Skip to main content

Full text of "Zeitschrift für romanische Philologie"

See other formats




m 









S*i'-i''-i;u! 



;.H ? 



^li:^;^''i.;.: 



r!r 



,,,-!,/ ;:.;!'«.: 



i 'H 









rv^5f?3h-v'»»/^^ 



'^' 



ZEITSCHRIFT ^ 



FÜR 



ROIAMSCHE PHILOLO&IE 



BEGRÜNDET VON Prof. Dr. GUSTAV GRÖBER f 



FORTGEFÜHRT UND HERAUSGEGEBEN 



Dr. ALFONS HILKA 

PROFESSOR AN DER UNIVERSITÄT GüTTINGEN 



1922 
XLII. BAND. 




/^97^/H 



/?• j^-^^' 



HALLE A.S. 

MAX NIE MEYER 

BRÜDKRSTRASSE 6 

1923 



i ; .-i^; 



z s 

Sc/. -^Ä 



^ 



INHALT. 

Seite 

Herbert Steiner, Zu Hugo Schuchardts 80. Geburtstag (16. 12 21.) . i 
Leo Spitzer, Aus Anlafs von Gamillschegs „Französischen Etymologien" 

(16. 12. 21.) 5 

Hans Neunkirchen, Zur Teilungsformel im Provenzalischen (12. 5. 21.) 35. 158 v^ 
Theodor Braune, Über die germ. Wurzeln g — b und g- — f in den 

rom. Sprachen (4.9. 18.) 129 

Clements Merlo, Dell' azione metafonetica, palatalizzante, delle vocali 

latine -2 e 5 (16. 4. 14.) 257 

Eva Seifert, Zwei Probleme aus dem Gebiete der Proparoxytona (7. 6. 20.) 269 

GinÖ Bottiglioni, La vespa e 11 suo nido nelle Lingue romanze (18. i. 22.) 291 
Eugen Lerch, Das Imperfektum als Ausdruck der lebhaften Vorstellung 

(1.2. 21.) 311. 385 «^ 

Walther Suchier, Albert Stimming f ., 513 

JORGU Jordan, Lateinisches ci und ti im Süditalienischen. (7.7.22.) 516. 641 

TEXTE. 

C. Appel, Zur Chan9un de Willelme (5. 10. 22.) 426 

D. SCHELUDKO, Zur Entstehungsgeschichte von Aucassin und Nicolete 

(7- 3- 21.) 458 

Walther Suchier, Fablelstudien (18.4.22.) 561 

Joachim Reinhold, Floire und Blancheflor-Probleme (6. 6. 16.) . . . 686 

VERMISCHTES. 
I. Zur Wortgeschichte. 
Gerhard Rohlfs, i. Ein Problem der vergleichenden Lautgeschichte 

(1.2.20.) 68 

Ernst Lewy, 2. Zur Wesensgestalt des Französischen (29. 11.20.) . . 71 

Adolf Zauner, 3. Zur Grammatik (23. 11. 21.) 75 

Gerhard Rohlfs, 4. Zur 'halben' Negation (10. 1.22.) 80 ^^ 

Ernst Gamillscheg, 5. Zu Ztschr. 41, S. 583 (2. 1.22.) 86 

GlACOMO de Gregorio, 6. II piii antico vocabolario dialettale ilaliano 

(24. II. 21.) 89 

Segl, 7. Spanische Etymologien (12. 4. 13.) 97 

Leo Spitzer, i. Französische Etymologien (16. 1 3. 21.) 192 

— 2. Das Gerundium als Imperativ im Spaniolischen (27. 1.21.) . . 207 



IV INHALT. 

Seite 

Gerhard Rohlfs, 3. Lateinisch ut 'wie' im heutigen Kalabrien 

(22. II. 21.) 210 

— 4. Apul. ku, kalabr. mu und der Verlust des Infinitivs in Unter- 

ilalien (19. 6. 20.) 211 

Josef Bküch, 5. Die Sippe des frz. baudrier (29. 10. 20.) 223 

— 6. Die Entwicklung von gr im Spanischen und Portugiesischen 

(1.9.21.) 227 

W. Meykr-Lübke, I. Gallische Lenition im Galloromanischen (18. 1.22.) 332 

Leo Spitzer, 2. Französische Etymologien (25.3.21.) 337 

W. Meyer-LÜBKE, I. Frz. dtner, span. mintroso (30. 7. 22.) 491 

Wilhelm Kaspers, 2. Zur Palatalisierung des lat. c (2. 10. 22.) . . . 494 

Leo Spitzer, i. Afrz. dialektfrz. cör«^z7/^ „Zwerchfell" (20.10.22.) . . 606 

CURT SiGN'AR Gutkind, 2. '^{xz. ipoux, ipouse (15. 8. 21.) 607 

Elise Richter, i. Zur Klärung der Wortslellungsfragen (12. 10.22.) . 703 

Gerhard Rohlfs, 2. Südital. comu a und ähnliches (19. 4. 20.) . . . 721 

2. Zur Literaturgeschichte. 

Stefan Hofer, i. Zum Yderroman (2. 11. 21.) 108 

Otto Müller, 2. Zur handschriftlichen Überlieferung des Poöme moral 

(23.12.21.) 109 

F. Gennrich, Zu den Liedern des Conon de Bethune (20.9.21.) . . . 231 

Stefan Hofer, i. Beiträge zu Kristians Werken (2. 11. 21.) .... 343 

O. Schültz-Gora, 2. Zum Texte des Bernart von Ventadorn (23. 2. 22.) 350 

O. Schultz-Gora, I. tast e müan bei P. Vidal (30. 5. 22.) 496 

— 2. naz Eva? (30. 5.22.) 498 

Walter Benary, 3. Zur Sage von Karl und Elegast (2, IV. 22.) . . . 498 
Albert Stimming, Bemerkungen zu Ott's Ausgabe von Gautier de 

Coincy's Christinenleben (21. 6. 22.) 609 

Fr. Gennrich, Das Frankfurter Fragment einer altfranzösischen Lieder- 
handschrift (2. 7. 22.) 726 

BESPRECHUNGEN. 
Gerhard Rohlfs, Arvid Rosenqvist, Limites administratives et division 

dialectale de la France (19.4.20.) 115 

W. V. Wartburg, Emest Platz, Les noms fran^ais ä double genre 

(20. 12. 19.) 116 

Ernst Gamillscheg, Hilding Kjellman, La construction moderne de 

l'infinitif dit sujet logique en fran9ais (8.6.21.) 117 

— Hilding Kjellman, Mots abrdges et tendances d'abr6viation en 

fran9ais (8.6.21.) 123 

Gerhard Rohlfs, Eugen Lerch, Einführung in das Altfranzösische 

(10. I. 22.) 126 

Enrico Quaresima, Dr. Carlo Battisti, Zur Sulzberger Mundart (15. 3. 12.) 242 
R. Riegler, Leo Spitzer, Über einige Wörter der Liebessprache 

(26. 10, 20.) 246 

Wolfgang Wurzbach, Dr. Rudolf Grofsmann, Spanien und das elisa- 

bethanische Drama (10. 5. 21.) 252 



Seite 

A. WiHLFAHRT, A. Bassermann, Dante, Göttliche Komödie III. (lO. 3. 21.) 254 
Eva Seifert, Erich Auerbach, Zur Technik der Friihrenaissancenovelle 

in Italien und Frankreich (23. 12.21.) 255 

W. Meyer-Lübke, Zu Zs. 41, 694 und 42, 103 256 

W. V. Wartburg, W. Meyer-Lübke, Einführung in das Studium der 

romanischen Sprachwissenschaft (15. 7. 21.) 371 

— Regesten von Vorarlberg und Liechtenstein bis zum Jahre 1260 

(15.7-21.) 377 

C. Appel, Oskar Schultz-Gora, Provenzalische Studien, II (27.8.21.) . 378 
W. V. Wartburg, Meyer-Lübke, W., Historische Grammatik der franzö- 
sischen Sprache. 2. Teil. Wortbildungslehre (7. 6. 22.) . . 504 

— Haust, Jean, Le dialecte lidgeois au XVII« si^cle (7. 6. 22.) . . 509 
Gerhard Rohlfs, Leo Spitzer, Aufsätze zur romanischen Syntax und 

Stilistik (20.4.22.) 509 

— Giacomo Melillo, II dialetto di Volturino (Foggia) (3. 10. 22.) . 633 

— Victor Klemperer, Einführung in das Mittelfranzösische (10. 2. 22.) 635 
Elise Richter, A. Chr. Thorn, Les Proverbes de bon enseignement de 

Nicole de Bozon, publi6s pour la premi^re fois (1.8.22.) , . 636 
H. Breuer, Archiv für das Studium der Neueren Sprachen und Literaturen 

(27.6.22.) 637 

Leo Spitzer, G.-G. Nicholson, Recherches philologiques romanes . . 741 

A. H., Zeitschriftenschau 742 

— Verzeichnis der bei der Redaktion bis 25. Dezember 1922 ein- 

gelaufenen Druckschriften 759 

Berichtigungen. 

E. Gamillscheg, Erklärung 256 

Notiz 256 

E. Lerch, Zu Zs. XLII, S. 80—86 und 126 — 129 (28. 7. 22.) .... 383 

E. Gamillscheg, Zu Zs. XLII, S. 256 384 

Nachträge und Berichtigungen 766 



Zu Hugo Schuchardts 80. Geburtstag. 

Am 4. Februar feiert Hugo Schuchardt seinen 80. Geburtstag. 
Sein Werk ist eins der reichsten, die die Sprachwissenschaft be- 
sitzt. In ständiger Entwicklung begriffen, immer neue Gebiete 
umfassend, oft in veränderten Kanälen weiterfliefsend, kann es 
erst jetzt als ein Ganzes gesehen werden und ist auch heute, noch 
nicht abgeschlossen. 

Wie der romanischen, gehört es der Sprachwissenschaft im 
weitesten Sinne an. Der Zwanzigjährige, Schüler Diezens und vor 
allem Schleichers und Riischls, schlägt im „Vokalisraus des Vulgär- 
lateins" (1864 — 66) die Brücke von der klassischen zur romanischen 
Philologie und schafft die Grundlage für alle spätere Forschung auf 
diesem Gebiet. Er ist fortab auf Grenzpfaden gewandelt. Den 
rumäno- albanischen und keltischen Studien folgen die kreolischen: 
Bausteine zu einem Werk über die aufsereuropäische Romania, sie 
haben reichstes Material herbeigeschafft, Probleme gestellt und geklärt. 
Zugleich untersucht er die Sprachkreuzungen auf dem Boden der 
österreichisch-ungarischen Monarchie und beschäftigt sich mit dem 
Magyarischen. Seit dem Anfang der neunziger Jahre hat er sich, 
ohne je sein altes Gebiet aufzugeben, immer stärker dem Baskischen 
zugewandt und forschend, kämpfend, herausgebend die Wissenschaft 
von dieser Sprache mitbegründet (vor allem „Baskisch und Romanisch" 
1906 und „Die iberische Deklination" IQ07). Er greift noch weiter 
aus: an seine kaukasischen Studien schliefsen sich — ich ziehe 
nur die Haupüinien — , mit den baskischen zusammenhängend, die 
berberischen und miltelafrikanischen des Siebzigjährigen Fast alle 
sind sie in steter, bald lockerer, bald enger Beziehung zur Romania. 

Schuchardt hat der Sprachwissenschaft Gebiete erobert, er 
hat ihre Methoden umgebildet, ihre Probleme vertieft. Hatte ihn 
im „Vok. d. Vulgärlat." das „Werden der Sprache" beschäftigt, so 
schreitet er nun nach allen Seiten über Diez hinaus. Von der 
gesprochenen Sprache ausgehend, fordert er — zugleich mit 
Ascoli und Mussafia — wissenschaftliche Darstellung der Laute 
und der Mundarten. Er stellt in der „Klassifikation der roma- 
nischen Mundarten" (1870) die Frage nach den Sprachgrenzen 
und leugnet diese Grenzen, da er vorwiegend Übergänge — 
zeitliche Entwicklung, räumliche Abänderung — sieht. Er bekämpft 

Zeiuchr. f. rom. Phil. XHI. , 



2 HERBERT STEINER, 

die mechanistische Einseitigkeit des junggrammatischen Dogmas in 
der berühmten Schrift „Über die Lautgesetze" (1885). Die Be- 
rührungen der romanischen Sprachen mit fremden und die sprach- 
lichen und nationalen Verhältnisse, die er in Österreich kennen 
lernt, führen ihn an das Problem der Sprachmischung heran 
(„Slawo-deutsches und Slawo-italienisches" 1884), Entstehung und 
Struktur der kreolischen Mundarten, die ihm zuerst als Misch- 
sprachen erscheinen, in denen er dann ein primitives Sprach- 
stadium erkennt, an die Idee der Weltsprache („Auf Anlafs des 
Volapüks" 1887, „Weltsprache und Weltsprachen" 1894). Die 
Etymologie, auf Wortbedeutung und Wortmischung gegründet, wird 
zur Individualgeschichte des Wortes („Roman. Etymologieen I. II" 
1897, 1899), diese, von der Sachforschung nicht zu trennen, zur 
Kultur- und Begriffsgeschichte („An Adolf Mussafia" 1905), so 
schliefslich die Bedeutungs- zur Bezeichnungslehre: Das Wörter- 
buch ist identisch mit der Grammatik. Wie früher die An- 
schauungen von Sprachgrenzen und Lautgesetzen, lösen sich ihm 
nun die grammatischen und syntaktischen Kategorien auf („Sprach- 
ursprung" 19 18 — 21, „Possessivisch und passivisch" 1921). 

Die Einheit dieses Werkes wird deutlich an Schuchardts 
Sprachphilosophie. Nicht von der Philosophie, sondern von 
der Sprachwissenschaft ausgehend, ist sie der Kern des Ganzen. 
In den „Vok, d. Vulgärlat." hat er noch manches von Schleicher 
übernommen. In der „Klass. d. rom. Mundarten" ist er ganz selb- 
ständig. Die Sprache ist eine Betätigung, eine Funktion, kein 
Organismus. Damit ist in der Frage der Sprachverwandtschaft 
gegen die Stammbaumtheorie entschieden. Die Abänderung in 
Raum und Zeit ist von Mischung durchsetzt, die allen Wandel 
verursacht. So ist die einzelne Sprache ohne andere Einheitlich- 
keit als die des Gebrauchs. Die menschliche Sprache in ihrer 
Gesamtheit bildet eine Einheit, ein Kontinuum, unendlich ab- 
gestuft, in dem der Begriff' der Entlehnung zurücktritt vor dem 
der elementaren Verwandtschaft. Aus der Entwicklung läfst sich 
die Entstehung erschliefsen. Hier ergibt sich die Priorität des 
Verbalbegriffs und des eingliedrigen Satzes. Es gibt nur eine, 
allgemeine Sprachwissenschaft. Die Sprache steht in Zusammen- 
hang und Wechselwirkung mit allem Erleben der Menschheit. 

Schuchardt hat, im Gefühl von der Einheit der Wissenschaft, 
„das Hineintragen naturwissenschaftlicher Anschauungen und Ver- 
fahrungsweisen in die Sprachwissenschaft" bekämpft. Sein Blick 
für das Lebendige und Vielfältige, im Goetheschen Sinne Organisch- 
Abgestufte und sich Entwickelnde, für das Sich -Kreuzen der Ur- 
sachen, Erscheinungen, Probleme, sein Ablehnen willkürlicher und 
dogmatischer Erklärung haben ihn nicht ins Relativistische geführt, 
sondern zu einer umfassenden Anschauung des sprachlichen Ge- 
schehens und zu einer tiefsinnigen Auffassung der Sprachmischung. 
Er hat sie in den Arbeiten über eines halben Jahrhunderts dar- 



zu HUGO SCHUCK ARDTS 8o. GEBURTSTAG. 3 

gestellt, bis zu den jüngsten, zusammenfassenden, glottogonischen 
Schriften („Sprachverwandtschaft" 19 17, „Sprachursprung"). 

Schuchardt will erkennen und wirken. Er will die Schäden 
und Unklarheiten in der Sprache beseitigen. Als Sprach- 
politiker untersucht er an Beispielen aus dem alten Österreich- 
Ungarn und an weltsprachlichen Bestrebungen, inwieweit die 
Sprache, die die Nationen trennt, zu ihrer Verständigung dienen 
könnte. Er hat über dem Recht der Nationen nie das der 
Menschheit vergessen. 

Seine Schriften, inhaltlich so vielgestaltig, reichen von der 
eindringendsten Untersuchung bis zur freiesten Überschau. Sie 
umfassen die monumentale Kompilation, den Essay („Romanisches 
und Keltisches" 1886), die Miszelle, die breitausladende Festschrift 
(für Witte „Ritornell- und Terzine" 1874), Miklosich, Mussafia), die 
Rezension, inner- und aufserhalb dieser die Polemik, in der 
sich sein Werk immer mehr entfaltet hat (gegen Paul für die 
seelische Bedingtheit des Lautwandels, gegen Thomas für die 
begriflfliche der Wortgeschichte, gegen Vinson in der Frage 
der baskischen Verba, gegen Meillet in der der Sprachverwandt- 
schaft). Ihr Reiz ist, dafs sie voll von Leben, vibrierend, leiden- 
schaftlich, zugleich von rittedicher Gerechtigkeit und innerem Mafs 
sind. Ganz unabhängig und unschematisch, oft kurz und kon- 
zentriert, sind sie andeutend und Richtung weisend, nicht lehrhaft 
und systematisch. Dem Blick fürs Komplexe entspricht die Dicht- 
heit ihres Gewebes. Erörterungen schlingen sich durch Reihen 
von kritischen, polemischen, darstellenden Arbeiten. Scheinbar 
unübersichtlich, kreist dieses Werk um die zentralen Fragen der 
Sprachwissenschaft und mufs in seinen Zusammenhängen, als 
Ganzes gesehen werden.! 

Durchaus persönlich, wie die Anlage der Schriften, ist ihr 
Stil. Er ist anmutig und kräftig, von reinem Kontur, eigenem 
Tempo und eigener Bildhaftigkeit. 

Das in Schuchardts Arbeiten gesammelte Wissen ist ein 
ungeheueres; aber das Methodische, die Frage nach den Kriterien, 
die Lösung transzendenter Probleme steht ihm zuhöchst. Er hat 
immer nach dem Schwierigsten gegriffen, ist immer weiter- 
geschritten. Kaum ein Anderer ist so weit und tief gedrungen. 
Sein Weg führt auf Grenzkäramen, zu hohen Warten, Ausblicke 
gewährend, den Andern oft fern. Von da aus sieht er Zusammen- 
hänge, Einheit und in ihr dauernde Veränderung. So steht er 
am Anfang eines Jahrhunderts, wie Wilhelm von Humboldt an 
dem des vorigen und der Sprachwissenschaft. 



1 So im „Schuchardt -Brevier", zusammengestellt und eingeleitet von 
Leo Spitzer (Halle 1922) — Festgabe und Erfüllung eines romanistischen 
Desideratums — , und in des Unterzeichneten noch nicht ganz abgeschlossener 
Darstellung von Schuchardts Sprachphilosophie. 



4 HERBERT STEINER, ZU HUGO SCHUCK ARDTS 8o. GEBURTSTAG. 

Einsam arbeitend, weit voraus, hat er Anregungen für Jahr- 
zehnte gegeben. Seine Weltgeltung steht längst fest, aber erst seit 
den neueren Schweizer Romanisten hat die Forschung seine Ge- 
danken erkannt und in steigendem Mafse aufgegriffen. Hier beginnt 
die eigentliche Wirkung seines Werks. 

Indes der Meister mit der inneren Frische, die wir be- 
wundern, schafft, keinem Neuen verschlossen, das Antlitz dem 
Leben zugewandt, grüfst ihn diese Zeitschrift, die, von ihrem 
ersten Jahrgang bis zu dem Aufsatz über „Ecke, Winkel", den 
kein Anderer so hätte schreiben können, in fast jedem ihrer 
Bände seinen Namen aufweist. Wir Alle grüfsen ihn dankbar, in 
Verehrung, mit frommem Wunsch. 

Herbert Steiner. 



Aus Anlafs von Q-amillscheg's „Französischen Etymologien". 

(Zeitschr. für roman. Phil. 40, 129 ff. und 5i3ff.; 41, 503 ff. und 631 ff.) 

I. Frz. der^aud jkastr'iQTt', hertauder, dre7auder , verschneiden' 

leitet Gamillscheg Ztschr. 19 19 S. 146 aus Histositare ab mit Be- 
rufung auf revisitare >> afrz. revisder > nfrz. revider. Allerdings 
müfste eher *hirtouder entstehen wie Sponsore >> epouser. Ferner 
wird, wie dies auch Suchier Z/xr>^r. 18, 189 denkt, (^ifr/a«--/ »kastriert' 
von ^i'r/t;«^/ jübernoütig', rö/ ^^/-/j^/ü^ .Zaunkönig' isoliert. Tatsächlich 
scheint nun der Kastrat das Gegenteil des verwegenen Helden. 
Aber es gibt einen Mittelbegriff, der beide einigt: die allgemein 
pejorative Vorstellung: .verrückter Kerl' > .Dummkopf'. Vgl. dtsch. 
tollkühn, afrz.yö/ von Helden. Der Verwegene ist ja auch stets 
.dumm', vom „gesunden", ungenialischen Menschenverstände aus 
betrachtet. Das Ital., das die Wendung hat ho fame piü di Berioldo 
in Francia (Panzini). die offenkundig an den alten Sachsenführer des 
afrz. Epos (Suchier a. a. O.) anknüpft, zeigt ebenfalls daneben eine 
andere Entwicklung: Wir brauchen blofs den Artikel über kors. hertolli 
jfagiuoli' in Salvioni's Note di dialettologica corsa S. 732 zu kopieren:. 
„Si ragguaglia si a un hertöldi (da Bertoldo) ... 11 np. significo 
dapprima .coglione, minchione', e cosi e ancora, p. es., a Genova 
(betör da •< *Bert-). Dalla accezione morale di .coglione' si passo 
alla fisica, a quella cioe di .testicolo'. e quindi, rifacendosi a rovescio 
'a via di ,fagiuolo' (che, come ognun sa, s'adopera anche per 
Itesticolo'), a quella di .fagiuolo'. Ciö avviene non solo in Corsica, 
ma anche neue alpi lombarde (cf. il verzasch. bertöld fagiuoli)." i 
Also Berthold , Dummkopf >> .Kastrat' wie umgekehrt coglione. 
Das comask. bertoldä, das REW 8779 als dem Frz. entlehnt erscheint, 
kann demnach ebenso autochthon sein wie das frz. bertaud, nur dafs 
natürlich die Literatur, in der Berthold eine Rolle spielte, von 
Frankreich kam. Ital. bertoldare ,cimare il panno', seit 1550 belegt, 



1 Hierher kat. hrdtol .Lümmel' nicht zu hrittus Neuphil. Mitt. '13, 160; 
'14, 21), tras-os-mont. bertoldo .palerma', alemtejo. bretoldo .hörnern baixo e 
gordo'. — Hierher wohl mail. bertoldinna .schiacciata di farina gialla, burro ecc.'. 
Wenn ein Kriegsgefangener in Österreich nach Hause schrieb : [sendet mir 
Pakete] altrimenti bertoldä, könnte man an eine Spezialisierung von pflsticci 
.Unannehmlichkeiten' zu beriold-in-a oder an die mail. Redensart consola 
bertoeu .mangiare. pacchiare' denken. — finirb come Ugolino di Francia 
(Verf., Umschreib, d. Begr. ^Hunger'' S. 161) kann aufser der Absicht der 
Mystifikation auch eine Kontamination zweier Sagenmotive enthalten: Ugolino 
di Pisa 4- Bertoldo in Francia. 



6 LEO SPITZER, 

leitet Fanfani s. v. htrloldo wohl mit Unrecht von der schweizerischen 
Sladt Burgdorf (Berthoud) ab, weil die dort gewebten Stoffe in 
Florenz die „cimalura" erhielten. Denn im selben Sinn gebraucht 
das Frz. Shet leauder, was doch ,ent-berthoud-ieren* heifsen müfste. 
Ferner müfste man doch nach Fanfani's Darstellung eher ein *firen- 
zare ,in Florenz beenden' erwarten. Dies ital. beitoldare ist wohl 
das alte Wort in der Bedeutung , scheren' auf Tuche übertragen. 
Bertaud , kastriert' ist die Veranlassung, warum hegaiid, coupaiid, 
courtaud {ita.\. cor/u/do) , cocuaut , inonaut (nach Sain6an Bhf. 1,93), 
die alle in dieselbe Gruppe der capitis et . . . diminuti gehören, das 
Suffix -aud bekamen. So kommen wir zu einem der Ahnen des 
-(7«fl'-Suffixes im Frz., das bei Meyer -Lübke, Hist. Gramm, d. frz. 
Spr. 2, § 175 besprochen wird: weitere Vorbilder sind Renaud 
(de Montauban), Hcrnaut (le Roux), vgl. afrz. arnauder ,chercher 
noise' (Schultz-Gora, Zfschr. 18, 131), das in Westfrankreich sich 
gehalten hat (Sainean, Le lang, parisien du XIX' siede S. 95) und 
guinaud ^= Winald (7?Ä'JF 9544a und Arch. 136, 163) für den Fuchs, 
womit die Parallele zu renard, couard mit Suffix -ard genau hergestellt 
ist: An guinaud , listig' hätte sich finaud , pfiffig', anderseits pataud 
als Name des Hundes [Patou bei Rostand), clabaud ebenfalls für 
den Hund, maraud der Kater (vgl. noch REW s. v. a-ti)., weiter 
cocuaut ( Wörter der Liebesspr. S. 72), lourdaud als Gegensatz zu 
finaud angeschlossen. Ähnlich venez. simpioldo nach Bertoldo und 
genau parallel die Entwicklung des -rt'r^- Suffixes nach Namen auf 
-hart (vgl. Bruch Z/jfÄr. 38, 681 f.). Der roi petaud »Zaunkönig' 
richtet sich natürlich nach roi bertaud. 

Das erwähnte frz. monaiit ,einohrig' zu monna ,Affe' kann 
uns Aufschlufs geben über ital. bertone , Pferd mit gestutzten 
Ohren' neben bertuccia ,Aflfe', wenn nicht angesichts südhz. breioun 
,tondu en rond', zentralfrz. bret , verschnitten' Cherubini's Deutung 
s. V. bertond die richtige ist: „che questa voce provvenga da bre- 
ionare, cioe dall'uso introdottosi in Italia di rader la barba ad 
imitazione de'Bretoni, di cui il papa Gregorio XI mando in Italia 
un esercito." Doch spricht bertone , Geliebter, Zuhälter', furb. berta 
, Tasche', für ein obszönes berta"^ ,cunnus*, woraus bertone , Weiber- 
knecht, verschnitten*. 

2. Frz. caülette und petrel , Sturmvoger. 

Gamillscheg ist hier — wie bei bernard-f hermite , vgl. Zfschr. 
40, 139 und 695 — wenig geneigt, an den Vergleich mit dem Heiligen 
[petrel, vom heiligen Peter) zu glauben. Allerdings ist seine Äufserung 
„Der Sturmvogel ist angeblich ein Meeresvogel, der beim Fluge über 
das Wasser die Oberfläche zu berühren scheint" vom naturgeschicht- 
lichen Standpunkt zu skeptisch, da der Vogel ja auch in der ge- 
lehrten Literatur Thalassidroma und Hydrobotcs heifst: „sie wiegen 
sich mit etwas horizontal- oder hochgehaltenen Flügeln so dicht über 
die Wasserfläche, dafs sie diese mit den Füfsen laufend berühren" 
(Friderich, Natur gesih. d. dtich. Vögel S. 780). Das scheint nun ganz 



GAMILLSCHEG's „französische ETYMOLOGIEN". 7 

schön zu den Worten des Ev. Matth. 14, 2g („Und Petras trat aus 
dem Schiff und ging auf dem Wasser, dafs er zu Jesu käme") zu 
passen. Garaillscheg fafst caillette als Rückbildung aus älterem *caillouiel 
und petrel als Latinisierung des *cailloutel (zu lat. petra , Stein'). 
Eine Identität von caillette , Sturmvogel' mit caille ,Wachtel' weist 
Verf. ab, „da ein caillette .kleine Wachtel' unmöglich den unter 
ganz anderen Bedingungen lebenden Sturmvogel bezeichnen konnte." 
Aber die Benennung eines Tieres nach einem anderen schreitet 
wie in der Pädagogik vom Bekannteren zum Unbekannteren fort und 
kehrt sich nicht an die Verschiedenheit der Lebensbedingungen: nach 
dem Rind bos werden z. B. Schnecken benannt. Die Petersschwalbe 
heifst im Englischen Storm-finch (1748), Mother Carey's Chicken 
(1768), auch Mother Carey's gooie. Um eine so in die Augen 
springende sprachliche Ähnlichkeit wie caille .Wachtel' — caillette 
.Petersvogel' abzuweisen, müfste erst der Nachweis erbracht werden, 
dafs eine sachliche Ähnlichkeit nicht vorliegt. Eine solche besteht 
aber: die Wachtel ist gepfleckt und eine Abart der Sturmschwalbe 
heifst ja damier .Damenbrett' oder petrel tachete. 

Ferner: Frz. caillette heifst vielleicht auch .Schwätzerin' nach dem 
schnarrenden Ruf der Wachtel (Riegler, Das Tier im Spiegel der Sprache 
S. 179), den Friderich (Die Vögel) mit wachverwackl oder ivückwer- 
wück\ wiedergibt. Der letztere sagt von der Sturmschwalbe, diesem 
„kleinsten aller Schwimmvögel" : „Seine Stimme, welche man namentlich 
abends und in den Nächten, sonst selten, hört, klingt: ,wib wib ua 
ua', während der Begattungszeit wie .kekerek=i', das i 
laut, die ersten Silben leise ausgestofsen." Ähnlich Buffon: 
„il fönt entendre du fond de ces trous leur voix d^sagreable, que 
Ton prendroit le plus souvent pour le croassement d'un reptile." 
Für mich bedeutet das caillette , Sturmschwalbe' urspr. .Schwätzerin', 
und auf den plötzlich hervorgestofsenen /-Laut weist vielleicht auch 
die Benennung petrel. Man kann darin weder den hl. Petrus (die 
deutsche Bezeichnung Petersvogel ist falsche Lehnübersetzung) noch 
auch petra sehen, da wir ja dann *p(i)errel und nicht petrel (das 
auch eine ungenaue Latinisierung von ^cailloutel wäre) hätten, 
sondern ein *pet(e)rel zm päer (=peditare), vgl. zentralfrz. canepetrelle, 
cantpetrasse und petras , schriftfrz. canepetilre ,Trappe', von Rolland 
Faune pop. 2, 344 erklärt: „Cet oiseau . . . fait entendre au moment 
des amours une sorte de crepitement sorti du gosier". ?,\\6.lrz. petardie 
, Ammer' („oiseau. dont on traduit le chant par tri-tri-tri-trii'''- 
Mistral). Die Form pitarel, petarello bedeutet im Südfrz. allerlei 
Geräusche, {xz. petreau ,in der Gärtnerei: Wurzelsprofs' zeigt auch 
r -Ableitung von peter. Petrel ist Rückbildung zum Fem. peterelle. 
Die Stelle aus Buffon, die Littre zitiert, zeigt, dafs dieser Natur- 
forscher, der Verteidiger der Etymologie Peter, eine offenbar zu 
seiner Zeit bestehende dreisilbige Nebenform zugunsten der geläufigen 
Etymologie ausmerzen will: „Je pense qu'il faut ecrire pitrels et 
non pas pitirels, d'autant qu'il est dit en deux endroits diff^rents 
qi:e pitrel vient de Peter (Pierre) qui se prononce petre}^ Diese 



8 LEO SPITZER, 

Form pitird ist das beste Argument gegen alle Petrus- und petra- 
Etymologien. Die beiden Etymologien Petrus und petra sind schon 
für mehrere Vogelnamen gegeben worden, so schreibt Chambure 
s. V. pärd'. „En Norm, le rossignol de murailles est appel6 ,p6tro* 
parce qu'il habite au milieu des pierres. C'est dans le sens fig. 
que le merae surnom de ,p6tron' s'applique en Belgique (Mons) 
aux petits cultivateurs. Le simple ,petre' s'est raaintenu dans le 
patois normand avec le sens de lourdaud. ... La forma petrar = 
moineau (de petratius) usitee dans l'Orl^annais et mentionn^e par 
Ch. Nisard dans ses Curiosites de Vetymol. fr. — p. 145 — repond 
ä Pierrot . . .". Das norm. pHre, das ixz. pHras ,homme lourd et 
born6' (Littr6), gehören aber zu nfrz./>/^/rd'=:pedestris (REW6346). 
Der petrar, petro, p'trac ist der Feldsperling (ixz. friquet), der eine 
„abgebrochene" Lockstimme („tettettettettet" nach Friderich) besitzt. 
Es kann aber auch bei allen diesen Vögeln wie beim Zaunkönig 
(frz. roi pitaud REW 6358) von der Kleinheit ausgegangen werden, 
vgl. Sain^an Ztschr. 31, 270: ,Hosensch . . .' > .Knirps' > , kleiner 
Vogel'. Auch {nrpäre/, den kleinsten aller Schwimmvögel (s. o.), kommt 
diese Möglichkeit in Betracht. Endlich wäre noch zu erwähnen, 
dafs alle Naturforscher, von Buffon bis Friderich, die EigentümUch- 
keit des Petersvogels erwähnen, seinen Verfolgern den stinkenden 
Tran seines Mageninhalts entgegenzuspeien, was manchen Forschern 
das Leben gekostet haben soll. Auch so liefs sich das pcter 
rechtfertigen (obwohl die Tranmasse aus dem Schnabel kommt), 
doch ist wohl am ehesten von Stimme oder Körperkleinheit 
auszugehen. 

Nun mufs ich aber noch eines Umstandes gedenken, der die 
ganzen etymologischen Spekulationen auf Grund frz. Sprachmaterials 
unmöglich machen kann: Die mit pcterel sich deckende englische 
Form pitteral ist älter als die frz. Formen. Das von Romanisten 
zu wenig konsultierte Neiv Engl. Dict. schreibt darüber s. v. petrel: 
„Occurs in 1676 as pitteral, in 1703 speit petrel by Dampier [dieser 
Beleg lautet: „As they fly . . . they päd the Water alternately with 
their Feet, as if they walkt upon it; tho'still upon the Wing. And 
from hence the Seman gave them the name of Petrels, in allusion 
to St. Peters' Walking upon the Lake of Gennesareth"]. If this 
was so, petrel may have been a formation analogous to cockerel, 
dotieret, hoggerel, pickerei, or might represent a Latin dimin. of 
Petrus (e. g. Petrillus, Petrellus). The name appears first in Engl., 
it occurs in Fr. [pitrel) as a form of Ornithology in Brisson 1760 
[somit ist ein früherer Beleg als der im Dict. g^n. aus Buffon 
gegeben]; to Buffon 1782 it was app. an Eng. word requiring 
explanation [bezieht sich wohl nicht auf die oben erwähnte Brief- 
stelle, die ich nicht in ihrem Zusammenhang nachprüfen kann, 
sondern auf eine Äufserung wie Histoire naturelle des oiseanx XXVI, 
Ausg.: Paris An XIII, S. 254: „il [le nom pitrel'\ est forme de 
peter, pierre, ou de petrill, pierrot, ou petit pierre, que les matelots 
anglais ont imposes a ces oiseaux, en les voyant courir sur 



GAMILLSCHEG'S „französische ETYMOLOGIEN". Q 

l'eau comme l'apotre Saint-Pierre y marchoit]. The Norwegian 
Soren Peders and Peders fugl (Brunnich 1764) and Ger. Petersvogel 
are also later than the Eng. and app. suggested by it; they support 
Dampier's explanation (But it is of course possible that the word 
has some other source, represented by pitter al, and that the asso- 
ciation with Peter was due to populär etymology)." Letztere ist 
ja ebenso Gamillschegs wie meine Ansicht, nur führt die älteste 
engl. Yoxm pttteral — falls nicht aus englischen Mitteln zu erklären 1 — 
auf ein iiz. peterel, nicht auf *petralts. Buffons Worte sind offenbar 
blofs die Wiedergabe des Engländers Damier, auf den die „hagio- 
graphische Etymologie" zurückgeht. Die Parallele des NED mit 
doggerei etc. stimmt offenbar nicht, da ja hier an Peter ein -<?/ gefügt 
würde (dagegen dogg-eret). Ein frz. pitirel von Petrus liefse sich 
nur als Lehnwort aus dem Englischen rechtfertigen, in dem Petrus, 
Peter heifst. Wir Romanisten können uns also, so lange wir keine 
älteren frz. Belege besitzen, damit begnügen, die Etymologie auf 
unsere anglistischen Kollegen abzuwälzen. Sicherlich ist aber pärel 
nicht axxi petra zurückzuführen. 2 

3. Blais. calibourde , Stelze' 

stellt Gamillscheg Zischr. 40, 167 zu hourde , Holzstab' -f- Präfix cali-. 
Ich möchte das Wort in Zusammenhang mit einer gröfseren Wort- 
sippe bringen. Man wird vielleicht zuerst erstaunt sein, dafs ich 
an frz. calemhour , Kalauer' denke. Dieses Wort soll ja auf den 
Pfaffen Kahlenberg zurückgehen (Littr6), Es ist aber sehr zu be- 
zweifeln, dafs dieser deutsche Schwankautor einen derartigen Ein- 
druck auf die Franzosen gemacht hat. Aufserdem würde das Wort 
von calemhredaine ,bourde, vains propos' losgelöst. Weitere haltlose 
Vermutungen stehen bei Klöpper, Reallexikon. Chambure sagt uns 
s. V. calibourdaine: „La ,calibourdaine* a ete chez nous, ce semble, 
une danse un peu echevelde du bon vieux temps. Une anc. chanson 
disait : 

Pour danser la Calibourdaine 

Faut avoir le pied d6gag6. . . ." 

Auch das sav. hattre la calemhour daine ,d6raisonner' (Const.-Desorm. 
s. V. calabre), das mit frz. battre la campagne gleichgebaut und mit genf. 
calemhourdaine ,calembredaine' gleichlautend ist, könnte an den Tanz 



^ Es ergäbe sich allenfalls nach Fällen wie doggerei etc. eine Ableitung 
von pit .Loch' (= 2igs. pytt, das sein y in Dialekten zu e wandelt, dlsch. 
Pfütze), die man mit der Wohnweise der Sturmschwalbe zusammenbringen 
könnte (vgl. Buffon, Friderich a. a. O.). Oder aber Peter -f- -o^? 

"^ In sachlicher Beziehung ist wohl gegen G.'s. Etymologie nichts ein- 
zuwenden : die Tiere nisten tatsächlich in Steinlöchetn, vgl. G.Sand in dem 
auf der Insel Bourbon spielenden Roman Indiana Kap. 24: „Les seuls hotes 
de ces solitudes ^taient les goelands, les petrels, les foulques et les hirondelles 
de raer, Sans cesse, dans le goufFre, on voyait descendre ou monter, planer 
ou tournoyer ces oiseaux aquatiques, qui avaient choisi, pour dtablir leur 
sauvage corv6e, les trous et les fentes de ces parois inaccessibles." Allerdings, 
ob sie zwischen Kieseln nisten ? 



lO LEO SPITZER, 

anknüpfen, Hieher gehört das iquilbourdie in der Muse Normande von 
1658, das Herzog, Nettfrz. Dialekttexte, Glossar mit , Grille, schlechte 
Laune' übersetzt. In etwas anderer Richtung weist weiter pik. ca(laim)- 
herdaine ,cotillon avec corset qui enlace la herdaine (ventre)' (Corblet), 
hieher vielleicht zentralfrz. calihandiau ,jupon de dessous' (Jaubert). 
Noch „intimer" wird es, wenn wir bei Dottin ein b.-maine. cali- 
herdäs jl'entrecuisse' lesen, was wieder das zweimalige callihistris 
bei Rabelais erklärt {les callihistris des /emmes de ce pays sont ä 
meilleur marche que les pierres ; le paiivre frater . . . monstrant son 
callibistris ä tout le monde), ,parties naturelles de rhomme et de la 
femrae' (Moland, der noch an die macaronische Bildung Callibi- 
stratorium caffardiae erinnert). Wir haben also bisher den Weg 
1. , Wortspiel', 2. , leere Worte', 3. , lockerer Tanz', 4. , Unter- 
rock', 5. , Schamteile' zurückgelegt, wobei 5. auch an 2. an- 
knüpfen könnte. Überhaupt mufs die genaue Art des Übergangs 
von 2. bis 4. noch gefunden werden. 1 Als Grundform können wir 
ein calbour(d)- betrachten. Was ist nun dieses? Die Verschieden- 
heit der aufgezählten Bedeutungen scheint für bourde, bredaine, hre- 
douiller zu sprechen, die vorgeschlagen worden sind oder vor- 
geschlagen werden könnten, wenn diese natürlich auch blofs volks- 
etymologisch eingewirkt haben können. Entsprechend dem Grund- 
satz, dafs die sinnlichste Bedeutung die ursprünglichste ist, mufs 
man von calbour(d) ,entrecuisse' ausgehen. Nun definieren Verrier- 
Onillon califourchette ,1a jonction des cuisses et du buste, la r^gion 
perineale. Syn. de Veset^ (letzteres wird mit ,bas ventre' glossiert), 
also ziemlich gleichbedeutend mit b.-maine. caliberdäs. Jetzt fügt 
sich hlais. calibourde , Stelze' bestens ein: wir kommen also zu d 
califourchon ,mit auseinandergespreizten Beinen' (gehen, reiten), als 
dessen zweiter Bestandteil stets /cur che , Gabel' angesehen wird. 
Die älteste Form (12. Jh.) ist a cale/orchies. Dies gehört nun zweifel- 
los zu carrefour ,Treffpunkt verschiedener Strafsen ', indem die aus- 
einanderstehenden Beine mit 2 [oder, wenn der Rumpf hinzu- 
genommen wird: 3, oder wenn man die Arme hinzunimmt, sogar 4]^ 
Strafsen verglichen wurde) ; zwar scheint im Afrz. noch der Be- 
standteil qtiadri- gefühlt worden zu sein, da in den Belegen bei 



* Zu 3. !>• 4. vgl. etwa la danse de la carmagnole neben carmagnole 
, Sorte de veste'. Oder ,Tanz' , Wortspiel' aus , Unterhaltung' und dies wie 
ital. trebbio ,trastullo, brigata' und frz. guadruvzum-Reüex.e mit der Bdtg. 
jbavardage, cancan, assemblee' bei Jud, Rom. 1922, S. 21. 

2 Schucbardt unterscheidet Ztschr. 33, 473 zwischen dem Gabelweg (Y), 
der durch , Zweiweg' oder , Dreiweg', und dem Kreuzweg (X), der durch , Drei- 
weg' oder , Vierweg' ausgedrückt wird: beim menschlichen Körper ist jenes 
4=3, das Schuchardt aus dem Sprachlichen abliest („auf dem Platze del 
Trebbio zu Florenz münden vier oder fünf Strafsen"), auch sachlich vorhanden, 
indem man aufser den 4 Extremitäten auch zusammenfassen kann : Rumpf -Y 
Arme als i und die Beine als 2. Im übrigen haben wir die Übertragung der 
Vorstellung der Gabelung auf den menschlichen Körper in kat. fer Varbre 
forc, v[\ixz. faire le chesne fourchu (bei Rabelais) .einen Purzelbaum schlagen', 
allerdings über das Zwischenglied des gegabelten Baumes, ferner in Dante's 
inforcare gli arciuni ,stare a ravallo' (Scartazzini). 



GAMILLSCHEG'S „FRANZÖSISCHE ETYMOLOGIEN". II 

Godefroy noch mehrmals von vier auseinandergehenden Wegen ge- 
sprochen wird (bei Gilli6ron, Table lesen wir dagegen: carrefour de 
trois rou/es), aber gerade durch die Dissimilation r-r > l-r wurde 
der erste Bestandteil unkenntlich.' Die Berechtigung zur Identifi- 
kation von carrefour und ä califotirchon leite ich aus der Angabe 
Verrier-Onillons ab s. v. carrefour: ,1a region p6rin6ale. On dit 
aussi: le carrefour Brilon. Syn. de Califourche, Califourchclte', ferner 
ebenda egalfurcher ,die Beine auseinandertun'. Das Brilon, das wie 
ein Name aussieht, gehört offenbar zu briter, bruiler , faire du bruit' 
und ist scherzhaft in Reim zu calfourchon als unanständige Be- 
merkung hinzugefügt. Durch die Dreiheit califourch fourch 

x^T^x. cafourc {^*confurcum, REW 2\\2) war die Möglichkeit ge- 
geben, ein ca(li)-Yi?&yi abzugliedern. Ähnlich wird wohl caliborgne 
, kurzsichtig, schielend* = caluc + borgne oder lorgne sein (wenn 
dieses nicht selbst aus calorgne gewonnen ist, da die Einreihung 
von \\.. lorniotie unter hernia REW i^ib nicht überzeugt): durch 
das Nebeneinander von califourch cafourch- — fourch- und cali- 
borgne — caborgne — borgne konnte es zu ca(li)- kommen, wozu 
nun noch caverna, caput [cabosser — bosser; cafougner — fougner; 
cahuie — hutte usw.), wall, co- > ca- und die andern von Feller, 
Notes de phil. ivall. 22"^^. angeführten Typen kommen. Die Viel- 
fältigkeit der Form des Pseudopräfixes, das ein Konvergenzprodukt 
verschiedener falscher Abstraktionen darstellt, 2 erklärt sich nicht nur 
aus der Zahl der zusammentreffenden Einflüsse, sondern aus dem 
spielerisch-spöttischen Charakter aller dieser Bildungen, die vor- 
wiegend eine abnorme Körperhaltung oder -gestaltung bezeichnen. 
Der Kalauer oder calembourg^ ist heute nur die Verwendung 
der Wörter der Sprache mit besonderer Berücksichtigung der klang- 
lichen Assoziation: Homonyme oder verschiedene Bedeutungen 



* Jonain scheint schon an Ähnliches gedacht zu haben, da er statt cailli- 
fourchon quaillifourchon geschrieben wissen will : „de quatre, comme carre- 
four". Darmesteter, Mots composesS. 131 schreibt: ,,Ä ce compos6 califoiirchons 
se rattache cafourche, qui se dit dans loute la Saintonge au sens de carrefour", 
was ihn aul das Richtige hätte bringen können — während er in cal(i)four- 
chons nur sein Präfix cal(i)- erblickte. — Wenn im Mittelalter die Delinquenten 
gevierteilt wurden, so ist das Bild des Treffpunktes von vier Strafsen in 
schaurige Wirklichkeit umgesetzt. 

2 Schuchardt, Ztschr, 28, 613 f. hat sich gegen die Annahme eines pejora- 
tiven oder admirativen ca- erklärt und will mit blofsen Kontaminationen aus- 
kommen: califour chon erklärt er aus cahallus -\- furca , was wohl angesichts 
des Fehlens einer Form vom Typus *caialforc aufzugeben ist. Auch würde 
ich nach den überzeugenden Erörterungen Fellers auch die Entwicklung con- 
> ca- zu den Kontaminationen hinznnthmen. Und warum sollte der Wort- 
anfang ca- nicht wuchern (wobei ich „Wortanfang" nach „Wortausgang" bei 
Meyer-Lübke, Bist. Gr. d.frz. Spr. 2, §10 gegenüber „Suffix" bilde)? Wir 
haben ja auch durch Konvergenz verschiedener Typen entstandene Suffixe wie 
frz. -asse. 

' Ich hatte stets die Empfindung, dtsch. Kalauer müsse eine Übersetzung 
oder Verballhornung von calembour sein: aber damit ist es nichts, wie ein 
Blick in Ladendorfs Ilistor. Schlagwörterbuch zeigt: Calauer gehört tatsächlich 
zur Stadt Calau , woher ein Redakteur des Kladderadatsch um die Mille des 
19. Jbs. seine witzigen Berichte zu datieren pflegte. 



12 



LEO SPITZER, 



eines Worts sollen gleichzeitig anklingen. Im Ganzen also eine 
ziemlich niedere Form des Wortspiels, wie Paulhan in seinem ge- 
dankenreichen Artikel in der Revue des deux mondes vom 15. Aug. 
1897 „Psychologie du calembour" sagt: „Comme tous les procedes 
61ementaires de l'esprit, l'association des mots par assonance n'a 
rien de tres 61evd au point de vue psychique. Lors qu'elle domine, 
eile caracterise une forme införieure de l'intelligence. II n'y a pas 
en effet de raison pour que les mots appel^s par la logique k se 
r6unir se ressemblent tres souvent par le son ; et il semble bien 
que, d'une maniere g6n6rale, la fr6quence des associations de mots 
par ressemblance indique plutot, par elle-meme, une sorte de d^faut 
de l'esprit, une legere infirmite qu'il faut surveiller et qui tend ä 
diminuer, dans la vie des races comme dans Celles des individus, 
ä mesure que l'esprit se forme, comme eile tend ä augmenter lors- 
qu'il se dissout". Nun, die „niedere" Etymologie des Worts ent- 
spricht vollkommen der niederen geistigen Potenz, die sich im 
calembour ausspricht. 

Wenn man Paulhan's Bemerkung S. 873 liest von dem dem 
calembour und dem Wortspiel gemeinsamen Vorgang („. . . consiste 
essentiellement ä 6veiller, au moyen d'un mot ou d'une phrase ä 
double entente, deux corteges distincts d'images et d'iddes repre- 
sentes par un son unique auquel ils sont tous deux associ6s"), so 
könnte man calembour , Kalauer' nicht so sehr zu calembredaine als 
direkt zu carrefour, califourchon stellen : der Kalauer bringt ja eine 
Gabelung des Vorstellens mit sich („on est ä cheval sur deux id^es"). 
In der Frankfurter Zeitung vom 5. I. 1922 las ich ein Feuilleton 
über kalauernde „Namensspiele", in dem derlei Fälle „Zweispänner" 
genannt waren. 

Eine ungefähre Tabelle der Bedeutungsentwicklung von quadri- 
furcu im Galloromanischen würde also so aussehen: 



Kreuzweg — ► Gabelweg 




Gabelung der Körpers 



♦Ansammlung, Tanz, Lied 



rittlings Stelze ( ■\- bourde .Holzstab') „Schritt" (+ bedaine) 

(der Punkt, wo die 
Beine auseinandergehen) 



Geschlechtsteile 




Dummheit, Posse 
{-{■ bourde ,Vos%e} 
bedon, bedaine 

Refrain) 



Grille unvernünftig reden 
(+ bredouiller) 



Wortspiel 

t 



GAMILLSCHEG'S „französische ETYMOLOGIEN". I3 

4. Frz. camus, ca^nard , plattnasig*. 

Ein gall. *kommusos ,mit einer Schnauze versehen* (zu *musus 
, Schnauze*), wie G. Ztschr. 90,160 annimmt, ist mit \zX. commimis 
, handgemein', einem Adverb, nicht recht gleichgeartet: nur wenn 
comminus adjektivisch wäre und ,mit einer (grofsen) Hand begabt' 
bedeutete, könnte es als eine Parallele dienen. Ich glaube, Diez, 
dessen creatio ex nihilo wir manchmal nicht genügend würdigen, 
hat hier schon das Richtige, insofern er auf das mit it. camuso 
gleichbedeutende camoscio, ferner auf afrz. camoissie , gequetscht, von 
Verletzungen gefleckt' (3 afrz. Belege), aprov. lo vis cainusat ,von 
Narben gefleckt', hennegau. camousse , pockennarbig', aprov. camois 
, Quetschung' hinwies, (vgl. die zahlreichen alten und neuen Belege 
bei God. s. v. cavioisier) : Diez knüpft an einen kelt. Stamm cam- 
an, mit dem wir nicht viel anfangen können. Man könnte an 
falsche Abtrennung eines *escamusat, *escamoissie denken, das zu 
squama , Schuppe' gehörte: arag. escarnocho , Bienenschwarm', prov. 
escama , ausfasern', nprov. escamoutd ,mit dem Stock dreschen' 
{REW ^200), spa.n. escamazo , Holzsplitter'. Das Suffix -usar wäre 
-uceare (cf. afrz. chapuiser usw.), daher auch sp. escaravmza , Schar- 
mützel' = *squamuceare -j- carylium oder escara , Schar' (Verf. Lexik. 
aus d. Katal. S. 53). Die seltenen chamoussie-Yoxva.&n bei God. 
scheint Foerster im Glossar zu Chretien s. v. quamoissie zu bezweifeln, 
aber die bei God. angeführten modernen -w- Formen beseitigen 
diesen Zweifel ; it. camoscio wäre wohl entlehnt. Castro belegt nun 
Rev. de fil. esp. 1919 S. 338f. noch einiges Hiehergehörige (vgl. 
auch Schuchardt, Bask. u. Rom. S. 54): bask. kaynusiu , abstumpfen' 
(von Geräten), %p^xi. canmesa , eine Art plattgedrückte Birne'*, lauter 
Wortbedeutungen wie , plattnasig, abgestumpft, dumm', die von 
*kommüsos weit abführen und eher wie Entlehnungen aus frz. -eis- {-us-) 
aussehen. Ich füge hinzu, dafs das bask. kamus ,capot, bredouille' 
genau dem kat. tornarse canuis (,revenir bredouille') Dicc. Aguilo ent- 
spricht. Sofern wir nicht an squama denken wollen, so müssen 
wir die bei God. erwähnten afrz. chamois(s)ier ,meurtrir, ecraser', 
pik. camoissie 'couvert de plaies', du pain cavioussi ,moisi' stellen zu 
südfrz. camacha, gamacha , meurtrir, cotir un fruit ; bossuer une piece 
de metal, broyer, piler', ga/nasses ,rejetons qui poussent au pied des 
arbres dans les taillis, plantes rabougries, broussailles ', zentrfrz. ca- 
masse ,bäton termin6 par un renflement, souvent en forme de Crosse ' 
(von Jaubert von camus abgeleitet), camochon, camuchon ,tison* (von 
Jaubert zu camuson, ca?nus gestellt als urspr. ,bois raccourci, lronqu6'), 
camiau ,qui a une grosse tete' {un boeu camiau, Jaubert denkt an 



* Vgl. dtsch. Schafsnase , eine Apfelart. Hier könnte man den Namen 
bei Rabelais Nasdecabre erwähnen, von dem Moland sagt: ,non imagin^ par 
Rabelais et signifiant: nez de chfevre'. Übrigens hat Rabelais diesmal nicht 
erfunden, sondern nur entlehnt: Mistral s.v. nas schreibt ganz richtig s.v. 
nas: „nas de cabro, nez de chfevre, nez camus. Dans le Pantagruel de Rabelais, 
il y a un personnage nommd Nazdecabre^. 



14 LEO SPITZER, 

chameau),^ wozu cdmaud ,penaud, humili^' (vgl. ksii. camiis oben, 
auch südfrz. ca7nos ,penaud'). Das Etymon ist dann vielleicht gr.- 
lat. *kat>iaktti7}i {/iE W /^öby) : it. camaio .Gerte, dünner Knotenstock', 
scamatare , schlagen', dessen Ausdehnung so viel weiter nach Norden 
geschoben wird, womit die Parallele mit der ^aj/- Sippe, die Meyer- 
Lübke W. u. S. I, 38 zieht, noch vollkommener würde. Wir können 
ein *ca?nactiare oder *cai7iaciare (von camax) ansetzen, in das dann 
-uciare eindringt. Das Zentralfrz. läfst uns den Suffixveränderungen 
camasse > cartiochon, camuchoii, camuson noch beiwohnen, cainus (mit 
stimmhaftem s) mag sich unter dem Einflufs der wwzar- Sippe fest- 
gesetzt (jnuzardia ,folie') haben, camard enthält ein gebräuchliches 
Pejorativsuffix. Der c- Anlaut weist auf Entlehnung aus dem Süden, 
wo ja auch die Sippe besonders heimisch ist. Das Nebeneinander 
von 2:^xo\. gainus ,niais' und rawwi' , plattnasig' entspricht dem von 
gatnach neben camach. Aprov. camuzat ,marque de cicatrices', das 
doch zu pik. camoissü pafst, hat denselben stimmhaften j-Laut wie 
gamuzia ,niaiserie'. Bei squama müfsten wir, wie gesagt, von einem 
*escamoissier, *escamussar ausgehen, für das wir auf das dem central- 
frz. camuchon entsprechende südfrz. escamoussoun ,commencement 
d'un peloton, noyau', das fragliche altprov. escamus ,niais' bei Levy, 
Suppl.-Wb., das mit escoumoussd gleichbedeutende südfrz. descamusa 
,6ter las parties proeminentes' hinweisen könnten — dann müfste 
afrz. chüTTioissie umgesetzt sein nach der Proportion cha- = ca-. 
Bei '^camactiare wäre wieder camus Entlehnung aus dem Süden. 
Beide Stammwörter, südfrz. camacha wie südfrz. escamoiissa, bedeuten 
letzten Endes dasselbe: , schlagen, verstümmeln, zerquetschen' u. 
dgl. Vielleicht sind sie miteinander kontaminiert. Auch Ablei- 
tungen von camox , Gemse' (, gerben', vgl. , gegerbte Haut' etc.) 
können noch hereinspielen (vgl. eine -r-Forni der <raw«j- Sippe 
asp. camurzia bei Castro, die ptg. camurga , Gemse' entsprechen 
könnte). Jedenfalls ist nez camus = nez krasi und hängt mit einem 
.plattdrücken, verstümmeln' oder , abstumpfen' bedeutenden Verb 
zusammen, das auf squama oder *kamaktum oder auf beides zu- 
rückgehen kann. 

5. Frz. caniveau .Rinnstein'. 

Gamillscheg Ztschr. 40, 160 ff. erwähnt h.-maine. caniviau .Furche, 
Rinne aus Erde oder aus Steinen', berrich. id. , gepflasterte Rinne 
an Strafsen' und vergleicht damit norm, caleheau , Pflasterstein', wall. 
carihou ,Wasserhöhle in den Minen'. Aus allen diesen rekonstruiert 
er ein *calatellu > *cale-el, in das ein „Übergangslaut" v eingefügt 
wurde. Das Etymon soll ein kelt. kaletos ,hart' (kymr. caled') zu 
^kalos , Stein' sein. 



• Nach Streng findet sich die Vorstellung .Kameel' oft für Wolken ein 
[Himmel und Wetter etc. S. 63), also wohl hierzu Jauberts camiau ,peüt 
nuage noir'. 



GAMILLSCHEG'S „französische ETYMOLOGIEN". I5 

Ich kann G.'s Weg nicht folgen und halte mich an das lautlich 
Näherliegende: den Anklang an canif , Federmesser'. Es ist für 
mich systematische Grundforderung, zwei Homonyme, die sich nicht 
unmittelbar auf den ersten Blick vereinen lassen, nicht ohne weiteres 
auseinanderzureifsen , da die Wege des Bedeutungswandels oft 
wunderbar sind. Ich gestehe gern, dafs ich bei der Lektüre des 
G.'schen Artikels mir sagte: ,^cantveau niufs irgendwie zu ra«// ge- 
hören". Nun schlug ich Verrier-Onillon auf, deshalb weil schon 
G.'s Dialektbelege auf diese Gegend wiesen, und zwar unter g-, 
da ich mich an ^- Anlautformen erinnerte, die leichter übersehen 
werden können: da fand ich gmiivelle ,Bois fendu, pour faire des 
clotures, des palis, des paisseaux, des echalas', hiezu ein Zitat aus 
Jaubert: „On appelle ainsi le bois d6bit^ en merrain, de forme 
oblique, comme un ganif, et qui, ne reunissant pas certaines con- 
ditions requises, est admis seulement dans une proportion deter- 
minee et pour ainsi dire comme appoint dans les livraisons du 
merrain desiine ä la fabrication des tonneaux". Also, ganivelle ist 
, schlechtes Fafs-(Dauben-)holz'. Jonain gibt unter ganivelle an: 
jdiminutif applique ä faux,i car il signifie le plus grand couteau 
d'un boucher, son tranche-lard, en forme de doloire' (also , hobel- 
artig'). Nun brauche ich noch eine Parallele, um den Übergang 
, Daube' > , Rinnstein' zu belegen (die Krümmung ist ja beiden 
gemeinsam) und da bietet sich sofort das Etymon des deutschen 
Wortes Daube selbst: das lt. doga, das im Romanischen nach REW 
zwei Bedeutungen hat: i. , Fassung des Grabens', ,Damm', , Graben', 
2. ,Fafsdaube': unter i. finde ich ait. dogaia , Gosse', veltl. dogal 
»Wasserfurche', prov. dogal , Kanal' usw. — womit der Beweis ge- 
schlossen ist, dafs caniveaii zu ca7iif gehört. 

Das wall, carihau finde ich bei Sigart in der Form carihou ,t. 
de charb. rainure en helice etablie le long des parois d'un puits 
pour recueillir les eaux qui transsudent et les empecher de mouiller 
la houille et de lui faire perdre de sa qualite', was wohl sehr weit 
von der , Gosse' abliegt. Liegt nicht einfach carreau (mundartl. 
kariö) vor, vgl. die Bedeutung , Aufsenplanken, welche die Brüstung 
des Schiffs bilden' u.a. (Sachs -Villatte)? 

6. Frz. chagrin. 

Gamillscheg hat das Verdienst, Zischr. 40, 168 darauf auf- 
merksam gemacht zu haben, dafs wir von anjou. chc.graigner .be- 
trüben', norm, chagrtiner ,sich verdüstern' auszugehen haben. Seine 
Erklärung von einem airz. gram , Kummer ' = fränk. ^r^w ist aller- 
dings so lange nicht annehmbar, als er die Frage Schultz-Goras 
(ebda. 383) nicht beantwortet hat, wo dieses afrz. gram belegt sei. 
Ich glaube die Lösung gefunden zu haben, wenn ich auf champ. 



* Es liegt wohl das Diminutiv zum Ausdruck des approximativen Ver- 
gleichs vor (Typus Vignette, Ysopet) über den ich in Bibl. arch. rom. II, 3, 
S. 141 demnächst handeln werde. 



l6 LEO SPITZKR, 

d^graigner, pik. digrigner .verachten' hinweise, das Sainean Le lang, 
par. S. 300 in der Form der 3. Person degraigne aus dem Jahre 
1649 belegt. Damit ist Anschlufs an ^£'^^3870 gegeben: afrz. 
grignier, ital. digrignare ,die Zähne fletschen', zu dtsch. greinen. 
Dieses di^graigner kann nun das fälschlich abstrahierte cha- erhalten 
haben: chahrun »mürrisch' [zucapra), chabrenauä fSchustei' näherte 
sich ja semantisch. 

7. Frz. chauvir des oreüles ,die Ohren spitzen*. 

G. leugnet den bisher von den verschiedensten Etymologen 
(Dict. g6n., Sain6an, JiEW) angenommenen Zusammenhang mit 
c/ioue {„■ . . ist formell und begrifflich abzulehnen. *choiiir könnte 
nur ,zur Eule werden' oder ähnliches bedeuten") und legt mndl. 
schouwen , scheuen' zugrunde, da in Vendome das Wort von 
scheuenden Pferden gebraucht werde. Aber wir haben neben chauvir 
bei Rabelais chauant des aur eitles und chouant des aur etiles, welche 
man von einem chauver, chouer oder chover ableiten kann. Ein 
chauver aber hat keine inchohative Bedeutung: die von Tiernamen 
abgeleiteten -or^ -Verben bedeuten einfach ,die für ein Tier charakte- 
ristische Handlung vollführen' (frz. änonner, it. cuccare usw.). 

Weiter heifst chauvir nicht nur .scheuen, die Ohren spitzen'. 
Ich setze die Worte Philipots {Le style &" la langue de No'el du 
Fail s. V. chauvir) her: „Jean Maugin \Propos Rust., XIV, p. 174] 
a employe l'expression complete: ,mesme d'une qui en derriere 
chauvist des aureitles (= se moque sournoisement de l'amoureux 
transi), pretendant le coucher'. — Chauvir tout seul a chez du 
Fail, comme dans le patois rennais actuel (Cf. Orain, roualie), 
le sens de , ricaner, sourire, rire en dessous'. Comme l'a tres bien 
vu La Borderie . . ., il faut lire chauvissant et non chemissant dans 
Eutrapel, XVI (II 67): ,en chauvissant et riant en fauxbourdon'." 
[Anm.: On dit aussi: ,il chauvit de la rouelle', pour: ,il ritsous cape'.] 
Ich füge hinzu, dafs chauvarder bei Verrier-Onillon mit ,rire d'une 
maniere forc6e, contrainte', bei Dottin ,rire ironiquement, se moquer 
de' glossiert ist. Nun pafst diese Bedeutung ,verspotten' bestens zu 
den von Sainean, Bh/t. i der Ztschr. S. 109/10 für , Eulen '-Wörter 
belegten. Das chauvir des oreilles ist eine für die Eulen charakte- 
ristische Bewegung, vgl. Friderich, Naturgeschichte der deutschen 
Vögel^ S. 353: „I^is Eulen sind mit einem sehr feinen Gehör be- 
gabt; die meisten haben viel weitere Ohrmuscheln als andere Vögel, 
auch mehr Beweglichkeit am Ohr, welches willkürlich geöffnet und 
verschlossen werden kann, was durch eine Art Klappen geschieht, 
die von regelmäfsig strahligen Federn umgeben sind". Diese Be- 
wegung konnte je nachdem als Ausdruck der Furcht oder infolge 
des drolligen Aussehens dieser Tiere als hämische Verspottung 
gedeutet werden. Ich sehe bei G.'s Etymologie keine Möglichkeit, 
von , scheuen' zu , spotten' zu kommen. Wir müssen von der Eule 
ausgehen. Und die chouan, chauver decken sich mit den beiden 
lautlichen Entwicklungen von cava, cavannus im Frz. [REW s. vv.). 



GAMILLSCHEG'S „französische ETYMOLOGIEN". 17 

8. Frz. degoter ,mit dem eignen Stein, Ball usw. den des 
Gegners umwerfen, jem. von seinem Posten entfernen' 

ist nach Gamillscheg Ztschr. 1920, S. 521 = bas-raaine. id. , einen 
Gegenstand, ein Ziel von der Ferne mit einem Steine, Stocke u. ä. 
abschlagen': „Dieses degoter ist offenbar ein faktitiv gebrauchtes 
degoutter ,herabträufehi', dann allgemein , herabfallen', steht also für 
ein streng logisches faire digoutter z. B. une poire u. ä. wie nfrz. 
cesser . . . und viele andere für faire ccsser usf." Aber ein faire 
degotter une poire ist rein konstruiert: ,eine Birne herabträufeln 
lassen'? Der Wandel , herabträufeln' > , herabfallen' ist keineswegs 
erwiesen. 

Das Wort degoter hat eine ganz spezielle Geschichte , die uns 
ein langes Stück weit Sainean, Le langage parisien an XIX^ siede 
S. 62 ff. klarlegt. Er geht aus von dem bei Menage aus seiner 
Heimat Anjou s. v. galet belegten Verb in der Bedeutung ,die 
Kugel des Gegners aus ihrem Loche jagen' und vergleicht da- 
mit den Ardkel degoter bei Verrier-Onillon. Ich setze diesen hieher: 
„Avoir une tournure avenante — ou disgracieuse. Ex. : Qui est 
ce [sie!] grand galvaudeux lä? II degote ben mal || Prendre la 
place de. ,Hein! mon vieux, (;a te digotel'' — Plus vulgairement : 
9a te la coupe. Syn. de Decoter || Surpasser, primer, distancer, 
Temporter sur". Dazu stellt S. goier = „faire des gots ou trous 
peu profonds creusds en terre pour ce jeu (Verrier et Onillon)", 
degoter ist also „chasser du got l'objet qui sert de but, generalement 
une bille ou un palet". Die weitere Entwicklung des Wortes belegt 
S. stufenweise: ,jem. verdrängen, überragen (durch Intelligenz oder 
Aussehen), listig wegnehmen, entdecken, finden, erblicken, sehen'. 
Damit befinden wir uns statt mit G. auf dem Baume, von dem 
eine Frucht oder dergl. fällt, auf der Erde, aus deren Löchern 
man im Spiel etwas verdrängt. Ich bemerke noch gegen G. und 
für S., dafs bei Verrier-Onillon neben unserem degoter stets für 
disgustare und *disguttare degoüt-, de'goutt-F ormen erscheinen. 

S. stellt nun das got ,Loch' zu einem wall. ^0/^ ,marecage', 
lothr. gotet ,petite mare' und fügt die wohl nur zur Feststellung 
der Bedeutungsnuance verwendbare Bemerkung hinzu: „L'angevin 
got, creux dans la terre, r6pond exactement au synonyme berrichon 
gouit/e.^ Ich finde bei Adam nur got(t)et ,terrain marecageux', das 
aber zu gotte ,saindoux* (= goutte) gehören wird, und in den mir 
zugänglichen wall, Wbb. nur gott ,goulte'. Und überhaupt ist bei 
den Löchern, die zum Spiel verwendet werden, nie die Vorstellung 
, Sumpf' vorhanden. 

Auf den richtigen Weg werden wir geführt, wenn wir die 
Bedeutungsangabe Verr.-On.'s s. v. got genau lesen: ,Trou en terre, 
sp6cialement pour planter la vigne || Trou pour le pir/i — ou 
pour la balle au got, ou au pot' und mit ihr die von dkoter ver- 
gleichen, das Ver.-On. s.v. degoter erwähnten: decoter'. , Quitter la 
place. Ce v. est toujours pr^ced6 de la prepos. sans: Sans decoter 

Zeitschr. f. rom. Phil. XLII. 2 



l8 LEO SPITZER, 

— Sans desemparer . . . || V. a. Faire quitter la place || Ramener 
avec le pic la terre qui est au pied des ceps sur le milieu du 
Dcchaux. Syn. de Dichausser |1 A Segrd, prendre la place de qqn. 
(M^n.) Syn. de Dcgoter', unter dcchaux lese ich wieder: ,Ados form6 
entre deux rangs de vigne par la terre enlevee au pied des ceps 
en les dechaussant ou d(^cottant.' Hiermit stelle ich nun zusammen 
südfrz. gaulo , Wange', das nach Mistral auch die Bdtg. hat ,partie 
laterale, talus d'un sillon, d'un ados; flanc d'une montagne, versant 
d'une colline, penchant, precipice', engaiita ,t. de jardinier, dresser 
avec la houe le talus d'un ados, d'un billon ou d'un canal.' Also 
dem anjou. devoter ,um die Weinstöcke Löcher graben und die 
Erde zwischen ihnen aufwerfen, so dafs die beiden Abhänge des 
Haufens Wangen bilden' wird ein ähnliches südfrz. *desgaitla, das 
ich in dieser Bdtg. allerdings bei Mistral nicht finde, entsprochen 
haben, und got war urspr. das Loch um den Weinstock, dann das 
Loch im Spiel. Nun bleiben noch die >^-Formen zu erklären: 
V.-On. denken an Gegenbildung zu accoter , stützen', das seiner- 
seits auf cuhitus oder costa zurückgehen kann. Während degoter 
nur auf die Nachbarschaft Südfrankreichs beschränkt ist, ist decoter 
(besonders die auch bei G. Sand vorkommende Redensart sans 
dtcoter) weiter verbreitet (Jaubert): das sans decoter ,ohne Unterlafs' 
erklärt sich aus Schweiz, cotter ,butter, heurter, s'arreter, hesiter en 
r^citant' {tl rkita tonte la püce sans cotter d'un seul 7not)'. das de- 
wie in decesser, delächer (Jaubert). 

Vollkommen aufrecht bleibt das, was G. über den nicht boden- 
ständigen Charakter von degoter im Westfrz. sagt, wie es sich in 
der b.-maine. Form degüti äufsert. Das Wort stammt aus dem 
Süden. 

9. Frz. drille , Infanterie', m. ,Fufssoldat*. 

Gamillscheg hat Ztschr. 40, 534 den Artikel Revillouts in Rev. 
de langues ro?n. 187g nicht in Betracht gezogen, der an ein älteres 
drille , Lumpen', , Fetzen' anknüpft (die stets verächtlich scheinen- 
den Fufssoldaten — vgl. die Entwicklung von {xz. pietre\==pedestris\ 

— wurden eben als die , Lumpen' bezeichnet, was sie auch ge- 
legentlich waren), das seinerseits zu breton. trul »Lumpen' gehört. 
Tatsächlich bemerkt Henry Dict. äym. du bret. mod. (1900) s.v. trul: 
„peut-etre pour "^drul, cf. cymr. dryll , Fragment', soit un celt. *drous- 
lo- et *drus-lo, qu'on rattache ä gr. d-Qaveiv , briser', \aX. früs-tu-m 
,morceau', lett. drus-ka ,miette"' und „Le fr. drille ,chiffon' parait 
^tre emprunt6 au breton" (vgl. auch dral , Fragment'). Vgl. REW 
211^. ^xc^i. druillad, trtdllad ,Txuppe' ist nach Esnault, Gloss. moy. 
bret. (worauf mich Herr Prof. Thurneysen hinweist) 728 durch Ver- 
mischung von duillad , Handvoll', , Büschel' und truilhou , Lumpen, 
Fetzen' zu erklären. Dagegen das drille .Eiche', das Revillout nicht 
zu erklären wufste, ist von Gamillscheg ausgezeichnet gedeutet 
worden. Von drille , Bettler, Soldat' kommt das Verb driller , laufen' 
(wie ein Bettler), davon zentralfrz. driller , Diarrhöe haben', wozu 



GAMILLSCHEG'S „französische ETYMOLOGIEN". 19 

die gleichbed. Form drouiller »Exkrement' neben der Bdtg. , un- 
ordentlich gekleidete Person', etre dans ses drouillettes 'sehr be- 
schäftigt sein' (von der Hausfrau) bei Corblet bestens pafst: vgl. 
lyon. drouille »Lappen' im REW. 2778. 

Frz. droh hat Bruch Zischr. 38, 680 mit Recht aus echt ger- 
manischem Material erklärt (holl. drol , Kegel, kleiner Haufe, kleiner 
dicker Kerl'). Er hätte noch auf die Verwandtschaft des deutschen 
Wortes mit drillen und drall hinweisen können, ferner darauf, dafs 
diese Etymologie schon teilweise früher geahnt wurde: Livet, Lex. 
de Molüre s. v. drolerie belegt Les Illustres Prov. t. II, eh. VIII : Le 
Manan ... Je vois bien que vous estes un bon dröle. — Le 
Philosoph. Comment? je suis un dröle: me prends-tu pour quelque 
lutin, ou pour un diable familier. — Le Manan. Dieu m'en garde ! 
Je veux dire que vous estes un galant, et un plaisant homme, car 
il me semble que le mot de dröle signifie cela. — Le Philos. II 
est vray qu'on en use vulgairement en cette signification ; et toute- 
fois c'est le nora que les peuples plus avances vers le septentrion 
donnent aux diables familiers qui conversent dans leurs maisons et 
servent en leurs menages ... La connoissance de ces bons valets 
ayant est6 divulguee parmy les autres nations, quand on a veu 
quelques bons compagnons qui sgavoient faire rire et amuser le 
monde, qui estoient fins, adroits et madrez, on les a nommez des 
dröles, ä l'imitation de ces diables folets." 1 Dieser Autor spielt 
offenbar an auf holl. drol ,kabouter-mannetje' (Franck), norw. drolen 
-»euphemistische Bezeichnung für den Teufel' (Falk-Torp, die anord. 
skelmir , Teufel' zu Schelm vergleichen). Aber es ist nicht un- 
bedingt nötig, dafs wir auf die Bdtg. , Teufel, Kobold' für dröle 
zurückgehen (allerdings die Bdtg. ,coquin' und die von drolerie , böser 
Streich' pafste), da die Bdtg. , kleiner dicker Kerl' genügt. Da se 
tröler zu trollen im REW bezogen wird, so gehört dröle (auch 
drolle geschrieben im 17. Jh.) mit demselben Recht zu droll. Vgl. 
bei Corblet droler , aller ^ä et lä, sans but ni resultat', droule 
,effemine' (aus , dicker Kerl'). 

10. ¥rz. ebuard , starker Holzkeil zum Spalten von Baum- 
strünken', ecobuer , ausreuten' 

bringt Gemillscheg Ztschr. 41, 504 flf. mit gall. *büt (zu ir. bot , Feuer' 
= *büdto) in Verbindung: ein *ko-büd-on ,verbrennen' soll ent- 
weder e-cohuer oder mit Übersetzung des ko- *exbüdare sein. 

Ich knüpfe ehiard und anjou. ebner , vorragende Holzstücke, 
aus der Mauer ragende Steine mit der Axt glatt abschlagen' an 
anjou. bue , Ouvertüre provenant d'une cheville enlev^e, ou de la 
disjonction de deux planches' (Verrier-Onillon) an, das seinerseits 
zu REW i^jg (bti^e , Wäsche', npr ov. e?nbügd ,ein Fafs einwässern, 



' Von diesem .diables familiers' (nach Art der fleifsigen Wichtelmännchen) 
aus könnte man das sp. duende , Kobold' aus domitus ,zahm' erklären, das 
ich Lexikalisches aus dem Katal s. v. duende anders zu deuten versuchte. 



20 LEO SPITZER, 

damit die getrockneten Dauben sich zusammenschliefsen', allenfalls 
ital. hucato 'mit einem Loch versehenes Laugenfafs') gehört, vgl. noch 
guienne. esbuga ,ecraser un corps mou dont l'ecorce offre plus de 
r6sistance'. Bei kohuer betrachte ich nicht die Bdtg. ,verbrennen* 
als ursprünglich, sondern , ausreuten'. Nun finde ich anjou. cobeche 
,serfouetle', cobecher ,biner, egratigner, oter de petits morceaux', 
co(ti)biche, coubkhe ,bosse produite par un coup, coupure, entailluie', 
cobir jbossuer', fruit cobbC^ ,meurtri ou pourri' (Verr.-On.), cobeter 
,frapper a petits coups' (Menage), eile luy cohbit tonte la 'teste si que 
la cervelle en tomba (Rab. IV, 58), ähnlich cobir, noix cobe,^ cobucher 
,taquiner en frappant ä petits coups'. Das Etymon ist also 
zweifellos westfrz. cobe, *gobe , Schlag' (= REW s. v. colaphus 1 : 
frz. gobeter), genau entsprechend dem cobus, gobus G.'s. Vgl. noch 
saintonge. gebe .motte de terra, glebe', femme regobee ,qui a de la 
gorge'. Die Suffix -Iche, -iche, -uche überraschen nicht in ihrem 
von Horning meisterhaft dargelegten Nebeneinander. Anklang an 
beche(r) oder anjou. trebkhet ,zweizinkige Hacke' kann bei cobkhe(r) 
beigetragen haben. Die Etymologie von gaubu ,Haue, Hacke' 
wird durch Thomas' ersten Beleg dieses Stammwortes unserer 
Sippe erhärtet: in diesem Artikel {Rom. 41,72)2 erwähnt er die 
Angabe des Catholicon Lagadeucs (1464): „gfallice] gaubu, b[re- 
tonice] donar marr", wobei das breton. marr von Le Gonidec 
als ,marre, espece de grande houe, servant particulierement ä 
dcrouter la terre pour en brialer les mottes' definiert wird : man 
sieht also i., dafs gaubu , Hacke' bedeutet, 2., dafs die urspr. Vor- 
stellung die des ,6crouter, bossuer' (nicht ,verbrennen') ist. Gobuer 
kann dann wie bossuer zu einem gobu ,bossu' (von der Erde ge- 
sagt) gebildet sein, davon gobue. 

Endlich könnte ein ^colaphuca sich nach '^marruca (parallel dem 
*marrica ,Haue* REW %.y. marra), carruca usw. gerichtet haben. 
Das ex- in kobuer , ausreuten' neben *cobue ,Haue' verhält sich genau 
gleich südfrz. ewiarrigd .ausroden' zu marr ige ,Haue', wie schon 
Schuchardt, Ztschr. 23, i8g hervorgehoben hat (marrigo ,friche* enthält 
übrigens auch das gall. -Jca-Suffix, das G. a.a.O. reichlich belegt). 



' Hier mufs endlich kat. ow-y cubies , taube Eier' (worüber Schuchardt, 
Ztschr. 1919, 722 und ich Mitteil. Sem. Hamburg 1918 S. 31, Lexikograph, aus 
d. Katal. S. 125) seine definitive Stelle finden. 

2 Ebenso hätte G. den Artikel Thomas' über droue Rom. 41, 62 ff., den 
wir für unsere ,,K!eite" benutzten, bei seinem dravtere , dragie , Mengkorn' 
heranziehen können. Statt von hk. *dragipa .Getreide' gehen wir wohl von 
dem Glossarwort dravoca aus, das frz. droue , Trespe' zugrundeliegt: draviere 
und dragiee (== *dravicä) bespricht Thomas S. 64. Wir kommen so um das 
hiatustilgende -v- G.'s herum. Ich möchte hier noch bemerken . dafs die ge- 
wöhnlichste Bdtg. des irz.dragee, die bekannten verzuckerten Mandeln, die 
als Patengeschenk in Frankreich dienen, nicht unter iragemata mehr gebucht 
werden sollte, sondern sich an unser dragee .Mischung von Hafer, Wicke, 
Gerste. Bohnen, Erbsen etc.' anschliefst: ital. treggea ist aus hz. dragee ent- 
lehnt. Wie sollte tragemata sich derartig wunderbar verkürzen? Die Be- 
zeichnung des Zuckerwerkes ist aus dem 14., die .Mengkorn' im 13. Jh. belegt. 
Die Bdtg. .Flintenschrot' palst bestens hierzu. 



GAMILLSCHEG's „französische ETYMOLOGIEN". 2 1 

II. Frz. echampeau ,Ende der Angelschnur, wo der 
Angelhaken befestigt wird' 

stellt G. zusammen mit anjou. champeau , Faden, an dem der Angel- 
haken befestigt wird' Ztschr. ^i, ^i^i. zu einem afrz. Kompositum 
*esche-empiler ,den Köder aufhaken', woraus esäinpU und nun nach 
appeler — appeazi eine Rückbildung echampeau. 

Methodisch richtiger als eine so gewagte Konstruktion (warum 
nicht echumpilerl, man beachte ferner, dafs die Komposita vom 
Typus cultourner fast ausschliefslich bei Verben, die Vorgänge am 
menschlichen Körper bezeichnen, vorkommen)! scheint mir immer 
die Frage, ob mit dem naheliegenden Wortmaterial nichts an- 
zufangen ist. Diese hat sich ja nun G. auch vorgelegt, aber dahin 
beantwortet, dafs ein khampeati , Schnur des Angelhakens' deshalb 
nicht zu khaniper , entwischen' gehören kenn, weil der Angelhaken 
„sich nicht davon machen (= eschamper) darf". Aber die genaue 
Betrachtung der Sache ergibt vielleicht doch eine andere Auf- 
fassung des Wortes: Verrier-Onillon sagt uns s.v. champeaw. „Le 
champeau, a quatre brins de fil, sert ä attacher les aims . . . Les 
lignes sont de longues cordelettes que Ton tend sous le nom de: 
Hgnes, trainees, cordees. Une trainee peut avoir un kilometre et 
plus . . . Les hamegons ont partout reraplace les epinoches . . . 
On^°poumoye (paumoye) les lignes dans des mannequins, en ayant 
soin d'y fixer par un virecou, de distance en distance, des perrons 
pour les maintenir^ au fond de l'eau, surtout dans le courant, 
lorsqu'en tendant on fait des branles . . . Dans la locut. : Avoir 
le champeau (gosier?) en devalant — aimer ä boire", s. v. branles: 
„Zigzags que l'on fait d'un bord ä l'autre de la riviere lorsque Ton 
tend les cordes", s.v. epinoches: „tendre des epinoches — alleren 
titubant. Probablement par allusion au pecheur qui ne les tend 
pas en lignes tres droites." Das System von Schnürchen, an denen 
die Angelhaken befestigt sind, cordee oder trahiee genannt, ist also 
gewifs nichts Festes, wie die Bezeichnung hranle zeigt: avoir le 
cha?7ipeau en devalant heifst wohl auch dasselbe wie tendre des epi- 
noches , schwanken, schiefgehen' > , betrunken sein' (ein Vergleich 



* Das hat einen tiefen Grund: ist das Objekt eine Bezeichnung eines 
unserer Körperteile, so färbt gewissermafsen die Selbstverständlichkeit, mit der 
wir unseren Körper und seine Teile betrachten, aufs Grammatische ab: das 
Objekt verschmilzt leichter mit dem Verb: boud-souffler ,den Bauch aufblasen', 
cultourner, capvirar, capovol^ere etc. Es spiegelt sich hier wieder einmal 
sprachlich die Art, wie der Mensch seinen Körper betrachtet: vgl. den Dual 
zum Ausdruck paariger Glieder usw. (hierüber sehr Beachtenswertes bei Torczyner, 
Die Entstehung des semitischen Sprachtypus S. 287). Die anders gearteten 
Beispiele G.'s sind fast durchweg zu stieichen (über ipigousser s. u. S. 28; über 
cailleboter, couilLvarder, cluneter, hier 40,780; über escarbillat s. u. S. 27; guet- 
apens erklärt G. Paris anders, wie G. selbst anführt). Es bleiben nur die Typen 
chanfreindre, ^tanficher,"A\Q wohl aus termini- technici einzelner Handwerke 
stammen und daher auch jene das^Selbstverständliche andeutende Worteinung 
zeigen. Übrigens zeigt vielleicht cultourner, capovolgere nicht Akkusativobjekt, 
sondern eine Lokalbestimmung: ,auf den Kopf, den cul stellen'. 



22 LEO SPITZER, 

der Kehle mit dem Angelhaken, etwa weil sie beide nals werden, 
liegt ja wohl nicht vor). Warum sollte nun nicht die kleine cordil- 
lette (auch champeau genannt), die von der cordie abzweigt, als 
, etwas, was sich freimacht, lose hängt* etc. bezeichnet werden (afrz. 
eschampeler ,erfleurer', südfrz. a Vescampiketo ä la vol6e', deren 
Beziehung zu mnl. scatjipeti , ausgleiten', scampekn etc. noch geklärt 
werden müfste i) : südfrz. escampiheto übersetzt Mistral mit ,irainte de 
choses rt^pandues', also mit demselben Wort, das dies Angelsystem 
in Anjou bezeichnet: das einzelne Schnürchen samt Haken heifst 
dann hhampeau, also aus einem echampeUe gebildet wie cordean 
,lignes de fond a deux brins' zu cordk. Ein khampeau mufs nicht 
, Flucht, Befreiung' heifsen, wie G, meint, sondern eher ,der Flücht- 
ling', -eau individualisiert wie -on in echelon. Allenfalls könnte man 
auch an nfrz. khamp ,intervalle de deux rangees de ceps de vigne' 
(zu eschatnper , Ausweg') denken, indem die parallelen cordülettes an 
die Gänge eines Weinbergs erinnert hätten. 2 

12. ¥tz. e'chauboulure , Hitzblatter* 

wird vom Dict. g6n. wie von Gamiilscheg Ztschr. 41, 508 von chaud 
-\- houillir abgeleitet. Die Analogien, die letzterer anführt, sind 
nicht ganz überzeugend: wall, dürmener ,mifshandeln' kann ein 
Germanismus sein, boul. grimaille , schwarz und weifs gefleckt' mufs 
nicht von gris mailler ,in Grau sprenkeln' ausgehen, sondern wird 
von gris maille (vgl. Jaubert: un chien mailU ,tachet6') ausgehen, 
wobei noch mele und grifneler (zu grim , düster', vgl. die Formen 
wie grimoler in nördl. Dialekten) auch in Betracht kämen. Ich 
kenne nur Fälle von Partizipien wie frz. haut tondu, haut huppe, 
grascuit, ital. altolocato usw. Ohne dafs ich die theoretische Mög- 
lichkeit von erstarrtem Adverb + Verb leugne, möchte ich khau- 
boulure, über das Menage bemerkt : „Echauboule: qui cutim papulis 
exasperatam habet, dit Nicot. Les Angevins prononcent echau- 
bouill6", letzteres eine Form, die 1549 schon bei R. Etienne belegt 
ist, von carhunculus , Karbunkel' (cf, ital. carlonchio ,bolla', wall. 
khaiihouilliire ,ampoule' Grandgagn.) ableiten: vgl. REW 1677: 
afrz. escarhoucle , Karfunkel', charbouille , Getreidebrand', charbucle, 



\ 



1 Francks Vermutung, dafs afrz. eschampeler .efifleurer' aus dem Ger- 
manischen stamme, hat wenig für sich. 

* Frz. (e)chatnplure ,deperissement des. bourgeons, des rameaux des vignes, 
des arbres fruitiers, sous l'action des gelees d'hiver' ist nach Dict. g6n. un- 
bekannter Herkunft. Littr^ hat einen Artikel ichampele ,qui n'a pas forme 
de boutons avant les chaleurs, en parlant de la vigne' wobei er an bürg. 
vignes champelies ,im Winter abgefroren' erinnert. Die Aufklärung geben 
die Artikel champoue und champier bei Chambure; „En Poitou , champeau 
est un adj. qui qualifie le pr6 que l'on ne fauche pas, qui est pacage". „Dans 
son ^mile , J.-J. Rousseau emploie le terrae champeaux pour ddsigner des 
prds secs, des prds ^lev6s". Also die Brachfelder, die der Weide überlassen 
werden, sind gemeint (vgl. prds champaux bei God. und Dict. gen. s. v. 
champeaux und champaye Littr^ SuppL): von , brach, trocken' kommen wir 
zu , abgefroren'. 



GAMILLSCHEG'S „französische ETYMOLOGIEN". 2^ 

chamhrule , Mehltau'. Dafs chaud, chauffer^ hoiile, böüillir stets 
volksetymologisch mithalfen, ist selbstverständlich, übrigens konnte 
charbouille y charhoucle sich wie afrz. eschargaite (= skarwacht) zu 
echauguette mit au [o) entwickeln. Bei chaud -\- bouillir bleibt auch 
die Schwierigkeit des ichaiiloii(il)U statt *t'chaubouüli, das trotz 
des Substantivs echauboii(il)hire erhalten bleiben müfste, was man 
erst durch Fälle wie etwa nerf-firer neben nerfirure, nerfiru 
stützen müfste. Ich vermute, dafs das von Gamillscheg Ztschr. 
40, 169 als Pejorativpräfix cha-, ca — |- brüU aufgefafste chat-brüU 
»steinige Herbsibirne' (weil diese Birnenart auf der einen Seite 
stark gerötet ist) ebenso wie lüttich. chanburli , schlecht rauchen, 
brennen' zu dem von Thomas MeL 46 erwähnten chambrule , Mehl- 
tau* (= charboucle) gehört. Hierher noch anjon. ichaubourdir ,tuer 
de chaleur, frapper d' insolation' (Verrier-Onillon). 

13. Frz. ecoeurer. 

Gamillscheg meint (Ztschr. 41,512), ein ecoeurer als Ableitung 
von coeur könne nur heifsen ,das Herz herausreifsen' oder ,aus 
dem Herzen reifsen'; „selbst wenn man von einem coeur in der 
übertragenen, euphemistischen Bedeutung , Magen' ausgeht, ist die 
Bedeutung .anekeln' nur schwer aus dem Zusammenhang zu ge- 
winnen". Er geht dann von afrz. asquerour zu ascre ,Ekel' (zu 
ascra REW 700) aus, von dem ein *ascrourer gebildet sei, „das 
nach einem afrz. Lautgesetz zu *acourer, *acoeurer werden müfste", 
worauf dann coeur sich einmischte und ein *acoeurer, das nur 
,zum Herzen gehen' bedeuten konnte, sich in koeurer wandelte. 

Ich glaube nun nicht, dafs ein ecoeurer nur die beiden 
postulierten Bedeutungen haben kann, vielmehr, dafs man statt 
,aus dem Herzen reifsen' auch sagen kann ,aus dem Herzen 
(Magen) hinausbefördern' — so kommen wir zu reims. dicoeurer 
,vomir' (Saubinet), genau so gebildet wie kat. dibocar , speien', 
ferner anj. decottirable ,ecoeurant, d^goütant', dicoeur ,degoiit' 
[prendre ä dicoeur wie afrz. a des coeur ,ä contre-coeur') — und dafs 
man statt ,das Herz herausreifsen' sagen kann ,die Besinnung 
rauben* (vgl. ital. scorarsi), wie ja auch Littre ecoeurer übersetzt 
, faire perdre le coeur' (vgl. bei Amyot montrer quHls tiavoient point 
le cueur failly, das in dem coeur failli bei Corblet weiterlebt; le 
coeur vie manque', avoir le coeur mort ,se sentir tres faible' etc.). 
Von , faire perdre le coeur' zu , faire venir des naus6es' ist aber 
nicht mehr weit: vgl. anjou. tirer du coeur ,vomir', coeurasser , faire 
des hauts-le-corps, avoir mal au coeur', koeure ,tres fatigu6 et 
affame* (Verrier-Onillon erinnern an Ausdrucksweisen wie: fat une 
faim, que fett ai mal au coeur). Vgl. noch den afrz. Beleg in 
Toblers Wörterbuch s. v. acorer : Et ü en [de vin] boit tant quHl 
s^a(n)qure. 

Ecoeurer ist, wie G. sagt, erst im 1 7. Jh. belegt. Nun müssen 
wir aber fragen, seit wann denn coeur für , Magen' dient: Littre 
belehrt uns darüber s. v. coeur Nr. 14: ,denomination qui vient de 



24 I-EO SPITZER, 

ce que, dans lancunne anatomie grecque, on donnait le nom de 
coeur a l'orifice cardiaque ou siiperieur de l'estoraac, et le nom 
de douleur de coeur aux douleurs d'estomac' und im Historique 
zitiert er zwei ganz entsprechende Belege aus Par6 (i6. Jh.). Cuer 
du ventre findet sich übrigens schon im Altfrz. (God., vgl. nun 
K. Glaser, Zum Bedaitungs7vandel im Franz. (1922)1 S. 24). Coeur 
in der Bdtg. .INIagen' finde ich unter Littre's Belegen erst im 
15. Jh. bei Froissard {ä coeur jeun), dann bei Montaigne {faire 
mal au coeur). Es ist also sehr wahrscheinlich, dafs erst unter 
gelehrten Einflüssen die von Pare schon als volkstümlich be- 
zeichneten Ausdrucksweisen mit coeur , Magen' aufkamen, so dafs 
tcoeurer , ekeln' erst von diesem terminus a quo an auftreten konnte. 
Möglich ist', dafs über ein ecoturer ,der Besinnung berauben' sich 
ein , anekeln' drüber gelagert hat: dies beweist das icoeurer ,alan- 
guir' Sainte-Beuves (bei Jaubert zitiert). 

Die bei Jaubert belegten öcoeunier., icoeurdir mit ihrem d 
scheinen auf cor, cordis zu weisen, aber vgl. tclardir neben eclarzir. 

14. Frz. ecourgeon, escourgeon 

ist nicht ,hordeum vulgare', wie Gamillscheg Ztschr. 192 1, S. 582 
angibt, sondern ,hordeum hexastichum', wie bei Nemnich zu er- 
sehen ist. Die Etymologie dtsch. sodkorn kann ich nicht billigen, 
weil die Umgestaltung von sodkorn zu sokorö mir vor allem schwierig 
scheint. Methodisch richtiger scheint es mir, bevor wir ins Un- 
endliche der Spekulation schreiten, die Sprache selbst nach allen 
Seiten durchzugehen — und besonders die Anklänge, die im Innern 
der Sprache sich bieten, kritisch zu prüfen. Da fällt mir nun der 
Parallelismus der ^'aYörr^^w/a-Entwicklungen mit unserer ecourgeon- 
Sippe ins Auge: escourgeon ist der .Lederstreifen (zu) einer Kar- 
batsche' (S.-Vill., bei God. schon afrz. escorjon in obszöner Be- 
deutung belegt, vgl. dtsch. Rute), ccourgie, escourgie, rouchi. ecorie, 
kourie, die .geflochtene Riemenpeitsche' (schon im 13. Jh. in 
dieser Bedeutung bei Littre belegt), st. pol. ecoriö ,cordon de soulier', 
ecorionür .ecorchure'. Das Suffix -on in escourgeon hat wie auch 
sonst individualisierende Bedeutung: der escourgeon, der einzelne 
Lederstreifen, verhält sich zu escourgie, der Lederpeitsche, wie ichelon 
, Stufe' zu echelle , Leiter'. Wie nun aber die Bedeutung vermitteln? 
Das Brockhaus'sche Konversationslexikon s. v. Gerste sagt von der 
Art hordeum hexastichum : „bei letzterer sind die Ährchen genau 
in sechs gleichweit entfernte Zeilen gestellt, die Ährchen deshalb 
walzenförmig". Mit dieser Eigentümlichkeit der Ährchen hängen 
auch die deutschen Benennungen Rollgerste, Stockgerste (Nemnich, 
Pritzel-Jessen) zusammen. Die frz. Bezeichnung heifst also etwas 
wie .(Peitschen) -Riemengerste'. Dafs die Bezeichnung escourgeon 
aus dem Norden gekommen sei, möchte auch ich mit G. annehmen, 



' Vgl. noch rum. durere de inima .Bauchgrimmen', lingiira inimei 
.Magengrube' zu inima .Herz'. 



GAMILLSCHEG'S „französische ETYMOLOGIEN". 25 

darauf deutet aufser den ältesten Belegen das erhaltene s sowie 
die (wallonische) j>5-Erhaltung : skuriö (geschrieben secourion) wie 
mons. skoirsi ,ecorcher' (Meyer-Lübke, Ro?n. Grainm. I, 398). 

15. egoger. 
egoger ,von einem Kalbsfell Ohren, Schwanz, Klauen usw. los- 
trennen' würde ich lieber, als es von einem so allgemeinen und 
erst konstruierten *exgalicare (zu einem gall. *galä , Macht'), das 
doch nur , entkräften* bedeuten konnte, abzuleiten, zu REW 2999 
*excuiicare , enthäuten' (tosk. scoticare ,die Schwarte abziehen', frz. 
äoucher ,Hauf und Flachs brechen' nach Thomas' Etymologie) 
stellen. Das südfrz. egoja, igocha, iglaja , mausern' gehört wohl 
nicht hierher. 

16. Frz. endever, rever. 

Wir haben in letzter Zeit fast gleichzeitig zwei Deutungen des 
afrz. desver, derver , träumen' erhalten, von Marchot Rom. 1921, 221 ff. 
und Gamillscheg Ztschr. 1921, 5 18 ff. Beide gehen von zwei gleichen 
Grundgedanken aus: l. die urspr. Form ist derver, nicht desver, 
2. die ältesten Belege zeigen die transitive Verwendung derver le 
sen(s). Dann aber trennen sich die Wege beider Gelehrter : Marchot 
nimmt derivare, *disrtvare im Sinn von ,d6router, ddvier la raison', 
Gamillscheg ein germ. *reufan "»zerreifsen, zerbrechen' als Lehn- 
übersetzung von *corritptiare (> *rieve — rever), woraus dann derver 
wie derompre zu rompre. Sprachgeographie {derver nur in Nordfrkr.!) 
wie Lautentwicklung [desver im Altfrz.) sprechen sehr für G., die 
Einfachheit der Deutung aber für M. 

Bei Gamillscheg scheint mir ^ vor allem mifsHch,^" dafs rever 
nie in der Verbindung rever le sens belegt scheint, wo doch das 
Simplex dem Kompositum derver hätte vorausgehen müssen. Ferner 
wenn germ. *reu/an Lehnübersetzung aus *corruptiare ist, warum 
haben die Franzosen nicht das deutsche Wort für C(r mitüber- 
nommen? Ferner desver hat ^ (Cohn Ztschr. 18,203 ""d Abhandl. 
Tohler dargebracht S. 270), wie wäre das bei dl- mögUch? Bei 
Marchot stellt sich allerdings derselbe Einwand, aber er überbrückt 
ihn durch Annahme der Ausgleichung von stammbetonten nach 
stammunbetonten Formen. Endlich liegt doch die Bedeutung von 
rever, die in ältester Zeit von Cohn als ,ein mafs- oder sinnloses, 
und zwar entweder geistiges oder seelisches oder physisches, 
Schwelgen' definiert wird, sehr weit von *corruptiare {courroucier) 
,das Herz brechen' ab. (Allenfalls könnte G. ,reifsen, brechen' 
>, trauern' ohne Zuhilfenahme der Lehnübersetzung annehmen: 
vgl. lt. lügeo nach Walde zu ai. rtty'^V/ »zerbricht', lit. /?i2// , brechen'). 
Und wieso hielt sich nicht das Gefühl der Zusammengehörigkeit 
von rever und derver, so[dafs in (en)dever das r verstummen konnte? 

Ich glaube, wir ^'müssen also rever und derver am besten 
trennen und derver (von dem lautlichen Vorbehalt gegen Marchot 
abgesehen, dem man etwa mit Hinweis auf r^te — reter begegnen 



26 LEO SPITZER, 

könnte), von derivare ableiten. Als Parallele können die von Cohn 
erwähnten desvoiie, marvoie du sens dienen und It. delirare selbst. JRever 
aber ist vielleicht dtsch. Reue, reuen (as. hriowaii) , schmerzen, be- 
trüben', ahd. hrimvati , betrüben, verdriefsen ', germ. Grdf. ^hriwwan, 
entwickelt wie das von Gamillscheg angeführte tritve, ireve aus 
*ireuwa. Vgl. noch" die ?- Formen bei God. Nach Falk-Torp ist 
die urspr. Bdtg. der germ. Sippe »schaudern, schauern' (vgl. ags. 
hreoh ,rauh vom Wetter, betrübt, wild'): also von ,wild' ist fürs 
Frz. auszugehen. Rever mufste ^ haben, danach konnte *derver 
> dfrver werden. So erklärt sich denn das derver le sens neben 
rn^er (ohne sens). Die Bdtg. ,rejouissance' , Ausgelassenheit, tolles 
Treiben', die afrz. reve hat (Cohn 1. c), erinnert an as. drom , Traum' 
neben drom , lärmendes Leben, Freude' und dream , Jubel, Freude', 
die Kluge s. v. Trautn voneinander trennt, während Falk-Torp beide 
unter dem gemeinsamen Begriff , verwirrter Lärm, Sinnesverwirrung, 
Gaukelei' vereinen. Falls aber die Zugehörigkeit von as. hreoh 
zur Sipppe von hrewan bestritten wird, so böte sich immer noch 
für das Nebeneinander dtsch. Reue , Trauer' — frz. reve ,Wut, 
tolles Wesen' das Nebeneinander von dtsch. Gram und Grimm 
als Parallele. 

Für den r-Laut zeugt auch noch das kat. *darbar, das ich an 
folgender Stelle des Spill des Jacme Roig (14. Jh ) finde: V. 3505 
— 11: una torbada dona darb a da, taft rabiosa com ansiosa de ser 
amada, entenebrada per lo diable — man erkennt sofort die Wendung 
femme desvee des afrz. Adamsspiels wieder, die ja Marchot für die 
Verallgemeinerung der endungsbetonten Formen verantwortlich 
macht. Zu dem darbada führt Chabas sp. adarvar ,pasmar, atur- 
dir' an, das das Wb. der span. Akademie zu arab. Häraba ,ser 
sacudido' (!) stellt, in Wirklichkeit aber wohl aus dem Katal. ent- 
lehnt ist. Eguilaz y Yanguas operiert mit einem arab. dd-davar 
,aturdimiento', aber -ar ist doch die sp. Infinitivendung und das r 
mufs er durch „euphonischen" Einschub erklären. Vielleicht ist es 
nicht zufällig, dafs das lat. Wort derivare auf weiterem (nordfrz., 
kat.), das germanische hriuivan nur auf nordfrz. Gebiet sich fortsetzt. 

Es ist bemerkenswert, dafs wir durch diese Ableitung von 
reve aus dem Germ, zu orgueil ein neues Abstraktum hinzu- 
gewinnen , das die Romanen germanischem Empfinden nach- 
empfunden haben müssen : was wäre denn auch deutscher als das 
Träumen! Und doch will mir scheinen, dafs erst in neuerer Zeit 
frz. reve jenes Träumerische, Vergeistigte und Verinnerlichte er- 
rungen hat, das es deutschem Traum anähnelt. Der „Exzefs" ist 
erst allmählich zu beschaulich -ruhigem Sehnen abgeklärt, in eine 
geborgte Worthülse ist später ein eigener Inhalt eingefüllt worden. 

17. Frz. entraü 

übersetzt Sachs -Villatte mit , Spannriegel, Zug-, Binderbalken eines 
Hängewerks, Kehl-, Hahnen-, Stichbalken'. Der , Bindebalken' wird 
vom kleinen Sanders definiert , zwei Wände verbindend'. Deutlicher 



GAMILLSCHEG's „französische ETYMOLOGIEN". 2"] 

ist die Definition des Dict. g^n., die Gamillscheg Ztschr. 41, 521 
erwähnt und am deutlichsten die Abbildung des kleinen Larousse 
s. V. ferme. Die Etymologie G.'s entrait = entre ais hat den Haken, 
dafs nicht Bretter {ais) sondern Balken {arhaUtriers) verbunden werden. 
Aufserdem haben wir südfrz. entrach, entra, entrit neben antrh, tressoti, 
die aus dem Plural zu verstehen sind. Ich glaube allerdings auch 
nicht, dafs mit Dict. gen. ein Übergang »Pflaster* > , Bindebalken' 
vorliegt (obwohl schliefslich der Übergang vom Wunden schliefsenden 
Pflaster zu dem durch Mörtel verbundenen Steinpflaster auch kein 
gröfserer Sprung ist), sondern dafs angesichts der deutschen Be- 
nennung , Bindebalken' und des synonymen südfrz. cengloun von 
einem lat. inirahere , schleppen, zusammenziehen' auszugehen ist 
O südfrz. eniraire »passen'): vgl. frz. trait ,Tau, Strang', trait de 
hateaux , Reihe zusammengekoppelter Kähne'. 

18. Frz. s'epaufrer ,sich abschiefern', epaufrure , ab- 
gesprengtes Steinstück' 

erklären Dict. gen. und Gamillscheg Ztschr. 41, 522 aus epeautrer 
-\- irafler. Ich würde an die im REW 6371 s. v. mengl. pelfe 
, Beute' besprochene Sippe afrz. pelfre, norm, pöf ,Ausschufsware, 
Plunder' anknüpfen, an die, wie ich Lexikal. aus d. Katal. S. 115 
darlege, sp. despilfarrado , zerlumpt' anschliefsen mufs ; dabei ist 
natürlich Einflufs der 'sv^^& fahippa {REW ^ij^): neuprov. desfilfrd, 
esfetipd ,effilocher, parfiler, dechirer' jederzeit möglich. Für ipeautrer 
wäre noch Bruchs Aufsatz in Ztschr. f. vgl. Sprachforsch. 46, 370 ff. 
heranzuziehen. 

19. Frühnfrz. ^j^ö;r<52//(3;/ .aufgeweckt', w^xov. escarrahüha 

, aufmuntern ' 

gehören nicht zu caravilha , sticheln, betrügen' und diese nicht zu 
aprov. caravirar ,die Partei wechseln' {Ztschr. 41, 52). Als Grundsatz 
für etymologische Forschung betrachte ich immer das Ausgehen vom 
Konkreteren, Sinnfälligeren, Ungeistigeren: das .Partei wechseln' ist 
ein Ausdruck juristischer oder politischer, jedenfalls hochkultivierter 
Kreise, daher könnte nur , sticheln' der Ausgangspunkt sein. Neben 
caravilha steht nun carvilha ,cheviller, ficher, planter' und daneben 
,chicaner, critiquer' (letzteres nicht zu cavillare, wie Mistral will): 
hier haben wir also die Vorstellung des , Sticheins' oder .Stechens'. 
Die Form caravilha stammt von escarrabilha , reizen'. Dieses selbst 
gehört zu carabus , Krebs' {REW 1671) oder scarabaeiis (südfrz. 
escar(a)bat 'Käfer, Gekritzel'), vgl. Lexikal. aus d. Katal. S. 60/61, 
wo auch eine Reihe katal. Formen angeführt ist. 

20. Frz. e'ianfon , Deckbalkenstütze*, etance , Deckstütze*, 

aprov. estan , Pflock* 

will Gamillscheg Ztschr. 41, 524 aus fränk. *stamn , Stamm' herleiten. 
Dagegen sprechen bearn. esiant ,etai', sp. estante ,pilier' (Oudin), 
heute , Bücherbrett', estental ,estnvo de pared', estenta , estante, grosse 



28 LEO SPITZER, 

poudre' (Oudin), kat. estanterol , Säule auf dem Hinterdeck der Ga- 
leere*, estantot ,sustentatje, estaferm' (vgl. die i?^ PF 8 231, Wagner, 
Das ländliche Lehm Sardiniens S. 19 und Verf. Lhl. 1Q14 Sp. 398 
angeführten Formen, ferner die Dict. gen. gegebenen Parallelen stay 
und Ständer). '^ Dasjouchi, etamet könnte natürlich aus *äan , Pflock' 
wie itiuner aus äcmi abgeleitet sein, doch glaube ich eher an Zu- 
sammentreffen der beiden Sippen *j'/ö7«»/ (zu der ja noch die JiEW 8 2 22 
angeführte wallon. Sippe gehört) und *sians. Das afrz. esianfichier hat 
eine genaue Entsprechung in südixz. paufica, palafica, kaX. palplantar 
{Lhl. 1 9 2 1 , Sp. 191). Unter den S. 5 1 6 erwähnten Fällen von erstarrtem 
Akkusativobjekt -f- Verb ist epigousser , aufschinden' zu streichen: vgl. 
anjou. ipigots ,enveIoppe du froment, du ble', epigotis ,dechets du 
battage d'orge, d'avoine, etc.', epicotoir ,crible pour passer le grain, 
les epicots ou ipigots', s'epibocher ,s'^corcher' (Verr.-On.), ipigocher 
,irriter un bouton (avec les ongles)' bei Dottin, also zu spica. 

21. fauher , Schwabber, Schiffsbesen' 

leitet Gamillscheg Zischr. 41,634 von einem ^/orsberter (zu *barta 
, Gestrüpp') ab, wobei herte „ursprünglich eine Art Besen aus Gestrüpp, 
wie sie am Lande noch heute gebräuchlich sind" bedeutet hätte. 



1 Das deutsche Ständer zeigt eine Personifikation eines Gegenstandes, 
die bei einem dem Menschen gleich aufrecht stehenden, gewissermafsen einen 
Willen in der Welt ausdrückenden, sich in ihr behauptenden Gegenstand nicht 
wundernimmt. Daher finde ich auch die Deutung des frz. etendard aus einem 
dtsch. * Standhart .aufgestellte Fahne' (wie rotwelsch Rauschert , Stroh' = 
, rauschendes Ding') durch Bruch, Ztschr. 38, 682 f. sehr glücklich. Ich möchte 
noch engl. Standard of life, of vahie und nl. staandaert erwähnen, die Skeat und 
Franck jedesfalls aus Einflufs des Verbs , stehen' zu erklären gezwungen sind. Bei 
Gamillscheg's Deutung (= stand-ort , Standort' Ztschr. 41, 529) tauchen mir 
folgende Bedenken auf: l. G. mufs_^Umbildung feines Standort '^ *estandourd 
>■ -ard annehmen, 2. fränk. -ord soll in der Bdtg. , Platz' stehen, aber im Ahd. 
ist diese nach Kluge noch nicht zu finden, 3. die Bdtg. .Standplatz' ist im 
Afrz. nach God.'s Belegen jünger als , Fahne' und a priori ist die konkretere 
Bdtg. die ursprüngliche. Gegen Bruch spricht nur das späte Auftauchen des 
deverbalen -hard in deutschen Appellativen — aber wer weifs, ob nicht das 
Rotwelsch alte Traditionen der gesprochenen Umgangssprache fortsetzt? Und 
Namen wie Escorchard (Meyer -Lübke, Hist. Gr. d. frz. Spr. 2, §45) sind 
ebenso deverbal wie dtsch. Tappert, also konnten auch personifizierte Gegen- 
stände diese Namen bekommen. Übrigens ist aufser den von Bruch schon 
erwogenen deverbalen Bildungen auf -ard, die Gegenstände bezeichnen, noch 
hl. plantar d .Steckling' , Setzstange' zu erwähnen, das sich sehr gut mit gleich- 
bedeutendem plangon vergleichen läfst: beide haben ein individualisierendes 
Suffix, das urspr. zur Namengebung von Menschen verwendet wurde: Richard 
— Cicero. Schliefslich sind wir ja bei der ganzen Erklärung des Appellativ- 
Suffixes -ard darauf angewiesen, eine Gebrauchsweise im Dtsch. zu erschliefben, 
die dann erst im Romanischen^'zum Vorschein kommt: der Typus eines 
linguistischen „Einsturzes", wie Jud sagt! Vielleicht erklärt sich so auch das 
bisher nicht aufgeklärte frz. hangar (bei Du Gange aus dem 15. Jh. hangardium), 
dessen h in Belgien gesprochen wird (wodurch angarium aus angaria aus- 
geschlossenjist)~und das geradejfür^Belgien in der ersten Zeit seines Auf- 
tretens belegt wird, aus einem * hanghart .Hänger', urspr. also .fliegendes 
Dach'. Vgl. noch dtsch. Jauchert .soviel Landes, als ein Joch Rinder an 
einem Tag umzuackern vermag', mhd. egerte .Brachland' (Klnge s. v. yai/chert) 
mit einem ebenfalls lokal gewordenen -hart. 



GAMILLSCHEG'S „französische ETYMOLOGIEN'*. 2g 

Dagegen spricht die bei Sachs-Vill. belegte Form fauberder, die 
das Verb als sekundär, das Substantiv faubert als das Ursprüngliche 
erweist, ferner die Nichtexistenz eines */orsbalayer , hinauskehren', 
endhch eine sachliche Erwägung: es handelt sich um einen Schiffs- 
besen und wir dürfen daher nicht ohne weiteres die Verwendung 
eines Landbesens auf dem Schiff supponieren. Sehen wir uns also, 
bevor wir zu etymologisieren versuchen, die Sache an! Der 
Schwabber ist nach einem Beleg im Dlsch. Wb. ,ein bund aus- 
gedreheter fäden eines alten schifftaues, so an einen stiel gebunden 
sind, und anstatt eines besens zur reinigung der schiffe gebraucht 
wird*. Genau so beschreibt uns der Dict. gen. den fauber ,faisceau 
de fils de caret pour laver et ^ponger le pont d'un navire', Mistral 
s. V. radasso ,ecouvillon, vadrouille, faubert, balai fait avec de vieux 
cordages, dont on se sert pour nettoyer le pont d'un vaisseau'. 
Synonym mit fauber ist frz. vadrouille ,tampon de laine fixe au 
bout d'un bäton pour nettoyer le pont' (verwandt nach Dict. gen. 
mit badrouüle ,d6bris de vieux cordages goudronn^s . . .*) — lauter 
Angaben, die nicht zum , Gestrüppbesen' passen. Von der Beob- 
achtung ausgehend, dafs radasso auch ,chose vile ou usee', ,rossi- 
nante, mazette', ,vaurien, faineant' bedeutet und zu rada ,raser, 
fröler* gehört, vadrouille nach Sainean, Le langage parisien au XIX' 
sücle S. 167 zu havre. vadrouiller ,se trainer dans la boue, barbotter' 
gehört und neben sich badouille ,homme lache', badouillard ,viveur, 
noceur' hat (in letzter Linie liegt wohl pat(r)ouiller -\- se vautrer 
zugrunde, vgl. südirz. patomoun ,ecouvillon, chiflfon'), dafs drague 
jDreggtau', , Schleppsack' (vgl. engl, to drog , schleppen') in der 
Hte. Bretagne ,une femme vagabonde et de mauvaise tenue' be- 
deutet (Sainean S. 167), werden wir wohl nicht fehlgehen, wenn 
wir in dem aus alten Tauen gefertigten Besen als namengebende 
Vorstellung die des trägen Dahinftgens oder -schleppens be- 
zeichnen. Da bietet sich nun afrz. fouberi , einfältig, tölpelhaft', 
.listig, verschlagen*, das offenbar auch , Nichtsnutz, Faulpelz' be- 
deutet haben wird: zentrfrz. afanberti ,ahuri, qui prend un mauvais 
chemin, qui tourne mal'i (vgl, zur Etymologie Schultz-[Gora], Ztschr. 
18, 135 und 32, 461, der vom Eigennamen Fulbert ausgeht, wobei 
aber gewifs auch fou, vielleicht dtsch. /ubbedoll , fopptn,'^ vgl. afrz. 
(a)foberter , betrügen', herein&pielt). Dafs ein Tau (und ein aus 
Tauen gefertigter Besen) als ,träg' bezeichnet wird, hat an dem 
von Sainean angeführten la Rochelle. Marie-Salope , drague' seine 
Analogie. Man kann auch von foubert in der Bedeutung ,wertlos' 



* Zuixz. fauber ter , hanter, freqututer' (fatit pas fauberter cettx 7nondeS- 
lä) geht vielleicht von einer Bedeutung .darüberstreichen, -fegen' (mit dem 
faubert) aus. 

^ Diese Auffassung vertritt, wie ich nachträglich sehe, Verdam-Verwijs 
für mnd.fobaert ,Narr', fobaerdie .Scherz', die im Nl. aus germ. Stamm mit 
romanischer Endung gebildet sein können wie beggaert aus *beg- , Ztschr. 
41, 351 ; /bi2V/'z«(f , Posse' erklärt das erwähnte Wb. aus emtm ' fobitage : nicht 
besser foboerdie -\- fantaste} 



30 LEO SPITZER, 

ausgehen, da es sich ja um einen aus alten Tauen gefertigten 
Besen handelt. 

22. Theoretisches. 

Die vorstehenden Ausführungen mögen mir den Anlafs bieten, 
meinen Standpunkt gegenüber Gamillschegs stets hochbedeutenden 
etymologischen Leistungen zu charakterisieren : er besitzt eine aus- 
ausgesprochen konstruktive Begabung, die ihm im Verein mit 
bewundernswertem Wissen gestattet, weite Räume (der Zeit wie 
des Raumes) in der Sprachgeschichte zu überwinden und Entferntes 
in Beziehung zu setzen. Er scheint mir weniger geneigt, das Kleine 
und Imponderable, die Vorstufe des Ponderabeln, zu beobachten. 
Seine etymologischen Konstruktionen arbeiten mit mathematischer 
Präzision und erheben sich auf dem Boden der Annahme einer 
rigorosen Kausalität. Diese leugne ich natürUch auch nicht im 
Sprachleben, wohl aber ihre jedesmalige Ermittelbarkeit. Für die 
Praxis müssen wir uns in der etymologischen Forschung wie in der 
Sprachwissenschaft mit dem bescheiden, was der Bonner Physio- 
loge Verworn dem Kausalismus gegenübergestellt hat, den Kon- 
ditionismus: „Jeder Zustand oder Vorgang ist eindeutig be- 
stimmt durch die Gesamtheit seiner Bedingungen", d. h. jedes 
Ding steht in einem Zusammenhang mit jedem, jedes Ding ist 
bedingt und bedingt andere. Es besteht für kein Wort der Sprache 
ein prinzipielles Hindernis, mit jedem anderen in Beziehung zu 
treten. Der Bedeutungswandel ist nicht blofs mit Wundt in singu- 
lären und habituellen zu zerteilen, sondern er ist stets singulär, 
wenngleich gesetzmäfsig und kausal bedingt : Fälle wie frz. grhe 
, Streik' und lat. moneta , Münze' sind keine Ausnahmen. Gamill- 
scheg sieht gern straffe Kausalität: daher geht er linguistischen 
Massen, wie sie Schuchardt vor uns defiheren läfst, aus dem Wege, 
ihn reizt der Einzelkampf: er isoliert ein Wort und führt es einer 
klaren Lösung zu. Nur fürchte ich manchmal, dafs die Klarheit 
eben durch die Beschränkung des Materials ermöglicht ist i (be- 



1 Z. B. im Fall echauffourree , erfolgloser Versuch eines Handstreichs': 
Vor Gamills-cheg, Ztschr. 41, 509 hat Schuchardt, Rom. Etym. II, 212 die Zu- 
sammenstellung des Wortes mit echavffer durch Hinweis auf bas-main. chafourer 
.chjsser (un animal)', ,poursuivre', , bouleverser', ,fouiller. mettre en d^sordre', 
.griffonner', .maltraiter, frapper' bekämpft und, wie ich glaube, richtiger das 
Wort mit den zahlreichen Wörtern für .durchstöbern' zusammengebracht, die 
auf caverna, cavus und Kousorien zurückgehen : pik. wall, fr.-comt. cafouiller, 
cafougni und auch die Bdtg. , beschmutzen, zerknittern' angenommen haben. 
Wie in cafouiller foinller, so hat sich in chaffourrer fourrer eingenistet. 
Wir brauchen also nicht ein kollektives r/sa-Präfix anzunehmen, es hat sich aus 
mit cha- ca- beginnenden Wörtern (s. o. S. Ii) sekundär ein ca- cha- losgelöst. 
Hier wäre noch an Rabelais Chats fourres für die ,Chicanoux' zu erinnern, 
womit Rabelais selbst eine scherzhafte etymologische Zerteilung vorgenommen 
hat, die zeigt, dafs G.'s Etymologie eine richtige „Volksetymologie" ist, die 
dem Sprachgefühl der Franzosen entspricht (auch Menage analysiert chauffouris 
= Chats 4- fourres , chauffourer dagegen four ä chauxPj. — Ähnlich wird 
cafotin , Wetzsteinbüchse' eher mit dem weitverbreiteten cafoter , enthülsen', 



GAMILLSCHEG'S „französische ETYMOLOGIEN". 3! 

sonders dort, wo zwei Homonyma vorzuliegen scheinen, die bei ge- 
nauerem Zusehen sich unter einen Hut bringen lassen) : Gamillscheg 
und mich trennt der Komplex von Anschauungen, der Schuchardt 
heifst und zu dem ich immer wieder von neuem mich hingezogen 



Mons. cafotin .Papierdüte', die G. Ztschr. 40, 175 Anm. erwähnt, als mit 
foutre zusammengehören, wie er im Text annimmt. Dtsch. Büchse zeigt ja auch 
den Weg zu ,cunnus', der Übergang ,cunnus' > , Büchse' ist viel seltener. — 
Hier noch einige Bemerkungen zu Gamillschegs Etymologien: Zu baguenauder 
vgl. schon REW e. v. vacare. — Zu anicroche ,Art Haken' (nach G. Ztschr. 
40, 131 f. = harnais + croche, Adj. wie ferme, gonfle etc.) vgl. Saindan, 
Rev. d. et, ra elais 5, 392, der sehr einleuchtend anicroChe (dies die älteste 
Form!) zu ane ,Ente' + croche stellt (vgl. champ. hane ,crochet de fer servant 
ä retirer la viande du pot', haneton .junge Ente' noch in Guernsey), also 
ursprünglich = , Entenschnabel' (wie hec de cane ,pince'). — Über die Nach- 
folger von consecale vgl. Rom. 39, 216. — Zu dail wäre erst Niedermanns Auf- 
fassung des Problems Essais d'etymologie et de critique verbale latines (1918) 
zu diskutieren. — Bei souhaiter, afrz. souzhaidier wäre Sperbers Ableitung 
aus suha^itare {JV. u. S, 6, 22 fF.) zu erwähnen). — delabrer kann auch zu 
südfrz. eslabra ,fendre les livres', aprov. eslabrej'ar ,tomber, d^gdnerer' als Ent- 
lehnung gehören, womit der Einspruch des REW s. v. Idbrum gegen Diez, der 
schon icz. cabrer verglich, fallen müfste. — Über tf/'j^/^^ , Hungersnot' schreibt 
Verf.: „Andere [aufser Diezens *dissectci\ ernst zu nehmende Erklärungs- 
versuche sind mir nicht bekannt." Nun, und decepta (REW2^()g) ? — dosse ,eine 
flache Schwarte, an deren Rand sich nur noch die Baumrinde befindet' lieber 
als zu dos („begrifflich ganz unwahrscheinlich", aber dosseret, dossier haben 
ganz ähnliche Bdtg. und dosse , Schalstück' nach Sachs-Vill. ist doch sehr 
nahe dem stützenden Rücken) zu einem gall. *dosto , Büschel ', das doch be- 
grifflich gar nicht pafst.'' — Ductilis sollte nach Verf. lautgerecht entweder 
ixz.^docle oder *dtutre geben. Wie steht es aber m\i andouille ^ tnductilis} 
— Dieselbe Lösung von ibarouir wie G. hatte ich schon Arch. 127, 157 ge- 
geben, nun ist noch der Versuch Bruchs, Ztschr. 38,681!. zu erwägen. — Die 
Etymologie \on fagtienas (zu prov. faganas, ixz, fouine) steht schon bei Sain^an, 
Bhft. I, S. 87. — Frz. flatter scheint mir Bruch Z/jc^r. 38, 685 f. überzeugend 
gedeutet zu haben, vgl. auch Verf., Lex. aus d. Kat, S. 7. — Fetällette ist nicht 
nur ein grofses, sondern auch ein sehr kleines Weinmafs (vgl. Kurt Glaser, 
Ztschr. f. frz. Spr. 26, 209, auch Panzini s. v. foglietta). G. geht von einem 
in einem mfrz. Text in ungenauem Reim {foule : olle) überlieferten yb///^ ans, 
das aus dem dtsch. Abstraktum Fülle stammen soll {die Fülle eines Kalbs- 
bratens ist doch etwas anderes als eine „Fülle" von Wein: „eine grofse Menge 
von Wein, dann mit Übertragung auf das Gefäfs . . .")! Ich glaube, wir sollen 
doch an das naheliegende yi??^;7/<? , Blatt' anknüpfen: vg\. feutllard {feuillage), 
in der Böttcherei , Reifholz', von Larousse definiert ,branches de saule ou de 
chätaiguier qui, fendues en deux, servent ä faire des cercles de tonueaux', 
auchy<??<z7/^ , dünnes Brett'. Feuillard ist seit dem 15. Jh, belegt ■w'xefeuillette 
,Weinfäfschen'. Fetällette ist wohl wie amusette usw. gebildet aus feui/ler, 
vgl. die Bedeutung , einen Falz bei einem Breite machen'. — Auch an aprov. 
flaut , Flöte' = *flabütum ,das Tonreiche' (zu einem *flabum , Flöte' aus 
flabellum) kann ich wegen des abstrakten Charakters dieser konstruierten Form 
nicht glauben: zumindest könnte das Wort nur „flötenreich" bedeuten. Und 
warum sollte etwa dieses urspr. Adjektiv substantiviert werden ? (in [esctit'] 
bouclier war eine Unterscheidung notwendig, hier nicht). — Zu prov. _/>««, 
3ikt.frou , Brachfeld' = *fragum vgl. Verf., Lex. aus d. Kat. s. v. afrau. — 
Es erscheint mir a priori unwahrscheinlich, dafs friche aus defricher rück- 
gebildet sein soll; und auch tatsächlich taucht defricher im \i,.^h., friche im 
13. Jh. auf, ersteres in einem Beleg, der deutlich den Ableitungscharakter zeigt 
{defricher les terres en friche). Die von G. selbst angeführten Parallelen 
frou — defrouery bauche — ibaucher führen in derselben Richtung. 



32 LEO SPITZER, 

fühle ; es mag sein, dafs man von Schuchardts Zusammenstellungen 
oft vieles subtrahieren mufs — aber sie sind ein Abbild des wogenden 
Sprachlebens, das der gröfste Gelehrte nicht meistern, nicht stili- 
sieren kann : Schuchardt hat theoretisch recht, wenn er auch einmal 
praktisch unrecht hat! Als bedeutender Schüler unseres gemein- 
samen grofsen Lehrers Gillieron traut G. der Sprache, d. i. also den 
Sprechern, weniger Phantasie als logische Unterscheidungskraft zu: 
so ist ihm Toblers Erklärung von chantepleure zu poetisch, als dafs 
er nicht ein chujit espeleor wagte (hierzu Schultz-Gora, Ztschr. 40, 384), 
so erscheint ihm ,Horn' > ,Ecke, Winkel' als ein so auffälliger 
Bedeutungsübergang, dafs er lieber an Entlehnung aus anderen 
Sprachkreisen denkt (vgl. hierzu Schuchardt, Z/jf,^r. 41, 254 ff.). ^ 
Mir aber wird tagtäglich das Irrationale der Sprache, das Phantasie- 
volle und Schöpferische, deutlicher. Nur der Zufall kann dem 
Forscher eine Etymologie liefern : diese kommt zu uns, wir können 
sie nicht suchen. Wir lesen zufällig einen Text, der ein lang um- 
stauntes Problem blitzartig erhellt. Gamillscheg hat den Fernblick 
und Überblick des Historikers : mit kühnem Schwung bindet er 
das etymologische Seil an erratische Blöcke der Vorzeit — das 
lokal Benachbarte sieht er notwendigerweise als weniger malsgebend 
an (vgl. etwa canweau). Die gallische oder fränkische Etymologie 
liegt ihm näher als die französische. Hierin glaube ich mich mit 
Gillieron mehr eins zu wissen, der die Produktivität der Einzel- 
sprache über das tote Entlehnungsgut zu stellen pflegt. Unsere 
etymologischen Konstruktionen beruhen auf der Theorie von der 
tadellosen und ungehemmten Wirkung der Lautgesetze : mit der 
faillite de l'etymologie phon6tique zerkrachen aber auch unsere 
sauberen Tabellen. Die Etymologie läfst sich blofs induktiv, nicht 
mehr deduktiv ableiten: keine Lautgesetzlichkeit, höchstens ein 
allgemeiner lautlicher Anklang führte zur Identifikation von carre- 
four, calihourde, cale?nhotir. Nun teilt ja G. mit mir die Ansicht 
von dem Ewig -Sekundären alles Sprachlichen, von den Überlage- 
rungen und Überschichtungen, die Gilheron uns blofsgelegt hat — 
aber seine Überschichtungen sind oft so kompliziert angelegt, dafs, 
selbst falls sie ganz genau den Tatsachen entsprächen, sie unmöglich 
für den Forscher eindeutig erkennbar wären : frz. t'clabousser führt 
er nicht wie naheliegend auf den Stamm klapp- zurück, sondern 
dieser habe sich nur sekundär in ein gallisches *kIalbo für urkelt. 
'^ko-lat-ho (zu lat. latex »Flüssigkeit') eingenistet. Er nimmt also 
lieber diese Konstruktion zu Hilfe (svobei vorromanisch tb >■ bb), 
als das traditionelle klapp-: aber das poitov. da , Tümpel' steht 
doch mit dem UEW s. v. klappön augeführten friaul. klap , Stein' 
genau auf einer Stufe, das -b- haben wir doch sicher in clabauder, 



1 Ich füge noch hinzu, dafs G. mit sich selbst in Widerspruch gerät, 
wenn er anführt, dafs im Germ, eine Ablauiform zu Hörn die Bdig. ,Ecke, 
Winkel' hat: wenn dies im Germ, möglich war, warum soll nicht {xz, corne va 
beiden Bedeutungen erscheinen? Aufserdem ist hüll, hoorn ,Ecke, Winkel' 
keine Ablautform von, sondern identisch mit hoorn ,Horn'. 



GAMILLSCHEG S „FRANZÖSISCHE EtYMOLOGIEN ". ;^^ 

dem Laute des Hundes, wo das kelt. '■'ko-Ial-ho nichts zu suchen 
hat, es konnte sich im Süden nach Fällen wie cap-acahar oder im 
Norden durch Einmischung von hot, hoiiter etc. einfinden. Oder 
warum soUte capoter , kentern* (im 19. Jh. belegt) aus einem nicht 
erhaltenen prov. *cap-boia}- entlehnt sein, wo der Spielerausdruck 
doch älter ist und Stäuiine wie capiit, cappa doch näher liegen ?' 
Gamillscheg sieht gern in den etymologischen Problemen Rätsel, 
die er, geistvoll und wissens stark wie er ist, spielend löst. Für 
mich ist das Sprachwerden rätselhaft, wenn ich es auch nicht in 
einzelne Rätsel auflöse. Denn beim Rätsel (Typus: mein Erstes 
. . . mein Zweites . . . mein Ganzes . . .) werden uns sämtliche 
Hilfsmittel vom Rätselstellcr an die Hand gegeben, die uns bei 
genügender Begabung, Aufmerksamkeit, Wissen gestatten, die ein- 
deutige Lösung zu linden. Die Wirklichkeit der Geschichte aber 
ist rätselvoller als jenes anmutige Gesellschaftsspiel : wir bekommen 
nicht oder nur durch Zufall alle Unterlagen für die Lösung in die 
Hand, und es bleibt .stets ein ungelöster Rest in dieser. Deshalb 
läfst sich meiner Meinung nach die Etymologie meist nicht er- 
konstruieren, sondern nur intuitiv erkennen: auf sicherem Boden 
kann man bauen, durch unsicheres Terrain führt nur Finder- 
blick und Finderglück den Weg, G. konstruiert ein '^Halinah' 
(zu ^calinak) für frz. cagnarJ und beweist dann, dafs / vor Palatal 
i-haltig und zu / vokalisiert werden konnte wie in balneum {hier 
40,152 und 41,515). Ich sehe davon ab, dafs cahallkarc im Frz. 
wie collocare sich entwickelt, und dafs balneum urromanisch ist; 
Hauptsache für mich bleibt, dafs eine von vornherein plausiblere 
Ableitung von cagnarJ, cagneux (zu canis, cagtte etc.) vorbanden ist, 
der gegenüber die noch so gut fundierte schwierigere fallen mufs. 
Wir Etymologen müssen vom namengebenden Volke lernen : 
wie eine Bedeutungsentwicklung .der Faule, Unnütze' >- , Besen' 
nur aus einem intimen Umgang mit dem Werkzeug erklärlich ist, 
der dieses mit menschlichen Eigenschaften behaftet erscheinen läfst, 
so müssen wir jene Intimität mit den Wörtern, die wir etymologi- 
sieren, nacherzeugen. Nur so, im engen Zusammenleben mit dem 
Wort wie mit der bezeichneten Sache, kommen wir auf das Ge- 
heimnis eines Benennungswortes — die „Kunst der Ktvmolotifie" ist 



^ Im Fall vuii di^xQW escandilh, ii. scandagUo .Seukblei', .Vermessen' 
würde ich vielleicht selbst ein gallisches Etymon vorschlagen, um der Annahme 
der Nachwirkung eines sonst im Frz. nicht belegten fränk. Wortes zu entgehen. 
Gamillscheg, Ztschr.^i, 506 ft'., hat gut hervorgehoben, dafs ein aufserlateinisches 
Wort sich mit ptrpendiculum (pendiller, pendelhar) kreuzte: er geht nun von 
einem %iS\.oxom..*eskaüre (zu dx%z\\. schätzen, Irk. *ska(/a7i) aus. Ich schlage 
nun vor, ein gallisches Wort zu konstruieren, das dem Ansatz *scand7culu///, 
*scandäcidum näher läge: wir können aus gi. oxiv&6g ,plongeur', V\i. sifst/i, 
skendaii, sk^sti ,se noyer' mit Boisacq ein *skendh- rekonstruieren (wie 
karbanio- neben carpenttmi mit «-Stufe). Zur Erschliefsung eines gallischen 
Wortes aus einem htauischcu vgl. REW %. v. lanca. Vielleicht ist auch sonder 
gallisch, da die Deutung aus subundare angesichts der Zweisilbigkeit im Altli/.. 
nicht befriedigt. 

Zeitschr. t. rom. I'liil. \I.I1. o 



■51 I.EO SIMTZFR, GAMILLSCHEG's ,. KRANZÖSTSCHR ETYMOLOGIKN". 

mehr der Kunst als der Mathematik verwandt. Wie der Dichter 
oft geschichiliche Vorgänge in ihren psycliologischen Hintergründen 
richtiger erfafst hat als der zünftige Historiker, so müssen auch wir 
Etymologen mehr Dichter werden, um jene allergröfste Dichterin, 
die Sprache, /.u verstehen. Wir müssen beim Etymologisieren 
weniger fixfmgrige Virtuosen als nachempfindende Künstler sein, 
bei vmseren Worterklärungen weniger Architektonik als stilistische 
Einfühhmg betätigen, i Indem wir den künstlerischen Prozefs der 
Namengebung nachzuempfinden suchen, versetzen wir uns in eine 
schallende Allgemeinpsyche gleich wie der Literaturhistoriker heute 
eine dichterische Leistung nicht blofs mehr aus stoftlichen „Quellen", 
sondern aus dem Ericben des Dichters als dem Zentrum ableitet. 
Ob wir in der Praxis jenen höchsten Anforderungen künstlerischen 
Lebens mit und in der Volksphantasie je kongenial werden können, 
steht allerdings dahin. 

' Als einen sehr findigen Architekten, dem so mancher kühne und stand- 
feste etymologische Bau gelungen ist, nenne ich auch Bruch — aber er ver- 
nachlässigt oft die stilistische Betrachtung: So bespricht er Ztschr. 41, 692 
sp. ptg candonqa , arglistige Schmeichelei'. (Ich füge noch ein Xizx. car dongas 
,lilaila, treta, bellaqueria' [Dicc. Aguilö] und salam. candom^near ,corretear' 
hinzu). Bruch wirft mir vor, dafs ich für die Bedeulungsentwicklung ,Hund' 
^ jiaul', die ich für frz. cagnard brauchte, nicht das obige Wort angeführt 
habe. Abgesehen davon, dafs ich ja dann Bruch nicht Gelegenheit zu seiner 
Etymologie gegeben häite, möchte ich bemerken, dafs ich diese auch gar nicht 
billige; „Ein durch M. canitä .hündisches Wesen' bezeugtes *canit7it.em ^wxC\.& 
auf der Pyrenäeuhalbinsel durch Suffixtausch zu "^canitonica, wohl nach *7nen- 
tiöitfca". Ein lat. *canitätem aus it. catn'tä zu rekonstruieren haben wir keinen 
Anlafs, da dies sicher Neubildung aus \\.. caue in ad 1 ektivisch er Bedeutung 
ist: nur aus dieser speziell italienisch adjektivischen Verwendung (.hündisch', 
, Hunds-') erklärt sich canitä, also als italienische Neubildung: ii. un freddo 
cane — frz. un temps de chien; un ministro cane , ladro cane — frz. etwa 
iin chien de initiistre, de voleiir. Ein iberorom. * canitonica nach 7nentJ07tica 
hat weiters gegen sich i. dafs *me7itionica im Iberorom. nicht lebt (boden- 
ständig ist metiti>a, 7>ieiif!da), 2. dafs die cando7tgaSi'p^Q nie irgendwie etwas 
wie ,Hund' bedeutet, wie ja auch die adjekt. Verwendung des ital. ca;;^' hier 
fehlt. Bruch rekonstruiert auf dem Papier cando7iga = '^canitonica, ohne sich 
nach dem stilistischen Charakter des Wortes zu erkundigen. Das neuere Auf- 
treten des Wortes wie seine Bedeutung läfst auf ein familiäres, vielleicht sogar 
auf ein Argotwort schiiefsen und damit sind die verschiedensten Quellen er- 
schlossen: bevor Bruch uns eine lateinische Etymologie gibt, hätte er sich mit 
Coelhos Vermutung eines bantusprachlichen Ursprungs auseinandersetzen 
müssen: man beachie, dafs lia- im Bundu ein häufiges Präh.x (Viana, Apostilas I, 
S. 208), -inga ein häufigt^s Suffix [77iandmga , Neger' usw.) ist. Auf^erdem haben 
wir ein Zig'-unerwort ca77dön, catido7ie' ,compan.ero', ca7ido7ierla ,compani3', 
das sich zu ca7ido7iga verhalten könnte wie za77ga7io zu za72gtia7iga (Bibl. arch. 
rom. 11/2, 114), also die im Argot so häufige Endung zeigt und in der Bedeutung 
zu port. caiido7tga .Schmuggel' pafste. Ich kann hier nichts Bestimmteres 
sagen — aber so viel ist sicher, dafs der stilistische Charakter des Wortes ein 
*canito7i7ca ausschliefst. 

Angesichts von sp. cachor/'e/la .Phlegma' [Ztsch7-. 41, 161) kommt wohl 
neben Bruchs Etymon für murcia. cacho .träge' (= cacho, gacho , gebückt', 
nprov. cach, gachi .ruhig' = coacttis) auch cachor7-a , junge Hündin' sehr wohl 
in Betrach;. Verschiedene Etyma können ja bei einer Wortsippe konkuirieren. Ich 
weifs auch nicht, warum Bruch mich verbessert: „sp., genauer murc, cacho .träge, 
müde'", da cacho in den angegebenen Bedeutniigen bei Tolhausen zu finden ist. 

L. Spiizer. 



Zur Teiiuiigsformel im Provenzalischen. 

I. 
Die lateinische Grundlage. 

1. Der genetivus iiartitivus und das partitive de 
lokalen Ursprungs bei Mengebegriffcn. Im Lateinischen 
gelangt der Denkprozefs, dafs ans einem Ganzen ein Teil oder 
mehrere Teile herausgehoben werden, durch eine Genetivkonstruktion 
zur sprachliclien Wiedergabe: genetivus partitivus. Er findet 
sich die ganze Latinitiit hindurch abhängig von Zahlwörtern (bes. 
mille) und Mengeausdrücken (Substantiva und substantivierte Neutra 
von nuineralen Adjektiven oder Pronoraina), nachklassisch auch 
nach Adjektiven ohne Mengebegriff usw. (vgl. Schmalz, Lat. Syntax 4, 
S. 364 f.; für Einzelheiten bes. Draeger, Hist. Syntax I^, S. 448 flf. und 
Kühner, Ausführl. Gram. IE- i, S. 423 ft'.). 

Daneben bezeichnet auch die Praeposition de (desgleichen 
ex) mit einem Nomen das Ganze, aus dem ein Teil entnommen 
ist. In der klassischen Zeit konkurriert diese Wendung, welche 
schon bei den altlateinischen Schriftstellern vorkommt, erst in ge- 
wissen Verbindungen mit dem genetivus partitivus, bes. bei un- 
deklinierbaren Zahlwörtern (s. Draeger I, S. 459. 10), in sonstigen 
Fällen vor allem, wenn es die Deutlichkeit verlangt. In der späteren 
Latinität dagegen, namentlich in der eccl. Literatur, vertritt sie den 
gen. part. in weitgehendem ]Mafse, bes. bei Zalilbestimmungen und 
beim indefiniten Pronomen (Schmalz S. 407 = § 136, Draeger S. 628, 
Kühner I, 4Qg = § gi cj' und S. 425ft'. =:= § 84, Anm, 2; ferner Tlies. 
ling. lat., vol. V, fasc. I [ig 10], Sp. 56 — 5g). 1 

2. Partitive Genetive und partitive Wendungen 
mit de unabhängig von Menge!) egri ff en. (Mutmafsliche 
Entstehungsweise und Ausbildung zu der romanischen „eigent- 
lichen" Teilungsformel mit der Bedeutung : „etwas von einem Stoff 
überhaupt, etwelche von einer Gattung überhaupt". Die altfranzösi- 
schen Hypothesen von Morf und E. Appel.) Neben dem von 
Mengebegrifien abhängigen partiliven Genetiv imd der gleich- 
wertigen r/(? -Konstruktion treten aber im Altlatein schon Eälle auf, 
wo diese beiden Formen partitiver Ausdruckswefse angewandt 

' Zum Alllatein vjjl, noch Fr. Pradel, De praepositionum in prisca lalini- 
tale vi atquc usu. LeipziV 1901 (Jahrb. f. class. Philol. 26. Suppl.band); 
/um .Spätlatein die zalilreicben Ahliamlliirirjen über die Sprache spätlateini=;clior 
Autoren. 



36 HANS NEUNKIKCHKn', 

werden, oliiic dafs ein Substantiv i)der dgl. zur Bezeichnung des 
Teils beigefügt ist. 

Soweit ich sehe, ibt eine eischöplende Darstellung dieser 
Spracherscheinung,, Avelche die Grundlage der im Romanischen 
bedeutungsvoll gewordenen Partitivkonstruktionen darstellt, noch 
niclit gegeben worden, wenn auch Löfsiedti (S. io6 — log) das 
wichtigste verstreute Material zusammengetragen und im Hinblick 
auf die Entstehung der französischen Paitiiivformel zu klassifizieren 
gesucht hat. Eine erneute Betrachtung der Frage vom Stand- 
punkte des Romanischen erscheint aber um so mehr geboten, als 
E. Appel noch 19 15 in ihrer Dissertation- wegen ungenügender 
Berücksichtigung der lateinischen Verhältnisse (besonders, weil sie 
die Peregrinatio ad loca sancta und die Bemerkungen Löfstedts 
nicht benutzt hat), eine die Tatsachen zum mindesten stark biegende 
Hypothese über die Entstehung des französischen Teiiungsartikels 
aufgestellt hat. Was sie S. 4 — 8 ihrer Arbeit als „mutmafslichen 
Gang der Entwicklung bei der Entstehung der Formel" aus dem 
AUfranzösischen zu abstrahieren sucht, läfst sich mehr oder weniger 
bereits aus den Beispielen des Voikslateins herauslesen. 

Um den Entwicklungsgang der Teilungsformel 3, vor allem auch 
den Zeitpunkt ihres Entstehens, richtig zu erkennen, mufs die Frage- 
stellung lauten: Zu welcher Zeit ist die „eigentliche Teilungsformel'' 
(mit der Bedeutung: etwas von einem Stoff überhaupt, etwelche 
von einer Gattung überhaupt) als ein- nicht mehr ..zufallige und 
einmalige, durch die besonderen Bedürfnisse der Aussage bedingte 
Wortveibindung" (Appel i) in der Sprache vorhanden? Hierbei 
wird das Vorkommen der Fonnel aufserhalb der Objeklstellung 
— bei Abstrakten auch in derselben — ein wichtiges Kriterium 
zur Beurteilung abgeben, weil diese Fälle, wie wir sehen werden, 
die Annahme wahrscheinlich machen, dafs bereits eine gewisse 
Ausbildung der Formel stattgefunden hat. 

Der unabhängige partilive Genetiv und die rf,?- Konstruktion 
scheinen in der altlateinischen Volkssprache zu wurzeln, da 
sie beide vereinzelt zuerst bei Plautus auftreten. Sie dürften dann 
weiter im Vulgäridiom nebeneinander hergelaufen sein; denn als 



* E. Löfstedt, Philologischer Kommentar zur Peregrinatio Aetheriae. 
Upsala-Leipzig [191 1]. 

- Elsbeth Appel, Beiträge zur Geschichte der Teiluugsformel im Fraiizü- 
sischeu. Diss. München 1915 (= Appel). 

■' Wie bei Appel lür das Französische (vgl. dort S. 2), wird im folgeudeu 
1 ür das Lateinische und Proveuzalische „Teilung>formel" als zusammenfassende 
Bezeichnung für die verschiedt-nen Erscheinungsformen des partitiven de un- 
abhängig von MengebegrifFen gebraucht, von den in der alilat. Volkssprache ge- 
worfenen Wurzeln bis zur blute im Neuprovenzalischt n. Weiter fafst hier 
„uneigsntliclie Teilungsformcl" die Fälle aller Schaitierungen (überwiegend 
lokal mit partitivem Einschlag bis rein parlitiv) zusammen, in denen das Sub- 
stantiv ein ganz bestimmtes, schon genanntes i der sonst durch den Satz- 
zusammenhang als bekannt gegebenes, ist, während es sich bei der „eigeullicheii 
Teilungsformel" um allgemein zu verstehende Stoff-, Gatiungsbezeichnungen 
oder Abstrakta in syntaktisch beliebiger Verwendung handelt. 



ZUR TEILUNGSFORMEL LM l'ROVENZALISCHKN. 37 

uns in den spätlateinischen Autoren die Quelle der freieren und 
nachlässigeren Sprache, die der Rede des Volkes nahesteht, reich- 
licher llielst, stellen sich beide Wendungen auch in gröfserera Mafse 
ein, bis der Genetiv schliefslich seinem Konkurrenten unterlag und 
verschwand. 

Die Entstehung des unabluingigen partitiven Genetivs geht bei 
Piautus noch sozusagen unter unseren Augen vor sich. Poen. 640 f. 
heifst es: si quid boni adportatis, habeo gratiam. Adv.: boni 
de nostro tibi nee terimus nee damus und Most. loiöff.: quid autem? 
Th.: quod me absente hie tecum filius negoti gessit. Si.: mecum 
ut ille hie gesserit, dum tu hine abes, negoti? quidnam aut quo 
die? Beide Belege sind allerdings ebenso wie die das letzte Bei- 
spiel stützende Stelle Ter. Phorm. 700 : ante brumam autem noui 
negoti incipere von einer Reihe von Gelehrten beanstandet und 
auf verschiedene Weise geändert worden (Löfstedt S. 108); aber 
sicherlieh zu Unrecht, denn ,,an den beiden Plautusstellen ist das 
zugefügte oder nahestehende neutrale Pronomen zu beachten, wo- 
durch die Konstruktionen wesentlich erleichtert werden ; damit ist 
der Anfang gegeben, wonach bald der Genetiv allein zur Ver- 
wendung kommt" (Löfstedt eb.). Lindsayi ist der gleichen Ansicht, 
vgl. S. 17: "The use of the [partitive] Gen. is pushed lo an extreme 
in phrases like Poen. 641 [after quid boni, v. 640] . . . ." 

Bei Cato treffen wir diesen Genetiv schon in freierer Ver- 
wendung, s. Dietze (De sermone Catoniano. Diss. Lips. Tanglimi 1870, 
S. 25 f.), der aus De agri cultura folgende Beispiele zitiert : 

74 aquae paulalira addito — 88. i Salem candidum sie faeito. 
Amphoram defracto coUo puram impleto aquae purae, in sole ponito. 
— 2;^.^ et faeito uti in dolio musti pendeat. — 156.6 et si sine 
febri erit, dato vini atri duri aquatum bibat quam minimum; si 
febris erit, aquam. — 157-4 1" ^^ vulnera huiusceraodi teras 
brassieae. 

Die letzte Stelle ist wohl zu streichen, da die Hss. brassicam 
(und brassica) haben; 2 dafür sind aber 88.1 imd 156.6 besonders 
bemerkenswert, weil hier aqua und vinum allgemein zu verstehende 
Stoffsubstantiva sind; zuni mindesten liegen Übergangsfälle vor. 

Spätlatein. .,Ganz besonders reich an Beispielen ist Mulomed. 
Chir. , wo natürlich der hier sehr häufige Gebrauch des gewöhn- 
lichen gen. part. bei Mafsangaben eingewirkt hat, und aufserdem, 
wie Ahlquist S. 273 bemerkt hat, wohl auch griechischer Einflufs 
vorliegen kann" (Löfstedt 108). Hervorzuheben sind Fälle wie 
S. 269. 18 primum adieics oleum vetus, sequens aeetum, deinde 



1 W. M. Liudsay, Syntax ol Piautus. Oxford 1907 i^r: St. Andrews Uni- 
versity Publications, N. IV). 

■^ Vgl. M. Porci C.itoni^ de agricultura libtr. M. Tcrenti Varronis reriim 
r'i<5ticanim libri tres, ex rec. M. Keilii. Vol. I. Leipzig 1884. 

' H. Ahlquist, Studien zur spätlateinischen Mulnmedicina Chironis. Diss. 
Upsala 1909 (Uppsala Universitets Arsskrift 1909). 



30 HANS NEUNKIKCJHEN, 

salis Iriü, dtjcüquciis bene, wo ein gewöhnliclies Objekt und ein 
derartiger partitiver Genetiv ohne Unterschied nebeneinander Ver- 
wendung linden. 

Ungleich wichtiger zur Beleuchtung der Kntstehungsweise der 
romanischen Teilungsformel sind die kiteinischen parlitiven de- 
Konstvuktionen, die bisher in der einschlägigen Literatur eine nicht 
ganz einheitliche und meist deshalb nicht exakte Beurteilung ge- 
funden haben, weil das Wesen der l'ranzösischen bzw. romanischen 
Formel nicht klar erkannt war. Das ist augenscheinlich bei Ahlquist 
der Fall, wenn er S. 78 sagt: ..De wird in seiner partitiven Funktion 
nebst dem davon regierten Worte als Objekt gebraucht, d. h. es 
steht ganz so, wie der partitive Artikel des Franz." und dann Bei- 
spiele wie S. 137: 5 et de suo sibi stercore circum coronam ira- 
ponito und S. 86 : g de sno sibi circum brachiolo vellito anführt, 
wo es sich um bestimmte Stoftsubstantiva handelt. Doch auch 
besser fundierte Urteile, wie das von Schmalz oder Lölstedt, be- 
dürfen einer Nachprüfung und Einschränkung bzw. Ergänzung. Bei 
Schmalz heifst es S. 407: ..De entsprechend dem französisclien 
Teilungsartikel hat sich schon frühe in der Volkssprache — ... — 
so bei Plaut. Cato, dann carra. epigr. 495. g [digna quidem] frui 
[perpetua] de luce [benigna] gezeigt, ebenso lesen wir es im Spätlat. 
in der Peregvinatio, z.B. de pomis rr= des pommes; die Entstehung 
des Gebrauchs zeigt ib. 37.2 [nescio quando] dicitur quidaui [fixisse 
morsum et] Turasse de sancto ligno = ein Stück von dem Kreuzes- 
holz;- und Löfstedt bemerkt S. 107: ..Eine bedeutendere Rolle 
spielen nun indessen diese Konstruktionen mit de erst im Spätlatein, 
teils als wirkliche Äquivalente der französischen Partitivausdrücke, 
teils als mehr oder weniger eigentümliche Übergangsfälle." 

Wir müssen scharf unterscheiden zwischen Fällen, in denen 

1. Je lokalen Charakter mit geringer partitiver Sinnlarbung 
hat wie Plaut. Trin. 786 : Tu de thensauro sumes (zitiert von Pradel 
a. a. O. 523)-^ 

2. das parlilive lie noch einen starken Einschlag seines ur- 
sprünglichen lokalen Charakters bewahrt; vgl. oben Peregrinatio 37. 2 
oder Cato Agr. cult. 70. 2 de ea potione unicuique bovi dato. 
Pradel 524 hat richtig hervorgehoben: „vocabulo quod partem in- 
dicat omisso cum verbo dandi.'''- Tatsächlich erscheinen in diesen 
Formeln fast immer Verba des Gebens, Nehmens u. ä. Der Ur- 
sprung der Konstruktion, die sich durch die ganze Sprache bis 
auf den heutigen Tag fmdet, wird durch Stellen wie Cato Agr. 
cult. 158 addito de perna frustuin beleuchtet. 

3. de rein partitiv beiin allgemein gebrauchten Stoff- oder 
Gattungssubstantiv zur Anwendung kommt: eigentliche Teilungs- 
formel, die z. ß. durcli franz. boire du viii charakterisiert ist, 

' Zu einem äliiiUcheii Genetiv vgl. Schmalz S. 365, Anm. 6: „Der Teil- 
IjegrilV, von dem der gen. part. abhängt, kann auch in einem Verbum enthalten 
sein, z. B. Enn. ami. 235 V. renim siianiin comitcr imperlit." 



ZUR TEILUNGSfORMEL IM PKOVENZALISCHEN. 39 

Zwischen 2 und 3 lassen sich Übergangsfälle emschieben, in 
denen der Gebrauch des Substantivs in allgemeiner Bedeutung 
nicht einwandfrei feststeht. 

Zu 2 sei noch Peregrinatio 5.7 angeführt: ostenderunt etiam 
nobis locum, ubi de spiritu Moysi acceperunt septuaginta uiri; 
ferner ab. 3. 6: dederunt nobis presbyteri loci ipsius eulogias, id 
est de pomis, quae in ipso monte nascuntur. Ob man tatsächlich 
mit Schmalz (vgl. oben) de pomis = franz. des pommes setzen kann, 
„dem es in der Tat wohl ungefähr gleichkommt" {Löfs;edt 106), 
erscheint fraglich; ich möchte das Beispiel höchstens als Über- 
gangsfall, aber nicht als Fall 3 ansprechen. '- 

Sehr bemerkenswert sind noch (i.) das von Rönsch, Itala u. 
Vulgata^, S. 396 zitierte Beispiel Vita Aridii (Mabill. 202) arapullam, 
in qua de oleo beati Martini continebatur ('de l'huile'), das die 
Teilungsformel — allerdings noch die u n eigentliche — in dem 
vorgeschritteneren Stadium der Subjektstellung zeigt, desgl. In qua 
sunt de reliquiis domini, Jahr 475 (von Ciairin a. a. O. 166 nach 
Breq., 2^; Diez 3, p. 150 zitiert), während für gewöhnlich Stoff- und 
Gatlungssubstantiva als Objekte bestimmter Verben (Trinken — Essen, 
Geben — Empfangen, Nehmen, Legen u. ä.) erscheinen; vor allem 
aber (2.) das von Bonnet a. a. O. öii beigebrachte Übergangsbei- 
spiel aus Gregor von Tours, Clor. Mart. (geschrieben 586/587) 
40: p. 514, 1 1 f . est hie («adverbe»), ut res ipsa docet, de officiis 
quorumpiam deorum, qui nobis aduersari sunt soliti, d. h. nach 
Bonnet 'il y a ici de l'intervention de quelques dieux': Teilungs- 
formel beim Verbalabslraktum, das als logisches Subjekt fungiert.^ 

^ Trotz des id est ist wohl auch die Auffassung: „Speisen, aus Äpfeln 
bereitet", oder dgl. nicht ganz ausgeschlossen; vgl. auch Peregr. 15,6 nos 
ergo accipieates de presbytero eulogias, id est de pomario saucti Joharmis 
baptistae, simililer et de sanctis mouachis, qui ibi monasteria habebaut iu ipsu 
liorto pomario (= Speisen, genommen aus dem Garten), wo die bei Ducauge 
V 33S, Sp, I für pomarium auch belegte Bedeutung: ,molIi3 et liquidiis cibus, 
vel potus, ex pomis factus' mit partitiver Geltung des de nach dem Zusammen- 
hang ausgeschlossen ist. Vgl. auch Bechiel (Sauclae Silviae Peregrinatio, The 
tcxt and a study of the latinity. Diss Chicago 1902 = Studies in classical 
philology IV, i), S. 104, der beide Beispiele unter der Überschrift: ,De phrase 
for the genetive' bringt, während er bei ,De phrase to express partitive idea' 
nur 5,7 (s, oben) zitiert. 

Weitere Beispiele u.a. bei Ahlquist 78; Bounet, Le Latin de Gregoiie 
de Tours, S. 611 ; Goelzer, Etüde lexicographique et grammalicale de la Latiuite 
de Saint Jerome. These Paris 1884, S. 340; Juret, Etüde grammalicale sur 
le latin de S. Filastrius. Rom. Forsch. XIX, 226; P.Meyer, Recueil d'anciens 
textes, S. 8, 12; Ciairin, Du genetif latin, S. 166. 

- Ich lasse die Frage offoi, ob Tertulliau Au. 57 (392, 24 R) plaga caeci- 
talis de praestigiis non fuit (= .;War keine Einbildung") etwas .Vnaloges beim 
Prädikatsnomen vorliegt. Für Iloppe (Syntax und Stil des TertuHian. Leipzig 
1903)1 der das Beispiel S. 38 etwas unklar mit den Worten: „Bisweilt-n fehlt 
sogar ein panilives Verhältnis z. B. . . .•' den Fällen von de als Ersatz fü;- 
gen. part. anschlief^t und ihm Nat. II, 14 de ista quoque specie adiciam 
(= jistam speciem') folgen läfst, hat de doch wohl partitiven Charakter? Bei 
dem anschliefsendeu ib. 15 longum foret rcceuscre de illis (= ,illos') stlieint 
respektive Auffassung vorzuwalten, die auch bei der Gestaltung des auffidligen 



40 HANS NEUNKIKCHEN, 

Zu 3. Gleich das älteste Beispiel, das im Lateinischen zu 
linden sein düifto, erweckt äufseriich den Eindruck der völlig lertig 
ausgebildeten Teilungsfürmel : Plaut. Stich. 400 ibo intro ad libros 
et discam de dicHs melioribtis (= ..einige bessere Witze", wie Löf- 
stedt 106 übersetzt); dieses de ist dann auch dem französischen 
Teilungsartikel gleichgesetzt worden (so von Schmalz 407, vgl. oben); 
vorsichtiger drückt sich Pradel 524 aus, der diese Stelle ebenso 
wie die etwas andersgeartete Ter. Ad. 817 quod hinc accesserit, 
id de lucro putato esse omne unter der Rubrik: ..De praepositio 
neque e Substantiv o neque e verbo pendens idem fere significat 
quod articulus partitivus, quem vocant Francogalli" einordnet. Löf- 
stedt 106 hat recht, in beiden Fällen nur ..Ansätze- für die moderne 
partitive Ausdrucksweise zu sehen; die zufällige, durch günstige 
Umstände bedingte Art der Wendung fällt bei der Plautusstelle 
sofort in die Augen, wenn man mit Löfstedt Capt. 482 dico unum 
ridiculum dictiun de dictis melioribus zum Vergleich heranzieht. 

Aus dem Spätlateinischen verdienen besondere Erwähnung: 
I. eine von Juret a. a. O. 226 zitierte Stelle aus Filastrius (IV. Jh.) ' 
49. 5 [Ubi et mysterium cynicon et infantis execranda celebratur 
impietas.] Dicunt enim eos de infantis sanguine in pascha miscere 
in suum sacrificium, wo de infantis sanguine die allgemeine Be- 
deutung ..Kinderblut" haben dürfte; 2. das von Rönsch a. a. O. 396 
gegebene Beispiel August. Conf. III. 7 utrum iusti essent, qui sacri- 
ticarent de nnimalibus. Gegen Löfstedt 107 mufs diese Stelle 
und nicht Vulg. II. Macc. 12.40 Invenerunt autem sub tunicis inter- 
fectorum de donarüs idolorum, quae apud Jamniam fuerunt. a 
quibus lex prohibet Judaeos (franz. des dons) auffällig genannt 
werden, weil sie den fortgeschrittenen Stand der Entwicklung zeigt. 
Die donaria sind näher bestimmt: A. Arndt (., etwas von den Weih- 
geschenken") übersetzt präziser als Luther (..Kleinode"); dagegen 
steht animalia allgemein (..Tieropfer darbrachten", Hertling). 

Wir kommen zu dem Schlüsse, dafs in der lateinischen Volks- 
sprache, soweit uns sogen, vulgärlateinische Texte ein Bild liefern, - 
die uneigentliche Teilungsformel in der ObjektstcUung bei einer 
bestimmten Verbgruppe (vgl. S. 39) in Verbindung mit Stoffsubstantiven 
des täglichen und kirchlichen Lebens (entsprechend dem Charakter 
der meisten späteren Texte) wie Brot, Wasser, Öl, Blut, Wachs, 
1 lolz usw. ziemlich häufig ist, beim Gattungssubstantiv und Abstraktum 
auch schon in der Subjektstellung um ' das Jahr 600, vereinzelt 
sogar weit früher, vorkommt; dafs aber auch die eigentliche 

Orat. S Abraham (tleus) sacritkave ile tilio (filiuni) iusserat von Bedeuluni^ i;;e- 
\vesen sein mac:, wo ebenfalls ein Teiliin^rsverhältnis wohl ausgeschlossen ist, 
wenn man auch an Fälle wie die unten ziücrtc Stelle aus Auijust. Conf. er- 
innert wiril. Oder schwebte dem Autor vit.am vor? 

' S. Filastrii diversarum hercseon liber, ed. Fr. Marx. Vindobonae 1S98 
=^ (^orp. Script, ecci. lat. XXXVIII. 

* dessen Züge sich bei genauer Durchsicht weiterer Texte noch klarer 
gestalten dürften, 



ZITR TEILUNGSKORMEL IM PKÜVENZALISCHliN. 4I 

Teilungst'onnel wenigstens sicher bei Stolt- und Gatlungsbezeich- 
nungen fertig entwickelt, nicht blofs als /Aifällige Wortverbindung 
vorliegt. Diese Lösi^ng der Frage hat grofse Wahrscheinlichkeit 
für sich, da sie auch durch das frühe Auftreten der Formel vom 
Standpunkte des Romanischen gefordert wird ; und wir liaben um so 
mehr Grund zu der Annahme, dafs die eigentliche Teilungsformel 
nicht erst in keimhaften Ansätzen, sondern bis zu einem gewissen 
Grade ausgebildet, in der lat. Volkssprache enthalten war, als das 
..Vulgärlatein" unserer Überlieferung nur ein schwacher Abglanz, 
ein blofses Schattenbild der wirklicli gesprochenen Volkssprache ist.' 

Diese bisher nur auf lateinisches Material aufgebaute Annahme 
wird durch verschiedene mögliche Einwände nicht erschüttert: So 
sind das Fehlen oder seltene Vorkommen der Formel in den 
tVühesten romanischen Denkmälern, ihr auch weiterhin längere Zeit 
hindurch nur sporadisches Erscheinen, ihre geringere Verbreitung 
im Westen der Romania nicht beweiskräftig; denn die älteren 
Denkmäler bieten nach Sprache und Stil, Form und Technik 
weniger ^Möglichkeiten zu ihrer Anwendung, die Ausdrucksweise 
ist literarisch (wenn auch noch primitiv), nicht volkstümlich. 

Die Anwendung des partitiven de mufste zunächst schon des- 
halb beschränkt bleiben, weil nur in solchen Fällen eine Veran- 
lassung hierzu vorhanden war, in denen eine Teil Vorstellung be- 
sonders lebhaft in den Vordergrund des Bewufstseins trat. Eine 
Veranlassung wurde in weitergehendem Mafse gegeben, als auch 
die Heraushebung eines bestimmten Einzelwesens oder bestimmter 
Einzelgegenstände häufiger durch ein besonderes Ausdrucksmittel, 
den bestimmten Artikel, markiert wurde; vor allem, als die be- 
stimmte Form des Nomens sich mehr und mehr zur Normalfonn 
herausbildete. Wenn also die weitere Ausbildung auch den ein- 
zelnen romanischen Sprachen zufällt, so ist der Versuch einer 
cinzelsprachlichen Erklärung ihrer Entstehung nicht angängig. Auch 
E. Appel hätte sicli an das ^Material des Vulgärlateinischen halten 
und nicht so sehr an einen Ausspiuch Morfs ankniipfcn sollen, der 
aus einer Zeit stammt, wo die spätere Latinität noch weniger 
untersucht war. Diese Sätze Morfs (Rom. Stud. III 254 Anm. : .,auch 
es [d. h. das Altfranzösische] hat seine genetivi partitivi in gleichsam 
verjüngter Gestalt, da bei ihnen die ursprünglich lokale Anschauung 
wieder viel deutlicher zum Vorschein kommt als im Lateinischen, 
weil es dieselben durch das sonst als Lokalpräposition des ter- 
minus ex quo angewandte de ausdrückt. Diese Identität der Auf- 



' l.öfsledt 8: ..Es ist nämlich darunter [il. h. Vulgär- oder Volicslalein] 
niihl die im Munde des ungetiildetcn Volkes lebende Spraclie zu verstehen - — 
iil)er die wir nur sehr weni;^ wissen — , sondern vielmehr diejenige Slilgattunf,- 
l)zw. Stilgatt\ingen, welche der Volks- oder Umgnug-ssprache näher stehen als 
die durch literarische Technik und Tradition ausgebildete gehobene Ausdrncks- 
weise; es handelt sicli also keiiiesAvegs um d.\s reme Vulgiiridiom, sondern um 
die freiere und nachlässigere Sinache im Gegensatz zur strengeren und kunst- 
volleren." 



42 HANS NEUNKIKCHEN, 

tassuug und Bezeichnung des genetivischen und des lokalen Ver- 
hältnisses auf die Frage woher? durch die Präposition des terminus 
ex quo, ist recht eigentlich der Boden, auf welchem der partiiive 
Artikel entstehen und seine heutige Ausdehnung gewinnen konnte.") 
mögen hinsichtlich der Ausbreitung der Teilungslorinel das Richtige 
treiben, hinsichtlich des Zeitpunktes ihrer Entstehung haben sie den 
vulgärlateinischcn Sprachvorgang nicht berücksichtigt. i Sogar die 
von Mengebcgrifien unabhängigen partitiven f/f-Konstruktionen, die 
Morf wohl zunächst nicht im Auge hatte, nicht nur die „verjüngten 
gen. part.", setzen, wie wir sahen, im Alllatein als Konkurrenten 
der entsprechenden Genetive ein, bis im Spätlatein die ältere Aus- 
drucksweise ganz verdrängt wird. ^ 

Man kann sagen, dafs durch den Sieg des Genetivs mit de 
tlie Expansionsfähigkeit der Teilungstbrmel gesteigert wurde und 
dafs um diese Zeit die stärkere Ausdehnung begonnen hat. 



IL 

Das Teilungsverhältnis bei Mengebegriffen im 
Provenzalischen, 3 

Wenn in der lateinischen Volkssprache im Appositionsverhält- 
nissc die ursprüngliche Form der Parataxe besonders bei Mafs- und 
Zahlangaben vielfach erhalten ist (Schmalz S. 348: Prop. 2. 29, 3 

^ Im übrigen dürfte die Ausbreiluiig in der Art vor sich gegangen sein, 
M'ie ^Nlorf sich im Anschlufs au die oben ziticrteu Sätze au Beispielen des 
Rolandsliedes die Entstehung klargemacht hat. „Wenn wir im Altfranzösischen 
neben 133 Tant i avrez || de besanz esnicrez; 459 Koustruktionen haben, wie 
570 II tan t li dunez aveir; 3979; oder neben 127 De sun aveir || vus volt asez 
duner, Konstruktionen wie 899 || asez oust barnct; 2155; . . ., so mufs ja der 
Schein cntstcheu, als ob der gen. in den jeweiligen ersten Beispielen mit dem 
acc. der jcweiligeu zweiten in seiner syntaktischen Bedeutung rds Objekt des 
betrefienden Verbums identisch sei: de Vor z= or , . . Auch p'älle, wo die 
rein lokal-paititive Anschauung noch auf der Iland liegt, wie 2348 Del veste- 
ment II i ad Seinte Marie (cf. auch 2346f., 1012, 11 19) mufsten dazu beitragen, 
den genetivischen Ausdruck nicht als von einem zu supplierenden Satzteil 
abhängig, sondern tel quel als Objekt des regierenden Veibums erscheinen zu 
lassen. Von der Zeit an , da diese Anschauung zum Durchbruch gekommen 
ist, datiert die Existenz des partitiven Artikels." Wenn Appel (a. a. O. 4 — 8) 
zu zeigen versucht, wie in diesen „lokal-partitivcn" Wendungen auch ohne 
Einflufs seitens des genetivischen Gebrauchs des de eine ^Möglichkeit für de 
gegeben war, den selbständigen Gedankeninhalt „etwas von" zu gewinnen, so 
hat ihr dieses Bestreben in etwa den Blick für die Art der Beziehungen 
zwischen Teiluugsformel und Wendungen mit Mengeangaben getrübt, insofern 
sie den fördernden Einflufs letzterer zeitlich zu spät angesetzt hat (vgl. auch 
die Rezension Meyer-Lübkes im Liibl. f. germ. u. rom, Phil. 1916, Sp. 177). 

^ Bonnet 611 konnte nachweisen, dafs in der .Sprache Gregors von Tours 
für die unabhängigen Parlitivausdrücke dieser Zustand erreiclit ist. 

3 Abkürzungon {* = ganz durchgesehener Text): 
*Alb. = La chanson de la croisade contre les Albigeois p. p. P. Meyer. 

Paris 187^, 1879. 
*Rom. Arlcs ^ Lc Ru.nan d'Arles p.p. C. Chabancui. Rf.R. XXXlf, 
XXXIll. 



ZUR TElLUNGöFOKMEL IM PKOVENZALISCHEN. 43 

pueri . . . Uuba [= pueroiura turba] und Kühner, Gram.- 1, i, 
S. 250 f.), 1 vor allem bei Nachstellung der Mengeangabe, wo in 
nachlässiger Diktion das Substantiv in seiner allgemeinen Form 
gesetzt wird, ohne dafs die durch den folgenden Begriff gegebene 
Begi'enztheit bedacht und zum Ausdruck gebracht wird, so treten 
im Provenzaüschen bei Zahlen neben gleichgearteten Fällen wie 

Segre vos aun donzellas cent (S. Fides v. 256) 



*Barl. = Die pioveiizalische Prosa-Redaktion des geistlichen Romans von 
Barlaam und Josaphat, hsg. von F. Heuckenkamp. Halle 1912. 

*Bible, s. Hist. Sainte. 

*Boyssct = Die Chronik des Garoscus de Ulmoisca Veteri und Bertraud 
Boysset (1365 — 1415), hsg. v. F. Ehrle. Arch. f. Lit- u. Kirchen- 
gescliichte des M. alters VII, 

* D o c. 1 i n g u, = Documeuts linguistiques du midi de la France p. p. 

P. Meyer. Paris 1909. 
*Douc. = La vie de sainte Douceline p.p. J.-H. Albanes. Marseille 1879. 
*Eust. = Le mystöre de saint Eustache p. p. P. Guillaume. RLR. XXI, 

XXII. 
*Gesta = Gesla Karoli Magni ad Carcassonam et Narbonam, hsg. v. 

E, Schueegans. Halle 1898 [= Rom. Bibl. XV]. 
*Guill. = Guillaume de la Barre p.p. P.Meyer. Paris 1895. L^oc. d. 

auc. textes frauf.] 
*Hist. Sainte = Recits d'histoire sainte en bearuais p. p. V. Lespy et 

P.Raymond. I, II. Pau 1876, 1877; '''Bible = „Bible en langage 

gascon A f 4" Bibliotheque Genevieve, abgedruckt in Hist. Sainte. 
*lIon. = La vida de sant Honorat, legende en vers provencaux par Raymond 

Feraud, p. p. A.-L. Sardou. Nice [1S75]. 
*Prise Jer. = La Prise de Jerusalem p. p. C. Chabaneau. RLR. XXXII, 

XXXIII. 
Millardet = Recueil de textes des auciens liialectes landais p. p. G. Mil- 

lardet. Paris 19IU. 
*PJoh. = Brief des Priesters Johannes an Kaiser Friedrich in Such. Dkm. 
*RVidal, Abrils ^= Abrils issi'e mays intrava. Lehrgedicht von Raimon 

Vidal von Bezauduu, hsg. v. W. Bohs. Rom. Forsch. XV. 

* Ter sin = Tersin. Tradition arlesieune p. p. P. Meyer. Rom. I. 
*Troub. = Les biographies des troubadours en langue provencale p. p. 

C. Chabaneau. Toulouse 1885. 
*Turpin = Der proveuzalische Pseudolurpin, hsg. v. O. Schultz. ZRPli. XIV. 

An sonstigen gröfseren altprov. Texten wurden vollständig durchgesehen: 
inBaDkm.: *Leben der hl. Enimia, *Kindheit Jesu; in Such. Dkm.: *Alexius, 
*KreuzIegenden, *Nicodemusevangelium mit Prosaauflösung; *Prise Damiette 
(fcd P. Mej-er. Genf 1880); *Flamcnca-, *Jaufre: *Sermons (et preceptes cn 
langue d'oc du Xlle siecle, p. p, C. Chabaneau. RLR. XVIII}. 

An jüngeren Texten fanden Berücksichtung: Jean de Ca bau es, 
L'histourien sincere, sus la guerro doou duc de Savoyo cn Prouvcuco, eu 
1707, p.p. A. Pontier. Aix 1830. — *Poesies de Dom Gu6rin de Nant. 
RLR. V, VI, Vn, XXL XXIII, XXIV. — -äfPoesies patoises de Nicolas 
Fizcs (1679 — 1716), p.p. L. Gaudin. RLR. IIL — Poesies languedociennes 
et fian^aises d'Auger Gaillard, p.p. G. de Clausade. Albi 1843: Kodiere. 

— Oeuvres de Pierre Goudelin, p. p. J. B, Noulet. Toulouse 1S87: E. Privat. 

— *Fr. Mistral, Mirfeio. Paris 191O: Biblioteco Charpentier. — Oeuvres choi- 
sies de Roudil, p.p. I.. Gaudin. ]<LR. I. 

' Entsprechend dlseh. „Der TugendhaJten gibt es wenige, der Lasterhaften 
viele" findet sich nach Kühner (eb. 428) nie der gon. part. im I-ateinischcn. 



44 HANS NKUN'KIKCHEN, 

wn vnriiherr.iii vit;lo mit logischer Vcrkiiüpruiig auf: 

Aquilh Uobavon d'autra part 

Vas Lombardial pro marques 

E d'autres baros dos o tres 

E catr'c eine e mays de ccn, (RVidal, Abrils 772 ft.) — 

D'autras defensios 

Podetz far avinens, 

Si-ns plai, mai de eine cens, (^BaLsb. 144,811.) — 

Im cutre totz aquestz han de cavaliers .CLXX. m. e de siiventz 
uuarnilz .CC. m. (Gesta 6461". = Et habent inter istos militcs 
lorieatos .CLXX. in. et pedites armatos .CC. m.) — et amenava ab si 
.CCC. m. cavaiers e de sirvens ses nombre (eb. 2610 Hs. P = . . . et 
ab sirventz trops ses comte Hs. B =: ]at. eura .CCC. milibus milituni 
et infinita multitudine peditum) — aucis ne d'autres .V. (eb. 1860") — 
e manjee nc e l'Apostoli eyssament eis clergues e d'autres pus de 
.VII. m. (eb. 269!'. = et plus quam .VII. milia aliorum) — 

E ac i de roters, de Navars e d'Aspes, 

Plus de .m. a caval e de .L. e tres; 

Ciascos e Caercis i a e Agenes. (Alb. i-;65D.) — 

De mortz e de negatz n'i ac bc .XXVIII. (eb. 2380) — 

E rivesqucs d'Uzes ab d'autres clergues cent (eb. 1355) — 

Ab de domnas entro a cent (Jaufre 159 a) — 

ab d'autres cent (eb. 136a; ähnl. 130 a) — 

Seiner, ieu vei lai cavalcan 

De cavalliers entro a cent. (eb. 156 b) — 

Que de colps pres iiiais eine eentz; (eb. 93 b) — 

Assaz i ac tendas e traps 

E paballos de raanta guiza ; 

De cruecs, de blanes e de vermeilz 

N'i ac plus de .V. cens pareils; (Flamenea 2050.) — 

De baisars y ac plus de cent 

Preses dese ad un tenent (eb. 6771 f.) — 

.San Blaze pregu'e sant Marti 

E d'autres sains ben .V. o .VI. .... (eb. 21 ig ff.) — 

tan grans gens morian de fam, que sei .j. jorn ne trobet hom de 
niortz per las carrieyras .CCCLX. (Prise Jcr. 31. II, 1 f.). 

Derartigen Beispielen, bei denen die engen Beziehungen zur 
Teilungsformel auf der Hand liegen, werden solche wie: 

.C. deniers d'aur portec grociers 

E .V.'^ floris de menutz (Guill. 321g f.) 

und auch: Trczens cavaliers ac de bons (Flamenea 6932; P.Meyer: 
Trczens = tres cens?) anzureihen sein, wo die gleiche Denk- 
vorsiellung unter Reimzwang den vorliegenden sprachlichen Aus- 
druck gefunden haben könnte. Doch ist auch die Annahme eines 
Kontaminationsfalls möglich; vgl. noch aus dem 17. Jh.: 



ZUR Teilungsformel im PROVENZATISCHEN'. 45 

Que pregui Diou que tiento autounos 

Bejat bous encouero de bounos (D'Aslros 1. 36, 465 f.).i 

Mit der zunehmenden Anwendung der Teilungsformel beim Objekt, 
.Subjekt und nach Präpositionen, die die einfache Nebeneinander- 
setzung unmöglich machte, wurde die logische Verknüpfung durch- 
geführt. Wenn man von Fällen wie us de sos disciples (bekannte 
Menge!) absieht, ist partitives de nach Kardinalzahlen im 
Prov. selten. Der lat. substantivische Plural milia (mit gen. part. 
s. Draeger 1, 106 f. u. a.) kehrt wie im übrigen Romanischen (Meyer- 
Lübke, Rom. Synt. § 140) durchweg in adjektivischer Verwendung 
mit asyndeiischer Verbindung des folgenden zugehörigen Substantivs 
wieder. Die interessanten Ausnahmen im Turpin: iiii. de bares 
raot bos batalhadores (484, 17) — .x. de Serrasis (485, 30) — 
.xxxiiii. de cavalhers aprees en armas (486, 38) — amb .-^^, de 
Turcs (493, 1) — amb l. de Sarrasis (501,40) — amb .v. d'autres 
(50Q, 37) werden eine bewufste Nachbildung der lateinischen Quelle 
darstellen, weil andere Texte unter ähnlichen Bedingungen de kaum 
gebrauchen. Insbesondere zeigen die Gesta deutlich, dafs «'(.'-Ver- 
knüpfung nicht geläufig ist, da sie bei relativ genauer Wiedergabe 
des lat. Te.Kies in Hs. B nicht einmal die häufigen lat. Genitive 
nach milia (ÖQif., 695!"., 714, 807!"., 821 usw.) durch de zum 
Ausdruck bringen, das sie nur in solchen Fällen aufweisen, wo es 
auch im Lat. steht und im Prov. bleiben mufs, wie Aquestz .111. 
ancim et ab es .C.XXX.IIII. m. de gent sarrasina = ... et cum 
illis . milia de gente sarracenica (601 f.). Im übrigen ist Turpin selbst 
inkonsequent: .xli. d'onsas d'argen e .x^ii. besans d'aur (510,29); 
vgl. auch .x*!!. onsas d'argen (509,39 und 514,8) — amb .n". 
Navarrencs e de Serrasis (492, 28 f.); de fehlt weiter noch in 
ii Fällen. Die Anknüpfung von autres an milia mittels de findet 
sich auch anderswo: e pus de .XX. milia d'autres homes (Troub, 71b. 
II, 10 f.) — Menam an nos .CX. milia cavalliers armatz he .II. milia 
albarestiers ... he .CCCC. milia d'autres albaresties (PJoh. 366. 45,7!!.); 
dann auch bei kleineren Zahlen: 

Estiers aquestz n'i a eine cens 

D'autres que son larc e sotil (RVidal, Abrils 13361.) — 

lo papa fe li gran corona e a .C. d'autres entre cavaiers e donzels 
(Gesta 1250 f. = lat. et .C. aliis tarn militibus . . .) — aucis ne autre 
e .XV. d'autres (eb. 2234 = alium interfecit et .XV. alios) — e 
gitec lo mort en terra e .VII. d'autres (eb. 803) - — am .V. d'autres 
reys (eb. 689) — et am .IV. d'autres avesques (eb. 1002!".); doch 
vgl. auch: e .II. autras fenestras paucas i fe (eb. 1240) und e de 
.XVII. autres santz (eb. 1079) — Ab .VIII. d'autres (Jaufrc 157b). — ■ 
Sonst ist die </d'-Fügung kaum zu finden; vgl. noch: 



1 Pocsies gasconnes, rec. et p.p. F. T[ailliade]. Nonvclle t'd. T. I: 
XVII« si^rle: J. G. d'Astro.s. . . . Paris 1867, 1869: Tioss. 



40 HANS NRUNKIRCUFN, 

K Melian, quc pres lonia 

Ab eine ccns en s:i compagnia 

De cavallier meravilloz (Jaufrc 141b) — 

Item, compare lo susdicli en de huous, ^. iiij, d. s. 

Item, xlj de huous per lo dieh dinar, montan, u. ij. 

(Doc. lingu. S. 353 = Forcalquier, Bass. Alp. 1489) — per joryar 
las dichos quaysos, ecn de rordas (eb. S. 472 :=: Tallard, IL Alp. 
1526) und die sehr bemerkenswerte Stelle aus ServcMi von Gerona 
(Sueh. Dkm. 262, 231 ff.): 

Ca tres femnes leyals 
P'n son .C. desleyal.«, 
E a tres de jantils 
N'a mays de .C. de vils, 
E a tres d'avinens 
N'a .C. desconaxens, 
E a tres de grasides 
I'ji son .C. escarnidcs, 

welehe ebenso wie die folgenden Beispiele wieder die engen Be- 
ziehungen zwischen den Wendungen mit Mengeausdruck und der 
eigentlichen Teilungsformel (in dem Typ i a de + subst. Adjektiv) 
zeigt: volgron li crestians . . . reconoyser lur gents .III. c. en troberon 
mortz e .ij.c. de nafratz, (Rom. Arles 716 ff.) — et trobe, . . ., qu'en 
y avia 300 de morts et 200 de naffrats. (Tersin A 64, 3) — e y 
aguet dous niillia Chrestians de mors e autan de eavaliers (eb. B 65,4), 
vgl. aber eb. 64, 3: y aguet .XXX. millia Sarrasins estendus. 

Die Dinge liegen also im ganzen und grofsen hinsichtlich der 
kleineren Zahlen ähnlich wie im Lat., bezüglich milia wie im Altfrz. 
und Span. (vgl. Meyer-Liibke, Rom. Synt. § 237). Die aiilrcs- 
Verbindungen werden sieh ohnehin noch als ajialogische Über- 
tragungen von der häufig vorkommenden ähnlichen Konstruktion 
bei den unbestimmten Mengeausdrücken her erklären (s, unten); 
ein Beispiel wie PJoh. 366. 45, 7 ff. zeigt klar, dafs nicht die Zahl 
der die r/^'- Setzung bedingende Faktor ist. Überhaupt lassen sicli 
die </(f-Fälle bei mi/hi angesichts der gesamtromanischen Verhältnisse 
mit gutem Grunde alle als sekundäre Analogiebildungen der vor- 
genannten Art oder als bewufste oder unbewufste Nachahmungen 
der klassisch -lat. Konstruktion auffassen, wenn wir bedenken, dafs 
die lat. Volkssprache bei Zahlangaben gern das Appositionsverhältnis 
bewahrt hat: ..und noch im Spällatein, wo z. B. Arnob. 106, i6 
anni ad haec tempora prope milia duo sunt und Jord. Get. 134 
decem libris carne sagt und Cassian aus Esaia 37, 25 plus quam 
duodecira milia legiones angelorum zitiert" (Schmalz S. 348). Wenn 
es für die moderne Sprache bei Piat 1 S. 248 heifst: «Les noms de 
nombre sont souvent suivis de la priposition de: une quinjeno de 

^ Pi.at, Grammaiic generale populaiie iles dialectes occitanicns. Essai de 
svntaxe. RLR. UV. 



;^UR TEILUNGSPORMEL IM PROVENP^ALISCHRN. 47 

rents amos, 1.500 ames; dous centenii'-s d'ave, 200 brebis; a milo 
d'aumalho, il a i.ooo betes ä cornes. Mais on dira: milanto cops, 
des millions de fois», so hat nur das Beispiel mit milo Beweiskraft. 
Doch vgl. milo fes, milo cop (Mistral, Tresor II, 340 b); milo mit de 
auch bei Gaiilard (96, 10): Car on ne troubara cent milo de countens. 
Fälle wie n'y aguec ren que huech de sauvas (Vallee de Queyras) 
und qui ha mec agu eut d'salva (Val St. INIartin) = Übersetzung 
von V. 106 der Noble Lecon (ed. Montet): non ac mays qiie oyt 
salva entsprechen franz. il y avait deux mois de perdus oder il y 
avait trois mille soldats de blesses, wo substantivische Zahlangaben, 
wie in den oben angeführten älteren prov. Beispielen, durch partitives 
de mit substantivierten Partizipien in auffälliger Form verbunden sind. 

Bei den meisten allgemeinen Mengeausdrücken wie molt, 
fallt usw. lassen sich bis heute keine festen Regeln über das Ein- 
treten der ^^-Fügung aufstellen. 

Das Altpro venzalisc he hat die Konstruktion mit einfacher 
Anreihung, die bereits im Lat. durch den Gebraucli des gen. part. 
und des partitiven de nach der substantivierten Form des Neutrums 
durchbrochen war, immerhin weiter eingeschränkt. Allerdings 
scheinen die älteren Texte (Evjoh., SFides, Sermons du 12= s. u. a.) 
nur attributive Geltung zu kennen, die auch später meist noch 
überwiegt, so dafs das Prov. stark hinter dem Altfrz. zurückbleibt, 
wo nach Meyer-Lübke (Rom. Synt. 172) „adjektivisches mout, moute, 
poi, poie im ganzen selten und auf westliche Texte beschränkt ist". 
Neben der gröfseren Zahl unmittelbarer Beispiele beweisen die 
weitergehende Ausbreitung gegenüber dem Lateinischen: 

I. die ziemlich häufige Verschmelzung der de-Yngxxng und 
der adjektivischen Anreihung in einer Ausdrucksweise wie en fanfos 
de maneiras, in der gewöhnlich 1 eine Angleichung des Mengewortes 
in Geschlecht und Zahl an das folgende Substantiv erblickt wird; 
eine Auffassung, die Beispiele wie ab pauca de sa gent (Alb. 706) 
und un pauca de rusca d'olivier (Such. Dkm. 203, 67) sehr wahr- 
scheinlich machen. Wenn man hierbei auch an bewufsten Ge- 
brauch der Konstruktion als stilistisches Mittel denkt, die aber auch 
bei metrischer Verlegenheit bequem aus der Not half, käme ein 
Streben nach Verstärkung des Ausdrucks in Frage, auf welches 
z. B. Schmalz (Syntax, S. 365, Anm. 4) die analogische Ausdehnung 
des gen. part. nach cuncti und omnes zurückführt. Die Fälle wie molr. 
de Sarasins werden aber wohl lat. multi tribunorum (Tac. Hist. 4,73) 
= späterem multi de tribunis entsprechen. Angesichts von Fällen 
wie en mantas de maneiras (Alb. 3827 u. ö.), die allerdings Analogien 
nach en tantas de maneiras darstellen werden, erscheint auch 
analogische Übernahme des de in die adjektivische Verwendungs- 

' Vgl. Mcycr-Lübke (Rom. Synt. § 239), Schultz-Gora (Elemciitaibucli^ 
§ 183: Attraktion) und Suchier (Gr. Gdr. I, 2, S. S18: Assimilation, be«. im 
rVovenzalischen); dazu auch Beisji. wie per .x. niillias dona tniita iTescurdat e 
do tentbras (PJoh. 367. 46, 27 f.). 



\9, HANS KEtTNKlKCIiKN, 

weise auf Grund der Krinnciungsbilder mit t/t-Fügung iiiclit aus- 
geschlossen, da singularisches mant de nicht vorkonnnt. 

2. Dic^'enuischung der substantivisch-neutralen und adverbialen 
Verwendungsweise bzw. die teilweise Absorption der letzteren durcli 
die erstere. In Sätzen, in welchen ohne wesentliche Bedeutungs- 
N erschiedenheit mo//, taut usw. statt als Uradadverbium in der 
ursprünglichen Stellung vor dem Verbum un der Spitze des Satzes — 
mit Steigerung des ganzen Satzinhalts — auch als substantiviertes 
Neutrum durch de mit dem Substantiv, auf das sich der Intensitäts- 
( Menge-) Ausdruck im besonderen bezieht, \erbunden werden kann, 
ist im Laute der provenzalischen Entwicklung immer mehr die 
letztere Verwendungsart gebräuchlich geworden: Fälle wie Pro i a 
estables e solers (Flamenca) oder Taut i a comtes e comtors (eb. 194) 
treten hinter denen mit ^/(, -Verknüptung zurück und verschwinden 
mit dem Siege der eigentlichen Teilungsformel automatisch, als der 
Satz ohne Mengeadverb / a c/'estables e de solers lautete 

Bei diesem Vorgange, wo wohl analogische Ausdehnung des 
substantivischen Gebrauchs vorliegt, und, psychologisch betrachtet, 
das Stärkeverhältnis der Menge- und Intensitätskomponente zugunsten 
der ersteren verschoben ist, wurde die stilistisch wirkungsvolle 
(Emphase, Hervorhebung!) und metrisch bequeme oder gebotene 
Stellung vor dem Verbum meist beibehalten, nicht nur, wenn wie 
bei 7nais . . . mais durch Gegenüberstellung noch ein besonderer 
Anlafs gegeben ist. Natürlich bleibt die adverbielle Funktion fast 
ausnahmslos in Fällen wie inolf li volia gmn mal, wo das Substantiv 
von einem Adjektiv begleitet ist, auf das sich das Mafsadverbium 
trotz der noch beibehaltenen Stellung vor dem Verb mehr oder 
weniger eng bezieht. 2 Man kann wohl schon ziemlich früh hinter 
der alten Form die veränderte Auffassung suchen 3; denn vgl. auch 
que motz reraaseron de Sarrazis raortz (Prise Damiette S. 30") — motz 

' Zunächst werden die einzelnen Ausdrücke ihrer verschiedenen Herkunl't 
eulsprecheud nicht gleichmäfsig behandelt: so zeigt das ursprüngliche Adverb 
assaz (an der Spitze des Satzes und nachstehend) vorzugsweise adverbielle 
Funktion ohne Verknüpfung, was bei granres nur vereinzelt der Fall ist. — 
Auch bei Nachstellung der Mengeangabe ist die logische Beziehung oft noch 
nicht hergestellt: Orasons i a trop ades (Flamenca 3175) — Aur et argen lur 
dono mot (Such. Dkm. 32, 1105) usw. — Für Gesta ist bei mout das Ver- 
hältnis der adjektivischen Form + de: adjektivischen Foim etwa =1:2 
(Beisp. irrit Nachstellung und autres eingerechnet), adverbiale Gebrauchsweise 
und subst.-neutiale 4- <^^ fehlen ganz; für Douc. : if^- Fügung (je 5 Beisp. 
mit subst. und adjekt. gebrauchtem mout): adjekt. Anreihung (die steieotypc 
Formel motas ves ausgenommen) =^1:3; für PJoh. : <^^ -Verknüpfung (4 subst., 
12 adjekt., autres und Nachstellung eingerechnet): adjektiv. Aureih-Jug = 4 : 3, 
ferner ein Fall mit Adv. Für trop ist das Verhältnis von adjekt. Form 4- de- 
zu adjekt. Anreihung = i:i für Gesta: Douc. hat zweimal subst. -neutrale 
Form ■\- de. 

* Doch vgl. Lo rey Avennur amava lo niol e mot li portava d'onor grau 
(Bari. 2, 3f ) und bes. Meycr-Lübke (Rom. Synt. S. 528), der aus dem Spauisclun 
ganz auffallende Vermischungsfälle anführen kann, wo bei unmöglicher Parlitioii 
rein äufserliche Nachbildung vorliegt: tanto estaba de bien atada (DQuij.). 

^ Sfhultz-Gnra, IClementarbuoh •', S. 139 sclu-int anderer Auffassung zu st-in. 



;^UR TEILUNGSFORMEL IM PROVENZALISCHEN. 49 

hy ac d'homes (Bari. 1,4) — car raolas ay vistas et auzidas mal- 
vestatz (Such. Dkm. 98, 10 f.). 

3. AiKilogiekonstruktionen wie: et a pluros dautres (Boysset 
351, 14) — Davant aquestos lo eran stat mandat pluros d'aulres qua 
si devoti lay atrobar. (eb. 390, 13 f.); ferner an diverses dautres 
(Doc. lingu. 396: Manosque, B. A. 1426) — e d'autres dyverses 
(eb. 523: Vence, A. M. 1434) — (zu der Sonderstellung von iVaulres 
s. S. 44 f. und 50) — und que lonc de temps avian estat el sablon, 
(Prise Damiette S. 5) — car lonc de temps lo ave desirat de beder 
(Hist. Sainte II, 124); vgl. auch un demiey jorn cremet (ein Scheiter- 
haufen) sens tot de fayllimen (Hon. 137, 50; gebraucht wie ^«jj- d?^). 

Heute ist die subst. Ausdrucksweise mit de mit wenigen 
Ausnahmen, von dem allgemeinen adj. Gebrauch von forgo und 
proun abgesehen, in der eigentlichen Provence durchgeführt, 
wie es sich deutlich an Hand von Mistrals Werken für die litera- 
I arische Sprache zeigen läfst, was nach Ronjat (Essai de synta.xe 
des parlers proven(;au.K modernes. Mäcon 19 13), 8.351". für den 
Bezirk überhaupt gilt. Aber auch in den literarischen Werken 
aus anderen Dialekten erfreut sich diese Konstruktion! gröfserer 
Beliebtheit, besonders bei tant'qtiani; dagegen scheint die heutige 
Volkssprache des übrigen Südens stark an der adjektivischen 
Verwendung — vielfach in Verbindung mit de — festzuhalten. 
Während in der alten Sprache so recht keine regionale Begrenzung 
dieser Kreuzungsformen festzustellen war, läfst sich jetzt beobachten, 
dafs sie in der Mitte des südfranzösischen Sprachgebiets, etwa mit 
der Rouergue a's Kernlandschaft, bevorzugt werden (vgl. beispiels- 
weise Atlas lingu. Nr. 15 13 Combien de personnes hier = Kanios 
de und Ronjat 36 ff.).- Das Alpengebiet hat noch jetzt fast aus- 
schliefslich adjektivische Anreihung, stets ohne de, wie es schon die 
Noble Lecon für die ältere Periode zeigt. 

Wie bei den Zahlen, finden sich auch hier bei Vor- und Nach- 
stellung des Mengeausdrucks frühzeitig manche der Teilungsformel 
nahestehende Wendungen: 



• Als Beisp. tiir interessantes Nebeneinander der verschiedenen Möglich- 
keiten vgl, noch aus dem Altprovenzalischen: 

Tantz bon pali ni taut cendat, 

Ni dat tant d'aur ni tant d'argen, 

Ni tant bei arnes eissamen (Jaufre 165 b) — 

Uns paures mendix de Narbona 

Enblet tanz deuiers e d'annona (Hon. 169. CHI, i f.), 
aus der späteren Sprache : 

leu souy las de vese taulis de brullameus 

Amay d'ausi parla de tant de violamens: 

leu souy las de vese tantos personous mortos (Gaillard i/r, i fl.) — 

abets forso gens en Franso e de souldats (eb. 165, 23). 

- Die Angabe Ronjats S. 37: <:Ces tournures semblenl fortement implantces 
(16s le XV« si^cle entre Albi et Toulouse» läfst sich dahin ergänzen, duf'^ 
bereits im Alb., dessen 2. Teil albigensische Sprachziige aufweist, die Ansdnirks- 
weise beliebt ist. 

Zeitächr. f. roni. l'hil. XI, 11. * 



50 IIANS M'.UNKIRCHRN, 

Tanl a rn aquest segle perpres e semenat Lo princeps iiifernals 
de mal c de pecat. (Such. Dkm. 214, 141") — Car atrestant de tons 
cosis Ac d'aur le princes sarrasins (Hon. 179, 5 f.) — Quar deniers 
ni draps ni vaisselz Laisa tant de bons e de bels (Fiamenca 6925) 

— Quc tant vei de mos hunies de tnortz e de nafralz (Alb. 6582) — 
Que de sanc ab cervelas e de carn ab suzor Y aia tant esparsa . . . 
(eb. 4437 f.) — Ab de cavaliers no sai cans, (Jaufre 52 b) — K 
aura n'i tans d'autres de rics e de frairis (Alb. 71 18) — Mas troj^ 
vezem anar pel mont De folla gent (Appel Chrest. 60, 23 f.) — 
e trop lo-t faria fayr de be a Karies (Gesta P 2242) — Sortz e 
lebros e d'alties trop (Ba. Dkm. 270, 11) — et autres arcevesques, 
. . ., priors et d'aiitros clergues trops ses nombre (Gesta 48 ff. = 
et alii derlei infiniti; u. ö. eb., auch bei Vorsttllung) — mot n'i 
ac de mortz e de nafratz dels Sarrazins e dels crestias (Prise Da- 
mistte S. 24, ähnlich S. 41) — Cavaliers, domnas e pulcellas Car 
molt n'i avia de bellas (Jaufre 133 b) — De gens fes i venir mot 
(Rom. Arles 481 f.) — q'enantz n'a d'autres motz (Jaufre Boa).' 

Que ganren en a d'autres fachas (Jaufre 105 b) — Ganren 
agron d'enfans motz bels E de mascL s e de femels (Rom. Arles 
135 f.) — Guanres ia venon demandar. De jovencellz, per sa beutat 
(Hon. 181, 126 f.) — Ganre y ac d'autres guirens, (Such. Dkm. 20, 
677) — Pro^Vi trobarias de meillors, De plus rics e de bellazors 
(Jaufre 89 b) — Segner, fai s'il, pron lur puesc dar De joias, 
(Fiamenca 7593 f.) — pero assatz i ac mortz d'omes (Prise Damiette 
S. 43) — Que dedins e defora n'i a maus remazutz De cavals e 
de cors, de mortz e d'estendutz (Alb. 9227 f.) — Alis a dig: „Ben 
patic ne son, Domna, de festas vas que solon (Fiamenca 4794 f.) 

— Petit ne son ara d'aitals (eb. 5957) — Tan pauc trob'om en 
tota gen d'amor (Ba. Dkm. 45, 10) — C'ancar vos er mais a sufrir 
De mal que non avetz sufert (Jaufre 77 a) — on plus vezia de bons 
homes, plus s'operdia (Troub. 43 b. XXVTI, 7f.) — mays c'als mieus 
li fasia d'onor (Hon. 142. LXXXiX, 63) — Per mays donar lour de 
peno (Eust. 1942). 

Partitives de in negierenden Wendungen. Auch im 
Prov. tritt partidves de analogisch nach Negationsverstärkungen in 
solchen Fällen ein, ^vo das Substantiv eigentlii h zunächst keine 



' Argesichts des häufigen Vorkommeus uud formelhaften Charakters von 
motz d'' autres , meist als letztes Glied von Aufzählungen, vgl. noch bes. per 
motz cavaliiers e per motz d'autres hon es (Troub. 82b, 6 f.), mains d^ autres, 
granre d'autres, Zahl.i7tgaben 4- d'autres (alle auch mit Vora;. Stellung des 
d'autie^) erscheinen auch die Beispiele: Ez ab motz bares d'auires || e ab cels 
del paes (Alb. 8953J — Ez ab motz baros d'auires || ab lo cors enieres (eb. 9003) 
— En aquesta maneira es lo coms remazutz Ab IUI baros d'autres |] e leval 
critz el brutz (eb. 9305 f.) weniger auffällig, wo sich h-A gewöhnlicher Wort- 
folge eine Slbe zuviel ergeben hätte. Da aber auch gleichgeartete Prosa- 
beispiele vorkommen, vgl. e XLII milia homes d'autres que siivens . . . (Prise 
Damiette S. 100), werdui sich diese Wendungen am einfachsten dem ?. 4>t. 
besprochenen Typ einordnen. 



ZUR TEir.UNGSFORMEL IM PKOVENZALISCHEN. 51 

Teilauffassung zuläfst: car non ay mas ges (VenfanI (Bari. 23, 15),' 
schliefslich auch, wenn der Ausdruck der kleinsten Menge fehlt: se 
defendet de lui cortezamen, que anc noil felz d'amor nil det nuilia 
joia (Troub. 15 a. r, 1 1 fl.) — car en ren non ti escondi de veritat 
(PJoh. 386, 69, 6), wo allerdings j-en mitverantwortlich sein wird; 
vgl. auch non podia sufrir que res s'aginolles az ella, neis d'un 
rnfant (Douc. 30. 4, i f.; respektives de'i). Aus spaterer Zeit: I\Ias 
tout-jour ieu ne counapario, S'on n'y fasio de troumpario. (Gaillard 
24.7, I f.) — Se ieu y vau ses abe de rouci, (eb. 129, 13) — Plus, 
. . ., ai dounat per aumorno, . . ., en ung pasagant . ., ensemble 
sa moulher, disunt estre bastier et per non haver troubat de besongo. 
(Doc. lingu. 591,80: Alp. Mar. 1607) — et non havcnt troubat de 
besougno (eb. 591,82), doch eb. 591,84: . . . non havent troubat 
quondision. — Sans ne janiay cerca d'tscuza (Roudil). 

Insbesondere lassen sicli eine Reihe von Belegen für partitives 
de bei Zeitangaben in negierten Sätzen als Ergänzung zu der 
französischen Beispielsammlung Ebelings (ZRPh. XXIV, 538 ff.) bei- 
bringen: non hac desig de manyar de tot aquelh dia ui agron fam 
ni set (Gesta P 486) — E de tot Tau non es panada Tan sana 
(Such. Dkm, 211, 359 f.) — Ni anc aicela noit no jac nis desvesti, 
Ni anc son olh no claus, per fe, ni no dormi, Ni de tot l'autre 
dia (Alb.) — Anc de tota esta noit no fi mas perpessar, Ni mei 
olh no dormiron ni pogron repauzar; (eb. 3041 f.) — El flum creg 
aquela nuit de .iij. pes d'aut, so que mais non avia fag de ton 
[r=: tot] l'an (Prise Damiette S. 116) — Disel, seiner, que, per ma 
fe, D'un mes non partiretz de me (Jaufre 99 b) — De tot jorn nos 
levet de lieg, (Flamenca 6330) — Anc de cella nug non dormi; 
(eb. 3801) — Anc Flamenca de tot cel jorn Penre non poc vouta 
ni torn (eb. 6767 f ) — Que pueissas armas non porteron D'u mes, 
ni plus non tornejeron. (eb. 8008 f.) — Poissas vedet de part lo rey 
Qu'aisi con cascus cre sa lei De .XV. jorns homs no partis De 
!a cort, (eb. 47gff.) — No sia poissas tan ausatz Que d'un an si 
meta en plassa (eb. 66g8 f.) — fs^o laus bainares d'un an (eb. 1525) 
— E non manjet ni bec de tot aquel jorn (Douc. 60. 5, 7 f.) — e 
anc de tot lo jorn nol det autie consell. (eb. 174. 17, 2 f.) — L'issla 
tornara guasta, car auziran los santz E non s'abitara de cincanta 
tres antz (Hon. 101,31 f.) — Anc de .111. jorns re no manjero, A 
synagoga non intrero. (Such. Dkm. 64, 2 121 f.) — Le mezel li querii 
.j. gage Que no s'en anes dels .VIII. jorns. .VIII. jorns estec a bels 
sojorns, (Quill. 3020 ft'.) — Deves aquilo no-s coica ad eis le solelh 
cl solstici estival de trops jorns, (Elucidari, ZRPh. XIII. 243, 27) — 
Huey ne mangey de tot lo dia (P>a. Dkm. 284, 18) — Que nel 

1 no — qes de hat Irüh — wie später pas de uud im SW. cap de — die 
Bedeutung 'keiner' = ne — aucun angenomnjcn, aucli nominativisch: Die te que 
jes non t ttn d'amor (Jaufre 152 b) — non lour au fach giis de responsa (Doc. 
lingu. 430, 7) — non se fes gis de expedicion (eb. 430, 4). — Als frühes Beis;p. 
für de nach Ncgation<;partilvel ist Boothins v. 238 hervorzuheben: lo senz Tciiic 
nn'q-n no [o.de ho. 



52 HANS NEUNKIRCHEN, 

veirem de tot lo dia (eb. 2Q7, 36) — e non mangeron de .III. jor.s 
(Such. Dkm. 397. XXVII, 7) — Araic Joseph, yeu ti comandi, qua 
de .xl. Jörns non hyessa de la tieiia mayzon. (eb. 393, 29 ff.) — ni 
non si batalhan per lo lur ni per neguna causza d'autre de tota 
!nr vida (PJoh. 360. 32, 13 ff.). 

Gegen Appel (BVentadorn S. 224) ist für die Mehrzahl der 
Fälle an der Auffassung Ebelings festzuhalten, ^ der seine Behauptung: 
„Man hat sich vor dem de die kleinere Einheit zu denken. Bei 
Jahren und Monaten etwa 'Tag', bei Tag und Nacht 'Stunde' usw.- 
durch verschiedene frz. Beispiele mit der kleinen Einheit jorn 
stützen konnte. Vgl. in diesem Sinne auch : La mar ybernica es 
tan undoza ves Anglaterra, que de tot Tan apenas si no paucas 
vetz es navigal)Ia. (Elucidari, ZRPh. XIII. 242, 27f). Dagegen scheint 
Appels Erklärungsversuch (de, um die Bezeichnung der Gröfse des 
Unterschieds der Zeit, vom Ausgangspunkt gerechnet, einzuführen) 
für die Beispiele mit bestimmten Zahlangaben eine ungezwungene 
Lösung darzustellen. 

Von den negierenden Wendungen hat das partitive de später, 
wie im Französischen, auch auf positive Sätze übergegriffen: apres 
en van parlar a plusours dals autres segnours de parlament li quäl 
nos feron tous de bono responsa, et que no dobtessan point (Doc. 
lingu. 428: Brian^on 1495) — Vous disets pla que ieu troubarey 
de moulhie; (Gaillard 303, 16). 

Seit der allgemeineren Geltung der eigentlichen Teilungsformel 
läfst sich oft nicht entscheiden, ob es sich um diese Wendung oder 
um partitives de nach einer Negation handelt, da im Prov. das für 
das Französische in der Artikelsetzung bei der Teilungsformel ge- 
gebene Kriterium wegfällt (s. nächsten Abschnitt); das gleiche gilt 
für de nach den Negationsverstärkungen, wo auch eine Unter- 
scheidung wie zwischen frz.: N'avez-vous pas d'amis (verneintes 
Objekt) und N'avez-vous pas des amis (verneintes Verb) äufserlich 
unmöglich ist. 

ni. 

Im folgenden wird der Teilungsformel im Provenzalischen 

sprachhistorisch nachgegangen und dabei auch versucht, durch 
Vergleich der diesseitigen und der von E. Appel in ihrer Arbeit 
für das Französische gewonnenen Ergebnisse die Basis zur Be- 
urteilung der Frage breiter auszubauen, ob die eigentliche Partitiv- 
wendung schon vor dem Einsetzen der romanischen Textüberliefe- 
rung entwickelt war, was auf Grund von lateinischem Sprachmaterial 
mit Einschränkung bejaht werden konnte (s. S. 40 f.). ■^ Der Ver- 

1 Aurh Meyer-Lübke ist bei derselben, unabhängig von Fbeling gegebenen 
Erk'ärung (Rom. Synt. 745) geblieben (Liibl. f. germ. u. rom. Phil. 1916, Sp. 178). 

* Die E. Appel unbekannt gebliebene Diss. der John Hopkius-Universiiat : 
Percival Bradshaw Fay, EUiptical partitive usage in affirmative clauses in 
French prose of the 141'!, i5th and i6'li centuries. Paris, Champion 1912; 
Vlir, 88 S. in 8". konnte irh nicht benutzen. — Für die übrigen romanischen 



ZUK TEILÜNGSFOKMEL IM PROVENZALISCHEN. 53 

gleich erstreckt sich weiter auf die bereits von E. Appel kurz be- 
handelte Frage der äufseren Form der prov. Partitivwendung (vgl. 
Schultz-Gora , Herrigs Archiv 134, S. 492 über Appels Arbeit: 
..Sie würde noch gewonnen haben, wenn, besonders für das Prov., 
eine gröfsere Anzahl von Texten zugrunde gelegt worden wäre; 
dann hätte Vf. vielleicht nicht behauptet, dals im Prov. die Ent- 
wicklung gerade den dem Frz. entgegengesetzten Weg gegangen 
zu sein scheint. Auch da finden wir doch mehr wie einmal [vgl. 
mein Elementarbubh § 172] den bestimmten Artikel"). 

Auf das verhältnismäfsig seltene Vorkommen der Teilungs- 
formel im Prov. bis zum 15. Jh., wovon die Untersuchung durch 
fast lückenlose Wiedergabe der in den durchgesehenen Texten 
vorhandenen Beispiele auch eine Vorstellung geben mag, hat u. a. 
schon Diez hingewiesen. Um so auffälliger ist es, dafs die Formel 
frühzeitig in fast alle syntaktischen Positionen eingedrungen ist, 
die sie im Neuprov. in ziemlich dem gleichen Umfange wie im 
Neufrz. hält. Allerdings lassen sich manche Erscheinungsformen 
zunächst nur durch vereinzelte Beispiele belegen, und der wenig 
planvolle Gebrauch und die scheinbare Willkür in der Verwendung 
setzen dem Bestreben, die Faktoren aufzuzeigen, welche die Partitiv- 
konstruktion begünstigen, ermöglichen bzw. schon verlangen oder 
aber noch verhindern, Schwierigkeiten ertgegen. Immerhin zeigen 
die Beispiele das Auftreten bestimmter, charakteristischer, jedenfalls 
bevorzugter Typen, ohne dafs sich eine sukzessive Ausdehnung des 
Geltungsbereichs der Teilungsformel in einzelnen verfolgen läfst. 1 

Sprachen fehlen noch genauere Untersuchungen. Wie erklärt sich das relativ 
frühe und häufige Vorkommen der artikelhaUigen Formen im Italienischen? 
Weshalb gewann die partitive Konstruktion auf der iberischen Halbinsel 
wenig Boden? Zur romanischen Teilungsformel im allgemeinen s. Diez* 
III, 44 ff. und Meyer-Lübke, Rom. Synt. §366f., §333; zur altprov. 
E. Köcher, Beitrag zum Gebrauch der Präposiiiou ,De' im Provenzalischen. 
Diss. Marburg 1888, S. 23/.; E. Appel a.a.O. I2ff.; Schultz-Gora, Ele- 
mentarbuch ^ § 172; kurze Bemerkungen und Zusammenstellungen einzelner 
Beispiele u. a. Siimming zu BBorn 8, 12; Such. Dkm. S. 512 zu Nie. v. 1229; 
Schultz-Gora zu Turpin S. 475 ; s. ferner die Vokabularien zu Appel Chrest., 
BVent, u.a. — Suchier bemerkt Gr. Gdr. 1,2, S. 811: „Charakteristisch für 
das Französische ist die Herausbildung des sogen. Teilungsanikels", ohne des 
Provenz. Erwähnung zu tun. 

* Die zeitliche Einteilung und die Unterscheidung bestimmter Typen ist 
im ganzen und grofsen die gleiche wie bei Appel, um den Vergleich einfach 
zu gestalten. — In den einzelnen Perioden sind die partitiven Wendungen ge- 
trennt aufgeführt wie folgt: 

1. Beispiele für die uneigentliche Teilungsformel (kleine Auswahl); 

2. Übergangsfälle, deren Zuweisung zur uneig-ntl. Teilungsformel 
(der Artikel in demonstrativer Bedeutung charakterisiert das Substantiv als be- 
kannt) oder zur eigentl. Teilungsformel (der Artikel in definierend-typisierender 
Funktion beim allgemein zu verstehenden Stoff- oder Gattungssubstantiv, vgl. 
E. Appel a. a. O. S. 9) zweifelhaft ist; 

3. Beispiele für die eigentliche Teilungsformel: a) in der Form mit 
Artikel, b) in der Form des einfachen de ohne Artikel. 



54 HANS NEUNKIRCHEN, 

V.s kann schon gleich betont werdun, dafs der Artikel in der eigent- 
lichen Teilungsformel im Provenzalischen selten ist: E. Appel hat 
in dieser Beziehung gegen Schullz-Gora recht behalten. Die Wen- 
dung mit blofsem <k war schon im Altprov. die wirklich lebens- 
kräftige Form und hat sich in der modernen Sprache siegreich 
durchgesetzt, wenn daneben auch ganz vereinzelt noch arlikelhaltigc 
Fälle begegnen. 

Die älteste altprovenzalische Zeit. 

II. Jh. Ä7 co/inog son viziament E mesci i (falrelal pimciü 
(SFides v. 54 y f. Rom. XXXI, 198). 

Der erste umfangreichere Text, der uns Wendungen mit parti- 
tivem de vermittelt, sind die sog. limousinischen Predigten (Ser- 
mons, 12. Jh.). 

E dis HOS e ?iüs demostrct dels seiis esscmplts (131,47). Die 
Stelle E quanl auzüo, anero seti lay de nostres companos e trohero 
he aissi cum las fe?nenas avio dit (131, 2^i. = .4ppe!, Chrest. 
116, 39), deren überwiegend partitive Sinnfärbtmg eine familiäre 
Übersetzung wie „da ghigen welche von unseren Gaiosseti hin-'' wohl 
am ehesten zum Ausdruck bringt, verdient besondere Beachtung, 
weil sie ein Beispiel für die reine SabjektsttUung bietet. 

Eigentliche Teilungsfonnel beim Objekt \o\\ Stofitbezeich- 
iiungen. In der Stelle Vivenda mi donero de fei a beure e de vinagre 
(129, 22 f.) wird die Teilnngsformel vorliegen, da das de auch bei 
dem vinagre hinter dem Infinitiv gesetzt ist; und man kann sie 
wohl nicht einem Fall wie de mal a far (Bari. 49, 35) gleichsetzen.! 
Sermons 117,5 heifst es dann ^hex portar ences, wo es sich aller- 
dings um den bekannten Priesterdienst (hier von Zacharias gesagt) 
handelt, so dafs man in späterer Zeit hier eher den bestimmten 
Artikel vermissen würde. 

Eigentliche Tt". beim logischen Subjekt. Sermons 125, i61f. 
Uns en i a que inolt lor pesa car il non au asaz aver ; d'allres ni 
a que degurpon lot kann als Kombination zweier Erscheinungsformen 
der Partitivkonstruktion analysiert werden : 

1. des Typs ? a de, 

2. des Typs d'autres, 

die beide frühzeitig ziemlich beliebt sind. Müglicherweise ist aber 
auch gerade von solchen Fällen aus das Übergreifen des partitiven 
de auf die Stellung beim indefiniten Pronomen autres zu erklären. 

Dell möglichst chronolügibcli geoidnelcn Beisp. weiden bei dcu ver- 
schiedeneu Gruppen nach Mafsgabe der Verhältnisse enlbprechende Gegen - 
beisp, für dij Nichtanwendung der Teilungsformel gegenübergestellt, wo 
das Fehlen nich^ durch verstechnische Gründe bcdinLjt ist. 

^ Zu dieser Frage der Infinitivanknüpfung v^l. Ilcuckenkamp, l>ul. 
S. LXXVT; auch Levy, Suppl.-Wb. II 17 b, 3. 



ZUK TEILUNGSFÜRMKL IM PRÜVENZALISCHEN. 55 

1. Nachdem die Betiachtting des parlitiven de lokalen Ursprungs 
nach Mengeausdrücken gezeigt hat, dafs die Wendungen: Menge- 
angabe + Verb (meist / a) -{- de -\- Substantiv und umgekehrt recht 
iiäufig sind, wirkt auch die frühzeitige Begegnung der Formel 
/■ a de unter solchen Umständen nicht überraschend, wo ein un- 
bestimmter Mengebegriff dem Sinne nach enthalten ist, aber nicht 
seinen sprachlichen Niederschlag gefunden hat (eigentl. Teilungs- 
formel). Diese Redensart war zur Ausbildung der Teilungsforniel 
prädestiniert, wenn zum Ausdruck gebracht wird, dafs von einem 
\orhin genannten oder dem Geiste vorschwebenden Gattungsbegriff 
Vertreter dieser oder jener Art, die durch substantivierte Adjektiva 
bezeichnet werden, vorhanden sind. Die Teilnebenvorstellung mufste 
besonders kräftig sein, wenn der Nominalkomplex durch die Heraus- 
stellung der Vertreter sämtlicher in ihm enthaltenen Beschaffenheits- 
gruppen (Zahl der Vertreter unbestimmt) in seine Teile zerlegt 
wurde ; und die Teilvorstellung mufste zur sprachlichen Auswirkung 
drängen, sobald sich in der Sprache überhaupt derartige Tendenzen 
geltend machten, vor allem, wenn starke Analogiefaktoren in die 
Erscheinung traten wie die Meugeausdrücke -{- de, die eine Aus- 
drucksform für die Partition an die Hand gaben. Der vermutliche 
Entwicklungsgang von diesen Begriffen her läfst sich an prov. Bei- 
spielen etwa folgendermafsen vergegenwärtigen : 

1. Tantost si son per las mas pres 
Cavallier, domnas e pviceUas 

De quem avia mout de helas (Flamenca 722 fl'.). 

2. Cavaliers, domnas e piilceUas 

Car molt uH avia de hellas (Jaufre 133 b). 

3. Que nH ac de na/rat, de moriz e de fenid 

(Hist. de la guerre de Navarre, Paris 1856, v. 28). 

Die Teilungsformel fehlt zunächst noch bei / a, wenn blofs 
ausgesagt wird, dafs eine bestimmte Gattung vorhanden ist, ohne 
dafs sich ein Teilgedanke einstellt, vgl. et en aquela terra a chaza- 
dors (Sermons 116, 13 f) und ebenso mit enquantadors (ebd. 136. 
VI, 4 f.). 

2, Hautres ist auffällig, weil sich mit diesem indefiniten Pro- 
nomen ursprünglicli schon ohnehin die Vorstellung einer un- 
bestimmten Anzahl einzelner verbindet, jedenfalls mehr als mit 
Gattungsbegriffen. Wir v/erden deshalb, wie E. Appel es für das 
mittelfrz. substantivische d\mtres getan hat, annehmen, dafs de dazu 
dient, die autres innewohnende Vorstellung der einzelnen Ver- 
treter der Gattung, die von dem qualitativen Element überwuchert 
war, kräftiger hervorzuheben. Durch das Auftreten von d'autres 
zu einer Zeit, wo die Teilungsforniel sich sonst noch selten findet, 
wird der Schlufs nahegelegt, dafs bei d'atitres eine analogische 
Verwendung von der Stellung nach IMengeausdrücken her vorHt-gt 
(s. S. 50), die besonders in antiihelischen Sätzen (mit / <?) wie dem 
vorliegenden leicht eintreten konnte. Von solchen Fällen aus konnte 



56 HANS NEÜNKIRCHEN, 

die Analogie aucli da Platz greifen, wo die psychologischen Voraus- 
setzungen für eine Verstärkung der quantitativen Komponente in 

,nilrcs fehlten. 



Die Zeit von 1150 — 1300. 
1. Die uneigentliche Teilungsformel 

liat eine weitere Entwicklung durchgemacht, wie vor allem ihr 
Auftreten nach Präpositionen zeigt. 

Lo reis lau que moslre de sos eslais (BBorn, ed. Stimming 32, 30) 

— e laveron se los hüls ab d'aquela aygua henaseyia (Gesta 3043 f. 
= lat. et ablutis oculis ex aqua supradicta) — 1 trames de sos 
Jiomcs iropa viota vegia (Alb. 43) — Mot soen liaucizion d'aicela 
vilanalha (ebd. 2533) — Lo coms de Foiss cavalga ab de sos com- 
panhos (ebd. 2098, ähnl. 3837) — cnviei le legatz de sas gens e 
dels autres vas la antat (Prise Damiette S. 1 1 3) — avia perdudas de 
las soas terras (Troub. 83 a. 4, lo) — Et an trobat hiz per las hlachas 
Daquels que van serchan las vachas (BaDkm. 226, 23 f.) ■ — Qiiel 
mi trameta per sa bontat De son oli d'uviilitat (Rom. Arles 147 f.) — 
Va sonar de sos homes (ebd. 268) — Lo ret Tibaut s'en anet, an 
de sos quavaliers a Carle Maine (ebd. 624) — E las donnas de 
Robant tramezeron li d'un'aiga en la quäl avian lavat iin det 
(Douc. 230. 19, I f.) — Set, so mi dis, tu vas queren A ton payre 
d^tin honhemen, Lo quäl de niisericordia es (Such. Dkm. 56, 1867 ff.). 

Et en la hruslia avia dels cahels dt nostra do7ia S. M. (Gesta 
1083 f. = lat. in pixide erant de capillis Beate Virginis) — E si 
nos i perde?n, atersi i per dran Del mellis de lor baros (Alb. 2096 f.) 

— Ab del inels de la vila e dels emparentatz Nos irem (ebd. 5272 f.) 

— Si qiCel fers ab del ftist parcc D'outra mais dhin pahn 
(Jaufre 65 a) — Fes aportar aiga e sal Per aiga henczeita far; E 
ran n'ac pres al[s] mas lavar Eon reveillatz le capellas; De Vaigal 
donet a las mas (Flamenca 3880 ff.) — Perque volgron am luy menar 
De la maynada del seynor (Hon. 135. LXXXV, 54f.) — Apres aysso 
don P. Pilatz Dels plus prosomes a triatz Ad una part, lur dis em pas 
(Such. Dkm. 1 5, 499 ff. ; d. h. aus den Anwesenden) — El cavalier 
tira Vespiaut ves si e trays loy del cors, et, al tirar que fes, de Vaur 
e de V argen qnel juzieu avia manjal sautet foras (Prise Jerusalem 
RLR. XXXni, 40. II, 7 ff.) — Aspis es la serp que gar da lo basme; 
e cant tiom vol aver del basme, hom lo adormis ab esturmens , e pren 
del lasme (Appel. Chrest. 125, 35 ff.) — Si Vorne met de Vaiga ardent 
en Paureilla (BaDkm. 314, 21 f.; ebd. 315, 29). 

2. Übergangsfälle. 

Mas, per Santa Maria, tanl son pros e cor t es, Que laichal lor 
avelz del pretz e de Farnes (Alb. 8024 f. = '. . . que vous leur 
avez laisse des prisonniers [corr. = dels pres"] et des effets d'6quipe- 



ZUR TEILUNGSFORMEL IM PKÜVENZALISCHEN. 57 

luent.' — Doch wohl noch demonstrativ: von diesem eurem 
Geld und Gut). 

E si 711 en voleiz creire pos los iroham aizilz 
Lo lor afar el nostre er aissi devezitz 
Qiiinferns c paradis aura dels espen'fz, 
Que ffiai's ''ol viorlz ondrada c aissi vivre au alz, 

(Alb. 8861 1".: In diesen Worten, die B. von Comminges vor einer 
Schlacht spricht, dürfte der Artikel in seiner präsentierenden Be- 
deutung von der Emphase diktiert sein, welche die lebhafte Vor- 
stellung der gefallenen Helden beider Kampfscharen in plastischer 
(jestaltung in Worte kleidet.) — Es aversiers? oc verament, So cre, 
dels esg/üsia/z, Pueis d'aquesta ora aiialz (Jaufre 86 b). 

3. Die eigentliche Teilungsformel. 

a) In der Gestalt de ~\- Artikel. 

In dem frühen Beispiel für d-j beim Abstraktuni: ei elli senl 
dei espdven (Peire d'Alvernhe, Appel, Chrest. 80, 75) wird der Artikel, 
der noch lange Zeit beim Abstraktum überhaupt nur selten ge- 
braucht wird, das Nachdrückliche, Wuchtige der Empfindung wieder- 
geben (stilistisches Mittel) und der Artikelgruppe mit demonstrativ- 
l)räsentierender Funktion noch nahestehen. 

Bei dem Beispiel Pois li darem dei rv' aus Peire Vidal (ed. 
Bartsch 33, 11; ed. Anglade XXI, 11) ist angesichts der Tatsache, 
dafs der Vers in dem von dem Marquis Lancia gesprochenen Teil 
der Tenzone steht, an die Beliebtheit der artikelhaUigen Form im 
Altitalienischen zu erinnern, die auf die prov. Bildung eingewirkt 
haben könnte. 

In Alb. 479 1 f- ■^•^ns i au reiz a melre dei pehre e de ia sai Que 
»Ulis cohretz Beicaire nil casiei principai schliefsiich kann der Artikel 
wieder aus dem besonderen Charakter der sprichwörtlichen Redens- 
art und der hier angebrachten eindringlichen Sprache erklart w^erden. 
Im übrigen ist das Vorkommen des Artikels gerade in Alb. wenig 
auffallend, weil er auch sonst in diesem Texte in der Bedeutung 
verwendet wird, die E, Appel (a.a.O. 15) als zwischen der präsen- 
tierenden und definierenden Funktion in der Mitte stehend be- 
zeichnet hat. Vgl. 

AporltC ias vianias e i aduis ias pianlalz 

(8258; 'apporta des vivres pour retablir l'abondance" in der Über- 
setzung P. Meyers). 

E la carns e io sancs e ios cervels eis brutz 

E membres e personas maitadaiz e fendulz 

E feiges e coradas dccehraiz e romputz 

Est an per meg las plassas co si er an pioguiz (93 i 2 ff.). 

Ez obreron ah joya totz lo popies grossters, 
E donzeis e donzeias e donas e moihcrs, 



58 HANS NEUNKIKCHEN, 

K hzt'lz e lozetas c cnfans mmuzicrs 

Que cantan las baladas e los versetz leugiers, 

E feiron las ckiuzuras eis fossatz eis terriers 

Eis pons c las barreiras eis murs eis escaliers 

Ez amhans e corseiras e portals c solers 

E Ihissas e argiieiras e deniclhs hatalhiers (9429 ft".). 

V,ü,l. auch Jautie: Ah tant an Paiga dematidada (129b: Esseiisszeiie) 

— E an fait lo vin aportar (150a: vor dem Schlafengehen). 

Le gelos fort si de[s]co?iorta De l'jiga fnida tost aporla E giela 
rcn per 7nei sa cara (Fkimenca 5665 fif.) — E canl scra en aquesta 
inayniera, prenga dcl sucre dissotii en aiga resent lait de femna tot 
inesclat {BaDkm. 315, 19 f.). 

In den pluralischen Fällen: Ei aculhiraiit los prus, E daran 
(Itls harharis Si volon e'ah lor remanha (BBorn 8, 1 1 ff.) und e sabia 
hen trohar e fazia de las coblas & arnorosas (Troub. 72 a. IX, 3 f.) 
erweckt die Teilungslbrmel den Eindruck des unbestimmten Artikels; 
doch scheint auch hier die präsentierende Funktion noch nach- 
zuwirken: die bekannten Münzen usw. 

b) In der Foiin von einfachem de. 
O b j e k t s t e 1 1 u n g. Wie in der entsprechenden altfvz. Periode, 
läfst sich aus den Beispielen eine Gruppe von Stoff- und Gattungs- 
begriffen des täglichen Lebens in der Objektstellung in Verbindung 
mit einer bestimmten Verbgruppe herausschälen; und zwar handelt 
es sich in der Hauptsache um dieselben Substantiva und Verba, 
die bereits in den partitiven Wendungen des Vulgärlateiniichen 
auftreten. Gegenüber dem Französischen, wo die Grenzen dieser 
engen Bedeutungsgruppen erst im 14. Jh. endgültig durchbrochen 
werden (vgl. E. Appel S. 34 f. und S. 39), kann jedoch im Provenz. 
die Erweiterung des Geltungsbereichs der Teilungsfonnel hinsichtHch 
der Substantiva und der Verba schon für das 13. Jh. festgestellt 
werden. 

Stoff- und Ga tt u ngs b ezei c hn u n g en des täglichen 
Lebens (in weiterem Sinne): portec li de vi et enap (Gesta B 263 
= P ancc li portar de vi atnb un bei enap = lat. portavit ei ciphum 
plenum vino) — e de honas herbas e de flors pauseron alressi davani 
Vautar major (ebd. 2990 f., vgl. ebd. Anm. S. 248) — E tu prent 
de sucre rosat Dyarradon rcubarbizat; En ivern tankt a mtiscada O 
de fort bona cominada , De pebre de gmgibrat O de hon diantes 
inuscat (Such. Dkm. 203, 83 {{)j — A hon jussel, en qiCom niolra De 
gigimbre de safra (ebd. 20g, 287 f.) — Ben d^aigua, at mens que 
poiras, La plus frega que trobaras (ebd. 206, 199 f.) — E71 aprop 
ti fai aportar D'espetias per hon /lairar (ebd. 203, 93 f.) — E qui 
HOS crozara Ja iion btva de vin (Alb. 131) — Mas lo rics enginhaire 
ab fi cor e antig Pres Cle foe alquitran e lu ola utnplig (ebd. 4Ö77 {.) 

— Eernga'us lais, ab que manjes de p)an Qii'tn no la vueill (Elias de 
Barjols XV, 26 f.) — E vengui . . . aportar D'aiga, que us giiri sus 



ZUR TJilLUNGSFOKMEL IM PKOVENZALISCHEN. 59 

coreut (Jaufre 75 a) — D'ayga s a facha aporlar (Such. Denkm. z;}^, 781) 
— An li portal d\xlgua dura (Jaufre 156 a) — Qiie Vac fait paiscr 
Iota via De hei crba fresca e creguda (ebd. 78 b) — E aH frcn al 
caval ostat E laissdl a sa volontat Paiser de hella crba fresca (ebd. 
81 b) — Jamals non voil ynanjar de pera (Flam. zi^'jg) — Ques atic 
non volc vianjar d'anguila (ebd, 7906) — Donar vos cuidei de hon 
vi Que ina trames En Peire Gui (ebd. 15 19 f.) — Flamenca /es avan 
paiisar De joias, qiien pmesca donar A mil cavallicrs (ebd. 761 ofF.) — 
Que he mangi soven de fort bos cozinatz, De salsas, de girofle e de 
hos empastatz (Appel, Chrest. 107, 149 f. = BaChrest. 210, 29 f.) — 
. . . que li trameta D'oli de juizericordia (Rom. Arles 195 f.) — Per 
querre d^oli don fos untz (Such. Dkm. 55, 1857) — prenes d^aur e 
d'argent, que puscas hen pagar las gens (Rom. Arles 968 f.) — . . .fetz 
venir De sal e d'aygua neta, . . . (Hon. 38. XIX, 57 f.) — De pan 
c de peysson U aufre li an dat (ebd. 60. XXIX, i) — Li sia vianda 
era pans e aygua tot dia ; Pero d^erhas saladas de liom prennia, 
Cant venian las graniz festas, et als frayres donava Viandas c peysson, 
segon que si trobava (ebd. 72. XXXV, 15 ff.) — Ben tni tenc per 
pagatz Si ay de peysons salatz O d'erbas am de pan (ebd. 79. 
XLI, 1 1 ff.) — Et hufria de pa e de vi Et una candella atressi (ebd. 
164. XCIX, 25 f.) • — E porteron am luy de pa e lur vitoylla (ebd. 
200. V, 67) — ela viel a sas pcs de pefitas peireias (Appel, Chrest. 

125,59)- 

Gegenbeispiele: Donatz lor pehre caut cneyt (Gesta 342) 
zeigt bes. deutlich die geringe Festigung der Teilungsformel, da 
dieser Text, der sich sonst eng an die lateinische Vorlage hält, 
hier sogar das lat. de nicht wiedergibt: Detis eis de pipere calido; 
vgl. dagegen ebd. 379 ff. aqui pauseron tropas de reliquias, so es a 
ssahcr del sanc de Sant Esteve ... e de la polvera de Sant Laurens = 
lat. ... de sanguine ... de pulvere; ähnlich ebd. I073f. (uneigentl. 
Tf ). E Karies uonec vesiirs a totz los hatejatz e hlat a manjar (ebd. 
^102 f.) — que'ns aporten viandas (ebd. 314) — no manjava carn 
(ebd. 1030) — Eissaviens non vuelhas usar Btare aigiia apres manjar 
(Such. Dkm. 206, 1891".). — Prise Damiette weist kein partitives 
de beim allgemein zu verstehenden Nomen auf: anz portavan cor- 
das . . ., e deniers per comprar raubas, et csperos per respieg d^aver 
cavals (S. 71), dafür aber den Artikel der S. 57 f. gekennzeichneten 
Art: e pueys gitero sus en las sagetas lo foc grezesc e(l) so Ihre 
e oll (S. 20). Dcmandon ayga per lavar (Jaufre 53 b) — (^ue Vaportan 
aiga als vians (ebd. loob; ähnl. Flam, 105 7) — Li fai donar aur e 
argeti (BaDkni. 228, 2^) — per quere medesina que lo pogesa far sanar 
(Rom. Arles 472) — manjeio totas pan e aiga (Douc. 190. ii,6f.), 
auch cant liom li aporiava los aucels viiis (ebd. 58. 2. i f'i und Cant 
Uli vezia los ainnhels ni las fcdas, alegrava si fort ai r/s (ebd. 58. 
2, 6 f.) — El vos trames manna del cel, Pus dossa e mellior de niel, 
Eus trnys ayga de peyra dura (Such. Dkm. 22, 7 |5ff.). 

Neben Beispielen wie PrcJigam d'omes savis e pros E lramtt,nn 
ad aquels, II. (Such. Dkm. 47, 161 1 f.) und Prcndam de hi-.mes qi/t <// 



I 



6o HANS NEUNKIRCHEN, 

stbelhir Foro d\iqiiells (eb. 47, 1587 Hs. A), die sich noch zur 
vorigen Gruppe stellen, erscheinen — besonders in Verbindung mit 
dem allgemeinen hovies und anderen Personenbezeichnungen 

— Verba wie Irohar, vezer u. a., die eine frühzeitige freiere 
Verwendung der Teilungsformel bezeugen. 

E a poJer e forsa c Je los amparans (a. = ^(/e/e/iseurs', part. 
präs., Alb. 4171) — Äissi co iest vers dieiis e veraia saluiz, De morlz 
resuscitaire, e de secs e de mulz Fas vezer e parlar (Such. Dkin. 237 f., 
746 ff.) — D'ovies trtiep (BaDkm. 7,17; 19,5; 37,29; ... que 
ebd. 6, 19; 9, 24 ; 16, 7) — ^«^ d'ovus hraus e durs truep que son 
morn (ebd. 48, 16) — D'ovies trobi de gros entendanen (ebd. 10, 5) 
D'ovies trobi foh e csservelatz (ebd. 20, 27) — Domes airohi totz 
aitals Co En Peire Cardenals di (ebd. 7, 5 f.) — Domes vey ricx ei 
abäst alz (ebd. 15, 8) — Domes vey c'an tutz jorns mens, On pus 
s'csforsan d'afanar, E vey naiegoratz cstar Dautres ses totz afana- 
mens (ebd. 29, I9ft.) — D''omcs say que (ebd. 14, 18) — QiCieii 
say d' aitals e de petitz Laitz de fayso, pros e arditz (ebd. 12, 19 f.) 

— Et aurati de paiires parcns (E) bons e dreitz et avinens (ebd. 
15, 12 f.) — De trachoretz say vey (ebd. 19,23) — ... avia es- 

gardat d'ovies, que la obravan (Douc. 50. 5, 2 f.) — Uli Vannet vezer, 
e aduis de bons fraires gue parleron viot ben (ebd. 122. 73, 8 ff.) — 
Et d'aqui fom le bons Dadaus Que portava de pellegrins Cad'an en 
rissla de Lerins, Am sa barca, tant com podia (Hon. 178. CXII, 4ff.) 

— Hon. 167, 17 f. Car vil gent e d'aol conpaynia Seguia trop (Hsg. 
'Car eile suivait trop gens vils et de mauvaise compagnie') ist et 
anl zu bessern. 

Aus Troub. sind die häufigen Fälle wie e fetz de bonas can- 
sonetas (12 a. IX, 3 ; 94 a. XIX, 2) hervorzuheben, die bereits zur 
Teilungsformel beim Abstraktum hinüberführen. Vgl. noch De' 
caitivetz vers e de caitivetz sirventes fez (9 b. II, 1 1 f.) — e si fetz de 
bonas cansons e fetz im bon descort e de bonas tensos (43 b. XXVI, 4 f. ; 
ähnl. 52 b. 2,4). — Cansos fetz de fort bonas e de bons sons 
e de bonas coblas (5 1 b. XLI, 33 f.) — e fetz de bons vers e de bonas 
chansos e de bons motz (63 b. IV, 6) — e feis de molt bos libres e 
de hels (i 1 1 a. 4, Hs. D) — fe el de molt bmias cansos (i 1 1 b, lof). 
Im Hinblick auf vorstehende Beispiele läfst sich für einen Fall wie 
62 b, 8 ff.: E mot trobet de belas razos e de bels chantz e fetz cansos, 
vias paucas ; e fetz mans sirventes, e trobet los molt bels e bons nicht 
entscheiden, ob de von ynolt abhängt oder unabhängig gebraucht ist. 

Das interessante Beispiel Jaufre 51a Et ac de corns una auna 
gianda, wo wegen der bestimmten Hörnerzahl eigentlich eine 
Partition ausgeschlossen erscheint , zeigt einen vorgeschrittenen 
Stand der Entwicklung an, wenn man nicht lieber die rt'i?-Setzung 
auf ein Vordrängen der Mafsvorstellung zurückführt. 1 



^ RVidal, Abrils 1703 f. Autx, !ocs e cVomes poderos E corts, v ulliatz ades 
sercar wird d'omes p. als eine dem adjektivischen aiitz p.^rallele attributive 
Bestimmung mit lespektivcr Geltung des de zu fassen sein. Dagegen scheint 



ZUR TEILUNGSFORMEL IM PROVENZALISCHEN. 6l 

Gegenbeispiele: Qiieria volenliers luocs solitaris on pugucssa 
orar (Douc. 6. 4, 6 f. — 72. 4, i) — gikron flors hiancas (ebd. 250. 
21, 7) — Doms p7-ezero7i yrnelamens Homes ben pros et yssarnUz 
(Such, Dkm. 36, 1244 f.) — e trohet vers e pastoretas (Troub. ga. IV, 2) 
— e trohava avine?neii mots e sons (ebd. 43 b. XXVII, 10) — e fclz 
cansos maestradas desplazens e descoriz d'aqiieUa saison (ebd. 50 a. 
XXXUI, I f.) — e f röhrt honas cansos e hellos Sz n-'/nens (ebd. 50 a. 
XXXVJ, 4 f.). 

Auch in der Verwendung der Teilungsformel beim Abstraktum 
scheint die provenzaiische Entwicklung der französischen voraus- 
zueilen (vgl. E. Appel, a.a.O. S. 43if.), wenn auch hier die Bei- 
spiele zunächst nur vereinzelt auftreten. Beide Sprachen zeigen 
in diesem Falle als Verba meist aver und faire, das Prov. da- 
neben auch dire. Anfangs werden fast ausschliefslich — durchweg 
von Adjektiven begleitete — Pluralia von der Partition betroffen, 
darunter frühzeitig Tätigkeitsbezeichnungen, die sich dem Geiste 
als eine Summe von Einzeldingen darstellten. Ebenso verständlich 
ist das frühe Übergreifen der Formel auf Abstrakta „stofflichen- 
Charakters: Non ai de se per im enfan (BVent. 31,45). 

Ai ieu de hos pensaviens (Choix III, 5) — Faran de gratis assais 
(Choix III, 263) — Qiii per Dien gazaigtiar Pren d'aitals desconorlz 
(Appel, Chrest. 75, 36 f.) — Que de grans colps fassalz (BaLsb. 138,79). 

Gesta: e disxeron U de grans antas (1436) — e pueys anec 
Idasiomar nostra ky e dix de gratis antas a Karies (P 1 590 ff. =■ B 
ptieys blasfemec e dt'sx mal de nostra ley e grans antas . . . = lat. 
Postea blasferaavit legem christianam et minatus fuit) — e dix li 
de grans antas e de gratis vilanias (P 2085 f. = B disx li gran mal 
e grans antas) : Zahl der Beisp. in der älteren Hs. B : derjenigen 
in der jüngeren Hs. P = i : 3 ! 

Troub.: e si liac de gratis betis e de gratis nials de so qtCel 
niesclet mal entre lor (16 b. XIII, 19 f.) — las qvals cansos mostran 



sich die Inkonsequenz in der rf^-Setüung Gesta Il27f. e de menar am vos 
cavaiers e d''ondratz baros bei einem Vergleich mit der Vorlage ntüites et 
alias vires nobiles durch die Annahme zu erklären, dafs die Hss. hier awif^vj 
ausgelassen haben (vgl. unten die aiitres-GxM^'pt). 

Die gleichgearteten Fälle: Gesta 2621 f. avian ajustat de hesttar sex nombre 
(= lat. animalia in finita congrega%'crant), eb. 388 ff. et aqui preseron homes e 
femnas et efans et ameneron los preses e de bestiar ses nombre que agron 
de Gironda (= et praedam infinitam), ferner Pseudoturpin 484, 35 Aygolandus 
va ajostar de gens senes nombre und auch Prise Jerusalem RLR. XXXIII. 
42,4fF. La regina d'Africa e la dona Sabarisa, . . ., trobet hom mortas eu 
lurs albercs, e de femnas e d''efans e de gens meniidas per la cietitat ses 
nombre, que tug eron mortz de fam werden durch den Mengebegriff ses 
nombre ihr de erhalten haben. Nach der Lesart der Hs. P Gesta 389 et efans 
e gran re de bestiar ses tot nombre ist es nicht ausgeschlossen, dafs Hs. )i 
das Mengewort der gemeinsamen provenz. Vorlage ausgelassen hat. Noch mehr 
Wahrscheinlichkeit hat die Vermutung für sich, dafs P die in B bewahrte 
Originallesung geändert hat, weil den Kopisten die (^^-Konstruktion befremdete. 



02 tlANS NF.UNKIRCTIRN, 

(/ii\-/ n'ar de grans hens e de graiis mah (i2b, 22 t".) — don Ber Irans 
/■fCciip dt- grans datis, el a lor fclz de grans mah (22 b, 22 f.) — 
cl dis de grans plasers eil pronies niains hens plasens (52 b. 2, 6 ff.) — 
c de gratis bonas avenfuras ac lonc tems (7il>, 5). 

Alais alainas personas, per plus fort aproar, feron // adorics 
d'engc/ssos proamens (Douc. 92. 35, r f.) — per quc donm'a de 
mah yssampUs ,1 gonrre de gens per (h/uella follia (Sucli. Dkm. 
104, 200 ff.). ' 

Gegenbeispiele: e di's.v i^rans anlas a Karies el als sieus 
(Gesta 903 f. B ; fehlt P = lat. et blasphemavit Karolum et suos) 

— c gratis ineiiassas fazia de lui (Troub. 64 b, 41) — Vamor qtCilli 
avia a Jhesu Cr ist eiigenrava en ella tiovels deziriers (Doiic. 72. 4, 7 f.) 

— e parllani U bonas paraiilas {eb. 162. 19, 2) — e volc far viera- 
villas (eb. 46. 12,8) • — - dizia Iotas ves paraiilas de Cescriptiira (eb. 
102. 47, I 1.) — dtzirava anzir paraulas de consolacioti de la sieua 
boqua (eb. 160. 14, 6 f.) — e fazia gratis miracles (Prise Jerusalem 
RLR. XXXII 583.2,17): der Nachdruck liegt auf den Qualitäts- 
bestiramungen ! 

Subjektstellung. Die Formel ;r/ a de mit substanti- 
vierten Adjektiven oder Partizipien, welche Vertreter einer 
bestimmten Beschaffenheit aus einem bekannten Gattungsbegriff als 
vorhanden bezeichnen, ist in dieser Periode geläufig. 

Per que wV a de pus sabcns (RVidal, Abrils 10 13) — E no i 
remas Frances, ni frevcls, tii manens, . . ., E moriron ab glazis e ti' i 
ag de petuhnis (Alb. 28656.) — El ac n^i de paucs e de grans 
[= enfans], De .XX. e .V. etitro a trenta (Jaufre 76b: Konta- 
minationsfall). 

Der Entstehung und dem Sinne nach gehören auch Beisp. 
hierhin wie: El cardetials de Roma eis prelatz dels mostiers, . . ., E 
motiges e catto/iges, que de blatics que de niers, A'ö en la est .V. vielia 
dictans e legaidiers (Alb. 93360".) — Que plus de .D. ni., que de 
gratis que petitz, I fe perdre las vidas (eb. ^iZ"^?)^-) — ^ ^^^ ^^^^ 1^'^ 
la menan t{l laissa de versalz (eb. 821 1), auch wohl Ai cotiquisf 
inatitas donas De hclas e de bonas (BaLsb. 139, 24 f.) und möglicher- 
weise Alb. 7580 f. Ac doas iors garnidas eis dentelhs batalhiers Dels 
homes de la vila^ de bos e de leugiers (= 'occiip^es par des h. de 
la ville, braves et actifs'). 



' Gesta 1948 B deiuandan de [de fthll iu P) trcj>as noi't/has de la partz, 
don era vengutz (= et de statu partium, a quibus venit, ir.uha et varia in- 
quirendo) ist wohl nicht hier einzuordnen; vgl. auch Et aisso dich Karlen 
demandec de cosselh (ebd. 99 P =: demandec cosselh B) — no'i taynh que 
seynhor demande de cosselh a son vassath de so que i.'olra fayr ni dir ; per 
queus die, seynher, aytalh a vos que sol no m'en demandetz de cosselh de 
res que tu lat z fayr ni dir (ebd. 2QJ0 P); aber demandnr aitiih rausns (ebd. 
2468; ähnl. 1502). 



ZUR TKILUNGSFOKMEL IM rROVP.NVAT.TsrTlKN. 63 

Aus dem Typ hebt sich die Redensart ilc Iti/s ti' i a be- 
sonders ab. 

Ei du de iah tu Caerci (Mönch v. Montaudan, ed. Philippson 
4, 29) — Quar fai iort e mensongas dt Äircssi com de iah n'i a 
(Peire Cardenal, Ba. Lsb. 83, 5öf.) — manjercu im paiic aqutia muH 
e nonrcs de iah lii hac (Gcsta 28Qof. :=paruin aut nichil comederunt, 
vgl. a. a. O. S. 248; Hs. P a'lcns ni hac que inanye.ro un pauc aquelia 
nueyt e d'auire ni Iiac que tio rolgro manyar 1 is). — ■ (^uar moui ne 
J\m de feras merras, De ials ni a, e follas erras (Fhimenca 1341 f.) 
— Ben lii ac de iah que feiroa hen de lui, e d'auires qiien feiron 
mal (Tro ab. 69 a. 3, 13 ff.) • — • Mas empero de ials lii ac A cui lo 
remaners 'non plac (Ba. Dkm. 237, 1 1 f.). Dann auch QinVn sai dr 
iah c' (Ponz de Capd. ed. Napolski, XllI, 35). 

Gegenbeispiele: non serian larc, ials ni a. Tals nia, mas non 
dirai qui (Peire Cardenal, Ba. Lsb. 83, 31 f.) — Tals «V ac que 
disseron (Prise Damiette S. 77) — Mais tals n^i a cui non convtn 
(FlatD. 6599; iihnl. 759 und 6217) gegen De tals ;/'/ ac que moiil 
se dolgron, De las dompnas, e ges fion rolgrnn, C'o7>i . . . (45 1 ff.). 

Die Gruppe n'i a de + substantiviertes Adjektiv, bei der die 
Teilvorstellung besonders nahelag, wird die Anwendung der Partitiv- 
konstruktion bei i a mit nicht bekanntem Substantiv gefördert 
haben, wo die Entwicklung auch spontan verlaufen konnte (vgl. 
noch Beisp. wie Jaufre 54 b Que de toi i ac krgament). 

Salvanhac a peidui on a de lel fromant (Alb. 2309) — Hanc no i 
ac banc mais de coissis (Flamenca 506) — De fermas drudeiras y et, 
Sahtus, pauras et acorsadas (Ba. Dkm. 19, I3f) — D'omes y a e say 
nun majormens (eb. 25, 16).; dann in jüngeren Hss., wo de in den 
älteren fehlt: // fasian scher que ses nombre lo y avia vaiguiz de 
Sarrassis, wo allerdings auch der Mengeausdruck in Rechnung zu 
stellen ist (Gesta P 2616 = . . . qi/e grans gens cran e ses nombre 
B =: quod gentes erant proculdubio infinite). — De leu po esser 
qe i aura d'otnes qe diran (Rasos de trobar, ed. Stengel, 83. 31 f.). 

Gegenbeispiele: Hernes cui falh valors e sens E eissernimens 
t7//r/y />roj j fl (R. Vidal, Abrils 13 78 f.) — Homes paubres, d'erguelh 
manens, Ses sen e ses far ben i a (eb. 1322 f.). Bei R. Vidal kommt 
aber auch zur Bezeichnung der unbestimmten Anzahl das sonst im 
Provenz. als unbestimmter Artik'l des Plurals seltene uns vor: 
Us homes y a nualhos (ii6i) — Us home son que (1508 = 'es gibt 
Menschen'). — E a i domnas ben cnseinadas (Jaufre 80 a^ — Camhras 
y ac honas e hellas (Flamenca Ö473). 

Auch beim grammatischen Subjekt bot sich der An- 
wendung der Teilungsformel zunächst ein günstiger Boden, wenn 
substantivierte Adjektive und Partizipien als Vertreter dieser oder 
jener Beschaffenheit von gegebenen Substantiven in Subjektfunktion 
auftreten. 



64 HANS NEUNK.IRCHEN, 

D'iu/iinis parlz ni morion de magre e de gras (Alb. 2 1 68) — 
Mas dedins ne rcmazo de mortz e d^estendiitz (eb. 602g) — AI partir 
de hl guerra nH remazo d^estes (eb. 80 1 8) — Qu^el rei sab gan rcn 
(faventttras, Car tot Van Wn venofi de dnras (Jaufre 148 b). 

Die sonstigen Belege stehen dem Typ i a de noch nahe: Qiir 
(i'olhs e de cervelas e de pimhs e de hratz E cabelhs e maichelas e 
iiianhres ajnaitaiz, E feiges e coradas deparütz c ccbratz, E sancs c 
rarns e glazis cspanditz a tot lalz (Alb. 9 197 ff.) — E pueis cavakon 
/atz e latz E las gentz estan entorn eis, De cavaliers e de dotizels, De 
pulcellas c de borges. E laut i estavon espes (Jaufre 133 b f.: Zer- 
legung von geniz in die einzelnen Bestandsgiuppen!) — De irahidors, 
de /als c de glotos Si son partitz de ml ab Itirs /als gcns (Bonifassi 
de Castellana, Liederhs. C: Appel, Inedita, S. 85. I7f. == Choix V, 109) 

— D'un bore de la Ribiera venlen de pellegrins (Hon. 171. CV, 171).'' 

Nach Präpositionen erscheint die Teilungsformel, von 
d'autrcs abgesehen, kaum früher als im Allfranzösischen (Ende 
des 13. Jahrhunderts; E. Appel, S. 35 und 43). 

Can los agron cubertz ah de bels draps de seda (Gesta l72of.), 
aber eb. 1075 et am cadenas Ueron La cohunpna; auch wohl in et am 
gran so de las campanas e de gratis cantz dels clergues cantantz 
(eb. 1252 f. =: et cum pulsatione campanarum et cantu maximo) — 
Ben mi lenc per pagatz Sy ay de peysons salatz O d^erbas am de pan 
(Hon. 7g. XLI, 1 1 ff.) — Qiie vianjavan gros pan e favas ajn de sal 
(eb. 186. CXVII, 29) — E encontret si ab de gens (Such. Dkm. 36, 1227) 

— En d'ordi la vay soterrar (Hon. 116. LXXIII, 14), Vgl. dagegen 
Ab US motz /als desavinens (R. Vidal, Abrils 1335) — am coutels 
(Douc. 194. 17, i) — am lagremas (eb. 166. 3,9) — cncastrat en 
argent (eb. 232. ig, 3). 

D'autres begegnet im vorliegenden Zeitraum in weiterem 
Umfange — adjektivisch und substantivisch — als Objekt, Subjekt 
imd nach Präpositionen. 

Objektstellung: Si una donä s'a d'autres preyadors (Ponz 
de Capd. II, 15) — e pausero aqui causelhas e d\mtres arnesses 

(Gesta 1055 P) — e pauste aqui una costa . . . et una dent 

e d' autras reliquias de .VII. sanfz (eb. g87ff.; älinl. 1085 f.) — e viron 
los draps e las paretz mulhatz e molhesitz d'aigua e d'autres senhals 
manifestz (eb. 3028 f.) — com conqueric la ciutat de Narhona e d\iutres 
nobles locx (eb. 4 f.) — E laissafz n'i d'autres anar (Jaufre 56 a) — 

^ Troub. 47 a, 5 ft. : Plus li plac dons e dompneis & amors e torneiament, 
que ad home del mon, e de clianz e de solatz, e trohars e cortz e messfos kann 
de bei den beiden Substantiven inmitten der langen Aufzählung nicht parlitiv 
sein. Der Gedanke an respektives de liegt nahe, da sich in der laugen Satz- 
periode leicht die Vorstellung „des Gefallens, der PVeude an" vordrängen konnte; 
doch scheitert diese Auffassung an der folgenden erneuten Anreihung der 
Substanliva; vor de chanz könnte ein Wort ausgefallen sein. Beachtenswert 
ist auch Troub. 98a, laff. : mout li vengron grnvs aventnra s d^irrnns & 
de do?ntjas, e de grans desaventiiras. 



ZUR TEILUNGSFORMEL IM PROVKNZALlStHEN'. 63 

ben nüavetz dat st boii manjar, que janiais non manjarai (Tautre 
(Troub. ggb, 24 ft") — Ques anquars avia d^autres vergas en lo sieu 
vergier (Douc. 156.7,4). 

Subjektstellung: E si a d'autres baros (P. Vidal, Ba. 15, 5 = 
Anglade V, 5) — E entorn luy d'autres baros (R. Vidal, Abrils 806) 

— Rotlan e d'autres cavaiers agro cor das (Gesta 1039, jüngere Hs. 
P = 7?. eis auires c. B) — E partiron s'en totz estiers lo senher papa 
e'l pairiaicha e .LX. entre arcevesques . . . . e d'autres ondratz clergues 
(eb. 283flF.) — D'atitres n'i a bastidors (B. Born 38, 45 ; Hss. DR 
autres) — D'autres ni a cassadors (eb. 38, 55 ; Hss. A R autres) — 
D'autres n'i a, humils sabens (R. Vidal, Abrils 1346) — Pueys hac 

ni alcus que e d'autres que . . (Gesta 2892 P = alcus — e'ls 

autres B = aliqui — aliqui) — E serviron li dos donzels, E d'autres 
que vengron ab eis (Jaufre 156 a) — Tant i ac comtes e comtors [E] 
dominis e vavassors E d'autres barons rix e pros (Fiamenca 197 fF.) — 
E d'autres fan mais io apert (Ba. Dkm. 44, 1 1). 

Nach Präpositionen: E per d'autres locx que no'us die 
(R. Vidal, Abrils 841) — am trompas et am corns et am d'autres 
esturmtntz (Gesta 698 f.) — ab d'autres ferramentz (eb. 222 I* = amb 
autrts f. B) — Am gran beutat de cara, e d'autres complimentz 
(Hon. ^1. XV, 98) — am so ntbot Rotlan et am d'autres (Gesta 826 f.) 

— Ac una vergua com pauzet Ab d'autras lay on dieu mandet (Such. 
Dkm. 275, 93 f.) — Sieus vezon en plass' ajustatz Ab d'autres ni tmetz 
solatz (Ba. Dkm. 29, l f.). In Qu'entre donas seretz vengutz E pres 
d'autres (R. Vidal, Abrils 1032 f.) kann de auch zur Präposition gehören. 

Im Vergleich zum Französischen ist die Feststellung von Be- 
deutung, dafs d'autres schon früh in redensartliche Wendungen 
eingedrungen ist: e d'autres als letztes Glied in Aufzählungen; 
Texte wie die Gesta scheinen sogar eine Vorliebe für diese Formel 
zu haben (nach E, Appel S. 47 kam der Gebrauch von d'autres 
überhaupt im Französischen erst „um die Wende des 14. zum 
15. Jahrhundert" auf). Vielleicht erklärt sich in der Anreihung 
nach et noch am ehesten der relativ frühe und häufige Gebrauch 
der Teilungspartikel bei autres, wenn wir uns erinnern, dafs gerade 
in dieser Stellung auch Mengeausdrücke wie granre d'autres, molt 
d'autres verbreitet waren (s. S. 50). Allerdings mufs bei diesem 
Versuch, die Ausbildung von d'autres rein analogisch zu erklären, 
vorausgesetzt werden, dafs de in dieser Verbindung früh zum blofsen 
Formwort herabgesunken ist. Mit dieser Annahme läfst sich aber 
schwer der sonstige Gebrauch des partitiven de und die hinsichtlich 
der ß'i?- Setzung bei autres verschiedene Behandlung von — nach 
unserer heutigen Auffassung — gleichartigen Fällen in Einklang 
bringen. Doch bleibt zu bedenken, dafs auch die Mengebegriflfe 
+ autres durchaus zwischen üV- Fügung und einfacher Anreihung 
schwanken. 

Beispiele ohne de: E autres homes prezentiers Podetz trobar 
mest cavayers (R. Vidal, Abrils 1409 f.) — Novas d'amors e sos, chansos 

Zeitschr. f. rom. Phil. XLII 5 



66 HANS NEUNKIRCHEN, 

E aulres chantars (eb. 107 1 f.) — E say rovians dir e coniar, 

E novas mo/as e salutz E autres comtes espanduiz E d'En 

Guiraut vers e chansos E d'En Arnaut de Maruelh mays E d'autres 
Vers e d'autres lays (eb. 40ff.) — ordi et müh aveni 7nanjat, cauls et 
auf ras herhas salvajas (Gesta 208 f.; ähnl. 132) — e'ls crestias preyron 
tot so que portavan, cavals, armas, vi e blat et autras hestias ses comte 
(eb. 2 174 f.) — E non /an autres parlamentz (Jaufre 157 b.) — Car 
nos avtvi autras viaisos E ?noutz estars bels aici jos (Flamenca 55 13 f.) 
— E quant il seran cavallier Autras domnas non amaraii, E quant ellas 
donnas seran Non fassan autres cavallier s (eb. 6486 ff.) — Et escunt 
mot dtvoiatnentz Reliquias et autres garnimentz (Hon. 194. III, 13 f.) — 
E vos darein joyas e dons Raubas et autres guizardons (eb. 201, 45 f.) 
^ Senker, no y haya aulras novas (Gesta 2701 P) — us autres 
(R. Vidal, Abrils 1044) — may aulres Vapelavan Valh Yalhica (Gesta 128) 
^ab aulras gens (R. Vidal, Abrils 1351) — ab p[er]eyras et ah man- 
ganeis et ab autres genhs (Prise Daraiette S. 2q) — Et annava motas 
sasons En percaz ab autres glotons (Hon. iii. LXIX, 7 f.). 

Gegen Ende des 13. Jahrhunderts tritt partitives de vereinzelt 
auch vor alcuns auf, bei dem an sich die Vorstellung einer un- 
bestimmten Anzahl einzelner kräftig und vorherrschend ist. D'akuns, 
das durch das Fehlen von Verbindungen wie */«(?// d'alcuns die 
starke Analogie -Siütze entbehrt, wird d'autres nachgebildet sein, 
wobei insofern der Boden bereitet war, als beide Pronomina durch 
ihre adjektivische Verwendung von ihrem Quantitätsgehalt zugunsten 
einer stärker qualitierenden Auffassung einbüfsen konnten. 

E li fazia d'alcunas questions (Douc. 152. i, 8); — En un ter- 
rador pres de mar, Guaropa Vapellori las jenz, On avia d' alcuns 
tenemenz (Hon. 178. CXU, 14 ff.). 

Etwa zu derselben Zeit begegnet auch vereinzeltes d'uns: 
que d'uns n'i a ab trenchans becs (Liederhs. T: Appel, Inedita 
167. 10, 46); vgl. auch BBorn 38, 34 us ni a gerrejadors, wo es 
in Hs. F dims heifst (Hs. C hat dos, Hss. U V mas uns). Der Ur- 
sprung von d'uns ist wohl bei der Formel i a in der Antithese zu 
d'autres zu suchen. Vgl. heute bei Mistral : D'uni van acampa de 
boio , Uautre di piti negras toiimba lou ramadou (Mireio 290. i, 6 f.). 
— . . . . e d'uni, ^me la 7nan, Tenenl li fedo . . . (eb. 324. 4, 3 f.) 
D'autre couchavon li maniero ... (326. 1, 1 f.) und Sütterlin, Mund- 
art von Nizza § 357. 

Stand der Teilungsformel um 1300. Vergleich mit 
der gleichzeitigen französischen Teikmgsformel. 

Mehr als im Französischen mufs die Art der Anwendung 
durchaus sporadisch genannt werden: der partitive Bedeutungs- 
gehalt ist infolgedessen noch sehr kräftig, und zwar sicherlich auch 
in solchen Fällen, wo für unser heutiges Empfinden diese Sinn- 
färbung verblafst erscheint. Dabei treten aber die „Anzeichen einer 
freieren Verwendung" sogar über die von E. Appel (a. a. O, S. 34 ff.) 



ZUR TEILUNGSFORMEL IM PROVENZALISCH ..N. 67 

genannten Gruppen (beim Objekt von Verben, die aufserhalb der 
ursprünglichen engen Bedeutungsgruppe stehen, nach Präpositionen, 
beim Abstraktum) hinaus ein bis zwei Jahrhunderte früher auf: 
iVautres — d'tins. Auch die Schranken, die nach E. Appel (a. a. O. 
S. 2 2if.) im Altfranzösischen unter gewissen Umständen der Teilungs- 
formel beim Objekt von Stoff- und Gatiungsbezeichnungen entgegen- 
stehen, sind bereits früher im Provcnz. durchbrochen : zur Teilungs- 
formel in der Aufzählung vgl. die vorhin zitierten Beispiele Such. 
Dkm. 203, 83 ff. und Ba Lsb. 125, 26 f; ferner Hon. 60. XXIX, i: 
zwischen Verb und Objekt eingeschobenes anderes Satzmaterial 
ist hier dem Gebrauch der Partitivkonstruktion nicht ungünstig; 
Flamenca 2979 f. und 7905 f. sind als Fälle, wo Verb und Objekt 
in ein Negalionsverhältnis einbezogen sind, weniger beweiskräftig. 
Die Tatsache, dafs die Teilungsformel im Provenz. frühzeitig 
die Fähigkeit erlangt hat, in fast jedem Boden gedeihen zu 
können, zwingt zu dem Schlüsse, dafs sie trotz bislang seltener 
Anwendung bereits eine gewisse Entwicklung durchgemacht hat, 
die sich nicht vollständig in den überlieferten Denkmälern der 
romanischen Sprachen verfolgen läfst, wie E. Appel es hinsichtlich 
des Französischen angenommen hat. So erscheint unsere Stellung- 
nahme in der Einleitung, die auf Grund vulgärlateinischen 
Materials erfolgte, durch die Beispiele des Provenzalischen wohl 
gerechtfertigt. Von hier aus werden auch die französischen Ver- 
hältnisse eine etwas andere Beleuchtung erfahren müssen, als 
sie in der Darstellung E. Appels erhalten haben, wenn man sich 
des Stilcharakters und der Lückenhaftigkeit der alten Überlieferung 
bewufst bleibt, die nur ein mangelhaftes Bild von dem Vorkommen 
und der Entwicklung einer volkstümlichen Spracherscheinung geben 
kann. Wir werden deshalb auch bei Rol. 150 Nachdruck auf den 
Umstand legen, dafs die eigentliche Teilungsformel überhaupt 
schon vorkommt, nicht, dafs sie in einem einzelnen Beispiel 
vorhanden ist. 1 Wenn es bei E. Appel, S. 6 heifst: „Bedingung 
dieser Entwicklung [d. h. des Gedankens: 'etwelche oder etwas von 
einer Gattung überhaupt, einem Stoff überhaupt'] ist aber ein 
Sprachdeiiken, das auf begrififliche Analyse eingestellt ist, dem die 
Subsumtion 'etwelche von einer Gattung, etwas von einem Stoff' 
ein geläufiger Denkvorgang" ist, so scheint mir der Beweis nicht er- 
bracht zu sein, dafs der ältesten allfranzösischen Periode ein solches 
Sprachdenken nicht eigen gewesen sein kann, ganz abgesehen da- 
von, dafs die Behauptung wegen ungenügender Berücksichtigung 
analogischer Entwicklungsmöglichkeiten nur mit Einschränkung 
richtig ist. Damit fällt aber auch der Unterschied in der Auf- 
fassung des Partitivs weg, der zwischen der Zeit vor und nach 



I 



1 Im übrigen dürfte es nicht schwielig sein, noch in einer späteren Periode 
einen Te.xt zu finden, der eiwa dasselbe Verhältnis wie der Roland von vier 
lokal -partitiven Formeln (v. 1012, lliq, 2096, 2343) zu einer partitiven 
Formel (v, 150) aufweist; richtiger lautete das Verhältnis überhaupt 3 : 2 
(150,2096). 

5* 



68 H. NEÜNKIRCHEN, ZUR TEILUNGSFORMEL IM PROVENZALISCHEN. 

1150 obwalten soll, wie Meyer -Lübke es in seiner Rezension 
(Sp. 178) schon für einen besonderen Fall gezeigt hat. Soweit daraus 
ein Gegensatz zur früheren Periode konstruiert wird, darf auch die 
Annahme: „Das mittelfranzösische Sprachdenken hat die Fähigkeit, 
die Sprachvorstellungen in ihrer begrifflichen Beziehung aufeinander 
zu analysieren" (S. 53) nicht aus dem häufigeren Vorkommen der 
Teilungsformel im Mittelfranzösischen abgeleitet werden, ohne dafs 
sie durch weitere Beobachtungen in dieser Hinsicht gestützt wird. 
Zum mindesten ist es nicht angängig, gleichartige Fälle wie prent li 
pedre de ses meilors serjanz (Alexius 23, E. Appel, S. 5) und Prenons 
de Celle husche (Bertr. du Guescl. 883, eb. S. 53) verschieden zu deuten, 
weil Fall I dem Altfranz., Fall II dem Mittelfranz, angehört. Im 
Mittelfranzösischen — und noch heute — kann in solchen Einzel- 
fällen der lokale Bedeutungsgehalt überwiegen, wie es in der alten 
Zeit schon mit dem Partitivcharakter statthaben mufste, da nur so der 
Teilungsformel in ihrer neuen Art (eigentl. T. f.) Daseinsmöglichkeit 
gegeben wurde. 

Hans Neunkirchen. 
(Fortsetzung folgt.) 



VERMISCHTES. 

I. Zur Wortgeschichte. 

I. Ein Problem der vergleichenden Lautgeschichte. 

Karte peler des Atl. ling. bietet in der westlichen Auvergne 
in einem Gebiet, das sonst die regelrecht zu erwartenden Formen 
pela, pyola, pyala aufweist, in einigen Punkten Formen mit einem 
mouillierten / (/') nach dem Labialen: ']02 plala, 704, ']0'j plola, 
801 phvak. Aus dem Kartenbild selbst könnte man zunächst 
Schliefben, dafs peler, das hier im Norden und Osten bereits von 
p/umer-FoTtnen umfafst wird, dem Einflufs des von Norden herein- 
brechenden Wortes zu untei liegen beginnt und diesem auch bereits 
durch Übernahme des / nach dem Labial Konzessionen macht. 
Nun liegt aber hier nicht alveolares / vor, sondern mouilliertes /, 
und so mufs die Erklärung dieser Formen auf rein phonetischem 
Wege versucht werden. 

Alb. Dauzat ist der erste und m. W. auch der einzige, der 
in seiner 'Geographie phonetique d'une region de la basse Auvergne' 
(Paris 1906) über einen höchst seltsamen Lautvorgang im Auverg- 
natischen berichtet und auch einige Beispiele mitteilt. 'Plus a Test 
j'ai observ^ une evolution tres curieuse: py, by se renforcent en 
ply, bly. Voici des exemples recueillis a Chaumont: plyd (cheveux) 
= pil > piaus ; blyoeü = bueu ]> bieu ; Ambert eblyär = *embe^r 
> *emb/er etc.' (p. 2^). Doch sind die Beispiele, die Dauzat bringt, 
viel zu spärlich, als dafs man sich ein genaues Bild über den Vor- 
gang und die Verbreitung dieser Erscheinung machen könnte. 
Schon die Formen aus dem Atl. ling., die doch zweifellos mit der 
von Dauzat beobachteten Erscheinung zusammenzustellen sind, 
zeigen, dafs dies Phänomen viel weiter verbreitet ist (Punkt 704 
liegt ca. 70 km westlich Clerraont Ferrand) als Dauzat - selbst an- 
nahm. Dazu kommen nun einige Formen, die ich im August 1917 
von einem Kriegsgefangenen aus Juillards (bei Montel - de - Gelat, 
nw. von Clermont) zufällig notiert hatte, ohne damals die Erschei- 
nung in ihrer Bedeutung zu würdigen: b/'o (■< bovem), btor (< bibere), 
bUtla (< belare), ßa {</errum), müo (< md)A 



■ Chaumont und Annbert liegen so. von Clermont. 

'■' Ähnliche Formen belegt nun auch O. Keller (Der Genfer Dialekt, 
Zürich Diss. 1919, S. 147) für die Mundarten von Genf: ptü *pou', blü 'bu', 
fler 'fier', -vfü 'vu'. Keller sieht hierin eine Überentäufserung, wogegen ich 
(Archiv 143. S. 288) Einspruch erhoben habe. 



70 VERMISCHTES. ZUR VVORTGESCHICHTE. 

Man sieht aus diesen Beispielen, dafs £ sich nicht nur nach 
p und h einstellt, sondern auch nach f und w, also wohl nach 
jedem Labial. Vergleicht man die Formen von Juillards mit denen 
des nicht allzuweit entfernten Girards (bei Ponfgibaud): \bö\ 
bjaur, bjele, fjtr, vijo, so erkennt man aber auch, dafs die Ent- 
stehung des /' an das Vorhandensein des Hiatusvokals / geknüpft 
ist. Mit anderen Worten: / ist hier nichts anderes als ein Über- 
gangslaut, der sich einstellt beim Lösen des Lippenverschlusses 
(bzw. der Lippenenge) in dem Augenblick, als die Zunge zur i- 
Stellung ans Palatum schnellt. 

Auffällig ist, dafs der Atl. Ung. an den Punkten 702, 704, 707, 
801, wo er für peler /-Formen {plola etc.) hat, bei den anderen 
hierher gehörigen Wörtern {fer, mid, hoire, boeuf, poil etc.) nur /-lose 
Formen bietet. Daraus ist zu vermuten, dafs der Vorgang sich 
nicht überall an allen Labialen, vor allem nicht mit der Gleich- 
mäfsigkeit wie in Juillards vollzieht. Möglich ist auch, dafs bei 
peler sich der /-Laut gerade deswegen viel leichter einstellt, weil 
das Wort bereits ein / enthält, für die Zunge also gerade bei 
diesem Wort der Weg zur /-Stellung ein viel leichterer und ge- 
wohnterer ist. Es wäre also dieses Wort für die Entstehung des 
/-Lautes gewissermafsen prädestiniert. Die näheren Umstände für 
das Eintreten des /, der Herd und die genauere Verbreitung des 
Phänomens wären natürlich genauer zu uniersuchen. 

Interessant ist, dafs der nämliche Vorgang sich an einem ganz 
anderen Winkel der Romania unter den gleichen Verhältnissen und 
Bedingungen wiederholt, nämlich im Istrorumänischen. i Auch hier 
ist die Einschaltung des /' nach dem Labial an das Vorhandensein 
des palatalen Hiatu.svokals geknüpft: ply^rdu {==. pie?-d), flyer {==ficr), 
mlyoäre {==■ mit're), lyerm <C vlytrm (= vi^'rme) elc. Der einzige Unter- 
schied zwischen dem Auvergnatischen und dem Istrorumänischen 
besteht darin, dafs der Lautvorgang dort als bodenständige roma- 
nische Erscheinung angesprochen werden mufs, während hier zweifel- 
los Einflufs einer slavischen Lautregel vorliegt. 

Im Russischen, Serbokroatischen, Slovenischen und Altbulga- 
rischen nämlich wird jedes p, b, ?n, v -{- Hiatus-/ zu pl', bi, ml', 
vt: abulg. zetnl'a, slov. zeml'a (poln. ziemid) 'Erde', serb. kapl'a 
(poln. kapid) 'Tropfen', serbokroat. dupld (•< *dup'd) 'Baumhöhle', 
grabl'e {T^o\n. grab ie) 'Harke' etc. 2 Diese slavische Lautregel wirkte 
so mächtig und automatisch, dafs sie nicht nur ins Rumänische 
Istriens, sondern auch ins Albanische übergriff, cf. bl'ett < abetta ■< 
*apeita (G. Meyer, Etym. Wb. p. 39), pldndis <C. patitex -f ven. 
spyendza (ib.), bl'eiizt <C bl'eh < beta (ib.). 3 



1 Vgl. darüber Weigand, Romania XXI, 244; Ascoli, Studi critici 
I, 61 ; Tiktiu, Grundrifs- I. 2, p, 587 ; Meyer-Lübke, Ital. Gram. p. 6. 

* Vgl. Miklosi ch, Lautl. d. Slav. Sprachen, 1879, p. 228; A. Leskien, 
Gram, d, allbulg. Sprache p. 40 f.; id.. Gram. d. serbokroat. Sprache p. 36 etc. 

' LeUteres ist zweifelhaft, da hier auch Umstellung aus betula ("^ bleta) 
vorliegen kann, \^\. mttula ^ mUta "^ ferrar. micJa, copisia "^ ciüpu > venez. 



ERNST LEWY, ZUR WESENSGESTALT DES FRANZÖSISCHEN. 7I 

Die hier besprochene Erscheinung ist nur ein aufs Geratewohl 
herausgegriffener Teil aus einem gröfseren Kapitel, dem man am 
besten die Überschrift 'Mouillierung des Labialen' geben würde. 
Unter denselben Unoständen nämlich, wie sich im Slavischen, Istro- 
rumänischen und Auvergnatischen bei mouilliertem Labial /' ein- 
stellt, entwickelt sich auf anderen Gebieten des Auvergnatischen 
s nach p und / {ps^o = peil, /si/'a = fille), nach m, b, v (m^ya 
= miel, h^yu = boeuf, vze = vin), im Moldauischen kf nach p 
{pkfep = piept) , gj nach b [bine y^ bgjine 'y gjitte), im Trans silva- 
nischen / nach^ [pitä '^ ptyita), d nach b {biet > bdyet), n nach m 
{merula > mnyerla) etc. (Vgl. Tiktin, Grundrirs2 L 2, p. 587.) 

Gerhard Rohlfs. 



2. Zur Wesensgestalt des Französischen. 

Betrachten wir das Neufranzösische einmal nicht mit historisch 
auf die zunächst zurückliegenden Sprachformen gerichteten Blicke, 
sondern mehr mit isolierender Schärfe, nur im Vergleich mit dem 
Sprachtypus, dem es durch seine Geschichte angehören müfste, 
also mit dem im ausgeprägtesten Sinne wortflektierenden Typus, 
dem altindogermanischen, so sind es zunächst jene bekannten Err 
scheinungen, die das Schlagwort „analytische" Sprachen zusammen- 
fafst, die uns ins Auge fallen. Ohne hier irgendwie die Berech- 
tigung dieses Ausdruckes bestreiten zu wollen, scheint es mir doch 
empfehlenswert, sich einmal wieder zu vergegenwärtigen, auf welchen 
Beobachtungen er beruht, und was das wesentlichste an ihnen ist. 
Was unterscheidet de la mere von matris} Beziehungs- und Art- 
element sind dem Grundelement vorangestellt, und drei Worte 
stehen einem gegenüber; am wesentlichsten ist aber vielleicht, dafs 
das Beziehungselement de und das Artelement la von dem be- 
deutungsvollsten Grundelement ?nere abgelöst sind, während in 
matris alle drei Elemente in einem nicht trennbaren Komplexe ver- 
eint sind. Umschreiben wir den Tatbesland so, so fügt sich der 
Zug der Sprache : Zerlegung eines Komplexes in die Elemente, 
die ihn bilden, trefflich zu jenem der traditionellen, banalen und 
doch berechtigten Charakteritik der französischen Sprache als einer 
in hohem Grade klaren oder abstrakten. 1 Es ist ja eben diese 
sorgfältige Zerlegung eines Wortkörpers (historisch gesprochen) in 
seine logisch erfafsbaren Elemente fraglos ebenso ein Zug hoher 
Abstraklionsfähigkeit, wie die strenge Durchführung der Stellung: 
Subjekt — Verb — Objekt ein Beweis ist hoher Klarheit über das 
Hauptverhältnis des Satzes. Freilich diese scharfe, schematische, 
allerdings auch oft etwas unfreie Audeutung dieses Verhältnisses, 



chiopa, fibula'^ßiuba'^ vtnti. fiuba, /abula'^ fiaba"^ \tz\.fiaba, scandula 
^ sclanda ]> obw. slonda etc. 

' Über diesen .\usvlruck s. die B^ruierkujigun am Schlüsse des Aufsataes. 



7 2 VERMISCHTES. ZUR WO. TO '-SCHICHTE. 

durch die blofse Stellung erfafst und ausgedrückt, verbindet sich 
leicht luit einer, noöchte man sagen, Überdeutlichkeit: Ton p}re 
est'il arriv,'? Dafs ferner die völlige Uiiiformierung des Dekli- 
nalionsschemas, die nur schwach durch phonetische Vorgänge ge- 
stört wird, bei der die gleichen Beziehungselemente (offenbar in 
innigem Zusammenhange mit ihrer Ablösung von Art- und Grund- 
element) stieng durchgeführt sind (das Personalpronomen die nahe- 
liegende Ausnahme), ebenfalls besonders klar wirkt, ist wohl ohne 
weiteres deutlich. 

Aber mit dieser Ablösung der Beziehungselemente, des Kasus- 
ausdrucks also, von dem Grundelement erscheint noch ein Zug der 
Sprache verbunden, der notwendig ' mit ihm nicht verbunden sein 
müfste ; wenigstens vermag ich eine Notwendigkeit nicht zu sehen. 
Die Beziehungselemente sind nämlich nicht etwa, wie eben im lat. 
matris, sonst in der Sprache bedeutungslose Laute, sondern ganz 
im Gegenteil Präpositionen, deren lokales Bedeutungszentrum bei 
sonst freilich recht weitem Umfang des Bedeutungskreises doch in 
zahlreichen Anwendungen deutlich hervortritt. Hier ist also nichts 
zu spüren von der Abstraktheit, wie sie in dem Ausdruck matris 
liegt, wo ein umfassendes grammatisch -logisches Verhältnis sym- 
bolisch, zusammenfassend durch den sonst bedeutungslosen Laut 
ausgedrückt wird. 

Der Ausdruck der Kasusbeziehungen durch im Grunde lokale 
Präpositionen deutet doch auf einen eigentümlich auf das Tatsächliche 
gerichteten oder zu dem Tatsächlichsten in Beziehung stehenden 
Sinn, der an anderen Punkten des grammatischen Systems der fran- 
zösischen Sprache noch klarer hervortritt. 

Die Teile der Rede, die den eigentlichen grammatischen 
Formen am nächsten stehen, die Präpositionen, die Adverbien und 
die Konjunktionen, zeigen hier vieles, was, unter dem Gesichts- 
punkte betrachtet, sich ohne weiteres zusammenschliefst. Man denkt 
zunächst an präpositionale Ausdrücke wie aupres de, au-dessous de, 
par dessous, au-dessus de, ä cote de, le long de, au dehors de, an delä de, 
d'avec, de chez, die noch mehr auffallen, als sie nominalen Charakter 
gewonnen haben, den sie doch gröfstenteils früher offenbar nicht 



1 Den Ausdruck „notwendig" möchte ich bitten nicht zu pressen. , Not- 
wendig' ist ja in der Sprache in gewissem Sinne nichts; aber gewisse Züge in 
einer Sprache lassen gewisse andere, sagen wir einmal, erwarten. Eine Sprache 
ohne Flexion z.B. hat festere Wortstellungsregeln als eine mit reicher Flexion; 
Nachstellung dts Geneiivs und des Adjektivs gehen grm zusammen; bei einem 
Verbum von possessivem Charakter wird ein Nominativ kaum bezeichnet usw. 
Diese Zusammenhänge sind nicht „geset2;"mäfsig, aber sie sind, ohne dafs damit 
eine Erscheinung als die Ursache der anderen anerkannt ist, doch bei längerer 
Betrachtung unschwer erkennbar Aber eben jene Züge des Französischen 
(bzw. Romanischen) kann ich nicht zusanimensclien , ebenso wenig wie jene 
Züge des idg. Typus, dafs eine Kasusform so mannigfach bezeichnet ist, wie 
etwa in matris, servi, mensac, und dafs sie überhaupt bezeichnet ist; also 
den Zusammenhang der Wortfl-xion mit der (so könnte man wohl sagen) 
Form Variation. 



ERNST LEWY, ZUR WESENSGKSTALT DES FRANZÖSISCHEN. 73 

hatten. Wenn wir, auch ohne historische Kenntnisse, zu analy- 
sieren versuchen würden, würden avec neben avant, devant; delä 
neben lä\ parnii neben par unsere Anschauung auf einen Weg 
leiten, den dans, des neben chez durch ihren Ursprung als tatsächlich 
begangen beweisen. 

Ein Deutlichkeitsstreben, das Hinweise, aufnehmende, aus- 
führende, berichtigende (wir denken weiterhin an cet komme et, 
qu'est ce que ga?) liebt, oder auf die reellste Wirklichkeit als Aus- 
druckshilfe zurückgreift (^oici, voilä), finden wir in Adverbien wie 
toujmrs, loTiglemps, aiijourd'hui, mainlenanf , iieniot, d^abord, tont ä 
cotcp, beauconp — Begrifl^e alles, für die im Lateinischen wie etwa 
im Neuhochdeutschen die Ausdrücke isoliert, beziehungslos im 
Wortschatze stehen, haben hier mit geradezu naturalistischer Leben- 
digkeit neugeschaffene Ausdrücke erhalten. 

Die Bildung der subordinierenden Konjunktionen zeigt jene 
Richtung auf Klarheit vielleicht in der originellsten Weise. Da- 
durch, dafs sie, aufser qtiand, comme, si, mit qtte zusammengesetzt 
sind, ist der eigentliche Bedeutungs- und Stimmungskern von dem 
Formalen, dem Anschlufs eines Nebensatzes an einen Hauptsatz, 
in genialer Weise abgelöst, gewifs eine hohe Leistung der Ab- 
straktionsfähigkeit. Dafs es sich hier wirklich auch um eine Tren- 
nung des Formalen und des Bedeutungsvollen handelt, darauf 
deutet wohl auch hin, dafs auch qtiand, comme, si, nicht nur die 
anderen Konjunktionen, bei etwa nötiger Wiederholung durch que 
ersetzt werden können (Mätzner, Frz. Gram. 2 S. 508). Besonders 
auffällig ist nc-que, das nun, neben ne-pas, ne-point, ne-jamais, ne-rien, 
7ie-guhe,\\-\Qäe:xnTa. den Begriff der Negation abgelöst zeigt von dem 
sonstigen Gehalt des Ausdrucks. Dafs pas, point die Negation in 
heftiger Weise, geradezu roh, verstärken, ist offenbar; dafs pas, 
point, \ri€^{\ auch allein stehend Negationen sind, ist, wenigstens an 
Merkwürdigkeit, damit zu vergleichen , dafs delä, in au delä de, ein 
Nomen im Dativ geworden ist. — 

Ich habe hier nicht danach gestrebt, irgendwelche Tatsachen 
der französischen Sprache' zu erklären, sie etwa mit der „Struktur 
des französischen Geistes" (s. E. Bernhard, Logos III, 80 — 102) 
zu verknüpfen oder daraus herzuleiten, wenn auch manches Wort 
darauf hinzudeuten schien ; ich fand aber eben keinen besseren 
Ausdruck; ich wollte nur einige grundlegende, und darum auch 
allbekannte, Tatsachen als untereinander zusammenhängend auf- 
weisen, im Gegensatz etwa zu Delbrücks Worten, die einen tiefen 
Eindruck auf mich gemacht haben : „Die einzelnen Züge lassen 
sich weder addieren, noch in ein System bringen." Man kann, 
im Anfang dieser Art veranschaulichender Forschung, der, weil sie 



I 



' Auch den Sprachtypus des Fran^ösi.cbcii im System der Lehre von 
den Sprachtypen wollte ich hier nicht bestimmen, weil diese Lehre auch in 
Finck's Formulierung noch zu grofse Lücken aufweist. Die Grundlage des 
Französischen ist natürlich ein wortflektierender Tvpus, iWy noch luiite deutlich 
durchscheint. 



74 VERMISCHTES. ZUR WORTGESCHICHTE. 

im Anfang steht, gerade auch alle Termini fehlen, und bei der bis 
jetzt meist die in Europa bekanntesten Sprachen übergangen wurden, 
gewifs nicht alle Zusammenhänge erkennen; aber vielleicht ist es 
mir doch gelungen, aufzuzeigen, dafs sich mehrere der auffallendsten 
formalen Züge der französibchen Sprache ohne Zwang zusammen- 
ordnen, ja beinahe sich gegenseitig bedingen. 

Anmerkung über 'abstrakt'. 

Bei dem Gebrauch der Termini konkret und abstrakt ging 
ich aus von der Betrachtung der magyarischen und finnischen 
Postpositionen. Ein deutsches nebtn mir steht einem magyar, mel' 
lettan und finn. vieressäni entschieden gegenüber: die Beziehung 
von neben zum übrigen Wortschatz ist nur historisch erkennbar, 
mellettem hat aber mell 'Brust', vieressäni viert 'Seite, Rand' als 
ohne weitere Forschung erkennbare und so gewifs auch ohne 
weiteres beim Sprechenlernen dazu in Beziehung tretende Ver- 
wandtschaft neben sich. Diese Auffassungsweise des Magyar, und 
Finn. darf man, da sie Worte reeller Annschauung benutzt, wohl 
mit Sinn konkret nennen ; die des Neuhochdeutschen abstrakt. 
Irgend ein Werturteil ist natürlich mit diesen Termini nicht ver- 
bunden; sie sind rein schildernde. Versuche, tinen Tatbestand in 
kürzestem Ausdruck zusammenzufassen. 

Ähnliche Betrachtungen erwecken die Ausdrücke für den Be- 
griff, den wir mit zu bezeichnen, den Begriff des über alle Er- 
wartung hinausgehenden hohen Grades einer Eigenschaft. Hier 
zeigen das engl, too, das nhd. zu, das nschwed.yi^r eine zwar sonst 
in der Sprache durchaus gangbare Präposition, aber in' eigenartiger 
Anwendung, wobei eine eigentlich sinnliche Grundbedeutung wohl 
nur recht schwach, wenn überhaupt, durchschimmert. Anders liegt 
es bei dem ital. iroppo, dem frz. irop, deren Etymologie zwar wohl 
auch nicht mehr gefühlt wird von dem Kinde, das sich seine 
Muttersprache erwirbt, aber noch ganz nahe liegt. Was man hier 
konkret und was man abstrakt nennen soll, ist nicht ganz schnell 
zu sagen ; ganz konkret ist aber sicher der magyar. Ausdruck 
tülsägosan zu nennen. Von ii'il 'jenseits' ist das Abstraktum tülsäg 
'Übermals' mit dem Adjektivum tulsägos 'übermäfsig' abgeleitet, 
zu dem tülsägosan das Adverbium ist. (Ein Beispiel z. B. bei 
MikszAth, Szent Peter esernytiye S. 8 : Tülsägosan öreg-e a föld ? Zu 
alt — Fragepartikel — [ist] das Land?) Ganz analog ist das 
finn. liian zu liika 'Überschufs, Übermafs, überflüssig, zuviel . . .' 
gebildet. Auch bei der Wortbildung könnte man solche Auffassung 
anwenden; etwa bei der Betrachtung des Begriffes Gesicht gegen- 
über der auf finnisch-ugrischem und kaukasischem Sprachgebiet 
weit verbreiteten Auffassung als 'Mund — Nase' oder 'Auge — 
Mund' (Magyar Nyelvßr 59, 93). 

Nach solchen wenigen Einzelheiten dürfte man natürlich nicht 
eine ganze Sprache beurteilen; ob sich eine ganze Sprache mehr 
dem Ideale der Konkretheit oder der .Abstraktheit nähert, könnte 



ADOLF ZAUNEK, ZUR GRAMMATIK. 75 

nur die Betrachtung des ganzen Systems der Sprache lehren. 
Überall finden sich natürlich konkrete und abstrakte Züge gemischt, 
das Mischungsverhältnis würde über den Gesamtcharakter ent- 
scheiden. Ich verweise noch auf den Exkurs über die Kasus in 
meiner kleinen Festschrift 'Heinrich Winkler zum 70. Geburtstage', 
in dem verwandte Gedankengänge angedeutet sind. 

Ernst Lewy. 

3. Zur Grammatik. 

I. Zur Vokalumstellung im Französischen. 

Zs 3Q, 489 f. nimmt Meyer-Lübke an, vortoniges e — / sei im 
Französischen zu / — e umgestellt worden. Ich kann seine Beispiele 
nicht überzeugend finden. Sie teilen sich — was Meyer-Lübke 
nicht hervorhebt — offenbar in zwei Gruppen. In der einen (iregon 
treter) sind beide Vokale erhalten und die Umstellung allerdings 
deutlich erkennbar. Neben dem Bestreben als Mittelvokal das 
üblichere e statt des selteneren / einzusetzen (Meyer-Lübke, Frz. 
Gr. I, § 2^2), wird wohl bei treter die Häufigkeit des Suffixes -eter, 
bei irefon vielleicht Einmischung von ire mitgespielt haben. Da die 
Formen en'ter und eri(on bekanntlich ebenso häufig vorkommen, ja 
sogar die ältesten belegten sind, handelt es sich auf jeden Fall 
um einen verhältnismäfsig jungen Vorgang. 

Ganz anders die zweite Gruppe. Diese umfafst Wörter, in 
denen der zweite Vokal überhaupt geschwunden ist; es ist da 
natüdich schwer zu sagen, welcher Vokal gefallen sei. Bei visnS 
erwägt Meyer-Lübke selbst Wirkung des Nebenakzentes. Disner 
kann nur mit Zuhilfenahme einer Hypothese den in Rede stehen- 
den Fällen angeschlossen werden ; für den Ansatz *desinare gibt 
aber M.-L. keinen überzeugenden Grund an; ich halte also an 
disjejunare fest, das durch Dissimilation zu disjunare geworden 
wäre ; das « der stammbetonten Formen scheint mir genügend 
dafür zu sprechen. Warum statt e in der Vorsilbe / erscheint, ist 
freilich unklar. Vilaine ist ohnehin unsicher. Es bleibt somit nur 
Desiderius Didier, das allerdings für M.-L. sprechen würde. 

Meyer-Lübke führt dann noch, freilich zögernd, den ParalleUsmus 
der labialen Reihe an und gelangt so zu einer Erklärung des sonst 
rätselhaften emprunter. Darauf würde nun aber seine Deutung der 
Fälle mit i — e nicht passen, denn da kann man ja doch nicht 
sagen, dafs hier in der Mittelsilbe der beliebte Vokal e erscheine. 

• Die Umstellung beschränkt sich also tatsächlich allenfalls auf 
6in sicheres Beispiel; daraufhin ein Gesetz aufzustellen, scheint 
mir gewagt. 

2. Der Stammvokal der synkopierten Futura 

im Altspanischen. 
Zum Schlüsse seiner eben besprochenen Ausführungen bemerkt 
Meyer-Lübke, offenbar um seine Annahme zu stützen, dafs eine 



76 VERMISCHTES. ZUR WORTGESCHICHTE. 

solche Vokalumstellung im Spanischen längst nachgewiesen sei. Er 
führt zunächst mintroso an und verweist dabei auf seine Rom. Gr. I, 
§ 359, dort wird aber mintroso gerade nicht durch Vokalumstellung 
erklärt, sondern mit hirviente usw. zusammengestellt. Dann werden 
die bekannten altsp. Futurformen wie regibrc usw. herangezogen, 
die bisher, soviel ich sehe, meist so erklärt wurden, dafs man an- 
nahm, der Stammvokal / sei aus den Formen, in denen er durch 
folgenden /-Diphthong hervorgerufen war, auch auf andere, darunter 
eben das Futurum, übertragen worden (so Meyer-Lübke, Rom. Gr. II, 
§316, wo er auf mhüroso verweist, das er ja zu hirviente gestellt 
hat; Menendez Pidal, Cantar de Mio Cid, gg, 15. Etwas anders 
allerdings Gassner, Das altsp. Verbum, der sich — § 484 — freilich 
ziemlich unklar ausdrückt). 

Ich glaube nun, dafs diese Erscheinung im Spanischen mit 
jenen französischen Beispielen nichts zu tun habe. Bemerkt sei 
gleich, dafs die span. Beispiele fast durchaus der zweiten der oben 
genannten Gruppen angehören, d. h. also Ausfall des zweiten Vokals 
zeigen (allerdings auch mintiroso, mintird, mintira, die aber gerade 
beweisen, dafs es sich nicht um Umstellung handelt). Weiter fällt 
auf, dafs der Vorgang im Span, ausschliefslich Zeitwörter (oder 
doch Zeitwortstämme : mintroso, repindencia) betrifft, und zwar lauter 
solche, die in andern Formen ihres Paradigmas auch e zeigen, 
während dies bei den franz. Beispielen der zweiten Gruppe niemals 
der Fall ist. Dieser Umstand legt es nahe, die span. Fälle durch 
Analogie zu erklären. 

Meiner Meinung nach handelt es sich hier in der Tat um die 
Vermischung zweier Typen, die im Lateinischen und in den andern 
romanischen Sprachen deutlich geschieden sind, im Span, aber in- 
folge lautlicher Vorgänge im Stammvokal teilweise zusammenfallen 
mufsien ; dies führte dann zu völliger Angleichung. Diese beiden 
Typen sind Verba der e- Klasse mit ursprünglichem (lat.) i als 
Stammvokal und Verba der i-Klasse mit ursprünglichem e als Stamm- 
vokal. Die ersten mufsten den Stammvokal i in allen Formen be- 
halten ; nur für das Imperfektum dürfte man lautlichen Übergang 
des i zu e infolge Dissimilation gegen das i der Endung annehmen. 
Freilich sind Formen wie dizia ganz gewöhnlich; nimmt man diese 
als lautgesetzlich an, so ist dezia leicht als analogisch zu erklären. 

In der zweiten Gruppe mufs betontes e zu ie werden, be- 
tontes e bleiben, vor dem ableitenden i aber bei4e als i er- 
scheinen; tonloses e dagegen mufste zu / werden, wenn in der 
folgenden betonten Silbe ein mit i beginnender Diphthong stand, 
und zwar auch dann, wenn durch analogische Vorgänge später 
das i des Diphthongs wieder entfernt worden ist, also nicht nur 
vor der Endung -iendo des Gerundiums, sondern auch vor der 
Konjunktivendung -iamus, trotzdem diese nur in der Form -amos 
überliefert ist (s. Meyer-Lübke, Rom. Gr. II, § loi). 

Die Tatsache der Beziehungen der beiden Gruppen zueinander 
ist längst bekannt (Meyer-Lübke, Rom. Gr. II, § igi; Gassner, Das 



ADOLF ZAUNEK, ZUR GRAMMATIK. 77 

altsp. Verbum, § 56; Baist in Gröbers Gr. I, Qii); gerade inbezug 
auf das Futurum ist sie aber, wie mir scheint, nicht genügend be- 
tont worden (Verkehrtes enthält die Darstellung bei Hanssen, Span. 
Gr., § 7,2, 5). 

Die ursprünglichen Paradigmen haben sich also nach meiner 
Auffassung in folgender Weise gestaltet. (Ich wähle als charak- 
teristische Formen: den Infinitiv; — die i. und 3. Präs. Ind.; — 
die I. und 4. Präs. Konj.; — die i. Imperf. Ind.; — die 6. Per f. 
Ind.; — das Gerundium; — die 3. Futur.) 

1. Gruppe. 

dizer- digo dize-diga. digamos-ö'/2m-dixieron-diziendo-/?/Cs)ra. 

dezia 

Genau ebenso verhalten sich mit Bezug auf den Stammvokal: 
viver escriver rier . . Diese lautgesetzlichen Formen sind alle in 
älterer Zeit zu belegen; die Infinitive sind bis heute im Portugiesi- 
schen erhalten bis auf ridere, das hier zu rir geworden ist ; warum 
dieses Zeitwort eine Ausnahme bildet, weifs ich nicht. 

2. Gruppe. 

Schwieriger ist die zweite Gruppe zu beurteilen, weil hier das 
lautgesetzliche Paradigma offenbar sehr früh durch analogische Vor- 
gänge gestört worden ist. Dies betrifft vor allem das ableitende i 
und seine Wirkung auf den vorausgehenden Konsonanten ; von 
letzterer ist im Spanischen keine Spur mehr zu finden, ti hätte ja f 
ergeben müssen, von sentiamus wäre also *sen(amos (oder *smfamos?) 
zu erwarten gewesen (wie im Portug. noch heute petio pefo, aitpg. 
menfo senfo) ; unter dem Druck der übrigen Formen ist hier schon 
in alter Zeit der Stammkons, des Infinitivs durchgeführt worden. 
Die Analogie von sintamos hat dann ihrerseits wieder bewirkt, dafs 
nach labialen Kons., wo / bleiben mufste, dieser Ableitungsvokal 
aufgegeben wurde: nach sintamos sagte man auch sirvamos (statt 
*sirviamos). Dafs einst *sirviavios vorhanden war, darf man daraus 
schliefsen, dafs das vortonige e zu / geworden ist. Bei sentiamus 
ist diese Wirkung nicht wahrscheinlich, weil \\ vermutlich frühzeitig 
zu einem einfachen kons. Laut geworden ist (so Baist, Gr. I^, 911); 
ist dies richtig, so ist der Vokal von sintainos nach dem Vorbilde 
von sirvamos eingeführt worden. Ist der i-Laut in ti länger ver- 
nehmbar und wirksam geblieben, so ist diese Annahme natürlich 
unnötig. 

Auch die Wirkung des ableitenden i auf das betonte ^ ist 
nicht ganz klar, tepidu > tibio wird bekanntlich verschieden ge- 
deutet. Nimmt man, wie ich es tue, ttbio als lautgesetzlich an, so 
wird man auch von servio >> *sirvto und daraus (s. o.) sirvo er- 
warten. Wer mit Hanssen tebio als lautgesetzlichen Nachfolger von 
tepidu ansieht, kann ohne Schwierigkeit sirvo durch Analogie er- 
klären. Bei recipio > re(ibo liegen die Dinge klar. Ob aus sentio 



70 VERMISCHTES. ZUR WORTGESCHICHTE. 

*j7>/fö (daraus dann *smio) oder *sitn(o (daraus dann siento) ent- 
stehen mufste, hängt wieder von der Dauer des Verbleibens des 
ableitenden i ab; je nachdem wird raan die eine oder die andere 
Forai als analogisch erklären, was nach beiden Richtungen ohne 
Schwierigkeit möglich ist. 

Alle diese Durchkreuzungen dürften schliefslich zu folgendem 
Typus geführt haben : 

w<f«//>— minto miente—vcünXQL mintamos— mentia— mintieron— 

mintiendo— //^^«/ri?. 

Auch diese Formen sind alle zu belegen oder mindestens mit 
Sicherheit zu erschliefsen; *minto kommt zwar nicht vor, aber sirvo 
visto pido usw.; warum bei diesen die Analogie gerade / durch- 
geführt hat (neusp. und auch altsp. schon meist 3. sirve), bei miento 
miente , siento usw. aber ie, das gehört zu den Unfafsbarkeiten der 
Analogiebildung, denen man vielleicht einmal auf Grund sprach- 
statistischer Aufzeichnungen über das zahlenmäfsige Vorkommen 
der einzelnen Verbalformen in der gesprochenen Sprache, nicht 
blofs im Paradigma, auf die Spur kommen kann. Im Futuium ist 
nicht *mefi/ra belegt, wohl aber ferra conquerra. 

Man sieht, wie durch die lautlichen Vorgänge die beiden 
Gruppen dizer und mentir stark einander genähert worden sind: 
eine Reihe von Formen — sie sind in der obigen Übersicht durch 
Fettdruck hervorgehoben — stimmten vollständig überein, es ist 
daher leicht zu verstehen, dafs nun die Analogie zu wirken beginnt. 
Der Einwirkung von digo : dize, vivo : vive usw. ist es gewifs zu- 
zuschreiben, dafs regibo'. regehe, sirvo :sietve zw re(ibo:regibe, sirvo'. sirve 
geworden ist. 

Die Übereinstimmung der meisten übrigen Formen, die so er- 
reicht wurde, zieht dann Angleichung im Infinitiv und im Futurum 
nach sich; warum sie im Infinitiv nach der i-Klasse erfolgte [dtzir 
vevir escrevir reir), im Futurum aber nach der e-Kiasse [mintra, 
pidra regibra usw.), läfst sich wieder kaum sagen. 

Dafs aber diese Futurformen durch die besprochenen ana- 
logischen Vorgänge und nicht etwa durch Vokalumstellung ent- 
standen sind, geht daraus htrvor, dafs die Erhöhung des stamm- 
haften e zu / nur dann eintritt, wenn der Vokal der Infinitivendung 
ausfällt; unterbleibt der Ausfall, so findet sich niemals \\ mentir a, 
nicht mintira oder mintera. 

Ferner spricht dafür, dafs im Portugiesischen, das die Vokal- 
erhöhung durch folgenden i- Diphthong nicht kennt, wo also die 
beiden Gruppen deutlich geschieden geblieben sind, weder im In- 
finitiv, noch im Futurum jene analogischen Bildungen erscheinen: 
dizer und mentird (Ausnahme rir s. o.). 

Dafs von einer Umstellung der Vokale im Futurum keine Rede 
sein kann, ergibt sich auch daraus, dafs sich bei den Verben mit 
stammhaftem o dieselben Vorgänge abgespielt haben. Die beiden 
Typen sind hier etwa 



ADOLF ZAUNER, ZUR GRAMMATIK. 79 

duzer—dugo duze— duga. dugamos — duzta — duxieron— duziendo— 

du(z)ra . 

und anderseits 

Jö3/r— subo jt^/^t- suba subamos -Jo^/<2-subieron-subiendo -sohra. 

Durch an alogische gegenseitige Beeinflussung ergab sich einer- 
seits Inf. duzir, anderseits 3. Präs. Ind. sube, Fut. subra. Nur hat 
hier das u noch weiter um sich gegriffen und hat sich auch in 
den Infinitiv subir eingeschlichen. 

Dafs sich auch repindencia und mintroso durch solches Über- 
greifen erklären, braucht kaum gesagt zu werden. 

3. span. pg. mentira. 

Was ist span. pg. mentiral Diez, Wb. la unter menzogna stellt 
es zu sard. mentida und meint, dafs sich das „unbegreifliche span. 
Wort nur durch Entstellung begreifen liefse". Meyer -Lübke, Rom. 
Gr. I, § 547 fafst mentira als Dissimilation von mentita auf.i So 
auch Grammont, La dissimilation consonantique usw. S. 42, der 
aber vorsichtig hinzufügt dafs Einflufs des Infinitivs im Spiele 
sein müsse. 

Ich möchte noch einen Schritt weiter gehen und mentira 
geradezu auf den Infinitiv zurückführen. In der Tat ist die an- 
genommene Dissimilation ganz unwahrscheinlich ; jedes der beiden t 
ist so fest gestützt — das eine durch den Verbiilslamm, das andere 
durch das häufige Suffix — , dafs nicht einzusehen ist, wie eines 
hätte dem andern weichen sollen. Und wie wäre man dazu ge- 
kommen, ein so häufiges Suffix wie -ita durch ein so unerhörtes 
wie -ira zu ersetzen? Das r des Suffixes raufs also ursprünglich 
sein; da es aber kein Suffix -ira gibt, so bleibt wohl nichts übrig 
als auf die Infinitivendung zurückzugreifen. 

Ich vermute, dafs der Gang so gewesen sei: mentir wurde als 
substantivierter Infinitiv für das Abstraktum „Lüge" gebraucht und 
war selbstverständlich ursprünglich Maskulinum. Durch den Ein- 
flufs des häufig damit verbundenen verdad wurde es aber Fem., 
genau so wie der subst. Inf. yantar durch das damit gepaarte cena 
Fem. geworden ist. Das neue Genus zog dann Anfügung der 
gewöhnlichen Fem. -Endung nach sich; zu vergleichen wäre etwa 
cuchar = cuchara. 2 

Adolf Zauner. 



' Im Et. Wb. äufsert er sich nicht weiter über die Art der Bildung. 
Das menttriosus, das er im Wb. als Siichwort anführt, bedürfte wohl einer 
Rechtfertigung vom lateinischen Standpunkt. 

"^ dessen Suftix übrigens nicht, wie — wohl nur infolge knapper Aus- 
drucksweise — Meyer -Lübke, REW. u. cochlearium, und Schuchardt, Die 
Herleitung aus dem Baskischen bzw. Iberischen in Meyer-Lübkes Rom. ctym. 
Wb., Revue bafque 1914, S. II d. S.-A., tun, auf -aiium -aria zurückgelührt 
werden kann; das hätte ja -ero -era ergeben. 



8o VERMISCHTES. ZUK WORTGESCHICHTK. 

4. Zur 'halben' Negation. 

(Betftchtungen zu dem Aufsatz Eugen Lerchs über die 'halbe' Negation in 
Neuere Sprachen 29, S. 6 — 45.) 

In einem längeren in den 'Neueren Sprachen', Jahrgang 1921 
(S. 6 ff.) abgedruckten Aufsatz hat Eugen Lerch kürzlich die 
Frage zu beantworten gesucht: Warum sagt man heute je nose 
aber je ne vois pas, warum je nai gnrde aber je iüai pas faiml 
Dcis Ergebnis, zu dem Lerch auf Grund einer Untersuchung der 
verschiedenen Spezialfälle kommt, ist eine leichte Variation der 
bereits von Vossler (P'rankreichs Kultur im Spiegel seiner Sprach- 
entwicklung, S. 2^22 ff.) aufgestellten ?>klärung. Während Vossler 
eine subjektiv-stimmungsmäfsige («^) und eine objektiv -verstandes- 
mäfsige [ne . . . pas) Art des Verneinens unterscheidet, sucht Lerch 
die Verschiedenheit in dem Gebrauch der Negation aus den ur- 
sprünglichen Betonungsverhältnissen zu erklären: 'In ...je 
n^ose . . . liegt auf dem Verbum ein starker Gefühlston, der es un- 
möglich macht, auch noch die Negation besonders zu betonen . . . 
Sage ich dagegen objektiv konstatierend: . . . £ät' n'a pas os^ votts 
en faire Vavcu . . ., so fällt die besondere Gefühlsbetontheit des 
Verbums fort, und die Negation erhält eine gröfsere Entfaltungs- 
möglichkeit' (S. 13). Warum aber kann man nun wie ein je tCose 
nicht auch etwa ein eile ne vient wapen? Ist etwa der Gedanke 
'Sie kommt und kommt nicht!' weniger stimmungsmäfsig, weniger 
subjektiv oder gar weniger gefühlsbetont ausgesprochen als 'ich 
wage nicht'? Man sieht: Ganz so einfach, wie Eugen Lerch sich 
die Erklärung zurecht gedacht hat, scheint die Sache doch nicht 
zu sein. Sehen wir uns einmal einige der von Lerch besprochenen 
Fälle etwas genauer an! 

Gleich in dem ersten Paragraphen (S. 14) überrascht es, unter 
'halber Negation' auch Fälle wie je ne vois riin figurieren zu sehen. 
Ist denn nc-ritn nicht ebensogut eine volle Negation, wie es ne-pas 
ist? Wenn wirklich bei den Klassikern und natürlich erst recht in 
der Sprechsprache des Volkes sich noch ein zweites Füllwort ein- 
stellt, so ist das doch eben nur als unlogische Häufung der Negation 
zu bezeichnen. Deswegen aber die Frage aufzuwerfen, warum hier 
sich pas nicht überhaupt durchgesetzt hat, dürfie doch wohl ein 
gefährlicher Anachroni.'^mus sein. Warum also langatmige Ausein- 
andersetzungen über Dinge, die völlig klar liegen? Hatte einmal 
rien oder per sonne negative Geltung angenommen, so bedurfte es 
als Negationsfüllwort natürlich keines weiteren Füllwortes mehr, 
was so weit gehen kann, dafs es selbst, wie es heute tatsächlich 
auf weiten Strecken des unteren Loiregebietes (Vend^e, Deux-Sevres, 
Vienne) und in Oberitalien der Fall ist, der eigentlichen Verbal- 
negation entbehren kann (Vend^e personne me croit, Como u vist 
nissy), während andererseits — und nicht minder natürlich — 
durch Häufung negativer Begriffe der negative Begriff verstärkt 
werden konnte, wie man besonders gut im Tarn und Aveyron 



GERHARD ROHLFS, ZUR 'HALBEN* NEGATION. 8l 

idign me cre pas) und in der südlichen Gascogne [persoune ue me 
(Koit pas) beobachten kann, i 

Auch in Je liose (S. 2 1 flf.) wird das Nichtaut'kommen des Füll- 
wortes durch den starken ' Gffühlston' erklärt, der auf dem Verbum 
ruht, 'und in diesen Fällen vornehmlich wird man von der „sub- 
jektiven" Negation zu sprechen haben'. Sehen wir uns einmal 
die Wirklichkeit an! Karte 1650 des 'Atlas linguistique' bietet die 
Phrase ^Je fiai pas ose Je lui dire\ Aber so sehr man sich auch 
bemüht, in den Antworten der 'sujets' irgend etwas zu entdecken, 
was an die von Lerch postulierte 'subjektive Negation' erinnern 
könnte, so bleiben alle Anstrengungen fruchtlos. Ist das ein Zu- 
fall? Oder sollte der 'Gefühlston', anstatt irgendwo einmal indem 
sprachlichen Ausdruck von einem Tausend französischer Sprecher 
greitbare Form anzunehmen, doch nur in den geistreichen Speku- 
lationen des Deutschen Eugen Lerch bestehen ? 

S. 20 heifst es: 'So wenig wie bei «je ne sais que faire >•> der 
Umstand, dafs vor dem siarkbetonten «faire» noch ein anderes 
Wort [«que-») steht, das Nichteintreten des «pas» vor diesem anderen 
Worte verhindern konnte, so wenig konnte es auch das ni in . . . 
«II liest 7Ü grand ni petit»^ Ist das nicht eine Umkehr der ur- 
sprünglichen Verhältnisse? Ist es nicht überhaupt viel merkwürdiger, 
dafs bei einem an und für sich negativen Begriffe {neque . . . tieque) 
überhaupt noch eine Negation hinzutritt? Lerch nimmt das 
alles als selbstverständlich an, scheint also gar nicht zu wissen, 
dafs unnegiertes tii . . . ni nicht nur im ganzen unteren Rhonegebiet, 
sondern auch im Wallis, in Deux-Sevres und einem Teil der Vendee 
durchaus das Gewöhnliche ist. 2 'Die durch „weder ... noch" in 
Gegensatz gestellten Wörter beanspruchen ebenso viel Ton, dafs für 
ein pas keiner mehr übrig bleibt' (S. 20). Weifs denn Lerch gar 
nicht, dafs gerade die Formel pas ni . . . ni auf weiten Gebieten der 
Languedoc (vgl. avie pas ni taten ni set 'il n'avait ni faim ni soif) 
überhaupt zur Herrschaft gelangt, und dafs ein 'yV ne pouvais pas 
ni avancer ni reculer^ in der südlichen Gascogne ganz gang und 
gäbe ist? 

Nach den von Lerch entwickelten Theorien über den Einflufs 
der Betonungsverhältnisse hätte man erwarten sollen, dafs beim 
Imperativ, mit dem ja mehr als mit irgend einem anderen IVIodus 
subjektive Gefühls- und Willensausdrücke verknüpft zu sein pflegen, 
die subjektive Negation sich am ehesten bewahrt hätte. Aber 
gerade hier ist ja, wie schon Lerch feststellen mufs, das pas heute 
unentbehrlich. Anstatt aber nun einfach zuzugeben, dafs eine 
psychologische Erklärung, die auf der affektischen Stimmung des 
Individuums basiert, sich eben nicht in Bausch und Bogen auf 
alle die vielen Einzelerscheinungen einer konventionellen 



^ Vgl. Atlas linguistique Karte 1665. 

* Auch in Oberitalien (Pdschiavo, Como, M.iiland); vj»], aurh Atl, ling. 
Karte 901. . 

/eltsrhr. f. rntn, Phi), Xl.,11, 6 



82 VERMISCHTES. ZUR WORTGlCSCHlClIl E. 

Schriftsprache anwenden läfst, mufs aucli hier die Ausnahme 
von der Regel dem von Lerch aufgestelhen Akzentuierungsgesetz 
eingezwängt werden. S. 24: 'In der Tat ist gerade diese Gruppe 
eine der launenhaftesten. Das hängt vielleicht (!) damit zusammen, 
dafs in einem Satze wie „Tadle mich nicht" oder „Verlafs mich 
nicht", selbst wenn „tadle" und „verlafs" den Hauptton haben, 
das ..nicht" gleichwohl niemals ganz so schwach betont ist (man 
beachte die gewundene Form der unsicheren Behauptung), wie in 
den anderen Fällen, z. B. „er ifst nicht und trinkt nicht".' Das 
heifst doch auf gut deutsch: In der ältesten Zeit (bis ins 17. Jh.) 
pflegte das sprechende Individuum bei dem sprachlichen Ausdruck 
derselben affektischen Momentanstimmung den Hauptton auf das 
Verbum {Ne parlcZ !) zu legen, während der moderne Franzose den 
negativen Begriff [?je parlez pds!) hervorheben möchte. Man sieht, 
wie unsicher und vage und welcher Dehnbarkeit die von Lerch 
aufgestellten Theorien überhaupt fähig sind. 

'Nachdem wir gesehen haben, wie das Füllwort sich beim 
Imperativ allmählich durchgesetzt hat', heifst es S. 25 weiter, 'er- 
scheint es zunächst um so merkwürdiger, dafs es sich in Sätzen 
wie ^iQue lücludiez vousf'-'', die doch offenbar auf die gleiche Be- 
deutung hinauslaufen („Studieren Sie doch!"), bis heute nicht hat 
einführen können . . . Auch hier ist das Fehlen des Füllwortes 
aus den Tonverhältnissen zu erklären: die Vorstellung der unter- 
lassenen Handlung erfüllt den Sprechenden derart mit Entrüstung, 
dafs er auf das Verbum einen Akzent legt, der ein pas nicht mehr 
aufkommen läfst." Warum aber sagt man dann stets: j.Pourquoi 
11' eiudiez-vous pas?-' Auch hier hat Lerch eine Erklärung: Die 
Frage mit pourquoi ist weit ruhiger, weit weniger affektisch als die 
entrüstete mit que. Soll denn aber wirklich, wie Lerch tatsächlich 
anzunehmen scheint, eine entrüstete Frage mit pottrquoi nicht genau 
so affektisch betont werden können wie in einer Frage mit que"^. 
Glaubt denn Lerch in vollem Ernst, dafs in irgend einer Liller 
Vorstadtgasse ein mittags mit knurrendem Magen heimkehrender 
Kohlenarbeiter, der das Essen nicht fertig findet, trotz all des in 
ihm aufgespeicherten Zornes seine Frau mit einem so steifen (weil 
archaischen) ^^Qiie k pol-mi-feu nUst-il pret?'-- anfahren würde? 

Wer es unternimmt, mit derartig anspruchsvollen Einleitungs- 
phrasen 1) Stellung zu einem so wichtigen Problem der franzö- 
sischen Syntax zu ergreifen, von dem hätte man erwarten sollen, 
dafs er seine Theorien auf möglichst breiter sprachlicher Basis auf- 
gebaut hätte. Statt dessen werden, als ob es in der romanischen 
Sprachwissenschaft keinen Schuchardt, keinen Meyer-Lübke und 
keinen Gilli^ron gegeben hätte, die entwickelten Theorien 'an dem 



' (Merkwürdig genug: mit einem Problem der französischen Syntax, und 
zwar noch der neufranzösischfn, einem Problem also, das füglich jeden, der 
Französisch unterrichtet, beunruhigen sollte, scheint noch kaum jemand sich 
ernstlich befafst zu haben.' 



GERHARD ROHLFS, ZUR 'HALBEN' NEGATION. 83 

Sprachgebrauch der guten (sie!) Dichter' nachgeprüft (S. g). Ist 
(las die 'neue Sprachwissenschaft V die Lerch uns zu empfehlen 
sucht? Freilich! Wer so aligemeine Spekulationen über Sprach- 
erscheinungen aufstellt, um aus gewissen syntaktischen Erscliei- 
nungen Wechselwirkungen zwischen Syntax und Nationalcharakter 
herauszukonstruieren, den können Volkssprache und Mundarten 
mit ihrer ungeheuer mannigfachen (weil individuellen) Eniwick- 
limgsmöglichkeit regionaler Typen nur stören. Also meidet man 
sie wie die Pest I Ist das aber noch streng wissenschaftlich ? 2 Hätte 
Lerch, anstatt die rhetorischen Schöpfungen einer (Jebildetensprache 
auszuschlachten, einmal die wirkliche Volkssprache beobachtet oder 
sich mal — nur ein ganz klein wenig — mit den Verhältnissen 
in den Mundarten vertraut gemacht, hätte er, anstatt an den Bei- 
spielen der Schulgrammatiken herumzudeuten, einmal nur etwa den 
Rosenroman oder die Werke Scarrons auf das Aufkommen des 
Füllwortes untersucht, so hätte er daraus zwar keine glänzenden 
und imposanten Thesen entwickeln, wohl aber eine trockene, doch 
wissenschaftlich brauchbare Zusammenstellung liefern können. 3 Dann 
hätte Lerch mit Leichtigkeit und ohne Voreingenommenheit kon- 
statieren können, dafs in jeder Sprache und in jeder Mundart ■— 
nicht nur in der nordfranzösischen Schriftsprache — bei der An- 
wendung der Negation sich überhaupt drei Tendenzen beobachten 
lassen : 



1 Vgl. Lerchs Feuilleton ,Die neue Sprachwissenschaft' [Der rote Tag 
vom I. 4. 19). 

* Zu einem ähnlichen Urteil kommt Albert Streuber über Lerchs in 
der Frankfurter Zeitung v. 24. April 1921 abgedruckten Aufsatz 'Der Kampf 
am den Sprachunterricht', dem er Spielen mit Schlagworten, Mangel an Ob- 
jektivität, Unwissenschaftlichkeit und leichtfertiges, frivoles Um'-pringen mit der 
Wahrheit vorwirft. Vgl. Zeitschr. f. franz. u. engl. Unterricht, BJ, 20, S. 1746". 

' Diese Gleichgültigkeit, die darin liegt, dafs man die Verhältnisse auf 
anderen Sprachgebieten einfach ignoriert, die Gleichgültigkeit gegen die An- 
sichten anderer, dieses ,fare da se' ist überhaupt ein charakteristisches Merkmal 
der Lerchschen Arbeitsmethode. So sind seine ,Modi' entstanden, ohne dafs 
der Verfasser von der Existenz der bereits 1913 er-chienenen grundlegenden 
, Studien' Gamillschfgs (\gl. meine Besprechung in dieser Zeitschrift 40, 501 ff.) 
eine Ahnung gfhabt hätte (was man natürlich nicht dadunh wieder gut machen 
kann, dafs mau das Werk, nachdem man wohl von dritter Seite darauf aufmerksam 
gemacht wurde, im Nachwort [!] zitiert). So erscheint in demselben Jahr 
(1919) seine 427 S. umfassende Abhandlung über das , romanische (!) Futurum 
als Ausdruck eines sittlichen SoÜens', das ein ausschliefblich nordfranzösi.-clcs 
(= schriftsprachliches) Material verarbeitet und die Resultate der uners^etzlichen 
Arbeit Thielmanns (Arch. f. lat. Lex. II, S. 48ff.) in einem eingeklammerten 
Kapitel auf ganzen drei Seiten abfertigen zu können glaubt. Aber natüilich! 
Was Lerch an anderen kritisiert, gilt ja nicht für Herrn Lerch selbst. — Vgl. 
auch Spitzers Beinerkung im Archiv f. d. Stud. d. Neuer. Sprach. 141, S. 116 
, Lerch, ein Freund des Moralisiereus, sagt (im , Futurum') S. 245 über Rübeis 
Schrift über debere: „Wenn man eine Dissertati(in über debere macht, so hat 
man die Pflicht und Schuldigkeit, sich nicht auf den Lexikographen zu verlassen, 
der .zuweilen schlafen soll, sondern auf die Quelle zurückzugelien". Ich variiere: 
Wenn man eine Preisarbeit über das frz. Futur macht, so hat man die Pflicht 
und Schul-digkeit, aufs Lateinische zurückzugehen'. 

6* 



84 VERMISCHTES ZUR WORTGESCHICHTE. 

1. Das ursprünglich der Negation zur Verstärkung beigegebene 
Füllwort kann selbst Träger der Negation werden (vgl. neuprov. 
parlavo pas , pirsiina me cre, parlarai plus, ostfrz. je les aide mie [Atl. 
ling. 12. 167], obw. duveits buca vegnir , oberit. [Poschiavo] vulea 
brica vedi, [Milano] avaria miga vedüu etc.). 

2. Der negative Begriff kann durch weitere Negationen ver- 
stärkt werden (vgl. norm, il ii'y voyaif poitit goiitle, Herzog, Dialekl- 
texte 40, 17; Forli an' visl //liga imv 'non ho visto [mica] nessuno' 
(aus eigenen Notizen). 

3. Reste archaischer Negationen bleiben als erratische Blöcke 
in erstarrten Ausdrucksformen 1 oder in nur in bestimmten Zu- 
sammenhängen gebrauchten konventionellen Phra.sen (lat. ne-scio, 
lu-queo, quVn legimus , neugr. "/La vä p) xccftrij, ft'z. Je n'ose, je n'ai 
garde, ä Dieu 7ie plaise, n'efnpeche etc.). 

Alle diese höchst geistreichen, aber immerhin doch recht un- 
sicheren Intuitionen können nun aber Lerch nicht abhalten, in 
einem Schlufskapitel (S. 42iT.) zu untersuchen, wie weit die syn- 
taktischen Verhältnisse der verschiedenen französischen Sprach- 
perioden sich aus der Psyche der jeweiligen französischen Kultur- 
verhältnisse erklären lassen. 'Doch sieht man ohne weiteres, dafs 
eine abschliefsende Behandlung dieser Frage bei dem heutigen 
Stande unserer Kenntnisse noch nicht möglich ist: das Material 
an Beispielen . . . reicht dafür nicht aus.' Ist das nicht überhaupt 
so etwas wie eine Bankrotterklärung der idealistischen 
Sprachwissenschaft? Wie schon Vossler seit langen Jahren 
für die Erklärung der Trobadourkunst immer und immer wieder 
das Postulat erhebt, dafs, bevor überhaupt daran zu denken ist, 
den Minnesang aus aligemeinen mittelalterlichen französ.-deutschen 
Kulturverhältni>sen zu erklären, erst eiijmal die unbedingt notwen- 
digen positivistischen Vorarbeiten zu leisten sind, 2 so scheint 
doch auch Lerch das Gefühl gehabt zu haben, dafs ein objektives 
Urteil über eine etwaige Spiegelung französischen Volkscharakters 
in dem mehr oder weniger starken Anwachsen des Füllwortes bei 
dem unvollständigen Material, das uns zur Verfügung s eht, zum 
mindesten verfrüht wäre. Hätte Lerch es doch hierbei bewenden 
lassen ! Statt dessen werden nun überall durch die verschiedenen 
Sprachperioden Kausalzusammenhänge zwischen sprachlichem Ge- 
schehen und jeweiligem französischem Kulturcharakter herauszukon- 
struieren versucht, ohne überhaupt daran zu denken, dafs eine so 
gewöhnliche Spracherscheinung wie das Aufkommen eines Füll- 



^ Hieiher rechne ich auch die einfacliC Negation nach craindre, ne pas 
douter, ä moins que, empecher, il ne s'en faut pas de beaticoup \i%w., in denen 
sich irichr oder weniger doi h fren,ddrtige Denkweise spiegelt. Gerade hier 
zeigt ein Verg'eiih mit der wirklich« n Volks-prache (soweit diese Wendungen 
überhaupt der Volksspraihe angehönu), dafs in solchen Fällen die Setzung 
der Negation dem französischen Volksgeiste widerspricht. 

2 Vgl. auch Nmphil. Mitt. 22, S. 21. 



GERHARD KOHLFS, ZUR 'HALBEN' NEGATION. 85 

Wortes' nicht spezifisch französisch, sondern gemeinsprachlich ist. 
Demnach hätte, wenn man Lerchs Feststellungen kurz zusammen- 
fafst, das Altfranzösische als eine wesentlich stimmungshafte Zeit 
sich noch vielfach (!) mit dem blofsen ne begnügt, wo später 
tie ... pas hätte stehen müssen. Die Einführung des Füllwortes 
aber wäre erst der scharfen, bitteren, säuerlichen, verärgerten, ge- 
reizten, autoritativen, despotischen Wesensart des Mittelfranzösischen 
zuzuschreiben. Während dann in dem darauffolgenden Jahrhundert 
der Renaissance der heitere, tolerante Zeitcharakter einer weiteren 
Ausbreitung der autoritativen Negation nicht besonders (!) günstig 
war, hätte das klassische Jahrhundert zunächst ein besonders starkes 
Anwachsen des Füllwortes gezeigt, bis dann um die Mitte des 
Jahrhunderts eine Art Reaktion (Vaugelas) eingetreten wäre. 

Hat Lerch nur irgend eine dieser vagen, mit ebensoviel Kühn- 
heit wie Leichtfertigkeit aufgestellten Behauptungen wirklich be- 
wiesen? Bisher pflegte (d. h. in der objektiven Sprachwissenschaft) 
es Sitte zu sein, dafs man nicht mehr behauptet, als wie man 
wirklich beweisen kann. Ist wirklich im Renaissance -Jahrhundert 
das Füllwort weniger häufig als etwa um die Zeil von Froissart 
und Eustache Deschamps?^ Weist nicht gerade der Umstand, 
dafs unter dem Einflufs der grammatikahschen Dogmatik Vaugelas 
das Füllwort zurückzutreten scheint, darauf hin, dafs hier nicht 
Charakterspiegelung, sondern einfach das Resultat pedantischer, 
puristischer Kleinkritik vorliegt? Oder ist etwa, um einmal Paris 
mit Marseille zu vertauschen^ das Rhonegebiet und die Languedoc, 
wo ja das Füllwort [pas) überhaupt die Stelle der Negation ein- 
genommen hat, 3 bei all seiner jubelnden, heiteren, lebensbejahenden 
Weltauffassung, trotz der überquellenden südlichen Leidenschaft 
und Ausgelassenheit, ist etwa das Sonnenland Mireios dogmatischer, 
autoritativer oder gar despotischer als der Norden des Landes? 
Besteht nicht überhaupt in jeder Sprache, in der ein Füllwort (zu- 
nächst einmal unter bestimmten Bedingungen) zur Ausprägung ge- 
langt (vgl. apul. no faticäu fihc 'il ne travaillait pas '), von vornherein 
die Tendenz, dieses Füllwort auf dem Wege analogischer Aus- 
breitung zu verallgemeinern {Je ne vais pas >» je ne mange pas > 
je ne pense pas > pensez pas) ? Wie ja auch Lerch anzunehmen 
scheint, werden in absehbarer Zeit die letzten Reste der 'halben" 
Negation von der vollen Negation verdrängt werden (nach Lerch 
'Mifsbrauch, den die heutige Volks- und Umgangssprache mit dem 

' Übrigens scheint Lercb gauz übersehen zu haben, dafs bereits in all- 
französischer Epoche seit dem Rolandslied tm'e, giens, niais, ja usw. durchaus 
zum Füllwort herabgesunken sind. Es kann gar keine Rede davon sein, dafs 
Rol. 317 mie etwa .pittoresker' (S. 43) ist als heutiges pas. 

- Unrichtig isi auch die S 43 aufgestellte Behauptung, dafs bei dem 
^heischenden) Futurum immer das Füllwort steht. Man vergleiche nur: Ne 
TOS mouvrez de la bonne ci!e\ Amis et Amiles, ed. Hofmann v. 826; ne 
vos mouvroiz de ci, ib. 1722; a ceste fois ii't enterres vous ore , Mon. Guill. 
I, 724 usw. 

^ Vgl. neuprov. ai pas vist , digil rite cre pas, trcmhhwo pas plus usw. 



86 VERMISCHTES. ZUR WORIGKSCHICHTE. 

Füllwort treibt'). Mit anderen Worten: die stimmungshafte, sub- 
jektive Negation wird für immer im Schofse der Vergangenheit 
begraben werden. Woraus man wohl, um nun einmal Lerchs 
Spekulationen auf sprachlich -kulturelle Zusammenhänge auch auf 
die Zukunft anzuwenden, wohl die sichere Vermutung ableiten 
darf, dafs der französische Volkscharakter, despotisch, autoritativ 
und gereizt, wie er zurzeit nach Lerch i ist, nie wieder jene aus- 
gesprochen stimmungshafte, heitere, beschauliche, friedfertige Note 
erhalten werde, die nicht nur die altfranzösische Zeit, sondern auch 
noch das Temperament Lafontaines (Häufigkeit der einfachen 
Negation !) charakterisierte. Welch düstere Aussichten für die Zu- 
kunft! Armes, armes Frankreich! 

Gerhard Rohlfs. 



5. Zu Zs. 41, S. 583. 

Bruch unterzieht an der in der Überschrift angegebenen Stelle 
meine Zurückführung des provenzalischen dalh „Sense" auf ein 
gallisches *dalgis einer scharfen Kritik und kommt zu dem für 
den Aufsteller einer Etymologie sehr bedauerlichen Ergebnis, dafs 
meine Erklärung ,. durch die Vereinigung der gröfsten lautlichen 
mit der gröfsten begrifflichen Schwierigkeit" ganz unmöglich ge- 
macht wird. Was die angeblichen lautlichen Schwierigkeiten be- 
trifft, so werde ich die Behandlung der gallischen und fränkischen 
/-Laute im Galloromanischen an anderer Stelle im Zusammenhang 
darstellen. Hier kann einstweilen auf die Bemerkungen zu egoger 
in Bd. 41, S. 514 d. Z. verwiesen werden. Vgl. ferner afrz. und heute 
poitev. chail „Kiesel" aus gallisch *kalos „Stein"; wegen der Wieder- 
gabe des gallischen / vor Kons, durch r (zu dial. dar, der „Sense" 
aus gall. *dalgis) vgl. die bei Longnon, La Gaule au sixieme 
sifecle angeführten Ortsnamen Servais ^iSWwicnvo., Serbonnes <^ 
Sil bona, ör;/t'<01ina und andere. 

Unrichtig ist, dafs ich aus einem irischen delg „Dorn" ein 
gallisches ''■'dalgis erschliefse, das „Sense" bedeuten soll. Ich 
schreibe ausdrücklich: Dem lat. falx entspricht nach Walde s.v. 
lit. dalgis, also gallisch '''dalg-is, vgl. irisch delg „Dorn", „Tuch- 
nadel". Das heifst doch ausdrücklich, dafs das irische delg, das 
nicht nur „Dorn", sondern airch „Tuchnadel" bedeutet, nur zum 
Vergleich herangezogen ist; die Bedeutung „Sense" für das gallische 
*dalgis ist durch das litauische und das lateinische Wort er- 
schlossen. 

Das lat. falx darf allerdings nicht zur Rekonsiruktion des 
gallischen Wortes herangezogen werden. Auch der Verweis auf 
Walde ist ungenau, da Walde, ohne sich für eine bestimmte Etymo- 
logie des lateinischen Wortes zu binden, die Verbindung mit dem 
lit. daTgis als unwahrscheinlich erklärt. Aber Bruch wie mir ist es 

* Ähnlich auch \u\ , Futurum' p, 296 fF. 



E. GAMILLSCHEG, ZU ZS. 4I, S. 583. 87 

entgangen, dafs sich mit der Erklärung sowohl des lateinischen 
falx wie des prov. dalh Nieder mann, Essais d'Etymologie et 
de Critique verbale latines, 1918, S. 17 ff. beschäftigt. Aus den auch 
für den Romanisten bedeutungsvollen Ausführungen des Verfassers 
ergibt sich für die Frage nach der Etymologie der Bezeichnungen 
für die „Sense" bzw. die „Sichel" das Fofgende;! 

Die indogermanischen Sprachen haben für diese beiden Be- 
griffe fast ausnahmslos Neubildungen von einem Verbalstamm, der 
„schneiden" bedeutet, vgl. S. 18. „La faucille pour les Indo-Europeens 
etait donc l'instrument qui coupe. II en est de meme des noms 
de la faucille et de la faux particuliers ä teile ou teile langue i.-e. 
qui se laissent ramener ä une raciiie verbale: toujours le sens de 
cette racine est couper"; so z. B. lat. sicilis zu secare, alt- 
slav. kosa zu skr, casati usw. Das spricht auch gegen die von 
Bruch wieder aufgenomnaene Herleitung des prov. dalh von einem 
*daculum, das eine Deminutivbildung zu daca „daki-ches Krujnm- 
schwert" sein soll, vgl. 1. c. S. 21 „Mais jamais on ne trouve ä la 

base d'un mot du sens de faucille une racine signifiant 

et re cour be". 

Niedermann meint nun, dafs das lat. falx Lehnwort aus einem 
ligurischen Worte ist, für das er eine Grundform *dankla er- 
schliefst, das er aber im weiteren mit der prov. Form dalh zu- 
sammenstellt und auf eine ältere Form *dalklon bzw. *dalklri 
zurückführt. Wieweit diese Etymologie den Forderungen der lateini- 
schen Grammatik gerecht wird, ist hier nicht zu untersuchen. Doch 
sei auf Waldes Besprechung in der Wochenschrift für klassische 
Philologie 1920, S. 375 verwiesen: „Man wird sich kaum der Werbe- 
kraft dieser Darlegung entziehen können, wenngleich ihr Ergebnis 
erst dann gegen alle Zweifel gesichert wäre, wenn die Urform 
*dalklom, -a auch auf dem eigentlich ligurischen Gebiete ge- 
funden wurde." Dagegen ist es wenig wahrscheinlich, dafs das 
ligurische Wort unmittelbar in das Galloromanische gedrungen wäre, 
man müfste denn annehmen, dafs es zunächst in das Gallische, und 
aus diesem mit einer ganzen Serie anderer Bezeichnungen der 
Landwirtschaft als Wortrelikt bei den romanisierten Galliern sich 
erhalten hätte. Der Übergang einer Grundform *dalklo zu dalh 
bietet keine Schwieiigkeit, wenn man mit Niedermann annimmt, 
das dieses zunächst zu daklo dissimiliert worden wäre; aber die 
auf dem ganzen Übergangsgebiet vom Norden und Süden noch 
heute lebende Form dar, vereinzelt auch der, ist damit ebensowenig 
vereinbar wie das von Schuchardt- Bruch verteidigte ''daculum. 
Denn was die Kreuzung eines Wortes, das hier die Form dail 
haben müfste, wenn man das Etymon *daculum anerkennt, mit 
einem dart „Wurfspiels", „Pfeil", „Stachel" u. ä. betrifft, so wäre 
sie zu einer Zeit möglich, als das von Schuchardt-Brüch angesetzte 
*daculum noch „kleine daca" bedeutete. Da aber frz. dard 

* Deu Hinweis aui diese Aibeit verdanke ich Kollegtn Walde. 



88 VERMlSCHrES. ZUR WOKTuESCmCHTE. 

fränkisches Lehnwort ist, inüfste man annehmen, dafs *daculura 
noch zur Zeit der Aufnahme des fränkischen Wortes die Bedeutung 
„kleines Rundschwert" besessen und erst später die „Sichel" be- 
zeichnet hätte; es müfste ferner die Bedeutung „kleine daca" für 
*dacul um -</a/7 vollständig untergegangen sein. Der Ansatz einer 
Grundform *dacula nimmt also keine Rücksicht auf die geo- 
graphische Bes. hränkung des Wortes auf das galloromanische Ein- 
liufsgebiet, die Annahme einer Kreuzung von dalh mit darf erklärt 
nicht, dafs die -r-Form gerade auf dem Übergangsgebiet zwischen 
Norden und Süden zu finden ist. Dazu kommt, dafs selbst die 
Existenz des angeblichen Grundwortes daca durchaus problematisch 
ist, wie man z. B. aus den Bemerkungen von Baist bei Kluge unter 
Degeti^ entnehmen kann. Ich kann mich also trotz Bruch nicht 
zur Annahme der alten Etymologie Schuchardts entschliefsen. 

Aber auch der Versuch Niedermanns, das auslautende -;- in 
der dialektischen Form dar als sekundär zu erklären, wie in den 
von Gauchat, I\]61anges Chabaneau S. 871 angeführten Fällen, ist 
nicht haltbar, da eine Form dar bei dieser Annahme auf einem 
älteren da aufbauen müfste, das zwar in gewissen westfrz. Mund- 
arten aus dail entstehen konnte, nicht aber auf dem gröfsten Teil 
des tatsächlich in Betracht kommenden Gebietes. Dazu kommt, 
dafs diese Formen mit sekundär antretendem -r ganz vereinzelt zu 
finden sind, nicht auf einem grofsen zusammenhängenden Gebiet, 
wie dies bei dar -der der Fall ist. So bleibt nichts anderes übrig, 
als entweder dar und dail etymologisch voneinander zu trennen, 
wozu man sich bei der begrißiichen Gleichheit und der geographi- 
schen Aufeinanderfolge der beiden Typen nur schwer wird ent- 
schliefsen können, oder nach einem Grundtj-pus zu suchen, unter 
dem sich beide Formen vereinigen lassen. 

Das litauische dalgis „Sense" wird nun, wie ich Niedeiuiann 
1. c. S. 23 entnehme, von Zupitza, Die germanischen Gutturale, S. 181 
mit aUisl. telgja „tailler en bois" und mit irisch dlidgim „ich spalte" 
zusammengestellt. Wenn man sich nun vor Augen hält, was Nieder- 
mann als Grundprinzip erwiesen hat, dafs nämlich die Bezeich- 
nungen für Sense — Sichel auf Verben aufbauen, die „schneiden" 
bedeuten, so wird die Erschliefsung einer gallischen Grundform 
"^ d a 1 g - i s , die sich zu irisch dluigim verhält wie lateinisch s i c i 1 i s 
zu secare, durchaus nicht so gewalttätig erscheinen wie dies Bruch 
hinstellen möchte, und die Bedeutung von irisch dcdg „Tuchnadel'' 
wird dann, was ja als durchaus wahrscheinlich erscheint, als die 
sekundäre Bedeutung anerkannt werden müssen. Das Bestehen 
der irischen Form delg ist zwar eine wertvolle Stütze für die An- 
nahme einer gallischen Grundform *dalgis, an und für sich aber 
durchaus nicht die Voraussetzung dafür. 

Endlich sei darauf hingewiesen, dafs eine gallische Herkunft 
für datl-dalh nicht nur durch die heutige geographische Verteilung 
der Formen wahrscheinlich wird, sondern auch dadurch, dafs eine 
ganze Reihe anderer Ausdrücke der Landwirtschaft im Gallo- 



G. DE GREüORIO, . . . VOCABOLARIO DIALETTALE ITALIANO. 89 

romanischen aus dem Gallischen stammt. Ich erinnere nur an 
carruca, vidubium, glenare, das von Jud nachgewiesene 
*ambilatium (Bündnerisches Monatsblatt iQ2i, S. 3 ff.) und 
manches andere, was noch zweifelhaft ist. Wozu kommt, dafs die 
Durchforschung des galloromanischen Wortschatzes nach den galli- 
schen Bestandteilen noch in den Anfängen liegt. 

E. Gamillsche(;. 



6. II piü antico vocabolario dialettale italiano. 

Bene osserva Giuseppe Pitre, Saggi di critica letteraria, Palermo, 
1871, che "la Sicilia porta a giusta ragione il vanto di aver dato 
all' Italia non solo il prinio vocabolario della sua hngua, ma anche 
quello del suo piü illustre dialetto". Pero inesattamente aggiunge 
che "Niccolö Valla da Girgenti e Lucio Cristofaro Scobar da Siracusa, 
tra gli anni 15166 1520, pubblicavano 1' uno un Vocabularnan vulgare 
cum latino, V altro un vocabolario siciliano, trodotto da quello latino 
e spagnuolo di Elio Lebrixa". L' inesattezza sta nella data dell' opera 
di Valla. Questa, benche porti annessa, almeno nelf esemplare 
rarissimo, conservalo uella Biblioteca Naz. di Palermo, che ho avuto 
sott' occhio, una specie di grammatica latina di Gaspare Massano, 
stampata a Firenze in Febbraio 15 12, ha la data del 1500: Im- 
pressum Florentiac anno Domini MCCCCC, dtcimo quarto Cal. Junii. 
Inesalto e pure, per questo riguardo, cio che nota Giuseppe Mira, 
Bih'.iografia siciliana, Palermo, 1873, 1881, cioe che Valla sive La 
Valle Nicolaus da Girgenti (diverso di Niccolo Valla fiorentino) abbia 
scritto un Vocabulat iiim vulgare cum latino, che sia stato pubblicato 
a Firenze sul 1514. Dato anche che 1' opera sia staia ristampata, 
si sarebbe dovuto indicare la data della prima edizione. Questa 
data giustifica e anzi avvalora T importanza dell' opera come primo 
saggio di vocabolario. Credo opporiuno, in proposito, liprodurre 
quanto scriveva Pitre loc. cit. : -'Fabrizio Luna non aveva ancora 
raccoko le sue Cinquecento voci toscane dall' Alighieri, dal Petrarca, 
dal Boccaccio e dall' Ariosto; non peranco Alberto Accarisio il 
Vocabolario, la grammatica e la ortogrofia della lingua volgare, non 
la Fahbrica del vero e la ricchezza della lingua volgare, sopra il 
Boccaccio, Francesco Alunno. La stessa Accademia della Crusca 
non era nata ancora, e un secolo dovea passare pria di vedersenc 
messo in luce il gia tanlo celebre vocabolario". Piire esamina il 
vocabolario di Scobar, ma non si occupa del contenuto di quello 
di Valla, che pare non aver neanche avuto sott' occhio. 

Se ne occupa bensi, ma da semplice letterato, Vincenzo Di 
Giovanni, Filologia e letteratura siciliana v. III, Nuovi sludi, Palermo, 
1879, che esatiamente indica la data del 1500 "della P edizione", 
e rileva che si tratta di un vocabolario piü siciliano e anche 
girgenlino che italiano, elencando a tat fine alcune delle voci pretta- 
raente siciliane, o di forma diversa dalle voci italiane corrispondenti. 



90 VERMISCHTES. ZUR WORTUESCHICHTE. 

Quando pcro egli, a dimoslrarc clie il vocabolario e piü girgeulino 
che siciliano, cita la voce chiavarello. ed osserva che / e sostituito 
nel girgciitino al (/ delle parlate della Siciha occidentale, ptende 
Uli grosso abbaglio. 11 girgeniino non fa questa sostituzione (Ctr. 
De Gregoriü, Saggio di fonelica sicihana, Palerrao, 1890, pp. 116, 
117, L. Pirandello, Laufe und Laulentivickelung der Mundart von 
Girgenti, Halle, 1891, p. 47); e il U di Chiavardlo non proviene 
da altio che da un italianizzamenlo di chiar aveddu , del genere di 
lanti altri che si risconirano r.ell' opera di Valla. Di Giovanni non 
csamina foneticamente ed etimologicamente le voci piü caratterisüchc 
conteimte in essa; e de! resto per lale esame egli non sarebbe 
slato competente, non ostante la sua grande erudizione. 

Neil' eseraplare, che ho avuto sott' occhio, che ha 56 carte 
numerate, cioc \\2 pagine, il titolo di Vccahularmm vulgare etc. 
manca. L' opera e chiamata Vallilium, voce che si ripete iiella 
dedica-prefazione a Mattheo Loysio Falco agrigentino ("Accipe 
igitur hoc Vallihum" etc.), e che pare sciolta negii elementi vaWs 
lilia nell' epigrarama al lettore, che si- trova nella prima paginu. 
L' autore dichiara di avere raccollo "per alphabeti ordinem" alcune 
vüci piü in uso nella sua "lingua agrigentina", e di averle tradotte 
in latino ("in agrigentinum quaedam ex linguae latinae vocabulis, 
quippe quae in frequentiori usu essent"). Anche nel corpo del- 
r opera 1' autore chiama agrigentine le voci da lui considerate. 
Cosi, parlando di cuctuni, che definisce '-gossapinura . . . sive xilinura", 
aggiunge che gli Agrigeniini chiamauo auche cotone la bambagia 
(•'non incongrue et cotonura Agrigentini hoc linum vocant"). 
Tuttavia, voci speciali del girgentino, supposto che ve ne sieno, 
non si trovano nel Vallilium, il cui materiale e comune a tutta la 
Sicilia. L' autore evidentemente non avea inteso parlare che i snoi 
concittadini ; tanto erano distaccati tra loro i vari centri abitati 
deir isola, e tanta era la mancanza di viabilita e di conimerci tra 
cssi al secolo XVI! L' unica partlcolaritä del girgentino rispetto 
al siciliano comune, o piü esattamente rispetto al siciliano occidentale, 
che si palesa nella forma delle voci registrate dal Vallilium, e la 
risoluzione di Ij, trascritto con gl o gli ; es. baglio, canigla, cuglandro, 
glomaro, Joglo, mogli, che nel siciliano, comiu.e suonano: bagghiii, 
canigghia, cugghidnna7 u, ghiömviaru, j'^gghiii, »logghi, come registrano 
i dizionari moderni. 

Le ragioni dell' opera sono indicate dallo stesso autore: 
facilitazione per gli Agrigentini ad apprendere il latino senza il 
tramite dell' italiano ("quia lingua nostra agrigentina aliquantumtisper 
dissonat a thusca .... illi giovanni nos ioanni dicimus. ubi ciu 
nos cha et piaza nos chaza profcrinius") ; illustrazione del dialetto 
materno, che, scbbene ai parlarti toscani paia un p6 "ridicolo", 
c in fin dei conti la "lingua del granaio d' Italia, ove fiorirono 
gl' illustri Empedocle agrigentino, Teocrito siracusano, Gorgia 
leontino e altri". A questo secondo intento dell' autore si aggiunge 
ar.che un intento che potrebbe dirsi dottrinario o scientifico, 



G. DE GREGORIO, . . VOCAUOLARIO UIALEITALE ITALIANO. 9I 

s' intende in rapporto al tetnpo, in cui egli sciiveva. Spesso infatti 
alle definizioni delle voci egli aggiunge 1' origine di esse, secondo 
il suo modo di vedere, che naturalmente oggi ci fa sorridere. Cosi 
scrive: '^hernia saxa a Sabinorura lingua tractum qui saxum Iberniam 
vocant"; Dcus a dando dicitur quod hominibus dat quicquid coni- 
modum est"; ''■virgo ab aetate viridiore dicitur"; "tc/j -adis a 
vadari quod est fide iubere"; '■'■ ?nustarda dicitur eo quod ardel 
ex musto confecta et sinapi"; '"'■strena a strenuis idest nobilibus 
liomiiiibus qui in suo natali multa largiebantur". (V. pure appresso 
le voci Palermo, puclana.) 

D' altro lato il Valliliutu talvolla, benche rararaente, registra 
voci o modi di dire toscani con la traduzione latina o siciliana, o 
con rimandi a voci siciliane : luglo hie Julius, questo ho facto secondo 
/nie forze proviribus , refe hoc licium, so certo certo scio melusquam, 
hambagia vide cucluni, tavola tabula, bichiere vide goctu^ calcestruzzo 
vide bactumatu, caprecto vide chavarello, civecta vide cucca, donnola vide 
pilloctula, lucciola vide candiJeri, moccichino vide buccatori. Appunto 
per rendere il siciliano piü compensibile ai Toscani, Valla fa 
qualche italianizzaracnto; per es. scrive con o la finale dei nomi 
in //, che pero a dir vero non e un // molto chiuso anche nella 
pronunzia. Secondo la invaisa grafia spagnuola egli rappresenta 
il c con lo eh. Opportuno rai Sf-mbra anche di avvertire che nel 
Vallilium T ordine alfabetico nella registrazione delle voci non e 
esattamente seguito ; il genere dei nomi e indicato col pronome 
hie, haec, hoc, e cosi pol pl.; il carattere corsivo non e usato ; la 
interpunzione si fa col punto o coi due punti, giammai con la 
virgola. 

lUustrero ora qualche voce particolare, che oftra Interesse etimo- 
logico, o sodisfi qualche curiositä archeologica. 

agresto 'hoc omphatium. tii'. Oggi esiste 1' aggeltivo, nia il 
toscano ha il sostantivo p. es. nel modo proverbiale 'bere il vino 
in agresto'. 

alosa 'hie lupus'. L" sinonimo di laccia, perche a cjuesta voce 
il Vallilium rimanda ad alosa. Pasqualino Vocabol. sieil. etim. registra: 
alosa 'sorta di pesce di fiume, laccia, cheppia, clupea, alosa, thrisa'. 
Traina, Vocabolarielto delle voci sie. dissiinili dalk it., rimanda alosa 
ad alaeeia. Anche 1' it. e lo sp. hanno alosa, cheppia, laccia. 

bactumatu 'ostrealum dicitur et albarium lo imbianchato". 
Oggi abb.amo ammattnmaiu. Scobar reca imbactumai i. In Studi 
glottologici italiani I 7 pensavo all' etimo ad bituminare, nia la 
süstanza oleosa, bitumen, non puo aver da fare con il composlo 
di ghiaia e calcina, os.-^ia col calcestruzzo, sie. mattumi. Inclino 
all' etimo batto per battuo, da cui il sostantivo battumi. Pel 
cangiamento di b in m abbiansi: eannamu, jnnmu, muccuni (De 
Gregorio Saggio di fontlica sieil. §54). Semanticamente ci troviamo 
a posto, poiche ammattumatu si dice di calcestruzzo battuto, corapresso 
per di\enire piu dnro e consistento. Bacla-e 'vetbero' e anche 
registrato da Valla. 



92 VERMISCHTES. ZUR WORTGESCHICHTE. 

biccaria 'hoc macellum'. Manca in Scobar, e sembra influenzato 
dair it. bcccluria, se non 6 un derivato di beccu. All' epoca di 
Valla esistevano speciali niacelli da p^core, slando aüa spiegazione 
di biccaria, da lui data: "quod pecora ibi raactentur, unde raacellarius 
vel lanus qui in macello laniat pecora". Oggi si ha la forma vitc- 
ciria, pure registrata da Valla, da vucceri, macellaio, imprestato dal 
fr. boucher, dal frank, bukk, Meyer-Lübke REW 1378. 

bruchiere 'hie clypeus. ei. cujus media rotunda pars hie utnbo. 
nis. diciiur'. Per 1' etimo v. St. gl. it. VII lOQ. Ivi avvertivo che 
brucchieri oggi indica chi tra' mietitori sta a sinistra. II signiticato 
di 'scudo' che avea la voce al 1500 convalida la mia affermazione, 
perche lo scudo si teneva con la sinistra. 

buffa 'sive bocta' e registrato assieme a bofja 'sive gotata, 
alapa'. Oggi esiste quest' ultima forma, per cui v. St. gl. it. I Qi. 

cassata 'specie di torta fatta di ricotta, raddolcita di zuccheo 
con rinvolto di pasta anch' essa raddolcita e fatta in forma ritonda', 
Pasqualino, che inclina all'etimo caseus 'perche ve ne sono [cioe 
di cassate] fatle anche di caciocavallo. In Saggio etimologico-voci 
arabe di derivazioiic etc. Palermo, IQ07 G. M. Calvaruso trae la voce 
dair ar. qasctah, crema di latte, repudiando 1' etimo qascat, 
scodella grande e profonda (De Gregorio e Seybold, Glossario delle 
voci siciliane di origine araba, in St. glottol. it. III). Ma Valla reca: 
.cassata 'haec artocrea. ae. tor. e pane et carne fieri die.'; la quäle 
definizione distrugge l' etimologia di Calvaruso, ed avvalora la mia, 
che e pure di M. Amari. Fu la scodella, in cui si appareechia la 
vivanda, e la sua forma, che dettero nome alla vivanda, non il 
contenuto di crema di latte, che s' impiega modernamente. 

catapani 'hie edilis'. Su catapanu avevo in St. gl. it. VII 389 
addidato un etimo arabico, ehe non e stato accettato da Rene Basset, 
Revue africaine a. 1920 fasc. 2. La voce sembra essere la stessa 
del fr. catepan (derivato non da x«r« jiav, come credeva Guglielrao 
da Puglia, ma da ytara lnävm) alto funzionario, che sostilu'i 
neir Italia greca lo Stratege di Lombardia. In Sieilia con catapanu 
si designava 1' ufficiale dell' annona, e dal 1300 quello incaricato 
dei pesi e delle misure. 

cozo 'sive cicoctula hoc occiput'. II sie. cozzu, nuca, e dal 
REW 201 attribuito a *cocia [o piuttosto si direbbe cocium] 
assieme a tante altre voci di vari dialetti e di ben diverso signi- 
ficato; lanto che sembrano opportuni studi ulteriori su di esse. II 
cicoctula poi e anche meno chiaro; pare una forma capricciosa o 
burlesca svoltasi dalla stessa voce cozzu (cfr. ciricöppula di fronte a 
cöpptdd). 

cuchuvia 'haec alauda'. Traina rimanda cucciuvia a cucucciuta, 
cappellaeeia, allodola capelluta. Egli trae questa voce da cucucciu 
colrao, apice, o dallo sp. cucujada; ma si iratta di due voci dif- 
ferenti. Cucciuvia e il fr. cochtvis (di origine incerta secondo il 
Dict. gen) come ben notava Gioeni, Saggio di etrmologie sie, che 
pero credeva fosse peculiare di Carini (mentre il Vallilium ci dicc 



G. DE GREGORIO, . . . VOCAROLARIO DIALETTALE ITALIANO. 93 

che h pure di Girgenti), e che egli considera assieme a cucucciula. 
Questa voce, che e propria di Palermo, ma si trovera anche altrove, 
ha sicura origii;e da cuciicciit , colmo, parte di cio che riempre im 
vaso e rimane sopra la bocca di esso, Pasqualino op. cit. ad- 
diterebbe l' etimo strano ebr. quz; ina stmbra bene si possa 
partire da cocceus, della famigh'a di cocca (Körting, Lat. et. Wör/b.22^), 
poiche la forma di una elevazione convessa deve avere richiamato 
alla meiite la 'conchigha'. A Messina ho inteso chiamare cucug- 
ghiaia 1' uccello da noi detto aicucciata ; e questo cucugghiata va 
con lo sp. cocujada, catal. cucullada, fr. coquiilade, pr. coouqiiiado, 
che Gioeni traeva da cucullus. 

drugula 'vide riavetta'. E' voce spenta, essende oggi sostituita 
da navetta, spola. Pare venga da trochulus, iroitola. 

dummo 'hie dumus. mi. unde dnmela loca plena dumis 
frondesque dumorum palmae appellantar quibus Mazaria Siciliae 
abundat'. L' it. letterario ha dummo, che e il lat. dumus. Nallino, 
L aralo parlato in Egilto, Milane, igoo, p. 246 registrerebbe 1' ar. 
döma per la "palma du/n, Crucifera thebaica Delil'". 

falaguto 'sive fiuto. tibia'. E' una forma del sie. frautu it. 
flauto con anaptissi tra f Q l. Per fJauto da *flauta, d' ignota 
origine, cfr. REW 3360. 

fucuruna 'haec testudo'. E' forma metatetica di cufuruna, 
testuggine. Per 1' etimo v. St. gl. it. VII 408. 

gassira 'matta sioria'. Oggi comunemente gassina, per anafonia 
con le multe voci in -ina. L' etimo, ar hasira, e stato giä da 
me indic ato in St. gl. it. VII 2,2)i- 

gidito 'sive dito hoc digitus'. Questa forma conferma lurainosa- 
mente la metatesi tra le sillabe di e gi, che giä. indicai (De Gregorio 
Saggio di fonetica sicil. p. 125) spiegando il moderno iritti. 

lacherca 'haec indago'. Valla non si accorge che la e 1' articolo; 
cherca, che suona cerca, e sostantivo deverbale da circari. 

lavizo 'hie lebes -tis. vas est aeneum coquinariura. significat 
etiam vas ex quo aqua cadit dum manus obluuntur'. II moderno 
sie. ha pure, secondo Traina, lavizzu, it. laveggio, vaso per cuocere 
le vivande, da un "^ lebeticum o *Iebetium, secondo Körting 
op. cit. 5496. II secondo dei significati indicati da Valla m' induce 
a scariare questo etimo, che del resto e stato scartato anche dal 
REW, che reca soltanto lebes, a cui attribuisce il molfeit, wiepete. 
A me pare si debba ammettere un *lavitium (da lavare', cfr. it. 
lavatoio, lavattira etc.). 

livato 'sive lievito hoc fermentum. Körting stabilisce *levitus 
(per Uvatus), il REW levitum. La voce dell' asic. conferma la 
genealogia della base postulata dui riflessi roraanzi, che parte da 
levare innalzare. 

lumia 'vide melangola'. Non ha riscontro nell' italiano, o 
almeno nel toscano, perch^ il frutlo co^l designato (di cui la 
buccia soavissima, simile a quella del bergamotto, credo serva per 
la faraosa acqua di Colonia) si coltiva in Sicilia. E' senza meno 



94 VEKMISCII.IES. 7.UR WORTGESCHICHTE. 

una forma derivata da lumiinii, coii la soppressione delle sillabe 
linali-//;// che aveano 1' apparenza di suff. Superlative, mentrc invece 
appentengono al radicalo cfr. St. gl. it, III 23g. 

mantia 'vide strina'. Oggi non esiste questa voce, ed anclie 
s/rina, che Traina definisce K/>ifam'a, h orraai i'uori uso cfr. S'/. ir/. 
it. VII 737. 

massaria 'haec niessis, et dicitur ([iiando est niatura. sed 
quando est hctba dicitur seges. tempore vero sementis dicitur 
satio'. Fondandomi sul significato odierno di vtassaria fattoria, 
podere grande, ne attribuivo 1' etimo a massa, St. gl. iL 1 362. 
II significato antico pare conduca invece a un derivaio di messis, 
a cui forse anche potranno attribuirsi diverse voci romanze analoghe 
alla siciliana. Notevole 1' aggetlivo massaru nel senso di svelto, 
attivo, che potrebbe conciliarsi con 1' etimo ora indicato, in cio 
che chi fa la messe e un soggetto operoso, produttivo, fecondo. 

Palermo 'hoc panormum. mi. Siciliae felicissima civitas. Dicitur 
autem ab aplico et hornus .i. pars portus in quem naves applicant. 
hac de causa antiqui panhormium dixcrunt'. Tra le etimologie 
proposte per Palermo, sebbene la piü comune parta da Panormus, 
riproduco codesta de Valia, il quäle, sebbene vissuto in tercpi, in 
cui non era sorta la glottologia, pare abbia intuito la difficoitä di 
spiegare -le- dal -no- di Panormus. Vedi la mia etimologia in 
base a üralcdoi e oofiog, da cui '''pahormo e in fine palermo in 
St. gl. it. Vll 528^ 

papiro 'vedi mechiu': mechiti 'sine papiro di lucherna hoc 
elichinium ii. fit ex stuppa sive gossapino Juni'. Dal fatto che il 
moccolo si chiamava anche papiro al 15CO si deduce che pria 
della stoppia e della bambagia si adoperasse il papiro per moccolo, 
poiche in Sicilia questa pianta vegeta benissimo, nei luoghi paludosi, 
e vi e una contrada di Palermo ancor chiamata Papireto. Per 
r etimologia di mccciu v. St. gl. it. VII 502. 

patitu 'vide zocculi'. Pasqualino ha: patitn calzare simile alla 
pianella coUa pianta di legno. Traina : paiiiu s. m. zoccolo. I 
dizionari latini non recano il supino di pateo ; ma 'cosa che sta 
aperta' sarebbe un senso conveniente al sie. patitu, per quanto non 
sia sicuro di assumere quella voce come etimo. 

plegio 'hie vas. dis' malleveria. Traina ha pleggiu e pleju 
pegno. E' il germ. plegjan, REW 6592, venutoci per la tratila 
del fr. pleige, dall' afr. plevir. 

pictinale 'hoc faemur'. La voce manca in Traina, nia Pasqua- 
lino reca: piititiali quella parte del corpo che e tra la pancia e le 
parti vergogiiose. Egii trae la voce da pecten. 

pinneri 'hoc pennarium'. E' voce di etimo ovvio, perche e 
un derivato di pinna, penna; ma e interessante, dal lato archeo- 
logico, perche designava 1' astuccio in cui si riponevano le penne 
di oca da scrivere, che ora soltanto ricorda qualche persona di 
eta raolto avanzata. I dizionari moderni non registrano la voce. 



G. DE GREGORIO, . . . VOCABOLARTO DIALF.TTALE ITALIANO. Q5 

Pasqualino ha pero: pinnahni, strumento da tenervi dentro le 
penne da scrivere. 

pinturi 'hie pictor'. Pasqualino legistra piiüura per pi fluni, 
ma non pinturi. Spatatbra ha pintari per pinciri. Piniuri, come il 
fr. peintre e lo sp. port, pifiior, nchiede la base pinctor, che va 
aggiunta ne\ REW. Ivi e anche omesso il classico pictor, mentre 
si registra pictare, pictura elc. 

pipione 'pulhi a pullulo. sunt etiam pulIi equarum, asinarura. 
galiinarum et huiusinodi". Pare dunque che picciuni, che oggi 
soltanto vale 'giovane colombo', significasse anticaraente anche 
'polledro' e 'pollo". 

podisa *haec apoca'. Pasqualino scrive: podisa schaedula, 
Sc. V. polisa. E" una forma iraportante perche, col prov. podiza, 
rischiara 1' etimo delF it. polizza, sie. pölisa, fr. poIice, catal. polissa, 
sp. poliza. Scheler (Anhang a. Et. Wörtb. v. Fr. Diez) seguito da 
Körting, partiva dallo stranissimo polyphichum che il REW 
giustamente ha radiato, ammettendo, con Gaston Paris, RX 620, 
r etinio djr6^^ic.LQ, dimostrazione. Questo etimo, pria che da altri, 
era stato scoperto dal nostro Michele Pasqualino. 

priuaxe *et pl'r ntö he latrinae et haec cloaca'. Pasqualino 
registra: privaxa aquaia, privaxa publica cloaca, Scobar: priva.xa 
V. biddaca, Traina: privoscia, fogna privata. Anche il napolitano 
ha prevasa luogo comodo, cesso, e 1' ant. fr. privaise cesso, che 
dal REW 6760 e attribuito a *privatia. 

puctana 'raeretrix'. Ai nostri giorni fa meraviglia di leggere 
nello scritto di un canonico, quäle era Valla, la etimologia realistica 
e salace, data alla voce ineretrix *a mereo eo quod cunno meret 
prelium'. 

rabba 'hie commeatus. significat annonam et locum in quo 
annona custoditur ac facultatem habeundi livi [sie] magna pars 
sive commeatus dilabcatur'. Pasqualino, riferendosi a Vinci, scrive: 
^ rabba in Regni pragmalicis sunt duae sanctiones pro rabba 
frumenti. Vox erit. ab hebr. rabbah muUiplicavit, quod sit in- 
stituta haec rabba pro peculio frumentario pauperum ut multi- 
plicetur, seu ut vulgo diciraus pri fari colonna vel ab alia radice 
rabac impinguavit' etc. Sarebbe dunque cio che oggi si dice 
'moiite frumentario'. Siccome la voce denota anche il luogo ove 
si deposita il frumento pei poveri, sembra possibile che l' etimo 
sia r ar. rabad villaggio. 

sangeri 'hie apexabo is inteslinum est sanguine f)lenura ad- 
uiixto pingui'. Traina ha sanceli e satigt/i. In Sf. g/. it. I 50Q 
indicavo 1' etimo pensato da Gioeni, sanguis e gelu. Non credo 
la forma con -;- registrata da Valla piü autentica di quella con 
-/- data anche da Scobar, e spiego il dileguo della sillaba finale 
di sanguis, supponendo la trafila del fr. sang; il fr. gel/, sncco 
animale o vegetale concentrato, pote subiro lo spostamento c\f\- 
V accento. 



gÖ VERMISCHTES. ZUR WOkTGl SCHICHTE. 

sapa 'haec sapa et lioc defrutum'. Manca ai dizionari moderni. 
E' ovviainente il lat. sapa, it, sapa, mosto cotto e rassodato nel 
bollire. REVV 7585. 

sartagina 'sartago patella in qua caro fiigitur a graece sarxim 
latine frixorium dicitur'. Pasqualino dA sarlama come esistente a 
Messina, e Tiaina registra questa voce che e entrata cosi nel 
REW 7613. 

scaphio 'hoc scaphium vas est ad cacandum'. Non ho mai 
inteso questa voce; la grafia ph peryfarebbe pensare a un hatinismo. 

schifuni 'sandaHum'. Oggi non esiste; pare un derivato dcl 
gr. üxdg)?], come schifazzu, specie di grande barca. 

spinga 'sive spillo hacc armilla'. Parrebbe, ma non e, piu 
genuino ciel moderne sie. spingula (corregi spinula in 7?^? PF 8154), 
dato che la base sia spinula, REW 8154, una forma diminutiva 
di sphia, che a dir vero ci saremmo aspettati trovare nei classici. 
Tutiavia "zu spinula bemerkt Ducange aus Tacit. Germ. c. 17: 
tegmen omnibus sagura fibula aut, si desit, Spina consertum", Diez 
Et. W. 303. 

tabella 'da scrivere haec pugillar'. Pare che all' epoca di 
Valla si u^assero ancora tavolette per uso di scrivere, come presse 
i Romani, le quali potcano posarsi suUe ginocchia stando seduti. 

tafaria 'lanx'. Ha origine arabica. Cfr. St. gl. it. 75g. 

totuca 'tuiiica .cae. sunt sine manicis tmiicae et cum manicis 
quae magis foeminis conveniunt'. E' voce oscura; ma il -luca 
sembra il fr. tous cas, e forse il to- poträ essere un resto di tonaca. 
In altri termini tonaca si sarebbe incrociato e fuso con tous cas. 

truglio 'vidc kecco'. Oggi trugghiu vale grassotto. Forse il 
senso di keccu, balbuziente, non sara originario. Pare dipenda da 
trulleus, vaso grosso, panciuio, e che sia usato metaforicamente. 
V. St. gl. it. I 569. 

tuchiena 'sive murello hoc sedile'. Questa forma dell' ant. 
sie. mi fa iiicliiiare all' etimo ar. doccanat, banco di pietra, che 
per la forma piii comune jitlena si presta poco, cfr. St. gl. it. 
VJI 220, poiche questa dipende da jit/ari, da ejectare. Dovra 
riconoscersi un incrocio arabo latino. 

vichico 'sive miscerobba hoc gluturnium. nii. eo quod guttatim 
fluat'. 

xisca 'hoc multrale vas est quo lac colligitur'. Traina ha: 
cisca, secchio entro cui si munge. Per 1' etimo v. St. gl. it. l 144. 

ziru 'vide iarra'. I dizionari moderni rccano t.ziru, che ha 
il ;/ prostetico. L' it. ha ziro, attribuito con dubbio da Körting 8635 
a seria; sotto tale base perö il REW "^^^b non mette la voce 
italiama, ma mette sohanto il terara. sire. II vero si e che 1' it. 
ziro ha origine arabica, come il sie. nzirti, nziriitii, sardo ziru etc.; 
di che si cra anche accorto Caix, Sludi di etim. it. e rom. 662. 
L' etimo, che dovrä aggiungersi nel REW, e 1' ar. zir, magnum 
vas. Crf. De Gregorio e Seybold, Voci sicil. di origine arabica in 
St. gl. it. III 243. GiACOMO DR Gregorio. 



SEGL, SPANISCHE ETYMOLOGIEN. 97 

7. Spanische Etymologien. 

1. alpafiata „Glätteleder der Töpfer", ,.pedazo de cordoban 
de que se sirven los alfareros para suavizar las piezas de barro 
antes de cocerlas". 

Herleitung von pano^ die einzige, die ich vorfand (Akad.), 
kann nicht genügen, da sie das / nicht erklärt, dann aber auch, 
weil, brächte alpafiata wirklich den Stoff des Glätte\verkzeu,G;s zum 
Ausdruck, für „Leder" nicht gut ., Tuchstück" eintreten konnte. 

Die Etymologie des Wortes ergibt sich indes unschwer, wenn 
wir vom Stoff dieses Werkzeuges auf den ihm obliegenden "Zweck 
das Augenmerk richten. Wir finden dann, dafs eine Ableitung 
von lt. planus zugrunde liegt, ein *ad-planeata, das über umgestelltes 
*alpaneala zu alpanata wurde. 

Metathese ist bei spanischen Wörtern, wenn / im Spiele ist, 
ja häufig. Überdies ist bei unserem Worte annähernd auch die 
Form ohne Metathese aufzuzeigen, nämlich aplanador ..Polier stahl 
(der Goldschmiede)". Vgl. Zauner, Altsp. El.-B. § 77. 

Ausgehend von der Annahme, dafs wohl kein Fall von Meta- 
these aus einem Ungefähr zustande kam, kann für alpafiata nach- 
helfende Anlehnung an pailo gern zugegeben werden. Denn nach- 
drücklich ist auf die Rolle hinzuweisen, die der Tuchiappen bei 
der Glätte- und Glanzerzeugung spielt. Besonders in romanischen 
Ländern, wo ihn als Hauptwerkzeug der zudringlichen jugendlichen 
lustradores wohl jeder Reisende kennen gelernt hat. 

Besprechung erfordert noch das dem Sinn unseres Wortes 
nicht entgegenkommende (übrigens ziemlich seltene) Suffix -aia, 
wofür man ja 'ador erwartete. Aber in den Seitenslücken hravata 
„Trotzbieten", cahalgata „Reitergesellschaft", caminata „Fufswande- 
rung", repasata „Wischer" haben wir Dcverbalia, die den gleichen 
Übergang in die aktive Bedeutung ersehen lassen. 

2. brecho „grünlicher Breitzahn, Papageienfisch". 

Dieses Wort buchen die eigentlichen spanischen Wörterbücher 
(soweit mir zugänglich) nicht; auch fand ich keine Herlditung des- 
selben. 

Da die Naturgeschichte lehrt, dafs die in Rede stehende Gat- 
tung Fische „prächtig gelärbte Küstenfische der gemäfsigten und 
heifsen Zone umfafst, von grünem oder goldigem Glänze", so wird 
folgende Ansetzung wohl richtig sein: {pez) brecho -< [pisce-] *bracten-\ 
dieses Adjektiv ist abgeleitet von lt. hractea, der Nebenform von 
hrattea „dünnes Metallplättchen, Flitterstaat" (vgl. z. B. span. lechön 
< "^lacteone-). 

3. carapacho „Muschelschale, Schale, Rückenschild, -panzer 
der Schildkröten", „concha de los cangrejos y tortugas". 

Von Etymologien finde ich eine Zurückfährung des Wortes 
auf \\. carahis (Akad.), die ich übergehe; dann aber bei Monlau: 
„Se ha insinuado si podria ser una transposicion de caparaz6n\ y 

Zeitschr. f. rom. Phil. XLU. 7 




98 VERMISCH i'ES. ZUR WORTGESCHICHTE. 

tambien apunta Littre una derivaci(m del catalan carabassa, que es 
castellano calahaza. Ni es notoria la primera conjetura, ni aceptable 
la segunda." 

Und doch liegt in der ersten Konjektur, das Wort möclite 
eine Un^istellung sein, die Wahrheit ! Zwar nicht gerade UmsteHung 
aus caparazön , wohl aber aus einem *caparacho. Dafür haben wir 
eine gute Stütze, indem nämlich auch carapuza „kapuzenartige 
Mütze" Umstellung" aus bedeutungsgleichem caperuza ist, wie über- 
haupt Umstellungin dieser Art im Span, recht häufig sind, vgl. 
caramanchön > camaranchön, caramiila > camarifia. 

So wäre also carapacho eine Ableitung von capa und seine 
Grundbedeutung „Deckmantel". Auch wir sprechen in gleichem 
Sinne von einem „Hund mit schwarzer Decke". Dafs aber den 

Spanier gerade der Begriff Decke 
leitete, als er für die Schutzwehr obiger 
Tiere das Wort *caparacho prägte, be- 
zeugt sehr gut das Wort encubertado 
..sechsgürteliges Panzertier", das eine 
Ableitung von enaibrir „zudecken" 
ist. Und es fällt jedem Betrachter (auch nur der Abbildung) 
eines solchen Gürteltieres die Formähnlichkeit mit der Schild- 
kröte auf. 

Auch bei carapacho kann man um den Grund der Metathese 
aus *caparacho fragen. Ob hier Einwirkung vorliegt von Wörtern 
wie carei „Schildkrött-(nschale)", caret „Art amerik. Seeschildkröte" ? 
Oder von careta „Maske, Larve"? — 

Bei Rodriguez-Navas (Campano) finde ich auch ein garapac/io, 
mit galdpago, also „Schildkröte", erklärt. Dieses Wort erscheint 
mir bedeutsam, weil es mir wie eine Überleitung und Schlüssel zur 
Aufhellung für das bis jetzt als dunkel geltende Wort galdpago 
dünkt. Könnte es nämlich herrühren aus einem (animal) *cappa-r- 
äcu- „Manteltier" (unter Metathese und Dissimilation von r "^ l 
und Wandel von c '^ g [vgl. si-abafili) ^ '^carapäcu > ^calapacu- >> 
galdpago ? 

4. carlear „keuchen". 

Aufser unbrauchbaren Etymologien spanischer Autoren fand 
ich keine Herleitung. Doch wird folgende etymologische Gleichung 
wohl Billigung finden: sy>^x\. carlear <^ '^talorare (von \i. calor) = 
span. corltar < ^colorare. Vgl. M.-L., Rom, Et. Wb. 2057. In er- 
hitztem Zustand sein und keuchen sind nach körperlichen An- 
strengungen häufig gleichzeitige Folgeerscheinungen. 

5. Sp., ptg. c asama t a, it. casamatla, frz. casemak. 

Für eine künftige Aufhellung der noch strittigen Herkunft des 
zweiten Teils dieses Wortes ist vielleicht der Hinweis nützlich, dafs 
dieser Teil auch enthalten ist in : carromaio span. : „niedriger zwei- 
rädriger Karren, Kärrnerkarren"; ptg.: „Laufkarren, Transporiwagen, 
Kanonensattelwagen". Nim besitzt aber carromaio selbst wieder ein 



SEGL, SPANISCHE ETYMOLOGIEX. QQ 

Gegenstück in dem der militärischen Sprache angehörigen carro- 
fiterte „Stückwagen" (vgl. Langenscheidt, Tasch.-Wb.), -mat°a scheint 
demnach adjektivischer Natur zu sein. 

6. cellenca „Lustdirne". 

Artikel 1802 von M.-L. Rom. Et. \\ b. gibt unter \\.. cella „Vor- 
ratskammer" auch span. cellenco „kränklich". Ihm wäre aufser der 
weiteren Bedeutung „Zelle" des lt. Kopfwortes noch obiges span. 
cellenca nachzuverbinden. Für beide ist der Oberbegriff „in die 
(Kranken-, Bordell-) Zelle gebannt". Cellenca ■< [ptiella) ^cellinica 
ist „Bordellmädchen", wie sie in den „cellae concameratae" der 
lupanaria lebten. Vgl. z. B. Vanicek, Et} m. Wb. d. lat. Spr. S. 131 
unter fornix. Man bemerke übrigens den Einklang in Form und 
Bedeutung zwischen ^cellimcu / celleiico und "^inclinlcu -j enchnque. 

7. damnjtiana ..grofse umflochtene Flasche, Kolben". Vgl. 
Körting, L.-R. Wb. Nr. 2742 u. Meyer-Lübke, R. Et. Wb. Nr. 2644. 

Das Vorhandensein des Wortes auch im Spanischen dürfte 
ein Grund mehr sein, in dem „Frau Johanna" auch die etymo- 
logische Deutung des Wortes zu erblicken, eine Deutung, die auch 
sachHch — es liegt scherzhafter Vergleich vor — sich aufdrängt. 
Als analoge Bildung kann man auch ansehen: dondiego „Wunder- 
blume" und do7isimon „Fiaker" (Kutscher, aber auch Wagen). 

8. desviand%fnr „die Kaldauncn herausnehmen", „destripar 
una res". 

Dieses in vulgärer Redeweise gebräuchliche Wort scheint bis 
jetzt eine Besprechung nicht gefunden zu haben. 

Ich vermute, dafs es zunächst aus {animalia) miinda facere 
(nämlich durch Herausnahme der Kaidaunen) sich aufgebaut hat. 
Hieraus entstand erst [facere > altspan. far) '^motidafar, dann durch 
Metathese '^mandofar. 

Durch diese Umstellung war nun aber das W^ort nach Her- 
kunft utid Sinn verdunkelt, und so wurde zum Neuausdruck des 
Herausnehmens durch vorgefügtes des- nachgebessert. Oder auch, 
man fafst dieses Präfix als blofs verstärkend, wozu das Spanische 
mehrfach Belege bietet, z. B. concofrade, concolega; die gleich- 
bedeutenden escafilar und descafilar, gastar und desgastar , velar 
und desvelar\ oder deslindar (anders aber desmarcar), desnudar, des- 
pavorir(se), destrozar. Aber auch Beeinflussung durch das syno- 
nyme destripar kann mitgeholfen haben. 

Sollte die vorgegebene Herleitung von desmand^far als richtig 
sich erweisen, so fiele damit auch Licht auf die Herkunft des 
Wortes. 

9. escal'i mar se v. n. „das W'erg auskäuen (von Schiften)". 
Wenn Holzschifte durch schweren Seegang in ihrem Gefüge 

erschüttert werden, so kann es dazu kommen, dafs sie das die 
„Abdichtung" der Fugen zwischen den Planken herstellende Werg 

1* 



lOO VERMISCHTES. ZUR WORTGESCHICHTE. 

verlieren, seemännisch gesprochen ..aiiskänen"' und damit ,.leck 
springen". 

Nun ist darauf hinzuweisen, dafs das zur Abdichtung der 
Fugen dienende Werg durch Auffaseruns; alten ausgedienten Tau- 
werks gewonnen wird. 

So wird es Billigung finden, wenn ich escal^tjiarse als Abkömm- 
ling des griech. y.äXoc. „Schiffstau" anspreche, indem ich also ,.sich 
anstauen" als seine Grundbedeutung fasse. 

Nicht anders dürfte der Fall liegen bei span. caloma „Bojen- 
leine" (ein Tau!), calomar „jodeln, von Matrosen, wenn sie zu- 
sammen an einem Taue ziehen" (letzteres vielleicht, was die Wort- 
form betrifft, über das synonyme sahmar geprägt). Damit trete 
ich freilich mit der Auffassung bei M.-L., I.e. 1535 in Widerspruch. 

10. ^jf a«</^/ar „Kompafskammer auf Galeeren", „la cämera 
de un buque donde estä la brüjula". 

Mit lt. scanaere, wie einige spanische Autoren wollen, läfst sich 
nicht anknüpfen, da eine Vereinigung der beiderseitigen Begriffe 
nicht möglich erscheint. 

Hingegen wird man nicht fehlgehen, wenn man Zusammen- 
hang mit It. candela „Licht, Kerze" und *excatidere (> prov. es- 
candir „hell machen", M.-L., 1. c. 2950) annimmt. 

Die Kompafskammer war auf den früheren Schiffen so ziemlich 
der einzige nachts erhellte Raum, in dem die beiden an den 
Seiten des Kompasses angebrachten Lichte dem „Mann am Ruder" 
gestatteten, den Kompafs abzulesen und hiernach den Schiffskurs 
einzuhalten. Sie war den damaligen Seeleuten also die cdmera 
lücida, die „Licht-, Hellkammer" par excellence. 

11. escullador „Schöpfgefäfs in Ölmühlen" (Tolhausen); 
„Blechgefäfs in Ölmühlen zum Auffangen des Öles" (Franceson); 
„cierto vaso de lata en los molinos de aceite" (Acad. u. and.). 

In den Angaben über die Bedeutungen dieses Wortes zeigen 
die Wörterbücher eine für den etymologischen Zweck recht störende 
Zerfahrenheit ! 

Spanische Autoren finden Zusammenhang mit lt. colligere. Das 
gäbe demnach einen „Aufsammler" und stünde mit der einen der 
gegebenen Bedeutungen gut im Einklang. Aber das zur Form- 
vervollständigung dann sich vernotwendigende, doch sinnstörende 
ex- mufs von solcher Erklärung abhalten, für die auch der Über- 
tritt aus der dritten in die erste Konjugation erschwerend wirkt. 

Nun erwähnt Kluge im Art. „Schaufel" seines etym. Wb. ein 
got. *skii{la, worauf mhd. schuf el, ahd. scuvala weise. Dieses gotische 
Wort böte aber eine lautlich einwandfreie Herleitungsmöglichkeit, 
nämlich got. sMhla >» span. *escuhlar > *escullar : escullador (vgl. 
z. B. trib[u]lare > irillar, insuhfujlum >» enjullo). Die Bedeutung 
„Schaufler" aber stünde mit „Schöpigefäfs" in leidlichem Einklang; 
man denke z. B. an die zwischen der flachen Schaufel und einem 



1 



SEGL, SPANISCHE ETYMOLOGIEN. lOI 

tieferen Gefäfs die Mitte haltende Schöpfkelle, womit man in Booten 
eingedrungenes Wasser ausschöpft. 

12. ^j/>/«^«^/(t „Raumnadel" (lange Nadel zum Durchstechen 
der Geschützpatrone); neuprov. espinglo und frz. ipingle „Steck- 
nadel". 

Gegenüber Körting, L.-R. Wb. 8955, möchte ich -ng- erklären 
als Ergebnis des Zusammenfliefsens von wurzel- und bedeutungs- 
vervvandtem lt. Spina „Stachel, Dorn"' mit lt. spica „Spitze, Ähre", 
oder deren Diminutiven lt. spinula „kleiner Dorn, Nadel" mit lt. 
spiculum „Spitze, Stachel, Pfeil". Auch scheint mir das Vorhanden- 
sein der Lautverbindung -tig in mehr als einer Sprache über eine 
innersprachliche Erklärung hin auszuweisen d. h. eine solche im 
lateinischen Grundwort zu erheischen. — Im spanischen Wort trat 
natürlich Suffixtausch ein. 

13. esir emulo s „leicht und oft zitternd, schüchtern, ver- 
zagt". 

Hier liegt wohl vor Kreuzung der bedeutungsverwandten und 
zur gleichen Sippe (lt. tremere) gehörigen : 

1. esiremecerse „erzittern, schaudern" ; 

2. Iremulo „zitterig, bebend"; und vielleicht noch: 

3. tembl(or)oso „zitterig, oft zitternd". 

14. chapatalear „mit Händen und Füfsen im Wasser plät- 
schern" — chapaial „Morast, Sumpf, Lache", „lodazal ö pantano" 
— lapachar „Pfütze", „pantano 6 charco grande y cenagoso". 

Etymologische Angaben finde ich nur über chapaial und la- 
pachar bei spanischen Autoren. „Chapatal", sagt die span. Aka- 
demie, „es voz baja, formada por la figura onomatopeya, de que 
en pisando la caballeria cou la pata hace un sonido que imita al 
chaz, y asi formaron el chapata 6 chapatal." Monlau aber sagt 
von lapachar (die dort angeführten Konstruktionen Larramendis 
und Cabreras übergehe ich besser): „Otros dicen que se forma 
por onomatopeya, a causa del ruido que se hace andando por el." 

Sie werden also als lautmalende Bildungen aufgt-fafst, eine 
Annahme, gegen die sich Triftiges nicht einwenden läfst. Denn 
vergleichen wir mit unseren Wörtern ihre Sippengenossen chap^^J^ear 
„im Wasser plätschern", chapiirrear „pantschen", chaparr"aaa „Platz- 
regen", dazu auch die ptg. chape! „p(l)atsch!", chape-chape „Ge- 
plätscher", chapejar u. chapinhar „panschen, plätschern", so liegt 
die Sache klar (vgl. auch Körting, L.-R. Wb. 5282). 

Freihch nicht ganz ! Zu erklären bleibt nämlich immer noch, 
wie es zu einem chapa-la-lear, chapa-ta-l kommen konnte. 

Hier werden wir nun der Sachlage am einfachsten gerecht, 
wenn wir Einmischung jenes (überdies sinnverwandten !) Stammes 
annehmen, der in frz. paile, span. pala, patakar steckt (vgl Körting, 
I.e. 6917, M.-L., 1. c. 6301), d.h. ansetzen: chapalenr ,. im Wasser 



102 VERMISCHTES. ZUR WORTGESCHICHTE. 

plätschern-' -\- patalear „mit Füfsen trampeln, trappeln" > chapata- 
lear „mit Händen und Füfsen im Wasser plätschern". 

Soll man dann chapatal einfach als zurückgeschrittenes chapatalear 
lassen, welchem Vorgang der Endungsteil -al- begünstigend ent- 
gegenkam, indem er die Rolle des Ortssuffixes übernahm? Denn 
eine direkte Entstehung aus cha[p ..] -\- pat[a] -f- al will doch nicht 
recht den Regeln spanischer Wortbildung sich fügen. 

Was endlich lapachar anlangt, das mit chapatal fast gleich- 
bedeutend ist, so stellt es dessen nur wenig verschleierte Metathese 
vor, wozu noch Austausch des -al mit dem Schwestersuffix -ar trat: 

al 




la- pa[t]- ch[a]- ar. 

Und wird man als Antrieb zur Metathese Einflufs des Stammes an- 
nehmen dürfen, der sich in span. lapo „Hieb mit flacher Klinge" 
ausdrückt? 

15. ga Ifa r r „Gauner, diebischer Müfsiggänger •• (Tolhausen) ; 
„Betrüger, Mensch, der sich von Stehlen oder Betrug nährt; (ver- 
altet) Häscher, Gerichtsdiener" (Franc.) ; „hombre ocioso, perdido, 
m.al entretenido" (Akad.) ; provinz. „gavilän" (Campano). 

Auch das Portugiesische besitzt das Wort mit den ähnlichen 
Bedeutungen „Gerichisbeamter, Büttel; Räuber, Plünderer, gewinn- 
süchtiger Mensch, Nimmersatt". 

Was die Herleitung des Wortes betriftt, so hält sich die Aka- 
demie an das arab. colab „garfio", also Haken bedeutend. Monlau 
bietet die Meinungen von Larramendi und Covarrubias, von denen 
uns nur die des letzteren interessiert: „dijeronse asi casi gafarros, 
porque gafan, y agarran de lo qua pueden. Tambien qiiadra este 
nombre ä los ministros de justicia, que llaman comunmente por- 
querones, porque llevan agarrados a los que han de ir a la carcel." 
Resigniert setzt Monlau hinzu: „Ninguna de estas dos versiones 
deja satisfecho el animo." 

Und doch waren Covarrubias und die Akademie dem rich- 
tigen Etymon sehr nahe gekommen. Denn galfarro ist, vermöge 
Dissimilation von r zu / (wegen folgenden -rr-) entstanden aus 
*gar/arro, dieses aber mittels despektiven Suffixes -arro abgeleitet 
von garfa „Klaue, Kralle". 

Für die Prägung des Wortes galfarro ist zu beachten, dafs 
der Spanier gern und treffend den L3ieb und den Häscher unter 
dem Bilde eines Hakens sich vorstellt. So nennt er den Dieb 
auch mozo de garabato, garaOcro, ja geradezu ganziia („Haken, 
Dietrich"). Auch das Bild der raflfenden Kralle dient ihm zu 
diesem Zwecke, vgl. agarrador „Häscher" zu agarrar, von garra 
..Klaue, Kralle", Dies aber leitet uns über zur Besprechung eines 
Wortes, worin garra und gar/., in eines zusammengeflossen sind : 



SEGL, SPANISCHE ETYMOLOGIEN. IO3 

16. garrafinar „fassen, weg-, entreifsen" (Tolh.) ; „rauben, 
aus den Händen reifsen" (Franc); famil. „arrebatar algunä cosa" 
(Akad.). 

Während Monlau in garra den Ursprung dieses Wortes sieht, 
hält sich die Akademie an (das von garfa sich ableitende) garfinar 
„stehlen, mausen". 

Nun leuchtet ein, dafs jede dieser Herleitungen das Wort nur 
zur Hälfte erklärt. Denn garrafifiar ist augenscheinlich entstanden 
aus garra -\- [garjfinar. 

17. jade „Jade, Nephrit, Nierenstein". Vgl. dazu: 

1. Körting, R.-L. Wb. 4708: Nach Thom. Mel. Q,\ ist von 
ilia abzuleiten Span, ijada Nieretistein, frz. (e)jade. 

2. Meyer-Lübke, R.-E. Wb. (4251 a u.) 4260: i\ki „Weic/ien'^. 
. . . Ahleit.: Span, ijada ('^ frz. [ejjade, ital. giada) Nierenstein. 
Thomas, Mel. Q4/ ZRPh. XXIX, 407. — (Frz. jade <^ Jaspis 
Behrens, Frz. Wortgesch. 371 ist sachlich nicht möglich.) 

Ich glaube indes erweisen zu können, dafs die Herleitung von 
iaspis zu unrecht abgelehnt wird, die von ilia sich aber nicht auf- 
recht erhalten läfst. 

ilia bedeutet nur „Weichen, Unterleib, Gedärme". Vgl, das 
Wort bei Georges und Walde. Es bezieht sich also lediglich auf 
Teile des vorderen Leibes, der Bauchseite. Die ..Nieren" hin- 
gegen, die beiderseits der Wirbelsäule liegen und damit der Rücken- 
seite angehören, könnten deshalb schon nicht unter den Begriff 
von ilia fallen. 

Weiter fiel mir auf, dafs weder der Dict. gen. noch Sachs- 
Vill., Scheler, Godefroy die Irz. Form ejade verzeichnen. Und 
Span, ijada finde ich in den mir zu Gebote stehenden Wörter- 
büchern lediglich mit der Bedeutung „Seite, Weiche, Dünnung". 
Wegen des „Nierenstein" regte sich mir daher der Verdacht, 
dafs diese Bedeutung dem Worte irrtümlich zugelegt sein möchte. 
Darin wurde ich bestärkt, als ich als spanischen Ausdruck für 
„Nierenstein" jade fand! 

Stellen wir überhaupt die hierhergehörigen Entsprechungen für 
„Nierenstein" zusammen, so haben wir: 

{x'L. jade Tx\. „Nierenstein, Beilstein" (S,-V.) ; „sehr harter Stein" 
(Thib.). Der Dict. gen. beschreibt ihn als einen „sehr harten Stein 
von schöner Olivenfarbe, eine Art Aluminium- und Kalksilikat" ; 

span.y'f^^/f m. „Nierenstein, Nephrit, Beilstein"; Navas sagt von 
ihm: piedra muy dura, verdosa 6 blanquizca, con visos violaceos 
de cal, sosa, potasa y hierro : rasga el cristal, y los indigenas de 
Amdrica la erapleaban para las puntas de sus armas y para in- 
strumentos cortantes. So war z. B. die Macana (MaquahuitI, 
Schneidekeule) eine Keule aus Holz, die durch eingesetzte Stein- 
splitter zwei einander gegenüberstehende Schneiden hatte und bei 
den Azteken, Aiiahuak und anderen Völkern gefunden wurde; 



104 VERMISCHTES. ZUR WORTGESCHICUTE. 

ptg. ;Wcm. „Art Jaspis (!), Beilstein" (Michaelis); 

ital. giada f. „Jade, Nierenstein, Nephrit". 

Sachlich ist anzufügen, dafs der Stein „Nierenstein*' oder 
..Nephrit" heifst, weil er als Amulett getragen vor Nierenleiden 
schützen sollte; „Beilstein", weil er wegen seiner ungemeinen 
Härte dem Steinzeitmenschen den denkbar besten (freilich auch 
recht seltenen !) Stoff für seine Beile und Messer lieferte. 

An Etymologien fand ich: nach dem Dict. gen. ist das Wort 
dunkler Herkunft, auch Sachs -Vill. gibt keine, während nach Muret- 
S. das engl, jade aus dem Spanischen entlehnt sein soll. In einem 
spanischen Wörterbuche — Navas — findet sich das Wort von 
chines. /«c/(??) hergeleitet, während das von Monlau es zu lt. gagates 
{yaydT7]g) zieht. Aber diese Herleitung ist lautlich unmöglich, 
aufserdem ist der Gagat(h), ein schwarzer Bernstein, eine Art Stein- 
kohle, also ein vom Nierenstein völlig Verschiedenes. 

Nun läfst sich {xz. jade lautlich einwandfrei von lt. iaspis her- 
leiten. Denn wie hispidus (Kört. 4581, M.-L. 4148 [freilich zweifelnd]) 
sich verhält zu afrz. hi(s)de, so auch laspide- zu ixz. jade. Und dem 
hz. jade sind die übrigen Wörter der Sippe entlehnt. 

Aber diese Herleitung soll sachlich nicht möglich sein. Dies 
soll wohl heisen, dafs Nephrit kein Jaspis und Jaspis kein Nephrit 
ist. Setzt also voraus, dafs unser Mineral seinerzeit von einem 
Fachmann den Namen erhielt, einem Mineralogen, dem der Irrtum 
nicht unterlaufen durfte, Nephrit mit Jaspis zu verwechseln und zu 
benennen. 

Nun kommt aber der Nephrit vermöge seiner Eigenschaften 
dem Jaspis sehr nahe, denn letzterer ist ein „sehr harter undurch- 
sichtiger Stein vom Kieselgeschlechte, von allerlei Farben und Zeich- 
nungen". Die laienhafte Anschauung — und diese halte ich 
hier im Spiele ! — konnte demnach sehr wohl im Nephrit einen 
Jaspis erblicken und hiernach benennen. Von ihrer Wirksamkeit, 
gerade bei Benennung von Dingen des Naturreiches, gibt mehr 
als ein Wort Zeugnis! Z.B. bedeutet span. ^r^^Äz (auch) „Ton", 
span./ö^'6> „Truthahn". Wir leiten sie unbedenklich von \i. creta 
„Kreide" hzw.pavo „Pfau" ab, wenn wir auch wissen, dafs „Ton" 
von „Kreide" und „Truthahn" von „Pfau" sich erheblich unter- 
scheiden. Dafs diese Annahme zutrifft, geht auch daraus hervor, 
dafs der chines. Yü(stein) nicht nur eine Art Jade oder Nephrit 
bedeutet, sondern auch eine grüne Art Jaspis (vgl. Meyers Konv.- 
Lex. unter Nephrit und Jaspis). 

Und zuletzt — ptg. jade bedeutet nicht allein „Beilstein", 
sondern geradezu „eine Art Jaspis"! 

18. jadear „keuchen". 

Ist nicht Herleitung aus lt. halitarc, noch von der angestrengten 
Atmung abgenommene lautmalende Bildung. Es ist lediglich das 
um i- verkürzte gleichbedeutende ijadcnr, dessen /- entfiel, wie in 
magin „Einbildungskraft". 



SEGL, SPANISCHE ETYMOLOGIEN. IO5 

19. ijadear selbst ist ja Ableitung von ijada „Seite, Weiche, 
Dünnung". Zugrunde liegt das Bild der dem Beschauer auffälligen 
starken — keuchenden Atemstöfsen mitzeitigen — Einziehungen 
der Weichen, wie es besonders „jappende" Tiere, z. B. Hunde, 
zeigen. Als Parallele vergleiche man das familiäre frz. flancher zu 
(?) Hanc. 

20. viajano „Steinhaufen, womit man Wege bezeichnet oder 
Felder abgrenzt", „monton de piedras para dividir los terminos". 

Gröber — vgl. Körting 5786 — leitet her von '^maculana zu 
lt. macüla „ Fleck (en) " ; INIeyer-Lübke 5212, Artikel wflf«/a, sagt nur, 
dafs rnajano vielleicht auf ein span, *maja weise. 

Ohne der lautlich einwandfreien Möglichkeit, aus macüla her- 
zuleiten , ihr Gewicht zu nehmen (vgl. auch graja «< lt. gracüla), 
können doch angesichts der ohnehin überreichen spanischen Sprossen 
dieses Etymons [malla, viancha, mangld) Bedenken für diese tat- 
sächliche Herkunft aufsteigen. 

Schwerer wiegt aber ein Einwurf, der die Bedeutungsentwick- 
lung trifft. Zwar möchte eine solche von Fleck — Mal — Steinhaufen 
(als Weg- oder Grenzmal) auf den ersten Anschein wohl einleuchten. 
Indes ist nicht angängig, einen Steinhaufen, der aus dem Gebäude 
herausragt und herausragen soll, um in einigem Abstand bereits 
aufzufallen, mit einem nur als Fläche in der Fläche vorhandenen 
„Fleck" zu vergleichen bzw. hiernach zu benennen. Wäre ja auch 
eine flache einfache Lage von Steinen (zumal sie der Natur der 
Sache nach auch nicht breit sein dürfte) ihrer leichten Zerstreubar- 
keit halber als Grenzmarke ungeeignet. 

Ich möchte viajano als Scheideform zu mcjaua fassen und beide 
von einem ''me/[u]lan- von lt. ineta „jede kegel- oder pyramiden- 
förmige Figur" herleiten. Es läge hier eine Bildung vor wie in 
viejo •< vetulus, überdies a <i e wie in bar r er («< verrere), ayuno 
[<C jeju?nis), atitor (<< emptor). 

Auch das mit lt. mela urverwandte ir. methos bedeutet „Grenz- 
mark", vgl. Walde, Lat. etym. Wb. 

Und bei Meyer-Lübke, Rom. Etym. Wb. Nr. 3720 wird span. 
amelgar . . . „die Grenzen eines Grundstückes durch Marksteine 
abstecken" aus '^''admeikare (zu meta') erklärt, freilich mit dem Zu- 
satz „begrift'Iich nicht ganz sicher", ein Bedenken, das im Zu- 
sammenhalt mit dem oben dargelegten und in Hinweis darauf, dafs 
lt. melüla „Grenzstein" bedeutet, behoben sein dürfte. 

21. molo n dr (und Augmentform -dröiii) „Unwissender, Nichts- 
wissender" (Tolh.); „Unwissender, Faulenzer, Müfsiggänger" (Franc); 
„poltron, perezoso y falto de enseiianza" (Akad.). 

Monlau will das Wort zu malandrin ziehen, aber von den Be- 
denken des Vokalwandels abgesehen, lassen sich die Bedeutungen 
„Nichtswisser, Faulpelz" mit „schlechter Kerl, Strafsenräuber" nur 
gezwungen vereinigen. Griech. iioXoßQOi „Landstreicher, Bettler", 



I06 VERMISCHTES. ZUR WORTGESCHICHTE. 

das Etymon der Akademie, kommt in der Bedeutung unserem 
Worte schon näher, ist aber aus lautlichen Gründen abzulehnen. 

Nun hat Pidal als Etymon zu span. tolondro (auch hier die 
gleichbedeutende Augmentform -dr6n\) dargetan ein *torundtis 
„wulstig", von torus (vgl. Romania XXIX, 373; Kört., I.e. 9625 a). 

Als gutes Seitenstück zu dieser Herleitung kann daher die von 
molondro gehen, da sie aus *mö7-u)idus, von \i.?ndrus „dumm, albern", 
anzusehen ist. 

Die Bedeutung ..träger Mensch" betrachte ich als sekundär 
entwickelt. Denn die Dissimilation des r zu. l brachte Annäherung 
des Wortes an lt. nioles bzw. span. niole „grofse schwere Masse", 
woneben die erfahrungsgemäfs häufige Vergesellung von Unwissen- 
heit und Trägheit die Differenzierung der ursprünglichen Wort- 
bedeutung nur fördern konnte. 

Als Spröfsling des oben angesetzten '^imrundus mufs auch: 

22. mor ondanga (-< \j-es\ "^mörundamcas) „Albernheit, Lap- 
perei, Gemisch unnützer Dinge, Kleinigkeiten" angesehen werden, 
über welches Wort ich lediglich die verfehlte Deutung fand, es sei 
sein „elemento principal: moro" (Monlau). 

2'^. mondong 0. Seine Herleitung aus dem Arabischen läfst 
sich kaum aufrecht erhalten, auch M.-L,, I.e. 1205 bezeichnet sie 
als fraglich. Mondongo bezeichnet die Tierkaidaunen „especial- 
raente del carnero" i. entweder schlechthin anatomisch, oder 
2. als Gericht, als welches sie mit Blut- oder Schweinfleischfüllung 
genossen werden oder auch ohne solche als Frikassee. Besonders 
in der letzten Form bilden sie eines der Leibgerichte des spanischen 
Volkes und seiner kolonialen Ableger, das auch uns Deutschen, im 
Norden unter der Bezeichnung „Pansen, Königsberger Flecke", im 
Süden unter der von „Kuttelflecke", wohlbekannt ist. Eine, nur 
um das Suffix -ejo statt -ongo verschiedene, Abschattierung des 
Wortes ist mondejo „Schwartenmagen, Sausack, Prefswurst", und 
auch hier schuf die Hülle die Benennung. Beide aber haben mit 
den a/^mdis;as „Fleischklöfschen" nach Stoff und Form nichts ge- 
mein, so wenig wie „Königsberger Flecke" mit „Königsberger 
Klopsen" ! 

So wird denn wohl in dem hierfür schon öfter befürworteten 
It. mihidus „rein" (bzw. span. 7nond(ad)o „gesäubert, rein") der Aus- 
gangspunkt für die Erklärung von mondonqo und mofidejo liegen. 
Und seine schönfärbend gezielte Verwendung ist gut verständlich, 
wo es sich um ein Gericht handelt, das bekanntlich nicht nach 
jedermanns Gefallen ist. 

24. pulieitlas {.\)\. „Brei". 

Dieses aus lt. polenla entwickelte Wort gelangte zu seinem u 
und der Piurallorm wohl in Anlehnung an span. puches m. pl. 
„Mehlbrei". 

.25. r elumbr e „Geschmack der Speisen nach dem Topfe; 
eisenähnlicher, kupferähnlicher Geschmack der Speisen". 



SEGL, SPANISCHE ETYMOLOGIEN. IO7 

Das Wort in der ausgesetzten Bedeutung ist etymologisch 
wohl kaum identisch mit rehanbre „Glanz, Schimmer, Aufleuchten" 
(Verbalsubst. zu rtlumhrar „leuchten, schimmern, strahlen"); nur 
sehr gezwungen liefsen sich die beiderseitigen Bedeutungen ver- 
einigen. 

Ich glaube, dafs Zusammenhang mit alumhre „Alaun" vor- 
liegt. Gemeint ist der alaunartige Metallgeschmack, den Eisen und 
Kupfer auf der Zunge hervorbringen. Überdies gibt es Eisenalaun 
und Kupfera!aun. 

7-elumhre wäre dann zu fassen als Verbalsubstantiv zu einem 
*re[a]lti}nbrar = lt. *re-alumi?iare „Widerschmack nach Alaun haben" 
(vgl. re-sonare widerhallen). Wegen des in Verlust gegangenen a- 
vgl. vulg.-ptg. (pedro) htime „Alaun(stein)". 

Anzufügen ist, wie auch in span. alumbrar „erleuchten" — 
..mit Alaun tränken" lt. lunien und aliwien ineinander geflossen sind. 

26. sargazo „Sargasso, Fächerfruchttang, Beerentang, schwim- 
mendes Meergras". 

Ich finde keine Etymologie dieses Wortes verzeichnet. Doch 
wird es = lt. *saltcaceu- zu salix „Weide" anzusetzen, also ein Ab- 
kömmling von span. sarga (aus lt. *sa/7ca) „Weide(nbaum)" sein; 
denn der Sargasso hat lange, lanzettförmige, mithin weidenblatt- 
ahnliche Blätter. 

Das Jl/ar de los Sargazos, die „Sargassosee", wie das Meer 
zwischen den Azoren, den Kanarischen Inseln und dem Kap Verde 
heifst, spielt wohl erst seit Kolumbus' Entdeckungsfahrt eine Rolle, 
und das Wort wird nach dem Vorbild von algazo „grofse Menge 
Algen [algas) auf der Seefläche" geprägt sein. 

27. socar}-ena „Zwischenraum, Hchte Stelle, Loch, Spalt im 
Schiffsboden, Aushöhlung, Schlucht, Tiefe", „hueco, espacio 6 inter- 
valo ; hueco entre cada dos maderos de un suelo 6 un tejado" ; 

28. socare7ia ..Sparrenweite", „agujero qua se hace entre 
dos vigas contiguas de un piso 6 arraadura de la cubierta, ya de- 
finitiva 6 provisionalmente" ; 

29. socarrefi „Dachausladung nach der Strafse zu, vor- 
springende Dachtraufe, Traufhaken", „ala del tejado". 

Zugrunde liegt den drei Wörtern lt. siiggrrmdia „das den 
Hausmauern aufliegende, die Bedachung tragende Sparrenwerk; 
Vordach, Wetterdach". 

Wie nämlich lt. verecündia ^> aspan. vereguena, so ergab lt. 
süggründia > '^sogrena (vgl. z. B. auch escanda und escafid). Weil 
nun aber das Wort vom Dachstuhlbau auch auf den Schiftsbau 
sich übertrug, wobei die vom Kiel zum Schiftsdeck in Abständen 
ziehenden Schiflsrippen („Spanten") in Betracht kommen, erfolgte 
noch Anlehnung an span. fßrf«« „Schifi'skicl- , so dafs '■''sogreZ/a -\- 
(are7ia >• socar(r)iu(a). 



Iü8 VERMISCHTES. ZUR LITERATURGESCHICHTE. 

30. V anistorio, famil. „Grofssprecherei, Aufschneiderei; Auf- 
schneider, Prahlhans'-. 

Der erste Wortteil ist natürlich vano ,.eitel, leer, nichtig", 
ebenso wie in ikrinloguio (lt. 'ijumvi), vaiiilocuo (lt. -loquus), vana- 
gloriarse. 

Der zweite aber ist wohl hisioriar in der besonderen Bedeu- 
tung „Geschichten erdichten, eine Erzählung ausschmücken". 

Seül. 



II. Zur Literaturgeschichte. 

I. Zum Yderroman. 

Der Yder (hgg. v. Geizer, Ges. Rom. Lit. 31) bringt v. 5705^1". 
die Episode, wie Kei seinen Todfeind Yder, der nach hartem 
Kampf mit 2 Riesen nach Wasser verlangt, durch einen Trunk 
aus einer vergifteten Quelle zu töten versucht. Dieser Bericht ist 
aus Waces Brut herübergenommen, der gleichlautend den Tod des 
Königs Uter (v. 9209 ff.) erzählt. Der kranke König pflegte das 
Wasser einer Quelle zu trinken, die neben seinem Paläste aus dem 
Boden kam. 92i4flf. Tostans bevoit d'une fontaine Qui joste la 
sale sordoit Nule altretant ne li plaisoit. Die besiegten Sachsen 
rächen ihre Niederlage, indem sie Gift in den Quell schütten, so 
dafs Uter und andere nach dem Genufs des Wassers sterben.* 
Dadurch wird der Anschlag erkannt und der Quell verschüttet. 
Der Yderdichter verändert mit Rücksicht auf den Gang der Hand- 
lung die Vorlage in einigen Kleinigkeiten. Um den Anschlag 
Keus zu ermöglichen, erfindet er eine 2., schon verseuchte Quelle, 
die neben der ersten, gesundes Wasser führenden liegt. Bei- 
behalten ist die Nähe des Palastes 57 17 ff. Les degrez del palais 
descent Jus en la cort vint soz un arbre, Desoz out un peron de 
marbre Et delez sort une fontaine Dont l'eve estoit e clere e 
saine . . . Mes un'autre fontaine aveit De l'autre part, que Keis saveit; 
er hat die Eigenschaften dieses Brunnens von den Bewohnern der 
Gegend erfahien. Der Dichter weitert nun die Episode aus. Er 
zeigt zunächst die Stärke des Giftes, ehe Yder es trinkt, 5731 ff. 
De fort entosche ert entoschee Tote en ert l'erbe entor sechee. 
Um Keus Rachsucht zu veranschaulichen, führt er an, dafs der 
Zugang zur Quelle mit Balken (pels. 5738) verschlagen war und 
Keu sich erst den Zugang eröffnen mufs^ 5740 IT. Während aber 



1 Gottfried v. Moamouth, ]list. legiim Britt. 1. VIII, c. XXIV. 

- Dies alles, um deu Charakter Keus ins rechte Licht zu stellen. Im 
Anschlufs an die im Voiksepos feststehende Figur des verräterischen Sene- 
schalls wird K-eu so schlecht als möglich gemacht, während er bei Wace als 
tapferer, ehrenhafter Kämpfer erscheint: A Keu, son maistre scnescal Un Che- 
valier prou et loial ^I0, 411/12) vgl. noch 12,997fr. Kristian wirft im Erec 
3959 ff. bereits einen Schatten auf Keus Verhalten und Charakter und vcr- 



O. MÜLLER, ZUR HANDSCHR. ÜBERLIEFERUNG DES POfeME MORAL. lOQ 

Wace nur ganz kurz die Wirkung des Giftes schildert 9229/30, 
De l'eve but, erapres enfla, Taint et noircist, serapres fina, ergeht 
sich der Yderdichter in ausführUcher Beschreibung der Verheerungen 
des Giftes in Yders Körper (5749/Ö2). — Auf Grund der Über- 
einstimmungen in beiden Texten können wir mit Sicherheit eine 
Entlehnung aus Waces Brut voraussetzen. 

Stefax Hofer. 



2. Zur handschriftlichen Überlieferung des Poöme moral. 

Naetebus (die niclit- lyrischen Strophenformen des Altfran?;ösi- 
schen, Leipzig i8gi, S. 83) nennt als erste von zehn Handschriften 
des Poeme moral: .,Haag, Königl. Bibl., 265 Bl. 53." Diese Hand- 
schrift durfte ich in den Osterferien 1921 an Ort und Stelle dank 
der Güte des Konservators der Handschriftenabteilung Dr. A. W. 
Byvanck soweit kopieren, wie sie für das Gedicht in Betracht 
kommt, d. h. von BI. 53 r° a — 61 v° a. Sie steht allerdings nicht 
unter Nr. 265, wie Naetebus schreibt, sondern unter der fordaufenden 
Nr. 765 (alte Nr. y 389). Die Ungenauigkeit von Naetebus beruht 
auf Romania Bd. 14, S. 130, wo A. G. van Hamel auf die Hand- 
schrift hingewiesen hat. Was dort zur Beschreibung der Hand- 
schrift gesagt ist, soll hier nicht wiederholt werden. Dagegen ver- 
dient einiges Interesse die sorgfältige Angabe, die in dem demnächst 
erscheinenden Handschriftenkatalog der Biblioiheca Regia auf S. 270 
über sie zu lesen ist: „La vie des Sains et les miracles Nostre 
dame et la Vie des Sains Peres Hermites (Vert. int het Latijn 
door Gautier de Coinsy). Perk. 189 bl. 432 X 3 17 + 1380. Met 
122 miniaturen, randveriering en versierde beginleitres. Vgl. De 
Oranje- Nassau- Boekerij, biz 16, n. 38." Dr. A.W. Byvanck möchte 
statt + 1380 lieber + 1360 angesetzt wissen. Die Handschrift 
stammt wahrscheinlich aus der Bibliothek Heinrich III., Grafen von 
Nassau (1483 — 1538). Was Cloetta S. 15 über das Verfahren des 
Schreibers von G sagt, gilt auch für die Haager Handschrift, vor 
allem erscheint hier das Wortende als arg verstümmelt. Eine Rubrik 
oder irgendeine Andeutung, dafs Rubriken einzuschieben sind, zeigt 
die Handschrift nirgendwo. Über der Miniatur steht auf Bl. 53 r 
in Rot: De sainte taysis qui fu en muree iiij. ans. Et fist ardoir 
iiij. c. liv dauoir qui esioient gaaignie de male gaaigne. 

Cloetta hat sie leider übersehen. Wilmotte fügt nach dieser 
Feststellung (Romania Bd. 16, S. 119) hinzu, die Haager Hand- 



schärft dann im Löwenritter die abstofsenden Zü^e im Wesen des Seneschalls, 
der nun im höfischen Epos die Rolle des rachsüchtigen Neiders übernimmt. 
Nur im Escanor wird er als zarteren und innigeren Neigungen zugänt.'lich vor- 
geführt, wobei aber zu beachten ist, dafs dieser Wechsel in der Beurteilung au.s 
der Thesenstellung, die veredelnde Macht der Minne zu zeigen, resultiert. 
Eine spätere Abhandlung soll den Werdegang von Kens literarischem Charakter- 
bild in den. Einzelheiten veranschaulichen. 



IIO VEKMISCllTKS. ZUR LITERATURGESCHICHTE. 

schritt sei „wahrscheinlich selir nahe verwandt mit G, derart, dafs 
ihre Entdeckung die vom Herausgeber (Cloetta) weilläulig be- 
gründete Klassitikation nicht erschüttern zu müssen scheine". 

Die Haager Handschrift sei / benannt. 

Nach dem Erscheinen von Cloettas Ausgabe wies Paul Meyer 
in der Romania Bd. 16, S. Iö8f. auf Nr. 922g — 30 der Königlicheir 
Bibliothek Brüssel als weiteren Textzeugen hin und gab eine alte 
Beschreibung der Brüsseler Handschrift wieder. Naetebus, S. 83, 
nennt sie zu Beginn seiner Liste. Für das Poeme moral kommen 
in Frage Bl. 53 v° — öl v°. Eine photographische Wiedergabe der 
17 Blätter, die durch die Brüsseler Handschriftenabteilung und 
ihren Leiter Mr. Paris mir Ostern zur Verfügung gestellt wurde, 
bestätigt das Urteil Paul Meyers (a. a. O.), die Handschrift sei „sehr 
ähnlich, man könnte fast sagen: gleich" der Haager. Die Brüsseler 
Handschrift hat allerdmgs weniger Flüchtigkeitsfehler; so z. B. fängt 
sie im Gegensatz zu / jede Strophe mit einer Liitiale an (freilich 
nicht stets mit der richtigen) und verstümmelt sie die Worte 
seltener als /. Überschritten über den Kapiteln kennt sie ebenso- 
wenig wie /, nicht einmal eine Titelangabe vor der ersten Strophe. 
Nur eme Miniatur mit zwei Bildern (Paphnutius im Gespräch mit 
Thais, stehend und sitzend) und eine reicher gemalte Initiale lieben 
die folgende Erzählung hervor. 

Wir bezeichnen die Brüsseler Handschrift mit K. 

Der Antiquar L I\L Heberle (Lempertz) in Köln veröftentHchte 
1895 den „Katalog einer ausgezeichneten, bekannten alten Schlofs- 
bibliothek, deren Bestände zum gröfsten Teile aus dem Carthäuser- 
(mufs heifsen: Benediktiner-)Kloster St. Jacob in Lüttich und einem 
westf. Jesuitenkloster (gemeint ist Siegen) stammen". Auf S. i — 8 
dieses Kaialoges werden 65 Handschriftenbände verzeichnet und 
(unvollständig und teilweise nicht ganz richtig) beschrieben. Es 
ist dieselbe Handschriftensammlung, auf die Wilhelm Weinberger 
(Catalogus catalogorum. Verzeichnis der Bibliotheken, die ältere 
Handschriften lateinischer Kirchenschriftsteller enthalten. Wien IQ02, 
S. 40) \m Anschlufs an P. Schwenke (Adrefsbuch der deutschen 
Bibliotheken, 1893) die Patristiker aufmerksam macht. Die Ge- 
schichte dieser PLindschrifiensammlung firidet man bei Sylv. Balau 
„La biblioiheque de l'abbaye de Saint- Jacques ä Liege" (Corapte 
rendu des seances de la commission royale d'histoire Bd. 71, Brüssel 
ig02, S. I ff . und S. 226 ff.). Freilich scheint Balau, der für unsere 
65 Handschriftenbände zuletzt auf den Kölner Antiquariatskatalog 
verweist, entgangen zu sein, was Schwenkes Adrefsbuch erwähnt 
dafs nämlich die Sammlung sich damals auf der Adolphsburg bei 
Oberhuiidem befand, als Familiengut des Gräflichen Hauses Fürsten- 
berg-Herdringen. Sie wurde nebst einer etwa 30000 Bände ent- 
haltenden Bücherei von dort 19 19 widerruflich der Akademischen 
Bibliothek in Paderborn zugewendet und gehörte als Teil der ,,Bibiio- 



O. MULLER, ZUR HANDSCHR. ÜBERLIEFERUNG DES POEMS MORAL. I 1 I 

theca Fürstenbergiana" zur genannten Paderborner Bibliothek, bis 
die Leipziger Reichseinkaufstelle sie 192 1 für Löwen erwarb. 

Unter Nr. 63 (nach der Zählung dt-s Kölner Antiquariats- 
kataloges, S. 8) bewahrt die Biblioiheca Fürstenbergiana dirjenige 
Handschrift, die von Cloettas Strophe 107 ab das bisher als Bruch- 
stück bekannte Poeme moial vollständig wiedergibt. Es dürfte 
aus mehreren Gründen angebracht sein, sie L zu nennen und 
nicht (gemäfs Mi^nges Vorschlag) M. 

Die Existenz der Handschrift L und ihr Wert für das Poeme 
moral waren mir bekannt, die betreffenden Blätter lagen ab- 
geschrieben vor, als mir P. Menges Arbeit in der Zeitschrift f. 
rom. Phil. Bd. 3g, S. 409 — 445 auffiel. Deren Nachprüfung macht 
eine Reihe von Zusätzen und Berichtigungen notwendig. 

In dem Explicit auf Bl. 171 r° i. Sp. mufs zweimal „dui" 
stehen und die Abkürzung „nat." in „nativitatem" aufgelöst werden 
(S. 410). Der Prior von St. Jacob, der die Handschrift 1422 an- 
kaufte, heifst Philipp von Othey (S. 411); man liest bei Balau ,,La 
bibliotheque de ral)baye de Saint Jacques" über ihn wertvolle und 
bezeichnende Auj^künfte. Die Handschrift ist auf Pergament ge- 
schrieben (S. 411 unten). Sie „aus paläographischen Gründen" in 
das 13. Jahrhundert zu setzen (S. 411), verbietet das oben er- 
wähnte, von Menge abgedruckte Explicit, das ausdrücklich ver- 
sichert, der Schreiber habe 131 1 an ihr gearbeitet. Der Hinweis 
auf „S. 3, Z. 7"(S. 411 unten) ist unverständlich. 

Unter den lateinischen Stücken des Handschriftenbandes ver- 
dienen die Legenda aurea des Jacobus de Voragine (Bl. i — 145 r°) 
und das Honorius Augustodunensis zugeschriebene Elucidarium 
(Bl. I49v° — 1591°) Beachtung. Zur mittelalterlichen lateinischen 
Summenliteratur liefern Bl. 145 r° — 149 br° und 159 r° — 171 r° 
Beiträge. Zwei altfranzösische Bestandteile unseres Bandes seien 
besonders hervorgehoben. Bl. 171 r° — 185 v° steht die Erziehungs- 
schrift Philipps von Novara „Les quatre äges de l'homme", die 
sich übrigens auch in Handschrift .£'(= Bibl. nat. 24429) findet. 
Man vergleiche über sie Groebers Grundiifs, Bd. 2, Abteilung i, 
S. 1022; nur zwei der sechs durch Naetebus S. 53 und 146 ver- 
werteten Handschriften enthalten die Schlufsverse, von denen Menge 
S. 4 1 1 eine Probe gibt Zu dem Chantepleure (auf Bl. 203 r°— 204 r°) 
vgl. Naetebus S. 80 und Groebers Grundrifs, S. 867. 

Weil Menge zu seiner Te.Ktgestaltung die Handschrift L mit 
der von Herzog gefundenen und herausgegebenen (= Hz) ver- 
glichen hat, seien hierzu ein paar Bemerkungen angefügt: L stellt 
Hz 375 und 376 um. Hinter Hz 396 bringt L die zwei von Herzog 
vermifslen Verse. Hinter Hz 485 schreibt L den Vers 480 noch 
einmal, wohl durch das beiden Versen gemeinsame Reimwort 
„soloit" irregeleitet. Nach Hz 536 schiebt /. vier Verse ein, die 
Menge zwar in L mitgezählt, aber in seinem Text nicht mit- 
gedruckt hat. L läfst Hz ^^-j aus, setzt aber dafür hinter Hz 588 
einen Vers, der mit Hz 587 mehrere Schriftzüge gemeinsam hat: 



I 1 2 VERMISCHUES. ZUR LITERATURGESCHICHTE. 

Qui par loi soi combat gens est li loiviers. Die bei Menge liinter 
Ih 536 fehlenden 4 Verse von L lauten: 

Mais ce sachies por voir qui out tel iiolenteit 
Qui si for ont le siecle et le mal enameit 
Sil uont anchois quil muirent tel orage muet 
Ne porront ie veoir ne deu ne sa clarteit. 

Als bezeichnende Eigenart des Schreibers von L sei angemerkt, 
dafs er zweimal statt des altfranzösischen Wortes ein lateinisches 
einsetzt: Hz 706 (stat), Hz 21b (Fehx). 

Von den Handschriften, die Cloetta benutzte, verdienen E 
und H trotz der Beschreibung Cloettas noch einiges Interesse. 

E (= Paris, Bibl.Nat.fr. 24429) schliefst an das Thaisleben 
auf fol. 155 V — 161 V noch 129 Strophen an. Dafs diese „über 
die Schicksale der Thais nichts neues berichten können" (Cloetta 
S. 16), beweist an sich nichts gegen ihre Zugehörigkeit zum Poeme 
moral, wie die Lütiicher Handschrift zeigt. Der Kopist von E 
kann sie nicht gedichtet haben, sie sind auch nicht ein gar so 
„trauriges Machwerk" (Cloetta a. a. O.). Es sind die „Ver de Cou- 
loigne". Cloetta hätte sie in seiner Handschrift B (= Bibl. Nat. 
fr. 2162) auf fol. 133 v°b finden können, unter der rotgeschriebenen 
Überschrift „Li vier de couloigne". 

Von der Einleitung abgesehen, die in Handschrift E fehlt, 
läuft E mit B im allgemeinen parallel. Nur hat B auf fol. 134 va 
einen Vers weniger und anderseits eine Strophe mehr als E. In 
der 60. Strophe (angefangen von „Glorieus sire") bricht B mit der 
I. Hälfte des 4. Verses ab und schliefst zugleich die ganze Hand- 
schrift; E ist also weder mittelbar noch unmittelbar von B ab- 
hängig, — eine Beobachtung, die zu dem von Cloetta aufgestellten 
Stammbaum gut pafst. Zu den Eingangsversen von B sind ähn- 
liche Beispiele bei Naetebus S. 8 nachzulesen; dort (S. 59 unter 
VIII, 10) findet sich übrigens der in Groebers Grundrifs (2. Bd., 
I. Abt., S. 869) vermifste Hinweis auf Handschrift B als Zeugen 
für die „ver de Couloigne". Deren zweite bisher bekannte Zeugin 
ist die Handschrift Paris, Bibl. Nat. fr. 1247 1. Man findet ihre 
genaue Beschreibung in G. Paris und L. Pannier, „Vie de saint 
Alexis" (1872), S. 207 — 221. Hinter der Überschrift „Ci commen- 
cent li uer de couloigne" (fol. 80 v unten) folgen auf fol. 81 r — 88 v 
die in E von Cloetta nicht beachteten Strophen; jedoch fehlen in 
Handschrift fr. 12 471 manche Strophen, und zwar auf fol. 87 r 
vier, auf fol. 87 v zwei, auf fol. 88 r eine, auf fol. 88 v zweieinhalb. 
E hat diese Verse. Dafür enthält allerdings nur Handschrift 12 471 
nach der letzten Strophe von E statt des Amen die Explizitverse, 
die Naetebus S. 8 f. kennt. Die 129 von Cloetta (S. 16) als „lang- 
weilige Lamentationen" gekennzeichneten Strophen liegen nunmehr 
in dreifacher Überlieferung vor, von denen jede besonderen Wert 
hat, — auch Cloettas Handschrift E. Gaston Paris kündigte (Alexis, 
S. 213) eine Ausgabe an. Groeber (Gnmdrifs, S. 8Ö9) sagt, „der 



O.MÜLLEK, ZUR HANDSCHR. ÜBERLIEFERUNG DES POEME MORAL. II3 

Gegensland und die Ausführung" dieses „religiösen Dits" sei „erst 
noch zu bestimmen". Sein Wunsch erscheint doppelt gerechtfertigt, 
seitdem jetzt von mir noch eine dritte Handschrift des Gedichtes 
gefunden worden ist. 

Wo Cloetta die Handschrift H (Bibl. nat. fr. 2039) bespricht, 
läfst er einige Lücken offen. Die Rektos d .r vier hinter fol. 35 
stehenden Seitenreste verdienen immerhin eine Wiedergabe, weil 
sie für die Textkritik nicht „gar zu belanglos" (Cloetta, S. 18) 
scheinen, so wenig wie die vielen kleinen Abweichungen, die 
Cloetta sonst aus anderen Handschriften heranzieht und in seiner 
gewissenhaften Art prüft. Die Versos der vier Blattreste lassen 
trotz der Zweifel Cloettas (S. 17) recht wohl erkennen, welche 
Verse auf Kolonne d gestanden haben ; sie geben ja die Reim- 
worte und das Ende der ersten Vershälfte wieder. 

Auf fol. 35 a v° stehen Stümpfe von Cloettas Strophen 264 — 267, 
auf fol. 35/9 v° von Cloetta 516, 317, 351, 377, auf fol. 35 /r» 
Bruchstücke aus der bisher nur nach L erkannten Fortsetzung des 
Poeme moral, und zwar L I2Ö2 — 7, 1273 — 82, 1285, 128Ö, auf 
fol. 35 7v° Parallelen zu Cloetta 198 — 202, auf fol. 35 d v° Stücke 
von Cloetta 239 — 243. Den wertvollsten Aufschlufs gewährt das 
Rekto des dritten Blattrestes hinter fol. 35. 

Abgesehen von drei Zeilen, die sich nicht sicher unterbringen 
lassen, enthielt die Kolonne a dieses Blattes nur Verse aus der 
vorletzten Distinktion der allgemeinen Rubrikentafel von Hand- 
schrift A. Auch Cloetta sah also Stücke des Poeme moral, die 
sein Fragment ergänzen und seiner Vermutung (S. 6 f.) über die 
Entstehung des Gedichtes widersprechen. 

fol. 3Ö enthält auf Kolonne a, b und c zunächst die Strophen, 
die Cloetta S. 18 aufzählt. Dann folgen in Kolonne c die Verse 
L 1214 — 1319. 

Sie schliefsen sich nach kurzer Unterbrechung an die auf 
fol. 35 y x° gefundenen Verse an. Menge hat übersehen, dafs schon 
Paul Mt yer im Bulletin de la societ6 des anciens textes 1878, S. 64 
die beiden letzten von ihnen wörtlich abdruckte. Paul Meyers 
kurze Notiz, verglichen mit L I32if, weckte mir Zweifel an Cloettas 
Ausführung S. 1 8 f. Studium der Handschrift H gab die über- 
raschende Bestätigung des Zweifels. Sollte etwa auch Handschrift 
F 149 der Madrider Nationalbibliothek, aus der Paul Meyer wert- 
volle Parallelen zur H heranzieht (a. a. O., S. 38 — 64), zum Poeme 
moral Vergleichstücke bieten? Jedenfalls: Die Pariser Handschrift 
2039 (= //) gewinnt für unser Gedicht, von ^em sie auf 2 Seiten 
eine ansehnliche Reihe von Versen wiedergibt, in Zukunft eine 
weit höhere Bedeutung, als Cloetta ahnen konnte. INIenge hätte 
nicht schreiben dürfen, dafs L „allein den letzten Teil dos Ge- 
dichtes enthält" (S. 409). 

Über das Verhältnis der Handschriften ergab sich 
aus sorgfältiger Prüfung der Lesarten : K und / bilden eine Gruppe, 
ebenso wie. G^ und G^. Beide Gruppen stammen von einer ge- 

/.eit-rhr f rnm Phil, XLH. 8 



1 1 4 VERM. ZUR LlTliRATüRGESCH. O. MÜLLER, POKME MORAL. 

meinsamen Vorlage. Diese ist mit A in eine von ß getrennte 
Familie einzusetzen, die sich als Zwischenglied zum Original hin- 
einschifbt (vgl. Cloi-tta S. 34). G ist mit seinen Zwischengliedern 
aus der Familie (j herauszulösen. Die Handschrift L ist, trotz der 
wegen ihres geringen Alters einzusetzenden Zwischenglieder, ein B 
nebengeordiifctes Glied der Familie ß und von ähnlichem Erkenntnis- 
wert wie B und A. 

Zur theologiegeschichtlichen Auswertung des Gedichtes, die 
hier wie sonst leider von Romanisten und Theologen ein wenig 
übersehen wird, vergleiche meinen Aufsatz „Theologisches zum 
altfranzösischen Po^me moral" in der Zeitschrift „Theologie und 
Glaube" (Paderborn, Schoeningh), 14. Jahrg. (1922), H. 1, S. 17 — 25. 

O. MÜLLKR. 



BESPRECHUNGEN. 



Arvld Rosenqvist. Limites administratives et division dialectale de la 
France. Neuphilol. Milteil. XX (1919) p. 87 — 119. 

Der Artikel Rosenqvist's beschäftigt sich mit zwei Fraf,'en: Gibt es 
Dialektgrenzen? Wodurch sind die>e bedingt? Zu diesem Zweck hat V. es 
unternommen, auf Grund des Atl. ling. die wichtigsten mundartlichen Erscbei- 
mingen Frankreichs zusammenzufassen und zu vergleichen. 68 der sich auf 
diese Weise ergebenden Isophonen werden uns, auf einer Karte vereinigt, 
plastisch vorgeführt. In eine zw^eite Karte auf durchsichtigem Papier, welche 
sich bequem mit der Sprarhkarte zur Deckung bringen läfst, sind die politischen 
und kirchlichen Grenzen Frankreichs alter und neuer Zeit eingetragen. Trotz 
der auf den ersten Blick wirr durcheinander laufenden Linien bietet die 
Isophonenkarte viel des Interessanten. 

In die Augen fällt zunächst die bereits jedem Dialekllorscher bekannte 
Isophonenstrafse, die, sich Gironde aufwärts ziehend, in einem weiten Bogen 
nach Norden ausholt, um schliefslich mit ihrem Hauptarm in das Depart. der 
Hautes Alpes auszulaufen. Allein 27 der 50 auf Südfrankreich entfallenden 
Isophonen nehmen ihren Ausgang an der Girondemündung und laufen ca. 
100 Kolometer in einer Linie flufsaufwärts. Nicht weniger ausgeprägt sind 
die Scheidelinien, die im Süden das Katalanische, im Westen das Gaskognische 
vom Reste des provenzalischen Sprachgebiets absondern. Wie abrupt gelegent- 
lich der Übergang von einem Dialektgebet ins andere ist, läfst sich besonders 
anschaulich zwischen Punkt 130 und 49 im oberen Maasgebiet und an der 
Nordgrenze des provenzalischen zwischen Punkt 601 und 602 beobachten. 
Dort vereinigen sich 6, hier gar 10 Isophonen. Füglich darf wohl an der 
Existenz von Dialekt grenzen kaum noch gezweifelt werden. Freilich treten 
sie nicht immer, vor allem nicht in so greifbarer Gestalt auf. Zumal auf 
weiten Gebieten des provenzalischen Ostens zeigt die R.'sche Karle, wie die 
einzelnen Isophonen oder Isophonenbüschel divergieren, sich kreuzen, sich von- 
einander trennen, um sich bald wieder mit denselben, bald mit anderen Büscheln 
zu vereinigen. So bietet dieser Teil der Sprachkarte ein wirres Bild ungeordnet 
durcheinanderlaufender Linien, so dafs an eine reinliche Scheidung in Dialekt- 
gruppen hier kaum gedacht werden kann. Jede einzelne Erscheinung scheint 
hier ihr eigenes Verbreitungsgebiet zu haben. Immerhin dürfte dieser Zustand 
ein sekundärer und erst dutch die im Rhonelal wirkenden Vcikehrseinflüsse und 
die wechselnden wirtschaftlichen Inteiessengemeinschaften ausgelöst worden sein. 
Schwieriger ist die zweite Frage. Welches sind die Ursachen der Dialekt- 
grenzen, bzw; welches sind die Hindernisse, die sich der Sprachuniformierung 

8* 



1 1 6 BESPRECHUNGEN. E. GAMILLSCHEG. 

in den "Weg stellen? Sind es BodenverhiiUnisse, politische Grenzen oder nach 
der von Heinrich Morf vertretenen Theorie die kirchliche Zusammengehörigkeit? 
Was den ersten Punkt betrifft, so ist wohl zu unterscheiden zwischen den 
Arten der lokalen Hindernisse. Dafs hohe Gebirge und braue Flüsse infolge 
Pafs-, Brücken- und Bootsverkehr eher vermittelnd als trennend wiiken, scheint 
ja heute festzustehen.' Andererseits haben Tourtoulon und Bringuier 
nachgewiesen, wie nachdrücklich sich der ungeheure Wald von Braconne der 
Verschmelzung von Nord- und büdfranzösisch in den Weg stellt. Auch grofse 
Verkehrsstrafsen können durch das mannigfaltige Sprachgut, das sie in ihrem 
Strome mit fortspülen, als „Querriegel" wirken und den sprach'ichen Ausgleich 
verhindern.* Interessant ist die Anwendung der Alorf'schen Theorie auf die 
R.'sche Isophonenkarte. Es ergibt sich nämlich , dafs Diözesalgrenzen mit 
heutigen Diakktgrenzen im östlichen Hörault und im Depart. der Basses Alpes 
zusammenfallen. Andererseits weist R. nach, dafs der von Morf hervorgehobene 
Zusammenfall von Dialekt- und Diözesalgienze im Westen des Bistums Lyon 
und im Osten von Cambrai aus dem Grunde keine absolut sicheren Schlüsse 
bietet, weil die gleichen Linien 7 — 800 Jahre auch als politische Grenzen 
gedient haben. Aus demselben Grunde bleibt es zweifelhaft, ob die Linien, 
die das Provenzalische im Norden vom Französischen, im Süden vom Kata- 
lanischen scheiden, auf die hier laufenden politischen oder kirchlichen Grenzen 
zurückgehen. Auffällig hingegen ist der völlige Zusammenfall von politischen 
Grenzen und Dialektgrenzen im Mündungsgebiet der Loire, im Norden des 
Puy de Dome und im oberen Mainegebiet. Auf anderen Gebieten (Dordogne, 
Cantal etc.) wieder treten Dialektgrenzen auf, wo man irgendwelche kirchliche 
oder politische Grenzen vergeblich sucht. 

Das eine scheint mit Sicherheit aus der anregenden R. 'sehen Studie 
hervorzugehen: Es gibt für diese interessante Frage keine Lösung in Bausch 
und Bogen. Die heterogensten Elemente wirken bei der Entstehung der 
Mundartengrenzen mit. Diese aber lassen sich , wenn heute überhaupt noch, 
oft nur durch gründliches Studium der lokalen und wirtsc^.afilichen Verhältnisse 
an Ort und Stelle feststellen. Bevor man ein absctiliefsendes Urteil fällt, wird 
man daher gat tun, das Resultat weiterer Einzeluntersuchungen abzuwarten, 
von denen zunächst allein eine Förderung dieses Problems zu erwarten ist. 

Gerhard Rohlfs. 



Platz, Ernest, Les noms francais ä double genre. Contributious ä une 
nouvelle orientation dans l'enseignement de la langue maternelle. Luxem- 
bourg, P. Worrd-Merlens. 1919. 62 S. 

Diese Broschüre, deren Verfasser im 2. Band des Archivum romanicum 

eine Untersuchung über den Geschlechtswandel in den französischen Mundarten 



* Freilich gibt es auch hier Ausnahmen. So bildet, wie ich im Früh- 
jahr 1914 beobachten konnte, die Pafsslraf^e des Montemoro (im Süden von 
Acqui) eine recht scharfe Grenze zwischen Piemom.esiich und Ligurisch. 

"^ Für die Handelssirafse Narbonne — Bordeaux ist dieser Nachweis von 
Margot Henschel in ihrer trefflichen Dissertation „Zur Sprachgeographie 
Südwestgalliens" (B-rlin 1916) erbracht worden. Auch die Via Appia bildet 
zwischen Tarent und Brindisi eine deutliche Mundartengrervze. 



J 



HILÜING KJELLMAN, LA CONSTKUCTION MODERNE ETC. I I 7 

auf Gruud des Atlas veröffentlicht hat, sucht sprachwissenschaftliche Resultate 
einem weitern gebildeten Publikum zugänglich zu machen. Er hofft, dafs auf 
diesem Wege das Gefühl für die Lebendigkeit der Sprache gröfser werde und 
dafs manches starre Vorurteil über die Sprache im allgemeinen und über die 
Muttersprache im besonderen -verschwinden werde. Mit einem Enthusiasmus, 
der auf den Leser wohltuend wirkt und zeigt, dafs die Sache dem Verfasser 
sehr am Herzen liegt, sucht dieser besonders die Schule zu gewinnen. Er 
packt das Problem an einem kleinem Zipfel an, nämlich dem Geschlechts- 
wandel, den er für Laien recht interessant darzustellen weifs. Dem Linguisten 
ist willkommen die Liste der doppelgeschlechtigen Substantive der Schriftsprache 
vom 16. — 20. Jh., die zwar nicht vollständig ist, aber eine hübsche Material- 
zusammenstellung bietet. Die Pflicht, unsere Wissenschaft in gutem Sinne zu 
popularisieren, haben wir bisher nur sehr unvollkommen erfüllt; es ist daher 
jeder ernste Schritt in dieser Richtung zu begrüfsen. 

W. V. Wartburg. 



Hilding Kjellman, La construction moderne de Pinfinitif dit suJet lo^iijue 
en franaiis. Etüde de syntaxe historique. Uppsala Universitets Arsskrift 
1919. Filosofi, Sprakvetenskap och historiska vetenskaper. i. Uppsala. 
Akademiska Bokhandeln. (1919.) 

Kjellman hat in einer früheren Arbeit (La constiuction de l'infinitif ddpen- 
dant d'uue locution impersonnelle en fran^ais. Des origines au XV e siScle. 
Uppsala 1913) die Form und Bedeutung der unpersönlichen Ausdrücke des 
Altfranzösischen studiert, soweit von ihnen ein Infinitiv abhängig ist {ü me 
convient a faire — il est tetnps de partir) und damit den ersten grofs- 
angelegten Versuch unternommen, die Entstehungsgeschichte des präpositionaleu 
Infinitivs im Französischen von einem weiteren Standpunkte aus aufzuklären. 
Die vorliegende Arbeit setzt nun ein, wo die erste Untersuchung endete, nämlich 
ungefähr mit dem Jahre 1400, da der Verfasser zu dem Ergebnis gelangt war, 
dafs mit diesem Zeitpunkt eine neue Periode in der Entwicklung der behandelten 
Konstruktion einsetzte. Während für den Verfasser in Verbindungen wie se 
vos i piaist a entendre oder trop li seroit grief a raconter die Gruppen a 
entendre , a raconter ebenso wie de raconter in folie est de raconter adver- 
bielle Ergänzungen des unpersönlichen Ausdrucks darstellen, d. h. die Prä- 
positionen ä und de ihre volle syntaktische Bedeutung besitzen wie in einem 
beliebigen anderen präpositionalen Ausdruck, wird von ca. 1400 an die Prä- 
position vor dem Infinitiv in den angeführten Verbindungen zum reinen Form- 
element. So wird die Gruppe il est temps de partir syntaktisch gleichwertig 
mit alten präpositionslosen Verbindungen wie il faiit partir und nun ist die 
Möglichkeit gegeben, dafs sich de als reines Formelement, das keinen eigent- 
lichen präpositioneilen Wert mehr hat, analogisch ausdehnt, z. T. auf Kosten 
des präpositionslosen Infinitivs, z. T. für älteres a, bis es, wie im Neufranzö- 
sischen, fast ebenso mit dem Infinitiv verschmilzt, wie deutsches zu, engliscli 
to, rumänisch a usw., s. S. 298 der ersten, S. 2 der vorliegenden Arbeit. 

Um den Ausgang dieser analogischtn Bewegung in jedem einzelnen Fall 
erkennen zu können, nimmt K. eine scharfe Scheidung der einzelnen syntak- 
tischen Formen der unpersönlichen Ausdrücke vor. Dies wird von dem an- 



1 1 8 BESPRECHUNGEN. E. GAMILLSCHEG, 

gegebeneu Zeitpunkt an auch deshalb leichter möglich, weil an die Stelle des 
Schwankens des Allfranzösischen eine gewisse Regelmäfsigkeit in der Kon- 
struktion getreten war. Es sind nun hauptsächlich drei Gruppen von Verbin- 
dungen, die nebeneinander einhergehen: i. der präpositionslose Infinitiv: il 
me convient aller -^ 2. der Typus // w/«? piaist ä dire\ 3. die grof>e Gruppe 
der Verbindungen Substantiv -|- Kopula + Infinitiv und Adjektiv -j- Kopula + 
Infinitiv, die selbst wieder je nach der Einleitung [ce oder il) und nach der 
Stellung des Substantivs bzw. Adjektivs in Untergruppen zerfällt, die nach K. 
den Ausgangspunkt für die analogische Ausbreitung des de vor dem Infinitive 
bilden. Diese Konstruktionen verfolgt K. vom 15. Jahrhund'^rt bis zu Vau- 
gelas, dessen Eingreifen in der Hauptsache die Bewegung zum Abscblufs biingt. 

So gering auch der Ausschnitt aus der allgemeinen Sprachgeschichte zu 
sein scheint, den K. seiner Untersuchung zugrunde legt, so gestattet er doch 
einen sehr anschaulichen Einblick in die allgemeinen Sprachströmungen. Die 
analogische Ausbreitung der tfe'- Konstruktionen, die im 14. Jhdt. einsetzt, 
macht zunächst im 15. Jhdt. starke Fortschritte, so dals bei Commynes die 
modernen Verhältnisse b'einahe erreicht sind (S. 37). iSIit der ersten Hälfte des 
16. Jhdts. erfolgt eine jähe Unterbrechung, es setzt sogar eine rückläufige Be- 
wegung ein. Schon bei Christine v. Pisa im vergangenen Jahihundert finden 
sich Anzeichen einer latinisierenden Strömung, die die präpositionalen Wendungen 
zugunsten des reinen Infinitivs zurücktreten läf-.t und die nun mit Rabelais 
ihren Höhepunkt erreicht. Dichter wie Marot können sich dieser Bewegung 
nicht verschliefsen, wenn sie auch nicht in allem den rücksichtslos latinisierenden 
Zeitgenossen nachfolgen. Das kraftvolle Edikt der Plejade, die Deffence et 
ilhistration de la langue frangoise von Joachim du Bellay, wendet sich um 
die Mute des Jahrhunderts gegen diesen latinisierenden Unfug und die Mehr- 
zahl der fortschrittlich gesinnten Zeitgenossen folgt dem Rate nach Rückkehr 
zur ungekünstelten Volkssprache; aber bis zum Ende des Jahrhunderts können 
Schriftsteller wie Pierre de Larivey, ob sie nun bewufst oder unbewufst einen 
preziös-latinisierenden Stil schreiben, zu den verpönten, präposilionslosen Ver- 
bindungen greifen. Es werden diese Konstruktionen zu einem Stilmittel, die 
Schriftsprache trennt sich vorübergehend von der Umgangssprache. So wird 
neuerdings das Eingreifen der Grammatiker notwendig, um die endgültige Ein- 
heitlichkeit der Schiiftsprache in diesem Ausschnitt der Sprache wieder her- 
zustellen. 

Ich habe schon in meiner Besprechung des ersten Teils der Untersuchung 
(ZFSL 1914) meine Bedenken gegen das Prinzip ausgesprochen, die altfranzö- 
sischea präpositionalen Wendungen vom Typus co me convient a faire „es 
geziemt sich mir zu tun" aus der eigenen Funktion der Präposition ä zu er- 
klären und vermutet, dafs schon im Altfranzösischeu eine weitgehende ana- 
logische Ausbreitung der «-Konstruktionen eingetreten ist, ohne allerdings die 
Zustimmung des Verfassers zu gewinnen. Dafs ä vor dem Infinitiv im Alt- 
französischen im Begriffe war, eine ähnliche Rolle zu spielen wie das neufr/.. 
de, zeigen besonders deutlich Fälle, in denen der Infinitiv mit u nach einer Prä- 
position mit der vollen präpositionalen Geltung zu stehen kommt, über die jetzt 
bequem Tobler-Lommatzsch Sp. 22 f. einzusehen ist, vgl. besonders czini dulce 
amitrs est de den a enameir, Poeme Moral 5 a ; Cayn chäit en fratecide a 
faire, Job 368, 27; saus foint d^oimour a refuser JCond. I, 196,900 u. v. a. 



HILDING KJELLMAN, LA CONSTRUCTION MODERNE ETC. IIQ 

Das d iu il convient ä faire läfst sich vor allem nicht von dem rein flexivischen 
ä trennen, das namentlich in der Verbindung eines Verbums mit doppeltem 
Passivobjekt das zweite der beiden Objekte begleiten kann, also afrz. adober 
aucun ä Chevalier ^ il choisirent un austour a rot (Marie de Fr.); Rou cumit 
Adestan a riche hume e a fort (Wace); coroner aucun a roi, ebenso nach 
eslire , establir, laissier u.v.a., wo im Allfranzösischen daneben die ß-lose 
Konstruktion stehen kann, im Neufranzösischen nur diese steht, wenn nicht ä 
durch eine vollere Präposition ersetzt ist. In einem t'atz wie Rou cunut 
Adestan a riche hume ist a riche hume das psychologische Prädikat wie a 
faire in ge me covient a faire ^ ä hat hier rein flexivische Funktion; es dient 
vom Standpunkt des Altfranzösischen aus nur dazu, zwischen den Objekten 
Adestan, das einen Teil des psychologischen Subjektes darstellt und riche 
hume, dem psychologischen Prädikate, eine sprachliche Pause bzw. eine psycho- 
logische Trennung einzuführen, hat also die gleiche Funktion, die im sprach- 
lich -ii Ausdruck eines Identitätsurteils die Kopula ausfüllt. Neben diesem 0, 
das analogischen Ursprungs ist und zum Ausdruck einer analytischen Trennung 
des Vorstellungsinhaltes dient, steht dann dativisch-flexivisches ä wie in attri- 
bucr ä faire qch. und volles präpositiouales d, namentlich zura Ausdruck des 
Zweckes, der Richtung u.a., das nalurgemäfs auch bei unpersönlichen Aus- 
drücken eintreten kann und von K. entsprechend gewürdigt wurde. 

Anders steht es mit der Präposition de. Auch ditse hat im Altfranzö- 
sischen eine dem ä entsprechende analj'iisch-flexivische Funktion, sie sclur-idet 
aber nicht das psychologische Prädikat vom psychologischen Subjekt, sondern 
fügt, wo sie nicht einen lateinischen Genetiv bzw. Ablativ ersetzt, zu einem 
abgeschlossenen, aus psychologischem Subjekt und Prädikat bestehenden Satz 
ein weiteres psychologisches Prädikat hinzu, erfüllt also die Funktion einer 
vollen Präposition. Es tritt so de (dank seiner ursprünglichen Bedeutung „was 
betrifft, bezüglich") mit Vorliebe nach medial gebrauchten intransitiven Verben 
auf, wie soi abuser „Mifsbrauch treiben", soi gouster „Vergnügen empfinden", 
savoir de „Verständnis haben" u.a., es ist also de gleicherweise Ausdiucks- 
mittel zur Verbindung zusammengehöriger Vorstellungen, wie zur Trennung 
der primären Piädikatsvorstellungen von den sekundären. AVo endlich Haupt- 
verbum und Infinitiv eine analytische Trennung nicht zulassen, d. h. das Haupt- 
verbum nur die Modalität der im Infinitiv ausgedrückten tiandlung bestimmt, 
wie nach afrz. estuet, nfrz. il faut u. ä. , kann sich weder das analytisch- ver- 
bindende d, noch das analytisch-treunende de einfiude:i, es verschmilzt Hilfs- 
verbum und Infinitiv zu einer untrennbaren Verbindung. Die Setzung von 
d und de vor dem Infinitiv ist also im Altfranzösischen ein stilistisches 
Hilfsmittel, die engere oder weitere Zusamm.eugehörigkeit der im 
Hauptverbum und Infinitiv bezeichneten Vorstellungen zum Aus- 
druck zu bringen, ddher erklärt sich auch die relative Freiheit in der 
Setzung dieser beiden Präpositionen. Das Miltellranzösische hat diese feine 
stilistische Unterschfiduugsmoglicijkeit des Altfranzösischen aufgegeben, wie es 
den Unterschied zwischen dtm absoluten intransitiven Verb und dem medial 
intransitiven Verbe (z. B. abuser neben soi abuser) aufgegeben hat, wie es den 
Unterschied zwischen defier aucun und defier d aucun je nach dem bewufsten 
Eingreifen des handelnden Subjektes oder der unbewufst sich vollziehenden 
Handlung giöfslenteils wieder verwischt hat; die Sprache wird vergrammati- 



I20 BESPRECHUNGEN. K. GAMILLSCHEG, 

kalisiert, ä bzw. de vor dem lufinitiv werden die reinen Formelcmente, als die 
sie K. im zweiten Teil seiner Arbeit ansieht. 

K. hat also instinktiv erkannt — und das habe ich iu meiner Besprechung 
des ersten Teiles der Arbeit nicht genü{;end betont — , dafs die Setzung von 
ä bzw. de von der Natur des unpersönlichen Ausdrucks abhängig ist. Das 
Wesentliche besteht aber nicht darin, dafs das unpersönliche Verbum etwa 
bei persönlichem Gebrauch die entsprechende Präposition in der vollen prä- 
pusitiouilen Bedeutung nach sich verlangen wiiide, sondern dafs die syntak- 
tischen Verbindungen zwischen unpersönlichem Ausdruck und Infinitiv, psycho- 
logisch zergliedert, das Verhältnis zwischen dem psychologischen Subjekt und 
den psychologischen Prädikaten in ganz verschiedeneu Formen erscheinen 
lassen. Ich nehme nur einen Fall heraus, der K. S. 27 der Dissertation aus 
seiner Auffassung heraus schwer verständlich ist: „Une quatrieme categorie de 
locutions verbales qui dans le plus ancien i'ran^ais se trouvaient construitcs 
avec. l'inf. precede de de, comprend des verbes tels quo se kaster, s'aprester 
et des locutions composdes des adjectifs correspondants. . . . Avec ces ex- 
pressions on s'attendrait plutot ä trouver un inf. precede de la 
prep. ä exprimaul quo l'action du verbe principal doit etre regardee comme 
e point de depart de celle qu'exprime l'inf. . . . On pourrait peut-6tre expliquer 
cet emploi vraiment un peu surprenant de l'inf. precede de de de la 
ia^on qu'en voyant dans la prep. une indication de l'objet de l'action que ren- 
ferme l'inf., on attribuait ä de la valeur de quant ä, concerhant^'' . Allfranzü- 
sisches soi haster, soi attargier u. ä. enthalten als medial intransitive Verba 
neben der verbalen Handlung, die im Infinitiv bezeichnet ist, den Hinweis auf 
die persönliche Anteilnahme des grammatikalisch-psychologischen Subjekts (in 
soi sehe ich gemäfs der alten, von Diez vertretenen Auffassung den lat. Dativ 
sibi, der in dieser Funktion im Spätlateinischen reichlich bezeugt ist), damit 
ist die erste Vorstellung abgeschlossen; die zweite, die nun den Gegenstand 
des Hastens, der Verzögerung sprachlich bezeichnet, tritt dann als sekundäres 
psychologisches Prädikat in der grammatikalischen Form des Respektivobjektes 
hinzu. Afrz, soi haster de faire entspricht also deutschem „es eilig haben mit 
dem Tun", während „sich beeilen zu tun" afrz. ursprünglich mii haster ä faire 
wiederzugeben wäre. 

Im Einzelneu hat K. diese Bedeutung speziell der J^- Konstruktion er- 
kannt, so z. B. S. 19 bei Besprechung der Formel qu'est-il de faire. Aber 
auch sonst löst die Erklärung, die von der Abgeschlossenheit bzw. UnvoU- 
ständigkeit der im unpersönlichen Ausdruck bezeichneten Vorstellung ausgeht, 
scheinbare Schwierigkeiten, die sich ergeben, wenn man sich die Art der 
Präposition von der Bedeutung des unpersönlichen Verbums allein abhängig 
denkt. Vgl. z. B. bei Alain Chartier (S. 23), fe te diray de quoy il sert 
— De veiller et de rompre sa teste gegen La coiirt sa chance — Et si lui 
couste ä scavoir sa meschance. Im ersten Fall (Ich will Dir sagen, wozu es 
dient, zu wachen und den Kopf zu zerbrechen) ist de quoy z7.ye/'^ eine einheit- 
liche Vorstellung, de quoy das psychologische Piädikat, il sert das psycho- 
logische Subjekt ; dazu tritt als selbständige Vorstellung der mit tf.? eingeleitete 
Infinitivsatz, der das psychologische Subjekt nachträglich erläutert. Es tritt 
daher das respektive de ein. Das si lui couste des zweiten Satzes ist nicht 
eine fertige Vorstellung, sondern eine Teilvorstellung, die ebenso einer Er- 



HILDING KJELLMAN, LA CONbTKUCTION MODERNE ETC. 1 2 I 

gänzung bedarf wie etwa eiu Verbum wie metire ein Objekt; das psycho- 
logische Prädikat, das zu dem unpersönlichen Ausdruck gehört, ist im Infinitiv 
bezeichnet, der hier noch entsprechend dem altfranzösischen Gebrauch mit ä 
eingeleitet wird, das sprachlich die innere Zusammengehörigkeit der beiden 
Teilvorstellungen andeutet. Ähnlich bei Commynes IT, 66 Ailleiirs ay parle 
de cette nianiere; Mais il servoü encores cfen parier icy „es war von Vorteil, 
auch hier davon zu sprechen", ü sert „es ist von Vorteil" ist ebenso eine 
einheitliche Vorstellung — hier der Ausdruck einer Empfindung, nicht eines 
Urteils — wie Ausdrücke wie il pleut, ü neige. Ein il sert ä parier icy 
würde dagegen parier zu il sert in kausalen Zusammenhang bringen, wäre 
also zu übersetzen „das Sprechen wird dadurch erleichtert, gefördert usf.". 

Besonders charakteristisch ist dieses Nachwirken der altfranzösischen 
Syntax iu dem folgenden Fall. Christine von Pisa verwendet zuerst un- 
persönliches chiet in der Bedeutung des afrz. avient, arrive „es kommt zu — •', 
vgl. z. B. K. S. II dreimal chut bzw. escheut ä parier ,.es fiel die Rede auf". 
Daneben steht ebenfalls dreimal belegt il chiet ä propos, il chiet en mutiere, 
wo zu dem unpersönlichen chiet eine Modalitätsbestimmung hinzutritt. Ein- 
laches cheiit, escheut verlangt nach sich das verknüpfende ä, das provisorisch 
abgeschlossene il chiet ä propos das erläuternde de , z. B. II, 132 puisqu' il 
chiet en mutiere de parier des poetes. Aus dem gleichen Grunde findet sich 
deshalb de an der folgenden Stelle bei Alain Chartier, die K. S. 25 ana- 
logisch erklären möchte : e puis qu^ ainsi m^est escheu — d'estre ä mercy 
eiitre voz mains, wo die Stelle der Modalitätsbestimmung ä propos bzw. en 
mutiere der früheren Sätze durch den Präpositionalersatz ainsi vertreten wird, 
so dafs das nachfolgende syntaktische Gebilde seine Selbständigkeit bekommt. 
Es hätte sonst wohl auch Alain Chartier gesagt: puis que tn'est eschen ä 
estre ä mercy usf., da alleinstehendes eschiet als Teilvorslelluug notwendiger- 
weise einer Ergänzung bedarf, die hier nur im Folgenden gefunden werden 
kann. Während hier die relative Selbständigkeit des unpersönlichen Ausdrucks 
durch die demonstrative Partikel ainsi bedingt ist, ist sie im folgenden Fall 
durch die Bedeutung des unpersönlichen Verbums als solchen gegeben, vgl. 
(K. S. 29) aus den Cent. Nouv. Nouv. : En la ville d'Arras avoit tmg- bau 
marchant auqiiel il mescheiit d^avoir femme espousee qiii . . ., wo K. nach 
seinem Grundsatz, dafs die Präposition vor dem Infinitiv von der Bedeutung 
des Hauptverbums abhängt — hier ein Verbum des Fallens — , die Präposition 
d erwartet. Aber il lui mescheut „es stiefs ihm das Unglück zu" ist ebenso 
eine relativ abgeschlossene Vorstellung wie oben il chiet ä propos bzw. afrz. 
mediales soi haster \ das Präfix mes- erfüllt hier also die gleiche Funktion 
wie oben uinsi bzw. ä propos, die unpersönliche Handlung wird vorübergehend 
abgeschlossen. Geht man aber wie K. ausschliefslich von der Natur des un- 
persönlichen Veibums aus, dann müfste allerdings in allen drei Fällen die 
gleiche Präposition, nämlich d, erwartet werden. 

Im einzelnen ist den wohldurchdachten Ausführungen K.'s nicht viel 
hinzuzufügen. S. 24 wird bei Alain Chartier ein sonst nicht bezeugtes ufßz 
angeführt {plus luy piaist et mieulx luy affiz), das wohl die Bedeutung „es 
sagt ihm zu" besitzt und das K. zu einem afrz. *af/itier als Ableitung zu afrz. 
afit „Neigung" — affectus stellt. Eine solche Ableitung könnte nur afite lauten. 
Ich vermute, dafs, wenn das Wort überhaupt authentisch ist, ein latinisierendes 



122 BESPRECUUiNTGEN. E. GAMILLSCHEü, 

afficit nie „es ergreilt mich" vorliegt. — S. 27 ^ voir les fruitz par tout 
espars — C'est ung terrestre paradis stellt K. zum Typus dest une folie de 
le faire und hält daher die Verwendung der Präposition ä vor voir auffällig. 
(&//' 57 cas /totes qui prdsentent la construction sb»t. + cop. ■\- inf. , il rCy a 
gue 5 exemples de l'inf. sans prdp.\ dans 7111 seul exemple , oü Vinf. a un 
sens teniporel qid a certainement determine la constrtictio?i, l'inf. est pric^dc 
de ä:) Der Infi itivsatz ist hier ein echter verkürzter Ntbensatz, ohne unmittel- 
bare Beziehung zu dem nachfolgendrn Hauptsatz, und ä hat hier modal- 
begleitende Funktion wie in afrz. eile resambh fee a son corps remirer „wenn 
man ihren Körper betrachtet", Pen scet se un connin est gras a luy taster 
im nerf ou col u. ä. bei Tobler-Lommatzsch, Sp. 22, oder in nfrz, ä en juger 
par les apparences, vous diriez que . . .; a les examiner ineme, ce sont tnoins 
encore les Frangais qii'ils veulent instruire (Livet, zitiert bei K. S. 92) usf. 
Es ist also hier zu übersetzen „Wenn man die Früchte sieht, die überallhin 
zerstreut sind, (mufs man sagen), das ist ein irdisches Paradies". Es ist dies 
eine ähnliche beziehungslose Konstruktion wie etwa das Gerundium bei Grin- 
gore in dem Satze: et qu'il fault . . . zeser de justice pugnissant le crime et 
malice du malfaicteur (Mönch, Gerundium u. Part. Praes. S. 83); odt-r ähnlich, 
aber mit ausgedrücktem Subjekt im Italienisch-n : Noi volgendo ivi le nostre 
persone — ^^Beati pauperes spiritu'-'' voci — Cantaron si che nol diria Ser- 
mone (Purgatorio XII, 109); il quäle nott dura guari che, lavoratido la pol- 
vere a costui, venne un sonno subito (Decamerone I, 287). Eine ähnliche 
Infinitivkonstruktion mit loser Beziehung zum Hauptsalz, aber mit en ein- 
geleitet, findet sich bei K. S. 33 in den Cent. Nouv. Nouv. : en non irespasser 
le conseil de nion jnary, il ine souffist largemcnt „wenn ich nur nicht deu 
Rat meines Mannes übertrete", wo das ältere Altlrauzösische etwa gesagt hätte: 
en non trespassant le conseil usf. — S, 40. Nach que mäst „was schadet es" 
setzt Rabelais latinisierend deu präpositionslosen Infinitiv, und K. meint, es 
müfste dort organisch ä stehen. Nach dem oben zu il sert Bemerkten müfste 
es aber wohl heifsen : que nuist de sgavoir wie de quoy sert de parier 
gegen il nuist a scavoir tousjours wie il sert ä parier. — S. 51. Bei 
Ronsard wird die Konstruktion de confesser son mal il n'y a point de faute 
als regelmäfsig angeführt, dagegen // y a plus de peine ä bien garder son 
rang als auffällig bezeichnet. De im zweiten Fall ist nur dann zu erwarten, 
wenn der unpersönliche Ausdruck hicfse c''est une peine plus grande (que) de 
. . . usf., dagegen entspricht das ä des zweiten Satzes der Konstruktion il y 
a du deshonneur ä bien ecrire bei Scarron (K. S. 79) und den S. 83 aus 
Moli^re und der heutigen Sprache angeführten Fällen. Es ist dies die neue 
Konstruktion der unpersönlichen Ausdrücke, wo das im Infinitiv ausgedrückte 
psycho'ogische Subjekt mit de eingeleitet wird, ein ä im Gegensatz zum Alt- 
französischen dagegen einen Begleitumstand einführt, d. h. ein weiteres psycho- 
logisches Prädikat, wie im Altfranzösischen de. Dementsprechend ist de bei 
// n''y a point d'inconvenient de dire que . . . berechtigt, da hier eine sprach- 
liche Gleichung vorliegt, — das psychologische Subjekt ist dire que usf., 
während in ä bien ecrire des obigen Satzes eine weitere modale Bestimmung 
vorliegt, ä die volle Bedeutung hat, wie in afrz. ä joie les recut et hono- 
rablement^ Rou II, 1563, au temple les covient la nuit herbergier a poibeivre 
et a poi mangier SMagd. 34 u. ä. — S. 59 il est ici noter bei Calvin für 



HILDING KJELLMAN, MOTS ABREGES ET TENDANCES ETC. I23 

sonstiges ä tioter ist wohl nur Druckfehler, da hier finales ä zu allen Zeilen 

stehen mufste. 

E. Gamjxlscheg. 



Hilding Kjellman, Mots ahreges et tendances d'abreviation en Jrangais. 

Upp-^ala Universitets Arsskrift. 1920. 2. Uppsala, A. B. akademiska Bok- 

handeln. 1922. SS. 92. 

In einem flott geschriebenen Aufsatz sucht der Verfasser das Wesen der 
Abkiirzuu^stendenz zu erfassen, das heute das französische Rotwelsch beherrscht 
und als deren bekanntestes Beispiel die Bezeichnung des Boulevard St.-Michel 
als Buul. Miche gelten kann. Kjellman zeigt, dafs auch in diesen willkür- 
lichen Bildungen, die eine bewuf>te Veränderung der historisch gewordenen 
Sprache darstellen, eine gewisse Gesetzmäf^igkeit herrscht, dafs also die Willkür 
iu sprachlicher Beziehung doch nur relativ ist und %'on selbst wieder in die 
Bahnen der normalen Sprachenlwicklung gelenkt wird. 

Die Abküi Zungstendenz vom Typus Boul.-Miche ist verhältnismäfsig jungen 
Alters. Vor 1850 sind kaum sichere Beispiele zu finden. Auch mechi = 
Dialheur, dis K. S. 7 aus dem Wörterbuche des Galeerenstiäflings und später! n 
Polizeipräsidenten Vidocq (1837) biingt, ist wohl nicht, wie K. will, aus 
einem mechef verkürzt und in der Endung umgestaltet, sondern zeigt die zu 
erwaitende ostfranzösische Entwicklung des afrz. meschief, gehört also unter 
die mundartlichen Ausdrücke der Gaunersprache. Ähnlich steht es mit sap 
„Sarg", das nicht aus sapin verkürzt zu sein braucht, denn sap lebt heulf^ 
noch im Norden (Manche) und in provenzalischm Mundarten, s. ALFr. 1190. 
Dals solche provenzalische Ausdrücke im Besonderen bei Vidocq zu finden 
sind, hat Saiueanu, Sources de 1' Argot ancien S. 102/3 gezeigt. 

Der Ausgangspunkt dieser Abkürzungen ist also die Gaunersprache; dann 
bemächtigt sich die Halbv^elt dieses „Bildungsmittels", daua Theater, Schule 
und Militär; und da der Weltkrieg ganz Frankreich unter die Waffen gebracht 
hat, dringen solche Abkürzungen in die allgemeine Umgangssprache, namentlich 
durch die Militärrcmane von Barbusse und Benjamin wird die Abkürzungs- 
tendenz der Platten-Sprache literaturfähig, ndchd-m sie im Schülerjargon schon 
längst sich unbeschränkte Beliebtheit gesichert hat. Während die Anfänge 
dieser Tendenz iu der Gaunersprache von dem Bestreben geleitet sind, aufser- 
halb der engsten Berufskreise unverständliche Ausdrücke zu schaffen, ist sie 
heute zu einer Sprachspielerei geworden. Hand iu Hand mit der Verkürzung 
der Wörter geht die Strömung, mehrsilbige Endungen durch einsilbige Suffixe, 
namentlich durch d zu ersetzen, so dafs also die Uniformierung der Soldaten 
gewissermafsen auf deren Ausdrucksweise ausgedehnt wird. 

Bezüglich der Anfänge der Abkürzungsiendenz weist K. S. 16 darauf 
hin, dafs auch Zeitungsankündigungeii in verkürzter Form von Einflufs gewesen 
sein können, wo also aus Gründen der Sparsamkeit die Wörter nur so weit 
geschrieben werden, als zur Verständlichkeit unbedingt notwendig ist. Ebenso 
sind offizielle Abkürzungen wie maryis =^ marechal du logis, baton = batailion, 
die entbuchsiabiert und cachgesproihen werden, l'ür den militärischen Wort- 
schatz von Bedeutung geworden. Älinlich hat Spitzer, LGRPh. 1918, Sp. 369fl. 
Ausdrücke wie sfj'ld Renaiasance, vetements cachemire, die im Grunde auch 
nur Veikürzungeii von Wortgriippen sind, auf ursprüngüclic Eintragungen in 



1 24 HESPRECliUNÜKN. li. GAMILLSCHKG, 

Polizeiregisteiu, Büluienanwetsungen, Fragebogen u. ä. zurückgeJiihrt. Es sind 
solche AbkiirzuHgen also, soweit sie nicht wie im Schüler-Rotwelsch um ihrer 
selbst willen _s);ebildet werden, das Ergebnis der vorwärt^hastendeu, auf jede 
gewonnene Minute bedachton Zeit, eine Art gesprochene Stenographie, mit der 
diese Abkürzuugstendenz auch in ihrer Regelmäfsigkeit manches gemeinsam 
hat. — Der Verzicht auf gewisse Endungen, die Zusammenziehuug zusammen- 
gesetister Wörter, von denen nur die Anfangs- bzw. Endsilben gesprochen 
werden, dann die namentlich für die ältere Zeit charakteristische Tendenz, die 
abgeworfenen Silben durch den einleitenden Konsonanten anzudeuten (S. 23/4^, 
sind der Debattenschrift wie dem gesprochenen Abkürzungsverfahren des Fran- 
zösischen gemeinsam. 

Bezüglich der Anfänge der Abkürzuugstendenz in der volkstümlichen 
Sprache hätte vielleicht mehr die organische Rückbildungsmöglichkeit der 
Sprache berücksichtigt werden können, die zu scheinbaren Ableitungen neue 
Grundwörter schafft, wie chague, das neben chacun tritt u. ä. Vgl. z. B. 
frz. cource „Tragholz, das man beim Beschneiden der Reben stehen läfst", aus 
coiirgon, oder berrich. lesse „Lauge", das aus lessu^ der lokalen Entsprechung 
von lessif rückgebildet ist usf. Treten nun solche Rückbildungen aus Dialekten 
oder sonstwie neben die vollen, literarischen Formen, so war die Möglichkeit 
einer analogischen Ausdehnung gegeben. Namentlich bei Suffixen , die ver- 
gröbernde oder verkleinernde Funktion hatten, waren solche Rückbildungen 
jederzeit möglich. So wird sich das schon 1790 belegte daiiffe = pince, coiitre 
für dauphin daraus erklären, dafs -in nach stammhallem Deminutivsuffix ist, 
dauffe also eine gröbere Art von \_doJe'\ darstellt. .\uch das verbällnisraäfsig 
seltenere Abkürzungsverfahren, das in dem Weglassen von Präfixen besteht, 
hat seine Wurzel in Vorgängen der organischen Sprachentwicklung. So croc 
neben escroc, das mit der bekannten, von Behrens und Tappolet wiederholt 
behandelten fj-t'- Prothese zusammenhängt und in Ta^^ixov . bringa „hin und her 
tanzen" für afrz. espringuer (frk. springan) eine alte Parallele bat, vgl. auch 
Nyrop III, S. 242/3. Auch der Abfall eines anlautenden cha-, ca- kann eine 
solche Rückbildung einer scheinbaren Präfigierung mit diesem, namentlich im 
Norden lebenskräftigen Suffixe darstellen, die zuerst im Munde eingewanderter 
Provinzialen entsteht und als komisch wirkende Bildung von den ersten Hörern 
beibehalten wird. * 

Wieder anders erklären sich Bildungen wie tag für ta gueuL- , tup für 
tu partes, aber auch tu penses, die K. S. 25 Anm. als vratment extraordinaires 
bezeichnet, und die mit tiroque (= tire au cuT) u. ä. zusammenhängen. Hier 
liegt nicht eigentliche Abkürzung vor, sondern vorzeitiges Innehalten in einer 
Verwünschung. Wie der Rezensent im Kreise der Surveillants eines Pariser 
Lyzeums zum Überdrufs zu beobachten Gelegenheit hatte, werden diese wenig 
freundschaftlichen Bezeichnungen (die wienerischem „schmecks" bzw. „Schmarren", 
,, Dreck" dem Gefühlswert nach entsprechen) mit grofsem Affekt ausgestofsen, 
aber während des Aussprechens beginnt sich das Anstandsgefühl des Sprechenden 



1 Eine tschechische Hausgehilfin in einer bekannten Familie gebrauchte 
so z. B. tsetzt für entsetzt, da sie ent- richtig als Präfix empfand, aber über 
die Verwendung der Präfixe im Deutschen sich nicht klar war. Diese komisch 
wirkende Bildung fand in der deutsthm Familie solchen Anklang, dals eine 
Zeit hindurch mit der Weglassung der Präfixe geradezu Sport getrieben wurde. 



HILDIKG KJELLMAN, MOTS ABREGES ET TENDANCES ETC. I25 

zu regen. Es liegt also hier eher eine Art Euphemismus vor, als sprach- 
umgestallende Abkürzung. Das Prinzip dieser euphemistischen Bildungen ist 
übrigens das gleiche wie bei den echten Abkürzungen. In tag ist nicht gueidc 
auf den einen Buchstaben g verkürzt, sondern in der zweisilbigen Verwünschung 
\tagöl^ wird die zweite Silbe durch den Anfangskonsonanten angedeutet, wie 
in den alten Bildungen äff = affaire, sos = social^ com = commerce u. a. Das 
gleiche Prinzip euphemistischer Beschönigung eines Kraftausdruckes findet man 
.nuch im Deutschen, wo das volkstümlichste Ziiat aus dem Götz von Berlichingen 
in der auf die ersten beiden Einsilber reduzierten Form gehört werden kann. 

Manches wird von K. als Abkürzung gebracht, was in Wirklichkeit nur 
Suffixwechsel ist. Denn auch das Rotwelsch hat seine bevorzugten Suffixe. 
Wenn posstbüiste als possibilo, socialiste als socialo erscheint, oder camarade 
zu camaro wird, so werden die verschit denen literarischen Suffixe durch das 
ins Rotwelsch einreihende, grotesk wirkende Suffix [0] ersetzt. Ähnlich, wenn 
das dreisilbige auxiliaire zu ebenfalls dreisilbigem ajtxigot wird. Dieses tgot 
(mit der Nebenform -icot) ist eine Erweiterung des [o] Suffixes, die auch in 
den Dialekten, namentlich im Westen, sehr beliebt ist, vgl. z. B. in Blois 
mätigaud „kleiner boshafter Junge" aus mätin umgestaltet; oder frz, moricand, 
ursprünglich „kleiner Mohr", dann „von brauner Gesichtsfarbe", vgl. auch 
norm, machicoter „schnell und lange kauen", B. Maine tneitgotter ,, vermengen" 
u. v. a. Auch roiwelsches prusco für prussten geht auf ein solches *prussicot 
zurück. Daran schliefst sich als dritte Völkerbezeichnung '^arahicot an, das zu 
arbico und nun zu arbi rückgebildet wurde, wie neben das oben angeführte 
auxigot ein aiixi tritt. Dieses arbi wird nun zu arabe gestellt und nun bi 
als Rotwelsch-Suffix gefafst. Darnach wird ein chasseur zu chassbi, fourrier 
in fourbi umgestaltet, das groteske Suffix bi ist geschaffen. Ähnlich wird wohl 
das Suffix [2Y] entstanden sein {cabji-cabot für caporal u. a.), das nach K. S. 50/1 
allgemein algerisch sein soll, was sich meiner Kenntnis entzieht. 

Der Ablaut o-z, den ich unlängst (Grundzüge der gallorom. Wortbildung 
S. 51 fT.) als Bildungsmittel der organisch entwickelten Sprache beobachtet habe, 
zeigt sich bezeichnenderweise auch im Rotwelsch. Nebeneinander stehen hibli- 
hiblo für btbliotheque, und so dürften apero für aperitif, familo für familistere 
auf den älteren Formen *apiiri, *famiä beruhen, die allerdings nicht mehr 
bezeugt sind. Auch die Volksetymologie hat bei den behandelten Verkürzungen 
zweifellos eine gröfsere Rolle gespielt, als K. anzunehmen scheint. Wenn der 
Name des Generals Coffinieres im Rotwelsch der Ecole polytechnique dazu 
herhalten mufs, um zu coffin verkürzt, ,, Kasten", ,, Kleiderschrank" zu bezeichnen, 
so liegt hier gewifs bewufstes Hineindeuten des dialektischen cojßn vor, das 
im Norden Frankreichs „Körbchen", ,, Behälter" u. ä. bedeutet. Oder pondant 
für correspondant , das den Stellvertreter der Angehörigen eines Schulzöglings 
bedeutet, dem dieser an freien Tagen zur Obhut übergeben wird, zeigt volks- 
elymologisches Hineindeuten von pondre „Eier legen". Die Aufsichtsperson 
wird mit der Glucke identifiziert , die ihre Küchlein unter die Fittiche nimmt, 
wie der correspondant den ausgehenden Zögling. Oder co con für co-conscril 
zeigt Anlehnung an cocon „Seidenraupengespiust", das den Seidenwurm nach 
dem Einspinnen einhüllt wie den eingezogenen Soldaten die Kaserne, und so 
dürfte noch manche Abkürzung sich auf volksetymologischer Grundlage auf- 
bauen. 



126 BESPRECHUNGEN. G. ROHLFS, 

An diesen Hauptteil schliefst K. einige Bemerkungen über Bildungen 
vom Typus fifi für ßlle^ die im Gegensatz zur ersten Gruppe von Verkürzungen 
auf ein hohes Alter zurückblicken, aber heute nicht mehr lebenskräfiig sind, 
und eine Sammlung von Abkürzungen mittels Anlangsbuchstaben, Typus Hapag, 
für die angelsächsischer Ursprung wohl mit Recht vermutet wird. Es ist dies 
die internationale Wortbildung der Zukunft, das Kennzeichen des Krämer- 
geistes, der augenblicklich die Welt beherrscht und deren Wuchern wir vor 
unseren Augen sich abspielen sehen. Das fesselnd geschriebene Buch K.'s 
führt uns also mitten in das Leben nach dem Weltkrieg, es ist eine glänzende 
Rechtfertigung für die von Vofsler aufgestellte These, dafs Spracheniwicklung 
und der allgemeine Zeitgeist untrennbar verbunden sind.i 

E. Gamillscheo. 



Eugen liCi^ch, Einführung in das Altfranzösische. Texte, Übersetzungen, 
Erläuterungen. Leipzig-Berlin, B. G. Teubner, 1921. VIu. 161S, Kart. 22.50 
+ Zuschlag. 

Lerchs 'Einführung' sucht eine Art Kompromifs zwischen Bartsch- Wieses 
'Chrestomatie' und Voretzschs 'Einführung in das Studium der afr. Sprache' 
zu schaffen und verfolgt den Zweck, den Anfänger bzw. den aus seinem Studium 
herausgekommenen Kriegsteilnehmer möglichst rasch und mühelos in das Studium 
der alten Sprache einzuführen. Das Büchlein, das in seiner Anlage bequem 
und praktisch zugleich ist, bietet aufser den Texten nicht nur (zum gröfsten 
Teil) Übersetzungen und Erklärung aller Schwierigkeiten, sondern zu jedem 
Text auch gedrängte kritische Bemerkungen über Sprache, Alter und Wertung 
des Textes. Den Schlufs bildet eine kurze Übersicht der wichtigsten sprach- 
lichen Erscheinungen. 

Mit der Auswahl der gebotenen Texte wird sich wohl schwerlich jeder 
einverstanden erklären. Es war natürlich ungemein schwierig, es allen 
Wünschen gerecht zu machen. Nachdem aber das Buch einmal als elementarste 
Einführung gedacht war, hätte dieser Bestimmung doch auch in der Auswahl 
des Stofflichen mehr Rechnung getragen werden sollen. War es wirklich 
pädagogisch richtig, sprachlich so schwierige Texte wie die Eide, Eulalia und 
das Alexiuslied einem Anfänger vorzusetzen, oder auch noch das Rolandslied 
so sehr in das Zentrum des Büchleins zu stellen? Ob auch der schwierige 
Sponsus und das Adamsspiel, bei all dem Wert, den sie für den Literarhistoriker 
haben, gerade in eine so elementare Einleitung gehören, möchte man bezweifeln. 
Statt dessen hätte man gern manches andere gesehen: ein paar kleinere 



' S. 31 be „Kotb der Lumpensammler" ist vermutlich afrz herz „Korb- 
wiege", vgl. angev. bers, schwz. hre^ bri, fr. comt. bert „Korb", „Fischreuse". 
Lautlich ist der Übergang von ber ^ be wie chair zu che^ mer zu mi für das 
17. Jhdi. beglaubigt; S. 32 chic lebt im LütticLisihen in der B-deutung „Ge- 
schicklichkeit im Führen von Rechtssaihen", ist d;.her wohl entlehnt aus mndl. 
schick „Geschick", „Ordnung"; S. 36 bagots für bagages zeigt vielleicht 
Kreuzung mit figot „Bündel"; S. 52 j'utenx „Adjutant" ist nicht von adjudant 
umgebildet, es ist vielmehr schon 1887 als „Stutzer" belegt, s. jetzt Üsinger, 
Die frz. Bezeichnungen des Modehelden usf. S. 49. adjuda7tt wurde volks- 
etymologisch in juteux „Stutzer" umgedeutet, was an der äufseren Eleganz 
dieser Klasse von Offizieren eine begriffliche Stütze fand. 



EUGEN LERCH, EINFÜHRUNG IN DAS ALTFRANZÖSISCHE. 127 

Tabliaus', einen Abschnitt aus dem 'Roman de Renard', etwas aus Villehardouin 
etc. Wäre es nicht überhaupt zweckmäf^ig, eine solche Einführung mit einem 
Prosatext einsetzen zu lassen? 

Läfst so schon die Auswahl des Stoffes die reifliche Überlegung des 
pädagogischen Planes vermissen, so gewinnt man mehr noch in den Einzel- 
heiten, zumal in dem philologischen Kommentar, den Eindruck, dafs es dem 
Verfasser bei der Abfassung des Büchleins etwas zu eilig gewesen sein müsse. 
Zwar beruft sich Lerch in dem Vorwort auf die bei Adolf Tobler genossene 
Schulung, doch machen seine Erläuterungen dem toten Lehrer nicht immer 
gerade sehr viel Ehre. Dafs nämhch ü nicht ille (S. 22, 8l, 135, 146) sondern 
Uli, el nicht *alhtm (129) sondern *ale , ins nicht ostium (130, 113) sondern 
^'ustütm, ewe nicht eqjia (78)1 sondern aqua, noauz nicht nugalior (105) sondern 
ntigalnis, siege nicht sediiim (46) sondern ^sediciim ist, sollte man nicht nur 
bei einem Tobler -Schüler voraussetzen. AVas soll man gar zu comfaitement 
{<^ cum -\- facta -\- mente) S. 89 sagen? Solche 'Schnitzer' pflegt man sonst 
bereits einem Durchschnittsstudenten recht übel zu nehmen. 

Lerchs Neuerungsvorschlag, in für Anfänger bestimmten Texten den 
schwächer betonten Bestandteil eines Diphtorgen kursiv zu drucken, begrüfst 
man gerne. Warum aber wird dies Sj-stem nicht konsequent durchgeführt? 
So kann es mehr schaden als nützen. War es wirklich notwendig, in den 
Erläuterungen fast jedes Futurum in seine Komponenten zu zerlegen? Dafür 
vermifst man wieder in so vielen Fällen (ierent S. 36, ier 39, talent 26 u. 92, 
Carlon 26, cruist 61 u. 63, sempres 69 u. 73, ainsi lOl, maintenant 108, ades 
100, crendrez 57 etc.) eine kurze Bemerkung, wo es doch wirklich notwendig 
gewesen wäre. 

Zum Einzelnen: S. 11 Eide 18 tanit kann unmöglich im 9. s. die Lautung 
für tenuisset sein; Nicholsons ansprechender Vorschlag (ZRPh. 40. 345) hat 
wohl bereits das Richtige getroffen. — S. 15 matiatce ist *minacia. — S. 18 
com arde tost ist kein Vergleich sondern schon in alter Zeit final zu fassen, 
d. h. an Stelle von lat. ut trat rom. quomo, nun aber nicht blofs im Vergleich- 
satz sondern auch als Finalkonjunkiion, so im Rurriänischen, Katalanischen 
und Spanischen (Rom. Gram, III, § 590), genau entsprechend der Verwendung 
des südital. quantu, vgl. sizil. bellu quantu lu Suli 'schön wie die Sonne' und 
dammi nu soldii quantu accattu 'gib mir eintn Soldo, damit ich kaufe'. — 
S. 23 com kann nur auf eine Kurzform quomo zurückgehen. — S. 27 volsist 
kann unmöglich voluisset sein, so wenig wie Tossisse <^ voluissem (S. lOo). — 
S, 29 bei lui est tart wäre an neufr. il lui tarde zu erinnern gewesen. — S. 31 
encombrer ist nicht incumulare sondern *incomborare. — S. 46 fei kann nicht 
von fflo kommen, sondern verlangt ein fello (vgl. Rev. d. lang. rom. VII, 403). 
— S. 55 zu destrier vgl. jetzt Gamillscheg ZRPh. 40, 526 — S. 59 möchte ich 
Rol. 2265 als Parenthese fassen: 'Soweit als kein Bolzen von einer Armbrust 
schiefsen kann'. — S. 62 perron de sardanje ist bereits von Schultz -Gora 
(ZRPh. 23, 334) recht überzeugend mit der Landschaft Cerdagne verknüpft 
worden. — S. 77 ostage ist nicht obsidiaticutn sondern hospitaticum (Tobler, 
ZRPh. 3, 568). — S. 87 v. 55 aparceit ist nicht Impf, sondern Praesens. — ^ 



• In Anlehnung an die Übersetzung Gautiers, dem Lerch auch sonst 
etwas zu viel Vertrauen gesclienkt hat. 



I 28 BESPR. G. ROHLFS, E. LERCH, EINFÜHRUNG IN DAS ALTFRZ. 

S. 88 cnsemeiü ist ensi {<C^in-sicY + mente. — S. 91 cleie ist nicht 'Teller aus 
Flechtwerk' sondern 'Rohrgellecht'; noch heute heben wenigstens die roma- 
nischen Hirten ihre Molkereipiodukte auf eiuem von der Decke frei schwebenden 
Rohrgeflecht auf. — S. loo boivre i\.^ 'Zauberlrank' ist durchaus altfranzösisch 
und bedarf keiner Korrektur in poivre, vgl. auch normann. bwer, her 'Apfel- 
wein' Atl. ling. 284. — S. III harbele ist nicht 'gefiedert' sondern 'mit 
"Widerhaken' und so noch neufranzösisch. — S. 130 v. 10 Wie soll j/tjqtiam 
ein afr. ainc ergeben? — S. 133 n. 121 seri kann unmöglich secretum sein; 
es gehört natürlich zu afr, aserir (zu serd), auch bedeutet es nicht 'lieblich' 
sondern 'leise', 'still'. — S. 136 In dem Ausdruck venoient tote une rue 
aumerkungsweise tote einfach mit 'entlang' zu erklären, genügt doch wohl 
nicht. Warum wird nicht wenigstens auf Tobler V. B. III, 33 verwiesen? In 
solchen Ausdrücken dient tot zur Hervorhebung der Ständigkeit 'immer auf 
einer Strafte', was der Süditaliener durch einfache Doppelung des Begriffes 
auszudrücken vermag, z. B. sizü. vannu strati strati 'immer auf dtn Strafsen' 
(Piir6, Fiabe IV, 148), camminari grigna grigna di la rocca 'immer auf dem 
Kamm des Felsens' (ib. 94), li spiuni vannu mura tnura 'immer an den 
Mauern' (Mandalari, Canti del pop. regg. 2ll) etc. — S. 147 neis ist nicht 
nee ipse sondern nee ipsi. — S. 147 norm, gardin {== iranz. jardin) ist nicht 
ward-inum sondern h'i.nk. gardo. — S. 152, § 28 pars kann nicht pacem sein, 
sondern grht auf einen Nominativ pax zurück. 

Störend wirkt auch eine leider nicht unbeträchtliche Zahl von Druckfehlern, 
von denen hier nur die unangenehmsten berichtigt werden können: S. 2, Zeile 27 
lies hahherc st. halbere; 10, 14 placitum st. placidum\ 32, Z. 2 v. u. deorsum 
st. deorum\ 44, 31 at st. ad; 50, Z. 7 v. u. vides st. vidis; liS, lO mielz st. 
miels; 56, Z. 15 v. u, oilz st. oils; 98, Z. 9 v. u. vilener st. filener; lOO, Z. I 
V. u. (u. öfter) forti mente st. forte mente; 104, Z. 3 v, u, hrevi-mente st. 
brevemente; 123, Z. 7 v. u. eommunaU-?nente st. commitnale-mente; 126, Z. 20 
V. u. vauroit st. vaudroit; 133, Z. 4 v. u. lorseilnol st. lorseinol\ 14g, Z. 13 v. u. 
pautonier st. pantonier\ 157, Z. 11 v. u. -äut st. -änt. 

Hier wie bereits in den 'Modi' und im 'Futurum' appelliert Lerch in 
dem Vorwort mit der Entschuldigung, dafs es ihm an der notwendigen Zeit 
gefehlt habe, an die Nachsicht der Kritik. Seit wann kann Mangel an Zeit 
als Entschuldigung für unfertige, oberflächliche Arbeiten gelten? Mufs man 
denn etwas veröffentlichen, was noch nicht reif ist, nur etwa, um zu publizieren? 



* Vgl. meinen Aufsatz 'Franz. a/«^/, lomb.zw/z' in Neuphil. Mitt. 22, S. 128 ff". 

Gerhard Rohlfs. 



I 



rH 



Über die germ. Wurzeln g — 6 und g — f in den roman. 

Sprachen. 

In dem 'Wortschatz der Germanischen Spracheinheit' führt 
Torp eine gröfsere Reihe mit dem Buchstaben g, idg. gk, an- 
lautender Wurzeln auf, wie ge ga gi gti, idg. ghe : gha, ghei, gheu, 
sowie gag gig gig, gas gis, gan gin, gab gib und gap gip, die er 
als Erweiterungen oder Weiterbildungen aus jenen kürzeren be- 
zeichnet. Als Grundbedeutung wird 'gähnen' oder 'gaffen' genannt, 
ich möchte sie aber allgemeiner und grobsinnlicher fassen in dem 
Sinn von 'den Schnabel, den Mund, das Maul aus irgendeinem 
Grunde unter begleitenden Lauten, Gebärden und Bewegungen 
aufsperren und schliefsen'. Aus dieser Auffassung heraus ergeben 
sich für zu diesen Wurzeln sich lautlich stellende Bildungen die 
verschiedenartigsten Bedeutungen, die dem, der die Entwicklungs- 
reihe nicht übersieht, oft unbegreiflich erscheinen müssen. 

An einer jener Wurzeln, der Wz. *g — «, \dg. gh — n, habe ich 
in dieser Zeitschrift zu zeigen versucht, wie fruchtbar sie für den 
Wortschatz der romanischen Sprachen gewesen ist. In der vor- 
liegenden Untersuchung gedenke ich im besonderen die Wzz. 
'*g — b und *g — / in verschiedenster vokalischer Ausgestaltung vor- 
zuführen, die in noch höherem Mafse zur Bereicherung dieser 
Sprachen beigetragen zu haben scheinen. Es wird sich dabei von 
selbst Gelegenheit bieten, auch auf andere Wurzeln mit anderem 
Auslaut wie die genannten einzugehen, bei denen sich ähnliche 
Bedeutungswandlungen nachweisen lassen. 

Lehnwörter aus dem Germanischen erscheinen in den roma- 
nischen Sprachen oft in einer grofsen Mannigfaltigkeit der Formen, 
die ich schon früher aus der sich in Fülle bietenden Verschieden- 
heit der germ. Wortbildungen zu erklären versucht war. Trotz 
manchen Einspruchs, so auch neuerdings bei Bruch ('Der Einflufs 
der germ. Sprachen auf das Vulgärlatein' VIII) halte ich an diesem 
Grundsatz fest; denn es drängt sich, wenn auch Abweichungen in 
der äufseren Form, besonders in der Endung, sich durch Anlehnung 
an andere Wörter erklären mögen, immer wieder die Beobachtung 
auf, dafs die entlehnten Wörter, abgesehen von den durch die 
romanischen Lautgesetze bedingten Veränderungen, im allgemeinen 
die ursprüngliche Gestalt bewahrt haben. Es bleibt doch auch 
denkbar, dafs in den einzelnen rom. Sprachen je nach der ver- 
schiedenen das Land besiedelnden germ. Bevölkerung in dem einen 

Zeitschr. f. rom Phil. XLIl o 



IJO THEODOR BRAUNE, 

Bezirk dieser, in dem anderen jener mundartliche lieimatliclie Aus- 
druclc Eingang fand, bis schliel'slich bei erweitertem Verkehr eine 
Grundform die Oberhand gewann. Eine systematische Untersuchung 
wie die vorliegende wird dies wieder im einzelnen zeigen ; sie 
wird über manche romanische Wörter, wie ich hoffe, neues Licht 
verbreiten, wird Wörter, die begriff'lich einander nahe zu stehen 
scheinen, wegen ihrer lautlichen Gestalt in gewisser Weise von- 
einander trennen, andere wieder begriff'lich vereinen. 

Unter dem Stichwort "^'gab 'gaffen' (= "ig. Wz. |-/^aM gespaltet 
sein [?], klaffen [verwandt mit ghab" = gerra. gap]) führt Torp 
ags. geaflas PI. 'Kiefer' = germ. *gabla, schwed. mundartl. pä gavel 
'weit offen*, sowie an, ^ci^i^ö; 'Spott' oder 'Scherz treiben' mit seiner 
Sippe, ags. (ge)gaf-spraRC 'närrische Rede' und gaffetung 'Spott' 
an und vergleicht kelt.-lat. gabalus 'Kreuz, Galgen' = ir. gabiil F. 
'gegabelter Ast, Gabel, Schenkel' (germ. *gaba/ö 'Gabel' = ags. 
gafolY., 2in<\. gafJia F. 'Gabel', mnd. gafele, ahd. gaba/a, nhd, gabel 
"wahrscheinlich aus dem Kelt. entlehnt"?) und kyrar. ga/l 'inter- 
ferainium' (auch skr. gäbhasti M. 'Wagendeichsel', gabhä M. [Spalte] 
' Vulva'). 

Das ags. geaflas sowie ein mdartl. engl, gavel '■ %d&Q\C (s. Grimm 
IV, I a, II 37), 'den Mund aufreifsen, gähnen', setzen eine kürzere 
Bildung voraus, wie *gaba (oder *gab — 7«?),' wie sie bei Meyer- 
Lübke REW. 3623, doch ohne Angabe des Ursprungs, aufgestellt 
wird für pik. gave 'Kropf der Taube', nam. gev, champ. gef, wallon. 
gaf, sowie ixz. gavion 'Schlund, Kehle, Gurgel', piov. gavier 'Schlund', 
frz. j'abol 'Kropf der Vögel', 'Vogelmagen', 'Busen', frz. s'engouer 
'sich vollpfropfen' u. a. m. 

Sehen wir nun in *gaba, wie wir es auf Grund des genannten 
ags. geaflas und engl, gavel mit einiger Berechtigung tun dürfen, 
ein germanisches Wort, dann stellt es sich zu dem gemeingerm. 
*giijan (= goi. gi'ban, ahd. geben, a.s. getan), dessen grobsinnliche 
Bedeutung nicht 'geben', sondern 'gähnen' oder, wie ich sie fassen 
möchte, allgemeiner 'den Schnabel, den Mund, das Maul aus irgend- 
einem Grunde aufsperren und schliefsen' gewesen sein wird. Das 
erhellt noch aus einigen spärlichen Angaben älterer Zeit. 2 Bei 



^ Sollte das bei DC. angeführte mlat, £-aba (auch §-abia), das allerdings 
nur in der Bed. 'via platea' bezeugt ist, das germ. *gaba i*gabia) wiedergeben.' 
Ähnliche Bed. zeigt eiue german. Wz. "^gat (vgl. griech. '/aS in p^ßvrfavcü), der 
wir nach dem mdartl. ^c^ 'oscedo, Gähnen' (bei Grimm 148S), gätzen 'ätzen, 
füttern' in südlichen Mundarten, gaezen in Luserna, tirol. gätzen, ähnliche 
Grundbedeutung zuspreclien können, in zvi.. gata 'Weg, Gasse, Strafse, Pfad,' 
norw. schwed. gata, dän. gade 'Strafse, Gasse', engl, ^a/i? 'Weg, Zugang, 
Öffnung (the Stowe-gate, Peter-gate in York u. a.), mnd.^a^i? ahd. _^az2ß, mhd. 
gazze, nhd. gasse. Vgl. auch as. nid. _^a^ 'Gasse, Strafse', 'Loch, Höhle', 
&n. gat 'Loch', afries. ^a;^, ags. gat 'Loch, Öffnung, Höhle'. 

^ S. bei Schmeller I, 862: '.Sobald eins gebet oder nieset' und bei 
Grimm, D. Wb. IV, l a, S. 16Ö5: "gebeti 'gähnen'", 154O: {ga^en und) geben, 
gheben 'hiare, oscitare, hiscere, pandiculari', d. i. 'beim Gähnen sich dehnen, 
sich recken', 1541: rhein. ^^i?k 'oscitare' und II16: alem. ^äÄif 'hiatus oris' 
in "wundergaebe und adj. ivundergäbig 'der sich ring oder leichtlich ab neüwen 



3 

I 



GERM. WükZELN G B UND G F IN DEN ROM. SPRACHEN. 131 

solcher Grundanschauung versteht man, wie das so oft zum Ver- 
gleich angezogene altir. gab sowohl die Bed. 'geben' und 'canere', 
'rezitieren' (vgl. engl. /o give^ a song 'ein Lied vortragen'), als 
auch 'annehmen' (vgl. xnkvdi. gaebe 'annehmbar' = isl. ^a^r 'an- 
genehm, dienlich, heilsam' und schott. giff — gaff 'gegenseitiges 
Schenken und Nehmen') zeitigen konnte. Ein Vogel gibt, in- 
dem er den Schnabel öffnet und kröpft"^ (daher nam. ^^z», 
yik. gav 'Kropf der Taube', %'^. gavacho 'Mann mit dem Kropf, 
Bergbewohner', ixz. \)ro\. gavache'^ dass., 'Lumpenkerl, schlechter 
Kerl', frz. prov. gavot 'Mann mit dem Kropf (mlat. gavotus 'mon- 
tanus'), nprov. ^ör/o/c? [^y^ ixz. g av o 1 1 c 'danse des gavots' ['sobri- 
quet en Provence, des raontagnards des Alpes, qui est apparentd 
ä gavache', s. D. G.], \\.. gavot ta^ '■T^.viz\ 'Tanzlied' [auch jg'«»«?//« 
'Art Ringeltanz'], occit. engarmcha 'würgen', it. aggavignare 'bei 
der Gurgel packen' und 'umfassen, festhalten' mit gavigtia gavina 
'Mandel im Halse') — , um die Jungen zu füttern 2 (vgl. frz. 
engaver dass,, gavage^ ^xi^. ^^ 'Nudeln'), — der geätzte 
nimmt bei geöffnetem Schnabel unter kläglichem Geschrei 
und aufgeregten Bewegungen den Frafs, den Bissen, den 
Brei^ an. Der Mensch öffnet den Mund, wenn er gähnt 



Dingen verwundert, niiratoi', d. h. "der vor Verwunderung das Maul auf- 
sperrt". Vgl. weiter elsäss. ^^6<fw (ebd. i54o)> x\\€va.. gebbin (aus *gab-janP), 
ferner giben gibbeti (aus *gib-jaiih), ^n'eben, giebseii (ebd. 1541)) gelben, gäben 
und von anderen Stämmen gaffen^ nd. gap(p)en, gäuen, gäunen, gähnen, ahd. 
ginen, geinön, mdartl. ^aw^«, gauinen, schles. _^««/f« (s. Grimm IV, i a, 1541) 
u. a. mehr in gleicher Bedeutung. 

1 Das engl, give hat noch andere Bedeutungen, die sich bei der Grund- 
bedeutung der Wurzel nun leicht erklären, wie 'weinen', 'sich öffnen', 'nach- 
lassen, nachgeben' (wie es geschieht, wenn die Tiere den Schnabel, das Maul 
öffnen), 'weichen' u.a. 

* Vgl. österr. _^ä«^t'« (= gand-jan) in der Bed. 'die Jungen ätzen' von 
Vögeln, "vielleicht vom Aufsperren des Schnabels", s. Grimm 1285) neben 
ganten 'gähnen' (ebd. II37) mit v[\A3.x\.\. gante r 'Gänserich', gant(e) (= germ. 
*ganda [vgl. auch ginden 'gähnen']), daneben nd. ^aw^^ m., vc!L\iA. ganze ganz, 
auch ^^«s, ahd. ^««0230, germ. *gattta = Ixz. jante , t^xo\. ganta, noch 
\q\.iX ganto 'Storch, Kranich, wilde Gans', vgl. tw^. gant [yw^A gaunt) 'gähnen', 
dCi.x^. gante 'aufziehen, necken' mit subst, rvj 'Geck, Narr', nox'Vf. gantast 
'scherzen' in bildl. Bed. wie ags. gabban 'illudere', an. ^a^^a) von aus *gan 
erweitetcr Wz. — Ferner "-ätzen (= *i;at-jan) 'ätzen, füttern', in südlichen 
Mundarten, gaezen in Luserna, \.\xo\. gätzen, neben gatzen 'gackern, schnattern 
schwätzen, stottern' (sbst. gatz 'Geschwätz, Narretei, Spott', von der Wz. 
*gat (s. oben), — Schweiz. ^<frcf« (= '^gart-jan) 'die jungen Vögel ätzen' 
neben xn^v[\\. gartzen , gar zeit 'gurgitare, oder fressen oder slinden', garzen 
'ructare' {gorzen 'gargarizare, gurzen 'eructare'). 

' Vgl. zur Bildung frz. :^anaclie 'untere Kinnlade des Pferdes' und 
'Dummkopf, Einfaltspinsel', von der Wz. *gan. 

* Sollte hierher nicht auch it. gavotta (ein Fisch), wie gavonachio 
•Meeraal' zu stellen sein? 

^ Vgl. bair. gätz M. 'Brei', bair. kärntn. gätz N. 'weiche, schmierige 
Materie, aus *gat (s. vorige Seite A. 2 und die zu *gubb gehörigen Subst., wie 
ostfries. ^«W<f/ 'Schlamm, Schlick', cn^. gubber 'schwarzer Schlamm, Dreck'). 
Auch der, der den Bissen annimmt, ist darnach benannt, d^hex gatz-man, 
in Rotwälsch gatz 'Kind', wie bair. ^oi göble 'Kind', aus *gub. V^fie gatz 

9* 



IJ2 THEODOR BRAUNE.', 

— (s. geben in älterer Bed., gibben und göben), — wenn er staunend 
in dummer Weise blickt — (s. gäuben bei Grimm 1524, schott. 
gauve [neben gawe aus *gav\ 'to go about staring in a stupid manner', 
ebd. 1541, von einem mit *gab und *gib verwandten Stamm *giib) 

— oder um etwas gierig zu verschlingen — (engl, gobbtt 
und gobble aus kürzerem gob, ags. *gobb von einem Stamm *gnbb), 

— um etwas gierig zu ergreifen, an sich zu reifsen — 
(engl, gobble) , — um zu brechen, zu speien — (engl. ^0^, isl. 
gubba 'vomere, ebullire, superfluere' mit sbst. gj/bb 'vomitus, elevatio', 
norw. gubba 'Dampf, Dunst, Nebel', mnld. gubbelen 'vomere, eructare', 
ostMes. gubbe/en 'brodeln, wallen, brausen', aus dem Stamm *gubb), 

— um sinnloses Zeug zu schwatzen, zu plaudern, zu 
scherzen, zu lügen — (engl, gab, aus Stamm '*gabb), — um 
sich albern und gaukelnd zu bewegen — (schweiz, gappen, 
gippen gappen, aus Stamm *gabb\ ^ciwvdiO. dA&vci. gabeln, aus Stamm 
*gab', schw ab. gaupen, aus Stamm *güb 'spielen und tändeln'), — 
oft unter unverständlichen Lauten und unter Gebärden, 
wohl auch mit gespreizten und gekrümmten Fingern und 
Füfsen, in gekrümmter Haltung — (vgl. tirol. gäblen 'ver- 
schiedene Bewegungen machen', appenz. ^a^/a 'sich viel bewegen', 
Schwab, gappeln 'sich mit den Füfsen wehren'; norw. gtlva 'zusammen- 
gesunken sitzen', gobb 'die Schultergegend', vom Stamm *güb,^ 
mhd. goffe guffe F. 'Hinterbacke', mnld. gope 'Hinterbacke', vom 
Stamm "^gup), — um sich ausgelassen zu zeigen, zu lachen, 

— (ostfries. gabbeln 'mit geöffnetem Munde hell und laut lachen', 
vom Stamm *gabb, auch gaffeln, — um sich und andre zum 
Narren zu machen — (an. gabba 'verspotten, zum Narren haben'). 



'Kind' sich to. gatzen 'gackern, schnattern, schwätzen, stottern' (sbst. ^«2^2^ 
'Schwätzerin', gatzer 'Schwätzer, Stotterer') und gätzen 'ätzen, füttern' stellt, 
so liefse sich für das oben genannte garzen 'ructare, rülpsen', 'gurgitare oder 
fressen oder slinden' und gerzen 'ätzen' ein ^s\.. garz annehmen. Diesem 
entspricht lautlich in der Tat ein garz M., in Wälschtirol, und ga rz garze F., 
in Tirol, aber in der übertragenen Bed. 'junger Rebschofs', wir wir 'Sprofs' 
('Spröfsling') in beiderlei Sinn gebrauchen. Auf diese Bildung wird, wie ich 
glaube, mit Recht bei Grimm 1427 für afrz. ^arj, h. gargon M., garce F., 
it. gar Zone usw., das noch nicht recht erklärt ist, und pieni. ^ß^jö7, it. ^ar- 
zuoia 'Herz des Kohls', comusk. garzoeu 'Knospe' verwiesen. Unser garze 
garzen M. 'Herrendiener, Page' als Bote wäre dann selbst deutscher 
Herkunft, während das n^d^. garzün dem Französ. entlehnt wäre. — Des 
gleichen Stammes wäre gartz bei Bertrand de Born in der Bed. 'schlecht', 
vgl. adj. mdartl. garz 'bitter, garstig' (was man ausbricht, ist schlecht und 
bitter!, vgl. oben gätz) und sbst. garz 'Filzigkeit' und gartz ' Heifshunger, 
krankhafter Hunger mit Aufstofsen'. 

^ Vgl. bei Torp den Stamm *gub (und *gup), dem er allerdings nur die 
beschränkte Bed. 'sich bücken, krumm sein' gibt, und ebenda *ga?geg 
('gähnen') mit sxi. ^ag-hals 'mit zurückgebogeneni Hals', norw. ^a^ 
'rückwärts gebogen', engl, gag-tootked 'mit vorstehenden Zähnen', mhd. 
gagen 'sich hin und herwiegen', ags. geagl 'Kiefer', mnd. gagel s^es^el 
'Gaumen, Zahnfleisch' und ein zweites *gag geg 'gagen wie die Gans*, mhd. 
gdge(r)n 'schnattern', Schweiz, gagfgjeleti 'gackern, stofsweise lachen', wie 
iRxAd. gagelen, tng\. gaggle, an. gaga 'spotten'', gag/ 'kleine Gans' u.a. 



GERM. WURZELN G B UND Ü — 1' IN DEN ROM. SPRACHEN. I33 

— Daraus entwickeln sich dann für sbst. und adj. Bildungen Be- 
deutungen wie 'Geschwätz, Scherz' und 'Tölpel, Narr, alberner 
Schwätzer, Lügner' und 'halb verdreht, verrückt' u. a. m. 

In den bisher angeführten Verben treten eine Reihe von 
Stämmen mit verschiedenen Vokalen, deren Wahl sinnvoll und nicht 
ohne Grund getroffen zu sein scheint, zutage mit ähnlicher Grund- 
anschauung; neben denen mit einfachem Stammauslaut auch solche 
mit Gemination des Konsonanten, wie sie so häufig besonders bei 
sogenannten Schallstämmen sich zeigt. ^ 

Die letzteren sind auch nachweisbar in sbst. Bildungen in 
ähnlicher Bedeutung wie *gaba (== pik. gav), die aus der Bed. der 
verbalen Bildungen entnommen ist. So im engl, ^a^ (= ags. 
*gabb) 'Mund, Maul' (vgl. auch gab-string 'Zügel'), im engl. 
gol"^ dass., aus älterem "^gohh = germ. got. *gub(b)ja, das im 
it. gubhio"^ 'Kropf in älterer Bedeutung (daneben gobbio, das 
langob. Herkunft erscheint) und in vb. in-gubbiare 'riemplir 
di cibo' noch vorliegt — und im md. gibbe ('halt deine gibbe') 
'Maul' (vgl. oben gibben 'gähnen'), engl, gib^ 'Unterlippe des 
(störrischen) Pferdes' (to hang one's gib 'das Maul hängen lassen') 
mit vb. gib (auch jibb jib) 'störrisch sein' (sbst. gibber jibber jib 
'störrisches Pferd'), 'scheuen', von dem das ^.irz. giber^ {== ags. 
*gibb) stammt in der Bed. 'se debattre des pieds et des mains' 
(vgl. oben Schwab, gappeln), 's'agiter' mit re-giber 'to kick as a 
horse', afrz. degibier (bei DG) 'agitare se festive, oblectare se'. 

Kehren wir noch einmal zu den vb. Bildungen, die wir oben 
in Auswahl vorführten, zurück, und sehen wir sie uns in ihrer 
Gesamtheit näher an unter Berücksichtigung der sbst. und adj. 



^ Worauf sich diese Gemination gründet, ob sie auf Nachahmung des 
Naturlauts beruht, oder ob sie das Produkt vorhistorischer germ. Assimilation 
ist und auf Einwirkung eines folgenden Konsonanten beruht, läfst sich nicht 
entscheiden. Aus praktischen Gründen setze ich neben der einfachen Wz. 
^gdb gib guh die Stämme *gabb gibb und gubb an. 

2 Vgl. auch engl, gub in der Bed. 'Klumpen, Stumpf, Vorsprung' [gübber- 
tushed 'mit vorstehenden Zähnen', s. oben gag-toothed 'RafFzähne \_gag-toot]i\ 
habend'), neben gob 'Klumpen Bissen' vaii gobber-tooth 'vorstehender Zahn' 
und gab in der Bed, 'Knebel, Maulkorb' mit gab 'wie ein Fangzahn vor- 
stehen '. 

3 It.gozzo (= Xgh. gozzo) 'Kropf scheint zum Stamm *gutt zu 
gehören. S. darüber später! 

* Das engl, gib, ags. *gibb, mufs auch die Bed. 'Kiemen' ent- 
wickelt haben nach dem vh. gib 'Fische ausnehmen' (eigtl. zunächst 'die 
Kiemen abreifsen', amenk, gibber 'einer, der Fische ausnimmt', ^.^z'^-/«^ 'Trog 
zum Ausnehmen der Fische'). Vgl. norw. ^--a«, 'Kopf, Kieme', dann , Ein- 
geweide der Fische', gana 'Ausweiden', s. Grimm 1190. 

5 S. Zeitschr. XXXVI, 80. Vgl. zu gibber das engl, ginnet 'Gaul', 
{sp. gineie, ptg. ginete, -ta, \\. ginne tto, irz. genet), neben ginner 
'Kieme', vom Stamm *g — n {a.hd. ginnen ginnOn), sowie nnser g au l, "von 
dem es denkbar ist, dafs es zuerst in der Bed. für Pferd als Schimpfwort des 
Reiters im Arger aufgekommen sei , dann aber als Kraftwort zur Beliebheit 
cmporgekommtn" (s. Grimm 1571/72); vgl. schles. gäulen 'gaffen', Schweiz. 
gaulen 'possenhaft tändeln', cws^x . gäulen 'laut weinen', an. gaiila 'heulen 
(von Hunden'), ncagl. gouie [gowle, t^a^. gowie, j'owle). 



134 THEODOR BRAUNE, 

Bildungen, die sich aus der verschiedenen Bedeutung der Verben 
ergeben. 

Zu germ. *gabb und "^gibb gehören: 

Ags. gabbau 'illudere', a.eng\. gabbe 'tojest, to talk idly', mengl. 
gabben 'to lie, to delude', engl, ^ai 'plaudern, schwatzen, scherzen,' 
lügen', mit sbst. ^^ 'Mundwerk, Geschwätz, Scherz, Spafs' (adj. 
gabby 'scherzhaft', ?,\)?,t. gabber 'Schwätzer, Lügner'), land. gabben 
'Scherz, Spott treiben', diincs. gabbia 'peinlich verfolgen, verklagen' 
und a.n. gabba (sbst. "öi^^ 'Narrheit, Spott, Hohn') 'verspotten, zum 
Narren haben', auf welches letztere man afrz. gaber, prov. gabar 
♦spotten, scherzen, prahlen, zu sehr loben', asp. ptg. ^a^ör 'loben', 
it. gabbare (sbst. afrz. gab, prov. gap, it. gabbo 'Spafs, Spott' und asp. 
gäbe 'närrisch') zurückgeführt hat. Dafs germ. *gabb auch schon in 
älterer Zeit bestanden hat, scheint der Name eines Witzboldes z. Z. 
des Kaisers Tiberius, der Name des Apicius Gabba, zu bezeugen. 

Ahnliche Bedeutungen bieten längere Bildungen als die ge- 
nannten ; sie erscheinen in noch höherem Mafse als lautmalender 
Natur: So engl, gabbk,- schott. engl. gabber 'sinnloses Zeug schwatzen' 
(sbst. gabber 'Schwätzer, Lügner'), 'schnattern, plappern, durch Ge- 
schwätz verletzen' (sbst. gabble 'Plappern, Schwatzen, Geschnatter', 
gabbler 'Schwätzer', gabbling 'Geschnatter', gibble-gabble 'unsinniges 
Geschwätz, Geschnatter, Unsinn'), ostfries. gabbeln 'mit weit ge- 
öffnetem JNIund hell und laut lachen', mnd. gabber tn 'nugari, jocari', 
engl, gibber 'unverständlich sprechen, kauderwälschen' [shst gibber- 
gabber 'Geschwätz, Geschnatter', gibberish 'Geschnatter, Kauder- 
wälsch', adj. 'unverständlich, kauderwälsch') und md. gibberu in 
anderer Auffassung: 'einen gibber nach etwas haben'. Es kann 
wohl keinem Zweifel unterliegen, dafs zu den Wörtern wie gabber 
auch das frz. gabre 'Truthahn", das weder lautlich noch begrifflich 
zu lat. caper (s. Körting EtW.) pafst, zu stellen ist, wie engl, gobbler 



' Man vergleiche zur Bedeutung ags. geaf (ea = ea = got. ahd. a) 
'jocosus' und (ge)gaf-sprac von der Wz. *gäb und weiter das zur Wz. *getn, 
der Torp nur die beschränkte Bed. 'hüpfen, springen' gibt, (mit mdartlichem 
i^a^n 'palatum' bei Grimm 1207 und ganten [s. oben] 'oscitare, hiare, gähnen', 
gamatzen) gehörige mhd. ^ämeln 'scherzen, schäkern' {%vi^%\.. gamel 'Lust, 
Spafs', \iwc. gamel 'Mutwille, Spafs', vc^Aüx\.\. gämlich 'lustig, wunderlich, 
spöttisch'), siebenb. 'schmeicheln, liebkosen', nordlries. 'spielen', uorw. mdartl. 
gamast 'sich vergnügen, scherzen', 2i.{\\ti. game [gome) 'Freude', eng\. game 
'Spiel, Scherz, Streich, Jagd' u.a., auch 'Freudenmädchen', mdartl. ^a?« 
'Scherz' bei Grimm 121 1 und allgerman. *gamana = an. gaman 'Freude, 
Lustigkeit', 2\\A. ■&.%. gaman 'Lust, Spiel, Scherz' u.a., auch mnd. j'awz;;;^/ 5/><f/ 
'Possenspiel, 2\^m. gammel 'Lust, Übermut, Kitzel', Schweiz, 'lärmende Freude, 
Ergötzlichkeit' und gammel von Weibern in tadelndem Sinne ("in Mundarten 
weit verstreut und damit als alt verbürgt"), 'starke Weibsperson, faule, geile 
mit kindischem Gebaren', im Nd. 'liederliches Frauenzimmer'. Es lallt nicht 
schwer, das frz. ^amin 'Busche, Strafsenjunge', gamine 'Strafsenmädchen' 
und gaminer 'sich so betragen', die doch kaum aus x{\\\ii.. ge-mein (s. D. G. 
u. Meyer-Lübke 3719) stammen werden, zu dieser deutschen Wz. zu stellen. 

2 Vgl. Qng\.jabble und j'abber 'schnattern, plappern, radebrechen' (sbst. 
Jobber nndjabberer). 



GERM. WURZELN G B UND G F IN UEN ROM. SPRACHEN. 135 

in der Bed. 'Truthahn' (daneben 'gieriger Schlinger, Fresser') zu 
gobbL- 'kollern' (und 'gierig schlingen'). Vielleicht gehört hierher 
auch frz. gabrian 'Taucher' (ein Vogel), der wohl nach seinen 
närrischen Bewegungen so benannt ist (vgl. unser 'Tölpelgans, 
Tölpel'. 1 

Auch auf oberd. Gebiet sind solche Bildungen nachweisbar. 
So Schweiz, gappen {pp = westgerra. bb) 'gaukeln' (adj. gäppisch 
geppisch 'verkehrt', sbst. gappi 'Possenreifser'), gippen gappeti in einem 
Schwab. Kinderrätsel (Grimm 1122) 'gaukelnd hin und her fahren', 
kärntn. gappe/n 'vom ersten Herumstolpern 2 der Kinder' (vgl. 'im 
heu gappeln' bei Grimm 131 1), im Schwab, 'sich mit den Füfsen 
wehren'. 

Gehen diese auf germ. ''''gabb zurück, so andere wieder auf 
'■'s^ab. So Schwab, aiem. gabe/u 'gaukeln', in der Schweiz 'sich possen- 
haft bewegen', und bei Grimm I, 1276 be-gabeln 'fascinare', 3 appenz. 
gabla 'sich viel bewegen', auch 'sich nutzlos bewegen, pfuschen' 
{gabier 'Springinsfeld, Pfuscher'), gabiig 'beweglich, flatterhaft' (tirol. 
gäblen 'verschiedene Bewegungen machen', bes. mit den Händen. 
Davon sind nicht zu trennen tirol. gabisch 'launig, eigensinnig, halb- 
verrückt', schles. ^rtZ'j^:// 'albern, dumm', ^cXwNdh. gäbisch 'verkehrt' 
(s. o. gäppisch) 'unrecht, link, linkisch', bair. ' gibisch- gabisch reden 
und handeln', gabiig 'gaukelhaft' bei Stalder. 

An rom. Wörtern gehören hierher, wie es scheint, it. gavaz- 
zare (= Igb. ^avazzan?) 'ausgelassen sein, jubeln' mit gavazzo 
'rauschende Freude, lärmende Heiterkeit' und axt. gavazza 'Wampe' 
(die herabhängende Haut am Halse beim Rindvieh, die sich hin 

1 Vgl. auch engl, gull 'raövenähnlicher Vogel', vom Stamm *^ — /, 
Schott. ^oz£;, vom Stamme *§■ — v. Auch li. gabbiano {prov. £-ab2an) wäre 
hier zu nemien, das wegen seines -bb- eher zu germ. *gabb zu gehören scheint 
als zu XsX. gavia , "für welches ja selbst die Bed. 'Möve' auch nur auf Ver- 
mutung beruht". 

- Auch unser gehen mhd. ahd. gen gdn scheint seine jetzige 
Bedeutung einer ähiiliche'n Bedeutungsentwicklung zu verdanken; 
ist es doch in der Bed. 'gähnen', (s. Grimm 2376. 1541) bezeugt, die auch 
Torp für die idg. \<li.ghe : gka ("eigtl. gähnen") ansetzt. Ist doch das Gehen 
hei vielen Menschen ein Hin- und Herstolpern. Vgl. auch gangen, trans. 
'gehen machen', intrans. 'sich gehen macheu', appenz. ganga 'zu gehen an- 
fangen', mdiaxil. gängeln 'gehen machen in kleinen Schritten und wiederholten 
Versuchen, wie die Mutter beim Kinde tut', auch , schaukeln, tändeln', bair. 
gangein 'gehen' und 'locken', Schweiz, ganggeln 'schlaff einherwa ekeln' 
(gangel 'Einfaltspinsel'), kärntn. 'zu gehen anfangen', 'dummes Zeug machen' 
(gangga 'eintällige Person'), ahd. gatigaron 'ambulare, degere', ana-gan- 
garon 'versare', ahd. gangarari, mhd. gengelaere ' Wandersmann', nordengl. 
gangerol 'Vagabund', %z\io\X. gangrel 'Kind, das zu laufen beginnt', engl. 
'Landstreicher, langer Kerl, Hopfenstange', 2.0^^. gangelväfre 'Spinne'. Auch 
für *gang scheint die Bed. 'gähnen' bezeugt, wenn prov. ganga in der Bed. 
, Kieme', siz. ganga 'Kinnbacken', log. gangas 'Kehle' zu dieser Wz. 
gehören. 

3 S. bei Sanders die Wendung 'mit Küssen nektargleich begabein'; er 
vergleicht damit 'wenn mich ihr Purpurmund begabt', wo man versucht ist, 
an ein *gaba im Sinne von 'Mund' zu denken. Vgl. auch die Veibindung 
'gabelichster. Menschenfreund'. 



136 THEODOR BRAUNE, 

und her bewegt), ferner ii. gaveggiare [==■ *gabid-jan}) 'um- 
schwärmen, schön tun', sowie comask. gavasa 'ausgelassen lachen' 
mit gavatsa gavazza, mail. gavasa gavasgia 'grofses Maul', piem. 
gavas 'Kropf. 

Von den zu *gib mit einfachem Stammesauslaut gehörigen 
Bildungen, wie mdartl. geben 'gähnen', jetzt 'geben' (got. giban, 
ahd. g'eban, as.g'edan), ahd. g'eba, mhd. gibe (das sich auch in den 
sette communi als gt'be 'Gabe' findet), ahd. gt/i F. 'Gabe, Schenkung', 
und 'virus' u. a. darf ich wohl absehen. 

Wie sich aber Wörter mit langem d finden, wie mhd. gäbe 
'Gabe', mhd. gaebe (=■ ahd. *gäbi) 'was gegeben wird, annehmbar, 
angenehm, willkommen ist', an. gaefr 'heilsam' u. a., so gibt es 
auch solche mit i, wie ags. gifre 'gierig', an. gjfr 'Unhold', und 
andere, deren Lautstufe nicht klar ist, die vielleicht wohl als laut- 
nachahmende Bildungen der Lautverschiebung entgangen ^ sind, 
wie gelben'^ im Koburg. und in Nordböhmen 'mit offenem Munde 
gierig auf etwas lauern, lüstern sein' ('die gelb scheren, subdole et 
vafre irridere') mit geibitz (neben geifitz, aus ''^gip) 'Kiebitz', auch 
'lüsterner Bettler', wfries. gibe 'irridere', ostfries. gibeln 'lachen, 
kichern, spotten, höhnen' {sbst g-fbel gi'be/e), wld. gijbelen 'kichern', 
eng\. gibe {ßbe) 'höhnen, aufziehen, verspotten, sticheln' mit sbst. 
gibe, giber {jiber) 'Spötter'. Davon ist nicht zu trennen das mdartl. 
westmd. wetten geiher 'Speichel, Geifer' (eine Nebenform zu hd. 
geifer, aus *gip)- Diese Bildung setzt ein älteres ^gihara voraus, 
das eine Erklärung für das rätselhafte frz. givre abgeben könnte 
in der Bed. 'gelee, blanche, cristaux blancs a la surface de la 
vanille', prov. gibre-s givre-s 'Rauhreif, Reif, der wie aus- 
fliefsender Speichel und Geifer (vgl. das dem Frz. entlehnte engl. 
givre in der Bed. 'weifser Beschlag') an den Zweigen und Asten 
sitzt, und weiter für adj. hz. givreux 'rauhreifartig, rissig','^ sbst. 
givrogne 'Ausschlag der Schafe', ^ givrure 'weifser Flecken im Dia- 
manten' und vb. giverner 'sich nächtlich herumtreiben', das zu der 
Bedeutungsentwicklung unserer Stämme pafst. Die frz. Nebenform 
joivre könnte auf einem *gibara mit 1 beruhen, das in gever ge/er 
gäfer (mit e, s. Grimm 2564) mit gäfern bezeugt ist. 

Dafs auch ein Stamm "^gilh, der sich "^gäb und gib anreiht, be- 
standen hat, zeigt das schon erwähnte mdartl. gäuben in der Bed. 



1 Möglicherweise liegt in diesen Bildungen ursprüngliche Gemination vor, 
so dafs gelben auf altem '^gtbhan beruht, wie ahd. lüter auf liittar, wisi auf 
wisst, Idzan, släfan, leita u. a. s. Wilhelm Braune, Ahd. Gramm. §§ 92. 95. 
96. 97- 98. 

* Vgl. \i&%%. geiwen «das Maul aufsperren' (Grimm 2558), aus *giv und 
mdartl. geifeln 'spöttisch lachen' (ebd. 2568), geifen 'verlangend blicken', 
geife 'Aufseher, Hüter', bair. gaifen 'klalTen, rund ausschneiden' u. a., aus *g'ip' 

^ Vgl. engl, gaped 'rissig', zu gape 'den Mund aufsperren, gaffen, 
gähnen, sich öffnen', aus *gap. 

* Vgl. prov. gabel (aus *gahb) in der Bed. 'kratzig, raub, zackig, 
aussätzig'. 



GERM. WURZELN G B UND G F IN DEN ROM. SPRACHEN. I37 

von gäuen {=.*gaii)ian, aus *^ßp) 1 'gähnen, mit offenem Munde 
stehn und blicken' mit gatibe gatiben in der Pfalz = oberrh. gaub-loch 
'Loch im Dachgiebel' (eigtl. 'Mund, Öffnung,^ wo man Heu u. dgl. 
birgt') (s. Grimm 1507), schwäb. gaupen gat/pe/n 'spielen und tändeln', 
appenz. gaupeii 'possenhaft tändeln' (neben gopen, aus *guh, s. Grimm 
1123) und Schott, gauve (Grimm 154t) 'to go about staring in a 
stupid manner'. Zu dem hier bezeugten germ. *güh ist man ver- 
sucht das afrz. guvei 'Eule' zustellen. Der Vogel könnte nach 
seinem wunderlichen Äufseren, seinen glotzenden Augen (vgl. schott. 
gauve) benannt sein. 

Die Wz. *gub liegt vor in schott. gove 'gaffen' (Grimm 1137), 
\&\.gu/ar 'vaporem edere' (sbst. gufa 'homo nihili', 'vappa', und 'exha- 
latio, urabra'), norw. guva in übertragener Rede 'rauchen, stäuben, 
fegen' (sbst. 'Dampf, Rauch'), gova 'dunsten, dampfen, rauchen' (sbst. 
'Dampf, Rauch'), und &c\\\veu. gopi (neben gappi) 'Possenreifser'. 

Häufiger vertreten ist wieder der Stamm *gubb, zu dem wir 
schon zahlreiche Bildungen zu Anfang unserer Erörterung angeführt 
haben. Aus alter Zeit erwähnte ich von romanischen Wörtern, die 
aus dem Germanischen stammen könnten, das it. htgtibbiare 
'riemplir di cibo' mit gubbio gobbio 'Kropf. Besonders reich mufs, 
wie viele engl. Wörter zeigen, die sich begrifflich und lautlich dazu- 
stellen, die Wz. im Ags. vertreten gewesen sein, und aus diesem 
hat wohl bes. das Frz. geschöpft. 

Auf germ. "^gubb scheint zurückzugehen: Frz. gober 'manger, 
avaler sans prendre le temps' (vgl. engl, gobbet und gobble 'gierig ver- 
schlingen', letzteres auch im Sinne von 'gierig an sich reifsen, er- 
greifen') mit gobeur 'Vielfrafs' und gober in Wendungen wie gober 
V appät 'en etre le dupe', gober les perdrix 'les faire happer par 
le faucon' (auch chasser au gäbet mit gebet 'action de gober'),3 
gober les mouches 'accepter credulement tout ce qu'on entend 
raconter' mit gäbet im Sinne von 'ceiui qui gobe', gobeur de 
mouches oder gob-mouches 'Fliegenfänger, Einfaltspinsel, Tropf, 
auch 'Spion', gob-moucherons 'Fliegenschnäpper', gob-vioucherie 
'Einfältigkeit', gobeur im Sinne von 'Schiffsauslader' (in Schnabel- 
form?),4 tout de gob, tout de go 'tout d'un trait' (il avala tout de 



1 Vgl. schott. _o-aw^ (Grimm I137) 'gaffen' und *^7z/ im ahd. giwen giwun 
wie ahA. geren gerön 'begehren' mit &^]. girlg, nhd. gzerig, aus *ger (idg. 
*gher mit '^aiQO)) 'hiare oscitare ', ags. giwian 'petere', northumbr. ^m^'a 
(Grimm 1540). 

2 Man ist versucht, das nordit. ,^' wz-a 'gegabelte Stange', das doch 
nicht von Igb. klüba stammen kanu, zur germ. Wz. *i;üb zu stellen. Vgl. 
das später zu ahd. gab und gabala Gesagte. 

* Vgl. engl, game 'Jagd, Vogelbeize', 'jagdbare Tiere, Wild', vom 
Stamme *gam. 

* Das engl.^oö 'Mund, Maul', hat wohl auch die Bed. 'Schnabel' 
gehabt. Darauf deuten noch gob-line 'Achtergeier, Achterholer des Stampf- 
stocks', gobbin-stitch 'Perlstich' und gob-stick in der Bed. 'silberne 
Gabel' in Form eines Schnabels, während es in der Bed. 'Löffel' wie i^^oblet 
in gob let -wo rk 'Becherwerk, Paternoslerwerk ' au) die andere Grundbedeutung 
'Maul' zurückweist. 



138 THEODOR BRAUNE, 

go 'sans raaiiger'), 'tout droit, sans preparation', — frz. qohet 
'bouchee', 'Mundvoll' (vgl. &c\^.goh 'Mund, Maul') und wie ei\g\. gobbet 
'Bissen, Bifschen, Klumpen V auch 'Glaskirsche', sowie goh[h)e 'hol 
pour engraisser la volaille', 'Nudel, Mastkugel ' 'hol pour empoissoner 
les chiens errants', gobille 'boule, bille' und norm, gobine 'Mahlzeit', 
die wegen ihres -b- (s. Meyer- Lübke) eher vom germ. *gubb, als 
von kelt. Wörtern wie goh 'Schnabel, Mund' (vgl. auch ir. ^0/) 'Schnabel'), 
das aber mit dem germ. *gub verwandt ist, stammen werden. Hierher 
gehören dann auch engober 'recouvrir la päte ceramique d'une 
matiere terreuse pour en modifier la couleur' mit sbst. engobe 
'raatiere dont le potier se sert pour engober' und gobeter 'cr6pir 
cn faisant entrer le platre le mortier dans les joints avec la main 
ou le plat de la truelle' mit gobetis 'platre, mortier pour gobeter', 
'ouvrage fait en gobetant' (vgl. oben zur Bed. appenz. gabla 'sich 
nutzlos bewegen, pfuschen', aus *gab) — und weiter go belle 'Ge- 
fängnisschenke' (vgl. gobeur 'Schlucker, Vielfrafs') und gobelot 
'Kneipe, Proviantamt' mit gobelot(i)er 'zechen, pokulieren' {gobe- 
loteur 'Zecher'), vs^2X. gobe Uns, dS.xz. gobel (bei DG) 'calix, pocu- 
lum, culullus', mlat. gobelet(f)us [goboktus, auch gobinelus), id., frz. 
gobelct (im 13. jh. auch gubuhi) 'vase de bois, haut, de forme 
ronde, sans anse et ordinairement sans pied {gobelet hnetiqiie [an 
den speienden Mund erinnernd] 'vase dont se servent les esca- 
moteurs pour faire leur tour' [vgl. 'un joueur de gobelets, des tours 
de gobelets'], 'fleur, dont la coroUe est en^ forme de gobelets' 
[auch gablet ' Wassernebel ']), it. gobella 'Tasse, Becher', frz. 
gobelette"^ 'kleines Boot'. 

Der ganzen Bedeutungsentwicklung unserer Wurzeln nach 
stellen sich aber hierher auch gobichonner 'in Saus und Braus 
leben" und goberger 'foppen', se goberger 'sich ergötzen, belustigen' 
und 'sich's bequem machen' (sbst. goberge 'ais qu'on fixe en tra- 
vers d'un fond de lit', 'ais qu'on appuie contre un meuble, un 
placage fraichement collec, pour le maintenir', 'Zwinge, Instrument 
zum Festhalten' 3 u. a.). Diese Wörter müssen auf kürzere zurück- 
gehen, wie sie vorliegen z. B. im afrz. gobe 'laetus, hilaris, poli, 
officieux', gobayi 'gaiete, belle humeur', frz. gobin 'drolliger Kauz' 
(un plaisant rJ) und gobelin'^ (engl, goblin und hob-r^) 'Kobold, 



' Eine Ableitung aus i;-ob in dieser Bed. ist wohl tn^. gobbing 'Kohlen- 
grus', 'Gestein, das in der Grube zurückbleibt', 'Bergversatz' [gob-ßre "Selbst- 
entzündung dieses Gruses', gob-road 'Gang durch die Berge). (Vgl. auch /oö 
'Klumpen, Stück, Stückchen Holz'). Engl, gob bedeutet auch 'Alter, alter 
Älaim' (vgl. schwed. dän. \iO&\.. giibbe 'Greis' mit gubbaktig 'greisenhaft') = 
'taubes Gestein', das sonst attle [aus *attaldn oder attilön = ahd. ezzen, 
mhd.eizen 'ätzen'] heifst. 

'■* Vgl. zur Bedeutung von gobelette 'kleines Boot' imd gobelet 'vase' 
lat. vas und vascellum = frz. vaisseau. 

3 In dieser Bed. ist man versucht, eine Erinnerung an ein *gabb in der 
Bed. 'Schnabel' zu sehen, wie in der Bed. bei goberge 'Kabeljau, 
Stockfisch'. 

* Wie sich gobin und gobelin zu einem Stamm '^gubb zu stellen scheinen, 
wie er in verschiedener Bed. in engl, gobbet gobble gob, mnld. gubbelen vorliegt, 



GERM. WURZELN G B UND G — 'F IN DEN ROM. SPRACHEN. 13g 

Poltergeist', welches letztere man von xoßaXog ableiten wollte. 
Ordenicus Vitalis kannte (s. DC und Diez) "den gobelinus als einen 
in der Normandie zu Evreux einheimischen ziemlich harmlosen 
Geist" ; auch das würde auf nordgerm. Ursprung weisen. 

Auf Aufnahme in einer älteren Zeit deuten wegen ihres /- 
afrz. jober 'verspotten, auslachen', joh (= andfriink. *gobl) 'Ein- 
faltspinsel' und 'dumme, alberne Lüge, Täuschung, Betrug', jobe 
'niais, albern', jobelin 'einfältiger Bengel', jobard 'leichtgläubiger 
Tropf und j ob arder 'zum Narren halten'. Man hat sie auf den 
Eigennamen y(7(^ ' Hieb ' zurückgeführt, doch denkt man, wenn man 
von Hiob spricht, insgemein an den stillen Dulder, nicht an einen 



so wird ixz, g oguelin 'Schiftskobold' mit \xl. gogiies 'Scherz, Kurzweil', 
se goguer 'sich belustigen' u. a. Wörtern zu dem Schallstamm *gi(g gehöreu 
(dem Torp wieder nur eine beschränkie Bed. "etwa laut lachen" zuspricht), 
der im Ablaut zu dem uralten Stamme '^gag (gtg) steht. Die Bed. dieser 
Stämme ist 'unter Ausstofseu von Lauten verschiedene, insbesondere "gau- 
kelnde Bewegungen" (s. Grimm 2568) maclien'. Vgl. eng], guggle 'gurgeln' 
(auch subst., vgl. engl, ^.^^a^ 'sich erbrechen wollen, zum Brechen reizen, necken, 
sich herumtreiben' u.a.), goggle (wie gobble) 'gierig verschlingen' und 'die 
Augen verdrehen, rollen, glotzen, wackeln', vc\\idi. gogelen 'schaukeln' (tirol. 
goglen 'bes. mit den Beinen gaukeln', gos^el 'lascivus', gogel-viiore 'Treiben 
von Possen'), schwäb. ^ti^.f goggel (auch gag und gaggle) 'langer Mensch mit 
schlenkerndem Gange', xv\\^. gugen gagen von der Wiege (Grimm II43, 2568), 
SQ\\vi'i!o. gigen gagen 'schwanken', aargauisch j^i^a^^.? 'sich in den Hüften 
wiegen', m\\A. gigen gurren {gigen garren nach Bechstein) von einem Narren 
und seinem gaukelnden Gehen und Tun', va!a.A. gagen 'sich liin und her wiegen', 
zgs. gagol (oder ^agol) 'mutwillig', Schweiz. gag(g)elen 'gackern, stolsweise 
lachen', mnld. gagelen, engl, gaggle, an. gagl 'kleine Gans', — altmärk. giggeln 
= gibbeln 'heimlich, versteckt lachen' {^hsi- gtgg^ l) , engl, gtg ^-le 'kichern' 
und gaggle, plattd. be-gigeln 'berücken', plattd. gigein 'die Geige (mnd. 
gigeJ, o%x\\\z%. gigel, nA. gi'egel gigel, engl, gig) spielen', (wie osiixies. gtgeln) 
auch 'ungeschickt' oder 'mit einem stumpfen Messer schneiden' (luxemb. 
geigen 'es hin und her ziehen', nd. ^/^'■^/«), iuhd. gtgen (afrz. g?guer = ahd. 
*g{gan) 'geigen' mit shs,t. g/ge, mnld. ghi'gke, a.a. g/'g/a u. a. 

Die verschiedenen Bedeutungen spiegeln sich wieder in frz. 
£'^& (^ ^iigk i^^!? 'Geige', aber auch 'Sausen des Windes', 'Kreisel', 'zwei- 
rädriger Gabelwagen, leichtes Ruderboot', 'lose Dirne', wie gtglet giglot 
'Spafs, Lustigkeit', vb. 'sich eilig hin und her bewegen') 'Geige' und .lustiger 
Tanz', ixz. giguer 'hüpfen, tanzen' (daneben ginguer mit gingtie 'drei- 
saitige Geige' aus gexxa.'^ging ; gan g, s. oben, mit schwed. radartl. _^'/>?_^'7(Z 
'wackeln', z}c\A. gingen 'verlangen', ginge, xü\\A. ginge 'Verlangen', vgl. in 
Wälschtirol ganga 'Lust, Liebe, Gewandtheit in der Verrichtung' = venez. 
ganga 'Absicht'), ixz. gigue 'fille gaye et enjouee qui saute', gigolo 'Lieb- 
haber', gigolette 'Grisette', gigotter 'mit den Beinen strampeln, zappeln, 
tanzen', &ix7.. gigue gigle 'Geige', ixz. gigue 'Geige' und 'Tanz', it.^z'^a 
'Geige', prov. 00, sp. r^j 'Geige' und 'Art Tanz', ptg. 00 'Geige' und ^2^0 
'flacher Weidenkorb' (anknüpfend an die Art der Herstellung?). Das ixz. gigue 
bezeichnet aber auch 'Rehkeule', wie gigot 'cuisse des membres posterieurs 
d'un mouton, d'un agneau' {eng\. gigot, wie gigget giggot 'Hammelkeule' 
und 'Fleischschnitte', vgl. auch sy>. gigote 'gehackt Fleisch', vgl. \.\xo\. gtgl, 
auch güj^l PI. 'Beine', 'die gigel aufrecken', s. Grimm 1143, wie mdartl. ^a^i?« 
PI. "wohl, insofern sie eben gagen''\ s. Grimm 1143, vgl. auch bair. _^?^<?/^ 
gogete 'über Hals und Kopf), überhaupt 'jambe d'une personne' und 'celui 
qui fait des rondes, archer du guet', 'Scharwache' (die sich hin und her 
bewegt). 



140 THEODOR BRAUNE. 

Dummkopf. Das engl. /ö/^, das langes ö zeigt, in der Bed. 'tadeln, 
schelten' dürfte Entlehnung aus dem Französischen sein. 

Das irz. gobin bedeutet aber auch 'Buckliger', wie \\.. gob- 
bino 'etwas bucklig', das von \i. gobbo gobba 'Buckel, Höcker' 
und gobbone in der Wendung 'andare>~' 'gekrümmt gehen' nicht 
zu trennen ist. Gewöhnlich stellt man diese Wörter (s. Meyer- 
Lübke 3755) zu einem auf Grund des ]ai. gt'bbt/s (== it. gi'bbo gibba), 
sbst. und adj. gibber, gibbosus {== it. gtbboso) und gibberosus er- 
schlossenen *gubbus (bei DG wird einmal ein mlat. gubba 'bosse' 
angeführt). Ein solches nur auf Mutmafsung beruhendes Wort 
kann aber dem germ. *gubb, das in so reicher Bedeutungsenlwicklung 
vorliegt, gegenüber wohl kaum in Frage kommen. Wir werden in 
den lat. Bildungen wohl nur eine zufällige Übereinstimmung mit 
dem Germanischen zu sehen haben, i Wie sich die Bed. 'ge- 
krümmt, vorstehend' u. a. entwickeln konnten, habe ich schon oben 
gezeigt. Sie ergibt sich aus den eigentümlichen Bewegungen, die 
jemand, der sich albern und ausgelassen bewegt, macht, sie ergibt 
sich aber auch aus der weiteren Entwicklung von Bedeutungen, 
wie Mundvoll, Bissen, Klofs, Klumpen zu Vorsprung, die das engl. 
gob und gub (vgl. auch gubber - tushed, norw. ^ö<5Z' 'Schultergegend') 
zeigen. Diese Bedeutungen hat, \\\.& oben erwähnt ist, Torp auf 
Grund des norw. mdartl. o-z^j-ß 'zusammengesunken sitzen' und ^öM 
'Schultergegend' einer germ. Wz. "^gub (auch '^gtcp) zugesprochen, die 
er auf \6.^.*ghub (mit \(i\X. guhu guhi 'einsinken, zusammenfallen, 
sich bücken', guba 'Heuhaufen', gubätis 'sich krümmen, gebückt 
gehen', as\. gybükü 'gebeugt', dvognbü 'doppelt*, \i\. dvigubus dass.) 
zurückgeführt. Auf derselben Wz. dürften sp. a-gobiar 'beugen, 
niederdrücken', cat. a-gobiar beruhen, während cat. ajapir 
'krümmen' aus einer Wz. *gab (vgl. ags. geap 'geräumig, hohl, rund- 
lich gebogen', aus germ. *o-ö^, grie eh. ;fa/?og \ja^ov' xaf^JivXov], 
aus idg. g/iab) hervorgegangen sein könnte. 

Kehren wir noch einmal zu den sbst. Bildungen zurück, für 
die wir die Bedeutungen 'Kropf, Mund, Maul' u. a. nachweisen 
konnten. Sie scheinen im Romanischen aufser in den schon an- 
geführten Wörtern auch sonst noch Spuren hinterlassen zu haben. 
So liegt die Bedeutung 'Kropf',2 auf die wir für it. guhbio gobbio 



* Ein dem lat. Stamm ^g — b entsprechender germ. *k — p zeigt ähnliche 
Bedeutungen wie *g — b. Man vergleiche ahd. chaphen im Sinne von gaffen 
'verwundert schauen' mit sbst. kapf 'specula, cacumen', mnd. kapen 'gaffen, 
schauen', mnld. capeti 'gucken, starren', mnd. kape 'Bake', mnld. cape 'Bake, 
Leuchtturm', md. nd. kippe, schotl. kip 'hervorragende Spitze, spitzer Hügel', 
ahd. kipfe 'Spitze' u. a. 

''' Die Bed. 'Kropf scheint auch roman. Bildungen geeignet zu haben, 
die zu der oben besprochenen Wz. *g — m (vgl. gam 'palatum' bei Grimm 
1201, II49, luxemb. ganime F. 'Maul' neben gumm 'Gaumen', ebd. 1578, 
game?i, ebd. I148 '[gaumen] gamatzen \_gatimezen'\ 'oscitare, hiare, gähnen) 
zu stellen sind, wenn sie germ. Ursprungs sind, so dem nprov. ^awo (frz. 
game gamme) 'Kropf der Schafe', nprov. gamotin 'Vogelkropf, Kropf. 
Die Herleitung von Wörtern wie gen. s;öme, nprov. gömo gomtiti aus gol. 



GERM. WURZELN G — B UND G — F IN DEN ROM. SPRACHEN. 14! 

'Kropf der Vögel' (mit vb. ingubbiare 'riemplir di cibo') verwiesen 
hatten, auch der Bed. des ixz. gobillard 'planche preparee pour 
faire des douves' zugrunde; solche Bretter werden mit einer einem 
Kröpfe (oder Schnabel) ähnlichen Furche oder Kimme versehen. 
Dieselbe Bed. liegt zutage in dem frz. jaboi, das wir wegen seines 
-b- jetzt nicht mehr wie pik. gav 'Kropf, frz. gavion 'Schlund, Kehle, 
Gurgel' und javotte 'Schwätzer, Plaudertasche' (aber auch in später 
zu besprechender übertragener Bedeutung 'Locheisen, Ambofsstock' 
\_= Javelotte^ zu *gaba, sondern vait jaboter 'schwatzen' und/a^ö/z'^r^ 
'Kropf-, Schwanengans' zu einem wohl andfränk.*^fl^^a stellen werden. 
Zu derselben Bildung oder einer Ableitung daraus wird auch zu 
stellen sein {xz.jable 'Gergel, Kimme, Falz, Zarge, Winkel zwischen 
Wand und Boden eines Gefäfses' (vb. jabler 'kimmen'), das von 
Schuchhardt (Zschr. XXVI 415) auf '^'cavohim 'Höhlung', bei Meyer- 
Lübke 3Ö86 auf hd. gar gel ger gel 'Falz an der Daube', von Thomas 
(Mel. 94 und Zschr. XVIII 220 und Körting Et. Wb. 4101) auf gabala 
'Gabel' zurückgeführt wird. Keine der Herleitungen kann lautlich 
oder begrifflich genügen, wohl aber ein ^'galbalö aus kürzerem *gabba. 
"Der Handwerker behandelt sein Arbeitsstück", heifst es bei Grimm 
1357, "als ein lebendes Wesen, wie denn jener Fafsrand auch Kopf" 
(ebd. V 706, vgl. Kehlkopf) und unser Kehle im übertragenen Sinne 
'rinnenförmige Vertiefung' sowie die Handwerkszeuge dazu 'Kehl- 
hobel' und 'Kehleisen' (vgl. frz. jahliere und Jabloire) heifsen. Eine 
ähnliche Bedeutungsübertragung liegt auch bei dem deutschen gargel 
(auch gergel\xn^ girgel, nid. gergel und girgelY und kürzerem garge 
'Kimme' vor, wie das engl, gargle 'Gurgel' (s. Grimm 1358) neben 
gargle 'gurgeln, mit gurgelnder Stimme singen', deutschem mdartl. 
gargeln = gurgeln (s. Grimm ebd.) und ein mundartl. garge im über- 
tragenen Sinne 'Wandertasche' (auch garge-sack 'Zwerchsack, Quer- 
sack', wetter. gärgel-sack) vermuten lassen. 



*g-auma 'Gaumen' lehnt Meyer- Liibke 3707 aus lautlichen und begrifflichen 
Gründen (nur der erste Einwand dürfte nach unserer Auseinandersetzung gelten) 
ab, während Bruch in der Ztschr. XXXVIII, 69O als Ursprungswort ein ndfränk. 
(oder hwr ^.) gomo (= zhä, guomo , mh.A. guome 'Gaumen, Kehle, Rachen', 
a.gs. göma 'palatum', ätiig\. gdme 'gingiva', an. gdmr 'Gaumen') ansehen möchte. 
An anderer Stelle, unter 1497, stellt Meyer-Lübke nprov. gamo, gamoun, 
gome und gomada zu fränk. *wamba 'Wampe, Bauch'. Für die roman. 
Bildungen mit o verweise ich auf die zahlreichen deutschen mdartl. 
Nebenbildungcn zu ahd. guom(o) = gerra. *goma (s. Torp), ahd. ^r«w<? 
{iu = germ. ^z^) und ahd. gieotno (=^ gcxm. *gauman , s. Torp), mhd. goum, 
r\hd. gaumen , wie ahd. gommo (in co?nmono 'faucium'), oberd. wie md. 
rhem. gom (vgl. auch mdaxt\. gumme 'faux, palatum, cooporterium faucis', 
gum mnd. gume, n\d. gumme bei Kilian und schwt'iz. xad. güme mit echtem ü 
nach Grimm 1577). 

1 Die Nebenform girgel , die auf ein kürzeres *girga weist (wie dem 
gargel auch ein garge zur Seite steht), zeigt, dafs im Germ, auch ein ab- 
lautender Stamm *gerg bestanden hat. Auf ihn liefsen sich das it. gergo 
gergone {=^ Igh. *gergo) 'Kauderwälsch , Rotwälsch', prov. ger §-o ger - 
gon-s zurückführen, während das ixz. Jargon auf einer Bildung mit stamm- 
haftem a, wie andfränk. '' garga beruhen könnte. 



142 THEODOR HRAUNH, 

Das deutsche gargel wie rhein. gergel bezeichnete aber nicht 
nur die 'Kimme', sondern auch das Werkzeug (gergel- /ia?nm) zum 
Einschneiden der Rinne; diese selbe Bedeutung könnten wir auch 
einem germ. *gu/j{b)-Ja^ zuschreiben, auf welches das lucches. 
zgubhia, nprov. gubio, sp. gtcbia und frz. gouge 'Hohlmeifsel' 
(auch ' Sorte d'arme en forme de serpe' im Afrz.) hinweist. Ist 
diese Herleitung richtig, dann versteht man auch frz. goujnre in 
der ßed. 'Einschnitt, Keil', goujon gojigeon in der Bed. 'Stift, 
Pflock' und andrerseits goujat in der Bed. 'grober Kerl, Flegel, 
unsauberer Bursche, schlechter Soldat, Trofsbube' und gouje in der 
Bed. 'Dirne'. Dafs ein germ. *gubja, frz. gouge, solcher Bedeutungen 
fähig war, zeigt das dem Frz. entlehnte engl, gouge in den Bed. 
'Hohlmeifsel, Hohleisen' (vb. o^ ausmeifseln, aushöhlen'), 'Hohlstichel, 
Locheisen, Lattenschicht' (vgl. oben goberge), 'Höhlung' und weiter 
'Betrug, Prahlerei, Prellen' (to -^ a. p. out of 'prellen'), die sich aus 
der Bedeutungsentwicklung der germ. Wz. *g-b erklären. 

Germ. *gab scheint ferner zugrunde zu liegen dem mlat. gavo 
'Struma, species tumoris', gavanus 'tonsilla, glandula', gavinae 
'tumores similes tonsillis seu glandibus gutturis', \\.. gavineYX. 
'Ohr-, Speicheldrüsen' (auch gavigne dass. und 'Achselhöhle'), über- 
haupt 'geschwollene Drüsen, Ohrgeschwür, Ohrenflufs', ait. gavo IIa 
'Fufsknöchel', gavocciolo 'Pest-, Leistenbeule' (s. Meyer-Lübke3623), 
hz. javart (> it. giavardo), sp. gabarro, ptg. gavarro 'Durch- 
fäule, Fesselgeschwür am Fufse der Pferde', wie ja auch unser 
'Kropf, die Bezeichnung für die bei vielen Vögeln sich findende 
Erweiterung der Speiseröhre am Halse, worin das Futter bleibt, 
ehe es ausgekröpft wird oder in den Magen übergeht, auf etwas 
Kropfähnliches, auf eine Geschwulst übertragen wird.- 

Auch die Vorstellung von einem geöffneten Maule oder den 
beiden einem geöffneten Maule gleichenden aneinander gelegten 
Händen scheint wirksam gewesen zu sein, Gegenstände, die dem 
gleichen, danach zu benennen, wie das schon angeführte frz. 
gohelet (emetique), it. gohella 'Tasse, Becher' und frz. gobelette 
'kleines Boot' zeigten. Bruch nimmt zwar in den Zusätzen und 
Verbesserungen zum REW von Meyer-Lübke in der Zschr. XXXVIII 
688, wo er über gabata (W. 3625) handelt, eine Entwicklung der 
Bedeutung von 'Schüssel' zu 'Kinnlade', 'Wange', 'Schlund', 'Kropf 
an, die Sache scheint aber für die Substantiva, von denen wir 
handeln, gerade umgekehrt zu Hegen, wie aus unserer Erörterung 
hervorgeht, und wie Analogien zeigen. So ist z. B. das mhd. goufe 
'hohle Hand', nhd. mdartl. gaufe F., auch gauf M., ahd. coufana 
(an. gaupn, nnorw. 'auch Handvoll'), gaufei dass., gäufekin 'Gefäfs 
in Form einer Gaufe' (mit den vb. gaufen gau/eltt, an. gaupna 



^ Meyer-Lübke 3906 hat ein gubia 'Hohlmeifsel' aufgestellt, doch ohne 
Angabe der Herkunft. 

- Vgl. 'Kropf iu vielen technischen Anwendungen und das vielfach 
technisch verwendete vb. 'kröpfen' = 'hakenförmig nach einem Winkel 
biegen', 'gekröpft', 'kröpfig' und 'Kröpfungen'. 



GERM. WURZELN G B UND G F IN DEN ROM. SPRACHEN. I43 

gaupa^ 'mit beiden Händen häufen'), wie es bei Grimm 1546 heifst, 
"ursprünglich der geöffnete Mund, mit dem ja noch Kinder und 
Tiere zugreifen und ihr Begehren ausdrücken, erst später über- 
tragen" — "die greifende oder auch begehrende Hand, die eine 
Höhlung macht, dem Munde ähnlich, dann weiter — die hohle 
Hand überhaupt", die doppelte hohle Hand voll, eine Art ungefähres 
Mafs (lat. mensura pugilli), soviel als beide hohle Hände in sich 
fassen mögen, jedes der hohlen Hand 2 ähnliche Gefäfs, das IMafs- 
gefäfs "als künstliche Fortsetzung der Hand als Mafses" gedacht 
(ebd.). 3 Die Bedeutung 'Gefäfs' findet sich auch bei einer anderen 
Wz., der Wz. *gat, die wir schon oben berührten, und der wir 
ähnliche Bedeutungswandlungen zuschreiben konnten, in oberd. 
gätze 'Scliöpfgeschirr', auch galze 'Gefäfs', nd. gate 'situla' (vgl. 
prov. gato 'Trog' = got. *gafa7 neben gainato ^^■''gamaia'^ aus 
'■'gajn), die mit gätzen 'füttern, ätzen' und oberd. gaizen 'gackern, 
schnattern, schwätzen' und sbst. gatz'' 'Geschwätz, Narretei, Spott', 
verwandt sind, — sowie in einer Bildung aus dem Schallstamm 
'"^gar i^.gir'.gur) mit gar reu, das von mancherlei scharfen oder wider- 
lichen Tönen gebraucht wird, und von dem ^«rz^« 'rülpsen, räuspern, 
knarren' 'gurgitare', 'fressen, schlingend essen', norw. garta 'grunzen' 
(und gurzen 'eructare') und garz 'Heifshunger mit Aufstofsen' nicht 
zu trennen ist, im cimbr. g£>-z 'Schöpfkelle, Rührlöffel', mhd. gerze 
'Getreidemafs', garz 'zuber, aymer, handnapf, napf, krug, schapf. 
Sie liegt auch in dem später zu erwähnenden zur Wz. *gab gehörigen 
ahd. gebit{ta) gehiza vor. 

Unter den gegebenen Gesichtspunkten werden wir nunmehr 
zu den sbst. zu unserer Wurzel *^ — h gehörigen Bildungen stellen 
das mlat. gabettiis 'vasis genus ad instar naviculae', prov. sp. (catal.) 
gabarra, frz. gabar{r)e 'Schute, Transportschiff, flaches und breit- 



1 Alle diese Wörter gehören zu der gerra. Wz. *gup, mit norw, mdartl. 
gaupla gopla 'Glockenblume', gopla auch 'Meduse' (vgl. oben frz. goblet 
'Wassernabel'), zgs. geopan st. V'b. 'verschlingen', geap 'umfassend, krumm, 
weit', norw. mdartl. ^0/ 'Abgrund', vaad.. gope, mhd. _^o^<?^?(^.? 'Hinterbacke', 
gupf(e) 'Giebel, Spitze', einer Nebenwurzel zu *gubf der wir dieselben Be- 
deutungswandlungen wie dieser zusprechen können. 

"^ Vgl. auch gäspe 'doppelt hohle Handvoll' (Grimm 1434), das mit 
gaspen 'hiscendo caplare' und mit gaspe 'Spange, Nestel' verwandt ist. Von 
der Bed. 'hohle Hand' scheint auch auszugehen zu sein, wenn das oben er- 
wähnte c.ng\.jabble 'spritzen, plantschen' neben 'schnattern, plappern' bedeutet. 

3 "Wer begreifen will, wie die Begriffe 'Handvoll' und 'Mundvoll' sich 
nahe liegen zum Tauschen, stelle sich nur Kinder vor, die im Walde Beeren 
sammeln und essen" (s. Grimm 1588). Vgl. auch ^aw 'Mundvoll', aus *gav, 
bei Stalder und Grimm, ebd. 

* Zu gatz und gatzen gehören ein gatze 'Schwätzerin, Plaudertasche' und 
gatzer 'Schwätzer' sowie gatz-vogel, das am Rhein 'Spötter' und 'Elster' 
bedeutet. Sollte auf die ihnen entsprechenden ahd. Bildungen nicht das it. 
gazza 'Elster' und gazzera, dass., zurückgehen und i\.. gazzare auf oberd. 
gatzen, das von Vögeln und Menschen gebraucht wird, und zXi. gazzolare 
'schreien wie die Elster' auf oberd. gatzeln, frz. gaziller 'zwitschern, 
schwatzen' auf ein *%azzil6n (= vgl. mainfränk. ^^a^-zf /«, \\&%%. gät^eln)} 



144 THEODOR BRAUNE, 

gebautes! Ruder- und Segelfahrzeug der Binnenschiffahrt' ('navicula 
umnica in Bordeaux, s. DC), 'bateau a voiles ou a raraer, pour 
charger ou decharger les navires (mit prov. gabarrit 'Schiffs- 
modell', frz. gaharit gabari 'arceau sous lequel on essaie les 
wagons pour s'assurer qu'ils peuvent passer sous les tunnels', DG. 
und gabari er 'bemalen') und mlat. gahar(r)otus 'cymba', naviculae 
amnicae species, frz. gabarot(t)e 'kleiner Nachen' (vgl. oben gobeletle 
'kleines Boot'), die nach dem eng!, gabbard gabbart (auch 
gabert), das -bb- zeigt, im Gegensatz zu dem oben angeführten frz. 
javart, ptg. gabarro, zu dem Stamm *gabb gehören und vielleicht 
aus dem Ags. stammen. In der Bed. 'Schlepnetz', 'seine de grandes 
diraensions'2 (DG.), die das frz. gabarre aufserdem zeigt, scheint 
wie in frz. gabarit die Bed. 'aufgesperrtes Maul' noch deutlich 
durch. 

Eine Übertragung der Bedeutung liegt auch vor im span. 
gavion, das dem frz. gavion 'Schlund' entlehnt scheint (s. Diez), 
wenn es 'Korb' bedeutet, ebenso vk^ohl im it.montal. ^•az'a^wö 'Korb', 
lomb. cavagno, it. gavozza (=lgb. *gab-ozza}) 'Tragkorb, Butte, 
Kiepe', wohl auch im frz. gaviot 'Art Holzstuhl', it. gavone 'Art 
kleiner Kajüte auf Galeeren, it. gavitello 'Bake, Ankerboje'. Aus 
germ. "^gab stammen wahrscheinlich auch mlat. gahia 'cavea, carcer, 
carchesium' (auch gaia jaia 'caveae species ad piscandum'), ptg. 
gavea 'Mastkorb', span. gavia, cat. gabia 'Gefängnis', prov. 
gabia {'P'hz. cage), die man (s. Meyer-Lübke 1789) zu lat. cavea 
'Höhlung', 'Käfig', 'Vogelbauer' stellt, während andere zu germ. 
*gabb zu rechnen sein werden, wie mlat. gabbia 'corbis, qualus, 
malus, cui gabbia imponitur', it. gabbia^ 'Frefskorb, Futtersack, 
Futternetz', 'Durchschlag, Mastkorb, Vogelhaus, Hühnerkorb, Ge- 
fängnis', frz. gabie, it. gabbione 'Schanzkorb, Netz', 'grand cage', 
frz. gabion 'Schanzkorb', 'Mastkorb', it. gabbüre 'Mastwächter' (frz. 
gabier), 'chista a vedetta nella gabbia delle navi', frz. gaburon 
'Wange an Mastbäumen oder Segelstangen', it. gabbiata (got. Her- 
kunft?), gabbiazza (Igb. Herkunft?) 'Käfig voller Vögel', gabbivola 
'kleiner Käfig' (> afrz. gaiole jaiole gaole, nfrz. geöle 'Käfig, 
Kerker', sp. ^«jj^ö/a 'Wächterhütte', ptg. ,^«7 /0/0 'Käfig, Gefängnis', 
ml. gahiola 'carcer'). 

Eine Weiterbildung aus germ. *gaba (vgl. mlat. gavius "inter 
varias supellectiles recensetur'' DC) liegt wohl vor in dem schon 
erwähnten ahd. gebit(t)a gebeta gebiza 'Gefäfs, Efsgeschirr', zu 



1 Man vergegenwärtige sich die Form der SchifTerboote, die, an Land 
gezogen, im Äufsern zwei flach aneinandergelegten Händen gleichen. Man 
vgl. auch gr. yavP.o? (lat. ^a?</?^j) 'Trinkgefäfs, Trinkschale' und y«CAoe 'oval- 
förmiges Kauffahrteischiff', wie Uz. gabelet 'vase' und gobelette 'kleines Boot'. 

- Vgl. das mit dem oben erwähnten engl, jabble verwandte jabb in der 
Bed. 'Laichnetz'. 

^ Das it. gaggia stelle ich zu germ. *gag mit ä.gs. geagl 'Kiefer', 
mnd. ^a^^/ ^^^^/ 'Gaumen', die auf ein sbst. *gag in der Bed. 'Maul' deuten. 
S. das oben zu dieser Wz. Gesagte. 



GERM. WURZELN G — B UND G F IN DEN ROM. SPRACHEN. I45 

dem für eine Reihe romanischer Wörter, die sich zu ihm stellen 
könnten, das bei Martial (von c. 40 — lOO n. Chr.) 7, 47, 3 u. a. 
erwähnte lat. gabata 'eine Art Speisegeschirr, Schale, Assiette' in 
Mitbewerb zu treten scheint. Die meisten der roman. Wörter, wie 
siz. gavita 'Kalkkübel', tarent. <~ 'Kübel', neapol. gavete 'Hühner- 
tränke', abruzz. f-^ 'Kalkkübel', frz. jatte 'Milchsatte, Mulde', it. 
gavetta'^ (bei DC wird va\-dX. gaveda mit 'scutella lignea, qua utuntur 
remiges ad cibum' erklärt) 'Soldatenschüssel', nprov. gaveto dass., 
'Satte, Tränke', ptg. span. gaveta 'Schublade', aufser kalabr. 
gavata 'Abwaschschüssel' stimmen aber eher zu einem dem ahd. 
gehitta gehita gehiza entsprechenden got. *gabita. Ein solches ^gabiia 
wird auch von Bruch in der Zschr. XXXVIll 688 für die genannten 
roman. Wörter angesetzt, doch will er es "mit Suffixwechsel aus 
gabata'^ hervorgehen lassen, aus dem er auch ein "^"gava in der 
Bed. 'Kropf für die bei Meyer-Lübke 3623 unter *gaba genannten 
Wörter durch Rückbildung entnimmt. Da wir aber in *gaba auf 
Grund der oben gemachten Erörterungen ein germ. Wort sehen 
dürfen, werden wir *gabtta als germ. Herkunft betrachten und 
eher annehmen können, dafs das so spät im i. Jhd. n. Chr. bezeugte 
lat. gabata (auch gavata und gabatha bei DC) erst durch germa- 
nische Söldner in römischen Diensten, wie andre Ausdrücke aus 
dem Kriegerleben, im römischen Reiche Eingang gefunden hat und 
die Wiedergabe eines germ. -got. *gabita oder *gab-jata (vgl. 
ahd. gebeta) ist.^ 

Aus dem lat. gabata hat man für einige rom. Wörter ein *gauta 
in der Bed. 'Wange' erschlossen, obwohl, wie es bei Meyer-Lübke 
3625 heifst, "das Verhältnis" — "nicht klar" ist, so für it. gota 
'Wange, Backe', obwald. gaulta 'Kinnladen', frz. joue 'Wange', prov. 
gaufa, katal. galta 'Kinnladen' und päd. galtotii, moden. giiliun, it. 
gotoni gationi 'Krankheit der Ohrdrüsen', nprov. gautun 'Ohrfeige', 
ixz. jottereatix vrnd joutereaux 'Mastbacken', ixz. joufflu 'pausbäckig', 
katal. (> sp.) galtera 'Helmbacke'. 

Von diesen Wörtern könnte aber frz. joue mit afrz. jouee 
einem andfränk. *gauwa entstammen, das sich nach dem rhein. 
gatiiven gauen 'hiare, os aperire' (s. Grimm 1540, daneben nid. 
gaeuiven, hd. mdartl. ^öV/it« 'gaffen', vgl. auch txoxv^. gaua 'bellen, 
schelten', ebd. 1593) annehmen läfst; auch frz. s^engouer 'sich 
vollpfropfen' erschiene verwandten Ursprungs. Was it. gota 'Wange, 
Backe, Seite' [stare in r-^ 'eine ernsthafte Miene annehmen'), gotoni 
'Krankheit der Ohrendrüsen' und gotata {m\a.t. gottata) 'Ohrfeige, 



1 Das {\z. gavette , ii. gavetta bedeutet auch 'Gold- und .Silberstab 
zum Drahtziehen' (er wurde wohl durch eine maullörmige Öffnung, *gaba, ge- 
zogen und ethick daher seinen Namen), dann 'Päckchen Saiten zu Instru- 
menten' (d. i. soviel wie ein Mund oder eine Hand voll, vgl. oben gatife). 
Zu gavetta gehört ein vb. aggavettare 'in Gebinde, in .Strähnen wickeln'. 

^ Ich habe oben darauf hingewiesen, dafs der Name eines Witzboldes 
zur Zeit des Tiberius, des Apicius Gabba, wahrscheinlich ebenfalls germ. Her- 
kunft i^^l. 

/eitsclir. f. rom. Phil. XLII. jq 



146 THEODOR BRAUNE, 

Maulschelle' anbelangt, so verraten sie die Herkunft entweder aus 
germ. ^'guf^ wie auch iiz. jouttereaiix, das im Ablaut zu dem 
schon mehrfach angeführten "^gat mit ähnlicher Grundbedeutung 
steht wie *gab, und von dem ^^tzZ/ö«?* im Sinne von ^''•(^/ö;// stammen 
könnte, oder eher aus *gaut,'^ wie prov. ^««/a 'Kinnlade' (mlat. 
gaiiia 'maxilla, mala') mit nprov. gautun 'Ohrfeige', gaufada 'alapa' 
und gaukjar 'alapare'. Was schlief^^lich katal. galta, päd. galtoni, 
ohwald. gaul/a und mode.n. guliuu anbelangt, so weisen sie aut' 
einen aus *gatil^ und *^?// verlängerten Stamm. Das katal. ^a//a 
speziell spiegelt ein got.*gal(lJipa wieder, dem im Ahd. ^«///V/« 
gel(l)iia entspricht. Dieses zu einem Stamm *gal mit ähnlicher 
Grundbedeutung 4 wie *gah sich stellende Wort ist uns allerdings 
nur in der Bed. 'Gefäfs, grofser Kübel, Mulde für Wein, Krug', 
überhaupt als notwendiges Gerät im Hausrat, Stall, in der Baderei, 
im Brauhause, Kelterhause, als Zubehör vornehmer Tafeln über- 
liefert, wir dürfen aber nach dem oben besprochenen ?\\d.. gehita 
gehiza 'Gefäfs, Efsgeschirr' vermuten, dafs das ihm zugrundeliegende 
Wort ursprünglich ebenfalls zunächst die Bed. 'Maul' oder 'Maul- 
voll' gehabt hat. Das ^\vdi. gellida gel(l)tia gelda gelta, oberd. 
md. ^^//^, ■'» setzt, wenn es germ. Herkunft ist, ein kürzeres germ. 
*gal-ja voraus. Aus dirsem könnte das mlat. jalea 'mensura 
liquidorum' bei DC, afrz. jaille 'grofse Mulde' stammen, während 
xoXdX. jalla 'vasis genus liquidis continendis aptum, situla' bei DC, 



* Vgl. gntzejt (bei Schmeller und Sanders) ^gucken 'neugierig schauen', 
hdXx. gidtze7i 'bellen', gutze-gauch 'Kuckuck', gutze-berglein 'ein Versteck- 
spiel', _^«^z^ö ^z^^sai 'Guckfenster', aus germ. *gut. Auf germ. *gutt dürften 
sicher zurückgehen: \i. gozza gozzo gozzile (Igb..?) 'Kropf (der Vögel), 
Hals, Schlund, Kehle', 'Kropf (als Kiaukheil), Wasser-, Trinkflasche, Mühl- 
gerinne, kleine Backe', gozzaja 'Kropf voll, Kropf, Kehlkopf, Hals', aber 
auch 'alter Hafs, Groll', gozzivaj o 'Kropfgans', gozzotiglia 'Gelage, 
Schmaus, Schlemmerei' (^ sp. ptg. ^ozo 'Vergnügen', _^osa;« 'geniefsen') mit 
i^' ozzovigliare und gozzuto 'kropfig'. 

'■^ Vgl. ar\. gaiita 'schwä zen' (s. Grimm 1593), g-aufau 'Prahl, Geschwätz', 
nhd. mdartl. gatize?i gäuzen 'bellen, belfein, ausschelten, keifen, reden, 
schwätzen', auch 'gucken', iräiik. gauzfej 'Schaukel'. 

^ S. oben die zu hd. gaul angeführten Verben ! 

* Vgl. die Wz. *gal (*g^l) in an. ga/a 'singen, Zauberge>aug singen' 
{galfnn 'toll), as. galan 'rufen, singen', ags i^alan, ahd. r>o 'laut singen', mhd. 
und hd. mdartl. _i^a//^a/ 'Schrei, Hall', _^ci//fw 'schreien, klagen, laut schallen', 
gall 'lascivia' {gal 'lascivus, geil' [vgl. Sl^xz. ga 1(1) er 'Feste feiern' mit gale 
'Munterkeit'], sich gälen 'lascivire, mutwillig sein', isl. gala sig 'fatuari'), gelldii 
(= *galjan 'gellen machen', schwed. ^«7/a , an.gjalli vom Echo), \\^. gal'e 
'Geschwulst, krankhalte Blase', 2^^^. galla 'Galle' (eigtl. 'was ausgebrochen 
wird', vgl. griech. p^oP.?^ 'Galle' und ;^oAoc;), a\\A. giilhui 'schreien, laut tönen', 
xAA. gillen., hg?,. giL'an usw. und Erweiterungen aus der Wz. wie \%\. gel'a 
(= *galtjan) 'bellen', ahd. gelzon, mhd. ergeizen 'seine Stimme ertönen 
lassen, schreien'. — Auf ein *gal-jan (s. oben sich gälen) könnte zurückgehen 
\)W. galir, z.^xi. galir, nlvz. jaillir 'hervorsprudeln'. Vgl. Gavariiis 
bei DC 'nomen fluvii', ('Gabarus'), vulgo 'le Gave', irz. gave 'Giefsbach' (in 
den Pyrenäen) von der Wz. *gab, 

* Vgl. Y\\.i. gelda, altpreuls. ^a/iJ 'Mulde', h'ohm. geltna 'Zuber, Melk- 
kübel'. 



GERM. WURZELN G B UND G F IN DEN ROM. SPRACHEN. I47 

2iirz. jalle, jale, ixz. jale ' grofser Kübel, das Mehl zu messen, 
Mulde für Wein', 'sorte de vaisseau, seau' (im Afiz. auch 'boule', 
'le jeu de boules que l'on nomme ou appelle le jeu de ja/es% DC) 
ein durch die übliche Konsonantendehnung i vor -;' be- 
dingtes *ga/-Ja *ga/I-/a *gal/a wiederspiegeln würde. Einem 
altgerm. *galHda entspricht m\at. g(i/(/Jida 'vasculum' (neben dem 
im 13. Jh. gelta: 'una gelta olei' bei Grimm 3065 = 2iS\d.. gelta 
erscheint) 'pandula, calicula, mulgarium, crater'. Daneben finden 
sich mit. galeola, gallica (und calicula mit Anklang an calix 'Kelch'), 
die auch auf die kürzere Bildung, germ. *galja *gallja zurückgehen 
werden. Als Ableitung aus dieser erscheinen ralat. jalotus 'men- 
sura annonaria' = henneg. ^^a/f/, ixz. jal(l)ot 'Kübel', \wie jale mit 
d.hz. galon jalon 'Getreidcmafs' (auch 'galon de vin') aus *galla, 
wenn nicht galon jaloti, engl, gallon auf mask. *galla (aus germ. 
*gal-Jo, vgl. mlat. ga/o j'alo 'mensura liquidoruni apud Anglos' DC, 
'mensura frumentaria', mlat. galiis, auch galiim 'mensura vinaria', 
vgl. auch vc\\-aX. galo 'fornix, concanieratio') zurückgehen. Weitere 
Ableitungen sind vü.\2l\.. jaloneia 'herbarum fasciculus', /ö/ö/^«^«.r 
'mensura annonaria', jalonata 'mensura frumentaria', gallodius 'id.' 
[galluiig 'mensura annonaria apud Germanos' DC), m\a.t. Jalleala 
'mensura liquidorum', gallcta galcta 'mensura vinaria', galeta 
auch in der Bcd. 'mens, frumentaria', 'vasis genus' (auch galetus 
'mensura frumentaria, mens, terrae, modus agri'. jalehis und jaletuin 
'modus agri [vel silvae]) = afrz. gealloie jallaye jalaie jaloie 
(ycA'sX. jaleia), nordit galeda in Como, chuiw. gaiei'da 'Gefäfs, 
Kübel*, sp. gallele, ptg. gal/iela. Wie weitverbreitet diese Wörter 
und der Brauch waren, zeigt das m]a.t galeagium 'censu.«, tributus, 
reditus', jalkagimn jalfe)agiu}ii (afrz. jaillage jailaige) 'ius mensurae, 
ad quam exiguntur dolia vinaria', 'droit de jangeage'. Das mlat. 
galeta bezeichnet aber auch 'vasis genus'. 

Bei den zuletzt besprochenen Wörtern, die wir auf die Wz. 
*^ — b zurückführen zu können vermeinten, war von Bedeutungen 
wie 'Kropf, Mund, Maul, Mundvoll, dann Handvoll, doppelte hohle 
Hand' auszugehen. Das Bild des aufgesperrten Maules und 
Rachens (oder auch der Hand mit gespreizten Fingern), wüe es 
sich in perspektivischer und graphischer Darstellung zeigt, konnte 
dazu führen, diese Begriffe auch auf andere ähnliche Dinge zu 
übertragen. Das zeigt ein {Tmst-)gah 'tridens' bei Dief. 596 a, 
15. Jh., und mlat. gapo 'uncus, crampon' bei DC, das gewifs auf 
deutsches gap (= oberd. bair. gap für gab, vor dem lo. Jh.) zurück- 
geht. Weit gebräuchlicher ist eine Ableitung daraus mit -b, germ. 
*gabalu, ahd. gabala F. (auch gabila = hd. g^bel und cap-ula), mhd. 
gabel(ej, ags. ga/ol F. (PI. gaflas 'furcae, patibvüum'), das wir nun 
nicht mehr als Entlehnung aus dem Keltischen (ir. gabul F. 'ge- 



* S. vStreilberg, Urgerm. Gramm. S. 144/45 dazu und vgl. goi.halj'a, as. 
hellia, ahd. hella, ags. engl hell; got. si'bja, as. stbbia, ahd. sippea sippa, ags, 
si'bb, li'i. Sippe. 



148 THEODOR BRAUNE, 

gabelter Ast, Gabel, Schenkel') 1 ansehen werden. Das hd. gahel 
kann alles mögliche bedeuten. Es kann sein ein 'gegabelter Ast', 
eine 'Gabelstange' im Gebrauch des Lebens als Stütze für Jagd- 
netzo, als Unterlage für Ruder (wie wewQZ. forkola aus \ü.\../urra 
'Ruderpflock'), als Klüver {gabel-juast), als Deichsel eines Ein- 
spänners [gabel-deichsel, vgl. von idg. *g/iab, dem hd. *kab entspräche, 
skr. gähhasli 'Gabeldeichsel'), eine 'Gabel aus Holz' (im Gegensatz 
zur Forke = \:i\.. ftirca), ein 'Tragreff' (schweiz. gabele, s. ebd. 1 121), 
auch 'Giebel', wie im Alem. (in der gemraa gemmarum, Strafsburg 
1508) und in dem dem ahd. gahala oder gahila lautlich ent- 
sprechenden an. gafl, schwed. gafvel, dän. gavel, engl. f~, ostfries. 
gäfel, mnd. gevel (auch gavel i. J. 1420), nid. geve/, mnld. ghevel 
'Giebel', während in dieser Bed. im Ahd. das im Ablaut dazu 
stehende gibel gibil, im Mhd. gihel und im Got. gibla gebräuchlich 
ist. Daneben finden sich in dieser Bedeutung noch ein ablautendes 
mrhein. gohel und von den Nebenstämmen *gahb und "^gibb oberd. 
gappelen PI. {kappel 'imcz.' im 15. Jh.) und h^\x. gippel. Möglicher- 
weise war das oben erwähnte wohl alem. gabel, in der Bed. 
'Giebel', wie das ihm entsprechende frz. gable {'^ engl, gable 
'Giebel'), in dieser Bedeutung männlichen Geschlechts (vgl. das 
mask. ags. ga/ol geaful 'Giebel') im Gegensatz zu f. ahd. gabala 
in der Bed, 'Gabel'. 

Bemerkenswert erscheint noch, dafs unser gahel oft zur Be- 
zeichnung von Tieren dient, so in gabel- latig 'Ohrwurm', ohr -gabel 
dass., in Luserna (wie ^xov. forca aus Isii. ftirca). Wie man versucht 
ist, frz. gabot 'kleiner Fisch zum Ködern', der als Lockspeise dient, 
und gäbet im Sinne von 'Dassellarve' zu einfachem ^gab oder 
*gabh zu stellen, so zu *gabal6 oder vielmehr *gab/ld das sp. gavilan 
(mail. veron. puschl. ^az'mf/, 2 -^X^^. gaviäo ausgab}, bergell. gam'vtl, 
neap, ganavielle aus ganl) 'Sperber', das bei Meyer-Lübke 3628 
unter *gahilane 'Sperber' genannt wird, zu dem er sagt, die Formen 
der iberischen Halbinsel zeigten die Gestalt der got. Namen auf 
-ila, so dafs germanischer Ursprung wahrscheinlich sei. Unser 
gabel findet sich ja oft bei Vögelnamen, so bei gabel-weihe^ 'falco 
milvus', Schweiz, ^rt'i^d'//- (= gab-ilal)vogel, gabel- geier. 

Germanisches *gah {= ahd. gab) und *gabalö in dem be- 
sprochenen übertragenen Sinne scheint mehrfach im Romanischen 
vorzuliegen. So im comask. ^«^ 'Haken', hz. gabel {= ahd. gab) 



1 Vgl. weiter air. gabkla 'Scheere', ga.e\. gabhal 'Gabelast, Gabel' (welsch 
gafel, kymr. ^afl 'Gabel'), Ivjxax. geiel {gefaü) 'Zange', kelt. \zX. gahalus 
(keltisch) bei "Varro u. a. 

2 Im Prov. bezeichnet auch gavauh einen Raubvogel. 

3 Das Flugbild der Gabelweihe, insbesondere bei schmalgehaltenem Steuer, 
ist bestimmt durch das gabelförmige Schwanzende. S. Voigt, Exkursionsbuch 
zum Studium der Vogelstimmen. Vgl. ferner ^ßö«?/^/- 'Groppfisch, cottus scaber, 
gehaiuischter Redfisch' ('lyriformis armatus, lyra altera, sie dicta a rostro bifur- 
cato', s. Grimm ii2i), gabel- schwänz (ein Falter) 'bomby.\ vinula' auch (ein 
Fisch) 'Klippfisch', \w\x^. gabilün 'fabelhaftes, dracheniihnliches Tier' (mit weitem 
Rauche?), gabel -hirscJi, auch gabier genannt. 



GERM. WURZELN G — B UND G F IN DEN ROM. SPRACHEN. I49 

'Visier am Fernrohr' (eigtl. 'keilförmiger Einschnitt'), ^ auch 'girouette 
au sommet du mät', engad.^ßruV/' Einschnitt, Kerbe', maU. gave/a 
'Klammer', com3,sk. gavel 'krummes Werkholz'. Gleicher Herkunft 
dürften sein bologn. gavi PI. 'Radfelgen ',2 das bei Meyer-Lübke 
1789 unter cazva aufgeführt ist, wogegen er aber selbst in der Ztschr. 
XXXIX, 364 Bedenken erhebt (mlat. ^<7Z'//,? "canthus, ferrum circa 
rotas' vel ligna, vulgo Gavile" DC, gaviliuvi 'clavus ligneus seu 
ferreus', neapol. gaveld) und die bei Meyer-Lübke 362g unter einem 
nur fragend als gallischer Herkunft aus *gahulmji 'Radspeiche' be- 
zeichneten Wörter, wie vci'w. x&gg. gävol, (exr. gdbol, bologn. 
gävel (mit Suffixwechsel lomb. piem. gavel, friaul. gaviel, engad. 
gavail), die teils die Speichen, teils die vier Stücke des Radreifens 
(vgl. oben covn?isk. gavel) bezeichnen, ^ ebenso it. ^öz^/ö/z^rö 'Rad- 
schienenbeschlag', gavaina 'grofse Zange, Hebeisen, Wendestange' 
und afrz. gaviot bei DC 'cheville'. Das ebenfalls unter *gabultim 
aufgeführte parm. ^az'/a 'Radschaufel' ^ scheint auf ein *gaha in 
der Bed. 'Maul' zurückzugehen. 

Ein zu ahd. [gabala oder vielmehr) gahila gehöriges Schweiz. 
gäbein (= *gabildn) bedeutet das 'Heu umwenden, schütteln', wie 
gabeln (= *gabal6n) 'mit der Gabel fassen, ergreifen, bearbeiten', 
engl, gavel 'in Garben binden' mit sbst. no 'kleiner loser Haufen 
Getreide'. Ein germ. oder and frank. *gabhilön oder *gabhalö?i 
könnte die Quelle des frz. javeler 'die Schwaden legen' sein, 
eigtl. 'so viel hinlegen, als man mit der Gabel oder, in ursprüng- 
licherer Bed. von *gaba (wie oben bei gaufe gau/el, vb. gau/en 
ganfein gäufeln 'mit beiden hohlen Händen häufeln', an. gaupa 
gaupna 'mit hohler Hand fassen'), mit den beiden Händen fassen 
kann'. Auf solche Bedeutung weist das augenscheinlich aus dem 
vh. javeler entnommene sbst. ^xz. javelle 'monceau, tas', 'Schwaden, 
Reisigbündel, Bündel' (miat. ^az'!?//« ^/az^efZ/fZ 'merges, spicarum raani- 
pulus', javella 'lignorum fascis', prov. ptg. gavela, kat. gavella 
'Garbe', s^. gavilla [mit /!] 'Garbe, Reisigbündel'), wenn es mit 
'chacune des poignees de ble scie qu'on couche sur le sillon avant 
de les reunir en gerbes, pour laisser le grain jaunir au soleil' im 
DG umschrieben wird. Meyer-Lübke 3627 stellt diese Wörter nur 
zweifelnd zu einem als gallisch angesetzten '^gabella. Des gleichen 



' Vgl. die Wendung 'auf die gabel (aufs Korn) nehmen' und unser 
kimme bei Gewehrvisieren. 

"^ Durch eine ähnliche Bedeutungswandlung würde auch das frz. jante 
'Felge' seine Erklärung in einem zu der oben besprochenen Wz. *gant 
'gähnen' mit *ganta = {xi. jante und engl, ^a«^ 'gähnen' gehörigen Worte 
finden. 

3 Körting führt im Et. Wb. auch ein ix/,, gabel 'Radfelge' (krummes 
Stück Holz, woraus der Kranz des Rades besteht) an. Vgl. dazu ahd. gabtd- 
hrand, gabol-rind bei GrafT 'circinus', Zirkel (der Bauhandwerker), nach seiner 
Gabelform bezeichnet, und 2^gs. gafolr od 'radius'. 

* Vgi. gabel-werk 'Vorrichtung in den Windmühlen, um den Mehlbeutel 
zu schütteln', und das oben erwähnte cng\. gobht-ivork 'Bacherwerk, Pater- 
nosterwerk'. 



150 THEODOR HKAUNE, 

Ursprungs sind (rz. Javeau 'aufgeschwemmte Insel, Aiillufs, Heger' 
(d. i. 'eine sich im Wasser oder am Ufer ansetzende Erd- oder 
Sandmasse, Horst'), prov. ^öz'^/ 'Reisigbündel' und ka.t. gavel/ 
'Haufen', mlat. gave//us 'acervus', V\. gavelli 'sarmenta, seu fasci- 
culi sarmentorum', und javellus, das mit 'locus, ut videtur, in 
lluvio javellis seu fasciculis coartatus piscium capiendorum causa' 
erklärt wird. Im Ital. fmdet sich sogar eine kürzere seinen Lauten 
nach entlehnte Bildung- giava in der Bed. des frz. javeau und in 
der Bed. 'Magazin auf Schiffen', die direkt auf eine Grundbedeutung 
'iNIaul' hinweist, es scheint auf Entlehnung etwa aus einem prov. 
*gava oder frz. "^jave in diesem Sinne, zu dem auch das frz. 
javard 'Flachs in Schwaden' gehören dürfte, zu weisen. 

Zu einem gerra., vielleicht andfränk. *gabh-ala stellt sich 
dann weiter vielleicht auch mlat. javelina gevelhia, afrz. jeveline, frz. 
javeline (>> it. giavelina, sp. jabalina, engl, javeliii) 'dard 
long et mince', 'kleiner Wurfspiefs' und 'kleiner Schwaden', nfrz. 
javelot (>• it. giavellotto, ml. giavelotus) 'arme de trait se lanc^ant 
ä la main', 'Wurfspiefs, Pfeilnatter' (coluber jaculatrix, ' Pfeil-schofs, 
Pfeil-schlange'). T)&t javelot '^ war, wie das vom wieder entlehnten 
m)\d. gabilot berichtet wird, keine Ritterwafte, "man trug sie in 
einem Köcher, und vermutlich hatte sie einen hölzernen Schaft" 
(die Kunst, sie zu werfen, war der sruanc). Auch unser gabel wird 
als 'Baumspiefs' genannt, und mit otter-gabel (vgl. fisch-., aal-gahel 
'eine Gabel mit Widerhaken an der Stange', also in ursprünglichster 
Bedeutung ein 'Gabelast') wird in einem fürstlichen Inventar des 
16. ]hs. eine Waffe bezeichnet (s. Grimm iiiq); gahel gilt aber 
auch als Attribut Plutos und Neptuns. Zudem bedeutet ein der- 
selben Wurzel entsprungenes ags. gafoluc, engl, govelock, mlat. gavc- 
loces 'spicula, jacula' 'Speer, Wurfspiefs' (im Engl, auch 'Brech- 
stange, Brecheisen', vgl. auch engl, gah-lock = *gabb-/ock 'Stahlsporn 
der Hähne' wie ga^) und an. gn/iak 'Speer' (bei Grimm 2 liig). 
Die apik. Nebenform gaverlot, frz. javrelot bei DC, mlat. gaver- 
loius 'spiculum, jaculum, ensis brevis' könnte, da im Mlat. auch 
javarina und gieverina vorkommt, ähnlicher Herkunft sein, wie 
comask. gavarot in der Bed. 'Trampe' (die 'Störstange der 
Fischer'); es verrät eine Nebenbildung zu ^gabalö, wie *gabarö. 

Ähnliche Bedeutungen, wie sie hd. gab und gabel (aus germ. 
*gab) zeigen, finden sich bei er\g\. gab (aus *gabb) und gib (aus 
*gibb). So bedeutet gab, das wir oben in der Bed. 'Mund, Maul' 
kennen, lernten, in übertragener Bed. 'Hakenstock, Haken' und 
'Gabel der Exzentrik' (wie gab-hook und gaff-hook), er\g\. gib auch 
'Hakenstock, Stütze, Strebe, Gegen-, Hakenkeil' (vb. 'mit Haken- 
keilen, befestigen'), 'Kranbalken, Kranschnabel, Ausl(i)eger, Klüver' 



* Bei Meyer -Lübke wird dafür ein gall. unbezeugtes *gabalos 'Speer' 
angesetzt. 

3 Diez führt ein gafläc als ags, an, dagegen gafeloc gafeluc uni gaßok 
als anoid. an. Vgl. auch kelt. ^o/" 'Haken, Speer'. 



GERM. WURZELN G — B UND G F IN DEN ROM. SPRACHEN. I5I 

(auch j'ib, gib-, Jib-boom),^ gibbet 'Kranbalkcn, Querholz, Querbalken, 
Galgen' 2 [gibbei-trce 'Galgen', \h. gibbd 'an den Galgen hängen' 
\_gibbet Oll 'an die Schultertrage hängen'], 'an den Pranger 
stellen'). 

Auf das engl, gib und gibbei habe ich in der Ztschr. XXXVI, 80 
hingewiesen und zu ihnen gestellt das vn\2ii. giba {= ags.*gibb 
oder *gibbe), afrz. gib fb)e {mit gib-au/f) 'Instrument ä remuer 
la terre, ä arracher Ics herbes', m\at. gib fbjef um 'furca, patibulum', 
frz. gibei 'Galgen, Hochgericht' (> it. gihetio, daneben giiibbetto 
gitibetta = ahz. goubet gobet, aus *gubb), aixz. gibet 'fundibula 
sunt quaedam parvae machinae cum funda in baculo ('gegabelter 
Ast'!)^ dependente', ixz. gibelot 'piece de bois courbe fix6e entre 
l'entrave et les plats bords d'un navire', 'Gabelholz' und gibelet 
'Zwickbohrer, Zapfenbohrer' (nach dem ausladenden haken- oder 
gabelförmigen Handgriff benannt?). Ich trage kein Bedenken, jetzt 
auch das frz. gibier (> engl. gib[b]ier, das noch deutlich die Her- 
kunft aus *gibb zeigt) 'Wildbret, Wild', neben dem im Afrz. auch 
gibelet in diesem Sinne erscheint, mit gibecier 'auf die Jagd 
gehen', gibeciere 'Jagdtasche', 'grand sac oü les chasseurs mettent 
le menu' und giberne {'^ \i. giberna) 'Patronentasche' u. a. hierher 
zu stellen, woran schon Körting gedacht hat, obwohl ihm die Her- 
kunft von frz. gibe unbekannt war. Gibier im Sinne von 'Wild- 
bret' ist das, was an einem gabeiförmigen Ast (vgl. oben 
Schweiz, gabele 'Tragreff') oder ähnlichen Gegenstände getragen 
wurde (ein animal gibarium), wie gibier (= *gibbarius) 'per- 
sonne qu'on cherche a prendre' [vrai gibier de potence), 



1 Vgl. auch gib-itaff 'Bootsstange, Peilstock, Fechtstock' (bei Stier- 
gefechten). 

'■^ Das bei uns übliche 'Galgen' ist im Got. gal^a M. = s.h.d. galgo, 
mhA, galge 'Galgen', auch 'Gestell an einem Ziehbrunnen (galg-brunn, auch 
gal-brunn), um den Eimer daran zu hängen'. Auf dieses Wort hat man (s. 
Körting 4130, Hornung i. d. Zeitschr. XVIII, 220 und XXI, 456) das Irz. 
jaitge 'Wagenstange, Hebel, Mefsrute, IMefsstock, Tonnengehalt' {xsAd^t. gaiija 
'mensura, ad quam dolia viuaria exiguntur', auch gaujia 'noima dolii vinarii'}, 
auch 'pars aralri, ad quam sulcus exigitur' (bei DC M-aitx j'augia "doliaris 
capacilatis index et norma', G&\\. jauge'", ebd. jaugier un huis 'ostium 
effringere'), 'ligo, beche', 'Furche, tranchee creusee dans le sol pour coiiserver 
momentancment des planles', 'barre de fer avec lequel le forgeron manie l'tn- 
clume qu'il fabrique' m\\. j auger 'eichen, messen, vi&ieren, taxieren' zurück- 
geführt, doch würde das sbst. Wort eher zu einem fem. *galga, wie es im 
vCixAA, galglie, n\A. gaJg, "[uwA.. galge (das aber auch m. gen. ist), also andfränk. 
fem. *galga vorliegt, stimmen. Die älteste Bed. von galga scheint in der Tat 
(s. Grimm 1167 Ic und II, 16) 'Ast' oder 'Baum' ('gegabelter Ast' wie das 
Gestell am Galgbrunn) zu sein und diese leuchtet in der Bed. 'Wagenstange, 
Hebel' und in der übertragenen Bed. 'Furche' des hz. jatige durch; eine 
Mefsrute wird auch oft durch einen Mefsstock gebildet, der aus mehreren an- 
einanderbefestigten Stäben gebildet wird, die schnabel- oder gabelartig in- 
einandergeklappt werden können. 

3 Auch das limous. ^zö 'Hippe' dürfte hierher gehören, wie mlat. 
gobius 'vinitoria falcula, serpelte', frz. gouvrinet 'Winzermesser' und 
gouvion 'Eisenpflock' zu *gub. 



152 THEODOR BRAUNE, 

'eine Person, die an die gib(h)e {m\:x.i. giba), an den Galgen 
gehört'. ^ 

Dem hd. gäbe/, ags. gci/oi 'Gabel' und an. ga/I, schwed. ga/vc/, 
ään. gav/ in der Bed. des ä\id.g/bi7, got, gi'bia 'Giebel' (eigtl. 'ge- 
gabelter Ast') stehen Wörter zur Seite mit -f-, auf die ich schon 
einmal in der Ztschr. XXXVI für frz. gafe u. a. verwiesen habe. Die 
folgenden Erörterungen, die sich z. T. auf die vorangegangenen 
gründen, sollen zeigen, dafs die Wörter, auf die ich damals für 
die romanischen hingewiesen habe, urgermanisches Erbteil sind, 
und dafs mit ihnen weder das kelt. ^0/ 'Haken, Speer' u. a. (welsch 
ga/I 'interferainium') noch ein *gi7/a 'dunkeln Ursprungs' (s. Meyer- 
Lübke 3633) in Mitbewerb treten können. 

Die nächsterreichbaren Wörter sind mnld. gaffele geffele und 
gaffelke 'bidens, tridens, furca', nid. ^^a^>/ F. 'Heu-, Fleischgabel, 
Ofenkrücke, Doppeldeichsel', xand. gaffel in gaffel-schip 'navis rostro 
raunita', \\d. gaffcl 'Gabel von Holz, Stellgabel auf Schiffen, eine 
Raa mit gablichtem Ende' {^gaffel-mast , wie auch gabel-mast), 'die 
Stelle der gerade gestellten Raae vertretende, aber schräg gestellte 
Segelstange mit gegabeltem Ende, Segelbaum', isl. gaffaäM., schwed. 
gafel M. 'Gabel' i^gaffel-fall 'Hifstau', -mast 'Gabelmast', -tist 
'Deichsel'), dän. gaffel C. 'Gabel, Gaffel', ^xs.^. gaffle 'stählerner 
Spanner der Armbrust, Musketen gab el, (provinziell) Mistgabel'. Eine 
einfachere Bildung gaff ist nur noch im Engl, nachweisbar in den 
Bedeutungen 'Fischhaken' [gaff-hook, xh. gaff 'mit Fischhaken er- 
greifen oder ans Land ziehen, Fischhaken benutzen'), 'Gaffel, Boots- 
haken, Stake, Stahlsporn der Kampfhähne', aengl. dial. ^(7/f> 'an 
iron hoc or hook' (bei Halliwell). Das war wohl bestimmend dafür, 
dafs man das engl, gaff als Entlehnung aus dem frz. gaffe be- 
zeichnete. Wäre das auch für das engl Wort möglich, so doch 
nicht für das mnd. und vnrAd. gaffel(e) , denen sich noch in ahd. 
Zeit am Mittelrhein ein {?nist-)gafftla (s. Grimm 1 1 1 8) und in der 
Kölner gemma ein gaffel in der Bed. 'Giebel' (s. Grimm 1121) und 
ein mrhein. ablautendes goffel 'G'iebeV anreiht. Für germ. Ursprung 
dieser Bildung zeugt der Umstand, dafs sich auch im Ablaut dazu 
stehende Formen finden, wie nd. giffel gaffel [= cl) geffel (s. Grimm 
II 18) 'zweizinkige Holzgabel ', altmärk. ^,:r/<f/ 'gabelförmiges Werk- 
zeug aus Holz zum Umwenden der losgebundenen Garben auf der 
Tenne'. Die Wahrscheinlichkeit spricht also dafür, dafs auch die 
roman. Wörter aus dem Germanischen stammen, wie frz. gaffe 
'Fisch-Bootshaken, Stange mit zweizinkigem Haken, Fischgabel', 
cam^iid. gaff a, sp. ptg. ^ö/ß (im Span, auch 'Armbrustspanner' 
wie engl, ^ö/yff), \)XO\. gaf mit gafö 'Haspe, Türangel' mit adj. 
sp. gafo 'gelähmt, krankhaft' (von Nerven 'aussätzig' wie agask. 



1 Hierher gehört auch gihelet iu der Wendung 'cel homme a un coup 
de gibelet' im Sinne von '11 est un peu fou' (vgl. unser 'er hat einen Zacken'), 
frz. gibelotte 'ragoüt de lapin', 'fa^on d'accommodcr les oiseaux', wohl 
auch txi^. gibhet vn Sinne von 'Hammelkeule', gigot. 



GERM. WURZELN G B UND G F IN DEN ROM. SPRACHEN. I53 

gahel) und vb. mlat. gaffare 'manus inicere in alqm, quasi 
uncis arripere', ixz.gaffer 'mit dem Bootshaken fassen, anhaken, 
häkeln', \>ig. gaf/(ir 'packen, ergreifen', sp. ga/ar, gask. ga/id 
'nehmen', ga/ö (im val de Saire) 'beifscn'. 

Insgemein stellt man das nd. nid. gij/ye/ ohne weitere 
Bedenken zu hd. gahel, dem doch im Nd. gavel (i. J. 1420 
= '-gahdlo), und gevel (= ^'gahilo, 2i\\d. gabila) , im Nid. gevel, und 
im Mnld. ghevel, aber in der Bed. 'Giebel' zu entsprechen scheinen, 
läfst das -^- aber unerklärt. Beruhen aber diese Bildungen 
wie gahel auf Schallstämmen, dann liefse sich annehmen, 
dafs wir in ihnen Überreste eines alten Stammes mit ur- 
germ. y zu sehen hätten, 1 das zwar in vielen Fällen schon im 
Urgermanischen zu J, wie angenommen wird, erweicht war, sich 
aber doch in einer beschränkten Anzahl von Fällen erhalten hat 
(s. W. Braune, Ahd. Gramm. § 139). Die Gemination des Spiranten 
entspräche genau derjenigen, die das b und/» in dem germ. *^ö3 
und *gap erfahren hat. Wir werden der Wz. "^^giif-, die sich den 
Wzz. "^'gah *gap und ''^gav zur Seite stellen und die Reihe schliefsen 
würde, dieselbe oder ähnliche Bedeutung und Bedeutungswandlungen 
zuschreiben können wie den anderen, etwa also die Bed. 'den 
Schnabel, den Mund, das Maul aufsperren und schliefsen'. Dafs 
dem so sein könnte, dafür sprechen gewisse Anzeichen. 
So bedeutet ein schott. und prov. engl, giff-gaff, das wir 
schon zu Anfang unserer Erörterung angeführt haben, 'gegenseitiges 
Schenken und Nehmen' 2 wie air. gah. Auch die Bedeutung 'Kropf, 
Mund' und 'JMaul' läfst sich, wie es scheint, noch nachweisen. So 
im Sachs, ^^o//"^ 3 'Maul' (Grimm 1137) und \.\xo\. geffe ("pöbel- 
haft, d. h. in unveränderter Ursprütiglichkeit, für Mund", s. Grimm 
1135, 2564.) und im mdartl. gaffe gaff gaffen 'vola' in der 
Bed. des oben besprochenen oberd. gatif und gaufe, das, wie wir 
sahen, ursprünglich 'den geöftneten Mund', dann 'die hohle Hand' 



1 S. Paul, Grundiifi 1,334: 'Nur zum kleinsten Teil lassen sich 
gemein germ. Geminaten, die in grofsem Umfange auftreten, auf bestimmte 
Ursachen zurückführen' und weiter: 'Geminierte Spiranten — kennt 
die gemeingerm. Zeit kaum; für^/und hh dürften keine sicheren 
Beispiele aufzubringen sein, wenn man nicht einigen onomato- 
poielischen Verben ein urgerm. Alter beilegen will'. 

2 Zu derselben Wz. könnte sich stellen das am Niederrhein und ander- 
wärts gebräuchliche fem. gajfel 'Zins, Steuer', an einigen Orten 'Abzugsgeld', 
'Gilde, Zunft' (ymi gajfel-broder, -herr, -meister, -knecht). Von ihm ist ver- 
schieden ^«3^//^? 'Abgabe', nrh. ^4*^06^//^ 'ongell, gabellum' [gäbelleute '^\\o\VL\n^'i> 
censuales'), vX^^. gahelle, iiL. g ahelle ' Salziteuer ', it. ^ig gab-: IIa 'Abgabe, 
Steuer' (vb. gabellare], mlat. gab(a)luni gabelin, prov. sp. gabela, die von einem 
dem ügs. ga/ol ga/ul li., eng], gavel 'Steuer, Tribut, Zoll' [g^avel-geld, -man, 
•med, -rep, -work) 'Lehnbesitz' [gavel-kind) entsprechenden zur Wz. ^ gab 
gehörigen Worte stammen werden. 

3 Verwandt damit könnte sein dial. _^a^-m^« 'cunnus' (vgl, cy mx. gaß 
'inlerfeminium, feminarum pars interior'). Vgl. auch sächs. gake derbes 
Volkswort für 'offenes Maul', auch gäke ("zu gaken 'gaffen'" gehörig, wie 
gafe 'Maul' zu gaffen'''' Grimm 1153), "aber auch von dem Gelben am 
Schnabel junger Vögel", schlts.^a^^ 'Kehle'. 



154 THEODOR HRAUNF, 

oder 'die doppelte holile Hand' bedeutet. Dieses gaffe scheint in 
das Französische übernommen zu sein in ixz.gaffe (=: alem. 
oder hd. gaffe) i 'Mund' (coup de gaffe 'Geschrei') und in wallon. 
gaf in der Bed. 'Kropf der Vögel'; ein cha. mp. gueffe^ 'Kropf 
der Vögel' mit vb. se gueffer weist auf ein schon umgelautetes 
g^ffe = altem *gaffja. Und dafs hier in der Tat Bildungen 
aus einem Stamme ''gaff vorliegen, dafür spricht das frz. 
J äff et in der übertragenen Bedeutung 'Haken (zum Herunterlegen 
der Baumzweige', mit /'affin 'Gärtner' und jaffier 'Garten') und 
ixz. Jaffe in der Bed. 'Backe' und 'Ohrfeige' (d.i. 'Schlag mit 
der offenen Hand'), norm, zaf 'Ohrfeige', denen sich Bildungen 
wie pik. ^^y, wallon. i//" o-zy 'Wange', hz.gifffjle (früher im 
Sinne von 'joue') 'Backpfeife, Ohrfeige' und gifler 'ohrfeigen', 
die den Ablaut ^ zeigen, anreihen. Ist das hz. jaffe,^ dessen 
Herkunft bisher unbekannt ist, deutscher Herkunft, dann kann ihm 
nur ein gerra. (wohl andfränk.) -'gaffa entsprechen, und dieses 
kann nur von einer Wz. '^'gaf^ und nicht von '"^'gah oder *gap 
stammen. 

Aber auch noch andere Erwägungen bestimmen, eine 
germ. Wz. *gaf mit den ablautenden Wzz. *gif und *guf an- 
zusetzen. Ich rechne dazu das mhd., oberd. und md. gaffen, 
das auch schon in ahd. Zeit bestanden haben mufs, wie das bei 
Graff IV 370 bezeugte ahd. geffida 'consideratio' (aus '^gaffjan, vgl. 
md. gaffen im Sinne von gaffen bei Grimm 1 140) ergibt, und das 
dem alem. gaffon des 14. Jhdts. (s. ebd. 1136) zufolge wohl *gaffön 
gelautet haben wird. Insgemein gilt das mhd. gaffen, das an die 
Stelle des lautlich verschiedenen ahd. chaphen getreten ist, für eines 
Stammes mit oberd. gapfen 'den Mund öffnen, gähnen', nid. nd. 
gapen (nd. auch gappen uru:l Jappen), an. gapa, dän. gäbe, schwed. 
gapa, dass., und sbst. schwed. gap (dän. gab) 'das (zum Zuschnappen) 
aufgesperrte Maul, Radien, Schlund', 'Loch einer Grube', an. gap 
'hiatus. Klaffen, Gaffen, Benehmen eines törichten Menschen', ags. 
engl, gap 'hiatus, Öffnung, Spalt, Ritze, Kluft, Schlucht, Lücke, 
Bresche', Doch gibt es auch sonst noch auf westgerm. und nord- 
germ. Gebiet solche Bildungen mit, wie es scheint, stammhaftem f 
wie mhd. gaffen, wie wir gleich sehen werden. 

Das mhd. Wort bedeutet 'hiare, oscilare, hiando ore captare',-'' 
'nach einem Dinge giftzen und schnappen, mit offenem Munde 



* Bei Grimm 1139 scheinen 11 ich dem Zusatz: "hd. wohl einst g>iffc 
geffe''"' diese Bildungen auch für das Hochdeutsche angesetzt zu werden. 

^ Gehört hierher auch \X.. gueffa 'gabbia, prigione, bastione, muro.'' 
3 Solcher ablautender deutscher Bildungen aus *giff werde ich weiter 
unten noch mehr beibringen. Jedenfalls verdient diese Ableitung des pik. q-if 
und ixz. giffle den Vorzug vor Ableitungen aus kiefer oder gabaia (Körting 5274) 
oder mhd. kivei oder ki/el (D. G., Meyer-Lüb.;e 4699). 

* Zu jaffe (in älterer Zeit = 'Mund' gehört wohl auch jaffle 
'Suppe'. 

^ Die Bed. 'hianJo ore captare', die für gaffen und gaspen ('hiscendo 
captare') belegt ist (vgl. auch schwed. ^a/a e/ter skuggen 'nach dem Schatten 



GERM. WURZELN G — B UND G — F IN DEN ROxM. SPRACHEN. I55 

schnappen, gierig, neugierig oder gedankenlos blicken' und 'klaffen, 
offen stehen' (einem offenen Munde und Schlünde gleich,' s. Grimm 
1138). Es zeigt also Bedeutungen, wie wir sie bei geheti in älterer 
Zeit, gibben, gäben und gäuben, sowie gäuen u. a. fanden. Dem hd. 
gaffen reihen sich an ein nd. gaffen 'laut lachen', 'laut bellen, 
kläffen', nd. gaff ein (s. Grimm 2563), ostfries. ~ {= g abbein), 
dass., schwed. dial. gaffla und engl, schott. gaff, dass., dial. 
dän. geffle 'Possen treiben, tändeln, kälbern', aengl. geffle 'auf- 
ziehen, verspotten' (vgl. oben ags, gabban, aeng\. gabbe), 'belästigen, 
herumgaukeln, necken' (engl. sbst. gaff 'Theater niedrigsten 
Ranges', vb. 00 'dort auftreten'), ags. gaffetung 'derisio', mdartl. 
deutsches gaff ein und gäffeln 'neugierig gaffend umherlaufen, 
schwatzen' (sbst. gafft r 'müfsiger, neugieriger Zuschauer', engl. 00 
'Alter, Alterchen, Väterchen',2 und 'Aufseher, Vorarbeiter' und 'Wirt 
einer Bettlerherberge' (in andrer Auffassung), mdartl. deutsches gaffel 
{gaffel-stirne) 'Mädchen, das neugierig umherläuft oder am Fenster 
liegt' — und ablautendes Schweiz, giffen 'mit offenem Munde 
gucken, gaffen' (Grimm 1138, 1140 und 2564) und 'auf etwas 
warten' (ebd. 1140), wie mhd. giffen'-'' 'gaffen, mit offenem Maule 
gucken', Schweiz, giffeln (ebd. 1138, auch gifele 'hiare', ebd. 1546, 
3, 2564), und gyffen 'dehiscere' (ebd. 1546), gyffelen 'klaffen' 
(= Schweiz, gaffi) und 'bersten' (ebd. 2564), nrh. giffele 'kichern' 
(ebd. 2563) in Aachen, sbst. gfferer 'Geiferer' (ebd. 2564. 2565) 
= geiferer — und schliefslich mit -u schott. guffa (neben gaff) 
und engl guffaiv 'laut, roh auflachen' oder 'herausplatzen, wiehern' 
(auch sbst. engl, guff 'Unnsinn, Blödsinn' und 'Dummkopf, 
guffaw^ 'schallendes Gelächter, Gewieher'), ostfries. guffeln 'an- 
haltend laut oder dumpf, läppisch lachen' (sbst. ge-guffel 'an- 
haltendes, lautes Lachen' und guffl 'alberner, närrischer Mensch, 
Narr, Tor') und einige andere Wörter, die ich noch nennen werde. 
Das sind augenscheinlich Bildungen, die darauf weisen, dafs sie 
auf einem schallnachahmenden Stamm beruhen. 

Auch sie haben im Romanischen, z. B. im Französischen, 
Spuren hinterlassen. So im frz. gaffer in der Bedeutung 
'aufpassen' und in faire une gaffe 'eine Dummheit (mal- 
adresse) begehen', gaffeur 'Aufseher', aber auch 'Tölpel', 
gaffe US e 'Aufseherin' und andererseits 'dumme Gans', gaffe 



j^ieifen, haschen'), darf wohl auch anderen synonymen Bildungen zugemutet 
werden, so dafs die Herleitung des norm, game 'auffangen', dasjoret zu an. 
gatna 'spielen' stellt (= mdartl. deutschein qamen 'oscitare, hiare'), wogegen 
Meyer-Lübke 3665 Einspruch eihebt, auch "begrifflich" begründet wäre. Vgl. 
im übrigen die schon oben erwähnten zur Wz. *g — m gehörigen Bildungen. 

' Auch gaffe 'Ginmuschel' {= gin-muschel) scheint derselben Herkunft. 

2 Vgl. oben schwed. dän. gubbe 'Greis' und bair. gob göble 'Kind' 
[gäben 'mit offenem Munde gähnen'). 

' Vgl. auch e\\g\. j'iff 'höhnen', giffle 'sich unruhig hin und her be- 
wegen', jiff 'Augenblick' u. a. 

* Vgl. engl. ^w&Ä/aw 'erschrecken, einschüchtern'. 



156 THEODOR BRAUNE, 

'Polizist' und 'Dummheit', auch 'Kabeljau' (s. oben 
goberge). 

Mit den schon angeführten Wörtern wie schott. gu/fo, engl. 
gtif/aw , ostfries. guffcln sind verwandt engl. prov. giiff go/f 
'Dummkopf und 'Unsinn, Blödsinn', guffer 'Dummkopf und 'Aal- 
mutter, -quappe', goffish 'dumm, tölpelhaft', schott. gti/fie, dass., 
isl. gti/fa 'vapa', norw. gu/f 'dicke Person' und bair. go/f 'Tölpel, 
Narr, Dummkopf, mdartl. göffel (Grimm 1126), die beiden letzt- 
genannten aber nur, wenn diese Bildungen alle zu einer germ. 
Wz. *guf gehören, wie es sich nach unserer Untersuchung als 
wahrscheinlich ergibt. In diesem Falle dürfte nunmehr auch der 
Einwand hinfällig sein, den Meyer-Lübke 3907 gegen die von mir 
in der Ztschr. XVIII 524 gegebene Ableitung des it. goffo 'töl- 
pisch, ungeschickt, plump', sbst. 'Tölpel', frz. g-cy/^ 'plump, tölpel- 
haft, unförmlich', sp. gofo aus dem Germanischen erhoben hat: 
"germ. Wörter wie norwegisch guff 'dicke Person', engl, goff guff 
, Dummkopf — klingen an, können aber schon aus historischen 
Gründen nicht die Grundlage der rom. Wörter bilden". Ähnlicher 
Herkunft sind wohl auch genf. goff et 'dick, fett', nprov. gofe 
'vollgestopft', goufa 'blähen, bauschen', frz. goufer, mlat. goffo 
'cardo' und gofetus, dass., prov. gofon-s 'Türangel'. 1 Schliefs- 
lich könnte aus einer deutschen zur Wz. *guf gehörigen Bildung 
auch hervorgegangen sein das frz. gouffre 'Schlund, Abgrund, 
Strudel' und 'Verschwender' mit vb. engouffrer 'in einen Ab- 
grund reifsen, verschlingen', s" engouffrer 'sich in einen Abgrund 
verlieren' (von Gewässern), 'sich fangen' (vom Winde), 'sich ver- 
graben, zurückziehen', die auf ein sbst. Wort in der Bed. 'Mund, 
Maul, Schlund' (vgl. dän. gab oben) auch der Bed. nach führen. 
Im Deutschen findet sich noch ein sbst. dial. guffer (vgl. auch 
oben engl, guffer), allerdings jetzt nur in der Bed. 'Steinwall eines 
Gletschers' {guffer-linie 'Mittelraoräne bei Vereinigung zweier Eis- 
slröme in der Mitte, wo durch das Abschmelzen ein Abgrund, 
eine Kluft entsteht'), 2 das aber früher die Bed. 'Abgrund, Schlund' 
gehabt haben könnte. 

Möglicherweise hat im Germanischen auch eine Wz. *güf (aus 
älterem *giiff, s. oben zu *gib) bestanden, so im mdartlichen gauf 
'grober Scherz' (mit gauf 'einer der sich albern, ausgelassen ge- 
bärdet', auch Eigennamen Gauf, gauf-kind 'histrio, leno', gaiifer 
'Art Landstreicher', auch gaufert 'Possenreifser', gatifler geufler, 
gaufleute, gaufmann 'gelasinus, joculator), gaufin 'Scherztreiben', 
auch gäufai 'stehlen', gauf 'dama vel damula' ('secundum Papiam 
est animal et capra silvestris'). Setzen wir für gaufen ein got. 



1 Wir sehen, wie so oft Fische ihren Namen dem weit geöffneten Maule 
verdanken. Sollten das bologn. gofo und prov. gofi 'Gründling' zu germ. 
*guff gehören'? 

* Vgl. die Eiklärung zu gouj^re im D. G: 'les gouffres de la raer sont 
produits par le mouvcment de deux eu plusieurs courants contraires'. 



1 



GERM. WURZELN G — B UND G F IN DEN ROM. SPRACHEN. I57 

gti/an^ an, dann würde sich dazustellen das xi.gti/are 'verspotten', 
pistoj. gufarsi 'sich verkriechen', it. gufaggine' Menschenscheu', 
it. gu/o 'Ohreule' zu einem dem deutschen ^^ö«/ entsprechenden wie 
*gi7/a, während das afrz. guvet (s. oben) zu germ. "^giih gehören 
würde. 

Theodor Braune. 



^ Vgl. x\\A. güf 'Geschrei', hindelopisch-westfries. ^ö^V//, gesprocheu 
güfjen 'eiu summendes dem Tone hu-hu-hu eulspiechendes Geräusch machen', 
bei ten Doornkaat-Koolmann, s. auch Zeilschr. XVIII, 525. 



Zur Teilungsformel im Provenzalisclien. 

(Fortsetzung und Schlufs.) 

Die Zeit von 1300 — 1550. 

Im Laufe des 14. und 15. Jahrhunderts ist noch keine wesent- 
liche Erweiterung des Geltungsbereichs der Teilungsforrael zu ver- 
zeichnen : die fl'^- Fälle bleiben weiterhin in der Minderheit. Die 
partitive Geltung des de mufs noch in vollem Umfange gewahrt 
sein, da es durchweg fehlt, wenn der Qualitätscharakter der Sub- 
stantiva im Vordergrunde steht, und da es auch noch in solchen 
Fällen vielfach ausbleibt, wo nach heutiger Auffassung zum mindesten 
einer Partition kein Hindernis im Wege steht. Im vorliegenden 
Zeitabschnitt weisen das Französische und Provenzalische die Formel 
in den gleichen syntaktischen Positionen auf (uneingeschränkte 
Objekt- und Subjektstellung, beim Abslraktum, nach Präpositionen 
und bei aiitres). Erst um die Wende des 15. zum 16. Jahrhundert 
tritt ein bedeutsamer Umschwung mit wesentlicher Erweiterung des 
Geltungsbereichs stärker in die Erscheinung. 

1. Die uneigentliche Teilungsformel. 

Yeti Tuelh qu^ades tug cumengem D^aquest laurier e qtien vianjcin 
(Guill. 345 f.; vgl. auch Such. Dkm. 147, 8 17 f. E cumergava vio vezen 
Del cors de dien omnipotm und Tert., nat. i, 15 de . . . hostia cenare, 
zitiert Thes. ling. lat. V. 57, 8) — Et el portava .ij. bosseis En 
que portava de so vi (eb. 2992 f.) — Laus fon hon pogues venir La 
dona am de sas donzelas E Iotas las donas ab elas De la vila queran 
de pes (eb. 854 ff.) — A las par anlas vengron de totz los plus savis 
homes que eran (Bari. 38, 28 f.) — PJoh.: fazem portar d'aquella 
aygua (381, 43) — tota persona que d^aquella harena portara an si 
(356. 27, 12 f.) — Sy alcun de la siaiua rahis portava sohre si 
(371, 25 f.) — esgardara lo pom e resep d'aquella sieua bona hodor 
(380. 59, 24 f.) — E en aquel luoc ha diverssas manieras de dragons, 
e aquels homes . . . gardan que aquels de las Yndias encantadrs non 
si pueyscatt enblar d' aquels dragons. Car antigamens aquels de las 
Yndias , . . ., ... tenian d^ aquels dragons, e si d* aquels non an, ... 
(351. 17, 6 ff.) — Vertat es que de lur ge?is y moriron (Boysset 
389, 17 f.). 

E cossi n oportet del S. fust de la Sainhta crotz (Turpin 50 1, 1) 
— Et tremeto y deus ?naestes (Hist. Saintel, 82; der Artikel erklärt 



ZUR TEILUNGSFOKMEL IM PKOVENZALISCHEN. 159 

sich aus dem Zusammenhang.) — iroban que ja ere viencud deus 
cahakrs qui guoardahen lo tnofiimeiit (eb. II, 164 = catalan. II, 244 f. 
enteseren quels caitallers de les guardcS ere7i venguts) — E lo maligne 
esper it pres dels peiors de se (Bari. 44, 7) — Eh pastors dels bestiars 
prenon dels petitz dragons (vorhin genannt; PJoh. 351. 17, 13 f.) — 
Prene adals viores, ä vostre plaser (Eust. 1356) wohl präsentierend 
mit entsprechender Handbewegung, vgl. einige Zeilen weiter mas 
porfaren Pan e viii per nous gostar, dann aber 1387 f. in dem gleichen 
Zusammenhang Pren-le de paii e de fromage, A ton bon plaser. 

2. Übergangsfälle. 

Letras lor va gent sagelar, Que lor volgues clers enviar Les 

pus soficiens de la terra Le noble bar de Malleo, Fty tost 

venir x. cavaliers . . ., Et aquclh qii anessen al rcj\ Que dels capelas 
de la ley Lor volgues tanlost enviar (Guill. i855flf.) — In der 
Kommunionszene eb. 362 f. E apres fey appartlhar Del vi, ayssi 
cum far se deu und der Taiafbeschrcibung eb. 1472 ff. Lo laliniers, 
de mantenent , Ea /"= cuba] facha toia refrescar, E pueyss fo y de 
Vaygua portal, Clara e fresca e tcmprada wird auf die Stoff- 
bezeichnungen mit dem bestimmten Artikel hingewiesen sein, weil 
sie unter den gegebenen Umständen selbstverständlich erwartet 
werden und insofern etwas Bekanntes darstellen. Im Verlaufe der 
Taufhandlung dann natürlich immer mit Artikel: E vay en la cuba 
pozar De Vaygua (1553 f ; ähnl. 1602) — E val Vaygua sul cap verssar 
(1615) — Chabert vay pendre demanes De Vaygua {18 26 f.) — De la 
civada e del fe Li inet daran (Ba Dkm. 1 18, 2of. = Lunel de Monteg 
[1326]), vgl. aber auch De la civada pren dtsse Un ple boishel (eb. 
118, 4f) und Mas la civada le remembre (eb. 118, 14) — Prene 
de Vor et de Vargent E anä-vous-en joiosoment. Tresor ier, vay lour 
beylar Quen tresor que vuelhan portar, No}i islar gayre {E,Visi. 1429 ff.): 
Der Kaiser hat in lebhafter Rede seine Schätze vor Augen, von 
denen die Gesandten empfangen sollen. 1438 f. heifst es dann 
auch ohne Artikel Bayto d\irgent, e queso-te; Ä^on metaii lo teiips en 
parlar, weil der Gesandte darauf dringt, das Geld zu bekommen, 
damit er schleunigst aufbrechen kann, ohne dafs die Herkunft des 
Geldes besonders betont wird: 'Gib mir Geld, dafs ich wegkomme.' 
Vgl. noch 1443: Voli-vous or ho voli argent: Die Metalle werden 
ihrer Qualität nach einander gegenübergestellt. 

3. Die eigentliche Teilungsformel. 

a) In der Gestalt de -|- Artikel: Del pa quiren coma romieu, 
AI bosc s\7i vay, vezen de tolz (Guill. 2 290 f.) — E vic aqui mantas 
herbitz E pastorals ab lots dublier s; E Vefantet fo plaseniiers E va 
lor del pa demandar. Les pastoreis Itn van donar E del vi dels 
lors barriletz; E manjec .j. pauc Vefantetz, Mas anc del vi no poc 
iastar: De Vaygua li van aportar (eb. 3302(1): während vi näher 
bestimmt ist, bleibt es \yt\ pa fraglich, ob durch dobliers der Gedanke 



l6o HANS NEUNKIRCHEN, 

an das bestimmte Brot der Hirten nahelag; in de Vaygua liegt 
wohl die allgemeine Stoft'bezeichnung vor; doch kann auch die 
lebhafte Vorstellung einer nahen Quelle den Artikel bedingt haben. 
Apparelhat fo de vianjar De perdifz frejas que p07 tavan. De dos en 
dos und'ft manja7'an Ab .j. fogasset e del vi (eb. 388 ff.) — et per so 
porta Daniel de la sendre escomidementz (Hist. Sainte I, 112 = ^ Z>. 
portet de cenres ansi escondiida?netis Bible I, IQO) — prenco de Vaygua 
et laha-s las maus (d.h. Pilatus; eb. II, 136) — Viera lo Senhor, et 
sera lo dat de Vaur de Arahie (eb. II, 20 = catalan. II, 181) — per far 
et plantar de l-aitharede a Cachon (Millardet a. a. O. S. 145: XXV. 
V°, 7; Saint-Sever 15 19). Vgl. dazu die Bemerkung § 109, S. LV: 
«Article partitif employ6 contrairement ä l'usage ordinaire (qui 
l'ignore)», aber auch per mole deu hlat de totes condicions (eb. 168, 8; 
Tartas 1505) u. ä. 

b) In der Form von einfachem de. 

Objektstellung: Pueys pot trobar el col de grans coladas, 
Pueys en la fatz de motz crnzels gantadas (BaDkm. 84, 3 f) — 
Hiiey parra tot lo vostre faii Ni qui popet de bona lail (Guill. 877 f.) 

— Homes flacx bels e gens Ai vist e ricx malvatz, E de paiibres 
cochatz Larcx e francx e jojos (BaDkm. 104, 10 ff.) — e pres de pegola 
e de reyva e d\stopas, e fes ho tot fondre tot ensemps, e puys ines y ftioc 
(Bible I, 192 = ^/ prenco pegunte et arosine, estope et fondo hac tot 
amassa . . Hist. Sainte I, 116) — troberon d^enfans (Bible I, 152 = 
trobaben masipes que anaben a Payqua Hist. Sainte I, 28) — fe-n dar 
de taus biis que lo . . . s'en bebe (Hist. Sainte I, 68) — Li an fag de 
grans auniineus (Such. Dkm. 147, 824), aber eb. 143, 676 Que li fero 
grans aunimens — eis vostres dieus a gardar et a 7nantenir an ben 
agut de fortz homes e poderos quels defeudon (Bari. 49, 6 f.) — D'argila 
et de terra ainasset Am fanga trastot e mesclet (BaDkm. 29g, 15 f.) 

— Que fay tot jorn d^aifats esquerns (eb. 295, 27) — la quäl [serpent] 
gieta de grans siblamens de motas manieras (PJoh. 348. 10, 1 1 f.) — 
prenie U7ia petita agulha de cordurar e de fhil (Boysset 340, 7 f ) — 
fon granda sason de vin . . ., e tant grattda, qtie los ermases veseroti 
de razins (eb. 393,160.) — Eust. : E you li ufrirey (V urgent (l öl) 

— masque ayam d'argent (985) — E quant vous beylann d^argent 
(1550) — vay-7ne d^aygo que/-ir (423) — D\iygo volen (1561) — 
Non credo ha7ie tastar de sal (789) — e nos 7na7idä de gent (1868) 

— Segnor efiperour, de gindarmes, Chavaliers et pro de peo7iaIho 
Amenarey eyci, sa7is falho (17 10 ff.). 

Gegenbeispiele: E van li dar aur et argent (Guill. 2893) — 
Segen que tayss, hom fey venir Joyas (eb. 2432f.) — Bible-Hist. 
Sainte: que 7ion ma7tjet ni bec ayga (I, 146 = I, 14) — li do7iero7i vin 
viesclat a?7ibe fei a beure (II, 230 = II, 136) — e do7iero7i li vi7i 
aygre a beure (II, 233 = II, 144) — No an vii (Hist. Sainte II, 44) — 
meto aygua €7i xin bassii (eb. II, 62) — que y fezessan ve7iir ayga 



ZUR TEILUNGSFORMEL IM PROVENZALISCHEN. l6l 

(I, iqq) — al filh Heu daras deniers (I, 145 f. = 1, 12) — preneii 
pretz (I, 149 = 1, 22) — e fes acampar peyras e fusta (I, 171 =1, 72) 

— qne reut peyras e talhant fusta {I, 172) — e fes e7i fir pessas (I, 158) 

— e vi eil las c eures, . . ., pezadas d'omes ... (I, 191= Fressas de 
homis ... hy hey ... I, 1 14) — compvcron onguent (11, 242 = II, 158) 

— Uott cromparain paa qiie mynge cquesta gent (Hist. Sainte II, 52) 

— e deinandet li novellas de Vost (I, 169). Vgl. aucli El bengon en 
ujies cavitus corrcdors (H. S. II, 22) — predicahe a zms companhes 
(eb. II, 46 = catalan. algunes II, 193) — et den lo gratis gautades 
(H. S. II, 1 14) — PJoh.: Cor eis bevon aygua d\ina fönt .iiü vegadas 
(360, 22) — düus lur trametra fuoc devorahle (345, 77) — portan . 

fuoc cremant e lenha sequa (362, 7 f.) — e portan peyras e lenha e tot 
so que nessessajy lur es (357, 30 f.) — dona calor e freyor atrem- 
padamcnt (367. 46, 17) — En Vintrada d'aquells vergiers ha albres 
que portan ensens e baysme (374, 19 f.) — los quals homes Iian bellas 
Violhers que han aytals dens con cans (344, 42 f.) — si es una tnar 
arenoza sens aygua gitant grans hondas e grans soflamens (352. 
20, 2 f.) — Jhesucrist fa grans ■miracles (365. 41, 4 f.) — con volem 
saher navas de totas las pars del mojit (352. 17, 29 f.) — han los 
quals donan grans b.italhas (358, 19 f.) — Boysset: gitar ragar 
aygua en Trebons (342, 21 f.) — e porlet li denies e blat (356, 13) 

— et asouderon gens d'armas et albalesties per la vila gar dar (355, 19 f.) 

— elegiron enbaysados per anar al rey de Frans a (354, 22) — 
tratnes papa Benezeg enbaysados a Roma (370, 13 f.) — fes bels 
clases (337, 17; 371, 16) — doneron gardas a Venfant (377, 30f.). 

Subjektstellung (einschliefslich logisches Subjekt): E detras 
qu'en vengro de tals Que no foro soffanador (Guill. 190 f.) — 
Esdtvenc si d. j'orn que lo si perderon de saumieras de Postal del 
payre de Saul (Bible I, 152) — Los malautes i fan portar, Vengutz 
«'/' a d'' encadtnaiz, Los quals so ende?)ioniatz (Such. Dkm. 154, 1058 fi.) 

— Ben es vers quels vost res dieus an azorat de mot savis ho?nes, e 
de motz reys son lauzatz e defttidutz (Bari. 4g, 3 f.; die Annahme 
schlechter Überlieferung oder einer Mischkonstruktion [folgendes 
Passiv + de!] liegt nahe; mot de s. h. wäre jedenfalls in dem Texte 
eher zu erwarten.) — Ont ac gran re de nobles draps Que non eron 
apparellhatz. Avia n'i de grox et de vermelhs E mesclatz tt per setz vermelhs 
E trop gran re viais d'autres draps, Brunetas et escarlatas (BaDkm. 
293, 13 ff.). — PJoh.: Los quals son en tres manieras; car lo fi'i ha 
de blanlz, de vermeyls e de negres (349. II, 4 ff.; 346. 7, 8 f.) — E 
aqui son atrobadas dii'crssas peyras preciosas, de grans, de meyanas e 
de menudas, e de diverssas vertutz (363. 37, 7 ff.) — Premieramens 
hy a .an. colompnas de pur aur e de grans e longuas, las quals so7i 
en una planesa de cayre (376, 7 ff.). Der von Suchier nicht be- 
anstandete Satz e aqui ha de motas bonas fons he d'erbas he d'albres 
de diverssas vertutz an bonas hodors (373. 54, 2 ff.) wird schwerlich 
die ursprüngliche Lesart wiedergeben,' da der Bedeutungsgehalt 
der TeilungsJormel iir unserem Texte wie in der ganzen Zeit noch 

Zeitschr. f. roni. Phil. XI, II. ,, 



102 ' HANS NEUNKIRCHEN, 

ZU stark partitiv ist, als dafs eine derartige Analogiekonslruktion 
möglich erscheint. Vgl. auch das Fehlen von iJe in Fällen wie 
una lila, m que ha toaras an grans bantias . . . (350. 14, I f.) und 
en aygua, en que aya peysses (368. 48, 13). E aqtii ha Violas de 
honas fons würde dem Sprachcharakter des PJoh. adaequater sein. 
Allerdings ist auch die Interpretation: 'Es gibt dort sehr gute 
Quellen . . .' nicht ganz ausgeschlossen, wenn auch im Hinblick 
auf das folgende (Veihas — ^/'a/^ri?^ unwahrscheinlich. Das Adjektiv 
statt des Adverbiums bzw. das Adverbium in adjektivischer Form 
auf Grund von Assimilation findet sich auch sonst, vgl. s'atrohan 
peysses enaxins con palafrens motz hels {357, 24 f).l E de jyas en pas 
son en aquella plajiea de honas hsrbas (379- 5g, 7 f.) — La vertut de la 
tersa peyra consegrada es aytal^ que, si disohre aquella peyra es mes 
de sanc de dragon, que d\iqttella hyssera iant de fuoc (36g. 48, 25 ff.). 
Doch heifst es schon wieder im nächsten, fast gleichlautenden Satze 
ohne merkliche Sinnuance: E aquel fuoc non si pot ainossar, entro 
que dtsus aquella peyra es pausal auti a vcgada sanc de dragon frech 
(36g. 48, 30 ff.). 

Im PJoh. (meist in den Zusätzen des prov. Bearbeiters der 
lat. Vorlage) hebt sich noch eine Gruppe gleichartiger Fälle ab, 
die, ohne eindeutige Partitivformeln zu sein, hierhin gehören werden. 
En lo qtial desert son de totas manieras de serpens e de bestias, que 
sotz lo cel son (346, 87 ff.) — Pres de la dicha mar . , . son alrobaiz 
de diverssas manieras de ptysses a forma de diver ssas bestias (353. 2 1,5 ff.) 
— Eft lo quäl fluvi s'atroban de totas manieras e generations de peyras 
precioszas que trobar si pueyscan en tot lo mont (363. 38, 4 ff.) — 
En gir d'aquestz montz son de totas manieras de frucz e de bonas 
herbas aurificadas an diverssas bonas hodors segon la lur forma e 
motz d'autres albres de gran vertut (363. 37, 4 ff.) — E aqui son 
de JHOtas bonas condicions de bo7is peysses aptes a pendre e de bona sabor 
a manyar (364. 39, 1 1 ff.) : 'In dieser Wüste gibt es Schlangen und 
wilde Tiere jeglicher Art . . ..' Genetisch werden sich die Fälle 
als Kontaminationen erklären aus i. Es gibt alle Arten von 
Schlangen (vgl. En lo desert son motas manieras de serpens e de 
dragons 347. 7, 23 f. — Eis encaussan totas gener aciotis de bestias e 
de serpens, de las quals retenem en nostra cort 348. 10, 16 ff. — en 
las quals son diverssas manieras de gens e de bestias e d^ autras causas 
nonauzidoyras 341. i, 5f.) und 2. Es gibt Schlangen und Drachen 
aller Arten (vgl. avia flors e albres de diver as m. Bari. 46, 26 f.). 

Die gleiche Mischkonstruktion findet sich in der Objektstellung: 
e menam an nos, . . ., de las serpens e dels dragons que han .iiii. caps 
e dds tigris e de las grans serpens que son apelladas dedentes e de 
7notas generacions de bestias e de serpens que habitan en lo desert de 
Babilonia (366. 45, 2 ff.) — nos trobdn . . . tot so que mestier nos es, 



1 Suchier (Dkm. S. 564) scheint allerdings recht zu haben, dafs das z 
kein fle,\ivisclies ist, obgleich wofz sehr oft vor pliiralischen Adjektiven steht, 
da sonst 350. 16, 11 en las torres tnoU aiitas e fortz nicht zu erklären ist. 



ZUR TEILUNGSFORMEL IM PROVENZALlSCHEN. 163 

SO es assaber de carn de ses vermels e de tres vianieras d'unicorns e 
d'' autras motas geiieraa'ons de hestias e n'' ausseh (366. 45, 1 1 ff.). 
Vgl. noch ein ähnliches Beispiel Son daiitras maneiras de noms 
q non se declinon (Donatz proensals, ed. Stengel, 6,42!'.: Hs. C), 
wo es sich allerdings um die wirkliche Teilungsformel handelt, 
aber Las Rasos de trobar 76, 27 fF., Hs. B: Saher deues que las 
paraulas feviininas i a de tres manieras. 

Item, fon ufert per los senhos II entorchas et d'argent. Item, 
per las donas quatre entorchas e d^argent (Boysset 337, 18 f.). 

Gegenbeispiele: a tin loc or ha casades de Philistes (Hist. Sainte 

I, 34) — en tine cohe en que ahe dragoos (eb. II, 26 — catalan. II, 184: 
molts dr.) — lo y avia femnas que (Bible II, 237 = H. S. II, 152) 
que lo sia agut gens esta much (Bible I, 191) — Et femnes de nostre 
companhie fon ... au monwient (H. S. II, 168 = catalan. II, 246: 
E algunes f.) — et vengron hostes al ric home (Bible I, 1 70) — 
Peyras ha per far hastimens . . . (Elucidari, ZRPh. XIII. 240, 43 f.) — 
Car aqui avia flors e albres de diver sas jnanieras (Bari. 46, 26 f.) — 
PJoh.: en lo quäl s'atroban anguillas de .xxx. pes de lonc (350. 15, i f.) 

— En aquel fluvi s'atroban peysses mot dousscs e bons per manyar 
(357, 9 f.) — En aquel fluvi son alrobastz peysses axins formalz (357, 13 f.) 

— s'atroban peysses que (364. 39, 16) — E corron hi grans peyras 
grossas e petitas (354. 24, ^i) — E en aquellas terras habitan homes 
salvages (348. 10, 5 f.) — Boysset: en l'Esthan del Rag .. non avie 
ayga a nengnna pari (330, 22 f.) — fon samenada souda en lo Rag (33 1, i) 

— pasavan e paseron caretas per lo te7nps de vendemias (330, 21) — 
iomberon peiras an plueia anh aurage (347, 13 f.) — Ite7n, morien las 
gens de bosos lo plus, alcuns de carhoncles; e moriroji y grans gens, 
plus enfans e gens jove, que autras gens (352, 20 ff.) — gens d'armas 

lur fetiron desus (373, 3) — vengron enhaisados del rey d' Aragon 
(354, IQI-)- 

Nach Praepositionen ist die Teilungsformel noch immer 
seilen. Ittm, faie un capelet de f los an de fhd (Boysset 340, ll) — 
Que ddl pais partir volio, Anoy d\irgent que el avio (Eust. 937 f.). 
Vgl. dagegen vengron an fahellas e an lanternas e amb armas (Bible 

II, 2 1 7 = H. S. II, 106) — E ayssins meteys s'amossa an sanc de 
gallinas (PJoh. 369. 48, 35) — aqui naysson albres an rams e an 
fuelhas e an frus entro mieg jorn (eb. 368. 47, 2 ff.) — si la pausan 
en aygua (eb. 368. 48, 1 2 f.) und pass. — loqual es d'aur e d\irgint 
an perlas e peiras (Boysset 391, 11) — fon gran ayganhal an nebla 
(eb. 365, 12 f.) — Ambe Spions e bastons (Eust. 196). 

Auch in dieser Periode sind die Belege für d'autres relativ zahl- 
reich, und der Gebrauch des parlitiven de ist in allen Satzstellungen 
häurio;er, wenn das Substantiv von autres begleitet ist, als unter 
den gleichen Umständen bei fehlendem autres. 

Porta X formages et d'antes causes per refrescar los (Ilist. 
Sainte I, 50 =3 Bible I, 162 e alcunas autras causas) — Et tieban 



164 HANS NEUNKIRCHEN, 

las [ydolas] en ires maneries, so es: augtines qiie tote la gent ne adoraben; 
et ai/tfs que sanahen augunes dolor s ad auguus, . . .; e los reys . . . 
qu'en ihien d^autes eti lors crainpas, ab que s confessahen , qiiant volen 
et contra lors enemicx de far d'autes causes (Hist. Sainte 11, 14 =r 
Bible II, 178 e tenian antras que s-.mavan akuns vialantes) — Et agon i 
auoims que dixon . . . El d'autes dixon que . . . (eb. II, 58, ähnl. I, 130; 
vgl. cat. II, igS E hac ui algtms qiii . . . Dixeren los altros) — (Pautre 
gent qui eren aqui, dixon (H. S. II, 54 = catalan, II, iq6 Dixerenli 
los altros qui . . .) — Venfant se anahe deportar ah d'autes infautz 
(eb. II, 36 = catal. II, i8ö; se deportabe ah d'autes eb. II, 28 = 
catal. II, 185) — Et ha tropas pariiculars proensas, cum es'. Bordales, 
Berri . . . Sentonge et d'autras (Elucidari, ZRPh. XlII. 238, 27!.) — 
Die Leys d'amors zitieren T. 11, 148 dautres en veg peccar, sagen aber 
selbst beispielsweise II, 404 alqun altre dizo — Hac n'i d'autras 
que fero pariagge (BaDkm. 60, 1) — E d'autres estrans aunimens 
Die quel fazian li sieii sirveii (Such. Dkm. 141, 58g f.) — car yeu ay 
d^autres a/nix (Bari. I7> 11) — et ay an mi d^autres frayres que 
(eb. 2T), 32) — et aporta Ven d^autres [temptacions] (eb. 57, 33) — 
D'autres miracles demostret (BaDkm. 305, ig) — Jhesus am d'autra 
companhia S'en vtngro esse ms deportar (eb. 287,25!.; 27 g, 27) — 
Un jorn de Fescola partia Afn d'autres effans quel seguian (eb. 2gg, 7!.) 
■ — PJoh.: e cargan hen hori/lans . . . e camaticuris e d^ autras gratis 
bestias de grau forssa (350 f. 16, l8flf.) — Nos avem d^ autras 
firohenssas, per las quals nos podem annar (353. 20, 8 f.) — hon 
avem facha gran via e longua e ayssins meteys d'autres menors 7'ias . . . 
(376, 24 ff.) — e davant nos fasern portar .iiii. cros d'aur . . . e 
d'autres reys e ducx . . . e barons que nos accnpanhan e portan ban- 
dieras (36g. 4g, 3 ff.) — etitre las quals si ha una maniera de dragons 
an ,vii. caps e d' autras serperis que . , . (347. y, 2^1.) — Car ha 
n'i akuns homes que son atrobalz an bannas, e d'autres an un huelh 
davant, un aiitre [Hs. dautres'] detras, e d'autres que an huelhs en 
los muscles e hau boca al pietz, d'autres que son semipes (344, igft-) 
— D'autres ho?nes son que (344, 27 f.) — D'autres n'i ha que hau 
.iii. pcS e d'autres qiie han nom Fenituri ... (344, 30 f.) — ... 
s'atroban peysses enaxins con palafrens motz bels e d'atdres enaxins 
con muls e d'autres axins coti rossins grosses (357> 24 ft.) — En 
aquel meteys fluvi son au t res peysses formatz axins con hazes e d'autres 
con hjios (357, 28 ff.) — E7t aquel meteys fluvi son autres peysses 
formas axifis con cans (357, 2)^^) — D'autres peysses son en lo dich 
fluvi mot ben formatz (357, 35 f.) — ha albres pendens ham rams 
d'aur e fulhas d'aur e d'autres de saphilis . . . (384, 64, 7 f.) — la 
quäl [caverna] es mot escura e pregonna sens fin an d' autras diver ssas 
cavernas (351. 17, 3 ff., vgl. S. 4g) — Los savis meges . . . prenon 
d'aquella polvera de las serpens crejuadas an d'autras erbas de salut 
(362, 23 ff.) — De que lo rey fes ostar la testa ad alcuns e d'autres 
fes negar e pendre (Boysset 373, 13 f.) — car los uns vollen, . . ., e 
d'autres mm (eb. 337, 2g f.) — e si tardes, luy e d'autres foran 
tomhatz (eb. 3g3, 6 t".) — an d'autres senhos del Rey Lois (eb. 385, 21) 



ZUR TEILUNGSFOKMEL IM i'KOVENZALlSCilEN. 165 

— an d' aulras gens (eb. 367, 23 f.) — en Cr au et en lo Bares c res 
iVautras partidas (388, 7) — am diverses aulres senhors evesques . . . 
. . . e dauires Valens gcns (Le petit Thalamus de Montpellier. 1840. 
461, 15 ff.: 14 15) — e dauires gens ses no?nbre (eb. 342,5: 1302); 
doch vgl. am aicus auires (355, ii: 1358) und et alctins autres 
(362, 32: 1362) — ab d-auires vesins e hauiiaiiiz . . . (IMillaidet 
a. a. O. S. 89, Villeneuve 1406, 19 f.) — ab d-auires officiers esians 
publiquementz (eb. 51, Roquefort 1447, 3) — Mdre d' auires uficiers 
(Eust. 2009). 

Gegenbeispiele: E cossi et inainhs cors de mainhs sainhs e aulras 
reliquias colloguel en aur e en argen (Turpin 500, 41 f.) — quan no 
avio aulres onguens (eb. 509, 6) — on nianiavo alqiis vestitz en habit 
de cavalher e alqus aulres vestiiz de habit de morgue e aiqus autres 
canonges vesliiz amb aibas blancas e autres en habit de clers (eb. 490, 7ff-)- 
alqus autres hat so ziemlich die gleiche syntaktische Funktion wie 
d'autres, das dem Turpin fremd ist. Mit ausgesprochen qualitativer 
Geltung: que eres podossati prener autes mar Hz (Hist. Sainte I, 50: 
'neue M.') — ■ Ju dizes de tu meieys, ho autras fo dysseron de fni? 
(Bible II, 226) — atreci s'esdevengron autras causas (eb. II, 227) — 
ni per autes causes (Hist. Sainte II, 78) — en frugz, blatz, ovelhas et 
aulras bestias copioza, en cervis et au t ras salvagginas habundoza (Eluc, 
ZRPh. XIII. 237, 6if. ; ähnl. 238, 34 f) — FA so manias guizas de 
cithara, et aicunas so cayradas et autras de ires angles (eb. 251, 1 6 f.) — 
et en quascti camp haia aybres de manias guizas, quals so poniies . . 
noguies et autres diverses (eb. 245, 3 1 f.) — E pren aur et argent e 
peyras preciozas e vestimefis et aulras riquezas (Bari. 5')33f-) — 
Son autres prezicadors mays tu (eb. 20, 1 2) — an forquas es an 
rast eis e anb autres artißssis iftiran eti lo bosc (PJoh. 362, 14 f.). 

Auffallendervveise bieten die durchgesehenen Texte diesmal 
keine Beispiele für die Teilungsformcl bei alcuns, trotzdem das 
Pronomen häufig gebraucht wird; vgl. noch vuelh recontar aicunas 
meravilhas (PJoh. 357, 11 f.) — En aquella fönt s^atroban aicunas 
peyras preciosas (eb. 361. 35, 10 f). Doch bietet PJoh. einen Beleg 
für partitives de bei adjektivischem diverses, in dem bald die 
quantitive, bald die qualitative Komponente vorherrschend ist: En 
aquel fluvi troban aquellas gens de diver ssas ('verschiedenartige') 
peyras preciozas, ayssi con saphirus, maragdes, yaspis, calcadoyncs, 
. . . e motas d\iutras peyras precioszas (364. 39, 7 ff.); aber: en las 
quals son diverssas geris (344, 18 f) und per eis . cantan diversses 
caniz de musica (384. 64, 17 f.). Lokal-partitives Beispiel: La taula, 
en que prenem de diverssas viandas, es de precioszes maragdes 
(372. 51, 40 ff.). 

Das früheste Beispiel, das sich aus den durchgesehenen Texten 
für die Teilungsformel beim Praedikatsnomen beibringen läfst, 
ist Eust. 106 } Ey! sia certas de beous giirsons. Boysset 356, 16 f. 
e las pt'iras eran grosas couia I huou de galina e de plus grosas — 



l66 HANS NEUNKIKCHEN, 

de beim Praedikatsadjekliv — wird Anakoluth vorliegen bzw. / avia 
nach e ausgefallen sein. Im 14. Jh. heifst es im PJob. iiocb: e 
son gratis cassayres am besiias (346. 6, 6) u. so pass. 

Das r/f-Objekt bei den Verben saber, ensenhar u. ä. 
niniint auch im Provenz. eine Art Mittelstellung zwischen Respektiv- 
und Partitivobjekt ein. Wenn de wohl seinem Ursprünge nach 
respektiv ist (vgl. Meyer-Lübke, Rom. Synt. S. 386 und E. Appel 
S. 57), so war es mit der fortschreitenden Ausdehnung der Teilungs- 
formel parfitiver Umdeutung fähig, die vor allen Dingen durch 
Fälle wie Flaraenca i 138 Aitan sai con 7'os de barat ermöglicht und 
gefördert wurde, in denen durch ein Menge- bzw. Intensitätsadverb 
der Grad der Kenntnis angegeben wurde. Dieses de konnte 
späterhin selbst auf die Ausbreitung der Teilungsformel fördernd 
einwirken. 

Manche Beispiele, bes. solche mit dem Verb aprendre, lassen 
sich auch ohne weiteres den eigentlichen Partilivwendungen zu- 
rechnen, z. B. Et a cap d'una gran sazon quel li'ac apres d'auires 
mals qu^ el avia faitz (Troub. 24 b. 13, 3 ff.) angesichts der aus Troub. 
angeführten Fälle ähnlicher Art mit anderen Verben; weniger 
sicher Aprendon de Vescrima (MW. II, 2IQ), das Schultz- Gora 
(Elementarbuchs, S. 118 und Herrigs Archiv 134,492) als Beleg 
für das Partitivobjekt (mit Artikel) zitiert, während Beisp. wie Avia 
ires enfanz antre mans, Que'ls enstynava de clerzia (Hon. 172. CVI, 4 f. 

— e totz los princeps el essenhet de tota sciensa (Turpin 516, 1 1) — 
Si con sels qne nCensenheron d' esirolomia (Bari. 4, 39) — e fort mon 
maystre que tii ensenhet de letras (eb. 32, 7) mit gleichzeitigem 
Akkusativobjekt der Person nur respektiv zu deuten sind. 

Weitere Fälle verschiedener Geltung: Pro sabra d\irt toz 
homs qe'us ine soslraia (Appel Chrest. 94, 6) — Tan sap d^ engen h 
e de ganda (BVent. 26, 15) — .j. Surias que sabia mot d'oslrononiia 
e del cors (e) de las eshlas (Prise Damietle, Prophet., vor i) — Per 
Dien, trop sap d' encantamenlz E d^engans aquest cavalliers (Jaufre 94 a) 

— Saps pron d'agur e pron de sorl (Flamenca 1791) — Que de 
letras sabes assas (eb. 2308) — pauc sap de plag (eb. 1239) — e 
saup grati ren de las autrui cansos (Troub. 50 b. XXXVIII, 3 f.) — 
e car el saup plus d'amor e de domnei, e de totz los faitz avinens, e de 
totz los ditz plazens (tb. 66 b, 4 ff.; ähnl. eb. 54 a. IV, 4 f.) — Tant 
sabia de l^astrolomia E de l'art de nigromantia (Hon. 91. XLIX, 13 f.) 

— Pron sabes de inalast rucs playtz (eb. 125, 10 1) — sabia mot 
d'estrolomia (Bari. 31,34) — sabia mot de gienh e d^art (eb. 42,3) 

— mot sabia de mala art (eb. 42, i f.). Ohne c/^ -Verknüpfung: 
Chdiisos e lais, descortz e vers, Serventts et auires cantars Sabia plus 
que iiuls joglars (Flamenca 1706 ff.). Ohne Mengewort: deutlich 
respektiv saup d'amor e de domnei, e tot so quen era (Troub. 63 a. 
II, 6 f.); respektiv -partitiv vec vos un message de Karies, que sabia de 
totz lenguagges (Gesta 62 7f. = qui sciebat omnes linguas). Ohne 
de: saup molt be letras (Troub. iii a, 2f.; ähnl. 49a. XXX, 5; 49b. 



ZUR TElLUNGSFüKMIsL IM PKOVENZALISCHEN. 167 

XXXIII, 2, WO man später den bestimmten Artikel ei warten würde). 
= Lai apres tan de las .vii. arlz (Flamenca 1623) — Gran rat 
amparet de Vautrui saher (Troub. 51b, :ii2) — Podon i mot 
apendre de sen e de hei dit (Alb. 24). Z^d-- Objekt ohne Menge- 
ausdruck: Apres de Vart esperiial, Laysset estar la temporal (Such. 
Dkm. 129, 137 f.) — Apres a Bolonha, hon? Aquest rics hom, de 
plagesia? (Flamenca 1224 f.). Ohne de: &" apres letras (Troub. 62 b. 
XI, 4 — 35 b. XXI, 3) — E quant ill ctnderon que ampares lelras, 
el amparet canscs e vers äf sirventes e tensos e cchJas (eb. 5 i b, g ff.). 

4. Die Leys d'amors und das partitive de. 

Die Leys d'amors behandeln und interpretieren das partitive 
de nach Quantitätsadverbien und -adjektiven im Zusammenhang 
der Kasuslehie beim Genitiv, ohne den wahren Funklionscharakter 
der Präposition zu erkennen. 

T. II, 1 14 heifst es: „Las habitutz del genitiu singular masculinas 
son. del e de, las femininas de. e de la. 

E devetz saber que granre de locutios son que han aquesia 
habitut. de. que no son de genitiu cas. cant al significat. ans son 
de nominatiu. o dautre cas. coma mays de vertutz son en la Vcrges 
Maria, que en sania que sia. o mays ha de be en Tholosa. quen ciutal 
desta terra, et aysso vol dire que major he sott en Tholoza qtcen autre 
loc de la tera. o enayssi granre de vertutz son en las herbas quom 
no las sab. granre de vertutz me son oblidadas. A granre domes he 
auzit dire aytal cauza. et enayssi dels autres cazes. o enayssi Ber- 
trans e dautres motz son vengut en la vila "' . ^ 

Bemerkenswert sind die anschliefsenden Ausführungen, wo 
der Typ scelus hominis (vgl. Tobler, Beitr. P, 134 ff. und Meyer- 
Lübke, Rom. Synt. § 240) erwähnt und die Präposition de mit dem 
selbst nicht verstandenen de nach Mengeausdrücken richtig auf die 
gleiche Stufe gestellt wird: „o per esta maniera aquesta hestia dorne, 
no sah ques fa. vos donatz so que havelz. ad aquela hestia d^ome. et 
enayssi dels autres cazes coma on may gardi aquela hestia dotne 
mens lo prezi. et aytals locutios sufertam. quar son acostumadas. e 
quar hom nespremish be. son entendemen". Vgl. auch III, 308. 

Es ist auffällig, dafs die eigentliche Teilungsformel hier nicht 
wenigstens auch registriert wird, zumal gelegentlich Beispiele mit 
partitivem de, allerdings aus anderem Anlafs, zitiert werden; so 
III, 238 Sab Dieus si lay ha de hos vis. Man kann sagen, dafs die 
Redakteure sich ja in der Hauptsache am hon usage, an der Sprache 
der hos antics trobadors orientierten und nur in zweiter Linie und 
mit Vorsicht das Beispiel der gesprochenen Sprache heranzogen, 
mufs dem aber entgegenhalten, dafs die Trobadorpoesie, in welcher 
unsere volkssprachiiche Konstruktion allerdings weniger günstigen 



' Die Leys d'amors selbst verbinden übrigens autres ziemlich selten 
durch de mit trops, tropas und moutz, moutas : e iropas dautras (II, 176), aber 
En motas aiitras manieras (III, 14), de trops autres (II, 160 pass.). 



l68 HANS NEUNKIKCHEN, 

Boden l'and als etwa in der breiten epischen (Prosa-)Erzählung, 
doch die Teilungsformel in charakteristisclien Beispielen aufweist. 
Molinier wird also einer Auseinandersetzung mit der Partitiv- 
wendung aus dem Wege gegangen sein, weil er sich mit der für 
ihn sicher wenig klaren Konstruktion, deren Wesen er nicht er- 
kannte, nicht befreunden konnte. Eine Ablehnung kam nicht in 
Frage, da die Trobadorsprache ihren Gebrauch sanktioniert hatte. 
Jedenfalls dürfen wir aus Moliniers Stillschweigen keine Rückschlüsse 
auf die Verbreitung der Teilungsformel in der Sprache seiner Zeit 
ziehen. 

5. Syntax der Teilungsformel um 1500. 

Die entscheidende Entwicklung mufs in die zweite Hälfte des 
15. Jahrhunderts gefallen sein. In dieser Hinsicht ist etwa die 
Sprache des Eustachius-Mysteriuras — überhaupt der am Ende 
des 15. Jahrhunderts im Brianconnais entstandenen Mysterien, 
vgl. E. Appel, S. 1 2 ff. — charakteristisch , das von den durch- 
gesehenen Sprachdenkmälern die Teilungsformel zuerst allgemeiner 
und in bislang noch unberühiteu Positionen gebraucht (s. S. 165).! 

Noch deutlicher zeigt das leider wenig umfangreiche Bruch- 
stück des um 1500 anzusetzenden Prosaromans Tersin (Rom. 
I, 51 ff., ed. P. Meyer) den neuen Zustand: das partitive de erscheint 
sogar bei Substantiven im Vergleich mit coma, wo keine Quan- 
titätsvorstellung im Vordergrunde des Bewufstseins steht, und fehlt 
durchweg nur da, wo sich das Ausbleiben durch die besonderen 
Umstände der Aussage begründen bzw. nach psychologischen Ge- 
sichtspunkten zurechtlegen läfst. 

Objektstellung : per far venir de gens et leur donnar secours 
(A 67, 7 = B Tersin e Thibau . . . delibcron si d^aver de gens en 
leur secours) — per nver de gens (B 67, 7: zweimal) — 7)iays loii 
prince Jaume . . . qn^avia mandat d'espions (B 66, 5) — Carlemay7ia 



* Dagegen klingt liie Behauptung Ronjats (Essai de syntaxe 47), dafs 
das partitive de ohne Artikel mit Stoft- und Gattungsnamen schon bei Boysset 
eine geläufige Wendung ist, angesichts des von uns vollständig angeführten 
Beispielmaterials übertiiebcn. Vermutlich stand Ronjat, als er den Satz nieder- 
schrieb, unter dem Eindruck einer von P. Meyer (Rom. XXIT, 126) aus Anlafs 
der Boysset-Hss. gemachten Bemerkung: «Je signalerai un emploi de de 
partitif qui est acluellement tout ä fait habituel en proven^al, mais qui , ä ma 
connaissance, n'est pas usite au moyen äge, du moins dans les textes litteraires: 
'fay, si podes que y aia ^^enfans', fol. 109. Cf. RLR., 2e Serie, XII, 115.» 
Dieses Urteil aus dem Munde des hervorragenden Kenners des Provenzalischen 
ist angesichts der tatsächlichen Verhältnisse etwas befremdlich. Übrigens steht 
a. a. O. nichts, was hierhin gehört; es dürfte RLR. XXVI = 3^ serie, t. 12 c 
gemeint sein, wo Chabaneau in den Anmerkungen zur Vie de sainte Marie 
Madeleine S. II5 schreibt: «Emploi (au v. 602) de la preposition de ^ sans 
I'article, dans le role de l'article fran^ais dit partitif: prenes d'argent e d^aiir. 
Cet idiotisme est surtout propre .lux di.n'cctes niöiidionar.x de la langue d'oc. 
Dans celui du limousin, comme cn fran^ais, l'article n'tst exclu que si un 
adjectif preceJe le subst.mtif » mit der Anmerkimg: «Cette nuanre echappe 
facücment aux gens peu instruits du Midi quam! ils parlcnt fran^'ais. :■ 



ZUR TEILUNGSFORMEL IM l'ROVENZALISCHEN. 169 

fa meltre sas gens en hon ordre, car el avia agut de noiivelhis que 
Tersin venia embe granda armada (B 64, 3) ; aber dounar ajuda 
(A 63, 2) — Si nos aidres aveji hon courage a nostre creatour 
(A 65, 3; ähnl. A 67, 7: zweimal, B 67, 7) — inais prenes couragi 
(A 65, 3) — demandar secours (A 67,7): alles formelhafte Wen- 
dungen, in denen auch im modernen Französischen und Proven- 
zalischen die Teiluiigsformel noch fehlen kann oder auch ausbleiben 
mufs. Ahnlich auch non podian aver viluaiUe (B 67, 7) : gedankliche 
Einheit. 

Subjektstellung : que dins Aguassin non y avia aidre gent qu'aquel- 
lous (AB 66,5): negative Wendung, in welcher der Gedanke 
stark auf die Wesenheit gerichtet ist (vgl. E, Appel). 

Nach Präpositionen: al pont per oni Vaigua de la fönt venia 
a las Arenas d^Arles per d'aqtieducs siihtilavunt bastiz (A 64, 3 ; ähnl. 
67, 6); aber a7nbe Roland et autres (A 64, 3): in dieser Verbindung 
hat sich de nie restlos durchgesetzt, vgl. noch neufranz. et autres. 

Im Vergleich mit coma: et vy venir lou camp dels Sarrazins 
qiCen y avia viais de trenia millia qu'eyssian d'aquel bosc comma de 
cans contra lous paures Chrestians (A 65, 4) — Aras es temps que 
fassan comme gens vaillans, et que sian hardis coma de lions (A 65, 3). 
Im ersten Vergleich wirkte die überwiegende Qualitätsvorstellung 
{vaillans) hemmend. 

PJoh. hat noch kein Beispiel für parlitives de im Vergleich: 
e . los endreyssan ha cassar ayssins con autres cans (348. 9, 5 f.) — 
los quals son Sarrahins, que de Venhorigol en stis son ayssins con home 
e de Venhorigol en aval ayci con cavals (348. 10, 2 ff.) — menan lo 
cap e la coha .per terra . . . axins con cans (351. 17, 25 f.) und so 
gewöhnlich. 1 Boysset 38g, 20 s'en torneron coma avols gens e croias. 

Auch die datierten Urkunden und Aufzeichnungen aus den 
Departements H.-Alpes, B.-Alpes und Alpes-Maritimes, die P. Meyer 
in den Doc. lingu. besonders lür die Zeit von ca. 1450 — 1550 
zusammengestellt hat, geben wertvollen Aufschlufs, inwieweit die 
Teilungsformel bereits ein integrierender Bestandteil der Sprache 
geworden ist. Wenn derartige Dokumente (Protokolle und Be- 
schlüsse von Stadt- und Gemeinderatssitzungen, Polizeiverlügungen 
und Sendschreiben der Räte und Bürgermeister, Kassenbücher und 
-belege der Schatzmeister, Bittschriften einzelner Bürger und Tage- 
buchaufzeichnungen) bei der Begrenztheit der Materie und der 



' Aber .luch mit dem bcslimmlen Artikel: han lo ^argasson gran 
enayssins cott los auriflans (344, 40 f.); schließlich auch im Singular mit dem 
unbestimmten Artikel: En nostras partidas son cans salvages, ayssins grans 
coti un caval (348. 9, I I.) usw. — Eigentümlich ist eine andeie Verwendung 
von de nach coma, anscheinend in modal, r Fuiiküon, die bei Raynouard und 
Levy nicht ci wähnt ist: Em fa dire lo mot coma d'otne vencutz (Such. 
Dkm. 238, 757) — Coma d'aqiiilh que qii,ro7i aia cayso?i (Noble I.c^on 351; 
so auch in der modernen Wiedergabe aus Val du Queyras und Vallöe 
St. -Martin = 'Comme ceu.\ qüi, niainlen.ant, cherchent accusation'). 



170 HANS NEUNKIKCHKN, 

formelhaften, knappen Si)rache auch wenig Gelegenheit zu syntak- 
tischer Variation bieten und die Partitivvvcndung nur in bestimmten 
Wortgruppt-n und Zusammenhängen aufweisen können, so ist die 
Tatsache, dafs die Konstruktion in den stereotypen Kanzleistil 
gedrungen ist, bedeutsam genug. 

Im Gegensatz zu einer historischen Darstellung der Teilungs- 
formel im Französischen, das immer mehr dem Ende des Konsoli- 
dierungspiozesses als festumrissene und geregelte Schriftsprache 
entgegengeht, läuft die Darstellung der provenzalischen Formel, 
wenn man von der künstlichen Schriftsprache der Trobadors 
absieht, auf eine Betrachtung ihrer Entwicklung in den einzelnen 
Dialekten hinaus, welche in den verschiedenen sprachlichen und 
literarischen Denkmälern ihren schriftlichen Niederschlag gefunden 
haben. Da aber eine Reihe von Texten eine mehr oder weniger 
stilisierte und oft von der lateinischen Syntax beeinflufste Diktion 
zeigt, dürften sie nicht immer ein getreues Bild der Teilungsformel 
liefern, wie sie in der Volkssprache lebte. Soweit die Aufzeich- 
nungen der Doc. lingu. von weniger gebildeten Personen herrühren, 
sind sie geeignet, die tatsächlichen Verhältnisse besser wieder- 
zuspiegeln. 

Hautes- Alpes. Brian 9 on 1495 (Lettre missive): a) avian 
ititroduil alcuns dals segnours et d'aulres (427, i); b) jv avian mamhi 
gent que solicitavan . . . (428, 2: attributive Ergänzung, auf die sich 
der Gedanke in erster Linie richten konnte.) — non chalio far 
autras provas (42g, 3). Ratne (Livre de raison): a) 1478 loar de 
buous (435, 22Q) — 1477 ^^ M que mueryou de la bestie 
(435, 228: ^q^^!il mourrait de la bete^ = 'meme au cas oü il y aurait 
une epidemie sur le betail'). Guillestre 1539 (Monitoire): a) am 
[-be] de servieytos, platz et aiäre meynage (437, 6); b) occultario alcuns 
estrujiientz, quitansos hou aiiltres scriptiires (437, 5). Embrun 16. Jh. 
(Lettre missive) : a) en vous pr[e]ant que vous plaso de me donar 
d\irgent del tens que ay vaca al clochier ... (448: man erwartete 
eher den bestimmten Artikel ohne de). Tallard (Compte): a) 1526 
per de clavels per sarar Porta Bello — per de latos (472); 1527 
a porta d'aprunos — per de pan e de vin per donar a beure a les 
gindarmos — per de garamp fficelle^) per liar las informations (473). 

Basses-Alpes. La Breole 1562 (Comptes mit vielen fran- 
zösischen Wörtern): a) per portar d'argent (183,46) — per far 
aportar de vioures (184, 52) — per mandar de vioures a Seyno 
(182, 30) — per de pam (182, 32); b) douas quavallos ung jort et 
demi a fem et sivado (182, 32). Seyne 141 1 (Co.; « . . . J. ... n'etait 
pas un ecrivain exerce», S. 198): he monjtn de bescuec {20^, ^S)\ b) per 
pan e per figas e per avelanas (200, l) und so pass. — . . . e diverses 
autres (20 1, 3) — per spiar si aquilli . . avian achanpa jenst (206, 49), 
1546 come particulares de lad. ville (229, 8 f.). Digne: a) 1425? (Etat 
de d6penses. «Le fournier Jean de Roca . . . etait visiblement peu 
letfr^», S. 291): Item, ay paya de compra de la chaus florins set (292), 



ZUR TEILUNGSFORMEL IM l'KOVENZALISCHEN. I / I 

1441 (D^liberations) : . . . qiie lo se compre de lela que sera neccs- 
saria per far de saquetz en que se vietan las escripturas (260), 
1445 que se compre de fusta per . . . (275 Anm.); b) 1427 (Regle- 
ment sur la boucherie): que non s'atroharia chart hal niasel, que fos 
jort de 7na[ujjar chart (248, 15), 1434 adure et far adure vm (250; 
ähnl, 251), 1436 comprar hlat (negat. Satz, 252), 1441 que denguna 
persona que a ev/atis per ensaihar non Jos fassa enseiihar . . . (259) 

— quant en los autres hans se hanharian homes e dcnnas honestas 
(261) — . . . et dtversas autras causas del vionestier {262; ähnl, 267), 

1442 en fazent justicia a J. cosczin, et autres hons portamejis . . , 
{262), 1444 que en esta vila aga diverses hostals (267) . . . «0;/ auze 
vendre vm (268), 1445 tota persona que aya vht . per vendre — si 
aduzia vin de fora — metre vin (26g) u. ä. Beisp., 1449 per autras 
causas (273), 14 50 touts hostes que alber gar an gens en lur hostal (278). 
Entrevaux 1570 (Co., «texte assez melang6 de fran^ais»): b) per 
fayre riostes et chohrions (290, 24) — e7isemhle certos autros pessos 
(299, 2;^\ ähnl. 300) — per portar certos lettros (30 1; ähnl. 300). 
Castellane: a) 1474 Del. que los balie d'argent . . . (305), 1548 
(Procesverbal) l'on va comprar de hlat a hostalaries {^\\)\ h) fachent 
pain per vendre (311). Forcalquier: a) Livre-journal 1332, 30. 4. . .. 
per de drap que a pres lo prior ^339, 173), aber 7. 4. tant per drap 
quant . . . (338, 160), 1478 (Etat de depenses) querre de mossa 
(342), 1478 (Proces-verbal) . . . que fassa ho aucisa de cars bonas 
et sufficiens, que 710 sian revas ni chastrols 7ii aultras cars con- 
trarias (346), 1489 Co. Ite77i, compare lo susdich en de huous, . . . 
(353), 1495 (Etat de dep.) anar sercar de agla7i (319) — per de 
fogassas — per de fromage (350) — per de sayn per honher lo 
carre . . . (35 1), 1517/18 Co. per 7nurar de frachas del harri (355) 

— aver portal de lenha et de gavels (356) — aver C077iprat en plusors 
fes de papier (354) — per donar a bture a de paures passans (355) 

— per de talliers, sive e7ifistaviens, que a fach . . . (357); b) 1476 
(Ordonnance de poüce municipale) hont auria noguiers (341), 1478 

. (Etat de dep.) tant en post coma ai clavels (343), 1478 (Proces-verbal) 
que fasa bonas operacions (347), 1495 e7i especias (349) — per vin 
(350) — portava letros (351). ReiUane 1415 Co.: d^ per de fusta 
que avem agut ... (366). Manosque: a) 1460 Co. per veser 
d'eguas (3S4, 10), aber wohl kein partitives de in per veser de las 
eguas de 7/ia da77ia (384, 10) — 1462 Co. ve7iguet quere d^argent que 
la vila li dtvia (388), 1464 disia que y fera venir d'aygua dal gros 
da la canba de ung ho7/ie (390), 1465 per aver d'egas a calquar lous 
blas (392); b) 1397 ... si li vila fasia 7nolre de sos blats propres 
per presentar per pagar saudadiis, non s'en page rwa, si no que lo 
compres que l^enpru7itts blat, e d'aylal page, et que tot forestier que 
si (sai?) adurran pan farina per V(7idre . . . (378), 1409 qui vendra 
vin — qui comprar a vin u. ä. Beisp. (378), 14 10 que portara fara 
portar a7i7iona autres blas al 7/iolin per molre (381), 1460 reguar- 
darlos boscs, si y avia aglant per los pors (384), 1466 aca)7!par caus 
e arena e peyre per lo nede de la fönt (394)- Riez: a) 1512 Del. 



172 HANS NEUNKIKtHEN, 

(h portar irar^^enl per rcsctne aqiiellos ekgis per la chiclma ... e de 
comprar (Valbarest(i[s] . . . ei de far allras causas que hir sera neces- 
sarias (325), 1520 a hailal de fustalha per adobar lo molin (326); 
b) e si fa beson de donar urgent a calque capiiany (324). 

Alpes- Maritimes, (irassc: b) 1455 (Lettre) vos avisam que 
alains Jenovexes son s/as ajsi per comprar grans (495), 1495 Ma 
persona que agiiessa agut arnes de lad. ciiitat — constitiiir {u. ordenar) 
novels guages (490), 1502 lo/a persona que adurria peysson de la 
inarina (493, 2) — ... que compre peys (493, 3 ; ähnl. 494, 4 ; 
494, 6) — non ause vcndre dengun peysson per Hains (494, 5). Vence: 

a) 1434 (Co. «Tout denote chez l'ecrivain beaucoup d'inexperience 
et d'in attention», S. 519): he per iij hanynas d\mona que haguifn 
. . ., e per de /alias e per de pahnola que haghn dUl (522, 20), 1533 
Co. aneron adurre de lohatons (530, 48) — per comprar de civada 
del fornier (533, 83) — per anar cercar de civada per las gen s d\ir- 
mas (535, 9) — Item, per de cart salada, . . . Item, per de saffran, 
. . . Item, ptr ci Irans et sal, . . . Ite?n, per de mos tarda (536, 11), 
1536 Co. . . . que aduguesson de blad e de bestiam, sive average 
(540, 26) — per far d^agus per la grua (541, 35) — ... que por- 
tessam de vieures a Grasso (542, 47) — per talhar de bastons per far 
de bastons f er ras (545) — per de plomp comprat per los sende gues, 
per far los malhes (538,9); b) 1533 sonar lo gach et autras causas 
(527, 10; ähnl. 528, 18), 1536 per far farino et pan per lad. monition 
■ ■ • (543) 3) — P^^ ^' requerre que non aguessem gens d^armos a 
Venso (541, 37) — oultra la somma que hau pagat particulars de 
Venso (539, 16). Antibes: a) 1473 Del. . . . trohar une barca e de 
mariniers per anar querre de grau (503), 1 506 Co. a portal de peys 
(506, 21; 507, 22) — per de causina que a comprat . . . (507, 40) — 
per de taulas de viele, per doblar los portals (507, 39), 1509 Co. per 
de peyras de bonbardas (510, 20); b) 1473 Del. aqiuilas personas que 
fan pan a vendre . . ., que non aiison vendre del dich pan (503 ; 504)> 

1 500 (Regl. de police) : que deguna persona non ause culhir herba 
(515, 20) — touta persona que stacara bestias sauminas, mullatinas 
ho egtiesinas en canips ha ferrayas que y aye figu'eras ho albres fruchals 
(513, 6), 1506 per novellas de fustas (507, 38) — i 509 . . . aduysse 
novas de galeyas de ?Ji(d (510, 18). En traun es 161 1 (franz. mit 
vielen provenz. Wörtern) : bailhar . . . ung cestier de öle de ranto et 
semblabltynent des augmentz femelz que se travalharan (567). 
Guillaumes: a) 1561 Qo. per nous far entendre de novdhos (559, 36), 

157 1 (Co., stark franz.): per de fere que a baihat per . . . (562); 

b) 1561 per pargemins qua bailat per ... (556, lo). Puget-Th6- 
niers: a) 1536/37 avem vendut del gip que ero a Sanct Augostin 
(572, 20) — avem comprat del fabre Dauverna de fustas per . . . 
(57'> 3) — avem comprat de Stuepos per vietre en losd. bastions, . . 
Item, en d'agus a Gl. B. (571, 4) — per portar de perdisses (571, 8) 
— per de teules (571, 1 2) — per de sniepes et agus (571, 13), 154^ 
Co. entre far et aponchar de senep^^s (574, 30) — . . ., per portar a la 



ZUR TEILUNGSFORMEL IM PROVENZALISCHEN. 173 

gleysa, de fustalha del pont (574, 32) — per acainpar de taulas que 
serreron al Paget per metre al pont (57 5> 3?) — P^^ portar de saqs 
a C. per adurre lo blat del paneiier (576, 49) — ... que portessan 
de pollalha et cassa ... (576, 55) — per aponchar de senepes, et far 
de novos per ... (577, 63} — Itein, de agus et de ferre per far lo 
resort . . . f. j. g. ij. (576, 52; älml. Item, de cor das per lo reloge et 
grame que fon necessari ... 577, 57) — per de l.gnavi per far lo 
pont (574, 17) — per de filh d'aram per lo reloge {577, 56), 1551 Co. 
per de senepos haylados a ... (582, 5), 1552 per portar d'ayga 
(580, 18), de causina (581, 37), de gip (583, 6) — per de clavels 
per la porta . . . (580, 2i) — per d'amarmas (580, 31) — per d'agus 
(583: 12, 17, 10, 20) — 1607 Co. per haver aquanpat de jip (585,8), 
pourtat de papiers (585, 15) — faire de inoiito (58g, 65) — per nous 
venir vendre de quanebe per de quordos (587, 40) — per de jip pres 
aquo dal . . . (585, 9) — per de taulos (588, 45) — per de des- 
penso que li avion facg . . . (58g, 58), 162g Co. far levar las com- 
pagnios que si trovavon nel present luech aver de contribuentz que 
eron de Giletto (5g 2, 2); b) 1548 avem fach cassar perdisses et lebres 
per viandar . . . (577, 59), 1562 (Testament) laysa per pauras fil- 
has a maridar ... (5g6), 1607 taut per ponchairar que faire croses 
a la gravo (588, 46), 162g ambe enfvitz (5g3, 15). Roquebilliere: 
a) 1548 Co. portavo de lobalons (608, 7) — fayre de entenas (610, 30) 
— per de fen (60g, 14) — Item, plus per de avena et fen (610, 29), 
154g aven pagat a de pauras figlas de sta villa que portavon entenas 
a Nisa per quere de blat de la cabeiisa (610, 37), 1567 avem des- 
pendut em de fere en tot lieuros 18 . . . Plus avem despendut en de carbo 
per far . . . (613: 28, 2g), 1568 per de carbo per far . . . (614,36), 
1572 avion de lobatons (Ö15, 7) — Plus, lo 2;^ de Jun, es vengut de 
saudas de justisia de Turin, quals menavan de preso7ties (614, 4) — 
per de sobreeticans de rnohns (615, 10); b) 1548 per aver twvellas de 
los /eres del molin (608, 2). Nizza: a) i458/5g (Lettre) e y a de 
honas raubas las cals tenon que son de Jenoeses (62g), 1484 (Regl. 
de la Confr^rie . . .) : per audir rendre las rasofis de las causas que 
auran governat . . los rigidors, et far de novels (630, 6), 1555 haian 
da donar et laissar en dicts nais d'aiga a suffice?ttia per . . . (Rom. 
XXV, 79), b) 1484 (Regl. . . .): far dire messas (Rom. XXV. 72, 11), 
1555 estendre lins et canebes (eb. 78 f.). Der Chronique iii^oise des 
Jean Badat (1516 — 1567; Rom. XXV, 33 ff.) ist die Teilungsformel 
ganz fremd: mi venget a dir li appareglessam logisses et vitovaglos 
(57; 1524) — si volia pam ho vim (58; 1524) — per che no ti fidar 
laisar intrar gent de guerra (58). 

Tn den Satzstellungen, für welche die Doc. lingu. im 16. Jahr- 
hundert ausreichendes Material bieten — bei Stoff- und Gattungs- 
bezeichnungen als Objekt und nach Präpositionen (bes. /»^r, weniger 
ab, en, a) — fehlt also das pardtive de fast nur in formelhaften, festen 
Ausdrücken und bei vorwiegend qualitativer Geltung der Substan- 
tiva und. tritt andererseits schon unter Umstanden auf, die den 



174 HANS NEUNKIKCHKN, 

sprachlichen Ausdruck einer Quantitätsvorstellung nicht besonders 
nahelegen, so dafs die Tendenz der Entwicklung zu demselben 
Ziele weist, welches im Tersin beinahe erreicht ist: partitives de in 
allen Fällen zu setzen, in denen das Substantiv nicht als blofser 
Begriffsvertreter fungiert. Dabei ist gegenüber anderen Texten 
(Dmlekten) aber das Ausbleiben von de bei auires, vor allem am 
Schlüsse von Aufzählungen, bemerkenswert. Ein indirekter Beweis 
für die weitreichende Geltung der Partilivwendung liegt noch in 
dem Umstände, dafs sie vielfach gewählt ist, wenn aus der Situation 
heraus nach heutiger Auffassung mindestens ebensogut der be- 
stimmte Artikel zur Kennzeichnung eines bekannten Nominal- 
komplexes am Platze gewesen wäre. 

6. Vergleich zwischen der französischen und provenzalischen 
Teilungsformel im 16. Jahrhundert. 

(vgl. E. Appel yiff. und 91 ff) 

In beiden Sprachen war in der ersten Hälfie des 16. Jahr- 
hunderts noch die Möglichkeit vorhanden, das Substantiv in allen 
Zusammenhängen ohne partitives de zu gebrauchen, falls die quali- 
tierende Auffassung näherlag. Wenn im Französischen aber erst in 
der zweiten Jahrhunderthälfte das Bestreben einsetzt, in folgenden von 
Appel (81 ff.) aufgeführten Gruppen die Teilungsformel einzuführen, 
auf die sich in der ersten Hälfte im wesentlichen das Fehlen be- 
schränkt, so treten auch jetzt wieder im Provenz. früher Ansätze 
für das Eindringen in einzelne anfangs freigebliebene Positionen auf. 

Vgl. partitives de ad i. beim prädikativ gebrauchten 
Substantiv: Eust. 1064, d. h. spätestens um 1500; ad 3. bei /eh: 
von der Formel de tals i a (s, S. 63) abgesehen (die übrigens auch 
im Altfranz, häufig ist, s. Meyer -Lübke, Rom. Synt. 388 f), bei 
adjektivischem tals bzw. ailals Bertr. Carbonel de Marcelha = 
Ba Dkm. 12,19, allerdings mit saber [de partitiv-respektiv !) ; Hist. 
Sainte I, 68 [dar de taus büs), das man auch wegen des lokal- 
partiliven Charakters als nicht beweiskräftig beanstanden könnte; 
Kindheit Jesu = Ba Dkm. 295, 27 (Hs. 1374 nach Such. Dkm. 481; 
sprachliche Mischung mit nordfranz. Elementen); ad 5. nach der 
Präposition par; seltener nach avec: Forcalquier 1332, 1495; 
Reillane 14 15; Tallard 1526, 1527; Vence 1434; Antibes 1506, 
1509; ad 2. bei dem mit comme eingeleiteten Vergleich: Tersin 
zeigt bereits moderne Verhältnisse. Die Hss. stammen nach P. Meyer 
(a.a.O. 52) aus der Zeit Heinrichs IV., nach 1575 (eb. 55). Wenn 
aber schon der Stil, bes. in Hs. A, auf das 15. Jahrhundert weist 
(eb. 55), gehören die Fälle um so sicherer einer früheren Zeit als dem 
16. Jahrhundert an, da SL4tenes für a nach der Tonsilbe, das 
sich im 16. Jahrhundert immer findet, für getreue Abschrift einer 
älteren Vorlage spricht. 

Dagegen ist das Fehlen der Formel in den übrigen Gruppen 
auch im Provenz. zu beobachten: 4. manchmal bei Substantiven 



ZUR TEILUNGSFOKMEL IM PKOVENZALISCHEN. 175 

mit vorgestelltem Adjektiv oder folgendem attributiven Satz, wenn 
das Ziel des Gedankens diese nähere Bestimmung ist; 6. bei 
den negativen Wendungen, die bt. sonders stark den Gedanken auf 
die Wesenheit des Substantivs hinführen, vor allem in Formeln wie: 
7ie auire — que, ni — ;//, auch nach saus; 7. in Verbindungen eines 
Abstraktums als Objekt mit einem Verb (ein Begriff!). 

Zusammenfassend läfst sich sagen, dafs mit dem Ausgang des 
Altprovenz. gegen 1550 die Teilungsformel hinsichtlich der Aus- 
bildung der Funktion und des Gebrauchs das Ende ihrer Ent- 
wicklung erreicht hat und dafs der Folgezeit nur noch die Festi- 
gung und weitere Durchführung der Konstruktion in den anfänglich 
(vor allein wegen qualitierender Auffassung) unberührten Zusammen- 
hängen zufällt. Hierbei ist die Feststellung wichtig, dafs die 
provenz. Partitivwendung dem Grade der Ausbildung nach zeitlich 
zum mindesten auf gleicher Stufe mit der franz. steht, weil da- 
mit der weitgehende Gebrauch, den südfranzösische Dichter mit 
Hterarisch und sprachlich starker Abhängigkeit vom Norden in der 
zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts und weiterhin von ihr machen, 
als Ausflufs der selbständigen Entwicklung im Provenz. gekenn- 
zeichnet wird. 

7. Verhältnis der artikelhaltigen zu den artikelfreien Teilungs- 
formeln. Gründe für das Fehlen des Artikels. 

Nach Ausweis der Beispiele hat die eigentliche Teilungsformel 
mit Artikel, welche im Provenzalischen immer eine schwache Minder- 
heit bildete, mit dem Abschlufs der alten Periode für den Kern 
des südfranzösischen Sprachgebiets jegliche Bedeutung verloren, 
während sie in der Gestalt von blofsem de derartig fest fundiert 
ist, dafs sich trotz der wachsenden Einwirkung des Französischen 
auf die Volkssprache des Südens und vor allem auch auf die 
Sprache der literarisch stark beeinflufsten Dialektdichter auch später 
nur vereinzelte, meist durch die besondere Art der Aussage erklär- 
bare Artikel formein finden. 

Die modernen Verhältnisse legen die Frage nahe, ob sich 
vielleicht an einzelnen Stellen ein Konkurrenzkampf zwischen beiden 
Arten der Partitivwendung abgespielt hat bzw. ob eine Lokalisierung 
des Teilungsartikels im Süden möglich ist. 

Heutzutage hat das alte Aquitanien (zwischen Garonne und 
Pyrenäen) mit dem anschliefsenden Nachbargebiete nur in be- 
schränktem Umfange die Teilungsformel; Auvergne, Haut Limousin 
und Perigord die Wendung mit Artikel; das übrige Gebiet die ile- 
Konstruktion ohne Artikel (s. auch Ronjat a. a. O. 47 ; Einzelheilen 
weiter unten). Für die Randgebiete Auvergne und Perigord habe 
ich keine alten Belege zur Hand. Die vereinzelten, frühen Bei- 
spiele Peire d'Alvernhe, Appel Chrest. 80, 75 und BBorn 8, 12 
sind nicht beweiskräftig; auch kann man wohl keine Beziehung 
zwischen dem Teilungsartikel des heutigen Perigourdinischen und 



176 HANS NEUNKIKCHEN, 

dem Gebrauche von des + Adj. + Subst. bei Montaigne annehmen, 
der von sich selbst sagt: «Si n'est-ce pas pour estre fort en- 
tendu en mon Perigourdin ; car je n'en ay non pkis d'usage que 
de rallcmand, et ne m'en cliault gueres» (zitiert von Lanussei 
S. 1/6). Für das Liraousinische zitiert Chabaneau (Graramaire 
limousine RLR. V, 467, Anm. 2) Per den diahleys 'pour des diables' 
(Vie de Sainte Valerie, 1641), daneben auch avian imas autras donhias 
(Forleaux de Limoges, 1489, dans Lim. hist., pag. 486) und (eb. 
468, Anra. i) aus dem Jahre 1436 am den pa e f roinage ho am 
deux especis (Liin. hist., pag. 413); G. Ross. ilh demanden de Vaigua 
ist natürUch nicht beweiskräftig. 

Die bearnische Hist. Sainte (ca. 1350), welche hinsichtlich des 
Vorkommens der Teilungsformel mit der provenz. Parallelübersetzung 
ungefähr auf gleicher Stufe steht, hat bei Stoffbezeichnungen dreimal 
de -\- Artikel, davon je einmal in Übereinstimmung mit der provenz. 
bzw. catalah. Bearbeitung, wo die provenz. eine Lücke hat. In 
einem anderen Falle steht prov. de, bearn. absolutes Substantiv. 2 
Natürlich wäre durch Auffindung der Quelle (etwa frz. oder span.- 
catal.) vielleicht der Nachweis möglich, dafs die Teilungsformel mit 
Artikel kein Charakteristikum des Bearnischen des 14. Jahrhunderts 
ist (Lespy I, S. XL VI f. leitet allerdings die bearn., cat, prov. und 
Span. Übersetzung aus gemeinsamer lat. Quelle ab); doch steht die 
Hist. Sainte mit den Artikelformen im Bearnisch-Gaskognischen 
nicht allein: vgl. die Beispiele aus Millardet (S. löo) und weiter 
so qiii bonnetnent no poyre estar, seiihs trouvar lo moycn de haher de 
la lenke per lo servicy de nostre tinitirerie ; qui nos a feyt Z'os escriher 
la prcsente, a/fifi que vos ayatz a vender de la lenke de vostre hoscq 
deu Jaup (Lettre du roi et de la reine de Navarre [g. 5. 1560, Pau] 
bei Lespy, Grammair e bearn aise 121; vgl. noch ebd. 122 de nos 
fournir de ladite lenke ...)'. allerdings wird hier die frz. Formel 
vorliegen. Wenn Mistral recht bat, dafs partitives de in der 
modernen Sprache Südwestfrankreichs nicht selten ist, 3 trotzdem 
die Karten des Atl. Hngu., welche Wendungen mit Teilungssinn 
verzeichnen, davon wenig — und gar nichts für das Bearnische — • 
merken lassen, ist die Tatsache ihres Vorkommens in diesen 
Gegenden bereits in der alten Zeit nicht erstaunlich, die Form 
aber sehr bemerkenswert. 

Ob jedoch die Partitivwcndungen mit de im Gaskognischen 
des 16. Jahrhunderts so zahlreich waren, dafs man mit Lanusse, 



* M. Lanusse, De l'influence du dialecte fjascon sur la langue fran^ais'^. 
De la fin du XV« siecle i la seconde moitie du XVIIe. Grenoble 1893. 

^ In den übrigen Fällen dar de faits büs und d''autes kam der Artikel 
kaum in Frage. — Die zweifelhafte Stelle II, 10 d'aur so es la sue Nativitat ; 
et la polpra so es la sue passtco = Bible II, 177 d''atir, so es de la sieua 
Nativitat; e la color de la polpia significa la sicita fassion Insse ich beiseite. 

^ «Dans le haut Languedoc, la Gascofjne et la Guieiine on supprime 
souvent [also nicht meist oder stets] l'article de devant un substantif in- 
diquant une quanlite indelerminee : ai nianjat pan , ai hegut vi, ai rrouDipal 
terros» (Mistral, Tie?or I, 703c). 



ZUR TEILÜNGSFORMEL IM PROVENZALISCHEN. 177 

dem E. Appel (88) mit Einschränkung beigetreten ist, den Ge- 
brauch von de statt de -f- Artikel im gleichzeitigen Französischen 
als Gaskognismen betrachten darf, erscheint mehr als fraglich. Eher 
kann man von der Einführung der im übrigen Südfrz. verbreiteten 
Konstruktion ins Nordfrz. durch die damals am Hofe einflufsreichen 
Gaskogner sprechen, wie Lanusse selbst es auch bei anderen Er- 
scheinungen angenommen hat. Der Beweis für seine Behauptung 
setzt die Ableitung der bei französisch schreibenden Gaskognern wie 
Monluc u. a. (geboren oder früh zugewandert) vorkommenden de- 
Konstruktionen aus der gaskognischen Originaltradition voraus. Hier 
wird aber von Lanusse (371) nur ein einziges, bei Lespy-Raymond, 
Dictionnaire bt^arnais unter dem Stichwort pienti gefundenes Beisp. 
ohne Angabe von Ort und Zeit des Textes angeführt: abe com- 
panhoos qui obraben de pienti; i vgl. aber weiter unten jüngere Bei- 
spiele. Die weitere Annahme von Lanusse, deren Begründung 
überhaupt nicht versucht ist, dafs des -f- Adjektiv -j- Substantiv bei 
Monluc, d'Aubigne und bes. Montaigne ebenfalls Gaskognismen 
sind (a. a. O. ^J^t^i-), hat E. Appc! (88, Anm. i) mit Recht zurück- 
gewiesen. 

Bei der Betrachtung der Formfrage läLst sich auch im Prov. 
der Gedanke Appels heranziehen, dafs zur Erklärung der artikel- 
haltigen Formeln im Frz. die im 12. Jahrhundert häufige Verwen- 
dung des Artikels in Fällen wie Li reis Htigue li Forz lor fait 
porter le vin (Karlsr. 437) beitragen könne (S. 14). ^ Da sich bei 
den im täglichen Leben immer wiederkehrenden Substantiven wie 
eive, pain, vin u. a. , welche diese Artikelverwendung meist zeigen, 
auch die Teilungsformel am frühesten und häufigsten findet, „er- 
folgt also wohl die Heranziehung des Artikels in diese Gruppe von 
Anwendungen der Teüungsformel auf Grund dieser besonderen 
Artikelbedeutung, die zwischen der präsentierenden und der de- 
finierenden Funktion in der Mitte steht und von beiden etwas an 
sich hat" (S. 16). 

Der Artikel dieser besonderen Art scheint nun im Prov. in 
geringerem Mafse als im Altfrz. vorzukommen, und dem würde 
das seltenere Auftreten der artikelhaltigen Teilungsfonneln durchaus 
entsprechen. Jedenfalls ist es im Sinne Appels bezeichnend, dafs 
Alb. (13. Jh.) und Guill. (14. Jb.), welche den Artikel präsentierend- 
definierender Bedeutung von den berücksichtigten Texten häufiger 



^ Es war im Text^ubammenliaug in Lespy, Gramm, bearn. 120 zu fiudcu 
(Un baron beaiuais. 1498). 

- Dagegen .setzt die VeimuUmg, dafs „iu der geringeren Schallkräftigkeit, 
die de im Norden liai", tin Grund liegen kann, „dafs die Teilungsformeln mit 
Artikel den fcbi;nso möglichen ohne Artikel vorgezogen werden", während im 
Süden das vokalkräftigerc de „den nötigen Klang hatte, um den Rang eines 
bis zu einem gewissen Grade selbständigen Funktionswortes bekleiden zu 
können" (,S. 17), einen durch nichts begrün.lelen Unterschied in der Klangfülle 
des de bereits für die alte Zeit voraus, was E. Appel auch .'ielb = t bedenklieh 
findet. 

Zeitschr f. rom. Phil. XLU. 12 



178 HANS NEUNKIRCHEN, 

aufweisen, als einzige auch beim allgemein zu verstehenden Sub- 
stantiv in Teilungsverhältnissen den Artikel in mehreren Beispielen 
zeigen. Man darl" vielleicht in dieser Verwendung des Artikels 
nordfranzösische Beeinflussung erblicken, die ja gerade im episch- 
didaktischen Stil lebhafter ist (vgl. die S. 57 f. zitierten Beispiele). 

Auf die Artikelsetzung in der frz. Teilungsformel kann ins- 
besondere auch der Umstand fördernd eingewirkt haben, dafs sehr 
häufig im Mittelfrz. und „verhällnismäfsig selten" auch im Altfrz. 
Wendungen mit dem in der Emphase gebrauchten Artikel bei 
nachgestelltem Quantitätsnachdruck vorhanden sind (Appel 48 f. ; 
umgekehrt bei voraufgehendem Mengebegriff, 49 f.). E. Appel hat 
allerdings gerade in den Teilungsformeln mit einfachem de, welche 
im Mittelfrz. neben den überwiegenden Konstruktionen mit Artikel 
öfter als im Altfrz. auftreten, Kontaminationen mit Wendungen 
erblicken wollen, in denen de von INIengewörtern abhängt (55flf. u. 
90). Doch bleibt es beachtenswert, dafs im Prov. wieder Alb. und 
Guill. auch verschiedene artikelhaltige Partitivverhältnisse 
mit Quantitätsangabe bieten, die sonst selten genug sind. Vgl. 

E si non fazia tatit de Vavcr darem A totz los seus ministres 
pcrqiie los decehrem (Alb. 4776 f.) — Que pes e punhs e braces e 
cervclas e ditz, E ieslas e maichclas c cahelhs e cervitz, E taut dels 
autres viemhrcs na el camp espanditz (ab. 8927 ff. ; P.Meyer: 'et 
autres membres') — Sie sabut las gentz de Bearn quoant pagan per 
cascun de Vargent per atiar coelhe lo froment en Bretanhe (De- 
nombrement des maisons de la Vic. de Bearn, 1385, bei Lespy, 
Gram, bearn. 67; ' qu'il soit su combien les gens de B. paient, par 
individu, d'argent pour ...'); E cascim an nos trameton per tralint 
un horiphant carguat de basme he un hypothemes, so es assaber besiias 
d\inr fin, e de peyras pressiossas e de P ensens aytant con nos en voleni 
(PJoh. 360. 17 ff.); Que dedins e defora ac aitans dels obriers Que 
garniron la vila . . . (Alb. 6855; vgl. 6859 E lai'ns en Toloza ac aitans 
ca?pe7itiers) — E a «'/ tans dels autres que so mais dhi tnilier (ebd. 
5921 nach einer namentlichen Aufzählung) — Que veus mort vostre 
fraire e vostre filh na/rat, E tans baros dels autres que totz temps er 
tlorat (ebd. 6407 f. ; vgl. S. 50 Anm.) ; Dels escutz e dels elmes on es li 
ors batutz I vengon tans ensevihle co si fossan plogutz (ebd. 5984 f.; 
ohne Artikel z. B. 6013 ff.). Carn de bau e de porc fan asatz asesmer 
E dels autras viandas qiüel devian manjer (Alb. Ii6lf.). — Quar 
assatz agron de Vargent E de Vaur e dels palafres (Guill. 5078 f.); 
Cotinhac, P. Bonassa e dels autres assatz (Alb. 4393) — Qu'el a 
maus cavalers Catalas amenutz, E tnant Aragones e del[sj autres assatz 
(ebd. 6674 f.) — Lo rey hac .j. baro mafidat Que tantost montes si 
dezes , E de Vargent assatz preses (Guill. 4672 ff.). Mot poc de la 
gent (Noble Le^on 359, Hss. GD); E dava li Jiom a inanjar det 
pa e de Vaygua petit, que ben tnanjera mais la me[y]tat (Prise Jerusalem, 
RLR. XXXIII, 46. 7 f.). Mas cavals e rocis e muls Arabies El i a 
tant perdut e de Vautre aver mes (Alb. 4967 f.; 'sans compter les 
autres partes'). Auch bei Zahlen: Don r ender on merces de las vetz 



Zur teilüngsformel im pkovenzalischEn. 17g 

plus de Cent (Hon. 172. CV, 30); . . . a hen XL Dds ans quel es 
vas dieu forfaiz (Folquet de Limel, cd. Eichelkiaut 42, 5371'.); 
E quant ac dels ans .xxihj. (Guill. 20). 

Besonders in den Beispielen aus Alb. ist der Artikel offenbar 
gesetzt, weil es sich um Personen und Gegenstände handelt — 
meibt nach einer Atttzählung übriggebliebene und so gewissermafsen 
bekannte Restgruppen — , die dem Sprechenden greifbar vor Augen 
stehen und auf die er deshalb nachdrücklich wie auf Bestimmtes 
hinweist. 

Sonst scheint der Artikel, dessen Vorkommen für die Gestal- 
tung der Teilungsfonnel ausschlaggebend war, noch zu einer Zeit 
weniger gebraucht worden zu sein, wo das partitive de zum Aus- 
druck eines unbestimmten Quantums oder einer unbestimmten 
Anzahl eines Stoff- oder Gattungsnominalkomplexes fast schon aus- 
nahmslose Regel war. Darauf weisen u. a. zwei Erscheinungen hin, 
die bereits kurz berührt wurden (Doc. lingu.) : 

1. Das Fehlen des bestimmten Artikels in solchen Beispielen 
der Teilüngsformel, wo durch den Zusammenhang seine Setzung 
zum mindesten nach heutiger Auffassung angebracht w-ar; 

2. die Anwendung der Teilüngsformel, wenn die Situation den 
Gebrauch des bestimmten Artikels nahelegen konnte, z. B. wenn 
Gegenstände oder Materialien in Frage kamen, die zu einer be- 
stimmten Arbeit erforderlich waren und als solche deutlich gegen- 
wärtig sein mufsten. Vgl. aus späterer Zeit: Dom Guerin S'on oves 
d^atdre grais, fores de soiipe on d'oli (RLR. XXIII, 235 ; 'Si vous n'avez 
pas d'autre graisse, vous ferez la soupe ä l'huile' in der Übersetzung 
des Hrsg.s) ; Fizes Uaygua jusqiCaoti ginoiil, la larma ä la pninela 
(RLR. III, 247. 26); Älistral, Mireio S. 20 E voxignen-lei durnü 
d^dli de-z-Ai! 'Et oignons-les ferme avec l'huile d'Aix!' in Mistrals 
eigener Wiedergabe; Es d'estrepado rabastouso (346; 'C'est un 
pi^tinement penible'). 

Wir können wohl sagen, dafs die Teilüngsformel in der Gestalt 
von blofsem de gefestigt war, als der Prozefs der „Erhebung der 
Artikelibrm zur Normalform des Nomens" (Meyer- Lübke, Rom. 
Synt. 183) weitere Kreise zog. Wenn es ebd. 220 heilst: ,.In- 
wieweit nun ein Gegenstand als allgemein bekannt gilt, läfst sich 
natürlich nicht sagen, wiid auch in verschiedenen Zeiten und 
an verschiedenen Orten verschieden sein", so ist die Provence 
in dieser Hinsicht und infolgedessen in der Anwendung des be- 
stimmten Artikels zunächst nicht sehr weit gegangen. Die denk- 
bare Entwicklung, dafs man durch die Einkleidung eines StofT- 
namens in die Form, die ihn als allgemein bekannt erscheinen 
läfst (bestimmter Artikel), die Idee der Gesamtheit erwecken will 
(ebd. 220), dürfte im Prov. erst unter dem Druck der Tatsache 
kräftiger eingesetzt haben, dafs sich die Sprache, um die Idee der 

12* 



l8o HANS NEUNKIRCHEN, 

unbestimmten Menge eines Nominalkoraplexes wiederzugeben, in 
der partitiven ^A'- Konstruktion eine von der absoluten Form des 
Noraens differenzierte Ausdruckstbrm gosclmffen hatte. 

Die neuprovenzalische Zeit. 

I. Festigung der Teilungsformel ; stilistische Verwendung ; Ein- 
dringen in formelhafte Ausdrücke (Beispiele aus dem i6. — 18. Jh.). 
Das partitive de in Mistrals Sprache (Vergleich mit dem Franzö- 
sischen). De /es ; deque ; dtre d'oc — de noim. 

Die Festigung und Durchführung der Teilungsformel, deren 
Entwicklung nach der grammatischen Seite hin im wesentlichen 
mit Beginn der neuen Epoche abgeschlossen ist, vollzieht sich der- 
gestalt, dafs ihr Fehlen auch aus nicht verstechnischen und 
stilistischen Gründen noch längere Zeit überall möglich bleibt mit 
naturgemäfser Bevorzugung der am längsten freigebiiebenen Stel- 
lungen (qualitierende Auffassung). Daneben macht die analogische 
Ausdehnung, besonders in negativen Sätzen, starke Fortschritte, vgl. 
das Beisp. Gaillard 53. 7 f , das im Hinblick auf die von E. Appel 
(92) zitierte Stelle aus Lafontaine bemerkenswert ist: 

Mas de trouba pais ses de gens evibegiousos, 
Piileu s'eti trouhario ses bestios vereiiousos, 

wo die Teilungsformel bewufst als stilistisches Mittel zur Erzielung 
einer starken Kontrastwirkung gewählt sein kann ; ferner A fayre 
jamai bona mina A d'aoutra fenna qiia la siouna (Fizes, RLR. 
III, 22g. 2 f ). Weiter tritt uns das partitive de schon bald in 
formelhaft erstarrten Ausdrücken entgegen, die es noch heute im 
Prov. selten und kaum im Frz. kennen, z. B. Gaillard qtiel H porlo 
d'embegio (56.13; 57.8); ähnlich Fizes (a.a.O. 95.2) Äs dieoiis 
aoiirie dounat d''envia; vgl. aber Gaillard 53. 12 N^ trobe d'enemix 
qiie li portoun embegio und Mistral, Tr6sor I, 954 b pourta envejo, desgl. 
frz. porter envie', weniger beachtenswert Jeu votildrio be per voiis 
prene de mage peno (Gaillard 298. 20). Im ganzen finden sich hin- 
sichtlich der Anwendung und Nichtanwendung, die im folgenden 
charakteristische Beispiele beleuchten mögen, lange — je nach Stil- 
und Dichtungsart mehr oder weniger bedeutende — individuelle 
Unterschiede. 

Nach dem Stande der heutigen Volkssprache des Südwestens 
(vgl. unten die Darstellung der Ausdehnung des teilungsformelfreien 
Gebietes nach dem Atl. lingu. oder auch v. 3, 5, 9 der Wiedergabe 
der Parabel vom verlorenen Sohn in Luchaire, Etudes sur les idiomes 
pyreneens, wo de bei den Gattungsbezeichnungen porcs, baylelz, 
soulies durchweg fehlt) ist bei häufigem Gebrauch der Teilungs- 
formel in gaskognisch-bearnischen Dichtungen prov. oder frz. Ein- 
flufs anzunehmen, da eine stärkere rückläufige Bewegung nicht 
wahrscheinlich ist. 



ZUR lEILÜNGSFORMEL IM PROVENZALISCHEN. l8l 

Das wird z. B. bei dem unter franz. Einwirkung siebenden 
d'Astros, Kaplan bzw. Pfarrgeistlicher von Saint-Clar de Lomagne 
(bei Lectoure im heutigen Departement Gers), dem Zeitgenossen 
Goudelins, der Fall sein: tu ni'cn haillos De het argent ende 
las taillos (II, 217) — Hournic iVayguo per lou hatiä? (I, 156. 
1065) — Coiimo botis n^atirets de cuillido Que selcun qiie seme7iarets 
(II, 2 7 1 . 1 3 f.) — Cantals ä Dt'ou de naoüets cans (I, 200. 6) — he 
de millou besouigno (II, 160. 2) — La qui de tu a ines de soiiing, 
La quW he de mages serhichis, La quit^ retid de milhotis mificis (I, 130. 
304 ff.) ; Aqui se hen de cei-tens Joes (II, 26g. 13); dab de gestos que 
soun ... (I, 147. 811); n'aoüen d\mtre beoiiratge Que bin (I, 132 f. 
374 f.) — d'autes substantivisch und adjektivisch; Meste, aquo soun 
touts de bourreous (I, 282) — Que soun de bounos mouchardinos 
(II, 242. 2) — Quand bostos maus sireti de crocs D'act'e lou mcs fin, 
ou d^arrocs (II, 240) ; arrisclados coumo de Dounzelos (I. II) — coumo 
d'agraulos (I, 120.9). Aber Y bouta algol (II, 216) — Que serbire 
que lou Perou Pourtes argent, ni pauc, ni prou (I, 1 4 1 . 6 1 g f.) ; Crey 
que touts soun ounestos gens (II, 183.2); coumo agruos (I, 13.136). 

Ähnlich liegen die Verhältnisse bei d'Arquier, gleichfalls 
Kaplan von Saint-Clar (17. Jh.), der seine Sprache toulousanisch 
nennt. Vgl. noch Duportail in d'Astros: Nous acuso d^aoue d'aleps 
insupourtables (II, 332. 2) — Que per he laus mutins se dan de trop 
grans aires (II, 332. 15) — Passan per d\stour dits , de paurucs, de 
rebaires (II, 331.9); in Lespy, Gramm, bearn.: austes mousques j-a 
qtii hen de viajes maus (Fondeville [1633 — 1705], Egl. ms.; S. 232) 
— d'autes (ebd. 301) — Oun semblo que lou ten ft'a que d'houros 
de viel . . . (Jasmin aus Agen, 19. Jh.; ebd. 13), sogar in fester Ver- 
bindung Lou hup que cerca d'argoeyt a Vanhlyt ('chercha quereile'; 
Journal d'Orthez v. i. 9. 1877, ebd. 2g i). De fehlt z. B. immer 
in der 4. Ekloge von Pey de Garros (gedruckt 1567; ed. Rom. 
Forsch. XXIII, 289 ft"), auch häufig in jüngeren Dichtern (vgl. etwa 
Beispiele bei Lespy a. a. O.). ^ 

Ein gutes Bild vom Stande der Teilungsformel in der Volks- 
sprache des mittleren Südens in der zweiten Hälfte des 16. Jh.'s 
liefert der Handwerker und Dichter Auger Gai 11 ard aus Rabastens 
(Albigeois), der in seinen provenzalischen Gedichten schrieb, wie 
er im täglichen Leben sprach. 

Que valdrio may que ieu /es de carrelos (50. 5), aber auch 
moun art es fa carretos (67. 20; ähnlich 30. lo; 170. 29). Ni la 
sensio per fa de rodos coumo ieu (61.7) und Que de fa rodos . . . 
(121. 4). Mas s'ieu abio d'en/ans filhos de la Moro (294. 13; 
ähnlich 299. 13) und Car tan tos fennos sou que /an enfans et 



* Zu einer Detailunlersuchung fehlten mir die Texte. — In der dürftig 
ausgefallenen Dilettantenarbeit eines Kaufmanns Grateloup aus Dax, Gramrnaire 
gasconne et fran^oi&e, Dax 173; (hsg, RLR. XXX, 5fr., XXXI, I5ff.), wird 
die Teilungsformel nicht berücksichtigt, dagegen sind Falle wie trop de pain 
= trop de pan aufgeführt. 



l82 HANS NEUNKIRCUEN, 

fdhos (294. 9). Vcyriats de gens veni (296. 29), aber cuich Lon 
veyra veni gens coumo mousquos al lach (296. 26). Per aquo ieu 
ey mesos ayci de bounos causos, amay de peiitos fadesos (15. 14!". Prosa). 
Per Ja d\iutro hesonnio (99. 25) — ien farey de besounio (98, 4), 
aber Impoiissible es en el de ja bouno besounio (102. 16). Mas elis 
metisses feron de dibersos obres en rimo {2l(i. 2^ f.) — Ei veyre fa de 
mal de may de milo iorlos (171. 4). Encaros qne Von jougues de tals 
tours an aqtiels (14.22 t'.) — Car im II dounario de talos oucasious 
(59. 1) — pourla de lalos pimparclos (291. 12), aber mit Adjektiv 
. . . disan talis moxilz autragiouses (55. 24) — dire lals moiits grasses 
(lOl.6); beim Subjekt, auch ohne Adjektiv, fehlt de durchweg: el 
serio bau que ia/s goululs ensegniguessou Ion lour (14.9!". Prosa) — 
qtie talis iraydous Que lous an coumpausats sou de perturhadous 
(91. 19 f.), aber d^abe re . . . qne fous pus digne d'estre gardat . . . 
que de talo riinalho (276. 14 ff. Prosa). Mas enquaros de grans reys 
et princes et d' emperadous lous an aguts en grando hounour (276. 2 ff. 
Prosa). An d'aquelos g<ns (257. 9) — an d'aqueste lengatge. 
(121. 6) — en de brabes autiirs {276, 17) — Ieu mamusaho ä de 
grandis seignours (igo. 28) — N^s pas aquo metre foc ä d'' esfoupos ? 
(203.22) — dehant de gens houneslos (40. 14; ähnlich 233.4) ""^ 
so meist nach Präpositionen. Et (0) d^antres und et atitres halten 
sich die Wage; beim Prädikatsnomen überwiegen die ^/^-Fälle; 
im Vergleich mit coumo fehlt die Teilungsformel vor allem, wenn 
Nachdruck auf einer näheren Bestimmung liegt. Sonst fehlt de 
noch gern, wenn zwei Objekte mit et (0) verknüpft sind, auch in 
der Prosa: per demanJa d\irgen ä touis lous que ienou perbaletgcs 
et ufficis de Sa Magestat (79)- Willkürlich mutet uns die Behand- 
lung in folgenden Fällen an : En loc de douna argen quant lour be 
Von viangiabo (170.25) — A vous qiüabets efans coussi lous cal 
nouyri (102. 6) — Mas tan s'en fal, Moussur, d'abe aquer it amix 
(66. 5) — Et per aquo Ions qu'ati enemix emhegiouses ... (61. 25), da 
sich unter gleichen Bedingungen auch de findet. 

Aus späteren Texten erwähne ich noch: Que to?7iboun ä 
moulous dins de taous acidens (Roudil 1612 — 1684 [?] in Montpellier; 
RLR. I, 261) — dins de talos alarmos (Cabanes 14. i) — dins de 
certens endrechs (ebd. XI, 14). In der französierten Sprache Do-m 
Guerins (f um 1694?) de Nant (Aveyron) tritt die Teilungsformel 
in endlosen Aufzählungen auf: 

Trouvares de vi, de pan, de froumalge amay d'iaux, 

De touzelle, froumeti, de paumoule granade, 

D'ordy, de cousegal e de belle sibade ; 

De sial e de niil e de force canabou, 

D'als, de sebes, de nats, quant sen dins la sazou 

(RLR. VII, 89). 

Ähnlich 28 Zeilen hindurch ebd. 9811. ~ RLR. XXI, 7.6 Hs. A 
(2. Hälfte 17. Jh.) De pau qii apres sa mort on y aje dispute[s] 
ändert Hs. B (zwischen 18 15 — 1825) in ou l'i ajo de disputos 



J 



ZQR TEILÜNGSFOKMEL IM PROVENZALISCHEN, 183 

Fizes (dichtete 167g — 17 16 in IMontpellier) : Fan de ravage per la 
terra (RLR. III, 97. ig). Cabanes: maccampar <Vhounour (VIII, i), 
aber // faire hoiinour (38. 2) ; auch noch D'ounte pourra lirar argent 
(32. 5). 

In der literarischen Sprache Mistrals ist die Teilungsfürmel 
in weitgehendstem Mafse durchgeführt. Aus dem grofsen Bei^piel- 
material der ]\Iireio hebe ich noch hervor: Fa de tres erlo de motin- 
tagno (106) — Ell esiremavo la monledo En de hraieto facho en sedo 
(36; 'dans un cale9on de soie') — D''üni van acampa de hoio, 
D'autre, di pin negras toumba lou ramadou (290; 324 — 326), aber 
auch mit bestimmtem Artikel Lis un cueion touto la friicho, E d'autre 
an que la raco eissucho? {2"] 2). Im Vergleich mit couvie hat Mistral 
eine offenbare Vorliebe für die Partitivkonstruktion ; vgl. besonders 
Coiime de ciro vendran molo (166), das er selbst 'comme la cire' über- 
setzt. 1 Auch in Verbindung mit avoir zur Kennzeichnung körper- 
licher Merkmale gebraucht Mistral partitives de gegenüber dem be- 
stimmten Artikel des Französischen [avoir les yeux bleus) : Avie d''iue 
hin coume d^agreno (270; ähnlich 450). Enfioco mi paraido e dono-me 
d'alenl (4) *donne-moi du souffle!' in beiden Sprachen überein- 
stimmend; aber ebd. 418 ist das Prov. wieder fortgeschrittener 
E per e7ifin que tonn courage Prengue d'ahft 'et afin que ton courage 
prenne haieine'. Ai de besonn que ni' acoumpagnc (ebd. 222; *J'ai 
besoin') gehört wohl auch hierhin. Schliefslich hat de auf ana- 
logischem Wege von der Formel ni — ni Besitz ergriffen : Ni d'aubre, 
ni d^umbro, ni d''amo\ (330; 'Ni arbre, ni ombre, ni ame!'). 

Gewöhnlich fehlt bei enger begrifflicher Einheit das de\ fan 
afre (248) — fai gaii (260) — fan pbu (450) — Per douna voio 
ä Vamourouso (418; 'pour donner des forces'), vgl. preiie de voio 
(Mistral, Tresor II, 1137 a) und ave de for^o (ebd. I, 1152b); aber 
auch sonst noch: fan oumbrage (8) — e li fetno an beu ihn (164; 
'ont du bon temps', so auch 312 O fio, dis, fio sacra, fai qiCaguen 
de beu tan!); aus deutlich stilistischen Gründen z.B. 442 Se fai 
qiCun crid, seniend qu'ourlado. Auffälliger ist das Ausbleiben 280 
Rapelas-vous , enfanf, que i\iura granesoun Per benuran^o! ('qu'il y 
aura du grain par benediction!') ; vgl. auch 166 Mai ' queli planto de 
ninjeio Pourtaran peravajis de rasin coulouvibau ! Auperavans vosto 
fourcolo fitara floiir ('des fleurs'). 414 Car tout ri'es eilavau qu\s- 
provo e long travai liegt eine Gesamtvorstellung zugrunde wie in 
plou sang e plumo, das Herzog 8 und Ronjat 47 aus Nerto an- 
führen. 



' Daneben hat er den bestimmten und unbestimmten Artikel, letzteren 
auch bei Stoff bezeichnungen (s. Herzog, Mate.ialien zu e. neuprovenz. Syntax 
S. 6 und § 27; vgl. auch Mireio 450 a d'iiie mai rouge qu'un cinobre\ 442 
coume un veire 'comme verre'); schliefslich auch absolutes Substantiv: blanc 
coume neu (s. Ronjat a. a. O. 41 : «et notre langue omet l'article plus volontiers 
que le fran9ais, ex. . . ,»). 



184 HANS NKÜNKIRCMEN, 

Im ganzen sU-hcn demnach Schriftfranzösisch und -provenzalibch 
auf einer Stufe, wobei letzteres in gewissen Fällen die Anwendung 
von de, erstens den bestimmten Artikel bevorzugt. In den er- 
starrten Verbindungen von Verb -\- Abstraktobjekt (prov. Liste 
Ronjat § 22,, Koschwitz, Gramm, bist, de la langue des Fei. § 29; 
frz. Liste z. B. Plattner, Ausführl. Gramm. P, § 293) entsprechen 
auch artikelfreien Ausdrücken des Prov. im Frz. solche mit Artikel : 
pourla esfrai 'inspirer la terreur'. 

In Zusammenhängen, die noch ein Ausbleiben der Teilungs- 
formel zulassen, scheinen neben individuellen Unterschieden im 
Gebrauche auch solche regionalen Charakters obzuwalten. So ist 
von den räumlich nicht weit auseinander liegenden Alpentälern 
Val du Queyras und Vallee St.-Martin letzteres in der Behandlung 
von Ausdrücken, die zu einer Einheit verschmolzen sind, wohl 
weiter fortgeschritten, wenn wir in der modernen Wiedergabe der 
Noble Lec^on bei Montet lesen: v. 45 alt que 710s fan ben — que 
nos fan inal, Queyras fan ben — fan mar, St. Martin fan de ben 

— fan de mal', v. 401 Qaeyr. E li fai 1 emounsirango, Mart. d^ ermou- 
transsa; v. 402 Mart. Qua fasse diri d'mcsa, Queyr. messo ('des 
messes'). Beim Praedikatsnomen herrscht Übereinstimmung im 
Fehlen des de. — Um sicher zu gehen, müfsten allerdings mehr 
Personen befragt werden. 

De fes, für dessen frz. Parallelform des fois (auch ital. de//e 
7)olte) Schultz-Gora (Herrigs Archiv 134,492) schon eine Belegstelle 
aus dem 13. Jh. beigebracht hat, ist mir — vielleicht nur zufällig 

— erst bei Mistral begegnet (Mireio Ai de fes agu vist 288 — 
i'a de fes 82 u. ö.), so dafs man an eine Nachbildung des frz. 
Ausdrucks denken wird, solange nicht erheblich ältere Stellen nach- 
gewiesen werden. 1 In dem Typ i a de hätte in Verbindung mit 
Fällen wie pro de ves usw. eine gute Entwicklungsmöglichkeit ge- 
legen. De fes war aber offenbar nie volkstümlich: nach Karte 1117 
des Atl. lingu. [Les betes crevent qiielquefois quand . . .) findet es sich 
nur H^rault 778 {de fes ke jy p) und Ard^che 827; vgl. Alp.-Mar. 
8g8 {dekpü), H.-Sav. 958, Schweiz 969 {dekt}) ; für das Frz. gibt das 
Blatt z. B. Jura 22 defwf, Vosges 76 defü; s. weiter 65, 75 u. a. Es 
ist beachtenswert, dafs sich auch kein *d'autres ves entwickelt hat, 
während autres ves als 'ehedem, jadis' in der alten Sprache häufig 
begegnet; allerdings heifst es Gesta 1630 car aysso avem assajal 
d^ autras veguadas = quia jara eos temptavimus (wohl zeitl. de). 

Herzogs Erklärung von de-que 'was' (Mistral, Tresor 1,7270 
[Languedoc und Rhoneufer] und Beispiele wie Mireio 74 noun saup 
per-de-que) ist einleuchtend: „Man fragte etwa de qii'as begii? in 



* RaynouarJ und Levy haben keine Belege. — Mistral (Tresor I, 1124 a) 
wird de-feSy Je-vei auch gerade aus dem Grenzgebiet (Dauphin^) angegeben ^ 
vgl. eb, auch de belli Jes 'maintcs fois' und d''äutri fes ' d'autres fois'. 



ZUR TEILUNGSFORMEL IM PKOVENZALISCHEN. 185 

Erwailung eines folgenden d'aigo, de vin. Der Gebrauch hat sich 
dann aber verallgemeinert" (a. a. O. g). Verschiedene günstige Um- 
stände werden zusammengewirkt haben. Einmal läfst sich noch 
als Entwicklungsgang die Reihe ai de que beure oder ave de qiie 
vic'ure — ave de que (z. B. Mistral 11, 670 b unter que) — de-que an- 
nehmen: der Übergang zum Substantiv in der Bedeutung 'avoir, 
bien, aisance' (Mistral 1,727 c) ist dann ohne weiteres gegeben; 
vgl. sogar quand n\ives ges de deque 'lorsqu'on n"a pas de quoi vivre' 
(in Tarn auch pe}-que 'avoir, fortune', Mistral II, 54g a). Dann 
konnte deque auch analogisch aus einer speziellen Frage wie de-que 
vos? 'que veux-tu', wo aus einer bestimmten Menge oder Anzahl von 
Gegenständen etwas oder etwelche ausgewählt werden sollten, in 
eine allgemeine Frage übertragen und im übrigen durch de anderer 
Herkunft gestützt w^erden : las rigors de que usabe usw. 

Dire d^oc — dire de noun (vgl. sogar se de noun 'sinon', 
Mistral 11, 416 b) kann nicht mit Herzog ohne weiteres den partitiven 
a'^-Konstiuktionen zugezählt werden. Zwar würde die Herausbildung 
der Redensarten, die das Prov. mit dem Ital. und Span, teilt, etwa 
aus der Stellung in negierten Sätzen, besonders nach Negations- 
fürwörtern wie in dem Herzog 8 aus Roumanille gegebenen Bei- 
spiel Diras pas de ?ioun, durchaus im Zuge der prov. Sprachentwick- 
lung liegen ; doch ist zu bedenken, dafs die Wendungen schon zu 
einer Zeit auftreten, wo wir mit partitivem de der fraglichen Art 
kaum rechnen können, wenn auch die alten Beispiele häufig in 
negativen Sätzen vorkommen : Dir de non a te non pot ges (Such. 
Dkm. 274. 73). Jedenfalls würde die Erklärung für das Spanische 
mit seiner geringen Verbreitung der Partitivformeln nicht ausreichen. 
Es dürfte sich eher um de modal-instrumentalen Charakters handeln, 
das partiliver Umdeutung fähig war, vgl. Gesta 2513 f. E domentre 
que parlavan d'aquesias paraulas entre ssi = Et dum talia inter se 
loquerentur. 

2. Der Prozentsatz an Teilungsformeln mit Artikel ist 
verschwindend gering. Bemerkenswerterweise ist Gaillard, der in 
seinen prov. Gedichten fast ausnahmslos de angewandt hat, in den 
frz. Gedichten, in welchen er Ronsard und Desportes nachgeahmt 
hat, ziemlich konsequent dem französischen, sich damals zur Regel 
herausbildenden Brauche gefolgt, vor Substantiven de + Artikel, vor 
x\djektiven de zu setzen ; in anderen Fällen als vor Adjektiven treten 
die ä'^- Formen vor den Artikelformen durchaus zurück, i. De -^ 
Artikel : Bien est vray qtiil y a plusieurs femmes et hommes Qui 
sont accousiumez ä hoire vin de pommes ; Mais dhin breuvage iel je 
n'e fais pas grand cas, J'aimerois cent fois mieux hoire de Vhy poeras ; 
Puis S07ii accousiumez ä manger de la broye, Mais faimerois piuslost 
d'une banne lamproye (281. 5 ff.) — Ceux qui me fönt du bien par 
mes escriis je loue (285. 24) — Veu que n'avoy moyen de faire des 
charettes (6. ig) — Ce p^-:uvre c/iat, snfis nuls amis, Qui ne mangeoit 



l86 HANS NEUNKIkCHEN, 

quc des souris (88. i f.) — Ni de planier des choux (279. 8) — Que 
Vo)i iie peilt rimer quand 011 ti\i poinl la maille, Ni faire des cnfants, 
si on ne fait ripaille (285. 12 f.) — Quand c'esl qiüoii Ics adresse ä 
des gens inutiles (307. 28) — De ne les renvoyer pour en avoir des 
autres (308. 4) — Tous les boucs de la ierre otit esti des chevreaux, 
Et tous les hoeufs aussi ont esti des taureaux (g. 5 f.) — Je vous 
av proposez icy de hons aiitheurs, Lesqueh, comme je croy, ne sont pas 
des menteurs (142. I7f.) — II a tantost trois ans que favoy de Par- 
gent, Non pas dix nulle escus, je riavais que cent livres (201, 14 f.), 
vgl. auch Pour aller imprimer des rivies plus de vingt (313. li) — 
Qui ful de perte ä moy des escus plus de irenie (6. 16). 2. de vor 
Adjektiven: De plus maigres viendroyent (308. 14) — Car quelqu\m 
diroit pin's que personnes honnestes Accomparer je veux ä de mechanles 
bestes (22. 21 f.) — Encor en mettrois ccnt, faits par de bans autheurs 
(72.25) — Tout ccla me fut dit par de nobles personnes (283. l). 
3. de in atideren Fällen: J^ai treuve, en lisant d'histoires fort notables 
(70. g) — D' autres y ont esti trompez (87.7) — Desportes et Ro7isard 
et d^ autres (314. 6) — ... c'est qti'on ni'a defendu De ne boire de 
vin, ni de manger espisse (238. 18 f.): de statt du kann durch die 
Negation bedingt sein. 4. Ohne de: Et puls Von se marie afin 
d'' avoir enfans (138. 10) — Craignant rC avoir enfans (138. 16) — 
ni faire enfants en autre pari (285. 23). Wenn dann in einem 
prov. Gedicht vier Beispiele von de -f- Artikel auf einmal begegnen, 
liegt sicher bewufste Nachahmung des Französischen vor: Nous 
auren de V argen de bel-cop de persounos (296. 16) — Talomen que 
tous dous aguerou dels efans (293. 8) — De nouyri dels efans que 
meus no foussou pas (2g4. 8) — per lour da del plaze {2g'j. 4). 
246. 5 ff. Per so qu'un hoste qu'es troumpur A fach crida de vi tout 
pur, E peys el bailho del beuratge Nou fa pas el un grant aulrat ge? 
mit seiner Kontrastwirkung gibt die Erregung des Dichters wieder, 
dem der Stoff deutlich gegenwärtig ist (<-/<? hat noch lokale Färbung: 
'von dem schlechten Gesöff'). 

Etwas anders verfährt Dom Guerin in dem Dialog Lombre 
de Monseigneur de Nant avec son valet Antoine,^ in dem der Geist 
französisch spricht und der Diener in seinem französierten Heimat- 
dialekt redet. In den Worten Antoines erscheint die Teilungs- 
formel stets in der Foim von einfachem de, auch unter Umständen 
wie XXIV, 183 Feu vous farie tasta de bon vi de la Prade, Car al seilte 
ti'aven tme grosse boutade, wo eine Bezeichnung durch den Artikel 
zur Charakterisierung des bekannten Weines nahegelegen hätte. 
Dagegen zeigt die französische Rede des Geistes, welche bei Sioff- 
bezeichnungen die Teilungsformel ohne Artikel hat, z. B. fe viens 
querir d'argent que j'ai au cabinet (XXIII, 226), als unbestimmten 
Artikel Plur. bei Gattungsbezeichnungen und Abstrakten des: faurois 
donne d' argen t pour ?narier des filles (XXIV, 1 80) — f'({)' bien voulu 



' RLR. XXIIT, 221 ir.; XXIV, 167 ff.; das Original i.^l bald nach 1658 
gedruckt. 



ZUR TEILUNGSFORMEL IM l'KOVENZALISCHEN. IÖ7 

donner des marqucs de courage (XXIII, 226) — Des miracles si grans 
ä present lüonl pas cours (ebd. 234). 

Mireio 74 Beleu, digiie lou fatüeraire, Es de la pbu que vosto 
inaire Vous chatpe qu'ä la fueio aves vies irop de Ihn?, wo eine 
komplexe DenkvorsteUung zugrunde liegen kann (Hereinspielen von 
kausalem de in die Partitivauffassung), kann mit dem Artikel die 
durch den Nebensatz gegebene Besliinmtheit des Substantivbegriffs 
ausgedrückt, aber auch die allgemeine Vorstellung der Furcht in 
ihrer Intensität nachdrücklich unterstrichen und so als gegenwärtig 
und bekannt vor Augen gerückt sein. Die Stelle zeugt wieder 
von der etwas anderen Denkweise der Provenzalen mit der Vor- 
liebe für partitive Auffassung gegenüber dem Französischen, das 
hier kein de gebraucht hätte, vgl. IMistrals Übersetzung: 'Peut-etre, 
dit le vannier, est-ce la peur Cjue votre mere ne vous gronde pour 
avoir mis trop de temps ä la feuille?' Auch das Beispiel Quau 
de la säiivl noun pren, De la Vierge noun se souven, das Herzog 8 
als „nicht ganz klar" aus Roumanille anführt, ist durchaus ver- 
sländlich, wenn wir es Mistral II, 860 b unter dem Stichwort 'sauvi' 
als Sprichwort wiederfinden «par allusion a. une tradition d'apres 
laquelle la sauge aurait abrite et cache la Sainte Vierge pendant 
la fuite en Egypte»: lokal-partitive Wendung mit dem bestimmten 
Artikel, um den Stoff als bekannt, der Vorstellungsweise des Volkes 
vertraut zu charakterisieren (s. S. 57). 

Auf die Stelle Diu deu bee nous hara (Psalmenübers. ; Lespy, 
Gramm, bearn. 272) wird die von Sütterlin aus Anlafs eines ähn- 
lichen Beispiels gemachte Bemerkung zutreffen: „Auffällig und viel- 
leicht nicht recht einheimisch ist dou ley in dem Satze se koulülij 
neij fa dou hey (Die heutige Mundart von Nizza, Rom. Forsch. 
IX, 566), wenn auch im Bearnischen Artikelfälle nicht ganz selten sind. 

Auch theoretisch-grammatische Zeugnisse bestätigen neben 
der praktischen Haltung der Schriftstelier, dafs der Artikel der 
provenz. Teilungsformel fiemd ist, so das des Marseiller National- 
bibliothekars Achard im 18. Jahrhundert: «La particule de remplace 
souvent l'article en provencal; aussi les Proven^aux font-ils beau- 
coup de provengalismes en parlant francais, par l'habilude qu'ils 
ont de leur idiome. Donnez-moi d'eau, de vin, diront-ils, au lieu 
de dire donnez-moi de Peau, du vin; cela vient de ce que le 
Provencjal dit domias-mi d'aiguo, de vin, etc.» (RLR. XIII, 16).' 

3. Abgrenzung des «/(^-Gebiets und des teilungsformel- 
freien Gebiets gegeneinander und gegen das Teilungsartikel- 
Gebiet nach ausgewählten Karten des Atl. lingu.- 



1 Synlaxe de l'idicme ptoven^al, presenlee au Comile de l'instruction 
publique, 1794, hsg. v. A. Gazier unter den Lellrts ä Gregoire sur les patois 
de France. RLR. XIH, 12 ff. 

2 432: I. de Veau Hede, 2. de Veau fratche ; 57 gagner de Vargent; 
144: l. cütiper du bois pottr faire des fagols , 2. scier du bois, 3. bücher du 
bois : 195 du lait caille ; 345 marquer avec de la craie ; 568 coudre un 



l88 HANS NEUNKIRCHEN, 

Das (^lebiüt ohne partilivos de im Südwesten deckt sich 
nicht ganz mit dem des Gaskognischcn , dessen Grenze fast 
genau die Garonne bildet (vgl. Luchaire a. a. O. 194 ff.; C. Appel, 
Provenz. Lautl.5f.; bes. Fr.Fleischer, Studien zur Sprachgeographie 
der Gaskogne, ZRPh. Beih. 44): Von dem Winkel an der Mündung 
des Lot in die Garonne abgesehen, greift das Gask. nur am 
oberen Flufslauf auf das rechte Ufer über, um den westl. Teil des 
Dept.s H. -Garonne und den Westzipfel von Ar lege zu umfassen. 
Einzelne Schwankungen nicht eingerechnet, wird die Grenze des 
teilungsformelfreien Gebietes bis Punkt 760 {bei Toulouse) des Atl. 
lingu. ebenfalls von der Garonne gebildet, verläuft dann aber- in 
südöstlicher Richtung und umfafst das ganze Dept. Ariege, die 
Südwestecke von Au de (784, 793, weniger 773; letzteres vor 
allem beim unbestimmten Artikel Plur., z.B. auf Karte Nr. 421, 
ferner Nr. 878 [auch Punkt 785], Nr. 836 [auch Punkt 776]) und 
das Dept. Pyr.-Or. (catal.). Mit geringen Ausnahmen sind also 
ganz ohne Teilungsformel: die Dept.s B.-Pyr., H.-Pyr., Landes 
und Gers, Ariege und Pyr.-Or. 

Im Grenzbereich herrscht Schwanken. Einmal läfst das 
gelegentliche Fehlen von de aufserhalb der Grenzlinie erkennen, 
dafs das r/<?- freie Gebiet zunächst gröfser war und langsam ein- 
geengt wurde; ferner zeigt dann das allmähliche Vordringen von 
de und von de -j- Artikel über die Grenze, dafs dieser Prozefs, wie 
es bei dem steigenden Einflufs der nordfranzösischen Schriftsprache 
nicht anders zu erwarten ist, noch v^^eitergeht. 

Die Teilungsformel fehlt aufserhalb der Gienzlinie u. a. : in 
Aude bei viel gebrauchten Stoflbezeichnungen (Nr. 195, 432) 
überall, bisweilen auch sonst noch (s. oben); H. -Gar. 752, 763 
(Nr. 421); Tarn 753, 764 (Nr. 990), überall bei Nr. 421, aufser 
744 {de + Artikel) bei Nr. 195, dsgl. aufser 753 bei Nr. 836; 
Tarn-et-Garonne 741,750 (Nr. 195, 421, 836), 731 (Nr. 421), 
733 (Nr. 195), 741 (Nr. 878); Lot-et-Gar. 638 (Nr. 57); 722 im 
Dept. Lot ist eine ziemhch feste de-ix€\& Enklave (z. B. Nr. 195, 
345, 568, 421). 

Auftreten der Teilungsformel innerhalb der Grenzlinie u.a.: 
I. de: Ariege 783 (Nr. 345, 568, 180); H.-Gar. 760 (Nr. 57), 771 
(Nr. 990); Gers 658, 668 (Nr.432); Tarn-et-Gar. 659 (Nr. 57, 180); 
Lot-et-Gar. 648 (432, 345, 568); 2. de ■\- Artikel: Landes 682 
(Nr. 195, 345), 681 (Nr. 195), 672 (Nr.432), 684 (Nr. 978); Aude 
793 (Nr. 345). Der Nordteil des Dept.s Gironde hat meist de -f- 
Artikel i; bisweilen fehlt de noch: 643 (rechtes Garonneufer; 
Nr. 432, 195), 641 (Nr. 144), 650 (Nr. 57). Bei Abstrakten werden 
nicht ungern Quantitätsadverbien verwendet, bts. auch in der 



bouton avec du fil blanc ; \d>0 j'enteiuis du bruit; 978 U faut que nous ayons 
de la patience ; 990 y'az' eu de la peine ä le hur faire comprendre ; 421 des 
pommes dnuces (878 . des mouchons; 836 . . . des me7iS07i^es). 
' Abel .luch der Süden (bes. 653) verhält sich schwankend. 



ZUR TEILUNGSFORMEL IM PROVIENZaLISCHEN 189 

Gaskogne, so fort und pla mit und ohne de, bisweilen mit Artikel 
beim Substantiv (Nr. 978, 990). 

Bemerkenswerterweise tritt Jitis als unbestimmter Artikel 
Plur. im Gaskognischen nicht nur bei Doppelgegenständen und 
Pluraliatantum auf, sondern auch in Fällen wie dah ns helets *avec 
des belements' (Piat, Gramm, generale populaire des dialectes 
occitauiens. RLR. LIV, 232; unkritische Arbeit!). Wie in manchen 
anderen Punkten gehen Gaskognisch und Spanisch-Catalanisch hier 
gemeinsame Wege. In der alten Sprache ist uns, tinas in dieser 
Funktion häufiger auch nur in der bearn. Hist. Sainte, bei dem 
aus der Provinz Gerona gebürtigen Raimon Vidal und im PJoh. 
begegnet, dessen Sprache vereinzelte Spuren der catalan. Mundart 
zeigt (Such. Dkm. 563 f.). 

Das nordwestliche Randgebiet des Südfranz.: Perigord, 
Limousin (vgl. Chabaneau, Gramm, lim. RLR. V, 467 f.) und ein 
Teil der Auvergne (vgl. Dauzat, Morphol. du patois de Vinzelles 96 
und Ronjat 47, der eine andere Arbeit Dauzats benutzt hat) hat 
durchweg den franz. Teilungsartikel, so dafs die Grenzlinie für 
unsere syntaktische Erscheinung gegenüber derjenigen für lautliche 
Erscheinungen in bedeutender, bis zum Lot reichender Einbuchtung 
vorgeschoben ist. Das Frankoprovenzalische steht in seinem süd- 
lichen Teile zumeist auf der Seite des Provenzalischen. 

Die Grenzlinie folgt der Garonne aufwärts bis zur Einflufs- 
stelle des Lot, folgt dessen Lauf etwa bis zu dem Punkte, wo die 
Grenze des Dept.s Aveyron in nordöstlicher Richtung aufsteigt,^ 
mit der sie dann ziemlich zusammenfällt, durchschneidet das D^pt. 
Cantal in ungefährer Süd-Nord-Richtung dergestalt, dafs die etwas 
kleinere Westhälfte zum französischen Gebiet gehört, triift auf die 
Dordogne, an deren Lauf sie sich bis zur Quelle hält, um in 
östlicher Richtung südlich von Clermont-Ferrand den Allier zu 
erreichen. Sie folgt dem Flusse bis zur Grenze des Dept.s Puy- 
de-Dume, mit welcher sie nach Osten zusammengeht, folgt weiter 
etwa der Nordgrenze der D6pt.s Loire und Rhone, bis sie auf 
die Saöne stöfst, und durchquert schliefslich in ungefährer West- 
Ost-Richtung Ain und H.-Savoie. Demnach haben Herault, 
Gard, Bouches-du Rhone, Var, Alp. -Mar., B.-Alpes, H.-Alpes, 
Drume, Vaucluse, Ardeche, H. -Loire, Lozere, Aveyron 
in ihrer ganzen Ausdehnung die Teilungsformel mit de. Die 
übrigen in Frage kommenden Departements zeigen stärkere 
Schwankungen, am wenigsten noch Isere und Savoie, so dafs 
sie eine mehr oder weniger breite Grenzzone bilden. Ohne 
Berücksichtigung des frankoprovenz. Bereichs verläuft die Grenze, 
nach der Zahlenbezeichnung des Atl. lingu. (Nr. 432) dargestellt. 



^ Doch wird Punkt 628 des Atl. lingu. nördlich de5 Flusses umschlossen ; 
de -\- Art. fiadet sich nur auf Nr. 568 11. 990; im Pliir. (Nr. 42 J, 878, 836 
Steht de (auch l^unlcl 626J. 



igO HANS NEUNKIRCHEN, 

Iblgendermafsen: Am Zusammennufs von Lot und Garonne an- 
gefangen, aufseihalb 647, 637, 638, 628, 720, 722, 724, 716, 727, 
718, 71g, 70g, 705, 811, 812, 80g, 806, südl. 808 zur Loire. 

Aufseihalb der Linie haben blofses de u. a.: Lot 712, 713 
(Nr. ig5); Coirrze 710 und Cantal 708, 715 (Nr. 568); Tiiy- 
de-Dume 804, 807 (Nr. g78). 

Innerhalb des ^/^-Gebiets erwähne ich an Artikelformen: 
Tarn-ct-Gar. 750 (Nr. 432) in dem spitzen Winkel zwischen 
Tarn und Garonne (die Artikelform hat auch schon teilungsformel- 
freie Punkte auf dem linken Garonneufer ergriffen, so auf Nr. 144 
u. 421 Punkt 648 Lot-et-Gar.); Cantal 71g (Nr. 345). Der 
Artikel scheint am leichtesten beim Abstraktum eingedrungen zu 
sein, vgl. auf Nr. 978 u. a.: Puy-de-Dume 705, Aveyron 716, 
Lozere 822, Dröme 836, Ardeche 827, Var 884, 894, 8g5, 
Alp.-Mar. ggo; auf Nr. ggo: Puy-de-D6me 705, Dröme 836, 844, 
Ardeche 827, Var 884, 895, Alp.-Mar. 990 (Aveyron 737, 748 ohne de). 

Zusammenfassung. 

Die eigentliche Teilungsformel, d. h. partitives de beim allgemein 
zu verstehenden Nomen als AusdrucksmiLtel für einen dem Sprechen- 
den vorschwebenden unbestimmten Teil oder eine unbestimmte 
Anzahl von Vertretern des Nominalkomplexes (auch als Ersatz für 
den fehlenden unbestimmten Artikel Plur.), die sich bereits im 
Volkslatein in einzelnen Fällen aufzeigen läfst, wurde vom Provenz. 
in änderer Form — ohne Artikel — , aber sonst mit fast gleichem 
Ergebnis wie im Franz. ausgebildet. 

Zunächst kommt sie unter günstigen Bedingungen bei aus- 
gesprochenen Partitivverhälinissen sporadisch vor. Um die Wer.de 
des 15. zum 16. Jahrhundert tritt das Vt-rblassen des partitiven 
Bedeutungsgehalts der Präposition, das schon früher bei d'atitres 
zu beobachten ist, stärker in die Erscheinung, als die T.f. mit der 
wachsenden Verbreitung auch Anwendung findet, wenn eine quan- 
titierende Auffassung sich erst sekundär einstellt (beim Prädikats- 
nomen und im Vergleich). Die Ausbildung der Funktion und des 
Gebrauchs der Formel hat nach der grammatischen Seite hin mit 
der Mitte des 16. Jahrhunderts ihr Ende erreicht. Das Bestreben, 
de überall zu verwenden, wo das Substantiv i.icht als blofser Be- 
griffsvertreter fungiert, führt in der Folge zu deutlicher Kon- 
solidierung der Verhältnisse. Heute fehlt die Teilungsformel, von 
stilmäfsig, individuell und lokal bedingten Schwankungen abgesehen, 
meist nur in — zu fester Einheit gefügten — Verbindungen wie 
Verb -\- Substantiv, Präposition -f- Subst., Subst. -}- Subst. (Auf- 
zählungen), ferner beim Piädikatsnomen und im Vergleich, wenn 
der Nachdruck auf der blofsen Qualitätsmäfsigkeit des Nomens ruht. 

Das Provenzalische hat im Gange der Entwicklung dem Fran- 
zösischen gegenüber die Führung und zeichnet sich auch heute 
durch weitergellenden Gebrauch und ausgeprägtere Neigung für 



ZUR TEILUNGSFORMEL IM tROVENZALISCHENT. k()l 

partitive Ausdrucksweise aus [deque = was ; de an Stelle des franzö- 
sischen Artikels [ave (Viue hlu = avoir les yeux bleiis u. a.]), wie 
sie bereits in früheren Jahrhunderten nachweisbar ist. Mit dem 
Unterschiede in der Anwendung des Artikels, der im Französischen 
zur Bezeiclinung der Unbegrenztheit eines Substantivbegrifts immer 
mehr an Boden gewonnen hat und nur noch als Kennzeichnungs- 
partikel des Substantivs (Normalform) empfanden wird, steht die 
Ausbildung der Form in engem Zusammenhang. Heute erweckt 
das provenz. partitive de in seiner Verblafbtheit bisweilen geradezu 
den Eindruck einer blofsen Kennzeichnungspartikel wie der be- 
stimmte Artikel des Französischen, der in dieser Funktion im 
Provenzalischen geringere Verbreitung gefunden hat. So hat die 
provenz. Teilungsformel von vornherein die Gestalt von einfachem 
de, ohne dafs zu irgendeiner Zeit eine bemerkenswerte Tendenz 
vorhanden ist, den Artikel durchzuführen, der sich nur in einer 
verschwindend geringen Anzahl von Partitivwendungen findet, am 
meisten noch im Südwesten und im nördlichen Randgebiet, das 
heute wie das Französische den Teilungsartikel hat. Der Südwesten 
geht in dem seltenen Vorkommen der Formel mit den Sprachen 
der iberischen Halbinsel zusammen. 

Hans Neunkirchen. 



VERMISCHTES. 



I. Zur Wortgescliichte. 

I. Französische Etymologien, 
mfrz. arlouys , Zuhälter'. 

W. Mulerlt hat Lhl. 192 1 Sp. 324 die von Giüllon besorgte 
Neuausgabe der Villon'schen (oder pseudo-Villon'schen) Jargon- 
balladen ^ ausführlich besprochen und dabei das Wort arlouys , Zu- 
hälter' in 111, 27, das Guillon statt dem ör/ö^^v/j Vitn's im Faksimile 
gelesen hatte, erwähnt. Er stellt hierzu aus dem heutigen Argot 
marloti »souteneur' (daneben verallgemeinert , malin'), Louis , Dirne' 
und dtsch. Louis , Zuhälter' (seit 1886): „Die Verführung, an 
Zusammenhänge zu glauben, ist grofs. Was ist arlouys} Sollte 
arlouy (so wohl als sing.) ein argoi-V^ o\i sein, das aus reloue („der, 
den die Prostituierte ihrerseits gemieid hat") genau ebenso umgestaltet 
ist wie Henelle ^ Ar neue, wie renaud > arnaicd geworden ist oder 
wie ein pik. arnacque neben rcndcler steht? . . . Weniger leicht 
begreift sich der Übergang von -e. > -/ [y), da die in B [= Jargon- 
balladen] vorkommenden Part. Perf. gaudy, luhie anscheinend anders, 
als Lehnworte aus lat. gaudere, luhere zu beurteilen sind. Falls das 
äjrciL, [1- ajcas] Xfryöfttrov arlouys trotz allem in nfrz. viarlou 
fortleben sollte, müiste darin eine Kurzform (ev. Koseform) vor- 
liegen, die irgend einer analogischen Beeinflussung (vielleicht durch 
■m'amour, viaiou) den neuen Anlaut verdankt. Im pariserischen 
Louis , Dirne' kann ein dem '■^relout' entsprechendes louee, *louie 
(„die für Geld zu haben ist") fortleben — in späterer Zeit natürlich 
zum Namen L. umgedeutet. Aus einer leicht verständlichen Un- 
genauigkeit ist schliefslich bei der Übertragung aus dem Pariser 
ins Berliner Milieu Louis zur Bedeutung ^^Zuhälfer'-'- gekommen. 
Wenn jemand den „vorbildlichen" Pariser mmage eines marlon 
und seiner Louis etwa als yVienage de louis'^ zusammen fafsle, so 
konnte später auf deutschem Boden die Namenvertauschung vor 
sich gehen und der sonst männliche Vorname auch hier dem 
männlichen Teile zufallen." 



* Ich Inn Kollegen Mulerlt für Überlassung dieser Veröfffntlirliung 
Dank schuldig. 



LEO SPITZER, FRANZÖSISCHE ETYMOLOGIEN. I93 

Ich unterschreibe hier nur das Letztbehauptete: es war eine Art 
grauimalische Korrektur, dafs Louis im Dtsch. dem männlichen Teil 
zufiel, wobei noch die Verwechslung des Alphonse mit der Lotiis in Be- 
tracht kommt. Über die Entstehung" von Louis , Dirne' gibt Villatte 
Parisisinen mit Berufung auf Richepin folgende einleuchtende 
Erklärung: ^ Louis (XV): Oest la nieilleure de taut es les Louis XV 
que fai (ues, das ist die beste von allen Maitressen, die ich gehabt 
habe (Du Camp, 1875); der Name kommt von der Sitte mancher 
Bordellhuren, sich das Haar zu pudern und Schminkpflästerchen 
aufzukleben wie zur Zeit Ludwigs XV." Das Bestehen der Variante 
Louis XV macht diese Deutung sicher. Es wäre also etwa eine 
Entwicklung anzunehmen: *une cocotle Louis XV ^ une Louis XV 
>- une Louis. — Marlon fügt sich sich in die Serie der Katzen- 
namen mit a-u (REW 774) und es ist also von der urspr, Bdtg. 
, malin' auszugehen, vgl. vialou , Kater' »Ehemann, guter Hahn* 
,widerlicher Ki.'rl', mitou , Kater' ,Wucherer'. Sain^an Bhft. z. Ztschr. 
I, 66 nimmt auch diese Deutung an. — arlouys und Louis auf 
ein {re)loui{e) zurückzuführen ist vor allem deshalb schwierig, weil 
louer weder in alter noch in neuer Zeit bei der Benennung des 
Dirnenwe^ens eine Rolle zu spielen scheint, aber auch lautlich ist 
ein louee >- *louie sehr bedenklich. Für arlouys verweise ich auf 
die bei Raynouard s. v. arlot ,ribaud, goujat, gueux' und bei Diez 
s. V. arlot to vereinigten prov. arlot {als arlos it als putaiis), afrz. 
arlot, akat. arlotz, asp. aride, vgl. noch afrz. harlot , Fresser', altengl. 
harlot , Lotterbube'. Das ital. Arlotto wird gern auf einen Priester 
des 16. Jhs. zurückgeführt, aber der piovan Arlotto hat sicher nur 
einen redenden Namen. Ich verweise nun noch auf kat. arlot 
,rufiän', das Diccionari Aguilo seit dem 14. Jh. belegt und noch 
heute in der Bdtg. , Barsch' , Knecht' auf Mallorca als allot fort- 
lebt (vgl. Alcover, Bolle ti del Diccionari de la llengua catalana 
III [1907], S. 7 und Tallgren Ntuphil. Mitt. 1920, 248). Ein arlotz 
mufs also dem Villon'schen arlouys, zu dem noch Sainean Frage- 
zeichen machte, zugrunde liegen. Nun wäre noch die Reim- 
schwierigkeit (: gaitis) zu beseitigen, wozu ich nicht die Möglichkeit 
habe. Guins könnte aus dem früheren Verse in dem von Mulertt 
angezogenen Texte verschleppt sein. Also etwa zu ersetzen durch 
sous^ die Münzbezeichnung? 

volksfrz. herniquel ,ja Kuchen!' 

leitet Sainean Le langage parisien au XLX^ siede S. 7 7 f. aus hernicle 
, Entenmuschel' ab, das seinerseits aus dem Bretonischen entlehnt 
sei (er hätte aufser Rolland Faune XII, 20 [so, nicht Flore\\ Thomas 
Rom. 28, 172 f. zitieren können). Semantisch läfst sich gewifs nicht 
viel einwenden, auch das Fehlen eines Artikels läfst sich durch 
ähnliche Ausdrücke wie merde! branl (dtsch. Ivuchen, süddtsch. 
Sch?narrn neben an Schmarrn) stützen. Allerdings hat Sainean keine 
Verwendung wie *je n'aurai hernique belegt. Ich frage mich aber, 
ob wir nicht von dem Spiel ausgehen müssen, das uns in tVz. 

Zeitsclir. f. roin Pliil. XLH. \\ 



1Q4 VERMISCHTES. ZUR WOKTGESCHICHTE. 

DIak'ktwbb. nocli hier und da bezeugt ist, so in St. Pol: harnih, 
beniik ,berni(|ue!' neben ju d harnik ,soite de jeu de cartes qui se 
joue entre deux personnes, et dans lequel le perdant est harnike 
par le gagnant, c'est-ä-dire qua celui-ci a le droit de donner avec 
le paqnet de cartes, sur les extremites r6unies des doigts du perdant, 
autant de coups qu'il a gagne de poiiUs dans la partie — harnik, 
peino, tenant Heu d'enjeu, infligee au perdant du jii (Vbartiik. Ce 
jeu tend ;\ disparaitre'; bei Jaubert wird nun ferner s. v. herniques 
erwähnt: „Dans Raymond [Supplänetil au Dict. Je FAcad), hcrniqne 
est une espece de jeu de drogue (jeu de cartes)". Dieses Karten- 
spiel drogue erscheint im Dict. g6n. s. v. drogue als Spezialisierung 
der Bdtg. ,ce qui est mauvais ä prendre' mit folgender Beschreibung; 
,morceau de bois fourchu qua le perdant doit mettre sur son nez, 
dans un jeu de cartes en usage chez les matelots, les soldats'. 
Wenn wir nun hcrnicle = drogue setzen, wie der zitierte Raymond tut, 
so erhalten wir neue Erklärungsraöglichkeilen von beruick ,Klemm- 
Peter' (die Sachs- Vill. 's Übersetzung des Spieles drogue, das Sainean 
1. c. S. 4 erwähnt). ' Die Glossen geben uns hie camus bernac, cha- 
mum (vel capisirum) harnac, Priebsch, Bausidne z. rom. Phil. S. 540, 
vgl. engl, barnacles ,an instrument set on the nose of unruly 
horses' (neben allerdings später belegtem barnacles , Brille'). Nun 
erklärt sich auch das hcrnicles (Marterinstrument', das God. aus 
Joinville anführt: die Beschreibung ist mir allerdings nicht ganz 
klar, immerhin wird von miteinander verzahnten Holzstücken {tisons) 
gesprochen. Mit Recht hat Urtel, Autour du rhuvie S. 16 anjou. 
emhernicle, embournicle , verschnupft' mit diesen Ausdrücken zusammen- 
gebracht. 2 



^ Über das Wort drogue hat Kluyver ZfdW. 1 1, gff. gehandelt: er nimmt 
für frz. drogue ein arab. Etymon *dräwa an, das aber doch phonetisch nicht recht 
pafst. Aber richtig rekonstruiert der Verf. für frz. drogue als Grundbedeutung 
,(ias Minderweitige, Kleine', woraus die Bedeutungen des \>xq\. droueve , Besen, 
womit man das Korn reinigt', die des frz. drogue ,ce qui est mauvais ä prendre; 
ce qui est de mauvaise qualitd; vieille ferraüle; l'ajonc que produisent les 
terres steriles' und auch unser .morceau de bois fourchu . . .', endlich die 
Bdtg. ,Spezerei', weil diese gesiebt wurde. Kluyver vergleicht nun frz. droue 
und ivraie nur der Bsdeutungsentwicklung halber. Ich gebe zu erwägen, dafs 
nach Thomas' Rekonstruktion eines *dravoca *drauca für frz. droue in den 
Bedeutungen ,brome, fetuque, ivraie, bardane' [Rom. 41,62 ff.) wir auch ein 
südfrz. *draucti drauga annehmen können, aus dem dann frz. drogue entlt-hnt 
.sein wird. Wenn diese Vermutung richtig ist, so haben wir also für drogue 
die Entwicklung , Minderwertiges, Kleines' , Unangenehmes' ^ ,Klemm-Peter'. 
Auch sp. droga ,eine Art Kinderspiel (in Allkast.)' wird wohl den ,Klemm- 
Peter' meinen, die Bdtg. , Geschwätz, Betrug' pafst zu , Nichtigkeit' oder 
,Gewürzkrämerei'. Das synonyme bernique könnte man dann auch aus ,das 
Kleine', , Minderwertige' ^ ,K!emm-P(.ter' eiklären, dann wäre Saineans Ab- 
leitung .Enteamuschel' ^ .Nichtigkeit' richtig. Denkbar wäre ja auch, dafs 
der Klemm-Peter nach den zwei aueinanderhaftenden, eine 'Klemme' bildenden 
Schalen der Muschel benannt wäre. 

'■' Gehört hierher das schles. .5(?r«z<r^^/ .Gerstenkorn', das Ztschr. d. allif. 
dtsch. Sprachvereins 1921, Sp. 32 ohne Erklärung erwähnt ist? Von der Er- 
kältung aus? Oder von bernicle , Muschel' wie kärtn. Muschel für eine Ge- 
schwulst nn Pferden ? 



LEO SPITZEK, FRANZÖSISCHE ETYMOLOGIEN, IQS 

Für mich ist also hernicle, bernacle , Nasenknebel' , Marter- 
instrument' mit der Bezeichnung des Spiels ,Klemm-Peter' identisch; 
hernicle in diesem Sinn ist nur eine scherzhafte Anwendung der 
Marter, der im Spiel mit bernique Bestrafte hatte anstatt des er- 
liofften Gewinns bernique: man könnte die Bewegung, von der nach 
Verrier-Onillon bernique! als negative Antwort begleitet wird, allen- 
falls noch als Erinnerung an die urspr. Folter erklären: „avec 
raouvement de l'index de droite ä gauche sous le nez." ^ Das in 
den Wbb. erwähnte aller au berniquel ,sich ruinieren' (Trevoux 1740) 
kann zu berner oder zu hernicle gehören. 2 

Wenn ich Gamillscheg Zischr. 40,515 richtig verstehe, so will 
er durch den Verweis (s. v. cravan) bei barnache , Rottgans' , Enten- 
muschel' auf S. 13g, wo er die Abkömmlinge eines gall. *htrnos 
, Sumpf , Wasser' bespricht, dieses barnache im Gegensatz zu Thomas 
Mt'l. 2,2 und JiEW., 1047, die von bretonischen Wörtern ausgehen, 
auf das gall. *bernos zurückzuführen. Die bret, Wörter (breanik etc.) 
führt nun Stokcs auf ein barcwi- , Stein' zurück, während Henry 
Lex. ctyvi. sich ziemlich skeptisch über den Ursprung ausdrückt. 
Die Stokes'sche Ableitung wäre eine gute Stütze für Gamillschegs 
Ableitung von cravan aus kelt. *kragu , Stein'. Trotzdem halte ich 
Gam.'s Ableitung für richtig: ich habe Zischr. 40, 758 das von 
Barbier erwähnte berna , Reiher' der Glossen (cf. bernard- in frz. 
Reihernaraen) des 8. Jhs. angeführt und ich füge nun noch aus 
Skeats bei dem Engländer Giraldus Cambrensis (ca. 11 75) belegtes 
hernaca, Ducanges bernacae ,aves aucis palustribus similes ex abiete 
in aquas demisso enascentes' bei, das zu Cotgraves bernaque ,the 
fowl called a barnacle' (Rotlgans , Baumgans) pafst. Dagegen scheint 
mir nicht sicher, dafs mit Gamillscheg dtsch. Brentgans ein *hran(l-ila 



* Bearn. bernic, berlic ,pointil!eiix , inquiet' (Mistral), bask. bernika 
.exigeant' (Azkue) gehören wohl zu ■prov. bern/gan, das ein Gefäfs in ver- 
schiedenen V'eiwcndungeu, u. a. auch ,Kopf' bedeutet (vgl. Thomas, Rom. 
28, 173). — Das stfcirische Pernikehpiel (es besteht uach Unger-Khull im Fort- 
schnellen eines bunten Stcinkügelchens mit dem Daumen, damit es ein anderes 
treffe) hat hier wohl nichts zu suchen: zu breloqueP Ist es das Etymon des 
schles. Worieä für , Gerstenkorn' (.kleines Sieinchen')? — Centfrz. bernique 
, die Frucht der Ulme' (Jaubeit) geht wohl von , Brille' aus. — Bourniclet 
hat nach v. Wartburg, RDR. III, 165 nicht nur mit borgne , sondern auch 
mit bernicles .Brille' zu tun. — Die im Specimen du Glossaire des patois 
da la Suisse Romande 1921 zitierte Form abernichs ist eine jüngere vom 
Dtsch. beeinflufsle Umformung {aber nix) von bernique. 

^ Sehr gern würde man das im Zentrum (Berry) und in der Normandie 
belegte bernicles sowie das engl, barnacles in der Bdtg. , Brille' zu beriete, 
br siele = beryllus stellen, besonders wenn man an das im Dtsch. Wb. er- 
wähnte dtsch. Brille ,ein ledcr mit stacheln, das man lämmern aul die nase 
setzt, die entwöhnt werden sollen', ,eiue deichsei zu zwei ochsen' erinnert: 
aber wenn auch die Araber schon im II. Jh. Brillen gekannt haben sollen, so 
haben wir doch erst im 14. Jh. mit einer westeuropäischen Brillenfabrikalion 
zu rechnen (vgl. die Belege bei Littre s. v. b^sicles, New Etis^l. Dict . s. v. 
beryl und bei Thomas, Melanges S. 164), ferner wie erklärte sich die Form 
bernicles'^ Der Bedeutungsübergang ' Folterwerk/eiig' ^ , Brille' ist dagegen 
aus Scherzen, leicht erklärlich. 

13* 



ig6 VERMISCHTES. ZUR WORTGESCHICHTE. 

darstelle, vgl. die noch vorläufig nicht feststehende Identifikation 
des Tieres im Ne^ü Engl. Dicf. s. v. hraiid- (hrant-) goose. Die 
schw. Form Brandgds, dtsch. Bnmdgans könnte an norweg. brandet 
engl, hrinaled .gestreift' denken lasst-n. das Tier heifst ja auch 
Ringelgans „wegen des weifsen Ringes, der um ihren schwarzen 
Hals geht; daher hat Bellon sie auch nonnette genannt" (Nemnich). 

frz. hlafard 

wird seit Diez auf ein ahd. *b/ach/aro zurückgeführt, wobei die 
Lautentwicklung, vor allem die Betonungsverhältnisse nichts weniger 
als klar sind. Das or blafe et pale des Jahres 1578 bei Littr6 
Suptl. sowie reims. blafe ,blafard' (Saubinet) weisen darauf hin, 
dafs wir eine gewöhnliche Ableitung auf -ard vor uns haben. Die 
Bedeutungen, die God. für das afrz. Wort blafart angibt: ,mou, 
affaibh*, ,benin, sans v(^lont6, moUement complaisant', ,louclie, suspect, 
mauvais', blafarde ,injure', blafarder ,rendre blafard, injurier' weisen 
auf eine urspr. Bedeutung ,krafdos', die sich wohl aus einem onomato- 
poetischen Stamm ^^blaf- gewinnen läfst: vgl. das dtsch. verblüfft 
neben ich bin baff. Wir können *blaf- als Onomatopöie des Schlags 
neben *baf- annehmen etwa in der Bedeutung , plumps, plump', 
,verdutzt' [über letzteren Bedeutungswandel vgl. Schuchardt, Ztschr. 
42,698): vgl. Falk-Torp s. \. forbleffe: „das nd. bluffen, bluffen 
, erschrecken, verwirren' ist etymologisch dasselbe Wort wie ostfries. 
bltffen , bellen' (holl. bluffen , prahlen') und eine Ablautsform zu nd. 
blaffen , heftig bellen'; zugrunde liegt die Interjektion blaf eine 
nebenform zu baf.''' Vgl. noch mnl. blaffaerd .Prahlhans', köln. 
blaffet ,Mund, Maul'. Ähnlich {xz. faire />a/ , hinplumpsen', paffe 
, Ohrfeige', paffe .verdutzt', paffer , betrunken machen', paf , be- 
trunken'; baffer .ohrfeigen', bafouiller , ungereimtes Zeug sprechen', 
/>rtyb«(?;' , verhöhnen' {Ztschr. \\, 168 ff.). Ein kat.plaf! parallel dtsch. 
plapf plapp als Onomatopöie des Schiagens habe ich Butlleti de 
dial. cat. 1920, S. 63 belegt. Blafe hiefs also urspr. *, plump' oder 
*, verdutzt', endlich .kraftlos, willenlos, schwach', dann , bleich, 
farblos'. 1 

Nun ist blofs noch die Einordnung des bei Beiz, Die Mi'inz- 
bezeichnungen in der altfranz. Literatur nicht behandelten bloffard 
vorzunehmen (nach Littre Suppl. abfällige Bezeichnung des schlechten 
Geldes, das Karl Vill. prägen liefs; aber bei Ducange haben wir 
schon im 13. Jh. moiieta Blaffardorum et parvi valoris im Gegen- 
satz zur nioneta fortis): mnl. blaff ert ,nummus superficie planus' 



^ Hierher wohl auch die entgegengesetzte Bdlg. .übermäfsig, stark' des 
ixz. balouf (jdViS , plump'), vgl. Saindan, Le lang. par. S. 280, der ha.m. baloufes 
, Lippen der Dogge' heranzieht: also baloiif -\- balevre, vgl. noch pik. ebarloufe 
, erregt', »verdutzt', das zu bars^ntf usw. gehört, vgl. Bibl. Arch. roin. II/3 
S. 151; la satonnade roule ä balouf ,ts wird tüchtig geprügelt' zeigt den Über- 
gang, auch die Vermittlung zu dem bei Schmidliu belegten a balaß , a halofi 
,ä foisou, aboudammenl', das I.eip, Provenzalisches u. Frankoprov. bei frz. 
Lexikoi^rnpheii erwähnt. 



LEO SPITZER, FRANZÖSISCHE ETYMOLOGIEN. I97 

(Kilian), kölii. blaffet , kurkölnische Münze* (Honig) würde zu mnl. 
blaff , flach' passen (man könnte frz. la qalette, von Geld gesagt, 
vergleichen, indem dem Kuchen und dem Geld die Flachheit ge- 
meinsam ist); dtsch. blaphart, plaphart, plappert, pläpperling, plapper- 
gcld würden wieder auf — natürhch ebenfalls onomatopoetisches — 
plappern (vgl. plapperstdn spielen vom Plätschern des geworfenen 
Steins) weisen, so dafs die beim Werfen aufklatschende Münze ge- 
• meint wäre. Aber alle diese germ. Wörter sind wohl aus frz. 
blaffard oder mit. blaffardus entlehnt und diese selbst erklären 
sich aus den oben angeführten Bedeutungen ,matt', »verdächtig', 
»schlecht' {pr hlafe s. o.). 

argotfrz. cagibi »Unterstand (im Weltkrieg)'. 

Dauzat, Largot de la giurre S. 182 belehrt uns, dafs das Wort 
vor dem Ktiege im Schneiderargot ,das Wartezimmer der Probier- 
fräulein' bedeutete, und leitet es von cage ab, ohne sich über die 
Herkunft des -bi auszusprechen. Sainean, Le langage parisien au 
XIX^ steck S. 177 bringt das Wort unter den aus der Seemanns- 
sprache stammenden: ,^chibis, prison; faire chibis s'evader d'une 
jDrison avec le concours d'un caraarade ... A l'ecote navale du 
Borda, chibis designe la salle de police: c'est la forme abr6gee de 
cachibis, petils casiers places sous la dunette et destines aux pipes 
et au tabac. Dans l'Anjou et ailleurs, cagibi (on cabiji), petit retrait 
quelconqup, bicoque; a Mayenne, petit reduit, petite löge, hangar". 
Damit ist aber noch immer nicht die Etymologie gegeben: aus 
Verrier-Onillon verzeichne ich noch die Nebenformen gagibit, caba- 
getis, aus Dottin kabajeti, kajbiti, kajubi (offenbar von kajute beeinflufst), 
ferner in Dol cagibita, cagibite, das von Lecomte = ,cage ä betes' 
erklärt wird. Aufklärung bringt das bei Jaubert belegte cache-cabi 
,cache-cache, jeu d'enfant' (zu cabi ,chevreau'), das auch auf der 
Atlaskarte 1482 neben kaskabri, kasmil, kasmusk vorkommt (das Tier 
wechselt in dem Spiel: Ziege, Katze usw.). Kaskabi + kasmit 
erklärt cagibite. Die mannigfachen Umstellungen der Spielbe- 
zeichnungen sind ein Sinnbild des Spieles selbst (vgl. calejubotir 
Ztschr. /\2, 11). Jetzt wird auch faire chibis ,aus dem Gefängnis 
entfliehen' (wörtl. ,sich decken', das auch im Dtscli. während des 
Weltkriegs in übertragener Bdtg. gebraucht wurde) semantisch klar. 

Afzr. Cent double = centuplum? 

Zu meiner hier 1920 S. 224 veröff'entlichten Widerlegung von 
Metis' Ansicht [Zlschr.f. frz. Spr. q\, \\^&.), dafs der afrz. Ge- 
brauch von unflektiertem <^/ö«(5/^ = , -mal ' {cent double , hundertmal ') 
nicht auf ein mifsverstandenes centuplwn > cent duplum zurückgehe, 
gesellt sich noch eine Parallele, die mir Herr Prof. Thurneysen zur 
Verfügung stellt: altirisch diabul , doppelt' — cöic diabail .fünffach* 
[Ztschr.f. cell. Phil. 11, 107). Auf meine Anfinge, ob Beeinflussung 
durch das Vulgärlatein möglich sei, schreibt mir der verehrte Ge- 



198 VERMISCHTES. ZUR WORTGliSCHICHTE. 

lehile: „Cö/V diahail kommt in Texten vor, die dem 8. — 9. Jh. an- 
gehören, handschriftlicli seit ca. iioo übediefert sind. An latei- 
nischen Einllufs glaube ich nicht, da die Iren wohl mit der latei- 
nischen Kirchensprache aber nicht mit der lateinischen Volkssprache 
in Berührung kamen." Nun könnte ein romanistischer Celtophile 
auf den Gedanken kommen, die Bezeichnung des Vielfachen durch 
das Doppelte sei keltisch (das Rumänische und das Dalmatische 
scheinen die Wendung nicht zu besitzen), was ich aber bei meiner 
prinzipiellen Gegnerschaft gegen alle Ilalbierhypothesen in der Syntax 
(vgl. das über das reziproke inier, Ltbl. 19 16 Sp. 248, über die 
„Rahmenbildung" beim Personalpronomen in Aufsätze S. 247 Bemerkte) 
nicht annehmen kann. Ferner belegt mir H. Sperber aus dem Schwe- 
dischen ein erwähntem steir. dreidoppelt entsprechendes iredubbelt, 
ferner viäng diihhelt ,vielfac]iS mängduhhia ganger ,vielmals' und 
endlich finde ich in Glotta 11,237 ^"S Chios ein r^idurloQ statt 
to'ljcXoq, das genau zu lat. trigeininus pafst. Wir haben also hier 
einen der Fälle vor uns, wo eine weitere Umschau eine im Einzel- 
fall noch so bestechende lokale Erklärung ausschliefst oder über- 
flüssig macht (vgl. etwa die Polemik über la ville de Paris zwischen 
Schuchardt und Meyer -Lübke). Aufserdem bedenke man, dafs 
Metis' Erklärung nur dann nötig ist, wenn man zwischen »vielfach' 
und , doppelt' eine Spannung erblickt: erwägt man aber, dafs 
, doppeln' und , falten' einander sehr nahe stehen (frz. douhliire 
, eingeschlagenes Fuiter'), so sieht man auch keinen sehr grofsen 
Abstand zwischen , vielfaltig', ,vielfach' und ,vieldoppelt'. Vgl. 
noch Span, den doblado , hundertfach' (Cuervo in den Notas zu Bello 
S. 40), das bei INIetis' Annahme eine sekundäre Ausdeutung eines 
centuphun > *centoble — cent-dohle sein müfste. 

argotfrz. daron , Hausherr'. 

Bruch schreibt Zlschr. 38, 680: „Frz. daron , Hausherr', das 
God. nur einmal belegt (wobei er es, wohl falsch, mit 'manoir' 
übersetzt), für das dann Littre noch einen zweiten Beleg aus neuerer 
Zeit gibt und das nach dem von Bugge, R. 4, 353 angeführten 
Vermerk noch im Flandr. lebt, das somit auf ein kleines Gebiet 
beschränkt war und ist, daron ist wohl einfach baron -\- dam.'"'' 
Bruchs etymologischen Trefferblick schätze ich hoch — worin ich 
ihm aber prinzipiell nicht beistimmen kann, das ist das Mathematisch- 
Konstruktive, das seine etymologischen Aufsätze oft haben. Er 
untersucht selten den Stimmungsgehalt, die stilistische Wertigkeit 
eines Wortes und sucht daher oft eine rein errechnete Lösung, 
statt sich in die Gedankenverbindungen zu versetzen, die nur aus 
ganz bestimmten Milieus sich erklären. Bruch sieht mei'-t liür 
horizontale, nicht die ebenso wichtige vertikale Sprachgliederung, 
nach sozialen Schichten (vgl. meine Bemerkung Ztschr. 42, 34). ^ 



' Ich benutze die Gelegenheit, um zu Bruchs Ault'assung des lum. crunt 
(Zischr. ^1, 6c)4) .Stelhing zu nehmen: Die Parallele rum. cr?/«if aus cruentus 



LEO SPITZER, FRANZÖSISCHE EIYMOLOülEN. I99 

Über argotfrz. daron hat der Argolforscher Sainean zweimal 
mit feinem Eingehen auf das Mih'eu, dem das Wort entstammt, 
geschrieben: allerdings widersprechen seine beiden Erklärungs- 
versuche sich gegenseitig: In Les sourccs de rargot ancien s. v. daron 
,maitre, pere' geht er von einer Grundbdtg. .dickbauchig' aus, zu 
„anc. fr. et dial. dare ,bedaine"' und zitiert die Angabe Le Roux' 
jVieülard ruse' und die d'FIautel's (1808) ,sobriquet que les ouvriers 
donnent ä leurs bourgeois'. In Le langage parisien an xix' siech 
S. 504 geht er von der Grundbdtg. , Schwätzer' aus: zu raayenne. 
daronner ,murmurer'. Welche Deutung ist die richtige? 

Vor allem berichtige ich folgendes bei Bruch: der Autor hat 
Littre's Supplement nicht nachgeschlagen, sonst hätte er gefunden, 
dafs das bei God. (und Littre) zitierte Beispiel mit ,manoir' richtig 
übersetzt, aber doch für unsere Betrachtung auszuschalten ist, weil 
es ein tel quel übernommenes arabisches Wort ist. 

Wie steht es nun mit dare , Bauch'? Ich finde bei Dumeril 
manche, darre ,gros ventre; peut-etre aussi gros qu'un derriere, car 
on trouve Darr avcc cette signification en vieux-fran(;ais', bei 
Jonain ein saintong. </flr/-f , derriere' Subst. und Adj. {le darre d' in 
caloi)., bei Verrier-Onillon ein anjou. darre, derre , derriere', darin 
,ventre' [Venfani a mal ä son darin, a.Ygothz. par les dariolcs ,par 
derriere', Sainean, Les sources usw.), ferner ein altfrz. daru , stark' bei 
God., dem ein prendre le deru, courre a la darue bei Verrier-Onillon 
und Sigart für , einem imaginären Wundertier bei Nacht nachjagen 
(auf Veranlassung von Spafsmachern)' formell entsprechen könnte. 
Ein altfrz. rt^r/z-t" , Bauch' (das ^/«rr Dumeril's ist nicht ernst zu nehmen) 
finde ich nicht. Ich nehme an, dafs die , Bauch' und ,podex' be- 
deutenden Wörter ?i\x{ derre, darre , hinten' und dies als Rückbildung 
auf derrilre oder derrain zurückgeht: die Verwechlung des vorderen 
und hinteren Körperteils ist wohl kein Hindernis: in einer befreundeten 
Wiener Familie sprach man umgekehrt zum Kinde von einem Siiz- 
haucherl. Daru ist wohl davon abzusondern, t Par les dariolcs ist 
wohl scherzhaft nach dariole ,eine Art Kuchen' (hierzu vgl. Gamill- 
scheg, Zischr. 40, 519) umgebildet. 

Zu dem von Sainean an zweiter Stelle zitierten mayennc. 
daronner ,murmurer' stelle ich nun anjou. daronner, iaronner, dariner, 
tariner ,lambiner, s'attarder en chemin; etre trop minutieux; 
musarder; s'arreter dans la rue ä causer' (Verrier-Onillon). Da 
das fiktive Wundertier daru[e) daneben noch farin, couard heifst 



— it. Tronto aus Truentiis ist schon von Ascoli gegeben und von D'Ovidio 
in der sechsten seiner in Atti d. R. Acc. d. Scieme c. Polit. d. Napoli Bd. XXX 
(1S98) veröffentlichten „Note etimologiche" widerlegt worden. D'Ovidio geht 
für den Flufsnamen vom Siedelungsnamen Casirum Triientinum, also von 
einer suffixbetonten Form ans. 

1 Immerhin bemetke ich, dafs Esuault Le Poilii tel qii'il se pai-le S. 34 f. 
ein affüter le dahu .guetter le Boche dans la tranch6e', le dahu für dieselbe 
My.>itifikation wie oben aus Beny belegt, aber hinzulügt, derselbe Streich heifse 
in Loir.-Inf. la chasse au darain. 



200 VERMISCHTES. ZUR WOkTGIiSCHICHTE. 

(Verrier-Onilloii s. v. bissclre), so nehme ich die Zugehörigkeit zur 
daronnet-'s>'\Y>\>& an: der Dummkopf und Feigling wird dadurch ver- 
spottet, dafs das Tier, dem er auflauert, selbst das , Dumme' oder 
, Feige' heifst. Hierher noch savoy. daro, dardu, dare, daradin 
,nigaud, insouciant'. daran , Vater, Hausherr' scheint mir nun 
tatsächlich zu dieser Sippe zu gehören, weil daronuer morpho- 
logisch ihm am nächsten steht: es ist also die Altersschwäche 
verspottet. Auch ist es wohl denkbar, dafs man sich den Haus- 
herrn, den bourgeois, weniger dafs man sich den Vater dickbauchig 
denkt. Das Godefroy'sche d^Jru kann ich mir allerdings nicht 
anders erklären als durch , tölpelhaft, grob' ,dick' (wie Faulpelze 
gern sind): Regarde: est-ce bien fort ftrii? JSJe say vilain, iant soit 
daru, Qui neu ftist rompt. ^ 

Was ist nun daronner'i Bruch Zischr. 38, 678 beweist die 
germ. Herkunft des rom. darnos , verwirrt' (REW 2478) durch die 
Existenz des fläm. verdären , erschrecken', urspr. ,sich verbergen' 
(Falk-Torp, bedagerig). Ich habe meinerseits zu dieser Sippe ital. 
indarno, altfrz. en dar{t) »umsonst' gefügt und wegen des l- von 
prov. iarnegas ,Würger' (wie ich nachträglich sehe, ebenso wie vor 
mir P. Barbier fils RLR 1907 S. 543 f.) gleichfalls germanische Her- 
kunft angenommen {Arch. 192 1, 135): dtsch. Tarn[kappe'^ etc. (zu 
exdarnatus der Reichenauer Glossen vgl. noch altfrz. esdarnie ,exces' 
Cod., ferner wall. da(u)rmse, tornise ,qui a la tete entreprise par Ic 
vin* Grandgagnage). Nun fügen sich die daronner, dariner, taro7incr, 
tariner bestens zu dem fläm. Wort. Daru hätte sich nach vialotru, 
fichu, fouhi etc. gerichtet. 

Ob lüttich. darc ,fourrer, introduire' (/ dar se min to koste ,il 
fourre ses mains partout' [Forir]), fläm. (il ne sait plus) u dar 

[1 Diese Zeilea waren schon geschrieben , als ich Einblick in deu inter- 
essanten Artikel von Horning, Rom. 1920, S. 377 über Jaru nehmen konnte, 
durch den meine Übe-setzung bekräftigt wird: Hoiuing sagt ,gros beta, lour- 
daud'. Auf Formen wie südfrz. danitas gestützt, nimmt Horning -it- im 
Etymon an. Vielleicht wirkten aber die Partizipia wie conclute etc. ein 
(Meyer-Lübke, Hist. Gramtn. d.frt. Spr. I, 259), da la deriie doch zweifellos 
wieder -t- zeigt. Die Form darou geht sicher auf das konkurrierende garou 
zurück. Horning gibt noch die Ausdehnung des Wortes daru, besonders in 
lothringischen Mundarten, genauer an. Ich füge noch st. pol. dalu ,niais, 
nigaud' an, das wohl nicht zu dal , verrat' gehören wird, ferner vielleicht 
zenlrfrz. dälu ,ongIee, engourdissement douloureux au bout des doigls cause 
par le froid. Ce mot, pendant l'hiver, sert d'epouvantail pour les enfants: 
Voilä le dalu qui vient; prends garde au ddlul' (ähnlich oui, le Dalut ,ja 
Kuchen!' in Anjou als versteinerte Redensart). Über die Etymologie spricht 
sich Horning nicht aus, v. Wartburg nimmt in der Einleitung seines FEW 
S. V ein offenbar hier heranzuziehendes *dalütus ,dumm' an.] 

2 Ich sehe den formellen Grund nicht ein, warum nach ÜEW S^Sj frz. 
ternir, lerne nicht von ahd. tarnt ,vei hüllt' kommen sollten (vgl. oben es- 
darnit). [Das exdarnatus stellt j^tzt auch Kluge Ztschr. 41, 681 zu fläm. 
verdären. — Ich bemerlte hier, dafs Kluge's Deutung von gar ^^on (ebda. S. 684) 
= w(a)racio .landesflüchtiger Recke' mich solange nicht überzeugt, als der 
verehrte Meister nicht die abweichende Entwicklung von ^arance = wratj'a 
(w-Anlaut im Norden) berücksichtigt. Als urspr. Bdig. nimmt auch Pauli Enfant^ 
gargon, fille S. 146 wie Kluge , Diener' an.] 



LEO SPIlZüR, KKANZÖSISCHE ETYMOLOGIEN. 201 

,ou donncr de la tele') aucli hierher gehört als ,sich verbergen' 
(vgl. allerdings ital. non sa dove dar della lesla) oder zu frz. dare 
dare , husch husch' und wohin dieses zu stellen ist (Onomatopoie?), 
kann ich nicht sagen. 

Es fragt sich noch, was das darement ,declaration de guerre' 
in einer flandrischen Urkunde bei God. ist: Avant les darevient, 
guerre et co?iunotion qii'ils oiii este a 7iotre dit pays de Flandre, eine 
Stelle, die syntaktisch keineswegs in Ordnung ist Zu guerre et 
commotion würde ein Vesdarement, also , Schrecken', gut passen. 

Sollte das fläm. Wort -däreti, wie Franck s. v. bedaren annimmt, 
mit das- , zaudern' (dasig in dtsch. Mundarten , nonchalant, verträumt') 
zusammenhängen, so könnten wir zu frz. *darer das aus germ. das- 
entlehnte altfrz. und wall, daser (Archiv 136, 15) als Parallele an- 
führen. Es fragt sich allerdings, ob das germ. dar- nicht mit der 
, stammeln' bedeutenden Sippe tartar- urverwandt ist. 

fr. gamin ,(Maurer)lehrling', ,Bursch'. 

Ich habe Lhl. 192 1 Sp. 24 ausgesprochen, dafs die alte Ableitung 
dieses Wortes, von dtsch. geviein, die Pauli Enfan!, garfon, fille 
S. 368 zuletzt wiederholt hat, unmöglich ist. Nun hat Sainean den 
richtigen Weg beschritten [Le langage parisien au XIX^ siecle S. 59 f.), 
indem er angesichts Belegen wie hardi et chipeur co?nme mi gamin 
de Paris (Balzac 1856) an berry. gcmer , chiper, d^rob^r' (// a gamc 
des fruits dans mon jardin) anknüpft und frz. polisson vergleicht. 
Hier erwähne ich nur noch die genaue Parallele norm, herpin ,Dieb' 
zu harpcr , erhaschen', rapiti ,der etwas zu erhaschen sucht', , Maler- 
lehrling' bei Gamillscheg Beitr. z. rofn. Wortbi/du gslehre S. 50, viel- 
leicht auch sp. rapaz , Bursche' (vgl. Verf. Lexikalisches aus d. Kat. 
s. V.), wenn es wie wien. Raubersbua, Rauber zu erklären ist. Ferner, 
da Sainean sich über das Etymon von berry. gamer , stehlen, stibitzen' 
nicht ausspricht, verweise ich auf meinen Artikel über kat. gam, 
gamar in Lexikalisches aus d. Kat. s. S. 787: prov. (w) gama heifst 
,(se) moisir, (se) courrir, (se) gäter', ^ho il a gafni des frtiits = il a 
gäti des fruits , vielleicht urspr. eine euphemistische Wendung wie 
polir , stehlen*. In letzter Linie liegt der Wortsippe, wie ich a. a. O. 
nachwies, germ. ivamb , Kropf* zugrunde. Es ist kein Zufall, dafs 
gerade in Berry von Pauli ein gamachon ,petit gamin' belegt wird, 
das direkt von gamer abgeleitet sein kann. 

frz. goujal, gouge. 

AI. Sperbers Ableitung Bhft. 27 der Ztschr., 145 fr. dieser Worte 
von gobius .Gründling' wird vom REW mit Fragezeichen wieder- 
gegeben. 1 Pauli, En/ant, garcon, fille S. 340 fi- verhält sich leise zu- 

' Unter den Parallelen AI. Sperbers für Fischuamen > .Kind, Knabe' 
ist jetzt aigrefin nach Sainean, /. c. S. 1 1 (der an agriffin zu agriffer »prendre 
avec les griffes' anknüpft) zu streichen. 



20J VERMISCHTES. /UK WURTGESCHICHTE. 

stimiucncl („si la Ihcoric de M"*" Sperber est ( xacte . . .•'). Ich weise 
nun darauf hin, i. dafs A. Sperber gezeigt hat, dafs die Bedeutung 
, Knabe, junger Wann' im Südwesten Frankreielis besonders zuhause 
it>t, 2. dafs sie das goitjue in Qiie ccsie garce ne poiivoii avoir tm chanrre 
cstanl ainsi grasse, poUh'e tt goujue bei dem aus dem Dep. Mayenne 
stammenden Parc nicht hat deuten können. Füge ich nun hinzu, 
dafs gougcr nach Sachs -Vill. in Poitou , Gänse stopfen' heifst (,gorger 
d'ahments' nacli Sainean Le langage parisien an XI X^ siede S. i6) 
und im Volksfrz. des 17. Jhs. auch ,plaisatiter* bedeutet (Sainean 
a. a. O., der goiiailler ,se raoquer grossierement' zu gouer ,gaver, 
gorger' vergleicht), so ist das goiiju Pare's sofort klar: es bedeutet 
.vollgestopft, dick' (mit -ti wie joufßii etc.) und das pafst zu nieder- 
main. gouge .grosse fille' (Dottin), anjou. goujat ,goinfre, glouton, 
gourmand'. Daher kann der pejorative Sinn stammen, der goujat 
und gonge im allgemeinen eigen ist: die Bedeutung ,homme grossier, 
vilain' ist ja schon seit dem 14. Jh., alio ebenso früh belegt wie 
aprov. gojat ,jeune homme'. Auch von goiijer ,plaisanter' (vgl. süd- 
frz. goujoiina ,goujonner . . . vexer, taquiner') kann man zu goujat 
, grober Kerl' kommen. AI. Sperber hat ja schon mit Recht betont, 
dafs die alte Überlieferung des Wortes uns nicht bekannt ist. Es 
darf daher nicht daran Anstofs genommen werden, dafs wir ein 
Wort des 17. Jhs. zur Erklärung eines solchen des 14. verwendeten 
— ähnlich mufsten wir ja auch bei gamin handeln. Gouger , stopfen' 
gehört wohl auch zu veraltetem anjou. o^ö?<^^//^ , poche de vetement', 
das nichts mit bougette zutun haben wird, und zu frz. gouger ,mit 
dem Hohlmeifsel (gouge) arbeiten, aushöhlen, vertiefen', (en)goujure 
, Einschnitt, Kerb', goujon , Pflock, Zapfen' = lt. ^?/(^/(? (iJi^jr 3906). 
Schweizfrz. godji , aufquellen, einwässern (in der Böttcherei)' (Bridel, 
Wissler) verhält sich zu godji , schmollen' (Bridel) wie goiijer 
, stopfen' zu ,verspotten' (oder vgl. frz. boudcr, das Littre mit dem 
Schwellen der Lippen richtig erklärt, während Dict. gen. unbekannte 
Herkunft angibt). Zum Übergang ,gefräfsig' > , Knabe' vgl. Pauli 
S. 227 ft". 1 Lothr. gojene ,se dit d'un sac empli ä moitie et 
que l'on acheve de remplir apres l'avoir lie par le milieu' (Adam) 
stellt wohl ein goujonner dar. Hierher vv'ohl auch reims. goyes ,päte 
an longs morceaux servant ä engraisser les dindons' ,linge mal- 
propre et de nulle valeur' (Saubinet), vgl. die goye, goyard-^^^n.- 
formen von goujat und altwestfranz. goie , Hohlmeifsel', Von 
, stopfen' aus erklärt sich Yonne. goujat , Mörtel' (Chambure) oder 
von goujat , Maurergehilfe' (z. B. grand'combe gujar , goujat, qui 
porte le ciment') aus, von diesem wieder die Bedeutung , Pfuscher, 



1 Da mon gueux in I'^ranUreich gelegenilich die Ansprache eines Kindes 
ist und anderseits gueux , Bettler' m\\. gosier, gueuse ,Hals' im 13. Jh. zu- 
sammenhängt (Sainesn, L'argot ancien S. 371; vgl. \o\\i.K. gose ,gaver', Bloch, 
und in der pikardischen Hugenottenkolonie Friedrichsdorf gase , naschen', gö 
, Nascher', wozu Marmier wohl mit Unrecht bemerkt: „Diese Bedeutung hat 
sich erst in F.[riedrichsdorf] entwickelt"), so könnte auch dies als Beispiel 
für ,Fre£ser' >•, Bettler '];>, Kind' dienen. 



LEO SPITZER, FRANZÖSISCHE ETYMOLOGIEN. 203 

Stümper'. Hierher nuch Grand'cumbe. giiji , unter der Asclie glimmen 
(vom Feuer)', vgl. blonay. godzi (^oVbMxz. goger) ,mettre les cliataignes, 
les cereales ou les plantes texliles en tas pour häter leur matura- 
tion . . . Couver, en parlant de maladies* (Oudin). Schon Gerig, 
Die Terminologie der Hanf- und Flachskultur S. 32 schreibt anläfs- 
lich schweizfrz. godzi ,Hanf rösten': „Das Verb ist in anderen be- 
deutungen in der Westschweiz häufig. Die verbreitetste bedeutung 
ist: faire gonfler dans l'eau un vase de bois, combuger, tremper, 
imbiber, laisser tren-per du linge (F. Bridtl), feiner pourrir, etre 
pris d'une maladie qui germe (incubation), nicht im freien liegen 
bleiben, vom heu gesagt. Favre, Poilou se gouger =^^& remplir 
l'estomac d'aliments de factm a se donner une indigestion. gqdzo, 
godzu (VVaadt, Freiburg) dementsprechend: i. das, was man der 
feuchtigkeit aussetzt, z. b. häufen irgendeiner materie, die man zum 
faulen hinlegt, i 2. etwas aufgeschwelltes, dickes, die . . . hanfhaufen, 
ein sehr dickes weib (Oranges, Waadt), inkubation usw., endlicli 
feuchter ort, wiese, sumpf." Die urspr. Bedeutung der Sippe ist 
,etwas Aufgeschwelltes', , Dickes', wie gesagt, von , Pflock, Zapfen' 
aus ohne weiteres verständlich. 



frz. Gros -Jean. 

Zu La Fontaines Versen {Fahles VII 10) Quelque accident fail-il 
que je renlre en moi-mane, [e suis gros Jean tomme devant bemerkt 
die Ausgabe der Grands ecrivains [Oeuvres II S. 154): „C'est ä-dire 
un horame du village ou d'humble condition. Gros-Jean et Grand 
TibaiiU sont deux noms de paysans, dans une chanson que cite 
Rabelais (Prologue du quart livre . . .). Le vers est devenu proverbe 
(si le proverbe n'avait dejä cours) et semble faire allusion au heros 
de quelque histoire populaire, a quelque aventurier retombe a rien 
apres de courtes et fantastiques grandeurs." Ich frage mich nun, 
ob nicht Anspielung auf das Spiel vorliegt, das Vermesse für die 
Wallonie also beschreibt: „Gros-Jean poursuit d'abord tout seul 
ses adversaires ä clochepied, toutefois, apres leur avoir demande 
la permission de sorlir. Chaque prisonnier qu'il fait augmente sa 
famille; la poursuite collective quentrtprend Gros-Jean avec sa femme 
et ses enfans a Heu en faisant la chaine par les mains reunies. 
Les adversaires cherchent ä briser celte chaine ä coups de poing; 
c'est aussi ä coup de poing qu on reconduit ä son poste la famille 
Gros-Jean debandee. , Gros-Jean peut-il sortir tout seul ou avec 
sa femme, ou avec ses enfants? " — Sorte, gueux! est-il repondu.' .... 
Dans le Cambresis ce jeu est connu sous le titre de Jirome.''' Man 
sieht, Gros-Jean sammelt zuerst eine zahlreiche Familie um sich, 
von der er dann getrennt wird, so dafs er Gros -Jean comme devant 
bleibt. 



' Vgl. das erwähnte \t\mi. goyes ,unn.ine Wäsche' 



204 VERMISCH lES. ZUR WOKTGESCHICHTE. 

pik. trz.-conte \yon. p/a//iiis(s)e , Ohrteige'. 

P. Marchot hat uns J^om. 192 1, S. 237 ff. über die Verbreitung 
dieses Wortes reichlich belehrt. Nur in der Etymologie kann ich 
ihm nicht beistimmen: er führt es auf ein pabnizare ,dare alapas* 
der mittelalterlichen (gelehrten) Kleriker zurück. Man versteht aber 
dann nicht die Entwicklung des Suffixes -izare, das in haptiser etc. 
geblieben ist: die Bemerkung „une menue d^formation (d'?' en //), 
comme il arrive le plus souvent dans les cas de ce genre" verhüllt 
die Schwierigkeit, wir müfsten eine hypothetische Zwischenform 
*platneser > plamuser annehmen, ferner wie erklärte sich das stimm- 
lose s {plamusse) und wieso hat sich/Zawr/jfj)«? so weit \on pa/ma — 
paumer paumoyer etc. entfernt? 

Für mich besteht kein Zweifel, dafs plamusse , Ohrfeige' mit 
dem von INIarchot aus ahd. plalamos mhd. blaievnws ,lagana' 
(= Platte -\- Mus) erklärten frz.-comte'schen Homonym plamusse 
, Sorte de crepe' identisch ist: Schläge werden gern durch Gebäck- 
bezeichnungen ausgedrückt: Sainean Ztschr. 30, 308 sagt: „L'asso- 
ciation des idees: manger-battre ou pätisserie-coup est assez familiere: 
cf. pop. häfre, repas copieux et gifle (argot heignet coup), Mayen. 
tortignole (torquignole) , chiquenaude, propr. petite tourte . . .; fr. 
casse-museau (XV "^ s.) et talemouse (XIV "^ s.) signifient ä la fois 
gäteau et soufflet'. Er will dann auch chiquenaude zu chiquer be- 
ziehen, worin wir nicht ohne weiteres einwilligen werden. Auch 
cassemuseau ist v^ohl eher abzusondern (wohl , hartes Gebäck' einer- 
seits, , schwerer Schlag' anderseits). In dem „Index des idees" 
seines neueren Buches „Le langage parisien au XIX "^ siecle" (1920) 
zitiert dann Sainean s. v. coups noch beigiie, dat iole, tarte. 1 Vgl. noch 
d?^^ Disch. Wb. s.v, Schmarre. Die Ideenverbindung , manger — battre* 
ist also durchaus nicht blofs „balkanisch", wie Baist Ztschr. }^2^, Ö5 
behauptete: ich erinnere nur an Viüon l^cst.'V.tto que me feist 
maschier cts groselles, von P. Champion Fr. Villon I. 120 als ,rece- 
voir des coups' übersetzt und aus dem Brauch, mit branches de 
groseliers zu schlagen, erklärt, ferner Tist. 740 mtngier d^ an- 
goisse jnainte poire (Wortspiel wie dtsch. Grausbirne) und das 
parallele frz. boire , hinnehmen, ertragen müssen' (z. B. la volie du 
canon), das Schullz-Gora GRM. 4, 22J i. belegt. Wenn man noch 
beachtet, dafs die ,crepe' ein flacher Kuchen ist, so kann man 
in dem ,large soufl'let' eine Anspielung auf den Schlag mit der 
ganzen flachen Hand sehen. Es ist aber überhaupt methodisch die 
Forderung aufzustellen, dafs zwei Homonyme, deren Bedeutungen 
auf den ersten Blick auseinanderklaffen, nicht ohne weiteres von- 



' S. 327 wird plamu^e , Ohrfeige' als Archaismus [plameuse bei Rabelais) 
besprochen, aber wie es scheint, aus plat-miiseati (,qui apiatit le iTiUseau') 
erklärt. Ich vermute, dafs plamtif im Argot Ersatz von 7niise (museau) durch 
mufle ist. Clajnecer, clamser ,steiben' i.-,t wohl unser plamusser mit Einflufs 
von dem ähnlich entwickelten ciaquer 'sterben'. 



LEO SPITZER, FRANZÖSISCHE ETYMOLOGIEN. 205 

einandergerissen werden, sondern erst bewiesen wird, dafs sie tat- 
sächlich semantisch unvereinbar sind, bevor man zu einer anderen 
Erklärung greift (vgl. oben Z/j^,^;-. 42, 5 ff.). 

Das deutsche Mus liegt in argot. moiiise vor (Esnault, Le Poilu 
tel qiiil se parle), aus allerer Zeit vielleicht in afrz. rnusgoe iREW. 
s.v. müsgauda) vor. 1 

afrz. purer , Gemüse passieren', frz. pnrt'e ,Brei*, 
pur 711 , Jauche*. 

In REW 6857 s. V. pürare , reinigen' schreibt Meyer -Lübke: 
„Die zweite Bedeutung von frz. purer [.passieren' neben , reinigen'] 
ist nicht recht verständlich, auch nicht, wenn man PURARE .eitern' 
zugrunde legt, was allerdings für purin , Jauche' passen würde; afrz. 
pevree , Pfeffersauce' [das Rom. Q, 337 erwogen wird] liegt von puree 
jBrei' zu weit ab." Ich schliefse mich der letzteren Bemerkung 
eher an als der ersteren : von , reinigen' zu , passieren' ist doch 
nicht weit, vgl. REW 685g s. v. purgare , reinigen': kat. porgador, 
arag. porgadora, span. porgadera ,Sieb'. Wir haben schon afrz. 
purer ,degoutter', das in norm, lothr. etc. Mundarten als ,egoutter, 
couier' lebt. Dafs im Altfrz. „weniger" /»z^rar^ von pus , Eiter' vor- 
liegt, zeigt west. dtburer ,egoutter, vider' (Thoraas, Rofu. ig 16 — 8, 
33g ff.), das selbst einen Ausweg aus der detresse semantique bot, 
astur, deburar ,sacar por el agujero de una vasija el liquido con- 
tenido en ella', dihura ,leche que se saca de la botia o puchero, 
o del odre en que se ha mazado la manteca, una vez formada 
esta' (Menendez Pidal Rev. d. fil. esp. 1920 S. 62). Letzteres ist nun 
die Bedeutung von beauce. puriau ,lait ecreme', das mit mons. 
puriau ,eau de fumier' zusammenstimmt. Von ,egoutter* (God.) zu 
,egout' ist wieder nicht weit: purin , Jauche'. Das purer auf der 
Karte pleurer ist unser Wort, das in der Form pjörer etwa mit 
pleurer zusammentraf (daher nun auch bei Verrier-Onillon pur hie 
statt pleuresie, in dem pleurer gefühlt wurde). Man kann eine teil- 
weise Konvergenz und auch wieder gegenseitige Abstofsung zwischen 
den pus , Eiter'- und den /«/-z^j-- Ableitungen annehmen — Eiter 
tropft ja ab wie Gesiebtes — , die es bewirkt hat, dafs *purare 
»eitern' durch suppurer (13. Jh. soupurer), *purare , sieben' durch 
passer verdrängt wurde und von diesen Synonymen- und Homo- 
nymenkämpfen nur die von der einheitlichen */«rör.? - Masse ab- 
gesplitterten Bildungen wie puree, purin übriggeblieben sind. 



' Zu der schönen Erklärung Marchots von afrz. boulenge .Mehlheutel' 
(ebda. S. 211 fl.) aus *[biirete] boulange zu germ. *uolla .feinstes Mehl' möchte 
ich noch anmerken, das ich dieselbe Etymologie in Lexikographisches aus dem 
Katalan. (1921) gleichzeitig S. 62 gegeben und ein paralleles mallorkasches 
holenga derselben Bdtg. wie das afrz. Wort angeführt habe. 

'■^ Hierzu vgl. noch salam. ^//rrtr 'prensar, exprimir, apnrar' (f.amano). 



206 VERMISCHTES ZUR WOKTGESCHICHTE. 

Zu frz. shnillajit .lebhaft, unruhig'. 

Jeanroys und meinet Deutung des nfrz. semillanl hat REW 780Q 
s. V. * seminicula in gleicher Weise verworfen. Zur ersteren bemerkt 
Meyer-Lübke : „(Afrz. semille ,Same', , Geschlecht', 7nale semille .Be- 
trüger', semilleus .schlau', , verschlagen', , geschwätzig', semillier ,auf 
Listen sinnen', nfrz. semiÜani [1. s,'miJlanf\ .lebhaft', , unruhig'; afrz. 
semillier ,ira Samen herumwühlen', ,sich hin- und herbewegen' R. 
XXXII, 300 legt eine lat. nicht unbedenkliche Form zugrunde und 
ist begrifflich schwierig.)" Jeanroy hatte geschrieben : „quiconque a 
jamais plong^ la main dans un sac de menue graine bien seche, de 
millet par exemple, ou meme de ble ..... quiconque a transvas6 
de pareilles graines d'un r^cipient dans un autre est tont dispose 
a admettre qu'un verbe tire de *sc?ninicula ait pu designer le mouve- 
ment vif. presse, d'un objet qui fuit entre les doigts et etincelle 
en fuyant." Ich bin heute von Jeanroys Deutung überzeugt und 
kann auf einen Vergleich hinweisen, den ein von der Anschauung 
ausgehender Mann wie Rabelais gebraucht: in den Kapiteln über 
die „Anatomie" des Quarcsmeprenant (IV 31) werden unter ver- 
schiedenen Beschreibungen seiner „Mentalität" wie La memoire avoii 
comme une e schar pe, le sens commiin comme un bourdoti, rimaginalion 
comme un quarillonneinent de cloches, les pensees comme un vol d^estour- 
neaux, la conscience comme un denigement de hironneaux auch zitiert : 
Les dcliberations comme une pochce d'orgues. Dies kommentiert Dr. 
Albarel in Rev. d. eiudes rahel. 4, 50: „Quarcsmeprenant etait un 
indecis. cela decoulait de ses pensees, qui ne se presentaient jamais 
avec clarte ä son esprit. II deliberait continuelleraent, sans savoir 
oü se fixer, tantot penchant ä gauche, tantöt ä, droite. Ses d61ibera- 
tions etaient comme un sac d'orge dont les grains changent de 
place au moindre mouvement." Es konnte der Bewegliche einer- 
seits als schlau und verschlagen (cf. lat. versatilis) anderseits als un- 
entschlossen (Quarcsmeprenant bei Rabelais) dargestellt werden. Ist 
damit das begriffliche Bedenken beschwichtigt, so bleibt noch das 
formelle : da würde ich denn kein *se7ninicula konstruieren, sondern 
einfach eine -///^r-Ableitung von semer, vgl. grappiller und /refiller 
(im ersten Beleg für semillanf, den Dict. gen. anführt, erscheint es 
mit fretillant verbunden). Wenn Meyer-Lübke Ztschr. 28, 260 gegen 
Jeanroy's Etymologie einwendet „Weshalb aber /.?*", so erklärt sich 
dies aus dem so häufigen Schwanken von e und e in der Vorton- 
silbe (von den bei Herzog, Tlistor. Sprachlehre des Neufrz. S. 180 
angeführten Fällen vgl. etwa gtinir, premier neben premier, ferner 
peiilhr, pefer neben peter etc.). Andalns. jina ninjer semhra ,eine 
reizvolle Frau' (z. B. Demofilo bei Rodriguez Marin, Catitos pop. esp. 



• Für simil/a würde von Ernault MSL. ri, ITI erwähntes vannes. semeilh 
.revenant' (vgl. lat. simulacrum .Schatten') simill .grimace', ,renn6de de bonne 
femme' (also homöopathisches Mittel) sprechen, das zu afrz. semiUeiia .be- 
trügerisch' pafst. 



LEO SPITZER, DAS GERUNDIUM ALS IMPERATIV IM SPAGNIOL. 207 

V 227) ist wohl etwas anders zu erklären: „sin semilla no hay 
frutos ni nuevas flores" erklärt mit Recht Demofilo. 

lüttich. sindrlse 

belegt Haust Rom. 21, 573 in der Wendung sindreses del ?fnver/ ,les 
angoisses de la conscience' und identifiziert es mit altfrz. synderese 
,reproche que nous adresse nolre conscience' = griech. öwt^Jq/joi^ 
, Bewachung, Beobachtung'. Es sei mir gestattet, darauf hinzu- 
weisen, dafs auch an einem anderen Punkte der Romania, in 
Katalonien, das gelehrte Wort volkstümlich geworden ist: M. de 
Montoliu hat B utile ti de dialedologia cat. 1915 S. 62 kat. dhia , Manie, 
fixe Idee' aus ideia -}- J^«^/m , Verstand' (= käst, sindiresis ,direccion, 
capacidad natural para juzgar rectamente') erklärt. Vielleicht ist 
aber ideia überhaupt unbeteiligt. In Müteil. d. Seminars Hamburg 
19 18 S. 29 habe ich mall, ender ia belegt. Da auf Mallorka Reste 
des i/>jf- Artikels vorhanden sind (j'), so ist offenbar '*sender- als 
s^ ender- gefafst worden. Die Umbildung zum Feminin war da- 
durch ermöglicht, dafs ' ia auf Mallorka zu -/ wird. Das afrz. und 
das kat. Wort erhellen einander gegenseitig: der Beleg bei God. 
et que ledit Chevalier eust qiielque scrupule oii sinderese au cueur 
gestattet schon sehr gut die Deutung ,fixe Idee', die , Skrupel' 

nahesteht. ^ ^ 

L. Spitzer. 

2. Das Gerundium als Imperativ im Spaniolischen. 

Die P>klärung, die Subak, Judenspanisches aus Sahnikki S. 16 
für judsp. diziendo statt decid (Imp. 2. pl.) gibt und von W. Simon, 
Ztschr. 40, 680 wiederholt wird, erscheint mir keineswegs richtig: 
ein decidlo > altsp. decildo >■ mit nochmaliger Anhängung des -lo\ 
decildolo > nun Dissimilation decindolo (das durch kampidan.//;/^/o/a 
aus pilula gestützt wird, vgl. eher das g'aX. pe(njla ,bollo de manteca', 
das ich Bibl. arch. rom. n/2 S. 166 bespreche), diese Reihe enthält 
eine Reihe von Zwischenfällen, die blofs supponiert sind. Simon geht 
von Verben mit 'l(d)-, -ll- im Stamm aus: mehladlo > meldaldo > 
meldando. Aber in beiden Fällen ist doch auffallend, dafs ein mel- 
dando nicht , leset es', sondern , leset' bedeutet: warum sollte 
gerade das neutrale oder maskuline lo spurlos im Verb und gerade 
nur in der 2. Pluralis aufgegangen sein? Simon meint, den ihm 
von Wagner im Spanischen belegten imperativen Gebrauch des 
Gerundiums {sp. andando ,auf, gehen wir!') deshalb abtrennen zu 
müssen, weil dieses im Span, für alle Personen und alle Numeri 
gebraucht werde (übrigens wohl nur i.Plur., 2. Sing, und 2. Plur.), 
während nur die 2. Plur. Imp. im Judsp. durch das Gerundium ver- 
drängt ist. Aber meine Gegenfrage, warum denn gerade in der 
2. Plur. die Inkorporation des lo in den Imperativ vor sich gegangen 
sein soll, schwächt seinen Standpunkt. Wir bemerken zwar nach 
Wagner, /udspan. v. Konstant. Sp. 128 ein gewisses Schwanken beim 



2o8 VERMISCHTES. ZUK WOKTGESCHICHTE. 

Gebrauch des -Id- aus -dl- (z. B. -ad ■\- lo > -aldo etc.) im Judsp., 
wenn konüd -j- lo-vos > *komeldovos zu komeboidos, ein ^ßö' -f" ''^ "f" ^^ 

> *daldele zu daleiJe, ein emprezentad -f- ?«<? + ^i^ ^ *e7nprezeniadIome 

> ^ernprezentaldoine zu emprezentameido umgestellt wird, aber überall 
ist das /^, /ö syntaktisch berechtigt (auch in Formen wie daleide 
Ijuestro bagaze a un Jramal ,gebt euer Gepäck einem Lastträger' 
sind lo und le affektisch-proleptisch wahrhaft „pro nominibus", vor 
die erst später genannten genaueren Substantiva gesetzt, vgl. 
Wagner Sp. 130). Und gerade die Form daleide zeigt nicht eine 
Dissimilation zu *dalende. Ich habe nun in meinen Aufsätzen zur 
romati. Syntax u. Stilistik S. 226 Anm. über diesen gerundialen 
Imperativ kurz gehandelt (vgl. schon Cuervo, Dicc. s. v. andar i d ein 
Beispiel). Ich gebe noch ein paar Beispiele, die mir seither unter- 
gekommen sind: Pereda, Peüas arriba S. 64: ^Con qtte andando? 
[gehen wir also {\ Dtgo, si te parece ; Benavente, Modas : Antes de 
que tisted llcgiie, tendrd [la marquesa] el %)estldo en casa — Cor- 
rlendo, el vestido de la seilora ma7-qiiesa . . . ('schnell die Toilette 
der Frau Marquise ! '). Ein andalusisches Sprichwort (zitiert bei 
Rodriguez INIarm, Cantos pop. esp. IV, 122) sagt: El casamicnto y el 
caldo pelando („esto es: quemando, enseguida"). Besses belegt in 
seinem Dicclonario de argol espanol s. v. chatiar , saber ' : chanando 
al chtva , \ cuidado con ese ! ' Ein ptg. maica ßando / hat ganz 
ähnlichen Sinn, von Moreira, Estudos da llngua port. I 170, II 11 
übersetzt ,näo se fiem muito nisso ', ,va sempre tendo cautela', 
(also auch für Imp. Sing. !). Die Erklärung des Brauches geht wohl 
auf verschiedene Ursachen zurück : das letzte Beispiel erklärte ich 
a.a.O. als „akzidentiellen" Befehl: , immer vorsichtig! [sc. könnt 
ihr mit ihm verkehren] ', , ihr könnt tun was ihr wollt, wenn ihr 
nur vorsichtig bleibt ', ähnlich chanando al chiva. Das andal. Sprich- 
wort heifst wieder: »Hochzeit und Wärme — im Augenblick (so- 
lang man rupft)', hier drückt das Gerundium die Zeitdauer aus. 
Bei corriendo el vestido ist ein , bringt' zu ergänzen, ein ähnlicher 
Imperativ wohl auch bei andando. YXxi vamos aviando 'hurtig fort' 
bringt Tollhausen s. v. aviar, Lenz, La oraciön y sus partes S. 393 
einen Beispielsatz wie vaya a decirselo, corriendo. Ähnlich Benavente, 
AI natural, acto I: voy, voy corriendo, Coloraa, Juan Miseria S. 72, 
vaya V. corriendo, corj-iendo, 122 \entra, aitra corriendol Alarcon, 
El somhrero de tres picos, S. 166 voy volando, 171 vamos andando. 
In allen diesen Fällen ist das Verb in der Gerundialform zu einem 
.schnell' geworden (das scheint auch Cuervo in den Notas zu 
Bello S. 750 zu meinen), das nun auch als Imperativ (wie dtsch. 
schnelll) gebraucht werden kann: so erklären sich auch die Diminutiv- 
formen, die Lenz belegt: corriendin, andandin, corriendito, die sich 
mit ahorita, arribota etc. (vgl. Verf. RFE. 192 1, 58 ff.) vergleichen 
(hieher auch nordbrasil. estd dormindinho in familiärer Rede, Joäo 
Ribeiro, A lingua nacional [192 1] S. V Nachtrag). ^ 

' Das nadando für nada des mexik.-sp. Rotwelsch läfst sich vielleicht 
hier anknüpfen, als Gegensatzbildung zu einem a^idaiido aus nada deformiert 



LEO SPITZER, DAS GERUNDIUM ALS IMPERATIV IM SPAGNIOL. 209 

Unklar ist die Entstehung von andanda (z. B. landanda con la 
salve!) in Maragateria [BoL d. l. r. acad. esp. 191 5, S. 630): ist Dop- 
pelung von interjektionellem / atida ! (vgl. Cuervo g a) oder eine 
Art Movierung des Gerundiums anzunehmen (vgl. ä sahiendis) oder 
Umbildung nach den Imperativischen Wörtern auf -a wie vaya, 
toma, daca, aupa} 

Nun bliebe noch übrig, dem Einwand zu begegnen, warum 
denn gerade für die 2. Plur. das imperativische Gerundium eintrat. 
Aber man nimmt ja auch keinen Anstofs daran, dafs der Befehls- 
infinitiv des Altromanischen (z. B. ait. non teuere etc.) nur in der 
negierten 2. Sing, eingetreten ist, nicht etwa in der 2. Plur. Vor 
allem kommt dies \a>idando\, \corriendo\ auch in Ansprache an 
einen Singular vor: vgl. ptg. ?iunca fiando und Gascon, Cue7itos 
baturros 3, 197: Piies mira; andando, ä echar im bocau ,geh schnell 
und ifs!' Ferner sehen wir auch in unseren sp. Beispielen meist 
eine Ansprache an eine Mehrheit (mindestens eine Zweiheit: das 
andando schliefst Redner und Angeredeten zu einer Einheit zu- 
sammen: plural inclusivus). Dafs die 2. sg. imp. im Spaniolischen 
unberührt blieb, mag auch an dem Kommandocharakter des j an- 
dando ! liegen, das an eine Mehrheit gerichtet ist: der Sprecher 
konnte bald mitverstanden, bald ausgeschlossen sein: das '^vamos 
andando konnte gerade durch die Verkürzung zu andando auf die 
2. Plur. bezogen werden, i behielt aber die pluralische Idee bei. 

Das Gerundium hat überhaupt eine expansive Tendenz in den 
roman. Sprachen: so wird in Pitre's Archivio 19, 308 zu dem 
sardischen Vierzeiler 

Sole e fruinde II sole e piove 

Ricus pedinde II riceo chiede l'elcmosin 

Pruinde e sole Piove e c'6 il sole 

Trigu a muntone Grano a mucchio 

bemerkt: „Per l'interpretazione ricordiamo l'uso frequentissimo del 
gerundio nel dialetto sardo in proposizioni che negli altri dialetti 
italiani hanno un tempo di modo finito. P. es. Ite (sese) fachende? 
Leghende. Che fai? Leggo." Von solchen Dialogen könnten wir allen- 



{Lbl. 1921 Sp. 402); man beachte das von Krüger RFE. 1921 S. 312 erwähnte 
aslur. andando mit der Übersetzung 'mucho que si'; vgl. noch Joao Ribtiro, 
O Folk-Lore (191 9) S. 268: „Ao empregar a palavra nada, ouvir-se ha como 
resposta; «quem hem nada näo se afoga»." — YLs.\.. andandis .Benelimeu' 
schliefst sich wohl an das -andus -^«</z/.f-Suffi.x an, das ich Bibliot. Arch. rom. 
II, 2 S. 115 behandelt habe und demnächst in dieser Ztschr. zur Widerlegung 
von Pieris Arlilvel Ztschr. 27, 459 ff. nochmals behandeln werde. 

' Vgl. hierzu Aufsätze z. rom. Syntax u. Stilistik S. 162 ff. (frz. allons 
statt allez). Das ngr. ^t-Tf (von jue = äyoj/xev gebildet für die 2. Plur., da 
fit 2. Sing, geworden war wie etwa venons statt viens im Lothr. , vgl. Bloch 
Les parlers des Vosges märidionales S. 203) läfst sich auch anreihen und mit 
diesem wieder bis zu gewissen Grade das österreichische ^f//?'6' 7« , geltsja 
Plural zu gelt ja , nicht wahr' (zum Konjunktiv gelt ,cs gelte') vergleichen 
(Schiepek, Syntax der Egerländtr Mundart S. II 5). 



Zcitschr. f. rom. Phil. XLII. 



14 



2IO VERMISCHTES. ZUR WORTGESCHICHTE. 

falls auch fürs Span, ausgehen: ^Que estamos haciendof — Andando, 
daraus j andando ! ,auf, marsch!* Die Konstruktion mit estar schwebt 
ja auch offeiibar vor in folgenden umgangssprachh'ciien Gerundien, 
die finiten Verben gleichkommen: Benavente, AI naiural acto I: 
I\!arquesa: ^Y su iiermatio de usfedl l^ su sohi'inUa'i — Ülalla: 
Tan hiienos. Gandndose la vida, como yo di'go. — Marquesa: Usted 
siempre ?nejorando, en todo, su finca, und noch selbständiger: Bena- 
vente, Rosas de otofto acto II : [ein Brief wird gebracht] De Pepe . . 
No nccesito herla. Excusändose de venir, lo que yo sabia, lo qtie 
yo esperaba, womit wir bei einer Form für die sich in der Gegen- 
wart entwickelnde Handlung angelangt sind wie engl. I a?n singing, 
rheinländ. ich bin am denken, ich bin Thee am kochen usw. Neuer- 
dings erwähnt auch Schuchardt Abh. d. preufs. Akad. d. Wiss. IQ22 
phil.-hist. Kl. No. i S. 36 eine basldsche Gerundialform auf -ki, 
die in der Rolle eines Verbum finitum gebraucht wird. Lenz 
berichtet [Neuere Sprachen 8, 468), das Gerundium sei im chilenischen 
Spanisch eine der wichtigsten Formen, durch deren Gebrauch die 
lästigen Konjugationsendungen gespart werden, womit das Ge- 
rundium auf eine Stufe mit Passepartontformen wie Infinitiv und 
Imperativ rückt. Auch das frz. donnant donnant ,wenn du gibst, 
gebe ich* kann man allenfalls hier anführen, z.B. Bourget, Un 
hotnme d' affaires 68 : Continuons ä viettre les choses au vrai point. 
D 7171 an t donnant, mais faisons bien sentir que, dans le 7narche, 
dest 710US qtii apporto7is le gros paquet, also , Dienst gegen Gegen- 
dienst' (besonders das zweite don7ia7it, das die Apodosis zu dem 
kondizionalen ersten bildet), aber es wird sich wohl dieser Gebrauch 
als Hauptsatz losgelöst haben aus Fällen wie dem bei Tobler 
V.B. IP, 163 zitierten: Do7i7ia7it don7ia7it, je t''echa7ige une de tnes 
fe7)Wies conire dix tonnelets de 7)iadere, wo das Gerundium das Verbum 
des Hauptsatzes modifiziert: , indem ich dir gegen einen Dienst 

einen Gegendienst leiste *.i ^ „ 

L. Spitzer. 

3. Lateinisch tit 'wie' im heutigen Kalabrien. 

'Was die Vergleichspartikeln betrifft', schreibt Meyer-Lübke 
Rom. Gram. UI, § 277, 'so ist tit spurlos verschwunden'. In der Tat 
ist diese Partikel, deren geringer Wortumfang ihr von vornherein 
eine geringere Lebenskraft mit auf den Weg gab, der römischen 
Volkssprache wohl schon früh verloren gegangen. Dafs der Unter- 
gang des Wortes nun aber doch nicht so restlos und spurlos von 
statten gegangen ist, wie man bisher wohl anzunehmen pflegte, 
zeigt uns sein sporadisches Vorkommen in den heutigen Mundarten 
Innerkalabriens. 2 



^ [Ich freue mich der Übereiustimmung meines dieser Zeitschrift im Januar 
1921 eingereichten Artikels mit den Bemerkungen 'K.xxig^rs RFE l(j2\ , 197 
und 312, der an die obenerwähnte Stelle meiner Aufsätze anknüpft.] 

* Auch im Venezianischen [läe) scheint es noch zu leben, vgl. Leo Spitzer, 
Aufsätze z ruman. Syntax, S. 136, Anm. 



G. ROHLFS, APÜL. KU, KALABR. MU U. VERLUST D. INFIN. 2 I I 

Schon V. Dorsa hatte in 'La tradizione greco-latina nei dialetti 
della Calabria Citeriore' (Cosenza, 1876) ein kalabresisches ////mit der 
Bedeutung 'in quanto' (S. 52) registriert, ohne freilich nähere Angaben 
zu machen. Dorsas spärliche Notiz scheint darum auch keine Be- 
achtung gefunden zu haben. In der Tat aber lebt dieses uti im 
Sinne von come (als Vergleichspartikel) noch heute in den Dörfern 
um Cosenza, wird aber kaum mehr von der jüngeren Generation 
gebraucht. Etwas häufiger und lebenskräftiger ist das Wörtchen 
in den Bergdörfern zwischen Chiaravalle und Serra S. Bruno (Prov. 
Catanzaro). So hörte ich es im September 192 1 in Simbario 
mehrmals von einem und demselben Landarbeiter, unter anderem 
auch in folgender Frage: Viditi sin lignu 7nu lu fazzu utu pizzüai 
utu vastum? 'Wollt Ihr, dafs ich dieses Holz wie einen Spitz- 
pfahl oder wie einen einfachen Stock zuschneide?' 

Dafs in diesen bis vor kurzem fast völlig von jedem Verkehr 
abgeschlossenen Gebieten Innerkalabriens, die so manches andere, 
sonst nirgends mehr feststellbares lateinisches Gut bewahrt haben,i 
die lateinische Partikel sich erhalten hat, darf wohl keinem Zweifel 
unterliegen. Natürlich aber ist kalabr. «//, uiu nicht direkt einem 
schon lateinischen tili an die Seite zu stellen, sondern stellt ut in 
süditalienischer Lautung dar. ^ 

Gerhard Rohlfs. 



4. Apul. ktif kalabr. nm und der Verlust des Infinitivs 
in Unteritalien. 3 

Es ist bekannt, dafs auf gewissen Gebieten des südlichen Italien 
der Infinitiv durchaus unpopulär und fast ebenso ungebräuchlich ist 
wie in den Balkansprachen. Dort wie hier wird er zumeist durch 
persönliche Konstruktionen ersetzt. Und zwar geschieht die Unter- 
ordnung in Apulien mit ku, in Kalabrien mit mu, zwei Konjunktionen, 
deren Deutung bisher nicht recht hat gelingen wollen. 

Im einzelnen treten die persönlichen Konstruktionen in folgenden 
Fällen auf: 



1 Ich gedenke hierauf demnächst an anderer Stelle zurückzukommen. 

* Der Süditaliener, der wie der Sarde im Auslaut keine Kousonanten in 
pausa zu sprechen vermag, hängt diesen den ihnen vorausgehenden Vokal als 
leichten 'Nachschligelaut' an, eine Erscheinung, die man iu süditaiienischen 
Schulen so oii auch beim Lesen lateinischer Texte beobachtet: atuas^, cernes«, 
venili, deoio, hortus'^. 

ä Abkürzungen: M. Mandalari, Altri canti dal pop. reggino (ACR), 
Archivio per lo studio delle Irad. popol. (ATP), D. Lopez, Canii baresi (CB), 
Casetti e Imbriani, Cynti pop. meridionali (CM), M. Mandalari, Canti 
del pop. reggino (CR), M. Mandalari, Canti della Plana di Calabria (PC), 
F. d'Amelio, Puesci a lingua leccese (PL), G. Pitre, Fiabe e racconti del 
pop. sie. (P), L. Gallucci, Raccolta di poesie calabre (RPC), V. Franco, 
Rose e spiae, vcrsi calabri (RS), G. de Nava, Passu cantandu, nnovi versi 
in vernacolo calabro reggino (VR), eigene Aufnahmen (+). 

14* 



2 I 2 VERMISCHTES. ZUK WORTGESCHICHTE. 

I. für den Objektsinfinitiv 
a) nach Ausdrücken der Wjllensäufserung 
niu 

vorria mn sacciu 'ich möchte wissen' (PC. 26), vorria mi sacclu 
si SSI po' passari (CR. 35), ieii nd' fidi iwgghiu . . . mu viju a fufti 
diii 'will sehen' (ib. 55), vi pregu avanli a \ldiu mu mi dapriti 'ich 
bitte mir zu öffnen' (ib. 66), ca domaiii vogju mu Pammazzu 'ich 
will es schlachten' (ATP. X, 121), voliti mu vindi iti m'astonati? 
(PC. 15), volendu mu ti lassu, mV aiu tot tu (ib. 17), volia mu potta 
'wollte tragen' (RS. 50). 

hl 
7nme nde vogliu cu hacu a Culimito 'ich will gehen' (CM. 2 ig), 
nu mbogghiu cu bisciu nk cu sentu tanta rruina 'ich will weder hören 
noch sehen' (PL. 18), voiju cu te digu (Aradeo, Papanti), vulia cu 
sacciu (ib.), volia cu essu 'ich möchte sein' (ib.), Udia cu inme Ulamentu 
(CM. 265), ve preu, pensieri mmei, cu nu pensati (ib. 273), \iUa cu 
bessu aceddhu quantu bolu 'ich möchte ein Vöglein sein, um zu 
fliegen' (ib. 126). 

b) nach 'können', müssen' 
mu 
non pozzu mu ti viju e mu ii sentu 'ich kann dich nicht sehen 
und hören' (CR. 61), sulu la morli poti mi jidi sparti 'kann mich 
trennen' (ACR. 15), omu tioti nc i chi ppoti mi s'ambizza 'der es 
lernen könnte' (CR. 32), 7ion pozzu fari no mu ti riguardu 'facere 
non possum, quin te intuear' (ib. 127), tid'' annu mu passanu 'sti 
''iorna ainari 'müssen vorübergehen' (ib. 17), ha mu veni (RS. 36), 
aju mu dassu 'ich mufs lassen' (ib. 28), ha mu pigghia (ib. 20), 
lu figghiu </' u rri eppa u parta 'der Königssohn mufste verreisen' 
(Stilo t), aviti u mi haciti n' abiteddu russu 'ihr raufst mir ein rotes 
Kleid machen' (Satriano f), ca ai mu jetti a riti (Simbario f). 

ku 

iocca cu sentu 'ich mufs hören' (PL. 15), cojnu lu pozzu fare 
cu nu Vamu (CM. 302), besogna cu vie Heu Vobbregozione (PL. 14) 

c) nach Ausdrücken des Anfangens und Beginnens 

7nu 

si priparavanu mi fucilanu a so frati 'schickten sich an zu 

erschiefsen' (ATP. ig. 367), capitau mu va 'n pelkgrinaggiu (CR. 287), 

si mintia mu skrive 'fing an zu schreiben' (Tiriolo f), j oprikau mu 

kgange (Sersale f), ncignäu u ciancia 'er fing an zu weinen' (Satriano f). 

ku 
skappau ku bafa ku pija 'machte sich auf zu gehen um zu 
nehmen' (Galatina f), ccinninzau cu .. vvendaca (Brindisi, Papanti), 
ncignaraggiu cu stau 'ich werde anfangen zu stehen' (PL. 15). 



G. ROHLFS, APÜL. KU, KALABK. Mü U. VERLUST D. INFIN. 21 3 

d) nach 'sich entschliefsen ', 'befehlen', 'sehen' 

mu 

nci vinni nfesta ini vai nC arricnrri ndi lu Rre 'es kam ihr in 
den Kopf zu gehen, um Zuflucht zu nehmen' (Palmi, Papanti), 
pensau mu vai e mu ricurri (Paracorio, ib.), si risorviu mu va mu 
si lagna (Cortale, ib.), stabiliu . . . u nci taccia tanta miseria a cchillu 
Rre (CR. 292), non vi vitti a lu campu viu meliti, e mancu granu a 
Varia mu pijati 'ich sah euch nicht ernten noch Korn auf der 
Tenne fassen' (ib. 99), ci a ditiu '« ci vianna a grdsta 'er befahl 
ihr, ihm den Blumentopf zu schicken' (Cotrone f). 

ku 
pinzau cu ba ricrama (Arnesano, Papanti), incaricava ccu vvendeca 
(Brindisi, ib.), li vinne a mente cu bascia e cu se scelta (Muro Leccese, 
ib.), pinzoie cu sst ni vei 'dachte zu gehen' (Tarent, ib.). 

e) nach 'lassen', 'veranlassen', 'machen' 
mu 
ti pregu dassa viu dormu 'lafs mich schlafen' (CR. 73), dassa 
mu ti lu dicu (ib. 112), // a fattu mu chiangi (Tixioloj), facifela mi 
godi (VR. 41), nci fici pi/innu lu paganu a lacrimi di sangu (Tropea, 
Papanti), // fazzu 'u ti ndi vai prima 'i mia a cchi /' atrti mundu 
(ATP. X, 121), mi fai mu moru 'mi fai morire' (Simbario f). 

ku 
fane ... cu spruscianu le rime (PL. 4), lassau lu Paraisu cu ni 
sarva de peccatu 'liefs retten' (ib. 63), mni ha reduttu cu pigghiu 
V uegghiu santu (CM. 161). 

f) abhängig von Substantiven 
mu 
annu raggiufii, mu ti chiamanu ciucciu 'sie haben Recht, dich 
einen Esel zu nennen' (ATP. X, 121), perdiu ogni speranza m' otteni 
(Bovalino, Papanti), vue sapiti a magaria mu diventati liuni 'ihr 
kennt die Kunst, ein Löwe zu werden' (Satriano f). 

ku 
aggiu fare ^nu votu alla Nunziata, cu vadu scausu sinu alla 
Turchia 'ein Gelübde zu gehen' (CM. 166), non avia kuradgu ku lu 
dika (Galatina f), ^ose cu aggia armenu lu piacere cu Jazza 'wollte 
das Vergnügen haben zu tun' (Galalone, Papanti), aggiu ür mezza 
cu mantegnu (CM. 321). 

g) abhängig von Adjektiven 
mu 

ca mu moru pe ttia cuntentu sunu 'ich bin zufrieden, für dich 
zu sterben' (CR. 88), ieu su conttntu mu dijunu '« annu (ib. 103), 
si tanlu bonu m'a supporti (ib. 289), iju hu buonu u hazzu u diventati 
vui u patruiii 'io ero rapace di farvi divenire padrone* (Satriano f). 



2 1 4 VKKMISCHTKb. ZUR WOKTUKSCHICHTE. 

ku 
Belege fehlen. 

h) nach Präpositionen 
mu 
Vajna Pamanti saiza mi ti vidi 'ohne dich zu sehen' (PC. lo), 
nn iira siila senza mti ti viu (ib. i6), de perle viu fa castigare 
li scuntri 'anstatt zu bestrafen' (Cortale, P.), /' icu prima mu 
schiatti a lu bartini (CR. 68), iion mi fidava stari ^nquartu d^ ura 
senza mu fazzu na nova paccia (ib. 177)> ^ pirchi mi avi carchi sfogu 
de cunsiilazioni 'um zu haben' (Reggio, Papanti), vimii pe mmi'^ vi 
fazzu rriverenza (ATP. i, 510), pe nwiu portanii a ttia, nci vozzi 
aiiitu (P. C. 41) 

ku 

senza cu faci moi nu ntoppaculu (PL. 10), senza cu minti (ib. 13), 
nnanti cu hieni 'bevor du kommst' (ib. 16), senza cu pozza avire 
(INIuro, Leccese, Papanti). 

IL für den Subjektsinfinitiv. 
mu 
chissu era lu stessu ca mu pista V acqua ''nta lu mortaru 'das 
gleiche als Wasser im Mörser stampfen' (Cortale, Papanti), a tia 
mu dassu e a' ti antra mu pigghiu: quäle core tiratinu lu faria 
(CM. 236), hasta mi mi dassi a mmia curcari (CR. 249), ma mu lu 
per du vivu, oh chi tormenti (CR. 90), megghiu iii' era di morti la 
sintenza, ca mu sugmi di tia in luntananza ' als fern von dir zu sein ' 
(ib. 130), peccatti fu Wandissimu mu vai ppt mai tornari (CM. 195) 

ku 
cu lassu tie e '11 autra amante pigliu, quäle core de cane lu facia? 
(CM. 237), ma nu hasta cu le lieggi 'es genügt nicht sie zu lesen' 
(PL. 3), beddu era cu bidi de re?iipettii do serseti 7ine7nici (ib. 9), cu te 
stai senza maritu era propriu nu peccatu (ib. 28). 

in. für den finalen Infinitiv (meist nach den Verben 

der Bewegung) 2 

mu 

vaiu mi 'mbrazzu a ttia 'ich gehe, um dich zu umarmen' 

(CR. 236), jru m' mangianu ndi 'na faverna (ACR. 19), vegmi mu 

/' icu r urtima canzuni (CR. 68), vinni mu ti lu ^ntossicu 'ssu cori 



' Die Verbindung mit pe {<Cp^r) ist so häufig, dafs sie sekundär auch 
dort erscheint, wo ein finaler Gedanke gar nicht vorliegt: non vi vitti a la 
crescia pe* mu jiti 'ich sah euch nicht in die Kirchs gehen' (CR. 99). 

* [Korrekturnote.] Auch für den dnbitativen Infinitiv, vgl. non sapianu 
chi mmu nci panni 'sie wufsten nicht, was sie machen sollten', Folklore 
Calabr. 1921, 3, S. 30; nun avia chimmu mangia 'sie hatte nichts zu essen' 
(Sinopoli t). 



G. KOHHFS, APUL. KU, KALABR. MU U. VKKLUST D. INFIN. 215 

(ib. 6g), si non vent la zzUa 'w vi vidi (PC. 16), idda hi sappi e vinni 
mu mi vidi (CR. 6g), quandii 'tichicmi e scindi mi in vidi (PC. 29), 
jiu mu visita (Bovalino, Papanti), noti vegnu mi cercu (Palmi, ib.), si 
nrü e gjufo mu trova (Sersale f), a mandaiu mu kgama (ib.), lu patri 
cht jiu fora 7nu procura (RS. 4), jia mu si kurka 'ging schlafen' 
(Tiriolo f), vurria siri acedditzzu di la mgghia mi viju lu me beni 
undi travagghia 'ich möcht' ein Vöglein sein um zu sehen' (CR. 16), 
«0« eppi mhasciaturi mi ii viandu (ib. 21), e jutu '« nni chjica 'sie 
ging um es zu biegen' (Cotrone f). 

ku 
egnu cu cercu (PL. 12), ae cu scappa (ib. 21), fi fori ttrra ku 
fatiu 'ging aufser Landes um zu arbeiten' (Galatina f), trasiu ku 
kata 'trat ein um zu kaufen' (ib.), su fiäi ku mandgaim (ib.), jianu 
ku ruhanu 'gingen um zu rauben' (ib.), giravanu ku Irovauu (ib.), 
vose ku parta ku fatika 'wollte sich aufmachen um zu arbeiten' 
(ib.), gvardau ku hifa 'blickte, um zu sehen' (ib.), nu vegjiu cu te 
dimannu (Rluro Leccese, Papanti), 710 vegno cu ii cerche vinnelte 
(Tarent, ib.), ''ene cu te \ua 'er kommt dich zu küssen' (CM. 37), 
^scii cu nde 'rroccu V autre chiante ^ecine (ib.), diciajiu cu la fazzami 
\npaurare 'sagten um sie einzuschüchtern' (Copertino, P), cu se 
cunsola . . . se mise (Maglic, ib.). 

Beobachtet man nun den Vervvendungsbereich dieser beiden 
Konjunktionen weiter, so findet man, dafs sie nicht nur an Stelle 
eines zu erwartenden Infinitivs erscheinen, sondern auch in Fällen 
auftreten, die mit dem Infinitiv nichts zu tun haben. Die Ver- 
wendung ist eine cäufserst vielseitige. So treten die beiden Partikeln 
noch unter folgenden Bedingungen auf: 

L als Einleitung des finalen Adverbialsatzes. 

mu 
affaccia a 'ssa ßnestra mu ti dicu 'tritt an das Fenster, damit 
ich dir sage' (CR. lOi), e mo' vinni ppe figghiufa cu mia 7nu si ndi 
veni 'jetzt kam ich wegen deines Sohnes, damit er mit mir kommt' 
(CM. 195), ca vm s" astuta e puocu na nivera 'damit das Feuer er- 
löscht, genügt nii:ht eine Schneegrube' (ib. 241), vidi 710 7Hriii ti 
ceca la foriuna 'sieh' zu, dafs dich nicht das (jlück verblendet' 
(CR. 244), si holi mu jamu 'wenn er will, dafs wir gehen' (Folklore 
Calabr. 192 1, 3. S. 24. 

ku 
jeu te sta sptttu a tie cu mme cttma7idi 'damit du mir befiehlst' 
(CM. 264), '«« piattu (/' oru cu 77iangiamu '7isiemi (ib. 173), disse ku 
pija 'sie sagte, er solle nehmen' (Galatina f), cu se passa lu dolore 
pinzau cu ni ndi fazza 'damit der Schmerz vorüberginge, gedachte 
sie zu tun' (Arnesano, Papanti), din7ii . . . cu se trattegna 'sage ihm, 
er solle warten' (PL. 5). 



2l6 VERMISCHTES. ZUR WOKiUliSCHICHTE. 

II. als Einleitung eines Folgesatzes. 

n{ arriddticisti a tfanlu vii nesciu pacciu e mi moru pe ttia 'du 
brachtest mich soweit, dafs ich verrückt geworden bin und mich 
für dich verzehre' (PC. 5), ieu chi fi fici mu mi dici malt? 'was tat 
ich dir, dafs du mich schmähst?' (CR. in), vidi no mvii ti ceca la 
fortuna mi pigghi ii airu amanii e a mmia mi dassi 'sieh' zu, dafs 
dich nicht das Glück verblendet, so dafs du einen anderen Ge- 
liebten nimmst und mich verläfst' (ib. 244), lu fazzu no mu ava 
hisogmi di middii 'ich mache ihn so reich, dafs er niemanden nötig 
hat' (Simbario f). 

ku 
comu lu pozzu fare cu nu /' amu'i^ was kann ich tun, dafs ich 
sie nicht liebe?' (CM. 302) 

III. zur Bezeichnung eines Optativen, imperativen, 
adhortativen oder konzessiven Gedankens. 

mu 
Napuli, mu ti viu arzu di focu 'Neapel, ich möchte dich vom 
Feuer verbrannt sehen' (PC. 25), ora mi f amo cchiu, Ddiu mi mi 
scanza 'damit ich dich mehr liebe, möge Gott mich entfernen' 
(CR. 50), ?ia figghia ^ mperatura pozza faril Mu la battizza chiddu 
Re d'Arduri, La Regina mu faci la cummari 'möge sie eine Kaiser- 
tochter gebären, möge sie taufen . . . und möge die Königin Ge- 
vatterin stehen' (ib. 58), quand^ e a lu mari, Ddiu p^ mu Valuta 
'möge Gott ihm helfen' (ib. 119), lu fuocu tnu arde e lu vientu mu 
mina 'das Feuer möge brennen und der Wind möge wehen' 
(CM. 238), cu voll vidiri lu suli e la liina, mi veni nta sta rruga 
chi li trova 'wer sehen will, der komme in die Strafse . . .' (CR. 206), 
Ra Maisfä, chi iri arrisurviti? Ci dissi: Mi veni ccd to figghiu; mi 
parra cu mia 'dein Sohn soll hierher kommen, er soll mit mir 
sprechen ' (P. II, 2 1 3), nee passu e spassu di 'ssa Wuga e strata, no 
^mu ti cridi ca passu pe' ttia 'glaube nicht, dafs ich deinetwegen 
vorbeikomme' (CR. 85), domani no' mu trovi atra jornata 'suche kein 
anderes Tagewerk' (ib. 93), du restu mu nci mandamu a dire 
'übrigens wollen wir ihm sagen lassen' (Folklore Calabr. 192 [,3, 
S. 24), va e lu Signuri mu /' accumpagna (ib. 28), quandti lu viju, lu 
vogghiu basciari, puru vü e figghia di lu Mperaturi 'selbst wenn es 
eine Kaisertochter ist' (CR. 243). 

ku 
'tia sula fiata cu ie pozzu 'assare e poi cu moru ''nnanzi a tie 
presente 'könnt' ich dich nur einmal küssen, und dann möcht' ich 
vor deinen Augen sterben' (CM. 176), cu mi mpera pe sempre 'mag 
er dort immer herrschen' (PL. 13), Ohi?net cu ami e cu nu' biessi 
amatu fenca alla terra nde respira focu 'möchtest du lieben und 
nicht geliebt werden . . .!' (CM. 298). 



G. ROHLFS, APUL. KU, KALABR. MU U. VERLUST D. INFIN. 2l7 

IV. an Stelle eines Relativsatzes 
mu 
fion eri dojina mu cumbeni a m7?üa 'du warst kein Mädchen, 
das zu mir pafste' (CR. 85), nci voli 'ngaitu cu H pili <f' orti, na 
slracozza mu faci lu voli:, lu pulici mu sarta cetifu migghia 'es er- 
fordert eine Katze mit Goldhaaren, eine Schildkröte, welche fliegt, 
einen Floh, der hundert Meilen springt' (CR. 105), non si omu mu 
cavipi mugghieri 'bist kein Mann, der eine Frau unterhalten könnte' 
(ib. 112), nci vonnu setli cosi, mu si pigghia ' es erfordert sieben 
Dinge, die man mitnimmt' (ib. 105), nd' ave miegghiu di Ha, mi 
vannu appriessu 'es gibt eine bessere als du, der man nachgehen 
könnte' (CM. 230), troviti na figghjola mi f ajuta (PC. 9), viancu si 
la natura s' assuiigghia po fari «' atitra bedra mi /' aguagghia 'eine 
andere Schöne, die dir gleichkäme' (ATP. 23, 465). 

ku 
quista e la megliii cosa cu te ''mpara 'das ist das Beste, das du 
lernen kannst' (CM. 280) 

V. an Stelle eines konjunktiven Subjektssatzes 

mu 
e' mmegghiu 7)ii ti chiamanu li Santi 'das Beste war 's, wenn 
dich die Heiligen riefen' (PC. 8), i rnmegghiu lu Signuri mi ti 
chiama 'das Beste war's, wenn dich der Herr zu sich riefe' (ib. 9). 

ku 
Belege fehlen. 

Die mehrfach versuchten Deutungen der beiden Partikeln 
haben bisher noch zu keinen allseitig befriedigenden Ergebnissen 
geführt. Während Meyer-Lübke ursprünglich im Grundrifs I. 551 
für das kalabr. mu lat. modo vorgeschlagen hatte, eine Ansicht, die 
hernach auch von Jeanjaquet (Recherches sur l'origire de la 
conjonction ,que', 1894, S. 28) vertreten wurde, i kam er später 
hauptsächlich aus dt-m Grunde, weil modo in den 7;«^- Gegenden 
als mo jjetzt' erscheine, von dieser Erklärung ab, um zweifelnd 
eine Verbindung mit (co)mo (■<iquomodo) in Erwägung zu ziehen, 
das hier wie anderwärts finale Geltung angenommen hätte (Rom. 
Gram. III. § 569).^ Noch unklarer blieb apulisch cu. Zwar hatte 
es Meyer-Lübke (Rom. Gram. III. § 563) mit Berufung auf ein in 
süditalienischen Urkunden des lO. Jahrh. begegnendes ko als Spiel- 
forra des gemeinromanischen que (che, ca) zu deuten versucht, worin 
ihm auch von Subak (ZRPh. 22. 556) beigepflichtet wurde, aber 
das heutige apulische cti liegt doch — nicht nur geographisch — 



* Neuerdings wurJe dieselba Ansicht auch wieder von Sorrento, 'Lat. 
modo nel diaietto siciliano' (Madrid 1912) geäufsert, eine Arbeit, die mir leider 
nicht zugänglich geworden ist, vgl. Neuph. Milt. 17 (1915), S. ICÜ Anm. 

* So auch Schneegans, Rom. Jahresbericht V.^, 153. 



J l ö VERMISCHTES. ZUR WORIGESCHICHTE. 

weit ab von dem co der kapuanischen Urkunde von 960, handelt 
es sich hier doch lediglich um die Einleitung eines Objektsaussage- 
satzes {sao ko kelle ierre . . . le possette . . . Monaci, Crest. S. 2 u. 3) 
mit dem Tempus, das die jeweilige Aktionsart erfordert, während 
cu im Modernapulischen einmal ausschliefslich in Vertretung eines 
Infinitiv- oder Konjunktivsatzes, andererseits nur in Verbindung mit 
einem Präsens auftritt. 

Werfen wir einen Blick auf die genaue geographische Aus- 
breitung unser Erscheinung, so ergibt sich, dafs cu ausschliefslich 
auf die südlichste der drei apulischen Provinzen, die sogenannte 
Terra d' Otranto, beschränkt ist, und zwar herrscht es hier, wenn 
man von den griechischen Kolonien absieht, über das ganze Gebiet 
vom Capo di Lcuca im Süden bis zur Appischen Strafse (Tarent — 
Brindisi), die es nach Norden nur unwesentlich (in der Gegend 
von Ceglie) überschreitet. A/u dagegen ist bodenständig nicht nur 
im ganzen südlichen Kalabrien vom Stretto bis zur Linie Nicastro — 
Sersale — Cotrone sondern auch im äufsersten Norclostzipfel Siziliens 
(Messina, Milazzo, Novara Sicula). Was die einzelnen Formen be- 
trifft, so bietet uns das Südapulische ledigUch die Gemeinform cu. 
Dagegen zeigen die kalabresischen Idiome verschiedene mundart- 
liche Spielarten : mu, tm, ma, u, i. Die erste Form ist am weitesten 
verbreitet. Sie erscheint nördlich der ungefähren Linie Palmi — 
Gerace, mi herrscht in Kalabrien südHch dieser Linie und in Nord- 
ostsizilien, ma eignet ausschliefslich der Stadt Catanzaro, 11 und i 
sind Satzkurzformen, die innerhalb der Gebiete von mu bezw. mi 
auftreten. Der eigentliche kalabresische Urtypus scheint mu zu 
sein, während mi und ma offenbar sekundäre Angleichung an chi 
und ca zeigen. 

Bisher war man der Ansicht, dafs die beiden Partikeln aus- 
schliefslich in Vertretung einer zu erwartenden Infinitivkonstruktion 
fungierten. 1 Das ist nach unseren obigen Feststellungen nicht ganz 
richtig. Vielmehr finden sie in weitgehendem Mafse auch Ver- 
wendung zur Umschreibung eines Konjunktivs, und zwar vertreten 
sie diesen Modus nicht nur im abhängigen Final-, Konzessiv- und 
Folgesatz, sondern auch im Relativsatz und im Subjektssatz, ferner 
im optativischen und adhortativen Hauptsatz. Da aber schwer ein- 
zusehen ist, wie eine Konjunktion mit einer bestimmten Tragkraft 
zu einer so mannigfaltigen Verwendung gelangt sein sollte, darf 
man wohl vermuten, dafs deren ursprüngliche Bedeutung eine sehr 
allgemeine gewesen sein mufs. Da ist es nun interessant zu beob- 
achten, dafs die Konjunktionen oft gar kein unbedingt erforder- 
liches Ingrediens unserer persönlichen Konstruktionen zu bilden 
scheinen. Man findet nämlich auf den hier in Frage kommenden 
Gebieten in Fällen, wo ein untergeordneter Gedanke zu erwarten 
wäre, eine ausgesprochene Vorliebe für unmittelbare para- 
taktische Anreihung: 



1 So noch Mtyer-Lübke, Rom, Gram. III. § 569 und 574. 



G. ROHLFS, APUL. KU, KALABR. MU U. VERLUST D. INFIN. 2 I y 

vogghni tu rni fal lu me' cmnandu ,ich will, dafs du mir tust', 
PC. 24; gnurante fusti e lassa tte lu dicu ,lass', dafs ich es 
dir sage' CM. 50, coviu lu pozzu fare mme nde scordu ,was 
kann ich tun, dafs ich es vergesse' ib. 13g; ca sta spetta nni 
dai lu henvenuto ,er wartet, dafs du ihn willkommen heifst' 
ib. 291; Apollu . . . fane te saghin a ncueddu ,mach', dafs ich 
dir auf die Schultern steige' PL. 50. 

Häufiger noch tritt diese Art der parataktischen Verbindung 
für eine Infinitivkonstruktion ein, besonders gern nach den Verben 
der Bewegung und der VVillensäufserung : 

\ilia ie pozzu ?ia fiata ^assare ,ich möchte dich einmal küssen 
können' CM. 139; alP acqua frisca 'nu hole te manda ,will sie 
dich nicht schicken' ib. 179; beddha ^ste do parole ^oggJiM te 
mandu ,will ich dir schicken' ib. 20g; nu fiwu de marangiu 
'ulia ii dunu ,wollte ich dir geben' ib. 320; jeu nu hoghin dicu 
nienti ,ich will nichts sagen' PL. 36; ogliu mpartc ,ich will 
lernen' (Muro Leccese, Papanti); ^egnu te preu ,ich komme 
um dich zu bitten' (Lecce, ib.); cercai na picea </' acqua bete 
,ich suchte ein wenig Wasser, um zu trinken' CM. 316, 
penzau armenu se pigghia ,sie dachte wenigstens zu nehmen' 
(Lecce, Papanti); ragione hae inammata tte vanta .deine Mutter 
hat Recht, dich zu rühmen' PL. 25, senza mal bascia ,ohne 
je zu gehen' ib. 32; facia chiangi, facia ridi ,er liefs dich 
weinen, er liefs dich lachen' ib. 43; nu commene stai de fora 
,du darfst nicht draufsen bleiben' ib. 60; e vaju viru si c' e 
genii assai ,ich gehe um zu sehen' ATP. 23.451; siu chiamäu 
,sie ging um zu rufen' Gaiatina f; u vaju cuörbicu int^'' . u 
cattioju ,ich gehe, um ihn im Schweinestall zu begraben' Cleto, 
Kalabr. f ; vaju truovu a suorema ,ich gehe, um meine Schwester 
zu suchen' ib.; iddi vetianu piglianu a ru figliu ,sie kommen, 
um den Sohn zu nehmen' ib.; jamu f'uvamu i piccirilli ,wir 
gehen, um die Kinder zu suchen' Pedace, Kalabr. f.i 

Den eigentlichen Herd dieser unvermittelten parataktischen 
Verbindungen bildet heute die Terra d' Otranto und der Bezirk 
von Cosenza, doch scheint es, als ob auf dem letztgenannten Ge- 
biete diese Art der Anreihung heute nur noch nach den Verben 
der Bewegung statthaft ist. Dafür beobachtet man nun auf an- 
deren Gebieten eine Tendenz, die Anreihung der persönlichen 



1 Nach va und sta ist die parataktische Anreihung in Apulien so häutig, 
dafs die beiden genannten Veibal formen schliefslich hier als stereotype Ein- 
leitung jedes Verburus dienen können : la mamma soa sta chian^e tantu 
CM. 159, ^ta spetta il). 291, lu ba troa 'sie geht um ihn zu suchen' Lecce, 
Papanti, me sta pare PL. 16, sta tenia lu culu piertu PI. 24, ita dormu 'ich 
schlafe' CM. 152, sta tniaa 'ich fand' ib. 179, ieu sta ö/'sciu 'ich s'-he' 
PL. 40, pe tte sta scindenjt tutte ste cose ib. 57, sta chiangia 'er beklagte' 
ib. 61, middi pensieri . . . me sta benenn 'tausend Gedanken kommen mir' 
ib. 65, mme ba' 'ppendu 'ich hänge mich auf CM. II9, lubbcü pigliu ib. 153. 



2 20 VERMISCHTES. ZUR WORTGESCHICHTE. 

Ausdrucksweisen mit Hilfe von Kopulativpartikeln vorzunehmen, 
wobei sowohl e^ wie ac in Frage kommen, dieses in Sizilien und 
Nordapulisn (Bari, Brindisi), jenes in Kalabrien;! 

et: vaju e truovu la vecchia zia Driana RPC 46, jamiilu e cacciamii 
ib. 122, cell cht me vaju e spassu a chühi mtinnu? ib. 130, 
vamme e mustra li cugliuni ib. 54, vegnu e lu dicu PC. 31, 
siäta a la td finestra vegnu e staj'u CR. 7g. 

ac: eu ti vegnu a spremu comu na petra P. IL 225, si nni va a 
piglia li dinari ib. 97, pirchi ti veni a curchi ib. 102, alV urtimu 
poi la vannu a irovanu ^nta lu jardinu morta ib. 140, e iddi la 
vannu a ^?nmazzanu tra lu voscu ib. 186, lu va a guardau di 
ddä supra ib. IV. 167, idda si iju a curcau 'ella andava a 
coricarsi' ib. 204, // /' haju scrittu e ti lu tornu a scrivu 
Martoglio, Centona 183, vogghiu propa a sacciu com^ eti (Brindisi, 
Papanti), pinsau di beut cii vvascia a rricorra a llu Rrei (ib.), 
mmb la Paddrie me st' a 'spetle CB. 104, ca fasce crete ca 
st' a parle Di ib. 65. 

Zieht man nun aus diesen verschiedenen Ausdrucksweisen die 
Summe, so zeigt sich, dafs im südlichsten Unteritalien für den Er- 
satz der unpopulären Infinitivkonstruktionen ('vengo a cercare', 
'voglio dire') hauptsächlich fünf Strukturen in Frage kommen: 

1. vegnu cercu, vogghiu dicu [Terra d' Otranto, Cosenza], 
IL vegnu e cercu, vogghiu e dicu [Kalabrien], 

III. vegnu a cercu, vogghiu a dicu [Sizilien, Nordapulien], 

IV. veg7iu cu cercu, vogghiu cu dicu [Terra d' Otranto], 

V. vegnu mu cercu, vogghiu mu dicu [Südkalabrien, Nordostsizilien]. 

Aus dieser Übersicht ergibt sich nun aber, dafs bei dem Ersatz 
des unvolkstümlichen Modus die einzelnen Regionalidiome zwar 
verschieden zu Werke gehen, dafs aber für den Ersatz, wie uns 
Typ I., IL und IIL, die allein etymologisch klar sind, deutlich 
lehren, nicht zur Unterordnung sondern zur parataktischen An- 
reihung gegriffen wird. Das dürfte wohl den Schlufs zulassen, dafs 
auch die Partikeln von Typ III. und IV. ursprünglich einmal reine 
kopulative Geltung 2 gehabt haben. Dann aber kann für die beiden 
Konjunktionen, da ra. E. ku und mu schlechterdings nicht vonein- 
ander getrennt werden können, nur eccununodo"^ 'jetzt' in Frage 



^ Verknüpfung mit et begegnet auch im umbrischen Rieti bolo c facci 
esto 'ich will und du sollst das tun' s. Meyer-Lübke, Rom. Gram. III. § 546. 

2 Vgl. auch neugriech. xal, das die gleiche Entwicklung zeigt: Jjxui.ie 
xal tbv ^OßQCÜo xal nloxBxpe 'sie veranlafste auch den Juden zu glauben', 
axovv novXiu xal xiXaöoüv 'sie hören Vögel singen', agyiot xal xa 6ir]y7]9-rjxe 
eva f:i'u 'er fing an, alles zu erzählen', vgl. Sand fe 1 d -Jensen, ZRPh. 28, 
S. II ff. 

^ Dafs in Unlerilalien neben dem überall alteingesessenen mo (<^ ?nodo) 
'jetzt' auch einmal eccummodo bestanden haben raufs, wird nicht nur durch 
dessen Fortbestand in Sardinien [cömo] und Rumaiücn (acüm, atnü, acü) wahr- 



G. ROHLFS, APUL. KU, KALABR. MU U. VERLUST D. INFIN. 22 1 

kommen, also ein ursprünglich temporales Adverbium, das sich in 
tonschwacher Stellung zur Konjunktion abgeschwächt hätte. Die 
verschiedene Entwicklung wäre durch Akzentwechsel [eccibiwiodo i 
'^ ctc, ecawnnödo'^ 'P' mii] zu erklären, wobei es interessant ist zu 
beobachten, dafs die gleiche verschiedenartige Behandlungsweise 
des lateinischen Wortes auch im Rumänischen [eccummmödo >> rum. 
(fam.) aiiui, eccümmodo > mold. acti, vgl. Tiktin, Rum. Wörterb. s. v. 
acihn und Puscariu, Etym. Wb. d. rum. Spr. Nr. i8] wiederkehrt. 
Die Bedenken Meyer-Lü'okes (s. o.), dafs die Herleitung des kalabr. 
mu aus modo daran scheitern müsse, dafs 7nodo auf dem nämlichen 
Gebiet als vio 'jetzt' erscheine, sind aus dem Grunde wenig stich- 
haltig, als es sich bei der Konjunktion ja um eine Entwicklung 
in ganz anderer Satzstellung handelt. Während das Adverbium 
unter einem starken Satzton steht \Quando vmis ? — Modo venio !], 
ist die Konjunktion modo doch dem Salzganzen proklitisch an- 
gelehnt \yölo {eccu?n)modojVLiiio'\, also doch wohl auch einer ganz 
anderen phonetischen Entwicklung unterworfen. 

Ist diese Erklärung richtig, dann wird es auch niemanden mehr 
wundern, 3 warum nach mu und cu ausschliefslich der Indikativ* 
steht. Es waren eben ursprünglich nur beiordnende Konjunktionen, 
in denen sich in keiner Weise der Gedanke eines Willens aus- 
drückte. Wahrscheinlich ist sogar, dafs, worauf besonders die 
heutigen Zustände in der Terra d'Ortranto (vgl. Typ I.) zu weisen 
scheinen, cu und ?nu urspiünglich nur in gewissen Fällen den bei- 
geordneten Gedanken einleiteten und erst, als sich ihre wahre 
Bedeutung verblafst hatte, zu stereotypen Verbindungspartikeln 
herabsanken. Charakteristisch für alle diese Ausdrucksweisen ist 
der Gebrauch des Präsens in dem beigeordneten Satze, das mit 
einer offenbaren Gesetzmäfsigkeit ^ auch in dem Falle auftritt, wo 
das Verbum des ursprünglichen Hauptsatzes in einer präteritalen 
Zeitstufe steht: uHa pozzu, arcai heu, volia mu porta, trasiu cu cata 
(vgl. die oben angeführten Beispiele). Man wird wohl kaum fehl 
gehen, wenn man den Grund für diese allen Regeln der Zeiten- 
folge widersprechende Erscheinung in der 'plastischen Phantasie' 



scheinlich gemacht, sondern ergibt sich auch aus Catania /' accombra, per 
camora, combra 'per ora', 'ora' [belegt u. a. bei Martoglio, Centona, 1918, 
S. 64, 70, 73, 352], das auf Verschmelzung von eccümmodo und ora weist. 

' Erhalten auch in sard. cömo (vgl. M. L. Wagner, Archiv 134. 318), 
Arcevia cömmo, cömo 'non appena' (Crocioni, S. 47). 

* Erhalten auch in friul. kiimo, comask. amö. 

' Vgl. Schneegans, Roman. Jahresbericht V. ' S. 153. 

* Nur im Süden von Lecce begegnet heute gelegentlich der Konjunktiv 
scappaii eil bascni 'sie machte sich auf um zu gehen' [Galatina f], uole cu 
stescia 'er will bleiben' [ib.], worin man aber wohl jüngeren Einflufs der 
Schriftsprache sehen darf.. 

^ Fälle mit folgendem Präteritum begegnen zwar, sind aber so selten, 
dafs mnn sie wohl als Einwirkung der Schriftsprache erklären wird, vgl. ulia 
cu bhichia de ruina 'er wollte erfüllen' PL. 3, penzau de jire dnve lu Re, fnu 
lli nde dava citntu illu 'damit er ihr Kechenschaft gab' (S. Pietro Aj)ostolo, 
Papanti). 



222 VERMISCHTES. ZUR WORTGESCHICHTE. 

des Süditalieners ^ sehen möchte; trasiu cu f^Va (Galatina) 'sie trat 
ein und ( — schon ist sie im Laden und — ) jetzt kauft sie' ; lu 
diaulu ulia ie ingorcia 'der Teufel wollte (dich blenden) — aber 
schon ist er bei der Tat! — er blendet dich' PL. 43; u Rre vozzi 
mu ''nclnana supra 'der König wollte — schon führt er es auch 
aus — jetzt steigt er hinauf Folklore Calabr. VII. (1921), 3. S. 27; 
perisdu 7nu vai e mu iicurri 'sie dachte — dachte aber gar nicht 
zu Ende, denn — schon geht sie und nimmt Zuflucht' (Paracorio, 
Papanti). Man sieht also, wie kräftig der Einflufs des ursprünglich 
präsentischen Zeitadverbiums noch immer in der Zeitstufe des bei- 
geordneten Verbuins zur Nachwirkung gelangt. 

Die hier besprochenen persönlichen Ausdrucksweisen Unter- 
italiens können nun infolge der wichtigen chronologischen Indizien, 
die sie uns gewähren , insofern von aufserordentlicher Bedeutung 
für die Geschichte des Griechentums in UnteritaÜen werden, als 
sich aus ihnen interessante Rückschlüsse auf die einzelnen Stadien 
des hartnäckigen Sprachkampfes erzielen lassen, der im frühen 
Mittelalter in Unteritalien zwischen der hier ansässigen griechischen 
Bevölkerung und dem von Norden andringenden Romanentum 
ausgefochten wurde. Dafs nämlich in dem Ersatz des Infinitivs 
durch persönliche Konstruktionen in Unteritalien nicht etwa eine 
rein romanische Entwicklung sondern nur der Nachhall ursprüng- 
lich griechischer Denkweise zu sehen ist, darf wohl nach dem, was 
uns die vortrefflichen Untersuchungen Sandfeld-Jensens^ für 
das Rumänische (rum. de) und die übrigen Balkansprachen (bul- 
garisch ta, serbisch ie, alban. eöe") gelehrt haben, niemandem mehr 
zweifelhaft sein. 3 Wir wissen aus den südital. Lokalchroniken, 
dafs sowohl in Kalabrien wie in Apulien noch im 14. Jahrhundert 
grofse zusammenhängende Gebiete eine griechisch sprechende Be- 
völkerung aufwiesen. Seit dieser Zeit ist dieses griechische Sprach- 
territorium immer mehr dem anstürmenden Romanentum zum Opfer 
gefallen und heute auf die spärlichen Trümmer bei Reggio (Bova, 
Roccaforte, Condofuri, Roghudi) und Lecce (Martano, Coregliano, 
Calimera, Soleto usw.) zusammengeschrumpft. Dafs aber einst die 
griechische Mark in Unleritalien viel umfangreicher war, als uns 
die wenigen Chroniken und Urkunden ahnen lassen, zeigt uns 



' Vgl. K. Vossler, Positivismus S. 21. 

^ Vgl. ZRPh. 28. S. II ff. und Jahresbericht des Instituts für rumänische 
Sprache IX, S. 75 iT., besonders S. Iisff. 

^ Es mag auf den ersten Bück befremdend erscheinen, dafs diese doch 
durchaus giiechischen Konstruktionen dennoch von romanischen Partikeln ein- 
geleitet werden. D.?s erklärt sich aber daraus, dafs bei der Verschiebung von 
Sprachgrenzen die in der Inferiorität befindliche Sprache zunächst das eigent- 
liche Wortmateriul der expansionskräftigeren Sprache zu entlehnen beginnt, 
vorab die Allerweltswörtchen wie Adverbien und Präpositionen (vgl. ca, 7na, 
st, mal, §-iä, dopu, dunca bei den Bovagriechen), dafs aber bei dem sprach- 
lichen Ausdruck d^^s Gedankens in der Verwendung dieses fremden Materials 
doch noch lange Z?it hindurch die ursprüngliche Denkweise zum Niederschlag 
gelangt. 



JOSEF BRUCH, DIE SIPPE DES FRZ. BAUDRIER. 223 

der sprachliche Charakter der heutigen kalabresischen und apu- 
Hschen Mundarten. Bis zu der Linie Nicastro-Cotrone ist in 
Kalabrien, bis zur Strafse Tarent-Brindisi in der Terra d' Otranto 
der Infinitiv untergegangen, bis zu denselben Linien erweisen sich 
die heutigen Mundarten in ihrem Wortschatz — soweit primitive 
Gegenstände (Hausgerät, Tiere, Pflanzen, Viehzucht und Ackerbau) 
in Frage kommen — zu 50 o/^ mit griechischem Sprachgut durch- 
setzt: So weit nach Norden müfste also wenigstens um die Wende 
des 1 1. Jahrhunderts (107 i Ende der Byzaiitinerherrschaft in Unter- 
italien) noch griechisches Sprachgebiet in Unteritalien gereicht 

Gerhard Rohlfs. 



5. Die Sippe des frz. baudrier. 

Diez, 518 leitete afrz. baudre, nfrz. baudrier, aprov. baudrat 
„Degengehenk" von ahd., richtiger mhd. balderich, ae., richtiger me. 
baudric her. Schon Goldschmidt, Beiträge zur rom. und engl. 
Philol., 53 bezweifelte es, dafs die germ. Wörter echt gerra. seien, 
und vermutete in ihnen Umgestaltungen eines aus lat. balteus ent- 
lehnten, in ae. beli, ahd. balz erhaltenen Wortes nach dem in ae. 
bealdor „Fürst" erhaltenen germ. Stamme. Bei dem Mangel eines 
begrifflichen Zusammenhangs ist diese Annahme von vornherein 
sehr unwahrscheinlich. Meyer-Lübke, REW. goi hat die Herleitung 
von Diez überhaupt mit der Begründung abgelehnt, dafs das 
deutsche Wort erst aus dem Afrz. entlehnt sei. Da das afrz. und 
das mhd. Wort ungefähr zu der gleichen Zeit auftreten und balderich 
ebenso deutsches wie baudrier frz. Gepräge trägt, so kann man 
von vornherein ebenso gut die Entlehnung des afrz. Wortes aus 
dem Spätahd. wie die umgekehrte annehmen und die Behauptung 
Meyer-Lübkes steht einfach gegen die von Diez. Man wird jedoch 
sofort Meyer-Lübke Recht geben, wenn mit baudrier verwandte 
Wörter in rom. Sprachen auftreten, die vom Mhd. und Me. geo- 
graphisch entfernt sind, wie in denen der Pyrenäenhalbinsel. Schon 
Baist, RF. 4, 385 hat mit baudrier sp. baldes, baldrcs, port. baldreu 
„Handschuhleder" verbunden, denen kat. baldrell, baldric „Wehr- 
gehenk" hinzuzufügen ist. Die Herleitung des sp. baldh aus arab. 
bagddz, bagdez „Bagdad" durch Egiiilaz y Yanguas, 336 unter der 
Annahme, dafs baldes ein aus Bagdad importiertes Leder bezeichnet 
habe, wird von Baist deshalb abgelehnt, weil nach baldreu sp. haldris 
die ältere Form sei und weil *baldezi zu erwarten wäre mit dem -i, 
mit dem das Arab. von Subst. Adj. der Beziehung, der Herkunft 
ableitete. Nun mufs die Form mit r deswegen, weil sie weit ver- 
breiteter ist, noch nicht älter sein und der Ortsname selbst konnte 
ebenso wie in calicud, cachemira, auf die Eguilaz hinweist, die aus 

1 Der Kampf zwischen Hellenismus und Romanentum in Untcritalien 
soll (lemniichsl an anderer Stelle ausführlicher dargestellt werden. 



2 24 VERMISCHTES. ZUR WORTGESCHICHTE. 

dem betreffenden Orte stammende Ware direkt bezeichnen. Trotz- 
dem ist die Herleitung von Eguilaz abzulehnen und zwar wegen 
der port. Form baldreu, deren ungewöhnhcher Ausgang mit erklärt 
werden mufs, wenn die Erklärung vollständig sein soll, und wegen 
des Mangels der sachlichen Begründung. Wenn die Araber wirklich 
Handschuhleder von Bagdad bis nach Spanien importiert hätten, 
so müfste in der arab. Literatur, die soviel von den Dingen der 
materiellen Kultur spricht, irgendeine Bemerkung oder Andeutung 
stehen. Über den Ursprung des sp. baldes, baldres, port. baldreu, 
frz. baudn'er äufsert sich Baist nicht. 

Die bekannte Herkunft des frz. cordouan, sp. cordoban von 
Cordoba hat mich auf die Erklärung des sp. baldes, baldres geführt. 
Strabon ed. Meineke 3, 4, 12 sagt BaQÖV7JTaiQ ovg ol vvv 
BaQÖovXox'g xccIovölv und erwähnt 3, 3, 7 die BaQdvrirac, allein. 
Die hier als Volksstamm der iber. Halbinsel bezeugten BaQÖvfjreg 
sind offenbar mit den Barduli identisch, die Plin. 4, 118 als zu 
den Turdiili gehörig erwähnt; Turdidi qui Barduli sagt er. Die 
Form BnQÖovloi bei Strabon macht die Barduli bei Plin. wahr- 
scheinlicher als die von Hübner, Monumenta linguae ibericae, 225 
angeführte Form Bardili, die übrigens nur in einer Handschrift 
steht, während eine barduhi, eine parduli, alle übrigen barduli haben. 
Wegen der Formen Strabons ist auch eine Änderung von Barduli 
in Bastuli, wie auch ein Volksstamm der Hispania Baetica hiefs, zu 
unterlassen. Nun waren die Turduli ösiLche Nachbarn der Turdetani, 
die in der Gegend des heutigen Sevilla lebten. Darnach hausten 
die Turduli und mit ihnen die Barduli östlich von Sevilla oder 
südlich von Cordoba. Hübner a. a. O., XLVI hat darauf hingewiesen, 
dafs das / iber. Namen, die in der nationalen Schrift überliefert 
sind, von den Römern zuweilen durch d wiedergegeben werde, und 
5 Fälle angeführt, davon 2 im Auslaut und, was wichtig ist, 3 im 
Anlaut. Darnach darf man annehmen, dafs BaQÖvfjT?]Q nach der 
frühe erfolgten Romanisierung der Baetica ins Vit. als *Barduedes 
übernommen wurde. Diese wohnten südlich von Cordoba. Die 
in Cordoba verarbeiteten Felle wurden aus der Umgebung der 
Stadt in diese geliefert. Von den *Barduedes stammende Felle 
nannte man coria *Barduedum, später mit Weglassung von coria 
*Barduedum. Das ti vor betontem Vokal schwand später wie in 
sp. enero, port. Janeiro, YzX. janer, die ein sicherer Fall sind, während 
cardelis (sp. cardelina) statt carduelis von cardus statt Carduus aus- 
geht und sp. barretia, kat. barrina, it. verrina aus veruifia auf ein 
nach ferrum umgestaltetes ^verrina zurückgehen. Die Länge des e 
in *barduediim wird durch die Schreibung ij in der Grundform 
BaQÖv/jreg gesichert. Durch Wiederliolung des r wie in frz. perdrix 
wurde *bardedu?}i zu *bai-dredum und dieses durch Diss. zu *baldredu7ii. 
Y o-a*baldredum, das weiter verbreitet ist, wurde (5ö/- ^n(*bardedu7n über- 
tragen und dieses durch *baldedum ersetzt. *Ba!dcdii7n ergab sp. baldes, 
*baldredum baldres, port. baldreu, kat. baldrell. Im Port, blieb -1?« aus 
-edum erhalten. Im Sp. wurde der ungewöhnliche Ausgang, als man 



JOSEF BRUCH, DIE SIPPE DES FKZ. BAUDRIER. 225 

die eigentliche Bedeutung des Wortes noch kannte, durch -es ersetzt; 
vgl. mlat. cordovesus „Korduanleder" zur Zeit Ludwigs des Frommen 
und Karls des Kahlen, auf das Diez, io8 hinwies. Im Kat. wurde 
-eu durch das Suffix -eil ersetzt. Hier wird ja / so gesprochen, 
dafs es bisweilen schwer zu entscheiden ist, ob man / oder u ver- 
nimmt, und oft werden beide Laute miteinander vertauscht (Saroi- 
handy, GGr. I2 862). Das Diminutivsuffix -eil wurde durch ein 
anderes Diminutivsuffix ersetzt und baldric trat neben baldrell. 
Während das sp. und das port. Wort nur eine Art Leder be- 
zeichnen, benennt das kat. einen aus Leder verfertigten Gegen- 
stand, den Riemen, an dem das Schwert hängt. Wie kat. cordovä 
wanderte auch altkat. *baldreu mit der Sache in den Norden und 
wurde zu aprov. baldrei, weil dem kat, deu „zehn" aprov. dial. dei 
(neben delz) entsprach und überhaupt vielen kat. ?/- Diphthongen 
prov. /-Diphthonge gegenüberstanden. Das von Raynouard 2, 200 b 
aus dem prov. Fierabras, also aus der prov. Bearbeitung eines frz. 
Gedichtes belegte baudrat ging aus afrz. baudre durch Umsetzung 
ins Prov. hervor. Der Ersatz des ungewöhnlichen Ausgangs -ei 
durch das so gewöhnliche Suffix -ier ergab das von Levy im Petit dict. 
verzeichnete baldrter, baudrter. Neben baldrei, baldrier, batidrier dürfte 
das Aprov. eine dem kat. baldric entsprechende Form besessen 
haben; denn mhd. balderich, me. baudric stammen doch wohl aus 
einer solchen. Auch eine dem kat. baldrell entsprechende Form 
dürfte im Aprov. bestanden haben; denn afrz. baldrei „Wehrgehenk" 
im Renaut de Montauban, bauderel, das God. aus Dijon vom Jahre 
1444 belegt und sehr ungenau mit „piece de cuir" übersetzt, das 
aber nach dem Zusammenhange {u7ig chappel de faidtre, ung lindet, 
ung bauderel) einen Gurt bezeichnet haben wird, stammen doch 
eher aus einer aprov. Form als direkt aus kat. baldrell. Aprov. 
baldrei drang m den Norden und ergab afrz. baldrei in den Büchern 
der Könige, 187. Ebenso ergab aprov. batidrier frz. baudrier, das 
ja jetzt noch üblich ist und das God. in der Stelle cordes pour les 
cloches, tresses , baudriers et aiiires choses necessaires pour la sonner ie 
belegt, das darnach die neben den Stricken zum Ziehen der Glocken 
verwendeten Riemen bezeichnete. Wichtig ist die Form baldred in 
den Büchern der Könige, 6g, baldrc bei Beneeit, Ducs de Norm. 
II 37430 und sonst. Der ungewöhnliche Ausgang -ei wurde, da 
das lautlich am nächsten stehende Suffix -ei(t) aus -liurn begriftlich 
gar nicht pafste, durch das Suffix -et, -c aus -äius ersetzt; vgl. 
etwa batide „in Streifenfoim". Die afrz. Wörter und das nfrz. 
batidrier bezeichnen den Degenriemen, den Riemen, mit dem man 
die Glocke zog, durch Übertragung vom Degenriemen auch einen 
am Kleide angebrachten ledernen Streifen — mit „lisiere de cuir" 
übersetzt God. das von ihm aus dem Jahre 1443 belegte baudretire — , 
nirgends das Leder als Stoff. Das abgeleitete Verb batulroir, von 
dem wieder das Subst. baudroier „Riemer" hergenommen ist, be- 
deutete somit nicht „das Leder biearbeiten" schlechtweg oder gar 
„gerben", sondern „Riemen herstellen", und der baudroier war ein 

Zeitschr, f. rom Pliil. XLII I : 



2 26 VERMISCHTES. ZUR WORTGESCHICHTE. 

Riemer. Da auch die aprov. Wörter nur den Degenriemen, nicht 
das Leder als Stoff bezeichnen, so ist Entlehnung aus dem Kat., 
nicht aus dem Sp. anzunehmen. Von bawlroier „Riemen schneiden" 
leitete man baudnuhe für das Goldschlägerliäutchen her, das ja ein 
aus dem präparierten Häutchen des Blinddarms des Ochsijn ge- 
schnittenes Blatt ist. 

Frz. CO ff in. 

Nfrz. coffin „Wetzsteinbüchse der Mäher" wird gewöhnlich als 
direkter Fortsetzer des afrz. coffin „Körbchen" angesehen. Nun 
heifst die Wetzsteinbüchse im Nprov. coudil (im Languedoc), coudieu, 
coiidu, cojiie, couvie. Dies sind deutlich Ableitungen von edlem mit 
-//, -ier. Darnach wird man, um der ganz speziellen Bed. des 
nfrz. coffin gerecht zu werden, dies eher für eine Umgestaltung 
eines "'com nach coffin „Körbchen" halten. 

Frz. fard. 

Frz. fard „Schminke" stammt aus dem während der Kreuz- 
züge entlehnten arab. hard „Färben mit roter Farbe", dem Inf. 
von harada Freytag 4, 384 a. Arab. h ergab frz. /" sowie frk. in 
freux, frhnas, free, froneer und wie mlat. eh von paroehia Du C. 6, 
178 aprov. / in parofia lieferte. Bei dieser Gelegenheit sei die 
merkwürdige Form a7niraiie, RolanJslied 850, 894, 126g besprochen. 
Afrz. aniirail (auch schon Rolandslied 2615, 2767), aprov. amiralh, 
it. ammtraglio, kat. almirall, sp. ahmraje, port. almiralh lassen sich 
alle auf ein *amirdlie zurückführen, das aus arab. amir ci all „höherer 
Führer" entstand; s. d all „höher" Freytag 3, 217a. Mlat. a7niragius 
aus Reggio in der Emilia, almiragins bei Francesco Carpesano aus 
Parma (Du C. l, 225 c) bieten geschriebenes -aghis für gesprochenes 
-ajo aus -aglio, dessen /' in der Emilia zu j wurde. Nun wird das 
arab. Am von Wahrmund, Praktisches Handbuch der neuarab. 
Sprache i, als das „tönende A" definiert und konnte daher wie 
anderes h durch f wiedergegeben werden. So konnte a7nlr d la 
a?!urafle ergeben; s. d la „höher, erhabener", eine Nebenform von 
däll bei Wahrmund, Handwörterbuch der neuarab. und deutschen 
Sprache I i, 94 b. Dafs die Franzosen im Mittelalter h sprachen, 
darf man nicht gegen die Möglichkeit einer Vertretung des arab. 
h durch f geltend machen. In der Zeit, in der die Galloromanen 
von den Franken deren h lernten, übernahmen sie auch *hlao, 
*hrwi, *hr6k, *hrokk, *hrunkja und ersetzten trotzdem deren h 
durch f. Offenbar war frk. h vor /, r und arab. h von frk. h vor 
Vokal verschieden. Der Zeit, in der im Ahd. und im späteren 
As. h vor /, r schwand, vor Vokal blieb, ging doch eine Zeit 
vorher, in der h vor /, r wie vor Vokal noch vorhanden, aber ver- 
schieden war. Dafs aber die arab. /;- Laute vom afrz. h in hdir 
verschieden waren, kann ohne weiters angenommen werden. So 
pafst arab. hard lautlich und begrifflich als Grundwort des frz. fard. 
Die Herleitung aus einem konstruierten germ. Worte (Meyer-Lübkc, 



J. BRUCH, DIE ENTWICKLUNG VON GR IM SPAN. UND PORT. 227 

REW. 3207, Verfasser, ZrP. 36, 684) kommt nach der Auffindung 
des arab. Grundwortes nicht mehr in Betracht. Kulturhistorisch ist 
die Entlehnung eines Wortes für das Schminken von den Arabern, 
deren Frauen sich schminkten, begreiflich. 

Josef Bruch. 



6. Die Entwicklung von gr im Spanischen und 
Portugiesischen. 

Über die Entwicklung von gr im Sp. und Port, hat zuletzt 
Meyer-Lübke, ZrP. 3g, 265 gehandelt, sp. negro, entero, asp. entrego, 
port. negro, inieiro, aport. entregue, agaliz. agro, npoit. cheirar als 
die in Betracht kommenden Wörter verwendet und die Frage, ob 
die mit gr oder die mit {i)r die bodenständige Entwicklung bieten, 
zugunsten derer mit gr entschieden. Er sagt wörtlich: Das Sp. 
bewahrt zwischensilbiges g'.regar, legar, also auch «^^rö. Die Kraft 
dieser Folgerung wird durch das Tosk. zerstört, das strega, lega 
„er bindet", darnach legare, in alter Zeit auch Hgare, dann rigare, 
darnach riga, jetzt irrigare, iiriga, endlich piaga und daneben, was 
Meyer-Lübke a. a. O., 258 selbst betont, nero, peritarsi, intiero sagt. 
Die Entwicklung von gr mufs also durchaus nicht immer mit der 
des interv. g vor dunklem Vokal übereinstimmen. Da sich somit 
die Frage nach der Entwicklung des gr im Sp. nicht durch all- 
gemeine Erwägungen lösen läfst, so bleibt nur die Betrachtung der 
wenigen Wörter, die gr bieten, übrig und es fragt sich, ob Ent- 
lehnung oder Bodenständigkeit von sp. negro wahrscheinlicher sei. 
Da hätte sich nun Meyer-Lübke unbedingt mit der von ihm gar 
nicht erwähnten Ansicht auseinandersetzen sollen, die Baist in 
seinem gedankenschweren Aufsatz im Grundrifsl2, 904 vorträgt. 
Er sagt dort wörtlich: Lilautend wird gr zu yr'.pereza für "^peireza 
pigritiam , entero für *enteiro integrum , altsp. ero agrum : vor Er- 
weichung der Tenuis in magro usw. und der Aufnahme des sehr 
alten negro, wofür einheimisch die dunklen prieto, hito. Nun be- 
weisen die von Baist für ir aus gr geltend gemachten Wörter 
allerdings nichts; denn pereza kann aus aprov. pereza stammen, 
entero aus frz. entier, was Meyer-Lübke annimmt, und asp. ero 
„Dreschtenne auf dem Felde" ist nach seiner Bed. eher durch 
Wechsel des Ausgangs aus era „Tenne" aus area entstanden als 
aus agrum. Aber wichtig ist die Beobachtung, dafs neben negro 
die bodenständigen Wörter prieto, hito stehen. Wenn man hito, das 
speziell von Pferden gebraucht wird, somit eine eingeschränkte 
Verwendung in bestimmten Berufskreisen gehabt haben kann, auch 
im Port, keine Entsprechung hat, beiseite läfjt, so bleiben sp. prieto, 
port. preto „schwarz", die übrigens nicht etyni. dunkel sind, sondern 
im REW. 540 erklärt werden. Die Übereinstimmung der Bed. im 
Sp. und Port, macht deren Entwicklung im Iberorom. wahrscheinlich. 
Darunter verstehe ich das auf der Pyrenäenhalbinsel gesprochene 

'5* 



22Ö VERMISCHTES. ZUR WORTGESCHICHTE. 

Idiom, das nach der Auflösung des weströmischen Reiches und 
der dadurch ermöglichten Differenzierung des italischen, gallischen 
und des hispanischen Volkslateins aus dem letzteren hervorgegangen 
war und sich noch nicht ins Sp. und Port, gespalten hatte. Eine 
solche gemeinsame Grundlage ist für das Sp. und das Port, wegen 
der zahlreichen Übereinstimmungen im Lautwandel, Formenbau an- 
zunehmen. Diese iberorom. Periode dauerte von der Auflösung 
des weströmischen Reiches bis zur Zeit, da sich Portugal unter 
dem Grafen Heinrich unabhängig von Kastilien machte und seine 
eigene Geschichte begann, also etwa von 500 bis 1 100. Das 
Iberorom. besafs somit in *pretu, der Vorstufe des sp. prieio, port. 
preto, ein Wort für „schwarz" und dies spricht gegen die Boden- 
ständigkeit von negro. Ähnlich hat Meyer -Lübke selbst, zuletzt in 
der Einf. 3 46, die Entlehnung des sp. briino aus einer anderen 
rom. Sprache, dem Frz. oder Prov. durch die Tatsache wahrscheinlich 
gemacht, dafs „der eigentlich sp. Ausdruck für braun pardo oder 
viorado ist". Jedenfalls besteht die Möglichkeit, dafs sp., port. negro 
aus aprov. negre entlehnt sei. Diese Entlehnung wird dadurch 
wahrscheinlich, dafs auch andere sp., port. Farbennamen aus Frank- 
reich stammen, so sp. blanco, port. branco, sp. blondo, sp., port. brutto, 
gris, jalde. 

Die Entwicklung des gr zu ir im Port, und damit indirekt im 
Sp. wird durch port. cheirar „duften" erwiesen, das mit aprov. 
flairar, kat. flayrar, frz. flairer aus vlt. ^flagräre stammt, das durch 
Diss. aus lat. fragräre „duften" hervorgegangen war. Die Ver- 
mutung Meyer-Lübkes REW. 3476 und ZrP. a. a. O., dafs cheirar 
aus frz. flairer oder aprov. flairar entlehnt sei, ist unhaltbar, weil 
frz. oder aprov. fl nicht mehr zu ch werden konnte. Meyer-Lübke 
sagt, es sei sicher, dafs der Wandel von fl zu ch nach der Trennung 
von Spanien und Portugal falle. Da sie um iioo erfolgte, so wäre 
eine Teilnahme eines etwa im 11. Jahrh. entlehnten frz. oder prov. 
Wortes an diesem Wandel möglich, wenn Meyer-Lübkes Behaup- 
tung zuträfe. Allein das gerade Gegenteil ist wahrscheinlich, ich 
sage nicht, sicher, weil etwas, das nicht dokumentarisch bezeugt 
ist, nicht sicher ist. A'^ '.übke erwähnt bei dieser Gelegenheit 

das für das 8. Jahrh. durch Beleg gesicherte / aus anlautendem gl 
und fragt dann, „wann der Übergang von l zw ly und die da- 
durch bedingte Palatalisierung der Fortes eingetreten ist". Da das 
aus anlautendem gl entstandene / weder im Port, noch im Sp. 
aufser im Astur, und dem Teil des Aragon., wo jedes anlautende 
/ zu 7/ wurde, palatalisiert wurde, anlautendes cl, fl aber sowohl im 
Port, wie im Sp., so ist die Palatalisierung der anlautenden cl, fl 
von dem Wandel des anlautenden gl zu / völlig zu trennen. Das 
gleiche Ergebnis von fl nach Kons, in sp. hinchar, port. inchar wie 
auch von cl, pl [sacho, ancho) macht es schon höchst unwahrschein- 
lich, dafs anlautendes fl wie cl, pl erst nach der Trennung Spaniens 
und Portugals, also selbständig in jeder Sprache seine Entwicklung 
zu //, bez. ch begonnen habe. Cl, pl^ fl wurden im An- und In- 



J. BRUCH, DIE ENTWICKLUNG VON GR IM SPAN. UND PORT. 229 

laut wohl schon im Vit. Hispaniens und Italiens aufser dessen Süd- 
osten zu dy, ply, fly, diese im Iberorom. zu ly (Meyer-Lübke, Gramm, 
der rom. Spr. 2, 345). Im Anlaut blieb ly im Sp. [llave, llaga, llamd) 
und verlor / im Port., worauf y durch Verstärkung des Reibungs- 
geräusches und Stimmloswerdung zu c, s wurde sowie stimmhaftes 
J zu dz, z. Im Inlaut nach Kons, verlor ly auch im Sp. das / und 
y entwickelte sich im Sp. und Port, wie anlautendes im Port. 
Interv. ly blieb im Port., Leones.-Astur., Aragonischen, während im 
Kastil. das Reibungsgeräusch verstärkt, z entwickelt wurde und / 
davor schwand. Es gibt nur Beispiele für ly aus cl, da manojo, 
port. molho wegen der anderen rom. Formen auf bezeugtes manuciilus, 
nicht auf *manupulus, piiehlo wegen des port. povo, alten povoo auf 
das durch amtliche Formeln gehaltene dreisilbige populus, nicht auf 
*poplus zurückgeht. Das in afflare, sufflare, su/ßamj/iare vorliegende 
fß ergab nicht kastil. j, port. Ih wie interv. cl und wahrscheinlich 
interv. fl, verlor aber auch / nicht wie 7ily aus nfl in tnßare, weil 
nach Zusammenziehung der zwei / in eines dem ly kein Kons, wie 
in ^inlydr voranging, / somit nicht mittlerer von drei Konss. war; 
vielmehr entwickelte sich inlautendes fß wie anlautendes fi. Sp. 
hallar, resollar, sollamar zeigen // wie llama und port. achar ch wie 
cha?}i7na. Aus dieser Darlegung ergibt sich, dafs Hamma im Ibero- 
rom. aller Wahrscheinlichkeit nach ^lja?na mit ziemlich starkem 
Reibungsgeräusch des j in Lusitanien gesprochen wurde. Dieser 
Laut schritt in Lusitanien rasch zur Affrikata weiter. Wäre damals 
aprov. flairar oder afrz. ßairier aufgenommen worden, so wäre es 
aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mehr zu *ljeirar, cheirar ge- 
worden. Aufser dem anlautenden Kons, widerspricht auch der 
betonte Vokal von cheirar der Herkunft aus dem Frz. oder Prov. 
Für älteres ai erscheint ei schon im Jahre 907 in ameneiro, freiseno, 
die Cornu, GGr. I 2, 925 belegt hat, und ai von Hairier wäre ge- 
blieben oder mit Verlust des zweiten Elementes durch a wieder- 
gegeben worden wie in faixa, caxa. Ja, das ai wäre nicht nur, 
sondern es ist durch port. a wiedergegeben worden in faro „feiner 
Geruch". Meyer-Lübke hat im REW. 3476 gerade wegen der, wie 
er sagt, doppelten Behandlung des gr in port. faro und cheiro 
cheirar vermutungsweise als prov. Lehnwort angesehen, faro aber 
für ein verschiedenes, nicht lat. Wort, dabei die bisherigen Ver- 
suche der Erklärung dieses yvzrö, die phantastisch sind, mit Recht 
abgelehnt. Dieses faro erklärt sich auf ziemlich einfache Weise. 
Es entstand durch Diss. aus *fraro und dieses aus afrz. flair. Frz., 
prov. fl wie überhaupt fremdes fl wurde durch port. fr wieder- 
gegeben, so in fraco,frasco,frauta,froco,frota^ froxo u. a. Während 
somit die Vertretung des frz. fl durch port. fr in *fraro, faro zahl- 
reiche Parallelen hat, besitzt die für cheirar vermutete Wiedergabe 
des frz. oder prov. ß durch port. ch keine einzige. Kurz, cheirar, 
cheiro ist Erbwort, faro frz. Lehnwort, nicht umgekehrt. Damit ist 
der Wandel des gr zu ir für das Port, gesichert. Da nun das Sp. 
und das Port, bei gl, cl und anderen Gruppen übereinstimmend 



230 VERMISCHTES. ZUR WOKiGESClllCUTK. J. HRÜCH ETC. 

die Palalalisieiung zeigen, wenn auch das Schlufsergebnis der Ent- 
wicklung der palatalisierten Konss. zuweilen verschieden ist, so ist 
es höchst unwahrscheinlich, dafs das Port, gr zu palatalen r ge- 
wandelt, das Sp. dagegen bewahrt habe. Damit ist auch für das 
Sp. der Wandel des gr zu ir wahrscheinlich gemacht. Dann mufs 
sp., port. negro aus aprov. negre entlehnt sein. Agaliz. agfo „Acker" 
stammt aus dem Urkundenlatein. Sp. pereza könnte aus aprov. 
pereza entlehnt sein ; doch liegt ein lautlicher Grund zu dieser An- 
nahme nicht vor. So bleiben noch sp. entere, port, inteiro einerseits, 
asp. tntrego, aport. entregue „ohne Abzug" andererseits zu besprechen. 
Enirego hat mit der Frage, ob gr sp. gr oder ir ergab, gar nichts 
zu tun. Denn es ist nicht erst im Sp. aus *entergo, *entegro ent- 
standen, geht vielmehr nach piem. antreg, gen. intregu, mail. intreg, 
venez. intriego, parm. intreg, kors. inirevu, log. intreu, vegl. intric, 
rum. intreg auf ein schon vlt. *intregu zurück, da voneinander un- 
abhängige Umstellungen mit zufällig gleichem Ergebnis an ver- 
schiedenen Orten nicht glaublich sind. Galiz. entergo entstand aus 
*entrego -\- inteiro individuell. Vit. *intregu hatte kein gr mehr und 
kommt daher für die Frage, wie sich gr entwickelt habe, nicht in 
Betracht. Es entstand auf einem Streifen, der die iber. Halbinsel, 
Sardinien und J<.orsika , Norditalien und den Balkan umfafste, aus 
integrum durch die Einwirkung eines anderen Wortes, das wegen 
der Verbreitung über den Balkan kein kelt. und kein germ. war, 
sondern wahrscheinlich griechisches drQf/.riQ „genau, bestimmt", 
dessen geschlossenes e auch das geschlossene e von "^intregu (vgl. 
asp. entrego) erklärt. Dafs g von entrego den Wandel von gr zu 
ir nicht ausschliefst, zeigt piem. antreg neben neir, wozu Meyer- 
Lübke, ZrP. 39, 258 Sehr richtig bemerkt, dies lehre nur, dafs der 
Übergang von negrii zu neir jünger sei als die Umstellung von 
ititregu zu intreg. Eine andere Frage ist es, ob es wahrscheinlich 
sei, dafs das Vit. Hi&paniens nebeneinander *i7itregu und integru 
besessen habe. Es ist in der Tat unwahrscheinlich, dafs sich bei 
einem Worte der Umgangssprache zwei Formen durch Jahrhunderte 
nebeneinander erhalten hätten. Deshalb ist auch mir Herkunft 
von entero, inteiro aus Frankreich wahrscheinlich. Da ^intregu nur 
im Asp., Aport. erhalten ist, so hatte es schon im Mittelalter auf 
der iber. Halbinstl geringe Lebenskraft. Das eigentlich volkstüm- 
liche Wort für „ganz" war dort eben totus, das ja auf der iber. 
Halbinsel mehr als anderswo die lat. Bed. „ganz" bewahrte. 

Josef Bruch. 



VERMISCHTES. ZUR LIlEKATURGESCHlCHi E. F. GENNRICH ETC. 23 1 

II. Zur Literaturgeschichte. 

Zu den Liedern des Conon de Bethune. 

Dem Beispiel Bedier's, seine DoktorLhese eimem weiteren Kreis 
von Lesern in einer billigen, aber nichtsdestoweniger zuverlässigen 
Ausgabe — den Classiques fran^ais du Moyen-äge — zugänglich 
zu machen, ist nun auch Waliensköld gefolgt. ^ Wer kennt nicht 
die als Musterausgabe eines altfranzösischen Trouvere oft zitierte 
Ausgabe des Conon de Bethune, in der sich Textkritik, Hand- 
schriftenkunde und Sprachforschung ebenbürtig die Hand reichen? 
Deshalb fragt man sich, ob es möglich war, auf dem Raum von 
nur XXIII -f- 39 kleinen Seiten eine der ersten gleichwertige aber 
reduzierte Ausgabe zu bieten, eine Ausgabe, die auch den Bedürf- 
nissen der Fachgenossen gerecht werden würde. Erfreut wird man 
feststellen, dafs es dem Verfasser gelungen ist, mit erstaunlichem 
Geschick nicht nur alles Wesentliche der ersten Ausgabe auf dem 
knappen Raum übersichtlich darzubieten, sondern dafs er auch 
unter Berücksichtigung neuerer Forschungsergebnisse eine gewisse 
Erweiterung damit verbunden hat. 

Der erste Teil der Einleitung bringt über das Leben des 
Conon nichts wesentlich Neues. Ein gröfserer zweiter Abschnitt 
handelt zunächst von den Conon zugeschriebenen Liedern. Nach 
Raynaud's Bibliographie sind 14 Lieder dem Conon zugeschrieben, 
von denen W. mit Recht R. 2000 von vornherein, R 15, 185g und 
i960 als fraglich ausschaltet; es bleiben also 10 Lieder übrig, die 
sich auf nicht weniger als 17 Handschriften verteilen. Damit sind 
aber die dem Conon zugeschriebenen Lieder nicht erschöpft. W. 
setzt sich in seiner ersten Ausgabe noch mit dem in dem Index 
der Hs. M (Pb 3) Conon zugeschriebenen Liedern auseinander und 
übersieht hierbei, dafs aufser R. 1125 noch R. 511 Amours m'est 
el euer entree von dem Index der Hs. a (R') dem Mesire Quenes 
de Bietune zugeschrieben wird, ein Lied, dafs in der Hs. selbst 
anonym überliefert ist. Bisher ist dieses alte Inhaltsverzeichnis 
unberücksichtigt geblieben, wohl, weil die meisten Forscher — wie 
es scheint auch W. in seiner neuen Ausgabe; er teilt wenigstens 
nicht mit, dafs die Hs. a (Ri) auch die Notation von R. 1125 über- 
liefert (vgl. S. 25, Zeile 2 von unten) — die vatikanische Hs. gar 
nicht kennen, sondern nur deren recht schlechte und fehlerhafte 
Abschrift 2 der Pariser Arsenalbibliothek. [Hier sei noch erwähnt, 
dafs bei R. 1125 Vers 11 die Hs. a wie die Hss. M. T. ki li nicht 
ki la überliefert, vgl. S. 22, Zeile 9 von oben.]. 

Wem ist nun dieses Lied zuzuteilen? Die Hs. M (Pb3) schreibt 
es dem Duc de Brabant zu. Die Hs. F (Lb) überliefert es anonym. 

' Waliensköld, Axel, Les Chansons de Conon de Bethune, als No. 24 
der „Classiques fran9ais du Moyen-äge", Paris (1921) bei Honor^ Champion, 
XXIII -1- 399 .SS. Preis 3 Frcs. 

"^ Vgl. meine Besprechung in Zs. rom. Phil. 41 (1921) S. 306 f. 



2T,2 VERMISCHUES. ZUR LlTKKAi URGESCHICHTE. 

Nach den handschriftlichen Überlieferungen ist also keine sichere 
Entschc'idung zu treffen, da eins gegen eins steht und dazu in 
derselben Handscliriftengruppe. Textkritisch ist das Geleit des 
Liedes auch nicht viel aufschlufsreicher, es lautet : 

Quens jolis 
de Flandres, amis 
qui j'ai chier 
nie sari^s vous conseillier 
de li 
cm j'^atm si, 
si que j'en ai et euer et cors joli. 

Der Dichter wendet sich hier an den Grafen von. Flandern, den 
er einen „lieben Freund" nennt. Da nur ein Ebenbürtiger den 
Grafen von Flandern so genannt haben kann, so kommen als Sprecher 
entweder Conon, der zu dem Grafen von Flandern neben verwandt- 
schaftlichen auch noch freundschaftliche Beziehungen hatte und auf 
ihn vielleicht auch in seinem Kreuzzugslied R. 13 14 anspielt,! in 
Betracht — oder aber der Herzog Heinrich III. von Brabant. Wenn 
wir nun trotz der nahen Beziehungen Conons zu dem Grafen von 
Flandern in dem Herzog von Brabant den Dichter vermuten, so stützt 
sich diese Vermutung darauf, dafs die Hs. M {Pb3) das Lied als das 
erste unter den beiden Liedern des Herzogs überliefert und es in 
Hs. a (Ri) den dort genannten Liedern des Herzogs unmittelbar 
vorangeht. Eine Verwechslung im Index der Hs. a (Ri) könnte 
also wohl möglich gewesen sein, besonders, da in der Hs. selbst das 
Lied anonym überliefert ist. Andererseits scheint die gekünstelte 
Strophenform a, ^ by a^ ^ by C3 C5 dg d^ 6-2 E3 E9, die ihresgleichen 
unter den authentischen Liedern des Conon de Bethune nicht hat, 
gegen eine Zuweisung an Conon zu sprechen, wie derartige 
Strophenformen auch musikalisch in eine spätere Periode verweisen. 
Volle Gewifsheit ist aber damit immer noch nicht gegeben. 

Ebensowenig läfst sich ein sicherer Nachweis bei R. 303 er- 
bringen. Hs. C (B2) schreibt das Lied wohl Conon zu, doch ist 
Hs. C (B2) für die Zuweisung der Lieder bekanntlich so unzuverlässig, 
dafs das Argument W.'s, dafs „die handschriftliche Überlieferung 
nicht dagegen spricht", nicht ausreichend sein kann. Damit würde 
man sonst zugeben, dafs alle Lieder, die in Hs. C (B2) mit Dichter- 
namen versehen und in den anderen Hss. anonym überliefert sind, 
sowie alle Unica in Hs. C (B2) mit den richtigen Dichternamen 
überliefert wären, was auf Grund der kontrollierbaren anderen 
Fälle prozentual nicht zutrifft. Anders liegen die Verhältnisse bei 
R. 1837, II 28 und 1325, die auch nur in den nahe verwandten 
Hss. M (Pb-) und T (PbH) stehen. Gegen die Angaben dieser 



1 Vgl. B^dier, Chansons de Croisades, S. 43 und dazu Wallensköld S. 25 
Anm. I. 



F. GENNKICH, ZU DEN LIEUERN DES CONON DE BETHUNE. 2^;^ 

Hss. ist zumal die Lieder im Zusammenhang mit den übrigen 
Liedern Conons sich finden, nichts ins Feld zu führen. 

Eine Tabelle der Zuweisungen der einzelnen Lieder von den 
einzelnen Hss., in der man auch die Eintragung der Foliozahlen 
gern gesehen hätte, trägt viel zur Erleichterung der endgültigen 
Zuweisung bei. Bemerkenswert sind auch die textlichen Beziehungen 
zwischen R. 1125 und 1314 einerseits und R. 1030 andererseits. 

An interessante Bemerkungen über den Inhalt und den Stil 
der Lieder schliefst W. zusammenfassende Betrachtungen metrischer 
Art über die Anzahl der Strophen, die Beziehungen derselben 
untereinander, den Strophenbau, die Zäsur und den Reim. An 
diesen Ausführungen ist an und für sich nichts auszusetzen. Man 
könnte sie treffend als Anatomie der Lieder bezeichnen. Aber 
ebensowenig wie uns die Anatomie etwas über die Seele des 
Menschen offenbart, ebensowenig vermögen uns auch noch so 
genaue metrische Untersuchungen die Seele des Liedes zu er- 
schliefsen. Sie geben uns einzig und allein einen Mafsstab für die 
formale Fertigkeit eines Dichters, aber sie lassen die vom Dichter 
beabsichtigte Wirkung des Liedes auf das Gefühl des Zuhörers 
nicht erkennen. 

Diesen Umstand näher zu erhellen, sei mir hier ein kleiner 
Exkurs gestattet. Vor kurzem kamen mir wieder folgende Vers- 
zeilen zu Gesicht : 

Autretois un roi de Thule 

Qui jusqu'au tombeau fut fidele, 

Re9ut, ä la mort de sa belle, 

Une coupe d'or cisele. 

Comnie eile ue le quittait gueie, 
Dans les festins les plus joyeux, 
Toiijours une lärme legere 
A sa vue humectait ses yeux. ' 

Ich verfahre nun nach der in den Classiques fran(;ais du 
Moyen-äge eingeschlagenen, auch sonst zumeist angewandten 
Methode : 

Inhalt und Stil: Eine Übertragung des Goethischen „König 
in Thule", die formal bei weitem das Original nicht erreicht. 

Beziehungen der Strophen: a coblars Singulars. Die 
Stellung des Reimes in den Strophen wechselt; in der 
I. Strophe ag bg^bj,^a§, alle anderen Strophen Cgv_.dg Cj,^d^. 

Strophenbau: Die Strophen haben achtsilbige, abwechselnd 
weibliche und männliche Verse. Strophe i macht eine 
Ausnahme, da dort die männlichen Verse die weiblichen 
umschliefsen. 



* Ich begnüge mich mit den eisten beiden Strophen des sechsstrophigen 
Liedes. 



234 



VERMISCHTES, ZUK LlTiiRATUKGESCHICHTE. 



Keim: ungenaue Reime Iklele : belle [in den übrigen Strophen 
royale : salee, paris : mers, apres : dcsormais]. 

mithin sind es mittelmäfsige französische Verse, die das Ori<,Mnal 
bei weitem nicht erreichen. 

Trotzdem ist das Lied ein Meisterstück französischer Kunst 
geworden, ein Text, von dem man auch nicht einen Buchstaben 
missen wollte. Man urteile selbst : 



i 



i?=t-=^==^ 



--8- 



V=^=P= 



Au - tre - fois 



^^m^^ 



de Thu - le Qui jus - qu'au 



^E^ 



t- 



-itz 



tom-beau fut 



g 



5^^^ 






de - le, Re - ^ut, 



•P=: 



Ja movt de sa 



:t: 






:'=^^ 



t^- 



_^» 



^=t=^= 



bei - le, U - ne cou - pe d'or ci - se - le. Comme 



h=^-^- h: 



=1^: 



'-^^ 



^3=^ 



-# — « — a- 



^^ 



:f=p: 



ipzd 



el - le ue le quil-tait gue - re, Dans ks fes • tius les plus joy- 



^l&^L^JÖ^&^^EtegE^ 



:^i 



Tou - jours u - ue lar 

lhll===--l=l^ . ± 



ge - re 



±1 



i 



^-- 



^' 2^^ 



IJ 



A sa vue 



hu 



mec - tait ses 



yeux. 



Der grofse Beifall, den diese „Chanson gothique", wie sie 
H, Berhoz nennt, bei jeder Aufführung der „Damnation de Faust" 
findet, beweist schlagend^ dafs auch ein philologisch als mittelmäfsig 
zu bewertender Text seine Wirkung auf den Zuhörer nicht verfehlt, 
wenn ihm die Musik Eingang zum Herzen desselben verschaflft. 
Worin besteht nun dies Zaubermittel, das der blofsen Deklamation 
verschlossen ist? Es ist ganz einfach das Zusammenwirken von 
Takt und Rhythmus, von Tonhöhe und gegenseitigen Tonabständen, 
von Klangfarbe der vortragenden Stimme und der der Begleitung, 
sowie deren Konsonanz und Dissonanz, und einer Reihe von 
anderen Faktoren, die man zusammen eben als Musik bezeichnet. 



F, GENNRICH, ZU DKN LIEDERN DES CONON DE BETHUNE. 235 

Diese Faktoren sind es, die dem Lied die Seele einhauchen, die 
den Schlüssel zu dem Herzen des Zuhörers bilden. 

Man lasse nun andererseits die Textworte fort und summe 
beispielsweise nur die Melodie, so wird man bald inne werden, 
dafs die Melodie uns allein auch bedeutend weniger sagt als im 
Zusammenwirken mit dem Text. Text und Melodie sind im Lied 
eben von einander abhängig, nur im Zusammenspitrl vermögen sie 
Versland und Gefühl zu befriedigen. 

Liegen die Verhältnisse bei den miltelalterlichen Trouvere- 
Liedern etwa anders? Wohl kaum, denn wenn z. B. R. 2107 in 
nicht weniger als bisher fünf verschiedenen, R. 12 16 in vier, R. 1 135 
in drei, R. igg, 221, 711, 936 und 2054 in je zwei Contrafaktai 
nachgewiesen sind, so ist das ein sicheres Zeichen für die Beliebt- 
heit jener Melodien. Wenn auch die Trouveres keine Berlioz 
waren, so bilden sie in ihrer Art doch unbestritten bedeutsame 
Faktoren des mittelalterhchen Musiklebens. Die Notationen .sind 
zum grofsen Teil erhalten, eine einwandfreie Übertragung in 
moderne Notation ist uns auch möglich, deshalb bleibt es un- 
verständlich, warum die Trouvere- Lieder immer noch so unvoll- 
ständig — denn zu einem Lied gehört auch dessen Melodie — 
herausgegeben werden. Die Ausgaben machen deshalb mehr oder 
Weniger den Eindruck der guten Herausgabe des Textbuches einer 
Oper, deren Musik man nicht erfährt. Um so erstaunlicher aber 
ist es, dafs von französischer Seile so gut wie gar nichts auf diesem 
Gebiet geleistet wird, obwohl in dieser Epoche die französische Musik 
zweifellos eine führende Stellung in der Musikentwicklung einnimmt. 

Nach einigen Betrachtungen über die Sprache des Diclitcrs 
wendet sich W. der chronologischen Einordnung der Lieder zu. 
Zu datieren sind R. 1837 etwa gegen 1180 und R. 1125 und 13 14 
etwa 1188, kurze Zeit vor dem diitten Kreuzzug (ii8g — 1193)- 
Für die anderen Lieder bleibt die Einordnung hypothetisch. W. 
gruppiert diese Lieder geschickt um die oben erwähnten herum, 
indem er als Wegweiser das fingierte Liebesleben Conons verwendet. 
Es wäre auch eine andere Ordnung denkbar, nämlich die der Hs. 
T (Pbii) selbst, allerdings ohne dafs man in dieser Reihenfolge 
irgend ein Prinzip der Einordnung erkennen könnte. 

Zur Handschriftengruppierung verbessert W. Schwan's Gruppie- 
rung MTe:R2 + a in MTe + R2:aund CIU + H:KNOPVX 
in CIU + KNOPVX : H. Die Hss. x, d. h. das Stuttgarter 
Fragment 2 und y, d. h. die prov. Hs. Rom. Vat. 3208, die ge- 
wöhnlich mit O bezeichnet wird, 2 weiden eingereiht und zwar zu 
O einerseits und H andererseits. 

W. stellt dann das Filiationsverhältnis der Hss. fest und er- 
örtert den Wert der Hss. für die Rekonstruktion des Urtextes. Er 

' Vgl. meine Ergänzungen zu Raynaud's Liedeiliste in Z«. rom. Phil. 41 
(1921), S. 330 ff. 

^ Über die Hss.-Sigel siehe meine Ausführungen in Zs. rom. Phil. 41 (1921), 
S. 294 ff. und den Anhang S. 339 ff. 



236 VERMISCH! ES. /UK LITERATÜKGESCHICHTE. 

spricht von sog. „rass. contarain^s", ein Ausdruck, der, wenn man 
die erste Ausgabe nicht kennt, nicht recht verständlich wird. Als 
Grundlage des Textes dient — im Gegensatz zur ersten Ausgabe — 
die Hs. T (Pb") mit Ausnahme von R. 303, dem Hs. U (Pbi2) zu- 
grunde liegt. Eine umfangreiche Bibliographie, zu der noch zu 
bemerken ist, dafs die phototypische Ausgabe der Arsenalhand- 
schrift 5198 von Aubry leider nur bis Seite 384 geht und R. 1314 
— entgegen der Angabe von W. Seite 26 — da auf Seite 398 
stehend, also noch nicht erschienen ist, beschliefst die recht inter- 
essante Einleitung. 

Zu den Liedertexten, den Varianten und Anmerkungen ist an 
Wesentlichem so gut wie nichts zu erwähnen. Nur von neben- 
sächlicher aber nichtsdestoweniger prinzipieller Bedeutung ist die 
Folioangabe der Lieder in den einzelnen Hss. Bei R. 303 gibt 
W. in Hs. U (Pbi2) fol. 28 an. Wir finden, dafs man eigentlich 
die alte Folierung, wenn eine solche in einer Hs. vorhanden ist, 
jeder modernen vorziehen sollte. Bekanntlich nimmt die moderne 
Foliierung auf etwa herausgerissene oder fehlende Blätter keinerlei 
Rücksicht. Wie ist nun ein Lied, das z. B. einem alten Index 
zufolge nachweislich auf einem solchen Blatt gestanden hat, 
einzuordnen? Für Raynaud, der sich bedauerlicherweise nicht 
um die herausgerissenen Blätter kümmerte, existieren die auf 
diesen Blättern vorhandenen Lieder einfach nicht. Natürlich ist 
das nicht der rechte Standpunkt, denn zur Beurteilung einer Hs. 
gehört die Berücksichtigung aller Teile derselben, auch der zumeist 
um der Miniaturen willen herausgerissenen Blätter, (die sich vielleicht 
doch noch einmal in einer Miniaturensammlung wiederfinden könnten). 
Bei der Hs. U (Pb^''^) z. B. macht die Angabe der alten Foliierung 
gar keine Schwierigkeiten, jeder kann in der phototypischen Aus- 
gabe das Lied R. 303 leicht auf fol. 25 r° finden. 

Bei R. II 25 weicht W. wohl mit Recht in der Reihenfolge 
der Strophen und der Fortlassung des Geleites von seiner ersten 
Ausgabe und auch von der B^dier's ab. Das Lied hat bekanntlich 
als Vorbild für R. 1022 — das besser infolge des Reimes oiseuse 
als Rayn. 1020 a zu führen wäre — gedient. Es ist interessant zu 
verfolgen, wie die Melodie des Contrafaktums mit der des Vor- 
bildes übereinstimmt. 



II. 




A - hi! A - mour.s, com du - re de - par - ti 
qui on - ques fust a - me - e ne ser - vi 



^^E^^^^^^m^^ 



O - ies, sei - gneur, pe - re - ceus par oi - seu - se, 
sou - vie - gne vous de la morl an-goi-seu - se. 



F. GENNRICH, ZU DEN LIEDERN DES CONON DE BETHÜNE. 237 



^^^^^^m 



^ 



me cou - ven - dra fai - re de la meil 

Dex me ra - maint a li par sa dou 



lour 
90ur 



E3E 



qui de 
qua li 



niou - res, sou-frai - teus 
fiex Dieu sou - fri 



de 



tous biens 



^^J3Eg9^^[^i 



pre 



i^^j 



S^^^fe^^^g^EEEElE^ 



~si~. 



-s^ 



si voi - re - ment qua m'en part a do - lour 

se li cors vait ser - vir nos - tre Sei • gnour 



3^ 



:^: 



-sJ-f-<g 



:d=:1: 



il fu li - es 
el an la crois 



en l'es-tache au li 
fu mis, ce sa - vons 



T==^ 



4=^ 



-^-+- 






'^^■ 



*-* 



m^ 



'^^^^m. 



Las! qu'ai je dit? Ja ne m'en part je 
li cuers re - maint du tout en sa bail 



mi 
li 



^ 



-!S>~ 






tr-^Tt:^ 



^3 =£§^= i:^i^j 



et fu ba - tus d'es - cor - gi - es neu 
pour nous ge - ter des pai - nes do - le 



eu 
reu 



ses, 
ses. 



Die Melodie des Contrafaktums II. folgt derjenigen der Hs. M 
(Pb3) I. und beweist, dafs im Gegensatz zu den erhaltenen Melodien 
von R. 1125, diese die volkstümlichste und beliebteste gewesen 



2:58 



VERMISCHTES ZUR LlTli KATURGESCHICHTE. 



sein dürfte.^ Zu gleicher Zeit zeigt das Beispiel, dafs die Melodie 
der Contrafakta nicht etwa Sache des jeweiligen Schreibers der 
Hs. war, sondern dafs sie von dem Dichter des Contrafaktums 
ausgewählt wurde. Die Melodie zu R. 11 25 lautet in Hs. a (Ri), 
der einzigen Hs., die das geistliche Contrafaktum überliefert, nämlich 
vollkommen abweichend : 




b^^^^^E^ ^ 



A - hi! A-mours, con du - re de - par 






n- 



#=»-Hg » &i 



'm] 



moi con - veu - dra fai - re 
«2 



de la meil - lour 



=^: 



-.f^ 



-^-- 



::zti: 



■s>- ^M^— 



:p; 



t: 



y^ÜE^^^^ 



ki on-ques fust a - m^- e ne ser - vi 



Dieus me ra- 



-f^^*^- 



39^^ 



t:=zp: 



^^- 



l=-4S^ 



p—G 



par sa dou - 90ur. 



£ #F^ 



nient qua m'en part a do lour 



m 



-ö*— 



:t 



t: 



-&^—^ 




dit? Ja ne m'en part je mi - e 



se li cors 



fe=f=il^ 



^—0 , 






-p — *- 



:h=f:: 



va ser - vir nos - tre Sei - gnour 



fe^"£^ 



P^^=^ 



EZEE^^ä: 



=^E^p 



:z=|z=n: 



& — •— ^-■ 






maint del tout en 



bail - li 



^ Hierzu vergleiche man die zutreffenden Bemerkungen, die Gerold über 
die musikalische Überlieferung der Melodie von R. 1125 in den verschiedenen 
Hss. und deren Bewertung macht, Romania 46 (1920) 109 — 113; man ver- 



F. GENNRICH, ZU DEN LIEDEKN DILS CONON DE BETHUNE. 239 

Auch aus dieser Fassung geht hervor, dafs der Melodie ein 
Bau a ß a fj y d y Ö zugrunde liegt, wenn dtrsclbe auch durch ver- 
derbte Überlieferung stark verwischt wurde. 

Sonst ist über die beiden Krtuzzugslieder schon so viel ge- 
schrieben worden, dafs sich wohl kaum etwas Neues darüber vor- 
bringen liefse. Anders verhält es sich mit R. 1325, das derartige 
Gegensätze in den beiden Strophen enthält, dafs wohl kaum an- 
zunehmen ist, dafs diese Strophen einem Lied entstammen könnten. 
Es ist m. E. eine andere Lösung zu suchen. 

Schon Jeahroy 1 hat auf den Zusammenhang von R. 1131, 
1137 und 1325 hingewiesen und auch angedeutet, dafs R. 1325 
möglicherweise aus Stücken verschiedener Lieder besteht, dafs 
R. 1137 als Contrafaktum von 1325 angesehen werden kann, in 
das die erste Strophe von 1325 als dritte Strophe versehentlich 
aufgenommen worden wäre. 

Ich möchte eine andere Lösung der Frage vorschlagen. R. 1 137 
trägt zunächst nicht den Charakter eines Contrafaktums. Gegen 
die Reihenfolge der Strophen ist nichts einzuwenden: Talent ai 
que je vos die ist keine unbekannte Liedeinleitung (man vgl. dazu 
R. II 29 En talent ai que je die, oder ähnlich R. 792 Talent m'a 
pris de chanter, oder R. 793 Talent me rest pris de chanter, oder 
R. 1845 Talens m'est pris orendroit, oder R. 142 bis* Talens me 
vient). Es ist deshalb nicht nötig, eine andere Strophe, z. B. die 
3. Belle douce dame chiere etc. als erste Strophe des Liedes zu 
bezeichnen. Diese Strophe steht an dritter Stelle, ohne den Sinn 
oder den Zusammenhang des Liedes zu stören; im Gegenteil, 
Strophe I würde sich nicht so gut an Str. 3 anschliefsen, von der 
Strophenverkeftung durch den Reim ganz abgesehen. 

Im Gegensatz zu R. 11 37 trägt 1131 untrüglich den Stempel 
der Nachahmung. Der Anfang von 1131 hat nicht nur grofse 
Ähnlichkeit mit dem von 1137, sondern stimmt auch wirklich mit 
ihm überein : 

Talant ai que je vous die Ne lairai que je ne die 

de mes maus une partie de mes maus une partie 

Ferner sind Ausdrücke aus R. 1137 in den Paralversen ins Gegenteil 
verdreht, was nicht auf reiner Zufälligkeit beruhen kann: 

mais ma chiere dolce amie fausse, plus vaire que pie 

por cui mes cuers s'umelie qui m'envoia en Surie 

oder 

de sa dolce compaignie faus est qui eu vous sc fie 



gleiche auch die eigentümlichen Bemerkungen iilier diese Melodie von K. von 
Ettmayer in der Zeitschrift für franz. Sprache u. Litt. 42 (1914) 23 — 24 und 
meine Besprechung, ebenda Bd. 46 (1921) S. 219. 
1 Romania XXI (1891), p. 418 — 424. 



240 VERMISCHTES. ZUR LITERATURGESCHICHTE. 

oder 

n'istrai de sa seignourie si ne vous amerai mie 

oder 

que nus hom qui soit en vie s'aime mieuz, que que nus die 

n'aime tant oisel rosti 

por ce nes convist hom mie. que la vostre compaignie. 

Leider sind von R. 1131 nur zwei Strophen überliefert, aber 
auch diese beiden Strophen schHefsen sich dem Sinn nach wohl 
aneinander an. 

Was ist nun von R. 1325 zu halten? W. hält Schelers Er- 
klärung, dafs die beiden Strophen zwei verschiedenen Freundinnen 
gewidmet wären, nicht für wahrscheinlich, ohne aber weitere 
Stellung zu der Frage zu nehmen. Ich möchte in R. 1325 eine 
verderbte Überlieferung erkennen, die eine Strophe aus R. 1137 
und eine aus R. 11 3 1 überliefert. 

Schon die Überlieferung von nur zwei Strophen in Hs. M (Pb^) 
und T (Pbii) ist auffälUg, denn die Lieder in diesen Hss. pflegen 
mehr als zwei Strophen zu haben. Wenn Hs. O (Pb^) oft nur eine 
oder wenige Strophen von Liedern überliefert, so weifs jeder, dafs 
dies eine Erscheinung ist, die den Tatsachen nicht entspricht, die 
aber ihre Erklärung darin findet, dafs die Hs. das musikalische 
Interesse in den Vordergrund stellt. Bei den Hss. M (Pb^) und T 
(Pbi') ist das nicht der Fall; R. 1325 mufs also zum Mindesten 
als unvollständig bezeichnet werden. 

Es bleibt aber zu erklären, wie es möglich ist, dafs R. 1325 
Strophen von R. 1137 und 1131 überliefert. Zwar sind R. 1137 
wie R. 1 1 3 1 anonym überliefert, infolge ihres Vorkommens in Hss., 
die Verfassernamen ursprünglich nicht kennen. Die handschriftliche 
Überlieferung spricht also nicht gegen die Annahme, dafs beide 
Lieder von Conon stammen können. Man könnte allenfalls ein- 
wenden, dafs es doch seltsam ist, dafs ein und derselbe Dichter 
ein Contrafaktum zu einem seiner eigenen Lieder verfafst. So 
seltsam ist das aber gar nicht, man erinnere sich nur an R. 527 
als Contrafaktum von R. 538, beide von Richard de Semilli, oder 
R. 12 als Contrafaktum von R. 83, beide von Gautier de Coinci; 
ähnlich dürften auch die Verhältnisse bei den noch nicht voll- 
kommen aufgeklärten R. 1497 und 1495, beide von Blondel de 
Nesles, liegen. Diese Möglichkeit kann auch für die in Frage 
kommenden Lieder Conons vorhanden sein, jedenfalls aber beweisen 
die oben angeführten Fälle, dafs seine Autorschaft für beide Lieder 
nicht ausgeschlossen ist. 

Eine gröfsere Wahrscheinlichkeit erhält diese Vermutung noch 
dadurch, dafs R. 1325 als von Conon herstammend bezeichnet 
wird. Die Untermengung von Strophen bei der Überlieferung 
verschiedener Lieder ist aber bei Liedern gleicher Dichter viel 
leichter als bei Stücken verschiedener Autoren, und noch leichter, 



F. GENNKICH, ZV DEN LIEDERN DES CONON DE BETHUNE. 24 t 

wenn gar der Strophenbau dieser Lieder gleich war. Wenn man 
nun erfährt, dafs die Hss. M (Pb3) und T (Pbii) [auch e, das aber 
hier nicht von Belang ist] die dritte Strophe von R. 1837 als vierte 
Strophe von R. 1623 überliefert, dafs diese im Strophenbau nicht 
identischen, sondern nur ähnlichen Lieder von eben diesem Conon 
sind, und dafs Hs. C (B^) das Lied R. 1623 richtig überliefert, 
dann mufs man unbedingt zu der Überzeugung kommen, dafs auch 
R. 1137 in Hs. C (B2) richtig überliefert ist, und dafs, infolge von 
Verwechslungen unter den Liedern des Conon de Bethune schon 
in der Vorlage der Hss. M (Pb^) und T (Pb'i), R. 1325 in diesen 
Hss. eine verderbte Überlieferung darstellt, eine Überlieferung, die 
in der von diesen Hss. dargebotenen Form nie existiert hat. 

In der Ausgabe ist also R. 1325 zu streichen und durch 
R. 1137 und R. 1131 zu ersetzen. 

Zur Chronologie der Lieder R. 1137 und R. 1131 ist zu be- 
merken, dafs R. 1137 Glicht das erste Lied des Dichters war (sonst 
würde er nicht in dem Lied von einem „autre chant" sprechen), 
dafs R. 1131 als Contrafaktum nach R. 1137 gedichtet wurde und 
dafs dieses, aus der Anspielung : 

Fausse, plus vaire que pie, 
ki m'envoia en Surie 

zu schliefsen, nach der Teilnahme an einem Kreuzzug entstanden 
ist, wahrscheinlich in beabsichtigter Anlehnung an R. 1137, das an 
dieselbe, nun untreu gewordene Geliebte gerichtet wird. 

So läfst sich R. 1137 vortrefflich unter die Lieder R. 62g, 
303, 1837 einordnen, während R. 1131 gut zu R. 1128, sowie den 
übrigen Liedern Conons pafst. 

In Bezug auf die Binnenreimelision in R. 1137 ^^^ ^' ^^3^ 
ist noch nachzutragen, dafs bei 

dem textlichen Bau :aab b aab b aab a 

und dem melodischen Bau: « A « /?2 7 ^ 

nur innerhalb der Melodieabschnitte a und y eine Binnenreimelision 
eintreten konnte, nicht zwischen a und ß oder y und ö. 

Ein Eigennamenverzeichnis und ein Glossar schliefsen das 
gediegene Werkchen ab, dem noch eine Reihe weiterer Auflagen 
beschieden sein möge. 

F. Gennrich. 



/eitsclir. f. rom, Pliil. XLH. JU 



BESPRECHUNGEN. 



Dr. Carlo Battisti, Zur Sulzberger Mundart. Ein Reisebericht. S.-A. 

aus d. Anzeiger der phil.-hist. Klasse der Kais. Ak. d. Wiss. in Wien, 

XVI, 1911, 54 S. 

Nach der sprachlichen Erforschung des Nonsberges hat sich nun B. zum 
angrenzenden Sulzberg gewandt. Mit dem hier angezeigten Aufsatz will er 
vorläufig „in den Hauptzügen die sulzberger Mundart charakterisieren und die 
wichtigsten Materialien zur Lösung des sulzb. Sprachproblems liefern". 

Nach einer Beschreibung des Tals ^S. 4 — 6) werden zuerst die ver- 
schiedenen historischen Faktoren untersucht, die in der sonst aus ethnischen 
Voraussetzungen mit der des Nonsberges gleichartig sein sollenden Mundart, 
vielfache Störungen und Abänderungen hervorgerufen haben (S. 6 — 16). Darauf 
folgt die Aufzählung und Abschätzung der spärlichen und durchwegs jungen 
{XIX. Jahrh.) sulzb. Spiachquellen und der die sulzb. Mundart betreffenden 
Literatur (S. 16 — 24 und auch S. 37 f.) und dann, gleichsam als Anhang zu 
dem Abschnitt, die mit Varianten aus verschiedenen Dorfdialekten versehene 
Mitteilung von 400 unter den charakteristischesten Wörtern in der Mundart 
von Mezzana aus der reichhaltigen Wörtersammlung von Dr. Salvadori, die nun 
B.s Eigentum ist. Der übrige Raum (S. 38 — 54) enthält die übersichtliche 
Untersuchung über die sulzb. -Laute und zum Schlufs einige Paradigmata der 
Verbalflexion. 

Die Hauptergebnisse der Arbeit sind etwa folgende: Die älteste sulzb. 
Mundart zeigte hochnonsb. Charakter; die heutige aber fufst auf mittelnonsb. 
Grundlage und zwar so, dafs sich im unteren Tal (östlich von Dimaro) fast 
alle mittelnonsb. Merkmale wiederfinden (Niedersulzbergisch), im oberen aber 
in direktem Verhältnis zur Entfernung vom Nonsberg die nonsb. Züge seltener 
werden, um fremden Elementen Platz zu machen (Hochsnlzbergisch). 

Diese fremden Elemente der Sprache des oberen Tals finden dann ihre 
Erklärung in der durch den Handel und die Einwanderung besonders in den 
letzteren Jahrhunderten bestimmten Einwirkung der benachbarten Mundarten 
und zwar des Camunischen über den Toualepafs; des Rendenesischen über den 
Campigliopals und des Trientischen über Nonsberg. Diese Einwiikung war 
aber so tiefgreifend und so zahlreich in die stattgefundenen Kreuzungen von 
sprachlichen Wellen, dafs der bodenständige Sprachbestand darunter kaum mehr 
als in den allgemeinen Umrissen zu erkennen ist. 

Mit vorliegender Arbeit sind wir auf diese Weise dem sulzb. Sprach- 
problem sehr nahe getreten. Denn hier haben wir zuerst alle Hauptfäden in 



DR. CARLO BATTISTI, ZUR SULZBERGER MUNDART. 243 

der Hand, die zur Bildung des sulzb. SprachstofTes beigetragen haben. Ent- 
weder läfst sich die sulzb. Frage durch diese Hilfsmittel beantworten oder ist 
sie überhaupt unlösbar. Es handelt sich nunmehr hauptsächlich darum, das 
Mafs des Anteils der einzelnen Faktoren zur Umgestaltung der bodenständigen 
sulzb, Sprache festzustellen. 

Bei seinen freilich aligemeinen Bemerkungen über diese Frage hat B. 
vielleicht nicht immer das Richtige getroffen. Mir scheint z. B. , er habe den 
Einflufs der Mundart von Rendena auf das Sulzb. überschätzt. Dafs zwischen 
den beiden Tälern schon in den letzten Jahrh. des Mittelalters eine Handels- 
beziehung bestanden, ist historisch erwiesen; diese mufs aber eine sehr geringe 
gewesen sein, denn sehr schwierig und lang war der Saumweg, der die beiden 
Täler miteinander verband, und gering waren die damaligen Bedürfnisse einer 
Alpenbevölkerung, die noch vor einem Jahrhundert fast ganz mit den eigenen 
Erdprodukten auskam. Von einer Einwanderung von Bewohnern der Rendena 
in den Sulzberg wird nirgends berichtet, die sulzb. Auswanderer aber hielten 
äch sicher nicht in jenem armen Tale auf. JedentV.lls braucht es etwas mehr 
ils ein loses Verkehrsverhältnis zur Beeinflussung einer Sprache durch eine 
jndere. Ein solches, wenn nicht gröfseres, Verhältnis hat z.B. sicher auch 
zwischen dem Hoch- und dem Mittelnonsberg, bzw. dem Etschtal bestanden, 
und doch hat sich die hochnonsb. Mundart bis zu unseren Tagen fast ganz 
rein von fremden Elementen eihalten. In der Tat findet man im Sulzbergischen 
und selbst in der Mundart von Dimaro an der Mündung der Campigliostrafse 
kein sicheres Zeichen von einer rendenesischen Einwirkung. Alle die von B. 
für Dimaro (S, 13) angeführten Erscheinungen sind nicht speziell rendenesisch, 
sondern ebensogut entweder hochsulzb.-camuuisch oder nonsb.-trentinisch. Was 
das auffallende Unterstützungs-?^ nach Konsonantengruppen anbelangt, so ist 
zu bemerken, dafs es auch für die lombardische Rendena ein befremdendes 
Merkmal ist und dafs es, wenn es vom Trent. -Venetischen kommt, in die zwei 
Täler einzeln eingetreten sein kann. Das mufs ja sicher bei einem anderen 
venet. -u [o), ich meine dem der i. Pers. Präs. Ind. , der Fall sein, das in 
Rendena allgemein ist, auf dem Sulzberg aber nur im westlichsten Winkel, 
Vermiglio, und zwar neben dem sonst üblichen -t auftritt, eine Erscheinung, 
die sich gerade vor unseren Augen abzuspielen scheint.^ Gegen den Ursprung 
des Unterstützungs-w aus Rendena scheint mir übrigens der Umstand zu sprechen, 
dafs dieses -u in Dimaro, dem ersten sulzb. Dorf von Rendena her, weniger 
üblich ist als in weiter gelegenen Ortschaften (Dimaro kennt ja blofs -uru <^ 
•br-, -pr-\ anstatt der Formen cendru, t^ndru, ^^mpru usw. hat es cender, 
tgnder, ^^mpre wie im Niedersulzb. und Nonsb.) und dafs, neben dem -uru, 
gerade die Form -klu am weitesten verbreitet ist, welche im modernen 
Rendenesischen überhaupt nicht vorkommt, während die übrigen «on«^/^. Falle 
fast nur auf das nächste Gebiet um Ossana beschränkt sind. Wie wäre es 
endlich zu erklären, dafs der renden. Einflufs auf Sulzberg von Dimaro aus 
sich nur talaufwärts erstreckte, so dafs die doch näher liegenden östlicheren 
Dörfer ganz unberührt geblieben sind.'' 



* Ettmayer (s. Lomb.-lad. Paradigma 55, 84, 130) weifs davon noch niciits, 
während es nun von B. belegt wird (s. S. 49). 

16* 



244 BESPRECHUNGEN. ENRICO QUARESIMO. 

Dagegen finde irh das Gewicht, dafs der Verf. auf die Rolle des 
Camunischen in der Umbildung der sulzb. Mundart legt, durchaus nicht über- 
trieben. Wahrscheinlich aber ist der Grund dieses umwälzenden Eintlusses 
nicht, oder nicht hauptsächlich, in der Berührung der beiden angrenzenden 
Dialektgebiete zu sehen, wie es B. meint, sondern vielmehr in der direkten 
Verpflanzung eines ostlombard. Dialektes mitten in den Sulzberg, bewirkt durch 
die im Laufe des XIV. — XVI. Jahrb. stattgefundene massenhafte Einwanderung 
von Bewohnern der Valcamonica nnd Vaheilina zu den blühenden Eisenwerken 
von Comasine. B. , dem die Tatsache dieser Einwanderung bekannt war, hat 
sie, so viel ich sehe, nicht gebührend vei wendet. Gegen einen Einflufs des 
Camunischen über den Tonale herüber gilt vor allem eines: Die Mundart von 
Vermiglio, dem Greazdorf gegen Valcamonica zu, weist in mancher Beziehung 
ursprünglichere Zustände auf als die weiter unten gelegenen Ortschaften, wie 
Ossana und Fucine. So kennt Verm. z. B. noch das vokalisierte / von Kons. 
(Kaot-Ossana kalt); die ungelösten Gruppen pe ^ be und vielfach auch kl, gl, 
die -/-Endung bei der II. Pers. Plur. entsprechend dem nonsb. -u <^ vos 
[portdf Oss. parte); die Endung -j in der II. Pers. Sing, [pqrtes, vas \yadis'] 
— Osi.pgrtet, vft)-^ eie Konditionalformen -fi, es/i, -öf (mittelnonsb. -öi, östi 
[-m], -öu; Oss. dagegen -es, -e^ti, -es und -la, -esti, -ia in lombard. und 
trentin. Weise); Endungen wie -dntjp und -dgjef für die I. und II. Pers. Plur. 
des Konjunktivs Präs. (nonsb. -antj?(n), -dgjeu) gegenüber Oss. -entig9 (entj'pj, 
-ige und dgl. Wenn ich mich nicht täusche, ersieht man daraus, dafs hier 
von keiner wellenweise fortschreitenden Lombardisierung des Sulzbergs von 
Valcamonica herüber die Rede sein kann. Wenn man aber dann in der heutigen 
Mundart von Vermiglio einzelnen ausgesprochen camunischen Erscheinungen 
begegnet, die sonst weiter drinnen im Sulzberg nicht vorkommen, so wird das 
wohl entweder von einem, bei den erleichteiten Verkehrsbeziehungen ermög- 
lichten, modernen Einflufs des Camunischen über den Tonale kommen, oder 
aber es liegt auch hier wieder eine junge Einwanderung von camunischen 
Hirten und Bauern zugrunde. 

Das Zentrum der lombard. Einwanderung in Sulzberg war zunächst das 
Gebiet an dem Zusammenflufs des Peio- mit dem Vermigüotals; dort in der 
Nähe lagen die Eisenwerke, dort wurde das gewonnene Metall verarbeitet. 
Das Dorf Fucine, „Villa nova fucinarum", rührt eben von dieser Industrie 
her (XV. Jahrb.). Die Bergarbeiter und Eisenschmiede waren jahrhundertelang 
durchaus von aufsenher, aus dem Comaskischen, der Valtellina und der 
Valcamonica, bezogen. Die Sulzberger scheinen die grobe Arbeit überhaupt 
verschmäht zu haben, oder sie waren dazu nicht geeignet und zogen lieber in 
die Fremde, um sich ein billigeres und vielleicht auch reichlicheres Brot zu 
verdienen. 1 Die lombard. Einwanderung war aber besonders im 14. und 
15. Jahrh. so stark, dafs die Bevölkerungsdichte, die im 13. Jahrh. kaum 
einem Drittel der gegenwärtigen entsprach, rasch und bedeutend nachwuchs'^ 



» s, Bottea, Storia d. Val di Sole, IIa ediz,, S. 14. 

^ ebda, S. 12, Ja nach einer Berechnung Prof. Cicolinis auf Grund der 
„foci" (gegeben bei B. , S. 9, Anm.) würde die Bevölkerung Hochsulzbergs im 
Jahre 1350 blofs ein Sechstel der heutigen betragen haben. Doch ist die Zjhl 
der „foci" keine sichere Basis zur Schätzung der Bevölkennigsdichte. 



DK. CARLO BATTISTJ, ZUK SULZßüRGER MUNDART 245 

und z. B. , wie B. selbst berichtet (S. 8), Mezzana, das durch die Pest gegen 
Ende des XIV. Jahrh. fast zwei Drittel seiner Bevölkerung verloren hatte, in 
wenigen Jahrzehnten auf die normale Einwohnerzahl gebracht wurde.* 

Auf diese Weise trat im Mittelpunkt Hochsulzbergs eine lombard. 
Sprachinsel auf, die zunächst im Kampfe mit dem einheimischen Dialekt 
freilich einige Konzessionen zu Gunsten desselben machen mufste, dann aber, 
unterstützt einerseits durch die eigene Lage im Herzen des Landes, anderer- 
seits durch die in anderen Ortschaften sefshaft gewordenen lombard. Einwanderer, 
andererseits auch wieder durch die der lombard. Mundart kundigen aus den 
lombard. Tälern zurückgewanderten einheimischen Bewohner, weiter und weiter 
um sich griff, bis das ganze hochsulzb. Gebiet erobert wurde. 

Ich habe die sulzb. Rückwanderer erwähnt. An diesen ist ein weiterer 
Anteil an der Entwicklung der sulzb. Mundart zuzuerkennen. Die periodische 
Auswanderung der männlichen Bevölkerung Sulzbergs ist uralt; während der 
toten Jahreszeit zogen die Sulzberger in das Poland hinaus (Brescia, Como, 
Bergamo, Emilia, Piemont), um als Kesselflicker und -schmiede, als Breit- 
schneider und Waldarbeiter tätig zu sein. Dort eigneten sie sich notwendiger- 
weise die fremde Mundart an, und wenn sie dann nach einigen Monaten in 
die Heimat zurückkehrten, waren sie zunächst versucht, die als feiner geltenden 
ital. Dialektformen weiter zu gebrauchen, Wds sie um so leichter getan haben 
mochten, als sie sich vor dem Spott der Landsleute sicher wufsten, da ja alle 
oder fast alle schon in Italien gewesen und des lombard. Idioms kundig waren. 
Ist im Sulzberg solch eine Einbürgerung fremder Sprechweise nicht auch im 
Tarön schon geschehen? 

Wenn man nun dem früher erwähnten und diesem weiteren Lombardi- 
sierungsfaktor noch den seit Jahrhunderten immerfort wirkenden Einflufs der 
tiientischen Mundart als der Sprache der Gebildeten und den, meistens ganz 
neuen, der Schriftsprache, die durch Schule und Kirche bekannt wird, hinzu- 
fügt (B. hat auf beides hingewiesen), so wird man die Eigentümlichkeit eines 
ausgesprochen ital. Dialektfleckchens in einem sonst halbladinischeu Tal 
erklärlich finden. 

Ob sich dann auch die einzelnen Spuren der verschiedenen Faktoren noch 
unterscheiden lassen? Man bedenke, dafs einerseits bei den beiden ersteren 
(Ein- und Rückwanderung) sich die Sprachquellen fast ganz decken, anderer- 
seits der Einflufs des Trientischen und der der Schriftsprache meistens zusammen- 
laufen. Doch dürfte man bei einer genauen Untersuchung der einzelnen sulzb. 
Dorfmundarten zur auffallenden Entdeckung gelangen, dafs sie nicht blofs 
etwa aus camunischen und trentinischen Elementen besteht, sondern noch 
allerlei Merkmafe in sich schliefst, die uns an die alten Einwanderer aus 
Valtellina und an die ital. Aunfenthaltsorte der sulzb. Zeitauswanderer, wie 
Brescia, Como, Bergamo, die Emilia und Piemont erinnern. Und vielleicht 
würde man dann auch sehen, ob der Einflufs der Winterauswanderung sich 
immer, wie B. meint, blofs im Wortschatz abgespiegelt hat, oder aber ob er 
sich auch wohl auf das organische Gefüge der Sprachen erstreckte. 



1 Hier wann ts freilich nicht mehr Btrgarbuter, sondern wohl Erd- 
arbeiter und Bauein, die einwanderten. 



246 BESl'RECHUJNÜKN. K. KIliüLER. 

Der speziell sprachliche Teil der Arbeit Battistis ist als „Skizze" sehr 
reichhaltig wnä belehrend: auf einem so beschränkten Raum (4 Seiten) könnte 
man schwerlich mehr liefern. Es ist durch die Beibehaltung der Einteilung 
und Paragraphierung der „Nonsberger Mundart" viel Platz gewonnen worden 
und damit erhält auch das Gegebene gleichsam den Charakter einer Ergänzung 
zur nonsb. Lautlehre. Es kommt hier noch eine Übersicht über die Verbal- 
flexion hinzu, was die kleine Abhandlung umso interessanter macht. Ebenso 
ist die Mitteilung der 4C0 Wörter aus Mezzana ein nicht unwichtiger Beitrag 
zur Kenntnis des sulzb. Wortschatzes. 

Aus den Ausführungen B.s bekommt man den definitiven Eindruck, dafs 
die niedersulzb. Mundart von der mittelnonsb. ganz unwesentlich differiert, 
die hochsulzb. dagegen fast keinen nonsb. Zug mehr besitzt. Zwei interessante 
Abweichungen des Niedersulzb. vom Nonsb, sind Auslaut -_/ <C •'^- usw. an 
Stelle von nonsb. -u (0) und die Erhaltung des velaren Elements bei qua-, 
^ua-f von denen die erste wohl, obschon ihr Vorhandensein im nonsb. Bresimo 
etwas zu bedenken gibt, von aufsen her — ich meine aus den lombard. Tälern 
im Westen — stammen wird, die zweite aber ganz gut bodenständig sein 
dürfte, denn auch im Nonsb. ist sie belegt und zwar in Ortschaften, die sonst 
ursprüngliche Zustände am besten bewahrt haben, wie Tres, Vernö, Priö, um 
nur von diesen zu sprechen und andere wie Louer, Spor, Fai, Cauedago bei- 
seite zu lassen, weil hier jemand einen judikarischen Einflufs annehmen könnte. 

Im hochsulzb. Sprachgebiet steht Prio einzig da, das eine bei der jungen 
Generation allerdings fast ganz veraltete Mundart besitzt, die in mehrfacher 
Beziehung mit dem Niedersulzb. bzw. Mittelnonsb., ja zum Teil sogar mit dem 
Hochnonsb. in Zusammenhang steht. Mit Rücksicht darauf, finde ich es 
unbegründet, wenn B. auf S. 47 der alten Mundart von Peio die ladin. 
Palatalisierung des k, g vor a abstreitet. Man darf sich hier nicht von der 
heutigen Grenze irreführen lassen. Ebenso besagen in diesem Falle auch die 
alten Schriftstücke nichts, denn auch die nonsb. Papiere haben durchwegs 
ca-, ga-, obwohl im Nonsberg doch bestimmt die Palatalisierung schon früh- 
zeitig vorhanden war. 

Enrico Quaresima. 



Leo Spitzer, Über einige Wörter der Liebessprache. (Onomasiologische 
Bemerkungen zu den romanischen Ausdrücken für „lieben". — Französisch 
cocotte. — Deutsch Elefatit — , Vertrauter zweier Liebenden', französich 
chajidelier id. — Altfranzösisch coup^ neufranzösisch cocu „Hahnrei".} 
Leipzig, O. R. Reisland, 1918. 74 S. 

Diese vier Abhandlungen stehen im Zeichen Schuchardts, was der 
kongeniale Autor übrigens selbst im Vorwort durch ein Zitat aus den „Liebes- 
metaphern" andeutet. 

In seiner ersten Studie, den „Onomasiologischen Bemerkungen zu den 
romanischen Ausdrücken für „lieben" befragt Verf. die verschiedenartigsten 
Autoritäten über den Begriff der Liebe. Er zitiert nacheinander MüUer- 
Lyer, R.Wagner, Nyrop, Voltaire, Schuchardt, Vofsler. Nachdem er 
die Vieldeutigkeit des Wortes „Liebe" dargetan , zeigt er uns den Kampf, 
den amare auf dtm Gebiete der Romania gegen neu aufkommende Nuance- 



LEO SPITZKK, ÜBEk EINIGE WÖRTER DER LIEBESSPKACHE. 247 

Wörter zu bestehen hat (catal. estimar, voler, prov. taten, sard. und südital. 
stimare). In fast alltn Sprachen stellen sich für den Liebesbegriff abgeschwächte 
Ausdrücke ein, so ital. voler bene, franz. aimer bie?i, rum. vuliri Mtiiri (nnit 
merkwürdiger Augkichung des Adverbs an das Verb), engl, to like, deutsch 
gern haben. Amare ist im Romanischen durchaus unvolkstümlich. — Unter 
den Liebeswörtern durfte der Kufs nicht fehlen. Von den drei lat. Bezeichnungen 
des Kusses, basium, osculum, suavium, hat sich nur das erste im Romanischen 
erhalten. Ähnlich wie bei „lieben" wird auch das lat. Erbwort für „küssen" in 
Teilen der Romania durch Nuancewörter verdrängt. (So in Spanien — altspan. 
saludar — , Frankreich, Rumänien.) Auch im Deutschfn mufs das unvolks- 
tümliche „Kufs" zahlreichen Dialektwörtern weichen (z. B. österr. Busserl). 

Nach dieser Abschweifung auf das Gebiet der praktisch angewandten 
Liebe vergleicht Verf. das Schicksal von lat. amare mit dem von deutsch 
lieben nfld stellt fest, dafs beide blofse Literaturwörter seien. Hierauf unter- 
sucht er die romanischen Spröfslinge von lat. affectus, affectio, Caritas, dilectio 
(dili^ere), venus, zieht zum Vergleiche die Ausdrücke für „lieben" in den 
übrigen indogermanischen Sprachen heran und zeigt, wie in all diesen Wörtern 
„sich die sinnlich -unsinnliche Doppelnatur der menschlichen Liebe spiegelt." 

Sehr lehrreich ist der folgende Abschnitt über das Hin- und Herwandern 
gewisser Liebeswörter aus der einen Sprache in die andere. So stammen franz. 
galanter ie, füugue, caresse, s''amoiirccher aus dem Ital., span. cari?lo aus dem 
Portug. , rum. a iubi aus dem Slavischen, {x am. flirter aus dem Engl. Sein 
feines linguistisches Einfühlungsvermögen bekundet Verf. bei der Besprechung 
von xViVa.dor, \ta.\. vago, port. saudade, amores, franz. cherir, deren verschiedenen 
Gelühlswert er eingehend darlegt, woraus sich die Unübersetzbarkeit der meisten 
Liebeswörter ergibt. Zum Schlufs bespricht er die Abel'sche Abhandlung 
über den „BegriiT der Liebe in einigen alten und neuen Sprachen". Er 
polemisiert gegen Abels deskriptiv-synonymische Methode und zeigt an dieser 
Untersuchung recht deutlich, dafs die Wertung von Völkertemperamenten auf 
Grund der in ihren Sprachen gebräuchlichen Wörter mifslich ist. Schwer 
hatte es Verf. in seiner Kainrolle allerdings nicht, denn dieser Abel schrieb 
im Jahre 1872, also lang vor Paul und Gabelentz! 

Der Autor hat sein Thema nicht erschöpft, was nach dem Titel zu urteilen 
auch nicht seine Absicht war. Doch wäre ein näheres Eingehen auf volks- 
tümliche Anschauungs- und Ausdrucksweise zu wünschen. So vermisse ich 
z. B. Vulgärfranz, gober (gobage) „verschlingen", das ich 1896 im quartier latin 
hörte und das sich bis heute gehalten hat, denn ich finde es sogar im Schulwb. 
von Pfohl, wo es mit „gern haben" übersetzt wird. Es liegt in der Linie 
von querer-voler oder bildet vielmehr den Endpunkt dieser Entwicklung (vgl. 
eile est jolie ä croquer). Besonders fiel mir bei den abgeschwächten Ausdrücken 
für „Liebe" das Fehlen von ital. simpatia auf, das, obwohl Fremdwort, ganz 
und gar volkstümlich geworden ist und das man tagtäglich zu hören bekommt, 
u. zw. namentlich in der Übertragung auf die Person, wobei das Geschlecht 
gleichgiltig ist: Ho visto la mia simpatia. ich habe meinen Liebsten (meine 
Liebste) gesehen, nur im platonischen Sinn gebraucht.' 



* Auffallend ist, dafs amore personifiziert nur in der Anrede gebraucht 
wird {Amor mio!). — Ein Analogon zu simpatia liegt vor in altital. mama 
„Geliebte" von lat. supp. amantia ^ amor (vgl. REW No. 399). 



2^8 BESPRECHUNGEN. R. KlJiGLEK, 

In vülkskundlichcs Gebiet hätte gefühlt die Erklärung folgender vulgär- 
franz. Ausdrücke für das Verliebtsein: etre toque, (avoir une toquadej, etre 
encogueluchonn^ f etre coiffS de qn., avoir un bSgutn pour qn,, die sämtlich 
von Kopfbedeckungen hergenommen sind {toque = Barrett, coiffe, coqueluche, 
beguin = Haube '). 

Zieht man sich die Liebe wie eine Haube über den Kopf, so kann man 
sie auch nach Art von Handschuhen über die Hand streifen, daher s'enganter 
= sich verlieben, das ich allerdings einem Wb.^ entnehme, während mir die 
meisten der obigen Ausdrücke geläufig sind. — Derb, aber treffend ist die vom 
oft gesehenen Strafsenbild des geüen Hundes hergenommene vulgärfranz. 
Redensart avoir un chien^ pour qn., womit eine plötzliche Liebeslaune be- 
zeichnet wird. 

Folkloristisch interessant sind auch die Ausdrücke für „sich verlieben", 
die auf eine mehr oder minder gewaltsame Einwirkung von aufsen hinweisen 
wie vulgärfranz, yWVi/, entiche, recevoir un coup de soleil, le coup de foudre* 
Man vergleiche ferner vulgärspan. awar/^/aJö „verliebt" [martelo „Verliebtheit") 
mit vulgärfranz. coup de tnarteau „Verrücktheit". Im Deutschen entsprechen 
diesen Ausdrücken die Partizipien vernarrt,^ verschossen, verrannt. Hierher 
gehört auch vulgärspan, chißado, das „närrisch" und „verliebt" bedeutet. In 
diese Linie möchte ich noch vulgärspan. amelonado stellen von melön, also 
wörtlich „zur Melone geworden". Ich vermute, dafs wie im Franz, auch im 
Span, die Melone Symbol der Dummheit ist® 

Bei port, meiguice von meigo (lat, magicus, REW No, 5226) wäre an 
die Bedeutungsverwandtschaft mit affectus zu erinnern: Liebe hervorgerufen 
durch Zaubermittel (vgl. deutsch: Sie hat''s ihm angetan, was wörtlich zu 
afficere stimmt, sowie die Bedeutungsentwicklung von lat. cartninare, incantare 
in den roman. Sprachen und von bezaubern im Deutschen). 

Das vom Verfasser als ausgestorben bezeichnete enamourer findet sich 
oft bei Theuriet und wohl auch sonst noch. Gewöhnlich wird es allerdings 
ersetzt durch das vom Verf. nicht erwähnte s^ eprendre. Zu prov. dezamar 
finden sich immerhin Entsprechungen im Ital. [disamare) und Span, {desamar), 
wenigstens verzeichnet sie das Wörterbuch. 

Bei der Besprechung der Wörter für „Kufs" wären anzuführen bise, biser 
[bijer), die man Kindern gegenüber anwendet, wohl mit bewufster Entstellung 



1 Vgl. vulgärspan. /a/ia^zwa! „Ohrenmütze" für „Rausch" sowie die vulgär- 
franz. Redensarten avoir son casque (Helm), etre casquette, avoir son plumet, 
son panache (Helmbusch) für „betrunken sein" (vulgärdeutsch aufheben). Es 
liegt in der Natur der Sache, dafs für „Rausch" und „Liebe" (vgl. Liebes- 
rausch) dieselben Metaphern verwendet werden. 

2 Delesalle, Dict. argot-fran^ais et fran9ais-argot. 
' Vgl. chienne „Prostituierte", 

* Auf dem Bild des Pfeiles beruhen das im Pariser Verbrecherargot 
gebräuchliche dard und vulgärspan. flechar = inspirar amor. 

^ Es ist begreiflich, dafs Ausdrücke für „verliebt" und „närrisch" oft 
identisch sind. Wie sagt doch der Dichter.'' „Liebeswahnsinn, Pleonasmus! 
Liebe ist ja schon ein Wahnsinn!" 

® Ein solches ist sicher der nahverwandte Kürbis (calabaza). Calabacino 
erklärt das Wb. der Akademie als persona inepta y muy ignorante. Wie 
amelonado gebildet ist acaramelado von caramelo „Gerstenzucker", semasiologisch 
ohne weiteres verständlich (vgl. vulgärdeutsch Süfsholz raspeln für Hofmachen). 
Möglicherweise hat auch bei amelonado der Begriff des Süfsen mitgewirkt. 



LEO SPITZER, ÜBER EINIGE WÖKTEK L>KK LIEBESSPKACHE. 249 

des durch seine obszöne Nebenbedeutung moralisch nicht einwandfreien baiscr, 
falls man nicht vorzieht, diese Neubildungen durch Schallnachahmung zu er- 
klären und zu deutsch Bufs [Busserl) zu stellen. Über souris = Kufs aufs 
Auge vgl. mein Buch, Das Tier im Spiegel der Sprache, S. 63. Auch die 
drastischen Argotredensarten sucer la pomme , se lecher le groin hätten 
Erwähnung verdient. 

Zu belhcs = benulus , span. Jowz'/ö = hübsch sei erinnert an span. öz^^wa 
moza „hübsches Mädchen" und an norddeutsch die Suppe schmeckt schön. Es 
liegt hier eine volkstümliche Verwechslung moralischer und ästhetischer Begritie 
vor (vgl. auch Spitzer, Aufsätze zur rom. Syntax u. Stilistik, S. 252, Anm. i). 

Im zweiten Artikel „franz. cocotte'-'- bemüht sich der Verf. mit grofsem 
Aufwand von Scharfsinn und Gelehrsamkeit die Herkunft dieses Wortes von coq 
zu beweisen, die wohl den meisten Romanisten als Selbstverständlichkeit er- 
scheinen mag. Wenn ein hervorragender Gelehrter in der Deutung dieses Wortes 
irregehen konnte, so beruht dies auf mangelnder „Sach"kenntnis, die in diesem 
Falle wohl begreiflich ist, da sie dem Ethos seiner Lebensführung gut- 
geschrieben werden mufs. Übrigens hat Spitzer trotz der vielen Argumente, 
besonders schlagende Parallelen übersehen. In erster Linie hätte er poupoule 
anführen müssen, das sich zu poule genau so verhält wie cocotte zu coq und 
das sehr verbreitet ist. Ich erinnere mich eines Liedes mit dem Refrain vtens, 
poupoule! das ich seinerzeit in Frankreich alltäglich zu hören bekam. Als 
Analoga führe ich von kindlichen Schmeichelwörtern*, die der Tierwelt entlehnt 
sind, chienchien und louloti an (dies sehr häufig!). Zur Gleichung /0M/>0M/e = 
cocotte wären noch zu stellen poulailler = maison publique {Raoul de la 
Grasserie^ EtuJe sur l'Argot, S.81) und volaille als Bezeichnung einer diebischen 
Prostituierten mit wortspielerischer Anlehnung an voler „stehlen", wozu in der 
engl. Gaunersprache hen für „Weib" zu vergleichen ist. Hierher gehören 
auch aus dem Vulgärspan, paloma „Taube" = cocotte sowie pollo „junger 
Mann", polla „junges Mädchen". Letzteres bedeutet bezeichnender Weise auch 
raembrum virile. Ich erinnere mich, dafs ich in Spanien eine Anekdote zu 
hören bekam, die auf dem obszönen Doppelsinn von polla beruhte. Es mufs 
übrigens hervorgehoben werden, dafs in cocotte, obwohl der Kindersprache 
entlehnt, nachträglich eine obszöne Bedeutung hineingelegt wurde, ein deutlicher 
Beweis, dafs die Herkunft von coq noch gefühlt wird. In Baumann's 
„Londinismen" heifst es bei cock^ in der Bedeutung „Männchen, Kerl", dafs 
in der feinen Welt dieses Wort jezt verpönt ist (vgl. auch im Slang cock-and- 
hen club als Bezeichnung eines Klubs für Personen beiderlei Geschlechts). 
Als männliches Seitenstück zu cocotte findet man cawar^ (Del es alle , a.a.O.). 
Bei venez. cocolar"^ vermisse ich das ungemein häufige cocolo „herzig". Ein 
portug. Gegenstück zur Anwendung von cocotte auf männliche Wesen finde 
ich in einer Stelle bei Diniz, As pupilas do Snr. reitor, S. 84 (Leipzig, 
Brockhaus) wo gallo einem Mädchen gegenüber, allerdings in tadelndem 
Sinn gebraucht wird: Entäo onde diabo tinhas tuo juizo, gallo doudo} — 
Zum Schlüsse möchte ich meine semasiologische Bewertung von cocotte kurz 



1 Auch als Zeitwort erscheint cock\ she cocked her eye at him, sie sah 
ihn verliebt an (Baumann, a, a. O.). 

* Vgl. vulgärspan. hacer cocos „liebkosen". 



250 HESPKKCllUNGKN. K. KIEGLKR. 

dahin zusummcnfassen, dafs darin zum Uiilcrschiede von der verblofsten Metapher 
coguet eine noch frische Metapher von coq zu erblicken ist. Ein Verdienst 
von Spitzers cocotte-Ax\.i\<.t\ ist die semasiologische Eiörterimg fast aller franz, 
Meretrix-Synonyma, deren Nuancierung oft Schwierigkeiten macht, die jedoch 
der Verf. infolge seiner ausgebreiteten Kenntnis der franz. erotischen Literatur 
glücklich überwindet. 

Im dritten Aufsatz „Deutsch Elefant, Vertrauter zweier Liebenden, franz. 
chandelier, dass." gibt Verf. zunächst die Geschichte des deutschen Wortes 
mit zahlreichen Belegen, dann versucht er eine Erklärung dieser Metapher, 
wobei er gegen meine Auffassung (Das Tier im Spiegel der Sprache, S. 90) 
polemisiert und hervorhebt, dafs der Vergleich mit dem Elefanten lediglich 
auf der körperlichen Schwerfälligkeit dieses Tieres beruht. Er supponiert 
Entlehnung aus dem Franz. und man wird ihm beistimmen müssen, obwohl 
die neue Bedeutung im Deutschen früher belegt ist als im Französischen. Es 
bleibt nichts anderes übrig als anzunehmen, das Wort sei im Argot längst 
gebräuchlich gewesen, bevor es eine hterarische Fixierung gefunden hat. Vom 
Elefanten kommt Veif. auf verwandte Metaphern aus der Tierwelt wie chamemi, 
ttgre, zebre, deren Bedeutung und Gefühlswert er untersucht. 

Bei chameau „Dirne" sei darauf aufmerksam gemacht, dafs sich daneben 
dromadaire findet (vgl. deutsch Trampeltier, Trampel für ein plumpes, un- 
geschicktes Weib, was die Heileitung von cha^neau = scamnum „zur Unter- 
suchung der Konlrolldirnen dienender Stuhl" traglich erscheinen läfst, falls man 
nicht drofnadaire als eine spätere scherzhafte Übertrumpfung des chameau auffafst 
(das Dromedar ist mit seinen zwei Höckern gewissermafsen ein Überkamel). 
Übrigens scheint mir chameau zunächst nicht geradezu „Prostituierte" zu be- 
deuten, sondern nur ein schlampiges, in der Toilette vernachlässigtes Weib. 
(Übertragung von der körperlichen Häfslichkeit auf den Schönheitsmangel in 
der Kleidung). Delesalle, a. a. O. führt bei chameau das Wortspiel an: La 
vie est un desert, et la femme est un chameau qui sert ä le traverser. 

Bei elephant ist zu beachten, dafs es männlich und weiblich gebraucht 
wird. Während es z. B. Delesalle a. a. O. mit „entremetteur" erklärt, über- 
setzt es de !a Grasserie a. a. O. S. 54 mit „entremetteuse". Auch im 
Deutschen ist das Wort utriusque generis; hierzulande jedoch (in Kärnten) 
gebraucht man es in dem bewufsten Sinn nur als Femininum. Es ist dies 
gewifs auffallend, wenn man bedenkt, dafs die geläufigen Tiernamen männlichen 
Geschlechts wie Hund, Esel, Ochs, Fuchs u. a. m. nur auf männliche Wesen 
angewendet werden. Die Neubildung franz. chamell^ für chameau zeigt uns 
deutlich, dafs das Sprachgefühl diese Nichtbeachtung des Geschlechtes als 
eine Ungehörigkeit empfindet (vgl. jedoch weiter oben das Beispiel mit 
porlug. gallo). 

Was wienerisch Mandrill „Tramway mit blauem Lichte" betiifit, so ist 
in dieser offenbar zuerst in Studenteukreisen aufgekommenen Metapher eine 
scherzhaft übertreibende Anspielung auf die bläuliche Färbung des Hinterteils 
dieses Affen zu sehen. Ich erinnere mich, dafs in einem Seebade ein Badegast 
infolge der auffallenden Färbung seiner Schwimmhose deu Spitznamen 
„Mandrill" erhielt. 

Im Anschlufs an ,iliphant'' behandelt Verf. das Synonym chandelier, 
über de-sca Entstehungsweise und Bedeutung Musset's gleichnamiges Lustspiel 



LEO SPITZER, ÜBER EINIGE WÖRIKR UEK LIEBESSFRACHE. 2j l 

Auskunft gibt. Nachdem Verf. die Bedeutungsgienzen zwischen elephant und 
chandelier gezogen — elephant ist der von anderen vorgeschobene Strohmann, 
chandelier bequemt sich unaufgefordert zu dieser Rolle — bespricht er ver- 
schiedene Synonyma wie franz. paravent, chaperon, ital. donna di schcrmo, 
schyffed.yörkläde (wörtlich: Schürze), weist im älteren Deutsch Parallelen dazu 
nach und kommt auf Grund dieser zum Schlüsse, dafs das Bild vom Leuchter 
schon lange im Volksmund üblich gewesen sein muls, bevor es in der Literatur- 
sprache Aunfnahme fand. Mit besonderer Ausführlichkeit behandelt Verf. 
ital. cicz'sbeo, dessen Etymon er in venez. cicz „Geschnatter" vermutet mit An- 
gleichung des Suffixes an Namen wie Matteo, Taddeo. Die Bedeutung wäre 
demnach „Plauderer, (verliebter) Flüsterer". Als Synonym von cicisbeo führt 
Verf. zuletzt das allerdings weniger gebräuchliche cavalier servente an, dessen 
Heimat er in Portugal nachweist. 

In seinem vierten und letzten Aufsatz, der bereits in der Ztschr. f. franz. 
Sprache u. Lit. 43,1, S. 272ff. erschienen war, beschäftigt sich Spitzer mit 
■ä\iUa.nz. coup, neufranz. cocu „Hahnrei". Mit Meyer-Lübke trennt er die 
beiden "Wörter und gibt für cotip drei Deutungsmöglichkeiten , von denen mir 
die Brinkmann'sche Herleitung coiip aus coupaud von couper „kappen" am 
glaubwürdigsten scheint. 

Was cocii betrifft, so hat sich Verf. das Hauplargument für die Identität 
von cocu mit coucou entgehen lassen. Es findet sich nämlich cocu für „Kuckuck" 
nicht blofs im Altfranz., sondern ist auch in verschiedenen neufianz. Mundarten 
belegt (vgl. Rolland,^ Faune pop. de la France II, S. 82 u. IX, S. T25, 137). 
Obendrein wird noch im Vulgärfranz, coucou für „Hahnrei" gebraucht. Der 
Hinweis auf die Jenkins'sche Etymologie cocu vou cuculus (Modern Pbilology 
'913) S. 3 ff.) erscheint daher als überflüssig. Auch die vom Dict. gen. ver- 
suchte 1- rklärung des in cocu durch Beeinflussung von Wörtern wie coquart, 
coquin wird dadurch hinfällig. Cocic"^ ist also nichts anderes als eine Neben- 
form vou coucou und ebenso schallnachahmend wie dieses. Dafs übrigens die 
alte Brinkmann'sche Etymologie (Metaphern, S. 522 f.): cocu von coq „Hahn", 
zu der die Analogie von deutsch „Hahnrei" verführte und die auch ich seinerzeit 
billigte, semasiologisch durchaus glaubhaft ist, beweist der offenbar auf volksetymo- 
logischer Deutung beruhende im Dep. der Nievre verbreitete Volksglaube, dafs, 
wenn ein Hahn dem Kuckuck antwortet, dies entweder den ehelichen Treubruch 
der Gattin oder die Schwangerschaft der Tochter bedeute (Sebillot, Folklore 
de France III, S. 197). Die zwei folgenden Fälle von Aberglauben beweisen 
lediglich die Identität von coucou und cocu. Ruft man dem Kuckuck coucou 
zu, so antwortet er mit cocu und umgekehrt (D6p. de la Lozere. Sebillot, 
a. a. O.). Träumt der Ehemann vom Kuckuck, so betrügt ihn seine Frau 
(Döp. de la Ni^vre. Sebillot, a. a. O, III, S. 202). 

Interessant ist in Spitzers Untersuchung die Anführung einer Stelle aus 
Boucompagno (13, Jahrb.), in der neben dem Kuckuck der Kürbis {cucutia 
und Cucurbita) als Symbol des weiblichen Ehebruchs erscheint. Boncompagno 



^ Mir ist es allerdings nicht möglich, diese Angaben RoUands nach- 
zuprüfen. 

^ Die Annahme, dafs man den coucou gewissermafsen nachträglich zum 
Ehebrecher == cocu umgetauft habe, erscheint zu kompliziert. 



252 BESPKECHÜNGEN. WOLl-GANG WUKZBACH, 

erklärt die Bedeutung citculus = betrogener Ehemann durdi den Anklang an 
obige Wörter, was Verf. nicht ohne weiteres zurückweist. Wahrscheinlicher 
scheint mir der umgekehrte Vorgang. Bezüglich des Bedeutungswandels Ehe- 
brecher — betrogener Ehemann schliefst sich Spitzer der Grimm-Rolland'schen 
Deutung an, auf die auch ich seinerzeit hinwies (Das Tier im Spiegel der Sprache, 
S. 127, Anm.). 

Zur Charakteristik des Doppelcharakters des Kuckucks als törichten und 
betörenden Vogels möchte ich noch vahd. gouchen anführen, das die Bedeutungen 
„närrisch werden" und „narren" in sich vereint. Zu ilal. vecchio cucco „dummer 
alter Mann" läfst sich als Analogie aus dem Rumänischen anführen cap de cuc 
„Schwachkopf". Schliefslich hätte der allgemein erotische Charakter des 
Kuckucks hervorgehoben werden sollen, der z. B. hervorgeht aus der venez. 
Redensart a7idar a cuc.^ Cibele, Zoologia popolare veneta, S. 57 erklärt: 
Si dice d'un giovanc che va in casa della sposa a far da marito. Wenn man 
mir einwenden kann, dafs es in diesem Falle auch einen Betrogenen gibt u. zw. 
den Vater des Mädchens, so gehören bestimmt hierher Wörter wie Gauch, 
Gaiichbart für die ersten Schamhaare, ferner mhd,^^McÄ/i? = penis und ^öWfÄ^/ 
= Vulva (Höfler, Krankheitsnamenbuch). 

Zusammenfassend möge zum Schlufs von diesen vier Untersuchungen 
gesagt werden, dafs sie weit über den Rahmen eines nur romanistischen 
Interesses hinausgehen, da namentlich die erste Studie kulturhistorische 
Perspektiven eröffnet. Sehr zu statten kommt dem Verf. seine erstaunliche 
Belesenheit, die übrigens schon aus seineu stilistischen Untersuchungen bekannt 
ist. Im Interesse einer weiteren Verbreitung seines Buches wäre nur zu 
wünschen, dafs Zitaten aus weniger bekannten roman. Sprachen wie dem 
Rumänischen, Katalanischen, Portugiesischen Übersetzungen beigefügt wären. 

R. Riegler. 



Dr. Rudolf Grofsmann, Spanien und das elisabethaniiche Drama. Hamburg, 
L. P\iederichsen & Co., ig20. I38 S. 4°. (Hamburgische Universität, Ab- 
handlungen aus dem Gebiete der Auslandskunde Bd. 4 — Reihe B. Völker- 
kunde, Kulturgeschichte und Sprachen, Bd. 3.) 

Underhill hat in seinem Buche (1899) zuerst gezeigt, welche Verbreitung 
und welchen Einflufs die spanische Literatur in England unter der Regierung 
der Tudors hatte. Der Verfasser der vorliegenden Arbeit knüpft an diese 
Untersuchung an, grenzt aber sein Gebiet stofflich und zeitlich enger ab, indem 
er feststellen will, welche Rolle dem spanischen Element, „spanischem Leben, 
Handel und Wandel, Fühlen und Denken" speziell im elisabethanischen Drama 
zufällt. Er hat zu diesem Zweck die gesamte englische Dramenliteratur der 
Epoche, „soweit nicht etwa Handlung und Schauplatz von vornherein jede 
Beziehung ausschlössen", einer Durchsicht unterzogen und dabei den Begriff 
„elisabethanisch" möglichst weit gefafst. Er ist in einem Falle bis zum Jahre 



' Hingegen ist triest. far el cuco = far l'Indiano = sich taub stellen. 
Zu span. hacer el cuco vgl. Trueba im Glosario zu seinen Cuentos de color 
de rosa, S. 541 : Hacer el cuco en las Encartaciones es lo mismo que en 
Caslilla hacer novillos y en otras partes hacer rabona (Schule schwänzen). 



DR. RUDOLF GROSSMANN, SPANIEN UND DAS ELISABETH. DRAMA. 253 

1530 zurückgegangen, anderseits wurden Zeugnis^^e bis 1642 herangezogen, „so 
dafs der behandelte Zeitraum sich über ein reichliches Jahrhundert erstreckt". 
Im ganzen sind 285, also ca. 28°/o der aus diesem Zeitraum überlieferten 
Dramen für die Sammlung des Materials in B-tracht gekommen. Der Verf. 
hat dasselbe in aufserordentlich gründlicher und sorgfältiger Weise verarbeitet 
und seine Schrift wird Anglisten und Romanisten gleich willkommen sein; sie 
ist ein wertvoller Beitrag zur Charakteristik des englischen Dramas im Zeitalter 
Shakespeares und zugleich eine vortreffliche Studie über den Einflufs spanischen 
Wesens und spanischer Literatur. 

G. teilt seinen Gegenstand in vier Kapitel, in welchen er gesondert die 
politischen, literarischen, kulturellen und sprachlichen Reflexe betrachtet. Im 
I. Kapitel wird dargelegt, wie sich die politischen Beziehungen der beiden 
Länder im elisabethanischen Drama wiederspiegeln. Auf diesem Gebiet kommt 
die gröfste und nachhaltigste Bedeutung der Expedition der Armada (1588) 
zu. Dieser Angriff von selten Spaniens war bestimmend für die Meinung, 
welche man fortan in England von dem Volke Philipps II. hatte. Die übel- 
wollende, oft gehässige Beurteilung der spanischen Nation, welche aus so vielen 
der angeführten Stellen spricht, erklärt sich hauptsächlich aus dem nie ganz 
erloschenen Zorn der Engländer über diese Unternehmung. Ungeachtet der 
politischen Spannung fanden die verschiedenen Zweige des spanischen Schrift- 
tums im Inselreiche Eingang und Verbreitung (Kap. II). Die moralisch- 
pädagogischen Traktate des Guevara, die Kulturromane im Stile des A?nadts 
und Palmerin, die spanische Novellistik (besonders die Novelas exemplares 
des Cervantes), der Schäfer- und der Schelmenroman (Montemayors Diana, 
der Lazarillo de Tormes und ihr Gefolge) und das Buchdrama Celestina haben 
zahlreiche Spuren im elisabethanischen Drama zurückgelassen. Der Verf. unter- 
sucht jede einzelne dieser Reminiszenzen und kommt bisweilen zu neuen und 
Interessanten Ergebnissen. Er zeigt, wie Shakespeare seinen Don Adriane de 
Armado den „Stelzenstil" Guevaras kopieren läfst und weist ziemlich über- 
zeugend nach, dafs ihm in den ,, Beiden Edlen von Verona" eine Version der 
Diana und nicht eine ähnliche Erzählung eines anderen Novellisten vorlag. 
Sieben Seiten werden verwendet um darzutun, dafs das anonyme Celestina- 
Interlude von 1530 direkt auf das Original und nicht auf eine französische 
oder italienische Zwischenversion zurückgeht. Der eigentliche Einflufs der 
spanischen Novellistik und Dramatik fällt allerdings erst in die zweite Hälfte 
des 17. Jahrhunderts und damit aufserhalb des Rahmens der Untersuchung. 
(Bezüglich der Novellen des Cervantes wäre zuletzt auf unsere Abhandlungen 
in der ,,Einlührung in die romanischen Klassiker", Strafsburg 1913, Bd. 3 — 4 
zu verweisen. Das Erscheinen der Komödien Lopes erstreckte sich weit über 
die Jahre 1604 — 19; die Bände der Calderonschen Comedias wurden 1636, 
1637, 1664 und 1677 gedruckt.) Dagegen haben die Ritter- und Schelmen- 
romane der Spanier schon damals sehr wesentlich zu der Auffassung der Eng- 
länder vom spanischen Nationalcharakter beigetragen. 

Noch reichhaltiger als die beiden ersten Kapitel sind die beiden letzten, 
welche sich mit dem „kulturellen und sozialen Spanien" und der „spanischen 
Sprache im elisabethanischen Drama" beschäftigen. Hier erfahren wir, wie 
weit die Kenntnisse der Engläuder bezüglich des Landes Spanien reichten, 
was sie von seinen geographischen Eigentümlichkeiten wufsten, welche Vor- 



2 54 BESPRECHUNGEN. A. WIHLFAHRT, DANTE, GÖTTL. KOMÖDIE. 

Stellungen sie von den einzelnen spanischen Städten hatten, wie sie über das 
Kriegswesen und die Waffen, über die Seefahrten und Entdeckungen, Industrie 
und Handel, Speisen und Getränke, Moden und Zeremoniell, Spiele und Tänze 
der Spanier dachten. Im ganzen und grofsen sahen die Engländer in ihnen 
ein kriegerisch tüchtiges und gewerblich betriebsames Volk, sie anerkannten 
auch die Autorität der Spanier in Ehrenangelegenheiten, liefsen aber selten 
eine Gelegenheit vorübergehen ohne ihre Einbildung und Händelsucht zu ver- 
spotten und ihre zügellose Lebensführung zu tadeln. Von der eigentlichen 
geistigen Entwicklung der spanischen Nation, von der Bedeutung spanischer 
Literatur, Kunst und Kultur hatten sie keine Vorstellung. Die spanischen 
Worte, welche in den elisabethanischen Dramen begegnen, sind den ver- 
schiedensten Begriffssphären entnommen. Es sind Titulaturen (,,Z'o«" in bis- 
weilen ganz imspanischer Verwendung), Amts- und Handelsbezeichnungen, 
Ausdrücke der Fechtkunst, Stoff-, Münz-, Wein-, Drogennamen u. a. m. Eine 
Anzahl spanischer Wörter wurden auch ,,als Notbehelf für fehlende oder als 
vornehmere, veredelnde oder bemäntelnde Nuance für synonym erscheinende 
englische Bezeichnungen verwendet, etwa den Funktionen unserer heutigen 
Fremdwörter entsprechend" (z. B. pecadülo, renegado, basta, Diablo). Unter 
den spanischen Personennamen hat Diego eine verächtliche Bedeutung erhalten, 
seit ein Mann dieses Namens die St. Pauls -Kathedrale besudelte. Bei der 
Prinzessin ,, Aurelia Clara Pecunia" {Staple \,(>) dachte Ben Jonson unseres 
Erachtens an die damals noch lebende Infantin Isabella Clara Eugenia, die 
Tochter Philipps II. (f 1633). Endlich bespricht der Verf. die verschiedenen 
Wortspiele, Zweideutigkeiten und Parodien, zu Welchen das Spanische heran- 
gezogen wurde, sowie acht längere und kürzere Stellen in spanischer Sprache, 
die sich in elisabethanischen Dramen eingestreut finden. Eine durch den Druck 
besonders entstellte (im Enterlude of welth and helth, 1557) wird neu gedeutet. 
Das Endergebnis seiner Forschungen fafst G. in die Worte zusammen : 
„Was Spanien an Spunn in unseren Stücken hinterlassen hat, verdankt es 
dem Umstand, dafs es damals zu den Führervölkern der Erde gehörte . . . 
Englands Geisteskultur irgendwie in ihren Grundfesten zu erschüttern, seiner 
Dramatik eine ganz bestimmte Wendung zu geben und deren Entwicklung für 
Jahrzehnte festzulegen, hat Spanien nicht vermocht." 

Wolfgang Wurzbach. 



Dante, Göttliche Komödie. III. Teil — Das Paradies — übersetzt von Alfred 
Bassermann. München 1921. 8". pp. 474. R. Oldenbourg. M. 55, geb. 
M. 60. 

Nach mehr als ßojährigem geistigen Erfassen und Durchdringen 
Dante'scher Gedankengänge und Welten bietet uns Verfasser nach seiner 1892 
erschienenen „Hölle" und dem 1909 gegebenen „Fegeberg" als III. Band der 
Divina Commedia das „Paradies". 

Rechtzeitig noch zur 600. Gedächtnisfeier des Todestages Dantes ver- 
mochte so Bassermann einen über die zu vielen Gelegenheitsschriften weit 
hinausragenden Beitrag zu liefern zur Verherrlichung fremder Geistesgröfse. 

Wie bei Hölle und Fegeberg hat B. auch im Paradies die angesichts 
der besonderen Natur unserer Sprache vielleicht wenig erwärmemle Terzine 



BESPRECH. EVA SEIFERT, ERICH AUERBACH, ZUR TECHNIK ETC. 235 

gebraucht, immer aber tief eindringend in den Sinn der fremden Sprache, und 
bestrebt, bei der Wiedergabe alles da Vorhandene zu erschöpfen. — Nicht 
mit Unrecht tröstet sich B. mit dem Gedanken , dafs auch Dantes Dichtung 
ein titanisches Ringen mit dem widerstrebenden Stoff der Sprache und dem 
widerstrebenden Inhalt sei, den sie ausdrücken soll. — Die Sprache Basser- 
manns ist zweifellos harmonisch und überreich an bestgewählten und neu- 
geschaffenen Redeforrnen. Seine am Fufse jeder Seite gegebenen zahlreichen 
Anmerkungen spiegeln die Anschauungen aller bedeutenden Kommentatoren 
Dantes wider bis Ricci, Scartazzini, Passerini, Parodi etc. 

Besonders wertvoll ist der auch dem „Paradies" beigegebene Anhang, 
deshalb, weil der Übersetzer da besser als anderswo die seit Jahrzehnten und 
Jahrhunderten ihrer endgültigen Lösung harrende Dante-Problematik zu erörtern 
vermag, dabei auf Grund selbständiger Studien erworbene Urteilsgabe beweist 
und so manches dicht umschleierte Problem in neuem, ansprechendem Lichte 
erscheinen läfst. 

Wie das Dante'sche Monumentalwerk den Entwicklungsgang eines ganzen 
Lebens darstellt, so auch die ein Menschenalter umspannende und tief in die 
Jahrhunderte eingreifende Arbeit des Übersetzers. Beide sahen auf der ab- 
steigenden Kurve ihres Erdenwandeins den Traum ihrer Jugend, den Stolz 
ihrer Maunesjahre in Trümmer gehen, beide aber trotz alledem voller Zu- 
versicht auch den Retter und Wiederhersteller, der — so schUefst Bassermann — 
so sicher kommen muls, wie der Sonnenheld in jedem Frühling seinen leuch- 
tenden Schild am Wellbaum als Sieger aufhängt. 

A. WiHLFAHRT, 



Erich Auerbach, Zur Technik der Frührenaissdncenovelle in Italien und 
Frankreich. Dissertation Greifswald, Heidelberg, Winter 192 1. VII, 66 S. 
In drei Kapiteln: Rahmen, Träger, Komposition veranschaulicht der recht 
belesene Verf. die Entwicklung und Verschiedenheit der ital. und Iranz. Novellen- 
technik in der Übergangszeit vom Mittelalter zur Neuzeit. Er zeigt, von 
Boccaccio ausgehend, wie der vom Dichter geistvoll mit den Novellen ver- 
wobene Rahmen, der die Gesellschaft des Trecento schildert und ihre Sitte 
zum Mafsstab macht, bald veräufserlicht, an Geschlossenheit verliert und 
schliefslich fällt (Kap. I). Er entwickelt, wie gegenüber den aller Wirklichkeit 
entkleideten Exempla, gegenüber der Kompositionslosigkeit der fabliaux 
Boccaccio die Novelle in die Aufsenwelt, in die Landschaft hineinstellt, seine 
Weltanschauung ihr aufprägt; dafs aber bald seine ausglichene behaglich breite 
Erzählungsweise verlassen wird und andere, Sacchetti, Poggio, hastig auf die 
Pointe zueilen, um ihretwillen schreiben (anekdotische Novelle; Kap. III). 
Und wie in Frankreich die Entwicklung weniger plötzlich, der Rahmen, der 
die Familie und ihre Bande (nicht die Gesellschaft) zum Gegen'itand hat, 
intimer ist {Menagier de Paris), aber auch hier fällt {Quinze joyes du mariage), 
so ist der franz. Novelle die malende Technik geblieben, zur Zustandsschilderung 
geworden; Schärfe und Pointe fihlen ihr; das Tempo ist langsamer, schleichend, 
die Komposition schlaff. 

In Frankreich war immer der Mann Träger der Novelle; die Charakte- 
risierung der Frau dem mittelalterlichen Volksschwank entnommen: gemein, 



256 W. MEYER-LÜBKE, ZU ZTSCHR. 4I, 694 UND 42, IO3 ETC. 

dumm, unterdrückt; sie wird nun zur Peinigerin des Mannes [Quinze j'oyes), 
des rechtschaffenen, den sie zu Tode quält. Die strengere moralische Auf- 
fassung, die hausbackene bürgerliche Ethik zeichnete dies gehässige Bild auf 
dem Hintergrunde enger Häuslichkeit (Kap. II). Erst gegen Ende des 14. Jh., 
nach Boccaccios Zeit, der namentlich Frauen zu Trägern macht, ihnen Gleich- 
berechtigung gewährt, der die natürliche Liebesmoral zum allgemeinen Recht 
erhebt, macht sich in Italien ein Umschwung geltend. Man kehrt sich gering- 
schätzig, skeptisch von der Frau ab; sie wird zur Folie. 

Es fehlt der Arbeit nicht an lehrreichen Gegenüberstellungen und Ver- 
gleichen. Auch die vermittelnde Stellung der Cent nouvelles nouvelles ist 
hinreichend charakterisiert. — Der Druck ist sorgfältig; doch würde die Lektüre 
erleichtert, wenn Zitate und Namen durch andern Druck hervorgehoben wären. 

Eva Seifert. 



Zu Zs. 41, 694 lind 42, 103. 
Hätte Bruch den an der von ihm herangezogenen Stelle der 'Einführung' 
zitierten Artikel Ascolis gelesen, so hätte er Tronto : Truentus gefunden und 
dann aus dem Vergleich mit meiner Äufserung gesehen , warum die Wörter 
nicht zu vergleichen sind, und hätte Segl sich die Mühe genommen, aus meinem 
REW. nicht nur Zitate abzuschreiben, sondern sie auch zu lesen, so hätte er 
die Belege für ijada und ejade und eine Erklärung der Bedeutung gefunden, 
die nicht einfach konstruiert, sondern durch die medizinische Auffassung der 
Zeit gestützt ist. W. Meyer-Lübke. 

Erklärting. 

Leo Spitzer hat S. 5 ff. dieses Jahrgangs Bemerkungen zu meinen Fran- 
zösischen Etymologien veröffentlicht, die sich unter anderem auch auf meinen 
im 6. Heft des letz en Jahrganges erschienenen Aufsatz beziehen. Da dieses 
Heft erst am l. März dieses Jahres ausgegeben wurde, Spitzers Aufsatz aber 
bereits am 16. Dezember des vergangenen Jahres bei dem Herausgeber dieser 
Zeitschrift eingelangt war, lege ich Gewicht darauf festzustellen, dafs ich Spitzer 
weder mein Manuskript noch irgendwelche Korrekturen meines Aufsatzes zur 
Verfügung gestellt habe, noch davon Kenntnis erhielt, dafs dieses von dritter 
Seite geschehen ist. E. Gamillscheg. 

Notiz. 

Nachdem Herr Professor Dr. Karl Vollmöller sich aus Gesundheitsrück- 
sichten genötigt sieht, die Redaktion der von ihm begründeten „Romanischen 
Forschungen" (Verlag Junge & Sohn, Erlangen) niederzulegen, geht diese 
mit dem 39. Bande an Professor Dr. Rudolf Zenker in Rostock, Hermann- 
strafse 7, über. Die Verlagsbuchhandlung hofft, dafs es ihr trotz der gegen- 
wärtig bestehenden erheblichen Schwierigkeiten möglich sein wird, die Zeit- 
schrift in der gleichen Weise, wie bisher, weiterzuführen. 

Die beiden anderen Unternehmungen des Gelehrten („Romanischer 
Jahresbericht" und „Gesellschaft für romanische Literatur") 
gehen in den Verlag Max Niemeyer, Halle über. Die Redaktion bzw. den 
Vorsitz hat Prof. Dr. Alfons Hilka, Göttingen, übernommen. 






J«V 



Dell' azione metafonetica, palatilizzante, delle vocali latine 

-ü e ü.^ 

Nel saggio sui continuatori di ille, stampato nel vol. XXX 
di questa Rivista (v. a p. 1 1 sgg.), e propriamente nella prima parte 
ch' e una breve storia delle vicende della consonante L nella regione 
che, a un dipresso, va da Aquila a Cerreto Sannita in provincia 
di Benevento, credevo di aver provato ad evidenza che il l'ß) del- 
r articolo /'«, /'? (tu, i^), proprio di molti dialetti romaneschi e 
abruzzesi, non e dal plurale, come scrisse il Meyer-Lübke in 
'//t?/. Gr.' § 83, in 'J^om. Gr.' II, § 103 e altrove, nia ha ragione 
puramente fonetica: in quella zona il -LL- intervocalico , talora 
anche il L-iniziale, piü di rado il -L- intervocalico, si palatalizzarono 
davanti ad i, ad ü e all' -ü del sostantivo. E pero non e stata 
per me piccola sorpresa la recensione pubblicata x\ü\iO Jahresbericht 
del Volmöller, vol. X, pp. iz^jnb, dal nuovo critico per la regione 
italiana meridionale, il D''^ Giulio Subak. Egli nega la palatiliz- 
zazione del L (ll) per parte dell' -ü e delF ü; e legge nelle forme 
di sostantivo maschile singolare con l palatilizzato (non escluse 
quelle che potremmo chiamare dei singularia tantum: ceiu 
CAt-LU e sim.) una estensione analogica dei rispettivi plurali, in 
quelle del tipo iuna lüna, mma lümen e sim., per dirla con le 
sue parole, „blofs die Folgen der im Abruzzesischen verbreiteten 
Diphthongierung von ü >< zu". 



■Cominciamo dalT -ü. Si noti per prima cosa lo stento di 
quel ceiu rifatto su paht palu, il quäle, a sua volta, dovrebbe lo i 
al plurale pati pali. Si noti ancora che, se non mancano esempi 
di singolari rifatti analogicamente sul plurale, sempre si tratta di 
casi sporadici, per lo piü di voci che nel discorso ricorrono pre- 
valentemente al plurale, di cui la pluralitä, se m' e permesso di dir 
cosi, e vera e propria caratteristica ; qui abbiamo invece serie per- 



' [La presente nota, ogfgetto di una comunicazione nell' adunanza della 
Sorieti filolofjica romana dell' aprile 191 1, doveva vedere la luce nel fasc. 
di settembre del '14 di questa Rivista; ma, scoppiata la guerra, essendone statu 
limandata la stampa si'ne die, V autore otteneva dall' egregio studioso che alloia 
ne aveva la Direzione, il collega Hoepffner, il permesso di pubblicarla altvove. 
E difatti fu puljblicata nel vol. XIII degli Sludi Romanzi. II nuovo Dirtttoie, 
il prof. HiLKA, rimasto fnio all' ultimo allo scuro di tutto, avendo Irc.vato 
neir ufiicio di Redazionc- il nianoscritto, cred6 dover suo , e fu atto di grande 
corlesia vcrso un colh ga stranieio, di mandarlo senza indugio alla lipcgiafia; 
avvenuta la composizione, per risparrniare alla l<.ivista uu danno non lieve, 
egli doy<-, e In necessitä dolorosa, deciderne b stampa. Del duplicito, neu' oia 
triste che volge, nessuno certo iu Italia vorri fargli una colpa.] 
Zeitachr. ). röm. Phil. KLII. 17 



258 CLEMENTE MERLO, 

fette, che non soffiono una sola eccezione. Ma v' e di piü. 11 
critico, poco esperto, incauto, fors' anche poco sereno, non si avvede 
di un fatto semplicissimo : che il fenomeno da me illustiato e stret- 
tamente connesso con quello dell' intacco della vocale tonica per 
parte dell'-ü; che, negando la palatilizzazione del l (ll) per parte 
deir -Ü, viene a negare il fenomeno che sogliamo dire metafonesi 
ed e ammesso concordemente da tutti. Crecle il Subak che anche 
i singolari metafonetici del tipo napol. apierta ap^-RTU (femm. aperiq), 
jiigr^ mCRV {lemm. 7tegra) , tjpssp ossv [pl ncuir. ossg), r////.' rüptu 
(femm. roU^) siano estensioni analogiche dei rispettivi pluraü? Con- 
cediamoglielo. Ma, e la terza persona plurale del verbo con vocale 
tonica metafonizzata, tipo roman. jnehj metu[n(t)], dimi bibu[n(t)], 
kol'u kpiu cölli(g)ü[n(t)], michmi mungü[n(t)]? Anch' essa ana- 
logica? sulla 2^ singolare? Padronissimo il Subak di pensarlo e 
raagari di scriverlo. Ma io non so se altri fra i romanisti vorrä 
seguirlo per questa via. 

Nella miscellanea '^Da Dante al LeopanW Hoepli 1904, a p. 35, 
trattando dell' ital. violUca, scrivevo : " A Palena, a Sora, e anche ad 
Arpino, ad Alatri e per largo tratto della campagna romana, il -ll-, 
cosi di sillaba tonica come di atona, e rimasto intatto o si e pala- 
tilizzato in l, i, secondo che gli seguiva immediamente un a, e, 
od un i, u. La legge, che non e stata per anco avvertita, dichiara 
Ig strano articolo maschile l'u, hi che, secondo il Meyer- Lübke 
(v. *//. Gr.\ § 383), sarebbe dal plurale. Ma di cio altrove; e torno 
a mo/Iica." Basto questo accenno perche il Meyer -Lübke, nella 
2^ edizione del Grnndrifs del Gröber, sostituisse alla prima di- 
chiarazione quest'altra: "-LU, -Li wird palatalisiert: calabr. 1 mii 
raelo, Flur, mela, anel'i (anello), l'uns (luna), canistr. kavaw, paio, mpo 
(lupo), kalina (gallina), mol'ikio UMBiLicas,^ ecc." Anche per questo, 
e soprattulto per questo, per 1' ammirazione che ho sempre avuta 
per r illustre romanologo dell' ateneo viennese, non mi sarei curato 
aftatto della critica del Subak, se non mi premesse di richiamare 
r attenzione dei colleghi romanisti su altri segni manifesti del- 
r azione metafonetica, palatilizzante, dell' -ij. 

In parte della Ladinia, della zona lombardo- alpina, del 
territorio franco -provenzale, tra le vocali che intaccarono, pala- 
tilizzarono, la velare preromanza, troviamo anche 1' -ü : 

SOPRASELVA (AscoH in 'AGlIt.* I, pp. 75/76): sech (= se") 
siCCU, rieh 'ricco', arch artg ecc. arcu, pierch piertg PÖRCU, 
paschg PASc(u)u, freschg FRiscu, iudestg, Frances/g, ecc, suilg SÜLCU, 
t'cc. SOTTOSELVA (Ascoli ibid., p. 144): pastg, fr est g, freischg, ecc. 
ALTA ENGADINA (Ascoli ibid., p. 2o6) 3 : frminck, baunck, paerck, 



1 Da emendare, verisimilmente, in alatr. 

2 Leggi UMBILICULUS. 

^ „Ma il c riuscito finale pel dileguo dell' u [o), se e preceduto da con- 
sonanlL', o da AU, si fa <r" ... „Riesce affatto certo e manifesto che lo -ck 
delle anticlie sciitture eugadine abhia il valore di c." Ascoli 1. c. n. 2. 



DELL AZION'K METAFONETICA DEF.LE VOCALI LAUNE -U E U. 259 

pasch (cioh pasc), huaistg *vesc(uv), e cosijraisc, ttidaisc ; seck üiccxj, 
saick SACCU ; poick paucu, roch (= rol) raucu, ^ etc. bassa enga- 
DiNA (Ascoli ibid., p. 239): baunck, arck, \_pauck'\, ecc. - 

MADESIMO ■' (raccolte personali): poc paucu;'* sec saccu, sec 
Siccu, bec 'becco', etc.; porc PüRCU (plur. pars), bienc 'bianco', 
fienc 'fianco', ecc. \jntrec < lomb. intrek, föc FÖcu, züc jöcu (v. 
•2«^/, mi zügi), lec ' lago ', ecc. ; btadac, perzac, tosac, stgmac, ecc. ; 
bare "porcile" <C com., ecc. bark REW. Q58, larc < lomb. lark, 
lonc <C lomb. Joiik, ecc.]; come in cilo "lä"; cä cüLU, cüna cüna, 
ecc, scür, sähna, ecc, cühe' cognatu (plur. cilhe'), äihepa -ata 
(plur. cühadm), cüge cucchiaio, cünö CUNEOLU, scüdela, ecc. ; cor CüRK, 
cos CüCERE, cöc, -a CÖCTU, -A, scöla, incö' <C lomb. i'nkö', ecc; e in 
ce <; lomb. ka, cm cane, cesa 'caccia', cemp campu, cevra, cur 
CARRU, canuf, casa, ecc, sceh <C lomb. ska/i, sceiis <C lomb. scaiii, 
scala, scarz, -a scarsu, -a, ecc, pesce piscare, ecc, viarce äier- 
CATU, ecc, mosca, bienca 'bianca', kgnca concha, ecc. \_pagüra, 
negün <C lomb. or. m'gü, ecc. "nessuno", sügü << lomb. segt'i, ecc, 
güz, güga <C lomb. güga, ecc, Sgüri <C lomb. zgüri, ecc, lilmega, 
piega, kadrega, spiga, urtiga, ecc, lügänega, vienega <C lomb. jnanega, 
pertega, ecc; page, sege', inestege, rasege', ecc; ^'a/ GALLU, geinba, 
ecc, larga, longa ^ spönga <C \omb. sppn^a, ecc; karge, ecc]; di 
contro a körn cörnu, hol cöllu, kgtica, kpnsa, ecc; kolt, kolJa 
CAl(i)du, -a, kolza 'calza' (pl. al kolz), kuldera, cidsina calcIna, ecc;^ 
karties catenaccio, kasteha, käse' <C lomb. kasa', käse', karge, ecc, 
kalken, ecc; peskadg', ecc. [godl godo, varggt, ecc; galina, ecc, 
resegadüs, ecc]. valle maggia (Saivioni in 'AGllt.' IX, §§ 78/82): 
sdc, stra[, bislac, sec SiCCU ; pörc ; tudesl, bgsc ; bianc, fienc, ecc. 
[yj *fii FICU, intrei , lai LACU, l'ö'i LÖCU, ecc. , fidi < lomb. fideg, 
inpni 'monico', ecc; larg, lüieng, löng\', come in 'cilo', scivi', patre; 
st'ena, scerpa; cü, scür, incüzna, ecc, cöl, flöla, iruöi, ecc; e in 
ca, car, camp, ecc, scala, pdceu, mar c au, strunce , incari, ecc. \_fur- 
miia, kadrehi, lümaia', viajiia, per Ha, ecc; güz, zgürä, ecc; gat, 
gaviba, ecc] ; di contro a kaval, kampana, kadreia, ecc. ecc. OK- 
sernone (Saivioni ibid.): fiasc, sec, biinc, ecc. \_fig, pamg, spag, 
lag, portig, piersig, stgviig, ecc]; come in: vcica, incarig, krüsca, 
ecc. [spiga, diga -< dicam, -s, ä'maga; mdniga, pertiga, ecc]; di 
contro a her CÖRE, kern cornu, kec cöCTU, ecc. 6 verzasca 



1 V. la n. 3 di p. 258 e qua sotto la n. 5. 

2 Di tscheark 'cerco' e dych „dico", v. a. p. 265. 

' Frazione di Isolato, sopra Chiavenna, verso lo Splusja. Rendo 
roll c [g) uno special suono palatale che, a parer mio, frammezza tra c (g) e 
il c (g) lomb. di cama [ganda). 

* V. la n. 3 di p. 258 e la u. 2 di p. 260. 

^ A diflcrenza dei dialetti franco-pr o vcnzali e francesi, nel nostio 
il K della formola K -|- A + L + cons. si sottrac .all' intacco. La ragioiie ^ 
da vedeie in uiia pronunzia velare originaria dell' A in qutsta formola, pro- 
nunzia viva pur sempre in gian parte del liiganese, mcnd r isi o t to, ecc. 
(kalf, fcäc, ecc, di contro a sah, pißt, piTizn, käz, ecc; näs, ka, ecc). 

" Di dig „dico", v. a. p. 265. 

,7» 



260 CLEMENTE MKRLO, 

(Salvioni ibid.): \_/ög, log, Sog; ?nom'g'\; come in [rt'ga, ?m'ga; 
üga ; sfanga, ecc.]. 

VALTOURNANCHE (raccolte personali) ^ : pu-h paucu ;'2 poca < 
^\em. pich, ecc. "piccone", seh siccu, becp beccu REW. 1013, roh 
<C piem. roch, ecc. "rupe, roccia", dzoh < ^\em. gioch "pollaio, 
legno ecc", sal» SACCU, pah 'pacco'; freh 'fresco', bu-'h 'bosco';ä 
come nei relativi plurali {pöh, seh, sah, ecc), in eh ecc(h)I(c) ^ 
e in cü Cülu, cüo cüRO, fcü scütu; cöä curare, eco?)ia << fr. 
kume, ecönid <C fv. ecumer, ecövd " sentire ribrezzo, schifo (parlando 
di persona sudicia o deforme, di cibo che induca nausea) " col 
deverb. ecüva s. f. "ribrezzo, schifo", kiuo 'qualcuno', tra^o < fr. 
chaam; hi cöllu, colpu, cwia COSTA, co'r, corta CÜRTU, -a ; 
\cös'öä\ cociNA, \cös()e'\ '-iere', SJ:'öse cugino], cose <C a. h: coissiri, 
cöve <! nap. cupielh, ecc. " mastello per il bucato"-'', cöverta 'coperta', 
c'ömöa s. f. <:^ fr. coinnmnc, rff^r.f.i?' RECÜRTIARe; e in ff quid, 6 fV?, 
^leia QUETU, -a, «V *-tT/ 'querir', ^cese {dzö me ce'so; ce-hts hkkaf 
"taci un momento!") < a. fr. coisier, v\d.osX. qtieije, svlv. kest, ecc. 
"tacere", censea 'quinzaine', c^ntal; Pü'ce s. pl. Pasqua {REW.b2b/\), 
ktfce 'qualche', iza'^ce «< fr. chdque (e tzece in tz.pec.^ "ogni istante"), 
senh"^ cinque;^ = di contro a Iwva'^^ cöda, kopa cürPA, koT cöRTE, 



1 Quuuto al vulore dei segni, v. la mia uota ^Da un sag^io fonetico- 
morfülogico sul dialetto franco-provenzale di Valtournanche' (in *■ Rendiconti 
Ist. Lomi: XLIV, 814.). 

- Com' e noto, la formola AU + cons. equivale alla doppia tra romanzi. 
enyötzs RAUCU dovrä lo tz o al femminile, come propone il Ä'Jey er-Lübke 
in ^ REW.' 7093 per le forme frib., ecc, o, come sembra acceuuare 1'^«, a 
un *enrötze, -i 'inrocare' (v. 1' a. fr. enrouer), 'inrochire'. 

' Due Serie vengouo a mancare, quelle di cons. nas. +K e di R + K: 
bä BANCU, frä FRANCU, w;a/| -iNKU, tro, ecc; puer PÖRCU, ecc. Ma non 
erreremo radducendo e le une e le altre forme ad anter. Mc, . . . puerc . Sta 
a se kränh „malato" <;^ ted. krank, voce penetrata in etä relativamenle rccenie, 
come prova anche il femminile [kränka, scambio di kräntzi). 

* Di conlio ad ek^o 'ecco' (v. sotto); come nell' Italia ccntro-meridionale, 
p. CS. a Sora, abbiamo ekkj di contro ad ekka (v. i miei Continuatori di ille', 
a p- 445 sgg.}. Della schiettezza delle forme di Valtournanche non dubiterei; 
e perö la coincidenza mi pare abbia non poca importanza. [AI Meyer-Lübke 
(v. REW. 2'&^\) osservo, anzitutto , che ha fatto male a trascurare gli ekkz, 
esst di Rocca Cauterauo, Subiaco, Rocca di Mezzo, da me aggiunti 
a p. 163 del vol. XXXI di questa Rivista e da me detti a ragione „una bella, 
insperata confcrma"; secondariamente, che gli e'cce HoC, E CCE hTC, ecc, da 
me postulati , sarebbero naturalmente di molto anteriori alla palatilizzazione 
preromanza della anlica velare seguita da vocale palatale, avrebbero 1' eti degli 
eccuni *ecce hum, eccam *ecce kam che ricorrouo nei comici e che non 
abbiamo upssun dritlo di rilenere arcaismi, di negar come tali all' etä basso- 
latina.]. 

^ V. REW. 2402 e agg. : vell. kupiello „arnia", castelmad. copeju „ape" 
(v. Zeitschr.für rom. Phil. XXXIII, p. 88). 

•^ Ma kuö QUi; e pare che se ne possa dedurre che il dileguo dello 71 
in ^e QUID e sim. avveune quando 1' i (= 1), avviato alla velarizzazioue, aveva 
omai perduta la tinla palatale originaria. 

' Ma senkätita 'cinquanta'. 

* Sun tiilti esempi di ke secondario da anter. K -}- w + E. Sta lor di 
contro la scrie fiitze, partzi, ecc che si ricorda piu sotto; come alla serie 



DELL' AZIONE xMElAFONETlCA, DELLE VOC\hl LATINE -Ü EU. 201 

kob/a copula; kohi, Xv'r corpus, eko'r ■i.wi. "scorza", korda, korna 
s. f. (plur. -t), rrko-r *rechüRdu "fieno di secondo taglio", rekolta 
{rek) "mietitura"; könblo,-a < ix. cornble, könhla'&A. "valanga", 1 
könta s. f. •'racoonto"; -kohld copulare "accoppiare", kodöa <i 
vldost. codöra, a. prov. cosdura, ecc. co(n)sutüRA, koe -ectu (partic. 
di cüRRERe), koläa s. f. " collare imbottito de' muli, ecc", se kolattd 
-ATTARE (da colare) " sdrucciolare" ^ (col devcrb. kolata s. f. " tratto 
di terreno ghiacciato o di pietra liscia su cui i ragazzi si divertono 
a sdrucciolare" e il der. ko/acö "piccola slitta"), kolötie -"elijj " co- 
lonnato del letto", kolen? *konel'j "pennecchio" [portakol. "rocca"), 
hold COLÜMBU "palombo", kolutro colostru, kolu 'colato' (del 
burro, ecc), koniae 'comare', koiiiense' , konetre, kopösö s. m. (da CÜppa) 
"nuca", kopd CÜppare "tagliare" (col deverb. kopa sA. "taglio del 
bosco" e i comp, kopafe "arnese per tagliare il fieno", kopapä 
"tagliere pel pane", ecc), korläta "falce per potare" {cfr. fr. courbet 
"grande serpe ä couper les branches"), col dimin. korbö^cö' s. m. 
''coltello da tasca ricurvo", kor de h 'cordelle' "fili che fa il cacio 
nella minestra", kor^zo s. m. "pezzetto di corda" donde kordzod 
"legare con corda, ecc", koreia corrigia "cintura di cuoio assai 
larga ; la fascia di cuoio che reggeil campano", koreiö s.m. "cigna 
di cuoio", kor'iula convolvulus arvensis, kornä {dzd kortio, ecc.) 
"suonarc il corno", körne s. m. "corno di ferro per fare le salcicce" 
(cfr. fr. cornet "petit corne, trompe rustique"), se kornöie "prendersi 
a cornate (degli animali)", kornü s. f. 'cornata', kon'mä s. f. COR- 
NüTA "'la capra con le corna", kor sc 9 s. f. "nodo scorsoio", körvd 
<C vldost. corvas, pm. crovass, valses. crovacc, cruacc, ecc. -aceu 
"Corvo", kose s. m. JREW. 2283, kotöl'd s. m. (da 'cotta'; REW. 
4747) "la veste femminile", ecc; kdnpae, dekonlrd "levare a una 
bestia, dopo il parto, tutto il latte; mungerla bene" (cfr. fr. di- 
conbrer RE W. 20"] ^), /^ow/a " ' contare ' ; raccontare", kdnvii {dzi via) 
" accompagnare per un tratto le bestie perche non si sperdano, 
non si sbandino" (cfr. conviare REW. 2199); kome "come"; — 
kä-re CÜRRERE, kür CÖRE ; küs9 s. f. [cu]cutia, kudre s. pl. RE W. 
2271,2 "plante di nocciuolo'', ^«^r^ "cucire"; kudzi [s. \Atti Accad. 
Sc. Torino\ XLII, 306), kulü *kule(d)iir "arnese per colare", kurti 
'cortile' orto, kute' cültellu col der. hitelu -ata, kiiiöa cultüRA 
(in h'se — , parlando di terreno che si lascia riposare), se kuize 
colcare, kutze "occidente", ecc; >^z^c'^ 'qualche', ^/-^^'^ 'qualcuno'; 



kä QUANDO, ka-r QUARTU, katro, ecc, kare'9 quadraria, kartäa, kartet, ecc. 
sta di contro la tzet CATTU, tzä CAMPU. — Le voci sirka [^\. su-ce) <^ aost. 
socca „zoccolo" (col deriv. soce „zoccolaio") e ku'ka (pl. kii ce) <^ aost. docca 
„unghione delle vacche'' (dimin. koc^) accennano a una base con -kkiia. Quanto 
a su'ka, V. quel che ne scrive il Meyer-Liibke in REtW. 8052; il -cque 
del ix. socque (161 1 Colgr.) non sarä etimologico.'' 

8 Formola K + o, 5 e ü che non sia di sillaba finale. 

' Un bei traslalo. 

* Cfr. il fr. couler di se laisser — en bas d''iin arbre e sim., il sav. se cotd 
„glisser" (col deverb. cola s. f. „glissoire"). 



202 CI.KxMENTE MERL.O, 

A'//(f CÜNKU, kuc r CORIV, /< ueSP COXA, kuf^ COCEKK, ku fJ, -eis COCTXJ, 

-A, ktjerho, -a curvo, -a, ecc. ecc. ; — ekko ecc(h)o(c) ; [sskd, -öfidä] 
SECÜNDU, -A, bo kö Bvccö'i^E 6 bokou -ONATA "boccata", ecc; ehiva 
scörA, f/^öz/ß SCOPARE, ekutä << h. k outer ^ ecc; f-^wr/ö scutella, 
inkoa^ "ancora", ecc. 

Alla volare della formola K + a', a originaria, e in pochi 
altri casi dove il fiancese ha od avrebbe la sibilante palatale 
s, il dialetto di Valtournanche risponde con Iz. Da tz si pote 
venire a ^c, c in seguito a una nuova palatalizzazione : ize s. m. 
CAPSU "compartimento, porzione di uno stesso fienile (ra'ka'r)", 
tze << l'r. cht'Z {Ize l'ö, ecc), tze'r, izfa (e tzes) caro, -a, Ize'r carne 
(col. deriv. tzernü, -rmjä carnütu, -a), izriio s. m. *cassanu REW. 
1740 "quercia" (coi deriv. izejiei -etu "tralto di terreno piantato 
a castagui"),2 izene' (dz9 tze'tio) "ricercare le castagne dopo la 
raccolta, o prima quelle che cadono da se", izfi/e *cadre cadere, 
tze(t), fze't? -BCTU, -A "caduto, -a", izet cattu (col dim. tzeti), 
tzevra capra (e tzevrd -etu < a. fr. chevroi "capretto", tzevre -akiu 
'capraio', tzevretta 'capretta' "bimba irrequieta; una faseolacea"), 
ize-a *ca(d)e(n)a (col dim. tzeeita -itta), izeevo *cdnevo "canapa" 
(col deriv. tzeevu -ALE "canapaio"), tzeötu CARITate ^ N. fon.\ 
p. 815, tzesü CASALE 'N.fon.\ p. 818, tzevro < fr. chevron "trave 
ecc", tzeü CANALK "grondaia", izi-, tzömih 'camicia' (col deriv. 
tzimisasa s. f. -acka "camiciolto di rozza tela che vestono in mon- 
lagna mentre attendono alle bestie ", tzöme cammInu, tzöinöu *CAMI- 
NALE '■N. fon.\ p. 818, izövöl'y "chiodo di legno" << fr. cheville 
(col der. tz'övöl'e "unirc con izövöl'e''''), tzövü (voce antiq.) caballu, 
ä izöv'öso ^-usö 'a cavalcioni' "uno sulF altro, alla rinfusa", ecc; 
iza-s3 'caccia'; — tzä campu, cantu, tzänha camba (col deriv. /25m- 
betta "sgambetto"), tzänhra Camera; Izäntä cantare, tzäntoü s. f. 
<^ a. prov. canlonada "angolo di una casa", tzändze cambiark, 
tzändc'la CANDELA, ecc. ; — tzalinde 'calende' Natale, tzamosa "ca- 
moscio", tzapfla <C fr- chapelle, izaplä < a. fr, chapler "tagliuzzare" 
(coi deriv. tzapli s. pl. "ritagli, minuzzoli", tzaples -aria "ciocco su 
cui si spacca la legna" e il deverb. tzaplo s. m. "ammasso di roba 
tagliuzzata"), tzapoe-a <C\ovab. capouera, qcc. "stia", fe^/»/./ 'cappello', 
tzarhö carbone (coi deriv. izarhod "lar carbone [detto di legna]", 
tzarhoe carbonariu, Izarboe's s. f. "la buca dove si fa il carbone"), 
tzardö <C fr. chardoi "cardo", tzardie << fr. charger (col deverb. 
tzardz9 s. f. "quintale; quanto puo portare un mulo"), tzares car- 
raria "uno de' tanti piccoli sentieri che attraversano la montagna 
in ogni senso", tzaret 'carretto' (e tzaretta 'carretta', tzaretö s. m. 
"carrettino; letto ad armadio", tzaretu , carrettata', tzaretd -are), 
/zö-r/iVa ' calpestare ', tzase {dza tza'sd) 'cacciare' "inseguire; mandar 



' Da *KNK-, col feltr., bellun. ^«ro, iiiul. t';;c, ence (Ascoli in ' AGlIt.' 
I, 413, 488), ecc. 

'^ In origine, verisimilmeiite , „()uercel(i", piü taiiH „zona a bo^^co", da 
ultimo „castagneto". 



DELL' AZIOiNIL MF.TAFONETICA, DELT.E VOCALI LATINE -ü EU. 263 

via [le vivlze, ccc.)" (col der. /2c?j-^/rt '-ottare' "porre in fuga, ecc.)", 
tzasii (e tcasü, v. sotto) */zaseür 'cacciatore', tzaia'h» castanea (e 
tzatahe << fr. chätaignier), tza'te castellu, tza'lrd castrare, tzavä 
{dz3 iza-vo) CAVARK "fare una buca" (col deverb. tza've s. f. pl. 
"fondamenta d' una casa"), izave "cesto" (coi dimin. izavönö' , -önoci), 
izavd' REW. 1668, p. 130 "capo del filo", ecc; = iztl, tzü'da 

CALDU, -A, 1 /S/^/(? CALDU TtilMPUS "cstate", /2?? CALCE, iZÜS^ ' N./oH.' , 

p. 819, (k-izii, -11-S3 DiscALCEU, -a; tzuik\' caldaria, tzuse cal- 
ceake, izuso 'calzoni' "calze" (col deriv. izusoä "fare le calze"), 
Izusole' ''calze senza piede", tzusöe 'calcinaio' "luogo dove fanno 
il fior di calce", ecc; — /zz^' caule o -u "cavolo", izu'sa ca.v?>a, 
tzjfnid (? tztivie 3^ sng., ? izu'mö 3^ plur.) "il riposare che fanno 
gli animali neue ore piü calde" (col deverb. izu-via s. f. "azione 
del riposare": so in iz.);- — aljerazione secondaria in cd *-en 
*-on *Uo cane; — assimil azione regressiva in car<^gä *-e(d)a 
*-id CARRICATA e in ^casü (all. a izam) "cacciatore" (v. qua sopra) 
[k-]; = sdzs SICCA, va-^zp YACCA, bofz? bijcca, klützs *ciXiCCA, ecc; 
petze PECCATU, setze sTccare, letze Meccare' (col deriv. letzo s. m. 
"quel che si da a leccare alle bestie"), derolze 'diroccare' "cadere, 
precipitar dalla montagna, dall' alto", toize 'toccare', se motze <C 
frz. moucher, ecc. "sofffarsi il naso", 3 ecc; — eize'la scala (coi 
deriv. etzale <C fr. tchalier, etzalö "piuolo della scala a mano"), 
etza-l'j 'scaglia' "scheggia di legno", ftzä scamnu, etzarpero *scdl- 
pcro SCALPRU "scalpello" (cfr. a. fr. eschalpre, a. prov. escalpre, ecc), 
elzarped 'scarpinare' "cardare con le mani il Jino, la canapa"; letze-» 
s. f. -ARIA (da lisca "carice, giunco"^) «fieno d' acquitrino, di 
padule", 5 petze piscare, refrelze 'rifrescare' "rinfrescare; tener 
fresco; rinnovare", maize' < fr. mdcher, kt-atze' < ix. er acher (coi 
deverb. kratz» s. f. "fondigliolo secco (del vino o d' altro) che 
rimane solidamente attaccato ai recipienti", kratze' "leggiero strato 
di neve"); etz» *esca', Iftz» s. f. lisca "lista, fetta di prato" (col 
dimin. letzetta), fre'tz» 'fresca', ynutz» 'mosca' (col dim. mtUzylo' 
„moscerino"), bütz» *B-nsCA "festuca", ^'r«72^ 'crusca', etc.; tzcrtze' 
< fr. eher eher (a. fr. cerchier),. martze mercatu, s ekortze < fr. 
ecorcher "scorticarsi, sbucciarsi (le mani, ecc)", artz» arca "cassone 
quadrato, alto un metro e piü, in cui si ripone il grano, la segale, 
Gcc", fortz3 FÜRCA, periz9 < fr. per che pertica, ecc; se kuize 
*C0LCARE "coricarsi" (col deverb. kiitz» s. f "giaciglio, letto"), kulze 
Occidente, ecc. ; pläntze <C fr. plaricher, ecc "suolo di legno della 
stalla", aröntze 'arroncare' "svellere, strappare", entzalfr'^ "non 

1 Se ne deduce che qui (come nel francese propriameiite detto) 1' intacco 
h anteriore al velarizzarsi dell' a' (a) della formola A -}- L + cons. 

2 Che 1' intacco sia anteriore al monottongarsi di AU, giä notö il Mey er- 
Lübke in 'i?. Gr.' I, 409. 

* mqt.z3-te! soffiali il naso! 

* V. crem, lesca CVPERUS, lescheta carkx, monf. lesca jUNCüS, berg. lesca 
„paglia da impagliar sedie", ecc. e REW. 5082. 

^ Son luttc piai\te eiliacee dti gencii JUNCUS, CAREX, CVPKRUS e siraili. 
" K p'issibilc che V €,1 non bia altio che INDE, passato .il veibo dalla 
formola piü usata : 7n-en-tzifpv, <C a. pr, m-en-cal (v. sotto). 



264 CLEMEiNTK MLKLO, 

avere voglia" (cfr. prov. caUr, Ir. chaloir, ccc); häntzs 'banca' panca 
(coi ditiiin. bätäzö', -oe -onIttu "panchetto", bi-äniz3 bkanca "ramo" 
(ool deriv. hräntzü -UTU "ramoso"), fräntzs 'franca', paläntzs < fr. 
paUmche, ecc. ; f/sw(/rt 'scaldare;', artziV {\n ft d — ; ' N. /on.\ p. 818, 
n. 6), fläze falcark "porre il raanico alla falce" {/tilza lä fu! 
'N.foiu, p. 819, n. 7), flitze falcariu "manico della falce", na- 
m-entzü'pü <C a. prov. no m-en-cai ' N. fon., p. 8 1 9, ecc. ; — hösa'tze 
s. pl. Bis-SACC-i "sorta di tela a doppio sacco che si matte sul 
dorso del mulo", brü.tzc s. pl. 'brocche' "i chiodi delle scarpe presi 
tutti insieme", ecc. ecc. ;2 — hroizetta s, f. (da 'brocca') "spina 
della botte" (cfr. lomb. brochela "chiodino"), futze "falcetto per 
potare, tagliar legna, ecc." -< fr. fauchet^ partze "ciascuna delle 
parti in cui e divisa 1' artza'" <C a. fr. parchet " compartimento ' , ■' 
trabötze "laccio" < ir. irebuchel, Motze <C Micke/, ecc; etzö'a*SKl'SA 
<C fr. c'chine, ecc. (7?£'W. 7994), [e/trötz/'\ < fr. enrichir;'^ — alte- 
razione secundaria in setcd'^-e(d)a*-iä siccata, 4^fß part. femm. 
'leccata', satcä < fr. sachee "quanta roba entra in un sacco", 
dergtcä 'diroccata' "caduta dall' alto, precipitata", totcä 'toccata', 
vwtcä -ATA part. femra. (v., qua sopra, motze'), muUü '^-e(d)iir <C. 
fr. niouchoir; refretcä 'rifrescata', via'tcä << ix.mächee, petcü *-e(d)tir 
PISCATORE, ecc; tzet-tcd (e cercd) <C ir. cherchle, ekortcd < ix.korchee, 
ecc; kuf cd CO'LC ATA, ecc; arö/i^cd -ata "strappata, svelta" (v., qua 
sopra, arötitze'), ^ ecc. ecc. 

L' As coli, registrati i soprasilv. sech, rieh, s' affretta a dichia- 
rare non doversi "ripetere la palatina dalla figura di femminile" 
(I.e., a p. 75). E lo stesso fa il Meyer-Lübke in 'It. Gr.' §278, 
quanto alle forme lombardo-alpine. „Man könnte annehmen, dafs 
im Femininum der Adjektiva, also z. B. in seca, wo das c berechtigt 
ist, eine Übertragung auf das Maskulinum stattgefunden habe und 
dafs dann infolge lautUcher Analogie auch diejenigen -k, -g gefolgt 
wären, denen von Haus aus kein c, g zur Seite stand. Doch scheint 
mir diese Auffassung mit Rücksicht auf die § 240 (1. 204) genannten 
Formen nicht wahrscheinlich." Le forme valdostane (valtourn. 
seh siccu / setzs sicca , aost. seqtie Siccu / setze sicca , ecc.) mi pare 
non lascino dubbio circa alla indipendenza delle due serie, la 
maschile e la femminile. Ma seguitiamo il discorso. Secondo 
r Ascoli e il Meyer-Lübke la palatalizzazione sarebbe avvenuta 
nell' uscita romanza ch' e quanto dire in etä posteriore alla caduta 

* Da BiSACC- [REW. 1121) si sarebbe avuto bPs-; cfr. il ^'x^m. bersacca 
e 1' alternare romanzo di biss- con bers-, 

^ Qua i plurali delle voci femm. ricordate piü sopra. 

3 Notevole il vlAost. portset PORK-iTTU „porco" (Cerl.). Souo voci pene- 
trate posteriormente alla palatalizzazione preromanza di K + E, i o sottrattevisi 
per analogia. 

* rötzo 'ricco' e ferse un imprestito francese*, vorremmo röcp (v. qua 
sopra). Altri potrebbe preferire un' estensione analogica della forma di 
femminile (rötzp). 

^ Dell' importante fenomeno dirö a lungo nella seconda parte delle ^ Note 
fonetiche'' sopraricordate, 



DELL' AZIONE iMI',TAFwNEriCA, DELI E VOCAI.I LATINE -U E U. 265 

della vocal fiuak;. Ecco le parole dell' illustre alemanno : „Vor 
allen palatalen Vokalen, zu denen in dieser Gegend auch betontes 
ci gehört, wird k zu k, vor allen velaren, denen sich tonloses a 
hinzugesellt, bleibt k. Wird k weder durch einen hellen noch durch 
einen dunkeln Vokal bestimmt, steht es also vor r oder im Auslaut, 
so kann es entweder bei k bleiben, oder zu M vorrücken. Da nun 
aber M bei weitem überwiegt, so tritt die letztere Form ein." E 
dichiarazione, sia detta con tutto il rispetto, che ha dell' espediente; 
e non ispiega le forme valdostane. Come risulta dallo spoglio 
ripertato qua sopra, le sole voci che escano in -h nel dialetto di 
Valtournanche, sono quelle in questione (form, -ccü e cons. + '^^)- 
11 nucleo attrattivo qui manca interamente. Non solo, ma al c tien 
dietro un suono vocalico, sia pure ridotto alla piü semplice es- 
pressione, un -9; e il leggervi, scambio dell' antica finale, una 
novella epitesi, non richiesta da difficoltä di pronuncia, contraria 
all' indole di quei parlari, dovrebbe parere un assurdo. E strano 
che r Ascoli e il Meyer-Lübke non accennino menomaraente 
a quella che e, secondo me, la sola, la vera ragione, 1' azione diretta 
deir -ü; e dire che altra spia, altro indizio non manca nello stesso 
territorio ladino ! 1 

Forme analogiche troveremo nella flessione verbale. Nel 
dialetto di Valtournanche, p. es., lo tz, dall' infinito e dalle 
altre forme dov' era normale, passö alla 1^ persona del presente: 
dz9 leizo 'lecco' (su letze -are, -atis, letze -emus, ecc), e cosi 
totzoy 1119 motzo, ma'tzo, tzertzo, ecc. — Altra cosa e 1' onsern. dig 
"dico" (Salvioni 1. c). Da dico ci aspetteremmo dig. Nella valle 
Maggia, come in tant' altri dialetti lombardo-alpini e lombardi, 
non escluso il milanese, la i^ persona del presente indicativo 
esce in -i ch' e un -io enclitico (vedine Salvioni 1. c, a p. 228, 
n. 2). Davanti a cotesto -/, scambio della velare, riappare la 
palatina vista di sopra: valmagg. vai *vago "vo", fai "fo", pidi 
plTco, caii CACO, cargi carico, ecc; Madesimo mi pesci pesco, vii 
fregi, piegi, rasegi sego, pegi pago, zügi, kergi carico, ecc. (all. a 
vii fec cos, vec a scöld). 2 Le fasi anteriori saranno State *-io, *-n(o). 
L' onsern. dig presuppone, a mio vedere, un *d{gi; e argomenla 
che la 1* persona del presente che oggi ne e priva, un tempo 
usciva in -i in quei parlari come nei finitimi di valle Maggia. — 
L' Ascoli in "■ AGlIt.' I, a p. 23g, registra le forme engadinesi 
tschearck io cerco, dych Dico. La prima potrebbe andare col val- 
tourn. tsertzo notato teste ; ma non e improbabile vadano entrambe 
col dig deir Onsernone. E noto che 1' -/ delle 1^ persona del 
verbo e anche di parte della Ladinia, del territorio compreso tra 
val di Sole e il Comelico (v. Meyer-Lübke in 'Rom. Gr.' II, 
§ 133)- 



1 V. piü avanti. 

^ Cosi ne' miei appunti. 



206 CLKMENTE MERLO, 

In parte della Ladinia 1' -ü palaliliz-zo il doppio L intervocalico 
\<vr r appunlo come nella rcgione italiana ccntro-raeri dionale 
da me illustrata: 

sorPKASELVA (Ascüli in 'Ag/. //.' 1, pp. i8, 2^, 56/57): -/ -ellu 
< vaschi VASCELLUM, vadi vitjiLLUS, am anü-LLUS, manit man- 
TELLUM, ecc; ilg iLLu; cavelg capillus; cavailg caballus; magiwlg 
'midollo'; come in galgina gallIna, e forse in huglir bollire; di 
contro a ella, quella; sadnlai 'satollati', anialleg 'intelletto', ecc, al 
neutrale vaschella vasCella e agii Accusativi plurali in -os : vascheh^ 
vadels bllos, cavels capillos, cavals caballos, ecc; eis illos. 

SOTTOSELVA {Ascoli ). C, pp. \2~J , 1 30, CCc) : -/-ELLU < Olli, ailli, 

Ischiervi 'cervello', iici 'uccello', ^cc; di contro a -h -ellos <^ 
iilshals, chiaveh., ecc. engadina (Ascoli I.e., p. I73sgg.): -ilgy -igt 
-ELLU <^ anilg, asnigl ' zsinQ\\o\ chiasttlg, uidilg, ecc; ch.iauilg\ chiaualg', 
mi(^uoigl\ come in giaglina, e forse buglir', di contro a ^//ö, aquella, 
asadii/os, ecc. e ai plur. uaschels, ue-, iiidels, chiauels, chiauals, ecc. 

L' Ascoli muove ancor qui dall' uscita romanza, ritiene 1' intacco 
posteriore alla caduta della vocal finale. Da -ellü si sarebbe venuti 
ad -eil e quindi ad -elj, -eilj, -ilj, -Ij, -I (v. 1. c, a p. 1 8) ; io non esito 
di sostituire alla ascoliana la serie -ellü < -elT(o), -el'(l'), -ei, -ü, -f. 



Ed eccomi all' -ü. „Fälle wie iuna luna, iuma lumen (oder 
/- statt ?-)*' scrive il Subak „zeigen blofs die Folgen der im 
Abruzzesischen verbreiteten Diphthongierung von ,v<liz^." Vera- 
niente, il Finamore ('Föc 43') da u per Lanciano, Gesso- 
palena, Ari, Atessa, Paglieta, Ortona, Palena; lu per 
il solo Vasto. E anche il Rolin uel suo povero 'Bericht über 
die Resultate seiner mit Unterstützung der Gesellschaft behufs Dialekt- 
forschungen unternommenen Reisen in die Äbruzzen\ a p. 31, da la 
tabella seguente: 

Unbeeinflufstes u: 
a) Frei: 

üü : Collepietro, Navelli (?), Salle, Sulmona. 
911'. Bussi, Casalincontrada. 

u (mehr oder weniger geschlossen): Lanciano, Atessa, 
Ari, Gessopalena, Palena, Paglieta, Ortona, ßugnara, 
Navelli (?), Roccacaramanico, Sant' Eufemia a Maiella, 
Musellaro, Chieti, auch Agnone (facultativ). 

Teramo (sie!). 



'^u\. 
öi' 



üü: V^asto. 

tu: Popoli, Caramanico. 

iu-iu3-iu3-iv9: Tocco a Casauria {pavivsrs: paura). 

hl : Torre dei Passeri, Borrello, Agnone (facult.). * 



' Tl(?) che segiip al nome Navolli, h mio; il (sie!) che segue a Teramo, 
h del Rolin. 



k 



DELL' AZIONE METAFÜNETICA, DELLE VOCALI LATINF. -U E f. 26'/ 

La regola g V u; gli altri esiti sono ruanifcstazioni sporadiche, 
isülate. Non e pertanto il caso di parlare di una „im Abruzzesischen 
verbreitete Diphtongierung von z^ < /«". Ma sorvoliamo su 
queste miserie. 

Anche la connessione tra il dittongo abruzzese (vastese) i 
e la palatale romanesca (sorana, arpinate, alatrina, cervarola, 
vellctrana, ecc.) a me pare inverosimilissima. Anzitutto, il vocalismo 
romanesco e profondamente diverso dall' abruzzese e una 
delle sue caratteristiche e proprio la repugnanza al dittongo, la 
saldezza della tonica, specialmente dell' a', dell' i' e dell' ü'. In 
secondo luogo, mentro i dittonghi abruzzesi, per giudizio Con- 
corde, sono relativamente recenti, la palatilizzazione del L fu 
certo antica. Dobbiamo al IMagnanelli (v. 'Sludi RoinanzP V, 
pp. 321/322) la preziosa notizia che sui primi de! 1300 quei di 
V i t e r b o giä dicevano juna (= riind) e moijio per luna e violino. 
Lo i non sarä nato proprio in quegli anni ; e alla fase con i do- 
vette precederne necessariamente una con /'. Ma concediamo per 
un momento all' illustre critico che gli odierni Unna, iuna presup- 
pongano dei '^liima con iu da ü'. Nel vastese, allato a Ihiny^ 
llupa e sim., stanno _/«/w5 ' furao ', iniiir 9 ^ vc\\ixo\ -}urP ' -uva.', mlub 
' mulo ', p9rtius3 <^ abr. parttis?, ecc. ecc. ; sta, in una parola, tutta 
intera la serie dell' ü'. A S o r a invece avremmo , con tu da ü', 
le voci iuma, iwia, tucp, iuc^ra, histr^, iupa (anter. L-) e di contro, 
con u da ü', tutte le altre : und, pupa, spuvia, buä, fuma, /un9, fus<i 
p)iut3, alTsttutd, -atura, lailuka, kurs cülu, skur^, nutP, 7n37iüidr9 riinü- 
TüLU " ovo di pidocchio ", miird, kruis, pruna, sjiki, sum?, pezzul», 
p,fzziiku3, ecc. ecc. Lo stesso ad Arpino, Alatri, Cervara, 
Velletri, ecc. Che ne dice il Subak? La duplicitä dell' esito 
sarebbe mai originaria? in altre parole, nei dialetti romaneschi 
da lat. ü' si sarebbe avuto iu dietro L, w in ogni altro caso? o 
r u di tm? , pupa e sim. risale anch' esso ad iu e 1' / venne poi 
assorbito? La veritä e che, prima di affidare ad una persona il 
delicato e non facile incarico di censore dell' opera altrui, bi- 
sognerebbe procedere con maggiore cautela e discernimento. 

lo noto che anche fuori del territorio dell' ü 1' ü si schiera 
con l'i di contro all' ü e alle altre vocali. Nella campagna 
roraana il l si palatilizzo davanti all' ü, come davanti all' i. Nel 
dialetto di Sassalbo (Lunigiana) il -l- si palatilizzo dopo ü' come 
dopo i' (v. kul'o CÜLU, viul'o, rnul'a, pul'a 'pula', come fil'o FiLU, 
porcil'o 'porcile', avril'o 'aprile', pil'a pIla, ecc, di contro a spgia, 
skgla, parglo ' paiuolo ' ; ala, pala, sala, kvalo ' quäle ' ; tela, melo, pelo, 
ecc). 2 Nei dialetti diBitonto, Bari, ecc. il -l- volse in «, dopo 



1 Sulla lontana sponda dell' Adriatico. 

^ V. D. Gianii arelli, ' SinJt sui dial. liinigiajiesi compresi tra la 
Magra e V Appennino reggnuio' in R. de Dial. Rom. V, a p. 298. — Anche 
il l dei sassalb. ^rz/o , kvel'o 'quello', belo , kampzeto, karatel'o, ecc, galo, 
kaval'o, ecc. (ibid., p. 302), si dovr;\ all' -V. La voce fnil'o mille non vi si 
oppone, 1'^ hinigiaiiose per -F. dandosi a vcdeic anche allrimciui per ben 



2 08 CLEMENfE MEKLO, DELL' AZIOrJE MEIAFONETICA ETC. 

o, ü, si manlcnne dopo ü cuuie dopo i (v. bitonl. -u? -ülu, -a) : 
cord., cütinz., ecc. ; /er., etc. ; cu'etie cölake, viieiic volare, ecc. ; di 
contro a miileciidda (da mülu), n^idazzeue (da cülü), ecc; feleuU, 
f^latlidd.^, feleirs (da FiLu), varelhchi^ (da barrIlr). ' Questo io 
noto ; e mi par naturale di trarne la conseguenza che 1' ü latino 
aveva tinla p a 1 a t a 1 e. 

E perche non doveva essere un u palatale? Non risale 
tia l'altro a un *oi di proto-indoeuropeo?2 E non ha a lato un l 
nei riflessi della formola u -f- oP. 



antico. Se l'avv. ello del nostro mezzogiorno nun mancasse alla Luui^'iaua, 
c' h. da scominetlere che suonerebbe elo con / intatto. I phir. sassalbesi grü, 
kvfl, bei, gdl, ecc. possono valere come liprova della naturale iiidipendenza 
delle due serie, (]uella di singolare e quella di plurale. 

* V. la mia recente nola in Atti Acc. Scicnze di Torino, vol. IL, p. 883/903. 

' V. ünus *oinos, mTinus (moi-), cüra, cüro (pr. ital. *kot's-), ecc. 

^ V. la Serie vicus *iioikos, vlnum *ijomom, vidi *uoidai, ecc. 

Clemente Mü.RLO. 



Zwei Probleme aus dem Q-ebiete der Proparoxytona. 

I. Zur Palatalisierung der Proparoxytona • im Gallo- 
rotnanischen. 

Bei der Entwicklung der Proparoxytona (== Ppx.) interessiert 
hauptsächlich das Schicksal der Laute, die dem Tonvokal folgen. 
So hatte der Konsonant vor der Ultima in seiner Entwicklung 
einen gewissen Spielraum so lange bis die Synkope eintrat und 
ihn an den oder die Konsonanten, die dem Tonvokal folgten, 
kettete. Bei diesem Vorgang wurde der Konsonant, der einst vor 
der Ultima stand, in der Gestalt festgehalten, die er gerade an- 
genommen hatte und so eine Entwicklung fixiert für die Folgezeit. 
War der Konsonant vor der Ultima einst ein stimmloser Explosiv- 
laut p, t oder k, so gestattet die heutige Endform, soweit nicht in 
bestimmten Mundarten sekundär Entsonorisierung eingetreten ist, 
einen Rückschlufs auf das Verhältnis von Synkope und 



* Die hier zum Abdruck gelangenden Zeilen sind einer gröfseren Arbeit 
über die Entwicklung der Proparoxytona im Galloromanischen entnommen. 
Es ist mir zur Zeit unmöglich gewesen für sie eintn Verleger zu finden. 

Auf den Palatisierungsprozefs in Breite einzugehen ist hier nicht möglich. 
Morf, Zur sprachlichen Gliederung Frankreichs, Abhandlimgen der Akademie 
der Wissenschaften, Berlin 1911 (= Spracht. Glied.) S. 14 ff. weicht insofern 
von Meyev-Lübke, Grammatik der roman. Sprachen I. Leipzig 1890 (= Rom. 
Gramm.) S. 318 § 403, S. 327 § 406, S. 332 ff. § 409f. ab, als er von der ty- 
Stufe aus eine \Veiierentwicklung über tj"^ ts "^ s usw. ansetzt, während 
Meyer-Lübke da eine Parallelentwicklung t^'^ tf und ty > ts annehmen will. 
Schuchardt, Liter aturbtatt für germ. und roman. Philologie 14 (1893) S. 360 
teilt Morfs Ansicht; weitere Literatur bei Guarnerio, L' intacco latino della 
gutturale di ce ci , Archivio glottologico italiano Supplemento 4 (1897) ^- 2i ff- 
und Meyer-Lübke, Eiiiführung in das Studium der roman. Sprache?!, Heidel- 
berg 1909 (= Ein/.) S. 139 f. § 125. Einige gebrauchte Abkürzungen seien 
hier vorausgeschickt: Arch. = Archiv für das Studium der neueren Sprache?i, 
Vouga = P. Vouga, Essai sur Porigine des hahitants du Val-de Travers, 
Recueil de travaux publies par la faculte des lettres, Neuchätel 19071 Mist. 
= F.Mistral, Lou Tresor dou F£librige , Aix -en -Provence o. D., Thomas, 
Ess. = Essais de philologie fran^aise, Paris 1897, I^EW = Meyer-Lübke, 
Roman, etymolog. Wörterbuch, Heidelberg 191 1 ff., Rotn. Forsch. = Roma- 
nische F'orschungen, Hist. Gramm. = Meyer-Lübke, Historische Grammatik 
der franz. Sprache, Heidelberg 1913, Arch.glott.it. = Archivio glottologico 
italia>io, Rev. CUdat =:= Reime de philologie fran^aise et proven^ale , Zs. = 
Zeitschrift für romanische Philologie, Rev. lang. rom. = Revue des langues 
romanes. 



270 EVA SlilFERT, 

Sonorisierung. Einfach gestaltet es sich bei />- und /-Silben, > bei 
/•Silben jedoch ist noch die heutige Artikulationsstflle des einstigen 
Exi:)losivlautes zu beachten. 

Nicht häufig ist k als Explosivlaut im Galloromanischen ge- 
blieben, auf weiten Gebieten wird es vielinelir durch Atfrikaten 
oder Reibelaute vertreten. Daher ist bei /t-Silben neben Synkope 
und Sonorisierung als ein dritter Faktor die Palatalisierung zu 
bedenken. Ihr Verhältnis zur Sonorisierung wird zunächst 
Gegenstand der Überlegung sein müssen, d. h. die Frage, ob 
Sonorisierung vor der Palatalisierung oder auf irgendeiner Stufe 
des Palatalisiernngsprozesses stattfand. Kur soviel läfst sich darüber 
aussagen, dafs Synkope nach der Sonorisierung eintrat, nicht aber 
das andere, ob die erste sonorisierte Form z. B. von ß/i'ce etwa 
*ßhgf, ^filid^e, *filidze usw. hiefs, oder ob elwa erst *filit/e, *filifse 
sonorisiert worden sind. Das Verhältnis von Sonorisierung 
und Palatalisierung entzieht sich der Beurteilung. 

Aber ein anderes ist noch von Interesse: das Verhältnis 
von Synkope und Palatalisierung: Auf welcher Stufe des 
Palatalisiernngsprozesses trat Synkope ein ? Da jedoch der Palatali- 
sierungsprozefs auch nach der Synkope ungehindert fortgehen 
konnte, ist heute nur noch das Endergebnis der Formen fest- 
zustellen und Erwägungen über diese Fragen können nicht dazu 
beitragen Licht zu schaffen in Fällen, wo in Ppx. eine Sonder- 
entwicklung vorliegt. 

k vor e(i). 

Bekanntlich ist im Galloromanischen k vor e(7) überall pala- 
talisiert worden. 

Schwierigkeit bereiten vor allem die Verhältnisse im Frkprov., 
das überreich ist an mannigfachen Formen und .sich jeder Nor- 
mierung zu entziehen scheint, hier wo vor dem ungeübten Auge 
scheinbar Zufall und Willkür ihr Spiel treiben. Was immerhin 
charakteristisch für die einzelne Gegend ist, soll zusammengestellt 
werden. 

Ganz besonders ist der Frage Beachtung geschenkt worden, 
ob Palatale in anderer Stellung, in Paroxytonis, eine andere Ent- 
wicklung erfahren haben. Da Ppx. vorwiegend stimmhaft ^ im 
Frkprov. entwickelt sind, soll die Entwicklung von g im Anlaut, 
ferner von j in Hiatstellung wie z. B. in auveu rabia usw. zum 
Vergleich dienen. Dies geschieht nicht unter der Annahme, die 
Laute k in Ppx., g und Hiat-/ müfsten sich gleich entwickeln; 
dazu berechtigt weder die verschiedene Herkunft derselben, weder 
ihre verschiedene Stellung im Wortkörper noch überhaupt die Er- 
fahrung von Vorgängen im Sprachleben. Doch zeigt sich tat- 



' /-Silben umfassen die Ppx., die/ als letzten Konsonanten des Wortes 
haben wie sinape episcopu, ^-Silben sind ciibitu , debita usw., /■- Silben saline 
mamca persicu usw. 

- Stimmlos sind *herpice un<l forßce, nbgesehen von frz. Entlehnungen, 



ZWEI PROBLEME AUS DEM GEHIKTE DER PkOPAROXYTONA. 271 

sächlich auf weitem Gebiete grofse Übereinstimmung der Ent- 
wicklung gerade für diese Laute, 1 und das gibt diesem Vergleichs- 
versuch die innere Berechtigung. 

Es soll zunächst ein Bild der allgemeinen Entwicklung der 
Palatalen — so möge die Entwicklung von g im Anlaut und 
Hiat-y hier kurz geheifsen werden — gegeben werden. 2 Ort 973 
(Savoyen) stellt mit v die am weitesten fortgeschrittene Stufe des 
Palatalisierungsprozesses dar; durch ö ist der Palatal vertreten 
in Bugey, Bresse, nördl. Dauphine, Savoyen und Ort 918 der Frei- 
grafschaft; die Affrikata dö iindet sich in der Waadt Ort 939, 959. 
An dies beschriebene grofse und bis auf Südsavoyen überall ge- 
schloüsene Gebiet, das gewissermafsen ein Kerngebiet darstellt, fügt 
sich östlich, nördlich, westlich und südlich ein beinahe ununter- 
brochener Ring mit der Affrikata dz, 3 die sich im frkprov. Gebiet 
Italiens, in Waliis, Waadt, Freiburg, südl. Freigrafschaft, im Lyonnais, 
Ort 964 (Savoyen) und östl. Dauphine findet. Verhältnismäfsig 
selten ist der zugehörige Reibelaut 2: östl. Wallis, südl. Savoyen. 
^ ist im Dauphine, Lyonnais, in der angrenzenden südl. Bourgogne, 
d$ in Neuenburg und Ort 987 (ital.) vertreten. 

Es kommen also folgende Stufen des Palatalisierungsprozesses vor: 

dg dz dö 
g z Ö V. 

Ihre geographische Verteilung ist so, dafs sich um einen Kern der 
(?^-Formen ringförmig f/z-Formen anschliefsen, an diese wiederum 
die alveolaren Laute dg und g, deren Kreis Lücken aufweist. Die 
Entwicklung hat also eine zentripetale Tendenz, insofern als ein 
Kerngebiet [ö) am weitesten fortgeschritten ist. 

Dazu seien die Formen der Ppx. gestellt. Da findet sich 
grofse Übereinstimmung ^ in der Entwicklung, und zwar im gröfsten 
Teile des Gebietes. Charakteristisch ist vor allem, dafs auch hier 
jene zentripetale Tendenz hervortritt mit ö im Kerngebiet und dem 
umschliefsenden Ring der dz-, z-Formen, während dg, g sich seltener, 
in peripherer Lage finden. 

Zum Teil geht aber die allgemeine Entwicklung und die der 
Ppx. auseinander. Vielfach geben Ppx. den Palatalen durch zwei 
oder drei verschiedene Laute wieder, während in der allgemeinen 
Entwicklung nur ein Laut vertreten ist. 

' Herangezogen werden die Karten des Atlas lingidstiqiie de la France 
von Edmond et Gillidron, Paris 1902 ff. (= Atl.) 639 gens, 630 geai, 631 la 
gelee, ^^t, genner, 62,^ gejiou, 636 s;enievre, 641 les gerbes, "JO äuge, 773 linge. 
1127 rage, II71 rouge. 

- Auf einzelne Abweichungen ist kein Gewicht gelegt worden. 

ä zd in Ort 955 ist sekundär aus dz entstanden. Vgl. dazu Rousselot, 
Principes de phoiietique experimetitale, Paris 1910, S. 631. 

* So in Ort 963, 943. 933. 9^2, 935, 926. 956, 967 auf der Stufe ö, 
959, 939 auf der Stufe dö, 9^9. 70, 60, 62, 61, 50, 927 auf der Stufe dz, 954 
auf der Stufe z. Berücksiclitigt wurden die Karten: 600 fotigere für filice, 
295 ciseau {'nr for/ice, ii^i^ herse, lObZ pouce, iioo puce, II 96 saule für salice, 
1163 ronce. 



272 EVA SEIFERT, 

Solche Fälle, da Ppx. eine Sonderstellung einnehmen, 
sollen betrachtet werden. So lauten im Lyonnais und mittleren 
Dauphine Ppx. auf z, während die allgemeine Entwicklung dz 
bietet, i 

In Bugey, Brcsse, nördl. Dauphine und einigen Orten Savoyens, 
die für die allgemeine Entwicklung dem d'^-Gebiet angehören, haben 
Ppx. die Doppelentwicklung z und J oder auch nur z. Ppx. bleiben 
also für einen Teil ihrer Vertreter hinter der allgemeinen Ent- 
wicklung zurück (vgl. Ort 931,^ 912, 921, 915, ^ 924, 913*), es 
sei denn dafs Lehnformen aus benachbarten Mundarten sich ein- 
gefunden hätten. 

Ähnliche Verhältnisse bestehen auch sonst vereinzelt. Ort 
968 hat z. B. ^ und dz in Ppx., sonst dz, hier also bieten Ppx. 
das fortgeschrittenere Stadium des Palatalisierungsprozesses. Inter- 
essant ist noch das Vorkommen der Stufe v. Auch Ppx. bieten 
V in Ort 973 wie die sonstigen Beispiele; doch haben Ppx. da- 
neben Formen mit d.^ Aber v findet sich bisweilen in Ppx. in 
Orten, die für die allgemeine Entwicklung auf der Stufe d stehen 
geblieben sind: Ort 933 hat rdvje <^rumice K. 11 63 ronce, Ort 
946 save -C salice K. i igö satile, Ort 957, 958 v in den Zahl- 
wörtern. Die Beispiele sind nur vereinzelt, doch gehen hier die 
Ppx. wiederum in der Entwicklung voran. 

Es herrscht in Ppx. entschieden die grölsere Mannigfaltigkeit 
in der Entwicklung der Palatalen. S^-llte diese aber wirklich an 
die Eigenschaft der Wörter als Ppx. gebunden sein? Vielleicht 
liegt nur ein zufälliges Ergebnis vor subjektiver Art, bedingt durch 
die Auswahl des Materials. Prinzipiell läfst sich daraus die Er- 
kenntnis gewinnen, dafs der Palatalisierungsprozefs immer noch im 
Gange ist und noch nicht alle Wörter gleichmäfsig ergriffen hat. 
Für die Lehre von den Ppx. als solche ist die Ausbeute nichtig, 
da ja zwischen Synkope und Palatalisierung keine fafsbaren Be- 
ziehungen herzustellen sind. Hier sollte nur darauf hingewiesen 
werden. Zu bedenken ist schliefsUch, dafs alle .^//.-Formen auf 
einmaliger Abfragung schriftfrz. Wörter beruhen, so dafs ihre Richtig- 
keit angezweifelt werden kann. 

Endlich ist das Vorkommen alveolarer Laute zu erwähnen. 
Die Aftrikata d^ als Vertreterin der allgemeinen Entwicklung ist im 
Kanton Neuenburg zu Hause. In Ort 63, 52 bieten Ppx. sowohl 
^6 {(f) ^^^ '^~> ^- Gelegentlich findet sich in der Literatur in 
Fällen, da in Ppx. eine solche Doppelentwicklung vorliegt, der 



1 Wenn in der allgemeinen Entwicklung z vorkommt, so ifit dieser Laut 
als frz. Lflingut aufzuAissen, wie überhaupt diese Gegend eine Eingangspforte 
für die Schriltsprache bildet. 

'■^ K. 1171 rouge hat den Laut dz hier. 

^ K. "jib janne hat den Laut 2 hier. 

* ^ von K. 'Jlb jaune ist frz. Lehugut. 

5 So pyd^ K. iioo puce und in Ort 969 die Zahlwörter: onze K. 943, 
douze K. 424, treize K. 1328, quatorze K. 1 1 1 1, quinze K. 1 124, setze K. 1212. 



ZWEI PROBLEME AUS DEM GEBIETE DER PROPAROXYTONA. 273 

Vorschlag statt - ice den Wortausgang ^üa ,' -icu anzunehmen, 1 
wenn d^, ^ das Entwicklungsergebnis ist. Suffixtausch ist keine 
seltene Erscheinung bei Ppx. 2 Überall da, wo Ppx. auf - ica, ~icu 
heute d^ oder ^ ergeben haben wie eben in Ort 63, 52, wird sich 
der Austausch der Suffixe nicht bestreiten lassen. Aber wohin 
führt diese Annahme angewandt auf Ort 942, der für puce K. iioo 
PyS^ bietet, während inanicii K. 805 k manche mädzo, *fidicu K. 585 
foü fsdzo haben? 3 Nun zeigen HK. 1702 ä deux roues hrisees 
für hrisees und K. 133 hise ebenfalls ^ für z, so dafs sich daraus 
ein sekundärer Wandel 2 > ^T ergibt, der nach palatalen Vokalen 
y und / stattfindet, ^ 

Noch eine Merkwürdigkeit, ebenfalls den alveolaren Laut be- 
treffend, soll diese Betrachtungen abschliefsen. ^ oder auch f 
findet sich gelegentlich in Ppx., bei denen einstmals oder noch 
immer diesem ^ der Liquid ;■ oder ein nasalierter Vokal voraus- 
ging oder -geht, namentlich */orfice, *kerj)ice, larice, riunice und 
quailuordccim bieten Belege für diese Erscheinung. ^ Sie ist nicht 
regelmäfsig durchgeführt, bald dieser, bald jener Vertreter stellt 
sich mit ^ ein. Es kann kaum zweifelhaft sein, dafs die Artikulation 
des r an den Alveolen und die spezifische Organstellung bei 
Nasalierung hier im Spiele sind. 

Dahin ist wohl auch folgender Fall einzuordnen. In Ort 52 
haben die Zahlwörter den Palatalen durch ^/jC einen Übergangs- 
laut wiedergegeben, ein Zeichen, dafs eine Entwicklung noch im 
Gange ist. Ein sekundärer Wandel z^ ^ hat sich da nicht fest- 
stellen lassen. Suffixtausch ist bei Zahlwörtern ausgeschlossen. Da 
aber in undectm, quindecim und quattuordectm der Tonvokal heute 
teils ebenfalls nasaliert, teils von r gefolgt ist, so ist wohl diesem 
Umstände der Wandel 2 >» | zu danken. Der Laut 5 hat dann 
durch Systemzwang auch auf die andern Zahlwörter duodecim, sedeciin, 
tredecivi übergegriffen. 



^ Vgl. Urtel, Beiträge zur Kenntnis des Neuchateller Patois , Diss. 
Heidelberg 1897, S. 32 *pulica. Im angrenzenden bereits frz. sprechenden 
Gebiet nahm Gauchat, Arch. lll (1903), S. 371 ebenfalls ^pidica 'ixix pyd^ an. 
Über pollice , das am gleichen Orle La Ferriere poed^ ergibt (S. 394) äufsert 
er sich nicht. Vgl. auch Vouga S. 71. 

^ Vgl. Rom. Gramm. II, S. 22, § 17. 

* grändge K. 664 grange und ditnendge K. 405 dimanche könnten auf 
*granea und *die dominiii beruhen. 

* Vgl. damit die analoge Entwicklung von 2 ^ ^, s ]>y, g, x, h in 
Lothringen und Wallonie nach i, K. 133 bise^ wo gewissermafsen der Palatali- 
sierungsprozefs wieder rückwärts schreitet; ferner 2 ^ ,^, /nach e K. 169 hraise 
verschiedentlich. 

5 Belege bieten die Orte 969, 959, 964, 986, 987, 966, 968, 988, 989, 
978, 979 917, 924, 935, 926, 927, 942, 975, doch findet sich in manchen von 
ihnen die Tendenz, jedes s ]> ^ zu entwickeln. Herangezogen wurden die 
K. 295 ciseau für forfice, 689 herse, I163 ronce, im quatorze HK. 1693 
resine u. VK. 1850 meleze für larice. 

* follire lautet da /o^^A vielleicht ist ^pollicu zugrunde zu legen, 

Zeitschr. i. rom. Phil. XUI. 18 



274 EVA SEIFERT, 

Ähnliche Verhältnisse wie das Frkprov. bietet der Südosten 
des frz. Gebietes, südl. Freigrafschaft und südl. Bourgogne, 
Der Palatal ist hier durch dg, g, dz, z vertreten. Auch hier läfst 
sich in einigen Ortschaften Übereinstimmung der allgemeinen Ent- 
wicklung der Palatalen und der in Ppx. wahrnehmen und zwar in 
Ort lo, > II, 91Q, gi6 auf der Palatalisierungsstufe g."^ Der Pala- 
talisierungsprozefs ist hier also noch nicht weit vorgeschritten. 
Sollte etwa g sekundär aus 2 entstanden sein? 7-äz < rumice in 
Ort 916 würde dann von diesem Prozefs noch nicht ergriffen 
worden sein. Ein sekundärer Wandel z ~^ g läfst sich allerdings 
für Ort 919 nur vortonig nachweisen als Reflex von einstigem k 
vor e(i) und //. 3 Man würde schliefslich zur Erklärung der Formen 
seine Zuflucht zu Suffixtausch nach ' ica, - icu hin nehmen können, 
doch pflegt ein solcher Wandel nicht gleich eine ganze Wortgruppe 
zu erfassen. 

Besonders auffallend sind die Formen in Ort 906, der mit 
wenig Abweichung gewöhnlich dz als Reflex der allgemeinen Ent- 
wicklung bietet, in Ppx. zweimal dg, pydg K. iioo piue nnd fceJg 
K. 600 fotighe für fili'ce neben frz. Lehnformen. An Suffixtausch 
zu ' ka, —icu ist hier nicht zu denken, lauten doch manicu, persica, 
-aticu, mäts, pEts, -adz. ■* Auch fyg <C filice Ort 20 steht allein mit 
dem alveolaren Laut. ^ Hier haben wohl die dunklen Vokale y 
und fl? den Laut g hervorgerufen. 

Noch auf weiterem Gebiete findet sich der alveolare Laut vor, 
diesmal stimmlos für *herpice in der mitfleren und nördl. Bourgogne, 
Freigrafschraft, und südl. Champagne. Er kehrt nochmals vereinzelt 
wieder für Ort 36, 38 mit puf<^pollice K. 1068, Ort 16, 38 mit 
py/<CPulice K. IIOO, für Ort 56, 49 mit trtg <^iredecim K. 1328, 
für Ort 16 mit kig <C^ qumdecim K. 1124. Es handelt sich auch 
hier um Palatalisierungsprozesse offenbar sekundärer Art, die zudem 
nur in kleinem Umfange sich nachweisen lassen. 6 

Ähnlich wie im Frkprov, sind für *herpice und rujuice im Osten 
des frz. Gebietes alveolare, postdentale und sogar laryngale Laute 
festzustellen im Zusammenhang mit der Nasalierung des Tonvokals 
und einem vorausgehenden r. "^ 

Dafs im belgoroman. Gebiete k vor e(i) nur bis zur Stufe f 
palatalisiert wurde, bezeugt auch die Entwicklung der Ppx. auf '/«f^. ** 



^ pus <Cpollice, pys <^pub'ce Ort IG sind wohl schriftfrz. 

* Auf der Stufe dz stimmen überein die Orte : 928, 30. Ort 938 hat 
für Ppx. dg, für die allgemeine Entwicklung g als Reflex des Palatalen. In 
Ort 909 bieten Ppx. neben dz, das die allgemeine Entwicklung wiedergibt, 
auch z, ein fortgeschritteneres Stadium, g ist verschiedentlich Reflex von k vor 
e, (i) und // vor dem Tone. Vgl. K. II 29 rain'n und II30 raison. 

^ Vgl. die vorige Anmerkung. 

* Vgl. K. 805 u. 987, ferner K. 928 nuages, I199 sauvages, 1395 village. 
'•' Beispiele von Ppx. auf lica und ^icu bieten nur den postdentalen 

Laut wie die allgemeine Entwicklung. 

ö Vereinzelt steht im Nordwesten Ort 450 mit poef <:^ pollice K. 1068. 

' Vgl. S. 273 a. 4. 

^ Nur die Zahlwörter gehen hier ihren eigenen Weg. 



ZWEI PROBLEME AUS DEM GEBIETE DER PROPAROXYTONA. 275 

Je vor ci. 

Die Palatalisierung des k vor e(/) im Gallororaanischen ist 
verhältnisrnäfsig gleichmärsig vor sich gegangen, wie sich im End- 
ergebnis zeigt, derart, das fast durchgehends ein postdentaler Laut 
herrschend ist aiifser im Belgoromanischen, wo der Prozefs auf 
alveolarer Stufe stehen geblieben ist, aufser im Frkprov., wo er 
vielfach über die postdentale Stufe hinausgeschritten ist. 1 

Demgegenüber zeigen Nachkommen von k vor a in ihrer 
Entwicklung gröfsere Mannigfaltigkeit. Im Norden und Süden 
Frankreichs läfst sich je ein konservatives Gebiet beobachten, jeweils 
ein ansehnlicher Streifen an der Küste entlang, wo der Explosiv- 
laut erhalten geblieben ist. Die Grenzen dieser Gebiete, die kurz 
;^-Gebiete geheifsen seien, hat K. Jaberg skizziert.'-^ An das süd- 
liche /^-Gebiet schliefst sich nördlich ein /^--Gebiet, das die Provinzen 
P^rigord, Limousin, Auvergne umfafst, ebenso unmittelbar an, wie 
in der Osthälfte Südfrankreichs, auf kleinen Strecken im prov. 
Dauphine und im Velay und Vivarais, ein //"-Gebiet. 

Das /^--Gebiet findet seine Fortsetzung auf frkprov. Boden. 
Da berührt es im Westen das auv. /j-Gebiet und im Süden das 
dauph. //"-Gebiet, umgibt ferner ringförmig, wie schon für k vor 
efi) berichtet, das frkprov. Kerngebiet, das mit d- und f-Lauten 
den Prozefs am weitesten gefördert hat. 

Bis in frz. Gebiet hinein ist /s << k vor a zu finden im Süd- 
osten, in der südl. Bourgogne und Freigrafschaft bis ins Nivernais. 

Innerhalb des Frkprov. sind die Palatalisierungsverhältnisse 3 
kaum andere als für k vor e(z). 

Auf dem weiten Felde Nordfrankreichs endlich grenzt an das 
nordprov. südostfrz.- /j'-Gebiet ein /"-Gebiet, bis endlich dieses durch 
das nördliche /^-Gebiet abgelöst wird. 

Ein eigentümliches Bild gewährt hier die Entwicklung des 
Palatalen. Sie steigt von Süden und Norden her an und erreicht 
in einem gebirgigen Mittelstreifen, gewissermafsen in einer auf- 
geworfenen Gebirgsfalte, mitten durch Frankreich von der Gironde 
bis zu den Alpen hin, einen Höhepunkt und erhebt sich erneut 
im Frkprov., wo der höchste Gipfel der Entwicklung erreicht wird, 
der fortgeschrittenste Palatalisierungszustand von ganz Gallo- 
romanien. Die Gebiete der höchsten Palatalisierung sind zugleich 
diejenigen, die Tappolet •* als mundartenreich bezeichnet. Sie lehnen 
sich in auffallender Entsprechung südlich an die alte Römerstrafse 
Aosta — Vienne — Lyon — Autun — Decise — Bourges — Poitiers — 



* Auf die im vorausgehenden Abschnitt charakterisierten Einzelerschei- 
nungen wird hier nicht besonders Rücksicht genommen. 

■■' Spracligeoijraphie ^ Aarau 1904 K. III u. IV. V<^1. auch II. Morf, 
Spracht. Glied. S. 1 1 ff. u. K. III. 

^ Gelegentlich begegnet auch 3 im Prov., docli sporadisch. Auf kleine 
Greuzverschiedenheilen wird nicht eingegangen. 

* Ans roman, Sprachen und Literaturen^ Festschrift Heinrich Morf, 
Halle 1905, S. 402. 

18* 



276 • EVA SEIFERT, 

Saintes — Bordeaux an. 1 Sie liegen im Grenzgebiet der beiden 
grofsen Sprachgruppen des Prov. und Frz. Ohne an diese Be- 
obachtung direkt Folgerungen knüpfen zu wollen, soll doch darauf 
hingewiesen werden, dafs diese Palatalisierung wesenllich den Teilen 
des Landes eignet, die. einst von Kelten bewohnt waren. 

Der allgemeinen Entwicklung gegenüber sollen die Palatalen 
in Ppx. gehalten werden. 

Es zeigt sich im Prov., dafs im ts- und //"-Gebiet der Palatal 
der Ppx. heute durch die entsprechenden stimmhaften Laute 
vertreten ist, so dafs auf diese Landschaften nicht weiter ein- 
zugehen ist. 2 

Aufmerksamkeit fordert vielmehr das ,^-Gebiet. Da ist gleich 
von vornherein anzuführen, dafs in der Provence aus Mangel an 
Belegen ein klarer Einblick in die Entwicklung nicht möglich ist. 3 
Einzig grdttgo <C *granica Ort 886 und grdfüga Ort 898 in der 
Grafschaft Nizza, ferner mango < mam'ca in Frejus (Mist.) bieten 
Übereinstimmung in der eben charakterisierten Entwicklung des 
Palatalen, der hier stimmhaft erscheint. Eine Beurteilung der 
sprachlichen Verhältnisse des Ostens erübrigt sich demnach. 

Im rechtsrhön. Südfrankreich geht die allgemeine Entwicklung 
des Palatalen und die der Ppx. den gleichen Weg, nur dafs der 
Palatal der Ppx. in stimmhafter Form als g erscheint. Doch ist 
die Übereinstimmung nicht vollständig und durchgehend. Die 
Formen scheiden sich nach Wörtern und Landschaften, 

Palatale haben im Gallorom. ihr besonderes Schicksal ; empfind- 
licher als auf andere Laute scheint die lautliche Umgebung auf sie 
zu wirken. Daher gliedert sich die Betrachtung nach dem der 
Paenultima voraufgehenden Laute. 

Ohne Einflufs auf den Palatalen ist einstiges r vor der 
Paenultima geblieben ; das ganze rechtsrhön. Gebiet zeigt g {förgo 
'^ fdbrica, myrgo ^ *7fiurica). 

Anders liegen die Dinge, wenn / der einstigen Paenultima 
vorausging. Es bestehen freilich nur zwei südwestl. Beispiele ■* 
yl)(^e >» *hutua und küiy^e << '^cutica, beide stimmlos, aus dem Gebiet, 
wo k vor a als Explosivlaut erhalten bleibt, iy gibt den aus Dental 
-j- Palatal entstandenen Laut wieder. Es müssen hier wohl die 
beiden Artikulationen des Dentalen post denies und des Palatalen 
am Palatum sich bei der Reduktion zum Paroxytonon auf einer 
mittleren Artikulationsstelle getroften haben. Der Umstand, dafs 
die Formen stimmlos sind, läfst auf frühe Synkope schliefsen. 



1 Vgl. Sprachl. Glied. K. IV. 

2 Vgl. Ro7n. 24 (1895) S- 529ff- u. 30 (1901) S. 393fF. zur Palatalisierung 
im Prov. 

^ Es scheint hier in hohem Mafse schriftfrz. Lehngut eingedrungen zu 
sein. Vgl. z. B. K. 224 chambre mit tf, K. 405 dimanche, K. 805 le manche. 

* Weitere wird der Ausgang 1 icti liefern. Vgl. auch die Verben man- 
dticare pendicare , die im ganzen prov. Gebiete nur in palatalisierter Form 
vorkommen, während in collocare cahallicnre k als Explosivlaut k oder g ei- 
haltea blieb. 



ZWEI PROBLEME AUS DEM GEBIETE DER PROPAROXYTONA. 277 

Insoweit war des rechtsrhon. Gebiet einheitlich*— für / + ii^*^ 
hatte die prov. Mitte keine Vertreter — ; es teilt sich aber in 
höchst charakteristischer Weise für Ppx. auf -nica. Nur das 
zwischen Garonne und Rhone, Dordogne und Pyrenäen Hegende 
Gebiet hat hier den Explosivlaut bewahrt, während im Westen, im 
Gask., Palatalisierung eintrat. Fast allenthalben ist in dem mittleren 
Gebiet n zu r dissimiliert, so dafs die einstige Silbe -7iic- heute 
als -rg- wiedergegeben wird. -r^-Formen überschreiten im Westen 
die Garonne nur wenig, da, wo sie sich von ihrem nordöstl. Lauf 
nordwestwärts wendet,' im Osten die Rhone in ihrem Unterlaufe. 
Am besten läfst sich das Gebiet durch einige Ortsnamen um- 
sclireiben. 2 La Ganor gut <C cafiom'ca z, B. begnet im Osten des 
Dep. B.-du-Rhone, im Westen und der Mitte des Dep. Lozere, in 
der Mitte des Dep. Lot ; auch Neussargues 3 (Cantal) hat Grenzlage. * 
Es gibt eine stattHche Zahl Ortsnamen, die mit dem Ablcitungs- 
suffix -önica, -dnica von Eigennamen gebildet wurden und die heute 
den Nexus -rg- bieten. Colorgues <C Colonica (Gard) hat die gleiche 
lautUche Entwicklung. Sie sind im Dep; Gard, Herault und Nord- 
aude überaus häufig, d. h, in der alten Gallia Narbonensis, in dem 
ebenen Streifen am Meere, sie finden sich aber auch sonst. In 
östlicher Richtung scheint Dep. B.-du-Rhone das letzte zu sein, 
das Vertreter enthält, sie kommen auch da in der -r^-Form vor, 
woneben jedoch Colonica als Collongues steht. Coilongues ist auch 
im Dep. Vaucluse verbreitet. Noch weiter östlich fehlt es an Be- 
legen — vielleicht gehört Sorgues (Var) und Jallorgues (Alp.-Mar.) 
hierher — , auch sind mourgo neben mönega und canourgue aus- 
drücklich für Nizza bezeugt, 5 so dafs die Vermutung besteht, das 
-r.i^'^-Gebiet reiche von der Garonne bis an die Alpen, zumal ver- 
einzeltes tndrge <C ?nanicu im östl. Dauphin^ vorkommt. Doch ist 
für den Osten, wie bemerkt, kein klarer Einblick zu gewinnen. 

Eine ganz andere Entwicklung zeigt die Gaskogne, die sich 
schon in dem Namen der Landschaft CoTnminges <C Convenku 6 

^ Die Grenzen des Gebiets sind angegeben unter Berücksichtigung der 
K. S36 des mensonges und K. 805 le tnanche, da auch Mask. die gleiche Ent- 
wicklung zeigen. Von dimanche K. 405 finden sich nur ganz wenige ent- 
sprechende Formen. 

"^ Es ist nicht beabsichtigt, hier eine systematische Übersicht über die 
Verbreitung des Ortsnaraenssuffixes -önica, -dnica zu geben; dazu gehören 
andere Vorstudien. Die Beispiele, die als Unterlage dienen, waren teils in 
D'Hombres et Charvet , Dictionnaire languedocien- frangais , Alais 1884, bei 
Gröhler, Ueber Ursprung iiud Bedeutung der frz. Ortsnamen , Heidelberg 
1913, bei d'Aibois de Jubainville, Recherches sur Porigine de la propricte 
f andere et des noms de Heu habites en France, Paris 189O, bei Mist, erwähnt, 
teils wurden sie zufällig auf der Karte gefunden, auch im Dictionnaire des postes 
et telegraphes , Paris IQOS- Hier können .sie einzeln nicht angefühlt werden. 

^ Die latein. Form dazu ist nicht überliefert. 

•* Inmitten des -r^-Gebietes liegt die Landschaft Rouergue <^ Ruthenicu. 

* Von Devoluy, Annales de la Society des Alpes - Maritimes 18 (1903) 
S. 251. 

" Vgl. Thomas, Ess. S. I ff. Cuinergue schreibt IIs. I des Guilhem de 
Montagnagol herg. v. Coulet, Toulouse 1892, S. 149. 



278 EVA SEIFERT, 

(H'^-Gar.) kennzt^ichiiet, ferner in den zahlreiclien Collonges des 
Dep. Tarn-et-Gar. 1 

In der Gaskogne ist Palatalisierung eingetreten, wenn n der 
Paenultima vorausging. Da sonst im Gask. Palatalisierung von k 
vor a unbekannt ist, abgesehen von dem ebenerwähnten ytye und 
kutye, wo sie durch den neuentstandenen Nexus t -\- k nach der 
Synkope entstanden zu sein schien, so ist es auch bei Ppx. auf 
« -f- ica undenkbar, eine Palatalisierung vor der Synkope anzu- 
nehmen. 2 Denn warum ist dann k m förgo <^fabrica, mp-go <C 
*murica niemals palatalisiert worden? Selbst wenn man eine frühere 
Synkope bei diesen Beispielen annimmt, kann das nicht genügen, 
einen dem Gask. fremden Lautwandel zu erklären. 

k wurde vor der Synkope sonorisiert, so dafs von '^manega ■< 
manica aus eine Weiterbildung erfolgte ; denn Wörter mit ursprüng- 
lichem Nexus -nk- wie hranca zeigen Palatalisierung nicht. 3 

Da sich lineu REW 5064 zu gleichen Formen im Gask, ent- 
wickelt wie manica [Ifndge, mand^o), wäre mit der Möglichkeit zu 
rechnen, in manica sei k früh zum Reibelaut y" übergegangen; es 
sei also *manja^ Vorstufe für indnJgo. Dagegen kann sich mit 
Recht der Einwand erheben, warum denn in anderen Ppx., z. B. 
in fdbrica, ein ähnUcher Wandel nicht statthatte. Auch hier könnte 
wieder die Gegenbemerkung gemacht werden, dafs fahrica, ehe 
jener Wandel einsetzte, schon synkopiert war. Aber zu bedenken 
ist doch, dafs mit der Palatalisierung von manica die Gask. sich 
von den übrigen Landschaften des prov. Südens stark abhebt 
(denn lineu erscheint überall palatalisiert) und dafs für diese typisch 
gask. Erscheinung auch eine Erklärung gefunden werden mufs, die 
in der Eigenart der gask. Mundart ihre Begründung hat. 

Aus dem allgemeinen Verhalten der Liquiden in ihrer Wirkung 
auf Explosivlaute im Gask., läfst sich folgern, dafs der Liquid n 
auch hier im Spiele ist. Wenn -?//- unter dem Einfiufs des -n- zu 
-nd- zu werden vermag, was allerdings nur auf kleinem Gebiete 
nachgewiesen ist, ^ so wird auch hier die Palatalisierung durch eine 
Einwirkung des n auf g erfolgt sein, sei es im Augenblick der 
Synkope, sei es erst nachdem der Nexus -ng- zustande gekommen 
war. Beispiele mit ursprünglichem Nexus -ng- würden hier auf- 
klärend wirken können. Solche fehlen. 6 



* Die gleichen Formen bieten Dop. Creuse, Correze, Puy-de-D6me, Isere, 
Drome. Soweit sie dem ^^-Gebiet angehören, zeigen die Schreibungen dieser 
Namen den älteren Lautstand mit d^ wie die Zeugnisse im Mittelalter, während 
heute in Substantiven dort überall dz herrscht. 

2 Das tat Schneider, Zur lautl. Entwicklung der Mundart von Bayonne, 
Diss. Breslau 1900, S. 51. 

* Vgl. K. 170 une branche. 

* So scheint Zauner, Zur La 7it geschickte des Aquitanischen, Programm 
der ersten deutschen Realschule in Prag 1898, S. 9 zu denken. Er bezieht 
da gleich die Ppx. auf -tic-, -die- mit ein, deren Entwicklung zu palatalisieiten 
Gebilden jedoch nicht auf das Gask. beschränkt ist. 

^ Revue internationale des Etudes Basques 7 (1913), S. 475 ff. 
' Nicht in Betracht kommen kann lingita ^ lingo K. 750 langue , da 
hier g im Nexus mit folgendem velaren u stand. 



* 



ZWEI PROBLEME AUS DEM GEBIETE DER PKOPAROXYTONA. 279 

Der einstige Palatal k erscheint heute als d^ oder dj je nach 
der Gegend. Doch gibt es auch Stätten, wo er ganz im Nasal 
aufgegangen ist: *//ieniiom'ca '^ mesujic,^ eine Erscheinung, die in 
dem Wandel -nd- > -;/-, -md- > m 2 ihr Analogen hat. 

Auf frkprov. Boden ist die Palatalisierung von k vor a die 
gleiche wie die von k vor ef/J, nur fehlen hier Vertreter der Stufe v. 

Auf frz. Gebiet ist im Südosten einer Palatalisierung zu 
gedenken, die einen fortgeschritteneren Stand des Palatahsierungs- 
prozesses darstellt als im Zentrum, k vor a erscheint als /s oder 
s im Nivernais Ort 105, 4, 5, in der südwestl. Bourgogne Ort 906, 
909 und der südl. Freigrafschaft Ort 928, 938, 20, 30, 21, 31, 41. 

/j, s oder deren stimmhafte Entsprechungen dz, z vertreten 
den einstigen Explosivlaut k vor a (auch vor u) auch in Ppx., 
wenn freilich die Regelmäfsigkeit der Erscheinung öfters durch 
vordringende schriftsprachl. Formen gestört ist. 

Ferner fordert noch das belgoromanische Gebiet einige 
Beachtung. Hier sollte k vor a in Ppx. im Einklang mit der all- 
gemeinen Entwicklung als k erhalten bleiben. Das ist nur selten 
der Fall, nie, wenn ein dentaler Explosivlaut der Paenultima voraus- 
ging. 3 Es scheint beim Zusammenstofs von Dentalen und k oder 
dessen sonorisierter Entsprechung g- eine ähnliche gegenseitige Be- 
einflussung beider Laute stattgefunden zu haben wie im Gask. So 
gibt es im belgoroman. Gebiet von */iu//ca nur j'/, yg als Nach- 
kommen, -aticii erscheint als -ag. 

Vereinzelt sind die Fälle, da k oder g sich vorfindet im Belgo- 
roman. Aber es geht nicht an, in den Fällen, die Palatalisierung 
des k aufweisen, überall Entlehnung aus dem Zentrum anzunehmen. 
Auch ist ebensowenig denkbar, dafs die Palatalisierung mit der 
Stellung des k in Entfernung von der Akzentsilbe in Zusammenhang 
gebracht wird. Und doch ist die Erscheinung auf Ppx. beschränkt, 
nur aus ihnen zu erklären. 

Dafs bald Palatalisierung, bald Beibehaltung des k vorliegt, 
wird sich aus dem jeweiligen Verhältnis zwischen Palatali- 
sierung und Wandel des Auslautvokals-a erklären, a als 
Auslautvokal in Ppx. steht in zweiter Stelle nach der Tonsilbe, 
also in gröfster Entfernung vom Akzent. Diese aufserordentliche 
Stellung des a verbietet es, für es die gleiche zeitliche und lautliche 
Entwicklung anzusetzen, wie sie für a in anderer Stellung gilt. So 
ist die Annahme möglich, dafs in Ppx. Auslaut-a eher von seiner 
Klangfarbe verlor und sich auf der Bahn zu dem späteren ^-Laute 
bewegte als in Paroxytonis. Geschah das zur Zeit des Palatali- 
sierungsprozesses, so stand k schon nicht mehr vor a, sondern vor 
irgendeiner der Übergangsstufen, und vor einer solchen ist es 



* Vgl. K, 836 des mensonges Ort 690, 686, 687, 694, 674, 665, 65b, 
657, 648, 667; K. 13 anges, anyius Ort 694. 

"^ Vgl. Marg. Henschel, Zur Sprachgeographie Südwestgalliens, Diss. 
Berlin 1917, S. 72 ff. 

^ Vgl. die Ausführungen zw k vor uip) S. 286. 



28o EVA SEIFERT, 

offenbar palalalisiert worden in dem gleichen Mafse wie k vor ef'i). 
Fälle des erhaltenen Explosivlautes werden sich dann aus besonders 
früher Synkope vor dem Wandel des Auslaut-rt erklären lassen, i 
Die Palatalisierung steht also in einem Abhängigkeitsverhältnis zur 
Synkope. Soweit Palatalisierung eingetreten ist, ist der Form nach 
kein Unterschied zwischen belgoroman. und französischen Gebilden. 

k vor u(o). 

Endlich bleiben noch die Entwicklungsformen des k vor t{(oJ 
zu erörtern, die in vielen Dingen denen des k vor a gleichen. 
Es ist bekannt, dafs im Galloromanischen k vor ufoj nicht pala- 
talisiert wurde. Das Bild der allgemeinen Entwicklung weist also 
keine Gliederung auf, überall erscheint i, abgesehen von vereinzelten 
Fällen sekundärer Palatalisierung. Wie sehr die Entwicklung der 
Palatalen in Ppx. ihren eigenen Weg geht, sollen die folgenden 
Beispiele zeigen. 

Die Formen gehen im Prov. wiederum auseinander je nach 
dem der Paenultima vorausgehenden Konsonanten. Für r + i'cu 
bieten sich zu wenig Beispiele. 

Zahlreicher als für / + üa sind sie für dentalen Explosivlaut 
-\- im und zeigen durchgehende Palatalisierung des k. Im Westen, 
Gaskogne, ^ und im Osten, Provence Dauphine und einem östlichen 
Streifen des Langedok lauten die Vertreter stimmhaft meist auf 
d^, in den nördlichen Provinzen Perigord, Limousin, Auvergne, 
Velay, Vivarais auf dz. 3 Die prov. Mitte birgt eine Fülle stimm- 
loser Formen. Die Ausdehnung dieses stimmlosen ^ Gebietes 
läfst sich ungefähr durch die Flufsläufe Garonne, Dordogne im 
Westen und Norden begrenzen, im Süden erstreckt es sich bis ans 
jNIeer, erreicht im Osten die Rhone nirgends. Nur z. T. deckt 
sich dies Gebiet mit den dem -r^-Gebiet angehörigen Landschaften, 
am ehesten noch im Norden und Westen. Nicht in ihrem ganzen 
Verlauf wird die Garonne von stimmlosen Formen begleitet. Ort 
772, 762, 752, 751, 647, 636, 635, 643 gehören vielmehr noch 
zu dem linksgaronnischen stimmhaften Gebiet; 4 die Dordogne 
wird in Ort 616 von den stimmlosen Gebilden überschritten. Im 



1 Vgl. afrz, fnanke <:^ manica ^1 heutiges psk <^persica, ptrk <^pertica, 
ek <C. *hamica, rek <[ *ramica. 

" Auf die gask. Verhältnisse kann nur ein kurzer Blick geworfen werden. 
Ähnlich wie für *cutica'^ kü.t-j(e und *hutica^ yiye sollte man stimmlose 
Gebilde erwarten. Dafs solche für das Suffix -aticu fehlen, würde aus schriftfrz. 
Einflufs sich erklären lassen, für *fidicu (s. a. 3) ist ein einziges Beitpiel hitjs 
Ort 672 zu nennen. Wenn auch nicht in derselben örtlichen Begrenzung, so 
geht doch die Entwicklung der Ppx. auf Dental -|- ica und Dental -f- icu in- 
sofern gemeinsam, als beide synlcopierte stimmlose Ergebnisse in einzelnen 
Fällen zeiligten. 

^ Grundlage bietet K. 585 foie^ wobei nicht klar ist, ob *fUicu oder 
*fidicu zugrunde zu legen sei, ferner das Suffix -aticu nach K. 1395 village, 
II 99 sauvages, 928 nuages 461 enjant für *mansio7iaticu, 

* So sei in Kürze das Gebiet geheifsen. 



ZWEI PROBLEME AUS DEM GEBIETE DER PKOPAROXYTONA. 28 1 

einzelnen bis auf etwaige Entlehnungen sind die Grenzen des 
stimmlosen Gebiets konstant. 

Die Form des Palatalen ist ts in der Westhälfte des genannten 
stimmlosen Gebietes, es findet sich in den Landschaften Quercy, 
östl. Agenais, südl. Perigord, südwestl. Auvergne, westl. Rouergue; 
daran schliefst sich südlich ein kleines Feld an, wo AV- gilt in der 
nördl. Hälfte des Westlangedok. 1 Durch ff ist einstiges k vertreten 
im südl. Westlangedok, in den Dep. Herault, Lozere und im östl. 
Rouergue. Auch in bezug auf diese lautlichen Verschiedenheiten 
sind die Grenzen im wesentlichen konstant. 

Dieselben Verhältnisse können bei den drei Zahlwörtern 
dtiodecim, sedecim, tredecim beobachtet werden. Ein Unterschied 
besteht allerdings, indem der Süden des Westlangedok (Dep. Aude 
und Ort 792) für die drei Zahlwörter dem /^--Gebiet anheimgefallen 
ist, während für die Substantive //* vorherrscht. 2 Die Sonderstellung 
der drei Zahlwörter gegenüber den Foimen von qiiaitiiordccirn, 
quitidecim, undecim, welche fast im ganzen prov. Gebiet z als Reflex 
des Palatalen aufweisen, wird sich damit deuten lassen, dafs in 
duodechn usw. der Paenultima ein ungedeckter Dental vor- 
ausging. Das ist auch der Fall bei *fidicu und dem Suffix -aticu. 
Die beiden Gruppen Substantiva und Zahlwörter gehen gemeinsam, 
unabhängig davon, dafs ihr Auslautvokal verschieden ist. 3 

Zur Beurteilung der Frage, ob diese Lautverhältnisse alt seien 
— aus alten Schreibungen läfst sich nichts erschliefsen — sind 
Karten herangezogen worden, die die Fortentwicklung von latein. 
j, di im Anlaut veranschaulichen, ferner Hiat-y' in lineu K. 773 
Itnge. Da zeigt sich der stimmlose Laut in der ganzen Westhälfte 
des umschriebenen Gebiets als ts und id-, während tf nur in einem 
kleinen östl. Teil des Dep. Herault östlich vom Flufslauf angetroffen 
wird. Eine Nordsüdlinie zwischen den Orten 716 und 766 trennt 
westl. Ifntse von östl. Ifiige wie westl. fetse von östl. feffe, das fast 
die ganze Landschaft Langedok mit dem Südwestzipfel und einen 
Teil des Foix erfüllt. Genau so scharf wie nördl. Ifnise, lintd-e im 
Südwestlangedok von südl. lin^e durch eine West-Ostlinie getrennt 
ist, scheiden sich auch nördl. fetse, fctQ-e und südl. fetfe. Dep. 
Aude ist völlig unbeteiligt und hat für lineti stimmhafte Gebilde. 

Hält man nun diese beiden Erscheinungen zusammen, so ge- 
winnt man die Möglichkeit, dafs für eben die Gegenden, die heute 
einst stimmhaftes latein. j, di mit stimmlosem Laut wiedergeben, 



1 In Betracht kommt Ort 743, 753, 764, 763, ausnahmsweise hat '^fidicti 
allein t^ in Ort 744, 755, 724, 723. Vereinzelt begegnet /d-^fÖ^ Ort 710, 608, 
fe<ie 611, 624, 634. 

'^ Ferner sind abweichend in ihrer Entwicklung Ort 777, 757, die stimm- 
hafte Formen zeigen. Vgl. dazu S. 284. 

ä Hier und da findet sich zwar eine Abweichung, die durch die formelle 
Gebundenheit der Zahlwörter an die Gruppe erklärt werden mag. — Dafs im 
Südwinkel des Gebiets die Zahlwörter und Substantiva auf Dental + icu aus- 
einandergehen in bezug auf die ArtikuiHtionsstelle des einstigen Palatalen, kann 
hier nicht erklärt werden. 



282 EVA SEIFERT, 

der Wandel der stimmhaften Aßrikata zur stimmlosen auch in Ppx. 
einstmals stattgefunden haben kann, d. h. dafs auch für Ppx. ur- 
sprünglich eine stimmhafte Vorstufe angesetzt werden könnte. Das 
stimmlose Gebiet würde demnach in zwei geteilt sein, in ein west- 
liches, zu dem der Ostzipfel des Dep. Herault ' zu stellen wäre, 
das ursprünglich auf stimmhafter Basis synkopierte und ein östliches, 
dem auch Dep. Aude angehört, wo von vornherein zur Zeit der 
Synkope die stimmlose Form herrschte. 

Zur phonetischen Seite des Problems hat Zaun 2 einige Über- 
legungen gemacht. Er widmet sie der Palatalisierung des k im 
Suffix -aticu und nimmt da ein Aufgehen des Palatalen im u an, 
so dafs *-afni für die stimmlosen, *-adiu für die stimmhaften Bil- 
dungen zugrunde zu legen sei. Aber diese Annahme würde zur 
Deutung von stimmlosem lintse usw., da ja in lineu niemals ein 
stimmloser Laut vorlag, nicht ausreichen. Eine Lösung des Problems . 
mag vielleicht von anderen Voraussetzungen her gefunden werden. 
Fest steht, dafs die grofse Affinität der aufeinander- 
folgenden /- und /^-Artikulation im Spiele ist, und daher ist 
es wohl in gewissen Landschaften zu früher Synkope auf noch 
stimmloser Basis gekommen. 

Im prov. Osten ist in der Gruppe Dental -j- ku der Palatal 
durch d^ vertreten, doch nicht durchgängig. Zwischen die d^- 
Formen des Langedok einerseits und die der Provence und des 
Dauphine andererseits schiebt sich ein breiter Streifen längs des 
Rhönelaufs ein, wo der einstige palatale Explosivlaut durch dz 
wiedergegeben ist. Der Streifen erreicht eine ansehnliche Breite 
im südl. Dauphine und schliefst sich in westl. Richtung an das 
bereits beschriebene r/s-Gebiet des Velay, Vivarais und der Auvergne 
an. Diese Erscheinung mufs jüngeren Datums sein. Noch zeigen 
verschiedene Orte den Übergangslaut r/f, auch findet sich die 
Lautung dz in alten Quellen nirgends belegt. Sie ist konstant in 
der Gegend, findet sich z. B. bei Hneu >> Ifndze ebenso ein wie 
bei Entlehnungen aus dem Frz.: cainera >• tsambro, manicti > montse. 
Die Erscheinung hält sich ganz in den Grenzen, die für das dz- 
Gebiet zu Beginn des Abschnitts k vor a umschrieben wurde, 3 
nur greift sie an der Rhonemündung in das A'-Gebiet über. 
Charakteristisch ist, dafs sie sich an den Rhönelauf hält, die grofse 
Verkehrsader des Südens; das Gebirge wird kaum erreicht. 

Endlich ist noch die Gruppe '« -\- ku zu betrachten. Die 
Verhältnisse sind hier die gleichen wie sie zur Gruppe —n + ^«^ß 
geschildert wurden. Im Gask. ist wiederum Palatalisierung ein- 
getreten, für die die schon gegebene Erklärung bestehen bleiben 
kann. 4 Palatalisierte Formen zeigen aber auch die nordprov. 
Mundarten, genau wie vor a. Das ist eine ganz ungewohnte Er- 



1 Ort 768, 758, 778, 759, 779. 

2 Beih. Zs. 61 (1917), S. 68. 

3 Vgl. S. 275. 

* Vgl. S.278f. 



ZWEI PROBLEME AUS DEM GEBIETE DER PROPAROXYTONA. 283 

scheinung, dafs k vor u palatalisiert wurde. Da nun manicu u. a. 
in genau den Formen sich heute bietet wie lineu, was den palatalen 
Laut anbelangt, so ist anzunelimen, dafs in den Ppx. auf ' nicti k 
früh sonorisiert wurde und im Schwinden war, als die Synkope 
einsetzte. 

Ferner ist noch eine Besonderheit zu erwähnen.' Dazu werden 
herangezogen die K. 405 dimanche, 805 le manche, 865 moine, deren 
letzte allerdings nur wenig Material bringt, da weithin schriftfrz. 
Gebilde eingedrungen sind. Als Grundlage der Besprechung zu 
leichterer Orientierung diene die zur Gruppe '-/ -\- icu gegebene 
landschaftliche Gliederung — nicht aber unter der Voraussetzung 
einer gemeinsamen Entwicklung. Es handelt sich hier um die INIitte 
des südprov. Gebietes, um ^-gebiet, jene Landschaften, die weithin 
stimmlose Gebilde von *fidiat und dem Suffix -aticu enthielten, die 
aber zugleich auch solche sind, die dem -;-^-gebiet angehören. 

Nicht ^in eben der Ausdehnung \v\q fet/e findet sich im fäfe- 
gebiet dimsnt/e ein; es hält sich mehr an den Rhonelauf, wo ßt/e 
nicht vorkam, fehlt auch im Südwestlangedok. Es kann also 
zwischen der Entwicklung von dimintfe und Jäfe keine Gemein- 
schaft bestehen, vielmehr wird die stimmlose Form von die dominicu 
von Norden her gekommen sein. Das gilt auch von viantfe, wenn 
es sich im _/t'//>-gebiet vorfindet. Diese Formen bleiben einstweilen 
beiseite. Auch wenn dimentse in eben den Orten begegnet, die 
fetse boten, dimenid-e zusammen mit /etd-e] beide innerhalb des -rg- 
gebiets, so wird daraus und aus der Tatsache, dafs alte Zeugnisse 
für dhnenfse fehlen, zu folgern sein, dafs die hier vorliegenden 
stimmlosen Gebilde von die dominicu kein erbwörtliches Sprachgut 
darstellen. Diese Überlegung macht auch keine Schwierigkeit bei 
spätaufgenommenen Worten wie die dominicu und monac/iti, das die 
gleichen Stufen zeigt. Es ist daneben jedoch immer im Auge zu 
behalten, dafs beide eine völlig erbwörtliche Entwicklung nahmen, 
wie Formen dimirge ?md niörge beweisen. 2 

Betrachtet man die Verteilung der Formen genauer, so fällt 
im Dep. Herault ein schmaler Streifen mit stimmhaften Gebilden 
auf: dimendze, mandze, rmindze in Ort 777, 757,^ der zwischen 



* Auch hier können die Verhältnisse im Osten keine Berücksichligun;^ 
tinden, da hier vielfach schriftfrz. Einflufs eingewirkt haben mufs. Es wird z. B. 
verwundern, dafs dort *mentionica K. 836 metisottges nur in stimmhafter Form 
erscheint, während die dominicu K. 405 dimanche und manicu K. 805 le 
manche bis auf einige Grenzorte stimmlos sind, wie auch im Schriftfrz. Alle 
Quellen und gelegentliche Zeugnisse Mist. 's sagen bisweilen anders aus. Auch 
-r_^-Formen kommen im Osten sporadisch vor und zeugen für diese Gegend, 
dafs der Explosivlaut als solcher in stimmhafter Form beibehalten blieb. Doch 
hat eine jüngere Entwicklung die Spuren fast ganz verwischt. 

2 Auch für dimentse., dimentQ^e, mitntse, 7niinty^e ist die Grenze konstant 
wie rür fetse, fetO^e. Wenn im Norden über (\i\v. fetse -GQh\&\. hinaus sich noch 
dimentse findet, so liegt Entlehnung aus der Schriftsprache vor, indem der 
alveolare Laut f durch den in den nordprov. Provinzen vorherrschenden post- 
dentalen ersetzt wurde. 

' Auch die Zahlwörter sind da stimmhaft. 



284 EVA SEIFERT, 

dimintse, miintse im Westen und dimenl/e, maiit/e, miinlfe ira O^ten 
sich einschiebt, während von inanicu die Westgrenze durch mdrge 
gebildet wird. Die stimrahai'ten Gebilde finden in nördlicher 
Richtung ihre Fortsetzung im Rouergue. Nach einiger Umschau 
ergibt sich, dafs auch diese Verhältnisse konstant sind, dafs hier 
i'ine Sprachgrenze! verläuft. Sie läfst sich feststellen an Bei- 
spielen mit Iliat-/. K. 773 Imge bietet ein analoges Bild. Nur 
fehlen da im Osten und Südwestlangedok die stimmlosen Vertreter 
wie mäntfe usw., die als frz. Lehngut betrachtet wurden, es heifst 
nur lindze. Aber lintse und linid-e decken sich in ihrer Ausdehnung 
mit den gleichgebildeten Formen von die dominicu und monachu. 

Da jener schmale Streifen mit stimmhaften Gebilden (Ort 7 7 7, 757) 
dem -ri^'^-gebiet angehört, so können die palatalisierten Formen von 
die dominicu, iitanicu, monachu sicher nicht als ältestes Sprachgut an- 
gesehen werden, vielleicht aber als eines, das älter ist als dimtntfe, 
mäntfe auf dem rechten Rhoneufer. Daher mufs eine zweite 
Überlieferungsschicht für die doinitiicn, manicu und monachu 
angenommen werden, die in ihrer Entwicklung völlig der von lincu, 
"^'stigia, *corrigia'^ gleicht. Mit Sicherheit ist diese sekundäre 
Überlieferungsschicht für das umschriebene stimmlose Gebiet 
zwischen Garonne Dordogne und dem Meer zu erkennen; östlich 
kann sie nicht über Rouergue und Dep. Herault hinaus festgestellt 
werden, da hier die Entwicklung nicht mehr mit der von lifteu 
analog verläuft. Ob noch weitere Landschaften, etwa die Gaskogne 
zu dieser sekundären Schicht gehören, soweit in ihr stimmhafte 
Gebilde vorkommen, ist nicht zu beurteilen, da auch eine ursprüng- 
liche Überlieferung zu gleichen Ergebnissen geführt hätte.3 Schwierig- 
keit bereitet inanicu in seinen stimmhaften Gebilden der Orte 777, 
757, 748, da hier eine jüngere Überlieferungsschicht nur für dieses 
begrenzte Gebiet, allenfalls noch für montfe im östl. Herault be- 
ansprucht werden müfste. Es ist bedenklich für juanicti, das nicht 
Kirchenwort ist, eine sekundäre Überlieferung anzunehmen in einem 
Gebiete, das zudem zu den ältesten Siedlungen gehört. Der Fall 
mufs ungedeutet bleiben. 

Noch ein Wort zu den Formen des östl. Dep. Herault, das 
auch -r^-gebiet ist. Hier gehört dimenife, mäntfe, nuintfe zusammen 
mit lintfe. Es ist also angängig, auch hier sekundäre Überlieferungs- 
schicht anzusetzen. Gewifs ist dies für miintfe, während dimenife 
und mnntfe einem gröfseren nordöstl. gelegenen Gebiete mit gleicher 
Lautung sich anschliefsen und ebenso wie jene als frz. Entlehnungen 
bezeichnet werden dürften, miintfe kann aber nur dem Prov. ent- 
stammen. 

Die gleiche Entwicklung, die die dominicu, monachu mit lineu 
verbindet, legt den Gedanken nahe, es habe eine Vorstufe *die 



^ Vgl. ZauD, Beih. Zs. 61 (1917) die Karte zur Vokalisierung des l. 
* Vgl. K. 1265 stne u. 337 courroie. 
» Vgl. S. 278. 



ZWEI PROBLEME AUS DEM GEBIETE DER PROPAROXYTONA. 285 

do7nintu, *moniu vorgelegen, ^ bei beiden Wörtern sei infolge 
späterer Entlehnung der Palatal im Vokal aufgegangen, ehe Synkope 
eintrat. 

Wörter auf - niii können eine doppelte Entwicklung 
nehmen. Das Hiat-y kann entweder im Nasal aufgehen, wie in 
kuji <C. (umu oder zum Reibelaut führen wie Ifti^c <C. l"teu zeigt. 
Für beide Fälle sind auch von rt'zV 0*0;«/«/«^ Beispiele zu nennen: 
lim. dimin und die angeführten dimsn^e, dimtntse usw. 

Eine mehrschichtige Überlieferung liegt vor für die 
dominicii , monachu und auf beschränktem Gebiete auch für manicu. 
Den ältesten Nachkommen genügten die Grundformen die dominicu, 
manicu, monachu: dimtrge, mdrge, murge, die jüngeren sind aus den 
gleichen Grundformen mit geschwundenem Palatal zu erklären und 
diese Gebilde wie '^die doininiu scheiden sich in ihrer Entwicklung 
zeitlich abermals. Als eine letzte vierte Überlieferungsschicht des 
Prov. können die Entlehnungen aus dem Schriftfrz. gelten. 

Im Frkprov. weicht die Form der aus Ppx. entstandenen 
Gebilde in keiner Weise von der zu k vor a charakterisierten ab. 
Auch hier ist überall Palatalisierung eingetreten. Bisweilen geht 
sie sogar weiter als für k vor e(i), so hat z. B. Ort 969 allein für 
viedicu, Ort 979 für manicu die Stufe Ö'^ 

Eine Palatalisierung des k vor u (0) ist sonst im Frkprov. 
nicht bekannt. Die Annahme, der Auslautvokal u sei infolge seiner 
untonigen Stellung zu einem palatalen Vokal etwa e geworden wie 
Auslaut-a im Pik., 3 so dafs vor einer dieser Zwischenstufen k hätte 
palatalisiert werden können, scheitert daran, dafs in der Mehrzahl 
der frkprov. Mundarten der Auslautvokal noch heute als u oder 
erscheint, während er bei Pp.K. auf -^ica zu e geworden ist. 

Da die frkprov. Formen stimmhaft sind und ihre Entwicklung 
völlig der von lineu gleicht, liegt es nahe, die zuerst von Ascoli 
gegebene Erklärung"* eines Schwundes von k in dieser Stellung 
hier festzuhalten und von manicu über *maniu zu mäzu usw. zu 
gelangen. Dabei mufs in Wörtern, deren Paenultima ein stimmloser 
Explosivlaut voranging, eine Sonorisierung desselben vor der 
Schrumpfung der Schlufssilben, die durch den Schwund des k 
zustandekam, stattgefunden haben, 5 also haereticu > *erediu >> eredzu. 
Da Erbwörter mit dem ursprünglichen Nexus di keinen Palatalen 
enthalten wie radm > rf, podiu > pyi, so ist der Fall des k wohl 
in eine Zeit zu setzen, als jener Wandel abgeschlossen war. 

Dieselbe Beobachtung wie für das Frkprov. läfst sich für das 
Frz. machen: überall ist Palatalisierung eingetreten. Typisch-pik. 

* So spricht sich auch Sütterliii Roin. Forsch. 9 (1896) S. 328 aus. 

^ So hat k vor u (0) und a in Ort 946, 957, 947 nur ö, während es vor 
e [i) sowohl durch Ö als durch z vertreten wird. Indessen bleibt ./wS^/zo K. 805 
le manche in Ort 937 hinter der allgemeinen Entwicklung zurück. 

3 Vgl. S. 279. 

^ Arch.glott.it. i (1873), S. 77 a. 2. Ob bei den Femininen ebenfalls 
ein F.1II des k angenommen werden soll, mufs dahingestellt bleiben. 

^ Vgl. Hist, Gramm. S. 105, § 123. 



286 EVA SEIKERT, 

Gebilde fehlen hier [psk geht auf das Yem. persica zurück), und 
das scheint für die Erklärung zu sprechen, die Andersson vor- 
geschlagen hat.^ e als Reflex des labialen Schlufsvokals u(o), dessen 
Natur aber nicht genau bekannt ist, sei, wenn es mit genügender 
Zungenhebung ausgesprochen wurde, affrikiert worden. Darunter 
verstellt Andersson den Wandel des ^ >■ //" vor e. Vor diesem e 
ist also im Pik. genau so palatalisiert worden ■^ wie vor ursprünglichem 
e(7), wie im Zentralfrz. vor a. Beide Male kam der Laut tf zu- 
stande. Es mufs also der aus u(o) entstandene Laut in seiner 
Färbung eine mittlere Stellung zwischen dem aus « entstandenen 
e und dem aus latein. e entstandenen e eingenommen haben. Das 
mufste geschehen sein vor der Synkope, da ja sonst die Paroxytona 
die gleiche Entwicklung mit hätten durchmachen müssen, oder man 
müfste für Paroxytona eine Rückbildung annehmen oder gar jene 
Affrikierung nach der Zeit der Wirkung des Auslautgesetzes einreihen, 
was aber sonst nicht angeht. Andersson weist endlich darauf hin, 
dafs hier Ppx. einen Zustand festgehalten haben, den Paroxytona 
vielleicht einmal durchgemacht haben, eine Affrikierung des k vor 
u{o) im Auslaut, von der sich aber Spuren heute nur noch in der 
lothr. Mundart finden {satf <C saccu usw.) 

So sind in Ppx. bisweilen die Ergebnisse des früheren Laut- 
standes gewissermafsen festgehalten und gestatten Rückschlüsse auf 
die Entwicklung älterer Zeiten. Prinzipiell ergeben diese Beob- 
achtungen verschiedentlich eine andere Behandlung des Pala- 
talen in Ppx. als in der allgemeinen Entwicklung was mit 
seiner Stellung im Wortkörper zusammenhängt. Palatali- 
sierung des /• vor a, n(o) ist eingetreten, wo sie sonst fremd ist. 
Be.stinnnend ist in gewissen Fällen der der Paenultima vorausgehende 
Konsonant und der frühere Wandel des Auslaut-« und -ti in der 
fernen Stellung vom Wortakzent. Doch hat sich über das chrono- 
logische Verhältnis von Palatalisierung und Synkope fast nichts 
feststellen lassen. 3 



' Spräkvetenskapliga Sälhkapets förhand Ungar, Upsala Universitets 
Arsskrifts 1894, S. 32 ff., indem er Lindslröm folgt, dessen schwedische Arbeit 
ich nicht habe benutzen können. Die Meinungen über Palatalisierung des k 
vor u (p) in Ppx. sind von Andersson dort zusammengestellt. Sie finden sich 
auch schon bei Philipon, Rev. Cledat t, (1889) S. 173 ff. besprochen, der gegen 
Ascolis Anschauung sich wendet. Doch sind seine Gegengründe deshalb nicht 
stichhaltig, weil sie mit prov. Material für das Frz. beweisen wollen. Meist 
ist das Suffix -aticu zum Gegenstand und zum Ausgangspunkt der Besprechung 
genommen worden. — Die verschiedenen Anschauungen sollen hier nicht 
wieder aufgeführt werden, nur sei der Hinweis gestattet, dafs -aticu nicht nur 
stimmhaft als -age , sondern auch als -ache im Afz. belegt ist. Das blieb 
l)isher unerwähnt und tiägt dorh ganz wesentlich zum Bilde der Entwicklung 
bei. Vgl. Andreas Schulze, Der Konsonantismus des Franzischen itn 13. y/i., 
Diss. Malle 1890, S. 15 und Arch. 65 (1885), S. 82, ferner Försters Ausgabe 
des Chevalier as II espees., Halle 1877, •^' I-IV. Die jüngste Äufserung zur 
Frage stammt von Stimming, Zs. 39 (191 8), S. 145 ff. 

* Vgl. die sekundäre Palatalisierung des k vor e <^a im Belgoroman. 
Sprach! , Glied. S. 23. 

3 Vgl. S. 270. 



ZWEI PROBLEME AUS DEM GEBIETE DER PROPAROXYTONA. 287 

II. culfnine, examine, euere, pedore usw. als Akkusativ. 

Nur culmiiie, examine u. a. ähnliche Gebilde können Grundlage 
für gewisse rom. Gebilde sein. Es gilt, sie als Akkusativ zu recht- 
fertigen. 

Der Übergang der Neutra in die Deklination der Maskulina 
war eine häufige Erscheinung im Vulgärlatein. 1 In Bezug auf die 
7;-Stämme ist Meyer-Lübke lange dabei geblieben, den alten latein. 
Akk.-Nom. cuhnen, examen als Substrat anzusetzen. 2 In der Hist. 
Gramm. S. 145 § 184 gedenkt er des früheren Falls von ;/ bei 
novmi, flumen. Doch ergeben sich ihm aus dieser Annahme eine 
Reihe von Schwierigkeiten, und es gelingt nicht, „die wider- 
sprechenden Formen", namentlich die des Logudor. und Gask. zu 
erklären. ^ 

Einzelne Beispiele der «-Silben wie prov. verme, ital. vennine 
werden von AscoH auf folgende Weise gedeutet.* Er erschlofs 
auf Grund des latein. Ntr. plur. vermina 'Leibschneiden', *vermen 
als Nom. Sing, neben vermis und berief sich dabei auf schon im 
Latein, vorhandene Doppelformen wie sanguis, sanguinis m. und 
sanguen, sanguinis n.; pollis, -inis m. und poiien, -inis n. Zu vermen 
niufste der Ablativ ver?nine lauten und von ihm konnte Ascoli 
ilal. vermi^ie, prov. verme 'Wurm' u. a. ableiten. So erhielt er 
Doppelformen im Vulgärlat. vermis, -is und ^vermen, verminis. 
Weitere Beispiele beweisen, dafs -m- als flexivisches Element an 
Ausdehnung gewann. 

Gegen diese Darlegung Ascolis, die Meyer-Lübke annimmt,^ 
läfst sich einwenden, dafs der Ablativ, auf dem Ascoli seine Formen 
aufbaute, schwerlich im Vulgärlat., d. h. zur Zeit als das Kasus- 
system in Verfall geriet, so häufig angewandt wurde, dafs er ein 
so reiches Fortleben fand. An dem Vorhandensein von Formen 
wie vermitie, sanguijie ist allerdings nicht zu zweifeln, nur wird man 
sie als Akkusative bezeichnen müssen. 6 

Genau wie verinine Akk. zu *vermen war, konnte auch ein Akk. 
nomine zu nomen gebildet werden, da die Neutra in die Flexion der 
Mask. übergeglitten sind. Auch vom rein flexivischen Standpunkt 
aus ist ein Akk. nomine zu einem Nom. nomen keine undenkbare 
Verbindung, fand sich doch die gleiche Verteilung einer Kurz- 



^ Vgl. Gräbers Grundriss der roman. Philologie 1-, Strafsburg 1906, 

s. 482, 55. 

'•^ Und scheint das heute noch zu tun, für Gallien besonders in '/A4r 
Kenntnis des Altlogiidoresischen, Sitzungsberichte der Wiener Akademie 145 
(1902) S. 15 ff., und Schicksale des latein. Neutrums im Roman., J lalle 1875. 
S 71 ff., Rom. Gramm. II, S. 15, § II. Jud führt prov. Tenne ebenfalls auf 
vertnrii zurück, Arch. 124 (1910) S. 404. 

^ Rom. Gratnm. II, S. 15, § 11. 

< Arch. glott. it. 4 (1878), S. 398— 402. 

^ Ro7H. Gramm. H, S. 21, § 16 u. Einf. S. 165, § 159. 

* Diese Auffassung hat offenbar auch Meyer-Lübke nach Ron. Gramm. II 
8.273., obgleich er S. 21 den Genitiv zugrunde legt. 



288 EVA SEIFERT, 

und einer Langform noch bei andern Mask. und Fem. homo, homine, 
peclen, pectlne, plantago, plaiitagine, comes, c07iiite u. a. Leicht konnte 
dalier die Vorstellung entstehen, dafs einer Kurzform als Nom. 
eine Langforra als Akk. zugehöre, und überdies wurde die 
Akkusativform noch bei allen Beispielen, auch bei den Neutris, 
durch das Vorhandensein der Langform im ganzen Plur. unter- 
stützt. Es läfst sich daher nicht bestreiten, dafs alle rom. Formen, 
die einen Typ wie nomine voraussetzen, auf den Akk. zurückgehen. 

So bestehen sowohl Formen, die dem flexivischen Ausgleich 
der Mask. und Ntr. ihr Dasein verdanken wie nomine als auch 
solche, die durch Weiterbildung mit dem Infix -in- entstanden 
sind, und diese beiden Bildungsmöglichkeiten führen in gewissen 
Fällen zu derselben äufseren Wortform. 

In welchem Umfange Langformen in der Romania sich durch- 
gesetzt haben und welchen rom. Sprachen sie zugrunde gelegt 
werden müfsten, ist hier nicht der Ort zu entscheiden. ^ Man wird 
aber nicht umhin können, daneben dem alten Akk. nomen ein Fort- 
leben zuzusprechen. 2 

Sieht man sich die Verteilung der Kurz- und Langtormen 
— diese Bezeichnung sei der Kürze halber gestattet — in Süd- 
gallien an, so bleibt merkwürdig, dafs bestimmte Mundarten — 
namentlich Gaskogne und Provence — sich für die Langform vermine, 
ligamine >> Vtrme, ligdme, andere für die Kurzform vermis, ligamefn) 
> ver(p), ligä(m) erklärt haben. Eine solche selektive Tendenz 
mit soviel Konsequenz läfst sich aber bei den Mundarten schlechter- 
dings nicht voraussetzen. 

Sollte man da nicht auch einmal die Frage aufwerfen, ob etwa 
prov. nö(7n), eisä(m) usw. auf einen Akk. nomine, exarnine zurück- 
gehen könnten? Die Annahme, dafs gewisse Ppx., hier solche 
deren Paenultima einst zwischen m und «, also zwischen hom- 
organen Konsonanten stand, frühzeitig vor dem Auslautgesetz 
Synkope eintreten liefsen, hat nichts Ungewöhnliches an sich. 
Einen analogen Fall bietet peäitu >> pet REW 6358, nitida > net 



* Dazu müfste reiches mundartliches Material zur Verfügung stehen. 
Doch wild mau für logudor. lumene und span. numbre nomine ansetzen dürfen. 
Diese Auffassung teilen fürs Span, aufser Schuchaidf, Zs. für vergleichende 
Sprachforschung 22, S. 175 noch R. Menendez Pidal, Manual eletnental de 
gramdtica histörica espaTiola, Madrid 1904, S. 33, § 14, S. 78. (Jedoch setzt 
er S. 88 nomen an und spricht S. 43 vom Stützvokal, also nomen'^ nomn -\- e) 
und Fr. Haussen , Spanische Grammatik auf hi stör. Grundlage , Halle 19 10, 
S. I3r. Anders V. Garcia de Diego, Elementos de gramdtica histörica 
castellana, Burgos 1914, S. 42, der lumen^ lumne gibt. Meyer-Lübke hat 
sich neuerlich zum Problem nicht geäufsert. Früher, Zur Kenntnis des Alogudor, 
S. 16 (vgl. S. 287, a. 2) setzte er 7iomen ]> nomne ^ 7iombre an. 

^ Und zwar nach frz. nom, ital. port. twme , rum. nume. Meyer-Lübke, 
Rom. Gramm. H, S. 15, § II neigt dazu, allen Formen nomen zugrunde zu 
legen, <? in \og\i(^. flumine bezeichnet er als epithetisch, betrachtet es also 
nicht als flexivisches Element. — Warum bezeichnet er REW. 3388 flumine 
als Buchwert, aber istamine zu 8220, ramine zu 242, 2 u. a. nicht? Zu 3835 
ist logud, ramen ohue e gegeben. 



ZWEI PROBLEME AUS DEM GEBIETE DER PROPAROXYTONA. 209 

5929 u. a. Ähnlich sprach sich Ascoli in bezug auf das Frz. und 
Prov. aus, der auch von nomine ausging, aber darin wie erwähnt 
den Ablativ sah, - 

Nun würde sich allerdings nach prov. nd(m), eisä(ni) eine Basis 
nome(n), exame(n) rechtfertigen lassen; aber frühsynkopiertes *nomne, 
*exanine, *stamne führten genau so zu aprov. no7n, ei'ssavi, estavi und 
estan wie damnu, scamnii, somnu zu aprov. dan escan, som und jo«,- 
also in beiden Fällen Doppelformen. So wird es möglich sein, 
wenigstens für das Prov. solche Akkusative wie nomine anzusetzen. 
Dieser Ansicht ist auch Sarrieu.3 

Nur eines bereitet noch Schwierigkeiten. Die «-Silben haben 
im Prov., wenn nicht gerade -a Auslautvokal war, mit grofser Regel- 
mäfsigkeit Apokope erfahren: asiriu > äze , cassanu >> käse u. a. 
Nimmt man für nd(m), eisä(m), *nomne, *examne mit besonders früher 
Synkope als Vorstufe an, so stehen diese als synkopierte Beispiele 
der «-Silben vereinzelt. Zugunsten der Annahme früher Synkope 
würde die Homorganität der die Paenultima umgebenden Konso- 
nanten sprechen, ferner der Umstand, dafs im Aprov. bei diesen 
Beispielen niemals n im Auslaut erhalten geblieben ist wie bei 
caser <C cassanu u. a. n als r. 

Für das Frz., dafs danmu zu afrz. dam und dämme, sommi > 
sä und som,^ scamnu >» afrz. echaine entwickelt, kann die Hypothese 
der frühen Synkope nicht unbedingt Anwendung finden. 

Aber im Prov. ist die Verschiedenheit von gask. nümi und 
ostprov. ligämi gegenüber gemeinprov. nd(m) , liä(n) in einer 
verschiedenzeitlichen Synkope zu erblicken. Dabei bleibt 
das von Ascoli angeschnittene Problem der Erweiterung durch 
flexivisches -/«- für gewisse Wörter unberührt bestehen. Die An- 
nahme einer solchen verschiedenzeitlichen Synkope gewährt die 
gröfste Freiheit zur Erklärung der Formen, die auch in den Mund- 
arten nicht streng gleichmäfsig auftreten. 

Während Meyer-Lübke bei den Neutren auf -ett nur für gewisse 
Beispiele einen Obliquus oder Akkusativ auf -ine ansetzt und zwar 
für die Fälle, da -in- als flexivisches Element auftrat, ist er bei den 
Neutralstämmen auf -er, -»s von vornherein geneigter den Übergang 
ihrer Flexion in die der Mask. anzunehmen.-'^ Bei einzelnen Bei- 
spielen nimmt er im REW die Langform sogar im Stichwort mit 
auf, so 3555 /uigure, 1900 cicere, doch fehlt pipere, pectore, carcere 
u. a. Auch hier bestanden Lang- und Kurzformen pectore neben 

* Arch. glott. it. 2 (1876) S. 433. 

' Vgl. HK. 17 12 sommeil für sö(n) <C somnu Das Frkprov. geht mit 
dem Frz. 

^ Rev. lang. ro?n. 46 (1903), S. 322. 

* Vgl. a. 2 und Hist. Gramm. S. lOl, § lijf. 

^ Rotn. Gramm. II, S. 19, § 14, Ein/. S. 166, § 161. Weiter geht Ascoli, 
Arch. glott. it. 2 (1876), S. 422, der sogar ein airz. *corvre <i corpore annimmt, 
das aber ausgestorben sei und unter Einflufs von mors die Form cors an- 
genommen habe. 



Zeitschr. f. rom. Phil. XLII 



19 



290 EVA SEIFERT, ZWEI PROBLEME AUS DEM GEBIETE ETC. 

pectus, und beide haben eine Zukunft gehabt. 1 Ja, es wird im 
Einzelfall schwierig sein, zu entscheiden, ob piper, cicir oder piptre, 
cicere anzusetzen sei. 2 Das Frz. ist hier nicht mafsgebend, da hier 
auch quatuor >> quatre, daher >> dacre, auch das Prov. nicht. Doch 
wird eine die Mundarten berücksichtigende interromanische Arbeit 
die Forderung einer Langform bestätigen. 

Eva Seifert. 



^ Vgl. REW. 6335 xwm. piept mit s.?^voy. petre u. a. 

* So steht REW. ceüe bei cicer, Hist. Gramm. S. 141, § 177 bei cicere. 



La vespa e il suo nido nelle Lingue romanze. 

Assolvo qui in parte la promessa ch' io ebbi a fare or non 
e molto, occupandomi dei nomi deli' ape e dell' alveare i ; dico in 
parte, perche non mi e dato per ora di Studiare i nomi che ho 
raccolto del calabrone. Di questo insetto si hanno delle varieta 
molto dissimili tra loro che il popolo spesso distingue « designa 
con nomi diversi, senza pero rendersi conto, com' e naturale, dei 
loro corrispondenti scieniifici. Per questo la ricerca e difficile e 
spesso ci lascia incerti sul valore delle singole voci: infatti per 




Fig. I. 

Vespa crabro. 




Fig. II. 

Xilocopa violacea. 




Fig. III. 
Bombus terrestris. 



esempio 1' it. lett. 'calabrone'' indica tanto la vespa crabro (v. Fig. I), 2 
quanto la xilocupa violacea (v. Fig. II), quanto il bombüs nelle sue 
numerose varietä (tekrestris [v. Fig. III], hortorum, muscorum, 
sylvarum ecc); il francese lett. distingue tra 'freloii' (vespa crabro) 
e ^hourdon'' (bombus terrestris), ma non ha un nome particolare 
per la xilocopa violacea. Bisognerebbe poter attingere in ogni 
caso direttamente dalle fonti orali e mostrare a queste le varie 
specie d' insetti che c' interessano, ma ognun vede quanto sia 
complicata per non dire impossibile la ricerca condotta in questo 
modo. Quindi mi limito a dare i nomi della 'vespa' e del 'vespaio', 



^ 'Z' ape e Valveare tielle lingue rumajize'', Pisa, Mariotti, 1919. Cito 
questo mio opuscolo con la sigla Ape e Alv.\ le fouti di cui mi son valso per 
questo articolo sono prcisappoco le stesse che mi scrvirono per 1' articolo 
precedente. Ricordo pcrtanto che col nome dell' autore designo i vari 
dizionaii dialettali da cui ho atiinto, e che accompagno con le .sigle Voc. Sv. It., 
All. e Atl.C, i materiali derivati rispetlivamente dallo schedario per il Voca- 
holario della Svizzera Italiana, dall' Atlas lingitistiqiie de la France e da 
quello de la Corse. La sigla com. indica che la voce mi fu comunicata dai 
miei cortesi informatori; a quesli si agijiunge ora il Dott. Adriano Garbini di 
Verona e il Prof. Dr. K. Jaberg dell' Universitä di Berna i quali ringra/.io 
di cuore. 

2 Debbo le illuslrazioni del mio articolo alla cortesia della Sign^. Prof. 
Della Chiostra e dell' Ing. Giulio Buoncristinni; all' una e all' rdlro vadano le 
mie "razie vivissimc. 



X9' 



2q: 



GINO BOTTIGLIONI, 



augnrandomi di polere col tempo, non solo esaunre il corapito 
che mi ero prefisso, ma anche tentar di risolvere i problemi bio- 
logici e genealogici che riguardano i nomi di cui mi occupo. I 
materiali che sono oggi a rnia disposizione non mi consentono di 
farlo con quella sicurezza che vorrei; tali studi inlatti, quando si 
voglia evitar d' innalzaie un edificio vacillante perche fondato su 
di un processo d' induzioni e deduzioni arbitrarie, richiedono iina 
larga base di dati esattissimi la quäle per ora mi manca. 



La vespa (vespa). 

La vespa, come il calabrone, comprende parecchie varietä (vhspa 

VULGARIS [v. Fig. IV] , GERMANICA [v. Fig. V] RUFA , SYLVESTRIS, 

POLiSTES GALLiCA [v. Fig. VI], ecc), ma queste, tanto per la forma, 
quanto per le dimensioni e per il loro modo di vivere, non difte- 
riscono molto 1' una dall' altra, sieche soltanto 1' entomologo sa fare 
le debite distinzioni; il popolo confonde tra loro le specie e le 




Fig. IV. 
Vespa vulgaris. 



Fig. V. 
Vespa germanica. 



Fig. VI. 
Polistes gallica. 



indica tutte con un sol nome. Anche per la vespa si puo ripetere 
quello che osservai gia a proposito deli' ape : le denominazioni con 
cui si designa il nostro insetto, pur tanto caratteristico e diffuso, 
non rispecchiano in generale le sue peculiaritä piü evidenti (la 
conformazione del corpo, le abitudini di vita, la ferocia, ecc), 
giacche il nome latino si e diffuso e mantenuto saldamente quasi 
dappertutto. 

Sono tuttavia notevoli nei dialetti sardi, nel lorenese e nel val- 
lone, alcuni casi di fusione di vespa -\~ apis ai quali si hanno dei 
bei riscontri nelle voci che indicano 1' ape e che giä misi in rilievo ; ' 
come pure di contro ai nomi dell' 'ape' derivati da quelli del- 
r 'alveare',2 abbiamo, in alcuni dialetti della Francia, quelli della 
'vespa' derivati dal 'vespaio'. Mentre nelle parlate d' Italia ha 
una certa diß^usione 'vespa' usato a indicare 1' 'ape ',3 il caso con- 
trario ('ape' per 'vespa') si riscontra isolato a Levanto, a Bari e 
in qualche dialetto provenzale. I nomi della vespa derivati da 
quelli di altri insetti (come 'fuco', 'calabrone', 'mosca') sono del 



' V. Ape e Alv., pag. 28. 
2 Ib., pp. 34—35. 
^ Ib., pag. 28. 




LA VESPA E IL SUO NIDO NELLE LINGUE ROMANZE, 293 

runieno e di poche parlate della Francia, piu che altro della Pro- 
veiiza, laddovc, specialmente neu' emiliaiio, hanno una cetta diffu- 
sione i deiivati di asilus che, in moUa parte dcl territorio roinanzo, 
indica il 'tafano'. Soltanto in due localita (a Novellara e a Parma), 
ho trovato due nomi che accennano alla forma della vespa: navon- 
zin e timoiizen riavvicinano certo, nell' immaginazione del popolo, 
r ape alla nave, ma mi par difficile stabilire in modo sicuro se il 
riaccostamento delle due idee avviene direttamente, oppure per 
mezzo di un intermediario. 'Navicella' e diflfusissimo 
nei dialetd itahani per indicare la 'spola' (cfr. 
anche il fr. 'navette') e la forma allungata, rigonfia 
nel mezzo e sottile alle estremita della vespa 
richiama tanto quella dello scafo di una nave, 
quanto quella della spola. A chi osäervi come la 
vespa suole interrompere bruscamente il suo volo 
per battere contro un ostacolo e pungere e quindi 
lornare rapidamente indietro, quasi rifacendo in 
seuso contrario il cammino giä fatto, si desta subito 
r immagine della spola che scorre con moto uniforme 
da un capo all' altro della tela; pero il trovare il norae della vespa 
adoperato a indicare una specie di battello (v. p. 304. n. 7) ci fa 
pensare che il nostro insetto abbia potuto direttamente suscitare 
1 immagine di una piccola nave, di cui le vele potrebbero essere 
raffigurate nelle ali in posizione di volo (v. Fig. VII). 

I. vespa: 

A. 

I. x\x\Vl. yaspa — ; Rabins la viäspa com., Lenz las v§'aspras 
ib., Erto, Fassa bespa, Vigo bespp, Buchenstein, Ampezzo vHpa, 
Badia S. Leonardo cespa, S. Vigilio ßpa, ixm\. jhpe {gespe), Muggia 
biespa — ; Breno ra vesp§ Voc. Sv. It., Mergoscia er vespa ib., Van- 
zone (Ossola) vlspa ib., Vogogna (Ossola), Gandria, Lamone, Caviano, 
Cugnasco v^xpa ib., Crealla (Canobbio), Rovio, Viggiü vespa ib., 
Palagnedra-Moneto, Loco, Anressio, Minusio, Brissago, S. Abbondio, 
Peccia, Broglio, Cavergno Bignasco, S. Antonio (V. Morobbia), 
Dalpe, Viganello, Torriceila, Stabio, Baierna, Riva S. Vitale la vespa 
ib., Crana la vespaa ib., Russo, Linescio, Menzonio, Carasso, Faido, 
Giornico la v§spa ib., Cavigiiano, Campo V. Maggia, Valsolda 
v§spa ib., Certenago, Roveredo (Mesolcina) la v§spa com., ^ Soazza 
(Mesolcina) la v^spa (plur. -}n) ib., Ascona la vespa Voc. Sv. It., 
Bedigliora (Malcantone) vespa (plur. vesp) com., Roveredo (V. Ga- 
priasca) vespa (plur. vespe) ib., Mesocco, Bedretto vespa ib., Golino 
la vespa Voc. Sv. It., Locarno vispa ib., Maggia, Rossura, Pura 
vespa ib., Gerra Gamb. vespa ib., Osco, Rivera, Malnate (Varese) vespa 
ib., Soragno ra vespa ib., Valvestino bespo"^ Battisti in Sitzmigsb. 



* Devo qiieste e nnmerose altre voci lad., prov., franco-prov. e piem. 
alla sqiiisita cortesia fiel Fiof. Dr. K. Jiil-'Ors; di Berna. 

* Accanto a bfspto. 



294 GINO BOTTIGLIONI, 

Kais. Akad. CLXXIV, 47, rail. vespa Banfi, bcrgam. besla, Tiraboschi, 
1 resc. crem, vespa Melchiori 315, Fuiiiagalli 377; pav. i^espa Manfredi, 
Corteolona, Sannazzaro de' Biirgondi, Canneto Pavese, Mirabello, 
Mezzanino Po, Feirera Erbognone, Bressana Bottarone, S. Cristina, 
Albuzzano, Pieve Albignola, Tromello, Valle Salimbene, S. Leonardo, 
Gattinara, Stradella, Ca della Terra, Travaco Siccomario, Torre del 
Mangano, Pancarana b v§sp3 (plur. i v^sp) com., Casteggio, Battuda, 
Castel Rotto, Pinarolo Po, Montepagano, Somrao Lomellina, Spessa, 
Villanterio, Mirabello la 7'^spa (plur. / vpp) ib., Voghera, Vigevano 
ra T'^spa ib., Piacenza, Forli vhpa; piem. vespa, valses. vespa, Viverone, 
Bresso, Traversella, Rueglio, Feletto, Perosa Argentina, Casalo Monf., 
Pozzolo (Aless.) v^spa com., Torino, Chieri, Cuneo vespa ib., Locana 
vespa ib., Ivrea nespa, Tortona v^sp3 ib. ; Genova e prov., Chiavari, 
Monterosso a! mare vespa ib. — Sard. : Lanusei ^^j/a, Tempio vespa 
ib., Calangianus espa ib., Sassari vUpa Atl. C. 789 — venez. arc. hespa 
Parodi in Ro. XXVII, 222, contado bell, hespa ib.„ Malcesine (Verona) 
hespa com., Venezia, Verona, Treviso, Trentino vespa ib., Udint-, 
Cividale gespe (plnr, gespis) ib., Chiesanuova guespa ib., — Corso : 
vespa, hespa, whpa Atl. C. 789. — Aquila, Pescocostanzo, Chieti, 
Lanciano vespa com., Sannio vespa Nittoli, Sora ti^spa Merlo, 
Fon. del. dial. di Sora in Ann. Univ. Tose. IV, 185; S. Severe (Foggia), 
Ugento (Lecce) vespa com., Andria vespe, Lecce espa', Melfi 
(Potenza) vespa; calabr., Reggio Cal. ; Mandanici, Graniti, Girgenli, 
Catariia, Trapaui vespa com., Piazza Arraerina vespa Roccelia, 
Geraci siculo v^spa com. — Roma vespe com., Velletri, Tivoli, 
Caniuo, Corneto Tarquinia vespa ib., Castro dei Volsci vespa, Subiaco 
^spa', Perugia, Pozzuolo, Spoleto, Sanpatncchio vespa com. — Pisa, 
Chianni, Volterra, S. Vivaldo, Piancastagnaio, Gaiole, Arezzo, Seravezza 
vespa ib. — ; Groscavallo, Mondrone vespa ib., Ceresole Reale la 
vefa ib., Ayas vepe Atl. 672, Courmayeur, Aoste, Chatillon, Cliam- 
porcher, Thones (H.-.Savoie) vepa ib., Oulx, Lanslebourg (Sa\'oie) 
gepd ib., Maisette gepo ib., Bobi g^spa ib.; Geneve gepa com., 
S. Maurice gepa (antiq. uepa^ Atl. 672, Gingins gepa ib., Neuchätel 
voiicp com., Nendaz, Chäble, Bourg-S. Pierre, Gruyeres, Echallens 
uipa Atl. 672, Les Ponts-de-Martel, L'Etivaz uepa ib., Estavayer, 
Belfaux, Billens vuipa ib., Vevey dyepa ib., Le Brassus gypa ib., 
Fribourg vouepa [vouepa) com., Le Pont vuepa Atl. ^12,, Lens, Evo- 
lene tiefa ib., Vissoye ueifa ib.; Pringy (H.-Savoie), Plaisia (Jura), Lent, 
Villars-en-Dorabes (Ain), Morestel (Isere) gepa ib.. Hon. giiipa (guepa)^ 
Puitspelu, La Biolle (Savoie), Gilley, La Riviere (Doubs), Morbier 
(Jura), Surjoux, Torcieu (Ain), H.-Savoie"^ uepa Atl. 672, Avoudrey 
(Doubs) u^p ib., Montain (Jura) ijep ib., Gatey (Jura) gep ib., 
Mouchard, S. Amour (Jura) gepo ib., Vaux-lez-Molinges (Jura), Brion 
(Ain) vuepa ib., Ni^y (Jura) dyepa ib., Replonges (Ain) giepo ib., Savoie 3 



^ Accanto a iona. 

^ A Pringy dicono ^epa, a Thones, vepa. 

" A T-a Biolle dicono uepa, a Lanslebourg, gepa. 



LA VESPA E IL SÜO NIDO NELLE LINGUK ROMANZE. 295 

ve'pa ib., S. Priest, Lc Bourg-d' Oisans (Isere) ge'pi ib., Sasseijage 
(Isere) gepi ib., i\Ionestier-de-ClL-rmünl (Isere) g^ipo ib. — , Nort- 
Leulinghem, Bainchtuni (Pas-de-C), Fort-MardycK, Glageon (Nord), 
Lancheres, Bouttencourt, Breilly, Oneux (Somme), Quincampoix, 
Achy, Plainval, Allonne, S.-Martin-Longueau (Oise) u§'p Atl. 672, 
Bois-Jean (Pas-de-C), Le Chätelet (Arden.), Valleroy, Jaulny, Mailiy, 
Moncel-sur-Seille (Meurtheet-M.) uep ib., Courcelles-Chaussy, Ver- 
denal ivcf Horning in Fr. St. V, 122, Centre ^1^^ Rolland III, 271, 
Thieulain, Haraucourt (Arden.), Talmontiers (Oise), Bare, Brcux 
(Eure), Suippe,s, Hiüron (Marne), Thonne-les-Pres, Eix (Mause), 
Thil, Sexey-aux-Bois (Meurthe-et- ..!.), Champlitte^ (H.-Saone), La- 
mancine, Coiffy-le-Haut, Cüur-l'eveque (H. -Marne), Aube,^ Molinons, 
Maligny, Cruzy-le-Chätel (Yonne), Eure-et-L., Orne,^ Villerville, 
Beuvron-en-Auge, La Ciiapelle-Yvon (Calvados), Creances, Ponts 
(Manche), Uzel, Le Loscouet (Cotes-du-N.), Ille-et-V. ^ L'Ile d'Yeu, 
Avrille (Maine-et-L.), Indre-et-L., 6 Loir-et-C. '', Gissey-sous-Flavigny, 
IMattrois, S. Martin-de-la-Mer, Morey, La Rochepot, Mirabeau-sur- 
Beze (Cote-d'Or), Nievre,* Culan (Ciaer), La Vernelle, Chaillac (Indre), 
Saone-at-L. 9, Allieriof^/» AlLöji, Grandpre (Arden.), S. Pol-sur- 
Ternoiseli (Pas-de-C), Martigny-en-Thierache, Dizy-Ie-Gros, Suzy, 
Charteves, Sains-Richauraonti^ (Aisne), S. Christophe-sur-Conde i3 
(Eure), Le Plessis-Piquet (Seine), Courtisols i* (Marne), Arrancy 
(Mause), Crepey (Meurthe-et-M.), Poilly (Loiret), S. Jean-la-Poterie 
(Morbihan), Boesse-le-Sec, S. Pierre-du-Lorouer (Sarthe), Avot-Ie- 
Grand, Esbarras (Cote-d'Or), Guesnes, Dissay (Vienne), S. Claud 
(Charente) g^p ib., S. Lager (Rhone) gepa ib., Chazelles (CharenLc) 
gepo ib., Velu (Pas-de-C), Vrely, Jumel (Somme) vöp ib., Marne 
voepe Rolland III, 270, Bussang vef Horning in Fr. St. Y, 122, 
Bayaux, picard. vepe, vepe Rolland III, 270, Vagney, Vosges vecpe 
ib., Isbergues, 1^ Baincthun, '6 Torcy, Teneur, Pierremont, Rame- 
court, Verquigneul, Ligny-S. Flochel, Manin, Roeux (Pas-de-C), 
Bruille-S. Amand (Nord), Vermand (Aisne), Bussy (Oise), Auderville, 
Sainte Genevieve (Manche) vgp All. 672, Pont-Hebert (Manche), 
Le Val-d'Ajol, Ramonchamp (Vosges) vep ib., vallone e loren. ives 



* Accanto a \^p. 

2 Esiste anche una forma ant. vcpr. 
'AS. Etienne dicono iep, a Auxon, 'gigp- 

* A Avoines dicono "giep. 

2 A La Gouesniere dicono geip. 

® A S. Benoit si dice gi^p. 

'AS. Ouen dicono gepr. 

8 A Oudan si dice dy^pr. 

^ A Beaubery dicono pti^t gepy, a Davaye, gifp. 
'° A Beaulon dicono gijpra, a Vesse, ptit ion, a Theneuille, ^fp. 
'* Dicono anche v^p — vfp. 
"^ Dicono anche mus puidrön. 
'8 Dicono anche vrep. 
^* Dicono anche iwp voce antiq. 
1^ Dicono anche gärikii. 
'* Dicono anche tj(p. 



296 GINO BOTTIGLIONI, 

Horninj; in ZKPh. XVIII, 230, Bliensbach, Gerardmcr, Freland, 
St. Marguerite rvp^ Horning in F'r. S/. V, 122, La Poutroye wes' 
ib., Belmont, St. Blaise la Roche, Fouday ives' ib., Mons itessc, 
uec/ie, zvesse Rolland III, 271, Warerame, Beaufays, Dolhain, 
Mesvin, Gordarville, Sclayn, Tiiirimont, Hanzinne, Bonnal-lez-Durbiiy, 
Vielsalm u^s AU. 672, Lessines, Grupont, S. Pierre uasp'^ ib., 
Wavre, Anseremme, Gedinne, Aublain, «p/i ib., Bouillon uäs ib., 
Chiny, Vance, Surmonne, Charbogne, Haraucourt^ (Arden.) uap 
ib., Franche-Comte, Lorraine, Champagne vekhe, vßsse, vomsse, 
oueche, ouhse Rolland XIII, 41, Haybes (Arden.) uas Atl. 672, 
Beaubec-la-Rosiere3 (Seine-Inf.), Blangy-sous-Poix^ (Somme), 
S. Pierre -Port, Noyal-Muzillac, Loyat (Morbihan), Noirmoutier, 
S. Benoit (Indre-et-L.), Sillards (Vienne), Voultegon, Chef-Boutonne 
(D.-Sevres), Chassors (Charente), Davaye (Saone-et-L.) gi^p ib., 
Linthes (Marne), ^ Auxon (Aube), Moutiers (Yonne), Avoines (Orne), 
Quetteville (Manche), Plouvara, Plevenon, Noyal (Cotes-du-N.), 
Credin, Plumelec (Morbihan), Mayenne, Domfront- en- Champagne, 
Villaines-sous-Malicorne (Sarthe), Loire-Inf. 6, Bouzille, Chaze-sur- 
Argos, Chcmille, Soulanger, Boce (Maine-et-L.), Berry-Bouy, Bue, 
Bruere (Cher), Chcrmignac, Guitinieres (Charente-Inf.), Yviers (Cha- 
rente), Cours (Rhone) giep ib., Bully (Rhone) giepa ib., Varennes 
(Somme) veöp ib., Jaulzy (Oise) vti0 ib., Ormoy-la-Riviere " (S.-et- 
Oise) dj^p ib., Longueville, Chenou (S.- et -Marne), S. Germain-le- 
Prin^ay, Charzais, Saligny (Vend6e) dy§p ib., La Celle-S. Cyr (Yonne), 
La Ferriere-Harang (Calvados), S. Clement (Manche), Flavigny (Cher), 
Pouligny-S. Pierre, Argenton (Indre), Oroux, Le Breuil- Bernard 
(D.-Sevres), Clavette (Charente-Inf.), Angeduc (Charente) dyep ib., 
Gommecourt (S.- et -Oise) gip ib., Reims gouepe Rolland III, 270, 
Igney (Meurthe-et-M.) uöp Atl. 672, Courtisols (Marne) uöp (voce 
ant.)8 ib., La Petite-Raon (Vosges) uip ib., S. Etienne (Aube), 
S. Genou, Neuvy-Pailloux (Indre) üp ib., Saintonge yepe Rolland 
111,271, Jort, Feuguerolles-sur-Orne (Calvados), Trevron (Cotes- 
du-N.) g^ip Atl. 672, La Gouesniere (lUe-et-V.) geip ib., Vienne 
jaipe Rolland XIII, 27 1, Blanzay (Vienne), Varaize (Charente-Inf.) 
giepe Atl. 672, Ligug6, Millac (Vienne), Sainte-Marie, S. Groux 
(Charente) ga§p ib., Prisse, Echire (D.-Sevres) diap ib., Pamproux 
(D.-Sevres), Triaize (Vend6e) dia§p ib., Givraud (Vendee) djip ib., 
Talmont (Vendee) diip ib., La Verrie (Vendee) giaep ib., Cabariot 
La Tremblade (Charente-Inf) hiep ib., La Cotiniere hi0 ib., S. 
Symphorien-sur-Coise (Rhone) gepi ib. — prov. vespa^ Raynouard 



^ V'. Gillieroii , Gen.., pag. I40. 
'^ Dicono anche gep. 
^ Dicono anche v(pr. 

* Dicono anche u^p. 

^ Dicono anche vu^p (voce aiit.). 

* A Suce dicono giaep. 

' Dicono anche m^is diet. 

* Dicono pixa comunemente g^p. 

* Accanto a vespo e guespo Azais II, 385 e III, 684. 



LA VESPA E IL SUO NIDO NELLE LINGUE ROMANZE. 297 

V, 527, Allanche (Cantal), Puget-Theniers (B. -Alpes), S. Sauveur, 
Fontan, Menton 1 (Alpes-INI.) v§spa AiLb"]!, Vernante, lAmonc v^spa 
com., Var vppo Mistral, Tresor II, 107, Coussac-Bonneval (H.-Vienne) 
g^ipo Atl. 672, Chäteau-Ponsac^ (H.-Vienne), Pontgibaud, Mont-Dore 
(Puy-de-D.), S. Savin, Abzac (Gironde) gep ib., Eymoutiers (H.-Vienne) 
gä0i ib., Limoges (H.-Vienne) gä^po ib., S. Quentin (Creuse) diöps ib., 
Lavaufranche (Creuse), Langogne (Lozere) gepd ib., Biarritz (B.-Pyren.) 
g^p9 ib., Cressat (Creuse) giepo ib., S. Dizier (Creuse) g^ipo ib., 
S. Eloy-les-Mines, Thiers, Ambert (Puy-de-D.), Riotord (H. -Loire), 
Merlines (Correze), Vion (Ardeche), Castillon (Ariege) gepo ib., Pral 
(Vald.) gepo com., Ennezat, Monton (Puy-de-D.), Seilhac (Correze), 
Laguiole (Aveyron), S. Nazaire-en-Royans, Chabeuil (Drome), Mar- 
tigues (B.- du -Rhone), Agde (Herault) g^o Atl. 672, S. Germain- 
Lembron (Puy-de-D.), S. Chely-d'Apcher (Lozere), Aramont, Fourques 
(Gard), Vaucluse, Moissac (Tarn-et-G.), Sigean, Rivel, Axat (Aude) 
gespo ib., V^lines (Dordogne), Seyches, Sainte-Livrade, Aiguillon 
(Lot-et-G.), Villefort (Lozere), Les OUieres, Burzet, Vogüe (Ardeche), 
Die, Marsanne, Luc-en-Diois, Nyons (Drome), Aiguilles, Guillestre, 
Veynes (H.-Alpes), Barjac (Gard), Courthezon, Villelaure (Vaucluse), 
S. Etienne-les-Orgues, Mezel (B. -Alpes), S. Maximin (Var), Eyguieres, 
Gardanne (B. -du -Rhone), Nissan (Herault), Saverdun (Ariege), 
Ladern (Aude) g^spo ib., Sampeyre g§spq com., Gers, Aix, Queyras 
guespo Rolland III, 270, Delfinato, gjiespo {gueipo)"^ Mistral, Tresor 
II, 107, Sail-sous-Couzan (Loire), Paulhan, Frontignan, (Herault) 
gepa Atl. 672, S. Bonnet-les-Chateau (Loire), Paulhaguet (H. -Loire), 
Massiac (Cantal), Caveirac (Gard) g^pa ib., Chamalieres (H. -Loire) 
gespa ib., SoHgnac-sur- Loire (H. -Loire), S. Agreve (Ardeche), 
S. Firmin, Chorges, Orpierre (H.-Alpes), Sault (Vaucluse), Chäteau- 
fort, Barcelonnette (B.- Alpes), Lodeve (Herault) g^spa ib., An- 
grogna gespa com., Bobbio gppa ib., Entracque g^spä ib., Crissolo 
gespa, Bort (Cantal) gapo Atl. 672, Pieaux (Cantal), Villefranche- 
de-Belves (Dordogne), Souillac (Lot), Hyeres (Var) g^hpo ib., Vic- 
sur-Cere, S. Mamet (Cantal), Tournon-d' Agenais (Lot-et-G.), Gramat, 
Gourdon, Figeac, Promilhanes (Lot), Conques, Rieupeyroux (Aveyr.), 
bfhpo ib., Meymac (Correze) g^hp^ ib., La Roche-Canillac (Correze) 
Vfhp? ib., Beaulieu (Correze) vfpo ib., Lärche (Correze), Issigeac, Le 
Bugue (Dordogne) g§spo ib., Andraut (Gironde) gd^ps ib., S. Vivien, 
Lacanau, Targon (Gironde) g^-^pi ib., Cissac, Pessac, S. Cöme 
(Gironde), Houeilles (Lot-et-G.), La Javie (B.- Alpes) gfsp,^ ib., 
Pierrelatte (Drome) gesp9 ib., linguad. e guasc. b^spo Mistral Trisor 
II, 107, Severac-le-Chäteau, Belmont (Aveyr.), Valderies, Gaillac, 
Brousse (Tarn), Montpezat, Beaumont (Tarn-et-G.), Montastruc, 
Martres-Tolosane (H. Garonne) bespo Atl. (i']2, Layrac, Mezin (Lot- 
et-G.), Cahors (Lot), Espalion, Calmont, S. Rome-de-Tarn, Nant 



* V. anche Andrews in Ro. XVI, 551. 

^ Dicono anche bek. 

^ Accanto a mousco-vairo, mouscho jalho. 



298 GINO BOTTIGLIONI, 

(Avt:yr.), Marvejols, Florac (Lozeic), Lam;ilou-ks-Bains (Herault), 
Aussilloii (Tain), Lagu^pie, Grisullcs (Tarii-et-G.), Gimont, Lectoure, 
Jcgun, S. Marlin, Lombez (Gers), Aureilhan, Gerde, Tramesaygues 
(Il.-Pyrcn.), Leguevin, Donneville, Revel, Carbonne (II. -Gar.), Le 
l\Ias-d' Azil, Cranipagna, Merens (Ariege), Fanjeaux, Tuchan (Aude) 
hfspo ib , Tarn, Toulouse, Lauragais hespo Rolland III, 270, Meneiier- 
Ks-Baius (H.-Alpes) göipa AlLb"]!, Languedoc vespo Rolland 
III, 270, Sumene, Uzes, Alais (Gard), Castellane, Gr6oux (B.-Alpts), 
Plan-du-Var, Le Cannet (Alpes -Mar.), Aups, Seillans, S. Tropez 
(Var) vppo Ali. 672, Le Luc (Var) vespo ib., Elva 7'fspg com., Les 
Matelks (Herault), Cauterets (H.-Pyr^n.), CoUioure, lUe-sur-Tet, 
Arles-sur-Tech (Pyien.-Or.) bespa AU. 672, Auzat (Ariege) b^spu ib., 
Rivesaltes (Pyren.-Or.) h^sp3 ib., Olette (Pyren.-Or.) b§spe ib. — ; 
galiz. vespa Rolland III, 271,, portogh. hespa^, Parodi in Ro. 
XXVII, 222. 

S. Pol-sur-Ternoise (Pas-de-C.) v0-v§p'^ All. 672. 

2. Forme di plur. passate al sing. (v. Meyer-Lübke, 
REW. (^ijz): x\xva. vicspe^ , a.vom. j'aspe , megl. ^a5/>/' Pu^cariu — ; 
Dissentis vtasp Gärtner, Rael. Gram?n., §84, Mathon la v§asp com. — ; 
Poschiavo la v^spi (plur. // v^spi) coai., Bondo Promontogno la vesp 
Voc. Sv. lt., Castasegna la vesp ib., Soglio la vesp ib., Stampa 
veisp ib., S. Nazzaro la vespe ib., Marzio vesp com. — Lari, Vico- 
pisano, Lucca* vespe. 

3. Articolo conglutinato: Templeuve-en-P6vele (Nord) nfp^ 
All. 672, Magny (Yonne) hep ib., Morvan jiitpe Rolland 111,271, 
Linselles (Nord) vi^rp^ AU. 672. 

catal. avespa Rolland XIII, 41 — ; spagn. avispa' e abispa 
Rolland XIII, 41, castigl. az'/V/a Dicc. cast. 103 ■ — ; •<^ox\. abespa.'^ 

4. Epentesi: V. Gardena bespia Gärtner, Raet. Gramm. § 84, 
V. di Non bfsp[j]a Battisti in Sitz, der Kais. Akad. der Wissensch. 
III, 142, trent. rustico bespia com. 

soprasass. vespra Ascoli in A. G. lt. I, iio, soprasilv. viaspra ib., 
Flims la vespra (plur. -as) com., Rhäziins, Reams, Bivio Stalla, Zuoz la 
vespra ib., Samaden vßpra Gärtner, Raet. Gravwi. % 84, Fex, S. Maria 
(V. di Monastero) la vrspra com., Schieins vespra, Gärtner, Brigels la 
väspra com., Compadials, Rueras (Tavetsch) la viaspra ib., Reraüs, Stuls, 
Latsch (Bravugn) lavespraih., alto-engad. ziifj^rfl Carisch 180, basso- 
en^a.d.veispra\h., Ar dez la veyspra com. — ; Leontica wj^r^z^; Voc.Sv. 
lt.; romagn. vespra Morri, Ravenna, Alfonsine, Faenza, Forli, Cesena 



1 Accantö a ahespa. 

2 Accanto a g^p. 

' Accanto a yaspa e vespa. 

* Dicono anche vespre e vespra. 

5 V. Gillieron, G^n. pp. 205 — 213. 

« Ib., p. 211. 

' Accanto a vtspera, viespera, viespra. 

* Accanto a bespa. 

" .\ccanto a vinispra (idiot.). 



LA VESPA E IL SUO NIDO NELLE LINGÜE ROMANZE. 2g9 

vispra com., Terra del Sole, Castrocaro vcspra ib. — Abruzz. vespre 
Finamorc 313, Civitella Alfedena vcspra com., Teramo vespn ib., 
Cittä S. Angelo vfspr» ib., Castelfrentaiio, Torricella Peligna vcspra 
ib.; Agaone v^spr? ib. — Fano, Cagli, Macerata Feltria, Ancona, 
Fabriano, Macerata, Fermo vespra ib. — Carrara, Codena, Miseglia, 
Torano, Fontia, Avenza, vgspra ib., Sassalbo vcspra ib. — Lucca i 
e Val di Serchio vespra Nieri, 249 — ; Jura Bernois vouepr 
com., Courrendlin, Les Bois, Vuitteboeuf vu^pr All. 672, Coeuve, 
S. Hippolyte, Torpes (Doiibs) t/^pr ib., S. Braix, Pery tiepr ib., 
Montbeliard vouiepre Rolland 111, 270, Le Landeron iiipr AU. 672, 
Joncherey, Clerval, Bouclans, Vuillafans (Doubs) v^pr ib., Amange 
(Jura) g^pr ib. — L' ile de Serk, Les Moitiers-d' AUonne, Fresville 
(Manche), Beaubec-la-Rosiere,2 Bellengreville (Seine. Inf.), Montbozon, 
Autoreille (H.-Saone), Rougegoutte v§pr ib., Humes (H.- Marne), 
Conflans-sur-Lanterne, Champlitte 3 (H.-Saone) vepr ib., Piancher- 
les-Mines, Pays de Bray, Champagne rt^r^ Rolland III, 270, Clecy 
(Calvad.), Echenoz-la-Meline, Gourgeon* (H.-Saone), S. Ouen (Loir- 
et-C.) gepr Atl. 672, Ronchamp, Fresne-S. Mames (H.-Saone), Vanvey 
(Cote-d Or) g§pr ib., Verzenay (Marne) viiepr ib., Le Mesnil-sur-Oger 
vouepre Rolland HI, 270, Viller-la-Ville (H.-Saone)' w^/>/- AU. b-j 2, 
Velorcey (H.-Saone) ghäre Rolland XIII, 41, Oudan (Nievre) dy^pr 
Atl. 672, Beaulon (Allier) gieprs ib., La Garnache güpr ib. — 
Velay vespro Mistral, T/Ywr II, 107, Vabre (Tarn) b^spro Atl. 672, 
S. Pons (Herault) hespro ib., Les Ternes (Cantal) b^hpro ib. — ; 
spagn. »«Vj/Tß ^ Meyer-Lübke, Gramm. Lang. Rom. \ § 181. 

Dualchi espru com. 

Stampa la veyspr (plur. lan ve'yspr) — lucch. vespre Parodi in 
Ro. XXVII, 222. ' 

Areola, Spezia vf'spoa com., S. Lazzaro vf'spora ib., Sarzana 
vf'spura ib., Castelnuovo Magra v^spoa ib. — nap. vespera D'Ambra 
395, irpin. vespera Meyer-Lübke, REW. 9272 — ; La Bresse 
(Vosges) vcchpere Rolland III, 271 — ; spagn. vispera e viespera^ 
Meyer-Lübke, Gram?n. Lang. Rom. 1, § 181. 

mant. vrespa Cherubini, parm. vrespa"^ Pariset, regg. vr'espa 
Voc. reg.it. 1832, mod. zr^^a Maranesi, xiiwxv'A. vrespa INIeschieri, 
boiogn. z^rä.s/>ß Ungarelli, Imola vrfspa com., xom^Agn. vrespa ib., 
fern vrespa Nannini, Bondeno, Argenta vrespa com. — ven. 
hrespa Boerio 70, Rovigo brespa o vrespa com., poles. brcspa 
xMazzucchi, a. päd. brespa Parodi in Ro. XXVII, 222, päd. brespa 
Patriarchi, \e.iov\. brespa^ Angeli, Pescantina grespa com., Nogara, 



1 Dicono auche vespre e vespe, 

2 Dicono anche gifp. 
^ Dicono anche gep. 

* Dicono anche "^revglö. 

^ Accanto a avispa, vispera, viespera. 
^ Accanto a avispa e viespra. 
' Accanto a timomen. 

* Accanto a grespa., vresta o vrespa com. 



300 GINO BOTTIGLIONI, 

Viceiiza brespa ib., Treviso vrespa Niuni — h'ax.vrhpe Parodi in 
Ro. XXVII, 222 — ; l50iirg-Beaudoiiin (Eure), S. Vaasl-Dieppedaile, 
Yporl, La Frenaye, Moulineaux, Bcrtrimont (Scine-Inf.) rvf/» Ail. 672, 
S, Christophe -sur-Cond6 (Eure) vrep'^ ib. Bray, Cauchois vrcpe 
Rolland III, 270 — hoxdi. grespo Mistral, Tresor 11, 107, La Teste- 
de-Buch, Hostcins (Gironde), Parentis-en-Born, Mezos, Sabres, Luxey, 
Sarbazan, Bouillon (Landes), Aas, Sauveterre, Artix (B.-Pyren.) 
br^sp? All. 672, Grenade-sur-Adour, Hagetmau (Landes) hr^hpi ib., 
Soustons (Lande.s) bröspy ib., Riscle, Eauze (Gers), Oloron, Lerabeye 
(B.-PyvLin.), Lannemezan, Gavarnie, Sariac (H.-Pyren.), S. Gaudens, 
Bagneres- de -Luchon (H.-Gar.) br^spo ib., bearn. brhpo Mistral, 
Tresor II, 107 — ; astur, briespa Meyer-Lübke, Gramm. Latig. 
Rom. I, § 181. 

Lieu-S. Amand (Nord) vp-p'^ All. 672. 

Matera (Basil.) la vresplec ^ com. 

Valvestino bdplp'^, ^'brespro, *-splo Battisti in Silz. der Kais. 
Akad. der Wiss. CLXXIV, 47. 

5. Assiniilazione alla tonica (V. Salvioni in A'/Löw/^. XL, 728): 
Sementina l§ vfsp^ Voc. Sv. It., Chironico /^ v^spf ib., Monte Carasso 
er vespe ib. 

6. Derivati: Coulombs (S.-et-M.) qhlproyi Rolland XIII, 41. 

B. 

1. 'Vespa gialla': La Trinite zaon v^pr All. 672 

2. 'La piccola vespa': Beaubery (Saone-et-L.) pfi§t gepy 
Atl. Ö72. 

3. a) VKSPA -j- APIS-"": sardo camp, ^.s/)/ Spano, Cagliari, Pirri, 
Monserrato, Quartu S. Elena, Dolianova, Capoterra, Armungia, ccc. 
espix.^^.; log. fj/><f Span o, Ozieri, Pozzomaggiore, Bosa, Mores, ecc. 
espe com., Bitti, Nuoro, Orani, Oniferi, Gavoi gppe ib.; Siligo (Sassari) 
^pe ib.ß — arpin. v^pa Salvioni in StR. VI, 64 — ; Malmedy, 
Bastogne u^ps"^ Afl. 672, Illoud (H. -Marne), Gerardmer (Vosges) 
Tuaz ib., Champ-le-Duc, Sainte-Marguerite, Arches (Vosges) ucs ib., 
Romont, Fraize (Vosges), Einvaux (Meurlhe-et-M.), La Poutroye, 
La Broque u^s ib., Demangevelle (H.-Saone), Courcelles-sur-Blaise, 
Poissons, Graffigny-Chemin (H.-Marne), Aubreville, Fresnes-au-Mont, 



1 Accanto a g(p. 

2 V. Gillieron, Gen. zw. 

^ Questa voce ini h. comunicata dal Direttore della cattedra ambulante 
di agricoltura, ma il Festa ('// dl. di Matera' in ZRPh XXXVIII, 260) da 
soltanto le forma väspa. 

* Accanto a bespq. 

= Per i nomi dell' 'ape' derivati dallo stesso incrocio, v. il mio articolo 
Ape e Alv. pag. 28. 

* Per queste forme sarde, v. Wagner, Lautl. süds. Mund., Halle a. S. 
1907, § 85; ib. in ZRPh. 731—32; Salvioni in RlLomh. XLII, 855. 

' V. Gillieron, Gen. 135 e 140. 



LA VESPA E IL SUO NIDO NELLE LINGüE ROMANZE. 3OI 

Ville-Issey, Sommelonne, Treveray (Meuse),i Chatenoi's, Essegney, 
Racecourt, Attigny (Vosges)2, Belval (Marne) 7'gs ib., Ban de la 
Roche voisse Rolland III, 271. 

b) APIS -f- VESPA : Maurois (Nord) su^i"^ AtL 672, Candas 
(Somrae) euep ib. 

4. VESPA -{- 'mouchette' ■*: La Longueville (Nord) uet Atl. 672, 
Augy (Aisne) u^t ib., P.-de-C. ghette Rolland XIII, 41. 

5, MUSCA + VESPA. Sartrouville (Seine-et-0.), Marolles (Oise) 
mus gfp AtL 672, Nibelle-S. Sauveur (Leitet) inus gi^p ib , S.-et-M., 
Loiret mouche-guespe, mouche ä guepe Rolland XIII, 41, Bonilly 
(Loiret) mouche -guepe ib. III, 270.^ 

II. 'II vespaio'ß; 

Theys (Isere), Le Grand-Serre (Drome) gepi? Atl. 672. Parrebbe 
che si dovesse muovere da un *vespariu, alraeno a giudicare dal 
confronto di alcune voci dell' Atl. \_fu7nie fumariu 618, premie 
{prgmi3) 1088, zavie {zavp)'\. 

S. Broingt-Ies-Fosses (H.-Marne) v§pr§rvs\. AlLb-jZ. Forse da 
*VESPARIA (cfr. goter 'gouttiere' Atl. 660). 

Charavines (Isere) gepia Atl. 672, Saintes-Maries (B.-du-Rhone) 
v§spio ib. Potrebbero risultare da un *vespakiu rifatto, quanto 
alla vocal finale, su vespa. 

Les Voivres (Vosges) nipigt (Atl. 672) *vespaktu -(- ottu. 

III. Nomi derivati da insetti affini: 
A. 'Ape', 'fuco', 'calabrone': 

I. 'L' ape''^; 

a) APis: Levanto (Genova) ave com. 

b) Derivati: Bari apone com. 

La Ciotat (B.-du-Rhone) aliio^ Atl. 672, Aigues Morles (Card) 
av'öio^ ib., Monistrol-d' Allier (H.-Loire) biia^ ib. 

c) 'L' ape cattiva': linguad. abthasso, ahelhasso'^^ Mistral, 
Tresor \,%, B.-du-Rhone marridei'^'^ ahillo Rolland III, 271. 

d) 'L' ape falsa': Legnago, Monteforte matoiieh com. i'- 



* II Rolland (III, 271) riporta per il dip. di Meuse la forma Tosse. 

2 II Rolland (ib.) di anche ha forma voise. 

3 V. Gillieron, Gen., pag. 212. 

* Ib., pag. 138. 

* Cfr. mus abqi 'ape' in Ape e Alv. pag. 32. 

" Cfr. i nomi dell' ape derivati da quelli dell' alve.ire in Ape e Alv. 

PP- 34—35- 

' Cfr. i nomi dell' ape derivati da VESPA in Ape e Alv., p. 27. 
•* Queste forme sono pure usate a significare l'ape; v. Atl. i. 
'■^ Di contro a mus a tnidu; v. Atl. i. 

'" Cfr. lo spagn. abejonazo nel signif. di 'fuco'; v. Ape e Alv. p. 47. 
** Cfr. prov. marrit, ido (Mistral, Tresor II, 284). 

*■•* Cfr. i nomi del fuco derivati da mat {Ape e Alv. p. 49). A Verona, 
mattonsin o mattonsell dice anche 'calabrone'; v. Angeli 39. 



302 GINO BOTTIGLIONI, 

2. 'II fuco': Fiandra franc. malot^ Rolland III, 271. 

3. 'II calabrone': 

a) CRABRo: Gourgeon (H.-Saone) grevold"^ Ati. 672, Canton de 
Flavigny (Cöte-d' Or) graivolon"^ Rolland III, 271. 

b) BUKDo: Sainte-Anne burdö^ Atl. 672. 

c) *tabana: Clonas (Isere) töna^ AU. 672, Ain, Isere, Savoie 
tuna f., touna f. Rolland Xin,4i, lion. to7ia (pron. tuna)^ s. f. 
Puitspelu, 401, f or es. /nun a ib. — Allier /Sne f. Rolland XIII, 41, 
Rhone /ona f., ioioia f. ib. — Loire luna f., /ouna f. ib., Neronde 
(Loire) lüna' Atl. 672, Ambierle (Loire) fon'^ ib. 

S. Jean-de-Bournay (Isere) savä^ m. AU. 672. 

Vesse (AUier) ph'i tgn'^ ib. 

Qui vada anche il teneppe di Bethune (Pas-de-C.) i^ che il 
Gillieron 11 interpreta /^-«^^ = 'taon-nefle' creatosi per evitare la 
confusione tra 7iep 'nespola' e nep 'vespa'. 

d) *cavone: rum. gaün Candrea-Hecht in Ro. XXXI, 312.'- 

e) Deriv. da '■foussoti'' = zappa: prov. /oussoulou, foussalou 
Candr6a-Hecht in i?o. XXXI, 312.13 

f) Deriv. da 'fouca\ '/buc/ia' = sca.vaTe, zappare: guasc/oucaroa 
Candrea-Hecht loc. cit.i^ 



^ Cfr. mala = ape (Maurois) e i nomi del fuco derivati da MASCULU; 
V. Ape e Alv. 33 e 50—52. 

2 Cfr. i nomi franctsi della 'vespa crabro' derivati da crabko Atl. 1172. 

' La 'vespa crabro' e detta grCdon-^ v. Rolland III, 273. 

* La stessa voce dice anche 'vespa crabro'; v. Atl. 1572. 

5 Dice anche 'ape'; v. Ape e Alv. p. 33. 

^ Accanto a guepa. 

' Queste stesse forme indicano anche il calabrone (vespa crabro), v. 
Atl. 1572; a Neronde, e detta ti'ina anche 1' ape. v. Ape e Alv. pag. 33. 

® Dice anche 'tafano' (v. Atl. 128 1), lavldove per designare il calabrone 
(vespa crabro) e usata la forma töna (v. Atl. 1572). Nella cons. iniziale, sarä 
da vedere 1' influsso di cavare (cfr. säso 'chanson' Atl. 2^1, jaVi-/ 'charger' 
ib. 239, ecc). 

ä Di contro a ton = vespa crabro, v. Atl. 1572. 
1« Rolland lll, 271. 
" Gen. pag. 209. 

^'^ L' etimo proposto dal Candrea-Hecht ^ messe in dubbio dallo Schuchardt 
(in ZRPh. XXVI, 587 — 88) il quäle riconduce la voce rum. a crabro, nel 
che consente il Meyer -Lübke [REW. 2293), laddove il Puscariu [ZEPh. 
XXVIII, 618) ritorna alla base proposta dal Candrea-FIecht. 

^^ Cfr. le numerose forme dial. francesi simili a questa, le quali indicano 
11 calabrone (vespa crabro), Atl. 1572. II Meyer-Lübke {Mise. Ascoli, pag. 418) 
le riconnette con 'frelon' che fa derivare dal germ. horslo; ma 1' idea di 
'scavatore', 'insetto che fa i buchi' si ritrova oltre che nel rumeno {Saun'), 
anche altrove: Macerata Feltria (Pesaro) biicarone com., Cagli (Pesaro) dw^aro« 
ib.; Auzances (Creuse) tal'fro Atl. 1572 (V. an« he Rolland XIII, 50) da 
TAUARE; Le Havre, Maze foiiyon Rolland XIII, 49, Val d'Ajol (Vosger.) 
fovyo ib., Bessin feiiyon, fieuyon Rolland III, 273, forse da *FODiONE, 



LA VESl'A E IL SUO NIDO NELLE LINGÜE ROMANZE. 303 

g) Ta.rn-et-G. ßsso f., fisselou m. Rolland XIII, 41 (v. il prov. 
ßsso' «pungiglione»). 1 

h) Auzances (Cieuse) bur^udo"^ Atl. 672 (v. Meyer-Lübke, 
REW.3597). 

B. 'La mosca'.3 

1. 'La mosca gialla, screziata': delfin. mouscho-jalho, motisco 
vatro^ Mistral, Tresor II, 377. 

2. 'La mosca dal pungiglione, che punge'.^ Milly (Meuse) 
mm aguto Atl. 672. 

Tartas (Landes) tnotisk'e caghilh'e (Rolland XIII, 41). 
Sains-Richaumont (Aisne) mus puedrini^ Atl.t'jl. 

3. Ormoy-la-Riviere (Seine-et-0.) mus dhi Atl. 672, S. Ay 
(Loiret) nms a iet ib. Secondo il Gillieron {Gin. 80 e 138), sarebbe 
da intendersi 'mouche d yel'' cioe 'mouche de layettes' = mouche 
de tiroirs ou coffrets (alveoles); ma non vedo perche non possa 
interpretarsi invece 'mouche d j^f ('mouche a jet') = \a. mosca 
dello sciame. La tav. 1304 (tiroir) dell' Atl. registra per Ormoy-la- 
Riviere e S. Ay, tlrue, laddove lo sciame e detto stö (v. tav. 482) 
da *jECTüS secondo che richiede la mia interpretazione. Si do- 
vrebbe perciö ammettere che 'mouche de get' indicasse anche 1' ape 
prima che questa assumesse il nome che ha attualmente ('mouche 
a miel') e si avrebbe cosi una prova che la zona in cui dominö per 
alquanto tempo 'mosca dello sciame', 'sciame' fu molto piü estesa 
dell' attuale (v. Gillieron, Gen. pp. 4isegg.). A ^mouche de get' 
= 'mosca dello sciame' farebbe riscoutro il Je d ?!ius = sciame, che 
si ode a Vermand (Aisne) v. Atl. 482.' 

4. musca: Port-en-Bessin (Calvad.) ?/iuk Atl. 672. 



* A questa forma si riconnettono pfiolte altre che dicono calabrone (vespa 
crabro) e che sono registrate dal Mistral {Tresor I, I138), dal Aza'is (TI, 246) 
e dair Atl. (tav. 1572, num". 648, 658, 659, 741, 750, 752). II Mistral (loc. cit.) 
propone la base che mi sembra accettabile anche coiisiderando che il calabrone 
6 denominato dal pungiglione in varie localitä del territorio romanzo; per es.: 
Velletri funciglione (accauto a vespone); Nievre dard (Rolland XIII, 50), 
Woippy (Pay messiu.) da (ib.), Ramecourt (Pas-de-C.) dar {Atl. 1572), certa- 
mente da darop {REW. 2479), cfr. dar 'aiguillou' a Ramecourt, Atl. 15. 

^ Questa voce e certamente connessa con iurgau = caiabronc (vespa 
crabro) che h di molti dialetti della Francia e specialmente della Provenza 
(v, Atl. 1572 e Rolland III, 273). La terminazione della nostra forma 
accenna al suffisso '-aide'. 

3 Cfr. i nomi dell' ape derivati da quello della mosca in Ape e Alv. 
pp. 28—33. 

* Accantü a guespo [gueipo). 

'" Cfr. mohe ä pepin^ juohe al pepeye ecc. = ape. V. Ape e Alv. pag. 31. 

* Accanto a gi^p. 

'' Cfr. anche Plouvara, Noyal {Cotes-du-'N.) jie dp rus Atl. 482, Credin, 
Plumelcc {Morhihau) j'ü d^a7J(-t ib., S. Jean-la-Poterie (Morhihiw) j\' d^a7'^t ib., 
Noyal-Muzillar (Morb.) y> d^iv^f i!i. 



304 GINO BOTTIGLIONI, 

C. ASILUS + ACULEUS (v. M ey er-Lübke, REW. 702): emil. 
asiol com., Borgolbrte asiolo ib., mantov. asiöl ib., Carpi asiol ib. — 
Trevenzuolo, Sorgä. (Verona) asii/l ib. 

D) BES 1 (v. Meyer-Lübke, REW. 1057): piacent. hsia'^ 
Foresti 96, parm. bsia^ com. 

IV. Insetto in generale: 

A. BOMBYX^: Charente ^»,7^^ Rolland XIII, 41 — Crew&Q bieco, 
ohiho ib., H.-Vienne hko ib., S. Junien, Chalus (H.-Vienne), La Tour- 
Blanche, Excideuil (Dordogne) h^ko All. 672, S. Pardoux-la-Riviere 
(Dordogne) heko ib., limousin hho Mistral TrisorXi, 107, S. Pierre- 
de-Chignac, Bourgnac (Dordogne) bek? Atl. 672, Chäteau-Ponsac 
(H.-Vienne) bek & ib. 

B. ted. 'Käfer': Le T\io\y gib rate , gebrote, Rolland III, 27 l. 
V. Nigra in AGlt. XIV, 365. 

V. 'L' insetto di S. Martino': 

mil. martinett^, bresc. mariinU, Coccaglio martinel com.; pav. 
viartine, Vistarino, Retorbido, Alagna Lomellina dl martiiie {i martine) 
com., Garlasco <?/ viirtine {i 7ii9rtme') ib. 

VI. 'La navicella': "^ 

A. NA vis: Novellara navonzh'i^ com. 

B. TEMO: parm. timonzai.^ 

VII. 'L' insetto muratore': 

, s ■> / .< -^'-TÄi-^'v mzz. 7nurado7i s. m. Peru qui si tratta 

t^i^%''ll'/i'ß^^^%^^^^\ '' della ' vespa muraiola' (Odynerus parietum ; 

V. Fig. VIII). 
Fig. VIII. ' 

Odynerus parietum VJII. Voci OSCUre: 

A. Leontica z'/;//j/>r« • " (idiot.) Voc.Sv.It. 




e il suo nido 



1 A milano, besei indica 1' ape e il calabronc, \. Ape e Alv. pag. 33 e 
Cherubini, Supplem. 

2 Accanto a vespa. 

^ Accanto a vrespa e timonzen. 

* Cfr. Ape e Alv. png. 33. Da questa base derivano aurhe alcuni nomi 
del calabronc: parm. bega mora (= xilocopa violacea) Malaspina I, 184, 
Forli higarü (^ vespa crabro) com. Alfonsine (Ravenna) bagaron ib. Per 
i nomi prov. v. Mistral, Trt'sor I, 286. 

^ Accanto a gep. 

^ Indica forse anche il calabronc (vespa crabro) perch^ il Cappelletti (244) 
traduce 'freien'. Del resto martine o martinel significa calabrone anche a 
Pavia e nel leirilorio circostante. 

"^ Nel fr. dial , ifuepe indica anche nna specie di battello, v. Rolland 
XIIT, 47. 

* Cfr. naonzelo = calabrone, nel poles. (Mazzucchi 157) e naonsei o 
giaonzei detto pure di nna specie di calabrone, a Rovigo (com.). 

" Accanto a vrespa e bsia. 
'" Accanto a vispra. 



LA VESPA E IL SUO NIDO NELLE LINGUE ROMANZE. 



305 



B. Palmi (Umbria) lefina com. 

C. Verona vrestaA 

D. Guerncsey phnpernnche Rolland III, 271. 
annota: «ainsi nommue ä cause de ses bigarrures. 
ad ogni modo oscura la desinenza. 

E. La Chapelle (Meurthe-et-M.) vhrgt All. 672. 

F. Quaioiible (Nord) verne Rolland XIII, 41. 

G. Dun-le-Palleteau (Creiise) gep gepäi All. ii-jz. 
H. Isbergues (Pas-de-C.) gän ku'^ All. b-]2. 



II Rolland 
Ma resta 



II vespaio (NIDUS VESPARUM). 

Pochi insetti rivelano, nella costruzione dal loro nido, un istinto 
artistico cosi sviluppato come la vespa. I nidi delle vespe sono 
formati, come qiu-lli dell' ape, di tanti favi con le piccole aperture 
generalmente rivolte all' ingiu e per lo piü di materia vegetale che, 
opportunamente lavorata dali'insetto, prende T aspetto di carta di 





Fig. IX, 

Nido di Vespa silvestris. 



Fig. X. 
Nido di Polistes grallica. 



color bigio-scuro ; pero la materia di cui le vespe costruiscono la 
loro abitazione e spesso diversa nelle varie specie, alcune dello 
quali adoperano anche della terra argillosa, oppure lo sterco di 
aniraali erbivori. Molto piü varia e la forma che queste bizzarre 
costruzioni assumono ; si puö dire che ogni specie costruisce il suo 
nido con una forma caratteristica la quäle varia anche nelle singole 
specie, secoüdo il luogo in cui 1' insetto ha potuto stabilirsi. Cosi 
per esempio la vespa sylvestris costruisce il suo nido sopra gli 
alberi o i ccspugli e gli da una forma che a volte sembra un calice 
7-ovesciato, a volte, quando acqui^ta proporzioni maggiori, un ßasco 
capovolto (v. Fig. IX) ; la vespa media fa la sua abitazione a forma di 
conchiglia, pressappoco come la polistes gallica che pero suole formarla 
un p6 piü schiacciata, sieche non e difficile ravvisare nell' insieme 
delle cellette un piccolo pane roiondo (v. Fig. X). La vespa vulgaris, la 



* Accanto a brespa, grespa o vrespa. 
'^ Accanto a v^p. 

Zeitschr f. rom. Phil. XLll. 



306 GINO BOTTIOLIONI, 

germanica e la rufa depongono i loro favi sotto teira, nelle gallerie 
scavate dalle talpe, ma non danno all' insieme una forma caratteristica, 
giacch6 debbono disporre le cellette secondo le dimensioiii e la 
forma della cavita che Irovano nel sottosuolo (v. Fig. XI). 

Sc puo sorprendere la poca varieta dei nomi con cui il popolo 
designa la vespa, maggior sorpresa desta il trovare una grande 
uniformita anche nci nomi del vespaio che h tanlo vario e caratte- 
ristico nt'lle sue forme. A queste accennano poche voci tra quelle 




Fig. XI. Nido di Vespa vulgaris. 

che ho raccolto, poiche, nella maggior parte delle lingue romanze, 
i nomi del vespaio sono derivati da quelli dell' insetto ; dalla de- 
nominazione latina (nidus vesparum) muovono il sardo e qua e 
lä soltanto alcuni fra i dialetti ladini e italiani, raa questi pero 
accanto a 'nido delle vespe' hanno, in generale, anche le rispettive 
risoluzioni fonetiche di 'vespaio' che, come si vede, ha finito per 
trionfare quasi dovunque. Del che, se volessimo ricercare una 
causa, dovremmo forse vederla nel fatto che le vespe sogliono 
nascondere tra le foglie o nella scorza di un albero o sotto terra 
la loro abitazione, sieche questa non appare molto .spesso davanti 
agli occhi del popolo con le sue peculiaritä che avrebbero dovuto 
produrre una ricca e varia fioritura di nomi. 

I. Nomi derivati dalla forma: 

1. BUNA 1 (v. Meyer-Lübke, REW. 1369): campagna lucch. 
bugno di vespre com. Vicopisano, Lari hugno ib. 

2. Deriv. di BORO 2 (v. Meyer-Lübke, REW. 1224): Vaud 
hbrmJa s. f. com. 

3. 'buco' -|- 'pertugio'3: Ancona hugio de vespre^ com. 

4. FLASKA (v. Meyer-Lübke, 7?Ä'R'', 3355) : (laiole (Siona) 
fiasca com. 

5. PANis: bresc. /a«^ dele vespe ^ Melchiori — Meana Sardo 
(Cagliari) pani f'spasa com. — Lanciano (Chieti) pane di vespe ib. 



^ Cfr. i nomi dell' alveare in Ape e Alv.y pag. 67. 
^ Cfr. i nomi dell' alveare, ivi, pag. 61. 
^ Cfr. i nnmi dell' alveare, ivi, pag. 60. 
■* Accanto a vespraro. 

^ A Brissago, 1' insieme delle celhlte del favo h detto i pan^l {Voc. Sv. 
It.), a Suna, si dice invece la pan^la (ib.). 



LA VESPA E IL SUO NIDO NELLE LINGUE ROMANZE. 307 

6. Torriceila Peligna (Chieti) iacca di vespre com. (v. Meyer- 
Lübke, 7?^[r. 8534). 

IL Nomi derivati dalla materia: 
BRUSCU (v. Meyer-L., REW. 1342): mil. hriiscia^ Banfi. 

III. Nomi derivati dal contenuto : 

A. Derivati da vespa, apis, *tabana, ecc. 

I. Derivati da vespa: 

a) -ARiu: rum. vespärie Cihac 312, vespär Puscariu, arom, 
yispär S!ü. — ; \^\.x\a. v esper a com., 'Yxx&^X^ vesper Kosovitz 502 — ; 
Vanzone (Ossola) vasp^r Voc. Sv. It., Vogogna (Ossola), Poschiavo 
vespe ib., Crealla (Canobbio), 2 Kscowdi 7'espe ib., Palagnedra-Moneto, 
Caviano, S. Abbondio wjj!)i? ib., Gxe&so voescpei ih., Crana, S. Nazzaro, 
Cavergnö Bignasco, Maggia, S. Antonio (V. Morobbia), Roveredo, 
Gandria, Lamone, Breno, Viganello, Torricella, Stabio, Baierna vespee 
ib., Minusio un vespee ib., Russo tin vaspeij ib., Loco vispei ib., Auressio, 
Mergoscia, Osco, Rossura, Chironico, Soazza vespeiSS:»., Dalpe zrj/><?/ 
ib., Cavigüano, Sementina, Menzonio v§spf ib., Golino vaspe ib., 
Locarno vispee ib., Brissago vesp^' ib., (lerra Gamb. vesple ib., Cu- 
gnasco v^sp§ ib., Campo V. Maggia vespera ib., Linescio taspp ib., 
Peccia vespe e vaspe ib., Broglio lu vasple ib., Carasso om vespee ib., 
Faido, Giornico vespei ib., Rivera vespe ib., Rovio, Viggiü, Valsolda 
vespe S!o., Riva S. Vitale ul vespee ib., Soragno vespee ib., Malnate 
vespe ib., Castasegna vespär ib., Soglio vaspair ib., Bondo Promon- 
togno al vtspcr ib., Sondrio z;^f/)/ ib., voc\. vespee^ Banfi, bergam. 
Vesper^ Tiraboschi, Äppend. 213, cremon. vespaj Fumagalli; 
"^Z-V.vespe^ Manfredi, (Z^iX'^x vesper com., Ravenna, Faenza z'w^zVr ^ 
ib.; piem. vespe Gavuzzi, Valsesia vespee Tonetti, alta e media 
Vals. vaspee com., Torino vespe ib., Chieri vespe ib., Ivrea uespe ib., 
Cuneo vespe ib., Tortona vesp^ ib., Casale JMonf. vespa "^ ib. ; genov. 
vespa, Casaccia, Spezia vespao com. — Oniferi ghespargm ib., Nuoro 
ghesparju ib., Sassari vipadyu Atl. C. 789, — Trcntiro, Verona^ vespär 
com., Malcesine bespdr ib., Vicenza vesparo Nazari, Diz. vic, bell. 
Vesper Nazari, Diz. hell. Motta di Livenza vespär com., Udine 
gespar ib. — Rogliano, Isola, Rossa, Calenzana, Venzolasca hespddyn 
A/l. C.jSg, Nonza, Bastia, San Fiorenzo, Canavaggia, Francardo, 
Calacuccia, Cervione, Pietraserena, Aleria, Pietrapola, Solenzara, 



1 Cfr. i nomi dell' alveare in Ape e Alv. pag. 77. Si dice anche hisoeti 
e vespee. 

2 Dicono anche niada del vesp. 
^ Accanto a bruscia e bisoeu. 

* Accanto a vespere, besper, besbe'r, 

'•• II Gambini (255) scrive vespe e questa stessa grafui di\ 11 Diz. dorn, 
pavese-ital. Circa il valore di e v. qnanto osservai in Afe e Alv. pag. 14, n. 2. 
8 Accanto a sprer. 
' Accanto a Jii äs vfspi. 
" Dicono anche grespar o niäl delle vreste. 

20* 



308 . GINO BOTTIGLIONI, 

Conca, Porto -Vecchio, Sartene, Sotta, Bastelica, Coti- Chiavari 
vppddyu ib., Belgodere, Calvj, Piedicroce, Galeria, S. Pietro-di- 
Venaco, Pianottoli jippddyu ib., Corte, Ghisoni Vfspdyu ib., Asco 
vespddyu ib., Evisa, Nesa vf'spadyuQ') ib., Guagno, Cauro vlspddyii \\>., 
Bonifacio vppadjyu ib., Bocognano vespdtyu ib., Piana, Vezzani 
hispddyu ib., Zicavo, Bicchisano, Levie vispddyu ib., Calcatoggio 
bfspedyu ib., Ajaccio v^spe'dyu ib. — Aquila, Pescocostanzo, Chieti, 
Teratno 1 vespar? com., Sannio vesparo Nittoli; nap. v?spar3 
Merlo, ^ Fon. del dial. di Sora'' in Ann. delle univ. tose, IV, i86, Sora 
u3spa7-3 ib.; Ugento (Lecce) vesparo com.; Melfi (Potenza) vesparo 
ib.; calabr. z;«/>ar?/ Accattatis; %ic. vtspdju Mortillaro, Graniti, 
Mandanici, Girgenti, Catania, Trapani visparu com. — Roma, 
Corneto Tarquinia vesparo ib., Canino, Velletri, 2 Tivoli vespaio ib.; 
Cagli Vesper ib., Macerata Feltria vespraro ib.; Spoleto vesparo ib. — 
Chianni, Volterra, Piancastagnaio, Arezzo vespaio, Lucca e Val di 
^^xc\\\Q vespagUo^ — ; Fribourg, * Valais, Geneve zw^,)>/ com., Vaud 
voiüpi o gttepiere ib., Neuchatel, Jura Bernois giiepiere ib. — a. fr. 
guespier^ Rolland XIII, 42, fr. dial. vespU m., häpe m., hespid m., 
ghespie m. ib. — prov. vespier Azais, delf. giiespie, gueipii, Mistral, 
Tresor II, 107, Var vespie ib., linguad. hespie ib. — ; spagn. avispero 
— port. hespeiro. 

Epentesi: r&ior.vesprer,^ Rabins z'/z'w^r/ com., 'K]\a.z\in& il vaspr f 
ib. — ; Stampa jym/ra/r o vesprair Yoc. Sv. It.\ Ravenna, Faenza 
sprer "^ com., Alfonsine sprer ib., Forli visprer ib., Cesena vasprcr ib., 
Terra del Sole, Castrocaro w'j./r/ ib. ; Sarzana, S. Lazzaro, Castelnuovo 
Magra vsspraro ib. — abruzz. vesprare Finamore, Casalanguida 
visprara com. — Fano vesprar ib., Macerata, Ancona ^ Fabriano, 
Fermo vespraro ib. — Carrara, Codena, Miseglia, Torano, Fontia, 
Avenza vasprdr ib., Sassalbo vasprdi ib. 

parm. vrespär, Reggio Em. vrespir^ com., mod. vresper, bologn. 
verspar '^^, Imola vresper com., mirand. ferrar. Bondeno vraspar ib., 
Argen ta vr asper ib. — venez. brespir, Vicenza, Padova bresparo 
com., Verona grespär'^^ ib., contado veron. vrespdr ^"^ ib., Nogara 
brespar ib., poles. bresparo Mazzucchi 30, Rovigo bresparo o 
vresparo ib. — ; fr. dial. grespe m. Rolland XIII, 42. 

Ripatransone vesperä com. 



1 Dicono auche nita de vesprs. 

'■^ Dicono anche guido de vespe, 

^ Accanto a nido di vespre. 

* Dicono anche vouepiru e nid. 

5 Accanto a guespiere f. 

" Accanto a uqnieu da vespras. 

' Accanto a vispier. 

^ Dicouo anche bugio de vespre. 

'^ Accanto a brasca del vresp salvädghi, Voc. Rerg. T, 126. 
'" Accanto a vre'iper o vraspar o vrasper. 
" Accanto a vespar e niäl delle vreste. 
'- Accanto a niavo de vrespe. 



i 



LA VESPA E IL SUO NIDO HELLE LINGUE ROÄLA.NZE. 309 

b) -arIa: a fr. guespiere f. Rolland XIII, 42, fr. dial. ouepieure f., 
guipiere f., vouepire f. ib. — Roiiergat gucspiero, hespiliro s. f. Mistral, 

Tresor II, 107. 

fr. dial. grespere Rolland XTII, 42. 

c) -akIa: Reggio Cal. vesparia com. — ; fr. dial. oiiaspcri f. 
Rolland XIII, 42, Vall. wasper^ye, ivasperie f. ib. 

d) dial. des Alpes guespatii Mistral II, 107, fr. dial. vespa- 
tieyro f. Rolland XIII, 42. Forse da vespa -{- aita + aria. 

e) -olü: Fribourg vouepirti'^ com. 

f) -ONE -f- ARiu: romagn. vrespuneir com. 

2. Deriv. da apis: Lecce aparu com. 

3. Deriv. da*TABANA: Propriano (Corsica) lanädyu Atl. C. 789 — ; 
lion. taiigni (pron. tögni) s. m. Puitspelu 401 — Savoie töni m. 
Rolland XIII, 42. 

4. Deriv. da bis: mil. bisoeu."^ 

5. Deriv. da a.silus: Mantova asiölcr com. — Sorga (Vtrona) 
asiolär ib. 

B. 'Favo': *j{RIsca (v. Meyer-Lübkt-, REW. 1309): Piacenza 
bresca com., regg. hrasca del vrcsp salvädghi.'^ 

IV. 'II nido dello vespe': 
A. NiDUs: 

I. relorom. ugnieu da vespras^ Carisch 180 — ; Leontica 
ni de vinispta Voc. Sv. It., bergam. ü ni de beste Tiraboschi, 
Coccaglio ni de vespe {de viartinci) com.; Casale Monf. ni ds v^spi'^ 
ib.; Genova nio de vespa ib , Monterosso al Mare, Chiavari nio de 
vespe ib. — sardo niti di espis Porru, Cagliari, Guasila nidu de 
espis com., logud. nidu de espes — Pesero (Tirolo) ;// di vespe com., 
Cividalc (Udine) nid di gtspis ih., Volpago, Treviso, Mogliano Venelo 
nio de vespe ib. — Teramo nit3 de vesprs^ ib., Civitella Alfedena 
nido di vespre ib.; nap. nivo de le vespe Contursi, Diz. dorn., Napoli 
1S67 ; S. Severo (Foggia) nido di vespa com., Lecce nido de espe 
com.; Matera (Potenza) 11 niidi du vresplee com. — Velletri g^iido 
di vespe ^ com. — Lucca e Val di Serchio nido di vespre ^ com. 

Friburgo yiid"^ com. 



1 Accanto a vouepi c nid. 

'^ Accanto a vespee e bruscia. 

^ Accanto a vresper. 

* Accanto a vesprer. 

* Accanto a vespa. 

* Accanto a vespars. 
' Accanto a vespaio. 

* Accanto a vespaglio. 

" Accanto a vouepi e vouepiru. 



3IO G. BOTTIGLIONI, LA VESPA E IL SUO NIDO HELLE LINGUE ROM. 

2. Dcrivati: Crealla (Canobbio) iiiada dd vesp^ Voc.Sv.lt., 
Marzio niade de vesp com. 

Viggiü 7Üava da vesp"^ Voc. Sv. It. 
Contado veron. niävo de vrlspe ^ com. 
Verona 7iiäl delle vreste^ com. 

B. *rANA: Castelfrentano tana di vespre com. — Ozieri tana 
de espe ib. 

C) Deriv. da cubare: Areola (Geiiova) coä de vespoc com. 

V. Voci oscure: 

fr. di:i\. gkj'dy pinere f. Rolland XIII, 42. 



* Accanto a vespe. 

* Accanto a vespe. 

3 x\ccanto a vrespär e brespär. 

* Accanto a grespär e vespär. 



GlNO BülTIGLlONI. 



Das Imperfektum als Ausdruck der lebhaften Vorstellung. 

Einleitung. 
(Allgemeines über die Tempora der Vergangenheit.) 

§ I. Die folgende Arbeit knüpft, wie schon ihr Titel verrät, 
an die schöne Studie von Etienne Lorck an: „Passe defini, Im- 
parfait, Passe Indefini-' (Heidelberg 1914, auch GRM VI, 43 ff.). 
Lorck hat seine Ergebnisse in einer Tabelle zusammengefafst (S. 41), 
die im wesentlichen folgendermafsen lautet: 

Vergangenes Geschehen oder Sein wird 

1. subjektiv empfunden Passe indefini. 

, . , . . , ( a) Phantasie-Denkakt: Imparfait. 

2. objektiv empfunden j^^ ^^-^^^ Denkakt: Passe defini. 

Das will sagen : Mit j'ai perdii ma hourse versetzt sich der 
Sprechende nicht in die Vergangenheit, sondern macht eine Aus- 
sage über Gegenwärtiges („ich habe — jetzt i — meine Börse als 
verlorene", d. h. „ich habe sie jetzt nicht mehr"), er spricht also 
aus seinem eigenen Seinsgefühl heraus: somit bezeichnet je Vai 
perchie die subjektiv empfundene Vergangenheit. — Mity^ Li perdis 



^ Wenigstens ist das die ursprüngliche Bedeutung des zusammengesetzten 
Perfekt. Freilich ist sie bald vergessen worden: ist schon „ich habe {besitze) 
die Börse als verlorene" im Grunde sinnlos, so sagt man auch: je Tai perdue 
hier, je l'ai perdue et retrouvee (wörtlich: „ich habe sie als gestern verlorene", 
„ich habe sie als verlorene und wiedergefundene". Deshalb sagt Lorck (S. 15) 
genauer: „Die Apperzeption der Vergangenheit hat ihren Ausgangspunkt 
in der Gegenwart, von der aus der innere Fernblick in die Vergangenheit 
schweift, in der die faits pass6s festgestellt werden". Auf jeden Fall ist die 
Aussage bei Gebrauch des P. compose mit dem Seinsgefühl des Sprechenden 
verknüpft — bei Gebrauch des Impf, und des P. d. dagegen ist er wirklich 
in der Vergangenheit. 

Dieses Verdunkeln der eigentlichen Bedeutung, wodurch hdbeo + Part, 
aus einer losen syntaktischen Komposition zu einem wirklichen Tempus wurde, 
möchte ich im Gegensatz zu Meyer-Lübke (III, 117, § lOi), Kalepky (ZrPh. 
18,511), Haas (Nfrz. Syntax, S. 61) und Vossler (Frankreichs Kultur, S. 312) 
schon für das Afrz. annehmen. Denn schon damals findet sich die eigentlich 
unberechtigte Übertragung auf intransive Verben (// a chante'); schon damals 
heilst Je l'ai trove nicht mehr „ich habe ihn als einen von mir selbst oder 
von anderen gefundenen", sondern nur noch „ich habe ihn (selbst) gefunden"; 
das eigentlich sinnwidrige perdud avuns Espaigne nostre terre , das erst ge- 
bildet werden konnte, als man die Bedeutung des habeo nicht mehr empfand, 
findet sich schon im Rolaudsiiede (v. 2116). Dafs man früher das Objekt und 
heute noch gewisse Adverbien zwischen habeo + Part, stellt, kann kein Grund 
sein, die Foimel nicht :ils Tempus zu lieiiachtcu, denn die'sclbe Zwischen- 
sttliung (sogar des Objekts) hat sich ja beim dcuischen zus. Perlekt ei halten. 



312 EUGEN LERCH, 

und je la perdais dagegen versetzt er sich wirklich in di(i Ver- 
gangenheit; und zwar wählt er je Ja perdah, wenn er sich das 
Verlieren anschaulich vorstellt („Phantasie-Denkakl") — je Ja 
perdis aber, wenn er es lediglich konstatieren will, als ein Faktum 
(„reiner Denkakt"). 

Diesen Unterschied zwischen „subjektiver" und „objektiver" 
Zeitgebung hat Morf, noch bevor Lorck mit seiner Theorie hervor- 
getreten war, durch ein schlagendes Beispiel aus V. Hugos Le Rhin 
illustriert: in seinem Aufsatz über die Tempora historica (N. Spr. 
12, 307) führt er aus, habeo scriptum diene „zunächst zum Bericht 
über persönliche Erlebnisse (vorzüglich in der i. Person)-'; es 
sei z. B. recht charakteristisch, wie V. Hugo in jenem Bericht über 
seine Rheinreise die persönlichen Erlebnisse im P. compose erzähle 
[Je me suis approche. J^ai hasarde mon rcgard dans ce trou . . . 
J^ai cherch'- le cerciieil. Je iCai rien vu.), u. a. auch in der Erzäh- 
lung der Feuersbrunst zu Lorch, die er selbst mit ansah. Sobald 
er aber, daran anschliefsend, eine Anekdote über eine andere Feuers- 
brunst erzählt, deren Zeuge er nicht war, spricht er im P. d.: 
Voici a ce propos une historiette ... U y a quelques annees, un 
Anglais arriva assez tard a une auberge de Braubach, soupa et 
coucha (...)• 

§ 2. Diese Theorie Lorcks scheint mir vollkommen richtig 
und geeignet, Fälle zu erklären, die man mit den bisherigen Theorien 
nicht befriedigend erklären konnte, wie z. B. den überaus häufigen 
Gebrauch des Imperfektums bei den modernen Impressionisten und 
Naturalisten auch da, wo die Verbform zweifellos ein einmaliges, 
momentanes, einen Fortschritt der Handlung bezeichnendes Er- 
eignis mitteilt [z. B. Maupassant, Une Vie 292 (Jeanne ist in Not 
geraten und mufs sich endlich schweren Herzens zum Verkauf 
ihres Landgutes entschliefsen) : Lorsque le notaire arriva avec 
M. Jeoffrin . . ., eile les re^ut elle-meme et les invita ä tout visiter 
en detail. Un mois plus tard, eile sigtjaü le contrat de vente et 
achetait en m^me temps une petite maison bourgeoise (nach Stroh- 
meyer, Der Stil der frz. Sprache, S. 46)]. Was das Passe indefini 
(Pass6 compose) betrifft, das also eine subjektive Auffassung der 
Vergangenheit (aus dem Seinsgefühl des Sprechenden heraus) aus- 
drückt, so versteht man nun besser, warum die Volkssprache mit 
cantatu?n habeo noch ein neues Tempus der Vergangenheit (zu den 
beiden im Latein schon vorhandenen) geschaffen hat und warum 
es in ihr so beliebt wurde, dafs sie es bald als nahezu einziges 
Tempus der Vergangenheit gebrauchte, auf Kosten des Imparfait 
und besonders des Passe d^tini, das ja heute im gröfsten Teile 
Frankreichs ein „temps litieraire" ist (vgl. die Karten g6, 338, 360, 
976 und 1154 des Atlas linguisiique und die Karte 12 von Arthur 
Franz in der Z. f. frz. Spr., Bd. 43, sowie Meyer-Lübke IIT, § 107): 
der naive Mensch mit seinem robusten Seinsgefühl ist eben wenig 
geneigt, sich objektiv in die Vergangenheit hineinzuversetzen; er 
gebraucht das Pass^ composö selbst da, wo er nicht mehr eigene 



IMPERFEKTUM ALS AUSDRUCK D. LEBHAFTEN VORSTELLUNG. 3 I 3 

Handlungen, sondern die eines Dritten ei zählt; er sagt nicht nur: 
je Püt frappL., sondern auch . . . et il Va prise par la taille, was 
eigentlich zu deuten ist als „. . . und schon hatte er sie genommen 
(als genommene)", wobei also, wie in der volkstümlichen Erzählung 
so oft, das Präsens (// a) an Stelle des eigentlich erforderlichen // 
avait gesetzt wird. So schon im afrz. Epos: Roland 499: Quant 
l'o'it Guenes, l'espee en ad branb'e = „da hatte er schon das 
Schwert als geschleudertes" ; das zu erwartende avait -)- Part, findet 
sich denn auch zuweilen Orson de B. 595 : Cele ala ä l'escrin, si 
Vavoit deferme (Biunot I, 244); Marie de France, Geifsblatt-Lai 
{Bartsch-Wiese 50, 113): ... pur les paroles remembrer, Tristrara, 
C[ui bien saveit harper, en aveit Jet un nuvel lai = „und bald 
hatte T. einen neuen Lai gedichtet" (= dichtete); vgl. noch B.-W. 
18, 52 (Ami et Amiles). Sowohl il avoit hi-anlie als auch il a branlie 
beruhen auf der volkstümlichen Neigung, statt der Handlung, wie 
sie eintritt oder sich entwickelt (objektiv), gleich den daraus ent- 
stehenden Zustand mitzuteilen (subjektiv), einer Neigung, die sich 
auch in soiez arme l statt armez-vous ! ausspricht (Tobler I', 131 
Anm., M.-L. III, 2)22, 327, 728), in „Ahi!" dist-il, „chaitis! com 
mar i fus, quant tes anfans avras les chies toluz\ („da du gleich 
abgeschlagen haben wirst" statt „schlagen wirst", B.-W. 18,61); 
bt-im Infinitiv in der Volkssprache noch heute : Rendez encore gräce 
ä Mang6 de m'efre retire (= de me retirer) de bonne gräce 
(H. Monnier, Scenes populaires I, 230; Beispiele aus Autoren des 
17. Jahrh. bei Haase § 67 E). Dieselbe Ungeduld des Sprechenden, 
die nach dem Resultat der Handlang verlangt, zeigt sich ja auch 
im Wunschsatz (vgl. Vofsl^r, Logos VIII, 282 ff.): statt „o, dafs er 
kämeV- sagt man „o, dafs er doch schon gekommen tväreV'- , statt 
utinam veniret\ sagt man utinam venisse/l, statt Deo placeret — Deo 
placuisset [Plust d Den!), und das ist m. E. die einzige Erklärung, 
die den Untergang des lat. Konj. imperfecti und Seinen Ersatz durch 
den Konj. plusquamperfecti wirklich begreiflich machen kann. — 
Was endlich das P, d6fini betrifft, das nach Lorck den „reinen 
Denkakt" ausdrückt (blofs konstatierend ist), so versteht man nun- 
mehr, warum es im Afrz. fast immer heifst // ot nom, il ot trois fiz 
(selten avoit), so dafs die Quatre Livres sogar von der lat. Vorlage 
abweichen und z. B. ... cui nomen erat Isai, qui hahebat octo filios 
... (i. Könige 17, 12) durch: Isai out nom, peres fut David (. . .), 
e out uit fiz (. . .) wiedergeben ; so noch Heptameron, Anfang der 
40. Novelle (II, 369) : Ce seigneur (. . .) etä plusieurs soeurs, dont les 
unes fiirent marines bien richement, les autres religieuses, et une, 
qui deyneura en sa maison sans etre mariee (•■■)! ^3, quelle son 
frere aimoit tant (. . .), und sogar Lafontaine V, 467 (Contes IV, ix): 
Alibech fut son nom, si j'ai memoire; so auch ital.: Decameron 
I, 145; Giä e buon tempo passato, che di Babilonia fu un Soldano, 
il quäle ebbe nome Beminedab (...), Dante, Purg. VII, 100: Ottachero 
ebbe nome, e nelle fasce Fu meglio assai che Vincisiao suo figlio 
(Vising, Frz. Stud. VI, 3, i74f); im Spanischen gelegentlich und 



314 EUGEN LERCH, 

häufiger im Portugiesischen noch heute: Hubo cn esta tierra un 
salteador de caminos (. . .) [Vising, ib. 104 ud 37]. 

§ 3. Wenn diese so überaus fruchtbare und so viele Zweifel 
beseitigende, so viele einander widersprechende frühere Hypothesen 
mit Einem Schlage erledigende Entdeckung Lorck's gleichwohl 
noch nicht in die wissenschaftlichen 1, geschweige denn in die 
Schulgrammatiken übergegangen ist (vgl. Haas, Frz. Syntax 19 16, 
Sneyders de Vogel, Syntaxe historique 1919, Strohmeyer, Schul- 
grammatik 2 1920), so dürften die Gründe dafür nicht nur in den 
äufseren Hemmnissen der Kriegsjahre zu suchen sein, sondern auch 
in Lorcks Arbeit selbst. So glänzend die Entdeckung selbst ist, so 
wenig geschickt scheirit mir ihre Darlegung bei Lorck. Abgesehen 
davon, dafs es für die weitaus meisten Leser etwas absolut Neues 
ist, von einer Rolle, die die Phantasie in der Sprache spiele, zu 
hören, mufste auch die Lorcksche Terminologie befremden. Er- 
scheint schon „Phantasie-Denkakt" einigermafsen als contradictio 
in adiecto (insofern die Phantasie nach gewöhnlichem Sprach- 
gebrauch nicht denkt), so erst recht „objekt empfundener Phan- 
tasie-Denkakt": die Phantasie gestaltet doch um, sie ist alles 
andere als objektiv. Deshalb hätte ich statt „Phantasie-Denkakt" 
lieber gesagt „Phantasie-Vorstellung", und statt „objektiv" lieber 
„vom Standpunkt der Vergangenheit aus" („einfühlend"; — Gegen- 
satz: „vom Seinsgefühl des Sprechenden aus" = Pass6 compose). 
Und selbst wenn man den Denkakt, der dem Imparfait entspricht, 
einen „Phantasie- Denkakt" nennen dürfte, so wäre man damit noch 
nicht berechtigt, den Passe-defini- Denkakt als „reinen Denkakt" 
zu bezeichnen: „Phantasie" und „Denken" sind ja nicht absolute 
Gegensätze, sondern treten beim Sprechen stets zusammen auf; 
um einen einzigen Satz zu bilden, bedürfen wir der Phantasie und 
des Denkens, und so ist denn auch der Passe-defini -Denkakt kein 
„reiner" Denkakt; auch in ihm ist „Phantasie" (Anschauung) ent- 
halten. Demnach würde sich das Lorcksche Schema folgender- 
mafsen darstellen. 

Vergangenes Geschehen oder Sein wird dargestellt: 

1. von der Gegenwart 

des Sprechenden aus P. compose (yV fai 

perdue). 

^ „/^v, ^^, \r^^^o^^«^ f 3^) wenn es lebhaft 

2. von der Vergangen- ' ,,.,t r ■ , ■ ■, 
heit aus J vorgestellt wird: Imparfait (y(?/ß/,?r- 

I dais). 

Ib) andernfalls: . . 'P.6.e.i\ni{je laperdis). 



• Andrerseits hat ein Anglist wie Max Deutschbein in seinen ,.Sprach- 
psychologischcn Studien" (Cöthen 1918) die Lorck'sche Theorie vorbehaltlos 
übernommen, mit englischen Beispielen illustriert und sogar nachzuweisen ver- 
sucht, dafs die drei Formen des sprachlichen Denkens aufs Engste verwandt 
seien mit den drei von DiUhey aufj^cstelllen Wcltansthauungslypcn (vgl. meine 
Rezension im „Lit.-Blall" 1922, Sp. i ff.). 



IMPERFEKTUM ALS AUSUKUCK D. LEBHAFTEN VORSTELLUNG. 3 I 5 

§ 4. Sodann hätte Lorck seine Theorie, damit ihre zweifel- 
lose Stichhaltigkeit auch dem zunächst Widerstrebenden (weil in 
anderen Hypothesen Befangenen) offenbar werde, an einer gröfseren 
Zahl von Beispielen illustrieren müssen ; es hätte gezeigt werden 
müssen, dafs die Vorgänge, die im Imperfektum gegeben werden, 
solche sind, die ihrer Natur nach die Vorstellungskraft an- 
regen, wobei bestimmte Gruppen (Verba des Schiagens, Kämpfens, 
Fliehens, der Bewegung, des Schreiens, Rufens, Sagens) hätten zu- 
sammengestellt werden sollen. Vor allem hätte durch eine histo- 
rische Darstellung die Probe aufs Exempel gemacht werden müssen, 
und dies um so mehr, als im älteren Französisch (wie im Latei- 
nischen) absolute Freiheit hinsichtlich der Wahl zwischen Imparfait 
und P. def bestand, so dafs also auch der objektiv kürzeste Vor- 
gang, falls er nur lebhaft vorgestellt wurde, im Imparfait, und 
andrerseits auch der objektiv dauerndste, falls er lediglich kon- 
statiert werden sollte [il ot 710771), im P. d6f. gegeben werden konnte; 
erst das klassische Jahrhundert, das Jahrhundert der raisoTi und 
der Grammatiker, hat auch hier geregelt, d. h. schematisiert und 
mechanisiert, indem es verlangte, dafs die objektiv dauernde 
Handlung (Beschreibung) ins Imperfektum, die objektiv kurze 
(momentane, eintretende) ins P. def zu setzen sei; der Gebrauch, 
der bis dahin ein rein stilistischer, subjektiver (lediglich von der 
persönlichen Art des Autors, das vergangene Geschehen anzusehen, 
abhängender) war, wird nunmehr objektiviert, indem die Wahl des 
Tempus von der objektiven Beschaffenheit der Handlung (ihrer 
Dauer oder Nichtdauer) abhängig gemacht wird. Eine solche 
historische Untersuchung ist um so mehr erforderlich, als die da- 
mals aufgestellten Regeln tür die Schulgrammatik im grofsen ganzen 
noch heute gelten und der Leser infolgedessen mit den Vorurteilen 
der Schulgrammatik an die Lorcksche Theorie herantritt, so dafs 
er erst eine Umstellung vornehmen mufs, um ihre Richtigkeit ein- 
zusehen. Überdies läfst sich diese Theorie an der alten Sprache, 
die von der Regelung noch frei war, naturgemäfs viel schlagender 
erweisen als an der neueren. Denn wenn auch die neueren Roman- 
schriftsteller (seit der Romantik) hinsichtlich des Imperfektums 
sich die alte Freiheit zurückerobert haben (in Auflehnung gegen die 
klassische Regelung und in Anlehnung an die Volkssprache, die 
sich um die Vorschriften der Grammatiker nicht kümmerte), wenn 
sie auch heute wieder das Imperfektum wählen selbst für die ob- 
jektiv kürzesten Vorgänge, die ihnen jedoch lebhaft vor Augen 
stehen (vgl. das eile signait bei Maupassant) — so besteht doch 
die umgekehrte Möglichkeit, auch objektiv dauernde Vorgänge, 
die blofs konstatiert werden sollen, ins P. d6f zu setzen, heute nicht 
mehr {so7i 7io7)i fut X., wie noch Lafontaine schrieb, wäre heute 
nicht mehr denkbar). So ist denn eine historische Untersuchung 
unseres Problems von gröfster Wichtigkeit. 

§ 5. Sodann hat Lorck sein eigentliches Programm, nämlich 
den Nachweis, dafs sich in all den verschiedenen Gebrauchsweisen 



3l6 EUGEN LEKCH, 

des Imperfuktuir.s das „Phantasiedenken'', und in alleii Gebrauctis- 
wcisen des F. def. das „reine Denken"' ausspreche, nur zum Teil 
ausgtfülut. Kr bemerkt darüber (S. 3) : „^Ä^as bislang als kenn- 
/.uichnend für die Defini-, ImperiVkt- und Indefini- Denkakte gegolten 
hat, sind vereinzelte Eigenschaften sehr verschiedenartiger 
Nalur (so, wenn dem im Imperfekt ausgesagten Geschehen oder 
Sein die Merkmale der Unabgeschlossenheit, der Dauer, der Gleich- 
zeitigkeit beigelegt werden, wenn es erläuternder und beschreibender 
Art sein und ihm die Kraft innewohnen soll, anschauliche Vor- 
stellungen zu erwecken). Diese Mannigfaltigkeit des Gebrauchs 
kann aber unmöglich eine primäre Erscheinung sein. Jede ein- 
fache Zeitform mufs vielmehr eine einfache einheitliche Grund- 
bedeutung ursprünglich gehabt haben oder auch jetzt noch haben, 
auf welche die andern Bedeutungen zurückzuführen sind. — Nach 
Vi sing I, 5 ff. [„Die realen Tempora der Vergangenheit im Fran- 
zösischen und den übrigen romanischen Sprachen", Frz. Stud., Bd. VI 
und VII (1888 — 8q)], der sich auf Delbrück stützt, wäre diese 
Grundbedeutung der Tempora der Vergangenheit, zumal des Per- 
fekts, nicht mehr nachweisbar, und in der Wahl des Tempus 
liefse man sich ausschliefslich durch im Sprachbewufstsein vor- 
handene Anwendungstypen, nicht durch eine Allgemeinvorstellung 
leiten. Dieser Visingschen Auffassung gegenüber wird nun hier 
die Ansicht vertreten werden, dafs das Vielartige auch heutzutage 
noch in einfachen Denkakten wurzelt, und dafs die verschiedene 
Stellungnahme gegenüber der Vergangenheit, die sich im Defini, 
Imperfekt und Indefini ausspricht, auf psychologischen Vorgängen 
elementarster Art beruht, deren Dreiteilung sich ohne weiteres aus 
der allgemeinen Eigenart des menschlichen Geistes ergibt (. . .) i." 
Demnach hätte gezeigt werden müssen, dafs in allen von Vising 
und anderen aufgeführten typischen Gebrauchsweisen z. B. des 
Imperfekts (Dauer, Gleichzeitigkeit, Wiederholung; Imperfekt in der 
Beschreibung, in der indirekten Rede, im Bedingungssatz ; Imperfekt 
zum Ausdruck von Träumen und Visionen, von Gedachtem und 
Gesagtem, Imperfectum de conatu) immer und überall „Phantasie- 
Denkakte" vorliegen. Leuchtet dies für einige Gebrauchsweisen 
(z. B. für die Beschreibung) ohne weiteres ein, so ergibt es sich bei 
anderen (z. B. s'ilveiiait oder fetouffais = „ich erstickte beinahe") 
nicht so ohne weiteres — und gerade hier hätte Lorck den Nach- 
weis führen müssen, um seine These wirklich überzeugend zu ge- 
stalten. Und um den Beweis, Imperfekt ^= „Phantasie-Denkakt" 
sei die primäre Gebrauchsweise, wirklich strikt zu führen und ihn 
gegen jeden Einwand zu feien, hätte gezeigt werden müssen, dafs 
in solchen Fällen, wo ein Phantasie -Denkakt so zu sagen gedacht 
werden raufs (z. B. bei der Wiedergabe von Träumen und Visionen), 



' Vgl. dazu Vising, 'An en gang imparfait och passe difini i franskan, 
italienskan cch spanskan' ... in 'Studier tillegn.ide Esaias Tegner den 
13 januari 1918' (Luii i 1918), S. 119— 126. 



IMPERFEKTUM ALS AUSDRUCK D. LEBHAFTEN VORSTELLUNG. 3 I 7 

das Imperfektum historisch früher auftritt als in anderen Fällen, 
wo ein Phantasie -Denkakt nur gedacht werden kann, wo aber 
auch ein „reiner Denkakt" (P. def.) möglich ist (z. B. bei der An- 
gabe der geistigen Eigenschaften, des Charakters einer Person). 
Diesen Nachweis zu führen ist nicht schwer. Während z. B. der 
Roland -Dichter in den ersten 500 Versen nur drei Imperfekta an- 
wendet (Brunot I, 241), weil er eben objektiv dauernde Tatsachen, 
die nfrz. unbedingt in das Impf, treten müfsten, ins F. def. setzt 
(z. B. V. 24: Biancandrins />// des plus saives paiens, usw.), braucht 
er da, wo er einen Traum erzählt (v. 2555 flf.), gleich vier Imperfekta 
innerhalb fünf Versen. Oder: Während die Quatre Livres, in Ab- 
weichung von der lateinischen Vorlage, Besehreibungen u. dgl. im 
P. d6f. geben und z. B. zur Angabe der geistigen Eigenschaften 
einer Person das Impf, „niemals" zu gebrauchen scheinen (Körning, 
Bresl. Diss. 1883, S. 20), brauchen sie dieses Tempus gleichwohl schon 
im ^M£-Satz nach V^erben des Sagens und Denkens, der Sinnes- 
eindrücke usw., obwohl es ihnen hier durch die lat. Vorlage, die 
den a. c. i. oder (häufiger) qiiod -|- Konjunktiv hat, keineswegs nahe 
gelegt war: wenn der afrz. Übersetzer hier schon den Indikativ 
setzen wollte, hatte er an sich die Wahl zwischen P. def. und Impf. 
— allein das Gesehene, Gehörte, Gedachte, Gesagte stellt er sich 
so lebhaft vor, dafs er fast immer das Impf, wählt. Erst derartige 
Tatsachen machen die Lorcksche Theorie wirklich hieb- und stich- 
fest. Woraus man übrigens ersehen mag, dafs die Vertreter einer 
allgemein „psychologisch -logischen" Betrachtungsweise in der Syntax 
nicht ganz im Recht sind, wenn sie auf die Vertreter der „histo- 
rischen" Richtung etwas geringschätzig herabbhcken (vgl. z, B. 
Deutschbein, System der neuenglischen Syntax, § 6: „Verhältnis der 
psychologisch -logischen Syntax zur historischen"), und dafs es nicht 
blofs eine gelehrte Grille ist, wenn Tobler und solche, die seine 
Art für vorbildlich halten, sich auch mit den älteren Sprachperioden 
beschäftigen. Das gilt insbesondere für eine Sprache wie das Fran- 
zösische, die (im Gegensatz zum Englischen) in so starkem Mafse 
durch oft recht willkürliche Eingriffe der Grammatiker (zumal im 
klassischen Jahrhundert) in ihrer natürlichen Entwicklung gestört 
worden ist und bei der auch der nachklassische Sprachgebrauch 
meist nur ein notdürftiges Kompromifs zwischen spontanem und 
durch grammatische Vorschriften beeinflufstem Ausdruck darstellt, 
so dafs sie in ihrer Reinheit recht eigentlich in der vorklassischen 
Zeit in Erscheinung tritt. 

§ 6. Das Eine jedenfalls ergibt sich schon aus der flüchtigen 
historischen Untersuchung (wofür die Durchsicht weniger alter Texte 
oder der paar im Vorhergehenden zitierten Beispiele schon genügt) : 
dafs es nicht die primäre Aufgabe des P. def. gewesen sein kann, 
Momentanes oder Eintretendes zu bezeichnen, und nicht die 
primäre Aufgabe des Impf,, Dauerndes auszudrücken. Sagte man 
// ot 7iom, ebbe nome usw., so ist klar, dafs damit nichts Momentanes 
(sondern etwas dauernd Geltende.s) und nichts Eintretendes (sondern 



3l8 EUGEN LERCH, 

schon vorher Bestehendes) bezeichnet wird. So ist denn die Unter- 
scheidung zwischen den romanischen Entsprechungen von hahehatn 
= „ich hatte" und hahii = „ich bekam" ; eram = „ich war" 
und y>« = „ich wurde" ; sapieham = „ich wufste" und sapii = 
„ich erfuhr"; amadafu = „ich liebte" und amavi = „ich verliebte 
mich" (vgl. M.-L. III, § iio und die Grammatiken der Einzelsprachen) 
dem Romanischen in der älteren Zeit noch fremd: es ist dies nicht 
der primäre Unterschied, sondern die inchoative Bedeutung des P. def 
und die durative Bedeutung des Impf, haben sich erst allmählich 
herausgebildet, und zwar erst nachdem es zur Gewohnheit ge- 
worden war, das Impf, als Tempus der Schilderung und das P. def. 
als Tempus der eigentlichen Erzählung zu gebrauchen. Wenige Bei- 
spiele genügen: Blancandrins _/«/ des plus savies paiens; Alex. 17: 
Coms yi// de Rome ; ib. 16: Eufemiens — si otä ä nom li pedre; 
Rol. 121 7: Entre les oilz mult ou/ large le front, Grand demi piet 
mesurer i/ö///-hom; Alexander-Roman (B,-W. 36, 252 : Alexander 
will wissen, warum die Jungfrauen nicht sterben) : eil li ont respondu 
ki soretit lor natura (= „wufsten", nicht = „erfuhren"); Alex. 18: 
sour toz ses pers Vamat ii emperedte (= „Hebte", nicht = „begann 
zu lieben"); Roman de Troie (B.-W. 28,82: von Andromache): 
mout ert leiaus vers son seignor e mout Va7Jia de grant amor, usw. 
usw. Ich würde daher nicht, wie M.-L. in jenem §110 (nach 
Vising), ein Beispiel wie Ch. Lyon 805: et maintenant vanta et 
///// für die inchoative Bedeutung in Anspruch nehmen und es mit 
„und sogleich begann es zu winden und zu regnen" interpretieren; 
es kann ebensogut heifsen: „und jetzt regnete und windete es" 
(einfach konstatierend, „reiner Denkakt"). Hätte nämlich das 
P. d6f. für Chretiens Sprachgefühl bereits die inchoative Bedeutung 
gehabt, so hätte er unmöglich schreiben können z. B. Li chastiaus 
sist an un pui haut (Cliges 1256, von M.-L. in § 113 angeführt). 
Oder Rol. 671: sur l'herbe vert esiui devant sun tref hiefse nach 
M.-L. „er stellte sich auf den Rasen" — es kann aber ebensogut 
heifsen: „er stand auf dem Rasen", denn Li Philistien esturent sur 
le munt de chä, e ces de Israel esturent sur le munt de lä, e entre 
AoVi%ftid\\ vals (4 Livres, B.-W. 14, 25) übersetzt lateinisches stabant 
(und erat)\ Nicht einmal das Alexius -Beispiel (fut batiziez, si out 
nom Alexi.s) möchte ich als beweisend für inchoative Bedeutung 
ansehen, da die gleiche Dichtung ja si out ä nom li pedre mit 
deutlich durativer Bedeutung gebraucht ; man kann auch inter- 
pretieren: „und nun hatte er den Namen A." 

§ 7. Mithin sind die durative und die momentane (inchoative), 
wie nunmehr historisch nachgewiesen ist, nicht die primären 
Bedeutungen des Impf und des P. d. (sondern erst abgeleitete). 
Nimmt man dagegen mit Lorck an, die primäre Bedeutung des 
P. d. sei, lediglich zu konstatieren („reiner Denkakt") und die des 
Impf, einer lebhaften Vorstellung des Vorgangs Ausdruck zu geben 
(„Phantasie-Denkakt"), so versteht man nicht nur, dafs sich jene 
heute vorwiegenden Bedeutungen (durativ — inchoativ) leicht auf die 



IMPERFEKTUM ALS AUSERUCK D. LEBHAFTEN VORSTELLUNG. 3 IQ 

von ihm angenommene primäre Bedeutung zurückführen lassen, 
sondern auch, dafs sich das P. d. als lediglich konstatierendes 
Tempus selbst bei objektiv dauernden Vorgängen so lange gehalten 
hat. Wenn Lafontaine schreibt: Alibech fut son nom, si j'ai me- 
moire (§ 2), so weist er ja mit dem si fai mlmoire deutlich darauf 
hin, dafs er den Namen nur beiläufig-konstatierend erwähnt. Oder: 
wie der Märchenanfang bis etwa zum 15. Jh.: II _/«/ jadis un roi ; 
El tens passe ot un conte lautet (Morf, N. Spr. 12,308), wie noch 
die Cent. nouv. nouv. eine Erzählung beginnen: en la ville de 
V^alenciennes eut nagueres ung notable bourgeois . . . le quel entre 
les autres fut renomm6 de large et discrete prudence. Et entre 
ses louables vertuz celle de liberalite ne fut pas la moindre (M.-L. 
§ 113), oder die Verfasserin des Heptameron (vgl. § 2), so tut es 
auch noch Lafontaine IV, 488 (Contes II, XVI): Un bou vieillard 
en un couvent de filles Autrefois fut, labouroit le jardin. Hier 
zeigt sich besonders deutlich, wie ein Dichter, der seinem Sprach- 
gefühl folgt und nicht den Vorschriften der Grammatiker, unsere 
Tempora anwendet: objektiv ist beides dauernd (das y«/ sogar 
noch dauernder als das labouroit, denn im Kloster war er auch, 
wenn er nicht gerade arbeitete) — aber das Im-Kloster-sein wird 
lediglich konstatiert, es regt, im Gegensatz zu den Im-Garten- 
Arbeiten, die Vorstellungskraft nicht an (so wenig wie fut son 
nom). Hier nun, in der Einleitung der Erzählung, ist das P. d. 
im Italienischen nur „ailmähHch vom Imperfekt verdrängt" worden 
(Vising I, 175), und im Spanischen findet es sich noch heute 
{Huho en esta tierra un salteador de caminos, que no se contentaha 
con robar a la gente usw., Vising I, 104). Kein Wunder: das 
Imperfektum würde, indem es bei den einzelnen zur Einleitung 
mitgeteilten Tatsachen verweilen würde, das Tempo der Erzählung 
verlangsamen — nun hat aber gerade der naive Erzähler, wenn 
er eine Geschichte beginnt, es eilig, von diesen einleitenden An- 
gaben zu den eigentlichen Ereignissen zu gelangen; daher präsen- 
tieren die betreffenden Dauervorgänge sich ihm nicht als „Phan- 
tasie"-, sondern als „reine" Denkakte. Die naive Erzählung gibt 
denn auch von solchen einleitenden Umständen nur das unbedingt 
erforderliche Mindestmafs ; damit erklärt sich zugleich, warum das 
Heldenepos einerseits nur relativ wenig Milieuschilderung gibt und 
sie andrerseits im P. d. gibt. Erst der breiten, geruhsam bei der 
Schilderung von Festen, Gemächern, Gewändern sich aufhaltenden 
Erzählungsvveise eines Chretien entspricht es, längere Milieuschilde- 
rungen zu geben, und daher hat er denn auch öfter Zeit, sich das 
Milieu anschaulich vorzustellen, d. h. in Phantasie-Denkakten, in 
Imperfekten. Man beachte etwa eine der charakteristischsten 
Stellen des Rolandsliedes (v. 280 :^ 301 ff.) : E li cuens Guenes 
en fut mult anguisables: De sun col getet ses grandes pels de 
raartre, E est reraes en sun blialt de palie. Vairs out les oilz e 
mult fier le visage, Gent out le cors e les costez out 1 arges ; Tant 
par fut bels, tuit si per Ten esguardtnt. Anschaulich vor Augen 



320 EUGEN LERCH, 

Stehen dem Dichter (wie der Gebrauch des vergegenwärtigenden 
Präsens beweist) die eigentlichen Handlungen: das Abwerfen, das 
Ansehen ; die Beschreibungen dagegen (////, oul, out, ful) scheinen 
nicht um ihrer selbst willen da zu sein, sondern nur zur Erklärung 
der eigentlichen Handlungen, auf die der Dichter rasch zueilt (vgl. 
auch Vofsler, Frankreichs Kultur, S. 64). Erst von Chretien und 
vom Dichter des Aucassin konnte man sagen, dafs sie die Be- 
schreibung gewisserinafsen um der Beschreibung willen geben. 
Der Aucassin-Dichter etwa beschreibt (Abschnitt 12) die Nicolette 
nicht mehr im P. d. (Gent out le cors), sondern im Imperfekt: Ele 
avoit les caviaus blons et menus recerceles et les ieus vairs usw. ; 
1 1 Zeilen lang beschreibt er, wie sie durch den Garten geht und die 
Margueriten geradezu schwarz sind neben ihren weifsen Füfsen. 
Dabei ist die Beschreibung für den Gang der Handlung durchaus 
überflüssig: es würde nichts Entscheidendes fehlen, hätte der Dichter 
sie sogleich, nachdem sie sich hinabgelassen hat, zum Hinter- 
pförtchen gehen und dieses öftnen lassen. ]\Ian wird im Rolandslied 
kaum irgendeine so lange und dabei so „überflüssige" Schilderung 
finden. Ein Zeichen, dafs der Auc.-Dichter die Szene lebhaft vor 
Augen sah, sich liebevoll in sie versenkt hat. Daher, und nur daher, 
die Wahl des Imperft-kts. Denn dafs er noch keineswegs die Ver- 
pflichtung empfand, objektiv Dauerndes ins Impf, zu setzen, beweist 
der Anfang der Stelle: Aucassin fu mis en prison, si com vos 
aves oi et entendu, et Nicolete fu d'autre part en le canbre. Co 
fu el tans d'este (. . .). Nicolete jut {lag!) une nuit en son lit (. . .). 
Hier liegt geradezu das Umgekehrte vor wie beim Rolanddichter: 
hatte dieser es eilig, zu den konkreten Ereignissen zu gelangen, 
so hat der Aucassin-Dichter es eilig, zu seiner Beschreibung (Nico- 
lete im Garten) zu kommen: daher nicht blofs: Ele se leva, si vesti 
un bl'iaut (. . .), si _prüt dras de lit (. . .), si noua Tun ä l'autre, si 
fist une corde (■..), si le noua au piler (...), si s'avala usw., 
sondern auch schon vorher: N. Jut en son lit, Knc. fu mis en 
prison usw. Ausschlaggebend für die Wahl zwischen P. d. und 
Impf, ist also nicht die objektive Dauer der Handlung, sondern 
das Tempo der Erzählung. Erst dadurch, dafs man sich gewöhnte, 
die verschiedenen Momente der eigentl'chen Handlung rasch hinter- 
einander zu erzählen, ohne bei dem einzehien zu verweilen (was 
man aber immer noch durfte — dann Impf,), erwarb das P. d. die 
inchoative Bedeutung, und erst dadurch, dafs man sich andrerseits 
gewöhnte, sich die Nebenumstände der Handlung (das Milieu) an- 
schaulich vorzustellen, bti jedem einzelnen zu verweilen, sie nicht 
mehr blofs konstatierend mitzuteilen (was man aber immer noch 
durfte — dann P. d.), erwarb das Impf, die durative Bedeutung, 
Bei Joinville (um 1200) ist das Impf, als Tempus der Schilde- 
rung schon die Regel (A. Haase, Synt. Unters, zu Villeh. u. Join- 
ville, S. 85) — aber noch immer werden solche Vorgänge, die 
ihrer Natur nach unanschaulich sind (z. B. 'einen Namen haben'), 
mochten sie objektiv auch noch so dauernd sein, meist im P. d. 



IMPEKFEKTUM ALS AUSDRUCK D. LEBHAFTEN VORSTELLUNG. 32 I 

(konstatierend) gegeben, z. B. § 89 : li grans cuens Tybaus (. . .) ot 
trois fiz: li primiers oi non Henri, li secons ot non Tybaut, li tiers 
ot non Estienne. 

Nur sehr allmählich, und nur im Kunststil, durch das Vorbild 
sprachbegabter Dichter, hat das Impf, seine durative, das P. d. 
seine inchoative Bedeutung gewonnen. 

§ 8. Doch ist es bei den wenigen Gebrauchsweisen des P. d. 
leichter einzusehen, dafs sie sich auf den lediglich konstatierenden 
Gebrauch dieses Tempus zurückführen lassen, als bei den zahl- 
reichen und zunächst sehr verschiedenartig erscheinenden Gebrauchs- 
weisen des Impf. (Beschreibung, Bedingungssatz, Impf, de conatu 
usw.) einzusehen ist, dafs sie j^ämtlich auf das Impf, als Ausdruck 
der lebhaften Vorstellung (Phantasie-Denkakt) zurückgehen. Des- 
halb sollen die folgenden Ausführungen vorzugsweise diesem Nach- 
weis gewidmet sein: ich w;ll versuchen (so weit es meine Samm- 
lungen und der mir zur Verfügung stehende Raum erlauben), 
nachzuholen, was ich an der bahnbrechenden Arbeit Lorck's 
vermisse. 

Demnach gliedert sich meine Arbeit in zwei Teile : 

I. ist zu zeigen, dafs das „malerische" Imperfekt, das bei den 
neueren Impressioniste;i und Naturalisten so überaus häufig ist und 
dort wiederholt untersucht wurde, keine Neuerung dieser Autoren 
darstellt, sondern sich schon in der alleren Sprache, vor der 
Regelung durch die Grammatiker des 17. Jhds., keineswegs selten 
findet. Dabei ist zu zeigen, dafs das Afrz. nicht etwa willkürlich 
das Impf, setzen konnte, wo eher das P. d. zu erwarten ist, sondern 
dafs es ganz bestimmte Gruppen von Verben sind (solche, die 
•ihrer Natur nach die Vorstellungskraft anregen), die in dieses Impf, 
treten. 

II. ist zu zeigen, dafs sich sämtliche anderen Gebrauchsweisen 
des Impf auf dieses Impf, der lebhaften Vorstellung zurückführen 
lassen, und dafs dieses Impf, in solchen Gebrauchsweisen, die ihrer 
Natur nach ein Impf, der lebhaften Vorstellung erforderten, 
früher zeigt als in andern Gebrauchsweisen, bei denen der Vor- 
gang wohl lebhaft vorgestellt werden konnte, aber nicht mufste. 

I. Das Imperfektum in narrativem Gebrauch. 

§ 9. Unter narrativem oder absolutem Gebrauch verstehen 
wir diejenigen Fälle, wo das Impf, weder objektive Dauer der 
Handlung, noch Wiederholtheit, noch Gleichzeitigkeit mit eini-r c 
anderen Handlung, noch einen Nebenumstand bezeichnet, noch 
der Beschreibung dient, noch im qiie- oder im j/'-Satz steht, usw. 
— kurzum solche Fälle, wo es zweifellos etwas Einmaliges, Mo- 
mentanes, die Handlung. Weiterführendes ausdrückt und wo daher 
vom heutigen Sprachgebrauch aus eher das P. de f. erwartet würde. 
§ 10. Auf dieses „narrative" oder „pittoreske" Impf, hat wohl 
zuerst der französische Literaturhistoriker Brunetiere (Le roman 

Zeitschr. f. rom. Phil. XLH. 21 



32 2 EUGEN LERCH, 

naturaliste, 1882, S. 84) die Aufmerksamkeit gelenkt. Er gab 
Beispiele aus Daudrt's Les rois en exil, n, a.: La lecture finie, le 
moine se drtssait, inarchait A grands pas (p. 48), worin er jedoch 
irrigi^rweise (Lorck S. 24) ein alternatives wiederholtes Geschehen 
sah. Dafs unser Imperfekt diesen Sinn nicht zu liaben braucht, 
zeigt aufs Deutlichste ein von Lorck (S. 25) ans dem gleichen 
Roman Daudet's angeführtes Beispiel : sans un cri, sans une plainte, 
toute a son instinct de mcre, de sauveteur, eile saississait l'enfant, 
Vemportait dans sa robe {p. 440), sowie auch das oben (§ 2) aus 
Maupassant angeführte Beispiel (eile signait le contract de vente). 
— Die Bezeichnung „pittoreskes Tempus" findet sich bei Lanson, 
L'art de la Prose (iQii, S. 266). Aber die Ausführungen Lanson's, 
der nur Beispiele aus Zola gibt, könnten zu der Meinung verleiten, 
als sei dieses pittoreske Impf, gewissermafsen eine Erfindung der 
impressionistischen und naturalistischen frz. Romanciers des ig. Jhds. 
Denn einmal bespricht Lanson dieses Impf, in seinem historisch 
angeordnetem Büch erst am Ende, wo er die Naturalisten behandelt 
(er hätte es aber schon vorn, bei Rabelais, bespreclien können), 
und an der Stelle, wo er darüber redet, beginnt er mit den Im- 
pressionisten und endet mit den Naturalisten. Die Impressionisten, 
so führt er aus, gebrauchen oft überhaupt kein Verbum (z. B. im 
Journal der Goncourt'. „Dans la rue. Tete de femme aux cheveux 
retrousses en arriere, usw.). Wo aber das Verbum nicht wohl zu 
umgehen sei, setzten sie es gern ins Imperfekt, besonders dort, wo 
ihre Vorgänger — wenn sie der Erzählung gröfsere Lebhaftig- 
keit geben wollten — statt des P. d. das Präsens gewählt hätten 
(eine sehr wichtige Beobachtung, auf die wir zurückkommen). Das 
Imperfekt sei das pittoreske Tempus des Französischen. Chateau- 
briarid habe es geahnt — aber erst die Naturalisten hätten es bis 
zum Mifsbrauch bewiesen (hier redet aus Lanson nicht der fein- 
fühlige Literaturhistoriker, sondern der Philologe, dessen natürliches 
Sprachgefühl unter einem Wust pedantischer Regeln erstickt ist). 
Auch kann man es nicht gelten lassen, wenn er behauptet, durch 
diesen Gebrauch hätten die NaturaUsten das Imperfekt seinen 
eigentlichen Gebrauchsweisen (Gleichzeitigkeit, Wiederholung, Dauer) 
entfremdet („On le delourna de ces emplois . . ."). Für den 
„eigentlichen" Gebrauch beruft er sich auf den Grammatiker 
C. Ayer (Grammaire comparee de la langue frangaise), und auf 
Ayer, der ein Beispiel aus Chateaubriand angeführt hatte („H des- 
cenJait de sa mule, et sous pretexte de chercher des plantes, il se 
cachait un moment dans ces debris pour donner un libre cours ä 
ses larmes. II reprenaü ensuite la route, en revant au bruit des 
sonnettes"), geht auch der Hinweis auf den französischen Roman- 
tiker zurück, der den pittoresken Wert des Impf, geahnt habe. 
Aber auch Chateaubriand hat dieses Irqpf. nicht entdeckt; mit 
mehr Recht hätte Lanson auf Lafontaine hingesviesen: genau 
wie Daudet an der eingangs angeführten Stelle sagt : ... eile 
saississait l'enfant, Xeviporfait dans sa robe . . ., so beschrieb schon 



IMPERFEKTUM ALS AUSDRUCK ü. LEBHAFTEN VORSTELLUNG. 323 

Laf. den Raub einer Prinzessin durch einen Seeräuber (Contes II, 
X1V=IV, 401): ... Grifonio courut a la chambre des femmes. 
II savoit qua l'infante etoit dans ce vaisseau ; Et ... 11 Xeinportoit 
comme un raoineau (. , .). Und natürlich ist auch Lafontaine nicht 
der erste, der das Impf, so gebraucht; wie mit ,,. . . fiit son nom, 
Un jardinier fut . . ." setzt er auch hier nur älteren Sprachgebrauch 
fort, ohne sich um die pedantischen Regeln seines Jahrhunderts 
zu kümmern. Man mag bei ihm auch hier von „Archaismus" 
sprechen; nur mufs man darunter (wie bei seinen „Archaismen" 
zumeist) nichts lediglich Veraltetes verstehen, sondern etwas zugleich 
Zukunftsträchtiges: in unserem pittoresken Impf, rettet er einen 
alten Sprachgebrauch durch die Jahrhunderte des Regelzwanges 
zur Freiheit des 19. Jahrhunderts hinüber. Und wenn das pitto- 
reske Impf, dem französischen Grammatiker zuerst bei dem Vater 
der Romantik aufgefallen ist, so ist das nur eine neue Bestätigung 
der alten Beobachtung, dafs die Romantiker sich vom klassischen 
Regelzwang emanzipiert haben. 

§ II. Das Allfranzösische [dem unsere Untersuchung vorzugs- 
weise gewidmet werden soll, denn nfrz. Beispiele sind genug ge- 
geben : bei Brunetiere, bei Lanson, bei Strohmeyer, der Stil der 
frz. Sprache S. 44 fr., S. 27if. ; bei Bally, GRM. IV, 549 fr. und 
597 ff. ; bei Lorck; bei Georg Loesch, Die impressionistische Syntax 
der Goncourt, Erl. Diss., Nürnberg 19 19, S. 107; bei Haas, Nfrz. 
Syntax, S. 376; von A. Stenhagen, N. Spr. 11 (1903/04), S. 312, 
und in den besseren Schulgrammatiken (z.B. Ulbrich, S. 116; Ploetz, 
Nouv. gramm. 1897, p. 184; Plattner I, 273; Strohraeyer ^67, usw.)] 
— das Altfranzösische konnte sich, da grammatische Vorschriften 
noch nicht existierten, in bezug auf den Gebrauch des Impf, nicht 
anders verhalten als das Lateinische, für das Kühner, Ausf. 
Gramm, der lat. Sprache ^H^ 1,130 folgendes feststellt: „So wie 
das Impf, an sich nicht die eigentliche Dauer einer Handlung in 
der Vergangenheit bezeichnet, sondern nur insofern, als es darauf 
ankommt, die vergangene Handlung in ihrer Entwicklung vor- 
zuführen, alsdann aber jede Handlung auch von der geringsten 
Dauer ausdrücken kann — ebensowenig bezeichnet das bist. 
Perfekt an sich (. . .) eine momentane Handlung in gewöhnlichem 
Sinne, sondern jede vergangene Handlung auch von der längsten 
Dauer, wenn diese als blofs geschehen, ohne jede Nebenbeziehung 
angeführt wird".i Das ist, mit anderen Worten, die gleiche Unter- 
scheidung, die Lorck mit „Impf. = Phantasie-Denkakt, P. def. = 
reiner Denkakt" ausdrückt, oder die ich mit „Impf. = lebhaft vor- 
gestellt, P. def. = blofs konstatiert" bezeichne, und die Überein- 
stimmung ist um so beweiskräftiger, als Lorck die Ausführungen 



' W. Hausenstein , 'Der nackte Mensch in der Kunst aller Zeiten . . .' 
(grofse Au<j,'., München 1913, S. 510) berichtet, Tizian habe einmal im Gegen- 
satz zu dem Schnflhiiali r Tinteretto mit dem demonstrativen Impeilckt yac?>^i^ 
signiert. Das ist der Unterschied: f^cü ist schlicht konstatierend („gemalt 
von . . ."), faciehat dagegen etwa = „mit Bedacht gemalt von . . .". 

21* 



324 EUGEN LERCH, 

Kühneis so wenig gekannt haben dürfte wie Kühner diejenigen 
Lorcks gekannt liat. Es konnte also im Altfrz. auch die kürzeste 
Handlung im Impf, ausgedrückt werden, falls der Dichter sie an- 
schaulich vor sich sah, si(! in ihrem Verlauf schildern wollte — 
und andrers:^its auch die längste Handlung im P. d., falls der 
Dichter sie lechglich konstatieren wollte. 
§ 12. So steht also das Impf. 

1. allgemein in bewegten Szenen: 

Chr6tien, Perceval (= B-W Nr. 35, v. 211 ff., die blutende 
Lanze wird vorübergetragen): et eil . . . veoient la lance blanche 
et le fer blanc; a'üsoü une gote de sanc del fer de la lance an 
somet; et jusqu'ä la main au vaslet co/oä (Var. coroit) cele gote 
vermoille. Dann zusammenfassend: Li vaslez (= Parzival) vit cele 
mervoille; dafs auf solche Impeifekla oft ein P. d. folge, welches 
das Resultat der geschilderten Handlungen angebe, wird für das 
Nfrz. konstatiert von Ulbrich, S. 116 Anm., anläfslich des Beispiels 
(aus Montesquieu?): Quand les armees furent en pr6sence, Alexandre 
passant ä cheval le long des rangs, appelait par leurs noms les 
principaux officiers tant des Mac^doniens que des ^trangers, et 
exhortait les troupes ä bien faire (. . .). Aux Macedoniens il 
representait les anciennes batailles qu'ils avaient gagnees en Europe 
(. . ,). II y ajouiait qu'une seule victoire allait les rendre maitres 
de l'empire des Perses (. . .). II ani7nait les Grecs par le Souvenir 
des maux que les Perses, ennemis irreconciables de la Grfece, lui 
avaient fait souffrir, et leur remettait devant les yeux les fameuses 
journees de Marathon, des Thermopyles (. . .). Aux Illyriens et 
aux Thraces, peuples accouturaes ä vi vre de rapines, il montrait 
l'arm^e de ennemis toute eclatante d'or et de poupre, etc. Und 
nun das Resultat: 11 ^Heva alors un cri de toute l'arraee, qui 
demandait qu'on ne tarda plus ä la mener au combat. 

Die (auch von Vising konstatierte) zusammenfassende 
Bedeutung des P. d. zeigt sich auch in dem „(il) le fit par seize 
(neuf) fois" der folgenden Stelle aus Rabelais (II, XIX), wo wiederum 
eine bewegte Szene dargestellt wird, nämlich Panurges Wettkampf 
mit dem englischen Zeichenfechter Thaumaste: (...) A quoy 
Panurge mit un doigt de la gauche on trou du cul, et de la bouche 
tiroit l'air . . .; ce faict, ouvre (Präsens!) quelque peu la bouche, et 
avec le plat de la main dextre frappoit dessus (...), et le fit par 
seize fois. — Mais Thaumaste souffloit toujours comme une oie. 
Adonc Panurge mit le doigt indice de la dextre dedans la bouche 
(...), puis le tiroit, et (. . .) faisoit un grand son (..•), et le fit 
par neuf fois. — Pittoreske Imperfekta bei Rabelais auch II, XXII 
(Cie.schichte von der feinen Pariser Dame und den Hunden). 

Bei Chr^tien ist das Impf zum Ausdruck der momentanen 
Handlung {issoit, coloit — vgl. auch vcnoit, ib. v. 238 und lavoient, 
V. 274) um so auffälliger, als er wirklich Dauerndes, das er 



IMPERFEKTüxM ALS AUSDRUCK D. LEBHAFTEN VORSTELLUNG. 



J-^0 



nicht anschaulich darstellen wollte, noch ins P. d. setzt: z. B. ib. 
V. 230: (. . .) dui autre vaslet vindrent, qui chandeliers an lor luains 
tindrent, oder ib. v. 291: Sor cez eschazes y?^ assise la table (...). 
Vgl. auch § 6 (Li chastiaus sist an un pui haut). Chrelien folgt 
also noch ganz der lateinischen Regel. 

Ein schönes pittoreskes Impf, steht auch im Cliges, v. 6220: 
Quant dedanz la tor ruise l'orent, Es chanbres qui soz terre estoient, 
Adonc la dessevelissoietit. Vgl. auch v. 2 1 1 1 (Vising 11, 40). Ebenso 
im lvain3392ff.: Oez, que fist li lions donques! Con fist qua 
frans et de bon'eire! Que il li coman(;a a feire Sanblant, que a 
lui se randoit; Et ses piez joinz li estandoit Et vers terre aticline 
sa chiere, S'estut sor les deus piez derriere; Et pia's ai se ragenoilloit 
Et tote sa face vioüloit De lermes par humilile. Das puis stellt 
sicher, dafs ein Fortschritt der Handlung vorliegt; vgl. auch das 
vergegenwärtigende Präsens inmitten der Impff. Vgl. das Weinen 
in der Abschiedsszene, Erec 2442: De plorer tenir ne se piiet Li 
rois, quant de son fil depart. Les janz replorent d'autre part: 
Dames et Chevalier ploroient, Por lui mout grant duel defnenoient (. . .). 
Maint s'an pasmerent an la place. Der von Körnig (Bresl. Diss. 
1883, S. "^"^ in Hollands Lesart angeführte v. 223 des Ivain: Je 
descendi de mon cheval, Et uns des sergenz le prenoit lautet bei 
Foerster (224 f.): Li un seisirent mon cheval, Que \\ buens vavassors 
knoit'. das Impf, bleibt auffällig genug. Körnig verweist noch auf 
Erec V. 2644 und 4C30 der Ausgabe von M. Haupt (Z. f. d. A., 

So auch in den vier Büchern der Könige, i. Kon. 21, 13: 
(David s'aperceut de ces paroles, e grant pöur an out del rei do 
Geth). E muad erramment sa chiere, e chcmceloul entra lur mains, 
e hur/out as usseries des portes, e la salive li curut aval la barbe 
= Et imrautavit os suum coram eis, et collahehatur inter manus 
eorum; et ivipingehat in ostia portaa, defluebantqwQ salivaa ejus in 
barbam. 

Und nicht anders verfährt Joinville. Am Ende seines Werkes 
(§ 755 = p. 498) erzählt er den Tod seines Königs: eine feierliche 
Szene, wie jene der Graalserzählung: (. . .) et demanda les sacre- 
mens de sainte Esglisa, et les ot (!) en sainne pensee et an droit 
entendement, ainsi comme il apparut; car quant Ten Venhuiloit et 
en disoit les sept p^eaumes, il disoit les vers d'une part (= sprach 
er sie mit). F. Körnig, Der synt. Gebrauch des Impf. . . ., Bresl. 
Diss. 1883, S. 28 Anm., und nach ihm P. Schaechlelin, Strafsb. 
Diss. 191 1 = Beiheft 30 zur ZrPh., S. ^,2) haben sich hier die ver- 
zweifeiste Mühe gegeben, das Impf, zu erklären, und sind schliefsüch 
auf folgende (zweifellos unhaltbare) Lösung verfallen: Da die Salbung 
an verschiedenen Teilen des Körpers vorgenommen werde, so 
habe man es hier mit einer wiederholten Handlung zu tun! In 
Wahrheit besteht aber im .^frz. kein Unterschied zwischen quand -f- 
Impf. = 'jedesmal wenn' und quand -\- P. d. = 'als' (so wenig wie 
ein Ünlerscliii'd // o.vait = 'er liailc' und // tui = 'er bekam'). 



326 EUGEN Lh-RCH, 

Dafür gleich ein paar Beispiele: derselbe Joiiivilic 55392: Niemand 
sagte mir, wie er gefangen worden sei; nur ein gewisser Jehans 
Fouinons „me dist qiie, qiiand on Va?nenoii pris vers la Masseure, 
il trouva un Türe qui (...) = 'als man ihn so als Gefangenen 
dahin führte'. Hier hat der Herausgeber und Übersetzer N. de 
Wailly, der sonst die afrz. Tempora, soweit irgend möglich, beibehält, 
mit „quand on Wwiena''- übersetzt. — Oder Froissart (= BW 87 b, 
128): A paiues estoient Flamenc cheu, quant pillart venoient, qui 
se houtoient entre les gens d'armes (...) — also sogar nach quand 
inversum (wo nfrz. fast immer P. d. st(;ht). 

§ 13. Wenn aber das Impf, das Tempus der lebhaften 
Vorstellung (des „Phantasie-Denkaktes") ist — wie erklärt sich 
dann seine Seltenheit im Afrz.? Müfste man es nicht in einer 
Sprachepode, in der die Phantasie noch eine weit gröfsere Rolle spielt 
als das „reine" Denken, viel häufiger erwarten als man es tatsächlich 
findet? — Nun, die Antwort ist leicht gegeben: es findet sich 
darum so selten, weil die lebhaft vorgestellte, die lebhaft ver- 
gegenwärtigte Handlung zumeist im Präsens gegeben wird. 
Das gilt insbesondere von den Verben der Bewegung, des Fassens, 
des Sprechens, von der Erzählung von Schlachten und dergl., die 
an sich im Impf, stehen könnten, aber fast immer im Präsens 
stehen. Erst als der plötzliche Sprung von den eigentlichen Tempora 
der Erzählung ins Präsens (wie er für das Heldenepos charakterisch 
ist) weniger beliebt zu werden beginnt (und dies ist bei den 
Historikern, insbesondere seit Joinville, zu beobachten, während 
Villehardouin noch sehr gern ins Präsens überspringt, sobald die 
Handlung bewegter wird), erst dann beginnt das pittoreske Imperfekt 
in gröfserem Mafsstabe aufzutreten. Wenn man z. B. im Rolands- 
liede kaum ein zweifellos „narratives" Impf, wird nachweisen können, 
so liegt das daran, dafs überall, wo ein solches zu erwarten wäre, 
das Präsens steht. Z. B. v. 139: Li emperere en tent ses mains 
vers Dieu: Baisset son chief, si cmnencct ä penser, usw. (vgl. v. 168 ff., 
179, 3910 usw.). Dafs das Impf, heute da gesetzt würde, wo man 
„früher" das Präsens gesetzt hätte, hat ja schon Lanson bemerkt 
(§ 10). In dem Rabelais-Be