines 
Pamphlets aus dem Jahre 1562 „Religionis et Regis adversus e.ritiosas 
Calvini, Bezae et Oltomani conjuratoruin factiones Defensio prima, 
ad Senaticm Populumque Parisiensem'-' ,^''^) welche auf Hotmans Ver- 
fasserschaft des ,, Tigre"" an-pielte, sowie auf einen Brief Sturms an 
Hotman aus dem Juni 15G2, in welchen sich Sturm vor seinem ehe- 
}naligen Freunde gegen den Vorwurf des Verrats an der Sache der 
Verschwörer von Amboise mit den Worten rechtfertigt: ,,Ex hoc 
genere . Tygris' immanis illa hellua quam tu hie contra cardinalis 
existimatwneni diintlgari curasti, itnprudente magistratu nostro, 
qua in audacia., quid te stultius aut impium magis? cum fratrem 
Joanneni Hottomannum habeas apud cardinalem I^othai'ingae 
quaesiorem, tu , Tygrim' divulgare audes et fratrem tuum certissimo 
exitio objicerc .^ " ^ i^ 

Es ist schwer, sich dem Gewicht dieser Argumente zu entziehen 
und der von Ehinger^^) im "Widerspruch mit der allgemein anerkannten 
Meinung geäußerten Anschauung beizustimmen, daß die Autorschaft 
Hutmans „ungeachtet gewisser Vermutnugsgründe nicht als erwiesene 
Tatsache gelten" könne. ^3) 



*'^) S. 17 B: .„nie te, OUomane^ excuiere incipio. Scis enim tx cujus officina 
.'/iyris'' prodiit, Über cerle tigride parente^ id est homine barbaro, impuro, impio, 
intjrato, malerolo, maledico dtgntssimus. Tu te isliiis libel/i auctorem. i;(neris Francici 
propugnatorem, caedis bonorum machinatorem audes venrlitare?'' In der französischen 
Fassung der Schrift (Defense premiere de la reliyion et du roi contre les perni- 
cieuses factions et entreprises de Calvin, Beze et untres leurs complices, conj'itres et 
rebelies. A la cour de parlcment et au peuple de Paris, par J.-V. do Saint-Amour. 
Paris 1562) lautet die entsprechende Stelle: ..Jc>j, Othman, ie commeuce a parier 
purticulierement a toy : Car tu scais de quelle boutique est party ce Tiyre, Hure certes 
tres digne d'un pere Tigre, r^est adire driin homme plus barbare, cruel. ingrat ineschant, 
et mescongnoissant Dieu qua le plus ßer et inhumaln Jigre d'Hirsamie. Et tu (oses 
■venter auteur de, ce libelle diffamaloire, ennemy mortel da sang de France, conspirateur 
de la mort de toutes gens de bien, qui y vivenf'?''^ (S. oO r.) 

^^) Vgl. aucli Daredte Bibl. de Vecole des chart.es 1804, S. ."60—374. 

*^) Franz llutmann, ein französischer Gelehrter, Stantsviann und Publicist des 
XV' J. Jahrhunderts. S. 19. (in: Beiträge zur vaterländischen Geschichte, herausg. 
von der histor. und antiq. Gesellschaft zu Basel. XIV. 1892). 

*^) Für Hotmans Verfasserschaft sprechen sich noch aus die beiden 
Brüder Haag, La France prot.^ V. S. 528. 532; Lenient S. 289; Dareste, 



256 Kvrt Glaser. 

Mehr als alle undoreii Flugscliriftcii jcuci' Tage cnitaltet der 
., T/.gre" eine Leidenschaftlichkeit der Sprache und Gewandtheit und 
Wucht der Tnvektive und Satire, welche die Feder eines verwegenen, 
von Erregung und Haß überschäumenden Geistes erkennen läßt. 
..L'Epitre au Tigre de la France'-', so charakterisiert ihr Entdecker, 
L. Paris, Un pamphlet au XVl^ siede (in: „La Chronigue d*- 
Champagne^'- I. 1837) S. 166 die Schrift, „est mi rhef d'amvre 
d' Indignation, de fureur et de male cloquence . . . le style en est 
passionne, brülant, cchevelS; Vironie en est cruelle et sanglante; le 
reproche, horrible et fcroce: chaque mot^ le coup de poignard qul 
Messe; chaque phrase. le coup de massue qui terrasse."" In oinoni 
wahren Ausbruch von Wut und Haß fällt der Verfasser über den 
Kardinal her, den er in den oft zitierten Eingangsworten mit der 
wuchtigen Apostrophe anfährt: ..Tigre enrage, Vipere venimetise, 
Sepulcre d'abomination, spectacle de malheur: iusques ä qicand 
sera ce quc tu abuseras de la ieunesse de nostre Roi/? ne mdtras 
tu iamais /in ä ton ambition demesuree, ä tes impostures, ä tes 
larcins? Ne vois tu jms quc taut le monde les scait, les entend, 
les congnoist? Qui pence tu qui Ignore ton detestable desseing. 
et qui ne lise en ton visage le malheur de tous tes iours. la ruine 
de ce Royaume, et la mort de Roy'?'" In diesem kurzen und knappen 
Stil echt ciceronianischer Apostrophe geht es weiter her über den 
Kardinal, dem die schier unerschöpfliche Fülle seiner Schandtaten 
und die kleinen und kleinsten Künste und Schliche seiner falschen 
und eigennützigen Politik vor Augen gehalten werden, von seiner 
niedrigen Buhlerei um die Gunst und Huld von Heinrichs IL Maitresse, 
Diana von Poitiers, bis zu den allein zur Vergrößerung der eigenen 
Macht ins Werk gesetzten endlosen kriegerischen Unternehmungen, 
namentlich der berüchtigten Expedition nach Italien, welche dem 
Lande nichts als Verlu-t über Verlust gebracht, ohne den unruhigen 
and rastlosen Ehrgeiz des Guiseu zu sättigen. Mit der in wuchtigen 
Sätzen einherschreitenden Invektive, welche Tatsache auf Tatsache, 
Vorwurf auf Vorwurf häuft, wechselt die spöttelnde Ironie, mit welcher 
dem Guisen ein sich bis auf die delikatesten Einzelheiten seines 
schändlichen Privatlebens erstreckendes Sündenregister vorgehalten 
wird. „N'as tu. pas faif ung voyage a Rome, et deuer-^ tous les 

Francois Hotman et Ja conjuraiion iPAmboise. in: ilib/. de Trcolc des charks 18')-!-. 
S. 360 — 374. Francois Hotinann Sa ric et sa, correspomlance. in : Rente historiqta. 
1876. S. 24. 25. und Schmidt, La rie et les trareavx de Jean Sturm. 185"}. S. 130. 
131. ferner Baird, Tlistory of the risc nf Ihc Hngnenois nf France I (1879) 8. 44fi. 
A. Tiliey, The Englhh äistorical Review XIV (1899) S 452 und The LUeralurc 
of the Frtnch Renaissance 1904. II. S. 229. Mealy S. 87. 88. Elkan, A. T)!' 
Ptihlizistil: der Bartholomäusnacht und Mornays Vtndiciae contra. Tfp'anK(k'. Heido!- 
berg 1905. S. 20. Read in seiner Ausgabe des Ti//r>>. (Paris 1875 1, vgl. auc>! 
Read, Notice sur un pamphlet politiquc du XVI' siicle in: Anmiaii-e-lmUetin de l<i 
fociefc de Phistoire de France. 1868. S. KU— 137. Weniger entschieden Pinvert, 
Jacques Grevin (1898) S. 38. 



Beiträge zur Geschichte der jjolif. Literatur Frankreichs. 257 

potentas d'ltalie, parmy les neiges et les glaces, ari plus grand 
froid de Vi/uer? pour faire la guerre ä Naples, lors que les afaires 
etoyent plus bouillans par deca entre V Emperexir Charles, le grand 
guerroier, et le feu Roy Henryk Tu scauois hien que nos forces 
unies luy pouuoyait hien resister? et tu les as voulu separer et 
diuiser au milieu du p)lus grand danger, mais Von aperceut ta 
malice et mechancete : car outre ce que tu Jus desauoue par le 
ßu Roy, la Tresue fut arrestee sans attendre ton retour. Mais 
'dy moy braue negociateur, (la diligence duquel ponr faire une 
mcchancete n'est point retarde par neiges, par les glaces des Alpes^ 
ny de V Ap>enyn), as tu iamais fait demonsiratiun de vouloir la 
Pai.v"? .... Mais que me respondras tu, quand ie te diray 
qu'encores que le voyage de JSap)les fut une foys rompu, tu fis 
tant par tes irnpostures^ que soubs Vamitie fardee d'un Rap>e 
dissimulateur, ton frere aisnc fut fait chef de toute l'armee du 
Roy, pour s'en seruir d se faire Roy luy mesmes^ ei si le Pape 
fut mort ä te faire Pape. Quand ie te diray que pour auoir 
diminuS la France de ses forces, tu as fait perdre au feu Roy 
une bataille, et la ville de sainct Quenti?i. Quand ie te diray que 
pour rornpre la force de la Justice de France, et pour auoir Les 
iuges corrompus et semhlables ä toy, tu as introdidct ang semestre 
ä la court de Parlement. Quand ie te diray que tu as fait venir 
le feu Roy pour te seruir de ministre ä ta mechancete et impiete. 
Quand ie te diray que les fautes des ßnances de France ne viennent 
que de tes larcins. Quand ie te diray qxüung mary est plus 
continent avec sa femnie que tu n'es avec tes propres parentes. 
Si ie te dy encores que tu fes empare du gouvernement de la 
France, et as desrobe cest honiieur aux Princes du sang, pour 
mettre la couronne de France en ta maison: que pourras tu res- 
pondre? Kii tu le confesses, te faut pendre et estrangler: si tu 
le nye, ie te conuaincray Ta fais mourir ceiux qui conspirent 
contre toy, et tu vis encores qui as conspire contre la couronne 
de France, contre les biens des vefues et des orfelins, contre le 
sang des tristes et des innocens .... T%i dis que ceux qui re- 
prengnent les vices, medisent du Roy: tu veux doncques qu'on 
t'estime Roy. Si Caesar fut occi pour auoir pretendu le Septre 
ininstement, doit on jjermettre que tu viues toy qui le demandes 
iniusteinenV^ Mais pourquoy dy ie cecy, afin que tu te corriges. 
Je congnois ta ieunesse si enuiellie en son obstination, et tes meurs 
si desprauez, que le redt de tes vices ne te scauroyent esmouuoir. 
Tu n^es point de ceux lä que la honte de Icur vilainie, ny le 
remors de leurs damnables intentions, puisse altirer d aucune 
resipiscence et amendement. Mais si tu me veux croyre, tu Cen 
iras cacher en quelque tanniere, ou hien en quelque desert si 
loingtain, que Von noye ny vent ny nouuelles de toy Ft par ce 
moyen tu pourras euiter la poincte de cent mille espees qui fattendent 

Ztsclir. f. frz. Spr. ii. Utt. XXXII'. 17 



258 Kurt Glaser. 

tous les iours. Doiiques va ien, descharge nous de ta tyrannie, 
euites la main du bourreau, qu attens tu encores"^ Ne vois tu 
pas la patience des Princes du sang Roial qui te le permet'? 
attens tu le commandement de leur parolle, puis que le silence t'a 
declare leur voluntS en le souJf'^a7itf ils te le commandent, en se 
taisant, ils te condamnent. Va doncqnes malheureux, et tu esuiteras 
la punition digne de tes merites.^^) 

Dank der Behendigkeit und Rücksiciitslosigkeit, mit welcher 
der erzürnte Kardinal die verwegene Schrift sofort bei ihrem Er- 
scheinen unterdrückte, hat der ^ Tigre" nicht diejenige Wirkung auf 
die Öffentlichkeit und auf die Entwicklung der politischen Literatur 
auszuüben vermocht, welche mau in der stürmischen Erregung jener 
Tage, und mehr noch in dem Kriegsgetümmel der folgenden Jahre, von 
der Leidenschaft und Wucht seiner luvektive hätte erwarten dürfen. 
Über die Aufnahme und Verbreitung der Schrift in der Öffentlichkeit 
wird uns nichts berichtet; es erscheint auch zweifelhaft, ob alle die 
Gewährsmänner, und selbst Bajie, welche uns die Kunde von der 
Schrift überliefert, die Schrift selbst jemals zu Gesicht bekommen 
haben. Allein das Mißveihältnis zwischen der Ausführlichkeit, mit 
welcher die genannten Historiker von so vielen Begleitumständen 
berichten, und den Angaben, welche sie über den Inhalt der Schrift 
selbst zu machen wissen, läßt das zur Genüge erkennen: die einzige 
bestimmte Notiz ist der Hinweis Brantome's, daß der „Tigre'' ..par- 
loit des amours d'une tres grande et belle Dame et d'un Grand 
son proche'\ Daß die Schrift indessen bei ihrem Erscheinen nicht 
unbekannt geblieben ist, beweist außer den Erwälmungen Baudouins, 
Sturms und der Flugschrift von 1562 die noch voihandene versifizierte 
Fassung des Tigre, welche kurz nach dem Prosatigre entstanden ist-*^) 
und sich zu eng an jenen anlehnt, als daß man an eine von der 
Prosafassung unal)liängiüe Verarbeitung dessell)en Stoffes denken könnte. 
Im kalvinistischen Lager wird man Mittel und Wege genug au-findig ge- 
macht haben, um sich trotz det Wachsamkeit der guisischen Späher 
Kenntnis von der verbotenen Schrift zu verschaffen. Und tatsächlich 
läßt sich, ganz abgesehen von der hinfort mehrfach auftauchenden Be- 
zeichnung des Guise als „tigre'' ^^) und seines Geschlechts als „race de 

**) Dpm „Tigre"' zur Seite stellt sich ein anderes „pamphlet en prose 
et en fers", welches mir nur aus der Erwähnung von Bruuet II. S. 196 be- 
kannt geworden ist, die ^Gomplainte a tous Jes e.itntz de France cruellement 
brigandcs et lyrannises par les rrue/s bourreaii.r et snngui'iaires 1p cardiiinl de Lorraine., 
et son frere de Giiyse, deux hriyans non seidenent de an-ps ei bien^ mois (qui est plus 
lamentable) des pciuvres nmes. in-H. d" 15 tf. Nach Brunet gegen 15ti2 gedruckt. 
^^J Nach Angabe von Ms. 2339, f. 1 und Ms. 13764, f. 25r. im Jahre 
1561, vgl. auch Diiplessis /. c. 

*®) „Chanson spirituelle du siede (Vor avenu''^ (l.)62) Vers 5 : 
y.,Fran<;ois, esjouissons nous tous, 
„Puisque celuij cjuest la peste, 
fUn t)/(jre au niUHeu de nous, 
„Se rend confus baissant la teste. 



Beiträge zu?' Geschichte der polit. Literatur Frankreichs. 259 

Tigres"-' 47j^ eine Bekanntschaft des „ Tigre"^ aus Anklängen feststellen 
wolche sich in der politischen Literatur jener Tage an einzelne dem 
„Tigre" eigentümliche Stellen finden. Am deutlichsten ist die Ähnlichkeit 
in den beiden folgenden Poesien, welche ich dem Anfang des versifizierten 
Tigre gegenüberstelle. 

Tigre, Ms. 2339, f. l. = Ms. 13764, f. 20. 

„Mechant diahle acharne, Sepulchre abominahle 
..Spectacle de Malheur, vipere Epouuentable, 
^Monstre, Tygre Enrage, Jusqua quand par iorj, 
„Verrons nous Ahuser le ieune aage du roy. 
,,Ne cesseront jamais tes lourdes impostures. 
,^Montreras tu touiours Tes Vilaines ordures, 
^^Jamais Traitre Voleur, ne mettras iti fiii, 
„j4 ta hriganderie^ et a tant de larrecins: 
„Que tu fais dans ce regne, 6 malheureux achrisle, 
„Epicure deux fois, et trois fois atheiste, 
„Incestueiuv vilain, Ennemy de vertu, 
„Bourreau de notre peuple, ores que penses Tu, 
„Qui tes desseins nentend, et nayt bien connaissance 
„De l'euident peril, que Tu promets la France, 
„Du danger de la mort que nous voyons prochain, 
,,Sur la. Tete du roy, Si dieu ny met Sa Main etc. 
Ms. 22 560, f. 19 

„Loup rauissant, Tygre irop inhumain, 
.^Enfle d'orgueil, et de cent malefice, 
„ Cessera point ta rauissante main 
„A fourraiger la France, ta nourrice? 
„Rega7'de ä toy et au futur sxippiice, 
„Dond tu ne peux mdlement eschapper: 
„Je te voy ia traisner, Her, hajyper. 
„Ne crains-tu point, estant dessus Veschelle 
yiAttens Uli peu: an te vient attraper. 
„Eenfer aiissi est tout prest, qui fappelle.'" 
Ms. 22 560 f. 17. 

„I'aulse vipere, Aspic pernicieux, 
„Qui en ayant au Diable ton seruice 

„Plus nest le temps que ton s'arresle 

„Par crainle Jaire son devoii-] 

„Ains que louer Dieu Pon s'aitresic 

y,Puisque las est inis son poucoir" . (Bordier S. 234. Reo. 
^ III. S. 272). „Ce f/rand Tigre inhumain, ce monstre incesfneux !''■ wird der 
Kardinal genannt in der „Seconde Response de F. de la Baronie ä Messire Pierre 
dt Ronsard'', vgl. Bull. 1888, S. 649. 

*') „Ädvertissemenl a. la Royne Mere du Roy etc." 1502: „Et quelque belle 
mine quils facent au Roy de Navarre, aulant pensent-ils de luy, qui devoit rerjarder 
le naturel de ceste rnce de Ti'jres . . ," (Mcms de Conde III. S. 367). 

17* 



260 Kurt Glaser. 

„Du ioui noue, nas rien (jue l' Auarice, 
.^Loup enraige, Renard avibitietix, 
„Boiic, mais de tous le plus incesineux 
„Älogtieiir de Dien, magazin de nialice, 
.^Oii sa derniere espreiiue fait le vice^ 
„ Tygre affainc du sang des vertueux; 
„Monstre hydeux, infect, insaiiohle, 
„Sans foy^ sans loy, sans honte, abominäble, 
„Fleau des Chrestiens, contraire ä verite, 
„Qu''attends-tu plus? Ne voys-tn la tempesie, 
.^Qui ia des ja foudroye sur ia teste, 
.^JEt contre toy Dieu tres fort irritc-". 

Mit der maßlosen Invektive des „ Tigre"- steht die packende 
Wirkung der Polemik uml die zündende Wärme der Sprache, zu 
welcher sich die .^Siipptication et remonsirancc adressee au Rou 
de Navarre et autres Princes du Sang de France, poiir la deli- 
vrance du Roy et du Royaume'^^^) im Dienste der kalvinistischen 
Sache erhebt, in eigentümlichem Gegensatz. Regnier de laPlanchehatdie 
„Supplication'-' in seiner Histoire de Vestat de France sous 
Franfois II (1576. S. 406— 474.) 4^) überliefert, sodaß man dem 
protestantischen Historiker selbst die Autorschaft der Schrift hat zu- 
schreiben wollen. 50) Nicht die Maßlosigkeit und Gehässigkeit leiden- 
schaftlicher Ergüsse, von welchen der „ Tigre'-' überschäumt, verleiht der 
,^Supplication" ihre Wirkung, sondern die Kraft und Wucht der Sprache 
und die Festigkeit der Gesinnung, mit welcher die Schrift die Führer der 
kalvinistischen Partei zu mannhaftem Eintreten für ihre durch den un- 
glücklichen Ausgang des Aufruhrs von Amboise noch nicht verlorene 
Sache und zum Widerstand gegen die Übergriffe der Guisen ermutigt. 
„Maintenajit donc comhien quil ?i'ait pleu ä Dien (usant de ses 
secrets et inscrutahles Jugemens, et ä hon droict courrouce contre 
HOS fautes et peehez) favoriser une teile entreprinse, toutesfois 
tant s''en faut que pour cela nous soyons prests ä noiis souhmettre 
au joug des Fslrangers du tout insupportahles, ou que nous perdions 
courage : quau contraire cela nous a comme resveillez pour avoir 
honte dl' nous-mesmes, et pour vous esveiller aussi, Tres-illustres 
et magnaniines Princes Franfois, ä ce que ne sovffriez que cest 
ancien hontieur de la Maison de France^ souhs la protection de 
loquelle jusques ici la suhjection 7ions a estr plus agrcable, que 
tonte la liberte de plusieurs autres A^aiions, ne vous soit ravie 
d'entre les mains par les Estrangers : et que nons de nostre pari, 
qui ne scaurions trouver rien plus amer que l'outraqe quon vous 



^') Acheve (l'imprimer I'an de graca 15(J0. in-4". 
*^) Auch in Mems de Condc I. S. 490—528. Vgl. dazu Leloiig, Bibl. hisi. 
II. S. 234, nr. .7 769. 

5'^> Mealy, Les Pullichles de la Riionne (1903) S. 93. 



Beiträge zur Gese/nchie de?' polit. Literatur Frankreichs. 261 

faict, ne soyons en proye ä ces malheureux Cadets d''une Maison 
estrangere, qid ne vivent aujourd'huij en la Grandeur en laquelle 
ils se sont eslevez, sinon de la moelle quHls ont tiree de nos povres 
OS, et du sang quils ont succS de nos veines.'' 5i) Statt sich mit 
der Wiederlioliuig der in den kalvinistischeu Flugschriften jeuer Tage 
immer und immer wiederkehrenden Anklagen gegen die gewaltigen Macht- 
haber und mit derüblichenVerteidi'jung der eigenen Sache und ihres Rechts 
zu begnügen, unterzieht die ,,SuppUcation'' die Handlungen der 
Guisen einer sich bis ins Einzelne erstreckenden selbständigen Kritik, 
welche die Rechtlosigkeit und Staatsgefährlichkeit ihrer Machtan- 
sprüche durch eine auf historische Tatsachen gestützte Beweisführung 
erhärten soll. Mit aller wünschenswerten Ausführlichkeit wird den 
Guisen der Nachweis geliefert, daß sie die bestehenden Thronfolge- 
gesetze und die Rechte der Stände verletzt und als Fremde im Staate 
keinen Anspruch auf Einfluß und Macht erheben können; selbst die 
unleugbaren Verdienste, welche sie sich um den Staat erworben, 
werden ihnen abgesprochen und mit einer schier endlosen Liste von 
Sünden und Übergriffen aller Art beantwortet. Aber dies alles nicht im 
Tone zügelloser Erregung, sondern in lang ausge^-ponnenen, mit logischer 
Schärfe durchgeführten Erörterungen, unterbrochen von wuchtigen 
Apostrophen, in welchen sich der Haß gegen die gefürchteten Macht- 
haber Bahn bricht. „ Cent toy^ Cardinal., qui noiis as dornte ton 
frere pour second Roy sous ombre de Lieutenant Ghieral, laquelle 
ignominie et servitude il faut que tu saches que jamais la France 
nouhliera. C'est ä toy que ce Royaume demande son Roy avec 
31essieurs ses Freres et la Royne Alere que tu nous as ravis. 
Cest toy qui pour donner authorite au.v Edicts que tu Jorges 
chacun jour ä ton appetit, n''abuses pas seulement du Nom du 
Roy. mais aussi des Princes du Song, comme sils avoyent esti; 
presens ä V expedition des Edicts et Ljettres Patentes que tu bastis 
avec tes comptices, estant assis au Heu duquel tu as deboute ceux 
ausqels il appartient d'y estre devant nul autre. Cest ä toy quelle 
demande la Couronne d'Escosse perdue par ton outrecuidance 
desmesuree. Cest de toy que se plaignent les Cours et Parlemens 
de Fi'ance, lesquels tu as deshonorez, desgradez et eschaffaudez 
en toute sorte. Car dest toy qui as emniene en France ceste 
horrible et barbare coustume de faire mourir les hommes secrette- 
ment sans forme ni figure de procez : qui as change et recliange 
toute police^ et remptli les Parlemens de plusieurs infames et des- 
honnestes personnes attirez ä exScuter tes volontez: qui as desapoincte 
les fideles serviteurs du Roy, pour apoincter tes complices. ßref, 
c''est toy, mal-heureu.v, duquel nos ancesfres se plaignent aujourdliuy 
en leurs s^pnlchres, de ce qiiil n'y a bonne Loy ni Ordonnance, 
qui ne soit vilainement et effrontcmcnt foulee aux pieds jmr toy 

") Hist. de l'estat de France S. 40d = ÄJvms de Cotidr I. S. 492. 



262 Kurt Glaser. 

et par ceiix de lafaciion . . . ■'-) Dem herrischen und verbrecherischen 
Gebahren der Guisen stellt der Verfasser das unbestreitbare Recht 
der kalvinistischen Prinzen gegenüber, in deren Untätigkeit er die 
Hauptursaohe für das Emporkommen der Guisen erblickt. In macht- 
vollen Worten rüttelt er sie aus ihrer Gleichgültigkeit auf, um ihnen 
ihre Pflichten gegen ihren Glauben ins Bewußtsein zu rufen und ihnen 
Zuversicht und Vertrauen auf die Gerechtigkeit der kalvinistischen 
Sache einzuflößen. „Et de vostre part, Sire, que reste il phis, 
sinon que voiis vous acheminiez ä une si saincte^ si jiiste, si 
necessairef si belle et vertueuse enireprinse , ayant pour vostre guide 
le Dieu Tout-pidssant vengeur de tant d'iniquitez, et Frotecteur 
du Roy et de ce Royaume'? Pour vostre compagnie, les Princes 
de vostre Sang et Grands Seigneurs de ce Royaume"? Pour 
suyte et pour serviteurs, tous les Estats de France, crians miseri- 
corde ä Dieu, et jettans Vadl sur vous^ Sire, comme liberateur 
de leur Roy, de Messieurs ses Freres, et de la Royne 31ere, 
defenseur des Ordonnances de nos ancestres: juste vengeur de tant 
d' oppressions souffertes par la tyrannie de ces Estrangiers : appaiseur 
par tous 7noyens licites, selon Dieu et raison, de tous les trouhles 
survenus tant cn la Religion quen la Police, par faute de juste 
et loyal Gouverneme7it? Car voila, Sire, oii nous pretendons, 
voilä ce que nous requerons avec pleurs et gemissemens, et non 
point ce que les meschans voudroyent faire ä croire, c'est assavoir 
que nous inachinons contre le Roy ou contre le Royaume, ou que 
nous sommes une poignee de gens qui voulons amener co7ifusion 
en Vestat de la Religion, et untre Police de ce Royaume. Ce n'est 
point cela, Sire, o?< nous pr/'tendons^ rnais plustost to2it le rehours. 
En quoy faisaiit, et Dieu donnant accomplissement ä nos desirs, 
nous esperons voir ce pauvre Royaume par la grace de Dieu, et 
vostre moyen, plus ßeurissant que jamais, sinon, s'il piaist ä Dieu, 
et si Dieu Va ainsi determine, pour le moins une saincte et honneste 
mort de nous, de nos femmes et enfans pour nostre Roy et nostre 
Patrie, frusirera üattente de ces Tyrans, en mettant fin tout 
ensemhle ä nostre pauvre vie, et ä la, misSrable servitude quHl 
nous est impossible de p>lus longuement porter "^). 

52) Bist. etc. S. 464 ff. = Mems de Conde S. r)24 fif. 

53) Eist. etc. S. 473 — Mems de Conde I. S. 528. 



(Fortsetzung folgt.) 



Kurt Glaser. 



Balthazar Baro's „Le Priiice fiigitif" 

und die Entstehungszeit von Rotrou's 

„Don Lope de Cardone''. 

In meiner Abhandlung „ Über die Chronologie von Jean 
Rotrou's dramatischen Werken"^) habe ich (S. 47 ff.) auf Baro's 
dramatisches Gediclit Le Prince fugitif bezüglich der Zeitbestimmung 
von Rotrou's Don Lope de Cardone verwiesen, weil letzterer mit 
jenem einige Motive gemein habe. Ich bemerkte dazu, daß die 
Brüder Parfaict und die Bibliotheque du Th^atre franpois {Bresde 
176) den Inhalt des Prince fugitif grundverschieden angehen, so daß 
man glaubt, zwei Dramen vor sich zu haben. Um den Leser in 
den Stand zu setzen, selber zu urteilen, will ich die beiden Inhalts- 
angaben hier folgen lassen: 

Ich beginne mit 

Parfaict Bd. VII, S. 206f.: 

AppoUonie, Roy de Tyr, detrone par S61euque, Roy d'Antioche 
s'embarque avec un petit nombre de fideles fujets pour aller cher- 
cher un azile a la Cour de quelqu'autre Roy. La tempete poufl'e 
les vaiffeaux au port de Cyreine, oü il trouve une flotte qui affiege 
cette Ville, il attaque les affiegeans, les defait, et delivre le Roy de 
Cyreine d'un redoutable ennemi. Un öeigneur Tyrien vient apprendre 
a, AppoUonie la mort de Seleuque, & que les Tyriens afpirent au 
bonheur de le voir remonter für fon tröne. AppoUonie epoufe la 
fille du roi de Cyreine, dont il eft devenu amoureuse, & fe prepare 
ä retourner dans fes ötats. 

Nun folgt die viel ausführlichere Inhaltsangabe der 
Bibliotheque du Theatre francoisü, S. 54f.: 

Le Prince Philoxandre, dont on a envahi les Etats, fe refugie 
dans le Royaume de Cyrene, oü il vit incognito. II devient amou- 
reux et eft aime d'Architrafte, fille du Roy. Deux autres Princes, 
Orphife et Alcefte, fönt fes rivaux. Le Roi Ofmont, voifin et ennemi 
du Roi de Cyrene, arrive avec une groffe armee, pour s'eraparer de 
fes Etats. Le Roi fort ä la tete de fes troupes pour aller au-devant 

1) Zsch. f. franz. Spr. u. Lit. 1893 S, 1—4!». 



264 A. L. Stiefel. 

d'Olmont, et dcclarc qiic cclui des Princcs, (iiii, dacs la bataille, lui 
rcndra de plus grands l'ervices, fera Tepoux de la tille. II clioint 
Pliiloxandro, pour veiller ü la defonl'e de la Ville et de la PrincelTe. 
Quelque flate que foit ramoureiix Pliiloxaudre, qu'Architrarte loit 
contiee a l'es loins; il fent cependant, qae s'il rcfte dans CjTene, il 
ne pout pretendre au prix deftinö par le Ptoi a celui qui fe lera le 
plus dirtiügue. II confie l'es inquietudes ä la PrincelTe, qui lui or- 
donne de voler au fecours de Ion pere. II obeit avec joie. Des 
qu'il eft arrive für le champ de bataille, la victoire fe decide bien- 
tot pour le Iloi de Cyrene, et le Roi Ofinont eft tue dans le combat 
par un inconnu. Orphife et Alcefte vantent leurs exploits au Roi; 
et chacun d'eux croit devoir obtenir la preference. Le Roi leur 
repond qu'ils doivent s'en rapporter ä la Princeffe; et que c'est ä 
eile ä decider lequel des deux eile veut pour Ion epoux: II donne 
fes tablettes ü Philoxandre, pour les porter ii Architrafte, et pour 
lui dire qu'elle ccrive deffus le nom de celui qu'elle veut rendre 
beureux. II les rapporte bientöt; et le Roi y lit, que c'eft Philo- 
xandre qu'elle choifit. Ce Mouarque eft aiiffi fache que furpris de 
ce choix. II cache cependant fon reffentimeut, et annonce que c'eft 
Alcefte que la Princeffe a nomme. II Charge en nieme tems 
Philoxandre de Ten aller avertir, qui, fans paroitre aucunement emu, 
part pour executer cet ordre. Le Roi, etonne de fa tranquillite, le 
rappelle; et ä force de queftions, il tire enfin l'aveii de fa paffion 
pour la Princeffe. Lc Roi paroit forte irrite de fa temerite. 
Philoxandre fort et reparoit bientöt apres, revetu des raemes armes 
qu'il portoit lors de la bataille. On le reconnoit pour le vainqueur 
d'Ofmont. II jette l'epee de cet ennemi au pieds du Roi, lui de- 
couvre fa naiffance, et obtient la Princeffe en mariage. 



Wie man sieht, schließen die beiden Inhaltsangaben die Mög- 
tichkeit, daß es sich bei ihnen um eines und dasselbe Stück handeln 
könne, so gut wie ganz aus. Umso merkwürdiger ist es daher, daß 
die Parfaict sagen: „L'Auteur affure dans fon Epitre Dedicatoire 
ä la Reine Christine de Suede, que ce Poeme Dramatique 
a ete affez bien recu du Public", und daß die Bibllotheque du 
Theatre frangois (II S. 48) das Stück beschreibt als „Poeme 
Dramatique . . . dediee ä la» Reine de Suede Christine". Unmöglich 
können zwei Dichtungen gleichen Titels gerade einer und derselben 
hohen Persönlichkeit gewidmet worden sein. Dazu kommt noch, daß 
oowohl die Parfaict wie der Verfasser der Bihliotheqiie du TMatre 
frangois sonst so zuverlässig sind, daß ein solch grober Irrtum, wie 
es der wäre, wenn einer von ihnen das Stück mit einem anderen 
verwechselte, bei ihnen nicht denkbar ist. 

Ich bin heute in der Lage, das dunkle Rätsel zu lösen. Die 
Großherzoglicho Hof- und Landesbibliothek zu Karlsruhe besitzt den 
Prince fugitif] der mir durch die Liebenswürdigkeit der Bibliotheks- 



Balthasar Baro's ,.Le Prince fugitif". 265 

Verwaltung zur Verfügung stand. 2) Ich steile fest, daß es nur einen 
Prince fugitif gibt und daß — so seltsam es auch klingen mag — 
die beiden Inhaltsangaben richtig sind und sich gegenseitig ergänzen. 
Ihre Verschiedenheit rührt daher, daß die Parfaict das Stück von 
rückwärts lasen, bzw. nur seine Schlußszene — ein bequemes Mittel 
um rasch etwas über den Inhalt zu erfahren — während der Verfasser 
der Bibliotheque du Theatre francois es gewissenhaft vom Anfang 
an las, aber flüchtig über den Schluß wegging. 

Le Prince fugitif ist eine freie Bearbeitung des ersten Teils 
des Romans von Apollo nius von Tyrus mit geänderten Namen. 
Apollonius veibirgt sich unter dem Namen Philoxandre, Lucina 
heißt hier Archestrate, König Archist rates von Pentapolis 
(Gyrene) — nachdem er senien Namen der Tochter hatte überlassen 
müssen — schlechtweg le Roy usw. Außer den Namen, sind aber 
auch mehrere Umstände geändert und mancherlei ist eingefügt, so z. 
I). der Angriff des feindlichen Königs Osmont, der Preis des Sieges 
— die Hand der Prinzessin — das heimliche Entweichen des mit 
dem Schutze der Stadt betrauten verkleideten Apollonius — Philo- 
xandre und seine siegreiche Teilnahme am Kampfe UsW. Für diese 
Dinge scheint die Sage von Robert dem Teufel dem Verfasser 
vorgeschwebt zu haben. 

Wenn daher die Parfaict (1. c.) sagen: „le fiijet eft de 
Tinvention de Baro", so irren sie sich und es bleibt zu verwundern, 
daß weder sie noch der Verfasser der Bibliotheque du Thiatre fran- 
fois die Herkunft des Stoffes erkannt haben. 

Übrigens war Baro nicht der erste, der die Erzählung von 
Apollonius von Tyrus auf die französische Bühne brachte. Bereits 
1618 erschien in den Oeuvres poetiques du Sieur Bernier de la 
Brousse (Poitiers, Julien Thoreau) eine Tragi-comedie Les Heu- 
reuses Infortunes in zwei Teilen zu je 5 Akten, welche den ganzen 
Roman dramatisierte. Ich muß es dahingestellt sein lassen, ob Baro 
den Roman oder vielleicht nur dieses Stück kannte. 

Um die Identität des Prince fugitif mit dem Stoif des alten 
]{omans über jeden Zweifel klarzulegen, führe ich eine Stelle aus der 



2) Le Prince ; Fugitif, Poeme Dramatique | De Baro i Wappen. | 
A. Paris Chez Antoine De SommaviUe, au Palais, dans la petite Salle, ä 
l'l'jrcu de France , ]\IDCXLIX. ' Aticc PrivHeije du Roy. — 8 nicht gezählte 
und 88 gezählte Seiten 4". - 

Rückseite des Titels leer. Auf der (ungezählten) 3. Seite beginnt das 
Widmungsschreiben an Christine Reyne de Suede, welches .") Seiten umfafst, 
die G. Seite enthält die „Acteurs". Das Priviloge du Roy, das sich nach 
dem Text auf einer nicht gezählten (eigentlich 8'J.) Seite betindet, ist vom 
23. November 1648 datiert. Das „Acheue dimprimer" hat das Datum 
28. April 1649. — Ich danke der Verwaltung derGrofsh. Hof- u. Landes- 
bibliothek auch an dieser Stelle für die gütige Überlassung dieses und 
anderer seltener Bücher. 



26(i A. L. Stiefel. 

Sclilußsccnc au: Acante von den Tyrern ausgeschickt, den Apollonius 
zu suchen, kommt zum König von Cyreinc und redet ihn folgender- 
maßen an: 

Acante. 

Grand Roy, toute TAfie ä vos pieds fe prefente. 

Et vient par noftre bouche offrir a vos vertus 

üeux fceptres differents que deux Princes ont eus. 

Quatre raois fönt paffez depuis l'heure fanefte 

Que Seleuque foüille de l'horreur d'vn incefte, 

De nos climats heureux contraignit de fortir 

Le iufte poffeffeur du Royaume de Tyr, 

Pour auoir decouuert et fa flame et fon crime. 

Ce cruel le chaffa d'vn trofne legitime, 

Et la force pour lors furmontant la valeur, 

Porta ce ieune Prince ä fon dernier malheur. 

Enfin le Ciel touche de cette violence 

Arrefta du Tyran la coupable infolence. 

Et fa foudre en deux corps per(,'a de mefmes coups 

Et le pere et la fille, et la femme et Tespcux. 

Nos peuples affranchis de cette tyrannie 

Attendoient le retour du grand Appollonie, 

Mais ils fceurent enfin que Neptune irrite 

Dans l'Abyfme des eaux l'auoit precipite. 

Ainfi n'esperans plus ce Prince legitime 

Et preuenus pour vous et d'amour et d'eftime, 

Ils nous ont deputez afin de vous offrir 

Ces deux fceptres fameux d'Antioche et de Tyr. 

Diese Verse düriten genügen, den letzten Zweifel zu beseitigen. 



Daß zwischen Rotrou's Don Lope de Cardone und Baro's 
Prince fugitif Beziehungen bestehen, scheint mir ziemlich sicher zu 
sein. Hier wie dort ist der Preis der größten Heldentat im Kampfe 
gegen den Feind die Hand einer Prinzessin, der Tochter des Landes- 
herrn ; hier wie dort kommen zwei Nebenbuhler vor, welche die Sache 
durch einen Zweikampf zum Austrag bringen wollen; bei beiden 
Dichtern verbietet der König den "Waffengang und legt die Entschei- 
dung in die Hand der Prinzessin, die dann schließlich den wählt, 
den sie liebt. Wenn nun auch die Stücke sonst in der Fabel und, 
abgesehen von einer Stelle, im Dialog wenig Übereinstimmung bieten, 
so ist das Angeführte doch bedeutend genug um eine Entlehnung des 
einen Dichters von dem andern wahrscheinlich zu machen. Wer ist 
nun der Nachahmer? 

Rotrou's Drama kam erst nach seinem Tode (27. Juni 1650) 
zum Druck. Das Privilegium ist vom 26. August 1650, das acheu6 



Balthazar Baro's „Le Prince fugitif'-'. 267 

d'impriraer vom 15. Juli 1652 datiert, während das Privilegium des 
Prince fugitif, wie wir oben sahen, das Datum 23. November 1648, 
das acheve d'iraprimer dasjenige vom 28. April 1649 aufweist. Rotrou 
konnte also noch recht wohl ein gedrucktes Exemplar des Prince fugitif, 
Baro aber vor 1648 keines von Lope de Cardone zu Gesicht 
bekommen. Freilich konnte er das Stück aufführen sehen. Da indeß 
Rotrou, in den letzten Jahren seines Lebens beruflich sehr in An- 
spruch genommen, nur wenig Dramen dichtete (von 1640 — 1650 nur 
10 gegen 23 von 1631 — 1638), so ist es wahrscheinlicher daß Zope 
de Cardone 1649 entstand, welches Jahr sonst ohne Drama wäre, 
als 1646 oder 1647, welche Jahre dann 2 Dramen von ihm aufwiesen. 
Ich glaube also das Jahr 1649 als Entstehungszeit des Don Lope 
de Cardone festhalten zu dürfen. Hiernach ist meine Angabe in 
obiger Arbeit (Zsch. für franz. Sp. und Lit. 1893 Seite 48 f.) zu 
berichtigen. 

München. A. L. Stiefel. 



Zum 8ch\>'aiik von der Rache eines l)etrogenen 
Ehemannes. 



Johannes Bolte hat unter obigem Titel ein deutsches Ge- 
dicht aus dem Anfang des 17. Jahrhunderts veröffentlicht, i) das er 
auf einem Flugblatte der Berliner Bibliothek (Bd. 7853, 37) gefunden 
hatte und das er für die Quelle einer niederländischen Posse „Klucht 
von de Schoester, of gelijke monniken gelijke Kappen^ (Dordr. 1660) 
hält. Damit mag es seine Richtigkeit haben. 

Diese Zeilen bezwecken auf eine ältere französische Farce des 
1 6. Jahrhunderts hinzuweisen, die den gleichen Gegenstand behandelt. 
Sie ist abgedruckt in Viollet-Le-Duc"s Ancien-Theatre frangais Bd. I 
S. 250 — 270 unter dem Titel: Farce nouvelle tres borme et fort 
joyeiise. A quatre personnaiges c'ej't affavoir Le Geniilhomme, 
Jjison, Naudet, la JDamoyseUe. Imprime ä Rouen par Jehan 
le Prest, demoiiranf audict Heu. 

Das von Bolte abgedruckte Gedicht erzählt, wie ein Schuster, 
von seinem Knecht aufmerksam gemacht, daß ein Edelmann mit seinem 
Weibe buhlt, sich stellt, als ob er verreise, heimlich aber zurück- 
kehrt, das Paar überrascht, indes anstatt die Schlafenden zu töten, 
die schönen Kleider des Edelmannes anzieht, sich in dessen Wohnung 
begibt und bei der Edelfrau schweigend die Rolle ihres Mannes 
spielt. Des Morgens verläßt er sie heimlich, angetan mit des Junkers 
besten Kleidern und begegnet unterwegs dem Edelmann, der sich gezwun- 
gen gesehen hatte, des Schusters Kleider anzuziehen. Erschrocken fragt 
der Junker den Schuster, wohin er wolle, und dieser sagt: „Da jhr 
seid gesin da wolt ich hin. . . Wo jhr hin wolt da kom ich her". 
Auf die weitere Frage des Junkers: „Warum hastu meine Kleider 
an?" antwortet der Schalk: „Es verkert sich jetzund alle ding". 
Der Dichter schließt: „Sie musten beyde lachen, dass sie einander 
also betrogen hatten. Mancher der wil Bulen viel Thut sich selber 
zu schänden machen." 

In der französischen Farce ist alles viel roher und schamloser 
gehalten als wie in dem deutschen Gedicht: Naudet, ein Tölpel, hat 
bemerkt, daß der Gentilhomme mit seiner Frau Lison buhlt und hält 
es ihr vor. Sie droht ihm mit der Rache des Edelmannes, wenn er 



1) Zdtschr. für verrjl. Literaturgeschichte. N. F. 15. S. 1G4- — I(j7. 



Zum Sclncanh von der Rache eines betrogenen Ehemannes. 269 

nicht schweigt. Dieser kommt jetzt zu ihm zu Pferde, steigt ab, gibt 
das Tier Naudet und begrüßt Lison zärtlich. Xaudet hatte inzwischen 
das Pferd bestiegen und war von ihm abgeworfen worden. Auf Ge- 
heiß des Edelmanns führt er es in den Stall und gebt fort, um Wein 
für den Edelmann im Wirtshaus zu holen. Als Naudet fort ist, schlägt 
Lison vor, den Tölpel unter irgend einem Vorwand fortzusenden, damit 
sie beide umso ungestörter sein können. Der Gentilhomme hat 
einen Einfall: 

Ma femme ayme sur toute rien 

A le veoir; tousjours la faict rire. 

Une lettre luy voys escripre 

Que vostre mary portera 

Cependant prendrons nos esbatz. 
Lison, damit einverstanden, ersucht ihn nur: 

Doncques, pour euiter desbatz 

Deffendez-luy sur toutes riens 

De dire quo soyez ceans. 
Er fordert dann Lison auf: 

Ca nvamie allons parfournir 

Nostre cntreprinsc, je vous prie 
Lison begibt sich mit ihm ganz ungeniert ,,a ta chambre de 
derriere'-'' und Naudet läßt zunächst das Pferd des Junkers allein seineu 
Weg heim finden, dann sieht er „par ung treu'' was Lison und der 
Edelmann tun, zuletzt erblickt er das prächtige Kleid, das letzterer 
abgelegt hatte, bevor er sich ins Hinterzimmer begeben hatte. Naudet 
zieht es an und geht fort. 

Nun tritt la JJamoi/selle — die Frau des Edelmannes — auf. 
Sie hat sich gewundert, daß das Pferd ihres Gatten ohne ihn heim- 
gekommen ist. Da erscheint Naudet. Durch den Anzug getäuscht, 
hält sie ihn für ihren Mann und redet ihn Monsieur an. Naudet sagt 
zwar: „Je suis Monsiem\ ma D amoy seile'' , die Edelfrau erkennt aber 
den Tölpel sofort. Er gibt den Brief ab und sie befragt ikn nach 
ihrem Manne und will wissen, warum er dessen Kleid anhabe. Der 
närrische Kerl sagt ihr den Grund, sagt ihr sogar, was der Gentilhomme 
zur Zeit treibe. Damoijselle wird neugierig, sie möchte genau wissen 
worin die Beschäftigung von Monsieur und Lison bestand. Naudet 
erbietet sich, es ihr zu zeigen, denn mit Sagen „Je gasterois tout le 
mistere'' . Und die Edelfrau, lüstern durch seine Aufschneidereien, 
widerstrebt nicht und beide ziehen sich zurück. 

Wir werden wieder zum Gentilhomme und zu Lison zurück- 
versetzt, die sich das lange Ausbleiben Naudets nicht erklären können. 
Jener bedauert den Tölpel zu seiner Frau geschickt zu haben und will 
bchleunigst heim. Er kann aber „sa rohe"- nicht finden und ist daher 
gezwungen, ohne diese fortzugehen. 



270 A. L. Stiefel. 

Damoyselle, zu der wir jetzt wieder geführt werden, lobt Naudet, 
der ihr gezeigt hat „comment monsieur faict ä ma femme.^'' Sie 
wünscht seufzend, Naudet wäre Monsieur., und Monsieur wäre Naudet. 
Sie empfiehlt ihm Schweigen, verspricht ihm einen neuen Anzug und 
ermahnt ihn, quand tu vcrras entrer 

Monsieur de nuict en ta maison, 

Accourt icy tost rae monstrer 

Tout cela qu'il faict a Lison. 

Da kommt schon Monsieur „en pourpoi?ict.'' Es kommt zur 
Aussprache, zu Vorwürfen zwischen den beiden Ehegatten, wobei Naudet 
in seiner schlauen Naivität zum Verräter an beiden wird. Naudet, 
der zwischen Lison und DamoyseLle keinen Unterschied finden kann, 
will dem Gentilhomme die Wahl zwischen beiden lassen: 
Prenez la plus doulce ou plus belle 
De Lison ou ma Damoyselle, 

Monsieur, grausam für sein unsitthches Treiben gestraft meint, in 
sich gehend: Tenir nie veulx ä la maison, 

Puisqu'on vient ä ma Damoyselle 

Pendant que suis ä Lison. 

Und Naudet, der das letzte Wort behält, sagt zu ihm: 
Ne venez plus naudetiser, 
Je n'iray plus segneuriser. 

und schließt mit der Moral: 

A trompeur trorapeur et demi. 



Diese Farce gehört einer äußerst seltenen Samraluug von einzeln 
gedruckten Possen aus der Zeit um die Mitte des 16. Jahrhunderts 
an, die sich gegenwärtig im Britischen Museum zu London befindet. 

Unser Stück ist jedenfalls viel älter als der Druck und geht 
allem Anscheine nach auf ein altes Fablel zurück. Einem ähnlichen 
Schwank bin ich einmal in der französischen Fazetienliteratur be- 
gegnet, kann mich aber im Augenblick nicht mehr erinnern wo. 

Der Stoff gehört jedenfalls in den Kreis von Erzählungen, zu 
denen man Boccaccio Decamerone VIII 8, Masuccio 36 und Para- 
boscos Diporti 5 rechnet. 

Die Fabel weicht in der Farce nicht unwesentlich von dem 
deutschen Gedichte ab. In der französischen Dichtung ist der Ehe- 
mann ein Bauer, der als Tölpel gilt, so daß sich seine Frau und ihr 
Galan gar nicht mehr vor ihm in Acht nehmen und ihren Liebes- 
handel ganz offen betreiben. Im deutschen Gedicht dagegen ist der 
Betrogene ein Schuster, der erst durch seinen Knecht auf die ver- 
dächtig vielen Besuche des Edelmanns hingewiesen und über deren 
Zweck aufgeklärt wird. Dort sendet der Edelmann den Betrogenen, 



Zum Schwank von der Rache eines betrogenen Ehemannes. 271 

um ihn aus dem Wege zu haben, selbst ins Schloß zur Gemahlin 
und ebnet ihm dadurch den Weg zur Rache, die ihm mit Wissen 
uud Willen der Edelfrau, die sich selber rächen will, zu teil wird. 
Hier lockt der Schuster das Ehebrecherpaar in die Falle, überrascht 
es, aber anstatt die Schlafenden zu töten, benutzt er die Kleider des 
Edelmannes, um sich ins Schloß zn schleichen, und dort gleich dem 
Stallknecht König Astulfs im Decamerone \ll, 2 zu verfahren. Dort 
geht der Edelmann ohne „sa robe" nach Hause, findet seine Frau 
noch im Gespräch mit dem Tölpel, durch dessen Indiskretion alles 
an den Tag kommt; hier zieht der Edelmann des Schusters Kleider 
an und trifft mit ihm unterwegs zusammen, bei welcher Gelegenheit 
die Aussprache erfolgt. 

Welche Version haben wir nun als die ältere anzusehen? Mit 
Sicherheit läßt sich dies, so lange keine älteren Versionen aufgefunden 
werden, wohl nicht sagen: ich vermute aber, daß die französische 
Dichtung eine ältere Gestalt des Schwanks darstellt und daß das 
deutsche Gedicht erst durch Verschmelzung mit älteren ähnlichen bzw. 
verwandten Schwänken seine gegenwärtige Form gewonnen hat. In 
der Tat findet man oft genug in der älteren Schwankliteratur, daß 
ein Knecht erst den Meister auf die Vergehungen der Ehefrau auf- 
merksam macht; ebenso häufig ist die Idee, daß man die untreue 
Frau überführt, indem man eine Reise vorschützt und heimlich zu- 
rückkehrt. Und was die Rache des Schusters anbelangt, so ist das 
Verfahren des Schusters so ähnlich dem des Stallknechts in De- 
camerone III, 2, daß man glauben möchte, es sei daraus entlehnt. 

Andererseits ist es indess auch denkbar, daß die deutsche Dar- 
stellung die ältere ist und daß die dramatische Form Aenderungen 
der Fabel veranlaßte. Auffallend ist es jedenfalls, daß das Mitnehmen 
der „robe" seitens Naudets in der Farce eigentlich zwecklos ist, nach- 
dem dieser ja doch gleich erkannt wird und offen zu Werke geht. 
Man kommt also über ein „non liquet''' nicht hinaus. 

Vielleicht darf man mit der französischen Farce und dem deutschen 
Gedichte noch eine kurze, äußerst rohe lateinische Anekdote in Ver- 
bindung briugen,, die sich in den Facezien des Poggio Bracciolini 
findet. Es ist die in der Londoner Ausgabe von 1798 unter der 
Überschrift Talio (S. 164) gedruckte Anekdote, die ich, damit der 
Leser besser urteilen kann, hier wiedergebe, aber nach der Straßburger 1513 
gedruckten Ausgabe der Opera Poggios, weil die Londoner Ausgabe der 
Facetiae nicht einmal den bescheidensten Anforderungen entspricht 

De Medice qui uxorem futoris infirmam fubegit. 

Sutor quispiä Florentie ad uxore nö recte valente | medicii sibi 
notum rogauit adire. Die abseute viro domü profectus | uxorem' cius 
licet reluctantem compressit in lectulo. Vir rediens j cum medicüabeunte 
(qui se recte muliere curafse dixit) uxorem lachrymantcm capite dissoluto 
inuenit. medici perfidia cognita 1 rem diffimulauit. Et post dies 



'>?') 



A. L. Stiefel. 



octo sumpto preciosiori panno ad uxore medici profcctus | dixit &e 
ab eo missiim, quo sibi intcrioi' timica (ea cocta vocatur) fieret. Opus 
erat ut mulicr quae forma erat egregia ] maiori ex parte nudaretur: 
quo rectius corporis meJ'ura capi posset ad vestem recte perficiendä. 
Nudatam remotis arbitris futor comprimit, parem vicem medico reddens 
quod & postea obiecit ei. 

Diese Darstellung weicht freilich uicht unwesentlich von den 
beiden anderen Versionen ab, denn einmal ist an Stelle des Edelmanns 
ein Arzt getreten und dann ist die zurächende Tat keine Verführung 
sondern ein Akt der Vergewaltigung, verübt an einer kranken Person 
von einem Manne, der schändlich das in ihn gestzte Vertrauen ni'sbraucht. 
Ferner ist bei Poggio weder das Dunkel der Nacht zur Tat gewählt, 
wie bei dem Deutschen^ noch die Dreistigkeit des Beleidigers auf die 
Schwachköpfigkeit des Ehemanns begründet, wie bei dem Franzosen. 
Aber dennoch glaube ich, daß die Facetia hierher gehört und daß 
sie mit den beiden anderen Versionen auf eine gemeinsame ältere 
französische Quelle, am wahrscheiidichsten auf ein Fablel zurückgeht. 
Hierzu bestimmt mich die Erwägung, daß Poggio oft aus älteren 
französischen Dichtungen sich seine Stoffe holte, sie außerordentlich 
verkürzte und sie umgestaltet und vergröbert in der Form einer scharf 
pointierten Anekdote wiedergab. Das zeigt z. B. sein Annulus, der 
gemeinsam mit UEncens au Diable der Cent nouveUes nouveV.es 
auf eine ältere französische Dichtung zurückgelit. 

Meine Vermutung wird im vorliegenden Falle noch dadurch unter- 
stützt, daß Poggio ein paar Übereinstimmungen mit den beiden an- 
deren Versionen darbietet. Wie im deutschen Gedicht, ist der beleidigte 
und sich rächende Ehemann ein Schuster, wie beim Deutschen und 
dem Franzosen, gesteht er die Rache nachher dem Beleidiger ein. Selbst 
die vom Schuster zur Vermummuug angezogenen Kleider haben bei 
Poggio noch eine Spur hinterlassen: sie haben offenbar dem Italiener 
die Idee eingegeben seinen „sutor" mit „preciosiori panno" ausgerüstet 
zu der Frau des Arztes gehen zu lassen; es wäre sonst unverständlich 
und bleibt auch so auffallend, daß der Schuster auf den Gedanken 
kam, zur Ausführung seiner Rache gerade die Rolle eines Schneiders 
zu spielen. Warum hat Poggio überhaupt an Stelle eines Schusters 
nicht gleich einen Schneider gesetzt? 

München. A. L. Stiefel. 



Les vocables eii -eiis, -eux 
dans la seconde inoitif' du XVP siecle. 

Poiir la premiere fois depuis trois cents ans, quinze ceiits 
vocables, adjectifs pour la plupart, termiiies eu -eus ou -eucc se 
tiouvent leunis dans lordre alphabetique. Leur grand uombre 
s'explique par cette note que La Noue a placee ä la page 369 de 
son Grand JJictionnaire des rimes fratifoises (Cologne, 1624): 
<1\ faut noter que tous les jours quelque nouvel adjectif se peiit 
former pour accompagner ceux des susdictos terminaisous en -eus 
Selon que Tusage les rend doux. Le Poete de bon jugeraent en 
pourra teile fois mettre en avant si a propos quelqu'un non encore 
pratique, que les autrcs le recevront. Aussi par tel moyen prin- 
cipalement nostre langue s'enrichit eile, raais il y faut estre avise. 
Au reste od doit estre . adverti aussi, que les verbaux on -eur sc 
peuvent prononcer de ceste terrainaison, selon qu'on parle aujourd'hui 
et se peut dire, im Meiiteur, et Menteus. II est vray que les uns 
s'y accommodent mieux que les autres. Partant aura-on le jugement 
d'en faire election, et l'advis, de n'en user pas ä tous les jours, 
reu que n'est pas leur terminaison naifve, tant que l'usage Tait encore 
plus familiarise. Elle est plus estrange en l'escriture qu'au parier». 

Cette mode semble avoir battu son plein dans le demi-siecle 
qui s'ecoula de 1575 ä 1625: en effet, en 1565, l'editeur lyounais 
de Calepiiius donne comme Fequivalent fran^ais de Araneosus: 
Araigneur, plein d'araignes et, d'autre part, la troisieme edition 
de La Noue, publiee en 1624, renferme quantite de vocables, tous 
graphies -eus, inconnus ä Cotgrave dont la premiere edition est de 1611. 

Les references sont pour la plupart tirees des dictionnaires 
de La Porte, La Noue, Lc Gaygnard, Cotgrave, Meurier, Plantin, 
et de Marty-Laveaux. 

La presente liste peut servir de Supplement au Dictionnairc 
FrauQois-Anglois de Cotgrave pour les vocables en -eiix^ car lesdits 
vocables que le lexicographe a,nglais a recueillis dans son inestimable 
travail se retrouvent tous ici avec plusieurs autrcs qu'il u'a pas 
connus ou qu'il n'a pas juge ä propos de comprendre dans son 
vocabulaire. 

Zlschr. f. frz. Spr. u. l.itt. XXXII i. 18 



274 



llnqiies Vadanai/. 



Les rcnvois aux öcrivains cux-rnrmcs iio sout qu' cxceptionnels: 
püur les i)0('tcs de la Plöiade, \' Appendice de l'edition de Marty- 
l.avcaux a ctc cousultr, mais non les auteurs eux-memes. 



Abimeux. 1582. 1. E. Du Monin. 

NovveUes Oeveres, 1S3. 
Abrieux. 1584. Horacc o-ad. L. 

De La Porte, 8G. 
Abuseux. 1571. La Porte, 87b. — 

Cütgrave. 
Abj-smeus. 1571. La Porte, 2<. 
Aceteux. 1542. Canappe. GuidoHy 

75 b. 
Actueux. — Adipeux. Cotgrave. 
Adventnreus. 1571. La Porte. 55b. 

— 1585. Le Gaygnard, 312. 
Aerugineux. Cotgrave. 
Acstueux. 1584. Horace. (rad. L. 

De La Porte, 26. 
Affaireux. Cotgrave. — Äff ec tuen s 

1585. Le Gaygnard, 108. 
Affereux. 1585. Le Gaygnard, 312. 
Affieux. Cotgrave. 
Affreus. 1571. La Porte, 7. — 1585. 

Le Gaygnard, 108. 
Ahanneus. 1571. La Porte. 142b. 

— Cotgrave. 

Aigueux, 1542. Canappe. Onidcm, 
75 b. — Ronsard. 

Airaigneiix. — Araigneux. Cot- 
grave. 

Alboroteux. 1584. G. Meurier. 

AI bugin eux. Cotgrave. 

Albumineux. — Alimenteux. 
Cotgrave. 

Alumineux. 1542. Canappe. Guidou, 
82 b. — Alvineux. Cotgrave. 

Amadoueux. 1599. Lasphrise. Pre- 
mieres Oervres poetiques, 69. 

Amandeus. 1571. La Porte, 178. 

Ambageus. 1585. Le Gaygnard, 131. 

Ambagieux. 1584. G. Meiiricr — 
Cotgrave. 

Ambicieux. Pelleau. Ronsard. 

Ambitieux. 1571. La Porte, 21;., 
260. — 1585. Lo Gaygnard, 108. 

Ambrosieux. 15... Helisenne de 
Crenne, H. — 1554. Le Caron. l.a 
Ciaire, 186 b. 

Amoureus. 1571. La Porte, 3, — 
1585. Le Gaygnard, 313. 

Ancipiteus. 1584. G. Meurier. 

Anfractueus. Cotgrave. 

Angleux. 1584. G. Meurier — Cot- 
grave. 

Angoisscux. M. Sceve. — Du Bel- 
lav. Jodelle. Ronsard. 



Anguillonneux. Cotgrave. 
Anguleus. 1571. La Porte, 250 b. 

— Cotgrave. 

Animeus. 1571. La Porte, 571). — 

1584. G. Meurier. — Cotgrave. 
Aousteus. 1571. La Porte, 169. 

— Cotgrave. 
Apostemeux. 1542. Canappe. Gw'- 

don, 83 b. 
Apostumeus. 1571. La Porte, 115b. 
Appasteux. Cotgrave. 
Aqueux. Belleau. — 1576. P. de 

Brach. Poemes, 2 b. — 1582. L E. 

Du Monin. Ä'orvelles Oemres, 155. 
Araigneux. Cotgrave. — Arbales- 

teus. 157L. La Porte, lUb. 
Arbreux. Ba'if. Ronsard. — 1573. 

C. Plantin, H 2 a. 
Argouneux. Cotgrave. — Ardoi- 

seux. 1571. La Porte, 62b. 
Areneux. Ba'if . Ronsard. — 1563. 

G. Meurier, K 6 b. — 1582. Du 

Monin, 149. 
Aren ul eux. Cotgrave. 
Aresteus. 1571. La Porte, Ib, 31b, 

47b, 172b, 212. 
Argenteux. Ronsard. — 1565. 

Calepinus, 96. 
ArgiUeus. 1565. Calepinus, 96. — 

1571. La Porte, 171, 259. — 1573. 

C. Plantin, a 4 b, da. — 1585. Le 

Gaygnard, 182. 
A r g u i 1 1 n n e u X. Cotgrave. — A r- 

menteux. 15S4. G. Meurier. 
Arpilleux. Cotgrave. 
Arterieux. Cotgrave. 
Artificieux. 1565. Calepinus, 101. 

— 1573. C. Plantin, ed. — Cot- 
grave. 

Aspr'epineux. 1583. Virgile, trad. 

Le Chevalier, 70 b, 
Attayneux. Cotgrave. 
Attiueux. 1573. C. Plantin, G g, 
Aubeus. La Noue, o90c. — Auda- 

cieux. Du Bellay. Ronsard. 
Avantageux. Cotgrave. 
Avant-coureux. 1554. Amadis XI, 

17 li. — Cotgrave. 
Avantureux. Du Bellay. Jodelle. 

Ronsard. 
Avaricieux. Bai f. Du Bella v. — 

1573. C. Plantin, T 2 a. 
Avaritieux. Du Bellav. 



Xfv vocabh's en -eiis, -eux. 



275 



Aveueux. Cotgrave. 
Avertineiix. Ronsard. — löTo. 

C. Plantin, Yd, b 2d. — 1584. G. 

Meurier. 
Avoineus. 1571. La Porte, 205. 
Babilleux. -1583. Virgile, trad. Le 

Chevalier, 72 b. 
Bach evaleur eux. = Chevaleureux. 

Cotgrave. 
Bagueteus. Baguctteux. 1571. 

La Porte, 275, — Cotgrave. 
B a i g n e u x. Cotgrave. 
Balafreux. Cotgrave. 
Balanceus. Balanceux. 1571. 

La Porte, 266 b — Cotgrave. 
Banneus. Banneux. 1571. La 

Porte, 191. — Cotgrave. 
ßanqueteiis. Banqueteux. 1571. 

La Porte, 19, 47, 88b, 216b, 220b. 

— Cotgrave. 
Barateux. Cotgrave. 
Basauchieux. Cotgrave. 
Baveux. Baif. Du Bellay. — 1584. 

Horace, 146. — Cotgrave. 
Bauracineux. Cotgrave. 
Becheus. 1571. La Porte, 207 b. 
Behistreus. 1571. LaPorte, 184b 

— Cotgrave. 

Belistreus. 1571. La Porte, 121. 
B e 1 1 i q u e u X. Baif.Dorat. — Cotgrave. 
Belliieux. 1584. Horace, trad. L. 

De La Porte, 26. 125. 
Beueficieus. 1571. La Porte, 181. 
Besongueiix. 1571. La Porte, 142b. 
Beiirreux. 1,573. C. Plantin, H 3a. 

— Cotgrave. 

Bioreux. 1573. C. Piantin, G3a. 

Bilieux. 1565. Calepinus, 134. — 

1571. lia Porte, 101 b. — Cotgrave. 

Billonneus. 1571. La Porte, 160. 

— 1582. Du Monin, 150. 
Bitumineux. 1571. La Porte. 152b, 

251. — Cotgrave. 
Blocailleus. 1571. La Porte. 1(>4. 

168 b. 
Bloccageus. 1571. La Porte, 104, 

168 b. — Cotgrave. 
Bloccailleux. Cotgrave. — Bo- 

l)elineus. 1571. La Porte, 32b. 
Bocageus. 1571. La Porte, 20 b. 

— 1573. C. Plantin, H 3a. — Cot- 
grave. 

Boisteux. 1573. C. Plantin, X4d. 

— Cotgrave. 

Boiteus. 1571. La Porte, 272b. 
- 1573. C. Plantin, c a. — 1.585. 
Le Gaygnard. 383. Cotgrave. 



B r d e ux. Cotgrave. — B o r d i e u x. 

Cotgrave. 
Boscageus ^= Bocageus. 1584. 

Horace, trad. L. De La Porte, 90. 
Bouchonneux. Cotgrave. 
Bouconneus. 1571. La Porte, 87. 
Boneux. Ronsard. — 1573. C. 

Plantin, M 3 b. — Cotgrave. 
Boufeux. Bouffeux. Cotgrave. 
Bouillonneux. Cotgrave. 
Boulieux. 1.584. G. Meurier. — 

Cotgrave. 
Bouqueteus. 1-571. La Porte, 232 b, 

274 b. 
Bouquineux. Ronsard. 
Bourbeteus. 1571. La l'orte. 45. 

— Cotgrave. 

l'.ourbenx. Belleau. Ronsard. — 
1585. Du Bartas, leSepmaine, 118. 

Bourgeonneus. 1571. La Porte 
190, 227 b. — Cotgrave. 

Bourreus. 1571. La Porte, 69, 150b, 
160. — Cotgrave. 

Boursetcus. 1.571. La Porte. 114. 

— Cotgrave. 

Bourseus. 1571. La Porte. 114. 

— Cotgrave. 

Boutonneus. 1571. LaPorte, 240b. 
Boyteux. = Boiteus. Du Bellay. 
Brachieux. Cotgrave. 
Brancheus. La Neue, 391b 
Braneux. 1563. G. Meurier, L 3c. 
Brav eux. Cotgrave. 
Brazeux. Baif. 11, 12. 
Breneux. 1571. LaPorte, 73, 84b. 

— 1585. Le Gaygnard, 238. — 
Cotgrave. 

Brilleux. 1584. Horace, trad. L. 

De La Porte, 45. 
pjfiqueus. 1571. La Porte, 259. — 

Cotgrave. 
Bris eux. Cotgrave. 
Brochereux. Cotgrave. 
Bronchens. La .Noue. 391b. 
Brosseus. 1571 La Porte, 272b. 
Brouteus. 1571. La Porte, 34. 
Bruineux. Belleau. — 1563. G. 

Meurier, H 7 b. — Cotgrave. 
Bruyereux. Cotgrave. 
Bubeus. La Noue, 390b. 
Bucoliqueus. 1571. La Porte. 

260 b. 
Bugleus. 1571. La Porte, 235b. 

— Cotgrave. 
Buissonncus. 1571. LaPorte. .50b, 

I18b, 121. - Cotgrave. 
Bnlbeux. Cotgrave. 

18* 



276 



Jhujues I ^aganajj. 



Burineiis. 1571. l^a Porto, ll(U) 
Buscheus. 1571. La Porte, 149. 
liuteus. l.')71. La Porte, 1911). 

— Cotgrave. 

Butineus. 1571. I^a Porte, 79b. 

— Cotgrave. 

Cabocheus. 1571. La Porte, 56, 

259 b. — Cotgrave. 
Cadavereus 1571. lia Porte, 130, 

215 b. — Cadavreux. Cotgrave. 
Cailleboteus. 1571. La Porte, 117, 

170b. — 1585. Le Gaygnard, 383. 

— Cotgrave. 

Cailloeux. Cailloteux. Cotgrave. 
Cailloueus. 1571. La Porte, 21b, 

116b, 170 b. — Cotgrave. 
Calamiteux. Baif. — 1.373. C. 

Plantin, C4. — Cotgrave. 
Calculeus. 1571, La Porte, 116b. 
Caleux. 1584. G. Meurier. 
Caligineus. 1571. La Porte, 9b, 

91. — Cotgrave. 
Calleux. 1582. I. E. Du Monin, 

26. — Cotgrave. 
Calomnieux. 1571. La Porte, 37, 

80, 131. — 1573. C. Plautin, c 4a. 

— Cotgrave. 
Calumniateux. 1563. G. Meurier. 

G4c. 
Calumnieux. 1585. Le Gavgnard, 

107. 
Cancreux. Ronsard. — 1599. Ilorn- 

kens, 390. 
Canepineus. 1571. La Porte, 92. 

— Cotgrave. 
Capricieux. Cotgrave. 
Captieus. 1571. La Porte. 8, 37, 

88 b. — Cotgrave. 
Captiveux. 1585. Le Gaygnard, 

412. — Caqueteus. 1571. La 

Porte, 29 b. 
(ardeus. 1571. La Porte, 199. 
Caresseus. 1571. La Porte, 3. 
Carle ux. C'otgrave. 
Cartilagineus. 1571. La Porte, 

28, 177. — 1585. Le Gaygnard, 

238. — Cotgrave. 
Castagneux. Cotgrave. 
Catarreux. 1571. La Porte, 2-5, 91. 
Catarrheux. Cotgrave. — 
('aterreus. La Noue, 394b. 
Catharreux. 1573. C. Plantin, Y 

3a. — Cathcrreux. Ronsard. 
Catheux. Cotgrave. 
Cauteleux. Belleau. Du ßellay. 

Jodelle. Tyard. — 1573. C Plan- 
tin, de. — Cotgrave. 



(averueux. Baif. Belleau. JDu 
Bellay. Ronsard. Tyard. Cot- 
grave. 

Caveux. 1584. Horace, trad. L. De 
La Porte, 60. — 1.j85. Lc|, Gay- 
gnard, 412. 

Cavilleus. 1.563. G. Meurier, I8b. 

— 1571. La Porte, 41b. 
Cayreux. Cotgrave. 
Cedreux. Bait. — 1582. Du Monin. 

Novvelles ffiwres. 18. 

Cendreux. Baif. Du Bellay. Jo- 
delle. — Cotgrave. 

Centreux. 1584. G. Meurier. 

Cere monieus. 1571. La Porte, 
31b, 93 b. — 1585. Le Gaygnard, 
107. — Cotgrave. 

Cerimonieux. 1584. G. Meurier. 

— Cutgrave. 

Ceruseus. 1571. La Porte, 99. — 

Cotgrave. 
Chacieus. 1571. La Porte, 277b- 

— Cotgrave. 

Cbagrineux. Belleau. Ronsard. — 

Cotgrave. 
Chaineus. 1571. La Porte, 177b, 
Chalereux. 1584. G. Meurier. 
Cbaleuroux. Belleau. Jodelle. — 

1573. C. Plantin, Y a. 
Chalumeus. 1571. La Porte, 270, 

— Cotgrave. 
Chambreux. Cotgrave. 
Chance US 1571. La Porte, 80, 

138 b. — Cotgrave. 
Chancrcux. 1542. Canappe. Guidun, 

82. — Cotgrave. 
Chandeleus 1571. La Porte. 152b.^ 

— Cotgrave. 
Chansonneus 1571. La Porto, 

163. — Chanureus. 1571. La 

Porte, 67 b, 245. — Cotgrave. 
Charbonneus. 1571. La Porte, 

37 b. 40 b. — Cotgrave. 
Charmeus. 1584. Horace,* trad. 'L 

Le La Porte, 138. La Noue, 392 a 
Charneus. 1542. Canappe. Guidot, 

107. 
Charoingneux. Du Bellay. 
Cliar u g n e ux. Ronsard. -Cotgrave, 
Chase reus. 1571. La Porte, 106, 

— Cutgrave. 

Chasseus. 1571. La Porte, lS2b, 

272 b. 
Chassieux. Belleau. — 1573. C. 

Plantin, M 4 c, de. — Cotgrave. 
Chatouilleux. Baif. — 1573. 

C. Plantin, a 2 d, o 4 d. — Cotgrave, 



Les vocables en -eus, -eiia\ 



•11 i 



Chat tonneu-;. 1571. La Porte, 

166. — Chemineus. 1571. La 

Porte, 19G. — Cotgravc. 
Chesneus. 1571. La Porte, 91b, 

114 b. — ('otgravc. 
Chevalereux. 1585. Le Gaygnard 

312. — Cötgrave. 
Chevaleureux. Belleau. Du Bellay. 

Ronsard. — Cötgrave. 
Chevestreus. 1571. La Porte, 

148 b. — Co'grave. 
Cheveus. 1571. La Porte, bi>. 
Cheveux. 1585. Le Gaygnard, 41'.'. 
<'hevreux. Ronsard. — Chic an eus. 

1571. La Porte. 2fiS. — Coigrave. 
Chiquenneus. 1.571. La Porte, 

122. — Cholereux. Cötgrave. 
Choliqueus. — 1.571. La Porte, 

2G7. — Cötgrave. 
<'ieux. 1585. Le Gaygnard, 58. 
Cireus. 1571. La Porte, ?A). — 1584. 

Horace, trad. L. De La Porte, 17. 

— Cötgrave. 
Cisterneus. 1571. La Porte, 143. 
Clangueux. Cötgrave. 
Oloissonneus. 1571. La Porte, 

194. — Cötgrave. 
Coeneux. Cötgrave. 
Coigneus. 1571. La Porte, 155. 
Co 1er eus. — La Noue, 393. 
Coliqueus. 1573. C. Plantin K. 

4 d. — 1584. G. Meurier. — Cöt- 
grave. — La Noue, 393. 
Colliqueus. 1585. Le Gaygnard, 

100. — Cötgrave. 
(olomneux. Cötgrave. 
Colouneus. 1.571. La Porte, 2061, 

258 b. 
Combateux. 15(1;'.. G. Meurier, 

N 3 b. 
('omcdieus. 1571. La Porte, 163. 
Commctteux. Cötgrave. 
Coramodieux. — 1584. G. Meurier. 
Compendieus. 1571. La Porte, 

07 b, 248 b. — 1584. G. Meurier. 
Comp! an t eus. 1571. La Porte, 

278. — Comploteux. Cötgrave. 
Compteus. 1571. La Porte, 146b. 
• 'oncheus. 1571. La Porte, 32. 
<oncientieus. l.')85. Le Gaygnard, 

108. — Conscientieus. 1571. 

La Porte, 146 b. — Cötgrave. 
( onsequentieux. Cötgrave. 
Contagieux. 1584. Horace, trad. 

L. De La Porte, 153. 1585. Le 

Gaygnard, 107. — Cötgrave. 
Contencieux. 1573. C. Plantin. Vd. 



Contentieux. Du Bellay Ronsard 

— Cötgrave. 
Contumelieux. 1571. La Porte 

lS7b. — 1585. Le Gaygnard. 107. 

— Cötgrave. 

Convitieux 1571. La Porte, 80, 

131, 187 b. — Cötgrave. 
Convoiteux. Du Bellay. — 1585. 

Du Bartas, 306. — Cötgrave. 
Copieux. Du Bellay. Ronsard. Ty- 

ard. — Cötgrave. 
Coquelineux. Cotgj'ave. — Co- 

quilleus. 1571. La Porte, 149, 

174 b, 181b, 212. — Cötgrave. 
Corbeilleus. 1571. La Porte, 191. 

— Cötgrave. 
Corbineux. 1584. G. Meurier. 
Cordeleus. 1571. La Porte, 53. 

— Cötgrave. 

Corneteus. 1571. La Porte, 27:'>b. 

— Cötgrave. 

Cosseus. 1571. La Porte, 38. 
Costeus. 1571. La Porte, 29b. 
Cotonneus. 1571. La Porte, 2,85 b. 
Cottonneus. 1571. La Porte, 110. 

— Cotgravc. 

Coudreus. 1571. La Porte, 100, 
178, 225b. — Coullevreux. 1.571. 
La Porte, 72. 

Coulomneus. 1571. La Porte. 53. 

Coupeux. Cötgrave. 

Courageux. 1571. La Porte, 126. 

— 1585. Le Gaygnard, 13.]. — 
Cötgrave. 

Couragieux. 1573. C. Plantin, 

b. 2 a. 
Courbeus. La Koue, 390 c. 
Courvcux. 1585. Le Gaygnard, 412. 
Coussineux. 1571. La Porte, 57b. 

85 b, 185. — Cötgrave. 
Coustageux. 1573 C. Plantin, §2b. 
Coustangeus. 1571. La Porte, 

219. — Cötgrave. 
Cousteleus. 1571. La Porte, 1 10b. 

— Cötgrave. 

Cousteux. Ronsard. — Cötgrave. 
Cracheux. Baif. — Crasseux. 

Baif. Belleau. — Cötgrave. 
Cray eus. 1563. G. Meurier. Dict. 

tiamen-fran^ois, D2a. 
Cresmeus. 1571. La Porte, 106. 
Creux. Baif. Du Bellaj. —Cötgrave. 
Criblcux. Cötgrave. 
Crimineux. Belleau. — 1584. Hp'- 

racc. trad. L. De La Porte, 20, 

104, 112, 141. — 1.584. G. Meurier. 

— Cotgravc. 



278 



I luyues I 'aganaij. 



Crineux. KonsarJ. — Cotgrave. 
Croäceux. Cotgravo. 
Croäilleus. 1571. La Porto. 67. 

— Cotgrove. 

Croceus. 1571. L:t Porte, Gi. — 

Cotgrave. 
Crotcuf. 1571. La Porte, ;5Sb. 
Grotteus. 1585. Le Gaygnard. 

383. 
("rousteleus. 15(1. La Porte, 5(i. 

— Cotgrave. 

Crousteus. 1542. Ganappe. Gui- 
don, 63. — 1571. La Porte, 18,56. 

— Cotgrave. 
Croyeiix. Cotgrave. 
Crueux. Baif. 

Cuirasseus. 1571. La Porte, 209. 

— Cotgrave. 

Cuisineus. 1571. La Porte, i)2b, 

106 b, — Cotgrave. 
Cuissineus. 1571. La Porte. 185. 
Cuivreus. 1571. La Porte, 10, 87b, 

15'J. — Cotgrave. 
Cuniculeux. Cotgrave. 
Ciirieux. 1585. Le Gaygnard, 108. 

— Cot-grave. 
Cuyvreux. Cotgrave. 
Dameus. 1571. La Porte, '.)lb. 
Dangereux. 1585. Le Gaygnard, 

312. — Cotgrave. 
Dartreus. 1571. La Porte, 1 10b. 
Decaterreus. La Noiie, 394b. 
Decendreus. La Noiie, 394c. 
Decolere US. La Noue, 41)3 c. 
Decrepiteux. Cotgrave. 
Defangeus. La Noue, 391a. 
Defascheu?. La Noue, o91b. 
Defectucus. 1.585. Le Gavgnard, 

108. — Cotgrave. 
Deffectueux. Cotgrave. 
Defievreus. La Noue, 394 c. 
Defructueus. La Noue, 396 a. 
De gen er e US. La Noue, .">94a. 
Degouteux. Du Bell ay. — Dehai- 

neus. La Noue, 392c. — Delici- 

eux. Ronsard. — Cotgrave. 
Deneigeus. La Noue, 391a. 
Denombreus. La Noue, 394b. 
Denoueus l^a Noue, 396b. 
Denuageus. La Noue, 391a. 
Depeineus. La Noue, 392c. 
Depiteux. Baif. Du Bellay 

Jodelle. — Cotgrave. 
Depompcus. La Noue, 3".i3b. 
Deporeus. La Noue, 393. 
Depouilleux. 1576. P. de Brach. 

Poemes, 102. 



Desadvantagcus. 1571. La Porte. 

216 b. 
Desaffreus. La Noue, 394c. 
Desangoisseus. La Noue, 395a. 
Desareneus. La Noue, 392b. 
Desargileus. La Noue, 391c. 
Desastreus. 1571. La Porte, 

219 b. 
Desavantageus. La Noue, 391a. 
Desavantureus. lia Noue, 3".>4a. 
Desaventureux. Cotgrave. 
Desavoureus. La Noue, 394 C. 
Desbaveus. La Noue, 395c. 
Desbelliqueus. La Noue, 39ob. 
D e s b u r g e n n e u s. La Noue, 302 c. 
Desbuissonneus. La Noue, 393a. 
Descalamiteus. La Noue, 395a. 
Descandaleus. La Noue, 391b. 
Deschaleureus. La Noue, 394a. 
Descharmeus. LaNoue, 392b. 
Deschatouilleus. La Noue, 392a. 
Descourageus. 1573. C. Plantin, 

m4d. — La Noue, 391a. 
Descraseus. La Noue, 395 a. 
Descrupuleus. La Noue, 391c. 
Desdaigneux. 1.585. Le Gaygnard. 

238. — Cotgrave. 
Desdangereus. La Noue, 393 c. 
Desdefectueus. La Noue, 396a. 
Desdizeteus. La Noue, 395a. 
Desdoucereus. La Noue, 393c. 
Desdouteus. LaNoue, 395c. De- 

sennuyeus. La Noue, 396b. 
Desescunieus. LaNoue, 392a. 
Desespineus. La Noue, 392b. 
Desfarincus. La Noue, 392b. 
Desfluctueus. La Noue, 396a. 
Desfroidureus. La Noue, 394a. 
Desgaleus. La Noue, 391 b. 
Desgommeus. LaNoue, 392a. 
Desgouteus. La Noue, 395c. 
Desgrateleus. La Noue, 391 b. 
Desgrommeleus. LaNoue,.391b. 
Deshargneus. La Noue, 393b. 
Desidieux. Cotgrave. 
Desillumineus. La Noue, 392b. 
Desimpetueus. La Noue, 396a. 
Desincestueus. La Noue, 396a. 
Desireus. Ronsard. — Du Bartas, 

ed. 1585, 580. — Cotgrave. 
Deslimonneus. La Noue, 392c. 
Desmatineus. La Noue, 392b. 
Desmoiteus. La Noue, 395b. 
Desmonstrueus. La Noue, 396b. 
Desmontagneus. La Noue, 393a. 
Desmorveus. La Noue, 395c. 
Desnebulcus. La Noue. 391c. 



Les vocahles en -eus, eii.r. 



279 



Desuecessitcns. La Noue, .'VJöb. 
Desnervcus. La Noue, 39öc. 
Desnoizeiis. La Noue, 39Gc. 
Desoizeus. La Noue, 39Gc. 
Desombvageus. La Noue, 391a. 
Desorageus. La Noue, 391 a. 
Desoufrcu?. La Noue, 394c. 
Desoutrageus. La Noue, 391a. 
De spare SS eus. La Noue. 39.5 a. 
Despendeux. Cotgrave. — Dcs- 

penseux. Ronsard. 
Desperilleus. La Noue, 391c. 
Despesneus. La Noue, o9"2c. 
Despesteus. La Noue, 39.öb. 
Despeui-eus. La Noue, 394a. 
Despiteux. Belleau. Du Bellay. 

Ronsard. Tyard. — Cotgrave. 
Desplantureus. La Noue, 3941». 
Despoissonneus. La Noue, 393a. 
Desquorelleus. La Noue, 391c. 
Dosquinteus. La Noue, 39.5 b. 
Desray onneus. La Noue, 393a. 
Desrespectueus. LaNoue,o96a. 
Desrioteus. La Noue, 39.3 b. 
Dessoifveux. l.'>8.3. Le Gavgnavd, 

412. 
Dessoigneus. La Noue, 393a. 
Dessomptueus. La Noue, 396a. 
Dessoufreteu s. La Noue, 395a. 
D estempestueus. La Noue. o95c. 
Des tuniultueus. La Noue, 395c. 
De SU leer eus. La Noue. 393 c. 
Desvaporeus. La Noue, .393c. 
Desveneneus. La Noue, 392b. 
Desvenimeus. La Noue, 392a. 
Desventeus. La Noue, 395b. 
Desvergongneus. La Noue, 393. 
Desvisqueus. La Noue, 393b. 
Deterreus, La Noue, 394b. 
Detourbillonneus. La Noue, 

392c. — Detrimenteus. 1571. 

La Porte, 86 b. — Cotgrave. 
Deux. 1.585. Le Gaygnard, SO. — 

Cotgrave. 
Devigoureus. La Noue, 394a. 
Dfevitupereus. La Noue, .393c. 
Devotieux. M. Sceve. — Du liellay. 

Jodelle. Ronsard. — Cotgrave. 
Dieux. Cotgrave. 
Diffameus. La Noue, 392a. 
Difficultueux. Cotgrave. 
Direux. 1.584. Horace, trad. L. 

De la Porte, 74, 110, 138. 
Discordieux. 1-584. ü. Meurier. 
Disetcux. 1.585. Du Bartas, 3.)4. 

— Cotgrave. — 1584. G. Meurier. 
Dispcndieux. 1.584. G. Meurier. 



Disetteux. 1573. C. Piautin, E. 

1. c. — 1563. G. Meurier, B. 4 d. 
Dizeteus. La Noue, 395a. 
Dodelineux. Cotgrave. 
Dodineus. 1571. La Porte, .iS, 

•2C,Q b. 
Doleux. Cotgrave. 
Dolorcux. Ba'if. Du Bellay. 
Doloscux. 1584. G. Meurier. 
Doloureux. 15S4. G. Meurier. 

— Cotgrave. 
Domageux. Ba'If. 
Dormilleux. Cotgrave. 
Doubteux. 15S4. 'G. ^leurier. 

Cotgrave. 
Doucercux. Belleau. Du Bellay. — 

( otgrave. 
Doulcereux. 1584. G. Meurier. 
Doulereux. 1585. Le Gaygnard, 

312. 
Douloureux. Ba'if. — Cotgrave. 
Douteux. Baif. Belleau. Du Bellay. 

•lodelle. lioiisard. Tyard. 
Drapeleux. 1571. LaPorte, 121. 
Drappenx. Cotgrave. 
Drillens. 1571. La Porte, 34. — 

Cotgrave. 
Drugeonneus. 1571. La l'orte, 

251 b. — Cotgrave. 
Duveteus. La Nour, 395a. 
Ecailleux. Du Bellay. 
p]cumeux. Belleau. Du Bellay. 

Jodelle. 
Effectueux. Cotgrave. 
E f f i c a c i e u X . Cotgrave . 
Enibucheux. Baif. 
Ehontous. La Noue, 395b. 
Em pl astreu 3. 1571. La Porte, 

85. — Cotgrave. 
Empoi sonn eus. 1571. La Porte, 

4, 38 b, 273. 
Encheux. Cotgrave. — Encom- 

breus. La Noue, 390b, 394b. 
Endesvcux, 1585. LeGaygnard,412. 
E nerv eus. La Noue, 395 c. 
Enfincetix. Cotgrave. 
Enfleus. 1571. La Porte, 1471.. 
Enfractueux. Cotgrave. 
Englueus. 1571. La Porte, 11, 

182 b. 
Engorgcus. 1571. La Porte, 

106 b. — Cotgrave. 
Ennuycux. Du B(^llay. 1.578. 

Pionsard. 1, 574. — Cotgrave. 
Entre-deux. 1585. Du Bartas, 

316. — 1585. Le Gaygnard, 80. — 

( otgrave. 



2S0 



] lugnes Vauamnj. 



E 11 1 r e d u c c r e 11 s. La Noue, o93 c. 
Eutrefroidurens. La Noue, SO-Aa. 
Entrerameus. La Noue, 392a. 
Entreteignous. La Noue, 393 a. 
Envenimeus. La Noue. 392a. 
Entrevitupereus. La Noue, 393c. 
Envieux. Du Lellay. — Cotgravo. 
Epineux. Baif. t)u Bellay. 
Equaillcux. Du Bellay. 
Erugineux. 1542. Canappo. Guidon, 

72. — Cotgrave. 
Escacheus. 1571. La Porte, 207. 
Escailleux. Du Bellay. — 1573. 

Plantin, z. 1 c. — Cotgrave. 
Eschaillieux. 1563. G. Meurier, 

G. 5 a. 
Escharpeus. 1571. La Porte, 

150 b. — Cotgrave. 
Eschauguetteus. 1571. La Porte, 

252. — Escheleus. 1571. La 

Porte, 158. 
Eschineus. 1571. La Porte, 87. — 

Cotgrave. 
Esclandreux. Baif. — Cotgrave. 
Escrolleus. 1563. G. Meurier, 

H. 3 a. 
Escumeus. 1571. La Porte, 11), 

106 b. — La Noue, 392 a. 
l'^.scHmeux. Du Bellay. Jodelle. 

Eonsard. — Cotgrave. 
Esmervei Ileus. La Noue, 391c. 
Escurieus. La Noue. 397a. 
Esperouneus. 1571. LaPorte, 9b. 
Espieus. 1571. La Porte. 119b. — 

La Noue, 397 a. 
Espineus. 1571. La Porte, 37 b, 

118b. — 1.58.5. Le Gaygnard, 

238. — Cotgrave. 
Espongeus. La Noue, 391a. 
Espongieux. 1.584. G. Meurier. — 

Cotgravo. 
Espouventeux. Ronsard. 
Esquilleux. Cotgrave. 
Estaleus. 1571. La Porte, 38b. 
Estamineus. 1571. La Porte, 

239, — Cotgrave. 

Estin celleux. 1584. Horace, 12. 
Estoilleux. Belleau. ^ Cotgrave. 
Estoupeux. Cotgrave. 
Estriveus. 1571. La Porte, 178. — 

1573. Plantin, Ee 3c. — Cotgrave. 
Esventeus. 1571. La Porte, 

271b. — Esveux. Cotgrave. 
Rvertineux. 1563. G. ^Meurier. 

Dict. flamen-fran^ois, F4a. — 157;'i. 

C. Piantin, N4d. 
Eveux. Baif. Cotgrave. 



E v i u X. Cotgrave. — Exalumineus. 

1571. La Porte, 201 b. — Cotgrave. 
l']xcremonteus. 1571. La Porte, 

164b, 234b. — 1585. Le Gaygnard, 

383. — Cotgrave. 
Exitieux. 1584. Horace, trad. L. 

De La Porte, 31. 
Eableux. Jodelle. Ronsard. — 

1582. L E. Du Monin. Novvelles 

(Euvres, 6. 

abuleux. 

acecieux. 

acetieus. 



Ronsai'd. 



F abuleux. Dorat. 

F acecieux. Baif. 

F acetieus. Cotgrave. — 1573. 

C. Plantin, q c. — 1584. G. Meurier. 
Facheus. 1585. Le Gaygnard, 108. 
P'actious. 1571. La Porte, 64b. — 

125 b. — 1585. Le Gaygnard, 108. 

— Cotgrave. 

Falacieux. 1571. I-a Porte, 265. 

— 1573. C. Plantin, D 8 a. — 
Cotgrave. 

Farne illeus. 1571. LaPorte, 115, 
151b, 272. — 1584. Horace, trad. 
L. De La Porte, 20. — Cotgrave. 

Faineus. 1571. La Porte, 34. — 
Cotgrave. 

Fanfareus. La Noue, 393b. 

Fangeux. Belleau. Ronsard. Tyard. 

— Cotgrave. 

J'antasieux. 15 . . Ilelisenne de 

Crenne, C 5. 
Farceus. 1571. LaPorte, 32,38b, 

44, 104. 
Farcineus. 1571. La Porte, 34. 

— 1-585. Le Gaygnard, 238. — 
1606. Nicot. — Cotgrave. 

Farineus. 1571. LaPorte, 37, 39. 

— 1585. Le Gaygnard, 238. — 
Cotgrave. 

Fascheux. Cotgrave. 
Fastidieux. 1559. Guevare. Epis- 

tres dorees, trad. Guterry. II, 61. 
Fastigieux. 15 . . Ilelisenne de 

Crenne, G 4. 
Fastueux. Cotgrave. 
Faulseteux. Cotgrave. 
Fauperdrieu X. Cotgrave. 
Febveus. 1571. La Porte, 92. — 

Cotgrave. 
Febureus. 1571. La Porte, 160. 
Felleux. Cotgrave. 
Feneux. Cotgrave. 
Ferreux. Cotgrave. 
Fertileux. 1563. G.^^Ieurier. Dict. 

flamen-franQ., 3 c. 
Fermenteus. 1571. La Porte, 

196 b. 



Les vocahtes en -eus, -eux. 



281 



Fe st eux. 1584. Horace, trad. L. 

De La Porte, 87. 
Feuilieus. Du Bartas, ed. IJSö, 

487. 
Fibreux. Cotgrave. 
Fiebvreux. 1.584. G. Meurier, — 

1573. C. Plantin, b3b. — Cotgrave. 
Fielleux. Ronsard, - 1573. ('. 

Plantin, 3a. — Cotgrave. 
Fienteus. 1571. La Porte, loiib, 

264. — Cotgrave. 
Fieureus. 1565. Calepinus, 411. 
Fieuvreus. 1585. Lc Gayi^nard, 

109. 
Filamenteux. Cotgrave. 
Firn eux. 1573. C. Plantiu, M3h. 
Fistuleux. 1542. Canappe. Gvidon, 

85. — 1571. La Porte,, 94b, 12 -ib. 

— 1585. Le Gaygnard, 1S2. — 
Cotgrave. 

Flaconneus. 1571. La Porto, 40. 
Flagoolleus. 1571. La Porte, 197. 
Flagitieus. 1571. La Porte, 104b. 

— 1584. G. Meurier. 
Flambeus. La Noue, 390 b. 
Flamm eux. Baif. Ronsard. — 156;i, 

G. Meurier, N8b. 

Flateus. 1571. La Porte, 12. 

Flatneux. 1542. Cannappe. Guidon 
75 b. — 1571. La Porte, 202 b. 
273 b, 274. - Cotgrave. 

Fleureux. Ronsard. — Cotgrave. 

Fleus. 1585. Le Gaygnard, lOS. — 

Flcxueux. Cotgrave. 

Floureux. Baii. 

Foarreus. 1571. La Porte, 56, 
lUb. — Cotgrave. 

Fluctuoux. Marot. Du ]5ellay. Ron- 
sard. 

Foireux. 1573. C. Plantin. Na. — 
1585. LeGaygnard, 312. — Cotgrave. 

Foisonneus. Cotgrave. 

F n g e ux ( 'otgrave. 

Fontaineus. 1571. La Porte, 14;). 

— (Jotgrave. 

Forninleus. 1571. La Porte. 221. 
Fortun eux. Ronsard. 
Fo3 s teux. Cotgrave. 
Fouarreus. 1571. La Porte, 37. 
Foudreus. 1582. Du Monin, 180. 
Foueteus. 1571 La Porte, 275. 
Fouetteux. Cotgrave. 
Foueux. Baif. 

Fourageus. 1571. La Porte, 19i;b. 
Fourmageus. 1571. La Porte, 48, 

143. — Cotgrave. 
Fournii 1 letis. 1571. La Porte, 44b. 



Fourrageus. 1571. La Porte, 37. 
Fourreus. 1571. La Porte, 191, 

199 b. — Frareux. Cotgrave. 
Frauduleus. 1.571. La Porte. 8, 

182b. — 1585. LeGaygnard, 182. 

— Cotgrave. 

Frayeux. 15f;G. G. Meurier. — 

Cotgrave. 
Frileus. 1571. La Porte, 24 178b. 

— 1585. Le Gavgnard, 182. 
Frilleux. Baif. Du Bellay. - 1573. 

C. Planlin. bob. Cotgrave. 

Frissonneux. Ba'if. 

Frivoleux. 1,573. C. Plantin, Oii. 

Froidilleux. Cotgrave. 

Froidureux. Belleau. Du Bellay. 
Jodelle. Ronsard, Tyard. — Cot- 
grave. 

Fromenteux. Ronsard. — 1.584. 
Horace, trad. L. De La Porte, 112. 

F r u m e n t e u x. Cotgrave. 

Fructueux. Du Bellay. Ronsard. 
Cotgrave. 

Fruiteux. Baif. 

Frumenteus. 1571. La Porte, 37. 
94 b, IUI). — 1,585. Thevenin, dans 
Du Bartas, .575. 

Fueilleux. Baif. Du Bellay. Ron- 
sard. — Cotgrave. 

Fuligiueux. 15s5. Thevenin, dans 
Du Bartas, 002. — Cotgrave. 

Fulmincux. 1584. G. Meurier. 

Fumeux. Baif. Belleau. Du Bellay. 
Ronsard. — Cotgrave. 

Fungueux. Cotgrave. — Furieux. 
1585. Le Gaygnard, 108. — • Cot- 
grave. 

Gabgregeux. Cotgrave. — G a 1 e r- 
neus, 1571. La Porte, 273b. 

Galeus. 1585. Lc Gavgnard, 182. 

— La Neue, .39 Ib. 

Galleus. 1571 La Porte, 34, 233. 

— 1.573. C. Plantin, b3d. - 1.584. 
G. Meurier. — Cotgrave. 

Gambadeus. 1571. La Porte, 76, 

205 b. 2401), 251. 
Garrenneus. 1571. La Porte, 149. 

259. — Cotgrave. 
Gascheux. Cotgrave. 
Gazouilleus. 1571. La l'orte. 47, 

.52b, — 1.584. Horace, trad. L. De 

La Porte, 82. — Cotgrave. 
Gehenneus. 1571. La Porte, 223b. 

— Cotgrave. 

Gel lux. 1573. C. Plautiu, e 4 d. 
Gelineus. 1571. La Porte, 223b. 

— Cotgrave. 



Jluyues Va<iana>j. 



Gcnnneus. Biüf. Bclleau. Ronsard. 

— Cotgravc. 

Geiiereus. l.')Tl. La Porte, 12G. 

— l.")78. Konsard. 1, ■)44. — ].j8."i. 
Le Gaygnard, 312. Cotgrave. 

Genesteus. .')171 La Porte, VM. 

— Cotgrave. 

Geiiieux. 1584. Horace, trad. L. 

De La Porte, 12. 
Gernieux. Belleaii. Konsard. — 

Cotgrave. 
Gesneus l')71. La Porte, .'»O. 
Gas tue US. l'tTl. La Porte, l.Vih. 

l.')7. 
Gibbeux. Cotgrave. 
Gimbreteus. L")71. La Porte, l.")7. 

196 b, 214 b, 272. — Cotgrave. 
Glacieux. l.')73. C. Plantin, Z 2c. 
Glaireus. l.")71. La Porte, 22. — 

Cotgrave. Glaceus 1582. L E. 

Du Moniu. Novelles Oeuvres, 35. 
Glandeux. Ronsard. — Cotgrave. 
Glanduleus. 1571, La Porte, 98, 

115 b. — Cotgrave. 
G 1 a s n n c u X . Cotgrave . 
G I a z e u x. Cotgrave. 
Gletteux. Cotgrave. 
Globeus. 1571. La Porte, 233. — 

1584. Horace, trad. L. De La Porte, 
31. — Cotgrave. 

Globuleus. 1571. La Porte, 3'.), 

233. — Cotgrave._ 
Glommereus. 15*1. La Porte, KiO. 
Glorieus. Baif. 

Glorieux. Ronsard. — Cotgrave. 
Glueux. M. Seeve. — Belleau. Du 

Bellay. Jodelle. Ronsard. — 1573. 

C. Plautin, e 2a. — Cotgrave. 
Glutineus. 1571. La Porte, 22, 66, 

115. — 1584. G. Meuricr. 
Goitereus. 1571. La Porte, 52 b. 
Goitreus. 1584. G. Meurier. — 

1585, Le Gaygnard, 108. — Cotgrave. 
Gommeux. Belleau. Du Bellay. 

— 1573. Plantin, T 3 a. — Cotgrave. 
Gotereux. Cotgrave. 
Gouffreux. 1576. P. de Brach. 

Poemes, 7._ — 1583. Du Bartas. L 
Sepmaine, (1. — Cotgrave. 
Goufreus. 1582. Du Monin, 130. 

— La Noue, 394 c. 

Gouteus. 1571. La Porte, 14b, 96. 
Goutteux. 1565, Calepinus. 102. — 

1585. Le Gaygnard, 383. - Cot- 

grave. 
Gracieux. 1583. G. Meuricr. — Cot- 

i^rave. 



Graillous. 1571. La Porte, 67. — 

Cotgrave. 
Graisseux. 1563. G. Meurier, N 7 

I) — Cotgrave. 
Grancheus. 1571. La Porte, lo. 
Grangcux. Cotgrave. 
Granuleux. Cotgrave. 
Grappeus. 1571. La Porte, 225. 

— 1585. Le Gaygnard, 272. 
Grateleux. Ronsard, — Cotgrave. 
Gratieux. 1584. G.Meurier. — 1585. 

Le Gaygnard, 108. — Cotgrave. 
Gratteleux. 1573. C. Plantin, b. 3 d. 
Graveleus. 1571. La Porte, 171. 

227b, 236. — 1573. C. Plantin, a 

2d. — 1585, Le Gaygnard, 182. 
Gravelleux. 1584, G.Meurier. — 

( otgrave. 
Gremeleux. 1584. G. Meurier. 
Gresleux. Belleau. Ronsard. — 

1573. C. Plantin, V2c, — Cotgrave. 
Greveux, 1585. Le Gaygnard, 412. 
Greux 1584. G, Meurier. — Cotgrave. 
Grillcus. 1571. La Porte, 266b.— 

Cotgrave. 
Gringoteus. 1571. La Porte, 234 
Grommeleus. 1585. Le Gaygnard 

182. — Cotgrave- 
Grouetteux. Cotgrave. Grunie- 

leux. Belleau. — Cotgrave. 
Grumeux. Cotgrave. — Grumme- 

leus. 1571. La Porte, 91. 
Gruolleux, Cotgrave. 
Guepillonneus. 1571. La Porte, 

24. — Cotgrave. 
Guesveux. Cotgrave. 
Gueus. 15S4. G.Meurier. — 1585. 

Le Gaygnard, 109. — Cotgrave. 
Gypseux. 1.542. Canappe. Guidon, 

75 b. 
Gyroui'tteux. Cotgrave. 

Ilaillouneux. Ronsard. — (ot- 
grave. 

llaineux. Belleau. Du Bellay. — 
1.573. C. Plantin, V 4a — Cotgrave. 

Haireux, Cotgi'ave. 

Halcineux. 1563. G. Meurier. Dict. 
riamen-fran^ois. A 6 b. — Cotgrave. 

Hame^onneus. 1571. La Porte. 
72 b, " 

Hanseus. Baif._ 

Harceleux. 1573. Plantin, Cg, 

Hardeus. 1571. La Porte, 30. 90. 
156, 191b. — Cotgrave. 

Hargneus. 1571. La Porte, 5b. 
156. — 1585. Le Gaygnard. 140. 

— Cotgrave. 



Les vocables en -eus, -eu.i 



283 



Harmoniens. 1571. La Porte, 122b. 

— 1583. Du Bartas, 145. — Cot- 
grave. 

Hasardeux. Jodelle. — Cotgrave. 
Hasteleux. Cotgrave. 
Hayneux. 1559 Guevarc. Epistres 

Dorees, trad. Gutery. 11, 18G. Du 

Bellay. — Cotgrave. 
Hayreux. Cotgrave. 
Hazardeus. 1558. Giievare. Epist- 
res doriies, trad. Guterry. 1. 182. 

1571. La Porte, 5b. 112b. — !5S;5. 

Le Gaygnard, 80. 
Hcrbageux. Cotgrave. 
H erben X. Belleau, Du Bellay. Kou- 

sard. Tyard. — 1573. C. Plantin, 

cb. -- Cotgrave. 
Hergneux. Ronsard. — 1.584. 

G. Meurier. - Cotgrave. 
Hernie ux. 1573. C. Plantin, Hoc. 
Heureux. Belleau. — Cotgrave. 
Hideux. 15S4. G. Meurier. 1.5<S5. 

— Le Gaygnard, 80. — Cotgrave. 
Hileux. Cotgrave. — Hobineus. 

1571. La Porte, 2G5b. — Cotgrave. 
Honteux. Cotgrave. 
Horlogeus. 1571. La Porte. 43b. 
Houssineus. 1571. La Porte, 30b, 

275. — Cotgrave. 
Huileux. Baif. — 1599. Horukens. 

1573. < . Plantin, k3b. Cotgrave. 
Iluilleus. 1571. La Porte, 99. 
Huitreux. Belleau. 
Humeux. Cotgrave. 
Hutineus. 1.571. La Porto, 178. — 

1584. G. Meurier. — Cotgrave. 
lluyleux. 1.5G3. G. Meurier, H8c. 
Huytreux. Belleau. 
Hyverneux. 1583. Virgile, trad. 

Le Chevalier, 153. 1584. Horace. 

trad. L. De La Porte, 121. 13L 
lambeus. 1571. La Porte, 111. 
Jardineus. Godefroy. X, 39. 
Ichoteux. < otgrave. 
lesineux. 1584. Horace, trad. L. 

De La Porte, 15G. 
leuneus. 1571. La Porte, 47. 
Ignominieus. 1571. La Porte, :!1, 

79. — Cotgrave. 
Illaborious. La Noue, 398a. 
lllecebreux. 1584. G. Meurier. 
rilumineus. La Noue, 392b. 
Imagineux. 158."). Le Gaygnard, 

238. 
I m b e 1 1 i q u e u X. 1584. Horace, trad. 

L. De La Porte, 129. 
Immelodieus. La Noue, 397 c. 



1 m m i s e r i c r d i e u X. 1 573. C. Plantin 

X 2 a. — 1584. G. Meurier. - Cot- 
grave. — La Noue, 397 c. 
Immysterieus. La Noue 39Sa. 
Imparesseux. 1584. Horace, trad. 

L. De La Porte, 125. 
Impecunieus. La Noue, 398a. 
Imperieus. 1571. La Porte, 86. 

— 1584. Horace. 62. — Cotgrave. 
Iraper nicieus. La Noue, 397b. 
Impetueux. Du Bellay. -- Cot- 
grave. 
Impeureux. 1584. Horace, trad. 

L. De La Porte, 126. 
Irapieteux. — Impieus. 1584. 

Horace, 52. — La Noue, 397 a. 
Impigreux. 1584. Horace, 117. 
Imputeux. M. Sceve. — Baif. Du 

Bellay. Jodelle. Ronsard. Tyard. — 

Cotgrave. 
Inambitieus. La Noue, 397b. 
Incestueus. 1571. La Porte, 14, 

141b. — 1584. Horace, 66. — 158-5. 

Le Gaj^gnard, 108. — Cotgrave. 
Inconsciencieus. La Noue, 397b. 
Incurieux. Tyard. — 1584. G. 

Meurier — La Noue, 398 a. 
Indelicicus. La Noue, 397b. 
Indeus. La Noue, 391a. 
Indevocieus. La Noue, 397b. 
Inducieus. 1571. La Porte, 266b. 
Indulgentieus. 1-571. Ln Porte, 

192 b, 250 b. — Cotgrave. 
Industrieux. Belleau. Bonsard. 

Tyard. — Cotgrave. 
Infructueux. Ronsard — 1573 

C. Plantin, X 4 a. — Cotgrave. 
Ingenieux. Du Bellay. - Cotgrave. 
Ingenueux. 1584. Horace, trad. 

L. De La Porte, 93. 
Inglorieux. Cotgrave. — La Noue, 

;;9S a. 
Inharmonieus. La Noue, 397 c. 
Injurieux. Du Bellay. Jodelle, — 

Cotgrave. — Inobsequicus. 1571. 

La Porte, 79 b. 
Inofficieux. Cotgrave. — La Noue, 

397 b. 
Insidieux. 1584. G. Meurier. — 

Cotgrave. 
liisoucieus. La Noue, 397 c. 
Instrumenteus. 1571. La Porto. 

178 b. 
In Studien s. La Noue, 397 c. 
Intestineus. 1571. La Porte, 116b. 
Invcctiveux. 1585. Le Gaygnard, 

412. 



L\S-1 



lliU 



Ines ) CK/illHC/. 



Joncheus. 1571. La Porle, IUI. 
Joiicseux. I'ü3. C. Plantin, A' Ic. 
Joüeus. 1Ö71. La Porte, 138. -20711. 
.lousteux. ('ot.nrave. 
.loyoux. Bai't'. — Cotgrave. 
Jrcnx. BaJf. Ronsard Tyard. — 

Cotgravo. 
Irroligieux. (otgravc. — LaNoup, 

397 c. 
Irruspectiieux. Cotgravo (cite par 

Godefroy. X, 33). 
Isloux. Eousard. — Cotgrave. 
Jubeus. La Noue, 390b. 
Juliilcux. 1Ö84. G. Meurier. 
Judicieux. Montaigne, dans Gode- 
froy. X, 52. — Cotgravo. 
Jiiteux. Godefroy. X, 57. 
L a 1) r i e u X. Pton.sard. — Cotgravo. 
Laboureux. 1563. G. Meurier, B 2b. 
Labourieux. 1584. G. Meiirier. 
Labyriutheux. Cotgrave. 
Lachrymeulx. 15 . . . Helisenne 

de Crenne, AA.\ 3. 
Laicteux. Belleau. 
Laictiieiis. 1571. La Porte, 237. 
Laidangeux. Cotgrave. — Lai- 

d.engeiis. 1571. La Porte, 188 
Lainetix. Pionsard. — Du Bartas 

ed. 1585, 53(j. — Cotgrave. 
Lamanteus. Baif. — Lampeus. 

1571. La Porte, 152 b. — Cotgrave. 
Langoureux. Baif. Belleau. 

Jodelle. Ronsard. — Cotgrave. 
Lanterneus. 1571. La Porte, 

98 b. 
Lanugineux. Godefroy. X, (i3. — 

Cotgrave. 
Lauuleux. Cotgrave. 
Larcineus. 1571. La Porte. 42b. 
Larmeux. Ronsard. 1584. Horace. 

trad. L. De La Porte, 22. — Cotgrave. 
Larmoieux. 1584. Horace, trad. 

L. De La Porte, 27. 
Larraoyeixx. Cotgrave. 
Larrecineus. 1571. La Porte, 

42 b. — Cotgrave. 
Larrouneux. Cotgrave. 
Lascivieux. 1584. G. Meurier. 
Latrineus. 1571. La Porte, 93, 

229 b. — Cotgrave. 
Layneux. 1584. Le Gaygnard, 238. 
Legumineux. Cotgrave. 
Lendeux. Cotgrave. 
Lendincux. 1583' G. Meurier. 

H7b. 
Lenteus. 1571. La Porte, 215. — 

Cotgrave. 



Lcntillous. 1573. C. Plantiu. 8c. 
- 1584. G. Meurier. — 1585. Le 

Gaygnard, 182. — Cotgrave. 
Lepreus. Lepreux. 1584. 

G. Meurier. — 15.S5. Le Gavgnard, 
108, 280. — Cotgrave. 
Lexiveus. 1571. La Porte, 55, 

74. — Cotgrave. 
Lexivieux. Cotgrave. 
Libidineus. 1571. La Porte, 124, 

189. — 1585. Le Gavgnard. 

238. — Cotgrave. 
Licentious. 1571. La Porte, 1. — 

1584. G. Meurier. 
Li cite US. 1571. La Porte. 871). 
Lienterieux. Cotgrave. 
Lieux. 1573. C. Plantin. T 2a. — 

Cotgrave. 
Ligamenteux. Cotgrave. 
L ! g n e u x. Cotgrave . 
Limaccux. Cotgrave. 
Lirabeus. La Noue, 390 b. 
Limeus. 1571. La Porte, 138. 
Limite US. 1571. La Porte, 391), 

138. 
Limonneux. 1542. ( anappe. 

(Juidon. 82. — Belleau. Ronsard. 

Tyard. — Cotgrave. 
Linceux. 1585. I>e Gaygnard, 47. 
Lineus. 1571. La Porte, 245. 
Lionneus. 1571. La Porte, 

235 b. — Cotgrave. 
Lisierous. 1571. La Porte, 39b. — 

Cotgrave. 
Litieux. 1.585. Le Gaygnard, 107. 
Litigieux. 1571. La Porte, 3, 

32, 219. -- Cotgrave. 
Lizieux. Cotgrave. 
Loquetcus. 1571. La Porte, 34, 

126. — 1599. Hornkens. — Cot- 
grave. 
Louangeux. 1584. Horace, trad. 

L. De La Porte, 158. 
Loupeus. 1571. La Porte, 209. — 

Cotgrave. 
Luctueus. 1571. La Porte, 79, 

85. — 1584. Horace, trad. L De 

La Porte, 73. 
Lue US. 1571. La Porte, 145, 

167 b. -— Cotgrave. 
Lumineux. Belleau. — 1573. 

C. Plautin, d 4a. — Cotgrave. 
Lustreux. Cotgrave. 
Lustrueux. Cotgrave. 
L Ute US. 1571. La Porte, 259. 
liuxurieus. 1558 Guevara. Epistres 

dorecs, trad. Guterry. I, 49. — 1565 



Le^ vocahlcs cn -eus. -euv. 



285 



Calepinus, 137. — 1571. La Porte, 

.'). — 1585. Le Gaygnard, JOS. 

Cotgrave. 
Maculeus. 1571. La Porte, 255. — 

1573. C. PJantin, blb. 
Magesteux. Baif. 
Majesteux. Gotgravo. 
Malencontreux. Baif. Judelle. — 

1578. Ronsard. I, 137. — Cotgrave. 
Malengineus. 1571. La Porte, 

107 b. — Cotgrave. 
Malgratieus. 1571. La Porte, 

138 b, 277 b. — 1^84. G. Meurier. 
Malheiireus. 1571. La Porte, 

251. — 1585. Le Gaygnard, 

312. — Cotgrave. 
Malicieux. 1584. G. Meurier. — 

1573. C. Plantin. sc- 1585. Le 

Gaygnard, 107. — Cotgrave. 
.M a li t i e u X. Du Bellay."— Malle- 

teus. 1571. La Porte, 191 li. 
Malpiteux. Baif. 
-Mal- soigneux. 1573. C Phuitin, 

Bb4b. — 1584. G. Meurier. 
Mamelleus. 1571. La Porte, 143. 
Mammeleus. 1571. La Porte, 

52 b. — Cotgrave. 
Mammeux. 1570. G. Hervet. Cite 

de Dien. I, 123a, E. 
Manneus. 1571. La Porte, UM.— 

Cotgrave. 
Maquerelleus. 1571. La Poi-to, 

26 b. — Cotgrave. 
Marbreux. Cotgrave. 
Marescageus. 1571. LaPorte. 3b.— 

1585, Le Gaygnard, 131. — 

Cotgrave. 
Marmiteux.Bai'f. - ].5S4.G.]Mcurier 

— Cotgrave. 

Marneux. Cotgrave. — Mas- 
sacre ux. 1585. J;e Gaygnard, QG. 

Mas SU eus. 1571. La Porte, 40. 

Matelineux. Ronsard. — Mathe- 
line ux. Cotgrave. 

^[atineus. 1571. La Porte. 23 b, 
52 b, 245 b. — 1.585. Le Gaygnard, 
238. — Cotgrave. 

Maucoeur eux. Cotgrave. 

Maugracieux, — 1584. G. Meurier. 

— löLty. Hornkens. 
Maugratieus. 1585. Le Gavgnard 

108. -- Cotgrave. 
Maupiteux. ßa'if — 15li9. Hornkeus 

— Cotgrave. 
Mausoigneus. 1."j84. G. Meurier. 

1585. Le Gaygnard. 140. — Cotgrave. 
Medio am enteus. Cotgrave. 



Medieux. 1584. G. Meurier. 

M e d u 1 e u X. 15. Helisenne de Crenne, 
EE 2 b. — Mednlleux. Cot- 
grave. 

M e l a n c 1 i e u s. Baif. - M e 1 o d i o u x. 
Du Bellay. Ronsard. — Cotgrave. 

Membran eux. Cotgrave. 

Memoireux. Cotgrave. 

Menaceux. Cotgrave. — Monda- 
cieux. 15G3. G. Meurier, G 7a. 

Mendeux. Cotgrave. 

Menstrueux. Du Bellay. 

Menteux. Cotgrave. 

Merdeus. 1571. La Porte, 229 b. 

— Cotgrave. 
Merveilleux. 1584. G. Meurier. — 

Cotgrave. 
Me seil eux. Cotgrave. 
Meselleus. 1571. La Porte, 14;i. 

— Cotgrave. 
Meticuleu.x. 1584. G. Meurier. 
Miauleux. Ronsard. — Cotgrave. 
Mielleux. Jodelle. Ronsard. Tyard. 

— Cotgrave. 
Miesureux. Cotgrave. 
Mieuix. Cotgrave. 

Mieux. 1584. G. Meurier. — 1585. 

Le Gaygnard, 156. — Cotgrave. 
M i n e u x. Cotgrave. 
Miraculeux. 1584. G. Meurier. — 

1585. Le Gaygnard, 182. — Cotgrave. 
Mirteus. 1582. Du 3Ionin, 276. 
Misericordieus. 1571. La Porte, 

276, 82. — Cotgrave. 
Misericordieux. 1585.Le Gaygnard 

107. 
M e 1 1 e u s. 1 57 1 . La Porte, 23 b. — 

Cotgrave. 
Moienneus. 1571. La Porte. 70 b 
Moileux. Cotgrave. 
Moilleus. 1571. La Porte, 186 b,. 

254. 
Moillonneus. 1571. La Porte, 471), 

205 b. 
Moissonneux. Du Bartas, ed. 1585, 

3.^5. 
Moiteux. Baif. Belleau. Ronsard. 

— 1584. Horaco, trad. L. De La 
Porte, 34, 145. 

Monstreux. Baif. 

Monstrueux. Belleau. Ronsard. 

— Cotgrave. 
Montagneux. Baif. 
.Montaigneus. 1563, G. Meurier, 

B 5 d. — 1571. La Porte, 11. — 
1573. C. Plantin, E 4 d. — 1584. 
G. Meurier. — Cotgrave. 



2S(; 



//uaues Varianay. 



Montueus. 1h1. La Porte. G b, 44. 

— 1585. Lo üaygnard, 108. — 
Cotgrave. 

Morgueus. l.')71. La Porto, 280. 

— Cotgrave. 

Morveux. Baif. — 1573. C. Plantin, 

sc. — Cotgrave. 
INlotteus. l.')71. La Porte, 116 b. 

— Cotgrave. 

Mouche US. 1585. Le Gavgnard, 

5G, 108. 
Mousseux. Baif. — Cotgrave. 
Moycux. 1584. G. Meurier. — 1585. 

Lo Gaygnard, 15G. 
Moyteux. Du Bellay. 
Mucagincux. Cotgrave. 
Mucqueux^ Cotgrave. — Murail- 

leus. 1571. La Porte, 147 b, 

194. 
Murmureux. 1584. Horace, trad. 

L De La Porte, GS. 
Muscagineux. Cotgrave. 
Muscillagineux. 1542. Canappe. 

Guidon, 75 b. 
Musculeus. 1.J71. La Porte. 211. 

— Cotgrave. 

Muscleux. Tyard. - 1584. 

G. Meurier. 
Museleus. 1571. La Porte, 148 b. 

— Cotgrave. 
Musqneux, Cotgrave. 
Myrteux. Ronsard. 
Mysterieux. 1584. G. Meurier. — 

Cotgrave. 
Nacnieux. 1584. Horace, trad. L. 

De La Porte, 41. 
N a p 1 e u X. Cotgrave. 
Naucheux. Cotgrave. 
Naufrageux. Ronsard. 1584. 

Horace, trad. L. De La Porte 

145. — Cotgrave. 
Nebuleus. \')1\. La Porte, 28 b, 

91. — 1584. Le Gaygnard, 182. 

Cotgrave. 
Necessiteux. 1584. G. Meurier. 

1585. Du Bartas, 11. — 1585. Le 

Gaygnard, 3G2. ~ Cotgrave. 
Nectareux. Ronsard. 
Negeus. 1582. Du Monin, 182. 
Negocieus. l.")71. La Porte, ;;i, 

bi b, 142 b. - Cotgrave. 
Negotieus, 1571. La Porte, 97, 

2i5b. 
Neigeux. Ronsard. 1584, Horace 

trad, L. De La Porte, 91. — 

Cotgrave. 
Neprunieux. 1571. La l'orte, 71. 



Nerveus. 1571. La Porte, 10 b 
.■)5, 105. — 1584. Horace, trad. L. 
De La Porto, 146. Cotgrave. 

Nidorcux. Cotgrave. 

Nileux. 157G. P. de Brach, Po- 
emes. 81. 

Nitreux. l.>42, Canappe. Gindon, 

75 b. - 1571. La Porte, 214. 
Cotgrave. 

Nodeux. Cotgrave. 

Noiseus. 1571. La Porte, 41 \>. 

76 b. — Cotgrave. 

Noisi Ileus. 1561. La Porte, 69 b. 
Noizeux. 1585. Le Gaygnard, 109. 
Nombreux. Ba'if. Ronsard. 

Cotgrave. 
Non larmoieux. 1584. Horace, 

trad. L. De La Porto, .54. 
N u a g e u X. Cotgrave. 
Nouailleux. Baif. Belleau, Dn 

Bellay. Ronsard. Cotgrave. 
Noualleux. Du Bellay. 
Noueus. 1571. La Porte. 2G8 b, 

275. — 1573. C. Plantin, bd. 

1585. Le Gaygnard, 108. — Cot- 
grave. 
Nouuilleux. 1584. G. Meurier. 
^iuageus. 1571. La Porte, 9 b, 170, 

218 b. - l.)85. Le Gaygnard, 131.' 

— Cotgrave. 

Nubileux. Du Bellay, Dorat, - 

Cotgrave. 
Nueux, Belleau, Ronsard, Tyard. 

Cotgrave. 
Nuicteux. 1584, Horace, trad. L. 

De La Porte 13G. Cotgrave. Du 

Bartas, ed. 1585, 397, 
Nuiteux, Belleau, — 1576, P. de 

Brach. Poemes, IGO b. 
Nultteux. Belleau. 
Numereux, Du Bellay, Cotgrave. 
Nympheus, 1571. La Porte, 100, 

— Cotgrave, 

Oblivieux. Du Bellay. Jodelle 
Ronsard. - Cotgrave. 

Obsequieus. 1571. La Porte. 76 b, 
103, 127 b, 139. — Cotgrave. 

Ocieux. Baif. Du Bellay. Jodelle. 
Ronsard. Tyard. — Cotgrave 

Odieux. 1573. C. Plantin, V 4 a. 
1585. Le Gaygnard, 107. — Cot- 
grave. 

Odoreux. Baif. Belleau. Ronsard. 

— 1584. G. IMeurier. 
Odoureux. Baif. Belleau. 
Oedemateux. Cotgrave. 
Offeux. Cotgrave. 



Lcs vocables en -ens. -eit.r. 



287 



Officieus. 1571. La Porte, 33 b, 

35, 97. — 1578. Ronsard. I, 52S. 

— Cotgrave. 
Oieus. 1571. La Porte, 676. 
Oiseux. Ronsard. — 1584. Horace, 

trad. L. de La Porte, 87. — 

Cotgrave. 
Oleagineux. Cotgrave. 
Oleeux. Cotgrave. 
Ombrageux. Baif. Ronsard. 

Tyard. — Cotgrave. 
Ombreux. Baif. Belleau. Jodelle. 

Ronsard. Tyard. — Cotgrave. 
O m i n e u X. 1 584. G. Meurier. 
Onctueiis. 1571. La Porte, 162, 

275 b. — Cotgrave. 
Ondeux. Baiif. Ronsard' — La 

Noue, 390 c. 
Unereus. 1571. La Porte, 26 b. — 

Cotgrave. 
Onguenteux. 1573. C.Plantin,x 2c. 
Oper eil X. 1584. G. Meurier. — 

1584. Horace, trad. L. De La 

Porte, 64, 106. 
Oraculeus. 1571. La Porte, 23. 

65 b, 164 b. — Cotgrave. 
Orageux. Jodelle. — Cotgrave. 
Orfebureus. 1571. La Porte, 

160. — Orfevreux. Cotgrave. 
Orgieux. Ronsard. — 1582. I. E. 

DuMoniu. Nouvelles ffiuvres, 116. 
Orgueilleiix. Baif. Belleau. — 

Cotgrave. — Orguilleux. Tyard. 
Orphevreus. 1571. La Porte, 861). 
Osercux. Cotgrave. — Osiereux. 

1571. La Porte, 44, 67 b, 191. — 

<'otgrave. 
Otieux. Ronsard. 
Oablieus. 1571. La Porte, 147, 

197. — 1585. Le Gaygnard, 107. — 

Cotgrave. 
Oultrageux. Ronsard. — Cotgrave. 
Oultrepreux. 1584. G. Meurier. — 

1584. Horace. trad. L. De La 

Porte, 113. — Cotgrave. 
Ou tragen X. Baif. Belleau. Dorat. 
Outraigeux. Belleau. 
Oyseux. Belleau. 
Ozereus. 1571. La Porte, 4-1. — 

Cotgrave. 
Pactieus. 1571. La Porte, 3. - 

Cotgrave. 
Pailleus. 1571. La Porte, 28, 

94 b, 101 b, 214 b. — 1573. 

C. Plantin, a b. — Cotgrave. 
Paineus. 1571. La Porte, 251. 

Cotgrave. 



l'aludeux. Cotgrave. 
Pampineus. 1571. La Porte. 239. 
Pampreux. Baif. Belleau. 
Paneus. 1571. La Porte, 251. 
Pantoufleus. 1571. La Porte, 

148 b. 
Paoureus. 15(1. La Porte. 8b, 

35 b, 86. 
Papilloteus. 1571. La Porte, 

160. — Cotgrave. 
Parangonneus. 1571. La Porte, 

97 b. — Cotgrave. 
Paresseux. Baif. Belleau. — 

Cotgrave. 
Parfumeus. 1571. La Porte, 13, 

113, 182. - Cotgrave. 
Parlementeus. 1571. La Porte. 

140 b. 
Passementeus. La Porte, 271 b. 

Pasteus. 1571. La Porle, 112, 

147 b, - 1573. Plantin, L. -- 

Cotgrave. 
P asture US. 1571. La Porte, 35 b. 
Patelineus. 1571. La Porte, 192. 
Paureux. Du Bellay. 
Pecunieux. 1571. La Porte, 31, 

87. — 1585. Le Gaygnard, 107. ~ 

( otgrave. 
Pedieux. Cotgrave. 
Pelicieux. Cotgrave. 
Pellicieus. 1571. La Porte, IDl. 
Pelliculeux. Cotgrave. 
Peneus. 1571. La Porte, 219. — 

1.385. Le Gaygnard, 238. — 

Cotgrave. 
Penitencieux. Cotgrave. — Peni- 

tentieux. 1571. La Porte, 

227 b, 228. 
Pepineux. Ronsard. 
Percepceux. Cotgrave. 
Perclieus. 1571. La Porte, 266b. 

Cotgrave. 
Peregrineus. 1571. La Porte, 

95 b. — 1585. Le Gaygnard, 

238. — Cotgrave. 
Perilleux. Baif. Cotgrave. 
Perleux. Belleau. Ronsard. 
Pernicieux. 1584. G. Meurier. 

1585. Le Gaygnard, 107. — 

Cotgrave. 
Posch eux. Cotgrave. 
Pesteux. Ronsard. — Du Bartas, 

ed. 1585, 368 — Cotgrave. 
Pestilentieus. 1571. La Porte. 

66, 95. — l.')73. C. Plantin, r 4d. 

1585. Lc Gaygnard, 108. — 

Cotgrave. 



->88 



J/iufues I 'aganai/. 



Petilleus. l.')71. La Porto, lli'. 
Petreux. Cotgrave. 
Peupleux. Jiaif. Ronsard. 
Peuroux. Ronsard. 
Phlegmoncux. Cotgrave. 
Pianeleiis. 1.371. La Porte. 

148b. — Pianelleux. Cotgrave. 
Pierreux. Baif. Belleau. Du 

Jlellay. Ronsard. -~ Cotgrave, 
Pieteux. Baif. Du Bellay. Ronsard. 
Pietonneux. Cotgrave. 
Pieux, Cotgrave. 
Pineux. Ronsard. — Cotgrave- 
Pinneus. 157 L La Porte, '212, 

•229. - Cotgrave. 
Piuseteus. 1571. La Porte, 182. 
Pipeux. Jodelle. — Cotgrave. 
Pirouette US. 1571. La Porte, 

171 b, 23G, 265. — Cotgrave. 
Pisseus. 1.571. La Porte, 64 b, 

15'J. — Cotgrave. 
Piteux. Belleau. Du Bellay. 

Ronsard. — Cotgrave. 
Pituiteux. 1571. La, Porte, 71, 

96, 204. Cotgrave. 
Pivoteus. 1571. La Porte, 115. 
Plaideus. 1.371. La Porte, 2111 b. 

220 b. - Cotgrave. 
Plancheus. 1571. La Porte, 248 b, 
Planteureux. Du Bellay. 
Plantureux. Baif. Du Bellay. 

Jodelle. Ronsard. — Cotgrave. 
Plastreus. 1.571. La Porte, 117, 

160 b, 172 b. 
Pleureux. Baif. Ronsard. — 

Cotgrave. 
Pleuvieus. 1585. Le Gaygnard, 108. 

Plombeux. Baif. — 1573. Plantin, 

e. ~ 1584. G. Meurier. — 159',i. 

Hornkens. 
Ploureux. Ronsard. 
Pluieux. 1.576. P. De Brach. 

Poeme?, 8. 
Plumeus. Belleau. Ronsard. 

Tyard. — 1573. Plantin, s 2 c. - 

Cotgrave. 
Pluvieux. Du Bellay. Ronsard. 

Tyard. - Cotgrave. 
Pluyeux. Ronsard. 
Podagreux. 1566. 1584. G. Meurier. 

— Cotgrave. 
Poeneux. 1.584. Ilorace, trad. L. 

De La Porte, 106. 
Poictreux. Cotgrave. 
Poictrineux, Cotgrave. 
Poinronneux. Cotgrave. Poin- 

sonneu.s. 1571. La Porte, Ob. 



Poisonueux. 1584. G. Meurier. 

Du Bartas, ed. 1585, 35.5. Cotgrave. 
Poisseux. Ronsard. — Cotgrave. 
Poissonneux. Belleau. Ronsard. 

Cotgrave. 
Poitrineus. 1571. La Porte, GS. 
Poizonneux. 1585. Le Gavgnard 

238. 
Polypeux. 1.584. G. Meurier. — 

Cotgrave. 
Ponieus. — 158."l. I. de La Jesseo, 

.551. 
Pommeux. Ronsard, Cotgrave. 
Pompeux. Jodelle. Ronsard. — 

Cotgrave. 
Ponceux. 1563. G. Meuriei', I 8 b. 
Pondereus. 1571. La Porte, '.»8 b. 

— Cotgrave. 

Ponneus. 1571, La Porte, 214 b, 
Pontueus. 1.571. La Porte, .56, 203 

b. — Cotgrave. 
Populeux. Du Bellay. —Cotgrave. 
Porcieus. 1582. Du Monin, 1.57. 
Poreux. Cotgrave. — La Noue. 

393. 
Porreux. Cotgrave. 
Portenteux. Cotgrave. 
Portestrieux. Cotgrave. 
Portueus, 1571. La Porte, 3b, 123. 

— Cotgrave. 

Posteus. 1.571. La Porte, 26b, 70. 
165. — Cotgrave, 

Postilleux. Cotgrave. 

Postuleux. Cotgrave. 

Potieus 1571, La Porte, 277 b. — 
1.584. G. Meurier. — Cotgrave. 

Poudreux. Baif. Belleau. Du Bel- 
lay. Jodelle. Ronsard. 

Pouilleux. Baif. — 1.584. G. Meu- 
rier. — Cotgrave. 

Pouldreux. Du Bellay. 1584. G. 
Meurier. — 1573. C. Plantin, s 2 a. 

Poulpeux. 1.584. G. Meurier. — 
Cotgrave. 

Poureux. Baif. Ronsard. — 1584. 
G. Meurier, 

Pourpreux. 1584. Horace. trad. L. 
De la Porte, 119. 

Poutieux. Cotgrave. 

Precieux. Du Bellay. Ronsard. — 
Cotgrave. 

Precipiteus. 1571. La Porte, 2b, 
15 b, 105 b, 115, ITO — Cotgrave. 

Prefacieus. 1571, La Porte, 220, 

Presagieux. Ronsard. — 1584. 
G. Meurier. Cotgrave. 

Prescheus. 1571. La Porte, S6b. 



Les vocahles en -eiis, -eiix. 



289 



Presomptueux. löS-l. G. Meurier. 

— Cotgrave. 

Presteus. 1571. La Porte, 71 b. 

— Cotgrave. 
Presumptueux. Du Bellay. — 

1.565. Calepinus, 101. 
Presureus. 1571. La Porte, 110b. 
Pretieux. 1584. G. ^ileurier. — 

Cotgrave. 
Preiix. Ronsard. 1584. G. Meurier. 

— Cotgrave. 

Prezagienx. 1585. Le Gaygnard 

107. " 

Prezomptueus. 1.585. Le Gaygnard, 

108. — Processeux. Cotgrave. 
Prodigieux. 1584. G. Meurier. — 

1585. Le Gaygnard, 107. — Cot- 
grave. 

Pi'overbeus. La Noue, ol>0c. 

Provisionneux. 1571. La Porte 
111b. 

Pruineus. 15(1. La Porte, 112b. 

— 1573. C. Plantin, v 2 b. 
Pruneus. 1.571. La Porte, 178. 
Psalmodieus. 1571. LaPorte, 52b. 
Pulceux. Cotgrave. 
Pustuleus. 1571. La Porte, 7, 87, 

142, 2fi9. — 1585. Le Gaygnard, 

182. — Cotgrave. 
Putredineux. Cotgrave. 
Querelleux. Belleau. 1573. C. 

Plantin, b 4 a. — 1584. G. Meurier. 

— Cotgrave. 
Questionneux. 1584. G. Meurier. 
<i^uestueux. 1571. La Porte, 221. 

1585. Le Gaygnard, lOs 

Queus. Cotgrave. 

(j>ueux. Cotgrave. 

Quiutessencieux. Ronsard. — 
Cotgrave. 

(^»uinteus. 1571. La Porte, 52 b, 
99 b. - Cotgrave. 

Rabe US. La Noue, 390 b. 

Kaboteux. Belieau. -- 15G5. Cale- 
pinus, 10(5. — Cotgrave. 

Rabouteux. ]5('i5. Calepinus, 157. 

Racineux. Ba'if. Cotgrave. 

Racleus. 1571. La Porte, 42b. — 
1584. G. Meurier. — 1599. Horn- 
kens. 

Radieux. Du Bellay. Jodelle. Ron- 
sard. Tyard. — Cotgrave. 

Radoteux. Baif. 

Rageus. 1571. La Porte, 1 b, 19 (ib. 
— i 1599. Hornkens. Cotgrave. 

Rai leus. 1571. La Porte, 197. 

Raioinneus. 157 L La Porte, 248. 

Ztschr. f. frz. Spr. u. Lilt. XXXlIi. 



Raisneus. 15 <1. La Porte, 50b, 
75, 190, 267 b. — Cotgrave. 

Raizineus. La Koue, 392c. 

Ramageus. 1571. La Porte, 182. 

Rameux. Ronsard. - Cotgrave. — 
Godefroy. X, 479. 

Ramonneus. 1571. La Porte, 30 b. 

R'angoisseus. La Noue, 395a. 
Rapeux. Belleau. 
Raphileux. Cotgrave. 
R a p i n e u s. 1 57 1 . La Porte, 79 b, 99 b. 

-- 15S4. Horace, trad. L. De La 

Porte, 151. — 1.585. Le Gaj^gnard, 

238. — Cotgrave. 
Raquetous. 1571. La Porte, 174b. 
R a s p e u X . C otgrave. 
Ratisseus. 1.571. La Porte, 42b. 
Ravageux. Ronsard. — 1585. Du 

Bartas, 251. 
Ravineux. Cotgrave. — Rayon- 

neux. Jodelle. — Cotgrave. 
Rebaveus. La Noue, 395c. — Re- 

belli queus. La Noue, 393b. 
R e b u r g e n n e u s. La Noue, 392 c. 
Rebuissonneus. La Noue, 392c. 
Recaneus. 1571. La Porte, 24. 
Recaterreus. La Noue, 394b. 
Rec autele US. La Noue, 391b. 
Recendreus. La Noue, 394c. 
Rech al eure US. La Noue, 394 a. 
Rechancreus. La Noue. 394c. 
Recharmeus. La Noue, 392b. 
RecbatouilJeux. La Noue, 392a. 
Rechigneux. Ptonsard. 
Rechineux. Jodelle. 
Recolereus. La Noue, 393c. 
Reco li queus. La Noue, 393b. 
Reconvoiteus. La Noue, .395 b. 
Recrasseus. La Noue, 395 a. 
Rededaigneus. La Noue, 393a. 
Redefectueus. La Noue 39(3 a. 
Red ez Ire US. La Noue. 393 c. 
Redizeteus. La Noue, 395a. 
Redoucereus. La Noue, 393c. 
Redouloureus. La Noue, 394a. 
Redouteus. La Noue, 395c. 
Refarcineus. La Noue, 392b. 
Refarineus. La Noue, 392b. 
Refascheus. La Noue, 391b. 
Refievreus. La Noue, 394c. 
Refluctueus. La Noue, 39(ia. 
Refrauduleus. La Noue, 391c. 
Refrilleus La Noue, 39 Ic. 
Relroidureus. La Noue, 394a. 
Ref ructueus. La Noue, 396a. 
Refumcus. La Noue, 392a. 
Refugieux. Cotgrave. 

19 



l>90 



Iliigues Vayanay. 



Kegermcus. La Nouc, o92 b. 
Kegistreus. I.'jTI. La Porte, 137 b, 

101 b. 
Regommeus. La Noue, 392a. 
Regoufreus. La Noue, 31)4 c. 
Regüuteus. La Noue, 39'> c. 
Regr^teleus. La Noue, 391 1). 
Regrav'elc'us. La Noue, 391c. 
Rehaineus. La Noue. 392 c. 
Rehargneus. La Noue, 393b. 
Rehazarileus. La Noue, 391. 
Reineus. 1571. La Porte, S7, 232, 

— Cotgrave. 

Religieus. 1571. La Porte. 1 b. 
- 1585. Le Gavgnard, 107. — 

("otgrave. 
Remiraculeus. La Noue, 591 c. 
Remoiteus. La Noue, 39,') b. 
Remoustrueus. La Noue, 396 a. 
Remorveus. La Noue, 395 c. 
Renaufrageus. 1571. La Porte, 

391 a. 
Renebuleus. La Noue, 391c. 
Rencontreus. l.")71. La Porte, 

32 b, 126 b, 2Glb. - l.-)8.). Le 

Gavgnard, 109. 
R'ennuyeus. La Noue, 396 b. 
Renoizeus. La Noue, 39() c. 
Re noue US. La Noue, 396 b. 
Rente ux. Cotgrave. 
Repeineus. La Noue, 392c. 
Repesncus. La Noue, 392 c. 
Repesteus. La Noue, 395b. 
Repeureus. La Noue, 394a. 
Replantureus. La Noue, 394 b. 
Repoissorineus. La Noue, 393 a. 
Repompeus. La Noue, 393b. 
Repoudreus. La Noue, 394 c. 
Repouilleus. La Noue. 392 a. 
Represomptueus. La Noue, 396 a. 
Requerelleus. La Noue, 391 c. 
Requinteus. La Noue, .395 b. 
Resablouneus. La Noue, 393. 
Resavoureus. La Noue, 394b. 
R'oscumeus. La Noue, 392a. 
llesineus. 1571. La Porte, 20b. 

207. 212. -^ 1585. Du Bartas. 284. 

— Cotgrave. 
Resoigneus. La Noue, 393. 
Resombreus. La Noue, 394 c. 
Resomm ei Ileus. La Noue, 391 c. 
Re sonor eus. La Noue, 393 c. 
Resoufreteus. La Noue, 395 a. 
Resoufreus. La Noue, 394c. 
Resoupronneux. La Noue, 392 c. 
Resourcilieus. La Nouo, 391 c. 



Respectueus. R'espineus. La 

Noue, 392 b. 
R'espongeus. La Noue, 391b. 
Resveux. Ronsard 
Reteigneus. La Noue, 393a. 
Retempestueus. LaNoue,395c. 
Rctortueus. La Noue, 396a. 

Retourhillonneus. La Noue, 

392 c. 
Retumultueus. La Noue, 395 c. 
Revapouveus. La Noue, 393 c. 
Reveleus. 1571. La Porte, 1 b, 139. 

l.")84. G. Meurier. - Cotgrave. 
Reveneneus. La Noue, 392b. 
Reventeus. La Noue, 395 b. 
Revineus. La Noue, 392 c. 
Revisqueus. La Noue, 393 b. 
Revitupereus. La Noue, 393c. 

Rezineux. 1.585. Le Gavgnard, 238. 
Ricaneiix. Cotgrave. 
Ridiculeux. 1584. G. Meurier. 
Rieus. 1.571. La Porte, 30. 
Rigoreux. Du Bellay. — Cotgrave. 
Rigoureus. 1571. La Porte, 86. 
R'impetueus. La Noue, 396a. 
R'incestueus. La Noue, 396a. 
Risteux. Ronsard. — 1.384. 

G. Meurier. — 1.582. 1. E. Du 

Monin. Nouvelles (Euvres, 62. — 

Cotgrave. 
Ripeilleux. Cotgrave. 
Ripilleux. Cotgrave. 
River eux. Cotgrave. 
Riveux. 1585. Le Gavgnard, 212. 
Rocheus. 1.571. La Porte, 12, 92 b. 

•205 b, 220 b. 
Roigneux. Cotgrave. 
Rone eux. Baif. Ronsard. — 1.584. 

G. Meurier. — Cotgrave. 
Rongneux. Belleau. — 1.584. G. 

Meurier. — Cotgrave. 
Rosineus. 1571. La Porte. 25, 30b, 

1.50 b, 166 b, 196 b. - Cotgrave. 
Rossetteus. 1571. La Porte, 1591). 
Rouilleus. 1563. G. Meurier, G 3 

d. — 1573. C. Plantin, V 3 c. 
Roupieus. 1571. La Porte. 36 b, 

108 b. 130 b, 1.56, 277 b. — 1.585. 

Le Gaygnard, 107. — Cotgrave. 
R'outrageus. La Noue, 391. 
Rüg u eux. Cotgrave. 
Ruilleus. 1.571. La Porte. KiO b. 
Ruin eux. Ronsard. — 1.584. Horace, 

trad. L. De La Porte, 73. Cotgrave. 
Sablonneux. Du Bellay. Ronsard. 

" Cotgrave. 



Les vocables en -eus, -eux. 



291 



•Saccageus. 1Ö71. La Porte, 264. 

— Cotgrave. 

Saigneux. Baif. Jodelle, iionsard. 

— Cotgrave. 
Saliveux, Cotgrave. 
■Sallebreneux. Cotgrave. 
Salpestreux. Cotgrave. 
Salsa gineux. Cotgrave. 
Sangloteus. l.')71. La Porte, 72, 

227 1). 

Sanieux. Cotgrave. -- Sapineus. 
L')71. La Porte, 22: l. Cotgrave. 

Sarmenteus. 1.J7L La Porte, 50b. 
190. 195 b, 227 b, 278 b. — Cot- 
grave, 

Saupiqiieus. 1")71. La Porte, 27.'». 

— Cotgrave. 

Savonneux. l.')73. C. Plantin. z 2 d. 
Savoureux. Belleau. Du Bellay. 

— Cotgrave. 

Scabieux. Lj84. G. Meurier. — 

Cotgrave. 
Scabreux. Belleau. — 1.384. G. 

Meurier. — Cotgrave. 
Scameux. 1542. Canappe. Guidon, 

83 b. — Cotgrave. 
Scandaleux. Ronsard. — l.")84. 

G. Meurier. — Cotgrave. 
Scelereux. l.'>84. G. Meurier. 
Scionneus. 1571. La Porte, 30b. 

— Cotgrave. 

Scrupuleus. 1559. Guevare. Epis- 
tres dorees, trad, Guterry, 11, 77. 

— 1571. La Porte, (Ui. — 15.S5. 
Le Gaygnard, 1S2. 

Scyrrheux. Cotgrave. 
Secoueus. 1571. La Porte, 271b. 

273 b. 
Sedicieux. Belleau. 
Seditieux. Ronsard. - Cotgrave. 
Seigneurieus. La Noue, 398a. 
Serapi terneux. Cotgrave. 
Sententieus. 1571. La Porte, 4b, 

22L — Lj85. Le Gaygnard, 108. 

— Cotgrave. 

Sereus. 1571. La Porto, 276. -- 

Cotgrave. 
Sergeanten X. Cotgrave, 
Sergen teus. 15(1. La Porte, 41), 

'.)7 b, 275. 
Serieux. 1584. G. Meurier. 
Sermenteus. Cotgrave. 
Seveux- Baif. Cotgrave. 
S e y e u X. Cotgrave. 
Siffleus. 1571. La Porte, 182, 234. 
Sifleus. 1571. La Porte, i;)4b. 
Silentieux. Cotgrave. 



Siuueux. Du Bollay. Ronsard. — 

Cotgrave. 
Sionneux. 1571. La Porte, 209. 
Socieux. 1582. Du Monin, 134. 
Soigneux. Du Bellay. — Cotgrave. 
Soireux. Cotgrave. 
Soiveux. Baif. 
Solacieux. Baif. — Cotgrave. 
Solatieus. 1571. La Porte, 37b. 

52 b, 196 b. 
Soleilleux. 1584. Horace, trad. L. 

De La Porte, 12. 
Solertieus. 1571. La Porte, 65b. 
Soliciteux. Ronsard. — 15G3. G. 

Meurier. Dkt. Flamen- Francois^'Q Id. 

SoUiciteus. 1571. La Porte, 208b. 

Sombreus. La Noue, 394c. 

Sommeilleux. M. Sceve. — Baif. 
Belleau. Du Bellay. Ronsard. 
Cotgrave. 

Somptueux. Baif. Dorat. -- Cot- 
grave. 

Songe-creux. 1582. L E. Du 
Monin. Nouvelles (JCuvres, 168. 

Songeus. 1563. G. Meurier. Dici. 

j/amen-Frcmr:., M 8d. 
Songneux. Belleau. 
Sonneux. 1584. G. Meurier. 
Sonniculeux. 1584. G. Meurier. 
Sonoreux. Du Bellay. Ronsard. 

Cotgrave. 
Sorneteus. 1571. La Porte, 39b, 

133 b. 
Sornotteux. Cotgrave. 
Soubresaulteux. Cotgrave. 
Soubressauteus. 157L La Porte, 

32 b. 
So u che US. 1571. La Porte, 278. 

— Cotgrave. 
Soucieux. Du Bellay. — Cotgrave. 
Souffle teus. 1571. La Porte, 38. 

Cotgrave. 
Souffleux. Cotgrave. 
Souffreteus. 1571. La Porte, 71, 

188. — 1573. Plantin. M 2 c. — 

Cotgrave. 
Souffreux. Baif. — 1576. P, de 

Brach. Poemes, 74 b. 
S u f 1 e t e u s. 1571. La Porte, 273 b. 
Soufreteux. Baif. Ronsard. 
Soufreux. Baif La Noue, ;i94e. 
Souhaiteux. 15G3. G. Meurier, 07 b. 
Soulacieux. M. Sceve. — Baif. 
Soulcieux. 1584. G. Meurier. 

Cotgrave. 
Soulfreux. 1584. G. Meurier. 

1585. Du Bartas, 242. — Cotgrave. 
19* 



292 



Hugues Vaganay. 



Soul füre ux. 1584. G. Meurier. 
Cotgrave. 

Soupvouneux. Belloau. Cotgrave. 

Souplireus. 1582. Du Moiiin, 155. 

Sourceux. ßaif. 

Sourcilleiix. Bclleau. Du Bellay. 
•lodelle. Ronsard. Tyard. — Cot- 
grave. 

Souspeoouneux. 1584. G. Meurier. 

— Cotgrave. 

Souspireux. Muret, dan^ 1578. 
Ronsard, ffiuvres. I, 28. 

Soyeux. 1584. G. Meurier. — Cot- 
grave. 

Spacieux. Du Bellay. Jodelle. 
Ronsard. — Spasmeux. Cotgrave. 

Spatieux. Dorat. Jodelle. — Cot- 
grave. 

Specieux. 1.584. G. Meurier. — 
Cotgrave. — La Noue, 397 b, 

Spineux. Cotgrave. 

Spiriteux. Cotgrave. 

Spiritueux. 1542. Canappe Gui- 
don, 50. - Cotgrave. 

Spongeux. 1584. G. Meurier. 

Spongieus. 1571. La Porte, 14.".. 
206. — 1585. Le Gaygnard, 107. 

— Cotgrave. 

Spumeux. 1542. Canappe Guidon^ 5(!. 
Squameux. 1542. Canappe Guidon, 

Stigieus = Stygieux. 1. 1582. Du 

Monin. 33. 
Stomaclienx. 1584. G. Meurier. 
ytrineus. 1.571. La Porte, 197. 
Studie ux. Du Bellay, Ronsard. - 

Cotgrave. 
Stygieux. Du Bellay. Ronsard. — 

Cotgrave, 
Substantieus. 15... Helisenne de 

Crenne, AAA 4. — 1571. La Porte 

11 1), 142, 143. — 1.584. G. Meurier. 

— Cotgrave. 
Substentieus. 1585, Le Gavgnard, 

108. 
Succenturieux Cotgrave. ~ Su- 

eux. Baif. Ronsard. — Cotgrave. 
Suifveux. 1585. Le Gaygnard, 412. 
Suineus. 1.571. La Porte, ii8, 182, 

— Cotgrave. 

Sulfureus. 1585. Le Gaygnard, lOS. 
Sulphureux. 1584. G. Meurier. 

Cotgrave. 
Sumptueux. Du Bellay. 
Superstitieux. 1585, LeGaygnard, 

108. - Cotgrave. -^ 1584. G. 

Meurier. 



Suramoureus. La Noue, 394 a. — 
Surangoisseus. La Noue, 395 a. 
Suraqucux, La Noue, 393 b. 
S u r a u d a c i e u s. La Noue, 397 b. 
Suravantureux. La Noue, 394 a. 
Surbaveus. La Noue, 395 c. 
Surbelliqueus. La Nouo, 39.') b. 
Surboueus. La Noue, 39(; b. 
Surbrancheus. La Noue, 391 b. 
Surboissonueus. La Noue, 392 c. 
Surcalamiteus. La Noue, 395 a. 
Surcaterreus. La Noue, 394 b. 
Surchaleureus. La Noue, 384 a 
Surchancreus. La Noue, 394 c 
Surchatouilleus. La Noue. .">92 a. 
Surcrasseus. La Noue, 395 a. 
Surculeus. 1571. La Porte, 61 b. 

— Cotgrave. 
Surdaugereus. La Noue, 393 c. 
Surdedaigueus. La Noue, 393a. 
Surdefectueus. La Noue, 39G a, 
Surdeus. La Noue, 390 c. 
Surdezireus. La Noue, 393c. 
Surdizeteus. La Noue, 395a. 
Surdoucereus. La Noue, 393 c. 
Surdouteus. La Noue, 395b. 
S u r e n n u y e u s. La Noue, 396 b 
Surescumeas. La Noue, 392 a. 
Surüevreus. La Noue, 394c. 
Surfroidureus. La Noue, 394 a. 
Surfumeus. La Noue, 392a. 
Surgermeus. La Noue, 302b. 
Suriiaineus. La Noue, 392 c, 
S urbar gne US. La Noue, 393b. 
Surüazardeus. La Noue, 391a. 
Surbideus. La Noue, 390c. 
Surhonteus. La Noue, 395 b. 
Surimpetueus. La Noue 396 a. 
Surincestueus. La Noue, 396 a. 
Surireus, La Noue, 393 c. 
Surlaugoureus. La Noue, 394 a. 
Surlimonneus. La Noue. 392 c. 
S u r m i e 1 1 e u s. La Noue, 391 c . 
Surmoiteus. La Noue. 395 b. 
Surmonstrueus, La Noue, 396' a. 
S u r m r v e u s. La Noue, 395c. 
Surmysterieus. La Noue. 398 a. 
Surnecessiteus. La Noue. 3'.>5 b. 
Surnerveus. La Noue. 395c. 
Suruoizeus. La Noue, 396 c. 
Surodoreus. La Noue, 393 c. 
Suroizeus. La Noue, 396 c. 
Surombrageus. La Noue, 3'.>1 a. 
Surombreus. La Noue, 394 b. 
Surondeus. La Noue, 390 c. 
Surorageus. La Noue, 391a. 
Surorgueilleus. LaNoue, 392a. 



Les vocahles en -eus, -eux. 



293 



Siiroutrageus. La Koue. 391 a. 
Surpasreseus. La Noue. 395 a. 
Surpesneus. La Noue, 39.'( b. 
Surpesteus. La Noue, ;;9.') b. 
Surpierreus. La Noue, 394 b. 
Surpoissonneus. LaNoiie,;)93a. 
SurpompeuS. La Noue, 393 b. 
Surquinteus. La Noue, 39.") b. 
Surraboteus. La Noue, 39."» b. 
Surrayonneus. La Noue, 393 a. 
Surre spec tu eu?. La Noue, 399 a. 
Surrongneus. La Noue, 393 a. 
Surruineus. La Noue, 392 c. 
Sursabionneus. La Noue, 393 a. 
Surscabreus. La Noue, 394 b. 
S Urs eigne US. La Noue, 393 a. 
Sursombreus. La Noue, 394 c. 

Sursoufreteus. La Noue, 395a. 
Sursubstancieus. La Noue, 397 o. 
Surtempestueus. La Noue 36-") c. 
Surterreus. Li; Noue, 394b. 
Surtortueus. La Noue, 39(; a. 
Surtumultueus. I^a Noue, 39.'')C. 
Survaleureus. La Noue, 394a. 
S u r V e n e n e u s. La Noue, 392 b. 
Survenimeus. La Noue, 392a. 
Surventeus. La Noue, 39.') b. 
Survigoureus. La Noue, 394 a. 
Survi Ileus. La Noue, 392 c. 
Survisqueus. La Noue, 393b. 
Survitupereus. La Noue, 393 c. 
Sustantieux. l.")54. Amadis, XL 

ä 4 b. 
Suyeux. L")?:;. C. Plantin, B b 2 d. 

Tabourineus. 1.571. La Porte, 

27, 33 b. 
Taillouneux. Cotgrave. 
Talonneus. 1-")71. La Porte, 94.— 

Cotgrave. 
Tapineux. Cotgrave. 
Taverne US. l.")71. La Porte, 38, 

92 b. Cotgrave. 
T a y e u X. Cotgrave. 
Teigneus. l.")71. La Porte, .")4. 199. 

2.3;;. — L')8'>. Le Gaygnard, 140. 

— Cotgrave. 
Terapcsteux. Laif. - Cotgrave. 
Terapestueux. Ba'if. Du Belhiy. 

— Cotgrave. 

Tenipcteus. l.')S2. I. E. Du ^lonin, 

173. 
T e m p e t u e u X. Du Bellay. 
Tenipariseux. Cotgrave. 
Tendineu-x. Cotgrave. 
Tendrineux. Cotgrave. 
Tendronneux. Cotgrave. 



Tenebreux. Du Bellay. Tyard. — 

Cotgrave. 
Terreux. Belleau. Du Bellaj-. — 

Cotgrave. 
Tetineux. Eonsard. — Cotgrave. 
Theatreus. 1571. La Porte, 91 b. 
Tigeux. Baif. — Tigneux. Cot- 
grave. 
Tilleux. Cotgrave. -- Toileus. 

1571. La Porte. .'»G, 190 b. 
Tombeus. La Noue, 390 b. 
Toneus. 1-571. La Porte, 150 b. 
Tonnereux. Cotgrave. 
Torcheus. 1571. La Porte, 40 b, 

85. — Cotgi-ave. 
Torchonneus. 1571. LaPorte, 121. 
Tort eux. Baif. 
Tortueux. Belleau. Du Bellay. 

Jodelle. — Cotgrave. 
Toupieus. 1571. La Porte, 236. — 

La Noue, 398 a. 
Tourbillonneux. Ronsard. — 

Cotgrave. 
Tourteus. 1571. La Porte, 111 b. 
Tousseux. Baif. 
Tracasseus. 1571. LaPorte, 197, 

272 b. 
Traceus. 1571. La Porte, 61 b, 

253 b. — Cotgrave. 
Traineus. 1.371. La Porte, 253 b. 
Traistreux. 1.5S4. G. Meurier. 
Traitreux. Ronsard. 
Travailleus. Baif. 
Traverseux. Cotgrave. 
Treilleus. 1571. La Porte, 278. 
Triacleus. 1571. La Porte, 32. 
Triompbeus. 1571. La Porte, 138. 
Trompetteu?. 1.571. l,aPorte.272b. 
Trompeux. Belleau. 
Trongneus. 1471. La Porte, 280. 

-~ Cotgrave. 
Troubleux. Baif. 
Truelleus. l.')71. LaPorte, 160 Ii. 
Tuberculeux. Cotgrave. 
Tubcreux. Cotgrave. 
Tuileus. 1571. La Porte, 61. — 

Cotgrave. 
Tumultueux. Ronsard. Tyard. — 

Cotgrave. 
Ulcereux. Ronsard. — 1573. 

C. Plantin, z 2 d. 
Uligineux. Cotgrave. 
Umbrageux. Tyard. 
ümbraigeux. Du Bellay. 
Umbreux. M. Sceve. Du Bellay. 

Jodelle. Tyard. 
Undeux. Jodelle. 



i>94 



JJuyues Vaganay. 



Unguentciis. 1571. l^a Porte, .'.7 Ii. 

— Cotgravo. 

Uriueus. 1571. La Porto, 2.VJ. 

— Cotgrave. 
Vagcux. Cotgrave. 

Vagueux. Baif - 158'2. E. DuMonin. 

Novvelles Oevres, 42. — l.'xSt. Iloraco, 

trad. L. De La Porte, ] 09. 
Valeureux. Baif. Ronsard. 

Cotgrave. 
Vanteux. Du Bellay. - Cotgrave. 
Vapoureus. 1571. La Porte, lü. 
Vanteux. Du Bellay. Cotgrave. 
V a r e n n e u X . v'otgräve. 
Varicqueux. Cotgrave. 
Yariqueux. Cotgrave. 
Veautreus. 1571. La Porte, 21;! b. 
Veineux. Konsard. Cotgrave. 
Veleux. Cotgrave. 
Veneneus. 1571. La Porte, 4, 87. 
Veneneux. Jodelle. Eonsard. - 

1584. G. Meurier. 
Veneux. Ronsard. 
Venimeux. Belleau. Du Bellay. 

Jodelle. Ronsnrd. Cotgrave. 
Venteux. 1542. Canappe. Oui(Lm, 

75 b. Belleau. DulJellay. Ronsard. 

— Cotgrave. 
Ventreux. Ronsard. Tyard. 
Ventueux. Ronsard. — L")84. 

Horace, trad. L. De La Porte, (39. 
Yerdureux. Ronsard. — Cotgrave. 
Verecundeux. 15.. lielisenne de 

C renne, II 5. 
Vereux. 1584. G. Meurier. - 1585. 

Le Gaygnard, 312. Cotgrave. — 

1573. Plantin. T d. 
Vergeteus. 1571. La Porte, 105 b. 

— Cotgrave. 

Vergeus. 1571. La Porte, 105 b. 

— Cotgrave. 

Vergogneux. Baif. - Vergoi- 

gneus. 1571. La Porte, 227. 
Vergongneux. Du Bellay. Ronsard. 

— Cotgrave. 
Verineux. Cotgrave. 
Vermineux. 158i. G. Meurier. - 

Cotgrave. 
Yeroleus. 1571. La Porte, 116. - 
Cotgrave. 



Verolleux. 157.;. C. Plantin, 52 d. 
Yerreux. l.")85. Le Gaygnard, 312. 

— Cotgravo. 

Verrueux. 15()3. G. Meurier, P 3 a. 

— Cotgrave. 
Vertigieux. ( otgrave. 
A'ertineux. 1584. G. Meurier. 
Vertueus. 1584. G. Meurier. 1585. 

— Le Gaygnard, lOS. Cotgrave. 
Verveleus. 1571. La Porte, 09 b. 

— Cotgrave. 

Yerveux. l.">84. llorace. trad. L. De 

La Porte. 87. - 1585. Le Gaygnard. 

412. 
Vicieux. 1584. G. Meurier. — 15S5. 

Le Gaygnard, F 3. Cotgrave. 

" 1.58.".. Thevenin, daus Du Bartas 

33. 
Victimeux. l.'»84. llorace, trad. L. 

De La Porte. 91. 
Victorieux. 1584. G. Meurier. — 

1585. Le Gaygnard, ION. 
Yieux. 1585. Le Gaygnard, 156. 

— Cotgrave. 

Vigiieus. 1571. La Porte, 221. 

Yigoreux. Du Bellay. — 1584 
G. Meurier. 

Vigoureux. Baif. Cotgrave. 

Vinaigreux. - 157;'>.C. Plantin, C4d. 

Yineux. Belleau. Du P)ellay. Ronsard. 
Tyard. Cotgrave. 

Vipereu.s. 1571. La Porte, 85 b. 

Vireux. Cotgrave. 

Virgineux. Cotgrave. 

Yisqueux. l.')42. Canappe. Guidon^ 
75 b. Ronsard. — Cotgrave. 

Yitieus. 1571. La Porte, 1 b. 
1585. Le Gaygnard, 108. - Cot- 
grave. _ . 

Vitreux. l.')42. Canappe. Guidoit. (5b 

— Belleau. Cotgrave. 
Yitupereus. La Noue, .3!)3 c. 
Yolenteux. 1584. G. Meurier. 

Cotgrave. 
Yoluptueux. Ronsard. — Cotgrave. 
A'oulenteux. M. Sccve. - Ronsard. 

— Cotgrave. 

Yeux. 1584. G. Meurier. -Cotgrave. 
Yraigneux. Du Bellay. 
Zizanieus. 1571. La Porte, 141 1). 



Lyon. 



HuGUES Vaganay. 



Wort<>escliiclitliclies. 



Frz. Heu, bret, lec'h? J. Huber nimmt Suchiers Annahme, 
daß sich das ie in frz. Heu aus einer Kreuzung von locus mit einem 
gallischen Worte erkläre, das e im Stamme hatte, auf und fügt ein 
zweites, nach seiner Ansicht gleichgeartetes Beispiel hinzu ds. Zs. 
XXXn2 115. Es mag daher nicht unangebracht sein zu zeigen, daß 
eine solche Auffassung schwerem Bedenken begegnet und außerdem nicht 
nötig ist. Ein beliebiges neukeltisches Wort mit einem romanischen 
zu vergleichen und, wenn Form und Bedeutung zusammen passen, einen 
Zusammenhang anzunehmen, ist ein Vorgehen, gegen das man nicht 
genug Einspruch erheben kann, so oft es auch wiederholt wird. Es 
hteht im Grunde nicht höher, als wenn H. Stephanus frz. moi und 
griech. 'sijloi' vergleicht, d. h. es ist die Negierung des historischen 
Grundsatzes. Man muß das betreffende Wort ins Gallische umsetzen und 
erst, wenn dann die Sache noch stimmt, darf man sie vortragen. 
Jedem, der mit neukeltischen Sprachen vertraut ist, fällt, wenn er 
bei Monti Vocab. comasco liest dren 'lampone, frutto del rovo ideo' 
kymr. draen oder bret. drean 'Dorn' ein und es ist auch nebst 
mancherlei anderem dem alten Monti eingefallen. Stellt man dazu 
körn, drain, air. draigen, so führen uns diese Formen auf ein urkelt. 
dragino und wir haben keinen Grund zur Annahme, daß im Gallischen 
(las Wort anders gelautet habe. Da andererseits in den Alpen- 
niundarten, die dren haben, traJiere tractus als tre erscheinen, hat 
man allen Anlaß zur Annahme, daß 'dragino zu dren werden 
muß, und man wird also diese Zusammenstellung als berechtigt 
anerkennen dürfen. 

Anders verhält es sich mit dem 'gallischen i/y/j' das nach Huber 
die Verantwortung für das -f von frz. tref 'Zelt' tragen soll. Ein 
solches gallisches Wort gibt es nicht und kann es nicht geben, da / 
im Gallischen nur aus s vor r entstanden ist, sonst nicht vorkommt. 
Tref ist vielmehr die kymrische Form eines Wortes, das im Gall. 
*trebo lauten müßte. Dieses trebo würde nun die von ihm verlangten 
Dienste nur dann leisten können, wenn nachgewiesen würde, daß im 
Südfranzösischen gallisches zwischenvokalisches b bleibt, also im 
Auslaut zu -]} wird (prov. irap 'Zelt'). Dieser Nachweis ist also 
zunächst abzuwarten, bis man dem Gedanken wirkhch nahe tritt. 



29(i W. Mej/er-Lübke. 

Auch mit Suohiers lee'h stellt es schlecht. Wer bretouische 
Simichentwickelung nicht kennt, mag allerdings eine große lautliche 
Übereinstimmung finden. Allein bret. c'h ist nicht die Fortsetzung 
eines alten c oder g, Lech kann also nicht auf einem gall. 'Hecos oder 
Hegos beruhen, es geht vielmehr auf Hexos zurück, vgl. Stokes Urkelt. 
Sprachsch. 246, Henry Lexique etyrn. du hreton moderne 181. 
Zwischen *lexos und locus ist aber die Verschiedenheit doch schon 
bedenklich groß, man dürfte nicht mehr von einer Umgestaltung von 
locus, sondern von einer solchen von '■'le.ros sprechen, was freilich für 
den Schlußeffekt sich gleich bleibt. Aber wir haben keine Ahnung, 
ob dieses ■'iea'os, das seiner Etymologie nach ungefähr 'Lage' bedeutet 
haben dürfte, schon im Gallischen sich begrifflich locus genähert hat, 
oder ob erst später, wie uns ja auch der Weg, auf welchem diese 
Annäherung erfolgt ist, völlig dunkel bleibt. Also man mul? zu einer 
ganzen Reihe von unerweislichen Vorstufen seine Zuflucht nehmen. 
Und wozu? Suchier hat afr. jieii auf lat. '^jecus statt jocus zurück- 
geführt. Ich sehe davon ab, daß die IJewahrung einer solchen alt- 
lateinischen Form gerade in Nordgallien und nur da kaum ihres- 
gleichen hat, aber ich muß die Berechtigung einer solchen Form für 
das Lateinische absprechen. Wenn wir jecus 'Leber' und jocus, hetno 
und Jwmo, helus und holus im Lateinischen bezeugt haben, so folgt 
daraus doch nicht, daß zu jedem ein o enthaltenden Worte eine e- 
Form gehöre, wie ja daraus, daß neben ufr. roue ein älteres 7'uede 
steht, noch nicht folgt, daß neben noue oder bone ein *miede, ''buede 
gestanden habe. Die e- Formen von liemo, jecus 'Leber und von 
dem allerdings auch nur erschlossenen (aber aus alb. rum. venez. 
also aus mehreren Sprachen) glemus (Eint, in die rom. Sprache. 
140) werden durch die Formen anderer indogermanischer Sprachen 
gestützt, wogegen zu jocus 'Spiel, Scherz' si h lit. jukas gesellt, das 
die ürsprünglichkeit des o beweist, vgl Walde Lat. eiyyn. Wb. 307. 
Stellen wir nochmals alle in betracht kommenden Formen 
nebeneinander. Unter Voraussetzung eines Triphthongen ueu haben wir 

Hueu Heu 

'■jueu jieu 

*fueu feu 

-■'sarcneu sargueu 

'■'caeri queu 

dann mit anderer Quelle des zweiten ^i 

dueut dient 

'■'sueut sieut 

'■'ueus ieus 

*vueiit veut 

Daraus ergibt sich mit voller Deutlichkeit die IJegel, daß nach 
labialen und velaren Lauten das erste u sich dem homorganeu 
Konsonanten angleicht und schwindet, wogegen es nach Dentalen 



WortgeschicJitliches. 297 

bleibt uud weiter zu i dissimiliert wird. Man kommt also ganz gut 
aus ohne galliscbe oder urlateiniscbe Formen. Man muß aber auch 
damit auskommen, weil der Subjektivus des germ. EN Drogo im 
Altfranz. Drieu lautet. Wo wollte man hier eine e-Form herholen? 
Das Positive der obigen Ausführungen ist nicht neu; ich habe 
es, wenn auch vielleicht nicht mit genügender Deutlichkeit, sclion 
rom. Gramm. I § 19<J ausgeführt, nur die Konsequenz für reut nicht 
gezogen. Natürlich baben beim Verbum dann vielfach Ausgleichungen 
stattgefunden, auf die in dieser kurzen Notiz nicht eingegangen werden 
kann. Vgl. außer der bekannten Erstlingsarbeit von Behrens 
namentlich H. Ehrlicher Beiträge zur Eniwickhmgsgesc/iichte der 
altfranz. stammab stufenden Verha aus Texten von 1200 — löOO 
(Heidelberger Diss. 1905), wo S. 14 meine Auffassung richtig wieder- 
gegeben ist und auch die letzten Konsequenzen aus ihr gezogen werden. 

W. Meyer-Lübke. 



Courtier. Das Wort kommt nicht von cnra wie Diez meinte, 
ebensowenig von dem lautlich ebenso unstimmigen currere. das Horning 
vorzieht; auch darf es nicht, wie der D. g. tut, dem Provenzalischen 
lediglich deshalb zugeschoben werden, weil es dort (Peire Yidal) ein 
wenig früher als im Norden belegt scheint. Daß bei seiner Ableitung 
von courir die Bildung unerklärt bleibt, sagt Behrens selber Zts. f. 
fr. Spr. 30, IGl; der Laufraum der Räder courtiere, das er danebeu- 
stellt, dürfte zu courtil, courtine gehören, wallon. courtau Marbel 
etwa zu crotte. Afr. courratier. prov. corratier^ sind mlat. corra- 
tariufi, corraterius, das mit corraiagium, corrategare, corrateiare 
etc. zu corrata gehört, für welches Duc. auf coroata^) verweist, die 
bybride Form von corvee corrogata Pol. Rem. {coruada Cap. de 
Villis o, caruada Pol. Irm. passim, wird durch curhada ib. fixiert, 
lautgesch. bemerkenswert früh, ob man nun mit Diez enterver ver- 
gleicht oder besser mit D. g. rovei' [das übrigens an prover von 
der 1 Sg. Pr. Ind. aus angeglichen ist] heranzieht — auch lothr. 
croee schon 950 in Metz croadä). Corrata ist dreimal"-) aus der 
Diöccse von Avignoa belegt, Reduktion von xia zu a kann dialektisch 
sein, vgl. Anm. 1, oder wäre aus p]inmischung von rata zn erklären, 
das jedenfalls die Verschiebung der Bedeutung der Frohn zur Yer- 
Icaufsabgabe bestimmt hätte. Das Simplex kann deshalb selten sein, 
weil es durch corratagium ersetzt wurde. Der Makler war zugleich 
Steuererheber, von dem was er pi'o rata des Verkaufswertes erhielt, 
war die entspi'ccbende Quote an den Berechtigten abzuliefern, und 



') Die Belöge aus der Daupliinee. mit der Bern, occun-it alibl non semd 
dazu coroaca Brianron, coroada Genf, cvoata Lothr., aber auch coroeUi Cambrai. 

-) Doch ist wahrscheinlich cwata Cremona SIG u. (^»aiersy sur Oise 
curatura Italien u. Kaisorurkunden 11 — 12 Jh. dasselbe. Yg\. curatUa. cvrar/a, 
cmaria, curalcrhis '2, aul jeden Fall mit Einmischung von rura. 



298 G. Baut. 

die letztere ist vorzugsweise mit corraiagium gemeint. Kurz, man 
könnte sich mit den Schwierigkeiten teilweise abtiuden. Doch ver- 
misse ich zwischen Frohn und Abgabe das Verbindungsglied und 
glaube vielmehr an mlat. freie Neubildung aus con und rata, so, 
daß corratarius, dann corratagium. erst auf corrata geführt hat. 
Eine bei Duc. mehrfach belegte, bei Gdf. fehlende Nebenform ist 
cou/etaige, couletier aus courtier coultier. 

Ein Doppelsufix -atiei\ welches Ilorning annahm, liegt in clou- 
atier bei Fiab. nicht vor. Den Belegen bei Gdf. gegenüber würde 
auch er heute darin die Pariser Aussprache von cloeiier erkennen. 
Daraus cloutier wie cordonnier. Der Nagelschmied verkaufte vor 
allem die kleinen Nägel, die großen machte nach Dedarf auch der 
Schmied. Die ferraterius., carraterins^ mandaterius bei Duc. scheinen 
mir zu zeigen wie puisatier und die Lyoner Neubildung ferratie^ 
zu erklären sind. 

Drogue. Die 1881 von mir gestellte Frage, ob nicht bei 
der Suche nach dem dunkelen Etymon auch trochus, trochiscics 
einige Beachtung beanspruchen dürfe, bezeichnet Körting in den drei 
Auflagen seines Wörterbuches als „eine ganz müßige, weil selbstver- 
ständlich zu verneinende." Unabhängig von meiner Anregung war 
durch eine Angabe des 17. Jh. der damals beste Kenner der Ge- 
schichte der Pharmakologie, Husemann in Göttingen, auf sie geführt 
worden und zweifelte an der Identität wesentlich nur deshalb, weil 
er dragee für das gleiche Wort hielt (Pharmaz. Ztg. 1885 No. 56 
und 59). Wieder nahm sie verständiger Weise M. Goldschmidt in 
der Zs. f. deutschen Unterricht 17, 446 auf; der Grund der ihn zur 
Ablehnung bestimmte, ist, wie ich weiterhin zeigen werde, nicht 
zwingend, sein eigener Hinweis auf franz. d7'oc nicht zu halten, weil 
der Lolch wohl narkotisch-giftig wirken kann, aber nie ein Gift oder 
Arzeneimittel war, ein lästiges Unkraut, in keinem Sinn eine Drogue 
ist. 1) Ich selbst hatte schon vorher bei Kluge (ldO\) eine andere 
Vermutung ausgesprochen und will nun, da das nötig scheint, zeigen, 
warum die Frage früher eine otliene und notwendige war und warum 
sie heute zu verneinen ist. 

^) Die altfr. Form ist droe, norm, noch <h-0He. Grandgagnage hat zu 
entsprechendem wallon. dratre, in Lüttich Jrau, schon auf ndl. di-ai-ic, wilden 
Hafer, verwiesen. Drtfvee und draviire gehören dazu: franz. drave dagegen 
und span. dmba sind einfach das griechische Eotanikerwort. L>as Bretonische 
bietet dafür dmok und drrok., älter dreavL, zu welchen Henry kymrisch drei'->j 
,.pavct blaue" stfllcH will, mit Ableitung von nur bret. f/z-cV-, lustig, angeheitert, 
nicht so recht pnssend tür den Veri^iftungszustand. Ndl. -ic ist. wahrschein- 
lich einheimisches Suflix (Franck), und I)ei der ausgedehnten Überlieferung 
von droe bleibt es zweifelhaft, ob nicht in dem recht jungen droc Fehl- 
schreibung und demnächst Fehlsprechung nach l>ra(c), fro(c) etc. vorliegt. 
Die klaren Formen entsprechen einem Typus dram. Von kymrischen Mohn 
zur Drogiie ist es fast eben so weit als vom Lolch, er ist ofhcinell, und 
war als Ölpflanze angebaut, doch in viel zu geringem Mafs Handelsartikel, 
als dafs eine so weitgehende IjogrittserweiteruDg wahrscheinlich wäre. 



Worigeschichiliches. 299 

Trochiscus, it. trocisco, fr. (seit 15. Jb.) irocldsque otc. war 
das Apotliekerwort für die Pastille; der Frankfurter Hoernig, der 
1646 die Frage der rechtlichen Stellung der (wie er durchweg schreibt) 
.,Trochisten" oder Materialisten gegenüber den Apothekern erörtert, 
behauptet, daß diese von den trochisci viperini, den Natteruküchlein, 
die sie aus Italien importierten, so genannt worden seien. Yertauschung 
von tenuis und media ist bei der Wanderung zunächst schlecht ge- 
kannter technischer Worte schon deshalb nicht ausgeschlossen, weil 
der Lautunterschied nicht überall der gleiche ist. Was mir seiner 
Zeit vorschwebte war niederdeutsch-hochdeutsche Lautierung, wie sie 
mir plattdeutsch mehrfach begegnet war, und vielleicht in einem 
Rückschlag in mhd. driakel Theriak entspr. vlämisch dryakel (bei 
Meurier) vorliegt. Aber es müßte nicht gerade das sein, vgl. afr. 
äragagant nfr. adragante, dragce, drogman, drosse: wie bei c be- 
günstigt die Verbindung mit r das Ausweichen. Es können ferner 
Abkürzungen der technischen Schriftsprache, wie trocli. schließlich 
gesprochen werden, nachdem man aufgehört hat den Strich oder Punkt 
zu schreiben : auch hierfür liegen aus romanischen und germanischen 
Sprachen alte und neue Belege vor. Es wäre also durchaus verkehrt 
Hoernigs Behauptung a priori abzulehnen. Die Entscheidung liegt 
bei der Geschichte der Worte, die allmählich dokumentiert worden 
ist, Trochiscus zeigt im Geschäftslatein und vulgär keinerlei Neigung 
seinen Begriff zu erweitern; die Drogue, stets im Plural, englisch 
seit 1327 (novem balas de drogges de spicene, s. b. Murray), nordfr. 
in einem Gedicht des 14. Jh. bei Gdf., zu Ende des 14. Jh. in Süd- 
frankreich, in Italien im 15. Jh., in Spanien in der zweiten Hälfte 
des 16. Jh. belegt, hat von je den heutigen Begriffsinhalt im vollen 
Umfang, insbesondere auch von den Farbmaterialien, vgl. b. Murray 
und Levy s. v. Drogueria^ die trockenen Pflanzenpräparate, wie das 
der sachlich immer verständige Frisch mit seiner von Diez rezipierten 
Erklärung aus ndl. droog meinte. Die Bedeutungen von trochiscus 
und drogue schließen sich auf der ganzen Linie aus. 

Soweit die Chronologie bekannt ist, weist sie auf den Norden 
als Ausgangspunkt. Husemann (S. 8 des SA), dem jene älteren 
Belege nicht vorlagen, hebt bei den ältesten italienischen im Dispen- 
sarium des Pseudonicolaus hervor, daß die Ausdrucksweise cdefanginae 
sunt — drogas voco die Vermutung einer Neueinführung der Wörter 
nahe lege, daß er in älteren, auf den Handel bezüglichen Schriften 
Italiens, z. B. in Pegolottis Pratico (14. Jh.), es ebenso vergeblich 
wie in den medizinischen gesacht hat. Es ist nicht wahrscheinlich, 
daß das Gesamtverhältnis, England und Frankreich 14., Italien 15. Jh., 
sich später anders darstellen wird. Im Norden aber ist das nahezu einzige 
Wort, das anklingt, eben das von Frisch vermutete niederdeutsche. 
Zugleich paßt es zur Sache. Nur fehlte der Nachweis einer festen 
Verbindung, aus welcher heraus das Adjektiv selbständig werden 
konnte. Ich glaubte (Kluge 'J) eine solche in einer niederdeutschen 



300 G. Baist. 

Scliiffahrts- iiml Zollrubrik bei Stieda gefunden zu haben, das Handb. 
der Staatswissenschaften G, 99G nennt als Güter, die Anfang des 16. Jii. 
dem lübiscbcn Stapelrecbt unterworfen waren, nicht direkt vom Westen 
in die Ostsee geführt werden sollten: englische Laken, Kram- 
kisten, droge vate, Pfeffersäcke und dergleichen mehr. Die Bezeich- 
nung ist seit dem 14. Jh. an der ganzen niederdeutschen Küste üb- 
lich, so Lübisches Urkundeubuch IV, .■)54 Haag 1.389: Item van 
allerliandc droghe vaten daer koiwiscap ynne is de hie voren niet 
qescreven staet. Hans. Urkb. 4, 92 Haag 13G3; ib. 5, 198 Utrecht 
1399 van elker drogher tonnen — van anderen droghen vaten; 
5,50 Brügge 1392 van elken vate droghs goets; Lüb. Urkb. 4, 572 
va7i ene tunnen droge eder nat; H. Urkb. G, 545 droege guet. 
Ein Mißverständnis der Verbindung erscheint gerade in England 
natürlich, wo das neue Wort zuerst auftaucht; vate war klar, droge 
dunkel, alevat etc. schienen zu entsprechen. Weitere Verbreitung 
konnte der damals kräftig aufsteigende englische Handel begünstigen, 
der neugebildete Begriff stellte sich im Geschäftsleben erfolgreich 
und bequem neben das engere species, das nur Gewürz und allenfalls 
Arznei umfaßte. Da man Droguen auch in Ballen und auch andere 
feste Waren in Fässern versandte, hätte allerdings eine Einengung 
der Bedeutung stattgefunden, die aber kein Bedenken machen dürfte. 
England und Frankreich hat im 13. u. 14. Jh. eine Reihe von Schiffarts- 
worten aus dem Ndd. erhalten, vom Seehandel z. B. engl, crane 
1244 in Utrecht belegt, frz. 1269 in Daniiette, unserem Fall besonders 
nahestehend ^a/i;, 1199 in Gent, 1225 in England belegt (s. b. Murray). 2) 
Gewiß ergibt das alles nicht den bestimmten Nachweis der angenommenen 
Entlehnung, der sich überhaupt nie wird führen lassen, aber die Dinge 
rücken so nahe zusammen, die historische Wahrscheinlichkeit ist eine 
so große, daß wir ohne Hinzutreten neuer Tatsachen nicht weiter 
suchen sollten. 

Unbedingt abzulehnen ist eine orientalische Etymologie von 
Saleman, auf welche Bartholomae in dieser Zs. 30, 354 hinweist. 
Mitteliranisch (3 — 8 Jh.) därnk oder därök, Kraut, Arznei, neupers. 
därü Arznei, Schießpulver stimmt im Vokalismus überhaupt nicht, in 
der Bedeutung nur unvollkommen ; es fehlt arabisch, griechisch, 
türkisch, weder im Mittelalter noch der Neuzeit findet sich dort seine 
Spur. Gehörte es der arabischen Medizin an, die in erster Linie 
als Vermittler in Betracht käme, so könnte es bei Dozy und Simonet 
nicht fehlen. Wir könnten also selbst dann nichts damit anfangen, 
wenn die Verbreitung des romanischen Worts umgekehrt läge als es 
der Fall ist, und Italien voranstände. Es ist eben ein Irrtum zu 
meinen, daß die Sache auf den Orient deute, ein großer Teil der 
Droguen ist europäischer Provenienz, die wichtigsten Farbpflanzen z. B., 



■^) Franz. pnquet s. E. d. M Jh. steht für wallon. pak(j, im Hans. Urkb. 
pakely pakiaus passim seit 1272 (Venlo). Ital. pacco spät aus England. 



WortgescJiichtliches. 3 1 

Krapp, Waid, Wau wurden massenhaft in Süddeutscliland und 
Frankreich angebaut, Krapp kam sogar aus Brauuschweig. Unter 
den verwandten Gattungsbenennungen, wie epice, mecine, poison, finden 
sich überhaupt keine orientalischen, solche Worte werden in der Regel 
daheim gemacht. Bei Körtings Hinweis auf slavisch dorog Feuer 
brauche ich mich nicht aufzuhalten. 

Anzumerken ist noch etwa, daß provenz. drogaria (Levy und 
Ducange), frz. d.roguerie, dann auch udl. drogerij nach speciaria, 
epicerie gebildet ist ; ferner daß Toblers Berichtigung des angeblichen 
IH'Ov. Adjektivs drogidt bei Levy endgiltig sicher gestellt wird. 

Andere Neuschöpfungen aus ndl. droog, genauer aus drogeii 
Iiarinc sind 1. das von Jal einmal aus Maitre Guillaume de Marseilles 
i. J. 1525 belegte „28 navires drogueurs^ cdlant ä la pesche des 
härenes et macquereaux'-'' ; 2. droguerie „de la pcche et de la 
preparation du harang'", bei Cotgrave, dann erst wieder bei St. Aubin 
udl. drogerij nur droog plaais; 3. drogueur von der Person in der 
Encyclopädie. Obwohl das Simplex nicht recipiert war, wird es zeugungs- 
kräftig, wenn auch nur im Anschluß an hateau pvchew\ pecherie, 
weil in der Fischerei Manschaften, Schiffe, Verfahren ausgetauscht 
werden, nicht nur die Waren. Der Zufall will, daß auch hier Ablösung 
aus einer festen Verbindung vorliegt. 

Baist. 



wall, clilliper wird von Grandgagnage Dict. I, 115 nach De- 
Jaer verzeichnet, der es mit ..gaiicJnr'-'' übersetzt, der cUmjjeure mit 
^gaucliisscment"' und in nicht verständlicher Weise ese fov climpeure 
ebenfalls mit „gauchlr'' wiedergibt, Grandgagnage geht auf die Be- 
deutung, die De Jaer den genannten Wörtern beilegt, mit folgender 
Bemerkung ein: ,,1^. Dj entend par gauclnr: pencher, se detourner 
de la bgne droite (il explique clincM par: pencher, gauchir); 2'\ si 
climper signifie: gauchir, ese foü climpeure^ verb.: etre hors gau- 
cliissement, devrait signifier: etre droit, — P, S, fise foü climpe (etre 
hors plomb, hors de la verticale) B." In Ergänzung hierzu sei ver- 
wiesen auf Albin Body's Vocahul. des charrons, cliarpentiers et 
menuisiers, wo pg. 82 didimper wie folgt erläutert wird: „v. a. 
(t.de charr,, charp. et men.) = degauchir, regarder si la surface 
d'une piece de bois, ou d'une planche, forme un plan droit. — Dial. 
arden. duclimper. Le wallon dit adverbialemeut d'un objet qu'il est 
di climpeur ou foii climpeur, selon qu'il est ou non de niveau; se 
dit aussi d'une surface dont le plan est ou n'est pas droit". Vgl. 
hierzu u. a. noch desselben Autors Vocabidaire des ionneliers, 
tourneurs, cbcnistes etc. p, 246 zu diJdaimpi: v. a. (t.de charp.). 
Degauchir, öter Tirregularite du bois; gauchir, faire la face aux pa- 
rements de quelques pieces de bois en ouvrage, lorsque toutes les 
parties n'en sont pas dans un meme plan. Voy. voc. des charp. v" 



302 I). Behrens. 

dilarder\ Auf die Herkunft des Wortes ist keiner der genannten 
Autoren cingeganizan. Mit einigen Worten tut das A. Thomas, der 
Müanrjes d'etymol. franc. p. 53 Grandgagnage citiert und dann be- 
merkt: „Le sens nous pousse ä voir dans climper le radical germani- 
que qui se trouve dans le moj'en haut allemand slimp „oblique"; 
climpev doit rtre issu d'un ancien verbe wallon scUmper'-'. In einer 
Fußnote hierzu verweist er auf altfrz. esclem und vergleicht, was den 
Abfall des s von *sclimper angeht, wall, clinche („gauche'-), das er 
(über *sclink) auf germ. slmk zurückfuhr .. Ich halte die Annahme, 
climpei' habe sich aus '^sclimper mit Schwund von anlautendem 6? 
entwickelt, für nicht ganz undedenklicli und auf keinen Fall durch 
die Gleichung clinche < slink allein für ausreichend gestützt. Zu 
beachten bleibt, daß ein wie auch immer zu erklärendes dtsch. glenh. 
glink flink) bezeugt ist (vgl. u. a. Kluge Wth. ^ Uiik), das neben slink als 
Vorstufe von wallonisch clinche in Betracht kommen und die An- 
nahme des eigentümlichen s-Verlustes im Wortanlaut überflüssig 
machen könnte. Daß der Übergang von wortanlautendem g in k, 
wie ihn die Zurückführung von clinche auf glink voraussetzen würde, 
zumal in Lehnwörtern aus dem Deutschen^ nicht ganz selten begegnet, 
bezeugen wall. (Grandgagnage I, 142) und lothr. (Labourasse) crom- 
bire (neben gromhire), pic. crache {gi'atia, Vermesse Uict. du pat. 
de la Flandre fr.'), IMontbel. (Contejean) quenade (Gnade), guenögue 
(genug) u. a. Kann somit die Richtigkeit der Th. 'sehen Herleitung 
von wall, climioer aus älterem *sclimper < germ. slimp nicht als er- 
wiesen gelten, so mag es gestattet sein, hier ein anderes Etymon 
zur Erwägung zu stellen. Deutsch klimmen (mhd. klimvien, klimben) 
begegnet nach Grimm's Wtb. V, Sp. 1166 in der Bedeutung ein- 
schrumpfen, sich werfen (vom Holz), die derjenigen von wall, climper 
nahe zu kommen scheint: holz ivelches gefällt wird in den zioeen 
letzten feirtägen des merzes, das klimmet nimmer, da baio dein 
zimmer (Fischart). Was die Form angeht, so ist zu beachten, daß 
neben klimmen hd. klimpfen bezeugt ist. Ein letzterem entsprechen- 
des niederdeutsches "klimpen ist die etymologische Grundlaue von 
wall, climper. Auch das nur eine Hypothese! 

(Irag'an bezeichnet nach Eöding, Französisch-deutscher Index 
des Wörterbuchs der Marine, den „Hcckbalken" einer Galeere, d. i. 
„der Hauptquerbalken, der die beiden Hauptteile des Achterschiffes 
scheidet, den unteren Spiegel und den oberen oder das Heck". 
Richelet erklärt, Dict. (1728), dragan als „le derriere de la poupe 
qui en fait Textremite, et qui porte la divise des Galeres", eine 
Definition, die sich dem Sinne nach u. a. bei Littre wieder findet. 
Über die Etymologie des Wortes macht keiner der genannten Autoren 
eine Angabe. Scheler und Körting erwähnen es überhaupt nicht. 
Im Dict. general wird es irrtümlicher Weise mit „partie de üavant 
d"une galere ou etaient iuserts le nom du navire et sa divise" erläutert, 



WortgescJiichtlic/ies. oO?> 

darauf zur Herkunft bemerkt: „Peut-etre de Tespagn. draganfe, tete 
de dragon servant d'embleme*'. Mistral wirft dragan „extremite de 
la poupe d'une galere" mit dragan „espece de räteau qu'on emploie 
ä la peche" zusammen und stellt als gemeinschaftliches Etymon beider 
b. lat. tragnm, traga, lat. tragula auf. Letztere Annahme bedarf 
wohl einer "Widerlegung nicht. Aber auch die im Dict. gcneral 
ausgesprochene Vermutung befriedigt schon deshalb wenig, weil nichts 
davon bekannt ist. daß in der französischen Marine der Drachen- 
und Schlangenkopf alz Heckverzierung eine Rolle gespielt haben. 
Dieselben eignen sich vielmelir als Galionsbilder und haben als solche 
Verwendung gefunden. Mir scheint es daher nicht zweifelhaft, daß 
das franz. -prov. Wort mit Jal aus dem Italienischen herzuleiten ist, 
wo sich mit gleicher Uedeutung dragante, tragante, trigante, triganto 
nachweisen lassen. Röding verzeichnet /. c. ital.-deutscher Index 
sämtliche vier Wortformen, die z. T. in Wörterbüchern der italieni- 
schen Schriftsprache gleichfalls begegnen. Nach Boerio Dizionario 
pg. 247 und 768 gehören dragante und triganto im Besonderen 
auch der Venezianer Mundart an. Die Herkunft der italienischen 
Wörter bleibt zu ermitteln. Daß dieselben nicht, wie Jal unter Bei- 
fügung eines Fragezeichens annimmt, auf ^jv^zvia zurückgehen, liegt 
auf der Hand, und wenn Rigutini u. Bulle Nuovo dizionario dra- 
gante „Heckbalken'' zusammen mit dragante „Bocksdorn (Astragalus 
verus), Bocksdornbarz etc." auf spätlateinisch dragantum zuzück- 
führen, so bedarf eine solclio Auffassung näherer Begründung. Zu 
den genannten Ausdrücken der Seemannssprache stelle ich noch span. 
dragante in der Bedeutung „Klotz, auf dem das Bugspriet ruht'- 
(Röding, Jal), obgleich es klar ist, daß für dieses eher als für das 
französische Wort die von den Verfassern des Dict. gcneral vorge- 
schlagene Erklärung zutreffen könnte. 

esfoil wird Romania XXXHI, .351 von A. Delboulle als ohsmir 
et rare aus Joubert's Vie privee en Anjou belegt: 1463. Et aussi 
y ay receu, taut par les mains du dict recepveur, tout le proufict et 
revenu de Vesfoil des bestes, tant aumailles que autres de la dicte 
terre de Vaulx. Joubert erklärt, wie in der Romania 1. c. mitgeteilt 
wird, das Wort als „Parturitioii des betes." Die Richtigkeit dieser 
Erklärung hält A. Thomas für zweifelhaft und fügt derselben Romania 
XXXVI, 267 ein Fragezeichen bei. Auch in dem Register der Romania 
{Table des trente premiers volumes) wird esfoil mit einem Frage- 
zeichen versehen. Es ist deshalb vielleicht nicht ganz überflüssig hier 
kurz anszufühi'en, daß esfoil ein gutes und nicht gerade seltenes 
französisches Wort ist, dessen Bedeutung von Joubert richtig wieder- 
gegeben wurde. Belege aus der älteren Sprache findet man am 
bequemsten bei Godefroy unter eß'oil.^ wonebeu hier die Formen eß'oueil, 
effoeil und effoidl belegt werden. Vgl. weiter Ragueau Gloss. du 
droit frangais (ed. L. Favre, Niort 1882) p. 189 effoidl, wo unter 



304 D. Behrens. 

Hinweis auf du Pineau bemerkt wird: .,11 y a difierence eiitre VEfoueil. 
le revenu, et l'accroist du bostail. — Vejfoueü^ est le part ou 
la portee du bestail ; ce niot vient peut-etre du latin efo'tus. Le 
revenu est le profit provenant du bestail, comme le lait, la laine, etc., 
et l'accroist est Taugment du prix des cliefs ou souches des betes". S. 
ferner Menage, der ef'öeil von ex folium ableitet (comme eflbuiller, 
d'exfoliare) ; Richelet (1759) efoneil; Encijclopedie ou Dict. raisonnc 
des sc, des arts et des metiers: effoueü ("hier mit Hinweis auf Brodeau 
sur l'art. 48. n. 6. de la couiume de Paris); Scbmidtlin's Catholicon: 
effouel) ej/'oel „neugezeugtes Vieh, Zuchtvieh" und ib. ejtouil „jährliche 
Nutzung, die man von einer Heerde, an Wolle etc. hat"; Ch. Meniere 
Glossaire angevhi p. 337 effoel .,Pour effouil, exfoliare (D. C). On 
dit efi'ouil effouille (Seg.) L'effouils, produit de la vente du betail-' 
und ib. p. 338 effouil „Fa?tus, exfolium; petits des animaux en- 
leves ä la tin de Tannee (C. D.)." Was die Etymologie angeht, so 
ist natürlich an das im Gloss. du droit fr. vorgeschlagene efaeius 
als Grundwort nicht zu denken. Näher liegt es das von Menage 
angenommene ea; folium als solches anzuerkennen. In Wirklichkeit 
dürfte Verbalsubstantiv zu esfoillier (exfoliare) vorliegen. Interessant 
ist in diesem Zusammenhange, daß das Patois von Maine heute ein 
Verbum egouiller in entsprechender Bedeutung kennt. De Montesson 
Voc. du Bas-Maine'~ bemerkt zu efouiller „Arracher des feuilles, 
eclaircir un bois, un arbre ou uii fouillis. Au ligure, c'est se de- 
barasser des choses inutiles ou bonnes ä vendre, et, par consequent, 
tirer un benetice ou une effouille de ce qu'on a de trop, des bestiaux 
principalement." Vgl. weiter Dottin Gloss. des parlers du Bas- 
Maine p. 175 efouye „effeuiller, arracher les feuilles des plantes 
herbacees et les menues branches des arbres, les fouillards; — 
vendre (les bestiaux) . . .'• und p. 170 f. efou, efouy „effouil, bene- 
fice obtenu par la vente de ce que l'on. a de trop en eclaircissant 
un taillis; — benefice sur la vente du bois, des bestiaux (Erneo, 
Landivy). . ." 

esgalboclie wird von Delboullc Romania XXIII, 351 aus 
Joubert Les miseres de C Anjou au.v XV^ et XVI' s. belegt: 
„JcelluyLeMoyne gecta nn baston appelle esgalboche apres ce depposaiit. 
et ce d'advantage luy gecta ungn poignard de gict". A. Thomas bemerkt 
hierzu: „Peut-etre faut-il lire esgalboche et rattacher le mot ä hil- 
hoquet et ä quilboquet ou equilhoquet, terme technique qu'on trouve 
dans Littre et dans le Dict. general." Vgl. auch Romarda XXXVI, 
267. Wesentlich näher als zwischen bilboquet, qidlboquet, cqidlboqiiet 
und esgalboche einen Zusammenhang zu conslruieren, dürfte es hegen, 
esgalboche in esgalloche zu ändern, das als cgaloche heute in der 
Bedeutung ,, Stelze" (echassc) in Anjou (s. Ch. Meniere Glossaire 
p. 338) und Maine (s. De Montesson Voc- p. 1S8 und Dottin Glossaire 
p. 171) begegnet. Auch Sachs führt egaloche, Stelze, auf, das er als 
Provinzialismus bezeichnet. Es ist aus galoche durch Agglutination 



Wortgescliichtliches. 305 

des bestimmten Artikels im Plural {l[es galoches) entstanden. Vgl. 
Tarbe Recherches II, 50 egaloches = pantoufles. Der Bedeutungs- 
übergang von galoches „Holzscliuh'" (nach Meniere /. c. galoches 
anch= neige amassee sous la semelle des sabots) in „Stelze" ist ohne 
^veiteres leicht verständlich. 

ostfrz, girouailte ., Haspel". Horning stellt zu dem Wort 
Rom. Zs. XVIII, S. 219: jalonde {Xdam), jalaude (Thiriat), y«/oM- 
a7ide (Lorrain), jalcmde in den Ardennen (Grandgagn.) und bemerkt: 
,,Girouante weist auf giranda von girare; s. Diez I. v. giro und 
Scheler v. girande. Dunkel bleibt der oi^-Laut (vgl. girowettej." 
Romania XXXIII, S.o61 belegt A. Delboulle aus Dehaisnes Histoire 
de Vart en Flandre^ 320: „1337 Une paire de garloanes d'ivoire, 
prisiet. VIII. s.", wozu A. Thomas Rom. XXXIII, S, 557 Anm. aus- 
führt: ^^Garloane signifie probablement devidoir: cf. Godefroy, garlou- 
vendier, et Horning dans Z. für vom. Phil. XVIII, 219, giroiiante.'''' 
Die Vermutung Thomas" bezüglich der Bedeutung von altfrz. garloanes 
trifi't sicher das Richtige. Nur lag wohl noch näher als ein Hinweis 
auf lothring. girouaiäe und auf altfrz. garlouvender eine Erwähnung 
von garlouine .,petit devidoir dont toutes les i^ieces sc demontent ä 
volonte, qu'on reraontc et qu'on posc sur une table pour s'en servir" 
bei Hecart und von garlo'ine bei Sigait ((r/o5s."-, p. 193). Was die 
Etymologie dieser Wörter angeht, so halte ich es für ganz unmöglich 
dieselben sämtlich auf girare zurückzuführen. Von Godefroy ver- 
zeichnetes und von A, Thomas verglichenes garlouvendier weist deutlich 
genug auf deutsches „Garnwinde", woraus es mit dem Suffix -ier weiter- 
gebildet wurde, und gewiß mit Recht hat bereits Sigart /, c. auf den 
gleichen german. Ursprung von ihm verzeichnetes wall, garloine zurück- 
geführt. Ich stehe nicht an, dieselbe Herleitung für alle im Vor- 
stehenden noch genannten gleichbedeutenden Wörter in Anspruch zu 
nehmen, soweit dieselben sich auch von ihrem Ursprung entfernt haben 
mögen und so schwer es scheinen mag im einzelnen Falle festzustellen, 
was in der vorliegenden romanischen Form auf Rechnung der abgebenden, 
was auf Rechnung der aufnehmenden Sprache zu setzen, was darin 
als lautmechanische Entwicklung und was als Angleichungserscheinung 
in Anspruch zu nehmen ist. Für wall, garlo'ine., garlouine (garlidne) 
ist niederd. garwinne (s. Grimms Wörierh. unter Garnwinde) oder 
garnwinne die Vorstufe gewesen. Das l, welches ebenso in fast allen 
anderen französischen Entsprechungen sich findet, beruht auf An- 
gleichung, falls es nicht germanisches n, woraus es durch Dissimilation 
entstanden wäre, retlectieit. Lothring. jalouande, jalande u. a. geben 
deutsches Garmoinde wieder, wobei es dahingt stellt bleibe, ob das 
wortanlautende / auf Angleichung beruht oder von früher Herüber- 
nahme des germanischen Wortes Zeugnis gibt. Am weitesten von 
seinem germanischen Ursprung hat sich girouante entfernt, das daran 
nur noch durch sein sonst kaum zu erklärendes ou {ii) erinnert. Wie 
girouanie zeigt von Littre im Supplement verzeichnetes und danach 

ZtFchr. f. frz. Spr. u. Litt. XXXII '. "-'0 



•\0{j Jf. ßelirens. 

von A. Tliomas Romarda XXIV, 12(i S. 2 erwäliütes giroinde in 
seiner ersten Silbe Beeinfiiißiiiig durch cfirer (lat. gyrare)^ während 
-oinde {-'j^ß) noch deutlicli auf dtsch. loinde weist. Man vergleiche, was 
die Wiedergabe von gerni. wi nach Kons, durch oi in garlo'ine, 
giroinde und durch oui in garlouine angeht, altfrz. marsoin, nfrz. 
marsouin < marsiviii. 

ostfrz. mourve/, Leuchtkäfer, verzeichnet J. Graf Die ger- 
manischen ßestandtcile des Patois messin p. 38 nach E. Rolland 
Voc. dn patois messi7i (vgl. auch desselben Autors Faune pop. JH, 
342). G. deutet den zweiten Bestandteil des Wortes, vey, richtig 
als .,ver". Zu mour macht er ein Fragezeichen ohne eine Erklärung 
zu versuchen. Dasselbe ist die lautkorrekte mundartliche Wiedergabe 
von lat. mortuum (schritYfrz. niort). Mourvey bedeutet somit 
„Totenwurm", eine Benennung, die ebenso wie das gleichbedeutende, 
von Rolland Faune III, 342 mitgeteilte bürg, lanterne de moo 
(lanterne des morts) im Volksglauben begründet ist. Vgl, P. Sebillot 
Le Folk-Lore de France III, 333, wo auf eine in der Auvergne 
verbreitete volkstümliche Vorstellung hingewiesen wird, nach der 
Leuchtkäfer die Seele eines ungetauften Kindes repräsentieren. Zur 
Wortbildung von mourve'/ sei auf das in dieser Zs. XXXI, S. 291 
zu porfi Bemerkte verwiesen. Angemerkt sei hier nachträglich analog 
gebildetes cerflangue (scolopcndia, id est lingua cervina) im lat.-franz. 
Glossar von Tours (Altfrz. Ubungsh. lirsgb. von W. Foerster und 
E. Koschwitz, 3. Aufl. Sp. 211). 

norm, quarsonniei*, mesurc pour les grains, equivalant au 
quart de boisseau. Nach Moisy JJict. p. .525 ist das Wort eine 
„corruption" von quarto7inier^ das in gleicher Bedeutung früher in 
der Normandie in Gebrauch gewesen sei. Romania XXXI, 368 
belegt Delboulle zweimal carsonniere aus einem Text des 16. Jahr- 
hunderts, wozu A. Thomas ib. XXXVI, S. 261 auf Moisy verweist, 
ohne auf die Erklärung der Form einzugehen. Es sei deshalb an- 
gemerkt, daß eine Angleicbuug an tiersonnier vorliegt^ welches von 
Du Gange VIII, p. 81 unter tertiolum und von Godefroy VII, 712 
belegt, darnach von K. Glaser diese Z.^. XXVI i, S. 159 verzeichnet 
wurde. Daß es bei tiersonnier um eine speziell in der Normandie 
früher gebräuchliche Maßbezeichnung für Getreide sich handelt, geht 
aus einem von Du Cange und Godefroy mitgeteilten Beleg des 
14. Jahrhunderts hervor: Une rente de deux cent trois quartiers, uu 
boissel, un tiersonnier et un quartonnier de froment, mesme de 
Coustance. In diesem Zitat Godefroy's ist mit Du Cange mesure 
statt mcsnie zu lesen. Von Interesse ist, daß in demselben tier- 
sonnier und quartonnier unmittelbar nebeneinander erscheinen. 

lyon. zarnombille wird von Nizier du Puitspelu Dict. p. 435 
aus einem handschriftlich erhaltenen Gedicht Reverony's V Äscension 
aerostat., belegt, wo es eine Beteuerung bedeutet. Die betreffende 



Wortgeschichiliches. 307 

Textstelle uebst der Übersetzung und Worterläuterung Nizier du 

Puitspelu's lautet: , .„. , .,, 

'■ I sailli de sa coquille 

Par s'inleva de noviau, 

Mais zu vayan. Zarnombille ! 

Qui crevave den sa piau. 

.,11 sortit de sa coquille — Pour s'enlever de nouveau, — Mais noiis voyions 
pardieu! — Qu'il crevait dans sa peau." 

ZamonibiUe est pour jarnombille. Le s daus Ic texte cite tient ä ce que 
l'auteur fait zezayer celui qui raconte. Ce zezaiement devait etre assez 
usite ä Lyon, car Reverony l'emploie souvent. Quant a jarnombille, c'est 
un juron dont le type est jamidieu^ dont la Ire partie est ,,je renie". Au 
mot dieu on a Substitut; un euphem. ombilh, fabriquc peut-etre par le 
besoin de la rimc. En tous cas je n'ai jamais entendu le juron jarnombille. 

Da keiner der Rezensenten des N. du P.'scben Wörterbuches 
m. W an dieser Erklärung Anstoß genommen, und auch A. Thomas 
dieselbe Romania XXXIII (1904), S. 209 ff. nicht beanstandet, so 
sei hier auf die Unrichtigkeit derselben hingewiesen. K\c\il jarnidieu, 
das durch sonst nicht nachgewiesenes, dem Reim zuliebe geschaffenes 
omhille umgebildet wäre, liegt zarnombille zu gründe, sondern es 
entspricht dasselbe der Beteuerung je renonce Dieu, wofür in fran- 
zösischen Mundarten und in der Pariser Vulgärsprache zum Zweck 
der Verschleierung geschaffene Umformungen, resp. Kürzungen wie 
jarnonce, jarnon^ jarnongieu nicht ganz selten sich nachweisen lassen. 
Belege hierfür findet man in R. Zockler's manches Treffliche ent- 
haltenden Studie die Beteuerungsformeln im Französischen S. 144, 
wo auch von N. du P. vermißtes jarnonbille wiederholt bezeugt wird. 
ßille begegnet als Verschleierung eines ursprünglichen ,.Dieu" eben- 
so in par la samhille (par Ic sang Dieu), morhille (mort Dieu), 
ventrehille (ventre Dieu), ietehille (tete Dieu) und anderen Ausdrücken. 
Ob sich dasselbe, wie Zöcklcr annimmt, über dille, das in pardille 
(pardieu), cordilh (corps Dieu) vorliegt, entwickelt hat oder ob bleu 
(bleu) in rnorbieu, sangbieu etc. die Durchgangsstufe biMete, wird 
sich mit einiger Sicherheit schwer entscheiden lassen. Bezüglich des 
anlautenden stimmhaften cS in zarnombille, das N. du P. als Lyoner 
Dialekteigentümlichkeit aufzufassen scheint, sei bemerkt, daß in ana- 
loger Weise mit jarni (je renie) gebildete Beteuerungsformen heute 
in Südfrankreich in weiter Verbreitung mit z anlauten, welches hier 
nicht sowohl in lautmechaniscber Entwickelung begründet sein dürfte 
als vielmehr in dem Bestreben die betreffenden Ausdrücke durch 
weitere Verschleierung ihrer ursprünglichen Form abzuschwächen. 
Vgl. in Mistral's Tresor unter sarnibieu. 

wall, zoeper begegnet in der Mundart von Naniur nach L. 
Pirsoul Z)^■c/. II, 351 in der Bedeutung „fustiger, battrc ä coups de 
verges". In dem Wort ist mudl. sioepen, nid. siceepen, ostfries. 
swepen sioäpen etc. (hd. schiüeifen), peitschen, kaum zu verkennen. 
Es sei hier verzeichnet als Beleg für die Wiedergabe der niedd. ndl. 
Anlautgruppe sw im Wallonischen. Vgl. Zs. f. rom. Phil. XXVI 

20* 



308 K. Ettmaijer. Emil Hausknecht, 

(1902), S. 247 zwere^ Grandgagnoge Dict. II, 198 zivai (udd, swart^ 
;4;egeuüber wall, olrselle, ivarscle, xvarsier. über die ich in der Fest- 
schrift für Mussafia p. 84 f. gehandelt liabe. ^) Vgl. auch oben p. 305 
unter giroiKinte (wall. gcirJoine). 

I). Behrens. 



Betterave. Da mir im Augenblicke, da ich den Artikel über 
hetterave (diese Zs. XXXIP, S. 153 f.) zu Papier brachte, Cherubinis 
Mailändisches Wörterbuch nicht unmittelbar zugänglich war, und ich 
z. T. mündlichen Angaben einiger mailändischer Herrn folgte, möchte 
ich nun, zur Vermeidung von Misverständnissen, Cherubini's Angaben 
nachtragen. Nach diesem wäre die Form erbett speziell brianzolisch. 
In Mailand nenne man die Keimlinge erb^ die Blätter bied. Es ist 
Jdar, daß auch diese Thatsaclieu sich mit dem historischen Gesammt- 
bilde, wie ich es entwarf, vollkommen decken. 

Bozen. K. Ettmayer. 



'Rlldervereill', 'Ruderklub' sind zwei im Deutscheu feststehende 
Ausdrücke. Sachs in seinem großen Wörterbuche übersetzt lluder- 
verein mit 'club des rameurs\ Dieser Ausdruck ist natürlich all- 
gemein verständlich, aber nicht gebräuchlich. Gelegentlich der hier 
kürzlich (auf dem Genfer See zwischen Ouchy und Üvian) abgehaltenen 
internationalen Ruderregatta wurden Ausdrucksweisen für 'Ruderklub' 
häufig in der Unterhaltung und in den Zeitungen gebraucht. Niemals 
war es ''club des rameurs' ; und auf meine Erkundigung bei Franzosen 
wie bei französischen Schweizern wurde mir stets die gleiche Antwort: 
,,0n ne le dit pas." Einen ganz fest eingebürgerten Ausdruck gibt 
es zur Zeit noch nicht. Die Einrichtung ist englischen Ursprungs 
und die Bezeichnung 'rowing-club' ist auch im Französischen nicht 
ungebräuchlich. Häufiger sind jedoch die französischen Ausdrücke: 
socihe (vnion, chib) nanüque, societe de canotage und cercle (oder 
club) de Vaviron. In all den von mir festgestellten Fällen bezog 
sich die mit nantique zusammengesetzte Bezeichnung auf Rudervereine; 
sprachlich ließe sich diese Bezeichnung allerdings auch auf Segelklubs 
anwenden. Unter diesen verschiedenen Bezeichnungen für Ruderklub 
sind nach meinen Beobachtungen und Erkundigungen in der Umgangs- 
sprache bei weitem am häufigsten societe de canotage und cercle 
de l'aviron. Diesen letzten Namen führten auch mehrere Vereine, 
u. a. auch vier französische aus Frankreich (z.B. der Cercle de l'aviron de 
Lyon). Strenggenommen entspricht von diesen beiden Ausdrücken 

1) Zwischen dtsch. z{ts) und lu stellt sich als Gleitlaut ?/ ein in älterem 
wall, zuwilisl; das Godefroy aus einpr Lütticher Urkunde des 16. Jahrhunderts 
belegt und mit einem Fragezeichen versieht. Es ist dtsch. Zvnllkh, wie 
Grandgagnage Dkt. II, 646 unter r.wrillkh richtig erkannte. 



Wo rtyes cli ich tliclies. 309 

nur ^cercle de Paviron' ganz genau dem deutschen 'Ruderverein", denn 
societc de canotoge heißt eigentlich doch nur 'Kahnfahrtverein'; man 
unterscheidet ja auch (aber eben nur \venn mau eine genaue Unter- 
scheidung vornehmen will) zwischen canotage ä la volle und canotage 
ä la rame (oder ä Vaviron). Gewöhnlich ist aber '•societe de canotage' 
ein Ausdruck für 'Eudcrverein'. 

Im Zusammenhange hiermit weise ich hin auf folgende Wen- 
dungen. Organiser tine regate ä rames (ä voiles). Les courses 
ont i'te tres discutees et ont presentc un vif interet. A noter Vex- 
cellent style des equipes de Zürich. Des le dcpart Vexcellente 
equipe de Milan prend la tele et triomphe facilement. L'equipe 
de V., qui rame avcc beaticoiq» d'ensemble, gagne de S longueurs 
(avrive 1/5 de seconde avant Vequipe de L.). Arrivee fort disputee 
entre Genhve et Lausanne, qui coupent ensemble la ligne d^arrivee. — 
Outriggers ä huit rameurs seniors, a quatre rameurs piniors. — 

JLa circulation des hateaux de plaisance estinterdite dimanche 
sur tout le parconrs des courses dts 1 h. apres-midi jusqu'u 7 IXr. 
du soir. 

Lausanne. Emil Hausknecht. 



Beiträge zur Geschichte 

der politischen Literatur Frankreichs in (\ev 

zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. 

I. Teil. 

(VfTl. 1kl. XXXI 1 S. 102 if. imd Bd. XXXI I' S. 238 ff.) 

IV. Die Weiterentwicklung des politischen Charakters der 
Reformationsliteratur bis zum Ausbruch der Bürgerkriege. (1562) 

Der Gegensatz zwischen Katholizismus und Kalvinismus, wie 
er sich in dem sich mit wachsender Erhitterung entspinnenden Kampf 
beider Religionsparteien um die Macht im Staate gestaltet, macht 
sich in der politischen Literatur mit immer größerer lireitc und 
Schärfe geltend. Zwar geht mit der Übertragung des religiösen 
Gegensatzes auf die Zeitliteratur weltlicher Natur viel von der ur- 
sprünglichen Heiuheit und religiösen Eigenart der Reformationsliteratur 
verloren; aber gerade der Zusatz des religiösen Elements in der 
politischen Literatur bewirkt eine Verschärfung der Gegensätze, wie 
sie ganz den sich im Zusammenhang mit den immer deutlicher zu 
Tage tretenden religiösen Meinungsverschiedenheiten stets schroffer 
entwickelnden politischen Verhältnissen entspricht. Zu dem kühnen 
Hohn der religiösen Lästerer von Kirche und Kirchenlehrc tritt der 
Spott über die politische Parteisache des Gegners und die Pläne und 
Absichten seiner Führer, der Guisen, Die Invektive und Polemik 
gegen die Guisen, welcher Hotman's „Tigre'' die Bahn gebrochen. 
wird vollends zum ergiebigsten und fruchtbarsten Thema der poli- 
tischen Literatur, seitdem sich die Dichtung, mit größerem Geschick 
und besserem Glück als die Prosaschriftstellerei, des willkommenen 
Stoffes bemächtigt und ihren herben Spott in wuchtigen Versen über 
die hochtrabenden Ansprüche und Absichten der ehrgeizigen Guisen 
ergießt. Aller möglichen Formen bedienen sich die kalvinistischen 
Poeten, um ihre Wirkungen zu erreichen und in dem Oberhaupt des 
Feindes die Sache der feindlichen Partei zu treffen. In geistreicher oder 
geistreich gewollter Spielerei sucht man in dem Anagraram aus dem 
Namen des verhaßten Kardinals die Veiwcrflichkeit seiner Handlungen 
und Absichten abzulesen und deutet seinen Namen bald als ,,// 
eJierra, Casjie dort''', bald als „Hardi larron se cele", „Bade os 



Beiträge zur Geschichte der polit. Literatur Frankrelclis. 311 

Cor de Henry'\ bald, unter Anspielung auf die von den Kalvinisten 
ersehnte Erlösung des Königs aus der Gefangenschaft des Kardinals, 
als „Renard, lasche le Roy'-''^^), und sucht diese Auslegungen in 
kurzen Gedichten zu erläutern Sj). Die Devise des Kardinals „te 
stante virebo — te cadente periho^^ erfährt in einem kurzen Qua- 
traiu die boshafte Umdeutung: 

„Je stante virebo: 

„Sire vaten hotte. 

„Cadente periho: 

„Robin, pete de fa. ''6) 

Franz' von Lothringens Namen muß sich ähnliche boshafte Aus- 
legungen als ..fiji larron es de ce roy'-'- oder .J,arron farcy de noise'' 
(nlarron de noyse farcy'' ^7) gefallen lassen. Der „ Cardinal de la 
JLorraine'^ wird den spöttelnden Kalvinisten als „Cardinal de la 
Ruine"^ zu einer stehenden Figur 5*^). Wieder einem anderen Spötter 
legt der Name „Lorrains'" das Wortspiel mit Jarrons"- nahe und 
bringt ihn auf den Einfall: 



s*) Ms. 22560, f. 15. 122. vgl. auch Regnier de la Planche, llistoire de 
l'eslut de France . . . sous le regne de Francois II. ed. Mennechet (Paris 1836). 
I. S. 70. und die „Legende de Charles da Lorraine* M. D. L. XXVI. S. 2G r. 

"') Ms. 22 560, f. 122. 208. Dazu gehört auch die zwölfstrophische 
.^Chanson sur le nom toiirne le Charles de Lorraine, faitie avant la mort du rot 
Francois (second), auquel est trouvij „Renard lasche le. Roy", in: „Monologue de 
proridence divine, parlant u la France". Reims M. D. L XI. 32 S. S. in-8. 
56) Ms. 22 560. f. 16. 
") Ms. 22 5(50. f. 123 : ^ 

„Si tu pur ta ßmsse ., l^u ti'as eslc lontunf, o Franrois de Lorraine, 

y,Le larron da Roy de Franre ,.En deit.r regnes sut/uans auoir taut buti'ne'. 
y,Abttsant de sa sirnplesse .,Aijunt France reduit proche de xa ruyne. 

„Et de sa jeune imiocence, „Mais de Charles aussi le regne as mntini' 

„Ton nom parte hien en soy ,.Par guerre, dontchascunestentresgrantmul-ajjse 

„Fin larron es de ce roy*. „ Ton nornfeconrient hie.n. Larron fa reu d'noise". 

Ms. 22 560, f. 268: „Francois, le grand amhitieux 

„Qui coidoit combatlre les Cieu.v, 
,,Faisoif (t Dieu guerre cmeUe: 
..Ayant eniply son escarcelle, 
..Est mort confre Dicu endurcy, 
„Et larron de noi/sc farcy.'* 
•''*) auch ..Cardinal ruincux" luul ../'harles de l" Iluiue;" vgl. die folgende 
Diclitung: 

_ Ta Derise de Lierre est bien propre ponr fny. 
„Cardinal ruineuj:, et rCy a qiie redire; 
yCar si nous t^enti'ndons Lierre tu te ceux dire. 
Et par la Pyramide est entendu Irt Roy, etC. (Laboureur, Addit. 
I. S. 279 = Ms. 22560, f. 15); vgl. damit das „Dizain du Cardinal de la Ruine", 
Reo. VIII. S. 276. Ähnlich äufsert sich ßeroald in seinem Tagebuch zu dem 
Jahr 1562, dessen stürmische Ereignisse ihn aus seiner Ruhe in Paris auf- 
scheuchten: ,,ll fahä quicter tont et gagner le kaut ii cause de la conspiralion, des 
meschans desquels le cardinal de La ruine, qiCou appeloit de Lorraine, estoit le che/ 
' ( conductere et les autreh entreprenews et bourreaux des chrestiens.^ s. France prot. 
11- S. 396. 



312 Kmt (j'laser. 

,.K>i vous vovlez OKI/r nouvelles 
^.Certüines de vostre renom, 
..Ostez un 1 de vostre norti 
„Et transposez les deu.v royelles.'-'''-) 
Der Name des Kanzlers L'Hosi)ital lag zu nahe, als daß die 
Kalvinisten sicli nicht auch seiner zur Herstellung eines Wortspiels 
bemächtigt hätten, in welchem sie ihn als Jiospital" für ihre Heilung 
aus deu ihnen von den ,,deiuT Iarro7is'-'- bereiteten Nöten bezeichneten. ^O) 
Auch das Wappen des Kardinals, welches eine von Epheu um- 
rankte Pyramide darstellt, wird zum Gegenstand boshafter Deutungen, 
welche in der Pyramide den von den Guisen umklammerten König 
und in dem Epheu den Kardinal erblicken; in näherer Ausmalung 
dieser Yergleichung wird das plötzliche Emporsprießen des Epheus 
mit dem jähen und eigenmächtigen Eindringen der Guisen am 
königlichen Hofe \ erglichen und unter Hinweis auf die Gefahr, 
welche der Festigkeit und Haltbarkeit einer Mauer von dem um- 
rankenden Epheu droht, die Schlußmoral aufgetischt, durch recht- 
zeitige Beseitigung des die Mauer umrankenden Epheus die Mauer 
zu schützen. „2w seras^\ so schließt das Gedicht^^), 
„ Tu seras arrachc. cur miner on te void 
„Des ja la pyramide, et un chascun j^v^voit 
„Q^i'en vain tu n'es nommc Charles de Ja Bulne'''. 
Mit diesen mehr boshaften als wirklich geistreichen Spötteleien 
mischen sich offene und unverhohlene Invektiven gegen die verhaßten 
Guisen. 

Die Freude der Kalvinisten über die von ßobert Stuart im 
Dezember 1559 vollbrachte hinterlistige Ermordung des Präsidenten 
Autoinc Minard, welchen die Kalvinisten nächst deu Guisen für die 
Verurteilung von Anne du Bourg verantwortlich machten, ließ einen 
der Ihrigen dem verhaßten Kardinal das gleiche Schicksal wünschen 
in der Warnung: 

,, Garde toy Cardinal 
„Quo tu ne sois trait^, 
„Ä la Minarde 
Uune Stxiarde.^'-) 
Ein anderes Mal schleudert man ihm die im Stil des ^/figre"* 
gehaltenen Apostrophen entgegen: 

„Loujy rauissant, Tygre irop inhumain, 
„Enfle d'orciueil, et de cent maleßce, 

^^) in dieser Fassung ist das Quatrain „Aux Lorrains'' abgedruckt am 

Ende der „Jnste Complainte des Fidchs de France'-^ von 1560 (S. 0.); mit geringer 
textlicher Abweichung findet es sich wieder in Ms. 1662, f. 27 r. und Ms. 
22Ö60, f. 17. 

«0) Ms. 22560, f. 23. 

") Laboureur, AddU. I. S. 27i» und JNls. 22560, f. 15. IG. (s. o.). 

8-) Laboureur. Addit. I. S. ;'>55. 



Beiträge zur Geschichte der ■polit. IJteratur Frankreichs. 313 

„ Cessera point ta rauissante inain 
„A fourraigcr la France, ta 7iourrice? 
„Regarde ä toy et au futur supplice, 
,,Dond tu ne peuw nullement eschapper: 
,,,7e te voy ia traisner, Her, happer. 
„Ne crains-tu point, estant dessiis Veschelle 
„Ättens un peu : on te vient aiiraper 
..Ijenfer aussi est tout prest, qui fappelle.'' ^■') 

und „Faidse vipere, Aspic pernicieux, 

„Qui en ayant au Diable ton service 
„Du tout noue, nas ricn que J'Auarice, 
,,Loup enraige, Renard, amhitieux, 
,,Bouc, mais de tous le plus incestueux 
„Moqueur de Dieu, magazin de malice, 
„Oii sa derniere espreuue fait le vice, 
„ Tygre affame du sang des vertiieiix ; 
„Monstre hydeux, inject, insatiable, 
..Sans foy, sa7is loy, sans honte, ahominable, 
„FUau des Chrestieiis, contraire ä veriti, 
„Qii'attends-iu plus'? Ne voys-tu la tempeste, 
„Qui ia desja foudroye sur ta teste, 
„Et contre toy Dieu tr es fort irrite.^'-^'^) 

Die Form des Qiiatrains fand in jener Periode politischer 
Reimerei mit Vorliebe Anwendung, 

^Charles Lorrain, le cardinal 
„Incestueux, ahominable 
„S^est donne corps et ame au diable 
„Si, tant qu'il vivra, ne fait mal."^'^) 

„Le Lorrain, au rouge chapeau, 
„Dessous le roy Henry grand veav, 
„Et soubz Frangois petit Hon, 
„A fait des maux un million.^' ^^' ) 

Am bekanntesten wurde ein anderes, ni. W. zum ersten Mal 
in der „Histoire du tumulte d'Amboyse'-' 1560. S. 24 gedrucktes 
und vermutlich kurz zuvor entstandenes Quatrain, welches die den 
kalvinistischen Spöttern noch im rechten Augenblick in die Erinnerung 
zurückgekommene Abneigung Franz I. gegen die Guisen in die 
spöttelnden Verse brachte: 

„Le feu Roy deuina ce point, 
„Que ceux de la maison de Guyse 

<5") Ms. 22.%0, f. 19. (s. 0.). 

•w) Ms. 225fi0, f. 17. (s. 0.). 

ö6) Ms. 22560, f. 17. 

'«) Ms. 22.560, f. 17. 



314 Kurt Glaser. 

,y Mettroy e7it se$ enfans en pourpoint: 

.,Et son poure peuple en chemise.'^ ^'') 
Micht minder als die im Einzelnen schwankenden Faßungeu. 
in welchen das Quatrain auf uns gekommen ist, lassen vielfache Er- 
wähnungen und Anspielungen auf den kleinen Yers^^) sowie namentlicli 
der Umstand, daß sich die Satire Menippee noch im Jahre 1593 
des kleinen Verses, .jnaintenant tout vnlgaire'-", erinnerte, welchen 
sie, boshaft genug, dem König selbst beilegte,'^''') auf eine weite Ver- 
breitung und einen lebendigen Gel»raucli des Quatrains im Munde 
des Volkes schließen. 

Die Klagen und Beschwerden, welche die kalvinistischen Flug- 
schriften auf das Haupt des Kardinals häufen, finden bei den 
kalvinistischen Sängern ein bereitwilliges Ohr, Was die kalvinistischen 
Gemüter bedrückte, gestaltete sich im Munde der sangeslustigeii 



•*') vgl. auch Regnier de la Planche, llistoire dt Testat de France, ed. 
Mennechet (Paris 1836) I. S. 149. 

*^) ,,Tu scais bien que viuant le Roij Fraiicoys pre^nier {Je itigement duquel 
litail admirahU) tu nosois comparoistre deuant luy, et qu'il dtfendit au feu Roy Etm^y 
son ßls, que tot/ ntj les tiens n^eussiez aucune InteUlijence de .«es affaires. Tigre. Da- 
zu die entsprechende Stelle de? versifizierten Tigre: 

.,C'ar il est prouci que ta fausse cautelle 

„Et secrette maVue ii toKJoxrs cfe teile, 

„Qu aux >/eiix ilu Ri»f Frnnrois, peu decant son trepas, 

..Pour ta mechuncete, montrer nc f'osois pas. 

..Mesme an seaif Inen, durant sa meniorable rie, 

,,Lui/ le connoissant hie», q/ril navoit pas envie 

..De .SV- jier en toi/, nl t<- roir pres de luy, 

„Prcrotjant Inen le mal que tu fais aujourd'hu//: 

,,Ä Henri/, dernier mort, ne jit-il pas defense 

„Que tii toi/, ni les tiens neussent intelligence 

„Des affaires de France, et e/ue de trahisou 

.,11 so'ipconnoit dijit ta mccltante maison?" (Ms. 2.jo9, f. 1 r. u. v.) 
Ähnlich die „SuppUcation et Remonstrance adressce au Roy de Navarre" von 
1560 (S. 0.): „0 prudent et e.rcellent roy Frangois, combicn s'en fault-il que tu n'ayes 
este vray prophcte, qiiand tu predis ce que nous royons quasi a l'ml, e/ue si jamais 
ceste meschante maison de Guise gouvernoit Je Roy ton Jils, eile le mettroit en cliemise.^ 
(Meins de Conde I. S. 500). Vgl. auch Bouille, llistoire des ducs de Guise I. S. 159 
ff. Beachtenswert ist auch die Anspielung in einem vom März 1560 datierten 
Brief der Katharina von Medici an den Herzog von Etampes, in welchem sie 
von sich selbst sagt: „// n'a pas tenu II des fols qu'ils nc m'ayent mise en pour- 
poinct et spoliee de ce que je pense justement innppar'cinr- (näml. der Regierung). 
Ms. V. C. de Colbort. 27. f. 343. 

*') „Quand vous veistes le roy Charles decede, qui autrement ne vous aymoit 
pas beaucoup, et qui avoit plusienrs fois repett le dire du grand roy Francois, dont 
luy-mesme avoit fnict ce quatrain^ maintenant tout vulgaire: 
..Le Roy Francois ne ßtillit point, 
„Quand il predit que ceu.r de Guy sc 
..Mettroient ses erifants en pourpomrf. 

„Et toiis ses si/h/ects en chemise." (Satyre Menippee . . . 
auyimutie de notes . . . de du Puy et de Le Duchat; par V. Verger et Ch. 
Kodier. II. Paris 1824. S. 27. — ed. Read. Paris 1876. 3. 193). Etwas ab- 
weichend ist die Fassung des Quatrains in den Mems de Conde I. (1565) S. 13. 
= I. (1743) S. 533. 



Beiträge zur Geschichte der polit. Literatur Frankreichs. 315 

Poeten zum Lied. Mit ciuem Eifer, welcbeu der Haß gegen die 
Guiseu entflammt, ziehen die Dichter los über den Kardinal, der sich 
die Herrschaft in Frankreich angemaßt und dem König nichts mehr 
gelassen hat als seinen Namen. 

,,Monsieur le cardinal, par j'orce et par outraige 
„A le partagement de la France manie, 
,.Et en faisant les parts, s'est tout approprie, 
..Laissant au Roy le nom pour tout son aijpanaige.'''*^) 
„Faux traistre furieu,i; ta puissance et la raige 
..Rien ne te sQrviront^ apprester il te faut 
„^4 rendre compte ä troys. Dien tout premier d'eii haut 
,,iVe fen remettra rien^ cognoissant ton couraige, 
,^Car tu l'as offense un million de foys, 
„Or hlasfcmant son nom, or inesprisant ses loiv, 
.^Invoquant autre Dien que luy en ton affaire, 
^ Saccageant, meurtrissant ceux qui fönt contraire. 
,.,D'autre pari, quand le Roy sera venu en eage, 
„Et il sfaura commcnt toy et ton frere caidt 
^^Uavez voidu priver d'un sceptre, qui tant vault, 
„0! que je vois tomher sur ton chef grand oraige! 
,,Recog}ioistre il te faut encores les grands maux; 
^,Ravisse7nens de Mens et moris de ses vassaulx 
,.Auxquels tu as mene loujours guerre cruelle. 
„./a, ja, pour tout venger, Dieu prend la cause en main: 
„Nous voyons contre toy s' armer un Prince humain 
rEt son branc d' assier menacer ta ceruelle."'^) 
Die kalvinistischen Dichter suchen dem betrogenen Volke die 
Augen zu öffnen über die Leichtgläubigkeit, mit welcber es sich durch 
die mit dem Namen Christi umkleideten selbstischen und nichts 
weniger als christlichen Bestrebungen des Kardinals täuschen läßt; 
sie spielten auf den fremden Ursprung des Lothringerhauses und 
seine Ansprüche an, welche aus der von den Guison behaupteten 
Herkunft ihres Geschlechts von Karl dem Großen abgeleitet sind 
und in dem Streben nach der königlichen und päpstlichen Würde 
gipfeln, *2) und bringen ihnen ihre ..Estrennes" dar in den spöttelnden 



-0) Ms. 22560. f. 20. 
'1) Ms. 225(50. f. .')9. 

'-) yjCociir ile crajipau/ crerant il (imbition 

„Et hrusloLTit fönt dun (li'xi'r (Vestre Roi/, 

„AV Jcij-tii pas des frefres Jractio)i, 

^Doiit France Jensf en tris ;/rand d^sarroy, 

„Quant tu /len^ois \apl(-s prendre pour toy? 

„Puls desirant exterminer la race 

„Du Hui Cappet, rie j)n'».s tu pas Vuuduce 

„De te uanter ejtrait de C'harlemaigne? 

.. Uli ! Jiii reiiard, on descouurc ta trace, 

^Et Oll si-ait hicii pour '/uiiy Jik laraigne." ("Ms. ■J2ö(:)0, f. 72). 



316 



KvH lauer. 



Versen: J^uelque mine que tu face. 

,.Bien missi/ faseln' te voy, 

„De mourir sans estre pape, 

,,Qiie cestnij sans estre ro^/." '■') 
und: „/Im cardinal de Lorroine 

..Porte estreine 

„Le saige Dieu tout puissant 

y,D\ine foiddre, qui tout mine, 

„U e.xtcrminc ., 

y,De ses rnaux le punissant. 

.,Luy oste aussi la himiere 

..Journailliere, 

.„Et le mette au plus has Heu 

.„Des enfers. et de la sorte 

y,Sa cohorte 

,. Soit confondue Qn tout Heu. ^■*) 

Auf die in allen möglicLeu Anzeichen zu Tage tretenden 
Herrschgelüstc des Guisen spielt in spöttelnder Weise auch eine 
Dichtung, der „Paradoxe du Carolus''' an, welche Rasse de Noeux- 
iu seiner Sammlung kalvinistischer Poesien (Ms. 22 560. f. 22 b), 
Eegnier de la Planche (ed. Mennechetj I. S. 38 — 48 und Laboureur, 
Addit. I. S. 399, 400 überliefert haben. 



1. ..,Amy tie troiivc point 

estra.wje, 
„Si qiiand tu vas au Pont 

au Chanfie., 
„Pour Escus, Ducats ou 

Saluts, 
„On te präsente un Karolus. 
9. ^Le Domesiique ou 

Estranger, 

„RacJiete de mort ou danger, 

.Recouvre honneurs et Mens 

tollus 

y,Ai'ec le son d'un Karolus. 

13. „Pour au Roy demander 

Office, 
y,Ou quelqii Estat ou 

Benefice, 
„11 n^ya rien qui serve plus, 
„Qu'avoir en main mi 

Karolus. 



2. „ Car on peut voir llieur de 

ee Regne, 

,. Oii si honne Police regne, 

„Que tel qui s'estime le plus 

„aS<? dornte pour un Karolus. 
12. .^Ne pensez point aller en 

Cour., 
„Pour faire aux Grands 

Seigneurs la Cour, 
„ Car de faveurs serez exclus, 
„Si vous navez un Karolus. 
15. .,X« Loy, le Droit et V Or- 
donnance, 
„ N^ont plus de Heu en nostre 
trance, 
„Car mesme les Ai^rests 

conclas 
„ Se changentpour un Karolus. 



") Laboureur, Addit. 1. S. 397. Ms. 22560, f. 17. unter dem Titel 
„Les Eslvennes des liugenots au.i' dein- freres lorvains IhßP' in Ms. 1662, f. 27 r. 
'«) Ms. 22560, f. 17. 



Beiträge zur Geschichte ihr poUt. Literatur Frankreichs. 317 

24. ,,Bref amy pour le faire court, 25. „ O'comhien sera grande joye, 

^Je fasseure giiau temps ,./Ve voir plus de fausse 

qui court, Monnoye, 

Trois as ne fönt pas tant ,. Heureiix quand on ne verra 

un flud-, plus, 

Qiie fait en France un „Fn France un Rouge 

Karolus. Karolusr 

Vereinzelt nimmt die Invektive die vielleicht weniger in bos- 
liafter als in vorsichtiger Weise verschleierte Form einer Versspiclerei 
an, wie in einem zuerst dem Druck der „Histoire du tumulte 
d'Amboi/se"- von 1560 anhangsweise beigefügten zehnsilbigen „Sonett", 
welches, wenn man das Ganze liest, ein Lob des Kardinals enthält, 
während die ersten Halbverse für sich das Gegenteil ausdrücken, 
„Par Valiance — et amour miduelle 
„Du Cardinal — faitte auecques le Roy, 
,^0n veoid tout mal — ne trouver jylus de quoy 
„Battre la France — et sa ßeur Immortelle. 
^J^ui Dien deprise — il sent sa main cruelle: 
„Luy., jusqu^au bout — aime et soutient la foy: 
,,Qui inlle tont — et veut viure sans loy, 
..Son frere Guyse — Vafflige de bon zele. 
., Ces deu.v fort bien — ayans un cueur U7ii, 
„ Gardent que rien, — demeurant impuni, 
„iVe leur echappe: — ö tresheureuse France! 
.^Car Vun, de soy, — conoissant combien craint 
r,Veut estre un Boy, — sa iustice il aduance: 
„Ft Vautre un Pape — imite tant est saint."-"^-'') 
Umgekehrt in dem folgenden Huitain, dessen erste Halbverse 
sowohl von oben nach unten, wie von unten nach oben gelesen, ein 
Lob des Kardinals enthalten, während das Ganze eine scharfe In- 
vektive bedeutet: 

„Je n^ayme onc — Benard ton ailiance. 
,,A te desjylaire — Je quiers incessamment. 
y^Je ne veux donc — A toy prendre accointance. 
„Ennuy te faire — Fst tout mon pensement. 
„ Te donner blasme — Est mon ebatement. 
,, Je ne jyry ame — -.4 te faire Service. 
„Le diable entreine — Cil qui est ton amant. 
nQui t'a en haine — Tousjours prosperer puisse."" ''^') 
In anderen Fällen verfährt die kalvinistische Reimerei noch 
künstlicher und freier, indem sie Lobverse auf Karl von Guise durch 
Umkehrung der ganzen Wortfolge in ihr Gegenteil verwandelt: 

T") auch in Ms. 25560, f. 21. Ms. 22565, f. 93 r.; Laboureur, Add. I. 
S. 279: vgl. dazu auch Forneron. Les dncs de Gin'se et leur epoque I. (1877). S. 201 
'<•■) Ms. 22 560. f. 48. 



318 Kurt Glaser. 

De Carolo I.otJiaringo Versus Antistropid: 

„l^cclesiae bonus es Pastor, nee „Sunt bona quae mala sunt 

sanguine gandes, multis, sed Carole coeptunt 

„Carole, dum Gallis hoc parit .^Desifie, nc curae sit tibi Re- 

invidiam, ligio, 

„Religio tibi fit curae, nee desine .,Invidiatn paml hoc Gallis, duni 

coeptum, Carole gaudes 

„ Carole, sed multis sunt mala „ Sanguine, nee Pastor es bonus 

quae bona sunt.-' Ecclesiae." 

Ebenso das folgende Distichon: 

„Pontificem bene non Regem scis fingere, paceni 
,,Quaerere, non bellum quis modo conqucritur.'- 

Der Tod Franz II., in welchem fromme kalvinistische Sänger 
die Hand Gottes erblickten (s, o.), sowie der Regierungsantritt 
Karls IX., welcher die allmächtig gewordenen Guisen ihres Einflußes 
beraubte, gab den kalvinistischen Sängern -neuen Anlaß zum Spott 
über die verhaßten Guisen. Des von den Kalvinisten mit Erwartung 
und froher Hoffnung begrüßten Regierungswechsels bemächtigte sich 
die kalvinistische Dichtung um so lieber, als die letzten Jahre wenig 
Ermutigendes für die kalvinistische Sache gebracht hatten. Ein 
kurzes „Huitain" deutete mit der dem 16. Jahrhundert so geläufigen 
anagrammatischen Spielerei den Namen des neuen Königs „Charles 
de Valois" in „va chasser Vidole'-'' um 7'^). Das „Pasquil de la 
Cour, composi noutiellement par maistre P*ierre de Cognieres 
resuscitd, jadis aduocat en la cour de Parlement ä Paris . . . •' 
(Paris 1561)''') gibt nicht blos derselben Hoffnung zuversichtlichen 
Ausdruck in den an den jungen König gerichteten Zeilen, sondern wendet 
sich auch an die anderen, der hugenottischen Sache freund- und feindlichen 
Persönlichkeiten des Hofes. Antoine de Bourbon, den König von 
Navarra, den Prinzen von Conde, den er zu seiner Freilassung aus 



••') Laboureur, Add. I. S. 399. 

''^) in: Mems de Conde II, S. 222. Ebenso eine längere Dichtung, 
welche der „Papimanie de France." M. D. L XVII. angefügt ist. Eine An- 
spielung darauf enthält Antoine Du Piain, „De Vassislance que dieu a fatcte ii 
son t'glise de Lyon" ].^62, Vers 38: 

„Ce Roy ra chasser 1' Idole 

,,Plaiti de dole 

„Cognoissant un tel Jorfait: 

„Selon la vertu Roi/ale, 

..Et lot/ale.1 

„Coiime Ji'sias <t fnif. (Bordier S. 239. 231. Reo. 
XIII. S. 338); vgl. auch Forneron. Les ducs de Guise et leur cpoque I (1877) 
S. 354. 

•») Ms. 22565, f. 59— r.l.Bibl. Nat. L i^bss und Fonds Fontanieu, 299. 
f. 68 — 75 (= nouv. acq. 7719). Abdruck auch in den Mems de Conde IT, 
S. 657 ff. — vgl. ferner das Urteil von Lelong, ßibliotheque histor de la France. 
II. S. 237, nr. 17801 : „le PasquU ou cetle SaUjre des prtncipanr de la Cour de 
Charles: IX en ringt Qnalrains, ncst pas mal fake pour le temps.^' 



Beiträge zur Geschichte der polit. Literatur Frankreichs. 319 

der Gefangen Schaft der Guiseii beglückwünscht, die Königin-Mutter, 
deren Trost und Verdienst in ihrem Kinderreichtum besteht, den 
Prinzen von Navarra (den nachmaligen Heinrich IV.) und den Conne- 
table Montmorency redet der Verfasser in wohlmeinenden und lobenden 
Worten an. Von den Feinden der hugenottischen Sache dagegen 
entrollt er eine ganze Reihe satirischer Porträts, namentlicli von dem 
Papst, den er das Ende seiner weltlichen Herrlichkeit voraussagen 
läßt, von dem Kardinal von Lothringen, diesem „Lucifer, aitache 
au firmament du royaume mondain", der spöttisch an seine ver- 
blichene Herrlichkeit erinnert wird. In scharfen Worten dringt er 
auf den Kardinal von Guisc ein: 

„Qui autre soin na qua i'einplir sa pance, 
,.,Qui ä vertu ei soji Dieu poiiit ne pens<\ 
„Je dy qiCil est wie beste masqiiie, 
„Qui plus Haltend que d'estre sußoquee". 

Der „Monsieur de Guyse" wird in ähnlicher Spraclie angeredet: 
„F(Si( questranger tu es de ce Royaume, 
„Que tardes-tu de serrer ton bagagef 
„Et que soudain faces place ä Vendosme (= Navarra). 
„Que tu voidois detenir (Druck: dSlivrer) en ostage''. 
Der Hoffnung der Hugenotten auf das Haus Bourbon und ihres 
Hasses gegen das Geschlecht der Guisen wird in zwei weiteren Quatrains 
noch besonders gedacht. 

Eine scharfe Apostrophe au die Mönche („A tous les Moines'-'-) 
beschließt das Pasquil: 

..^Mal-heur siir vous, povres maladvisez; 
,,Mal-heur sur vous, Antechrists desguisez, 
„Puisque voyez ce que ne vouliez veoir, 
„Et que chacun dhire de scavoir^'. 
Der jähe Umschwung in der Macht der Guisen, welchen der 
Regierungsantritt Karls IX. herbeiführte, gibt den kalvinistischen 
Sängern noch wiederholt Gelegenheit zum Spott ab. Mit unverhohlener 
Schadenfreude sehen die kalvinistischen Spötter die verhaßten Guisen 
vom Hofe abziehen und geben sich dem Jubel über die durch ihren 
Sturz herbeigeführte Veränderung hin: 

„ Or do7ic, esprits de droite nature, 
„Ja ne craignez de chanter la droiture. 
„De vostre Dieu: Faites quen toutes parts 
,,Soit son renorn et sa. grandeur espars. 
„Le temps n'est plus qu^in rcuge enluminc 
„Guidoit les pas d'un jeune couronnS'' ^^). 



^f*) „Echo, sur Vadieti du Card, de Loi:" in: Cantiqve spirituel et consolatif 
ä Monseigneur le Prince de Conde, auec Un Echo, sm- Vadieu du Card, de Lor. 
Plus la decUnation des Papes, Contrepronostication a celle de Nostradamus. ReiQlS 

M. D. LXI. (Coli, de Fontanieu. 299 = nouY. acq. 7719,f. 76 80v.). 



320 Kurt Glaser. 

Bald ruft man ihuen liöhniscb die Walirlieit der Worte det^ 
Magüiticat: Fecit potentiain in hracJdo sao et deposuit potentes 
de sede etc. im Sonett nach und dankt Gott, der durch den Sturz 
der verhaßten Machthaber Grosses gewirkt hat^^); bald erinnert man 
die Guisen spöttisch an die ihnen von kalvinistischcr Seite schon so 
oft vergeblich vorgehaltenen Warnungen: 

„Tu as. cardindl rnaudit, 
„Par ta sondaiue rwjne, 
..De la puissance divine 
„TJeffect quon favoit predit. 
y^Pour tout ce qiion fen a dit, 
„ Tu n'as point change de mine; 
,,Ores que Diexi t'extermine. 
„Moque toy dß son edit etc.^-J. 
Die von den Kalvinisten an den Sturz der Guisen geknüpften 
Hoffnungen waren indessen nur zu bald von bitteren Enttäuschungen 
begleitet, welche den Jubel im kalvinistischen Lager verstummen ließen 
und den aus der Unzufriedenheit hervorsprudelnden Spott der kalvi- 
nistischen Sänger über Personen und Vorgänge des öffentlichen Lebens 
auf Neue entfachten. Das IJeligionsgespräch von Poissy, welches mit 
großen Erwartungen eröffnet wurde, aber schließlich nach endlosen 
Disputationen kläglich scheiterte, bot den mißvergnügten hugenottischen 
Spöttern ein geeignetes Thema, welches sie ihren Haß gegen die 
Guisen für den Augenblick vergessen ließ. 

Während sich ein Huitain, welches Le Laboureur in seinen 
Additions aux Mem. de Castelnau I. S. 738 überliefert hat,^^) darauf 
beschränkt, in kurzer und derber Fassung auf die beiderseits beteiligt 
gewesenen Theologen und ihre Bestrebungen anzuspielen, unterwerfen 
die y,Siv Sonnets de l'ÄssemhUe des Prelats de France^ et des 
Ministres de la Parole de Dieu, temie ä Poissy, Van löäP'-^^) 
die Geistlichkeit der katholischen Kirche und die in dem Religions- 
gespräch zu Tage getretenen Schäden ihres Systems einer scharfen 
und satirischen Kritik. Das 1. Sonett hält den „Fvesques assem- 
blez ä Poissy^ die heuchlerischen und unlauteren Mittel (artifices) 

81) Ms. 10;J04,f. 24. 

82) Ms. 22560, f. 17. 

*') auch in dem Mems de Condd I. S. ö4 und II. S. 504: 
..Messieurs de Valence et de Seez 
„Ont mis h-x papistes au.v ceps, 
„Salif/nar, Bonf edler, Despeme, 
„Pour sercir Dieu qiiittent la panre. 
„Mariorat, de Beze, MarUp- 
„Font mourir Je pape mrirtip; 
„SauJ, Merlin. Saint- Pol, Spina 

^Soiit marris '/ii'encore pis n'a." Vgl. ferner Le Roux 
de Lincy II. S. 237. 2a8 und France prot. « V. S. 300, Anm, 3 (Art. Des Gallars). 
5-») in: MMs de Conde II. S. 515—519. 



Beiträge zur Gcscldclde der polii. Liieratur Frankreichs. ol'I 

vor Augen, durch die sie sich in schamloser Weise mit den Gütern 
und Besitzungen dieser Welt bereichert haben und sich mehr Königen 
als dem Himmelreich zu nähern suchen. In dem 2. „Sonnet", der 
, Confession de plusieurs des prelais assemhlez ä Poissy, lorsque 
les Ministres de la Parole de Dien se 'prcsenierent pour disputer 
contre eux"^ spricht sich in der Form eines den katholischen Prelaten 
in den Mund gelegten Bekenntnisses der Kleinmut der kathohschen 
Geistlichkeit aus, mit allem Aufwand weltlichen Prunks und weltlicher 
Neigungen dem auf die Bibel gegründeten Glauben der Bekenner der 
neuen Lehre nicht widerstehen zu können, ^'^j Das 3. „Sonnet" f„X>e 
la dispute d'entre les prelats papistes assemblez ä Poissy, et des 
Ministres de la Parole de DieW) stellt den Hochmut und die 
Unwissenheit der Katholiken dem auf wahre Gottesliebc gegründeten 
Wissen der Bekenner der neuen Lehre gegenüber und gelangt zu de;- 
an die mutigen Bekenner des neuen Glaubens gerichteten scherzhaften 
Aulforderung: 

„Cessez ö Chevaliers des sacrez Evangilles, 

.,D' attacquer nös Prelats et leiirs troitjyes servilles, 

„Esprouvez auire pari vostre divin bon-hevr: 

„ Car s'ils deineurent courts, ils diront par ordrage 

„Que Cennemi vaincu avec tel advantage, 

,,En pei'da7it le combat, ve perd point son honneiir.'' 

Die beiden folgenden Sonette wenden sich an die Königin -Mutter 
sowie an den König und die Königin von Navarra mit der Aufforde- 
rung, die Gelegenheit zu benutzen und ra'^cli die Idolatrie und ihre 
Diener, 

ces pipenrs cagots, 

„Que s'engressoyent eCabiis ä l'ornbre des fagots, 
..,Souillans thoimeur de JJieu de farces et de feintes„ 
aus dem Lande zu jagen. Das Schlußsonett greift nochmals au 
das eigentliche Thenia des Colloque von Poissy zurück, um in satirischr 
spitzfindiger, für die katholische Geistlichkeit nichts weniger als 
schmeichelhafter Weise die Frage zu erörtern, ,,pour quelle raison 
les prelats niereni seulenient ce qui avoit este dit par M. De Besze., 
sans vouloir disputer par la S. Escriptrire."" 



^■>) vgl. dazu Ronsards Entgegnung in der „Responce de Pierre d 

Rimsard anx iiijure.< et cnlomnies de je ne scay quels predlcantereaux etc, ceuvres 

cd. Bianchemain VII. S. 118: ' 

..'J'ii (lis (jiie des JW.Ia/.i la troupe docie et saincle' 
,.Au colloi/ue 11 Poissy tre.mhia f.oute de crainfe. 
.. Voipint las predicans contre eile s'asseinhler? 
,,Jc In rtf disjmt.er^ et ne la i'y tremhler, 
„Fernie comine un rocher qui Jamals pour ourrai/e 
„Soit de </resle oit de vent ne bou<je du rirage, 
-Assenre de son poids; ainsi saus s'eshranler ; 

..Je ri/ constantemenf cesie troupe parier. etC. 
Ztschr. f. fi-z. Ppr. \i. Litt. XXXII'. 21 



■{22 Kurt Glaser. 

In den „Sonnets" und mehr noch in der ihnen im Druck der 
Menioires de Condc anfjefügtcn ^Response anx Pasquins tirez de 
la S. Escriptuj'e, et destonrnez de lenr vray sens par une Nonahi 
de Poissy^ en faveur des Prelais de France''' klingt noch etwas 
nach von dem gelehrten Ton, welchen die Wortführer der religiösen 
Meinungen in ihren langatmigen Disputationen angeschlagen hatten. 
Die Dichtung ist eine Antwort auf die weitschweifige und übertriebene 
Lobrederei, mit welcher Anne De-Marquet>, die „nonne de Poissy" 
das Religionsgesprnch von Poissy als Meisterwerk des Kardinals 
gefeiert hatte.*''') Von dem nämlichen Zuge gelehrter Umständlichkeit 
ist trotz aller satirischer Kraft auch eine andere Dichtung auf das 
Religionsgespräch von Poissy nicht frei, welche aus katholischem 
Lager hervorgepangen ist; es ist das die „Chanson satyrique sur 
le coUoque de Poissy'-'', von Lancelot Charles, dem Bischof von Riez. 
fortgesetzt von Ronsard und Baif.^'^) Die „Chanson'-' schlägt mit 
behaglicher Breite ein von Gemeinplätzen durchsetztes Lob weltlicher 
lind göttlicher Liebe an, indem sie aus den Kirchenvätern und 
namentlich aus den Schriften und Reden der Theologen der zu Poissy 
streitenden religiösen Parteien eine ganze Reihe auf die Liebe 
bezüglicher, inhaltlich möglichst beziehungsloser und in ihrer 
Aneinanderreihung komisch wirkender Äußerungen herausgreift, um 
auf diesem etwas umständlichen Wege die Liebe zu der von den 
Bekennern der neuen Lehre in den Mittelpunkt ihrer Behauptungen 
gestellten Bibel zu verspotten. 

Auch die politische Prosaschriftstellerei der Hugenotten, welche 
das Gewaltregiment der Guisen hervorgerufen hatte, kommt mit der 
durch den Tod von Franz II. herbeigeführten Wandlung in der Re- 
gierung Frankreichs nicht zur Ruhe, Während die Dichtung, von« 
politischer Leidenschaft erfüllt, unentwegt fortfährt, die Guisen mit 
Spott und Hass zu verfolgen, dringt auch in der Pi-osaschrüftstellerei 
nnter der neuen Ri^gierung Karls IX. eine kräftigere Sprache durch, 
insofern sich nunmehr die Hervorhebung des religiösen Standpunktes der 
kalvinistischen Partei, welchen die unter dem Eindrucke des Miß- 
erfolges von Amboise entstandenen Schriften noch vorsichtig geleugnet, in 
der politischen Schriftstellerei offen geltend zu machen beginnt. Mit der 

*^) „SoBe/s, prieres et devises en forme de paaqtiiu.'f^potir l'asserublea de Messieurs 
les prelats et docteurs, tenue ä Poissy. M. [X LXI. A Paris, Chez la vfufue Gull. 
Morel. M. D. LXVI" Bibl. Nat. Inv. Res. Ye 4, 351). Der Widmungsbrief an 
den Kardinal von Lothringen ist unterzeichnet: .,De Poissy, ce XIII iour 
d'Aoust. M. D. LXII. Anne De-Marquets'". — In Protestant. Sinne gehalten 
sind auch „Les Actes de Foissy., mis en ryme f'rancoyse par Tarander. Plus trois 
cantiques, donl le premier est au novi des Fidelh'S de la France., les deux derniers, 
sont f'nitz an nom d'un Prince Chrcstiin., estant en affliction.'' S. 1. S. d. Bibl. Nat. 

Inv. Res. Ye 4, 880. 

8-) Ms. I2fil6, f. 115-119; 22560, f. 173—174: 22561, t. 86— 89; auch 
bei Le Roux de Lincy II. S 262-265; z. T. lerner in den Werken Ronsards, 
ed. Blanchemain, VIII. S. 133—135. 



Beiträae zur Gescinclite der polit. Literatur Frankreichs. 323 

Hereinziehung der religiösen Meinungsverschiedenheiten in den Dienst 
der in immer wachsendem Maße von weltlichen Elementen durch- 
setzten Literatur, kommt der Gegensatz zwischen der katholischen 
und kalvinistischen Parteisache zu stets vollerer Entfaltung und klarerer 
Ausprägung. Die abweichende religiöse Stellungnahme beider Parteien 
Jiatte in der bisher erschienenen Literatur der neuen Lehre nur in 
Traktaten theologischen Inhalts und in Dichtungen reli^nösen Stils, 
also ausschließlich in seiner religiösen Natur, Ausdruck gefunden. 
Zwar hatten bereits auf dem Tage von Fontainebleau die Anhänger 
<Ier kalvinistischen Lehre durch Vermittlung Colignys vor dem jungen 
König Franz und der Königin-Mutter in einer Bekenntnisschrift, den 
„Deux Requestes de la pari des Fideles de France" ^^) ein frei- 
mütiges Geständnis abgelegt, in welchem sie auch politische Momente 
streiften, indem sie sich mit großer Entschiedenheit gegen den Vor- 
wurf aufrührerischer Gesinnungen verwahrten und sich zum Beweis 
ihrer aufrichtigen Untertanentreue sogar zu Mehrleistungen an den 
König bereit erklärten, faRs er ihnen Kirchen einräumen wolle ^9); aber 
erst unter dem toleranten Regiment de L"Hospitals getraute sich das 
Geständnis religiöser Sonderstellung im Znsammenhang mit der po- 
litischen Parteinahme der Bekennerschaft des neuen Glaubens auch 
in den Flugschriften der Hugenotten allgemein hervor. Der Ausdruck 
welchen der religiöse Standpunkt in der hugenottischen Schriftstellerei 
tindet, ist dem Charakter und Ziel einer für die öffentliche Meinung 
bestimmten streitbaren Literaturgattuug angepaßt. Weit entfernt da- 
von, sich auf theologische Erörterungen über das Wesen des Unter- 
schiedes beider Religionsrichtungen einzulassen, sucht man den Unter- 
schied in seiner Bedeutung für die politische Parteistellung und in 
dem Gegensatz gegen die Kirche und ihre Diener zu fassen, über 
welche die redseligen hugenottischen Schriftsteller mit derselben Kühn- 
lieit losziehen, wie so viele ihrer dichtenden Glaubensgenossen. In 
langatmigen, mit biblischen Belegen gespickten Ausführungen ergeht 
sich die an den König, die Königin-Mutter, den König von Navarra, 
„et autres du Conseit' gerichtete ^Complainte Apologelique des 
Fglises de France, au Roij, Royne-viere^ Ron de Navarre, 

8**) vollständiger Titel: .J)evx JieqmsUs de la pari des Fideles de France, 
■f/in desirent viure sehn la refonnaüon de PEuarKjUe. donnees pour preseii'er au Conue'd 
ienu (I Fontainebleau. au iiiois d\-io//st 1360, au lici.^- auch in Meins de Conde II. 
.S. G45— 647 {^Av Roy") und S. (U7— 648 (,..1 La Raine. Mere Du lioy^y, vgl. 
auch Lelong, Bibl. instor. II. S. 234, nr. 177G4. Vgl. dazu Baird, Ilistory of 
the rise of the Hufpienots of France. I. (1879) ö 417. 

''^) „ ■ . . U Evauyile duqud nnus faisons prqfession, nous enseigiie toul le contraire 
et me.tmes nous ii'avons point honte de contes.ter que nous n' eiitendlsme.-i Jamals si bien 
*]uel est nostre devoiv envers Vastre Majeste qu'avons entendu par le moyen de la saincte 
doctrliie qui nous est preschee" (S. 04 j). . . „vivre sous vostre saincte chanje, en paix 
et tranquiüte., ei vous rendant alaiyrement taut ce que les sublecis doi/vent ä leiir 
.louverain Seitjneur. et mesmes si mestier estoit ne refuserions de payer de plus (jrands 
Tribijts.1 pour faire cognoislre a Vostre Majeste que c^est h grand'' tort qn\>n nous- 
aceuse de nons vouloir exempter des char/jes qtiil vous piaist nous im.poser'- (S. (i46. G47). 

21* 



324 Kurt Gloser. 

et autres du i'onscU", ])ar J. des llaycs ilößl)""^) in harten Klagen 
über die Geistlichkeit, ..Papes, Ca.rdinaux, Evcsijues. Moines^ 
Prestres, Vicairesj Of/iciaux, et ßniclhdcrz . . : lesquels pour 
s'approprier la vigne thi Seigneur, ont tue ses aerviteurs et so)i 
propra Pils: et conünuent tous les jours d meurtrir les Seciateurs- 
de soll Kvangüe, inonstrant par tels aotes <pj'ih sont les vrais 
ennemis de la Parole de Dieu et de nous, qui ne demandons que 
vivre selon icelle . . "'. Ihrem Haß gegen die Vertreter der Kirche 
macht die ..,Coiiiplainte" in der an Hand der Zeugnisse der Heiligen 
Schrift durchgeführten Ycrgleichung der katholischen Geistlichen mit 
den Schriftgelehrten und Pharisäern Luft, um mit die.>or für die ka- 
tholische Geistlichkeit wenig schmeichelhaften Zusanmienstellung den 
Nachweis einzuleiten, daß die Geistlichen von den ältesten Zeiten die 
Feinde Gottes und seines Wortes gewesen und bis zur Gegenwart 
geblieben sind. Der redselige und in der Heiligen Schrift wohl be- 
wanderte Verfasser ist nicht in Verlegenheit, seine Anklagen gegen 
die Geistlichkeit und Kirche seiner Zeit mit biblischen Belegen zu 
decken. In unermüdlicher Dialektik und eindringlicher Sprache wird 
dem König ein langes Sündenregister der katholischen Geistlichkeit 
vorgehalten, in welchem der A'orwurf ruhestörender Umtriebe und 
Gewalttätigkeiten immer und immer wiederkehrt. Der Gegensatz 
zwischen den Dekennern der neuen Religion und den Anhängern des 
alten Glaubens wird in der Verschiedenheit der Haltung beider 
Parteien in politischer Beziehung noch schärfer gefaßt, und dem die 
kirchliche und staatliche Buhe bedrohenden Gcbahren der Katholiken 
die künigstreue und friedliche Gesinnung der Hugenotten mit Nach- 
druck gegenübergestellt. 

Den Avahren Ursachen der im Lande lierrschenden Unruhen, 
„(ie.svyne/.s tixudtles pliisieurs sont spectateurs comme d.'uiie Tragedie". 
nachzuspüren, hat eine „Apologie contre certaines calomnies niise& 
sus ä la desfaueur et desaduantage de VEstat des ajfaires de ce 
Roiaume" (in: Mems de Conde U. S. 579 — 600) unteriiommeu, 
welche, wie aus der Schrift selbst hervorgeht, kurz vor der von dem 
König im Januar 1561 zu St. Germain en Laye zwecks Feststellung 
des sog. Januaredikts abgehaltenen Beratung entstanden ist. An Hand 
eines historischen Rückblickes über die jüngsten Ereignisse der fran- 
zösischen Geschichte führt der Verfasser den Nachweis, daß die im 
Laude herrschenden Unruhen nicht erst durch die religiöse Spaltung 
hervorgerufen worden sind und der Anhängerschaft der Reformation 
nicht zugeschrieben werden können. Der Eifer, mit welchem die 
kalvinistische Partei um Recht und Wahrheit kämpft, spricht aus 
allen Zeilen r.nd läßt den Verfasser dem Glaubens- und Opfermut 
seiner Partei und der Unmöglichkeit, die neue Lehre auf irgend eine 

3") in: M^ms de Condc II. S. 2S8-?.19; vgl: auch Leiong, Bibl. hl^t.. 
II. S. 2:58, nr. 17S2(;. 



Beiträge zur Geschichte der polit. Literatur Frauhreich.s. ;)25 

Weise, sei es selbst auf gewaltsamem Wege, ausrotten zu künnen, mit 
•einer Entschiedenheit Ausdruck geben, welche über das erstarkende Partei- 
bewußtsein der Belcennerschaft des neuen Glaubens keinen Zweifel 
meh;- läßt. 

Der Eifer für die als sell)?tändige Parteiangelegcnheit erfaßte 
luigenottische Sache veranlaßt eine andere, „Eemontrance en forme 
de requeste, ä la Royne-Mcre dxi Roy, et au Roy de iSavarre'-' 
■{Mems de Conde IL S. 424 — 433) betitelte, indessen mehr an die 
Königin-Mutter als an den König von Navarra^') gerichtete Schrift, 
mit der in den theologischen Traktaten genugsam erörterten JJekärapfung 
der katholischen Kiichenlchrc den Angriff auf das von der Kirche 
4)etriebene Ausbeutungssystem und die Herrsclibestrcbungen der Geist- 
lichkeit zu verbinden und daran die in klaren Worten ausgesprochene, 
an die Königin-Mutter gerichtete Aufforderung zu knüpfen, die ihr 
von Gott anvertraute Obhut über den jugendlichen König in einer 
Gott wohlgefälligen und dem Reiche, d. h. im Grunde der kaivini- 
stischen Sache dienlichen Weise auszuüben und durch die Beseitigung 
der in der Icatholischen Lehre und Kirche herrschenden Mißstände 
den Frieden der Iicligionsparteien und die Wohlfahrt des Reiches 
.zu sichern. 

Dieselbe Mahnung richtet, wenngleich in matterer und in 
biblisch gehaltenerer Fassung eine etwas kürzere ,^Removstrance aux 
Princes du Saug, touchant les affaires de nostre temps'-' (imprime 
nouuellement. 1561 in 8; in Mems de Conde IL S, 215 ff.), welche 
den Prinzen von Geblüt angesichts der im Lande herrschenden ver- 
wirrten Verhältnisse die ihnen von Gott gewordenen Pflichten ihrer 
hohen Würde ins Gedächtiu- ruft und sie namentlich an die wich- 
tigsten aller Pflichten erinnert, die Ausbreitung der wahren Religion 
zu fördern und dem jungen König zum Heil von Christenheit und 
Land eine fromme Erziehung zu teil werden zu lassen, „gu'estant 
vestn non seulement d'habits Royaiuv; mais aussi de sagesse et 
crainte de Dien, les suhjects en sentent allegeance, 'paix et consolatioit : 
et luy ä la fin, [nässe apres cesie vie, ayant hien mainte/in le vray 
Service de Dieu, passer en la vie ('temelle- (S. 218). 

Selbst in Schriften durchaus frommen und belehrenden Charakters, 
wie der „Exliortation Chrestienne au Roy de France Charles neufiesme 
(u Vadvenement de sa Coxironne'' 156Ü in-S*^; auch in Mems de 
Conde IL S. 222 — 266), welche sich in dem von ihrem anonym ge- 
bliebenen Verfasser an die Königin-Mutter gerichteten Widmungsbrief 
als eine Art biblisches Erziehungs- und Belehrungsbucli für den jungen 
König ausgibt, drinut inmitten der langatmigen Ausführungen, welche 



^V) an den Navarra allein wendet sich im besonderen noch die „Eimim 

liHcoijee au roy de Navarre pur 'es ministres et f(jlise Asseinblde cu nom de Jesus - Chrtst 

tn la vUle de Jiouen." (1561). Bibl. Nat. Lpb^-^ und Fonds Fontanieu, 2l>!) 
f. 50-56 sowie in den Mems de Conde IL S. 325— 3-28. Vgl. auch Ijclong, BM. 
Msi. II. S. 23S, nr. 17S2S. 



o'26 Kurt Glaser. 

dem König die Pflichten eines cliristliclien Herrschers vorhalten, der 
Ausdruck der mit standhaftem Märtyi-ermnt abgegebenen Versicherung 
durch, daß alle Verfolgungen der Kalvinisten nutzlos bleiben müßten 
und auch die Furcht vor dem Scheiterhaufen die l>ekenner der neuen 
Lehre nicht einschüchtern könne "2j 

Seinen deutlichsten Ausdruck findet der Zusammenfluß politisclier 
und religiöser Momente in einer an die Königin -Mutter gerichteten 
Schrift, der „Maniere d'appaiser les troubles qui sont maintenant 
en France, et pourront estre ci- apres. A la Roine Mere du Roy'-'' 
(1561). ^3) welche in freimütiger und kühner Sprache nicht bloß die 
in Kirche und Staat bestehenden Schäden aufdeckt und sicli in 
kräftiger, wenngleich, wie schon Lelong, Bibi. liist. II. S. 234, nr. 
17770 liervorhebt, nicht maßloser Polemik ergeht, sondern zugleich 
auch zum ersten Mal beachtenswerte Ratschläge für die Abstellung 
jener Mißstände beibringt. Schon die klare Scheidung, mit welcher 
der leider anonym gebliebene Verfasser gleich im Eingang seiner 
Schrift die Übel seiner Zeit in solche, welche die Religion [,.,Service 
spirituel de Dieu"" und ,.,ReligioiV') und solche, welche den Staat 
(„/a Police civile'') betreffen, zerlegt, berührt angenehm gegenüber 
der geringen Klarheit, mit v» elcher sich die kalvinistische Publizistik 
bisher gerade in dieser Frage auszusprechen pflegte. An Kunst der 
Dialektik und an Schärfe der Polemik steht unser Verfasser weit 
über seinen schreibenden Parteigenossen, und nie wieder ist seit der 
verwegenen Invektive de^i ..,T{cfre"- eine so kräftige Sprache der Polemik 
geführt worden; lange nicht mehr hatte die Herschsucht der Kirche 
eine so derbe Zurechtweisung erfahren als in den Worten: ., . . . le 



^-) „Et nc devez doitter, ne craindre de chanr/er la Doctrine fausse et diahoJique 
II Ja vraije et dwine, larjitelle Ic Seüjneur par sa misericorde, a de'puis quelque icmps 
restüuee par le ministre de ses JidiJes servitenrs: combien t/ue tout le vionde se soit 
handii contre eile, taschant Vopprimer et estreindre par emprisonnemcns, tortures, con- 
nscations de biens, bannissemens, Jettz, et tonte sorte de tourmens: mais riayant en 
la parfin fjaujnc aufre chose, sinon rjue par ce mnyen ils Iwj ont acquis un tel nc- 
croissement, quil nest maintenant possible d' arrester soii coiirs: non plus que de 
qarder une riviere desbord^e. de rompre et passer par dessus toi/tes les levces 
et chaussees. Ce qui. peut assez servir de preuve siifjisaiüe, que ceste iJoctrtne 
est la seule que Dien approui-e, et par laquelle il veut, mnugrd Satan et tous ses 
ministres de mensomje, que Jesus- Christ son Fils r^gne en ccs derniers ttmps. es 
r.fcnrs de r.r'>ix qn^il a eslens en icehri/, devant la Jondation du monde: de manicre 
qiLc. facent les persecnteurs et tyrans du pis que pourront, si est-re qn ils tte pronteront 
rien, sinon d'irriter et provoquer Vire de Dien qui condnit cest aurre a Vencontre. . .'^ 
(jS. 245. 240). ,^. . . Sirc, si vnus et costre Conseil ne roulez enfendrc ii une totale 
et generale i-eformation de VEißise., on si pour le moins, ne leur permettez quelqne 
Temple ou publiqaement ils pui^.^ent serrir ii Dieu, toutes vos prohibitions et de- 
fenses, toutes ros conti scations. voire tous vos feuz, ne pourront einpescher Vesprit de 
Dieu, quil ne les induise it s^assembler ii tout le moins en leurs chambres, 
poiir invoquer Dien, pour onir sa Parole, et pour participer it ses Sairwts 
Saaemens ..." (S. "258). 

''^) in: Mems de Conde I. S. .'iSi -G19. — vgl. auch Lplong, Bit»], 
bist. II. S. '238, nr. 1781.5. Die Schrift ist bei Lelong auch S. 234, nr. 17770 
genannt und kurz analysiert. 



Beitröge zur Geschichte der polit. Literatur Frankreichs. 327 

Pape et les siens. <jui prenvent de heaux noms pour faire taut le 
contraire de ce quHls signijient. lls se diront Serviteurs des 
«erviteurs, pour maidriser et dominer sur tout le monde, voire 
sur les Rois et Emperenrs : ils se nomment Evesques et Fasieurs, 
pour estre lonps ravissans: Docteurs, pour ne rien enseigner, sinon 
tout ce gui peut plus rendre le monde ignorant: Cardinaux Diacres, 
pour estre les principaux jnllards despauvres: Fiuahlement ils se 
nomment la Saincte Eglise universelle, pour abolir toute saine- 
tete . . . '• (S. 590). An zahlreichen, den jüngsten Ereignissen in 
Frankreich entnommenen Beispielen zeigt der Verfasser, wie das Ein- 
greifen Gottes zu Gunsten der kalvinistischen Sache wiederholt die 
von katholischer Seite gegen den Kalvinismus gerichteten Intrigueu 
zu nichte gemacht hat. Im Interesse seiner Partei verwahit er sich 
gegen den Vorwurf anfiührerischer Gesinnung und bemüht sich alle 
Verdächtigungen, zu welchen das politische Verhalten der Kalviniiten, 
namentlich der Tumult von Amboi^e, Anlaß bieten könnte, zu zer- 
streuen und mit den üblichen Anklagen sregen die Guisen und ihre 
Verleumdungen zu beantworten. „ . . . /e Cardinal de Lorraine 
en a fait courir ses Edicts et Rhnonstrances sous le Nora du 
Roy^ duquel il ahuse coustumierement pour divulguer ses menteries 
et deslojjautez. donnant cntendre que tout cecy est procede d'aucims 
Fredicans envoyez de Geneve, qui de longue inain avoyent fait 
leurs preqjaratives, pour atlirer ä leur Parti ceux quils cognois- 
soyent les plus propres ä leur menie, et na point honte de dire^ 
qu'on s'estoit armd contre le Roy. Or il y a pour le moins cent 
mille hommes en France qui savent du contraire. Le Regnard 
(d. h. der Kardinal) n'ignore pas que cestoit ä luy-mesme et ä son 
ßrere., ä qui on en voufoit: parce que contre tout Droict et Cou- 
stume, et au mespris de tous les Estats de France, ils se sont 
saisis de la Personne du Roy, voire de tous les nerfs du Royaume, 
et par nur et par terre" (S. 602). ..Quoy qu'il en soii, sil y eui 
jamais entreprise de subjects qui meritast louenge envers leur 
Prince, cestoit ceste-cy. Car voyans leur jeune Roy., sans qiiil y 
pensast., estre prisonnier entre les mains des iyrans, au grarui 
danger de perdre sa Couronne et sa vie: ne faisoyent-ils pas 
Office de loyaux subjets, de s'ejforcer ä le delivrer., pour le raettrs 
entre les rnains de ceux qui eussent este ordonnez par les Estats, 
comme il y en a ä qui de Droit cela appartient., et desquels la 
fidelite est cogneue?" (S, 603). ,.,Voilä, Madame pourquoy ou 
avoit pris les armes: et non pour le faict de VEcangile seule- 
ment ..." (S. 604). Die Verleumdungen, welche der Kardinal gegen 
Genf, die Mutterstadt der neuen Lehre, und die von dort ausgegan- 
genen Prediger gesclileudert hat, veranlassen den Verfasser zu einei' 
nachdrücklichen Rechtfertigung der geschmähten Stadt: ,,Mais il 
(d. h. der Kardinal) a hien pejisc rendre les Prcdicans de franrc 
odieux, quand il a dit quHls estoyent envoyez de Geneve. D^' 



358 Kurt Glaser. 

faief, les capliarif que luy et ses semblable.-i ont a loage, ti'eforcent 
tant qu'ils petirent de rendre ceste povre ViJle oäieuse^ luy imposant 
mille faux crimes. comme ce sont instriimens du Diable totis faitx 
a cela: mais il faut qu'ils s'addressent aux ignorans, s'ils veulent 
qiion les croye. Car ceux qiii savent que s'en est., recognoisscnt 
que cest wie Ville qui a faict heavcoup de Services au Roy, 
ipieile a tousjours suyvi son Parti, et quelle a receu Jminaine- 
vient ses gens allans et venans en Italie et ailleiirs., leur faisant 
anssi hon traitemeut qu'il estoit possible. En oultre, il y a en 
France trente mille hommes pour le nioins, qui ont este /a, qui 
he se peuvent contenter de la logier: mais sont ravis en admiration, 
quand ils considerent le bov. ordre qui y est, tant au faict de la 
Heligion, qii'cs fJioses poliiiques. Qui voyent une die composee 
de tant de Pays et diverses Nations si bien unic, qu'il rCy a bruit 
sinon des marteaux et ontils des artisans. L,a oh il n'y apparoist 
ue juremens, ne blnsphiimes, ne paillardise., ny yvrongnerie, ne 
violence, ne noise. on eliose semblable. que taut incontinent cela 
ne soit chastle et purgc. Brej\ quand il n'y auroit que les gens 
de guerre, qui retournans du beau Voyage que Monsieur De Guise 
fit d Naples.^ passerent par lü, ils tesmoigneront quil leur sembla 
quand ils rerenoyent de voir Rome et les abommations Papales. 
et qu'ils entrerent dans Genik-e, qu'ils sortoyent d'un Enfer pour 
entrer en an petit Paradis. Parquoy celuy qui met le nom de 
Geneve^ pour rendre les Pred.icans de France odieux, il faut qiiil 
pense troucer des gens ou du tout ignorans. ou aussi enncmis de 
tonte vertu comme il est. Au surplus, il n'est point sorti de 
Predicans de la Ville de Geneve pour aller aucune pari, sans 
quHls en fussent instamment requis par les povres Peuples qui 
estoyent affamez de la Parolr de PHeu, Si lä-dessus on demande 
pourquoy les subjets du Roy rCen. prenoyent plustost en France 
que Id: je respon, que la cruaute barbare dont on a use en ce 
Royaurne contre tontes gens de vertu et de scavoir, et les mes- 
chancetez qui .s'y commettent. ont contraint les gens de bien de se 
retirer ä Geneve, ei ailleurs. oi' ils pouvoyent mieux vivre en 
Seurete servard ä Dieu" (S. 604, 605). 

Mit der A'eiteicligung und Rechtfertigung der eigeuen Sache und 
dem Angriö' auf den Gegner verbindet die Schrift i)Ositive Vorschläge 
für eine Reform von Kirche und Staat in kalvinistischem Sinne. 
Unter Berufung auf das altkirchliche Deisi)iel wird als erste Maß- 
regel der Zusammentritt eines .^franc et libre Concilc.^ auquel la 
Parole de Dieu presidast"- empfohlen. Mit Entschiedenheit geht die 
Schrift gegen die Mißbräuche in der katholischen Kirche und gegen 
die Pfründegier de- Klerus vor; sie unterbreitet ausführliche Maß- 
i'cgeln gegen die Ausnutzung und Ausbeutung des Kirchenguts durch 
die Geistlichkeit (S. 611, 612) und schlagt vor, daß man das über- 
schüssige Gut verteilen soll an die gens de vertu, ou qui auroyent 



Beiträrje zur Geschichte <hr polit. Liieratur FrankreicJis. 32'.) 

j'aii Service a la Repuhlique, ou desquels on imroit honne, espe- 
rance. Comme il y a tant dhonnestes Gentils-hommes et soldats, 
<jui ont fait beaucoup de Services au Roy, et nen ont eu grande 
röcompense. 11 y a aiissi d'honnestes gens de Justice, qui ont 
hii'n fait leiLV devoir, et ne se sont point enrichis ä cause de leur 
integrite: dfaiitres qiii ont fait particulierement service ä la Per- 
sonne du Roy, ou de Messieurs ses Freres. ou ä la vostre, Ma- 
dame. Ainsi que le Roy se monstrast liberal envers telles gens: 
en condition toutesfois cC entretenir tant de Gens de cheval ou de 
pied qiiil seroit avise, tousjours prests pour son service, ou de 
■fe tenir en tel eipdjxige pour le mesme effect. 11 ne faudreit 
aussi que le Roy leur donnast ces revenus, sinon pour leur vie 
durant. Cur il pourroit advenir beaucoup d'inconvmiens s'il les 
dotmoit pour eu.v et les leurs. Je vous p)uis dire, Madame, que 
outre ce que le Roy auroit iine force incroyable tousjours preste, 
il ne fut jamais mieux servi (S. 612). . . 11 y a beaucoup de 
Ecesques, Abbez, Protenotaires et autres Gens d'Eglise, qui est 
comme qui diroit (pour le prendre comme on en tise ä prcsent) qui 
sont dediez ä oisivete. ä ne faire que chasser, jouer, paillarder, 
et porter messages de rufiennerie, qui seroyent bien aises d'estre 
emp>loyez pour le service du Roy et de la Republique, soit au 
faict de la guerrc, soit pour quelque autre chose profitable. Or 
estant lä ejigoujfrez, tout leur est ptermis, excepte de bien faire: 
dont ceuw qui ont quelque conscience en gemissent. Sembtablement 
beaucoup de Moines de bon naturel, de gentil esprit, et dextres 
de leurs persomies, ont este jettez dans les 31onasteres, comme 
dxmx des retraits. Car leiirs parens pour les priver de leurs 
lieritages, se sont voulus deßaire d'eux. les rendans esclaves per- 
pt'tuels. et qui ne peussent servir qua manger ^ jouer ^ paillaoxler 
et infecter tout un monde d'ordure. . . Or il faudroit rnettre 
ordre que liberte fust ä tous donne pour choisir quelque honneste 
vocaiion, et que nul ne fust empesche de se marier, puis que la 
Parole de Uieu laisse cela en la liberte d'un chacun, et qu'o7i 
leur aidast sar les revenus EccUsiastiques. . . Par ce moyen il y 
luroit une infinite de vices qui auroyent la gorge couppce. . . . 
Quant amc Evesques. Abbez, et autres qui tiennent les Bemfices. 
qu'on leur laissast de leurs revenus ce qui seroit pour les entre- 
tenir könne stement : enseignant toutesfois une Saincte et Catholique 
(Jonfession quon leur presenteroit. . . En somme, le Roy auroit 
tousjours des Mens en main pour provoquer les gentils esprits ä 
fi'rtu. 11 y a une infinite de povres Gentils-hommes qui ne peuvent 
partir de leur maison par faute de moyen, qui pourroyent estre 
araucez et entretenus. Et les enfans da ceu.r qui axiroi/eid jouy 
des benefices du Roy. s'ejforceroycnt d'ensuyvre la vertu de leurs 
peres., aßn que le Roy eust occasion de les faire succeder au.v 
bi'ni'fices de leurs peres. . . En outre, le peuple par ce moyen 



330 Kurt Glaser. 

pourroit faire yrandement soulage d Impositioris^ (Tauiant que le 
Roij auroit iousjours force gens de cheval et de pied, ^9rt;s^9 ä 
»larcher ,sans qiiil luy constast rien. /'ose hien dire quen swjvant 
cest ordre, il n'y auroit Prince qui quil soit, (jui ne craignit 
autaiit de quereler nn Roy de France, que Roy qui soit au 
monde. ... Or il n'y a doute, Madame, que cela ne se puisife 
faire legitimement. . ." (S. 612 — 614). In derselben Richtung be- 
wegen sich auch die Vorschlüge, welcbe der Verfasser für die Besse- 
lung des ^Estat politiqiie'* beicit hält: ,.,Venojis donc maintenürd 
ä l'auire e'-^pece des faiites qu'il faudroit corriger. (jui est tonchant 
l'Estat politique'". Er empfiehlt, bei dem königlichen Hause an- 
zufangen, des Beispiels für das Volk halber, und sagt (mit Be- 
ziehung auf die Guisen): ,,si ceux qui s'estudieut ä plaisanter 
devant le Roy et Messeigneurs ses Freres, et devant les Dames, 
parlans tousjonrs de quelque paillardise, ou mesdisans de quelcun, 
ou jurans et renians Dien, ou tenans propos qui sentent leurs 
Epicurit'us et Athees, si ceu.i'-lä, dy-je, et leurs semblables avoyent 
este hien chastiez, quand ce ne seroit que d'un mauvais visage 
du Roy et de vous, vous verriez la France bien-iost changee en 
mieuar (S. 615). Desgl. wird die Besserung der Gerichtsbarkeit 
empfohlen: ..Sur tout que le Roy saclie que la vendition des Offices 
de Judicature, est la. peste et destruction de tout le Royaurne. 
Que le Roy donc ne sonjfre plus qu'ils soyent vendus, ny auasi 
donnez par faceiir. Ceux qui sont introduits par la faveur, ou de 
Monsieur le Connestable, ou de ceux De Guise, ou de la Duchesse 
de Valentinois, ou du Mareschal S. Andre, ou de quelques autres, 
ont leur conscience au commandement de ceux qui les ont avancez . . . 
Mais il faudroit que tels sacrileges fussent publiquenient noiez d'i/n- 
famie, et ceux qui les auroyent commis, declarez indignes de jauiais 
tenir office pohtiqiie ou Ecclesiasiique: voire quelques favorisez qu'ils 
fussent, afin que cliacun aprint de craindre Dieu et de garder Ics 
Loix du Roy : et que les sujets ne jyensasseni estre privilegiez cn ce 
que le Prince ne se voudroit permettre. Ap^^es il faudroit, ouire 
le tesmoignage de preudhommie, et texperience des clioses poH- 
tiques, que l'examen de ceux qui doivent presider sur tous, fust 
faict ä liuiis ouverts; et quon ne fist point estudier son rolle ä 
Monsieur le respondant trois mois devant, niais que de ioutes 
matieres civiles il fust enquis, et quil respondit sur le chanip. 
Pareillement ques le nonvuez des Presidens et Coiirs souveraines, 
nefussent point receus sans estre interroguez, conirne on fait. Car 
quelquefois, et le plus souvent,ils nomment des asniers leurs 
parens, all'iez ou favoriz, et les avanceut, leur donnaut les Procez 
de plus grande consequence. Dieu sait aussi comment ils s'en 
escarmouchent. SHl est qustion d'opiner, ils ne laisseront pas de 
parier d'un accent grave, et de hausser leur nez impudenf, et 
d'opiniastrer en ce qu'ils n'entendent point. Je ne parleray pas 



ßeiträge zur Geschichte der polif. Literatur Frankreichs. .331 

de beaucoup d'autres ehoses qu^o» pourroit portrsuijcre sur ceste 
matiere : rnais en 201 mot, vous devez estre assenreey Madame, 
que si gens savans et de bonne conscience, ayans hon tesmoignage 
de preudhomme, manient les affaires de la Justice., vous verrez en 
un rnoinent une infinite de Proeez et scandale esteints, de sorle 
que vostre j^euple demeurera en bonne paix."^ ..Quant a la Noblesse., 
eile sera encores plus aisee ä re/ormer, et toutes gens de guerre, 
quand ils entendront leur devoir par la Parole de Dieu. I)e faict 
iL y a des Capitaines qiii confessent que toutes les Ordonnances, 
et toute la severite militaire rCa jamais si bien peu renger les 
soldats, pour les garder de pilleries, forcement et autres niaux 
accoustumez ä cest Estat., ne qui les ait rendus jjlus volontaires 
pour s'acquitter de leurs factions, que C enseignement qiiils ont 
pris var V Evangile. . ." ..Touchant les Marchans et Labour cur s, 
ils se porter ont plus obeissans envers le Roy., et plus loyaitj; et 
entiers les uns envers les autres, quand ils seront addressez par 
C Evangile, et qu'une bonne Justice y tiendra la main. 11 est 
vray quavec tout cela, il ne les faudroit pas traicter en clievaux 
et asnes, leur imposant charges excessives: inais que le Roy les 
traictast de teile sorte qu'ils exissent plus d'occasion de tainier, que 
de le craindre: de lui souhaitter tout bien, que de le detester." 
Zum Schlüsse weist der Verfasser nochmals darauf hin, daß sich die 
Unruhen rechtfertigen aus dem reformbedürftigen Zustand Frank- 
reichs und der unwürdigen Gewaltherrschaft der Guiscn, die zu den 
schlimmsten Uebergriffen geführt hat und zu stets neuen Befürchtungen 
Veranlassung gibt. ^Et pour vous en dire fidelement ce que fen 
ay entendu, Madame, chacun trouve fort estrange que vous vous 
soyez du tout foi'nialisee potcr ceux de Guise, desdaignant et 
esloignant tous les Princes du Sang, ä qui de droict il appartient 
de gouverner avecques vous, voire tous autres Grans Seigneurs qui 
sont de long-temps exercez et entendus aux affaires de ce Royaume, 
et que vous consentiez quon mette au Conseil des Pi'inces Estrangers, 
plustost que ceux du pa'is: voire d'aucuns qui ne spavent que cest 
ne de iJroict Divhi, ne de Droict humain" . Mit abermaligen 
Warnungen vor den Absichten der Gnisen und den durch sie herbei- 
geführten Unruhen im Lande und der Bitte: „s^ en icelle (d. h. der 
Remonstrance) vous trouvez quelque chose qui vous seuible trop 
rüde, esti?nez, Atadame, qiiaux maladies aspres et dangereuses, 
les 3IedScines doufüstres ne sont point si utiles, que Celles qui 
ont de U amertume'-'- schließt die interessante, an politischen Ideen 
reichhaltige Schrift. 

(Fortsetzung folgt.) 

Marburg i. H. Kurt Glaser. 



Haiidsclirit'tliclies 
You dei' Gr>tti!iger Uiiiversitätsbibliothek. 

All Handschriften, die französische Sprachdenkmäler entlialten, besitzt 
die Königliche Universitätsbibliothek zu Goettingen nach Ausweis des ge- 
druckten Katalogs folgende: 

A. Edierte Texte. 

1. Philol. 184, IV. Ein IJrucli.stück aus dtMii aitfr. Koman 
Amadas et Ydoine. Bl. I entspricht den Versen 1110 — 124(1, Bl. 11 den 
A'ersen 1791—1927 von Hippeaus Ausgabe flS63): also fehlen dazwischen 
4 Blätter. Das Bruchstück ist von H. Andresen in der Zi. f. r. Phil. XHI, 
85—97 herausgegeben worden. 

2. Histor. 6.')7, V. :j7, liSb. Ein Gedicht zu Ehren Karls V, 
von mir in der Z.^. /; frz. Spr. u. Litt. XX, 272 — 279 herausgegeben und 
kritisch beleuchtet. 

B. Unedierte Texte. 

1. App. dipl. 10 E, XVII, 21. Prosafragment betreffend Pyramus 

und Thisbe. 
OvidsMotamor[)hosen und damit auch die Liebesgeschichte von Pyramus 
und Thisbe sind in Frankreich, besonders während des Mittelalters, sehr 
beliebt gewesen, was zunächst durch die häufigen Erwähnungen des 
Stoffes bewiesen wird. Vgl. Dernedde, Über die <hit nfr. Bichlern bekannten 
epischen Stoije aus dem Altertum (Erlangen, 1887); .Sudre, P. Oi-idü Xasanis 
M etamorphoseou libros quomodo nostvutert medü aevl poetae imitati iiilerpretatique sint 
(Paris, 189.']) ; Bartsch, Albrecht r. Halbr-rstadt und Ovid im Mittelalter (Quedlin- 
burg u. Leipzig, 1861), S. G4; Wackeruagel, Alifranz. Lieder (Basel, 1846) 

6, ö, .j: Hart, L'rsprunr/ -und Yerbreltunq der l'yrurnys- und Thlsbesar/e (Passau. 
1889), S. 30; Histolre litleralre XIX, 498; XXX, 17 ii. 202; Cahier, Nouveavx 
imianges d'arcki'olorjie, d'hisloire et de lltterature (Paris, 1874) I, 229; noch nicht 
erwähnt sind in diesem Material folgende Stellen: Floris et Lirlope v. 971: 
Christine de Pisan, Dehat de deiu amana V. (j(i2; V Escoujh V. 6360. Auch 
in der altprovenzalischenLiteratur ist der vorliegende Stoff häufig erwähnt; 
man vergleiche: Birch-Hirschfeld. Über ille den procenzallsdien Troubadours des 
XIL und XIIL Jahrhunderts bekannten, epischen ülotje (Halle, 1878), S. 12 — 14; 
Bartsch, Albrecht v. ffalherstadt., S. 64; Graf, Roma nella memoria e neue imaginazioni 
del media evo (Turin, 1863), II, ."ION; Roman de Flamencu p. p. P. Mevcr, f). 

281; Suchier, Z^■. /'. r. Phil. XXI, 124. Bei Graf. lioma II, 30S finden sich 
auch die Erwähnungen des Stoffes in der alt italienischen Literatur ver- 
zeichnet, wozu man noch vergleiche: Hart, Die Pi/r_amus- und Tldsbesaye in 
Holland, Enijhmd, Italien und Spanien (Passau. 1890). Über bildliche Dar- 
stellungen der Sage in 15asel und Italien spricht Cahier, NouvemLc mäumjes I, 228. 
Hierzu treten nun die Bearbeitungen, die der Stoß" in Frankreich 

gefunden hat, wozu man Hart, rrsjjrung und Verbreilunu der Pyramus- und 
Thisbesage und Loykauff, /'/'. Habert und seine Übersetzung der Jfetamorpho.<ei! 

Ovids (Leipzig. 1904) vergleiche. Zu den dort genannten Bearbeitungen, 



llanilscliriftliclies. o 3 'S 

fiie teils die ganzen Metamorphosen, teils nur die Pyramus- und Thisbesage 
umfassen, treten noch: 

a) La leijvndc de Pi/rame tfl Tliisbr:^ tu vers francais du XI II'' sUcle p. p. 
ßonnard (Lausanne, 1892): \g]. lioma7iiaXXl, 6.")0; Petit de JiiUe- 
ville, Histolrt de la laiicjuc et de la Htterature francaise ], 245, Anm. 1. 

b) Moralite nouvelle de Pyramus et Tishee p.p. Picot (Paris. 1901). 

c) Die 168-') veröffentlichte l^rzälilung der Schicksale von Pyramus 
und Thisbe in Lafontaines FUJes de Jlinee ((Em-res p. p. 3Lirty- 
Laveaux II, 44.')). 

Hieran schliefst sich das obengenannte Prosafragment der Göttiuger 
Universitätsbibliothek an. Die Handschrift besteht aus einem auf beiden 
Seiten zweispaltig beschriebenem Blatte. Das Recto trägt rechts oben die 
Bemerkung: Kornrechnung des Klosters Hilwerdeshausen [bei Einbeck] de 
Ostern 155G/7, wodurch der terminus ante quem gegeben ist. Nach Schrift 
und Sprache gehört das Bruchstück ins 1'). .Jahrhundert. Da der untere 
Teil des Blattes weggeschnitten ist, fehlt eine Reihe von Zeilen: aber auch 
in seiner ursprünglichen Breite ist das Blatt nicht erhalten, sodafs von der 
linken Spalte des Recto unr die rechte Hälfte und von der rechten Spalte 
des Verso nur die linke Hälfte vorhanden ist. Trotzdem läfst sich (iber 
sagen, au welcher Stelle der ovidischen Erzählung unser Prosabericht ein- 
setzt, nämlich da, wo die Löwin kommt, das Tuch Thisbes zerfetzt und mit 
Blut besudelt. Metam. IV, 9G: renk ecce recenti 

caede leoena houm spuinanits ohlila rict.us. 

Weiterhin wird dann in der linken Ifecto-Spalte das Auftreten des Pyramus 
und sein Selbstmord geschildert. In der letzten uns erhaltenen Zeile dieser 
Spalte ist von der Rückkehr der vor der Löwin geflohenen Thisbe die Rede. 
Wenn wir damit den Inhalt der ersten Zeile der rechten Recto-Spalte ver- 
gleichen, sehen wir, dafs nur wenige Zeilen den Zwecken des Kornrechnungs- 
buches zum Opfer gefallen sind. Jene rechte Spalte beginnt mit Metam. 
IV, 137 [sed postfjiiiim vtDwraiit siios roynorit nmores): Thisbe erkennt in dem 
vor ihr liegenden Leichnam den Geliebten. xVm Ende der Spalte kommt 
sie zu dem Entschlufs, mit ihm zu sterben. Die linke Spalte des Verso 
beginnt dann mit Thisbes Bitte, Pyramus möge sie doch noch einmal an- 
schauen. Todesentschluls und die genannte Bitte der Jungfrau bringt der 
Verfasser unserer Erzählung in umgekehrter Reihenfolge wie das lateinische 
Vorbild, das er überhaupt frei nachgeahmt hat. In der linken Verso-Spalte 
wird weiter Thisbes Ende erzählt: in den beiden letzten Zeilen beginnt die 
moralisierende Betrachtung des Falles, die sich in der rechten Spalte fort- 
setzt. Trotzdem letztere verstümmelt ist, läfst sich doch erkennen, dafs 
der Verfasser warm für die Liebenden eintritt und den beiderseitigen Eltern 
wegen ihrer Hartherzigkeit Vorwürfe macht. Der Schlufs dieser Ausführungen 
fehlt. Als Probe des Fragments gebe ich den Schlufs der Liebestragödie 
von dem Punkte an wieder, wo Pyramus die Bitte der Geliebten, die Augen 
zu öifnen. erfüllt. Es heilst dort: 

Merreilleuse cha^e est a dire: le defaiWint eHtendcmeui du mourant 
senil/ et enfevdi le noiii de la rierge taut amee, ne point ne lul voll deiiier hi 
derreniere refjuesie >juelle li/ jLil. Cnr il ouvri/ ses yeulx rji'evez de la mort 
et regarda ce.lle que l'appeUoit. Et ce fait ficha tantost V espee du. jouvencel 
mort en sa poitrine et se coucha s/ir hii et soii snn'j cspandti, 1^'ame 
d'elle ensuy Farne du ja mort. 

Der Versuch, vorliegende Handschrift mit der oben erwähnten um- 
fangreichen Übersetzungsliteratur zu identifizieren, war von vornherein 
ziemlich aussichtslos und ist auch nicht gelungen. Es handelt sich eben 
bei unserer Erzählung um einen der unendlich vielen mittelalterlichen Ver 
suche, ovidische Stoffe in Prosa wiederzugeben. 



334 C. Frieslarid. 

2. App. dipl. 10 E. XIX, :;. 
Die Handschrift bestellt aus einem auf allen vier Seiten beschriebenen 
Blatte und enthält Teile der Dialoge des Papstes Gregor. Letztere sind 
ja von Fcerster 1876 in einer pikardischen P'assung des XII. Jahrhunderts 
herausgegeben. Unser Bruchstück zeigt Schrift und Sprache des \'n. Jahr- 
hunderts; es weist mehr zentralfranzösisches Gepräge auf und gibt eine von 
Fccrsters Text abweichende Version des lateinischen Originals. Seite I 
unseres Fragments beginnt im l.j. Dialog des dritten Buches = Fcerster S. 140. 
Z. 15, reicht bis S. 141, Z. 22 und setzt sich inhaltlich in Seite II fort, 
die ihrerseits den Text bis S. 143, .j gibt. Zwischen ihr und Seite III ist 
eine Lücke. Es bat sich nun ergeben, dals hier ein. ebenfalls vierseitig 
beschriebenes Blatt fehlt. Dieses enthielt gerade die Mitte des Textes der 
ganzen Dialoge, woraus folgt, dals die einzelnen Blätter wie in einem Schul- 
schreibheft ineinander gelegt waren und dals die Handschrift, welcher unser 
Bruchstück entstammt, nur die Dialoge enthielt und nicht auch das andere, 
was die Fcerstersche Handschrift noch gibt. Seite III geht S. 148, Z. Iß 
weiter, reicht bis zum Schlufs von S. 149 uud setzt sich in Seite IV fort, 
die den Text bis S. 151, 11 enthält. Ich lasse hier eine Probe unseres 
Bruchstücks (Schlufs von Kap. XV) folgen und füge den Foersterschen Text 
sowie das lateinische Original bei. 

a) Foersters Text. 

Gregoires. Mais Entices ki en la voie de deu avoit esteit cornjudits 
ol deviinf dil Florence, il 1'ut conuz apres sa mort estre t/ranz pnr la vertut 
de siyncs. Quar qnant U horiois de son bore suelenl raconteir plnisors mi- 
rnc/cs de bii, nekedent eil miracles est li plus graiiz, cui ioskes a res tens 
des I^uinhars li tot pvissnnz deiis parmei son vestiment pnr coustume den- 
r;levff ovreir. Qiiar quanles fies jaloit la ploye et la lonye si'cherece par la 
f/rande ckalre brulloit la terre. assembleit en un li boriois de son bore so- 
loieiit sa cote leveir et ojfrir a proieres el rer/ard del sanior. Avoc la 
quelle quant il alereiit en proiant par les chnns, manes asiail doneie la ploye, 
Id plainement poist la terre sooleir. De la quelle ckose fut conut, quelle 
vertut^ quell merite. s'anrme aroit dcvenz, cui vtsture defors demostreie des- 
tornat la ire de nostre faiteor. 

b) Text des Fragments. 

Saint Gregoire respont: Eutice qvi en la voie dieu ot este compaiynoii 
du devant dit Florent apparut yrant apres sa mort en la vertu des siynes 
de miracles. Kt . , . que li citoiens de la cite en souloient raconter plusieurs 
miracles,, et pourquant ce mirarle entre les autres est merveilleus el ylorieus 
que nostre sire dieu le tout puissanl adeiyne faire et ouvrer par sa vesteure 
iusques ou temps dds Lombars. Cur toute.s les fois qne pluye failloit et que 
lonytie secherresse ardoit In terre par force de chaleur, les yens de la citc 
s' ussemhloicnt et acoienl de coustume que il leroient eu hault sus itne perche 
la coste qui avoit este au saint home et l'offroient a nostre seiynetir a yrans 
priercs et s\.n aloient a toute celle cost'' par hs chavips en disant oroisnu. 
Et tanlost dieu leur donnoit pluie soujfisaiif taut que la terre en avoit soitf- 
ßsanment et par ceste raison npparoit que V'ime avoit este da yrant rert-u et 
de grnnt raerile de cellui de qai la vesteure appaisolt dieu quant eile estoil 
mostrce du dehors. 

c) lateinischer — bei Foerster abgedruckter — Text. 

Eutycliius vero, qui praedicti Florentii in via Domini socius fuerat, mayniis 
post mortem claruit in vir tute xiynorum. Kam cum nmlta cives urbis illius 
de eo soleant narrare miraculu, illud tarnen est praeclpuum, quod iisqiie ad 
haec Lanyobardorum tempora omnipotens Deus per /•estimenium illius assi- 
due diynabatur operari. Nam guoties pluvies deerat, et aestu nimio terrain 
Innya siccitas exurebat. coUecti in vvum cives urbis illius. eius tunicam levare 



Hau r/.v eil rift lieh es . 335 

atque in conspectu Doruini cum precibus oj/crre c<>ns'jeverant. Cum qua dum 
per agros pergerent exoron/es, repenfe plurla tribucbatur, quae plene ie.rram 
satiare potuisset. Ex qua re pafuif, eius anima quid virtulis intus^ quid 
rneriti haheret^ cuius foris osiensa vestis iram conditoris averteret. 

Vorsiehende Proben (a-c) genügen, um den Text unseres, Fragments 
(b) zu characterisieren. Unzweifelhaft zeigt er ein ganz anderes Aufsere wie 
a, aber es wäre doch zu weit gegangen, deshalb für b ein anderes lateinisches 
Original anzusetzen, als es in c vorliegt. Der Unterschied stammt von den 
Übersetzern. Der Verfasser von a hat ganz wörtlich übersetzt und auch den 
lateinischen Stil nachzuahmen versucht (relative Anknüpfung!), während h 
viel freier übertragen und mit einer gewissen Behaglichkeit erzählt ist; der 
Übersetzer scheut auch nicht kleine Zusätze, um anschaulich zu sein (vgl. 
sus une perche), und geht mit dem lateinischen Satzgefüge recht ungeniert um. 

3. Morbio 17. 
Das Blatt entstammt dem 14. Jahrhundert und ist doppelseitig und 
zwar zweispaltig beschrieben (viermal 49 Zeilen;. Wenngleirh es schlecht 
erhaltenist, läfst siihdoch sagen, dafses eineProsatassung derLa«ce/o/erzählung 
enthält. Sie genau zu fixieren, ist mir nicht gelungen; vielleicht geschieht 
das von anderer Seite auf Grund folgender Angaben. Aus dem Recto, welches 
Zusammenhängendes so gut wie garnicht bietet, erwähne ich in der linken 
Spalte den Eigennamen Kex; aufserdem spri' ht dort mehrere Zeilen hindurch 
„ta roine'^; in der rechten Spalte ist von ^Agremor h deß-ee'' die Rede. Da." 
A'crso ist besser erhalten; in der linken Spalte fallen auf die Eigennamen: 

Kamalotk, Artus, Lan(celot), roiaume de Logres\ als redend wird dort „/e rois" 
eingeführt. Die rechte Spalte gibt das Meiste aus: abgesehen von dem Eigen- 
namen Gau(vain) enthält sie von Zeile 9 ab mehr oder weniger zusammen- 
hängende Stücke. Der König fragt, ob Lancelot noch nicht gekommen sei, 
und besteigt, als das verneint wird, einen Turm, um nach dem Ersehnten 
auszuschauen. Dann heifst es (Zeile 17-2.')): 

Le rois reawde grant piece que il ne volt ne loins »e pref chevaiier 

venir i^ers Kamaloth si s'en vierveille viovt^ ei il estoil de si grant aper- 

cevance quil cuidast d'ofses loins conaistre im Chevalier pur coi il l'euft 

reu. cheraiicer une /bis. Quar il voust descendre de la ior et il disoii a 

soi meesmes : Ha diex, quant vendra eil que je desir a veoir sor ious autres ? 

■Si regarde rers la foreste de Kamaloth si eii voit issir un Chevalier . . . 

armen vermoilles. 

Nun fehlen mehrere Zeilen. Aus dem Zeile 28 wiederbeginnenden 

fragmentarischen Text ersehen wir, dafs der König in dem Kommenden 

I.ancelot sicher zu erblicken meint und vom Turm hinunter zu seinen Baronen 

eilt. Von da ab (Zeile 33) sind nur noch einzelne Wörter erhalten. 

4. App. dipl. 10 E, XVII, 23. 
Die Handschrift besteht aus zwei doppelseitig beschriebenen Blättern, 
deren Text nur teilweise zu lesen ist. Der geschichtliche Inhalt des Frag- 
ments und der kurze Hinweis des gedruckten Handschriftenkatalogs, dafs 
es sich wohl um eine Chronik handele, liels mich die entsprechende 
Literatur durchsehen, wobei es gelungen ist, das Bruchstück zu identifizieren. 
Es handelt sich um die Chronique de Flondres. andennement composce par auteur 
incertain et mmvellement mise ea lumicre par Deuis Sauvage. Lynn^ 1561, ein 
Werk, das die Jahre von 792—1384 n. Chr. Geb. umfafst. Wir finden den 
Text unseres Fragments auf den Seiten 1G3— 166 der Chronique de Flandres 
wieder, aber so sehr sich die entsprechenden Partien inhaltlich gleichen, 
unterscheiden sie sich doch sprachlich Sauvage hat das Werk des ^auteur 
incertain-, wie er in der Vorrede auseinandersetzt, aus einer Privatbibliothek 
handschriftlich zugestellt bekommen und davon eine Abschrift genommen, 
die uns in obiger Ausgabe im Druck vorliegt. Er sogt /. c von jener 



336 C Frie!<laud. 

Handschritt: cd excmidaire, escript fit feuUhs de porcheiuiu et de gros pajjier 
entremeslcs, moiistre une lettre assez antique, sam aucunemeiU ncmimer son autcur. 
Er druckt dann, um dem I^eser einen Begriff von ..sftVe, lantjuage et po/ictva- 
tion'' der Handschrift zu geben, den Anfang ihres ersten Kapitels ab und 
tahrt fort: ce qiie se tust trouvc vude aux orellles de ce iemps, ei pource l'arons 
nous aucunement adoucy, sans toutesfois iuy chnmjer ses ancimes phrases ou vianieres 
de parier^ nsitces par autres semhlables antiques autears, ne mesmes plusieurs mots nnckm 
de boiine signijication. Mit anderen Worten: der Text, von dem hier die Rede 
ist und für den ja seines Inhalts wegen das Jahr 13.S I als terminus post 
quem feststeht, ist auf Grund der erwähnten Probe als um 1400 nieder- 
geschrieben zu denken. Ihn hat Sauvage für seine Zeitgenossen modernisiert. 
so dal's uns also die ursprüngliche sprachliche Form der Chronique de Flandrus 
— abgesehen von jenen einleitenden Sätzen — leider verloren gegangen 
ist. Durch unser Fragment wird nun erfreulicherweise die Kenntnis jeuer 
Vorlage des Sauvage vermehrt: es zeigt in seinen allerdings verstümmelten 
Sätzen und einzelnen Worten die Gestalt des Urtextes. Das Recto des 
ersten Blattes correspondiert mit Seite lß3, Zeile off. von Sauvages Ausgabe. 
das Verso mit S. 164., Z. 5 ff., das Recto des zweiten Blattes mit S. IB-ö, 
Z. 4 ff. und das Verso mit der letzten Zeile derselben Seite und den ersten 
von Seite 16<). Ich gebe im folgenden eine Probe unseres Fragments mit 
der entsprechenden Textfassung von Sanvage. 

Sauvage (p. 1(!4). 

(.luant 11 roys Garhus Vap)prochat. (^uand le roi Garhus les apperceut, 

si fist sa (jent d' armes si feit nombrer ses gens-d'' armes et trou- 

en avuit bien ra on quil en y aroit hien rint/t 

a cJiCcal e grant mullltude mille ic cheval et grond' multitude 

de gent de ;;/e', si ri'avoü mie de gens de lyiii. et si tiuvoit mie 

en Ja cite vivres en la cite pour dix sept jovrs. 

sa geut et leur dist Si manda taute sa geut et leur dll 

que mieidx leur venoit comhatre qiie que mieux leur valoit combatre qtte 

ajf'amez, et furent la estre affamcs, et fureni d^accord 

les crestknz d'lssir coutre les Chrestiens et issirenf 

une Heue loingz. Quant li cresticu unc Uene loing. Qtiand les Chreslien.s 

virent ce, si reirent cf, si s'arrestrrent et ordonm - 

leurs Ixttailles, el si lost qii'/l rent leurs hatailles, et si tost qu'ils 

li roys Garhus s^assemhlirent cnsemble^ le Roy Garbus 

s'enfuy en la cite et ses g<-ns xenjuit tantost en la cite et ses gens 

aiissi, qii'il douhta le siege. aussi, et pource quil douta le siege. 

pensa de li fuir En pensa de Iuy eiifuir pur iiier. En la 

nrolt une purlant die avoit uue rii-iere portant navire 

et y aroit et y avoit irois galees et une sagitaire. 

enz et sa fem- Si entra dednns ii wymiict et sa fem- 

me et si enfans plenie de tresor. me et ses infaus arec grand iresor. 

5. Fragm. XVI II. 

Die dem XIV. Jahrhundert entstammende Handschrift l)esteht aus 
zwei schmalen, doppelseitig beschriebenen Streifen, die jedesmal nur ganz 
wenige Worte enthalten. Trotz des fehlenden Satzzusammenhangs zeigen 
die im Recto des einen Streifens erhaltenen P>uchstaben ..-S«Wro", dafs unser 
Fragment der Encyclopädie des Philosophen Sidrach entstammt (Bist. litt. 
XXXI, -JS.'j; GröbeVs Gr. II, 1, 1030). Da mir kein Druck zugänglich ist. 
läfst sich die spezielle Stelle des Werkes, welcher unser Bruchstück ent- 
stanimt. nicht angeben. 

6. Fragm. XVIIl. 

Die Handschrift besteht aus einem kleinen, doppelseitig und -spaltig 
beschriebenen Blatt (13. saecj, dessen Inhalt einem bretonischen Epos an- 



IJandschriftUches. 837 

zugehören scheint, ohne dafs ich Genaueres habe ermitteln können. Ich setze 
die wenigen Zeilen hierher; vielleicht vermag jemand die Verse zu 
identifizieren. Sollte nicht „somegw'' (in der rechten Spalte des Ver?o), 
offenbar ein Eigenname, das Suchen erleichtern? 

Recto. 

et se ne ficst la traisonx et fu losenge ijuan quil Jist 

or ßst. mares ennsious et j)or lösende atorde quist 

la ßn veiie de Veslour ei d'milre pari droh est sanz jnille 

feissions an hnnnr or qvi fjarde chnmp emhatniUe 

Verso. 

de qarnnt e de selqnorie et eil li ont hien creanle 

de son cnnseH et de .s'a/e Font de ses dons mercie 

<>t de mares au parlir de [sornegvrj 

nmmnr/de 11 est nris qu'n maloir. 

7. Fragm. XVlIl. 
Die Handschrift besteht aus einem doppelseitig und zweispaltig be- 
schriebenen Blatt. Trotzdem eigentlich nur noch einzelne Werte zu lesen 
sind, stellt sich der Text (XV. saec.) als medizinischer Traktat dar, der 
Krankheitsfälle bespricht und angibt, wie dagegen zu verfahren ist. 

8. Hist. nat. 75, 43b. 

Das dem XV. Jahrhundert entstammende Blatt enthält ein alchemi- 
stisches Rezept, welches, in Prosa geschrieben, beginnt ; Prendes orine hien 
despmnee. Trotzdem es stark verstümmelt vorliegt, läfst sich der Gang der 
verschiedenen Manipulationen ziemlich genau verfolgen, wie denn auch eine 
Reihe von Bestandteilen der Mixtur leserlich sind. Zwischen dem Fragment 
und den in Gröbers Or. TT, 1, 1178 genannten, zum Teil bei Meon, Roman 
de la Rose IV, 12') ff, abgedruckten olchemistischen Schriften habe icli keine 
Beziehungen entdecken können. 

Was die Goettinger Universitätsbibliothek an französischen Hand- 
schriiten besitzt, kann sich mit dem entsprechenden Bestand vieler anderer 
Büchereien nicht messen. Aber auch die wenigen Blätter ti-eten mit Pro- 
l)lemen an uns heran, die in vorstehenden Ausführungen nur zum Teil 
gelöst sind. 

Hannover. Cahi. Fuiksi. anp. 



33« //. IhiKi'l. 

(Zu Voltaires Aufenthalt in Frankfurt.) 

R. Mahrenlioltz hat im „Kritischen Jahresberichte über die Fortschritte der 

Romanischen Philologie-^ (Bd. VlII, Heft 1, 1906 S. II, 1." f.) meinen ersten 
Artikel über „l'ototVe in Frankfurt 1753'' (in dieser Zeitschrift Bd. 27, Heft 
1 und 3 S. 160-187) einer Besprechung unterzogen, die mich zu einigen 
Worten der Entgegnung nötigt. Die Besprechung beginnt mit der /Yngabe, 
dafs meine Abhandlung ..wenig Neues biete", unterrichtet aber die Leser 
mit keinem Worte davon, dafs dem Berichterstatter nur der erste, einleitende 
Teil meiner Untersuchung vorlag, der die Vorgeschichte der Frankfurter 
Ereignisse und diese selbst nur bis zum 20. .luui behandelt. Trotzdem ich 
in diesem ersten Teile naturgemäls nur einen verschwindenden Teil der von 
mir erstmals benutzten neuen handschriftlichen Quellen verwerten konnte, 
und erst in den weitereu Teilen ein Abdruck der bisher unbekannt gebliebenen 
Briefe Voltaires, Colliuis, Senckenbergs, Friedrich des Grofsen u. a. sowie 
der wichtigsten Frankfurter Akten folgt, so bringt es Mahrenholtz doch 
über sich, über Wert und Unwert dieser ihm bis zur Stunde noch völlig 
unbekannten Stücke apodiktisch abzuurteilen. So heilst es bei ihm, ich 
wisse nur „einige Details mehr als Yarnhagen'-, und ,,die Ausnutzung des 
Briefwechsels mit Senckenberg, so geringfügige und nebensächliche Umstände 
er auch für das vorliegende Thema beibringt, sei vielleicht motiviert gewesen, 
zu einer nochmaligen, durchaus nicht abschliefsenden und lückenlosen 
Darlegung der Frankfurter Afifäre aber liege kein Grund vor". Die gleiche 
Voreingenommenheit und Ungerechtigkeit zeigt jeder Satz des Referates. 
So soll ich „das widerwärtige Verhalten der vor Preufsens König schweif- 
wedelnden Frankfurter Behörden sehr wohlfeil beschönigt haben'-, während 
ich in Wirklichkeit so hart wie bisher noch niemand über die Haltung der 
Frankfurter unter Darlegung der dortigen verrotteten Zustände geurteik 
habe. Wenn ich bemerke, dafs Desnoiresterres der Bedeutung Friedrichs 
des Grofsen als deutscher Dichter nicht gerecht wird, so entgegnet 
Mahrenholtz, „ein Franzose von der literarischen Bedeutung eines Des- 
noiresterres sei in diesem Falle doch ungleich kompetenter", unterschlägt 
es aber, dafs ich mich ausdrücklich auf das von Lemoine und Lichtenberger 
in der Jtevue de Paris 1901 S. 287 ff. gefällte günstige Urteil über Friedrichs 
Dichtungen bezogen habe. Während ich den König aus Irücklich für die 
Ungenauigkeit der an Freytag ergangenen Befehle verantwortlich machte, 
soll ich „des Königs Willkür verteidigt'* haben; und während ich Friedrichs 
Weisungen an seinen Pariser Gesandten Lord Keith als gleichfalls ungenau 
und völlig unverständlich bezeichnete, soll ich gesagt haben, Lord Keith 
habe jene Weisungen, im Gegensatze zu Freytag, verstanden. Wenn ich 
es ferner, worin mir jeder Sachkundige zustimmen wird, tadle, dafs der 
von dem Abbe de Prades im März 17.53 an Voltaire geschriebene Brief 
(Mol. nr. 2530) — Mahrenholtz nennt ihn ,.vernichtend'', während er doch 
eine äufserst versöhnliche Stimmung des Königs erkennen läfst! — von den 
Herausgebern Voltaires als ein ,, Brief König Friedrichs" bezeichnet wurde, 
so bemerkt Mahrenholtz dazu geschmackvoll: „Was sollen derartige 
Advokatenkünste bei einem Friedrich dem Grofsen?" 

Da eine absichtliche durchgängige Entstellung des Sachverhalts durch 
Mahrenholtz doch wohl ausgeschlossen ist, so kann ich nicht anders als 
annehmen, dafs er meine Abhandlung kaum flüchtig gelesen und nachträglich 
aus der Erinnerung und ohne jede genauere Prüfung des Sachverhalts seine 
Auslassungen niedergeschrieben hat. Eine derartige Arbeitsweise ent- 
spricht aber in keinem Falle der Würde wissenschaftlicher Kritik und 
richtet sich selbst. 

GiEssKN. Hi:r.MAN Haupt. 



Zeitschrift 



für 



französisclie Sprache unä litteratur 

begründet von 

Dr. G. Kcerting nd Dr. E. Koschwitz 

Professor a. d. Universität z. Kiel weil. Professor a.d.Univers.z. Königsberg i.Pr. 

herausgegeben 



Dr. D. Behrens, 

Professor an der Universität zu Giessen. 



Band XXXH. 
Zweite Hälfte: Referate und Rezensionen. 



Chemnitz und Leipzig. 

Verlag" von Wilhelm Gronau. 
1908. 



Inhalt. 

Referate und Rezensionen. g^-^^ 

Baldensperger, F. Bibliographie critique de Goethe en France (J. CoUin) 173 

Bibliotheca Romanica (W. Küchler) . . . , 83 

Bomecque, H. und Benno Botk/ers, Recueil de morceaux choisis d'auteurs 

frangai^s (H. Schneegans) 200 

Brebion, L Etüde philologique sur le Nord de la France (W. Meyer- 

Lübke) 113 

Brückner, G. Das Verhältnis des französischen Rolandsliedes zur Tur- 

pinschen Chronik und zum Carmen de prodicione Guenonis 

(W. Tavernier) 22 

Brunetiere, F. Etudes critiques sur l'histoire de la litterature frangaise. 

Huitieme serie (H. Schneegans) 145 

Brusewitz, V. Etüde historique sur le syntaxe des pronoms personnels / 

dans la langue des felibres (E. Herzog) 12^ 

Calippe, Abbe Ch. Balzac (J. Haas) 71 

Cassagne, A. La theorie de Part pour l'art en France (W. Martini) 190 
Contes et conteurs gaiUards du XVHIe siecle p. p. Ad. van Bever (W. 

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MiSZELLEN. 

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Behrens, D. OStfrz. damotte 175 

— — embrelin 2 1 9 

— — janblan 220 

Meyer -Lübke, W. Roger Bacon über die französischen Mundarten . . 175 

Novitätenverzeichnis 90 — 221 



Gerhardt, Jahn & Landt G. m. b. H., Berlin W.- Schöneberg. 



Referate und Rezensionen. 



Ebeling', Georp". Probleme der romanischen Syntax. Erster 
Teil. Halle, M. Niemeyer 1905. 178 S. S». 

Das Buch Ebelings bringt zehn Artikel über verschiedene, z. T, 
weitverbreitete Erscheinungen der romanischen Syntax. Die meisten 
dieser Erscheinungen haben das Merkmal, daß sie „überraschen" 
und von dem abweichen, was man als Ausdruck des betreffenden 
Gedankens von vornherein nach den Regeln der Logik erwartete. 
Daß man die Sprache nicht mit dem logischen Maßstab messen 
dürfe, ist zwar ein von den neuern Syntaktikern oft betontes und in 
den Vordergrund gestelltes Prinziii; aber in der Praxis reizen sie zur 
wissenschaftlichen Behandlung doch jene Punkte am meisten, wo die 
Sprache den Gedanken anders gibt als derjenige, der die vorhandenen 
spraclilichen Einzelelemente mehr oder minder gründlich kennen gelernt 
hat, erwartet — erwartet eben nach den Regeln der Logik, die verlangt, 
daß gleiche Gedankenelemente auch immer mit den gleichen sprachlichen 
Elementen wiedergegeben werden. Dahin gehört denn auch die über- 
wiegendeMehrzahl derEbeling interessierenden Probleme, die er — siehe 
seine eigene Darstellung im Lhl. g. r. Phil. 1902 Sp. 116 — Monate 
hindurch mit der Angst hütete, daß ihm durch Meyer-Lübkes Syntax 
„vieles, ja alles" vorweggenommen werde und an deren Veröffent- 
lichung er dann beruhigt denken konnte, als er sie bei Meyer-Lübke 
nicht gefunden hatte. Die romanische Syntax gibt uns nämlich noch 
andere Bissen zu kauen als die gewissen Feinschmeckersächelchen. 

Die einzelnen Artikel sind übrigens sehr lehrreich, und ein 
Grund zu der großen Angst ist nicht zu ersehen. Selbst wenn die 
Erwähnung und Erklärung der Erscheinungen in dem glänzend groß- 
zügigen Gesamtwcrk Meyer-Lübkes vorweggenommen wären (in einigen 
Fällen trifft dies auch tatsäcljlich zu), so bliebe Ebcliug noch Gelegen- 
heit genug, die Früchte seines Sarameltleißes zu verwerten: es muß noch 
auf all die Einzelheiten eingegangen werden, die in dem Rahmen 
einer die gesamte Syntax umfassenden Darstellung keinen Platz finden, 
die näheren Umstände und Bedingungen, unter denen die Erscheinung 
auftritt, die örtliche, zeitliche, manchmal auch soziale Begrenzung, 
das Verhalten der verschiedenen Schriftsteller zu ihr etc. Wem freilich 

Ztsclir. f. frz. Spr. u. Litt. XXXII s. 1 



2 Referate und Rezensionen. E. Herzog. 

die wissenschaftliche Publikazion nur ein Vorwand ist seine Zettel- 
kästen auszuleeren, für den freilich mag es bitter sein, wenn ihm der 
Anlaß dazu genommen ist. 

Das ist ja bei Ebeling im Ganzen nicht der Fall. Es steht ja 
bei ihm doch die Erklärung und Auffassung der Erscheinung im 
Vordergrund und wo sich dabei Schwierigkeiten ergeben, wird man 
gewiß die Fülle der beweisenden Beispiele freudig begrüßen und sich 
sagen, daß ein zu viel hierbei auch nicht schaden kann, wohl aber 
ein zu wenig. Warum freilich Ebeling Beispiele nur deshalb anführt, 
um von ihnen auszusagen, daß sie nichts beweisen, ist mir in 
manchen Fällen nicht klar geworden. Und nur einer gewissen Freude 
des Verfassers, mit der Reichhaltigkeit seiner Sammlungen zu prunken, 
kann ich es zuschreiben, wenn für manche bereits hinlänglich bekannte 
Erscheinungen neue Listen von Beispielen vorgeführt werden. Daß z. 
B. für die von Tobler bereits genügend beleiite Erscheinung il a du 
venir 'er muß gekommen sein', il a pu ouhlier 'er kann vergessen 
haben' noch mehr als eine Seite neuer Beispiele hinzugefügt werden, 
ist wohl recht überflüssig, da sie der Verf. nicht dazu benützt, uns 
daran etwas Neues zu lehren, nicht dazu, die Auffassung der Er- 
scheinung, wie es vielleicht möglich wäre, zu vertiefen. 

Auch manches andre hätte der Verfasser sich wohl ohne 
Schaden schenken können. So z. B. die persönlichen Gefühle, die ihn 
bei der Auffindung der Beispiele und beim Ausdenken seiner Er- 
klärungen begleiten. Daß Ebeling sich vergnügt die Hände reibt, wenn 
er ein non la sta cosi findet, oder daß es ihm jedesmal „das Herz 
abdrückt", wenn er Tobler widerspricht, scheint mir nicht wesentlich 
zum Verständnis der syntaktischen Fragen beizutragen. Auch manche 
Betrachtungen allgemeiner Art scheinen mir nicht am richtigen Platz. 
Verf. nimmt z. B, des öftern die Gelegenheit wahr, die Leser zu 
belehren, daß der Sprachforscher von heutzutage die Aufgabe hat, 
die sprachlichen Erscheinungen zu beobachten und zu erklären, nicht 
aber zu kritisieren. Das ist wohl recht überflüssig; denn von dem- 
jenigen, der sein Buch liest, ist von vornherein anzunehmen, daß er 
auf dem gleichen Standpunkt steht, und der, für den diese Belehrung 
"Wert hätte, wird wohl schwerlich in die Lage kommen, sich aus 
Ebelings Buch über den Konditionalis im Rumänischen Rats zu erholen. 
Man kann ganz gut modern gesinnt sein, ohne diese Modernität 
immer dick zu unterstreichen. Auch ist das Moderne nicht immer 
das Wahre. Es ist beliebt geworden, von gewissen alten Erklärungs- 
weisen wegwerfend zu sprechen, so von Ellipsen. In non che sa- 
pesse gramatica, appena sapea leggere ist das non che erklärt 
worden durch ein in Gedanken behaltenes non dirh che, non si 
pensi che etc. Ebeling glaubt seinen Tribut an die herrschende 
Strömung entrichtet zu haben, wenn er dies apodiktisch mit den 
Worten abtut: „Zwischen non und che ist nichts zu ergänzen, wie man 
wohl gemeint hat" (S. 89). Und doch begeht Ebeling dieselbe Ketzerei, 



Georg JLbeling. Probleme der romanischen Syntax. 3 

wenn er eine verwunderte Frage wie che fasse innamorata di me 
S. 143 f. folgendermaßen erklärt: „Wenn nun auch . . . kein Verbum 
dastelit, von welchem diese Nebensätze abhängen, so schwebt doch 
ein solches, glaube ich, dem Sprechenden vor, wenigstens zur Zeit 
als diese Ausdruck^weise ins Leben trat" (Ebeliiig nimmt ein e possibüe 
als vorschwebend an). Gerade so schwebte gewiß dem Sprechenden 
auch zur Zeit der Entstehung des erstangefülirten Ausdrucks ein 
Zeitwort des Sasens oder Denkens, wenn auch nur unbestimmt, vor, 
von dem der cAe-Satz abbängig ist; der beste Beweis ist, daß der 
äquivalente deutsche Ausdruck geschweige, d. h. 'ich sage niclit' ist, 
wo der Begriff des Sagens implizite in dem Konjunktion gewordenen 
Verb enthalten ist. Was sollte denn auch bei diesen Sätzen mit 
non che durch non verneint sein? 

Im übiigen verdienen die Aufsätze Ebelings alles Lob. Daß 
von ihm vorgebrachte Material ist ungemein reichhaltig, die Ver- 
wertung und Ordnung desselben zeugt von scharfer Auffassung und 
gutem Sprachverständnis, seine Deutungen sind immer gut durchdacht, 
Avenn auch nicht immer überzeugend. — 

In den Artikeln Ebelings sind alle romanischen Sprachen gleich- 
mäßig herangezogen, so daß die frz. Sprache einen verhältnismäßig 
geringen Raum einnimmt und nur in einem Artikel im Vordergrund 
steht. Dem Namen dieser Zeitschrift entsprechend beschränke ich mich 
im folgenden eine Übersicht über die das Frz. berührenden Probleme zu 
gehen und verweise im übrigen auf die eingehende Rezension Meyer- 
Lübkes im L. g. r. Fh. 1907 Sp. I4f.i). 

Derjenige Artikel, der sich hauptsächlich mit Französisch 
beschäftigt, ist der zehnte „irons tornoiier nioi et vos"-. Ebeling 
handelt hier von dem Ersatz des betonten Rektus der Pronomina 
durch den Obliquus und zeigt, daß diese Erscheinung im Altfrz. nur 
dann eintritt, wenn das Pronomen mit einem andern oder einem 
Substantiv koordiniert ist. Es ist eigentümlich, daß dieser Umstand 
so lange verborgen blieb, und daß er nun von mehreren Seiten gleich- 
zeitig und unabhängig beachtet wird: auch von Brunot, Hist. de la 
l. frg. I. 227 „II est tres remarquable qu'en cas de rapprochement 
de deux personnels sujets ... on voit des le XII^ siecle apparaitre 
la forme moderne . . ." (vgl. auch die Beispiele auf S. 457); von 

1) Mpyer-Lübke hat dort die m. E. richtige Erklärung der 
spanischen Aiisrufsformel ;que ojos tan hermosos! (f. h. erklärender Zusatz 
zu dem Ausruf ;quc ojos!) gt^gehcu und der von Eb. gebrachten gegenüber- 
gestellt. Ich ni()chie hier nur hinzufügen, dafs auch die Ausdrücke von der 
Form jCt'ie vmjer mas rica! niclit uiihediogt als Stütze für die Eb.'sche 
Ansicht angefüiiit werden können, mos rica kann Superlativ sein (nicht Kom- 
parativ), wie der Superlativ in prädikativer Stellung im Spanischen häutig 
ohne Aitikel gebraucht wird. Ich verweise auf die von Wiggers^ S. ö3 ge- 
gebenen Beispiele : Ya fo?i mas graves niis penas y confusiones und Los derechos 
. . . sun 7nas laodevados, 

1* 



4 Referate und Rezensionen. E. Herzog. 

Brusewitz, der sie allerdings nur für einen speziellen provenz, Autor des 
16. Jalirh., Bellaudiere, erwähnt: „Cet auteur emploie souvent 
l'accusatif my comme sujet absolu coordonne avec un substantif ou 
un pronom par et ou comme (S. 84)". Auch Rydberg dürfte ver- 
mutlich die richtige Auflassung vorgescbwebt haben, wenn er Zur 
Gesch. des frz. d S. 721 auf Moi et Rolland, Moi et Girars im 
Girart verweist; vgl. auch S. 744 „in diesem Fall beginnt jetzt moy, 
resp. cecy mehr und mehr allgemein, bisweilen vorheri sehend zu werden, 
z. B. bei kopulativer Verbindung". — Eb. bietet nun zu dieser Frage das 
reichhaltigste Material. Freilich die Erklärung, die Ebeling dafür vor- 
schlägt, daß die Konstruktion entre moi et lui von Einfluß gewesen 
sei, bleibt zum mindesten so lange zweifelhaft als man nicht auch 
für die Verbindung von zwei Substantiven, bei der ja dieselbe Aus- 
drucksmöglichkeit daneben bestand (Eiitre Sone et le roy) die Er- 
scheinung beobachtet, daß sie beide in Texten, die sonst die Deklinations- 
regel streng durchführen, im Obliquus statt im Nominativ erscheinen; 
der Salto, mit dem sich Ebeling über diesen Einwand hinweghebt, wenn 
er S. 175 sagt: „man dürfe ... in solchem Fall le jaiant et le nain 
auch bei einem sorgsam die Deklinationsregel beobachtenden Dichter 
nicht beanstanden" statt eben dafür Beispiele zu geben oder aber zu 
erwähnen, daß er keine Beispiele gefunden hat, ist etwas befremdlich. 

Der zweite Aufsatz, der einen französischen Titel hat, No. 3: 
il a dil venir bietet für das Französische nichts wesentliches Xeues, 
sondern verfolgt die Erscheinung hauptsächlich in den andern romanischen 
Sprachen, wo neben den zusammengesetzten Zeiten das Imperfekt und 
Perfekt von debere und posse verwendet wird (wie übrigens gelegentlich 
auch im Frz.), handelt weiter von der Vermischung dieser Konstruktion 
mit dem vermutenden Futurum und Futurum exactum im Italienischen, 
von dem Passiv des Hauptverbs statt dem des Infinitivs, wenn ein 
solcher von Verben des Anfange ns und Aufhörens abhängt. Da 
er hier für das Frz. nur eine bereits von Mussafia zitierte Stelle bei- 
zubringen weiß, so möge hier noch eine andre Stelle aus den Et. 
S. Louis I. LXVI li sires le (das Höh?) porroit bieii vayidre a ce meisme 
fuer quil avroit este comariciez a vendre und eine aus dem Alt- 
lyonesischen Davant que el (das Schloß) fust commencies a abatre 
(Cled. Rev. XIX. 253) angeführt werden. 

Aber auch die andern Aufsätze enthalten mancherlei auf das 
Frz. bezügliches. In dem ersten Aufsatz z. B., der die Adverbialisierung 
vou ital. aliro che behandelt, wird auch die richtige Deutung von 
frz. rien que ,nur' gegeben. Eine Erklärung war bereits von Cledat, 
Rev. Phil. XVI. 212, versucht worden, aber nicht in ganz richtiger 
Weise. Die Konstruktion war dort mit der Adverbialisierung von ein- 
fachem rien zusammengebracht worden, wie sie sich im Schiiftfrz. iu 
einigen Fällen (vgl. Littre rien 23°), in den Dialekten in großer 
Ausdehnung findet. In Wirklichkeit stellt die Konstruktion zwar eine 
Adverbialisierung dar, wie wir sie bei vielen Quantitätsausdrückeu, z. B. 



Georg Ebeiing. Probleme der romanischen Syntax. 5 

frz. beaucoup, peu, tant, ital. altro che, schoQ lat. multum etc. 
und also auch für frz. rien nachweisen können [d. h. in Fällen, wo 
diese Ausdrücke zunächst in richtiger Weise im nominalen Gebrauch 
als Objekt, (Prädikat, Subjekt) stehen, wird ihr wahrer Sinn miß- 
verstanden (oder besser mißgefühlt), indem man darin einen das Verbum 
näher bestimmenden adverbiellen Ausdruck nach der Art von satis 
etc. sieht, und die Folge ist, daß man sie gebraucht, wo ein Objekt 
etc. nicht stehen könnte (je mange beaucoup, dann je j^iais beau- 
coup)], ist aber wohl von der xVdverbialisierung des einfachen rien 
vollständig unabhängig. Es würde sich verlohnen, diesen ganzen 
Vorgang der Adverbialisierung von Quantitätsbegriffen im Zusammen- 
hang durch alle romanischen Sprachen zu verfolgen und dabei auch 
auf die Kehrerscheinung zu achten, auf die Nominalisierung von 
Adverbien, wie sie sich gelegentlich bereits im Lat. zeigt (durch die 
Möglichkeit, einen Genitivus partitivus davon abhängig zu machen, 
vgl. Skutsch ALL XV, 43), und wie sie im Frz. in einem klassischen 
Beispiel vorliegt: avec bien du travail, ein Ausdruck der bekanntlich 
von fai bien du travail ausgeht, wo bien ursprünglich Advetb zu 
j'ai ist, während du travail als Partitiv-Objekt ebenfalls von j'ai 
abhängt, woraus sich dann unter Verkennung des ursprünglichen 
Sachverhalts, aber mit Beibehaltung des nun recht auffallenden 
bestimmten Artikels bei tr., ein bien du travail in der Bedeutung 
'viel Arbeit' losgelöst hat. — S. 18 rien quliier, tu as passS trois 
fois wäre besser mit 'erst gestern', als mit 'schon allein gestern' 
übersetzt worden, denn der Sinn ist offenbar: 'nicht früher als gestern' 
('man muß nicht weiter zurückgehen als bis gestern'), nicht: 'nur 
gestern' ('man muß bloß einen, den gestrigen Tag in Betracht ziehen'). 
Die Tendenz der frz. Sprache für den Begriff 'erst' die Ausdrücke, 
die 'nur' besagen, eintreten zu lassen, zeigt sich also bei rie7i que 
ebensogut wie bei ne . . . que und seulement. 

Auch im 5. Artikel wird wiederholt aufs Frz. Bezug genommen. 
Er ist der Verwendung des ital. tutto als Apposition gewidmet (der 
Titel „tutto 'lauter'" ist irreführend, da sich ein gut Teil der 
Beispiele ungezwungen nicht so übersetzen läßt) und befaßt sich mit 
den Beeinflussungen, die dieses tutto in Geschlecht und Zahl vom 
Prädikat-) erfährt, obwohl es logisch zum Subjekt 2) gehört. Es 
wird fein und richtig ein Unterschied statuiert zwischen den Fällen, 
wo es sich darum handelt, „daß ein Seiendes ... in seinem ganzen 
Umfang in den Bereich dessen gehört, was das prädikative Substantiv 



~) Diese Bezeichnung besteht auch dann zurecht, wfinn es sich um 

Ausdrucksweisen wie piglierebbe un quarüerino . . . tutto aria e luce handelt. Aria 
e luce ist in Bezug auf qu. Prädikat, rju. in Bezug auf aria e l. Subjekt. Um 
für dieses Verhältnis entsprechende Ausdrücke im Rahmen der Elementar- 
syntax zu finden, könnte man etwa von Subjekt und Prädikat zweiter 
Ordnung sprechen, indem in sono tuita cuore ich und cuore als Subjekt und 
Prädikat erster Ordnung zu bezeichnen wären. 



6 Referate tind Rezensionen. E. Herzog. 

angibt: una donna iutta cuore"" und jenen, wo hitto die einzelnen 
Seienden oder Sachverhalte numerisch zusammenfaßt: charjminta . . . 
crapenda . . . charjyenna . . . tutte forme date dal Palioppi^ und 
gezeigt, daß der erste Fall jener Attraktion durch das Prädikat viel 
weniger ausgesetzt ist. Verfasser beachtet allerdings nicht, daß der- 
selbe Unterschied nicht nur für die Fälle zu machen ist, wo es sich 
um Subjekt und Prädikat 2. Ordnung (vgl. S. 5, Anmerkung 2), 
sondern bereits für solche mit Subjekt und Prädikat 1. Ordnung. 
Grammatisch könnte man die Sache etwa so präzisieren, daß tutto 
nur im ersten Fall eigentlich Ajiposition ist: 'als gaiize(r)', 'wenn 
man ... als ganze(n) nimmt', im 2. Fall ist es identisch mit dem Sub- 
jekt, dieses nur ein zweites Mal wiederholend gesetzt-^). — Die Erklärung 
der häufigen Übereinstimmung mit dem Prädikat ist im 2. Fall durch 
das Wort Attraktion nicht gegeben. Dieses ist im Grund nur ein 
den Sachverhalt beschreibendes Gleichnis (das dann noch beliebig 
durch „Fangarme", „branche" (S. 64) ausgeführt werden kann). Die 
Erklärung dürfte vielmehr sein, daß ein andrer Gedanke sich einmischt, 
in dem oben zitierten Fall z. B. tutte queste forme son date dal 
Palioppi. Daß ein solcher sekundärer Gedanke sich nur in die Fälle 
der zweiten Art einmischen kann, liegt auf der Hand. Die wenigen 
Beispiele der ersten Art, die Attraktion aufweisen, — ich gebrauche 
das Wort eben als abgekürzte Bezeichnung des Sachverhaltes, nicht 
als Erklärung — , erklären sich jedenfalls anders. Vielleicht so: in 
Fällen wie egli e tutto padre, ella e iidta. madre — solche Fälle, 
wo Subjekt und Prädikat im Genus und Numerus übereinstimmen, 
werden sich in der gewöhnlichen Umgangssprache naturgemäß am 
häufigsten einstellen — wird der wahre Sachverhalt verkannt, und 
tutto als ein Attribut gefühlt, etwa wie wenn es sich um ein perfetto, 
ein puro oder dgl. handelte. Es ist das ungefähr dieselbe Erklärung, 
die Ebeling mit recht für die vulg.-ital. Fälle /(?cß tutti maccheroni etc. 
gibt. — Daß die altfrz. Ausdrücke mit tote peor, tote enor (es sind 
nur Abstrakta nachgewiesen) auch hieiher gehören, ist mir sehr 
zweifelhaft, ebenso das ital. Beispiel Barseg. 715. 

No. 6: r^non che mit folgendem Infinitiv" geht aus von Fällen wie 
non che fermarvi, ce la faremmo a correre und sucht den Infinitiv 
durch Einwirkung von Fällen zu erklären, wo im Hauptsatz Hilfs- 
verb-f Infinitiv steht: non potendolo non che cacciare, ma diminuire. 
Dann kommt er auf die gleiche Konstruktion bei piuttosto che : 11 
papä Vavrehbe arrostita piuttosto che darla a un liberale. Diese 
hat ihre Verwandten im Frz.: je mourrais plutot que de lui faire 
nne Observation und im Deutschen: ich gehe lieber als fahren, 
was Ebeling — vorsichtiger als Goethe, der ähnliches im Faust 



•■') Der Umstand, dafs es sich um das doppelt gesetzte Subjekt handelt, 
erklärt auch den Numerus des Hilfszeitworts in den S. 54 angeführten Fällen 

sono tutte ipolesi . . . USW. 



Adolf Tohler. Vermischte Beiträge z. franz. Grammatik. 7 

wagt — sich wohl in der Umgangssprache, nicht aber in der 
Schriftsprache gestatten würde. Wenn nun Ebelings Erklärung: 
Ausgangspunkt Hilfszeitwort+Infinitiv für diese zweite Konstruktion 
ohne Zweifel das Richtige trifft, da sich hier der Gedanke j'aime 
mieux mourir . . ., ich icill lieber gehen . . . leicht einmischt, so ist 
sie mir für die erste Erscheinung keineswegs über alle Zweifel 
erhaben. Da aber dieser erste Fall das Frz. nicht betrifft, gehe 
ich hier nicht weiter darauf ein. 

In No. 7 (dispiacere non mi dispiacete), bezüglich derer 
ich auf Meyer-Lübkes angezogene Rezension verweise (die Erklärung 
Ebelings ist von der Meyer-Lübkes vielleicht nicht so verschieden, 
wie Eb. glaubt), kommen frz. Ausdrucksweisen mit pour, provenzalische 
mit per zur Sprache : pour aller ca va, pour menteux je ne sieiis 
point menteux usw., ohne daß auf die Natur des pour näher 
eingegangen wird. 

In No. 8: non la sta cost (besonders venezianisch) wird die 
auffällige Stellung des Subjektpronomens als eine Beeinflussung von 
Seiten des Objektpronomens erklärt, was vermutlich richtig ist, ohne 
die Sache vollständig zu erledigen. Dagegen ist die gleiche Er- 
klärung für prov. lai gai abzuweisen: non lai nac tan ardit, wo 
Ebeling die Stellung des lai durch die Möglichkeit lai = la li hinter 
non zu stellen erklären möchte. Die Behandlung von lai oder 
gai als tonloses Objektspronomen ist auch heute im frankoprov. 
und im angrenzenden prov. Gebiet weit verbreitet, z. T. auf Gebieten, 
wo la li gewiß nicht durch lai ausgedrückt wird. Wenn im Frz. 
die Adverbien hie und inde die — ursprünglich enklitische — Stellung 
einnehmen, die uns für y und en bekannt ist, so ist nicht einzusehen, 
warum in einem benachbarten Gebiet, wo ILLAC das y vertritt, dies 
nicht dieselbe Stellung von Anbeginn konnte eingenommen haben. 

Im Ganzen bedeutet Ebelings Buch eine hübsche Bereicherung 
unseres syntaktischen Wissens,und wo auch Ebeling seine „Probleme" 
nicht endgültig gelöst hat, wird ihm doch das Verdienst bleiben, zur 
Lösung beigetragen zu haben, indem er das Material reichlich bei- 
brachte und zum Widerspruch herausforderte. 

Friedland b. Mistek (Mähren). E. Herzog. 



Tobler, Adolf. Vermischte Beiträge zur französischen Grammatik. 
Zweiter Teil. Zweite, vermehrte Auflage. Leipzig, S. Hirzel, 
1907. 289 S. Gr. 8°. 

Der Neuauflage der zweiten Reihe der Beiträge hat Tobler 
einige Erweiterungen hinzugefügt, die sich zumeist auf ein reichlicheres 
Beispielmaterial beziehen, selten hat er sicli auf neue Erörterungen 
eingelassen. Nachdem wir in dieser Zeitschrift (XX-, 3 ff.) die erste 
Auflage einer Würdigung unterzogen haben, wollen wir heute den 



8 Referate und Rezensionen. C. This. 

Leser nur auf die zu Artikel 5 „7^ a du venir" in der Zeitschrift 
für romanische Philologie 1907, S. 453 — 467, erschienenen Aus- 
führungen liinwoisen, in denen Th. Kalepky eine von der Toblerschen 
zum Teil abweichende Meinung entwickelt. In den beiderseitigen 
Erörterungen ist u, E. das Logische auf Kosten des Psychologischen 
zu sehr in den Vordergrund gezogen. Wenn K. (S. 456/7) sans doute 
für gleichsam identiscli mit devoir hält und dementsi)rechend S. 487 
im dem Satze ,,Bon nonibre de paysans sans doute devaient avoir 
entendu parier de cette affaire"" sagt, sans doute und devoir sollten 
sich eigentlich gegenseitig ausschließen, bezeichneten eine Art von 
Pleonasmus, so können wir uns dieser Auffassung nicht anschließen. 

Markirch (Elsass). C. This. 



von den Driesch, Johannes. Die Stellung des attributiven 
Adjektivs im Altfranzösischen. [Romanische Forschungen 
XIX, p. 641—908. Erlangen, Fr. Junge 1906]. 

Die Frage nach der Stellung des attributiven Adjektivs im 
Französischen, die seit langer Zeit Gegenstand zahlreicher Unter- 
suchungen gewesen ist, wurde ihrer endgültigen Lösung zugeführt, 
nachdem Prof. Gröber im Grundrifs I die Anregung gegeben hatte, 
zur Erklärung aller Erscheinungen der empirischen Syntax das 
psychologische Motiv heranzuziehen, bei dessen Beachtung sich statt 
einer Mense von äußerlichen Regeln allgemeine Formeln ergeben. 
Zugleich formulierte er für die Stellung des attributiven Adjektivs 
die Regel dahin, daß das dem Substantiv vorangestellte Adjektiv 
affektisch attribuiert, das nachgestellte verstandesmäßig distinguiert. 

Diese zuerst durch Cron in seiner Dissertation „Die Stellung 
des attributiven Adjektivs im Altfranzösischen", Straßhurg 1891, 
eingehender dargelegte Regel fand Widerspruch, besonders deshalb, 
weil die Regel nicht richtig verstanden wurde und z. B. affekti>-che 
Attribuierung als Attribuierung „im Affekt" aufgefaßt wurde, statt daß es 
heißen soll, das Adjektiv wird dem Substantiv vorangestellt als 
Ausdruck des Affekts, der Empfindung, die der Gedanke an einen 
Gegenstand oder eine Person in uns hervorruft. Andere glaubten, 
in den Betonungsverhältnissen eine Erklärung für die Stellung des 
attributiven Adjektivs zu finden, ohne aber die Beweise für ihre 
Behauptung zu erbringen. 

Wenn die aufgestellten Regeln zur Erklärung der Stellung von 
Substantiv und Adjektiv in allen in einem Literaturdenkmal vor- 
kommenden Fällen nicht zu genügen schienen, so kam es wohl daher, 
daß bisher nicht der Versuch gemacht worden war, die Regeln auf 
die Gesamtheit der in einem Sprachdenkmal oder einer Sprachperiode 
vorkommenden Fälle anzuwenden, oder aber aus einer solchen Betrachtung 
eine neue Regel zu formulieren. 



Joh. V. d. Driesch. D. Stellung d. attributiven Adjektivs. 9 

Dies ist der Zweck der uns vorliegenden Arbeit, in der der 
Verfasser es unternimmt, die Richtigkeit der von Prof. Gröber auf- 
gestellten Regeln für einen begrenzten Zeitraum des Altfranzösischen 
zu erweisen. Zum Ausgangspunkt für seine Untersuchungen nimmt 
er die originalfranzösische Prosaliteratur des 13. Jbs., deren Sprache, 
sich kaum von der mündlichen Erzählung und Berichterstattung 
unterscheidend, ursprünglich ist, durch das Lateinische nicht beeinflußt, 
durch eine poetische Form nicht gebunden, durch bewußte Sprachkunst 
nicht bestimmt ist. Nach Feststellung des Stellungsprinzips in der 
originalfranzösischen Prosaliteratur werden dieselben Untersuchungen 
für die religiösen Übersetzungswerke des 12. Jhs. angestellt, um zu 
sehen, ob und inwieweit das gefundene Stellungsprinzip von den 
lateinischen Originalen stilistisch beeinflußt ist. Die Arbeit zerfällt 
so in zwei Teile, In dem ersten wird die Stellung des attributiveu 
Adjektivs bei Villehardouin, Henri de Valenciennes, Robert de Clary, 
dem Menestrel de Reims, Joinville unter gelegentlicher Bei ücksichtigung 
von Froissart behandelt; im zweiten Teil der Sprachgebrauch im 
Oxforder und Cambridger Psalter, den Quatre livres des Reis, den 
Dialoge Gregoire le Pape und den Predigten des h. Bernhard in der 
Pariser und in der Berliner Handschrift. Daneben werden einige der 
von Höpfner aus Allain Chartier und Gerson zur Stellung des 
attributiven Adjektivs gesammelten Beispiele angeführt. 

Der Verfasser behandelt in acht Kapiteln nacheinander das 
nachgestellte Adjektiv, das vorangestellte Adjektiv, das Adjektiv in 
beiden Stellungen, das Partizip, das adjektivische Pronomen, mehrere 
attributive Adjektive, das steigernde Attribut und schließlich die 
Wortzusammensetzungen aus Adjektiv und Substantiv. Eine Ver- 
gleichung des Spracligebrauchs der religiösen Übersetzungswerke mit 
dem im ersten Teile festgestellten Sprachgebrauch wird dadurch 
wesentlich erleichtert, daß im zweiten Teil dieselbe Paragraphen- 
cinteiluug und auch im übrigen dieselbe Anordnung beibehalten 
worden ist. 

Aus den Untersuchungen ergibt sich, daß das attributive Adjektiv 
im Altfranzösischen hinter das Substantiv tritt, wenn es logisch 
distinguieren soll, d. h. wenn es dazu dient, Gegenstände oder Personen 
durch Angabe einer objektiven, von jedermann wahrnehmbaren 
Eigenschaft von anderen ihrer Art zu unterscheiden. Das voran- 
gestellte Adjektiv dient zum Ausdruck der subjektiven Bewertung 
von Dingen und Personen durch den Sprechenden; es gibt der 
Empfindung Ausdruck, die der Anblick eines Gegenstandes, das 
Denken an eine Person in dem Redenden erwecken; kurz gesagt, das 
vorangestellte Adjektiv dient zur affektischen Attribuierung. Die am 
häufigsten gebrauchten Adjektive, nämlich diejenigen, die ganz 
allgemeine Wert- und Gradangaben, oder räumlicbe und zeitliche 
Größenangaben entlialten, wurden später infolge ihrer häufigen Ver- 
wendung in derselben Stellung und in Verbindung mit demselben 



10 Referate und Rezensionen. C. This. 

Substantiv Aiialosiewirkungen unterworfen, die die unmittelbare Wirkuug 
des Stellungsprinzips zwar störten, dabei aber doch in letzter Linie 
in eben diesem Stellungsprinzip begründet erschienen. Der affektiscbe 
Charakter der elativen Adjektive bringt es mit sich, daß derselbe 
nicht immer durch die Stellung gekennzeichnet zu werden braucht, 
da er bereits in ihrer Bedeutung und Form ausgedrückt liegt. Wenn 
mehrere Adjektive zu einem Substantiv treten, richtet sich ibre 
Stellung ganz nach der Art ihrer Beziehung zu dem Substantiv. 
Auch in der Figur des Chiasmus handelt es sich nicht um einfache 
Entgegensetzung von Adjektiven, sondern fast immer um Anreihung 
einer affektischen und distinguierenden Attribuierung. 

"Welche Art der Attribuierung in einem Texte vorherrscht, bannt 
von dem Charakter des einzelnen Sprachdenkmals ab. Der Stil der 
religiösen Werke ist weit sul)jektiver als der der historischen Prosa; 
anderseits erleidet das Stellung-prinzip eine Einschränkung in den 
religiösen Übersetzungswerken infolge der teilweise sklavischen Nach- 
ahmung der lateinischen Vorlage, sogar in der Stellung des Partizips. 
Doch ist das französische Stellungsprinzip insofern immer wirksam, als 
es die Stellung des attributiven Adjektivs in fast allen den Fällen regelt, 
wo Abweichung von der lateinischen Vorlage vorliegt. 

Der Verfasser hat in seiner Untersuchung die Gesamtheit der in 
seinen Vorlagen auftretenden Fälle berücksichtigt und ist dabei keiner 
Schwierigkeit aus dem Wege gegangen. Seine Arbeit erweist in ihren 
Ergebnissen die vollständige Richtigkeit des von Prof. Gröber auf- 
gestellten Stellungsprinzips für die Verbindung von Adjektiv und 
Substantiv, das in Zukunft die Grundlage für alle die Frage betreffenden 
Untersuchungen bilden wird. Seit einer Reihe von Jahren behandelt 
Referent in seinem Unterricht das Kapitel von der Stellung des attri- 
butiven Adjektivs im Neufranzösischen nach diesem Stellungsprinzip 
mit dem besten Erfolge. Natürlich darf bei einem derartigen Unter- 
richt von rein mechanischer Arbeit nicht mehr die Rede sein.') 

Markirch (Elsass). C. This. 



') Die in den letzten Jahren erschienenen neuen Arbeiten über die 
Stellung des attributiven Adjektivs haben auf Plattner so wenig Eindruck 
gemacht, dafs er in dem 1907 erschienenen IV. Teile seiner „Ausführlichen 
Grammatik der französischen Sprache^ sich immer fester noch auf seinen — 
behaglichen — statistischen Standpunkt versteift, indem er schreibt: „Schon 
öfter ist der Versuch gemacht worden, die scheinbar so regellose Stellung 
des französischen Adjektivs unter einem gemeinsamen Grundprinzip zusammen- 
zufassen. Ein solcher Versuch ist aber so aussichtslos, dafs, wer ihn 
unternimmt, schon dadurch zeigt, wie wenig er in das Wesen der Sache ein- 
gedrungen ist, und wie wenig er demnach befähigt ist, eine Klärung herbei- 
zuführen." Mit Recht dürfen wir fragen, wer wohl tiefer in das Wesen der 



G. M. Küffner. Das unveränderl. Eigenschaftsivori i. Franz. 1 1 

Küffner, G. M. Das unveränderliche Eigenschaftswort im Fran- 
zösischen. Beilage zum Jahresbericht der K. Realschule 
Ludwigshafen am Rhein 1906. 40 S. Gr. %^. 

Einleitend weist K. zunächst auf die Behandlung des unver- 
änderlichen Eigenschaftswortes im Französischen in 4 Schulgrammatiken 
(Plattner, Ohlert, Link, Weitzenböck) hin, von denen keine auf Wissen- 
schaftlichkeit Anspruch erheben will. Alsdann gibt er in alphabetischer 
Reihenfolge eine Liste der nach seiner Meinung unveränderlichen 
Adjektive unter Anführung reichhaltiger Beispiele. Zum Schluß drückt 
er das Ergebnis seiner Arbeit folgendermaßen aus: „Die unver- 
änderlichen Eigenschaftswörter kommen vor als Adverb, Objekt und 
Prädikatsnora inativ. Ursprünglich nur bei Zeitwörtern stehend, 
haben sich viele ganz losgelöst von einem Zeitwort und können, allein 
stehend, als Umstandswörter verwendet werden, z. B. bas, bref, 
comptant, court, dru, expres, ferme^ fin, fort, frais, franc, gros, 
haut, juste, plein, serre, siir, vrai. Zum mindesten hat sich der 
Kreis der Zeitwörter, bei denen sie stehen können, bei allen diesen 
Adjektiven sehr erweitert. Tout, das vor vielen dieser Eigenschafts- 
wörter steht, ist oft ganz abgeschwächt und hat seine verstärkende 
Wirkung eingebüßt, bedeutet zuletzt oft gar nichts mehr." Ein 
Verzeichnis der angeführten Schriften schließt das Ganze. 

Wir sehen von einer Kritik des in allen Punkten höchst an- 
fechtbaren Ergebnisses ab und fragen uns, wie K. zu seinem Ergebnis 
gelangt. In Wirklichkeit ist nirgends der Versuch einer Erklärung 
nur angedeutet. Der Verfasser überläßt es ganz seinem Leser, aus 
seiner alphabetischen Zusammenstellung von Adjektiven mit beigefügten 
Beispielen sein Ergebnis herauszufinden. So wie die Arbeit vorliegt, 
ist sie nur eine ungesichtete Sammlung. Da wären vor allen Dingen 
die Fälle auszuscheiden, in denen das Adjektiv prädikativ gebraucht 
ist. Dann wäre zu untersuchen, wie weit ein Adjektiv in Substantiv- 
funktion auftritt, u. s. w. Bei einfacher Überlegung hätte K. über- 
haupt manches in seine Liste nicht aufgenommen. Das Beispiel Vivons 
cachS, aus Florian's Fabel Le Grillon, gehört nicht hierher; ebenso 
wenig se conserver frais, on venait peu nombreux, le mayigeant 
rassis, und vieles andere. In dem Satze „lls s'airnaient de cet 
amour qui ne commence sur la terre que pour se continuer meilleur 
au sein de Dieu'^ handelt es sich nicht um eine „bessere Fortsetzung", 
sondern um eine Liebe, die sich im Himmel als eine bessere fortsetzt. 
Wäre in dem Beispiel „lls me recomiaitront bieii sür pour une des 
leurs"" das r,bien sur'' in Kommata eingeschlossen gewesen, so hätte 
der Verfasser es in diesem Zusammenhang anders behandelt. 



Sache, in das sprachliche Verständnis eindringt, derjenige, der — in gewissen- 
hafter Notierung — die Erscheinungen nur statistisch feststellt ohne Rücksicht 
auf den Zusammenhang der Rede, oder derjenige, der sich fragt, welche 
psychologischen Motive den Redenden, den Schriftsteller zu der und der 
Stellung veranlafst haben. 



12 Referate und Rezensionen. E. Herzog. 

Wir verzichten auf weitere Ausstellungen, legen aber dem Verf. 
ans Herz, nun, wo er sein Material gesammelt hat, an die eigentliche 
Ausarbeitung, eine höchst dankbare und verdienstliche Aufgabe, heran- 
zutreten. Das über die Frage vorhandene wissenschaftliche Material 
wird ihm bei seinem Studium sehr zustatten kommen. 

Markirch(Elsass). C.This. 



Brusewitz, Victor. Etüde Mstorique sur la syntaxe des pronoms 
personnels dans la langue desfelibres (Upsalaer Dissertation), 
Stockholm, Is. Marcus 1905. XIV und 122 S. 8 0. 

Br. bietet uns eine sorgfältige historische Studie über die Syntax 
des Personalpronomens in der neuprovenzalischen Schriftsprache 
(Dialekt von Arles-Avignon). Obwohl die Quellen aus früheren Jahr- 
hunderten nicht gerade reichlich fließen, genügen sie doch, um einzelne 
Punkte, die sonst unklar bleiben würden, aufzuhellen und zu 
kontrollieren, ob sich gewisse Vorgänge wirklich in der Weise und 
Abfolge abgespielt haben, wie man es nach dem heutigen Stand der 
Dinge vermuten würde. So hatte ich, durch eine Reihe analoger 
Vorgänge in neufrz. Mundarten veranlaßt, angenommen, daß bei 
der Herausbildung der Form nen (INDE) n' ursprünglich Negation 
war. Die Prüfung der Denkmäler zeigt, daß diese Annahme unbaltbar 
ist. Doch glaube ich noch immer nicht, daß dieses n'en einfach 
eine Verdoppelung des Jie ■= INDE {ne -{- ^n) vorstellt, und auch 
Brusewitz scheint die Sache nicht ohne weiters begreiflich zu sein; 
denn er faßt es außerdem als Analogiebildung auf: m'a (me habet) : 
n'a (inde habet) = m'en (rae inde): x; x = nen. Aber diese 
Proportionsbilduug ist, wie bereits E Staaff i.^.r*. PA. 1907 Sp. 118f. 
festgestellt hat, verfehlt, die beiden Glieder verhalten sich ja be- 
griiflich nicht gleich: Im ersten Glied steht dem me 'mich' 'davon' 
gegenüber, im zweiten Glied dem 'mich davon' ebenfalls nur ein 
einfaches 'davon'. Das wäre begrifflich also so, wie wenn man eine 
Proportion a : b = (a + b) : b aufstellen wollte. — Ich glaube vielmehr 
noch immer, daß die Negation bei der Bildung beteiligt war, wenn 
auch in andrer Weise. In unserer Gegend ist die vorkonsonantische 
Form der Negation (altprv. no) frühzeitig durch non ersetzt. Die 
Form no'n (non inde, vor Konson.) wurde dadurch undeutlich und 
deshalb frühzeitig, wohl nach Analogie von me'n, vous en etc., durch 
no7i en verdrängt (ren non en seniia Appel Chr. 11 9 1,9, ähnlich eben- 
dai22, also non [nicht wo*w] la podian monre ebendayi). Vorvokalisch 
bestanden nebeneinander nai (non habeo, oder inde habeo) und non 
nai (non inde habeo). Das Nebeneinander von non en sentia 
(phon. nönen s.) und non n'ai (ph. nönai) mußte notwendig dazu 
führen, die erste Verbindung als nö \ nc \ s. zu fühlen, besonders 
deshalb, weil es einfaches non vor Vokal nicht mehr gab. 



H. Wendel. Die Entwicklung der Nachtonvokale. 13 

Einige Berichtigungen sind schon von Vignon in Cledats Revue 
XX S. 293 vorgebracht, vgl. auch Staaffs bereits erwähnte Rezension. 
Hier noch ein paar Kleinigkeiten : 

S. 27. Das Beispiel aus dem 15. Jahrh. für die moderne 
Stellung der Fürwörter vos las scheint mir nicht beweisend zu sein. 
In per vos las mostrar könnte vos betoute Form sein. 

S. 35. Die Erklärung des Wandels le me > me le als Beein- 
flußung seitens des Französischen ist kaum wahrscheinlich; es sind 
dies doch Elemente, die in der täglichen Rede zu oft wiederkehren, 
als daß ein solcher Einfluß sich geltend machen könnte. Lehnt man 
dies aber ab, so sind die provenz. Verhältnisse ein starkes Argument 
gegen die sonst sehr ansprechende Erklärung, daß die Umstellung 
im Französischen besonders bei reflexiven Verben ihren Ursprung hat, wo 
je me, tu te usw. eine feste Verbindung eingingen. Auch gegen das 
sogenannte rhythmische Prinzip bei dieser Umstellung verhalte ich 
mich skeptisch. 

S. 58. Die Wiederaufnahme eines que durch ein Personalpronomen 
ist bereits altprovenzalisch. Vgl. Schultz-Gora, Altprv. El. § 199. 
Ein Beispiel mit deutlichem Kasus des Personalpronomens ist: als 
M. d'Espanha, Guy, car foron bona companha . . . lur fon donatz . . 
Abrils issi' .504. 

Jedenfalls sind derartige ernste, eingehende Untersuchungen, 
die in einem bestimmten eng umgrenzten romanischen Idiom einzelne 
Erscheinungen historisch verfolgen, freudig zu begrüßen. Gerade im 
Gebiet der Pronominalsyntax, die so viele schwer lösbare Probleme 
enthält, werden sich manche Punkte erst aufhellen, wenn wir recht 
viele solche Untersuchungen haben. Und wenn dabei auch manche 
Lösung versucht wird, die deutlich den Stempel einer „vorläufigen" 
trägt — z. B. die oben berührte des Stellungswandels oder die S. 90 
vorgetragene des schwierigen Problems, warum im Provz. abweichend 
vom Französischen der Nominativ des absoluten Personalpronomens 
den Sieg davon getragen hat, was B. gewiß unrichtig durch den 
Wunsch erklärt, als betonte Form eine spezielle, von der unbetonten 
verschiedene Form zu haben — so schadet das auch nichts. 

Friedland. E. Herzog. 



Wendel, H. Die Entwicklung der Nachtonvokale aus dem 
Lateinischen ins Altprovenzalische. Tübinger Dissertation. 
Halle 1906. 122 S. 8». 

Die Arbeit befaßt sich hauptsächlich mit zwei Problemen: der 
Behandlung des lateinischen Vokals der Paenultima in den Proparo- 
xytona und derjenigen der Endvokale. Die erste Frage ist die 
anziehendere. Meyer- Lübke widmet ihr in seiner rom. Grammatik 
einen vorläufigen Paragraph (337), der genauere Untersuchung als 



14 Referate und Rezensionen. L. Gauchat. 

notwendig hinstellt. Wendel hat mit Fleiß die Fälle in Wörterbüchern 
und Chrestomathien zusammengesucht und methodisch geordnet, indem 
er sie nach Konsonantengruppen vereinigt i), z. B. die <i- Verbindungen: 
calidum, pallidum, viridem, etc. So wird konstatiert, daß die 
Synkope unterbleibt z. B. vor n (jove^ fraisse, ase), vor r nach 
Zischlauten und Palatal (venser, torser, teisser, sorzer; franher). 
Nach dem Verfasser auch vor o (tebefoej), und vor / nach madio- 
palataler Spirans {angel, fraget); aber ich kann nicht recht glauben, 
daß in tebe[oeJ der interdentale Reibelaut die Synkope verhindert 
habe, weil die vokalische Erscheinung verbreiteter ist, als der Wandel 
d — 0, und die andere Regel wird nur durch die beiden un sichern 
Beispiele 2) gestützt: angelus ist auch im Franz., Span, geleiirt, und 
fragilis wird schon vulgärlateinisch sein g verloren haben. Daher 
reduziert sich das Gesetz auf die Fälle, die schon Grandgent 
{Outline etc.) § 49, in ähnlicher Weise zu einer Regel gefaßt hatte. 
Die Ansicht Meyer- Lübke's, daß der Ausfall von -d- und -n- älter 
sei, als die Synkope, wird durch Wendel richtiggestellt. Man darf 
sich tehe, ase nicht als tebe(d)e, ase(n)e vorstellen. Die Behauptung, 
daß -a- so gut fällt, wie andere Vokale (p. 78), halte ich nicht für 
erwiesen (cf. Grandgent, § 48, 1). 

Die Erklärung des Tonfalls naisser .^ frz. naistre wird mit dem 
beliebten Schlagwort „un- oder schwersprechbare Konsonantengruppen " 
abgetan, das ein recht unbefriedigender Notbehelf ist, wenn man bedenkt, 
daß das Französische diese unspreckharen Gruppen ruhig überwunden 
hat. Was konnte denn in einer Form wie asno oder asne Unliebsames 
sein, die ja vom Franz., Span., .Port, ertragen wurde. Sagt der 
Toskaner asino, weil ihm sn widersteht? Nein, denn er spricht 
ohne Mühe snello, masnadüf etc. Unsprechhares gibt es überhaupt 
nicht, nur Ungesprochenes. Und dieses wird durch die Gesamtver- 
änderung der Sprache allmählich zum Gesprochenen. Die Synkope- 
Erscheinungen wurzeln tief im Weseu der Sprache und müssen viel 
feiner angepackt werden. Sorgfältige Untersuchungen lebender Sprachen 
würden über die Grundbedingungen der Abstufung unbetonter Vokale bis 
zum Schwund Auskunft, geben, z. B. das Neufranzösische. Daß die 
umgebenden Konsonanten eine wichtige Rolle spielen, zeigen Beispiele 
wie sott(e)ment, av(e)nir, rät(ejler, chayit(e)rons cv^ forteinent, 
parvenir, batelier, chanterions ; aber gewisse Milieus sagen schon 
fort(e)ment, das ja auch dem altfrz. forment zu gründe liegt. Populäre 
Ausdrücke meportefaia;^ portemonnaie kann man schon synkopiert hören, 
während seltenere noch in der rückständigeren Form po?'ig-w/rt«<ßaw, 
porte-mouchette, etc. verwendet werden. Das Wort quatre biauchte 



^) Man kann finden, dafs die Einteilung auf die Spitze getrieben ist, 
wenn für ein einziges Wort ein Abichnittchen gemacht oder z. ^. *virginam 
neben virginem besonders behandelt wird. 

2) Aber Wörter, die Wendel als nicht volkstümlich ansieht, bestätigen 
sie vielleicht: tremol, brujbl, etc. 



H. Wendel. Die Entivichlung der Nachtonvokale. 15 

einst ein Stütz-e; die Alltagssprache aller Schichten kann es heute 
missen, nicht aber die feierliche Rede. Ist der Übergang katrd — 
katr — kat derjenige vom Sagbaren zum Unsagbaren? Auch die 
Satzstelle hat ibren Einfluß. Das Volk sagt: terribl(e)ment fort cv) 
il jure terrihlement. Die Theorie von den unsprechbaien Gruppen 
läßt besonders da im Stich, wo dasselbe Wort eine verschiedene 
Behandlung erfährt, wenn z. B. porticus prov. ü.\s porge und porteghe 
erscheint, neuprov. porge und pourteglie, mit einer Differenz der 
Gebrauchssphäre, die ungefähr dem franz. porche und portiqice 
entspricht. 

In der Untersuchung dieser zahlreichen altprov. Doppelformen 
zeigen sich am meisten die Mängel der Wendeischen Arheit, die über 
rohem Schematismus das Feinere vernachlässigt. Wie erkläit sich 
das Nebeneinander von nede — riet, clergue — clerc, songe — • 
sonh, colbe — colp; comde — conde, oste — osde; hörnen — 
hotnne, foldre — fouzer, sulvre — solver, etc.? Um colbe — colp 
und ähnliche Fälle zu erklären, hilft sich der Verfasser damit, daß 
er colp als in vorproveuzalischer oder „gemeingallischer " -^j Zeit synkopiert 
und colbe als neuere Bildung, nach 500, als -p- zu -b- geworden war, 
bezeichnet. Wenn aber der Vokal im „GemeinguUischen" ausgestoßen 
worden war, wie konnte er dann wieder auftauchen, um sich einer 
jüngeren Behandlung zu unterweifen? Der Verfasser wäre um ein 
gutes Stück weiter gekommen, wenn er nicht den gesamten alt- 
provenzalischen Wortvorrat gewissermaßen als eine gleichföimige Masse 
betrachtet hätte. Er verwertet seltene Formen, wie messatgue^), neben 
den gewöhuüchen, ohne sie in Distanz zu setzen. Gehört eine solche 
Form der Literatursprache an, stammt sie aus einem Dialekt, aus 
welchem, aus welcher Z-it, was stellt die Graphie gue im betreffenden 
Schrifi stück dar? Lauter unheantwortete Fragen. Er scheidet nicht 
sicher genug zwischen Erbwort und Bucliwort; z.B. schaut er fragil, 
prinsi, milesme als populär an, während er teula als ein wenig 
gelehrt, seguel (secale) als gelehrt betrachtet. Vor allem liätte er 
viel mehr Gewicht auf die geographische Verbreitung der Formen 
legen sollen. Das Wort fame z. B. gehört der Gascogne und an- 
grenzenden Gebieten an, die zum Spanischen hinüberleiten. Der 
Verfasser erkennt auch in diesem Falle richtig, daß das Etymon 
*famine ist = span. hambre^). Durch das Studium von Urkunden 
ließ-'U sich gewiß viele Formen lokalisieren und auf ihre syntaktische 
Verwendung prüfen Die Untersuch unusart Wendel's ist die der reinen 
Konstruktiousgrammatik, die das Material ohne lange nach Ächtheit 



') Die Existenz einer solchen ist sehr problematisch. 

■•) Es wäre gut gewesen bei solchen Formen die Fundstelle zu 
verzeichnen. 

*) Das Spanische, über dessen Synkopiorung^- und xVpnkopieruDgs- 
verhältiiisse wir jetzt durch Por.-bowicz, Meneudez Pidal und Baist besser 
aufgeklärt sind, hätte viele interessante Parallelen gebracht. 



16 Referate und Rezensionen. D. Behrens. 

und Provenienz, ohne Zusammenhang mit der lebenden Sprache 
zurechtlegt. Methodisch nicht zu billigen ist die Ansetzung von Schul- 
formen, wie '■^Rhodarum, *asirum, *moracum, '^sedere, ^calohrum 
(für coliibnim)^ "^incalceum (im zweiten Teil, als scheraatisches Etymon 
für das Verbalsubstantiv von encaussar), die nie gesprochen worden 
sind. Auch über die phonetischen Entwicklungsreihen ließe sich 
vieles sagen. Die Verwendnng von y statt y in der Transkription ist 
ungebräuchlich und störend. 

Auch der zweite Teil hat seine Mängel. Die Abwesenheit 
sprachgeographischen Sinnes macht sich auch da fühlbar. Der Autor 
glaubt z. B., daß die erste Person Präs. azori oder azore nur 
graphische Varianten für azord seien. Ein Blick auf die Karte je 
pense des Atlas linguistique würde ihm jetzt zeigen, daß die -i- 
Formen ein bestimmtes Gebiet umfassen und wirklich -i gesprochen 
wird. Azori ist eine speziell provenzalische Form; azore steht auf 
einer Stufe mit franz. j'adore. Warum spricht Wendel überhaupt 
immer von einem Ficduktionsvokal 3^)? Es wurde gewiß -c gesprochen. 
Das -i von Adjektiven gewisser Texte (sali, pagadi, etc.) sieht er 
mit Meyer-Lübke als Übertragung vom Artikel oder Pronomen an. 
Nachdem nun Thomas seinen wichtigen Aufsatz über die Wirkung 
des -i Pluralis auf den Stamm des Subst. und Adj. veröffentlicht hat 
(Rom. XXXIV, 353 ff.) kann nicht mehr daran gezweifelt werden, 
daß sich -i im Provenzalischen relativ lange hielt, wenn auch nur in 
gewissen Wortgruppen. 

Schade, daß Wendel trotz umfangreicher Belesenbeit und oft 
dokumentierter Einsicht nicht tiefer in seinen Gegenstand ein- 
gedrungen ist. 

Zürich, L. Gauchat. 



Fryklund, Daniel, f-^es changements de significaiion des ex- 
pressions de „droüe'' et de ..gaucJie"- dans les langues 
romanes et specialement en fran^ais. These pour le doc- 
torat, Upsal 1907, imprimerie Almquist & Wiksell. VI, 

165 S. 8". 

Verfasser der vorliegenden nach Anlage und Ausführung recht 
beachtenswerten Erstlingsarbeit analysiert die im Titel bezeichneten 
Begriffe und untersucht die für dieselben in eigentlicher und meta- 
phorischer Verwendung vorhandenen Ausdrucksmittel, zunächst der 
AUgemeinsprache, darauf einzelner Berufssprachen. Außer den 
romanischen hat er nicht selten, soweit sich analoge Erscheinungen 
darbieten, die germanischen Sprachen in den Kreis der Untersuchung 
gezogen. Seine Darlegungen sind anregend und lehrreich auch da, 



^) Er nimmt sogar sofrm an = üs soufrent. 



Roh. Huntington Fletcher. Tlie Arthurian material. 17 

wo die Ergebnisse derselben im Einzelnen zum Widerspruch reizen. 
Es ist das im Besonderen der Fall, wo sich Verfasser in etymologischen 
Bctraclitungen über die Fuhrmannsausdrücke dia und hue ergeht, deren 
Herleitung aus lat. de hac und liuc er trotz des Versuches ein- 
gehender Begründung sicherlich zu Unrecht für sehr wahrscheinhch 
erklärt. 

D. Behrens. 



Fletcher, Rob. Huntillg'ton: The Arthurian material in the 
chronicles especialhj those of Great Britain and France 
(Harvard Studies uml Notes in Phil, and Lit. X). ßoston 
1906. X4- 313 pp. 8". 

Das Buch füllt eine Lücke aus. Man wird allgemein als reclit 
angenehm empfinden, einmal alles in den Chroniken enthaltene arthurische 
Material, samt Bibliographie und kritischer Beleuchtung, beisammen 
zu haben. Verf. hat die woitschweifige, trockene und undankbare 
Sammelarbeit mit bewundernswertem Fleiß ausgeführt. Auch seine 
Ki-itik zeichnet sich durch Gründlichkeit und Vorurteilslosiglceit ans 
und weist das nötige Maß von Nüchternheit und Scepticismus auf. 
Neues von Bedeutung bringt Verf. allerdings sehr wenig. D(jch ist 
dies nicht sein Fehler; man wird wohl nie viel mehr herauspressen. 
Die ältesten Chroniken werden mit ihren dürftigen Angaben über die 
orthurische Zeit stets ein Tummelplatz für Hypothesen bleiben; die 
spätem Chroniken (Verf. führt uns bis an'b Ende des 16. Jahrhunderts) 
sind vom Standpunkte der Arthurforschung fast bedeutuitgslos und 
— man kann wohl hinzufügen — fast interesselos; F.s Arbeit macht 
('S uns recht klar, daß man kaum hoffen darf, aus diesen Quellen 
etwas zu schöpfen, das sagen- und literaturgeschichtlichen Wert hätte. 
Die einzelnen Chionisten sind gut charakterisiert, und die Historiker 
werden manche Belehrung bei ¥. finden. 

Für die Sagenforschung und die französische Literaturgeschichte 
ist das Kapitel über Galfrid von Monmouth das weitaus wichtigste. 
Folgendes sind nach F. die Quellen Galfrids l'iir seine Historia: 
L Die Historiker Gildas, Baeda und Nennius (von ihnen, namentlich 
dem letzteren, borgte er den Plan seines Werkes, die hauptsächlichsten 
!!]reignisse und deren Reihenfolge; bald folgte er diesen Quellen bis 
in die kleinsten Details, bald änderte er mit der größten Willkür); 
"2. Wilhelm von Malmesbury und Heinrich von Huntington, deren in 
Betracht kommende Werke kurz vor Galfrids Historia erschienen 
(sie waren es wohl, die Galfrid reizten, sein Werk zu schreiben; ihnen 
entnahm er die neue Manier, nämlich die Umbildung der trockenen 
Ch'onik mit Hülfe der Phantasie und romantischen Sagenmaterials, 
außerdem einige Einzelheiten, die ihm brauchbar erschienen); 
3. keltische (speziell kymrische) Genealogien, Biographien und Legenden 

Ztschr. f. fiv. Spr. u. Litt. XXXII 2. 2 



18 Referate und Rezensionen. E. Brugger. 

von Heiligen (besonders Dubricius, Sarason, Thelianus); 4. die Welt- 
geschichte (hier mag Galfrid einige Motive gefunden haben für seine 
Geschichte von Arthurs Eingreifen in die Verhältnisse der Völker 
des Continents; doch ist dies nur eine Hypothese); 5. die volks- 
tümliche Überlieferung, besonders keltische Mythen und Sagen; G. 
die zeitgenössischen politischen und socialen Verhältnisse (die Galfrid 
auf die älteren Perioden übertrug). Galfrid nun erwähnt keine einzige 
von diesen Quellen, aber dafür quendam Britannici serrnonis librum, 
welches ihm Archidiacoiius Walter von Oxford ex JBritannia gebracht 
haben soll. Es ist nach meiner Meinung sicher, daß ßritanwa hier 
die Bretatiue (Armorica), Britannicus sermo dagegen die altbritische 
Sprache bedeutete (vgl. meine Begründung dieser Ansicht in dieser 
Zeitschrift XX besonders p. 105, A. 33); aber ich halte mit F. da- 
für, daß dieses Buch eine Fiktion ist. Zwar Quellen wie die unter 
2 — 5 erwähnten hätte wohl kein einziger mittelalterlicher Chronist 
angeführt. Mancher hätte sie nicht zu benutzen gewagt; aber wer 
immer es übers Herz brachte, sie zu benutzen, hätte sich geschämt, 
es zu gestehen. Aber anders verhält es sich mit dem Verschweigen 
der unter 1 erwähnten Quellen. F. sucht alle möglichen Eventuali- 
täten hervor, die allenfalls Galfrid entlasten könnten: die Existenz 
eines Buches, in welchem jene Quellen bereits vereinigt gewesen wären, 
eventuell auch Galfrids bona fides bei der Täuschung des Publikums. 
Aber alles dies ist unglaublich, wenn man sieht, wie Galfrid mit 
seinem Quelleiimaterial umgegangen ist, da, wo wir ihn beobachten 
können. Es bleibt kein anderer plausibler Ausweg als die Annahme, 
daß Galfrid mit vollem Bewußtsein Geschichte gefälscht hat. Man 
erkläre nun, wie man will, das Mitwissen und die Mitschuld seiner 
Gönner. Noch mehr als seinen Quellen verdankt wohl Galfrid seiner 
lebhaften Phantasie, die ihn nie im Stich ließ. Zwar fand er ver- 
mutlich in der Überheferung für alles Anknüpfungspunkte; aber 
weniges genügte, um in seinen Händen sehr fruchtbar zu werden ; 
Geoffreys creative genius manifested itself rather in development 
ihan in sheer invention (p. 50). Vom literarischen Standpunkt ist 
nun ]iamentlich dasjenige wichtig, was Galfrid der Volkstradition 
entnommen hat. Daß er sein Rohmaterial auflas, wo er es gerade 
finden konnte, geht aus F.'s Ausführungen klar hervor. Es ist da- 
rum zweifellos, daß er auch Sagen benutzte; natürlich waren es vor- 
zugsweise keltische. Die Frage, ob ihm diese aus der Bretagne 
odi r aus Wales zukamen, kann jedenfalls summarisch nicht entschieden 
werden; ihm war e^ offenbar ghichgültig, woher sie stammten, F. 
sagt (p. 82): This problem ef Geoffreif s Breton [sie!] material is 
a very dijficult one. It is essentially comiected icith ihe question 
whether the Britannia tchicli he naines as the source of his liber 
nieans Wales or Brittany, and this in turn involves the whoie 
controversy over the matiere de Bretagne. Ich finde, daß, wenn 
einmal das aus Britannia gebrachte Buch als eine Fiktion erwiesen 



Roh. Huntington Ftetcher. The Arthurian materiaL 19 

ist, CS für tlie Frage nach Galfrids Quellen gleichgültig sein kann, 
was ßritannia hier bedeutete. Auch ist das Problem von der Her- 
kunft der matiere de Bretagne ganz verschieden, je nachdem man von 
den lais bretons oder von Galfrids Historia handelt. Bei Galfrid 
muß man von Fall zu Fall unterschinden, ßretonischen Ursprungs 
sind jedenfalls die Sagen von Mont-Saint-Michel, von Arthurs Ent- 
lückung nach Avalon, die Fee Morguen, deren Namen Galfrid wohl 
kannte, aber absichtlich unterdrückte, vermutlich auch die Auffassung 
Arthurs als König (an Stelle des Arturus miles oder Imperator der 
kymrischen Sage; vgl. p. 103). Der größte Teil des von Galfrid 
verwerteten Sagenmaterials stammt aber jedenfalls aus seiner Heimat, 
Wales, so die Figuren und Sasen von Uter Pendragon, Merlinus, 
Hiderus, Cujus, Beduerus, Eventus etc. Betreffend Walgainus läßt 
sich wohl kaum etwas sicheres sauen, indem einerseits die Identifikation 
mit dem kymrischen Helden Givalc/unei höchst wahrscheinlich unur- 
sprünglich ist, anderseits ein Walgainus in den so reichhaltigen kymrischen 
Namenlisten noch nicht entdeckt worden ist. Immerhin ist kymrischer 
oder dann kymrischer und bretonischer Ursprung für die Walgainus 
(Walwen) -Sage das wahrscheinlichere; vielleicht war W. ein nord- 
brittischerHeld. Seine Konnektion mitWalweitha ist aber kaum ursprüng- 
lich. Wäre er derEponymus des Lande-;, so wäre er kein echter Sauenheld. 
Aber zufällig ist die Verbindung auch kaum, sie beruht daher wahrschein- 
lich auf gelehrter Etymologisiererei und findet sich denn ancli zuerst und 
sicher nur in einem gelehrten Werk. In welcher Form Galfrid diese 
kymrischen Sagen kennen lernte, werden wir wohl nie ausfindig machen. 
Die Hypothese, daß sie in Lai-form cirkulieiten und von kymrischen 
Sängern in England kolportiert wurden, schwebt vollständiti in der 
Luft. Das Unangenehme ist nun bei Galfrid, daß man nie weiß, 
wie viel von dem, was er berichtet, der Sage angehört und wie viel seiner 
Erfindung und Kombination. Daß letztere einen großen Einfluß hatten, 
ist aus der Behandlung der uns bekannten Quellen zu eikennen. So 
glaube ich in dieser Zeitschrift (XXX 210 ff.) es als wahrscheinlich 
erwiesen zu haben, daß Galfritl, der so vieles über Merlin berichtet, 
aus der Sage weiter nichts eifuhr, als daß ein Prophet dieses Namens 
existierte. Besonders interessant wäre es zu wissen, was er aus der 
Sage über Arthur kennen lernte, oder wie weit die Ailhursaffe vor 
seiner Historia entwickelt war. Diese Frage wird von F. ziemlich 
eingehend behandelt (p. 97 — 108). Hier hätte aber zwischen Wales 
und der Bretagne unterschieden werden sollen. F. gibt auch die Vita 
Merlijn als Galfrids Werk aus, was ganz ungerechtfertigt ist (vgl. 
diese Zeitschrift XXX 216. A 101). 

Bei der Besprechung von Wace's Brut scheint mir F. etwas 
zu weit zu gehen in der Annahme von Beeinflussung durch die Volks- 
tradition. Daß er aithurische Volkssagen gekannt hat, bezeugt Wace 
selbst; aber man sieht auch, wie skeptisch er sich ihnen gegenüber 
verhält. Er erwähnt die berühmte Table Ronde^ geruht aber nicht. 



20 Referate und Rezensionen. E. Brugger. 

auch nur eine von den vielen fahles^ die ihm hierüber bekannt waren, 
mitzuteilen (vgl. diese Zeitschrift XXIX- j). 24.3). Er kennt die Quelle 
von ßerenton aus Volkssugen; aber indem er auf solche anspielt, 
gibt er zugleich der Verachtung Ausdruck, mit der er sie ansieht. 
Daß er von Sagen über Merlin, Gauvain etc. (tue vielleicht erst durch 
Galfrid mit der Arthursage verknüpft worden waren) sich beeintlußi'n 
ließ, um Galfrids Aussagen zu korrigieren, daß er überhaupt solche 
Sagen kannte, erscheint mir sehr zweifelhaft. Noch weniger kann icli 
glauben, daß der sonst unbekannte Romorec de Guenelande (vgl. 
F. p. 141 — 143) von Wace eingeführt wurde, sondern halte dafür, 
daß in dem Manuskript der Uistoria, das Wace vorlag, dieser Name 
vorkam und daß dieses Manuskript sogar ursprünglicher war (vgl. 
diese Zeitschrift XXIX -^ p. 247 — 249 A. 11). Es ist überhaupt kaum 
denkbar, daß Wace kymrische Sagen kannte. Dasjenige Sagenmaterial, 
das er als solches bezeichnet, ist bretonisch. 

Martins Brut wird nur in einer Anmerkung (p. 144) 
erwähnt. Das Werk scheint doch einige Bedeutung gehabt zu 
haben (vgl. diese Zeitschrift XXX ^ p. 182 ff.). In der Bibliographie 
zu dem kurzen Merlin - Gedicht der Aruudelhs (p. 144) ist Kölbing 
vergessen worden, der in seiner Einleitung zur Ausgabe von Arthour 
and Merlin (p. CIX f.) eine Liste von Verbesserungen zu Villemarque's 
Ausgabe mitteilte. 

Layamon hat, wie F. sagt, aus Wace's Brut ein sächsisches 
Epos gemacht. Auch Layamon's Wichtgkeit für die Sagenforschuiig 
wird in der Regel überschätzt, in geringem Maße wohl auch noch 
von Y. Was die Episode von Rumareth of Winctlond betrifft, so 
verweise ich wieder auf diese Zeitschrift XXIX'^ p. 247—49, A. 11 . 
Ich möchte zur Illustration der Willkür, die Layamon nach meiner 
Meinung bei der Behandlung dieser Episode an den Tag legt, auf 
eine von F. (p. 150—151) angeführte Scene (Arthur erfährt von 
Modred's Verrat) verweisen; er schuf hier eine neue Rolle, wie er 
anderwärts häufig Namen erfand (vgl. p. 158 — 159). Über Layamon's 
Verhältnis zu seineu Quellen wäre nun auch R. Imelmann, Layamon: 
Versuche über seine Quellen^ Diss. Berl. 1906, zu vergleichen. 

Über die Quellen des großen anglonormannischen Prosa-Brnt gibt 
jetzt Friedr. W. D. Brie in seiner Marburger Hab.- Schrift betitelt 
., Geschichte und Quellet), der mittel enpUschen Prosachronik The Brüte 
of England^ I. 1906, (p. .32 ff.) geiuiuere Aufschlüsse, während F. 
(p. 215) hierüber nur wenig zu sagen weiß und meint: To trace the 
exact pedigree of the Brut is prohahly impossible. 

Auf die Behandlung der übrigen Chroniken will ich nicht ein- 
gehen. Ich kann nur F.'s Behauptung The history of the Arthurian 
material in the chronicles after Geojfrey is the history ofthe treatmevt 
to which Geoffrey''s version of the story loas subjected by later 
writers (p. 116) unterschreiben. Es ist auflallend, daß die englischen 



Rob. Huntington Fletcher. The Arthurian maierial. 21 

Chronisten, die Nachkommen der Sachsen, die Feinde der letztern, vor 
allem Arthur, mit einem Eifer rühmen, der selbst von den Kymren 
nicht übei'trotfen werden konnte. Es kann doch kaum angenommen 
werden, daß sie ebenso wie es etwa Ausländer taten, z, B. der 
Italiener Gottfried von Viterbo und der Franzose Jehan de Wavrin, 
den Unti^rschied zwischen Britten und Sachsen nicht mehr erkannten 
und die Britten Anglois nannten, wohl nach Analogie von Bretagne = 
Engleterre (vcl. F. p. 147, 228 und eine Bemerkung von mir in dieser 
Zeitschrift XXX i \). 172, A. 8). Ich denke, daß sich jene Eigen- 
tümlichkeit nur dadurch erklärt, daß die Engländer die Arthursage 
eben hauptsächlich aus den Romanen der Continentalfranzosen kennen 
lernten, die keinen Grund hatten, mit dem Lob der Britten zurück- 
zuhalten. Bei einigen schottischen Chronisten findet man dagegen einen 
unverhehlten Haß gegenüber den Briiten. Sie feierten vor allem die 
piktischen Fürsten wie l.oth und Modred und entstellten in diesem 
Sinn Galfrids Bericht (vgl. p. 241 ff). 

Eine Vergleichung von F.'s Analysen und Urteilen mit den 
Quellen war mir im allgemeinen nicht möglich. Ich kann auch nicht 
beurteilen, ob in der langen Liste von Chroniken, die F. teils bespricht 
teils ciwähnt, Lücken sind. Ich vermißte nur die Erwähnung der 
Chronik des Helinand von Froidniont, die den berühmten Passus über 
den großen Gralcyklus enthält. Es wäre wohl angemessen gewesen, 
außer den Chroniken auch die übrigen gelehrten Werke, die arthurisches 
Material aufgenommen haben (deren Zahl nicht groß sein kann), 
wenigstens in einem Appendix zu besprechen. Ich erinnere an das 
Reductorium Morale des Pierre Bersuire, das eine interessante, sonst 
nicht bekannte Gauvainsage enthält (citiert von J. Weston, The legend 
of Sir Gawain p. 28, 74). an Bale's Catalogus (citiert von J. Weston, 
The legend of Sir Perceval p. 293; vgl. dazu diese Zs. XXXP 
p. 155 — 156)^) und namentlich an den Traktat De amore des 
Andreas Capellanus. 

Endlich möchte ich noch zwei Einzelheiten anfiUiren. F. e-rwähnt 
(p. 208) Robert Mannyng's Angabe, wonach Merlins Prophezeiungeu 
autgCM.hrieben seien in the books of Blase, Tolomer and Sire Amy- 
taifn, loho loere Merlin s masters, und bemerkt dazu nur: His know- 
ledge of Blase must have corne directly or indirectly from the 
prose Merlin. Mannyng spielt hier zweifellos auf Meister Richards 
Prophesies Merlin an, welche, in ihrer voUstiindiiien Fassung, sich 
als Exzerpte aus den Aufzeichnungen Blaise's, Tolomer s, Antoine's 
(statt Aniytayn ist zu lesen Auntayn) und noch anderer clercs aus- 
gaben. Daß auch der frater Laziardiis, Autor der Epitomata a 
Primeva Muiuli Origine, welcher für seine Merlingeschichte als Gewährs- 
mann a certain Ricardus (F. p. 239) nennt, den eben genannten 



') Ich habe daselbst irrtümlich Morgano in Morgana korrigiert. 



?2 Referate und Rezensionen. W. Tavernier. 

Meister Richard meint, wage ich zu behaupten, ohne die (mir un- 
zugängliche) Chronik gelesen zu haben. F. denkt an Richardus 
Chiuiacensis (p. 282). 

Der ausführliche Index ;im Schluß des Werkes verdient auch 
erwähnt zu werden. 

Zürich, F.. Rkugger. 

Brückner, (üllStav. Bas Verhältnis des französischen Rolands- 
liedes zur Turpinschen Chronik und zum Carmen de 
prodicione Guenonis. Diss. Rostock, 1905. 8". 337 S. 

Diese, von der Rostocker philosophischen Fakultät gekrönte 
Preisschrift gibt auf S. 1 — 30 eine eingehende Geschichte der bis- 
herigen Arbeiten über das Verhältnis des Rolandsliedes (R) zur 
Chronik Turpins (T) und dem Carmen (C). S. 30 — 33 entwickelt 
der Verf. die Grundsätze seiner Kritik, und es folgt dann in 200 Seiten 
die Untersuchung selbst. Die einzelnen Züge werden nach der 
Reihenfolge der Ereignisse, in vier große Episoden gegliedert, betrachtet 
und bei jedem Punkt die bisher geäußerten Urteile ausführlich, 
vielfach im Wortlaut aufgeführt, das Für und Wider mit Sachlichkeit 
und nicht ohne Geschick abgewogen und danach die jeweilige 
Entscheidung gefällt. Durch das weitläufige Zusammenstellen der 
älteren Kritik wird B.'s Arbeit für die künftige Forschung auch deu 
praktischen Wert haben, daß sie vieles Nachschlagen erspart. Nur eine 
ausführliche Arbeit über den Gegenstand, des Ref. , Vorgeschichte 
des all französischen Rolanddiedes^, 1903, z.T. schon 1901 erschienen, 
ist dem Verf. unbekannt geblieben, und mit Befremden liest man, 
daß er zwar die Bibliothek des Britischen Museums für seine Arbeit 
benutzte, aber den Verfasser der Hallenser Dissertation von 1901, 
die, wie er wußte (S. 332, Anm. 1), das Verhältnis von C zu R 
behandelt hatte, nicht feststellen konnte. 

Insofern bedauern wir B.'s, nur in diesem einen Punkt mangel- 
hafte bibliographische Beratung nicht, als seine Untersuchung, ganz 
unabhängig von der unsrigen durchgeführt, das Resultat bestätigt, zu 
dem wir gelangt waren: dal5 G. Paris mit Recht in der Vorlage 
von C eine ältere Stufe von R gesehen habe. Über diesen Punkt, 
der u. E. für die Rolandskritik der wesentlichste ist, haben wir nns 
also mit B. nicht auseinanderzusetzen. 

Aber der Verf. kommt zu dem weiteren Ergebnis, daß auch 
T eine ältere Stufe als R darstelle, auch hierin G. Paris' Ansicht 
gegenüber Stengels Angriffen bestätigend. Es sind gegen 40 Einzel- 
züge, aus denen B/s These über das Verhältnis von T zu R erwächst, 
und es würde den Rahmen einer Besprechung weit überschreiten, wollte 
man jedes einzelne Argument widerlegen. Es mag genügen, die 
Fehler der Beweisführung im großen zu rubrizieren und auf ihre 
Quellen zurückzuführen. 



Gustav Brückner. Das Verhältnis d. franz. Rolandsliedes. 23 

B. sagt in seinen methodischen Erwägungen sehr richtig (S. 32): 
„Die allgemeine Tendenz einer Redaktion ist bei der Beurteilung 
ihrer Einzelzüge zu berücksichtigen," Nur rächt es sich an dem 
Verf., wie den meisten seiner Vorgänger, daß ihm die Kenntnis 
der Literatur und der Geistesgeschiclitc jener Zeit abgeht, die er- 
forderlich wäre, um die „allgemeinen Tendenzen" richtig würdigen zu 
können. Für T. kommt der erschwerende Umstand hinzu, daß eine 
kritische Ausgabe ebenso wie eine Einleitung, die die Quellen des 
interessanten Werkes bis ins einzelne aufdeckte und seinen literarischen 
Charakter feststellte, noch immer fehlt. 

So ist es B. entgangen, daß T. vor allem das Märtyrer- 
tum des seligen Roland erzählen will. Man hört weniger von tapferem 
Dreinschlagen der Frankenhelden, als von ihrem bitteren Leiden. 
.,Alii lanceis perforantur, alii spatis decollantur, alii securibus absci- 
duntur, alii sagittis et ja culis perforantur, alii perticis verberando 
perimuntur, alii cultellis vivi excoriantur, alii igne cremantur, 
alii arboribus suspenduntur" (S. 202 f.) ist keineswegs „alte Schilde- 
rung der sarazenischen Kampfesweise in der ersten Schlacht" und das 
Ursprüngliche gegenüber der Erzählung in R, sondern reine Märtyrer- 
.neschichte. — „Natürlicher und einfacher ist die Darstellung von T, 
]iach der Roland selbst um einen Labetrunk bittet. R hat die 
Situation effektvoller gestaltet" (S. 255). Augenscheinlich ist der 
Martertod Jesu und sein ,Mich dürstet' hier für T Vorbild und 
Grund für seine Änderung gewesen. — Nach T ist Roland schon von 
vier Lanzen durchbohrt, gesteinigt (lapidibus graviter percu^sus et 
attritus), dann springen ihm (wie auch bei R) Adern und Muskeln 
infolge des starken Hornrufs, und zu alledem läßt ihn T noch vor 
Durst verschmachten; eine furchtbare Häufung der Märtyrerqualen 
zum höheren Ruhm des seligen Roland, nicht „entschieden die älteste 
Überlieferung" (S. 235), vielmehr Ausgestaltung der Erzählung in 
R mit deutlicher Absicht. — Hierher gehört denn auch, daß nach 
T Ganelon den frommen Helden und die Seinen aus Habsucht schlecht- 
hin verrät, v.'ie Judas den Herrn (gegen Brückner S. 94); gegenüber 
der komplizierten Motivierung seiner Vorlage entschied sich T für 
das einfachste und zugleich seinem Ideenkreis naheliegendste Motiv. 

Der Verfasser des Pseudo-Turpin war ein Mönch, der für 
Kleriker schrieb. Das Rolandslied ist zwar auch von einem Geist- 
lichen gedichtet worden, aber für normannische Barone, und mindestens 
drei Jahrzehnte vor T. In einer Zeit voll begeisterten Hochgefühls 
hatte R so rührende und grandiose Züge in das alte Lied hinein- 
gedichtet wie den des sterbenden Roland, der Gott seinen Handschuh 
reicht. „Der Chronist hat diesen Zug jedenfalls nicht gekannt, sonst 
würde er ihn wohl gern in soine geistliche Kompilation aufgenommen 
haben", argumentiert B. (S. 277). Gekannt hat T den Zug schon, 
nur konnte er ihn als Theologe nicht gebrauchen. So seltsames konnte 
er seinen geisthchen Lesern nicht bieten; dergleichen stand noch in 



24 Referate und Rezensionen. W. Taverniei\ 

keiner Märtyrergeschichte uud war von allzu bedeukliclier Eigenart. 
— Und niclit anders steht es um die Reliquien im Knaufe Duren- 
dals (S. 259). Reliquien im Panzerhemd oder im Helm, zum Schutz 
des Kriegers, das mochte gehn, aber im Schwert, in einer Mordwaffe. 
das war denn doch eine zu chevalereske und zu wenig kirchliche 
Vorstellung, als daß sie T. hätte goutieren können. Übrigens ist 
dergleichen bei Schwertern auch in Wirklichkeit, wie es scheint, nicht 
vorgekommen. 

B. erklärt S. 31: „Im allgemeinen darf man die Version, die 
dem zugrunde liegenden geschichtlichen Berichte näher steht, auch 
als die ursprünglichere betrachten. Doch ist dieses Kriterium nicht 
uubedingt zuverlässig: auch ein späterer, gelehrter Interpolator kann 
absichtlich die Annäherung an die geschichtlichen Tatsachen herbei- 
geführt haben." Eine ganze Reihe von Fehlschlüssen entspringen 
daraus, daß B. im Lauf seiner Untersuchung die im zweiten der obigen 
Sätze ausgesprochene Erkenntnis außer Acht gelassen hat. Die An- 
gabe in C und R, die Franken hätten 7 Jahre in Spanien verweilt, 
fehlt in T; „da diese Angabe den historischen Tatsachen widerspricht, 
scheint die Chronik hier die ältere Überlieferung bewahrt zu haben- 
(S. 34). — T hat JPampilonia statt Morindia in C und Cordres in 
R; „wir dürfen demnach wohl als sicher annehmen, daß der Chronist 
geschichtlichen Erinnerungen folgt" (S. 40). — Dem geschichtlichen 
Berichte „steht die Darstellung von T am nächsten," die auch zwei 
Heidenkönige kennt (S. 45) und „ebensowenig wie die geschichtlichen 
Bericlite Saragossa als ihre Residenz bezeichnet" (S. 47). — Die 
Schilderung der Schlacht von Roncevaux sei am ursprünglichsten bei 
T, denn hier sei der Charakter des Überfalls am meisten gewahrt, 
und die Stärke des Heidenheeres sei viel geringer als bei R ange- 
geben; „die Annahme, daß T die großen Zahlen von R schon gekannt 
habe, ist in der Tat unhaltbar: es wäre nicht einzusehen, aus welchem 
Grunde der Chronist sie reduziert haben sollte im Gegensatz zu andern 
späteren Gedichten desselben Sagenkreises, wo die Zahlen noch über 
das Muß von R hinauswachsen-' (S. 194). Hier wird vergessen, daß 
T eben kein Gedicht ist, sondern eine Geschichte Karls des Großen 
und Rolands sein will (Historia Karoli Magni), und daß ihr Verf. 
allen Grund hatte, den übertriebenen Zahlenangaben des Epos kritisch 
gegenüber zu stehn. Daß T die Wunder seiner Vorlage keineswegs 
abgelehnt, vielmehr noch überboten und mit vielen Zügen aus Märtyrer- 
geschichten ausgeschmückt hat, ist etwas ganz anderes. Soweit es seine 
martyrologischen und erbaulichen Zwecke zuließen, hat sich T. in 
erster Linie an die geschichtlichen Quellen, und erst wo sie schwiegen, 
an das Rolandslied gehalten. Darum steht seine Darstellung allerdings 
dem tatsächlichen Hergang der Ereignisse zumeist näher als die in 
C und R; falsch aber sind die Folgerungen, die B. in den oben an- 
geführten, als Beispiel aus einer größeren Zahl herausgegriffenen Punkten 
aus diesem Verhältnis der drei Rezensionen zur Geschichte gezogen hat. 



G. Brückner. Das Verhältnis des franz. Rolandsliedes. 25 

B. hat ferner zu wenig den geringen Umfang berücksichtigt, den 
die R entsprechenden Abschnitte T's haben; T behandelt äußerst sum- 
marisch, was den frommen Zweck seiner Geschichte nicht fördert. 
Die Einzelheiten der Gesandtschaften des Blancaudrin und des Ganelon 
interessierten ihn wenig, und den Bericht über den Verlauf der Schlacht 
stutzte er erheblich; er wird erst beredt, als das Märtyrerleiden der 
Helden und insonderheit das des frommen Roland anhebt. Unter 
diesen Umständen ist das Schweigen von T zumeist kein Argument 
in der Frage nach dem Verhältnis der Rezensionen zueinander. 

B. hat neues historisch - philologisches Material zur Beurteilung 
von T, C, R nicht beigebracht, und er mußte, wie seine Vorgänger, 
die Untersuchung über die gegenseitige Abhängigkeit jener drei Werke 
im wesentlichen nach logischen Erwägungen führen. Er ist dabei 
nicht immer der naheliegenden Gefaiir entgangen, zu scharfsinnig zu 
sein; er gründet einigemal, wenn auch seltener als manche vor ihm, 
auf wirklich belanglosen Divergenzen Schlüsse. So scheint ihm z. B. 
S. 271 „bemerkenswert, dtiß die in R mehrfach gebrauchte Formel 
„mga culpa'-'- in T nicht vorkommt;" er könne jedoch nicht eutscheiilen, 
ob sie erst einer späteren Zeit angehöre. Wie wenig würde das Fehlen 
solcher Formel beweisen! Obendrein kommt sie in R garnicht vor, 
nur clamer sa culpe; denn in V. 2369 ist meie culpe nicht die Formel 
des Confiteor, sondern gehört in den Zusammenhang des Satzes: Gott, 
meine Schuld (durch den erhobenen Handscliuh versinnbildlicht) nimm 
auf zu deinen Hulden, in deine Macht! Die Vorstellung des Lehns- 
verhältnisses spielt übrigens hier nicht herein, wie gegenüber B. S. 276f. 
wiederholt werden nmß, — Ndch ein letztes Beispiel zu weitgehenden 
Spürsinns. „Auch die kurze Besihreibung des Marsirius „cmw equo 
rufo et clipeo rotundo'-'- ^taInmt sicher aus einer volk>tümlichen Vor- 
lage und nicht aus der Feder des Chronisten" (S. 202); T's Beschreibung 
sei ursprünglicher als die in R. Es lohnt nicht, nach der Herkunft 
des roten Pferdes zu suchen; tut man es schon, dann liegt wieder 
die Bibel am nächsten (etwa Apoo. VI, 4: exivit. . . equus rufus, 
et qui sedebat super ilhim, datum est ei, ut sumeret pacem de 
terra, et ut inviceni se interficiant)^ nichts volUstümliches. — 

Eine seit längerer Zeit vorliegende Besprechung der B.'schen 
Arbeit {lAteraturbl. f. germ. u. rom. Phil. 27. 1 906, S. 22) ist 
bei aller Anerkennung des Fleißes und der Gründlichkeit des Verf. 
doch pessimistich gegenüber den Resultaten wie überhaupt der Methode, 
die dahin führe, das wahre Ver>tändnis des Rolandsliedes zu ver- 
schleiern. Wir können diesen Pessimismus nicht teilen. B. hat T's 
Stellung falsch beurteilt, verzeihlich genu^'. nachdem G. Paris voran- 
gegangen. Durch die falsche RT-Hypothese wird die Rolands- 
kritik unnötig kompliziert und insofern leicht kompromittiert, als nicht 
ohne Willkür zwischen der supponierten alten Vorlage des Chronisten 
und seinen eigenen, späteren Zutaten geschieden werden kann. — ■ Die 
Rolandsforschung ist weiter unnötig verwirrt worden dadurch, daß 



26 Referate und Rezensionen. JPh. Aug. Becker. 

man (seit Pakscher) Abweicliuugeii der uovdisclieu Version (ii) vou 
R zur Feststellung einer älteren Fassung unseres Liedes verwerten 
zu können glaubte, und auch 15. (S. 28) gibt diese Möglichkeit zu. 
Nur dadurch, daß B.'s Untersuchung von jenen zwei falschen 
Hypothesen (ein alter Kern in T und n) belastet wird, und weil er 
für jeden einzelnen in Frage stehenden Punkt in übertriebenem Gerechtig- 
keitsgefühl alle, auch die fernsten Zeugen für und wieder anführen 
zu müssen glaubt, ist B.'s Arbeit so entmutigend umstämilich und 
umfangieicli geworden. Sobald eine künftige Forschung den nun schon 
durch Jahrzehnte mitgeführten Ballast obiger Hypothesen abgeworfen 
haben wird, gestaltet sich die Kernfrage einfach genug: ein lateinisches 
Gedicht, die stilvolle Übertragung einer französischen Vorlage, und 
daneben unser Rolandslied: auf welcher Seite ist die Priorität? 
Wir glauben, daß wie B.'s Dissertation so auch noch künftige Arbeiten 
die Priorität von C gegenüber R bestätigen werden. 

Stuttgart. W. Taveknier. 

Coulet, Jules, charge de cours ä la Faculte des Lettres de 
Montpellier, Etüde sur Voffice de Girone en Vlionneur de 
Saint Charlemagne. 165 S. Groß 8", Montpellier, Coulet 
et Fils. 1907. [Publications de la societe pour Tetude des 
langues romanes XX.] 
Die Stadt Gerona im Nordosten der spanischen Mark (Katalonien) 
gehört zu den karolingischen Erwerbungen; 875 übergab sie sich den 
Franken, während Karl im Sachsenland weilte. In Erinnerung an 
die Befreiung vom Maurenjoch und an die Errichtung des Bistums 
ordnete 1345 der Bischof Arnold von Montredon für die Diözese die 
Feier des 28. Januars zu Ehren Karls des Großen an, und es wurde 
zu dem Zweck ein eigenes Officium verfertigt. Dieses Officium haben 
Florez in der Espana sagrada und Villanueva in seinem Viape 
literario abgedruckt; sie schöpften beide, und zwar unabhängig von 
einander, aus dem Brevier des Abtes von S. Viktor, Vitalis de Blanis. 
Das Brevier wurde 1339 vollendet; deswegen ist aber das Officium 
doch nicht älter als die Einsetzung des Festes, sondern wird in 
glaubhafter Weise als späterer Eintrag im Brevier bezeugt. Nachdem 
in neuester Zeit das alte Brevier verschollen ist, läßt sich ein 
verläßlicher Text des Officiums nur durch die kritische Vergleichung 
der beiden Drucke gewinnen. Dieser Aufgabe hat sich der Verf. 
S. 57 — 59 in dankenswerter Weise entledigt, indem er nicht nur die 
neun Lektionen des Officiums, in denen über Karls Beziehungen zu 
Gerona berichtet wird (die 7. ist dem Evang. Lucae entnommen), 
vollständig herstellt, sondern auch die übrigen liturgischen Stücke, 
die größtenteils zu anderen Karlofficien stimmen, angibt. 

In engem inhaltlichem Zusammenhang mit dem Officium steht 
ein anderer Text, den man bisher als eine ausführlichere Fassung 
obiger Lektionen betrachtete. Dem Verf. ist es nun gelungen an 



Julei< Coulßt. Etüde sur 1'ofß.ce de Girone. 27 

Stelle des bisher allein bekanuten Bruchstücks den vollständigen 
Wortlaut eines Tractatus de captione Gerunde et de edificatione 
ipsius cathedrülis ecelesie et quomodo heatus Karolus Magnus 
Imperator eandem dotavit et in ea episcopum ordinavit im Kathedral- 
archiv au-fimlig zu machen, und teilt ihn S. 77 — 82 mit. Gleich aus 
den Anfangsworten (Tamquain in ista Sacra seda Gerunde celebratur 
festum sanctissimi Karoli M. Imp.) ergibt sich, daß der Tractatus 
verfiißt wurde, als das Fest zu Ehren Karls bereits fest eingebürgert 
war; er ist also jünger als das Ufticium, und dies wird auch durch 
andere Züge bestätigt. 

Im großen und ganzen ist der Tractatus nur eine erweiternde 
Paraphrase des Officiums. Am Schluß fällt jedoch die Angabe auf, 
daß Karl einen Kanonikus von Notre-Dame du Puy zum ersten 
Bischof von Gerona weihte und daß er noch andere Chorherrn von 
dort hierher versetzte mit der Verfügung, quod, iste due sedes essent 
germane et socie. Von dieser Konfraternität ist aber — nach Aus- 
weis der Urkunden — erst spät im 15. Jahrh. die Rede. Gerona 
übte damals für das Spital von N.-D. du Puy das Recht der Kollekte 
in Katalonien aus. und außerdem hatte die Kirche von le Puy noch 
andere census et redditus hier zu beanspruchen, über die wir nicht 
genauer unterrichtet sind. Gegen diese lästigen Verpflichtungen 
scheint man in Geiona die bis auf Karl zurückreichende Fraternität 
ausgespielt zu haben. In einem Protokoll von 1469 bedauert das 
Kapitel von Gerona wegen des kürzlich erfolgten Archivbrandes seine 
Rechtstitel nicht produzieren zu können. 1479 bißt sich Pierre 
Bouvier als Abgesandter von N.-D. du Puy die Legenda heati Karoli 
vorlegen und nimmt eine Abschrift vom Schluß (secum portavit finem 
ultime lectionis), wo es hieß, daß Karl den ersten Bi-chof und die 
ersten Chorherrn dem Kapitel von le Puy entnahm und zwischen 
beiden Kirchen die Fraternität anordnete. 1481 erschien Pierre 
Bouvier abermals, und 1483 oder 84 ereignete es sich, daß Papst 
Sixtus IV durch ein Breve die weitere Verwendung des Karlofficiums 
untersagte. Vergeblich versuchte das Kaidtel 1493 den spanischen 
Gesandten bei der Kurie, Lope de Haro, für ihre Sache zu inter- 
essieren, das Breve wurde nicht widerrufen, und das Officium blieb 
— nach 140 jährigem Gebrauch — untersagt und abgeschafft. 

Mit großer Wahrscheinlichkeit bringt der Verf. die Entstehung 
lies Tractatus mit diesen Ereignissen in Verbindung, nur vermutet 
er, daß jene Legende, die P. Bouvier vorgelegt wurde, noch nicht 
der Tractat, sondern eine im Sinne der neuen Prätensionen erweiterte 
Fassung des Officiums war, und daß das päpstliche Breve die Ver- 
fälschung dieses liturgischen Dokuments strafen wollte; der Tractatus 
wäre erst später im Kampf um die Wiedereinsetzung des Officiums 
augefertigt worden. Diese urkundlich nicht gestützte Vermutung 
scheint mir übertiüssig; denn, wenn der Papst zu Gunsten der von 



28 Referate wid Rezensionen, Ph. Aug. Becker. 

ihm auch sonst geförderten und bevorzugten Kirche von N.-D. du 
Puy eingreifen wollte, so konnte er Gerona eben nur durch die 
Untersagung der Karlliturgie treffen; eine Erklärung über die Authen- 
tizität der Legende lag nicht in der Kompetenz noch in der Rechts- 
ühung der päpstlichen Kurie; mit dem Verstummen der Liturgie war 
aber auch die Autorität der Legende untergraben. Wir haben also 
in der Legtnda b. Karoii, die 1479 produziert wurde und 1469 
augenscheinlich noch nicht vorlag, unseren Xractatus de captione 
Gerunde zu sehen und können danach seine Entstehungszeit approxi- 
mativ bestimmen; er ist etwa 130 Jahre jünger als das Officium 
und inhaltlich nur eine Erweiterung desselben. 

Welches ist nun aber die Quelle des Officiums? — Keine 
andere als die um 1240 entstandenen Gesta Karoii Magni ad Car- 
cassotiam et Narbonam (hgg. von F. Ed. Schneegans, Roman Bibl. 15) 
und die lokale Tradition, die die Wiedereroberung Geronas Kar! dem 
Großen zuschrieb. Für diese Auffassung bin ich bereits 1898 im 
Literaturblatt f. germ. u. roman. Piniol. S. 136 ff. mit ausführlicher 
Begründung eingetreten und freue mich, dieselbe hier neuerdings und 
mit Kompetenz verfochten zu sehen. — Wie alt die Lokalsage sein 
mochte, läßt sich nicht sagen; gewiß hat sie aber erst durch die 
Fälschung der Gesta festen Gehalt gewonnen. Im Pseudoturpin 
wird die Einnahme Geronas durch Kaiser Karl nur in einer inhalts- 
leeren Aufzählung (c. III) erwähnt. Mehr findet sich im Clironicon 
Rivipulense (Mon. Germ. hist. SS. I, 297), das den Gesta den 
König Mahomed als Herrscher von Gerunda entlehnt, während 
es einige allgemeine Wundererscheinungen neben dem Lokalwuiider 
von der Erscheinung des feurigen Kreuzes an der Stelle, wo später 
die Kathedrale errichtet wurde, seiner Hauptquclle, den Annales 
Moissiac. zum Jahr 786 entnimmt. Die volle Ausbildung fand die 
Legende erst im Officium von 1345, das später (um 1479) vom 
Tractatus paraphrasierend ausgeschrieben wurde. 

Diese ganze Tradition von Karls Beteiligung an der Wieder- 
befreiung Geronas und von der Wiedereinführung des christlichen 
Kultus hat nun aber rein kirchliciien Charakter und gehört in ihrer 
ausgeführten Gestalt erst dem 14. und 15. Jahrb. an. Mit der 
epischen Sagenüberlieferung von Ernaut de Gironde hat diese späte 
kirchliche Legende nicht das geringste gemein, wie überhaupt von 
der Ernautlegende in Gerona selbst weder früli noch spät eine Spur 
zu finden ist. Im übrigen erhielt sich hier der fromme Glaube an 
Karls Verdienste um Stadt und Kirche im Volke lebendig, wenn 
auch wesenlos wie jede mündliche Überlieferung. Den stummen 
Zeugen der ehemaligen Verehrung des großen Kaisers, ein hölzernes 
Standbild, das früher auf dem Altar der vier Märtyrer in der Kathe- 
drale stand, hat erst der jetzige Bischof 1883 in einem Wandschrank 
verschwinden lassen, und anscheinend hat er auch das Breviar mit 
dem Officium unberufenen Blicken entzogen. Die zuerst angefochtene 



Die altfranzös. Motette der Bamberger Handschrift. 29 

Tradition der Konfraternität zwischen Gerona und N.-D. du Puy 
scheint aber bis zur französischen Revolution Bestand gehabt zu haben. 
Dies die Ergebnisse der klar und sachlich geschriebenen und 
auch in der Polemik maßvollen Abhandlung', deren wertvolle Beigaben, 
die kritischen Texte des Ofßciums und des Tractatus de captione 
Gerunde der Aufmerksamkeit der Forscher besonders zu empfehlen sind. 

Wien. Ph. Aug. Becker. 



Die altfranzösischen Motette der Bamberger Handschrift 

nebst einem Anhang^ enthaltend altfranzösische Motette aus 
anderen deutschen Handschriften mit Anmerkungen und 
Glossar herausgegeben von Albert Stimraing, Dresden 
1906 80 XXXVII und 231 S. (Gesellschaft für romanische 
Literatur, Band 13). 
Stimmings Ausgabe der altfranzösischen Motette, welche sich 
in je einer Bamberger, Wolfenbütteler und Müncliener Hs. linden^ 
bildet eine wertvolle Ergänzung zu G. Raynauds 1882 — 84 erschienenem 
Recueil de Motets fran^ais. Raynaud waren diese Hss. unbekannt 
geblieben, obwohl wenigstens die 16 Lieder der 4 Müncheuer Blätter 
(Mü) schon 1873 von K. Hofmann abgedruckt waren. Die Bamberger 
Hs. und einige Darmstädter Bruchstücke, welche freilich nur einige 
Zeilen eines französischen Motetts enthalten, wurden von Wilhelm 
Meyer aufgefunden, die Wolfenbütteler Hs. ist in 0. v. Heinemanirs 
Handschriftenkatalog dieser Bibliothek III (1888) S. 54 beschrieben. 
Die Bamberger Sammlung (A) besteht aus 106, die Wolfenbütteler 
(W) aus 142 französischen Liedern, von denen 16, bezw. 37, Unica 
sind. Stimming hat sämtliche französischen Lieder von A und Mü 
sowie die Unica von W abgedruckt und für die anderweit über- 
lieferten zu A und Mü die Varia Lectio aus W hinzugefügt. Es 
ergab sich, daß A meist die beste Textüberlieferung bietet. Die 
Gedichte aus Mü sind von neuem nach der Hs. herausgegeben^ da 
sich verschiedene Lesefehler in Hofnianns nicht sehr zugänglich'^n Text 
eingeschlichen hatten und sich auch manche Besserung durcli Heran- 
ziehung der anderen Hss, ergab. Leider hat er aber unterlassen, 
von den 99 anderen Liedern in W wenigstens die Varianten zu 
Raynauds Text mitzuteilen. 

St.'s Ausgabe ist von langer Hand vorbereitet (s. Archiv 104, 
345) und mit großer Akkuratesse hergestellt, ihr Wert wird überdies 
noch durch umfangreiche Beigaben erhöht. In einer 37 Seiten um- 
fassenden Einleitung erhalten wir zunächst einen orientierenden Über- 
blick über Ursprung und Entwicklung des Motetts. Dieser fußt im 
Wesentlichen auf W. Meyers Abhandlung über den Ursprung des 
Motetts (neuerdings etwas erweitert in dessen Gesammelten Abhand- 
lungen zur mittelalterlichen Rhytlimik Berlin 1905 II 305 if. wieder 
abgedruckt). Der inzwischen (Juli 1906) erschienene Aufsatz von 



30 Referate und Rezensionen. E. Stengel. 

F. [Aidwis „ Über die Entstehung und die erste Entwicklung der 
lateinischen und französischen Motette in nuisikalischer Beziehung'^ 
(Sammelbände der intctnatioiialeii Musikgesellschaft VII 517-28) 
ging Stimniing- erst nacbträglich zu, doch konnte er S. 230 noch nach 
ihm seine Erklärung des Ausdrucks conduit berichtigen. Es folgt 
eine genaue Besclireibung der vier Hss. und eine Charakteristik ihres 
französischen Inhalts nach textkritischen, literarischen, sprachlichen 
und metrischen Gesichtspunkten. Ich beschränke mich hier auf einige 
Bemerkungen zu den metrischen Ausführungen des Herausgebers. Stiniming 
nimmt S. XXVIII nur an, daß der Verfasser wenigstens in einzelnen 
Fällen für eine Motett-Stimme ein Lied verwandte, „welches vorher bei 
einem Rondeau als Text gedient hatte". Ich würde lieber sagen, daß hier 
und da ein Motettlied entweder ein richtiges Rondeau, Virelay, eine 
Balladenstrophe darstellt, oder aus einem solchen hervorgegangen ist. 
Nur ein einziges wirkliches Rondel ist freilich in Stimmiiigs Sammlung zu 
konstatieren, das Triolet von No. 31 c. (Im Text tritt es infolge der Zeilen- 
zerlegung nicht deutlich als solches heraus; vgl. aber S. 158). In Raynauds 
Recueil habe ich aber zwei weitere gefunden (CXXV 2 und CCLVII 2. 
Im letzten fehlt im Drnck nur die Wiederholung der ersten Retrainzeile 
als Zeile 4. Die meisten der 6-, 8-, 11-, 13- und 16-zeilisen Rond^ls, 
welche Raynaud im zweiten Bande aus verschiedenen Hss. mitteilt, 
halte ich für gar keine Motettliedcr, da sie ja alle nur einstimmig 
überliefert sind). No. 49 b ist, wie auch bereits S. 164 bemerkt ist, 
nichts als die erste Strophe einer alten Bullade, No. 30c wird nach 
Ausscheidung der textlich entbehrlichen Zeilen 7, 8 und nach Kürzung 
von Z. 9 zu einem regelrecht gebauten einstrophigcn Virelay. Das 
von Stimming weiter angeführte Lied 16a läßt seine Grundform gar- 
nicht mehr erkennen. Wohl aber gehören hierher 48 a und 48 b 
(St. erwähnt nur 48 a und meint, es sei wohl nicht hierher zu rechnen, 
weil der Schlußvers mit dem zweiten, nicht aber mit dem ersten 
übereinstimmt). Beide weisen auf ein regelrechtes Virelay als gemeinsame 
Grundlage zurück. Das Virelay lautete nach meiner Meinung etwa: 

Quant voi la rose espanie 

L'frhe vert et le tens der 
3 Et le roussignol chanter, 

Adonc fine atnour nienvie 

De joie faire et mener 
6 Et de doucement chanter: 

„Marion, poiir toi amer 

Bien me doi asses pener 
9 Et chapel de flors porter.'' 

Gar qui n'aimme, il ne vit m 

Por ce se doit bien pener 
12 Qui en joie vuelt durer 

D'avoir amours et amie 

Et servir et honoui'er. 



= 48a (2), 


48b 1 


A'i 


= 48a (2), 


48b 2 


Bi 


= 48a 3, 


48b 3 


B2 


= 48a (4), 


48b 4 


A'2 


= 48b 5 




B-^ 


=r 48a (5) 




b 


=-- 48a (6) 




b 


= 48a 7 




h 


= 48a 8 




b 


= 48b 6 




a' 


= 48b (7) 




b 


= 48b 10 




b 


= 48b 8 




a' 


= 48b 9 




b 



48a 10 


A'i 


48a 11 


Bi 




B2 




A'2 




B3 



Jjie altfranzös. Motette der Bamherfjer Handschrift. 31 



1.") Quant voi la rose espanie 
L'erbe vert et le tens ehr 
Et le roussignol chanter, 

18 Adonc fine amour nienvie 
De joie faire et mener. 

Die überlieferten Texte lauteten: 

48 a 
En noD (lieu, queque nus die, 
Quant voi l'erbe vert et le tens der 
Et li roussignol chanter: 3 

Adonc fine amour me jjrie 
Doucement d'une jolivete chanter: 
..Marions, laisse Robin pour moi 6 

[amer ! 
Hien me doi ades pener 
Et chapel de flours porter 

Pour si bele dame. 
<^uant voi la rose espanie, 
L'erbe vert et le tens der." 



48b 
Quant voi la rose espanie, 
L'erbe vert et le tens der 
Et le roussignol chanter: 
Adonc fine amour m'envie 
De joie faire et mener; 
Car qui n'aimme, il ne vit mie. 



Por ce se doit on pener 

D'avoir amours et araie 
9 Et servir et honourer, 

Qui en joie vuelt durer. 

En non dieu qiieque nus die, 
12 Au cur mi tient li maus d'amer^) 

Es würde also den französischen Liedern beider oder auch der dre 
Motett-Oberstimmen öfter ein und dasselbe selbständige ältere Lied 
(Rondel, Virelay, Ballade, Chanson) zu Grunde liegen, die vorhandenen 
Liedertexte würden dann formal wie inhaltlich ebenso als mehr oder 
weniger freie Variationen eines Grundthemas anzusehen sein, wie die 
ihnen zugehörigen Tonsätze nichts als musikalische Variationen ihres 
Tenors darstellen. Daß es sich in der Tat so verhält, dafür sprechen 
noch viele weitere gegenseitige Beziehungen, welche die zusammen- 
gehörigen Rondel-Lieder aufweisen. Auf manche hat bereits Stimming 
hingewiesen, doch läßt sich ihre Zahl bedeutend vermehren. Von 
textlichen Berührungen führe ich an: 12a 8 = 121) 5 + 9, 16a 15. 
16 :16b 15. 20, 21a .3. 4 = 21 b 2. 3, 23a 7 : 23b 5, 24a 4 = 24b 
^, 24a 5 = 24b 1, 24a 15. IG = 24b 10. 11, 30a 20 : 30c 2 usw.. 
33a 12 :33b 12, 34a 19 : 34b 13, 35a 5 = 351. 9, 35a7:35bl2, 
35a 8 4- 10: 35b 14, 35a 8:35b 6, 37a 18. 19.37b 15, 47a 1+4: 
47 b 2. Auch der Gedankeninhalt ist oft ziemlich derselbe. Norh deutlicher 
als in A No. 13, das St. S. XXVIl anführt, zeigt sich formale Über- 
einstimmung wie correlater Inhalt in M 83a und b (Raynauil Rec. I 1 10): 



83 a 
Quant dofine la vcrdour 
Que meurt la fuelle et la floiir 
Et par pr(i et par hoscage 



83b 
Quant repaire la dolror 
Que pert la fuille et la ßour 
Et par pre et par hoscage 



») 48a l = 48b 11. 12 = Mü 14. 15. 



32 



Referate und Rezensionen. E. Stengel. 



Font li oisiel grant baudoiir. 
Mon euer qu'est en grant trister 
6 Et me met en mon corage:-) 
Car j'ai mis tout mon aage 
En fine arnor 
9 Sanz uul retor, 

Et nuit et jor 
M'estuet penser: 
12 Car j'ai done 

Dieus quar j'ai donne 
Cuer et cors pour bien amer. 

Das Gleiche gilt in abgeschwächtem Maße für XCIII und XCIV der 
Oxforder Sammlung (Eaynand II 34 fF.), die also, obwohl sie ols zv\'ei 
selbständige einstimmige Eondels überliefert sind, doch wohl als Lieder- 
texte der beiden Oberstimmen eines einzigen Motetts anzusehen sein 
werden (was auch für die beiden Trioletts XCV und XCVI und wob! 
noch für weitere Nummern derselben Sammlung zutrifft) : 



Font eil oisel grant tristour 
Qui n'i f(int point de sejour, 
Lors ne me vient en courage 
De servir en nul aage 

Bone amour 

Pour sa baudour, 

Ne nuit ne jour 

No puis penser. 

Dieus qui m'a done 
Cors pensant et cuer amer. 



xcm 

J'ai ameit et amerai 
Trestout les jours de ma vie 
Et plus jolive an serai, 

J'ai bei amin cointe et gai 
Fai ameit et amerai. 

II m'aimme, de fi lou sai, 
II ait droit, je suis s'amie 
Et loialtei li ferai. 
Fai ameit et amerai 
Trestout les jors de ma vie 



A' 

B 

A2 

a 

A' 



a 

A' 
B 
A2 



XCIV 

J'ai ameit, plus n'amerai: 
Ke loiaulteit est faillie 
Vers ma dame, bleu, lou sai. 

Jamals ne m'i fierai; 
J'ai ameit, plus xCamerai. 

Fok est bons qui ait cuer \rin 
Qui en teil feme se fie. 
Et por tant m'an retrairai, 
J'ai ameit, plus vi' amerai; 
Ke loialteis est faillie 
Vers ma dame, bleu lou ?ai. 



Et plus jolive an serai. 

Den Texten der Motette hat Stimming S. 114 — 140 wertvolle 
Anmerkungen beigegeben. Sie beschäftigen sich hauptsächlich mit der 
Erklärung einer Anzahl Worte und Konstruktionen. S. 114 wird 
die Verwendung des Ausspruchs amours vaint tout im Provenzalischen, 
Lateinischen und im Prolog der „Canterbury Tales'' erwähnt. Später 
(S. 144) wird dann von R. A. Meyer in: amours vaint tout fors 
cuer de felon ein als Refrain verwandtes Sprichwort vermutet. Das 
hätte allerdings als Tatsache einfach erwiesen werden köimen durcli 
Hinweis auf meine Anm. hier XXI i S. 21 zu No. 361 der Oxforder 
Sprichwörtersammlungen, dazu kommt noch die Variante in No. 39 
der von E. Langlois veröffentlichen Vatikanischfn Sammlung; vgl. 
überdies Otto, Die Sprichicörter der Römer Leipzig 1890 S. 17. — 
Was S. 115 üb?r das Vireli gesagt wird, ist ungenau. Übersehen 
sind meine darauf bezüglichen Darlegungen hier XVI S. 94 ff", und 



-) Der Text dieser Zeile ist offenbar verderbt. 



Die altfranzös. Motette der Bamberger Handschrift. 33 

Jahresbericht B. III (1891-94) S. 8. Pfuhl's Angaben, auf die 
verwiesen wird, sind gänzlich verworren. — A 16a. Wegen des ton- 
malendeu Nachtigallrufes oci, oci vergleiche jetzt auch Nyiops „Etüde 
sur les onotnatopSes'^ (Bullet, de l'Acad. de Danemark P'06 
S. 337). — A 23a. Zur Form der Lieder von der Belle Aelis vgl. 
noch hier XIX^ S. 10 f. — A 34b 19. Hier war doch auf Thurau's 
Buch „Der Refrain in der französischen Chanson"' Berlin 1901 
zu verweisen. — A 37a 1. Wegen des Sprichworts de si haut si bas 
vgl. noch die Beleg-Sammlung bei P. Scliepp Altfrs. Sprichwörter 
und Sentenzen, Borna-Leipzig 1906 S. 45 f. XIV. Eine weitere 
Beigabe steuerte S. 141 — 184 Dr. Rud. Adelb. Meyer, ein ehe- 
maliger Schüler Stimniing's, bei. Er will die in den mitgeteilten 
Motetten enthalteneu Refrains nachweisen, hat aber auch die 
Zeilen herausgehoben, die seiner Ansicht nach Refraincharakter tragen 
oder die Stücke von Refrains zu enthalten scheinen. Ich würde es im 
Gegenteil für nützlicher gehalten haben alles Unsichere auszuscheiden. 
Da die in den Motett-Texten selbst in Refrainfunktion auftretenden 
Zeilen sowohl populäre wie höfische Motive, wie Spiichwiirter und 
Sentenzen aufweisen, Zeilen ähnlichen Ciiarakters aber natürlich auch 
überall sonst in den Texien vorkommen, werden diese letzteren doch 
nur dann als Refrain angesprochen werden können, wenn bestimmte 
zweifellose Indizien dafür sprechen. Das trifft aber für viele Fälle, 
in denen Meyer eine Refrainz^ile vermutet, durchaus nicht zn. Die 
beigebrachten Parallelstellen allein sind dazu oft nicht ausreichend, 
und nur, wenn sie sich mit dem Wortlaute der betreffenden Motett- 
zeile genau decken, bedeutsam. Aufgefallen ist mir auch, daß die 
Refrains der Oxt'order Ballettes so wenig zur Vergleichung herangezogen 
sind (Lh finde überhaupt nur den von Bai. 155 auf S. 158 angeführt), 
obwohl doch gerade von ihnen hier XXVIII ' (1905) S. 72 eine über- 
sichtliche Zusammenstellung gegeben war, und obwohl sich aus dieser 
zahlreiche recht auffällige Übereinstimmungen ohne weiteres ergaben. 
Ich verweise für A la 37. 38 auf Ball. 46, für 6a 7. 8 auf Ball. 160, 
für 81> 9. 10 auf Ball. 50, für 12a 6. 7 auf Dal!. 150, für 24a 5. 6 
auf Ball. 179, für 26b auf Ball. 91, für 30c 7. 8 auf Bull. 83, für 
541) 9- 12 auf Ball. 157, für W 3a 1 auf Ball. 96, für W 20a 6 auf 
Ball. 15 und 55; für W 14a 1. 2 auf Ball. 114, — Der Refrain in 
A 54a Deus! par ci va la mignotise Par la ou je vois findet sich 
auch noch bii Rayn. Mot. I 95, bei Ailara de la Haie ed. Consemaker 
S. 256, Die angeführte Stelle auf S. 333 eehört dem Jeu d'Adam 
an, und habe ich sie dort kürzlich (hier XXXI 2 S. 18) mit d'-n vorauf- 
gehenden Zeilen als späteres Einschiebsel bezeichnet. Wenn Meyer 
bemerkt, in den Parallelstellen stehe im zweiten Verse überall ci statt 
la, so trifft das doch nicht für die des Tournois de Chauvenci zu. — 
S. 176 (vgl. auch S. 229) findet sich ein interessanter lateinischer 
Cento abgedruckt, der sich hinsichtlich seines Strophenbaus als ein 
fünfstrophiges Rondel darstellt, und zwar enthält jede Strophe wie 

Ztschr. f. frz. Spr. u. Litt. XXXIls. 3 



34 Referate und Rezensionen. E. Stengel. 

auch die ältesten französischen Rondels im Roman de Dole nur K 

Zeilen. Die Vetknüi)fung der Strophen ist hier folgende: 

Str. 1: a'g Ag a^g b^g Ag Bg, Str. 2: a^g Ag a^g b^g Ag Bg usw. 

Sie bietet also eine bedeutsame Variante zu den beiden Texten, welche 
ich hier XIX^ S. 1 1 für das Lied von der Belle Aelis erschlossen 
hatte, gibt, aber zugleich eine willkommene Bestätigung von der gleich- 
zeitig angenommenen Mehrstropliigkeit des ältesten Rondels, Ein 
ausführliches Glossar, ein Namen- und ein alphabetisches Ver- 
zeichnis der in den Motetten verwandten Gedichte, sowie ein Index 
zu den -\nmprkupgen beschheßen die sehr interessante und sorg- 
fältige Publikation. 

Greifswald. E. Stengel. 



L'estoire Joseph herausu'b. von Ernst Sass. Berliner Disser- 
tation. 1906, 120 S. 8«. [Gesellschaft für romanische 
Literatur Bd. XII ] 

Der „sermon''^ von der Gpschichte Josephs ist uns in drei Hss. 
überliefert, von denen zwei (PR), eine ältere und kürzere, eine (A), 
eine jüngere und stark erweiterte Fassung bieten. Beide Fassungen 
haben aber dieselbe poetische Form, das 6-silbige Reimpaar. Inhaltlich 
geben sie uns eine nicht ungeschickte Paraphrase von mehieren 
Kapiteln der Genesis. Stil und Sprache weisen auf eine ziemlich 
frühe Abfassung, zirka um 1165, Die erste Ausgabe des Textes 
verdanken wir W. Steuer, der vor drei Jahren beide Redaktionen 
abdruckte. Für die ältere legte er die Hs. R, von welcher ihm 
Zenker eine Abschrift zur Verfügung gestellt hatte, zu Grunde und 
fügte nach der Abschrift L. Pujots in Paris die Varianten von P 
und A hinzu. Die Varianten von A, dessen Text er anhaiigweise 
vollsiäiidig mitteilte, hat er allerilings nur von den Zeilen ausgehoben, 
welche ihm mit RP deutlich zu korrespondieren schienen. Die am 
Text-Rande beider Fassungen abgedruckte Konkordanzzählung macht 
die in Frage kommenden Zeilen kenntlich. Eine im ganzen an- 
erkennende Besprechung Mussatias und eine kürzere von Herzog 
brachten neben einer Anzahl Einzelbesserungen auch prinzipielle 
Einwendunsen gegen einige unnötige Änderungen des Giundtextes, 
wie Wünsche nach Ausmerzung evident jüngerer Schreib- und Sprach- 
formen. Die Varianten von P ließen Tobler diese als die richtitrere 
Grundlage des Textes erkennen und veranlaßten ihn, Sass zu einer 
neuen Ausgabe des Gedichts und zunächst zur Anfertigung einer 
neuen Ab-chiift von P aufzufordern, da St. davon nur eine mangel- 
hafte Abschrift vorgelegen haben müsse. 

S. hat sich diesen Aufgaben unterzogen und, wie er angibt, 
130 Abweichungen der Hs. P von der aus St. 's Ausgabe zu er- 
schließenden Abschrift festgestellt, darunter 2 ausgelassene Zeilen 



IJestoire Joseph. 35 

1190 und 1298. Leider hat er es unterlassen, eine Zusammenstellung 
•dieser Abweichungten zu geben, oder sie irgend wie hervorzuheben. 
Es würde sich dann freilich auch herausge-^ teilt haben, daß es sich 
doch in den bei weitem meisten Fällen nur um ganz geringfügige 
Schreibfehler handelt. Auch die Hs. A hat S. mit St. 's Abdruck 
teils selbst kollationiert, teils hat ihm eine Kollation von Frl. A von 
Biilow vorgelegen. Hier soll sich eine noch weit größere Zahl von 
Fehlern ergeben haben, allein 45 in dem Lied nach Z. 210 des 
St. sehen Textes und 10 ausgelassene Zeilen. (Eine aufgefallene 
Stelle von 8 Zeilen teilt S. in der Anm, zu Z. 855 seines Textes 
mit, die beiden anderen Zeilen aber anzugeben hat er bedauerlicher- 
weise ebenso unterlassen, wie die sonstigen Resultate seiner Kollation). 
Trotzilem nimmt sich die ausfallemle Kritik gegen den Pariser 
Abschreiber „der sich archiviste paleographe nennt" namentlich im 
Munde eines Anfängers recht unschön aus und hätte nicht ausgesprochen 
werden so len. 

Auf Grund seiner neuen Kopie von P gibt nun S. eine neue 
Ausgabe des Sermon. Sein Text hhnt sich eng an P an, ohne 
indessen auch in der Schreibweise sich streng an die>e Hs. zu binden. 
Die Fälle, wo er von P (R) in orthographischer Hinsicht abwich, 
sind in < inem besonderen Corpus als Laut- (besser: Schreib-) Varianten 
am Fnß.-nde jeder Seite zusammengestellt, darüber stehen getrennt 
die ei_fentl:chen Sinnviirianten, der Hss. RA, eine zweifellos piakti>che 
Scheidung, wenn auch hier und da ein Fall aus der einen in die 
andere Gruppe zu setzen wäie. Die Sinnvarianten von A sind 
ähnlich wie bei Steuer nur dann gegeben, „wenn Gruppen von zwei 
oder mehreien Versen denselben Gedanken in ungefähr derselben 
Form wie PR wiedergeben, auch wenn die beiden Bestamlteile eines 
Versp;iares in A in umgekehrter Reihenfolge auftreten". Durch 
Klammern neben dem Text sind die Stellen, wo A verglichen ist, 
kennt Hell gemacht. Unter Berücksichtittung der Konkordanz in St.'s 
Ablruclv von A lassen sie sich dort leicht kontioUieren und ergänzen. 
Let/.teres ist, wie sich aus Nachstehemlein ergibt, allerdings sehr oft 
nötig. St.'s Abdruck von A kann also bei der Beurteilung von S.'s 
Ausgabe der älteren Fassung nicht entbehrt werden. 

Das Hss. -Verhältnis faßt S. genau so auf, wie St.: PR gehen 
auf eine gemeinsame Vorlage zuinck, A dagegen bietet den erweiterten 
Text einer teilwise besseren Votlage. Die sich daraus ergebende 
Konsequenz, daß alle von PA oder RA gestützten Lesarten der 
ältesten erreichbaren Fassung des Textes angehört haben müssen, 
wird aber weder von St. noch von S. streng beachtet, und noch 
weniger die Möglichkeit stets genügend berücksichtigt, daß PR gegen- 
über a'ich A allein das Richtige bieten kann. Schon ihr eklektisches 
Verfahri-n in der Heranzich mg von A deutet darauf hin. Ich will 
hier, was den letzteren Fall anlangt, zunächst nur auf die Stellen 
von PR hinweisen, welche in A fehlen und, soweit entbehrlich, auch 

3* 



36 Referate und Rezensionen. E. Stengel. 

im Original gefehlt haben können. In der Ausgabe von S. ist auf 
diese vermutlichen Texterweiterungen von PR nirgends hingewiesen. 
Für unentbehrlich halte ich nur 781 — 782, welche die Überantwortung 
des verhafteten boteiUier und paneiier an den Kerkermeister ent- 
halten, der sie dann erst weiter dem bereits im Gefängnis befindlichen 
Joseph se fia übergibt. In A übergibt Pliaraon selbst die 
ungetreuen Diener an Joseph le sene, der danach zum Gefängniswärter 
statt zum Gefangenen gemacht wird und dem Pharaon schon jetzt 
bekannt sein müßte, während doch erst später durch den Mumischenken 
des Herrschers Aufmerksamkeit auf ihn gelenkt wird. Erforderlicli 
scheinen auch 917 f. und 921 f. Alle übrigen Pluszeilen von PR 
können aber ohne weiteres fehlen, hier und da freilich nur. wenn 
gleichzeitig der sie umgebende Text nach dem Wortlaut von A 
umgestaltet wi-'d. Es kommen folgende Stellen in Betracht: G5 f, 
107 f., 125 f., 329 f., 347 f., 381 f., 401 f., 407 f., 467 f., 517 f., 
573f., 757—60, 771 f., 835f., 889 f., 913 f., 943^48, 975 f.. 1015 f., 
1033 f., 1037 f., 1067 f., 1117 f., 1225—28, 1281 f.. 1295 f.. 
1349 f., 1357 f., 1441 f., 1463 f., 1541 f., (man beachte die Vat. 
zu 1539 f.), 1565— 70(?), 1573 f. Das wären 78 Zeilen (meist 
einzelne Reimpaare), und würde ihre Unterdrückung die Gedrungenheit 
des Stils unseres Sermon noch wesentlich verstärken. In manchen 
andern Stellen, wo PR keinen befriedigenden Text bieten, läßt sich 
ebenfalls aus A eine annehmbare Lesart entnehmen oder gewinnen, 
jedenfalls mußte A dabei erwogen werden. Öfters hatte schon St. 
derartige Besserungen vorgenommen, andere sind von S. eingeführt 
oder in den Anmerkungen vorgeschlagen, für manche weitere Stellen 
aber hat er, ohne die Lesart von A auch nur anzuführen, den Text 
PR unverändert beibehalten. Ich führe nur folgende Fälle an, und 
hebe durch vorgesetztes * die Fälle heraus, in denen die Lesart A 
von S. dabei ganz unberücksichtigt blieb. *27 — 30 PR: Abraham 
fu ses aives . . .]. Qui -H jjarleit (b.: parloit od. parlot) sovenf 
deu V onipotent, Dameldeus Jurist ostal Chics icestni vassal 
z= Q. si p. a de Com ans a son prive. ChiSs icel hon 
vassal Frist diex. 1. hon ostal A 31 — 34. In der Anm. hebt S. 
die Anstößigkeit des si in 27 hervor, wenn man mit St. einen Punkt 
nach 28 setze, aber auch seine eigene Interpretation ist nicht 
unbedenklich: „der sich so oft mit Gott besprach, so vertraut mit 
ihm war, daß Gott bei ihm einkehrte"; denn dann würde doch si 
einerseits besser unmittelbar vor sovent stehen, andererseits Abraham 
nicht breitspurig durch icestui vassal und deu V onipotent durch 
dameldeus aufgenommen sein. Nach der Lesart A li< gt si . . . com 
vor und zerfällt die Stelle in zwei selbständige Sätze. Ich würde 
nur A 34 durch PR 29 ersetzen, oder auch PR 29. 30 intakt 
belassen. — 85 f.: JLia esteit la mere {l'ainsnee A) Mes il ne 
Vameit [h.-moit) guere (M. n'estoitpas senee A). Mere in der Bedeutung 
major natu ist wenigstens bei God. nicht belegt. — *93 — 98 fehlen 



L'estoira Joseph. 37 

A wegen einer Textlücke. Der normannische Reim ot : pesot 97 f. 
ist daher nicht sicher, wie von Sass S. 12, 3 behauptet wird; das- 
selbe gilt von dem dort nicht angeführten Reim esveillot : ot 891 f., 
sodaß der Dichter die Einheitsendung -oit ausschließlich verwendet 
haben mag. Hybride Schreibungen wie parleit 27. ameit 86, alot : 
haot 31 f., vencient : ma7ije{ent etc. (s. St. Seite 4*) deuten ebenfalls 
auf erst nachträgliche Norniannisierung des Textes — *113 — 116: 
Tant lYCel Ajaleta la heJe sa blanche (A seinte A) mamels, 
Tant qu (Quant fij il fu circoncis ; Joseph li fu nons mie 
Die Lesart PR besagt mit lästiger Wiederholung von Tant, daß 
Jesus von der Gottesmutter nur bis zur Beschneidung gesäuut wurde. 
Der erste Satz würde überdies in das zweite Reimpaar übergreifen, 
was sonst, wie schon Mussatia andeutete, vermieden wird. Man lese 
wie A, natürlich unter Einfügung von sa in 114, und setze vor 115 
einen Punkt und dahinter ein Komma! — *N;ich 144 PR scheinen 
zwei Zeilen au-gefallen zu sein. Aaa fu apelee Et si fu s'espousee 
lauten sie in A 155 f. und könnten entstellt sein aus Lea Ju a. 
Sa premiere e. — *413 — 16: Pais lor [d. h. den marcheaiis] 
out fei le pris [welchen sie für Joseph zahlen sollen] Po7' deniers 
treis feiz dis. Judas dist: 'Nel vendron, Se itant neu avon = 
Por d. .XX. et dis Tos en est fais li pris. -Se 7ios tant nen avons, 
Ja nel vos mostrerons'' A 481 — 484. Beide Lesarten sind holprig. 
Judas hat eben vorher den Knaben angepriesen. Ich möchte daher 
lesen: Pais L out (od. ot)f. le p. Por . . Si lor dist Nel ü. Se . . — 
'■'481 — 484 PR: La cote au jovencel Taingneni de sanc iiovel; 
ein veel ont ocis Por le sanc qui ont mis [Et le s. en o. pris R) 
= La gonele a l'enfant Moillent tote de saiic Mort en ont .1. chavrel 
Por avoir sanc novei A 613 — 616. Die Lesart 484 P ist äußerst 
ungeschickt, zumal i doch eher auf veel 483 als auf cote 481 bezogen 
werden müßte, besser ist schon die Lesart R, doch steht ihr eine 
teilweise Kombination PA gegenüber. Weit glatter ist die Lesart 
A, in der wohl nur cnt>precl)end PR gonele durch cotele {= 186) 
und chavrel durch veel zu ersetzen wären. — 768 Au mestre charterier 
{chanceller PR) = A un maistre chartrier f^ 1072. Die dreisilbige 
Schreibung charterier ist erst von S. eingeführt und zwar im 
Widerspruch zu 781, wo auch er chartrier schreibt. Die längere 
Form wird dem Dichter schwerlich zukommen, ebensowenig wie 
menesterraus 775, menesteral 1227; vgl. auch das für unseren 
Text unzulässige vivera 967. Wollte also S. das durch Ver- 
wechselung von chartre = 'Kerker' mit chartre = 'Urkunde' ent- 
standene chancelier von PR nicht beibehalten, so mußte er die voll- 
ständige Lesart A in seinen Text setzen. — 891 f. Li reis s'en 
esveillot {s'esperisoit Aj Le la poor quil ot (qiCavoit Aj. Vsd. das 
zu 97 f. Bemerkte. — 915 PR El hres = Adonques A 1211 — 
1125 f. PR Commanda les her Et en prison jeter ^= Qu'il les 
face l. Et doner a chartrier A 14 53 f. Durch Einsctzum^ von A 



38 Referate und Rezensionen. E. Stengel. 

1454 für 1126 PR verj^chwindet der atistößige Reim von jeter: 
-ie — 1183 f. PR: Por ce est em prison Benus chiers fiz (B. f. 
eh. R) Symeon = F. coi e. en p. Mt^s eh. f. S. A 1521 — 22, Eist das 
Mes von A macht die Konstruktion dnrcbsichtiir — 1229 PR 
Vindrcnt = Vineni A 15ü5. Wenn 1225 — 28 PR, welclie eben- 
falls Pröterita bieten, als Einschiebsel zu betrachten sind, so schließt 
sich Vienent unmittelbar an entrent 1224 PRA an. 

Die von S. ohne weiteres bevoivugten Lesarten P können als 
gesichert erst gelten, wenn sie durch A ge>tützt werden. Das ist aber 
auch öfter da der Fall, wo S. A nicht berücksichtigt hat, so 79 f, : 
PR Cliascuns ot tant de (de t. Rj fei QuHflJ le cuideit de sei. = 
Chasciws i ert por soi, Tant avoient de foi. A 85 f. Hier wird 
tant de P 79 durch A 8fi gesichert. — 484 PA gegen R s, oben 
— 619 PA Mut gegen Mnet R — 620 PA Par gegen Por R — 

Wichtiger sind die vonS, unberücksiciitigt gelassenen Falle, wo eine 
Kombination RA gegen P vorliegt, dieses also zu Gunsten jener aufge- 
geben werden mußte. Praktisch läuft es hier meist auf eine Wieder- 
herstellung des Steuerschen Textes hinaus. Dahin gehören; 35, 36 HA 
Steuer: Por . . .por gegen Par . . .par P Sass — 50 en reniuiers 
gegen a r. — 194 en meson gegen a m. — 344 tert gegen est — 380 
R Steuer: avrons,/K: avons gegen avreiz P Sass — 580 en Ä«??iaincegen 
soz sa m. — 606 R Steuer: Senz toute mesprison, A: «S. nule in. 
gegen: Tote s. m. P Sass — 611 Jarsa grant tralson gegen Et. 
par sa t. — 775 R Steuer: Pjt o ses meuestraus, A: Contre s. 
m. gegen: s. menesteiaus P Sass (vgl. 1027 und oben 768 
ehartrierj — '"'•802 RA Steuer Sass: sor son chief gegen s. le eh. 
P — 849 f. R Steuer: mout iis pres De mort, A 1152: Car ia 
mort est moult pres gegen: mout ert pres De inort P Sass. Die 
direkte Rede ist hier allein am Platze — 885 Tant (Si Pi) chaitives 
et maigres gegen : T. eh. tant m. — 894 Autre vision gegen A 
avision. Sass läßt in seinem Texte beide Formen zu, doch ist nur 
vision sieher verbürgt. Auch 405 bietet A: cele vision gegen c. 
avision PR, 786 i vision gegen avision. 193 umgekehrt une avision 
gegen une vision, 1531 fehlt A get^en D\wision; gänzlich belanglos 
sind natürlich 911. 1232: s'«^7^s^07^ gegen 971 : sa vision, 2\A. 938. 
943: la vision. Da 814 gegenüber R: dous visions, P: leurs visions 
in A (zu 8 13): la vision steht, b weist aucli dies-r Beleg nichts zu 
Gui sten von insions, wohl aber tut dies 866 RPA vision — 906 
ni avoit gegen n'aveient — 967 R: Que la gent ne vivra, A: De 
ce vivra ta gens gegen: Que la gent vivera P Sass. Es wird zu 
lesen sein: Que la gent en vivra, vielleicht mit Unterdrückung des 
Qu' der Z, 966. — 9(58 Quant ge^en Que. — 1216 A: A(? set ahan 
sosfrir, R: Ne puet a. s. gegen: Ahan ne s. s P Steuer Sass — 
1283 R Steuer: Contre lui sont leve, A: Cil soyit vers lui ale 
gegen: Cil sont contre leve P Sass. Man lese: Cil s. vers lui l. — 
1320 Met el (ou R) sac al menor gegen M. ou s. du m. 



Louis TJiomas. Les dernihres lecons de Marcel Schwob. 39 

Interessant ist noch 1219, weil der unnützen Änderung Steuers 
voo mon filz PR in mes f. auch von A 1557 widersprochen wi'd. 

Alles in allem hat S. den Steuerschen Text in materieller Hin- 
sicht nicht wesentlich verbessert; nur das sprachliche Kleid hat ein 
altertümlicheres Aussehen erhalten, wobei es indessen mehr als zweifel- 
haft bleibt, ob der ursprünglichen Dichtung das normanni-che Kolorit 
zukam, welches sie in der von S. zu Grunde gelegten Hs. P erhalten 
hat. Ich verweise dafür besonders auf das bezüjilich der Imi)erfekt- 
Endung zu dem Reim ot: pesot 96 f. oben Bemerkte. Die Einleitung 
bietet auch sonst nicht viel von Belanjr, wohl aber enthalten die reich- 
haltigen Anmerkungen manches Beachtenswerte. Das angehängte 
Wörterverzeichnis hätte aui^führlicher sein können, da selbst manches 
in den Anmerkungen besprochene Wort keine Aufnahme darin ge- 
funden hat, 

Greifswald. E. Stengel. 

Thomas, Louis. Les demüres lefons de Marcel Schioob sur 
Frarifois Villon. Avec un facsimile d"uiie page du manuscrit 
de Stockohlm [sie]. Paris, fiditions de Psyche, 1906. 47 S. 8^. 
Der Name des vor einiger Zeit verstorbenen Marcel Schwob 
ist jedem, der sich mit dem Studium Villons beschäftigt hat, geläufig, 
denn unter allen jenen, welche ihre Aufmerksamkeit dem ersten modernen 
Dichter Frankreichs zuwendeten, hat er zur Erforschung seiner 
abenteuerlichen Lebensverhältnisse und zur Aufhellung des oft so 
dunklen Sinnes seiner Dichtungen unstreitig am meisten beigetragen. 
Ein umfas'^endes Werk über Villon und die Gesellschaft seiner Zeit 
abzuschließen war ihm leider nicht veigönnt. Seine letzten Arbeiten 
auf diesem Gebiete waren die Herausgabe des Parnasse satynque 
und jene des Stockholmer Villon- Manuscripts (Lais u. Testament), 
welche jedoch beide, infolge ihres exorbitant hohen Ladenpreises 
weiteren Kreisen verschlossen bleiben werden. Zu zeigen mit welchem 
Scharfsinn Schwob interpretierte und ihm als Kenner und Erläuterer 
Villons ein Denkmal zu setzen, ist der Zweck der vorliegenden kleinen 
Schrift, gegen welche man einwenden könnte, daß Schwob sich in 
seinen Arbeiten bereits selbst ein genügendes Denkmal errichtet hat. 
Thomas bietet auch in seiner Würdigung absolut nichts neues. ¥a- 
scheint wohl hin und wieder einen Blick in die einschlägige Literatur 
getan zu haben, zu selbstständigeu Resultaten gelangt er aber nicht. 
Er beschränkt sich darauf, Schwobs Noten zum Parnasse saiyrique 
durchzusehen, jene Stellen herauszuheben, welche bei Villon ein Gegen- 
stück finden und sie dann zur Erläuterung der letzteren zu verwenden. 
Die Varianten des Stockholmer Manuscripts hatte bereits Long nun 
in seiner Villonausgabe mitgeteilt, und es ist nicht ersichtlich, warum 
der Verfasser einem so verstümmelten Text, wie ihn diese Handschrift 
von der Ballade des danies du iemps jadis bietet, solche große 
Bedeutung beilegt. 



40 Referate und Rezensionen. Wolfgang v. Wnrzbach. 

Wäre der Verfasser in seinen Forschungeu über Schwob hinaus- 
gegangen und hätte er sich ein wenig in der zeitgenössisciien und 
zeitlich auf Villen folgenden Literatur umgesehen, so hätte er noch 
manche interressante Parallele gefunden, die vielleicht dazu beitragen 
könnte, uns dem Verständnis des Textes näherzubringen. Es sei uns 
gestattet, im Anschlüsse an die vorliegende Schrift und an das in den 
Noten unserer Villonausgabe gegebene Material hier noch auf foiijende 
Einzellieiten hinzuweisen (L= Lais, Pttit Test.; T= Testament, 
Grand Test.; PD= Poesies diverses). 

L. 4. Le frain aux dens. — Vgl. Reprendre le frein aux 
dens. Belleau, La reconnue, Aiic. Th. fran^. IV. 376. 

L. 31, 32. Phinter me fault aut r es compla n s Et f rapper 
en vng autre coing. Zu dieser Stelle ließen sich außer dem von 
Th. angeführten Eondeau auch noch andere Parallelen herbeiziehen. 
Die hier verwendete, verblümte Ausdrucksweise begegnet in der Poesie 
jener Zeit häutig. Vgl. Veu qui frappoient si hon coing {Parn. satyr. 
S. 14 8. ^' Si nest il que fraper en coing (Anc. j)oes. franp. VI. 200), 
die Parn. satyr. S. 287 zitierten Verse von Moliiiet und die bei Byvauck, 
Specimen (1«82) S. 138 angeführten Zitate. Ähnlich ist moudre sa 
farine ailleurs (Belleau, La reconnue, Anc. Th. frang. IV. 369, 372.) 

L. 72. Zu der vielumstrittenen Stelle, wo Villon seinem Oheim, 
dem Kaplan Guillaume de Villun „mes tentes et mon pavillon" 
vermacht, ist /u bemerken, daß di 'se beiden Ausdrücke in der 
anzösischen Poesie wiederholt mit einander genannt werden. Schon 
bei Chrestien de Troyes (Yvain V. 2803 f.) heißt es: Et il va tant 
que il fut loing Des tantes et des paveillons. 

L. 83. Zu dem Legat des „branc d'assier tranch ant" vgl. 
man Parn. satyr. S. 269. 

L. 149. Trou de la Porame de Pin. vgl. Tabarin (Ed. d' 
Harmonville S, 169.): Vous mesme, lautre joitr en allant des jeuner 
ä la P. de P. 

L. 152. Zu planter = plaisantcr vgl. Parn. satyr. S. 125. 

L. 186 Vng canart. Bailleurs oder donneurs des canarts 
a moitie hießen die Vogelhämiler, welche ihre Waare angeblich sehr 
billig, um den halben Preis verkauften. Dann kam der Ausdruck zu 
der Bedeutung „B trüger" und canard hieß ..Lüge". Angidique luy 
a baille ce canard ä moitiS (Fr. d'Amboise, Les neapoiitaines 1584. 
Fournier, Le Th. frang. au XVI. et XV IL siede 1. 398. Vgl. 
auch Comedie des proverhes III. 7). Doch war Caignard aiich der 
Name einer kleinen Straße (Dufour, Rist, de la prostituiion. IV. 78). 

L. 192. Houseaulx saus avantpiez. Man vgl. d;izu Chausses 
semellees laillees chez mon cordouannier (L. 159) und Ou Psaul- 
tier prens, quand suis a mestne Qui ii'est de beuf ne cordoen 
(T. 46). Meiirere Zweideutigkeiten dieser Art enthält ein bei Campaux, 
Villon S. 347 abgedrucktes Rondeau. Man vgl, Parn. satyr. S. 262 f.) 



Louis Thomas. Les dernieres lepons de Marcel Sc/ncob. 41 

T. 160. Valerc ]e grant (i. e. Maximus). Vgl. Anc. Tli.frang. 
IX. 355, 356. {ComSdie des com6diens, 1633). 

T. 179. Plus noir que meure. Yg\. fro7/er son trau qui est 
plus noir que meure. (Parn. satt/r. S. 127.). Li 7yiaufe plus 
?ioir que meure (Rutebuef 109). 

T. 208. A peu que le euer ne me feiit. Mau vgl. hierzu 
außer den beiden von mir zitierten völlig gleichlautendeu Versen 
(Anc. poes. franc. VII. 212 und Anc. Tli. frang. III. 183) uoch 
eine Stelle iu Trottereis Zes corrivaux (1612), wo es heißt: a peine 
que mon coeur en deux ne s'est fendu. (Anc. Th. franf. VIII. 272.) 

T. 313 ffg. Et meure Paris et H elaine, etc. Zu diesen Versen 
vgl. man die ähnlichen in der Moralität L'homme p^cheur, aufgeführt 
Tours c. 1490. (zitiert bei Petit de Julleville, La comedie et les moeurs 
4. £d. S. 84 f.). 

T. 316. Son fiel se creve sur son euer. Vgl. le fiel jusques 
au coeur nous touche. Belleau, Lareconnue. Anc. Th.frang. IV. 359. 

J. 392. Der Refrain der Ballade en viel langage francois: 
Autant en empörte ly vens erscheint als sprichwörtlich in der 
Comedie des chansons (1640), Anc. Tit. fr. IX. 225. 

J. 669. Plus douces luy sont que civetes. Vgl. Anc. Th. 
fr. VII. 123 (Tournebu, Les contens 1584): Tu trouverois la fumee 
des canons et mousquetades plus doucc et aromatisante que la civete. 

T. 697. Du ciel, une paelle d'arain. A un henoinonluy 
feroit crolre que les nu4es sont des pO('slesd'airain(Com.desproverbes 
1633 Anc. Th. fr. IX. 59). 

T. 740. D'angoissemainte poire. Je veux leur faire manger 
des poires d'angoisse (Com. des proverbes. 1633. Anc. Th.fr. IX. 76,) 

T. 100611". (vgl. L. 89 ff.) Das dunkle Legat dieser Strophe 
erklärt sich Thomas so, daß Villen, von der Frau Saint- Amants zurück- 
gewiesen, dieser Rache schwört, indem er ihrem Gatten eine jüngere 
Geliebte oder ihr selbst einen unangenehmen Liehhaber verspricht. 
Von diesen beiden Auslegungen scheint uns keine besonders glaub- 
würdig. Zu der obszönen Anspielung auf die Frau Saint-Amants, die 
in dem Ausdruck L'asne raye (so ist nach Anc. poes. frang. VI. 177 
in lesen) liegen soll, vgl. man Parn. satyr. S. 8. 

T. 1591. Zur Ballade de la grosse Margot vgl. man das 
Gedicht Parn. satyr. LXVIII., zu dem Namen, der mit Dirne synonym 
ist Dufour. l. c. V. 79. 

T. 1668. Beaux enfans, vous perdez la plus Belle rose 

de V c h a p p e a u . Vgl. : J'ai perdu la, plus belle rose de mon chapeau 

(Sprichwörtlich in der Com. des proverbes, Anc. Th. fr. IX, 25.) 

'Y. 1722. Gardez vous tous de ce mau hasle. Vgl. Gardez 

vostre (eint du hasle (Com, des chansons. Anc. Th. fr. IX. 222.) 

T. 1783. Aller ä la montarde. Vgl. Enfans qui vont ä la 
inoustarde Chantent de vous aux carrefours (Parn. satyr. S. 81 
s. Note S. 259.) und die anderen bei Littre 3. 654 angeführten Stellen. 



42 Referate und Rezensionen. Walther Küchler. 

T. 1782. üuvroz vostre huys, Guillemette. Vgl. Tant 
rous allez doiux, Guillemette (Com. des chansons, Anc. Ih. frang. 
IX. 123); Pour un doux baiser, Guitlernette, le refuseriez - vousf 
(ib. 126); Ouvrez - moy vostre huys, ouvrez - vioy mignonne, H 
nest pas minuict (ib. 200.) 

PD. 62. Ou qu'il soit rais entre meules flotans En 
vng moulin, comrae fut saint Victor. Das Mystere de S. Victor 
wurde 1425 zu Metz, 1476 zu Triel aufgeführt (Petit de Julleville, 
Les my Steves II. 185.) 

PD. 11 2 ff. Zu der Ballade des menus propos, deren Refrain 
lautet „Je congnois tout, fors que moy mesmes" vgl. man das 
Gedicht XXXV des JParn. satyr. (V. 2: Je congnoys tout se je m,e 
congnoissoye.) 

PD. 112. Je congnois bien mouches en let. Yg\. Aprenez 
moi ä cognoistre mouches en lait. Tournebu, Les contens. Anc. Th. 
franc. VII. 168.) 

PD. 140. ffg. Die Ballade des Contreverites ist eine Parodie 
der damals sehr populiiren Ballade Chartiers „// n'est dangier 
que de vilain^ . N]A. Parii. satyr. Nr. XCI: ,,ll nest aise qu* 
avoir urgent.'-'' 

PD. 499. ffg Le quatrain. Der erste Vers Je suisFran^ois 
dont ce nie poise, wird allerdings erst durch Marcel Schwobs 
Auslegung verständlich. Villen ledauert, ein Franzose zu sein, weil 
er daher nicht, wie sein Mitschuldiger, der Savoyarde Robin Dogis, 
anlfißlirh des Einzuges des Herzogs von Savoyen in Paris (8. November 
1463) Begnadigung findet. Zugleich liegt in Frangois ein Wortspiel 
mit dem eigenen Namen des Dichters. — Wenij^er gelungen ist die 
Deutung des zweiten Verses Ne de Paris empres Ponthoise, worin 
eine Anspielung auf die Gerichtsbarkeit des Prevost Villiers de l'Isle 
Adam liegen soll. 

Wien. • Wolfgang v. Wurzbach. 



Le Parnasse Satyriqiie du Quinzieme Siede. Anthologie de 
pieces lihres, publiee par M. Marcel Schwob. Paris. 
Welter. 1905 in 8" VIII -h 333 S. 

Toutes et Coiiteiirs ^aillards du XVllP siede. Recueil de 
Pieces rares ou inedites publiees sur les munuscrits ou les 
textes originaux, preface et notes bio-bibliosrraphiques. Ouvrage 
orne de huit planches hors texte. Herausgegeben von 
Ad. van Bever. Paris H. Daragon i) 1906. in 80 VII -j- 
314 S. Prix 15 fics. 



') Der Verlag von H. Daragon bringt in seiner „BihUothrquc du vieux 
Paris" interessante Veröffentlichungen über das Sittenleben des XVlIl. Jhdts., 
so z.B. in „Les Socivtes (Tamour au XVI 11^ such" von J. Hervez. Doch 



Le Parnasse Satyrique du Qumzihne Siede. 43 

Deniachy, »1. F. Histoires et contes. Precedes d'une etude 
historique, anecdotique et critique sur sa vie et ses ceuvres 
et accompagnes de notes et commentaires par L. G. Toraude. 
Paris, Charles Carrington 1907. in 4« CVIII f 621 S. (Cet 
ouvrage n'est pas mis en vente daiis le commerce). 

Kurz hingewiesen sei auf diese drei Veröffentlichungen aus dorn 
Gebiete der erotischen Literatur. Die von Marcel Schwob nach einem 
bekannten Manuskript der frz. Nationalbibliothek herausgegebene 
Anthologie schlägt in ein wichtiges Kapitel der Literaturgeschichte. 
Sie enthält Beispiele jener roh -derben, übermütig- unflätigen, schon 
sehr persönlichen erotischen Dichtung, aus der Francois Yillon und 
später Mathurin Reguier ihre Inspiration zogen. 

Weniger in das Gebiet der Literaturgeschichte, als in das der 
Sittengeschichte gehören die erotischen Verscrzählungen desXVIIL Jhdts., 
die Van Bever herausgibt, sowie die Histoires et Contes des J. F. 
Demachy. Diese beiden Veröffentlichungen zeigen so recht deutlich 
die literarische Minderwertigkeit von Produktionen, die nichts anderes 
sind als gereimte Unflätigkeiten, an denen nur der mittelmäßige 
Durchschnittspliilister, der in sinnlicher Beziehung gemein veranlagte 
Dutzendmensch seine Lust hat. 

Die nur das Beste heraushebende Auswahl Van Bevers gibt 
wenigstens ein nicht ganz uninteressantes Bild von dem Leben dieser 
niedrigsten Unterbaltungsliteratur des XVIIL Jhs. Wir finden wenigstens 
hier und da etwas Witz und Verve, eine etwas höhere Fähigkeit den 
heiklen Stoff durch eine leicht graziöse Behandlung über das aller- 
tiefste Niveau zu heben. Dagegen sind die bisher gänzlich unbekannten 
Histoires et Contes des Apotiiekers, späteren Piofessors der Pharmazie 
und königlichen Censors J. F. Demachy (1728 — 1803) absolut wert- 
los und jedes Reizes und Interesses bar. Das einzige Interesse, das 
sie gewähren, ist psychologischer Art. Sie zeigen uns in ihrem 
Verfasser das Bild eines jämmerlichen, schmutzigen, ekelhaften, stumpfen 
Menschen mit einer gemeinen, jeder Erhebung unfähigen Seele. Eines 
Menschen, dem auch das allerbescheidenste Küustlertum abgeht, der 
mit seiner verdorbenen erotischen Phantasie im Trivialsten und 
Banalsten stecken bleibt, wie in Sumpf und Schlamm. Das Manu- 
skript hätte ruhig weiter schlummern dürfen, die schwülstige Vorrede 



wenden sich diese Schriften und Ausgaben weniger an den wissenschaftlich 
Arbeitondpn. Das gilt besonders oueh von der im gleichen Verlag er- 
scheinenden Sammhing: „Le Baiser^ Etude litteraire du bai>er ä travers les 
äges", von der erschienen sind „Le baiser ä Bahuhne et a Sodome" und ,,Le 
hniser en Grece^. Herausgeber ist Bagneux de Villeneuve. Preis jedes 
Bandes 8 frcs. Der Verlag l)etätigt sich auch auf dem Gebiet der Gehcim- 
wisseuschaften mit Verüflentlichungen wie „Uisfoire mythique de Shatati" und 
„Le tema!re magique de Shatan.'' Beide Werke Sind von Charles Lancelin. 
Preis 7,50 frcs. 



44 Referate und Rezensionen. Walther Küchler. 

des Herau>gebers hätte riiliig ungeboren bleiben dürfen, und die 
schlechten Zeichnungen G. Grellets, welche die traurigen Machwerke 
ebenso traurig illustrieren, hätten ruhig unterbleiben sollen. 

GIESSEN. Walther Küchler. 



Picot, Emile. Les Frangais italianisants au XVP siede, t. P'' 
Paris, Honore Champion 1906. 8^> XI -f 380 S. 7,50 frcs. 
Der gelehrte Verfasser des vorliegenden Werkes beabsichtigt 
ein umfassendes Werk über die Geschichte der italienischen Literatur 
in Frankreich im sechszehnten Jahrhundert zusammenzustellen. Wie 
er in dem Vorwort seines Buches angibt, will er diese Geschichte 
in folgende Abschnitte zerfallen lassen: 

1. Les Italiens en France au XVF siede (italienische Fürsten 
Feldherrn, Diplomaten, ßanqniers und Künstler, die von Ludwig 
XII — Heinrich IV in Frankreich gelebt und dem französischen 
Staat Dienste geleistet haben), i) 

2. Les Humanistes et les Jurisconsultes italiens en France au 
XVF siede. (Anzahl von Nachrichten über eine Menge von 
Gelehrten, Dichtern, Beamten, welche zu dem Aufschwung der 
literarischen und juristischen Studien beigetragen, aber nur die 
lateinische Sprache angewendet haben). 

3. Fes traJuctions frangaises puhUees au XVF siede d'apres des 
ouvrages italiens. Dieser Teil soll vorzugsweise eine biblio.uraphische 
Studie sein, welche dartun wird, daß in Italien während des 
16, Jhdts. kaum ein Werk von Bedeutung erschienen ist, das 
nicht ins französische übersetzt wurde). 

4. Les Comediens en France au X VF siede. (Wiederaufnahme 
der Arbeiten von d'Ancona und Bascliet unter Hinzufügung einer 
Reihe von neuen Tatsachen). 

.5. Les Auteurs italiens en France au XVF siede. (Matteo Bandello, 
Luigi Alamanni, Gabriel Sinieoni und viele andere weniger bekannte). 

6. Les Francais italianisants au XVF siede. (2 Bände, von 
denen der erste uns vorliegt. Viele Artikel sind bereits erschienen 
in der Revue des Bibliotheques et des Archives, 1898 — 1901). 

7. Les hnprimeurs et les Lihraires italiens en France, les Im. 
2?riineurs et les Lihraires francais en Italic au XVF siecle- 

Der bis jetzt in Buchform erschienene Teil des Unternehmens 
gewährt ein verblüffendes Beispiel peinlichsten Fleißes in biblio- 
graphischen und biograpliischen Studien, in entsagungsvoller Sannnler- 
und Zuträgerarbeit, Aber doch auch nicht viel mehr. Der Verfasser 
wollte zusammenstellen, was während des XVI, Jhdts. von italienischen 
Leistungen französischer Schriftsteller, Diplomaten, Beamten, Prälaten 



1) Dieser als Einleitung gedachte Abschnitt ist zu seinem gröfsten 
Teil bereits erschienen im „Bulhün italien"- I — V (Bordeaux 1901 — 1905). 



Emile Picot. Les Frangais italianisants au XVI' siede. 45 

ihm bekannt geworden ist. Hier hat er ein par Sonette entdeckt, 
dort einige Reden gefunden, dort ein par offizielle Briefe und freund- 
schaftliche Widmungen, dann und wann standen ihm auch in seltenen 
Ausgaben ganze, größere Dichtungen zur Verfügung. Manchmal muß 
er sich mit Andeutungen, daß dieser und jener in italienisclier Sprache 
gedichtet habe, begnügen. So ist es z. B. mit Lancelot de Carle, 
von dem Du Bellay in einem Sonett berichtet, daß er lateinische, 
italienische und französische Verse verfaßt habe. Nichts destoweniger 
schreibt Picot eine fünfzehn Seiten lange Studie über Lancelot de 
Carle's Leben und Werke. 

In einem am 6. August 1550 Rabelais bewilligten Privileg 
heißt es, daß der Bittsteller verschiedene Bücher in lateinischer, 
griechischer, französischer, toskanischer Sprache habe drucken 
lassen. Mit Recht fragt der Verfasser, welches Werk konnte 
Rabelais in italienischer Sprache verfaßt haben. Er weiß es nicht. 
Warum belastet er uns mit zehn Seiten, in denen er im w'esentlichen 
doch nur wiederholt, was die Rabelaisbiographen uns bereits genügend 
ausführlich gesagt haben. Zwar gelingt es ihm festzustellen, daß 
Rabelais bei der Ende Juli 1538 in Lyon zu Stande gekommenen 
Begegnung zwischen Kaiser und König anwesend war. Aber dieses 
Faktum ist ja für sein eigentliches Thema unbedeutsam. 

Eine ausführlichere Studie widmet Picot mit Recht dem italien- 
freundlichen, in der protestantischen Bewegung hervortretenden Francois 
Perrot. Bei der Gelegenheit gibt er uns genaue Daten über das Leben 
eines Onkels. Warum wohl? Weil später dieser Onkel ohne Zweifel seinem 
Neffen den Gedanken eingab, in Italien zu studieren. Bei der Be- 
sprecliung des Ingenieurs und Mathematikers Jean Francois du Soleil 
erfahren wir, daß er zweimal verheiratet war, daß er aber einmal, 
in einer Urkunde, die Namen der beiden Schwiegerväter verwechselte, 
daß er zwei Töchter hatte, Anna und Elisabetta, von denen eine 
von Renee de France mit einer Mitgift ausgestattet wurde, daß er 
vier Söhne besaß, von denen Antonio 1583 starb, Giovanni 1570, Fran- 
cesco 1599; von Vincenzo wissen wir nichts. Die Methode Picots wird 
nai'h diesen kurzen, beliebig herausgegriifenen Beispielen klar. In ein- 
tönigem Wechsel ziehen 21 Persönlichkeiten an uns vorbei, mit deren 
Leben und Schriften wir bekannt gemacht werden. D. h. wir lernen 
jeden Lebensumstand dieser Männer, der dem Verfasser bekannt ge- 
worden ist, kennen, mag er auch noch so unbedeutend gewesen sein, 
und wir erlangen eine genaue Kenntnis des Titels und der inneren 
Einriclitung und Ausstattung ihrer Werke. Ohne Zweifel, wir erhalten 
hier und da auch ein interessantes Detail, das eine gewisse literarische 
und kulturelle Bedeutung hat, wir erkennen die Beziehungen, die das 
vielgestaltige Leben, Politik, Religion, Wissenschaft und Poesie zwischen 
den beiden Ländern schufen. Abei' weswegen sollen wir ein par nütz- 
licher Notizen wegen gänzlich unnützen Ballast mitaufnelimen und 
bezahlen? Die in gewissenhafter Sammelarbeit zusammengetragenen. 



46 Referate und Rezensionen. Walther Küchler. 

unendlich vielen Zettelchen, Schnitzel und Streifen hätten nun zu 
knapper, abgerundeter Darstellung verarbeitet werden sollen. So 
hätten wir statt eines stattlichen Bandes von 380 Seiten vielleicht 
ein 50 Seiten langes Bändchen erhalten, das wir mit Genuß und 
Gewinn hätten lesen können; statt der in Aussicht gestellten bände- 
rcichen Serie, die zusammen etwa 50 frcs. kosten würde, hätten wir 
ein wertvolles Werk zu 7,50 frcs. erhalten. So wie dieser Band 
mechanisch-monoton zusammengestellt ist, haben wir in ihm ein 
Spezimen jener Art literar-historischer Werke, die den Gehalt des 
darzustellenden Stoffes oder Themas ersticken in einem Wust von 
bio-bibliographischen Notizen, in einer Ansammlung von rein äußer- 
lichem Material, das nur zu seinem allergeringsten Teil von be- 
scheidenem Nutzen für die wirkliche Erkenntnis ist. Daß innige 
Beziehungen zwischen der italienischen und französischen Literatur 
im 16. Jahrb. bestanden, weiß man längst, auch über die Intensität 
des Verkehrs und über den Grad der Abhängigkeit ist man sich klar. 
Was immer von Wert sein wird, ist das immer erneute Studium 
der Texte, um zu untersuchen, wie sich Geist an Geist bildet, 
wie sich Form an Form schmiegt, wie eine IJee sich aus der 
andern loslöst oder ihr widerstreitet. Aus der Masse der Details 
das Gesamtbild herauszuschälen, es in seinen vielfältigen Nuancen 
und Besonderheiten, in seiner historisclien Wesenheit wieder neu auf- 
leben zu lassen, das ist die Aufgabe der literarhistorischen Forschung. 
Nicht interesselose Biographien, die ja doch nur lückenhaft bleiben 
mi'tssen, mühselig zusammenzustellen. Einige typische Lebensläufe 
würden in dem vorliegenden Falle vollauf genüijt haben, das Eigen- 
artige in dem internationalen Verkehr der damaligen Welt hervorzu- 
heben. Hätte Picot etwa die dreifache Anzahl von Persönliclikeiten, 
die in Frankreich einmal ein par italienische Sonette geschrieben 
haben, gefunden, so würde er uns wahrscheinlich dreimal so viele 
mit mehr oder minder sicheren Hypothesen durchsetzte Biographien 
gegeben haben und wäre docli noch unvollständig geblieben. Denn 
wie viele werden italienische Sprache gelernt und sich in ihr brieflich, 
rednerisch und dichterisch gelegentlich einmal ausgedrückt haben, 
von denen wir nichts wissen. Was haben die vielen Namenlosen, 
die mit den Großen gezogen sind, an italienischer Kultur mit nach 
Hause gebracht, an Liedern und Schwänken, an Flüchen und Scherzen, 
an Eindrücken und Erfahrungen? Was die Höhergebildeten für ihre 
Kreise leisteten, haben diese vielen für ihre Schichten getan. Wenn 
wir alle ihre Namen wüßten, so würden wir doch nicht in allen 
möglichen Geburtsregistern und Stammrollen nach Daten und Er- 
eignissen ihres Lebens suchen. Picot läßt eine große Masse von 
Briefen in italienischer Sprache außer Acht. Mit Unrecht. Sie hätte 
er durchlesen, die interessantesten heraussuchen und veröffentlichen 
sollen oder aus dem in ihnen vielleicht enthaltenen kulturgeschicht- 
Jichen Material eine zusammenfassende Darstellung der Wirkung geben 



Des Barreaux, Jacques ValUe, sa vie et ses poesies. 47 

sollen, welche die italiiniische Bildung auf die französische im 16. 
Jahrhundert ausübte. So gibt er uns nur Namen und unvollkommene 
Lebenslä'if*^ gii't nur sorgsam kopierte Büchertitel und neben viel 
unnützem Text einige interessante Briefe und Urkunden, Er registriert 
nur, ohne zu fragen, w.is ist wt^rtvoll uud was ist wertlos. Es gelten 
für ihn keine Gesichtspunkte, nacli denen er etwa die verschiedenen 
Leistungen unterschiede. Aber die Persönlichkeiten, die er behandelt, 
stammen aus mannigfachen Berufen und Klassen. Ihre Kenntnis von 
den italienischen Verhältnissen leitet sich von ganz verschiedenen 
Um-'tän'ien ab. Die Verwendung der italienischen Sprache durch 
sie beruht auf ganz verschiedenen Gründen und Absichten; ihre 
literarischen Erzeugnisse liegen auf ganz verscliiedenen Gebieten. 
Der Autor aber reiht willkürlich Namen au Namen und denkt an 
keine orientierende, einteilende, sondernde und charakterisierende 
Gruppierung. Es ist doch etwas ganz anderes, wenn der in Italien 
längst ansässige Jean Fran^ois Du Snleil in italienischer Sprache 
mathematische Traktate schreibt oder wenn Du Bellay in rein künst- 
lerischer Absicht Sonette auf italienisch zu dichten unternimmt, 
Oder, um nur noch ein Beispiel anzufiüiren, wenn Frangois Perrot 
italienischen Protestanten in Genf die Psalmen zugänglich machen 
will, ind ra er eine italienische Übersetzung in Auswahl von ihnen 
herausgibt, so ist an diese Arbeit mit ganz anderen Voraussetzungen 
heranzutreten als etwa an die „Rune Toscane'" des Amomo, der in 
Wirklichkeit vielleicht Jean de Maumont hieß. 

Gerade in Hinblick auf die geplante, überaus breite Anlage 
der Veröffentlichung Picots zur Geschichie des italienischen Einflusses 
in Frankreich er-chien es notwendig, auf die unserer Ansicht nach 
a\U\i äuß 'rliche, dabei die Frage kemeswegs erschöpfende Methode 
der Beh.mdlung hinzuweisen. Um so mehr, da das zu einseitige 
Betonen des Biographischen in der literarhistorischen Forschung und 
Darsti'lluiig eine Gefahr ist, von der eine Anzahl moderner französischer 
Kritiker bedroht zu sein scheint. Es S"i nur hingewiesen auf den 
einleitenden Aufsatz „Xa methode hiographiqiie de crifique litteraire" 
von Louis Arnould in seinem Buche „Quelques poetes" ^) und auf 
das Iiieal literarhistorischer Schriftstellerei, das diesem für die bio- 
graphische Methode begeisterten, dabei an die wissenschaftliche 
Astrolo'iie glaubenden Gelehrten, vorschwelit. 

GIESSEN. Walther Küchler. 



Des Barreaux, Jacquos Vallee, sa vie et ses j)oesies par 

Fr. Lachevre. Paris 1907, Henri Ledere, in 4^ 264 S. 

gedruckt in 301 Exemplaren auf Kosten des Herausgebers. 

Mit deibem Pinsel breit auttragend, mit kräftigen Strichen aus 

dem Giol)en heraus, nicht unähnlich, nur eckig und obenhin hat uns 

2j Paris 1907. H. Oudin. 



48 Referate und Rezensionen. Walther Küchler. 

Tallement des Reaux in eiuer seiner Historiettes das Bild von Des 
Barreanx überliefert: i) Ein schöner Jüngling mit lebhaftem Geist, 
von ziemlich reicher Bildung, vom Glück begünstigt, von Theophile 
und aniieren ausschweifenden Libertins verdorben, der intime Freund 
Theophiles, so intim, daß man ihn nach dem Tode des Dichters in 
nicht mißzuverstehender Anspielung lachend nennen konnte Ja veuve 
de Theophile'-'' . Ein leichtsinniger Beamter, der Verführer und erste 
Liebhaber der schönen Marion de l'Orme. „Ce fut lui qiii mit 
Marion ä mal.'* Ein Sybarit, stets auf der Jagd nach dem Genuß. 
So reiste er einmal mit einigen gleich gesinnten Freunden durch 
Frankreich, um an jedem Orte auszukosten, was die Jahreszeit an 
besten Früchten und Erzeugnissen bot. „jLe nouveau Bacchus'" 
habe ihn Balzac, den er auf dieser Reise besuchte, genannt. Ein 
Trunkenbold und Gotteslästerer, dessen herausfordernde Spötteleien 
und Ungezogenheiten ihn mehr als ein Mal in Lebensgefahr gebracht 
hätten. Ein Lüstling, der in kraftlosem und schmutzigem Alter, der 
einstigen geistigen Regsamkeit bar, schmählich dahingesiecht sei und 
in den Tagen der Krankheit sich lediglicli aus finanziellen Interessen 
bekehrt habe. 

Diesem anekdotisch -verzerrten Bilde von dem prince des 
libertins du XVII. siede, von dem roy de la dSbauche gibt 
Frederic Lachevre seine wirklichen Züge und Farben wieder, indem 
er aus zeitgenössisclien gedruckten und ungedruckten Quellen zusammen- 
stellt, was er an Nachrichten über Des Barreanx' Leben, an Urteilen 
über ihn und an Dichtungen, die er verfaßt hat, finden konnte. 
Die Züge des Bildes werden weicher, die Farben schwächer, ein 
lachender Philosoph, ein weltgewandter Epicuräer, ein schönheits- 
durstiger Sinnenmensch, dem nur Ernst und Tiefe, Ruhe und Kraft 
fehlten, ein Schlürfer des Weins, ein Bewunderer des Sonnenlichts 
und der roten Rosen, ein Schüler Theophiles, dem er ein ungetreuer 
Freund wurde in der Stunde der Gefahr, dem er die Haud entzog, 
als er zu straucheln drohte, weil er schwach war und um sein Leben 
bangte, so, feiner und schwächer zugleich, will uns nun Des Barreaux 
erscheinen. Nicht als ein roher Wollüstling, ein würdeloser Verächter 
des Göttlichen, ein blinder, niedriger Triebmensch erscheint er, 
sondern als ein Jünger jener freien libertinistischen Denkweise und 
Lebensanschauung, als deren glänzendster Vertreter Theophile de Viau 
zu betrachten ist, der Meister einer veredelten sensualistischen Natur- 
und Schönheitsbegeisterung, der fest davon überzeugt war. höhere 
und reinere Empfindung, einen göttlicheren Geist in seiner Brust zu 
tragen als die Masse der anderen Menschen: Gratulor fatis meis 
quod eadem nota ingeniorum nostrorum divinos spiritos a coeteris 
mortalibus discreverint.^) So schreibt er an seinen Freund Luillier, 

1) Les Bistorieties, Paris Techener, 1855 t. IV p. 46 ff. 

2) Cf. (Euvres completes de Theophile, Nouvelle edition par M. AUeaunie. 
Paris 1855 t. IL p. 416f. 



Des Barreaux, Jacques Vallee, sa vie et ses poesies. 49 

den er mit dem geliebten Vallee zu diesen höher begabten Geistern 
zählt. Freilich, viel irdisches Genießen, Freude an gut gewürzter 
Speise und perlendem Wein, an behaglichem Faulenzertum, wechselnde 
Liebe zu schönen und leichten Frauen mischte sich für diese „enfants 
de la douce vie'* in ihr pliilosophisch-freies Anschauen der Schönheit, 
in ihr brünstiges Versenken in die Natur, viel Schwäche und Klein- 
mut und dilettantische Leicht herzigkeit. Ein solcher glücklicher, 
nach Außen glänzender, innerlich leerer Dilettant, ohne den ernsten 
Einschlag von Melancholie, der Theopliile eigen ist, war Des Barreaux. 
In seiner lateinisch geschriebenen Lebensbeschreibung des Pierre de 
Boissat (Grenoble 1680) erzählt Chorier von dem Eindruck, den die 
Persönlichkeit Des Barreaux' bei Festen, die ihm zu Ehren ver- 
anstaltet wurden, hinterlassen habe, folgendermaßen: „Quand, dans la 
ßeur de ses annees, il vint ä Vienne pres de Boissat, son urbanitS 
et son enjouenient etaient si grands, que ce n'est point sans gräce 
et sans elegance quHl d^bitait sur la nature des choses des riens 
et des bagalelles ineptes. On sctonnait de son ignorance, jusquä 
la stupefaction. On aimait toutesfois ä l'entendre parier, tout 
en s'indignant de le voir plein d'une cot/pable audace sefforcer 
vers des idees auxquelles, etant donne le sujet, on ne pouvait 
penser sans honte." Auch von der Hingabe Des Barreaux' an den 
Genuß bat Chorier interessante Worte, die wie das vorhergehende 
Zitat in der französischen Übersetzung Lachevres wiedergegeben 
seien, da mir das lateinische Original nicht vorliegt. „Boissat lui 
donna de grands fesiins, comprenant bien qiiil ne pouvait rien 
faire de plus agreable pour cet komme si ami de la bonne 
chere . . . Des Barreaux aimait surtout le bon vin. Autant de 
gouttes dans son verre, autant, disait-il, de rayons de soleil 
cristallises par un art de natur'e. II buvait ä petits coups, goutte 
ä goutte., doucement par intervalles; il ne se laissaii jasmais aller 
ä boire ä pleine coupe. 11 ne faut pas, disait-il, noyer la. soif 
d'un seul coup, mais Vapaiser peu ä peu et par moments plutot 
que l'etancher tout ä fait. L^un fait naitre le goilt de la volupt^, 
Vautre le fatigue et en emousse le sentiment.'"'' 

Die Poesien Des Barreaux' wurden bisher stets als verloren 
betrachtet. Nur ein einziges Sonett war bekannt. Es ist das Verdienst 
Lachevres, eine Reihe seiner Dichtungen wiedergefunden zu haben. 
Er nahm an. daß in den zahlreichen, im 17. Jahrhundert erschienenen 
Gedichtsammlungen, welche Gedichte von fast allen Autoren, etwa 
von tausend, enthalten, auch Poesien von Des Barreaux zu finden 
sein müßten. Und er hat sich nicht getäuscht. In dem handschrift- 
lichen Recueil de Conrart in der Bibliothek de l'Arsenal fand er 
17 Sonette, Elegien und Chansons. Von diesen 17 Dichtungen sind 
12 in Gedichtsammlungen zu Des Barreaux' Lebzeiten gedruckt 
worden. Zehn von ihnen finden sich im zweiten Teil des Recueil de 

Ztschr. f. frz. Spr. u. Litt. XXXII-'. 4 



bO Referate und Rezensionen. Walther Küchler. 

qiielques pii^ces nouvelles et galantes, tant en prose quen vers. 
(Cologne, Pierre du Martcau 16i')7, in -12). Sie stehen nicht zusammen, 
sondern sind zwischen 19 andere verteilt, und Lachevre glaubt, auch 
diese Stücke dem Verfasser der 10 anderen, also Des Barreaux 
zuteilen zu dürfen. Außer diesen 29 Geilichten schreibt er dann 
noch einige in Manuskripten der Nationalbibliotliek und der Bibliothek 
Sainte-Genevieve entdeckte Poesien seinem Dichter zu. Mit diesen 
Gedichten, deren Ausgrabung wir so dem Forscherfleiß Laclievres zu 
verdanken haben, ist natürlich die poetische Produktion Des Barreaux' 
nicht erschöpft. Theophile z. B. spricht in einem Briefe an seinen 
Freund von einer Elegie an eine Geliebte des Dichters, aber diese 
Elegie ist uns nicht bekannt. Immerhin kann man an der Hand der 
von Laclievre gefundenen Poesien ein einigermaßen deutliches Bild 
von der dichterischen Persönlichkeit Des Barreaux' gewinnen. 

Seine Liebesgedichte sind fast alle an Marion gerichtet. Seine 
Liebe zu ihr stellt sich in seinen Versen wesentlich idealer dar als 
in Tallemants trocknem und mokantem Bericht. Marion war von 
Eltern und Geschwistern aufs sorgsamste bewacht, so daß jede 
Annäherung der beiden Liebenden für lange Zeit unmöglich war. In 
einer Elegie klagt der Liebende über die Härte der Eltern, die 
trotz der Unschuld ihrer Tochter, trotz der Reinheit ihrer Liebe 
keine Vereinigung dulden wollen. In beredten Worten beteuert er 
die Heiligkeit seiner Liebe. Er fühle nichts Brutales oder Lasterhaftes, 
mais im desir regle, qui san% exfravagance 
porte tous mes desseins ä ton obS'issance. 
Er rät ihr, wie sie geschickt die ihrer Liebe feindliche Überwachung 
täuschen soll, aber er will nicht mit trügerischem Rat die ängstlichen 
Empfindungen rauben, mit denen ihre junge Tugend sein Hoffen 
bekämpft. Nur ein Gemälde von unschuldigen Gedanken bringt er 
ihr dar, nur ein Bild, gemalt aus den heiligsten Farben der Liebe. 
So zart und edel klingt alles, was er sagt, aber seine Sprache ist 
fast zu süß und schmeichelnd, als daß sie echt sein könnte. Zu 
engelhaft erscheint die Geliebte und zu göttlich das Feuer, das ihn 
erleuchtet und verzehrt. Doch es mag daliingestellt bleiben, ob 
ideale Leidenschaft erster wirklicher Liebe oder die Raffiniertheit des 
berechnenden Verführers so redet. Der Zweifel bleibt, wenn man ein 
anderes Gedicht, ,.,Jouissance imparfaite" betitelt, liest. Die Liebenden 
haben sich allein getroffen, Umarmungen und Küsse getauscht. Die 
Seele des Dichters schwebt in den höchsten Entzückungen über diese 
heiligen Umarmungen, die zarten Beiühiungeu, die reinen und un- 
schuldigen Küsse. In der Erinnerung genießt er Freuden, die keinem 
Sterbliclien beschieden sein dürften, brennt er vor verlangenden 
Wünschen, die sein Herz nicht hegen dürfte. 
Ah! que ce desir limite 
Menace mon coeur de marti/re, 
Belle fleur de virginite. 



Des Barreaux, Jacques ValUe, sa vie et ses poSsies. 51 

Pour qui justement je soiipire; 

Apres tant de felicite, 

Est-il bonheur ou je naspire'? 

Taisez- vous. profane vouloir, 
Meurtrier de Vhonneur de ma Dame, 
Son innocence, et mon devoir 
M'ont mis tant de respect dans tarne, 
Que je vous en defens l'espoir, 
Sur peine de noircir ma fläme. 

Voudriez-vous, 6 fureur estrange, 
Corrompie tant d'iniegritef 
Le Ciel iient un foudre qui vange 
Une teile infidelite. 
Non, non, gardez sa purete, 
Spachez que vous aimez un Ange. 

So schreibt er und ist doch wohl fest entschlossen die Reinheit 
dieses Engels nicht zu wahren, sondern von der jonissance imparfaite 
möglichst bald zur jouissance parfaite zu gelangen. Und wirklich kann 
er denn auch nach einigen Stanzen, in denen er trauernd seine Trennung 
von der Geliebten beklagt, in einem „Jouissance parfaite'' über- 
schriebenen Gedichte triumphierend ausrufen: 

Je suis vainqueur d'une maistresse 

Que seule festimois digne de mes soupirs. 

Aber allmählich entschlüpft ihm Marion. Mächtige Rivalen treten 

auf. Dem mächtigsten, Richelieu, braucht er noch nicht zu weichen. 

Cinq-Mars jedoch ersetzt ihn im Herzen der Ungetreuen. So wandelt 

sieh die triumphierende Freude in Zweifel, Anklage und tiefen Schmerz: 

7ion, tu n'es plus mon Ange, 
Tu n'es plus cet objet si digne de loüange, 

Je ne te connois plus, tu nes plus quune image, 
Qu^un pjortrait efface de ce divin visage. 
Immer noch ist sie so scliön und liebenswert, aber so falsch 
und treulos. Wenn er zurückdenkt an die Augenblicke vergangenen 
Glücks, dann zernagen Wut und Verachtuns:, Liebe und Trauer sein 
gequältes Herz. Im Tode will er Ruhe suchen: 

Je m'en vais ä la mort, ou ioute la nature, 
linpuissante quelle est, se laisse evanoüir: 
J'ay veu sous le soleil tont naistre et pirir, 
Qui nie dispenseroit de la meme aventure? 
J'aymai de deux beaux yeux la lumiere si pure. 
Ces beaux yeux n'eurent pas ä dedain mon desir, 
Un temps je fus heureux, eile devint parjure: 
Que me reste-t-il plus ä faire qu'ä tnourir? 

4* 



52 Referate und Rezensionen. Walthcr KücJiler. 

Einen ganz eiiienen Eindruck macht sie, diese Liebesgeschichte 
von Marion de l'Orme und Des Barreaux. Wie das reine, erste Jugend- 
glück zweier sich entfaltender Seelen, das dann zerstört wird durch 
die Untreue des Mädchens, das zum leidenschaftliclien, berückenden 
Weibe erweckt wurde. Der andere aber geht und klagt. So sieht 
der kurze Roman in leidenschaftlichen Versen aus. In Wirklichkeit 
war er vielleicht weniger poetisch und sentimental. Des Barreaux 
hat sich jedenfalls bald getröstet. Aber so wie er uns in dichterischer 
Verklärung seine Liebe überliefert hat, hat er sie allerdings in 
eine höhere Sphäre gehoben. Seine Verse sind getragen von einer 
echt klingenden Empfindung, von dem Ton schöner Leidenschaft, 
die alle Stufen von Glück und Leid durchläuft. Wir haben in 
ihnen eine persönliche, auf Erlebnissen beruhende Poesie, eine 
Liebeslyrik, die zwar in ihrem Ausdruck sich häufig des konventionellen 
Sprachgebrauchs bedient, aber der unmittelbare Niederschlag von 
Stimmungen und Leidenschaften ist, die im Augenblicke wirklich 
empfunden waren. 

Die sinnenfrohe, materialistische Lebensanschauuug Des Barreaux', 
die in den Liebesgedichten einer mehr leidenschaftlichen Sentimentalität 
Platz gemacht hatte, tritt um so mehr in denen seiner Gedichte zu 
tage, die Lachevre unter der Bezeichnung „Poesies libertines" zu- 
sammengefaßt hat. Es sind flüssig geschriebene, von einem leichten, 
graziösen Rhythmus getragene Sonette. Keine gedankliche Last beschwert 
die kavaliermäßige Skepsis des fröhlichen Genießers. Scheinbar von 
oben herab, mit einer königlichen Sicherheit schaut er tiuf Menschentum 
und Leben herab. Wie nichtig ist doch der Mensch, der sich als 
Herr fühlt und erhaben über die anderen Geschöpfe dünkt durch die 
Vernunft, die ihm zu teil ward. Denn gerade die Vernunft ist es, die 
ihn unglücklich macht durch die Leidenschaften, die sie in ihm erregt. 
Hundertmal glücklicher als die vernunftbegabten Menschen sind die 
wilden Tiere, hundertmal glücklicher die Vögel im Gebüsch. Ach, 
daß die Natur uns nicht wie sie geboren werden ließ, ohne Vernunft, 
so daß wir in den Tag liinein leben könnten. Er weiß einen Ausweg, 
das Leben recht zu nehmen: 

JEstudions-nous plus ä jouir qua connoistre, 
Et nous servons des sens plus que de la raison: 

Nach diesem Grundsatz hat er sein Dasein eingerichtet; er 
verhalf ihm zu möglichst viel Lust und Vergnügen. Nur nichts denken, 
nicht denken: 

Pe^l de hon sens, point de sfavoir, 
Nargue de la philosophie. 

Ein Vogel möchte ich werden, mich retten in die Unwissenheit 
und stets nur vom Besten trinken: 

Celuy qui croit en connoissance 
Ne fait quaccroistre sa douleur. 



Des Barreaux, Jacques Vallee^ sa vie et ses pohies. 53 

So stolz und sicher, so frei klingt das. Aber hinter dieser 
vermeintlichen Sicherheit qiuält ihn geheime Angst: Der Tod, der ewige 
Schlaf, die lange Nacht, das Nichts. Und das Nichtsein ist schreklich, 
man muß es fürchten. Wie kann man es nicht fürchten! Nicht 
daran denken, um alles unnütze Leid zu vermeiden. 

Jette -to^ comvn' moy dans le sein des plaisirs. 

Laßt uns greifen nach jeder Lust, so lange wir noch des Tages 
Licht erblicken. 

On ne boit point lä-has, on ne fait point l'amour, 
Dans cette longue nuit qui suit la sepulture. 

Der Gedanke an den Tod läßt ihn nicht los, er kann ihn nicht 
zurückdrängen. Was nützt es zu Wasser und Land Reichtum und 
Glück zu suchen, sich der Wollust mit solcher Begierde hinzugeben ! 
Ob man im Frieden lebt oder in den Krieg zieht, zu Schiflf steigt 
oder zu Fuße wandert, keinen Schritt tut man, der nicht zum Tode 
führte. Eine Verräterin und Wucherin ist die Natur, Sie leiht uns 
das Leben, aber um allzu hohen Preis und Zins. Eine schwächliche 
Furcht vor dem Tode, ein geheimes Grauen, das er nicht abschütteln 
kann, das also ist der tiefere Grund für das lustige Genießen? Ein 
Sich- Betäuben aus feiger Angst? Stärker und rauher war die Lebens- 
lust und das Laster bei Maitre Francois Villon und seinen Kumpanen. 
Des Barreaux, hinter seinen prächtig klingenden Worten ist ein zitternder 
Schwächhng. Als er alt ward, schrieb er ein par fromme Sonette. 
Er wurde bigott, weil das Genießen zu Ende ging und weil er vielleicht im 
anderen Leben ein neues Genießen finden könnte. Sein zweifelnder, 
fragender Glaube an die Unsterblichkeit ist eine Hoffnung auf ewigen 
Genuß, ist eine Erleichterung der Leiden und Entbehrungen des Alters, 
eine Zuversicht auf dauerndes, festes Glück nach den unsicheren 
Vergnügungen dieser Welt: 

Oest en Dieu quHl faul s'ejoüir, 
Vivons, vivons pour Vautre vie. 
Et puis mourons pour en joüir. 

Ein Sonett, das einzige, das bisher bekannt war, klingt ernster 
und zerknirschter. Es ist eine Ergebung auf Gnade und Ungnade 
in den Willen des gerechten, zürnenden Gottes mit dem zuletzt scheu 
sicli hervorwagenden Schimmer der Hoffnung. Das Gedicht ist wirkungs- 
voll und zeigt die dicliterische Fähigkeit des alternden Lebenskünstlers 
in hohem Grade. Der Aui^fluß einer dauernden frommen Gesinnung 
ist es sicherlich nicht. Nur der Ausdruck einer augenblicklichen 
zerknirschten Stimmung, einer schreckhaften Aufwallung, wie sie manchmal 
wohl auch in der Weinlaune den innerlich Haltlosen überkommen mochte. 

Das gesamte dichterische Werk Des Barreaux' haben wir nicht 
durch die Veröffentlichung Lachevres erhalten. Voltaire hat Manuskripte 
des Dichters in Händen gehabt, die nicht wieder aufgefunden worden 
sind. Auch ein Drama soll er geschrieben haben, das aber ebenfalls 



54 Referate und Rezensionen. A. L. Stiefel. 

unbekannt geblieben ist. Ebenso ist es mit andern Poesien, auf die 
hier und da sich Anspiehin<:en finden. Ein kleiner Irrtum Lachevres 
sei bei dieser Gelegenheit erwähnt. Der Herausgeber gibt an, er habe 
trotz seines Suchens ein Gedicht nicht entdecken können, auf das 
Des Barreaux selbst in den folgenden Versen anspiele: 

Tenant plus dti neant que Von ne fait de Vestre 
Je Vay dit autrefois et bien moins en saison. 
Laclievre bricht unrichtig hier ab. Er hätte noch mindestens 
den folgenden Vers hinzusetzen müssen, welcher heißt: 
£jStudions- nous plus ä joüir qu''ä connoistre. 
Und mit diesem Verse spielt Des Barreaux auf ein Sonett an, 
das sich im Recueil de Conrarf findet und dessen erste vier Verse lauten: 
JS^'estre ni magistrat, ni marie, ni prestre, 
Avoir un peu de bien^ l'appliguer tout ä soy, 
Et Sans afecter d'estre un docteur de la Loy 
S'ctudier bien plus ä jouir qua connoistre etc. 
Dadurch, daß wir diese Anspielung in dem Des Barreaux sicher 
zugehörigen Sonett des Recueil de Conrart kontrollieren können, wird 
nun auch unumstößlich bewiesen, daß das namenlose Sonett des 
Recueil de quelques pieces nouvelles et galantes Des Barreaux zum 
Verfasser hat und dadurch wird zugleich im höchsten Grade wahrscheinlich, 
daß auch die anderen 18 anonymen, von der gleichen Anschauung durch- 
zogenen Poesien Des Barreaux' Eigentum sind. Absolut beweiskräftig 
war nämlich Lachevres Vermutung ohne Weiteres nicht, aber dieses 
Zusammentreffen der beiden fast gleichen Verse, das ihm merkwürdiger- 
weise entgangen ist, macht seine äusserst gelungene und scharfsichtige 
Hypothese fast zur Gewißheit. 

GiE.ssEN. Walther KtTcHLER. 



Ricci, Charles. Sophonisbe dans la TragMie classique italienne 
et franpaise. Torino G. B. Paravia e C. 1904. XIX und 

223 S. gr. 8 ". 
An der Spitze des Buches steht ein A''erzeichnis der vom Ver- 
fasser benutzten Hilfswerke. Sonderbarerweise fehlt aber darin neben 
manchen andern Büchern, das für das Thema wichtigste, die als VI 
Supplementheft dieser Zeitschrift erschienene Dissertation von A. A n d r a e 
)> SopJionisbe in der französischen Tragödie mit Berücksichtigung 
der Sophonisbebearbeitungen in anderen Ländern. « (Oppeln und 
Leipzig 1891) Allerdings ist sie in der Arbeit selber ein paar 
Male erwähnt, so z. B. S. 74, 80, 81 und 84, aber so, daß man 
bezweifeln muß, ob der Verfasser das Büchlein wirklich vor sich 
gehabt habe; denn einmal fehlt bei allen Hinweisen die Angabe der 
Seitenzahlen und dann ist der Titel (S. 74) falsch angeführt: 



Charles Ried. Sophotiisbe dans la Tragedie classique. r)5 

August (?) An drae « SopJionishe 2> in der franzcesischen Tragcediej, 
Oppeln 1880(?)'^. Anderseits, und das ist das Merkwürdigh>te an 
der Sache, beruht Riccis Arbeit stofflich fast ganz auf Andrae: 
Der Deutsche hat den Italiener beinahe der Mühe überhoben, selbst- 
ständige Forschungen anzustellen. Mit Ausnahme von ein paar ita- 
lienischen Sophonisbebearbeitungen (Ptpoli, Biamonti, Fabbri) sind 
die Angaben Riccis, soweit sie Tatsachen betreifen, so ziemlich alle 
bei Andrae zu finden. Wie soll man sich dieses Rätsel erklären? 
Versteht Ricci kein Deutsch und ließ sich das Büchlein Andraes ins 
Italienische oder Französische übersetzen? Indes sowohl in diesem, 
wie in jedem andern Falle ist Riccis Schweigen unverzeihlich. 

Das Verdienst seiner Arbeit besteht darin, daß er den Stoff" 
besser ordnete als sein Vorgänger, daß er sich bei den einzelnen 
Personen nicht wie dieser mit ein paar Bemerkungen begnügte, sondern 
genau und ausführlich darauf einging, nachdem er in jedem einzelnen 
Falle die Stücke in das Milieu gestellt, in dem sie entstanden waren, 
ihr Verhältnis unter einander besser würdigte, daß er uns die ein- 
zelnen Dichter durch passende bioizraphische und literarische Notizen 
näher brachte und in einem Schlußworte die Ergebnisse seiner Unter- 
suchung übersichtlich zusammen faßte. Auch die bibliographischen 
Beschreibungen sind bei ihm etwas genauer. 

Ricci geht von den römischen und griechischen Historikern 
aus, welche die Geschichte der Sophonisbe überliefern: Livius, 
Appian, Plutarch, Polybius; läßt dann Petraichas Africa und 
Trionß folgen und hierauf der Reihe nach die dramatischen Bear- 
beitungen des Stoffes von Carretto (1502), Trissino (1515) und 
dessen Übersetzer und Nachnahmer: Melin de St. Gelais, Mermet, 
(Mondat), Montchrestien, dann Montreux (1601), Mairet (1634), 
Corneille (1663), Voltaire (1774), die Tragikomödie eines ital. 
Anonymus (1681), eine zweite von Bonmattei Pioli (1714), dann 
die Stücke von Pansuti (1725), Alfieri (1784—85), A. Pepoli 
(1790), G. L. Biamonti (1805), Fabbri (1806—14), und Dalban 
(1850). Ein Appendice behandelt „Sojyhonisbe dans C Opera 
itdlien" [Silvani (1708), Perino (1718) Anonymus (1744), Tommasi 
(1715), Zanetti (1746), del Mare (1803), Rossetti (1805), Marco 
Marcello (1844)]. 

Ricci besitzt eine gute literarische Schulung. Er urteilt mit 
Geschmack und V^erständnis über die einschlägigen Dichtungen und 
findet ihre Vorzüge und Mängel mit sicherem Blick heraus. Man 
kann im großen und ganzen seinen Anschauungen beipflichten; wenn 
vielleicht im einzelnen sich auch vieles dagegen einwenden läßt. 

In den literarischen Angaben indes tut er hin und wieder 
des Guten zu viel, indem er bei seinen Lesern zu wenig voraussetzt. 
So ist z. B. was er S. 69 — 71 über das französische Theater im 
16. und 17. Jahrhundert, S. 113—115 über Voltaire, S. 147 — 150 



5G Referate und Rezensionen. A. L. Stiefel. 

über Altieri, S. 210 — 212 über den Ursprung der Oper in Italien 
sagt, durchaus bekannt und daher entbehrlich. Auch sonst hätte ich 
manchmal ^^ewünscht, daß er sich etwas kürzer gefaßt hätte. Seine 
Darstellung verdient im allgemeinen Lob. Unbegreiflich ist mir nur. 
daß er als Italiener für seine Arbeit die franzö>ische Sprache ver- 
wendete. Es bleibt immer eine mißliche Sache, längere Abhandlungen 
oder gar Bücher in einer anderen Sprache als in der heimatlichen 
zu schreiben. Ich habe auch bei Pticci, wie bei vielen anderen, das 
Gefühl, duß seine Arbeit, trotz unleugbarer Gewandtheit in dem 
fremden Idiom, in mancher Beziehung gewonnen hätte, wenn er sich 
darin der Muttersprache bedient hätte. 

Im einzelnen wäre mancherlei zu berichtigen und zu ergänzen; 
es betrifft aber, abgesehen von Urteilen, meist nur Nebensächliches. 
So hat z. B. Ricci übersehen, daß Andrae (S. 56) eine Sophonisha 
opera tragica in 111 atii (Modena 1710) von Luigi Riccoboni 
namhaft macht. Ferner gehört vielleicht zum Thema die Tragödie 
Massinissa des Ercole ßonacossi (1674) und die gleichnamige von 
L. B. Salvoni (1744), die mir übrigens noch nicht zu Gesicht ge- 
kommen sind. 

S. 48 bemerkt Ricci: „On cite deux Sopkonishe anterieures ä 
Celle de Del Carretto: l'une de Jacopo Castelliuo, l'autre d'Eustacchio 
Romano (Roma ßenardo Lucchetta 1494) etc." Ricci hätte sich das 
Sueben nach diesen vermeintlichen Sophonishen ersparen können. 
Jacopo Castellini lebte viel später; von ihm erschienen 1562 ein 
paar Dramen, darunter ein Asdrubale, und Eustachio Romano ist 
gewiß der Titel einer Dichtung oder Legende, die den hl. Eustachius 
behandelt, aber nicht der Name eines Autors. — S. 68 ist zu be- 
richtigen, daß der spanische Dichter nicht Lopez, sondern Lope de 
Vega heißt. — S, 70 übertreibt Ricci, wenn er von A. Hardy 
sagt: „a le merite d'avoir sauve le theätre fran^ais dans un de ses 
moments les plus critiques". — Das Urteil S. 80 über Nicolas de 
Montreux ist zu streng. Ricci sagt: „U parait qu'il a ete un des 
auteurs les plus insipides, les plus ennuyeux, les plus fastidieux qui 
aient jamais existe. Tel est son trait caracteristique". Dieses ver- 
nichtende Urteil ist um so weniger zu rechtfertigen, als Ricci, nach 
eignem Geständnis, das Stück {Sophonisöe) nie gesehen und, wie es 
scheint, auch die anderen Werke des Dichters nie in die Hand 
bekommen hat. Das zeigen seine unrichtigen Angaben darüber. So 
hält er z. B. Les Bergeries de Juliette für „une past orale" „en 
France la premiere piece du genre. i) Bekanntlich sind die (auch 
ins Deutsche übersetzten, gedr. 1595) Bergeries ein Roman und kein 
Theaterstück. Ferner sagt Ricci: „Montreux vivait encore du teraps 



1) Ricci gibt an, dafs die Bergeries 1588 erschienen seien. Das ist 
nicht richtig. Das erste Buch erschien 1585, in 2. Aufl. 1587, in 3. 1588; 
das zweite ßuch 1587, das fünfte und letzte 1598. — 



Pletro Toldo. Di alcuni Scenari inediti della Commedia. 57 

de Coi'neille qui semble cependant n'avoir connu ni l'auteur ni son 
ceiivre". Da Montreux, gegen 1500 geboren, um 1608 — 1610 
gestorben sein soll, als Corneille gerade 2 bzw. 4 Jahre alt war, so 
hat er ihn freilich nicht persönlich gekannt. Ob er aber ^son 
ceuvre" nicht gekannt habe, ist eine andere Frage, da die Bergeries 
trotz der Astree auch im 17. Jahrhundert noch gelesen wurden, und 
1625 noch eine Ausgabe in verkürzter Form erscheinen konnte. — 

München. A. L. Stiefel. 



Toldo, Pietro. JJi alcuni Scenari inediti della Commedia dell 

Arte e delle loro relazioni cd Teatro del Moliere. 

Torino, Clausen 1907. (Estr. dagli Atti della R. Accad. 

delle Scienze di Torino, Adunanza del 17. Febbr. 1907). 

25 Seiten 8 1'. 
Der Verfasser, der sich schon viel mit dem Einfluß der ita- 
lienischen Literatur auf die französische beschäftigt hat, weist im 
vorliegenden Aufsatz auf die Beziehungen hin, die zwischen Moliere's 
MMecin volant, Ecole des femmes und Monsieur de Pourceaugnac 
und mehreren Soggetti einer von B. Croce der Bibliothek zu Neapel 
geschenkten, außerordentlich reichhaltigen Sammlung von Scenarien 
der Commedia dell'Arte bestehen. Die Verwandtschaft ist in der 
Tat so groß, daß Beziehungen zwischen beiden unbedingt angenommen 
werden müssen. Obwohl nun die Handschrift im günstigsten Falle 
drei Jahre nach Moliere's Tod, z. T. sogar noch spater, geschrieben 
worden ist, so glaubt Toldo doch, daß die betr. Scenarien älter als 
die Stücke Moliere's seien, denn derartige Sammlungen wurden 
gewöhnlich von noch älteren kopiert und auf diese Weise von Truppe 
zu Truppe von früherer Zeit auf spätere Tage vererbt. Damit hat 
es wohl seine Richtigkeit. Daß der Medecin volant einem italienischen 
Scenariuni 11 Medice volante entlehnt sei, ist bekannt genug. Es 
bleibt nur zu bedauern, daß Toldo nicht alles kennt, was die 
Forschung darüber bereits ermittelt hat. Unter anderem wäre ihm 
da die von August Kugel in dieser Zsch. (Bd. XX S. Iff.) veröifent- 
lichte Abhandlung: Untersuchungen zu Moliere's Medecin malgre 
lui von Nutzen gewesen. In dieser wird u. a. über die verschiedenen 
Versionen des Stoffes gehandelt, und Toldo hätte daraus erfahren, daß 
es neben den Scenarien über den Medico volante auch eine 1673, 
wenn nicht schon früher, gedruckte Comedia sostenuta Trufaldino 
Medico volante gibt und daß alle Versionen auf Lope de Vega's 
Acero de Madrid in letzter Linie zurückgehen. 

Was die Ecole des femmes anbetrifft, so dürfte bezüglich der 
Schlüsse, die ihr Verhältnis zu dem Scenarium Astute semplicitä di 
Angiola nahe legt, Vorsicht am Platze sein. Von Moliere's Lustspiel 
kam schon 1680 zu Bologna eine italienische Übersetzung von 



58 Referate und Rezensionen. Paul Sahnann. 

Napoleon della Lima heraus und es besteht die Möglichkeit, daß 
das So^etto des Neapolitanisclien Oodex von dieser beeinflußt war. 

Dagt'geu glaube ich, daß für Molidre's Monsieur de Porir- 
ceaugnac, wenn auch nicht ausschließlich, doch sehr stark, italienische 
Quellen in Betracht kommen. Und so ist der Hinweis, daß in der 
Scenariensanimlung zu Nenpel ein Soggetto FolicineUa 'pazzo 'per 
forza und ein zweites Policinella burlafo vorkommen, welche beide 
Übereinstimmungen mit Monsieur de Pourceaugnac zeigen, recht 
dankenswert. Der erste Titel erinnert an ein dramma von G. A. 
Moniglia: II Pazzo per forza^ das 1658 zu Florenz herauskam, 
und das mir bis jetzt, leider, noch nicht zu Gesicht gekommen ist. 

Solche Bezieliungen Moliere's zur Commedia dell'Arte lasseu 
sich noch manche nachweisen. So hat 1901 Rosario Bonfanti^) 
Motive des Malade imaginaire in einem Sosgetto des Basilio Loca- 
telli, betitelt IL vecchio Avare, verfaßt „non piü tardi del 1618" 
aufgefunden. Es wäre angezeigt das Verhältnis des französischen 
Dichters zur Commedia dell'arte und zum italienischen Drama über- 
haupt endlich einmal zum Gegenstand einer erschöpfenden Behandlung 
zu machen. 

MtJNCHEN. A. L. Stiefel. 



LailSOU, Gustave. Voltaire. [Les grands ecrivains frangais.] 
Paris, Hachette J906. 221 S. 
Die zwei Kapitel über Voltaire in Lanson's Literaturgeschichte 
sind bekanntermaßen eine Glanzleistung des ausgezeichneten Werks. 
Mit hohen Erwartungen mußte man so seinem Buch über Voltaire 
entgegensehen und mochte sich wohl fragen, ob er das, was er schon 
in so klassischer Vollendung gesagt hatte, noch zu überbieten ver- 
möchte. Der Gesamteindruck, um ihn gleich vorauszunehmen, wird 
bei jedem Leser der sein, daß Lanson hier sich selbst übertroffen 
und ein Werk geschaffen hat, dessen Lektüre ein erlesener Genuß 
ist. wie er uns selten zu Teil wird. Neidlos wird insbesondere der 
deutsche Leser anerkennen, daß die Ftähigkeit die Ergebnisse wissen- 
schaftlicher Arbeit zu einem solchen Kunstwerk zu gestalten, eine 
ureigene französische Gabe ist, die wir an dem Künstlervolk bewundern, 
die wir begeistert genießen, in der wir es ihm aber nicht nachtun 
können. Wie unnatürlich, wie preziös nehmen sich neben dieser zur 
höchsten Natürlichkeit gewordenen französischen Darstellungskunst 
gerade diejenigen unserer Litterarhistoriker aus, die sich auf ihre 
künstlerisclie Form etwas zu gut tun. Einige Zeilen aus dem Buch 
seien als Beispiel gestattet, das den Lesern dieser Zeitschrift über- 
zeugender sein dürfte als alles Lob des Rezensenten und das zugleich 
dieses Lob von jedem Verdacht der Überschwenglichkeit entlasten 
wird. Lanson will die berühmte Freundin Voltaires, die Schloßherrin 



') Uno Scenano di Basilio Locatelli. Noto, Fr. Lammit 1901. 



Gustave Lanson. Voltaire. 5^ 

von Cirey cliarakteri>ieren und gibt zunächst der medisauten M™® du 
Deffaud das Wort: „Representez-vous une femme grande et seche, 
le Visage aigu, le nez pointu ; voilä la figure de la „belle Emilie'-'' : 
figure dont eile est si contente, qnelle iiepargne rien pour la faire 
valoir: frisure, pompons, pierrei'ies, verreries, iout est u profusion: 
mais comme eile veut paraitre belle en depit de la nature, et 
qu'elle veut etre magnifique en depit de la fortune, eile est oblige, 
poitr se dormer le sitperßu, de se passei' du 7i^cessaire. contme 
cheniises et autres bagatelles.'-' Lanson fährt nun fort: ..Oest une 
femme qui parle ainsi, et c'est M"^^ du Deffand: deux raisons 
d''en rabattre. Point du tout laide, et mcme fort agrSable, J/*"* du 
Chätelet itait certainement coquette, aimant la parure, de tempS- 
rament ardent, et hardvne7it, aristo er atiquement impudique, jusqu''ä 
se baigner devant un valet de c/iambre, qui n'etait pas pour eile 
un komme. Elle ctait assez joueuse. Elle savait le latin, Vitalien. 
Vanglais. Elle etait jyassionn^e pour les matliematigues, la physique. 
la metaphysique, et les comjyrenait. Elle lisait Leibnitz, et avait 
pour amis Maupertuis et Clairaut. Elle „pensaif . Une autre 
bonne langue du siede dit quelle faisait tous les ans la revue de 
ses principes. Elle ecrivait sur des matieres de sciejice et de pJiilo- 
sophie. On l'estimait pedante. Elle etait sincerement serieuse. 
Elle preferait Vapplication de Vesprit aux bagaielles de la societe. 
Elle nitait pas devote, ni meme croyante. Elle n etait ni tracassiere, 
ni midisante ni mechante. Comme la maitresse de M. de Mopinot 
eile eiU pu dire quelle entendait que, sauf au lit, on la traität 
en komme. Elle avait Vesprit viril, le coeur viril: droite, süre, 
capable d'actif devouement ; ä tout prendre, valant mieux que les 
iemmes qui se moquaient d'elle." 

Wem fallen bei diesen knappen Sätzen nicht die großen Porträt- 
maler ein, bei denen jeder Kreidestrich oder jeder Farbfleck einen 
Zug geistiger Wirklichkeit in unübertrefflicher Weise enthüllt. Und 
nicht minder meisterhaft, wie diese Einzelporträts sind die großen 
gesellschaftlichen Gruppen wiedergegeben, in denen Voltaires Loben 
verläuft. Die Wahl tut einem weh, wenn man das Beste herausheben 
will: die Welt, die das Kind im Vaterhause sieht, das Jesuitenkolleg, 
das Treiben der Regence — in sechs Zeilen eine vollendete Definition 
der Epoche und zugleich ein lebensprühendes Anschauungsbild — 
das höchst originelle Leben in den Schlössern von Circy und Ferney. 

Eine hohe historische Unparteilichkeit waltet in dem Buch. 
Das Ziel, das Lanson sich gesteckt hat, von Voltaire zu reden, sans 
apotkeose et sans caricature. hat er in schöner Weise erreicht; bei 
dem Zustand der Geister in Frankreich gewiß ein Verdienst, das 
wir würdigen müssen. Wie für uns Deutsche D. F. Strauß eine Höhe 
erreicht hat, die wir nicht mehr verlassen dürfen, so wird Lanson's 
Werk für Frankreich einen Markstein bilden, hinter den es kein 
Zurück mehr gibt. Man vergleiche nur mit Lanson Faguet's Voltaire. 



60 Referate und Rezensionen. Paul Sakmann. 

Das war doch eine Karikatur, die ja gewiß dem feinsten Geist und 
Witz ihre Entstehung verdankt und die ihrer komischen Wirkung 
stets sicher sein wird, bei der wir aber doch keinen Augenblick ver- 
gessen dürfen, daß es eine Lustspielfigur des Herrn Faguet ist, die 
uns zum Lachen zwingt. 

Ein sehr interessantes novuni des Buches, im Vergleich mit 
dcrLitteraturge-chichte, ist das letzte Kapitel („Z-'zn/Z«e?2cecfe Voltaire"), 
das Voltaire's Schicksale bei der Nachwelt behandelt, ein erster Ver- 
such, der, wie der Verfasser selbst wohl weiß, nur eine Skizze sein 
kann, deren dereinstige Vollendung noch viel neu zu beschaffendes 
Material der historischen Forschung voraussetzt „Es wäre notwendig", 
sagt Lanson mit Recht, „die Bildung und Entwicklung vieler, und 
zwar berühmter wie unberühmter, hervorragender wie mittelmäßiger 
Persönlichkeiten zu untersuchen. Man bat noch nicht genügend 
Beobachtungen dieser Art gesammelt, um in der Lage zu sein all- 
gemeine Schlüsse zu ziehen."' Jetzt schon könnte man übrigens ein 
Kapitel über Voltaires Schicksale in Deutschland schreiben, das die 
Ansicht unseres Verfassers von der Sachlage sehr wesentlich ergänzen 
würde. Ganz richtig sieht Lanson, daß das Emporkommen der 
deutschen Xationalliteratur Voltaire den Weg bei uns versperrt hat, 
und daß die Romantik ihm einen weiteren Riegel vorschob. Aber 
mit Wieland und Heine ist die positive Wirkung Voltaires noch 
lange nicht erschöpft. Goethes hohe Meinung von ihm — Brunetiere 
fühlte sich ja durch sie fast beunruhigt — ist doch sehr beachtens- 
wert. Lessing hat seinen theologischen Feldzug — das ließe sich 
nachweisen — nicht unbeeinflußt von Voltaire unternommen. D. F. 
Strauß hat sich seine Waffen zwar nicht bei Voltaire geholt, aber 
die Mission seines Religionskampfs war dieselbe, die Voltaire in Frank- 
reich zugefallen war, und er ist sich dieses Verhältnisses später be- 
wußt geworden. Auf Schopenhauer, auf Nietzsche hat Voltaire un- 
gemein stark gewirkt. 

An geeigneten Ruhepunkten unterbricht Lanson seine Biographie 
durch systematische Abschnitte über Voltaire's Leistungen auf den 
verschiedenen Gebieten der Geistes- und Naturwissenschaften, über 
seine Weltanschauung und Lebensstimmung. Hier möchte ich nun 
einige kritische Anmerkungen einfügen, die nicht das Verdienst des 
klassischen Werks schmälern sollen, die vielmehr nur zeigen möchten, 
wo noch Probleme sind, die diskutiert zu werden verdienen und auch 
andere auf Arbeitsgebiete hinweisen, in denen zu wirken ein Genuß 
ist, weil es sich um Ideen handelt, von denen Kopf und Herz jedes 
lebendigen modernen Menschen voll ist und in denen man genau 
so gut wissenschaftlichen Sinn und Methode betätigen kann, als an 
dem corpus vile der Materien, die für uns bloß noch das sogenannte 
„historische Interesse" haben. Hier scheint es mir nun ein Mangel der 
französischen Litterarkritik überhaui)t, daß sie ihren Gegenstand 
geistesgeschichtlich vereinzelt, daß sie den einzelnen Menschen mit 



Gustave Lanson. Voltaire. 61 

seinen Meinungen und Leistungen zu sehr bloß als Individuum faßt 
und beurteilt. Bei ganz großen Menschen ist das eine mögliche 
Methode. Aber, um gleich ins Konkrete zu gehen, bei einem Voltaii-e 
ist ein volles Verständnis nicht möglich, wenn man bloß den gesell- 
schaftlichen und nicht auch den ideengeschichtlichen Hintergrund zeichnet, 
von dem er sich abhebt. Das 18. Jahrhundert ist, geistesgeschichtlich 
angesehen, die Geschichte des natürlichen Systems (des jus naturale^ 
der lex naturae usf.), das seine Konsequenzen heraussetzt und das 
sich zugleich zersetzt. Die Rolle des einzelnen Denkers in diesem 
Prozeß bezeichnet seine philosophische Bedeutung. Hier müssen die 
Franzosen sich bequemen von den neueren deutschen Forschungen 
des Philosophen Dilthey und des Theologen Tröltsch zu lernen. Wir 
müssen, was Voltaire betrifft, also einsetzen bei dem gemeineuropäisclien 
Gut des natürlichen Systems und zwar in der Modifikation, die es 
durch den Bund der französischen Spätrenaissanze mit der Kultur 
der katholischen Restauration durchgemacht hat. Voltaire ist ein 
Spätling dieser Renaissanze. Das Interesse an seiner geistigen Ge- 
schichte besteht darin zu sehen, wie er die Elemente^ die sich in 
der bourbonischen Kultur zu zeitweiligem Bund geeinigt hatten, teils 
beibehält und weiterbildet, teils aus ihrem Bunde löst oder ganz 
zersetzt. Mit diesem Gesichtspunkt wahren wir die Kontinuität der 
geschichtlichen Kultur, die uns durch die Revolutionslegende verdunkelt 
worden ist. Diese Legende hat uns das abstrakte und unwahre 
Schema, „ancien regime — Revolution — moderner Geist" im Sinn 
von gegensätzlichen Erscheinungen aufgedrängt, das ganz besonders 
einen Mann wie Voltaire immer in ein falsches und schiefes Licht 
rückt. Dieses zwar schon von Tocqueville überwundene Schema, das 
aber so stark ist, daß trotz allen Bemühungen selbst ein Taine sich 
nicht hat davon frei machen können, hat Lanson Sätze eingegeben 
wie die: die Lettres philosophiques enthalten ein ganzes revolutionäres 
Programm, sie seien die erste gegen das ancien regime geschleuderte 
Bombe, Sätze, die diesem leichtbeschwingten Ideenschwarm eine Wucht 
beilegen und eine Bedeutung, über die gewiß ihr Verfasser selbst 
zuerst gestaunt oder gelächelt hätte. Dagegen kann ich Lanson nur 
bestimmen, wenn er, im Gegensatz zu der Tradition der Voltaire- 
biographien, den Einfluß Englands auf Voltaire maßvoll einschätzt. 
Brunetiere hat hier das Verdienst, mit den herkömmlichen Übertreibungen 
aufgeräumt zu haben. Lanson hat de:-halb schon seinem ersten Kapitel 
(Jeunesse de Voltaire) einen philosophischen Abschnitt beigegeben, 
wohl eben in der Absicht, den Gedankenvorrat festzustellen, über 
den Voltaire vor dem englischen Aufenthalt verfügte. Ich meine nur, 
wir müßten auch hier wieder mehr zeitgeschichtlich als individual- 
geschichtlich vorgehen; wir müßten also statt aus den jugendlich 
unreifen Erzeugnissen im Geschmack Chaulieu's eine Philosophie oder 
eine Theologie abzuziehen, die Frage stellen: Was ist die Ge- 
dankenwelt der französischen Libertins des 17. Jh. und was hat sich 



6"2 Referate und Rezensionen. Paul Sakmann. 

Voltaire von ihr an^'ceignet? Den naturwissenschaftlichen Einschlag 
in Voltaires Idecnkoniplex schätze ich geringer ein, als Lanson. Ich 
möchte die Behauptung wagen, daß man die gesamte naturwissen- 
schaftliche Produktion Voltaires sich wegdenken könnte, ohne daß 
etwas Wesentliches an seinem geistigen Bild sich ändern würde, eine 
Operation, die man in gleicher Weise mit dem Sikcle de Louis XIV, 
mit der Zaire, mit der Henriade und der Pucelle, mit dem Tratte 
de Metaphysique und dem Pliilosoplie ignorant, ja selbst mit dem 
Hornme aux quarante ecus nicht vornelimen könnte. Wir sind mit 
Voltaire hier im gleichen Fall, wie auch sonst vielfach in der Geschichte 
der Weltanschauungen. Was man als vermeintlichen Einfluß und 
Beitrag der Naturwissenschaft in Anschlag bringt, ist in Wahrheit 
der Einfluß eines philosophisclien Gedankens, der, der Naturwissen- 
schaft nur scheinbar entnommen, in ihr vielmehr die lioUe eines 
Axioms, eines Postulats, meinetwegen eines Vorurteils, spielt. Da- 
gegen bin ich nun wieder der Meinung, daß Voltaires philosophische 
Begabung und Leistung von Lanson stark unterschätzt wird. Er 
sagt: In der Geschichte der Metaphysik zähle Voltaire nicht mit; 
da sei er nur „amateur'\ Und in der Literaturgeschichte findet 
sich der Satz, den er in der Monographie zwar nicht wiederholt, 
aber auch nicht zurückgenommen hat: „Er hatte keinen metaphysischen 
Kopf und den schlimmsten Streich, den man ihm spielen könnte, 
wäre der, „d'exposer sa philosophie transcendentale.'' Ich habe 
diesen Versuch gemacht (im Archiv für Geschichte der Philosophie 
1905) und ich habe gute Gründe anzunehmen, daß ich damit im 
Gegenteil dem Andenken Voltaires ei